* — —— * . 22 ——— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cduard Ollmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seiß- und geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 2 „ 1 e„—„.„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte zerriſſene, verlörene und vefecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Wertes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahms. Ednard Preier's geſammelte Romane. Eilfter Band. Wien und Feipzig, 1851. Joſef Stöckhölzer v. Hirſchfeld. Wien vor 100 Jahren. Ziſtoriſcher Noman von Eduard Breier. Dritte Auflage. Zweiter Band. (Pie Angarn vor Wien). Wien und Leipzig, 1851. Joſef Stöckhölzer v. Hirſchfeld. Geſchichtliche Rück- und Seitenblicke. Ein Mägdlein lag und ſchlief, jeder Theil ihres Kör⸗ pers ruhte, die Aeuglein waren geſchloſſen, der Mund ſchwieg und kaum fühlbar war ſein Odem. Iſt das unregſame Weſen todt, oder ſchläft es nur einen langen Schlaf? Was ſoll das weiße Lailach, das ſich, einen flockigen Schleier gleich um ſeinen Körper breitet; iſt es des Mägdleins Schutz während des langen Schlafes?— Was brüllt der Sturm aus der Nordenklauſe losgelaſſen, iſt er des Mägdleins Schlummer⸗ oder Todtenlied?— Da ſenkt ſich ein kleiner neckiſcher Knabe herab, ſein Wink macht den froſtigen Orgler verſtummen, ſein Bauch ſchmilzt das Flockenkleid hinweg, ein Kuß von ſeinen Roſenlippen flößt dem Mädchen neues Leben ein, es dehnt und ſtreckt die ausgeruhten Glieder, ſchlägt die Aeuglein auf und haucht dem goldlockigen Wecker ſeinen ſüßen Dank zu. Da jubelt der Knabe ausge⸗ laſſen wie mit tauſendſtimmiger Kehle ein Freudenlied, und beginnt um das Mägdlein herum einen Freudentanz, 6 läßt neu entfeſſelte Silberquellen über das Lager hin⸗ weg ſprudeln, badet es im Sternengefunkel und Mon⸗ denglanz, überhaucht es dann mit Sonnengold, beſchüt⸗ tet es ſchäckernd mit ſaftig grünen Gräſern, mit flim⸗ mernden Blumen und Blüthen, und wölbt ein ſchatten⸗ ſpendendes Blätterdach über ſeinem Haupte. Das Mägd⸗ lein aber, ob des liebewerbenden Hochzeiters erfreut, umhüllt ſich mit ſammetgrünem Kleide, ſteckt Lilien und Roſen vor dem züchtigen Buſen, läßt den duftigen Blütenſchleier wehen und wallen, und der Knabe jubelt auf, drückt die Schämige an ſein Herz und liegt trun⸗ ken in den Armen der Holden. So ſchläft das Mägd⸗ lein alljährlich den langen Schlaf, ſo erſcheint alljähr⸗ lich der Knabe, es zu wecken, ſo feiern alljährlich Mägd⸗ lein und Knabe ihr Verlobungsfeſt: die Erde mit dem Frühling. Nun ſo komm' auch dießmal herab du blumenreicher Himmelsbote, bring mit, all die Himmels⸗ gaben in deinem Füllhorn geſchichtet, und leer' es aus über das Land unſerer Heimat, vergiß aber auch den Frieden nicht; denn was frommt uns dein Son⸗ nengold, wenn es durch Pulverdampf verdeckt wird, was ſollen deine Saaten und Blüthen, wenn feindliche Roßeshufe ſie zerwühlen, was deine milden Ambradüfte, wenn wilde Kriegerhorden ſie einſchlürfen, was dein himm⸗ liſcher Jubelſang, wenn Kanonendonner ihn verſchlingt. 7 Allein ſo oft der Frühling wiederkehrte, ſo oft be⸗ gann der Krieg mit erneuerter Wuth. Ganz Heſterreich ſollte nach und nach ſein Schauplatz werden. So lange Mohamed— das Schrecken der chriſtlichen Welt— lebte, und ſeine ſiegreichen Fahnen in drei Welttheile trug, ſo lange war Ungarns Heldenkönig gezwungen, ſeine Kräfte zu theilen, und wiewohl ſelbſt da, ihm der Sieg nicht entfremdet wurde, ſo vermochte er doch weder auf der einen, noch auf der anderen Seite einen ent⸗ ſcheidenden Schlag herbeizuführen; allein Mohamed, der ſelbſt die Krankheit durch neuen Sieg zu bannen glaubte, ſtarb auf der Kaiſerwieſe zwiſchen Skutari und Geliſe*), unweit vom Grabe Hanibals, und die Chri⸗ ſtenwelt athmete neu auf, denn ſeine Söhne Bajeſid und Dſchem, ſtatt die Siege des Vaters zu verfolgen, bekriegten einander wechſelſeitig und gönnten den bedräng⸗ ten äußern Feinden Zeit, ſich zu ſammeln, zu erholen und zu ſtärken. Nun wäre ein Friede zwiſchen Mathias und Friedrich das Wünſchenswertheſte geweſen, denn mit vereinter Kraft über das mit ſich ſelbſt entzweite Osma⸗ nenreich herangeſtürmt, würde die gewaltigen Halbmonds⸗ verehrer in eine viel demüthigere Stellung zurückge⸗ *) Das alte Lybiſa, 8 ſcheucht, wenn nicht gar— mit Italiens Hilfe— aus Europa verdrängt haben; wie viele Millionen chriſt⸗ licher Leben wären dadurch in den folgenden Jahrhun⸗ derten verſchont geblieben und wie gerechte Strafe würden ſie für die an der Menſchheit verübten Gräuel genommen haben; allein, kaum begann Sicherheit in Ungarns untern Gränzen zu walten, als Mathias— zur Ver⸗ geltung eines grundloſen Ueberfalles von Seite des Fein⸗ des— mit erneuerter Kraft das Land desſelben zu be⸗ kriegen anfing. Sein Anführer Edelbach von Monyo⸗ korek ſollte die Steiermark, und der Feldhauptmann Ze⸗ lena Oeſterreich bezwingen; der Letztere durchſtreifte auch wirklich das Land unter und ober der Enns, raubte und plünderte, ſchwang die Brandfackel über die widerſtand⸗ ſchwachen Probſteien und Gehöfte, und brandſchatzte die Wehrloſen nach Gutdünken.— Auch die hin und wieder gelegenen eigenen Truppen, beſonders die Salz⸗ burgiſchen verſchmähten das Ihre nicht, nahmen das mit, was die Ungarn übrig ließen und ergänzten getreulich das Werk der Feinde; ſie waren folgſame Lehrlinge der in den Türkenkriegen verwilderten Ungarn. Bei ſol⸗ chen Verhältniſſen konnte der Zuſtand des Landes nur ein Bedauernswürdiger ſein. Ueberall herrſchte die Auf⸗ löſung geſellſchaftlicher Bande und Pflichten, die Ge⸗ walt des Stärkeren, alſo das Fauſtrecht im vollen Sinne 9 des Wortes war entſcheidend, man ſchonte weder des Fremden noch des Hilfloſen, weder des Greiſes noch des Kindes. Die zur Hilfe herbeigerufenen Söldner⸗ hauptleute kehrten, wie wir geſehen haben, bei nicht eingegongenem Solde ihre Macht gegen den Kaiſer und vermehrten die Verwirrung. Von aller Hilfe verlaſſen, von Feinden umgeben, blieb den einzelnen Burgen und Schlöſſern kein anderes Mittel, als ſich ſelbſt zu weh⸗ ren und zu ſchützen, ſie verſtärkten ihre Zäune, nah⸗ men Söldner in Dienſt, und verſchanzten ſich in ihren Mauern, bald gegen die Feinde kämpfend, bald aber ſelbſt auf Raub ausziehend; einige nahmen ſogar un⸗ gariſche Beſatzungen auf, weil dieſe, ſewohl von Böhmen und Heſterreichern am meiſten geachtet wurden, indem die Schreckenskunde ſchon ergangen war, daß Mathias mit einem mächtigen Heere heranrücke. Bei allen dieſen Wirrniſſen war Friedrich ganz außer Stand geſetzt, ein ordentliches Heer dem Feinde entgegen zu ſtellen; die Söldner verſagten ihren Dienſt, weil der Sold gewöhnlich ausblieb, die Adeligen gehorch⸗ ten keinem Aufgebote, weil während ihrer Abweſenheit ihr Beſitzthum durch innere Feinde gefährdet war; auf dieſe Art wurde es dem Ungarkönige leicht, ſiegreich vor⸗ zudringen und die Gränzfeſte Haimburg zu bedrohen; den ganzen Sommer hindurch währte die Belagerung 10 derſelben, endlich im Herbſte wurde ſie durch Hunger bezwungen. Um die Weinleſe abzuwarten, war ein Waffenſtill⸗ ſtand auf ſieben Wochen erkauft worden, und die ſchon früher begonnene Aushungerung der Wienerſtadt erſt dann wieder fortgeſetzt. Von allen Seiten wurde die Zufuhr abgeſchnitten, denn ihre ausgedehnten Feſtungs⸗ werke erforderten eine ordentliche Belagerung, und dieſe zu unternehmen, dünkte dem König noch nicht die Zeit vorhanden, ehe ſich nicht die umliegenden feſten Plätze, Schlöſſer und Burgen in ſeiner Gewalt befanden. Die mißliche Lage der Stadt ſtieg bei dieſem allge⸗ meinen Bedrängniſſen wo möglich von Tag zu Tage, während des Waffenſtillſtandes wurde ſie freilich mit Lebensmitteln verſehen; allein wie lange konnten dieſe in einer ſo volkreichen Stadt währen; nun wurde Alles angewendet, die unverſöhnlichen Fürſten in einem Ver⸗ gleich näher zu bringen, der päbſtliche Legat bot alle ſeine Mittel auf, allein man blieb beiderſeits halsſtarrig, und Mathias, der indeſſen mit den Türken einen fünfjäh⸗ rigen Waffenſtillſtand geſchloſſen, konnte nun um ſo leich⸗ ter mit ganzer Kraft ſeinen Gegner bedrohen. Kaiſer Friedrich, unentſchloſſen, zaghaft, durch ſeine Räthe ſchlecht berathen, ſah die Gefahr herannahen und wurde dennoch nicht nachgiebig, bis endlich das Donnern der 1¹ heranſtürmenden Lavine ihn aufſchreckte, und er gerade noch zur rechten Zeit den Entſchluß faßte: Oeſterreich dem Wondelrade des Glückes zu überlaſſen, und durch Verſchmerzen eines kleinen Schadens dem größeren vorzubeugen; ſo verließ er— wie Fugger bemerkt— ein ʒweiter David, flüchtig ſeinen Thron und ſein Vaterland, er verließ Wien— die Zierde ſeiner Städte— in einem beklagenswerthen Zuſtande, da die drei größten Schrecken Hunger, Peſt und Krieg erbärmlich wütheten; und er ſollte es— ſo hatte es die Vorſehung beſchloſ⸗ ſen— in dieſem Leben nicht wieder betreten. Der ſchwarze Tod. Die Schankſtube beim„ewigen Juden“ war eine finſtere Taverne ohne Anſehen und Schild, deren Na⸗ men ſich nur durch mündliche Ueberlieferung fortpflanzte und deren Beliebtheit nur von der Gunſt der Schüler und Studioſen abhing. Sie befand ſich unten am Salz⸗ gries in einem niedern Schindelhäuschen, ihre Fenſter⸗ lucken gingen in den Hof und nicht auf die Straße hin⸗ aus, ſo daß die trinkluſtigen Gäſte noch lange fortju⸗ biliren konnten, wenn auch die Bierglocke ſchon ertönt war, ohne daß ſie befürchten mußten, von der— nach dieſem zum Schankſchließen gegebenen Zeichen— ge⸗ wöhnlich herumſtreifenden Schaarwache aufgegriffen zu werden. Für die Schüler der hohen Schule konnte nicht ſo leicht ein paſſenderer Ort zu Trinkgelagen und Kurz⸗ weiltreiben aufgefunden werden, denn für die ſpähenden Pedellen lag er verſteckt und abgelegen, der Herberger war ein guter Vater, das heißt: er gab auf's Kerbholz, und viele der Schüler hatten ſchon hübſch lange Reihen 13 eingekerbter Striche und ſchämten ſich doch nicht, deren Anzahl noch zu vermehren. Das Innere dieſer Schank⸗ ſtube war keines der freundlichſten; finſtere und räuche⸗ rige Wände, ſchlotterige Tiſche und Bänke, die ſchon große Gelüſte nach Sand und Wiſch trugen, und ein geräumiges Schankgeſtell waren ſeine Hauptbeſtandtheile. Rechts von der Thüre hing ein großes Gefäß mit ge⸗ weihtem Waſſer, und dem Eingange gegenüber befand ſich das Bild des heiligen Jakobs, eines der wirkſam⸗ ſten Schutzheiligen gegen Peſt und andere Krankheiten; vor demſelben brannte ununterbrochen eine düſt're Thran⸗ lampe, deren Ausdünſtung einen widerlichen Geruch verurſachte. Seit längerer Zeit wars dem Herberger beim ewi⸗ gen Juden nicht nach Wunſch gegangen, denn mit ſammt der argen Kriegsnoth war auch eine große Sterbeſeuche in die Stadt gekommen, die man allaemein„den ſchwarzen Tod“ nannte, und der in den Annalen den Namen„Peſt“ führt. Auf dieſe Schreckenskunde verließen alle fremden Schüler die Stadt, mit ihnen waren auch die Gäſte jener Schankſtube fort, und Herr Joſeph Wazlinger— ſo hieß der Herberger— konnte nun ſein Getränk ſelbſt unter Dach bringen. Seit einiger Zeit befand er ſich aber wieder in beſſern Umſtänden, denn auf eine Frage von Seite der Facultät der freien 14 Künſte: ob man die ſeit einem Jahre eingeſtellten Vor⸗ leſungen wieder beginnen könne? hatte das mediziniſche Collegium die Auskunft gegeben, daß die Peſt bereits im Abnehmen ſei, und hierauf kehrten die Schüler wie⸗ der zurück.— Der Verkehr zwiſchen dem„ewigen Ju⸗ den“ und den Studioſen kam daher wieder in vollen Gang und es geſchah jetzt nicht mehr, daß man Herrn Wezlinger, wie es ſeit geraumer Zeit der Fall war, mit den Händen auf dem Rücken, müſſig einhergehen ſah. An einem Abende ging's beim ewigen Juden recht lebhaft her. Die Stube war mit Gäſten reich beſetzt, deren größter Theil durch ihre einförmigen bis an das Knie reichenden Röcke, den Stoßdegen und ihren an den Wandnägeln hängenden Hüten, die Schüler nicht ver⸗ kennen ließ. Mitunter ſah man auch ein mürriſches Bürgergeſicht, welches unter den meiſt fröhlichen lebens⸗ frohen Studioſen gewaltig hervorſtach, und einer ſchwar⸗ zen Wolke glich, die neidiſch den heitern blauen Him⸗ mel zu trüben gewillt iſt; allein eine Schwalbe macht keinen Sommer, ein Sneeflöckchen keinen Winter, ſo verlor ſich dieſe wirkungslos unter den Studioſen, und Munterkeit gab den Ton an. Die bedeutende Theuerung in der Stadt ſchien die Schüler wenig zu kümmern, denn die meiſten hatten erſt aus den väterlichen Häuſern vollge⸗ ſpickte Beutel mit nach Wien gebracht, und Herr Wazlin⸗ ———— wo ſei S Se du vol ko me red che its ie⸗ u⸗ len 15 ger hatte die beſonders rühmenswerthe Eigenheit: daß er keine Münze, weß Landes ſie auch ſein mochte zu⸗ rückwies, und die Kremnitzer Goldſtücke eben ſo bereit⸗ willig annahm, wie die Mailänder Zechinen. An einem Tiſche ſaßen drei Studioſen in vertrau⸗ licher Mittheilung begriffen; es waren Jünglinge, dem Anſcheine nach aus angeſehenen Familien, von nicht ſo muthwilligen Weſen und Treiben wie die Andern, die ſich mit Bret⸗ und Würfelſpiel vergnügten; unweit von ihnen befand ſich ein Bürger, der ſeinen ſchmutzigen, rauhen Händen nach zu urtheilen, ein Handwerker ſein mußte. Nachdem ſich die Jünglinge lange genug mit einander unterhalten hatten, wurden ſie auf den blaß⸗ wangigen Bürger aufmerkſam, der traurig da ſaß, mit ſeinen tief eingefallenen Augen, das kleine bereits geleerte Schöpplein anſtierte, als ob er wünſchte: daß es ſich noch einmal füllen möge, jedoch ohne Hinzuthun ſeines Säckelinhaltes, welcher der abgetragenen löcherigen Klei⸗ dung nach, gar klein ſein mochte. „Warum ſo traurig Meiſter?“ fragte theilnahms⸗ voll der Eine der Schüler,„in der Schankſtube ſteht ein kopfhängeriſch Weſen ſchlecht, froh und guter Dinge ſein, macht das Leben lange.“ Der Bürger lächelte wehmüthig.„Ihr habt leicht reden junges Herrlein,“ erwiederte er traurig,„aber 16 jeder weiß, wo ihn der Schuh drückt, wer weiß, wie Ihrs in meiner Lage treiben würdet?“— Die Schüler blickten mitleidig auf den Bürger, ihn gleichſam zur Mittheilung auffordernd, allein der Kummer iſt nicht ſo geſchwätzig wie die Freude, der Handwerker ſeufzte und ſchwieg. „Nun Meiſter,“ ſprach ein Anderer der Schüler, „nehmt doch Troſt an, und überlaßt Euch nicht ſo ganz ohne Widerſtand dem Schmerz und der Sorge, theilt uns Euer Gepreſte mit, vielleicht können wir Euch helfen.“ „Mir kann nur der liebe Gott helfen,“ entgegnete der Bürger,„und das nur dann, wenn er mich von der Erde nimmt.“— „Ho, ho!“ rief einer der Studioſen,„Ihr ſeid ja ganz melancholiſch, Meiſter,— habt zu viel dickes Blut, laßt Euch's abzapfen.“ „War't Ihr lange von Wien abweſend?“ unter⸗ brach ihn der Handwerker fragend. „Bei achtzehn Monden,“ verſetzte Jener. „Nun ſeht,“ fuhr Jener fort,„hättet Ihr damals meine Lage gekannt, Ihr würdet mich ſchier beneidet haben. Ein hübſches Haus auf dem Fleiſchmarkt, ein blühend Weib, zwei holde Büblein und ein einträglich Gewerb— ich bin ein Tuchbereiter fellt Ihr wiſſen— vie er, der der nz eilt ch ete on als det ein ich 17 machten mich zum glücklichſten Manne unter Gottes lie⸗ ben Himmel; aber was hab ich in ſo kurzer Zeit erleben müſſen; ach das ſind traurige Zeitläufe. Böſe Söld⸗ ner ſperren die Zufuhr ab, das Gewerbe beginnt zu ſtocken, die Lebensmittel werden theurer als je— das war noch nicht genug, der liebe Himmel hat noch viel größere Strafe über uns verhängt; um Aegidi bricht die Sterbſeuche aus, die Fremden und Reichen eilen davon, und Der zurückbleibt, hat nun doppelt Elend zu erdulden. Nun werden mir die Kinder krank, heiliger Gott, der ältere Bub bringt den ſchwarzen Tod ins Haus und ſteckt den Jüngern an, die Mutter läßt ſich's nicht nehmen: ſie ſelbſt will ihre Kleinen warten und pflegen— und ehe eine Woche vergeht, ſind alle Drei todt. Da habt Ihr's nun— ich bin allein auf der Erde, einſam wie der Baum auf öder Haide, mein Haus ſteht verlaſſen, das ſchwarze Kreuz haftet am Thore, mein Lebensmuth iſt gebrochen, das Gewerbe liegt darnieder, meine Baarſchaft dahin, und ich— der unglücklichſte aller Menſchen— lebe noch, um mich in Gram und Kummer zu verzehren.“ Der Bürger ſchwieg, und wiſchte ſich die Thrä⸗ nen aus den Augen, die Schüler ſuchten ihn zu tröſten und aufzumuntern, allein es half wenig oder nichts, ſie luden ihn ein an ihrem Nachtimbiß Theil zu nehmen, 2 18 welcher gerade aufgetragen wurde. Der Tuchbereiter nahm den Antrag höflich an, ohne aber in das fröhliche Geſprächſel einzuſtimmen, welches ihm die Zeit kürzen und den Kummer verſcheuchen ſollte. Nach einer Weile trat ein langer hagerer Mann in die Stube, und ließ ſich an demſelben Tiſche nieder. „Herr Wazlinger!“ rief er dem Herberger zu, „bringt mir ein Schöpplein Braunes, ich hab' Durſt und ſchnapp' ſchon nach einem Trunke, wie der Fiſch nach friſchem Waſſer, wenn er im Kälter liegt.“ „Guten Abend, Herr Michel!“ grüßte der Tuch⸗ bereiter den Angekommenen,„wie kommt Ihr auf ein⸗ mal herab zum ewigen Juden, Ihr ward ja ſonſt ein täglicher Gaſt im Stadtſchank im Leinwandhauſe.“ „Ei ja wohl,“ entgegnete der Rathsknecht, denn er war der Angekommene,„was geweſen, iſt vorbei; die Zeiten ändern ſich, Stadtſchank hinten, Stadtſchank vorn, ich gehe von nun an nicht mehr dahin.“ „Iſt Euch'ne Unbill widerfahren?“ fragte Einer der Studioſen,„hat der Bierleutgeber zu tief in den Waſſerkrug gegriffen, oder das Krüglein zu faumig ein⸗ geſchenkt, oder etwa gar doppelte Schnitte ins Kerbholz gemacht?“ „Nichts von all dieſem,“ erwiederte Jener. „Ich wette meinen letzten Denar, daß ichs er Le de Lo ſo kö che zen nn der. und ach uch⸗ ein⸗ ein enn bei; ank iner den ein⸗ holz r ich's 19 errathe,“ rief der Andere der Schüler,„es war im Leinwandhaus wieder ein grimmiger Raufhandel, wo der Herr Michl, ſich auch einige Klopfer abgeholt.“ „Klopfer hinten, Klopfer vorn,“ brummte der Lange,„aber Ihr habt's nicht errathen.“— „Nun was kann's denn ſonſt ſeyn?“ „S iſt etwas ganz Sonderbares, daß ich Euch ſo leicht nicht mittheilen darf, denn man ſoll die Sache geheim halten, weil's der Stadt wieder Schaden bringen könnte.“ „Nur heraus damit,“ rief Einer der Schüler, uns konnt Ihr's ſchon ſagen.“— „Das werd' ich bleiben laſſen, Ihr möchtet es etwa der ganzen Studentenſchaft kund—“ „Warum nicht gar— Herr Wazlinger! bringt dem Herrn Michel noch einen Schoppen auf meine Rech⸗ nung, damit er uns ſein Mährlein erzählen kann.“— „Mährlein hinten, Mährlein vorn, was ich weiß iſt kein Mährlein, ich hab's ſelbſt erlebt;— auf's Wohlſein Herr Studioſus, das Bier ſchmeckt beſſer als im Stadtſchank— mir wird's gruſelig, wenn ich an die Geſchichte denke— aber da hat mich der Teufel gerade hinein tragen müſſen.“— „Nun jetzt werden wir's endlich doch hören,“ rief der Neugierigſte der Studioſen; die Andern rückten 20 näher, Alle, ſelbſt der Tuchbereiter ſteckten die Köpfe zuſammen, und Michel, nachdem er den Schoppen ge⸗ leert hatte, neigte ſich zu ihnen und lispelte:„Aber Ihr Herren müßt die Mäuler halten und nicht erſchrecken, ſonſt bleib' ich ſtumm;— der Bierleutgeber im Stadt⸗ ſchank iſt ſo eben an der Peſt geſtorben.“ „An der Peſt?“ ſchrien Alle und fuhren auf, in⸗ dem ſie vor Schrecken ſtarr und bleich wurden. Die andern Gäſte hatten kaum den fürchterlichen Ruf ver⸗ nommen, als ſie Bret und Würfel bei Seite warfen, aufſprangen, und ſich um den Tiſch drängten, wo ſich Michel befand. „Was gibt's?“ rief der Eine,„wer hat die Peſt?“ ſchrie ein Anderer,„wer iſt geſtorben?“ ein Dritter. Der Rathsknecht hätte hundert Zungen haben müſſen, wenn er alle Fragen ſo behende hätte beantworten ſollen, als ſie an ihn gerichtet wurden. In gedrängtem Kreiſe reihten ſich die ungeduldigen Schüler um den Tiſch und horchten mit mehr Neugierde und Aufmerkſamkeit der Rede des Erzählers, als in den Lehrſtunden den Vorträgen ihrer Magiſter und Doktoren. „Der heilige Jakob,“ begann der Lange,„möge mich in Hinkunft vor ſolchem Erlebniß bewahren, denn ſo was könnte mir eheſtens den leibhaftigen Tod ins Gebein citiren. Der Meiſter Tuchbereiter hier, kennt jel da 32 ter. ſen, len, reiſe iſch keit den nöge denn ins ennt 21 mich, er weiß: daß ich kein Schreckfuß bin, der ob jeder Kleinigkeit wie'ne Mehlmaus davon läuft, aber da bleibe ſtandhaft wer will, ich kann's nicht, man iſt nur ein Menſch, weiter nichts. Aber Menſch hinten, Menſch vorn, ich komme vor ungefähr drei Stunden von meinem liebwerthen Gevatter, Ihr kennt ihn wohl, den Herrn Lorenz Entheimer, Thurner zu St. Ste⸗ phan, ich hab' ſeinen Hannes aus der Taufe gehoben, der Nämliche, welcher— aber richtig, das kümmert Euch nicht, Ihr wollt das Andere hören; alſo wie ich auf dem Markt komme, und am Stadtſchanke vorbei⸗ ſchieben will, da höre ich aus der Schankſtube Lauten⸗ töne herausſchallen, und ſintemalen ich von Kindesbei⸗ nen an,'nen großen Hang zur Muſika verſpüre, denn mein ſeliger Vater, dem der liebe Gott eine glückliche Urſtänd verleihen möge, war lange Zeit Stadttrometer geweſen; aber richtig, Trometer hinten, Trometer vorn, das iſt Euch einerlei, wie ich die Lautentöne vernommen, trat ich ins Leinwandhaus, will ſagen in die Schank⸗ ſtube daſelbſt, und der Herberger brachte mir ein Schöpp⸗ lein; doch wer hätte dran gedacht, daß ſelbiger Gang ſein letzter ſeie, und der fette anſehnliche Mann eine Stunde darauf des leibhaften Todes Genoſſe ſein würde; wer mir das ins Ohr geflüſtert hätte, dem würde ich eine Maulſchelle aufgepflaſtert haben, daß er Zeitlebens 22 daran gedacht haben würde, denn wie Ihr ſeht, Ihr Herren“— dabei zeugte er den Schülern ſeine knochen⸗ dürren Hände—„hab' ich ein paar Fäuſte, die es Einem wehl einſalzen können. Aber Alles iſt möglich, und wenn's dem lieben Himmel gefällt, macht er aus dem Stephansthurm eine Spennadel und ſteckt ſie mei⸗ nem Gevatter in die Gugel, oder ballt die Wiener⸗ ſtadt zu einem Apfel zuſammen und ſteckt ſie mir in den Sack, und deß würde ich mich baß erfteuen, wenn ich die Stadt in der Taſche hätte. Doch Taſche hin⸗ ten, Taſche vorn, das Bier im Leinwandhauſe war nicht zu ſchelten, der Lautenſchläger hatte luſtige Wei⸗ ſen geſpielt, dem blinden Manne fehlte nichts als ein Augenpaar und der Judenharfner David, den ich ſchon ſo oft abkonterfeit geſehen, wär' ein Krautſtrunk gegen Jenen geweſen.“ „Der Bierleutgeber lehnte an meiner Seite und wir horchten ſelbander den Liedleins des Lautners; auf einmal ſagt ſelbiger zu mir, der Schankherr nemlich: Herr Michel mir wird's im Kopf warm. Warm hinten, warm vorn,“ gegenredete ich,„macht Euch nichts dar⸗ aus, das kömmt manchmal ſo, bin auch nicht frei von ſolcher innerlichen Hitze, beſonders wenn das Bier jung iſt, und ich zu viel in dem Schoppen guck!!— S war gut— Nach einer Weile brummt ſelbiger wieder: 23 Herr Michel, mir wird's ſchwindelig im Kopfe. Seht Ihr,“ ſprach ich zu ihm,„daß ich den Nagel auf den Kopf treff', ich hab's gewittert, Ihr habt Euch über⸗ trunken, weiter nichts.“ Die ganze Geſchichte kam mir aber doch kurios vor, denn ſo mir bekannt, iſt der dagen des Stadtſchenkers keine Klinſe, er kann hübſch viel verdauen, aber Alles iſt möglich, warum ſollte es auch ſelbiger nicht einmal ſatt bekommen. S war wieder gut.— Auf einmal verſpür' ich hinter meinem Geſitz ein Wackeln und weil der Schankherr ſich an der Lehne feſthielt, ſo ſchau' ich mich um und reiß die Au⸗ gen auf, und ſchau' wieder. „Donnerwetter noch einmal!“ ſchrie ich dem Her⸗ berger zu,„was fehlt Euch denn, Ihr ſeid ja im Ge⸗ ſichte ſchwarzfleckig, wie ein ungariſcher Bock!“ der An⸗ dere aber konnte nicht mehr ſprechen, beutelte den Kopf wie eine Gans wenn ſie ihn ins Waſſer tunkt, läßt die Sitzlehne los, beginnt rücklings zu taumeln, ich fang' ihn auf, aber der Teufel ſoll ne ſolche Laſt halten; der Bierleutgeber wiegt auf ſtädtiſcher Wage mehr denn drei Zentner, ich ließ ihn daher auf den Boden gleiten. Nun begann er zu faumen wie ein Roß, ſchnaufte wie'ne Wildſau, ſpielte alle Farben, grün, gelb, blau und ſchwarz.„Heiliger Gott!“ 24 ſchreit der Lautner aus, als er ſeiner jetzt anſichtig wurde,„der Mann hat die Peſt!“— und ſtürzte zur Thüre hinaus!— Puh, die Peſt, der Gedanke ſchoß mir in den Kopf wie ein Feuerfunke, und kehrte mir bald den Magen um, da lief ich denn her— aber verdammte Geſchichte, Herr Wazlinger n friſchen Schop⸗ pen, mir wird's im Munde gruſelig, als ob ich mir an etwas'n Eckel gegeſſen hätte.“ „Auch mir, begann der Tuchbereiter,„wird's ſo ängſtlich.“ „Ihr ſeid alle beide Narren,“ rief einer der Stu⸗ dioſen,„ſauft zu, wenn's auch nicht geht, zwingt Euch s wird ſchon beſſer werden.“ Der Rathsknecht ließ ſich nicht zweimal gemahnen, ergriff das Gefäß und begann es zu leeren, aber plötz⸗ lich fiel es ſcheppernd zu Boden, der Lange begann wie Eſpenlaub zu zittern und ſtreckte ſich fiebriſch auf dem Sitze. „Herr Wazlinger! ſchrie ein Schüler,„bringt ſchnell Eſſig her, dem Michel wird's ſchlecht.“ Der Herberger ſchoß hinaus, der Rathsknecht aber fiel zur Erde; während die Schüler mit ihm be⸗ ſchäftiget waren taumelte auch der Tuchbereiter und ſank an deſſen Seite hin. Verwirrung herrſchte in der ra die wãl dem da! ger bede gröf nich woll Tod liege zuw Die und tig rzte nke hrte aber op⸗ an Stu⸗ Euch nen, lötz⸗ wie dem ringt necht n be⸗ und nder 25 Stube, man überſchüttete die Ohnmächtigen mit friſchem Waſſer und Eſſig, aber Alles vergeblich, da begannen ſich Brandflecken zu zeigen. „Sie ſind von der Peſt befallen!“ ſchrie einer der Schüler. „Von der Peſt!“ brüllte die Menge und ſtob wie vom Böſen gejagt zur Thüre hinaus. Herr Wazlinger raffte in der Eile einige Koſtbarkeiten zuſammen, ſtürzte ebenfalls in den Hof und ſchloß die Stubenthüre. Draußen gafften einige der Schüler neugierig durch die Fenſter in die Schankſtube; die beiden Unglücklichen wälzten ſich auf dem Boden umher. Der Eine wollte dem Andern auf die Beine helfen, doch es gelang nicht; da begann der Rathsknecht vorerſt zu brüllen, der Bür⸗ ger heulte um einen Trunk friſchen Waſſers; der Schaum bedeckte ihre Lippen, die Brandflecken wurden immer größer, ihr immer ſchwächer werdender Hilferuf wurde nicht erhört, endlich umfaßten ſie ſich krampfhaft, als wollten Beide zugleich aufſtehen, und dem fürchterlichen Tode entrinnen; aber ſie blieben ſtarr auf dem Boden liegen. Grabesſtille herrſchte in der verpeſteten Stube, zuweilen ſtrampften ſie noch mit den Beinen auf den Dielen des Fußbodens, allein dieſes verlor ſich nach und nach in leiſes Zucken, welches zuletzt auch ausblieb, das ſchwache Aechzen verſtummte, die Glieder dehnten Wien 11. 3 26 ſich ſtraff und die kohlenſchwarzen Leichengeſichter ge⸗ geneinander gekehrt, ſtierten ſich ihre gebrochenen Au⸗ gen wechſelſeitig an: Am andern Morgen war das Schankhaus„zum ewigen Juden“ geſchloſſen, und ein ſchwarzes Kreuz an der Hausthüre, kündete jedem Vorüberwandelnden an: daß in deſſen Räumen der ſchwarze Tod ſeinen Einzug ge⸗ halten. Der Möncch. S Ein Minch zog in der Gegend von Kloſterneuburg umher von Schloß zu Schloß, von Burg zu Burg; er trug einen kleinen Schnappſack auf dem Rücken, ſprach jedoch beim Abſchiede nirgends um eine Mit⸗ leidsgabe an, und wenn man ihm ſolche freiwillig reichen wollte, ſchlug er ſie aus, ſprechend: „Er habe ein gethanes Gelübde zu erfüllen und müſſe mehr denn Jahre lang unſtät umherwandeln, von fremder Leute Gaben ſein Leben friſten, ohne iedoch aus irgend einer Behauſung ein Geſchenk fort⸗ zutragen. Ob ſothaner Freimüthigkeit und frommer Er⸗ füllung geſchehenen Gelübdes erfreut, lud man man⸗ cher Orts den Armen ein, noch länger zu verweilen; allein er gegenredete: „Meines Bleibens iſt an einer Stätte nicht län⸗ ger dann zweimal vierundzwanzig Stunden; ſind die verſtrichen, denn muß ich ohne Säumniß fürder zie⸗ hen; ſo hab' ichs gelobt, ſo will ich's auch halten!“ 28 Nun trug es ſich zu, das obbeſagter Mönch an einem Nachmittage an den Ufern der Donau fürbaß eilte, ſeine Schritte, ſo weit es die Kutte erlaubte, verlängerte, denn ein Gewitter war im Anzuge, das nicht mehr lange auszubleiben drohte. Der Schweiß rann dem ſchwarzbebarteten Manne übers Geſicht, und die Tropfen, ſo oft er ſie mit dem här'nen Aermel wiſchte, ſchienen ſich zu verdoppeln und zu vergrößern. Die Sandalen klappten an den Füßen, die Kaputze ſchlot⸗ terte über dem Haupte, die Kutte wurde geſchürzt, der Knotenſtock vorgeſetzt, und immer d'rauf losge⸗ ſchritten, wiewohl ihm ſchier der Odem zu verſagen drohte. Er war noch nicht lange ſo vorwärts getrabt, als plötzlich aus Vuſch und Dorn ein Paar bewehrter Männer auf ihn losſtürzten. Der Wandersmann ſchlug das Kreuz, blieb auf dem Flecke ſtehen, ohne daß er Miene machte, ſich vertheidigen zu wollen, denn er ſah es ein, daß dieß ganz nutzlos geweſen wäre, weil ein Unbewehrter gegen zwei Bewaffnete wohl wenig auszurichten im Stande wäre. „Seid mir gegrüßet, Brüder in Chriſto!“ redete er mit wohlklingender Stimme die beiden Wegelagerer an,„mit was wollt Ihr gedient ſein, ich bin ein ar⸗ mer Pilger, der zwar weder Gold noch Silber im Säckel führt, der aber Gottes Wort im Herzen 29 birgt, tragt Ihr Gelüſte darnach, ſo ſollt Ihrs ver⸗ nehmen.“ „Mir bedünkt es“ wendete ſich der eine der Buſch⸗ v „ 8 klepper zu dem andern,„der Kuttenträger will uns n hänſeln?“ e„Die Peſt über Dich, Dummbart!“ ſchalt der Andere,„halt Dein ungewaſchenes Maul und laß mich reden.“ Hierauf drängte er ſich an den Mönch 5 und ſprach:„Ihr werdet uns den gähen Ueberfall ſchon 3 zu Gute halten, aber er war nicht Euch zugemeint, denn von ſothanen Kumvanen kann man nichts erwi⸗ ſchen als kahle Worte, die noch weniger Werth haben, als die verdammten Schinderlinge, die ſie vor einigen Jahren in der Steiermark geprägt haben und die ſelbſt der ſchuftigſte Bettler nicht geſchenkt haben wollte;— mit Euern luftigen Bettelſack iſt uns auch nicht ge⸗ dient, daher proſt der Mahlzeit, würdet Ihr ganz ge⸗ mach abziehen können, ſintemalen aber hier ganz an⸗ dere Umſtände obwalten, ſo haben wir ein ernſtes Wörtlein mit Euch zu ſprechen und Ihr müßt mit uns ziehen.“ „Ihr ſprecht wiels Euch an's Herz gewachſen“ erwiederte der Mönch ruhig und gelaſſen,„aber Eure Einladung ſcheint mir doch ein arges„Muß“ zu ſein.“ „Ein närriſcher Kauz“ brach der Andere in eine 30 rohe Lache aus,„der wittert den Braten; macht Euch nichts draus Pfäfflein, bei meiner ritterlichen Ehre ſich're ich Euch freies Geleit auf zweimal zwölf Stun⸗ den, und länger werden wir wohl Eurer nicht bedürfen; ein Blaſenfeld hat ſein Wort noch nicht gebrochen und damit hollah!“ „Ihr habt leicht„hollah“ ſchreien“ rief der Mönch und ſchob ſeinen Schnappſack wieder auf die Schulter, aber mir will ſolch unbekannter Zug nicht behagen, deß⸗ wegen wollt mir wenigſtens Kunde geben, wohin uns eigentlich die Beine tragen ſollen, denn ich bin heute ſchon wacker ausgeſchritten und bald dürften mir die Meinigen den Dienſt aufſagen—“ „Tragt deßhalb keine Sorge,“ tröſtete ihn der rit⸗ terliche Straßenhüter,„unſer Weg iſt der kürzeſte, wir ziehen da hinauf gen Hohenberg; das alte Rumpelneſt gafft ſchon einladend herunter, aber ſputet Euch ein wenig, ſchürzt Eueren Kittel und greift aus, denn da droben wird's pechſchwarz, die Wolken laufen wie feige Hunde, der Donner rollt hinter drein, wie ein ſiegen⸗ der Stecher. Verdammt noch einmal, die Tropfen fal⸗ len auch ſchon— nun friſch und raſch— Pfaff mach', daß Du voraus kommſt, ſonſt ſtupf' ich Dich mit meiner Schwertſpitze wie'n wälſchen Eſel. Das Gewitter war wirklich arg herbeigekommen. 