Leihbibliothet F deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur n Ednard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr 256. eih- und geſebedingungen. 1 0fensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeven Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Vuches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf 1 Mr. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. „ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Ein Liebesabenteuer Roßwurms und ſeine Folgen 102 VIII. Roßwurm unter Mannsfeld, Schwarzenberg und ben 119 IX. Reßwurm vor Ofen. Baſſomßiere ſein Schild· h 131 X. Des Feldmarſ ſchalls Plane Apſichten XI. Eine anonyme Mahnung. Die Miſſion des Junkers von Schieit Das Ende des Feldzuges Die alten Deutſchen, die Beſieger Roms, ſchätzten die Wunden nicht nach ihrer Länge, Breite oder Tiefe, ſon⸗ dern nach ihrer Schmerzhaftigkeit, das Weh und der Schmerz gaben den Maßſtab für das Verdienſt. Wer für das Vaterland am meiſten litt, wurde am höchſten verehrt; die Geſammtheit mitfühlte den Schmerz des Einzelnen, der Einzelne empfand das Weh der Ge⸗ ſammtheit. Wo aber giebt es ein Volk, dem ſeit tauſend Jahren ſo viele Wunden geſchlagen worden ſind, wie dem deutſchen? Und nicht immer waren es äußere Feinde, von denen ſie kamen, auch durch innere floß Blut im Ueberfluß. Der Egoismus der Kaſten, ſchwache, unfähige Regen⸗ ten, übermächtige, verworfene Günſtlinge brachten großes Weh über's Land, ja, ihnen genügten die Wunden nicht, die ſie dem Volke ſchlugen, ſie kannten den alten Spruch, daß eine Wunde nicht ſo wehe thue, wie ein Backenſtreich und fügten dem Schmerz auch noch die Schmach bei. E. Breier. General Roßwurm. J. 1 Die Epoche, welcher wir nachſtehende Erzählung ent⸗ nehmen, iſt mit blutigen Lettern in den Annalen Oeſter⸗ reichs verzeichnet, der ſiegreiche Halbmond als äußerer Feind, Glaubenszwieſpalt als innerer, zwei Wunden auf einmal, deren eine hinreicht, daran zu verbluten; doch damit nicht genug: es fehlte auch an Backenſtreichen nicht; leſet die Geſchichte Roßwurms, ſie iſt nur ein kleines Bild aus der Zeit Rudolf des Zweiten, leſt ſie, und ihr werdet mit Friedrich dem Großen rufen:„O Gott, in welche Hände gabſt Du Macht!“ Erſtes Kapitel. Der Freifechter. Am Feſttage Mariä Geburt, das iſt am 8. Septem⸗ ber im Jahre des Herrn 1603, zogen um die dritte Nach⸗ mittagsſtunde in die Fremdenherberge zum„goldenen Pfan“ in der Kärnthnerſtraße eine Menge Wiener und Wienerinnen, wie ſich's von ſelbſt verſteht, feiertäglich aufgeputzt, die Männer bewehrt mit tüchtigen Schwertern, die Frauen mit viel gefährlicheren Waffen, nämlich mit glühenden Augen, durchbohrenden Blicken, mit verführeri⸗ ſchem, ſchelmiſchem Lächeln, mit der tief verwundenden Ueppigkeit jugendlicher Anmuth, kurz mit mehr oder we⸗ niger Schutz⸗ oder Trutzwehren, geholt aus dem bürger⸗ lichen Zeughauſe des kleinen Liebesgottes, der, wie man weiß, noch heute mit Bogen und Pfeil bewaffnet iſt, da⸗ hero er das Pulver nicht erfunden hat. Was veranlaßte den zahlreichen Beſuch des genannten Wirthshauſes? Ein Paar Zeilen aus einem damaligen Reiſewerke ſollen nicht blos dieſe Frage beantworten, ſondern gleich⸗ zeitig die Scene veranſchaulichen. „Aber Tanzen und Fechten, lautet die betreffende „Stelle, ſieht man viel in Wien, und alle Feiertage nach „der Mahlzeit lauft das Volk haufenweiſe zuſammen in etliche Wirthshäuſer, allwo man einiges Getänze in den „inwendigen Zimmern angeſtellt findet. Dabei in dem „inwendigen Hofe die Fechter ſich tapfer ſehen laſſen, „denen man aus den Fenſtern und von den Gängen herab zuſieht.“ Getanzt wurde nun im goldenen Pfau an dem obbe⸗ nannten Nachmittage nicht, denn der damalige Biſchof, Herr Melchior Khlesl, war nicht dazu angethan, den Wie⸗ nern an einem„Marientage“ das Tanzen zu erlauben, dafür aber wurde um ſo wackerer gefochten. Und wie gefochten. Herr Kaſpar Lametzhofer, ein Meiſter des langen Schwerts nach heutiger Bezeichnung„ein Fechtmeiſter“, hatte die obrigkeitliche Erlaubniß erhalten, ein„Rürfechten“ zu geben, das iſt ein Fechten, bis Blut fließt*) und lud die Freifechter ein, ſich mit ihm zu meſſen, das iſt, alle jene, die befähigt waren, wie er, Fechtſpiele zu liefern. Es gab ſomit im genannten Wirthshanſe ein inter⸗ eſſantes Schauſpiel, und wann blieben Wiener einem ſolchen ferne? Wie immer bei derartigen Spielen hatte der löbliche *) Rüren, d. h. fließen, tropfenweiſe vergießen. 2 / — em che 5 * Stadtrath auch heute zwei„Kommiſſarien“ beordert, um alle Unordnung hintanzuhalten, die etwa vorkommenden Streitigkeiten zu ſchlichten, kurz das Kampfſpiel zu über⸗ wachen. Wir machen alſo die Leſer zu Zeugen eines Miniatur⸗ Fechttourniers, wobei ein kleiner viereckiger Hofraum die Arena, die Gänge und Fenſter aller Stockwerke des Hauſes die Tribünen bilden und wo die Zuſchauer, eine Folge der bereits hereindämmernden Kultur, Leggeld, oder wie man ſich jetzt ausdrückt, Entree bezahlen mußten. Zu Gunſten des mannhaften Theils der Anweſenden muß bemerkt werden, daß nicht bloße Schauluſt und Neu gierde ſie hieher gelockt, ſondern der Wunſch und das Be⸗ dürfniß, ſich in der edlen Fechtkunſt zu unterrichten, denn damals trug Jedermann ſein Schwert an der Seite, der Rath wie der Bürger, der Meiſter wie der Geſelle, der Student wie der Doctor der freien Künſte und wer weiß es nicht, wie oft dieſe Schwerter gezogen wurden, in Raufhändeln untereinander, im Widerſtande gegen die immer mehr hereinbrechende Willkürherrſchaft der Fürſten, im Kampfe gegen den äußeren Feind. Wollten wir dem verführeriſchen Locken der uns vor⸗ liegenden gedruckten Quellen nachgeben, ſo könnten wir uns in einer weitläufigen Schilderung des Kampfſpiels ergehen und erzählen, wie viele Gänge Herr Lametzhofer mit dieſem und jenem ſeiner auftretenden Gegner gemacht wie er einen mit dem Rapiere zum Taumeln gebracht, den anderen mit dem Schwerte verwundet, den dritten gar unterlief und zu Boden warf, daß ihm, nach der Redeweiſe der Wiener die Rippen krachten, und das Blut, wohl aus keiner Wunde, dagegen aus Mund und Naſe lief, denn Blut mußte bei einem„Rürfechten“ fließen, wie denn zur Feier einer faſt gleichzeitigen Krönung ein der⸗ artiges Feſtſpiel veranſtaltet worden, wo man nach dem Ausdrucke des Chroniſten„kaum mit dem ganzen Kopf davon khumen.“ Und Herr Lametzhofer hielt ſein Programm genau ein, viel genauer wie unſere Akademie⸗Peiniger zu wohlthätigen Zwecken; das Publikum erwies ſich auch dankbar, es klatſchte dem Sieger Beifall zu und verhöhnte nach altem und neuem Brauch den Beſiegten. Vier Gegner hatte der Fechtmeiſter bereits überwunden, darunter ſogar einen„aprobirten Meiſter des langen Schwerts“*), folglich einen, der ihm in ſeiner Kunſt und er in ſeinem Erwerbe Konkurrenz machte. Bei dieſem Kampfe mußten die Abgeordneten des de Stadtrathes interveniren, der bereits Verwundete wollte ge — *) In dem den Meiſtern des langen Schwerts von Kaiſer in Friedrich IV. ertheilten Privilegium(1487), worin ſie zu einer Kr förmlichen Zunft vereinigt wurden, heißt es unter Anderem: ne und thun kund jedermänniglich, daß wir den Meiſtern des „Schwerts, dieſe ſonder Gnad gethan und ihnen vergönnt und „erlaubet haben, thun, gönnen und erlauben ihnen von römiſch „kaiſerlicher Macht weſentlich in Kraft dieſes Briefs, alſo daß „nun hinfüro allenthalben in dem heiligen römiſchen Reiche ſich „niemand einen Meiſter des Schwerts nennen, Schul halten, erk „noch um Geld lernen ſoll, er ſei dann zuvor von den Meiſtern St „des Schwerts in ſeiner Kunſt probirt und zugelaſſen u. ſ. w.“ der das Spiel fortſetzen, um ſeine Geſchicklichkeit wieder zu Ehren zu bringen, allein da dem Wortlaute des Pro⸗ gramms Genüge geſchehen, da bereits Blut floß, und die Erbitterung leicht zu einem tödtlichen Stoße hätte führen können, ſo mußte der Beſiegte abtreten und ſeinem geſchick⸗ teren Rivalen den Kampfplatz überlaſſen. Er war aber auch ein Mann dieſer Lametzhofer, wie geboren zum Meiſter des Schwerts. Schon ſein Aeußeres flößte Reſpekt ein. Sein Bruſtkaſten ein gewölbter Panzer von Bein, ſeine Muskulatur befähigt einem Jahrhunderte zu trotzen, ſeine Arme wuchtig, dabei aber doch gelenkig, die Augen voll Feuer, das Antlitz voll Leben. Wo er ſtand, ſchien er in dem Boden gewurzelt, wenn er ausfiel, zitterte unter ſeinem Tritt das Erdreich. Er trug ein Kleid nach ſpaniſcher Mode, doch ohne den Mantel und das befiederte Barett, er hatte beide ab⸗ gelegt, um ſich dem Gegner ganz bloß zu geben. Nach dem Siege über ſeinen Rivalen pflanzte er ſich in die Mitte der Arena, ließ den erhobenen Kopf eine Kreislinie beſchreiben, wobei er mit einem kecken Blicke neue Gegner herausforderte. Athemloſe Stille— Niemand wagte es mehr, dem Siegreichen ſich entgegen zu ſtellen. Herr Lametzhofer war ſchon d'ran, vor den Zuſchauern ſich zu verbeugen und das„Rürfechten“ für beendet zu erklären, als aus einer der Fremdenſtuben des erſten Stockwerkes ein junger Mann heraustrat, ſich auf das den Gang umfaſſende Eiſengeländer ſchwang und— um den Umweg über die Treppe zu erſparen— in den Hof hinabſprang und zwar in ſo mächtiger Weite, daß er kaum drei Schritte von Lametzhofer entfernt, kerzengerade zu ſtehen kam. Ein Beifallsſturm der Zuſchauer lohnte den verwegenen Sprung, darauf folgte wie aus einem Munde ein Ruf der Verwunderung, des Entzückens. Letzterer galt der Perſönlichkeit, der Erſcheinung des jungen Mannes. Er war im vollſten Sinne des Wortes ein Adonis. Dem Wiener Fechtmeiſter gegenüber ſtand der Alci⸗ biades des franzöſiſchen Hofes— Marquis Francois de Baſſompiere! Man erlaſſe uns, die Perſönlichkeit des jungen Man⸗ nes zu ſchildern, ſie wäre unvollkommen, wenn wir auch noch ſo viele Worte verwendeten, nur der bildenden Kunſt iſt es vorbehalten, getreue Portraits zu bieten. Um aber doch ein beiläufiges Bild zu liefern, ſei er⸗ wähnt, daß der Marquis, damals vierundzwanzig Jahre alt, von ſchlankem, tadelloſem Wuchſe war. Sein Lockenhaar, die deutſche Abſtammung verrathend, war blond, das Auge tiefblau, auf dem Antlitze miſchten ſich Lilienſchnee und Roſenblut; dabei entfaltete er in jeder ſeiner Bewegungen eine unnachahmliche Grazie, jetzt bieg⸗ ſam wie ein Weidenzweig, dann wieder hart und ſtarr wie ein Eichenſtamm. Man durfte ihn nur anblicken und man wußte auch ——————— —— ——— of m zu en uf n⸗ ch nſt ———————— — ſchon, daß er ein gewandter Reiter, ein graziöſer Tänzer, ein kühner Fechter ſei. Was führte Francois de Baſſompiere nach Wien? Wir werden es ſpäter erzählen, jetzt wollen wir ſeinem. Wiener Debüt als Freifechter folgen. Der Marquis lächelte anmuthig, nickte dem Fechtmeiſter einen freundlichen Gruß zu und ſagte in deutſcher Sprache, jedoch mit einem etwas fremdartigen Accent: Iſt noch Ein Gang gefällig? Lametzhofer neigte ſtolz das Haupt und erwiederte: Ich bin dazu bereit. Wen habe ich die Ehre, mir gegen⸗ über zu ſehen? Ich bin der Marquis Frangvis de Baſſompiere! Lametzhofer verbeugte ſich womöglich noch ſtolzer, denn nun hatte er es mit einem Kavalier zu thun, kehrte ſich dann dem Publikum zu und rief laut den Namen ſeines neuen Gegners, was er auch bei keinem früheren verab⸗ ſäumt hatte. Ein Murmeln des Beifalls durchlief die proviſoriſchen Tribünen, das Bürgerthum freuete ſich, den Edelmann auf der bürgerlichen Kampfſtätte zu erblicken. Der Marquis blieb dafür nicht unempfindlich, er wid⸗ mete den Zuſchauern einen Kreisblick, das heißt, er ge⸗ dachte es zu thun, ohne es völlig zu Stande zu bringen, denn ſchon im erſten Momente blieb ſein Angenſtrahl an einem Mädchen haften, deſſen Schönheit ihm ebenſo auf⸗ fiel, wie die fremdländiſche Tracht. Das Ange des Kavaliers löſte ſich raſch von dem be⸗ ſtrickenden Gegenſtande, doch ſchon war der Entſchluß ge⸗ faßt, ihn nach Beendigung des Kampfes wieder zu ſuchen. Baſſompiere entledigte ſich ſeines Schwertes, wählte eines unter den ihm von dem Fechtmeiſter dargereichten, näherte ſich hierauf ſeinem Gegner, und indem er die Worte„Mit Erlaubniß“ ſprach, zeichnete er ihm mit raſchen Strichen ein weißes Kreuz auf den rechten Schenkel. Der Fechtmeiſter verſtand das Zeichen und verzog ſeine Miene zu einem ſpöttiſchen Grinſen, dem Publikum aber war es neu, es wartete daher lautlos auf die Bedeutung dieſes Vorgehens. Die Aufklärung ſollte ihm bald werden. Die Fechter nahmen Stellung, der Kampf begann. Lametzhofer befand ſich, was phyſiſche Kraft betraf, offenbar im Vortheile, ein Umſtand, der ihm im Stoß⸗ fechten— das Hiebfechten war damals noch nicht zur Kunſt erhoben— wohl zu Statten kam. Er führte daher gleichſam zur Einleitung raſch nach einander ein Paar einfache, das heißt gerade Stöße, welche von dem Marquis beinahe geringſchätzig parirt wurden. Hierauf folgte von Seite des Meiſters eine Finte, der Freifechter aber ließ ſich durch den Schein zu keiner fal⸗ ſchen Bewegung verleiten, und gab ſomit dem Gegner keine Blöße. Lametzhofer, ſeiner Abſicht ſich mehr nähernd, verſuchte ein Paar degagirte, das heißt flüchtige Stöße, die, wie natürlich, zu keinem Ziele führten, darauf ſeinen Plan enthüllend, begann er zu ſtringiren. Er ſuchte nämlich die Klinge des Gegners durch die e n — eigene ſeitwärts zu drücken, wobei er auf ſeine überlegene phyſiſche Stärke rechnete; gelang ihm ſein Vorhaben, ſo gedachte er zu battiren, das heißt den Gegner durch einen ſchrägen Hieb, dem raſch ein degagirter Stoß folgen ſollte, zu treffen. Baſſompiere, obwohl dem Aeußeren nach viel ſchwächer als ſein Gegner, beſaß doch Armkraft genug, die erſtere Abſicht des Fechtmeiſters zu vereiteln. Beide Klingen ſchwirrten wie Blitze aneinander und ſchienen ein paar Sekunden lang eine einzige zu ſein. Dieſe unerwartete Stärke überraſchte den Angreifer und machte ihn über den Gedanken, was er nun ausführen ſolle, einen Moment lang unſchlüſſig. Dieſen Augenblick benutzte der Marquis. Durch einen mächtigen Rückwärtsſprung von der Klinge des Gegners ſich befreiend, fiel er in der nächſten Se⸗ kunde wie der Blitz auf den Meiſter aus und zwang ihn zur Parade. Lametzhofer war, ehe er ſich's verſah, auf die Defen⸗ ſive beſchränkt, und nun folgten abwechſelnde Stöße in ſo unglaublicher Schnelligkeit aufeinander, daß der Fecht⸗ meiſter weniger Mühe, aber deſto mehr File aufbieten mußte, ſie zu pariren. Der Plan des Marquis war bercits gefaßt. Ihm, dem leichten, flinken, jungen Manne fiel es nicht ſchwer, den Gegner durch Ausdauer und Schnelligkeit der Stöße außer Athem zu bringen, und er erreichte dies. Der ſtärkere, aber weniger behende Lametzhofer mußte Anſtrengungen machen und dieſe waren es, die ihn ent⸗ athmeten und ermüdeten. Je mehr der Vortheil auf Seite des Franzoſen ſich neigte, deſto heftiger, folglich erſchöpfender wurden die Bewegungen des Meiſters, bereits fing er an zu keuchen und zu ſchnaufen, während Baſſompiere, mit Ausnahme der etwas ſtärker gerötheten Wangen, keine Spur einer erhöhten Anſtrengung zeigte. Seine Finten und Stöße folgten ſich wie Blitz und Donner, die Paraden des Anderen wurden immer un⸗ ſicherer, immer ſchwächer; jetzt war für Baſſompiere der Moment gekommen, den Kampf zu beenden, er durchhieb eine Parade des Meiſters, das heißt er vereitelte ſie durch einen gewaltigen Streich und benutzte die ſekundenlange Wehrloſigkeit des Gegners, ihm den verwundenden Stoß beizubringen. Seine Schwertſpitze bohrte ſich in den Schenkel des Gegners, genau in die Mitte des früher mit Kreide be⸗ zeichneten Kreuzes. Die Zuſchauer jubelten auf; jetzt war ihnen das Räthſel gelöſt. Der Marquis hatte vor dem Kampfe den Punkt be⸗ ſtimmt, wo er ſeinen Gegner verwunden würde, und löſte ſeine Aufgabe meiſterhaft. Lametzhofer biß die Lippen zuſammen, weniger aus Schmerz der unbedeutenden Fleiſchwunde, als aus Aerger, den bisherigen Nimbus der Unbeſiegbarkeit eingebüßt zu haben; ſein Ueberwinder, nachdem er der fremdländiſch gekleideten Schönen einen flüchtigen Blick zugeworfen, den Eindruck ſeines Sieges zu erkunden, reichte dem Meiſter mit echt franzöſiſcher Courtviſie die Hand und ſagte: Ihr ſeid ein vortrefflicher Fechter, daß ich den Sieg davon trug, verdanke ich weniger meiner Kunſt als der körper⸗ lichen Leichtigkeit, die ich vor Euch beſitze. Nehmt zum Andenken an das heutige Spiel dieſen Ring, und ſolltet Ihr oder irgend Jemand von den Euren in die Lage ver⸗ ſetzt werden, meiner Hülfe zu benöthigen, ſendet mir den Ring und ich werde Euch beiſtehen. Damit grüßte er freundlich und verſchwand von dem Kampſfplatze. Erſt als er fort war, begannen auch die Zuſchauer, die ſich nur ſchwer von ſeinem Anblicke trennten, ſich zu entfernen, nicht ohne beifällig zu murmeln oder ſogar ihre Bewunderung noch immer laut zu äußern. Lametzhofer verband die Wunde, befahl ſeinem Diener, die Waffen von der Kampfſtätte zu tragen und ſchickte ſich an, dieſe zu verlaſſen, als ein herrſchaftlicher Page ſich ihm näherte und ihn erſuchte, ihm zu folgen. Auf die Frage:„Wohin?“ antwortete der junge Menſch: eine fremde Dame, die hier in der Herberge einlogirt, wünſche mit dem Meiſter zu ſprechen. Lametzhofer, ſeine üble Stimmung beherrſchend, die Ermüdung nicht achtend, folgte der Einladung. Der Page führte ihn in das zweite Stockwerk, öffnete eine der Thüren, und nachdem der Meiſter des Schwerts eine Vorſtube durchſchritten, gelangte er in ein Gemach, wo eine ſchwarzgekleidete und dicht verſchleierte Frau ihn erwartete. Die Fremde lud durch eine Handbewegung den Meiſter ein, ſich ihr zu nähern und auf einem Stuhle ihr gegen⸗ über Platz zu nehmen. Nachdem er dieſer Weiſung nachgekommen, tönte hinter dem Schleier hervor eine äußerſt wohlklingende Stimme, die ſich alſo vernehmen ließ: Meiſter, ich war Zeuge des Kampfſpieles und bewundere Euere Geſchicklichkeit, wäre der junge Kavalier, der Euch beſiegte, nicht der fünfte, ſondern der erſte Eurer Gegner geweſen, der Erfolg würde ein anderer geworden ſein. Euer Zuſtand erlaubt mir nicht, Euch lange aufzuhalten, ich will mich daher mit meinem Anliegen beeilen. Lametzhofer ſchaute die Verſchleierte erwartungsvoll an. Legt Ihr auf den Beſitz des Ringes, den der Fremde Euch gab, hohen Werth? Dieſe Frage kam dem Meiſter ſo unerwartet, daß er um die Antwort verlegen war. Endlich erwiederte er: Ich weiß den Namen des Spen⸗ ders; obwohl ich nicht die Ehre genieße, ihn näher zu kennen, iſt's doch gewiß, daß er ein franzöſiſcher Kavalier und darin beſteht für mich der Werth des Ringes. Mein Page theilte mir mit, der Marquis habe Euch gegen Vorweiſung des Ringes ſeinen Dienſt verheißen. Darauf, gnädige Frau, leg ich keinen Werth, ich werde ſchwerlich in die Lage kommen, von ſeinem Anerbieten Gebrauch zu machen. Ich will Euch ohne Umſtände bekennen, daß ich mich in ſolcher Lage befinde und daß deshalb der Ring für mich von großem Werthe iſt. übe beg Gnädige Frau... Ihr ſeid überraſcht, ich begreife es, mein Geſtändniß kommt unerwartet. Ihr habt noch nicht Zeit gefunden, den Ring genau anzuſehen, und ſchon wünſcht eine unbe⸗ kannte Frau ihn zu beſitzen. Ich will Euch nicht verletzen, Meiſter, ſonſt würde ich Euch den zehnfachen Werth des Ringes bieten. Um Geld iſt er mir nicht feil, rief Lametzhofer eifrig. Ich zweifle keinen Augenblick daran, deshalb erſuche ich Euch, mir die Möglichkeit zu bieten, den Ring zu erwerben. Gnädige Frau, Sie bauen zu ſehr auf ein vielleicht wenig zuverläſſiges Verſprechen des Herrn Marquis. Meiſter, der Marquis iſt Kavalier, der Erziehung nach Franzoſe, der Abſtammung nach ein Deutſcher, er wird ſein Verſprechen löſen. Ihr Vertrauen iſt für den Herrn Marquis ſehr ſchmei⸗ chelhaft, weniger aber wird es die N rn ſein, die ich ihm von mir beibringe, wenn ich ſeiner Spende ſo ge⸗ ringſchätzig mich entäußere. Euere Einwendung iſt von Gewicht, kein Ehrenmann will falſch beurtheilt ſein, doch giebt's ein Mittel, das, was Euch widerſtrebt, zu beſeitigen. Wie Euch, bin auch ich dem Marquis unbekannt, Ihr könntet mich ihm ohne Gefährde als Euere Verwandte vorſtellen... Gnädige Frau, rief Lametzhofer, noch mehr wie früher überraſcht. Das heißt freilich einen zweifachen Dienſt von Euch begehren, allein was kann eine ſchwache Frau Beſſeres thun, als ſich an den Edelmuth des Mannes wenden? Ihr treibt ein ritterlich Gewerbe und dieſes ſetzt ritter⸗ lichen Sinn voraus. Gnädige Frau, Sie ſollen ſich in mir nicht täuſchen, dem Schwächeren zu dienen, iſt Mannespflicht, jedoch nur ſo lange, als man damit einer guten Sache dient. Meine Sache iſt eine gerechte, ich ſchwöre es Euch bei dem Kreuze, an dem der Erlöſer litt. Der feierliche Ton der Verſchleierten machte auf den Fechtmeiſter einigen Eindruck. Gnädige Frau, ſagte er, ich bin weder hartherzig noch eigenſinnig, geben Sie mir wegen deſſen, was Sie Ihre gute Sache nennen, einige Beruhigung und ich will, jedoch ohne Sie für meine Verwandte auszugeben, bei dem Mar⸗ quis Baſſompiere Ihr Fürſprecher ſein. Die ſchwarze Dame ließ Eine Minute lang das ver⸗ ſchleierte Haupt ſinken, das einzige Symptom, welches erkennen ließ, daß ſie nachſinne, dann erhob ſie es und fragte: Seid Ihr vermählt, Meiſter? Ja, gnädige Frau. Glücklich vermählt? Ich beſitze keinen Grund über meine Ehewirthin zu klagen. Hat der Himmel Euere Ehe geſegnet? Reich iſt der Segen nicht, verſetzte der Fechtmeiſter, trotzdem vollendet er mein häusliches Glück; ich bin Vater eines jetzt zwölf Jahre alten Mädchens. Bei dieſer Antwort ließ die Fremde einen Ruf freu⸗ diger Ueberraſchung vernehmen, ſie erhob ſich behende vom ein za 17 n, ur ei en ch hre och ar⸗ er⸗ hes ind Sitz, faßte die Hand des Meiſters und ſagte: Ich bitte Euch, folgt mir in die Stube nebenan. Lametzhofer, deſſen Neugierde ſich noch mehr ſteigerte, vergaß ſchier auf ſein verwundetes Bein und folgte der Dame. In das angrenzende Zimmer getreten, ſah er ein jun⸗ ges, beiläufig dreizehnjähriges Mädchen, welches auf einem Sopha ſaß und deſſen Anblick einen angenehmen Eindruck hervorbrachte. Das junge Weſen war zart gebaut, brünett, ſchwarz⸗ äugig, lebhaften, verſtändigen Blickes, und ſchaute den Fremden mit einer Art freundlicher Neugierde an. Der Dienſt, den ich von Euch erbitte, löſte die Dame das Stillſchweigen, hat zum Zwecke, dieſem armen Weſen ſeinen Vater zu erobern. Die wenigen Worte boten der Phantaſie des Meiſters reiche Beſchäftigung, er ſah das kummervolle Daſein einer verlaſſenen Frau und Mutter, er gedachte der durch eine Reihe von Jahren vergoſſenen Zähren, und fühlte den ganzen Inhalt des Schmerzes. Iſt es ſchon lange her, daß Ihr Gatte Sie verließ? Der Vater meines Kindes, murmelte die Verſchleierte, war mein Gatte nicht. Jeſus Maria! rief der Meiſter erſchüttert, und nach einer kurzen Pauſe ſetzte er mitleidsvoll hinzu: Arme Mutter, armes Kind! Das Mädchen hatte ſchon früher ſein Antlitz mit den zarten, weißen Händchen bedeckt und ſchluchzte. Lametzhofer, auf's Tiefſte gerührt, zog den von dem E. Breier. Gen. Roßwurm. J. 2 Kavalier erhaltenen Ring hervor, übergab ihn der Dame und ſagte: Es ſteht mir nicht zu, Ihren Geheimniſſen weiter nachzuforſchen, ich weiß genug, um Ihnen zu will⸗ fahren. Darauf verſetzte die Dame: Mir aber ſteht es nicht zu, einem Manne, von dem ich ſo hohen Dienſt anſpreche, nicht Alles zu entdecken, ich werde Euch daher mein Ge⸗ heimniß enthüllen, doch heute nicht, Ihr bedürft wegen Eurer Wunde der Ruhe, im Hofe harrt, von meinem Pagen beſorgt, eine Sänfte, laßt Euch nach Hauſe tragen und beſucht mich nächſter Tage wieder. Meine Abreiſe eilt nicht. Marquis Baſſompiere wird ſich mehrere Tage durch aufhalten, und ſo lange er bleibt, werde auch ich verweilen. Lametzhofer verſprach zuverläſſig wieder zu kommen, verabſchiedete ſich und verließ dann das Gemach und gleich darauf in einer Sänfte den Gaſthof. Sehen wir uns nach dem Marquis von Baſſompiere um, wohin begab er ſich nach ſeinem Debüt als Frei⸗ fechter? Der junge Kavalier war am Morgen des bezeichneten Feſttages mit einem ſtattlichen Gefolge in Wien eingezogen und im Gaſthofe zum goldenen Pfau eingekehrt. Seine Abſicht war, nach Ungarn zu ziehen, um als Freiwilliger gegen die Türken zu kämpfen. Frangvis war— am Fenſter ſeiner Stube— Zeuge des Fechtſpiels und nahm, von jugendlichem Uebermuthe verführt, Theil daran. in der Dame niſſen will⸗ wegen einem tragen lbreiſe mmen, gleich mpiere Frei⸗ hneten ezogen m als Zeuge muthe — 19— Nach deſſen Beendigung ſuchte ſein Blick die Schöne in der fremdländiſchen Tracht und fand ſie nicht. Sie kann das Haus noch nicht verlaſſen haben, dachte er und eilte an's Thor mit dem Vorſatze, den Austritt der Reizenden abzuwarten und ihr dann zu folgen. Aber ſiehe da, die Unbekannte mußte ſich bereits vor Beendigung des Kampfſpiels oder mindeſtens unverzüglich nach demſelben zurückgezogen haben, denn ein Blick die Straße abwärts ließ ihn das Kleid der Forteilenden er⸗ kennen. Sie bog eben durch eines der Gäßchen nach dem „neuen Markt“ ein. Baſſompiere eilte ihr nach. Auf dem geräumigen Platze angelangt, war der Ge⸗ genſtand ſeiner Aufmerkſamkeit verſchwunden, dagegen ge⸗ wahrte der Kavalier eine von zwei Pferden getragene Sänfte, die ſich eben in Bewegung ſetzte. Der Gedanke, die Unbekannte befinde ſich darinnen, lag nahe. Der Marquis verdoppelte ſeine Eile, ſtrich an der Portechaiſe vorüber und erſpähte durch das geſchloſſene Fenſter die Farben des fremdländiſchen Kleides. Sie iſt es, dachte der ſiegreiche Freifechter, jetzt er⸗ übrigt mir nichts, als ihr zu folgen. Und er that es. Zweites Rapitel. Marquis de Baſſompiere macht die Erfahrung, daß man auch in Wien Abenteuer kann. Die Sänfte, welche dem Deutſch⸗ Franzoſen nachging, wurde von einigen mit Hellebarden bewaffneten Knechten beſchützt, eine die in jener wilden zügelloſen Zeit ſelbſt in den Straßen Wiens beinahe eine Nothwen⸗ keit war, daher auch reiche Bürgersfrauen ſich ihrer be⸗ dienten. Die Anweſenheit der Bewaffneten gab ticnch für den Stand der Dame kein untrügliches Kennzeichen. Baſſompiere forſchte nach einem Wappen, er fand keines; doch auch das berechtigte ihn noch nicht zu einem Schluſſe, da Damen von Rang, wenn ſie ſich incognito unter das Volk miſchten, Alles, was ihre Abſtammung verrieth, beſeitigten. Das durch die äußere Erſcheinung der Dame ange⸗ regte Intereſſe ſteigerte ſich alſo durch die Ungewißheit ihres Standes. ſo we we Zu mie ant unt ach in ging, chten loſen wen⸗ r be⸗ für fand inem gnito nung inge⸗ ßheit Wer ſie auch immer ſein mag, ſprach der Marquis für ſich, ſie verdient, daß man ihr nachgehe. Weiß ich „ einmal, wo ſie wohnt, dann werde ich auch erfahren, wer ſie iſt, und kenne ich Stand und Name, ſo ſuche ich Ge⸗ legenheit, mich ihr zu nahen; wer ſucht, der findet, und ich war bisher noch immer ſo geſegnet, zu finden. Par⸗ dieu, die Straßen in der guten Stadt Wien ſind gerade ſo eng, ſo ſchmutzig und ſo winklig wie die von Paris; wenn die reizende Unbekannte nicht bald Halt macht, werde ich Mühe haben, meinen Gaſthof wieder zu finden. Zum Glücke bin ich der Landesſprache mächtig, werde mich alſo, wenn nicht durchfinden, ſo durchfragen, einen anderen Ariadnefaden giebt es wohl für dieſes Straßen⸗ Labyrinth nicht. Was iſt das? Die Sänfte hält an, und zwar gerade auf einem Platze vor einer Kirche, mein Engel wird doch nicht in die Kirche gehen? Sind Engel nicht überall im Himmel, wozu bedürfen ſie einer irdiſchen Kirche? Früher Rürfechten und darauf einen Veſperſegen. Sie giebt dem Kaiſer, was des Kaiſers iſt. Ich bin zwar ein ehrlicher Liguiſt, allein jetzt in die Kirche zu gehen, bin ich keineswegs geſonnen. Die Sänfte hält noch im⸗ mer, allein niemand ſteigt aus. Ah, was iſt das? Der Marquis unterbrach ſein Selbſtgeſpräch, um dem, was vorging, die ungetheilte Aufmerkſamkeit zuwenden zu können. Wir wollen nur gleich erwähnen, daß die von Bewaff⸗ neten beſchützte auf dem Platze vor der Kirche zu St. Michael ſtille hält. Der Zweck die kurzen Aufenthaltes zeigte ſich bald. Aus einem der Häuſer ſtürzte ein Mann und eilte auf die Sänfte zu. Er mußte offenbar unter dem Hausthore auf die Rück⸗ kehr derſelben gewartet haben, und that nun ſein Mög⸗ lichſtes, ſchnellſtens auf dem Platze zu ſein. Ein Fenſter der Portechaiſe wurde herabgelaſſen, das reizende Antlitz der Unbekannten, von einem freundlichen Lächeln umſtrahlt, ward ſichtbar. Baſſompiere fühlte etwas wie einen Herzensſtich. War's die gelbhäutige Schlange des Neides oder die der Eiferſucht, die ſich in ihm regte? Ich will verdammt ſein wie der erſte beſte Hugenott, murmelte er, wenn das nicht ein Liebespärchen iſt! Sie hört nicht auf, ihn anzulächeln, und ſein Blick ruht ver⸗ zehrend auf ihren Reizen. Sie ſcheinen ſich lange nicht geſehen zu haben, ſprechen eifrig miteinander, wenn man nur wüßte, was? Ich will verſuchen, mich zu nähern. Während der Marquis auf die Portechaiſe losſchritt, wurde das téteatéte plötzlich unterbrochen. Von dem nahen Thurme herab ertönte das Geläute einiger Glocken. Was auf dem Platze ging oder ſtand, ſank auf die Kniee. Baſſompiere warf einen Blick auf das Kirchenportal und ſah einen Prieſter herausſchreiten, um einem Ster⸗ benden die letzte Wegzehrung zuzutragen. Der Liguiſt ließ ſich ebenfalls auf das Knie nieder, in dem Augenblicke aber, als er dieſes that, hörte er die Dame zu dem Manne ſprechen:„Heute Abend um acht Uhr mit Bei wo We Pri Ste Ga eini eine Me zwi te auf Rück⸗ „das lichen er die enott, Sie t ver⸗ nicht man ern. chritt, eläute uf die portal Ster⸗ ieder, er die macht Uhr im Weingartenhauſe am Alseck!“ worauf die Sänfte mitſammt ihrer Begleitung ſich in eine eilige fluchtähnliche Bewegung ſetzte, während der Mann an derſelben Stelle, wo er früher ſtand, auf die Knie fiel und wie die übrige Welt dem Allerheiligſten ſeine Verehrung bezeigte. Nach empfangenem Segen begleitete die Menge d Prieſter dem religiöſen Gebrauche gemäß bis an das Sterbehaus, Baſſompiere aber unterließ dies und eilte die Gaſſe hinauf, durch welche die Sänfte ſich entfernt hatte. Es war die Herrengaſſe. Die eben erlebte Scene bot dem jungen Kavalier einiges Licht. Die Schöne, dachte er, iſt entweder eine Jüdin oder eine Hugenottin, in jedem Falle eine Ketzerin, der junge Menſch, der ſie erwartet hatte, iſt Katholik, der Glaubens⸗ zwieſpalt ſcheint aber ein Hinderniß ihres Glückes nicht abzugeben, denn ſie hätte ihm ſonſt keine Schäferſtunde im Weingartenhauſe am Alseck verheißen. Die Adreſſe will ich meinem Gedächtniſſe wohl einprägen. Wozu das? Die Herzenskammer dieſer Dame iſt bereits vergeben oder ſcheint es mindeſtens zeitweilig zu ſein, überdies iſt ſie eine Ketzerin, und zwar eine reizende Ketzerin, was die Sache um ſo ſchlimmer macht. Wer aber mag ſie ſein? Iſt ſie vermählt oder nicht? Ich weiß nicht, iſt es Neu⸗ gierde, die mich ihr nachzieht, oder iſt's Bosheit, die mich drängt, einem Glücklichen den Liebesweg mit Dornen zu beſtreuen, oder iſt's endlich Eitelkeit, die mich antreibt, einen Sieger zu beſiegen, wie beim Rürfechten im golde⸗ nen Pfau? Genau erwogen, wär's klüger umzukehren, en denn wenn auch keine Gefahr blüht, wird höchſt wahr⸗ ſcheinlich irgend eine Verlegenheit und Unannehmlichkeit daraus entſpringen, warum mich alſo ſolchen Möglichkeiten ausſetzen? Trotz dieſer ſehr klugen, ſehr gerechtfertigten Frage hörte Baſſompiere doch nicht auf, der Sänfte, deren er wieder anſichtig geworden war, zu folgen. Was ſeine Vernunft auch dagegen einwenden mochte, er wurde von dem Gegenſtande unwiderſtehlich angezogen, wie das Eiſen vom Magnet, oder um ein paſſenderes Gleichniß zu wählen, da ſein Herz keineswegs von Eiſen war, wie der Schmetterling von der Roſe. Pardieu, jetzt paſſire ich gar ein Stadtthor, murmelte der Liguiſt, als das dunkle Schottenthor ſich über ſeinem Haupte wölbte, die Ketzerin wohnt am Ende vor der Bar⸗ riere draußen und ich höre nicht auf, ihr nachzutraben; wenn das keine Thorheit iſt, ſo habe ich in meinem Leben noch keine begangen. Bah, was verſchlägt eine mehr oder weniger? Ich ſtehe auf dem Punkte, gegen die Ungläu⸗ bigen zu ziehen, werde einige Türken mehr niederſäbeln und damit meine alten und neuen Sünden und Thorheiten los werden. Ein rechter Mann macht auf halbem Wege nicht kehrtum; da ich einmal ſo weit ging, ſo will ich den Reſt nicht ſcheuen und bis an's Ende ausdauern. Allons, Frangois, die ſchöne Ketzerin wird nicht mehr aus dem Aug' gelaſſen und zöge ſie ſchnurſtracks der Hölle zu. Nach der Hölle ging nun der kleine Zug nicht, wohl aber nach Hernals, welches kleine, nahe bei Wien gelegene Dorf in den Augen der Strenggläubigen von damals nicht Heer ligui flug geſet hört nehn Alſe von lung zen Buſe Zwer Z Bild ſeine Mar den mach 6 2 er in beſch zuzu über nehn Port niedl ichkeit keiten Frage ren er ochte, zogen, nderes Eiſen rmelte einem Bar⸗ aben; Leben roder igläu⸗ ſäbeln legene amals — 25 nicht viel beſſer war wie die Hölle, denn es bildete den Heerd des Proteſtantismus in Nieder⸗Oeſterreich, was der liguiſtiſche Kavalier, der ſo eben ſeinen erſten Wiener Aus⸗ flug machte, freilich nicht wußte, und ſelbſt im entgegen⸗ geſetzten Falle nicht beachtet haben würde. Der Weg vom Schottenthore bis nach Hernals ge⸗ hörte in jenen Tagen weder zu den bequemen noch ange⸗ nehmen. Das früher blühende Dorf Siechenals, wo die heutige Alſervorſtadt ſteht, war bei der erſten Türkenbelagerung von Grund aus zerſtört worden, zur Zeit unſerer Erzäh⸗ lung zeigten ſich wohl ſchon einzelne Neubauten, im Gan⸗ zen genommen war aber der Grund mit Steinſchutt und Buſchwerk bedeckt, über welches hie und da dürftiges Zwergholz emporragte. Der milde Herbſtabend beſtrebte ſich zwar, das öde Bild zu beleben, allein er verſchwendete das letzte Gold ſeiner ſinkenden Sonne daran, wie ungefähr der ruinirte Mann, der mit den letzten Reſten ſeiner Goldſtücke an den Schein ſeiner einſtigen Wohlhabenheit gern glauben machen will. Baſſompiere war zu ſehr mit dem Abenteuer, worin er in einem ihm gewohnten Element luſtig umherſchwamm, beſchäftigt, um den Gegenſtänden um ihn Aufmerkſamkeit zuzuwenden; Zeit und Pfad zogen unbemerkt an ihm vor⸗ über, und ſo kam es, daß er gleichſam aus einem ange⸗ nehmen Traume erwachend, plötzlich ſtehen blieb, als die Portechaiſe ſammt ihrer Begleitung in der Thorhalle eines niedlichen Landhauſes verſchwand. — 66 Baſſompiere betrachtete ſo genau, als der Schleier der Abenddämmerung es geſtattete, das Haus, welches jetzt den Gegenſtand ſeines Intereſſes barg. Es war ſchmuck⸗ und zierlos. Sein nichtsſagendes Aeußere ließ auf den Charakter ſeines Inneren keinen Schluß ziehen. An einen ſchattenreichen Garten gelehnt, ſchien es ſich dem neugierigen Auge entziehen zu wollen, was ihm aber nicht ganz gelang, da ſeine Vorderfront nach der Straße zu bloßgeſtellt war. Der Marquis nickte nun zufrieden vor ſich hin und murmelte: Jetzt weiß ich zwar nicht viel mehr wie früher, es ge⸗ nügt jedoch, Nachforſchungen zu beginnen und daran will ich unverzüglich gehen. Einen ſpähenden Blick umher ſendend, gewahrte er, kaum zweihundert Schritte entfernt, eine Hütte, welche die nächſte Nachbarſchaft des Landhauſes bildete. Er begab ſich dahin und fand, auf einem Schemmel vor der Hausthür ſitzend, einen Greis, deſſen Jacke und Mütze den Landmann zu verrathen ſchienen. Mit Verlaub, redete Baſſompiere ihn nach einem flüch⸗ tigen Gruße an, wem gehört jenes Haus, deſſen Fenſter herüberſchauen? Jenes Haus, gab der Gefragte Beſcheid, iſt mein Eigenthum. Die Antwort, weil ganz unerwartet, überraſchte den Kavalier. Die Schöne in der Sänfte, dachte er, wird doch nicht ſeine Tochter ſein? ſchei verſi mich dahe 2 2 Mar unbe 3 Stel 2 Hütt wie wem eier der es jetzt es ſich m aber Straße in und es ge⸗ lan will hrte er, lche die chemmel acke und ſt mein chte den och nicht Und nach einer kurzen Pauſe fuhr er laut fort: Ihr ſcheint auch der Beſitzer dieſer Hütte zu ſein. Ich ſcheine nicht blos, ſondern bin es in der That, verſetzte der Greis lächelnd. Dieſer Umſtand, ſagte hierauf Baſſompiere, zwingt mich, meine Fragegeſtaltung zu ändern. Ich bitte Euch daher, mir zu ſagen, wer bewohnt jetzt jenes Haus? Bei dieſer Frage richtete ſich der Alte empor und der Marquis gewahrte, daß dies mittelſt einer ihm bisher unbemerkt gebliebenen Krücke geſchah. Dem alten Manne fehlte das linke Unterbein, ein Stelzfuß vertrat deſſen Stelle. Mein Herr, erwiederte nun erſt der Eigenthümer der Hütte und des Landhauſes, bevor man Auskünfte ertheilt, wie die, welche Sie verlangen, muß man auch wiſſen, wem man ſie giebt. Ich bin Kavalier. Das verräth Ihre Kleidung und Ihre Erſcheinung. Ich bin ein Fremder. Das läßt mich Ihre Ausſprache erkennen, allein mir genügt weder dies noch jenes, ich bitte, mir Ihren Namen zu nennen. Es iſt kein Grund vorhanden, ihn zu verhehlen, ob⸗ wohl ich nicht einſehe, was es Euch frommen kann, einen fremden, nie gehörten Namen zu erfahren. Wer weiß, ob dem ſo iſt. Mir ſind die Namen vieler Kavaliere geläufig. Ich bin hiér auf der Durchreiſe nach Ungarn, um mich dem kaiſerlichen Heere als freiwilliger Kämpfer gegen die Ungläubigen anzuſchließen, ich bin der Freiherr Franz von Betzſtein. Der Stelzfuß ſtieß einen lauten Ruf freudiger Ueber⸗ raſchung aus. Meine Familie ſcheint Euch bekannt? Sind Sie ein Verwandter des Barons Chriſtof von Betzſtein? Ich bin deſſen älteſter Sohn. Der Stelzfuß zog jetzt ehrerbietig ſeine Mütze und ſagte: Herr Baron, ich lade Sie ein, unter mein ſchlichtes Dach zu treten, ich habe unter dem Oberbefehl Ihres Herrn Vaters bei Jvyry gefochten. Wurdet Ihr dort verwundet? O nein, zwei Jahre ſpäter, in den Niederlanden war es, wo ich für mein geſundes Bein dieſes Holz— er ſchlug dabei mit der Krücke an den Stelzfuß tauſcht. Ich bitte, Herr Baron, treten Sie ein. Baſſompiere nahm die Einladung an. Der Zufall, dachte er, iſt mir günſtig. Das Rendez⸗ vous am Alseck wird erſt um acht Uhr ſtattfinden, bis dahin iſt mir hinlänglich Zeit geboten, die alte Kriegs⸗ gurgel auszuholen und vielleicht ſogar für meine Pläne zu gewinnen. Er trat von dem Stelzfuß gefolgt in die Hütte. Für den mit der Familie der Baſſompiere unvertrau⸗ ten Leſer ſei hier vorläufig oberflächlich erwähnt, daß der Marquis, indem er ſich einen Freiherrn von Betzſtein nannte, keine Unwahrheit ſprach, ſondern ſeinen urſprüng⸗ lichen deutſchen Familiennamen angab. einge⸗ Z Lamß den lichte S Platz nes. daß 1 V Stelz D glaub März noch ſchlich Feldh Tauſe erinn der 2 ſind Y geſtoff darf Franz Ueber⸗ tof von tze und chlichtes l Ihres en war 3 er einge⸗ Rendez⸗ en, bis Kriegs⸗ e Pläne te. vertrau⸗ daß der Betzſtein rſprüng⸗ Der Alte zündete mittelſt eines Schwefelfadens eine Lampe an und verſcheuchte, indem er die Fenſter blendete, den letzten Reſt des von außen hereindringenden Zwie⸗ lichtes. So, mein Herr Baron, ſagte er, nun nehmen Sie Platz und beehren Sie die Hütte eines alten Kriegsman⸗ nes. Ihr Herr Vater mochte wohl nie gedacht haben, daß der alte Daniel je in die Lage kommen werde... Wie iſt Euer Name? unterbrach Baſſompiere den Stelzfuß. Daniel Luſch. Der Name iſt Ihnen ganz fremd, glaub's gerne. Anno Neunzig, an dem verfluchten 14ten März, als wir bei Jvry den Kürzeren zogen, liefen Sie noch in den Knabenſchuhen, überdies iſt der Name eines ſchlichten deutſchen Reiters viel zu minder, um von einem Feldherrn beachtet zu werden. Des Führers gedenken Tauſende ſo lange ſie leben, er kann ſich nur der Schaar erinnern, des Einzelnen ſelten. Dort der Reiterſäbel und der Bruſtpanzer an der Wand, hier das Bein von Holz ſind die greifbaren Merkmale meines einſtigen Standes. Mein lieber Daniel, ich bin erfreut, auf einen Mann geſtoßen zu ſein, der unter meinem Vater focht, denn nun darf ich auf die gewünſchte Aufklärung hoffen. Sie wollen wiſſen, wer jenes Haus bewohnt? Das iſt's, mein Alter. Daniel Luſch zog ſeine Stirne in Falten, zeigte eine ſehr bedenkliche Miene und ſagte warnend: Herr Baron, bleiben Sie jenem Hauſe ferne. Warum das? Ich bin zwar gewohnt, auf Einwen⸗ dungen zu hören, Warnungen zu beachten, allein ich muß auch die Gründe kennen. In jenem Hauſe, fuhr Luſch mit Nachdruck fort, ver⸗ birgt ein Todfeind Ihres Hauſes einen Schatz. Baſſompiere lächelte jetzt und erwiederte: Der Schatz hat zwei Füßchen, ein Paar glühende Augen, küßliche Lippen, kurz es iſt ein allerliebſter Schatz. Allein gerade deshalb intereſſirt er auch mich. Doch ſprechen wir vor⸗ erſt von dem Feinde meines Vaters und dann von dem Schatz. Mein Vater, als eifriger Liguiſt bekannt, beſitzt zweifelsohne unter dem proteſtantiſchen Adel dieſes Landes eine Menge Feinde, wer iſt derjenige, dem jener Schatz angehört? Ich bin nicht ermächtigt, ſeinen Namen zu nennen, es genüge Ihnen zu wiſſen, daß er im kaiſerlichen Heere in Ungarn dient. Iſt er hier anweſend? fragte Baſſompiere mit geſtei⸗ gerter Neugierde. Nein, er ſteht in dieſem Momente vor Ofen. Oh, oh! rief der Marquis im Tone eines Menſchen, dem eine intereſſante Enthüllung zu Theil wird. Er gedachte nämlich des Mannes, welchem auf dem Platze vor der Kirche ein Rendezvous verheißen wurde und ſchloß daraus auf die Untreue der Dame, deren Ge⸗ liebter vor Ofen den Türken gegenüber ſtand. Der Stelzfuß mißdeutete den Ausruf des Barons. Er wähnte, dieſer habe den Namen des Feindes errathen, und enthielt ſich daher jeder Gegenäußerung. Der junge Kavalier bewegte ſein Haupt wie Jemand, der e melte Dritt V 5 ſchluß bewoh nes, der m S E Gutes W ziger Je vor ei getreu ſtürzt. La quis i Ar Dorn! ſetzt i Bl D ſchaft, zu we muß , ver⸗ Schatz üßliche gerade r vor⸗ n dem beſitzt Landes Schatz len, es eere in geſtei⸗ enſchen, uf dem wurde en Ge⸗ n. Er rrathen, Femand, der einer Verwunderung nicht los werden kann und mur⸗ melte: Pardieu, in dieſem Falle wäre ich eigentlich der Dritte und ich bin gewohnt, der erſte zu ſein. Was ſagen Sie, Herr Baron? Hört mich an, Daniel, ſagte Baſſompiere, einen Ent⸗ ſchluß faſſend, die junge Dame, welche jenes Landhaus bewohnt, iſt, wie Ihr behauptet, die Geliebte eines Man⸗ nes, welcher der Todfeind meines Vaters, folglich auch der meinige iſt. So verhält es ſich, Herr Baron. Es ſteht aber geſchrieben, daß man ſeinen Feinden Gutes erweiſen ſoll. Wer ſich ſo weit zu erheben vermag, iſt ein hochher⸗ ziger Mann. Ich will mich ſo weit erheben und den fernen Feind vor einem Betruge bewahren. Jene Dame iſt eine un⸗ getrene Meine Wahrnehmung beſtätigt ſich! rief der Alte be⸗ ſtürzt. Doch wie.. Laßt die Fragen und antwortet mir, fiel ihm der Mar⸗ quis in die Rede, wo heißt es hier am Alseck? Am Alseck, antwortete Luſch, heißt zwiſchen hier und ornbach eine Hügelkette, die mit Weinpflanzungen be⸗ ſetzt iſt Beſitzt die Dame dort ein Weingartenhaus? Die Dame beſitzt weder dort noch hier eine Liegen⸗ ſchaft, ſie iſt blos eine derzeitige Bewohnerin des Landhauſes, zu welchem ein Weingarten am Alseck gehört. In jenem D Weingarten befindet ſich ein Häuschen, das ſie ebenfalls E benutzt, ſollte ſie dort... Ja, dort iſt der Schauplatz ihrer Untreue. Heute um dulde die achte Stunde empfängt ſie dort ihren zweiten Geliebten. einige Schmach über die Schändliche! D Der Stelzfuß hatte dieſen Ausruf eben gethan, als länger Pferdegetrabb erſcholl, welches ſich der Hütte näherte und nach an derſelben verſtummte. theiln Luſch ſtürzte an's Fenſter, warf einen Blick hinter den V gelüfteten Vorhang, ließ dieſen raſch wieder ſinken und poten flüſterte, ſich dem jungen Kavalier zuwendend: Um Gott, eellen Herr Baron, Er iſt es, verbergen Sie ſich, treten Sie in E jene Kammer! des L Und als Baſſompiere Einwendungen erheben wollte, P fuhr der Alte dringender fort: Ich beſchwöre Sie um Ihres und meines Wohles Willen, bleiben Sie dort, bis ün Er ſich entfernt hat. empor Der junge Kavalier fügte ſich. zigſtet Er hatte die Thür der angrenzenden Kammer kaum S hinter ſich zugezogen, als jene der Stube aufflog und ein gleich Mann in einen ſchwarzen Reitermantel gehüllt, mit einer Schör Wachsmaske vor dem Geſicht, ſtürmiſch hereintrat. S Baſſompiere, hinter der Kammerthür lauſchend, ent⸗ verrät deckte einen Spalt, durch welchen er, was in der Stube es ph vorging, nicht blos hören, ſondern auch ſehen konnte. und Der Eingetretene warf den Mantel von ſich, riß die von⸗t Maske vom Antlitz, und indem er ſich auf den nächſten E Stuhl ſinken ließ, murmelte er: Ich bin entathmet, ich reiche erſtice! Ausd E. 2 nfalls te um iebten. er den en und n Gott, ie in G wollte, Sie um ort, bis kam und ein tit einer d, ent r Stube nte. riß die nächſten met, ich Excellenz Herr Marſchall! ſtammelte der Stelzfuß. Du biſt doch nicht erſtaunt, mich hier zu ſehen? Ge⸗ dulde Dich, das Sprechen fällt mir ſchwer, ich bedarf einiger Minuten, um zu Athem zu gelangen. Dieſem Befehle, denn ein ſolcher war es, folgte ein längeres Schweigen, während deſſen der Angekommene nach Luft rang und Luſch ſeine Augen ängſtlich, doch theilnahmsvoll auf ihm ruhen ließ. Während dieſer Zeit war Baſſompiere Gelegenheit ge⸗ boten, Denjenigen, welchen Daniel„Marſchall“ und„Ex⸗ cellenz“ titulirte, genau zu betrachten. Es war ein ſtattlicher, ſchöner Mann in der Blüthe des Lebens. Man wird ſtaunen und es läßt bei dem Manne auf eben ſo viel Schlachtenglück als Kriegswiſſen ſchließen, wenn wir ſagen, daß er, der bereits zum Marſchall ſich emporgeſchwungen, der ſomit ein Heer befehligte, ſein vier⸗ zigſtes Sii hr kaum erreicht haben konnte. Sein Kopf, wir ſchildern nach einem vortrefflichen, gleichzeitigen Portrait, iſt ein Ausbund von männlicher Schönheit. Sein längliches Antlitz, von Ebenmaß und Harmonie, verräth in keiner Weiſe die Stürme und Wetter, denen es phyſiſch und moraliſch ausgeſetzt geweſen. Es iſt fein und zart wie ein Roſenblatt, wenn man ſich ein ſolches von der Sonne ſtärker ſchattirt vorſtellt. Eine griechiſch geformte Naſe, ſchön geſchnittene geiſt⸗ reiche Augen mit einer dunklen Pupille erhöhen den edlen Ausdruck des ganzen Kopfes. E. Breier. General Roßwurm. I. 3 Das für die damalige Mode kurz geſchnittene braune Haar verräth Weichheit und ſorgſame Pflege. Ein zierlich gedrehtes Schnurrbärtchen, damit im Ein⸗ klange ein Knebelbart und außer dieſen ein ſchmales, kurzes Bärtchen unter dem Kinne, gewähren dem Geſicht ein höchſt charakteriſtiſches Ausſehen. Unter fünfhundert ſich mehr oder minder ähnelnden Portraits ſeiner Zeitgenoſſen bildet dieſer Kopf eine merk⸗ würdige Specialität. Er iſt, wenn man etwa das dritte Bärtchen beſeitigt, ein nach unſerem Geſchmacke vollkommen moderner, ſein Anblick gewährt einen ruhigen, angenehmen Eindruck. Nehmt dem Bruſtbilde Koller und Panzer und denkt Euch an deren Stelle ein Sammetwamms, und Ihr wer⸗ det in dem Originale einen Jünger der Muſe vermuthen, eine jener idealen Naturen, welche die Liebe blos ſuchen, um ſie zu beſingen. O, welch ein räthſelhaf bei dieſem Manne! Man möchte faſt auf den Gedanken gerathen, die Seele habe ſich in dieſen Leib hinein verirrt. Was wir dem Leſer hier vielleicht voreilig enthüllen, chende Marquis freilich nicht blos das Aeußere und das ter, unglaublicher Widerſpruch konnte der ſpähende und lauſ wahrnehmen. Ihm zeigte ſich nahm ihn ungemein für den unbekannten Mann ein, von dem er nichts wußte, als daß er Marſchall und daß die treuloſe Dame in dem nahegelegenen Landhauſe ſeine Ge⸗ liebte ſei. Letzteres ſchloß er aus den Worten des Stelzfußes: „Un ſich ten miſc man mer mich Heut gen Stat Ritt A nden nerk⸗ itigt, ſein denkt uchen, „Um Gotteswillen, Herr Baron, Er iſt es, verbergen Sie ſich“ u. ſ. w. Der junge Marſchall, nachdem er durch einige Minu⸗ ten der Ruhe genoſſen und ſeine Bruſt ſich weniger ſtür⸗ miſch hob, eröffnete das Geſpräch. Die Worte floſſen raſch von den Lippen, doch merkte man die Anſtrengung, welche er beim Sprechen noch im⸗ mer aufbot. Daniel, ſagte er, Deine letzte Botſchaft veranlaßte mich zu dieſer Reiſe. Ich ſtahl mich vom Heere fort. Heute mit Tagesanbruch verließ ich das Lager und mor⸗ gen Nachmittags muß ich wieder vor Ofen ſein. Von Station zu Station harren meine Relais, es war kein Ritt von Ofen nach Wien, ſondern ein Flug. Ach, Euer Excellenz, hätte ich ahnen können, daß meine Botſchaft Sie ſo beunruhigen werde... Würdeſt Du ſie unterlaſſen haben? Und Deine Pflicht, wo wäre ſie geblieben? Und mein Gebot, hätteſt Du es nicht erfüllt? Du haſt meine Befehle zu vollziehen, ohne darob zu grübeln, was für mich daraus entſtehe. Ich gedenke hier nur wenige Stunden zu verweilen, meine Anweſenheit muß ein Geheimniß bleiben wie meine Reiſe. Du kennſt meine Feinde, die wälſche Schlangenbrut rin⸗ gelt ſich hinter mir her, ſie begeifert mich am Hofe des Erzherzogs in Wien, am Hofe des Kaiſers in Prag. Er⸗ hielte ſie Kenntniß von meiner geheimen Reiſe— Ach, Herr Marſchall, warum begaben Sie ſich in ſolche Gefahr? Lohnt es ſich wohl der Mühe... Um eine Heuchlerin, die in mein Herz ſich ſtahl, zu 0 entlarven, hätte ich noch mehr gewagt. Von dem Mo⸗ mente an, wo mir Deine Botſchaft wurde, litt es mich nicht mehr im Lager; die Falſche muß Rechenſchaft geben und wehe ihr, wenn ſie gewogen und zu leicht befunden wird. Folge mir, Du wirſt ſie von Angeſicht zu Angeſicht anklagen, ich brenne vor Gier, zu hören, was ſie darauf erwiedert. Excellenz, ſtotterte der Alte, ich flehe Sie an... Alter, drohte der Marſchall, Du haſt doch nicht gelogen, nicht verleumdet? Was ich gemeldet, iſt wahr, ſo mir Gott helfe! Trotz⸗ dem zittere ich bei dem Gedanken, Euer Excellenz möchten ſich hinreißen laſſen— Schweig und folge mir. Excellenz, ich flehe Sie an, ich beſchwöre Sie, die Wohlthaten, die ich von Ihnen annahm, mich nicht be⸗ reuen zu laſſen! Beruhige Dich, erwiederte der Marſchall milderen Tones, ich werde die Rückſicht nicht vergeſſen, die ich Dei⸗ ner Treue und Redlichkeit ſchulde. Ach, wäre ſie wie Du! Daniel, Du weißt am beſten, wie viel ich für ſie gethan und wie ſehr ich ſie geliebt. Und nun muß ich ſolchen Undank erfahren. O, der Gedanke ſchon verſetzt mich in Wuth. Komm, ich will es, folge mir! Excellenz, es iſt jetzt acht Uhr, wir werden ſie nicht daheim treffen. Wo denn ſonſt? fuhr der General auf's Neue auf. Im Weingartenhauſe am Alseck. „ Um ſo beſſer, um ſo beſſer! knirſchte der Gebieter zwi⸗ ſchen den Zähnen hervor, und mit bebenden Händen be⸗ feſtigte er wieder die Wachsmaske vor ſein Antlitz, hüllte ſich in ſeinen Mantel und ſchritt der Thüre zu. Ich folge ſogleich, ſagte Luſch, ich hole nur meinen Wamms. Während der Marſchall die Stube verließ, eilte der Stelzfuß in die Kammer und flüſterte Baſſompiere zu: Herr Baron, erwarten Sie hier meine Rückkehr. Er be⸗ fehligt das Heer in Ungarn, dem Sie ſich anſchließen wollen, er iſt Ihr Feind, vermeiden Sie es, heute von ihm geſehen zu werden. Während dieſer kurzen Warnung hatte der Alte ſeinen Wamms vom Nagel genommen und beeilte ſich, dem Ge⸗ bieter zu folgen. Der Marquis beſann ſich eine Weile, und nachdem er ſeinen Entſchluß gefaßt hatte, murmelte er: Ich an⸗ erkenne die Nothwendigkeit, von dem Marſchall nicht ge⸗ ſehen zu werden, das ſchließt jedoch keineswegs die Mög⸗ lichkeit aus, die weiteren Ereigniſſe dieſer Nacht zu ver⸗ folgen. Sie werden jedenfalls ſo intereſſant ſein, daß es ſich der Mühe lohnt, ſich ihretwegen einiger Gefahr aus⸗ zuſetzen. Ich bin neugierig, den Namen des jungen Mar⸗ ſchalls zu erfahren, der in fünfzehn Stunden von Ofen nach Wien reitet, um ſeine Geliebte wegen einer Untreue zur Rede zu ſtellen. Nach dieſem Monologe folgte er den beiden Männern nach dem Alseck. — Es iſt für die damaligen Verhältniſſe bezeichnend und wäre kaum glaublich, wenn nicht Baſſompiere in ſeinen Memviren es ſelbſt ausdrücklich erwähnte, daß er erſt in Wien von der unangenehmen Nachricht überraſcht worden ſei, der Todfeind ſeines Hauſes befehlige das kaiſerliche Heer in Ungarn. Drittes Rapitel. Ein Herbſtnachtstraum. Mit dem Einherſchreiten der ſchwarzen Nachtfrau ent⸗ falten die Dämonen der Menſchenherzen, die Leidenſchaften, ihre Schwingen. Nicht bei Jedem iſt die Nacht der Ruhe geweiht, wohl dem, deſſen Haupt an weichen Pfühl ſich ſchmiegt, deſſen Lider der Schlummer ſtärkt, deſſen Seele er erquickt. Im Schlafe waltet entfeſſelt der Geiſt, er iſt frei und erſtarkt in der Freiheit. Gerne verweilten wir an der Schlummerſtätte der Zu⸗ friedenen und Glücklichen, trügen uns nicht die Wogen mit ſich fort und zwängen nns, dem Strome der Ereig⸗ niſſe zu folgen. Die Landſchaft liegt ſtill und ruhig vor uns. Die Nacht hat ihre ſchwarzen Schleier entfaltet, die Finſterniß geberdet ſich als Herrin der Welt. Da taucht majeſtätiſch und langſam die Leuchte empor, gießt ein Meer von Silberlicht herab und verſcheucht die Schwärze der Nacht. Von der Erde aber ſind Dünſte aufgeſtiegen, die Dünſte haben ſich zu Wolken verdichtet und dieſe ſuchen nun künſt⸗ lich das himmliſche Licht zu verdecken. Der Lufthauch weht eine Wolke von dannen und ſchon drängt ſich eine andere an deren Stelle. Doch wozu ihn weiter verfolgen den Kampf zwiſchen Licht und Finſterniß? Ihr wißt ja, auch Euerem Herzen innewohnt der füße Troſt, wie oft auch die Finſterniß ſiegt, das Licht bricht immer durch. Das leiſe Murmeln eines Baches dringt in unſer Ohr, es iſt dies der Bach, von dem ein altes Lied ſingt:„Dorn⸗ bach, Deine Roſen fließen!“ Er entquoll einem Gebüſche wilder Roſen, daher der Vers. Die weinreichen Hügel jenſeits des Baches heißen „Am Alseck.“ Woher dieſer Name? Ein anderes Bergwaſſer, die Als, vermählt ſich mit dem Dornbach, und in dieſer Ehe behauptet ſich gegen alle Ordnung und Satzung der Name der Frau. Von dem Punkte an, wo der Dornbach in die Als aufgeht und den Namen Alſerbach annimmt, hat das Lied: „Deine Roſen fließen“, ſeine Geltung verloren, denn von da an fließt nur Schmutz und Jauche. Doch ſeien wir gerecht. Ehedem war's anders, vor Zeiten war die Als ein lebendiges, friſches Waſſer, erſt die Neuzeit machte den Alſerbach verſiegen. Durch das Fenſter eines Weingartenhäuschens am Alseck bemerkt man ein durch Vorhänge gedämpftes Licht. Dort drinnen in dem traulichen Stübchen iſt die Ruhe noch nicht eingekehrt, dort waltet die Liebe. Zwei treuloſe Herzen haben ſich zuſammengefunden, vier meineidige Lippen flüſtern ſich ſüße Worte zu. Mann und Weib gehören fremden Landen an, ſie ent⸗ ſproß dem Stamme der Helenen, über ſeiner Wiege wölbte ſich italieniſcher Himmel. Sie iſt ſehr ſchön, faſt ſo ſchön wie falſch. Die Freigebigkeit des Betrogenen hatte wie das Land⸗ haus auch dieſes Weingartenhäuschen mit allem Luxus ausgeſtattet, den die Zeit eben gebar. Jeder Teppich mahnte die falſche Griechin an die em⸗ pfangenen Wohlthaten, jede Vaſe erinnerte ſie an die Großmuth des Spenders, jeder Spiegel zeigte ihr das Bild ihrer Treuloſigkeit. Umſonſt, die Leidenſchaft machte ſie blind, die Leiden⸗ ſchaft machte ſie taub. Francesco, ſprach ſie zu dem Manne ihrer neuen Liebe, der wie ein Sklave zu ihren Füßen ſaß und wie ein Fürſt in ihren Reizen ſich ſonnte, Francesco, ſchon tauſendmal hörte ich das Geſtändniß Deiner Liebe und jedesmal ent⸗ zückt es mich, als hätte ich es nie vernommen. Gieb mir die Löſung zu dieſem Räthſel. Was Du von mir begehrſt, Siona, antwortete er, findeſt Dn in Deinem eigenen Herzen, nicht meine Worte entzücken Dich, ſondern der Widerhall, der durch Dein Herz erzittert. Wenn dieſe Löſung die wahre, dann wär's eigentlich die eigene Liebe, die uns glücklich macht. So iſt es auch und deshalb währt unſer Glück auch nur ſo lange, als wir lieben. O, dann werde ich bei Dir immer glücklich ſein! rief ſie leidenſchaftlich, denn ich werde Dich immer lieben. Täuſche Dich nicht, Siona, in weſſen Herz bereits eine Liebesflamme erloſch, dort lodert auch die zweite nicht auf die Dauer. Dein Vorwurf ſchmerzt, Francesco, er ſchmerzt, weil ich ihn nicht verdiene. Seit ich Dich kenne, wurde mir erſt klar, daß ich noch nie geliebt habe. Wenn Er das hörte! lächelte Francesco. Erinnere mich nicht an Ihn, bat die Griechin und neigte ſich hinab, die Stirne des Geliebten zu küſſen, vielleicht auch die Schaam zu verbergen, welche die unzarte Erinnerung wach rief, erinnere mich nicht an Ihn, denn wenn ich Ihn auch nicht liebe, ſo fürchte ich Ihn. Ach, wenn er ahnte Sei darob außer Sorge, Deine Leute ſtehen zu mir und die Vorſicht hält Wache an unſerem Geheimniſſe. Ihn erfüllt in dieſer Stunde eine andere Leidenſchaft— der Ehrgeiz und das Herz, wo dieſer niſtet, hat für Frauenliebe keinen Raum. Im wilden Kampfgetümmel ſtumpfen ſich die zarten Saiten ab, wer in den Armen der Kriegsgöttin ſchwelgt, bringt für die Liebe nur das Schwert mit, das zarte Saitenſpiel iſt zerſtört. ei w v Francesco, Du vergiſſeſt, daß auch Du ein Mann des Krieges biſt. Ich bin Feldobriſt, mein älterer Bruder iſt kaiſerlicher Marſchall, lautete die ſtolze Antwort, allein ich wählte den Stand nicht aus Neigung, ſondern den Wünſchen des Bruders zu genügen. Mein Kampfplatz iſt der glatte Boden des Hofes— Francesco, horch— Warum erſchrickſt Du, Siona? Hörteſt Du nichts? Mir war es, als regte ſich's draußen. Wie ſie ſchärfte auch er ſein Gehör, beide lauſchten eine Minute lang nach außen, doch regte ſich nichts, es war ſo ſtille, daß man das Weben einer Spinne hätte vernehmen können. Es iſt nichts, unterbrach der Oberſt das unheimliche Schweigen, Deine Erregung hat Dich getäuſcht, Du ängſtigeſt Dich doch nicht? Ich kann des Gedankens an Verrath mich nicht ganz erwehren. Der Oberſt lachte. Sei kein Kind, Siona, tröſtete er die Griechin, in deren Buſen das böſe Bewußtſein ſich zu regen begann, die Gefahr weilt ferne, für uns beſteht keine. Während Ihn im fernen Lande die eiſernen Bande der Dienſtpflicht an das Kriegslager feſſeln, umſchlingen uns hier Roſen⸗ ketten auf dem Liebespfühl. Das Mädchen ſpielte mit ihren ſchlanken Fingern von Alabaſter in den ſchwarzen Locken des Geliebten und es ſchien ihr, als ſpritzten ſie elektriſche Funken aus, wie bei Jemand, der einen Iſolirſchemel inne hat und durch Ver⸗ mittlung eines Drahtes elektriſches Feuer aufnimmt. Du haſt Recht, Francesco, Ofen liegt weit ab von hier, ich will nicht mehr an Ihn denken, ich will blos der Liebe leben, Deiner Liebe, die mein ganzes Lebensglück ausmacht. So iſt's recht, verſcheuche das letzte Wölkchen von der Liebesſonne, damit kein Schatten ſie trübe. Er verdient die Seligkeit nicht, die Du ihm geboten. Du kennſt Ihn ſchlecht, Siona, Du warſt zu ſehr ſeine Sklavin und haſt es nicht gewagt, die Falten zu lüften, hinter denen er ſeine Tücke, ſeine Wildheit und Treuloſigkeit birgt. Glaub⸗ teſt Du etwa an ſeine Treue? Welch ein Wahn! Die Zahl der von Ihm Getäuſchten iſt Legion. Meinteſt Du geliebt zu ſein? Du wie alle Andern warſt Ihm nur ein Spielzeug. Ich könnte Dir eine Thatſache mittheilen, die Dich vor ihm zurückſchaudern machen würde, eine Thatſache, die vor dreizehn Jahren in der Normandie, im Schloſſe Le Blancmenil— Ein fürchterlicher Wuthſchrei ertönte draußen, ein Schlag an der Thür, der ſie zertrümmerte und das ganze Häuschen erbeben machte, ſchnitt dem Oberſten den Faden der Rede ab. Vor den Liebenden ſtand, in einen ſchwarzen Mantel gehüllt, das Antlitz mit der Wachsmaske bedeckt, eine Männergeſtalt. Was der Leſer weiß, mit Beſtimmtheit weiß, das ahnten Siona und Francesco, wir ſagen, ſie ahnten es, denn an ne en an die Gewißheit zu glauben, ihre Verwirrung. Der Leſer wird gebeten, im Ange zu behalten, d der Marſchall, der ſich vom Heere wegſtahl, unabweis lichen Grund hatte, unerkannt zu bleiben, ferner daß er in dem ihm wohlbekannten Gegner den Bruder ebenfalls eines Marſchalls vor ſich hatte, und zwar, wie ſpäter er⸗ hellen wird, den Bruder eines gefährlichen Rivalen, eines zweifachen Feindes. Dieſe Gründe, und nur ſolche wichtige Gründe waren im Stande, ihn die nöthige Herrſchaft über ſich ſelbſt nicht verlieren zu laſſen, ſonſt wäre der Oberſt auch ſchon in ſeinem Blute geſchwommen. Es koſtete den Marſchall eine ungeheure Anſtrengung, ſeine Rachegefühl zu überwinden, indeſſen es gelang ihm. Wie es auch in ſeiner Bruſt kochte und ſchäumte, ſein Aeußeres verrieth nichts davon. Er blieb eine ganze Minute lang regungslos vor den Liebenden ſtehen und weidete ſich an ihrem Entſetzen. Siona war zur Leiche erſtarrt, der Oberſt drohte es zu werden. Jetzt ſchritt der Beleidigte zum Fenſter und öffnete angel lweit deſſen Flügel. In einer ruhigeren Stimmung würde er draußen die Umriſſe eines Mannes bemerkt haben, der, durch dieſe Operation erſchreckt, ſeitwärts ſprang und, um nicht ge⸗ ſehen zu werden, ſich an die Wand des Häuschens drückte, deſſen tiefer Schatten ihn in Schutz nahm. Es war der Marquis Baſſompiere, welcher dieſen dem widerſtrebte ihre Angſt, Standpunkt erkoren hatte, um von hier aus Zeuge der Vorgänge im Innern zu ſein. Der Marſchall, ohne es zu wiſſen, ermöglichte ſeine Abſicht. Nachdem das Fenſter offen war, ging der Maskirte zurück und pflanzte ſich an die frühere Stelle. Und abermals ſtarrte er die Entſetzten eine Weile an, dann ſtreckte er die Rechte aus, und indem er auf das offene Fenſter wies, murmelte er zwiſchen den Zähnen hervor zu dem Oberſten: Fort, hinaus! Das Unglaubliche geſchah. Ob Feigheit, ob Entſetzen, ob Subordination, oder endlich ob alle dieſe Motive, unterſtützt von der Alles beugenden Hoheit des Maskirten, auf Francesco einwirk⸗ ten, läßt ſich nicht genau beſtimmen, genug, er wurde ſeiner Verwirrung nicht Meiſter und fügte ſich dem erhal⸗ tenen Gebote. Der Mann, welcher ſich rühmte, ſein Kampfplatz ſei der glatte Boden des Hofes, ſchickte ſich an, das Opfer ſeiner Verführung herz⸗ und mitleidlos zurücklaſſend, ohne auch nur Einen Laut von ſich zu geben, den Rückzug durch's Fenſter zu machen. Dieſe gefühlloſe Erbärmlichkeit, dieſe nur einem Eu⸗ nuchen mögliche Feigheit, dieſe Alles durchbohrende Nie⸗ derträchtigkeit ſchwindelte die Empörung des Marſchalls zu einer ſolchen Höhe hinan, daß er die eigene Würde einen Moment lang vergeſſend hinter dem Oberſten her⸗ ſprang und ihm einen Fußtritt verſetzte an jene unaus⸗ — ſprechliche Stelle, welche die Berührung zur ſchimpflichſten Schmach potenzirte. Dieſer Fußtritt ſollte zur Quelle einer Tragödie werden. Nachdem der Beſchimpfte im Dunkel der Nacht ver⸗ ſchwunden war, kehrte der Marſchall zurück und ſagte in ſeiner natürlichen Weiſe zu Siona: Nun zu Dir, Elende! Der drohende Ton riß das Mädchen vom Divan empor. Gnade! Erbarmen! jammerte ſie und ſank zu Füßen des Beleidigten. Der Marſchall, von körperlicher Anſtrengung ermüdet, von dem Sturm in ſeinem Inneren erregt, zog den näch⸗ ſten Stuhl an ſich und warf ſich darauf. Ohne die Maske zu lüften, ohne die Treuloſe zu ſeinen Füßen zu beachten, ſtützte er das Haupt in die hohle Hand und begann nachzudenken. Es war offenbar, er ſann nach, wie den Verrath zu ſtrafen? Während dieſer langen ſtummen Pauſe rang die Grie⸗ chin die Arme und vergoß glühende Zähren Zwei Zeugen, einer vor dem Fenſter, der andere vor der Thür, belauſchten die Scene. Endlich richtete der Marſchall das Haupt in die Höhe und die Schuldige anſchauend fragte er: Wie iſt Dein Name? Faſt mehr als die Worte erſchütterte der eiſig kalte Ton das Mädchen. Du fragſt nach meinem Namen? ſchluchzte ſie. Wie heißeſt Du? fuhr der Marſchall ſtrenger und eiſiger fort, ich kenne Dich nicht mehr! Siona! hauchte die Schuldige. Woher biſt Du? Aus Rhodos. Wie heißt Dein Vater? Simon Girma. Sein Stand? Barbier. Warum verließeſt Du Rhodos? Ich wurde von Korſckren geraubt. Wohin brachten Dich die Räuber? Nach Stambul auf den Sklavenmarkt. Was geſchah dort mit Dir? Ich wurde als Sklavin gekauft und dem Beglerbeg in Ofen überſendet. Wurdeſt Du ſein Weib? Nein. Ich ſtieß Alipaſcha von mir und ſollte meinen Starrſinn in den Fluthen der Donau büßen. Du lebſt aber doch, wie kommt das? Siona, ſtatt zu antworten, ſtieß ein Wehgeſchrei aus, welches die beiden Lauſcher auf's Tiefſte erſchütterte. In dieſem Schrei floſſen die fürchterlichſte Selbſtanklage und die verzweiflungsvollſte Reue in Eins zuſammen. Wie kommt es, daß Du noch lebſt? wiederholte der nicht zu rührende Inquiſitor mit ſtärkerem Nachdruck. Ich wurde vom Tode gerettet, murmelte das Mädchen mit unter Thränen erſtickter Stimme. Wer war Dein Retter? re m m th zu od ſch in en er en Siona, ihre ganze Kraft aufraffend, rang zu dem un⸗ erbittlichen Frager die Hände empor und rief mit herzzer⸗ reißender Stimme: Du warſt es, mein Herr, Du haſt mich mit Gefahr Deines Lebens aus der Tiefe des Stro⸗ mes geholt, haſt mich mit Wohlthaten überhäuft. Gnade, Herr, Gnade! Baſſompiere vor dem Fenſter ſeufzte tief auf. Die Scene ergriff ſelbſt ihn, den Fremden, den unbe⸗ theiligten Lauſcher. Die Methode, wie der Beleidigte die Verrätherin zwang, die Größe ihrer Schuld zu geſtehen, machte trotz oder vielmehr durch ihre natürliche Einfachheit einen er⸗ ſchütternden Eindruck. Der Marſchall, ſtarr und kalt wie Marmor, fuhr fort: Ich bin nicht mehr, der ich war, ich bin hier blos Dein Richter. Wie iſt der Name d es Mannes, der Dich gerettet? U Hermann von Roßwnurm! Bei dieſem Namen erbebte der lauſchende Marquis. Nun, da er den Namen des mächtigen Feindes ſeines Vaters wußte, nun begriff erſt ganz die ängſtliche War⸗ nung Daniels und dankte ihm im Stillen dafür. Wer iſt dieſer Roßwurm? fuhr der Richter zu fra⸗ gen fort. Er iſt Marſchall des Kaiſers. Und was ſprach der kaiſerliche Marſchall zu der von ihm aus den Wellen geretteten Sklavin? Barmherzigkeit, Herr, zermalme mich nicht mit Deinen Fragen. E. Breier. General Roßwurm. J. Sprich, Elende! Was ſagte der Marſchall Roßwurm zu Dir? Sch rann nicht He ich nn ich meine Kehle iſt wie zugeſchnürt... ich erſticke... weh mir... Gnade! Ich will Dir zu Hülfe kommen, begann jetzt die ſonore Stimme unter der Maske hervor, der Marſchall ſprach zu Dir wie folgt:„Siona, Du biſt rein wie Schnee und ſchön wie eine Roſe. Du biſt ſo ſchön, daß Dein Seſs allein zu meinem Glücke nicht hinreicht, ich will von Dir geliebt ſein. Kannſt Du mich lieben, tren und innig lieben, ſo bleib bei mir, wo nicht, ſo nenn' den Ort, wohin ich Dich ſoll bringen laſſen. Wo es auch immer ſei, ich werde für Dich ſorgen, als wärſt Du meine Schweſter.“ Sind das die Worte des Marſchalls? Ja! hauchte Siona. Darauf, fuhr der Sprecher fort, erklärteſt Du zu bleiben. Der Marſchall betete Dich an wie eine Göttin, er that, was er nie gethan, er machte Dich zur Herrin Deiner ſelbſt und ſonnte ſich blos in der Reinheit Deines Glanzes, bis auch Du ihn zu lieben ſchwurſt. Haſt Du geſchworen, Siona? Das Mädchen blieb ſtumm, doch eine Bewegung ihres Hauptes, widerſtrebend wie das Geſtändniß eines Ver⸗ brechers, bejahte die Frage. Seitdem, ſprach der Ankläger weiter, ſind Monden verfloſſen; nicht eine Minute lang erkaltete die Liebe des Marſchalls, er ſchüttete ein ganzes Sh von Wohl⸗ thaten über Dich aus, erfüllte jeden Deiner Wünſche und he H lo hie Gr we vel vor m zu rin es Du res er⸗ den des hl⸗ und — * wollte nichts als Dein Glück. Er hat ſeinen Schwur ge⸗ halten, Du aber biſt meineidig geworden. Die Schuldige umſchlang die Kniee des Sitzenden und flehte um Erbarmen. Hätte die Maske ſein Antlitz nicht verdeckt, Siona's Hoffnung, ihn zu erweichen, wäre an deſſen Empfindungs⸗ loſigkeit erloſchen. Nach einer abermaligen Pauſe begann der Mann, der hier blos Richter war, neuerdings: Wie viel Du auch ſchon bekannteſt, noch iſt die ganze Größe Deiner Schuld nicht erhoben, darum ſteh' mir weiter Red' und Antwort. Wer den Muth hat, zu fre⸗ veln, wie Du, weſſen Herz ſtark genug iſt, eine ſolche Laſt von Undank zu ertragen, der muß auch die Kraft beſitzen, unter den Folgen ſeiner Schuld nicht zuſammen zu brechen. Wie heißt der Mann, der ſo eben von dannen ging? Francesco! hauchte die Griechin. Ich will ſeinen vollen Namen wiſſen. Francesco Barbiano Graf von Belgivjoſo. Wer iſt er? Herr, Erbarmen! Du kennſt ihn ja. Ich ſagte Dir bereits, daß ich in dieſer ſchweren Stunde nichts ſein will als Dein Richter, darum ant⸗ worte. Wer iſt er? Oberſt im kaiſerlichen Heere. Iſt er ein Verwandter des Marſchalls Johann Jakob Barbiano Graf von Belgiojoſo? Er iſt deſſen Bruder. Woher kam der Oberſt? 4* Aus Mailand. Warum verließ er dieſe Stadt? Er floh. Warum floh er? Rede! Er war verurtheilt. Weshalb? Wegen Entführung der Gattin eines Nobile. Und was geſchah nach ſeiner Flucht? Man ſetzte einen Preis von 12000 Kronen auf ſei⸗ nen Kopf. Wer ſetzte Dich in Kenntniß von dieſen Einzelnheiten? Der Marſchall Roßwurm. In welchem Verhältniſſe ſteht der Marſchall zu den Brüdern Belgiojoſo? Sie ſind ſeine Feinde. Warum ſind ſie ſeine Feinde? Sie gehören der wälſchen Partei am Hofe an. An welchem Hofe? Am Hofe des Kaiſers zu Prag. Von wem erfuhrſt Du dieſe Einzelnheiten? Vom Marſchall Roßwurm. Der Ankläger machte eine Bewegung, welche von ſei— nem ſich ſteigernden Ingrimm Kunde gab. Elende, rief er, Du haſt alſo nicht nur Deinen Schwur gebrochen, Du haſt Dich nicht blos mit Undank überhäuft, Du haſt Deinen Wohlthäter nicht blos betrogen, ſondern ihn zum Geſpötte ſeiner Feinde gemacht. Deine Untreue, Dein Meineid hätten die Milde nicht ausgeſchloſſen, denn die Verführungskunſt iſt groß und das menſchliche Herz d V ſei ten? den ſei⸗ hwur äuft, ndern treue, denn Herz oft ſchwach, allein daß Du mit dem Feinde Deines Wohl⸗ thäters einen Bund geſchloſſen, das wirft alles Mitleid zu Boden, das verdient den Tod. Eine Bewegung des Marſchalls entriß dem Mädchen einen fürchterlichen Angſtſchrei und lockte kalten Schweiß auf die Stirne des vor dem Fenſter lauſchenden Marquis. Roßwurm fuhr nämlich mit der Hand nach jener Stelle des Wehrgehänges, wo ſein Dolch ruhte, doch auffallender Weiſe blieb die Hand unter dem Mantel haften, ſie kehrte noch nicht mit dem entblößten Stahl zurück. Ein fürchterlicher Seelenkampf führte dieſe kurze Zö⸗ gerung herbei. Der letzte Reſt von Liebe erhob ſich gegen die belei⸗ digte Ehre, gegen die Rache, gegen die Eiferſucht. In dieſen ſchrecklichen Augenblicken verdeckte die Maske ein fürchterlich entſtelltes Antlitz, nur zwei unheimlich leuchtende Augen blitzten durch die Hülle von Wachs. Eine Erſchütterung des ganzen Körpers verkündete das Ende des Kampfes und zwar zum Nachtheile der Liebe. Roßwurm ſprang vom Sitz und den Stahl entblößend rief er: Ich kann nicht anders, Du mußt ſterben! Siona kreiſchte auf und ſank ohnmächtig zuſammen. Baſſompiere fand nicht den Muth, dem ſchrecklichen Strafgerichte Einhalt zu thun. In dieſem entſcheidenden Augenblicke trat Daniel Luſch in die offene Thür und ſagte laut und eindringlich: Excellenz, halten Sie ein! 54— Der Marſchall, durch die unerwartete Warnung über⸗ raſcht, warf einen Blick nach dem Sprecher. Schweig, rief er ihm zu, es muß ſein, es muß! Exeellenz, ich beſchwöre Sie, denken Sie an Ihre Feinde! Gut, daß Du mich an ſie erinnerſt, noch heute ſoll der Wälſche ihren Leichnam empfangen. Und raſch ſich bückend, riß er mit der linken Hand die Ohnmächtige zu ſich empor und ſchwang mit der rechten den Dolch. Noch eine Sekunde und der Stahl fand in der Bruſt Siona's eine Scheide. Um Gottes Willen, Excellenz, ſchrie der Stelzfuß, denken Sie an Schloß Le Blancmenil und an Amiens! Jetzt ſtieß der Marſchall einen Schrei aus, als wäre er der am Leben Bedrohte— der Dolch entfiel ſeiner Hand. Die Worte des alten treuen Dieners ſchmetterten ſeinen Entſchluß urplötzlich nieder. Aber ein neuer mußte gefaßt werden. Roßwurm bedurfte dazu nur Einer Sekunde. Ein Gedankenblitz und er war da. Mein Pferd, mein Pferd! ſchrie er von einer Idee erfaßt. Der Stelzfuß eilte hinaus, das unfern an einen Baum gebundene Thier herbeizuholen. Der Marſchall eilte ihm nach, das ohnmächtige Mäd⸗ chen wie eine leichte Beute mit ſich forttragend. väre iner inen dee aum äd⸗ 5 Draußen ſchwang ſich der kräftige Mann, ohne Siona loszulaſſen, in den Sattel. Um Gottes Willen, Excellenz, was haben Sie vor? Ich werde ihr kein Leid anthun, aber ich werde mich rächen. Nach dieſen mit wilder Freudigkeit gerufenen Worten ſprengte er fort durch die Nacht. Er verſchwand wie das Gebilde eines ängſtigenden Traumes.. Baſſompiere eilte jetzt auf den Stelzfuß zu. Sie ſind hier, Herr Baron? fragte dieſer betroffen. Ich bin und war hier. Sie hörten? Alles! Was wird er mit ihr beginnen? Ihr Leben habe ich gerettet, vor einer anderen Rache vermag ich ſie nicht zu ſchützen; er verſprach, ihr kein Leid zuzufügen. Herr Baron, ich bitte Sie, das Geheimniß zu bewahren. Welches Geheimniß? Die heutige Anweſenheit des Marſchalls. Oberſt Belgiojoſo wird nicht ſchweigen. Der Oberſt hat den Marſchall zuverläſſig erkannt, allein er ſah weder deſſen Antlitz, noch hörte er ihn ſpre⸗ chen, er kann nichts mit Gewißheit behaupten, noch weni⸗ ger beweiſen. Ich muß geſtehen, daß ich es faſt bereue, Euch die Zeit und den Ort der Zuſammenkunft verrathen zu haben.“ Wer konnte aber auch ſeine Ankunft ahnen. Beweiſe der Schuld, antwortete Luſch, befanden ſich bereits in meinen Händen, Ihre Mittheilung, Herr Baron, entſchied blos, das auch zu ſehen, was man be⸗ reits wußte. Der Marquis verabſchiedete ſich von dem Stelzfuß. Auf dem weiten Wege bis nach der Stadt ward ihm Muße genug, über das Erlebte nachzuſinnen. Auf den an Univerſitäten gebildeten, am Hofe Hein⸗ rich III. zum liebenswürdigſten Wüſtling verbildeten, jun⸗ gen Kavalier machten die Scenen im Weingartenhäuschen einen erſchreckenden Eindruck. Das Bild des wilden, zürnenden Marſchalls wich nicht aus ſeiner Seele. Baſſompiere beſaß Rechtsgefühl genug, anzuerkennen, daß Roßwurm tief gekränkt, auf's Höchſte beleidigt war, allein ſeiner Anſchauung nach hätte der ſtrafende Arm ſich gegen den Oberſten, gegen den Mann wenden ſollen. Einen Nebenbuhler, der gleichzeitig ein politiſcher Feind iſt, den tödtet man allenfalls im ehrlichen Zweikampf, allein man beſchimpft ihn nicht. Der Marquis mißbilligte alſo das Verfahren Roß⸗ wurms, und die logiſche Konſequenz ſeiner Gedankenreihe führte ihn endlich dahin, ſich zu fragen, was ihm bevor⸗ ſtehe, wenn er ſich den Befehlen eines ſolchen Feindes unterſtellen würde. Es iſt hier noch nicht die Gelegenheit, den Leſer mit dem Urſprung der ofterwähnten Feindſchaft bekannt zu machen, einſtweilen genüge ihm, zu wiſſen, daß ſie dem Marquis ſo gefährlich erſchien, daß er in Folge davon das Ziel ſeiner Reiſe zu ändern beſchloß. Er war von ſeinen deutſchen Verwandten veranlaßt worden, im kaiſerlichen Heere gegen die Türken zu fechten, deſſen beſchloß er, ſich jenem kaiſerlichen Heere, wel⸗ tatt ches in Siebenbürgen unter Georg Baſta gegen Boeskay kämpfte, anzuſchließen. Im nächſten Kapitel wird erzählt werden, ob er dieſem neuen Vornehmen treu blieb. viertes Kapitel. Worin Baſſompiere einen Doctor angelt und ihn ausweidet. Seine Ritterſporen im Kampfe gegen den Halbmond zu verdienen, gehörte damals zu den ehrenvollſten Beſtre⸗ bungen, wie ungefähr im Mittelalter der Anſchluß an einen Kreuzzug. Ueberdies lebte man in der Epoche der Condottieri, jener abenteuernden Anführer, die an der Spitze ſelbſtge⸗ worbener Schaaren Dem ihren Arm liehen, der ihre Sym⸗ pathieen beſaß, oder der ſie beſſer bezahlte, je nachdem ſie zu der edleren oder verworfeneren Gattung der Par⸗ teigänger gehörten. Marquis Frangois de Baſſompiere war mit einer reichen Feldequipage und einem fürſtlichen Gefolge von Edelleuten in Wien eingezogen. Ihn beſtimmte nicht der Gewinn, er folgte Kilich dem Rufe der Ehre. Auf ſeiner Reiſe nach Baiern war ihm auf dung ſeiner Verwandten ein Regiment, 3000 Mann ſtark, on ſtre⸗ an ieri, tge⸗ ym⸗ dem „ ar⸗ iner von lich en⸗ ark, angeboten worden, wenn er ſeine Dienſte dem Kurfürſten von Baiern widmete; er ſchlug es aus und ſchiffte ſich zu Ulm mit ſeinem Troß ein. In Wien traf Baſſompiere, wie früher verabredet worden war, mit ſeinem Vetter dem Rheingrafen Otto und mit dem Prinzen von Jvinville, aus dem Hauſe Guiſe, zuſammen. Letzterer hatte ſich mit der Marquiſe von Verneuil, der Maitreſſe König Heinrichs, in ein zwar ſüßes, aber ſehr gefährliches Verhältniß eingelaſſen und wurde darob verbannt. Der Prinz beſchloß, ſeinen Liebesgram im türkiſchen Blute zu erſäufen und verließ gleichzeitig mit Baſſompiere Paris. Am Morgen nach den Erlebniſſen im Weingarten⸗ häuschen am Alseck fand ſich der Masquis mit dem Prin⸗ zen und dem Rheingrafen zuſammen. Baſſompiere's Vater, wovon wir ſpäter ſprechen wollen, war nicht ein bloßer Anhänger, ſondern ein Herzensfreund Heinrich von Guiſe's, des Gründers der Ligue. Dieſe enge Freundſchaft übertrug ſich auch auf deren Sproſſen. Die jungen Männer ſchüttelten ſich daher vertraut die Hände und bewillkommten ſich in Wien auf's Herzlichſte. Nachdem man ſich von den gegenſeitigen Reiſeerleb⸗ niſſen eine Weile unterhalten hatte, lenkte der Marquis das Geſpräch auf den Gegenſtand, welcher ihn ſeit der verfloſſenen Nacht ſo angelegentlich beſchäftigte. Wißt Ihr, meine Freunde, daß die erſte wichtige Kunde, die mir hier zukam, eine ſehr unangenehme iſt? Wie ſo? Was haſt Du gehört? Roßwurm befehligt das kaiſerliche Heer in Ungarn. Roßwurm! riefen der Prinz und der Rheingraf gleich⸗ zeitig aus, denn der Name war gekannt im ganzen chriſt⸗ lichen Europa. In der That, ſetzte der Vetter Baſſompiere's den Kopf bedenklich wiegend hinzu, eine unangenehmere Nachricht konnte Dir nicht leicht zukommen. Sie hat mir auch bereits eine ſchlafloſe Nacht bereitet. Ihr werdet begreifen, daß dieſer Umſtand meinem Plane ſehr bedenklich entgegentritt. Ich kenne die beſtehenden Verhältniſſe genau, bemerkte der Prinz von Ioinville, bin aber der Anſicht, daß der Zeitraum von dreizehn Jahren, denn ſo alt iſt die Feind⸗ ſchaft Roßwurms, hingereicht haben wird, deſſen Anſchauun⸗ gen zu ändern und die Glühhitze ſeines Haſſes abzukühlen. Dagegen zu ſprechen, muß ich auf meine Studienzeit in Ingolſtadt hinweiſen, erwiederte der Marquis. Ihr werdet doch wiſſen, daß ſeine Feindſchaft ſo weit ging, mich, den ſechszehnjährigen Jüngling, als ich im Jahre 95 bei den Jeſuiten in Ingolſtadt ſtudirte, aus dem Wege räumen zu wollen, ſo zwar, daß mein damals noch leben⸗ der Vater es nöthig erachtete, mich unter den Schutz des Herzogs zu ſtellen. Seit damals ſind aber wieder acht Jahre verfloſſen, wendete Jvinville neuerdings ein. Anßerdem, fügte der Rheingraf hinzu, iſt zu erwägen, daß das Attentat auf Dein Leben nicht erwieſen von Roßwurm herſtammt. Gerüchte ſchreiben ihm wohl die Urheberſchaft zu. Der auf ihm ruhende Verdacht muß jedoch begründet geweſen ſein, weil ſogar der Herzog ſich bewogen fand, ihm in Folge davon den Oberbefehl ſeines Regimentes nicht zu verleihen, was den Zorn Roßwurms gegen uns nur noch mehr entflammte. Die Handlungsweiſe des Herzogs, gegenredete der Prinz abermals, beweiſt nichts. Sie kann ebenſo die Folge einer Intrigue ſein, wie der auf Roßwurm fälſchlich ge⸗ lenkte Verdacht des Meuchelmordes. Man mußte eben konſequent ſein, da man das ihn beinzüchtigende Gerücht unter die Leute warf, mußte man öffentlich etwas geſchehen laſſen, was dem Gerüchte den Stempel der Wahrſchein⸗ lichkeit aufdrückte. Es ſei dem, wie ihm wolle, miſchte ſich der Rheingraf in den Meinungsaustauſch, ſo ſind der Charakter und das Temperament Roßwurms derart beſchaffen, daß es für Francvis gefährlich bleibt, ſich ihm zu unterſtellen. Allein was ſoll er in dieſem mißlichen Falle beginnen? Er ſoll doch nicht mit ſeinem Troß die weite Reiſe vergebens ge⸗ macht haben? Ich habe einen Entſchluß bereits gefaßt, erwiederte Baſſompiere. Wie lautet er? Ich begebe mich ſtatt nach Ungarn nach dem Sieben⸗ bürger Lande, dort befehligt der Generallieutenant Baſta das kaiſerliche Heer, ſtatt gegen Moslim, werde ich gegen aufrühreriſche Proteſtanten kämpfen. Wie, rief der Prinz, Du willſt Dich dem geizigen, hinterliſtigen, grauſamen Epiroten anſchließen, in deſſen Geſellſchaft ſich der Graf Johann Jakob Barbiano von Belgivjoſo befindet, der eben ſo unduldſam iſt und blut⸗ dürſtig wie ſein Kriegsgefährte? Ich habe mir erzählen laſſen, dieſe Männer bilden am kaiſerlichen Hofe die Häupter einer ſpaniſchen, oder wie man ſie hier zu Lande nennt, einer wälſchen Partei. Sie entſproſſen zwar unter⸗ nehmungseifrigen Kondottieren-Geſchlechtern, allein als Fremdlinge, den Deutſchen nicht einmal ſtammverwandt, benützen ſie den Krieg und ihren Einfluß, blos die Länder aus⸗ und ſich vollzuſaugen. Ich dächte, es ziemte einem Baſſompiere, einem deutſchen Baron von Betzſtein ſchlecht, unter einem Baſta zu fechten. Der Rheingraf beſtritt dieſe Anſicht und ſtimmte ſeinem Better bei. Er wies auf die Kriegstüchtigkeit Baſta's hin und auf die Erfolge, die er unter Alexander Farneſe, Statthalter in den Niederlanden, ſpäter vor Antwerpen, dann vor Bonn und neuerlichſt in Siebenbürgen errungen. Was ſeine ſonſtigen Eigenſchaften beträfe, meinte Otto weiter, möge er ſich mit ſeinem Gewiſſen abfinden, der freiwillige Mitkämpfer in feinem Heere brauche darauf nicht zu re⸗ flektiren. Es wäre für Frangois wünſchenswerther, gegen Ungläubige zu kämpfen, da aber dies durch Roßwurm verhindert, ſo ſolle ſein Vetter guten Muthes einen andern — 63— Schauplatz zu ſeinen Kriegsthaten wählen, und der in Siebenbürgen ſei der nächſte und paſſendſte. Die Meinungen waren ſomit getheilt und das veran⸗ laßte den Marquis, ſeinen neuen Entſchluß mit einigem Argwohn zu erwägen. Ich will mich noch nicht endgiltig entſcheiden, ſagte er, ich begebe mich heute Mittag wegen der Andienz bei Sr. fürſtlichen Durchlaucht, dem Erzherzog Mathias, an den Hof, mein Name ſteht noch von meinem Vater her in Anſehen, ich werde Gelegenheit bekommen, in der Antica⸗ mera mit verſchiedenen Perſonen zu ſprechen, vielleicht ge⸗ lingt es, mir dort Raths zu erholen. Die beiden Freunde billigten den Entſchluß, und da— die Zeit des Hofbeſuches nahte, verließen ſie den Mar⸗ quis, der ſich beeilte, ſich in vollen Staat zu werfen und dann mit einer ſeinem Stande angemeſſenen Pracht unter der ihm ziemenden Begleitung gegen die Hofburg zu reiten. In den öſterreichiſchen Landen gab es damals zwei Hofhaltungen. Kaiſer Rudolf II. reſidirte in Prag und deſſen nun⸗ mehr älteſter Bruder Erzherzog Mathias als Statthalter des Erzherzogthums Oeſterreich in Wien. In dem Zeitraume eines Jahrhunderts ereignete es ſich zum dritten Male, daß Wien der Ehre einer kaiſer⸗ lichen Reſidenz verluſtig ging. Friedrich IV. zog die Neuſtadt vor, Max I. die tiroler Berge und Rudolf II. die Böhmerhauptſtadt. Des Erſteren Abneigung gegen Wien iſt leicht erklärlich. Friedrich hatte zu Wien der Unbill mancherlei erfahren. Von dem Bruder Albrecht befehdet, von der ſchwer⸗ gereizten Bürgerſchaft in der eigenen Hofburg belagert, endlich von ſeinem ſchlimmſten Feinde, dem Ungarkönig Mathias Corvinus, zweimal beſiegt und zweimal aus ſeiner Reſidenz genöthigt, um dem Feinde Platz zu machen, wer konnte es ihm verübeln, daß er die allezeit getreue Neuſtadt vorzog, daß er in der dortigen ſtillen Burg ſich heimiſcher fühlte, als in der Reſidenz ſeiner Ahnen? Was Mar den Erſten belangt, ſo konnte ers den Wienern nie vergeſſen, wie er als fünfjähriger Knabe in der von der Bürgerſchaft belagerten Burg Hunger litt. Außerdem fand die Lieblingsidee des letzten Ritters, als Heeresfürſt die Donau und Konſtantinopel zu befreien und die Türken nach Aſien zurückzutreiben, bei den Wie⸗ nern keine Sympathien. Sie mochten dafür keine unge⸗ wöhnlichen Opfer bringen, obgleich Leo X. dazu bereits das geweihte Schwert und Baret geſendet, und der Augs⸗ burger Reichstag, derſelbe, auf welchem auch Martin Luther erſchien, eine allgemeine Kopfſteuer bewilligt hatte. Kaiſer Max kehrte daher dem üppigen Wien den Rücken und wandte ſich dem Tiroler Bergſegen zu. Für Rudolf's Vorliebe für Prag trat kein politiſcher Hauptzweck hervor. Motive zu einer Abneigung, die er lebenslang gegen Wien gehegt, waren allerdings vorhanden, denn abgeſehen von dem, was ſeine Ahnen Friedrich und Max alldort erlitten, lebten noch friſch in ſeinem Gedächtniſſe die Er⸗ eigniſſe nach Max des Erſten Tode, wo eine Meuterei der Stände die Wiener, welche ihre ſeit Albrecht I. auf dem Kahlenberger Schloſſe zerriſſenen Rechte wieder zu Wi vermeinten, mit ſich fortriß. Die Häupter der Verurtheilten rollten auf dem Markt⸗ platze zu Wiener⸗Neuſtadt. Erwägt man nun, daß ſeit Friedrich dem Vierten kaum ein Se verfloſſen war, daß ſomit innere und äußere Kriege, Brüderkämpfe und Aufſtände den ganzen Zeitraum füllten, und das widerhaarige Wien dabei ſeine Rolle ſpielte, ſo wird man begreifen, wie es kam, daß der ohnedem mißtrauiſche Rudolf, deſſen Gemüthsſtim⸗ mung das düſtere Prag mehr zuſagte, ſich zu dieſem hin⸗ gezogen fühlte, wo die Gräber ſeines Vaters und Ahns ſtanden, wo die herrſchende wiſſenſchaftliche und Kunſtbil dung ſeinen Lieblingsneigungen zu Hülfe kamen. Lit eſ wird den kaiſerlichen Hof zu Prag im Ver⸗ laufe v Ex zihlung kennen lernen, für jetzt begleite er den N tarquis de Baſſompiere an den in Wien. i17 teſte des Kaiſers, Erzherzog Ernſt, im Jahre 1595 das Zeitliche ſegnete, wurde Erzherzog Mathias der präſumtive Thronfolger des nie vermählten Monarchen. Mathias, ein ehrgeiziger thätiger Herr, der ſich be⸗ rufen fühlte, in den Welthändeln eine Rolle zu ſpielen, wurde von Hudolf gehaßt, vielleicht weil er fühlen ließ, daß er unter den Brüdern der Beder utendſte ſei. Der Grund zu dieſer Feindſchaft datirt bis in das Jahr 1580 zurück, wo Mathias gegen den Willen d E. Breier. General Roßwurm. J. = — 6 kaiſerlichen Bruders und des Königs Philipp von Spanien ſich von einer Partei in den Niederlanden zum Statthalter wählen ließ. Man zwang ihn, die Wahl nicht anzunehmen und ſich nach Linz in die Verbannung, wenn nicht gar in eine Art von Staatsgefangenſchaft zurückzuziehen. Zwölf Jahre ſpäter trat der Kaiſer mit ſeinem Bruder wohl wieder in Verkehr, Mathias bekam nach Ernſt's Tode die Statthalterſchaft in Oeſterreich, allein die alte Feindſchaft blieb fortbeſtehen. Mathias erhielt den Oberbefehl aller kaiſerlichen Trup⸗ pen in Ungarn und Siebenbürgen, jeder günſtige Erfolg fachte jedoch des Kaiſers Mißtrauen noch mehr an, denn mit unverwüſtlichem Glauben hing er an der von ſeinem Hof⸗Aſtrologen Doctor Dee ihm aus den Sternen gehol⸗ ten Verkündigung:„von ſeinem eigenen Blute drohe ihm die nächſte Gefahr.“*) Wer die Charaktere Rudolf's und Mathia's kannte und dazu die Gährung in den öſterreichiſchen Landen, brauchte dieſe Prophezeiung nicht erſt aus den Sternen zu holen. Zwiſchen den beiden Höfen zu Wien und Prag waltete daher eine bittere Feindſchaft, deren Symptome bereits an der Oberfläche erſchienen, wie die Wellenkreiſe am Waſſerſpiegel, wenn die Tiefe unruhig bewegt wird. *) Nach Hormayer und Anderen hätte Tycho de Brahe dem Kaiſer das Horoſtop geſtellt, wir ſtimmen der neueren Angabe des gelehrten Hammer bei. en ter ich Art der ſt's lte up⸗ olg enn em hol⸗ ihm unte den, nen ltete reits am dem igabe 6 Der rückhaltsloſe Sturm ſollte ſchon drei Jahre ſpäter (1606) herauf brechen. Baſſompiere präſentirte ſich am Wiener Hofe als Frei⸗ herr von Betzſtein, denn unter dieſem deutſchen Namen lebten das Andenken und die Verdienſte ſeines Vaters. Wie es ſich von ſelbſt begreift, wurde allen fremden Edelleuten, die der guten Sache freiwillig und uneigen⸗ nützig ihien Arm weihten, die ehrenhafteſte Aufnahme zu Theil. Baſſompiere, welcher im Namen der angelangten frem⸗ den Volontairs eine Audienz anſprach, wurde auf's Zu⸗ vorkommendſte empfangen. Die Antikamera wimmelte von Räthen, Generälen und anderen Standesperſonen, welche entweder in Staats⸗ geſchäften oder in Privatangelegenheiten erſchienen. Der junge Kavalier zog durch ſeine prachtvolle Er⸗ ſcheinung, wie durch ſein glattes, hofkundiges Benehmen die allgemeine Aufmerkſamkeit auf ſich. Seine geheime Abſicht im Auge behaltend, muſterte er die Anweſenden und zog als Menſchenkenner deren Aeußeres zu Rathe. Ihm war es nämlich darum zu thun, aus dem Schwarm eine geeignete Perſönlichkeit herauszuholen, welche in alle Verhältniſſe tief genug eingeweiht war, ihm klugen Rath zu ertheilen, und die auch zugänglich war, deren Bekannt⸗ ſchaft zu machen. Es giebt von der Lebenserfahrung und dem Geiſte des Marquis ein günſtiges Zeugniß, daß er aus dem Haufen ſeinen Mann herausfand. Einer der vertrauten Räthe des Kaiſers, Doctor Petz, befand ſich eben in einer kaiſerlichen Miſſion zu Wien und wartete, dem Erzherzoge vorgeſtellt zu werden⸗ Dieſes Mannes Bekanntſchaft ſuchte der Marquis und fand ſie ohne Schwierigkeit. Das Aeußere des Doctors ließ den behäbigen, gut⸗ müthigen Menſchen erkennen; kleine, queckſilberige Aeug⸗ lein zeugten von Schlauheit, und ein etwas forcirter, brillenförmiger Anflug von Roth verrieth, geſtützt auf die damals noch unentdeckte Lehre vom Stoffwechſel, die zarte Blüthe des Weinſtockes. Baſſompiere, der, wie er ſelbſt ſich rühmt, auf der Hochſchule zu Ingolſtadt Rhetorik, Logik, Phyſik, die Rechte und Kaſuiſtik ſtudirt hatte, dem die Aphorismen des Hip⸗ pokrates geläufig waren wie die Ethik und Politik des Ariſtoteles, umſtrickte den argloſen Doctor durch ſein Wiſſen und feines Benehmen der Art, daß er es wagen konnte, ihn im eigenen, in des Prinzen von Joinville und des Rheingrafen Namen zu Gaſte zu laden. Der kaiſerliche Rath nahm die Einladung an. Nachdem dieſes Reſultat erzielt und Tag und Stunde der Audienz anberaumt waren, hatte der Marquis kein hr, in der Burg zu verweilen, ſondern eilte den intereſſanten Gaſt anzukündigen. er Herr Doctor weniger durch Intereſſe me heim, den Freunden Und intereſſant war d ſeine Perſönlichkeit, als durch ſeine Einſicht und Redſelig⸗ keit, die ihn Dinge an den Tag legen ließen, von denen der Leſer ſogleich Kenntniß erlangen ſoll. fühlt ſich Ein reiches Mahl war beſtellt. Die drei e Kavaliere bewirtheten ihren Gaſt auf's Trefflichſte; Baſſompiere's Urtheil traf haarſcharf zu. Doctor Petz war ein Feinſchmecker und ein Verehrer des flüſſigen Segens, den die Berge ſpenden. Im Beginne des Mahles führten abwechſelnd der Prinz, der Rheingraf und der Marquis das Wort, fremde Lande und Zuſtände boten den Stoff zur Unterhaltung. Als man jedoch wahrnahm, daß der kaiſerliche Rath auf⸗ zuthauen begann, daß er zutraulicher und wärmer werde, zogen die Andern allmälig ihre Segel ein und überließen dem Gaſte das Steuerruder der Unterhaltung, ſich begnü⸗ gend, ihm manchmal verborgen den Magnet hinzuhalten, um der Nadel ſeiner Eloquenz die erwünſchte Richtung zu geben. Meine hochgeehrten Herren; ich bin entzückt von Ihrer Freundlichkeit, ich werde des Vergnügens und der hohen Ehre des heutigen Tages, ſo lange ich lebe, eingedenk bleiben! Auf dieſes enthuſiaſtiſch e Kompliment des Doctors er⸗ wiederte der Marquis: Ich mache in meinem und meiner Freunde Namen das Geſtändniß, daß wir Ihre Gefühle vollſtändig theilen. Sollte einer oder der andere der hohen Herren nach Prag kommen— In dieſem Falle, rief der Prinz, verſteht es ſich von ſelbſt, daß wir Ihre Gäſte ſein werden. Wir in Prag wiſſen auch zu leben, und unſereins dort heimiſcher wie hier in Wien. Im Ver⸗ trauen geſprochen, meine Herren, wir Kaiſerlichen, das heißt wir, die zur kaiſerlichen Majeſtät halten, ſind jedes⸗ mal froh, wenn wir Wien mit dem Rücken anſehen. Und doch ſcheint es eine freundliche, lebensluſtige Stadt zu ſein. Lebensluſtig? Thronluſtig iſt man hier, man will den Augenblick, wo der kaiſerliche Herr die Augen zudrückt, nicht erſt abwarten, ſondern ſucht jetzt ſchon bei Lebzeiten den kaiſerlichen Bruder zu verdrängen. O meine Herren, hier wird ſchlimmes Getränke gebraut, treue kaiſerliche Diener befinden ſich in Wien mitten im feindlichen Lager, ſie wiſſen das recht wohl und ſind deshalb auf ihrer Huth. Wir hörten bereits von der Gegnerſchaft der fürſtlichen Brüder erzählen. Ihr Wort, Herr Rheingraf, iſt viel zu milde, Gegner⸗ ſchaft kann man das nicht mehr nennen, wenn man die Krone noch lebender Majeſtät an ſich reißen will. Wir in Prag wiſſen es ſehr wohl, daß man von Wien aus geheim bei den Kurfürſten intriguirt, Seine Majeſtät, unſeren kaiſerlichen Herrn des Thrones unfähig zu erklären. Wie, man hätte ſolchen Schritt gewagt? Bah, was wagt man? Man hat die Stände hier und in Ungarn auf ſeine Seite gebracht und weiß die Macht zu benutzen. Die erzherzogliche Durchlaucht iſt wagig und unternehmend, und die hieſigen Räthe? War⸗ ten Sie, Sie ſollen gleich in das Neſt Einſicht erlangen. Der Hofmarſchall Graf von Trautſon, vom Kaiſer ver⸗ ungnadet, hat hier offene Arme gefunden und ſich neuer⸗ ——.————„— — 8 lichſt, er war bereits zweimal Wittwer, mit einer Freiin Suſanna von Meggau vermählt, deren Schweſter Eliſa⸗ beth den mächtigen Oberſtallmeiſter Cavriani zum Gatten hat, während ihr Bruder Leonhard, einflußreicher erzher⸗ zoglicher Kämmerer, einer Freiin Khuen von Bellaſſy angetraut iſt. Der Bruder der Letzteren iſt der Oberſt Euſebius Khuen, welcher wieder der Schwager des Grafen Mathias von Thurn iſt... O, o, rief der Prinz von Jvinville lachend, welch eine konfuſe Verwandtſchaft! Was Verwandtſchaft, replizirte Doctor Petz eifrig, eine ganze verſchwägerte Bande iſt's, deren Geſammteinfluß bei dem Erzherzoge allmächtig iſt. Da ſind Katholiken und Lutheraner wie Kraut und Rüben untereinander, der Mathias von Thurn zum Exempel, obwohl erſt 23 Jahre alt, iſt ein fanatiſcher Ketzer, der im Stande iſt, für ſeine Bibel eine Welt in Brand zu ſtecken.*) Nun denken Sie ſich, dieſe ganze Sippſchaft und neben ihr den nicht min⸗ der mächtigen Biſchof Melchior Khleſel, der mit dem Erz⸗ herzog zuſammenhält wie Stahl und Eiſen, der, mehr als ſchlau, fortwährend wie ein Maulwurf im Verborgenen ſchanzt, denken Sie ſich das vereinte Wirken dieſer Leute, und Sie werden von der Größe der uns drohenden Ge⸗ fahr einen richtigen Begriff erlangen. In der That, bemerkte der Rheingraf, die hierländi⸗ ſchen Zuſtände ſind nichts weniger als erbaulich. *) Mathias von Thurn war bekanntlich die Brandrakete des dreißigjährigen Krieges. Tout comme chez nous! rief Prinz von Joinville, ger ade ſo wie bei uns, die ganze Welt ſcheint wirklich nur Eine Stadt zu ſein. Indeſſen, fuhr Doctor Petz tröſtend und mit einem pfiffigen Augenzwinkern fort, iſt noch nicht aller Tage Ende gekommen. Da wir unſeren Feind kennen, ſind auch wir auf der Lauer und ſuchen der Hinderniſſe, ſo viele als wir nur finden, aufzuraffen und ihm auf den Weg zu legen. Und wenn alle Stricke reißen— der redſelige Doctor warf einen Späherblick umher und flüſterte, wie Jemand, der im Begriffe ſteht ein wichtiges Geheimniß mitzutheilen, wenn alle Stricke reißen, ſo kön⸗ nen wir der fürſtlichen Durchlaucht in Wien einen Strich durch die Rechnung ziehen, indem wir die Thronfolge auf eine andere Linie, zum Exempel die ſteieriſche übertragen. Erzherzog Ferdinand lacht jetzt ſchon in's Fäuſtchen, denn er ahnt, was kommen wird. Die katholiſchen Stände werden Hoſiannah ſingen, wenn er die Macht in die Hände bekommt, die proteſtantiſchen wiſſen das recht gut und ſtützen darob den Erzherzog Mathias mit der ganzen Macht. Wie ſieht es unter ſolchen Verhältniſſen im Heere aus? fragte Baſſompiere, das Geſpräch auf ſeine perſön⸗ liche Angelegenheit lenkend. Die Noth zwingt Alle, dem Erbfeinde gegenüber äußer⸗ lich zuſammen zu halten, wer aber genauere Einſicht be⸗ ſitzt, der weiß, daß auch im Heere von Eintracht wenig zu finden. Die Heerführer und oberſten Hauptleute in eine deutſche und wälſche Partei getheilt, liegen ſich in lle, lich tem age ind ſo den der und ges ön⸗ rich auf en. enn nde die gut zen ere ön⸗ zer⸗ be⸗ nig in in den Haaren und feinden ſich heimlich und offen an. Wird ein Deutſcher beſiegt, iſt's gleichzeitig eine Niederlage der deutſchen Partei, ebenſo bei den Wälſchen. Als noch der Mannsfeld und der Schwarzenberg befehligten, wagte kein Fremder das Haupt zu erheben, ſeit aber der Tod ſie hingerafft und das deutſche Reich für den Ruf des Kaiſers ſich ſchlaff und läſſig zeigt, zieht man die Wäl⸗ ſchen vor, denn unter uns geſagt, der Baſta, Belgivjoſo und ſo fort ſtehen mit den Jeſuitenvätern auf gutem Fuße. Man traut den deutſchen Heerführern nicht und zwar mit Recht; von den Wälſchen hat noch keiner dem Lutherthume ſich zugewendet, die Deutſchen aber thun's, leider Gottes, uur allzu häufig. Und wir denken wie folgt: Lutheraner ſind Rebellen gegen ſeine Heiligkeit den Papſt, wer aber gegen den Papſt rebellirt, iſts im Stande, auch gegen den Kaiſer zu thun, ergo darf man ihm nicht trauen. Hier in Wien hält man ſich mehr an die Deutſchen, in Prag findet man an den Wälſchen Wohlgefallen, in Graz, wo der Erzherzog Ferdinand als Statthalter der Steier⸗ mark reſidirt, ſind ſie ganz und gar die Herren trotz der Niederlage, die ſie vor zwei Jahren vor Kaniſa erlitten, wo ſelbſt der zu Hülfe geſandte Roßwurm ſie nicht her⸗ auszureißen vermochte, woran freilich das entſetzliche Schneewetter die einzige Schuld trug. Da Sie eben des Marſchalls Roßwurm Erwähnung gethan, nahm der Marquis das Wort, ſo ſagen Sie uns 6 wie es mit ihm ſtehe, wir haben natürlich großes Inter⸗ eſſe daran, da wir— wie Sie wiſſen— uns ſeinem Be⸗ fehle unterſtellen wollen. Doch ehe Sie damit beginnen, geben Sie uns Beſcheid, wir trinken auf das Gläck kaiſer⸗ licher Waffen. Der Toaſt wurde angenommen, die vier Herren leerten ihre Gläſer bis auf die Nagelprobe. Herr Doctor Petz, nachdem er ſich mit großer Behag⸗ lichkeit den Mund getrocknet, wie alle Gerntrinker es häufig thun— wir bitten, dies Wort wohl zu unterſchei⸗ den von Vieltrinker,— ergriff wieder den Faden der Rede, um ihn in der gewohnten Weiſe fortzuſpinnen. Was den Roßwurm betrifft, ſagte er, ſo müſſen Sie es nicht deſpektirlich deuten, wenn ich glattweg ſeinen Namen ohne ſeine Charge ausſpreche. Man hört ihn hierlands nie anders als„der Roßwurm“ nennen, nie „der Marſchall Roßwurm.