Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgube eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen..* 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———.——— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 S 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. 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E⸗ iſt ein wunderhübſcher Frühlingsvormittag; die dritte Eskadron des Dragoner⸗Regiments ruͤckte eben vom Exerzie⸗ ren ein. Ein Gußregen hatte am vorigen Abend den Staub, welcher ſich gewöhnlich zur ſchönen Zeit in den unge⸗ pflaſterten Straßen Großflauſendorf's ſammelte, angefeuchtet, wodurch Mann und Roß der ſtolzen Reiter⸗ ſchaar in ihrer glorreichen Herrlichkeit geſehen werden konnten Die Trompeten ſchmetterten, die Fenſter flogen auf, Mädchen und Frauen erſchienen an denſelben und bewunderten zum hun⸗ dertſten Male, was ſie ſchon neun und neunzigmal angeſtaunt hatten. Es iſt eine ganz eigene Sympathie, welche Frauen für den Kriegerſtand, namentlich aber für den hoch zu Roß ſitzenden, an den Tag legen; in einem viel höheren Grade aber zeigt ſich dieſe Hinneigung in kleinen Städten bei jenen Frauen, deren Ahnen einſt aus Eghypten zogen, um von den Söldnern Pharaonis verfolgt zu werden: in dieſer Beziehung, muß man geſtehen, ſind jene Frauen die größten Patriotinnen, die es nur geben kann, denn ſie hängen oft mit unvertilgbarer Liebe an den Vertheidigern des Vaterlandes. Auch in Großflauſendorf wollte ein Naturfor⸗ ſcher die wichtige Bemerkung gemacht haben, daß man die ſchönen Israelitinnen daſelbſt nie ſo zeitlich geſchniegelt 8 und geputzt finden konnte, als an jenen Tagen, wo das Dragoner⸗Regiment zum Exerzieren aus- und ein⸗ rückte. Werfen wir unſern Blick auf ein Fenſter im erſten Stocke eines Hauſes, ſo bemerken wir dort zwei Frauen⸗ geſtalten. Im erſten Augenblicke hätte man Beide für Mädchen halten ſollen, denn ihr Ausſehen ſowohl, als das nach der neueſten Mode friſirte, Haar ließen dieß vermuthen; dem war aber nicht ſo; denn die Eine von ihnen war Herrn Elias Löwengrubs eheliche Haus⸗ frau, welche, ſo wie die meiſten Frauen in Großflau⸗ ſendorf, mit der Reformation ſchon ſo weit vorgeſchritten war, daß ſie nur einmal im Jahre eine Haube auf⸗ ſetzte, und zwar am ſogenannten Langen⸗ und Ver⸗ ſöhnungstage. Der Name dieſer ehrenbedürftigen Dame war eigent⸗ lich Zirl, da aber Herr Elias ſehr reich war, ein ſehr großes Haus führte, und die Offiziere des Kavallerie⸗ Regiments ſich daſſelbe bei jedesmaligem Garniſonswechſel wie einen wichtigen Poſten förmlich übergaben, ſo wird jeder Vernünftige leicht einſehen, daß dieſer hochſt pro⸗ ſaiſche, unmelodiſche, antike Name nicht beibehalten werden konnte, und Frau Zirl überſetzte ihn daher ins Romantiſche und nannte ſich Cäcilia! Dieſe Ueberſetzung war zwar etwas untreu, das thut aber nichts zur Sache, Frau Zirl liebte die Treue ohnedem nicht. 9 Was das Aeußere der Dame betraf, ſo war ſie ein volles, üppiges Weibchen mit rothen Pausbacken, hohem Buſen, ſchwarzen begehrlichen Augen, welche friſch und lebendig, nicht ohne Anmuth und Reiz waren. Die andere der von uns bemerkten Frauengeſtalten war ein Mädchen, und die Schwägerin der Dame Cä⸗ eilia. Ein blaſſes, länglichtes Geſicht, eine ſpitze Naſe, blaue Mondſcheinaugen, blondes ſchwärmeriſches Locken⸗ haar, mit einem Wort, eine ächt Lafontainiſche Heldin; ihr urſprünglicher Name bei ihren Eltern auf einem un⸗ fernen Dorfe war Eva, ſpäter, als ſie zu ihrem Bruder Elias geſchickt wurde, um ſich in Grofflauſendorf einen Mann zu erwerben, nannte ſie ſich Emmh, und nun, da ſie auf dem fatalen Punkte des zweiten Dutzends ſtand, wollte ſie der übrigen Welt die„Vierundzwanzig“ vergeſſen machen, und nannte ſich Emeline. Die beiden Schwägerinnen lebten im liebenswürdig⸗ ſten Einverſtändniſſe; es herrſchte zwiſchen ihnen eine echt abrahamitiſche Ruhe, ein ewiger Friede. Sie waren ſo innig verbunden und vertraut, daß von einer Diſſonanz gar nicht die Rede ſein konnte und nicht ſein durfte. Auf dieſe Weiſe darf uns das nachfolgende, kurze Ge⸗ ſpräch, welches ſie bei Paſſirung der Dragoner⸗Eska⸗ dron mit einander führten, gar nicht in Verwunderung ſetzen. Siehſt Du den Baron, liebe Emilie? fragte Cä⸗ cilie leiſe. Freilich; er hat eben, mich zu grüßen, ſeinen Degen geſenkt. Und der Rittmeiſter? Ich bin in Unruhe, er muß unpäßlich ſein, denn der Oberlieutenant führt die Eskadron. Ich werde gleich das Dienſtmädchen hinſenden, und im Geheimen nachforſchen laſſen. Thu' das, liebe Emilie, aber bevor noch mein Mann nach Hauſe kommt. Der Bruder wird vor Mittag nicht kommen. Meinſt Du? Er befindet ſich draußen bei dem Magazin, welches heute Nacht unglücklicher Weiſe eingeſtürzt iſt. Der Schaden ſoll ſehr groß ſein. Der Unglücksfall kam für uns zu unrechter Zeit. Du weißt, was wir vor hatten? Ja wohl; aber ich will deßhalb doch ins Bad; Bruder Elias wird ſich über den Verluſt ſchon zu tröſten wiſſen. Ich zweifle keinen Augenblick an ſeine Nachgiebigkeit; er iſt ein guter Mann! Wir erlauben uns hier die ganz einfache Bemer⸗ kung, daß ein Mann, von dem ſelbſt ſeine Frau zu⸗ geſteht, er ſei ein guter Mann, gewöhnlich ein zu guter Mann, das heißt, ein Pantoffelheld iſt. Bei Elias Löwengrub war dies auch der Fall. Frau Zirl hatte obige Worte kaum ausgeſprochen, 14 als ſie und Emilie von einem unten vorübergehenden jungen Manne gegrüßt wurden. Guten Morgen, meine Damen! Guten Morgen, Herr Moritz! Sie haben geruht? Sehr gut! und Sie? Ungeheuer. Heute iſt es ſehr hübſch. Unendlich— der geſtrige Regen— War enorm. Kommen Sie Nachmittags zu Len⸗ denheim? Vielleicht; kommen Sie hin? Ganz gewiß! Sagen Sie mir doch, Herr Moritz, nahm nun Emeline das Wort, wann wird es denn endlich losgehen? Losgehen? Was ſoll denn losgehen? Nun— Ihre Verlobung! Verlobung? Mit wem denn, wenn ich fragen darf? O Sie Loſer! verſtellen Sie ſich nicht ſo arg; die Welt ſpricht— und hat nicht ganz Unrecht— Sie und Louiſe Lendenheim— Oh, oh! rief Herr Moritz mit einem Tone, der das zugeſtand, was die Worte leugnen ſollten; Sie täuſchen ſich— Sie täuſchen ſich, ich habe die Ehre, mich zu empfehlen— Ihre Dienerin! Herr Moritz eilte von dannen. Ehe wir den jungen Mann aus den Augen verlieren, 12 wollen wir ihn unſern Leſern ein wenig näher bezeichnen. Ein blonder, hübſch geſtalteter Mann, mit einem läng⸗ lichten Antlitze und einer ſtark gebogenen, kamehlrücken⸗ artigen Adlernaſe; das Ausgezeichnetſte an ihm war ein ungeheurer Ueberfluß an Geiſtesmangel, denn Herr Moritz war ein Dummkopf, ein Dummkopf trotz der zehn Haus⸗ lehrer, welche ihm ſein reicher Vater gehalten hatte; ein Dummkopf trotz des bischen Franzöſiſch, welches ihm mühſelig genug eingekeilt worden war; kurz, ein Dummkopf mitſammt ſeiner halben Million, die er im Vermögen beſaß. Sein Familiennamen war Hadrian, der oft ſo treffende Gemeindewitz nannte ihn aber Fa⸗ drian, und damit wollen auch wir uns vor der Hand begnügen. Die beiden Frauen am Fenſter wollten nun über den Forteilenden wahrſcheinlich ihre Bemerkungen machen, als ſie neuerdings durch einen Gruß von unten unter⸗ brochen wurden. Ich küß' die Hand, Fräulein Eva! guten Morgen Frau Zirl!— Beide Damen erglühten vor Aerger, denn erſtens mußten ſie die ihnen verhaßten Namen hören, und dann geſchah dieß auf eine ſo laute Weiſe, daß man es be⸗ quem die halbe Gaſſe entlang vernehmen konnte. Herr Albert, entgegnete Emelinepikirt, wir ſind nicht taub; Sie dürfen ſich nicht ſo anſtrengen. So ſchönen Damen zu Liebe, entgegnete der wohl⸗ 13 beleibte junge Mann mit wo möglich noch lauterer Stimme, ſcheue ich keine Anſtrengung; ſagen Sie mir doch ge⸗ „ fälligſt, iſt die dritte Eskadron ſchon vom Exereierplatze eingerückt? Um die Verlegenheit der Damen zu begreifen, müſſen unſere Leſer wiſſen, daß Albert Glattweg, dies war der Name des jungen Mannes, ein jovialer, luſtiger Junge, ob ſeiner Herzensgüte trotz der vielen tollen Streiche, die er ausübte, dennoch in der ganzen Ge⸗ meinde wohlgelitten war. Er hatte einige Zeit hindurch der ſchwärmeriſchen Emeline gehuldigt, als er ſie aber vollends kennen lernte, und ihre Sympathien zum„Wehr⸗ ſtande“ entdeckte, zog er ſich zuruͤck, und lud dadurch na⸗ türlich den Haß der Schwägerinnen auf ſich. Er war aber zu klug, um dieß merken zu laſſen, machte mit den Damen ſeine Späße, gab ihnen zu erkennen, daß er von ihren Herzensverhältniſſen in Kenntniß ſei, ſetzte ſie oft in Gegenwart Anderer der gräßlichſten Verlegenheit aus, und übte an ihnen, wie an wehrloſen Opfern, ſeinen ganzen Muthwillen. Vergebens zogen ſich die Schwä⸗ gerinnen zurück, vergebens wichen ſie ihm aus, er ver⸗ folgte ſie, wußte ſie zu finden und zu quälen. Die Damen verſtanden gleich, wohin die obige Frage in Bezug auf das Einrücken der dritten Eskadron ziele, und Frau Zirl antwortete kalt: Ich glaube, ja— wie befinden ſich Ihre Fräulein Schweſtern? Dieſe Frage ſollte nämlich die Aufmerkſamkeit Al⸗ berts ablenken, aber da hätte Frau Zirl eben ſo leicht das eingeſunkene Getreide⸗Magazin ihres Gatten wieder aufrichten, als dem Muthwilligen aus ſeinem Gleiſe bringen können; er verſetzte daher raſch und laut: Dank der Erinnerung, meine Schweſtern befinden ſich recht wohl, und Sie, meine Damen, auch ſo, nicht wahr? Haben Sie ſchon die Neuigkeiten vernommen? in Italien geht es unruhig her, man ſpricht von Militairverſtärkun⸗ gen, welche hinein marſchiren ſollen, auch unſer Dra⸗ gonerregiment wird fort müſſen. So? erwiederten beide Damen unbefangen genug, denn ſie waren weit davon entfernt, dem Schelm Glauben zu ſchenken. Er aber fuhr hartnäckig fort: Ich bedaure nur Einen im Regimente, der Arme wird auf dem Schlachtfelde keine Lorbern mehr ärnten! Und wer iſt dieſer Arme? Der Rittmeiſter Rollberg! Wie? der Rittmeiſter Rollberg? fragte betroffen Frau Cäcilia, was iſt denn mit ihm geſchehen? Er hat den Hals gebrochen! Die Dame wurde todtenbleich. Nun war das Aus⸗ bleiben des Rittmeiſters erklärt. Sie konnte ſich nicht beherrſchen. Iſt es möglich? rief ſie faſt klagend aus. Sie erſchrecken zu ſehr, antwortete jetzt Albert lang⸗ ſam, dieſe Theilnahme wird den Herrn Rittmeiſter un⸗ endlich erfreuen.— g, en ure em Aus⸗ nicht aus. ang⸗ un⸗ 15 Erfreuen? lebt er denn noch? hat er nicht den Hals gebrochen? fragte Emeline. O ja, aber nicht den Seinen, ſondern den einer Champagnerflaſche! Die Damen zogen ſich zürnend zurück, und Al⸗ bert Glattweg ſchrie lachend hinauf:„Meine Empfeh⸗ lung an Herrn Löwengrub!“ und ging ſeelenvergnügt von dannen!— 2 Daniel Lendenheim gehörte zu den Großen in Großflauſendorf. Wenn man in Grofßflauſen⸗ dorf ſagt, er iſt ein großer Mann, ſo verſteht man meiſtens darunter, er hat ſehr viel Geld; das Geld wirkt alſo expenſiv, das heißt, es ſtreckt die Leute und macht ſie groß! Der große Lendenheim hatte ein niedliches Töchter⸗ lein; dieſes Töchterlein war dazu beſtimmt, wieder die Chefrau eines großen Mannes zu werden, und dieſer große Mann war Herr Moritz Hadrian! Wenn Moritz Hadrian und Louiſe Lenden⸗ heim ein Paar geworden wären, ſo wären ihre Nach⸗ kommen ſehr große Männer geworden, denn Beider Vermögen hätte in Summa mehr als eine Million be⸗ tragen; aber der Gott Abrahams, Iſaks und Jacobs hatte es anders beſchloſſen, als die beiden Väter Daniel und Lewh, und ſo kam es, daß ſich dieſes Mal nicht die Goldſäcke in die Arme ſinken und ausrufen ſollten: 16 Wir wollen uns vermengen und vermehren, wie der Sand im Meere, und die Sterne am Himmel! An dieſer mißlungenen Speculation trug Moritz, der Sohn Lewys, keinesfalls die Schuld; denn Louiſe Lendenheim war hübſch, wohlerzogen, brav; lauter Eigenſchaften, die man ſelten mit ſo vielem Gelde vereint findet, wie es hier der Fall war; und wenn Moritz auch für ſeinen Theil zu dumm geweſen wäre, dieß heraus zu finden, ſo hätte ihn Vater Lewy gewiß darauf aufmerkſam gemacht, da er nebſt einem ſpecula⸗ tiven Kopf auch noch eine, bis ans Schmutzige grenzende, Kargheit zu ſeinen Eigenſchaften zählte, daher er auch von der Armenklaſſe der Gemeinde kurzweg„ein Kelef“*) genannt wurde. Alſo Moritz Hadrian war in Louiſe Lendenheim verliebt, in ſo fern nämlich ein dummer Menſch verliebt ſein kann; aber Louiſe erwiederte dies Gefühl nicht, ſie fand den ihr Beſtimm⸗ ten unausſtehlich, was ihr Niemand verargen konnte, und traf eine andere, eine wirklich klügere Wahl. Der Auserkorne ihres Herzens hieß Ernſt Glott, ein jun⸗ ger, gebildeter Mann, der von ſeinem vielgereiſten Vater eine beachtenswerthe Erziehung erhalten hatte, mehrere fremde Sprachen redete und in allen Fächern des ge⸗ wöhnlichen Wiſſens wohl unterrichtet war. Die jungen Leute liebten ſich; Herr Daniel fand aber eine Ver⸗ *) Hund. 17 bindung ſeiner Tochter mit dem weniger reichen Ernſt ſo wiederſinnig, daß er gar nicht daran dachte, es könne Louiſen je in den Sinn kommen, den jungen Flott wirklich zum Gatten haben zu wollen. Was wieder Herrn Moritz Hadrian betraf, ſo war er trotz ſeiner Dummheit doch ſo von dem Gewichte ſeines Gel⸗ des durchdrungen, daß er keinen Augenblick daran zwei⸗ felte, über Ernſt Flott, wenn Beide in den Schalen einer Wage lägen, den Sieg davon zu tragen, daher blieb auch er über dieſen ſcheinbaren Nebenbuhler ganz ruhigen Gemüthes und freuete ſich ſchon im Stillen des Triumphes, den er in Baldem zu feiern hoffte. Die Familien Lendenheim und Löwengrub ſtanden in ſehr freundſchaftlichen Verhältniſſen. Frau Cäcilia war zu Herrn Danieleeine ſehr entfernte Anver⸗ wandte, ſo ungefähr, was man bei uns Juden mit dem populären Ausdrucke„Vetter⸗Fuhrmanns⸗Peit⸗ ſchenſtiel“ zu bezeichnen pflegt; aber die Bande des Blutes ſind immer ſehr mächtig und anziehend, beſonders wenn auf der andern Seite mehr Geld wie auf der Einen iſt, daher ſchloſſen ſich die Löwengrub an die Len⸗ denheim innig an, und ſteckten immer bei einander. An einem Nachmittage finden wir Louiſe und Emeline luſtwandelnd im Lendenheimiſchen Garten. Emeline, das verkoͤrperte Klagelied Jeremiä über die Verſunkenheit Zions, und Louiſe, das perſonificirte Alt u. Jung Iſrael. 2 18 Hohelied Salamonis mit ſeinem ppetiſchen Inhalt, ſeiner echt vrientaliſchen Glut und Liebe. Du magſt es glauben oder nicht, ſprach Emeline eben, ich weiß es aus untrüglicher Quelle, daß dein Vater und Herr Lewy Hadrian Euere Verbindung bereits beſchloſſen und feſtgeſetzt haben. Ich kann es nicht glauben, antwortete Louiſe trau⸗ rig, ich wäre mit Moritz ſehr unglücklich. Das iſt nur Einbildung, liebe Freundin, man gewöhnt ſich an Alles. Nimm dir nur an meiner Schwägerin Cäcilia ein Beiſpiel, ſie hat gerade ſo ge⸗ ſprochen, wie du, und lebt jetzt mit ihrem Manne ganz glücklich. Das nennſt Du glücklich leben? Meinſt du vielleicht, die Beſuche eines fremden Mannes koͤnnten ein Eheglück beeinträchtigen? Da biſt du wieder im Irrthum, denn ich verſichere dich, es giebt keine beſſeren Geſellſchafter als Kavallerie⸗Officiere— Pfui! Emeline— Ach Louiſe, du kennſt die Freuden nicht, welche du verdammſt. Ein Mondenſtrahl, der vom Himmel zittert, ein Blatt, welches ſich im Zephir wiegt, ein— ein ——— wahrhaftig! ich habe die ſchöne Stelle aus Regina Frohbergs neueſtem Roman ganz vergeſſen, und doch, o liebe Louiſe, habe ich noch nirgends eine ſo le⸗ benswahre Schilderung eines Cavallerie⸗Officiers geleſen, wie in dem beſagten Romane. 19 „Hör' mir einmal mit Deinen Officiers auf, mir iſt dieſe Vorliebe unbegreiflich. Die beiden Mädchen ſtritten noch eine Weile mit einander, als ein Knabe gerannt kam, welcher Emelinen bei Seite rief, und ihr zulispelte: Fräulein Emeline möchten gleich in den herrſchaftlichen Garten kommen der Herr Lieutenant Roſen wartet auf Sie. Schon gut, mein Kind, entgegnete die Sch wärmerin ich komme augenblicklich!— Dann ſagte ſie zu Louiſe: Liebe Freundin, Du wirſt vergeben, aber ich muß Dich verlaſſen, die Schwägerin erwartet mich. Lebe wohl, und beſuche mich noch im Laufe dieſer Woche. Emeline hatte den Garten kaum verlaſſen, als durch das rückwärtige Pförtchen ein junger Mann ſchlüpfte, es war Ernſt Flott. Eine ſchattige Baumgruppe nahm die Liebenden in ihren Blätterſchutz. Louiſe ſaß an Ernſt's Seite, hielt ſeine Rechte an ihr Herz gedrückt und ließ ſich von ſeiner Linken umſchlingen. Du glaubſt es nicht? mein theures Mädchen, flüſterte der junge Mann, wie ſehr ich Dich liebe. Ich glaube Dir Alles, mein Ernſt, und eben daß ich dir glaube und vertraue, daraus magſt Du meine heiße Gegenliebe erkennen. Sieh, meine liebe Louiſe, wärſt Du arm, ganz arm, ich würde nicht anſtehen, meine Wahl augenblicklich mei⸗ nem Vater bekannt zu machen, und ich feſt uberzeugt, 20 daß er keinen Augenblick zögern würde, unſere Hände zu vereinen, denn er iſt keiner von denen, weche das Glück des Lebens nur nach den Hunderttauſenden abſchätzen, die ihnen der blinde Zufall in den Schoß warf. Und zweifelſt Du vielleicht deshalb an unſerer Ver⸗ einigung, weil ich reich bin? O mein Ernſt, Du kennſt Deine Louiſe ſchlecht, wenn Du ihr ſo wenig Muth und Stärke zutraueſt, daß ſie für ihr Lebensglück nicht Alles zu wagen im Stande ſein ſollte! Wirklich, Louiſe, Du könnteſt? Nur ruhig, Du mein ſüßes Leben! bis der entſchei⸗ dende Augenblick kommt, werde ich ſprechen, und wenn dies fruchtlos bleibt, handeln! Ernſt preßte das Mädchen ſeiner Liebe an die Bruſt und ſprach: Du biſt ein Engel, meine Louiſe, und ich fürchte faſt den Augenblick, wo ich Dich ganz mein nennen werde.