31 Sturmheulen und Donnergekrach wechſelten mit einan⸗ der ab, der ganze breite Himmelsbogen war mit ſchwar⸗ zem Gewölk umhangen, und die ſich aus demſelben losreißenden Blitze glichen grellen Flammen, die plötz⸗ lich in finſterer Nacht aus feuerathmenden Bergen auf⸗ zucken. Dabei rauſchte großtropfiger Regen herab, und die von den Gebirgsabhängen ſchnell geſammelten Waſ⸗ ſer braußten als Sturzbäche die gähe Tiefe hinab. In einem kleinen Erkerſtübchen der Burg Hohen⸗ berg lag ein kranker Mann. Er ſelbſt wie ſeine Umge⸗ bung boten einen mitleidswerthen Anblick dar. Einige Wildfelle bildeten das Schmerzenlager, auf dem ſich der Lange dehnte und ſtreckte, und ungeberdige Fratzen ſchnitt. Eine Frauengeſtalt ſaß ihm zu Häupten und— da ſie ſonſt nichts zu thun vermochte— verſchwendete ſie ihr tröſtliches Zureden an dem Kranken, das ihr aber mit Fluchen und Schelten vergolten wurde. Das herbeigekommene Gewitter hatte auf den Preßhaften einen üblen Eindruck hervorgebracht, ein ſcharfer Zug wehte in der Stube, der Wind gurgelte durch die zerſchmetterten Fenſterſcheiben, der Regen klatſchte draußen an das Gemäuer und ein feiner Spreu⸗ nebel durch die Lucken hereingetrieben, war auf den inwendigen Fenſterbrüſtungen ſichtbar. „Verdammtes Wetter!“ keuchte der Kranke,„das 32 wär' ein Treiſch zum Ueberrumpeln, da traut ſich kein Hund aus dem Stalle, verdammt— Trude— friſch Waſſer— die Hitze verzehrt mir das Gedärm— ach, wo weilt nur Blaſenfeld ſo lange!“— „Hab' Geduld Franz“ ſprach Trude und reichte dem Kranken einen Krug friſchen Waſſers,„vielleicht kehrt er bald heim und bringt den Gewünſchten mit.“— „Wenn er nur nicht zu ſpät kommt“ ſchnaubte Schikentanz, der indeſſen die Hälfte des Inhaltes ver⸗ ſchlungen hatte,„Trude nimm das Gefäß.“ „S wird wohl nicht ſo arg ſein“ begann ſie zur Antwort,„Du machſt Dein Gepreſte nur ſo ge⸗ fährlich.“ „Donnerwetter!“ kreiſchte der Ritter auf, und wand ſich wie ein Wurm auf dem Lager.„Ver⸗ dammte Fahnenſtangin, Du wirſt mir's doch nicht weiß machen, was ich ſpüre oder nicht?“ Er tappte mit ſeinen Knochenhänden nach irgend einem Gegenſtand, wahrſcheinlich um ihn der Dirne nachzuſchleudern, allein dieſe hatte ſchon ſeit langer Zeit Alles von ſeinem Lager entfernt gehalten, ſo daß der Kranke nichts erhaſchen konnte und ihr, da er aufzuſtehen nicht vermochte, nur drohend ſeine Hände entgegen ballte. „Schikentanz!“ bat ihn Grundlers Tochter,„warum 33 erzürnſt Du Dich wieder, Du weißt, daß ſich die Schmerzen nach ſolchen Augenblicken immer mehren, p⸗ und doch bezwingſt Du Dich nicht.“ Was Trude geſprochen, traf ein:„Höll' und te Teufel!“ ächzte der Kranke nach einer Weile und ſtreckte ſich krampfhaft aus,„das ſoll der Satan vertragen und kein Menſch.— Dieß Stechen und Bren⸗ nen, ſelbſt nem ſtädtiſchen Hallunken möcht ich's nicht vergönnen ach— verdammte Pein— Tod und Peſt, lieber zehn Jahre beſoffen, als eine Minute preß⸗ r haft— ich will mich nimmer giften— Höll und Teufel!—“ Nachdem er auf dieſe Weiſe einige Augenblicke ſich herum gewälzt, daß das Lotterbettlein unter ihm krachte und der Raum von ſeinem Stöhnen und Aech⸗ zen durchdröhnt war, begann der Schmerz ſich wieder zu legen, er wurde ruhiger und verſank in eine Ermattung die durch plötzlich eintretende Fieberhitze herbeigebracht ihn in einen Scheinſchlummer verſetzte. Aber auch die⸗ ſer war nicht ganz ruhig, denn der Kranke öffnete die Lippen und ſprach:„Trude— bleib bei mir— verlaß mich . nicht, wie die andern Hunde, Du und der Blaſenfeld ſind ja noch die einzigen Treuen, die Uebrigen waren Schufte, laſſen mich in der Jauche ſitzen, weil ich ge⸗ ächtet bin; der Horſtenecker, der Ebersdorfer, der ver⸗ 34 dammte Böhme, der Teufel ſoll ihnen das Licht aus⸗ blaſen— war ein feines Stücklein, wie wir die Stadt⸗ ratten ausgehungert, aber die Andern haben mir die Knochen gelaſſen und ſind mit der Fette davon gegan⸗ gen, verdammte Gaudiebe— Trude meine Trude.“— Er öffnete ſeine Arme und die Berufene neigte ſich über das blaſſe eingefallene Antlitz des kranken Ritters und drückte einen Kuß auf die Lippen, die einſt den roſigen Hauch der Unſchuld von den ihrigen weggeküßt hatten. So auffallend und unwahrſcheinlich das Verhält⸗ niß zwiſchen Schikentanz und Trude manchem Leſer ſchon geſchienen haben mag, ſo müſſen wir doch geſte⸗ hen, daß ſelbſt in unſerer feinen Zeit an ſolchen kein Mangel iſt. Wer hätte bei ſolchen Mißhandlungen, wie Trude ſie von Schikentanz zu dulden hatte, nur denken ſollen: daß noch ein Fünkchen Wohlwollens in ihrem Buſen für ihn flamme. Und doch war dieß der Fall; die Dirne liebte ihn ſogar, inſoferne ſolche Geſchöpfe lieben können. Der alte Grundler war ein böſer Mann und ein eben ſo böſer Vater; da er, ohne ſich viel ab⸗ zumühen, ein gemächliches Leben führen wollte, ſo ge⸗ ſtattete er ſeiner Tochter jenes freie Leben, zu dem ſich junge verwahrloſte Gemüther ſo gerne hinneigen, wenn ſie nicht beſonders im Zaum gehalten werden; auf 35 dieſe Weiſe lernte Trude den wilden Schikentanz kennen, das ſtrammige Weſen des Ritters gefiel ihr und ſie fanden ſich bald zuſammen. Der alte Grundler war deſſen herzlich froh, da er gleich aus dem Manne, das was er wirklich war, herausgefunden hatte. Wäre nun Schikentanz ein ſanfter liebreicher Mann geweſen, ſo würde er ſich in Truden eine muſterhafte Gattin heran⸗ gebildet haben, weil die Dirne, bei all ihrer Verwor⸗ fenheit an befreundete Menſchen eine Anhänglichkeit zeigte, wie man ſie nur bei dem Hunde— dem Sinn⸗ bild der Treue— zu finden im Stande iſt; ſo aber war Schikentanz unbändig, roh und wild, und Trude wurde ſeine Magd, ſeine Sklavin. Schikentanz hatte ſich dieſe Uebermacht ohne daß er es ſelbſt geahnt hätte, nach und nach erworben, und war erfreut, als er ihre Wir⸗ kung plötzlich gewahrte; das Gefühl welches Trude für den Ritter empfand, war ein Gemenge von Liebe, Furcht und Schrecken, und nach dem Verhältniße in dem ſie ſich gerade befand, trat Eines oder das Andere ſtärker hervor. Sie hatte für ſich keinen Willen, über ſich keine Gewalt; Schikentanz war ihr Alles: ihr Himmel, ihre Hölle. Daß dieſer, im Uebermuthe ſo gewaltigen Miß⸗ brauch von der unglaublichen Ergebenheit des Mäd⸗ chens machte, haben wir geſehen, und doch nie den 36 Fall gefunden, daß ſie es nur einmal verſucht hätte, dieſer Zuchtgeißel zu entrinnen. Trude war dem rohen Manne ſo ganz ergeben, daß ſie ſelbſt zu jener Zeit, als er ſeine Werbungen um die Ebersdorfer Edelfrau von Stappel ließ, nicht einmal den Gedanken hatte, dawider Einſprache zu thun, denn es war ſein Wille, und dem mußte ſie ſich beugen.— In letzterer Zeit war das Verhältniß et⸗ was inniger geworden, denn der geächtete, von Glück und Freunden verlaſſene Ritter begann einigen Werth auf Trudens Aufopferung und Ergebenheit zu legen, doch gab es Augenblicke, wo er ſich dieſer nachgiebigen Empfindung ſchämte und theils dadurch, theils aber über ſeinen leidenden Zuſtand unwirſch, in ſeine alte Behandlungsweiſe verfiel, allein dieſes kam doch etwas ſeltener und hatte keineswegs ſeine anhaltende Dauer, wie in früherer Zeit. Schikentanz war in ſeinem Schein⸗ ſchlummer kaum einige Augenblicke gelegen, als er plötzlich wieder erwachte und mit ſtieren Augen das vor ihm ſtehende Mädchen anglotzte. Er bot in dieſer Lage ein erbarmen werthes Bild dar, bleich und eingefallen, ſpannte ſich die Haut über die hervorſtechenden Kno⸗ chen; kupfriges Fieberroth übertünchte die Wan⸗ gen, die Augen waren in tiefe Höhlen verſunken, der Mund breit auseinander gezogen und der Schnauz⸗ 37 und Knebelbart hing ſchlaff herab. Die Lippen waren verdorrt und die Schweißtropfen perlten ihm ununterbro⸗ chen übers Geſicht herab. „Waſſer—“ ſtöhnte er, nach friſchem Trunke lechzend und Trude reichte ihm wieder den Krug. Jetzt ertönten die Steinſtiege herauf Männer⸗ tritte. Schikentanz erbebte und Trude eilte zur Thüre, nach den Kommenden zu ſpähen— allein Blaſenfeld ſtürmte ſchon geräuſchvoll in die Stube. „Lebſt Du noch alter Kumpan“ ſchrie er dem Lei⸗ denden entgegen„oder haben ſie Dir ſchon das Lämp⸗ chen ausgeblaſen?— hollah ho!“ fuhr er johlend fort, als ihm Schikentanz die Hand zum Willkomm entge⸗ genſtreckte,„das Knochengerippe bewegt ſich ja noch; Du blühſt ja, wie'ne Roſe— verdammter Kerl, Du wirſt noch Kerngeſund werden wie unſereins, oder der Teufel ſoll mich holen.“ Der Preßhafte ſchüttelte das Haupt.— „Was beutelſt Du den Schädel?“ grollte ihm Blaſenfeld freundſchaftlich zu„das muß ich als Geſun⸗ der beſſer wiſſen, mir iſts nur leid um die Mühe, hab' da drunten gelauert wie'ne Katz, bis mich bald der Guß erwiſcht hätte; Donnerwetter, wenn's nicht bald ein Ende nimmt, werden die Fahrſtraßen verſchwemmt, und dann ſoll der Henker das adelige Handwerk trei⸗ 38 ben, wenn man höchſtens ein paar kahlmäuſeriſche Bauern auf den Fährten findet. Aber heute bin ich, dem Himmel ſei's Dank, nicht ganz umſonſt draußen geweſen. Was glotzeſt Du mich an, wie ein abgeſchlach⸗ tetes Kalb“ fuhr er fort, als ihn Schikentanz mit einem fragenden Blicke anſah„ich hab' Dir'n Mönch her⸗ aufgebracht, Du haſt's gewollt und nun iſt er da. Kannſt mit ihm den Hokusvokus treiben, wenns Dir 'ne Erleichterung bringt; er ſcheint ein gerader Michel zu ſein der nicht viel Weſens machen wird.“ Der Kranke drückte krampfhaft des Freundes Hand. „Wo iſt der Mitgebrachte?“ ächzte er nach einer Weile. „Ich hab' ihn derweilen in der Rüſtkammer ein⸗ geſperrt,“ entgegnete Blaſenfeld,„bedarfſt Du ſeiner, ſo ſchaff' ich ihn zur Stell' herauf.“ Schikentanz nickte mit dem Kopfe und der Andere entfernte ſich, ſeinen Wunſch zu erfüllen. Draußen harrte Trude ſeiner. „Blaſenfeld“ raunte ſie dem Ritter zu,„wo eilt Ihr ſo raſch hin?“ „Der Schikentanz will'n Beichtiger haben—“ „Und Ihr wollt ihm gewähren?—“ „Ei freilich, zu was Urſache hätt' ich ſonſt den 39 ganzen Tag da unten hinter Buſch und Dorn ge⸗ lauert?—“ „Habt Ihr auch dem Mönche unſ're Lage bekannt gegeben?—“ „Was braucht der das zu wiſſen—“ 8„Blaſenfeld, bedenkt: wir ſind geächtet, banniſirt und vogelfrei erklärt—“ „Du biſt eine Stocknärrin Trude,“ meinſt Du: der l Pfaff könne den Franz in den Himmel'nauf beten, das geht nicht ſo leicht, der wiegt zu ſchwer; aber es geſchieht ja nur um dem Preßhaften'n Troſt zu ge⸗ er ben, ſonſt geberdet ſich der Kerl wie toll auf dem Sterbebettlein und heult uns die Ohren voll, denn wie mir's ſcheint, wird er's nimmer lang machen.—“ Trude rang verzweiflungsvoll die Hände. „Laß dieſe Alfanzereien,“ tröſtete ſie der Ritter, e„vor'm Tod, iſt kein Kraut gewachſen, früher oder n ſpäter, einmal muß Jeder ſterben.“ Damit eilte er hinab zur Rüſtkammer, wo er den aufgefangenen Mönch ein⸗ t geſchloſſen hatte. „Hört mal an“ ſprach er zu dieſem,„weß Urſache ich Euch heraufgebracht habe. Mein Kumpan da oben liegt im Sterben, wie mir's bedünkt, wirds ihm bald die Kehle zuſchnüren und dann gnade der Himmel ſei⸗ ner ängſtigen Seele. Aber ich will Euch nur gebeten 40 haben: wegen ein paar Sünden mehr oder weniger nicht viel Weſens zu machen, wir ſind alle ſündige Menſchen, der Schikentanz war ein tapferer rüſtiger Kerl und hat gelebt, wie's einem adeligen Junker zu⸗ ſteht. Sintemaken es aber viele Menſchen gibt, die vom Schenken nichts wiſſen wollen, ſo hat er, ſothane zu ihrem zeitlichen und ewigen Beſten gezwungen: wohl⸗ thätig zu ſein, und hat ihnen manche Baarſchaften ab⸗ genommen, was gewiß kein groß Fehl iſt, weil man doch nicht Hungers ſterben wird, während Andere im Ueberfluſſe leben; drunter hat's freilich manch ſtarre Köpfe gegeben die ſich wehrten und ſträubten, aber denen hat er'n Aderlaß gegeben; das iſt nun ſchon et⸗ was mehr, aber doch noch nicht zu viel. Dergleichen mehr oder weniger Stücklein werdet Ihr hören, müßt Euch aber nichts d'raus machen und dem Preßhaften recht Troſt zuſprechen. Ihr könnt ihm anfangs ein bis⸗ chen Angſt einjagen, aber dann wieder Alles gut ma⸗ chen, thut Ihr mir zu Willen, ſo könnt Ihr Morgen wieder in Frieden fürbaß ziehen, wo nicht— ſo laß ich Euch bei meiner ritterlichen Ehre, durchſtäuben, daß Ihr durch neunzehn Wochen keinen Schnappſack auf den Rücken tragen ſollt, das merkt Euch— ich heiße Bla⸗ ſenfeld und hab' mein Wort noch nie gebrochen.“ 41 Nach dieſem wichtigen Sermon nahm er den Mönch am Arme und führte ihn hinauf zum Kranken. Die Verlegenheit des Kuttenmannes war während die⸗ ſer Rede auf's höchſte geſtiegen. Er ſah ſo zaghaft aus, daß man jeden Augenblick von ſeiner Seite eine ver⸗ neinende Antwort erwarten konnte, und es fehlte nicht viel, ſo wäre dieſe und mit ihr auch eine höchſt ſon⸗ derbare Entdeckung erfolgt; allein nach einigen Ueber⸗ legen unterdrückte er ſeine Zweifel und folgte getroſt ſeinem Führer, nur daß er ſich ſorgfältiger in ſeine Kapuze hüllte und den ſchwarzen Bart in Ordnung brachte. Auf dieſe Art betraten ſie das Krankengemach. „Bruder Schikenlanz“ ſprach Blaſenfeld mit einem ſo andächtig ſcheinenden Antlitze als ihm nur immer mög⸗ lich war,„hier iſt der würdige Herr, lege Dein Bekenntniß in ſeinen Schooß. Du brauchſt nichts zu verheimlichen, er wird Dir Troſt und Verzeihung an⸗ gedeihen laſſen, damit Du ganz ruhig abfahren kannſt. Ich und Trude wollen draußen für Dich beten.“— Hierauf drückte er dem Freunde die Hand und entfernte ſich aus dem Gemache, während er vor ſich hinbrumm⸗ te:„Wenn der arme Teufel keine andern Fürbitter hat, als mich und die Dirne, ſo verwett' ich meinen Schädel gegen einen ſteiermärkiſchen Schinderling, daß er eher hinab als hinauf fährt.“ 42 Selbſt der verſtockteſte Sünder, wenn er ſein letz⸗ tes Stündlein verſpürt, oder deſſen Herannahen befürch⸗ tet und ihm, ſo zu ſagen: das Meſſer ſchon an der Kehle ſitzt, wendet den Mantel nach dem Winde und beginnt jene Regungen zu fühlen, die ſich früher oder ſpäter einſtellen, und je länger man gegen ſie unem⸗ pfindlich geblieben, deſto heftiger dann hervorbrechen und mit all' ihren Qualen und Martern losſtürmen. Das Gewiſſen iſt ein boshaft Kind, je länger es ſchläft, deſto mürriſcher erwacht es, und nur der wird ſeine Pein nicht zu fürchten haben, der es immer wach er⸗ hält. Schikentanz glaubte nun ſein letztes Stündlein herangekommen und die Todesfurcht weckte das ihm bis jetzt ganz unbekannte Gefühl der Reue in ſeinem Herzen und ſtöberte ſein Gewiſſen aus dem trägen Winterſchla⸗ fe; es war daher ſein vollkommner Ernſt, ein Bekennt⸗ niß ſeiner Miſſethaten abzulegen, die ſich nun in einem ganz andern Lichte zu ſpiegeln begannen, wie es früher bei ihm, und bei Blaſenfeld noch jetzt der Fall war. Es währte daher lange, bis er den an ſeinem Lager knieenden Mönche Alles vertraut hatte, was ihm, ſo zu ſagen, das Herz abdrückte; denn je länger er ſprach, deſto tiefer kam er in den Irrgarten hinein, ſo daß er ſich kaum mehr herauswinden konnte. Dieſe Anſtren⸗ gung brachte auf den Körper des ſchwachen Ritters eine 143 nachtheilige Wirkung hervor, denn im Mitten ſeiner Bekenntniſſe, die oft durch Augenblicke, in denen ſich der Kranke zu ſammeln ſchien, unterbrochen wurde, überraſchte ihn eine tiefe Ohnmacht, die Niemanden er- wünſchter, als dem herbeigezwungenen Beichtiger ſein konnte. Sein Geſchrei rief Trude und Blaſenfeld her⸗ ein, die herbeieilten, um beim Ausathmen ihres Freun. des gegenwärtig zu ſein. Trude ſtürzte ſich heulend über Schikentanz, und Blaſenfeld raunte mit einem Armen⸗ ſündergeſichte dem Mönche ins Ohr:„Ich hab das Ganze für Narrethei gehalten, mir ſcheint— jetzt wird er's bald überſtanden haben.“ Die Nähe des Todes machte ſelbſt auf den wilden Junker einen mächtigen Eindruck und ſeit langer Zeit vielleicht fühlte er eine gewiſſe Furcht in ſeinem Innern.„Nicht wahr, wür⸗ diger Herr!“ bat er den Mönch,„Ihr bleibt Heute Nacht bei uns?— verdammte Geſchichte, mir wirds auf einmal ſo unheimlich hier— hab dem Tod tauſend⸗ mal in die Augen geſchaut, aber ſeitdem ich ſolche Pein geſehen, wie der da ausgeſtanden, ſeitdem wird mir's gruſelig um's Herz; der Teufel ſoll das Sterben holen!“— Der Mönch hatte Trude vom Krankenlager mit Gewalt entfernt, indem er ſie darauf aufmerkſam machte, daß der Ritter nur von einer Ohnmacht befangen ſei, aus 44 der er wieder erwachen könne,— ſie blieb daher ge⸗ ſpannt vor dem Lager ſtehen und horchte den Athem⸗ zügen des Preßhaften, der ſich nicht regte und ſehr ruhig liegen blieb. Dieſes machte den Mönch auf ihn aufmerkſam, er muthmaßte: daß ein wohlthuender kräftigender Schlummer den Ritter befallen haben könne, und da es im Gemache heiß und dunſtig war, befahl er ein Fenſter zu öffnen, weil draußen der Abend ruhig und heiter heranbrach, nachdem das Gewitter ausge⸗ tobt hatte. Friſche Luft ſtrömte balſamiſch in das dun⸗ kelnde Gemach und kühlte die fiebergerötheten Wangen des Schlummernden, ſie brachte auch ein leichteres Ath⸗ men hervor und nach einer halben Stunde ſah man deutlich, daß ſich Schikentanz— was ſeit langer Zeit nicht geſchehen war— in den Armen eines ruhigen Schlummers befinde. Ob ſothaner Bemerkung erfreut, ſchlichen alle Drei aus der Stube. Blaſenfeld wollte dem Mönche ſchier um den Hals fallen, und Trude war vor Freude außer ſich. In dem angränzenden Gemache wurde indeſſen der Nachtimbiß getiſcht. Trude beſorgte Speiſe und Trank und es koſtete Blaſenfeld nicht wenig Ueberwindung, ſeine rauhe Stimme in Zaum zu halten, um durch ſein Gejohle den Schlafenden nicht zu we⸗ cken. Nach langer Zeit wieder überließ er ſich vom Her⸗ zen einem fröhlichen Taumel, aus dem er ſonſt ſelten 4⁵ herauszukommen pflegte und trank nach Herzensluſt, ſo daß er bald ſchwankend auf ſein Lager gebracht wer⸗ den mußte. Dem Mönche war vor dem Krankengemache eine Schlafſtelle angewieſen worden, die nothdürftig genug, die ärmlichen Verhältniſſe des Burgherrn ſattſam an⸗ deutete; Trude befand ſich bei Schikentanz, um bei ſeinem Erwachen gegenwärtig zu ſein. Der Mönch dehnte ſich ſchlaflos auf ſeinem Lager, denn die Exeig⸗ niſſe des vergangenen Tages ſchwebten an ſeiner Seele vorüber und trotz der mißlichen Lage, in der er ſich noch gegenwärtig befand, denn er war ja noch immer in der Gewalt der Feinde, konnte er ſich eines leiſen Lä⸗ chelns nicht enthalten. Das Schickſal hatte ihn zum Mitwiſſer der Sünden eines Menſchen gemacht, der — würde er ihn in ſeiner wahren Geſtalt gekannt ha⸗ ben, ihm ſolche wahrlich nimmer vettraut haben wür⸗ de; nur die eigene Gefahr, die ihn bedrohte, wenn er früher die Zumuthung Blaſenfelds abgewieſen hätte, und die darnach erfolgte Vereitlung ſeines Reiſezweckes vermochten ihn, ſeinem nun anhabenden Gewande ge⸗ mäß zu handeln. Etwas war es jedoch, was den Mönch beſonders unruhig machte. Schikentanz war nemlich— nachdem er ihm eine lange Reihe vön Bekenntniſſen anvertraut hatte— auf 46 einen mehr wichtigen Punkt gekommen, der ſeine ganze Aufmerkſamkeit auf ſich gezogen. Der Kranke glaubte nemlich ſein Gewiſſen beſonders durch ein Vergehen be⸗ ſchwert: indem er ein junges Leben gleichſam aus der Wiege des Glücks herausgeriſſen und einem kummervollen Daſein übergeben hatte, freilich fügte er zu ſeinem eigenen Troſte bei, ſei er nicht allein betheiligt„indem er nur einem Freunde zu Liebe ſeine Mithilfe angeboten habe, und hierin von ſeinem Herzen beredt, nicht ganz den Willen des Andern erfüllt habe, indem er damals ſo ein junges unſchuldiges Leben nicht auf ſein Gewiſſen. laden wollte; allein das Fehl ſei doch groß, und er wolle es, ſobald ihm der Himmel ſein Geſund ſchenken würde, wieder gut machen und den Unglücklichen die Freiheit ſchenken. Nach dieſem vorausgeſchickten Bekenntniße begann er die nähern Umſtände zu erzählen; allein ehe er noch einige Worte hervorgebracht hatte, überfiel ihn zur Un⸗ zeit die Ohnmacht und der Mönch hatte in dieſer Be⸗ ziehung ſo viel als Nichts erfahren, indem er aus den frühern Reden des Ritters nicht klar werden konnte; er hoffte jedoch auf den konunenden Morgen, der Mei⸗ nung: daß der Kranke da ſein Bekenntniß fortſetzen würde; allein hierin irrte er ſich gewaltig.— Mitternacht war ſchon vorüber und der Mönch be⸗ gann, geiſtig und körperlich erſchöpft, eben zu ſchlum⸗ mern, als er durch ein leiſes Rütteln geweckt wurde. Trude ſtand, eine Leuchte in der Hand vor ſeinem Lager.„Steht auf, ehrwürdiger Vater,“ flüſterte ihm die Dirne zu„ich hab mit Euch Wichtiges zu ſprechen.“ Der Angeredete erhob ſich raſch und das Mädchen fuhr fort:„Euch droht Gefahr, frommer Herr; Ihr müßt. fort von hier— noch in dieſer Nacht.“ Der Mönch über dieſe Anrede erſtaunt, ſah mit ungläubigen Blicken auf die Sprecherin.„Traut mei⸗ nem Worten“ fuhr dieſe fort, ich hege gegen Euch kein Falſch im Herzen; Ihr habt meinem Herrn die Geſund⸗ heit vom Himmel erfleht, und ich kann's nicht dulden, daß Euch eben von ihm eine Unbill wiederfahren möge. Vor einer Stunde war er nemlich erwacht und erzählte mir, daß er ſich ganz geſund fühlte und nach einigen Tagen ſchon das Lager und die Burg werde verlaſſen können. Hierüber äußerte ich meine Freude und gedachte Eurer, da Ihr gewiß viel zu ſeinem Geſund beigetra⸗ gen haben möget. Da entſann ſich Schikentanz des Vorgefallenen, er wurde unwirſch darüber, daß er Euch ſein Bekennt⸗ niß abgelegt habe, indem er befürchtet, daß er Man⸗ ches vorgebracht haben dürfte, was ihm Verderben 48 bringen könnte. Darauf frug er nach Blaſenfeld; als ich ſagte, daß dieſer wohl ſchwer zu wecken ſein würde, weil er am Abende des Guten zu viel gethan, ſo befahl er mir: denſelben noch vor Euerem Aufbruche zu ihm zu bringen, indem er ihm nothwendige Befehle zu ertheilen habe; darauf iſt er wieder eingeſchlafen und wird, wie ich hoffe, vor dem Morgen nicht erwachen. So wie ich nun meinen Herren kenne, bereut er, Euch ſeine Geheimniſſe anvertraut zu haben und Ihr würdet wahr⸗ ſcheinlich dieſe Burg nimmer verlaſſen und zu den an⸗ dern Gefangenen in das Verließ geworfen werden, um Euch unſchädlich zu machen. Ueber dieſe Botſchaft wurde der Mönch nicht we⸗ nig betreten, allein trotz der eigenen Gefahr, in der er ſich befand, wurde ſeine Aufmerkſamkeit doch abgelenkt, indem er von einem Gefangenen hörte, der ſich da be⸗ finden ſolle. „Ihr habt alſo mehr der Eingekerkerten im Ver⸗ ließe?“ fragte er Trude. „Nur Einen noch,“ erwiederte dieſe„mein Herr hatte ihn nebſt Andern als Kriegsgefangenen auf die Burg gebracht, allein die Uebrigen wurden ausgelöst, nur um den Einen kümmerte ſich Niemand, denn er iſt elternlos und blieb daher in unſerem Gewahrſam.“ Bei dieſer Nachricht pochte das Herz des Mönchs 49 gewaltig, und als er die näheren Umſtände erfahren hatte, wann nemlich der Gefangene hieher gebracht worden ſei, glaubte er am Ziele ſeiner Reiſe zu ſein und ergriff mit Wärme Trudens Hand:„Ihr habt mir ein gutes Herz gezeigt,“ ſprach er,„und ich will hoffen, daß es Euch Ernſt iſt, dem Himmel dafür dankbar zu ſein, daß er Euern Herrn„der Euch doch näher an⸗ zugehen ſcheint, indem Ihr ſo herzlichen Antheil an ihm nehmt, von ſchlimmen Gepreſte geheilt hat; darum geſteht mir die Bitte zu, und leitet mich zu dem Gefan⸗ genen hinab, den ich zu ſehen vom Grunde meines Herzens wünſche. Trude beſann ſich eine Weile„dann ſprach ſie: „Seitdem mein Herr darniederliegt, hat er dem Bla⸗ ſenfeld die Schlüſſel zum Verließe und den Rüſt⸗ kammern anvertraut„ich will verſuchen— denn der Trunkene dürfte ſo leicht nicht erwachen— derſelben habhaft zu werden; gelingt mir's, ſo ſoll Euerem Wunſche gewillfahrt ſein.“ Sie entfernte ſich und ließ den mit Ungeduld harrenden Mönch zurück.„Heiliger Gott!“ liſpelte dieſer, wie im frommen Gebete begriffen,„ſollteſt Du mich dem heiß erſehnten Ziele meiner Reiſe zugeführt haben, ſollte es Dein Wille ſein, den Unglücklichen ſei⸗ nen Lieben wieder zu geben, dann nimm meinen ſchwa⸗ Wien. II. 5 50 chen Dank hin, da ich an Deiner Allbarmherzigkeit und Deiner himmliſchen Gnade und Gerechtigkeit nie gezweifelt habe.“— Er ſchwieg, die Thüre öffnete ſich und Trude, eine Leuchte in der Hand, winkte ihm, ihr zu folgen. Grabesfinſtre Gänge wiederhallten matt die ſchleichenden Tritte der Nachtwandler; kalte Luft ſtrich durch die ſteinumſchloſſenen Räume; jetzt kamen ſie an eine große eiſerne Thüre; dieſe wurde geöffnet und ſie ſtiegen eine Treppe hinab. Die Steinſtufen ſchienen dem ungeduldigen Mönche kein Ende nehmen zu wollen; end⸗ lich waren ſie unten angelangt, eine zweite Eiſenthüre mußte geöffnet werden, und ſie befanden ſich im Burg⸗ verließ. Ein dunkler unheimlicher Raum, der von oben durch ein Gegitter Licht und friſche Luft erhielt, bildete dasſelbe und geſtatte dem Gefangenen hinlänglichen Platz, bequem auf und ab wandeln zu können. Als der Mönch und Trude eintraten, erhob ſich der Gefan⸗ gene von ſeinem Lager; er war feſſelfrei; der röthliche Schein der Lampe blendete ſeine Augen— er vermochte nicht, die Eingetretenen anzublicken. Der Mönch aber ſtürzte ihm entgegen und umfaßte den Unglücklichen, der, ein Bild des Elends und Entſetzens, ſich matt in ſeinen Arm lehnte. „Ja, Du biſt es!“ rief der Mönch entzückt, „Wohlmuth, mein guter unglücklicher Wehlmuth!“ 51 Dem Gefangenen drohte das Herz im Leibe zu berſten.„Allmächtiger Gott!“ ſtammelte er ſchwach „iſt's Traum, iſt's Wirklichkeit— dieſe Stimme—“ „Nein, Wohlmuth!“ rief der Mönch„kein Traum, ich bin's— Dein Hannes— der Dich zu ſuchen umher⸗ gezogen und Dich zu befreien geſonnen iſt.“ Die ehemaligen Söldner lagen ſich in den Armen und es währte lange, ehe, beſonders der Gefangene, ſich zu faſſen vermochte. Hannes aber wandte ſich raſch zu ſeiner Begleiterin.„Trude“ begann er„Ihr habt mir bisher viel zu Liebe gethan, allein bliebet Ihr dabei, ſo hätte ich Euch wenig oder nichts zu danken, vollendet das wohlthätige Werk; der Himmel, deſſen Gnade Ihr ſo ſehr bedürft, wird Euer Thun gewiß nicht unbelohnt laſſen und Barmherzigkeit an Euch üben„ helft mir und dieſem Gefangenen aus der Burg.—“ Das Mädchen zuckte bei dieſer Bitte zuſammen. „Ihr fordert meinen Tod!“ rief ſie,„wenn es Schi⸗ kentanz erfährt, bin ich unwiderbringlich verloren.“ „Weiber ſind klug und liſtig“ entgegnete Hannes, Ihr werdet die Schuld von Euch ſchon abzuwenden wiſſen— Ihr begeht ein dem Himmel gefälliges Werk.“ Nach langem Schwanken und Zureden ſiegte das beſſere Gefühl in Trudens Herz und ſie befahl den bei⸗ * 52 den Männern, ihr zu folgen. Hannes unterſtützte den ſchwachen Freund, nun gings raſch hinauf, die Gänge durch, dann in den Hof hinab, in eine alte Rüſtkam⸗ mer, in der das Fenſter durch ein gebrochenes Gitter einen Ausgang ins Freie geſtattete. Die Freunde zwängten ſich mühſam durch. Als ſie ſich draußen befanden, dank⸗ ten ſie ihrer Befreierin noch einmal herzlich, und ſchli⸗ chen, längs des Grabenrandes, bis an eine, ihnen von Truden angedeutete, ſeichtere Stelle deſſelben; hier klet⸗ terten ſie mühſam hinab, und da die Erdwände meiſt voll Gruben und Löcher und nicht ſehr ſteil waren, ſo gelang es ihnen bald, die jenſeitige Wand hinanzuklim⸗ men und ſo ſchleunig als möglich ihre fernere Flucht fortzuſetzen. Trude hatte indeſſen Alles wieder geſchloſſen, und verbrachte den Reſt der Nacht nachdenkend an der Seite des ſchlummernden Kranken. Ein heiterer Sommermorgen war heraufgezogen, wie ein ſanfter Liebeshauch wehte ſein duftiger Odem über die Fluren dahin; die Sonne, in verjüngter Pracht einherziehend, wob ihr Strahlennetz über den ſchattigen Wald, deſſen luftige Bewohner in dem thauigen Laub koſeten und Kurzweil trieben, Unter einem mooſigen Baumſtamme ſaßen die bei⸗ den Flüchtlinge, raſteten von dem für Wohlmuth ſo angeſtrengten Gange aus, und verzehrten mit Wohlbe⸗ 53 hagen einen Morgenimbiß, den ſie freilich nur karg von einem Landmanne erhandelt hatten.— Nun gings an's Erzählen her; Einer theilte dem Andern ſeine Schick⸗ ſale mit. Die Erlebniſſe Wohlmuths waren ganz einfach; er brachte nemlich die ganze Zeit in dem Gefängniſſe auf Hohenberg zu. Schikentanz hatte ſich wenig ſeiner gekümmert, weil er armer Eltern Kind zu ſein angege⸗ ben; dagegen nahm ſich Trude des armen Jünglings an, und reichte ihm pünktlich Speiſe und Trank; auch geſtattete ſie ihm, in Abweſenheit des Ritters ſich ein wenig in freier Luft ergehen zu dürfen, und machte ſeine Lage ſo erträglich, als ſie es nur immer in einem Gefängniſſe ſein konnte.— Die Mittheilungen des Freundes boten ſchon mehr Abwechslungen dar. „Du wirſt Dich erinnern,“ erzählte Hannes,„daß ich in jenem unglücklichen Kampfe durch einen Schwert⸗ ſchlag zu Boden geſtürzt wurde, und, von den beuteſu⸗ chenden Feinden für todt gehalten, unbeachtet liegen blieb. Wie lange ich mich eigentlich in dieſem Zuſtande befunden, weiß ich nicht, aber als ich die Augen auf⸗ ſchlug, befand ich mich auf einem Lager, ein angeneh⸗ mes Lüftchen umfächelte meine Stirne, und umherbli⸗ ckend, ſah ich mich als den Bewohner eines recht 54 traulichen Stübchens und ein bejahrtes Weib an mei⸗ ner Seite.“ „Nun Gottlob, daß Ihr einmal erwachet und le⸗ bendig ſeid“ rief ſie freudig aus.„He Martin, ſpute Dich herein, der Kranke iſt nun munter. Ihr habt hübſch lange geſchlafen— aber wo bleibt nur mein Alter?— he Martin, alter Faulpelz, tummle Dich und konn' herein.“— „Nach einer Weile trat ein großer ſtarker Mann in die Stube, in dem ich zur größten Freude den Ziinmer⸗ meiſter Pachmüller, den Vetter meiner Grethe erkann⸗ te. Der Landmann hatte eine kindiſche Freude. Er war es, dem ich meine Rettung zu danken hatte, er hatte mich auf dem Schlachtfelde gefunden, erkannt und in ſein Haus gebracht. Frau Roſl verſteht ſich ein Bis⸗ chen auf Kräuter und begann die Heilung meiner Wun⸗ de, die nicht tödtlich war, indem der Stoß nicht tief in die Schulter drang. Verter Pachmüller wußte ſchon früher um mein Verhältniß zu Grethen, als ich mich daher auf dem Wege der Beſſerung befand, eilte er nach Wien, mein Herzliebchen davon in Kenntniß zu ſetzen; allein die Botſchaft die er mir von dorther brachte, war nur zum Theil eine fröhliche; Du warſt nämlich nicht rückgekehrt und Dein altes Mütterchen und Agnes waren deshalb untröſtlich. Der Herr Bürger⸗ r 55 meiſter, dem Du das Leben gerettet, fühle ſich Dir hoch verpflichtet und habe viel angewandt, Kunde von Dir zu erhalten; allein Alles vergebens. Agnes aber ließ mich bitten, nicht eher nach Wien rückzukehren, bis ich Dich aufgefunden, indem ſie für unſere Eltern und Grethe ſchon Sorge tragen wolle. Lange Zeit ver⸗ ſtrich, ehe ich recht geſundete, denn das Wundfieber hatte mich ſehr geſchwächt, auch wollte mich Vetter Pachmüller früher nicht entlaſſen, bis ich vollkommen hergeſtellt war. So machte ich mich denn verkappt auf die Wanderung, die mich endlich nach langer Dauer mein Ziel erreichen ließ. So nahe an Wien, habe ich die Stadt noch nicht betreten, denn ich hatte mir's im Stillen gelobt, nicht eher einzuziehen, als bis ich we⸗ nigſtens eine ſichere Kunde von Dir erhalten haben würde. Welche Freude, lieber Wohlmuth, wenn wir Beide wohlbehalten wiederkehren.