“ Er iſt ein Muſter von einem Heerführer, dieſes Lob will in meinem Munde viel bedeu⸗ ten, denn ich haſſe ihn wie die Peſtilenz. Seit er meinen Freund, den armen Dentize, erſchlug, ſchaudert mir's, wenn ich ihn nur anblicke. Wer war dieſer Dentize? Hieronimus Ritter von Dentize war Feldkriegsrath bei dem Stabe des Erzherzogs Mathias. Wann tödtete ihn Roßwurm? Vor ungefähr neun Monaten, dem Tage nach war's der 13. Dezember im vorigen Jahre. Die Sache kam ſo. Dentize befand ſich bei einem Heerhaufen, der unter dem Roßwurm Peſt angriff. Ein Heerruf verbot zu plündern, ehe der Feind gänzlich niedergeworfen ſei. Mein Freund, der Feldkriegsrath von Dentize, kehrte ſich nicht daran und plünderte wacker darauf los, die Kriegsknechte folgten ſeine neue ſich wüth anſic ſamt Beu nen gen . dieſi wor ſont wor Wir digt ſant wie zu trot deſſ ver übe ſeir zog an einem edeu⸗ einen nir's, srath war's m ſo. dem dern, eund, aran lgten ſeinem Beiſpiele und dies hatte zur Folge, daß der Feind neuerdings flügge wurde und der Roßwurm Mühe hatte, ſich ſeiner zu erwehren. Der Roßwurm war darob wüthend; als er daher am anderen Tage meines Freundes anſichtig wurde, der eben beſchäftigt war, ſeine Beute zu⸗ ſammentragen zu laſſen— Stach er ihn nieder, meinte Baſſompiere. Bewahre, er begnügte ſich, anzubefehlen, daß die ganze Beute des Feldkriegsrathes unter den gehorſam gebliebe⸗ nen Kriegsknechten vertheilt werde. Pardien, dieſer Spruch iſt für einen Roßwurm gerecht genug, ſo der Prinz von JIoinville. Mein Freund Dentize, fuhr Petz fort, reichte über dieſes Verfahren bei dem Erzherzoge eine Klageſchrift ein, worin er den Heerführer niemals„Feldmarſchall“ titulirte, ſondern ihn nur einfach„der Roßwurm“ nannte, und worin er ihm allerlei vorwarf. Der Andere bekam davon Wind, beſchwerte ſich brieflich beim Kaiſer und verthei⸗ digte ſich beim Hofkriegsrath. Damit nicht zufrieden, ſandte er vier Edelleute zu Dentize und ließ ihn fragen, wie er ſeine Klageſchrift und die darin enthaltenen Lügen zu verſtehen habe? Da mein Freund die Abgeordneten trotzig empfing, begab ſich der Roßwurm perſönlich in deſſen Zelt, von ihm die Zurücknahme der Beſchimpfungen verlangend. Dentize weigerte ſich deſſen und antwortete übermüthig. Darauf gab ihm der Roßwurm, wie er ſagt, ſeine Ehre zu retten, eine Ohrfeige. Der Feldkriegsrath zog den Dolch und durchſtach des Marſchalls Wamms an zwei Stellen, worauf dieſer das Schwert entblößte und meinen unglücklichen Freund ſo gut traf, daß er zur Stelle todt blieb. Die drei Zuhörer ſchauten ſich gegenſeitig mit beredten Blicken an, ſie mochten der Anſicht des kaiſerlichen Rathes nicht entgegen treten, allein ihre Mienen verriethen, daß ſie die Handlungsweiſe Roßwurms keineswegs ſo beur⸗ theilten wie er, und daß nach ihrer Anſchauung das volle Unrecht auf Seite des Feldkriegsrathes lag. Wie nahm der Kaiſer den böſen Handel auf? fragte der Rheingraf. Der Doctor drohte mit Humor nach der Windſeite gegen Ungarn zu und erwiederte: Es hätt' ihm ſchlimm genug bekommen, würd' er ſich nicht gleich mit einer ſchweren goldnen Kette hinter den Lang geſteckt haben. Wer iſt dieſer Lang? Herr Philipp Lang zu Langenfels iſt kaiſerlicher Rath und erſter Kammerdiener Sr. Majeſtät. Beſitzt er großen Einfluß? Das will ich meinen! nunmehr, daß ſein Vorgänger Hieronimus Machowsky Ritter von Machan in das Ver⸗ ließ ſpazierte, wird er den ganzen Einfluß an ſich reißen. Warum kam der Ritter in Haft? Der Doctor zuckte die Achſeln und verſetzte: Der Lang wollte ihn geſtürzt haben und verdächtigte ihn, doch ſprechen wir nicht mehr von dieſen Dingen. Sie thun wohl daran, bleiben wir bei Roßwurm. Steht er beim Kaiſer in Anſehen? Es iſt Thatſache, daß Seine Majeſtät dem Marſchall perſönlich gewogen ſind, vielleicht gerade deshalb, weil man weiß, iſt würd V in b ihm C händ ſchän Hau Glei iſt9 jedoe wägi was Kop Sie mit auch daß geſc Sie Ent er zur beredten Rathes en, daß o beur⸗ as volle fragte indſeite ſchlimm it einer ben. er Rath gänger s Ver⸗ reißen. Der n, doch wurm. rſchall ilman weiß, daß Roßwurm hier in Wien nicht am beſten gelitten iſt, abgeſehen von ſeinen Waffenthaten, die jedermann würdigen muß. Wie kommt es, daß ein Mann von ſolchen Verdienſten in beiden Lagern ſo viele Feinde hat? Was wirft man ihm vor? Er iſt beuteſüchtig, ſpielt gerne, hat Neigung zu Rauf⸗ händeln und iſt ein ausgemachter Frauenjäger. Pardieu, platzte Baſſompiere heraus, alle dieſe Dinge ſchänden keinen Edelmann und ich denke, es ſchlafen wenig Hauptleute unter Leinwanddächern, denen man nicht ein Gleiches vorwerfen könnte. Wie Sie wiſſen, Herr Rath, iſt Roßwurm mein und meiner Familie Feind, ich bin jedoch gerecht genug, ihn auf der nämlichen Wage zu wägen, wie jeden Andern. Wird er zu leicht befunden, was wär's erſt mit allen Uebrigen, die um einen ganzen Kopf weniger haben. Sie vertreten den Roßwurm, Herr Marquis? Wahren Sie ſich vor ſeiner Bosheit. Wie kann ich das? Er befehligt ja das Heer, hat ſo⸗ mit die Gewalt in Händen? Das iſt richtig, allein er zählt wie an den Höfen ſo auch im Heere eine ſolche Zahl von mächtigen Gegnern, daß er ſich an Niemanden wagt, der von ſeinen Gegnern geſchützt wird. Wollen Sie vor ihm ſicher bleiben, dürfen Sie blos unter ſeiner Feinde Schutz erſcheinen. Wer ſind dieſe? Ich kenne ja keinen⸗ Wenn's ſonſt nichts iſt, dieſer Verlegenheit will ich ein Ende machen. Ich werde Sie vor Allem meinem Bruder, dem Oberſten Johann Baptiſt Petz, empfehlen, dann gebe ich Ihnen ein Brieflein mit an den Befehlshaber in Ko⸗ morn, den Feldzeugmeiſter Baron von Molart, deſſen Bpuder Ernſt Hofmarſchall iſt, das ſind lauter gewichtige Namen, vor denen Roßwurm Reſpekt hat; ich werde Sie ferner mit dem gerade hier anweſenden Oberſten Kollonits bekannt machen, deſſen Bruder Ferdinand bei dem Heere einen wichtigen Poſten bekleidet— Sind das lauter Gegner Roßwurms? Doctor Bartholomäus Petz nickte, wie bei einer ſelbſt⸗ verſtändlichen Sache, mit dem Kopfe und zwinkerte zufrie⸗ den mit den bereits feucht werdenden Aeuglein. Die drei fremden Kavaliere gewannen durch dieſe Mit⸗ theilungen eine klare Einſicht in den Stand der Dinge. Der politiſche Theil derſelben berührte ſie nur in ſo⸗ fern, als er von Einfluß auf den militairiſchen war. Die böſen Zerwürfniſſe im chriſtlichen Heere erfüllten ſie mit großem Bedauern. Sie erkannten, daß Roßwurm weniger durch ſein Ver⸗ ſchulden, als durch den Neid weit überflügelter Kriegsge⸗ fährten und Nebenbuhler eine bedenkliche Stellung im Heere einnahm, die den chriſtlichen Waffen nur nachtheilig ſein mußte. Zum Glücke der guten Sache gelangten die Kavaliere erſt in Wien zur Kenntniß dieſer Verhältniſſe, wo ſie an eine Umkehr nicht mehr denken mochten. Baſſompiere, die Bekanntſchaft mit dem kaiſerlichen Rathe gehörig benutzend, beſchloß aus der trüben Quelle brauch⸗ bares Waſſer abzuſickern und ſich vor dem Feinde zu ſichern. ihm liche bevr ſten ſcha ſpra war heik Toi Me zu Sch inn gebe in Ko⸗ „ deſſen ewichtige erde Sie Kollonits m Heere r ſelbſt⸗ e zufrie⸗ eſe Mit⸗ Dinge. rein ſo⸗ var. erfüllten ein Ver⸗ riegsge⸗ ung im chtheilig avaliere o ſie an enRathe brauch⸗ ſichern. 0 Die Idee, nach Siebenbürgen zu ziehen, wurde von ihm während des Mahles aufgegeben und der urſprüng⸗ liche Reiſezweck wieder aufgenommen. Das Diner endete zur Zufriedenheit aller Betheiligten, bevor der Doctor ſchied, wurde verabredet, ſich am näch⸗ ſten Tage wieder zu treffen und die begonnene Bekannt⸗ ſchaft weiter zu pflegen. Die drei Freunde unterhielten ſich noch lange, ſie be⸗ ſprachen die Verhältniſſe, zu deren Kenntniß ſie gelangt waren, und verſtändigten ſich über ihr Verhalten in der heiklichen Situation, worauf ſie ſich trennten. Am anderen Morgen hatte Baſſompiere eben ſeine Toilette vollendet, als ſein Page eintrat und ihm meldete, Meiſter Kaſpar Lametzhofer wünſche den Herrn Marquis zu ſprechen. Laß ihn eintreten. Nach einer Pauſe erſchien der Meiſter des langen Schwertes, den ſchmucken Kavalier ehrerbietig grüßend. Fünftes Kapitel. Der Fechtmeiſter und ſein Schützling. Gott zum Gruß, Meiſter, redete der Marquis den Fechtkünſtler freundlich an, Ihr tretet wieder mannhaft auf, ein Beweis, daß Ihr von der Wunde geneſen ſeid, was mich freut. Was führt Euch zu mir? Gebt Ihr am Sonntage vielleicht wieder ein Rürfechten und kommt, mich dazu einznladen? Lametzhofer lächelte und entgegnete: Gnädiger Herr, das hieße meine Reſignation zu weit treiben. Man fordert Gegner nicht heraus, von denen beſiegt zu werden man gewiß iſt. O, o, Meiſter, Ihr thut zu beſcheiden. Ich mag mich der Gefahr nicht blosſtellen, bei den Wienern allen Kredit zu verlieren. Was läge daran? Wien iſt nicht die Welt und die Fechtkunſt findet aller Orten ihre Gönner. Im ſchlimm⸗ ſten Fall giebt man das Handwerk auf und zieht in den Krieg. Iſt's Euch genehm, Meiſter, ſchließt Euch meiner Suite an. erk du ſich ble zu ſpe ode we He Eu err hei vo1 ma es in Ri deſ lei den — i mnhaft n ſeid, Ihr am t, mich weit denen bei den ind die hlimm in den meiner S Ich würde mich nicht lange beſinnen, Ihr gnädig An⸗ erbieten anzunehmen, wär' ich nicht an Wien gefeſſelt durch Weib und Kind. Das iſt ein Anderes, ſo ſüßen Banden entzieht man ſich nur ſchwer, d'rum iſt's klüger, man reſpektirt ſie und bleibt wo und was man iſt.— Was führt Euch alſo zu mir? Euer Gnaden waren ſo gütig, mir einen Ring zu ſpenden... Ich gab Euch nebſt dem Ringe auch mein Wort, Euch oder einem der Euren, kurz jedem, der den Ring mir vor⸗ weiſt, einen Dienſt zu leiſten. Auf dieſe ritterliche Zuſage bauend, hab' ich, gnädiger Herr, Ihren Ring bereits weggegeben. So? Wem gabt Ihr ihn? Einem Menſchen, der ſich in Nöthen befindet, dem Euer Gnaden einen unſäglichen, unſchätzbaren Liebesdienſt erweiſen können. Vermuthlich irgend ein armer Teufel, den die Noth heimgeſucht... Euer Gnaden beurtheilen mich falſch. Ein Kleinod von ſolchem Werthe giebt man nicht an Bettler weg, die man mit einigen Goldſtücken abfertigen kann. Handelte es ſich bei der betreffenden Perſon um Geld, ich würde in meinen eigenen Säckel gegriffen und dagegen meinen Ring behalten haben; es iſt aber ein wichtigerer Dienſt, deſſen jene Perſon bedarf, ein Dienſt, den ich ihr nicht leiſten kann, wohl aber Sie, gnädiger Herr. E. Breier. General Roßwurm. J. 6 Ihr macht mich neugierig, Meiſter, wer iſt die Perſon und was will ſie von mir? Euer Gnaden ziehen nach Ungarn in den Krieg? Ich befinde mich auf dem Wege dahin. Euer Gnaden werden ſich den Befehlen des Roßwurm unterſtellen? Da er das kaiſerliche Heer befehligt, ſo muß ich wohl. Roßwurm iſt Ihr Feind... Ihr wißt. Man ſpricht in allen adeligen Kreiſen davon; in ſol⸗ cher Lage iſt die Zahl treuer Diener, die man um ſich verſammelt, nie zu groß— Dafür iſt geſorgt, mein Troß entſ Stande— Und dennoch wag' ich bei Euer Gnaden Fürſprache einzulegen für einen jungen Menſchen, für eine treue Seele, die ſich Eurem Troß anſchließen zu dürfen bittet. Meiſter, der junge Menſch iſt doch kein Jude? Er iſt nicht blos Chriſt, ſondern auch Katholik. Er iſt auch kein Verräther, der heimlich mit den Tür⸗ pricht ganz meinem ken hält? An einen ſolchen würde ich mein Kleinod ten, noch weniger für ihn meine perſönliche Fürb . nicht abtre⸗ itte ver⸗ ſchwenden. Dann ſeh' ich nicht ein, warum Ihr dem Dienſt ſo große Wichtigkeit beimeßt. Jeder ehrliche Chriſtenſohn, der zu ſtreiten fähig und Willens iſt, kann ſich mei⸗ nem Troß anſchließen.— Wie heißt der junge Menſch, wer iſt er? tre rſon ourm wohl. ſol⸗ nſich einem rache treue bittet. Tür⸗ abtre⸗ e ver⸗ nſt ſo nſohn, mei⸗ tenſch, In der Beantwortung dieſer Fragen, oder vielmehr in ihrer Nichtbeantwortung liegt die Nothwendigkeit mei⸗ ner Fürſprache und die Größe des Dienſtes, um welchen ich Sie bitte. Der junge Menſch heißt Berthold, iſt von adeligem Herkommen und ehrlicher Geburt. Mehr Euch zu ſagen, verbieten ihm eigenthümliche Familienverhält⸗ niſſe— Ihr kennt dieſe Verhältniſſe? Ja, gnädiger Herr. Ihr ſteht ein für die Wahrhaftigkeit Eurer Angaben? Mit Leib und Seele. Wo iſt Euer Schützling? Er weilt im Vorzimmer. Laßt ihn eintreten. Lametzhofer ging zur Thür und rief: Junker Berthold, tretet ein! Ein Jüngling überſchritt die Schwelle des Gemaches. Der Marquis fand eine feine, ſchmächtige Figur, dem Anſcheine nach achtzehn Frühlinge alt. Sein bleiches zartes Geſichtchen, oval geformt, wäre faſt frauenhaft zu nennen, wenn nicht ein zierlich ge⸗ drehter Lippenbart ihm einen mannhaften Ausdruck ver⸗ liehen hätte. Schwarze Haare fielen lockig über den edlen Nacken, wunderbar geſchwungene Brauen beſchatteten leuchtende Augen vom tiefſten Blau. Hand und Fuß waren zierlich klein, die Stirn dagegen von ein Paar Furchen durchzogen, was auf einen, ſolcher Jugend ungewöhnlichen Lebensernſt ſchließen ließ. 6* Der Jüngling trug einen Leibrock und ein Beinkleid von lichtblauem Sammet, die bauſchigen Manſchetten an der Handwurzel und der umgelegte Hemdkragen waren vom feinſten Batiſt und weiß wie Schnee. Auf dem Haupte ſaß ein perlgrauer Hut auf dem ſich eine ſchwarzrothe Feder wiegte. Denkt man ſich dann noch einen geraden, ſchmalen Degen, wie ſie eben in Frankreich Mode zu werden an⸗ fingen, dann Stiefletten von braunem Saffian mit gleich⸗ farbigen Seidenfranzen, ferner Stulphandſchuhe von fleiſchfarbigem Damleder, ſo hat man das Geſammtweſen eines reizenden Pagen, der nur einem vornehmen Hauſe angehören und wieder nur in einem ſolchen ritterlich be⸗ dienſtet werden konnte. Baſſompiere bedurfte nur eines forſchenden Blickes, um alles das zu erkunden, wozu wir einer längeren Be⸗ ſchreibung bedurften, ohne es vollkommen zu erſchöpfen. Denn der geiſtigen Individualität des Jünglings, ſei⸗ ner träumeriſchen Schwermuth, ſeiner anmuthigen Eleganz, der edlen Demuth, kurz, des chevaleresken Geſammtweſens hätten wir ebenfalls und zwar um ſo eher gedenken ſollen, da gerade dies es war, welches auf den Marquis den meiſten und zwar den günſtigſten Eindruck hervorbrachte. Man vergeſſe nicht, daß Baſſompiere noch nicht vier⸗ undzwanzig Jahre zählte, und daß Jugend und Schönheit auch bei gleichem Geſchlechte ſich gegenſeitig anziehen und bei nur einigermaßen ſympathiſchen Naturen ſich auch feſthalten. — kleid tan aren ſich talen an⸗ leich⸗ von veſen auſe h be⸗ lickes, Be⸗ fen. ganz, eſens ollen, s den rachte. vier önheit nund auch S Du nennſt Dich Berthold? fragte der Marquis mit dem Tone der helnahne Dies iſt mein Name, gnädiger Herr. Welches iſt Dein Vaterland? Ich bin in Lothringen geboren. Leben Deine Eltern noch? Nein, i Herr. Haſt Du Geſchwiſter oder ſonſtige Verwandte? Ich ſtehe ganz allein im Leben; es giebt nur ein Ge⸗ ſchöpf auf dieſer Erde, welches meinem Herzen theuer iſt. Und dieſes Geſchöpf, lächelte der Marquis, der das Geheimniß des Jünglings zu errathen meinte, iſt ein Mädchen? Berthold ſenkte erröthend das Auge und erwiederte: Zu dienen, gnädiger Herr, es iſt ein Mädchen. Ein weiteres Nachforſchen ſittte richtete der Jüng⸗ ling einen flehenden Blick auf Lametzhofer, dieſen gleich⸗ ſam zu Hülfe rufend, wozu er auch flugs bereit war. Gnädiger Herr, miſchte er ſich in die Unterhaltung, ich habe vergeſſen zu erwähnen, daß mein Schützling kei⸗ ner Unwahrheit fähig iſt. Euer Gnaden mögen ihm da⸗ her nicht zürnen, wenn er einer oder der anderen Ihrer Fragen, deren Beantwortung ſeine Lage nicht geſtattet, ſtatt Sie mit einer Lüge zu bedienen, ein einfaches Still⸗ ſchweigen entgegenſetzt. Baſſompiere lachte. Meiſter, ſagte er, Ihr traft mich heute in guter Laune und könnt meinerſeits auf ein ziemlich Stück Nachgiebig⸗ keit rechnen. Es ſei, wie Ihr wünſcht. Ich erlaube dem Junker zu ſchweigen, ſo oft ſein Geheimniß es verlangt, und am Ende iſt's auch beſſer, gar keine Antwort als eine unwahre zu bekommen. Biſt Du damit zufrieden? fragte er alsdann den Jüngling. Berthold verneigte ſich. Der Marquis war mit ſeinen Fragen noch nicht zu Ende. Deine adelige Geburt, fuhr er zu dem jungen Men⸗ ſchen gekehrt fort, auferlegt mir die Pflicht, in Deinem Verhältniſſe zu mir Deinem Stande Rechnung zu tragen. Ich kann nicht dulden, daß Du unter dem Troß Dich herumtummelſt oder gar mit den Knechten verkehrſt. Ich ſetze voraus, daß Du Muth haſt— Ich werde die Vorausſetzung rechtfertigen. Warſt Du bereits im Kampfe? Gnädiger Herr, ich habe bisher viel gekämpft, doch blos mit des Lebens Ungemach. Der Kampf iſt ſchwer und bitter, doch ein Anderes iſt der Krieg, und zumal der Krieg mit einem wilden, barbariſchen Feinde. Ich fürchte, Deine Jugend möchte vor dem blutigen Gemetzel erbeben und Deinem Muthe Eintrag thun. Ich bitte Euer Gnaden, dieſes Bedenken fallen zu laſſen. Nun, wir wollen ſehen. Ich attachire Dich meiner Perſon und ernenne Dich zu meinem Eeujer*), es iſt ein *) Schildhalter. A gi de ich ni zie M fü ter ho he Ve au lä eine den doch deres lden, öchte kuthe einer t ein Amt, ſo ehrenvoll, als nur ein Page wünſchen kann. Doch giebt es noch einen Umſtand zu bedenken. Ich habe mich der Bedingung gefügt, Dein Geheimniß zu reſpektiren, ich möchte jedoch vermeiden, daß Du durch das Geheim⸗ niß die Anfmerkſamkeit der Pagen und Edellente auf Dich ziehſt, es gäbe dies Anlaß zu allerlei Reibungen, zu Mißtrauen und Verdächtigungen; darum erachte ich es für erſprießlich, Dich nicht unter ſo auffallenden Umſtän⸗ den erſcheinen zu laſſen. Du mußt unter einem beſtimm⸗ ten Namen auftreten. Wozu rathet Ihr, Meiſter? Da ich mich des Junkers angenommen, gab Lametz⸗ hofer zur Antwort, ſo will ich dieſem Bedenken ſteuern helfen. Ich bitte Euer Gnaden, den Junker als meinen Verwandten, einem hieſigen Patriziergeſchlechte entſproſſen, auszugeben. Und wenn daraus Fatalitäten ſich ergeben? Dann wollen Sie gnädigſt alle Schuld mir aufbürden, lächelte der Fechtkünſtler. Und welchen Namen beliebt Ihr vorzuſchlagen? Ich wähle den Familiennamen meiner Ehewirthin, der Junker nenne ſich Berthold von Schlaginweit. Der Marquis willigte darein. Ich werde meinem Intendanten bezüglich Deiner ſo⸗ gleich die nöthigen Weiſungen ertheilen. Wann wirſt Du Deinen Dienſt antreten? In der Stunde, da Euer Gnaden Wien verlaſſen. Warum nicht ſofort? Berthold ſchwieg; an ſeiner Stelle antwortete ſein Schutzherr, daß der Junker die wenigen Tage Aufenthaltes für ſich zur Verfügung wünſche. Baſſompiere erklärte ſich auch dazu bereit. Wo wohnſt Du? Bei Meiſter Lametzhofer. Man trennte ſich. Der kaiſerliche Rath Doctor Bartholomäus Petz kam ſeiner Zuſage getreulich nach. Während der zwölf Tage, welche die fremden Volon⸗ tairs in Wien verbrachten, machte er ſie nicht blos mit dem Oberſten Kollonitſch bekannt, ſondern auch noch mit vornehmen italieniſchen Herren, die ſie bei Gelegenheit, als ſie beim Erzherzoge zur Audienz erſchienen, in der Antikamera vorfanden und die wie ſie im Begriff waren, zum Heere zu ziehen. Gaſtmähler und Trünke folgten in enger Reihe auf⸗ einander, Baſſompiere erwarb ſich Gönner, ſchloß Brüder⸗ ſchaften und erwärmte ſeine Bruſt an den zahlreichen Freundſchaftsverſicherungen derart, daß die kühle Scheu vor Roßwurm vollends entwich und er frohen Muthes an die Abreiſe dachte. Der dazu beſtimmte Tag— es war der 21. September — brach an. Zwei geräumige Schiffe waren beſtimmt, ihn mit ſei⸗ nem Feldgeräthe und dem ganzen Troß die Donau ab⸗ wärts zu tragen, es hatten auch der Prinz von Joinville und der Rheingraf Otto ihre Fahrzenge in Bereitſchaft, welche ſie alleſammt dem Feinde entgegenführen ſollten. inwe thur nem ſchle liche nah neu gün gew geb⸗ Sie Kri Der grij ma Ge De viel Re ſich beſ Si An jenem Morgen ſchritt Junker Berthold von Schlag⸗ inweit von Meiſter Lametzhofer begleitet, durch die Rothe⸗ thurmſtraße dem Donauarm zu. Auf den Wangen des jungen Menſchen glänzte Thrä⸗ nennaß, ſeine afficirten Augen gaben Kunde von einer ſchlaflos verbrachten Nacht, ſeine Miene von einer ſchmerz⸗ lichen Bewegtheit des Gemüthes. kam Der Fechtkünſtler ſuchte den Scheidenden durch theil⸗ nahmvolle Tröſtungen aufzurichten, ſchließlich auf ſeine olon⸗ neu eingenommene Stellung hinweiſend. s mit Der Marquis, ſagte er unter Anderem, wird keine hmit günſtige Vorſtellung von der Mannhaftigkeit ſeines neu⸗ nheit, geworbenen Ecujer gewinnen, wenn er ihn in Thränen n der gebadet findet. Bedenken Sie die Verlegenheiten, denen aren, Sie ſich ausſetzen, wenn Ihr Geſchlecht verrathen würde. Ich werde mich bezwingen, Meiſter, im Kreiſe der auf⸗ Krieger wird meine verlorene Standhaftigkeit wiederkehren. rüder⸗ Der Abſchied von meinem Kinde hat mich mächtiger er⸗ eichen griffen, als ich geahnt. Die oft erprobte Erfahrung, daß Scheu man die Größe der Liebe erſt recht erkenne, wenn die uthes Gefahr zu verlieren naht, hat ſich auch bei mir bekundet. Der Gedanke, mein Kind, meine vielgeliebte Hermine ember vielleicht nicht wieder zu ſehen... Dieſen Gedanken, unterbrach Lametzhofer eifrig die it ſei⸗ Rede, müſſen Sie um jeden Preis von ſich weiſen und u ab⸗ ſich ſtatt deſſen einzig und allein mit dem troſtreichen Ziel inville beſchäftigen, das Sie ſich geſetzt und deſſen Erreichung ſchaft, Sie zur Aufgabe Ihres Lebens gemacht haben. ten. Mein Kind, mein armes Kind, der Schmerz der Tren⸗ nung wird es erfaſſen. Das Fräulein iſt in meinem Hauſe gut aufgehoben. Ich und meine Ehewirthin werden es mit liebevoller Sauftmuth pflegen und zu erheitern ſuchen. Meine Agnes wird ihr eine treue Geſpielin werden. Wien bietet für das Fräulein des Neuen und Sehenswürdigen genng, um es mehrere Tage hindurch zu zerſtreuen und den Gram nicht aufkommen zu laſſen. Sind dann die erſten acht Tage vorüber, ſo haben wir gewonnen Spiel. Sie werden bei Ihrer Rückkehr das Kind froh, geſund und wohlauf finden. Bei meiner Rückkehr, ſeufzte Berthold, o Meiſter, wie weit iſt's noch bis dahin? Was Alles werde ich erleben? Wir ſtehen unter dem Schutze der Vorſehung, was ſich auch immer ereignen möge, wir müſſen es hinnehmen als den Willen des höchſten Weſens. Man war am Ufer angelangt. Eine Menge Volks hatte ſich angeſammelt, die frem⸗ den Kavaliere abreiſen zu ſehen. Junker Berthold umarmte noch einmal den Meiſter und eilte dann auf das Schiff, auf deſſen Verdeck der ſchmucke Baſſompiere freudigen Blickes umherſchaute. Der Marquis gewahrte den Jüngling und winkte ihn freundlich zu ſich heran. Junker, ſagte er zu ihm, von jetzt ab trittſt Du Dein Amt an. Du wirſt mir dienen in Freud und in Leid. Heute iſt der Tag des heiligen Mathäus, möge er uns das letztere erſparen! Die Sonne ſtrahlt heiter und rein am h men C Abfa Z beitet 6 auf!“ und ſeine wiſch Mut 91— am herbſtlich blauen Himmel, wir können einer angeneh⸗ men Fahrt entgegen ſehen. Ein Hackenſchuß erdröhnte Abfahrt. Die Taue wurden gelöſt, die Ruder begannen zu ar⸗ beiten, die Donaufahrzeuge ſetzten ſich in Bewegung. Die Wiener jubelten den Chriſtenſtreitern ein:„Glück ehoben. bevoller Agnes etet für ug, um er gab das Zeichen zur Gran e 6 i auf!“ nach. 6„—.—. S Die kleine Flotille ſchwamm luſtig hinab. Meiſter Lametzhofer blieb tief bewegt am Ufer ſtehen wohlauf und behielt das ihm zuwinkende weiße Tuch, ſo weit als ſeine Sehlinie reichte, im Auge, dann machte er Kehrt, wiſchte ſich die Augen trocken und murmelte:„Arme Mutter, armes Kind!“ er, wie rleben? „ was nehmen e frem⸗ Meiſter eck der te. kte ihn eid. er uns id rein Sechstes Kapitel. Baſſompiere, Schwarzenberg und Roßwurm. Die Donaufahrt der jungen Kavaliere, da ſie ohne Zwiſchenfall vor ſich ging, bietet Muße und Gelegenheit, dem Leſer einen Blick in die Vergangenheit zu gewähren, damit er den Helden der Erzählung im Beginne ſeiner Bahn kennen lerne und den Urſprung der Feindſchaft zwiſchen ihm und der Familie Baſſompiere erfahre. Wir folgen, was das letztere Verhältniß betrifft, aus⸗ ſchließlich den von Baſſompiere hinterlaſſenen Memoiren, ſind wir es doch von je gewöhnt, uns die Aufklärung aus der Fremde zu holen. Die Freiherren von Betzſtein oder Beſtein entſtammten den Reichsgrafen von Ravensberg oder Ravensſtein, deren älterer Zweig in Weſtphalen und am Niederrhein große Herrſchaften beſaß, während der jüngere am Mittelrhein und im Weſtrich begütert war. Letzterer, bald an Burgund, bald an Lothringen ſich anſchl gen dem V Name ſtein Zeit in Ve A fehlig J Karl J die W gen! zurüe N mitge Leibn Pfor Flan gen — Gei — — — ſie ohne egenheit, währen, e ſeiner indſchaft e. fft, aus⸗ emviren, fklärung tammten n, deren n große ttelrhein igen ſich anſchließend, erweiterte nach dieſer Richtung ſeine Beſitzun⸗ gen und wurde dadurch der politiſchen Verbindung mit dem deutſchen Reiche immer mehr entrückt. Von einer dieſer Herrſchaften, welche den franzöſiſchen Namen Baſſompiere trug, adoptirten die Barone von Betz⸗ ſtein auch die franzöſiſche Bezeichnung und paſſirten eine Zeit lang, je nachdem ſie mit Deutſchen oder Franzoſen in Verbindung ſtanden, unter jenem oder dieſem Namen. Als Max l. die Burgundiſche Braut heimführte, be⸗ fehligten Betzſteine mehrere ſeiner Landsknechts⸗Regimenter. Im ſchmalkaldiſchen und Türkenkriege unter Kaiſer Karl V. focht ſiegreich ein Franz von Betzſtein. In Lothringen gegen König Heinrich II. wurde ihm die Victoria untreu, und er mußte, als Heinrich Lothrin⸗ gen beſetzte, ihm ſeinen jüngſten Sohn Chriſtof als Geiſel zurücklaſſen. Nachdem er noch den letzten unglücklichen Krieg Karls mitgefochten, begleitete er als Hauptmann der deutſchen Leibwache den melancholiſch gewordenen Kaiſer bis an die Pforte des Kloſters zu St. Juſt, zog ſich hierauf nach Flandern zurück, wo er fern von ſeinem Erbe in Lothrin⸗ gen ſtarb. Was geſchah mit ſeinem Sohne Chriſtof, den er als Geiſel in Frankreich ließ? Er wurde ein mächtiger Kriegsherr, ein großer Liguiſt und, was für uns die Hauptſache iſt, der Vater jenes Frangvis de Baſſompiere, der eine der Hauptperſonen in unſerer Geſchichte bildet. Letzteres Verdienſt, ſo wie gewiſſe Ereigniſſe, die wir im Verlaufe dieſes Kapitels enthüllen, erwerben ihm das Recht einer ausführlicheren Erwähnung. Der junge Chriſtof wurde am liederlichen Hofe Katha⸗ rina von Medicis als Page des ſpäter ſo unglückſeligen Karl IX. erzogen. Trotzdem betrachtete er ſich noch immer als Deutſchen, benutzte die 1564 erhaltene Erlaubniß, Frankreich zu ver⸗ laſſen, um unter ſeinem älteren Bruder in Ungarn zu dienen, wo Suleiman eben vor Szigeth lag und Zriny ſich die Unſterblichkeit erkämpfte. Auf dieſem Zuge lernte der ſiebzehnjährige Chriſtof Heinrich von Guiſe kennen; ein Freundſchaftsbund um⸗ ſchloß beider Herzen und Betzſtein widmete ſein ganzes ritterlich bewegtes Leben dem Haupte der katholiſchen Eiferer in Frankreich, der von maßloſem Ehrgeiz getrieben die gräuelvollen Bürgerkriege verſchuldete. Zwei Jahre ſpäter warb Chriſtof im Auftrage Karl IX. ein Regiment deutſcher Reiter, focht an deſſen Spitze bei Jarnac und Moncontour gegen die Hugenotten, diente ſpäter unter Herzog Alba in den Niederlanden und er⸗ ſchien bei der Pariſer Bluthochzeit als ein Mitſchuldiger Guiſe's. Darauf vermählte ſich Chriſtof von Baſſompiere mit einem reichen Fräulein von Radeval und die älteſte Frucht dieſer Ehe iſt unſer Francvis, geboren am 12. April 1579 auf dem Familienſchloſſe Harouel. Weder Gatten⸗ noch Vaterliebe waren ſtark genug, den Kriegsmann an den häuslichen Heerd zu feſſeln, er vertheidigte mit ſeinen ſelbſtgeworbenen Reitern die Thron⸗ rechte Guiſe Ligue Nava von 3 ein H unter bring T zoſen den( P re terlei Roß nördl Lieut zu v zu th wir G ſonde deutſe haupt Katha⸗ ckſeligen utſchen, zu ver⸗ garn zu Zriny Chriſtof nd um⸗ ganzes holiſchen etrieben darl IX. pitze bei diente und er⸗ huldiger iere mit eFrucht ril 1579 genug, ſeln, er Thron⸗ rechte Heinrich III.; doch ſein Freund Heinrich von Guiſe im Jahre 1585 ſich zum Haupt der katholiſchen Ligue aufwarf, um die Thronfolge des proteſtautiſchen Navarrer zu verhindern, trennte Baſſompiere ſeine Sache von der des Königs und ſchloß ſich ſeinem Freunde an. Zwei Jahre darauf finden wir ihn in Lothringen, wo ein Heer norddeutſcher Proteſtanten heranzog, den faſt unterliegenden Glaubensbrüdern in Frankreich Hülfe zu bringen. Deutſche und Franzoſen ſtanden Deutſchen und Fran⸗ zoſen gegenüber, damals erhitzten ſich die Gemüther für den Glauben, wie in unſeren Tagen für die Nationalität. Baſſompiere, bereits ein mächtiger, einflußreicher Fih⸗ rer, umgab ſich der Sitte der Zeit gemäß mit einer Re rleibwache, ein Freiherr Adolf von Schwarzenberg diente als Hauptmann in derſelben und Herrmann Chriſtof von Roßwurm, ein junger Edelmann, dem echt deutſchen nördlichen Franken entſproſſen, als deſſen Platzhalter oder Lieutenant.*) Wir bitten den Leſer, keinen Moment aus dem Auge zu verlieren, daß wir es hier mit Chriſtof de Baſſompiere zu thun haben, mit dem Vater des jungen Kavaliers, dem wir in Wien beim Rürfechten zuerſt begegneten. Chriſtof de Baſſompiere war nicht blos der ſchönſte, ſondern auch der galanteſte Mann am franzöſiſchen Hofe. als *) Lieutenant von teni lieu, d. j. den Platz halten, daher zu deutſch„der Platzhalter“, Stellvertreter des Hauptmanns, Unter⸗ hauptmann, Unterbefehlshaber. Er war ſo ſchön, daß man das Wort ,ſchön“ aus dem Lerikon des Hofes ſtrich und an deſſen Stelle„Baſſom⸗ piere“ anwendete. Er war ſo galant, daß ſogar ſeine Diener als Muſter der Galanterie galten. Die Gräfin de la Suza durchſchritt den Hof des Louvre, ohne daß jemand ihr die Schleppe trug. Ein Diener Baſſompiere's erblickt ſie und übernimmt den Dienſt. Man ſoll nicht ſagen, ſpricht er, daß ein Diener des Herrn de Baſſompiere eine Dame in Verlegenheit ſah, ohne ihr beizuſtehen. Am andern Tage avancirte der Bediente zum Kam⸗ merdiener. Baſſompiere war nicht blos ſchön und galant, ſondern auch ſplendid, ſo daß Maria von Medicis einmal aus⸗ rief: Ei, ei, der König ſpielt Baſſompiere und Baſſom⸗ piere ſpielt den König. Ihr möchtet wohl gern, meinte Heinrich, daß er es auch wäre. Warum das? Weil Ihr dann einen jüngeren Gatten hättet und einen ſchöneren. Baſſompiere ſpielte ſehr gern und ſehr glücklich. Sei⸗ nem Herzensfreunde Guiſe gewann er alljährlich ein run⸗ des Sümmchen von fünfzigtauſend Thalern ab. Die Gattin Guiſe's bat ihn, mit ihrem Gemahl nicht mehr zu ſpielen und bot ihm dafür eine jährliche Rente von zehntauſend Thalern an⸗ Muſter Louvre, ſondern al aus⸗ Baſſom⸗ ß er es tet und h. Sei⸗ in run⸗ hl nicht e Rente Meiner Treu, erwiederte Baſſompiere nach einigem Ueberlegen, ich kann nicht, ich würde zu viel dabei verlieren. Baſſompiere behauptete einſt, daß es wenige Frauen gebe, die nicht liederlich wären. Nun denn, aber ich? fragte die anweſende Königin? Baſſompiere verneigte ſich und antwortete: Ah, Ihr, gnädige Frau, Ihr ſeid die Königin! Er war der Geliebte der Prinzeſſin von Conti, und dieſe die Schweſter der Frau von Guiſe. Eines Tages ſagte Herr von Vendome zu ihm: Ihr haltet alſo zur Partei der Frau von Guiſe? Warum das? Weil Ihr deren Schweſter küßt. Bah, ruft Baſſompiere, ich habe alle Euere Tanten geküßt und bin dennoch nicht von Euerer Partei. Als einſt der Rath Beautru, ſpäter eines der erſten Mitglieder der franzöſiſchen Akademie, hinter Baſſompiere's Rücken, ihn zu verſpotten, Hörner machte, fragte ihn die Königin, was er da thue? O, achtet nicht darauf, antwortete Baſſompiere raſch an des Gefragten Stelle, Beautru zeigt jedesmal Alles, was er trägt! Baſſompiere war einer der graziöſeſten Tänzer in den damals beliebten theatraliſchen Hofballets. An einem Abende, wo er ſich eben zum Ballet koſtü⸗ mirte, meldete man ihm, daß ſeine Mutter geſtorben ſei. Ihr irrt, gab er zur Antwort, ſie wird erſt geſtorben ſein, wenn das Ballet getanzt iſt! Das iſt der Mann, in deſſen aus Deutſchen beſtehen⸗ E. Breier. General Roßwurm. I. 7 den Leibwache wir im Jahre 1587 den Freiherrn Adolf ur von Schwarzenberg als Hauptmann und Chriſtof von die Roßwurm als deſſen Unterbefehlshaber antreffen. Wir wollen vorerſt einige Worte dem Hauptmanne K widmen und dann von ſeinem Unterbefehlshaber ſprechen. riz 3 Zwiſchen Würzburg und Bamberg lagen die Güter der 6 Barone von Seinsheim. Ihr Geſchlecht war ſo alt, daß ein adliges Sprich⸗ ze wort in Franken die Grumbache als die reichſten, die de Seckendorfe die verbreiteſten und die Seinsheime als die älteſten bezeichnete. B Nahe der Stammburg dieſer Barone lag eine Herr⸗ ſei ſchaft Schwarzenberg genannt. Im Beginne des fünfzehnten Jahrhunderts kauften die Seinsheime die erwähnte Herrſchaft und veränderten ihren ze Namen, von Kaiſer Siegmund zu Reichsbaronen ernannt, Kr in„Freiherrn von Schwarzenberg“ Die Schwarzenberge zeichneten ſich von je durch ihre vo Anhänglichkeit an das Haus Habsburg aus. ſel Tüchtig im Kriege und im Frieden erwarben ſie 1599 R die reichsgräfliche und 1670 die fürſtliche Würde. In der Schlacht bei St. Quentin(1557) ſfiel als Un ſpaniſcher Oberſt Wilhelm Freiherr von Schwarzenberg La und hinterließ einen einzigen noch ſehr jungen Sohn„l Der junge Edelmann, auf dem Schauplatze der ge⸗ waltigſten Kämpfe herangewachſen, ſchlug ſich zu der Partei, liſ welche die Fahne ſeines väterlichen Glaubens entfaltete wi en die mihren nannt, ch ihre 1599 el als enberg Sohn er ge⸗ Partei, tfaltete — 99— und die auf zwei Kriegsbühnen focht, der ſpaniſchen gegen die Niederländer und der liguiſtiſchen gegen die Navarrer. Dieſe Bühnen bildeten damals die hohe Schule für Kriegswiſſenſchaft. Die Schüler Alba's, Parma's, Mo⸗ rizens von Naſſau, Heinrich des Vierten trugen das Wiſſen und die Erfahrungen ihrer Kriegslehrer in die fernſten Gegenden der Chriſtenheit. In dieſer Schule bildeten ſich auch Adolf von Schwar⸗ zenberg und Chriſtof von Roßwurm, die wir bei der deutſchen Leibwache Chriſtof de Baſſompiere's antreffen. Welche Schickſale Roßwurm unter Schwarzenberg und Baſſompiere geführt, iſt unbekannt, geſchichtlich ſind weder ſein Geburtsjahr, noch ſeine Jugendverhältniſſe zu er⸗ mitteln. Das Geſchlecht der Roßwurme hatte ſeit dem vier⸗ zehnten Jahrhunderte ſeinen Sitz um Hildburghauſen und Koburg. Im Jahre 1336 findet man urkundlich eines Heinrich von Ruzzuwurm erwähnt, deſſen Nachkommen ſich wech⸗ ſelnd Rußworm, Rußwurm, Roßworm, am häufigſten aber Roßwurm nannten. Chriſtof von Roßwurm wuchs in rein proteſtantiſcher Umgebung auf, da in den thüringiſchen und fränkiſchen Landen von den Herzogen der Erneſtiniſchen Linie, die „luthriſchen Betfürſten“ genannt, die Reformation früh befeſtiget wurde. Wann Chriſtof von Roßwurm in die Arme der katho⸗ liſchen Kirche zurückgekehrt, iſt unbekannt, in der Zeit, wo wir ihn kennen lernen, iſt er bereits Katholik. 7* Der oben erwähnte Kriegszug norddeutſcher Proteſtan⸗ ten, die den Glaubensbrüdern in Frankreich zu Hilſe kamen, endete auf eine ſehr klägliche Weiſe, die Macht der Guiſe, von der Volksgunſt getragen, verſtieg ſich bis zur Höhnung der königlichen Gewalt. Der rathloſe Heinrich III. berief die Stände nach Blois. Guiſe und ſein Bruder der Kardinal von Loth⸗ ringen folgten furchtlos der Einladung, am Rüſttage auf Weihnachten 1588 lagen ſie beide, auf Befehl des furcht⸗ ſamen Tyrannen ermordet, im Schloſſe zu Blois. Auch Baſſompiere ſollte Aehnliches erfahren, die dentſche Vorſicht ließ ihn jedoch Unheil wittern, er ſtahl ſich im Morgengrauen des vier und zwanzigſten Dezembers, ehe noch die Brücken aufgezogen waren, aus Blois und trug rachedürſtend für den gemordeten Freund die Kunde durch Frankreich. Von den ergrimmten Katholiken mit Geld verſehen, warb er ein neues Heer. Im Juli 1589 ſtand er mit ſeinem Haufen ſchon bei Langres— als der Dolch eines fanatiſchen Mönchs den gefeierten Glaubenshelden Guiſe in dem Blute des Kö⸗ nigs rächte. Dies geſchah am 2. Auguſt 1589 und ſchon im Herbſte ſtand der Herzog von Mayenne, Guiſe's Bruder, an der Spitze von 30,000 Mann, darunter natürlich Baſſompiere mit ſeinen Reitern, Heinrich dem Bearner, als König der Vierte ſeines Namens, gegenüber. Die Liguiſten wurden bei Argues unweit Dieppe ge⸗ ſchlagen, die Reiter Baſſompiere's mußten weichen. ehe trug urch ehen, nbei den erbſte ider piere der e ge⸗ —0 Zur Zeit dieſer Affaire hatte Adolf von Schwarzen⸗ berg die Leibwache Baſſompiere's bereits verlaſſen, war nach den Niederlanden gezogen, wo er an der Spitze eines ſelbſtgeworbenen deutſchen Reiterregiments unter Mannsfeld und dem Herzoge von Parma focht, während der junge Roßwurm nunmehr zum Hauptmanne in der Leibwache Baſſompiere's vorgerückt war. Dieſer ermüdete nicht für die Ligue thätig zu ſein, doch ſie hatte in Heinrich dem Vierten ihren Meiſter gefunden. Der 14. März 1590 entſchied bei Jyry des Königs Uebergewicht über die Ligue, trotz der Hilfe, die ihr der Graf von Egmont in 1300 Lanzen und auserleſenen deutſchen Regimentern zugeführt hatte. Baſſompiere zweifach verwundet, rettete ſich über Char⸗ tres nach Deutſchland und vertraute dem Hauptmanne Roßwurm die Ueberwachung des Schloſſes Le Blanemenil. Der Leſer wird ſich erinnern, daß die dem Marſchall Roßwurm zugerufenen Namen„Le Blanecmenil“ und „Amiens“ bei ihm eine erſchütternde Wirkung hervor⸗ brachten, die nun folgenden Ereigniſſe werden ihm darüber die nöthige Aufklärung bieten, ſie bilden gleichzeitig den Urſprung der Feindſchaft zwiſchen Roßwurm und ſeinem Kriegs⸗ und Lehrherrn, dem alten Baſſompiere. Wir wollen dieſe Ereigniſſe, die eine eigene Erzählung bilden, in dem folgenden Kapitel, ſo kurz wie möglich, ſtizziren. Siebentes Rapitel. Ein Jiebesabenteuer Roßwurms und ſeine Folgen. Der Frühling des Jahres 1590 ging zur Neige und der Sommer ſchickte ſich an, das Regiment anzutreten, der Sommer mit ſeinen langen, heißen Tagen und kurzen erquickenden Nächten. Der Hauptmann Chriſtof von Roßwurm hütete das ihm anvertraute Schloß La Blanemenil, eine Reiterſchaar und ein Häuflein Lanzknechte machten die Beſatzung aus. Eine militäriſche Wichtigkeit mochte das genannte Schloß kaum beſeſſen haben und es handelte ſich wahrſcheinlich mehr um Schutz eines perſönlichen Eigenthums oder um Erhaltung eines künftigen Sammelpunktes, falls es Baſſom⸗ piere gelungen wäre, der Ligue durch neue Anwerbungen wieder friſche Kräfte zuzuführen. Das einſam gelegene Schloß bot dem jungen, kriegs⸗ und lebensluſtigen Hauptmanne auf die Dauer keinen an⸗ genehmen Aufenthalt. und ten, zen das aar us. loß lich um m⸗ en in⸗ — 103— Jagd und Spiel kürzten wohl anfangs die Zeit, mit ihnen wechſelten auch Gelage, allein die Einförmigkeit der Scenerie, die Stabilität der Geſellſchaft führte eine Mo⸗ notonie herbei, die den jungen Edelmann bald verdroſſen und mürriſch werden ließ, er begann ſich zu langweilen. In dieſer, ſeiner perſönlichen Noth führte ihm die Noth des Landes, die herrſchende Anarchie und Unſicherheit, eine Zerſtreuung zu, und zwar die am härteſten Vermißte und am ſehnlichſten herbei Gewünſchte. An einem Abende erſchienen zwei Frauen auf Schloß Le Blanemenil. Sie wurden dem Hauptmanne als die Marquiſe Ma⸗ rianne von Picaut und ihre Tochter angemeldet und wie natürlich auf's Zuvorkommendſte empfangen Die Damen, mit der Familie Baſſompiere befreundet, ſuchten Zuflucht auf dem Schloſſe, von dem ſie wußten, daß es dem alten Liguiſten zu eigen. Der Bürgerkrieg machte die Unſicherheit im Lande ſo anſchwellen, daß die Marquiſe aus ihrem wenig beſchützten Schloſſe förmlich verjagt wurde und nach Blanemenil, der nächſten Beſitzung eines ihr befreundeten Edel⸗ mannes floh. Man hätte meinen ſollen, die Beziehungen der Frauen zu ſeinem Kriegsherrn würden Roßwurm Vorſicht und Ehrerbietung einflößen. Dem war nicht ſo! Der wilde Krieg hatte in ihm die ſchlichten Sitten, den graden Sinn und das zahme Rechtsgefühl des wohl⸗ erzogenen Proteſtanten ſchon ſo weit verwiſcht, daß die — 104— Leidenſchaften nur geringe Schranken fanden, über die ſie ſich ohne Mühe hinwegſetzten. Das Fräulein Picaut, Bertha war ihr Name, ſtand in der Blüthe des Lebens und zeichnete ſich aus durch Schönheit des Leibes, Reinheit der Seele und Sanftmuth des Gemüthes. Sie bildete zu dem heißblütigen, lebensmüthigen Feld⸗ hauptmanne einen ſchreienden Gegenſatz und wurde viel⸗ leicht gerade deshalb von dem jungen, ſchönen Manne angezogen. Roßwurm, ſchon bei ihrem erſten Anblicke entflammt, vergaß die Gefahr, in die er ſich begab und überließ ſich widerſtandslos der Strömung ſeiner Leidenſchaft. Unter ſeinen Reitern befand ſich einer, den er näher an ſeine Perſon gezogen hatte und der bei ihm die Stelle eines Dieners, Kammerdieners, eines Vertrauten einnahm. Dieſer Mann hieß Daniel Luſch, war ſeinem Gebieter mit ganzer Seele zugethan und der Einzige, der es wagen durfte, dem Herrn gegenüber Bedenken zu erheben und Einwendungen laut auszuſprechen. Roßwurm war kein Mann der Verſtellung und Heu⸗ chelei und der alte Daniel erkannte ſchon am Tage nach dem Eintreffen der Frauen, was in dem Inneren ſeines Hauptmannes ſich vorbereite. Er begnügte ſich den Kopf zu ſchütteln. Einige Tage ſpäter begann er zu murren. Daniel, Du fängſt an mürriſch zu werden, was fehlt Dir? ſo der Roßwurm. e ſie tand urch nuth Feld⸗ viel⸗ anne nmt, ſich — 105— Der alte Reiter wirbelte ſeinen Schnurrbart und ſagte: Gnädiger Herr, es beginnt mir im Schloſſe nicht zu behagen. Und mir gefällt es von Tag zu Tag beſſer. Fürſichtige Leute fürchten den Rauſch blos wegen des unausbleiblichen Katzenjammers. Der Roßwurm lachte. Im Liebesrauſch, rief er gutlaunig, iſt ſelbſt der Katzen⸗ jammer ſüß. Denken Sie an Herrn von Baſſompiere; in gewiſſen Dingen verſteht er keinen Scherz. Der Baron iſt auch kein Heiliger! Meiner Treu, das iſt er nicht, die Frauenwelt kennt ſeine Galanterie, allein was die Ehre betrifft, ſo iſt ſie ihm kein Kinderſpiel. Daniel, Du taugſt ſchlecht zum Prediger, überdies weiß ich was ich zu thun habe. Fräulein Bertha iſt ein Engel und einen Engel anzubeten iſt kein Verbrechen. Gnädiger Herr, ich fürchte, ich fürchte. Was fürchteſt Du? Sie werden ſich mit dem Anbeten nicht begnügen und zum Götzendiener werden! Der Feldhauptmann lachte aus vollem Herzen. Wenn es im Buche des Schickſals ſo geſchrieben iſt, ſagte er, werde ich auch das hinzunehmen wiſſen! Der Scherz hielt ſeine muntere Laune noch eine Weile aufrecht, ſie verhinderte ihn jedoch nicht, den treuen Diener verſtummen zu machen, indem er ihm zurief: Genug des Geredes, Daniel, meine Langmüthigkeit iſt zu Ende! — 106— Der Abgewieſene verlor keine Silbe mehr in dieſer Angelegenheit und ſie nahm ihren der Situation und den Charakteren angemeſſenen Verlauf. Wir ſagen der Situation, denn ſie trug dazu bei, die Liebesflamme zu ſchüren und zu unterhalten. Roßwurm, als faktiſcher Herr im Schloſſe, erwies den Frauen alle möglichen Aufmerkſamkeiten und Artigkeiten, das empfindſame Herz des Fräuleins wurde immer enger umſtrickt, ſogar die Marquiſe fand mütterliches Wohlge⸗ fallen an dem ritterlichen Feldhauptmanne und war blind für die ihrer Tochter drohende Gefahr. Das Liebesverhältniß des Feldhauptmannes, im Ge⸗ heimen angeſponnen, konnte nicht lange verborgen bleiben, die Mutter wurde aufmerkſam, erſchrak und kündete ihrer Tochter an, daß ſie mit ihr am nächſten Tage das Schloß verlaſſen müſſe. Bertha theilte dem Geliebten die Schreckenskunde mit, denn was Schrecklicheres kann es für Liebende geben, als ſich trennen zu müſſen? Der Hauptmann, deſſen Leidenſchaft den Höhepunkt erreicht hatte, ſtellte das Schloß einſtweilen unter den Befehl ſeines Lieukenants und entführte die Geliebte. Ein Häuflein ſeiner deutſchen Reiter, unter ihnen Daniel, begleitete ihn. Roßwurm hatte dem Fräulein die Ehe verſprochen, womit es ihm in jenen Tagen der Leidenſchaft voller Ernſt ſein mochte. Leider war das Gefühl nicht von Dauer, die Liebes⸗ gluth erloſch allmälig und je mehr ſie erkaltete, deſto weniger dagegen welches verſpür In den Ro lungen, jedoch dem A Mutter Da Roßwu nicht zi vertrau an ein Reiter von Le Di ſie bra Ba die M Roßwr zuklage De faſſend bemäch Ro das S eilt we — 107— weniger gedachte er ſeines Verſprechens, deſto dringender dagegen wurden die Vorſtellungen des armen Fräuleins, welches die traurigen Folgen der Leichtfertigkeit bereits zu verſpüren begann. In dieſer Bedrängniß, denn eine ſolche war es für den Roßwurm, beging er eine der verwerflichſten Hand⸗ lungen, er entfernte ſich heimlich von der Geliebten, ließ jedoch ein Paar ſeiner verläßlichſten Leute zurück, mit dem Auftrage, das Fräulein nach dem Schloſſe ihrer Mutter zu geleiten. Da die Entfernung kaum zwei Tagereiſen betrug, denn Roßwurm war bisher beſtrebt, ſich von Le Blanecmenil nicht zu weit zu entfernen, um wieder auf den ihm an⸗ vertrauten Poſten zurückkehren zu können, ſo wartete er an einem früher verabredeten Orte die Rückkunft ſeiner Reiter ab, um Kunde von dem Erfolge ihrer Miſſion und von Le Blancmenil zu erhalten. Die Reiter fanden ſich auch wirklich wieder ein, allein ſie brachten ſchlimme Botſchaft. Baſſompiere war von Deutſchland zurückgekehrt und die Marquiſe Picaut hatte ſich beeilt, den Hauptmann Roßwurm der Ent⸗ und Verführung ihrer Tochter an⸗ zuklagen. Der alte Liguiſt entbrannte in Wuth und traf um⸗ faſſende Anſtalten, ſich des Deſerteurs und Schänders zu bemächtigen. Roßwurm, wohl wiſſend, daß von dem ſtrengen Manne das Schlimmſte zu gewärtigen ſei, machte ſich, ehe er er⸗ eilt werden konnte, mit ſeinen Reitern in die Weite. 6 Ein verführtes Mädchen zu verlaſſen, findet in unſerer geſchniegelten Zeit milde Beurtheilnng und noch mildere Strafe. Damals, obgleich Bürger⸗ und Religionskriege wüthe⸗ ten, und Frivolität und Ausſchweifungen in üppigſter Blüthe ſtanden, machte ſich doch eine rückſichtsloſe ſtrafende Moral geltend und die mißhandelte Tugend fand ihren Rächer, die meineidige Verführung ihren ſtrafenden Arm. Karl von Mannsfeld ließ einen ſpaniſchen Hauptmann, deſſen Schuld jener des Roßwurm gleich kam, hinrichten. Heinrich von Navarra, der ſich an der Tochter eines Offiziers in Rochette verfündigte, und von einem eifrigen Prieſter darob zur Rede geſtellt wurde, leiſtete vor der Schlacht vor Coutras im Angeſicht ſeines ganzen Gefol⸗ ges auf den Knieen renmüthige Abbitte und gelobte die vernnehrte Familie zu entſchädigen. Faßt man dieſe keineswegs vereinzelten Fälle in's Auge, ſo beurkunden ſie allerdings ein dem Religions⸗ kriege innewohnendes tieferes Moment und rechtfertigen gleichzeitig die gerechte Beſorgniß Roßwurms vor dem Grimme ſeines empörten Kriegsherrn. Nun gedachte er freilich der Warnung des treuen Daniel und bedauerte, ihr kein Gehör geſchenkt zu haben, die Einſicht kam aber wie gewöhnlich zu ſpät und für Reue war's noch zu früh. Roßwurm lebte nun mittelalterich unabhängig auf eigene Fauſt. Seine Abſicht war, Frankreich, wo ihm aus doppeltem Gru Nied in d derſe mert er w um Waf die 7 fieler zum dort auf Drit ein den — 109— Grunde keine Roſen blühten, zu verlaſſen und in den Niederlanden ſein Kriegsglück zu verſuchen. Auf dieſem Wege gelangte er durch Amiens. Aus leicht begreiflicher Urſache vermied er die Einkehr in der Stadt und zog es vor, in einem Landhauſe vor derſelben zu übernachten. Das Landhaus war einem Maire zu eigen, des küm⸗ merte ſich jedoch unſer Abenteuerer wenig, ſeine Leute und er waren wohlberitten und wohlbewaffnet, zwei Umſtände, um welche alle Marodeure ſie beneideten, denn die Waffen erſetzten das Geld und die Renner ermöglichten b die Flucht. Die Landbewohner, wenn dergleichen Gäſte ſie über⸗ fielen, ehrten die Uebermacht und machten gute Miene zum böſen Spiel. Man beſaß allerlei ſehr praktikable Hausmittel, den Knauſerigen Gaſtfreundſchaft zu lehren. hs⸗ Hier grub man Einen bis an den Hals in die Pfütze, e dort ſteckte man ein Weib in den Schlott, während man ein auf dem Heerde ein ſtattliches Feuer janzündete, einem Dritten rieb man die nackten Fußſohlen mit Salzwaſſer ein und ließ ſeine eignen Ziegen dran lecken, welcher Kitzel aben, den Gefeſſelten bald mürbe machte. für Wie oft oder wie ſelten Roßwurms Leute dieſe und ähnliche Praktiken anwendeten, wiſſen wir nicht, daß ſie ganz rein von Gewalt geblieben, iſt ſchwer zu glauben, er wie ſie waren echte Kinder ihrer Zeit und ſie bildeten keine Ausnahme ihres Standes In dem Landhauſe des Maires ging es alſo in jener etem — 110— Nacht laut und fidel her. Auf dem Feuerheerd brannte es lichterloh und daneben kochte es und broddelte in mäch⸗ tigen Töpfen. Der liebe Gott mag's wiſſen, was und wie viel die wilden Burſche zuſammenfouragirt hatten, die vollen Töpfe und Kaſſerole und die Weinkrüge auf dem Tiſche erweckten lebhafte Vorſtellungen davon. Der Feldhauptmann ließ die Geſellen gewähren, was gewöhnliche Menſchenkinder„ſtehlen und rauben“ nennen, hieß in ihrer Sprache„fouragiren und marodiren“ Roßwurm hatte ſich der Länge nach auf eine Bank hingeſtreckt und betrachtete die Bewegtheit unter ſeinen Leuten, von denen ein Theil der Pferde wartete, während der andere für den Abendtiſch Sorge trug. Ob ſeine Gedanken der eingeſchlagenen Bahn des Blickes folgten? Wir bezweifeln es. Abenteuerliche Charaktere ſenden ihre Ideen immer in die Ferne, oft nach rückwärts, noch öfter nach vorwärts, hinten gilt es Erinnerungen zu wecken, vorne die Maske der Zukunft zu lüften oder Plane zu ſchmieden. Roßwurms Dichten und Trachten war nach vorwärts, dabei war es ihm weniger darum zu thun, den Schleier der Zukunft zu lüften als der Gefahr der Gegenwart zu entfliehen. Er hatte nämlich in Erfahrung gebracht, daß der alte Baſſompiere, ſein Kriegsherr, wie eine wetterſchwangere Donnerwolke hinter ihm her ſei, und bekanntlich graut den wel ent. Peſ er; die ten as en, ank nen end des rts, aske rts, eier tzu alte gere raut — 111— dem Tapferſten der Tapferen vor einem Strafgericht, welches man verdient. Einem Kampfe auf Leben und Tod wäre Roßwurm entgegen geeilt, den Richtertiſch aber floh er wie die Peſtilenz. Daniel! tönt es plötzlich aus ſeinem Munde, ohne daß er ſeine Lage änderte. Der Vertraute begab ſich zu dem Gebieter. Wie hoch iſt's an der Zeit? Mitternacht iſt vorüber. Ich befehle, daß in einer Stunde abgegeſſen und ab⸗ gefüttert ſein muß. Sehr wohl, erwiederte Luſch, welcher, wie man ſieht, auch in neueſter Zeit den Dienſt eines Unterbefehlshabers verſah, weil kein anderer vorhanden war, abgegeſſen und abgefüttert wird ſein, ob aber auch ausgeruht? Rußwurm war ein zu kundiger Reiter, um dieſe Ein⸗ wendung nicht zu würdigen. Wer mit dem Pferde weite Strecken zurücklegen will, muß ihm die nöthige Ruhe gönnen, ſonſt wird es zu Schanden geritten und der Reiter wird bemüßig, es am Zügel zu führen und daneben zu Fuß einher zu trottiren. Auf die Einwendung des Vertrauten winkte der Feld⸗ hauptmann ihn ganz nahe zu ſich heran und begann leiſer mit ihm zu ſprechen. Ich begreife, daß die Pferde in einer Stunde noch nicht ausgeruht ſein werden, ſagte er, allein ſie müſſen ein Uebriges thun. Der Satan von einem Baron iſt uns auf der Fährte, jede Stunde, die wir ihm an Vor⸗ — 112— ſprung abgewinnen, iſt Goldes werth. Wir wollen mor⸗ gen zeitlicher Einkehr halten und ſpäter abmarſchiren, heute müſſen wir aufbrechen, es duldet mich hier nicht. Sag's den Anderen in begütigender Weiſe, ich müßte es ihnen befehlen, und Befehle tönen hart und erwecken Trotz, drum verſuch es vorerſt mit der Ueberredung. In Lagen, wie die des Roßwurm, wo die Bande des Gehorſams gelüftet ſind, hieß es behutſam auftreten, denn die zur Meuterei nur zu geneigten wilden Burſche, kehrten flugs die Schwertſpitze auch gegen den Führer, wenn er begehrte, was ihnen unbillig ſchien. Luſch machte ſich an die Kameraden, um ihnen in ſchonender Weiſe die Nothwendigkeit des Aufbruches be⸗ greiflich zu machen. Sie fuhren ihn an wie Hunde, denen man die Brocken von der Schüſſel nehmen will. Roßwurm gewahrte kaum den Trotz, ſo fuhr er auch ſchon wie der Blitz von der Bank und ſtand mit einem Sprunge, das blanke Schwert in der Luft, vor ihnen. Der Erſte, der nicht gehorcht, donnerte er ihnen zu, iſt des Todes! In einer Stunde wird aufgebrochen, nicht weil ich will, ſondern weil wir müſſen! Die Reiter fügten ſich, aber Einer von ihnen, ein bös⸗ herziger Geſelle, beſchloß ſeine Tücke zu üben. Als die Kumpanei eben das bereitete Mahl verzehrte und wacker darauf loszechte, drang ein Rauchqualm in die Stube und ſchreckte den ganzen Haufen auf. Jener Elende hatte an vier Ecken des Landhauſes Feuer gelegt. lic rie eit or⸗ en, ht. es otz, des nn ten er in ken uch lem zu, icht rte die iſes — 113— Geſchrei und Gelärme. Die Pferde und das Sattelzeug heraus, kommandirte Roßwurm, den das neue Unglück mit Entſetzen erfüllte. Die Reiter fuhren wie toll durcheinander, das ganze Gehöfte, Schoppen und Ställe nicht ausgenommen, loderte in lichten Flammen. Die ſcheugewordenen Pferde wollten nicht von den Krippen und wem es gelang, das ſeinige endlich in's Freie zu zerren, dem verſagte es den Gehorſam beim Satteln. In dieſer heilloſen Verwirrung gewahrten die Reiter die einbrechende Gefahr nicht. Eine mächtige Ueberzahl an Wachen und bewaffneter Bürger flog aus der Stadt herbei und überfiel die Mordbrenner. Was die verſchuldet, ſchrieb man dem Muthwillen und dem Uebermuthe der Marodeure zu. Eine Biene hatte geſtochen und man wollte den ganzen Korb in's Waſſer werfen. Die Reiter wehrten ſich ihrer Haut. Der Hauptmann und Luſch fochten wie Löwen. Vergebliche Mühe. Das Hauptaugenmerk der Bürger richtete ſich vorzüg⸗ lich auf den Anführer. Roßwurm und Daniel wurden überwältigt, die übrigen mehr oder minder verwundet, zerſprengt und verjagt. Der alte Baſſompiere war von dem Fange benach⸗ richtigt, flog wie die rächende Nemeſis auf Windesflügeln einher, noch an dem nämlichen Tage ſtand der gefangene Roßwurm ihm gegenüber. E. Breier. General Roßwurm. I. 8 — 114— Bei dem militäriſchen Standgerichte, welches über den Hauptmann abgehalten wurde, präſidirte Baſſompiere in eigener Perſon, ihm am nächſten im Range war der General⸗Wachtmeiſter Louis de LHopital⸗Vitry. Die Anklage lautete auf Entführung, Deſertion und Mordbrennerei. Roßwurm vertheidigte ſich, ſo gut er konnte. Bezüglich der zwei letzteren Anſchuldigungen gelang es ihm, ſeine Richter von ſeiner Schuldloſigkeit zu überzeugen. Er machte geltend, daß er vor ſeiner Entfernung aus dem Schloſſe Le Blancmenil das Kommando dem Unter⸗ befehlshaber übergeben habe, daß er wieder zu kommen geſonnen geweſen ſei, daß man nicht vor dem Feinde ge⸗ ſtanden habe, folglich er ſich blos als abweſend betrachtete. Was die Feuersbrunſt im Landhauſe betreffe, wäre ſie, wenn nicht zufällig, ſo gewiß ohne ſein Wiſſen und ſeinen Willen entſtanden. Die übereinſtimmende Ausſage Daniel Luſch's kam ihm dabei ſehr zu Statten. Gegenüber dem Verbrechen der Entführung vermochte er ſich nicht zu vertheidigen. Seine kriegeriſche Tüchtigkeit und ſeine Jugend gaben jedoch bei den Richtern beredte Fürſprecher ab und ſie zeig⸗ ten ſich geneigt, ihm das Verbrechen nicht hoch anzurechnen. Da ergriff aber Baſſompiere das Wort, hob das un⸗ edle, unritterliche Benehmen des Hauptmannes hervor, ſchilderte die Verzweiflung der entehrten Familie und wies auf das Beiſpiel anderer Kriegsherren, welche dergleichen Verbrechen mit dem Tode beſtraften. Di jür na An Ge lic he Ve en er nd r⸗ e⸗ te. re nd — 115— Die Stimmen der Beiſitzer theilten ſich— die des Präſidenten wurde die entſcheidende. Da das Geſchick des Verbrechers mir anheimgegeben, ſagte der ſtrenge Liguiſt, ſo ſpreche ich das Schuldig über ihn aus und verurtheile ihn zum Tode durch das Schwert, welches Urtheil morgen um die ſechste Frühſtunde an ihm vollzogen werden ſoll, öffentlich zum abſchreckenden Bei⸗ ſpiele. Profoß, bemächtigt Euch des Verurtheilten! Roßwurm warf dem ſtrengen Manne einen Blick des tödtlichſten Haſſes zu und ſagte: Ich bin ſchuldig; ob, was ich gethan, nur mit dem Verluſte des Lebens geſühnt wer⸗ den kann, geb' ich zu bedenken. Weh' Dem, der einen unſchuldigen Edelmann dem Henker überliefert! Nach dieſer, aus dem Munde eines Gefangenen un⸗ gefährlichen Drohung wurde er in das Gefängniß zurück⸗ geführt. Alle Welt in Amiens hielt den Hauptmann für ver⸗ loren, und er wäre es auch geweſen, ohne den General⸗ Wachtmeiſter de LHopital⸗Vitry. Dieſem hatte Roßwurm bei einer früheren Gelegenheit Dienſte erwieſen, welcher Art dieſe waren, erwähnt der jüngere Baſſompiere nicht, deſſen Memoiren wir getreulich nacherzählen, in jedem Falle müſſen ſie erheblich und das Anſehen Roßwurms bereits ſehr reſpektabel geweſen ſein, weil ſonſt ein ſo tüchtiger und angeſehener Mann, wie der General⸗Wachtmeiſter, wegen eines gewöhnlichen, lieder⸗ lichen Kriegsgeſellen ſich nicht der Ungnade des Kriegs⸗ herrn ausgeſetzt haben würde, indem er einem zum Tode Verurtheilten die Flucht ermöglichte. 8* Und das geſchah. In welcher Weiſe, erwähnt unſere Quelle nicht, es iſt auch gleichgültig; wo eine ſo mächtige Hand im Spiele iſt, ſind die Mittel ohne Intereſſe. Genug, am Morgen fand man nicht nur Roßwurm's, ſondern auch Luſch's Ge⸗ fängniß leer. Baſſompiere tobte, daß der Schuldige der Strafe ent⸗ ronnen, und der flüchtige Hauptmann wüthete gegen Baſſompiere, der ihm ein ſo ſchmähliches Ende zu be⸗ reiten gedachte. Den unſicheren Boden Frankreichs fliehend, eilte Roß⸗ wurm, voll nachhaltigen Grimmes gegen Baſſompiere, nach den Niederlanden, traf dort ſeinen früheren Haupt⸗ mann, den Freiherrn Adolf von Schwarzenberg, an der Spitze von 2000 Reitern, auf der Seite der ſpaniſch⸗ katholiſchen Partei, und begab ſich wieder unter deſſen Befehl. Das Jahr 1593 findet ihn bereits als Oberſtlientenant. Für einen jungen fähigen Kriegsmann gab es auf dem niederländiſchen Schauplatze viel zu lernen. Seit dem Tode des Herzogs von Parma war zwar an die Stelle des großen Krieges der kleine getreten, allein darin bildete ſich eine neue Taktik heran. Das große Talent des jungen Naſſau begann ſich zu entwickeln, und in ſein, wie in das ſpaniſch⸗niederländiſche Lager zogen militäriſche Abenteurer von allen Windrich⸗ tungen Europa's. Roßwurm lernte hier die Mannsfelde kennen, den bereits berühmten Georg Baſta, den unübertroffenen iſt iele gen Ge⸗ ent⸗ gen be⸗ oß⸗ ere, upt⸗ der iſch⸗ ſſen ant. dem war llein zu iſche rich⸗ den enen — 117— Wallonen-Oberſten Johann Tſcherklas von Tilly, den Grafen Johann Jakob Barbiano von Belgivjoſo, lauter Männer, beſtimmt, ſpäter auf die tragiſche Wendung ſei⸗ nes Geſchickes Einfluß zu üben. Noch war der ſpaniſch-niederländiſche Kampf nicht beendet, als an der Oſtgrenze Oeſterreichs der Türken⸗ krieg entbrannte. Im Reich wurde die Türkenglocke geläutet, die er⸗ ſchreckten Geiſter ſahen den Halbmond ſchon zum zweiten Male vor den Thoren Wiens, die Feſtung Raab hatte er ohnedem bereits genommen, Graf Hardeck, der ſie über⸗ gab, büßte den Schimpf mit ſeinem Kopfe auf dem Platze am Hof zu Wien. Kaiſer Rudolf, einen erfahrenen Oberfeldherrn ſchwer vermiſſend, wandte ſich an ſeinen Oheim Philipp II. von Spanien, ſich den berühmten Karl von Mannsfeld zum Befehlshaber ſeines Heeres erbittend. Dieſer, des Krieges gegen Mitchriſten überdrüſſig, nahm die Erlaubniß und das Anerbieten um ſo williger an, da er vom Kaiſer auch die Ermächtigung erhielt, tüch⸗ tige Befehlshaber und Kriegsleute aus den Niederlanden mitzubringen. So betraten die unter dem Namen Wallonen bekannten Elitetruppen jener Zeit Oeſterreichs Boden, ſo kam Adolf von Schwarzenberg an der Spitze von 2000 Reitern in unſer Vaterland, mit ihm der Oberſtlieutenant Chriſtof Hermann von Roßwurm, 300 Reiter befehligend. Das kaiſerliche Dekret, welches dieſem das Antrittsgeld bewilliget, iſt vom 28. Juni 1594 datirt. — 118— Damit ſind wir an einer neuen Epoche im Leben un⸗ ſeres Helden angelangt, an einer Epoche, die bis zum Beginn dieſer Erzählung faſt ein Decennium umfaßt, das wir aber um ſo weniger übergehen können, da wichtige Kriegsereigniſſe, ſchwere Kämpfe es füllen, welche unſerem Helden Gelegenheit boten, ſich zum Höhepunkt ſeines Ruh⸗ mes empor zu heben. 7c) un⸗ zum das tige rem tuh⸗ Achtes Kapitel. Roßwurm unter Mannsfeld, Schwarzenberg und Mercoeur. Der Leſer ängſtige ſich nicht. Wir werden ihn nicht mit Details eines mehrjährigen Türkenkrieges beläſtigen, die Freigniſſe ſollen an ihm nur vorüberſtreichen, und zwar gerade ſo ſchnell, um den Helden der Erzählung nicht aus dem Auge zu verlieren. Der berühmte Karl Graf von Mannsfeld iſt ein Sproſſe der katholiſchen, niederländiſchen Linie der Mannfeld, ſein Vater, ſchon achtzigjährig, hing mit unerſchütterlicher Treue am Hauſe Oeſterreich. Bei der Uebernahme des Oberbefehls in Ungarn war er erſt 52 Jahre alt, doch bereits mit Wunden überdeckt. Sein Name geht durch alle damaligen Kriegszeitungen, er hat in den Niederlanden und in Frankreich in zahlloſen Schlachten und Gefechten mitgekämpft. Seine Geſundheit war angegriffen. Noch im Jünglingsalter, ſchnitt man ihm ein lebendes Thier— faſt einer Eidechſe gleich— aus dem Beine. — 120— Seit damals hinkte er. Genoſſene Liebestränke, beigebrachtes Gift, frühere Trunkliebe, kurz ein wüſtes Soldatenleben hatten ſeinen Organismus zerſtört. Dieſes körperliche Unbehagen, verbrüdert mit einem erſchrecklichen Jähzorn, erzengte eine allſeits gefürchtete Strenge, die oft in Grauſamkeit ausartete; allein das Er⸗ gebniß davon, eine unerbittliche Kriegszucht, war es eben, was dem kaiſerlichen, aus dem bunteſten Söldnergemiſch gebildeten Heere Noth that. In Frankreich hatte Mannsfeld nach einem Wort⸗ wechſel an der Tafel einen Hauptmann erſtochen, in den Niederlanden erdolchte er ſeine zweite Frau ſammt ihrem Buhlen wegen Ehebruch. Jetzt als berühmter Führer wurde er auf der Reiſe durch Prag zum Reichsfürſten erhoben und in Wien mit einer goldenen Kette geſchmückt. Fürſt Mannsfeld befehligte unter der Aegide des Erz⸗ herzogs Mathias. Das Heer zählte 13,000 Reiter und 51,000 Mann zu Fuß. Mannsfeld erſchien in prachtvoller, kleidſamer Ma⸗ gyarentracht, die zuchtloſen Haufen erzitterten unter ſeiner Strenge. Unweit von Wien verlangten unbezahlte Regimenter trotzig ihren Sold und ſandten drei„Ambaſſaten“ an den Feldherrn. Dieſer befahl den drei Männern zu würfeln. ere ten em ete Er⸗ en, ſch rt⸗ en em iſe nit rz⸗ nn ka⸗ ner ter en — 121— Jener, welcher die meiſten Augen warf, mußte die bei⸗ den Anderen ohne Verzug aufknüpfen. Als der entlaſſene Henker zu ſeinem Regimente zurück⸗ kehrte, verſtummte die Meute. Bei Wieſelburg wurde ein meilenweites feſtes Lager mit Wällen und Gräben gebaut. Mannsfeld, hoch zu Roß, ſchleppte ſelbſt Faſchinen herbei, der Markgraf von Burgau, aus erzherzoglichem Blute, handhabte den Spaten. Wie erſt die Anderen! Ja, ſogar 800 Weiber des Lagers, darunter manche Edeldame, mußten Hand anlegen; freilich hatte der Feld⸗ herr Eine, die ſich weigerte, gebunden bis zur Hälfte des Leibes eingraben laſſen, und ein ungariſcher Reiter, weil er ein Reiſigbündel wegwarf, wurde an den nächſten Baum gehängt. In wenigen Tagen war das Lager für 80,000 Mann zu Stande, keine Hand ſtahl eine Frucht vom Baume, keine Garbe auf dem Felde wurde berührt, Krämer und Landleute boten ungefährdet auf dem Lagermarkte ihre Feilſchaften aus, und doch ſtanden hier unter Anderen dieſelben Wallonen— die Turkos jener Zeit— die wegen ihrer Mord⸗ und Plünderungsſucht auf dem Zuge durch Deutſchland von Stadt zu Stadt durch bewaffnete Bür⸗ ger eskortirt wurden, bis man ſie auf der Donau ein⸗ ſchiffte, wobei es in der Nähe Wiens dennoch zu Gewalt⸗ thaten kam. Die Türken, durch Hin⸗ und Hermärſche irre gemacht, — 122— wähnten, der Angriff gelte Raab, während Mannsfeld urplötzlich vor Gran erſchien. Einen Monat dauerte die Belagerung, Schwarzenberg und Roßwurm hatten ſich den Türken bereits furchtbar gemacht, als Sinanpaſcha, die heilige Fahne mit ſich füh⸗ rend, zum Entſatze erſchien. Zwiſchen Straßaberg und Georgenfeld kam es zur Schlacht. Die Chriſten ſiegten. t 39 Feldſchlangen, 27 Fahnen und 1500 Zelte wurden erbeutet. Der Roßwurm, über das Gebirge defilirend, erſtürmte das feindliche Lager, die Viktoria war vollkommen. Mannsfelds Neffe flog mit der Freudenkunde nach Prag zum Kaiſer, aber dem Glücke folgte ein Unglück. Der von der Schlacht erhitzte Feldherr, dreimal hatte er die Pferde gewechſelt, heiſer vom Kommandiren und Anordnen, genoß, ſich zu erquicken, Trauben und Melonen und bekam Fieber und Ruhr. In den Phantaſieen ſtets nur nach Gran fragend, erlebte er noch den Fall der Waſſerſtadt und ſtarb. Wenige Tage darauf ergaben ſich Stadt und Schloß Gran, dann fielen Wiſſegrad und Waitzen, es waren dies die Nachfrüchte des Mannsfeld'ſchen Feldherrngeſchicks. f 8 Im folgenden Jahre(1596) treffen wir Schwarzenberg als Feldmarſchall und Roßwurm als Oberſten eines friſch geworbenen Regiments vor Waitzen. Roßwurm und Terzka erſtürmten nach einem vier⸗ eld erg ar ih⸗ zur en nte ach tte nd len ſtündigen Würgen das feſte Hatwan, die Wallonen und die Deutſchen wetteiferten in den ausgeſuchteſten Martern und Grauſamkeiten nicht blos gegen die Beſatzung, zum Entgelt dafür ſtürzte ſich das vor Rache entflammte Türken⸗ heer auf Erlau und fünfthalbtauſend Chriſten wurden ge⸗ ſchunden, entmannt und ſinnreich gemartert. Erzherzog Maximilian kam zu ſpät, um Erlau zu ent⸗ ſetzen, wohl aber zeitlich genug, um zehn Tage darauf in der Ebene von Kereßtes eine dreitägige Schlacht zu liefern. Die Schlacht war am Ende des dritten Tages von den Deutſchen und Ungarn ſchon gewonnen, 109 Kanonen waren erbeutet, darunter 43 von Roßwurm, als die Trup⸗ pen, dem erzherzoglichen Befehl zuwider, zu plündern an⸗ fingen, ſich zerſtreuten, dabei aber noch einmal angegriffen wurden. In weniger als dreißig Minuten waren 20,000 chriſt⸗ liche Reiter in die Sümpfe verſprengt, im Ganzen gingen 50,000 Chriſten zu Grunde. Das war die berühmte Schlacht bei Erlan, an Schrecken und Verderben gleich der von Mohacs. Der Erzherzog, Schwarzenberg und Roßwurm reiſten nach Prag, wo ſie den Winter verbrachten. Im Jahre 1597 wurde der Feldzug erſt im Herbſt eröffnet. Roßwurm erhielt vor Papa, welches erobert wurde, eine Schußwunde, Totis ward mit einer Petarde geöffnet und erſtürmt, und dann bei Komorn nach dem Beiſpiele Mannsfelds ein Lager geſchlagen. — 124— Drei Tage lang ſtürmte der Serdar die kaiſerlichen Linien, wurde aber zurückgeworfen. Im März(1598) öffneten Schwarzenberg und Palſy das feſte Raab durch Liſt und eroberten es, nur fünf Mann der Beſatzung entkamen, um in Ofen den Verluſt zu melden. Deutſchland und die ganze chriſtliche Welt jubelten über die Waffenthat. Schwarzenbergs Name ging durch Aller Mund, er ward reich beſchenkt, zum Ritter geſchlagen und in den Grafenſtand erhoben. Den Ständen und Städten in Ober⸗ und Unteröſterreich wurde anbefohlen, an den Heerſtraßen Denkſäulen und Kreuze aufzurichten und darauf die Inſchrift einzugraben: „Sag' Gott dem Herrn Lob und Dank, Daß Raab iſt kommen in der Chriſten Hand!“ Nun ging es an die Belagerung von Ofen, dieſe aber mußte trotz bereits errungener Erfolge wegen eingefallener ſtürmiſcher Witterung aufgehoben werden. Friedensunterhandlungen, die ſich zerſchlugen, lähmten den Feldzug von 1599, wieder erſt im Herbſt ſtanden ſich beide Lager zwiſchen Gran und Ofen gegenüber, ſtreifende Tartaren verwüſteten weit und breit das Land, allein Schwarzenberg, entſchloſſen ohne höhere Weiſung nichts zu unternehmen, blieb unthätig im verſchanzten Lager. Das Jahr 1600— als Jubeljahr auf das Geheiß Clemens des Achten feierlich begangen, brachte neuen Verluſt. Schwarzenberg wurde von der wegen Sold⸗ . 1 hen lſy inf uſt ten ch gen eich ind en: ber ner ten ſich nde ein hts eiß uen d⸗ rückſtände meuteriſchen Franzoſen⸗ und Wallonenbeſatzung Papa's durch eine Kugel getödtet. Roßwurm beklagte tief den Verluſt des deutſchen Kriegs⸗ lehrers; der Kaiſer, neuerdings in Verlegenheit wegen eines bewährten Heerführers, beauftragte ihn, da er mit den katholiſchen Kriegsmatadoren Frankreichs perſönlich bekannt war, den Uebertritt des Lothringer Herzogs Philipp Ema⸗ nuel von Mercoeur zu vermitteln. Dieſem wurde nun der Oberbefehl gegen die Türken anvertraut. Sein erſter Zug, die belagerte, vom Oberſten Para⸗ deiſer mühſelig und ängſtlich vertheidigte Feſtung Caniſa zu entſetzen, mißlang, er zog ſich zurück bis nach Raab, die Vormauer der Steiermark kam acht Tage nach ſeinem Abzuge in die Hände der Türken und Paradeiſers Kopf rollte darob auf dem Blutgerüſte zu Wien. Nach dem Falle Caniſa's lagen Steiermark, Krain und Kärnten den Türken offen. Erzherzog Ferdinand, als nach⸗ maliger Kaiſer der zweite ſeines Namens, vom Papſte und italieniſchen Fürſten unterſtützt, zog nun ebenfalls von Graz aus, Caniſa wieder zu erobern. Es ſtanden damals(1601) drei öſterreichiſche Heere im Felde, eines unter Baſta, dieſer war 1598 nach Oeſter⸗ reich berufen, in Siebenbürgen, das andere unter dem Herzoge von Mercveur zwiſchen Gran und Komorn, und das dritte unter dem Erzherzoge Ferdinand vor Caniſa. Bei dieſer Armee waren alle hohen Stellen mit wäl⸗ ſchen Generalen beſetzt, hier befehligten Aldobrandini, ein — 126— Neffe des Papſtes, der Herzog von Mantua, Giovanni de Medici u. ſ. w. Die Italiener verlangten, daß kein Proteſtant eine Stelle erhalte, man zog mit geweihten Waffen in den heiligen Krieg. Der Hochmuth der Wälſchen ſank ſchon nach dem erſten Monate der vergeblichen Belagerung. Es iſt in Herrn von Hammers türkiſcher Geſchichte nicht gar erbaulich zu leſen, wie der verſchmitzte Haſſan, der Opiumeſſer benamſt, durch luſtige Kunſtgriffe die Hochmüthigen geäfft, genarrt und irre geführt hat, bis endlich der Erzherzog gezwungen war, bei ſeinem Oheim um Hilfe anzuſuchen. Erzherzog Mathias befehligte den Roßwurm nach Caniſa. Dieſer hatte indeſſen Heldenarbeit gethan. Stuhlweißenburg ſollte genommen werden. Ohne Bezwingung der hinter Sümpfen gelegenen be⸗ feſtigten Vorſtädte war der Stadt nicht beizukommen. Mercoeur hatte von einer ſeichteren Moraſtſtelle, durch welche die Szigeth⸗Vorſtadt zugänglich war, Kunde er⸗ halten, und beauftragte den bereits zum Feldmarſchall ernannten Roßwurm mit dieſem Unternehmen. Der Beauftragte wählte tauſend der verwegenſten Wal⸗ lonen und Deutſche, belnd ſich und ſie mit Reiſigbündeln und ging in der Nacht am 16. September an die wagige Arbeit. Neun Stunden lang arbeitete und watete Roßwurm im bis an die Bruſt reichenden Sumpfe, endlich erreichte er die Vorſtadt. u1 di nni eine den ſten ichte ſan, die bis eim nach be⸗ urch chall Wal⸗ un beit. vurm eichte Die Furth war ſchmal und ein Theil ſeiner Erwählten ſtand noch zurück. Schon dämmerte der Morgen heran; wartete Roß⸗ wurm, bis die Uebrigen nachkamen, ſo entdeckten die Türken bei anbrechendem Lichte ſeine Vereinzelung und er war verloren. Er befahl den Angriff. Den Namen Chriſti rufend unter forcirtem Schreien und Lärmen, warf er ſich auf die erſchrockenen Moslim und jagte ſie durch die Thore in die eigentliche Stadt. Gleichzeitig griff Mercveur die anderen Vorſtädte an, die Türken flohen mit Zurücklaſſung ihrer Kanonen. Eine dreitägige Beſchießung der inneren Stadt von den Vorſtädten aus brachte Stuhlweißenburg in die Hände der Chriſten. Das Gemetzel war entſetzlich. Der alte Königspalaſt, die Grabkirche der ungariſchen Könige, wurde von den Türken in die Luft geſprengt. Reiche Beute fiel in die Hände der Wallonen, welche den Deutſchen zuvorkamen. Sie verſchonten ſelbſt die Königsgräber nicht und zerrten die Leichen der arpadiſchen Herrſcher aus den Särgen. Mercveur befahl, die Feſte eiligſt wieder in Stand zu ſetzen, denn ſchon zog der Großvezir Haſſan, der Oebſtler zubenamſet, mit mächtigem Heere heran. Drei Wochen ſpäter, am 15. Oktober 1601, begann unter ven Mauern von Stuhlweißenburg am Velenſerſee die offene Feldſchlacht. — 128— Erzherzog Mathias war von Wien herbeigeeilt, das Errungene tapfer zu vertheidigen. Das kaiſerliche Heer lagerte in feſtem Paſſe zwiſchen zwei Bergen. Der Roßwurm, im Verein mit dem Grafen Heinrich Mathias von Thurm, hielt den erſten feindlichen Angriffen heldenmüthig Stand, ſie vertheidigten die Schanzen, die Deckungen des Paſſes. Lange aber hätte das eingekeilte chriſtliche Heer nicht auszudauern vermocht, der übermächtige Feind ſchnitt ihm alle Zufuhr ab. Roßwurm und der Graf von Sulz drangen in den Herzog, aus dem Paß heraus zu treten und im offenen Feld die Schlacht zu wagen. Der Erzherzog ſtimmte bei. Roßwurm, an der Spitze des geſammten Fußvolkes, warf ſich dem fünffach überlegenen Feinde entgegen. Der Angriff iſt fürchterlich, doch die Uebermacht droht zu ſiegen. Schon fliehen einzelne Fähnlein der Ungarn. Da erſcheint der Kapuziner Lorenz Brandiſi mit dem Kreuze in der Hand, und wie einſt Kapiſtran vor Belgrad, tritt er den Fliehenden mahnend entgegen. Roßwurm wirft ſich in das dichteſte Getümmel, ſein mächtiger Ruf entflammt die Zagenden, auf allen Seiten entfaltet ſich die blutige Schlacht, und„Sieg! Sieg!“ tönt es in den Reihen der Chriſten. Und es war ein vollſtändiger Sieg. Ein Tedeum zu St. Stefan in Wien feierte ihn, die eir bef zu vol hai zu reit An län St pir Un Se nich „das iſchen einrich griffen die nicht tt ihm n den ffenen olkes, n. t droht tit dem er, ſein Seiten Sieg!“ hn, die Wiener Bürger ehrten den heimgekehrten Erzherzog durch ein Bankett, an dem auch Herzog Mercveur Theil nahm. Für Roßwurm aber gab es neue Arbeit, er wurde befehliget, dem Erzherzog Ferdinand vor iſa Hilfe zu bringen. Mit 2000 Reitern und 6000 Mann abgematteten Fuß⸗ volkes ſollte er die prahleriſchen Wälſchen retten. Mathias von Thurn, Graf Philipp von Solms, Jo⸗ hann Ernſt Fürſt von Anhalt hatten ſich ihm angeſchloſſen. Auf böſen winterlichen Wegen, gezwungen, das Gepäck zu Wesprim zurückzulaſſen, langte der Unermüdliche be⸗ reits am 12. November vor Caniſa an. Schon die erſte Beſichtigung ließ ihn die traurigen Anſtalten und die noch traurigere Lage erkennen. Er machte auch kein Hehl daraus, erklärte aber trotz⸗ — „1 dem die Belagerung fortführen zu wollen. Di ie Italiener hatten aber keine Luſt, die Beſchwerden länger zu tragen, und verließen nach dem am 15. No⸗ vember abgehaltenen Kriegsrathe das Lager. Zum Unglück brach ein furchtbares Unwetter herein, Sturm, Schnee und def das im Freien kam⸗ pirende Heer und dezimirten es, man gab das nunmehr Unmögliche auf und trat den Rückzug an. Die ſchelmiſchen Italiener hatten aber alle Ketten, Seile und Stricke verſchleppt, ſo daß man das Geſchütz nicht fortbringen konnte. Durch einen feindlichen Ausfall zur Eile genöthigt, mußte man ſogar den rothſammtenen Thron des Erzher⸗ zogs zurücklaſſen. E. Breier. General Roßwurm. 1. 9 Roßwurm befehligte bei dieſem verheerenden Rückzuge die Nachhuth. Eine Ehre, für die er dem Erzherzoge Dank wußte. In dem kläglichſten Zuſtande erreichte man Pettau uud Graz. Roßwurm ging nach Wien. Der ſiegreiche Feldherr, Herzog von Mercveur, auch vom Kaiſer in Prag auf's Ehrenvollſte empfangen, erbat ſich einen Urlaub nach Lothringen, der ihm auch bewilligt wurde. Auf der Reiſe ergriff ihn zu Nürnberg ein heftiges Fieber und raffte ihn dahin. Er ſtarb, noch nicht dreiundvierzigjährig, am 19. Fe⸗ bruar 1602. In dem Raume weniger Jahre der dritte kaiſerliche Heerführer. ge zoge ttau Neuntes Kapitel. Roßwurm vor Dfen.— Paſſompiere und ſein Schildhalter. Wem ſollte nun die Heeresleitung in Ungarn anver⸗ traut werden? Der Kaiſer entſchied ſich für den Marſchall Roßwurm, deſſen Eifer, Unternehmungsluſt und Tapferkeit ihm trotz ſeiner proteſtantiſchen Abſtammung, trotz ſeiner Jugend gegenüber viel älterer Kriegsoberſten, den Vorrang ver⸗ ſchafften. Schon im Auguſt— alſo früher wie in den verfloſ⸗ ſenen Jahren—— zog der Großvezir Haſſan von Ofen gegen Stuhlweißenburg. Roßwurm beeilte ſich in eigener Perſon, eine Verſtär⸗ kung und Kriegsbedürfniſſe in die bedrohte Feſte zu werfen, und anvertraute die Vertheidigung derſelben dem Grafen Johann Markus Iſolani. Die Türken aber ahmten Roßwurms Wageſtück vom vorigen Jahre nach und nahmen die Waſſerſtadt; ſchon 9* — am 29. Auguſt fiel die al Krönungsſtadt wieder in d Der Großvezir überſchr und lagerte in der Ebene von Peſt. Roßwurm ſtand gegenüber von Gran. Auf die Kunde, daß Moſes Szekely in Siebenbürgen ſich wider Georg Baſta erhoben, machte ſich der Groß⸗ vezir auf, ihm zu Hilfe zu eilen. Roßwurm hörte kaum davon, ſo brach auch er auf, nahm Waitzen, warf von der Inſel Andreä eine Schiffbrücke nach Peſth und begann dieſe Stadt zu be⸗ e Gewalt des Erbfeindes. ungariſche Königsgräber- und G t t darauf bei Ofen die Donau lagern. Um die feindliche Brücke, welche Peſth und Ofen ver⸗ band, zu zerſtören, bediente er ſich der Tſchaikenflotille, die unter dem ſpeziellen Befehle des Freiherrn Gilbert von Saint Hillairs ſtand. Dieſer, ein Lothringer von Geburt— er wurde ſpäter Arſenal⸗Hauptmann in Wien— konſtruirte einen Brander, den man gegen die feindliche Brücke ſchwimmen ließ. oßwurm, welcher ſich auf eine der Tſchaiken begeben hatte, griff die Vertheidiger der Brücke perſönlich an, wäh⸗ rend der Graf von Sulz ſich den Zugang vom Peſther Ufer aus erfocht. Der doppelte Angriff glückte und zahlreiche Feinde wurden theils auf der Brücke getödtet, theils in den Strom geſprengt, der Brander zerſtörte die Verbindung des Fein⸗ des zwiſchen Peſth und Ofen. Der Angriff auf Peſth geſchah nun ebenfalls gleich⸗ zeitig von der Waſſer⸗ und Landſeite, und die ſtark be⸗ und nau rgen roß⸗ eine be⸗ ver⸗ tille, ilbert päter nder, geben wäh⸗ eſther einde Strom Fein⸗ gleich⸗ rk be⸗ feſtigte Stadt fiel nach erbarmungsloſem Morden in die Gewalt der Chriſten. Ein Haufe von Türken ſammt Weihern und Kindern flüchtete ſich in einen Thurm. Roßwurm befahl, ſie zu ſchonen, und entließ die Be⸗ ſchenkten nach Ofen, um dort die Gemüther für eine Kapitulation williger zu ſtimmen. Reiche Beute, von den Türken während ihres mehr als fünfzigjährigen Beſitzes dieſer Stadt aufgehäuft, fiel in die Hände der Chriſten. Das Heer ſpendete dem Befehl zwölf der prachtvollſten Fahnen und überbrachte ſie ihm feierlich in ſein Zelt. Nun galt es die Feſtung Ofen, die Hauptſtadt des türkiſchen Ungarus, zu bezwingen. Roßwurm, kecken Mr hes ſchmeichelte ſich durch ſeine Geſchütze und Minen des b eſten Erfolges. Allein der Großvezir, kaum daß die Nachricht von dem Siege der chriſtlichen wne ihn ereilte, machte kehrt um und erſchien mit ſeiner Armada wieder auf dem Rakos. Roßwurm zog ihm mit der Reiterei entgegen, wurde aber, weil in zu Minderzahl, zum Rückzuge ge⸗ zwungen. Nun zerſtörten die Türken wieder die Schiffbrücke der Chriſten und belagerten Peſth, während Roßwurm daſſelbe mit Ofen that. Nachdem Peſth zwanzig Tage lang von den Moslim beſchoſſen wurde, mußte der Großvezir, der wegen Mangel Lebensmitteln bereits an den Vorräthen der Feſtung — 134— Ofen zu zehren begann, den Rückzug antreten, doch that er es nicht, ohne 2000 Janitſcharen mit dem nöthigen Kriegsgeräthe in die Feſtung zu werfen. Nun begann chriſtlicher Seits die Belagerung Ofens mit erneuerter Heftigkeit, allein der Beglerbeg Ali und Habil, der achtzigjährige Richter von Ofen, vertheidigten die Feſtung mit Umſicht, Standhaftigkeit und Energie. Bei einem ihrer zahlreichen, mörderiſchen Ausfälle be⸗ ſtiegen ſie eine vom Regiment Schwarzenberg nachläſſig bewachte Schanze, vernagelten die Kanonen, hieben tau⸗ ſend Deutſche nieder, darunter einen Sohn des Fürſten Karl von Mannsfeld. Roßwurm, der ſich eben mit franzöſiſchen Kavalieren beim Kartenſpiel befand, geringſchätzte den Angriff und ſandte blos ſeine Unterbefehlshaber aus, ohne ſich ſelbſt an die angegriffene Stelle zu begeben, ſeine Feinde be⸗ eilten ſich daher, die Schuld des großen Verluſtes ihm aufzubürden. Das eingetretene ſchlechte Wetter veranlaßte ihn end⸗ lich, die Belagerung aufzuheben, die Regimenter wurden theils in die Donaukaſtelle, theils in das Lager bei Gran in die Winterquartiere gebracht, der Feldzeugmeiſter Graf von Sulz blieb in Peſth als Befehlshaber, Roßwurm be⸗ gleitete den Erzherzog Mathias nach Wien. Im folgenden Jahre— 1603— zögerte der Kaiſer mit der Entſcheidung, wem er den Oberbefehl in Ungarn anvertrauen ſolle? Baſta ſehnte ſich bereits darnach, und es läßt ſich an zu 0 jä ſti no vo dr me that igen fens und igten ie. e be⸗ läſſig tau⸗ ürſten lieren f und ſelbſt de be⸗ s ihm end⸗ urden Gran Graf rm be⸗ Kaiſer Ingarn ßt ſich denken, wie viel Unglimpfliches gegen Roßwurm am Hofe zu Prag vorgebracht worden ſein mochte. Schon ging das Gerücht, daß Baſta die Führerſtelle anvertraut worden ſei, allein das Verdienſt, Peſth erobert zu haben, überwog für diesmal noch die einflußreichen Intriguen der Wälſchen und Roßwurm wurde im vor⸗ jährigen Kommando unter dem Erzherzoge Mathias be⸗ ſtätigt. Daß der Oberbefehl des Erzherzogs ſtets nur ein nomineller geweſen, beweiſen noch vorhandene Concepte von kaiſerlichen Handſchreiben, welche direkt an Roßwurm gerichtet ſind. So finden ſich allein aus dem Jahre 1603 vierund⸗ dreißig ſolcher Schriftſtücke, in deren meiſten der Feld⸗ marſchall vom Kaiſer ermahnt wird, das Volk nicht leicht durch eine Schlacht auf's Spiel zu ſetzen und lieber den Feind durch Scharmützeln hinzuhalten. Zu Ende Auguſt brach das kaiſerliche Heer gegen Ofen auf und lagerte, nachdem man Brücken über die Donau geſchlagen, auf der Inſel St. Andreä, von wo man Ver⸗ bindungen nach beiden Ufern hin inne hatte. Die Türken, unter Anführung des Seraskers Lala Mohammed und des närriſchen Haſſan(Deli Haſſan), lagerten zwiſchen dem St. Gerhardsberg und der Stadt Ofen. So war die Kriegsſituation, als Franevis de Baſſom⸗ piere, der Prinz von Jvinville, der Rheingraf mit ihren Suiten und dem Troß zu Schiffe im kaiſerlichen Lager anlangten. Wir nehmen ſomit den Faden unſerer Erzählung auf. Was wir aus der Vergangenheit nachholten, war un⸗ erläßlich, damit der Leſer die Hauptperſon und die Ver⸗ hältniſſe rings um ſie kennen lerne. Von nun an wird keine Unterbrechung den Fluß der Darſtellung hemmen. Baſſompiere hatte auf der Vorüberfahrt an Komorn Halt gemacht, um den dortigen Feſtungskommandanten, den Feldzeugmeiſter Baron von Molart, zu begrüßen und kennen zu lernen. Dieſer gab ihm einen ſeiner Unterbefehlshaber mit, daß er ihm im kaiſerlichen Lager zum Wegweiſer diene und ihn unverzüglich zu den ungariſchen Oberſten leite, wo er den Freiherrn Ferdinand von Kollonits treffen werde, dem er am wärmſten empfohlen war, daher er deſſen Bekanntſchaft vorerſt zu machen gedachte. Das geſchah denn auch. Die ungariſchen Reiter bildeten die Vorhut des Heeres. Die fremden Kavaliere präſentirten ſich den magyari⸗ ſchen Führern und wurden ausgezeichnet aufgenommen. Kollonits lud ſie in ſein Zelt und bewirthete ſie, gleich⸗ zeitig begab ſich einer der ungariſchen Befehlshaber zum Feldmarſchall, dieſem die Ankunft der Volontäre zu melden und ihn in ihrem Namen zu bitten, ſich perſönlich vor⸗ ſtellen zu dürfen. Roßwurm, der militäriſchen Etikette gemäß, ſchickte den Angekommenen ſogleich den ihm naheſtehenden Wallonen⸗ fül Uun ber Ke Fe nic un, wü ſche imn mit bef Zel auf. un⸗ Ver morn nten, und daß d ihn r den m er ſchaft eeres. hari⸗ en. leich⸗ rzum relden vor⸗ te den lonen⸗ führer Johann von Tilly entgegen, um ſie zu begrüßen und zu ihm. geleiten. Tilly vollzog ſeinen Auftrag. Anblick Baſſompiere's lächelte er und ſagte: rEintreffen, Herr Baron, war uns von Wien aus bekannt gegeben, ebenfo S Seine Excellenz Kenntniß von Ihrer Beſorgniß. Ich bin von dem Herrn Feldmarſchall beauftragt, Ihnen zu ſagen, daß er Ihnen nichts Böſes will, Sie mögen ſich ſti ihm nähern, ungeachtet er keine nähere Bekanntſchaft mit Ihnen wünſcht. Baſſompiere verſichert in ſeinen Memoiren, dieſe Bot⸗ ſchaft tröſtlich gefunden zu haben, doch vermochte er noch immer der Aengſtlichkeit nicht los zu werden, als er ſich mit den Uebrigen auf den Weg machte, ſich dem Ober⸗ befehlshaber vorzuſtellen. Roßwurm empfing die fremden Kavaliere in ſeinem Zelte. Der Prinz von Jvinville, als der vornehmſte, ſtand an ihrer Spitze und war der Wortführer. Der Feldmarſchall unterhielt ſich mit ihm und dem Rheingrafen, für Baſſompiere hatte er bei dieſer freilich ſehr kurzen Vorſtellung kein Wort. Nachdem man der Etikette genügt, kehrte Baſſompiere zu ſeinen Magyaren zurück, in deren Mitte er ſich bald heimiſch fühlte, daher er auch dort ſeine Zelte aufſchlug. Am Abend deſſelben Tages berief Baſſompiere ſei⸗ nen Schildhalter, den Junker von Schlaginweit, zu ſich in's Zelt. 1 2 8 — 138— Nun, mein lieber Berthold, redete er ihn freundlich Zei an, haſt Du die Trennung von Meiſter Lametzhofer be⸗ Vo: reits verſchmerzt? Vor Gnädiger Herr, antwortete der Gefragte mit ſchwer⸗ mit müthiger Miene, meine Freundſchaft für den Ehrenmann beke würde dieſes Namens unwürdig ſein, wenn ſie bereits Ver während der kurzen Trennung erkühlt wäre. ver Du biſt alſo ſtandhaft in Deinen Neigungen, treu in Kar Deinen Gefühlen. eigt O gewiß, gnädiger Herr, gewiß! Da Deine aufrichtige, warme Verſicheruug trägt den Aus⸗ lett druck der Aufrichtigkeit. Ich hoffe, daß auch ich auf Deine Die Anhänglichkeit, auf Deine Treue werde rechnen können. Mo Zeit und Gelegenheit ſollen Ihnen davon die Ueber⸗ erkt zeugung verſchaffen. wiſſ Ich habe Dir eine Stellung in der Nähe meiner Perſon in's verliehen, weil Deine Erſcheinung mir Zutrauen eingeflößt, und weil ich wünſche, in Dir nicht blos einen Diener, ſondern einen Vertrauten erworben zu haben. Ich fühle zu ſehr den hohen Werth dieſer Abſicht, um ihr nicht mit aller möglichen Aufopferung entgegen zu kommen. Eine Gelegenheit dazu will ich Dir ſogleich bieten. Du wirſt durch Meiſter Lametzhofer erfahren haben, daß 1 der Feldmarſchall Roßwurm, ohne mein Verſchulden, aus früherer Zeit her ein Feind meiner Familie iſt? Ich bin davon unterrichtet, gnädiger Herr! Ich hoffe zwar, daß es mir gelingen werde, den Feld⸗ marſchall günſtiger für mich zu ſtimmen, allein dazu iſt ndlich r be⸗ hwer⸗ mann ereits e in Aus⸗ Deine en. Ueber⸗ ßerſon eflößt, iener, lbſicht, tgegen bieten. n, daß n, aus Feld⸗ azu iſt — 139— Zeit erforderlich. Bis dahin bedarf es meinerſeits der Vorſicht; Du wirſt demnach wachſam bleiben und auf alle Vorgänge aufmerkſame Blicke richten. Du wirſt trachten, mit einem oder dem anderen Pagen des Feldmarſchalls bekannt zu werden und wirſt, ohne daß es auffällt, ſein Vertrauen gewinnen. Ich werde Dich reichlich mit Geld verſehen, damit Du Gelegenheiten zu Zechgelagen und Kartenſpiel ergreifen und benutzen kannſt; ſie ſind die ge⸗ eignetſten, um Verbindungen anzuknüpfen und zu befeſtigen. Das Zelt des Feldmarſchalls, es iſt das einzige von vio⸗ letter Farbe im ganzen Lager, iſt von den Zeſten ſeiner Dienſtleute umgeben, Du weißt daher, wo Du Deinen Mann zu ſuchen haſt. Der Hauptgegenſtand, welchen zu erkunden ich Dir auftrage, iſt folgender: Ich glaube zu wiſſen, daß der Feldmarſchall im Geheimen eine Dame in's Lager gebracht hat, und möchte erfahren, erſtens, ob dem wirklich ſo iſt, und zweitens, wo dieſe Dame ſich be⸗ findet? Haſt Du mich verſtanden? Vollkommen, gnädiger Herr! antwortete der Junker, den dieſe Weiſung unmerklich die Farbe wechſeln machte. Ich ſetze voraus, daß Du hinlänglich klug und ſchlau ſein wirſt, den erhaltenen Auftrag zu vollziehen, ohne daß es Jemanden auffalle. Jetzt geh, ſei vorſichtig und wohl bedacht. Der Junker verneigte ſich und verließ den Gebieter. Der angenehme Herbſtnachmittag begünſtigte ſeinen Gang durch's Lager, wo die geräuſchvolle Regſamkeit des Kriegsvolkes ein Bild voll bunter Abwechſelung bot. Hier lagerten die Arquebuſier⸗Reiter des Grafen Mathias von Thurn, neben ihnen die Freibeuter zu Roß mit langen Röhren, dann Koſaken, Heiducken, die Solm'ſch Reiter u. ſ. f. Dort breitete ſich das Fußvolk aus, die Regimenter Sulz Frießland, Schönberg, Althaim, die Freibeuter zu Fuß, die ſalzburgiſchen Knechte und endlich die furchtbaren Wallonen. Zwiſchen dieſen Abtheilungen ſtand vereinigt die Arkeley (Artillerie) mit ihren ſchweren Büchſen und Haufnitzen. Ganz im Hintergrunde lagerte der Troß. Junker Berthold in ſeiner feinen ausländiſchen Tracht, mit ſeinem eleganten, zatten Weſen erſchien mitten in dieſer wilden Eiſenwelt wie ein B lat im Pulverdampf. Noch iſt es friſch, nochz zeigt es die Farbe des Schnees, über eine Weile, und der Rauch wird es vergilben, wird es verwelken machen, wenn nicht ein günſtiger Wind auf ſeinen Flügeln es fortträgt in eine reinere Luft, in eine friedlichere Welt.. Ein ſeltener Muth mußte aber dieſen ſchwachen Körper beſeelen, ein ſtarker, entſchloſſener Geiſt ihm inne wohnen, denn er bewegte ſich feſten Schrittes, blitzenden Anges durch dieſe waffenſtarrende Welt, als wäre er hier hei⸗ miſch, als wäre er geboren zu kämpfen und zu ſtreiten, nicht aber zu ſchalten und zu walten in friedlichen Kreiſen, am häuslichen Herd. Was verlieh ihm die Kraft, aus ſich ſelbſt heraus zu treten, was gewährte ihm die Stärke, ſeine angeborene Individnalität zu verläugnen und eine fremde mit ſo täu⸗ ſchender Wahrheit zur Schau zu tragen? oder zu b läng wart nahn das blos Verl 6 — n von durch U leicht Suit⸗ T — Roßr ſchme Blick⸗ ob e 2 ſchwe einen welch er zu baren rkeley en. racht, dieſer pſ. hnees, aus zu borene ſo täu⸗ War es eine Leidenſchaft, oder irgend eine hehre Idee, oder wirkten beide vereint? Der Leſer iſt bereits in die L F e Lage verſetzt, dieſe Frage zu beantworten, die Ereigniſſe der A zergangenheit ſind hin⸗ länglich beleuchtet, um erkennbare Schatten in die Gegen⸗ rzählung fallen zu laſſen. Junker Berthold, nachdem er das Lager durchſtrichen, deſſen Mittelpunkt, wo te Zelt des Feldherrn ſtand, dahin zog ihn nicht blos der Au 6 ag ſeines Gebieters, ſondern auch ſein eigenes 5 n, dahin drängte ihn ſein Herz. Ein Geti nmel tönte an ſein Ohr. Ein Reiterhäuflein ſprengt durch eine der Zeltgaſſen heran, an deſſen Spitze ſich der Marſchall befindet, der, von den Unterbefehlshabern begleitet, ſo eben das Lager durchritten und die Vorpoſten beſichtigt hatte. Unweit von ſeinem Zelte machte er Halt, ſchwingt ſich leicht und gewandt aus dem Sattel, bekon e ſeine Suite und ſchreitet an Berthold vorüber ſeinem Zelte zu. Beim Anblick des in voller Mannesblüthe prangenden Noßwurm erleichte der Junker von Schlaginweit, preß ßte ſchmerzhaft die Lippen zuſammen und durchbohrte mit einem Blicke den Feldherrn, mit einem Blicke, der den Zweifel, ob 2 der Liebe oder dem Haſſe entſproß, ungelöſt ließ. Marſchall, ohne den Pagen zu bemerken, ver⸗ ſe dieſer preßte aus der tiefſten Tiefe ſeines Herzens einen Seufzer hervor und eilte mit einer Flüchtigkeit fort, welche von der egung ſeines Gemüths Kunde gab. — — — c— = — — ꝙ — — — — — 3 5 — 142— Die Memoiren Baſſompiere's ſtimmen mit den ander⸗ weitig erſchienenen Kriegsgeſchichten ſo merkwürdig überein, daß man das Gedächtniß eines Menſchen bewundern muß, der in ſeinem ſpäten Alter, im Gefängniſſe, wie der Leſer ſeiner Zeit hören wird, ſeine Erlebniſſe ohne Quellen und Behelfe, blos auf ſeine Erinnerung geſtützt, mit ſolcher Treue niederſchrieb. Dieſe Memoiren bieten ſo intereſſante Züge und De⸗ tails, daß es von unſerer Seite eine Unterlaſſungsſünde wäre, ſie nicht zu erzählen, ſelbſt auf die Gefahr hin, ſie von dem Leſer für erdichtet gehalten zu wiſſen. Baſſompiere hatte das Lager kaum begrüßt, und ſchon bot ſich ihm Gelegenheit dar, ſeine Tapferkeit an den Tag zu legen. In der Nacht, welche dem 29. September voranging, drang aus dem feindlichen Lager herüber ein Geräuſch, welches zu erkennen gab, daß irgend ein Anſchlag im Schilde geführt wurde. Roßwurm lagerte auf der Inſel St. Andrä und ſtützte ſich auf das ſtark befeſtigte Peſth, während der Serasker unter den Mauern der Feſtung Ofen und unter dem Schutze der dortigen Kanonen ſich in Sicherheit fühlte. Dieſer Schutz war ſo groß, daß Roßwurm den Feind nicht verhindern konnte, eine kleine Inſel zu beſetzen und zu behaupten, von wo er mit wenig Mühe vermittelſt einer kurzen Schiffbrücke ſich den Weg auf die größere Inſel bahnte. Dadurch kamen beide Heere ſich ſo nahe zu ſtehen, daß ein Zuſammenſtoß unvermeidlich war. Vor Lärt gend Nac Jun Heer geſte den liche das mit und auch inder⸗ erein, muß, Leſer n und ſolcher d De⸗ sſünde in, ſie ſchon n Tag nging, räuſch, lag im ſtützte erasker edem ihlte. nFeind e n mittelſt größere en, daß — 143— Baſſompiere, der, wie erwähnt, bei der ungariſchen Vorhut lagerte, wurde in der erwähnten Nacht durch einen Lärm aufgeſchreckt. Auf ſeine Frage, was es gäbe? rief eine zurückſpren⸗ gende Vedette: „Heu domine, adsunt Turcae!“ Auf Herr, die Türken ſind da! Trompetenſchall und Trommelwirbel durchhallen die Nacht, einzelne Schüſſe krachten bereits herüber. Baſſompiere wirft ſich in die Rüſtung und auf's Pferd, Junker Berthold desgleichen. Das erſte Grauen des Morgens findet das chriſtliche Heer auf der größeren Inſel in Schlachtordnung auf⸗ geſtellt. Roßwurm, mit einem Grabſcheidt in der Hand, leitet den Bau einer Batterie, deren Beſtimmung iſt, die feind⸗ liche Reiterei fern zu halten. Das Vorpoſtengefecht hat begonnen, Roßwurm beſteigt das bereit gehaltene Streitroß und befiehlt der ungariſchen Reiterei den Angriff. Dieſe ſprengt an und haut ein. Baſſompiere, keck und kühn, hat ſich mit ſeinem Ge⸗ folge unter die Angreifer gemengt. Er trägt eine reich vergoldete, gravirte Rüſtung, iſt mit bunter Feldſchärpe und mit wehenden Federn geſchmückt, und reitet ein wildes, ſpaniſches Roß. Der Reiterangriff hat ſich kaum enffaltet, ſo rücken auch ſchon deutſche Fußregimenter zur Unterſtützung nach. Die Türken ziehen ſich zurück, die Reiterei verfolgt ſie. Da kommandirt der Feldmarſchall zu halten. Schon hatten ſich die hitzigen Verfolger zu weit vor⸗ reißen laſſen, ſie müſſen zurück. Dieſer Rückzug wird en echéquier, das iſt ſchachbrett⸗ förmig, bewerkſtelligt, ein Manöver, welches für Baſſom⸗ piere ganz neu war, und deſſen Erfindung offenbar Roßwurm angehört. Das Vorpoſtengefecht dauerte bis hoch am Vormittage. Der Feind, den Rückzug der Chriſten als ein Zeichen ihrer Schwäche betrachtend, folgte ihnen auf dem Fuße nach und verfing ſich damit in einer ſchlau gelegten Falle. Er beging den Fehler, dem. jene ausgewichen waren. Nachdem er nahe genug ſich herangewälzt hatte, befahl Roßwurm den allgemeinen Angriff und nun erſt begann die Schlacht. Das deutſche Fußvolk in Maſſe griff an. Baſſompiere ſtahl ſich von der nunmehr unthätigen Reiterei hinweg und erſchien auch hier in der vorderſten Reihe der Angreifenden. Der Kampf war blutig, der Feind ſchrecklich. Es war die Schaar Deli Haſſans, des närriſchen Haſſan, welche die Schlacht beſtand. Lauter Aſiaten, wildes, zuſammengelaufenes Raub⸗ geſindel vom ſeltſamſten Aufzuge. Einige waren halb nackt, mit Amuletten an den Armen und Talismanen um den Hals; Andere ausſehend wie Weiber, mit fliegenden Haaren, mit Stangen in der Hand, von denen weiße Bandrollen flatterten, mit Kameelknöcheln und Amuletten an den Steigbügeln gehängt. erſt Sch! dig Chri mit demj dieſe zeng gege 2 broch 2 flohe 2 jetzt 3 ſpren Fluch G halte 6 er ſi 6. vor⸗ rett⸗ ſſom⸗ nbar ttage. ichen Fuße Falle. ren. efahl egann ätigen erſten riſchen Raub⸗ Armen d wie Hand, öcheln Mord und Raub bezeichneten ihren Friedensweg, wie erſt hier in der Schlacht! Feſt hinter Baſſompiere hielt ſich der Junker von Schlaginweit. Er kämpft würdig ſeines Gebieters, wür⸗ dig des ritterlichen Kleides, welches er trägt. Wohl gelang es den Aſiaten, den rechten Flügel der Chriſten zum Weichen zu bringen, doch drang der linke mit ſolcher Macht vorwärts, daß jener momentane Erfolg demjenigen, der ihn errungen, zum Verderben wurde. Die Schlachtlinie der Türken begann zu wanken, in dieſem entſcheidenden Moment befahl Roßwurm dem Feld⸗ zengmeiſter Grafen von Sulz, mit ſeinem leichten Geſchütz gegen die Mitte vorzurücken. Das entſchied den Sieg, die Schlachtlinie wurde durch⸗ brochen. Das Gemetzel war fürchterlich, die Türken, aufgerollt, flohen in wilder Unordnung zurück. Tauſende fanden in der Donau ihr Grab. Baſſompiere, wie früher unter den Angreifenden, war jetzt unter den Verfolgenden einer der hitzigſten. Plötzlich wird ſein Roß verwundet. Der Schmerz macht es aufbäumen, die Kinnkette ſprengt, das wilde Thier reißt den Reiter hinein in die Flucht der Türken. Er war verloren, hätte nicht, wie er erzählt, ſein Schild⸗ halter ihn gerettet. Berthold erſah kaum die Gefahr des Gebieters, als er ſich an deſſen Flanke heftete, den herabhängenden Zügel E. Breier. General Roßwurm. I. 10 — 146— erfaßte und durch einen mächtigen Riß das wilde Thier eine Sekunde lang ſtutzig machte. Dieſen Moment benutzte Baſſompiere, ſprang aus dem Sattel und ſchlug ſich zu Fuß aus dem Gewühl. Berthold, rief der Marquis ſeinem Ecujer zu, Du haſt mir Leben oder Freiheit gerettet, ich will Dir's gedenken. Schlacht und Verfolgung endeten erſt Abends. Außer den Tauſenden, die in den Fluthen ihr Grab fanden, lagen ſiebentauſend Moslemin, darunter Derwiſch⸗ Paſcha, erſchlagen auf dem Schlachtfelde. Fünfunddreißig Fahnen und Roßſchweife fielen in die Hände der Sieger. Als Baſſompiere von der Verfolgung über den eigent⸗ lichen Kampfplatz zurückkehrte, fand er folgende Scene: Man hatte Haufen von türkiſchen Leichen aufgeſchichtet und darauf ſaß Feldmarſchall Roßwurm, umgeben von allen ſeinen Oberſten. Als er Baſſompiere erblickte, ſagte er laut zu ſeiner Umgebung:„Meine Herren, Sie Alle haben gekämpft, wie es Chriſtenhelden ziemt. Die Wahrheit zu ehren, ſpende ich auch der Tapferkeit des Herrn von Baſſompiere meine volle Anerkennung. Sie hat mich übrigens nicht über⸗ raſcht; er könnte nicht aus dem Hauſe, von welchem er ſtammt, eutſproſſen ſein, wäre er nicht ritterlich!