— Du fürchteſt? Ja, mein theures Herz, ich fürchte ihn, weil das Glück zu groß wäre, um es ertragen zu können. Wir ſind ja Zwei dazu! lächelte die Jungfrau faſt unter Thränen; ich will tragen mit Dir Glück und Unglück, will theilen die Freuden und Leiden des Lebens, will mich klammern an Dich, ſo wie der Gläubige ſich klammert an den heiligen Glauben ſeiner Väter, denn Du— Du allein biſt mein Leben, mein Glück, mein Hoffen, mein Wünſchen, mein Glaube, mein Alles! 21 Ernſt preßte das Mädchen an ſich, Louiſe legte den braunen Lockenkopf an ſeine Bruſt, und blickte mit den dunkeln Augen ſelig zu ihm empor. O kuſſe mich, mein Ernſt! flüſterte ſie leiſe, und der junge Mann verſetzte neckend: Nein, meine Theure! ich will den Purpur Deiner Lippen ſchonen. Hältſt Du ihn für unecht? fragte ſie lächelnd, und Ernſt beugte ſich hinab und ſog den Roſenodem der Theuren mit Gier ein. Während die Liebenden in keuſchem Entzücken ſchwam⸗ men, eilte Emeline mit Haſt in den Garten; der ſchöne Dragoner-Lieutenant ſtand herrlicher als je vor ihrem geiſtigen Anſchauen; ſie träumte ſchon, ein Stündchen ſüßer, als alle frühern, in ſeinen Armen zu verleben. Die dunkeln Alleen des herrſchaftlichen Gartens kühlten in Etwas das glühende Antlitz, deſſen gewöhnliche, ab⸗ gelebte Bläſſe der Glühhitze des Verlangens Platz gemacht hatte; ihr Buſen klopfte heftiger, ihre Schritte wurden eiliger, ſchon ſah ſie zwiſchen dunkelm Grün das Stroh⸗ dach der— Eremitage hervorſchimmern. Die Erwar⸗ tung ſpannte ihre Sehnen, jetzt war ſie bei dem längſt bekannten Zufluchtsorte heimlicher Liebe angelangt, ſchon glaubte ſie das Athmen des Harrenden zu vernehmen, ſie flog hinein, ein Ruf des Schreckens entfuhr ihren Lippen, ein Mann lag auf der Ruhebank, und dampfte gemächlich eine duftige Havannahzigarre; bei ihrem An⸗ 22 blicke ſprang er auf, ſtieß ein ſchadenfrohes Gelächter aus und eilte von dannen. Der höhnende Kobold war— Albert Glattweg. Z. Großflauſendorf iſt ein unbedeutender Ort mit einer Judengemeinde, welche die Bewohner der ande⸗ ren Confeſſionen ſowohl an Menge, als an Wohlhaben⸗ heit bei Weitem überwiegt. Man wird weit und breit keine Gemeinde finden, wo verhältnißmäßig ein ſo großer Reichthum anzutreffen wäre, wie in Großflauſendorf, es giebt alſo in der erwähnten Gemeinde viele große Männer. Was die dortige Judenſchaft von jeher auszeichnete, war ein gewiſſer Leichtſinn in Religionsſachen, und ſie erfreute ſich auch in dieſer Beziehung keines beſonderen Rufes; nichts deſto weniger müſſen wir aber geſtehen, daß in Großflauſendorf ſchon ſeit vielen Jahren eine ſo⸗ genannte Chorſchule mit dem neuartig reformirten Gottes⸗ dienſte beſteht, und daß der Ortsprediger ein ausgezeich⸗ net gebildeter Mann war, deſſen Ruhm im ganzen Lande ertönt, und der zu den beſten Rednern ſeiner Confeſſion gezählt werden muß. Daß es für einen Seelenhirten keine kleine Mühe iſt, eine ſo lebensluſtige und in Re⸗ formationsſachen zu weit wollende Heerde in den Schran⸗ ken des Glaubens zu erhalten, kann ſich jeder leicht vor⸗ ſtellen, und der Prediger Ehrenmann, ſo war ſein 23 Name, mußte alſo alle Kräfte aufbieten, um ſeine Lämm⸗ lein nur einigermaßen in etwas zu kirren. Dem Anſchein nach nützte auch das Donnern von der Kanzel herab, aber bei Vielen trat jener Fall ein, deſſen eine alte Sage er⸗ wähnt: Ein ſehr unwiſſender Jude kam einſt zu ſeinem Rabbi, und klagte über Magenweh, denn in damaliger Zeit waren die Rabbinen auch zugleich die Aerzte der Ge⸗ meinden. Was haſt Du genoſſen? fragte ihn der Seelen⸗ arzt.— Schweinefleiſch! entgegnete der Patient. Der Rabbi wäre ſchier in Ohnmacht geſunken. Du leichtſin⸗ niger Menſch! rief er, Du mußt Buße thun.— Sehr wohl, mein Rabbi, in was wird die Buße beſtehen?— Du mußt täglich ſechs Pſalmen beten, und jeden Montag und Donnerstag faſten.— Ganz recht! entgegnete der Kranke und verließ den Rathgeber.— Nach einigen Wochen traf der Rabbi ſeinen ehemaligen Patienten auf der Straße. Wie geht es, Schmul? fragte er ihn.— Sehr gut, mein Rabbi, antwortete der Unwiſſende, ich thue meine Buße nnd eſſe mein Schweinefleiſch! Auch in Großflauſendorf waren Viele, welche die geiſt⸗ und gemüthvollen Reden des Predigers mit Salbung anhörten und ihr Schweinefleiſch aßen. Es haben wahrſcheinlich ſchon mehre meiner Leſer die Er⸗ fahrung gemacht, daß, je größer die Irreligiöſität in einer Ge⸗ meinde iſt, deſto höher werden auch immer die Anforderungen an die Frömmigkeit der Gemeindebedienſteten, und beſonders des Rabbi oder Predigers geſtellt. Da thut der Betref⸗ 24 fende keinen Schritt, der nicht mit Argusaugen beobach⸗ tet und bekritelt würde; man betrachtet den Prieſter als ein Radiermeſſer, welches die unzähligen Sündenböcke der ganzen Gemeinde hinwegputzen ſoll. Da nun dies auch in Großflauſendorf der Fall war, und der Prediger Eh⸗ renmann auch noch die Untugend beſaß, zu jeder Zeit und Jedermann, ja ſelbſt den Großen der Gemeinde, die Wahrheit zu ſagen, ſo konnte es nicht ausbleiben, daß er trotz ſeiner allſeits anerkannten Trefflichkeit den⸗ noch von vielen Seiten angefeindet, bald in der Mitte zweier Partheien ſtand, deren Eine ihm mit ganzer Seele ergeben, die andere aber, ihm feindlich entgegenſtehend, ihn auf eine empörende Weiſe zu kränken und zu de⸗ müthigen ſuchte. Dieſer Kampf liegt außer dem Bereiche unſeres Gemäldes, doch werden wir ihn bei einer andern Gele⸗ genheit ausführlich beſchreiben, und erwähnen hier ſeiner blos, weil der erſte Funke, welcher jene Flamme eigentlich anfachte, durch eine Perſon dieſes Gemäldes hervorgeru⸗ fen wurde, und dieſe war Daniel Löwengrub. Es war an einem Sabbathnachmittage. Beinahe zwei volle Wochen herrſchte Regenwetter, eine trübe, verdrüßliche Zeit. Die Straßen in Groß⸗ flauſendorf glichen egyptiſchen Reliquien, deren Geheim⸗ niſſe durch das Meer von Koth unergründlich ſchienen. Herr Elias Löwengrub lag auf dem ſchwellen⸗ den Divan und dampfte eine Cigarre. Seiner eigenen 25 Behauptung nach hatte ihm ſchon lange keine Havannah ſo gemundet, wie die, welche er am heutigen Sabbath⸗ Nachmittage rauchte. Von Adam und Eva angefangen, bis auf Herrn Elias Läwengrub und ſeine Dra⸗ gonerſüchtige Ehehälfte, Frau Zirl, hat es ſich nur noch immer mehr beſtätiget, daß verbotene Früchte am be⸗ ſten ſchmecken! Gegenüber dem Hausherrn ſaß Dame Cäcilia Zirl und las einen Seeroman von Marryat. Selbſt ihre Lektüre verrieth militäriſche Sympathieen. Nach einer Weile ſprach Herr Elias:„Liebe Zilli! und zwin⸗ ckerte mit den großen Augenbrauen, welche ſeine Lider be⸗ ſchattend, unmaleriſch hervorſtanden.“ Die andere Hälfte ſchien die erſte nicht gehört zu haben. „Liebſte Zilli!“ tönt es zum zweiten Mal. Ohne aufzublicken, und ſich nicht ſtören laſſend, ſtieß die Dame den fragenden Naſenlaut hah? hervor welcher meiſtens ſo viel ſagen ſoll, als:„Was willſt du? Laß mich in Ruhe!“ Ich habe mit Dir zu ſprechen! fuhr der Namens⸗ bruder des großen Propheten fort, und dampfte ſeine Cigarre. Die Dame legte den Roman verdrüßlich aus den Händen und entgegnete mürriſch:„Gerade in der ſchön⸗ ſten Scene mit dem Seekadeten ſtörſt Du mich; du weißt, ich kann dieſe Unterbrechungen nicht leiden.“ 26 „Sei nicht böſe, liebſte Zilli, aber ich habe etwas Wichtiges mit dir zu ſprechen.“ „Nun, was ſoll dies ſein? Willſt du mir vielleicht wieder etwas von dem eingeſtürzten Magazin vorlamentiren?“ „Nein, liebe Zilli! ich will mit dir von meiner Schweſter, von Emeline ſprechen“ Die Dame rückte ihren Stuhl näher, und Herr Elias fuhr fort:„Du weißt, Emeline iſt bereits vierundzwanzig Jahre alt!“ „Die Männer ſind nie gewiſſenhafter,“ entgegnete Cäecilia biſſig,„als wenn ſie den Frauen die Jahre nachzählen.“ Der Hausherr ignorirte dieſe beiſſende Wahrheit und ſprach weiter:„Wir müſſen trachten, ihr einen Mann zů verſchaffen.“ „Wenn es mit dem Trachten auch nur ſchon ab⸗ gethan wäre!“ „Ich habe eine Idee!“ „Eine Idee? Wirklich? Laß hören!“ „Ich habe dieſelbe, während ich auf dem Divan ru⸗ he, ausgebrütet.“ „Du machſt mich wahrhaftig neugierig!“ „Die Mitgift meiner Schweſter beträgt 15,000 Gul⸗ den Münze, wenn ſie daher einen Gatten bekäme, wel⸗ cher eben ſo viel beſitzt, ſo würden ſie verſorgt ſein. Einen ſolchen Mann glaube ich nun heraus gefunden zu haben.“ „Darf ich ſeinen Namen wiſſen?“ „Samuel Stangenfeld.“ „Biſt du verrückt?“ „Verrückt? Das nicht, aber ich ſehe ſchon, du durch⸗ blickſt die Umſtände, die Verhältniſſe nicht. Vor Allem wirſt du mir zugeben, daß Samuel ein äußerſt einge⸗ zogener, thätiger, geſchäftsverſtändiger, junger Mann iſt. Was er beſitzt, hat er ſich ſelbſt erworben. Nach genauer Erkundigung beſteht ſein jetziges Vermögen in 4000 Gulden, für die er Getreide gekauft hat, mit welchem er ſpekulirt.“ „Dieß Alles weiſt du, und willſt ihm doch noch deine Schweſter zum Weibe geben?“ „Ich wiederhohl' es dir noch einmal, du durchſchauſt die Verhältniſſe nicht. Ich will dir gleich Alles erklären. Der Regen, welcher bereits ſeit acht Tagen herrſcht, iſt ein Landregen; Briefe, welche ich heute aus dem Ba⸗ nate bekommen habe, beſtättigen dasſelbe, und da jetzt die Saat auſ den Feldern in Blüthe ſteht, und der lange Regen ihr ſehr nachtheilig iſt, ſo beginnt ſchon jetzt das Korn und der Waitzen in Folge deſſen im Preiſe zu ſteigen, und in dieſem Augenblicke iſt Sam uel Stan⸗ genfeld bereits um die Hälfte reicher, als er ſelbſt glaubt. Dem Kalender und allen Zuſammenſtellungen mit früheren Jahren zu Folge wird aber dieſer Regen noch eine Zeitlang anhalten, und ſo wie mir mein Kor⸗ reſpondent berichtet, bedarf es nur noch zehn Tage Regen, 8 ℳ 28 um die heurige Ernte vollkommen mißlingen zu machen; dieſer Brief iſt aber vom Zweiten datirt, heute haben wir ſchon den Achten„und es regnet noch immer, es bedarf alſo nur noch vier Tage Regen, und alle Früch⸗ te werden ſo hoch geſtiegen ſein, daß Samuel Stan⸗ genfeld im Beſitze eines Vermögens von 20 bis 25,000 Gulden ſein wird.“ Herr Elias Löwengrub haielt inne. Selbſt Frau Cäcilia, welche doch für gewöhnlich eine Gegen⸗ füßlerin ſeiner Ideen war, mußte geſtehen, daß dieſe Kombination eine ſcharfſinnige war, und verſetzte daher langſam:„Du meinſt alſo?“ „Ich glaube, wir ſollen augenblicklich trachten, denn Samuel würde jetzt nicht, Nein! ſagen.“ „Wenn es aber Morgen oder Uebermorgen zu regnen aufhört?“— „So wird Sauuel doch noch genug gewinnen, um mindeſtens dreimal ſo viel zu beſitzen, als er jetzt hat. Ich glaube daher, liebe Zilly, es wird gut ſein, wenn du Emeline alſogleich von unſerem Vorhaben in Kenntniß ſetzeſt.“ Cäcilia⸗Zirl dachte eine Weile nach, dann erſt ſchien auch ſie in die Idee einzugehen, und ſchritt zur Ausführung. Sie ſandte alſogleich nach Emeline, die bei Louiſe Lendenheim auf Beſuch war. Herr Elias ließ eilig einen gewiſſen Liebermann holen, welcher 29 in ſo ferne ein lieber Mann war, daß er ſich als Mittelmann oder als ſogenanter Schatchen bei Ehe⸗ ſtiftungen ſehr gut verwenden ließ. Nachdem Beide ein halbes Stündchen miteinander gewiſpelt hatten, eilte Liebermann ſpornſtreichs von dannen. Mittletweile hatte Frau Zirl mit Emeline geſprochen, und wäh⸗ rend deſſen nach der alten Frummet geſchickt. Die alte Frummet war nämlich eine Tante des elternloſen Samuel, in welche dieſer großes Vertrauen ſetzte. Nachdem auch dieſe Dame gehörig bearbeitet worden war, eilte auch ſie fort. Nun kam der von Herrn Löwen⸗ grub beſchiedene Verwandte Daniel Lendenheim, und wurde ebenfalls von dem Unternehmen informirt. Der zurück gekehrte Lie bermann mußte keine recht günſtige Nachricht gebracht haben, denn Elias ver⸗ mehrte das bedungene Vermittlungs-Honorar um einige Zehner, und Liebermann eilte zum zweiten Mal von dannen, indem ihm noch nachgerufen wurde: Keh⸗ ren Sie ja nicht ohne Samuel zurück! Die alte Frummet ſchien etwas glücklicher manö⸗ verirt zu haben, und man ſah es ihren rothgeweiten Au⸗ gen an, daß ſie den jungen Mann bei allen Ahnen und Urahnen beſchworen haben mochte, dieſes Glück ja nicht von ſich zu weiſen. Frau Zirl ließ die Alte nicht zu Athem kommen, zeigte ihr Emelinens Schmuck und Ausſteuer, ſprach von den 15,000 Gulden, und brachte die fromme Tehinneſagerin wieder auf die Beine. 30 Bald darauf eilte auch Herr Lendenheim von dannen, und der eben erſchienene Moritz Hadrian wurde zum Juden⸗Notar geſandt, um dieſen vorläufig zu aviſiren, er möge ſich in Bereitſchaft halten, denn man könnte ſeiner vielleicht ſehr plötzlich bedürfen. Herr Liebermann ſtiefelte wieder herauf, und wiewohl er ohne Samuel kam, kündete doch ſchon ſeine lächelnde Mine einen erwünſchten Erfolg an. Nach einem abermaligen halbſtündigen Liſpeln und Wiſpeln keuchte auch Tante Frummet herein, und war die dritte im Bunde. Das Terzett wurde durch Len⸗ denheim und Cäcilia unterbrochen, zu welcher ſich bald darauf auch Moritz Hadrian geſellte. Nun ſteckten alle Sechs die Köpfe zuſammen, und ſtürmten nach gefaßtem Entſchluße aus dem Gemache. Liebermann eilte zu einigen Bekannten, Frum⸗ met zu ihren Neffen, Moritz zum Notar, Lenden⸗ heim ging, ſeine Louiſe zu holen, Frau Zirl in die Küche, und Herr Elias zu Emeline. Ehe der heutige Abend vergeht, iſt er der Bräuti⸗ gam meiner Schweſter! rief Herr Elias Löwengrub, und ſo war es auch wirklich, denn noch an demſelben Sabbath⸗Abende wurden Samuel und Emeline mit⸗ einander verlobt, und zwar bei einem allenfalſigen Rück⸗ tritte mit einer Reuſumme von 2000 fl als Entſchädi⸗ gung für den gekränkten Theil. Samuel Stangenfeld ſchien zu träumen— 31 Emeline ſchwärmte, und dachte im Stillen an den Dragonerlieutenant— Frau Zirl tiſchte Kaffee und Kuchen— Tante Frummet weinte Freudenthränen— 6 Herr Liebermann ſtrich ſein Honorar ein— alle, Uebrigen ſchrieen:„Ma ſel tow!“(Glück auf!)— Draußen regnete es noch immer!! 4. Ein altes Sprüchlein ſagt: Wenn der Satan einen Geſandten braucht, ſo fällt ſeine Wahl immer auf ein altes Weib!— Muhme Frummet, welche nun durch die Verlobung Samuels mit Emelinen mit den Familien Löwengrub und Lendenheim in ver⸗ wandtſchaftliche Beziehungen trat, hielt es für ihre erſte Pflicht, Herrn Daniel über die Herzensangelegenheiten ſeiner Tochter Louiſe, ſo was man ſagt, ein Licht anzuzünden. Der Vater Ernſts hatte ſich, der Himmel weis bei welcher Gelegenheit, die Feindſchaft der alten Tehinne⸗ ſagerin zugezogen, und Frau Frummet hatte nun nichts Eiligeres zu thun, als ganz im Geheimen gegen die Liebe des Sohnes zu manövriren. Wie ſehr ihr dieß gelungen war, beweiſet eine Scene, welche ſchon am andern Morgen zwiſchen Da⸗ niel Lendenheim und Jakob Flott, ſo hieß Ernſts Vater, ſtatt fand. 32 Lieber Herr Flott, wir Beide haben heute etwas ſehr Ernſtes miteinander zu ſprechen! Dieſe Einleitung Daniels war um ſo nothwen⸗ diger, da der alte Flott immer ein aufgeräumter, launiger Kauz war, der aus ſeinen echt nationellen, witzigen Späßchen ſelten heraus kam, und dabei ein wahrhaft biederes, liebenswürdiges Naturell beſaß. Ich bin ganz Ohr! entgegente Ernſts Vater. „Sie wiſſen, lieber Herr Flott“ fuhr Lenden⸗ heim fort,„das ich eine erwachſene Tochter habe.“ Das weis ich ſehr gut, und ich kann Sie deshalb nur bedauern, denn wenn ein Mann wie Sie, eine hei⸗ rathsmäſſige Tochter beſitzt, kann er eben ſo— ſagen, er ſei 50,000 Gulden ſchuldig. „Da haben Sie vollkommen Recht. Mir will es aber immer ſcheinen, als ob Sie Luſt hätten, ſich als Gläubiger dieſer Schuld anzumelden.“ Flott that als verſtehe er ihn nicht, und entgeg⸗ nete:„Halten Sie mich für einen Türken? Ich bin, dem Himmel ſei's gedankt, lang genug mit Einem Weibe verheirathet, um nach keinem Zweiten Gelüſte zu tragen.“ „Sie verſtehen mich nicht, oder wollen mich nicht verſtehen. Wenn ich früher ſagte, daß es mir ſcheine, als ob Sie ſich als Gläubiger jener Schuld manifeſti⸗ ren wollten, ſo ſprach ich wohl von Ihnen, meinte aber Ihren Herrn Sohn.“ 33 „Meinen Ernſt?“ „Ja, er gibt ſich viel Mühe um meine Lo uiſe „Der Junge hat Geſchmack, ich gratulire Ihnen!“ „Aber ich, Herr Flott, gratuliere Ihnen nicht; denn ich bin weit davon entfernt, Ihrem Sohne meine Tochter geben zu wollen.“ „So? das wußte ich wahrhaftig nicht, Alſo gut! ſo nehme ich meine Gratulation zurück. „Das freut mich; Sie ſind zu klug, um nicht ein⸗ zuſehen, daß unſere Kinder nicht für einander paſſen, auch habe ich ſchon über die Hand meiner Tochter ver⸗ fügt, und mit Herrn Lewy Hadrian das Geſchäft in Ordnung gebracht. Moritz und Louiſe paſſen vollkommen zu einander.“ „Ich muß Ihnen aber ſagen, daß Sie Ihrer Toch⸗ ter ein ſchlechtes Kompliment machen, wenn Sie be⸗ haupten, ſie paſſe zu Moritz ſehr gut.“— „Mein lieber Gott! der Geiſt iſt auch noch nicht, das Höchſte, was uns der Himmel verleihet kann; das Geld, das gibt die Farbe, und auf Farbe ſieht man bei jetziger Zeit. Sehen Sie, ich habe in meinem Keller hundert Faß Branntwein, von Geiſt war bei dieſer Waare nie eine Rede, aber die Farbe iſt pures Sonnengold, Sie werden ſehen, ich werde den Brannt⸗ wein doch für echt türkiſchen Slibowitz verkaufen.“ „Du lieber Himmel,“ entgegnete Flott,„mög⸗ Alt u. Jung Iſrael. 3 34 lich iſt Alles, ich habe es ſelbſt einmal erlebt, daß Je⸗ mand hundert Stück Kalbfelle für Ochſenfelle kaufte.“ „Das iſt nicht möglich, außerdem, der Käufer müßte blind geweſen ſein.“ „O nein, er war vollkommen ſehend, aber kam die Waare billiger, und ließ ſich weiß machen, daß aus jedem Kalbsfell mit der Zeit ein Ochſenfell wird.