“ Die beiden Freunde umarmten ſich heiter im Vor⸗ gefühl noch größerer Wonnen; die Zukunft lag als ein ſchöner Liebesgarten vor ihnen, der ihre heißgeſonnten Wangen kühlen, dem lang gequälten Herzen endlich Erfriſchung bringen ſollte. Jeder von ihnen träumte ſchon die entzückendſten Scenen, bald an der Seite der Eltern, dann wieder in den Armen der Geliebten; ſie beſprachen ſich ſchon, auf welche Weiſe ein Jeder die 56 Mädchen überraſchen wolle, um ihre nicht geahnte Rück⸗ kunft recht mit Herzensluſt und zeugenlos feiern zu können; vertieft in die von Götterwonne erleuchteten Bilder, achteten ſie der herrlichen Fluren nicht, über welche ſie hinwan⸗ derten und vergebens rauſchte der Donauſtrom majeſtätiſch an ihrer Seite, vergebens ſandte der waldige Berg ſeinen Ambrahauch, vergebens trillirten die luftgewohnten Sänger über ihren Häuptern. Auf Burg Hohenberg ereigneten ſich an eben dem⸗ ſelben Morgen ganz andere Scenen. Als Schikentanz erwacht war, fand er Blaſenfeld und Trude an ſeinem Lager, die ihn nun der herannahenden Geneſung halber beglückwünſchten, und ihre Freude darüber äußerten. Schikentanz aber achtete deſſen wenig, ſondern forſchte ſogleich nach dem Mönche. „Das wird Blaſenfeld wohl wiſſen,“ erwiederte Trude gelaſſen,„denn geſtern nach dem Imbiß nahm ihn der Ritter mit ſich auf ſein Gemach.—“ „Donnerwetter!— Trude,“ rief der Angeſchuldigte erſchrocken„biſt Du von Sinnen?—“ „Ihr werdet Euch deſſen noch erinnern,“ erwiederte die Dirne keck,„da wir den Tiſch verließen, nahmt Ihr den Mönch am Arme, und zoget ihn mit Euch fort, indem Ihr ausrieft:„Komm' mit Brüderlein! Du haſt meinen Schikentanz geſundet, ſollſt mein Lager mit mir theilen.“ Blaſenfeld war ganz verblüfft. Er riß Mund und Augen auf und ſchaute mit einem nichtsſagenden Blick auf Schikentanz, dieſer aber ergrimmte gewaltig:„Ver⸗ dammter Trunkenbold! wo iſt der Mönch? Schaff' mir ihn zur Stelle, ſonſt erwürg' ich Dich.“ Blaſenfeld durchſtöberte alle Räume der Burg; allein vergebens— der Mönch war nirgends zu finden. Schikentanz überdachte die ganze Geſchichte und es fiel ihm auf, daß der Mönch ſo hinterliſtiger Weiſe die Flucht ergriffen hätte; da erinnerte er ſich plötzlich des Gefangenen in ſeinem Verließe— ſollte dieſer vielleicht gar in irgend einer Verbindung mit dem ganzen Vorfalle ſtehn?— Der Gedanke fuhr wie ein Blitz durch ſein Gehirn und er befahl, ſchnell den Gefangenen herauf⸗ zubringen. Blaſenfeld, froh darüber, die Aufmerkſamkeit Schikentanz's auf einen andern Gegenſtand geleitet zu ſehen, eilte raſch in das Verließ hinab, denn wie er meinte, wollte der Erzürnte an dem Gefangenen ſeine Wuth kühlen, und verſprach ſich dadurch eine baldige Verſöhnung mit dem Freunde; allein wie vom Schlage gerührt ſtand er, einer Bildſäule gleich, in dem leeren Kerker. „Donnerwetter,“ brüllte er nach einer Weile,„der 58 Mönch war der Teufel ſelbſt, oder wenigſtens ſein Stiefſohn.“ Mit einem Armenſündergeſicht erſchien er vor dem Kranken; dieſer witterte Unrath.„Blaſenfeld“ kreiſchte er bebend„wo iſt der Gefangene?“ „Entflohen!“ brummte dieſer. „Alle Teufel über Dich“ zeterte der Andere, kann nicht ſein! Zündet Fackeln an, durchſucht Alles, ſie müſſen da ſein— der Gefangene und der Mönch.—“ Die Befehle wurden vollzogen, allein Alles blieb fruchtlos; nach geraumer Weile erſchien Blaſenfeld wieder vor dem Krankenlager. „Bruder Schikentanz“ ſprach er,„laß mich ernſt mit Dir ſprechen, dann handle wie's Dir gut dünkt; ich habe Urſache zu glauben, daß hier Uebernatürliches obgewaltet. Ich hab' den Mönch zu mir genommen, er hat mir wahrſcheinlich die Schlüſſel geſtohlen; aber ſag' mir: wie konnte er, der in der Burg Unbekannte, in der Nacht das Verließ finden? und wie endlich ſammt dem Gefangenen aus der Burg entkommen, ohne etwa durch die Lüfte gefahren zu ſein? Und ſcheint es Dir nicht ſonderbar, daß Dein Gepreſte ſo auf einmal mir nichts Dir nichts gebannt iſt? Ich erinnere mich auf den Kerl, wie er ſich immer feſter in die Kutte hüllte, damit man ihm ja nicht in's Geſicht ſchauen könne; das fällt mir 59 jett erſt Alles auf, und ich muß Dir meine Meinung ſchon g'rad heraus ſagen: ich verwette meinen Schädel ſammt und ſonders, daß der Mönch Niemand anders als der leibhaftige Teufel geweſen!“ Schikentanz fuhr bei dieſen Worten zuſammen. Blaſenfeld, theils ſelbſt dieſe Meinung hegend, theils aber den Aberglauben ſeines Freundes kennend, nahm zu dieſem Bekenntniß ſeine Zuflucht, um das Gewitter von ſich abzuleiten. Nach einer Weile Stillſchweigens fuhr er wieder fort: „Um dieſe meine ſothane Meinung zu bekräftigen, kann ich Dir gleich einen Beweis geben, daß der Ge⸗ fangene dem Böſen verſchrieben ſei. Bei Durchſuchung des Verließes iſt dieß Büchlein gefunden worden, wel⸗ ches, mit Blut geſchrieben ſelbiges Geſchrift iſt, das jeder arme Sünder als Vertrag dem Böſen ausſtellen muß, und welches nun, da er von ſelbigem geholt wor⸗ den, rückgelaſſen wurde. Schikentanz nahm ſtaunend das Büchlein, wel⸗ ches mit rother Dinte geſchrieben und ein Familiengut der Witwe Kathrei war; es befanden ſich darin Ge⸗ bete und andere Familien⸗Geſchichten angemerkt, die ſorgſame Mutter hatte es Wohlmuth gleichſam als Schutz gegen iedes Gefährdniß mitgegeben. Schiken⸗ 60 tanz, der ſich ein wenig auf's Leſen verſtand, durchblät⸗ terte es. „Dummbart,“ grollte er dem Blaſenfeld zu,„das iſt ein heilig Büchlein und keine Teufelsverſchreibung. Doch was iſt das?“ Er las:„Gerhard Halleiner, Fi⸗ ſcher im obern Werd, hat ſeinem Weibe Kathrei am Sonntage Judita im Jahre des Herrn 1463 ein Söhn⸗ lein ins Haus gebracht, und es Wohlmuth be⸗ namſet!“ Bei den letzten Worten verſagte ihm die Stimme ſchier ganz.„Alle Teufel,“ brüllte er außer ſich,„der Gefangene war der Knabe, den ich hätte morden ſel⸗ len!“— dann ſank er erſchüttert zuſammen. Der Söldnerhauptmann. Jahre ſind verfloſſen, ſeitdem wir Schloß Ebersdorf zum erſten Mal betreten, nun kehren wir wieder in dasſelbe, freilich nur auf kurze Zeit, zurück. Die ver⸗ witwete Freifrau lebte froh und glücklich„ und wären äußere Unruhen und Feindesgefahr nicht zu befürchten geweſen, es würde ihrem Glücke nichts gemangelt ha⸗ ben. Seit jenem mörderiſchen Angriff auf ihr Leben war Herr Ulrich verſchwunden, und keine Spur zeigte von ſeinem Daſein: Frau Elsbeth hatte aber die Sache nicht ſo ruhig dahin gehen laſſen, ſondern eine Klage beim Stadtgeding eingereicht, die natürlich, da der Beklagte abweſend war, bis zur Zeit weder aufgenommen, noch verhandelt werden konnte. Indeſſen zufrieden damit, ſeiner drückenden Gegenwart los geworden zu ſein, lebte ſie ungefährdet, und Jaroslaus war die Sonne, die ihren Lebenspfad erhellte. Der Geheimſchreiber hatte ſich die innigſte Freundſchaft der geliebten Herrin errungen, 9 9 62 und es entſtand zwiſchen ihnen ſo ein zutrauliches Ver⸗ hältniß, als es nur immer zwiſchen zwei tugendhaften Seelen der Fall ſein kann. Er ſchien nur für ſie zu le⸗ ben, nur für ſie da zu ſein, die Scheidewand zwiſchen ihnen war ſchon längſt gefallen, und jeder Unbekannte würde ſie für liebende Geſchwiſter gehalten haben. Die Dame handelte ganz nach ſeinem Willen, und da ſie ſeine Geiſtesüberlegenheit nur zu ſehr anerkannte, voll⸗ zog ſie jeden ſeiner Rathſchläge. Jaroslaus mochte der Abweſenheit Ulrichs nicht trauen, deßwegen wurde die größte Vorſicht noch immer nicht außer Acht gelaſſen, um das Schloß vor jedem gähen Ueberfalle ſicher zu ſtellen. Freilich hatte dieſes Verhältniß auch manches Drückende, denn dem Wunſche, ſich gegenſeitig ganz zu beſitzen, ſtand noch immer das alte Hinderniß ent⸗ gegen; allein man hoffte auf glückliche Aenderung des Schickſals, und genügte ſich indeſſen mit der auch nicht freundlichen Gegenwart. An einem Vormittage langte ein reiſiger Zug vor dem Schloſſe an, und begehrte Einlaß. Da ſich an der Spitze desſelben Herr Stephan Oen, der Wiener Bür⸗ germeiſter, befand, ſo wurden demſelben die Thore ſogleich aufgethan und die Angekommenen ritten ein. Der Amts. herr allein ſtieg vom Roße, und eilte die Schloßſtiege hinan, während die Uebrigen im Hofe ſeiner harrten, denn ſie waren nur berittene Stadtſöldner, die er ſeiner Sicherheit halber mit ſich genommen hatte, weil in den unruhigen Zeiten, keine Straße von böſen Geſellen leer blieb, die nicht nur nach dem Gute wehrloſer Reiſenden geitzten, ſondern auch keines Menſchenlebens ſchonten, beſonders wenn es einem ongeſehenen Stadtherrn zu⸗ gehörte. Elsbeth empfing den Amtsherrn in ihrem Kloſett, ganz ſeiner hohen Stellung würdig, und wähnte nichts Anderes, als daß derſelbe in Betreff ihrer ſchon längſt ein- geſandten Flage hieher gekommen ſei; allein das tief⸗ bekümmerte Antlitz des Herrn von Den machte ihre Meinung wieder ſchwankend, und änderte ſie dahm, daß er eines ihn ſelbſt belangenden Gegenſtandes halber an⸗ gelangt ſein möge. Dieß Letztere war auch der Fall. „Frau Elsbeth“ ſprach der Herr von Oen mit dü⸗ ſterer Stimme,„ich bin ein ſeltener Gaſt auf Euerm Schloße und ich wünſchte, daß ich es in ſolcher An⸗ gelegenheit nimmer hätte betreten dürfen.“ Die Dame erſchrack gewaltig ob dieſer Anrede. „Ihr erſchreckt mich, Herr Bürgermeiſter,“ erwie⸗ Derte ſie verlegen„bringt Ihr mir böſe Kunde?—30 bin auf Alles gefaßt.“ „Euch belangend nicht,“ verſetzte der Amtsherr, 64 vaber mir, liebe Frau, iſt groß Herzleid widerfahren. Sagt mir doch, habt Ihr Euern Schwager ſeit lange nicht geſehen?“ „Seit jenem mwörderiſchen Angriffe auf mein Le⸗ ben!“ entgegnete die Freiin gepreßt. „Habt Ihr auch keine Kunde von ſeinem Aufent⸗ halte?“— „Nein, er iſt ganz verſchollen.“— „Sonderbar,“ ſeufzte er,„alſo auch dieſe Muth⸗ maßung wäre falſch. Ich darf doch Euern Worten trauen, Frau Elsbeth?“— „Ich bin zwar nur ein Weib,“ erwiederte die Dame faſt gekränkt,„allein meine Ehre in dieſer Be⸗ ziehung iſt mir eben ſo heilig, wie die eines Mannes; überdieß, Herr Bürgermeiſter, kennt Ihr ja das Ver⸗ hältniß, in dem ich zu meinem Schwager geſtanden; es war kein freundſchaftliches—“ „Was Euch gewiß nicht zur Unehre gereicht,“ un⸗ terbrach ſie Herr von den,„doch— da ich ſchon hier bin, will ich nicht ganz umſonſt gekommen ſein. Hört mich an liebe Frau. Es wird Euch wohl bekannt ſein, daß Euer Herr Schwager vor langer Zeit um die Hand meiner Tochter geworben, er faſelte mir vor, daß Ihr einem Ritter,— ſein Name iſt mir entfallen— Euere Hand reichen würdet, und ihm dadurch Schloß Ebersdorf ——„„ 65 zu eigen werden ſollte; ich ſagte ihm das Mädchen zu, je⸗ doch unter der Bedingung, wenn es auch ihr eigener Wille ſein ſollte. Nun aber wollte Agnes von einer Ver⸗ bindung mit ihm nichts wiſſen, und beſchwor mich wei⸗ nend, ſie lieber zu tödten, als Herrn Ulrich zum Weibe zu geben. Auf dieſe Art zerſchlug ſich die Sache, und Euer Herr Schwager ließ ſich fürder nicht ſehen. Nun bricht das böſe Gepreſte in der Stadt los. Um wenigſtens mein Kind zu wahren, ſende ich es ſammt Bedienung nach unſerem Weingarten, weil derſelbe, ganz einſam gelegen, einen viel geſünderen Aufenthalt darbietet— mich aber hielten wichtige Amtsgeſchäfte in der Stadt zurück. Da wird mir plötzlich die Nachricht, Agnes ſei verſchwunden. Dieſe Schreckensbotſchaft brachte mich auch ſchier auf's Krankenlager, denn, wie Ihr wißt, iſt ſie mein einzig Kind; ich bin ein alter Mann und habe auf dieſer Welt Niemanden, denn ſie. Ich ließ überall in der Gegend ſuchen, herumſtöbern und kund⸗ ſchaften, jedoch Alles blieb erfolglos. Die verwirrten Zeitläufte machen die Umſtände noch ſchwieriger, denn man weiß nicht, wohin man ſich wenden, auf wen man Verdacht werfen ſollte. Da fiel mir auch Herr Ulrich bei, er iſt ein böſer, heimtückiſcher Mann.— Wer eine nahe Verwandte mit Mord bedroht, iſt auch eines ſol⸗ chen Bubenſtückes fähig, darum meinte ich bei Euch 6 66 Erkundigungen einzuziehen; vielleicht habt Ihr etwas von ihm in Erfahrung gebracht.“ „Gewiß nicht, edler Herr“ erwiederte die Freifrau theilnahmvoll.„Die Wege und Schliche meines Schwa⸗ gers, die, wie ich nun zu vermuthen beginne, von jeher nicht die tugendhafteſten und redlichſten geweſen ſein mö⸗ gen, waren mir immer unbekannt, ganz natürlich: Menſchen ſolches Gelichters ſchleichen im Verborgenen wie heimtückiſche Schlangen, um die Pfade unſchuldi⸗ ger Menſchen zu begeifern und zu vergiften; ich will jedoch auch hier in die Umgegend Kundſchafter ſenden, und jede PVorfallenheit Euch getreulich vermelden laſſen. „Thut das, liebe Frau,“ ſprach der Bürgermeiſter bittend,„ich will Euch für Euere Mühe großen Dank ſchulden. Was Euere gerechte Klage anbelangt, ſoll ſie, ſobald dieſe argen Kriegsbedrängniſſe beſeitiget ſind, hervorgeſucht werden, und wenn auch der Beſchuldigte ſich bis dahin dem Gerichte nicht geſtellt, ſo ſoll doch das Recht geſprochen werden. Ehe ich von Euch ziehe, noch Etwas. Wie Ihr wißt, ſteht uns bald feindlicher Beſuch bevor, wir wollen ihm einen tüchtigen Empfang bereiten, und haben beſchloſſen, ſo lang auszuharren, bis kaiſerliche Majeſtät uns die verſprochene Hilfe ſen⸗ det. Es liegt daher im Vortheile der Stadt, daß die 67 zunächſt liegenden Schlöſſer und Burgen, ſo lange, als nur immer möglich, Widerſtand leiſten ſollen, weil man dadurch Zeit gewinnt, und der Feind ſich ſobald der Stadt nicht nähern kann. Wir wollen Euch daher einen Haufen Söldner zur Verſtärkung ſenden; es ſind ta⸗ pfere Burſche, die ſchon manchen Strauß mitgefoch⸗ ten, ſie werden Euch getreulich dienen— verſteht ſich von ſelbſt, daß ſie aus unſrem Säckel beſoldet wer⸗ den.— Die Dame dankte der Sorgfalt der Stadtherren, und verſprach ihr Eigenthum nach Kraft und Möglich⸗ keit zu ſchützen; ſomit entfernte ſich Herr von Hen, etwas heiterer, als er gekommen war, drückte der ſchö⸗ nen Freifrau beim Abſchiede einen Kuß auf die Stirne und liſpelte ihr leiſe zu:„Wollt Euch aber in Acht neh⸗ men, holde Dame, denn der Hauptmann, der mit ſei⸗ nem Fähnlein herauskommen ſoll— verſteht ſich erſt dann, wenn's die Noth erfordern wird— iſt ein junges Blut, ſchön wie ſonſt Keiner, und tapfer auch dabei, hat mir das Leben gerettet und kann Euerem Herzen ge⸗ fährlich werden, drum— Ihr wißt ſchon, was ich zu ſagen gewillt bin.“ Frau Elsbeth erröthete bis in die Fingerſpitzen, der Amtsherr lächelte wehmüthig, ſchwang ſich rüſtig auf ſein Roß, und trabte von dannen. 68 Die erhaltenen Nachrichten verurſachten eine lange Berathſchlagung mit ihrem Freunde, und Jaroslaus behauptete mit Gewißheit: daß Niemand, als Ulrich, die Bürgermeiſterstochter geraubt haben könne; auf recht⸗ lichem Wege würde er die Hand der Jungfrau nie er⸗ langt haben, deßwegen habe er zu dem Bubenſtücke ſeine Zuflucht genommen. Es wurden auch einige vertraute Fnechte ausgeſandt, die Gegend, beſonders die einſam liegenden Gehöfte und Landwohnungen zu durchkund⸗ ſchaften, allein ſie kehrten unverrichteter Sache zurück. Nun wurde Alles zur kräftigeren Vertheidigung des Schloſſes anbefohlen, Mundvorräthe geſammelt, die Gräben tiefer gegraben, ſchadhafte Mauern ausgebeſ⸗ ſert, der Brunnen ſtark eingedeckt, die Waffen vermehrt und geſchärft, die Stuben für die beſprochenen Stadt⸗ ſöldner zu Wohnungen hergerichtet, die Thore mit Ei⸗ ſenbändern verſtärkt, die Schießlöcher ausgeraumt. Ja⸗ roslaus ordnete Alles mit Klugheit und Umſicht an, er befahl, rieth, half und war überall, wo man ſeines Rathes bedurfte; dann wurden die Söldner und Knechte in den Waffen geübt, der Schloßhof glich einem kleinen Kriegsſchauplatze; Bogenſchießen, Speerwerfen, Lan⸗ zenſtechen, Alles wurde eingeübt, auch der Feuerge⸗ wehre wurde nicht vergeſſen. Die Freifrau blickte mit Wohlgefallen auf das geräuſchvolle Treiben hinab, und te w a 600 S. de 69 ſo lächerlich die bewaffnete Geſtalt des Geheimſchreibers jedem Andern vielleicht gedäucht haben würde, indem man ſo einem kleinen Männlein wenig Kraft zutrauen mochte, ſo ſchien er ihren Blicken ein ſchützender Genius zu ſein, der über ihr Wohl wachend, ſich ihrem Beſten opfernd, dafür auch ihre Freundſchaft im vollkommenen Maße verdiente; die er aber auch ſchon in ſolchem Grade errungen hatte, daß man ihr— bei reiflicher Erwä⸗ gung,— wohl ſchon einen andern Namen, als den der Freundſchaft, hätte beilegen können.— An demſelben Vormittage trippelte ein altes Müt⸗ terchen von dem Graben gegen die Stephanspfarre; un⸗ weit vom Freithofe, der zu jener Zeit an dieſe noch angränzte, begegnete ihr ein anderes altes Weib, wel⸗ ches, kaum daß es jener anſichtig wurde, ein freudiges Zetergeſchrei ausſtieß, dann ihr um den Hals fiel, und beinahe zu weinen begann. „Du lieber Himmel!“ rief ſie,„wer hätte ge⸗ dacht, daß wir uns je wieder begegnen, Frau Kathrei? Sinds doch ſchon über— über— nun wie viel Jährchen werdens wohl ſein, daß wir uns nicht geſehen?“— „Ich glaube, zwanzig,“ erwiederte die Angeredete, „ei, Du lieber Lazarus, die Zeit verſtreicht, wie ein Windſtoß; Wälder und Berge begegnen ſich nimmer, Menſchen aber treffen ſich immer.“ 70 „Ach,“ ſeufzte die Andere,“ Frau Kathrei, was waren das für Zeiten, als wir im obern Werd noch Nachbarinnen geweſen, und junge, ſchmucke Männer hat⸗ ten. Euer Gerhard, mein Niklas, ſie ſind geſtorben, der Himmel ſchenke Beiden eine glückliche Urſtänd; wir aber leben noch, um ſo arge Zeitläufte zu er⸗ fahren.“ Kathrei wiſchte ſich die Augen:„Ja, meine liebe Frau Nachbarin,“ entgegnete ſie,„was geweſen, iſt vorbei, die Welt iſt ärger und ſchlechter geworden, man kommt aus dem Regen in die Traufen, muß man Bet⸗ telleuten'sBrod abkaufen.“ „Ja kaufen? Woher nehmen und nicht ſtehlen.— Wenn man auch einige Pfenige hat, von wem wollt Ihr kaufen? Leidet doch die ganze Stadt Mangel. Schaut Euch nur um, liebe Kathrei, heute iſt kleiner Markttag, aber wie viel Seelen ſind auf dem ganzen Platze? Eins, zwei, drei, vier, uns mit gerechnet, höchſtens zwölf; wie traurig und armſelig ſchleicht Alles daher— wo ſind die Küchenmägde mit den vollen Körben, wo die Bür⸗ gersfrauen, die da gewöhnlich zu Markte kommen? Al⸗ les iſt leer und öde, das Brod koſtet bei zwanzig Pfen⸗ nige, das Fleiſch zehn, eine Henne vierzig, ein Ei zwei, Siſt unerhört! Wo ſo viel Geld hernehmen? Wir ⸗ſind übel dran liebe Kathrei.“ —————— 71 „Das hab ich ſchon lang geſagt,“ fuhr dieſe fort, „und wer trägt Schuld daran? die böſen Ungarn, der Teufel ſoll ihre Schnauzbärte holen! Ei Du lieber La⸗ zarus, vergib mir dieſen Fluch; aber die Katz läßt nicht das Mauſen, Narren ſollt' man mit Kolben lauſen.“— „Ja, wo wollt Ihr den Kolben hernehmen, um 50,000 ungariſche Schädel einzuſchlagen, die härter denn Eiſen ſind?“— „Laßt's nur gut ſein, Frau Nachbarin,“ tröſtete Ka⸗ threi„warme Sonne bringt Saat, kommt die Zeit kommt auch der Rath; kommt erſt das Aergſte herbei, ſo bricht Noth auch Eiſen entzwei. Narren gibts immer genug, durch eigenen Schaden wird man klug.“ Eine Weile ging das Slagen ſo fort, auf einmal fiel's der Nachbarin ein, daß ſie nach Hauſe müſſe, und ſie begannen Abſchied zu nehmen, welches wieder eine Weile währte, endlich trennten ſie ſich. Wohlmuths Mütterchen hatte ſchon bei zwanzig Schritte vorwärts gethan, als ſie plötzlich hinter ſich rufen hörte:„He, Frau Kathrei, wartet doch ein wenig, bald hätte ich das Wichtigſte vergeſſen. Du lieber Himmel, das wär' ſehr dumm geweſen, aber wir ſind nur Menſchen, und noch dabei ſchwache Weiber, ich hab' Euch was zu ſagen.“ Während dieſer Worte der Nachbarin vom obern Werd ſtanden ſich die Weiber wieder ſo, wie früher, ge⸗ genüber, und Kathrei horchte der erneuerten Anrede der redſeligen Alten. „Das Beſte hätt ich bald vergeſſen, aber Ihr nehmts nicht übel, liebe Kathrei, daß ich Euch noch ein Weilchen aufhalte, aber— durch das frühere Geſpräch hab' ich mich deſſen nicht erinnert. Vor einiger Zeit kommt ein Weibsbild zu mir in die Stube, eine lange dünne Perſon, nicht alt, nicht jung, aber liederlichen Anſehens und gefährlichen Benehmens, und dieſes Weibsbild hat nach Euch gefragt.“ „Ei, Du lieber Lazarus,“ rief Kathrei erſtaunt,„hab' ich doch mein Lebtag mit keinem liederlichen Weibsbilde was zu thun gehabt.“ „Das, liebe Frau Kathrei, weiß ich am beſten, auch hat ſie eigentlich nicht nach Euch, ſondern nach Euerm ſeligen Gerhard geforſcht; nun der iſt ſchon lange todt, und das Weibsbild kann höchſtens zehn Jahre älter ſein.“ Der alten Kathrei fiel ein Stein vom Herzen, und die Nachbarin fuhr fort:„Als ich obbeſagter Weibs⸗ perſon berichtete, daß Euer Mann geſtorben und Ihr vor das Widmerthor gezogen wäret, begann ſie nach einem Knaben zu forſchen, den ihr—“ * 73 „Etwa gar nach meinem Wohlmuth,“ platzte Ka⸗ threi heraus. „Ja, ja,“ beſtätigte die Andere,„Wohlmuth hat ſie ihn genannt, aber ich konnte ihr keine Auskunft ge⸗ ben ob ſelbiger noch am Leben ſei oder nicht, denn durch ſo langen Zeitraum kann ſich gar Vieles ändern; auf dieſes entfernte ſich ſothanes Weibsbild, ohne„Ja“ oder„Nein“ zu ſagen, und ich hab' mir vorgenommen, es Euch zu wiſſen zu machen, aber ich wußte nicht, wo Ihe hauſet, oder ob Ihr noch am Leben ſeid, ſo mußte ich's auf die lange Bank ſchieben.“ „Ei Du lieber Lazarus,“ erwiederte Kathrei be⸗ † kümmert„große Dieb' läßt man laufen, kleine werden gehängt, lang geborgt iſt auch nicht geſchenkt, weiß man nur: wo's Ein'n im Bauch' zwickt, ſo weiß man auch, wo ihn der. Schuh, drückt;— grell Licht, die Augen ſticht; siſt Nichts ſo fein geſponnen, skommt doch an die Sonnen.“ Nach dieſem für die Nachbarin unwerſtändlichen Sprüchleinerguß entfernte ſich Kathrei ſchleunig in die — Kirche, und Jene mußte erſtaunt und neugierig von dan⸗ nen ziehen, ohne die gehoffte Aufklärung erhalten zu haben. Wien M. 74 Wenn neben dem ſorglos dahin pilgernden Wan⸗ derer aus heiterem Himmel ein Gewitterſchlag hernieder fährt, und eine Eiche zerſchmettert, unter deren Schat⸗ ten er zu ruhen gewillt war, ſo wird ihn vorerſt ge⸗ waltiger Schrecken überwältigen, dann aber über ſein Mißgeſchick tiefe Trauer beſchleichen, das ihm den küh⸗ lenden Schatten nicht gönnte, und ihn gerade deſſen in dem Augenblicke beraubte, als er ſich in ſeinen Bereich begeben wollte. So war's bei Wohlmuth. Mit den blühendſten Hoffnungen aus der Gefangen⸗ ſchaft anlangend, durchtobte nun die langbekämpfte Sehnſucht nach der Geliebten feinen Buſen ſtürmiſch und zügellos; was waren alle Freuden, die ſeiner warteten, was war die Freude des Wiederſehens feines alten Müt⸗ terleins gegen jene beſeligende Wonne, die er durch das Wiederſehen der Geliebten empfinden ſollte! Zwar herzlich, doch ohne Jubel drückte er die alte Kathrei an ſich; der Thurner hatte mit ſeinem Hannes zu thun. Nicht lange jedoch duldete es Beide in den engen Räumen, es zog ſie hinaus, in die Nähe derer, denen ihr Herz, ihr Leben zugehörte. Der Abend zog heran, und ſie um⸗ ſchlichen das Haus. Hannes war der Glücklichere, er be⸗ kam Grethe bald zu ſprechen, und erfuhr aus ihrem Munde die Schreckensbotſchaft, daß Agnes geraubt ſei. Wohlmuth war beim Anhören derſelben wie vem 75 Schlage gerührt. Der ſonnige Himmel ſeiner Liebe war plötzlich mit finſteren Wolken umhangen, die Freude verſtummte, und der Schmerz mit dem ganzen Gefolge ſeiner Qualen und Leiden zog dräuend einher. „Heiliger Gott!“ rief Wohlmuth, zitternd vor Schrecken,„iſt es wahr, Hannes, was Du geſprochen, hab ich recht gehört, oder waren es nur Schlangenlaute, die an mein Ohr ziſchten? Agnes nicht hier, ſpurlos verſchwunden, geraubt— vielleicht ſchon todt— o dann möcht ich ſie nicht überleben.“ Hannes tröſtete den Un⸗ geſtümen, allein ſeine Ermahnungen blieben fruchtlos, „ er vermochte nur das Eine zu faſſen, nur der Gedanke, daß ihm Agnes, ſeine Liebe und ſein Leben zugleich ent⸗ riſſen ſei, erfüllte ſeine Seele, und verdrängte alle andern Bilder. Verzweiflungsvoll ſtürmte er von dannen, und— Hannes, der das Geführliche in dieſem Augenblicke, den Freund allein zu laſſen, einſah, folgte ihm nach. Selb⸗ ander eilten ſie nun in den Weingarten des Bürger⸗ meiſters, und der alte Hämmerlin verwunderte ſich baß, zwei ſo ungeſtüme Gäſte einherbrauſen zu ſehen; doch „ ſein noch ungetrübtes Auge ließ ihn gleich Wohlmuth erkennen und eine Mitleidsthräne beſchlich die runzlige Wange des Winzers, der ſich nun um ſo lebhafter ſei⸗ ner geliebten Herrin erinnerte. „Gott zum Gruß, lieber Junker!“ rief er Wohl⸗ * 76 muth entgegen,„endlich ſeid Ihr da, hab' ſchon Eurer geharrt, denn wenn Ihr das Fräulein nicht ausgattert, ſo findet ſie Keiner mehr, denn die Minne ſieht weiter, als alle Andern, und in der Nähe der Huldin hämmert das Herz gewaltiger, denn je. Der Bitte Wohlmuths, ihm den Verlauf der Be⸗ gebenheit zu berichten, Folge leiſtend, begann der Alte: „Was läßt ſich da erzählen? Du lieber Himmel, Alles kam ſo plötzlich, daß wir gar nicht wußten wie. Der gnädige Hert hat das Fräulein, Grethe und noch zwei Diener heraus geſchickt, weil in der Stadt der ſchwarze Tod wüthete; das Fräulein und die Gürtelmagd wohn⸗ ten in der vordern Stube, und die beiden Männer bei mir drüben; ich aber hielt in der Nacht immer fleißig Wacht draußen, denn der Weindiebe gibt's jetzo weniger, denn der Mörder und Räuber. Einige Wochen iſt's recht gut gegangen, das Fräulein war vergnügt und munter, und verplauderte manches Stündlein mit mir und der Grethe. Endlich fällt ihr eines Abends ein, ſie wolle das Wäld⸗ chen da unten beſuchen, der Mond ſcheine ſo hell und es wandle ſich viel angenehmer im ſilbernen Schimmer. Der liebe Himmel weiß, welch' böſer Geiſt dem Fräu⸗ lein dieſen verlockenden Gedanken eingegeben hatte. Ich redete ſie ab: bei ſo böſen Zeitläuften, ſagte ich, könne 77 man nicht genug die Stube hüthen, allein das Alles nützte nichts, ſie huſchte mit der Gürtelmagd hinab. Kaum waren ſie fort, ſo nahm mich einer der Diener bei Seite, und liſpelte mir ins Ohr, daß ich das Fräu⸗ lein ja ſchnell zurückrufen möge, er traue ſeinem Kame⸗ raden nicht, der ſchon ſeit einigen Tagen viel heimlich thue, ſich des Nachts vom Lager entferne, mehrere Stunden draußen weile— und mehr dergleichen ſaubere Geſchichten.„Das hätteſt Du mir früher ſagen ſollen,“ rief ich dem Geſellen unwirſch zu; ſtraks hatten wir uns bewaffnet und folgten den Frauenzimmern nach, da drang Weibergeſchrei herüber.„Donnerwetter*s gibt Unglück!“ rief ich voll böſer Ahnung, wir ſtürmten der Gegend zu, woher der Lärm gekommen war, allein ſchon ſtürzte uns die Gürtelmagd entgegen und kreiſchte uns die Hiobsbotſchaft zu: daß ein Vermummter das Fräulein geraubt habe, und ihr mit dem Tode gedro⸗ het, wenn ſie nicht ſchweige. Wir ohne ſie anzuhören, raſch hinten nach, allein Alles war umſonſt. Der Räuber mußte die Gegend wohl gekannt haben, er hat ſich ge⸗ wiß verſchloffen, oder hat auf ſchnellem Roße ſammt ſeiner Beute Reiß aus genommen. Der ſaubere Diener aber ließ ſich nicht mehr ſehen, und hat, wie wir ſpäter merkten, des Fräuleins Schmuck und Kleiderwerk ſchon früher auf die Seite zu ſchaffen gewußt, um ſie als Eigenthum an ſich zu bringen, oder um uns weiß zu machen, als ob die Entführung des Fräuleins eine frei⸗ willige Flucht geweſen ſei.“ Der Erzähler ſchwieg. Wohlmuth von Gedanken durchſtürmt, vermochte in dieſem Irrniß keinen ſichern Pfad zu finden, er dankte dem Wintzierl für die erhal⸗ tene Kunde, und entfernte ſich nebſt Hannes aus dem Garten. Wer ſo, wie Wohlmuth, vom Gipfel ſeines Glückes plötzlich hinabgeſtürzt, der beſſeren Ueberlegung un⸗ fähig, am Rande einer Fluft ſteht, deren Tiefe zu ermeſſen er nicht vermag, wird die Qualen leicht erwä⸗ gen, die der Jüngling in derſelben Nacht empfinden mochte. Verzweiflungsvoll warf er ſich auf's Lager, die Seele von wirren Bildern unflort; bald ſah er die Ge⸗ liebte todt in den Armen des gierigen Räubers, bald wieder hilfelos und vergebens mit dem Unheimlichen rin⸗ gend, der ſich ihm ſtets als ein böſes Geſichte darſtellte. Endlich ermattete die Einbildungskraft; ſie vermochte nicht mehr ſo deutlich, wie früher, die Geſtalten auszu⸗ prägen, die Seele ermattete unter der gewaltigen An⸗ ſtrengung, die Kräfte verließen den Körper, und er ver⸗ ſank in jenen unerquicklichen Schlummer, der zwiſchen Schlaf und Wachen die Mitte haltend, weder dem Ei⸗ nen, noch dem Andern zugezählt werden kann. Mit den folgenden Tagen legte ſich der rieſige Sturm, und ein ſtiller, aber um ſo gefährlicherer Schmerz trat an ſeine Stelle. Traurig und leidend, wurde Wohl⸗ muth für alles Andere fühllos; ſelbſt die Ernennung zum Söldnerhauptmann vermochte nicht Freude in ſei⸗ nem Herzen rege zu machen, und der dankbare Bürger⸗ meiſter überſah, ob eigener Betrübniß, jene des neuen Hauptmannes. Auch Hannes war nicht vergeſſen wor⸗ den, er erhielt ebenfalls ein Fähnlein der Stadtſöldner; ihm fehlte nichts zu ſeinem Glücke, als eine wohlthä⸗ tige Aenderung in der Lage ſeines Freundes. Daß Mut⸗ ter Kathrei tauſend und tauſend Thränen vergoß, läßt ſich leicht denken, allein der Hauptmann blieb unge⸗ rührt— wenn die Sonne erſcheint, erlöſchen die Sterne, wenn ein gewaltiger Schmerz den Buſen durchzieht, bleibt ein minderer ſpurlos. „Ach!“ ſeufzte Wohlmuth oft,„wär ich auf Ho⸗ henberg im Gefängniſſe geblieben und hätte von dem Unheil nichts erfahren! Ach, wie glücklich war' ich dort, ſo lange ich Agnes im väterlichen Hauſe dachte, und nun— nun— es iſt ſchrecklich!“ Auf dieſe Weiſe verſtrichen wieder einige Wochen, und Wohlmuth war ſchon gefaßter, mit ſeinem Freunde Hannes über den Vorfall zu ſprechen und des Rathes zu pflegen. So viel glaubten ſie gewiß, daß die Entfüh⸗ 80 rung von niemand Anderem, als dem Ebersdorfer geſchehen ſein könne; allein wohin der Junker ſeinen Raub verborgen, das war ihnen ein Räthſel. Wohl gerne wäre Wohlmuth, die Geliebte zu ſuchen, ausge⸗ zogen, allein ſeine Dienſte in der Stadt geſtatteten keine längere Entfernung, und er mußte geduldig tragen und hoffen. So kam der Herbſt des Jahres 1484 heran, die Umſtände geſtalteten ſich für Wien gefährlicher als jemals. Hainburg, Bruck an der Leitha, Korneuburg, Stockerau, das Kahlengebirge und Baden waren nach und nach von den Ungarn erobert und beſetzt, die Stadt wurde auf dieſe Weiſe umzingelt und gänzlich abgeſperrt. Der Winter hatte kalt und unfreundlich auf der Erde Beſitz genommen, ſein Odem ſtreifte das Laub⸗ werk von den Bäumen und machte die Fluren erſterben; öd' und traurig geſtaltete ſich die Gegend um Wien, ſchier einer Wildniß gleichend. Hatten doch die Feinde im letzt verwichenen Herbſt arg gewirthſchaftet, die Leſer der umliegenden Weingärten vertrieben„ die Ein⸗ wohner der nahen Dörfer verjagt, die weingefüllten Fäßer zerſchlagen, die Weinreben verbrannt, die Häu⸗ ſer geplündert, und endlich nebſt vielem Anderem die ———„ 81 St. Lamberts und Wolfgangskirche und den Marol⸗ dingerhof zu Ottakring in Brand geſteckt. Die ver⸗ jagten, ſchutzloſen Landleute hatten ſich in die Stadt geflüchtet, vermehrten die Volksmenge daſelbſt, und vergrößerten ſomit den drückenden Mangel. An einem rauhen Vormittage zog auf der Straße gen Ebersdorf ein Häuflein munterer Söldner; an ihrer Spitze ſchritt der Hauptmann traurig, geſenkten Haup⸗ tes daher, und achtete der muntern Liedleins der Bur⸗ ſchen nicht, die, froh darüber, aus der bedrängten Stadt entkommen zu ſein, auf Schloß Ebersdorf— ihrem neuen Beſtimmungsort— wenigſtens Speiſe und Trank genugſam zu finden hofften. Die Gedanken ihres Führers ſtreiften aber in ganz andern Sphären; ſie weilten beim fernen Liebchen, deſſen Bild jetzt lebendiger, denn je, vor ſeiner Seele ſtand. Die Thore des Schloſſes wurden dem Zuge fren⸗ dig geöffnet und die Freifrau kam dem Hauptmanne freundlich entgegen. Es war Wohlmuth. Mit Widerwillen hatte dieſer vom Bürgermeiſter den Auftrag vernommen, Schloß Ebersdorf vertheidi⸗ gen zu helfen. Der Gedanke: daß gerade er— dem ein Glied jener Familie ſein Liebſtes geraubt— dazu auser⸗ ſehen ſei, erfüllte ihn mit Unwillen; allein, theils das 82 ſchmeichelhafte Vertrauen des Herrn von Hen, theils aber die Hoffnung, daß er dort vielleicht eher eine Spur von Agnes erhalten könne, ſtimmten ihn in etwas um, und er zog heiterer ein, als er gehofft hatte. Höflich grüßte er die Freiin, die ihm, an Jaroslaus Seite ge⸗ genüberſtand. Allein weder er, noch Jene, gewahrten das Staunen des Geheimſchreibers, welches ſchier in Ver⸗ legenheit überging; er blickte bald den Jüngling bald die geliebte Herrin an, und je länger dieſes geſchah, deſto deutlicher trat ſeine beim erſten Anblicke gemachte Bemerkung hervor, die Züge der Beiden waren die nämlichen; der Jüngling ſchien ihm die treue Kopie der Freifrau, gerade wenn ein tüchtiger Farbenkünſtler ein ſchönes Frauenbild mit verjüngten, aber männlichen Zügen auf die Leinwand haucht. „Heiliger Himmel,“ liſpelte er betroffen vor ſich hin,„welch ein wunderbares Spiel der Natur, ſcheint es doch, als ob ſich hier Mutter und Sohn entge⸗ genſtänden?