“ Darauf wendete er ſich zu dem jungen Kavalier und ſprach im verſöhnenden Tone:„Ihr ſeliger Vater, Herr von Baſſompiere, iſt mein Lehrherr geweſen, aber er wollte mich eines ſchmachvollen Todes ſterben laſſen. Ich will ſein letztes Unrecht vergeſſen und lieber meiner früheren Ver ich wor Exce gebn Freu ſellſe nerer 2 marſ plötzl Wah a wenn Zähn N terkei hier dem haſt iken. Hrab viſch⸗ igent⸗ ne: ichtet von ſeiner t, wie pende meine über⸗ em er eund Herr wollte h will üheren Verpflichtung eingedenk ſein. Wenn Sie wollen, bleibe ich Ihr Freund und Diener!“ Der Geſchmeichelte trat ſchüchtern auf ihn zu und ant⸗ wortete beſcheiden, daß er ſich der Anerkennung Seiner Excellenz erſt würdig zu zeigen gedenke. Roßwurm bot ihm die Hand und ſagte zu ſeiner Um⸗ gebung:„Meine Herren, ich wüßte die Lurſihnung und Freundſchaft mit Herrn von Betzſtein nicht in beſſerer Ge⸗ ſellſchaft, noch an einem beſſeren Orte und an einem ſchö⸗ neren Tage zu ſchließen!“ Nachdem man ſich die Hände geſchüttelt, lud der Feld⸗ marſchall Alle für den nächſten Tag zur Tafel. — I Darauf erhob man ſich und durchſchritt das Schlachtfeld. Meine Herren, ſagte Roßwurm, bei einer L engt plötzlich anhaltend, ich lenke Ihre Aufmerkſamkeit auf eine Wahrnehmung, die ich bereits vielfältig gemacht. Selbſt wenn man von der nationalen Tracht und den religiöſen Abzeichen abſieht, läßt ſich jede Türkenleiche von der eines Chriſten unterſcheiden und zwar— an den ſchlechten Zähnen! ieſer phyſiologiſchen Bemerkung, die einige Hei⸗ terkeit verurſachte, ritt man in's Sütttl zurück. Jehntes Rapitel. Des Feldmarſchalls Pläne und Ibſichten Geſtern Kanonendonner, heute Becherklang, geſtern floß Menſchenblut in Strömen, heute Rebenblut, geſtern Schlachtenruf zweier Heere, heute Toaſte fröhlicher Zecher, geſtern Stöhnen und Winſeln von Verwundeten und heute Freudenjubel einer tafelnden Runde. Der Feldmarſchall bewirthete die hervorragenden Führer und Unterbefehlshaber des Heeres, ſeine geheimen Feinde ließen ſich's ebenſo munden, wie ſeine Freunde. Baſſompiere und der Prinz von Joinville ſaßen an den Ehrenplätzen zur Rechten und zur Linken Roßwurms. Die auf dem Schlachtfelde verheißene Freundſchaft wurde mit dem Becher in der Hand beſiegelt. Man hat mich bei Ihnen für böſe und unverſöhnlich verſchrieen, ſagte der Feldherr unter Anderem zu Baſſom⸗ piere; ich bin weit entfernt, es zu ſein. Ich wäre es ſelbſt gegen Ihren Herrn Vater nicht, wenn er noch lebte, wie erſt gegenüber dem Sohne, der doch an der Vergangenheit heute ührer Feinde en an ums. dſchaft öhnlich aſſom⸗ s ſelbſt te, wie genheit — 149— ganz und gar ſchuldlos iſt. Der Roßwurm— wie mich meine Feinde zu nennen pflegen— läßt Jedem ſein Recht und verlangt Genugthuung nur von Jenen, die ſie ihm ſchuldig ſind. Ergreifen Sie Ihren Becher, Herr von Betzſtein, und trinken Sie mit mir auf den Beſtand unſerer Freundſchaft! Der heranrückende Abend endete die Freuden der Tafel, um dem Vergnügen des Kartenſpiels Platz zu machen. Die Prime hieß das damals modiſche Spiel, wobei man mit ſehr hohen Einſätzen an die Gunſt der Glücks⸗ göttin appellirte. Erſt die Mitternacht trennte die Spieler. War es die Perſönlichkeit Baſſompiere's oder die durch ſeinen Namen geweckten jugendlichen Erinnerungen, welche auf den Marſchall einwirkten, genug, er gab ſich dem neuen Freunde mit einer Wärme und einem Vertrauen hin, wie man ſie in der Regel nur bei jungen, unerfahrenen Menſchen anzutreffen pflegt. Der Zauber, mit welchem der Marquis ihn anzog, wirkte ſo ſtark und raſch, daß ſchon am Tage nach dem Gaſtmahle eine große Innigkeit ihres Verhältniſſes Platz griff. Der Feldherr nahm den jungen Kavalier mit ſich in die geheimſte Kabane ſeines Zeltes, ſetzte ſich zutraulich an ſeine Seite und ſagte: Lieber Betzſtein, Sie erlauben mir von heute an dieſe vertrauliche Anſprache, denn ich halte Sie für meinen Freund, ſo wie ich der Ihrige bin. Warum ſollten Sie es auch nicht ſein? Ihrem Ehrgeize — 150— ſtehe ich nicht im Wege, unſere Intereſſen ſtehen weit auseinander. Ich ſchließe mich Ihnen um ſo aufrichtiger an, da ich das Bedürfniß nach einem Freunde fühle und in meiner Umgebung zu viele Feinde zähle, um nicht in jeden Einzelnen Mißtrauen zu ſetzen. Ich fürchte meine Gegner nicht, allein ich ſcheue ſie, deshalb will ich mich in gewiſſen Fällen, die mißdeutet und zu meinem Nach⸗ theile ausgebeutet werden könnten, Ihnen anvertrauen, dabei auf Ihren Rath oder Ihre Unterſtützung rechnen. Excellenz, Sie können verſichert ſein... Laſſen Sie, wenn wir allein ſind, die Titulatur bei Seite und nennen Sie mich einfach bei meinem Namen, wie es unter Freunden üblich iſt. Hat ſich doch eine Beſtie von einem Feldkriegsrath unterfangen, ſogar in einem amtlichen Dokumente mich ganz deſpektirlich„der Roß⸗ wurm“ zu nennen, wofür ich mir freilich eine glänzende Satisfaktion genommen habe; warum ſollte ich ſolche Ver⸗ traulichkeit einem Freunde nicht gewähren? Nennen Sie mich alſo„Hermann“ oder„Roßwurm“, oder noch lieber nennen Sie mich„Freund“ und ſeien Sie es auch. Hören Sie mich an. Ich halte hier im Lager eine junge Griechin gefangen, ein ſchönes, aber treuloſes Geſchöpf. Baſſompiere lächelte und ſagte: Ihr Name iſt Siona, ihr Vater Simon Girma iſt Barbier in Rhodos. Roßwurm fuhr erſtaunt empor und fragte betroffen: Wie, Sie wiſſen? Ich will Ihnen den erſten Beweis meiner Freundſchaft geben, indem ich Ihnen nicht blos bekenne, daß ich Alles weif erfa niſſe dant lauſ zu richt Sio ſtraf kung ſich ſchin und düſte ich, meir diget aufl Da könn wir ſtraf weit iger und in eine mich ach⸗ uen, n. nen, eſtie ona, ffen: chaft Alles — 151— weiß, ſondern auch mittheile, wie ich dazu kam, es zu erfahren. Thun Sie das, lieber Freund, ich bitte Sie darum. Baſſompiere erzählte nun dem Freunde ſeine Erleb⸗ niſſe am Feſttage Mariä Geburt in Wien, wie er der Sänfte gefolgt, die Bekanntſchaft Luſch's gemacht und dann vor dem Weingartenhäuschen im Alseck ge⸗ lauſcht. Der Feldmarſchall hörte ihm mit großer Aufmerkſamkeit zu und ſagte hierauf: Da Sie von den Details unter⸗ richtet ſind, werden Sie begreifen, daß ich das Verbrechen Siona's nicht ungeſtraft laſſen kann. Das Mädchen, verſetzte der Andere, iſt ohne Zweifel ſtrafwürdig, als Ihr Freund kann ich jedoch die Bemer⸗ kung nicht unterdrücken, wie ſehr ich es bedauere, daß Sie ſich hinreißen ließen, einen Feind und Nebenbuhler zu be⸗ ſchimpfen. In ſolchen Fällen zahlt man mit Degenſtichen und nicht mit Fußtritten. Sie haben Recht, Franz, erwiederte Roßwurm mit düſterem Ernſt, als meine Wuth verraucht war, erkannte ich, daß ich unklug gehandelt, allein verſetzen Sie ſich in meine damalige Situation und Sie werden mich entſchul⸗ digen. Ich zweifle nicht, daß die wälſche Schlange mir auflauern wird, gut denn, ich werde auf der Huth bleiben. Da Thatſachen nicht mehr ungeſchehen gemacht werden können, ſo laſſen wir den Oberſten bei Seite und ſprechen wir nur von der Griechin. Ich habe geſchworen, ſie zu ſtrafen und mein Entſchluß iſt bereits gefaßt. Was gedenken Sie zu thun? — 152— wenig will ich mich damit abgeben, ein Weib zu züchtigen, mein Strafamt bleibe einem Anderen überlaſſen. Ich werde ſie dem Beglerbeg von Ofen, dem ſie entfloh, wieder ausliefern— Oh, oh, Hermann, rief der Marquis im abmahnen⸗ den Tone. Sie wollen ſagen, es ſei grauſam, ich behanpte, es iſt blos gerecht. Wer Wohlthaten mit ſo großem Undank be⸗ lohnt, verdient es nicht beſſer. Ich habe mir's geſchworen und ich werde meinen Schwur halten. Ich bitte Sie, mich ja keines Anderen bereden zu wollen, mein Entſchluß iſt nnerſchütterlich, Siona wird ausgeliefert, damit erreiche ich einen dreifachen Zweck, erſtens entziehe ich ihr die Möglichkeit, ſich mit ihrem Geliebten, dem Oberſten, wieder zu vereinigen, zweitens überliefere ich ſie demt Strafarm des Paſcha und drittens bietet ſich mir eine Gelegenheit dar, den Kommandanten von Ofen durch dieſen Dienſt mir zu verbinden und mit ihm, den ich der Be⸗ ſtechung zugänglich halte, wegen Uebergabe der Feſtung in geheime Unterhandlungen zu treten. Die ſchlechte Jahres⸗ zeit iſt im Anzuge, der Serasker und Deli Haſſan werden heimziehen*) und der Beglerbeg wird wieder der alleinige *) Wie bei den Chriſten hatte auch bei den Türken die Armee zu jener Zeit noch nicht die Organiſation eines„ſtehenden“ Heeres. Beim Anbruch der ſchlechten Jahreszeit wurden daher die Truppen in ihre Heimat geführt, dort entlaſſen und im Frühjahre wieder geworben. Ich will mich mit ihrem Blute nicht beflecken, ebenſo⸗ aut die we M nel ſch um da M Ih kei enſo⸗ igen, Ich ieder nen⸗ oren mich ß iſt eiche die ſten, dem eine ieſen ig in res⸗ rden inige rmee den“ daher d im Herr in Ofen bleiben. Wenn mein Urtheil über ſeinen Charakter kein falſches iſt, ſo ſchmeichle ich mir zum Ziele zu gelangen. Baſſompiere erkannte, daß der Feldmarſchall von ſeiner Idee zu tief durchdrungen war, als daß er hätte wagen können, mit Erfolg dagegen anzukämpfen, er verzichtete daher auf jede weitere Einwendung, die höchſtens be⸗ zweckt hätte, das kaum erweckte Vertrauen Roßwurms wieder zu erſchüttern und begnügte ſich zu ſagen: Das politiſche Motiv iſt in der That wichtig genug, um es zu entſchuldigen, daß man eine Chriſtin dem Moslim ausliefert. Der Andere zuckte die Achſeln und fuhr fort, ohne die verblümte Einſprache zu beachten: Aus dem Geſagten werden Sie erſehen, daß ich einen verſchwiegenen, treuen Menſchen benöthige, dem ich die Miſſion übertragen kann. Baſſompiere horchte hoch auf, er war geſpannt zu ver⸗ nehmen, wo hinaus der Marſchall eigentlich ſteuere? Ich befinde mich in Verlegenheit, fuhr der Feldmar⸗ ſchall nach einer Pauſe fort; unter den Dienern, die mich umgeben, beſitzt keiner mein Vertrauen, abgeſehen davon, daß den meiſten auch das nöthige Geſchick für eine ſolche Miſſion mangelt. Ich wende mich daher an Sie, lieber Freund, und bitte Sie, mir eine paſſende Perſon aus Ihrer Umgebung zu empfehlen. Unter meinen Leuten, antwortete der Marquis, iſt keiner, der der türkiſchen Sprache mächtig wäre. Das iſt nicht nothwendig, der Bote wird mit einem Billet betraut, wünſcht der Baſſa mit ihm ſich mündlich — 154— zu beſprechen, ſo hat er in ſeiner Umgebung Renegaten aus allen Nationen, deren er ſich als Dolmetſcher be⸗ dienen kann, er wird wiſſen, wem er trauen darf oder nicht. Ich wünſchte dieſe Miſſion einem der Franzoſen deshalb zu übertragen, weil ſie gewandt ſind, Geiſt be⸗ ſitzen, und weil die Türken, ſeitdem unſere franzöſiſche Be⸗ ſatzung in Papa ſich empört und zu ihnen durchgeſchla⸗ gen hat, die Franzoſen weniger haſſen wie die übrigen Chriſten. Sie wiſſen jetzt mein Anliegen, ſind im Stande die Aufgabe zu beurtheilen, empfehlen Sie mir die geeig⸗ nete Perſönlichkeit. Baſſompiere, von dem Wunſche beſeelt, ſich dem Feld⸗ marſchall gefällig zu erweiſen, ſagte ohne Bedenken zu. Es befindet ſich in meiner Umgebung Jemand, der die Eigenſchaften beſitzt, die angeregte Miſſion zu übernehmen, es iſt mein Ecujer, Berthold von Schlaginweit, ein kluger, muthiger und unternehmender Jüngling. Er iſt ein ge⸗ borener Franzoſe, verlebte jedoch die letzten Jahre in Wien bei einem Verwandten von mütterlicher Seite, daher er der deutſchen Sprache mächtig wie der franzöſiſchen. Er hat mir in der vorgeſtrigen Affaire wacker beige⸗ ſtanden, ich fühle mich ihm verpflichtet, deshalb möchte ich nicht, daß ihm die Miſſion gegen ſeinen Willen aufge⸗ nöthigt werde. Das verſteht ſich von ſelbſt, fiel Roßwurm dem Freunde ins Wort, zu Dienſten, wie die in Rede ſtehende, darf man nur Leute verwenden, die ſich freiwillig dazu er⸗ bieten, denn abgeſehen von der perſönlichen Gefahr, der ſie ſich ausſetzen, kann ein böſer Wille großes Unheil jene iſt erw der keir ſchr ſpr ſeir um len aten nde arf er⸗ 6* eil ſtiften. Ich billige es vollkommen, daß der junge Menſch früher um ſeine Einwilligung angegangen werde. Sprechen Sie mit ihm, lieber Franz, oder noch beſſer, ſenden Sie ihn zu mir, damit ich mit ihm ſpreche; wenn er, woran ich nicht zweifle, Ehrgeiz beſitzt, wird er ſich durch meinen perſönlichen Antrag geſchmeichelt fühlen, und um ſo eifriger ans Werk gehen. Baſſompiere verſprach, den Junker noch heute zu ſenden. Thun Sie es immerhin, obwohl die Zeit nicht drängt, denn von einem Antritte der Miſſion kann vor dem Ab⸗ zuge des Seraskers und des närriſchen Haſſan nicht die Rede ſein, weil der Beglerbeg, auf den ich es abgeſehen habe, ihnen unterſteht, folglich die Parlamentäre, ſo lange jene anweſend ſind, nicht bis zu ihm gelangen. In Anſehung dieſer Sachlage, meinte der Marquis, iſt es auch überflüſſig, den Junker heute ſchon herzuſenden. Der Feldmarſchall dachte einige Angenblicke nach und erwiederte hierauf: Ich ſtimme mit Ihnen überein, daß der Junker vorläufig von der ihm zu übertragenden Miſſion keine Kenntniß erhalte, allein ich möchte ihn doch jetzt ſchon kennen lernen, damit wir, im Falle er nicht ent⸗ ſpräche, mit Muße eine andere Wahl treffen können. Der Marquis billigte dieſe Anſicht und verſprach, ſeinen Ecujer herzuſenden. Unter welchem Vorwande? fragte Roßwurm. Ich werde ihm ſagen, lautete die Antwort, ich hätte, unt ihm nützlich zu ſein, Ihre Aufmerkſamkeit auf ihn ge⸗ lenkt und die Folge davon ſei, daß Sie ihn kennen zu lernen wünſchen. 1 1 re ſei — 156— Der Feldmarſchall erklärte ſich damit einverſtanden, Baſſompiere verabſchiedete ſich und ging. Während dieſer Scene war der Nachmittag vorge⸗ ſchritten, und der Abend wob bereits ſeine grauen Schleier als man dem Heerführer meldete, der Schildhalter des Barons von Betzſtein befinde ſich vor dem Zelte und ſei der Befehle Seiner Excellenz gewärtig. Roßwurm befahl Lichter anzuzünden und erſt nachdem die geſchehen war, ließ er den Junker eintreten. Berthold erſchien und hielt ſchüchtern am Eingange der Zeltkabane. Bei ſeinem Anblicke machte der Heerführer eine Be⸗ wegung, welche ſeine Ueberraſchung kund gab. Er firirte den jungen Menſchen ſo durchdringend, daß die Pupillen ſeiner Augen unter ſolcher Anſtrengung ſich zu erweitern ſchienen. Mein Gott, welche Aehnlichkeit! dachte er und wiegte dabei verwundert das Haupt. Wäre er nicht zu ſehr mit ſich, oder vielmehr mit einem Ereigniſſe aus der Vergangenheit ſeines Lebens beſchäf⸗ tigt geweſen, ſo hätte ihm der Zuſtand des Jünglings auffallen müſſen. Berthold war im höchſten Grade erregt. Seine Wangen von der Farbe des Todes angehaucht, die Bruſt ſtürmiſch wogend, das ganze Weſen wie unter dem Eindrucke von Fieberſchauern erbebend. Seinem wirren Blicke entging gleichwohl der Eindruck nicht, den ſeine Erſcheinung bei dem Marſchall hervor⸗ der und wer ihn den, rge⸗ ier des ſei dem nge Be⸗ ſich gte em igs cht, ter uck or⸗ brachte und es war dies keineswegs — 157— s geeignet, beruhigend auf ihn einzuwirken. Eine peinliche Minute verſtrich, endlich ergriff Roß⸗ wurm das Wort, indem er nichts weniger als unbefangen, fragte: Wie iſt Dein Name? Berthold von Schlaginweit! preßte der Junker mit Anſtre: gung hervor. Wo iſt Deine Familie i Ich bin mit Herrn Kaſpar Lametzhofer in Wien ver⸗ riſt dieſer Lametzhofer? i 3 iſter des langen Schwertes. biſt vom Adel? Ja; die Gatin des genannten Meiſters entſtammt dem Patriziergeſchlechte der Schlaginweit. Seit wann befindeſt Du Dich in den Dienſten des Herrn von Betzſtein? Erſt ſeit ſeinem jüngſten Aufenthalte in Wien. Lie kamſt Du dazu, ſeine Bekanntſchaft zu machen? tein Sett hatte ein Rührfechten veranſtaltet, der ſet Marquis nahm als Freifechter Theil daran und trug den Sieg davon. Dies führte ſein Bekannt⸗ werden mit Meiſter gethoſer herbei, worauf dieſer mich ihm empfahl. Sind Deine Eltern noch am Leben? Sie ſind Wann kamſt Du in das Haus des Meiſters? Nach dem Tode meiner Mutter, die erſt vor einigen Monaten verſchied. 2 1 82 Berthold ſuchte während dieſes Geſpräches die Be⸗ wegung ſeines Gemüthes zu bewältigen und eine ehr⸗ fürchtige Scheu, wie ſie einem Gewaltigen gegenüber ge⸗ ziemte, an den Tag zu legen. Seine Abſicht gelang, doch nicht in dem Maße, daß ſein Zuſtand dem Feldmarſchall, der ſich zu ausſchließlich mit ihm beſchäftigte, hätte entgehen können. Zum Glücke mißdeutete Roßwurm die Wahrnehmung, er hielt für ein Ergebniß der Verlegenheit, was einer inneren Aufregung entſtammte, er ſchrieb den Effekt ſeiner hohen Stellung zu, während er doch einzig und allein dem Eindruck ſeiner Perſönlichkeit entſproß. Je länger er mit dem Junker ſprach, je gewohnter er ſeines Anblickes wurde, deſto mehr ſchien ſich die ihm im erſten Momente ſo auffallende Aehnlichkeit zu verwiſchen, und mit ihr auch der Eindruck, den ſie gemacht hatte. Sein Blick verlor an Durchdringlichkeit und gewann in demſelben Maße an Ausdruck des Wohlwollens, das ſich ſofort auch auf den Ton ſeiner Stimme verpflanzte. Im menſchlichen Organismus giebt es keine Iſolirung, alle Theile ſtehen unter einander in Verbindung, die Ge⸗ fühlsſaiten können nicht angeſchlagen werden, ohne ſich nicht den anderen Organen gleichförmig mitzutheilen, wenn der Sehnerv von Wohlwollen afficirt wird, muß auch der Tonſtrahl unter dem nämlichen Eindrucke erzittern. Nachdem der Junker die letzte Antwort gegeben hatte, trat ein kurzes Intervall ein, während deſſen Roßwurm ſich zu dem Feldtiſche begab, wo Briefſchaften und Papiere ordnungslos umherlagen. — 159— Herr von Betzſtein, begann er, an dieſem Tiſche ſich niederlaſſend, rühmt Deinen Muth und Deine Geiſtes⸗ gegenwart, Du haſt Dich in der jüngſten Affaire ſo wacker benommen, daß Dein Gebieter Dich meiner Aufmerkſamkeit empfahl, was kann ich für Dich thun? Euer Excellenz.. ſind ſehr gnädig... Ich ziehe es vor, gerecht zu ſein. Die Jugend wird durch Gnaden nur verdorben, dagegen durch Gerechtigkeit gezwungen, ſich wirkliche Verdienſte zu erwerben. Wer ſeine Stellung blos ſeiner Geburt verdankt, bietet einen traurigen Anblick im Vergleiche zu dem, der ſich die ſeinige mühſam erkämpft. Du haſt tüchtig begonnen, ich möchte nicht, daß Du einhalteſt, ſprich alſo, was kann ich für Dich thun? Auf die wiederholte Frage des Feldmarſchalls ant⸗ wortete Berthold: Euer Excellenz ſind ſo gnädig, daß ich die Bitte um ein freimüthiges Wort wage. Ich ſchätze den Freimuth beim Manne, ſo lange er die Linie nicht überſchreitet, wo das Reich der Frechheit beginnt. Ich glaube dieſe Linie einzuhalten, wenn ich Euer Excellenz blos bitte, vorläufig für mich nichts zu thun. Du betonſt das Wort„vorläufig“, ich verſtehe, Du gedenkſt Dir vorerſt Meriten zu ſammeln? So iſt es, Excellenz. Es ſei, ich werde Dir eheſtens die Gelegenheit dazu bieten. Berthold verneigte ſich ehrerbietig und ſagte: Ich bitte Euer Excellenz über mich zu verfügen. Es wird geſchehen, doch iſt heute noch nicht Zeit dazu. Ich werde Dich in der geeigneten Stunde zu finden wiſſen. Er winkte dem Junker ſich zu entfernen was dieſer auch that. Seit der letzten Affaire waren mehrere Tage ver⸗ floſſen. Die Türken, der Niederlage eingedenk, wagten keinen neuen Angriff, ſondern begnügten ſich die kleine Inſel zu vertheidigen, welche ihnen den Uebergang über den Strom — falls ſie ihn unternahmen— erleichterte. Roßwurm beſchloß, ſich dieſen läſtigen Poſten vom Halſe zu laden und zwar durch einen Angriff mit ſeiner Flotille, die er durchgehends mit ungariſchen Truppen unter den Befehlen der Oberſten Kollonits und Nadasdy bemannte. Dieſe begehrten funfzig deutſche Hellebardierer zur Unterſtützung, der Feldmarſchall verweigerte das Anſuchen. Die Nacht vom 10. auf den 11. Oktober, zur Aus⸗ führung dieſes Unternehmens beſtimmt, brach an. Das erſte Augenmerk war auf die feindliche Brücke gerichtet, welche die kleine Inſel mit dem Ofner Ufer vLerband. Sie wurde glücklich zerſtört, und die feindliche Beſatzung auf der Inſel war abgeſchnitten. Nun ſollten die Ungarn angreifen, aber ſiehe da, ſie verweigerten es. ſich ihre den dem den in 1 ring wuf hab erbi verſ fah eilte derſ abz Hil dah rien nah geh — 161— Der Feldmarſchall, empört über den Ungehorſam, entlud ſich ſeines gerechten Zornes gegen die Oberſten. Dieſe, ihren Fehler einſehend, erboten ſich im Namen ihrer Landsleute in der folgenden Nacht ohne Unterſtützung den Strom zu überſetzen und zwiſchen der Feſtung und dem türkiſchen Lager eine Schanze aufzuwerfen. „Nicht aus Zaghaftigkeit,“ ſagten ſie,„unterließen wir den Angriff auf die Inſel, ſondern aus Verdruß, weil wir in der Verweigerung der erbetenen Unterſtützung eine Ge⸗ ringſchätzung unſerer Nation erblickten!“ Roßwurm, welcher Kollonits als ſeinen Feind kannte, wußte recht wohl, was er von dieſer Ausrede zu halten habe, ſtellte ſich jedoch, als ſei er begütigt, lobte das An⸗ erbieten und nahm es an. Die Ungarn wurden mit Schiffen und Ingenieuren verſehen und löſten in der That die Aufgabe. Die Türken erkannten jedoch zeitlich genug die Ge⸗ fahr, die ihnen aus dieſem Unternehmen erwuchs und be⸗ eilten ſich einerſeits die Schanze zu erſtürmen und an⸗ derſeits mit ihrer Flotille den zögernden Feldmarſchall abzuhalten, damit er den drüben iſolirten Ungarn zu Hilfe eile. Der 12. Oktober war ein Sonntag. Die Stückknechte und Büchſenmeiſter waren betrunken, daher die zum Schutze der Schanze aufgefahrenen Batte⸗ rien nichts ausrichteten. Der Wall wurde erſtürmt und die Ungarn, mit Aus⸗ nahme einiger Weniger, welche entrannen, wurden nieder⸗ gehauen. E. Breier. General Roßwurm 1. 11 Die Feinde des Feldherrn ſchrieen„Verrath“ in alle Winde. Der Roßwurm, ſagten ſie, hätte ſtracks auf dem Ofner Ufer Poſition nehmen und die Ungarn mit ganzer Macht unterſtützen ſollen. Dieſer dagegen behauptete, die Feinde hätten in dieſem Falle ſeine Lagerſtätte auf der großen Inſel erobert und beſetzt, und er wäre damit nicht nur von Peſt abge⸗ ſchnitten geweſen, ſondern würde auch den Türken Ge⸗ legenheit gegeben haben, Ofen mit größerer Leichtigkeit zu entſetzen. Trotz der ſehr triftigen Einwendung, warf dieſe un⸗ glückliche Affaire auch noch auf ſpätere Ereigniſſe in dem Leben des Marſchalls ſchwarze Schatten und trug dazu bei, ſeinem Geſchicke die verhängnißvolle Wendung zu geben. Roßwurm hatte in ſeiner Stellung einen doppelten Kampf zu beſtehen, einen offenen gegen die Ungläubigen und einen geheimen gegen ſeine perſönlichen Feinde. Böſe Geſinnung und Spannung zwiſchen den ver⸗ ſchiedenen Nationen bereiteten allerlei Hinderniſſe. Das ſchlechte Beiſpiel pflanzte ſich bis in die Reihen der Truppen fort. Die Bande der Disciplin waren voll⸗ kommen locker. Nach dem unglücklichen 12. Oktober begann eine heftige, gegenſeitige Beſchießung. Roßwurm, zum Eifer antreibend, ging von Geſchütz zu Geſchütz. Da bemerkte er einen deutſchen Büchſenmeiſter, der ſtatt zu feuern, bei ſeinem Stück müßig herumlungerte. ung eig Fei tior ihen oll⸗ tige, hütz — 163— Erzürnt über dieſe Fahrläſſigkeit, verſetzte er dem Pflichtvergeſſenen mit ſeiner„Karbatſche“ einige Hiebe. In der nächſten Nacht war der Geſchützmeiſter deſertirt. Am folgenden Nachmittage ſaßen Roßwurm, Baſſom⸗ piere und noch zwei andere Herren beim Primeſpiel, als plötzlich eine Stückkugel daherbrauſte, und durch die„Zelt⸗ kapelle“ des Marſchalls fuhr. Gleich darauf kam eine zweite Kugel, die ihm ein Streitroß im Stalle tödtete. Die Beſtie von einem Geſchützmeiſter, rief Roßwurm, iſt zu den Türken übergelaufen und richtet nun die Ge⸗ ſchütze auf mein violettes Kammerzelt. So war es auch, allein mit dem Erkennen des böſen Schützen war die Gefahr nicht beſeitigt, die feindlichen Kugeln trafen jetzt mit ſolcher Zuverläſſigkeit, daß Marſchall an eine Aenderung ſeiner Poſition denken mußte. Er ließ das H eer oberhalb Ofen die Donau über⸗ h herausfordernd unter die Augen der ſetzen und lagerte ſich rk von i plötzlichen Entſchluſſe über⸗ raſcht, verhehlte dem Freunde bei Gelegenheit einer ver⸗ trauten Unterhaltung dies Gefihl nicht und fragte nach dem Motive. Roßwurm ergriff ſeine Hand und erwiederte mit dem Tone des gekränkten Mannes: Sie ſind glücklich, weil unabhängig und ſelbſtſtändig. Sie ſind nur für Ihre eigene Perſon verantwortlich, ich für das ganze Heer. Feigheit, Ungehorſam, Reibungen der verſchiedenen Na⸗ tionalen kreuzen meine Pläne und mir bürdet man die 1* Schuld auf. Schon erhielt ich Kunde von den böſen Reden, welche in Prag und in Wien über mich geführt werden, ich bin unthätig, ſagen ſie; als ob ich mit den 30,000 Mann, die ich befehlige, einen überlegenen Feind ſchlagen und eine Feſtung wie Ofen, im Fluge nehmen könnte. Und trotz meiner Minderzahl hätt' ich ſchon einen Hauptſchlag gewagt, träfen nicht von Woche zu Woche kaiſerliche Handſchreiben ein, welche mich ermahnen, ja des Kriegsvolkes zu ſchonen und nichts auf's Spiel zu ſetzen. Kann ich beiden Forderungen gerecht werden? Ich muß ſtets darauf bedacht ſein, meinen Feinden jede Ge⸗ legenheit zu Verdächtigungen zu benehmen, ohne den Ge⸗ horſam gegen den Monarchen zu verletzen, dadurch ent⸗ ſteht ein Schwanken, eine Unentſchiedenheit, ich fühl' es, aber ich kann nicht anders. Auf mir laſtet nicht blos die Verantwortlichkeit gegenüber dem Monarchen, ſondern gegenüber der ganzen chriſtlichen Welt. Mein Renommee, meine Reputation ſind es, die auf dem Spiele ſtehen. Ich habe bereits wiederholt um meine Entlaſſung gebeten, man verweigert ſie mir und begütigt mich mit kaiſerlichen Gnadenbezeugungen. Ich habe in dieſem Lande eine Stellung errungen und doch bin ich ihrer ſo wenig froh, daß kein Tag vergeht, wo mich der Gedanke nicht be⸗ ſchliche:„Ach, wärſt Du nur nicht nach Oeſterreich ge⸗ gangen!“ Der Marquis ſuchte die trübe Bitterkeit des Freundes durch Worte der Theilnahme zu mildern. Roßwurm drückte ihm mit Wärme die Hand und ſagte: Der wirkſamſte Troſt für mich iſt mein Bewußt⸗ ver Ca Re mir häl hal we da — 165— ſein. Ich bin über die Donan gegangen, um meine Feinde verſtummen zu machen, indem ich vor Beendigung der Campagne noch einen Schlag führe und ein ſichtbares Reſultat erziele, obwohl die unparteiiſche Gerechtigkeit mir das Zeugniß geben muß, unter den beſtehenden Ver⸗ hältniſſen in dem heutigen Feldzuge genug geleiſtet zu haben, indem ich die Vortheile des vorjährigen behauptete. Hoffen Sie, daß der Feind eine Schlacht annehmen werde? fragte Vaſſompiere. Ich wünſche es, fürchte aber das Gegentheil. Der Weinmonat geht zu Ende, die Urlaubszeit der Türken iſt da, der Serasker wird es nicht mehr wagen, ſie in den Kampf zu führen, ſondern wird in der Stille abziehen. Was werden wir dann thun? Roßwurm zuckte die Achſeln. Belgiojoſo verlangt, ich ſolle dann auf Erlau mar⸗ ſchiren und es nehmen, er weiß es aber recht wohl, daß mein Heer ſchon wochenlang keinen Sold erhielt und auf dem Punkte ſteht zu rebelliren. Er ſieht meine Nieder⸗ lage vor Erlau voraus und möchte mich dazu drängen, ich aber bin nicht ſo unklug in die Schlinge zu gehen. Ich werde einen oder den anderen Handſchlag ausführen und dann ebenfalls die Winterquartiere beziehen, doch werd' ich nicht von dannen gehen, bis ich nicht ein Re⸗ ſultat jener Sendung erhalten, die ich Ihrem Ecujer an⸗ vertrauen werde. Der Mißmuth im chriſtlichen Heere wegen Ausbleiben des Soldes war in der That ſo groß, daß die Garniſon zu Peſt bereits zu meutern anfing. ——— — 166— Der Feldmarſchall, um die gerechten Forderungen zum Theil wenigſtens zu befriedigen, brachte ein perſönliches Opfer und borgte von Baſſompiere 2000 Ducaten, die er unter die Truppen vertheilte. Der Margquis zeigte ſich zu dieſer Anleihe um ſo will⸗ fähriger, da er ſeit ſeiner Anweſenheit von Roßwurm im Primeſpiel bereits 8000 Dukaten gewonnen hatte, ein Be⸗ weis, daß der Sohn Baſſompiere ebenſo glücklich ſpielte, wie einſt der Vater Baſſompiere. Elſtes Kapitel. Eine anonyme Mahnung. Die Miſſion des Zunkers von Schlaginweit. Die fremden Edelleute, welche ſich als Freiwillige dem kaiſerlichen Heere angeſchloſſen hatten, fanden lange nicht ſo zahlreiche Gelegenheit, ihre Thatenluſt zu befriedigen, als ſie gewünſcht und gehofft hatten. Sie waren delikat genug, nicht zu murren, wie viele der Feldoberſten, allein den Unmuth getäuſchter Hoffnung ganz zu verbergen, vermochten ſie auch nicht. Der Feldmarſchall merkte es wohl, allein er konnte oder wollte nicht vor jedem ſeine mißliche Situation ent⸗ hüllen, wie er es dem Freunde gegenüber gethan, und hüllte ſich in ein ſtolzes Schweigen. Baſſompiere war der am wenigſten Unzufriedene. Ein Zwittergeſchöpf von Deutſchen und Franzoſen ver⸗ einigte er die Eigenthümlichkeiten beider in ſich, deutſche Einſicht mit franzöſiſchem Leichtſinne. Seine Reiſen in Süddeutſchland und in Italien, ſein Aufenthalt an den Höfen zu Paris, Florenz, Neapel und Rom machten ihn zeitlich mit den großartigen Verhält⸗ niſſen des Weltlaufes vertraut, ſeine feinen Manieren, ſeine liebenswürdigen Ausſchweifungen machten ihn überall wohlgelitten. Seine Geſchicklichkeit im maskirten Ballet war eben ſo groß wie in Reiterquadrillen, ſein Talent für Fechtkunſt hielt dem für Karten und Würfelſpiel die Wage. Heinrich III. zog ihn an ſeinen Hof und machte ihn zum Vertrauten ſeiner flüchtigen Liebſchaften, bereits war er an dem anmuthig liederlichen Hofe der Held von Liebes⸗ händeln geworden, deren Romantik ſeine deutſche Natur, bei aller Verflachung durch angelernten franzöſiſchen Leicht⸗ ſinn, eigenthümlich bezeichnete. Seinen erſten Feldzug kämpfte er im Jahre 1600 in Savoyen unter den Augen des Königs und des Konnetable Herzogs von Lesdiguières, da er ſich aber hernach wieder in den Strudel des Hoflebens ſtürzte, kamen die Mah⸗ nungen ſeiner deutſchen Verwandten, das träge thatenloſe Leben in Frankreich aufzugeben und ſich, wie es bisher in der Familie üblich geweſen, Waffenruhm zu erwerben; dies bewog Francois, gegen die Türken zu ziehen, wohin der Ruf der Ehre und der Gefahr ſchon ſo viele franzöſiſche Edelleute gelockt. Hier fand er nun den Kriegsſchüler ſeines Vaters als Feldmarſchall. Von Furcht ob deſſen alter Feindſchaft erfüllt, näherte er ſich ihm, und heute war er bereits deſſen Freund. Baſſompiere's ritterliche Tapferkeit verſcheuchte die Kühle Roſ Ero Gel Zer halt die trau bra Kur ſent ſein reit ich her unb nac rte — 169— Roßwurm's, ſein feines, geſelliges Talent vollendete die Eroberung. Fand nun auch die Thatenluſt des Marquis wenig Gelegenheit, ſich zu entfalten, ſo wußte der Lockere allerlei Zerſtreuungen hervorzuſuchen und die Langeweile ferne zu halten. Wie geſagt, er war der am wenigſten Unzufriedene. Am Feſttage Allerheiligen befand ſich der Feldmarſchall bei Baſſompiere zu Tiſche. Die beiden Freunde ſpeiſten allein, Roßwurm hatte die Einladung unter der Bedingung, daß das Mahl ein trauliches ſein werde, angenommen. Während der Tafel erſchien draußen ein Diener und brachte für den Feldherrn Briefe, die eben durch einen Kurier von Wien eingelaufen waren. Junker Schlaginweit übernahm die Schreiben und ſendete den Diener fort. Kaum hatte ſich dieſer entfernt, ſo zog Berthold aus ſeiner Bruſttaſche einen geſiegelten und mit der Adreſſe be⸗ reits verſehenen Brief hervor und legte ihn zu den anderen. Die Gelegenheit, murmelte er, kommt mir erwünſcht, ich werde nun Zeuge der Wirkung ſein! Damit ging er in das Tafelzelt, übergab dem Feld⸗ herrn die Schreiben und entfernte ſich wieder, um draußen unbemerkt zu horchen. Roßwurm öffnete die Schreiben, las ſie und legte eines nach dem andern bei Seite. Der Inhalt bezog ſich ausſchließlich auf Dienſtange⸗ legenheiten und bot wenig Intereſſe. — 170— Die Reihe kam endlich auch an den letzten Brief, der Feldmarſchall erſchloß ihn und machte eine Geberde der Ueberraſchung. Aus dem Umſchlage ſchaute ihm ein nettes Miniatur⸗ Portrait entgegen. Es war das Bildniß eines hübſchen Mädchens, welches ſich noch nicht zur Jungfrau entfaltet hatte. Roßwurm ſchaute das Portrait an und ließ Laute der Verwunderung hören. Worüber ſtaunen Sie? fragte der Marquis⸗ Man ſendet mir hier in einem blanken Umſchlage das Portrait eines Mädchens! Baſſompiere lachte und erwiederte: Sollt' es ein Aus⸗ hängſchild ſein? Das Geſchöpf iſt ja noch ein Kind! Liegt kein Billet bei? Nein! Wer iſt der Abſender? Die Schriftzüge der Adreſſe ſind mir unbekannt. Und das Siegel? Roßwurm muſterte den unverletzt erhaltenen Wachs⸗ abdruck und ſagte: Es zeigt wohl ein adeliges Wappen, doch ohne Namens⸗Chiffre. Ich bin zu wenig Heraldiker, um zu erkennen, wem das Wappen angehöre. Wiſſen Sie es vielleicht? Ich habe wohl zu Freiburg im Breisgau, zu Port a Mouſſon und in Ingolſtadt ſtudirt, allein dieſer Wiſſen⸗ ſchaft blieb ich überall ferne. Das Mädchen iſt hübſch, wer mag es nur ſein? es mes das ma mit vo ma E —5 Sie rt en⸗ — 171— Baſſompiere nahm das Portrait in die Hand und ſagte, es genauer betrachtend: Es iſt in der That ein angeneh⸗ mes Geſchöpf! Ah, was iſt das? Die Rückſeite iſt beſchrieben! Der Marquis wendete auf dieſe Bemerkung Roßwurms das Miniaturbild raſch um; beide laſen und der Feld⸗ marſchall zuckte zuſammen. Mein Gott! murmelte er und ſtierte die Schriftzeichen mit glühendem Blicke an. Die Inſchrift auf der Rückſeite des Portraits lautete: „Hermine, Tochter des Fräuleins Bertha von Picaut und des Hauptmanns Chriſtof Her⸗ mann von Roßwurm.“ „Geboren am 12. April 1591.“ Baſſompiere wagte nicht aufzuathmen. Er kannte die Ereigniſſe von Le Blanemenil und Amiens und war daher im Stande, den Sturm, den dieſes Por⸗ trait in der Bruſt des Feldmarſchalls erwecken mußte, zu ermeſſen. In der That ſprang Roßwurm, nach Verlauf einiger Sekunden, vom Sitze auf und rief: Der Kurier, wo iſt der Kurier? Der Marquis ſtürzte hinaus und befahl, den Kurier, welcher die Briefſchaften von Wien überbracht hatte, ſchleu⸗ nigſt herzuholen. Berthold flog, den Auftrag zu vollziehen. Nach vielen thränenreichen Jahren zog wieder einmal ein Freudenlaut durch ſeine Bruſt. Ich habe in ihm die Erinnerung an ſeine Schuld wach — 172— gerufen, murmelte der Forteilende vor ſich hin, und werde ihr nicht mehr zu entſchlummern geſtatten. Seine Liebe zum Weibe iſt erloſchen, er ſoll dafür die Mutter hoch⸗ achten und bewundern lernen. Er hat Weh und Schande über mein Haupt gebracht, um des Kindes willen verzeih ich ihm Alles, wenn er nur an der Tochter ſühnt, was er an der Mutter verbrochen! Bis der Kurier ankam, durchmaß Roßwurm mit ſtür⸗ miſchen Schritten das Zelt, ohne daß Baſſompiere ihn in ſeinen Gedanken ſtörte. Endlich trat der Erwartete ein. Der Feldmarſchall wollte dem Einſender des anonymen Briefes auf die Spur kommen; die Unterredung mit dem Kurier bot jedoch keine Aufklärung. Dieſer hatte das Briefpaket in Wien überkommen und im Zelte des Feld⸗ marſchalls abgegeben, ohne ſich um die einzelnen Schreiben weiter zu bekümmern. Noßwurm ſchickte den Kurier fort, zog den Marquis zu ſich heran und raunte ihm mit düſterem Tone zu: Sie werden ſehen, Francois, es iſt dies wieder eine der In⸗ triguen meiner Feinde. Baſſompiere widerſprach durch eine Kopfbewegung dieſer Anſicht. Ihre Feinde, ſagte er, würden ſich nicht begnügen, Ihnen ein Portrait zuzuſenden, ſondern es vorziehen, das Original mit Eelat zu produziren. Die Mahnung, wenn es nicht etwa gar eine Schuldforderung iſt, kommt von irgend einer anderen Seite. Ich werde dieſe Seite aufzufinden trachten, verſetzte der ein den den Ih Ide Fei An ſol tha auf übe nich auf Sie die mei türl be ch⸗ de en em as ld⸗ en uis Sie n⸗ en, as nn on — 1 6 der Marſchall mit drohender Erregung, und entdecke ich eine lügneriſche Intrigne— Seien Sie vorſichtig, Freund, damit Sie Ihren Fein⸗ den keine Waffen in die Hände liefern. Ich brenne vor Ungeduld, nach Wien zu kommen, um dem Geheimniſſe auf die Spur zu gelangen. Wer weiß, ob man es Ihnen nicht entdecken wird, ohne Ihr Hinzuthun? Dieſe Bemerkung überraſchte den Feldmarſchall. Die Idee, das Ganze ſei blos eine erfundene Intrigue ſeiner Feinde, beherrſchte ihn ſo ausſchließlich, daß jede andere Anſicht ihm unerwartet erſchien. Meinen Sie? fragte er gedehnt. Sie werden gut thun, ſich auf alle Fälle vorzubereiten. Roßwurm begann abermals nachzuſinnen, und zwar ſo lebhaft, daß er, ohne es zu wiſſen, einzelne Aeußerungen that, die Zweifel und Unglauben verriethen. Sprechen wir nicht mehr davon, fuhr er auf einmal auf, jene fatale Affaire hat der Unannehmlichkeiten genug über mich gebracht, ich will mich jetzt nach ſo vielen Jahren nicht auch noch von ihrem Geſpenſte quälen laſſen. Und mit Ton und Geberden, welche bezeugten, daß er auf eine andere Angelegenheit übergehe, ſagte er: Aviſiren Sie den Junker von Schlaginweit, er werde heute Nacht die bewußte Miſſion ausführen. Heute Nacht ſchon? Ja, mein Freund. Die heute eingelangten Ausſagen meiner Kundſchafter melden einſtimmig den Abzug des türkiſchen Heeres zu Waſſer und zu Lande, der Augen⸗ blick, mit dem Befehlshaber in Ofen in Unterhandlung zu treten, iſt gekommen. Baſſompiere verſprach dem Wunſche des Freundes nachzukommen, und begleitete dann den ſich Entfernenden eine Strecke weit durch das Lager. Eine Stunde ſpäter erſchien Berthold vor dem Feld⸗ marſchall. Sein Antlitz war freudig geéröthet, ſein Auge leuchtete. Roßwurm bemerkte die Symptome, unterſchob ihnen jedoch einen falſchen Urſprung. Er wähnte, die Freude des Junkers entſtamme der Sendung, und war damit ſehr zufrieden. Biſt Du reiſefertig? fragte er ihn wohlwollend. Im Lager iſt man es zu jeder Stunde! lautete die Antwort. Hat Dein Gebieter Dir meine Abſicht mitgetheilt? Der Herr Marquis ſagte mir blos, Eure Excellenz würden mir eine Sendung übertragen, welcher Art dieſe ſei, werde ich von Eurer Excellenz erfahren. Das ſol lſt Du ſogleich. Der Beglerbeg Ali Paſcha befehligt in Ofen. Ihm iſt vor längerer Zeit eine griechi⸗ ſche Sklavin, Namens Siona, entflohen. Ein Zufall brachte ſie in meine Gewalt, und ſie befindet ſich in die⸗ ſem Augenblicke in Peſth wohlbewacht. Du wirſt dieſe Sklavin unter ſicherem Geleite nach Ofen bringen, um ſie ihrem Gebieter zurückzuſtellen. Ein wichtiges politi⸗ Motiv veranlaßt mich zu dieſer V Ich wünſche nämlich mit dem Befehlshaber von S Ofen in eine gehe die men deſſe einet trac zuht eben Nier komt 6 Obh ſolle ſind der ihne Die ſchör Deir zu es geheime Unterhandlung zu treten, und glaube, ihn durch die Zurückſtellung ſeiner Lieblingsſklavin günſtig zu ſtim⸗ men. Du wirſt von mir ein Schreiben mitbekommen, deſſen Inhalt unverfänglich iſt und ſich blos auf die Griechin bezieht; außerdem wirſt Du jedoch ein Billet, in einer kleinen Wachskugel eingeſchloſſen, mitnehmen und trachten, die letztere dem Beglerbeg unter vier Angen ein⸗ zuhändigen. Der Inhalt dieſes Billets iſt wichtig, es iſt ebenſo nothwendig, daß er geheim bleibe, als auch, daß Niemand wie Ali Paſcha das Billet in die Hände be⸗ komme. Verſtehſt Du mich? Vollkommen, Eure Excellenz. Damit die Griechin nicht entfliehe, werde ich ſie der Obhut zweier Wallonen übergeben, welche angewieſen ſein ſollen, blos Deinen Befehlen zu gehorchen. Dieſe Männer ſind nur der franzöſiſchen Sprache mächtig, es iſt damit der ſchlauen Gefangenen die Möglichkeit benommen, mit ihnen zu konſpiriren, da ſie dieſes Idioms unkundig iſt. Die Griechin iſt aber nicht nur ſchlau, ſondern auch jung, ſchön und verführeriſch, ich zähle daher nicht blos auf Deine Treue, ſondern auch auf Deine männliche Stand⸗ haftigkeit. Verſtehſt Du mich? Berthold verneigte ſich und machte eine Pantomime, die den Feldherrn alles deſſen verſicherte, was er bean⸗ ſpruchte. Roßwurm fuhr fort: Ich könnte die Gefangene von Peſth herüber bringen und Euch von hier aus auf dem kürzeſten Wege nach der Feſtung gelangen laſſen. Ich habe jedoch ſehr wichtige Gründe, dies nicht zu thun, ſondern Euch eine andere Route vorzuſchreiben. Ich will nämlich, daß Deine Sen⸗ dung, ſowie die Auslieferung der Griechin, in unſerem Lager ein Geheimniß bleibe, daher Ihr dieſes nicht paſ⸗ ſiren ſollt. Demgemäß ſind folgende Anſtalten getroffen. Man wird Dich mit Anbruch der Abenddämmerung nach der Spitze der St. Andreasinſel überſchiffen. Dort wirſt Du ein Boot erwarten, welches von Peſt herüber kommen und Dich aufnehmen wird. Die Loſung iſt:„Promontor“, das Feldgeſchrei: ein zweimaliges Aneinanderſchlagen der inneren Handflächen. In dem Bote werden ſich außer einem Steuermanne und zwei Ruderern die beiden Wal⸗ lonen und die Griechin befinden. Das Fahrzeng wird Euch auf der nunmehr freien Donau ſtromabwärts tragen. Eine ziemliche Strecke hinter dem St. Gerhardsberge— der Steuermann hat bereits ſeine Inſtruktivn— wird das Boot auf der Ofener Seite anlegen und Euch an's Land ſetzen. Ihr werdet den Anbruch des Tages abwarten und Euch dann auf den Weg nach der Feſtung machen. Da ſtromaufwärts die Waſſerfahrt zu langſam und zu mühſelig von Statten geht, ſo werdet Ihr, ohne Euch mehr um das Boot zu bekümmern, den Rückweg zu Lande und auf der kürzeſten Linie antreten. Die Griechin wird natürlich in Ofen zurückbleiben, Du und die beiden Wallonen werden, bei unſeren Vor⸗ poſten angelangt, angeben, Ihr ſeiet der Gefangenſchaft entkommen, worauf man Euch unverzüglich zu mir führen wird. Aus dieſer ganzen Anordnung wirſt Du erſehen, wie hier kurz die( perſ dari das mir zuri ſelbſ keine Du haſt, und und L mit Dän — 6 gleit Ufer, dreat 2 auf Boot Z auft C. ere en⸗ em aſ⸗ en. ach irſt nen „ der ßer al⸗ ird gen. das and und und uch nde ben, bor⸗ haft hren hen, wie viel Gewicht ich darauf lege, daß Deine Sendung hier im Lager nicht bekannt werde. Dein Hauptaugenmerk, begann der Feldherr nach einem kurzen Schweigen von Neuem, muß darauf gerichtet ſein, die Griechin auszuliefern und die Wachskugel dem Beglerbeg perſönlich und geheim zu übergeben. Wie das anzuſtellen, darüber vermag ich Dir keine Inſtruktion zu ertheilen, das entſcheiden die Ereigniſſe in der Feſtung. Es würde mir zwar angenehm ſein, wenn Du ſchon übermorgen zurückkehrteſt, jedoch wenn Unſtände eine Verzögerung ſelbſt von mehreren Tagen bedingen ſollten, ſo mach' Dich keiner Uebereilung ſchuldig. Behalte ferner im Auge, daß Du es mit einer Griechin und mit einem Türken zu thun ſt, zwei Bedingungen, die Dir die höchſte Wachſamkeit „ 6 6 6 und die äußerſte Vorſicht auferlegen. Ich bin zu Ende D ha und erwarte, daß Du mein Vertrauen rechtfertigeſt. Berthold betheuerte dies, worauf Roßwurm ihn noch mit einigen Dukaten verſah und ihn, da mittlerweile die Dämmerung angebrochen war, zum Aufbruche ermunterte. Der Junker, von einem Diener des Marſchalls be⸗ gleitet, verließ das Lager und nahm den Weg gegen das lfer, wo der Kahn, der ihn nach der Spitze der St. An⸗ reasinſel bringen ſollte, bereits harrte. Berthold beſtieg das Fahrzeug und landete bald dar⸗ auf an der bezeichneten Stelle, wo er die Ankunft des Bovtes erwartete. Der Abend wich der Nacht, Finſterniß lagerte ſich auf die Erde. E. Breier. General Roßwurm. J. 1 d 12 Der Strom rauſchte und wogte, ein heftiger Weſt ſchüttelte die bereits entlaubten Bäume der Inſel. Auf den Schwingen des Windes zog ein Wetter her⸗ auf, welches die Nacht noch mehr verfinſterte und noch unheimlicher machte. Berthold ſtrengte ſich an, das von Peſth herüber er⸗ wartete Bovt zu erſpähen. Er gewahrte deſſen Umriſſe erſt, als es faſt in ſeiner unmittelbaren Nähe anlangte. Er klatſchte zweimal in die Hände. Das Feldgeſchrei wurde vom Boote aus erwiedert. Darauf näherte ſich der Junker dem Rande des Ufers und rief das Wort:„Promontor“. Die Parole iſt richtig! antwortete eine Männerſtimme in franzöſiſcher Sprache, und eine zweite lud ihn ein, in's Boot zu ſteigen. Berthold befand ſich mit einem Sprunge in der Mitte des Fahrzeugs. Die beiden Wallonen begrüßten ihn. Mit einem Blicke das Boot durchſpähend, gewahrte er auf deſſen Boden eine zuſammengekauerte Geſtalt, ob in Schmerz oder in ein düſteres Hinbrüten verſunken, war nicht zu entſcheiden. Von Finſterniß umhüllt, erſchien ſie wie eine ſchwarze Maſſe, welche zufällig die Formen eines menſchlichen Körpers beſaß.. Das iſt die Griechin! dachte Berthold, und unwill⸗ kürlich beſchlich ihn ein Gefühl des Mitleids. Sah er doch in ihr blos die Chriſtin, welche aus Gründen der fers nme in's Kitte e er b in war arze ichen will⸗ h er der Politik dem Erbfeinde ihres Glaubens und ihrer Freiheit ausgeliefert wurde. Das Fahrzeug ſtieß ab, die Ruder ſetzten ſich in Be⸗ wegung, der Steuermann lenkte nach der vollen Strömung. Mittlerweile war der Wind zum Sturm angewachſen, welcher unheimlich durch die Nacht heulte. Der Strom ſchäumte und warf Wellen, die das ſchwan⸗ kende Fahrzeug bald auf dieſe, bald auf jene Seite zu legen drohten. Berthold ſtand mit verſchränkten Armen in der Mitte des Bootes und hatte Mühe, ſich aufrecht zu erhalten. Ein leiſer Seufzer ſchlüpfte über ſeine Lippen und in Gedanken klagte er:„Ach Hermine, wenn Du ahnteſt, welchen Gefahren ich mich preisgebe, um uns das Herz Deines Vaters zuzuwenden!“ Der Orkan heulte auf und betäubte den Schmerz der Seele. Jetzt entluden ſich die Wolken, was ſie entſendeten, war nicht Regen, nicht Schnee, ſondern ein Gemenge von beiden. Zwölftes Rapitel. Das Ende des eldzuges. Der Abzug des türkiſchen Heeres blieb im chriſtlichen Lager nicht lange ein Geheimniß. Wo der Oberfeldherr unter den Truppenführern ſo mächtige Feinde zählt wie Roßwurm, da finden alle ihm nachtheiligen Ergebniſſe eine reißende Verbreitung, und ein Nachtheil lag in dem Abmarſche des Gegners, den man zu ſchlagen gehofft, der aber ſo klug war, keine Schlacht anzunehmen, ſondern, nachdem er die Feſtung mit friſchen Truppen und Vorräthen verſehen, womit ſeine Abſicht erreicht war, ſich wieder in die ferne Hei⸗ math begab. „Das Ueberſchreiten der Donau, das Lagern vor Ofen, hieß es, geſchah zu ſpät, es hätte vor drei Wochen ge⸗ ſchehen müſſen, in jener Nacht, als die Ungarn die Schanze aufwarfen. Unverſtändniß kann man dem Roßwurm nicht vorwerfen; was er unterließ, zum Nachtheile der kaiſerlichen — 181— Waffen unterließ, geſchah alſo aus Verrath, weil er mit dem Erbfeinde im geheimen Einverſtändniß ſteht!“ Dieſe Anſchuldigung, obgleich nichtig, ohne jeden halt⸗ baren Grund, fand doch manche Gläubige. Der Feldmarſchall mißachtete das böſe Gewiſpel, laut wagte die Verdächtigung dem Machthaber gegenüber ſich nicht zu äußern, denn ein Kriegsgericht hätte die Ehre des Heerführers furchtbar gerächt. Der erſte Tag nach der Abſendung des Junkers von Schlaginweit verſtrich, der zweite verging und Berthold kehrte noch nicht zurück. Roßwurm gerieth in Sorge, die Zögerung fiel ihm um ſo mehr auf, da die Meldung von den zurückgekehrten Bootsleuten bereits eingelaufen war und die Angabe des Steuermannes dahin lautete, daß die vier Perſonen trotz Nacht und Sturm glücklich an's Land geſetzt worden ſeien. Das Ausbleiben des Junkers ließ daher auf uner⸗ wartete Vorkommniſſe ſchließen. Als der Abgeſendete auch am dritten Tage nicht er⸗ ſchien, theilte der Feldherr ſeine Unruhe dem Mar⸗ quis mit. Baſſompiere ſchüttelte ebenfalls den Kopf und meinte, dem Junker müſſe in der Feſtung Schlimmes wider⸗ fahren ſein. Wenn das der Fall wäre, verſetzte Roßwurm, würde ich ihn um ſeinet⸗ und meinetwillen ernſtlich bedauern, es würde mir jedoch weniger unangenehm erſcheinen, wie ein Verrath. Deſſen halte ich den Junker für unfähig. — 182 Auch keiner Schwäche gegenüber einer ſo ſchönen Ver⸗ führerin, wie Siona? Auch dieſe Frage zu verneinen, wagte der Marquis nicht. Er kannte den Junker viel zu wenig, um in dieſer Beziehung ein Urtheil über ihn abzugeben. Die beiden Freunde ergingen ſich in allerlei Vermu⸗ thungen über das Ausbleiben des Boten, als ein Ereigniß eintrat, welches dem Räthſel eine ſchreckliche Löſung bot. Um die Mittagszeit erſcholl nämlich von den Wällen der Feſtung ein ungeheurer Jubel, welcher das ganze chriſt⸗ liche Lager allarmirte. Roßwurm, von den Unterbefehlshabern umgeben, ſprengte an die äußerſten Vorpoſten, um nach der Ur⸗ ſache des Freudengeſchreies zu ſpähen. Der Anblick, der ſich ihnen darbot, war, der dama⸗ ligen Sitte gemäß, ein gewöhnlicher, nichtsdeſtoweniger ſchrecklicher. Die äußerſten feindlichen Wälle waren mit Türken be⸗ ſäet, deren Freudengeſchrei einem auf einer hohen Stange aufgepflanzten Kopfe galt. Die Entfernung ließ im chriſtlichen Lager den Kopf nicht erkennen, allein der Unſtand, daß er auf dem äußer⸗ ſten Walle zur Schau geſtellt und mit einem ſo demon⸗ ſtrativen Jubel begrüßt wurde, konnte als untrügliches Kennzeichen gelten, daß er einem Chriſten angehört habe. Sich gegenſeitig dergleichen Schauſpiele zu bieten, war damals an der Tagesordnung. In den Laufgräben vor Kaniſa wurden die Köpfe zweier Paſcha's aufgepflanzt, die man von Ofen, wo ſie fiel Be Uel ſo ang unt pie von der den bra wic mel zuf in jun beſ zwe ſei, ein ver hal — 183— fielen, bis dahin transportirte, um der Kaniſaner türkiſchen Beſatzung einen heilſamen Schreck einzuflößen und ſie zur Uebergabe geneigter zu machen. In der Regel erzengte ſolche Schauſtellung eine um ſo größere Erbitterung, ſie wurde aber nichtsdeſtoweniger angewendet. Roßwurm knirſchte bei dem Anblick mit den Zähnen und kehrte ſich mit einem vielſagenden Blicke zu Baſſom⸗ piere. Die Todesbläſſe des Marquis bewies, daß dieſer von derſelben ſchrecklichen Vorſtellung erfaßt war, wie der Freund. Der Zufall fügte es, daß zur nämlichen Stunde von den chriſtlichen Vorpoſten ein türkiſcher Ueberläufer einge⸗ bracht wurde, der am Morgen aus der Feſtung ent⸗ wichen war. Roßwurm befahl, ihn ſogleich vorzuführen. Der Deſerteur befand ſich zur Zeit der Exekution nicht mehr in der Feſtung, wohl aber hatte er, ſeiner Ausſage zufolge, am vorhergehenden Tage erzählen hören, man ſei in der Feſtung eines Spions habhaftig geworden, eines jungen Franzoſen, deſſen Hinrichtung für den nächſten Tag beſtimmt war. Nun glaubten weder Roßwurm noch Baſſompiere mehr zweifeln zu dürfen, daß der Junker von Schlaginweit es ſei, den das unglückliche Lvos erreicht hatte. Entweder, darin ſtimmte ihre beiderſeitige Anſicht über⸗ ein, hat ſich Ali Paſcha durch Zumuthung eines Verraths verletzt gefühlt und Rache genommen, oder der Junker habe den politiſchen Theil ſeiner Miſſion ſchlecht ausge⸗ — 184— führt und den Paſcha auf irgend eine Weiſe blosgeſtellt, ſo daß dieſem zu ſeiner Rechtfertigung nichts erübrigte, als dem Unterhändler den Kopf vor die Füße legen zu laſſen. Roßwurm, entflammt wegen des Mißlingens der Un⸗ ternehmung, von der er ſich erheblichen Erfolg verfprochen hatte, beſchloß das unſchuldige Blut des Junkers zur Stunde zu rächen. Er ließ ſogleich einige hundert Reiter aufſitzen, und lud den unternehmungsluſtigen fremden Adel ein, ihn zu begleiten. Während vom Lager aus gegen die Feſtung ein Schreck⸗ feuer eröffnet wurde, warf ſich die kühne Schaar, den Feldmarſchall an der Spitze, in voller Carriére einher⸗ ſprengend, auf die untere Stadt, überfiel die dortigen warmen Bäder und ſchleppte trotz des heftigſten Kugel⸗ regens aus der oberen Feſtung dreißig Türken gefangen mit ſich fort. Man hatte einen vornehmen Fang gehofft, leider zeigte ſich's, daß man blos armes, unanſehnliches Geſindel er⸗ wiſcht, von dem man weder Löſegeld noch ſonſt einen Nutzen zu hoffen hatte. Man forſchte auch bei dieſen Gefangenen wegen des hingerichteten Franzoſen, allein ſie wußten noch weniger Be⸗ ſcheid wie der Ueberläufer, da die Feſtung wegen Feindes⸗ nähe abgeſperrt war, und ihre Bewohner mit denen der Unterſtadt nicht kommuniciren konnten. Die hereingebrochene ſchlechte Witterung ließ nun auch den chriſtlichen Feldherrn an die Winterquartiere denken. er GS S qu — 185— Er verſah Peſth mit Lebensmitteln, verſtärkte die Be⸗ ſatzungen dieſer ſowie der anderen Feſtungen und machte ſich dann auf den Marſch. In Waizen angelangt, brach Roßwurm mit einer flie⸗ genden Kolonne gegen Hatwan auf, um dieſe von den Türken neuerlichſt befeſtigte Stadt zu nehmen und da⸗ mit des Feindes Verbindung zwiſchen Ofen und Erlau zu ſtören. Generalwachtmeiſter Tilly übernahm indeſſen den Be⸗ fehl des zurückbleibenden Hauptheeres. Feldzeugmeiſter Sulz, Nadasdy und der italieniſche Oberſt Straſſoldo recognoscirten eben vor Hatwan, als eine daherbrauſende Kugel den Letzteren niederſtreckte. Roßwurm begann unverzüglich die Belagerung und erreichte, daß die Türken am 20. Novembev die Stadt übergaben. Nachdem er einen ſeiner Vettern, den Hberſten Burg⸗ hard Hieronimus von Roßwurm, zum efehlshäber in Hatwan ernannt hatte, zahlte er in 2 zu Gran die Soldrückſtände aus, traf die Vertheilung für die Winter⸗ quartiere und reiſte dann mit Baſſompiere ab. Als der Marquis Wien verließ, hätte er kaum zu denken gewagt, daß er nach zwei Monaten als der Freund desjenigen zurückkehren würde, deſſen Feindſchaft ihm ſor⸗ genvolle Stunden bereitete. Wir und der Lefer mit uns können den ungariſchen Boden noch nicht verlaſſen. Da wir unangenehme Unterbrechungen, welche nach⸗ zuholende Erzählungen jedesmal verurſachen, vermeiden — 186— wollen, ſo iſt es hier an der Zeit, auf Berthold und Siona zurückzukommen. Fiel der Junker wirklich als ein Opfer türkiſcher Grau⸗ ſamkeit? War die ſchöne Griechin ihrem Eigenthümer und Gebieter überliefert worden? Der Leſer folge uns, die Antworten auf dieſe Fragen ſollen ihm ſogleich werden. Ende des erſten Bandes. General Roßwurm. Hiſtoriſcher Roman von — m 2 ⸗ Eduard Breier. Pweiter Band. ,, Berlin, 1861. Druck und Verlag von Otto Janke. II. III. IV. VI. VII. VIII. Xl. XII. Inhalts⸗Verzeichniß des zweiten Bandes. Seite Die Sirene in der Fiſcherhütte. Berthold in Gefahr 3 Der Junker von Schlaginweit wird gefangen und erhält Gelegenheit, die kennen zu leren 23 Die Maske des Junlers filt Die Griechin auß der Fluchtt . Einkehr bei Herrn Kaſpar Lametzhofer.. 71 Eine Teufelsaustreibung und ihre Folgen 383 Fechtmeiſter und Bürgermeiſter 102 Roßwurm wieder in Wien.. Roßwurms Beſuch im Frarzislinerlloſer Der Feldmarſchall und der Wiener Bürgermeiſter. 148 Siona beginnt die Fäden ihrer Intriguen zu knüpfen 163 i i Ge 1 P on Schn ſich; tiſche 2 Kunſ jene, ſchick 2 word alleit ſicht man 9 Ster ſogle Erſtes Kapitel. Die Byrene in der Fiſcherhütte. Berthold in Gefahr. Pon Sturm und Strom umrauſcht, unter Regen und Schnee jagte das Boot durch die finſtere Nacht. Die Ruder ruhten, die windbeflügelte Strömung hatte ſich zu einer reißenden Eile geſteigert, die ſonſt majeſtä⸗ tiſche Donau war zum wilden entzügelten Renner entartet. Der Mann am Steuer mußte alle ſeine Kraft und Kunſt aufbieten, um das Fahrzeug im Wind zu erhalten; jene, die zum Rudern beſtimmt waren, wandten alle Ge⸗ ſchicklichkeit an, um ein Ueberſchlagen zu verhindern. Wohl war dem Steuermann die Gegend beſtimmt worden, wo er die vier Perſonen an's Ufer zu ſetzen habe; allein in ſolchem Wetter wäre ſelbſt am Tage jede Fern⸗ ſicht unmöglich geweſen, wie erſt in ſchwarzer Nacht, wo man nicht fünf Schritte weit vor ſich hinſah. Rechnet man dazu noch die Widerwärtigkeit, daß der Steuermann, als er landen wollte, in der Finſterniß nicht ſogleich die geeignete Stelle fand, ſo wird man begreifen, E. Breier. General Roßwurm. II. 1 wie es kam, daß die vom Feldmarſchall ausgeſandte kleine Karawane faſt eine Meile tiefer, als vorgezeichnet, an's Land geſetzt wurde. Die Karawane beſtand, wie man weiß, aus dem Junker von Schlaginweit, der Griechin Siona und ihren beiden Wächtern, den Wallonen. Roßwurm hatte angeordnet, man ſolle den Anbruch des Tages abwarten und dann den Weg nach der Feſtung einſchlagen, allein man hatte bis zum Morgen mehr als ein halbes Dutzend Stunden vor ſich und während dieſer Dauer dem Unwetter unter freiem Himmel ſich ausſetzen, trug der Junker Bedenken, er beſchloß daher ein Obdach zu ſuchen. Das Wetter iſt abſcheulich, unterbrach er zum erſten Male das ſeit der Einſchiffung von allen vier Perſonen beobachtete Schweigen, die Rede in franzöſiſcher Sprache an die beiden Wallonen richtend, wir müſſen trachten ein Obdach zu finden. Gut wär's, wenn es uns gelänge, verſetzte einer der Soldaten, allein wie es anfangen in dieſer Finſterniß, wo ſelbſt der Teufel einen Höllenbraten nicht fände, es wäre denn, daß er ihn röche und der Naſe nach ginge. Daſſelbe können auch wir thun, meinte der Andere. Wenn wir nur nicht in die entgegengeſetzte Richtung gerathen, indem wir auf's Gerathewohl in die Nacht hineinirren, gab Berthold zu bedenken. Das ſteht zu befürchten, murmelte der erſte Wallone, wir dürfen nicht vergeſſen, daß wir uns auf feindlichem Boden befinden— be Und, ergänzte der Andere, daß mit den gottverdammten Weinverächtern nicht ſcherzen iſt. Wir ſind mit einem Freibrief an den Paſcha von Ofen verſehen, gegenredete der Junker. Bah, die Beſtien haben ſchon Parlamentären die Köpfe abgeſchlagen, um ſo weniger werden ſie einen Freibrief reſpectiren, wenn es ihnen gerade nicht beliebt. Junger Herr! Was wollt Ihr? Darf man fragen, wer das Mädchen iſt, welches wir bewachen? Sie iſt eine dem Paſcha entflohene Selavin. Teufel, dieſe Paſcha's verſtehen es, die ſchönſten Weiber zu Sclavinnen zu machen. Schön iſt ſie, bekräftigte hierauf der zweite Wallone, ſo ſchön, daß man ſie einem Türken mißgönnt. Was meinen Sie, junger Herr? Ich meine, lautete die ausweichende Antwort des Jun⸗ kers, daß es vor Allem ſehr erſprießlich wäre, ein Obdach zu finden. Wahr iſt's, haben wir erſt eine Zufluchtsſtätt vor dem Wetter erſpäht, ſo wird ſich das Uebrige finden. Berthold erſchrak ob dieſer Aeßerung, denn ſie ſigna⸗ liſirte ihm eine Gefahr, an welche er bisher nicht ge⸗ dacht hatte. Seine Phantaſie beeilte ſich, Ereigniſſe, wie ſie mög⸗ licher Weiſe eintreten konnten, im Vorhinein zu entwerfen, und die Gefahr, die daraus nicht blos für den Zweck der 1* Sendung, ſondern auch für ſeine eigene Perſon entſprang, in voller Größe darzuſtellen. Wallonen waren in der Regel rüſtige, verwegene Männer, die vor einer Gewaltthat nicht zurückſchreckten, ſelbſt auf die Gefahr hin, mit der Disciplin in Konflikt zu gerathen, ſollten die beiden, zu Wächtern Erwählten, eine löbliche Ausnahme bilden? Der Junker gab der Hoffnung Raum, beſchloß aber trotzdem nicht blos auf der Hut zu ſein, ſondern auch wo möglich der gefürchteten Wendung vorzubeugen. Von dem Momente der Landung an war man, mit dem Rücken gegen den Strom gekehrt, in ſenkrechter Rich⸗ tung auf denſelben landeinwärts geſchritten. Der Boden unter den Füßen begann allmälig die ſan⸗ dige Weiche zu verlieren und ließ, obwohl vom Regen durchnäßt, doch gewöhnliches Erdreich erkennen. Nachdem man ungefähr Eine Stunde lang vorwärts gegangen, ſtieß der eine Wallone plötzlich den Ruf„Vie⸗ toria“ aus. Was giebt es? Was erfreueſt Du Dich? fragte ihn der andere. Wenn ich nicht irre, ſo werden wir gleich im Trockenen ſein. Ich glaube die Umriſſe einer Hütte zu erkennen! Weder der Junker, noch der zweite Wallone vermochten die Wahrnehmung zu beſtätigen, obgleich ſie, die Finſterniß zu durchdringen, ihre Sehkraft anſtrengten. Der Erſtere täuſchte ſich indeſſen nicht, denn nach kaum funfzig Schritten ſtand man vor einer Hütte, die man umging, bis man zu einer Oeffnung gelangte, welche nen ten niß um nan lche offenbar den Eingang bildete, ohne jedoch mit einer Thür verſehen zu ſein. Man trat ein. Gottlob, unter Dach wären wir! Das Neſt ſcheint öde und verlaſſen. Um ſo beſſer. Um ſo ſchlimmer, denn wir ſind auf uns ſelbſt ange⸗ wieſen, während Menſchenhilfe uns Noth thäte, um uns mit einigen Unentbehrlichkeiten unter die Arme zu greifen. Wenn wir wenigſtens Licht hätten. Wart', Konrad, ich werde verſuchen, es zu erzeugen. Halt, wer iſt's? unterbrach die Stimme des Junkers das Geſpräch der beiden Wallonen. Diable, wo iſt unſere Gefangene? Ich halte ſie feſt, antwortete Berthold, deſſen Vorſicht ihn den Eingang beſetzt halten ließ. Sein Anruf galt in der That der Griechin, welche unter dem Schutze der Finſterniß einen Fluchtverſuch wagen zu können vermeinte! Oh, oh, das Täubchen will uns entwiſchen, hohnlachte der eine Wallone, ſo haben wir nicht gewettet. Nun uns der Zufall ein Neſt beſcheert, wollen wir's auch fein warm halten! Während er, den Junker zu unterſtützen, die Ge⸗ fangene am Arme feſthielt, ſetzte ſein Kamerad ſein Feuer⸗ zeug in Thätigkeit und entzündete einen Schwefelfaden deſſen bläuliche Flamme den Ort, wo man ſich befand erkennen ließ. Die Hütte ſchien jener Urzeit anzugehören, wo die Baukunſt noch in der Wiege lag. Die aus Flechtwerk beſtehenden und mit Lehm über⸗ ſchmierten Wänden ſtanden unter zwei ſtrohbedeckten Flächen, die oben unter einem ſpitzen Winkel zuſammen liefen Ein Paar unverwahrte Lucken vertraten die Stelle der Fenſter. Die Hütte mochte von einem Fiſcher bewohnt ge⸗ weſen ſein, den jedoch die alljährlich wiederkehrenden Türkenlager verſcheucht haben, ſo daß ſie jetzt öde und verlaſſen ſtand. Die Feuerſtelle wies noch Aſche und Kohlen auf, was erkennen ließ, daß der Schutz, den der Bau gewährte, auch anderſeitig in Anſpruch genommen worden war, ver⸗ muthlich von einigen aus der Nachhut des vor Ofen ge⸗ lagerten Türkenheeres. Daß ſie bei ihrem Abzuge das Neſt nicht niedergebrannt hatten, geſchah vielleicht aus Fürſorge, um im nächſten Frühjahre für ſich oder für andere ihres Gleichen ein Ob⸗ dach aufzuſparen, oder war die Folge ſtrenger Mannszucht des jeweilig befehlenden Großvezirs. Ein Fund, den die neuen Gäſte machten, ſchien das erſtere zu bekräftigen. In einem Winkel der Hütte befand ſich Reiſig und Holz aufgeſchichtet. Der Wallone ſtürzte mit einem Freudenſchrei, als hätte er einen koſtbaren Schatz entdeckt, darauf los, trug Reiſig zur Feuerſtelle und entzündete es. nnt ſten Ob⸗ ucht das und ätte eiſig Man gewann damit Licht und in der Nähe der Flamme — Wärme. Das Ergebniß änderte die Situation mit einem Male. Sie war heimlicher, ſicherer und angenehmer geworden. Die Flamme, durch Holz genährt und unterhalten, wurde von der kleinen Geſellſchaft umlagert, die Wallonen holten die mitgenommenen Mundvorräthe hervor, und be⸗ gannen ihnen mit großem Appetit zuzuſprechen. Da auch für den Junker und die Gefangene fürge⸗ ſehen war, ſo wurden auch ſie eingeladen, an dem kalten Mahle Theil zu nehmen. Berthold ließ ſich's munden, Siona dagegen wies die Einladung durch eine verneinende Kopfbewegung zurück. Sie ſaß geſenkten Hauptes, wer weiß von welchen Gedanken umwogt, auf einem Klotz, der unverhofft zur Würde eines Stuhls gelangt war. Durch des Junkers kluge Veranlaſſung kam ſie an ſeine Seite zu ſitzen, und war damit durch ihn von den beiden Wallonen getrennt, deren zudringliche Vertraulichkeit zu beſorgen ſtand. Siona hatte bis nun durch keinen Laut geoffenbart, daß ſie überhaupt des Sprechens mächtig ſei, der Verſuch zu entfliehen, war ſtumm gewagt worden und nachdem er mißlang, überließ ſie ſich abermals lautlos neuen Plänen und Pläne waren es, mit denen ſich ihr Geiſt abgab, um ihre Auslieferung, deren Folgen ſie keineswegs unter⸗ ſchätzte, zu verhindern. Was brütete ſie aus? Wir werden es ſogleich erzählen. Der Junker war mit dem Mahle zu Ende, als Siona, welche dieſen Moment abgewartet zu haben ſchien, ihn anſprach. Sind Sie der deutſchen Sprache mächtig? Berthold bejahte die Frage. Sie ſcheinen jedoch kein Deutſcher zu ſein? Ich bin ein Lothringer. Darf ich Ihren Namen erfahren? Berthold von Schlaginweit. Befinden Sie ſich ſchon lange in den Dienſten des Feldmarſchalls? Ich ſtehe nicht in ſeinen, ſondern in den Dienſten des Marquis von Baſſompiere. Wie kömmt es, daß man Ihnen das traurige Geſchäft, mich auszuliefern, übertrug? Ich wurde Herrn von Roßwurm von meinem Gebieter empfohlen. Wiſſen Sie auch den Grund, warum der Feldmarſchall ein ſo grauſames Loos über mich verhängte? Sie ſind Ihrem Herrn, dem Paſcha von Ofen, ent⸗ flohen. Dünkt Ihnen dieſer Grund wichtig genug, eine Chriſtin der Grauſamkeit eines Glaubensfeindes zu überliefern? Der Feldmarſchall, verſetzte Berthold, wurde auch von einem politiſchen Motive beſtimmt. Bei dieſer Angabe ſtieß die Griechin ein Hohnlachen aus. Von einem politiſchen Motive! rief ſie mit einer Stimme, die daſſelbe Gefühl zum Ausdrucke brachte, Schmach über den Lügner, tauſendfaches Weh über den iſtin n* von aus. einer chte, den Heuchler, der mit ſolcher Argliſt zu täuſchen verſteht. Junker, Sie kennen den Mann nicht, dem Sie ſo ſchmäh⸗ lichen Dienſt leiſten, er hat Sie belogen wie tauſend Andere. Ich bin ein Opfer der Rachſucht, ſeiner Rach⸗ ſucht, die mich dem Verderben überliefert, weil ich ſeinen Wünſchen kein Gehör geſchenkt! Ein Schmerzensſchrei entrang ſich der Bruſt des Junkers. Siona ſtattete das lügneriſche Wort mit einer ſo gut erkünſtelten Entrüſtung weiblicher Tugend aus, daß der Junker ihr vollen Glauben ſchenkte. Wie hätte er auch an der Angabe zweifeln ſollen, er, der den Feldmarſchall kannte und wußte, wie wenig dieſer je bemüht war, ſeiner Leidenſchaften Meiſter zu werden. Die Griechin, die Wirkung ihrer Worte wahrnehmend, fuhr der angenommenen Rolle treu bleibend fort: Meinen Eltern in Rhodos geraubt, als Sklavin an den Paſcha von Ofen verkauft, ſollte ich die Zahl ſeiner Favoritinnen vermehren. Der Himmel bewahrte mich vor dieſer Schmach, indem er mir die Gelegenheit bot, dem Moslim zu ent⸗ fliehen. Vertrauensvoll ſuchte ich Schutz in der Chriſten Mitte. Roßwurm ſah mich und erneuerte in noch ſchmäh⸗ licherem Sinne die Zumuthungen des Paſcha. Ich wies ſie zurück. Er drohte, ich blieb unerſchüttert. Von Feinden im eigenen Heere umgeben, ſcheute er Gewalt zu üben und beſchloß aus Rache mich wieder dem Türken auszu⸗ liefern. Das iſt das Motiv ſeiner Handlungsweiſe und kein anderes. Wenn der Himmel mir nicht abermals einen 0 Retter ſendet, bin ich verloren, in Ofen erwartet mich der Tod oder noch Schrecklicheres, die Schande! Sie bedeckte das reizende Antlitz mit den Händen, ſchluchzte und weinte. Der Schmerz war nicht erheuchelt, denn die Angſt vor der Rache des Paſcha war genugſam mächtig und ge⸗ rechtfertigt, um ihr Thränen zu erpreſſen. Des Junkers bemächtigte ſich ein peinliches Gefühl. An den Glauben zu der Wahrhaftigkeit der Angaben Siona's ſchloß ſich das Mitleid, ſeine weiche, frauenhaft fühlende Seele empfand das Leiden der armen Griechin in ſeiner ganzen Größe, es koſtete ihn keine Mühe, ſich an ihre Stelle zu denken und er ſchauderte vor dem ihr bevorſtehenden Looſe zurück. Dem Mitleid gegenüber trat jedoch ſein perſönlicher Zweck in die Schranken. Und welch ein Zweck! In Wien weilte ein ſchuldloſes Kind, dem das Herz, die Liebe ſeines Vaters erobert werden ſollte, erobert durch die Aufopferung, durch die Treue der Mutter. Räumte er in dieſem Momente dem Mitleid die Herr⸗ ſchaft ein, ſo beging er an dem Manne, deſſen Gunſt zu erwerben er ſo viel wagte, eine Treuloſigkeit und kreuzte damit ſeine eigenen Pläne. Dieſem Konflikte zwiſchen Gefühl und Nothwendigkeit entſprang das Peinliche ſeiner Situation. Der Kampf war indeſſen nicht von Dauer, er entſchied ſich, wie nicht anders zu erwarten ſtand, zu Gunſten des eigenen Kindes. Darnach ſeine Antwort abwägend, ſagte Berthold mit der en, ngſt g ben haft chin ſich ihr cher erz, uch err⸗ zu uzte keit mpf icht des. mit — kalter Strenge: Ich bin dem Marquis, dem ich diene, zu hohem Dank verpflichtet und übernahm den gegenwärtigen Auftrag auf ſeinen Befehl. Ich gehorche ſomit ihm und nicht dem Feldmarſchall. Ueberdies ſteht es mir nicht zu, die Handlungen eines Heerführers zu beurtheilen, ver⸗ hält es ſich, wie Sie angeben, ſo mag er es mit ſeinem Gewiſſen abmachen, ich erfülle, Sie tief bedauernd, meine Pflicht. So weit war das Geſpräch vorgeſchritten, als die Griechin plötzlich wahrnahm, daß ſie ſich mit dem Junker allein befand. Die Wallonen hörten mit Mißvergnügen die eifrige Unterhaltung des Junkers mit der ſchönen Gefangenen, ohne etwas davon zu verſtehen. Mißtrauen und Reid, man konnte es beinahe Eiferſucht nennen, erwachten in ihnen. Sie ſahen ſich gegenſeitig mit bedeutungsvollen Blicken an, darauf erhob ſich der eine, winkte dem anderen, daß er ihm folge und ſchlug vor, die Hütte zu verlaſſen. Der Wink wurde verſtanden und befolgt. Die Entfernung beider wurde von den Zurückgebliebenen im Eifer des Geſpräches nicht bemerkt. Erſt als Siona durch die Strenge Bertholds ihre Ab⸗ ſicht vereitelt und dadurch gleichſam wieder an den Ort, wo ſie ſich befand, erinnert war, vermißte ſie die beiden Wächter und beeilte ſich, ihren Plan verfolgend, den günſtigen Augenblick zu benutzen. Junker Berthold, flehte ſie mit dem Tone traulicher Herzlichkeit, ich kann es nicht glauben, daß einer jungen Bruſt wie der Ihrigen das Erbarmen fremd ſei. Sie ſind Chriſt und Edelmann, handeln Sie als ſolcher und geben Sie mir die Freiheit. Sie verlangen Unmögliches! Unmöglich, warum? Fürchten Sie den Zorn des Feld⸗ marſchalls, ich werde Ihnen den Weg angeben, ihn un⸗ ſchädlich zu machen. Furcht kenne ich nicht, ich bleibe tandhaft, um mein verpfändetes Wort zu löſen. Als Sie Ihr Wort gaben, wußten Sie nicht, um was es ſich handle. Er hat Sie getäuſcht und Sie damit im Vorhinein der Pflicht, Ihr Wort zu halten, enthoben. Der Junker verneinte dieſe Anſicht durch eine Bewe⸗ gung des Hauptes, die Griechin rückte ihm näher, ſchmiegte ſich faſt zärtlich an ihn und indem ſie ſeine Hand ergriff flüſterte ſie: Ich habe die Gunſt zweier mächtiger Heer⸗ führer zurückgewieſen, weil kein Funke Wohlwollens in meinem Herzen für ſie glomm, zu Ihnen aber neigt ſich meine Seele, an Ihrer Seite pocht meine Bruſt lauter und raſcher. Die Jugend ſchließt ſich williger der Jugend an, indem ich Ihre Hand drücke, fühle ich ein unaus⸗ ſprechliches Vergnügen meine Seele durchbeben, indem ich Ihren Athem ſchlürfe, erfüllen mich die Schauer nie empfundener Wonnen. Ich weiß nicht, wie dieſer plötzliche Wechſel in mir entſtand, aber ich weiß, daß ich anders denke, wie vor wenigen Stunden. An Ihrer Seite ſitzend, an Sie mich traulich ſchmiegend, überkömmt mich die Sicherheit wie unter Freundesſchutz, ich fühle mich bereits gerettet, frei und in Sicherheit. Bepthold, antworten Sie, Sie und Feld⸗ un⸗ mein was t im . ewe⸗ iegte griff Heer⸗ s in tſich auter gend m ich nie zliche nders tzend, die ereits Sie, ich flehe Sie an, antworten Sie, der ſüße Ton Ihrer Sprache dringt in mein Herz, ſelbſt wenn er feindliche Worte ausdrückt. Die Griechin hatte ſich während dieſer mit der ganzen Gluth der Verführerin gemachten Erklärung an den Junker geſchmiegt und ließ ihn das ſüße Er ihres Körpers fühlen, der von Leidenſchaft überſtrömend auch ihn in den Strudel hinab zu reißen verſuchte. Hätte ein Mann an ſeiner Stelle da geſeſſen, er wäre den Reizen der Evatochter erlegen, ſelbſt wenn er ſich der ſtrengen Grundſätze altrömiſcher Tugend rühmte, an Berthold aber ſcheiterte die Macht des Weibes, alle Göttinnen des Olymps ſammt ihrem Gefolge hätten an ihm ihre Verführungskunſt umſonſt vergendet. Er blieb ruhig und kalt zum großen Erſtaunen Siona's, die bei einem Jüngling ſeines Alters ſolche Standhaftig⸗ keit und Selbſtbeherrſchung nicht begriff. Befremdet ſenkte ſie ihren durchdringenden Blick auf dieſen Menſchen mit dem Herzen von Eis und einen letzten Verſuch wagend fuhr ſie fort: Sie zögern, Sie bedenken ſich? Raſche That iſt doch d Jugend zu eigen. Fliehen Sie mit mir, ich bin reich an Gold und an Auf⸗ opferung. Retten Sie mich und Sie ſollen glücklich wer⸗ den wie noch kein Mann. Ich will Sie umgeben mit allen Freuden der Erde, mit allen Wonnen des Lebens. Mein Vater iſt reich und mächtig, er wird den Befreier ſeines Kindes wie ſeinen Hort verehren, er wird ſich ihm, wie vor ſeinem Herrn, zu Füßen legen. Auf, Berthold, faſſen Sie raſch den Entſchluß, die Liebe und das Glück winken, kommen Sie, kommen Sie! ſie Bei dieſen Worten ſchlang ſie mit einer väſchen Be R wegung ihren Arm um den Junker und drückte ihn, ehe de er ſich's verſah, ſtürmiſch an ihren Buſen, doch als ent⸗ zu deckte ſie urplötzlich, daß ſie eine Schlange umarmt, ſtieß ſie den Jüngling mit einem Ruf der Ueberraſchung von die ſich: Allmächtiger, was iſt das? S Und vor ſich hinmurmelnd beantwortete ſie die eigene de Frage: Es iſt ein Weib wie ich! jet Berthold erblich zur Leiche, er ſah ſich entdeckt. wo Die Verlegenheit des Junkers war unbeſchreiblich. Verwirrt ſenkte er den Blick zu Boden, beſtrebt, zu ſar ermeſſen, welche Nachtheile ihm aus dem unerwarteten un⸗ des angenehmen Zwiſchenfalle erwachſen konnten. vor Noch hatte er keine deutliche Vorſtellung von ſeiner Si plötzlich veränderten Lage gewonnen, als die Griechin den Se errungenen Vortheil nicht nur im vollen Umfange be⸗ reits erfaßte, ſondern auch ſchon ihn auszubeuten ent⸗ in ſchloſſen war. ken Mit ſeltener Geiſtesgegenwart überblickte ſie im Nu die neugeſtaltete Situation und ſammelte flugs die wilde die Energie ihres Charakters, ſich zur Herrin derſelben auf⸗ für zuwerfen. ein Früher ſelbſt in der Gewalt Bertholds, befand ſich dieſer jetzt in der ihrigen. doc Nun, da ihr Hüter ein Weib war wie ſie, konnte ſie fort Ver ihn zwar nicht mehr verführen, aber ſie konnte ihn ver⸗ rathen. lück Be⸗ ehe ent⸗ ſtieß von gene zu un⸗ iner den be⸗ ent⸗ Nu ilde auf⸗ ſich e ſie ver⸗ Jetzt brauchte ſie nicht mehr Liebe zu heucheln, ſondern ſie durfte ihren natürlichen Gefühlen, dem Haß und der Rache freien Lauf gewähren, ja, dem Haß und der Rache, denn für das treue Werkzeug Roßwurms etwas Minderes zu empfinden, lag nicht in ihrem Weſen. Mit einem Blicke vernichtenden Triumphes ſchaute ſie e zum Manne verkappte Frau an und ſagte hierauf: ie ſind ein Weib wie ich, Sie ſind die Geliebte entweder des Marquis oder des Feldmarſchalls, wir ſtehen uns jetzt eine Frau der anderen gegenüber, ich frage Sie alſo, wollen Sie mir die Freiheit geben. Berthold, dem Momente der Gefahr Rechnung tragend, ſammelte ſich und erwiederte: Ich bin weder die Geliebte des einen noch des andern der genannten Herren, keiner von ihnen weiß, daß ich eine Frau bin, wäre dem, wie Sie behaupten, man hätte mich nicht der Gefahr dieſer Sendung ausgeſetzt. Siona widerlegte die allerdings triftige Einwendung in einer Weiſe, welche die Spitzfindigkeit ihres Geiſtes kennzeichnete. Eben deshalb, rief ſie, weil Sie eine Frau ſind, fiel die Wahl des Feldmarſchalls auf Sie. Der Argliſtige fürchtete meine Gewalt über den Mann und wählte daher ein Weib. Berthold wollte gegen dieſe Logik Einwendung erheben, doch die Griechin entzog ihm das Wort, indem ſie raſch fortfuhr: Laſſen wir den unfruchtbaren Streit, wozu die Vertheidigung wegen einer gleichgiltigen Sache. G S Ihnen mag Frauenehre gleichgiltig ſein, entgegnete Berthold mit Bitterkeit, mir iſt ſie es nicht. Frauenehre rief Siona höhniſch, wie ſchwer wiegt ſie bei einer Perſon, die verkleidet mitten im Kriegslager weilt? Schweigen wir auch davon. Liebe und Ehre liegen außerhalb des Kreiſes, der uns momentan umſchließt, wo⸗ nach ich lechze, iſt Freiheit oder Rache. An wem wollen Sie ſich rächen? An Ihnen, wenn Sie darauf beſtehen, mich dem Paſcha auszuliefern. Ich entdecke dem Moslim Ihr Ge⸗ ſchlecht, errege ſein Mißtrauen und Sie theilen mit mir Kerker oder Harem. Ein Aufſchrei Bertholds folgte dieſer inhaltsſchweren Drohung. Die Abſicht der Griechin war enthüllt, die liebe⸗ heuchelnde Syrene hatte ſich in eine racherfüllte Gorgone umgewandelt, dem Junker blieb keine Wahl als zwiſchen dem Verrath an dem Feldmarſchall oder der Rache des entarteten Weibes. Noch hatte er ſich nicht entſchieden, als die Stene mit der Rückkehr der beiden Wallonen eine andere Geſtaltung annahm, und zwar eine noch gefährlichere. Die Verhandlung, welche die wilden Geſellen vor der Hütte pflogen, bezog ſich auf Siona. Die ſchöne Griechin hatte ihre Lüſternheit erregt, dieſer zu fröhnen, ſtand ihnen der Junker im Wege. Es galt demnach, entweder in Güte ihn zu bewegen, daß er ihre Abſichten begünſtige, oder ihn durch Gewalt dazu zu zwingen. d nete t ſie ager egen wo⸗ dem Ge⸗ mir veren liebe⸗ egone iſchen e mit ltung Mit dieſem Entſchluſſe kehrten ſie, nach einem unter⸗ einander erzielten Einverſtändniſſe, in die Hütte zurück. Junker, begann der eine von ihnen, der ſich das Amt des Wortführers zugetheilt hatte, wir waren ſo einſichtig, auf ein halbes Stündchen das Feld zu räumen. Berthold ſchaute ihn fragend an. Sie verſtehen mich doch? fragte der Sprecher ſchmun⸗ zelnd. Ich verſtehe Euch nicht, war die entſchiedene Antwort. Ich will geſagt haben, daß wir Sie mit der Ge⸗ fangenen allein ließen. Ich bemerkte Eure Abweſenheit gar nicht. Das mögen Sie einem anderen aufbinden, nicht aber mir, einem Manne von Erfahrung. Nun, was weiter, kommt zu Ende. Verlaſſen Sie die Hütte, und ich bin zu Ende! Bei dieſer empörenden Zumuthung fuhr Berthold auf. Der Wallone, deſſen ſoldateske Verderbtheit weit ent⸗ fernt war, das Verwerfliche ſeiner Forderung einzuſehen, ſetzte mit dem Tone rauher Gutmüthigkeit hinzu; Ich und mein Kamerad trauen Ihnen die Einſicht zu, daß eine Gefälligkeit die andere werth iſt. Und wenn ich dieſe Einſicht nicht beſäße? fragte Ber⸗ thold entrüſtet. Dann ſind wir entſchloſſen.... Nun, warum fahrt Ihr nicht fort? Wozu ſeid Ihr dann entſchloſſen? Sie zu dieſer Einſicht zu zwingen, erwiederte der Wallone mit keckem Trotze. E. Breier. General Roßwurm. II. 2 Gewalt! rief Berthold empört. Wir hoffen, daß Sie uns die Mühe erſparen. Und die Befehle des Feldmarſchalls? Wir werden ſie nicht verletzen, denn an ein Entkommen der Gefangenen iſt nicht zu denken. Elende, Ihr konntet Euch nur einen Moment ſchmeicheln, daß ich einen ſolchen Frevel geſtatten oder gar begünſtigen werde? Sie thun ja, als ob es ſich um Mord oder Todtſchlag handelte? Man hört es Ihnen an, daß Sie noch wenig Lagerbrod genoſſen haben, alſo machen Sie ſich aus der Hütte! Nimmermehr! rief der Junker. Die beiden Wallonen ſahen ſich gegenſeitig mit bedeu⸗ tungsvollen Blicken an; dieſen Moment benutzte Berthold, der Griechin zuzurufen: Stehen Sie mir bei, die Gefahr droht Ihnen wie mir! Siona hatte zwar von der in franzöſiſcher Sprache ge⸗ führten Unterhaltung des Junkers mit den Soldaten nichts verſtanden, allein die Heftigkeit des Erſteren, die gierigen Blicke der Wallonen, ließen Sie die Lage errathen und ſie war mit ſich über ihr Benehmen bereits zu Rathe ge⸗ gangen, ehe die Worte des Junkers ihr die Gewißheit derſelben verkündeten. Ihr Entſchluß war gefaßt. Auf Bertholds Aufforderung, ihm beizuſtehen, blieb ſie regungslos auf dem Platze und antwortete kalt: Ich ſehe keine Gefahr für mich, wenn jene, die mich gefangen halten, ſich gegenſeitig bekämpfen. Ich kann dabei nur gewinnen. nmen cheln, ſtigen chlag venig s der edeu⸗ hold, efahr e ge⸗ tichts rigen und e ge⸗ ßheit b ſie ſehe iten, men. — 9 Erbärmliche! murmelte Berthold und machte ſich be⸗ reit, den Kampf gegen zwei kräftige Männer zu be⸗ ſtehen. Er riß einen Dolch aus dem Gürtel, hielt ihn drohend über ſein Haupt geſchwungen und ſagte: Ich weiche nicht vom Platze, der erſte, der ſich mir naht, bekommt die Spitze meines Dolches zu fühlen! Die Wespe droht mit dem Stachel, wendete ſich der eine Wallone zu dem andern, ſoll ich ſie zertreten? Junker, Sie werden doch nicht ernſtlich daran denken, ſich gegen uns zu vertheidigen? Bei Gott, ich bin dazu entſchloſſen. Es thäte mir leid um Sie, der Kampf wäre zu un⸗ gleich, daher für uns wenig ruhmvoll. Wenn Ihr das erkennt, ſo gebt Eure Abſicht auf. Sie verlangen Unmögliches! Wir ſind nicht gewohnt, Beute aus der Hand zu laſſen, am allerwenigſten eine, die ſo ſelten vorkommt. Wozu die überflüſſigen Reden, Kamerad, friſch drauf los, ermunterte der Wortführer ſeinen Gefährten und ent⸗ blößte den Säbel. Der zweite folgte dieſem Beiſpiel. Der Angriff der Wallonen geſchah von zwei entgegen⸗ geſetzten Seiten, der Junker erſah kaum die Abſicht, ſo warf er ſich auch ſchon dem einen der Feinde entgegen. Ein Stoß, nach deſſen Bruſt geführt, wurde zwar mit dem Säbel parirt, allein Berthold war ihm ſo nahe an den Leib gerückt, daß er wegen Mangel an Raum ſeine volle Kraft nicht zu entfalten vermochte, dieſer beeilte ſich 2* daher, zum zweiten Male auszuholen, doch in dem näm⸗ lichen Moment fühlte er ſich von dem anderen Wallonen von rückwärts umſchlungen und zu Boden geworfen. Die Schnur her! rief der eine der Sieger. Noch hielt der Junker den Dolch mit krampfhafter Hand umfaßt, allein die Waffe wurde ihm entwunden. Eine Ohnmacht drohte ihm die Beſinnung zu rauben, doch mit aller Energie, deren ein kräftiger Wille in der Stunde der Gefahr fähig iſt, erwehrte er ſich ihrer. Keuchend, mit weit geöffneten Augen machte er An⸗ ſtrengungen, die Abſicht der Gegner zu vereiteln. Vergebliche Mühe; vier kräftigen Händen zu wider⸗ ſtehen, reichte ſeine Kraft nicht aus. Sie feſſelten ihn. Die Arbeit iſt gethan, ſagte der eine der Soldaten, indem er ſich erhob, nun wollen wir den Kampfhahn hinaustragen, damit ſein närriſcher Muth ſich ein wenig abkühle. Tauſend Teufel! ſchrie der andere Wallone plötzlich auf. Was haſt Du? Wo iſt die Gefangene? Die Sieger entſendeten glühende Blicke nach allen Seiten der Hütte; die Griechin war fort. Sie benutzte die unbewachten Augenblicke während des Kampfes und entfloh. Ein Wuthſchrei der Soldaten durchhallte die Hütte. Während ſie das Hinderniß beſeitigten, war ihnen der Gegenſtand ihrer Wünſche entſchlüpft. Beide ſtürzten aus der Hütte, die Flüchtige zu ſuchen, äm⸗ nen after tben, der An⸗ ider⸗ aten, fhahn wenig hauf. allen d des ütte. en der ſuchen, und ließen den gefeſſelten Junker, auf dem Boden lie⸗ gend, zurück. Berthold, vollſtändig Herr ſeines Bewußtſeins, horchte nach Außen. Er hörte die Schritte der Soldaten ſich immer mehr entfernen, bis endlich alles Geräuſch erloſch. Wird es ihnen gelingen trotz der Nacht die Entflohene zu erreichen oder nicht? Dieſe Frage warf ſich ihm wohl auf, doch verlor er keine Zeit, ſich mit ihr zu beſchäftigen, ſondern dachte an ſich ſelbſt. Sich der Feſſel zu entledigen, war vor Allem geboten, doch nicht ſo leicht ausgeführt, wie gedacht. Die Wallonen hatten ihm die Hände auf den Rücken gebunden und ihn außerdem des freien Gebrauches der Beine beraubt. Der Gefeſſelte ſuchte ſich zur ſitzenden Stellung auf⸗ zurichten, was ihm auch gelang, damit war aber wenig erreicht. Um das Band von den Füßen abzuſtreifen, bedurfte er eines Stützpunktes für den Oberleib. Dieſen zu gewinnen, ſtemmte er den Abſatz ſeiner Stiefletten an den Boden und begann, ſich gegen die nächſte Hüttenwand zuzuſchieben. Die Bewegung war ebenſo mühſelig wie langſam, indeſſen der Zweck wurde erreicht, freilich mit einem be⸗ deutenden Aufwande von Kraft. Den Rücken an die Wand gelehnt, blieb der Gefeſſelte 22 eine geraume Weile ſitzen, um zu Athem zu gelangen und auszuruhen. ger Der Gedanke an die Rückkehr der Wallonen bewog ihn, ſeine Thätigkeit wieder aufzunehmen. unt Er begann den Verſuch, die Bande von den Füßen erſ abzuſtreifen. Der Widerſtand, welchen er ſchon bei der erſten Be⸗ Bi wegung fand, überzeugte ihn, daß er ſeine Abſicht nur ſan ſchwer, vielleicht gar nicht erreichen werde. in Das Bild einer entſetzlichen Lage trat lebhaft an ihn heran, ſo lebhaft, daß ſein wahrhaft männlicher Muth, Sc den er bisher ſo ſtandhaft behauptete, ſchwand und Thrä⸗ der nen aus ſeinen Augen traten. liſe Wenn die Soldaten nicht mehr zurückkehrten und er dac im gefeſſelten Zuſtande hier allein blieb, Hunger und Durſt ihn überkamen... er hatte nicht den Muth, den Gedanken zu verfolgen. Schauer überlief ihn und kalter Schweiß fal befeuchtete ſeine Stirne. Ge In dieſem qualvollen Moment erſchien ihm die Hoff⸗ vor nung auf die Rückkehr der Wallonen wie ein ſüßer die Troſt, wie ein leuchtender Stern am nachtſchwarzen ſeh Himmel. Was hatte er auch jetzt von ihnen zu beſorgen, das Lar ſchlimmer ſein könnte, wie das entſetzliche Loos zu ver⸗ ihr ſchmachten, welches ihm bevorſtand, wenn nicht der Him⸗ mel ihm einen rettenden Engel ſandte. beſ Um die Kraft nicht nutzlos zu erſchöpfen, verhielt der ſeir Gefeſſelte ſich ruhig und harrte in ſtiller Reſignation dem ſei Morgen entgegen. e⸗ ur hn h, rſt en — 2— Die Zeit verſtrich, dem draußen eingetretenen Schwei⸗ gen zufolge mußte das Unwetter aufgehört haben. Berthold fühlte die Ermüdung körperlicher Anſtrengung und geiſtiger Erregung, die Spannkraft ſeiner Muskeln erſchlaffte, die Augenlider wurden ſchwer. Seine Gedanken nach Wien richtend, trat das liebliche Bild Herminens vor ſeine Seele und goß ſtärkenden Bal⸗ ſam in das geſunkene Gemüth und weckte das Vertrauen in der verzagenden Bruſt. Unter dieſem wohlthätigen Einfluſſe ſenkte ſich der Schlummer auf ihn herab und entführte ihn in das Reich der Träume, wo, wie in den Dramen des großen eng⸗ liſchen Dichters, keine Einheit der Zeit und des Ortes, dagegen aber um ſo ungehemmter der beſchwingte Flug entfeſſelten Geiſtes waltet. In dieſen Gebilden der Phantaſie verſchwand das falſche Kleid von ſeinem Leibe, er gehörte wieder ſeinem Geſchlechte an, er war nicht mehr der Junker Berthold von Schlaginweit, ſondern die ſchwarz gekleidete Frau, die mit ihrer Tochter Hermine koſ'te und ſich des Wieder⸗ ſehens freute. Inmitten dieſer Wonne nahte ſich ihr Herr Kaſper Lametzhofer, der Meiſter des langen Schwertes, und rief ihr angſterfüllt zu: Um Gott, welche Gefahr haben Sie über ſich herauf⸗ beſchworen, der Roßwurm weiß, daß Sie ihm das Portrait ſeiner Tochter in die Hände geſpielt haben, er iſt ergrimmt, ſeine Liebe zu Ihnen hat ſich in Haß verwandelt, er kann es Ihnen nimmermehr verzeihen, daß er Ihretwegen faſt den Tod durch Henkershand ſtarb. Dieſe Worte waren noch nicht verklungen, ſo hörte ſchon die geängſtigte Mutter die Stimme des Feldmar⸗ ſchalls, welche drohend rief: Wo iſt Bertha von Picaut, wo iſt ſie? Die Mutter ergriff die Hand der Tochter, zog dieſe wie einen Schild vor dem Grimme Roßwurms an ſich, drückte ſich an die Wand, und ſiehe da, die Wand wich wie weiches Wachs unter dem Drucke ihres Leibes und nahm die Form einer bergenden Niſche an, deren Tiefe der Schatten umſchleierte. Jetzt ſtürzte Roßwurm herein, der Feldhauptmann von Roßwurm, ganz ſo wie er vor dreizehn Jahren auf Schloß Le Blancmenil erſchienen war. Seine zürnenden Blicke ſuchten Mutter und Tochter, ohne ſie zu entdecken. Doch Hermine ließ ſich vom Anblicke nicht einſchüch⸗ tern, warf ſich ihm zu Füßen und rief mit flehender Stimme: Nimm mich auf, Vater, nimm mich auf! In dieſem Augenblicke erfüllten Rauch und Feuer den Raum, eine rieſige Schlange wälzte ſich heran, ſie bäumte ſich auf, um den Hauptmann zu umwinden. Kind und Mutter ſtießen einen Angſtſchrei aus, und letztere erſah mit Entſetzen, daß die Schlange den Kopf der Griechin Siona hatte. Roßwurm vergaß Mutter und Kind und begann einen Ringkampf mit dem giftigen Reptil. ni eil fe ſp ſic J jet du üb dei faſt örte nar⸗ dieſe ſich, wich und Tiefe von chloß hter, hüch⸗ ender den umte und Kopf einen Die Liebe in der Bruſt der Mutter läßt ſie dem Kampfe nicht unthätig zuſehen, ſie will dem Geliebten zu Hilfe eilen, doch ſiehe da, ſie iſt an Händen und Füßen ge⸗ feſſelt. Sie bietet ihre ganze Kraft auf, die Bande zu zer⸗ ſprengen, umſonſt, ſie widerſtehen! Hermine, Hermine! kreiſchte ſie mit angſtumſchnürter Kehle, befreie Deine Mutter! Das Kind ſtürzte herbei, die Feſſel löſte ſich, doch ſchon hat die Schlange ihren Gegner zu Boden geworfen, ſein Fall macht den Boden erdröhnen, ein Schlag, wie der eines Donners, erſchüttert die Luft und verändert im Nu das Traumgebilde. Der Marſchall ſchmachtet in Feſſeln. Warum? Die arme Mutter zerſinnt ſich das Gehirn, da drängt ſich die Vergangenheit wieder in den Vordergrund des Traumes und ihr will es ſcheinen, als ſolle der Geliebte jetzt den Tod erleiden, dem er zu Amiens entfloh, den Tod durch die Hand des Henkers. Ein ſchwarz gekleideter Richter bricht den Stab über ihn. Sie glaubte in ihm den alten Liguiſten Baſſompiere zu erkennen. Sie wirft ſich ihm zu Füßen und fleht um Gnade für den Vater ihres Kindes. Er ſtößt ſie von ſich. Roßwurm wird zum Blutgerüſte geſchleppt, ſie ſtürzt 26 auf ihn zu, umfaßt ſeine Kniee, ſie fleht, für ihn ſterben zu dürfen. Umſonſt, man reißt ſie von ihm. Der fürchterliche Traum fährt fort, die entſetzliche Scene mit grauſamen Details auszumalen. Sie ſieht das Hochgericht, von einer Menge Volkes umwogt. Der Henker roth— Roßwurm ſchwarz. Höllenangſt umſchnürt die Bruſt der armen Frau. Der Scharfrichter weiſt das Richtſchwert der Menge. Gnade, Herr von Baſſompiere, Gnade! Ein Murmeln des Volkes dringt an ihr Ohr. Ein letzter Hoffnungsſtrahl zittert durch ihre Seele. Das Volk murrt, vielleicht rettet dieſes Murren ihm das Leben. Arme Frau! Köpfe, für welche das Volk ſich intereſſirt, fallen um ſo ſicherer. Sie will ringend die Hände emporheben, eine unbe⸗ kannte Macht verwehrt es ihr. Sie will dem Hochgerichte zueilen, die Füße ſind wie gefeſſelt. Die Lippen rufen„Gnade“, aber Trommelwirbel ver⸗ ſchlingt den Ton ihrer Stimme. Nur ihr Blick iſt noch frei, dieſen ſendet ſie daher nach der entſetzlichen Stelle und verfolgt die Scene bis zu dem Moment, wo das Richtſchwert die Luft durch⸗ ſchwirrt. ſich wind neue ( en che kes ge. hm um be⸗ wie ver⸗ her bis ch⸗ Ein Schrei, ſchrecklich wie der Ruf des Todes, ringt ſich aus der zerquälten Bruſt, Bertha von Picaut ent⸗ windet ſich dem entſetzlichen Traumbilde, ſie erwacht zu neuer Angſt, zu neuer Gefahr. Eine eigenthümliche, fremdartige Scene umgiebt ſie. Zweites Bapitel. Der Zunker von Schlaginweit wird gefangen und erhält Gelegen⸗ heit, die Jeichenſpruche kennen zu lernen. Die aus dem Traume Erwachte fand ſich wieder als Junker Berthold von Schlaginweit. Tageshelle erleuchtete das Innere der Hütte. Das Gemurmel, welches in das Traumleben hinein ſich ſtahl, drang jetzt thatſächlich in das Ohr des Junkers. Es ſtammte von einer Schaar bewaffneter Türken, welche eben, nach der Mekkaſeite gewendet, ihr Gebet ver⸗ richtete. So feſt war der Schlaf des Junkers geweſen, daß ihn nicht das Geräuſch der anlangenden Moslims weckte, ſondern erſt die höchſte Angſt ſeines Traumbildes. Er war noch immer gefeſſelt. Mochten die Türken ihn nicht aus dem Schlafe ſtören, oder fanden ſie es entſprechend, den Giaur in den Banden zu laſſen? iſt iſt Eu der⸗ mn lãu wer fan übe und Gie em bra als trac ſch forj elegen- ras hinein nkers. ürken, t er⸗ „ daß weckte, ſtören, anden — Um Gott, Ihr Herren, erhob Berthold ſeine Stimme, iſt Jemand unter Euch, der einer anderen Sprache mächtig iſt als der türkiſchen? Einer der Anweſenden wendete ſich ihm zu und fragte ihn in deutſcher Sprache, was er wolle? Löſt die Bande, die mich umſchlingen, und ich gebe Euch das Wort des Edelmannes, mich, wenn Ihr es an⸗ ders wünſcht, als Euren Gefangenen zu betrachten. Wer hat Dich gefeſſelt? Zwei Verräther von des Roßwurms Heer. Alſo Chriſten? rief der Renegat, denn ein ſolcher mußte es offenbar ſein, da ihm das deutſche Wort ſo ge⸗ läufig war; wenn's dem ſo iſt, ſollſt Du der Bande ledig werden, weil Chriſten Dich banden, erlöſen die Söhne Mohammeds Dich mit Vergnügen. Wärſt Du ein Ge⸗ fangener der Unſrigen, hätten wir Dich Deinem Schickſale überlaſſen. Nach dieſer Rede ſchnitt er die Schnürfeſſeln entzwei und verdolmetſchte ſeinen Gefährten die Angaben des Giaurs. Der Junker richtete ſich aus der unbequemen Lage empor und ſagte: Ich danke Euch für die Erlöſung, die Ihr mir ge⸗ bracht, und eine Erlöſung nenne ich es ſelbſt für den Fall, als es Euch belieben ſollte, mich als Gefangenen zu be⸗ trachten. Ihr habt mich vor dem entſetzlichen Looſe, ver⸗ ſchmachten zu ſollen, bewahrt. Wie kam es, daß das Schlimme Dir widerfuhr? forſchte der Renegat. — 30 Berthold fand es zweckgemäß, die volle Wahrheit mit⸗ zutheilen, die auch nicht verfehlte, einen ſeiner Perſon günſtigen Eindruck hervorzubringen. Du biſt alſo mit einem Freibrief an unſeren Paſcha verſehen? Gieb ihn her, daß ich mich überzeuge! Nachdem der Renegat das offene Dokument durchleſen hatte, worin von der entflohenen Sklavin, welche der Feld⸗ marſchall dem Paſcha auslieferte, die Rede war, erklärte er dem Junker, daß er ihn nun nothwendig nach Ofen mitnehmen müſſe, daß ihm aber dort kein Leid widerfahren werde, da ſeine Standhaftigkeit gegenüber der Griechin des Paſcha Wohlgefallen erwecken müſſe. Dem Junker kam dieſer Antrag erwünſcht, da er ihn in die Lage verſetzte, dem geheimen Auftrage Roßwurms nachzukommen. War auch durch die Treuloſigkeit der Wallonen der eine Theil ſeiner Miſſion mißglückt, ſo wollte er um ſo eifriger trachten, den zweiten zu erfüllen. Die Türken, in deren Hände Berthold gerieth, waren auf einer Streifung begriffen. Der Renegat, ehedem ein Edler von Pranker, jetzt Aga Mirza Topdſchi, ſtand als Führer an ihrer Spitze. Der Junker machte ſich alſo mit den Moslims auf den Weg nach der Feſtung. Dort angelangt, wurde er im Hauſe des Renegaten in einen anſtändigen Gewahrſam gebracht, und der Fall gelangte bis zu dem Paſcha. Dieſer befahl, unverzüglich kleine Reitertrupps auszu⸗ ſenden, um auf die entflohene Griechin zu fahnden. ſie eir det Pe de wu au au die der Au vor wa t mit⸗ ßerſon ßaſcha hleſen Feld⸗ rklärte Ofen fahren riechin er ihn wurms en der um ſo waren em ein nd als ns auf tegaten er Fall auszu⸗ . — Von Siona war nicht einmal eine Spur, viel weniger ſie ſelbſt zu treffen, dagegen gelang es einer der Patrouillen, einen der beiden Wallonen, welche zumeiſt die Flucht der Griechin verſchuldeten, einzubringen. Die Angaben des Franzoſen ſtimmten zu ſeinem Ver⸗ derben mit denen Bertholds vollkommen überein. Der Paſcha machte kurzen Prozeß mit ihm; wüthend, daß durch deſſen Treulofigkeit die Auslieferung der Sklavin vereitelt wurde, hieb er ihm eigenhändig den Kopf ab und ließ ihn auf einer hohen Stange auf der äußerſten Wall⸗Linie aufpflanzen. Der Jubel bei dieſer Schauſtellung war es, welcher die Aufmerkſamkeit im chriſtlichen Lager erregt hatte, und der Kopf, den Roßwurm und Baſſompiere in Folge der Ausſage des türkiſchen Ueberläufers für den des Junkers von Schlaginweit hielten, gehörte dem einen mit der Be⸗ wachung Siona's betraut geweſenen Wallonen. Daß man den Gerichteten in der Feſtung für einen Spion ausgab, geſchah in Folge eines damals üblichen Verfahrens, wo unter der Anſchuldigung der Späherei zahlloſe Leben verbluteten, während ſie eigentlich der Rache oder dem Privathaſſe zum Opfer fielen. Der Junker von Schlaginweit blieb mittlerweile in ritterlicher Haft, ohne daß der Paſcha nach ihm verlangte. Ein paar Tage ſpäter geſchah der Aufbruch beider Heere, das türkiſche zog gegen Belgrad, das chriſtliche gegen Waizen. Das Haus, wo der Gefangene weilte, befand ſich in der Nähe der Reſidenz des Paſcha. 3 Ein Gemach, nach vrientaliſcher Sitte ausgeſtattet, bildete den Aufenthalt Bertholds; es war ihm geſtattet, in Begleitung eines Aufſehers in dem Hausgarten ſich zu ergehen und die heiteren Wintertage unter freiem Himmel zu genießen. Zu ſeinem Hüter wurde ebenfalls ein Ueberläufer er⸗ ſehen, welcher der deutſchen Sprache mächtig war. Die Unterhaltung mit ihm war die einzige mögliche Zerſtreuung, und der Gefangene genoß ſie, ſo oft es Kara Meidan, das war der türkiſche Name des Hüters, beliebte, geſellig und geſprächig zu ſein. Zum Lobe deſſen ſei geſagt, daß dieſer Fall häufig eintrat, beſonders wenn es ihm gelang, aus irgend einer chriſtlichen Schenke ein Krüglein Rebenblutes in das tür⸗ kiſche Haus zu ſchmuggeln und ſich des verbotenen Trunkes im Geheimen zu erfreuen, trotz der Satzungen Moham⸗ meds, die wie alle übrigen nur erfunden ſcheinen, um übertreten zu werden. Dieſer Kara Meidan, der einſt Chriſtof Mödler hieß, hatte mit ſeinem noch gegenwärtigen Herrn, dem Edlen von Pranker, jetzt Aga Mirza Topdſchi, unter Mannsfeld in einem Arquebuſier⸗Regimente gedient. Die Strenge des Feldherrn und ein von dem Edlen begangener Frevel ließen ihn der gefürchteten Strafe ent⸗ fliehen. Mödler, ſeinem Herrn mit knechtiſcher Treue an⸗ hängend, wie nur ein Deutſcher es vermag, floh mit ihm und theilte freiwillig ſein Loos. Pranker fand bei den Türken, wie alle Ueberläufer, offene Arme, und trat zum Mohammedanismus über. abet müſ abe liche Mo Chr lich, fluc noch er mit ner ttet, ttet, zu mel er⸗ liche dara ebte, iufig einer tür⸗ inkes ham⸗ um hieß, Sdlen sfeld Fdlen ent⸗ e an⸗ t ihm äufer, Mödler zögerte anfangs, das Gleiche zu thun, bald aber fügte er ſich dem bekannten Spruche, wer A ſagt, müſſe auch B ſagen, und wurde ebenfalls Moslim, ohne aber die Kraft zu beſitzen, ſich von den gewohnten chriſt⸗ lichen Neigungen loszureißen, welchen er gemäß den Lehren Mohammeds entſagen ſollte. So bildete Kara Meidan einen Zwitter zwiſchen einem Chriſten und Türken, er ſpeiſte türkiſch und trank chriſt⸗ lich, wuſch und badete ſich wie ein Mohammedaner und fluchte wie ein Arquebuſier, und um weder mit dem Ulema, noch mit dem Pfarrer in Konflikt zu gerathen, ſo entſagte er jedem Gebet. Es war ein großes Glück für Mödler, daß er wenig mit orthodoxen Türken in Verkehr kam, da er in ſeiner ſehr zweifelhaften Bekehrung es in den ſechs Jahren ſei⸗ ner türkiſchen Exiſtenz noch nicht dahin gebracht hatte, eine Moſchee zu beſuchen, ein Unterlaſſungsſünde, die ihm ſchlimmen Falles den Turban koſten konnte, und zwar ge⸗ rade zur Zeit, als er ihn eben um den Kopf gewunden trug. Der Junker von Schlaginweit, froh in dieſem Rene⸗ gaten keinen Chriſtenhaſſer getroffen zu haben, wie es da⸗ mals bei den meiſten Abtrünnigen der Fall war, gab ſich der Unterhaltung mit ihm ohne Rückhalt hin und gewann bald ſein Vertrauen. Mödler fühlte ſich von dem ſanften, jungen Menſchen angezogen und verbrachte ſeine meiſte Zeit bei ihm. Fand er den Gefangenen niedergeſchlagen, ſo ſuchte er ihn zu tröſten, traf er ihn verzagt, ſo gab er ſich Mühe, ihn empor zu richten. E. Breier. General Roßwurm. II. 3 Eines Tages kam Meidan zu Berthold mehr geſchlichen wie gegangen, ſchloß ſachte die Thür hinter ſich und ſetzte ſich mit geheimnißvoller Miene an deſſen Seite. Was bringt Ihr mir Neues? fragte der Junker neu⸗ gierig. Nun, was meinen Sie wohl, was bringe ich? Ich bin ſchwach im Errathen. Ich will verdammt ſein auf ewige Zeiten, wenn Sie es auch nur ahnen. Ihr macht mich neugierig! Glaub's wohl, Sie haben auch Grund, es zu ſein. Unſer Pater bei den Arquebuſiern pflegte zu ſagen: „Neubegier iſt manchmal ſogar eine Tugend, indeſſen aber unterſuche Jeder den Haufen wohl, bevor er ſeine Naſe hineinſteckt.