“ „Das war ja aber gar ein dummer Menſch.“ „Glauben Sie vielleicht, daß jener ein kluger Menſch ſein wird, welcher Ihren ſchlechten Branntwein für türkiſchen Slibowitz kaufen wird?— Herr Lendenheim wurde etwas verwirrt, zerſchnitt den gordiſchen Knoten, in welchen er ſich un⸗ willkührlich verwickelt hatte, indem er ſprach:„Wir ſind von unſerem eigentlichen Zwecke ganz abgekommen; ich wollte Ihnen alſo nur ſagen, daß von ei bindung zwiſchen Ihrem Sohne und meiner Tochter nie die Rede ſein kann. „Das haben Sie mir ja ſchon früher geſagt.“ „Nun will ich noch hinzufügen, daß es mir ſehr 6 er be⸗ und ner Ver⸗ lieb wäre— „Was denn, Herr Lendenheim?“ „Wenn Ihr Sohn mein Haus nicht mehr beſu⸗ chen würde.“ „Und das ſagen Sie mir?“ „Wem ſoll ich es den ſagen?“ „Meinem Sohne!“ 65 „Sie als Vater—“ „Ich als Vater eines erwachſenen, gut geſitteten, jungen Mannes werde ihm in keiner Beziehung entge⸗ gentreten. Verbiethen Sie ihm den Beſuch ihres Hauſes, ich kann nichts dagegen haben, von mir aus hat Ernſt vollkommene Freiheit; wie er wählt, ſo wird er's haben. Er iſt zu klug, um unüberlegt zu handeln.“ „Der junge Mann ſcheint wirklich viel Klugheit zu beſitzen, er geräth ganz ſeinem Vater nach.“ „Die Bemerkung ſchmeichelt mir unendlich, es iſt mir nur leid, von ihrer Tochter nicht dasſelbe ſagen zu können.“ Herr Lendenheim wurde glühroth, und entgeg⸗ nete verlegen:„Es wird mir ſehr angenehm ſein, wenn auch Sie, Herr Flott, ſich künftighin um mein Haus etwas weniger kümmern werden.“ „Sie überhäufen mich heute mit Schmeicheleien, und gebe Ihnen hiermit die wärmſte Verſicherung, daß Sie für mich in Zukunft gar nicht mehr auf der Welt ſein werden.“ „Leben Sie wohl— Herr Flott!“ „Mit Gott, Herr Lendenhein, ich würde Sie dem Himmel empfehlen, aber ein Menſch, der ſo viel Glück hat, wie Sie, für den iſt der Himmel ohnedieß nur das fünfte Rad am Wagen.“ Damit trennten ſich die beiden Herren. 3* 36 Daniel Lendenheim eilte zu Elias Lo⸗ wengrub, um ihm die Stattgefundene Seene mitzu⸗ theilen. Dieſer wußte vor der Hand keinen andern Rath, als Louiſens Verlobung mit Moritz Ha⸗ drian zu beſchleunigen. „So lange die Leute nicht die ſichere Ueberzeugung haben, daß es Ernſt ſei, ſo lange ſchenken ſie der Sache keinen Glauben.“ „Ich möchte das Geſchäft aber nicht gern übereilen.“ „Du lieber Himmel! wenn Sie mit dem alten Levh ſchon einig ſind, ſo kann ja da von einer Ueber⸗ eilung nicht mehr die Rede ſein.“ „Aber Lo uiſe iſt erſt ſiebzehn Jahre alt.“ „Beſſer ſiebzehn als ſieben und zwanzig. Wenn Sie wollen, ſo will ich die Angelegenheit vollkommen in's Reine bringen:“ „Sie werden mich ſehr verpflichten.“ „Aber ich fordere von Ihnen eine Gegengefälligkeit.“ „Wenn ich dienen kann!“ „Sie wiſſen, wie jetzt die Gemeinde im Bezug auf unſeren Prediger ſchwierig zu werden beginnt. Sagen Sie mir, zu welcher Parthei zaͤhlen Sie?“ „Ich war bisher neutral.“ „Nun gut, ſo wird es Sie wenig Ueberwindung koſten, meiner Meinung zu ſein. Ich bin contra.“ „Sie meinen alſo— daß wir Beide—“ „Nicht nur wir Beide, ſondern auch unſere ganze — 37 Verwandſchaft muß contra ſein. Wir wollen ihm ſchon zeigen, was es heißt, in Grofflauſendorf Prediger zu ſein.“ „Aber beſter Herr Löwengrub, ſagen Sie mir doch, was Sie gegen den Prediger ſo in den Harniſch gebracht hat?“ „Sein Hochmuth, ſein Großthun mit ſeinem Wiſ⸗ ſen, ſein— ſein— kurz ſeine Geringſchätzung, welche er bei jeder Gelegenheit gegen die Angeſehenen und Großen in der Gemeinde beweiſt. Sie werden ſich zu erinnern wiſſen, daß mir vor mehren Wochen mein Kornmagazin eingeſtürzt iſt. Glauben Sie, daß er es der Mühe werth gefunden hat, zu mir zu kommen, um mich menachem owel zu ſein?— Dieſe Geringſchä⸗ tzung vergeſſe ich ihm in meinem Leben nicht; er wird, und ſoll es empfinden, einen Löwengrub beleidiget zu haben.“ „Sie haben Recht,“ rief jetzt Lendenheim eben⸗ falls in Eifer gerathen,„in Ihnen hat er alle Großen der Gemeinde beleidiget, und wir wollen es ihn fühlen laſſen. Wir ſind es, die ihn zahlen; und deſſen Brod man ißt, deſſen Lied muß man pfeifen. Prediger hin — Prediger her— er lebt von uns nnd nicht wir von ihm.“ Der Contrabund der beiden Großen war geſchlo⸗ ßen; der arme Prediger war weit davon entfernt, auch nur zu ahnen, um welch neue, mächtige Feinde er wie⸗ 38 der reicher geworden war, weil er es verſäumt hatte, ein Gemeindeglied, dem ſein Kornmagazin eingeſtürzt war, menachem owel zu ſein!! „Ja, ihr wähnt vielleicht, ich werde euch ſchmeicheln ob eurem Golde, werde ſtreicheln euern Schwächen, werde lobhudeln euern Fehlen?— O nein!— ich werde reißen den Schleier von euerem Dünkel, werde euch aufſtacheln von dem goldſtrotzenden Schlummerkiſſen, werde euch züch⸗ tigen mit der Geißel des Spottes, und euch ſehen laſſen euer naktes Bild im Spiegel der Wahrheit!!“— Der Sommer hatte bereits ſeinen Anfang genom⸗ men, und die Reichen in Großflau ſendorf ſchick⸗ ten ſich an, in die Bäder zu reiſen, auch die Familie Löwengrub ſtand auf dem Sprunge, nur ſollte frü⸗ her noch die Lendenheim⸗Leviſche Angelegenheit in's Reine gebracht werden. Wer in jenen Tagen Moritz Hadrian in den Straßen Großflauſendorfs bemerkt hat, dem mußte ſein auffälliges Benehmen gewiß ein Räthſel geweſen ſein, vorausgeſetzt, daß ihm die Urſachen desſelben unbekannt waren. Er ging die ganze Woche hindurch in Feiertagsge⸗ wändern, ja ſogar auf dem großen Wochenmarkte vermißte man den ſchwarzen Frack nicht. Seine Finger ſtrotzten — 39 von Ringen, eine goldene Cilinderuhr mit venetianiſcher Kette prangte im Atlas⸗Gilet, das Haar roch von Nelken und Lavendel, ein ſchwerſeidenes Tuch hing zur Hälfte aus der Taſche mit einem Worte, Moritz Hadrian war das Bild eines echten Großflauſendorfer Lions, wie man ihm ſonſt nur an einem großen Feſttage zu Geſichte bekam. So ſtrich er Gaſſe auf Gaſſe ab, ſchlenderte im Gehen die Füße mit den lakirten Stiefeln weit von ſich, ſo wie ein Feſtungsgefangener den die Kette an den Bei⸗ nen genirt, fuhr ſich mit ausgeſpreitzten Fingern durch die Haare, welche das leichte Amt hatten, einen Kopf zu ſchützen, in dem ohnedieß nichts darin war. Daß ein ſolches Erſcheinen auffällig ſein mußte, verſteht ſich von ſelbſt! man ſteckte die Köpfe zuſammen, man ſchmunzelte, munkelte, nekte, und wenn man es auch nicht gleich heraus hatte, ſo ahnte man es doch, wie viel es an der Glocke war. Vor dem Kaffeehauſe ſtanden gegen Ende eines Nachmittags mehre junge Leute, unter ihnen Albert Glattweg. „Dort, dort kommt Moritz wieder!“ ſprach Einer aus der Geſellſchaft. Alle blickten hin, und ein Anderer rief:„Es iſt noch immer dieſelbe Prachtausgabe, wie ſie ſeit einigen Tagen unſere Gemeinde verherrlicht.“ „Der alte Levy mag ſich über dieſe Verſchwen⸗ dung ſeines Sohnes nicht wenig ärgern.“ 40 „Meinſt Du? Ich glaube nicht, er wird die Ur⸗ ſache ſchon wiſſen.“ „Die Lendenheimiſche Mitgift zahlt Alles.“ Während dieſer Wechſelreden war Moritz her⸗ angekommen. Albert ging auf ihn zu. „Guten Abend, Herr Moritz!“ „Guten Abend, meine Herren!“ Nach dieſem Gruße nahm Albert den Angekom⸗ menen unterm Arm, und ſprach mit gedämpfter Stimme, gleichſam im Vertrauen zu ihm, jedoch ſo laut, daß auch die Andern es hören konnten:„Sagen Sie mir gefäl⸗ ligſt, Herr Hadrian, iſt es den wahr, was ich ge⸗ hört habe?“ Moritz, welcher den Schalk nicht merkte, ſah ihn verlegen mit fragender Miene an. Der Andere fuhr fort:„Ich glaube es ein für allemal nicht, denn wäre es wahr, ſo würden Sie ja nicht ſo frei herumgehen.“ „Ich verſtehe Sie wahrhaftig nicht!“ „Sehen Sie, ich habe heute Mittags gehört, die Obrigkeit hätte ein wachſames Auge auf Sie, denn Ihrem Benehmen zu Folge fürchtet man allgemein für Ihren Verſtand.“— Das Gelächter der Andern öffnete Herrn Mo⸗ ritz die Augen, er wollte ſich daher aus den Armen des Andern losmachen, was aber dieſer nicht gewähren ließ, indem er raſch weiter ſprach:„Ich halte dieſe Wach⸗ ſamkeit der Obrigkeit für übertrieben, denn wie kann 41 man bei bei Jemanden fürchten, daß er Etwas verliere, was er nie beſeßen hat. Ich bin überzeugt, Sie haben dieſe Furcht in Ihrem Leben nicht gehegt.“ Mit einiger Anſtrengung gelang es dem Nachkom⸗ men Levys, ſich los zu machen, er warf den Lachern wüthende Blicke zu, und rief:„Wer zuletzt lacht, lacht am beſten.“ „Welch ein herrlicher Spruch,“ ſchrie Albert. „ich verſichere Sie, Herr Moritz, Salomon der Weiſe war, mit Ihnen verglichen, ein Narr! Es iſt nur Schade, daß Herr Lendenheim nicht anweſend iſt, er gäbe ſeiner Tochter 10,000 Gulden mehr an Mit⸗ gift, weil ſie von einem ſo klugen Manne erwählt wor⸗ den. Herr Moritz, ſo oft ich Sie ſehe, erinnere ich mich immer an eine Merkwürdigkeit, welche mir bei mei⸗ ner erſten Anweſenheit in Wien zu Geſichte kam. Ich ging bei einem Zuckerbäcker vorüber, und bemerkte ein roſenfarbiges Haus mit durchſichtigen Thüren und Fenſtern, mit niedlichen Wänden, u. ſ.w. aber das Innere des Hau⸗ ſes war voll Gras, und der Bewohner desſelben war — ein Froſch. Sie ſcheinen mir auch ſo ein Froſch in einem roſenfarbigen Haus, aber nur mit dem Unterſchied, daß Sie kein Prophet ſind. Nun rechnen Sie einmal aus, wie viel ſolcher Fröſche hätte Herr Lenden⸗ heim ſtatt Ihnen fuͤr ſein theures Geld kaufen können?“ Das allgemeine Gelächter verſcheuchte den Geneck⸗ 42 ten; kaum einige Schritte entfernt, begegnete ihm Ernſt Flott und Samuel Stangenfeld, welche ge⸗ rade des Weges daher kamen. Beide blieben wie ver⸗ abredet ſtehen, machten Front vor demſelben, rißen mit parodirender Ueberraſchung ihre Hüte herab, und ver⸗ neigten ſich auf echt türkiſche Weiſe, indem ſie die Arme über die Bruſt kreutzten. Dieſe komiſche Huldigung auf offener Straße, verurſachte bei den Zuſehern einen ſo allgemeinen Jubel, daß Moritz wie raſend forteilte, und über die Spötter die zehn Plagen Aegyptens her⸗ abbeſchwor, welche er aber zum größten Glücke nicht auswendig wußte. Die jungen Leute, einmal freudig aufgeregt, wollten den Abend auch auf fröhliche Weiſe mit einander be⸗ ſchließen, und zogen in Maſſe in den Luftſchützgarten, wo man ſich bei gewöhnlichen Luſtbarkeiten zu verſammeln pflegte. Nun ging es kunter bunter genug her. Das war eine tolle Kompagnie; wie konnte es aber auch anders ſein, ww Albert an der Spitze ſtand. Das Bouteillenbier beim Luftſchützen that ſeine Schuldigkeit und bald waren einige Köpfe mehr illuminirt, als der ſonſt nicht unangenehme rten. Mitten in dieſer ge⸗ räuſchvollen Fröhlichkeit ſaßte Samuel Stangen⸗ feld Herrn Albert am Arme und verließ mit ihm den frohen Kreis. 43 „Albert,“ nahm der Andere das Wort,„ich halte Dich für meinen Freund!“ „Daran thuſt Du Recht, denn ich bin es mit gan⸗ zer Seele.“ „Ich habe Dir ein Geheimniß zu entdecken.“ „Laß hoͤren, Du biſt, glaube ich, ſchon genügſam überzeugt, daß ich ſchweigen kann.“ „Ich bin ſehr unglücklich.“ „Jetzt ſchon, und Du biſt doch noch nicht verhei⸗ rrathet.“ „Eben dieſe mir bevorſtehende Verbindung iſt es, welche ich fürchte!“ „Und ſo ſpät erſt ſiehſt Du Deine Unvorſichtigkeit ein? Wie konnteſt Du nur einwilligen?“ „Lieber Bruder, Du haſt keine Idee davon, wie dieß alles ſo plötzlich über mich gekommen iſt.“ „Wie überhaupt jedes Unglück!“ lächelte Albert. „Am Mittag hegte ich noch keinen Gedanken, und um zehn Uhr Abends war ich Bräutigam— und Eme⸗ line meine Braut.“ „Du armer, betrogener Freund!“ „Ja betrogen, überredet, beſchworen von meiner Tante, überrumpelt von Alten, und nun“— „Nun möchteſt Du frei ſein?“— „Frei von Emeline, welche mein ganzes Leben zu vergiften im Stande iſt.“ „Und was hindert dich, zu brechen?“ 44 „Zwei Dinge. Den erſten, welcher in dem Ver⸗ luſte von 2000 Gulden Reugeld, die ich zahlen müßte, beſteht, würde ich wohl verſchmerzen, aber der Andere iſt viel bedenklicher. Du weißt, ich bin nicht reich, bin — was man bei uns Juden ſagt— ein hoffnungsvol⸗ ler Anfänger; durch meinen Rücktritt wäre Emeline beſchämt, und ich beluͤde mich mit dem Haße zweier Fa⸗ milien, deren feindlicher Einfluß mir an hundert Seiten unſäglichen Schaden bereiten könnte; einem ſolchen Ele⸗ mente ſich auszuſetzen, hieße in die offenſte Gefahr gehen, und doch, wenn ich die Erfahrungen, welche ich bis jetzt ſchon bei Emeline gemacht, auf der andern Seite zu Rathe ziehe, ſo droht mir dort die elendeſte Zukunft einer unglücklichen— Ehe, ich ſtehe zwiſchen zwei Uebeln, von denen das kleinere gewählt werden ſoll.“ Albert ſann eine Weile nach, dann verſetzte er: „Du haſt ſehr gefehlt, lieber Freund, einen ſo wichti⸗ gen Lebensſchritt ohne weitere Ueberlegung zu wagen; doch wäre es thöricht von Dir, jetzt ſchon zu verzwei⸗ feln, wo noch ſo Vieles geſchehen kann, was Dich von dem Einen wie von dem andern Uebel zu ſichern im Stande wäre. Vor der Hand laß von Deinem Kummer nichts merken, ſonſt könnteſt Du dem Muthwillen zum Geſpötte werden, ich werde Deiner Lage gedenken, viel⸗ leicht fällt mir ein kluges Mittel ein, Dich trockenen Fußes zwiſchen beiden Uebeln hindurch zu führen, und Dich vor Emelinens Beſitz und vor der ſchädlichen 45 Feindſchaft der Ihrigen zu bewahren. Doch nun glätte die Stirne, banne den Kummer in die Tiefe des Her⸗ zens zurück, und laß uns zur Geſellſchaft eilen; wir könnten vermißt werden— wenn ich nicht irre, höre ich ſchon meinen Namen rufen— hier bin ich— wer ruft mich— alle Wetter— Bier her— doch nein, keinen Gambrinusſaft mehr— Slibowitz und Zucker her— Krambamboli muß aufmarſchiren— Trompeter blaſt Sturm— ich will heute ganz Max Pikkolomini ſein.“ Neues Leben durchfluthete die Geſellſchaft. Es war die zweite Stunde nach Mitternacht, als man ſich aufmachte, den Garten zu verlaſſen. Die Ver⸗ abſchiedung einer ſo luſtigen Kompagnie biethet immer ein erheiterndes Bild. Albert, dem dieſe obligaten Umarmungen viel zu lange währten, entriß ſich den Freunden, und eilte von dannen. Eine angenehme, helle Mondnacht umfing den nächtlichen Wanderer auf der einſamen Straße; der Himmel hing in anmuthiger Bläue über Großflau⸗ ſendorf, gerade als ob hier, um im Sinne der Bi⸗ bel zu ſprechen, die Anzahl der Gerechten jene der Un⸗ gerechten weit überwiegen würde! aber wir kennen die Langmuth des ewigen Gottes, und eben, weil wir ſie kennen, ſo bauen wir darauf, wie böſe Kinder auf das Herz eines übergütigen Vaters, und ſündigen ohne Unterlaß. 46 Die Sterne in ihrer unzählbaren Menge flimmerten geheimnißvoll hernieder, und beleuchteten nur matt die Rieſendecke; zwiſchen ihnen durchſchimmerte wie ein be⸗ reifter Herbſtweg in ungeregelter Richtung, die Milchſtraſſe, der ganze Himmel bot zum grellſten Contraſte der Erde, ein Bild des ergreifendſten Friedens. Albert ſchlenderte eben durch eines der abgelegen⸗ ſten Gäßchen, welches beiderſeits durch Garteneinzäu⸗ nungen gebildet iſt, als aus der Ferne Tritte zu ihm ſchollen und ſein aufmerkſam gewordenes Auge bald darauf einen weißen Mantel durch die Nacht ſchimmern ſah. Albert hielt an, auch die Geſtalt mit dem Man⸗ tel blieb ſtehen, noch eine Weile, und ſie war ver⸗ ſchwunden. Wenn ich nicht irre, dachte der Lauſchende, ſo befindet ſich dort der Löwengrub'ſche Garten.— Er ſchlich leiſe hinzu— links das Pförtchen, welches in dieſem Augenblicke von innen verriegelt war;— aber das that nichts zur Sache, die Bretterumfriedigung mit all ihren Ritzen und Aſtlöchern war ihm noch aus je⸗ nen Tagen her bekannt, wo er und Emeline mitein ander gefchwärmt hatten; er mußte jetzt noch lächeln wenn er an den Zwang dachte, den er, der joviale Le⸗ bemann ſich jederzeit anthun mußte, um in den Siegwar⸗ ton der langweilig ſentimentalen Em eline einzuſtim⸗ men.— Er wußte, daß ſich an der Garteneinfriedigung in der vordern Ecke eine Lafontainiſche Laube befand, 47 und daß ihm dort ein beſchädigtes Brett freie Einſicht gewähren werde, vorausgeſetzt, daß die Beſchädigung noch nicht reparirt wurde; aber nein, dieß war nicht der Fall, Herr Löwengrub befolgte in Bezug auf ſein Haus dasſelbe konſervative Syſtem, wie es noch von vielen, vielen Gemeinden in Bezug auf das Juden thum beobachtet wird, er ließ immer Alles hubſch beim Alten, kümmerte ſich um Riſſe, Schäden und Auswüchſſe nicht, und bedachte nicht, daß nur das in der Zukunft beſtehen kann, was mit der Zeit vorwärts ſchreitet, was gegen den Strom ſchwimmt, muß unter⸗ gehen. Albert hatte ſich nicht geirrt, einige Schritte und ſchon ſtand er an der Oeffnung der Bretterwand. Von Innen heraus drang ein Liſpeln und Wiſpeln. Er horchte. An den Stimmen erkannte er eine Männer- und eine Frauenſtimme, man unterhielt ſich drinnen recht un⸗ geſtört. Ich freue mich ſchon vom Herzen auf dieſe Reiſe! ſprach ſie. Und ich nicht minder! lautete ſeine Antwort. Ich wählte gefließentlich dieß entfernte Bad, weil wir dort keine hieſigen Zeugen zu befürchten haben. Mei⸗ nen Gatten führen Geſchäfte in eine ganz andere Gegend, und Emeline benützt dieſe Zeit zu einem Beſuche bei ihren Eltern. Ich nehme nur mein Mädchen mit, und 48 bin daher ganz frei. Wann treten Sie Ihren Urlaub an? Einige Tage nachdem Sie von hier abgereiſt ſein werden. Das Geſpräch wurde nun wieder etwas leiſer ge⸗ führt, Albert vernahm nur noch ein undeutliches Wi⸗ ſpeln, welches für ihn langweilig zu werden begann. Er erhob ſich daher aus der horchenden Stellung, klammerte die Hände an die obern Theile der Bretterwand, rang ſich in etwas empor, und rief mit tiefer Stimme hinein: Gute Nacht, Frau Zirl! Innen ertönte ein Schrei der Dame— der Mann ſtieß einen kernigen Fluch aus—— Albert Glatt⸗ weg eilte mit haſtigen Schritten von dannen. 