“ „Ich bin hier,“ begann Wohlmuth„im Auftrage des Wiener Stadtrathes, um mich mit meinem Fähnlein Euern Schloßvertheidigern anzuſchließen. Beliebt es Euch uns freundlich aufzunehmen, ſo bleiben wir hier— wo nicht, ziehen wir wieder von dannen. In erſterem Falle wollt Ihr mich dem oberſten Leiter der Kriegsgeſchöfte 83 allhier vorſtellen, auf daß ich mich mit ihm in's Ein⸗ verſtändniß begebe, damit zur Zeit der Noth Alles nach einem Kopfe geht; denn wie bekannt, iſt's auch in un⸗ ſerem Handwerk der Fall, daß viel Köpfe viel Sinne haben, und viel Köche meiſtens die Suppe verſalzen.“ Auf dieſe freimüthige Anrede verſetzte die Frei⸗ frau:„Euerem Begehren, Herr Hauptmann, ſoll freundlich gewillfahrt werden, denn Euere Ankunft iſt mir erwünſcht, und ich fühle mich dafür der löblichen Stadt Fürſorge hoch verpflichtet. Bisher hat mein Ge⸗ heimſchreiber, den Ihr hier ſeht, die Vertheidigung des Schloſſes vorbereitet, denn ich bin ein ſchwaches Weib, eine verlaſſene Wittib, die nur einen männlichen Ver⸗ wandten hat, der aber wohl zu meinem Beſten ſchwer⸗ lich einen Streich führen wird. Sintemalen jedoch Herr Jaroslaus, dieſer mein bisheriger Beſchützer, vom Handwerk kein Krieger iſt, ſo hoffe ich, wird er ſich des bisher geleiteten Oberbefehls gewiß gerne begeben, und Euerem Willen Alles anheim ſtellen, indem er Euch von nun an willig zur Seite ſtehen, und ein ge⸗ treuer Helfer zu werden nicht ermangeln wird. Nach der Verſicherung des Herrn Bürgermeiſters ſeid Ihr trotz Eurer Jugend ein tapferer, ſchon etwas erfahrner Krieger, und ich will hoffen, daß es unſern vereinten Kräften gelingen wird, zur Stadt Beſtem zu wirken.“ 84 Der jugendliche Hauptmann verneigte ſich höflich vor der anmuthigen Wittib, und ihm ſelbſt unbewußt, beſchlich ein Gefühl der Ehrfurcht gegen die Freifrau ſein Herz, um in Zukunft ſeine Handlungsweiſe auf Ebersdorf zu leiten. Jaroslaus aber ſprach:„Euer Wunſch, hochver⸗ ehrte Herrin, iſt mir Befehl. Ich fühle zu ſehr meine Ohnmacht, als daß ich mit einem Krieger in ſeinem Fache in die Schranken treten ſollte; der Herr Haupt⸗ mann möge mir nur ſeine Freundſchaft ſchenken, des Uebrigen will ich mich gern begeben, und ihm nach Kräften beiſtehen.“ Wohlmuth reichte dem Häßlichen die Hand, und konnte ſich eines wehmüthigen Lächelns nicht erwehren, als er dieſe von der Natur ganz vernachläſſigte Geſtalt, betrachtete. Die Mittagsſtunde war bereits herangerückt und ein gemeinſamer Tiſch vereinte die Freiin mit Wohl⸗ muth und Jaroslaus, wo ſie ſich täglich wieder fanden und immer mehr und mehr befreundeten. Es iſt unbeſtreitbar, daß den menſchlichen Herzen gewiſſe, ihnen unbekannte Kräfte innewohnen, die ſie entweder zu einander ziehen, oder von einander abſto⸗ ßen. Manchem, dem wir auf unſ'rem Lebenswege zum erſten Mal begegnen, finden wir uns geneigt, wohlge⸗ fällig auf den erſten Blick hin ſchon freundſchaftlich zu⸗ . —,— . 85 gethan, während ein Andrer wieder, uns Widerwillen einflößt, von dem man ſich eben ſo wenig, wie von dem früheren Wohlwollen, Rechenſchaft zu geben weiß. Dieſe geheimnißvollen Kräfte treten nun bei Monchen mehr, bei Anderen wieder weniger hervor, und es läßt ſich nicht läugnen, daß ſich— einzelne Fälle ausgenommen— wenn man ſpäter mit ſolchen Menſchen in nähere Ver⸗ hältniſſe getreten, gewöhnlich die Richtigkeit jenes Ge- fühls bewahrheitet. Um ſo weniger mag es uns alſo auffallen, daß Wohlmuth ſich auf Ebersdorf ſo wohl befand, da er ſich beſonders zu Dame Elsbeth ſo hin⸗ gezogen fühlte, und zu der verwitweten Freifrau eine ſo kindliche Zuneigung faßte, wie er ſie ſelbſt gegen Mutter Kathrei nicht empfunden hatte. Auch Elsbeth gefiel ſich in der Nähe des jugendli⸗ chen Hauptmannes, der Gedanke: daß, wenn ihr Söhn⸗ lein nicht ſo zeitlichen Todes verſchieden wäre, derfelbe ſich in eben dieſem Alter befunden haben würde, ent⸗ preßte ihr manche Thräne, und die Erwägung: wie viel Unbill und Ungemach ſie weniger erfahren hätte, wenn er am Leben geblieben wäre, trug viel dazu bei, ihr manches Stündlein zu verbittern. Die freundſchaftliche Dreizahl verlebte ſofort ruhige Tage, die winterliche Jahreszeit trug nur dazu bei, ſie feſter an einander zu ketten, weil die beſchneiten Fähr⸗ 86 ten und Straßen ſelten einen Spazierritt ins Freie ge⸗ ſtatteten. Wohlmuth ließ es an Nachforſchungen über Agnes nicht mangeln, allein ſeine Mühe blieb unbe⸗ lohnt, und der Gram darüber, verbitterte allein ſeine Lebenstage. Hohenbergs Fall. Der Ritter von Schikentanz war ſeit Monaten kern⸗ geſund, und trieb ſein adelig Gewerbe wie ehedem, die Kriegszeit war ihm hiezu ſehr günſtig, und das Wort „Mangel“ kam auf Hohenberg wieder außer Gedächt⸗ niß. Da ſeine ehemaligen Freunde ſich trotz Bann und Acht wieder einfanden, ſo wurde das Handwerk im Großen getrieben, und Niemand hätte es ſich träumen laſſen, daß demſelben ſo bald ein Ende gemacht werden ſollte. Zwei Sachen jedoch gab es, die Schikentanz ge⸗ waltig wurmten: Eines, daß der Ebersdorfer an ihm ſo ſchändlich handeln wollte, und ſeit jener Drohung Hohenberg gemieden hatte, und das Zweite, daß er weder von der Fiſcherswitwe Kathrei, noch von dem ih⸗ rem Manne anvertrauten Knaben, Kunde erlangen konnte. Er hatte zwar Truden in die Stadt geſandt und ihr dieſes Geſchäft übertragen, allein das Mädchen war unverichteter Sache rückgekehrt, die eingetretenen 88 Kriegsereigniſſe machten jedes weitere Forſchen unmög⸗ lich, und es mußte ſelbes bis zu gelegenerer Zeit ver⸗ tagt werden. Die Ritter auf Hohenberg wurden ſehr unange⸗ nehm überraſcht, als ſie die Nachricht vernahmen, daß der Kriegsſchauplatz ſich in ihre Gegend herüber zu zie⸗ hen beginne, denn dadurch war ihr Gewerbe nicht we⸗ nig gehemmt, da die Feinde ſelbſt alles Gut in An⸗ ſpruch nahmen; bald langte auch die Schreckenskunde an, Stockerau und Kloſterneuburg ſeien genommen, und nun werde an Korneuburg die Reihe kommen. Schikentanz fluchte grinunig über die Schnauzbärte, rief ſeine Freunde zuſammen, und begann mit ihnen eines langwierigen Rathes zu pflegen. Er, als Burg⸗ herr, führte den Vorſitz, ſein vertrauteſter Freund, Kuno von Blaſenfeld war ihm der Nächſte, dann kamen Er⸗ hard von Horſteneck, Siegmund von Treuenburg und Kunſchwab. Jeder ſollte unumwunden ſeine Meinung herausſagen, damit dann ein Beſchluß gefaßt werden könne. Die Meiſten kamen darin überein: man müſſe einmal ſeine Abneigung gegen die Ungarn unterdrücken, und ſo, wie vor einigen Jahren mit den Böhmen, auch jetzt mit ihnen gemeinſchaftliche Sache machen, denn nur dadurch könne für ſie Heil und Gewinn erwochſen. Schikentanz war der Einzige, dem dieſer Porſchlag 89 nicht gefallen wollte, allein von der Mehrzahl über⸗ ſtimmt, konnte er nichts dagegen haben. Es wurde da⸗ her beſchloſſen, eine Geſandtſchaft an den Ungarnan⸗ führer zu ſenden, und ihm den Antrag eines freund⸗ ſchaftlichen Bündniſſes zu machen. Zu dieſem Geſchäfte wurden Blaſenfeld und Kunſchwab auserſehen. Beide verließen ſammt ſechs berittenen Knechten, auf's Beſte herausgeputzt, an einem Morgen die Burg. In Erwartung einer baldigen erfreulichen Bot⸗ ſchaft, überließen ſich die Ritter einem fröhlichen Tage und zechten bis ſpät in die Nacht, indem ſie immer der Meinung waren, daß ihre Geſandtſchaft noch in dieſer Nacht zurückkehren würde; allein fünf Tage verſtrichen, und Jene ſaumten noch immer zu kommen. Als ſie ſich am Morgen des ſechsten zuſammengefunden hatten und ſich mit fragenden Blicken anſahen, begann Schikentanz mit ſchlecht verhehltem Grimme:„Der Teufel ſoll's holen, hätt' ich nur meinem Schädel gefolgt und nicht Euerm' Geſchwätz', es wäre ganz anders gekommen.“ „Bruder Schikentanz!“ beſänftigte ihn der Hor⸗ ſtenecker,„ſei nicht ſo ungeberdig, bisher iſt noch nichts verloren.“ „Das kannſt Du nicht wiſſen,“ rief Schikentanz grollend,„die Schnauzbärte haben die Unſern vielleicht 8 90 ſchon abgekehlt— ach mein armer, treuer Blaſenfeld! Der Teufel ſoll den böſen Einſchlag holen.“ Nun nahm der Treuenburger das Wort:„Ent⸗ zweit Euch nicht im voraus über ungewiſſe Sachen; wer weiß, warum die Ausgeſandten ſo lange weilen; glaubt Ihr, der Ungaranführer hätte ſonſt nichts zu thun, als zwei fremden Rittern, gleich zur Stunde, nach ihrem Begehrniß aufzuwarten? Wer weiß, wie lange—“ „Halt's Maul!“ heiſchte ihm der Burgherr zu, „Du ſprichſt, wie Dut's verſtehſt, und verſtehen thuſt n blauen Teufel; Geſandte werden gleich empfangen.“ „Aber nicht von Gebannten und Geächteten,“ un⸗ terbrach ihn der Gefährte ſpitzig. „Donner und Wetter!“ zornſchnaubte Schiken⸗ tanz,„verdammter Bube, zieh! Dein Schwert, oder ich durchfuchtle Dich, wie die erſte feige Memme—“ „Zähme Dein ungewaſchenes Maul,“ ſchrie der Treuenburger„grober Bär! Wer Teufel beſchwören will, muß rein ſein, und wer in die Sonne geht, darf nicht Butter auf dem Kopf' haben, verſtehſt Du mich? Jetzt laß Dein gaches Weſen, ſonſt zieh' ich mit meinen Knechten ab.“ „Auch ich,“ ſprach der Horſtenecker, ſich auf Sieg⸗ munds Seite ſchlagend;„warum ſollten wir uns da ſchier die Steinſtufen hinauf. Ihr Freudengejohle ließ 9⁴ bärbeißen laſſen, als ob wir kein Wörtlein drein zu reden hätten.“ Schikentanz knirſchte in ſtiller Wuth; er merkte, daß Nachgeben nun an ihm ſei; wäre der treue Blaſen⸗ feld da geweſen, er würde ſich kaum dazu entſchloſſen haben. Er beſchwichtigte die Aufgebrachten:„Donner⸗ wetter, ſeid Ihr zimperliche Mägdlein geworden, daß man jedes Wort auf die Wagſchale legen muß, ehe man es ausläßt, oder ſeid Ihr Männer von altem Schrot und Korn? Ich rede, wie mir der Schnabel ge⸗ wachſen iſt, und wenn ich auch einmal gach und fahrig bin, ſo ſeh' ich doch bald mein Unrecht ein, und damit Hollah!“ Die Andern nahmen die Ausſöhnung an, die nach damaliger Weiſe beim vollen Humpen vor ſich ging, und der Morgenimbiß währte heute viel länger, als gewöhn⸗ lich. Plötzlich erſchallte Pferdegetrab, Alles ſtürmte die Thüre hinaus, die Geſandten ritten eben in den Hof, vollzählig— wie ſie ausgezogen waren, jedoch mit nicht ſo freudigen Geſichtern; ſie ließen ebenſo die Köpfe hängen, wie ihre dampfenden und ſchäumenden Roſſe.“ Beim erſten Freudenausbruch hatten die Ritter dieſe traurigen Geſichter der Angekommenen ganz überſehen, ſie halfen ihnen raſch von den Roſſen, und trugen ſie 92 die Andern kaum zu Worte kommen; beſonders froh war Schikentanz, ſeinen Blaſenfeld, um den ihm ſchon bange geworden war, wieder an der Seite zu haben; er herzte und küßte den Freund mit einer Zärtlichkeit, wie man ſie dem rauhen Manne kaum zutrauen mochte. „Gut, daß Du da biſt, Bruder Blaſenfeld,“ raunte er dem Angekommenen in's Ohr,„die Teufels⸗ kerle haben mir warm gemacht; ich war allein und mußte nachgeben, aber nun ſoll's ihnen bitter wer⸗ den—“ Sie langten nun im Gemache an, beſetzten den Tiſch, und ließen die Humpen kreiſen. Bloſenfeld ſchaute mit einem Armenſündergeſichte auf die Runde, befahl die Thüre zu ſchließen, und ſprach:„Brüder, Ihr habt mich bisher nicht zu Worte kommen laſſen, aber nun ſollt Ihr's vernehmen; ich hab' unerfreuliche Botſchaft mitgebracht.“ Nun erſt horchten die Ritter hoch auf, und ſahen den Sprecher und Kunſchwab mit fragenden Blicken an, allein dieſer bejahte wehmüthig die Verkündigung, und jener fuhr fort: „Von einem freundſchaftlichen Bündniſſe mit den Ungarn iſt keine Rede; als wir von hier auszogen, lang⸗ ten wir gerade bei dem feindlichen Heere an, als es vor —————— 93 Korneuburg lag. Der König ſelbſt befehligt ſeine Krie⸗ ger, und wir hatten die Ehre, der Uebergabe der Stadt und dem Einzuge des Königs mit beizuwohnen. Der ſtolze Ungar mochte uns geflißentlich bis dahin Gehör verweigern, damit wir nur Zeugen ſeiner Macht und Kraft ſeien. Erſt geſtern Abend gefiel es ihm, uns vor ſich kommen zu laſſen und unſer Begehren mit anzuhö⸗ ren. Ich machte den Sprecher und der König hörte ru⸗ hig zu— aber mir wurde es ordentlich gruſelig, als ich dem Manne gegenüber ſtand— er iſt nicht groß, aber kräftig und Muth verrathend, hat dabei einen ſtarren feſten Blick, als ob er Einem in die Gedärme ſchauen wollte, und ſein ſteifes, röthliches Haar trieb das meinige zu Berge. Nachdem ich ausgeredet hatte, begann er zu ſprechen:„Für was haltet Ihr mich, Ihr Ritter auf Hohenberg, daß Ihr es wagt, mir, dem großmächtigen, unüberwindlichen Ungarnkönig*) ſolch Anerbieten zu machen) wähnt Ihr böhmiſche Södlinge vor Euch zu haben, oder ſonſt feiges Geſindel? Die Edlen des Lan⸗ des haben mir bei meinem jetzigen Auftreten in Heſter⸗ *) Der große Medicis ſchickte dem Könige zwei Löwen zum Geſchenke nach Wien, wofür ihm dieſer im Be⸗ wußtſein ſeiner Kraft, mit folgenden Worten dankte: „Cum eae ferae profecto perararae sunt et etiam habent certam nobiscum similitudinem. 54 reich nicht jene Anhänglichkeit bewieſen, wie vor ſechs Jahren, und ſollen es nun hart büßen. D'rum vernehmt meine unumſtößliche Meinung: Ich will alle Burgen und Schlöſſer in meiner Gewalt haben, übergebt mir Hohenberg auf Gnade und Ungnade. Mit Geächteten und Gebannten kann ich nicht anders verkehren. Dieſe Botſchaft bringt dem Ritter von Schikentanz, und ſagt ihm, daß beſonders er nichts Gutes zu gewärtigen habe. Verlaßt meine Stadt Korneuburg beim Morgenan⸗ bruch, denn für Eu'res Gleichen hab' ich kein ſicheres Geleit.— „Donnerwetter!“ brüllte Schikentanz auf. „Uns das?“ ſchrie der Horſtenecker. „Peſt und Tod über den ſtolzen Emporkömmling!“ heulte Treuenburg. Blaſenfeld fuhr aber fort:„Wir machten uns ſchnell aus dem Staube, und ſind nun hier, Euch die mißliche Lage kund zu geben; doch wollt Ihr wohl er⸗ wägen, daß der Ungarnkönig rechtens keinen Spaß ver⸗ ſteht, und daß er von unſern Verhältniſſen wohl unter⸗ richtet ſein muß, was Ihr aus ſeiner Rede leicht ent⸗ nehmen könnet.“ „Bruder Blaſenfeld hat Recht,“ ſchrie Schikentanz, „wir ſind verrathen und verläumdet; Pech und Schwe⸗ d5 fel in die vorwitzige Gurgel, Peſt und Tod über die ungariſchen Räuber!“— Die Ritter ſchimpfirten nun im brüderlichen Ein⸗ klang über die aufgeblaſenen Schnauzbärte, und tran⸗ ken dabei ſo fleißig zu, daß der heranrückende Abend ſie in jenem ſeligen Zuſtande fand, der den Menſchen in ein glückliches Paradies verſetzt, indem er ihn von die⸗ ſer Erde entfernt, und ſeinen begeiſterten Blicken Alles im roſenfarbigem Lichte anſchauen läßt, bis er endlich bewußtlos dahinſinkt, und beim Erwachen von der kah⸗ len doppelt drückenden Gegenwart doppelt unangenehm, überraſcht wird. So war es beſonders bei Schikentanz der Fall; kaum erwacht, rief er Trude an ſein Lager und befragte ſie, ob Blaſenfeld ſchon wach ſei. Die Dirne hatte ſchon geſtern den Abgeſandten eine unheim⸗ liche Botſchaft abgemerkt, und begann nun mit ernſter Miene nach derſelben zu forſchen. Schikentanz theilte ihr ſo viel mit, als er ſich von geſtern noch entſinnen konnte, denn ſeinen wüſten Sinnen war ſchon Manches entfallen. Nun erſchien Blaſenfeld, es wurde nochmal erzählt, wieder berathſchlagt, und beſchloſſen: daß nur 1 in einer tapfern Vertheidigung Rettung zu finden ſei, für den mißlichſten Fall aber für einen Rettungsweg ge⸗ dacht werden müſſe. Dafür wußte Schikentanz den be⸗ ſten Rath, er verſicherte Truden und Blaſenfeld, daß 96 ſie unbeſorgt ſein dürfen, indem er einen Weg aus der eingeſchloſſenen Burg heraus habe, der nur ihm be⸗ kannt ſei, und der im Nothfalle betreten werden könne. Beim Mittagsmale fanden ſich die Ritter wieder zuſammen, und die Vertheidigung Hohenbergs wurde be⸗ ſchloſſen und beſprochen. Dem zu Folge begann ein kriegeriſch Treiben auf Hohenberg, die günſtige Lage der Burg mußte die wenigen Kräfte und Mittel unterſtützen, und die Ritter und Knechte rumorten auf den Mauern umher, als ob ihnen die Feinde ſchon auf dem Rücken ſäßen. Die Gefahr war auch wirklich nahe genug, denn in der Ebene unten, jenſeits des eisbedeckten Stroms, ſah man das Lager der Ungarn weit ausge⸗ breitet liegen, die, dem Winter zum Trotze, im Freien kampirten, und die Dächer ihrer Heerhütten durch Schneemaſſen ſchützten. „Schau mal hinunter, Schikentanz,“ rief Blaſen⸗ feld dem Freunde zu,„frieren die Kerle dort drüben nicht zuſammen wie Stein und Bein, ſo ſoll mich der Teufel lebendigen Leibes holen! Verdammte Schnauz⸗ bärte! Lagern mitten im Winter im Freien, laſſen ſich vom Sturm was vororgeln und tanzen ihren Heiden⸗ tanz darnach!“ „Mir wird's ordentlich ſchwindelig,“ raunte ihm Schikentanz zur Antwort zu,„wenn ich die Menge 97 begaffe. Donnerwetter! das wär ne Rückenſtütze gewe⸗ ſen; ſo aber hol' ſie der Böſe Alle mit einander, vom Erſten bis zum Letzten.“ „Hollah ho,“ brüllte der Horſtenecker,„ſeht mal hinunter, da ſprengen zwei Reiter herauf: laßt ſie nicht in die Nähe, bis wir ihre Abſicht erfahren.“ Die Ritter ſchauten in die Gegend hin, und ſahen wirklich zwei Reiter auf windesſchnellen ungariſchen Röß⸗ lein einhertrabben, und bald darauf den Weg gegen die Burg einſchlagen. In ziemlicher Entfernung hielten ſie jedoch an, und begehrten frei Geleite. Die Ritter be⸗ fahlen ihnen draußen zu harren, ſandten nach kurzer Berathſchlagung Blaſenfeld mit zwei Knechten hinaus, die den Votſchaftern die Augen verbinden, und ſie alſo in die Vurg führen ſollten. Indeſſen hatten ſich die Ritter alle bewehrt und in einem Gemache verſammelt, ſie gaben ſich ein ſtattliches Anſehen„um durch den An⸗ blick den Ungarn Reſpekt einzuflößen, die bald darauf hereingebracht wurden. Die Augenbinde wurde ihnen abgenommen, und Schikentanz mit ſo gravitätiſcher Stimme, als ihm möglich, fragte ſie nach dem Zwecke ihrer Sendung. Einer der Ungarn begann:„Euer Anerbieten, Ihr Herren und Ritter, eines freundſchaftlichen Bündniſſes mit unſerm königlichen Herrn iſt von demſelben auf Wien. II. 9 98 ſehr harte Art und Weiſe zurückgewieſen worden, und das Schickſal, das Ihr bei feindlicher Widerſetzung zu gewärtigen habt, wird gewiß nicht das günſtigſte ſein, wenn Ihr da hinüber ſeht und unſere Ueberzahl in Betracht zieht. Die Burg muß fallen, und je tapferer die Vertheidigung, deſto weniger habt Ihr als Ueber⸗ wundene Gnade zu erwarten. Nun müßt Ihr wiſſen, daß es die Sache unſers Herrn und Königs nicht iſt, einer langen Unterhandlung zu pflegen, daher wir Euch auch geſtehen müſſen, daß wir uns keineswegs mit ſei⸗ nem Wiſſen, viel weniger gar in ſeinem Auftrage, hier befinden. Ein Mächtiger in ſeiner nächſten Umgebung wünſcht mit dem Ritter von Schikentanz, an den ei⸗ gentlich meine Botſchaft lautet, einer geheimen Rück⸗ ſprache zu pflegen, und hofft ihn vielleicht eines Beſſern zu überreden, oder ihm wenigſtens Mittel an die Hand zu geben, ſich unſerem Könige und Herrn inſofern zu ver⸗ pflichten, daß dieſer wenigſtens ſeines Gebietes ſchonen würde, und er auf dieſe Art keinem Ungemache ausge⸗ ſetzt ſein dürfte. Zu dieſem Zwecke ladet nun ſelbiger Herr den Ritter von Schikentanz heute Abends in das ungariſche Lager, ſichert ihm freies Geleite, und wird um die ſechste Stunde zwei Diener am nächſten Wege deſſen harren laſſen, damit ſie ihn ungefährdet in 99 ſeine Hütte leiten können. Dieß meine Sendung, auf welche ich einer Antwort gewärtiget bin.“ Schikentanz nahm das Wort:„Euere Botſchaft, n Ihr Herren iſt von der Art, daß ſie von meiner Seite r einer etwas reiferen Ueberlegung bedarf; wollt Ihr Euch ⸗ ein kleines Stündlein gedulden, ſo ſollt Ihr meine Er⸗ wiederung erfahren; bis dahin jedoch müßt Ihr es Euch gefallen laſſen, in ſtrengem Gewahrſam zu ver⸗ bleiben.“ Die beiden Ausgeſandten ſahen ſich eine Weile an, dann ſprach der Eine:„Wir vertrauen Euerem ritter⸗ 4 lichen Wort, und willigen ein.“ Hierauf wurden ſie in ein abſeitiges Gemach ge⸗ leitet, deſſen Fenſter, mit ſtarkem Gegitter verſehen, jede Ausſicht verwehrten, die Thüre wurde geſchloſſen und zwei Knechte zur Bewachung derſelben aufgeſtellt; die Ritter aber begaben ſich in den großen Saal, und begannen die Sache zu erwägen. Es währte eine gen raume Weile bis ſie einig wurden, und Schikentanz den zu gebenden Beſcheid eingeſchärft hatten. Dann wurden „ die Abgeſandten wieder vorgeführt, und der Burgherr be⸗ gann:„Wir haben Euer Anerbieten zu Rathe gezogen, und erwiedern hierauf Folgendes: Die ſtolze Antwort des Ungarnkönigs auf unſer freundſchaftliches Anevbieten hat uns gekränkt, und den Entſchluß faſſen laſſen, Ho⸗ 100 henberg bis auf den letzten Mann zu vertheidigen; Demienigen, der Euch ſandte, könnt Ihr ſagen, daß ich, als Herr der Burg und der Meinigen, es meiner Ehre zuwider halte, mit einem Diener zu unterhandeln, der hiezu wahrſcheinlich von ſeinem Gebieter die Wei⸗ ſung erhalten haben mochte. Fühlt ſich der König zu hoch, um mittelbar mit uns zu unterhandeln, ſo füh⸗ len wir uns zu hoch mit ſeinen Dienern in Verbindung zu treten. Beſonders kommt es uns verdächtig vor, daß unſer unbekannter Rathgeber ſeinen Namen verſchwie⸗ gen hat, derohalb wir auch dem uns angebotenen freien Geleite keinen Glauben ſchenken können; denn, wer ſteht uns dafür, daß ich ſammt meiner Begleitung nicht aufgegriffen und wehrlos abgeſchlachtet werde, und ſich zuletzt Niemand vorfinden würde, dem man dieſe ſchändliche Wortbrüchigkeit aufbürden könnte; mel⸗ det daher Demjenigen, der Euch ſandte, daß ich keines⸗ falls kommen will, wenn er ſich jedoch uns geneigt fin⸗ det, und der Meinung iſt, daß eine freundliche Annä⸗ herung an den Fönig von unſerer Seite noch im Be⸗ reiche der Möglichkeit liege, ſo ſolle er ſich heute Abends auf Hohenberg bemühen, wozu ich ihm, wer er auch ſei, und noch zweien ſeiner Begleitung ein ſicheres Ge⸗ leite zuſage auf mein ritterlich Wort, ich Franz von Schikentanz, Herr auf Hohenberg. Zum Zeichen deſſen 101 übernehmet dieſen Dolch, den er bei ſeiner Ankunft mir überreichen möge. Dieß vermeldet dem Herrn und meinen Gruß.“ Die Abgeſandten dankten für den unumwundenen Beſcheid, ließen ſich die Binde wieder um die Augen legen, und wurden auf dieſe Weiſe aus der Burg ge⸗ bracht. Die Ritter aber glaubten ihre Sache trefflich ge⸗ macht zu haben, und waren der ſichern Meinung, daß der Ungarkönig zu beſſerer Ueberʒeugung gekommen wäre, und nun den abgewieſenen Vorſchlag wieder an⸗ zunehmen gedenke, um jedoch ſeinem weitbekannten Stolze nichts zu vergeben, die Unterhandlung durch' einen Dritten betreiben wolle. Deßwegen hatten auch ſie ihrerſeits ſo ſtolzen Beſcheid erlaſſen, um ihre Wich⸗ tigkeit beſſer empor zu heben, und ihrem ritterlichen An⸗ ſehen nichts zu vergeben. Der winterliche Abend ſtieg mächtig herauf und begann ſein Halbdunkel zu enthüllen, das ſchneegedeckte Gebirge ſchaute froſtig in die Ebene hinab, wo die Wachtfeuer im Ungarnlager röthlich zu flimmern began⸗ nen, und die Rauchſäulen kerzengerade in die ſtille Luft ſtiegen. Oed' und ſtill lag der mächtige Donauſtrom da, von Eisketten umſchlungen, ſein Rauſchen war verſtummt, ſeine Waſſer ſchienen, ſo wie die ganze Natur, vom todtähnlichen Winterſchlaf umfangen. Um dieſe Zeit 102 trabten zwei Reiter gen Hohenberg, ſie waren in die knappe Kleidung der Magyaren gehüllt, verbrämte Mäntel ſchützten ſie vor Kälte, und bedeckten die bärti⸗ gen Geſichter der Reiter. „Ich hätte das Geleite nicht annehmen ſollen,“ brummte der Eine vor ſich hin, während der Andere immer in gehöriger Ferne zurückblieb und dadurch ſeine untergeordnete Stellung beurkundete,„aber ihr hart⸗ näckiger Sinn gibt nicht nach, und ich muß mit dem Schikentanz ſprechen. Verdammt noch einmal! der Kerl hat mir einen Streich geſpielt, den ich ihm nie vergeben werde! Wär er nur hinabgekommen,'s hätt' ihn wahrſcheinlich gereut— ſollte der Bube vielleicht auch Böſes im Sinne haben?— Doch nein, ich habe ſein Wort, und dieſes bricht er nicht.“ Sie waren jetzt vor der Burg angelangt, und be⸗ gehrten, kraft eines freien Geleites, Einlaß. Als die Ritter dieß vernahmen, jubelten ſie auf, und ſtürmten die Steinſtiege hinab in den Hof, um die Angekomme⸗ nen zu empfangen. Allein nur Einer derſelben ſchlüpfte durch das Pförtlein, der andere aber harrte, die Roſſe haltend, draußen vor der Mauer. Schikentanz trat dem Verhüllten entgegen, dieſer überreichte ihm das Zeichen freien Geleites, und begehrte mit dumpfer Stimme ein zeugenlos Geſpräch mit dem Burgherrn. Dieſer wähnte 103 in ſeinem Hochmuthe nichts Anderes, als daß der Un⸗ garkönig ſelbſt verkappt heraufgekommen ſei, ſagte das Begehren zu, und leitete den Angekommenen in ein kleines, hellerleuchtetes Gemach im Erdgeſchoße, deſſen Thüre von ihm ſelbſt geſchloſſen wurde. Der Angekom⸗ mene, als ſie allein waren, öffnete ſeinen Pelzmantel und trat feſten Schrittes, in echt ungariſcher Kleidung, flimmernd ven Gold und Silberſchnüren, dem Schi⸗ kentanz entgegen, und ſprach:„Gott zum Gruß Ritter von Schikentanz, Burgherr auf Hohenberg.“ Dieſer fuhr nicht wenig erſchüttert zuſammen: „Alle Donner!“ rief er ſchier erſchrocken,„ſeh' ich recht, oder iſt's ein Teufelsſpuck— ein Höllenblend⸗ werk?“— „Kein Spuck und kein Blendwerk,“ entgegnete der Andere hochmüthig,„ich bin's in höchſt eigener Perſon.“ „Bruder Ulrich!“ ſchrie Schikentanz etwas gefaß⸗ ter, und reichte dem mächtigen Freunde ſeine Rechte, dieſer aber ergriff ſie kalt und ſagte:„Die Zeiten, wo wir Brüder waren, ſind vorüber, und nur von Dir hängt es ab, ſie wieder heraufzuführen.“ Schikentanz wollte nun, um ſeine Verlegenheit zu bergen, der Verhandlung einen freudigen Anſtrich geben, und begann:„Ei, Du verdammter Fatznarr, biſt noch 104 immer der Alte! Tauſendmal willkommen auf Hohen⸗ berg, hätteſt der Mummerei nicht bedürft, biſt auch ſo willkommen— alte Liebe und Freundſchaft roſtet nicht; heut' ſoll wieder ein fröhlicher Abend werden. Wart', ich will die Kumpane von Deiner Ankunft in Kenntniß ſetzen.“ Damit wollte er gegen die Thüre, allein der Ebersdorfer hielt ihn mit feſter Hand zurück. „Nur fein langſam, Franz von Schikentanz, ich bin nicht gekommen, mit Euch zu ſchwärmen und Kurz⸗ weil zu treiben; mein Geſchäft iſt viel ernſterer Art, und es wird mich freuen, wenn Du's auch von dieſer Seite anſehen wirſt. Doch ich bin müde vom beſchwer⸗ lichen Ritt.“— „Bedarfſt der Erfriſchung, Brüderlein!“ ſprach Franz geſchäftig,„ich will Wein holen und Weiß⸗ brot.“ „Leß gut ſein,“ unterbrach ihn Ulrich,„hab weder Zeit zum Eſſen noch zum Trinken, aber reich mir einen Sitz, das iſt das Ganze, was ich einſtweilen begehre, das übrige ſollſt Du gleich vernehmen.“ Der Ebersdorfer ließ ſich hiermit auf einen Stuhl nieder, ſtreckte die Beine weit von ſich, und ſtrich ſich nach neu erlernter, ungariſcher Sitte den Schnautzbart, und blinzelte nach Schikentanz, der ihm wehmüthig 105 zur Seite ſtand; nach einer Weile peinlichen Still⸗ ſchweigens begann er im tiefen Tone: „Franz, ich habe Urſache Dir gram zu ſein; es iſt zwar ſchon lange her, aber ſo was vergißt ſich nicht ſo leicht. Du biſt mir damals gewaltig im Wege geſtanden und haſt mir und Dir geſchadet; denn hätteſt Du mich nicht gehindert, ſo wär' Ebersdorf jetzt mein, und die Paar lumpigen Goldgulden, die ich Dir verſprochen, wären auch ſo nicht ausgeblieben.“ „Bruder Ebersdorfer,“ verſetzte Schikentanz vor⸗ laut,„ſo ſprichſt. Du jetzt— hätteſt Du damals offen mit mir geredet und verhandelt, wär's ganz anders ge⸗ gangen. Aber Du haſt mich übertölpeln wollen, und das hat mich in Harniſch gejagt.“ „Genug von dem Geſchehenen,“ unterbrach ihn Ulrich unwirſch,„was mir damals verloren ging, wird mir bald eingebracht, denn nicht nur Ebersdorf, ſondern ganz Wien wird bald in unſerer Macht ſein, und Ma⸗ thias—“ prahlte er großſprecheriſch„lohnt ſeine Günſt⸗ linge königlich“ Schikentanz biß ſich gewaltig in die Lippen, ver⸗ neigte ſich tief und ſprach, ſeinen Worten einen höhniſchen Anſtrich gebend:„Gnaden, Herr von und zu Ebers⸗ dorf, Beſitzer vieler erſt zu erhaltender Burgen und Schlößer, wollt auch mein, Eures ehemaligen Freun⸗ 106 des gedenken, und mir einige tauſend Goldgulden zu⸗ kommen laſſen, denn ich will ungariſch werden, ſo gut, wie der erſte beſte Wallach, oder wie Ihr, mein gewe⸗ ſener Freund und Kumpan.“ „Scherz zur Unzeit,“ brummte Ulrich,„treib' ihn nicht zu weit, auf daß er Dich nicht gereue. Geſteh' mir doch aufrichtig, Schikentanz, was Du zu thun geſonnen biſt; haſt Du wirklich den tollen Gedanken, die Burg zu vertheidigen?“ „Findeſt Du dieß ſo auffallend?“ „Bei ſothanen Umſtänden gewiß.—“ „Und was räthſt Du mir?“ „übergabe— auf Gnade oder Ungnade.“— „Den Teufel,“ ſchrie Schikentanz,“ eher ſprenge ich das ganze Neſt in die Luft; ich hab' ſchon von Un⸗ gargnade genugſam läuten gehört; wie übel mag man erſt mit der Ungnade d'ran ſein.“ „Deine Furcht iſt nicht grundlos,“ erwiederte Ul⸗ rich,„aber ich will Dir einen annehmbaren Vorſchlag thun: ich will zwiſchen Dir und dem Könige einen Ver⸗ gleich zu Stande bringen, wofür Du mir nichts, als einige Fragen beantworten ſollſt.“ „Und welches ſind dieſe?“ fragte Schikentanz ge⸗ ſpannt. „Du ſollſt mir ſagen, ob der Knabe wirklich noch 107 am Leben ſei, den ich einſt deinen Händen übergeben, und wo er ſich gegenwärtig befinde?—“ Hätte Schikentanz die Wahrheit bekennen wollen, ſo hätte er geſtehen müſſen, daß er zwar Urſache zu muthmaßen habe, daß ſich der ihm einſt Uebergebene noch am Leben befinde, allein, daß er weder von ihm, noch von ſeinem Aufenthaltsorte ſichere Kunde zu geben im Stande ſei; allein Schikentanz hüthete ſich die Wahr⸗ heit zu bekennen, ſondern er that, als ob er die Fragen nicht beantworten wolle, und erwiederte:„Alſo, wenn ich dieſe Fragen beantwortete, ſo willſt Du zwiſchen uns und dem Könige einen Vergleich zu Stande bringen?“ ulrich bejahte. Schickentanz fuhr fort:„Wer bürgt mir aber dafür, daß Du Dein Verſprechen zu erfüllen nicht ſäumen wirſt, oder ob, es überhaupt zu erfüllen in Deiner Macht ſei?“ Des Ebersdorfers Antlitz wurde dunkelroth, als ob er bei einer Lüge ertappt worden wäre, etwas ver⸗ legen entgegnete er:„Meine Bürgſchaft, mein Wort, glaube ich, wird Dir doch hinlänglich ſein?