“ Es gefällt mir von Euch, Kara Meidan, daß Ihr der Vergangenheit ſo oft gedenkt. Zum Teufel, ſoll ich's etwa nicht? Meinen Sie, man bekommt von unſeren Derwiſchen ein kluges Wort zu hören? Wenn ſie die Drehkrankheit überfüllt, ſchreien ſie in einem fort:„Hu, hu!“ und ſind ſie bei Sinnen, ſo verkehren ſie die Augen und bringen nicht einmal ſo viel über die Lippen. Doch um wieder auf mein Geheimniß zu kommen. Es wird mich freuen, wenn Ihr es lüftet. Da ſteckt es. In der Taſche? So iſt's, Herr Junker. Mit dieſer Verſicherung zog Mödler ein Billet hervor. die ich ben die ſtim war und löſe chen etzte neu⸗ ſein. gen: aber Naſe der man zu n ſie ſo viel mniß rvor. Das Antlitz Bertholds bekundete die Ueberraſchung, die ihn beim Anblicke des unerwarteten Gegenſtandes befiel. Iſt das Billet für mich? fragte er mit dem Tone des Unglaubens. Für wen denn ſonſt, meinte Mödler mit einem pfiffig ſein ſollenden Lächeln, welches bei nur etwas böſem Willen für ein Grinſen gehalten werden konnte. Wenn's dem ſo iſt, ſo kann deſſen Abſender nur Herr von Baſſompiere ſein oder der Feldmarſchall. Wäre das der Fall, antwortete Kara Meidan, würde ich mich hüten, der Ueberbringer zu ſein, denn ſolcher Botenlohn wird hier zu Lande mit dem Kopfe bezahlt und der Teufel ſoll mich holen, wenn ich Türke geworden bin, um mich köpfen oder ſpießen zu laſſen. Das Billet iſt nicht von Chriſtenhänden geſchrieben. Ihr macht mich immer mehr erſtaunen. Warum das? Weil ich keinen Türken kenne, der an mich zu ſchrei⸗ ben hätte. Vielleicht iſt's ein Chriſt, der Moslim wurde? Das iſt möglich. Indeſſen bemerke ich, daß dem Billet die Aufſchrift fehlt, am Ende iſt's gar nicht für mich be⸗ ſtimmt. Wer übergab es Euch? Eine Sklavin aus dem Hauſe des Paſcha. Doch warum fragen Sie ſo lange? Oeffnen Sie das Billet und die Unterſchrift wird vermuthlich Ihren Zweifel löſen! Das that denn Berthold auch. Wie aber erſtaunte er, als er das Papier ſtatt mit Schriftzeichen mit farbigen Darſtellungen einzelner Gegen⸗ ſtände bedeckt fand. Was iſt das? fragte er verwundert. Ein Brief, antwortete Kara Meidan, mit einer Trocken⸗ heit, die einem Orientalen keineswegs anſtand, Sie ſcheinen nicht zu wiſſen, daß es bei den Türken gebräuchlich iſt, ſich auf dieſe Weiſe zu verſtändigen. Man hat hier eine eigene Blumen⸗ und Zeichenſprache— Verſteht Ihr ſie? Das will ich meinen. Sie zu kennen, iſt hier zu Lande ſo nothwendig, wie bei uns daheim das Alphabet. Habt alſo die Güte, mir den Sinn dieſer Zeichnungen zu deuten. Mit Vergnügen. Nennen Sie ſie der Reihe nach, und ich will mein Möglichſtes thun, Ihrer Unkenntniß zu Hilfe zu kommen. Das Erſte ſtellt eine Zitrone vor. Dieſe bedeutet„Vorſicht“, man befiehlt Ihnen damit vorſichtig zu ſein. Nach der Zitrone kommt eine Biene. Die Biene bedeutet Hoffnung, und zwar wenn ſie den rechten Flügel ausbreitet, heißt es:„Ich hoffe“, iſt's der linke, dann muß man leſen:„Du hoffſt!“ und ſind es beide, dann bedeuten ſie:„Wir hoffen.“ Dieſer Auslegung zu Folge hofft der Abſender des Briefes. So iſt's, bekräftigte Mödler, die Abſenderin ſchreibt Ihnen, daß ſie in der Hoffnung lebt. Ihr meint alſo, das Billet rühre von einer Frau her? Zum Teufel, von wem denn ſonſt? Unſer Herr Pater bei „Se über der . 4 zwei kom ( dieſe bün vorh c 6 Um die dan hier woll will Dol zu( en ſt, ne zu et. en d lfe nit ſie ind ibt er? ter bei den Arquebuſieren predigte von wegen des Plünderns: „Sendet Katzen wohin immer auf die Reiſe, ſie fangen überall Mäuſe!“ Gerade ſo iſt's mit den Weibern und der Liebe. Doch fahren ſie fort. Die dritte Zeichnung ſtellt einen Laib Brodes dar. Das nenn ich deutlich geſprochen. Wie ſo? Man bietet Ihnen Hand und Herz an; zum Teifel zweifeln Sie noch, daß das Billet von einem Weibe kommt? Hinter dem Brode ſteht eine Garbe. Sie irren, Herr Junker, berichtigte ihn der Renegat, dieſe Zeichnung ſtellt keine Garbe vor, ſondern ein Stroh⸗ bündel, wär's eine Garbe, dann müßten auch Aehren vorhanden ſein, und das iſt nicht der Fall. Ihr habt Recht. Was bedeutet alſo das Strohbündel? Das ſollte Ihnen doch klar ſein! Wozu dient Stroh? Um darauf zu liegen. Ein Strohbündel bedeutet ſomit die„Gelegenheit“ und zwar, wenn es aufrecht ſteht, dann erwartet man ſie zu erhalten, wenn es aber, wie es hier der Fall iſt, liegt, dann erklärt man, ſie bieten zu wollen. Die nächſte Zeichnung ſcheint eine Nadel vorzuſtellen. Eine Nadel bedeutet„Durchgehen“, das heißt, man will mit Ihnen entfliehen. Darauf folgt eine Schlange, aus deren Rachen ein Dolch hervorſchaut. Deutlicher kann man ſich nicht ausdrücken. Sind Sie zu Ende? Ja! Die Zuſchrift, reſumirte Kara Meidan, lautet alſo: „Sei vorſichtig— ich hoffe— biete Dir Hand und Herz an— ich werde Dir Gelegenheit geben, mit mir zu ſprechen— wir wollen entfliehen— wo nicht, kommen Dolch und Gift!“ Dieſe türkiſchen Weiber drücken ſich ſo klar aus, daß es unmöglich iſt, ſie gi Was werden Sie darauf erwiedern? Gar nichts! Das Schlimmſte, was Sie thun können. Ich befinde mich hier nicht in der Lage, mich in eine Liebesintrigue einzulaſſen. Sie ziehen es alſo vor, ſich der Schlange mit dem Dolche auszuſetzen? Die Drohung wird ſo ernſt nicht gemeint ſein! Herr Junker, Sie mißkennen die Türkinnen. Wenn Sie auf den Antrag nichts erwiedern, geb' ich Ihnen nicht drei Tage Lebensfriſt. Kara Meidan, Ihr übertreibt. Ich will vermaledeit ſein, wenn ich Ihnen nicht nach meinem beſten Wiſſen rathe. Der Junker begann nachzudenken. Die Idee, daß der ihm angebotene Verkehr mit einer Perſon aus dem Hauſe des Paſcha ihm die Gelegenheit ver⸗ ſchaffen könne, ſich ſeines Auftrages zu entledigen und dem Paſcha die geheime Zuſchrift Roßwurms in die Hände zu ſpielen, tauchte in ſeinem Kopfe und bildete ſich raſch aus. Die Bedenken, die ſich dagegen rbe wurden nach ein ein ber die wo all in in for me es zu ſel — ge tü lſo: derz zu men h ſo Was eine dem benn nicht nach einer ver⸗ und ände nach einigem Erwägen beſeitigt, indem er ſich ſchmeichelte, durch ein gewandtes, kluges Benehmen ſeinen Zweck zu erreichen, bevor die Gefahr hereinbrach, mit welcher ihn zu umſtricken die Situation geeignet war. Nun, Herr Junker, fragte Mödler nach einer Weile, was beſchließen Sie? Ich bin nicht abgeneigt, den Antrag zu beantworten, allein, ich weiß kein Mittel, mich verſtändlich zu machen. Das Mittel iſt einfach— Ich verſtehe nicht zu zeichnen, auch fehlen mir die Farben dazu. Sie können die Gegenſtände, ſtatt ſie aufzuzeichnen, in Natura zuſchicken, nur muß man ſie in dieſem Falle in ein Tuch von Seide oder Mouſſelin wickeln, das er⸗ fordert die gute Lebensart. Was wünſchen Sie zu ant⸗ worten? Ich möchte der Unbekannten kund geben, daß Trauer meine Seele erfüllte. Um das auszudrücken, ſenden Sie ihr eine Zwiebel, es giebt deren in dieſem Lande in Ueberfluß. Sie werden zugeben, daß die Türken ihre Zeichen⸗ und Blumenſprache ſehr ſinnreich erfunden haben. Weil die Zwiebel dem Auge Thränen entlockt, hat man ſie zum Sinnbild der Trauer gemacht. Fahren Sie fort. Ich möchte ſie ferner in Kenntniß ſetzen, daß ich der türkiſchen Sprache nicht mächtig bin. Um das auszudrücken, wählen Sie ein Stückchen un⸗ beſchriebenes Papier. Sie kann auf meine Verſchwiegenheit zählen. Das bezeichnet man durch einen Fiſch. Sie ſoll mich leiten, ich werde ihr folgen. Dieſen Wunſch auszudrücken, wählt man einen weißen Seidenfaden. Wollen Sie noch einige Erklärungen? Einſtweilen genügen die gegebenen. Ich bin der nämlichen Meinung. Unſer Herr Pater bei der Arquebuſieren eiferte einmal gegen die Völlerei und ſagte:„Allzuviel iſt ungeſund! Zur rechten Zeit auf⸗ zuhören, iſt eine große Kunſt! Menſchen, die fortwährend in Zügen liegen, ſterben ſchwer und können jenſeits un⸗ möglich ſelig werden, weil ſie es diesſeits zu oft geweſen.“ Jetzt aber mache ich mich auf die Socken, die nöthigen Gegenſtände zu beſorgen. Wir brauchen alſo: Eine Zwie⸗ bel, ein Stückchen weißes Papier, einen Fiſch und einen weißen Seidenfaden. Dieſe Dinge müſſen Sie der Reihe nach in das Seidentuch wickeln und ich werde die Ueber⸗ mittlung bewerkſtelligen. Der einſtige Arquebuſier, dem das orientaliſche Kleid noch immer fremdartig und poſſierlich genug anſtand, ſchlürfte in den rothen, ſpitzen Pantoffeln davon, kehrte aber bald darauf mit den gewünſchten Gegenſtänden zurück, zeigte dem Junker den Vorgang bei deren Einhüllung und übernahm den eigenthümlichen Brief um ihn in die Hände jener Perſon gelangen zu laſſen, für welche er be⸗ ſtimmt war. Wer war dieſe Perſon? Das folgende Kapitel wird davon Kunde geben. ———— ißen zater llerei auf⸗ ren un⸗ ſen.“ igen zwie⸗ einen Keihe eber⸗ Kleid tand, ehrte wück, llung n die r be⸗ Drittes Rapitel. Die Maske des Zunkers fällt. Man iſt gewohnt, die Liebe zwiſchen Blumen einher⸗ ſchreiten zu ſehen, die ſüßen Seufzer des„Hangens und Bangens“ mit dem lauten Odem des Frühlings zu ver⸗ mählen, man denkt ſich das trauliche Koſen zweier Herzen am ungeſtörteſten, wenn die Schleier der Nacht es um⸗ hüllen und höchſtens der Mond einen verſtohlenen Strahl in den Kiosk ſendet, aber nicht um zu verrathen, ſondern nur um zu belauſchen. Von dem Allen können wir dem Leſer zu unſerem tiefſten Mißbehagen nichts bieten. Winterfroſt hat bereits die Erde in ſeine ſtarren Feſſeln geſchmiedet, ſtatt lauen Zephyrs weht ein eiſiger Nord. Die Blumen, ſollen ſie dem nordiſchen Tyrannen nicht zum Opfer fallen, bedürfen der künſtlichen Wärme, und der Liebesgott, will er ſeine Flügel konſerviren, muß ſich in Pelze hüllen. Zwar webt die Nacht gewohnter Weiſe ihre Schleier, allein ſie umbreiten das Geheimniß nicht mit luftiger, körperlicher Leichtigkeit, ſondern lagern ſich mit Winter⸗ ſchwere darauf und graues Gewölk verſcheucht den ſtillen Lauſcher. So war's, als der Junker von Schlaginweit, von Kara Meidan geleitet, ſich auf den Weg machte, der ſtürmiſchen Einladung der Unbekannten Folge zu leiſten. Weit war dieſer Weg wohl nicht. An den Garten des Hauſes, welches Aga Mirza Topdſchi bewohnte, ſtieß der Garten des Paſcha und aus alter Zeit her vermittelte eine Pforte die Verbindung bei⸗ der, den Verkehr befreundeter oder gar verwandter Fa⸗ milien begünſtigend. Der Führer des Junkers war mit einem Schlüſſel verſehen worden, die Thüre zu öffnen, was aber bei dem eingeroſteten Riegel mit einiger Mühe verbunden war. Wer weiß, brummte er, wie lange das verwünſchte Schloß nicht geöffnet worden, bei ſpäteren Malen wird ſich's beweglicher zeigen. Ihr muthet mir demnach zu, mich häufiger auf dieſem Pfade zu ſehen? Ihr dürftet Euch irren. Der Marder, meinte Mödler, kehrt immer wieder dahin, wo er einmal ein Hühnchen gepflückt. Ein kluger Marder weiß aber, daß ihn bei ſpäteren Beſuchen Fallen erwarten. Die Vorſicht weiß dieſen aus dem Wege zu gehen. Wie kann ich der Vorſicht mich befleißen, wenn ich von Euch gleichſam mit verbundenen Augen in die Nacht ier, er, er⸗ len on der rza us ei⸗ Fa⸗ ſſel em hte ird em in„ ren ich cht hinein geführt werde. Ihr thut geheimnißvoll, verweigert mir aufklärenden Beſcheid, warum das? Ihr leugnet, zu wiſſen, wer die Perſon iſt, mit welcher ich in Verkehr treten ſoll, und doch ſeid Ihr offenbar in ihre Abſichten eingeweiht. Viel Wiſſen macht Kopfweh, ſagte einmal unſer Herr Pater, als er gegen den Fürwitz eiferte, ein braver Kriegs⸗ knecht gebraucht ſeine Arquebuſe, ohne erſt zu fragen: „Warum und wieſo?“ Gottlob, das verdammte Schloß iſt endlich offen, treten wir ein. Werdet Ihr mich auch noch weiter begleiten? Gewiß! Man hat Ihnen auf Ihre Antwort ein Goldſtück an einem rothen Faden geſendet, womit man Ihnen rieth, mir zu folgen und mir zu vertrauen, da ich treu und echt bin wie Gold, daraus ergiebt ſich, daß ich Sie auf halbem Wege nicht verlaſſen darf. Wir befinden uns jetzt im Garten des Paſcha. So iſt es. Wohin führt unſer Weg? Doch nicht in das Haus? Warum nicht? Das hieße unſere Köpfe unters Meſſer tragen. Wenn wir ſo einfältig wären, dahin zu gehen, wie wir ſind. Was wollt Ihr damit ſagen? Sie ſollen die Antwort gleich erhalten. Damit trat Kara Meidan in einen Gartenpavillon, welcher durch ein Lämpchen matt erleuchtet war. Da haben Sie die Erklärung zu meiner Rede, kehrte er ſich zu dem ihm gefolgten Junker und wies dabei auf einen Divan, der mit Frauengewändern belegt war. Was ſoll's mit dieſen Kleidern? fragte Berthold er⸗ ſtaunt. Was denn ſonſt, als daß Sie ſie anziehen. Seid Ihr verrückt? Im Gegentheil, ich glaube diesmal ſehr vernünftig zu ſein, und bilde mir auf die von mir erſonnene Liſt nicht wenig ein. Sie werden ſich mit Hülfe dieſer Gewänder zur Frau vermummen. 5 Zur Frau? fragte der Junker verblüfft und der Ge⸗ danke, daß der Renegat ſein Geheimniß errathen haben könne, flog ihm durch den Kopf. Zum Henker, Sie werden doch im letzten Angenblicke keine Schwierigkeiten erheben? Sie ſind nicht der erſte Junker, der einen Weiberrock anzieht, um da Eingang zu finden, wo jeder Fremde ausgeſchloſſen iſt. Dieſe Aeußerung beruhigte Berthold eines Theiles, denn ſie ließ ihn erkennen, daß ſein Geheimniß unge⸗ ſchmälert fortbeſtehe, andererſeits aber erfüllte die ſoge⸗ nannte Liſt Mödler's ihn mit allerlei Bedenken, die jene Wirkung wieder paraliſirten. Ich kann auf Euren Plan nicht eingehen, ſagte er endlich. Warum nicht? Ihr ſeht doch— Ach, Sie meinen, wegen des Schnurbärtchens? Dieſe Geringfügigkeit wird uns nicht abhalten,... ich bin mit einem Meſſer verſehen.... zu he jet rü ve al lei zu icht der He⸗ ben ieſe O, o, machte der Junker und wich ein Paar Schritte zurück. Sie thun ja mit Ihrem Bärtchen, als ob Ihr Seelen⸗ heil daran hinge. Kommen Sie, ich werde Ihnen beim Umkleiden beiſtehen— Nein, nein, ich bedarf keiner Hülfe, rief Berthold jetzt vollends erſchreckt und machte noch einige Schritte rückwärts, damit den Raum zwiſchen ſich und Mödler verdoppelnd. Der ehemalige Arquebuſier war nahe daran, dem Junker dieſe Zimperlichkeit zu verübeln. Zum Henker, brummte er, Sie thun ja ſcheu wie eine alte Jungfer, denn die jungen bringt man in der Regel leichter zur Raiſon. Wohinaus ſoll das? Jetzt, da Sie dem Ziele ſo nahe ſind.... Ihr nehmt an der Sache ſo warmen Antheil, daß es beinahe meinen Verdacht erregt. Bei allen Teufeln, ſoll ich's etwa nicht? Mein Kopf ſteht ja ſo gut auf der Spitze, wie der Ihrige. Wenn Sie ſich jetzt zurückzögen, wäre ich von der Rache des leidenſchaftlichen Weibes eben ſo bedroht, wie Sie und ich ſchwöre Ihnen, ſie iſt ſo mächtig, daß ſie nur eines Wunſches bedarf, um uns beide mit einem Male wegzu⸗ fegen. Drum ſeien Sie klug, und zwingen Sie mich nicht, meinen Schwur in ſeiner böſen Bedeutung zu er⸗ füllen— Euern Schwur? Ja, ich mußte mich eidlich verpflichten, Sie zu der Dame zu bringen, oder wenn Sie ſich weigerten, we⸗ nigſtens Ihren Kopf. Berthold erblaßte. Gegenüber einer ſolchen Drohung ſchwanden freilich alle Bedenken, er verſprach, ſeinen Schnurbart zu beſei⸗ tigen, und erbat ſich zum Scheine das Meſſer dazu, er ſagte auch zu, ſich in möglichſter Schnelle umzukleiden, erſuchte jedoch den Renegaten, vor dem Pavillon auf der Lauer zu bleiben, damit kein Verräther ſich heranſchleiche. Mödler, mit dieſer Willfährigkeit zufrieden, fügte ſich dem Wunſche und begab ſich hinaus. Nach Verlauf von kaum zehn Minuten war die Me⸗ tamorphoſe zu Stande, und der in den Pavillon zurück⸗ gekehrte Kara Meidan floß von Bewunderung über, wegen des echt frauenhaften Ausſehens des Junkers. Ich will verdammt ſein, rief er entzückt, wenn ein menſchlich Ange in Ihnen den Mann wieder erkennt. Die Frauenkleider ſtehen Ihnen ſo ausgezeichnet, daß ich ſelbſt Sie kaum wieder erkenne. Es wird Alles gut gehen, recht gut; doch noch Eines vergeſſen Sie nicht, daß Sie die Gewänder einer Venetianerin tragen, die ſich mit Wahr⸗ ſagen beſchäftigt, daß Sie eine ſtille Verehrerin des Korans ſind und was dergleichen Ausreden mehr ſind, die man vorräthig haben muß für unvorhergeſehene Fälle. So, jetzt wiſſen Sie Alles, nun kommen Sie. Beide ſchritten nun auf das Haus los. Kara Meidan hatte während ſeiner mehrjährigen tür⸗ kiſchen Exiſtenz ſich wenig in die mohammedaniſchen Satzungen hineingelebt, ganz wirkungslos war jedoch der Tu — luf zun hei gef der die wa un der er ein ma fül des abl hol Bl ſon wa ein oe⸗ ich ei⸗ en, der — Turban auf ſeinem Haupte nicht geblieben, die Harems⸗ luft weckte auch in dem ehemaligen Arquebuſier die Luſt zur Intrigue, die wie die Peſt zu den nationalen Krank⸗ heiten der Türken gehört, beide gleich kontagiös und gleich gefährlich. Und eine förmliche Intrigue war's, in welche Mödler den Junker von Schlaginweit hineinzog, eine Intrigne, die freilich einen ganz andern Verlauf nahm, als er er⸗ wartete, weil er dieſes Mal ſelbſt mit getäuſcht wurde und, ohne daß er es ahnte, die Abſicht einer Perſon för⸗ dern half, die zu betrügen es eigentlich abgeſehen war. An einem Hinterpförtchen des Hauſes angelangt, zog er wieder einen Schlüſſel hervor, öffnete es und trat in einen finſteren, ſchmalen Gang. Von hier begab er ſich in eine ebenerdige Stube, wo man ihn bereits erwartete. Ein greiſer Türke, mit dem er einige unverſtändliche Worte ſprach, winkte der Wahrſagerin, ihm zu folgen, und führte ſie nach dem oberen Stockwerke, wo der Harem Ali's, des gegenwärtigen Paſcha's von Ofen, etablirt war. Die Türken von damals beſaßen das nunmehr ihnen abhanden gekommene, dafür den jetzigen Franzoſen in hohem Grade eigenthümliche Talent, ſich überall mit Blitzesſchnelle nach nationalem Schnitte einzurichten und ſomit heimiſch zu machen. Wurde damals eine chriſtliche Stadt erobert, ſo ver⸗ wandelte man flugs die Kirche in eine Moſchee, irgend eine Plattform mußte den Dienſt des ſchlanken Minarets verſehen, der Muezzin erſchien an der Stelle des verjagten Glöckners und rief die Gebetſtunden aus. Aus den Häuſern wurden die abendländiſchen Möbel hinausgeworfen und die unentbehrlichen Divans von Tep⸗ pichen aufgeſchichtet. Die Stuben verwandelte man durch Beſeitigung der Zwiſchenwände in große, luftige Säle, und in halber Höhe vermauerte Fenſter verriethen die Harems der Machthaber. Der Türke, welcher die Wahrſagerin leitete, war der Haremsaufſeher Ali Paſcha's, ſie gelangten daher ohne Anſtand bis an die Pforte eines Gemaches, wo man des heimlichen Beſuches harrte. Die Erwartete trat befangenen Schrittes ein, aber wer beſchreibt ihren Schrecken, als ſie ſich ſtatt einer Frau einem Manne gegenüber befand, einem Manne mit einem ſchwarzen Vollbarte, mit blitzenden Augen, prangendem, reichem türkiſchen Hauskleide, im Gürtel einen Dolch und neben ſich den ſichelförmig gekrümmten Damascener. Die arme Frau mußte ihre ganze moraliſche Kraft aufbieten, um ihrer Sinne mächtig zu bleiben, ſie erkannte, daß ſie arglos in eine ihr gelegte Falle gegangen, und wenn ihr in dieſem Momente noch etwas dunkel blieb, ſo war's der Zweck, den man mit der Täuſchung verband. Galt die Falle dem Manne oder der Frau? Dieſer Zweifel wurde ſogleich gelöſt. Kennſt Du mich? fuhr der Türke ſie in deutſcher Rede an. Nein! hauchte die angſterfüllte Frau. Ich bin Ali Paſcha, der Herr dieſes Harems, deſſen ein wu er he er ne es ver em m, ind aft nte, und ſo cher ſſen Schwelle Du zu übertreten wagteſt, daher Dein Leben mir verfallen iſt. Herr, ſtammelte die Bedrohte, mein Fuß hat Deinen Harem nicht entweiht, ich bin ein Weib... Lüg' nicht, fiel ihr Ali Paſcha zürnend in's Wort, Du biſt der Chriſtenjüngling, den Aga Topdſchi gefangen hierher gebracht und den mir abzutreten er ſich hartnäckig weigerte. Unſer Geſetz wahrt keinen Beſitz mit ſolcher Strenge, wie den des Sklaven, ich mußte, um ein Recht auf Dich zu bekommen, zur Liſt greifen, und ſie gelang. Weh' mir, klagte ſie, daß ich mich von dem elenden Kara Meidan bethören ließ. Du thuſt dem Diener Topdſchi's Unrecht, er beging einen Verrath weder an Dir noch an ſeinem Herrn, er wurde getäuſcht wie Du. Mein Odapaſchi“) that es in meinem Auftrage und Meidan ahnte ſo wenig wie Du die gelegte Falle. Die Ueberliſtete fühlte, daß ſie die Gefahr nur durch eine raſche Enthüllung abzuwenden vermöge. Ali Paſcha hatte, wie ſie, auch ſich ſelbſt getäuſcht, er ſträubte ſich ſogar jetzt noch zu glauben, daß der angeb⸗ liche Junker ein Weib ſei. Dieſem gefährlichen Irrthume mußte raſch ein Ende gemacht werden, um, wenn endlich die Tänſchung ſchwand, ſeinen Zorn nicht noch mehr zu entflammen. Hoher Herr, begann ſie daher entſchloſſen, gewähr' mir die Gnade, mich auszuſprechen, um die Wolke des Irrthums, *) Kammerdiener. E. Breier. G neral Roßwurm. 11. — welche es wagt, Deine Weisheit zu verdecken, zu beſei⸗ tigen. Ich wurde von dem Feldmarſchall Roßwurm zu Dir geſendet, um eine Dir entflohene Sklavin auszu⸗ liefern, Aga Topdſchi nahm mir den Freibrief ab und... Ich bin von dem Allen unterrichtet, fiel ihr der Paſcha in's Wort. Die Haupturſache aber iſt Dir, gnädiger Herr, noch ein Geheimniß. Der Feldmarſchall anvertraute mir noch einen Auftrag an Dich, einen geheimen, und wenn Du es gnädigſt geſtatteſt, werde ich mich jetzt ſeiner entledigen. Rede, ich will Dich anhören. Auf dieſe Zuſage bauend, zog die Sprecherin die in Bereitſchaft gehaltene Kugel hervor, beſeitigte die Hülle von Wachs und überreichte dem erſtaunten Paſcha das Billet Roßwurms. Nachdem er es geleſen, verfinſterte ſich ſein Antlitz. Kennſt Du den Inhalt dieſes Schreibens? fragte er mit düſterem Tone. Nein, Herr! Ich überkam den Auftrag, ohne zu wiſſen, um was es ſich handele. Ali Paſcha nahm das Papier, hielt es über die Flamme einer der Lampen und ließ es zu Aſche verzehren, dann ſagte er: Roßwurm nennt Dich den Junker von Schlaginweit, wirſt Du noch wagen, Dein Geſchlecht zu verläugnen? Ich habe mein Geſchlecht verläugnet, als ich mich dem Chriſtenheere anſchloß, keine Seele ahnte, daß ich ein Weib ſei. Und was bewog Dich zu jenem Schritte? 2 in lle as en, me en, on zu em ein Die Liebe zu meinem Kinde. Zu Deinem Kinde? Ja, hoher Herr, ich bin die Mutter einer Tochter, die dreizehn Jahre alt iſt. Ihr das Herz des Vaters zu ge⸗ winnen, zog ich aus. Dein Gatte diente alſo im chriſtlichen Heere? Ich war nie vermählt, gnädiger Herr, ich wurde von einem Manne bethört, der mir die Ehe verſprach und mich dann treulos verließ. Wer iſt dieſer Mann? Der Marſchall Roßwurm. Ali Paſcha richtete ſich auf und fixirte die Sprecherin mit einer Art Bewunderung. Und Du, fragte er, ſetzteſt für den Mann, welcher Dir ſo viel Leid zugefügt, Dein Leben auf's Spiel? Meine Aufopferung ſollte dem Kinde das Vaterherz zuwenden. Du biſt eine Deutſche? Ich bin aus der Normandie, gnädiger Herr. Wie lange weilteſt Du im chriſtlichen Heere? Nur wenige Tage erſt. Warum ließeſt Du Jahre verſtreichen, ehe Du Dich dem Vater Deines Kindes nahteſt? So lange meine Mutter lebte, durfte ich es nicht wagen, ſeinen Namen nur auszuſprechen, erſt mit ihrem vor einem halben Jahre erfolgten Tode wurde ich Herrin meines Willens. Wer war Deine Mutter? Eine Marquiſe von Picaut. Wie iſt Dein Name? Bertha von Picaut. Ali Paſcha ſtarrte die unglückliche Frau ohne Unter⸗ brechung an, ihm erſchien ihre Handlungsweiſe räthſel⸗ haft, weil er ſich in ihre Art zu fühlen nicht hinein zu denken vermochte. Der Ausdruck, der überzeugende Ton, welcher nur der Wahrheit eigen iſt, ließ ihn in die Worte der Frau kei⸗ nen Zweifel ſetzen; was ihn zum Nachdenken anregte, war der Entſchluß, den er ihr gegenüber faſſen ſollte. Je wandelbarer die Würde eines Paſcha iſt, mit um ſo größerer Gier ſucht Jeder, der ſie erlangt, die Tage ſeiner Macht nach allen Richtungen hin auszubeuten. Das iſt der Fluch der Willkür und des despotiſchen Regiments. Die Sultane haben oft Köpfe über die Menge erhoben, nur um ſie leichter abſchlagen zu können. Jeder Paſcha weiß recht wohl, daß ſein Leben an einer ſeidenen Schnur hängt, die nicht einmal zu reißen braucht, um es zu begraben. Ali Paſcha war nicht beſſer und nicht ſchlimmer wie tauſend Andere ſeiner Würde, die Tugend der Großmuth war ihm fremd, er wunderte ſich über die Aufopferung der Frau und Mutter, allein er dachte nicht daran, ſie durch eine edle Handlung anzuerkennen, ſondern ſuchte blos aus dem Stande der Dinge den größtmöglichſten Nutzen zu ſchöpfen. Nachdem er eine Weile dahingebrütet, hob er den Kopf und ſagte: Du erwähnteſt vorhin eines Kindes, deſſen Mutter Du biſt. So iſt es, Herr. Wie heißt das Mädchen? Hermine. Wie alt? Sie zählt dreizehn Jahre. Wo weilt ſie gegenwärtig? qn Mz In Wien. Wohin würdeſt Du Dich begeben, wenn ich Dir die Freiheit gewährte? Vorerſt zu meinem Kinde. Ich werde Dir die Reiſe erſparen, fuhr Ali Paſcha mit heuchleriſcher Gutmüthigkeit fort, ſende einen Boten nach Wien und befiehl Deiner Tochter, hierher zu kommen. Bertha zuckte zuſammen vor Schreck, ſie begann den Ideengang des Paſcha's zu errathen. Zürne mir nicht, gnädiger Herr, ſprach ſie mit angſt⸗ bewegter Stimme, wenn Dein Antrag mich befremdet. Ich kam zu Dir im guten Vertrauen auf den Freibrief des kaiſerlichen Heerführers... Der Freibrief, antwortete Ali mit dem Tone der Scha⸗ denfrende, ſchützte den Junker von Schlaginweit, keines⸗ wegs aber Bertha von Picaut. Die Unglückliche rang die Hände. Der Paſcha rief ſeinem Kammerdiener und befahl ihm, Kara Meidan, der mittlerweile draußen feſtgehalten wor⸗ den war, herbeizuführen. Mödler wähnte bereits ſein letztes Stündlein gekom⸗ men und waffnete ſich mit dem ganzen Trotz ſeines ehe⸗ — maligen Standes. Hund von einem Sklaven, fuhr ihn Ali an, kennſt Du Deine Schuld? Ich bin kein Sklave, antwortete der Renegat, ſondern ein freier Mann, ein Sohn Mohammeds des großen Pro⸗ pheten, der da richten wird Dich und mich. Elender, Du haſt die Schwelle meines Harems über⸗ treten! Ich habe ſie nicht freiwillig überſchritten, ſondern wurde mit Gewalt hierher gebracht. Du haſt Dich zum Vermittler hergegeben, um mich um eine meiner Frauen zu betrügen. Ich verſprach blos Deinem Odapaſchi gefällig zu ſein, handelte es ſich um einen Betrug, dann fällt die Schuld auf ihn. Ich werde Dich pfählen laſſen. Du haſt die Macht dazu, aber nicht das Recht. Aga Topdſchi, mein Gebieter, wird mich zu rächeu wiſſen. Die Erinnerung an den Aga kam zu rechter Zeit. Ali Paſcha, von Zorn hingeriſſen, war ſchon d'ran, den verwegenen Widerſprecher niederzuſäbeln, doch bei dem Namen„Topdſchi“ hielt er inne. Die bekannte Tapferkeit und die Rachſucht des Rene⸗ gaten lähmten ſeinen Arm, und die Scheu, ſie heraus zu fordern, ſiegte über Ali's Zorn. Er bezwang ſich und murmelte: Mir fuhr es ſo eben durch den Sinn, daß der Löwe ſich niemals hergiebt, Hunde zu zerreißen. Troll Dich heim und melde dem Aga, Deinem Herrn, daß der Junker von Schlaginweit nicht mehr exiſtirt. Die Perſon, welche fälſchlich dieſen Namen al di trug, iſt ein Weib und heißt Bertha von Picaut. Dieſes Weib aber iſt meine Gefangene, folglich mein Eigenthum. Kara Meidan fiel bei dieſer merkwürdigen Enthüllung wie aus den Wolken. Ein Blick auf den Ex⸗Junker überzeugte ihn, daß dem ſei, wie der Paſcha ſprach. Bertha ſank vor dem Machthaber auf die Knie und rief mit dem Ausdrucke der Verzweiflung: Herr, erbarme Dich einer armen gequälten Mutter! Ali Paſcha ſchüttelte das Haupt und erwiederte: Dich zu erlöſen vermag nur Dein Kind. Die Tochter Roß⸗ wurms ſoll meinen Harem zieren. Auf ſeinen Wink wurden Kara Meidan und Bertha abgeführt, jener nach dem Hauſe ſeines Herrn, des Aga, dieſe in ein Gefängniß des Paſcha. Piertes Rapitel. Die Griechin auf der Flucht. Habt ihr die Schilderungen jener ſchon geleſen, die ihren Pilgerſtab nach den Wüſten Arabiens trugen, und die dort von dem ſchrecklichen Samum überfallen wurden, deſſen verheerender Wirkung Menſch und Thier nur durch ein Wunder eutgehen? Eine dunkle Wolke, an dem fernen Horizont empor ſteigend, verkündet die Gefahr. Raſch anwachſend, hebt ſie ſich immer höher, bedeckt die eine Hälfte des Firmaments und verwandelt, je näher ſie rückt, ihre graue Farbe in eine hellgelbe. Jetzt bricht der Wüſtenſturm los. Mit wilder, ungezähmter Kraft reißt er ganze Berge von Sand aus ihrer trägen Ruhe, zerwühlt ſie in Mil⸗ liarden glühende Atome und hüllt die ganze Wüſte in ein Meer von Staub. Mitten durch dieſen erſtickenden Qualm wirbeln, wie im tollen Derwiſchtanz, neu aufgebäumte Sandſäulen und begraben Alles, was da lebt und athmet. un W der we No ent der ein bre e Das Kameel, von der Natur zum Schiff in der Wüſte gezeugt und ausgerüſtet, ſtreckt ſich zur Erde und bohrt ſeine Naſe in den heißen Boden. Der Menſch mit all ſeinem ſtolzen Geiſte weiß nichts Klügeres zu thun, als dem Beiſpiel des Thieres zu folgen, nur damit findet er manchmal Rettung vor der überwäl⸗ tigenden Wuth des Wüſtenſturmes. Faßt dieſes Schauſpiel im Großen in's Auge und denkt an die Griechin Siona, und ihr werdet ein Aehn⸗ liches im Kleinen treffen. Ihr Herz eine Wüſte ohne Oaſe, preisgegeben dem Sonnenbrande der Leidenſchaften. Da taucht in dieſer Wüſte der Samum der Rache auf und droht zu verſchlingen, was ihr naht. Die Griechin war, während ihre beiden Wächter, die Wallonen, mit dem Junker von Schlaginweit rangen, aus der Hütte entſchlüpft und floh nun mit der ganzen Schnelle, welche ihre Jngend und Leichtigkeit ihr boten. Die Furcht beſchwingte ihren Fuß, die Finſterniß der Nacht begünſtigte ihre Flucht. Wohin wendete ſie ſich? Vor der Hand galt es blos, der Gefangenſchaft zu entkommen und damit der Gefahr der Auslieferung an den Paſcha. Das war im erſten Moment ihr einziger Gedanke, ihr einziger Wunſch. Stundenlang eilte ſie ohne anzuhalten fort, der an⸗ brechende Morgen fand ſie im Gebirge. Wo befand ſie ſich? Vielleicht hatte ſie ſich gegen ihren Willen dem Orte, dem ſie zu entfliehen wähnte, genähert, vielleicht befand ſie ſich im Angeſichte der Feſtung, wo der eine ihrer Feinde weilte? Sie warf ſich zur Erde, drückte das Ohr an den Boden und horchte. Stille, ringsum tiefe Stille. Keine Spur von jenem Kriegsgeräuſch, welches bei zwei einander gegenüber lagernden Heeren in die Ferne dringt. Siona athmete leichter auf, die Stille goß den Troſt in ihr Herz, daß ſie zwiſchen ſich und den Feind eine weite Strecke gelegt. Sie ließ ſich nun, um auszuruhen, auf den Boden nieder. Es iſt eine bekannte Eigenthümlichkeit böſer Menſchen, daß ſie ſtets beſtrebt ſind, eigene Schuld von ſich ab und auf Andere zu wälzen. Sie begehen Miſſethaten, und wenn deren Folgen über ſie hereinbrechen, werfen ſie Haß auf Jene, die nicht großmüthig genug waren, zu verzeihen, ſondern ſtrenge Vergeltung übten. Siona dachte keinen Moment an die Unbill, die ſie ihrem Wohlthäter, dem Feldmarſchall, zugefügt, ſondern nährte ſich einzig und allein von der Idee, zu welcher Schmach und zu welchem Elend er ſie verurtheilt. Damit zog ſie ihren Haß und ihre Rache groß, ſo groß, daß letztere zum alleinigen Leitſtern ihrer Hand⸗ lungen wurde. d er n ei ne ne en n, nd en ht ge ſie rn er d⸗ An Roßwurm Rache nehmen, war der Mittelpunkt ihres Ideenkreiſes. Dem zu Folge regelte ſie ihren Entſchluß. Sie wußte, daß die Zeit der Winterquartiere heran⸗ gerückt ſei und daß der Feldmarſchall dieſe Zeit in Wien oder in Prag zuzubringen pflege, ſie beſchloß ſomit, dem Gegenſtande ihres Haſſes zu folgen und Verderben über ihn zu bringen. Doch wie das beginnen? In Siona's Seele tauchte das Bild Franzesko's empor. Schmerz ergriff ſie. Die Feigheit des Oberſten hatte ihrem Herzen eine tiefe Wunde geſchlagen, an die Stelle der Liebe war Ver⸗ achtung getreten. Der Gedanke, ihn in Wien aufzuſuchen, wurde mit Abſcheu beſeitigt. Mit Feiglingen, murmelte ſie, iſt kein Bund zu ſchließen. Ich werde mir andere Helfer ſuchen. Ohne ſich weiter um das„Wie?“ ihrer Abſicht zu kümmern, begnügte ſie ſich einſtweilen mit der Grundidee, die Details der Zukunft anheimſtellend. Siona machte ſich alſo auf, den Weg nach Wien zu verfolgen. Ihr anmuthiges Aeußere, ſo wie die Angabe, ſie ſei türkiſcher Gefangenſchaft entflohen, weckten das Mitleid eines Mannes, bei dem ſie ſich nach der Richtung der Straße erkundigte. Er erbot ſich ihr eine Strecke weit zum Wegweiſer und führte ſie aus dem Gebirge heraus bis auf die Heerſtraße. — 60— Nun ſetzte ſie anfwärts längs des rechten Donaunfers ihre Fußreiſe fort, vorſichtig etwaigen Streifſchaaren, gleichviel von welchem Heere, aus dem Wege gehend. So gelangte ſie bis Raab. Von hier ab ſchwand die Beſorgniß vor den Türken, und ſie hatte nur noch darauf zu achten, nicht durch einen böſen Zufall in die Gewalt Roßwurms zu gerathen. Unweit Raab unterbrach ein Ereigniß die bisherige Einförmigkeit der Reiſe, ein Ereigniß, welches auf die Zukunftspläne der Griechin von außerordentlichem Ein⸗ fluß war. Siona hatte in Raab einen Theil ihres Schmuckes veräußert, ein Gefährte gemiethet, um den Reſt des Weges ſchneller zurückzulegen. Ein junger Burſche lenkte die Pferde; die Reiſende überließ ſich ihren Betrachtungen. Der Wagen ächzte eben mühſelig durch den aufge⸗ weichten Lehmboden hin, welcher die Straße bildete, als drei Männer aus dem Graben ſich emporrichteten und das Gefährte anhielten. Sie waren ſämmtlich mit Säbeln bewaffnet und ließen keine Sekunde lang zweifelhaft, daß ſie zu jener gefähr⸗ lichen Sorte zählten, vor der man ſich des Schlimmſten verſehen könne. Es waren italieniſche Marodeure, die auf eigene Fanſt lebten und ſich's wohlbekommen ließen, ſo lange es ihnen gelang, unerwiſcht zu bleiben. Die Griechin, der wälſchen Sprache mächtig, fragte ſie nach ihrem Begehren. die ob e Ihr dieſe ihrei as . ten — nen gte Ein Hohnlachen der Wegelagerer folgte der Frage. Was wir wollen? rief der Eine, vor Allem Deine Habe— Und dann Dich, ſchöne Signora! ſetzte der Andere hinzu. Was ich beſitze, wird Euch geringen Vortheil bringer, antwortete die Griechin, deren Beſorgniß ſich verminderte, als ſie gewöhnliche Räuber ſich gegenüber ſah. Dann werden wir uns mit Deiner Perſon begnügen, bekam ſie zur Antwort. Ihr ſeid drei Männer und ich bin eine einzige Frau, die Macht iſt alſo auf Eurer Seite; es fragt ſich aber, ob es klug von Euch iſt, ſie zu gebrauchen? Seht, wenn Ihr auf Eurer Drohung beſteht, ſo tödte ich mich mit dieſem Dolch. Die Wegelagerer ſchauten ſie überraſcht an, ſie hatte ihren Dolch gegen die eigene Bruſt gezückt. Ihr habt die Wahl, fuhr die Griechin raſch fort, zwi⸗ ſchen meiner Leiche und einem reichen Löſegeld. Du ſagteſt doch eben, Dein Beſitz würde uns keinen Vortheil bringen? Thörichte Frage! Ich bin der türkiſchen Gefangen⸗ ſchaft entflohen und führe nichts mit mir, habe ich jedoch Preßburg errẽicht, ſo geb' ich Euch hundertmal ſo viel, als ich bei mir trage. ie Wegelagerer fanden den Antrag lächerlich. ie weiß recht wohl, daß wir ſie nicht bis nach der Stadt begleiten können, meinte der Eine. Und wenn wir es thäten, ſetzte der Andere hinzu, würd' es uns ſchlecht bekommen! + D S S Ich verheiße Euch nicht nur Löſegeld, fuhr Siona ent⸗ ſchloſſen fort, ſondern auch Pardon. Die Räuber ſtutzten. Wer biſt Du, um Dein Verſprechen erfüllen zu könne Ich bin die Geliebte Roßwurms. Der Name ihres Feldherrn verfehlte den gehofften Ein⸗ druck nicht, die Deſerteure ſahen ſich gegenſeitig an, ſie waren unſchlüſſig geworden. Siona hatte in Anbetracht ihrer Lage die Unterhand⸗ lung begonnen, ohne ſich einen anderen Erfolg davon zu verſprechen, als daß ſie Zeit gewann, und daß vielleicht während dem ſich Hilfe nahen werde. In der That gewahrte ſie jetzt hinter ſich zwei Reiter einhertraben, ihr Herz begann raſcher zu ſchlagen, ſie er⸗ blickte in ihnen die Möglichkeit einer Rettung. Die Marodeure gedachten ſich gerade zu verſtändigen, als der eine von ihnen ebenfalls die Reiſenden bemerkte und ſeine Genoſſen auf ſie aufmerkſam machte. Wir haben keine Zeit zu verlieren! rief er. Raſch an's Werk! der Andere. Noch ein Wort, unterbrach ſie Siona, um die Geſellen noch in etwas aufzuhalten, Ihr ſetzt Euch um eines er⸗ bärmlichen Gewinnes willen einer großen Gefahr aus, entſchließt Euch zu dem Löſegeld und ich betheure Euch... Die Marodeure wollten davon nichts hören. Siona hatte ſich ſchon früher emporgerichtet und be⸗ nutzte jetzt einen Moment, ſich vom Wagen zu ſchwingen und, Hilfe rufend, nach jener Seite zu fliehen, woher die Reiter kamen. n7 die eine gen ſchl befe hen zu ſ abg rück llen er⸗ aus, be⸗ igen die Die überraſchten Räuber ſtürzten hinter ihr her, allein die Angſt beflügelte den Lauf der Griechin und ſie gewann einen Vorſprung von wenigen Schritten. Als die beiden Reiter den Ueberfall auf offener Straße gewahrten, verſetzten ſie die Pferde in Karriere. Die Wegelagerer, erbittert, daß ihre Beute ihnen ent⸗ ſchlüpfen ſollte, gedachten nicht den Kampf aufzugeben, befanden ſie ſich doch noch immer in der Mehrzahl. Einer, der Schnellfüßigſte von ihnen, erreichte die Flie— hende, und war ſchon daran, mit ſeinem Säbel nach ihr zu ſtoßen, als plötzlich ein Schuß fiel und ihn niederwarf. Der eine Reiter hatte im Fluge ſein Piſtol nach ihm abgefeuert, und der Zufall begünſtigte den Schuß. Mit dem Falle des Vorderſten bemächtigte ſich ſeiner rückwärtigen Genoſſen ein paniſcher Schrecken. Sie gewahrten zu ihrem Entſetzen, daß die Gegner mit Schießwaffen verſehen waren und ergriffen die Flucht. Allein die Reiter begnügten ſich damit nicht, ſie ſprengten ihnen nach, ehe eine Minute verging, waren ſie ereilt und ein wüthender Kampf entſpann ſich. Die Marodeure wehrten ſich ihres Lebens. Ihre Säbel ſchwirrten den Pferden entgegen und machten dieſe ſtutzig. Siona blieb nicht unthätig. Sie ergriff die Waffe des Gefallenen und ſtürzte zur Kampfſtelle, ihre Retter zu unterſtützen. Die Räuber, des doppelten Angriffs ſich nicht vorſehend, wehrten ſich blos gegen die Reiter, da erſchien die Griechin und bohrte dem einen von rückwärts den Säbel in den Leib. Sein Aufſchrei und Fall entmuthigte den letzten vollends, er bat um Pardon. Für Räuber, rief ihm der eine Reiter in wälſcher Sprache zu, giebt es keine Gnade und bohrte ihm den Stahl in die Bruſt. Nach beſeitigter Gefahr konnten Retter und Gerettete ſich gegenſeitige Aufmerkſamkeit widmen. Jener war ein Mann im kräftigſten Alter und gehörte den Gewändern nach vornehmem Stande an. Sein Begleiter war offenbar ſein Diener. Siona, von der eben erlebten Scene aufgereizt, die Wangen geröthet, ſtand auf den blutigen Säbel geſtützt und ſchaute, nach Athem ringend, vor ſich. Das dunkle, feurige Auge ihres Retters ruhte mit Wohlgefallen auf der ſchönen Frau, deren Muth und Entſchloſſenheit den Eindruck der Erſcheinung nur noch er⸗ höhten. Sie ſind doch nicht verwundet? fragte der Herr in wälſcher Sprache. Ich bin es nicht, und daß dem ſo, verdanke ich Ihnen, antwortete Siona, ihre Augen mit dem Ausdruck der Dankbarkeit auf ihn richtend. Ich bewundere Ihren Muth, Signora; er würde ſogar einem Manne zur Zierde gereichen. Was hätte ich mit all meinem Muthe vermocht, ohne Sie? Ich preiſe den Zufall, der mich rechtzeitig anlangen ließ. Ich preiſe ihn zweifach, da er mich in die Lage brachte, einer Landsmännin beizuſtehen. ꝙ eh tützt mit und er⸗ Wenn ich nicht irre, mein Herr, nennen Sie Italien Ihr Vaterland? Ich bin der Marcheſe Furlani aus Mailand. Siona hielt an ſich, die Ueberraſchung bei dieſem Namen verbergend. Wie Francesko Belgivjoſo war auch Furlani aus ſeiner Heimat verbannt, jedoch nicht wie jener wegen einer ent⸗ ehrenden Handlung, ſondern wegen eines Duells, worin er ſeinen Gegner getödtet. Roßwurm hatte ſie auch davon in Kenntniß geſetzt, da Furlani zu ſeinen Bekannten zählte und die Rede einmal auf ihn kam. Die ſchlaue Griechin, in deren Kopf die erſten Anfänge eines Planes bereits zu keimen begannen, war vorſichtig genug, von ihrer Kenntniß der Verhältniſſe nichts zu ver⸗ rathen, ſondern erwiederte: Ich bedauere, nicht Ihre Lands⸗ männin zu ſein, Herr Marcheſe. Ich bin in Rhodos ge⸗ boren und hatte das Unglück, von Korſaren geraubt und als Sclavin verkauft zu werden. Ich entfloh der tür⸗ kiſchen Gefangenſchaft und befinde mich auf der Reiſe nach Wien, um von dort in meine Heimat zurückzukehren. Dieſe theilweiſe Enthüllung ihrer Schickſale erhöhte noch das Intereſſe, welches die ſchöne Frau ohnedem einflößte. Der Marcheſe faltete mit einem Ausdruck der Ver⸗ ehrung die Hände und und ſagte: So jung und bereits von ſo großem Unglück heimgeſucht! Und raſch ſetzte er hinzu: Auch meiner Reiſe Ziel iſt vorläufig Wien, wenn Sie es erlauben, Signora, biete ich Ihnen zu Ihrem Schutze meine Begleitung an. E. Breier. General Roßwurm. 1I. 5 — Wem könnte ich mich beruhigter anvertrauen als dem Manne, dem ich bereits ſo viel verdanke, erwiederte Siona, wenn ich dabei ein Bedenken hege, ſo iſt's das, wie ich je im Stande ſein werde, ſo hohe Schuld abzu⸗ tragen? Sie thun es, Signora, indem Sie mir die Gunſt ge⸗ währen, mich Ihrer Geſellſchaft zu erfreuen. Die Griechin gab ſich den Anſchein, als überhörte ſie die Betheuerung und beſtieg wieder das Gefährte. Furlani blieb ihr zur Seite und ſetzte nun die Reiſe in Gemeinſchaft mit der reizenden Frau fort, beſtrebt, ihr bei jeder ſich ergebenden Gelegenheit zarte Aufmerkſamkeit zu erweiſen und durch ſein geſelliges Talent die Langeweile ferne zu halten. Siona hatte ſich, als das Verhältniß mit dem Oberſten Belgiojoſo ſich entſpann, dem Zuge ihres Herzens über⸗ laſſen, um die Folgen ihres Schrittes ſich ebenſowenig kümmernd, wie um den Charakter des Mannes, dem ſie ihre Gefühle widmete. Diesmal beſchloß ſie den damals begangenen Fehler zu vermeiden. Sie zog ihren Verſtand zu Rathe und gab ihm die Schlauheit zur Gehülfin. Kein voreilig Wort entſchlüpfte ihren Lippen, keine ihrer Handlungen ſollte ohne vorherige Ueberlegung ge⸗ ſchehen. Sie berechnete ihr Benehmen gemäß einem Plane, der ihr zwar nur dunkel noch vorſchwebte, bei dem ſie jedoch jetzt ſchon dem Marcheſe die Rolle eines Gehülfen zudachte, fül im vet em rte 8, zu⸗ eiſe bei eile ſten ber⸗ nig ſie hler die eine ge⸗ der doch chte, — nicht zweifelnd, daß es ihr gelingen werde, ihn zu einem ſolchen heranzubilden. Auf dieſen Punkt richtete ſie daher vorläufig ihr ganzes Augenmerk. Vertrauend auf ihrer Reize Macht, entſchloſſen, alle Künſte der Verführung aufzubieten, begann ſie um den heißblitigen Italiener das Netz zu weben, worin er ſich verfangen und woraus er ſich nimmermehr befreien ſollte. Die Spinne überläßt es dem Zufalle, den erſten ihrer Fäden zu knüpfen; iſt dies geſchehen, dann beginnt ſie mit emſiger Geſchäftigteit ihre gevmetriſchen Linien zu ziehen. Auch hier begann, nachdem der Zufall das Seinige gethan, die Kunſt ihr Werk. Das Gleichniß, welches wir ſoeben angewendet, hinkt wie überhaupt jedes Gleichniß. Die Spinne webt ihr Netz in der Hoffnung, daß ihre Opfer ſich ſpäter darin verfangen werden, Siona aber zog ihre Fäden um den bereits erkornen Gegenſtand, in der alleinigen Abſicht, ihn feſtzuhalten. Und Marcheſe Furlani, ließ er ſie gewähren? Ja! Wie hätte er auch bei ſo viel Reiz, bei ſo friſcher Jugend, auf einen ſo großen Aufwand von Verſtellung, auf einen ſo weitreichenden Plan ſchließen mögen? Sorglos überließ er ſich der Strömung ſüdheißen Blutes, ſog wonnig das ſüße Gift ein, welches die Ver⸗ führerin unſichtbar ausſtrömte, wie jener Giftbaum, der im Sonnengolde ſich badend die Atmoſphäre ganzer Thäler vergiftet. 5* Die Reiſe ging ohne weiteren Zwiſchenfall vor ſich. In Preßburg, wo man in einer Fremdenherberge übernachtete, bezogen die Reiſenden zwei angrenzende Ge⸗ mächer. Siona, Ermüdung zum Vorwande nehmend, zog ſich zurück, ohne ſich in ihrem Gemache einzuſchließen. Furlani machte ſie auf den vorhandenen Riegel auf⸗ merkſam. Siona ſchüttelte den Kopf und erwiederte: Erlauben Sie, Herr Marcheſe, daß ich Ihnen mein Vertrauen be⸗ zeige, indem ich ihn nicht benütze. Signorina, bei allen ſchönen Vorſätzen, die mich be⸗ ſeelen, iſt es vielleicht doch möglich, daß ich meine Kraft überſchätze. In dieſem Falle, lächelte die Griechin, werde ich Ihnen mit der meinigen zu Hülfe kommen. Und ihm ihre weiche, vom reinſten Inkarnat ange⸗ hauchte Hand zum Kuſſe bietend, ſetzte ſie hinzu: Nur derjenige iſt wahrhaft ritterlich, dem es nicht ſchwer fällt, es zu ſein. Unter allen Enttäuſchungen iſt die bitterſte, wenn man ſich in dem Edelmuthe geirrt! Der Marcheſe berührte die Hand mit ſeinen Lippen und hütete ſich, die bitterſte der Enttäuſchungen über ſeine Reiſegefährtin zu verhängen. Am folgenden Morgen, erſchien Siona noch friſcher und reizender wie am vorhergehenden Tage. Ihr Ange ſtrahlte vor Freude, ihr ganzes Weſen trug den Ausdruck des Entzückens. Furlani frug ſie, ob ſie angenehm geträumt. — en ge ur t, ſte, pen ine cher rug — 65 Ich ſchlief ſo ruhig wie ſchon lange nicht, gab ſie zur Antwort, ich entſinne mich nicht einmal meines Traumes, ſo feſt war mein Schlaf. Mir war dieſe Wohlthat nicht beſchieden, bemerkte Furlani. Sie ſind doch nicht unwohl? fragte ſie mit erheuchelter Sorge. Unwohl bin ich nicht, allein traurig? Und warum das? Weil ich des Gedankens nicht los werden kann, daß ich vielleicht zum erſten und letzten Male mit Ihnen unter einem Dache ſchlief. Wenn wir auch nicht mehr unter einem Dache ſchlafen werden, Herr Marcheſe, ſo liegt es doch nur an Ihnen, daß wir noch öfter unter einem Dache wachen. Sie machen mich glücklich, Signora. Ich werde beſtrebt ſein, es zu thun, um Ihnen meine Dankbarkeit an den Tag zu legen. Blos Dankbarkeit? Genügt ſie Ihnen nicht? Soll ich wahr ſein? Ich erwarte es. Dann muß ich bekennen, daß mir bei Ihnen und zwar bei Ihnen ganz allein die Dankbarkeit nicht genügt. Sie geringſchätzen ein Gefühl, Herr Marcheſe, welches einer bedeutenden Erweiterung fähig iſt. Wer ſieht es dem Strome an, der den Fuß dieſer Stadt umſpült, daß er an ſeinem Urſprunge ein unſcheinbares Bächlein iſt. Dürfte ich hoffen.... Erlaſſen Sie mir jetzt noch jede Erklärung, ich bitte Sie darum. Gefühle ſind Blüthen und Blüthen müſſen Zeit haben ſich zu entfalten. Setzen wir unſere Reiſe fort und überlaſſen wir uns getroſt den Fügungen der Vor⸗ ſehung, die Alles lenkt nach ihrem Willen! Hierauf bat ſie den Marcheſe ihr den Arm zu reichen und ging mit ihm zum Wagen, um die Reiſe fortzuſetzen. Am Abende deſſelben Tages zogen Siona und Fur⸗ lani in Wien ein. Das Schickſal hatte ſie zuſammengeführt, Leidenſchaft und Berechnung ketteten ſie an einander zum Verderben Roßwurms. Der Feldmarſchall weilte ebenfalls in Wien, eilen wir dahin und erzählen wir, was ſich mittlerweile dort begab. Fünftes Kapitel. Einkehr bei Herrn Kaſpar Lametzhofer. In der„großen Schulenſtraße“, wohin damals vom Stephans⸗Freithof eines der vier Thore führte, welche ihn von der übrigen Stadt vollkommen abſchloſſen, be⸗ fand ſich, und zwar unweit von der erwähnten Durch⸗ fahrt, ein ſchmales, zwei Stockwerke hohes, giebeliges Haus, von jener Form und Enge, wie deren noch mehrere Exemplare in dem heutigen Wien zu ſehen und zu be⸗ wundern ſind. Ja, zu bewundern, wegen ihrer auffallend niederen Stockwerke, ſchmalen Eingänge, wegen ihrer engen, finſteren gewundenen Treppen, ihres zwecklos angebrachten Winkel⸗ werks, kurz, wegen des ganzen unglaublich unvortheilhaften Baues. Dieſe Häuſer ſtammen urkundlich aus dem vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderte und man muß ſtaunen, daß Generationen, welche in der Anlage und Ausführung ihrer Dome ſo rieſige Dimenſionen anwendeten und ſo — gewaltige Maſſen, einem Jahrtauſende zu trotzen, über einander thürmten, daß dieſelben Generationen bei dem Aufbau ihrer eigenen Wohnungen ſich ſo kleinlicher Pro⸗ portionen bedienten und der Bequemlichkeit keine Rechnung trugen. Oder ſollten ſie von dem, was man bequem nennt, andere Begriffe wie wir gehabt haben? Sollte der Ritter mit dem befiederten Helm, der ge⸗ wohnt war, mannhaft und aufrecht einher zu ſchreiten, daher beim Eintreten in eine ſolche Stube, ſich entweder tief bücken oder gar ſeinen Helm abnehmen mußte, ſollte er an die niedere, ſchmale Pforte niemals Anſtoß genommen haben? Faſt ſcheint es ſo, wenn man in den damaligen Be⸗ ſchreibungen Wiens über jene Häuſer lieſt:„Die Bürger⸗ häuſer ſind hoch und geräumig, wohlgeziert, gut und feſt gebaut, mächtige Zimmer, die ſie Stuben nennen und heizen u. ſ. w.“ Ferner:„Wo Du zu einem Bürger geheſt, meinſt Du in eines Fürſten Haus zu treten u. ſ. f.“ Die allgemeine Unſicherheit machte es manniglich wün⸗ ſchenswerth, innerhalb der ſtarken Ringmauern der be⸗ feſtigten Stadt zu wohnen, es war daher geboten, auf einem gegebenen Raume die größt möglichſte Anzahl Häuſer aufzuführen. Läßt man auch dieſes Motiv als Entſchuldigung für die Schmäle gelten, ſo bleibt noch immer die Vernach⸗ läſſigung des Höhenraumes ein Räthſel, um ſo mehr, da der damalige Menſchenſchlag erwieſener Maßen ein kräf⸗ tigerer und durchſchnittlich auch größerer war wie der heutige. Ur be mi M ſch kei m . ¹g t, e⸗ n, in⸗ be⸗ uf ſer für da äf⸗ ge. — Abgeſehen von der Räumlichkeit war das Innere der damaligen Quartiere heimlich und traulich genug. Das enge Zuſammenleben bot wie ſeine Nach— ſo auch ſeine Vortheile, das Familienleben überwog das öffentliche, wenn man etwa die Sonntage, die Tage der Luſtbarkeit, ausnimmt. Im erſten Stockwerke des erwähnten Hauſes in der Schulenſtraße treffen wir die kleine Familie des Fecht⸗ meiſters Kaſpar Lametzhofer, den wir im Beginne dieſer Erzählung vorgeführt und deſſen Obhut die Frau mit dem ſchwarzen Schleier, die ſpäter unter der Maske eines Jun⸗ kers von Schlaginweit und endlich als Bertha von Picaut auftrat, ihre Tochter Hermine anvertraut hatte. Frau Eva, die Gattin des Meiſters mit dem langen Schwert, war eine ſehr ehrſame, muſterhafte Wirthin. Agnes, das einzige Kind des Ehepaares, ſtand mit Hermine, der Tochter Bertha's, im gleichen Alter, ein Umſtand, der die beiden Mädchen ſich raſch mit einander befreunden ließ und viel dazu beitrug, bei Hermine den Schmerz der Trennung von ihrer Mutter ſchneller zu mildern. Wir haben Frau Lametzhofer eine ehrſame, muſterhafte Hauswirthin genannt, das ſchließt jedoch den Beſitz kleiner Mängel nicht aus, die mit ſeltenen Ausnahmen bei dem ſchwächeren Geſchlechte angetroffen werden und worunter vorzüglich die Neugierde und gleich nach ihr die Redſelig⸗ keit gezählt werden. Frau Eva war beiden Fehlern in hohem Grade unter⸗ worfen und hatte damit ihrem Gatten ſchon manche Un⸗ annehmlichkeit bereitet. Als Bertha von Picaut dem Fechtmeiſter ihr Geheimniß und ihre Tochter anvertraute, warf ſich ihm die ſehr wichtige Frage auf, ob er ſeine zweite Hälfte in das Geheimniß mit einweihen ſolle oder nicht? Entſchloß er ſich zu dem letzteren, ſo gab er böſen Vermuthungen und allerlei ehrenrührigen Nachreden Raum, die am Ende ſeinen häuslichen Frieden in Gefahr bringen konnten; wählte er das erſtere, ſo beſorgte er wieder von der Geſchwätzigkeit Eva's Nachtheile für die Abſichten der unglücklichen Mutter, die ſich und ihres Kindes Zukunft ihm anvertraut hatte. Der Fechtmeiſter befand ſich ſomit in der unange⸗ nehmen Lage, zwiſchen zwei Uebeln wählen zu müſſen, und er glaubte nach längerem Nachdenken das kleinere zu ergreifen, wenn er ſeine Gattin mit in das Geheim⸗ niß zog. Als Frau Eva den Feldmarſchall Roßwurm als den Vater Herminen's bezeichnen hörte, ſchlug ſie beide Hände über dem Kopfe zuſammen und rief: Himmliſcher Vater, mit dem mag ich nicht Kirſchen aus Einer Schüſſel eſſen! Lametzhofer beruhigte ſie mit der Verſicherung, daß ſie gar nie in die Lage kommen werde, mit dem Roßwurm Kirſchen zu ſpeiſen, vorausgeſetzt, daß ſie ſich der Tugend der Schweigſamkeit befleißigen werde. Hermine, ſagte er, bleibt bei uns bis ihre Mutter ſie abholt, und bis dahin braucht kein Menſch zu erfahren, wer ihr Vater iſt. nü mil Aber wir wiſſen es doch, replicirte Eva, und das ge⸗ nügt, mich zu beunruhigen. Sie iſt ein unehelich Kind.... Was kümmert uns das? Wollen wir doch kein Fa⸗ milienband ſchließen, ſondern bieten blos der Unglücklichen ein chriſtlich Obdach. Die Fechtmeiſterin erhob zwar noch allerlei Bedenken, allein da die Mutter Herminens bereits abgereiſt war, Lametzhofer hatte klugerweiſe die Mittheilung bis dahin verſchoben, und da ſomit eine Thatſache vorlag, die ſich nicht leicht mehr ändern ließ, ſo mußte ſie ſich der Noth⸗ wendigkeit der Sachlage fügen und verſprach zu ſchweigen. Alle Zeiten haben es konſtatirt, daß man in der Theorie viel verſprechen kann, was man in der Praxis nicht halten will oder nicht zu halten vermag. Frau Lametzhofer war faktiſch von dem löblichen Vor⸗ ſatze zu ſchweigen beſeelt, allein wie willig ihr Geiſt auch war, ihr Fleiſch, das heißt, die Zunge blieb ſchwach und nachgiebig. Die Fechtmeiſterin beſaß in der Schulenſtraße unter⸗ ſchiedliche Nachbarinnen und gute Freundinnen, mit denen ſie, wie natürlich, häufig und vertraulich verkehrte. Dieſen gegenüber ließ ſie nun anfangs das Geheim⸗ niß von Herminens Abſtammung durch gewiſſe pantomi⸗ miſche Kundgebungen ahnen, dann ſogar durch halbe Aeußerungen und nachdrücklich betonte Worte beinahe er⸗ rathen. Es vergingen nicht vierzehn Tage und die Nach⸗ barinnen und Freundinnen der Fechtmeiſterin hatten redlich das ihrige gethan, die erlauſchten halben Andeutungen weiter zu verbreiten und die Maus in einen Elephanten umzuwandeln. Hermine wurde mit heimlichem Grauen angeſtaunt, wie etwa eine verwunſchene Prinzeſſin, man wußte zwar nicht den Namen ihres Vaters, allein man hatte es heraus, daß er eine hochgeſtellte Perſönlichkeit ſei, ein Graf, ein Fürſt, oder vielleicht gar ein Prinz und munkelte ſich im Vertrauen allerlei Namen zu, bald dieſen, bald jenen mit der Vaterſchaft verdächtigend. Lametzhofer, diesmal auf die Verſchwiegenheit ſeiner Gattin bauend, ahnte das Geträtſche nicht, welches ſie be⸗ reits angerichtet hatte, indem ſie viele Augen auf das junge Mädchen ſich richten machte, während deſſen Heil die äußerſte Zurückgezogenheit und völlige Unbeachtung ihrer Exiſtenz erheiſchte. Zu der Geſchwätzigkeit der Frau Lametzhofer geſellte ſich noch ein Zwiſchenfall, der wahrhaft verderblich zu werden drohte und der nur in einer Zeit, wie die damalige, möglich war. Eines Morgens, die kleine Familie ſaß eben beim Frühmahle, erſchien eine der Nachbarinnen feſtlich gekleidet, zum großen Erſtaunen der Dame Eva. Ei, ei, Frau Kathrin, ſagte dieſe kopfſchüttelnd, was iſt denn los? Sie ſind ja heute aufgeputzt, wie am Palmtag der hölzerne Eſel, der das Jahr hindurch in dem Gewölbe unter der Kantorei bei St. Stephan aufbe⸗ wahrt wird. Ich bin auf dem Weg zur Kirche, antwortete die Nach⸗ barin wichtig thuend. in ver au etr we ha m T ten Zur Kirche? In ſolchem Staat? Du Kaſpar, haben wir heute einen Feſttag? Das ich nicht wüßte. Ich begreife nicht, Frau Meiſterin, warum Sie denn gerade heute von meinem Staat ſo viel Aufhebens machen? Man muß doch ein Uebriges thun, wenn man dahin geht, wo es einen großen Zuſammenfluß von Menſchen geben wird. Was Sie ſagen? Wo wird's denn einen Zuſammen⸗ fluß geben? Bei den Schottnern. Und warum? Ei, warum? Thun Sie doch, als ob Sie gar nicht in Wien lebten. Die Fechtmeiſterin zeigte die Miene einer Höchſt⸗ verwunderten und ſagte: Ich will acht Tage keinen Mund aufthun, wenn ich weiß, was los iſt. Kaſpar, haſt Du. etwas gehört? Lametzhofer zuckte die Achſeln und murmelte: Wer weiß, was der Frau Nachbarin durch den Kopf gefahren iſt! Meiſter, Sie kränken mich. Mein Kopf iſt kein Durch⸗ haus. Ich kann nicht dafür, wenn Ihr nicht wüßt, daß man heute in der Schottenkirche einer Schuſtersfrau den Teufel austreibt. Was, rief Frau Lametzhofer angenehm überraſcht, man treibt wieder Teufel aus? Da muß ich auch dabei ſein! Agnes, meinen Sonntagsſtaat! Frau Nachbarin, gedulden Sie ſich, ehe zehn Minuten vorübergehen, werd' ich fir und fertig ſein, wir gehen zuſammen. Der Fechtmeiſter zeigte Luſt, ſeine Gattin von dem beabſichtigten Gange zurück zu halten, allein da hätte er eher den in Bewegung geſetzten Eisſtoß der großen Donau aufhalten können. Du gehſt fort, rief er endlich unwirſch, wer wird das Mittagsmahl bereiten? Du vergiſſeſt unſeren Gaſt! Unſeren Gaſt, verſetzte Frau Eva ein wenig ſtutzig, meiner Tren, daran dacht' ich augenblicklich nicht. Doch halt, man muß ſich zu helfen wiſſen. Kinder, wendete ſie ſich zu Agnes und Hermine, kleidet Euch an, ich nehme Euch mit, einer Teufelsaustreibung beizuwohnen, iſt ſehr erbaulich und lehrreich, wir werden uns ſammt und ſon⸗ ders mit einer kalten Mahlzeit begnügen, der Vater kann beim Leutgeb ſpeiſen. Die beiden Mädchen waren natürlich raſch bei der Hand, Frau Eva glich in Wahrheit dem Eisſtoß, der Alles mitreißt. Herr Lametzhofer, ein ſo muthiger und gewandter Fechter er auch war, zog doch jedesmal den Kürzeren, wenn er mit ſeiner Gattin anband. Wie, rief er erſtaunt, Du willſt auch die Mädchen mitnehmen? Warum denn nicht? Meinſt Du, ſie werden die ein⸗ zigen in der Kirche ſein? Sind wir doch zwei Frauen zu ihrem Schutz. Ich war mit dabei als man anno 83 die Schlutterbauer exorcirte und ich zählte damals kaum ein Dutzend Jährchen, warum ſollten alſo heute die Mädchen vaheim bleiben, die doch ein wenig älter ſind. Und als der Gatte eine neuerliche Einwendung erheben ja, un dr di kir be ſel Ur em er au as ig, och ſie me hr n⸗ nn der les ter en, en wollte, ſagte ſie: Geh, geh, Kaſpar, ſei nicht eigenſinnig und griesgrämig. So was bekommt man jährlich nur einige Male anzuſehen, man muß alſo die Gelegenheit nicht ver⸗ abſäumen. Es wäre eine Schande, wenn die Kinder einſt unter die Haube müßten, ohne einer Teufelsaustreibung beigewohnt zu haben. Der Fechtmeiſter, zur Rettung ſeiner Mannesehre ſei es geſagt, hätte ſich dennoch dem Willen ſeiner Frau durch einen Machtſpruch— denn anders war ihr nicht beizukommen— widerſetzt, allein er bemerkte, daß auch die Mädchen nach der ihnen neuen Ceremonie lüſtern waren und mochte ihrer Neugierde nicht weiter entgegen treten. Er begnügte ſich, der Nachbarin einen verweiſenden Blick zuzuwerfen und ſagte mehr im Ernſt als im Scherze: Dieſe Unruhe verdanke ich Ihnen. Wenn den Meinigen was Unangenehmes begegnet, ſo werden Sie die Schuld tragen. Oh, oh, Meiſter, replicirte Frau Kathrin, Sie thun ja, als ob wir wer weiß wohin zu einer Luſtbarkeit gingen! Was ſoll uns denn Schlimmes begegnen? Befinden wir uns nicht in einem Gotteshauſe? Und wegen des Ge⸗ dränges brauchen wir nicht in Sorge zu ſein. Der Kirchen⸗ diener bei den Schottern iſt meines Mannes Geſchwiſter⸗ kind, durch ſeine Fürſorge werden wir in der Nähe ein bequemes Plätzchen einnehmen, wo wir nicht nur Alles ſehen, ſondern auch jedes Wort deutlich hören werden. Und letzteres iſt eigentlich das Wichtigſte, denn wie be⸗ kannt, iſt's der Teufel, der aus dem Beſeſſenen heraus redet und manchmal gar kurioſe Dinge, na, wie eben nur ein Teufel ſprechen kann. Menſchen hört man alleweil reden, aber Teufelsdiskurs iſt eine Rarität. Wie ich wahrnehme, ſind auch Sie ganz beſeſſen auf den Gottſeibeiuns! Oh, oh, was für gottesläſterliche Reden! Doch weil wir gerade vom Böſen ſprechen, habt Ihr von dem Für⸗ gang in der Wiener⸗Neuſtadt ſchon gehört? Kein Sterbenswörtchen. Na wartet, ich will's Euch Allen, bevor wir aus dem Hauſe gehen, flugs erzählen. In der Neuſtadt, vor dem Ungarthor, handtirte eine Bierſchenkerin, ein betrüglich Weib, das jedem ein X für ein V fürmachte, das heißt, mit doppelter Kreide ſchrieb. Vor einigen Wochen kommt ein unbekannter Gaſt zu jener Vettel und nimmt bei ihr das Abendbrod. Als er darauf ſeine Rechnung verlangt, läßt ſie, wie immer, die Kreide laufen und rechnet ihm, wer weiß was alles, vor. Der Fremde aber hat ſich die eigene Zeche Stück für Stück in den Hut hineingeſchrieben und ruft der Schenkin zu: Da ſeht Ihr's, Doppelſöldnerin, mit Eurer laſter⸗ hafen Addition, ſo viel beträgt meine Zeche und nicht mehr. Die Neuſtädterin erboſt, die Wahrheit hören zu müſſen, fängt an zu vermaledeien und ſchreit: Der Teufel ſoll mich treten, wenn ich falſch gerechnet! Kaum hat ſie das geſprochen, erwiſcht der Fremde ſie beim Schopf und marſch mit ihr durch's Fenſter. Halt, halt, die Geſchichte iſt noch nicht zu Ende. Um ſelbige nur veil dem dem glich eißt, wie was k für enkin aſter⸗ mehr. üſſen, mich de ſie Halt, elbige Mitternacht hält ein Reiter vor der Schmiede außerhalb . Wienerthores der Neuſtadt. s giebts? v kommt flugs und beſchlagt mir mein Pferd! Ich habe mich am Tage müde gearbeitet und will des Nachts Ruhe. Wenn Ihr nicht kommt, klopf' ich die Nacht hindurch Eure Thüre, bis ſie mürbe wird. Was blieb dem Schmiede übrig, er kam heraus mit⸗ ſammt ſeinem Geſellen. ſuchen ein fertiges Eiſen für den Klepper, aber proſt die Mahlzeit, ſie finden keines. Sie iniet ſich alſo daran machen, eines zu ſchmieden. Dreimal nahmen ſie das Maß nach dem Pferdefuß und jedesmal, wenn das Eiſen fertig war, zeigte ſich's zu klein. Um Gotteswillen, ruft der Schmied, wächſt uns denn der Fuß unter der Hand? Jetzte paßte das Eiſen. Der Meiſter pinketpanket ein Wenig und ſchlägt dann den erſten Nagel hinein. weh, Gevatter, halt ein, au weh!“ das Pferd. Der Schmied, zu Tode erſchreckt, ſchreit:„Maria Joſef!“ und lauft ſammt dem Geſellen auf und davon. Am andern Morgen fand man die Bierſchenkin todt⸗ krank an der Leitha im Sumpf. Wie ſie ausſah, kann man ſich vorſtellen, wenn man bedenkt, daß ſie des Tenfels Reitpferd geweſen, und daß ſie es war, beweiſet das E. Breier. General Roßwurm. II. 6 — 82 mächtige Hufeiſen, welches der Schmied ſeiner Zunftlade verehrt, die es aufbewahren wird für ewige Zeiten. So, jetzt bin ich zu Ende, jetzt gehen wir in Gottes Namen zur Teufelsaustreibung bei den Schottnern. Durch die Teufelsgeſchichte auf eine ſehr würdige Weiſe für die kommenden Scenen vorbereitet, traten die beiden Mädchen, unter dem Schutze der Frauen, den Weg nach der Freiung an. ade So, nen eiſe iden nach Sechstes Rapitel. Eine Teufelsaustreibung und ihre Folgen. Der Leſer von heute lächelt, wenn er von„Beſeſſenen“, von„feierlichem Teufelaustreiben“, überhaupt wenn er von den Malefizhändeln lieſt, welche wie durch eine Verſtandes⸗ peſt epidemiſch durch das ſechszehnte und ſiebzehnte Jahr⸗ hundert zogen und ſogar bis in die Mitte des achtzehnten herüber dauerten. Von dem Moment an, als das Geſetz die verhängniß⸗ vollen Worte aufnahm:„Die Zauberei, die in Rechten verpotten ſein“, von dieſem Moment an gab es Zauberer, Heren, vom Teufel Beſeſſene u. ſ. w. Wie einzelne Individuen, ſo konnten einſt auch ganze Generationen irre geführt werden. Heut zu Tage iſt das nicht mehr möglich. Ein erleuch⸗ teter Gedanke vertauſendfältigt ſich und fliegt mit der Schnelle des Blitzes durch die Welt. Seidem das profane Gas ſogar die Straßen erleuchtet, 6* kann das Licht der Wachskerzen nicht mehr zur Geltung gelangen. Was man ehedem licht nannte, erſcheint heute dunkel, die einſtige Gelehrſamkeit erweiſt ſich heute vielfältig als Irrthum, wenn nicht gar als Aberwitz. Das Thema, auf welches dieſes Kapitel unſerer Er⸗ zählung führt, iſt ſchon ſo vielfältig variirt worden, daß wir Anſtand nehmen, Waſſer in's Meer zu ſchütten, ob⸗ wohl zu den Dingen, die man nicht oft und nicht laut genug wiederholen kann, auch die Variationen über das in Rede ſtehende Thema gehören, nämlich das Eifern gegen den Aberglauben. Wir aber entheben uns aller Betrachtungen und kehren uns lieber der Erzählung zu, dabei jedoch im Vorhinein bemerkend, daß wir aus Gründen, die ſehr nahe liegen, auf die hiſtoriſchen Details der religiös⸗feierlichen Hand⸗ lung verzichten, und blos jener Vorkommniſſe erwähnen, welche auf den Gang unſerer Erzählung von Einfluß waren. Denjenigen Leſern jedoch, die ſich für Hexenprozeſſe und dergleichen Malefizhändeln intereſſiren, empfehlen wir auf's Wärmſte Schlagers„Wiener Skizzen aus dem Mit⸗ telalter“(Jahrgang 1842), wo ſie die Akten jenes Muſter⸗ prozeſſes der Anna Schlutterbauer und Elſe Pleinacher geſammelt und beleuchtet finden, welche nach haarſträu⸗ benden Details varthun, wie letztere als Here gefoltert und zum Scheiterhaufen geſchleift wurde, während die erſtere als eine Beſeſſene am 14. Auguſt 1583 von allen ihren Teufeln, deren Zahl der damalige Wiener Biſchof Kaſt 12, Lau Osr wäh ſiebz geiſt brin And möch Kau eines dente 1 temb 7 „dem „men „gefo 7/ „eine „hat „aus „vor V Scho Korre tung nkel, als Er⸗ daß DbD⸗ laut ifern hren inein egen, and⸗ hnen, nfluß ozeſſe wir Mit⸗ uſter⸗ acher ſträu⸗ oltert d die allen iſchof Neubeck, wie die Kriminalakten ausweiſen, auf 12,652 angiebt, glücklich befreit und in das Kloſter der Laurenzerinnen übergeben wurde. Das Andenken des damaligen Wiener Stadtrichters Oswald Hüttendorfer zu ehren, ſei hier ausdrücklich er⸗ wähnt, daß der aufgeklärte Mann den Antrag ſtellte, die ſiebzigjährige Elſe Pleinacherin als eine ſinnesverwirrte, geiſtesſchwache Perſon in einem Verſorgungshauſe unterzu⸗ bringen, daß er aber damit kein Gehör fand und dem Andringen des Biſchofs, daß ſie ſchärfer unterſucht werden möchte, nachgeben mußte. Die Fugger in Augsburg beſaßen, wie dem erſten Kaufmannshauſe jener Zeit zukömmlich, in der Perſon eines Herrn Chriſtof Lemberger einen eigenen Korreſpon⸗ denten in Wien. Ueber obige Prozedur meldete dieſer unter'm 3. Sep⸗ tember 1583: „Die hieſigen Jeſuiter haben vor drei Wochen ſammt „dem Biſchof hie einen Teufel austrieben, von einer ar⸗ „men Magd, deren Mutter iſt eine Zauberin, ſitzt noch „gefangen hie.“ „Es hat nichts helfen wollen, bis letztlich hat man ihr „einen Trunk geben, von einem geweihten Waſſer. Das „hat ſie nit lang bei ihr behalten. Nochmals iſt der Satan „ausgekommen. Ich glaub', Ihr werdens im Druck haben, „vor der Zeit vernehmen.“ Von einer öffentlichen Teufe elsaustreibung in der Schottenkirche vom Jahre 1590 ſchreibt der Fugger'ſche Korreſpondent: „Die beſeſſene Edelfrau iſt geſtern in der Schotten⸗ „kirche von ihren böſen Geiſtern erledigt und ganz ver⸗ „nünftig gemacht worden.“ „Die, als der Prieſter mit ihr gehandelt, iſt ſie unge⸗ „fährlich ein Stund verzuckt und kein Leben mehr an ihr „geſpürt worden, und als ſie zu ihr ſelbſt kommen, wun⸗ „derbarlich Ding geredt, fürnehmlich aber angefangen „zu rufen: „Weh Euch, Regenten von Oeſterreich, weh dem von „Pappenheim, weh der Stadt Preßburg, denn ſie wird „auf den Grund abgebrannt! Weh der Stadt Wien, ſie „wird zu Grund gehn!“ „Unter Anderem hat ſie auch geſagt, wie ſie der Engel „Gabriel für der Höllenporten geführt und ihr die Seelen „der Verdammten, auch die Qual derſelbigen gezeigt, und wie ſie viel großer Herren, inſonderheit aber Martin „Luther geſehen, der kläglich über ſein Lehr und Predigen „ſchreie.“ Vom Jahre 1588 notirt derſelbe Korreſpondent: „Man hat in der Neuſtadt, ſechs Meil von Wien ge⸗ „legen, zwei alte Weiber ſammt einem Bauer gefangen, „die ſollen durch ihre Zauberei ſolche ſchädliche Ungeziefer „in das Land kommen machen, die thun allenthalben in „Weingärten und Feldern großen Schaden.“ „Was man derhalben mit ſolchen Leuten fürnehmen „wird, kann man nicht wiſſen.“ Intereſſant iſt auch folgende Mittheilung vom 17. De⸗ zember 1588 des fleißigen Korreſondenten: „Man hat neulicher Tägen einen fürnehmen Jeſuiter — „— tten⸗ z ver⸗ unge⸗ an ihr wun⸗ fangen m von wird en, ſie Engel Seelen t, und Rartin edigen en ge⸗ angen, eziefer ben in emen eſuiter „hieher beſchrieben(verſchrieben), welcher die, päpſtliche „Inquiſition artikulweiſe ſtellen und befördern helfen, wie „man's forthin in dieſen Ländern halten ſolle, welcher „des Morgens nach ſeiner Allherkunft im Bett todt ge⸗ „fenden worden. Wie es nun mit ihme zugegangen, iſt „Gott bekannt.“ Wie aus dieſen Thatſachen, die nichts weniger als vereinzelt daſtehen, erſichtlich, entfalteten unter der Regie⸗ rung Kaiſer Rudolf des Zweiten Zauberei und Aberglaube mit ihren Schweſtern Alchemie und Aſtrologie ihre üppig⸗ ſten Blüthen.*) *) Folgendes Dokument, obwohl einer ſpäteren Zeit ange⸗ hörend, iſt zu intereſſant, um der Vergeſſenheit anheimzufallen. Laut der alten Beſchreibung des„Wiſchegrad“ in Prag, durch den Chroniſten Hammerſchmidt, befand ſich im Wiſchegrader Archiv das Originalſchreiben eines böhmiſchen Geiſtlichen, der ſich im Jahre 1665 in Rom aufhielt. Der Brief, an den damaligen Prager Konſiſtorial⸗Sekretär Johann Manveta gerichtet, iſt vom 21. Februar datirt und lautet wie folgt: „Ich bin durch Gottes ſonderbare Führung in Rom, und „beſchäftiget, den Teufel auszutreiben, auf Anhalten und Erlaub⸗ „niß der vielen Geiſtlichen.“ „Es befindet ſich allhier ein Schweizer, Jakob Zimmermann, „ſo dreißig Jahre beſeſſen, von dem man an vielen Orten die „Teufel auszutreiben, wiewohl vergebens, geſucht, welcher auch „dieſerwegen ſchon acht Monat zu Rom ohne Wirkung ſich auf „gehalten.“ „Dieſen haben die Teufel angefangen ſchon im andern Jahr „(im zweiten Lebensjahre) zu beſitzen, weil ſeine Mutter ihm ſolch nachfolgend erzählen, glaubwürdig finden. Die Schottenkirche war nicht blos im Innern von zahlreichem Volke vollgeſtopft, ſondern auch von außen von einer neugierigen Menge umſtanden. „mit der Muttermilch eingeflößet und den böſen Geiſtern zur „Wohnung gewidmet.“ „Ich bin alle Tage zweimal bei ihm und bringe jedesmal „zwei Stunden mit ihm zu, habe auch durch Gottes Gnade be⸗ „reits die meiſten ausgetrieben.“ „Die noch vorhanden ſind, nennen ſich: Dragon, Zardan, „Bölzebub, Luzifer, Hodel, Genitus, Pſeyzet, Iriv.“ „Sie wollten lange ihre Namen nicht melden, doch habe ich „ſie beſchwöret, daß ſie ſolches thun und geſtehen müſſen, daß „ihrer eine ganze Legion geweſen.“ „Es iſt ein verwunderlicher Prozeß, und muß man über ihre „Reden erſtaunen, ich ſchreibe Alles auf, was ſie bei dem Be⸗ „ſchwören ſagen, ſo viel möglich, und will allhier nur dieſes mel⸗ „den, welches mir ganz verwunderlich und befremdet fürkommen.“ „Als ich den Zardan beſchwor und mein rundes Käſtchen mit „den Reliquien des heiligen Ignatius ihm auf den Kopf legte, „ſagte er:„Heiß, heiß, es brennt! Weh, weh, ich wollte lieber „einen Mühlſtein tragen oder eine Säule bei St. Peter.“ „Fuhr darauf ohne Befrage fort:„Ja, ich mußte einmal „eine Säule nach Prag tragen, dieſe fiel mir dreimal in die „Lacken, nennete dadurch das venediſche Meer.“ Dieſer böſe Geiſt „nennt ſich Küchelhund und bellet allemal dazwiſchen wie ein „Hund, wenn er redet n. ſ. w.“ Für den in der Prager Chronik uneingeweihten Leſer fügen wir bei, daß die letztere Angabe des Teufels eine Streitfrage Nach dieſen Vorausſchickungen wird man, was wir vir On en zur nal las, nicht erfüllte. Warum man heute dieſes Gotteshaus zum Schauplatze der religiöſen Zeremonie erkor, darüber findet ſich in den Geſchichtsquellen keine Aufklärung. Die oben erwähnte Anna Schlutterbauer war in der Barbarakirche am alten Fleiſchmarkt geheilt worden, nach⸗ dem man deren Exorciſirung ſchon vergeblich in den Kircher zu St. Pölten und Maria⸗Zell verſucht hatte. Hätten die vier Frauen, die wir die Wohnung 8 ſſters 9 ofer verl ſſp ſahe Fechtmeiſters Lametzhofer verlaſſen ſahen, durch das Portal der Kirche eintreten müſſen, ſie würden ſelbſt mit Anſtren⸗ gung kein anſtändiges Plätzchen gewonnen haben, obgleich ſie ſich zeitlich genng auf den Weg machten. Die Begünſtigung jedoch, welche der Nachbarin durch die Verwandtſchaft mit dem Kirchendiener zu Theil wurde, kam der kleinen Geſellſchaft wohl zu Statten. Dieſer führte ſie über den Hof durch die Sakriſtei in das Schiff der Kirche, wo ſie ſich nicht blos einer be⸗ quemen Ar lung, ſondern auch des Vortheils, Alles zu hören, erfreuten. Mutter, erte Agnes der Fechtmeiſterin zu, ich fürchte entſcheiden ſollte, bezüglich einer Säule, die er in die Peter und Paul⸗Kirche am Wiſchegrad geworfen, und von welcher es un⸗ gewiß iſt, ob der Teufel ſie von der St. Peters⸗ oder von der St. Marien⸗Kirche in Rom holen gemußt, in Folge eines Paktes, den ein Prieſter der Wiſchegrader Kirche mit ihm geſchloſſen und wobei der Teufel zu Schaden kam, da er die Bedingung, die Aufgabe zu löſen während der Zeit, als der Prieſter die Meſſe — 90— Die Nachbarin, welche dies hörte, übernahm die Ant⸗ wort: Jungfer, drück' Sie ſich nur an uns, da braucht Sie ſich nicht zu fürchten. Wird man den böſen Geiſt ſehen, wenn er aus der Beſeſſenen herausfährt? Ein Herr in der Nähe erwiederte: Sehen wird man“ ihn nicht, aber man fühlt ſeine Nähe. Ich möchte wiſſen, frug nun eine Frau in der Nähe, ob die Arme von einem oder von mehreren böſen Geiſtern beſeſſen iſt? Sehr wahrſcheinlich von mehreren. Die Teufel ſind zahlreich wie der Sand am Meere, und wo einer Gewalt bekommt, geſellen ſich flugs die anderen zu ihm. Wenn man aber die Böſen nicht herausfahren ſieht, wie kann man ſie zählen? Das eben, belehrte der alte Herr, iſt die Kunſt. kam es, fragte wieder eine andere Zuſchauerin, daß die arme Frau beſeſſen wurde? Herr, welcher mit lobenswerther Ausdauer die Neugierde der ihn umſtehenden weiblichen Zuſchauer be⸗ friedigte, übernahm es, die Auskunft auch auf dieſe Frage zu ertheilen. Das arme Weib, erzählte er, zie Gattin eines Schuſtermeiſters in Lerchenfeld. Der Mann kam ſelbſt, ſie anzuzeigen. Warum that er's? Weil er's mit ihr nicht mehr aushalten konnte, oder vielmehr mit dem Böſen, der in ſie hineingefahren war. Warum verfiel ſie aber dem Gottſeibeiuns? — f erin, die be⸗ rage eines elbſt, oder war. Wer kann's wiſſen? Die Eheleute haben viele Jahre zufrieden und vergnüglich mit einander gelebt. Auf ein⸗ mal kommt aus'm Böhmerland ein Verwandter des Schu⸗ ſters daher, das heißt, er gab ſich für einen ſolchen aus und wurde vom Meiſter auch dafür gehalten, aber fälſchlich. Wieſo fälſchlich? Ei, weil's nun erwieſen iſt, daß er der böſe Geiſt ge⸗ weſen, der ſtatt, wie er angab, fortzureiſen, in die Schu⸗ ſterin hineinfuhr, denn von ſelbiger Minute an begann ſie zu ſchreien, zu toben und zu wüthen. Der Meiſter, in dem guten Glauben, die Sache im Hauſe abzuthun, hat allerlei gütliche und peinliche Mittel angewendet, umſonſt, der böſe Geiſt war nicht zu bändigen. Wegen des fort⸗ währenden Lärmens und Schreiens in der Schuſterwoh⸗ nung wurden auch die Nachbarn rebelliſch, ſie vermißten die Nachtruhe, denn ſobald es dunkel wurde, war's gar nicht zum aushalten. Da verfiel die Arme in ſolche Ra⸗ ſerei, daß ſie das Geſicht zerkratzte und die Haare aus⸗ raufte, aber niemals die eigenen, ſondern allemal die ihres Mannes. Der geplagte Gatte wußte ſich keinen Rath mehr, machte dem Herrn Ordinario die Anzeige, und das Consilium Theologicum beſchloß die Exorciſirung. Iſt ſie ſchon alt? Zwiſchen vierzig und fünfzig. Es iſt doch merkwürdig. Was denn? Daß der Böſe zumeiſt in die Frauen hineinfährt. Die Antwort liegt auf der Hand. Nun, warum denn? Weil die Frauen das ſchwächere Geſchlecht ſind und der Böſe ſie leichter bewältigt. So weit war die gegenſeitige Verſtändigung und Be⸗ lehrung gediehen, als ein Glockenzeichen den Beginn der Ceremonie anzeigte. Unter Vortragung brennender Lichter erſchienen feierlichen Schrittes der Exoreiſt, von zahlreichen Beiſtänden und von zwei Gliedern des Stadtrathes gefolgt. Die Beſeſſene wurde von vier Wächtern geführt. Sie war eine große, hagere, todtbleiche Frau. Mit den Augen eines aufgeklärten Arztes angeſehen, litt ſie an Nervenfällen, an hyſteriſchem Uebel, welche ſich periodiſch bis zu Gehirn⸗Affektionen ſteigern mochten. Sie ſchritt anfangs gutwillig einher und ſchien ent⸗ ſchloſſen, Alles mit ſich geſchehen zu laſſen, was man für erſprießlich erachtete, ſie von dem böſen Geiſte zu befreien. Allein bald änderte ſich ihr Betragen. Sei es, daß die Schwüle der Atmoſphäre oder der reich entwickelte Weihrauchqualm, oder der Anblick der be⸗ leuchteten, vollgefüllten Kirche ihre Nerven afficirte und ſie phyſiſch aufregte, ſie begann von Moment zu Moment unruhiger zu werden und ließ den im Anzuge befindlichen gewaltſamen Widerſtand erkennen. Die Wächter faßten ſie auf einen Wink am Arme, damit, wie natürlich, den Ausbruch nur beſchleunigend. Was wollt Ihr? begann die Beſeſſene laut und in allen Theilen der Kirche vernehmbar, laßt mich ledig, ich will nach Hauſe in meine Wohnung— ich muß nach Hauſe— An wo nie ſch ihn S und Be⸗ der ichen on ehen, e ſich . ent⸗ man te zu der und ment will e— be⸗ — Thomaſia, ſträubt Euch nicht, ermahnte ſie einer der Stadträthe. Ich heiße nicht Thomaſia, meine Name iſt Anna! Die Kranke hatte Recht. Ihr eigentlicher Name war Anna, allein man hatte, wie es bei allen Beſeſſenen üblich war, als erſtes Heilmittel ſie umgetauft, und erſt als das nicht fruchten wollte, ſchritt man zum Exorcismus. Der böſe Geiſt ſträubt ſich gegen den neuen Namen, flüſterte die Nachbarin Agnes zu, nichtsdeſtoweniger wird er ſich endlich fügen müſſen. Thomaſia wurde um ihres zeitlichen Wohles und ewigen Heiles Willen beſchworen, ruhig zu ſein. Die feierlichen Worte machten viele der Zuſchauer erbeben. Ach Mutter, ich fürchte mich! Still, Agnes, ſtill. Mir flimmerts vor den Angen. Schließ ſie, Kind, und es wird beſſer werden. Laßt mich heim, ich will mit Euch nichts zu thun haben, ſchrie die Beſeſſene auf einmal. Dieſe Worte ſpricht der böſe Geiſt aus ihr, man wird ihn gleich verſtummen In nomine dei. Beſte Frau Nachbarin, ich zittere an Leib und Seele. Was fürchten Sie? Haben Sie's gehört, der böſe Geiſt bedient ſich der Sprache wie unſereins. Ganz natürlich, wär die Schuſterin eine Ungarin, ſo 9 würde der Teufel ungariſch reden. Er bedient ſich immer der Sprache desjenigen, von dem er Beſitz nimmt. Während Agnes ſich furchtſam zwiſchen die Mutter und die Nachbarin ſchmiegte, ſtand Hermine ohne das mindeſte Bangen gleichſam an der Spitze ihrer Beglei⸗ terinnen und ſchaute mit großem Intereſſe auf die Vor⸗ gänge. Dem jungen Geſchöpf war der Muth ihrer Eltern angeboren, wenn ihre Miene irgend ein Gefühl verrieth, ſo war es blos Theilnahme für die leidende Frau. Und leidend war die Arme, das verriethen die krampf⸗ haften Züge ihre Antlitzes, die Zuckungen ihres Leibes. Die Ceremonie nahm ihren üblichen Fortgang, die Beſeſſene ſchien allmälig ruhiger zu werden, die Wachſam⸗ keit ihrer Hüter erſchlaffte. Jetzt richtete ſich der Blick der Patientin nach der Seite, wo die uns bekannten Frauen ſtanden, und blieb räthſel⸗ hafter Weiſe auf Hermine haften. Das Mädchen fuhr fort, ſie furchtlos anzuſchauen. Mißdeutete nun die Beſeſſene dieſes Anblicken, oder warf ihr verwirrter Geiſt neue Blaſen, ſie entriß ſich mit einer bei ihr unerwarteten Kraft den Wächtern, ſtürzte auf Hermine los und rief:„Satanskind, was ſchauſt Du mich an, willſt Du mich wieder verhexen? Fort, fort von hier! Die Frauen, auf welche die Beſeſſene losſtürzte, kreiſch⸗ ten auf und wichen zurück. Allgemeiner Schreck erfaßte die Zuſchauer, es begann ein Drücken und Drängen. der Au wä par mer utter das glei⸗ Vor⸗ ltern rieth, mpf⸗ „ die hſam⸗ Seite, ithſel⸗ en. „oder ch mit ſtürzte ſchauſt t, fort kreiſch⸗ begann Den Wächtern gelang es zwar, ſich der Kranken wie⸗ der zu bemächtigen, allein die Angſt der ſich nach den Ausgängen drängenden Zuſchauer war nicht mehr zu be⸗ wältigen. Geſchrei, Rufen und Gelärme durchhallte die Kirche. Eine plötzlich auflodernde Feuersbrunſt hätte nicht mehr paniſchen Schreck verbreiten können. Die Verwirrung wurde allgemein. Die Geiſtesgegenwart, welche Hermine auszeichnete, verließ ſie auch in dieſem Moment nicht. Der Ruf der Beſeſſenen erregte mehr ihre Verwunde⸗ rung, wie ihren Schreck, ſie kehrte den Kopf ihren Beglei⸗ terinnen zu und ſchaute ſie mit einem unbefangenen Blicke an, welcher das ſie beherrſchende Gefühl ansdrückte. Das jedoch unmittelbar darauf folgende Drängen, Rufen und Drücken ließ ſie die phyſiſche Gefahr erkennen, und ſie raſch entſchloſſen, ſich ihr zu entziehen. Die Hand der Frau Lametzhofer ergreifend, flüſterte ſie ihr zu: Kommen Sie, wir wollen uns Bahn brechen! Die beſorgte Mutter ſchlang den noch freien Arm um ihre Tochter und zog, Hermine folgend, auch Agnes mit ſich fort. Inmitten dieſes Getümmels und der allgemeinen Ver⸗ wirrung waren ſie nur wenige Schritte vorwärts gedrungen, als plötzlich eine Frau in ihrer Nähe rief: Die Hexe will entwiſchen, haltet ſie feſt! Ja, ja, haltet ſie feſt! kreiſchten einige andere, und eine, die Muthigſte, ergriff das Mädchen am Kleide und bannte es an der Stelle. Da das Menſchengewoge, ſtatt abzunehmen, ſich mit jeder Sekunde ſteigerte, ſo wurde Hermine von ihren Be⸗ gleiterinnen getrennt und von den ſie umgebenden Weibern von dem Ausgange hinweg gegen die Mitte der Kirche gedrängt. Die Frau des Fechtmeiſters gelangte mehr getragen als gehend vor die Kirche, und da ſie ihre Tochter feſt umklammert hielt, ſo befreite ſie auch Agnes aus dem lebensgefährlichen Gedränge. Das Mädchen, um ihre Gefährtin beſorgt, rief Hermine. Iſt ſie nicht bei uns? frug die Mutter erſtaunt; wir wollen ein wenig warten, ſie wird wahrſcheinlich bald her⸗ auskommen. Wo iſt die Nachbarin? Dieſe wurde ebenfalls vermißt. Nach einer Weile kam Frau Kathrin, inmitten einer Menſchenwoge gleichſam herausgeſchleudert, und wurde von den beiden Harrenden empfangen. Wo iſt Hermine? Haben Sie das Kind nicht geſehen? Die iſt gut aufgehoben. Wo iſt ſie? WMein Gott, ſie fragen noch? Sie iſt dort, wohin ſie gehört. Sie ſind einer großen Gefahr entronnen; danken Sie dem Himmel, daß die Tücke entlarvt iſt. Was ſagen Sie? Hörten Sie es denn nicht deutlich und klar, daß ſie eine Hexe iſt. Oh, oh, mein Gott, iſt das möglich! mit Be⸗ ibern dirche ragen r feſt dem rief ; wir d her⸗ einer wurde hin ſie danken aß ſie Nein, nein, Mutter, es kann nicht ſein, kommen Sie, wir wollen nach ihr ſehen. Agnes ergriff die Hand ihrer Mutter. Da hat man's, zeterte die Nachbarin, das Unglück iſt bereits geſchehen, ſie hat ihr's ſchon angethan, der Teufel zieht Agnes nach ſich, Frau Lametzhofer, halten ſie ſie feſt, ich ſalvire mich. Die geängſtigte Mutter hielt in der That ihr Kind zurück und rief: Frau Nachbarin, ſo warten Sie doch, wir wollen zuſammen gehen! Die Gerufene hörte nicht oder wollte vielmehr nicht hören, ſondern eilte beflügelten Schrittes fort, um der Nähe der Verdächtigen zu entkommen. Frau Fva, unſchlüſſig, ob ſie bleiben oder forteilen ſollte, beſann ſich einige Sekunden, als plötzlich ein Auf⸗ ſchrei ihrer Tochter ſie erſchrecken machte. Um Gott, Agnes, was iſt Dir zugeſtoßen? Dort, dort, Mutter! Frau Lametzhofer, den Kopf nach der bedeuteten Rich⸗ tung wendend, erblickte Hermine, von zwei Schaarwächtern geführt. Jetzt erſt begriff ſie die ganze Gefährlichkeit der Si⸗ tuation, und in der Angſt ihres Herzens flüſterte ſie dem Mädchen zu: Laß uns heimeilen, Kind, wir wollen es dem Vater erzählen, er wird wiſſen, was zu thun iſt. Das thaten ſie denn auch. Herr Lametzhofer war nicht daheim und ſeine Gattin wußte nicht, wo ihn zu ſuchen. Agnes weinte und klagte um die Freundin, Frau Eva E. Breier. General Roßwurm. II. 7 rang die Hände und rief ohne Unterlaß: Allmächtiger, was wird daraus entſtehen? Endlich erſchien der Fechtmeiſter. Beim Anblick der Klagenden ergriff auch ihn Be⸗ ſtürzung. Was iſt geſchehen? Hermine... Nun, wo iſt ſie? Die Beſeſſene hat ſie als Hexe angegeben und man hat ſie in's Gefängniß geführt. Herr Kaſpar verkannte keinen Moment die Größe der Gefahr, ſtieß einen Fluch aus und rief: Unglückliches Weib, was haſt Du begonnen? Du beſchuldigſt mich? Wen denn ſonſt? Wärſt Du daheim geblieben... Allmächtiger, konnt' ich denn wiſſen, daß ſie eine Here iſt Unſelige, Du wirſt doch die tolle Anſchuldigung nicht bekräftigen? Kenn' ich das Mädel ſo genau, um für ſie einzuſtehen? Sie kam in unſer Haus, wie hereingeſchneit. Mutter, halten Sie ein.. Schweig, thörichtes Kind, und enthalte Dich, Theil⸗ nahme für ſie zu bezeigen. Du hörteſt bereits die Be⸗ hauptung der Nachbarin, daß die Hexe Dir's angethan hat. Weib, rief der Gatte zornig auffahrend, laß das häß⸗ liche Wort nicht mehr hören, wenn Du von Hermine ſprichſt, oder... Heilige Eva, Du drohſt mir? Was hab' ich denn man röße liches eine nicht ehen? Theil⸗ e Be⸗ nhat. häß⸗ rmine denn verbrochen? Trage ich die Schuld? Hätteſt Du das Mädel nicht in's Haus genommen... Schweig mit Deinen dummen Anſchuldigungen! Ah, jetzt ſoll ich ſchweigen! Warum? Ich ſagt' es Dir gleich, mit dem Roßwurm ſei nicht gut Kirſchen aus Einer Schüſſel eſſen. Der Name Roßwurm verlieh dem Ideengang des Meiſters eine neue Richtung. Dieſen verfolgend, machte er ein Paar raſche Gänge durch's Gemach, dann hielt er plötzlich an und ſagte: Agnes, bring' mir mein Sonntagskleid, ich will zum Herrn Bürgermeiſter eilen. Du wirſt doch nicht für die Fremde einſtehen wollen? rief die Gattin ängſtlich. Ich muß, es iſt meine Pflicht. Die Mutter hat mir ihr Kind anvertraut... Die Mutter? Allmächtiger, wer iſt die Mutter? Wer kennt ſie? Der Roßwurm iſt der Vater, das iſt richtig, deshalb iſt das Kind des Teufels. Weib, Du ſtellſt meine Langmuth auf eine harte Probe. Hermine iſt ein ſtilles, geduldiges Weſen. Verſtellung, pure Verſtellung. Sie iſt gottesfürchtig. Gottesſchen, willſt Du ſagen. Sie ging mit unſerer Agnes täglich zur Kirche. Ja, der Leib ging mit, wo aber derweil ihr böſer Geiſt herumgeſchwärmt, das läßt ſich errathen. Sie hat fleißig gebetet. Mit den Lippen, aber nicht mit dem Herzen. 7* Die Fechtmeiſterin blieb ihrem Eheherrn niemals eine Antwort ſchuldig, ſie parirte ſeine Attaquen ſo gut als ſie es eben im Stande war, und im Wortkampfe das letzte Wort zu behaupten, war ihre Sache. Lametzhofer wußte das aus langjähriger Erfahrung, und konnte ſich jedesmal nur losmachen, wenn er mit einem Donnerwetter dazwiſchen fuhr. Das that er denn auch jetzt, indem er rief: Eva, jetzt hab' ich's ſatt. Wenn in meinem Hauſe ein böſer Geiſt weilt, dann ſteckt er nicht in Hermine, ſondern anderswo. Still, kein Wort mehr, oder ich mache von meinem ehe⸗ lichen Herrenrecht Gebrauch. Allmächtiger, ich unglückliches Weib, das Hexenpack hat es auch ihm angethan, ich ſtürz' mich in den Brunnen, ich ſtürz' mich in den Brunnen! Um den Urſprung dieſer Drohung zu kennen, müſſen wir erwähnen, daß zwei Jahre vor dieſer Begebenheit zwei Zauberinnen im Amthauſe in der Himmelpfortgaſſe in Unterſuchung ſaßen, deren eine den Qualen der Tortur unterlag, während die andere, um ſich dieſen zu entreißen, verzweiflungsvoll ſich ſelbſt den Tod gab, indem ſie in den Brunnen des Amtshauſes ſprang und ſo glücklich war, ihren Zweck zu erreichen. Der Fechtmeiſter erwiederte: Wenn Du Dich in den Brunnen ſtürzeſt, wird man mit Dir verfahren, wie mit jener Unglücklichen im Amthauſe. Man wird Deinen Körper in ein Faß packen und in die Donan werfen.*) *) Das geſchah wegen des Aberglaubens an die Magia eine s ſie letzte rung, mit jetzt Geiſt rswo. ehe⸗ ck hat n, ich rüſſen enheit tgaſſe ortur eißen, n den war, n den ie mit körper Magia — 101— Mich in die Donau werfen, zeterte die Gekränkte, bin ich eine Zauberin? Eine Zauberin biſt Du nicht, wohl aber ein böſer Geiſt. Der Eintritt der Tochter legte den Eltern eine Reſerve auf, die ſie auch beobachteten; wie ſchwer dies der weib⸗ lichen Hälfte ankam, läßt ſich denken. Item ſie ſchwieg. Lametzhofer warf ſich in den Feſttagsrock, gürtete ſein Schwert um, ſtülpte den Hut auf den Kopf und ſagte: Agnes, Du biſt ein gutes Kind, hüte das Haus und die Mutter, das Gedränge in der Kirche hat ihr den Kopf verwirrt. Ich begebe mich geradeswegs zum Herrn Bür⸗ germeiſter, es iſt gerathener, zum Schmieden, wie zum Schmidl zu gehen. So Gott will, kehr' ich mit Hermine zurück. Damit aber mein Vornehmen ſicherer gelinge, ſo bete derweil, meine Tochter, damit der Himmel mir die Gnade verleihe, der gegen eine unglückliche Frau einge⸗ gangenen Verbindlichkeit als Mann von Ehre nachkommen zu können. Er ging, Weib und Kind zurücklaſſend, in erregter Stimmung von dannen. Agnes betete, nicht weil der Vater es angeordnet, ſon⸗ dern weil ihr Seelenzuſtand ſie dazu drängte. Frau Eva folgte dem Beiſpiel der Tochter. posthuma. Körper, die man damit behaftet wähnte, durften nicht verbrannt, aber auch nicht begraben werden, weil ſie ſogar in der Verweſung noch ſchädlich wirkten. Siebentes Kapitel. Jechtmeiſter und Bürgermeiſter. Zur Zeit dieſer Erzählung beſtand der durch Kaiſer Ferdinand dem Erſten im Jahre 1526 reformirte Ma⸗ giſtrat. Dieſer war aus hundert der angeſehenſten und be⸗ hauſten Bürgern gebildet, welche kein Handwerk treiben. Zwölf von dieſen formirten mit dem Bürgermeiſter den Stadtrath, zwölf mit dem Stadrichter das Stadt⸗ gericht, die übrigen ſechsundſiebenzig waren der äußere Rath. Zur jährlichen Bürgermeiſterswahl ſchlug jedes dieſer drei Korporationen einen Kandidaten vor, und der Landes⸗ fürſt ernannte einen davon. Es giebt für die Wiener von heute ein ſehr komiſches Qui pro quo, daß gerade um die Zeit unſerer Erzählung die Würden des Bürgermeiſters und Stadtrichters mehrere aiſer Ma⸗ be⸗ verk eiſter adt⸗ zere ieſer ides⸗ ſches lung hrere — 103— Male von zwei Männern getragen wurden, die Fürſt und Moſer*) hießen. Eine ſehr wichtige Stelle am Magiſtrat war die des Stadtanwaltes. Er vertrat die Rechte des Landesfürſten, wurde von dieſem ernannt und ſollte kein Bürger ſein. Ohne ihn durfte der Bürgermeiſter den Rath nicht verſammeln, und geſchah dies, ſo durfte der Rath nirgends als im Rathhauſe tagen. Dieſe Stadtanwaltswürde, in Folge der bürgerlichen Unruhen geſchaffen, zerſtörte das früher beſtandene freie Gemeindeweſen. Die Autonomie der Gemeinde iſt keine Erfindung der Neuzeit, eben ſo wenig wie das Prinzip der Schwur⸗ gerichte und der Oeffentlichkeit. Die Benennungen Stadtrath und Stadtgericht bezeichnen die Amtsthätigkeit dieſer Korporationen. Erſterer bildete einen politiſchen und ökonomiſchen Senat einſchließlich des adeligen Richteramtes, letzteres war ein Juſtiz⸗ und Kriminal⸗Senat. Der Stadtrath verſammelte ſich im Rathhauſe in der Wipplingerſtraße, das Stadtgericht auf der Schranne am Hohenmarkt. Im Mittelalter ſaß der Stadtrichter allda vor allem Volk am Söller, auf einem Richterſtuhl von Stein, das Schwert der Gerechtigkeit in ſeiner Hand und die Räthe, *) Anmerkung für Nichtwiener: Gegenwärtig zwei beliebte Volksſänger. — 104— die ihn umgaben, waren von der ganzen Gemeinde ge⸗ wählt. Die alten Wiener hatten alſo Geſchworne und Oeffent⸗ lichkeit. In Tagen der Noth und bei wichtigen Verhandlungen wurden ſowohl der Stadtrath wie das Stadtgericht ver⸗ ſtärkt und zwar aus der Zahl der„äußeren Räthe“. Die Zünfte, welche man heute gerne zum Hort des konſervativen Prinzips erheben möchte, waren, weil bei allen Aufſtänden betheiligt, im Jahre 1552 mit allen ihren ſelbſtgemachten Satzungen und Ordnungen trotz der Pri⸗ vilegien abgeſchafft worden. Kaiſer Ferdinand befahl die Handwerksordnung zu re⸗ vidiren, die uneheliche Geburt durfte kein Hinderniß mehr abgeben, das Meiſterrecht zu erhalten und Einer konnte es von mehreren Handwerken erlangen. Die Gewerbefreiheit war ſomit nach mancher Richtung hin ausgedehnter wie jetzt. Außer der neuen Ordnung für Handwerker erſchienen auch Ordnungen für Bäcker, Müller, Fiſcher, Holzhändler, Apotheker, endlich eine Geſinde⸗, eine Feuer⸗, eine allge⸗ meine Polizei⸗ und eine Kleider⸗Ordnung. Die Adels⸗ und Ritterfrauen durften nicht mehr als drei ſeidene Ehrenröcke haben, ihr Schmuck nicht über 300 Gulden werth ſein, Hauben und Barett nur 32 und Gürtel und Borden nicht über 50. Zu Hochzeits⸗ und anderen Gelagen durfte der Graf nur 40 und der höhere Bürger nur 24 Gäſte laden. Das Umherziehen leichtfertiger Sänger und Sprecher 8 8 Ele im in dan tuch Wie als pfla viel ge⸗ ent⸗ igen ver⸗ des bei ren Pri⸗ re⸗ tehr inte ung nen ler, ge⸗ als ber und raf her — 105— wurde verboten, nur diejenigen, ſo„den Meiſterſang ſingen“, waren ausgenommen. Die Errichtung des Todtenbeſchreibamtes geſchah 1561. Im Jahre 1552 ſahen die Wiener den erſten lebenden Elephanten, der angeſungen wurde, wie etwa die Pepita, im Jahre 1552 brachte Busbek, der kaiſerliche Geſandte in Konſtantinopel, von dort die erſte Tulpe nach Wien, damals Tulpian geheißen, von Dulbend, dem Neſſul⸗ tuche, das die Türken um den Kopf winden. Auno 1567 wurde der erſte Roßkaſtanienbaum nach Wien verpflanzt und 1594 zeigte man hier eine Kartoffel als Rarität, ohne daß es jedoch jemanden einfiel ſie zu pflanzen, was erſt unter Maria Thereſia und auch da vielſeitig erſt mit Gewalt durchgeſetzt werden mußte. 