6. Die Kataſtrophe unſekes Gemäldes iſt da. Am zweiten Morgen zeitlich in der Früh ſtürmte Ernſt Flott zu Albert ins Gemach. „Bruder Albert, ich bin in Verzweiflung. Rathe, oder ich bin verloren.“ „Was iſt vorgefallen?“ „Daniel Lendenheim hat meine Louiſe miß⸗ handelt, weil ſie ſich weigert die Verbindung mit Moritz Hadrian einzugehen. „Armes Mädchen, traurige Folgen von Gold und Herz!“ 49 „Ich kann das Bedrängniß des geliebten Mädchens nicht länger ertragen; ich will ſie lieber verliren, als ſolchen Qualen preis geben.“ „Verliren? Das iſt das Ultimatum.“ „So ſchaffe Rath, Hilfe!“ „Albert krazte ſich hinter dem rechten Ohr und erwiederte: Da iſt guter Rath theuer!“ „Koſte es was es, wolle, für Louiſe wage ich Alles.“ „Auch die reiche Mitgift, welche ſie zu erwarten hat?“ „Alles— Alles!“ „Liebt dich Louiſe?“ „Wie kannſt du nur fragen?“ „Ich meine, ob auch ſie für Dich Alles zu wagen im Stande wäre?“ „Ohne Zweifel.“ „Nun gut— ſo will ich Dir rathen.“— „Laß hören, ſprich, Du Engelsmenſch!“ „Du mufßt ſie entführen.“ „Entführen? Welch ein Gedanke!“ „Du haſt in Bergſtadt, zwei Tagreiſen von hier, zahlreiche Verwandte“— Ernſt ließ ihn nicht ausreden, warf ſich ihm an den Hals, und rief:„Mann— Engel— Retter!“— „Nur langſam, Freund laß uns früher erwägen, auf welche Weiſe der Plan am ſicherſten gelingen könnte— wenn Du— Louiſe— heute— ihr Vater— dann Alt u. Jung Iſrael. 4 50 — ja— ob aber— ganz Recht, ſo geht es. Emeline verläßt heute Großflauſendorf, unter dem Vorwande von ihr Abſchied zu nehmen, verläßt Loui ſe das Vater⸗ haus, vor dem Orte harrſt Du mit dem Wagen—“ „Du meinſt alſo am hellen Tage?“ „Freilich, je kühner, deſto ſicherer, da iſt der Verdacht am wenigſten rege.“ „Es bleibt dabei aber wie Louiſe in Kenntniß ſetzen?“ „Das laß meine Sorge ſein, Du biſt Nachmittags Punkt halb zwei Uhr bereit, und Louiſe iſt Dein.“ Die beiden Freunde ſanken ſich jubelnd in die Arme, der Eine froh, dem Andern geholfen zu haben, und der Andere beſeeligt von den Hoffnungen, die in dieſem Au⸗ genblicke in ſeinem Herzen friſcher als je erblühten. Nachdem ſie ſich getrennt hatten, eilte Albert in die Nähe des Löwengrub'ſchen Hauſes, um zu er⸗ ſpähen, ob Emelinens Abreiſe wirklich ſtatt finden werde. Eine gepackte Kaleſche hielt vor dem Thore; es war die Friedensarche, welche die ſchöne Beſtimmung hatte, Frau Cäcilia mit ihrer Dienerin in das ferne Bad zu bugſiren. Die Dame ſtieg eben ein. Herr Löwengrub nahm den zärtlichſten Abſchied und Dame Zirl wiſchte ſich mehre Male die Augen, ob vor Schmerz oder Freude wollen wir nicht entſcheiden. Die zahlreich umherſtehende Verwandtſchaft ſchrie, lärmte, kicherte und machte einen Höllenſpetackel— Frau Zirl poſtirte ſich endlich zwi⸗ ſchen die Sündfluth der Schachteln und Pündeln hinein— noch ein Ruf— ein Schrei— und die Kutſche wackelte vorwärts. Die Zurückgebliebenen ſahen ihr nach, als ob der Prophet Elias aus ihrer Mitte geſchieden wäre. „Dem Himmel ſei es gedankt,“ ſprach Albert bei ½ ſich,„die wäre fort! der arme Herr Löwengrub, er ahnt gar nicht, welch ein rieſig Geweih ihm dieſe Badereiſe auf die Stir ne pflanzen ſoll; aber nur Geduld Dame Zirl, ich will dir einen gewaltigen Strich durch die Rechnung machen— Albert Glattweg lebt noch, und ſo lange er lebt, wird er dir deine Paſſionen verleiden.“ Während dieſes Selbſtgeſpräches wurde aus dem Hofe des Löwengrub'ſchen Hauſes eine zweite Kaleſche geſchoben. Der Späher eilte hin, und fragte einen der Diener:„Für wen iſt dieſe Kutſche beſtimmt?“ „Für das Fräulein!“ „Wann fährt ſie fort?“ „Gleich nach Tiſch!“ Nach dieſer willkommenen Auskunft eilte er wie⸗ der fort. Ein glücklicher Zufall führte ihm Herrn Lendenheim entgegen. „Guten Morgen, Herr Lendenheim!“ „Guten Morgen, Herr Albert!“— Wir müſſen hier nur noch erwähnen, daß Albert von Daniel Lendenheim wohl gelitten war, was 4* 52 er lediglich ſeiner, für Louiſe an den Tag gelegten, Gleichgiltigkeit zu danken hatte.“ „Großflauſendorf wird bald ganz ausgeſtor⸗ ben ſein!“ „Wie ſo, Herr Albert?“ „Alles reiſt in die Bäder; Frau Löwengrub iſt ſo eben fortgefahren. Die Mondenlieb'ſchen fahren in eini— gen Tagen, auch Emelline verläßt uns—“ „Auch in's Bad?“ „Nein, ſie reiſt zu ihren Eltern, und zwar heute Nachmittags.“ „Wie? ſchon heute? Wir wußten von dieſer Abreiſe gar nichts. Meine Louiſe wird ſtauneß, wenn ſie es erfährt.“ „Nun, leben Sie recht wohl, Herr Albert. Doch halt, wohin führt jetzt Ihr Weg?“ „Ich gehe zu Tiſch, nach Hauſe!“ „Sind Sie ſo gut, im Vorbeigehen meiner Louiſe die Abreiſe Emelinens bekannt zu geben, vielleicht geht ſie zu Löwengrub, um ſich von der Freundin zu be⸗ urlauben.“ Albert verließ den Argloſen. Das Geheimhalten von Emelinens Abreiſe; erregte bei ihm einiges Nachdenken; ohne Grund würde dieß nicht geſchehen ſein, dachte er, allein welcher iſt dieſer? Vielleicht, daß ihn die Zukunft entſchleiert. Er eilte zu Louiſe Lendenheim, und vollzog 53 ſeine Miſſivn, jedoch in einem ganz andern Sinne, als Vater Da niel es erwarten mochte. Der Reſt des Vormittags verſtrich— wenn das Mittagsmahl ſämmtlichen Bewohnern Großflauſen⸗ dorfs gut mundete, ſo können wir mit Zuverſicht Zwei nennen, bei denen dieß nicht der Fall war. Ernſt und Louiſe!— Die Zeit verging träge, wie gewöhnlich, wenn man ſie wegwünſcht. Endlich nahte der entſcheidende Au⸗ genblick.— Louiſe verließ⸗ als ob ſie blos zu Beſuch ginge, in ihrer gewöhnlichen Kleidung das väterliche Haus. Niemand ahnte das Verhängnißvolle des Ganges; die Liebe iſt Jeine gute Lehrerin der Verſtellungskunſt, wenn es darauf ankommt, Andere irre zu führen oder zu täuſchen. Vater Daniel legte ſich ganz arglos auf den Divan, um ſein Nachmittagsſchläfchen zu thun, in⸗ deſſen eilte die Tochter durch eine rückwärtige Gaſſe aus dem Orte, wo nach Alberts Mittheilung, Ern ſt ihrer harrte. Der geſchloſſene Wagen mit drei ſchnellfüſſigen Rennern ſtand ſchon bereit— Louiſens Herz pochte hoch auf— ſie beſtieg ihn— Ernſt empfing die Ge⸗ liebte, ſie ſank an ſein Herz, ein Kuß— der vertraute Kutſcher ſchnalzte mit der Zunge und fort ging es über Stock und Stein. Eine Stuude ſpäter beſtieg auch Emeline die Kalleſche; einem vor der Hand unbekannten Grunde zu Folge, vermied, ſie ihre Abreiſe auszupoſaunen, dem ge⸗ 54 mäß unterblieben auch die Abſchiedsviſitten, es kam ihr daher auch gar nicht in den Sinn, ſich mit Louiſen zu beurlauben; ſolcher Weiſe verließ ſie ganz in der Stille Großflauſendorf. Die Straße war die⸗ ſelbe, welche auch das flüchtige Paar eingeſchlagen hatte, allein, da Eme line keine ſo große Eile hatte, ſo war es auch natürlich, daß die Anderen einen bedeutenden Vorſprung gewannen. Albert Glattweg, welcher ein entfernter Zeuge der beiden Abreiſen war, athmete leichter auf, als ſein gegebener Rath ſo gut ausgeführt und bisnun auch ſo trefflich gelungen war. Eine Stunde nach Emelinens Abreiſe begab er ſich zu Herrn Elias Löwengrub.— Der Em⸗ pfang war ein ernſter, aber dieß brachte unſern Mann nicht außer Faſſung. „Was verſchafft mir die Ehre Ihres Beſuches?“ fragte der Hausherr mit kaltem Tone. „Ich komme im Auftrage des anweſenden Herrn Samuel, Fräulein Emeline zu grüßen, und er⸗ fahre zu meinem größten Erſtaunen, daß ſie zu ihren Eltern gereiſt iſt.“ „Haben Sie von Stangenfeld Briefe er⸗ halten?“ „Ja, Herr Löwengrub.“ „Was ſchreibt er aus dem Banate, wie gehen die Geſchäfte?“ 55 „Sehr gut. Das Getreide iſt noch immer im Steigen.“ Herr Löwengrub rieb ſich vergnügt die Hände, als ob er ſagen wollte: O ich bin ein kluger Menſch, ein Prophet, ich habe dieß Alles voraus geſehen. Dann ſprach er:„Ich werde meiner Schweſter in dem erſten Brief, den ſie von mir erhält, den Gruß von ihrem Bräutigam überſenden. „Das iſt Eines, was ich mit Ihnen zu ſprechen hatte.“ „Sind Sie noch nicht fertig?“ „O nein, denn jetzt kommt erſt die Hauptſache.“ „Ich bin neubegierig, laſſen Sie zu hören.“ „Herr Löwengrub, Ihre Frau iſt heute in's Bad gereiſt.“ Der Andere ſah den jungen Mann mit Blicken an, als ob er fragen wollte:„Was geht das Sie an.“ Albert fuhr fort:„Sagen Sie mir doch gefäl⸗ ligſt, Herr Löwengrub, iſt Ihnen die Ehre Ihres Hauſes lieb?“ „Welche Frage, mein Herr! ſprechen Sie, wie kom⸗ men Sie zu dieſer Frage?“ „Auf einem ganz natürlichen Wege. Es ſind nur zwei Fälle möglich; entweder kennen Sie ihre Frau nicht, oder Sie ſpielen um des Hausfriedens Willen den nachgiebigen Ehemann.“ Löwengrub wollte ihn unterbrechen, allein Al⸗ 56 bert fuhr raſch fort: Hören Sie mich ruhig an. Ich nehme von den beiden Fällen den für Sie günſtigeren an; daß Sie, im Vertrauen auf die Tugend Ihrer Frau, ihr den Umgang mit andern Männern geſtatteten, ohne daß Sie dabei nur etwas Uebles ahnten, in dieſem Falle halte ich es für meine Pflicht, Ihnen den Schleier von den Augen zu reißen, und Ihnen bekannt zu geben, daß Sie Ihre Frau nicht kennen, denn ganz kurz geſagt, Sie ſind betrogen!“ Zur Ehre des Herrn Elias ſei es geſagt, daß dieß bei ihm wirklich der Full war. Er ſrlbſt verſchnäht⸗ frohe Geſellſchaft nicht, unterhielt ſich ſehr oft mit den lebensluſtigen Dragonern, und fand nichts Ar⸗ ges darin, wenn ſie ſein Haus beſuchten; auf der an⸗ deren Seite wußte ihn Dame Cäcilia theils durch die Oberherrſchaft, die ſie über ihn ausübte, theils aber durch ihr liſtiges Benehmen ſo hinzuhalten, daß es ihm bisher nicht in den Sinn gekommen war, ſeine Frau mit irgend einem Verdachte zu beläſtigen. Al⸗ berts offenes Wort mußte ihn daher ſehr unangenehm berühren, denn es riß wirklich einen Schleier von ſei⸗ nen Augen. Er ſprach: Herr Albert,„Sie haben hier eine Aeußerung fallen laſſen, die ich nicht ſo leicht mit hinnehmen kann. „Ich bitte' Sie, Herr Löwengru b, ſpielen Sie nicht den Beleidigten, denn ich muß Ihnen aufrichtig geſtehen, es wäre lächerlich! Wiſſen Sie, warum Ihre 57 Frau den ſo entfernten Badeort gewählt hat? fällt es Ihnen nicht auf, daß ſie ganz allein reiſt? und gerade zu einer Zeit, wo Sie hier von Geſchäften überhäuft ſind? ich will es Ihnen offenbaren. Ihre Frau will un⸗ bekannt und ungenirt ſein, denn ſie trifft dort mit dem Rittmeiſter Rollberg zuſammen.“ Herr Löwengrub ſprang auf und ballte die Fäuſte; es war eine ohnmächtige Wuth.„Herr Albert!“ rief er,„iſt dieß auch wahr, was Sie mir ſagen?“ „Ich kann Sie deſſen bei meiner Ehre verſichern.“ „Wie haben Sie es in Erfahrung gebracht?“ „Erlaſſen Sie mir vor der Hand dieſe Angabe, zu welcher ich mich nur im äußerſten Falle verſtehen werde.“ „Alſo wirklich!“ jammerte Elias, indem er die Rolle des Jeremiä übernahm, und Klagelieder über das ge⸗ fallene Zion ſang„alſo wirklich bin ich betrogen, getäuſcht? ich bin entehrt, unglücklich!“ „Vor der Welt, Herr Löwengrub, können Sie Ihr Anſehen noch retten, und das iſt nun Ihre Pflicht.“ „Sie haben Recht, das werde ich auch thun. Ich ſende meiner Frau augenblicklich einen Boten nach, ſie muß ſtantepede umkehren.“ „Das wäre weit gefehlt, Herr Löwengrub! den⸗ ken Sie ſich das Aufſehen, das Gerede in der Gemeinde, die üblen Auslegungen und Deutungen.“ Elias ſah ein, daß der Andere Recht hatte, und erwiederte,„S'iſt wahr, züruͤck rufen kann ich ſie 58 nicht, aber was ſoll ich thun? Ich kann ihr nicht nach, die Geſchäfte ſind zu wichtig— wie mich ſichern?“— „Ich will Ihnen einen ganz einfachen, guten Rath ertheilen.“ Löwengrub ſah ihn groß an, und Albert fuhr fort:„Sie ſind mit dem Dragoner-Obriſten ſehr gut bekannt, ſo wie ich heute vernommen habe, will der Rittmeiſter erſt Morgen um den Urlaub anſuchen; gehen Sie alſogleich zum Obriſten, und ſuchen Sie ihn zu bewegen, daß er dem Rittmeiſter den Urlaub ab⸗ ſchlage, dann kann Ihre Frau hübſch einſam im Bade harren, und ihr übles Vornehmen in peinvoller Lange⸗ weile abbüßen.“ Herr Elias war bei dieſem Rathe wie aus den Wolken gefallen. Er mußte geſtehen, daß er wirklich nichts Beſſeres thun konnte; die Sache war ſo einfach, und traf doch den Nagel auf den Kopf. Er ſah den trefflichen Helfer an und ſprach:„Herr Albert, Sie ſind ein lieber, kluger Menſch; ich habe bisher wenig gute Stücke von Ihnen gehalten, aber von nun an will ich Sie unter meine Freunde zählen. Reichen Sie mir die Hand, und bewahren Sie über dieſe Gegelegenheit dus tiefſte Stillſchweigen.“ „Rechnen Sie, Herr Löwengrub, auf meine vollſtändigſte Diskretion; Sie werden ſich überzeugen, daß Ihre Meinung, die Sie jetzt von mir hegen, die rechte iſt.“ 59 „Und nun nehmen Sie vor der Hand meinen herzlichſten Dank, ich gehe zum Obriſten.“ „Ich habe das Meinige gethan, Herr Löwen⸗ grub, thun Sie das Ihrige!“— Mit dieſer Parodie verließ Albert das Gemach. Es war um vier Uhr Nachmittags, als Herr Da⸗ niel Lendenheim von ſeinem Nachmittagsſchläfchen erwachte. Louiſe war noch nicht zurückgekommen. Herr Daniel harrte eine Weile, ſie kam nicht. Er wurde ungeduldig.„Wo ſie nur ſo lange bleibt!“ brummte er in den Bart,„ſollte Emeline ihre Abreiſe verſcho⸗ ben haben, he Marie, geh' hinauf zu Löwengrub, Louiſe ſoll gleich nach Hauſe kommen. Das Dienſtmädchen eilte fort, und kehrte nach einer Weile mit der Nachricht zurüͤck, das Fräulein wäre nicht oben, und Emeline ſei ſchon um zwei Uhr ab⸗ gereiſt. „Gehe zur Tante Bergmann, und ſieh, ob ſie dort iſt.“ Die Botin kehrte auch von dieſem Gange ohne Erfolg zuruck; alle Muhmen, Baſen, Schwäger und Bekannten wurden abgelaufen, Louiſe war nirgends zu finden. Ein beängſtigendes Gefühl bemächtigte ſich des Verlaſſenen, er ſetzte ſämmtliche Hausleute in Be⸗ wegung, ja er ſelbſt eilte fort, die Tochter zu ſuchen. Er kam zu Albert Glattweg, von dieſem erfuhr er nichts, 60 als daß Albert den ihm gegebenen Auftrag pünktlich erfüllt hatte. „Wohin iſt aber das Mädchen gekommen?“ jam⸗ merte Lendenheim. „Du lieber Himmel! wer weiß, ob ſie nicht viel⸗ leicht bei irgend einer Freundin zu Beſuch iſt?“ Dieſer leere Troſt war nicht geeignet, den Vater zu beruhigen; er eilte zu Hadrian, auch dort wußte man nichts von der Verſchwundenen. Bei Löwengrub erfuhr er, daß Louiſe gar nicht oben geweſen war. Das fiel noch mehr auf, und eine unheilvolle Ahnung durchzog ſeine Seele, er lief ſpornſtreichs zu Flott. Auf dem Wege begegnete ihm Moritz Hadrian in Feſtkleidern. Es gibt nichts Lächerlicheres, als einen elegant geputzten Dummkopf mit einer beſtürzten Miene. „Ums Himmelswillen! Herr Lendenheim, iſt es wahr, was ich gehört habe?“ Was haben Sie vernommen?, „Meine Louiſe wird vermißt?“ „Ich ſuche ſie ſchon ſeit einer Stunde.“ „Man ſagt, ſie wäre in's Waſſer geſprungen. „Allmächtiger Himmel!“ „Andere meinen wieder, fie ſei entflohen“— „Entflohen? Mit wem denn?“ Bei dieſer ſeiner eigenen Frage durchfuhr ihn ein 7 61 Gedanke; was er früher geahnet hatte, wurde ihm nun zur Gewißheit. Er ſetzte ſchleunigſt ſeinen Weg ſort. „Wohin ſo eilig, Herr Lendenheim?“ rief ihm Moriz nach. „Zu Flott!“ ſchrie der Vater der Entflohenen zu⸗ rück;„kommen Sie mir nach, Herr Moritz.“— Der Gerufene leiſtete Folge.— Die Familie Flott ſaß gerade beim Kaffee, als Herr Lendenhein hereinſtürmte; bald darauf folgte Moritz. „Guten Abend, Herr Flott! wo iſt Ihr Sohn Ernſt?“ „Wahrſcheinlich im Kaffeehauſe!“ „Dieß iſt nicht wahr!“ ſchrie Moritz von rück⸗ wärts,„ich habe ihn dort nicht geſehen.“ „Er iſt alſo nicht im Kaffeehauſe?“ „Nein, gewiß nicht.“ „Nun, ſo wird er anderswo ſein!“— Nach dieſen mit einem unbeſiegbaren Phlegma ge⸗ ſprochenen Worten trank Flott ſeinen Kaffee weiter. „Mit dieſer Antwort kann ich nicht zufrieden ſein!“ rief Herr Daniel. „Es thut mir leid, wenn Sie nicht können.“ „Ich will wiſſen, wo Ihr Sohn iſt?“ „Was kümmert Sie mein Sohn?“ „Er kümmert mich ſehr viel, denn meine Louiſe iſt abhanden kommen.“ 62 „Die Idee iſt neu“ rief Flott„Ihnen fehlt die Tochter, und Sie ſuchen meinen Sohn!“ „Treiben Sie Ihren Scherz nicht zu weit, Sie ha⸗ ben es gewußt, ſind einverſtanden, Ihr Sohn hat meine Tochter entführt.“ „Ja, Ernſt hat meine Louiſe geraubt“ repli⸗ eirte Moritz,„er hat ſich kriminaliſch gemacht.“ Wir müſſen hier erwähnen, daß Flott von dem Vorhaben ſeines Sohnes keine Ahnung hatte, und daß er dieſen Fall bei den etwas erxzentriſchen Ideen Ernſt's für wahrſcheinlich hielt; obwohl er nun im Stillen die That nicht billigte, ſo war er doch weit entfernt, dieß ſeinen Gegnern zu erkennen zu geben; er antwortete da⸗ her gelaſſen:„Mein Ernſt hat alſo Ihre Louiſe entführt? alle Wetter! ſo viel Unternehmungsgeiſt hätte ich dem Jungen nicht zugetraut.— „Hanni, ſei ſo gut, und ſchenke mir noch eine Schale Kaffee ein, aber mehr weiß, ich liebe die Weisheit.“ „Herr Flott,“ rief Lendenheim, uͤber dieſen Gleichmuth empört„Sie geſtehen alſo ein?“ „Was man nicht weis, kann man nicht eingeſtehen.“ „Sie billigen ſeine Miſſethat?“ „Ich mache gute Miene zum böſen Spiel.“ „Sie ſind eben ſo leichtfertig, wie Ihr Sohn.“ „Es iſt das erſte Mal, daß ein Vater dem Sohne nachgeräth, übrigens beſſer leicht, als maſſiv.“ —— —— 63 „Wie, Sie unterſtehen ſich?“— ſchrie Moritz von rückwärts. „Herr Moritz,“ verſetzte Flott,„Sie haben hier kein Recht, aufzutreten.“— „Louiſe iſt meine beſtimmte Braut.“— „Iſt aber noch nicht Ihre Braut; Sie ſind alſo der Niemand, dem gemäß wollen Sie die Gewogen⸗ heit haben, ſtumm zu ſein, oder ich laſſe Sie hinaus⸗ werfen.“ „Herr Flott, ich fordere von Ihnen meine Toch⸗ ter zurück.