“ Franz ſchob die Schultern in die Höhe und ſprach: „Bruder Ebersdorfer, laß uns aufrichtig gegen einan⸗ der ſein. Ich durchſchaue dich ganz, und traue Dir kei⸗ nen Schinderling Gutes zu. Du weißt, wir kennen uns 108 ſchon lange her; Du biſt ein ſchleicheriſcher Tukmauſer, der ſich immer an uns gehalten, ſo lang' es was zu beißen und zu nagen gegeben, der aber immer aus⸗ riß, ſo oft es an's Leben ging. Deiner Freundſchaft trau ich nicht ſo viel zu, als unter dieſem Nagel Platz hat; ich bezweifle ſogar, daß es Wahrheit ſei, was Du ven einer königlichen Gunſt faſelſt; mir däucht es vielmehr, als ob Du einer jener Mitläufer wäreſt, die, leider Gottes immer nur den ſiegreichen Fahnen zuſtrömen, und wenn ſie auch gegen das ei- gene Vaterland geführt würden. Ich bin ein wilder Menſch, treib' mein Gewerbe mit ganzer Seele, und bin auch nicht der Letzte, wenn es was zu nehmen gibt; die verdammten Städter hab ich im Magen, wie'ne unverdaubare Speiſe, und könnte ich ihnen den rothen Hahn aufſtecken, ſo müßten die Englein im Himmel vor Brandſchmerz die Beine einziehen, aber das ſind meine eigenen Angelegenheiten; ich thät es aus eigenem Triebe, weil ſie mich geächtet und banni⸗ ſirt haben; aber, ſo wie Du, feige davon laufen, und ſich hinter das Schild des feindlichen Siegers ſtecken, verluppt vervorgucken und da eine dräuende Fauſt ma⸗ chen, das thut ein altes Weib, ein Hundsfötter, ein memmenhafter Holzſchuher, ein Ritter vom Kehrbeſen, mit einem Worte, ein Schurke vom Kopfe bis zur Zehe, 109 dem ich keine taube Nuß Wahrheit zutraue, und den ich von Grund meines Herzens verabſcheue, verachte, und wenn er auch da vor mir ſäße, ſo wie Du, mit Gold und Silber verſchnürt, wie ein patziges Wi⸗ ckelkind.“ Finſter horchte der Ebersdorfer dem immer mehr n'e Feuer gerathenden Schikentanz zu; tückiſch kochte die Wuth in dem verrätheriſchen Herzen; aber für den Augenblick zu ohnmächtig, bezwang er ſich mit Gewalt: „Du biſt ein Wortführer ſondergleichen geworden; mich gereut der lange Weg, den ich nur Dir zu Liebe, aber dennoch vergebens hergekommen. Du nimmſt alſo meinen brüderlichen Vorſchlag nicht an?“ „Nein,“ entgegnete der Andere kurz.„Ich ver⸗ rathe denjenigen nicht, dem ich einſt das Leben erhalten, und werde Frau Elsbeth im Balden von ſeinem Da⸗ ſein in Kenntniß ſetzen.“ Ulrich zitterte vor Wuth, erhob 6 raſch vom Stuhle, ergriff ſeinen Mantel und hüllte ſich in den⸗ ſelben:„Schikentanz! zum letzten Male rathe ich Dir wohlmeinend, ſei nicht halsſtarrig; Deine Lage dürfte ſich nur zu bald ändern, und dann wäre es zu ſpät, ge⸗ linde Saiten aufzuziehen.“ „Trolle Dich fort, Verſucher,“ rief Franz drohendz „faſt reut es mich, Dir frei Geleit geſichert zu haben, 11⁰ hielt' mich nicht mein ritterlich Wort, Du verließeſt Hohenberg nimmer.“ Furcht begann den Ebersdorfer zu bewältigen, er, der Schikentanz eben durch ein frei Geleite verlocken wollte, um ſeiner habhaft zu werden, erwog plötzlich, daß Jener ſein Wort brechen könnte, und machte ſich daher ſchnell auf den Weg. Franz, an ſeiner Seite, ge⸗ leitete ihn aus der Stube; die andern Ritter warteten noch immer im Hofe das Ende der Unterredung ab, und traten ſcheu bei Seite, als die Beiden herauskamen, Urrich hüllte ſich feſt in ſeinen Mantel, ſchritt an Franzens Seite bis an das Pförtlein. Noch einmal wollte er mit ſeiner Rede ſich an Schikentanz wenden, allein dieſer drängte ihn hinaus, und ließ— kaum daß Jener drüben war— die Brücke aufziehen. Der Ebers⸗ dorfer warf ſich ſchnell auf's Pferd:„Verdammter Buſchklepper!“ brüllte er den Graben herüber,„Du ſollſt meinen Zorn ſchon fühlen! Morgen um dieſe Zeit liegt Hohenberg in Schutt und Aſche, und Du hängſt am nächſten Baume!“— Damit ſprengte er, wie toll, von dannen. „Bell' zu, feiger Bube!“ heulte ihm Schikentanz nach,„auch Du entgehſt dem Baume nicht; doch Schad um den Zweig, an dem Du hängen wirſt, denn der trägt kein grünes Blatt mehr.“ 11¹ „Bruder Schikentanz!“ rief der Treuenburger,„die Stimme ſcheint mir ſo bekannt— wer war der Ungar?“ „Ein Teufel iſt er und kein Ungar, ein Verräther ſonder Gleichen, es war der— Ebersdorfer!“ „Der Ebersdorfer?“ ſchrieen die Ritter verwundert. „Ja, beim Satan!— Er war's und kein Anderer; macht Euch fertig, Brüder, Morgen gibt's Arbeit, denn der Verräther führt uns gewiß den Feind auf den Hals.“ Die Ritter ſtürmten die Stiege hinan, reihten ſich um die gaſtliche Tafel, und waren ausgelaſſener, denn je, als ob's ihr letztes Mahl ſei auf Hohenberg. Der winterliche Morgen brach heran, kalt und froſtig; ein ſchneidender Nord durchſtrich das Gebirge, und machte Alles ringsumher noch mehr erſtarren. Die Hohenberger Mauern waren mit Knechten und Rittern beſetzt, denn man hatte ſchon in der Frühe Bewegungen im feindlichen Lager bemerkt; man ſah, wie ſich eine Schaar lostrennte und auf ungebahnten Wegen her⸗ anzuziehen begann. Die Ritter jauchzten ſchon vor Freude, als ſie dieſes wahrnahmen, denn auf dieſe Weiſe konnte man ihnen nichts anhaben. Nach einen Stunden waren die Feinde am Fuße der Höhen angelangt, und begannen ſich zum Sturmlauf vorzubereiten. Die Hohen⸗ berger lachten des tollen Vornehmens, und verſtärkten jenen Theil der Ringmauer, welchem der Sturm gelten 1¹2 ſollte, durch eine Ueberzahl von Vertheidigern. Plötzlich ertönte Hörnerruf, der in langen Stößen wiederhollte, und ſich ſo durch das Gebirge fortzupflanzen ſchien— die Ritter ſtutzten— aber die Feinde gönnten ihnen nicht Zeit zum Weiterforſchen und begannen den Sturm. „Donnerwetter!“ brüllte Schikentanz dem Blaſen⸗ feld zu,„ſind die Kerle toll, daß ſie muthwillig in den Tod rennen, oder wollen ſie uns narren und kehren auf dem halben Wege um?“ Allein nur zu bald ſollten ſie enttäuſcht werden. Das Fußvolk war kaum aut halbem Wege, ſo erdröhnte rückwärts ein Schuß. „Tod und Teufel!“ ſchrie der Treuenburger„was iſt das.“ „Sie greifen uns rückwärts an,“ brüllte Blaſenfeld. „Verdammt!“ heulte Schikentanz,„wer hat ih⸗ nen den Gebirgsweg gezeigt? Das war der Ebersdorfer, oder der Satan ſelbſt.“ Die Hohenberger ſahen ſich überliſtet, denn wäh rend ſie den Scheinangriff beachtet hatten, näherte ſich von rückwäl her ein anderer Houfe ungeſehen der Burg. Die Sturmleitern wurden angelegt, alſo die Mauern hinanzuſtürmen. Nun entbrannte ein fürchter⸗ licher Kampf, die Vertheidiger wehrten ſich verzweifelt, allein ſie mußten ihre geringen Kräfte auf zwei Seiten — 8 113 zerſtreuen, und vermochten daher keinen erfolgreichen Wi⸗ derſtand zu leiſten. Viele der Knechte, Horſteneck, Treuenburg und Funſchwab waren ſchon gefallen, als Schikentanz das Vergebliche des Blutvergießens einſah, und mit Bla⸗ ſenfeld unbemerkt den Kampfplatz verließ. Trude harrte ihrer ſchon mit brennender Fackel, ſie ſtürzten durch einen langen Gang, eine geheime Treppe hinab, in einen finſtern Keller— hier lag, ſchon vorbereitet, ein Faß, durch deſſen Boden ein langer Schwefelfaden heraushing, das Ende desſelben wurde angezündet, und nun eilte die flüchtige Dreizahl, wieder einige Stufen hinab, ſchnell durch einen ſchmalen unterirdiſchen Gang; ehe eine Viertelſtunde verging, befanden ſie ſich im Freien außerhalb der erſtürmten Burg, durch eine Schlucht von jener getrennt. „Donnerwetter!“ rief Blaſenfeld,„ſollte der Zündfaden erloſchen ſein?“— In demſelben Augenblicke erſchütterte ein fürch⸗ terlicher Knall die Luft, der Boden erbebte, ein finſte⸗ rer Rauchqualm wälzte ſich über die Burg empor; Steine, Trümmer, Thore, Bränder, Leichen ziſch⸗ ten durch die Luft; Heulen und Brüllen drang her⸗ über— nach einer Weile wurde es wieder ſtill, dann hörte man fallen und ſtürzen, und wo Hohenberg ge⸗ 10 114 ſtanden, waren nur einige Mauern zu ſchauen, die kahl und nackt in die Luft ſtarrten. Einzelne Feinde flohen, zerſtreut, auf flüchtigen Rennern die Höhen hinab, gegen das Lager zu, unter dieſen war auch der Ebers⸗ dorfer, die Andern lagen begraben unter den Trümmern der Burg. Das flüchtige Kleeblatt eilte über einſame Wege durch das Gebirge. folgenden beiden Tagen wurden ſie mit Mannſchaft und Per Ungar. Wie ein Eiland„ringsumher von ſtürmiſchen Fluten eingeſchloſſen, die immer mehr anſchwellend ein Stück des feſten Bodens nach dem andern überſpülen, und zuletzt, das Ganze verſchlingend, übereinanderſchlagen— ſo lag Wien da, in der Mitte kampfentbrannter Feinde. Mit drei Heeren zugleich ging König Mathias auf Wien los; er ſelbſt, von Preßburg durch das Marchfeld über Korneuburg und Floſterneuburg kommend, ſchien einem erzürnten Kriegsgotte gleich einherzurauſchen, und an jeden ſeiner Schritte einen Sieg zu heften. Am Tage der heiligen Barbara, um die neunte Vormittagsſtun⸗ de, rückte das königliche Heer gegen den untern Werd, errichtete mit Blitzesſchnelle jenſeits der Donau zwei Schanzen, wovon eine bei der mittlern Brücke, die andere aber bei dem, erſt kürzlich zu Stande gebrach⸗ ten, neuen Donau⸗Einlaß zu ſtehen kam. An den Geſchütz verſehen, und am ſiebenten vom Könige ſelbſt in Augenſchein genommen. Anderſeits dehnte ſich ein feindliches Heer von der Hundsmühle— in der Nähe des Schloſſes Hundsthurm— über Gumpendorf aus, ſtand in einem ſchützenden Lager, und hielt eine erſt friſch hergeſtellte Schanze beſetzt, die bei der, an der Wien gelegenen, alten Kirche des heiligen Aegidius er⸗ richtet, alle Wege, die hier in die Stadt führten, am ſchärfſten bewachen mußte. Das dritte Heer endlich lag bei der Bartholomäuskirche in Hernals, und dehnte ſich von da über Währing, durch eine Schanze beim Spor⸗ kenbühel*) verſtärkt, bis an die Donau. Alle dieſe Vorbereitungen, im Angeſichte der Stadt geſchehen, verbitterten das drückende Gefühl der Bewohner um ſo mehr, da ſie, jeder Hilfe fern, nicht Macht genug beſaßen, die Feinde in ihrem bedrohlichen Verfahren zu hindern. Zwar waren um dieſe Zeit zwei Abgeſandte vom Kaiſer angelangt, aber dieſe brachten nichts als Verſprechungen, die eben ſo wenig fruchte⸗ ten, als die Ermunterungen des Fiscus Johann Koller, der die höchſte Perſon des Regenten in ſeiner Abweſen⸗ heit zu vertreten hatte. Beſſere Wirkung, als dieſe lee⸗ ren Tröſtungen, brachte eine Hilfe hervor, die von der *) Der jetzige Himmelpfortgrund. 117 Stadt Laa geſandt wurde: 200 Reiter, 300 Mann mit Schießgewehren und 60 Pfeilſchützen; allein dieſes geringe Häuflein, gegen die übergroße Macht des Kö⸗ nigs, konnte nur ſchwachen oder gar keinen Erfolg verſprechen, und die Unruhe in den Herzen der Wie⸗ ner über die Ereigniſſe der kommenden Tage blieb immer dieſelbe. In dieſer drückenden Lage der Stadt lag die größte Wucht der Sorgen auf dem Rathe, dem das Wohl der Bewohner zu Herzen ging, der aber an ſeinem Herrſcher ſich keiner Untreue ſchuldig machen wollte. Beſonders war es Herr Stephan Oen, der Bürgermei⸗ ſter, der in der letzten Zeit beinahe zum Greiſe ge⸗ worden war. Der Kummer über ſeine verlorne Tochter und das Bedrängniß der Vaterſtadt war eine ſchwere Laſt, die ihm das Schickſal aufgebürdet hatte; doch war in den letzten Tagen ſein väterliches Intereſſe vor der Sorge für das allgemeine Wohl in den Hinter⸗ grund getreten, und er begann mit allen ihm zu Gebote ſtehenden Mitteln die Feinde zu beunruhigen. Ausfälle nach verſchiedenen Seiten wurden unternommen; allein die feindliche Uebermacht und feſte Stellung machten dieſelbe unwirkſam, oder ſchlugen ſie gar zurück bis hinter die Stadtzäune. Herr Stephan Hen erkannte, daß der Vertheidiger viel zu wenig ſeien, als daß ſelbſt 118 Heldenmuth— wie er früher gehofft— die Ueberzahl aufwiegen könnte; darum faßte er ſelbſt einen kühnen Entſchluß. Früher an den Kaiſer abgeſandte Botſchaf⸗ ter waren mit leeren Worten und Verſprechungen rück⸗ gekehrt, nun beſchloß er ſelbſt nach Linz zu eilen; ihm, dem warmen Vertheidiger der Vaterſtadt, dem treuen Anhänger Friedrichs, konnte dieſer eine Bitte nicht ver⸗ ſagen. An der Spitze fünfzig freiwilliger Reiter ſtürmte er aus Wien, ſchlug ſich durch das Feindeslager, jagte nach Linz, und erſchien als alleiniger Abgeſandter Wiens vor Friedrich, der, um ſelbſt Troſt zuzuſprechen, al⸗ lerorts die merkwürdigen Worte hinſchrieb:„Bei ver⸗ lornen Dingen iſt Vergeſſen das Beſte.“*) Nicht klein war die Erwartung, welche die Wiener von dieſem ho⸗ hen Abgeſandten hegen mochten, allein um ſo erſchüt⸗ ternder war die Wirkung der zerfallenden Hoffnung, um ſo ſchmerzlicher das Gefühl bitterer Enttäuſchung; denn als Herr Stephan Oen auf eben dieſelbe Weiſe, wie er von dannen gezogen, rückkehrte, brachte er die hi⸗ ſtoriſch merkwürdige in allen Chroniken aufgezeichnete Antwort mit:„Die Wiener ſollten nun auch einmal fühlen, wie wehe der Hunger thue, den ſie ihn in der belagerten Burg hatten leiden laſſen.“**) *) Rerum irrecuperabilium ohlivio sumwa felicitas est. *) 1462. 119 Nun war auf einmal jede Hoffnung verloren; die Bedrängten ſahen ein, daß ſie nur auf ihren eigenen Widerſtand beſchränkt ſeien, und keine Hilfe zu gewär⸗ tigen hätten. Bei Vielen war dieß ſreilichsein Sporn zu noch größerer Aufopferung, unbefleckt ſollte ihre Treue an den Landesfürſten aus dieſer Goldprobe hervorgehen; allein bei Vielen wirkte ſie entmuthigend; warum ſoll⸗ ten ſie Noth und Elend dulden, ihr Leben Preis geben, da ſie vom Feinde mehr zu erwarten hatten, als vom Freunde? Auf dieſes hin entſtand das größte Uebel in einer belagerten Stadt, ein Uebel, das dem Beſieger ſein Vorhaben um Vieles erleichtert: das Uebel der Zwietracht. An einem hellen Februartage, um die Mittags⸗ ſtunde, ſtand Herr Lorenz Entheim, der Thurner von St. Stephan in ſeinem hochgelegenen Stübchen, und lugte durch die Fenſter nach allen Seiten der Windroſe, gerade ſo wie ein Langſchläfer, der, kaum erwacht zum Fenſter eilt, um draußen nach dem Wetter zu ſpähen. Mutter Kathrei ſaß unruhig in einer Ecke am Rocken und ſpann, während Herr Lorenz ſie immer von dem in Kenntniß ſetzte, was er aus der Ferne wahrzuneh⸗ men vermochte. „Drüben über der Donau,“ ſprach der Thurner „iſt Alles unſichtbar; der Rebel ſteigt auf, verhüllt den Tabor und die beiden Werds, er ballt ſich immer dich⸗ ter ʒuſammen— ich müßte Fatzenaugen haben, ſollte ich die Finſterniß durchſchauen können.“— „Ei,“ zief Kathrei herüber,„laßt den Nebel, Nebel ſein, und guckt lieber nach Ebersdorf hin⸗ über.“— „Ebersdorf! Ebersdorf!“ begann Herr Lorenz, ſich orientirend;„ja, ja, dort liegt Schloß Ebersdorf— Alles ruhig, kein Feind in der Nähe.“ „Gottlob!“ ſeufzte Wohlmuths Mutter,„aber ich ſoll mich im Voraus nicht freuen; man lach' nicht eher, als bis ʒur gehörigen Friſt; man ſag nicht eher„Hopp,“ als man erſt über'm Graben iſt. „Mit Ebersdorf,“— fuhr der Thurner fort,— „haben ſich unſere Herrn arg geſchnitten; ſie meinten, der Feind werde es früher nehmen und dann erſt auf uns los gehen, aber der verteufelte Schnauzbart läßt das Reſt im Rücken liegen, und macht ſich einen blauen Pfifferling daraus.“— „Ei, Du lieber Lazarus,“ rief Kathrei,—„da hat er vollkommen recht; liegt doch mein Wohlmuth dort, um den jetzt auch ſchon ein Hahn kräht. Ach zu welch' hohen Ehren iſt der Burſche gekommen! Aber, wie mams ſtellt, ſo ſteht's, wie man's treibt, ſo gehts.“ 121 „Und mein Hannes,“ fuhr der Thurner fort,„iſt er nicht auch ein ganzer Kerl geworden? Bei St. Ste⸗ phan, wo ich Thurner bin! er ſteht keinen Schritt breit hinter Eurem Wohlmuth, iſt auch Hauptmann und liegt dort in der Schanze vor der äußerſten Brücke— ach, wenn nur der Nebel nicht wär', daß ich wenigſtens hinüberlugen könnte.“ Aber die Nachtluft wird rauh, ich will's Fenſter⸗ lein ſchließen, ſonſt könnt Ihr'n Schnupfen bekom⸗ men. Hitzt den Ofen, Mutter Kathrei, ich will ein we⸗ nig in die Stadt hinunter; wenn man mich ſucht, ſo bin ich im Bierſchank im Rothgäßchen zu finden; übrigens werd' ich nicht lange weilen, damit Euch nicht bange wird.“ „Ei warum nicht gar bange,“ entgegnete die Alte,—„ſeit mein Söhnlein Söldner iſt, fürcht' ich mich nicht mehr; im Dunkeln iſt gut munkeln; ein gut Gewiſſen im Herzen haben, da liegt der Hund be⸗ graben.“ Herr Lorenz machte ſich hierauf wegfertig, heftete ſein Wamms zu, ſetzte die Gugel auf, zog die Win⸗ terlappen über die Ohren, nahm ſeine roſtige Waffe von der Wand, die in der Mitte zwiſchen Bratſpieß und Küchenmeſſer prangte, ſteckte ſie in ein büffelleder⸗ nes Gehänge, gürtete dieſes ſchlaff um den Bauch Wien II. 11 122 und trottelte langweilig, wie die Stiege ſelbſt, den Thurm hinab. Kathrei aber hitzte den Ofen, ſetzte ſich in den löcherigen Lehnſtuhl, und verlor ſich in Gedan⸗ ken über ihren Sohn. Um ſelbige Zeit trug es ſich zu, daß ein einzelner Mann über die Steinbrücke vor dem Stubenthore des Weges daherkam. Er war mittlerer Geſtalt, von feſtem, ſtämmigem Körperbau; ein ſchwarzes, blitzendes Auge, eine etwas ſtark gebogene Naſe gaben ſeinem Antlitze ein überaus lebhaftes Anſehen; er mochte in den Vier⸗ zigen ſein, aber die Beine ſchienen ſich den eiligen Schritten mit Unwillen zu fügen. Seine Kleider ver⸗ riethen den Wiener Handwerker, wiewohl ſeine Züge dieſem ſehr widerſprachen; aber wer mochte daran zweifeln, er rollte ſo eben ein Rad vor ſich her gegen die Stadt, es muß alſo ein Wagner ſein, der, in der Nikolaivorſtadt wohnend, Geſchäfte halber hinein eilt; für einen ſolchen galt er auch dem Söldner am Thore und zog ungehindert ein. Mit flüchtigem Fuße durcheilte er die Wollzeile, und immer flog das Rad vor ihm her, als ob er von Jugend an ſolch Spiel und Handwerk ge⸗ trieben hätte. Aus dieſer Straße bog er rechts hinab, gegen das Rothgäßchen, wo Meiſter Lorenz eben ſeines Weges ging. Der unbewegliche Thurner vermochte dem eiligen Handwerker kaum ſchnell genug auszuweichen, 123 und es hätte nicht viel gefehlt, ſe wäre er niedergerannt worden. „Donnerwetter!“ ſchrie der Thurner, gewaltig erſchrocken,„iſt die Straße für den Eſel nicht breit ge⸗ nug, daß er die Leute mir nichts dir nichts zuſammen⸗ rennt? Kaum ſollte man glauben, daß ein Wiener ſo ungeſchlacht ſei.“— Der Wagner verzog keine Miene, eben war er. beim Bierſchank im Rothgäßchen angelangt, lehnte dort ſein Rad an die Wand, und trat in die Stube. „Aha,“ murmelte Herr Lorenz vor ſich hin,— „biſt Du da! Wart', ich will Dich ſchon Mores lehren. Bei St. Stephan, wo ich Thurner bin! der ſoll heute wenigſtens um zehn Krüge gehänſelt werden, der unge⸗ ſchlachte Geſelle, hätte mir bald die Hippen einge⸗ ſtoßen!“— Er humpelte in die Schankſtube, hatte bald ſeinen Mann herausgefunden, und ließ ſich an dem gegen⸗ über ſtehenden Tiſch nieder. Das Bierhaus im Rothgäß⸗ chen war ſeit langer Zeit das beſuchteſte in der Stadt; der eintretenden Theuerung und Noth halber mußten die meiſten der öffentlichen Gaſthäuſer geſchloſſen wer⸗ den, weil die Zahl Derjenigen immer kleiner wurde, denen noch einige Pfennige übrig blieben„um ſie für Bier oder Wein verthun zu können. 124 Seitdem der Bierleutgeber im Leinwandhauſe an der Peſt geſtorben war, ſcheuten ſich Viele den Stadtſchank zu beſuchen, und er war daher im Anſehen ſehr geſun⸗ ken; ſo kam es, daß nur einige Gaſthäuſer offen ſtan⸗ den, unter denen jenes im Rothgäßchen. Am ſelbigen Abende befand ſich da eine he⸗ Verſammlung von Gäſten, die mit größtentheils trüben Gemüthern mehr zu kümmerlichen Mittheilungen, als zur geſellſchaftlichen Erheiterung, verſammelt ſchienen. Es waren meiſtens angeſehene, reiche Bürger— Kram⸗ und Gildeherren, die, dem erſten Anblicke nach, wohl wenig Urſache haben konnten, trübe Geſichter zu ma⸗ chen; allein Handel und Erwerb ſtockten, bedrohliche Gefahr von außen, Noth und Elend von innen— wer mochte gegen ſo viele Drangſale geharniſcht ſein! Der Thurner hatte ſich einige Bekannte bald heraus gefun⸗ den, und begann mit ihnen die Zeit zu verreden, und die Begebenheiten des Tages wiederzukauen.— In Ei⸗ fer dieſer wichtigen Beſchöftigung vergaß er ſeines Groll's gegen den Wagner und ſein löblich Fürnehmen in Beziehung des Hänſelns, und ſprach und trank nach Herzensluſt. Wie es in Schankhäuſern gewöhnlich zu gehen pflegt, daß ein Vorlauter das Wort führt und die Andern zuhorchen, ſo war's auch hier der Fall, und und zwar in einem noch viel engern Sinne, denn hier war's ſchon zur Sitte geworden, daß, ſobald eine ge⸗ 125 wiſſe Perſon in die Extraſtube des Schankes trat, die Andern alle ſchwiegen und dieſer willig das Wort über⸗ ließen. Dafür bekamen ſie auch ſo viel Erlebtes, Ern⸗ ſtes, Schnackiges und Drolliges zu hören, daß ſie ſich ſchier verwundern mußten, woher obbeſagte Perſon ſo viel Zeugs hernähme, oder wie ſie ſo viel Lügen er⸗ dichten könne. So oft ſie daher in die Stube trat, ju⸗ bilirten die täglichen Gäſte hochauf; einer von ihnen rief:„Jetzt ſtille ſein, denn Herr Rottmeiſter Kunz iſt da, er wird ſeinen Redekram gleich aufſchlagen;“ auf dieſes mußten Alle gehorſamen, und der Rottmeiſter ließ ſich nicht lange bitten, und that ſein Möglichſtes zur Erheiterung der Geſellſchaft. Der Wagner ſaß ruhig an einem Ecktiſche, meh⸗ rere Männer hatten ſich um ihm verſammelt, und re⸗ deten leiſe untereinander; ihre Sprache war den An⸗ dern unverſtändlich, darum kümmerten ſie ſich aber we⸗ nig; der Handwerksmann mit ſeiner Umgebung blieb unbeachtet. Da öffnete ſich die Thüre, eine hohe Krie⸗ gergeſtalt mit einem narbigen Geſichte trat ein, grüßte ſoldatiſch die Verſammlung und ein:„Willkommen, Herr Rottmeiſter Kunz!“ tönte ihm von den Bekann⸗ ten entgegen. Er dankte, ſtrich ſich den Schnauzer, legte unter Raſſeln und Klirren ſein Wehrgehänge ab, und ließ ſich auf einen ihm dargereichten Stuhl nieder; der Herberger brachte einen Schoppen Braunes, und flüſterte dem Krieger leiſe in's Ohr:„Der fünf „und fünfzigſte, Herr Kunz!“— „Wegen meiner der neun und neunzigſte,“ polterte dieſer,„ich trink, ſo lang mir's ſchmeckt, und zahle, ſobald ich kann, das iſt ſo mein Brauch und Söld⸗ nermanier; hab' ich Recht, meine Herren, oder nicht?“ „Ganz Recht,“ erwiederten die Meiſten,„Schul⸗ den machen iſt keine Schande, aber Nichtzahlen iſt ſchuftig.“ „Derſelbigen Meinung bin ich auch,“ erwiederte der Rottmeiſter,—„wären vor acht Jahren an den ſchnauzbärtigen Ungar die 100,000 Goldgulden bezahlt worden, hätten wir jetzt nicht ſo lange Kriegsnoth zu dulden. Potz Haufnitzen und KFarthaunen!'s wird mir bald zu viel werden. Drein ſchlagen will ich mein Lebelang, aber Hunger und Durſt leide ich keine Stunde lang!“— „Ja, ja,“ ſeufzte einer der anweſenden Kram⸗ herren,„der Ungar iſt pfiffig, er kennt unſere ſchwache Seite, und ich fürchte, er wird's auf's Aergſte trei⸗ ben.“— „Nur zu, ſo lang es geht,“ rief der Rottmeiſter, 127 —„einmal muß es doch ein Ende nehmen; wenn der Bogen am ſtärkſten geſpannt iſt, reißt die Sehne am eheſten. Bis die Wiener Herren des Hungers genug gelitten, werden ſie ein anderes Liedlein pfeifen.“— „Ihr meint doch nicht eine Uebergabe der Stadt an den Ungar?“ fragte ein Gildemeiſter mit wichtiger Stimme. „Ei, was denn ſonſt?“ verſetzte der Krieger,„wie lange kann's denn ſo bleiben? Hilfe haben wir keine zu gewärtigen, denn wie Ihr wißt, läßt man uns im Pfeffer ſitzen, und wenn der liebe Gott nicht einige zehntauſend engliſche Söldner herabregnen läßt, die den Teufel dreinhauen können, ſo weiß ich nicht, ob wir's noch zwei Monate aushalten?“ „Wenn man's von Grund aus erwägt,“ begann ein angeſehener Kramherr,„ſo wär' es bald beſſer, je eher deſto lieber der Stadt Bedrängniß ein Ende zu ma⸗ chen; denn, wenn keine Ausſicht auf Hilfe iſt, was nützt das leere Hoffen und Zögern? Wollen ſie war⸗ ten, bis der Ungar unſ're Stadt ganz ruinirt, und Tauſende von Einwohnern Hungers geſtorben ſind?“— „Und dann“, unterbrach ihn ein Anderer,— „wird der Feind durch unſern Widerſtand nur noch mehr erbittert, und verfährt mit beſiegter Stadt viel erbar⸗ mungsloſer.“— 128 „Da habt Ihr das Schwarze getroffen,“ rief der Rottmeiſter,„das ſollten die Herrn berathen.— Mei⸗ netwegen, ich hab nichts zu verlieren, mein Vaterland iſt Gottes liebe Welt, mein Brot wächſt überall; mein Gewerbe iſt der Krieg— geht's nicht da, ſo geht's dort— mein Hab' und Gut trag'ich an meiner Hüfte und mein Hausdach iſt der freie Himmel, und den, hoffe ich, wird mir der Ungar mit ſeinen Büchſen nicht zuſammendonnern.“ Die Worte des Rottmeiſters hatten einen Zunder in die Herzen der Bürger geworfen; der gedachte ſei⸗ nes Eigenthums, jener ſeines Gewerbes, dieſer ſeines ſchönen Hauſes auf dem Markte, der andere wieder ſeiner Geldſäcklein— Alle ihrer Frauen, Kinder und Angehörigen, und in jedem Herzen entſtand der Wunſch, dem Bedrängniſſe möge ein Ende gemacht werden, wenn nicht anders, ſo durch Uebergabe der Stadt. Dieſe Ge⸗ danken und Meinungen wurden bald laut und unverho⸗ len ausgetauſcht. „Noth kennt kein Gebot,“ ſprachen ſie,„das kann uns Niemand verargen; Jeder iſt ſein nächſter Freund, und ſeine Haut wird Niemand zu Markte tragen.“ Der Wagner, mit den ſeine Perſon umgebenden Gäſten, hatte dieſe Unterhandlung angehört, und unver⸗ kennbar war ſeine Theilnahme an derſelben. Sein feurig 129 Auge durchblitzte die Menge, ein wohlgefälliges Lä⸗ cheln ſpielte um die Lippen, und bald dieſem, bald jenem der zunächſt Sitzenden einige Worte zuliſpelnd, ging ihm keine Aeußerung der Wiener Bürger verloren. Der Thurner war auch kein ſtummer Zeuge der Verhandlungen in der Schankſtube, er mengte ſich in das allgemeine Geſprächſel, ohne mit ſeiner Meinung, die immer auf Ruhe und Frieden hinauslief, im Hin⸗ tergrunde zu bleiben. Der Gang des Geſpräches kam nun, wie natür⸗ lich, auf den Ungarkönig, auf deſſen Eigenheiten, was man von ihm, als Sieger, werde zu erwarten haben, und da wußte denn wieder der Rottmeiſter die beſte Auskunft zu geben. Ein Bürger hatte nůmlich die Frage aufgeworfen, ob denn Jemand da ſei, der den König perſönlich kenne?„Ich kenn' ihn nicht,“ rief ein Kram⸗ herr,„trag' auch kein Gelüſte darnach,*s ſoll ein wilder Prinz ſein, der Ungar, mit brennrothem Haare, zerfetztem Antlitze“— „Ein Todtſchläger ſonder gleichen,“ rief ein Ande⸗ rer drein. „Auf'm Roß, wie'ne tolle Windsbraut,“ ſchrie ein Dritter. „Ein ungeberdiger Bauer,“ verſetzte ein Vierter, „der die Naſe nicht hoch genug tragen kann.“ 130 „Ja, ja,— ſo geht es immer,“ ſagte der Thurner, „wie die alte Kathrei, meine Wirthſchaftsfrau, ſagt: kommt der Bauer auf's Roß aus der Noth, reitet er bald den Edelmann zu todt; ſtille Gluth bratet am ärgſten, und wenn der Koth Pfeffer wird, beißt er am ſtärkſten.“ „Potz Haufnitzen und Doppelhacken!“ polterte der Rottmeiſter mit tiefer Baßſtimme,„was faſelt Ihr da alleſammt in den Tag hinein? Grrade ſo, als wenn ich von Meiſter Tichtel ſeiner Salberei und Doc⸗ terei oder vom Sternekennen plauſchen wollte, wovon ich, mit Verlaubniß ſei's geſagt, einen Pfifferling verſteh'! Eu're Wirthſchaftsfrau, Herr Thurner, ſoll ihre Sprüch⸗ lein auf alte Weiberröck', auf Töpf' und Pfannen an⸗ wenden, nicht aber aber auf den Ungarkönig. Oder glaubt ſie, weil ihr Söhnlein, dem ich noch vor fünf Jahren das Kriegshandwerk vom Grund aus gelernt, jetzt ſchon Hauptmann iſt, daß ſie deßwegen einen Stein mehr im Brete hat? Bei Leibe! das Glück iſt kugelrund— ich kann weder Jenem, noch Eurem leiblichen Sohne, was Böſes nachſagen; aber das, was ſie gethan, hätten auch viele Andere üben können und wären deßwegen doch nichts geworden— das iſt ſo der Glückslauf, verſteht Ihr mich?— Was aber den Ungarkönig belanget, da müßt 13¹ Ihr mich anhören.— He, Herberger! noch einen Krug und mein— Kerbholz!“ „Herr Kunz,“ riefen mehrere der Gäſte,— „Ihr werdet uns doch nicht verlaſſen wollen? Die Bier⸗ glocke hat ja noch nicht geläutet.— „Ei, Potz Haufnitzen und Doppelhaken! was ſcher' ich mich um die Bierglocke? Mein Herr iſt ſie nicht; ich gehe, wenn mir's gefällt.— Meiſter Herberger, da iſt mein Kerbholz.“ Dabei zog er ſeinen Theil aus der Taſche, hielt ihn mit demjenigen des Schankherrn zu⸗ ſammen, und begann laut die Striche zu vergleichen: „Eins, zwei, drei, vier, fünf Haken, ſechs, ſieben— zehn— Kreuz; ein Kreuz, zwei Kreuz. fünf Kreuz— richtig, fünf Kreuz, ein Haken— macht fünf und fünfzig, und die heutige Zeche vier Striche darüber, oder— da⸗ mit das Kreuz voll wird— bringt ſchnell noch einen Krug— ſind ſechzig; Baſta!“ „Aber, Herr Kunz,“ rief ihm einer ſeiner Be⸗ kannten zu,„laßt Euch nicht umſonſt gebeten haben, ſeid nicht ſo ungeberdig und macht keine Faxen! Wenn Ihr uns verlaßt, ſo ₰ wir ohne Zeitvertreib; ein ſo viel erfahrner Krieger— Der traf des Rottmeiſters git Seite.—„Er⸗ fahren haben wir, Gottlob, genug!“(dabei klopfte er ſich auf ſeine Bruſt)„und lebten wir hundert Jahre, 132 wir könnten jeglichen Abend mehr denn ein Stückchen erzählen, aber wenn— ich meine nicht Euch, Herr Thurner, Gott bewahre! Sintemalen Euer Herr Sohn Haupt⸗ mann iſt, hab' ich meinen Reſpekt auch vor Euch— ja wenn uns ſo ein Schmeerbauch von einem Reſthocker mit Meinungen moleſtiren will, die einen Krieger— wenn auch König nebſtbei— einen ſolchen Krieger bemackeln, da ſollen neunundneunzigtauſend Donner⸗ büchſen zugleich dreinſchlagen, daß denen im oberſten Stock Hören und Sehen verginge; da muß ein ordent⸗ licher Menſch aus der Haut fahren, und wenn er auch mit Kalbfell überzogen wäre. Seht, Ihr Herren, ich will Euch ein Stücklein erzählen, wie ich es ſelbſt erlebt; mit meinen eigenen Sinnen, deren ganzer Stand in fünf Stücken beſteht, wohl gerüſtet und kampffähig— ja mit dieſen Sinnen hab'ich's erlebt, und werde es nie vergeſſen.“ Der Rottmeiſter ließ ſich wieder auf ſein Geſitz nieder, ergriff den Krug, machte einen langen Zug, der wahrſcheinlich das fernere Dableiben des Kruges entbehrlich machte, wiſchte ſich die ſchaumigen Reſte des Getränkes von dem buſchigen Knebel⸗und Schnauz⸗ bart, und firirte mit einem ſtechenden Blicke den Thurner. Dieſer ſchlug etwas verwirrt die Augen nieder, konnte es jedoch Neugierde halber nicht über ſich bringen, den Schank zu verlaſſen; denn Alles horchte, ſelbſt der 133 Wagner mit ſeiner Umgebung nicht ausgeſchloſſen. Dieſe geſpannte Stille erfreute den Krieger baß, und er be⸗ gann mit wichtiger Stimme: „Ihr Herren wißt, daß wir Söldner die Kriegs⸗ kunſt wie ein Handwerk betrachten, das zwar auch einen goldenen Boden, aber auch einen blutigen Schädel und blauen Rücken hat; man klopft und wird geklopft, man ſiegt und wird beſiegt, ganz nach Belieben der wetterwendiſchen Frau Fortuna— heute Der, morgen Jener, und der in's Gras beißt, hat's am Ende am Beſten getroffen.— Vor eilf Jahren war ich in polniſchem Solddienſte als gemeiner Söldner, aber ein ganz an⸗ derer Kerl, wie jetzt: ſo viel Jahre jünger, nicht ſo ab⸗ geſchlagen und abgemartert, mehr Freud und Lebens⸗ luſt, kurz: ein fideler Burſch, ein Mädljäger ſonder⸗ gleichen, der jede Feſtung mit Liebesliſt erſtürmte, und wär' ſie auch von ihrer ganzen buckeligen Sippſchaft be⸗ wacht und vertheidigt worden. Auf einmal heißt's: wir müſſen ins Schleſiſche ziehen. Auch gut, dacht' ich mir, da gibts Victoria, und wo dieſe iſt, da gibts' auch Beute im Ueberfluß. Aber einen blauen Teufel hat's gegeben; blaue Buckel und gezeichnete Wangen, ſonſt nichts! Doch Ihr ſollt gleich weiter hören.“ „Wir ſind zwar ſchnurgrad' gen Breslau gezogen; aber die verdammten Breslauer haben's mit dem Un⸗ garkönig gehalten, dem nämlichen, welcher jetzt vor Wien liegt, dem gewaltigen Corviner. Ihr müßt wiſ⸗ ſen, daß das ſo eine verwickelte Geſchichte war, die Polen, Böhmen und Ungarn lagen ſich in den Haa⸗ ren.—— Der König hatte ein feſtes Lager bei Breslau, welches eben ſo gut die Stadt deckte, als es von der⸗ ſelben gedeckt wurde, und bezog aus ſelbiger Proviant im Ueberfluß; wohingegen er die ganze Bauerſchaft aus der Gegend zum Teufel jagen ließ, damit wir ſpäter nichts vorfänden. Im Oktober ſchlugen wir einen Streif⸗ haufen von ungariſcher Seite, und unſere Führer machten einen gewaltigen Rumor, als ob ſie wer weiß was ge⸗ nommen hätten. Das Lärmmachen ſollte ihnen aber theuer zu ſtehen kommen. Bald darauf vereinigten wir uns mit den Böhmen, und begannen die Stadt Bres⸗ lau und das Ungarlager zu blockiren. Nun müßt Ihr wiſſen, daß es Winter war— kalt, daß Einem das Blut in den Adern hätte frieren mögen. Hungrig, wie ein Wolf, und durſtig, wie ein Fiſch auf'm Land, und dabei im freiem Feld, wenig Brot und Brannt⸗ wein— von etwas Anderem war gar keine Rede— da habt Ihr nachher unſere erbärmliche Lage. Die ge⸗ bornen Polen, die haben ſich nen Plunder d'raus ge⸗ macht, die ſind's Kälte⸗und Hungerleiden von Haus aus ſchon gwohnt— aber unſer Einem ging's arg genug. 