1570 wurde das Jagdſchlößchen Schönbrunn erbaut. Kaiſer Max II. gab eine Marktordnung, ſchuf einen Magiſter der Sanität, führte die Brod⸗ und Fleiſch⸗ tare ein, verbot in den Pfarrhöfen Wein und Bier zu ſchenken, ebenſo den Adeligen, bei Adelsverluſt, Gewerbe zu treiben. Daß zur Peſtzeit eine„Inſektionsordnung“ erſchien, war alles Lobes werth, daß man aber auch ein Mandat wegen der Heuſchreckenplage erließ, zeigt wie Manches des von uns erwähnten, daß die Zeit des Zuvielregierens da⸗ mals ſchon begonnen hatte. Das Taxenſyſtem wurde immer ausgedehnter, zur Zeit dieſer Erzählung waren ſogar Bier, Heu und Stroh einer Taxe unterworfen. Im Jahre 1595 wurden alle engländiſchen Kaufleute — 106— und Faktoren aus den kaiſerlichen Erbländern ausge⸗ wieſen, 1615 erſchien eine neue Niederlagsordnung und faſt gleichzeitig eine Ochſengrisordnung, welche den Wiener Fleiſchhauern den Verkauf des ungariſchen Schlacht⸗ viehes ſicherte. In dieſelbe Zeit fällt das Verbot des Branntwein⸗ brennens aus Attich*), Hollunder und Getreide. Die Branntweinpeſt hauſte ſomit ſchon damals. Der Gebrauch der Tabakspfeife datirt aus dem Jahre 1614. Von 1521 angefangen gab es in Oeſtereeich eine Perſonal⸗(Leib⸗) und eine Vermögensſteuer, wer auch nur zwei Gulden im Vermögen beſaß, mußte ſteuern. Eine eigene Fremdenordnung gab es damals noch nicht, die bezüglichen Vorſchriften befanden ſich in der Feuerordnung. Alle Fremden u. ſ. w. mußten dem Bürgermeiſter und Stadtguardioberſten gemeldet werden. Im Anfange des XVI. Jahrhunderts befanden ſich in der inneren Stadt zehn öffentliche Bäder, heute gar keines. Das Verbot erfolgte unter Max II. währen der Peſt⸗ zeit und verblieb wirkſam für alle Zeiten. Das Intereſſe, welches Vergleiche zwiſchen einſt und jetzt zu allen Zeiten hervorruft, verleitete uns zu einer *) Eine Pflanze dem Hollunder ſehr ähnlich, auch Maurer⸗ kraut, Hirſchwang. ger und Sc für Lau reg ſchl rin den anſ „M nur Ja mü er Er die den ein — 107— sge⸗ geringen Abſchweifung, ſie iſt verzeihlich, weil zeitgemäß ung und lehrreich. den Was unſere Bürgermeiſter heute unter Angſt⸗ und cht⸗ Schweißtropfen berathen, iſt Alles ſchon da geweſen und für jene Zeiten viel ſelbſtſtändiger da geweſen, daß im ein⸗ Laufe der Jahrhunderte aus dem Stadtregiment ein Staats⸗ regiment wurde, welches das freie Munizipalweſen ver⸗ ſchlang, daran trugen die Gemeinden wahrhaftig die ge⸗ ahre ringſte Schuld. Nach dem Stadtanwalt behauptete der Bürgermeiſter eine den erſten Rang, er hieß„der großmächtige, herrliche und nur anſehnliche“, wie der Rektor der Hochſchule wurde auch er „Magnificenz“ genannt. noch Herr Lametzhofer hatte, wie wir wiſſen, ſeine Woh⸗ der nung verlaſſen, um ſich zum Bürgermeiſter zu begeben. Herr Georg Fürſt ſtand damals bereits hoch in und Jahren, war aber trotzdem von impoſanter Erſcheinung. Er war ſich einer Würde bewußt, ohne jedoch hoch⸗ in müthig zu ſein. eute Als der Meiſter des langen Schwertes erſchien, war er eben im Begriffe das Rathhaus zu verlaſſen. zeſt⸗ Er verweilte noch und ließ den um„gnädigs Gehör“ Erſuchenden vor. und Was iſt Euer Begehr, Meiſter Lametzhofer? Mit iner dieſer nicht unfreundlich geſtellten Frage ließ Herr Fürſt den Bittſteller an ſich herantreten. Euer Gnaden, Herr Bürgermeiſter, ich komme wegen trer⸗ eines unangenehmen Falles, der heute mein Haus betraf. Euer Haus? Ihr wohnt, wenn ich nicht irre... — 108— In der großen Schulenſtraße, Euer Herrlichkeit— Seid Ihr von ſchlechten Leuten geſchädiget worden? Man hat Mühe, in dieſer zügelloſen Zeit ſich des Ge⸗ ſindels zu erwehren. Euer Gnaden, das Unangenehme, ſo mir geſchah, er⸗ ſtreckt ſich nicht auf mein Haus als ſolches, ſondern auf ein Glied meines Hauſes, es wurde heute ein Mädchen in der Schottenkirche gefänglich eingezogen. Ich weiß bereits davon; die junge Perſon wurde des Einverſtändniſſes mit dem böſen Geiſt beinzichtiget... Euer Gnaden, Herr Bürgermeiſter, ſelbige Perſon iſt noch ein Kind, kaum über dreizehn Jahre alt— Um ſo ſchlimmer, um ſo bedauernswerther. Sie iſt von tadelloſem Lebenswandel. Das wird ſich zeigen. Uebrigens werdet Ihr wiſſen, daß der böſe Geiſt oftmals von tadelloſen Menſchen Poſſeß nimmt, daß es aber dann auch wenig Mühe koſtet, ihn zu verjagen. Doch wie kommt Ihr dazu, jener Perſon Fürſprecher zu ſein? Das Kind wurde mir von ſeiner Mutter anvertraut. Seid Ihr verwandt mit dieſer? Nein, Eure Herrlichkeit. Wie kam ſie dazu, Euch die Perſon anzuvertrauen? Es iſt vermuthlich eine Bekannte von ehedem, ich will nicht hoffen, daß wir einem unſittlichen Faktum auf die Spur gelangen. Gnädigſter Herr Bürgermeiſter, die Mutter iſt mir fremd, wie das Kind. Dann begreife ich nicht, wie es Euch einfallen konnte, nutz urtl am tere den als mei in Per zeu als aus her heit — 109— fremde Perſonen in Euer Haus aufzunehmen? Ihr habt Euer bürgerliches Einkommen und ſeid auf Unterſtand Ge⸗ geben nicht angewieſen. Es verträgt ſich das ſchlecht mit Eurem bevorzugten Gewerbe. Was hat eine Weibsperſon er⸗ bei einem Fechtmeiſter zu ſuchen? auf Wenn Eure Herrlichteit mir's gnädigſt geſtatten, will chen ich berichten, wie das Kind in meine Obhut gelangte. Thut es, aber kurz, ich bin kein Freund von langen des Geſchichten. Herr Lametzhofer beeilte ſich, die Erlaubniß zu be⸗ iſt nutzen. Er befliß ſich der Aufrichtigkeit und der Kürze. Die Gefährlichkeit der Situation ließ ihn richtig be⸗ urtheilen, daß in dem gegebenen Falle gerade die Wahrheit en, am dienlichſten ſei. hen Herr Fürſt hörte die Mittheilung nicht ohne In⸗ ſtet, tereſſe an. ſon Lametzhofer verſchwieg nichts bis auf die Würde und den Namen des Mannes, welchen die Mutter Herminens mt. als deren Vater angab. Als der Sprecher zu Ende kam, erwiederte der Bürger⸗ meiſter im bedenklichen Tone: Meiſter, Ihr habt Euch da n in einen fatalen Handel eingelaſſen. Die beinzichtigte vill Perſon iſt ein unehelich gebornes Kind, in der Sünde er⸗ die zeugt, kam ſie ſündig auf die Welt, was war natürlicher, als daß der böſe Geiſt ſich ihrer bemächtigte. Gerade aus dem, was Ihr über ihre Abſtammung erzählt, geht hervor, daß der böſe Geiſt in der Beſeſſenen die Wahr⸗ heit geredet. Ich gebe zu, daß die Mutter adeligen nir — 110— Standes iſt, nichts deſto weniger iſt ſie a praecedentibns geſchloſſen, eine leichtfertige Perſon. Es zeigt ſogar von Verworfenheit, ſich zum Manne zu vermummen und ſich mitten in ein Kriegslager zu begeben, um dem Kinde, wie Ihr Euch ausdrückt, den Vater zu erobern. Es ſind das die Worte der unglücklichen Mutter, Herr⸗ lichkeit! Unglücklich mag ſie ſein, aber gewiß nicht unverdient. Sie hat ſich vergangen und büßt jetzt dafür, daraus er⸗ kennt man das gerechte Walten der Fürſehung. Das arme Kind aber iſt unſchuldig... Ihr redet unvernünftig. Wer ſpricht vorläufig von ihrer Schuld? Durch die Sünde der Eltern hat der Böſe ſich ihrer bemächtiget und ſie muß von ihm befreit werden. Was ſie etwa verſchuldet, wird bei der Prozedur ſchon an den Tag kommen. Um Gott, gnädigſter Herr, das Kind wurde meiner Obhut anvertraut... Jetzt iſt ſie in der unſrigen, ſie iſt gut aufgehoben. Wenn die Mutter zurückkehrt und ihr Kind von mir begehrt, wenn etwa gar der Herr Vater des Mädchens.. Ad vocem Vater, wer iſt er? Hat Euch die Frau den Namen ihres Verführers anvertraut? Ja, Eure Herrlichkeit. Warum haltet Ihr damit hinter dem Berge? Ver⸗ muthlich iſt es irgend ein Hauptmann— Gnädigſter Herr, der Vater des Mädchens ſteht viel höher. So? Dann wird es gut ſein, wenn Ihr ihn nennt. län St ſog geſ ade fra lich ein ob bus von ſih wie err⸗ ent. von öſe den. an iner mir den er⸗ iel — 111— Es iſt der— Feldmarſchall Roßwurm? Der Bürgermeiſter ſchien plötzlich um einen Schuh länger geworden. Die Wahrheit, Magnificenz. Seine Excellenz— der Feldmarſchall— Sind der Vater des Kindes. Lukas, Lukas! Der gerufene Name war der des Stadtſchreibers. Zu Handen des Bürgermeiſters ſtanden damals der Stadtſchreiber, der Ober- und der Unterkämmerer. Der Gerufene ſtürzte herein. Lukas, heiſchte ihm der Mächtige zu, Ihr begebt Euch ſogleich in's Amthaus, das heute in der Schottenkirche gefänglich genommene Mädchen wird ſogleich in einen adeligen Gewahrſam gethan, erhält eine eigene Wart⸗ frau und wird anſtändig gehalten, auf meinen ausdrück⸗ lichen Befehl. Der Stadtſchreiber eilte fort. Hierauf wendete ſich Herr Fürſt zu Lametzhofer: Ich ſetze voraus, daß Eure Angaben wahr ſind— Ich kann beeiden, daß ich ſie ſo und nicht anders von der Mutter des Mädchens überkam. Man wird die Gefangene mit aller möglichen Rück⸗ ſicht behandeln. Wenn Eure Herrlichkeit die hohe Gnade hätten, ſie einſtweilen wieder unter meine Obhut zu ſtellen... Seid Ihr bei Troſt? Vorerſt muß erhärtet werden, ob ſich Alles wirklich verhält, wie Ihr angegeben Ihr ſeid zwar als rechtlicher Bürger bekannt, allein könnt Ihr für die Rechtlichkeit einer Euch unbekannten Frau einſtehen? Ich habe keinen Grund, ihr nicht zu glauben. Und ich habe keinen Grund zum Gegentheil. Man muß bei einem Herrn von der Stellung Sr. Excellenz die Dinge fürſichtig anfaſſen. Iſt es nicht möglich, daß Ihr der Belogene und Betrogene ſeid? Daß irgend eine Abenteuerin, deren es leider in Ueberfluß giebt, Eure Leichtgläubigkeit mißbraucht hat... Meine Menſchenkenntniß... Bleibt mir mit der Menſchenkenntniß vom Leibe. Sie iſt trüglich wie ſtill Waſſer. Der Marquis von Baſſompiere muß meine Angaben beſtätigen. Der Herr Marquis wurde doch auch getäuſcht, indem Ihr ihm eine Verkappte zuführtet, die er für einen Mann ve hielt, während ſie ein Weib war, und der Marquis bildet ni ſich auf ſeine Menſchenkenntniß gewiß auch was ein, denn er iſt viel und weit in der Welt herum gekommen. Ihr habt den Marquis hinters Licht geführt und Euch vielleicht ein verſchlagen Weib. Was der Marquis ſagt, was Ihr ſprecht, davon hängt nichts ab, ſondern einzig und allein von den Angaben Seiner Excellenz des Feldmar⸗ ſchalls, ob Seine Excellenz das Kind als das Ihrige an⸗ erkennen oder nicht? Im letzteren Falle ſind Mutter und Tochter Abenteuerinnen, im erſteren wird ſich's ergeben, was ſich thun läßt, obgleich ſelbſt bei ſo bewandten Um⸗ ſtänden das Mädl noch immer vom böſen Geiſt beſeſſen ſein kann und das collegium theologicum auch ein Wort n Frau Man lenz die aß Ihr nd eine „ Eure e Sie ngaben indem Mann bildet t„ denn Ihr elleicht „ was ig und ldmar⸗ ge an⸗ en geben, Um⸗ eſeſſen Wort — 113— mit drein zu reden hat. Dem Allen gemäß bleibt das Fräulein in Haft bis der Feldmarſchall ſich erklärt. Das wird eheſtens geſchehen, denn wie man hört, hat das Heer bereits die Winterquartiere bezogen und Seine Excel⸗ lenz befinden ſich auf der Reiſe hierher. Sobald die An⸗ kunft erfolgt, werde ich die Vorfallenheit zur Sprache bringen. Herr Lametzhofer glaubte mit dieſer Zuſicherung ſich einſtweilen beruhigen zu können und um den bereits un⸗ geduldig gewordenen Stadtherrn nicht weiter zu moleſtiren, machte er ſeine unterthänige Reverenz und wollte das Gemach ſchon verlaſſen, als ihm noch einfiel, die Erlaubniß zu erbitten, das Fräulein beſuchen zu dürfen, was ihm aber rundweg abgeſchlagen wurde. Es iſt nicht nothwendig, daß Ihr mit der Gefangenen verkehrt, lautete der ungnädige Beſcheid, und was nicht nöthig, kann zweckgemäß auch unterbleiben. Herr Lametzhofer ſeufzte und ging von dannen. E. Breier. General Roßwurm. II. 8 Achtes Kapitel. Roßwurm wieder in Wien. Feldmarſchall Roßwurm und Marquis Baſſompiere langten in Wien an. Beide nahmen ihre Wohnungen beim„goldenen Pfau“ in der Kärnthnerſtraße, die Bande der Freundſchaft zogen ſich immer enger um ſie, zum Erſtaunen aller Derjenigen, welche den Feldmarſchall für eben ſo unverſöhnlich wie un⸗ bändig hielten. Baſſompiere übte in der That eine Anziehungskraft und einen Einfluß auf Roßwurm, die Vielen räthſelhaft erſchien. Der viel ältere Mann ſchien ſich in dem Umgange des anderen zu verjüngen und überließ ſich der Strömung eines vergnüglichen Lebens, deſſen Reize aufzuſuchen der leicht⸗ fertige Deutſchfranzoſe meiſterhaft verſtand. Wer indeſſen die Stellung, den Charakter und die Vergangenheit des Feldmarſchalls genau kannte, dem tpiere Pfau“ zogen ügen, e un⸗ skraft elhaft e des eines eicht⸗ d die dem — 115— mußte ſich wohl ſeine Anhänglichkeit an den Marquis leicht erklären. Der von Feinden umlauerte Feldherr fand in ihm den einzigen, dem er ſich mit unbegrenztem Vertrauen anſchließen konnte und durfte; auf den an Krieg und Kriegsleute gewohnten Mann mußte der muthige, welt⸗ gebildete Kavalier eine doppelte Anziehung ausüben, ab⸗ geſehen von den ſympathiſchen Gefühlen, welche Beiden gemeinſam waren. Am Morgen nach der Ankunft in Wien erſchien Baſſompiere in dem Gemache Roßwurms, der ihm vom Lager aus, welches er noch nicht verlaſſen hatte, die Hand entgegenſtreckte. Ich ſtöre doch nicht? fragte der Marquis. Im Gegentheil, ich habe Sie erwartet, lieber Frangvis. Ich fühle mich ein wenig unwohl und habe einen Becher warmen Wein*) befohlen, bis dieſer gebracht wird, wollen wir zuſammen plaudern und dann einige Viſiten abthun. Wollen Sie mich begleiten? Ich ſtehe mit Vergnügen zu Dienſten. Wie lange wünſchen Sie, daß wir uns in Wien auf⸗ halten? Ich überlaſſe das Ihrer Entſcheidung, lieber Hermann. Wir werden unſere Geſchäfte mit Muße abthun und dann nach Prag reiſen. Ich bekenne Ihnen, daß ich mich wie von einer geheimen Kraft nach der Böhmer⸗Hauptſtadt *) Thee und Kaffee waren damals noch nicht in Europa ein⸗ geführt. — 116— hingezogen fühle, hier in Wien hab' ich mich niemals wohl gefühlt, auch Sie werden ſich in Prag zweifellos beſſer gefallen wie in Wien, die Stadt vereint mehr Wiſſen und Bildung, es ſtammt dies aus der Zeit Kaiſer Karl IV., dem Prag ſehr viel, beinahe Alles verdankt. Ueberdies wird es auch Ihnen Nutzen bringen, wenn Sie am kaiſer⸗ lichen Hofe erſcheinen, hier in Wien wird zwar mehr re⸗ giert wie in Prag, allein die Entſcheidungen erfließen am Ende doch von der kaiſerlichen Majeſtät und ſo weit iſt man hier noch nicht, dieſe offen ignoriren zu dürfen. Wann gedenken Sie ſich dem Erzherzoge vorzuſtellen? Vermuthlich morgen; wir werden uns jedoch vom hie⸗ ſigen Hofe ferne halten, um in Prag nicht übel vermerkt zu werden. Das Verhältniß zwiſchen hier und Prag iſt jedenfalls unangenehm. Was will man thun? Man ſucht zwiſchen den Klippen hindurch zu ſchiffen, ohne an die eine oder die andere an⸗ zuſtoßen. Was mich betrifft, ſo beklage ich mich über den kaiſerlichen Herrn nicht, ich habe keinen Grund dazu. Was mir Unangenehmes begegnet, verdanke ich meinen Feinden, der Kaiſer war mir noch jederzeit ein gerechter Herr. Der Diener mit dem beſtellten Weine trat in das Gemach. Roßwurm leerte den Becher und fragte dann, ob Daniel ſchon angelangt ſei? Noch nicht, Eure Excellenz. Wenn er kommt, ſoll er warten, bis ich ihn rufen laſſe. Der Diener entfernte ſich. Laſſen Sie mich nicht vergeſſen, lieber Francvis, fuhr der Feldmarſchall fort, daß wir auch meinen Franziskanern einen Beſuch abſtatten. Ihren Franziskanern? fragte Baſſompiere erſtaunt. Roßwurm nickte lächelnd und erwiederte: So iſt es! Ich bin einer derjenigen, durch deren freiwillige Beiträge die hieſigen Franziskaner, die ſeit der türkiſchen Belagerung ſchon zum dritten Male ihre Wohnung wechſeln mußten, und die endlich das Kloſter und die Kirche St. Hieroni⸗ mus angewieſen erhielten, in den Stand geſetzt wurden, Uen? ihr Gotteshaus anſtändig herzuſtellen. Seitdem ſteh ich hie⸗ bei ihnen in hoher Gunſt und werde vom Pater Prior, Rezft ſo oft ich das Kloſter beſuche, ausgezeichnet empfangen. Ich unterlaſſe es auch niemals, wenn ich in Wien ver⸗ falls weile. Sie hängen alſo noch immer an der Ligue? it Ich bin Soldat und kein Betbruder, das verhindert mich jedoch nicht, dem Glauben, dem ich angehöre, treu r den zu bleiben. Sie waren es ja auch, der ſich verwendete, daß man einen . Kapuziner bei dem Heere eintheilte? Herr. That ich nicht wohl daran? Der alte Laurenz von das Brindiſi hat's vor Stuhlweißenburg bewieſen, als er mit dem Kreuze voran die Unſeren zum Sturme führte. Die ob Salzburger verſtanden kein Wort von ſeinem Lateiniſch, aber nachgegangen ſind ſie ihm doch, denn er ſchwang 2 das hölzerne Kreuz wie einen Säbel von Stahl. Hatte laſſe. ich nicht Recht? Baſſompiere nickte dem Freunde zum Zeichen ſeiner — 118— Beiſtimmung zu und ſagte: Wenn mein ſeliger Vater Sie hörte, er hätte ſeine Freude an Ihnen. Ich würde der Zeit, die ich unter ſeiner Leibwache ver⸗ lebt, ſtets mit Vergnügen gedenken, wenn nicht die eine ſchwarze Wolke mir die Rückſchau verdunkelte— Es war ein düſteres Erlebniß— Ich habe dem Tode hundertmal in's Auge geſchaut und nicht einmal eine Ahnung von Furcht beſchlich meine Seele, ſterben iſt nichts, ſterben müſſen wir Alle, allein das„Wie?“ darin liegt's. So ſchmachvoll enden, wie Ihr Vater mir's zugedacht, wär' entſetzlich geweſen. Schon der Gedanke daran erſchüttert meine Seele. Darum, fuhr er nach einer Pauſe mit düſterer Stimme fort, darum war ich ſtets befliſſen, die Erinnerung an jenes Ereigniß zu meiden, es wo möglich aus meinem Gedächtniſſe zu ver⸗ wiſchen. Armer Freund, und nun zwingt man Sie daran zu denken, indem man Ihnen ein Portrait ſendet... Roßwurm ballte die Fauſt und murmelte: Es iſt eine Tücke meiner Feinde, ſonſt nichts. Sie ſprachen jedoch den Vorſatz aus, dem Originale des Portraits nachforſchen zu laſſen... Ich werde Daniel damit beauftragen, um die Bös⸗ willigkeit zu entlarven. Wie aber, wenn Sie ſich dennoch irrten? Roßwurm ſchaute ihn an. Sie laſſen ſich von einer Idee beherrſchen, ohne einer anderen Raum zu gönnen. Sie ſollten auch an den ent⸗ n — 119— gegengeſetzten Fall denken und ſich vosſehen, wär's auch nur mit einem Entſchluſſe. Es iſt nicht möglich, es kann nicht ſein. Baſſompiere ſchwieg, doch that er es mit einer Miene, die ſein Bedauern über Roßwurms Hartnäckigkeit verrieth. Da der Feldmarſchall dies ſah, fuhr er, gleichſam um ihn zu verſöhnen, fort: Sollte das Unwahrſcheinliche ſich dennoch als Thatſache ergeben, ſo beſitze ich genug, um dem Mädchen ſeine Zukunft zu ſichern. Der Marquis ſchüttelte den Kopf. 3. So diel ich mich erinnere, gehörte die Marquiſe Picaut fuhr zu den begütertſten Familien der Normandie, Bertha war t ihre einzige Tochter, das Erbe ihrer Familie dürfte ihr zu alſo kaum entfremdet worden ſein, man kann demnach ſchließen, daß ſie für ihr Kind mütterlich geſorgt haben wird. Wenn man Ihnen nun das Mädchen in den Weg ſchiebt... Nun, warum halten Sie ein? Fahren Sie fort, eine Dann ſcheint man von Ihnen etwas Anderes als zeit⸗ le liches Gut zu erwarten, man hofft vermuthlich auf Reſti⸗ tution der Ehre... Bös⸗ Roßwurms Augen erweiterten ſich. Baſſompiere fuhr fort: Man ſchmeichelt ſich vielleicht, aß Sie für das Kind nicht blos väterlich ſorgen, ſondern ür daſſelbe auch väterlich fühlen werden, mit einem Worte, — aſ einer daß Sie es anerkennen. ent Dieſe Zumuthung erſchien dem Feldmarſchall ſo neu, daß ſie ihn überraſchte und zwar keineswegs angenehm. — 120— Man erwartet, rief er eifrig, man hofft, man ſchmeichelt ſich! Sie ſprechen von einem„Man“, von einem unbe⸗ ſtimmten Weſen, dem zu Willen ich mich erweiſen ſoll. Ich erblicke hinter dieſem„Man“ meine Feinde, welches iſt Ihre Anſicht? Kann ich errathen, was der Schooß der Zeiten ge⸗ bar? Haben Sie während der vierzehn Jahre, die ſeit damals verfloſſen, nie mehr etwas von Bertha Picaut vernommen? Nein! doch was ſoll dieſe Frage? In welchem Alter ſtand damals das Fräulein? Sie zählte ſechzehn Jahre. Folglich iſt ſie heute, wenn ſie noch am Leben, kaum dreißig alt. Nun, was ſchließen Sie daraus? Die Möglichkeit, daß Sie nicht blos mit der Tochter, ſondern auch mit der Mutter zu thun bekommen. Roßwurm fuhr, wie durch eine Feder emporgeſchnellt, vom Sitze auf. Die vom Marquis neu aufgeſtellte Möglichkeit über⸗ raſchte ihn noch mehr wie die frühere, ſie verblüffte ihn förmlich. Sie ſind erfinderiſch, Frangvis, murmelte er nach einer Weile; es iſt nur zu bedauern, daß Ihre Fantaſieen ſo wenig zu erheitern vermögen. Hermann, ich bitte Sie, zu erwägen, daß Erheiterung der Zweck unſerer gegenwärtigen Auseinanderſetzung nicht iſt. Ich appellire an die Freundſchaft und verwahre mich in ihrem Namen vor jedem Hintergedanken. Gebe Gott, ſeit caut um ter, ellt, er⸗ ihn ner 121— daß meine Fantaſieen ſich wirklich nur als Luftgebilde er⸗ weiſen, geſchieht's, um ſo beſſer. Wie aber, wenn eines oder das andere, was ich beſorge, einträte? Was werden Sie dann thun? Roßwurm begann ſtatt einer Antwort nachzuſinnen. Seine düſtere Miene, die gefaltete Stirne zeigten von dem Gedankenſturme in ſeinem Kopfe. Endlich richtete er ſich auf und ſagte: Ich danke Ihnen, Franevis, daß Sie mich veranlaßt haben, über dieſen Gegenſtand nachzuſinnen. Mein Ent⸗ ſchluß iſt gefaßt. Jedermann beſitzt etwas, was ihm das Theuerſte iſt. Frägt man dieſen oder jenen, was er thun würde, wenn eine Brunſt plötzlich ſein Haus ergriffe? ſo wird die Antwort ſein, daß er vor Allem auf die Rettung deſſen bedacht ſein wird, was ihm als das Koſtbarſte oder Unentbehrlichſte erſcheint. Sollte mir im gegenwär⸗ tigen Falle ein ähnliches Loos zugedacht ſein, ſo bin ich entſchloſſen, viel zu opfern, wenn die Noth es erheiſcht, ſogar Alles aufzugeben, nur mein Koſtbarſtes nicht, meine — Freiheit. Der Marquis wollte darauf erwiedern, als Roßwurm ihm durch eine gebietende Bewegung der Hand Still⸗ ſchweigen auferlegte. Genug davon, ſagte er mit dem Tone der entſchiedenen Strenge; kein Wort mehr darüber, es wäre denn, daß die Ereigniſſe uns zwängen, darauf zurückzukommen. Ein Kratzen an der Thüre, damals ſtatt des jetzt üb⸗ lichen Klopfens gebräuchlich, veranlaßte den Feldmarſchall, ſich raſch dem Eingange zuzuwenden. — 122— Was giebts? Euer Excellenz, Daniel iſt angelangt! Der Meldende war der Haushofmeiſter des Feld⸗ marſchall, ein in Jahren vorgeſchrittener Mann, Namens Michael Sauer, deſſen Gattin und Kinder in Nürn⸗ berg lebten. Er ſoll eintreten, heiſchte Roßwurm dem Haushof⸗ meiſter zu, und Daniel ſtelzte in die Stube. Der ehemalige Soldat wurde überraſcht, den Baron Betzſtein bei ſeinem Gebieter zu treffen. Baſſompieres Lächeln beruhigte ihn. Du alter Verräther, fuhr ihn der Feldmarſchall mit erheuchelter Strenge an, kennſt Du dieſen Herrn? Excellenz... wie ſollt ich nicht... Bewahrſt Du ſo meine Geheime? Excellenz... ich ſchwöre... Schon gut, ich weiß Alles. Haſt Du das Landhaus an den Mann gebracht? Es iſt, wie Euer Excellenz im letzten Briefe anordneten, verkauft— Gegen baar? Ja, Euer Excellenz Behalte das Geld, ich will nichts mein nennen, was von jenem Sündenneſte ſtammt. Du biſt ſomit verſorgt, und kannſt meinen Namen aus Deinem Schuldenbuche ſtreichen. Ihr Name, gnädigſter Herr, iſt in meinem Herzen eingeſchrieben, und ihn daraus zu ſtreichen, vermag keine Macht. und kne Eir ſun — Ich werde den Winter in Prag verleben. Darf ich Sie begleiten. 6 Du wirſt hier bleiben, Du beſitzeſt Haus und Hof, und mußt Dich der gewohnten Unſtätigkeit eines Kriegs⸗ knechtes entſchlagen. Du biſt alt und ſtehſt bereits mit 6 Einem Fuß im Grabe... Aber mit dem hölzernen, Exeellenz, der andere iſt ge⸗ ſund genug, Ihnen noch einige Jahre zu dienen. Das wirſt Du, indem Du hier bleibſt. Sehr wohl. Sieh Dir dieſes Bild an. mit 2 Ich ſehe es. Kennſt Du zufällig ein Mädchen, das dieſem Portrait ähnelt? Ich kenne keines. Dann wirſt Du es in Wien aufſuchen, ich werde eine getreue Kopie von dem Bilde aufertigen laſſen und Dich 6 damit verſehen, Du wirſt alle öffentlichen Orte beſuchen und keine Mühe ſcheuen, das Original des Bildes auf⸗ zufinden. Das iſt Deine Ordre für dieſen Winter. Ich werde ihr getreulich nachkommen. Je nach der Wichtigkeit der Ergebniſſe bedienſt Du gt, Dich erpreſſer Boten, mich aufs Schleunigſte von den Ereigniſſen in Kenntniß zu ſetzen. 3 Der Stelzfuß verſprach, den Weiſungen genau nach⸗ zen zukommen, und wurde hierauf entlaſſen. 6 Nun werde ich mein Lever halten, ſagte der Feldmar⸗ ſchall, und da der Marquis ſich entfernen wollte, hielt er ihn mit den Worten zurück: Bleiben Sie, Francvis, wie Sie wiſſen, iſt meine Ankleidezeit für den Sekretär be⸗ ſtimmt, und vor Ihnen beſitze ich keinerlei Geheimniſſe. Der Sekretär Roßwurms war ein Italiener, Namens Flammius Cutur, ein anſehnlicher, gelehrter Mann, der vordem in einer der Kanzleien der Kurie bedienſtet war. Er war der lateiniſchen, franzöſiſchen, wälſchen, ſpa⸗ niſchen, deutſchen und türkiſchen Sprache und lei⸗ tete die reiche Dienſtes⸗Korreſpondenz des Feldherrn mit großem Fleiße und tadelloſer Umſicht. Roßwurm kleidete ſich ſelbſt an und ſprach währenddem mit ſeinem Sekretär. Er ertheilte ihm Weiſungen, was auf die eingegan⸗ genen Briefſchaften zu erwiedern ſei, und befahl ihm, die Antworten Nachmittags zur Unterſchrift vorzulegen. Es war eigenthümlich, daß Roßwurm ſeine Diener⸗ ſchaft aus den verſchiedenen Nationalitäten zuſammenſetzte, ſein Stallknecht war ein Türke, der jedoch den chriſtlichen Glauben angenommen Ein Zufall konnte dieſe Muſterkarte kaum zuſammen⸗ gewürfelt haben. Baſſompiere nahm einſt Gelegenheit, darüber zu ſprechen, und machte den Freund auf das Gemiſch auf⸗ merkſam. Roßwurm lächelte ſchlan und erwiederte geheimnißvoll: Was man für Zufall halten könnte, iſt kluge Berechnung. Alle dieſe Leute, weil ſie verſchiedenen Nationalen ange⸗ hören, mißtrauen einander und bewachen ſich gegenſeitig mit argwöhniſchem Blick. Wer zieht daraus Nutzen? Ich, ihr Herr! Ich gebe mir oft den Anſchein, als bevorzuge ich Eif hei me unt die Fa mi be⸗ ens der pa⸗ lei⸗ mit an⸗ die ner⸗ tzte, chen nen⸗ zu auf⸗ oll: ung. nge⸗ eitig Ich, zuge ich dieſen oder jenen, und wecke damit den Neid und die Eiferſucht der anderen. Hat ſich der Bevorzugte im Ge⸗ heimen irgend etwas zu Schulden kommen laſſen, ſo kann ich gewiß ſein, in dieſer Zeit es zu erfahren. Es iſt das meine Hauspolitik, die mir vortrefflich zu ſtatten kommt und worüber meine Feinde ſich weidlich ärgern. Ich möchte beinahe die Behauptung wagen, daß Sie die Macht Feinde überſchätzen. Die Macht, das iſt möglich, ihre B osheit in keinem Falle. Befjliſſe ich mich nicht ſo großer Vor ſicht, ſie hätten mich längſt verſchlungen. Ich mißkenne weder, noch unterſchätze ich die Gefahr ſo zahlreicher und mächtiger Feinde, wie Sie ſolche beſitzen, lieber Hermann, ich hatte Gelegenheit, davon zu hören, bevor ich Sie noch perſönlich kennen lernte, allein als Ihr Freund möchte ich Sie vor einer Manie warnen, von welcher Sie befangen ſind und die Sie zu gefährlichen Fehltritten verleiten kann. Sie erblicken in allem Unan⸗ genehmen, was Ihnen begegnet, ein Werk Ihrer Feinde, daran thun ſie nicht klug, lieber Hermann! Vorſicht iſt lobenswerth, allein ſie hat eine Grenze, jenſeits pe lcher die Schwäche beginnt. Selbſttäuſchung in gewiſſen Lagen vergrößert das Uebel und führt um ſo ſicherer herbei, was man vermeiden will. Roßwurm ſchwieg und Baſſompiere führte das Ge⸗ ſpräch nicht weiter. Dieſe Unterhaltung hatte, wie erwähnt, ſchon bei einer früheren Gelegenheit ſtatt, der Feldmarſchall billigte durch ſein Schweigen die Anſicht des Freundes, ließ ſich aber nichtsdeſtoweniger bei nächſter Gelegenheit von derſelben Manie beherrſchen. Der ſtete Verdacht Roßwurms, ſein immer waches Miß⸗ trauen verleiteten ihn in der That zu einer Schwäche, die gerade bei einem Charakter, wie der ſeinige, auffallen mußte. Furcht war dem Manne fremd; was war's alſo, was ihn zu dem Fehler verleitete? Vielleicht beherrſchte ihn, ohne daß er's wußte, die Ahnung ſeiner verhängnißvollen Zukunft— und ließ ihn im Voraus die Schuld davon auf ſeine Feinde wälzen, vielleicht auch gehörte er zu jenen Menſchen, die ihre an⸗ gebornen Fehler noch durch gewiſſe ſeltſame Einzelnheiten vermehren, die ſie mit einer ſolchen Sorgfalt ausbilden, daß ſie am Ende zu natürlichen Fehlern werden, welche abzulegen nachher nicht mehr in ihrer Gewalt ſteht. Flammius Cutur, nachdem er ſeine Inſtruktionen em⸗ pfangen, entfernte ſich ebenfalls. Der Feldmarſchall hatte mittlerweile ſeine kriegeriſche Toilette vollendet. Ich bin fertig, mein lieber Francois, nun wollen wir uns auf den Weg machen. Wohin begeben wir uns vorerſt? Ich ſagt es Ihnen doch ſchon, wir wollen meine Fran⸗ ziskaner beſuchen. Die beiden Freunde verließen hierauf Arm in Arm den Gaſthof und nahmen ihren Weg durch die Kärnthner⸗ und dann durch die Singerſtraße. un per der ma dec 6 ſie ab B eit R wir Fran⸗ Arm hner⸗ Neuntes Kapitel. Roßwurms Peſuch im Franziskanerkloſter. Diejenigen Leſer, welche ſich unſeres Romans:„Pandur und Freimaurer“ noch entſinnen, werden zwiſchen der Haupt⸗ perſon jener Erzählung, dem Padurenoberſten Franz von der Trenk, und der im gegenwärtigen Buche, dem Feld⸗ marſchall von Roßwurm, überraſchend ähnliche Züge ent⸗ decken, obgleich eine Zeit von anderhalb hundert Jahren ſie trennt. Beide in militäriſchen Wiſſenſchaften wohl erfahren, Beide geſchmückt mit perſönlichen Verdienſten, tollkühn und abenteuerlich, ſoldatiſch wild und unbändig, beſaßen ſie Beide ein Heer von Feinden, welche ihnen, freilich auf ſehr verſchiedenen Wegen, den Untergang bereiteten. Das Ende Trenks auf dem Spielberge zu Brünn war ein abenteuerliches, romantiſch-komödienhaftes— das Roßwurms dagegen ein rein tragiſches. Wie Trenk eine Vorliebe für den Orden der Kapu⸗ ziner, ſo beſaß Roßwurm eine ſolche für den der Fran⸗ ziskaner, wenn der Letztere die ſeinige ſchon bei Lebzeiten durch reiche Spenden bethätigte, ſo lag dies in ſeinem chevaleresken Charakter, der nebſt vielen anderen Vorzügen vor dem Pandurenoberſten ſich auch durch Der Empfang, welcher dem Feldmarſchall zu Theil wurde, als er, von ſeinem Freunde Baſſompiere begleitet, an der Kloſterpforte erſchien, war in der That der ſchmeichelhafteſte. Der Bruder Pförtner, ohne erſt anzufragen oder Wei⸗ ſungen einzuholen, riß ſogleich die ſchwere Thür auf, den Kavalieren Einlaß gewährend. er Prior, von dem erfreulichen Beſuche in Kenntniß eilte raſch herbei, den Feldmarſchall zu empfangen. Excellenz, ich heiße Sie willkommen unter dem Dache der Demuth und der Frömmis igkeit. Roßwurm drückte ihm die Hand. Hochwürdiger Vater, ſagte er, ich langte erſt g gaſterz aus Ungarn in Wien an, und heute ſchon komme ich, Sie zu beſuchen und Ihnen meinen Freund, den Marquis de Baſſompiere, vorzuſtellen. Er iſt der älteſte Sohn meines Fierhegn des Barons Chriſtof von Betzſtein, ein Deutſcher von Geburt, ein Franzoſe von Erziehung, ein wackerer Edelmann, und was Ihnen zu hören gewiß angenehm ſein wird, ein warmer Anhänger der Ligue. Herr Marquis, ich begrüße Sie in unſerem Ordens⸗ hauſe. Ein Mann, den der Feldmarſchall Roßwurm ſei⸗ nen Freund nennt, muß es auch verdienen, denn Ver⸗ ſchwendung von Vertrauen iſt eben nicht ſeine Sach? was heu erſt der wol Küc als Kel auf als Um fole dan Cic ſich in neu ſtur und kon eiten inem ügen gkeit Cheil eitet, der itniß ache eines „ein „ein hören Excellenz, Sie haben in wenigen Worten Alles geſagt, was ſich zum Lobe eines Mannes anführen läßt. Hochwürdiger Vater, begann Roßwurm lächelnd, mein heutiger Beſuch wird ſich auf die Dauer mehrerer Stunden erſtrecken. Es bedarf dieſer Erinnerung nicht, Excellenz, Sie und der Herr Marquis ſind heute Mittags unſere Gäſte, wir wollen unſeren Wohlthäter bewirthen, ſo gut unſere frugale Küche es geſtattet... Ohne Umſtände, Hochwürden, ich bin ein Krieger und als ſolcher nicht verwöhnt. Die Patres Küchen⸗ und Kellermeiſter ſollen keine Anſtrengungen machen, ich bin auf keiner Viſitationsreiſe begriffen, ſondern komme blos als Freund zu Freunden, alſo wenn ich bitten darf, keine Umſtände. Mein Programm für dieſen Beſuch iſt wie folgt feſtgeſetzt: Vorerſt werden wir ein Gebet verrichten, dann werden Euer Hochwürden meinem Freunde einen Cicerone beigeben und ihn das Innere des Kloſters be⸗ ſichtigen laſſen, währenddem will ich den Pater Lactantius in ſeinem Laboratorium beſuchen und mich von ſeinen neuen Erfindungen in Chemicis unterrichten. Zur Speiſe⸗ ſtunde finden wir uns Alle in dem Refektorium zuſammen und wollen uns den Segen des Allmächtigen wohl be⸗ kommen laſſen. Sind Eure Excellenz mit Ihrem Programm zu Ende? Ich bin es, Hochwürden. Dann erlaube ich mir noch eine Nummer hinzuzufügen. Ich erkläre mich dazu bereit. E. Breier. General Roßwurm. I. 9 Es iſt ein Geſpräch unter vier Augen, um welches ich Eure Excellenz nach Tiſche bitte. Ich ſtelle mich mit Vergnügen zu Ihrer Dispoſition, Hochwürden, denn ich wüßte meinem Beſuch keinen ange⸗ nehmeren und bleibenderen Eindruck zu gewähren, als durch eine vertraute Unterhaltung mit Ihnen. Wünſchen Eure Excellenz das Gebet in der Kirche zu verrichten? Euer Hochwürden, ich ziehe es vor, meine heilige Mutter von Grünberg zu beſuchen. Roßwurm winkte dem Freunde, ihm zu folgen, und führte ihn zu einer im Kreuzgange aufgeſtellten Mutter⸗ gottes⸗Statue von Holz. Dieſes Gnadenbild, erklärte er, ſtammt aus Böhmen. Herzog Heinrich der Fromme von Böhmen hatte auf Zelena Hora, zu Deutſch Grünberg, und unweit von der Stadt Nepomuk zwei Klöſter erbaut. Aus dem letzteren wurde dieſes Gnadenbild aus den Stürmen der Huſſitenkriege nach Grünberg gerettet. Indeſſen ging bald auch dieſes Kloſter ein, Zdenko von Sternberg, an den die Güter übergingen, ließ aber die Kirche herſtellen und ermöglichte damit die fortgeſetzte Verehrung dieſes Gna⸗ denbildes. Beim Auftauchen der neuen Lehre verſuchten es Frevlerhände öfters, die hölzerne Statue durch Feuer und Eiſen zu zerſtören, vergebens, ſie blieb nicht nur ganz, ſondern der Miſſethat folgte jedesmal die Strafe auf dem Fuße. Endlich verbarg man ſie in einem alten Gewölbe des Schloſſes zu Pleinitz. G e plin 15 ters auf die wo eige zu! der Me Tu 300 das wei ſie ſtell bor folg bis eine zisk Ste ich on, ge⸗ als rche lige und ter⸗ ten. auf veit dem der al den und na⸗ en er anz, dem ölbe Eure Excellenz, bemerkte der Prior, beſitzen ein treues Gedächtniß. Vor acht Jahren, fuhr Roßwurm fort, für das Kom⸗ pliment durch ein freundliches Kopfnicken dankend, nämlich 1595, als Ladislaus von Sternberg die Güter ſeines Va⸗ ters erbte, ſtellte er die Statue wieder in der Schloßkapelle und als er ſpäter in den Krieg zog, natürlich gegen e Türken, nahm er die Gnadenſtatue mit. Hier war es, wo ich ſie zum erſten Male ſah, ich ließ ihr im Lager ein eigenes Zelt errichten und befahl, vor ihr täglich die Meſſe zu leſen. Unſere deutſchen Soldaten ſchrieben unſere Siege der Fürbitte Mariens zu und verehrten ſie hoch. Eines Morgens wurde ich durch die Nachricht überraſcht, Oberſt Turnowsky habe von Sternberg das Gnadenbild um 300 Dukaten gekauft; vermuthlich benöthigte der Letztere das Geld, ſonſt wüßt' ich keinen Grund des Verkaufes. Ich wollte dem Turnowsky ſeine Dukaten reſtituiren, er weigerte ſich jedoch, mir die Statue zu überlaſſen, ſchickte ſie hierher nach Wien und ließ ſie in ſeinem Hauſe auf⸗ ſtellen. Aber ſiehe da, die Gattin Turnowsky's, eine ge⸗ borne Buchheim, iſt der neuen Lehre ergeben, und ver⸗ folgte die Andacht ihres Mannes ſo kange mit Spöttereien, bis er auf meinen Rath ſich entſchloß, die Marienſtatue einer öffentlichen Kirche und zwar den Herren Patres Fran⸗ ziskanern zu übergeben. So gelangte ſie hierher an dieſe Stelle, ſie iſt meine heilige Mutter noch aus dem Lager her, ich will ſomit zu ihr, wie ſchon oft, mein Gebet erheben.*) *) Im Jahre 1608 wurde die Statue aus dem Kreuzgange 9 N Der Feldmarſchall begann hierauf ein leiſes Gebet, und Baſſompiere folgte dem gegebenen Beiſpiele oder ſtellte ſich, als befolge er es. Denn daß frivole Leute, wie die Herren von Baſſom⸗ piere, wir meinen nämlich Vater und Sohn, ſich mit Beten nicht viel ſtrapazirten, kann man ſich wohl denken. Der Prior beſtimmte indeſſen einen Pater, welcher den Marquis im Kloſter herumführen und den Dienſt eines Cicerone verſehen ſollte, der Feldmarſchall aber, nachdem er ſein Gebet beendet, begab ſich nach dem Laboratorium, wo Pater Lactantius ſchaltete und waltete. Pater Lactantius war gleichzeitig der Arzt und der Apotheker des Kloſters. Wenn hier von einem Laboratorium und von Erfin⸗ dungen in Chemicis, wie der Feldmarſchall ſich ausdrückte, die Rede iſt, ſo muß man von den Begriffen, die man heut zu Tage damit verbindet, ganz abſehen. Die Chemie lag damals noch in der Wiege, uud ſelbſt an der Wiener Univerſität beſtand noch keine„chemiſche Küche.“ Was man damals in dieſem Zweige der Wiſſenſchaft zu Tage förderte, war zumeiſt Aberwitz. Die Metalle wurden als irdiſche Planeten der Erde angeſehen, entſtanden durch die Einwirkung der himm⸗ liſchen Planeten u. ſ. w. auf den Hauptaltar der Kirche übertragen, im Jahre 1635 be gannen mit derſelben die öffentlichen Prozeſſionen durch die Stadt, und 1735 wurde das Jubiläum dieſer Prozeſſionen durch volle acht Tage gefeiert. vl om⸗ ten den nes dem um, rde um⸗ be adt, volle Es iſt wahrhaft ſtaunenswerth, wie aus dieſem Sumpfe in verhältnißmäßig kurzer Friſt die wahre und wirkliche Wiſſenſchaft herauskalcinirt wurde. Man denkt unwill⸗ kürlich an den chemiſchen Vorgang, der aus den verſchie⸗ denſten Stoffen durch Feuer und Dampf reinen Brannt⸗ wein erzeugt. Wie vieler Feuer aber bedurfte es, bis die Wiſſenſchaft geläutert wurde. Der Feldmarſchall traf den Pater Lactautius inmitten von Töpfen, Retorten, Tiegeln und Schachteln in einem Gemache, deſſen Wände mit zahlloſen getrockneten Kräu⸗ tern, Gräſern, Blumen u. ſ. w. ausſpaliert waren. Es gehörten kräftige oder daran gewöhnte Nerven dazu, dieſes Gemiſch von allerlei penetranten Gerüchen zu ertragen, ohne betäubt zu werden. Der gelehrte Mönch hatte den Heerführer kaum er⸗ kannt, als er ihm auch ſchon ein„Ave domine“ entgegen rief und ſich anſchickte, ſich aus den Hügeln von Mate⸗ rialien, unter denen er ſteckte, herauszuwälzen. Noßwurm erſuchte ihn zu bleiben und in ſeiner Arbeit fortzufahren. Ich will nicht ſtören, lieber Pater, ſagte er, ſondern mich delectiren, indem ich mich zum Zeugen Ihres wiſſen⸗ ſchaftlichen Mühens mache. Sie kennen meine Theilnahme für Alles, was der menſchliche Geiſt hervorbringt, gleich⸗ viel auf welchem Felde der Erudition. Was Alles haben Sie während der Zeit, als wir das letzte Mal beiſammen waren, tentirt, was eruirt? Allerlei, Excellenz, ich hab' edles Wiſſen aus alten Pergamenten herausgegraben, hab' verſucht und verbeſſert, inſoweit meine eigene Anſicht und Erfahrung reicht. Was bereiten Sie da? Ein Wäſſerlein wider die Warzen. Aus welchen Subſtantien beſteht es? Man nimmt eine rothe Schnecke, ſalzet ſie ein, läßt ſie über Nacht liegen, darauf ſie zu Waſſer wird. Damit waſchet man die Warzen.*) Das Medikament iſt einfach. Wo es nicht hilft, da wende ich ein Sälblein au. Zum Beiſpiel? Ich nehme 3 Loth Honig, 5 Loth Eſſig und 2 Loth Grünſpahn, das Alles koche ich und ſiede es bis zur Hälfte. Leiden Excellenz noch an Zahnſchmerzen? Ich bin ſeit Monaten davon befreit. Wenn Sie es wünſchen, geb' ich Ihnen ein koſtbares Mittel. Ich hab' das Recipe von Augsburg überkommen, wo es durch weiland Seine Majeſtät Kaiſer Karolus den Fürſten bekannt geworden. Als der ſelige Monarch ſich dort auf dem Reichstage befand, gewahrte er den Fürſten Heinrich, daß er von Zahnſchmerzen geplagt ſei. Er rieth ihm, ſein eigenes Remedium zu gebrauchen und der Fürſt wurde geheilt. Worin beſteht die kaiſerliche Arzenei? Man nimmt ein Loth Korallen, fein pulveriſirt, ferner *) Wir bemerken ausdrücklich, daß dies Recipe, ſowie alle folgenden, einem damals gelehrten mediciniſchen Werke ent⸗ lehnt ſind. n1 u eſſert, läßt amit Loth älfte. bares umen, rolus narch und erner alle ent — 135— ein Loth gefeilet Hirſchhorn, giebt dazu ein wenig Salz und infundirt es mit Wein. Damit wäſcht man den Mund. Haben das kaiſerliche Mittel bewährt gefunden? Manchmal, untrüglich iſt's nicht. Derowegen beſitz ich ein Zweites. Worin beſteht dies? Ich nehme eine lebendige Kröte, ſpieße ſie und laſſe ſie ſterben. Darauf ſchneid' ich ihr die rechte Pfote ab und werfe ſie weg, das nächſte Glied daran mache ich ſauber, waſche es und lege es auf das Zahnfleiſch. Pro— batum est. Aufrichtig geſprochen, lieber Pater, wenn ich mich für eines dieſer Mittel entſcheiden müßte, würd' ich es mit dem kaiſerlichen Mittel halten. Was befindet ſich in die⸗ ſem Schächtelchen? Ich hab' eine Salbe präparirt für den Herzwurm, ſo nennen wir das Wehe und Stechen unter dem Herzen. Und womit heilt man dies Uebel? Man nimmt Honig, Grünſpan, fein gefeiltes Meſſing, macht eine Salbe daraus und legt ſie als Pflaſter auf den Nabel. In 24 Stunden iſt er todt. Der Patient? Nein, der Herzwurm. Doch, daß ich nicht vergeſſe, Excellenz, ich habe in einem alten probaten Autor ein ſehr wichtiges geheimes Spezifikum entdeckt, welches ich Ihnen beſonders rekommandire. Am Tage Mariä Magdalenä, das iſt am 22. Juli, begiebt man ſich Vormittags zwiſchen 11 und 12 Uhr, im nüchternen Zuſtande, ſtumm wie ein — 136— Fiſch, auf's Feld und gräbt die blaue Zigoriwurzel oder Wegwart aus. Schweigend, wie man gekommen, geht man heim, grüßt Niemanden, dankt Niemandem, der da grüßt, giebt die Wurzel an einen ſchattigen Ort und läßt ſie dorren. Und wogegen hilft ſie? Sie iſt ein Univerſalmitte! bei Menſch und Salvs venia, Vieh. Blutet man aus der Naſe, ſteckt man ein Stückchen hinein, hat man eine Wunde, legt man ein paar Schnittchen darauf, iſt ein Roß vernagelt, bindet man ihm ein Stück an den Fuß, legt man's den Reitern unter die Sättel, ſo werden die Pferde niemals wund geritten, ſchmerzen Einem die Augen, ſo ſtreicht man ſie damit, und verſagt die Kuh die Milch, ſo wirft man etwas davon in den Trank. Ich werde das Mittel vorerſt bei meinen Reitern ver⸗ ſuchen, bewährt ſich's, ſo ſoll es im ganzen Heere nicht fehlen. Hat ſich mein Gliedwaſſer, ſo ich Euer Excellenz em⸗ pfohlen, bewährt? Unſere Barbiere haben manche Wunden und Ge⸗ ſchwüre damit geheilt. Nur iſt's im Heere ein wenig koſtſpielig. Glaub's gerne; Aloe, Maſtix, Bleiweiß, Weihrauch ſind koſtbare Species; item, ich hab' ein billigeres Pulver für Hieb⸗ und Stichwunden entdeckt, das Pulver von Meu⸗ ſchengebein, es iſt unchriſtlich, aber probatum est. Pater Lactantius. Was beliebt, Excellenz? war nen Mi Mi rät oder geht da läßt alva kchen tchen Stück l, ſo inem Kuh ver⸗ nicht em⸗ — 137— Sind Sie auch in der Bereitung von Giften be⸗ wandert? Excellenz... Ohne Umſtände, Herr Pater, ja oder nein! Es genügt nicht, die Kraft heilender Materien zu ken⸗ nen, man muß auch die der zerſtörenden inne haben. Welches Gift halten Sie für ſtärker, Pflanzen⸗ oder Mineralgift? Je nachdem. Roßwurm rückte auf dem Stuhle, den er einnahm, dem Mönche näher und begann mit gedämpfter Stimme und vertraulich, indem er einen Ring hervorzog, deſſen Reif hohl und mit einer zu ſchließenden Oeffnung verſehen war: Betrachten Sie dieſen Ring, ermeſſen Sie den leeren Raum, den er bietet, und ſagen Sie mir dann, ob Sie ein flüſſig Gift beſitzen, ſtark genug, einen Mann augen⸗ blicklich zu tödten, und wenn er auch nur eine ſo geringe Doſis nimmt, als etwa in dieſem Ringe Raum findet? Pater Lactantius nahm mit bebender Hand den Ring, beſah ihn und ſagte: Excellenz, ich leugne nicht, daß es Materien giebt, die giftig genug ſind, auch in ſo geringer Quantität den Tod herbei zu führen, allein... Daß es welche giebt, lieber Pater, weiß ich, allein ich frage, ob Sie ſie beſitzen? Nein, Excellenz, dergleichen hat man nicht vor⸗ räthig.— Wie lange braucht man, um es zu bereiten? Eine Nacht. Ich werde Ihnen den Ring da laſſen, lieber Pater, 3 und Sie werden ſo gefällig ſein, mir ihn morgen mil einem ſolchen Gifte gefüllt zu übergeben. Um Gott, Excellenz, was haben Sie vor? Pater Lactantius, verſetzte Roßwurm ernſt, ich ſehe hoffentlich nicht aus, wie Jemand, der Anderen meuchle⸗ riſch nach dem Leben trachtet... Anderen wohl nicht, Excellenz, allein... Vergeſſen Sie nicht, Pater, daß ich ein Kriegsmann bin und als ſolcher leicht in die Lage verſetzt werden kann, meinem Leben freiwillig ein Ende zu machen. Excellenz, Sie ſind ein zu frommer Chriſt.. Ich kann, fuhr der Feldmarſchall fort, ohne auf die Einwendung zu hören, in feindliche Gefangenſchaft ge⸗ rathen oder auf dem Schlachtfelde zum Krüppel geſchoſſen werden, in ſolchen Fällen glaube ich keine Sünde zu be⸗ gehen, wenn ich im erſteren der Schmach und im letzteren einer ſchmerzvollen Exiſtenz mich entziehe. Euer Ercellenz, ich erlaube mir zu bemerken, daß Fälle, wie die angeführten, zwar ſchwere Prüfungen ſind, daß aber eine gläubige Seele ſie beſteht, ohne zu unterliegen, ohne zu freveln. Gerade aus ſo harten Prüfungen ſind unſere glorreichſten Märtyrer hervorgegangen. Lieber Pater, ſo groß die Zahl der Märtyrer und Hei⸗ ligen auch iſt, einen kaiſerlichen General giebt es doch nicht unter ihnen, es wäre daher vermeſſen von mir, der erſte ſein zu wollen. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, von dem prä⸗ parirten Ringe keinen Mißbrauch zu machen. Weigern Sie ſich, meinen Willen zu erfüllen, ſo werde ich mir das Ge⸗ wünſchte durch einen Laien zu verſchaffen wiſſen. lege erfa fun eine ant ihn übe Ba mil ſehe uchle⸗ nann kann, — 139— Der Feldmarſchall hatte ſich erhoben. Pater Lactantius befand ſich in einer peinlichen Ver⸗ legenheit; von einer Idee, die ihm durch den Kopf fuhr, erfaßt, ſagte er jedoch raſch zu, er glaubte den Weg ge⸗ funden zu haben, den Gönner des Kloſters nicht durch eine abſchlägige Antwort zu indigniren und doch jede Ver⸗ antwortlichkeit von ſich abzuwälzeu. Der Pater übernahm alſo den Ring und verſprach, ihn Seiner Excellenz am nächſten Morgen präparirt zu überbringen. Roßwurm drückte ihm freundlich die Hand und begab ſich in's Refektorium. Die Kloſterglocke läntete zu Tiſche, Roßwurm und Baſſompiere erhielten die Ehrenplätze angewieſen und das Mahl nahm ſeinen ruhigen, erquicklichen Verlauf. Die Unterhaltung drehte ſich um die Ereigniſſe des ages, Krieg, Ketzerthum, Zauberei u. ſ. w. Der Feldmarſchall trug ſein Theil bei, das Geſpräch zu beleben, indem er manche ſeiner Kriegsaffairen zur Erbauung der Mönche mittheilte. Pater Lactantius, durch die Stellung, die er im Kloſter einnahm, nicht blos beliebt, ſondern auch verehrt, verlieh dem Geſpräche ein gelehrtes Luſtre, indem er den Ein⸗ fluß, den die Wiſſenſchaft auf den öffentlichen Geiſt übte, hervorhob. Nach unſeren Begriffen war dieſer kein heilvoller, denn die unnatürliche, aberwitzige Richtung der Wiſſenſchaft führte den Geiſt noch mehr irre und beſtärkte ſomit den Wahn, den die Zeitſtrömung ohnehin begünſtigte. T — — 40— So berichtete der Pater von einer neuen Erfindung eines Prager Edelmannes, einer„wahrhaftigen Kunſt“, wie er ſie nannte, die wider Feuer und Zauberei außer⸗ ordentlich wirkſam ſein ſolle. Worin beſteht das Spezifikum? fragte Roßwurm. Es iſt ein Kompoſitum, in welchem nach Angabe des gelehrten Autors alle vier Elemente repräſentirt ſind. Man nimmt Jungfrau⸗Wachs, eine halbe Hand groß, das iſt Element Luft; dann nimmt man Spermatis cervi, Hirſchbrunſt, welche die Hirſchen in der Brunſt fallen laſſen, Feuer; dann Paracelsi Notosh, Sternreiſen, welche vom Himmel fallen, Waſſer; endlich ein Stückchen von einem Schwalbenneſt, wie eine Nuß groß, Erde. Das Alles wird in Wachs geknetet und eine Kugel dar⸗ aus gemacht. Entſteht nun eine Feuersbrunſt, ſo wirft man die Kugel hinein und das Feuer löſcht aus. Item, wenn man die Kugel unter einer Thürſchwelle vergräbt, ſo kann keine Zauberei in's Haus kommen und die Men⸗ ſchen drinnen ſind feſt vor allen böſen Einflüſſen. Weder der Feldmarſchall noch der Marquis äußerten Zweifel gegen das Spezifikum, obgleich ein feines Lächeln um ihre Lippen deren Vorhandenſein verrieth. Ehre der Gelehrſamkeit, ſagte Roßwurm, es wird von Tag zu Tag mehr an's Licht gefördert, und wenn das ſo fortgeht, wird man am Ende doch noch das Kraut finden, ſo wider den Tod gewachſen iſt. Der Prior ſchüttelte den Kopf und ſagte: Der Menſch hat ſeine beſtimmte Zeit, die Zahl ſeiner Monden ſteht bei Gott, der Herr ſetzet ihnen das Ziel, ſo ſteht's geſchrieben. mit tius deſſe gran oktri was lichſt Anli ſein ich ſolc dung unſt“, mßer⸗ . e des ſind. groß, rervi, fallen eiſen, ckchen rde. dar⸗ wirft tem, räbt, Men⸗ erten 141— Zur Bekräftigung der frommen Rede führte Pater Lactantius folgende Verſe eines berühmten Medikus an: „All unſre Tag und Stund ſind gezählt, Wann uns Gott zum Tod hat gefällt, So hilft kein Arznei, Kunſt, noch Lehr, Wann Hiparcas gleich ſelbſt da wär. Drum fürcht ſich Niemand vor dem Grab, Denn da kommt man alles Unglück ab, Und führt ins Leben aus dem Tod, Wohl dem der ſtirbt in Gnade Gott.“ In dieſer Weiſe wurde das Mahl fortgeſetzt und wie mit einem Gebete begonnen, ſo auch mit einem ſolchen beſchloſſen. Nach Tiſche ſchloß ſich Baſſompiere dem Pater Lactan⸗ tius an, der Feldmarſchall aber ging mit dem Prior in deſſen Zelle, um dem letzten Punkte ſeines Kloſterpro grammes zu genügen. Zwar war es der Prior, der ihm dieſen Punkt auf— oktroirt hatte, allein der Feldmarſchall wußte recht wohl, was gute Lebensart bedinge und fügte ſich ihm mit freund⸗ lichſter Bereitwilligkeit, den Grund dazu in irgend einem Anliegen vermuthend, welches der fromme Herr zu Gunſten ſeines Kloſters an ihn richten würde. In der Zelle angelangt, bat der Prior den Feldmar⸗ ſchall, Platz zu nehmen. Es iſt zwar wieder ein ſchlichter, harter Stuhl, den ich Eurer Excellenz offerire, allein wir Kloſterleute ſind auf ſolche angewieſen. Und wir Kriegsleute, antwortete Roßwurm, ſind eben⸗ falls daran gewöhnt. Da wir jedoch bei Tiſche genugſam geſeſſen ſind, ſo wollen wir in der Zelle ein wenig Bewegung machen. Unſere Stände, hochwürdiger Herr, fuhr er im Auf⸗ und Abgehen fort, liegen überhaupt nicht ſo weit aus⸗ einander, als es auf den erſten Blick den Anſchein hat. Wir Soldaten ſtehen im Dienſte der weltlichen und die Prieſter in der geiſtlichen Macht. Unſer Herr iſt der Kaiſer, der Ihrige der Papſt. Wir ſind in Regimenter rangirt, Sie in Orden. Sie haben verſchiedene Mon⸗ turen, wie auch wir. Unſere Waffen ſind Schwert, Ge⸗ ſchütz und Pulver, die Ihrigen Gebet, Weihrauch und Glocken. Ja ſogar Kaſernen beſitzt das Heer Roms und ich befinde mich ſo eben in einer. Excellenz ſind wohlgelaunt... Kann ich anders nach einem ſo vergnügten und ſal⸗ bungsvollen Mahle? Ich nehme das Lob als ernſtlich geſpendet an. Bei meiner Ehre, Hochwürden, es war nicht anders gemeint. Jetzt freut mich Ihre gute Lanne doppelt. Ich errathe den Grund. Sie tragen irgend ein An⸗ liegen auf dem Herzen. Excellenz, ich bewundere Ihren Scharfblick. Hochwürden haben eine glückliche Stunde gewählt, was wünſchen Sie, womit kann ich Ihnen dienen? Mir? fragte der Prior überraſcht, und ſchnell ſetzte er hinzu etwas 6 Kloſt unter Gan dern G um Ange wede 2 2 Gem —„ 2 Bitt forſc „— Prat Kurz und hat. die der nter kon⸗ und und ſal⸗ ers An⸗ vas er — 143— hinzu: Ah, ich verſtehe, Sie ſind des Glaubens, ich wolle etwas für mich erbitten? Weniger für Ihre Perſon, als zu Gunſten Ihres Kloſters. Ich weiß, daß bei Ordensleuten das Ich eine untergeordnete Rolle ſpielt und daß die Individualität im Ganzen aufgeht. Da giebt es niemals perſönliche, ſon⸗ dern immer nur Ordenszwecke Excellenz kennen den Geiſt unſerer Regel genau; doch um wieder auf das verlaſſene Thema zu kommen. Die Angelegenheit, welche ich zur Sprache bringen will, iſt weder die meinige, noch die meines Ordens. Ah, nun beginne ich neugierig zu werden. Sie betrifft einzig und allein Ihre Perſon, Excellenz! Meine Perſon? fragte der Feldmarſchall mit einem Gemiſch von Staunen und Nengierde. Sie gedenken nach Prag zu gehen? Und zwar ſchon nächſter Tage. Thun Sie es nicht, Excellenz, bleiben Sie in Wien. Bei dieſer, mit ſanftem, liebreichem Tone geſprochenen Bitte hielt Roßwurm im Gehen ein und ſchaute den Prior forſchend an. Sie rathen mir ab, nach Prag zu reiſen? So iſt es. Ich gedenke aber dort den Winter zu verleben. Verbleiben Excellenz in Wien. Muß es denn gerade Prag ſein? Giebt es in Wien nicht Gelegenheiten zu Kurzweil? Hochwürden vergeſſen, daß ich kaiſerlicher General bin und als ſolcher an den kaiſerlichen Hof gehöre. — 144— Ein Vorwand, hier zu verweilen, wird ſich leicht finden laſſen; abgeſehen davon, können ja Eure Excellenz Ihr Winterquartier verleben, wo es Ihnen beliebt. Aber warum? Warum ſoll ich nicht nach Prag? Weil Ihnen dort Unglück droht. Was für ein Unglück? Weiß ich's? Bin ich ein Prophet? Woher wiſſen Sie dann, daß mir überhaupt ein Un⸗ glück in Prag droht? Ich habe es in den Sternen geleſen. Sie haben ſich meinetwegen bemüht? Es war zur Zeit, als Sie das letzte Mal zum Heere nach Ungarn gingen, als mich der Drang befiel, das Schickſal des bevorſtehenden Feldzuges im Voraus zu er⸗ forſchen, und die Beſorgniß um das Heil unſeres Wohl⸗ thäters verleitete mich, auch Ihr Geſchick in Betracht zu ziehen. Und Sie laſen aus der Konſtellation? Daß der Feldzug keine Entſcheidung herbeiführen werde, daß Ihnen perſönlich in Ungarn keine Gefahr drohe. Sonderbar, ſehr ſonderbar! Daß Eure Excellenz dagegen die Stadt Prag mei⸗ den ſollen. Der Feldmarſchall blieb kopfſchüttelnd mit verſchränkten Armen vor dem Prior ſtehen. Die Warnung hatte bei ihm offenbar einen mächtigen Eindruck hervorgebracht, er vertiefte ſich in ein Gewoge von Gedanken. nden Ihr Un⸗ eere das 1er⸗ bohl⸗ racht hren efahr mei⸗ nkten tigen woge — 145— Nach einer Pauſe von mehreren Minuten tauchte er wie aus einer Fluth empor und erſchien wieder geſammelt und gegenwärtig. Hochwürdiger Herr, nahm er das Wort, es liegt mir ferne, die Bedeutung der Sternenſchrift zu beſtreiten, woran die Gelehrteſten, woran ſelbſt Seine Majeſtät, mein kaiſerlicher Herr, feſthält, das werde ich ſchwacher Unwiſſender nicht umſtürzen. Dunkel und unklar iſt es mir jedoch, warum mir gerade zu Prag Gefahr und Un⸗ glück drohen ſollten, da ich doch in Wien ſo gut wie dort von Feinden umſtellt bin, ja, da ſogar in Prag die kaiſer⸗ liche Majeſtät reſidirt, die mir jederzeit gnädig und ge⸗ recht geweſen, ſollte ich gleichſam unter den Augen des Monarchen mich weniger gefährdet dünken, wie an jedem anderen Orte. Richtig iſt, was Eure Excellenz anführen, und ich bin unvermögend, was Ihnen unklar erſcheint, aufzuhellen. Ich kann nur wiederholen, was ich aus den Sternen ge⸗ leſen, und Ihnen meine Warnung dringend an's Herz legen, den Entſchluß faſſen am Ende Sie ſelbſt. Sie rathen mir demnach, nicht nach Prag zu gehen. Ich rathe Ihnen nicht blos, Excellenz, ſondern ich bitte Sie darum. Es war bisher meine Sache nicht, von einmal gefaßten Beſchlüſſen abzugehen. Diesmal will ich jedoch eine Aus⸗ nahme eintreten laſſen und den Gegenſtand einer reif⸗ licheren Erwägung unterziehen. Aufrichtig geſtanden, es iſt blos eine perſönliche Vorliebe, die mich nach Prag zieht, E. Breier. General Roßwurm. 1I. 10 — 146— ich zähle unter dem böhmiſ chen Adel mehrere gute Freunde, in deren Kreis ich mich heimiſch fühle. Excellenz, die Freundſchaft iſt ein zu erhabenes Gefühl, als daß ich dagegen eifern ſollte. Dennoch möchte ich Sie gerade vor Ihren Freunden warnen.. Oh, oh, Hochwürden, Sie thun nicht gut, in ein Herz, wo ohnedem das Mißtrauen wuchert, noch mehr von die⸗ ſem Gift hineinzuſchütten.. Das wollte ich nicht, Ercellenz, meine Warnung galt nicht der wahren, ſondern der heuchleriſchen Freundſchaft, obgleich man auch Beweiſe findet, daß ſelbſt die treueſten und aufrichtigſten Freunde, ohne daß ſie es wollen, Un⸗ heil über uns bringen und auf dieſe Weiſe, uns und ihnen unbewußt, zu unſeren Dämonen werden. Die Vorſehung gefällt ſich in der Verhängung ſeltſamer Fügungen, damit die Stärke unſeres Glaubens, unſeres Charakters auf die Probe ſtellend. Der Feldmarſchall athmete tief und ſchwer auf. Hochwürden, ſagte er ernſt, Sie haben— ich mache Ihnen keinen Vorwurf daraus— mich in eine trübe Stim⸗ mung verſetzt, ich will Ihre Warnung vor Augen behalten, und ſo wie ich mich kenne, möcht' ich jetzt ſchon ſagen, daß der Entſchluß, nach Prag zu gehen, beinahe ganz fallen gelaſſen iſt. Leben Sie wohl, wir werden uns im Laufe dieſes Winters oft wiederſehen. Mit einem mannhaft herzlichen Händedruck verließ er die Zelle, holte den Freund beim Pater Lactantius ab und trat dann mit ihm den Heimweg an. die nen liche und nde, ühl, ich erz, die⸗ galt haft, eſten Un⸗ hnen hung amit f die nache tim⸗ Uten, daß allen Laufe eß er — 147— Roßwurm war ſchweigſam und düſter, der Marquis, die veränderte Stimmung deſſelben augenblicklich erken⸗ nend, zurückhaltend und nachſinnend über die muthmaß⸗ liche geheime Unterhaltung zwiſchen dem Feldmarſchall und dem Prior. Zehntes Kapitel. Der Feldmarſchall und der Wiener Bürgermeiſter. Roßwurm hatte ſich mit dem Gedanken, den Winter cht und war bereits in Wien zu verbringen, vertraut gemac entſchloſſen, den Freund von ſeinen geänderten Geſin⸗ nungen in Kenntniß zu ſetzen, als die Folgen jener Er⸗ eigniſſe, welche der Leſer bereits kennt, dem Feldmarſchall aber völlig fremd waren, daher ihm unerwartet herein⸗ brachen. Schon am zweiten Vormittage nach ſeiner Ankunft in Wien, trat ſein Haus⸗Hofmeiſter Sauer ins Gemach und meldete Seine Gnaden den Herrn Bürgermeiſter. Die Miene des Feldmarſchalls verdüſterte ſich. Was will der da? murmelte er. Sauer zuckte die Achſeln, damit ſein Nichtwiſſen an den Tag legend. Er kann eintreten Herr Georg Fürſt erſchien. Als Erläuterung muß hier angeführt werden, daß keit dem gege Ric lieb der nich liche Ang Sp hofe ſchi weſ inter ereits Heſin⸗ r Er⸗ rſchall erein⸗ uft in h und en an daß — 149— Roßwurm einen Widerwillen gegen alle Munizipalvorſtände und Gemeindeautoritäten hegte. Wie unter faſt allen Heerführern waren auch unter ſeinem Kommando Bedrückungen der Gemeinden vorge⸗ kommen, welche Klagen veranlaßten und Konflikte herbei⸗ führten. Unter den zahlreichen Verdrießlichkeiten, die er ſich derohalben zuzog, ſtand jene mit dem Richter und der Gemeinde Neuſiedl am See an der Spitze, die ſich ſchon aus dem Jahre 1595 herſchrieb, bis zum Kaiſer in Form einer Beſchwerdeſchrift gelangte und beinahe Roßwurms damals kaum begonnene Karriere gefährdete. Die Wiederhaarigkeit der Munizipalautoritäten, welche damals nicht blos dem Namen nach, ſondern in Wirklich⸗ keit die Intereſſen ihrer Gemeinden vertraten, fachte in dem leidenſchaftlichen Gemüthe des Generals einen Groll gegen den ganzen Stand an, und Bürgermeiſter und Richter, gleichviel woher, waren ihm zum Mindeſten un⸗ liebſame Perſonen. Dieſe unglückliche Stimmung konnte bei einem Manne, der ſich wie Roßwurm ſo wenig auf Verſtellung verſtand, nicht ohne Einfluß bleiben und es war ein eigenthüm⸗ liches Verhängniß, daß Herr Fürſt ſich der Mühe, die Angelegenheit des in Haft befindlichen Mädchens zur Sprache zu bringen, perſönlich unterzog; wäre Lametz⸗ hofer oder irgend ein untergeordnetes Individium er⸗ ſchienen, der Erfolg würde zuverſichtlich ein anderer ge⸗ weſen ſein. Die beiden Herren grüßten ſich, der Feldmarſchall kalt — 150— und gemeſſen, der Bürgermeiſter höflich aber ernſt, mit einer ſogenannten Amtsmiene. Zum Platznehmen eingeladen, ließ ſich Herr Fürſt auf einem Stuhle nieder und ſagte: Excellenz, ich bitte um Vergebung, wenn ich ſtöre! Ich bin eben unbeſchäftigt. Ich würde mit meinem Beſuche nicht behelligt haben, wenn nicht eine Amtsaffaire mich dazu veranlaßt hätte. Der Feldmarſchall ſtutzte. Was hatte er mit den Amtsaffairen des Wiener Bürgermeiſters zu ſchaffen? Beſaß er doch hier zu Lande keinerlei Kommando, was konnte es alſo geben? Er begnügte ſich zu nicken und ſagte ſo gelaſſen als ers eben vermochte: So, eine Amtsaffaire? Ich bitte, mich zu inſtruiren. Vor'einigen Tagen, begann Herr Fürſt, wurde in der Schottenkirche eine salva venia Beſeſſene exorciſirt. Schon wieder? Es werden in Wien ſeit einigen Jahren ſehr viel Teufel ausgetrieben. Das macht, verſetzte der Bürgermeiſter die ſpitze Be⸗ merkung ebenſo erwidernd, weil hier die Zuſammenſtrömung aus aller Herren Länder ſehr groß iſt. Die böſen Geiſter finden ſich ſomit in Wien zuſammen, doch was geht das mich an? Bei dem erwähnten Exorcismus hat ſich in der Kirche unter anderem zuſchauenden Volk auch ein Mädchen be⸗ funden. üb mo au au der iſt mit auf um aben, tte. iener was n als bitte, n der ahren e Be⸗ mung nmen, Kirche n be⸗ — 151— Wie natürlich, das neugierige Frauengeſchlecht muß überall dabei ſein. So iſt's, Excellenz. Im Verlaufe der heiligen Cere⸗ monie hat ſich nun begeben, daß die salva venia Beſeſſene auf ſelbiges Mädchen ausgeſagt hat. Was hat ſie ausgeſagt? Das das Mädchen von einem böſen Geiſt influirt ſei, ja ſie hat ſie geradezu ein Kind des Teufels genannt. Auf dieſe Anklage hin wurde das Mädchen in Haft ge⸗ nommen. Sonderbar, auf Grund ſolcher Beſchuldigung... Eure Excellenz, ich erlaube mir zu bemerken, daß die Anklage aus unverdächtiger Quelle floß, was salva venia Beſeſſene während des Exorcismus ſprechen, kommt wohl aus ihrem Munde, allein, der eigentliche Sprecher iſt der böſe Geiſt, welcher durch den Einfluß des Exorciſten die Wahrheit reden muß, die Anklage iſt daher eine rechts⸗ kräftige. Ich verſtehe mich darauf nicht, antwortete der Feld⸗ marſchall, ich bringe mein Leben damit zu, gegen die Feinde Seiner Majeſtät zu kämpfen, weiß Schanzen zu bauen und Schlachten zu ſchlagen, in Zaubereiaffairen bin ich aber ein Laie, kann daher nicht ermeſſen, in wie ferne Sie Recht haben oder nicht? Eure Excellenz ich wage zu betheuern, daß das Recht auf meiner Seite iſt. Ich weiß es, das Recht befindet ſich jederzeit auf Seite der Herren Bürgermeiſter und wo es gerade nicht der Fall iſt, dort verſtehen Sie es, auf ihre Seite zu prakticiren. — 152— Bei dieſem unbedächtig geſprochenen Worte verdüſterte ſich die Miene des Wiener Bürgermeiſters. Die Beleidigung lag in einem übel gewählten Worte und Herr Fürſt war ſich zu ſehr ſeiner Stellung bewußt, um ſie ſtumm hinzunehmen. Excellenz, erwiederte er im Tone ſeiner Würde, wir Bürgermeiſter handeln Amt nach beſtimmten landesfürſt⸗ lichen Geſetzen und Ordnungen, Praktiken liegen uns eben ſo ferne wie Willkühr und Gewaltmaßregeln, des Bürger⸗ ſtandes einziger und beſter Schutz iſt das Geſetz und jene, die ſich darüber hinausſetzen, werden gebüßt, das heißt, wenn ſie nur ſo hoch ſtehen, daß unſer Arm ſie noch er⸗ reichen kann. Roßwurm fühlte, daß eine Glühröthe ſich über ſeine Wangen ergoß, in den Worten des Bürgermeiſters ſtack eine Drohung, die er in der erſten Sekunde gegen ſich gerichtet wähnte. Als er jedoch nach einigem Beſinnen keinen nur denk⸗ baren Anhaltspunkt dazu fand, ſo beſänftigte er ſich, und um die gereizte Stimmung nicht weiter greifen zu laſſen, ſagte er: Herr Bürgermeiſter, Sie ſcheinen einem meiner Worte einen Sinn unterlegt zu haben, den ich damit nicht verband, verlaſſen wir die betretene Bahn, wohin wir uns nicht verirrt hätten, wären Sie bei dem Gegen⸗ ſtande verharrt, der Sie zu mir geführt. Euer Excellenz, ich habe den Gegenſtand keine Sekunde lang verlaſſen. Ah! nicht möglich! Was geht mich die Beſeſſene an? Leib er ſi eine ein hand ( nur ihn reite eine erbl hein wäl ſonf erte orte ßt, wir rſt⸗ ben er⸗ ene, ißt, er⸗ eine — 153— Was kümmert mich das Exorciſiren in der Schottenkirche, oder das verhaftete Frauenzimmer? Um Vergebung, Excellenz, letztere Perſon iſt ein Mädchen von ungefähr dreizehn Jahren und es wird behauptet, es ſei Ihre— natürliche Tochter! Der Feldmarſchall fuhr wie der Blitz von ſeinem Stuhl empor. Sturm und Wetter flogen über ſein Antlitz, in dieſer Sekunde war ſein Anblick ſchrecklich. Seine Augäpfel rollten fürchterlich, ſeine Miene war bis zum Entſetzen verzerrt, die Zähne knirſchten, der ganze Leib bebte vor Ingrimm. Fortwährend von der Anſicht beherrſcht, alles Unan⸗ genehme werde ihm von ſeinen Feinden bereitet, klammerte er ſich auch jetzt an dieſe Ueberzeugung. Er erblickte in dem, was der Bürgermeiſter ſagte, nur eine Fortſetzung jener Intrigne, die damit begann, ihm ein Portrait in die Hände zu ſpielen und an das Vor⸗ handenſein einer natürlichen Tochter glauben zu machen. Er hegte die unerſchütterliche Ueberzengung, daß Alles nur ein ſchändlich Spiel ſei, erfunden und eingefädelt, ihn öffentlich herabzuſetzen, ihm Verlegenheiten zu be⸗ reiten. Von dieſer Anſicht ausgehend, mußte ihm der Anblick einer unliebſamen Perſon doppelt ärgerlich erſcheinen, jetzt erblickte er in dem Wiener Bürgermeiſter vollends einen heimlichen Gegner, an deſſen Einverſtändniß mit der wälſchen Partei er nicht mehr zweifelte, denn von wem ſonſt konnte die abſcheuliche Intrigue angelegt worden ſein? — Dieſe Stimmungen und Anſichten erklären nicht nur des Feldmarſchalls Grimm, ſondern motiviren auch den Verlauf der Scene, die unter anderen Umſtänden ein günſtigeres Reſultat ergeben hätte. Herr Bürgermeiſter, begann Roßwurm mit zorn⸗ bebender Stimme, Sie vergaßen wohl nicht, daß ich Feldmarſchall und Seiner kaiſerlichen Majeſtät Heer⸗ führer bin? Gerade dieſe Rückſicht, Eure Excellenz, bewog mich zu dem perſönlichen Beſuche und zur mündlichen Rückſprache im Privatwege. Der gutmüthige Ton des Stadtherrn beſänftigte den Heerführer in etwas, er ließ ſich wieder auf ſeinem Sitze nieder und murmelte: Ich danke Ihnen für die Rückſicht, kein Menſch, wenn auch noch ſo hochgeſtellt, iſt vor Ver⸗ leumdung geſchützt— Das eben bedachte ich, als mir die Angabe von wegen jenes Mädchens gemacht wurde. Das Erſcheinen der Mutter und Tochter iſt ſo abenteuerlich.— Sie ſprechen von Mutter und Tochter... In Haft befindet ſich nur die letztere. Sie wurde von ihrer Mutter einem hieſigen Bürger zur Obhut übergeben, die Alte reiſte dann zum Heere nach Ungarn, wie ſie vor⸗ ſchützte, zuverläſſiger aber iſt's, daß ſie fortging, um ſich ein für allemal zu abſentiren. Und wie heißen dieſe Perſonen? Die Mutter giebt vor, Bertha Picaut zu heißen, von einer Marquiſe in der Normandie abzuſtammen, der Tochter Name iſt Hermine. won Bü betr der Eu Da M ge dat Jc rel dir T ſei ri — Und wer behauptet, daß das Mädchen mein Kind ſei, womit oder wodurch wird es bekräftiget? Vorläufig durch gar nichts als durch die Angabe des zorn⸗ Bürgers, dem es die Mutter anvertraut hatte. Was mich ß ich betrifft, ſo bin ich nicht geneigt, dieſen Angaben Glauben zu ſchenken. Mir kommen während meiner Amtsthätigkeit S dergleichen Betrügereien von Abentenuerinnen in Hülle und Fülle vor, und ich weiß ſie zu würdigen. Wenn demnach Eure Excellenz in Ihrem Leben keine Dame Namens Bertha Picaut gekannt haben... Herr Bürgermeiſter, fiel Roßwurm dem Stadtherrn in's Wort, ich ſage nicht, daß ich keine Dame dieſes ich zu rache . Namens gekannt habe.. Ver⸗ Alſo doch... Was ſoll das:„Alſo doch“ bedeuten? Ich kannte eine egen Dame, die ſo hieß, allein es frägt ſich, ob hier keine Miſtifikation der Perſon im Spiele, und ſelbſt im ent⸗ gegengeſetzten Falle bleibt noch immer die Frage offen, ob das Mädchen mein Kind iſt? S Herr Georg Fürſt zuckte die Achſeln und erwiederte: Ich bitte Eure Ercellenz, dieſe Fragen zu beautworten! Die Miene des Feldmarſchalls verdüſterte ſich wieder. ſich Die Zumuthung des Stadtherrn, ſich zu erklären, regte den kaum etwas geſänftigten Zorn Roßwurms neuer⸗ dings auf, er glaubte, ob mit Recht oder Unrecht, in deſſen W Ton einen Ausdruck von Schadenfreude zu entdecken und chter ſein Stolz empörte ſich. Ich hoffe, Herr Bürgermeiſter, entgegnete er, ſich auf⸗ richtend, Sie ſind nicht gekommen, mich Beichte zu hören. Mein Amt iſt kein geiſtliches, antwortete der Stadt⸗ herr niit dem Ausdrucke ſeiner Würde, in gewiſſen Fällen jedoch iſt es vortheilhaft, vor uns keine Geheimniſſe zu haben. Ich habe geglaubt, aus Rückſicht für Euer Excellenz mich erkundigen zu ſollen, ob Sie die Inhaftirte als Ihr Kind anerkennen... Anerkennen? rief der General auffahrend, ſoll ich mich zum Vater der erſten beſten Abenteuerin hergeben? Meinen Sie, daß ich die nichtswürdige Intrigue meiner Feinde nicht durchſchaue, daß ich jene, die mit Ihnen unter einer Decke ſpielen, nicht erkenne? Ercellenz, ich will nicht hoffen, daß Sie Ihren Haß auch auf meine Perſon wälzen? Ich bin zu weiteren Erklärungen nicht geneigt. Die Herren vom Stadrathe ſind meine Freunde nicht und ich, der Wahrheit ſei die Ehre, ich erwiedere ihre Gefühle. Excellenz, ich bitte zu erwägen, daß meine Würde mir nicht geſtattet, mich zum Ziele Ihrer Heftigkeit herzugeben. Sie muthen mir plötzlich die Rolle Ihres Feindes zu, ich weiß nicht, wie ich dazu komme? Ich habe nie etwas ge⸗ than, Sie dazu zu berechtigen. Ich werde Ihnen vielmehr den Beweis liefern, daß ich der Feind des Mannes nicht bin, der für Seine Majeſtät den Kaiſer und für das Land gegen den Erbfeind kämpft. Ich werde das Mädchen als Hexe und die Mutter, ſobald ſie erſcheint, als Aben⸗ teuerin behandeln laſſen, welche den Namen Eurer Excellenz mißbrauchte. Thun Sie, was Ihnen beliebt, und laſſen Sie mich aus dem Spiele. zuzt Ver ſo hetz zu har den kan mir nic der abe adt⸗ illen zu lenz Ihr nich nen inde iner mir en. ich ge⸗ ehr cht en en⸗ enz — 5 Der Stadtherr grüßte ernſt und kalt und ging von dannen. Roßwurm ſandte ihm noch einen wüthenden Blick nach und begann dann in einer aufgeregten Stimmung im Gemach auf und nieder zu ſchreiten. Das Mißtrauen iſt ein Gefühl, das ſich bis zur Leidenſchaft ſteigern kann und dann Widerſinnigkeiten be⸗ geht. wie andere Leidenſchaften. Der Unbefangene entdeckt ſie ohne Mühe, ſie liegen ſo klar da, daß er ſich wundert, ſie begangen zu ſehen, und doch wurden ſie begangen, im Wahn des Rechts be⸗ gangen. Der Feldmarſchall trug die Ueberzeugung einer eben erlittenen Anfeindung in ſich und war empört darob. Er hatte dem Prior zugeſagt, den Winter in Wien zuzubringen, die eben ſtattgehabte Scene ließ ihn ſein Verſprechen bereuen. Wie, rief er, ich ſoll in Wien bleiben, wo die Intrigue ſo thätig iſt, daß ſie ſogar das Bürgervolk gegen mich hetzt und die Frechheit hat, mich in einen gemeinen Prozeß zu verwickeln, wo es ſich um Zauberei und Beſeſſenheit handelt? Nimmermehr, ich bleibe in keinem Falle hier, ich reiſe ab und zwar ſchon nächſter Tage. Ich werde dem Prior meinen geänderten Entſchluß mittheilen, ich kann ſeiner Warnung keinen Glauben ſchenken. Wenn mir Unglück droht, ſo kann's nur hier in Wien ſein und nicht in Prag. Er hat ſich vermuthlich in der Deutung der Konſtellation geirrt, Prag iſt mir nicht gefährlich, wohl aber Wien, darum fort von hier, fort, je eher deſto lieber! — 158— Was der wohlmeinende Freund im Kloſter durch die Macht ſeines Einfluſſes erreicht hatte, war im Nu ver⸗ wiſcht, der neu gefaßte Entſchluß war beſeitigt und der früher beſtandene trat wieder in ſeine Rechte. Und der Marquis Baſſompiere, wird der Leſer fragen, that er nichts, den Freund von ſeinem Irrthume zurück⸗ zuführen? Wir müſſen dieſe Frage verneinen und hinzuſetzen, daß ihn darob nur eine geringe Schuld trifft. Wie der Stand der Dinge war, wußte Baſſompiere nicht, daß der ihm empfohlene Junker von Schlaginweit und Bertha von Picaut eine und die nämliche Perſon ſeien, ebenſowenig ahnte er, daß Bertha's Tochter bei Meiſter Lametzhofer weile. Zwar hätte es in der Ordnung der Dinge gelegen, daß der Marquis bei ſeinem Wiedereintreffen in Wien den Fechtmeiſter von dem Unglücke, welches deſſen Schütz⸗ ling betraf, in Kenntniß ſetze und in dieſem Falle würde es zu Erklärungen gekommen ſein, welche das Verhalten des Feldmarſchalls bedeutend modificirt hätten, allein die Leicht⸗ fertigkeit des jungen Kavaliers ließ ihn weder an Berthold noch an den Meiſter denken und ſeine Genußſucht ver⸗ leitete ihn, in Wien die zahlreichen Zerſtreuungen zu ſuchen, die man füglich zu jenen Gelegenheiten rechnen kann, welche Diebe machen, und zwar— Zeitdiebe. Baſſompiere— wie er ſelbſt in ſeinen Memoiren geſteht — ſetzte mit jungen aus⸗ und inländiſchen Kavalieren das vergnügliche Leben mit voller Befriedigung fort, die oben her⸗ vorgehobene Nachläſſigkeit wird daher Niemanden befremden. N E aus Mißſ dem wiche G dete ſprech 2 2 läche keine genei „ die ver⸗ der gen, rück⸗ daß piere weit rſon bei gen, Dien hütz⸗ ürde des icht⸗ hold ver⸗ hen, ann, ſteht das her⸗ den. — 159— Es wurde bereits erwähnt, daß er ſich auf dem Wege aus dem Kloſter bei der Wahrnahme von des Freundes Mißſtimmung zurückhaltend und nachſinnend benommen. Um nicht aufdringlich zu erſcheinen, hielt er ſich von dem Freunde ferne, zuwartend, bis die Verſtimmung ge⸗ wichen. Eines Abends, als Baſſompiere nach Hauſe kam, mel⸗ dete ihm ſein Diener, der Feldmarſchall wünſche ihn zu ſprechen. Der Marquis begab ſich hinüber. Nun, lieber Francvis, ſind ſie reiſefertig? Auf dieſer Frage Roßwurm's erwiederte der Marquis lächelnd: Ich bin es zu jeder Stunde, womit ich jedoch keineswegs geſagt haben will, daß ich Wien zu verlaſſen geneigt ſei. Sie wollen mich alſo allein abreiſen laſſen? Warum dieſe plötzliche Eile? Ich ſagte Ihnen doch gleich bei unſerer Ankunft, daß wir hier nicht lange verweilen würden. Wir ſind aber erſt drei Tage anweſend und ich war der Hoffnung, unſer hieſiger Aufenthalt dürfte ſich min⸗ deſtens auf vierzehn Tage ausdehnen. Sie gefallen ſich demnach in Wien? Ich amüſire mich und bedaure, daß Ihre höſe Laune Sie an dem Vergnügen nicht Theil nehmen läßt. Um ſich zu vergnügen, mein Freund, muß man eine Ruhe des Gemüthes mitbringen, die ich jetzt nicht beſitze Darf ich fragen, was Ihnen begegnet iſt? Seit dem Beſuche im Franziskanerkloſter iſt Ihre Stimmung geändert. — 160— Man hat mich dort vor der Reiſe nach Prag gewarnt. Und Sie ſtreben mit einer fieberhaften Eile dahin? Welch ein Widerſpruch? Weil hier die Intrigue bereits thätig iſt, mir Ver⸗ druß zu bereiten. Sie wiſſen doch, daß der hieſige Bürger⸗ meiſter bei mir war? Davon weiß ich nichts. Es befindet ſich hier ein Mädchen in Haft, von dem behauptet wird, es ſei die Tochter Bertha's von Picaut und mein Kind. Baſſompiere ſtarrte den Feldmarſchall überraſcht an. Dieſer fuhr fort: Ich erkannte augenblicklich, daß es ſich um eine Fortſetzung deſſen handle, was man mit der Zuſendung des Portraits begann. Haben Sie das Mädchen geſehen? Wozu? Soll ich durch das Intereſſe, welches ich an einer fremden Perſon nehme, dem Verdachte, als ſei ſie wirklich meine Tochter, Berechtigung verſchaffen? Baſſompiere gab durch eine Pantomime ſeine Miß⸗ billigung zu erkennen. Was gedenken Sie zu thun? fragte er nach einer Weile. Sie hörten es ja, abzureiſen. Weſſen iſt das Mädchen angeklagt? Sie wurde beinzichtigt, von einem böſen Geiſte be⸗ ſeſſen zu ſein. Und Sie wollen ſie ihrem Schickſale überlaſſen? Soll ich etwa in die feindliche Falle gehen, die mir eigens geſtellt wurde? Ur wirkli R Menſ V keine jener war wurde daß Verhi ſo hä verſtr Recht Zeit der A mich kann ignor keit z ſicht, dieſ rnt. in Ber⸗ ger⸗ dem aut iner be⸗ mir — 161— Und wenn es keine Falle wäre? Wenn das Mädchen wirklich Ihr Kind iſt? Roßwurm ſchaute den Marquis mit der Miene eines Menſchen an, dem Unmögliches unterſtellt wird. Wir wollen uns über dieſen odioſen Gegenſtand in keine unnütze Diskuſſion einlaſſen, ſagte er unmuthig, ſeit jener unſeligen Affaire ſind vierzehn Jahre verfloſſen, ich war während dieſer Zeit nicht verſchollen, mein Name wurde in ganz Europa genannt und alle Welt wußte, daß ich in öſterrreichiſchen Dienſten ſtehe. Hätte jenes Verhältniß mit Bertha wirklich die traurige Folge gehabt, ſo hätte das Fräulein eine ſolche Reihe von Jahren nicht verſtreichen laſſen, ohne mich in Kenntniß zu ſetzen und Rechte zu beanſpruchen. Da aber während dieſer ganzen Zeit keine derartige Nachricht mir zukam, ſo bin ich von der Anſicht durchdrungen, man treibe, um mich zu ärgern, mich herabzuſetzen, ein abſcheulich Spiel. In dieſem Falle kann ich nichts Klügeres thun, als den ganzen Handel zu ignoriren, bis die Plane meiner Feinde in ihrer Nichtig⸗ keit zuſammenſtürzen. Das, mein Freund, iſt meine An⸗ ſicht, mein unwandelbarer Entſchluß und ich bitte Sie, dieſes Thema ein für alle Mal nicht mehr zu berühren. Baſſompiere zuckte die Achſeln, wie ungefähr ein Arzt bei einem eigenſinnigen Patienten und ſchwieg. Er fühlte das Unrecht des Feldmarſchalls, beſaß aber nicht jene der entrüſteten Moral eigenthümliche Kraft, dem hochgeſtellten Freunde entgegenzutreten, um ihn von ſeinem Irrthume zurück zu führen. Roßwurm andererſeits war zu ſehr Kavalier, um dem E. Breier. General Roßwurm. 1I. 11 — Freunde durch Zureden irgend einen Zwang anzuthun, da er ſeine Abreiſe ſchon für den nächſten Tag feſtgeſetzt hatte, verabſchiedete er ſich von ihm und Baſſompiere ver⸗ ſprach baldigſt nachzukommen. Roßwurm, als er Wien im Rücken hatte, athmete frei auf; glaubte er doch einer ſchlau geſponnenen Intrigue ſich zu entziehen und trug er doch den Ring am Finger, welchen Pater Lactantius präparirt hatte und deſſen Inhalt ihn vor jeder Schmach bewahren ſollte. Es war ein eigenthümliches Verhängniß, welches ihn nach Prag zog. Ihm ſelbſt unbewußt, zog die Ahnung der Zukunft durch ſeine Seele, indem er dem Unglücke zu entfliehen vermeinte, ging er ihm blindlings entgegen. Wenn in irgend einem Menſchenleben, ſo findet in dem Roßwurms der Spruch des großen Dichters ſeine Beſtätigung, daß der Fluch der böſen That eben ſei, fort⸗ während Böſes zu erzeugen. 2 thäti mach mit berei 2 jagte in V und Verd G E — nung mant 9 C „ da eſetzt ver⸗ frei rigue nger, nhalt ihn kunft iehen et in ſeine fort⸗ Elftes Kapitel. Siona beginnt die Fäden ihrer Intriguen zu knüpfen. Während die Freundſchaft gar oft läſſig iſt und un⸗ thätig, kann man der Feindſchaft dieſen Vorwurf ſelten machen. Feinde ſind immer auf der Lauer, ſtreben und wirken mit fieberiſcher Haſt, wenn es gilt, dem Gegner Böſes zu bereiten. Während Baſſompiere in Wien Vergnügungen nach⸗ jagte und Mannespflicht vernachläſſigte, athmete ein Weſen in Wien, welches für Roßwurm mit Todeshaß erfüllt war und ſein Sinnen und Trachten nur darauf richtete, ihm Verderben zu bringen. Es war die Griechin— Siona Girma. Sie hatte im Tiefen⸗Graben eine beſcheidene Woh⸗ nung bezogen, lebte eingeſchränkt und einſam, von Nie⸗ mandem beſucht, als von dem Marcheſe Furlani. Roßwurm weilte in Wien, das genügte ihr. Sie erfuhr es durch Furlani, der in ihrem Auftrage Kunde einzog, jedoch die Weiſung hatte, ſich dem Feld⸗ marſchall nicht zu nahen. Der Marcheſe ſchmachtete bereits zu Füßen der Ver⸗ führerin, ſie hatte ihn mit Roſenfeſſeln umſchlungen, er war— obgleich Siona ihn nie die Herrin fühlen ließ— ihr gehorſamer Sklave geworden. Wagig und unternehmend ſind die Leidenſchaften alle, konſequent iſt nur die Rache. Mit beharrlichem Eifer verfolgt ſie ihren Weg, ebnet ſich den Plan, und ſteht ein Berg, ein unüberſteigliches Hinderniß ihr entgegen, ſo umgeht ſie ihn, ſie verliert zwar Zeit, aber nicht den Muth, nicht die Ausdauer. Wie einer Feſtung mittelſt Laufgräben nähert ſie ſich oft in weitläufigen Linien, aber gedeckt und geſchützt, dem Feinde, und richtet dann ihre zerſtörenden Geſchoſſe auf ihr Opfer. Siona hatte ſich in dem Marcheſe einen Gehülfen herangezogen, aber ſie hütete ſich, ihn in ihre Abſichten und Zwecke einzuweihen, denn wie der Spruch ſehr wahr behauptet, wem nicht zu trauen iſt, der traut auch An⸗ deren nicht. Und ein treuloſeres Geſchöpf, wie ſie ſelbſt, konnte es doch kaum geben. Der von glühender Leidenſchaft erfüllte Italiener, der blos für die Reize der Griechin Augen, für ihre ſüßen Verſprechungen Ohren beſaß, ahnte nicht, daß er als Werkzeug benutzt werde, einem Gefühle zu fröhnen, welches zur Liebe den entgegengeſetzten Pol bildet. Eines Tages kam Furlani mit ungewöhnlicher Haſt in die die Sie Uel reit wir ben alle, ebnet gliches erliert er. t, dem ehülfen ſüßen er als velches — 165— die Wohnung der Griechin. Siona reichte ihm, wie mer die Hand zum Kuſſe, lächelte ihm freundlich zu und ſagte: Sie ſind, wie ich wahrnehme, zu mir geeilt. So iſt es auch, Fräulein. Kann ich dieſe Eile als ein Compliment begrüßen? In jedem Falle iſt ſie ein Beweis meiner Liebe. Davon kann man niemals zu viel empfangen. Und wahre Liebe wird auch nie müde, ſie zu liefern. Ich wünſche nichts ſehnlicher, Herr Marcheſe, als die Ueberzeugung davon zu gewinnen. Der Same ruht be⸗ reits in meiner Seele. Gönnen Sie ihm Zeit und er wird keimen und ſproſſen. Mein Herz liegt offen vor Ihnen, ich mache aus meinen Gefühlen kein Hehl, glau⸗ ben Sie mir, Beharrlichkeit führt zum Ziele. Man nahm Platz. Furlani begann: Ihr Wunſch, mich dem Feldmarſchall Roßwurm, den ich perſönlich kenne, nicht zu nähern, läßt mich auf eine Antipathie ſchließen, die Sie gegen den General fühlen. Ich läugne ſie nicht; Roßwurm iſt ein Mann der Gewalt, ein trotziger, unbändiger Charakter, ich zittere für Jeden, der ſich ihm naht. Man thut gut, ſolchen Menſchen fern zu bleiben. Dieſe Befürchtung lag meinem Wunſche zu Grunde. Nun, von heute an können Sie vollkommen ruhig ſein. Siona horchte auf. Der Feldmarſchall, erklärte Furlani, iſt abgereiſt. Wohin? Nach Prag. Er wird den Winter über dort verbleiben. — 166— Ihrer früheren Angabe zu Folge hatte er doch Wien ür einen längeren Aufenthalt auserſehen. So war's auch beſtimmt, ich weiß es aus dem Munde des Gaſthausbeſitzers, mit dem der Haushofmeiſter Roß⸗ wurms wegen der Wohnung bereits zu verhandeln begann, allein es iſt wahrſcheinlich, daß ein eigenthümliches Er⸗ eigniß ihn ſeinen Entſchluß ändern ließ und zur ſchleu⸗ nigen Abreiſe veranlaßte. Was iſt das für ein Ereigniß? Wie ich Ihnen bereits mittheilte, bin ich mit dem kai⸗ ſerlichen Stadtanwalte Herrn Andreas Schellenberger per⸗ ſönlich bekannt und in ſeinem Hauſe ein gut gelittener Gaſt. Ich benütze fleißig die Gelegenheit, denn die Ge⸗ ſellſchaften bei ihm werden geſucht, weil man gewiß iſt, was ſich in Wien Neues begiebt, dort zu erfahren. Männer aus allen Kanzleien finden ſich bei ihm ein und tragen ihm das Neueſte zu, wie viele Bienen den Honig in einem Korbe ſammeln. Geſtern war ich nun wieder bei Schellen⸗ berger und man ſprach von einem unangenehmen Auftritte des Bürgnrmeiſters mit dem Feldmarſchall. Was gab die Veranlaſſung dazu? Bei einem hieſigen Fechtmeiſter, Lametzhofer, befand ſich ein dreizehnjähriges Mädchen in Obhut, welches Roß⸗ wurms natürliche Tochter ſein ſoll. Die Griechin horchte hoch auf; der Marcheſe fuhr in ſeiner Mittheilung fort, das Ereigniß in der Schotten⸗ kirche, die Verhaftung Herminens, die Veranlaſſung und den Erfolg des Bürgermeiſterbeſuches bei Roßwurm er⸗ ählend. —————— au B der knt au ihr un w nu wi un ih we ge de zu Wien tunde Roß⸗ gann, chleu⸗ kai⸗ per⸗ ttener Ge⸗ ß iſt, änner ragen einem ellen⸗ ftritte efand Roß⸗ hr in otten⸗ und n er⸗ Mit wie großem Intereſſe Siona dieſe Neuigkeiten aufnahm, braucht nicht erſt hervorgehoben zu werden, der Inſtinkt der Intrigue, der ihr angeboren war, wie der der Anhänglichkeit dem Hunde, ließ ſie ſogleich den An⸗ knüpfungspunkt erkennen, es war ein Grund gefunden, auf den ſie fortbauen konnte. Nachdem der Marcheſe zu Ende gekommen, wiegte ſie, ihre eigentlichen Gedanken verbergend, das ſchöne Haupt und ſagte, Theilnahme heuchelnd: Das arme Kind, es wurde vom eigenen Vater verleugnet, ohne daß er es auch nur der Mühe werth erachtete, ſie eines Augenſcheines zu würdigen. Wem war das Mädchen anvertraut? Dem Fechtmeiſter Lametzhofer. Und die Mutter? Wo befindet ſie ſich? Sie zog zum Heere nach Ungarn. Eine Frau zum Heere? Das erſcheint mir dunkel. Zufolge der Angabe des Fechtmeiſters ſei es geſchehen, um ſich dem Vater des Kindes zu nahen. Siona überließ ſich dem Fluge ihrer Gedanken, in ihrem Geiſte begann es zu dämmern, ſie glaubte den wahren Sachverhalt zu errathen. Wenn der Feldmarſchall der Vater des Mädchens iſt, ſo müßte ſie mit ihm zuſammen getroffen ſein, bemerkte die Griechin und blickte dabei den Marcheſe fragend an. Dieſer wußte darauf keine befriedigende Antwort zu geben, denn wie man ſich erinnern wird, bot Lametzhofer dem Bürgermeiſter darüber keine Aufklärung. Siona faßte den Vorſatz, ſich ſie zu verſchaffen, und zwar ohne Hilfe Furlani's. — 168— Um die Unterhaltung nicht auffallend abzubrechen, ließ ſie dieſelbe noch eine Weile in dem Geleiſe ſich bewegen, lenkte ſie dann unvermerkt auf eine andere Bahn und fand bald Gelegenheit, den Beſuch Furlani's abzukürzen. Kaum hatte er ſich entfernt, als auch ſie ſich auf den Weg machte, und zwar vorerſt, um die Wohnung des Fechtmeiſters zu erforſchen. Dies gelang ohne Zeitverluſt, denn Lametzhofer war eine bekannte Perſönlichkeit und ſeine Kunſt bedingte aus⸗ gebreitete Bekanntſchaften. Nachdem Siona ihren Zweck erreicht hatte, verfügte ſie ſich in die Schulenſtraße in die Wohnung des Meiſters. Dieſe betretend, wurde ſie von einer Frau empfangen. Wohnt hier Herr Kaſpar Lametzhofer? Zu dienen. Ich wünſchte mit ihm zu ſprechen. Er iſt eben abweſend. Um ſo beſſer, dachte Siona, die in richtiger Beurthei⸗ lung bei der Frau leichter ihren Zweck zu erreichen hoffte, als bei dem Manne. Die Fechtmeiſterin ſchaute die ſchöne junge Dame von der Seite an und dachte:„Was hat die mit meinem Manne zu verkehren?“ Ich bedaure, Herrn Lametzhofer nicht daheim zu treffen, ſagte die Griechin, die Angelegenheit, die mich hierher führt, iſt dringend. Mein Mann wird vor Abend kaum nach Hauſe kom⸗ men, was wünſchen Sie? Muß es denn gerade er ſein, den die Gnädige ſo dringend zu ſprechen wünſcht? ein tet ſin klö 8 8 8 8 SS( 8 thei⸗ ffte, von nem ffen, rher om⸗ ſein, — 169— Der pikirte Ton der Hausfrau veranlaßte Siona zu einem leiſen Lächeln. Ich würde mich auch an Sie wenden, liebe Frau, lau⸗ tete die Antwort, wenn ich wüßte, ob Sie in der Lage ſind, mir in einer gewiſſen Angelegenheit die nöthige Auf⸗ klärung zu bieten. Oh, ich bin in der Lage, zuverläſſig bin ich's, mein Mann hat vor mir keine Geheimniſſe, Gottlob, was er weiß, davon bin ich auch in Kenntniß. Dann erlauben Sie, daß ich mich niederlaſſe. Ich bitt um Entſchuldigung, ich hätt gewiß gleich einen Sitz angeboten, allein ich wußte nicht, daß ſie ſich auch mit meiner Wenigkeit begnügen würden, ich meinte, Sie wünſchten expreſſe mit meinem Mann zu ſprechen, was mir auffallend und wenig angenehm geweſen wäre. Wie Sie hören, gnädige Frau, bin ich ein grader Michl, ich ſteck mir kein Blatt vor's Maul, mein Mann, man kann ihm nichts Uebles nachreden, indeſſen, er bleibt alle⸗ weile doch nur ein Mann, und Katzen laſſen das Mauſen nicht. So, jetzt ſitzen wir, ich bitte alſo, mir zu ſagen, was Sie wünſchen. Es bedurfte nur geringe Menſchenkenntniß, um eine Frau, die ſich ſelbſt ſo charakteriſirte, zu beurtheilen. Siona nickte alſo, zufrieden mit dem Befunde— was Frau Eva natürlich zu ihren Gunſten deutete— und ſagte hierauf: Ich danke dem Zufalle, der mich Sie allein treffen ließ, denn die Angelegenheit, die mich hierher führt, betrifft eine Frau, ſie kann alſo am beſten wieder von Frauen verhandelt werden. Sie kommen wegen einer Frau? Um Gott, mein Mann iſt ſeiner Kunſt nach ein Fechtmeiſter und miſcht ſich doch allſeits in Frauenenſachen. Dem muß ein Ende gemacht werden, er hat ſich zwar bis nun in Schranken gehalten, allein Gelegenheit erzengt Diebe, und wenn mir's recht iſt, fängt er an, ſeit einiger Zeit die Ge⸗ legenheiten zu ſuchen, ſtatt ihnen aus dem Wege zu gehen. Ich will zur Sache kommen. Thun Sie es, liebe Gnädige, ich bin ganz Ohr! Sie hatten ein Mädchen in Obhut, welches ſich gegen⸗ wärtig in Haft befindet. Dem Allmächtigen ſei es geklagt, daß dem ſo. Mein Mann hat ſich damit einen förmlichen Mühlſtein an den Hals gebunden. Ich rieth von der Sekunde an: Kaſpar, ſteck die Hand nicht in's Feuer, Du wirſt Blaſen kriegen, Proſt die Mahlzeit, er that's doch und jetzt kann er blaſen bis zum jüngſten Tag, ja er kann Trübſal und Noth blaſen, denn ſolches bricht herein, ich fühl's bereits in allen Gliedern. Das Mädl iſt vom Teufel beſeſſen, das Mädl war, wie alle Welt weiß, in unſerem Hauſe, was folgt daraus, daß es auch mit uns nicht richtig iſt. Wer aber wird zu einem Menſchen in die Fechtſchule gehen, der vom Böſen inficirt iſt, und inficirt ſind wir einmal. Das Mädchen iſt die Tochter des Feldmarſchalls... So iſt's leider Gottes. Seine Gnaden der Herr Bürgermeiſter haben ſich zum Roßwurm begeben, was ge⸗ ſchah, der Indas hat ſein eigen Kind verleugnet. Ich ſagt' es im Voraus, mit dem Roßwurm ſei nicht wohl aus Einer Schüſſel Kirſchen zu ſpeiſen, er ſchmeißt einem die do eir an m m ge B e9 — 171— die Kerne in's Geſicht, und richtig kam's ſo. Sie wiſſen doch, daß er Seiner Gnaden unſerem Herrn Bürgermeiſter das Licht ausblaſen wollte.— Davon hört' ich nichts, mir erzählte man blos von enn einer heftigen Scene... Ge⸗ Oh, Du mein Heiland, die Herren ſind ja förmlich hen. aneinander gerathen, der Satan hat dem Herrn Bürger⸗ meiſter die flache Hand auf's Geſicht gelegt, und deshalb mußte er auf Befehl Seiner fürſtlichen Durchlaucht des en⸗ Erzherzogs flugs abreiſen. Das Unglück iſt aber bereits geſchehen, Seine Gnaden haben einen aufgelaufenen bein Backen, die Stadt Wien hat einen geſchwollenen Bürger⸗ den meiſter. ar, Sie ſind übel berichtet, werthe Frau Lametzhofer, an en, dem Allen iſt kein wahr Wort. Doch um wieder auf die ſen Frauen zu kommen. oth Was Frauen! Abenteuerinnen ſind ſie, die Mutter in wie die Tochter. Ein böſer Wind wehte ſie nach Wien as und meinem Gatten an den Hals. Hätt' er ſie, wie ich as wollte, abgeſchüttelt, würd' er uns Verdruß, Laufen, er Rennen und Schaden erſpart haben. Seit einigen Tagen er ſind wir ja förmlich einlogirt auf den Stadthäuſern. R Bald heißt's zum Bürgermeiſter, dann wieder zum Stadt⸗ ſchreiber, zum Stadtrichter, und der liebe Gott weiß zu rr wem noch. Und überall wird geſchrieben, werden Proto— e⸗ kolle aufgenommen, wie ſie das Ding nennen. Bedenken ch Sie nur, jedes Wert, welches man ausläßt, wird feſtge⸗ hl nagelt, man traut ſich faſt nicht mehr zu reden. Sogar nach meinem Alter haben ſie geforſcht, was geht ſie mein — 172— Alter an? Ich bin zwar nicht mehr jung, allein um zu heren bin ich wahrhaftig noch nicht alt genug, und wenn mir's recht iſt, möcht' man mich gerne auf den Scheiter⸗ haufen bringen. Hat man auch nach der Mutter des Mädchens ge⸗ forſcht? Freilich thaten ſie es, allein was weiß ich von der Mutter, ſie hat nie bei uns gewohnt, ſie erſchien nur ein⸗ mal zum Beſuch und da blieb ſie nur kurze Zeit. Sie begab ſich dann zum Heere nach Ungarn. So ſagt mein Mann. Und wo weilt ſie jetzt? Weiß ich's? Wahrſcheinlich lungert ſie in der Welt herum. Wenn der Roßwurm der Vater ihres Kindes iſt, warum begab ſie ſich nicht zu ihm? So frug auch ich? Den Roßwurm aufzufinden war doch nicht ſchwer; man erkennt die Kirche an dem Thurm und den Teufel an dem Bocksfuß. Sagen Sie mir, werthe Frau Lametzhofer, iſt Ihnen der Name„Schlaginweit“ bekannt? Allmächtiger, ſoll ich meinen Familiennamen nicht kennen? Kennen Sie einen gewiſſen Berthold von Schlaginweit? Nein, es giebt in meiner ganzen Familie keinen ſolchen. Wie ich wahrnehme, anvertraut Ihr Gatte Ihnen doch nicht alle ſeine Geheimniſſe— Wie, zeterte Frau Eva, iſt es möglich, er hat Ge⸗ heimniſſe vor mir? — 173— Hören Sie mich an. Forſchen Sie doch bei Ihrem Manne, ob die Mutter des verhafteten Mädchens ſich nicht als Mann verkappt, unter dem Namen Berthold von Schlaginweit zum Heere nach Ungarn begeben hat, darüber Gewißheit zu erlangen, kam ich hierher. Meinen Sie von Ihrem Gatten die Wahrheit nicht herausbringen zu können, ſo überlaſſen Sie es mir. Nein, nein, rief die Fechtmeiſterin, welche durch die neue Enthüllung in neue Aufregung verſetzt war, ich krieg's ſchon heraus und will's Ihnen dann mittheilen. Alſo zum Manne hat ſie ſich vermummt, oh, welche Schmach! Aber es ſieht ihr gleich, es liegt in ihrem aben⸗ teuerlichen Weſen und mein Kaſpar hatte auch dabei die Hände im Spiele, oh, der gottvergeſſene Menſch, was Alles werde ich von ihm noch hören müſſen? Die Nach⸗ barinnen prophezeihten mir's immer, daß ſtille Waſſer tief graben, ich hätt' darauf achten ſollen, ich that's nicht, jetzt hab' ich die Beſcheerung. Fran Eva hätte wer weiß wie lange fortgeklagt und gezetert, würde die Griechin ſie nicht darin unterbrochen und auf den Gegenſtand der Unterhaltung zurückgelenkt haben. Sie ging ihr mit gutem Rathe zur Hand, wie ſie die Verhandlung einleiten ſolle, was die gekränkte Ehefrau mit gerührter Seele annahm. Siona entfernte ſich, nachdem die Fechtmeiſterin mit ihr für den nächſten Tag eine abermalige Zuſammenkunft unter vier Augen verabredet hatte. Der arme Lametzhofer, über den, ohne ſein Verſchulden, des Ungemaches ſo viel gekommen war, hatte an dieſem Abende einen erſchrecklichen Sturm zu beſtehen. Fran Eva bediente ſich der alten, ſelten unfruchtbaren Taktik, das, was ſie eigentlich erſt erfahren wollte, als Thatſache feſtzuſtellen und ſtürmte mit dieſer Waffe auf ihren Gatten ein. Der Fechtmeiſter fiel aus den Wolken, als er auch den letzten Schleier zerriſſen ſah. Es ſiel ihm nicht ein, die Thatſache in Abrede zu ſtellen, denn er hatte vollauf zu thun, die Anſchuldigungen, welche ſeine Gattin damit verband, abzuwehren. Er beſchwor ſie, ſein Unglück nicht noch zu ſteigern und den häuslichen Frieden nicht durch ein ganz unbe⸗ rechtigtes Mißtrauen zu verſcheuchen. Von einem häuslichen Frieden, klagte die Ehefrau, iſt bei uns ohnedem keine Rede mehr, und wo nichts iſt, hat auch der Kaiſer kein Recht. Du laſſeſt Dich nicht nur mit Abenteuerinnen in Händel ein, ſondern unterſtützeſt ſie ſogar in ihren Betrügereien und mißbrauchſt dazu den ehrlichen Namen der Familie, welcher ich entſtamme. Ich bin ein unglückliches Weib, denn ich habe einen leicht⸗ fertigen Mann! In dieſer Weiſe ging es fort und Lametzhofer, von Aerger getrieben, war ſchon daran, das Haus zu ver⸗ laſſen, als Frau Eva einzulenken begann, wohl wiſſend, daß Saiten, die man zu ſtark ſpannt, reißen, und ſo weit es zu treiben, lag doch nicht in ihrer Abſicht. Ein Scheinfriede wurde geſchloſſen, denn ganz zu ent⸗ waffnen weigerte ſich die Fechtmeiſterin hartnäckig. was ſtan wiſf Fiſi Sch von Me Ker er lei Als Lametzhofer ſie fragte, wie ſie zur Kenntniß deſſen, was den Streit veranlaßte, gelangt ſei? enthielt ſie ſich ſtandhaft jeder befriedigenden Auskunft. 