“ „Thut mir leid, Ihre Bitte unerfüllt laſſen zu müſ⸗ ſen; wenn es Ihnen jedoch ſo ſehr um eine Tochter zu thun iſt, ſo ſtehe ich, da ich deren noch Drei habe, mit Einer, ja ſogar mit Zweien zu Dienſten.“ „Sie ſind ein Narr!“ „Gehorſamer Diener.“ „Ich werde den Flüchtigen nachſetzen, und Ihren Sohn feſtnehmen laſſen.“— „Thun Sie das, Herr Lendenheim.“ „Ich werde ihn in Ketten nach Grofflauſendorf bringen.“ Recht ſo, die Tochter hat ihn in Roſenketten ge⸗ ſchlagen, der Vater in Eiſenbanden.“ „Ich werde mein Kind von ſeiner Seite reißen.“ „Ich gebe Ihnen vollkommene Reichsfreiheit.“ „Ich jage Ihrem Sohne eine Kugel durch den Kopf.“ 64 „Dann wird man Sie baumeln laſſen.“ Daniel Lendenheim fühlte jetzt ſchon vor Wuth ſeine Kehle umſchnürt und ſtürzte mit einem Flu⸗ che von dannen, Moritz folgte ihm. Auf der Straße angelangt traf er Herrn Löwen⸗ grub. Dieſer kam ganz entzückt vom Dragonerobriſten, wo er den Urlaub des Rittmeiſters Rollberg glücklich hintertrieben hatte. Lendenheim klagte ihm den Vorfall. „Nur ſchnell nach,“ rief Löwengrub,„9je frü⸗ her deſto beſſer.“ „Ich begleite Sie, Herr Lendenheim!“ rief Moritz dienſtbefliſſen. „Aber, lieber Himmel! welche Straße einſchlagen?“ Löwengrub ſann eine Weile nach, dann rief er entzückt aus:„Ich hab's. Ich werde Ihnen einen treff⸗ lichen Rath geben. Hier kann nur Einer helfen.“ „Und dieſer Eine?“— „Iſt Albert Glattweg!“ rief Löwengrub eingedenk des guten Rathes, welchen ihm dieſer kurz frü⸗ her ertheilt hatte. Moritz wollte Einwendungen machen, allein die Sympathien der beiden Herren waren überwiegend. Albert wurde ſchleunig aufgeſucht; ein Konſilium fand ſtatt, deſſen Beſchluß dahin ging, daß Albert, Lendenheim und Moritz alſogleich aufſitzen und den Entflohenen nacheilen ſollten. Die Richtung, welche ver⸗ — 65 folgt werden ſollte, war dieſelbe, welche das Liebespaar wirklich eingeſchlagen hatte; ſo viel Mühe ſich Albert auch gab, eine Andere in Vorſchlag zu bringen, ſo ge⸗ lang es ihm doch nicht, Herrn Lendenheim dafür zu gewinnen, denn dieſer beharrte mit einem unerſchütterli⸗ chen Eigenſinn auf jenen Weg, welcher nach Bergſtadt führte. Um keinen Verdacht zu erregen, gab Albert nach und beſchloß, im Stillen Alles anzuwenden, um die Flüchtigen, wenn ſie ja eingeholt werden ſollten, noch zur rechten Zeit zu warnen. Die Nacht war gerade herein gebrochen, als ein halbgedeckter Wagen im ſcharfen Trabbe aus Groß⸗ flauſendorf fuhr, in welchem ſich Lendenheim und Moritz befanden, letzterer noch immer in den leichten Feſtgewändern, denn er hatte im Eifer ganz darauf vergeſſen, ſich etwas wärmer und reiſegemäß zu kleiden. Albert vertrat die Stelle des Phaetons und lenkte die Roße auf die muthwilligſte Weiſe. Die Nacht war dunkel, ein kühler Wind ſtrich über die Felder, im Wagen herrſchte das tiefſte Schweigen. Man mochte kaum eine halbe Stunde gefahren ſein, ſo rief Moritz:„Herr Albert, wollen Sie nicht die Gefälligkeit haben, ein wenig zu halten?“ Der Wagen hielt, Moritz ſtieg aus und kehrte erſt nach einer Virtelſtunde zurück. Man fuhr wieder Alt u. Jung Iſrael. 5 66 eine Weile, als Moritz abermals rief:„Herr Al⸗ bert, wollen Sie nicht ſo gefällig ſein, und mich ein wenig ausſteigen laſſen?“ Der Wagen hielt wieder, Moritz ſprang herab; Lendenhe im, ungeduldig über den wiederholten Auf⸗ enthalt brummte einige unverſtändliche Worte in den Bart;— nach einer hübſchen Weile kam Herr Moritz wieder zum Vorſchein, und die aufgemunterten Roſſe trabbten weiter. Man fuhr abermals eine kleine Strecke, als Mo⸗ ritz auf dem Wagenſitze wieder hin und her zu rut⸗ ſchen begann, und dabei jammerte:„Verdammt! ich bin ſo leicht gekleidet, ich ſtieg etwas erhitzt in den Wa⸗ gen, und nun die kühle Nachtluft— Herr Albert? ſind ſie ſo gütig, wieder ein wenig zu halten.“ Moritz war kaum abgeſtiegen, als Lenden⸗ heim losbrach:„Donnerwetter! ſchon zum dritten Male; wir haben durch den Narren bereits mehr als eine Stunde verſäumt, wenn das ſo fortgeht, ſo holen wir nicht einmal eine Schnecke ein. Sagen Sie mir doch, Herr Albert, wie weit ſind wir ſchon von Großflauſendorf?“ „Ich glaube zwei Stunden Weges!“ entgegnete der Gefragte, indem er das Lachen nicht verbeißen konnte⸗ „Hören Sie mich an, Herr Albert! wenn Mo⸗ ritz vor einer Stunde noch einmal abſteigt, ſo fahren wir fort, und laſſen ihn mitten auf der Straße ſtehen, 67 er wird den Weg nach Hauſe ſchon zu finden wiſſen.“ Albert, obwohl ihm um der Flüchtigen willen die⸗ ſer Aufenthalt nicht unlieb war, beſchloß doch dem Be⸗ fehle Lendenheims zu gehorſamen, denn Moritz's Mitreiſe war ihm ohnedem ſehr unerwünſcht gekommen. Nach einer eben ſo langen Friſt als früher, ſtieg Mo ritz wieder ein, nicht ahnend, welch ein Urtheil während ſeiner Abweſenheit über ihn verhängt wor⸗ den war. Es währte auch wirklich kaum eine halbe Stunde, als Herr Moritz abermals rief:„Ich kann mir nicht helfen— Herr Albert, ſind Sie gut, und halten Sie an, ich muß hinunter.“ Der Wagen hielt— Albert ſchüttelte ſich vor Lachen— Lendenheim war wüthend und rief, nachdem Moritz rückwärts geeilt war:„Nun Albert! dreingehauen— fahren Sie ſo ſchnell, als die Pferde lau⸗ fen können!“— Der Patron ſchnalzte mit der Zunge, die Peitſche pfiff in die Luft, und fort ging es im geſtreckten Gal⸗ lopp. Der Zurückgelaſſene ſchrie Zeter und Weh, die Namen Lendenheim, Albert dann mitunter ein:. Aufhalten u. ſ. w. drangen durch die Nacht, aber nur einige Minuten, und die Davongefahrenen vernah⸗ men von dem„Dritten im Bunde“ keinen Ton mehr. Moritz Hadrian ſtand verlaſſen mitten auf der Sraße, ſah um ſich wie ein Fiſch, der ins Trockene 5 68 kommt, ſchnappte nach Luft, ſeufzte, und trat in langen Schritten den troſtloſen Rückweg an. Die Verfolger des Liebespaares fuhren nun unauf⸗ gehalten weiter. Im erſten Schanke, wo ſie anhielten, erfuhren ſie wirklich, daß ein junger Herr und eine Dame hier vor mehren Stunden angehalten, und dann weiter gefahren ſeien. Das ſind ſie! rief Lendenheim freudig aus, raſch aufgeſeſſen, Herr Albert, ſchonen Sie die Pferde nicht, mögen beide zu Grunde gehen, wenn nur meine Louiſe den Klauen des Elenden ent⸗ riſſen wird.“ Albert that, wie ihm befohlen, denn er wußte, daß jede Eile vergebens war, da die Liebenden einen Vorſprung von ſieben Stunden hatten, und ganz gewiß eben ſo ſchnell fuhren, wie die Lendenheim'ſchen Renner. Es war ungefähr um die dritte Morgenſtunde, als man auf der zweiten Station anlangte, wo man wieder ein wenig anhalten und die Roße verſchnaufen laſſen mußte. Der Schankherr der Dorfkneipe war noch mun⸗ ter. Herr Lendenheim verweilte zufällig einige Zeit im Wagen, ehe er abſtieg, während welcher Friſt Al⸗ bert in die Schankſtube eingetreten war, um für die Pferde ſorgen zu laſſen. Bei dieſer Gelegenheit frug er den Schankherrn, ob nicht ein Herr und eine Dame vor einigen Stunden hier angehalten hätten? Der Ge⸗ fragte antwortete mit„Ja“ und ſetzte gleich hinzu, daß 69 die Herrſchaften auch noch nicht weiter gefahren ſeien, indem ſie im Hinterſtübchen ein wenig ausruhen. Albert war wie vom Schlage gerührt. „Die Unvorſichtigen“ rief er bei ſich aus,„das konn⸗ ten ſie doch vorausſehen, daß man ſie verfolgen würde, und ſie halten ſchon hier an— ſie müſſen gewarnt wer⸗ den, ſonſt ſind ſie verloren!“ Nach einigen Augenblicken Nachſinnens zog er Geld aus der Taſche, drückte es dem Schankherrn in die Hand und ſprach:„Wenn auch mein Begleiter ſich nach dem Pärchen erkundigen ſollte, ſo verhehlſt Du ihm die Anweſenheit der jungen Leute, und ſagſt, ſie wären nach kurzem Aufenthalte weiter gefahren.“ Der Beſtochene nickte zuſtimmend; während dem trat Herr Lendenheim in die Stube. Auf ſeine Nachfrage erhielt er den bekannten Beſcheid, lächelte mit Ingrimm und ſprach„O wir holen ſie doch ein, aber dann Wehe, Wehe dem Entführer. Nun aber, Herr Albert, muß ich Ihnen aufrichtig geſtehen, daß ich einen entſetzlichen Hunger habe; he, Gaſtwirth, ich möchte Wein, Brod und Käſe, denn auf etwas Beſſeres wird man hier wohl nicht vorbereitet ſein!“ Während er ſich niederließ und die vom Fahren durchſchüttelten Glieder dehnte und ſtreckte, eilte der Schankherr, ſeine Wunſche zu befriedigen, und Albert entfernte ſich unter dem Vorwande, nach den Pferden zu ſehen. 70 „Ein köſtlicher Junge, der Albert!“ ſſchmunzelte Daniel Lendenheim vor ſich hin,„iſt mir tauſend⸗ mal lieber als wie Moritz Hadrian; der Narrträgt die Schuld, daß wir um eine ſtarke Stunde zurück ſind, wenn ich noch eine Tochter hätte, und Albert beſäße nur Hunderttauſend Gulden, er müßte mein Schwieger⸗ ſohn werden!—“ Während dieſes kurzen Selbſtgeſpräches trat der Wirth mit den verlangten Erfriſchungen ein; Herr Len⸗ denheim machte ſich darüber her, gab ſeinen Gedan⸗ ken dabei eine freie Audienz, welche ſich auch bald in die von ihm gepachteten Knoppernwaldungen verirrten, dann erwog er wieder den Kurs der Wolle, den Preis des Honigs, über ſeinen großen Vorrath an Spiritus ſchüttelte er bedenklich den Kopf, denn das Ueberhand⸗ nehmen der Mäßigkeitsvereine drohte dieſem Geſchäftsar⸗ tikel einen gewaltigen Stoß zu geben. Bei einer ſolchen Maſſe von Ideen war es natürlich, daß er auf ein halbes Stündchen ſeinen Gefährten vergaß, welche Friſt dieſer zu ſeinem Zwecke zu benützen keinen Anſtand nahm. Kaum aus der Schankſtube getreten, erkundigte er ſich bei dem Gaſtwirthe um das Hinterſtübchen. Die⸗ ſes lag am entgegengeſetzten Ende des Gehoftes, und Albert eilte leiſe auf dasſelbe zu. Bei der Thüre an⸗ gelangt, ſah er durch das Schlüßelloch einen feinen Licht⸗ ſtrahl fallen; er horchte, und hörte drinnen laut ſprechen. 71 Dieſe neue Unvorſichtigkeit emporte den Horcher; ſie thun, dachte er bei ſich ſelbſt, als ob ſie von der ganzen lieben Welt nichts zu befürchten hätten; für ſo leichtſinnig hätte ich meinen Freund Ernſt nicht gehal⸗ ten. Ich habe keine Zeit zu verlieren, ich muß ſie warnen. Nach dieſem Entſchluſſe öffnete er die Thüre und trat ein. Welche Scene! Das Stübchen war durch zwei Kerzen erleuchtet, der Tiſch mit Braten, Bäckereien, Bouteillen beſetzt, bot einen augenweidlichen Anblick; am oberen Ende desſel⸗ ben befand ſich ein altmodiſches Sopha, auf welchem die Dame ſaß; rechts ſtand ein zerfetzter Großvaterſtuhl in welchem ſich der Herr niedergelaſſen hatte. Beide wa⸗ ren beim Eintritte Alberts erſchrocken aufgeſprungen, und dieſer erkannte Fräulein Emeline und den en civil gekleideten Dragonerlieutenant Baron Ro ſen! Es läßt ſich ſchwer entſcheiden, wer von dem Klee⸗ blatte mehr erſchrocken war; der Eingetretene faßte ſich jedoch zuerſt, und ſprach mit einem ſataniſchen Lächeln: „Bleiben Sie ruhig, meine Herrſchaften, denn Sie hier zu finden, habe ich ſo wenig vermuthet, als es Ihnen je eingefallen wäre, durch mich geſtört zu werden. Sie erlauben, daß ich Ihnen auf einige Augenblicke Geſell⸗ ſchaft leiſte, ich lade mich bei ihnen zu Gaſt, und will ſie, aus Dankbarkeit dafür, von Ihrer gefährlichen Lage in Kenntniß ſetzen.“ 72 Nach dieſen Worten nahm er einen Stuhl, ließ ſich am Tiſche nieder, der Lieutenant war verlegen, Emeline wechſelte die Farben wie ein Chamäleon, Albert that, als bemerke er dieß Alles nicht, nahm ohne viel Um⸗ ſtände das Viertel einer gebratenen Ente aus der Schüſ⸗ ſel und begann zu tafeln.—„Warum ſo verlegen, mein Fräulein fuhr Albert in ſeiner früheren Weiſe fort, ſo viel ich weiß, ſind Sie auf der Heimreiſe begriffen, der Herr Lieutenant war ſo gütig, Sie bis hieher zu be⸗ gleiten; um ſeinen Edelmuth nur in etwas zu entſchädi⸗ gen, haben Sie all dieſe Braten und Bouteillien mit⸗ genommen, und ich habe das Glück, ein ungebetener Theilnehmer Ihrer Tafelfreuden zu ſein. Aber nun ver⸗ nehmen Sie auch, was mich hieher bringt— darf ich noch um ein Glas Schumlauer bitten, ſo— das iſt recht — aufs Wohlſein der ſchönen Emeline, das Fräu⸗ lein ſoll leben!“ Der Lieutenant mußte nolens volens mit anſtoſ⸗ ſen, ſein Geſicht dabei war ungefähr dasſelbe, wie das eines Soldaten, dem der Profoß vor dem Gaſſenlaufen das Gläschen Brandwein in die Hände drückt.— Nach⸗ dem Albert getrunken hatte, fuhr er fort:„Hören Sie mich an, meine Herrſchaften; Louiſe Lenden⸗ heim iſt heute mit Ernſt Flott entflohen; ich und Herr Lendenhe im ſind hier, um ſie zu verfolgen“— „Weh mir, ich bin verloren.“ 73 „Welche Verlegenheit?“ flüſterte der Lieutenant. Albert unterbrach die eingetretene, minutenlange Stille nicht, ſeine Gedanken waren geſchäftig, den Zu⸗ fall auch gehörig zu benützen, dabei aber aß er ſehr ſchnell, und ein Stück nach dem andern verſchwand aus den Räumen der Schuſſel, um ſich in jenen ſeines Magens niederzulaſſen. Wenn es wahr iſt, was die Anatomen behaupten, das der Magen im menſchlichen Körper das iſt, was die Küche bei einem Hauſe, ſo mußte man geſtehen, daß Herr Albert ein kleines Haus aber eine ſehr geräumige Küche hatte. Nach der kurzen Stille begann er wieder:„Ich weiß ein Mittel, Sie Beide der Verlegenheit zu ent⸗ ziehen; willigen Sie darein, ſo bleibt die jetzige Scene ein Geheimniß, keine Seele ſoll von dem Rendezvous erfahren, ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, aber was ich rathe, geſchieht nicht ohne Eigennutz.“ „Was forden Sie?“ fragten die Ueberraſchten ganz kleinlaut. „Fuͤr Sie, meine Herrſchaften, iſt's wenig, für einen Andern aber ſehr viel, denn es hängt das Gluck ſeines Lebens davon ab. Samuel Stangenfeld bereut jetzt ſchon die mit Ihnen, Fräulein Emeline, einge⸗ gangene Verbindung, theils das für ſeine Umſtände em⸗ pfindliche Reugeld von 2000 Gulden, theils aber die Furcht vor der Feindſchaft der Ihrigen und deren Ka⸗ balen, halten ihn davon ab, ſich offen zu erklären; ich 74 fordere daher von Ihnen, Emeline, daß Sie das Bündniß brechen ſollen.“ „Nie und nimmer!“ rief das Fräulein. „Wohlan, ſo gehe ich hinüber, um Herrn Len⸗ denheim zu holen.“ „Halten Sie ein!“ riefen Beide zugleich— Es war für Emeline und den Baron eine qual⸗ volle Situation. „Schreckt Sie vielleicht das Reugeld?“ fuhr A l⸗ bert fort,„ich bin überzeugt, der Herr Lieutenant Baron Roſen, wird eine ſo geringe Summe nicht ſcheuen, um Ihre Ehre mindeſtens vor der Welt zu retten.“ Emeline ſah den Offizier flehend an, und dieſer entgegnete mit bitterſüßer Miene:„Wenn es ſein muß, für Sie, meine Theure, ſcheue ich auch dieſes Opfer nicht.“ „O Sie unvergleichlicher Menſchenfreund,“ rief Al⸗ bert mit komiſcher Rührung,„geben Sie mir hierauf Ihr Ehrenwort!“ Der Baron reichte ihm die Rechte und ſagte;:„Auf mein Ehrenwort.“. „Sie, mein Fraͤulein,“ ſprach der Kobold weiter, „ſind bei der Verhandlung zu ſehr betheiligt, als daß ich von Ihnen nicht die pünktlichſte Erfüllung Ihres Verſprechens erwarten ſollte, und nun erlauben Sie mir nur noch hinzuzufügen, daß, wofern ich von Ihnen ge⸗ 75 gen Samuel nur die Ahnung einer Intrigue be⸗ merke, ich augenblicklich mein Schweigen brechen, und Sie der Schande preis geben werde; Sie ſind zu klug, um die Folgen hievon nicht einzuſehen. Und nun will ich Sie, meine Herrſchaften, in Sicherheit bringen. Un⸗ ſere Wagen müſſen alſogleich eingeſpannt werden. Sie Fräulein Emeline, beſteigen den Ihren, und ſetzen Ihre Reiſe fort, und Sie Herr Lieutenant, nehmen, während ich Herrn Lendenheim in der Schankſtube aufzuhalten ſuche, von unſerem Wagen Beſitz, und ja⸗ gegen Großflauſendorf zu— vor dem Orte ſteigen Sie ab, und überlaſſen das Geſpann ſeinem Schickſale, die Roße aus langjähriger Gewohnheit wer⸗ den ſicher zum Hauſe ihres Eigenthümers trabben, und dort in Empfang genommen werden.“ Der Plan wurde angenommen; Albert entfernte ſich, um den Gepeinigten mindeſtens die letzten Ab⸗ ſchiedsminuten nicht zu vergällen— der Gaſtwirth er⸗ hielt Befehl, einſpannen zu laſſen, wenige Minuten, und Emeline ſchied weinend aus den Armen des Lieu⸗ tenants, gleich darauf fuhr ſie von dannen, und der Lieutenant ſchlich etwas ſpäter hinaus, um Lenden⸗ heims Equipage in Empfang zu nehmen. Während dem trat Albert in die Schankſtube. „Nun, mein wackerer Freund“ rief ihm Louiſen s Va⸗ ter entgegen,„wollen Sie nicht auch etwas zu Leibe nehmen?“ 76 „Danke ſchönſtens, Herr Lendenheim, ich habe wahrhaftig keinen Apetit; mir iſt's gerade ſo, als ob ich eben von der gaſtlichſten Tafel aufgeſtanden wäre.“ „Wenn Sie geſättiget ſind, ſo wollen wir weiter fah⸗ ren, ich habe bereits angeſpannt.“ „Ganz recht, heh Gaſtwirth, hier iſt unſere Ze⸗ che! ſo, mein lieber Albert, nun aber laſſen Sie die Rößlein wieder friſch auftreten.“ Die beiden Gefährten traten ins Freie, das Raſ⸗ ſeln eines davon jagenden Wagens tönte zu ihnen her, das Geſpann verſchwand im Dunklen der Nacht— es war das ihre, Herr Lendenheim ſtand wie vom Blitze getroffen. „Was iſt das?“ ſtotterte er. „Unſer Wagen iſt fort!“ „He— Gaſtwirth— verdammt— Licht her— Gaſtwirth— Diebe— mein Wagen— meine Pferde.“ Die ganze Schenke kam in Allarm— der Wirth von Albert aviſirt— kam langſam herbei— und wußte keine Hilfe zu ſchaffen— Lendenheim raste und tobte, Albert ſchoß mit nichtsſagender Geſchäf⸗ tigkeit umher, es verging eine halbe Stunde, ehe man nur dazu kam, mit Ruhe über den Sachbeſtand nach⸗ zudenken. Von Pferden war im ganzen Orte keine Rede— man konnte weder den muthmaßlichen Räuber der Equi⸗ page, noch das entflohene Liebespaar verfolgen— Len⸗ —. 