135 Der Marketenderien waren wenige da, und die nur für Rottmeiſter und Hauptleute, denn wir arme Schlucker hatten zu wenig baare Münze, um ſich nur in etwas gütlich thun zu können. An einem Vormittage kommt ein Bauer hergeſchlichen, mehrere Flaſchen im Korbe und Brot in den Taſchen; wir hätten den Kerl vor Gierde zerreißen mögen. Er gab ſeine Waare billig, wollte aber nicht Alles auf'm Fleck verkaufen, ſondern ging von Zeltgaſſe zu Zeltgaſſe, und ließ überall nur etwas zurück. Auf dieſe Art war er auch zu mir gekommen.“ „Bruder Bauer,“ redete ich ihn gut deutſch an, „ſo viel mir's bedünkt, ſind wir Landsleute; ich diene freilich für polniſch Geld, aber ich bin ein Deutſcher, ſo wie Du— gib mir ein Glas Branntwein und ein Stück Brot; aber, ſo wahr mein Name Kunz iſt, ich kann Dir keinen Pfennig dafür geben, denn ich bin arm, wie eine Kirchenmaus, und ein Bettler iſt ein König gegen mich— bei ſolcher Kälte iſt's kein Wunder, wenn Einem die Pfennige in der Taſche gefrieren, daß man auf ein⸗ mal in ſelbiger keinen vorfindet“. Der Bauer ſchenkte mir das Verlangte und ſprach:„Ihr Polen und Böhmen ſeid arme Schlucker, ſeht alle aus wie die ſieben theuern Zeiten, und wollt dem Ungar was abgewinnen? Zieht lieber heim, und gewährt den Feinden ihr Begehren, ſonſt ſchlitzen ſie Euch Eure Häute, daß Ihr ausſchauen 136 follt, wie die ſcheckigen Wämmſer mit den Puffär⸗ meln. Da, nimm das Papier, trag's ins Zelt des Polenkönigs; es ſoll Dir dafür ein trefflicher Lohn werden.“ „Holla,“ dacht'ich mir,„das wär recht;“ pack'den Wiſch zuſammen, und renn' wie ne angeſchoſſene Wild⸗ ſau zum König.—“ „Nach langem Warten und Wichtigthun ließ mich Herr Kaſimir vor ſich, ich erzählte ihm die ganze Hi⸗ ſtorie mit dem Bauer, und überreichte ihm endlich das Geſchreibſel, welches mit einem röthlichen Plunder ver— pappt war.— Der König übernahm kopfſchüttelnd das Geſchrift, kaum hatt' er es aber mit einem Blick durchflogen, als er plötzlich, wie vom Blitz aufgejagt, auf mich ſprang und mir die Worte zudonnerte:„Verdamm⸗ ter Kerl, wo iſt der Mann, der Dir dies Papier gab?“ „Ob ſothaner Anrede ganz verblüfft, ſtotterte ich mühſelig heraus:„Wo er jetzt ſei, weiß ich nicht; doch ſollte er noch nicht davon gegangen ſein, ſo muß er ſich noch im Lager beſinden.“ „Dummkopf von einem Söldner,“ zürnte der König,„warum haſt Du ihn nicht angehalten? Hundert Goldgulden hätteſt Du zum Lohn empfangen— jetzt aber laß ich Dich durchfuchteln, wie'ne alte Weiberdecke.“ „Potz Haufnitzen und Doppelhacken! mir wurde — —„ o—„—— — 137 es ſchon gruſelig um's Herz— polniſche Prügel ſoll der Teufel holen! Aber es blieb bei der Drohung. Hun⸗ derte wurden ausgeſandt, den Bauer zu ſuchen, aber der Vogel war davongeflogen.— Und wer, meint Ihr, war der wagliche Fatznarr?— Der Ungarkönig wars, bei meiner ſündigen Seele! Der Corviner war's mit Leib und Seele, der uns eine Naſe gedreht hatte, ſo lang, wie der hieſige Stephansthurm. Auf ſelbigem Geſchrift war nämlich zu leſen:„Königlicher Bruder! Ich thue Euch die Ehre an„und beſuche Euch in Eu⸗ erem Lager. Da ſieht's aber huſgerig und kalt aus, deßwegen geh' ich lieber zurück zu meinen wohlgenähr⸗ ten Ungarn, denn bei Euch iſt nichts zu profitiren, Ihr ſeid armſelige Schlucker. Mathias.“ „Hollah, nun wurden die Unſrigen fuchsteufels⸗ wild, begannen der Feinde zu ſpotten, und wollten ſie durch prahleriſche Herausforderungen aus ihrem ver⸗ ſchanzten Lager locken; aber, proſt die Mahlzeit! die Kerle waren pfiffiger, denn wir, lachten in's Fäuſtchen und blieben im Neſt. Um uns aber auch einen Schur anzuthun, ließ der Ungarkönig an hochgelegenen Orten, die uns in die Augen fielen, Tanzſäle auffüh⸗ ren, in welchen ſeine Hauptleute und Soldaten mit den ſchönen Breslauerinnen herumhopſten, ſich bei Speiſe und Trank gütlich thaten, und allerhand Kurz⸗ 12 . 138 weil und Geſpeis trieben. Uns hungrigen Schluckern ſtieg das Waſſer im Maul auf, denn an Allem, was Jene im Ueberfluß hatten, litten wir Mangel. Potz Haufnitzen und Doppelhaken! wir hätten mögen aus den Häuten fahren, wenn das Jubiliren und Zechge⸗ ſchrei mit der Muſica herüberdrang, und wir nichts thun konnten, als wie die ausgemergelten Böcke hin⸗ über zu riechen. Nun begannen die Ungarn Ausfälle zu machen, und füllten die Breslauer Kaſematten mit gefangenen Polen; zuletzt wurden die Kerle hoffährtig und ſuchten nur die Tüchtigſten aus, den Anderen aber ſchlitzten ſie mit dem Säbel die Wangen auf, und ließen ſie laufen, damit ſie ſich zu Hauſe der Ehre rühmen könnten, mit dem Heere des Corviners ge⸗ fochten zu haben. Der Pole war wild, aber ohnmäch⸗ tig. Nun kam plötzlich die Nachricht, daß ungariſche Feldherren hinter ſeinem Rücken im Lande übel wirth⸗ ſchaften, daher machte er ſich auf und zog gen Kra⸗ kau; ich aber trug kein Gelüſte, Krakau zu ſehen, ich hatte ſchon an Breslau genug, ſagte den Polen Valet und zog von dannen.“ „An dieſem meinem Erlebniſſe könnt Ihr's merken, daß ich den Ungarkönig beſſer kenne, denn Einer von Euch hier, und daß ſo keckem, unternehmendem Kriegshelden aller Reſpekt geleiſtet werden muß, von Jung und Alt, Bürger und Krieger.“ „ en, en, von em von 139 Der Rottmeiſter ſchwieg; die Uebrigen im Eifer des Zuhörens hatten nicht bemerkt, welch lebhaften An⸗ theil der Wagner mit den andern, ihm zunächſt Sitzen⸗ den an ſeiner Geſchichte genommen, und begannen der Fühnheit des Königs Beifall zu zollen.— Plötzlich wurde es auf der Gaſſe draußen lebendig, die in der Schankſtube Verſammelten horchten hoch auf.— „Er muß in der Stadt ſein,“ rief eine Stimme.*) „In dieſer Gegend iſt er geſehen worden,“ ſchrie eine Andere. „Durchſucht jedes Haus,“ befahl eine Dritte. Tritte erſchallten, Waffen raſſelten, Fackeln fürr⸗ ten durch die finſtere Nacht„daß die Funken umher⸗ ſtoben. „Donnerwetter!“ rief ein Gildeherr,„wen ſie wohl ſuchen müſſen?“— „Gewiß einen Kundſchafter!“ entgegnete der Rot⸗ tenführer. Die Gäſte ſtürmten zur Thüre hinaus, der Wag⸗ ner raunte ſeiner Umgebung zu:„Nur Muth, Ihr Herren, und Keckheit, ſonſt ſind wir verrathen.“— Er erhob ſich raſch vom Sitze, enteilte der Stube, die Andern hinter drein; unter ihren Mänteln ſah man * Es bedarf wohl nicht der Erwähnung daß auch dieſe Begebenheit hiſtoriſch ſei. 140 hin und wieder Waffen hervorblitzen. Der Wagner er⸗ griff ſein Rad, und begann es ſchleunig vor ſich herzu⸗ kollern, die Männer aber umſchwärmten ihn in großen Umkreiſen. „Potz Haufnitzen und Doppelhaken!“ ſchrie der Rottenführer,„was treibt der Kerl bei Nacht und Nebel? Der ſcheint mir verdächtig.“ Er riß einem ſpähenden Schaardiener die Fackel aus der Hand, und lief dem Wagner vor, um ſein Antlitz zu beleuchten. „Hollah, her da!“ fuhr er fort,„der Teufel ſoll mich holen, das iſt der Breslauer Bauer!“ In dem- ſelben Augenblicke ſchleudert ihn eine tüchtige Fauſt zu Boden, der Wagner rumpelt fort, als ob ihn die ganze Geſchichte nichts anginge; nun ſtürmen die Su⸗ chenden zu Fuß und zu Roß herbei. „Da iſt er! Da iſt er!“ rief eine unbekannte Stimme, und zeigte auf den zu Boden geſtreckten Rot⸗ tenführer. Die Späher umringten ihn jubelnd, der Schreier aber verlor ſich, wie ein Schatten, in die Nacht. „Ficht Euch der Teufel an?“ brüllte der Niederge⸗ ſchmetterte ſich erhebend,„ich bin ja der Rottenführer Funz; lauft lieber dem Wagner nach, das iſt der feine Vogel, oder ich bleib' ein Spitzbube mein Lebe⸗ lang.“ 141 Nun ſtürmten Alle die Wollzeile hinab; als ſie am Stubenthor anlangten, erhielten ſie die Kunde, daß der Wagner ſo eben hinaus ſei. Nun gings raſch hin⸗ ter drein, Fackeln erleuchteten die Finſterniß, und Lär⸗ men erfüllte die Nacht; als ſie auf der Steinbrücke anlangten, ſahen ſie juſt den Wagner ſich auf ein Pferd werfen und, von einem reiſigen Haufen umge⸗ ben, davonſtürmen. Vorſicht verbot ihnen, die Entflo⸗ henen zu verfolgen. Als der Thurner am ſelbigen Abend heimkehrte, war er vor Angſt ſchier außer ſich.„Stellt Euch vor, Frau Kathrei, ich bin ein unglücklicher Menſch auf immer. Da begegnet mir am Abend ein Wagner, der mich mit ſeinem kollernden Rad bald über'n Haufen rennt, ich ſchimpfire ihn einen Eſel— ach ich bin un⸗ glücklich für immer!“ „Ei, Du lieber Lazarus!“ tröſtete die Alte,„was liegt Euch denn ſo viel an einem Radmeiſter!“ „Ja, wär' er ein ſolcher geweſen,“ klagte Herr Lorenz,„aber er war verkappt; wenn er die Stadt be⸗ ſiegt, läßt er mich aufknüpfen, denn obbeſagter Rad⸗ meiſter war der verwegene Ungarkönig in eigener Perſon. Die Donaumühle. Am jenſeitigen Ufer eines Donauarmes, der ſich ſchräg hinüber von Ebers dorf durch ſchattige Auen dahin wälzt, ſtand eine Mühle. Das Gehöfte, von Dorngeſtrüppe umzäunt, war in einem mehr als baufälligen Zuſtan⸗ de, das Schindeldach löcherig, die Seitenwände klinſen⸗ reich, daß die Luft bequem ihren Durchzug halten konn⸗ te; alte Bäume wölbten ſich zur Sommerszeit ſchattig über das Gebäude, und rauſchten ihre Blätter auf ſein Dach herab. An einem ſtürmiſchen Märzabende wanden ſich drei Männer durch die ſchneereichen Auen gegen die Mühle zu. Ihre armſelige, zerfetzte Kleidung, ihr blaſſes, verſtörtes Ausſehen verriethen Noth und Mangel, und ihr mühſeliges Vorwärtsſchreiten zeugte von außergewöhnlicher Kraftloſigkeit. „Bruder,“ keuchte einer der Männer,„jetzt kann ich nicht mehr, meine Beine verſagen den Dienſt— das Herumlungern wird mir zu viel.“ 143 „Bleib' bei Troſt,“ bat ihn der Andere,„es wird ſchon beſſer werden; langen wir nur in der Mühle an, ſo ſind wir auf einige Zeit gut aufgehoben. Der Mül⸗ ler war einſt ein wackerer Kumpan von mir, der ſich im Halbpart mit mir manchen Goldgulden verdiente, er wird uns gaſtfrei aufnehmen.“ „Wär' wohl die höchſte Zeit,“ ſeufzte der Andere, „wie viele Wochen ſind's ſchon, daß wir ſo zweck⸗ los herumvagabundiren— ach die verdammten Un⸗ garn!“— „Ei, was ſchiltſt Du die Ungarn; unterbrach ihn der Dritte,—„ſie waren als Feinde gekommen, und haben als Feinde offen gehandelt; aber der Bube, der Ebersdorfer, dem ſoll der Henker das Licht ausblaſen! Mein Blut ſiedet und kocht, wenn ich des Schurken ge⸗ denke. Bei meiner armen Seele, Bruder Blaſenfeld, ſo lieb mir mein Bischen Leben iſt, aber vermag ich an dem Schurken Rache, giftige Rache zu üben, ſo ſetz' ich es gegen einen ſteiriſchen Schinderling und übe mein Gelüſte.— Wer trägt an all' unſerem Unglücke Schuld, als der Ebersdorfer? Er hat unſ're mißliche Lage verrathen, er hat dem Feinde den Bergpfad ge⸗ zeigt, er hat mich um meine Veſte, um mein Alles gebracht, daß mir nichts geblieben iſt, als Trude und Du.— — „Gräme Dich nicht, Schikentanz,“ bat der Dritte der Wanderer, deſſen Stimme aber mehr weich und weibiſch klang,„das Geſchick kann ſich noch zu unſerem Beſten wenden.“ „Wollen's hoffen,“ brummte dieſer unwirſch. „Haltet Euch nur feſt auf den Beinen, die Mühle kann nicht mehr ferne ſein, wir müſſen ſie noch vor Nachts erreichen.“ Die Wanderer ſchritten fürbaß, der Abend begann zeitlicher heran zu dämmern, denn der Sturm hatte ſchwarze Wolken heraufbeſchworen, die ſich regenſchwer zuſammenballten und den Himmel verfinſterten. Die Waſſer der Donau, jüngſt vom Eiſe befreit, rauſchten in hohen Wellen auf; die nackten Zweige der Bäume knackten und brachen, und die Räder der einſamen Do⸗ naumühle wälzten ſich blitzſchnell im ſchwindelnden Kreiſe. „Nun, da ſind wir ja ſchon,“ ſprach Schi⸗ kentanz, als er des Gehöftes anſichtig wurde. Un⸗ willkürlich verdoppelten alle Drei ihre Schritte, um ſchneller den Ruheort zu erreichen. Die Hausthüre war geſchloſſen, nach langem Klopfen wurde ſie geöffnet, und ein wildes Männergeſicht lugte heraus. „Was wollt Ihr?“ fragte eine rauhe Stimme, „milde Gaben werden nicht ausgetheilt, ſcheert Euch dahin, woher Ihr gekommen.“ ————— 145 „Ei, Konrad Weblein,“ redete Schikentanz,„was haſt Du da für unfreundliche Worte ausgelaſſen— kennſt Du mich nicht mehr?“ „Alle Wetter, das iſt ja der Schikentanz!“ rief Konrad in einem Tone, der eine recht liebſame Ueber⸗ raſchung andeutete.„Beim Satan, ich hätte Dich nicht wieder erkannt. Wenn Deinen Begleitern zu trauen iſt, ſo tretet alle Drei ein, und ſeid für heute meine Gäſte.“ Das Kleeblatt folgte gern der Einladung, eine warme Stube umfing bald die müden Wanderer„und thaute die halberſtarrten Glieder auf. Der Müller brachte Wein, Brot und Käſe, was ſich die Bungrigen wohl ſchmecken ließen. Mittheilungen über beiderſeitige Erleb⸗ niſſe kürzten die Zeit. Schikentanz hatte dem Müller ſeine Schickſale bald mitgetheilt, und dabei dem Ebers⸗ dorfer blutige Rache geſchworen; jener wollte ſich ſchier verwundern, daß er den ſaubern Herrn Ulrich nicht kenne, Schikentanz aber ſprach:„Woher ſollſt Du den Buben kennen? Damals, als ich mit Dir noch verbün⸗ det war, hab' ich ihn ſelbſt noch nicht gekannt; erſt ſpäter hat mich der Kerl eingefädelt und wollte mir ſeine Schwägerin anhängen, da haben wir aber beim alten Grundler unſer Loſement gehabt,— ſei froh, daß Du Wien II. 13 den Schurken nicht kennſt, er iſt ſchlechter, wie der ge⸗ meinſte Wegelagerer.“ „Hol ihn der Henker!“ verſetzte der Müller, „mag nichts wiſſen von ihm; ich hab ſeit einigen Mon⸗ den einen andern Kumpan aufgefiſcht, der ſein Ge⸗ ſchäft im Großen treibt und das viel abwirft, das iſt das Beſte.“— „Viel Glück, Bruder Konrad!“ ſprach Schiken⸗ tanz.„Wirſt uns wohl einige Zeit bei Dir behalten? Wir ſind ausgehungert, wie die Wölfe; entweder ziehen wir weiter, oder machen mit Dir Geſchäfte.“— „Das wird wohl nicht gehen,“ verſetzte der Mül⸗ ler ausweichend,„zu auffallend darf's nicht getrieben werden; überdieß ſind Feinde in der Nähe— zwei Tage ſeid Ihr mir willkommen, dann aber—“ Er ſchwieg verlegen. Schikentanz aber ſprach:„Nun, meinetwegen, dann ziehen wir weiter. Damit Du aber meine Beglei⸗ ter kennſt: der hier iſt mein Freund Blaſenfeld, und der da der Edle von Trudenſtein.— Dieſer machte ein ſüßſaures Geſicht. Der Müller nickte Beiden nicht gar freundlich zu. Spät in der Nacht führte er die Gäſte in eine luftige Nachtkammer, wo ſeine Knechte indeſſen ein Lager bereitet hatten, wünſchte Allen eine gute Nacht, und entfernte ſich, ſein Lager zu ſuchen. 5 8 G 147 Dem Schikentanz wollte dieſer Empfang nicht recht zuſagen. Er hatte gehofft, von ſeinen ehemaligen Ge⸗ werbsgenoſſen ganz anders empfangen zu werden, und von Saufgelagen und Tafelfreuden geträumt; er hegte im Stillen den Plan, in der Donaumühle einen lan⸗ gen Aufenthalt zu gründen, aber Alles war vergebens— Konrad hatte g'rad heraus ſeine Anſpielung hierauf ab⸗ gelehnt. Er ermangelte nicht, dieß Blaſenfeld mitzu⸗ theilen, und dieſer erwiederte:„Dein ehemaliger Kum⸗ pan, Bruder Schikentanz, gefällt mir ganz und gar nicht; er ſiecht unſere Anweſenheit mit ſcheelen Augen an, und geſtattet ſie, wie mir bedünkt, nur deßwegen, auf daß wir keinen Verrath anzetteln. Haſt Du nicht bemerkt, wie er ſich jedes Viertelſtündchen entfernte, als ob er etwas holen wollte, und gleich darauf wieder zu⸗ rückkam, und abermals etwas vergaß, um für die nächſte Viertelſtunde einen Vorwand des Entfernens zu haben? — So ein lauwarmer Kerl kömmt mir nicht recht rich⸗ tig vor, und der Teufel ſoll mich holen, meint er's aufrichtig mit Dir.“ Schikentanz ſtimmte ihm bei, und meinte, ſie könnten bei keinem widrigen Ergebniß noch einen Tag verweilen, und dann ihren Weg fortſetzen. Blaſenfeld hatte nmlich im Salzburgiſchen einen Verwandten, bei dem wollten ſie Schutz ſuchen, bis ſich die kriegeriſchen 148 Uniſtände geändert haben würden; dann gedachten ſie ſich in dem Oberöſterreichiſchen niederzulaſſen, und ihr adelig Handwerk nach allen Regeln der Kunſt zu üben. Alle dieſe Pläne noch einmal wiederholend, ſchliefen die Ritter ein, während ihr dritter Begleiter— die ver⸗ kappte Trude— blos ruhte, ohne vom Schlummer heimgeſucht zu werden. Sie hatte die Reden ihrer bei⸗ den Begleiter mit angehört; der über den Müller aus⸗ geſprochene Verdacht ſchien ihr beachtenswerth, denn auch ſie traute dem Manne wenig Gutes zu, und trotz der Müdigkeit ihrer Glieder, enthielt ſie ſich ge⸗ waltſam vom Schlafe, um für die Männer zu wachen, damit ſie kein Verrath überraſchen möge. So war die Mitternachtsſtunde herangekommen, Trude lag noch immer ſchlaflos. Da vernahm ſie ober⸗ halb ihrer Schlaſſtätte Tritte, und eine Stimme, von der es ihr däuchte, als ob ſie jene des Müllers wäre, ſprach:„Haltet Euch bereit, ehe drei Stunden verge⸗ hen— alſo noch vor Tagesanbruch— wird der Jun⸗ ker Euch zu holen kommen; ſeid nicht ſtörriſch, ſon⸗ dern fein nachgiebig; Ihr wißt, iſt der letzte Termin, willigt Ihr nicht ein, ſo braucht er Gewalt, und Ihr habt Euch Euer letztes Stündlein ſelbſt frühzeitig her⸗ aufbeſchworen.“ Rach dieſen Worten entfernte er ſich wieder, oben e c— —+ 149 wurde es ruhig und ſtill, wie früher. Nach einer kur⸗ zen Friſt flüſterte eine feine Stimme durch eine breite Slinſe der dielenen Zimmerdecke herab:„Ihr fremden Männer, hört mich— rettet mich— wacht auf— um Gotteswillen, erhört meine Bitte, und rettet eine bedrängte Jungfrau!“ Dieſe Worte ſchreckten Trude auf, ſie erhob ſich vom Lager, und die Stimme ſprach weiter:„Hil fe Rettet mich aus den Händen eines Räubers!“ „Haltet Euch ruhig,“ erwiederte Grundlers Toch⸗ ter,„ich will meine Begleiter wecken; iſt Hilfe mög⸗ lich, ſo ſoll ſie Euch werden.“ Sie eilte an's Lager, ſtöberte die beiden Schläfer auf, und theilte ihnen das Vernommene mit. Schiken⸗ tanz brauchte eine Weile, bis er zu ſich kam, und Blaſenfeld ſchüttelte bedenklich den Kopf. „Was meinſt Du wohl,“ ſprach er,„was könnten wir ausrichten— waffenlos, entkräftet— vermöchten wir uns durchzuhauen?“ „Gewaltſtreich,“ erwiederte dieſer,„dürfte es kei⸗ ner ſein, wenn uns nicht Liſt hilft, iſt keine Rettung möglich. Doch warte, ich will mit der Gefangenen ſelber reden.“ Er ſchlich in die Ecke hin, ſchob den Tiſch an die Wand, und ſtellte ſich auf denſelben. Das Haupt des 15⁰ langgeſtreckten Ritters reichte beinahe bis an die Kam⸗ merdecke, ſo daß er die Reden der Gefangenen deut erlauſchen konnte. „Was begehrt Ihr von uns?“ fragte er hinauf. „Um Hilfe und Rettung flehe ich Euch an,“ bat die Stimme,„ich bin ein Mädchen, ſitze ſchon Mo⸗ nate lang in dieſer Mörderhöhle gefangen— rettet mich, und Ihr ſollt reichlich belohnt werden.“ „Wären wir's im Stande,“ ſprach Schikentanz, „ſo geſchähe es nicht des Lohnes halber, wiewohl wir ihn nicht verſchmähen würden. Könnt Ihr uns nicht ſagen, weßhalb Euch der Müller gefangen nahm?“ „Nicht der Müller,“ erwiederte die Stimme,„ein Junker, dem ich meine Hand verſagte, raubte mich aus dem väterlichen Weingarten, und übergab mich dieſem zur Ueberwachung.“ „Wie heißt der Junker?“ fragte Schikentanz gierig. „Ulrich von Ebersdorf.“ „Alle Teufel! Ihr ſeid alſo die Tochter des Wie⸗ ner Bürgermeiſters?“ „Ihr kennt mich?“ „Ja, ich kenne Euch, holde Agnes. Geduldet Euch einige Augenblicke, daß ich mit meinen Kumpanen Rück⸗ ſprache nehme, wir wollen Euch zu retten trachten.“ 15¹ Er rief Blaſenfeld in ſeine Nähe, und theilte ihm das Vernommene mit.„Bruder Blaſenfeld,“ ſchloß er, „die edle Jungfrau muß befreit werden, und wenn es mein Liebſtes auf der Erde koſten ſollte. Verdammter Ebersdorfer! Bin ich Dir endlich auf Deine Schliche ge⸗ kommen? Ha, ſüße Rache! Ich will Dein Herzliebſtes Dir aus dem Neſte holen, will Dir das unſchuldige Opfer Deines Gelüſtes im entſcheidendſten Augenblicke entreißen.“ „Hört, edle Jungfrau, Ihr werdet das Neſt hier beſſer kennnen, denn ich; was meint Ihr wohl, auf welchem Wege wär' eine Rettung am möglichſten?“ „Hat Eure Kammer ein Fenſter?“ „Ja,“ erwiederte Blaſenfeld, der dahin eilte, um die Gegenſtände draußen, ſo viel es die Dunkelheit zu⸗ ließ, zu erſpähen. Die Oeffnung war kaum ſechs Fuß von dem ſandigen Boden erhoben, ſeitwärts rauſchte die Donau, ein befeſtigter Kahn ſchaukelte ſich, nahe am Ufer, auf dem Waſſer. Er theilte dieß den Anderen mit. „Von hier aus,“ erwiederte Schikentanz,„wär ein Entkommen leicht möglich— könnt Ihr nicht zu uns herabgelangen?“ Die Jungfrau oben erwiederte nach einer Weile: „Verſucht doch leiſe, ob Ihr eine ſolche Diele zu heben im Stande wäret?“ Der Ritter ſtemmte ſich an das Bretterwerk, ein kurzes Knarren erfolgte, und die Diele wich. Schiken⸗ tanz wollte eben in ſeinem Geſchäfte fortfahren, als er oben die Riegel der Bodenthüre klirren hörte; er hielt inne, eine rauhe Männerſtimme rief die Frage herein: „Seid Ihr noch da?“ Das Fräulein, welches früher raſch ſeinem Lager zugeeilt war, erwiederte:„Ja,“ worauf ſich die Thüre wieder ſchloß, und Alles ruhig wurde, wie früher.“— „Was war das?“ fragte Schikentanz nicht ohne Herzklopfen. „Ach,“ erwiederte die Gefangene,„das wird wohl unſer Beginnen zunichte machen, denn beinahe in je⸗ der Viertelſtunde der Nacht kommt der Müller oder einer ſeiner Knechte, und fragen mich, ob ich da ſei; gebe ich eine Antwort, ſo entfernen ſie ſich gleich wie⸗ der; erfolgt dieſe nicht, ſo überzeugen ſie ſich von mei⸗ ner Anweſenheit näher. Um die läſtigen Frager ferne zu halten, durchwach' ich lieber die Nächte und pflege am Tage des Schlummers, wo die Böſen keine Flucht befürchten und mich unbeläſtigt laſſen.“ „Verdammte Vorſicht!“ brummte Schikentanz. „In dieſer Nacht,“ fuhr die Gefangene fort, „kommen ſie beſonders häuſig, wahrſcheinlich trägt Eure Anweſenheit die Schuld daran.“ 153 Die Ritter berathſchlagten nun, was zu beginnen ſei. Blaſenfeld war ſchon geſonnen, den Plan fahren zu laſſen; aber Schikentanz, dem das ſüße Gefühl der Rache durch das Hirn jagte, ruhte nicht; er wußte, wie ſehr der Ebersdorfer an der Jungfrau hänge, und welch einen tödtlichen Stoß er ihm durch die Befreiung derſelben zufügen würde. Nach langem Sinnen rief er endlich:„Ich hab's! Bruder Blaſenfeld, ich hab's!“ — Er flüſterte ihm einige Worte ins Ohr. Blaſenfeld erſtarrte:„Der Satan hat Dir dieſen Gedanken einge⸗ geben,“ erwiederte er. „Iſt dieß wirklich Dein Ernſt?“ „Mein vollkommener Ernſt.“ „Willſt Du ſie dazu zwingen?“ „Zwingen nicht, ich mache ihr den Antrag; thut ſie's freiwillig mir zu Liebe, um meine glühende Rache zu kühlen, ſo nehm' ich ihr Anbiethen an.“— „Du überlieferſt das Mädchen einem ſichern Tode.“ „Dazu iſt der Ebersdorfer zu feige. Trotz meines Elends fürchtet er mich zu ſehr; er weiß, was er mir zugefügt, und was er von mir zu erwarten hätte.“— „Schikentanz, ich faſſe Dich nicht; wenn nur ein Funke von Wohlwollen in Deinem Herzen für das Mädchen glühte, Du könnteſt nimmer ſo handeln.“ „Du biſt ein Fatznarr. Sie iſt mir werth und theuer; 154 aber dieſen Streich zu vollführen, wird ſie ſich nicht weigern. Nicht wahr, Trude,“ wandte er ſich zu die⸗ ſer,„Du erfüllſt meinen Wunſch?“ „Welchen Wunſch?“ fragte das Midchen beklom⸗ men, indem eine Ahnung desſelben ihr Herz wie ein Sturm durchtobte. „Du bleibſt droben an des Fräuleins Stelle, und täuſcheſt, um unſere Flucht zu begünſtigen, die läſti⸗ gen Nachfrager?“ Das Mädchen erbebte.„Wenn Du es befiehlſt,“ erwiederte ſie beklommen,„ſo muß ich gehorchen.“ „Ich befehle es Dir nicht,“ ſprach Schikentam, weicher als ſonſt, vaber ich wünſchte es.“— „Dein Wunſch iſt mir Befehl.“ „Nein, nein,“ rief Schikentanz,„nichts von Be⸗ fehlen! Ich bitte Dich darum.“ „Deine Bitten an mich ſind noch nie unerfüllt ge⸗ blieben— ich bleibe gern und willig.“ Trude hatte dieß nicht ohne Rührung geſprochen; Blaſenfeld ſchüttelte ſich wie im Fieberfroſt und ſprach: „Schikentanz— Du ſchleuderſt eine treue Seele von Dir; aber Du haſt recht, Du biſt ihrer nicht würdig.“ Der Angeſprochene konnte ſich einer Art von Rüh⸗ rung nicht enthalten, aber theils die Meinung, daß ulrich ſich nicht getrauen würde, dem Mädchen eine ht ie⸗ m⸗ ein 155⁵ Unbill zuzufügen, größtentheils aber das Gefühl der befriedigten Rache, machte jede andere Empfindung verſtummen, und er begann zur Ausführung ſeines Vor⸗ habens zu ſchreiten. So eben war oben die Nachfrage wieder ohne Ver⸗ dacht vor ſich gegangen, ein Viertelſtündchen blieb ihm daher frei. Er begann ſich ſchnell an eine Diele zu ſtem⸗ men,— ſie wich; eine zweite wurde eben ſo raſch auf die Seite gebracht. Agnes erſchien oben an der Oeff⸗ nung, und Schikentanz theilte ihr ſeinen Plan mit. Die Jungfrau willigte freudig in denſelben, wiewohl ſie es nicht unterließ, den Ritter auf den gefährlichen Stand⸗ punkt aufmerkſam zu machen, dem die Zurückgelaſſene bei eintretender Entdeckung ausgeſetzt ſein würde. Schi⸗ kentanz beſchwichtigte ihre Rückſichten, und hob Trude zu ſich auf den Tiſch, um ſie hinauf auf den Boden zu bringen. Er fühlte, wie das Mädchen in ſeinen Hän⸗ den zitterte. „Du bebſt?“ fragte der Ritter beklommen. „Schikentanz!“ lispelte Trude, und ſank im Ueber⸗ maße des drückenden Gefühles in die Arme des Ritters. „Faß' Dich, Trude,“ bat dieſer,„es geſchieht Dir nichts Leides.“ „Ach!“ klagte Trude,„ich ſehe Dich nie wieder!“ „Schnacken und Schnurren!“ brummte Franz, 156 um das Toben in ſeinem Innern zu beſänftigen.„Du haſt mir's verſprochen, und machſt nun ſo viel Weſens — wenn's nicht anders iſt, komme ich, Dich morgen zu holen, und damit Hollah!“ Trude erkannte wohl die Leere dieſes Troſtes, aber mit Gewalt ihre Rührung unterdrückend, fügte ſie ſich in den Willen ihres Herrn und Gebieters. Bald befand ſie ſich in der Bodenſtube, raſch wurden die Kleider gewechſelt, und Agnes näherte ſich ſchon der Heffnung, um hinabzuſteigen, als ſie, von einem dank⸗ baren Gefühle übermannt, ihre Retterin in den Arm faßte und einen glühenden Kuß auf ihre Lippen preßte. „Beſchützt Ihr meinen Franz,“ bat Grundlers Tochter, unter Thränen,„Ihr, die reine, mächtige Jungfrau werdet dieß wohl eher, denn ich, im Stande ſein; betet auch für mich, die Unglücklichſte und Ver⸗ worfenſte ihres Geſchlechtes!“ Agnes verließ die Betrübte. Bald befand ſie ſich unten, die Dielen wurden in ihre vorige Lage gebracht, die Ritter hörten das verhängnißvolle:„Seid Ihr wach?“ und bald darauf Trudens„Ja“ erfolgen, dann ward es wieder ruhig. Nun wurde das Fenſter geöff⸗ net. Blaſenfeld ließ ſich ſachte hinab, Schikentanz faßte die vor Angſt bebende Bürgermeiſterstochter, und hob ſie leicht hinaus, wo ſie von Blaſenfeld in Empfang 157 genommen wurde; dann ſchwang er ſich durch die Oeff⸗ nung. Bald hatten ſie ſchleichend den Kahn erreicht, er wurde losgebunden— zwei Ruder lagen auf dem Boden— ſie beſtiegen das Fahrzeug und ſchifften geret⸗ tet den Strom hinab. Erſt in einiger Entfernung nah⸗ men ſie die Ruder zur Hand, und um ſo ſchneller ging die nächtliche Fahrt. „Wohin wollt Ihr gebracht ſein?“ fragte Schiken⸗ tanz nach einer Weile das Fräulein. „Wohin ſonſt,“ bat die Befreite, vor Freude faſt weinend,„als zu meinem Vater nach Wien?“ „Das geht nicht,“ ſprach Blaſenfeld,„denn die Feinde liegen vor der Stadt, und Ihr liefet Gefahr, zum zweiten Male in die Gefangenſchaft zu gerathen. Die Ungarn nähmen Euch als Geißel.“ „Blaſenfeld hat Recht,“ erwiederte Schikentanz, „aber ich will Euch einen Vorſchlag thun: da drüben liegt Ebersdorf—“ „Um des Himmels Willen!“ bat die Jungfrau, „nur nicht nach Ebersdorf! Ihr wollt mich meinem Feinde überliefern.“ „Was ſicht Euch an,“ rief Schickentanz,„Ulrich wird ſich hüthen, auf ſelbiges Schloß zu kommen, allwo ſeine Schwägerin, eine ehrbare Witwe, hauſet; er iſt ihr Feind ſo gut, wie jedes andern ehrlichen Weibes. Dort 158 werdet Ihr gewißlich Ruh' und Schutz finden, und könnt baldigſt ins väterliche Haus rückkehren. Vielleicht wirkt Euch der Bürgermeiſter ſicheres Geleite durchs feindliche Lager aus, ſo könnt Ihr ohne Gefährdniß in die Stadt ziehen.“ Agnes willigte in den Vorſchlag, und die Ritter ruderten eiligſt in die Richtung gegen das Ebersdorfer Schloß zu. Die zurückgebliebene Trude hatte ſchon vier Mal den Nachfragern Beſcheid gegeben, als es in der Mühle plötzlich lebendig wurde. Sie hörte Männerſtimmen, Pferdegetrabe, Schreien, Lärmen. Geſpannt horchte ſie den Vorgängen; allein ſo eben begannen die Mühl⸗ räder zu rauſchen und zu knarren, die gewichtigen Steine ſchwurbelten, und die Knechte liefen geräuſchvoll nach allen Seiten. Plötzlich erſchien der Müller an der Thüre, und rief mit barſcher Stimme:„So kommt jetzt hinab! Endlich werde ich einmal erlöſet von der Mühe, die ich mit Euch gehabt— der Ritter iſt Euch zu holen gekem⸗ en Trude folgte entſchloſſen dem Führer. Da ſi ſich ſchon in ihr Loos ergeben hatte, wollte ſie es cuch mit Faſſung ertragen; das Härteſte, den Abſchied von Schi⸗ kentanz, hatte ſie ſchon überſtanden, das Uebrige ſiel ihr ab ihr ſa m ve eb al lic —— 159 ihr nicht ſchwer. Der Müller ſtolperte die Treppe hin⸗ ab, Trude folgte. Jetzt ſtanden ſie vor einer Thüre, ihr Führer öffnete ſie, und das Mädchen trat ein. An einem mit Speiſe und Trank beſetzten Tiſche ſaß Herr Ulrich, ihm ſchien das Mahl zeitlich ſchon zu munden— ein Beweis, daß er Nachts große Geſchäfte verrichtet haben mochte. Vier wilde Geſellen, denen es eben ſo gut ſchmeckte, bildeten ſeine Genoſſenſchaft. Die Stube war erleuchtet, und Trude trat kecken Schrittes auf den Ebersdorfer los. Dieſer hatte ſich erhoben, um der Geliebten freund⸗ lich entgegen zu gehen, allein wie vom Donner ge⸗ rührt taumelte er einige Schritte zurück:„Alle Teufel. iſts ein Höllenblendwerk, das vor mir ſteht?— Trude?!“— „Ich bin's, Herr Ulrich,“ erwiederte dieſe mit tiefem, faſt geſpenſtiſchem Tone,„das unſchulbige Fräulein iſt gerettet. Euer Raub iſt Euch entriſſen worden.“— Mit wilden, ſataniſchen Blicken ſtierte der Ebers⸗ dorfer bald den Müller, bald Trude anz er bebte vor Wuth und knirſchte mit den Zähnen:„Sprich, elen⸗ der Schurke,“ ſchrie er Konrad zu,„wer hat das Bubenſtück verübt?“ Der Müller, bleich und blaß, nicht vermögend 160 ein Wörtlein vorzubringen, ſchüttelte verneinend den Kopf. „Verdammt!“ brüllte der Ebersdorfer,„hier iſt Schikentanz im Spiele oder der Teufel ſelbſt.“ „Ja,“ ſprach Trude tonlos,„er hat das Fräu⸗ lein gerettet, als Vergeltung Eueres Verraths.“— „Schurke!“ donnerte der Wüthende,„führ'ſt mir die Taube fort, und läſſeſt eine Eule zurück! Du ſollſt mir's entgelten ſammt dem Buben da.“ Wie ein Tieger, dem ſeine ſicher geglaubte Beute entriſſen worden, ſtürzte er auf den Müller los. Die⸗ ſer, vor Schrecken und Angſt erſtarrt, wich feige zu⸗ rück; der Ebersdorfer aber faßte ihn an der Bruſt, und riß einen Dolch aus dem Gürtel. Jetzt erſt gewann der Angegriffene die Sprache wieder, und ſchrie um Hilfe. Knechte ſprangen herbei, und fielen dem Ebersdorfer in die Arme. Ulrich gewann bald freien Raum, und ſuchte mit ſtierem Blick den Müller, der von zweien ſeiner Spießgeſellen feſtgehalten wurde. Mit geſchwun⸗ genem Dolche eilte er auf ihn zu, und ſenkte gierig das Mordeiſen in die Bruſt des Wehrloſen.— Trude hatte ſich einige Augenblicke früher aus dem Getümmel gezogen, und war auf Flucht bedacht. Ungehindert eilte ſie hinaus— die Hausthüre war verſchloſſen. Sie wollte in die Kammer, welche ihr mit Schikentanz und Bla⸗ b 2 e d h ir en iſt te ie⸗ u⸗ nd er fer rig 161 ſenfeld angewieſen war; allein dieſe hatten ſie ſelbſt ſchon früher aus Vorſicht von innen verriegelt. Bang eilte ſie durch die Finſterniß, einige Stufen hinan; kühle Luft wehte ihr entgegen, ſie vernahm deutlich das Rauſchen des Waſſers und das Knarren der Mühl⸗ räder— ſie befand ſich im Innern der Mühle. Un⸗ ſchlüßig blickte ſie einige Augenblicke umher, ob ſie den gefährlichen Rettungsweg ergreifen ſollte, denn das Waſſer trieb die Räder im wirbelnden Kreiſe mit Blitzes⸗ ſchnelle umher, und die ſchäumenden Wogen ſpritzten hoch auf. Plötzlich fühlte ſie ſich an den Armen ge⸗ faßt, brennende Kienſpäne erleuchteten den Raum, und mit Zittern ſah ſie den Ebersdorfer hinter ſich. „So leichten Kaufes ſollſt Du mir nicht davon!