6 Am anderen Tage erfuhr die Griechin, was ſie zu uf wiſſen wünſchte, nämlich, daß die Frau, die ſie in der Fiſcherhütte bei Ofen unter der Maske des Junkers von 4 ch Schlaginweit entdeckt hatte, die Mutter des verhafteten Mädchens ſei, ſie erfuhr auch die wahre Abſicht Bertha's zu von Picaut und erlangte die Gewißheit, in wie weit der n, Marquis von Baſſompiere in der Sache betheiligt war. Da ſie durch Furlani auch von deſſen Anweſenheit in 5 Kenntniß geſetzt war, ſo ließ ſie ſogleich nachforſchen, ob * er ebenfalls abgereiſt ſei. Sie erfuhr das Gegentheil. ſt Dieſer Kunde gemäß faßte ſie einen Entſchluß und t ſchritt bei dem nächſten Beſuche Fuvlani's zu deſſen Aus⸗ it führung. e Der Marcheſe fand Siona in einer ungewöhnlichen Erregung. Schon nach der erſten Bewillkommnung zeigte ſie Symptome ihrer erheuchelten Stimmung. Sind Sie unwohl? fragte der beſorgte Anbeter. Wie kommen Sie zu dieſer Frage? Ich fürchte, es wahrzunehmen. Ich hatte eine unruhige Nacht, bekam er zur Antwort. Sie ſollten einen Arzt zu Hilfe rufen. Die Schöne ſchüttelte den Kopf und erwiederte: Ich leide nicht körperlich. Alſo geiſtig? — 176— Ein Leiden kann man eigentlich, was ich fühle, nicht nennen, es iſt eine Idee, die mich aufregt. Darf man nach dieſer Idee forſchen? Wozu würde es führen? Eine Verwirklichung möchte dennoch ſchwer zu erreichen ſein. Sprechen wir nicht mehr davon. Furlani ſeufzte und ſagte: Ich wahrnehme mit Be⸗ dauern, daß Ihr Vertrauen zu mir noch lange nicht jene Höhe erreicht hat, die einem innigeren Gefühle, wenn es Platz greifen ſoll, vorangehen muß. Die Griechin ſchaute ihn mit glückverheißendem Blicke an und flüſterte: Sie verkennen mich und mißdeuten meine Worte. Nicht Mangel an Zutrauen feſſelt meine Zunge, ſondern die Scheu, eine Idee, die mich ſeit geſtern erfüllt, für eine Laune gehalten zu ſehen. Ich bitte Sie, dieſe Scheu bei Seite zu ſetzen und mir Ihre Gedanken mitzutheilen. Sie gedenken wohl noch unſerer Unterhaltung von geſtern? Wir ſprachen, ſoviel ich mich entſinne, vom Marſchall Roßwurm. Und von dem verhafteten Mädchen, ſeiner natürlichen Tochter. Ich erzählte Ihnen... Das Andere zu erwähnen iſt überflüſſig, wir wollen bei dieſer Hauptſache bleiben. In meinem Innern er⸗ wachte eine Theilnahme für das unglückliche Geſchöpf, doch was ſag' ich, Theilnahme iſt ein viel zu kaltes Wort, um meine Empfindung auszudrücken. Ich habe mich in Ge erfe fuh imr zu leil gef her t, nir on all en en rt, in — 177— Gedanken in ihre Lage verſetzt und der bitterſte Schmerz erfaßte mich, eine wahre Seelenpein. In dieſer Stimmung fuhr mir ein Gedanke durch den Kopf, ein Gedanke, der immer wiederkehrte, wie ſehr ich mich auch bemühte, ihn zu bannen. Und dieſer Gedanke? Iſt... doch wozu davon ſprechen?... Siona, ich flehe Sie an, nicht zurückzuhalten. Sprechen Sie, ich bitte Sie darum. Es füllt mir ſchwer zu glauben, daß ein Vater ſein leiblich Kind, wenn es ihm von der Mutter entgegen⸗ geführt wird, zu verleugnen im Stande ſein ſollte! So herzlos iſt Keiner, ſelbſt Roßwurm nicht. Er that es dennoch... Aber unter welchen Umſtänden? Man verhaftet hier ein Mädchen, welches als Hexe angeklagt wird, ein Bürger giebt an, die Angeklagte ſei eine natürliche Tochter des Generals, der Bürgermeiſter begiebt ſich zu dieſem und ſtellt Nachfrage an; wer weiß, in welcher Weiſe dies ge⸗ ſchah? Roßwurm iſt ſtolz, heftig und empfindlich. War da von ſeiner Seite eine zuſtimmende Antwort zu er⸗ warten? Ließ ſich vorausſetzen, daß er in ſeiner Stellung ſich für eine Perſon erklären werde, welche unter ſo aben⸗ teuerlichen Umſtänden in einer ſolchen Lage ſich befindet? Man kann von dem Feldmarſchall das Schlimmſte ur⸗ theilen, in dem gegebenen Falle hätten viele Andere wie er gehandelt. Ihre Anſichten, nahm jetzt der Marcheſe das Wort, finden meine volle Zuſtimmung, es iſt nach einer Aus⸗ E. Breier. General Roßwurm. II. 12 — 78— einanderſetzung wie die Ihrige anders zu urtheilen nicht möglich, jeder Billigdenkende wird den General entſchul⸗ digen. Die Mutter des Mädchens wird— vorausgeſetzt, daß ſie nicht verunglückt iſt— wiederkehren, findet ſie nun ihr Kind wohlerhalten, ſo kann ſie das bewirken, was— wie man hört— der Zweck ihres Hierſeins war. Wie aber, wenn ſie ihr Kind— welches verhängnißvoller Weiſe in einen Prozeß verwickelt wurde— verurtheilt findet? Und das iſt in der That zu beſorgen. Die Beſeſſene hat das Mädchen angeklagt, daß ſie von ihr verhert worden ſei. Es bedarf nur etwas böſen Willen und man wird die Ausſagen der Verhafteten als ein Leugnen an⸗ ſehen, man wird ſie peinlich befragen, und was unter dieſem Umſtande bevorſteht, läßt ſich nicht beurtheilen. Das Alles, lieber Freund, erwog auch ich, und daraus entſprang die Idee, das Mädchen, nicht etwa um des Vaters, ſondern um der Mutter und um ſeiner ſelbſt willen zu befreien. Furlani ſchaute Siona überraſcht an. Sie finden die Idee abenteuerlich, Ihre Ueberraſchung verräth mir's. Ich erkläre, daß ſie Ihrem Herzen zur Ehre gereicht, allein ob ſie auch ausführbar... Nicht ob, ſondern wie ſie ausführbar? Das iſt die Frage. Meines Erachtens gieb es keine Schwierigkeit, wenn man etwas ernſtlich will, und ich bekenne, daß ich dieſen Entſchluß gefaßt habe. Ich bin eine ſchwache Frau, mir fehlen Einfluß und Anſehen, endlich beſitze ich auch nic öfft me au fuh ſie er er ein wa us es bſt ug — — 179— nicht den goldenen Schlüſſel, der alle Gefängnißthüren öffnet, trotzdem glaube ich den Weg gefunden zu haben, meinen Zweck zu erreichen. Der Marcheſe richtete einen neugierig forſchenden Blick auf die Griechin. Dieſe fuhr fort: Ich entſann mich geſtern, daß, wie Sie mir ſelbſt mit⸗ getheilt, der Marquis Baſſompiere mit Roßwurm in Wien angekommen ſei, und daß die beiden Kavaliere in einem freundſchaftlichen Verhältniſſe ſtehen. Ich ließ im Gaſt⸗ hofe Erkundigung einziehen und erfuhr, daß der Marquis ſich noch in Wien befinde und dem Vergnügen nachlebe. Er iſt ein junger ritterlicher Kavalier, ſein abentenerlicher Sinn, ſeine Freundſchaft für den Feldmarſchall, kommen mir wohl zu Statten. Sie wollen doch nicht... Ich will mich mit meiner Angelegenheit an ihn wenden, fuhr die Schlange gleichmüthig fort, wohl wiſſend, daß ſie den Stachel der Eiferſucht in Furlani's Herz drücke, er würde nicht der ſein, wofür die Welt ihn anſieht, wenn er das, was ich wünſche, zurückweiſen ſollte. Sivna, rief der Wälſche erblaſſend, Sie ſind grauſam, eine ſolche Mißachtung habe ich weder verdient noch er⸗ wartet! Mißachtung? Ich verſtehe Sie nicht, lieber Freund. Kennen Sie den Marquis? Er iſt mir fremd, wie ich ihm. Und Sie würdigen den Fremden einer Aufmerkſamkeit, die Sie mir entziehen? — 180— Ich verſtehe Sie noch immer nicht. Ich denke, was der Marquis vermag, iſt auch der Marcheſe Furlani im Stande. Ah, nun begreife ich. Sie thun mir unrecht, lieber Freund, ich denke weder an eine Mißachtung, noch an eine Zurückſetzung, Sie ſind mir als Freund und Retter theuer, allein gerade deshalb nahm ich Anſtand, Ihre Dienſte neuerlich in Anſpruch zu nehmen, es giebt keine ſchlimmere Verſündigung, als die Freundſchaft überbürden. Bei dem Marquis Baſſompiere iſt es ein anderes. Er iſt des Roßwurms Freund, er kennt, wie ich geſtern er⸗ fuhr, die Mutter des verhafteten Mädchens, er wird han⸗ deln aus Rückſicht für dieſe Verhältniſſe. Nimmermehr, fiel der Marcheſe der Sprecherin in die Rede, ich würde die Kränkung, daß Sie dem Franzoſen ſich verpflichtet fühlen, nicht ertragen⸗ Sie ſind heftig, lieber Freund. Weil ſchon der Gedanke an eine ſolche Zurückſetzung mich erregt. Siona, Ihr Wunſch ſoll erfüllt, Ihre Idee ſoll verwirklicht werden, aber nicht durch den Marquis, ſondern durch mich. Die Griechin ſchüttelte ſanft den Kopf. Ich willige ungern in Ihr Anerbieten. Sie wollen mich verletzen? Keine Empfindlichkeit, zwiſchen Freunden iſt ihr Platz nicht. Ich darf meine Schuld in Ihrem Buche nicht zu hoch anſchwellen laſſen, denn Sie würden ſich einer Be⸗ rechtigung ſchmeicheln, welche im jetzigen Momente noch nicht am Flatze wäre. — 181— Der Marcheſe ergriff leidenſchaftlich ihre Hand und preßte glühende Küſſe darauf. Siona, rief er, daß ich Sie liebe, wiſſen Sie aus meinem Geſtändniſſe, allein wie groß dieſe Liebe iſt, mögen Sie aus dem Umſtande ermeſſen, daß ich nicht die Kraft beſitze, Ihnen etwas zu verſagen, oder von Ihnen etwas zu verlangen. Die Ahnung deſſen war es, entgegnete die Griechin die mich Anſtand nehmen ließ, Ihnen die Ausführung meines Wunſches zuzumuthen. Um Ihnen jedoch auch einen Beweis von dem zu geben, was ich Ihnen zu werden hoffe, verbanne ich den Gedanken an Baſſompiere und erſuche Sie, meine Idee zu realiſiren. Die ſchlaue Griechin hatte ſomit ihren Zweck erreicht. Indem ſie Baſſompiere zum Scheine in den Vorder⸗ grund ſchob, veranlaßte ſie den Marcheſe, ſich ſelbſt zum Werkzeuge ihres Planes anzubieten und ſtachelte ihn gleich⸗ zeitig zur Thätigkeit und zu jedem möglichen Opfer auf. Die Idee, die Tochter ihres Todfeindes an ſich zu feſſeln und das Kind zum Verderben des Vaters zu be⸗ nutzen, war ihrer vollkommen würdig. Wir wollen abwarten, ob und in wie weit dieſer teuf⸗ liſche Entſchluß zur Ausführung gelangte. Zwölftes Kapitel. Bermine im Gefängniß. Man denke ſich ein ſchuldloſes, dreizehnjähriges Mädchen plötzlich in Haft und unter ſchwere Anklage verſetzt. Und ſchwer war die Anklage, denn das Verbrechen der Zauberei ſtand damals dem Hochverrathe gleich, man betrachtete es als einen Hochverrath gegen die Religion. Der Blitz, welcher das junge Weſen traf, kam aus unumwölktem Himmel. Welchen Eindruck machte die Gefahr auf ihr Gemüth? Welche Stimmung beherrſchte ſie, wie benahm ſie ſich in dieſen ſchweren Stunden, welche die Vorſehung über ſie verhängte? Vorerſt muß hervorgehoben werden, daß Hermine die Größe der Gefahr, in der ſie ſchwebte, gar nicht kannte, ſie hatte von der Juſtiz und ihrer Maſchinerie ebenſo wenig eine Ahnung, wie von dem Weſen der Anklage, unter der ſie ſtand. Dieſe ſie ehrende Unwiſſenheit erfüllte ſie mit der en en an us — 183— Zuverſicht, das Mißverſtändniß würde ſich nach der erſten Vernehmung löſen, und man würde ſie dann wieder zu Meiſter Lametzhofer bringen. Muthig, wie ſie war, gehoben durch das Bewußtſein ihrer Schuldloſigkeit, empfand ſie keinerlei Furcht, wohl aber Trauer, von ihrer Geſpielin getrennt zu ſein, und Sehnſucht nach ihrer Mutter, ihrer natürlichen Schutzfrau. Sie verbrachte daher die Stunden der Haft unter dieſen Einflüſſen leidend, aber keinesweges verzagt oder niedergedrückt. Am zweiten Morgen nach ihrer Verhaftung wurde ſie zum erſten Verhöre geführt. Herr Niklas Pramer, ein alter, bedächtiger, in Malefiz⸗ händeln viel erfahrener Rath und Richter, hatte dieſen „Fall“ überkommen, und amtirte von zwei Beiſitzern und einem Schreiber unterſtützt. Wie jederzeit bei Vernehmung von Hexen und Zau⸗ berinnen, waren die nöthigen Vorſichtsmaßregeln getroffen, wobei Weihrauch und Weihwaſſer hervorragende Rollen ſpielten. Hermine, in den Herren, vor denen ſie erſchien, nur ihre Beſchützer erblickend, berufen das herrſchende Miß⸗ verſtändniß zu löſen, trat voll Zuverſicht vor ſie hin, hielt die muſternden Blicke ohne Verlegenheit aus, ſchaute vielmehr einen nach dem andern an und erwartete die Fragen. Wie heißt Du? Hermine Picaut. Wann geboren? Am 21. April 1591. Um welche Zeit? Keine Antwort. Herr Pramer wandte ſich zu einem Beiſitzer und ſagte: Sie ſtellt ſich, als wiſſe ſie nicht, daß es bei einem Ma⸗ lefikanten ihres Spezies keinesweges gleichgültig iſt, ob man zur Tages⸗ oder zur Nachtzeit geboren iſt. Ich weiß die Stunde nicht, antwortete die Angeklagte. Aus dieſem Läugnen läßt ſich ſchließen, daß ſie wäh⸗ rend der Nacht zur Welt kam, wo der Böſe unverkürztes Regiment führt. Sie will ſich nicht graviren. Das iſt natürlich. Ich wiederhole, daß ich die Stunde nicht weiß. Schon gut, wir ſind über dieſen Punkt im Klaren. Wo wurdeſt Du geboren? In der Stadt Amiens. Wurdeſt Du auch getauft? Ich erhielt in der heiligen Taufe den Namen Hermine. Wann wurdeſt Du getauft? Wieder keine Antwort. Der Rath wendete ſich zu dem anderen Beiſitzer. Da ſie den Namen Hermine führt und der Tag des heiligen Hermann bereits am 7. April gefeiert wird, wo ſie noch nicht geboren war, ſo ſcheint die Malefikantin ein ganzes Jahr lang ungetauft geblieben zu ſein, eine Friſt, die mehr als hinreichend iſt, daß der Böſe ſich ihrer be⸗ mächtiget und einen Bund mit ihr geſchloſſen hat, abge⸗ ſehen, daß es auch möglich iſt, die böſen Geiſter ſchon mit der Muttermilch hineingetrunken zu haben. Per ebe all me gel Fe da m mi ne. es wo in e⸗ e⸗ — 185— Wie meine Mutter mir ſagte, erhielt ich den Namen Hermine, weil mein Vater„Hermann“ heißt. Die Ausrede iſt ſchlau, ſo ſchlau, daß man ſie einer Perſon von dieſem Alter nicht zutrauen würde, wenn man eben nicht wüßte, in welcher Verbindung ſie ſteht. Nach dieſer wieder an einen der Beiſitzer gerichteten Bemerkung fuhr der Rath fort: Wie iſt der ganze Name Deines Vaters? Chriſtof Hermann von Roßwurm. So nennt ſich der Heerführer Seiner Majeſtät, unſeres allergnädigſten Landesherrn. Derſelbe iſt mein Vater. Die Angabe iſt eine Lüge. Sie ſtammt von meiner Mutter, und meine Mutter lügt nicht. Wie die Alten ſungen, zwitſchern die Jungen, mur⸗ melte der erſte Beiſitzer. So iſt's, bekräftigte der Rath und fuhr dann, zur An⸗ geklagten ſich wendend, fort: Seine Excellenz, der Herr Feldmarſchall, waren niemals vermählt. Meine arme Mutter enthüllte mir's unter Thränen, daß ſie die Gattin meines Vaters nicht geweſen. Du giebſt alſo zu, ein Bankert zu ſein? Ich verſtehe das Wort nicht. Ein außer der Ehe erzeugtes Kind, ein Baſtard. Hermine ſeufzte ſchwer auf und murmelte: Der All⸗ mächtige möge ein gnädiger Richter dieſer Schuld ſein, mich trifft ſie nicht. — 186— Schuld trifft Dich wohl keine, eine Schande aber bleibt es immerfort. Meine Mutter ſagte mir, daß hohe Herren, Grafen und Landesfürſten Kinder außer der Ehe beſäßen, ja, daß ſogar einmal ein engelländiſcher König geweſen, der ſich Wilhelm der Baſtard genannt; die Schande kann alſo nicht ſo groß ſein. Herr Niklas richtete ſich bei dieſer Replik auf und ſagte: Die Malefikantin iſt reif. Zu Hermine gekehrt: Seine Gnaden der Herr Bürger⸗ meiſter haben perſönlich mit Seiner Excellenz dem Feld⸗ marſchall geſprochen. Seine Excellenz anerkennen die Vaterſchaft nicht, Sie wollen von Dir nichts wiſſen. Bei dieſen Worten drückte die Angeklagte ihre Hände an's Herz und eine Thräne perlte aus ihrem Auge. Was erwiederſt Du darauf? Daß der Himmel ſolche Hartherzigkeit niemals ſtrafen möge. Da nun die Angaben eines ſo hochgeſtellten Mannes mehr Glauben verdienen, wie die eines unbekannten aben⸗ teuerlichen Weibes, ſo zerfällt dieſes Vorgeben in ſein urſprüngliches Nichts und Du wirſt Dich nicht mehr un⸗ terfangen, die Behauptung, der Feldmarſchall ſei Dein Vater, zu wiederholen. Gnädiger Herr, ich erkläre, ſie aufrecht zu halten, ſo lange ſie von meiner Mutter nicht zurückgenommen wird. Du wagſt es, Dich aufzulehnen? Ich halte die Worte meiner Mutter für glaubwürdiger, wie die des Feldmarſchalls, der ſie belogen und hinter⸗ gan Her wol nic ſchr ſitz kan all Fr we ſie ma eri der lic be afen ines ben⸗ ſein un⸗ ein 0 ird. ger, ter⸗ — 187— gangen hat, und den ein alter Freund unſerer Familie, Herr Chriſtof von Baſſompiere, deshalb am Leben beſtrafen wollte; was auch geſchehen wäre, würde es meinem Vater nicht ermöglicht worden ſein, zu entfliehen. Aus dieſer Perſon redet der leibhaftige Gottſeibeiuns! ſchrie Herr Pramer. Um Vergebung, Herr Rath, ſagte jetzt einer der Bei⸗ ſitzer, es verhält ſich wirklich ſo, indem, wie die Malefi⸗ kantin ſagt, der damalige Hauptmann Roßwurm wegen Entführung und Frauenſchändung an den Galgen ſollte, allein es frägt ſich, ob die Mutter der Angeklagten jenes Fräulein war, um deſſenwillen der Hauptmann gerichtet werden ſollte? Sie war es, verſetzte Hermine mit großer Feſtigkeit. Womit willſt Du es erhärten? fuhr der Richter ſie an. Meine Mutter kann es beweiſen. Wo iſt Deine Mutter? Meine Mutter reiſte nach Ungarn, um ſich dem Feld⸗ marſchall zu nahen. Seine Excellenz wiſſen aber nichts von ihr. Das iſt für mich bedauerlich. Den Umſtänden gemäß kann dieſe Frage nicht weiter erörtert werden, wendete ſich der Vorſitzende zu den an⸗ deren, ſie iſt auch nur eine Nebenfrage, die mit dem eigent⸗ lichen Crimen nichts zu ſchaffen hat, ſie verbleibe dahero bei Seite liegen, bis die Mutter der Querulantin zum Vorſchein kommt, worauf gegen Beide ein zweiter Prozeß wegen injnriam et calumniam erhoben werden wird. Wir wollen nun die Interrogatoria bezüglich der wirklichen Anklage ſtellen. Wie kam es, daß Du am 15. hujus bei der Exorci⸗ ſirung in der Schottenkirche anweſend geweſen biſt? Frau Lametzhofer wollte der Zeremonie beiwohnen und forderte mich und Agnes auf, mitzugehen. Sie hat Dich aufgefordert? Ja! Weißt Du gewiß, daß ſie es war und nicht irgend ein böſer Geiſt? Wenn ich das Ungemach bedenke, welches mir aus jener Aufforderung entſproß, möchte ich faſt daran glauben. Hören Sie es, meine Herren, ſie geſteht es ſelbſt zu. Was habe ich zugeſtanden? Du haſt hier keine Fragen zu ſtellen, ſondern blos Antworten zu geben. Die beſeſſene Schuſtersfrau Tho⸗ maſia, verehelichte Heimerl, klagt Dich an, ſie behert zu haben. Hermine lächelte und erwiederte: Ich kenne ſie nicht, ich habe ſie in meinem Leben nicht geſehen. Meinſt Du mit dieſer Behauptung Dich irgendwie zu entſchuldigen? Du wirſt es am beſten wiſſen, Du heil⸗ loſes Geſchöpf, daß man Perſonen verhexen kann, die man perſönlich nicht kennt, ja, noch mehr, Perſonen, von denen man blos durch Landweiten, gleichviel wie groß, getrennt iſt, nur über's Waſſer reicht kein Zauber. Von dem Allen weiß ich kein Wort. Leere Ausrede! Was hat Dir die arme Frau gethan, daß Du ſie verhert? hen rei⸗ und — 189— Ich bin keine Hexe, ſondern ein ehrlich Chriſtenkind. Du biſt von Geburt aus unehelich, und wenn Du in einem Momente läugneſt, was Du im anderen zugeſtan⸗ den, wenn Du jetzt affirmirſt, was Du früher negirt, ſo weiß eine umſichtige Juſtiz recht wohl, was ſie davon zu halten hat. Gnädiger Herr, ich bin ein ſchutzloſes Mädchen und muß mir hier harte Worte gefallen laſſen, obgleich meine Mutter von adeligem Blut iſt. In meiner Heimath wär's anders. Ich bin keine Hexe, keine heilloſe Perſon, die Schuſterfrau ermangelt des geſunden Verſtandes, was ſie in dieſem Zuſtande ſpricht, kann doch unmöglich als An⸗ klage Geltung haben. Es hat ſie aber, weil die Teufel, von denen ſie be⸗ ſeſſen iſt und die aus ihr herausreden, durch die heilige Macht des Exorciſten gezwungen waren, die Wahrheit zu ſprechen. Darum nützet all Dein Läugnen nicht. Man hat Mittel, Dir die Wahrheit abzuzwingen, doch davon ſpäter. So weit war das Verhör gediehen, als daſſelbe durch das Eintreten eines Rathsdieners unterbrochen wurde. Der Angekommene übergab Herrn Pramer ein Dienſt⸗ ſchreiben, welcher dieſes öffnete und bedächtig durchlas. Hierauf wendete er ſich an den Beiſitzer und ſagte: Eine Zuſchrift vom Consilium Theologicum in Sachen dieſer Querulatin. Die beſeſſene Thomaſia Heimerl hat ihrem hochwürdigen Herrn Exoreiſten neuerliche Aufklä⸗ rungen gegeben, welche von der Verſtocktheit der präſenten Malefikantin ein erſchreckliches Zeugniß geben. Auf die — 190— eben erhaltenen Daten geſtützt, ſetzte ich die Interroga⸗ toria fort. Nach dieſer Aufklärung wendete er ſich wieder an Hermine: Du läugneſt alſo, die Thomaſia Heimerl be⸗ hext zu haben. Gnädiger Herr, wenn ich leugnete, würde ich eine Wahrheit in Abrede ſtellen, die Angabe der Schuſtersfrau iſt aber ſelbſt eine abſcheuliche Lüge, folglich iſt meine Angabe kein Leugnen. Das nenn' ich eine diaboliſche Logik, rief Herr Pramer, die Thatſachen werfen ſie aber darnieder mit Einem Schlage. Beſagte Thomaſia Heimerl giebt an, daß ſie um die Mitte des vorigen Monats... doch halt, unter⸗ brach er ſich ſelbſt, wie lange weilſt Du bereits bei Herrn Lametzhofer? Seit ungefähr acht Wochen. Es trifft zu, es trifft zu, rief der Rath triumphirend, die Beſeſſene giebt an, daß ſie um die Mitte des vorigen Monats durch die große Schulenſtraße gegangen ſei, da⸗ mals war ſie von ihren Teufeln noch nicht okkupirt, da habe bei einem Fenſter... doch halt, unterbrach er ſich wieder, in welchem Stockwerke wohnt Herr Lametzhofer? Im erſten. Es trifft zu, Alles trifft zu. Als die Schuſtersfrau durch die große Schulenſtraße gegangen, haſt Du an einem offenen Fenſter im erſten Stockwerke geſeſſen. Was er⸗ wiederſt Du darauf? Es iſt leicht möglich, daß ich gerade damals am Fenſter ſaß. der frau für Zeit Böſ wäl das ſiee alle Aut min kein ſie der böſ end, gen da⸗ da ſich er? rau tem am — 191— Du haſt die beſagte Heimerl angeſchaut... Wenn man am offenen Fenſter ſitzt, ſieht man die Vorübergehenden alle an. Die arme Frau behauptet aber, daß ſie von derſelbigen Stunde an den böſen Geiſt in ſich verſpürt. Ein Herr, welcher während der Teufelaustreibung in der Schottenkirche neben uns ſtand, erzählte, die Schuſters⸗ frau ſei beſeſſen geworden, nachdem ein Mann, der ſich für einen Verwandten ihres Gatten ausgab und längere Zeit bei ihnen wohnte, abreiſte, dahero ſelbiger Mann der Böſe geweſen ſei. Sie will die Schuld von ſich ab und auf andere wälzen, bemerkte Herr Pramer zu den Beiſitzern, es iſt das eine Taktik aller Malefikanten. Der Kaſus, deſſen ſie erwähnt, figurirt bereits in den Protokollen der Heimerl, allein die Angabe iſt antiquirt und durch die neuerliche Ausſage des Diabolus*) annullirt. An der Geſchichte, wendete ſich der Rath zu Her⸗ mine, daß jener Mann der Gottſeibeiuns geweſen ſei, iſt kein wahres Wort, Thomaſia Heimerl beſchuldigt Dich, ſie durch Dein Anſchauen behext zu haben. Was erwie⸗ derſt Du darauf? Ich bin eine ehrliche Chriſtin und habe mich nie mit böſen Künſten abgegeben. Ich verſtehe nichts davon. Du leugneſt ſomit? Ich leugne nicht, ſondern rede die Wahrheit. Die Wahrheit wird an den Tag kommen, wenn Du *) Der Teufel. — 192— ſcharf und peinlich befragt werden wirſt. Seine Gnaden, der Herr Stadtrichter, ſind derohalb bei Seiner landes⸗ fürſtlichen Durchlaucht bereits eingeſchritten, man erwartet zu jeder Stunde den allergnädigſten Beſcheid. In der Reckſtube wirſt Du eine andere Sprache führen. Aktuarius, — das—— das heutige Verhör iſt zu Ende. Hemns war in Gefüngniß zmücgeflihrt n die Drohung des Amtsherrn verfehlte nicht, den beabſich⸗ tigten Eindruck auf ihre Stimmung hervorzubringen. Ihre Zuverſicht verſchwand, die Gefahr der Situation trat in ihrer grauſamen Schrecklichkeit an ſie heran. Der Rath hatte die peinliche Frage verheißen, ſie ſah bereits die Tortur mit ihren entſetzlichen Qualen vor ſich. Die frühere ſtille Trauer wich einer ängſtlichen Auf⸗ regung, das arme Kind rang verzweiflungsvoll die Hände, ſank auf die Knie und betete um Hilfe, um Erlöſung. Sie erhob ſich, durchſchritt das Gefängniß, zerſann ſich das Gehirn, wie ihre Unſchuld zu beweiſen? Gedanken raſeten wie ſcheue Renner durch ihren Kopf alle Zügel waren zerriſſen, die Arme fand keinen Halt. Wenn der Wahnſinn einen Geiſt erfaßt, ſo mag ein ſo entfeſſeltes, chaotiſches Gedankenmeer das Vorſpiel bilden. Sie ſuchte ihren Muth zuſammen zu raffen, ſie rief es ſich zu, daß ſie ſchuldlos ſei, die ſchreckliche Anklage grinſte ſie trotzdem an, die fürchterlichſte aller Verheißungen wich nicht von ihrer Seite. Mitten durch dieſen Sturm zogen zwei Vorſtellungen, bil ver Tr me ma dur bej die gle ihn Th nic Las iſt ein keir Th den, des⸗ rtet der ius, S den, ſich⸗ tion ſah ſich. Auf⸗ nde, ann kopf lt. ein ſpiel rief lage igen gen, — 193— welche gleichſam die Mittelpunkte ihres Schmerzes bildeten. Die Mutter, von welcher keine Kunde kam, mußte verunglückt ſein, der Vater ſtieß ſie von ſich. Sie ſtand alſo da, vollkommen verlaſſen, auf ſich ſelbſt angewieſen. Das junge Mädchen hatte ſchon manche Stunde der Trauer verlebt, was aber jetzt über ſie kam, war kein Kum⸗ mer mehr, ſondern das kaum zu erhöhende Entſetzen. Um ihre Lage wo möglich noch zu verſchlimmern, hatte man ihr die früher beigegebene Wartfrau entzogen und durch einen gewöhnlichen Gefängnißwärter erſetzt, einen bejahrten, ſchweigſamen Mann, der für ſie nicht einmal die ſcheinbaren Troſtesworte hatte, mit welchen ſeines⸗ gleichen gewöhnlich Gefangene zu bedienen pflegen. Eines Abends bemerkte Hermine jedoch, daß ſie von ihm aufmerkſamer wie ſonſt angeſehen wurde. Wie ich wahrnehme, begann er in einer Weiſe, die Theilnahme beurkundete, genießen Sie wenig, faſt gar nichts. Sie thun nicht wohl daran. Ach, verſetzte die Gefangene, wer vermöchte in einer Lage, wie die meinige, noch an Eſſen zu denken. Ich begreife das, Sie ſind ſchlimm dran, das Unglück iſt nicht geeignet, einem den Appetit zu vermehren, indeſſen man muß ſich aufzurichten wiſſen, beſonders wenn man ein reines Gewiſſen hat. Gott im Himmel iſt mein Zeuge, daß ich mich von keiner Schuld belaſtet fühle, erwiederte Hermine unter Thränen, allein darauf wird nicht geachtet, der Ausſage E. Breier. General Roßwurm. II. 13 — 194— der Beſeſſenen wird mehr Glauben geſchenkt, wie der meinigen. Die Einrichtung iſt einmal ſo, indeſſen zum Verzwei⸗ feln iſt's noch immer Zeit. Ich danke Euch für die Theilnahme, die Ihr für mich ormes Geſchöpf an den Tag legt, was aber Euren Troſt betrifft, ſo iſt er wenig geeignet, mich aufzurichten. Der Gefängnißwärter ſchmunzelte und entgegnete: Glaub's wohl, daß es Ihnen angenehmer wäre, wenn ich Ihnen Roſen ſtatt Dornen verhieße, aber ich bin zu vorſichtig, um Hoffnungen bei Ihnen rege zu machen, die ſich am Ende doch nicht erfüllen würden, und dann über⸗ käme Sie der doppelte Schmerz der Enttäuſchung. Was mich betrifft, ſo bin ich überzeugt, daß Sie keine Hexe ſind. O, gewiß, gewiß, ich bin keine. Junge Weſen, wie Sie, geben ſich mit dergleichen nicht ab, das weiß ich zu gut, allein ich bin nicht Ihr Richter, die Hauptſchuld an Ihrem Unglücke trägt der Roßwurm, ein gutes Wort von ihm und der ganze Prozeß wäre nie⸗ dergeſchlagen worden. Statt deſſen was thut er? Er fährt hochmüthig gegen Seiner Gnaden den Herrn Bür⸗ germeiſter auf, erbittert ihn und Sie müſſen's büßen. Hermine faltete die Hände wie zum Gebet und rief: Der Allmächtige wird mich beſchützen und bewahren vor allem Uebel! Ein frommes Wort findet immer guten Ort, vielleicht thut er's. Die Entſcheidung iſt nicht ſo nahe, wie Sie fürchten, bis die landesfürſtliche Reſolution herablangt, bedarf es jedesmal mehrerer Tage; um peinlich vorzugehen, m gu we alt zu erſ S bel Si S S ha un br un S un ric de wi Le „C ſie — 195— muß erſt von oben die Erlaubniß kommen, und das iſt gut, ſonſt möcht' mit der Tortur gar fleißig gearbeitet werden. Sie haben alſo jedenfalls noch mehrere Tage vor ſich, und„Zeit gewonnen, viel gewonnen“, ſagt ein alter Spruch. Wenn ich nur wüßte, was ich thun ſoll, daß er mir zum Heile gereichte? Was Sie thun ſollen? Ich will's Ihnen ſagen! Vor⸗ erſt müſſen Sie ſich beruhigen, damit die Verzweiflung Sie nicht übermanne und Sie Ihre fünf Sinne beiſammen behalten. Das iſt vor Allem unentbehrlich, denn wenn Sie Ihrer Vernunft nicht Meiſter bleiben, ſo wird man Sie bei den Verhören in allerlei Widerſprüche verwickeln, Sie werden ſich verfangen und um den Kopf reden. Ich habe bereits mehrere Fälle erlebt, wo verlorene Faſſung und Mangel an Geiſtesgegenwart die Leute am Ende dahin brachte, gegen ſich ſelbſt lügenhaftes Zeugs auszuſagen und ſich auf den Scheiterhaufen zu ſchwatzen. O, mein Gott! Schaudern Sie nicht und entſetzen Sie ſich nicht, denken Sie vielmehr:„Das kann mich nicht treffen, ich bin ein unſchuldiges Geſchöpf!“ Dieſer Gedanke wird Sie auf⸗ richten, wird Ihnen Seelenſtärke gewähren und Sie wer⸗ den wieder das Bedürfniß nach Speiſe und Trank fühlen. Sie dürfen Ihren Körper ſo wenig herabkommen laſſen, wie Ihren Geiſt, das hängt Beides zuſammen, ſiecht der Leib, ſo ſiecht auch der Geiſt. Man ſagt nicht umſonſt: „Eſſen und Trinken halten Leib und Seele zuſammen,“ ſie werden dadurch nicht nur zuſammen, ſondern auch auf⸗ — 196— recht erhalten. Glauben Sie ferner nicht, und das wird Ihnen nicht wenig Troſt gewähren, daß Sie verlaſſen ſind, daß ſich Niemand um Sie kümmere. Es giebt Per⸗ ſonen in Wien, die an Ihrem Geſchick lebhaften Antheil nehmen, das genüge Ihnen, ſich aufzurichten. Mehr zu ſagen, iſt heute nicht gerathen. Hermine ſchaute dem ſich Entfernenden uberriſct nach. Das kurze Geſpräch mit dem Wärter beſchäftigte die Gedanken des jungen Mädchens noch lange nach ſeiner Entfernung. Die Perſonen in Wien, die an ihrem Geſchicke lebhaften Antheil nahmen, wer anders konnten ſie ſein, als Herr Lametzhofer und ſeine Familie. Hermine ließ den Keim der Hoffnung, welchen der Schließer in ihre Bruſt geſenkt, willig Wurzel faſſen. Sie ſtrebte, dem gut gemeinten Rathe nachzukommen und ſuchte ſich aufzurichten, was ihr auch zum Theil gelang. Zwei Tage verſtrichen wieder. Ein weiteres Verhör fand nicht ſtatt, der Wärter be⸗ obachtete ſein früheres Schweigen. Am dritten Tage, als dieſer wieder erſchien, um ihr die karge Mahlzeit zu bringen, flüſterte er ihr zu: Halten Sie ſich gefaßt, Sie werden heute Abend einen Beſuch empfangen. Von Meiſter Lametzhofer? Nein, von einer Frau, die Ihnen wohl will. Ach, meine Mutter! rief das Mädchen von einem freu⸗ digen Schreck durchbebt. ird ſen er⸗ heil zu ach. die ner ten err der nen heil lten ſuch — 197— Es iſt nicht Ihre Mutter, ſondern eine Fremde, die Ihnen jedoch in Ihrer jetzigen Lage mehr nützen kann, wie Ihre eigene Mutter. Hermine hätte trotz der Verſicherung des Schließers nicht enttäuſcht zu werden gewünſcht. Ihre Mutter wieder zu ſehen, mit ihr ſprechen zu können, würde ihr im jetzigen Moment die höchſte Freude bereitet haben, ſelbſt wenn die verheißene Fremde mächtiger war wie ſie. Die Entſchiedenheit, mit welcher der Wärter ihre Muth⸗ maßung gleich beim Entſtehen niederkämpfte, hatte die gute Folge, daß das Mädchen ſich raſcher mit dem Be⸗ ſuche der Fremden begnügte und mit dem Gedanken daran vertraut machte. Die heutige Mitternacht fand die Gefangene noch ſchlaflos auf ihrem Lager. Die geſpannte Erwartung verſcheuchte den Schlummer von der rauhen Stätte, wo er ſonſt das einzige Labſal des Lebens zu ſein pflegt. Endlich drang von außen leiſes Geräuſch herein, die Thür öffnete ſich zur Hälfte und eine Geſtalt ſchlüpfte in das Gefängniß. Sie trug ein graues Pilgergewand und eine an dem letzteren befeſtigte Kaputze. Hermine ſah ſich einer jungen ſchönen Frau gegenüber, die ihr vollkommen fremd war. Du nennſt Dich Hermine von Picaut? begann die Frau, in welcher der Leſer die Griechin Siona erkennt. So iſt mein Name. Du weißt, wer Dein Vater iſt? — 198— Ich weiß es. Iſt es Dir auch bekannt, daß er ſich weigerte, Dich anzuerkennen? Das Mädchen bejahte ſeufzend auch dieſe Frage. Du biſt von ihm verlaſſen und haſt von ſeinem Ein⸗ fluſſe nichts zu erwarten. Herminens Auge näßte ſich mit einer Thräne, die der Schmerz der Verlaſſenheit ihr erpreßte. Ich hoffe auf Meiſter Lametzhofer, ſprach ſie mit un⸗ ſicherem Tone, der das Schwanke dieſer Hoffnung kenn⸗ zeichnete. Thu' das nicht, Kind, warnte die Dame, Du wirſt zuverſichtlich enttänſcht werden. Der Fechtmeiſter kann nichts für Dich thun, er muß dem Himmel danken, wenn er nicht ſelbſt in Deinen Prozeß mit verflochten wird. Deine Lage iſt eine beklagenswerthe, indeſſen brauchſt Du nicht zu verzweifeln, es liegt nur an Dir, frei zu ſein. Ach, wenn dem ſo iſt, dann flehe ich Sie an, mir den Weg zu zeigen, oder das Mittel zu bieten. Das iſt der Zweck meines Beſuches. Merk auf meine Worte und entſchließe Dich dann. Ich biete Dir die Mög⸗ lichkeit, dieſer Haft zu entfliehen. Entfliehen? Wohin? Ich nehme Dich mit mir in die Ferne... Und meine Mutter? Deine Mutter ſoll, wenn ſie wiederkehrt, einige be⸗ ruhigende Zeilen bei dem Fechtmeiſter finden. Soll ich mit ihr nicht vereiniget werden? O ja; doch erſt nach Verlauf eines Jahres. au mi Ge feh ein vor Ic bei Un etn neh hal wo in⸗ der un⸗ nn⸗ irſt nn enn ird. Du den eine ög⸗ — 199— Und bis dahin? Bis dahin bleibſt Du bei mir, unter meinem Schutze. Und warum dies Alles? Die Antwort auf dieſe Frage bleib ich Dir ſchuldig. Ich befreie Dich von der Folter, vielleicht gar von dem Flammentode, dafür verpflichteſt Du Dich, Ein Jahr lang mir zu dienen, mir zu gehorchen. Schließ' den Pakt mit mir. Du erſchrickſt? Fürchte Dich nicht, ich bin weder der Teufel, noch einer ſeiner Boten. Sieh her, ich trag' an einer Halsſchnur ein Kreuzchen, ich bin eine Chriſtin, Du kannſt ſomit meinen Antrag beruhigten Gemüthes annehmen. Ich würde keinen Augenblick damit zögern, wenn ich auch wüßte... Sprich nicht weiter. Du könnteſt meine Langmuth er⸗ müden, und ich würde Dich Deinem Schickſale überlaſſen. Sie verlangen auf die Dauer eines Jahres meinen Gehorſam, bin ich auch ſicher, daß Sie mir nichts anbe⸗ fehlen, was Unrecht iſt? Ich kann auf eine Erörterung der Möglichkeiten nicht eingehen, weil ich eben jetzt noch ſelbſt nicht weiß, was ich von Dir verlangen, welchen Dienſt ich beanſpruchen werde. Ich verfolge ein Ziel, dieſes zu erreichen ſollſt Du mir beiſtehen. Das iſt's, wofür ich Dir jetzt Hilfe darbiete. Um Dich jedoch wegen der Gedanken, die Du hegſt, in etwas zu beruhigen, will auch ich eine Verpflichtung über⸗ nehmen. Du zählſt etwa dreizehn Jahre, ich kaum ein halbes Dutzend mehr. Du wirſt von dem Moment an, wo Du Dich mir anvertrauſt, von mir wie eine Schweſter gehalten ſein, und ich verpflichte mich, Dir nichts zuzu⸗ muthen, wes ich nicht auch von einer einzigen geliebten Schweſter verlangen würde. Biſt Du damit zufrieden? Hermine antwortete mit einem entſchloſſenen„Ja!“ In ihrer Lage, von einem ſo fürchterlichen Looſe be⸗ droht, durfte ſie nicht wähleriſch ſein. Die Erſcheinung der jungen ſchönen Frau übte einen gewinnenden Eindruck auf ſie. Die Gleichheit der Ju⸗ gend und des Geſchlechtes trug das ihrige bei, ihn zu vergrößern. Die Fremde reichte ihr die Hand und ſagte: Du wirſt Deinen Entſchluß nicht bereuen, Hermine. Du ſtehſt noch auf der Stufe zarten Alters und haſt der düſteren Tage ſchon viele kennen gelernt. Du verdankſt Dein Leiden einem Manne; ich werde Dich lehren, den Feind zu haſſen und Dir beiſtehen, das ſüße Gefühl der Rache zu ſchlürfen. Reich mir die Hand zum Bunde. Dieſer Händedruck, den zwei Frauen ſich bieten, vertrete zwiſchen uns die Stelle von Brief und Eid, er bilde das Gelöbniß, daß wir gegenſeitig uns ſtützen, treu und redlich unſere Zuſagen löſen wollen. Nach dieſen, mit feierlichem Tone geſprochenen Worten löſte die Griechin die Schnur, welche ihr Pilgerkleid gür⸗ tete, und entledigte ſich deſſen. Hermine gewahrte, daß ſie darunter ein zweites trug, welches dem erſten vollkommen ähnlich war. Dem Gebote ihrer Retterin gemäß, ſchlüpfte die Ge⸗ fangene in das Gewand, ſchlang die Schnur um die Hüfte und zog die Kapuze über das Haupt. ſe fl ſe wirſt noch Tage eiden aſſen rfen. den Stelle wir ſagen orten gür⸗ trug, Ge⸗ Hüfte Die Sicherheit, mit welcher die Fremde erſchienen war, theilte ſich auch ihr mit. Ihr Herz ſchlug wohl heftiger, allein es war nicht Furcht, die ſie beſchlich, ſondern Freude, die freie Luft wieder zu athmen, Entzücken, einem entſetzlichen Looſe zu entrinnen. Die Retterin faßte ihre Hand und ſagte: Folge mir, Schweſter, wir ziehen aus, uns zu rächen! Sicheren Schrittes eilten ſie aus dem Gefängniſſe, an einer ſchlafenden Wache vorüber, dann durch einen finſteren Gang, dann über den kurzen Hofraum zu einer Pforte, die ſie offen fanden. Aus derſelben tretend, befanden ſie ſich in einer langen ſchmalen Straße, wo ein Mann ſie erwartete. Dem Himmel ſei es gedankt, daß Sie endlich kommen, flüſterte dieſer. Iſt Alles in Bereitſchaft? Ja, der Wagen harrt Ihrer. Dann eilen wir, wir haben keine Zeit zu verlieren. Die drei Perſonen durchſchritten nun raſch die Straßen der Stadt, bis ſie am Rothenthurmthore anlangten. Auf Vorweiſung einer Schrift öffnete die Wache und die nächtlichen Wanderer eilten hinaus, überſchritten die Brücke, welche über den Donauarm führt, und gelangten zu einem Wagen. Das Gefährte wurde beſtiegen. Wohin reiſen wir? flüſterte Hermine. Nach Prag! antwortete die Griechin, und das Geſpann ſette ſich in Bewegung.= Wie eigenthümlich verſchlingen ſich oft die Geſchicke der Menſchen, wie bizarr ſind oft die Wendungen, die ſie nehmen. Roßwurm wurde gewarnt vor der Reiſe nach Prag, ſchon war er entſchloſſen, der Warnung Folge zu geben, als der Beſuch des Bürgermeiſters ihn bewog, der War⸗ nung zu trotzen. Von der Idee beherrſcht, einer feindlichen Intrigue zu entrinnen, will er nach Prag, und ſiehe da, was er zu verhüten vermeinte, führt er herbei. Jetzt erſt bemächtiget ſich ſeine Todfeindin Herminens als Werkzeng. Wäre er in Wien geblieben, hätte er ſich mit dem Vürgermeiſter verſtändiget, das Ergebniß würde ein gün⸗ ſtigeres geweſen ſein. Aber ſein Geſchick ſollte ſich erfüllen, der Spruch des Dichters ſich bewahrheiten:„Das eben iſt der Fluch der böſen That, daß ſie fortzeugend Böſes muß gebären.“ Ende des zweiten Bandes. ns em in⸗ der General Roßwurm. Hiſtoriſcher Roman von Eduard Breier. Dritter Band. Berlin, 1861. Druck und Verlag von Otto Janke. 6 = P W III. W. VI. VII. VIII. IX. X. XI. XII. XIII. ) S S S S 2 x e 2 Letztes Inhalts⸗Verzeichniß des dritten Bandes. P II. Der Maskenzug durch die Stadt IV. W VE VII. VIII. IX. X. XI. XII. XIII. Roßwurm in Prag Das Abenteuer in der Kiheſ Roßwurm vermehrt die Zahl ſeiner Feinde Pläne in Prag.— Ein Brief nach Wien Das Abenteuer in der wäſchen Gaſſe Marcheſe Furlani empfängt den Lohn ſeiner That Neue Minen und Gegenminen Oberſt Burkhard Hieronimus von Roßwurm Siona entledigt ſich einer Laſt Roßwurm im Gefängniß Die Tochter wird befreit, der Vater S Die letzte Zuflucht, der letzte Gang. Letztes Kapitel: Siona.— Lang.— Baſſompiere. Wir Der lagern hauptſte düſteren Die ſchmach zeit ſie Strom. An Tiefe, Ma Geiſt, Hauch bietet. Letzt Buches E. Bre Erſtes Rapitel. Roßwurm in Prag. Wir betreten die damals kaiſerliche Reſidenzſtadt Prag. Der Winter iſt im Lande eingezogen, Schneemaſſen lagern in den engen ſchmalen Straßen der Böhmer⸗ hauptſtadt und mildern durch ihr Weiß in etwas den ſonſt düſteren Charakter. Die Moldau, welche die Stadt in zwei Theile trennt, ſchmachtete bereits in den Feſſeln, in welche die Jahres⸗ zeit ſie ſchlug, eine Eisdecke überſpannte den ſtolzen Strom. An der Oberfläche iſt er todt, doch darunter, in der Tiefe, herrſcht noch Leben und Bewegung. Man denkt dabei unwillkürlich an den menſchlichen Geiſt, der im Verborgenen forſcht und ſinnt, wenn der Hauch der Gewalt ſeiner freien Strömung Einhalt ge⸗ bietet. Letzteres war zur Zeit, in welche die Ereigniſſe unſeres Buches fallen, keineswegs der Fall, der Geiſt arbeitete, E. Breier. General Roßwurm. III. 1 die Wiſſenſchaft blühte, leider aber hatte ſich letztere auf Abwege verirrt, von denen ſie ſich erſt zwei Jahrhunderte ſpäter zurecht finden ſollte. Die Verbindung zwiſchen der Altſtadt und der Klein⸗ ſeite vermittelten zu jener Zeit die prächtige Steinbrücke, deren Bau unter Karl IV.(1338) begann und erſt unter Wladislaw II.(1507) beendigt wurde, ferner mehrere Ueberfuhren, deren eine, zwiſchen der Färberinſel und den Brückenmühlen, der zunächſt liegenden Gaſſe, der Ueber⸗ fuhrgaſſe den Namen lieh. Auf dieſem Punkte der Altſtadt machen wir Halt und kehren in einem der Häuſer ein. Heute iſt hier der Quai aufgeſchüttet, darauf eine Reihe ſchöner, moderner Zinshäuſer, damals beſpülte die Moldau niedriges, unregelmäßiges Ufer und unanſehnliche Hütten lagerten ordnungslos umher. Das Haus, welches wir betreten, beſitzt kein oberes Stockwerk, doch iſt es etwas erhöht gebaut, um nicht bei jedem Anſchwellen des Stromes einer Ueberfluthung aus⸗ geſetzt zu ſein. Es gehörte damals einer Wittib zu eigen, einer Frau Anna Mladotta, ihres Gewerbes eine„Wachskerzlerin“. Seit mehreren Tagen hatte ſie einen Theil ihrer Woh⸗ nung an zwei fremde Frauen vermiethet, die ihrer Angabe zu Folge nach Prag gekommen waren, um am kaiſerlichen Hofe einen Erbſchaftsſtreit, der ſchon lange ſchwebend war, zu Ende zu führen. Zu jener Zeit fiel die Anweſenheit von Fremden in Prag wenig auf, die Stadt wimmelte von Beſuchern aller 2 6 erte ein⸗ icke, iter rere den er⸗ und ine die iche res bei us⸗ rau oh⸗ abe hen ar, Nationen, worunter der ſeit der Zeit Ferdinand I. am Hofe häufig vertretene ſpaniſche und italieniſche Adel be⸗ ſonders zahlreich anzutreffen war. Rechnet man dazu den Zufluß, den die derzeit in Prag reſidirenden fremdländiſchen Geſandtſchaften verurſachten, ſo wird man der Verſicherung der Chroniſten gerne glau⸗ ben, daß dort ein ſo buntes Gemiſch von Nationalitäten und ein ſo lebhaftes Treiben vor dem und ſeit dem nicht ſtattgefunden, und daß es damals in den Straßen der Böhmerhauptſtadt ſchön und herrlich hergegangen. Gegenüber den Fremden, oder vielmehr im Wetteifer mit dieſen, entwickelte auch der böhmiſche Adel, der keinem anderen an Macht und Einfluß nachſtand, einen Aufwand und einen Glanz, dem die fremden Ankömmlinge bald willig den Vorzug einräumten. Der Sieg wurde aber theuer genng erkauft, denn dem Aufwande folgte die Verſchwendung auf dem Fuße, der Stolz artete in Hochmuth aus, der Uebermuth in Zügel⸗ loſigkeit. Eine Verderbniß der Sitten griff um ſich, welche von oben nach unten fortwuchernd, den ſchädlichen Einfluß der wälſchen und ſpaniſchen Ankömmlinge ſo klar manifeſtirte, daß— bis dahin in Prag unerhört— ſogar das italie⸗ niſche, gedungene Banditenweſen ſich einſchlich. Wie groß damals die Zahl der Italiener in Prag ge⸗ weſen, erhellet aus dem Bau der runden wälſchen Kapelle, welche die Jeſuiten im Jahre 1590 ihrem St. Clemens⸗ Kollegium hinzufügten, nachdem ſie dreizehn Jahre vorher die Kirche St. Salvator, ihre zweite große Kirche, im italieniſchen Styl aufgeführt hatten. Währens Kaiſer Rudolf in ſeiner Burg auf dem Hradſchin, umgeben von Sterndeutern, Magiern und Mathematikern, den myſtiſchen Wiſſenſchaften und der Lieblingsneigung, der Sammlung von Kunſterzeugniſſen oblag, entfaltete ſich in den ihm zunächſt ſtehenden hohen Kreiſen das Banner der Luſtbarkeit, Spiel, Gelage und Tanz wechſelten mit einander in raſcher Folge. Die bei der Wachshändlerin eingemietheten Frauen nahmen an den Luſtbarkeiten nur geringen Antheil, obwohl die ältere von ihnen die Ereigniſſe in der Stadt mit dem höchſten Interreſſe verfolgte. Der Leſer wird dies gerne glauben, wenn er erfährt, daß die Frauen Siona und Hermine waren. Die Griechin erſchien im Witwenſchleier, das Mädchen für ihre jüngere Schweſter und den auf der Kleinſeite wohnenden Marcheſe Furlani für ihren Bruder ausgebend. In den Mantel dieſer falſchen Angaben gehüllt, konnte die Frau des Hauſes um ſo weniger die Wahrheit ahnen, da die betreffenden Perſonen verſchwiegen und vorſichtig waren. Die Nothwendigkeit davon wurde von Siona erkannt, denn der Feind, auf den ſie es abgeſehen hatte, war mächtig und ſtand in hohem Anſehen, und ſie befand ſich jetzt noch nicht in der Verfaſſung, ihn anzugreifen. Den Marcheſe und Hermine von derſelben Dringlich⸗ keit zu überzengen, koſtete ihr ebenſo wenig Mühe, als die Scheinmotive dazu zu erfinden. dN,— — im dem und der ſſen hen und muen vohl dem hrt, chen ſeite end. nnte nen, htig mnnt, war ſich Ihr eigentliches Ziel verſchloß ſie ſtandhaft in ihrem Inneren. Eines Tages kehrte die Hausfrau mit ihrem Wachs⸗ kram vom Markte heim und erſchien dann im Gemache bei den eingemietheten Frauen zum Beſuche. Sie war eine ſehr korpulente, ungewöhnlich dickgenährte Perſon, mit kleinen verſchmitzten Aenglein, im Grunde ihres Herzens gutmüthig, dabei aber ſtets auf ihren Vortheil bedacht. Aus dem letzteren Umſtande ergab ſich ihre feindſelige Stimmung gegen die neue Lehre, obgleich ſie von utra⸗ quiſtiſchen Eltern abſtammte. Seitdem das Lutherthum in Schwung kam, erlitt ihr Handel mit Wachskerzen eine bedentende Einbuße, ſie wünſchte daher nichts ſehnlicher, als die Vertilgung ſämmt⸗ licher Ketzer, damit ihr Geſchäft wieder zur Blüthe ge⸗ lange. Dieſe feindliche Stimmung der ſonſt gutmüthigen Frau brach bei jedem Unmuthe hervor, ſelbſt wenn dieſer mit dem im Lande eingeriſſenen Religionszwieſpalte in keinem Zuſammenhange ſtand. Wenn übles Wetter ihr den Markttag verdarb, ſchimpfte ſie über die Lutheraner, und wenn ihre Hühner mit den Eiern kargten, wendete ſich ihr Groll gegen die Ketzer. Nun, Frau Mladotta, Sie ſind ſchon zurück vom Markte, wie iſt's hente gegangen? Haben Sie ein gut Geſchäft gemacht? Auf dieſe freundliche Erkundigung Siona's erwiederte die Wohlbeleibte: Ach, von einem guten Geſchäfte iſt ſchon lange keine Rede mehr, wenn's nur mittelmäßig genannt zu werden verdiente, könnte man ſich auch beſcheiden, aber es iſt ſchlecht, grundſchlecht. Die Frömmigkeit iſt fort aus dem Lande und wenn's nicht bald anders wird, zehr' ich mich auf. An Vorrath dazu fehlt es Ihnen nicht, lächelte die Griechin. Meinen Sie, gnädige Frau? Mich wundert, daß ich in ſo ſchlechten Zeitläuften mich noch eines ſo guten Ausſehens erfreue. Haben Sie ſchon gehört, nächſtens wird's hier ein Hochzeitsgepränge geben, der Oberſtſtall⸗ meiſter Seiner Majeſtät wird eine reiche Braut heim⸗ führen und da werden die hohen Herrſchaften ſich öffent⸗ lich vergnügen— Bei dieſer Gelegenheit dürfte auch für Sie einiger Gewinn abfallen? Für mich? Wie ſo? Führ' ich koſtbares Geſchmeide oder feine Wäſche in meinem Kram? Ich ziehe ein bürger⸗ liches Leichenbegängniß funfzig adeligen Hochzeiten vor. Und wenn ſie bei einer ſolchen ja einmal einen nächt⸗ lichen Umzug halten, meinen Sie, man ſpendire ſich Wachskerzen dazu? Nicht im Entfernteſten! Pechfackeln müſſen herhalten, es iſt eine wahre Schande, das Ketzer⸗ volk hat kein Stümpchen Ehr' im Leibe. Man erſchrickt ordentlich, wenn man bedenkt, daß jetzt die älteſten und vornehmſten Namen ſich unter die Ketzer verirrt haben. Sie kennen wohl viele der Herren? Wie ſollt' ich nicht, bin ich doch auf offener Straße bei meinem Kramen alt geworden und da hört und ſieht ei A b S a— — c— —„ —— Or man Vieles. Ueberdies beſitz' ich am kaiſerlichen Hofe einen freilich etwas weitſchichtigen Blutsverwandten. Wer iſt er? Er war Kammerheizer, jetzt, das heißt ſeit zwei Jahren, iſt er Silberdiener, Bartholomäus Blahel iſt ſein Name. Von ihm, wenn ich ihm in guter Stunde begegne, denn beſuchen läßt er ſich nicht gerne, erfahr' ich Manches. Heute führt ihn der Zufall an meinem Kram vorbei, er theilte mir die Neuigkeit von der hohen Hochzeit mit und dann vom Roßwurm— Vom Feldmarſchall Roßwurm? Ja, gerade von dieſem. Er hat eine Liebſchaft be⸗ gonnen mit der jüngſten Tochter des Burggrafen von Karlſtein, einem Fräulein Anna Sybille. Dann iſt ein guter Freund zu ihm geſtoßen, ein gewiſſer Baron von Betzſtein, der hat ſich an der Angel einer etwas älteren Schweſter Anna Eſther verbiſſen. Selbiger Burggraf iſt nämlich mit Töchtern reich geſegnet. Die erſte iſt an den Grafen Mileſimo vermählt, die zweite an den unga⸗ riſchen Oberſten Kollonits, die dritte, deren Gemal vor einem halben Jahre ſtarb, hat den Baron Betzſtein ge⸗ kapert und die jüngſte den Roßwurm. Die Griechin lauſchte der Mittheilung ihrer Hausfrau mit großem Intereſſe. Ich kenne den Feldmarſchall nicht, nahm ſie, nachdem jene innehielt, das Wort, allein ich hörte öfter von ihm ſprechen, und da erzählte man, daß er entſchloſſen ſei, ſich nie zu vermählen, er iſt eheſcheu. Das iſt wahr, er ſcheut die Ehe, aber die Frauen liebt er. Bei ſeinem jüngſten Aufenthalte in Komorn, ſo heißt nämlich eine Feſtung im ungariſchen Lande, verweilte er mehrere Tage bei dem dortigen Befehlshaber Johann von Molart, deſſen Herr Bruder Ernſt am hieſigen Hofe Hof⸗ marſchall iſt. Der Roßwurm war nur wenige Tage dort und ſchon hatte er eine Liebſchaft angeſponnen mit der Frau Anna Regina Holm, einer Schwägerin des Herrn von Molart, die gerade vom hiſpaniſchen Hofe ange⸗ kommen war und nach dem Feldmarſchall köderte. Er hat auch richtig angebiſſen, aber heirathen wollte er doch nicht. Und das Fräulein Eſther, beſitzt ſie von dieſer An⸗ ſchauung des Feldmarſchalls Kenntniß? Da ich es erfuhr, wird ſie wohl auch Kunde davon haben, allein was wollen Sie, das junge Volk iſt leicht⸗ fertig, ſie iſt vielleicht zufrieden, wenn ſie für die heurige Faſtnacht einen vornehmen Anbeter hat. Und die Eltern? Bah, die Eltern drücken ein Auge zu, weil ſie hoffen, der vornehme Freier werde diesmal nicht ausreißen. Kennen Sie das Fräulein? Freilich kenne ich es. Iſt ſie ſchön? Sie iſt ein anmuthiges Geſchöpf, das aber wird den Roßwurm nicht abhalten, einer anderen, vorausgeſetzt, daß ſie ihm gefällt und wäre ſie auch eine Bürgerstochter, zu Liebe zu gehen. Ei, ei, Frau Mladotta, Sie ſcheinen den Feldmarſchall genau zu kennen? Blos vom Geſicht aus, er iſt ein ſtattlicher, ſchöner heißt te er von Hof⸗ dort der errn nge⸗ hat icht. An⸗ von icht⸗ rige fen, den daß zu hall ner ————— Mann, es iſt nur ſchade, daß ſein Herz ſo ſchwarz iſt. Heiliger Jan von Nepomuk, wenn man den Wolf nennt, kommt er gerennt, dort haben Sie ihn. Mit dieſem Ausrufe wies die Hausfrau auf das Fenſter, welches auf die Straße ging und in deſſen Nähe ſie ſtand. Sie warf den Blick hinaus und erblaßte. Sie erkannte ihren Feind, der die winterliche Paſſage über die Eisdecke der Moldau benützend, von der Klein⸗ ſeite herüberkam und die Richtung gegen die„Neuſtadt“ nahm. Der Feldmarſchall war in einen Mantel gehüllt und von einem Pagen begleitet. Der Anblick Roßwurms weckte das Schlangenneſt ihrer Leidenſchaften aus der Scheinruhe, es war als fiele flüſſiger Schwefel in ihre Bruſt. Wohin mag er ſich begeben? fragte ſie, den Sturm Innern mit großer Anſtrengung verbergend. Daß er nicht den Weg geht, der in den Himmel führt, möcht ich beſchwören. Woran erkennen Sie dies? Daran, daß er von ſeinem böhmiſchen Pagen begleitet iſt, deſſen er ſich als Dollmetſch bedient, wenn er mit Stockböhmen verkehrt. Frau Mladotta, ſind Sie nicht auch ein wenig neu⸗ gierig? Meiner Treu, ich fühle den Drang zu erfahren, wohin der Unhold ſich begiebt? Es iſt das nicht Neugierde, ſon⸗ dern blos Wißbegierde. Wie Sie, fühle auch ich, wenn wir Jemand zur Hand hätten... Den wir ihm nachſenden könnten, nicht wahr, das wollen Sie ſagen? Ich kenne das noch von meines Mannes Lebzeiten her; bin ihm oft genug ſelbſt nachge⸗ ſchlichen. Warten Sie, ich werde meine Magd hinter ihm drein trottiren laſſen. Suſanna iſt ein anſtellig Ding, ſie wird ihre Aufgabe löſen, ohne daß der Roßwurm auch nur eine Ahnung bekommt, er werde verfolgt und be⸗ obachtet. Damit wälzte ſich die Wachskerzlerin aus dem Gemache. Siona wich nicht vom Fenſter, ihr Blick begleitete den Feldmarſchall Schritt für Schritt, und erſt als die Magd des Hauſes ihm nacheilte und ſich, freilich in reſpektabler Ferne, an ſeine Ferſe heftete, athmete ſie leichter auf und trat vom Fenſter, um ſich auf eine Polſterbank zu werfen, wo ſie den Sturm ihres Innern ſich austoben ließ. Nach ungefähr zwei Stunden Ausbleibens kehrte die Magd zurück, und zwar von einem Erfolge begleitet, der einen Lorbeerkranz verdiente. Suſanna war ihrer Namens⸗ und Standeskollegin würdig, wir meinen nämlich jener Bademagd Suſanna, die einſt dem König Wenzel, den der altſtädter Rath auf dem Rathhauſe wegen verſchiedener Gewaltthätigkeiten ge⸗ fangen hielt, die Flucht aus dem Badehauſe, welches be⸗ ſuchen zu dürfen er die Erlaubniß erhielt, ermöglichte; von welcher Zeit an jenes Haus den Namen„Königs⸗ bad“ führt. Kaum angekommen, wurde Suſanna zur Miethfrau ge⸗ . u — +—+, and das nes ge⸗ ihm be⸗ — 11— wieſen, wo ſie in Gegenwart ihrer Gebieterin den Rap⸗ port abſtattete. Der gnädige Herr, begann ſie noch athemlos, hat ſich mit ſeinem Pagen in ein ganz einfaches Bürgerhaus in der Neuſtadt begeben. In welcher Straße befindet ſich das Haus? In der Korngaſſe. Bei wem kehrte er dort ein? Er begab ſich zu dem ebener Erde wohnenden Schnei⸗ dermeiſter Wenzel Kurka. Nicht möglich, rief Frau Mladotta, große Herren von ſeiner Sorte verkehren nicht perſönlich mit den Gewerbs⸗ leuten.— Oh ja, verſetzte Suſanna trocken, ſie thun es ſchon, wenn der Meiſter zufällig zwei bildhübſche Töchter beſitzt, wie Herr Kurka in der Korngaſſe. Ei, Du einfältig Ding, warum ſagteſt Du das nicht gleich? Hätteſt mir meine Einwendung erſpart. Nun, gnädige Frau, wandte ſie ſich zu Siona, ſagt' ich es Ihnen im Vorhinein, daß er nicht den Weg wandle, der in den Himmel führt? Oh, es iſt eine ſchlimme Welt, ſeitdem das Ketzerthum ſich breit macht und hoch und nieder die Köpfe verrückt. Doch, fuhr ſie wieder zu Suſanna ſich kehrend fort, was weiter? Woher weißt Du, daß er um der Töchter Willen ſich zu dem Schneider begab? Die Magd machte eine pfiffige Miene und verſetzte: Herr Kurka hat einen Lehrjungen, wie nun der gnädige Herr kam, mußte der Burſche die Wohnung verlaſſen. — Er kam heraus, ich redete ihn an, ein Wort gab das andere und ſo erfuhr ich, daß der gnädige Herr ſchon einmal dort geweſen, und daß er wegen der Mädchen komme. Frau Mladotta's Entrüſtung über ſolche Gottloſigkeit machte ſich abermals Luft, die Griechin gab ſich den An⸗ ſchein, als theile ſie das Gefühl und regte damit die Miethfrau noch mehr auf. Mit dem Bedeuten, man wiſſe genug, wurde Suſanna entfernt, worauf Siona die Hausfrau vertraulich an ſich zog und ihr zuflüſterte, daß die Gelegenheit, ein gutes Werk zu üben, vorhanden ſei. Die Wachskerzlerin erklärte ſich ſtracks dazu bereit. Ich kenne die Familie nicht, fuhr Siona fort, über welche der Feldmarſchall Schande und Schmach zu brin⸗ gen beabſichtigt, ich zweifle aber, daß ein Vater ſich zu einem ſolchen Schritte verſtehen würde, es wäre denn, daß man ihn auf irgend eine Weiſe hintergehe. Das ſcheint nun der Fall zu ſein. Ich meine, wenn der Meiſter wüßte, mit wem er es zu thun habe, ſo möchte er dem Falſchwerber unmöglich ſein Ohr leihen, noch weniger ihm willfahren. Wenn es daher jemand übernähme, Herrn Kurka die Angen zu öffnen... Frau Mladotta ließ die Dame nicht weiter ſprechen, ſondern rief, den Gedanken mit Eifer erfaſſend: Ich will's, bei Gott, ich will's. Das iſt in Wahrheit ein gutes Werk und einem ſolchen blieb ich niemals ferne. Ich werde dem vornehmen Unhold einen Riegel vorſchieben, den er nie und nimmer ſoll beſeitigen können! eiſter dem ihm errn chen, ill's, Werk dem nie — 13— Und riſch und raſch warf ſie ſich in ihre mit Schaf⸗ fell verbrämte Joppe, ſetzte die Pelzmütze auf und machte ſich auf den Weg nach der Korngaſſe zu dem Schneider⸗ meiſter. Herr Kurka— wenn man der Angabe Baſſompiere's in ſeinen Memoiren glauben ſchenken darf— huldigte dem Gambrinus, ſo nennt ſich bekanntlich der Fürſt von Brabant, der das Bierbrauen erfand. Frau Mladotta, im Bewußtſein des guten Werkes, welches auszuüben ſie im Begriffe ſtand, trat mit zuver⸗ ſichtlichem Selbſtgefühl vor den Schneider und ver⸗ langte mit ihm unter vier Augen zu ſprechen. Man begab ſich in eine Kammer. Meiſter, begann die dicke Frau, Ihr kennt mich nicht, auch ich kenne Euch nicht. Daran liegt aber nichts. Ich treibe ein ehrlich Gewerbe wie Ihr, ich bin eine gottes⸗ fürchtige Frau und hoffe, daß Ihr ein ſolcher Mann ſeid. Der Schneider, eine kleine ſchwächliche Figur, ſchaute die wohlbeleibte Frau verwundert an und ſagte: Was führt Euch zu mir? Das ſollt Ihr gleich vernehmen. Vor ein paar Stun⸗ den war ein Herr bei Euch. Nun, was weiter? Kennt Ihr den Herrn? Wißt Ihr, wer er iſt? Der Gefragte wurde verlegen und antwortete in einer Weiſe, die das Gegentheil errathen ließ: Ich kenne ihn nicht. Jener Herr iſt der Feldmarſchall Roßwurm. So? dehnte der Meiſter, und unangenehm berührt ſetzte er hinzu: Und woher wißt Ihr das? —— Oh, ich weiß noch mehr, ich kenne auch den Grund ſeines Beſuches. Den zu errathen iſt nicht ſchwer. Ich bin Schneider⸗ meiſter.. Lügt nicht, Herr Kurka, der Roßwurm kam nicht zu dem Gewerbsmanne, ſondern zu dem Vater zweier ſchöner Töchter! Der Schneider erſchrack. Frau Mladotta, welcher keine Bewegung des Meiſters entging, fuhr fort: Herr Kurka, ich halte Euch noch immer für einen ehrlichen Chriſten und Vater, obgleich Euer Benehmen mir allerlei Verdacht einflößt. Ich weiß nicht, was der Roßwurm Euch vorgeſchwatzt und wie weit Ihr willfährig geweſen. Ich bin gekommen, Euch zu warnen— Wie komme ich dazu, daß Ihr Euch um meine Ange⸗ legenheiten kümmert? Ich kenne Euch nicht. Früher war das auch meinerſeits der Fall, jetzt aber fange ich an Euch zu durchſchauen und die Wahrheit zu ſagen, was ich wahrnehme, gefällt mir nicht. Ihr kennt vermuthlich den hohen Herrn nicht, ſonſt würdet Ihr Euch in keinen ſo ſchlimmen Handel mit ihm eingelaſſen haben. Und ſchlimm kann es Euch bekommen. Ich will's Euch gleich ſagen, wie ſo? Der Roßwurm iſt bekannt⸗ lich, was die Weibsleut' betrifft, ſchrecklicher, als der leibhaftige Gottſeibeiuns. Er hat im jetzigen Augenblicke eine heimliche Liebſchaft mit dem jüngſten Fräulein des Karlſteiner Burggrafen. Wenn dieſe von der Neben⸗ buhlerin in der Korngaſſe Kunde erhält— und ſie wird —+,—, — e+ ider⸗ ht zu öner iſters noch leich weiß weit h zu Inge⸗ aber it zu kennt Ihr laſſen will's annt⸗ der blicke des eben⸗ wird ſie erhalten, ich geb' Euch mein Wort darauf— ſo wird der Teufel der Eiferſucht in ihrem Herzen entbrennen und ſie wird Euch und Eure Tochter mit ihrem Haſſe ver⸗ verfolgen. Was wird daraus entſtehen? Wie ergeht es dem Weizenkorn zwiſchen zwei mächtigen Mühlenſteinen? Es wird zerrieben! Ihr werdet auch zerrieben werden. Das geb' ich Euch zu bedenken! Je länger die dicke Frau ſprach, deſto mehr wuchs die Verlegenheit des Schneiders. Ja, als ihm die wahrſcheinlichen Folgen vorgehalten wurden, ging die Verlegenheit in einen förmlichen Schreck über und er gerieth auf die nahe liegende, obgleich falſche Vermuthung, die dicke Warnerin handle jetzt ſchon im Auftrage des eiferſüchtigen Edelfräuleins und dieſe An⸗ ſchauung machte zu dem Schrecken auch noch die Furcht ſich geſellen. Der Meiſter, in der Angſt ſeiner Seele, erwiederte mit faſt bebender Stimme: Ach, liebe Frau, von dem Allem hatt' ich ja keine Ahnung; ich bin ein armer, ſchlichter Mann, da kam mir auf einmal der Feldmar⸗ ſchall in's Haus, ſetzte mir allerlei Gedanken in den Kopf.. Das ſieht ihm ganz gleich, aber Ihr hättet chriſtlicher denken und ſtandhafter bleiben ſollen. Er verſprach mein und meiner Töchter Glück zu gründen.. Schönes Glück das, er wirft Euch ein Paar hundert Dukaten an den Hals und Ihr nehmt dafür die Schande in den Kauf. Schämt Euch! Kurz und gut, wie weit iſt der Handel gediehen? Er ging mit dem Verſprechen fort, morgen Abend mit ſeinem Freunde, dem Baron von Betzſtein, zu kommen. Der Unhold ſorgt alſo auch für ſeinen Freund? Schändlich, niederträchtig! Das vermaledeite Ketzerthum ruinirt die ganze Welt, da iſt's kein Wunder, wenn ein chriſtlich Geſchäft zu Grunde gehen muß. Meiſter, Meiſter, wie konntet Ihr es nur über's Herz bringen, ihn anzu⸗ hören? Ihr hättet ihm ſtracks das Loch weiſen ſollen, welches der Zimmermann in der Mauer offen gelaſſen. Was aber kann ich jetzt thun? Es ſind hochgeſtellte, vielvermögende Herren. Verzagt nicht, wer ſich ſelbſt nicht verläßt, dem hilft auch der Himmel. Benehmt Euch wie ein ehrlicher Mann und es ſoll Euch nichts Leides geſchehen. Wir ſprechen uns im Laufe des morgigen Tages noch einmal. Mit dieſer Zuſage ging Frau Mladotta von dannen und eilte heim, der Dame Alles mitzutheilen und die zu ergreifenden Maßregeln zu berathen. Siona erfaßte raſch die günſtige Gelegenheit, ihrem Todfeinde Schaden zu bringen. Daß dieſes Abenteuer in ſeinen Folgen nicht geeignet ſei, ein Reſultat herbei zu führen, welches ihrer Rache genügte, erkannte ſie zwar leicht, ein ſo mächtiger Baum füllt nicht mit Einem Schlage, es müſſen deren mehrere kommen, ſie gab ſich jedoch zufrieden, den Gegner zu ver⸗ wunden und zu erſchüttern. eit iſt Abend zu eund? rthum in ein eiſter, anzu⸗ ſollen, ſſen. ſtellte, nhilft Mann rechen dannen die zu ihrem eeignet Rache Baum nehrere zu ver⸗ Demgemäß verrieth ſie ihre Hausfrau, welche ſich gerne als Werkzeug brauchen ließ, da es ſich um ein gutes Werk handelte. Was in dem Frauenrathe beſchloſſen und wie der Be⸗ ſchluß ausgeführt wurde, wird in dem nächſten Kapitel erzählt werden. E. Breier. General Roßwurm. III. 2 Jweites Rapitel. Das Ibenteuer in der Rorngaſſe. Im Schutze der Dunkelheit überſchritten an dem nächſt⸗ folgenden Abende Roßwurm und Baſſompiere die Eisdecke der Moldau. Der letztere, nachdem er die Vergnügungen in Wien ſattſam genoſſen, begab ſich nach Prag, wo der Freund ihn mit Sehnſucht erwartete. Der Feldmarſchall fuhr mit ihm in ſeiner Staats⸗ karoſſe auf den Hradſchin und ſtellte ihn den kaiſerlichen Räthen vor. Eine Audienz bei dem Kaiſer zu erlangen, hielt da⸗ mals ſchon ſchwer, weil Kaiſer Rudolf bereits in jene beklagenswerthe Phaſe der Menſchenſcheu und Gemüths⸗ zerrüttung getreten war, welche ihn nur ſeiner engen ver⸗ trauteſten Umgebung zugänglich machte. Die erſte Einladung kam den Freunden von dem Burggrafen von Karlſtein zu, einem alten böhmiſchen Herrn, den Baſſompiere in ſeinen Memoiren Perch eſtoris grö es, auf eine ver Alt zu nächſt⸗ isdecke Wien Freund Staats⸗ erlichen ielt da⸗ in jene emüths⸗ gen ver⸗ on dem hmiſchen eſtoris nennt, ein Name, der ſich in den adeligen Regiſtern nir⸗ gends vorfindet, daher höchſt wahrſcheinlich der Deutſch⸗ franzoſe den wirklichen Namen aus Vergeßlichkeit entſtellt hat, was um ſo glaubwürdiger erſcheint, da er ſeine Er⸗ lebniſſe erſt zwanzig Jahre ſpäter und zwar aus dem Ge⸗ dächtniſſe niederſchrieb, weil ihm in der Baſtille, wo er ſich befand, keine Quellen zu Gebote ſtanden. Bei dem Burggrafen machten die Freunde die Be⸗ kanntſchaft mit ſeinen jüngſten Töchtern, es entſpannen ſich gleichzeitig zwei zärtliche Verhältniſſe, welche aber keineswegs bindend genug waren, ein noch wüſteres, an⸗ ſtößigeres Leben ferne zu halten. Wir ſtimmen zwar nicht jenem Biographen Roßwurms bei, welcher den Marquis Baſſompiere als den Dämon des Feldmarſchalls bezeichnet und deſſen Verführung den größten Theil der Schuld beimißt, allein zweifellos bleibt es, daß die leichtſinnige Art des jungen Deutſchfranzoſen auf den leicht mitzureißenden, leidenſchaftlichen Mann einen ſchlimmen Einfluß übte, indem er ihn zu Dingen verleitete, die weder mit ſeiner Würde, noch mit ſeinem Alter in Einklang gebracht werden konnten. In ſo ferne alſo der Feldmarſchall nicht die Kraft oder den Willen beſaß, der Lebensluſt Baſſompiere's Schranken zu ſetzen, kann dieſer allerdings als deſſen Dämon be⸗ zeichnet werden. Wir treffen an dem erwähnten Abende die beiden Freunde auf dem Wege nach der Korngaſſe. In ziemlicher Entfernung hinter ihnen fuhr die Karoſſe des Feldmarſchalls, deren Kutſcher die Weiſung erhalten 2* — 25— hatte, am Anfange der Korngaſſe zu halten und die Rück⸗ kehr des Gebieters abzuwarten. Die beiden Freunde unterhielten ſich von dem Balle, den ſie in der verfloſſenen Nacht bei dem Burggrafen mit⸗ gemacht und kamen dann auf das bevorſtehende Abenteuer zu ſprechen. Die Mädchen, ſagte Roßwurm, ſind allerliebſt, ich zweifle nicht, daß Sie meine Anſicht theilen werden. Und der Vater? Der Schneidermeiſter iſt ein Trunkenbold, der für die bedungenen zweihundert Dukaten ſich zahlloſe Räuſche anzechen wird. Werden wir auch ihn treffen? Er verſprach mir, heute Abend nicht zu Hauſe zu ſein. Das Abenteuer wird hoffentlich verſchwiegen bleiben. Wie ſollte man auf dem Hradſchin erfahren, was in der Korngaſſe vorgeht? Die Freunde erreichten das Haus und traten heiter und ſorglos in die Wohnung des Herrn Kurka. Sie waren nicht gering überraſcht, als ſie den Schneider⸗ meiſter und ſeine beiden Töchter am Tiſche ſitzend und arbeitend antrafen. Herr Kurka grüßte demüthig, ohne ſich jedoch von ſei⸗ nem Sitze zu erheben, die beiden Mädchen hatten die Augen auf ihre Arbeit geſenkt und wagten es nicht, die Kavaliere anzuſchauen. Wie ich ſehe, Meiſter, ſeid Ihr ſehr fleißig? begann Roßwurm, ſeine gereizte Stimmung nicht verhehlend. Was ſoll man thun, verſetzte der Schneider beinahe ſal un es Ve ein Lie firi Ih ver Rück⸗ Balle, n mit⸗ nteuer ſt, ich für die täuſche zu ſein. bleiben. was in heiter hneider⸗ nd und von ſei⸗ tten die icht, die begann end. beinahe ſalbungsvoll, man will leben und um das zu können, muß unſereins arbeiten. Emſigkeit ziert den Mann, meinte der Feldmarſchall, es iſt aber auch wünſchenswerth, daß er als ſolcher ſeinen Verſprechungen nachkomme. Das thu' ich jederzeit, gnädigſter Herr, wer mich mit einer Arbeit beehrt, kann überzeugt ſein, daß ich mit der Lieferung Tag und Stunde einhalte. Roßwurm, die Umſtimmung des Meiſters nicht merkend, firirte ihn mit einem durchdringenden Blicke und ſagte: Ihr werdet wohl nicht vergeſſen haben, was wir geſtern verabredeten? Geſtern? Meiner Treu, ich entſinne mich deſſen nicht mehr. Ihr wißt aber, daß ich geſtern hier war? Es iſt möglich, gnädigſter Herr, es gehen bei mir gar viele Leute aus und ein. Ihr entſinnt Euch alſo nicht? Hattet Ihr zu tief in den Bierkrug geguckt, oder geſchah es heute? Ich bitte Euer Gnaden, mich genan anzuſehen, oder meine Arbeit, Sie werden daran erkennen, daß ich nicht betrunken bin. Dann waret Ihr es geſtern. Geſtern? Es iſt möglich, daß ich geſtern nicht bei Sinnen war. Und Ihr ſeid der Meinung, ich würde mich mit dieſer Angabe begnügen? Ich hoffe es. — Ihr wollt alſo von dem, was wir geſtern verabredet, nichts mehr wiſſen? Ich wiederhole, gnädiger Herr, daß ich mich nicht er⸗ innere, etwas abgemacht zu haben. Erbärmlicher, wortbrüchiger Schuft! rief Roßwurm, Ihr erfrecht Euch, mich in Gegenwart meines Freundes der Lüge zu zeihen. Ich ſage nicht, daß Eure Gnaden lügen, ſondern be⸗ haupte blos, daß ich mich nicht mehr erinnere. Wohlan, ich will Eurem Gedächtniß zu Hilfe kom⸗ men Es iſt nicht nöthig, gnädiger Herr, wozu auch die Mühe, heute iſt nicht geſtern. Wir haben es mit einem Schelm zu thun, ſagte Baſſom⸗ piere in franzöſiſcher Sprache, ich denke, wir geben ihm einen Denkzettel und entfernen uns. Der Schneider, als hätte er die Aeußerung verſtanden, was aber nicht der Fall war, machte einen Sprung zum Fenſter, ſtieß es auf und ſchrie auf die Straße hinaus: Zu Hilfe, Mordiv, zu Hilfe! Roßwurm riß ihn vom Fenſter hinweg, ſetzte ihm den entblößten Dolch an die Bruſt und rief: Wenn Ihr noch einen Laut wagt, ſeid Ihr des Todes. Und mit der freien Hand das eine Mädchen erfaſſend, ſagte er: Frangvis, nehmen Sie die Andere, wir wollen ſehen, wer hier der Stärkere iſt. Der Marquis befolgte die Weiſung. Gnade! Erbarmen! riefen nun die Mädchen unter Thränen. vo au me rie eit redet, ht er⸗ wurm, undes rn be⸗ km⸗ ich die zaſſom⸗ en ihm tanden, ng zum hinaus: hm den hr noch faſſend, wollen n unter — In dieſem Moment ertönte auf der Straße ein Gejohle von zahlreichen Stimmen. Die Kavaliere ſtutzten. Was iſt das? fragte der Marquis mit einem Blick auf den Freund. Die Antwort kam von draußen. Bei Herrn Kurka ſind Diebe eingebrochen! riefen mehrere Stimmen. Es ſind keine Diebe, ſondern vornehme Müßiggänger! riefen Andere. Herbei mit den Knütteln! heulte Einer, als gelte es eine Stadt zu allarmiren. Stangen heraus! Schlagen wir ſie nieder! Nieder mit den Schändern! Wir ſind in eine Schlinge gerathen! murmelte Roß⸗ wurm. Was iſt zu thun? fragte Baſſompiere. O, trüg' ich nur mein Schwert an der Seite! Indeſſen wir wollen uns helfen. Beide Freunde hatten die Mädchen losgelaſſen. Der Feldmarſchall riß den Schneider an ſich, ſchlang ſeinen Arm in den des Meiſters und befahl dem Marquis, auf der anderen Seite daſſelbe zu thun. Der Schneider befand ſich ſomit Arm in Arm zwiſchen beiden Kavalieren, gleichzeitig aber fühlte er unter dem weiten böhmiſchen Kleide den Dolch Roßwurms an ſeine Rippen gedrückt. Du wirſt, raunte ihm der General zu, begütigende * — Worte an den Pöbel richten, oder ich drücke Dir ſechs Zoll Eiſen in die Weiche, verdammter böhmiſcher Betrüger! Die drei Männer verließen in der angegebenen Ver⸗ faſſung die Stube, dann die Thorhalle und betraten hier⸗ auf die Straße. Der Anblick, welcher den Kavalieren hier zu Theil wurde, war eben kein angenehmer. Die Straße, durch mehrere Lichter erleuchtet, war mit Burſchen, Männern und Weibern reich beſetzt. Während die Letzteren zeterten und ſchrieen, hielten die Anderen Knüttel und Stangen drohend geſchwungen. Roßwurm gewahrte unter ihnen rieſige Podskaleſen*) mit wilden Geſichtern, eine unheimliche Race, deren Jeder fähig iſt, einen Stier mit einem Schlage niederzuſchmettern. Beim Anblick der ſcheinbar friedlichen Gruppe ſtutzte die Menge. Die Schauſpieler des künſtlich arrangirten Tumultes waren offenbar darauf nicht vorbereitet. Man hatte ſie zu einer Rauferei beſtellt, um einen gekränkten Meiſter und Familienvater aus den Händen zweier Wüſtlinge zu befreien und ſeine verletzte Hausehre zu rächen, ſtatt deſſen erſchien er ſelber Arm in Arm mit den Herrſchaften. Wie geſagt, die Tumultuanten ſtutzten, traten ſcheu zurück und gaben dem Kleeblatte Raum. Nachdem man einige Klafter Weges anſtandslos zurück⸗ ²) Podskal iſt eine Prager Vorſtadt unterhalb des Wiſchegrad. er ab da ſp an de Zoll r Ver⸗ hier⸗ Theil mit n die en*) Jeder ttern. ſtutzte multes einen inden ehre n mit ſcheu urück⸗ erad. gelegt, glaubte Roßwurm die Gefahr beſeitigt und zog die unter dem Kleide drohende Waffe zurück. Der Schneider fühlte kaum die Gefahr eutfernt, als er ein fürchterliches„Mordio“ hervorſtieß. Ein Geheul war die blitzſchnelle Antwort auf das ver⸗ abredete Signal. Ein Steinregen fiel auf die Gruppe. Der Meiſter lief davon. Retten wir uns! rief Roßwurm. Verdammtes Geſindel! rief Baſſompiere. Es ſind Franzoſen! johlte ein Mann, klopfen wir ihnen das Lederzeug aus. Ein Kampf im eigentlichen Sinne des Wortes ent⸗ ſpann ſich nicht, denn die Kavaliere ſuchten ihr Heil in der Flucht, und die Hauptakteure des Tumultes waren angewieſen, ja keinen Herrn am Leben zu ſchädigen. Von Steinwürfen verfolgt, floh der Türkenbeſieger vor dem Prager Pöbel. Plötzlich ſtürzte er zu Boden. Ein Stein hatte ihn in die Nieren ſo empfindlich ge⸗ troffen, daß er zuſammenfiel. Baſſompirre, der, wie er erzählt, länger Stand hielt, als Roßwurm, ſtürzte auf ihn los, hob ihn vom Boden auf und führte ihn bis zur Karoſſe, welche raſch beſtiegen wurde, um dem Grimme des Pöbels zu entrinnen. Die ganze Straßenſcene hatte nur einige Minuten gedauert. Einzelne Steine flogen noch hinter der im Trabe davonfahrenden Kutſche und Hohnlachen folgte der ſchimpf⸗ lichen Flucht. Die Wachskerzlerin, welche ſich des Vergnügens nicht berauben mochte, Zeuge des von ihr angezettelten Auf⸗ trittes zu ſein, hatte ſich unter dem Schutze eines Haus⸗ thores aufgepflanzt, wirbelte ſchadenfroh die Hände inein⸗ ander und murmelte: So hab' ich's gewollt. Die werden an die Schneiderstöchter in der Korngaſſe ihr Lebelang denken. Mit Schimpf wurden ſie ſattſam bedient, die Müßiggänger, die Lüſtlinge. Von dem Ausgange vollkommen befriedigt, eilte ſie heim. Hermine ſchlief bereits. Siona empfing die Erwartete, ermahnte ſie leiſe zu ſprechen, um die Schweſter nicht zu wecken. Die Hausfrau entledigte ſich ihrer Meldung und ver⸗ ſäumte nicht, ſich des errungenen Triumphes zu freuen und ihrer Entrüſtung gegen die Ketzer ſich zu entladen. Es iſt ebenſo eigenthümlich wie auffallend, daß Roß⸗ wurm, der doch ſtets an ſeine Feinde dachte, gerade in den Fällen, wo ſie wirklich die Häude mit im Spiele hatten, keinen Argwohn gegen ſie hatte. Baſſompiere, deſſen Darſtellung des Abenteuers wir getreu wiedergaben, erwähnt mit keiner Sylbe, daß daſſelbe am kaiſerlichen Hofe oder in den betreffenden adeligen Kreiſen irgend eine Wirkung gehabt. Es iſt daher wahrſcheinlich, daß das Ereigniß ohne Folgen blieb, was ſich leicht erklärt, wenn man ſich in die wilde, zügelloſe Zeit hinein verſetzt, wo Raufhändel an der Tagesordnung oder richtiger an der Nachtordnung tr ir nupf⸗ nicht Auf⸗ aus⸗ tein⸗ rden lang die eim. e zu ver⸗ reuen en. Roß⸗ de in Spiele wir ſſelbe eligen ohne ich in ändel dnung waren, wie zum Beiſpiel in unſerer Zeit Theater und Svoireen. Selbſt auf die Stimmung des Feldmarſchalls äußerte das Abenteuer keinen üblen Einfluß, ſie wurde nicht ge⸗ trübt, denn wenige Tage ſpäter treffen wir ihn bereits in einem neuen, wo er zwar eine weniger ſchimpfliche, aber nicht minder ungerechte Rolle ſpiele. Drittes Rapitel. Der Waskenzug durch die Stadt. Der Karneval begann in den vornehmen Kreiſen Prags mit den Feſtlichkeiten, welche bei der Vermählung des Oberſtſtallmeiſters ſtattfanden. Die geladenen Kavaliere hatten eine Maskerade zu Pferde beſchloſſen, und man munkelte ſich in die Ohren, ſie würden in dem prächtigen Aufzuge durch die Stadt reiten, ohne daß man jedoch die Namen der Theilnehmer zu bezeichnen wußte. Die aus Italien ſtammende Sitte, Vergnügungen auf die Straße zu tragen, war mit den Wälſchen in's Land gekommen. Dazu gehörten auch Maskenaufzüge. Sei es, daß die lärmende Oeffentlichkeit mit der ſtillen, düſteren Hofhaltung Rudolfs zu ſehr diſtonirte, oder daß die Zuſammenläufe Anlaß zu Raufereien nnd Todt⸗ ſchlägen gaben, genug, Maskenzüge durch die Stadt waren verboten. ags des zu een, tadt mer auf land llen, daß odt⸗ aren — 55 Man kann ſich daher vorſtellen, mit welcher Neugierde diejenigen, die von der Abſicht der Kavaliere Kenntniß be⸗ ſaßen, dem Verlaufe des Unternehmens entgegenſahen. Es war Nachmittags, als die vermummte Cavalcade in den Straßen Prags erſchien. Sie beſtand aus acht Kavalieren mit ihrer Dienerſchaft. An der Spitze ritten Roßwurm und Baſſompiere, dann kamen der ältere Waldſtein und Wenzel Kinsky, hierauf die Herren von Harrach und Charmin, und endlich der junge Schomberg und Graf Wolf von Mannsfeld. Sowohl Herren als Diener waren maskirt. Unter dem Zuſammenlaufe einer großen Volksmenge zogen die Masken durch die Straßen der Stadt. Man nahm den Weg über den kleinen und großen Ring. Als der Zug am Altſtädter Rathhauſe vorüber mußte, traten die Rottenführer der Stadtguardia an ihn heran und riefen, ob ſie denn nicht wüßten, daß Aufzüge durch die Stadt verboten ſeien? Der Zuruf geſchah in böhmiſcher Sprache, und die fröhliche Geſellſchaft ſtellte ſich, als verſtünde ſie ihn nicht und ritt weiter. Würde ſie ſich damit begnügt haben, der Aufzug wäre zuverläßlich ohne Zwiſchenfall abgelaufen. Allein die luſtige Kumpanei, nachdem ſie durch die vor⸗ züglichſten Straßen geritten, nahm ihren Weg wieder über den großen Ring. Leferte ſchon der ganze Aufzug ein Beiſpiel, wie über⸗ müthig man ſich über Verbot und Befehl hinwegſetzte, ſo — 30— nahm dieſes zweite Erſcheinen an der Wache den Charakter einer förmlichen Herausforderung an. Die Wache am Rathhauſe hatte ſich vorgeſehen. Die Kunde, daß die Maskerade ſich auf dem Rückwege befinde und wieder über den Ring ziehen werde, war dieſer vorausgeeilt. Die Wache traf Vorkehrungen. Sie verſperrte ſämmtliche Ausgänge des Platzes mit Ketten und ließ nur die Einmündung der Zeltnergaſſe offen, woher der Maskenzug kam. Kaum befand ſich die Cavalkade auf dem Ringplatze, ſo wurde auch jene verſperrt. Die Kavaliere achteten darauf nicht und wollten ihren Weg fortſetzen. Halt, halt! donnerte es ihnen entgegen. Platz dem Vergnügen! rief eine der Masken. Aufzüge durch die Stadt ſind verboten. Wir thun Niemanden was zu Leide. Wer ſeid Ihr? Herab mit den Masken! Dieſem Befehl wurde keine Folge geleiſtet. Die Rottmeiſter der Stadtguardia, erzürnt über die Widerſpenſtigkeit, winkten ihren Leuten, und ein Paar von ihnen fielen den Pferden Schombergs und Manns⸗ felds in die Zügel und machten Miene, ſich der Reiter zu bemächtigen. Gleichzeitig ſprangen ein Paar Andere herbei und wollten an der Mitte des Zuges Hand anlegen. Jetzt ergrimmte Roßwurm und rief dem zur Seite reitende Freunde in franzöſiſcher Sprache zu: Frangvis, ar das Geſindel ſucht Händel, wir wollen es zu Paaren treiben. Heh da, die Degen her! Die Masken waren nämlich unbewaffnet und ihre rück⸗ wärtigen Diener trugen ihnen die Degen nach. Roßwurms Ruf nach Waffen hatte zur Folge, daß einer der Häſcher auch den Marquis anfiel und ſich des Pferdezügels bemächtigte. Der ergrimmte Feldmarſchall hatte indeſſen ſeinen Degen überkommen und führte, jedoch ohne ihn aus der Scheide zu ziehen, einen Streich auf den Angreifer Baſſom⸗ piere's, und zwar mit ſolcher Gewalt, daß der Stahl durch die Scheide drang und den Getroffenen verwundete. Die Stadtguardiſten, über die Widerſetzlichkeit ergrimmt, fielen nun in Maſſe über die Anführer der Maskerade her, ſo daß Roßwurm und Baſſompiere, um ſich ihrer zu erwehren, ihre Degen entblößten und einhieben. Der Vortheil des Kampfes ſtand jedoch nicht auf ihrer Seite. Die Häſcher waren mit Hellebarden verſehen und be⸗ dienten ſich ihrer mit großer Geſchicklichkeit. Sie ſchlugen auf Roß und Reiter los, und der Mar⸗ quis geſteht ſelbſt, daß er und Roßwurm ordentlich„zu⸗ gedeckt“ worden ſeien. Die wackeren Böhmen thaten ihre Schuldigkeit, leider ſollte ſie ihnen übel bekommen. Nachdem der Kampf eine Weile zum Nachtheile der Kavaliere fortgedauert, kam der Hauptmann der Wache aus dem Rathhauſe herbei. —— Dieſes verſpätete Einſchreiten des Hauptmanns ſcheint ein abſichtliches geweſen zu ſein. Er wollte vermuthlich ſeinen Leuten Zeit gönnen, den Uebermuth zu züchtigen, und nachdem dies erreicht war, erſchien er auf dem Kampſplatze. Im Namen des Kaiſers! rief ſeine mächtige Stimme, und gleichzeitig hob er ſeinen Regimentsſtab in die Höhe. Sämmtliche Stadtguardiſten ſenkten ihre Hellebarden. Roßwurms guter Stern ließ ihn die Gefahr erkennen. Er ließ ſeinen Degen fallen und rief den Gefährten zu: Werft die Waffen zu Boden! Das geſchah denn auch. Und die höchſte Zeit war's, denn Jeder, der bei dem Zeichen des Hauptmanns nicht augenblicklich Frieden gab, galt als Rebell vor dem Kaiſer und wurde an dem „Höchſten“ geſtraft, das heißt am Leben. Der Kampf war beendet. Roßwurm, von dem Wunſche beſeelt, unerkannt zu bleiben, raunte dem Marquis zu, mit dem Hauptmanne zu ſprechen. Baſſompiere unterzog ſich dieſer Aufgabe, doch nicht in der Weiſe, wie ſein Freund es wünſchte. Wir zogen friedlich durch die Straßen und wurden von den ſtädtiſchen Dienern inſultirt. Sind wir auch maskirt, ſo zeigen doch die Wappen an den Pferdedecken, weß Standes wir ſind. Hat man auch keine Rückſicht für uns, ſo hätte man ſie mindeſtens vor Seiner Erxcellenz dem Feldmarſchall haben ſollen! So der Marquis. nic ab ers ſce we lic wi da ni M un zu Ke ni wr eint den war, nme, öhe. den. men. eten dem gab, dem t zu anne in den auch cken, für llenz — 33— Weshalb er dieſen ohne Umſtände genanut, wiſſen wir nicht, vermuthlich that er's im Zornesaufwallen. Roßwurm, als er ſich nennen hörte, riß ſeine Maske ab und ſprengte auf den Hauptmann los. Dieſer ſuchte ſeine Leute zu entſchuldigen, allein der ergrimmte Feldmarſchall ließ ſeiner Leidenſchaft freien Lauf. Er überſchüttete den Hauptmann und ſeine Leute mit Vorwürfen, maß ihnen die ganze Schuld der Straßen⸗ ſcene bei und wollte auf keine Entſchuldigung hören. Ich werde Satisfaktion von Seiner Majeſtät erbitten, werde die Klage bei dem Kanzler anbringen. Augenblick⸗ lich gebt allen Masken Raum, denn ſie ſind vom Adel, wie ich. Das Uebrige wird folgen! Die Stadtguardiſten zogen ſich zurück und der Masken⸗ zug ſetzte nun ungehindert ſeinen Weg fort. Die übrigen Theilnehmer deſſelben kamen glimpflicher davon, als Roßwurm und Baſſompiere, dieſe erſchienen nichtsdeſtoweniger im hochzeitlichen Hauſe, ignorirten die Mißhandlungen und verbrachten die ganze Nacht bei Spiel und Tanz. Am folgenden Tage erfüllte der Feldmarſchall ſeine Drohung, er war nicht der Mann, eine ſolche unerfüllt zu laſſen. Er begab ſich zu Herrn von Sternberg, dem damaligen Kanzler, und führte Klage gegen die Häſcher, die doch nichts gethan hatten, als ihre Schuldigkeit. Der Kanzler, ein Genoſſe der Spielpartieen Roß⸗ wurms, folglich ſein guter Freund, ließ ſämmtliche be⸗ E. Breier. General Roßwurm. III. 8 theiligt geweſene Stadtguardiſten, anderthalb hundert an der Zahl, in's Gefängniß werfen. Das Ereigniß machte natürlich viel von ſich ſprechen und war nicht geeignet, dem Feldmarſchall Freunde zu verſchaffen. Die verhafteten Häſcher waren zum größten Theile verheirathet. Die Weiber der unſchuldig Eingekerkerten ſchrieen„Zeter und Wehe“ durch die Stadt. Sich dem ergrimmten Roßwurm zu nahen, wagten ſie nicht, dafür ergriffen ſie einen andern Weg. Es war ſtadtkundig, daß der Marquis Baſſompiere bei der Maskerade betheiligt geweſen, ebenſo wußte man, daß er ein Freund des Feldmarſchalls ſei. Eines Tages erſchien nun ein halbes Hundert böhmi⸗ ſcher Weiber in der Wohnung des Marquis und begann ihn um die Freilaſſung der Männer zu beſtürmen. Obgleich die Zeit der böhmiſchen Amazonen längſt vor⸗ über war, mochte der Deutſchfranzoſe dem zarten Geſchlecht doch nicht recht vertrauen und zog daher milde Saiten auf, ſie mit leeren Tröſtungen abſpeiſend. Da jedoch an den nächſten Tagen dieſe Auftritte ſich wiederholten und von Tag zu Tag ſtürmiſcher zu werden anfingen, beſorgte er, auch mit den Fäuſten der Weiber Bekanntſchaft zu machen, nachdem er die mit den Helle⸗ barden der Männer bereits unſanft empfunden. Er begab ſich daher zu Roßwurm und beſchwor ihn, den Verhafteten die Freiheit zu verſchaffen. Der Feldmarſchall wollte davon nichts hören. be la rt an rechen de zu Theile „Zeter en ſie re bei t, daß öhmi⸗ egann t vor⸗ chlecht n auf, te ſich verden Weiber Helle⸗ rihn, Die blauen Flecke ſchmerzten ihn noch, daher die Ge⸗ rechtigkeit, wie er ſich ausdrückte, ihren Lauf haben müſſe. Endlich, es bedurfte einiger Tage dazu, ließ er ſich beſänftigen und zog den Freund aus der Verlegenheit. Er begab ſich wieder zu Sternberg, welcher die Frei⸗ laſſung anbefahl. Der Gnadenakt kam allen Gefangenen zu Gute, bis auf Zweien, die während der Dauer der vierzehntägigen Haft im Kerker— erfroren! Daß von den umgekommenen Häſchern nicht weiter die Rede war, braucht wohl nicht beſonders erwähnt zu wer⸗ den. Der bürgerliche Groll kehrte ſich gegen Roßwurm, man maß ihm die ganze Schuld bei, während er wohl die Veranlaſſung dazu war, die eigentliche Schuld aber den Kanzler trifft, der Einhundertundfünfzig Menſchen ver⸗ haften ließ, weil ſie im Dienſte der Ordnung ihre Pflicht und Schuldigkeit gethan. So waren bereits zwei Ereigniſſe gekommen, welche das Anſehen des Feldmarſchalls erſchütterten, in ehrbaren Kreiſen Kopfſchütteln verurſachten und ihn mit einem Odium beluden, deſſen Nachtheile über kurz oder lang ſich fühlbar machen mußten. Ein drittes Ereigniß ſollte nicht ausbleiben. Die An⸗ weſenheit in Prag ſchien dem Gewaltigen in der That ein Ungemach nach dem andern zu bringen, er ſollte es bald bereuen, die Warnung ſeines Freundes, des Franziskaner⸗ Priors, nicht beachtet zu haben. 3* Piertes Kapitel. Roßwurm vermehrt die Jahl ſeiner Teinde. Roßwurm ſchmeichelte ſich, für die nächſte Kampagne wieder den Oberbefehl des Heeres in Ungarn zu erlangen, bald aber transpirirten aus den Hofkreiſen gewiſſe Ge⸗ rüchte, welche dies in Abrede ſtellten. Der ehrgeizige Mann, davon Kunde erhaltend, wollte in ſeiner eigenen Angelegenheit Schritte thun, und bewarb ſich um eine Audienz bei dem Kaiſer. Eine ſolche zu erlangen, hielt damals unendlich ſchwer. Rudolfs täglich zunehmende Hypochondrie ließ ihn von aller Welt ſich abſchließen. Eine förmliche Menſchenſcheu überkam den Monarchen. Seit einiger Zeit vermied er ſogar den anmuthigen Burggarten mit ſeinen Waſſer- und Tonkünſten zu be⸗ ſuchen, und ergötzte ſich nicht mehr in den mit Wunder⸗ ſpiegeln ausgeſtatteten Grotten. Stundenlang ſaß er wie erſtarrt in einem Lehnſtuhle ane ngen, vollte warb hwer. nvon rchen. higen u be nder⸗ ſtuhle — 37— und beobachtete die Maler und Uhrmacher in der Aus⸗ übung ihrer Kunſt. Wollte er ſich Bewegung machen, geſchah es in der abgeſchloſſenen Reitſchule oder in langen, feſten Gängen, welche mit engen, ſchrägen Fenſtern verſehen waren, die das Ausſehen von Schießſcharten boten. Sogar das Oratorium, worin der Monarch die Meſſe hörte, war ſtark vergittert. „An Schönheitsſinn und Geſchmack,“ ſchreibt Hormayr in ſeiner Geſchichte Wiens,„fehlte es Rudolfen nicht. „Er war der erſte Monarch, der die Hofnarren abſchaffte. „Deſto mehr Narren ohne Schellenkappe, Marktſchreier „und Quackſalber, Alchymiſten und Roſenkreuzer drängten „ſich um ihn. Der Engländer Dee betrieb ſeine ſchwarze „Kunſt und ſeine Geiſtererſcheinungen ſo lebhaft, daß Ru⸗ dolf alles Ernſtes ihn und ſich für ein Paar gewaltige „Zauberer hielt und ſich beide nicht wenig vor einander „fürchteten.“ „Selbſt ein Mann wie Khevenhüller(der Geſchicht⸗ „ſchreiber) glaubte, Rudolf ſehe das Fernſte in ſeinem „Wunderſpiegel und ſein Magnet ſei ein Verräther der „geheimſten Gedanken.“ „Es war bloße Gunſt des Zufalls, daß unter dem „Schwarm von Betrügern und Betrogenen, doch auch „Männer von ſolchem Verdienſte ſich fanden, wie Keppler „und Tycho Brahe und Werke an's Licht kamen, wie die „rudolfiniſchen Tafeln und des Kaiſers Briefe.“ Dieſe beſtehen in einer noch aufbewahrten Korreſpon⸗ denz, welche der Kaiſer mit Keppler geführt und woraus die Gelehrſamkeit des Kaiſers ebenſo hervorleuchtet, wie des Gelehrten Achtung vor ihm. Die angeführte Abgeſchloſſenheit entſprang theils dem erwähnten krankhaften Zuſtande, theils aber dem Miß⸗ trauen, welches die Aſtrologen wachriefen und fortnährten. Der Monarch war für alle Welt unſichtbar, ſo daß man eine Zeit lang an ſeinen Tod glaubte und der Mei⸗ nung huldigte, jener werde von den Günſtlingen ver⸗ heimlicht. Abgeordnete aus den Provinzen mußten oft Monate lang harren, bis ſie vorkamen, Statthalter und Feld⸗ herren warteten oft vergebens auf Verhaltungsbefehle, ja ſogar den Geſandten fremder Mächte erging es nicht beſſer. Bei ſo bewandten Umſtänden war es beinahe natürlich, daß auch Roßwurm die gewünſchte Andienz nicht erhielt, wenigſtens nicht ſo raſch erhielt, als ſeine Ungeduld ſie erwartete. Der Mann, von dem dies abhing, war der erſte Kammerdiener des Kaiſers, Philipp Lang von Lan⸗ genfels. Um von dem Einfluß dieſes Menſchen eine richtige Vorſtellung zu bekommen, leſe man, was Herr Hurter über ihn ſchreibt. „Er war der Allgewaltige, an den in Angelegenheiten bei dem Kaiſer Erzherzoge und Erzherzoginnen ſich wen⸗ deten, mit welchem Fürſten in Briefwechſel ſtanden, an den Sprößlinge der anſehnlichſten Geſchlechter aus der mannigfachſten Veranlaſſung ſich wendeten, um deſſen Gunſt die fremden Botſchafter buhlten.“ ihn Th erl me hal erſ ſta ein fü zur La des wie dem rten. daß Mei⸗ ver⸗ nate Feld⸗ e, ja eſſer. rlich, hielt, d ſie chtige rter heiten wen⸗ „ an s der Hunſt — 39— „Die oberſten Geſchäftsmänner und höchſten Hof⸗ würden beugten ſich vor ihm, Räthe und Gerichte achteten auf deſſen Winke, er ſchaltete nach Belieben über alle Stellen am Hofe, im Lande und bei dem Heere, er ver⸗ fügte unbedingt über Zutritt und Abweiſung bei dem Kaiſer, vor ihm zitterte bei bloßer Beſorgniß einer Miß⸗ gunſt ein Jeder um Ehre, Habe und Leben.“ „Die Manifeſtationen ſeiner Allgewalt tragen das Ge⸗ präge beiderſeits der Stellung wie der Perſönlichkeit des⸗ jenigen, der ſie geübt.“ Lang hatte ſeinen Vorgänger in Amt und Einfluß, den Ritter Hieronimus Machowsky von Machau, im Jahre 1603 geſtürzt und in das Gefängniß gebracht, 1 1 m ſelbſt wurde im Jahre 1608 das nämliche Lvos zu Theil und Kaſpar Rutzky, welcher an ſeine Stelle kam, erlitt daſſelbe Schickſal. Es iſt für die Regierung Rudolfs bezeichnend, be⸗ merkt Ottokar Lorenz in ſeiner öſterreichiſchen Regenten⸗ halle,„daß drei Männer, welche dieſen Poſten(eines erſten Kammerdieners) bekleideten, nach einander im Kerker ſtarben.“ Man wird ſich erinnern, daß Roßwurm, als er den Kriegsrath Dentize erſchlug, dem Kammerdiener Lang eine goldene Kette verehrte, wodurch dieſer ſich bewogen fühlte, alles Ungemach von des Feldmarſchalls Haupte ab⸗ zuwenden. In neueſter Zeit ging jedoch Roßwurm der Gunſt Lang's verluſtig, ſei es, daß während dem der Einfluß des Kammerdieners, welcher damals erſt begann, ange⸗ — 40— ſchwollen war, oder daß Roßwurm ihn vernachläſſigte, was die Eitelkeit und den Eigennutz des Parvenus ver⸗ letzte. Genug, Roßwurm bekam keine Andienz, und wußte, daß die Schuld daran niemand als Lang trage. Bei einem Charakter von der Heftigkeit des Feld⸗ marſchalls war nicht zu erwarten, daß er ſeinen Unmuth in ſich verſchließe und Alles unterlaſſe, was ihm die Feindſchaft eines mit ſo mährchenhafter Gewalt ausge⸗ rüſteten Mannes zuziehen konnte. Es bedurfte nur einer Gelegenheit, ſeinem Unmuthe freien Lauf zu laſſen, und dieſe fand ſich bald. Lang, bisher blos mißgünſtig geſtimmt, umwandelte ſich in einen Todfeind Roßwurms. Es ſoll gleich erzählt werden, wie dies geſchah. Zu den vielen Laſtern Langs zählte auch die Unſitt⸗ lichkeit. Obgleich vermählt und hoch in den Jahren, ſtörte das doch nicht den Ehefrieden, und ſeiner Gattin blieb er auch dann ihr„lieber Herr“, als ſie hierüber zum Zeugniß vor Gericht gefordert wurde. Lang fiel nämlich im Jahre 1808 in Ungnade und in eine„peinliche Unterſuchung“. Unter den 137 ihm vorgelegten Fragen beziehen ſich die erſten ſieben auf das oben erwähnte Verbrechen. Unter ſeinen Favoritinnen befanden ſich zu jener Zeit eine gewiſſe Lorenzina Pylmann, Witwe eines gewiſſen Margarini und die Frau eines Herrn Jakob Haßler, dem er ſpäter den Titel eines Pfalzgrafen verſchaffte. tri „9 igte, ver⸗ ußte, Feld⸗ muth die sge⸗ mthe delte nſitt⸗ edas auch ß vor d in ſich Zeit viſſen dem Dieſe Frauen kamen zu jeder Stunde in Langs Haus, trugen ihm die Neuigkeiten der Stadt zu, nannten ihn „goldener Herr Lang“ oder„liebſter Schatz“ und wurde an ſeinem Tiſche der Leumund Anderer nicht beſprochen, ſo bildeten die unfläthigſten Zoten die Würze der Tafel. Als Roßwurms Abenteuer vorfielen, gaben ſie den genannten Frauen Gelegenheit, ſich darüber in einer für den Feldmarſchall nicht ſchmeichelhafte Weiſe auszu⸗ ſprechen. Das kam Roßwurm zu Gehör und er brütete Rache. Kurz darauf traf er mit Lang bei einer Tafel zu⸗ ſammen, wo beide zu Gaſt geladen waren. Die Unterhaltung bewegte ſich in unverfänglichen Kreiſen, als der Feldmarſchall auf einmal ſich zu Lang wendete und im ironiſchen Tone ſagte: So oft ich Sie ſehe, Herr von Langenfels, überkommt mich der Wunſch, mich einſt eines ſo rüſtigen Alters zu erfreuen wie Sie. Excellenz, erwiederte der Angeſprochene, haben ganz die Anlage, mir's einſt zuvor zu thun. Ich glaube nicht, entgegnete Roßwurm, ich zähle jetzt erſt vierzig Jahre und obwohl unvermählt, habe ich es doch noch nicht dahin gebracht, mir zwei geheime Kammerfrauen zu erwerben. Die ganze Geſellſchaft wurde verlegen bei dieſem ſchrecklichen Scherz. Lang wechſelte die Farbe und wurde von dieſem Mo⸗ mente an Roßwurms Todfeind. Die Haßler und Pylman aber bekamen von dieſer Stunde an den Spottnamen:„Die geheimen Kammer⸗ frauen“. Roßwurm beeilte ſich, ſeinen Freund, den Marquis Baſſompiere, von der Rache, die er geübt, in Kenntniß zu ſetzen, dieſer mißbilligte das Verfahren und ſagte: Man ſoll die Zahl ſeiner Feinde nicht muthwillig ver⸗ mehren, am allerwenigſten dann, wenn man deren ohne⸗ dem genug beſitzt. Sie müſſen nun darauf gefaßt ſein, daß Lang alle ihre Pläne krenzen und ihren Wünſchen entgegentreten werde. Der Feldmarſchall zuckte die Achſeln und erwiederte: Immerhin, ſobald ich hier eine Zurückſetzung erfahre, be⸗ gebe ich mich nach Baiern. Der Kurfürſt bedarf eines Führers für ſein Heer, er ließ mir im Vertrauen die Stelle bereits anbieten und ich quittire den öſterreichiſchen Dienſt und begebe mich dahin. Die Befürchtung des Marquis traf ein. Georg Baſta wurde für den nächſten Feldzug mit der Heeresführung gegen die Türken betraut und Graf Barbiano Belgiojoſo erhielt den Oberbefehl in Siebenbürgen. Die Erfolge der beiden Italiener ſind bekannt. Belgivjoſo brachte Siebenbürgen zum Abfall und Baſta verlor Peſt, Gran, Wiſſegrad, Vesprim, Palota und Neuhäuſel. Was in zwölf blutigen Kriegsjahren mühſam errungen wurde, ging in einem einzigen verloren. Roßwurm, ob der Zurückſetzung verletzt, unterhandelte wegen ſeines Uebertrittes in den baieriſchen Dienſt und ſta ein als die Fr ba Ra M 40 bez ver feß der ve A mi er⸗ uis niß gte: ver⸗ ne⸗ ein, chen vte: be⸗ nes die chen mit raf in aſta und igen elte und ſtand bereits auf dem Punkte, die ehrenvollſte Beſtallung eiues Feldmarſchalls Maximilians von Baiern anzunehmen, als ein verhängnißvolles Ereigniß dazwiſchen trat, und die dem deutſchen Roßwurm zugedachte Stelle einem Fremdling, Johann Tſcherklas Tilly, zu Theil wurde. Dieſem war es beſchieden, in den ruhmvollſten Tagen baieriſcher Waffen zu glänzen. Roßwurm erhielt die Stelle eines Befehlshabers in Raab, alſo ein Feſtungskommando, ein ſchlechter Erſatz für die Würde, die man ihm entzog, doch um ihn einiger Maßen zu verſöhnen, wurde ihm ein Gnadengehalt von 40,000 Gulden bewilligt, wovon er jedoch nur 15,000 bezog. Seine neue Stelle verhinderte ihn nicht, in Prag zu verweilen. Es war ein eigenes Verhängniß, welches ihn dort feſthielt. Wonach Roßwurm vergebens ſtrebte, erreichte Mar⸗ quis Baſſompiere durch einen Zufall, eine Audienz bei dem Kaiſer. Eines Tages— erzählt er in ſeinen Memoiren— vergnügte er ſich auf dem Hradſchin mit dem Grafen Adam Waldſtein, dem kaiſerlichen Oberkämmerer, im Ballſpiel. Das Ballſchlagen zählte damals zu den beliebteſten Spielen und wurde auf eigens dazu eingerichteten Plätzen, mitunter auch öffentlich geübt. Es war ein chevalereskes Vergnügen, wobei Ge⸗ wandtheit, Flinkigkeit, und körperliche Elaſtizität in An⸗ ſchlag kamen und männliche Kraft und Grazie entfaltet werden konnten. Die beiden Kavaliere hatten im Eifer des Spieles nicht bemerkt, daß an einem vergitterten Fenſter ein be⸗ jahrter Herr erſchienen war, welcher dem Spiele mit Theil⸗ nahme zuſah. Es war Seine Majeſtät Kaiſer Rudolf. Der junge geſchickte Kavalier gefiel dem Monarchen, ſeine einnehmende Perſönlichkeit verſchaffte ihm eine un⸗ erwartete Gunſt. Er erhielt eine Einladung zu einer Audienz. Baſſompiere erſchien am andern Morgen zur üblichen Stunde in der Antikamera, welche zu betreten nur We⸗ nigen gegönnt war. Kaiſer Rudolf empfing ihn in Gegenwart des Ober⸗ hofmeiſters Lichtenſtein. Baſſompiere machte die vorgeſchriebene Kniebeugung, der Monarch bewies ſich ſehr huldreich. Die Unterhaltung wurde in ſpaniſcher Sprache geführt, es war dies diejenige, deren ſich Rudolf unter den ihm geläufigen ſechs Sprachen am liebſten bediente. Sie ſind der Baron von Betzſtein? Und Eurer Majeſtät unterthänigſter Diener. Ihr Vater hat in der Ligue gefochten, lebt er noch? Er iſt ſeit acht Jahren todt. Wo haben Sie ſtudirt? Bei den Jeſuiten in Ingolſtadt. Eine tüchtige Schule. Was haben Sie gelernt? Der Marquis zählte die Studien auf, denen er obgelegen. ung Ka lag wo wie Lar erl kai Un unt M zu ger M gung, führt, ihm ioch? 5 legen. Der Kaiſer wiegte zufrieden das Haupt und ſagte: Wiſſenſchaft iſt die Zierde des Mannes. Der BGeiſt unterſcheidet den Menſchen von dem Thiere, wer ſeiner nicht pflegt, würdigt ſich ſelbſt herab. Sie haben, wie man mir ſagt, den letzten Feldzug mitgemacht? Ich focht' als Freiwilliger gegen Eurer Majeſtät Feinde. Der Türke iſt aller Chriſten Feind und Wir ſind ſo unglücklich, ihn zum nächſten Nachbar zu haben. Die letzte Kampagne hat Unſeren Erwartungen nicht entſprochen, es lag am Führer, es wird künftig beſſer werden. Nach dieſer Rede verſank der Kaiſer in ein Hinbrüten, wobei ſein Blick ſtarr gegen den Boden gerichtet war. Doch plötzlich ſich ermannend, richtete er das Haupt wieder empor und ſagte: Gefallen Sie ſich in Unſeren Landen? Eure Majeſtät wollen mir gnädigſt das Geſtändniß erlauben, daß dies in hohem Grade der Fall iſt. Schön, das freut Uns. Wir verſichern Sie Unſerer Unſere Dienſte zu treten. In Frankreich, meinem Vaterlande, herrſcht jetzt Friede und es iſt kein Spielraum für Thatenluſt. In Eurer Majeſtät Landen iſt dem Muthe Gelegenheit geboten, ſich zu bewähren— Der Kriegs⸗Epperienz der Tapferkeit kann man nie genug um ſich verſammeln. Wenn Sie ſich Unſerem Dienſte widmen, ſollen Sie ein Reiterregiment befehligen. Eurer Majeſtät Gnade macht mich zum glücklichſten Menſchen, ich unterziehe mich ihr mit dankbarem Gemüthe. Wollen Sie die Stelle unverzüglich antreten? Bevor ich es thue, wage ich die unterthänigſte Bitte, eine Reiſe nach Frankreich, zur Ordnung meiner Ange⸗ legenheiten unternehmen zu dürfen— Wir gewähren Ihnen die Bitte. Wir haben jetzt Januar, bis zum Frühjahre können Sie wieder hier ein⸗ getroffen ſein und das Regiment übernehmen. Wir bleiben Ihnen in Gnaden gewogen. Damit endigte die Audienz. Bitte, Ange⸗ jetzt r ein⸗ bleiben Fünftes Rapitel. Pläne in Prag.