77 denheim war in Verzweiflung, Albert heuchelte dieſelbe Gemuͤthsſtimmung, an Ruhe war nicht zu den⸗ . ken— die Aufregung erſchöpfte Herrn Daniel der⸗ maßen, daß er ganz kraftlos jedes fernere Verfolgen aufgab, und ſeinen wackern Freund bat, er möge doch nur um Gotteswillen trachten, ihn auf irgend eine Wei⸗ ſe nach Großflauſendorf zu bringen. Der Wirth hatte ein Geſpann prächtiger Ochſen, die er gewöhnlich beim Pfluge verwendete, ein langer Leiterwagen wurde mit Heu gefüllt, nach einer Stun⸗ de lag Herr Lendenheim der Länge nach im Heu, Albert nahm die andere Längenhälfte des Wagens in Anſpruch, ein Knecht vertrat die Stelle des Kutſchers, die Rinder zogen an, und fort ging es, in gemüthli⸗ cher Langſamkeit gegen Großflauſendorf. Es war vier Uhr Nachmittags als man daſelbſt anlangte. 7. Großflauſendorf war in Bewegung. Die Verfolgungserpedition des Herrn Lenden⸗ heim, zu deren Verbreitung Albert das Seinige bei⸗ trug, erregte Senſation. Moriz Hadrian hatte die Feſtkleider abgelegt, und mufßte ſich's gefallen laſſen, daß von ihm eine Ca⸗ rikatur zirkulirte, wie er mit den Händen ſeiu Bein⸗ 78 kleid haltend, dem davonjagenden Wagen nachrannte, und dabei ausrief:„Louiſe, ich bin matt, wie Deine Li⸗ monade!“ Ein anderes Spottbild präſentirte wieder Herrn Lendenheim als Heubauer, wie er an der Seite der Ochſen einherſchritt, und darunter ſtanden die Worte: „Einſt zog ich an meiner Brüder Seite!“— Das räthſelhafte Anlangen ſeiner Equipage blieb auch nicht vergeſſen, denn ein drittes Bild machte die Runde, welches das Geſpann als fliegenden Holländer darſtellte, worunter zu leſen war:„So machens die Holländer!“ Nach einigen Tagen erhielt Lendenheim ein Schreiben, in welchem ihm Louiſe ihre Verbindung mit Ernſt anzeigte, ihn des gethanenen Schrittes hal⸗ ber um Verzeihung bat, auf jede Mitgift Verzicht lei⸗ ſtete, und den Vater nur um ſeine Liebe anflehte. Am erſten Tage wüthete Daniel, am zweiten wur⸗ de er ruhiger, am dritten kamen Tanten, Vettern, Muh⸗ men, Baſen, um ihm ſeine Härte vorzuſtellen, am fünf⸗ ten erfaßte ihn ſchon die Liebe zu ſeinem Kinde, er ging zum alten Flott, was man allgemein für ein gutes Zeichen nahm. Auch Elias Löwengrub wurde mit einem Brief von Emelinen überraſcht, in welchem dieſe anzeigte, daß ſie unmöglich Samuel Stangenfelds Gattin werden könne, indem ſie lieber das Reugeld zah⸗ len wolle, als lebenslänglich unglücklich zu ſein. Da Emeline ſchon majoren war, ſo konnte man ſie nicht zwingen; Samuel war daher von der Braut be⸗ freit, und bekam nebſtdem 2000 Gulden, nicht zu ver⸗ geſſen, daß es noch acht Tage nach ſeiner Verlobung geregnet hatte, mithin das Getraide, wie Elias vor⸗ aus geſehen, enorm im Preiſe geſtiegen war, und Sa⸗ muel jetzt ein reicher Mann genannt werden konnte. Als Ernſt mit ſeiner Gattin Louiſe in Groß⸗ flauſendorf einzog, fuhr ihnen Herr Daniel Lenden⸗ denheim und Jakob Flott in einer Kaleſche ent⸗ gegen. Albert vertrat wieder die Stelle des Phaetons, und wie einige Großflauſendorfer bemerkt haben wollen, ſoll Moritz Hadrian aus einem Bodenfen⸗ ſter verſteckt, herabgeſehen, und ſich dabei in Wuth, über den Verluſt der Mitgift, die naſſen Augen gewiſcht haben. Einen Monat nach ihrer Abreiſe kam auch Frau Zirl aus dem Bade zurück. Nachdem ſie vergeblich auf den Rittmeiſter gewartet, kam endlich ein Brief mit der Nachricht, daß er nicht nur keinen Urlaub erhalten, ſondern auch zu einem andern Regimente nach Italien verſetzt worden ſei; ſie kehrte daher ganz troſtlos zurück, und Herr Elias, ohne nur etwas merken zu laſſen, zog die Zügel nach und nach ſtrenger an, Emeline die Vertraute mußte daheim bleiben, und FrauZirl bekam 80 ſobald keine Gelegenheit mehr, ihren militäriſchen Sympathien nachhängen zu können. Ernſt und Louiſe ſind nun das Glück ihrer Eltern, die Familie Löwengrub lebt in Einigkeit, Samuel Stangenfeld iſt der Gatte eines braven Weibes, ja ſogar Emeline ſoll glücklich verheirathet ſein, und dieß Alles iſt das Werk des guten, frohſinnigen und klugen Alberts. Moritz Hadrian iſt jetzt ein groſſerMann er hat Gold wozu braucht er ein Herz? Und ſomit liebe Leſer, ſchließen wir dieſes Charakter⸗ gemälde von Gold und Herz und verſprechen künftig ein Aehnliches zu liefern, welches die Großflau ſen⸗ dor fer Wirrniſſe in Bezug auf ihren geiſtlichen Vor⸗ ſtand ſchildern ſoll, und das demgemäß den Titel führen wird: Gold und Geiſt! —— „— Züdiſche Sprüchwörter. Ein armer Mann kam in einen kleinen Ort, und ging in der dortigen Gemeinde betteln. Als er in das erſte Haus trat, gewahrte er, daß hier die Armuth ihren Sitz aufgeſchlagen hatte. Die Frau kam ihm auch freundlich entgegen und ſagte: „Ach mein lieber Mann, Ihr kommt zu uns, um ein Almoſen zu bitten; es thut mir weh, Euch nichts geben zu können, aber Ihr ſeht ja, wir haben nebbech ¹) ſelber nichts.“ Der Mann ging fort. Im zweiten Hauſe herrſchte eine noch größere Ar⸗ muth; ein altes Mütterchen trippelte auf ihn zu, und ſagte:„Ach mein lieber Orach, ²) wie gern möchte ich Euch Zdoke*) geben, aber glaubt mir auf mein Wort, ich hab' ſelbſt keinen Pfennig im Hauſe!“ „ ——————— ¹) Ein Ausdruck des Bedauerns, ungefähr ſo viel, als: Zum Er⸗ barmen. ²) Ein Fremder, ²) Allmoſen⸗ Alt u. Jung Iſrael. 82 Bei der nächſten Familie, die ebenfalls ſehr arm war, ſagte der Hausvater:„Da nehmt; dieſer Laib Brod wird mir mein heutiges Mittagmal liefern, ich gebe Euch ein Stück davon, mehr habe ich nicht, Gott wird Euch ſchon helfen!“ Im Nachbarhauſe wurde er eben ſo freundlich empfangen; ein alter Mann reichte ihm ein altes Klei⸗ dungsſtück, und ſagte:„Ich habe nur zwei Röcke in meinem Beſitze, den Einen trage ich, den andern gebe ich Euch. Ihr ſeht, ich kann nicht mehr, ich bin ſelbſt ſehr arm.“ Der Fremde ging ſo von Haus zu Haus, und überall fand er freundliches Entgegenkommen, aber auch die größte Armuth. Da verließ er den Ort, und als er außerhalb des⸗ elben angelangt war, ſtreifte er die Gewänder von ſich, ein Paar mächtige Schwingen entfalteten ſich, und eine Engelsgeſtalt ſchwebte jetzt zum Himmel empor. Bald ſtand das überirdiſche Weſen vor dem Throne Gottes. „Herr der Heerſcharen“ ſprach der Engel,„ich komme zu Dir, 2 Gerechtigkeit anzuflehen.“ „Laß hören, mein Sohn, was willſt Du von mir?“ „Du haſt mich geſendet, die Herzen der Menſchen zu erforſchen, ich kam in eine Gemeinde, die durchgehends die größte Theilnahme und das höchſte Mitleid für die 83 Armuth an den Tag legte, ſo gute Menſchen habe ich noch nirgends getroffen, aber die ganze Gemeinde iſt arm, ſehr arm! wie kannſt Du bei Deiner Allgerechtig⸗ keit ſolche Menſchen in ſo tiefer Armuth ſchmachten laſſen? Mach' dieſe Leute reich, und Du wirſt ſehen, ihre Mildthätigkeit wird keine Gränzen haben.“ Der Allmächtige ſagte:„Deine Bitte ſei erhört!“ Glück und Segen kam über die Gemeinde, in kur⸗ zer Zeit verſchwand die Armuth und die Wohlhabenheit machte dem Reichthume, und dieſer endlich dem Ueber⸗ fluſſe Platz. Und der Herr im Himmel ſandte den Engel wie⸗ der auf die Erde hernieder, um die Herzen der Menſchen zu erforſchen, und der Engel in der Geſtalt eines Ar⸗ men betrat wieder die Gemeinde. Als er in das erſte Haus kam, gewahrte er wohl Reichthum, allein dieſes Mal kam ihm keine freundliche Frau entgegen, ſondern eine Dienſtmagd auf dem Gange ſagte ganz barſch:„Hier wird nichts ausgetheilt!“ Im zweiten Hauſe herrſchte noch größerer Reichthum, das alte Mütterchen trippelte umher, und als ſie ihn erblickte ſagte ſie:„Schon wieder n ¹) und ging in die Stube. In einer Viertelſtunde kam ein kleiner Knabe herausgeſprungen, warf dem Fremden eine Kupfermünze zu, und eilte wieder zurück. ze zu, * ¹) Bettler⸗ 84 Der Arme ſchüttelte den Kopf und ging in das nächſte Haus. Derſelbe Mann, welcher ihm vor Jahren einen Theil ſeines Brotes gegeben hatte, wollte eben in eine beſpannte Kutſche ſteigen, als ihn der Arme anredete. Der Reiche ſah ihn finſter an, warf ihm brummend eine kleine Münze zu, ſprang in die Kutſche und fuhr von dannen. Im Nachbarshauſe ſaß jener Greis, der ihm einſt ſo mitleidsvoll einen Rock, die Hälfte ſeiner damaligen Habe, geſchenkt hatte. „Herr“ begann der Arme;„Ihr werdet Euch ent⸗ ſinnen, vor Jahren einem Armen einen Rock geſchenkt zu haben. Ich bin derſelbe; ſeitdem hat der Himmel Euch mit Glücksgütern geſegnet, laßt auch mir Etwas von Eurem Ueberfluße zukommen; Ihr habt mir ja damals ſo viel gegeben.“ Der Reiche ſah ihn eine Weile an, dann zog er eine Lade auf, nahm aus derſelben etwas heraus, und ſagte:„Ich habe damals zwei Röcke gehabt, und habe Euch einen davon gegeben, Ihr ſagt ſelbſt, daß mein Geſchenk ein bedeutendes war, ich will jetzt für Euch nicht weniger thun als damals, da nehmt, dieß iſt der zweite Rock von jenen beiden, in dieſem Rocke bin ich reich geworden, vielleicht werdet Ihr es auch.“ Ob dieſem Hohne entrüſtet, eilte der Arme aus —— 85 dem Gemache, er floh aus der Stadt, und ſchwang ſich empor zum Himmel. Traurig, mit geſenktem Haupte ſtand er vor dem Ewigen. „Warum biſt Du ſo niedergeſchlagen, mein Sohn?“ fragte der Allmächtige.„Weil ich geſündiget habe, indem ich in Deine Allwißenheit Zweifel geſetzt. Ich bin wieder bei jener Gemeinde geweſen, die in ihrer Armuth mich ſo menſchenfreundlich, ſo theilnehmend empfangen hat. Jetzt aber, ſo ſie reich geworden, iſt es ganz anders. Früher hatten ſie Mitleiden, Troſt, Erbarmen mit der Armuth, jetzt fand ich Hohn und Härte, und Jene, die mir wirklich ein Almoſen reichten, ließen mir es zuwer⸗ fen, ſo wie man einem Hunde einen Knochen zuwirft. Ach, wie ſehr habe ich mich geirrt.“ Der Ewige antwortete:„Mein Sohn, ich habe das Menſchenherz geſchaffen, ich kenne es, das Menſchen⸗ herz iſt ſo wie die Olive, dieſe gibt erſt Oehl von ſich, wenn ſie gepreßt wird, und erſt wenn Noth, Sorge und Kummer das Herz drücken, erſt dann gießt es das Oehl des Mitleids in des Nächſten Bruſt; was Du ijetzt erſt erfahren, habe ich ſchon längſt gewußt:„Alle armen Leute haben gute Herzen.“ 2. In der ganzen Gemeinde war es bekannt, das Fin⸗ kele ein ſehr ſchönes Mädchen war, welches beſonders 86 ſchwarze Augen hatte. Außerdem iſt, wie die alten Wei⸗ ber ſagten, aller Tam'¹) auf ihr gelegen. Schon ſeit längerer Zeit, bewarb ſich ein junger Menſch, der Srole hieß, um ihre Hand. Das Mädchen war ihm nicht abgeneigt, allein der Vater ſagte jederzeit zu ihr:„Finckele, nimm Dir nicht den Srole, er hat Dich nicht gern, ſondern ihm iſt nur um die fünfhundert Gulden zu thun, welche Du Nedann*) bekommſt.“ Finckele hat ſich aber dieß nicht einreden laſſen, und es wurde Tnom*) geſchrieben, nach Simches Thora*) hätte ſollen Chaſſene*) ſein. Am Tage vor der Hochzeit kamen beide Familien zuſammen. Finckeles Vater machte ein trauriges Geſicht, und ſagte endlich:„Meine lieben Freunde, der Augenblick iſt da, ich muß Euch die Wahrheit bekennen, ich habe dieſen Herbſt; ſehr viel Schlemaßel“) gehabt, hab viel Geld verloren, und kann daher meiner Tochter, nur vierhundert Gulden Nedann geben; da Srole meine Tochter ſehr gern hat, ſo wird ihm an dem klei⸗ nen Abbruch nichts liegen.“ Alle Anweſenden von Seiten des Choſens*) mach⸗ ten große Augen, Srole ſelbſt machte die größten, und ſagte endlich:„Ich habe Finckele gern, das iſt wahr ¹) Anmuth. ²) Ausſteier 3) Verlobung ²) Freudenfeſt ³) Hochzeit. *) Unglück. ³) Bräutigam. — ꝛ 87 aber mit vierhundert Gulden kann ich ſie nicht nehmenz Ohne Geld iſt keine Chaſſene!“ „Hörſt Du, Finckele mein Kind,“ ſagte der Va⸗ ter, nun ſiehſt Du, daß er Dich nicht gerne hat; nun wirſt Du Dir einen andern Mann ausſuchen, und ich werde Dir geben acht hundert Gulden Nedann.“ Wie Srole dies hörte, wollte er umkehren, aber es war zu ſpät. Der Vorfall wurde bekannt, und die ganze Ge⸗ meinde machte ſich luſtig über ihn. Srole, warum haſt Du Finckele nicht genom⸗ men? rief ihm Einer ſpottend zu, und ein Anderer er⸗ widerte:„Die Kalle hatä Cheſſoren; ſie hat ſchwarze Aeugelech.“ ¹) 3. Der alte Reb Scholem war dort hingewandert wo ein ewiger Scholem'*) iſt, und hatte ſeinen Sohne Mordochai ein kleines Erbe hinterlaſſen. Der junge Menſch war von jeher ein Thunicht⸗ gut, und hatte nun nichts Eiligeres zu thun, als ſein Geld auf die unverantwortlichſte Weiſe dutchzujagen. Ein Freund geiſtiger Getränke, ergab er ſich der häßlich⸗ ſten aller Leidenſchaften, dem Trunke. Er hing ſich an ¹) Die Braut hat einen Fehler, ſie hat ſchwarze Augen. ²) Friede. 88 mehre junge Leute deſſelben Gelichters und bildete mit ihnen eine luſtige Kompagnie, welche den ältern Leuten der Gemeinde ein Gräuel war.— „Haſt e Chawruße,¹) was ſich Mordchele ausge⸗ ſucht hat? Was wird Mordchele für einen Sof') nehmen?“ Dieß waren die allgemeinen Reden in der Ge meinde, ſo oft des Liederlichen gedacht wurde. Ein alter Freund des ſeligen Scho lem konnte dem Unweſen nicht mehr zuſehen, und begab ſich eines Morgens zu Mordchele. Der Thunichtgut lag noch im Bette, er hatte eben den geſtrigen Rauſch ausgeſchlafen, und öffnete mit ſchwerer Mühe die Lider, um den Gaſt zu empfangen. „Guten Morgen, Reb Selig.“ „Euten Morgen, Mordchele.“ „Was wollt Ihr von mir?“ „Ich will mit Dir reden.“ „In Gotts' Namen, das Reden kann man keinem Menſchen verbieten.“ „Mordchele, Du weißt, Dein alter Vater vle weſcholem*) iſt mein Freund geweſen.“ „Ja, das weiß ich.“ „Ich halte es daher für meine Pflicht, ſeinen Sohn vom Abgrund zu reißen, an dem er ſteht.“ Mordchele blickte ſuchend umher, und ſagte: ¹) Kammeradſchaft. ²) Ende. ²) Er ging in den Frieden. 89 „So viel ich ſehe, iſt da nirgends ein Abgrund, denn ich lieg ganz wohlbehalten im Bett.“ „Jetzt liegſt Du noch im Bett, wenn Du es aber ſo forttreibſt, ſo wirſt Du bald auf der Erde liegen, denn Du biſt ein Schickerpelz. ²)“ „Was redet Ihr von meinem vielen Trinken— war⸗ um ſprecht Ihr nicht von meinem großen Durſt?“ „Mordchele, Du machſt noch Narreſchkaten ²) Du wirſt dirs einmal vergehen laſſen.“ Deine Jeruſche*) wird bald gar ſein und dann kannſt Du ſchnorren*) gehen.“ „Ob früher oder ſpäter, das iſt Alles Eins, Ihr wißt es ſo: An Jeruſche und Nedann Geld iſt kein Broche!«).“— Der alte Reb Selig ſchüttelte den Kopf und antwortete:„Nicht un dem Geld, ſondern an Dir iſt keine Broche, das merk Dir! ich hab Dir meine Mei⸗ nnng geſagt, jetzt geh' ich, Gott beſſere Dich.“ Der Alte ging fort und Mordchele, um das an⸗ geführte Sprichwort zu bewahrheiten, fuhr in ſeiner Lebensweiſe fort, und trieb es noch ärger denn früher. Purim*) war da, es war gerade ein Jahr, ſeit⸗ dem er das Erbtheil in Empfang genommen hatte, und ¹) Trunkenbold. ²) Narretheien. ²) Erbtheil.*) Betteln. *) Erbtheil und Morgengabe bringt keinen Segen. *) Faſching. 90 ſchon war ſein Säckel leer, daß man hätte können ein brennendes Wachslicht hinein ſtellen. Mordchele ſaß traurig in ſeiner Stube, da kamen ſeine guten Freunde herein geſtürzt. „Gut Purim, Mordchele!“ rief der Eine. „Gut Purim, ſteig mit auf den Tintorn!*)“ rief der Andere. Mordchele lachte nicht, ſondern machte ein be⸗ trübtes Geſicht. „Was iſt das, Mordchele?“ „Was wollt Ihr, meine Freunde?“ „Gehſt Du heute mit uns als Maſk?“ „O ja, wenn Ihr mir das Geld dazu leiht.“ „Haſt Du kein Geld mehr?“ „Keinen Kreuzer.“ „Wir auch nicht!“ riefen die Andern, und ver⸗ ließen eilig die Stube. Mordchele war wieder allein. Er ſann eben darü⸗ ber nach, was er thun ſolle, da trat der alte Reb Selig ein. „Gut Purim, Mordchele.“ Der Angeredete wurde feuerroth und ſtotterte: „Was wollt Ihr von mir.“ „Nichts, gar nichts, was kann ich auch von Dir wollen? Du haſt ja nichts mehr.“ „Wer ſagt das?“ fuhr Mordchele auf. „Wer? Dine früheren Freunde. Und wenn die es (Tintenfaß. 9¹ auch nicht geſagt hatten, hätt' ich es doch gewußt; denn um dieſe Zeit war im ganzen Jahr von Dir ſchon die Gaſſen voll; heute an Purim, hört man nichts, und ſieht man nichts; ſiehſt Du, Mordchele! ſo weit iſt es mit Dir gekommen. Was wirſt Du jetzt anfangen?“ „Schnorren gehen!“ ſagte der Andere ironiſch. „Nein, das ſollſt Du nicht, Du ſollſt arbeiten.“ „Arbeiten? jetzt wo ich kein Geld mehr hab', das ſind Eß rogim nach Sukes.*)“ „Arbeit kommt nie zu ſpät,“ ſagte Reb Selig, Arbeit vertreibt jede Leidenſchaft, und heilt jede Wunde, welche das Laſter geſchlagen. Komm mit mir, Du ſollſt . eſſen an meinem Tiſche, ſollſt wohnen in meinem Hauſe, und wenn Du fleißig arbeiteſt und dich beſſerſt, ſo werde ich Dir geben einen ordentlichen Lohn und Du wirſt wie⸗ der werden ein ordentlicher Menſch.“ Mordchele willigte ein. „Aber das ſage ich Dir im Voraus,“ mahnte Reb Selig„mit dem Schickern') iſts bei mir nichts.“ Mordchele antwortete:„Ich werde nie mehr trinken auſer an Purim, heuer hat es bei mir gehei⸗ ßen:„E' ganz Jahr ſchicker und Purim nüchtern ³) von nun an aber ſoll es heißen: E ganz Jahr nüchtern und Purim ſchiker! ¹) Sprichwort ſo viel als zu ſpät kommen. ²) Saufen. ²) Im gan⸗ zen Jahre betrunken, nur in der Faſtnacht nüchtern. 92 Und ſo geſchah es auch. Mordchele, da er unter Aufſicht ſtand, führte ſich brav auf, und wurde ein ordentlicher Menſch. Beim Federnſchleißen. Der Sabath war zu Ende. In den Judenhäuſern der kleinen Gemeinde wurden die Wohnungen des feſtlichen Schmuckes entblößt, man nahm die weißen Laken ab, welche während der Feier⸗ tage die Tiſche decken, die Reicheren ſtellten die koſtbar⸗ ren Geſchirre wieder in den Schrein und auf das Ge⸗ ſimſe; die Armen zogen die Feſttagskleider aus, und machten ſichs bequem, indem ſie das leichte Wochengewand um⸗ warfen. Die Familienväter hatten den Segen über den aus⸗ gehenden Feiertag geſprochen, und Frauen und Kinder nahmen Theil an der frommen Zeremonie. Dieß war auch in der großen Wohnſtube des wa⸗ ckern Löb Tewel der Fall und die Familienmitglie⸗ der hatten ſich kaum den Wunſch:„Gut Woch!