“ brüllte er der Erſchrockenen zu. Der Ebersdorfer ſchien ſich auch wirklich einen Augenblick zu bedenken; allein die Wuth über das ihm entriſſene Opfer gewann die Oberhand. Mit kräftiger Fauſt faßte er die Dirne, und ſchleuderte ſie hinaus gegen die Wogen. Ein Hilfegeſchrei entriß ſich ihrer Kehle, noch aber beſaß ſie Geiſtesgegenwart, umfaßte krampf⸗ haft mit beiden Armen das ſich mit ſchwindeinder Schnelle umwälzende Mühlrad— einmal wirbelte es im Umkreis um die Achſe, und Trude hielt ſich noch 14 162 immer; dann aber erſchlaffte ihre Kraft, Schwindel und Waſſer betäubten ihre Sinne, ſie öffnete die Hände— und verſank in die toſende Flut. Das Hohngelüchter des Ebersdorfers und ſeiner Genoſſenſchaft folgte der Unglücklichen in die Tiefe. —„— Ebersdorfs Pedrängniß. Ein heiterer Morgen brach heran. Die Lüfte, gleich⸗ ſam als eine Vorahnung des beginnenden Frühlings, wehten warm und lau, und die Sonne ſchickte ihr Strahlenheer über die erſtorbene Flur, um ſie zu neuem Leben zu wecken. Schloß Ebersdorf lag ruhig da, aber bewehrt wie ein kampffertiger Kriegsmann; ſeine Be⸗ wohner ſahen erwartungsvoll jeder kommenden Stunde entgegen. Da erſchienen vor dem Thore zwei Wanderer und begehrten Einlaß; es wurde ihnen der Beſcheid zu Theil, daß ſie harren mögen, bis man den Willen der Gebieterin erforſcht. Nach langem Warten wurde ihnen das kleine Ausfallpförtchen geöffnet, ſie betraten den Hofraum, und ſahen ſich bald von Söldnern umgeben, die man unten zur Vorſicht aufgeſtellt hatte. „Laßt die Alfanzereien,“ ſprach einer der Ange⸗ kommenen,„wir ſind in friedlicher Abſicht genaht, und ſind froh, wenn wir mit heiler Haut durchkom⸗ men,— wozu dieſe Vorſicht, die mich baß erzürnen —————— 164 könnte? Meldet ſtraks an Frau Elsbeth, daß ein Rit⸗ ter ihr einen liebwerthen Gaſt gebracht aus angeſeh'⸗ nem Hauſe; ſothaner Gaſt iſt ein wunderſchönes Fräu⸗ lein— und ſomit Hollah!“ Wie wir an der Rede des Ritters verſpüren, hatte der wehmüthige Abſchied von Truden nicht lange in ſeinem Innern gewohnt, er war verwiſcht und keine Spur von ihm zurückgeblieben. Theils leichter Sinn, theils Sorgloſigkeit brachte dieſe Aenderung hervor, und ließ den Ritter das ſchreckliche Ende ſeiner Gefähr⸗ tin nicht ahnen. Schikentanz, an Agnes Seite, wurde in ein Gemach gebracht, wo die Freifrau, von Jaros⸗ laus geſchützt, ihrer harrte. Die Bürgermeiſterstochter, froh, nach langer Zeit wieder endlich einmal in Geſell⸗ ſchaft einer Dame zu ſein, zog die aufgeſtülpte Gugel ab, ſo daß ihr Lockenhaupt des Zwanges ledig wurde, und trat der Freifrau entgegen. Von den Mühſeligkei⸗ ten der Nacht etwas verſtört, von überſtandenen Leiden bleich und blaß, glich ſie ſchier einer Lilie, in welcher der giftige Sturm ſchenungslos gewühlt, an deren ſchwachen Blättern und Staubfüden er gerüttelt und ſein Müthchen gekühlt hatte. Die Freiin verwunderte ſich ob des ſeltſamen Auf⸗ trittes, endlich ſprach ſie:„Was ſeh' ich? Täuſcht mich mein Auge nicht— ſeid Ihr es wirklich, Fräulein Agnes?“ 165 „Ja, Frau Elsbeth, ich bin's, erſt heute Nacht durch dieſen Mann aus harter Gefangenſchaft gerettet.— Die Freifrau blickte den Erwähnten näher an und erkannte ihn.„Ritter von Schikentanz,“ ſprach ſie er⸗ röthend,„Ihr habt mich einſt tief gekränkt— aber das bleibe von nun an vergeſſen!“ „Laßt das, Frau Elsbeth,“ begann Jener;„was geſchehen, iſt vorbei. Mir wär's mein Lebtag nicht ein⸗ gefallen, um Eu're Hand zu werben, hätte mir Euer — doch gönnt dem Fräulein Euer Kloſett und ein zarte⸗ res Gewand zum Ueberzuge, denn in dieſer groben Klei⸗ dung gleicht ſie baß einer Roſe im Mehlſack— und mir, wenn's beliebt, könnt Ihr Einiges auftragen laſſen, denn Hunger und Durſt quälen mich, und ich fürchte hundert lumpige Städter— ei, nicht Städter, ich hab' Ungarn ſagen wollen— weniger, als Hunger und Durſt.“ Dem Ritter wurde ein Tiſch angewieſen, Agnes trat in ein Seitengemach, und die Gürtelmagd der Freifrau mußte ihr im Ankleiden beiſtehen. Indeſſen ließ es ſich Schikentanz wohl munden, und fuhr, zur Dame gewandt, fort: „Ja, wie geſagt, Euer Schwager überredete mich zu dem dummen Streich, und verſprach mir dreihun⸗ dert Goldgulden als Mitgabo. Dadurch wäre er Herr vom Schloß geworden und hätte die Bürgermeiſters⸗ 166 tochter geehlicht— weil's aber nicht mit Guten ging, hat er Euch mit dem Tode bedroht.“— „Wie, Ihr wißt?“ fragte die Dame erſtaunt. „Wie ſollt ich nicht! Bin ich doch ſelbiger Bauer geweſen, der Euch gerettet— doch das iſt nichts. Herr ulrich raubte ſich ſein Liebchen und ſteckt' es in eine Mühle, von wo ich ſelbiges heute Nacht befreit.“ Schikentanz fand es für gut, ſein perſönliches Intereſſe bei der Sache zu verſchweigen. Jaroslaus wechſelte mit der Dame einige leiſe Worte, als der Söldnerhauptmann mit freundlichem Gruße eintrat. „So zeitlich ſchon Gäſte, wie ich vernommen—“ ſprach er, und küßte der Dame mit faſt kindlicher Erge⸗ benheit die Hand.„Seid mir willkommen!“ wandte er ſich zum Ritter.„Doch was ſeh' ich? Ritter von Schi⸗ kentanz— Ihr hier?“ „Ihr kennt mich, Herr Hauptmann?“ rief der Ritter, und betrachtete den jungen Mann näher,„ich rrinnere mich nicht, Euch je geſehen zu haben.“— „Habt ein ſchlecht Gedächtniß,“ ſprach Wohl⸗ muth bitter,„beſinnt Euch doch!“— „Mich ſoll der Teufel lebendigen Leibes holen,“ rief Franz,„wenn ich Euch wieder erkenne!“ Der Hauptmann ſchüttelte ungläubig den Kopf, denn ihm däuchte es, als ob der Ritter ſich ſeiner nicht —— — — f ht 167 mehr erinnern wolle; allein dem war nicht ſo, Schi⸗ kentanz erkannte ſeinen ehemaligen Gefangenen wirklich nicht mehr. Der Bart, des Mannes Zierde, umzog jetzt Wohlmuths Wangen, Kinn und Lippen; ſeine Stimme war männlicher, ſeine Geſtalt größer und ſtärker geworden; auch hatte ihn Schikentanz nur bei der Gefangennahme geſehen, denn auf Hohenberg hatte er ſich nur dann um einen Gefangenen beküm⸗ mert, wenn für einen oder den Andern ein Löſegeld geboten wurde. Der Hauptmann wollte ihn eben auf ſeine ehemalige Lage aufmerkſam machen, als ſich die Thüre des Kloſetts öffnete und Agnes heraustrat. Wohlmuth hatte ſein Antlitz gerade gegen den Eingang gekehrt und bemerkte ſie zuerſt. Wie Einem, der mon⸗ denlang in ſchwarzer Finſterniß gewandelt, und dem die Sonne plötzlich in ſtrahlender Glorie vor die Augen tritt, ſinnlos und geblendet zurücktaumelt, ſo war es bei Wohlmuth und Agnes zugleich; einige Augen⸗ blicke ſtarrten ſie ſich regungslos an, als wollten ſie ſich von der Wirklichkeit des Anblickes überzeugen. „Agnes!“ rief Wohlmuth im höchſten Maße des Liebesentzückens, und den Namen„Wohlmuth“ rufend, ſtürzte die Jungfrau in die Arme des beſeligten Haupt⸗ mannes. Der Name Wohlmuth weckte bei Schikentanz die Erinnerung an einen Vorfall aus der Vergeſſenheit. 168 „Alle Teufel!“ brummte er ver ſich hin,— „ſollte dieſer Hauptmann ſelbiger Söldner ſein, der mit dem Mönche entflohen iſt, und das dem Fiſcher Halleiner anvertraute Kind, dann wär ich ja“— er blickte die Freifrau und den Söldnerhauptmann prü⸗ fend an.„Beim Teufel! ſie ſehen ſich gleich, wie ein Ei dem andern, er iſt's!— Doch Geduld!— Früher überzeugt— dann erſt— ja, ſo bleibt's!“ Die beiden Liebenden zerfloſſen in der Seligkeit des Wiederfindens.— Die Freifrau, zu zart fühlend, um das Entzücken durch ihre Gegenwart zu ſtören, zog ſich in eine Fenſterniſche zurück; Schikentanz aber ſchüttelte ſich fröſtelnd und leerte einen gefüllten Becher. Die Liebenden hatten eine Weile in ſtummem Ent⸗ zücken einander angeblickt, ſie waren zu aufgeregt, um ſich die nähern Schickſale mittheilen zu können. Agnes wies Wohlmuth an Schikentanz, und nannte dieſen ihren Retter. Der Hauptmann hätte dem ſtrammigen Ritter um den Hals fallen mögen, allein dieſer ſprach: „Herr Hauptmann, ich hab' Euer Liebchen befreit, das iſt Alles. Der Ebersdorfer iſt— mit Verlaub, Frau Elsbeth— ein Schurke: wenn Ihr's gewillt ſeid, wol⸗ len wir den Kerl aufſuchen, aber erſt am Nachmittag, jetzt bin ich zu matt. Bis dahin ſeid aber ſo gut und laßt meinen Kumpan abholen, der da unten meiner —— ner 169 harret, er heißt Blaſenfeld und iſt ein Mordkerl— gönnt aber mir ein Plätzchen, daß ich ausruhen kann.“ Der Hauptmann führte ihn in ſein eigen Gemach, der Ritter warf ſich mitſammt der Kleidung auf's La⸗ ger, und befand ſich ſchon in den Armen eines feſten Schlafes, als Blaſenfeld ins Schloß kam. Wohlmuth aber eilte zur Geliebten, und verbrachte mit ihr an der Seite der Freifrau einen glückſeligen Vormittag, der lang genug währte, daß ſich die Liebenden ihre wechſel⸗ ſeitigen Lebensſchickſale mittheilen konnten. Die Schänd⸗ lichkeit des Ebersdorfers erregte Abſcheu und Zorn in der Bruſt des Hauptmannes, und er beſchloß, von einigen Söldnern und Schikentanz geleitet, ihn aufzu⸗ ſuchen und Vergeltung zu üben. Am Rachmittage traten Wohlmuth, Schikentanz und Blaſenfeld, von ſechs bewehrten Söldnern geleitet, den Weg nach der Mühle an. Zwar ungern ließ man den Hauptmann aus dem Schloſſe; allein Agnes hatte der Aufopferung des zurückgelaſſenen Mädchens er⸗ wähnt, und es galt als Pflicht, Trude aus den ge⸗ fährlichen Händen zu befreien. Schikentanz mochte ſo etwas, was man Sehnſucht nennt, nach ſeiner Gefähr⸗ tin empfinden, oder war es vielleicht eine böſe Ahnung, die ihn ſo zur Eile antrieb— kurz, die Andern konnten ihm nicht ſchnell genug folgen, ſo haſtig tobte er vor⸗ Wien. IHI. 15 wärts. Als ſie in der Mühle anlangten, fiel es ihnen zuerſt auf, daß ſich das Rauſchen der Räder noch immer nicht hören ließe; ſie kamen immer näher, — es blieb ſtill, wie früher— endlich lag das Ge⸗ höfte vor ihnen, allein in welchem Zuſtande?— Die Thüren waren ſpannweit offen, die Fenſter zer⸗ ſchlagen, der Zaun eingeriſſen, keine lebendige Seele war zu ſehen oder zu hören. Von fürchterlicher Ahnung durchdrungen ſtürmte Schikentanz in die Mühle, die Andern hinter drein; allein Alles war leer und offen, zerſchlagen und geplündert. Nach langem Herumſtöbern kroch endlich ein alter Knecht aus einer Schoppe her⸗ vor und erzählte den Sphähern die Mähr' vom geſtri⸗ gen Abend. Wer Schickentanz beim Anhören derſelben genau betrachtet hätte, würde den Eindruck deutlich be⸗ merkt haben, den jedes Wort auf ſein Inneres hervor⸗ brachte. Er fluchte und ſchimpfte nicht, wie es ſein ge⸗ wöhnliches Geberden beim Vernehmen einer unliebſamen Botſchaft war; allein er ballte krampfhaft die Fauſt, knirrſchte mit den Zähnen und wurde ſtarr und bleich; dabei zwinkerte er mit den Augen, als wollte er Thrä⸗ nen, den mil ernden Balſam jeder Herzenswunde, her⸗ auspreſſen; allein er hatte nie geweint und auch die⸗ ſesmal war ihm das Labſal verſagt. „Blaſenfeld!“ ſtöhnte er nach Beendigung der 171 fürchterlichen Mähre, in einem Tone, der faſt lächer⸗ lich geſchienen hätte:„Blaſenfeld! Von Allen biſt Du mir allein noch geblieben, Du wirſt mich nicht ver⸗ laſſen— nicht wahr, Bruder Blaſenfeld?“ Der Angeredete warf ſich in die Arme des Freundes. „Hätteſt Du mir gefolgt,“ rief er vorwurfsvoll, „es wäre anders gekommen.“ „Laß gut ſein, Bruder,“ ſtotterte Schikentanz, „der Ebersdorfer ſoll's nicht umſonſt gethan haben.“ Wohlmuth begann den Ritter zu tröſten, er ſelbſt vermochte ſich nicht eines wehmüthigen Gefühls zu er⸗ wehren; hatte er doch Truden ſeine Rettung von Ho⸗ henberg zu danken, und nun trug ſie auch zu Agneſens Befreiung bei, und büßte es mit ihrem Leben. Schi⸗ kentanz geberdete ſich wie ein brummbeißiger Bär, wollte von der Sache nichts mehr hören, ſondern bat den Hauptmann, den Rückweg anzutreten. Man willfahrte ſeinem Wunſche. Das Häuflein wanderte wieder gen Ebersdorf, und langte am Abende daſelbſt an, wo es ſchon mit Sehnſucht erwartet wurde. Die Schreckens⸗ botſchaft brachte beſonders auf die Frauen einen erſchüt⸗ ternden Eindruck hervor, und Agnes vergoß heiße Thrä⸗ nen über das traurige Geſchick ihrer Retterin. Die Nacht trennte ſie, und jeder Theil nahm mannigfachen Stoff zum Nachdenken auf ſein Lager mit. 172 Ein unangenehm überraſchender Anblick bot ſich den Bewohnern von Schloß Ebersdorf dar, als ſie am ondern Tage erwachten und durch Fenſter und Schießſcharten hinauslugten. Ein Theil des feindlichen Heeres, das unſtät von einem Orte zum andern zog, um die kleineren Oerter zu erobern, hatte es in aller Stille umrungen, und begann am frühen Morgen außerhalb der Schußweite ein Lager zu ſchlagen— ein Beweis, daß ſie ſo leichten Kaufes nicht davon zu zie⸗ hen gedachten. So ängſtlich ſich die Frauen im Schloße bei dieſem Anblicke geberdeten, ſo ſchien er im Gegentheile bei den Männern mehr Muth und Entſchloſſenheit hervor⸗ gebracht zu haben Die Wachen auf den Ringmauern wurden verdoppelt, Doppelhacken und kleine Büchſen mit den dazugehörigen Schützen und Büchſenmeiſtern auf die Plattformen und vor die Schießlöcher geſtellt, Büchſengabel, Pulverfäßchen und Bleikugeln beigege⸗ ben, die Lunten angeglimmt, Armbruſtſchützen ver⸗ theilt, Söldner und Knechte geordnet. Wohlmuth be⸗ nahm ſich mit umſicht und meiſterhafter Geiſtes gegen⸗ wart. Schikentanz und Blaſenfeld verſchmähten es auch nicht, ſich den Befehlen des Söldnerhauptmanns unterzuordnen, und waren wieder in ihrem Elemente, nur daß ſie ihr Lebelang in keiner ſo gerechten Fehde, . 173 wie die gegenwärtige, mitgefochten hatten. Noch an demſelben Vormittage erging an die Freifrau die Auf⸗ forderung zur Uebergabe, allein ſie wurde abgewieſen. Bald darauf begannen die feindlichen Pfeilſchützen ihr Geſchoß gegen das Schloß zu ſenden, um durch Angſt die Uebergabe zu beſchleunigen; allein ihre Wirkung war nicht gefährlich und blieb erfolglos. So nahte der Abend heran.— Trübes Dunkel ſenkte ſich langſam herab und um⸗ hüllte die Fluren wie mit einem grauen Schleier, dichte Nebel ſtiegen von dem nahen Strome empor, wälzten ſich durch die noch immer erſtorbenen Auen herüber, und bedeckten das bedrohliche Lager der Magyaren. Ihre Feldhütten zogen ſich, einem rieſigen Dorfe ähnlich, um das Schloß herum; aber in den Zeilen derſelben herrſchte nicht daſſelbe rege Leben und Treiben, wie es gewöhnlich der Fall zu ſein pflegte; denn auch in dieſem Lager gingen Noth und Mangel Hand in Hand, und machten die Ungarkrieger mürriſch und unwirſch. Schier am Ende des Lagers ſtond eine einzelne Feldhütte. Weder ihr Dachwerk, noch die Lehmwand unterſchied ſie won den übrigen Gezelten, allein ihr Inneres war etwas ſorgfültiger bedacht worden, jedoch weit entfernt davon, den Namen einer ſtattlichen Ausſchmückung zu verdie⸗ nen. Ein Tiſch, mehrere Geſtühle, ein Feldlager bil⸗ 174 deten ihre Einrichtung; zwei Windlichter beleuchteten die geräumige Feldwohnung, die Fenſterlucken waren jedoch dicht verhängt, damit ja kein verrätheriſcher Lichtſtrahl ſich durchſtehle. Ein Mann mit röthlichem Kraushaare, zwei ſtechenden Augen und einer Adler⸗ naſe, von echt majeſtätiſchem Anſehen, in den Pelz⸗ mantel des Ungars gehüllt, ſitzt in einem großen Arm⸗ ſeſſel, und hält mit einem Andern Rückſprache, deſſen ehrwürdiges Anſehen und kluges Antlitz keineswegs den tapfern Krieger verriethen, der er wirklich war, und deſſen ſoldatiſches Gewand wieder nicht den klugen umſichtigen Rathgeber erkennen ließ, der das ganze Vertrauen des früher beſchriebenen Mannes beſaß, welcher erſt 47 Lebensjahre zählte und doch ſchon durch 32 Jahre die Ungarkrone auf ſeinem Haupte trug. „So weit wären wir alſo gekommen,“ ſprach der Ungarkönig zu ſeinem Palatin,„vor Wien ſtänden wir ſchon lang genug, wenn nur auch ſchon die Thore geöffnet würden. Mit Ungeduld harre ich des Augen⸗ blicks.“ „Die Noth,“ ergänzte Orſzüg, nhat bald den höchſten Punkt erreicht; wie lange kann der Widerſtand noch währen?“ „Bei einer ſo volkreichen Stadt,“ ſprach der König, en nze ß, 0n pte ach den ore en⸗ den tand nig, 175 „hätte ich einen ſo anhaltenden Trotz nicht erwartet: ſie ſcheinen noch immer auf Hilfe zu rechnen, aber ver⸗ gebens. Ich kenne Friedrich— ein Regent, der den Troſt⸗ ſpruch im Munde führt,„daß bei verlornen Dingen Vergeſſen das Thunlichſte ſei,“— was läßt ſich von ſolchem hoffen? Heiliger Gott, was wär' ich zu thun im Stande, wenn ein kecker Feind es wagte, mich im Herzen meines Landes anzugreifen! Ich ſtürzte mich ihm ſelbſt entgegen, und wär' ſeine Perſon von tauſend Donnerbüchſen umſtellt; ich be⸗ kämpfte ihn, und ſtünde er mit einer halben Welt gegen mich. Ein Reich, durch des Himmels Willen mir vertraut, ſo leichten Sinnes zu verlaſſen— nein, ſo wahr ein Gott über uns lebt, ich verließ' es nicht, ſo lang ein Tropfe warmen Blutes in meinen Adern fließt.“ Der Gedanke ſchien den König ergriffen zu haben; er erhob ſich vom Sitze, und ſchritt nachdenkend mit verſchränkten Armen durch's Gezelt. Plötzlich blieb er vor Orſzäg ſtehen. „Die Freifrau“, begann er raſch,„will alſo nichts von uebergabe wiſſen?“ „So iſt es, mein königlicher Herr; weder gütliche Vorſchläge, noch Drohungen fruchteten.“ „Der Widerſtand vom Weibe gefällt mir.“— „Wird aber wenig fruchten,“ erwiederte Orſzäg.“ Kommt's zum Ernſt, ſo kennen wir die innere Beſchaf⸗ fenheit des Schloſſes zu gut; ein Verwandter der Be⸗ ſitzerin hat ſich uns angeſchloſſen.“ „Ein Verwandter?“ rief der König.„Macht etwa gar den Verräther?“ „Nicht viel beſſer. Er iſt der Schwager der Freiin, und hofft durch Euere Gnade, hoher Herr, einſt in den Veſitz des königlichen Schloſſes zu gelangen.“— „Den Teufel ſoll er bekommen und nicht das Schloß!“ rief Mathias auffahrend.„Heiliger Gott! ſind das Menſchen oder Geſchöpfe der Hölle? Ein Blutsfreund verräth den andern, und noch dazu ein Edler des Lan⸗ des— wär' ich ſchon ſicherer Herr, ich ließ' ihn durch den ſchlechteſten Zigeuner aufknüpfen, denn er iſt ſelbſt für einen ordentlichen Henker zu ſchlecht. Sagt mir nur, Orſzüg, wie kann man ſolchen Menſchen trauen? Wenn der Verwandte nicht ſicher, was hat der Fremde zu hoffen?“ „Königlicher Herr,“ erwiederte der Palatin,„ſo lange Kriege geführt werden, hat es Kundſchafter und Verräther gegeben; ein kluger Feldherr benützt nach reiflicher Ueberlegung ſolch ſchlechtes Gelichter, bezahlt ihm ſeinen Schurkenlohn und läßt es laufen.“— „Ja, Ihr habt Recht,“ rief der König barſch, „ich will ihn laufen laſſen; er ſoll laufen, daß ihm der Odem ausbleiben ſoll. Morgen, um die achte Früh⸗ ſtunde, komme ich wieder in's Lager, dann will ich ſelbſt mit der Witwe unterhandeln laſſen; vielleicht ver⸗ ſchmäht es die Freifrau nicht, ſich dem Könige der Un⸗ garn zu ergeben. Mir wär's lieb, des Schlößleins ſcho⸗ nen zu können, um des bübiſchen Schwagers halber; doch iſt es nicht, nun, dann hat ſie ihr Loos ſelbſt heraufbeſchworen und möge ernten, nachdem ſie geſäet. Ich will gerecht ſein, wie ich es immer geweſen. Mein Pferd— Orſzäg!“— „Ihr wollt noch fort, königlicher Herr?“ rief der Palatin erſchrocken.„In ſo ſpäter Nacht?“— „Wie ſpät iſt's?“ lächelte der König.„Kaum die zehnte Stunde vorüber. Ich muß meinem Piſchta*) im Schloß zu St. Veit einen Beſuch abſtatten; dann will ich mir die Burſchen am Döblingbach beſchauen. Bleibt noch Zeit übrig, ſo ſpring' ich zur Schanze der äußerſten Brücke, aus welcher wir erſt geſtern die wie⸗ neriſche Beſatzung gejagt; aber, wie geſagt, um die achte Morgenſtunde treffe ich wieder in dieſer Hütte ein.“— Der Palatin ging. Bald darauf hörte man drau⸗ *) Stephan Zapolya. 178 ßen das Streitroß ſcharren und ſchnaufen. Der König hüllte ſich enger in den Pelz, trat aus der Hütte, und beſtieg das Roß.— „Was ſollen die Huſaren alle?“ rief er dem Pa⸗ latin zu.„Bin ich ein Verbrecher, daß Ihr mir ſo ſtarke Bedeckung mitgebt? Die drei Jüngſten mögen mich geleiten, damit ſie mich aufheben, wenn mein Gaul in einen Graben fiele, die Uebrigen bleiben zu⸗ rück, und ruhen dieſe Nacht. Schlaft wohl, Herr Palatin— auf baldiges Wiederſehen!“— Er ſprengte hinein in die finſtere Nacht, wie der gemeinſte Reiter, und die drei jungen Huſaren folgten ſtolz und freudig ihrem heldenmüthigen Könige. Der Palatin betrat wieder das Zelt, und ſeinem Rufe zu Folge erſchien bald darauf ein Diener, der den Befehl erhielt, den Schwabenherrn*) zu ihm zu be⸗ ſcheiden. Nach einer Weile trat der Ebersdorfer ein. Mit einem mißvergnügtem Blicke muſterte ihn der Ungar, dann ſprach er:„Ich habe Euretwegen mit dem Könige geſprochen, er hat mir jedoch keine günſtige Antwort ertheilt. Er wird Morgen um die achte Frühſtunde wie⸗ der in dieſem Zelte eintreffen, um mit der Freifrau zu *) Der ungar nennt jeden Deutſchen einen Schwaben. 179 unterhandeln; er wies jede Verbindung mit Euch zu⸗ rück, denn er traut dem wenig, der ſogar Blutsfreunde verrath. Ihr werdet Euch erinnern, daß durch Eure Schuld viel Hunderte unſerer Krieger vor Hohenberg den Tod fanden— wüßte der König dieß, Ihr entgin⸗ get dem Tode durch Henkershand nicht. Darum will ich Euch gerathen haben, unſer Lager ſobald als möglich zu verlaſſen, ich kann Euch für Eure Sicherheit nicht mehr bürgen.“ Ein Wink ſeiner Hand deutete dem Ebersdorfer an, ſich zu entfernen, was er auch wirklich mit verbiſſenem Grimme that. Zornglühend eilte er in die Hütte, die ihm angewieſen war. Seit zwei Tagen hatte ihn das Schick⸗ ſal ſchon um ſo wichtige Lebenshoffnungen betrogen, daß er, mit ſich ſelbſt hadernd und grollend, ſchon nach einem neuen Auswege ſann, den er zu betreten ge⸗ dachte. „Alſo auch dieſer Wunſch,“ redete er zornmüthig, „liegt zertrümmert zu meinen Füßen! Dieß der Dank für meine Anhänglichkeit, die ich den rohen Menſchen gezeigt— das der Lohn für die Dienſte, die ich ihnen bereits erwieſen? Schändlich abgewieſen, verſchmäht, wie ein unnützes Werkzeug weggeworfen! Und wer iſt es, der an mir ſo zu handeln wagt? Ein wallachiſcher Emporkömmling, nach welchem das Glück mit allen 180 Fingern tappt, dem ſelbſt im Gefängniß eine Krone zu Theil ward, und der nur die Länder umher mit Mord und Krieg überzieht.— Und Agnes— hatte ich ſie nicht ſchon in meiner Gewalt? Wer wollte es mir noch wehren, ſie zu meinem Weibe zu machen? Da führt der Satan ſeinen Buſenfreund, den Schikentanz, herbei, und verdirbt mir die Erfüllung meines innigſten Wunſches!— Hat ſich die ganze Welt wider mich ver⸗ ſchworen? Soll mir Schloß Ebersdorf eben ſo gut, wie Agnes, verloren ſein?— Gäb' es kein Mittel, es zu erhalten?—„Morgen, um die achte Stunde,“ fuhr er langſam und bedächtig fort,„kommt der König in jene Hütte;— wer ihm da ſo einen Stoß verſetzen könnte, der auf's Leben ginge!— Wer wagt es?— Nein, ſo geht's nicht— ein Schuß thäte beſſere Din⸗ ge— doch woher?— Aus dem Schloſſe träf' er wohl am ſicherſten— ach, wer im Schloſſe wäre! Nur einen Vertrauten dort haben— er wöge vieles Gold auf.— Jaroslaus?— Nein, er hat treulos an mir gehan⸗ delt— er verrieth mich, leitete die Klage über die verhinderte That ein.— Doch könnte nicht Liſt—2— Der Schreiber haßt mich ſo, wie meine Schwägerin; wenn ſie nun erführen, daß ich in jener Hütte mich befinde— wer weiß— ja— s iſt— meiner los zu wer⸗ den, thut der Häßliche ſchon den Meiſterſchuß.— 3 in —-— 181 Ha, ſüßes Gefühl der Rache Wenn er zerſchmet⸗ tert dahinſtürzt, der ſtolze Ungar, dann bin ich gerächt, und Zapolya wird mich nicht ſo ſtolz von ſich weiſen.“ Der kiſtige Plan war kaum gefaßt, als Ulrich auch ſchon zur Ausführung desſelben ſchritt. Ein Stück Papier ward hervorgeſucht, und Nachſtehendes hinge⸗ kritzelt: „Frau Elsbeth! Inder letzten Heerhütte an der lin⸗ ken Seite des Ungarlagers wohnt ein Mann, deſſen Daſein Euch ſo ſehr zuwider iſt— es iſt Euer Schwa⸗ ger Ulrich. Morgen früh, um die achte Vormittags⸗ nunde, wird er dort eintreffen, um einen Verrath an Euch zu begehen; wollt Ihr Euch des Schwagers ent⸗ ledigen und Euerm Verderben vorbeugen, ſo thut ein Büchſenſchuß von der Ringmauer dieſen Dienſt. Euer Rathgeber“. Dieſes Geſchreibſel vertraute er einem Knechte, der es mit Anbruch des Morgens beim Einlaßpförtchen des Schloßes, als von einem Unbekannten erhalten, übergeben ſollte. Mit den angenehmſten Hoffnungen für das gün⸗ ſtige Gelingen ſeiner Liſt, warf er ſich auf's Lager, und genoß— böſe genug, um für Gewiſſensbiſſe unempfind⸗ lich zu ſein— einer mehrſtündigen Ruhe. 182 * Der Morgen brach herauf, wie ein kräftiger Krie- ger im ſtrahlenden Panzer. Jenſeits der Donau ſtieg der lichtgewappnete Herold des Tages herauf, Purpur umſäumte das durch den Luftraum ſchiffende Gewölk, und aus der Strahlenwiege erſtand der goldlockige Morgen. Sinnend ſchritt Jaroslaus durch den Hof⸗ raum des Ebersdorfer Schloſſes, hielt ein Papier in der Hand, und las es zum öfterſten Male.„Wer mag wohl der Sender des Blattes geweſen ſein?“ ſprach er.„Weiß ich mich doch keines Menſchen zu erinnern, der Antheil an uns nehmen könnte— oder wüßte Els⸗ beth vielleicht?—“ Unruhig eilte er zur Freiin, und theilte ihr den Inhalt des empfangenen Blattes mit. Allein auch dieſe wußte ſich keines Mannes zu erinnern, der es mit ihr treu genug meinte, um ihr ſolchen Rath, wär' er gut, zu ertheilen. „Wiewohl ich viel Urſache habe, meinen Schwa⸗ ger zu haſſen,“ ſprach die Edelfrau,„ſo fürchte ich ihn doch zu wenig, als daß ich ihm nach dem Leben trach⸗ ten ſollte. Er entgeht ſeinem Lohne nicht, ich aber will meine Hand rein von menſchlichem Blute erhalten; der Herr da droben wird mich auch fürder beſchützen.“ Der Inhalt des Blattes war aber nicht verſchwie⸗ gen geblieben. Jaroslaus hatte ihn unvorſichtig Wohl⸗ 8 de Fe de Fr B be ni be fel vet es 7— me S 183 muth mitgetheilt, und Schikentanz war Zeuge davon. Dem Ritter war dieſe Kunde erwünſchter, wie den An⸗ deren; das war eine zu günſtige Gelegenheit, an ſeinem Feinde Rache zu üben, als daß er ſie unbenützt hätte derſtreichen laſſen. Ohne zu überlegen, woher der Rath gekommen ſein möge, begab er ſich eiligſt zu ſeinem Freunde Blaſenfeld, und theilte ihm die Kunde mit. Dieſer ſchüttelte bedenklich den Kopf und fragte:„Was gedenkt nun die Freiin zu thun?“ „Gar nichts,“ rief Schikentanz, ſie will des Bu⸗ ben ſchonen, aber ich—“ „Was willſt Du?“ fragte Blaſenfeld.„Doch nicht etwa—“ „Ja, Blaſenfeld, ich will Rache— je eher deſto beſſer!— Ulrich ſei das Ziel— ein giftigeres Wild iſt ſo bald nicht unſchädlich gemacht worden.“ „Ich verzeihe Dir dieß Gefühl,“ verſetzte Blaſen⸗ feld,„Du haſt durch ſeine Mörderhände Unerſetzbares verloren; doch wie willſt Du ohne Wiſſen der Anderen es bewirken? Der Geheimſchreiber oder der Hauptmann ſind unmer auf der Mauer—“ „Dafür hab' ich geſorgt,“ ſprach Schikentanz. „Ich habe der Freiin eine ſehr wichtige Entdeckung zu machen, zu dieſem Behufe verſammle ich Alle im Speiſeſaal; während dieſer Zeit bleibſt Du auf der 184 Plattform— ich bezeichne Dir das Ziel. Du ſendeſt unter irgend einem Vorwande den Schützen in die Pul⸗ verkammer, und brennſt in ſeiner Abweſenheit die Büchſe los.“— Blaſenfeld ſchüttelte wieder den Kopf:„Bruder Schikentanz, Du haſt Pläne, als ob ſie Dir der Teu⸗ fel ſelber eingäbe. Ich thue Dir den Dienſt, aber die Folgen“— „Welche Folgen? Dummer Fatznarr! Um den Schurken kräht kein Hahn; der Ebersdorfer iſt der ärgſte Schelm, der je auf einer Rindshaut einhergeſtie⸗ gen. Die Ungarn werden um den Kundſchafter nicht viel Weſens machen, und Frau Elsbeth— wer weiß, ob's ihr nicht genehm wär', wenn der ſaubere Herr Schwager zur Hölle führe; ſie will nur ihr zart Ge⸗ wiſſen nicht beſudeln.— Uns macht ſo was nicht viele Skrupel. Schlag' ein, Bruder Blaſenfeld! Wird der Ebersdorfer getroffen, ſo freſſ' ich Dich vor Freude mit Haut und Haar.“ Nach langem Zureden willigte Blaſenfeld endlich ein, Schikentanz theilte ihm die näheren Umſtände mit, und verließ nach einer langen Umarmung den Freund. Die ſiebente Morgenſtunde verſammelte Elsbeth, Agnes, Wohlmuth, Jaroslaus und Schikentanz im Speiſeſaal. Der Letztere hatte ſie Alle einer wichtigen 185 Mittheilung halber dahin gebeten, und ſie waren nicht wenig der Kunde begierig, die ihnen der Ritter bekannt zu machen gedachte.— Schikentanz, ohne die Wichtigkeit ſeiner Rede zu erwägen, die auf das Wohl aller hier Verſammelten ſo viel Einfluß habe, begann in ganz einfacher Rede⸗ weiſe:„Was ich Euch ſammt und ſonders mitzutheilen gewillt bin, dabei ſeid Ihr Alle, Mannſen und Weib⸗ ſen, betheiligt, und ich thu's deßwegen in gegenwärti⸗ ger Stunde, weil vielleicht Eines oder das Andere von uns bei jetziger gefahrſamer Lage bedroht ſein könnte, und ich dann nicht im Stande wäre, das einſt Ver⸗ ſchuldete gut zu machen; derohalb will ich mir jetzt den Stein vom Herzen wälzen, den ich einſt einem Freund zu Liebe auf daſſelbe geladen. Doch eh' ich beginne, will ich Euch ganz kurz ein Mährlein vorplaudern, ſo auf das Ganze viel Bezug hat. Vor vielen Jahren lebten zwei Brüder, der Eine war ein alter Witwer, der an⸗ dere ein Jüngling von kaum ſechzehn Jahren. Der Er⸗ ſtere war preßhaft und kam auf den närriſchen Einfall, ſich ein junges Fräulein als Ehegeſponſin zu erkieſen, welches gezwungen in das unwillkommene Joch trat. Mit ſelbigem Benehmen war dem jüngern Bruder nicht recht gedienet, denn ihm wäre früher das Beſitzthum des Aelteren zugefallen, während er jetzt befürchten mußte, 16 186 bei herankommenden Erben um ſelbiges verkürzt zu wer⸗ den; doch tröſtete ihn das Alter ſeines Bruders, bei deſſen preßhaftem Weſen ihm ſolche Furcht unnütz däuchte.— Aber auch ein alter Stamm trägt manche ſüße Frucht— die junge Frau fühlte ſich in geſegneten Um⸗ ſtänden, und der Andere, ſo jung er war, faßte ſchon den Rieſenplan, dieſe Nachkommenſchaft aus dem Wege zu räumen. Ein altes Weib, das unheimlich' Gewerbe trieb und zugleich Wehmutter war, wurde in's Einver⸗ ſtändniß gezogen. Ein Knäblein, friſch und munter, er⸗ blickte das Licht der Welt, aber es wurde ein todtes Kind an deſſen Stelle geſchoben, und das muntere Bübchen befand ſich in der Gewalt des böſen Jun⸗ kers. Es mochte ſelbigem doch nicht recht zu Muthe ſein, als er dem unſchuldigen Wurm an's Leben ſollte; drum machte er ſich an ſeinen beſten Kum⸗ pan, einen wilden Kerl, der an dem Taugenichts mit ganzer Seele hing, bis derſelbige an ihm ſpäter zum Schurken wurde. Dieſem vertraute er ſeinen Schur⸗ kenſtreich, und bat ihn, dem Büblein dem Garaus zu machen. Wer war da nun geſchwinder als der Andere! Er kam mit dem Kumpan zu dem alten Weibe, welches den unſchuldigen Wurm in Verwah⸗ rung hatte. Die Hütte war offen, die beiden Geſellen traten ein. Da lag die Alte ausgeſtreckt auf der Erde, 187 fahl und gelb wie Wachs, die dürre Hand war nach einem Bettlein gerichtet, in welchem das unſchuldige Kindlein lag und ſchlief. Der alte Sündenkaſten aber war mauſetodt— wenn ſie nicht der Teufel ſelbſt geholt hat, ſo war's wenigſtens ſeine leibliche Stieftochter. Der Geſell erſchrack gewaltig ob ſothanem grauslichem Anblick, dem jungen Schelm war aber ſelbiges ganz recht,'s war ja ein Zeuge weniger da, den er zu fürch⸗ ten hatte. Nun nahm der Andere das Knäblein— der Abend war ſchon nah— und weil's eben ob eines her⸗ anziehenden Gewitters finſter wurde, ſo wickelte er's in ſein Wamms, und verließ den Jüngern mit dem feſten Verſprechen, das Büblein in dem nahen Strome zu erſäufen. Es war ein Wetter ſondergleichen, als er mit dem kleinen Wurm fürbaß eilte, um ſein gegeben Wort zu erfüllen, denn der Schelm hatte anfangs nichts Beſſeres im Sinne; aber je länger er ging, deſto ſchwerer wurden ihm die Beine, zuletzt ſchien's ihm gar, als ob ihm Blei in ſelbige gefahren wäre. Der Anblick der todten Hexe trat vor ſeine Seele, dann be⸗ gann auch das Gewitter ober ſeiner zu poltern, Blitze ſchoſſen herum, von einem Welt⸗Ende zum andern, der Donner krachte, als ob er's für drei Sommer voraus thun wollte; der Regen floß, wie aus Scheffeln ge⸗ goſſen, herab: dieß Alles zuſammengenommen griff 188 dem Geſellen in's Herz. Nun begann der kleine Wurm obendrein noch kläglich zu wimmern und zu winſeln, ſo wie ein kleines Hündchen, wenn's an der Mutterbruſt hangt— alle Teufel! der Kerl hätte müſſen ein doppelter Satan ſein, hätte er das Höllenwerk verübt. Er ſann daher auf was Anderes. Das Kind zurücktragen wollte er nicht, weil's dann vor dem böſen Vetter keinen Au⸗ genblick ſeines Lebens ſicher geweſen wäre, und dann wollte er ſich den Kumpan nicht verfeinden. Er beſchloß daher, den Knaben einem armen, aber redlichen Manne zur Pflege zu übergeben, und ſobald er erwachſen, ihn von ſeinen Eltern zu benachrichtigen. Dieſes führte er auch aus.