— Ein Brief nach Wien. Die Ereigniſſe, welche die Kataſtrophe vorbereiteten, blieben der Griechin nicht verborgen, ihr Inſtinkt weis⸗ ſagte ihr, daß ſie nicht mehr fern vom Ziele ſtehe. Eines Abends fand Marcheſe Furlani ſich bei ihr ein, wie gewöhnlich war Hermine im Gemache anweſend. Der Italiener benutzte einen Moment, der Dame ſei⸗ nes Herzens zuzuflüſtern, daß er unter vier Augen mit ihr zu ſprechen wünſche. Siona kam dieſem Wunſche nach und entfernte das Mädchen unter einem ſchicklichen Vorwande. Als Furlani mit der Geliebten allein war, zog er ein gedrucktes Flugblatt, wie ſie damals die Stelle der Zei⸗ tungen vertraten, hervor und ſagte: Geſtern erhielt ich von einem Landsmanne dieſes Blatt mitgetheilt. Es iſt, wie ich ſehe, italieniſch, bemerkte die Griechin. Eine Bekanntmachung, die in Mailand erſchien. Wovon handelt ſie? —5 Sie beſchäftigt ſich mit dem Grafen Franzesko Bar⸗ biano von Belgiojoſo. Dem Bruder des Feldmarſchalls? Mit demſelben. Der Graf iſt, ſo viel ich weiß, wegen Entführung einer Dame aus Mailand verbannt? Ganz recht, die Verbannungsfriſt war aber mit dem heurigen Jahre verſtrichen, deshalb erſchien dieſe Bekannt⸗ machung, worin er auf's Neue auf die Dauer von zwei Jahren öffentlich banniſirt wird. Oh, oh! Graf Peter von Salerno, deſſen Gattin er entführte, bietet für den Kopf Barbiano's abermals 6000 Kronen, doch das iſt noch nicht Alles. Wenn ein Verbannter den Preis verdienen ſollte, ſo wird ihm überdies auch noch die ſtraffreie Rückkehr in's Vaterland zugeſagt. Wie ge⸗ ſagt, geſtern erhielt ich das Flugblatt mitgetheilt und heute werde ich durch die Nachricht überraſcht, daß der Pro⸗ ſeribirte hier angekommen ſei... Graf Franzesko Barbiano in Prag? rief Siona mit einer Theilnahme, welche zu bemänteln ſie ſich wenig Mühe gab. Furlani ergriff die Hand Siona's, blickte ſie ſcharf an und ſagte: Sie nehmen meine Mittheilung in einer Weiſe auf, die mich vermuthen läßt, daß Sie den Grafen kennen. Und wenn dem ſo wäre? Dann bitte ich Sie, an meine Liebe zu denken und an meine Eiferſucht. iſt bli we zu nüt anz Bar⸗ ihrung it dem ekannt⸗ n zwei tführte, Kronen, ter den ich noch Wie ge⸗ id heute er Pro⸗ ona mit wenig ie ſcharf in einer Grafen an Eiferſucht? Seien Sie kein Thor, mein Freund, ich gebe Ihnen die Verſicherung, daß Sie keinen Grund zur Eiferſucht haben, und daß meine Erregung einem ganz anderen Gefühle entſpringt, als der Liebe. Ich will Ihnen glauben, Siona, glauben, obgleich Sie mir noch nicht den Beweis gegeben haben, daß Siekmich wirklich lieben. Was Euch Männern üls ein Beweis der Liebe gilt, iſt nur ein Beweis unſerer Schwäche, ich ſehe den Augen⸗ blick gekommen, Ihnen einen wirklichen, untrüglichen Be⸗ weis meiner Liebe zu geben, indem ich mich mit Ihnen zu einem gewiſſen Zwecke verbinde, einen Zweck, der Ihnen nützen wird und mich in die Lage verſetzt, Ihnen ganz anzugehören. Der Marcheſe ſchaute die Geliebte an, er ahnte noch nicht, wo hinaus ſie wolle? Siona fuhr fort: Ich habe Ihnen aus den Gefühlen meines Herzens kein Hehl gemacht, Sie wollten an ihre Wahrhaftigkeit nicht glauben. Warum? Weil ich die letzte Schranke aufrecht erhielt, die uns trennte. Die Gelegen⸗ heit, dieſe zu beſeitigen, iſt nun vorhanden. Ich bin geſpannt, Ihre Anſicht zu vernehmen. Marcheſe, der Mann, dem ich angehören ſoll, muß ein Vaterland beſitzen. Sie hatten, ſeit ich Sie kenne, keines, denn Sie ſind aus dem Ihrigen verbannt. Erwerben Sie ſich wieder Ihr Vaterland und ich bin die Ihrige. Furlani's Augen erweiterten ſich, noch begriff er nicht Siona's Intention. E. Breier. General Roßwurm. UI. 4 Dieſe ſprach weiter: Wir Beide leben hier in einem fremden Lande, hier iſt unſeres Bleibens nicht. Soll das Glück uns erblühen, ſo kann es nur dort ſein, wo Sie heimiſch ſind oder ich. Oft überkam mich ſchon der Ge⸗ danke zur Rückkehr nach meinem Vaterlande. Warum offenbarten Sie ihn nicht? Ich hätte Sie mit Vergnügen dahin begleitet. Auf dieſe Verſicherung des Marcheſe erwiederte Siona: Ich zweifle nicht an Ihrer Bereitwilligkeit, lieber Freund, allein die Scheu, vor meinen Vater an der Seite eines Verbannten zu treten, hielt mich von der Ausführung der Idee ab, ich konnte mich mit dem Gedanken, einem Hei⸗ mathloſen anzugehören, nicht vertraut machen. Jetzt iſt uns die Möglichkeit geboten, das Glück zu erringen, ohne daß irgend eine Wolke es trübe. Die Gelegenheit iſt da, Sie brauchen nur darnach zu greifen. Ich erblicke in dem Umſtande, daß dieſes Flugblatt zu Ihrer Kenntniß ge⸗ langte, während Franzesko Barbiano gleichzeitig in Prag eintraf, einen Fingerzeig, eine Gunſt des Geſchickes. Sie müſſen ſich Ihr Heimathrecht erwerben. Furlani's Auge verdüſterte ſich. Wenn ich Sie recht verſtehe, murmelte er, ſo wünſchen Sie, daß ich dem Oberſten an's Leben ſoll? Marcheſe, Sie haben mich nicht verſtanden. Wenn es mir ſchon widerſtrebt, einem Verbannten anzugehören, ſo würde ich mich um ſo weniger mit einem Meuchel⸗ mörder verbinden. Dann ſehe ich nicht ein, wie es möglich wäre... Ich will Ihrer Unbeholfenheit beiſtehen, lieber Freund. h wi das inem das Sie Ge⸗ Sie ona: eund, eines der Hei⸗ tzt iſt ohne ſt da, dem ge⸗ Prag Sie nſchen Wenn hören, uchel⸗ reund. — Ihre Aufgabe iſt meines Erachtens, daß Sie, was Sie wünſchen, blos herbeiführen. Erklären Sie ſich deutlicher, ich bitte Sie darum. Denken Sie ſich irgend einen Konflikt, in welchem der Oberſt Belgivjoſo ſein Leben einbüßt. Sie nehmen ihm das Leben nicht, wohl aber, wenn er todt iſt— den Kopf. Furlani horchte auf. Das Glühen ſeiner Augen bezeugte, daß Siona's Worte in ſeinem Innern gezündet hatten. Dieſe ſprach weiter: Denken Sie ſich einen ſolchen Zuſammenſtoß und fragen Sie ſich dann, ob es nicht dankbar wäre, zu ernten, wenn man auf dieſe Art ge⸗ ſäet hat? Ihr Rath verdient Beachtung, obgleich ich mich dem Verdachte nicht ausſetzen möchte, den vom Grafen von Salerno ausgeſetzten Preis... Das Geld, unterbrach ihn die Griechin, kommt nicht in Betracht, es ſteht Ihnen frei, es anzunehmen oder zu⸗ rückzuweiſen. Sie benutzen blos die Auflaſſung der Ver⸗ bannung, wenngleich 6000 Kronen zu verſchmähen eine Thorheit wäre. Die Belgivjoſo ſind in Mailand verhaßt, Sie werden ſich, indem Sie als Rächer Salernv's erſchei⸗ nen, zahlreiche Freunde erwerben. Ich ſtimme Ihnen bei, ſagte Furlani, ohne ſich weiter zu bedenken, und erkläre mich bereit, den von Ihnen ge⸗ wünſchten Zweck anzuſtreben. Ich habe dabei nicht blos Ihr, ſondern auch mein Glück im Auge, kurz, unſere Vereinigung! Wir treffen 4* dann Anſtalten, Prag unverzüglich zu verlaſſen und reiſen nach Mailand. Der Marcheſe ſchlang ſeinen Arm entzückt um die Ge⸗ liebte und zog ſie ſtürmiſch an ſich. Siona preßte einen zärtlichen Kuß auf ſeine Stirn und ſagte: Sind Sie nun überzeugt von meiner Liebe? Ich bin es. Ach, Siona, wo finde ich Worte, Ihnen die Größe der meinigen zu verdeutlichen? Sie bedürfen deſſen nicht. Seien Sie thätig, die Mög⸗ lichkeit, die Bedingung unſerer Vereinigung herbeizuführen, und es wird mir eine tiefere Ueberzeugung einprägen, als alle Betheuerungen. Doch wenden wir uns wieder unſerer Angelegenheit zu. Sie erlauben mir, theurer Freund, daß ich Ihre Sache auch die meinige nenne. Ich erlaube es nicht blos, ſondern bin entzückt, wenn Sie es thun. Wir ſind einig über das anzuſtrebende Ziel, wir wollen nun erwägen, wie es zu erreichen. Die Aufgabe iſt, den Oberſten in einen Konflikt zu verwickeln.. Wir dürfen nicht vergeſſen, daß er der Bruder eines Feldmarſchalls iſt und eine bevorzugte Stellung ein⸗ nimmt, bemerkte Siona, wir müſſen ſomit vorſichtig zu Werke gehen. Sie ſtützte ihre Stirn in die hohle Hand und nahm eine ſinnende Stellung an. Sie beſchäftigte ſich wirklich mit dem Entwurfe eines Planes, wie ihren Zweck zu erreichen? Furlani blickte ſie erwartungsvoll an. lic ſti er tirn e? hnen Nög⸗ hren, als ſerer daß wenn ollen ikt zu eines ein⸗ ig zu nahm eines Plötzlich richtete ſie ſich empor und ſagte: Ich er⸗ innere mich, gehört zu haben, daß zwiſchen dem Oberſten Belgiojoſo und dem Feldmarſchall Roßwurm eine Feind⸗ ſchaft beſtehe. Auch ich hörte davon ſprechen. Dieſes Gefühl hat durch die neueſten Vorgänge, näm⸗ lich durch die Zurückſetzung Roßwurms und die Begün⸗ ſtigung des Feldmarſchalls Belgivjoſo, neue Nahrung erhalten. Bei dem bekannten Charakter des Erſteren läßt ſich das erwarten. Wir wollen nun auf dieſen Umſtand unſeren Plan ſtützen und den beabſichtigten Konflikt zwiſchen den beiden Kavalieren herbeiführen. Der Marcheſe fand Siona's Idee lobenswürdig und ertheilte ihr ſeine Zuſtimmung. Die Griechin fuhr fort: Die Gelegenheit des Zu⸗ ſammenſtoßes wird ſich ergeben, und wo nicht, ſo werden wir ſie veranlaſſen. Die letztere Nothwendigkeit im Auge behaltend, wird es gut ſein, wenn Sie, lieber Freund, ſich jetzt wieder dem Feldmarſchall nähern und, ohne daß es ihm auffällt, oder daß Sie zudringlich erſcheinen, ſein Vertrauen erwerben. Da es ſich nicht um Erforſchen von Geheimniſſen handelt, ſo wird es genügen, wenn Sie die Bekanntſchaft mit Roßwurm in der Weiſe pflegen, wie es früher der Fall war; das Zuviel würde nicht nur nicht nützen, ſondern ſogar ſchaden. Ihre Verbindung mit mir muß ihm verborgen bleiben, denn erführe er, daß Hermine ſich unter meinem Schutze befinde, ſo würde ſich ſein Haß 5 auf mich richten und wir Alle wären ſeiner Verfolgung ausgeſetzt. Furlani anerkannte die Richtigkeit dieſer Anſchauung und verſprach, die Vorſicht nicht außer Acht zu laſſen. Während die Griechin und der Marcheſe den unheil⸗ vollen Plan entwarfen, ſäete Frau Mladotta den Samen der Unruhe in Herminens Herz. Das arme, ſchwer geprüfte Mädchen, von Trauer er⸗ füllt, von Sehnſucht nach der Mutter verzehrt, hatte die Aufmerkſamkeit der Hausfrau auf ſich gezogen, und Zwei⸗ fel in Betreff der Angaben der bei ihr eingemietheten Frauen erhoben ſich in dem Herzen der wohlbeleibten Frau. Mißtrauiſch geworden, erhöhte ſie ihre Wachſamkeit, und gewahrte nun Manches, was ſie in ihren Zweifeln beſtärkte. An dem erwähnten Abend, während Siona und Fur⸗ lani beiſammen waren, weilte Hermine bei der Hausfrau. Die Wachskerzlerin that wie immer ſehr freundlich mit ihr, hieß ſie neben ſich ſetzen und ſagte: Laſſen Sie ſich bei mir die Zeit nicht lang werden, Fräulein. Die Frau Schweſter weiß doch, daß Sie bei mir ſind? Ja, ſie weiß es, der Herr Marcheſe iſt bei ihr. So! Der Herr Marcheſe iſt bei ihr? Schön, ſehr ſchön! Der Herr Marcheſe findet ſich fleißig ein. Er iſt unſer Verwandter und... Ich weiß das, fiel die Dicke ihr in's Wort, und man muß es loben, daß er ſeinen Pflichten als Verwandter ſo treulich nachkommt. Ich wundere mich nur, daß er olgung auung ſen. unheil⸗ Samen ter er⸗ tte die Zwei⸗ etheten Frau. amkeit, weifeln Fur⸗ sfrau. ich mit ie ſich Frau ſchr d man anter aß er jederzeit mit der Frau Schweſter und nie mit Ihnen verkehrt. Er iſt mir ſo freundlich zugethan, wie der Schweſter. Wirklich? Nun, es mag ſein. Doch wie kommt es, liebes Fräulein, daß Sie allezeit ſo traurig ſind und ſo ſchwermüthig dreinſchauen? Faſt will es mir ſcheinen, als ob ein geheimer Schmerz Sie quälte, ein Kummer, was aber bei Ihrer Schweſter keineswegs der Fall iſt. Hermine blieb die Antwort auf dieſe Bemerkung ſchul⸗ dig, doch ſtahl ſich ein ſchwerer Seufzer aus der Tiefe ihrer Seele, welcher Frau Mladotta ſtutzig machte und ihr Mißtrauen noch mehr aufſtachelte. Sie drohte dem Mädchen freundlich mit dem fetten Finger und ſagte: Liebes Fräulein, Sie werden wiſſen, daß jetzt böſe Zeitläufe walten, Gottloſigkeit und Ketzer⸗ thum ſich breit machen, und wohin man ſich wendet, die Lüge ihr Haupt erhebt. Ich will hoffen, das Alles iſt, wie es ſein ſoll, denn meiner Treu, ich bin eine chriſtliche Frau und Sie ſind ein junges Blut, es thäte mir leid um Sie, wenn Sie auf dem Pfade ſich befänden, der ſchnurſtracks in die Hölle führt. Hermine ſchüttelte traurig das Haupt und erwiederte: Ich bin unglücklich, liebe Frau Mladotta, aber keineswegs ſündhaft. Unglücklich? O, Sie armes Kind! Ich habe immer gehört, daß man ein Unglück leichter trägt, wenn man ſei⸗ nen Gram darob einer befreundeten Perſon mittheilen kann. Warum zögern Sie, es zu thun? Ich beſitze ein empfindſames Herz, die Gottloſigkeit hat mich noch nicht 56 verdorben, ſchütten Sie Ihren Schmerz vor mir aus, und ich werde Ihnen rathen, helfen. Die Hausfrau ſtellte ſich ſo zutraulich und weich, als es ihr nur immer möglich war, doch Hermine ließ ſich von der Neugierigen nicht verleiten, von ihren Schmeichel⸗ worten nicht bethören. Die Beharrlichkeit des jungen Mädchens ſteigerte den Eifer der Hausfrau immer mehr, das Mädchen aber be⸗ gnügte ſich, das Haupt zu ſchütteln und ſagte, freilich mit einem Ausdrucke, der ihre eigenen Worte Lügen ſtrafte: Glauben Sie mir, Frau Mladotta, meine Traurigkeit hat keinen beſonderen Grund, ſie iſt mir angeboren, ſteckt in meinem Blute. Die Hausfrau, ärgerlich über die verſtockte Hartnäckig⸗ keit des Mädchens, entgegnete, indem ſie alle bisher beob⸗ achtete Rückſicht bei Seite ſetzte: Hören Sie mich an, Fräulein, entweder ſind Sie in die Verhältniſſe Ihrer Frau Schweſter eingeweiht, dann kann man mit Ihnen friſch von der Bruſt weg ſprechen, denn es giebt dann nichts mehr zu verderben, oder Sie wiſſen von Allem, was vorgeht, thatſächlich nichts, dann iſt es eine heilige Pflicht, Ihnen die Augen zu öffnen und Sie vor Unheil zu warnen. Hermine blickte die Hausfrau forſchend an. Dieſe fuhr fort: Der Marcheſe iſt ſo wenig Ihr Verwandter, wie der meinige, er iſt ganz einfach der Liebhaber der jungen Dame, die ſich für Ihre Schweſter ausgiebt. Mein Gott, wie kommen Sie zu ſolchen Behauptungen? das ſob Ihr Fan wat Erl kein dack Ihr bei und als ſich chel⸗ den be⸗ mit te: gkeit ſteckt ickig⸗ eob⸗ ie in dann chen, Sie dann und der ame, gen? Das will ich Ihnen gleich erklären. Es iſt heute nicht das erſte Mal, daß man Sie aus der Wohnung entfernt, ſobald der Herr Marcheſe zu Beſuche erſcheint. Zwiſchen Ihnen und Ihrer angeblichen Schweſter herrſcht keinerlei Familien⸗Aehnlichkeit, Sie ſind mit ihr ebenſo wenig ver⸗ wandt, wie mit mir. Sie haben vorgegeben, wegen eines Erbſchaftsſtreites nach Prag gekommen zu ſein, daran iſt kein wahres Wort. Ich begreife nicht, Frau Mladotta, entgegnete das Mädchen betreten, wie Sie auf einmal zu ſolchem Ver⸗ dachte gelangen? Wie ich dazu komme, Alles zu wiſſen? Ich will's Ihnen ſagen. Ich ſteckte mich hinter meinen Verwandten bei Hofe, den Silberdiener Blahel, und der hat's heraus⸗ gebracht, daß in keiner Kanzlei ein Prozeß anhängig iſt, der Ihren Namen trüge. Folglich hat mir Ihre angege⸗ bene Schweſter einen Bären aufgebunden. Was ſie be⸗ trifft, ſo liegt eigentlich nicht viel daran, ſie zahlt ihre Miethe, iſt auf dem Rathhauſe gemeldet, folglich lauf' ich keinerlei Gefahr. Ich hab' für meine Perſon nichts zu beſorgen. Anders jedoch verhält ſich's mit Ihnen. Sie ſind ein junges Weſen, Sie ſcheinen mir noch unerfahren und befinden ſich ſomit in ſchlechter Obhut. Die Welt iſt voll mit Ketzern und ſchlechtem Volk, ſeitdem die Wachskerzen im Anſehen ſanken, ſeitdem rollen auch die guten Sitten nach abwärts. Kurz und gut, Sie möcht' ich nicht unter den Fallenden ſehen, und darum nochmals, vertrauen Sie ſich mir an, was drückt Sie, was belaſtet Ihr Gemüth? —8 Hermine war, je länger die Hausfrau ſprach, immer unruhiger geworden. Sie beſaß nicht mehr den Muth zu leugnen, doch ſuchte ſie durch allerlei Vorwände die Zudringlichkeit, welche den Schleier des Geheimniſſes zu lüften ſtrebte, abzuwehren. Die Böhmin war aber keine von jenen wankelmüthigen Naturen, die ein einmal gefaßtes Vorhaben leicht auf⸗ geben, und brachte es dahin, daß Hermine ihr verſprach, ſich ihr bei dem nächſten Zuſammenſein anzuvertrauen, womit ſich die Hausfrau, obgleich ungern— denn ſie hätte lieber gleich erfahren mögen, was ſie zu wiſſen wünſchte— zufrieden gab. Die Scene hatte eine Unruhe zur Folge, welche das unglückliche Mädchen nicht mehr verließ. Die Aeußerungen der Wachskerzlerin erfüllten ſie mit Mißtrauen gegen Siona und den Marcheſe. Je länger ſie über ihre Befreiung und die eingegan⸗ gene Verbindlichkeit nachdachte, deſto auffallender erſchien ihr das Gebahren Siona's. Was aber konnte ſie in ihrer Lage unternehmen? Bei dem erſten Konflikte, der ſich zwiſchen ihr und ihrer Beſchützerin entſpann, lief ſie Gefahr, von dieſer verlaſſen und verfolgt zu werden. An wen konnte, an wen ſollte ſie ſich wenden? In dieſer Schutzloſigkeit griff ſie zu dem einzigen nahe liegenden Mittel, um ſich Rathes zu erholen. Sie be⸗ nutzte die Gelegenheit, wo ſie allein war, und ſchrieb an Meiſter Lametzhofer in Wien. Sie machte ihn mit ihrer Rettung bekannt, mit der „immer ch ſuchte lche den ehren. rüthigen ht auf⸗ rſprach, rtrauen, ſie hätte ſchte— che das ſie mit igegan⸗ erſchien nꝰ dieſer n nahe ie be⸗ ieb an nit der — 55 Art, wie ſie ausgeführt wurde, und die Verpflichtung, die ſie dabei eingegangen. Sie wiederholte dem Meiſter ihre Unterhaltung mit Siona im Gefängniſſe und das Mißtrauen, welches durch die Hausfrau in ihr Herz gepflanzt wurde. Schließlich erbat ſie ſich ſeinen Rath und gab ihm die Adreſſe der Frau Mladotta an, um ſeine Antwort an dieſe zu richten. Erſt mit der Abſendung dieſes Schreibens gewann das arme Mädchen die verlorne Ruhe wieder und war beſtrebt, die in ihrem Innern vorgegangene Aenderung vor Siona zu verbergen. Frau Mladotta, mit dem Erbfehler ihres Geſchlechts behaftet, konnte kaum die Stunde erwarten, wo ihre Neu⸗ gierde befriedigt werden ſollte. Hermine wich einige Tage lang der Gelegenheit, mit ihr allein zu ſein, aus. Als ihr aber dies gegenüber der erfinderiſchen Frau, die allerlei Vraktiken, ſolche herbeizuführen, anwendete, nicht mehr möglich war, ſagte ſie zu ihr: Liebe Frau Mladotta, ich verſprach Ihnen den Grund meiner Traurig⸗ keit mitzutheilen und Ihnen mein Geheimniß zu enthüllen. Ich werde mein Verſprechen löſen, doch bin ich in dieſem Angenblicke noch nicht dazu ermächtigt, da es nicht mein Geheimniß allein iſt. Ich habe deshalb einen Brief ab⸗ geſendet, deſſen Beantwortung ich vorerſt abwarten muß. Sobald die Antwort eintrifft, ſollen Sie Alles erfahren. Ich richtete es ſo ein, daß das bezügliche Schreiben nicht in die Hände meiner Schweſter, ſondern in die Ihrigen 5 gelangen wird. Ich bitte Sie daher, verſchwiegen zu bleiben und mich alſogleich von deſſen Eintreffen in Kennt⸗ niß zu ſetzen. Die Hausfran, obgleich von dem neuerlichen Aufſchub wenig befriedigt, fand ſich doch durch den Beweis des Vertrauens getröſtet, und begnügte ſich einſtweilen mit dem Bewußtſein, bei einer neuen Intrigue die Hände im Spiele zu haben. Ihre Ungeduld hatte eine harte Probe zu beſtehen, der erwartete Brief blieb aus. Mittlerweile traten Ereigniſſe ein, oder wurden viel⸗ mehr herbeigeführt, um eine lang genährte Rache zu be⸗ friedigen. kon en zu dennt⸗ fſchub s des tdem Spiele t, der viel⸗ u be⸗ Sechstes Kapitel. Das Abentener in der wälſchen Gaſſe. Marcheſe Furlani hatte dem von der Geliebten über⸗ kommenen Auftrage gemäß die Bekanntſchaft mit Roß⸗ wurm erneuert. Der Feldmarſchall, der gerade dort, wo er es ſollte, keinen Verdacht ſchöpfte, fand an dem Bekannten von ehedem um ſo mehr Behagen, als dieſer die Liſt ge⸗ brauchte, von der Anweſenheit des Oberſten Belgiojoſo zu ſprechen und die Andeutung fallen ließ, ſein Landsmann ſcheine etwas im Schilde zu führen. Worauf gründet ſich Ihre Vermuthung, Herr Marcheſe? fragte Roßwurm, raſch den Verdacht theilend. Ich ſchließe das aus ſeiner Abgeſchloſſenheit und Zu⸗ rückgezogenheit, antwortete Furlani. Dieſe waren in der That auffallend, allein es lagen ihnen ganz andere Motive zu Grunde. Der Oberſt hielt ſich von dem Treiben der vornehmen Welt entfernt, weil er erſtens ein Zuſammentreffen mit — dem Feldmarſchall, deſſen tödtlichen Haß er ſcheute, ver⸗ meiden wollte, und weil er damals gerade einer Dame zu Liebe ging und die neue Leidenſchaft ihn vollauf be⸗ ſchäftigte. Der Feldmarſchall beſaß hiervon keine Kenntniß und überließ ſich der Anſicht, daß Franzesko Unheil brüte und es auf ihn abgeſehen habe. Von der erheuchelten Theilnahme Furlani's beſtochen, reichte er ihm die Hand und ſagte: Herr Marcheſe, ich danke Ihnen für den Dienſt, den Sie mir erwieſen. Euer Excellenz, ich freue mich, wenn es der Fall iſt, allein ich bekenne, nicht zu wiſſen... Ich will Ihnen die Erklärung geben. Ich ließ mich bei einer gewiſſen Gelegenheit hinreißen, den Oberſten zu beſchimpfen, ſeit damals ſind wir nicht nur politiſche, ſondern auch perſönliche Feinde. Wenn er Böſes brütet, ſo kann dies Niemanden gelten, als mir. Ich werde wiſſen, mich zu wahren und ſeinen böſen Anſchlägen aus dem Wege zu gehen. Dieſe Mäßigung des Feldmarſchalls kam den Plänen Furlani's ſehr ungelegen, wenn die beiden Feinde ſich gegenſeitig auswichen, war an einen Konflikt zwiſchen ihnen nicht zu denken. Er mußte alſo herbeigeführt werden und über das „Wie“ brütete der Marcheſe. Nach reiflicher Ueberlegung kam er zu einem Entſchluſſe und entwarf mit Hilfe ſeiner Verbündeten einen Plan, welcher ihrer vollkommen würdig war. Die Dame, welcher Oberſt Belgiojoſo neuerlichſt ſein He Kle daf Fer geſ Ob mut min leich war geſt dem gute ſich melt Feld trete Her „ver⸗ Dame f be⸗ ß und e und ochen, e, ich . ll iſt, mich ten zu itiſche, brütet, wiſſen, s dem ßlänen de ſich ihnen er das ſchluſſe Plan, hſt ſein — 5 Herz gewidmet, wohnte in der wälſchen Gaſſe auf der Kleinſeite. Furlani ſpähte ihm nach und gelangte zur Kenntniß, daß der Liebhaber jedesmal zur Abendpromenade vor den Fenſtern ſeiner Dame auf und ab wandele. Aus dem Umſtande, daß dies trotz Froſt und Kälte geſchah, kann man ſchließen, wie glühend die Liebe des Oberſten geweſen. Der Zweck dieſer abendlichen Wanderungen war ver⸗ muthlich die Begierde, wenn auch nicht die Geliebte, ſo mindeſtens ihren Schatten an den Fenſtern zu ſehen, viel⸗ leicht auch war er kein ſo genügſamer, ſondern der Oberſt wartete die Zeit ab, bis die Verhältniſſe der Dame ihr geſtatteten, ihn zu empfangen. Eines Abends befand ſich Roßwurm bei ſeinem Freunde, dem Grafen Wenzel Kinsky, zu Gaſte. Die Herren tafelten wacker und der Feldmarſchall war guter Dinge. Es war keine Geſellſchaft anweſend, man unterhielt ſich nur en famille. Mitten in der Unterhaltung trat ein Diener ein und meldete den Marcheſe Furlani, der Seine Excellenz den Feldmarſchall zu ſprechen wünſche. Es verſteht ſich, daß der Wälſche ſogleich zum Ein⸗ treten eingeladen wurde. Furlani war aufgeregt und echauffirt. Was bringen Sie mir, Marcheſe? fragte Roßwurm. Excellenz, ich will mich nicht erkühnen, in Gegenwart des Herrn Grafen um ein Geſpräch unter vier Augen zu bitten. 64 Der Graf iſt mein Freund, ſprechen Sie ohne Se ich befinde mich wie zu Hauſe. Ich war in Ihrer Wohnung, Excellenz, um Sie zu beſuchen. Dort ſagte man mir, daß Sie ſich beim Herrn Grafen zu Gaſte befinden. Ich beſchloß, meinen Abend anderweitig zu verbringen, und der Weg zu dem neuen Ziele führte mich durch die wälſche Gaſſe. Hier fiel mir ein Mann auf, der, in einen Mantel gehüllt, zwecklos, wie es ſchien, auf und ab wandelte. Ich ſprach ihn an und ſiehe da, ich finde den Oberſten Franzesko... Belgivjoſo! rief Roßwurm. Er ſelbſt, Excellenz. Ich ſuchte ein Geſpräch mit ihm anzuknüpfen, er gab mir ungenügende, kühle Antworten, kurz, ich erkannte, daß ihm meine Anweſenheit nicht an⸗ genehm ſei. Das regte meinen Verdacht auf. Ich wußte, daß Excellenz ohne Begleitung Ihre Wohnung verlaſſen hatten, ich erwog ferner, daß Ihr Heimweg von hier durch die wälſche Gaſſe führt, und die geheimnißvolle Aufſtellung des Oberſten wurde mir daher klar. Er lauert Eure Excellenz auf und ich eilte hierher, Sie zu warnen. Ich danke Ihnen, Herr Marcheſe, ich danke Ihnen herzlich und werde den mir geleiſteten Dienſt nicht ver⸗ geſſen! So Roßwurm, dem Furlani aus der Seele ſprach, denn die von ihm entwickelte Schlußfolgerung war vom Feldmarſchall ſchon gezogen, bevor der Sprecher ſie noch über die Lippen gebracht. Daß der General gleich in Feuer und Flammen aufloderte, wird man bei ſeinem Tem⸗ peramente natürlich finden. N Schla kränke die mi 6 Lieber ſten u In de richtet darum W Je und b Je ihn al nicht ſ aufzul heit ir Daru zu me Si Ic weit di wird, komme dienen W E. B n h m ch in Nun, kehrte er ſich zu Kinsky, was ſagen Sie zu der Schlangenbrut, der es nicht genügt, mich öffentlich zu kränken und mich um meine Stellung zu bringen, ſondern die mir auch noch heimlich nach dem Leben trachtet. Graf Kinsky wog bedächtig den Kopf und erwiederte: Lieber Freund, ich kenne Ihre Feindſchaft mit dem Ober⸗ ſten und zweifle nicht, daß er es auf Sie abgeſehen hat. In dem Unmſtande jedoch, daß Sie von der Gefahr unter— richtet ſind, liegt eine große Beruhigung. Es wird ſich darum handeln, ihr zu begegnen. Wozu rathen Sie mir? Ich meine, Sie drehen dem Oberſten ein Schnippchen und bleiben die Nacht über bei mir. Ich danke Ihnen für den gutgemeinten Rath, acceptire ihn aber nicht. Der Gefahr aus dem Wege gehen, heißt nicht ſie beſeitigen. Der Oberſt wird nicht aufhören, mir aufzulauern und ich kann bei der nächſt beſten Gelegen⸗ heit in Gefahr kommen, ohne vorher gewarnt zu ſein. Darum iſt mein Entſchluß, die wälſche Gaſſe heute nicht zu meiden.. Sie wollen.. Ich muß, lieber Freund; ich will mich überzeugen, wie weit die Schlange ihre meuchleriſche Unverſchämtheit treiben wird, es muß zwiſchen mir und ihm zu einer Erklärung kommen. Furlani, wollen Sie mich begleiten? Excellenz, ich bin mit Vergnügen bereit, Ihnen zu dienen. Wie aber, wendete Kinsky ein, wenn der Oberſt nicht E. Breier. General Roßwurm. II. 5 S allein iſt? Wenn er vielleicht in einem Hinterhalte ſeine Leute verborgen hält. Roßwurm würdigte dieſe Möglichkeit und ſagte nach einiger Ueberlegung: Gut, ich will mich auch deſſen ver⸗ ſehen. Er eilte zum Tiſche, warf auf ein Papier einige flüch⸗ tige Zeilen hin und bat Kinsky, einen von deſſen Dienern mit dem Papier nach ſeiner Wohnung zu ſenden, mit dem Auftrage, das Billet dem Sekretär Cutur zu übergeben. Kinsky willfahrte. Nachdem der Diener fort war, ſagte Roßwurm: Ich habe drei von meinen Leuten hierher beordert und ihnen befohlen, meine Waffen mitzubringen. Ich verſehe mich des Schlimmſten und will meinen Feind nicht unterſchätzen. Furlani hatte gegen dieſen Vorgang des Feldmarſchalls nichts einzuwenden, er fand ihn im Gegentheile in voller Harmonie mit ſeinem eigenen Plane. Wenn er dabei etwas zu befürchten hatte, war's die Möglichkeit, daß der Oberſt mittlerweile ſeine Promenade beendigen konnte, daher in der genannten Straße nicht mehr angetroffen werden würde. Für dieſen ſchlimmſten Fall hatte er bereits die Ausrede in Bereitſchaft, der Oberſt habe Verdacht geſchöpft, und da er vermuthlich allein war, ſich der Uebermacht nicht ausſetzen wollen. Der Plan wäre damit aufgeſchoben, aber keineswegs aufgehoben worden. Es dauerte nicht lange, ſo fanden ſich die vom Feld⸗ marſchall beſtellten Leute ſammt den Waffen ein. Jene waren der Haushofmeiſter Roßwurms, Michael Se kne der Ro nid Ich ſuck Me in das verl gefo Don riſch oder tiſch ten nach dific um in d 2 und ſeine nach ver⸗ lüch⸗ mern dem eben. Ich ihnen h des en. challs voller s die enade mehr Fall Oberſt war, zwegs Feld⸗ ichael Sauer, deſſen Sekretär, Flamins Cutur, und der Stall⸗ knecht, ein zum Chriſtenthume übergetretener Türke. Der Feldmarſchall verabſchiedete ſich von dem Grafen, der ihn zur Mäßigung ermahnte. Seien Sie außer Sorge, lieber Freund, entgegnete Roßwurm, ich werde einen Kampf wohl annehmen, aber nicht ſuchen, noch weniger ihn muthwillig heraufbeſchwören. Ich will mich blos überzeugen, wie weit die Verfolgungs⸗ ſucht meiner Feinde geht. Verſteigt ſie ſich bis zum Meuchelmord, um ſo beſſer. Ich erliege oder ich ſiege, in jedem Falle wird die Welt erfahren, auf weſſen Seite das Recht war. Er ſchüttelte dem gräflichen Freunde die Hand und verließ an der Seite Furlani's und von ſeinen drei Leuten gefolgt das Haus. Es muß hier ausdrücklich bemerkt werden, daß in der Darſtellung aller dieſer Ereigniſſe den Angaben der hiſto⸗ riſchen Quelle genau gefolgt wird. Mit Hilfe der Phantaſie, durch eigenes Hinzuthun oder Hinweglaſſen hätte ſich das Abentener viel roman⸗ tiſcher und ſchwunghafter geſtalten laſſen, allein wir hal⸗ ten uns nicht berechtigt, Ereigniſſe, die ſo tragiſche Folgen nach ſich ziehen, aus eigener Machtvollkommenheit zu mo⸗ dificiren. Je unbedeutender und nichtswürdiger die Veranlaſſung, um ſo ſchreckhafter und entſetzlicher tritt dann die Wirkung in den Vordergrund. Nach dem, was in dieſem Kapitel bereits erzählt wurde und noch erzählt werden wird, muß man es unbegreiflich 68 finden, wie ein Mann, wie Roßwurm, ſich in einer ſo plump angelegten, erbärmlichen Intrigue verfangen konnte. Ja, unbegreiflich, wenn eben nicht zahlloſe andere Bei⸗ ſpiele der Geſchichte es bis zur klarſten Evidenz erhär⸗ teten, daß die Vorſehung diejenigen, welche ſie verderben will, immer mit Blindheit ſchlage. Roßwurm vergaß, daß Furlani ein Italiener war, daß auf Franzesko's Kopf ein Preis von 6000 Kronen und die ſtraffreie Rückkehr in das Vaterland ſtand, wenn der Thäter zufällig ſelbſt ein Verbannter war. Konnte der Feldmarſchall auch nicht ahnen, daß die Griechin Siona die Hände im Spiele hatte, ſo hätte er doch die angeführten Umſtände in Betracht ziehen ſollen. Allein, er dachte nicht daran; er ſah nur den Feind in der Ferne, nicht den an ſeiner Seite. Bevor die fünf Perſonen die wälſche Gaſſe betraten, ſagte der Marcheſe: Excellenz, ich meine, es würde gut ſein, wenn ich mit den Leuten voranginge. Wir werden dadurch den eigent⸗ lichen Abſichten des Oberſten eher auf die Spur kommen. Thun Sie das, erwiederte der Argloſe, ich erſuche Sie jedoch, im Nothfalle meiner Ehre nichts zu vergeben. Furlani mit den drei Bedienſteten des Generals ſchritt voran, dieſer mäßigte ſeinen Schritt, um jenen einen Vor⸗ ſprung zu gönnen. Noch muß erwähnt werden, daß die Waffen Aller in Degen beſtanden. Nur der Marcheſe trug, jedoch verborgen, Piſtolen bei ſich. wir der r ſo nnte. Bei⸗ rhär⸗ erben „daß d die häter ß die itte er ſollen. Feind traten, ch mit eigent⸗ en. ſchritt n Vor⸗ ller in Piſtolen Es waltete an dieſem Abend ein eigenthümliches Ver⸗ hängniß. Obwohl ſeit Furlani's Anlangen im Palais Kinsky nahe an anderthalb Stunden verfloſſen waren, befand ſich der Oberſt noch immer in der wälſchen Gaſſe und ſpa⸗ zierte vor dem Hauſe ſeiner Donna auf und nieder. Als der Oberſt Belgivjoſo die vier Perſonen daher kommen ſah, trat er ein paar Schritte zur Seite, um ihnen Raum zu geben. Trotzdem trat Furlani an ihn heran. Ah, Sie ſind es, Marcheſe! ſagte Barbiano arglos. Wie kommt es, daß Sie nun in Geſellſchaft zurückkehren? Ich habe meine guten Gründe dazu. Meinen Sie, wir wiſſen nicht, auf wen Sie hier lauern? Elender, dies der Lohn für Ihre Meuchelei! Mit dieſen Worten drückte er eine Piſtole auf den Oberſten los. Obwohl ſich die beiden Landsleute ziemlich nahe gegen⸗ über ſtanden, ſo verfehlte die Kugel doch ihr eigentliches Ziel, die Bruſt, und traf Belgiojoſo nur am Arm. Dieſer, über den meuchleriſchen Angriff empört, ſchrie vor Wuth auf, riß blitzſchnell ſeinen Degen aus der Scheide und attakirte ſeine Gegner mit einer ſolchen Bra⸗ vour, daß ſie ſämmtlich ſich zurückzogen. Roßwurm, der aus der Ferne den Hergang nicht ſehen konnte, wohl aber den Schuß knallen hörte, mußte natür⸗ lich an nichts als an einen meuchleriſchen Ueberfall denken und ſtürmte nun ebenfalls heran. Der Rückzug ſeiner Diener bekräftigte ihn in ſeinem 70 Irrthum, und der tückiſche Furlani beeilte den Rücklauf, um den Feldmarſchall mit in den Kampf zu verwickeln. In dem Moment, als Roßwurm gewahrte, daß ſie ſämmtlich es nur mit einem einzigen Manne zu thun hatten, rief er ſeinen Dienern zu: Zurück, den überlaßt mir, mit dem werde ich fertig werden. Man denke ſich die Wuth, mit welcher der Feldmar⸗ ſchall auf ſeinen Todfeind ausfiel. Beide gewandte Fechter, Beide kräftige Männer, Beide gereizt, daß Schaum ihre Lippen bedeckte. Es war ein blutiger Zweikampf aus dem Stegreif. Dergleichen gehörte zwar damals bei den unbeſtimmten Duellformalien zu den alltäglichſten Dingen, konnte aber mit einer ſolchen Furie ſich nicht leicht wiederholen. Und ſiehe da, das Unglaubliche geſchah. Roßwurm, vielleicht weil er vom Weine erhitzt und von Wuth außer ſich war, vergaß die Vorſicht und Kunſt des Fechtens, er brachte dem Gegner wohl Wunden bei, allein er gab eine Blöße um die andere und erhielt nach einander drei Stiche, die wohl nicht tödtlich waren, jedoch ſchmerzvoll genug, den ſchlimmen Ausgang des Kampfes für ihn erkennen zu laſſen. Das hatte der tückiſche Marcheſe nicht erwartet, das lag nicht in ſeiner Abſicht. War es ihm ſchon unangenehm, daß der Feldmarſchall ſeine Diener an dem Kampfe nicht Theil nehmen ließ, ſo erfüllte ihn der Verlauf deſſelben geradezu mit Beſorgniß. Als nun gar Roßwurm einen Stoß erhielt, der zwar abglitt, aber ihn faſt zu Boden brachte, da fürchtete der gar übe Br Hel Mi wu und er trei ber zuri ihre thun nar⸗ weide if. mten aber und kunſt bei, nach edoch pfes — Marcheſe, der Kampf könne enden ohne das von ihm ge⸗ wünſchte Reſultat, zog ſein zweites Piſtol und ſchoß dem Grafen von hinten eine Kugel durch den Kopf. Roßwurm, in der feſten Meinung, der meuchleriſche Angriff ſei von dem Oberſten ausgegangen, dankte dem Marcheſe für den geleiſteten Dienſt, begab ſich mit ſeinen Leuten nach Hauſe und ließ ſich verbinden. Furlani eilte vom Kampſfplatze fort zu Siona, um ihr das Reſultat des Kampfes mitzutheilen. Der Zweck der Griechin war nun erreicht. Sie hatte ſich an Franzesko gerächt, der ſie im Wein⸗ gartenhauſe bei Hernals der Willkür Roßwurms ſchutzlos überließ, ſie hatte aber auch dieſen in einen ſchlimmen Handel verwickelt, denn es war vorauszuſehen, daß der Bruder des Oberſten, der Feldmarſchall Belgiojoſo, alle Hebel in Bewegung ſetzen würde, die Beſtrafung der Mörder zu erwirken. Sollte nun die ganze Laſt des Verbrechens auf Roß⸗ wurm gewälzt werden können, ſo mußte Furlani entfernt und dem Arme der Juſtiz entzogen bleiben. Sie beeilte ſich daher, dieſem die Gefahr, in welcher er ſchwebte, vorzuſtellen, ſie brauchte gar nicht zu über⸗ treiben, denn ſie war die größte. Der Marcheſe erkannte es auch und war darauf vor⸗ bereitet. Fliehen wir, ſagte er, nun kann ich nach Mailand zurückkehren, ich bin kein Verbannter mehr. Die Griechin, welche den Wälſchen blos als Werkzeug ihrer Rache benutzt hatte, dachte nicht daran, ſeinen Wunſch und ihr Verſprechen zu erfüllen, ſondern wollte vorerſt den Erfolg ihrer Intrigue abwarten; ſie ſchützte daher mehr oder weniger erhebliche Gründe vor, welche ihrer momen⸗ tanen Flucht entgegenſtanden, und beredete Furlani, Prag zu verlaſſen, ſich in der Nähe verborgen aufzuhalten, bis ſie in der Lage ſein werde, die Reiſe mit ihm anzutreten. Die Verbündeten wählten den Ort Brandeis, unweit Prag, wo Furlani einſtweilen harren ſollte. Dieſer reiſte in der That unverzüglich nach dem ge⸗ nannten Städtchen ab. Der Tod des Oberſten Belgiojoſo erregte in der Stadt Prag das größtmöglichſte Aufſehen. Obgleich dergleichen Händel damals an der Tages⸗ ordnung waren, ſo beſaß der gegenwärtige Fall doch eine hervorragende Bedeutung durch die Stellung der Be⸗ theiligten. In Roßwurm und dem Oberſten ſtanden ſich nicht blos perſönliche Feinde, ſondern auch politiſche gegenüber. Die wälſche Partei ſchrie nach Rache, desgleichen die andere. Der Kaiſer zeigte ſich im erſten Moment entrüſtet, daß man es gewagt habe, ſeinen Feldmarſchall auf offener Straße anzufallen, allein Graf Johann Jakob von Bel⸗ giojoſo nahm ſich ſeines Bruders an, welcher gegen die unter Edelleuten gebräuchliche Sitte durch Roßwurms be⸗ ſtellte Meuchelmörder gefallen ſei. Es wurde alſo eine förmliche Kriminalanklage gegen den Feldmarſchall erhoben. Wo ein Feldmarſchall als Kläger auftrat, konnte der Ang nich gua Sei Gle ihm Angeklagte, obgleich ihm an Rang gleich, ſeine Freiheit nicht behaupten. Eines Morgens erſchien der Hauptmann der Stadt⸗ guardia und kündigte Roßwurm die Haft an im Namen Seiner Majeſtät des Kaiſers. Der General nahm ſie ohne Widerrede an, im feſten Glauben, daß eben durch die gerichtliche Unterſuchung ſeine Schuldloſigkeit an den Tag kommen müſſe. Ein feſtes Gemach auf dem altſtädter Rathhauſe wurde ihm zum Gefängniß angewieſen. Siebentes Kapitel. Marcheſe Furlani empfängt den Lohn ſeiner That. Die Verhaftung des Feldmarſchalls war in einer An⸗ gelegenheit, wie die erzählte, nicht genügend, da man ihn mit der Schuld, Menchelmörder gedungen zu haben, be⸗ laſtete, ſo war es von höchſter Wichtigkeit, daß man auch dieſer habhaft wurde. Man zog alſo unverzüglich auch ſeine drei bei der Affaire betheiligt geweſenen Diener ein und fahndete nach dem Marcheſe Furlani. Baſſompiere's guter Stern ließ ihn noch vor dem Hereinbruch der Kataſtrophe die Reiſe zur Ordnung ſeiner Angelegenheiten nach der Heimath antreten. Wäre er in Prag geweſen, er würde wahrſcheinlich in den Prozeß mit verflochten worden ſein. Furlani verließ unter falſchem Namen Prag, begab ſich, wie es mit Siona verabredet war, nach Brandeis, und gedachte hier in ſtrengſter Zurückgezogenheit zu ver⸗ weil eini war ſo l ſchie men die eine war ang kom über zu 1 ſehr jun Har beal ein, wur mit ihn „ be⸗ auch i der nach dem einer weilen, bis die Geliebte ſich einfinden und mit ihm ver⸗ einigt die Flucht fortſetzen würde. Da konnte der leichtglänbige Marcheſe freilich lange warten. Siona dachte nicht, Prag zu verlaſſen, mindeſtens in ſo lange nicht, als bis das Geſchick ihres Todfeindes ent⸗ ſchieden war. Nicht blos die Freunde, ſondern auch die Feinde neh⸗ men an unſerem Geſchick den lebhafteſten Antheil, nur die Neutralen gehen daran gleichgiltig vorüber. Furlani hatte ſich in dem genannten Städtchen bei einem Hutmacher eingemiethet. Damals, wo das Gaſthausweſen noch nicht ausgebildet war und Fremden⸗Herbergen nur in größeren Städten angetroffen wurden, mußten Reiſende bei Privaten Unter⸗ kommen ſuchen, wenn die Nacht ſie in einem kleinen Orte überraſchte oder ihre Angelegenheiten zu zwangen, dort zu übernachten. Die Familie, bei welcher der Marcheſe wohnte, war ſehr zahlreich. Zwei Kinder, zwei Mägde, drei Geſellen, ein Lehr⸗ junge und endlich der Meiſter und ſeine Ehewirthin. Der Wälſche gab ſich für einen in Prag wohnenden Handelsmann aus, der in Brandeis Grundſtücke zu kaufen beabſichtige, und ließ ſich hier und da in Verhandlungen ein, die jedoch von ihm abſichtlich in die Länge gezogen wurden, daher zu keinem Abſchluſſe führten. Der Italiener war liſtig, die Kleinſtädter aber, die es mit ihm zu thun hatten, waren nicht minder ſchlau. Ihnen fielen die Verzögerungen des Fremden auf, ſie begannen deren Abſichtlichkeit zu merken. Das war nun wohl ſehr wenig, indeſſen genügte es, Mißtrauen zu erwecken, was in Lagen, wie die Furlani's, gefährlich iſt. Merkwürdiger Weiſe ſchlug das Mißtrauen eine ganz andere Bahn ein, allein nicht immer iſt es der gerade Weg, der zum Ziele führt, manchmal erreicht man dies auch auf Umwegen. Man ſuchte nämlich einen Grund für den immer län⸗ ger werdenden Aufenthalt des Prager Handelsmannes, oder richtiger, man forſchte nach ſeiner wirklichen Abſicht und gerieth dabei auf eine Vermuthung, die, obſchon ein förmlicher Irrthum, doch allmälig auf die Bahn der Wahr⸗ heit führte. Der Hutmacher, bei dem der Marcheſe wohnte, beſaß eine junge rüſtige Böhmin zur Frau. Herr Wondraſch, ſo war der Name des Meiſters, ar⸗ beitete am Tage in der Werkſtatt, verbrachte den Abend in einer Schenke, von wo er regelmäßig ſich erſt nach Mitternacht heim begab. Frau Wondraſch, ſo redete die böſe Welt, ob mit Recht oder Unrecht, wiſſen wir nicht, habe dieſes Alleinſein bitter empfunden und wirkſame Mittel dagegen geſucht. Da der gute Leumund eines Menſchen nirgends leichter gefährdet wird, wie in einem kleinen Ort, ſo gab es in Brandeis allerlei Gerede über die Wondraſch, welches zu wiederholen wir Anſtand nehmen. Eines aber können wir verſichern, nämlich, daß der dieſ er zwe lich den fall Fal nur ma mu der W ganz erade dies län⸗ nnes, bſicht „ ar⸗ lbend nach Recht bitter ichter es in s zu der Verdacht bezüglich des eingemietheten Prager Handels⸗ mannes inſofern ein vollkonmen grundloſer war, daß es dieſem nicht einfiel, an derartige Händel zu denken, da er erſtens von Leidenſchaft für Siona erfüllt war und zweitens ſich in einer Situation befand, wo man zu ähn⸗ lichen Thorheiten nicht leicht hingeriſſen wird; es wäre denn, daß man von einem unbegreiflichen Leichtſinn be⸗ fallen würde, was aber bei dem Marcheſe keineswegs der Fall war. Mag nun die Meiſterin ſich mit unerlaubten Hoff⸗ nungen geſchmeichelt haben, ſie fanden bei dem Mieth⸗ manne nicht einmal Beachtung, viel weniger eine Auf⸗ munterung. Trotzdem erwachte bei einem der Nachbarn der ab⸗ ſcheuliche Verdacht und wurde von dieſem nicht blos kultivirt, ſondern auch weiter verpflanzt. Eines Abends befand ſich der Hutmacher in der Schenke, umgeben von ſeinen täglichen Zechgenoſſen. Wie immer, wurde auch heute der eng umgrenzte Kreis der eigenen Angelegenheiten breit getreten, man lachte über dies, ſcherzte über jenes. Unter anderen kam die Rede auch auf Weiber und Weibertreue. Zur Ehre der Brandeiſer ſei es geſagt, daß ein jeder der Ehemänner die Muſterhaftigkeit ſeiner Frau auf's Wärmſte hervorhob. Wondraſch machte keine Ausnahme, er beſaß noch keine Kenntniß von den heimlichen Hinterreden, wie in der Regel — 73 die Nächſten auch die Letzten ſind, welche dergleichen zu hören bekommen. Ein Siebmacher, der verwittwet, übrigens ein noch vollkommen rüſtiger Mann war, hörte die Lobreden über die Frauen mit ſpöttiſchem Lächeln an und ſagte: Brandeis iſt ein geſegneter Ort, denn da giebt's keine Weiber, ſondern lauter Engel. Er macht ſich luſtig über uns! rief Einer. Er kann leicht ſpotten, ſetzte ein Zweiter hinzu, er iſt Wittwer. Und daran thut er Unrecht, rief ein Dritter, ein Mann in ſeinem Alter könnte ſchon zu einer zweiten Ehe ſchreiten. Das laſſe ich bleiben, verſetzte der Siebmacher. Warum denn? Weil mein Geſchäft es nicht erlaubt. Was hat das Geſchäft mit der Ehefrau zu ſchaffen? Ich will's Euch erklären. Mein Geſchäft zwingt mich, jahraus jahrein die Märkte zu beſuchen, ich bin daher den größten Theil der Zeit vom Hauſe abweſend. Derweil aber der Mann fort iſt, hat das Weib daheim freies Spiel. Gelegenheit macht Diebe und leichtfertige Weiber, darum halte ich denjenigen für einen Thoren, der Gelegenheiten ſchafft, ohne daß er es Noth hätte. Beſſer bewahrt als beklagt. Ich zum Beiſpiel würde niemals fremde Männer in's Haus nehmen. Des Hutmachers Miene verdüſterte ſich, die Anſpielung auf ſeinen Miethherrn war zu deutlich, als daß er ſie nicht verſtanden hätte. wart und draſ rung Bed rede, ſchw weiſ bish aufd der rede kurz, Sor nicht beſte die Verd ihn ſamk ande en zu noch über keine er iſt ein Ehe ffen? mich, den weil piel. rum eiten als nner ung fe Er war indeſſen klug genug, den Tauben zu ſpielen, wartete die Zeit ab, wo der Siebmacher ſich heim begab, und verließ gleichzeitig mit ihm die Schenke. Im Geſpräche unter vier Augen forderte nun Won⸗ draſch von dem Anderen Aufklärung wegen der Aeuße⸗ rungen, die er gethan, und der Siebmacher erhob kein Bedenken, ſondern wiederholte dem Meiſter all' das Ge⸗ rede, welches im Orte über ſein Weib umging. Ich werde dem ein Ende machen, antwortete der ſchwer gekränkte Hutmacher, und dem Prager die Thür weiſen. Damit würdet Ihr Oel in's Feuer gießen und dem bisherigen bloßen Verdachte den Stempel der Wahrheit aufdrücken. Wie Ihr einen auffallenden Schritt thut, wird der Teufel los ſein, denn Ihr öffnet damit der böſen Nach⸗ rede Thür und Thor. Was aber ſoll ich thun? Auflauern ſollt Ihr, nachſpähen, auf der Hut ſein, kurz, Euch Gewißheit verſchaffen. Von dieſem Abend an veränderte ſich die bisherige Sorgloſigkeit des Meiſters in Mißtrauen, er begnügte ſich nicht blos, den Fremden ſelbſt zu überwachen, ſondern beſtellte auch heimlich ſeine Leute dazu, denen er freilich die volle Wahrheit entzog, indem er blos von einem Verdachte gegen den Prager Handelsmann ſprach, ohne ihn näher zu bezeichnen. Dieſe auf den Marcheſe verwendete allſeitige Aufmerk⸗ ſamkeit wurde von Erfolg gekrönt, freilich von einem ganz anderen, als der Hutmacher erwartete. Furlani, den das Warten in Brandeis zu ermüden begann, beſchloß, heimlich einen Boten nach Prag zu ſen⸗ den, um Siona aufzufordern, ihre Abreiſe zu beſchleunigen. Der argloſe Wälſche ſetzte ſich zu dieſem Behufe mit einem der Geſellen in's Einverſtändniß, der zu den Ver⸗ bündeten des Meiſters gehörte. Der Burſche überkam ein Billet, welches er an eine Dame in Prag unter der bezeichneten Adreſſe überbringen ſollte. Er übernahm die Miſſion, befolgte jedoch die Weiſung des Hutmachers, und ſtatt das Billet zu übergeben, zog er im Hauſe, wo die Dame wohnte, Erkundigungen ein. Er hatte ſich dabei an die Hausfrau ſelbſt gewendet, und Dame Mladotta wußte Beſcheid. Da es in Prag bald ſtadtkundig war, daß der Marcheſe Furlani bei der Ermordung des Oberſten mit thätig ge⸗ weſen und flüchtig geworden, ſo war ſie gleich überzeugt, daß das Billet an Siona von ihm herrühre, und klärte den Geſellen darüber auf. Das Schreiben an die Griechin wurde alſo nicht nur nicht abgegeben, ſondern der gegenwärtige Aufenthalt des Verfolgten angezeigt. Dabei ließ Frau Mladotta ihrem Eigennutze Rückſicht widerfahren. Damit ihre Miethfrau in den Prozeß nicht mit ver⸗ wickelt werde, wodurch die Wachskerzlerin zu Schaden ge⸗ kommen wäre, wurde das Billet verbrannt und der Ge⸗ ſelle mit dem Auftrage heim geſchickt, er ſolle dem Abſender nur melden, die Antwort werde eheſtens folgen. nete Bre zu wen mer mer er nur wen ein halt ſie trete nich näch hän Bot Tag —— Sie erfolgte auch, aber in Geſtalt von zehn bewaff⸗ neten Stadtguardiſten ſammt einem Rottenführer, die nach Brandeis geſendet wurden, ſich des flüchtigen Marcheſe mit zu bemächtigen. Furlan haite von den Vorgöngem in Prag ctenſt wenig eine Ahnung, als er die geſteigerte geheime Auf⸗ ngen merkſamkeit, die man ihn im Hauſe angedeihen ließ, eine merkte. ſung Von ſeiner Leidenſchaft zur Griechin verzehrt, harrte zog er der Rückkehr des Liebesboten. ein. Dieſe verzögerte ſich, was die Ungeduld des Marcheſe endet, nur noch vermehrte. Die Entfernung von Prag nach Brandeis beträgt nur rcheſe wenige Meilen; ſollte dem Geſellen auf der kurzen Strecke 8ge⸗ ein Unfall begegnet, oder ſollte er von Siona aufge⸗ eugt, halten worden ſein, letzteres vielleicht in der Abſicht, daß klärte ſie gleichzeitig mit ihm die Reiſe nach Brandeis anzu⸗ treten gedachte? t nur So ſchmeichelte er ſich mit Hoffnungen, die er jedoch t des nicht aufrecht zu halten vermochte, da die Ueberlegung des nächſten Moments, die er ſelbſt als Gegengewicht daran ckſicht hängte, ſie wieder zuſammenknicken machte. So brach der vierte Abend ſeit der Entfernung des ver⸗ Boten heran. ge Meiſter Wondraſch befand ſich, wie dies ſeit mehreren Ge⸗ Tagen der Fall war, zu Hauſe. ender Zu ſeiner nicht geringen Beruhigung hatte ſich bis E. Breier. General Roßwurm. III. 6 — jetzt noch kein Sympton gezeigt, welches geeignet geweſen wäre, die böſen Nachreden der Nachbarſchaft zu beſtätigen. Um ſo neugieriger war er auf die Erkundigungen, welche der mit ihm einverſtandene Geſelle in Prag ein⸗ ziehen ſollte, da ſie ihn in den Stand ſetzten, den Grund für die Anweſenheit des Prager Handelsmannes kennen zu lernen. An dem erwähnten Abende verweilte der Hutmacher eben in der Vorderſtube, als er von einem ſeiner Be⸗ kannten, der am Fenſter erſchien, mit leiſer Stimme er⸗ ſucht wurde, auf die Straße zu kommen. Hier angelangt, wurde er aufgefordert, ihm zu folgen. Wondraſch war mit ihm kaum in die nächſte Gaſſe eingebogen, als er ſeinen Geſellen traf, der ihn erwartete und zwar mit einem Haufen Bewaffneter. Der Hutmacher erſchrak, wurde jedoch beruhigt, als er erfuhr, daß die Schaarwächter gekommen ſeien, ſeinen Miethmann feſtzunehmen, nach dem man bereits mehrere Wochen lang fahndete, da er in Prag einen kaiſerlichen Oberſten ermordet hatte. Dem Meiſter fiel bei dieſer Kunde eine Centnerlaſt vom Herzen, denn nun hatte er die Gewißheit, daß der Fremde aus ganz anderen Urſachen ſich in Brandeis auf⸗ hielt, als die böſen Zungen behaupteten. Die Häſcher hatten ſich in aller Stille eingefunden, und ließen den Meiſter holen, um von ihm zu erfahren, ob der Fremde daheim ſei, und da dies der Fall war, mit ſeiner Hilfe die Dispoſitionen derart zu treffen, daß der Wälſche ihnen nicht entſchlüpfe. grof heit der und ande ihn, wün Unte nicht führ Kaiſ riß ſchof eſen gen. gen, ein⸗ und men cher Be⸗ er⸗ gen. aſſe rtete s er inen rere chen rlaſt der auf⸗ den, ren, mit der — Es verſteht ſich von ſelbſt, daß der Hutmacher mit großer Bereitwilligkeit den Dienern der öffentlichen Sicher⸗ heit an die Hand ging. Der Geſelle wurde von ihm angewieſen, mit einigen der Häſcher von rückwärts durch den Garten zu gehen und die Tenne zu beſetzen, während der Meiſter mit den anderen leiſe an ſein Haus heranſchlich, ein Paar davon nach dem Nachbarhauſe entſenden ließ, um hier einen etwaigen Fluchtverſuch über die niedere Planke zu ver⸗ hindern. Außerdem wurde noch die Hausthür beſetzt. Die Fenſter der Stube, wo Furlani wohnte, gingen in den Hof. Der Marcheſe war noch wach, jedoch eben im Begriff, zu Bette zu gehen. Der Hutmacher klopfte an deſſen Thür und erſuchte ihn, heraus zu kommen, da der Nachbar ihn zu ſprechen wünſche. Da er mit dieſem wegen Ankauf von Grundſtücken in Unterhandlung geſtanden hatte, ſo lag in der Aufforderung nichts Auffälliges. Furlani trat auf die Hausflur. Kaum hatte er dieſe betreten, als der ungeduldige An⸗ führer der Bewaffneten ihm ſchon zurief: Im Namen des Kaiſers, ergebt Euch! Die Aufforderung kam zu früh, denn wie der Blitz riß der Bedrohte eine ſeiner Piſtolen aus der Taſche und ſchoß ſie ab. Der Knall überraſchte oder verblüffte die Angreifer 6* derart, daß der Andere Zeit gewann, über den Hof zu entfliehen. Während ſeines Verweilens im Hauſe hatte er hin⸗ länglich Muße, die Gelegenheit des Ortes kennen zu ler⸗ nen, um bei einem etwaigen Ueberfalle Beſcheid zu wiſſen. Die Dunkelheit der Nacht begünſtigte ſein Vorhaben, er verſchwand. Seid auf der Hut, ſchrie der Rottenführer ſeinen ringsum poſtirten Leuten zu. Licht heraus! rief der Hutmacher. Hatte ſchon der Schuß die Hausleute aufgeſchreckt, ſo trug der unmittelbar darauf folgende Ruf des Meiſters noch mehr bei, die Verwirrung zu vergrößern. Geſellen, Lehrjungen und Mägde krochen aus ihren Neſtern hervor. In der Hauptfache jedoch wurde des Meiſters Befehl vollzogen, man brachte Licht. Die Bewaffneten begannen nun den Hof zu durch⸗ ſpähen. Entkommen, rief der Hutmacher, kann er nicht ſein, er muß ſich im Hofe befinden. Und ſo war's auch. Furlani war im erſten Moment nach der Tenne ge⸗ ſtürzt, um hier durch den Garten zu entfliehen. Da er jedoch draußen Tritte hörte, ſo ſchloß er mit Recht, daß dieſer Ausweg bereits beſetzt ſei und änderte flugs ſeinen Entſchluß. Zwiſchen dem Wohngebäude und der nach der Quere des Hofraumes laufenden Tenne befand ſich ein leerer Rai hau 2bſ und und ihm über nun und nert zu in t die nötl vert den Häf Ma ſich t, ſo ſters hren efehl urch⸗ n, er mit derte mere eerer Raum, welcher den Schweineſtall und den Dünger⸗ haufen faßte. Der Marcheſe erklomm das Dach des erſteren, in der Abſicht, nach dem Hofe des Nachbarhauſes zu überſetzen und von dort zu entfliehen. Zu ſeinem Unglücke war aber auch jener Hof beſetzt, und der Ruf der dort aufgeſtellten Bewaffneten tönte ihm in dem Moment entgegen, als er eben die Planke überſetzen wollte. Der von allen Seiten umſchloſſene Italiener erkannte nun, daß an ein Entkommen nicht mehr zu denken ſei und er entſchloß ſich, den Kampf mit den zahlveichen Geg⸗ nern aufzunehmen, um ſein Leben ſo theuer wie möglich zu verkaufen. Mit der zweiten Piſtole in der einen und dem Dolche in der anderen Hand ſtürzte er wie ein wildes Thier auf die Häſcher. Alles, zu deſſen Darſtellung wir hier längere Zeit be⸗ nöthigten, war das Ergebniß nur Einer Minute. Der Hof war von Kerzen und Spänen erleuchtet. Furlani ſchoß ſein Piſtol auf den Rottenführer ab und verwundete ihn. Die Bewaffneten mit ihren Hellebarden ſtürmten auf den Verfolgten ein, dieſer wehrte ſich wie ein Verzweifelter. Die Wuth auf beiden Seiten war ſo groß, daß die Häſcher den Hauptzweck außer Augen ließen, nämlich den Marcheſe lebend zu bekommen. Auch hier waltete das unſelige Verhängniß, welches ſich gegen den Feldmarſchall Roßwurm verſchworen hatte. — 5 Furlani fiel, durch mehrere Hellebardenſtiche tödtlich getroffen, in die Hände der Häſcher⸗ Man beeilte ſich zwar, einen beſpannten Wagen zu requiriren, um ſo ſchnell wie möglich nach Prag zu ge⸗ langen, allein ſchon als man Brandeis verließ, war Furlani eine— Leiche. Wenn es für den angeklagten Feldmarſchall noch ein Unglück geben konnte, ſo war es der Tod Furlani's, mit ihm ſchied der einzige Schuldige, das Werkzeug der In⸗ trigue, nunmehr laſtete die ganze Schuld des Mordes auf Roßwurm. Wie ernſt man aber dieſen nahm, ergab ſich aus dem Verfahren ſogar mit der Leiche Furlani's. Dieſe wurde an einen Galgen gehängt, und nachdem ſie hier einen Tag lang dem gaffenden Pöbel zur Schau geſtellt blieb, wurde ſie auf dem Richtplatze geviertheilt. Dieſes Juſtizverfahren, ſo gräßlich es der Gegenwart erſcheint, war damals kein ungewöhnliches. Jene Epoche liefert überhaupt höchſt merkwürdige Sentenzen. So, um nur Ein Beiſpiel anzuführen, wurde über Burkhard von Berlichingen und ſeine Gattin Iſolde von Thein, die ein beim Kaiſer in hohen Gnaden ſtehendes Fräulein, Magdalena Gräfin von Schlick, verdächtiget hatten, das Urtheil gefällt:„Ber⸗ lichingen habe zwar das Leben verwirkt, doch wolle man Gnade für Recht ergehen laſſen und ihn zu nur fünf⸗ jährigem Gefängniß im Schloſſe zu Bürglitz, ferner zur Ausſtellung eines feierlichen Widerrufs und dazu ver⸗ lich zu ge⸗ lani ein mit In⸗ auf dem dem hau vart dige iber ttin hen von Ber⸗ man ünf⸗ zur ver⸗ — 51— urtheilen, öffentlich eine Ohrfeige zu erhalten; ſeine Frau jedoch ſolle in Bürglitz mit ewigem Gefängniß beſtraft werden.“ Das war die Strafe für eine Verleumdung!*) *) Die Akten dieſes Prozeſſes befinden ſich im Altſtädter Rath⸗ hauſe. Berlichingens„Widerruf“ iſt zu merkwürdig, um hier nicht eine Stelle zu finden. Er lautet: „Demnach das wohlgeboren, edle und ehrentugendreiche Fräu⸗ „lein, Magdalena Gräfin von Schlickin, gebornen Fräulein und „Gräfin zu Paſſaun und Weißkirchen ꝛc., ich Burkhard von Ber⸗ „lichingen, dadurch, daß ich mich daran wider Ihr Gnaden von „meinem Weibe vermeſſentlich ausgegoſſenen und nachmals ge⸗ „ſtandenen boshaften Schmähungen theilhaftig gemacht, dieſelbige „bejahnt, auch überdies die bei den Actis befindliche, ehrenver⸗ „letzliche Articulos Reprobatorios ſelber concipirt, ohn alle ge⸗ „gebene Urſach, Gottes Wort, den beſchriebenen geiſtlichen und „weltlichen Rechten, guten Ordnungen und Satzungen, chriſtlicher „Lieb und aller Zucht, Ehrbarkeit und offenbarer Wahrheit, und „meinem Gewiſſen zuwider(wie ich deſſen aus den ergangenen „Aetis und geführten Beweisthum genugſam überwieſen) an Ihrer „Gnaden wohl hergebrachten gräflichen und jungfräulichen Ehren, „fälſchlich ganz hochſtrafbaren Laſter öffentlich, leichtfertig und „vergeſſentlich beſchuldiget, da ich doch nicht das Allergeringſte „erweiſen können, ſondern auf offenbarer Unwahrheit öffentlich „befunden worden.“ „Als thun, dem ergangenen, von römiſch kaiſerlicher Majeſtät „approbirten und jetzo öffentlich abgeleſenen, rechtmäßigen Urtheil „zu Folge ich als ein überwundener, boshaftiger, leicht⸗ „fertiger Verläumder und Ehrendieb, ſolche boshaftige, „leichtfertige, vermeſſene, fälſchlich erdichtete, erlogene, ehrenſchän⸗ „deriſche Verläumdung in meinen verlogenen Hals hin⸗ „einſchlingen und vor dieſen ganzen Umſtehenden als falſch, „erdichtet und erlogen, öffentlich widerrufen, mein verlogenes „Maul mit einem Maulſtreich ſtrafen und daneben ob⸗ „gedachtes Fräulein, auch alle Diejenigen, ſo hierunter intereſſirt „und ich merklich beleidiget, um Gottes Willen bitten, daß ſie „mir ſolches Alles aus chriſtlicher Lieb und Gnaden verzeihen und „vergeben wollten. wie gerit fülli möc die Beg Feir woll das die, ſich neu Achtes Kapitel. Ueue Minen und Gegenminen. Dem aufmerkſamen Beobachter kann es nicht entgehen, wie im Großen und Kleinen, in wichtigen ſowohl als in geringen Ereigniſſen die Abſichten der Böſen oft ſo auf⸗ fällig begünſtigt werden, daß der Redliche darob aufſchreien möchte und verzweifeln an die Macht der Moral, welche die Baſis der Geſellſchaft bildet. Der Tod des Marcheſe Furlani war eine derartige Begünſtigung der Pläne Siona's, daß ihr eigentlich, ihren Feind zu verderben, wenig mehr zu thun übrig blieb. Sie triumphirte im vollen Sinne des Wortes und wollte jetzt ihren Triumph auch genießen. Nachdem die Macht ihres Feindes gebrochen, nachdem das Werkzeug ihrer Pläne dem Grabe verfallen war, trat die Griechin aus ihrer Verborgenheit hervor und zeigte ſich überall, wo ſie bemerkt werden konnte. Doch lag es nicht in ihrer Abſicht, bei Anknüpfung neuer Verbindungen den Zufall walten zu laſſen, ſie hatte — ihr Augenmerk auf eine beſtimmte Perſon gerichtet und zwar auf Herrn Lang, deſſen Einfluß und Allmacht ihr, wie der ganzen Stadt Prag, wohl bekannt war. Nachdem ſie ihren Feind niedergeworfen hatte, war ſie darauf bedacht, ein Gegengewicht zu ſchaffen, damit er ſich nimmer aufrichte, und dazu hatte ſie den mächtigen Kam⸗ merdiener auserſehen. Die Aufmerkſamkeit Langs auf ſich zu lenken, wählte ſie den einfachſten und natürlichſten Weg. Sie machte eine ſehr ſorgſame Toilette, ließ ſich in einer Sänfte nach dem Hradſchin tragen, und erſchien in der Wohnung des Kammerdieners. Herr von Lang empfing die ſchöne Fremde nicht un⸗ freundlich. Wie bereits erwähnt, war er trotz ſeines hohen Alters ein lebhafter Verehrer des ſchönen Geſchlechtes und die Griechin verdiente zu der Schönſten unter den Schönen gezählt zu werden. Unter den Jüngern des Laſters beſteht eine Art gehei⸗ mer Freimaurerei, wodurch ſie ſich gegenſeitig raſcher ken⸗ nen lernen und zu einander hingezogen fühlen, bevor ſie noch in perſönlichen Verkehr treten. Bei Lang war dies der Fall. Sein Inſtinkt ließ ihn im erſten Momente ſein Augen⸗ merk auf die Dame richten. Wie geſagt, empfing er ſie zuvorkommend, bot ihr einen Platz und frug nach ihrem Begehren. Gnädiger Herr, begann Siona, ich bin gekommen, Ihnen Mittheilungen zu machen, die ich für wichtig halte, bevor und ihr, ſie ſich am⸗ hlte in in un⸗ ers die nen ei⸗ en⸗ ſie en⸗ en en or ich es aber thue, erachte ich es für nothwendig, Euer Gna⸗ den mein Schickſal mitzutheilen. Ich bin eine Griechin aus Rhodos, wurde durch Seeräuber geraubt und als Sklavin verkauft. Als ſolche kam ich nach Ofen, der dortige Paſcha war mein Herr. Noch war ich nicht in ſeinem Harem aufgenommen, als ein günſtiger Zufall mir die Flucht er⸗ möglichte. Es gelang mir, das kaiſerliche Lager zu er⸗ reichen, wo ich den Schutz des Heerführers erflehre. Ah, der war der Roßwurm. So iſt es, gnädiger Herr. Aufnahme fand ich nun wohl; allein ich war drüben der Schande entflohen und wurde hier neuerlichſt von ihr bedroht. Das läßt ſich denken. Was geſchah weiter? fragte Lang mit immer wachſender Theilnahme. Ich wies die Anträge des Feldmarſchalls mit Ent⸗ rüſtung zurück, ich ließ mich ebenſo wenig von ſeinen ſüßen Worten bethören als von ſeinen Drohungen erſchrecken. Nun, was that er? Er erſann eine Rache, ſeiner würdig. Er beſchloß, mich dem Paſcha, dem ich entflohen war, wieder aus⸗ zuliefern. Die Chriſtin dem Türken! Abſcheulich! Ich wurde einem Junker von Schlaginweit und zweien Wallonen übergeben, damit ſie mich nach der Feſtung bringen und dem Paſcha ausliefern ſollten. Wann geſchah das? Im verfloſſenen Herbſt. Das kaiſerliche Heer lagerte auf der Gänſeinſel und hielt Peſth beſetzt. Es hätte daher nur weniger Schritte bedurft, um die feindlichen Vorpoſten zu erreichen.* Brachte man Sie nicht auf dem kürzeſten Wege hinüber? O nein, man ſetzte uns in ein Boot, wir ſchifften eine Stunde weit ſtromabwärts und betraten dort erſt das rechte Donauufer. Auffallend, ſehr auffallend. Auch ich fand dies. Und warum nahm man ſolchen Umweg? Ich vermuthe, daß es geſchah, damit Niemand im Lager Kenntniß von der Expedition erlange. Ihre Mittheilungen ſind in der That wichtig, ſchr wichtig. Doch fahren Sie fort. In jener Nacht herrſchte ein ſchreckliches Unwetter, meine Begleiter waren gezwungen, in einer verlaſſenen Fiſcherhütte Obdach zu ſuchen. Hier machte ich die Ent⸗ deckung, daß der ſogenannte Junker von Schlaginweit ein Frauenzimmer war, und zwar eine Geliebte Roßwurms. Meine Liebe, Sie erzählen mir doch kein Märchen? Gnädiger Herr, es ſind Ereigniſſe, wie ich ſie wirklich erlebt. Aus dem Umſtande, daß der Feldmarſchall eine verkappte Frau mit meiner Auslieferung beauftragte, ſo wie daraus, daß die ganze Expedition mit auffallender Geheimnißthuerei betrieben wurde, ſchloß ich mit Recht, daß es ſich nicht allein um meine Perſon, ſondern auch noch um andere Dinge gehandelt habe. Um Verrath, um Verrath! murmelte Lang. Siona nickte befriedigt und ſagte: So denke auch ich. Fahren Sie fort. ſten er eine chte im chr ter, nen nt⸗ ein lich ine der ht, uch — Ein Streit zwiſchen dem Junker und den beiden Wal⸗ lonen bot mir Gelegenheit zu entfliehen; ich eilte nach Wien und dann hierher, der Fährte meines Feindes folgend. Warum zögerten Sie bis jetzt mit der Enthüllung? Gnädiger Herr, ich bin ein ſchwaches, ſchutzloſes Ge⸗ ſchöpf, ich fürchtete das Anſehen und die Macht Roß⸗ wurms. Bah, was konnte er Ihnen thun, wenn ich Sie ſchützte? Mir gegenüber iſt er vhnmächtig. Indeſſen, Sie erſchie⸗ nen zu rechter Zeit. Ihre Mittheilung wird dem Kri⸗ minalverbrechen auch noch ein politiſches hinzufügen. Er wird ſich vor Hochverrath zu verantworten haben. Wir wollen ſehen, ob der Unbändige ſich unter einer ſolchen Wucht von Anklagen wird aufrichten können. Wo woh⸗ nen Sie? In der Ueberfuhrſtraße. Sind Sie allein? Ich habe eine Geſellſchafterin bei mir, ein Mädchen von dreizehn Jahren. Hören Sie mich an. Ihre Enthüllungen ſind von unendlicher Wichtigkeit, ſeien Sie verſchwiegen und halten Sie getreu zu mir, es wird Ihr Schaden nicht ſein. Der Roßwurm iſt Ihr Feind, ich biete Ihnen meinen Schutz an. Ich werde Sie eheſtens beſuchen und wir wollen dann über die Angelegenheit weiter ſprechen. Siona entfernte ſich, von dem Ergebniß dieſes Beſuches vollkommen befriedigt. Die Folgen der Verbindung des Kammerdieners mit — der Griechin machten ſich in dem Prozeſſe des Feldmar⸗ ſchalls bald geltend. Der Klage über Meuchelmord wurde auch die Anſchul⸗ digung verrätheriſcher Veranſtaltungen während des letzten Feldzuges beigefügt. Die Kriegsfehler des Heerführers wurden jetzt mit einem Male zu Verbrechen geſtempelt, er wurde beſchul⸗ digt, er habe abſichtlich in den Verſchanzungen Ofens die Stelle offen gelaſſen, durch welche der Entſatz hereinge⸗ bracht werden konnte. Man behauptete ferner, er habe ſich mit dem Erbfeinde in eine Correſpondenz eingelaſſen, ja, um die Anklage auf's Aeußerſte zu treiben, mußte er ſich gegen den Fragepunkt verantworten:„Warum er Seiner Majeſtät dem Kaiſer nach dem Leben getrachtet?“ Während die Pläne der Griechin nach außen hin einen ſo günſtigen Verlauf nahmen, begannen im Innern Wol⸗ ken aufzuſteigen, welche den Genuß Siona's bedeutend verkümmerten. Hermine würde wahrſcheinlich den Zuſammenhang der Ereigniſſe nicht durchdrungen haben, hätte ihr nicht Frau Mladotta zur Seite geſtanden und ſie auf Alles aufmerk⸗ ſam gemacht. Die Wachskerzlerin war es eigentlich, welche den flüch⸗ tigen Marcheſe dem Arm der Gerechtigkeit überlieferte, indem ſie ſeinen Brief aus Brandeis unterſchlug und den Aufenthalt des Flüchtlings anzeigte. Als darauf die Leiche an den Galgen gehängt wurde und Siona das Ereigniß ignorirte, wurde es der ſchlauen und mine 2 wort Stin ſich! entde halte ſelbſ Sei ich ſ 6 ſie; Wie lar⸗ hul⸗ ten mit ul⸗ die ge⸗ nde uf's nkt iſer Böhmin klar, daß ſie ſich in ihrem Verdachte nicht nur nicht geirrt, ſondern daß Siona ſogar eine Mitſchuldige Furlani's ſei. Wie weit dieſe Mitſchuld reichte, konnte ſie freilich nicht wiſſen, ihr genügte der Umſtand, daß die Miethfrau von dem Aufenthalt des Marcheſe Kenntniß beſaß, folg⸗ lich, daß früher zwiſchen Beiden Verabredungen ſtattge⸗ funden, ferner, daß das Unglück eines angeblichen Ver⸗ wandten die Dame ſo wenig affizirte. Frau Mladotta beeilte ſich, ihre Wahrnehmungen und Vermuthungen mit Hermine zu theilen und gewann da⸗ durch das Zutrauen des jungen Mädchens in immer höherem Grade. Andererſeits vermehrten dieſe Ereigniſſe die Unruhe und den Verdacht, welche ſchon früher in die Bruſt Her⸗ minens verpflanzt worden waren. Die von Meiſter Lametzhofer aus Wien erwartete Ant⸗ wort traf nicht ein, das Mädchen wußte ihrer peinlichen Stimmung nicht anders Herrin zu werden, als daß ſie ſich der Hausfrau vollkommen anvertraute und ihr Alles entdeckte, was bis jetzt noch als Geheimniß ihr vorent⸗ halten war. Die Wachskerzlerin konnte vor Staunen kaum zu ſich ſelbſt kommen, ſie ſtarrte das Mädchen an und murmelte: Seine Tochter? O, nun wird mir Manches klar, was ich früher nicht begriff! Man wird ſich der Worte der Griechin erinnern, die ſie zu Hermine ſprach, bevor ſie das Mädchen aus dem Wiener Gefängniſſe befreite. — 66— „Du verdankſt Deine Leiden einem Manne, ſagte ſie, ich werde Dich lehren, ihn zu haſſen und Dir beiſtehen, das ſüße Gefühl der Rache zu ſchlürfen.“ Dieſe Aeußerung hat damals einen ſo tiefen Eindruck bei dem Mädchen hervorgebracht, daß ſie dieſelbe nicht aus dem Gedächtniſſe verlor und ſie auch jetzt vor der Haus⸗ frau wiederholte. Frau Mladotta erkannte nun ohne Mühe, daß der Eifer Siona's, die Abſichten Roßwurms bei dem Schneider⸗ meiſter in der Korngaſſe zu durchkreuzen, nicht dem Drange ein gutes Werk zu üben entſproß, ſondern lediglich ein Akt der Rache war, ebenſo wie ihr Einverſtändniß mit dem Marcheſe. Wenn ſie nun auch deſſen Plan, wie er ihn wirklich ausgeführt, nicht in ſeiner ganzen Schändlichkeit durch⸗ ſchaute, ſo ging doch das Bewußtſein, daß Aehnliches der Fall ſein mußte, in ihrem Geiſte auf und ſie entſetzte ſich vor dem Spiele, welches getrieben worden war. Hat man, ſo lange die Welt ſteht, je etwas Abſcheu⸗ licheres gehört? ſagte ſie zu Hermine, das Kind gegen ſei⸗ nen leiblichen Vater hetzen zu wollen, dem Kinde Haß ein⸗ zuprägen gegen ſeinen Erzeuger? Hören Sie mich an, lie⸗ bes Fräulein, ich bin keine Freundin des Roßwurm, denn er hat viel Böſes auf dem Gewiſſen und muß jetzt dafür büßen. Es wird in Prag ſehr viel erzählt von dem Herrn Feldmarſchall, was aber mich betrifft, ſo fange ich an zu glauben, daß er den wälſchen Oberſten, wegen deſſen er im Gefängniß ſitzt, nicht erſchlagen hat. Das macht aber nichts, er hat dafür Andere getödtet, hat Unheil geſtiftet ſond des Mer ſchlä der woh See erka Kint Mer auf te ſie, tehen, ndruck t aus Haus⸗ ß der eider⸗ range h ein ß mit rklich urch⸗ s der e ſich cheu⸗ n ſei⸗ ein⸗ lie⸗ denn afür ern n zu n er aber tiftet und Gottes Strafe kommt über ihn. Wir fremden Leute, die wir ihm nicht verwandt ſind, wir denken:„Es ge⸗ ſchieht ihm recht, er hat's verſchuldet, folglich muß er's büßen.“ Anders jedoch iſt's mit Ihnen. Sie ſind und bleiben ſein Kind, er iſt und bleibt Ihr Vater. Sie dür⸗ fen keinen Groll gegen ihn hegen, wenn er auch in Wien Sie verleugnet hat, wie Sie ſagen. Wer weiß, wenn er Sie geſehen, wenn Ihre arme Mutter ihn in Ungarn ge⸗ funden hätte, ob's nicht anders gekommen wäre? Doch ſelbſt im ſchlimmſten Falle, das heißt, wenn ſeine Ver⸗ ſtocktheit unheilbar geblieben, wenn er ſich Ihnen dauernd feindlich gezeigt, dürfen Sie als Chriſtin ihm nicht zürnen, ſondern müſſen Mitleid mit ſeiner Verblendung haben und des Spruches gedenken, daß Verzeihen göttlich ſei. Sie ſind jung und unerfahren und kennen nicht die Tücken der Menſchen, darum müſſen Sie auf die Worte und Rath⸗ ſchläge älterer Leute hören, aber nicht auf die Eingebungen der Böſen, wie dieſe Frau, die unter dem Scheine Ihnen wohlzuthun, Ihren Vater verderben und Sie um Ihr Seelenheil bringen will. Hermine weinte. Die Mahnung der Hausfrau rührte ſie ſehr, ſie an⸗ erkannte deren Aufrichtigkeit und Berechtigung. Ach, Frau Mladotta, ich bin ein armes, verlaſſenes Kind, was ſoll ich thun, wie ſoll ich mir helfen? Sie ſind nicht verlaſſen, liebes Fräulein, weil's kein Menſch iſt, der ſich nicht ſelbſt verläßt. Vertrauen Sie auf den Höchſten, beten Sie fleißig, und es wird auf E. Breier. General Roßwurm. II. 7 — 5 einmal, woher weiß ich ſelbſt nicht, irgend ein rettender Engel kommen. Ich fürchte, daß es bis dahin zu ſpät ſein wird. Hoffen wir das Gegentheil. Was aber ſoll ich bis dahin thun? Beten und ſich gedulden. Und Siona? Ich habe mein ganzes Zutrauen zu ihr verloren, ich fürchte mich jetzt vor ihr. Frau Mladotta ſchüttelte den Kopf und verſetzte: Fürchten ſolle man eigentlich nur Gott, indeſſen giebt's auch Menſchen, die Einem dies Gefühl einflößen, dem läßt ſich nicht widerſprechen. Ich aber rathe Ihnen, die Furcht und Ihren Widerwillen zu beſiegen und ſich zu zei⸗ gen, als ob in Ihnen keine Veränderung vorgefallen wäre. Man muß die Menſchen immer mit den nämlichen Waffen bekämpfen, deren ſie ſich gegen uns bedienen. Liſt gegen Liſt! Als Nothwehr iſt die Liſt keine Sünde und der Allmächtige weiß es, daß Sie ſich in der Noth befinden. Darum Verſtellung, liebes Fräulein, Verſtellung und Be⸗ hutſamkeit. Die Augen ſchließen und dabei doch Alles ſehen, ſich taub ſtellen und dabei doch auf Alles hören. Wir wollen abwarten, was ſie unternehmen wird. Ich fürchte... Was denn, liebes Fräulein? Daß ſie im Stande iſt, mich wieder den Gerichten zu überliefern. Dazu wird ſie ſchwerlich greifen, war ſie es doch ſelbſt, die Ihnen die Flucht aus dem Gefängniſſe ermöglicht hat. Ueberdies hat ſie jetzt noch keinen Grund, gegen Sie erboſt zu ſ den ſtehe am Han herr mes ahnt aus eine zu G den wied dem Herr den dadu beim Verr Blal ſetzer nder tihr etzte: ebt's dem „die zei⸗ väre. affen egen der iden. Be⸗ Alles ören. n zu elbſt, hat. boſt — 699 zu ſein, und ſollte ſich ein ſolcher ergeben, nun, dann wer⸗ den wir ſchon ſehen, was ſich thun läßt. Ganz ſchutzlos ſtehen wir auch nicht da. Mein Verwandter, Herr Blahel am Hofe, wird uns ſchon mit einem guten Rath an die Hand gehen. Darauf können wir rechnen. Von der Stunde an, wo dieſe Verſtändigung ſtattfand, herrſchte zwiſchen Hermine und der Hausfrau ein gehei⸗ mes Einvernehmen, und Siona wurde, ohne daß ſie es ahnte, überwacht. Frau Mladotta erfuhr es ſogleich, wenn die Dame ausging oder wenn ſie Beſuch empfing. Sie wurde nicht wenig überraſcht, als eines Tages eine Karoſſe vorfuhr und ein alter Herr ausſtieg, der ſich zu Siona begab. Wer war er? Die Wachskerzlerin beeilte ſich, ihre Magd flugs an den Kutſcher zu weiſen, und die ſchlaue Suſanna löſte wieder ihre Aufgabe zur Zufriedenheit der Gebieterin, in⸗ dem ſie den Pferdelenker wegen ſeines Herrn ausholte. Die Hausfrau erſchrak, als ſie erfuhr, wer der alte Herr ſei. Da haben Sie's, ſagte ſie zu Hermine, nun hat ſie den alten Sünder in ihr Netz gelockt und verſieht ſich dadurch mit einer Schutzmauer. Dieſer Herr Lang gilt beim Kaiſer Alles. Ich habe darüber bereits von meinem Verwandten ſprechen hören, deſſen Feind er iſt. Herr Blahel fürchtet ihn wie den Satan. Es iſt zum Ent⸗ ſetzen, wie die böſe Sippſchaft ſich zu finden weiß. Gleich 7* und Gleich geſellt ſich gern. Früher mit einem wälſchen Spitzbuben, jetzt mit einem aus Tirol, denn von dorther iſt dieſer Herr von Lang gekommen. Was mag ſie nur wieder im Schilde führen? Sie ſieht ſich vor, um Jemanden zu haben, der ihr die Stange hält. Und ſchlan iſt ſie, denn eine mächtigere Stütze, wie dieſen Herrn Lang, giebt's in Prag nicht. Wir müſſen vorſichtig ſein, liebes Fräulein, denn mit die⸗ ſem Menſchen iſt nicht gut anzubinden. Ein Wort von ihm, und man liegt im Gefängniß und hat einen peinlichen Prozeß am Halſe. Vordem war er ein armer Teufel und jetzt iſt er ein reicher, übermächtiger Herr. Die ganze Hofdienerſchaft hängt von ſeinem Willen ab. Er hat's dem Kaiſer angethan und zwar, wie Herr Blahel behauptet, durch Zauberei. Was der Lang will, das geſchieht. Unter ſolchen Umſtänden werden Sie begreifen, liebes Fräulein, daß wir auf unſerer Hut ſein müſſen, ſonſt verſchlingt uns das Ungeheuer. Es iſt eine böſe Zeit, das Ketzer⸗ thum reißt Alles nieder, Alles! Dieſe Betrachtungen der Hausfrau hatten, je gerechter ſie waren, deſto weniger Tröſtliches an ſich. Die beiden Verſchworenen mußten die Maske der Gut⸗ müthigkeit und Sorgloſigkeit vornehmen, um bei Siona keinen Verdacht zu erregen. Zum Glücke für ſie hatte die Griechin ihr Augenmerk zumeiſt nach außen gerichtet und achtete der unbedeutenden Perſönlichkeiten nicht, die ihr in der That nicht ſchaden konnten, ſeit ſie die Verbindung mit Lang eingegangen. Und eine Verbindung war's, denn wenige Wochen reich anzi c Ver läßt auf Ihr hätte vom würt Ohr ( dig 6 ihr! und ( 6 brin 6 chen ther ihr igere cht. die⸗ von ichen und anze hat's tet, Unter rlein, lingt etzer⸗ echter Gut⸗ Siona nmerk enden haden en. ochen — reichten für ſie hin, die Leidenſchaft des alten Mannes anzublaſen und ihn dauernd an ſich zu feſſeln. Frau Mladotta ſeufzte, jammerte und rannte zu ihrem Verwandten, ſich Raths zu erholen. Der aber ſchüttelte den Kopf und ſagte jedesmal: Noch läßt ſich nichts anfangen, haltet Euch vom Feuer fern, auf daß Ihr Euch nicht verbrennt! Und wenn Ihr, was Ihr gegen die Frau vorbringen wollt, Schwarz auf Weiß hättet, und wenn der heilige Johann von Nepomuk ſelbſt vom Himmel herabſtiege, um für Euch zu zeugen, Ihr würdet dem Lang gegenüber dennoch verlieren. Das ſchrieb ſich nun die Wachskerzlerin hinter die Ohren und ſie ſchwieg. Eines Tages kam ſie jedoch ganz entathmet und freu⸗ dig aufgeregt nach Hauſe. Sie erwartete mit Ungeduld die Zeit, wo Hermine zu ihr kam, und als das Fräulein eintrat, zog ſie es an ſich und flüſterte: Ich hab' eine wichtige Neuigkeit mitgebracht. Eine gute oder eine ſchlimme? Sehe ich aus wie Jemand, der eine böſe Nachricht bringt? Im Gegentheil, Sie ſcheinen freudig erregt. So iſt es auch. Ihr Onkel iſt eingetroffen. Mein Onkel? Ja, Ihr Onkel! Ein Bruder des Roßwurm! Dieſe Neuigkeit war in der That geeignet, in Her⸗ minens Bruſt Hoffnungen anzufachen, die bisher wie er⸗ ſtorben lagen. Sie bat die Hausfrau, ihr Alles mitzutheilen, was ſie — 102— erfahren, und dieſe that es auch, indem ſie erzählte: Ich war heute wieder bei meinem Verwandten und der ſagte mir, daß der Bruder und zwei Vettern des Roßwurm hier angelangt ſeien, um ſich der Sache des verhafteten Feldmarſchalls anzunehmen. Der Bruder heißt Johann Philipp, der eine Vetter Nikolaus und der andere Burghard Hieronimus. Der Letztere iſt der einflußreichſte von den Dreien, denn er ſteht als Oberſt in kaiſerlichen Dienſten. Wenn Ihr, ſagte mein Verwandter, Euch mit Gewalt in die Sache miſchen wollt, wenn's Euch gar ſo arg juckt, nun denn ſo wendet Euch an den Oberſten. Ich zweifle, daß er etwas Erkleckliches ausrichten wird, item er wird's verſuchen. Probirt es auch, aber ich fürchte, Ihr werdet Euch verbrennen. So weit Herr Blahel. Sie glauben alſo, Frau Mladotta... Ich bin der Anſicht, liebes Fräulein, daß wir die Hände nicht in den Schooß legen und die Zunge nicht im Munde verſchließen. Wer ſich ſelbſt nicht hilft, dem wird auch nicht geholfen; darum rathe ich, wir begeben uns ſelbander im Geheimen zum Oberſten Roßwurm und entdecken ihm Alles, was wir wiſſen. Vielleicht führt es zum Guten, ſchlimmer, als es ſchon ſteht, kann es kaum werden. Nun, ſind Sie mit mir einverſtanden? Ich vertraue Ihrer Einſicht, doch wie fangen wir's an, daß Siona nichts erfährt? Frau Mladotta beſann ſich und verſetzte: Morgen iſt ein Sonntag, Sie ſagen, daß Sie mit mir zur Meſſe gehen wollen, und wir begeben uns ſtatt in die Kirche zum Oberſten. Der liebe Gott wird uns die Nothlüge nicht Notl Vor bega Gaſ ( wart Fert Ich agte urm teten ann hard den ſten. lt in juckt, eifle, irdes erdet ände kunde auch ander mihm zuten, Nun, s an, en iſt Meſſe Kirche thlüge — 103— nicht anrechnen, denn wir bedienen uns ihrer blos als Nothwehr. Hermine verſprach, dem Antrage nachzukommen. Am nächſten Vormittage verließ ſie unter dem erwähnten Vorwande an der Seite der Hausfrau die Wohnung und begab ſich mit ihr zum Oberſten Roßwurm, der in einem Gaſthofe in der Zeltnergaſſe eingemiethet war. Siona erſchien der Ausgang Herminens auffallend, ſie wartete ihre Entfernung ab und folgte ihr dann in der Ferne nach. Neuntes Kapitel. Oberſt Burkhard Hieronimus von Roßwurm. Gewiſſe Ereigniſſe, die als Dichtungen keinen Werth haben, bekommen ihn, ſobald ſie als Thatſachen erſcheinen. Die ganze Intrigue gegen Roßwurm und das nun⸗ mehr feindſelige Eingreifen Langs ſind Fakta. Bisher waren es die Memoiren des Herrn von Baſ⸗ ſompiere, denen wir folgten, jetzt dient uns ein Buch des Herrn Hofraths Friedrich Hurter zur Quelle, nämlich: „Philipp Lang, Kammerdiener Kaiſer Rudolfs II.“ Herr Hurter, dem die geheimen Archive erſchloſſen ſind hat mit einer beſonderen Vorliebe die Unthaten dieſes all⸗ mächtigen Kammerdieners aus Akten und Originalurkunden geſchöpft und kann nicht umhin, ſchon im dritten Kapitel, wo er von dem Sturze der Kammerdiener ſpricht, zu be⸗ merken:„Daß aber drei Kammerdiener hinter einander ein ähnliches Loos traf, wirft ein eigenthümliches Licht auf den Herrn.“ eriſti Que deru „Sle das die ſollt mar Altſ nich mar ſofe ten eine erth nen. un⸗ Baſ⸗ des — 105— Auch über Roßwurm bringt das genannte Buch wichtige Aufklärungen. Es ergänzt Vieles, und gießt über Manches ein hel⸗ leres Licht aus. Die Biographie Roßwurms von Barthold, welche im Jahre 1838 im Druck erſchien, würde manche Aende⸗ rung erlitten haben, hätte damals Hurters„Lang“ ſchon exiſtirt. Barthold führt am Schluſſe der Biographie zahlreiche Quellen an, die er benutzt; zu unſerer größten Verwun⸗ derung vermiſſen wir darunter Londorp's fortgeſetzten „Sleidanus“, wo ſich über die letzten Lebensſtunden und das Ende Roßwurms höchſt intereſſante Details befinden, die in einer Biographie Roßwurms nimmermehr fehlen ſollten. Wir werden ſie unſeren Leſern nicht vorenthalten. Vor der Hand kehren wir zu dem verhafteten Feld⸗ marſchall zurück. Wie ſchon angegeben, war ihm ein feſtes Gemach im Altſtädter Rathhauſe zum Gefängniß angewieſen. Er wurde ſtrenge bewacht, denn ſeine Feinde waren nicht gewillt, ſich das Opfer entſchlüpfen zu laſſen. Von den in Prag angelangten Verwandten des Feld⸗ marſchalls war der Oberſt Burkhard Hieronimus von Roßwurm der energiſchſte und auch der einflußreichſte, in⸗ ſofern der Verwandte eines des Hochverraths beſchuldig⸗ ten Heerführers noch einen Einfluß beſitzen kann. Dergleichen Wolken beſchatten ganze Familien, und das eine Glied lähmt den ganzen Körper. — 106— Der Oberſt erhielt Zutritt bei dem Gefangenen und der Feldmarſchall wurde, als er bei ihm eintrat, auf das Höchſte erfreut. Er ſchüttelte ihm die Hand und ſagte: Es freut mich, lieber Vetter, daß Sie ſich meinetwegen hierher bemüht haben. Dank werden Sie vorläufig keinen begehren, denn Sie tragen wie ich den Namen Roßwurm, einen Namen, deſſen Ehre bisher Niemand anzutaſten gewagt, es iſt Ihre Pflicht, ihn vor Schimpf und Schande zu bewahren. Herr Vetter, erwiederte der Oberſt, ich werde thun, was in meiner Macht ſteht, und ich hoffe, daß meine Mühe von einem günſtigen Erfolg gekrönt werden wird. Das gebe Gott! Es ſchneidet mir in's Herz, daß ich einen Mann von Ihren Verdienſten in ſolcher Lage treffen muß. Sie iſt bitter, indeſſen ich tröſte mich, ich bin nicht der erſte und werde auch nicht der letzts ſein, der Anfeindun⸗ gen unterliegt, unſchuldig unterliegt. Darüber, Herr Vetter, bitte ich Sie, mich aufzuklären. Sie zweifeln doch nicht daran? Meine Ueberzeugung ſteht feſt und zwar zu Ihren Gun⸗ ſten, allein im Publikum werden allerlei Stimmen laut... Wer iſt das Publikum? rief der Feldmarſchall eifrig, eine kopfloſe Menge, die heute dem ein Pereat zuruft, dem ſie geſtern ein Vivat ausgebracht. Niemand läßt ſich leich⸗ ter bethören, als das Publikum. Stellen Sie mir ſechs alte Weiber zur Dispoſition und in acht Tagen wird man in Prag erzählen und daran glauben, daß mir der Engel Gabriel als Helfer in der Noth erſchienen. Meine Feinde woll ſten dern und d as nich, uüht enn nen, hre n, eine ird. von der un⸗ ren. un⸗ rig, dem ich⸗ chs nan igel nde — 107— wollen mich ſtürzen und ſind klug genug, die unſinnig⸗ ſten Gerüchte über mich zu verbreiten. Es ſoll mich wun⸗ dern, daß man noch nicht erzählt, ich hätte mich dem Teu⸗ fel verſchrieben. Ich widerſpreche Ihnen nicht, Herr Vetter, kann jedoch die Bemerkung nicht unterdrücken, daß Sie manches gethan haben, womit Sie Ihren Feinden Vorſchub geleiſtet. Ich will mich nicht beſſer ſtellen, als ich bin, meiner Treu, mir fehlt viel zum Heiligen, indeſſen bin ich auch nicht ſchlimmer wie hundert Andere. Wollen Sie mir mittheilen, wie Alles gekommen iſt? Ich will es, und zwar genau ſo, wie ich es weiß. Der Feldmarſchall begann hierauf die Erzählung. Es iſt ein Unglück für mich, ſchloß er, daß der Mar⸗ cheſe todt iſt; meinen Dienern, die hei der Affaire bethei⸗ liget waren, ſchenkt man keinen Glauben, Furlani wußte den ganzen Hergang. Ich muß bekennen, Her Vetter, daß ich nicht begreife, wie Sie ſich dem Wälſchen anvertrauen konnten. Und das thaten Sie, indem Sie ihn mit Ihren Leuten voraus⸗ gehen ließen. Alle Welt behauptet, Ihre Diener haben zu Protokoll gegeben, Oberſt Barbiano ſei ihnen aus dem Wege gegangen und der Marcheſe habe den Angriff be⸗ gonnen. Der Wälſche ſcheint alſo böſe Abſichten gehabt zu haben und man wird dieſe leicht errathen, wenn man erwägt, daß auf Barbiano's Kopf ein doppelter Preis geſetzt war, und daß dem Marcheſe ſowohl das Geld wie die ſtraffreie Rückkehr in ſein Vaterland nur erwünſcht ſein konnte. — 108— Daran dachte ich leider nicht, verſetzte der Feld⸗ marſchall unwirſch, und da geſchehene Dinge nicht mehr ſich ändern laſſen, ſo brechen wir ab davon und ſprechen wir lieber von dem, was zu meinem Frommen geſchehen kann. Ich hörte, daß man Sie auch des Hochverrathes anklagt. Lieber Vetter, darüber ein Wort zu verlieren, wäre Thorheit. Die Politik meiner Feinde iſt klar. Ich wurde wegen eines Kriminalverbrechens verhaftet, es geſchah unter Umſtänden, die vor unparteiiſchen Richtern meine Schuldloſigkeit an den Tag hätte legen müſſen, da aber meine Feinde meine Verurtheilung wünſchen, ſo legen ſie mir auch Hochverrath zur Laſt. Es iſt das eine oft gebrauchte Praktik. Wenn man Einem nicht anders an den Hals kann, müſſen Hochverrath oder Zauberei herhalten. Ich denke, Herr Vetter, Wir haben Aehnliches oft genug erlebt. Was meinen Sie alſo, was ſoll ich thun? Auf dieſe Frage des Oberſten rückte der Feldmarſchall näher und begann leiſer zu ſprechen. Vor Allem, lieber Vetter, flüſterte der Gefangene ihm zu, iſt es nothwendig, daß Sie meine Feinde kennen ler⸗ nen, ich meine nicht die Wälſchen, die kennen Sie ohne⸗ dem, ſondern jene, die ſich in der Nähe des Kaiſers be⸗ finden. Da ſind vor Allem der Oberhofmeiſter Lichten⸗ ſtein, der Hofmarſchall Breuner und der geheime Rath von Hornſtein. Es wird daher gut ſein, wenn Sie auf dieſe einzuwirken ſuchen, entweder direkt oder indirekt. Dieſ Mäc es J nicht Mer deſſe jede ihm jedes wen thig Es ſolch nich gieb thun zu k Fäh deſſe züch Hau gute meit wür beſu kein harr Mot Ihn eld⸗ — 109— Dieſe Herren vermögen Manches, aber nicht Alles. Der Mächtigſte iſt und bleibt der Kammerdiener Lang. Wenn es Ihnen gelingt, ihn für uns zu gewinnen, ſo haben wir nichts zu beſorgen. Ich war ſo unvorſichtig, mir dieſes Menſchen Feindſchaft an den Hals zu laden, er iſt in⸗ deſſen ein ſo niedriger Charakter, daß der Eigennutz ihn jede Beleidigung vergeſſen laſſen wird. Im Verkehr mit ihm ſeien Sie vorſichtig, denn er hinterbringt dem Kaiſer jedes Wort und verdreht ſogar gemachte Aeußerungen, wenn es in ſeinen Kram paßt. Stellen Sie ſich demü⸗ thig, denn der Schuft iſt ehrgeizig, wie alle Parvenus. Es iſt traurig, wenn Männer von Verdienſt ſich vor ſolchen Perſonagen bücken müſſen, allein an Höfen geht's nichts anders. Eine ſchlechtere Canaille, wie dieſen Lang, giebt's nicht in allen vier Welttheilen, was aber will man thun, er hat die Macht. Um leichter an den Menſchen zu kommen, ſuchen Sie einen gewiſſen Schadner auf, der Fähnrich iſt und ſich in Langs Dienſten befindet. Er iſt deſſen Faktotum und in alle ſeine Schurkereien und Un⸗ züchtigkeiten eingeweiht. Wenn Sie dieſem Fähnrich eine Hauptmannsſtelle verſprechen, wird er Ihnen bei Lang gute Dienſte leiſten. Ich erſuche Sie, lieber Vetter, in meiner Sache Ihr Möglichſtes zu thun, ich werde es zu würdigen wiſſen. Mein Bruder Philipp wollte mich auch beſuchen, ich habe ihn nicht angenommen, weil ich zu ihm kein Vertrauen habe und wir niemals gut mit einander harmonirten. Ich benöthige thätigen Beiſtand und keine Moral. Sie ſind Krieger wie ich, wir verſtehen uns, von Ihnen erwarte ich, daß Sie Alles anwenden und kein Geld — 110— ſchonen werden, mich aus dieſer fatalen Lage zu befreien. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß ich Ihnen meine Kaſſa zur Dispoſition ſtelle. Hier auf dieſem Bogen iſt mein Vermögen und die Orte, wo es deponirt, verzeichnet. Wie ſie aus den Aufzeichnungen erſehen, ſind meine Forde⸗ rungen an den Staat bedeutend. Sollten Sie Raths be⸗ dürfen, wenden Sie ſich an Kinsky, Sternberg oder Wald⸗ ſtein, Sie ſind meine Freunde. Und nun leben Sie wohl, auf Wiederſehen! Der Oberſt verabſchiedete ſich... Er ſollte den Feldmarſchall nicht wiederſehen. Oberſt Burkhard befand ſich in der Gaſthofſtube, wo er eingemiethet war, als ſein Diener zwei Frauen meldete, die ihn zu ſprechen wünſchten. Auf den gewährenden Wink des Oberſten traten Frau Mladotta und Hermine ein. Die Wachskerzlerin ergriff das Wort und entwickelte in einer etwas weitläufigen Rede den Grund ihres Be⸗ ſuches, der dem Oberſten nicht recht verſtändlich erſchien. So viel jedoch entnahm er dem wirren Wortdurch⸗ einander, daß vom Marcheſe Furlani und einer Dame die Rede ſei, und daß ſogar ſeines Vetters, des Feldmar⸗ ſchalls, Erwähnung geſchah⸗ Der Gegenſtand beſaß für ihn Wichtigkeit genug, mit einiger Umſtändlichkeit darauf einzugehen, und er erſuchte die dicke Frau und das Mädchen, Platz zu nehmen und ihr Anliegen ſo vorzutragen, daß er es zu faſſen vermöge. Frau Mladotta gerieth nun auf den glücklichen Einfall, die 9 vorer genh 2 ein g ſeine 2 Feldt zieml Tod — 2 erwie diene wirkl Pfeil ſollte 2 Wac Sinr 3 kam näml über frühe mine das, doch ien. aſſa nein Wie rde⸗ be⸗ ald⸗ ohl, wo dete, Frau elte Be⸗ hien. uch⸗ die nar⸗ mit uchte und töge. fall, — 111— die ganze Sache in zwei Theile zu ſondern, und ſprach vorerſt vom Marcheſe und von Siona, ohne die Angele⸗ genheit Herminens zu berühren. Des Oberſten bemächtigte ſich bei dieſen Enthüllungen ein gerechtes Erſtaunen; er durchſchaute die Intrigue, die ſeinem Vetter geſpielt worden war. Die jetzigen Mittheilungen mit jenen, die ihm vom Feldmarſchall wurden, zuſammengehalten, boten ihm eine ziemlich klare Einſicht in das Gewebe, er begriff, daß der Tod Furlani's ein Unglück für ſeinen Vetter ſei. Das Einverſtändniß Siona's mit dem Wälſchen war erwieſen. Ihre neuerliche Verbindung mit dem Kammer⸗ diener zeigte ſich dem Oberſten ſogleich als das, was ſie wirklich war, nämlich als Schutzwall, aufgeführt, um alle Pfeile und Kugeln, die etwa gegen ſie geſendet werden ſollten, aufzufangen. Der Oberſt richtete nun verſchiedene Fragen an die Wachskerzlerin, theils erläuternden, theils erweiternden Sinnes. Frau Mladotta beantwortete Alles wahrheitsgetreu und kam hierauf auf den zweiten Theil ihrer Angelegenheit, nämlich auf Hermine zu ſprechen. Man wird begreifen, daß der Vetter des Feldmarſchalls über dieſe Enthüllung ebenſo erſtaunt war, wie über die früheren, ſein Blick richtete ſich mehrere Male auf Her⸗ mine, und zwar mit dem Ausdruck eines Menſchen, der das, was er hört, glaubenswürdig findet, dem es aber doch Verwunderung abnöthigt. — 112— Der Oberſt ſtellte auch nach dieſer Richtung hin meh⸗ rere Fragen, und zwar bezüglich der Mutter Herminens. Da er zu jener Zeit, als der Junker von Schlaginweit und Baſſompiere im Lager war, ſich nicht im Haupt⸗ quartier befand, ſo war ihm die ganze Affaire nicht be⸗ kannt. Trotzdem bezweifelte er nicht die Wahrhaftigkeit der Angaben. Das Abenteuer ſeines Vetters auf Leblancmenil war ihm kein Geheimniß, und das Unternehmen Bertha's von Picaut wäre ebenſo gewagt als lächerlich geweſen, wenn es auf bloße Erfindung hin ſich geſtützt hätte. Du biſt ein armes Kind, ſagte er zu Hermine mit Theilnahme, und biſt um ſo mehr zu bedauern, als Du an Deiner unglücklichen Lage ſchuldlos biſt. Wohin Deine Mutter gekommen, was ihr begegnet iſt? darüber vermag ich keine Auskunft zu geben, da ich zu jener Zeit nicht vor Ofen lag und mir überhaupt davon nichts zu Gehör kam. Ich werde jedoch bei meinem nächſten Zuſammen⸗ ſein mit dem Feldmarſchall darüber ſprechen und ſeine Meinung einholen. Wegen ſeines Gebarens gegenüber dem Wiener Bürgermeiſter brauchſt Du nicht muthlos zu werden, er iſt nicht ſo herzlos, ein Kind, deſſen Vater er iſt, zu verleugnen, der Bürgermeiſter wird vermuthlich nicht den rechten Weg eingeſchlagen haben, um die Ange⸗ legenheit an den Mann zu bringen. Die fatale Situation, in der ſich der Feldmarſchall leider befindet, iſt zwar kein paſſender Moment, auch dieſe Angelegenheit zur Sprache zu bringen, indeſſen da das Geſchick es einmal ſo gefügt hat, ſo ſoll ſie ihr Recht haben. Benöthigeſt Du etwas? mit einer mehr beſtr Zuku um ſpruc Zwer mein Men weit wollt Weg zu ze trotz Schn E Mla und ihrer dieſer chriſt mein ſteht, wege des z Men E. meh⸗ ens. weit mupt⸗ tbe⸗ gkeit war von venn mit Du eine mag nicht zehör men⸗ ſeine rüber zu er er thlich lnge⸗ ition, kein he zu hat, 0 — 113— Ich benöthige nichts, Herr Oberſt, erwiederte Hermine mit Würde, Meiſter Lametzhofer in Wien iſt im Beſitze einer ihm von meiner Mutter anvertrauten Summe, die mehr als hinreicht, die Rückreiſe nach meiner Heimath zu beſtreiten, und die Güter meiner Mutter ſichern meine Zukunft. Wir ſind überhaupt nicht nach Wien gekommen, um von meinem Vater irgend eine Unterſtützung zu bean⸗ ſpruchen, wir bedürfen einer ſolchen gottlob nicht; der Zweck unſerer Reiſe war ein höherer. Es galt der Ehre meiner Mutter jene Genugthuung zu geben, die in der Menſchenmacht liegt, und damit die alte Schuld in ſo weit als möglich zu ſühnen. Das iſt's, war wir erreichen wollten, und wenn meine Mutter einen außerordentlichen Weg dazu einſchlug, ſo that ſie es blos, um dem Vater zu zeigen, daß ihre Liebe zu ihm noch nicht erloſchen iſt, trotz des Kummers, den er über ſie verhängt, trotz der Schmach, womit er ihr ganzes Leben verbittert. So iſt es, Euer Gnaden, Herr Oberſt, ſetzte Frau Mladotta hinzu, das arme Fräulein ſpricht wie ein Engel und handelt auch darnach. Sie iſt würdig, daß man ſich ihrer annehme und deshalb thu' ich's. Man findet in dieſer verketzerten, glaubensarmen Zeit ſo ſelten ein wahres chriſtliches Herz; die Leute gehen jetzt ſo leichtſinnig an meinem Wachskram und damit auch an der Kirche, wo er ſteht, vorüber, daß man ordentlich aufjammern möchte wegen der Höllenwirthſchaft, die getrieben wird, und wegen des zuchtloſen Heidenthums, ſo eingeriſſen in der ſündigen Menſchheit, und... E. Breier. General Roßwurm. III. 8 —— Sie ereifern ſich umſonſt, liebe Frau, fiel ihr der Oberſt lächelnd in's Wort; mich brauchen Sie nicht zu bekehren, denn wir haben unſeren Regimentspater, der ſein Hand⸗ werk verſteht, wie ich das meinige. Ich kann mit dem beſten Willen in dieſem Augenblicke nichts ſagen, als daß ich mit meinem Vetter über dieſe Angelegenheit ſprechen we Sprechen allein, bemerkte die Hausfrau, genügt nicht, Sie müſſen ihm die Sache zu Gemüthe führen. Ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich es thun werde. Uebrigens wiſſen Sie mich zu finden. Ihnen und dem braven Mädchen da ſteht meine Thür allezeit offen. Hermine küßte dem Oberſten die Hand und gab ſich keine Mühe, die Thränen, welche über ihre Wangen liefen, zu verbergen. Frau Mladotta produzirte Kratzfüße und Bücklinge, ergriff dann den Arm ihres Schützlings und leitete ſie liebevoll aus dem Gemache und nach Hauſe. Zur Ehre des Oberſten von Roßwurm ſei es erwähnt, daß er von den beſten Vorſätzen beſeelt an's Werk ging. Er machte zahlreiche Beſuche, bekam manche bittere Bemerkung wegen ſeines Vetters zu hören, ließ ſich auch manches Naſenrümpfen und manche Spottmiene gefallen, denn waren es doch gerade die Feinde des Feldmarſchalls, in deren Händen ſein Geſchick lag. Auch bei dem Kammerdiener Lang ſprach er vor. Dieſer verdrehte andächtig die Augen, wirbelte die Hände ineinander, ließ allerlei bitterböſe Bemerkungen em daß hen cht, de. em ſich fen, ige, ſie hnt, ing. tere much len, lls, die gen — 115— fallen und ſagte dann: Ich mache Ihnen gar kein Hehl daraus, Herr Oberſt, daß ich es bin, der Ihren Herrn Vetter aus der fatalen Situation, in welche er ſich hinein⸗ geſtochen hat, herausbohren könnte. Allein können und wollen ſind zweierlei! Die Impertinenz des alten Sünders empörte den Krieger, er gerieth in Eifer und ſagte: Ihre Aufrichtig⸗ keit, Herr von Lang, ermuthigt mich, eine gleiche an den Tag zu legen. Ich bin ermächtigt, das„Wollen“ zu er⸗ kaufen.. Um welchen Preis? fragte Lang lauernd. Ich ſtelle 8000 Thaler zu Ihrer Dispoſition. Lang ſchüttelte den Kopf. Er hatte von dem Feldmarſchall Johann Jakob von Belgiojoſo, dem Bruder des Ermordeten, bereits ein Ge⸗ ſchenk von 20,000 Thalern erhalten, es war ſomit natür⸗ lich, daß Oberſt Roßwurm mit ſeinen 8000 dagegen zurückſtehen mußte, ſelbſt wenn keine anderen Einflüſſe ihm ſeindlich entgegengewirkt hätten. Der Leſer wird ſich über den Cynismus entſetzen, mit dem hier das Recht verhandelt wurde, allein bei Lang war das gang und gäbe. Herr Hurter weiſt in deſſen Biographie zahlloſe Fälle nach, wo Lang ſich die Erlaubniß zu Audienzen bei dem ſchwer zugänglichen Monarchen theuer bezahlen ließ, er trieb damit einen förmlichen Handel, ſo daß ſelbſt Abge⸗ ordnete und Geſandte ſich ihm zinsbar erweiſen mußten. Lang wies alſo den Antrag des Oberſten zurück. — 116— Dieſem begann das Blut zu ſieden, er fühlte die Wangen erglühen und hatte Mühe, an ſich zu halten. Um indeſſen ſeiner Empörung in etwas gerecht zu werden, zwang er ſich zu einem freundlich ſein ſollenden Lächeln, welches aber zu einem Grinſen wurde, und ſagte: Ich begreife den Widerwillen nicht, Herr von Lang, den Sie gegen meinen Vetter, den Feldmarſchall, hegen? Sollten Sie nicht wiſſen, daß es eigentlich der Marcheſe Furlani war, der den Mord auf dem Gewiſſen hatte? Was dieſer verſchuldet, hat er gebüßt. Uebrigens kann man jetzt, da der Marcheſe todt iſt, leicht die ganze Schuld ihm in die Schuhe ſchieben. Und man wird damit kein Unrecht begehen, verſetzte der Oberſt in ſeiner Erbitterung, fragen Sie nur die Dame in der Ueberfuhrgaſſe, ſie wird Ihnen, was ich ſage, beſtätigen. Lang zuckte bei dieſer Malice, denn eine ſolche war's durch den Ton, mit dem die Worte geſprochen wurden, zuſammen, blinzelte den Oberſten nach der Seite an und murmelte: Genug für heute, wir wollen über die An⸗ gelegenheit Ihres Herrn Vetters keine Worte mehr ver⸗ lieren. Der Oberſt wollte wieder einlenken, allein Lang war zu keiner Antwort mehr zu bewegen und jenem erübrigte nichts, als ſich zu entfernen. Kaum war er fort, ſo fuhr Lang zu Siona, um von ihr Aufklärung über die Aeußerung des Oberſten zu er⸗ halten. nn uld tzte die ich w's en, ind An⸗ er⸗ — 117— Die ſchlaue Griechin war auf den Eintritt dieſer Even⸗ tualität bereits vorbereitet. Sie erzählte ihrem Anbeter, daß die Hausfrau bei dem Oberſten geweſen und ſich mit ihm in's Einvernehmen geſetzt habe. Der Oberſt hoffe die Angelegenheit ſeines Vetters ohne Langs Wiſſen und gegen ſeinen Willen doch an den Kaiſer zu bringen, und zwar durch Hilfe des Sil⸗ berdieners Blahel, der als Verwandter der Frau Mladotta ſich der Sache annehmen werde. Dieſe Angaben, von ſchmeichleriſchen Liebkoſungen begleitet, verfehlten auf den alten Anbeter ihre Wir⸗ kung nicht. Lang zeigte ſich empört, daß Jemand es wage, in ſeine Sphäre ſich einzudrängen und ſeinen Einfluß zu paraly⸗ ſiren; er ſchwur, die Vermeſſenheit des Silberdieners zu ſtrafen und dem Oberſten einen Herrn zu weiſen. Siona erreichte ihre Abſicht; denn indem ſie ein Un⸗ gewitter über Blahel heraufbeſchwor, ſchüchterte ſie ihre Hausfrau ein. Am nächſten Tage kam Blahels Gattin zu Mladotta und erzählte unter Thränen, man habe ihren Mann in's Gefängniß geworfen. Und ſo war's auch. Der Silberdiener wurde angeklagt der Beſtechung, der Unterſchlagung von Briefen, der Zauberei, ferner unge⸗ bührlicher Reden gegen Höhere, endlich des Einverſtänd⸗ niſſes mit dem Feldmarſchall Roßwurm. Gleichzeitig mit dieſer Verhaftung wurde dem Oberſten — 118— Roßwurm ein kaiſerlicher Befehl zugeſtellt, augenblicklich Prag zu verlaſſen und ſich nach ſeiner Garniſon in Un⸗ garn zu begeben. Der Offizier, welcher dem Oberſten die Ordre über⸗ brachte, wich nicht mehr von deſſen Seite, bis er die Mauern Prags im Rücken hatte. Zehntes Kapitel. Siona entledigt ſich einer Laſt. Der Prozeß gegen den kaiſerlichen Silberdiener Blahel war eine würdige Illuſtration zu dem Vorgange gegen Roßwurm. Auf dem Letzteren haftete indeſſen doch ein Theil der Schuld, Blahel dagegen war vollkommen ſchuldlos. Er wurde ſtreng verhört, nach einander in ſechs ver⸗ ſchiedene Gefängniſſe gebracht und auf Langs Veranſtalten auf die Folter geſchlagen. Ja, da im Verlaufe der Verhandlung gewiſſe Aeuße⸗ rungen Blahels gegen Lang zu Protokoll kamen, begehrte dieſer ſogar deſſen Hinrichtung. Sie ſollte, da es an zureichenden Gründen fehlte, ohne des Kaiſers Vorwiſſen durch den Schloßhauptmann voll⸗ zogen oder der Gefangene durch denſelben heimlich aus dem Wege geräumt werden. Lang redete jenem zu, den Blahel zu erſticken, worauf — 120— aber der Schloßhauptmann erwiederte: Das darf ich nicht, bringt mir einen kaiſerlichen Befehl, daß ich ihn aufhängen ſoll, dann muß ich denſelben vollziehen, bin aber aller Verantwortung frei. Drei Jahre ſpäter erklärte die über Lang niedergeſetzte Kommiſſion, aus den Akten gehe hervor, Blahel ſei blos aus Rachgier, auf Langs grundloſes Vorgeben hin, heim⸗ lich angeſchuldigt worden. Blahels Gattin, ein krankes, lahmes Weib, ja ſogar ſeine Kinder entgingen dem Kerker nicht. Die erſtere ſtarb im Gefängniß, Blahel erlebte den Sturz ſeines Feindes und wurde ohne Rechtsſpruch frei⸗ gelaſſen, wie er ohne Rechtsſpruch ſein Vermögen verloren hatte, welches Lang an ſich riß. In dieſen Tagen der Blahel'ſchen Unterſuchung war es intereſſant, Frau Mladotta zu beobachten. Anfangs machte ſie Miene, wie eine Furie durch die Straßen Prags zu raſen und„Feuer“ und„Mordio“ zu ſchreien. Siona begab ſich zu ihr, ſpielte die Theilnehmende und ſagte unter Anderem: Ich begreife Herrn Blahel nicht, entweder iſt er ſchuldig oder nicht. Im erſteren Falle ver⸗ dient er die Strafe wegen der Schuld, im letzteren, weil er Feuer löſchen wollte, das ihn nicht brannte. Daß doch gewiſſe Leute ſo unvorſichtig oder fürwitzig ſind, ſich in Dinge zu miſchen, die ſie nichts angehen— bei dieſen Worten ſchaute ſie die Wachskerzlerin mit einem bedeu⸗ tungsvollen Blicke an und fuhr, ohne einzuhalten, fort: Ich kenne keinen Menſchen in Prag, der vermeſſen genug wäre, wand A Wut D vom kriege niß ſ herau in de Y ſchuld ſelbſt S in Fr wolle nur e ſellſch ausge E ſelbſt wohl, nachn flücht dieſen herige S ht, en ler de ht, er⸗ eil ch in u⸗ — 121— wäre, ſich gegen Herrn von Lang aufzulehnen, Ihr Ver⸗ wandter war ſo thöricht, es zu thun, jetzt büßt er's. Aber wofür? ſtammelte die Hausfran mit verbiſſener Wuth. Das, meine Liebe, geht uns nichts an; die Herren vom Gerichte werden die Schuld aus ihm ſchon heraus⸗ kriegen, und ich wette, wenn man Sie heute ins Gefäng⸗ niß ſchmiſſe, würde es wenig Mühe koſten, aus Ihnen herauszubekommen, daß Sie durch den Oberſt Roßwurm in der Sache des Feldmarſchalls verflochten ſind. Madame, fuhr die Böhmin auf, es iſt abſcheulich, un⸗ ſchuldige Leute mit einem Verdacht zu belaſten, den man ſelbſt verdient. Siona erglühte und ſagte: Madame, wir Zwei können in Frieden neben einander wandeln, wenn Sie aber Krieg wollen, ſollen Sie mich gerüſtet finden. Es koſtete mich nur ein Wort und Sie leiſteten Ihrem Verwandten Ge⸗ ſellſchaft. Ich beherrſche mich jedoch und ſchone Sie, vor⸗ ausgeſetzt, daß Sie geſchont ſein wollen. Sie ſchonen mich nicht um meinet⸗, ſondern um Ihrer ſelbſt willen, antwortete die Hausfrau, Sie wiſſen recht wohl, daß ich Ihre Verbindung mit Furlani durch Zeugen nachweiſen kann, und zwar aus jener Zeit, da er bereits flüchtig war. Die Hausfrau traf damit den Nagel auf den Kopf; dieſem Umſtande verdankte ſie einzig und allein die bis⸗ herige Schonung. Siona gab ihr keine Antwort, ſondern begnügte ſich, — 122— ſpöttiſch die Achſel zu zucken und entfernte ſich aus der Stube. Frau Mladotta ſprühte Feuer und Flammen. Früher war ihr der Feldmarſchall Roßwurm als ein Unhold erſchienen, jetzt, ſeitdem ihr Verwandter ſchuldlos im Kerker ſchmachtete, änderte ſich ihre Anſchauung, ſie ſchlug in das entgegengeſetzte Extrem über und erblickte in Roßwurm einen Märtyrer. Ihr ganzer Haß entfaltete ſich gegen den Kammerdiener und gegen Siona. Womöglich noch vermehrt wurde er, als ſie wieder zum Oberſt Roßwurm ging und von ſeiner Verbannung aus Prag Kunde bekam. Mit ihm war ihr und Hermine die Stütze, auf welche ſie gerechnet, entzogen. Sie eilte wieder nach Hauſe und erzählte ihrer Ver⸗ trauten das neue Unglück, ſo über ſie gekommen. Dieſe Manifeſtation der Allmacht ihres Feindes, denn als ſolchen betrachtete ſie jetzt den Kammerdiener, flößte ihr einen heilſamen Schreck ein, heilſam inſofern, als ſie ihren Haß nicht frei walten ließ, ſondern an ſich hielt, und den Krieg an Siona nicht offen erklärte. Wir müſſen vorſichtig ſein, ſagte ſie zu Hermine, denn dieſe Ketzer wären im Stande, auch uns in's Gefängniß und auf die Reckbank zu bringen. Es iſt einmal ſo weit gekommen, daß es keine Gerechtigkeit im Lande mehr giebt, und wir Zwei werden es nicht ändern. Laſſen wir dieſes Heidenvolk ſchalten und walten, wenn das Sündenmaaß voll ſein wird, muß am Ende doch das himmliſche Donner⸗ wette ſiann Troſ Erei anhei 0 fühl Vate hatte habet Hern im T erheb und Hilfe mit Ich laſtet — )„„ — 123— der wetter über ſie hereinbrechen und dann werden wir„Ho⸗ ſiannah“ ſingen. Es lag allerdings ein Troſt in ihren Worten, allein — ein Troſt ohne Hilfe genügt nicht. dlos Die Situation Herminens hatte ſich durch alle dieſe 4 ſie Ereigniſſe verſchlimmert, ſie war ganz der Willkür Siona's lickte anheimgegeben. Je mehr dieſe das Verhältniß mit Lang ſich befeſtigen en fühlte, deſto kühner und zwangloſer fühlte ſie ſich. . Ihre urſprüngliche Abſicht, ſich der Tochter gegen den ieder Vater zu bedienen, wurde fallen gelaſſen, die Intrigue ung hatte ihr eine wirkſamere Waffe in die Hände gegeben. Faſt bereute ſie es, ſich mit dem Mädchen belaſtet zu elche haben, allein ſie geſtand ſich, daß gerade die Rettung Herminens mit dazu beitrug, den Marcheſe über ihre Pläne er im Dunkeln zu erhalten, und daß ihr damit allerdings ein erheblicher Dienſt geleiſtet wurde. e Im Moment bedurfte ſie des Mädchens nicht mehr, ößte und ſie beſchloß, ſich ihrer zu entledigen und zwar mit Hilfe ihres Anbeters. Bei ihrer nächſten Zuſammenkunft ielt, mit Lang brachte ſie das Geſpräch auf Hermine und ſagte: Ich muß mich von einer Schuld befreien, die auf mir Penn laſtet, lieber Freund. niß Eine Schuld, worin beſteht ſie? weit In einer Unwahrheit, deren ich mich bedient. ebt, Mir gegenüber? 