“ zuge⸗ rufen, ſo eilte Frau Hannele, Reb Löbs Ehefrau auch ſchon in das Nebenzimmer, um Korallen und Ringe abzulegen. Sarra, die liebliche Tochter, entblößte den Tiſch von der ſchneeigen Decke. Der Vater zog einen 94 kurzen Rock von aſchgrauem Moldon an, die Dienſt⸗ magd verlängerte durch Herausziehen zweier Einſchub⸗ platten den nußbraunen Tiſch, umſtellte denſelben mit Seſſeln und Stühlen, und vergaß ja nicht, den gepolſterten Großvaterſtuhl obenan zu ſetzen, in welchem das Fami⸗ lien⸗Oberhaupt bereits durch zwanzig Jahre einer glückli⸗ chen Ehe die oberſte Stelle behauptet hatte. Außer den er⸗ wähnten Perſonen tummelten ſich auch drei Knaben um⸗ her, von denen der Aelteſte zwölf, der Jüngſte fünf Jahre zählte; Der Mittlere, der unbändigſte von ihnen, mochte ungefähr neun Jahre alt ſein. „Kinder, macht keinen ſo großen Lärm mahnte der Vater,„ſondern ſetzt euch ruhig zu Tiſch, und bleibt ſitzen. Doch halt, Jekefel, bring mir den Stiefelzieher, und Iſſerl, hol die Pantoffel.“ Die Jungen balgten ſich eine Weile umher; indem Beide dem Vater beim Auszie⸗ hen der Fußbekleidung behülflich ſein wollten; endlich entſchied der väterliche Wahlſpruch für den Jüngſten und Iſſerl warf ſich freudig zur Erde, und vollbrachte das Geſchäft. Mittlerweile hatte die Magd zwei großmächtige Töpfe hereingebracht, und beide auf den Tiſch geſtellt. Reb Löb Tewel nahm den oberſten Platz ein die Hausfrau machte ſich an ſeine Rechte, die Tochter an die Linke. 9 Jetzt ging die Thüre auf, und vier Männer traten in die Stube. 95 „Guten Abend, Reb Löb!“ „Guten Abend, meine Gäſte!“ „Da iſt ja ſchon Alles hergerichtet?“ „Freilich, wir warteten nur auf die Freunde und Be⸗ kannten.“ „Wo iſt Frau Hendl?“ „Sie iſt noch nicht hier, aber ſie wird wahrſcheinlich gleich kommen.“ Die Angelangten wollten ſich niederlaſſen, da ver⸗ nahm man von Außen herein, Frauenſtimmen. Sara rief:„Aha ſte kommen ſchon!“ und eine alte Frau mit zwei Mädchen traten in die Stube.“ Wenn in irgend einer Geſellſchaft dreißig Männer ein⸗ treten, ſo iſt der Lärm lange nicht ſo groß, als wenn zwei oder drei Frauen kommen. Da wird gefragt, gerufen, gelacht, geſchrieen, ſich verwundert, und zwar immer alle zugleich, daß man ſein eigenes Wort nicht verſtehen kann. Dieß war auch hier der Fall. Die Frauen Hannele und Hendl, die Mädchen Sara, Mirjam und Eſther machten einen ſolchen Höllenſpektakel, daß die anweſenden Männer ſich ſcherz⸗ weiſe die Ohren zuhielten. Wir benützen dieſen Tumult, unſere Leſer mit den Namen der nun vollſtändigen Geſellſchaft bekannt zu machen. Die Familienmitglieder kennen wir bereits:„Vater 96 Reb Löb Tewel, Muter Frau Hannele, Tochter Jungfrau Sa ra, Söhne Haſch, Jekef und Iſſerl. Nun kommen die Fremden. Frau Hendl, eine redſelige, alte Kindbettwärterin, das iſt nähmlich ein Weib, welches von den in Wochen liegenden Frauen zur Wartung und Pflege gedungen wird:Mirjam und Eſther, zwei Mädchen, ihre An⸗ verwandte; Adam Freund, ein junger gebildeter Mann, welcher Sara zu Liebe, ſchon länger ins Haus ging; der alte David ein Hauſirer; Baruch Prager der Schulklopfer der Gemeinde, und endlich der Hausleh⸗ rer eines reichen Hauſes, welcher die ſchöne Sara auch gerne ſah, und der eigentlich Iſack Peiteles hieß, ſich aber viel lieber Iſidor nennen ließ, weil Iſidor ſeiner Meinung nach, doch hübſcher klang, als Iſack. Nach einer ziemlichen Weile ſetzten ſich auch die Fremden zum Tiſch, zwei Kerzen beleuchteten die Geſellſchaft, die ſich hier zuſammen gefunden hatte, um Federn zu chleißen, und die Zeit durch Geſchichten und Erzäh⸗ ſlungen zu kürzen. Lächeln Sie nicht, meine verehrten Leſer undLeſerinnen; eine Geſellſchaft beim Federſchleißen iſt eben ſo angenehm zu belauſchen, wie eine andere beim Spinnrocken: im Gegentheil, ſie iſt noch heimlicher, noch zutraulicher, weil da die tiefſte Stille nicht einmal durch das Surren der Spinnräder geſtört wird; denn da ſitzt Alles ſo ru⸗ ruhig, und zupft die reichen Federn von den Stängeln; ja, nicht einmal laut räuſpern oder nießen darf man bei dem Geſchäfte, ſonſt fleugt die leichte Waare durch alle Winde. Außen iſt's eiskalt, denn nur im Winter verſammelt man ſich in den Judenhäuſern zum Federnſchleißen; in der warmen Stube aber weht der duftige Odem irgend einer zu erwartenden Leibſpeiſe, als da ſind: gebratene Gansleber, Grieben, Benezen') oder anderweitige Leker⸗ bißen, die man in Israel hochverehrt, und welche dann den Gäſten getiſcht werden, um den Ruhm eines gaſt⸗ ſreien Hauſes zu erwerben, oder ihn, wenn man ihn ſchon hat, nicht einzubüßen. O, wie oft habe ich in der Geſellſchaft der Feder⸗ ſchleißer geſeßen! ich war damals noch jung, noch wild und unbändig, und hatte eine Herzensfreude daran, wenn ich durch einen Nießer die Federn aufwirbeln, und die ganze Geſellſchaft aufſchreien machen konnte; aber dieß geſchah niemals ungeſtraft; einige Puffer, durch die Güte des nächſten Beſten geſpendet, waren der Lohn meines Muthwillens. Doch that ich dieß nur, wenn es in der Geſellſchaft ſtill und langweilig herging, wenn Niemand Etwas zu er⸗ zählen wußte, überhaupt, wenn es an einer andern Un⸗ ¹) Oeſterreichiſch. Krameln. Bönezen, gebähtes Brod, mit Gansfette geſchmiert. Alt u. Jung Iſrael. 98 terhaltung mangelte; wenn aber, was am meiſten der Fall war, bald Dieſer oder Jener mit einem Geſchichtchen heraus rückte, mit einer Sage, mit einem wirklichen Er⸗ lebniße, o, da hüthete ich mich wohl, die Aufmerkſam⸗ keit der Andern zu ſtören; ich hätte auch keine Zeit da⸗ zu gehabt, denn ich mußte ſelbſt mitanhören die nunder⸗ baren ergreifenden Geſchichten, die da erzählt wurden, und fürwahr, mir iſt keines entgangen, ob kurz oder lang, ob launig oder ernſt, ich habe ſie mir alle ge⸗ merkt, ſie ſind meinem Gedächtniße beßer eingeprägt ge⸗ blieben, als die lateiniſchen und griechiſchen Vocabula, mit welchen man dazumal meinen jungen Kopf vollpfropfte. Doch zurück zu unſerer Geſellſchaft. Frau Hannele hatte aus einem großen Jopfe jedem der Anweſenden ein Häuflein Federn heraus gege⸗ ben, und der Hauſirer David, als die Reihe an ihn kam, ſagte:„Meine liebe Macheteneſte,¹) geben Sie mir nicht zu viel Federn heraus, denn ich will mich auf die Stopfleber hungrig halten.“ Frau Hannele, eine dicke, wohlbeleibte Frau mit einem vollen Geſichte und einen ſtark geſpaltenen Kinn erwiederte den Scherz auf dieſelbe Weiſe, indem ſie ſagte: „Fürchten Sie ſich nicht, die Federn ſind leicht, und werden Ihnen nicht im Magen liegen bleiben. Uebri⸗ gens glaube ich, werden ſich die Federn mit ¹) Redensart, ſo wie ungefähr: liebe Gevatterin. 99 der Leber ſehr gut vertragen; denn beide kommen ja von der Gans her.“ „Gut geſprochen, meine liebe Balboſte), nahm Reb Löb das Wort,„doch jetzt luſtig ans Schleißen, meine Freunde, und“— „Und ans Erzählen!“ ergänzte Sara. „Ja, ja ans Erzählen!“ riefen die beiden übrigen Mädchen.“ Adam Freund, welcher neben Sa ra ſaß, ver⸗ ſetzte:„Ich bin dabei, nur fragt es ſich, wer den An⸗ fang machen ſoll?“ „Wir wollen Hölzel ziehen!“ meinte Iſidor Pei⸗ teles. „Warum nicht gar!“ entgegnete der Schulklo⸗ pfer,„wozu dieſes lange Reden und Spreitzen, ich will der Erſte ſein.“ „Gut,“ riefen die Andern,„der Schulklopfer ſei der Erſte.“ Baruch Prager begann:„Meine Geſchichte hat ſich vor vielen Jahren in irgend einer Chille?) zuge⸗ tragen.“ „Wie heißt die Geſchichte?“ fragte die alte Kindbett⸗ wärterin. Der Schulklopfer ſah ſie bedeutungsvoll an, und ſagte:„Muß denn jede Erzählung einen Namen haben?“ ¹) Hausfrau. ²) Gemeinde. ——— 100 „Ja,“ entgegnete Frau Hendl mit Beſtimmtheit, ohne Namen keine Maiße¹) kein Rabbi ohne Baiße.)“ „Gut,“ rief der Schulklopfer,„ſo ſoll meine Geſchich⸗ te heißen!“ „Der Rebbe mit der langen Baiße.“ Allgemeines Gelächter. Nachdem ſich dieſes gelegt hatte, nahm der Schul⸗ klopfer wieder das Wort und erzählte wie folgt: „Ein Freitag Nachmittag hatte begonnen, da fuhr ein kleines, mit Rohrgeflechte eingedecktes Wägelchen in die Judengaſſe. Wie gewöhnlich liefen Knaben und Mäd⸗ chen zuſammen, um zu ſehen, wer denn eigentlich der Angekommene ſei?“ „Der Wagen hielt, und aus demſelben kroch ein klein winziges Jüdelchen heraus. Es trug eine ſchwarze ſeidene Schubeze,*) weiße Stümpfe, Schuhe mit Sil⸗ berſchnallen und eine walzenförmige Pelzkappe.“ „Das kleine Männchen war ſehr hager, hatte ein blaßes, eingefallenes Geſicht, aber zwei ſchwarze Augen mit einem ſtechenden Blicke und einen langen braunen Bart.“ „Doch das Wunderbarſte an den Fremden waren zwei langmächtige Baißes, die faſt die Hälfte ſeines Leibes deckten. In der Hand trug er ein Hiſpaniarohr mit einem effenbeinernen Knopfe.“ Geſchichte. ²) Kein Rabbi ohne Bart und Locken. ³) EineTunika. 101 „Wo wohnt der Roſch Hakohol*)?“ frug er eines von den gaffenden Kindern. Ein Knabe ſprach:„Kommt mit mir, Rebbe, ich will Euch weiſen, wo der Roſch Hakohol wohnt.“ Und der Angekommene folgte dem Knaben. Der Gemeindevorſteher empfing den Fremden mit Ehrerbie⸗ thung. „Seid Ihr der Roſch Hakohol dieſer Chille?“ „Ja, Rebbe, was iſt Euer Begehren?“ „Ich möchte gern den Schabbes*) über hier bleiben.“ „Ihr ſollt uns ein willkomener Gaſt ſeinz darf ich fragen, woher Ihr des Weges kommt?“ „Aus Polen.“ „Und wohin reiſet Ihr?“ „Nach Erez Jisrvel!*)“ Der Gemeindevorſteher zerfloß bei dieſer Auskunft in eine noch größere Ehrerbietung; denn ein Rabbi, der ins gelobte Land zieht, in jenes Land der Wunder und der heiligſten Erinnerungen, wo die Stammväter Iſraels gewandelt, wo Moſes, der göttliche Prophet, gewirkt, wo David ſeine herrlichen Pſalmen geſungen, wo Salomon der Weiſe geherrſcht und Urtheile geſprochen, ein ſolcher Mann iſt ein doppelt ehrwürdi⸗ ges Weſen. Der Gemeindevorſteher ſelbſt nahm daher den Frem⸗ *) Gemeindevorſteher. 2) Sabbath. ³) Das gelobte Land. 102 den allſogleich gaſtfreundlich auf, wies ihm ein Stüb⸗ chen an, und dieſer ließ ſich's beim Roſch Hakohol wohl geſchehen. Jene Gemeinde hatte aber zufällig längere Zeit keinen Rabbi, denn ſie war ſtets in Unfrieden unter ſich, und ſo wie in einem Hauſe, wo Herr und Frau in immerwährendem Zank und Streit mit einander leben, die Dienſtleute ſelten lange aushalten, ſo wars auch hier mit den Gemeindebedienſteten der Fall; der Rabbi, der Schames ¹) u. ſ. w. hatten einen ſehr ſchweren Stand⸗ punkt, denn ſchlugen ſie ſich zu einer Parthei, ſo wur⸗ den ſie von der andern angefeindet; machten ſie Miene neutral zu bleiben, ſo hatten ſie beide Partheien gegen ſich; bei ſolchen Wirrnißen blieb dem letzt da geweſenen Rabbi nichts anders übrig, als bei Nacht und Nebel fortzugehen, und die liebe Chille ohne Seelſorger zu laſſen. Die Ankunft des polniſchen Rabbi mit den langen Baißes erregte daher die allgemeine Aufmerkſamkeit, die Ballbatim*) ſteckten die Köpfe zuſammen; die Schande, ſchon durch längere Zeit ohne Seelſorger zu ſein, ließ die Entzweiten auf kurze Zeit den alten Groll vergeſ⸗ ſen, und man einigte ſich, dem fremden Rabbi die er⸗ ledigte Stelle anzubiethen. Dieß geſchah am Freitagabend. *) Gleichſam Kirchendiener. ²) Familienväter. 103 Der Roſch Hakohol mit ſeinem Gaſte ſaßen noch bei Tiſch, da kam Einer nach den Andern von Jenen geſchlichen, und als endlich die Angeſehenſten der Ge⸗ meinde beiſammen waren, rückte Einer im Namen Aller mit dem Antrag heraus. Der Rabbi machte Anfangs ein paar große Augen, nach langem Zureden willigte er endlich ein, hielt am andern Vormittage in der Schule eine Daraſche'), wel⸗ che allgemeinen Beifall fand, und wurde am erſten Wo⸗ chentage als Rabbi aufgenommen. Eine Weile ging Alles gut. Die Gemeinde fing zwar bei der nächſten Gelegenheit unter ſich wieder die alten Geſchichten an; aber der Rabbi war ein liſtiger Pole, er wußte ſich ſo zu wenden und zu drehen, daß ihm keine Parthei an den Leib konnte, und ſo verging ſchier ein Jahr, ohne daß man noch anzugeben vermochte ob der Rabbi dieſer oder jener angehöre. Aber es ſollte nimmer lange ſo bleiben. Zwei Stunden Weges von dem Orte befand ſich ein warmes Bad. Die Frau eines Reichen fuhr im Winter hinaus. Der Schlitten warf um, und ſie brach ſich den Arm dabei. Dieſer Unfall brachte viele der Angeſehenen auf den Gedanken, ſo wie in andern Gemeinden, auch in MPredigt. 104 ihrer Chille ein eigenes Badhaus zu erbau'n. Der Vorſchlag lief kaum durch die Mäuler, ſo fand er auch ſchon ſeine Gegner. „Ei was,“ riefen Viele,„ſind unſere Mütter, Groß⸗ mütter und Urgroßmütter ſo weit in die Tuck) gefahren, ſo können es unſere Frauen und Töchter auch thun.“ Bei der nächſten Gemeindeſitzung kam die Ange⸗ legenheit ämtlich zur Sprache, und der Rabbi wurde aufgefordert, ſeine Meinung abzugeben. Der Arme befand ſich in einer argen Klemme, denn ſobald er ſich zu einer der Partheien hinneigte, ſo hatte er auch augenblicklich die andere gegen ſich. Nach einigem Nachdenken ſagte er daher: „Meine lieben Brüder in Israel! Ihr fordert meine Meinung, ob ein Badhaus gebaut werden ſoll, oder nicht? Ich ſage Euch ganz einfach, wenn Ihr Geld habt, ſo baut, wenn Ihr keines habt, ſo laßt es bleiben.“ „Wir haben Geld!“ ſchrien die Bauluſtigen. „Gut,“ antwortete der Rabbi,„ſo baut.“ „Wir haben kein Geld!“ riefen die Gegner. „Gut,“ verſetzte der Rabbi wieder,„wenn Ihr kein Geld habt, ſo baut nicht.“ Da Diejenigen, welche geſchrien hatten:„Wir ha⸗ ben Geld!“ mit dem Gelde doch nicht herausrücken wollten, ſo wurde nicht gebaut, und der Rabbi mit den ¹) Tuck, von tauchen, bezieht ſich auf eine religiöſe Ceremonie der Frauen. 105 langen Baißes hatte ſich glücklich aus der Verlegenheit gewunden. Die nächſte Veranlaſſung zum Streite gab der Schames, welcher die Kinder der Armen unterrichtete, während die Reichen eigene Hauslehrer hielten. Die be⸗ treffenden Väter beſchuldigten nämlich den Schames der Nachläſſigkeit, und beſtanden darauf, ihn des Dienſtes zu entlaſſen; die Andern, welche ihre Kinder durch ei⸗ gene Lehrer unterrichten ließen, waren dagegen, und es entſpann ſich ein fürchterlicher Streit. Die Angelegenheit kam zum Rabbi, und dieſer ſagte:„Meine Brüder, Ihr wollt den Schames weg⸗ jagen, warum dieß? Ein Theil von Euch hält Haus⸗ lehrer, die ſehr viel koſten; der andere bezahlt den Schames, und die Kinder lernen da und dort nichts, folgt mir, errichtet zuſammen eine ordentliche Schule, und es wird für Alle beſſer ſein.“ Ehe man dem weiſen Ausſpruch des Rabbi folgte, ließ man es lieber beim Alten; die Frauen mußten noch immer zwei Stunden weit in die Tuck fahren und die Kinder hatten noch immer keine ordentliche Schule und blie⸗ ben große Amrazim ¹) Nicht lange darauf und ein neuer Streit ent⸗ ſpann ſich. Die Treppe, welche in die Frauenſchule hinaufführte ¹) Ignoranten. 106 war ſo unbequem und finſt er, daß eine ſchwangere Frau einmal eine Stufe verfehlte, fiel, und in Folge deſſen mit einer frühzeitigen Geburt in eine lebensgefährliche Krankheit verfiel, aus welcher ſie nur durch beſondere Sorgfalt der Aerzte gerettet wurde. Einige beſtanden nun darauf, eine neue, bequemere Treppe zu bauen; andere meinten aber, es wäre hin⸗ länglich, dieſe Treppe, die noch Jahre lang ausdauern könnte, zur Zeit des Gottesdienſtes mit einer Lampe zu beleuchten. Nach langem Streiten kam man wieder zum Rabbi und dieſer entgegnete:„Meine Brüder! ein Theil von Euch will eine neue Treppe bauen; da der für die Treppe bemeſſener Raum dadurch nicht größer wird, ſo wird die neue Treppe ebenſo unbequem werden, als die alte iſt; der andere Theil will wieder die Treppe be⸗ leuchten, und wenn Ihr dort tauſend Lampen anzündet ſo wird dieß auch nichts fruchten, denn ein ſchlechter Weg bleibt immer ſchlecht, wenn er auch noch ſo glän⸗ zend beleuchtet iſt; folgt mir, und thut die ganze Wei⸗ ber ſchule vergrößern, denn es iſt eine Schande und ein Spott, wenn eine ſo große Gemeinde wie die unſere, eine Weiberſchule hat, die ausſieht, wie eine Hüh⸗ nerſteige.“ Ehe man dieſen Rith beſolgte, ließ man es beim Alten; die Frauen mußten wie früher zwei Stunden weit in die Tuck fahren, die Kinder blieben wie ehedem große —— — 107 Amrazim, und die Weiberſchule ſah noch immer aus wie eine Hühnerſteige. Die Veranlaſſung zum nächſten Streite gab ein Chriſtenſchneider, welcher bei einem Juden in der Ju⸗ dengaſſe wohnte. Dieſer hatte zu den Feſttagen für eine ganze Familie neue Gewänder angefertiget und die⸗ ſelben verdorben. Man weigerte ſich, ihm den bedun⸗ genen Arbeitslohn auszuzahlen, und ſein Hausherr nahm ſich ſeiner an. Da nun jeder Theil ſeine Anhänger hatte, ſo erweckte dieſer geringfügige Umſtand die alte Varteiwuth, und während der eine Theil den Schneider in Schutz nahm, beſtand der andere darauf, ihn aus der Judenſtadt zu verdrängen. Die Angelegenheit kam wieder zum Rabbi, und die⸗ ſer ſprach:„Meine Brüder, ein Theil von Euch will, daß der Schneider da bleibe, wo er iſt; der andere be⸗ ſteht darauf, daß er fort ſoll; was nützt das Alles? derjenige, der bei ihm arbeiten laſſen will, wird ihm auch außerhalb der Judengaſſe zu finden wiſſen, und der es nicht will, für den iſt es ganz gleichgiltig, ob der Schneidee da oder dort wohnt; damit Ihr aber in Zukunft in keinen ſolchen Streit gerathet, ſo folgt mir, und laſſet Eure eigenen Kinder Handwerke lernen, damit Ihr die, welche Ihr braucht, unter Euch habt, und die böſe Welt nicht ſagen kann, der Jude verlege ſich nur aufs Schachern und Handeln.