— Das Mährlein iſt zwar noch nicht zu Ende, aber das, was folgen ſollte, werdet Ihr ſchon ſelbſt errathen, wenn ich einige Namen nennen werde. Derjenige, welcher dem Büblein das Leben ſalviret, bin ich, der Ritter von Schikentanz;— derſelbige, der es aus dem Leben räumen wollte, iſt Herr Ulrich von Ebersdorf; die Mutter des Knäbleins ſeid Ihr, Frau Elsbeth—“ In demſelben Augenblicke donnerte ein Schuß von der Mauer, Alle fuhren empor.„Heiliger Gott!“ ſchrie die Frein, von der Nachricht ergriffen und von dem Schuſſe zugleich erſchreckt.„Redet weiter— um des Himmels Willen— der Schuß— mein Kind— mein Sohn— er lebt— ſprecht—“ m es in 189 Ja, er lebt,“ rief Schikentanz,„er lebt und ſteht vor Euch—'s iſt der Hauptmann!“— Kriegsgetümmel erſcholl nun plötzlich draußen, die Sturmglocke drang wehmüthig herab, die Trompeten ertönten, Schüſſe krachten.—„Die Ungarn!— die Ungarn— ſtürmen das Schloß!“ ſo erſcholl es durch alle Räume, und die Mauern füllten ſich mit Verthei⸗ digern. „Heiliger Gott!“ rief Wohlmuth, im Innerſten erſchüttert, und ſtürzte zu den Füßen der ohnmächtigen Freifrau, faßte die mütterliche Hand und drückte tau⸗ ſend Küße auf dieſelbe.„Agnes,“ bat er,„hilf, um des Himmelswillen! Steh' der Mutter bei— ich muß auf die Mauer hinaus!— Jaroslaus, rettet die Her⸗ rin!— ich will draußen ſchon befehlen und kämpfen.— Gerade jetzt, in dieſem Augenblicke—— Mutter! Theure Mutter, wach' auft Ich muß fort— Dein Sohn muß fort— will kämpfen, ſtreiten für Dein Gut— für Dich, ſeine kaum wieder gefundene Mut⸗ ter!“ Er riß das Schwert aus der Scheide, und ſtürmte hinaus, wie ein beſeligter Kriegsgott!— An demſelben Morgen hatte der Ebersdorfer mit den ſchönſten Hoffnungen ſein Nachtlager verlaſſen. Er 190 ſtellte ſich lauernd vor das Zelt, um das Gelingen ſei⸗ ner Liſt abzuwarten. Er erwog nicht das Bedrohliche ſeiner Lage, und konnte ſich der Wonne, Zeuge der Scene zu ſein, nicht berauben. Die achte Morgenſtunde war auch wirklich vom Schloßthurme zu Ebersdorf noch nicht ertönt, als König Mathias ſchon anlangte, und in die bezeichnete Hütte trat. Das Ausſehen des Königs ließ die Nachtwache und den langen Ritt desſelben kaum be⸗ merken; dem Beſieger der Türken waren dergleichen An⸗ ſtrengungen nichts Seltenes. Dieſes Mal fand er meh⸗ rere Anführer ſeiner Krieger im Zelte, die dem Könige zu jeder Stunde nahen durften. „Früher Beſuch, meine Tapferen!“ rief er den Hauptleuten zu, und reichte jedem von ihnen die Hond. „Was bringt Euch ſo früh vor Ebersdorf? Wollt Ihr vielleicht Zeuge ſein, wie ein Weib uns vor den Mauern ſeines Schloſſes liegen läßt?— Es ſoll bald ein Ende nehmen—“ „Königlicher Herr,“ begann einer der Krieger, dem Verwegenheit und Todesverachtung auf der Stirne ſaßen,„dem heldenmüthigen Beſieger der Chriſtenfeinde, dem Feldherrn, der noch keine Schlacht verloren, wird auch ein Weib nicht widerſtehen, wenn Eure angewohnte Frauenverehrung Euch gewaltigere Mittel ergreifen lie⸗ ßen. Aber deßhalb ſind wir nicht gekommen—“ ——— 191 „Nun, beim Himmel, dann bin ich begierig, die Urſache Eures Daſeins zu erfahren,“ rief der König, nicht ungeſchmeichelt über die frühere Rede des Greiſes. „Sprecht, Einer für Alle— oder Einer nach dem An⸗ dern, wenn Eure Wünſche nicht die nämlichen ſind.“ „Ich will für Alle ſprechen,“ fuhr der frühere Redner fort.„Die heilige Mutter Gottes, die Be⸗ ſchützerin unſers Vaterlandes, möge meinen Verſtand begeiſtern, daß das Wort zu Eurem Herzen dringe.— Königlicher Herr! Laßt mich zu Euch, als zu einem theuern Landsmanne ſprechen; mäßiget Euch, wenn ich mein Begehren vorgebracht, ich will's in wenigen Wor⸗ ten ausdrücken: Zieht ab von Wien!—“ Wie von einer giftigen Schlange gebiſſen, fuhr der König bei dieſen Worten zuſammen; Fieberröthe färbte ſeine Wangen; das große Auge weit aufgeriſſen, ſtierte er den Sprecher an, die Hände ballten ſich krampfhaft, und leiſes Fröſteln fuhr durch ſeine Glieder; ein Wort, ausgeſprochen, hätte dem Betreffenden Verderben ge⸗ bracht— allein er ſchwieg; man ſah die Gewalt, mit welcher er die Lippen zuſammenpreßte. Todesſtille herrſchte im Zelte, ſelbſt der Palatin war erbleicht ob der Wuth des Leuen; doch nach und nach legte ſich das Brauſen des Orkans, der Sturm ſchwieg, der Blick des Königs wurde milder, ja ſogar ein Lächeln ſpielte 492 um ſeine Lippen, doch der Hohn desſelben war unver⸗ kennbar. Er wandte ſich zu Orſzäg und ſprach langſam: „Palatin, ſeit wann iſt es im Ungarheere Sitte, daß man einem Tollhäusler ein Fähnlein anvertraut?“ Der frühere Sprecher entfärbte ſic:„König,“ rief er in einem faſt drohenden Tone,„Ihr ſpottet des Kriegers, der als Jüngling, an Eures Vaters Seite, Belgrad erſtürmt? Wohrlich, böte das Bewußtſein mei⸗ ner That keinen beſſern Lohn, ich ſchleuderte das Schwert von meiner Seite, um Euch eine Undankbarkeit zu er⸗ ſparen!“ Dieſe etwa übermüthigen Worte brachten auf Mathias die entgrgenſetzte Wirkung, als vielleicht bei manchem Andern, hervor. War er doch ſelbſt ſtolz auf ſeine Lorbeeren, die er ſich im Felde errungen, und ſollte einem Andern dieß Gefühl verargen? Einem Manne, der mit dem Vater vor Belgrad ſtand, konnte der Sohn nicht zürnen. Er ſchritt mit wohlwollender Miene auf den Haupt⸗ mann zu und ſprach:„Nicht immer iſt jeder tapfere Krieger ein guter Staatsmann; Dreinhauen und Anbe⸗ fehlen iſt leichter, als ſich durch die Irrgänge der Politica durchzuwinden. Ein Abzug von Wien brächte dem Un⸗ garlande unſäglichen Schaden, das merkt Euch wohl, und laßt es in Hinkunft bleiben, mir ſolche Bitten vor⸗ . 193 zutragen, ſonſt— ja gewiß, ich könnte ſonſt vergeſſen, daß Ihr vor Belgrad geſtanden.“ Er ſchwieg. Allein der Sturm war noch nicht vorüber; ein anderer der Hauptleute trat vor und ſprach: „Königlicher Herr! Mein Kriegsgefährte hat ſeine Sache ſchlecht begonnen, er iſt mit der Thür ins Haus gefallen, und hat, ein ſchlechter Huſar, das Roß beim Schwanz zu ſatteln angefangen, doch was er verſäumt, will ich ergänzen. So vernehmt es denn, königlicher Herr, Noth reißt im Lager ein, das Heer murrt, und kurze Zeit noch, ſo iſt ein Aufſtand zu beſorgen.“ Einen Herrſcher, wie Mathias, mußte ſolche Nach⸗ richt empören; er ſtampfte wüthend mit dem Fuße: „Hat die Hölle heute alle ihre Teufel ausgeſandt,“ rief er zornentbrannt,„daß ſie mich mit ihren Hiobs⸗ voſten zu Tode quälen? Wer wagt's zu murren? Wer iſt der Kühne? Bin ich König von Ungarn, oder iſt's ein altes Weib, das zu Hauſe hinter'm Ofen ſitzt?— Bringt ſie her, die Empörer!— Ich laſſe ſie an die Bäume knüpfen, und wenn an jedem Aſte dieſer Auen eine Leiche zu hängen käme.— Beiliger Gott!— Dieß alſo wäre die Frucht des langen Kämpfens, dieß die Saat ſo vieler Mühen, dieß der Dank eines Kö⸗ nigs?!“— Mit verſchränkten Armen ſchritt er, ohne die Anderen zu berückſichtigen, durch's Zelt, und fuhr, Wien II. 17 194 gleichſam wie im Selbſtgeſpräche, fort:„Stolziere ich in Sammt und Seide daher, wie andere Fürſten? Iſt mein Kleid nicht das des gemeinſten Reiters?— Oder ſteck' ich zu Hauſe im ſichern Neſt, und laſſ' die Anderen ſich die Köpfe blutig ſchlagen? Bin ich nicht jeden Augenblick unter ihnen, trotz Wetter und Kränk⸗ lichkeit? Hab' ich ſie nicht ſtets zum Sieg' geführt? Iſt meine Hütte wohnlicher, als die des ärmſten Kriegers, iſt mein Pelz wärmer, denn der ihre? Oder ſchwelg' ich im üppigen Leben, theil ich nicht mein Brot mit ihnen? Iſt mein Lager etwa ſchwellender, und leid' ich nicht Noth und Mangel, ſo wie ſie?— Heiliger Gott, du weißt es, daß ich für das Velk weder Gefahren noch Mühen ſcheute, und dieß nun ſein Dank!“— „Kriegsgefährten,“ wandte er ſich plötzlich zu den Hauptleuten,„beſänftiget die Leute! Kurze Zeit noch, und wir ziehen in Wien ein. Ich habe dort zwei angeſeſſene Bürger, die ganz mit mir einverſtan⸗ den ſind, und die mir die Stadt bald überliefern wer⸗ den.“ Ob dieſer Kunde waren die Hauptleute hoch er⸗ freut, und Einer von ihnen wagte die Frage: wer denn eigentlich dieſe Herren ſeien, indem man PVerräthern kein volles Zutrauen ſchenken dürfe. Mathias aber erwiederte:„Von dieſen haben wir 2 195 ſo was nicht zu fürchten; der Eine von ihnen heißt Hunger, der Andere Zwietracht.“ Ein Wink gebot den verblüfften Kriegern, zu ſchweigen. Der König wandte ſich zu Orſzäg. Gleich⸗ ſam ſich von der ausgeſtandenen Gemüthsbewegung zu erholen, begann er mit dieſem über die mit der Freün einzuleitende Unterhandlung zu ſprechen, als gener ver⸗ hängnißvolle Schuß aus dem Schloſſe geſchah. Die Kugel drang durch die Lehmwand der Hütte, fuhr hart an dem Könige vorbei, riß den Palatin von ſeiner Seite*), und fiel unfern zur Erde. Allgemeines Ent⸗ ſetzen erfaßte die Hauptleute, allein Mathias ſtand kalt⸗ blütig auf, trat vor's Zelt und gab das Zeichen zum Sturm. Wie wüthende Löwen, die ſchon wochenlang ihrer Beute harren, ſtürzten die Krieger gegen des Schloſſes Mauern; ſie gedachten ihrer Unzufriedenheit nicht mehr, nur des Königs Lebensgefahr wollten ſie rächen. Die Hörner ertönten, Mauerbrecher wurden herbei geſchleppt, Geſchütze donnerten, Kriegsgetöſe erfüllte die Gegend— das Schloß ſollte zerſtört werden, und kein Stein auf ſeinem frühern Platze bleiben. Dieſer Anblick war für *) Nach Feßler. Engel läßt dieſen ein Jahr früher eines natürlichen Todes ſterben. 196 den Ebersdorfer ein wonniger. Zwar war der Rache⸗ plan an dem ſtolzen Ungarkönig mißlungen; dafür hatte er die Freude, ſeine gehaßte Schwägerin in Angſt und Noth, das Schloß bedroht zu ſehen— konnt' er es ni yt erlangen, ſo ſollt' auch ſie es nicht beſitzen; dieß Gefühl bemächtigte ſich ſeiner mit ſolcher Gewalt, daß es ſelbſt den Feigen in den Kampf trieb. Er eilte un⸗ ter die Stürmer und ſchloß ſich dem Haufen an, der eben das Thor zu zerſprengen begann, um dann mit brennenden Pech⸗ und Schwefelkränzen das Schloß in Brand zu ſtecken.— Die Vertheidigung des Schloſſes war eine heldenmüthige; allein wer vermochte dem er⸗ grimmten Leuen zu widerſtehen? Faſt zu gleicher Zeit war das Thor geſprengt, als auch die weiße Fahne von der Mauer flatterte. Mit dem Sturme wurde eingehalten. Die Un⸗ garn zogen ſich zurück, um den Entſchluß des Königs abzuwarten; allein der Ebersdorfer, aus dieſer Nach⸗ giebigkeit ein Einvernehmen befürchtend, welches ihm Unheil zu bringen drohte, ſtürzte über die ſchon herab⸗ gelaſſene Brücke in's Schloß, und eilte rachedürſtend, den brennenden Pechkranz in den Händen, wie ein ge⸗ ſpenſtiger Unhold gegen die Kammer, wo ſich ſeines Wiſſens früher das Pulver befunden. In der Ver⸗ wirrung hatte man ſeiner nicht geachtet, zu ſeinem 197 größten Schrecken aber war die Kammer leer. Er ſtürzte wieder heraus— da eilte Schikentanz eben die Stiege herab, und wurde ſeiner gewahr. Der Ebersdorfer hatte Jenen kaum erblickt, als ſich ein paniſcher Schrecken ſeiner bemeiſterte und h wie bewußtlos die Flucht ergreifen ließ. Er ſtürzte durch ein kleines Pförtchen, welches zum Thurme führte, und ſchlug es hinter ſich zuz allein Schikentanz zerſchmet⸗ terte es mit gewaltiger Fauſt, und ſtürmte ihm nach, die Stiege hinan. Immer näher kam der Ritter ſeinem Feinde— wie zwei Kobolde wanden ſie ſich mit Blitzes⸗ ſchnelle aufwärts— jetzt war der Ebersdorfer oben auf der Plattform angelangt— ein Blick ließ ihn die Gegend, das Ungarlager und auch zugleich die gräß⸗ liche Tiefe ſehen, die unheimlich heraufgähnte. Noch hatte er keinen Entſchluß gefaßt, als auch ſchon Schi⸗ kentanz, glühend wie ein Moloch, mit freiwallenden Haaren vor ihm ſtand. „Mörder!“ brüllte er ihm zu, und ſtürzte ohne Bedenken auf ihn los. Mit gewaltiger Fauſt umſchlang ihn der Ebersdorfer. Einer ſuchte den Andern gegen die Kante der Plattform zu drängen; allein gleich kräf⸗ tig, blieb der Ringkampf einige Augenblicke unentſchie⸗ den. Jeder mochte es fühlen, daß er den Gegner 198 wohl ſchwerlich losbringen würde, doch war Ulrich zu feige, ſich ſammt dem Feinde hinabzuſtürzen, und ließ die Hände ſchlaff ſinken, um dem Ritter einige begütigende Worte zuzukeuchen. Dieſer, taub für je⸗ den Laut, erſah den Augenblick, und ſtieß den Ebers⸗ dorfer mit gewaltiger Fauſt gegen die Kante— doch ſchon im Fallen erfaßte dieſer raſch das Wamms des Ritters, und riß ihn mit ſich hinab in die ſchwindeln⸗ de Tiefe.— 1 1 Zwei Frauen im ſchneeigen Gewande, von drez Männern geleitet, ſchritten aus dem Ebersdorfer Schloſſe gegen das Zelt des Ungarkönigs. Wiewohl Sieger, pflegte er doch niemals gegen Frauen die Außenſeite eines Kriegers zu kehren, ſondern er ging ihnen auch dieſes Mal zuvorkommend entgegen, und geleitete ſie in ſein Zelt. Jaroslaus bat um die Gnade, das Wort füh⸗ ren zu dürfen, und theilte in gedrängter Kürze dem Könige Alles mit, was dieſer zur Entſchuldigung der Freifrau zu wiſſen nöthig hatte. Blaſenfeld warf ſich dem Könige zu Füßen, gab ſich und ſeinen Freund Schikentanz als Urſache „—*— 499 jenes Schuſſes an, und die Freifrau wies dem Fönige die erhaltenen Zeilen vor. Mathias ſah nun ein, daß es nicht auf ſein Leben abgeſehen war, und daß ſich zwei Unberufene eingemiſcht hatten, die bald ſo viel Verderben hervor⸗ gerufen hätten. Er befahl, nach dem Urheber zu for⸗ ſchen und denſelben einzuziehen. Bald brachte man zwei Leichname herbei, die man aus dem Schloßgraben gezogen hatte. Man erkannte ſie ſogleich. Die Freifrau wurde vom Könige getröſtet, ob des ihr durch den Sturm zugefügten Schreckens. Er ſicherte ihr und ihrem erſt gefundenen Sohne das Schloß als Eigenthum, und ermangelte nicht, nach dem Be⸗ gehren der jüngeren Dame zu fragen, die ſo beſcheiden und ſtill im Hintergrunde geblieben war. Da trat Agnes hervor, klagte dem Fürſten ihr unglücktich Schickſal, und bat um freies Geleite in die Stadt, um ihren geliebten Vater, den Bürgermeiſter alldort, nach ſo langer Friſt wieder ſehen zu kön⸗ nen. „Euer Schwager, verehrte Freiin,“ wandte der König ſich zu Elsbeth,„hat viel Unheil geſtiftet, doch ſcheint der Himmel Alles zum Beſten wenden zu wollen 200 Eure Bitte, holdes Fräulein, iſt Euch vom Herzen gewährt; nur thut's Uns leid, Euch keine ſchickliche männliche Begleitung mitgeben zu können. Würdet Ihr noch einige Zeit verziehen, ſo könntet Ihr mit Uns in Wien einziehen, aber Euer kindlich Herz iſt zu ungeduldig. Grüßt Uns den Herrn Stephan Oen und den Chriſtoph Pempflinger; Letzterer möge nicht vergeſſen, daß er ein geborner Ungar— Ihr ſeht holde Dame, wie Wir ſelbſt unter Frauen Unſere Kundſchafter zu finden wiſſen.“— Er reichte ihnen ſeine Hand zum Kuſſe. Elsbeth und Agnes ließen ſich auf die Knie nieder, und be⸗ rührten mit ihren Lippen die königliche Rechte. Ma⸗ thias hatte die glühenden Blicke des jungen Söldner⸗ hauptmannes bemerkt„mit welchen dieſer die kniende Huldgeſtalt des Fräuleins zu verſchlingen drohte, und ſprach lächelnd:„Wir bleiben Euch in Gnaden ge⸗ wogen, und erlauben, daß dieſer junge Krieger das Fräulein nach Wien geleiten möge, denn wie's Uns bedünkt, dürfte ſich ſchwerlich mehr Einer vorfinden, der ſo willig Blut und Leben für ſelbes opfern würde, als gerade er.“ Agnes und Wohlmuth errötheten. Ebersdorf umfing vier glückliche Menſchen in ſeinem Schooße. 201 Blaſenfeld aber war verſchwunden— die Ver⸗ erſchüttert zu haben. Einige Tage ſpäter warf der Strom einen Leichnam aus, er blieb unbeachtet liegen, und als er einige Wochen darauf von Landleuten auf⸗ gefunden wurde, war er ſchon ſo verweſet und entſtellt, daß man ihn unmöglich mehr zu erkennen vermochte. Dir Uebergabe. Je näher die Feinde an die Stadt kamen, deſto größer wurde drinnen Noth und Elend, und deſto herabge⸗ ſtunmter der Muth der Bürger. Herr Stephan Hen, der ſeit Monden ſo tief bekümmerte Bürgermeiſter, hatte es wohl nicht geahnt, daß er gerade im Augenblicke des höchſten Jammers ſo wunderbar getröſtet werden, und vom gütigen Himmel ſo großen Beweis ſeiner Liebe erhalten ſollte. Ja gewiß, die Vorſehung bürdet dem guten Menſchen nie mehr auf, als er zu tragen ver⸗ mag, und der Kurzſichtige ſoll ſich nie vermeſſen, den oft dunklen Wegen ihrer Rathſchlüſſe nachzuforſchen; ſein Maulwurfsauge wird ſie nie erblicken. Wohlmuth hatte Agnes'gen Wien begleitet. Als ſie im Hauſe des Bürgermeiſters anlangten, eilte die Jungfrau mit ſtürmiſcher Haſt in die Arme ihres geliebten Vaters. Wie eine ſchwache Schlingpflanze im Sturme, zitterte Herr Den in den Armen des wiedergefundenen Kindes. Der Redeſtrom war ihm verſiegt, kaum vermochte er 203 den Namen:„Agnes“ herauszupreſſen; aber heiße Thränen perlten über die tiefgefurchten Wangen. Als ſich der Sturm der jähen Freude etwas gemildert hatte, und Agnes fortgeeilt war, das väterliche Haus in allen ſeinen Räumen zu durchſtöbern, wo ſie früher als ge⸗ ſchäftige Hausfrau gewaltet hatte, und die ſeit ihrer Ab⸗ weſenheit manche Sorgloſigkeit erfahren mußten, da trat Wohlmuth dem Rathsherrn näher, und theilte ihm die Lebensſchickſale mit, die ſowohl ihn, als auch Agnes angingen. Zuletzt erwähnte er auch der Uebergabe von Ebers dorf und des Ungarkönigs rühmlicher Milde. Den horchte geſpannt der Rede des Hauptmanns, und ent⸗ ließ ihn dann mit freundlichem Händedruck. Wohlmuth eilte nun, ſein Mütterlein heimzuſuchen. Die alte Kathrei war ſchier außer ſich, und als ſie zuletzt gar erſuhr, daß ihr Pflegeſohn nunmehr Herr von Ebers⸗ dorf ſei, da hätte ſie bald vor Freude der Schlag ge⸗ troffen.—„Ei, Du lieber Lazarus!“ rief ſie,„wie iſt das Alles ſo ſchön und gut gekommen! Aber ſo iſt es, nach der Nacht wird's immer Tag— fällt kein Baum auf einen Schlag. Beſſer Neider, als Mitleider! Aber ſei fein fromm und gut, damit's nicht eintrifft: wie gewonnen ſo zerronnen; ſobald die Sonne untergeht, hat der Wind auch die Freunde verweht; haſt Gold Du in den Schrank gehäuft, ſo Unruh' ſtets im Herzen 204 läuft, und iſt das Eſelein voll im Ranzen, geht es auf das Eis'naus tanzen.—“ 2 Wohlmuth hielt endlich dem Mütterlein den Mund zu, ſonſt wär' der Sprüchlein kein Ende geworden, die beſonders bei freud'ger Aufregung unerſchöpflich hervor⸗ ſprudelten. Am andern Morgen trat er wieder ſeinen Rückweg nach Ebersdorf an. Jede Hoffnung auf einen Entſatz der Stadt war eitel. Das feindliche Heer wälzte ſich der Stadt immer näher; die Abtheilung von Ebersdorf rückte nach Erd⸗ berg und St. Marx, ſpäter wurden die Vorſtädte ſelbſt beſetzt und zwar in ſolcher Nähe, daß ein Haufe ſogar vor der Steinbrücke vor dem Stubenthore ſtand, und die Stadt mit Steinen zu beſchießen anfing. Zwar ver⸗ ſäumten es Bürger und Beſatzung der Stadt nicht, Ausfälle zu machen; allein ſie waren, beſonders gegen die Donau zu, wo die meiſten Schanzen aufgeworfen waren, unglücklich— und wurden immer mit großem Verluſte zurückgeſchlagen. Auf dieſes hin— der ver⸗ zweifelten Lage überdrüßig— beſchloß die Bürgerſchaft unter beſonderem Vorſtande des Stadtrichters, ſich dem Feinde zu ergeben, da ſie ſonſt von Hunger und Krank⸗ heit aufgerieben werden würden. Die kaiſerlichen Haupt⸗ leute, noch immer auf Hilfe hoffend, widerſetzten ſich —— 7* 205 dieſem Entſchluſſe, aber die Noth wurde immer drücken⸗ der; Mehl und Getreide gingen aus, und man ſah auf den Plätzen Wien's das Pfund Pferdefleiſch um ſechs Pfennige verkaufen. Nun wandte ſich die Bürger⸗ ſchaft an die Univerſitäz. Mit thränenden Augen baten ſie die Herren, ſich an den König zu wenden, um eine Linderung des ſchlimmen Zuſtandes zu bewirken; in einem drei⸗ oder viertägigen Waffenſtillſtande wollten ſie um den Frieden unterhandeln. Dieſe Bitte berück⸗ ſichtigend wurde großer Rath gehalten; der Rector, die Decane und Doctoren der Univerſität, der Abt von den Schotten, der Probſt von St. Dorothea und der Bürgermeiſter, Herr Stephan Hen, traten auf dem Rath⸗ hauſe zuſammen, und Letzterer trug eine klägliche Rede vor, deren Inhalt die Bitte war, bei dem Könige als Vermittler aufzutreten, indem dieſer den Gelehrten nichts abſchlage und ihrethalben gewiß ſeinen Zorn über die Stadt beſänftigen werde. Nun wandte ſich der Senat der Hochſchule an den eigentlichen Vertreter des Kai⸗ ſers— den Doctor Johann Keller, der in ſeiner ver⸗ zweifelten Lage, wie ein ſchlüpfriger Aal ſich durchwin⸗ dend, den ganzen Vorrath ſeiner ſtaubigen Schulweis⸗ heit in einer orakelförmigen Antwort erſchöpfte:„Er mißbillige das Verlangen der Bürger nicht, aber er rathe weder hiezu, noch halte er ſie von der Ausführung 206 ab, denn er ſei ſelbſt in Gefahr, und glaube, ſie würden keine Sünde(2) begehen, wenn ſie dieſes un⸗ ternähmen!!!—“ Der Rath der Univerſität hielt nun ſelbſt wieder große Verſammlung, und nach langem Deliberiren und Ausgleichen der Meinungen und Stimmen verſchiedener Facultäten wurde beſchloſſen, eine Geſandtſchaft an den König zu ſenden, um Gnade für die Bürger zu erbitten. Dieſe wurde auch wirklich abgehend gemacht, der Of⸗ fizial Leopold Franz und Wolfgang Stadler, Doctor der ſämmtlichen Rechte, befanden ſich an ihrer Spitze. Der König nahm ſie ſehr gnädig auf, und ver⸗ ſicherte, auch der Bürgerſchaft geneigtes Gehör ſchenken zu wollen, und die Feindſeligkeiten eirzuſtellen. In vier Wagen fuhren dann die ſtädtiſchen Abgeordnelen nach Ebersdorf, es waren ſechs der vornehmſten Bürger: der greiſe, in allen Aemtern verſuchte Niklas Täſchler, der reiche, mitterbürtige Perrmann, der Zeller, CasparSchneider, der Lautenbäckund Jakob Haunberger. Ihre Bitte erſtreckte ſich auf die Auf⸗ rechthaltung der Freiheiten, Gebräuche, Gewohnheiten der Stadt, der Bürger, der hohen Schule, der Geiſt⸗ lichkeit und aller Bewohner Wien's. Die kaiſerliche Be⸗ ſatzung ſollte freien Abzug haben mit Hab und Gut, mit Roß und Harniſch: dafür wollten ſie, wenn bis 207 erſten Juni kein Entſatz käme, dem Ungarkönig die Thore öffnen.— Der König gewährte ihnen Alles, und befriedigt verließen ſie das Ungarlager. Indeſſen zogen die kaiſerlichen Beamten aus der Burg; die Bürger übernahmen dieſelbe, um ſie für den König ein⸗ zurichten. Zugleich wurden Anſtalten getroffen, daß man dem Könige in einer feierlichen Proceſſion mit allem Gezier und Pomp entgegen gehen wolle; der Stadt⸗ rath, die Bürgerſchaft, die Geiſtlichkeit und die hohe Schule, Alle in den Univerſitätskleidern, verſprachen zu erſcheinen. Da mittlerweile die Feindſeligkeiten eingeſtellt waren, ſo beſuchte Johann Cowin, des Königs viel⸗ geliebter natürlicher Sohn, die Stadt, bewunderte den Stephansdom, betrat die Burg, das Praghaus— Kaiſer Wenzels Gefängniß und vieler Fürſten Her⸗ berge— verſuchte eines der in großem Rufe ſtehenden Bäder, und eilte dann wieder zu den Zelten hinaus.— Der für den Ungarkönig ſo heiß erſehnte Tag er⸗ ſchien. Die Morgenröthe des erſten Juni, des Vor⸗ abends vor dem Frohnleichnamsfeſte, ſtrahlte purpurn über den Auen dies⸗ und jenſeits des Donauſtromes; die Lüfte wehten ſchwül und verkündeten nahen Sturm. Das ganze Ungarlager war in geſchäftiger Bewegung, der Boden bebte unter dem Stampfen der ungeduldigen 208 Roſſe; 8000 Mann Kerntruppen— größtentheils Reiterei— zogen langſam und bedächtig nach der Stadt, beſetzten dort Thore, Wälle und Poſten. Sie waren die Verkünder der nahen Ankunft des Siegers. Ein feier⸗ licher Zug ſetzte ſich gegen die Steinbrücke vor dem Stubenthore in Bewegung. Voran kam der ganze Stadtrath in Gallahar⸗ niſchen, unter denen Sammt und Seide prangten, hoch zu Roß, mit den auf goldgeſticktem Sammt⸗ polſter gelegenen Stadtſchlüſſeln; ihnen folgte die ge⸗ ſammte Geiſtlichkeit im Ornate mit den Heiligthümern von St. Stephan, getragen unter dem geweihten Baldachin; Pauken, Zimbeln und Pfeifen ſtimmten in das Chorale des feſtlichen Geſanges; dann kam die hohe Schule nach ihren Nationen und Facuktäten ab⸗ getheilt: die Schüler mit einfachen, bis an das KFnie reichenden Röcken, ihre Hüte in den Händen; die Ma⸗ giſter und Doctoren in mit Pelz ausgeſchlagenen Sei⸗ denröcken, um welche ſammtene, mit goldnen Borden verbrämte, kurze Mäntel hingen, die Häupter mit Bi⸗ rets bedeckt; die Decane mit langen, ſchwarzen Ta⸗ laren und kurzen, rothſammtnen Mänteln darüber— ihre Kopfbekleidung bildeten viertheilige, rothſammtne, eben⸗ falls mit Hermelin verbrämte Mützen; die Rectoren 209 in derſelben Kleidung, nur daß ihre Mäntel mit Her⸗ melin geziert waren. Bald verkündete ein tauſendzüngiges Freudenge⸗ jauchze das Herannahen des Ungarkönigs. Mathias, ſtrahlend vor freudigem Stolze, in ſeiner edlen Haltung einem römiſchen Triumphator nicht unähnlich, in der glänzenden morgenländiſchen Tracht ſeines Volkes, blit⸗ zend von Gold, Perlen und anderem Edelgeſtein, auf freudig wieherndem, nur von ihm gebändigtem Schlacht⸗ roſſe, ritt die Landſtraße herab. Ihn umgaben der Graf von Zips, der Feldherr Laurenz, Meter von Garay und viele andere Große von Ungarn, Mähren und Schleſien,— lauter Prunkgeſtalten, die in ihren volks⸗ thümlichen Gewändern dem ſchauluſtigen Wienervolke eine entzückende Augenweide darbothen. Hinterdrein folgte eine große Anzahl von Wagen, mit Lebensmitteln jeder Art beladen, die ſogleich unter das Volk vertheilt wurden.— Eines nur verleidete den prachtreichen An⸗ blick, denn, wiewohl heiteren Himmels, wirbelte doch ein heftiger Sturm ungeheuere Staubwolken auf, die den Zug wie dichte Nebel umſchloſſen. Dieſe Stunde, in welcher Mathias in der Fülle ſeiner Herrlichkeit, erſt 45 Jahre alt, in die Haupt⸗ ſtadt und in die Burg ſeines Feindes einzog— dieſe Stunde ſetzte ſeinem Heldenruhme die Krone auf. 18 21¹⁰ Sie ſollte den Grund und Schußſtein legen zu ſeinen Eroberungen*). Nach dem Empfange auf der Brücke bewegte ſich der Zug feierlichen Schrittes durch die Wollzeile, St. Stephan vorüber, nach der Burg. Einen unangeneh⸗ men, faſt ſchreckhaften Eindruck machte es auf Viele, daß während dieſes Zuges eine heftige Erderſchütterung verſpürt wurde, die die Häuſer wanken machte. Allein das Volk, durch die langen Leiden abgeſtumpft, ſah nur des Zuges Pracht, fiel frohlockend über die mitge⸗ brachten Lebensmittel her, und hatte des Erdbebens kaum gewahrt. Fünf Tage ſpäter hielt auch die Königin einen Einzug, der eben ſo prachtvoll, als der erſte, ausfiel. Schloß Ebersdorf war der Vereinigungsort von fünf überglücklichen Menſchen. Frau Elsbeth an der Seite Jaroslaus, Wohlmuth, für den der König ſelbſt als Fürſprecher beim Bürgermeiſter aufgetreten, in Ag⸗ neſens Armen, und über dieſe beiden Paare wie ein ſchü⸗ tzender Familienvater wachend, Herr Stephan Den— was konnten die Glücklichen mehr wünſchen? Die fei⸗ erliche Verbindung der beiden Paare wurde in der dor⸗ *) Hormayr. Z——— 211 tigen Schloßkapelle begangen; weder Pomp, noch Pracht verherrlichte den ſchönen Tag, der den Grundſtein einer langen Reihe von Jahren bildete, die über die Häupter der Glücklichen heranrauſchten, bis an das Ende ihres Lebens. Auch Hannes und Grethe wurden vereint, und erhielten von dem Bürgermeiſter den großen Weingarten an der Wien zum Eigenthum; auch ihnen blieb nichts zu wünſchen übrig. Mutter Kathrei ſollte Wohlmuths Bitten zu Folge nach Ebersdorf ziehen, allein durch die Länge der Zeit hatte ſie ſich ſo an Herrn Lorenz gewöhnt, daß ſie von ihm nicht mehr ſcheiden konnte; ſie blieben alſo auch ferner in Ehren beiſammen, und kamen fleißig nach dem Weingarten und nach Ebersdorf zu Beſuch, oder lug⸗ ten, wenn ſie daran verhindert wurden, durch die Fen⸗ ſter des Thurmſtübchens und freuten ſich innig, wenn ſie die Wohnungen ihrer Kinder und Enkel in ländlicher Ruhe liegen ſahen, von Eintracht und Friede um⸗ ſchloſſen und von der milden Hand des Himmels be⸗ ſchützt. Schluß. König Mathias brachte die fünf letzten Jahre ſeines thatenreichen Lebens in Wien zu; doch vom feurigem Geiſt durchlodert wurde ſein Körper verzehrt, ſein Le⸗ benslicht gleich einer im Luftzuge verflackernden Kerze. Die Charwoche des Jahres 1490 brach herein. Der König, unpäßlich, ließ ſich von ſechs Männern in einer Sänfte in die Kapelle hinunter tragen(ſeine neue Burg war das Haſenhaus in der Kärnthnerſtraße).— Trotz der Unbehaglichkeit hielt er die ſechs Stunden lange kirchliche Feier aus, ertheilte dann Audienzen— angegriffen vom Faſten verlangte er friſche italieniſche Feigen,— der Kämmerer brachte einige, ſie waren ſchlecht— Mathias erzürnte und vermochte kaum von der Königin beſänftiget zu werden. Nach einer Weile überfiel ihn ein Schwindel und der Schlag rührte ihn. Von unnennbaren Körperſchmerzen gepeinigt, vermochte 213 er nur das Schmerzgeſchrei:„Jai, jai,“ und„Jeſus“ auszuſtoßen. Die Mitſieger ſeiner Schlachten ſtanden verſteinert an dem Todtenlager des Löwen. Die Königin Beatrir allein hatte noch Geiſtesgegenwart, öffnete ſeine mit Rieſenkraft geballte Fauſt und die feſt auf einander gebiſſenen Zähne, erwärmte und rieb ihm die Glieder, flößte ihm Lebenseſſenzen ein— allein verge⸗ bens! Er lag da, mit dem halbgebrochenen Auge auf ſeinen geliebten Johann ſchauend.— Endlich kam der Chardienſtag, von den Sterndeutern gefürchtet,„der Lieblings ſohn des Mars werde am Tage und in der Stunde des Mars verſcheiden, als der im Monate Marti Ge⸗ borne.“— Zwiſchen der ſiebenten und achten Früh⸗ ſtunde*) endigte der harte Kampf.— Ungarns Held war nicht mehr. * Der ſonderbare Zufall, daß der Verfaſſer dieſe Zeilen gerade in derſelben Stunde am Chardienſtage des Jah⸗ res 1841, alſo 351 Jahre ſpäter, niederſchrieb, er⸗ weckte bei demſelben eine höchſt wehmüthige Empfin⸗ dung, die ihn zu Thränen rührte. Vom Beginne, als er— ein Knabe noch— die Geſchichte ſeines Vaterlandes zu leſen begann, war Mathias ſtets ſein Lieblingsheld, und wäre ihm des Geſanges Gabe verliehen, er hätte den ungar ſchon längſt beſungen— den Mann, der ewig im hohen Andenken ſeines Volkes verbleiben wird. 214 Die Löwen im königlichen Schloßgarten zu Ofen ſtarben, ein Rabenſchwarm— das Abzeichen des Cor⸗ viners— flog unter ſchauderhaftem Gekrächze von dem nun verwaisten Königsſchloß nach Stuhlweißenburg hinüber, wo die gekrönten Häupter der Ungarn in den hoch gewölbten Marmorgrüften ſchlafen.— Feu⸗ ersbrünſte flammten auf— und die Donau trat in der Stunde ſeines Todes verheerend aus ihren Ufern— Kaiſer Friedrich verlebte ſeine übrigen Tage in Linz, und als auch er, drei Jahre ſpäter, zu den Vätern heimkehrte, wurden die Ungarn wieder aus Oeſterreich verdrängt, und der riterliche Kaiſer Marimilian betrat den ehrwürdigen Thron der Habsburger. Endee.