4 eſes Ich leugne es nicht. aaß Worin beſtand ſie? Vermuthlich in einer Untreue? Sie thun mir Unrecht, lieber Freund. Sie betrifft — 124— nicht meine Perſon, ſondern Hermine. Ich gab an, das Mädchen ſei meine Schutzempfohlene. Iſt dem nicht ſo? Nein, ſie iſt eine natürliche Tochter Roßwurms. Sie und ihre Mutter behaupten es wenigſtens. Wer iſt ihre Mutter? Bertha von Picaut, jenes Fräulein, um deſſenwillen Roßwurm zur Zeit, als er noch Hauptmann bei der Leibwache des Herrn von Baſſompiere war, hingerichtet werden ſollte. Ich kenne dieſe Geſchichte. Doch wie kam das Mädchen zu Ihnen? Siona erzählte, und zwar bediente ſie ſich diesmal der Wahrheit, inſoweit ſie Hermine betraf. Lang hörte aufmerkſam zu. Wiſſen Sie, meine Liebe, daß Ihnen der Handel hätte übel bekommen können! Mit der Wiener Juſtiz iſt nicht anzubindeu. Ich danke dem Himmel, daß er mich bis nun ſalvirt hat, von jetzt ab fürcht' ich nichts mehr. Aber was ging Sie das Mädchen an? Was bewog Sie, ſich ihrer anzunehmen? Ich will Ihnen den Grund offen betennen⸗ Ich haßte den Vater, denn er wollte meine Schande und befahl, mich den Türken auszuliefern. Mein Haß weckte meine Rache, da fuhr mir der Gedanke durch den Kopf, die Tochter als Werkzeug meiner Rache zu benutzen, und ich befreite ſie. Die Aufrichtigkeit Siona's imponirte dem Kammerdiener. T befliß 6 umw wiſſe Bewr G und . liche billig word C Frau Glei Sym 4 er, d dürfe S damo laſtet nicht 6„— ſten Sie illen der chtet chen der Die Griechin hatte ſich, indem ſie ſich der Wahrheit befliß, nicht verrechnet. Gegenüber einem moraliſchen Charakter hätte ihr un⸗ umwundenes Geſtändniß Abſcheu erregt, bei einem ſo ge⸗ wiſſenloſen, laſterhaften Menſchen, wie Lang, weckte es Bewunderung. Er ſtaunte den Unternehmungsgeiſt der Freundin an und zollte ihrem Scharfſinne ſein Lob. Zu ſeiner Verworfenheit geſellte ſich auch der perſön⸗ liche Haß gegen Roßwurm, wie hätte er etwas miß⸗ billigen können, was gegen den Feldmarſchall unternommen worden war? Es war nicht blos die Leidenſchaft des Mannes zur Frau, die ihn an die Griechin feſſelte, ſondern auch die Gleichartigkeit ihrer Charaktere, die Gemeinſamkeit ihrer Sympathieen und Antipathieen. Ich würdige Ihr Geſtändniß, liebes Kind, antwortete er, doch bedauere ich die Mühe und die Koſten, Sie be⸗ dürfen des Mädchens nicht. Hätte ich die glückliche Wendung meines Geſchickes damals ahnen können, ich würde mich mit ihr nicht be⸗ laſtet haben, und daß ſie mir jetzt eine Laſt, brauche ich nicht erſt zu verſichern. Lang ſchaute Siona fragend an. Wünſchen Sie ihrer ledig zu werden? Sie verſtehen es, in meinem Herzen zu leſen. Ich werde über die Sache nachdenken und Ihnen näch⸗ ſtens meinen Entſchluß mittheilen. — 126— Die arme Hermine ahnte nicht, daß eine Wendung ihres Geſchickes bevorſtand. Ein paar Tage ſpäter, als Lang wieder zu Beſuch erſchien, wollte Hermine ſich wie gewöhnlich entfernen. Der Kammerdiener hieß ſie bleiben. Ich muß mit Dir ſprechen, ſagte er mit freundlicher Miene. Mit mir? fragte das Mädchen erſtaunt. Du biſt zwar noch ein Kind, fuhr Lang fort, allein Du befindeſt Dich doch ſchon in den Jahren, wo der Ver⸗ ſtand ſich ſo weit ausgebildet hat, daß man Gutes vom Böſen unterſcheiden kann. Hermine blieb. Ihr Herz pochte vor Angſt hoch auf, ſie ahnte, daß ſie Schlimmes erfahren werde. Ich bin von Wien aus zur Kenntniß gelangt, fuhr Lang fort, daß Du dort wegen Zauberei verhaftet warſt und dem Gefängniſſe entſprungen biſt. Ich wurde durch Siona befreit, wendete Hermine ein. Du nennſt es befreit werden, ich dagegen entſpringen, erwiederte Lang, die Bezeichnung ändert die Sache nicht, Du biſt des Roßwurms Tochter und Dein Vater liegt wegen Mord und Hochverrath im Kerker. Nachdem ich zur Kenntniß Deiner Verhältniſſe kam, ging mein Ent⸗ ſchluß dahin, Dich wieder ganz einfach der Wiener Juſtiz auszuliefern, damit der unterbrochene Prozeß ſeinen Fort⸗ gang nehme. Siona legte jedoch Fürbitte ein, und ich will bei Dir Gnade walten laſſen und Dir das trübſelige Loos erſparen. Ich frage Dich demnach, willſt Du frei⸗ willig als Novize in einem Kloſter eintreten? — der den entſc „ diene ( er, n alleit Vate 2 mein E verfi für enthe lich füge 2 aufre keine abzu L redm 2 in B vorzi zu w — ung Hermine erblich und rief: Nein, ich will nicht! Dann wirſt Du noch heute nach Wien abgeführt und ſuch 5 der Juſtiz übergeben, oder noch beſſer, Du wirſt gleich den hieſigen Gerichten überliefert. Du haſt die Wahl, entſcheide Dich. cher Hermine brach in Thränen aus, warf ſich dem Kammer⸗ diener zu Füßen und flehte ſein Erbarmen an. Eben weil ich mich Deiner Jugend erbarme, verſetzte lein er, mache ich Dir in Güte den Vorſchlag. Du ſtehſt jetzt er⸗ allein in der Welt, Deine Mutter iſt verſchollen, Dein oom Vater iſt ein Verbrecher, was willſt Du beginnen? Wir ſind nicht arm, entgegnete Hermine, die Güter uf, meiner Familie... Darüber kannſt Du, bis Du großjährig geworden, uhr verfügen, je beträchtlicher dieſe Güter ſind, um ſo beſſer arſt 6 für Dich. Im Moment biſt Du unmündig und der Auf⸗ enthalt im Kloſter wird Deiner Seele Heil ſehr erſprieß⸗ ein. lich werden. Ich rathe Dir alſo, ſei nicht halsſtarrig und en, füge Dich. ſcht, Das arme Mädchen weinte und ſuchte ihr Widerſtreben iegt aufrecht zu erhalten, indem ſie darauf hinwies, daß ſie ich keine Neigung und keinen Beruf fühle, ſich von der Welt Ent⸗ abzuſchließen. ſtiz Lang gab ſich keine weitere Mühe, ſie durch Ueber⸗ ort⸗ redung umzuſtimmen, ſondern ſagte blos: ich Deine Neigungen und Wünſche kommen hier gar nicht ige* in Betracht, die Frage bleibt einzig und allein, ob Du es rei⸗ vorziehſt, im Kloſter zu leben, oder der Juſtiz überliefert zu werden? — 128— Die geſtellte Alternative verſetzte Hermine in Ver⸗ zweiflung; da ſie den Kammerdiener unerbittlich fand, be⸗ gehrte ſie eine Bedenkfriſt. Lang ſchüttelte den Kopf und entgegnete: Ich bin nicht geſonnen, Dir auch nur Eine Stunde zu gewähren. Du mußt Dich augenblicklich entſchließen, denn meine Maß⸗ regeln ſind getroffen. Mit dieſen Worten führte er ſie an's Fenſter und hieß ſie auf die Straße hinausſehen. Hermine ſtieß einen Schrei aus, denn draußen ſtanden bewaffnete Stadtguardiſten. Entſchließe Dich, fuhr Lang fort; wählſt Du das Kloſter, ſo wirſt Du mit mir die Karoſſe beſteigen und ich werde Dich an den Ort Deiner Beſtimmung begleiten, weiſeſt Du meinen Antrag zurück, ſo wirſt Du den Häſchern übergeben. Hermine erklärte ſich zu dem erſteren bereit. Lang bot ihr ſeinen Arm und ſagte: Je folgſamer Du Dich beweiſeſt, um ſo beſſer wird es Dir ergehen. Ich verbiete Dir, im Hauſe Abſchied zu nehmen. Damit führte er ſie aus der Stube. Frau Mladotta, deren Aufmerkſamkeit durch die auf der Straße harrenden Stadtguardiſten ſchon erregt wor⸗ den war, ſah das weinende Mädchen am Arm des Kammerdieners ſich entfernen und zitterte vor Zorn und Schreck. Was hat er mit ihr vor? dachte ſie, wird er das Kind den Häſchern übergeben? Sie eilte an ihr Fenſter und ſah den Kammerdiener mit erh mer Th noc ſchr wa Ha Ver riſc Gr die unt ſpit geb beg Ver⸗ be⸗ nicht Du Naß⸗ hieß inden das und eiten, ſchern r Du Ich e auf wor⸗ des und Kind diener — mit dem Mädchen die Karoſſe beſteigen. Die Bewaffneten erhielten den Befehl, ſich zu entfernen. Die Hausfrau ſchlug die Hände zuſammen und jam⸗ merte: Er nimmt das arme Kind mit— ſie ſchwamm in Thränen— wohin führt er ſie? Und dort oben giebt es noch immer keinen Blitz, daß er herabfahre und ihn zer⸗ ſchmettere? Von dieſer Stunde an hielt die Hausfrau von der Griechin ſich entfernt, ſie mied ſie wie eine Verpeſtete, wahrte ihre Zunge und verbarg den ganzen Vorrath ihres Haſſes im tiefſten Innern. Selbſt gegen ihre Magd Suſanna, die bisher ſich ihres Vertrauens erfreute, verlor ſie kein Wort, ſie wurde mür⸗ riſch, zurückhaltend. Sie hätte es mit Vergnügen vernommen, wenn die Griechin ihr die Wohnung gekündigt haben würde; allein die Schlaue vermied dies weislich. Sie wußte, daß die Wachskerzlerin ihre Feindin ſei, und daß nur ihre Gegenwart ſie abhalte, Intriguen zu ſpinnen. Hätte ſie ihr Haus verlaſſen, würde ſie ihr freie Hand geboten haben, und wer weiß, wozu die Böhmin fähig war? Eines Tages kam ein unbekannter Burſche in's Haus, begab ſich zur Mladotta und forderte ſie auf, ihm zu folgen. Wohin? Er nannte eine Fremdenherberge, wo ein Fremder ſie zu ſprechen wünſche. Ein Fremder, dachte die Hausfrau, das iſt der Oberſt Roßwurm, er iſt gewiß heimlich nach Prag gekommen. E. Breier. General Roßwurm. HI. 9 — —— 3 — 130— Noch mehr wurde ſie in ihrer Anſicht beſtärkt, als der Bote ihr ſagte, der Fremde laſſe ſie bitten, nicht allein zu kommen, ſondern das Fräulein Hermine mitzubringen. Das Fräulein, jammerte die Wachskerzlerin, der All⸗ mächtige mag wiſſen, wo ſie iſt! Für jetzt wird ſich der gnädige Herr ſchon mit meiner Wenigkeit begnügen müſſen. Ohne ſich in weitere Erklärungen einzulaſſen, kleidete ſie ſich raſch an, ſandte aber vorläufig den Boten fort, mit dem Bedeuten, daß ſie den Weg wiſſe und nachkom⸗ men werde. Nachdem ſie ihre Toilette gemacht hatte, verließ ſie das Haus und eilte nach dem bezeichneten Gaſthofe. Am Thore erwartete ſie der Bote und führte ſie nach dem oberen Stockwerke in eine der Fremdenſtuben, wo ſie zu ihrer höchſten Verwunderung von einer Frau em⸗ pfangen wurde. Wir und der Leſer mit uns erkennen ſie, die Frau iſt Bertha von Picaut, Herminens Mutter! me bei rü Elftes Kapitel. Roßwurm im Gefängniß. Es war keine der geringſten Kränkungen des Feld wo marſchalls, daß er jetzt von denſelben Häſchern bewacht em⸗ wurde, die durch ſeine Veranlaſſung wegen der Affaire beim Maskenzuge eingekerkert worden waren. u iſt Er kam indeſſen mit den Stadtguardiſten in keine Be⸗ rührung, er war mit allen ſeinen Wünſchen an den Haupt⸗ mann der Wache angewieſen. Die Haft war eine anſtändige, jedoch eine ſtrenge. Nach der angeführten Unterredung mit ſeinem Vetter, dem Oberſten, wartete Roßwurm einige Tage, hoffend, ſein Verwandter werde ihn von dem Erfolge ſeiner Be⸗ mühungen in Kenntniß ſetzen. Als jedoch deſſen Beſuch ſich nicht wiederholte, wendete ſich der Feldmarſchall an den Hauptmann und trug ihm auf, den Oberſten zu ihm zu erſuchen. Der Herr Oberſt, antwortete der Hauptmann, iſt be⸗ reits abgereiſt. 9* — 132— Abgereiſt, wohin? fragte Roßwurm erſtaunt. Nach ſeiner Garniſon in Ungarn. Unmöglich! Auf ausdrücklichen Befehl Sr. Majeſtit des Kaiſers. Jetzt erſt verſtehe ich Sie! antwortete der Feldmarſchall mit Bitterkeit in Ton und Miene. Herr von Lang ſcheint ſich meinetwegen ungewöhnlich zu bemühen. Der Feldmarſchall kannte ſeinen gefährlichſten Gegner. Herr Hauptmann, ſagte er zu dem Befehlshaber der Wache, Sie ſind kein Feldſoldat, indeſſen tragen Sie doch das Herz eines Mannes in der Bruſt und müſſen beur⸗ theilen können, wie ſchmerzvoll für einen Mann in meiner Stellung das Bewußtſein ſein muß, an der Ungnade eines Kammerdieners zu leiden! Der Hauptmann machte eine Pantomime des Be⸗ dauerns. Der Feldmarſchall entließ ihn und ging an die Lektüre; ſeine kleine Handbibliothek, deren Benutzung ihm geſtattet wurde, bot ihm jetzt die einzige Zerſtreuung. Das Bedürfniß, ſich mitzutheilen, erweckte in ihm den Wunſch nach Schreibmaterialien. Excellenz, antwortete der Hauptmann, an den er dies Begehren ſtellte, ich bedauere, Ihrem Wunſche nicht will⸗ fahren zu dürfen. Der Feldmarſchall ſchüttelte ungläubig den Kopf. Gehen Ihre Inſtruktionen ſo weit, Herr Hauptmann? Ja, Euer Excellenz. Man iſt wahrſcheinlich beſorgt, ich könnte mir den Mittelfinger mit Dinte beſchmutzen, verſetzte er ironiſch. eir lic la tr ers. hall eint ner. der doch eur⸗ iner ines inn? den ch. — 133— Da man mir das Schreiben verbietet, fuhr er nach einer kurzen Pauſe fort, ſo erſuche ich Sie um eine münd⸗ liche Beſtellung an meinen Freund Wenzel Kinsky, ich laſſe ihn bitten, mich zu beſuchen. Euer Excellenz, ich bin mit Vergnügen zu dem Auf⸗ trage bereit, obgleich er ohne Folge bleiben wird. Iſt der Graf verreiſt? Er weilt wie immer in hieſiger Stadt, allein meine Inſtruktionen lauten, daß Niemand hier zu Beſuch er⸗ ſcheinen darf. Hat man Ihnen dieſe Inſtruktionen ſchriftlich übergeben? Ja, Euer Excellenz. Sind ſie mit Dinte geſchrieben, oder mit Blut? Excellenz, ſie lauten im Namen Seiner Majeſtät des Kaiſers. Das eben iſt ja das Traurige, daß alle Unbill im Namen des Kaiſers verübt wird und der Kaiſer davon nicht einmal Kenntniß hat. Eines Tages kam ein Rath des Stadtgerichtes und brachte dem Feldmarſchall die Anklageſchrift. Es war ein ſehr umfangreicher Akt, in lateiniſcher Sprache abgefaßt. Roßwurm durchblätterte die Scriptur und rief: Um Gott, Ihr Herren, woraus habt Ihr denn alle dieſe Verbrechen geſchöpft? Wenn ich nur den zehnten Theil deſſen begangen hätte, was hier geſchrieben ſteht, verdiente ich den ſchimpflichſten Tod. Wenn dem iſt, wie Eure Excellenz ſagen, ſo wird es Ihnen wenig Mühe koſten, ſich dagegen zu defendiren. 6 ——— — 134— Bei Gott, deſſen leb' ich und ſterb' ich. Da ich jedoch in Juridicis nicht ſo bewandert bin, wie im Militaricus, und auch mein Gemüth nicht die nöthige Ruhe beſitzt, folglich auch der Geiſt nicht die Klarheit, ſo möge das Stadtgericht mir einen Rechtsfreund beigeben, der als Anwalt meine Sache vertreten wird. Euer Excellenz, ich bin zu der Angabe ermächtigt, daß Sie ſelbſt Ihre Sache vertreten müſſen. Roßwurm fuhr auf. Man verweigert mir ſogar einen Anwalt? rief er empört. Der Rath zuckte die Achſeln und erwiederte: Excellenz, ich komme blos meinem Auftrage nach. Jeder waſcht ſeine Hände wie Pilatus, fuhr Roßwurm fort, man ſollte aber bedenken, daß damals auf Einen Pilatus nur Ein Judas gekommen! Und nach einem kurzen Intervall fuhr er fort: Ich begreife, daß es Menſchen giebt, denen darum zu thun iſt, mich zu verderben. Ich kann aber nicht einſehen, wie Leute Gottes Luft athmen dürfen, die vor ſolchen Mitteln nicht zurückſchrecken. Hat man es je gehört, daß eine chriſtliche Juſtiz einem Angeklagten den Anwalt verwei⸗ gert? Dieſe Wohlthat wird doch dem böswilligſten Ver⸗ brecher gewährt. Ich habe mein Blut gegen die Türken vergoſſen, weil ſie ein Heidenvolk ſind, eine barbariſche Nation, und jetzt will's mir bedünken, als befände ich mich hier unter lauter Türken; eines ſchönen Morgens, wenn ich erwache, werde ich auf meinem Tiſche die ſeidene Schnur finden, welche mir zu ſenden die Prager Juſtiz ſo gnädig war. wäl frei Per nich och us, tzt, as als aß — 135— Der Rath befand ſich in einer peinlichen Situation, während der Feldmarſchall fortfuhr, ſeiner Entrüſtung freien Lauf zu laſſen. Ich finde es meiner unwürdig, mich gegenüber gewiſſen Perſonen auf meine Verdienſte zu berufen, ich beanſpruche nichts, als die Wohlthat der Geſetze. Excellenz, ſie wird Ihnen zu Theil werden. Es iſt nicht wahr, denn man entzieht ſie mir. Der Vorgang der Prager Juſtiz iſt zum Erſchrecken. Euer Excellenz, ich erlaube mir zu erinnern, daß eine eigene Kommiſſion niedergeſetzt wurde... Und woraus beſteht dieſe Kommiſſion? Aus Prager Juſtizmännern. Ich will keinem Einzelnen übel nachreden, obgleich in der Juſtiz, wie im Militär, die Solidarität Platz greift. Man ſagt nicht, dieſe oder jene Kompagnie hat ſich feige benommen, ſondern das Odium fällt immer auf das ganze Regiment, darum ſollte auch jeder einzelne Rath ſeine Ehre und ſein Gewiſſen wahren, denn er leidet, wenn auch unſchuldig, wie die Anderen Eins aber möchte ich den Herren der Kommiſſion zu bedenken geben, daß man Leute meiner Stellung nicht in der Stille abthut, und wenn man an große Glocken ſchlägt, geben ſie einen weiten Klang. Doch genug, ſetzte er raſch hinzu, ſagen Sie mir, was ſoll ich mit dieſem lateiniſchen Akt? Excellenz werden die Güte haben, ſich gegen die An⸗ klage zu verantworten, und zwar, da die Kommiſſion den Prozeß beſchleunigen möchte, binnen drei Tagen. Binnen drei Tagen, rief Roßwurm, ſo lange brauche — 136— ich gerade, um den Akt nur zu überſetzen. Ich ſchmachte bereits viele Wochen im Gefängniſſe, und plötzlich beliebt es der löblichen Kommiſſion, den Prozeß beſchleunigen zu wollen. Und Sie wagen es noch zu behaupten, daß ich mich der Wohlthat der Geſetze erfreue? Ich danke Ihnen ad Personam, daß Sie ſich die Mühe nahmen, einen ſolchen Auftrag zu erfüllen. Ich habe keine Zeit zu ver⸗ lieren, wenn ich binnen der zugemeſſenen meine Verthei⸗ digung zu Papier bringen ſoll. Leben Sie wohl. Der Feldmarſchall, auf die Dauer der Friſt mit Schreibmaterialien verſehen, machte ſich an die Arbeit. Als der Rath der Kommiſſion über die Sendung Be⸗ richt erſtattete und die Aeußerung Roßwurms wiederholte, daß große Glocken, wenn man ſie ſchlägt, einen weiten Klang geben, antwortete eines der Kommiſſionsglieder: Ja, große Glocken klingen weit, aber nur dann, wenn ſie rein ſind und nicht zerſprungen. Roßwurm mußte, um die Vertheidigung in der anbe⸗ raumten Friſt zu Stande zu bringen, auch die Nächte zu Hilfe nehmen. Die Arbeit fegte wohl die Zeit hinweg, ſie war aber nicht geeignet, die Bitterkeit ſeines Gemüthes zu verringern. Man denke ſich einen Menſchen, der gezwungen wird, ſich gegen Verbrechen zu vertheidigen, an die er nie ge⸗ dacht hat, und man wird begreifen, daß die Empörung in ihm nicht gemildert wird. Der Feldmarſchall kam mit der Arbeit zu Stande; der Rath erſchien wieder, um die Dokumente in Empfang zu nehmen. Wor förn wur in d Gef unte Geſ ihn, tun kam Hal ſein daß geſe Ro ſtar Pa unk ichte liebt tzu ich en inen ver⸗ hei⸗ mit t. Be⸗ olte, iten der: ſie be⸗ zu ber ern. ird, ge⸗ ung ide; ang — 137— Er erhielt ſie, ohne daß der Gefangene mehr ein Wort verlor. Wieder verfloſſen mehrere Tage, als plötzlich die Ein⸗ förmigkeit der Haft, die Sättigkeit der Gedanken Roß⸗ wurms eine Störung erlitt. Der Feldmarſchall hatte einen Barbier, der zweimal in der Woche erſchien, um unter Aufſicht den Bart des Gefangenen zu ſcheeren. Dieſer Barbier, ein junger, ehrlicher Burſche, hatte unter Roßwurm als Feldſcheer gedient. Sein Name war Elias Meckher. Eines Tages erſchien der Geſelle, um wieder ſein Geſchäft zu verrichten, und Roßwurm bemerkte, daß jener ihn, während er ſeinen Raſier⸗Apparat entfaltete, bedeu⸗ tungsvoll anblickte. Der Feldmarſchall ſetzte ſich auf den Stuhl, Meckher kam mit der Serviette, um ſie vorn zwiſchen Hemd und Hals einzuſtecken. Während er dies that, fühlte Roßwurm etwas an ſeiner nackten Bruſt hinabgleiten, was der Barbier, ohne daß der anweſende Hauptmann es wahrnahm, flink und geſchickt hineinpraktizirt hatte. Was war es? Der Burſche beeilte ſich heute, fertig zu werden, und Roßwurm war kaum allein, als er auch ſchon den Gegen⸗ ſtand herausholte. Es war ein feines zuſammengefaltetes Papier, eng beſchrieben. Der Gefangene warf einen Blick nach der Unterſchrift und fuhr zuſammen. — 138— Er las: Bertha Picaut. Der Brief, denn ein ſolcher war es, wenn auch ſeine äußere Form durch die Nothwendigkeit, verborgen zu werden, eine ungewöhnliche Geſtalt annehmen mußte, war in franzöſiſcher Sprache abgefaßt und an den Feld⸗ marſchall, der auch die Schriftzüge als echt anerkannte, gerichtet. Er lautete wie folgt: „Mein Herr!“ „Nach einer Reihe von Jahren tritt mein Name wieder vor Ihr Auge.“ „Meine Mutter ſtarb vor einem Jahre, mit ihr ſchied „das Hinderniß, welches mich abhielt, mich Ihnen zu „nähern, um meine Rechte geltend zu machen.“ „Ja, mein Herr, ich habe Rechte auf Sie, denn mein „Kind iſt das Ihrige, ich wurde Mutter, ohne je Gattin „geweſen zu ſein.“ „Jenes Mädchen, welches Sie in Wien gegenüber „dem Bürgermeiſter verleugneten, iſt unſere Tochter, ich „nahte mich Ihnen als Junker von Schlaginweit, um Ihr „Herz unſerem Kinde zu erobern und die Herſtellung un⸗ „ſerer Ehe zu bewirken.“ „Sie anvertrauten mir die Auslieferung der Griechin „Siona, die Verrätherei der beiden Wallonen ermöglichte „deren Flucht und brachte mich in die Gefangenſchaft des „Paſcha's von Ofen.“ „Hier kam ich in die Lage, mein Geſchlecht verrathen „zu müſſen, und verdanke meine Rettung dem Renegaten „Fluc „Hert „ſie! „durc „wort ( ( „lang „es 7 „Furl „Ihr 7 „Sie „ihret „Kloſ „erfa 77 „feint „verb „Kint „män „habe 77 „das „in d — 139— „Topdſchi, ehedem Edler von Pranker, der mir auch die eine Flucht nach Wien ermöglichte.“ zu„Hier angekommen, erfuhr ich das traurige Geſchick ßte,„Herminens und fand zugleich einen Brief von ihr, worin eld⸗„ſie den Meiſter Lametzhofer in Kenntniß ſetzte, ſie ſei nte,„durch die Griechin Siona aus dem Gefängniſſe befreit „worden und befinde ſich mit ihr in Prag.“ „Ich eilte hierher.“ „Ihr Unglück war mir bereits bekannt; hier jedoch ge⸗ „langte ich zur Einſicht des geheimen Getriebes, welches eder„es herbeigeführt.“ „Die Griechin Siona iſt es, welche ſich früher mit hied„Furlani und nach ſeinem Tode mit Lang verband, um zu„Ihr Verderben herbeizuführen.“ „Sie hat ſich meines Kindes bemächtigt, um es gegen ein„Sie zu gebrauchen; es ſcheint jedoch eine Aenderung ttin„ihrer Pläne eingetreten zu ſein, weil ſie Hermine in ein „Kloſter gab; in welches, konnte ich bis jetzt noch nicht iber„erfahren.“ ich„Mein Herr, Sie werden von der Rache einer Tod⸗ Ihr„feindin verfolgt, die ſich mit einem andern Ihrer Feinde un⸗„verband.“ „Ich bedauere das Unglück, welches den Vater meines hin„Kindes traf, auf's Tiefſte, obgleich Sie weder an mir chte„männlich, noch an dem Kinde väterlich gehandelt des en „Gegenüber einem ſo außerordentlichen Unglücke, wie hen„das Ihrige, tritt das, welches Sie über mich gebracht, ten„in den Hintergrund.“ — 140— »Wenn etwas im Stande war, meine traurige Lage „noch zu verdüſtern, ſo iſt es die Ihrige.“ „Wie Sie wiſſen, iſt meine Familie mit zeitlichen „Gütern geſegnet, es waren ſomit nicht kleinliche Vor⸗ „theile, die mich bewogen, Sie aufzuſuchen.“ „Ich wollte Ihnen Gelegenheit bieten, Ihr altes Un⸗ „recht wieder gut zu machen, ich wollte unſerem Kiude den „Namen ſeines Vaters verſchaffen.“ „In Ihrer jetzigen Lage mein Verlangen geltend zu „machen, wäre rückſichtslos, ich ſtelle es Ihnen und der „Zukunft anheim.“ „Könnte ich Ihre Freiheit erkaufen, ich würde mein „Vermögen dafür bieten; beſäße ich irgend einen Einfluß, „ich würde keine Mühe ſcheuen, Ihnen beizuſtehen.“ „Ihnen von dieſen meinen Gefühlen Kunde zu geben, „hat es mich gedrängt.“ „Ich weiß nicht, welche Aufnahme meine Worte finden. „Ich glaube aber das Recht zu haben, ſie auszuſprechen.“ „Sollten Sie geneigt ſein, mir eine Antwort zu er⸗ „theilen, ſo können Sie dieſelbe dem Burſchen anvertrauen, „der Ihnen dieſe Zeilen übermittelt.“ „Leben Sie wohl, Gottes Beiſtand möge Sie ſchützen „und erhalten. Bertha Picaut.“ Der Eindruck, welchen dieſe Zeilen auf den Feldmar⸗ ſchall hervorgebracht, war ein tiefer. Die Vergangenheit trat lebhaft vor ſeine Seele und die Tage auf Schloß Le Blanemenil zogen an ſeinem Geiſte vorüber. 2 nicht ſchwe verni verge dem blicke trigu Scht ( und ꝗ auf wärt ihm gioje führ 1 G betri noch würt eine Lage lichen Vor⸗ Un⸗ e den d zu d der mein fluß, eben, nden. hen.“ u er⸗ auen, ützen mar⸗ und inem — 141— Man darf bei einem Charakter, wie der Roßwurms, nicht erwarten, daß ſentimentale Betrachtungen ſeine Bruſt ſchwellen gemacht; wenn man an eine Stahlrüſtung klopft, vernimmt man keinen Saitenklang. Er beſchäftigte ſich mit Bertha, um deren Bild ſich zu vergegenwärtigen und die Aehnlichkeit zwiſchen ihr und dem Junker von Schlaginweit, die ihm beim erſten An⸗ blicke in die Augen trat, zu konſtatiren. Nun wurde ihm ſein Irrthum klar, der für eine In⸗ trigue ſeiner Feinde hielt, was blos die Folge einer alten Schuld war. Er gedachte der Scene mit dem Wiener Bürgermeiſter und bedauerte ſein damaliges Benehmen. Die natürliche Folge ſeiner Gedanken brachte ihn auch auf die Griechin Siona. Das Abenteuer im Weingarten⸗Häuschen vergegen⸗ wärtigte ſich ihm und die ſchrecklichen Folgen lagen vor ihm offen. Die perſönliche Feindſchaft mit dem Oberſten Bel⸗ givjoſo, damals hervorgerufen, ermöglichte die Herbei⸗ führung eines Konfliktes, wie der in der wälſchen Gaſſe. Und Siona? Sie, die er geliebt, mit Wohlthaten überhäuft, die ihn betrog, ſie war es, die das Alles herbeigeführt, die ihn noch jetzt mit ihrem Haſſe verfolgte. Hätt' ich die Schlange zertreten, ſprach er für ſich, ſie würde mich nicht haben ſtechen können. Ich aber erſann eine Rache, die nun auf mein Haupt zurückfällt. Alle dieſe Erinnerungen und Betrachtungen hatten zur — Folge, daß Roßwurm nicht blos zur Erkenntniß ſeiner Irrthümer gelangte, ſondern auch zur Einſicht begangenen Unrechtes. Er durchlas Bertha's Brief noch einmal und konnte dem würdevollen Tone ſeine Anerkennung nicht verſagen. Das Gefühl der innigſten Theilnahme, welches aus den Zeilen herausleuchtete, erwärmte auch ſein Herz und er fühlte ſeine Theilnahme erwachen. Er gedachte der Leiden, welche dieſe Frau ſeinetwegen überſtanden, der Gefahren, in die ſie ſich begeben, um ihrem Kinde den Namen des Vaters zu verſchaffen. Seine Theilnahme ſteigerte ſich in ſolchem Maße, daß er die Berechtigung Bertha's anerkannte und von dem Drange, ſich ihr mitzutheilen, erfüllt wurde. Was wir hier in wenigen Zeilen reſumirt, war das Ergebniß anhaltender Erwägungen zweier Tage und ebenſo vieler Nächte. Denn daß bei einer Gemüthserregung wie die, in welche Bertha's Brief ihn verſetzt, der Schlaf ſeine Lager⸗ ſtätte floh, war bei einem Temperamente, wie das ſeinige, nicht anders zu erwarten. Man wird ſich erinnern, daß Roßwurm bei Gelegen⸗ heit eines Geſpräches mit Baſſompiere über die etwaigen Anſprüche Bertha's die Aeußerung that, er ſei zu jedem Opfer bereit, werde jedoch ſeine„Freiheit“ zu wahren wiſſen. In der jetzigen Situation, wo er der perſönlichen Frei⸗ heit beraubt war, beſaß die Freiheit, in jenem Sinne, wie er es damals gemeint, keinen ſo hohen Werth für ihn. zuſa Ber Ged die Folo G die G liche 6 netſt ( fand Hau 2 ihm, ihn heuti ( tung fälli Zufo 1 ſeiner ngenen konnte ſagen. aus rz und twegen n, um e, daß n dem ar das ebenſo ie, in Lager⸗ ſeinige, elegen⸗ waigen jedem wahren n Frei⸗ ne, wie ihn. — Sein Unglück machte ihn milder, alle dieſe Urſachen zuſammen genommen verſetzten ihn in die Stimmung, über Bertha's Anſprüche eifrigſt nachzuſinnen und ſich mit dem Gedanken daran vertraut zu machen. Er faßte den Entſchluß, Bertha mit der Anſchauung, die ihn jetzt beſeelte, und mit dem Vorſatze, den er in Folge davon gefaßt, bekannt zu machen. Doch wie dies bewirken? Schriftlich war es nicht möglich, denn man hatte ihm die Schreibmaterialien entzogen, es mußte alſo auf münd⸗ lichem Wege geſchehen. Nach längerem Nachdenken fand er hierzu das geeig⸗ netſte Mittel. Er wartete den Tag ab, wo Meckher ſich wieder ein⸗ fand, ihn zu raſiren. Wie immer bei dieſer Gelegenheit, war auch heute der Hauptmann der Wache wieder anweſend. Roßwurm grüßte dieſen und begann ein Geſpräch mit ihm, nach den Ereigniſſen des Tages forſchend. Der Hauptmann erzählte einige Vorfälle, als Roßwurm ihn plötzlich unterbrach und ſagte: Ihre Mittheilung, Herr Hauptmann, ruft mir meinen heutigen Traum ins Gedächtniß, der merkwürdig iſt. Ein Traum? Legen Eure Excelleuz Träumen Bedeu⸗ tung zu? Ja und nein, wie Sie wollen. Träume entſtehen zu⸗ fällig, und es mag ſich wohl manchmal ereignen, daß der Zufall den Zufall ſignaliſirt. Und was träumte Eurer Excellenz? — 144— Ich will es Ihnen gleich erzählen, antwortete der Feldmarſchall und fixirte den Barbier, der ihn eben ein⸗ ſeifte. Das Phantaſiebild verſetzte mich mitten in unſer Lager, wo es toll und voll herging; die Leute hatten zu⸗ füllig einmal ihren Sold ausbezahlt erhalten. Plötzlich tritt mir aus der Menge ein junger Menſch entgegen. Die Phyſiognomie erſcheint mir bekannt, doch entſann ich mich nicht augenblicklich, wo ſie mir bereits begegnet. Waos willſt Du, mein Sohn? fragte ich den Burſchen. Erkennſt Du mich nicht? frägt er, ſchüttelt ſich, die Gewänder fallen ihm vom Leibe und es ſteht eine junge Dame vor mir. Jetzt erkannte ich ſie, kreuzte die Hände und rief über⸗ raſcht: Bertha, Du biſt es! Ich erkannte nämlich jenes Fräulein, an dem ich mich vor dreizehn Jahren ſchwer vergangen und wegen deſſen der alte Baſſompiere mich eines ſchmachvollen Todes ſterben laſſen wollte. Ja, Hermann, antwortete Bertha, ich bin es, die Mutter Deines Kindes! Meines Kindes? rief ich ergriffen. Als Du mich verließeſt, trug ich es unter dem Herzen, und jetzt will ich, daß Du ihm den Namen ſeines Va⸗ ters giebſt. Wie finden Sie dieſen Traum, Herr Hauptmann? unterbrach der Feldmarſchall ſeine Erzählung. Er iſt weniger merkwürdig als intereſſant, ich bin neu⸗ gierig, das Ende zu hören. Das ſollen Sie ſogleich, ſagte Roßwurm und fuhr fort: ( gem hält Tra Din und mir' mitt Gef dahe daß weif Mor Fein dem liche ſcher duld Frei Dir' beda wah ( ſo e Rich Sol well ( C. den ein⸗ unſer n zu⸗ ötzlich gen. in ich 5 ſchen. die junge mich deſſen terben Nutter erzen, 8 Va⸗ nann? n neu⸗ r fort: — 145— Sie werden bei Ihren Träumen oft die Wahnelung gemacht haben, daß die Macht der Wirklichkeit, der Ver⸗ hältniſſe, in denen Sie ſich eben befinden, bis in das Traumleben hineinreicht und daß dadurch oft die barockſten Dinge zum Vorſchein kommen, beſonders wenn Wirklichkeit und Phantaſie in ſchneidendem Widerſpruche ſtehen. Das ereignete ſich auch in meinem Traume; obwohl mir's Anfangs ſchien, als befände ich mich als Heerführer mitten im Lager, drang doch die Thatſache, daß ich ein Gefangener bin, in mein Traumbild hinein und ich faßte daher Bertha's Hand und ſagte: Arme Frau, Du begehrſt, ich Deinem Kinde den Namen ſeines Vaters gebe, veißt Du denn nicht, daß dieſer Name angeklagt iſt des n und des Sotperrtihes und daß, wenn ſeine Feinde ſiegen, dieſer Name gebrandmarkt werden wird mit dem Stempel des Verbrechens? Willſt Du ſtatt des ehr⸗ lichen Namens, den Dein Kind jetzt trägt, dieſen eintau⸗ ſchen? Nein, meine Freundin, daß ſollſt Du nicht. Ge⸗ dulde Dich und vertraue auf Gott. Gelange ich zur heit, ſo ſoll Dir werden, was Du begehrſt, ich ſchwöre Dir's bei dem Schutze des Allmächtigen, deſſen ich ſo ſehr bedarf; gehe ich aber unter, dann bete für mich und be⸗ wahre mir ein mildes Andenken. So ſprach ich zu Bertha, und kaum hatte ich geendet, ſo ertönte Trommelſchall und Stimmen riefen, daß die Richter nahen, mir das Urtheil zu verkünden. Unter den Soldaten entſtand ein Wogen und Drängen, die Menſchen⸗ wellen erfaßten auch mich und ich erwachte. Es iſt zu bedauern, ſagte der Hauptmann, daß Eure E. Breier. General Roßwurm. III. 10 — 146 Excellenz nicht fortgeträumt und das Urtheil des Traumes nicht vernommen haben. Ich ſchließe daraus, verſetzte Roßwurm, mit Bitterkeit lächelnd, daß das Urtheil ſo ausfallen wird, wie ich es mir nicht einmal im Traume hätte beikommen laſſen. Der Hauptmann gab keine Antwort. Der Barbier hatte indeſſen ſein Geſchäft beendigt, gab dem Feldmarſchall durch bedeutſame Blicke zu erkennen, daß er ihn verſtanden habe, und entfernte ſich, von dem Hauptmanne gefolgt. Der Feldmarſchall blieb wieder allein. Die Erzählung des Traumes war für den Feldmar⸗ ſchall eine That. Er wußte, daß der Barbier das Gehörte Bertha mit⸗ theilen werde, und konnte den Eindruck beſtimmen, den er bei ihr hervorbringen mußte. Das feierlich geleiſtete Verſprechen und der entſchiedene Wille, ihm getreu nachzukommen, goſſen die Befriedigung in ſeine Seele, welche man immer nach einer erfüllten Pflicht fühlt, nach Abtragung einer alten Schuld, zu deren Erkenntniß man gelangt. Von dem Augenblicke an, wo Roßwurm ſeine mora⸗ liſche Schuld anerkannte, ließ ſich auch deren Abtragung hoffen, nur die Beſchleunigung war das Werk der ſchlim⸗ men Situation, worin er ſich befand. Der Feldmarſchall wurde jetzt ruhiger, er genoß im Geiſte die Befriedigung, welche ſein Verſprechen bei Bertha erwecken mußte, und freute ſich im Voraus der nächſten Kundgebung. ande verh hafte bleib 2 laub ſofer L trotzt L mir komn 2 hafte A umes erkeit ch es gab nnen, dem mar⸗ mit⸗ en er iedene igung üllten deren mora⸗ agung chlim⸗ oß im n bei us der — 147— Denn was war natürlicher, als daß ſie ihm wieder einige Zeilen durch Meckher zumitteln würde. Mit Ungeduld ſah er dem Tage entgegen, wo der Barbier ſich einfinden würde. Zur beſtimmten Stunde erſchien der Hauptmann, ge⸗ folgt von einem unbekannten Manne. Roßwurm ſchaute letzteren befremdet an und fragte, zu dem Hauptmann gewendet: Wer iſt dieſer Menſch? Euer Excellenz, es iſt der Barbier, welcher von nun an die Ehre haben wird, Sie zu bedienen. Wo iſt Meckher? Iſt er erkrankt? Er befindet ſich wohl, was ſeine Geſundheit betrifft, andererſeits aber iſt es nicht der Fall. Er wurde geſtern verhaftet. Meckher verhaftet? Dieſer ehrliche, ſtille Burſche ver⸗ haftet? Unglaublich! Was ſoll er verbrochen haben? Ercellenz erlauben mir, Ihnen die Antwort ſchuldig bleiben zu dürfen. Nein, Herr Hauptmann, ich verſage Ihnen die Er⸗ laubniß und erſuche Sie, mir nichts vorzuenthalten, in⸗ ſofern Ihre Inſtruktivn Ihnen keine Reſerve auferlegt. Letztere bindet mich in dem angezogenen Falle nicht, trotzdem zögere ich, um Eure Excellenz nicht zu erbittern. D, Herr Hauptmann, was kann nach alledem, was mir bereits widerfuhr, mir noch Schlimmeres zu Gehör kommen? Ich erſuche Sie nochmals, ſprechen Sie! Meckher wurde auf Befehl des Herrn von Lang ver⸗ haftet. Was Sie ſagen? ————— —— —— ——— —— Er iſt beſchuldiget oder vielmehr nur verdächtiget, zwi⸗ ſchen Ihnen und Ihren Freunden Botſchaften vermittelt zu haben. Da er nur in meinem Beiſein ſein Geſchäft verrichtete, ſo that ich gegen ſolches Verfahren eifrigſte Einſprache, doch ohne Erfolg. Herr von Lang ſagte mirs geradezu ins Geſicht:„Nun, es iſt möglich, daß derartiges noch nicht vorgekommen, es könnte aber geſchehen, deshalb muß der Burſche unſchädlich gemacht haben.“ Roßwurm ſchlug die beiden Hände zuſammen: O Gott, und Du laſſeſt dergleichen ungeſtraft hingehen? Nein, nein, das kann nicht von Dauer ſein, ein ſolches Regi⸗ ment iſt zu unmoraliſch, als daß es von Beſtand ſein ſollte. Man müßte an der Allmacht und Allgerechtigkeit Gottes zweifeln, wenn ſolche Zuſtände durch ihr Fort⸗ beſtehen ſeine Sanktion manifeſtirten. Ich bin ein zu gläubiger Chriſt, um mich in meiner Ueberzeugung irre machen zu laſſen. Die Geſchichte weiſt mehrere ſolche Epochen nach und die Folgen haben gelehrt, daß die weiſe Vorſehung ſolches geſchehen ließ, um die Menſchheit zu belehren und zu witzigen. Hierauf überließ er ſich der Geſchicklichkeit des unbe⸗ kannten Barbiers, verlor aber kein Wort mehr über dieſe Epiſode. Wir wollen den Leſer bezüglich des verhafteten Meckher beruhigen. Er blieb zwanzig Wochen lang im Gefängniß. Da verſammelte ſich das geſammte Handwerk der Prager Barbiere, Meiſter und Geſellen, und verfaßte eine Mer ſtroz des gebr zwi⸗ ittelt chäft rigſte mir's tiges shalb Gott, Nein, Regi⸗ ſein tigkeit Fort⸗ in zu girre ſolche weiſe eit ze unbe⸗ r dieſe Keckher rk der erfaßte — 149— eine Bittſchrift an den Kaiſer, damit der ehrliche junge Menſch, der treulich im Felde gedient, freigelaſſen werde. Da das Geſuch erſt nach der Roßwurm'ſchen Kata⸗ ſtrophe eingereicht wurde, ſo gelangte es in die Hände des Kaiſers und erreichte ſeinen Zweck— Meckhers Frei⸗ gebung. Zwölftes Kapitel. Die Tochter wird befreit, der Vater verurtheilt. Bei dem Namen, den ſich Feldmarſchall Roßwurm durch ſeine Kriegsthaten in Ungarn erworben, erregte ſeine Verhaftung großes Aufſehen im Reich. Man wußte dort recht wohl, daß er das Opfer der wälſchen Partei ſei, welche in ihm nicht blos den glücklichen Rivalen, ſondern vorzüglich den„Deutſchen“ bekämpfte. Sei es nun, daß das Nationalgefühl dazu anregte, oder daß der Bruder des Feldmarſchalls es bewirkte, Ge⸗ ſandte mehrerer Kurfürſten und Fürſten erhielten von ihren Souverains den Auftrag, ſich für Roßwurm bei dem Kaiſer zu verwenden. Herzog Maximilian von Baiern beorderte eine eigene Geſandtſchaft nach Prag, die denſelben Zweck anſtreben ſollte. Lang wußte alle Bemühungen zu vereiteln. Der Kaiſer war unzugänglich, der Kammerdiener über⸗ nahm in der Regel die Geſuche, begab ſich damit in das Kab eine e und ehe erm herſ loſie Int ſcha und dem erbi der ver Pie daß ver urm ſeine der ichen egte, Ge⸗ hren aiſer gene eben iber⸗ das — 151— Kabinet und kam mit abſchlägigem Beſcheide oder mit einer ausweichenden Antwort zurück. Dies Alles war in Prag ein öffentliches Geheimniß und wurde in den beſſeren Kreiſen diskutirt. Man gab den Feldmarſchall für verloren, noch lange, ehe ſein Urtheil geſchöpft war. Man kann daher den Schmerz der unglücklichen Frau ermeſſen, die in ihm den Vater ihres Kindes, den Wieder⸗ herſteller ihrer Ehre gerettet zu ſehen wünſchte. Wohin ſie hörte, überall tönte ihr dieſelbe Hoffnungs⸗ loſigkeit entgegen. Bertha, durch Frau Mladotta in die Vorfälle und Intriguen eingeweiht, begab ſich zum franzöſiſchen Bot⸗ ſchafter, um ſich unter deſſen Schutz zu ſtellen. Sie erkannte in ihm einen alten Freund ihrer Familie und bezog ſogar auf ſein Verlangen eine Wohnung in dem von ihm gemietheten Hauſe. Bertha war eine ebenſo kluge als entſchloſſene Frau, die vor Hinderniſſen nicht zurückſchreckte. Sich Lang feindlich gegenüber zu ſtellen, würde ihn erbittert haben, ſie ſchlug daher einen anderen Weg ein, der ſie ſicherer zum Ziele führte. Der franzöſiſche Geſandte lud Lang zu Tiſche und veranſtaltete es, daß er an der Seite der Marquiſe von Picaut zu ſitzen kam. Lang kannte die Dame nicht und ahnte auch nicht, daß ſie diejenige ſei, über deren Tochter er eigenmächtig verfügt hatte. Während der Tafel unterhielt Bertha ihren Tiſchnachbar — 152— in einer Weiſe, die ſie in ein günſtiges Licht ſtellte und ſeine Theilnahme erregte.. Nach der Tafel fügte es ſich, natürlich durch Einver⸗ ſtändniß mit dem Geſandten, daß die Marquiſe und der Kammerdiener ſich ohne Zeugen in einem Nebengemache befanden. Hier ergriff Bertha das Wort und ſagte: Herr von Lang, ich befinde mich in der ſehr angenehmen Lage, Ihnen einen Dienſt zu erweiſen. Gnädige Frau, Sie ſetzen mich in ein angenehmes Erſtaunen. Sie denken vielleicht, welchen Dienſt kann ich von dieſer armen Marquiſe erwarten? Ich betheuere, gnädige Frau, daß dieſer Gedanke mir fern liegt. Und ich betheuere Ihnen, daß Alles, was ich Ihnen ſage, Wahrheit iſt und daß ich dieſe Wahrheiten auch be⸗ weiſen kann. Sie machen mich neugierig. Ich werde Ihnen eine kurze Geſchichte erzählen. Ein Kavalier in Wien beſaß eine Maitreſſe. Da ſeine Stel⸗ lung oft Monate lange Abweſenheit von Wien bedingte, ſo betrog die gewiſſenloſe Perſon ihren Wohlthäter und begünſtigte einen kaiſerlichen Oberſt. Eines Abends kehrte jedoch der Kavalier unerwartet zurück, überraſchte die Liebenden und ſchickte den Oberſten mit einem Fußtritt durch's Fenſter. Und was that er mit dem Mädchen? fragte Lang, den die Geſchichte zu intereſſiren ſchien. ( Ofe die? beſc zwei unte heit . Ver Rof bian des Obe Mo über erſck nich und wer⸗ der ache von hnen mes von mir hnen be⸗ Ein Stel⸗ ngte, und artet rſten den Das Mädchen, fuhr Bertha fort, war eine dem Ofener Paſcha entſprungene Sklavin, der Kavalier nahm die Rache, daß er ſie ihrem früheren Gebieter auszuliefern beſchloß. Frau Marquiſe, begann Lang ein wenig verlegen, der zweite Theil Ihrer Geſchichte erſcheint mir bekannt, doch unter einer anderen Form. Ich ſchwöre Ihnen, Herr von Lang, daß ich die Wahr⸗ heit ſpreche. Wiſſen Sie auch den Namen jenes Mädchens? Zuverläſſig, Herr von Lang. Nennen Sie ihn. Siona! Siona? Herr von Lang, Sie haben einer Unwürdigen Ihr Vertrauen geſchenkt, Siona war in Wien die Geliebte Roßwurms und begünſtigte heimlich den Oberſten Bar⸗ biano von Belgiojoſo. Hier in Prag war ſie die Geliebte des Marcheſe Furlani und die Veranlaſſung des an dem Oberſten verübten Mordes. Die Verlegenheit Langs hatte ſich von Moment zu Moment geſteigert. Die Enthüllungen Bertha's waren für ihn inſofern überraſchend, daß ſie ihm Siona in einem andern Lichte erſcheinen ließen, als er ſie bisher geſehen hatte. Daß die Ueberraſchung keine angenehme war, braucht nicht erſt verſichert zu werden. Gnädige Frau, ſagte er nach einer Weile, darf ich mir — 154— die Frage erlauben, wie Sie dazu kamen, dies Alles zu erfahren. Dieſe Frage wird ſich Ihnen von ſelbſt beantworten, wenn ich ſage, daß ich die Mutter Herminens ſei und daß ich Sie bitte, mir mein Kind zurück zu geben. Lang erſchrak ernſtlich, denn in dieſem Moment trat der Geſandte in das Gemach, ſchloß hinter ſich die Thür zu, und die Unterhaltung gewann durch ſeine Theilnahme einen viel lebhafteren, gewichtigeren Charakter. Der Zweck Bertha's war ein doppelter, ſie wünſchte vor Allem in den Beſitz ihrer Tochter zu gelangen und dann die Schuldloſigkeit des Feldmarſchalls an den Tag zu legen. Zu dem Erſteren entſchloß ſich der Kammerdiener bald, denn er ſcheute die Stimme des Geſandten, was jedoch das Letztere betraf, ſo hieß es, Waſſer in die Moldau ſchütten. Lang erfuhr zwar jetzt zum erſten Male die geheime Intrigue Furlani's, allein daß der Feldmarſchall den Oberſten nicht gemordet hatte, das brauchte ihm nicht erſt geoffenbart zu werden. Wie immer, wenn er Perſonen von Bedeutung gegen⸗ über ſtand, verdrehte er die Augen, ſpielte die Rolle des Gutmüthigen, Beſorgten, Argloſen, je nachdem es gerade die Nothwendigkeit erheiſchte. Ich habe mich des Fräuleins Hermine väterlich ange⸗ nommen, ſagte er, weil man mir ſagte, daß ſie von ihrem Vater verleugnet worden, in einen Malefizhandel ver⸗ wickelt, dem Gefängniſſe entſprungen ſei. ſich 6 von Roß keine jedoc ich ſorg wuß ich ſ finde Hän Kom ich: wird werd weſe weni Verf Geſ erfa mit keine zu b s zu rten, daß trat Thür ahme nſchte Tag bald, jedoch oldau heime den t erſt egen⸗ e des erade Sie entſprang nicht, widerlegte Bertha mit Entſchie⸗ denheit, ſondern wurde von der Griechin befreit, weil ſie ſich des Kindes gegen den Vater bedienen wollte. Sie haben ſich in einen böſen Handel eingelaſſen, Herr von Lang, nahm der Geſandte das Wort, was Herrn von Roßwurm betrifft, ſo wird die Welt urtheilen, ich habe keinen Beruf, mich in die Angelegenheit zu miſchen, was jedoch die Tochter der Frau Margquiſe betrifft, ſo verlange ich deren augenblickliche Freilaſſung. Lang erklärte ſich dazu bereit. Ich wiederhole, heuchelte er, daß mich nur die Be⸗ ſorgniß für das Wohl des Fräuleins ſo handeln ließ, ich wußte ſie im Kloſter am beſten aufgehoben, deshalb führte ich ſelbſt ſie dahin. Was den Roßwurm betrifft, ſo be⸗ findet ſich ſeine Angelegenheit in den gewiſſenhafteſten Händen. Iſt doch auf Befehl Seiner Majeſtät eine eigene Kommiſſion ernannt worden, ſeine Sache zu unterſuchen, ich nehme darauf keinen Einfluß, iſt er ſchuldlos, ſo wird ſich's zeigen, und es wird ihm kein Haar gekrümmt werden. Die Heuchelei des Kammerdieners entrüſtete die An⸗ weſenden; da ſie von anderen Seiten her wußten, wie wenig ihm zu trauen ſei, ſo ſchenkten ſie auch ſeinem Verſprechen bezüglich Herminens keinen Glauben, und der Geſandte, eine bedeutungsvolle Pantomime Bertha's raſch erfaſſend, ſagte: Wir zweifeln keinen Angenblick, daß Sie mit Hermine nur die beſten Abſichten hatten, gab es doch keine erdenkliche Urſache, das unſchuldige Kind feindſelig zu behandeln, deshalb erwarten wir auch, daß ſie ſelbe auch ferner bethätigen und das Kind ſogleich der Mutter zuführen. Ich werde, ſobald ich nach Hauſe komme... Um Vergebung, Herr von Lang, fiel ihm der Geſandte ins Wort, wir denken, Sie thun die Sache zur Stelle ab. Auf dieſem Arbeitstiſche befinden ſich Schreibmate⸗ rialien; ein Befehl von Ihnen wird die Freigebung Her⸗ minens bewirken. Lang richtete ſein Auge auf den Sprecher und begeg⸗ nete einem Blicke, der ihm nichts Gutes verhieß. Mein Herr, ſagte er, noch immer ſeiner Rolle treu bleibend, Sie kränken mich tief. Womit? Sie mißtrauen meinen Worten. Ich leugne es nicht. In dieſem Falle verweigere ich die verlangte Ordre. Ich war darauf gefaßt, veſetzte der Geſandte, ergriff die Hand des Kammerdieners und führte ihn an's Fenſter. Unten im Hofe ſtand eine geſchloſſene Reiſekaroſſe mit vier Pferden beſpannt und mit bewaffneten Dienern umgeben. Wenn Sie ſich weigern, meinem Willen nachzukommen, fuhr jetzt der Franzoſe fort, ſo werden Sie in dieſe Kutſche gethan und nach Frankreich gebracht. Die Anſtalten ſind derart getroffen, daß an ein Entkommen nicht zu denken iſt. Sie wollen alſo mit Gewalt... Gewalt gegen Gewalt, erwiederte der Geſandte ent⸗ ſchloſſen. Lang gab ſich den Anſchein, als nehme er die Worte des dieſe ſogle über quiſ 6 derſ noch vern weil erha Mie kreti Rei ſagt Ihr kutter andte Stelle mate⸗ Her⸗ ee⸗ treu rdre. rgriff nſter. aroſſe enern nmen, utſche ſind en iſt. ent⸗ Worte des Gegners wie im Scherze geboten auf und ſagte: In dieſem Falle bleibt mir freilich nichts übrig, als mein Wort ſogleich zu erfüllen. Er ſetzte ſich an den Tiſch, fertigte die Ordre aus und übergab ſie dem Geſandten. Dieſer rief ſeinen Sekretär und befahl ihm, die Mar⸗ quiſe zu begleiten. Bertha nahm die Ordre Langs und eilte fort. Nach einigen Minuten hörte man die Karoſſe fortrollen. Lang traf nun Anſtalten, ſich ebenfalls zu entfernen. Um Vergebung, mein Herr, ſagte der Geſandte mit derſelben Entſchiedenheit wie bisher, wenn ich Ihre Zeit noch in Anſpruch nehme. Meine Zeit iſt koſtbar. Ich begreife, daß Sie ſie in dieſem Moment gut zu verwenden wüßten; trotzdem muß ich Sie bitten, zu ver⸗ weilen, bis wir von dem Ergebniß Ihres Befehls Kunde erhalten. Lang kniff die Lippen zuſammen, machte aber gute Miene zum böſen Spiel und blieb. Nach beiläufig einer halben Stunde kehrte der Se⸗ kretär zurück. Nun, wie ſteht es? Die Frau Marquiſe und Fräulein Hermine haben die Reiſe nach Frankreich angetreten. Der Geſandte wendete ſich zu dem Kammerdiener und ſagte: Herr von Lang, ich hoffe, dieſe Meldung wird auch Ihnen angenehm ſein. So iſt es, mein Herr. — Damit wollte er ſich abermals entfernen, der Geſandte jedoch ergriff ihn am Arme und ſagte: Ich muß Sie er⸗ ſuchen, mir noch ferner Geſellſchaft zu leiſten und zwar mindeſtens durch fünf Stunden! Ich verſchaffe damit der Frau Marquiſe einen Vorſprung, der es Ihnen unmöglich macht, eine neue Gewaltthat zu begehen. Mein Herr, Sie ſcheinen nicht zu erwägen, daß ich Widerſtand leiſten kann. Ich bin darauf vorbereitet und werde ihn willkommen heißen, da er mir zum Beweismittel dienen wird, daß mein Mißtrauen gerechtfertigt war. Bei einem Charakter, wie Lang ihn beſaß, war ein energiſcher Widerſtand nicht zu erwarten. Erſchreckende Gewaltthaten durch bloße Anordnungen zu begehen, dazu bedarf es keines perſönlichen Muthes; das wußte der Franzoſe recht wohl und darum zweifelte er keinen Augenblick an dem Gelingen ſeines Spiels. Lang blieb und der Geſandte verließ ihn keinen Mo⸗ ment, ſondern leiſtete ihm bis zum Anbruch der Nacht Geſellſchaft. Er beobachtete fortwährend die Dehors, als befände ſich Lang bei ihm zu Beſuch, ja er bot ihm ſogar ein Spiel an, welches jedoch zurückgewieſen wurde. Lang ſaß mit düſterer Miene am Fenſter, der Franzoſe gab ſich große Mühe, das Geſpräch in Fluß zu erhalten, wenn es durch Langs üble Laune ins Stocken gerieth. Nachdem der Geſandte ſeinen Zweck erreicht hatte, machte er dem erzwungenen Beſuche ein Ende und Lang, vom giftigſten Haſſe erfüllt, eilte von dannen. andte e er⸗ zwar t der glich ß ich nmen daß rein ngen thes; ifelte Mo⸗ kacht ände ein nzoſe lten, atte, ang, Das Ungewitter in ſeinem ſchwarzen Herzen entlud ſich nach zwei Richtungen, einerſeits auf Roßwurm, an⸗ dererſeits auf die Griechin. Wenn wir ſo eben ſagten, Langs Haß und Zorn habe ſich über den Feldmarſchall Roßwurm entladen, ſo ſoll damit nicht geſagt ſein, als wäre dieſer bisher unbedroht geweſen, die eben erzählten Ereigniſſe beſchleunigten blos die Kataſtrophe, ſie zerſchnitten das Haar, an welchem das Damoklesſchwert hing. Das Verhängniß Roßwurms iſt inſofern eigenthümlich, daß ſelbſt jene, die ihm nahe ſtanden, gegen ihre Abſicht ſeinen Untergang herbeiführen halfen oder beſchleunigten. So früher Baſſompiere, jetzt Bertha von Picaut. Wir wagen nicht zu behaupten, daß Roßwurm ohne die oben erzählten Scenen dem Looſe, welches ihn traf, entgangen wäre, gewiß aber iſt es, daß es durch jene be⸗ ſchleuniget worden iſt. So wirkte eine alte Schuld auch jetzt noch verderblich auf den Thäter. Durch Langs wüthenden Haß blieben nicht nur alle Fürſprachen wirkungslos, ſondern es wurde auch der ganze Prozeß beſchleunigt. Dem Feldmarſchall war jetzt jede Kommunikation mit ſeinen Freunden abgeſchnitten, der Gedanke, daß das Schlimmſte ihm bevorſtehe, gewann immer mehr Raum in ſeiner Seele. Von ihm erfüllt, begehrte er, ein Geſuch an den Kaiſer zu ſchreiben, was ihm bewilliget wurde. — Der Inhalt ſeiner Bittſchrift ging dahin, daß eine allfällige Strafe nicht an ſeinem Gut, und nur an ſeiner Perſon möchte vollzogen werden, und jenes ſeinen Erben überlaſſen bleibe. Das Geſuch blieb unbeantwortet, ohne Zweifel durch die Schuld Langs. Die über den Feldmarſchall niedergeſetzte Kommiſſion fällte das Urtheil; wie es ausfiel, läßt ſich ermeſſen, wenn man erwägt, daß Lang hinter der Kommiſſion ſtand, und dieſe aus ihm ergebenen Perſönlichkeiten zuſammen⸗ geſetzt war. Leider ſind uns die Namen der Beiſitzer nicht bekannt; nur eines einzigen geſchieht Erwähnung, es iſt der Ap⸗ pellationsrath Erasmus Heidel von Raſſenſtein. Früher ſtand er mit Lang in gutem Einvernehmen, er kam alſo in die Kommiſſion. Die Zumuthungen Langs in der Roßwurm'ſchen Sache ſchienen jedoch dem Gewiſſen des Appellationsrathes ein wenig zu ſtark geweſen zu ſein, und er nahm Anſtand, ſich den Wünſchen des Kammerdieners zu fügen. Dieſer entbrannte in Wuth, und Raſſenſtein erhielt durch den Präſidenten die Anzeige, er ſei des kaiſerlichen Dienſtes entlaſſen und habe den Titel eines kaiſerlichen königlichen Rathes abzulegen. Der Befehl wurde indeſſen nicht vollzogen, weil Raſſen⸗ ſtein ein Majeſtätsgeſuch einreichte, welches, da bald darauf Langs Sturz erfolgte, in ſeinen rechtfertigenden Motiven für billig befunden wurde. für Kher und ganz bede S Zuſa das nand 2 geſtel kehrt er ih Mon * — zu u unter ſo w N L ungeſ ich a ben( laſſen T C.: eine einer rben durch iſſivn wenn ſtand, men⸗ annt; Ap⸗ rhielt lichen lichen aſſen⸗ arauf tiven — 161— Nachdem das Urtheil geſchöpft war, übernahm es Lang, für daſſelbe die Unterſchrift des Kaiſers zu erwirken. Nach der Angabe des Miniſters und Geſchichtsſchreibers Khevenhiller hätte der Kaiſer eine Uebereilung begangen und ſolche beklagt,„weil eben Ihre Majeſtät damal ſich ganz innen gehalten und faſt Niemand gehört, wurde Alles bedeckt und beſchönet.“ Herr Hurter bemerkt aber ganz richtig, daß der nähere Zuſammenhang der Roßwurm'ſchen Sache, oder vielmehr das innere Getriebe, dem Verfaſſer der Geſchichte Ferdi⸗ nand des Zweiten verborgen geweſen. Die gepflogene Unterſuchung gegen Lang hat heraus⸗ geſtellt, daß er häufig mit den Feinden Roßwurms ver⸗ kehrt, daß er den Kaiſer gegen dieſen eingenommen, indem er ihn glauben machte, der Feldmarſchall habe ihm, dem Monarchen, wirklich nach dem Leben getrachtet. In Prag wurde damals geſagt, Lang habe den Kaiſer zu unverweilter Unterzeichnung der Urtheils angetrieben unter dem Vorwande, wenn er den Feldmarſchall losgebe, ſo werde derſelbe zuverläſſig auf Rache ſinnen. Noch mehr! Lang rühmte ſich ſpäter bei einem Mahle offen und ungeſchent vor ſeinen Gäſten: „Leicht hätte der Kaiſer Roßwurm das Leben geſchenkt, ich aber habe es nicht wollen und offen geſagt:„„Ge⸗ ben Eure Majeſtät ihn los, ſo will ich ihn umbringen laſſen!““ Der 29. November im Jahre 1605 war ein Dienſtag. E. Breier. General Roßwurm. III. 1 — 162— In der Nacht vom 28. auf den 29. wurde der Feld⸗ marſchall aus ſeinem Gefängniſſe abgeholt und nach dem Saale geführt, wo die über ihn eingeſetzte Kommiſſion ihre Sitzungen hielt. Der Anblick, der ſich ihm hier darbot, überzeugte ihn ſogleich, daß es ſich um die Verleſung des Urtheils handele. Anweſend waren die Glieder der Kommiſſion als ſeine Richter, dann ſein Beichtvater, der Bürgermeiſter von Prag, zwei Rathsverwandte, zwei Minoriten und einige Jeſuiten. Vom Thurme des Altſtädter Rathhauſes erdröhnten zwölf ſchwere Schläge. Es war gerade Mitternacht. Der von zwei Wachskerzen matt erleuchtete Saal, das Kruzifir, der grüne Tiſch, die feierliche Stille der Anwe⸗ ſenden, Alles verkündete die verhängnißvolle Scene. Roßwurm, hoch aufgerichtet, mit dem Bewußtſein eines Mannes, der vor ſeinen Feinden keine Blöße zu geben beſtrebt iſt. Der Präſident der Kommiſſion verlas nach wenigen einleitenden Worten die Sentenz. Sie lautete, daß der Feldmarſchall Chriſtof Hermann von Roßwurm wegen begangenen Mordes auf offener Straße enthauptet werden ſolle. Roßwurm war auf dieſes Urtheil vorbereitet. Alle jene Gehäſſigkeiten und Ungerechtigkeiten, die er bisher erduldet, manifeſtirten ihm zur Genüge die böſe Abſicht ſeiner Feinde. eld⸗ dem ſion ugte eils eine von nige nten das we⸗ tſein e zu igen ann ener ie er böſe — Nachdem die Sentenz verleſen war, entrang ſich ſeiner Bruſt ein tiefer Seufzer. Es war dies das einzige Symptom des Bedauerns, daß er ſich der Bosheit ſeiner Gegner unentrinnbar ver⸗ fallen ſah. Dann aber ſich ermannend, ſchleuderte er ſeinen Rich⸗ tern einen zermalmenden Blick zu, erhob ſeine Stimme und ſprach: Im Angeſichte Gottes und dieſer ſehr wür⸗ digen Herren, die an der über mich gefällten Sentenz kei⸗ nen Antheil haben, betheuere ich, daß ich an dem Tode des Oberſten Franzesko von Belgivjoſo unſchuldig bin. Ich habe in Anbetracht der treuen Dienſte, die ich dieſem Lande geleiſtet, in Anbetracht meines vielfach vor dem Erbfeinde vergoſſenen Blutes vom Kaiſer einen anderen Dank erwartet. Nun aber, ſo es anders gekommen, ſo ſei es, Gottes Wille geſchieht auf Erden wie im Himmel! Bei dieſer Rede hielt er die innere Fläche ſeiner rechten Hand an die Bruſt gedrückt. Wie ein Blitz zuckte es dabei über ſein Antlitz. Durch den Druck preßte ſich der goldene Ring, den er ſeit ſeiner Haftnahme verborgen auf dem bloßen Leibe trug, an denſelben und erinnerte den Feldmarſchall, daß das letzte Rettungsmittel vor einem ſchimpflichen Tode noch vorhanden ſei. Die Funktion des Präſidenten war noch nicht zu Ende. Er nahm ein zweites Dokument zur Hand und las es vor. Deſſen Inhalt lautete dahin, daß er im Wege der Gnade nicht wie andere Verbrecher auf offenem Markte, — — 164— ſondern vor wenigen Zuſchauern im Vorhofe des Rath⸗ hauſes auf der Altſtadt den Tod erleiden ſolle. 8 Bei dieſem Nachtrage zur Sentenz zuckte Roßwurm mit einer Miene der Verachtung die Achſeln und antwor⸗ tete: So lange die Welt ſteht, iſt Recht noch immer Recht geblieben, und keines Menſchen Macht reicht aus, es in Unrecht zu verwandeln. Wenn ich einmal unter der Hand des Nachrichters fallen muß, iſt es mir ganz gleichgültig, ob es öffentlich geſchieht oder heimlich. Haben Sie noch etwas zu bemerken? fragte der Prä⸗ ſident, um der Scene ein Ende zu machen. Ja! erwiederte der Feldmarſchall. Dann ſprechen Sie. Ich habe vor ungefähr anderthalb Monaten, begann Roßwurm, ein Geſuch an Seine Majeſtät gerichtet, daß eine allfällige Strafe blos an meiner Perſon und nicht an meinem zeitlichen Gut möge vollzogen werden, dahero mir die Erlaubniß gegeben werde, vor meinem irdiſchen Ende darüber zu verfügen. Dieſes mein Geſuch iſt unbeant⸗ wortet geblieben. Ich habe, um meinen letzten Willen ſchriftlich zu hinterlaſſen, um Feder, Dinte und Papier angeſucht, ſie wurden mir verweigert. In Folge dieſer außerordentlichen Umſtände, da ich von dieſer Erde nicht ſcheiden will, ohne über mein zeitlich Gut zu verfügen, ſehe ich mich gezwungen, ſothanes hier mündlich zu thun, und rufe ſämmtliche Anweſenden um Gotteswillen als Zeugen auf, in der Hoffnung, daß dieſem meinem Testa- mentum nuncupativum nachträglich von Seiner Majeſtät die Zuſtimmung ertheilt werden wird. Bet Die unt ſeir geb der Als Leg pite wel urm vor⸗ echt in an ltig, Brä⸗ ann daß an mir nde ant⸗ illen pier eſer icht gen, hun, als sta- ſtät Da ſich gegen dieſes Begehren des zum Tode Ver⸗ urtheilten keine Einwendung erheben ließ, ſo wurde er aufgefordert, ſeinen letzten Willen auszuſprechen. Roßwurm begann: Ich ernenne zu meinem Univerſal⸗ erben und zum Vollſtrecker meines letzten Willens meinen Vetter, den Oberſten Burkhard Hieronymus von Roß⸗ wurm, und beſtimme wie folgt: Alle meine liegenden Gründe übergehen auf meinen Bruder Johann Philipp von Roßwurm. Mein Vetter Niklas von Roßwurm beſitzt einen Sohn Hanns Chriſtof, der in Frankreich in einer Anſtalt weilt. Dieſem Hanns Chriſtof beſtimme ich 10,000 Gulden, da⸗ mit er ſeine Studien fortſetze, jedoch in der katholiſchen Religion erzogen werde.*) Seine Majeſtät haben mein baares Vermögen, im Betrage von 80⸗ bis 90,000 Gulden, mit Beſchlag belegt. Dieſe Summe ſoll dem Oberſten, meinem Vetter, zufallen unter der Bedingung, daß er davon ausbezahle: 10,000 Gulden an die Armen; die Vertheilung bleibe ſeinem Belieben überlaſſen. 2000 Gulden ſoll er den Franziskanern in Wien über⸗ geben, ſie mögen es jedoch nicht zu ihrem Gebäude, ſon⸗ dern zu ihrer Nothdurft verwenden. *²) Sein Vater ließ ihn trotzdem proteſtantiſch kommuniziren. Als Oberſt Roßwurm bei dem Kaiſer anfragte, ob er ihm das Legat verabfolgen ſolle? erhielt er den Beſcheid, er ſolle das Ka⸗ pital deponiren, bis der Bedachte bei Volljährigkeit ſich entſcheide, welcher Religion er angehören wolle. — 166— 3000 Gulden erhalten die Franziskaner in Prag zur Erbauung ihres Kloſters. 1000 Gulden die Jungfrauen zu St. Anna. 500 Gulden die Thomaskirche in Prag. 500 Gulden dem Bruder Andreas. Weiteres beſtimme ich, daß mein Vetter 10⸗ bis 15,000 Gulden zum Bau einer Kirche, dem Erzengel Michael geweiht, verwende. Was den Reſt der oben benannten Summe betrifft, ſo ſoll mein Vetter ihn nicht zu ſeinem eigenen, alleinigen Nutzen verwenden, ſondern davon während ſeines ganzen Lebens armen Leuten mittheilen und keinen Armen hilflos von ſich gehen laſſen. Sollte wider alles Verhoffen der Kaiſer die Verab⸗ folgung der oben genannten Summe verweigern, ſo ver⸗ ordne ich, daß er aus meiner anderweitigen Hinterlaſſen⸗ ſchaft, die er recht gut und inmaßen er weiß, woher er es zu nehmen habe, folgende Beträge vertheile: 1500 Gulden den Franziskanern in Prag. 500 Gulden den Jungfrauen zu St. Anna. 1000 Gulden den Franziskanern in Wien. 2000 Gulden an die Armen. Weiteres beſtimme ich, daß der Teppich und die Bücher, deren ich mich in meinem Gefängniſſe bedient, den Fran⸗ ziskanern in Wien zum Andenken übergeben werde. Was meinen irdiſchen Leib betrifft, ſo ſoll er, voraus⸗ geſetzt, daß die Rache meiner Feinde mich nicht bis über's Grab hinaus verfolgt, in der Kirche„Unſerer lieben Frau“ in der hieſigen Neuſtadt begraben werden, zu welchem Zn M iſt ſide die ſch M vo Ri der we zu un die Ar na au zur bis engel rifft, nigen unzen ilflos erab⸗ — 167— Zwecke vor dem Altar ein Gewölbe zu bauen und ein Marmorſtein darüber zu legen kommt. Das, Ihr Herren, iſt mein letzter Wille. Amen! Chriſtof Hermann von Roßwurm, ſagte jetzt der Prä⸗ ſident, bereiten Sie ſich vor zum Tode, morgen früh um die ſechste Stunde wird das Urtheil vollzogen werden. Der Feldmarſchall erſuchte ſeinen Beichtvater, ihn zu begleiten und verließ den Saal. Der letzte Wille des Feldmarſchalls wurde ſpäter ſchriftlich abgefaßt und zwar bei folgender Gelegenheit: Au 15. April 1606 wurde der kaiſerliche Notarius Matthäus Arnold von Drieſch zu dem Freiherrn Friedrich von Hofmann geladen, wo er den Oberſten Burkhard von Roßwurm gegenwärtig fand. Dort erhielt er kraft kaiſerlichen Befehls die Weiſung, den Bürgermeiſter und die beiden Rathsverwandten der Stadt Prag, welche bei der Verleſung der Sentenz gegen⸗ wärtig waren, über den letzten Willen des Feldmarſchalls zu befragen. Das geſchah nun in Gegenwart dreier Zeugen an ein und demſelben Tage, worauf von dem Notar eine durch dieſe beglaubigte Akte aufgenommen. Dieſer Akt befindet ſich noch gegenwärtig im Reichs⸗ Archiv, wurde von Herrn Doctor Meiler unter den ſoge⸗ nannten alten Akten von Prag entdeckt und Herrn Hurter, aus dem wir ſchöpften, mitgetheilt. Wir wollen, ehe wir mit der Kataſtrophe des Feld⸗ — 168— marſchalls unſer Buch ſchließen, der Konflikte erwähnen welche ſein Teſtament herbeigeführt. Wir können dabei wörtlich dem Buche Hurters folgen: „Der Oberſt Roßwurm ließ des Vetters Teſtament „durch die böhmiſche Kanzlei anerkennen und händigte dem „Oberſtkammerherrn, Freiherrn von Slawata, eine Bitt⸗ „ſchrift an den Kaiſer ein, er möchte demſelben ſeine Zu⸗ „ſtimmung geben.“ „Lang, der wahrſcheinlich in der Verlaſſenſchaft eine „reiche Beute bereits in ſeinen Händen glaubte, verhin⸗ „derte deren Ueberreichung.“ „Wie nachher der Oberſt die geheimen Räthe um Ver⸗ „wendung anging, hieß es: Sie wüßten ſich nicht zu helfen, „er müſſe ſich an Lang wenden.“ „Mit Widerſtreben fügte ſich der Oberſt dem Unver⸗ „meidlichen, erhielt aber ſammt ſeinem Anwalt von jenem „anfangs die trotzige Abfertigung: Er wolle mit den Roß⸗ „wurm'ſchen Sachen nichts zu ſchaffen haben.“ „Bei einem zweiten Verſuch warf ihm der Kammer⸗ „diener vor, wie er höre, ſo meſſe er die Schuld der Hin⸗ „richtung ſeines Vetters ihm bei, aber nicht er, der Ober⸗ „hofmeiſter von Lichtenſtein, der Hofmarſchall von Brenner, „der geheime Rath von Hornſtein hätten dieſelbe verlangt.“ „Erſt als der Oberſt ſich herbeiließ, ihn um Verwen⸗ „dung wegen der Verlaſſenſchaft ſeines Vetters bei dem „Kaiſer zu bitten(es ſollte trotz des Teſtamentes Konfis⸗ „kation eintreten), ward er glimpflicher und fragte, ob „darunter viel Geld ſich befinde?“ „Jener erwiederte, etwas Silbergeräth ſei dabei.“ „daß „reick „Abl „Obe „hab „war „ſich „auf dem Brur nen gen: nent dem itt⸗ Zu⸗ eine hin⸗ zer⸗ fen, er⸗ tem oß⸗ ter⸗ in⸗ er⸗ ter, en⸗ em is⸗ ob — 169— „Lang wünſchte hierauf, daſſelbe zu beſichtigen.“ „Als dieſes geſchehen war, erbot er ſich zu deſſen An⸗ „kauf, machte aber ein höchſt geringes Angebot, mit dem „Bemerken, es wären ja nur ſchlechte Sachen.“ „Roßwurm, der ohne Erfolg ſchon viel Geld in Prag „verzehrt hatte, nahm Langs Aeußerung als einen Wink „und erblickte in deſſen Berückſichtigung das Mittel, an „ſein Ziel zu gelangen.“ „So bot er Lang eine Kiſte voll Silbergeräth im „Werthe von mehreren tanſend Gulden, ſeinem Weibe „zwei große ſilberne Kannen, auf mehrere hundert Gulden „zu ſchätzen, zum Geſchenk dar.“ „Hiermit jedoch wollte Lang ſich nicht begnügen, er ver⸗ „langte noch weiter eine Verſchreibung für 3000 Gulden. „Auch dieſe gab Roßwurm, doch unter dem Vorbehalt, „daß er ihm zur Einbringung ſeiner Forderungen in Oeſter⸗ „reich behülflich ſei. „Nach kurzer Friſt wollte der Kammerdiener unter „Ableugnung jenes Vorbehaltes die Summe von dem „Oberſten eintreiben, weil er eine Ausgabe zu machen „habe, weran ihm und den Seinigen viel gelegen ſei.(Es „war dies der Kauf eines Gutes.)“ „Wie ſodann Roßwurms Advokat auf den Vorbehalt „ſich berief, ſchalt er denſelben unter den heftigſten Flüchen „auf das Entſetzlichſte aus.“ „Nach Langs Fall,“ erzählt Herr Hurter weiter, nach⸗ dem er auch der Händel erwähnt, die der Vetter und der Bruder des Feldmarſchalls wegen des Teſtaments mit ein⸗ ander gehabt, die wir aber füglich übergehen können,„nach — 170— „Langs Fall begab ſich der Oberſt Roßwurm nach Prag, „um deſſen Beſtrafung, auch Zurückgabe des ihm Heraus⸗ „gepreßten zu verlangen, zugleich auf genaue Unterſuchung „zu dringen, ob bei ſolcher vielleicht noch mehreres in Be⸗ „ziehung zu dem gegen ſeinen Vetter vollführten Mord „an das Tageslicht kommen dürfte.“ „Er wünſchte über das, was ihm von der Sache be⸗ „kannt ſei, ſelbſt Auskunft geben zu dürfen.“ „Der Kaiſer verfügte, die Kommiſſion ſollte denſelben „ſchriftlich und mündlich vernehmen, hierauf an den ge⸗ „heimen Rath Bericht erſtatten.“ Das Teſtament des Feldmarſchalls wurde aus beſon⸗ derer kaiſerlicher Gnade anerkannt. Die Forderungen und Eingaben des Oberſten erſtreckten ſich jedoch bis tief in die Regierungszeit des Kaiſers Mathias, der Erbe Roß⸗ wurms ſcheint alſo ſeines Beſitzes nicht froh geworden zu ſein. Auch hierin manifeſtirt ſich die von uns bereits einmal berührte Schickſalsähnlichkeit zwiſchen dem Feldmarſchall Roßwurm und dem nachmaligen Pandurenoberſten Franz von der Trenk. Prag, raus⸗ chung n Be⸗ Mord he be⸗ ſelben en ge⸗ beſon⸗ n und tief in Roß⸗ orden inmal rſchall Franz Dreizehntes apitel. Die letzte Juflucht, der letzte Gang. Der Feldmarſchall, von ſeinem Beichtvater begleitet, begab ſich nach ſeinem Gefängniſſe. Hier verrichtete er eine kurze Andacht. Nachdem dieſe vorüber war, reichte er dem Prieſter die Hand und ſagte: Ehrwürdiger Vater, ich habe vor Ihnen während der Dauer meiner Haft mein Innerſtes aufgethan, ſo daß ich vor Ihnen, bis auf eine Angelegen⸗ heit, die hinter mir liegt, kein Geheimniß habe. Ueber dieſe Angelegenheit mit Ihnen zu ſprechen, iſt jetzt meine Abſicht. Sie betrifft das Ereigniß auf Leblancmenil, oder vielmehr deſſen Folgen. Hierauf erzählte Roßwurm die Ereigniſſe, die ſich auf Bertha Picaut und Hermine bezogen, inſoweit ſie ihm be⸗ kannt waren. Ich habe weder die Mutter noch die Tochter in mei⸗ nem letzten Willen bedacht, fügte er der geendeten Mit⸗ theilung hinzu, ich that es nicht, weil die Familie Picaut — der irdiſchen Güter genug beſitzt und weil mein Geld die Wunde, die ich der armen Frau vor Jahren geſchlagen, nicht heilen konnte. Sie begehrte Reſtitntion ihrer Ehre, und ich lege hier das Bekenntniß ab, daß ich bereits ent⸗ ſchloſſen war, ihr den Gatten und Herminen den Vater zu geben, wenn mein Geſchick nicht eine ſo elendigliche Wendung genommen hätte. Wie ich durch Güte des fran⸗ zöſiſchen Ambaſſadeurs erfuhr, ſind Mutter und Tochter nach Frankreich zurückgekehrt, ich ſtelle daher an Sie, ehr⸗ würdiger Vater, die Bitte, Alles, was Sie an mir erleben werden, bis zu dem Augenblicke, wo ich den Geiſt aus⸗ hauche, der Mutter meines Kindes mitzutheilen und dabei 3 ausdrücklich zu verſichern, wie es mein wahrer und wirk⸗ licher Wille geweſen, ihrer gerechten Forderung nachzu⸗ kommen, und wie ich nur durch unbeſiegbare Hinderniſſe davon abgehalten worden bin. Die Vermittelung Ihres Schreibens wird der erwähnte Ambaſſadeur übernehmen. So, lieber Herr Pater, jetzt habe ich nichts mehr auf dem Herzen, jetzt machen Sie mich fertig zur weiten Reiſe und dann überlaſſen Sie mich mir ſelbſt auf ein Stündchen. Der Beichtvater kam dem Wunſche des Verurtheilten nach und ließ ihn dann allein. Roßwurm trat an's Fenſter, öffnete es und ſchaute hinauf nach den Sternen, die hell und mild herabſchim⸗ merten. So ſteht es alſo dort geſchrieben, begann er für ſich, daß ich mein Leben gewaltſam enden ſoll, enden im kräf⸗ tigſten Mannesalter, enden, da ich eine ſo hohe Stufe der Ehre erklommen. F es la allein beſchn begeh J iſt ſü den E ins A Ende, N D zu töd ihre L Al Ringe Lage — S —= 8 8 3 6 6S X vor wollen Ei bin ke ſchuldi d die agen, Ehre, ent⸗ Vater gliche fran⸗ ochter ehr⸗ leben aus⸗ dabei wirk⸗ chzu⸗ rniſſe hres men. dem und en. eilten haute chim⸗ ſich, kräf⸗ e der — 173— Ich kann nicht ſagen, daß ich rein von Schuld bin, es laſten der Gewaltthaten manche auf meiner Seele, allein das Verbrechen, wegen deſſen man mich verurtheilt, beſchwert mich nicht, dieſe ſogenannte irdiſche Gerechtigkeit begeht an mir ein himmelſchreiendes Unrecht. Ich ſterbe ungern, denn das Leben iſt ſchön, das Leben iſt ſüß; aber ich fürchte den Tod nicht, ich habe ihm auf den Schlachtfeldern und Wahlſtätten zu hundert Malen ins Auge geſchaut, was mich ſchmerzt, iſt das ſchmachvolle Ende, welches ich finden foll! Muß ich ſo ſterben, wie meine Feinde es wünſchen? Nein! Dank meiner Vorſicht, ich beſitze das Mittel, mich ſelbſt zu tödten und meine Feinde mindeſtens in einer Weiſe um ihre Luſt zu bringen. Als ich vom Pater Lactantius die Präparirung eines Ringes begehrte, ahnte ich wohl nicht, daß ich je in die Lage kommen werde, mich durch ihn vor der kaiſerlichen Juſtiz zu ſalviren. Sein Inhalt war für ganz andere Fälle beſtimmt. So komm denn hervor, du mein Ehrenretter, der mich vor dem ſchimpflichen Tode bewahren ſoll. Doch iſt, was ich thun will, auch Recht? Darf der Menſch dem Beſchluſſe Gottes vorgreifen wollen, darf ich Hand an mich ſelbſt legen? Ein Verbrecher ſoll ſühnen, was er begangen, aber ich bin kein Verbrecher, ich bin an den Tode Franzesko's un⸗ ſchuldig und ſoll doch dafür büßen! Nein, nein, das kann der ewige Richter nicht wollen, — 174— daß ein Unſchuldiger durch Henkershand ſterbe, kann ſein Wille nicht ſein, darum fort mit allen Bedenken. Leb' wohl, du ſchöne Erde, lebt wohl, ihr Wenigen, die ihr meiner in Freundſchaft und Liebe gedenkt. Allmächtiger, ſei mir ein gnädiger Richter! Mit dieſen Worten öffnete er durch einen kräftigen Druck den künſtlichen Verſchluß des Ringes und ſog deſſen ganzen Inhalt aus. Es iſt geſchehen, murmelte er und ließ ſich aufgeregt in dem Lehnſtuhl nieder, die Wirkung des Giftes ab⸗ wartend. Die Lampe brannte düſter auf dem Tiſche, die durch das offene Fenſter hereindringende kalte Luft bewegte wie ein ſanfter Hauch die leuchtende Flamme. Minute an Minute verſtrich. Manchmal ſchien es dem Feldmarſchall, als fühle er bereits den beginnenden Schmerz in den Eingeweiden, allein ein ernſtliches Zuſammenraffen überzeugte ihn, daß das, was er zu empfinden geglaubt, nur die Wirkung aufgeregter Phantaſie geweſen. Der Schmerz blieb fern, und doch hatte er vom Pater ein ſchnell tödtendes Gift begehrt. Sollte die Wirkung der Subſtanz durch die Dauer der Zeit oder durch die Berührung mit dem Metalle ſich ab⸗ geſchwächt haben? Dieſe Vermuthung ſchien dem Feldmarſchall ſo unwahr⸗ ſcheinlich, daß er die traurige Hoffnung auf die Wirkung des Giftes nicht aufgab. Und ſiehe da, die eingeſogene Flüſſigkeit blieb nicht ohne entges S Körpe das 2 zu ſtr des G weiter hatte gerufe genar R dem„ Fenſt euch mir War biger Man mich Hut ſein Leb' ihr ger, igen ſſen regt ab⸗ urch wie ohne Reſultat, doch war dies ein den Erwartungen ganz entgegengeſetztes. Statt des Schmerzes verbreitete ſich durch den ganzen Körper Roßwurms eine angenehme, wohlthuende Wärme, das Blut ſchien flüſſiger geworden zu ſein und ſchneller zu ſtrömen, die Venen pulſirten kräftiger, die Thätigkeit des Gehirns wurde eine erhöhte, der Gedankenkreis er⸗ weiterte ſich. Es ſchien dem Feldmarſchall, als ſpitzten ſich ſeine Sinne zu, der Blick wurde klarer, daß Gehör reiner. Roßwurm verließ den Sitz, machte einige Gänge durch das Gemach und fühlte ſich organiſch geſtärkt, geiſtig gekräftigt. Nun litt es keinen Zweifel mehr, die Flüſſigkeit hatte das Leben nicht zerſtört; ſtatt die Lebensgeiſter zu lähmen, hatte es ſie künſtlich geweckt und eine Stimmung hervor⸗ gerufen, die in jeder anderen Situation eine frohe hätte genannt werden müſſen. Roßwurm fühlte die eingetretene Aenderung, und in⸗ dem er mit dem Finger ſeiner Rechten gegen das offene Fenſter drohte, begann er wieder ein Selbſtgeſpräch: O, Pater Lactantius, habe ich dieſe Täuſchung um euch verdient? Ich bat dich um Gift und du gabſt mir ein ſtärkendes Elixir. Warum dieſe Täuſchung? Warum mir, dem Freunde? Und doch muß ich als gläu⸗ biger Chriſt auch darin den Willen Gottes hinnehmen. Man hat mich in Wien vor Prag gewarnt, der Prior hat mich gebeten, beſonders vor falſchen Freunden auf der Hut zu ſein; ich habe die wohlgemeinten Worte in den — — 176— Wind geſchlagen und bin meinem Verhängniſſe wie ein Blinder in die Arme gerannt. So hat ſich's denn auch an mir beſtätiget, daß Gott diejenigen, die er ſtrafen will, vor Allem mit Blindheit ſchlägt. Wenn ich dies und alles Andere in der jetzigen ſchwe⸗ ren Stunde noch einmal an meinem Geiſte vorüberziehen laſſe, ſo muß ich zugeben, daß es gekommen iſt, wie es kommen ſollte. Selbſt darin, daß Pater Lactantius mich getäuſcht, er⸗ blicke ich den Fingerzeig, daß ich nicht durch eigene Hand ſterben durfte, ſondern durch die des Nachrichters zur Strafe meiner anderweitigen Sünden. Gott iſt im Rechte, die weltliche Juſtiz aber im Unrecht. Und ſo geſchehe denn, was Gott beſchloſſen, ich will den Kelch wieder an die Lippen nehmen und ihn bis zur Neige leeren. Es war vier Uhr Morgens. Der Beichtvater kam wieder in das Gefängniß. Der Verurtheilte ging ihm freundlich entgegen. Es wird Ihnen hier kalt ſein, ſagte er, mir thut die friſche, kalte Luft wohl. Ich will das Fenſter ſchließen. Und nachdem es geſchehen war, ſetzte er ſich mit dem Mönche an den Tiſch und ſagte: Sie verlaſſen mich nun nicht mehr in dieſem Leben? Ich bleibe bei Ihnen bis an's Ende! Ich danke Ihnen. Bevor wir uns wieder an den Himmel wenden, ſei noch eine irdiſche Angelegenheit ab⸗ gethan. Ich erſuche Sie, dieſen Ring an Bertha von Picaut zu überſenden, ich glaubte ihn mit Gift gefüllt * un in iſt, lei der der ich die die lich zu ebe ge ein auch will, chwe⸗ iehen ie es t, er⸗ Hand trafe wecht. will 8 zur tt die en. dem nun den t ab⸗ von ——————— —— und trug ihn am bloßen Leibe verborgen. Ich wollte mir den ſchmachvollen Tod erſparen. O, mein Freund, was hatten Sie im Sinne? Ich habe mich getäuſcht, oder richtiger, ich wurde wie in vielem Anderen auch darin getäuſcht. Nun es vorüber iſt, murre ich nicht und klage Niemanden an. Es iſt viel⸗ leicht beſſer, daß es ſo kam. Nicht vielleicht, ſondern zuverläſſig iſt es beſſer, daß es ſo kam. Die Nachwelt wird an Ihnen nicht irre wer⸗ den; hätten Sie ſich durch Gift getödtet, Sie würden in den Augen der Unbefangenen ſich nur verdächtiget haben. Wahr iſt's, ſehr wahr, verſetzte Roßwurm, daran habe ich in meiner geiſtigen Kurzſichtigkeit nicht gedacht! Er begann leiſe mit dem Pater zu ſprechen. Noch lag dichte Finſterniß über der Stadt Prag, denn die vierte Morgenſtunde war erſt im Anbruch und um dieſe Zeit zögert im November noch der Tag. Trotzdem wogte die Menge nach der Kleinſeite zu. Die Juſtiz hatte wieder eines ihrer Schauſtücke öffent⸗ lich in Scene geſetzt. Der Prager Henker hatte an dieſem Tage vollauf zu thun. Die drei Diener des Feldmarſchalls Roßwurm waren ebenfalls zum Tode verurtheilt. Sie waren„sub Tortura' abgehört worden und hatten gegen ihren Herrn ausgeſagt. Sie mochten wahrſcheinlich hoffen, ſich damit vor dem Schlimmſten zu ſalviren. E. Breier. General Roßwurm. III. 12 — 178— Eitler Wahn! Sie verfielen dem Spruche, wie ihr Herr. Auch ſie hatten den Oberſten Belgivjoſo ermordet. Es muß hervorgehoben werden, daß in dem Urtheile einzig und allein vom Morde die Rede war. Alle ſonſtigen dem Feldmarſchall zur Laſt gelegten Verbrechen blieben unerwieſen. Sleidanus behauptet zwar:„die Diener hätten auch ein mehreres, als von ihnen begehrt worden, wider ihren Herrn ausgeſagt,“ allein man kann mit Gewißheit an⸗ nehmen, daß wirklich gravirende Angaben mit Eeclat ver⸗ öffentlicht worden wären, was aber nicht geſchah. Die Execution der Diener geſchah öffentlich auf der Kleinſeite. Es war Morgens zwiſchen drei und vier Uhr. Fackeln erleuchteten den Platz. Die Hinrichtung geſchah durch den Strang im Beiſein zahlreich herbeigeſtrömter Menge. Man darf nicht vergeſſen, daß Roßwurm wegen ſeiner anderweitigen Gewaltthätigkeiten den Pragern keine Per- sona grata war und daß ſie ihn faktiſch für ſchuldig hielten. Man nahm daher den Spruch als eine Satis⸗ faktion der Gerechtigkeit auf. Der erſte, welcher an die Reihe kam, war Roßwurms Haushofmeiſter Michael Sauer. Er wurde aufgeknüpft und ihm dann eine Schießwaffe an die Füße gehängt. Ihm folgte der Sekretär Flaminius Cutur, dem man ein blankes Rapier an die Füße band. ber mi lich beg gel 2 illu Tu die Ich hat bin heile gten auch hren an⸗ ver⸗ der — 179— Den Beſchluß machte der Stallknecht, dem man eben⸗ falls ein Rapier, jedoch in der Scheide ſteckend, anhängte. Als der Scharfrichter dieſe Arbeit gethan hatte, begab er ſich nach der Altſtadt auf das Rathhaus, wo ein edleres Opfer ſeiner wartete. Die Zeit iſt vorgerückt. Es iſt zwiſchen fünf und ſechs Uhr Morgens. Der Feldmarſchall war zu dem letzten ſchweren Gange bereits gekleidet. Er hatte ein langes weißes Hemd an, in der Taille mit einem Strang umgürtet, in der Weiſe, wie Franziskaner⸗ Mönche ihn tragen. Darüber trug er einen Pilgermantel von„grauſchimm⸗ lichtem“ Tuch. Der edle Kopf war unbedeckt, Hals und Nacken entblößt. Der Feldmarſchall wurde, von zwei Ordensgeiſtlichen begleitet, nach einem großen Saal gebracht. In deſſen Mitte war ein großes ſchwarzes Tuch aus⸗ gebreitet. Darauf befand ſich ein Kiſſen von ſchwarzem Sammet. An den vier Ecken des Tuches ſtanden vier ſchwarze Fackeln, deren Flammen die ſchauerliche Scene würdig illuſtrirten. Als der Feldmarſchall am Fußende des ſchwarzen Tuches anlangte, ſagte er mit lauter Stimme: Was ſoll dieſes Tuch? Ich bedarf deſſen nicht, nehmt es hinweg! Ich will mein Leben auf der bloßen Erde enden. Ich hatte auch gewünſcht, öffentlich zu ſterben, denn nicht ich bin es, der ſich dieſes Todes zu ſchämen hat! 12 Seinem Wunſche gemäß wurden Tuch und Sammet⸗ polſter beſeitigt. Unter den Anweſenden befanden ſich auch Mitglieder der Kommiſſion. Ich erſuche, mir mein Urtheil noch einmal vorzuleſen! Auf dieſes Begehren Roßwurms wurde ihm erwiedert, daß man ſolches nicht bei Handen habe. Schade, murmelte er, ich hätt' es gern noch einmal vernommen. Darauf gewahrte er ein auf der Erde liegendes Kreuzesbild. Auf dieſes warf er ſich der Länge nach hin, ſtreckte Arme und Füße über die des Bildes aus und betete. Fünfzehn Minuten lang dauerte die ſchauerliche Stille, die nur von ſeinem Gemurmel unterbrochen wurde. Dann richtete er den Oberleib empor, blieb aber knieend vor dem Bilde. Reichen Sie mir das Kreuz, ſagte er zu einem der ihm beigegebenen Prieſter. Dies geſchah; er küßte inbrünſtig die fünf Wunden Chriſti. Darauf erhob er wieder laut ſeine Stimme: Ich war ein ſchwacher Menſch, ich habe mit und ohne Wiſſen gar Manchem Uebles gethan und ich bitte daher alle jene, ge⸗ gen die ich mich vergangen, oder die ich je beleidigt habe, um Verzeihung, dagegen biete ich auch gerne jenen volle Vergebung, die mir Böſes zugefügt. Von dieſen nehme ich auch den Feldmarſchall Belgivjoſo nicht aus, ich ver⸗ zeihe ihm, er möge mir verzeihen. In dieſer meiner Sterbe⸗ un Y be de La bie me net⸗ der ſen! ert, mal ndes eckte ihm nden war gar ge⸗ Habe, volle ehme ver⸗ erbe⸗ — 181— ſtunde fühle ich mich gedrungen, noch ein Bekenntniß zu machen, und zwar, daß ich dem Kaiſer und dem Hauſe Oeſterreich getreuer geweſen als meinem Gott, was mir nun auf ſolche Weiſe gelohnt wird. Und zum Henker ſich wendend: Und nun Meiſter, thu' Du Deine Schuldigkeit, gönne mir aber noch die Zeit, daß ich dreimal die Namen„Jeſus und Maria!“ rufe. Der Scharfrichter trat hinter ihn und entblößte das unter dem Mantel verborgene Richtſchwert. Roßwurm betete laut: „In Deine Hände empfehle ich meine Seele.. Jeſus, Maria! Nach einer Pauſe: Jeſus, Maria! Hierauf gab der Feldmarſchall dem Jeſuiten, der ihn getröſtet, ein Zeichen, und ſagte, den Kopf hinſtreckend: „Nun! Jeſus, Ma... Das Schwert ziſchte. Der Kopf fiel. „Im Hauen aber hat das Schwert einen großen Schall, als wenn es pfeifete, gegeben!“ ſchreibt Sleidanus. Unter den bei der Exekution im Rathhauſe Anweſenden befand ſich auch einer der Agenten Langs, Namens Haſeler, derſelbe, deſſen Gattin Roßwurm eine der Kammerfrauen Langs genannt hat. Dieſer eilte nach dem Blutakt heim, um ſeinem Ge⸗ bieter Bericht zu erſtatten. Lang rief frohlockend aus Auf dieſe Weiſe muß ich meine Feinde züchtigen. Schade er mir ferner! Damit war indeſſen Langs Rache noch nicht gekühlt. Der Kopf des Feldmarſchalls wurde an den Rumpf angenäht, darauf der Leichnam in einen ſchlechten höl⸗ zernen Sarg gethan und im Erdgeſchoß des Rathhauſes zur Schmach der Verwandten der Schauluſt des Volkes blosgeſtellt. So blieb er den ganzen folgenden Tag— es war der St. Andreastag— ausgeſetzt. Der offene Sarg ſtand auf einer Tragbahre, der Leich⸗ nam war bis zum Haupt mit einem ſchwarzen Tuche be⸗ deckt,„ſo daß ihn männiglich hat ſehen können.“ Erſt nach Anbruch der Dunkelheit wurde der Sarg nach dem Kloſter zu„Unſerer lieben Frau“ in der Neu⸗ ſtadt getragen und dort beigeſetzt. Feldmarſchall Belgiojoſo ließ in unterſchiedlichen Kirchen Seelenmeſſen für den Hingerichteten leſen. So fiel das Haupt Roßwurms durch des Henkers Beil. Fünfzehn Jahre früher war es dem ſtrengen Waffen⸗ meiſter Baſſompiere verfallen. Dem Looſe, welchem er damals entrann, verfiel er jetzt. Unpartheiiſche und verſtändige Zeugen kamen darin überein, daß Roßwurm, weil er nach ſeiner gewaltthätigen Sinnesart mehr als einen Menſchen mit eigener Hand entleibt, den Tod wohl verdient habe, allein es entrüſtete ſie, daß er ihm bei dieſer Gelegenheit wurde. Der Adel war indignirt, daß ein ſo hochgeſtellter Mann, der zweimal des Kaiſers höchſten Heeresbefehl be⸗ kleidet, unter dem Beile des Nachrichters ſchmählich habe enden müſſen. ric ü „C kai ve erl in det det Hi S fo hlt. npf öl⸗ iſes lkes — 183— Graf Franz Chriſtof Khevenhüller, der Miniſter und Geſchichtsſchreiber Ferdinand II. hält den„kühnen tapferen Helden, welcher in Ungarn ſo anſehnliche Dienſte ver⸗ richtet und ritterlich wider die Türken ſein Blut vergoſſen,“ für unſchuldig. Er ſchreibt ſeinen tragiſchen Ausgang der Mißgunſt „Etlicher, die ihn um ſein Glück beneideten und denen er im Wege ſtand“, zu. Rudolf, ſagt er, habe die Uebereilung hoch beklagt. So viel iſt gewiß, daß die Hinrichtung des erſten kaiſerlichen Feldherrn wegen eines bürgerlichen Kriminal⸗ verbrechens, bei Rudolfs ſonſtiger Milde, etwas ganz Un⸗ erhörtes war. Belgiojoſo fiel darauf wegen der böſen Dienſte die er in Siebenbürgen geleiſtet, in Ungnade, ging hierauf zu den Spaniern und ſtarb(1626) kinderlos zu Lüttig in den Niederlanden. Georg Baſta wurde nicht ganz Ein Jahr nach der Hinrichtung Roßwurms nach einer üppigen Mahlzeit vom Schlage gerührt.(Am 22. November 1606.) Ihm wurde ein noch ſchlimmeres Andenken wie ſpäter Belgiojoſv. Beider Namen prangen unter den fanatiſchſten Ver⸗ folgern der Proteſtanten. Letztes Kapitel. Siona.— Tang.— Baſſompiert. Der Griechin war es gelungen, den Mann, dem ſie Haß und Rache geſchworen, zu verderben, allein des letz⸗ ten Wunſches, Zeuge ſeines Unterganges zu ſein, ſollte ſie nicht theilhaftig werden. Ihr Schickſal nahm früher eine ſchlimme Wendung, das Glück, welches ſie bisher ſo fabelhaft begünſtigte, kehrte ihr urplötzlich den Rücken. Ihrem Anbeter und Schutzherrn waren durch die Mar⸗ quiſe von Picaut die Augen geöffnet worden. Lang erfuhr, daß die Griechin ihn getäuſcht hatte. Der Umſtand, daß ſie früher Roßwurms und dann Furlanis Geliebte geweſen, verwandelte ſeine Neigung in Abſchen. Die Enthüllung, daß Siona ſich ſeiner nur als Rachewerkzeug bedient habe, folglich daß ihre Gefühle für ihn nur erheuchelt waren, erfüllten ihn mit bitterem Ingrimm. ann in als ihle rem Solche Täuſchung, ſolche Vermeſſenheit konnte ein Charakter, wie Lang, nicht ungeahndet laſſen. Eine ſolche Nichtswürdigkeit mußte beſtraft werden. Das„Wie?“ war unter den gegebenen Umſtänden nicht ſchwer. Die Griechin erwartete einen Beſuch Lang's. Statt deſſen erſchienen vier Stadtguardiſten und nah⸗ men ſie in Haft. Als man Siona aus dem Hauſe führte, hätte Frau Mladotta gerne einen Jubelgeſang angeſtimmt. Item, ſie that es nicht und begnügte ſich, die Freude im Stillen zu genießen. Siona wurde angeklagt der Entführung einer Ver⸗ brecherin aus dem Amthauſe zu Wien, des Einverſtänd⸗ niſſes mit dem Mörder Furlani und der Zauberei. In den erſten Tagen ihrer Haft tröſtete ſie ſich mit der Hoffnung, ihr Schutzherr werde ſie, ſobald er zur Kenntniß ihres Looſes gelangt, durch ein Machtwort erlöſen. Allmälig kam ſie jedoch zur Einſicht ihres Irrthumes. Als ſie bei ihrem erſten Verhöre ſich auf den Kammer⸗ diener berief, wurde ihr bedeutet, ſich deſſen ja nicht mehr zu unterfangen, widrigenfalls ſich ihr Loos um's Zehn⸗ fache verſchlimmern würde. Ihr Prozeß ſchleppte ſich Monate lang hin. Das Prager Gericht ſetzte ſich mit dem Wiener in Kommunikation. Siona ſuchte zu läugnen, zu verdrehen und zu täuſchen. Diesmal war ihre Anſtrengung eine vergebliche. — Die Prager Folterkammer brachte die Unglückliche nicht nur zum Geſtändniſſe ihrer Miſſethaten, ſondern auch zur Reue. Sie erkannte, daß ſie ſich von ihrem Haſſe gegen Roß⸗ wurm zu ſehr hatte hinreißen und blenden laſſen, und daß Alles, was ſie jetzt zu erleiden bekam, eine Folge davon war. Die ſchlimmſte Reue iſt welche zu ſpät kommt. Sie beſitzt nicht nur die Herbheit der Reue überhaupt, ſondern auch das Bittere der Fruchtloſigkeit. Siona bekam dieſe im Uebermaße zu genießen. Wer das Mädchen vor Monaten ſah, würde ſie in ihrem jetzigen Zuſtande kaum wieder erkannt haben. Die Schönheit war verwiſcht, der Reiz entflohen. Bleich und abgehärmt, zerquält und gefoltert, körperlich herabgekommen, war von ihr kaum mehr als ein Schatten übrig geblieben. Anfangs hatte ſie noch Thränen für ihre Leiden, jetzt verſiegten auch dieſe ſie duldete, was über ſie kam, mit— Reſignation. Nach langem Umherſchleppen wurde endlich auch ihr Urtheil geſprochen. Sie ſollte durch drei Tage an den Pranger geſtellt, mit Ruthen gezüchtigt und dann außer Landes gebracht werden. Das letztere war die einzige Konzeſſion, zu welcher ſich Lang herbeiließ. Indeſſen ſollte ſie auch dieſer ſich nicht erfreuen, ſie gab unter den Händen der Büttel den Geiſt auf. —— „fli „da „ge „de „en „Y iche ern oß⸗ und olge unt. upt, in rlich tten jetzt am, ellt, acht cher ſie — —— — 187— Um aus dieſem morſchen Körper die Seele zu treiben, genügte die Ruthe. Am 1. Juni 1607 lief in Prag von Mund zu Mund die Kunde, der kaiſerliche Rath und der Kammerdiener, Philipp Lang von Langenfels, ſei in das Gefängniß des weißen Thurmes gebracht worden. Er, der bisher Allgewaltige, kam wie ein gemeiner Verbrecher hinter Schloß und Riegel. Ja, nicht allein in der Böhmerhauptſtadt, ſondern weit— um im ganzen heiligen Reich erſcholl die Nachricht von dem unerwarteten Sturze. „Es wird vermuthlich ein niemals zu löſendes Räthſel „bleiben,“ ſchreibt Herr Hurter,„weshalb ein ſolches Lvos „dieſen Mann gerade zu dieſer Zeit, in welcher ſo manche „Sorgen den Kaiſer beſtürmen mußten, getroffen habe; „warum derjenige, der in ſeiner Gunſt am höchſten und „am feſteſten zu ſtehen wähnen durfte, in dem Augenblick „der Bedrängniß am ſchnellſten und am tiefſten gefallen Sſeie „Je weniger Anhaltspunkte zu einer auch nur ober⸗ „flächlich befriedigenden Beantwortung dieſer Fragen ſich „darbieten, deſto freierer Spielraum wird den Vermuthun⸗ „gen eingeräumt, welche einzig das zu verhüten haben, „daß ſie keine Widerſprüche in ſich tragen, nicht demjenigen „entgegentreten, was ſich erweiſen läßt.“ „Jedenfalls würde weder Rudolf's Perſönlichkeit die „Muthmaßung eines von ihm befürchteten Einverſtändniſſes „des Kammerdieners mit dem nach ſeinen Kronen und — 188— „Fürſtenhüten greifenden Bruder, noch des Erzherzogs „Stellung oder das Auftreten der böhmiſchen Stände wi⸗ „der den Kaiſer in eben dieſen Tagen, die Forderung „ſchneller Beſeitigung des Gefürchteten und Gehaßten zurückweiſen.“ „Da jedoch hievon in den Berichten jener Zeit keine „Spur ſich findet, läge es noch näher, daß dem bedräng⸗ „ten Kaiſer über dem Antheil, welchen an der brüderlichen „Mißſtimmung dem unheilvollen Einfluſſe des Kammer⸗ „dieners zuzuweiſen ſeie, die Augen entweder ſelbſt auf⸗ „gegangen oder durch Andere wären geöffnet worden.“ Der Leſer dieſer Erzählung hat den Charakter und die Thätigkeit Lang's genau kennen gelernt. Was zunächſt die Veranlaſſung ſeines Sturzes gewe⸗ ſen, iſt weniger erheblich. Das Sündenmaaß war voll, es mußte übergehen. Die Geſchichte beweiſt es öfter, daß die Unglückstage der Fürſten dergleichen Günſtlingen die gefährlichſten ſind. Sobald ein ſcharfer Wind kommt, fallen die faulen Aepfel zuerſt vom Baume. Erzherzog Max, des Kaiſers zweitälteſter Bruder ſagte ſchon früher von Lang:„Er fällt langſam, aber gewiß muß er fallen.“ Und er fiel zum Jubel aller Redlichen, zum Geſpötte jenes Geſchmeißes, welches früher vor ihm im Staube gekrochen. Kaum hieß es, daß der Prozeß über ihn inſtruirt werde, ſo regnete es Anzeigen, Ausſagen, Beſchwerden vor der Kommiſſion. err da ber ihr ein Ge geſ we 0 wi⸗ ung ßten eine ing⸗ chen ner⸗ auf⸗ . und we⸗ tage ſind. ulen agte wiß ötte aube ruirt rden —— — 189— Die Lang hatte ein Recht zu ſagen:„Jetzt will Jeder an meinem Mann zum Ritter werden.“ Zu entſchuldigen giebt es an Lang nichts, er war eine höchſt ordinäre, gemeine, laſterhafte Natur. Geldgier, Wolluſt und Herrſchſucht waren die Leitſterne ſeines Handelns und Wandelns. Wenn Leute dieſes Schlages einen ſolchen Einfluß erreichen, kann man ſich vorſtellen, welchen Mißbrauch ſie davon machen. Lang ſchien ſeinen Sturz im Vorhinein geahnt zu ha⸗ ben, denn er hatte ſchon zu Anfang des Jahres, wo er ihn traf, einen großen Vorrath von Silbergeräthſchaften, eine Menge Papiere und eine anſehnliche Summe baren Geldes an das verſchwägerte Haus Imhof zu Augsburg geſendet. Wie es kam, daß ſeine Gattin ſpäter als Bittſtellerin wegen„dringlicher Noth“ erſchien, iſt ein Räthſel. Verſtand ſie es nicht Hauszuhalten oder wollte ſie da⸗ mit die Anſicht beſeitigen, als habe ihr Mann große Reichthümer zuſammengeſcharrt? Langs Haft war eine ſtrenge, weder Gattin noch Kin⸗ der durften ihn beſuchen. Die Lang'ſche Unterſuchungs⸗Kommiſſion beſtand aus dem Reichshofrath Dr. Johann Ulrich Hämmerle, aus dem Rath und Sekretarius der böhmiſchen Hofkanzlei Matter von Mattenſtein, dann aus dem bereits genannten Appellationsrathe Georg Heidel von Raſſenſtein. Johann Platteiß, erſter böhmiſcher Hofſekretär, fungirte als Kanzelliſt Auf Einrathen der Kommiſſion wurde Lang aus dem weißen Thurm, wo er anfänglich gefangen ſaß, nach dem Altſtädter Rathhauſe gebracht,„weil er ſchwach und an⸗ gegriffen ſei, daß er eintretenden Falles deſto leichter könne von Aerzten beſucht, anbei jedem möglichen Argwohn vor⸗ gebeugt werde und es doch leichter ſei, ihn zu verhören.“ Die Nemeſis hatte ihn alſo an denſelben Ort gebracht, wo Roßwurm geendet. Die Unterſuchung gegen den Miſſethäter dauerte lange. Auf die vom Kaiſer geſtellte Frage, ob die Sache ihrem Ende entgegenrücke? antwortete die Kommiſſion unterm 9. Februar 1609, ſie hätte bis jetzt gegen 60 Per⸗ ſonen vernommen, einen großen Reiſekoffer voll Schriften durchleſen, daraus 231 Beweiſe der Schuld ausgemittelt, 400 Interrogatorien(Fragepunkte) entworfen, den Philipp öfters verhört, ſeine Ausſagen aufgeſchrieben, und 80 Be⸗ ſchwerdeſchriften gegen Lang in Empfang genommen und beſprochen. Schon am 23. November 1608— Roßwurm's To⸗ destag— hatte Lang die Bitte an den Kaiſer geſtellt, „er möchte ihn in's Reich ziehen laſſen, was ihm denn doch mit ſeiner Gefangenſchaft oder Handvoll Blut ge⸗ holfen wäre? Er wünſche, die kleine Zeit, die er noch zu leben habe, für die Wohlfahrt Seiner Majeſtät zu beten.“ Drei Monate ſpäter kam Lang's Gattin mit einem gleichen Geſuche ein:„Habe doch ihr Mann dem Hauſe durch 46 Jahre tren() gedient.“ . . —,— — au 43 Fr An Ih und gen lig: ſtär Ihr her kom hint und Kiſte fortz gelat zu em mſe — 191— Der Kaiſer ließ der Unterſuchung ihren Gang, damit auch die Gerechtigkeit den ihrigen finde. Herr Hurter giebt in ſeinem Buche aus den bis auf 439 angewachſenen Fragepunkten einen Auszug von 137 Fragen, aus denen wir zur Charakteriſtik der verſchiedenen Anſchuldigungen einige aufführen: Warum er, des Mekarski“) Truhen mit Zaubern auf Ihrer kaiſerlichen Majeſtät Befehl nicht hinweg getragen und gänzlich abſchaffen laſſen? Was er für zauberiſche Sachen aus derſelben Truhen genommen? Wo er das Sigillum Salomonis**), ſo ihm der Se⸗ ligman Jud gegeben, hingethan? Ob er nie mit Gift umgegangen? Warum er dann von Ihrer K. M. Leibmediko, das ſtärkſte Gift, das man haben möcht aufgefordert und auf Ihrer Majeflät Befehl bereiten laſſen 7***) Ob er nit von den Schwarzfüchſen, die der Groß⸗ herzog aus Moskau Ihrer Majeſtät geſchenkt, einen be⸗ kommen und wer ihm dazu verholfen? Warum Philipp Lang die Kunſtkammer etliche Mal hinter ſich offen gelaſſen, ob er etwas daraus genommen und was? *) Von einem gewiſſen Mekarski hatte Lang eine ganze Kiſte von Schriften(Zauber⸗Lehren); der Kaiſer befahl die Kiſte fortzuſchaffen, ohne daß Lang den Befehl vollzog. **) Titel eines Zauberbuches. ***) Lang ſtand im Verdachte, den Grafen Kinsky zu Gaſte geladen zu haben, um ihn zu vergiften. — 192— Wer ihm des König in Frankreich Gulden⸗Pfennig gegeben und warum? Warum ihm Graf Ernſt von Mannsfeld eine Ver⸗ ſchreibung von 16,000 Gulden gegeben, und was er ihm dafür gedient hat? Was und wie viel er von Spinola, damit er dem Gefängniß entledigt wird, geſchenkt bekommen? Ob er nicht von den Handelsleuten, von denen Ihrer kaiſ. Majeſtät Waaren gekauft eine gewiſſe Portion, als 5 oder mehr vom Hundert gefordert und von wem? Ob er ſich nicht einſt unterſtanden Ihrer kaiſ. Maj. Beicht anzuhören? Ob er dem Herzog von Savoyen geſchrieben oder ſchreiben laſſen, daß Ihre kaiſ. Maj. nicht recht bei Sin⸗ nen wären? Ob er nicht wegen des Kottsky(Boeskay) mit Jemand Korreſpondenz gehabt und von ſeinet wegen Verehrung hätt empfangen? Ob er nit anbefohlen dem Bartl Blahel in ſo vieler⸗ lei Gefängniſſe zu legen und zu torquiren? Was er wider den gefangenen Roßwurm für Traktat und Zuſammenkunft und mit wenen gehalten, damit er nicht ſoll mit dem Leben davon kommen u. ſ. w. Bei den Akten, welche erhalten blieben, fehlt der Ge⸗ ſammtbericht und das Urtheil. Es ſcheint, daß man abgeſehen von der Konmiſſion auch die Anſichten auswärtiger Rechtgelehrten eingeholt habe? Unte auf vem Geſ gelec ma tert der me la nnig Ver⸗ ihm dem hrer als Maj. oder Sin⸗ nand rn ieler⸗ raktat tit er iſſion geholt — 193— Ein noch vorhandenes Schriftſtück ohne Datum und Unterſchrift liefert Beweiſe dafür. Die Gutachten lauten zumeiſt auf Hinrichtung, keines auf weniger als auf lebenslängliche Gefangenſchaft. Herr Hurter iſt der Anſicht, das vermuthlich im No⸗ vember 1609 gefällte Urtheil habe auf immerwährende Gefangenſchaft und Einziehung des ganzen Vermögens gelautet. Die Gefangenſchaft dauerte jedoch nicht lange. Aus einer Stelle in der Hanka⸗Correſpondenz erſieht man, daß Lang ſchon zu Anfang des Jahres 1610 im Gefängniß verſchied. Bei ſeinem hohen Alter ließ ſich dies erwarten. Wir ſchließen dieſe Angaben über Lang mit der in⸗ tereſſanten Thatſache, daß er ausdrücklich verboten hatte, den gefangenen Roßwurm über„Zauberei“ zu vernehmen. Warum? iſt unbekannt. Herr Hurter meint:„gleich als hätte ihm ein böſes Gewiſſen verboten, dieſen Punkt ſelbſt bei Anderen zu berühren.“ Marquis Fransvis de Baſſompiere hatte, wie man ſich erinnern wird, Prag mit dem Verſprechen ver⸗ laſſen, im nächſten Frühjahre mit einem ſelbſt geworbenen Reiterregiment wiederzukehren, worüber die Beſtallung als Oberſt ihm verheißen war. Der Marquis hielt ſein Wort nicht. Feſſelten ihn neue Hof⸗ und Liebesverhältniſſe, oder ſchreckte ihn ſpäter das Schickſal ſeines Freundes Roß⸗ E. Breier. General Roßwurm. III. 13 wurm, genug, er kam nicht und zog es vor in Frankreich zu bleiben und dort„Marſchall“ zu werden. Seine Laufbahn unter Heinrich III. und Ludwig KIII. war eine glänzende, endete aber— in der Baſtille. Marſchall Baſſompiere fand in dem Kardinal Richelien ſeinen Verderber, wie Roßwurm in Lang. 3 In jedem Falle war das Loos des Franzoſen weniger ſchmachvoll. Während ſeines Aufenthaltes in der Baſtille ſchrieb er, obwohl im Greiſenalter, aus dem noch friſchen Ge⸗ dächtniſſe ſeine Memviren, die auch uns zur Quelle gedient. Einen Freundſchaftsdienſt erwies er dem geſchiedenen Roßwurm. Baſſompiere nahm ſich Herminens an. Tochter und Mutter erlangten durch ſeinen Einfluß Stellungen bei Hofe, die ihrem Reichthume entſprachen. Hermine wurde die glückliche Gattin eines Marquis von Poſade und eine zahlreiche Nachkommenſchaft beglückte ihre Ehe. Der 28. und 29. November wurden alljährlich von Bertha von Picaut als Trauertage begangen. Ende. —— ——