“ Aber auch darin blieb es beim Alten; die Frauen 108 mußten wie früher, zwei Stunden weit in die Tuck fah⸗ ren, die Kinder blieben wie ehedem große Amrazim, die Weiberſchule ſah noch immer aus wie eine Hühnerſteige und die Knaben lernten keine Handwerke. So waren zwei Jahre vergangen, und der Rabbi glaubte ſeine Sache, wer weiß wie gut gemacht zu ha⸗ ben, als ſich mit einem Male der Sturm gegen ihn kehrte. Seine liſtigen Wendungen und die Klugheit, mit welcher er ſich jedesmal aus der Schlinge zu ziehen wußte, erregte nichts deſtoweniger bei Einzelnen Miß⸗ fallen, und man ſchien nur eine Gelegenheit abzuwar⸗ ten, um ihn an den Leib gehen zu können. Der Rabbi war aber ſo fromm, ſein Lebenswan⸗ del ſo tugendhaft und ehrenvoll, daß man ihn in keiner Beziehung nahe zu treten vermochte, und da man keine wichtigen, religiöſen Gründe auffinden konnte, ſo hielt man ſich an Nebendinge, an Perſönlichkeiten. Die langen Baißes des Rabbi hatten ſchon beim Beginn ſeines Erſcheinens die Aufmerkſamkeit auf ihn gezogen; nun traf es ſich, daß eine Frau einen Knaben gebar, der gleich bei der Geburt außergewöhnliche lange Seitenhaare hatte. War dieß nun Zufall, oder hatte ſich die Dame wirklich an den Rabbi mit den langen Baißes verſchaut, genug es war ſo, und die Kunde flog durch die ganze 109 Khille:„Gitel Chajims iſt niedergekommen, und hat ein Jüngel ¹) mit lange Baißes gehabt.“ War das ein Tumult in der Judengaſſe! Wo man hin kam, wurde nur von den langen Baißes geſprochen, überall hörte man nur von Gitel Chajims Jüngel mit den Baißes, alle Köpfe waren voll mit Baißes. Im Nu ſtand ein Theil der Gemeinde ſchlagfertig gegen den Rabbi. „Was,“ riefen ſie,„ſollen wir in ſteter Furcht leben, daß unſere Kinder lange Baißes bekommen, oder ſollten wir gar dem Rabbi zu Lieb keine Kinder mehr erzeugen? das geſchieht nicht, eher muß der Rabbi fort, wir brau⸗ chen keinen Rabbi mit langen Baißes.“ So ſprach der eine Theil. Die andern, wahrſcheindlich diejenigen, welche ent⸗ weder in Bezug anf den Spruch:„Mehrt Euch und ſeid fruchtbar“ ſchon das ihre geleiſtet hatten, oder die Almonem*) waren, oder gar unfruchtbare Weiber hat⸗ ten, dieſe Andern riefen:„Ei was, der Rebbe iſt ein gelehrter, frommer Mann, wir ſind mit ihm zufrieden, was gehen uns ſeine langen Baißes an.“ Als der Rabbi von dieſem gewaltigen Streite, der ihn betraf, Kunde bekam, ſo ließ er die Gemeinde zu einer ämtlichen Sitzung verſammeln, und ſprach: „Meine Brüder, ich habe vernommen, daß ein Theil von Euch an meine langen Baißes einen Stein des ¹) Knabe. ²) Witwer. 11⁰ Anſtoßes gefunden, und daß dieſer Theil an meine Ent⸗ fernung von hier beſteht— iſt es ſo, oder nicht? „Ja, Rabbi,“ antwortete einer von den Gegnern, „Gitel Chajems iſt mit einem Jüngel niedergekommen— „Ich weiß die Geſchichte,“ unterbrach ihn der Rabbi „aber kann ich etwas dafür, das ſich Gitel Chajems an meine Baißes verſehen hat?“— Da rief ein Anderer:„Ihr könnt freilich nicht da⸗ für, Rabbi! aber dieſer Fall kann ſich öfter wiederho⸗ len, und man wird am Ende von uns in der ganzen Medineh ¹) ſagen: Das iſt die Chille mit den langen Baißes; um dem auszuweichen, iſt es am beſten, Ihr verlaßt uns, oder— „Oder?“ fragte der Rabbi geſpannt. „Oder Ihr ſchneidet Eure Baißes ab!“ In der Verſammlung herrſchte die tiefſte Stille. Alle ſahen den Rabbi an. Dieſer blieb trotz der ungebührlichen Zumuthung ruhig, dachte eine Weile nach, und ſagte:„Gut, meine Brüder, damit Ihr ſeht, daß dieſe Gemeinde mir lieb und werth geworden, und daß mir das Scheiden von ihr nicht ſo leicht iſt, als manche unter Euch glauben mögen, ſo willige ich in Euer Begehren, aber unter einer Bedingung.— „Laßt hören, Rabbi.“— ³) Lande. 111 „Ich ſetze Euch eine Friſt von einem Jahre; wenn Ihr mir verſprecht, während dieſer Zeit einig und fried⸗ ſam unter einander zu leben, ohne Streit und Hader, ohne Zank und Gehäßigkeit, und Einer für Alle und Alle für Einen zu ſtehen, ſo will ich mir dann recht gern meine Baißes abſchneiden laſſen, damit Gi⸗ tel Chajims ſich in Zukunft nicht mehr verſchauen, und keinen Knaben mehr mit langen Baißes bekom⸗ men ſoll.“ Die Gegner willigten in den Vertrag und die Verſammlung ging auseinander. Am andern Morgen wurde ganz Kohohl*) zuſam⸗ mengerufen und der Vorſteher ſagte:„Meine Herrn, mehre unter uns ſind einig geworden, ein Badhaus zu bauen; wollt Ihr mit beiſteuern, ſo ſoll das Badhaus in zwei Monaten daſtehen.“ Die früheren Gegner, um ihren Vertrag mit dem Rabbi nicht zu brechen, gaben ihre Zuſtimmung. In zwei Monaten war das Badhaus fertig und Gitel Chajims war die erſte, welche in die Tuck ging. Die Frauen durften nicht mehr zwei Stunden weit in die Tuck fahren. Bei der nächſten Sitzung ſagte der zweite Tuwe Kohol:)„Meine Herrn, unſere Kinder werden ſchlecht unterrichtet, wir müßen eine Schule haben.“ *) Gemeinde. ²) Die zweite Charge nach dem Vorſteher. In wenigen Monaten war die Schule beiſammen. Und die Frauen brauchten nicht mehr im Winter zwei Stunden weit in die Tuck zu fahren und die Kin⸗ der ſollten keine Amrazim mehr bleiben. Bei der nächſten Zuſammenkunft ſprach der erſte Gab⸗ be: 0)„Meine Herrn, Ihr werdet alle ſchon bemerkt haben, daß die Weiberſchule für unſere Gemeinde zu klein iſt?“ „Ja! ja“ riefen Alle. „Gut, ſo wollen wir eine größere bauen.“ In we⸗ nigen Monaten war die Weiberſchul größer, und die Frauen durften nicht mehr zwei Stunden Weges in die Tuck fahren, die Kinder blieben keine Amrazim, und die Weiberſchule ſah nicht mehr aus wie eine Hühner⸗ ſteige. Mitlerweile war das Jahr um, die Friſtzeit des Vertrages war verſtrichen, und der Rabbi verſammelte die ganze Gemeinde um ſich und ſprach:„Meine Brü⸗ der, die Zeit iſt um; Ihr habt Eure Zuſage gehalten, ich danke Euch. Nun muß ich Euch nur auf Eines auf⸗ merkſam machen, erwägt, was ſeitdem geſchehen iſt. Ihr ſeid nur ein Jahr lang einig geweſen, und habt ein Bad, eine Kinder⸗ und Weiberſchule gebaut, was hättet Ihr nicht Alles thun können, wenn Ihr bis jetzt nicht in Zwiſt und Zwieſpalt gelebt hättet?“ ¹) Gemeindekaßier. 113 Die Balbatim ſahen ſich beſchämt an, und der Rabbi fuhr fort:„Ich merke es, Ihr ſeid zur Erkennt⸗ niß gekommen, und das war meine Abſicht. Noch iſt nicht Alles verloren, es liegt noch eine lange Reihe von Jahren vor Euch, Ihr konnt noch Vieles thun, wofür Cuere Kind- und Kinds⸗Kinder Eurer dankbar geden⸗ ken werden; vor Allem aber bitte ich Euch, verſäumt es ja nicht, Eure Söhne zu Handwerkern, zu Arbeitern, zu Künſtlern, zu nützlichen Gliedern des ganzen Staates zu bilden. Und nun will auch ich mein Wort halten, und meine Baißes abſchneiden.“ Aber die Nächſten fielen ihm abwehrend in die Arme, ſeine frühern Gegner drängten ſich herzu, ihn um Verzeihung zu bitten, und Einer rief:„Laſſet es gut ſein, mögen unſere Frauen auch immerhin Kinder mit lange Baißes zur Welt bringen; wenn dieſe Kinder nur auch ſo fromm, ſo redlich, ſo klug ſein werden, als Ihr es ſeid, Rabbi. Von nun an wollen wir immer ſo bleiben, wie wir es in dieſem Jahre geweſen, und dem lieben Schem Jisborach ¹) danken, daß Er uns geſendet hat einen Rebbe mit lange Baißes.“ Der Rabbi nickte ihnen freundlich zu, und ſeg⸗ nete ſie. Seitdem iſt in jener Khille Alles gut gegangen, die ¹) Sein Nahme ſei gelobt! Redensart für Gott. Alt u. Jung Iſtael. 8 Frauen haben nicht mehr gedurft zwei Stunden weit in 114 die Tuck fahren, die Kinder ſind lauter Lamdonem) ge⸗ geworden, die Weiberſchule war keine Hühnerſteig mehr, die Knaben haben Handwerke gelernt, und die ganze Gemeinde hat in Einigkeit und Glück und Freude gelebt, und hatte dieß Alles allein zu verdanken gehabt „dem Rabbi mit den langen Baißes.“ Der Schulklopfer ſchwieg. Eine tiefe Stille herrſchte unter den Anweſenden. „Schon aus?“ fragte die alte Kindbettwärterin.“ „Ja, Frau Hendl,“ entgegnete der Schulklopfer „die Maiße iſt aus.“ „Die Geſchichte,“ nahm der junge Adam Freund das Wort,„giebt viel Stoff zum Nachdenken.“ „Nachdenken!“ rief die alte Hendl, was ſoll mir das Nachdenken? Für uns Juden iſt es nebbach ²) nicht gut, wenn wir viel nachdenken; dieſe Maiße hat manche Fehler und zwar mitunter ſehr große Fehler.“ Die Andern ſahen die ſonderbare Kritikerin an, und dieſe fuhr fort:„Eine jede Maiße, wenn ſie auch nicht wahr iſt, muß doch ſo ein Ponim*) haben, als wenn ſie wahr ſein könnte, aber dieſer Maiße ſieht man es augenblicklich an, das ſie erfunden iſt.“ „Woran erkennt Ihr dieß?“ fragten die Mädchen. „Das will ich Euch ſagen, meine Kinder. In dieſer Maiße wird der Rebbe als ein kleines Jüdelchen geſchil⸗ dert, das überdieß nicht ſchön iſt; in einem mieſſen*) *) Gelehrte. ²) Zum Erbarmen. ²) Phiſioguomie. ²) Häßlich. ——— 1¹⁵ Rebbe thut ſich keine fromme Jüdenne ¹) verſehen. Dann wird in dieſer Maiße nicht erwähnt, daß der Rebbe ver⸗ heirathet geweſen iſt, das iſt ein großer Fehler, denn die polniſchen Rabbonim*) heirathen, wie bekannt, ſchon mit 15 Jahren; dann wird erzählt, das Gietel Chajims die Erſte in die Tuck gegangen iſt, dieß kann nach mei⸗ ner Rechnung gar nicht der Fall geweſen ſein.—“ Als nun die Alte ſich daran machen wollte, die Berechnung vorzuzählen, unterbrach ſie Reb Löw Te⸗ wel, indem er ſagte:„Wir glauben Euch im Voraus, liebe Frau Hendl, daß Euere Rechnung richtig iſt, aber die Maiße des Schulklopfers hat deßhalb nicht minder ihre guten Seiten; weil Ihr aber gar ſo viel an der Wahrſcheinlichkeit derſelben auszuſetzen habt, ſo erzält uns eine Geſchichte, die ganz wahr iſt“— „Das kann ich auch!“ rief die Kindbettwärterin etwas pikirt— „Erzält, erzält!“ riefen die Uebrigen. „Gut meine Kinder! ich will Euch erzählen, Ihr müßt mich aber nicht unterbrechen, und fein aufmerkſam ſein. Meine Maiße heißt: Eine Klole'). „Bei mir zu Haus hat vor vielen Jahren eine fromme Almone*) gelebt. Dieſe Almone hat Ruwke geheißen.“ ¹) Fromme Jüdin. ²) Rabbis. 2) Fluch.) Wittwe. 8* . 8 3 116 „Einen Sohn hat ſie aber gehabt, der hat Schlo⸗ mele geheißen.“ „Wie Schlomele Bar Witzwe ¹) geworden iſt, hat der Rebbe zu ihm geſagt: Schlomele, du haſt einen ſehr guten Kopf, du mußt fleißig lernen, und nicht immer in der Gaſſen herum laufen, und mit den Gaſſenjungen deine Zeit verbringen!“ „Das Jüngel hat ſich aber dieſe Reden nicht zu Herzen genommen, ſondern iſt geblieben was er früher war, ein großer Taſchkaſch.*)“ „Seine Mutter, die alte Ruwke, war ein ſehr frommes Weib, ſie iſt alle Tag in die Schul gegangen, hat jeden Montag und Donnerstag gefaſtet, hat ihre Thinne ³) geſagt, hat fleißig in die Z'doke*) gegeben, kurz, ſie wäre ganz gewiß einmal in den Gan Eden*) gekommen, wenn ſie nicht einen Fehler gehabt hätte, ſie hat nämlich ſo gern geſcholten. Bei der geringſten Kleinigkeit war gleich eine Klole da, und wenn es ſelbſt ihr einziges Kind war, das blieb Alles eins, ſie hat auch dies geſcholten.“ „Wenn Schlomele ein Fenſter eingeworfen hat, und ſie hat dafür zahlen müßen, ſo hat ſie ihn nicht geſtraft, ſondern ſie hat nur zu ihm geſagt: Du Thu⸗ nichtgut, daß du verkrummen ſollſt!“ ¹) Eine Zeremouie wenn der Knabe 13 Jahre alt wird. *) Taugenichts. ³) Gebete. ²) Almoſen. ³) Paradies. 117 „Wenn Schlomele Schumes ¹) herumgetragen hat, und iſt darüber verklagt worden: hat ſie ihn nicht geſchlagen, ſondern ſie hat nur ausgerufen: Blind und ſtumm ſollſt du mir werden.“ „Wenn Schlomele an Schabbes Steine gewor⸗ fen, oder ſonſt eine Newern*) gethan hat, ſo hat ſie ihn nicht gezüchtiget mit der Hand, ſondern nur mit dem Maul, denn ſie hat gerufen: Pegern*) ſollſt du mir.“ „Sſchlomele, weil er keine Schläge bekommen hat, hat ſich aus den Kloles wenig gemacht, und iſt geblieben ein großer Taſchkaſch.“ „So iſt das Jüngel 18 Jahr alt geworden, und hat noch immer auf kein Tachleß*) gedacht, und die alte Ruwke hat nicht gewußt, was ſie mit ihm an⸗ fangen ſoll.“ „Da ſind einmal in unſere Mokum*) Komedianten gekommen, und haben ihre Schnokes*) gemacht, und wie Schlomele einmal in das Komedienhaus ge⸗ ſchmeckt hat, war er auch von dort nicht mehr heraus zu bringen, und iſt alle Tag iu die Komödie gegangen, und hat zugeſehen, was ſie dorten für Maißes gemacht haben, und wie er iſt nach Haus gekomen, hat er alle dieſe Maißes nachgemacht, und weil er hat einen guten ¹) Klatſchereien. 5) Sünde. ³) Krepiren. ²) Zweck.*) Stadt. ²) Narretheien. 118 Kopf gehabt, hat er faſt die halbete Komödie auswen⸗ dig herzuſagen gewußt, gerad ſo wie's die Komödianten geſagt und gemacht haben.“ „Bei dem iſt's aber nicht geblieben.“ „Schlomele hat Bekanntſchaft gemacht mit dem Komödianten, hat ſich mit ihnen in eine große Chaw— ruße ¹) eingelaßen, iſt den ganzen Tag bei ihnen geſteckt hat ihre Meloches*) zugeſehen, ſie haben ihm Bücher gegeben, da hat er drin Tag und Nacht geleſen, und wo er iſt gegangen und geſtanden, hat er mit den Hän⸗ den gefochten, und hat dazu geredet aus den Büchern heraus, und iſt vom Komödieſpielen gar nicht weg⸗ gekommen.“ „An einem Schabbes⸗Abend ſagt die Mamme*) zu ihm.„Schlomele, wo gehſt du ſchon wieder hin?“ „Ich geh' in die Komödie.“ „Mußt du denn alle Nacht hinein gehen?“ „Heute kann ich nicht zu Haus bleiben, ſie geben ein neues Stück von Kotzebue!“ hat er geſagt. „Von Kotzebub?“ hat die alte Ruwke gerufen, alle Lad und Zores*) auf Kotzebub, er hätt' auch was Beßeres thun können, als ſolchene Schnockes ſchreiben. Schlomele bleib zu Haus!“ „Ich kann nicht, heut geben ſie ein neues Stück.“ ¹) Kammeradſcheft. ²) Arbeiten, Geſchichten, ³) Mutter.*) Leid und Mühſeligkeiten. 119 „Neu, oder alt, Schlomele, es kommt immer auf Eins heraus; Anfang's nehmen ſich die Verliebten, nachher nehmen ſie ſich nicht, und zuletzt nehmen ſie ſich doch wieder, oder werden todt geſtochen; alle Zores über ſie, ſie ſollen ſich gleich nehmen oder todtſtechen, ſo erſparſt du dein Geld, und bleibſt ein frommer Jüd.“ „Aber dieſes Zureden hat nichts genutzt, Sch lo⸗ mele hat geſagt:„Sei nicht eigenſinnig, liebe Mutter, heute kann ich nicht zu Hauſe bleiben.“ „Weh geſchrieen!“ ruft die alte Ruwke,„was haſt du geſagt? liebe Mutter! früher haſt du zu mir liebe Mamme geſagt, und jetzt auf einmal Mutter, das kommt von den Komödianten! Schlomele, Schlo⸗ mele, Du biſt ein Mamſer Ben Nenide. ¹) „Das Jüngel wurde roth wie ein Feuer, und hat vor Bosheit angefangen zu weinen, und Schlomele iſt doch gegangen in die Komödie.“ „Das hat ſo fort gedauert den ganzen Winter; Schlomele hat nicht nachgelaſſen, hat ſich immer mehr gehangen an die Komoͤdianten, und Ruwke hat ſich über ihm das Herz abgegeſſen.“ „Da iſt der Peſſach gekummen, das Frühjahr; die ſchöne Zeit, und die Komödiunten haben zum letzten Male geſpielt, und haben ſich aufgemacht, unſer Mokum zu verlaſſen; da iſt an dem nämlichen Morgen Schlo⸗ ¹) Baſtard. 8 120 mele zu ſeiner Mamme gekommen und hat geſagt: Liebe Mutter, ich bin ſchon groß, ich kann nicht mehr bei Dir bleiben, ich werde mir mein Brod jetzt ſelbſt erwerben, ich will in die Fremd'!“ „Schlomele, wohin willſt Du?“ „In die Welt, Mutter!“ „Was willſt Du in der Welt machen?“ „Leben!“ „Von was?“ „Von meiner Kunſt.“ „Was kannſt Du für eine Kunſt?“ „Komödie ſpielen.“ Jetzt ſind ihr die Augen aufgegangen! „Weh geſchrien!“ hat ſie gerufen,„Komödie ſpielen, iſt das auch eine Kunſt?“ „Darauf hat ſie geklagt und geweint, das hat aber alles nichts genutzt, Schlomele iſt geblieben hart wie eine Reibmatze).“ „Wie die alte Ruwke geſehen hat, daß ſie mit Gutem nichts ausrichtet, ſo hat ſie anders angefangen, und hat geſagt: „Schlomele, Du willſt ein Komödiant werden, das iſt unerhört. In ganz Erez Jisrvel') iſt kein Jüd' ein Komödiant geweſen, denn es hat ſich Jeder geſchämt einem Andern einen Narren vorzumachen. Dieſe Geſere¹) ¹) Gebäck am Oſterfeſt. ²) Paläſtina. ³) Uebel. 12¹ haben erſt die Gojim¹) erfunden, und da ſoll ſich kein Jüd' drein miſchen. Wenn du fort willſt, ſo kann ich Dich nicht aufhalten, aber ich ſage Dir's, werde kein Komödiant, und bringe keine Schande über meinen ehr⸗ lichen Namen; thuſt Du es aber doch, ſo ſage nie, daß Du mein Kind geweſen, ſage nie, daß Du noch eine Mamme haſt, denn ich ſtoße Dich von meinem Herzen, ſo wie man ein Peger') von ſich ſchleudert, und ehe Du als Komödiant leben ſollſt, eher ſollſt Du nehmen einen mießen Sof'), ſollſt verflucht und verdammt ſein, eher ſoll ich mir am heiligen Kol⸗Nidre⸗Abend') um Dich eine Krie ſchneiden*)!!“ t Das war eine fürchterliche Klole. „Die alte Ruwke iſt zitternd auf das Bett ge⸗ fallen.“ „Schlomele hat ihr wollen die Hand küſſen, ſie aber hat ihn fortgeſtoßen, wie ein Peger, und er iſt auch fortgegangen in die weite Welt mit einem Rock, mit ei⸗ nem Hemd, und einer Hoſe, ohne Siderl, ohne Taleß und ohne Tephillim*); zu was auch? beim Komödieſpielen braucht man kein Siberl, keinen Taleß und keine Thephillim!“ Die Erzählerin hielt inne. Die Anweſenden waren bisher in ſtille Aufmerkſam⸗ ¹) Nichtjuden. ²) Aaß. ³) Uebles Ende. ²) Der Abend vor dem langen Tag, der Verſöhnungstag. ³) Wenn Jemand ſtirbt, wird den nahen Verwandten ein Schnitt in das Gewand gemacht, und dies iſt eine Krie. ²) Betbuch, zehn Gebote n. ſ. w. 122 keit verſunken, mehre nickten zufrieden mit dem Kopfe, nur Iſidor Peiteles ſprach:„Die Geſchichte iſt hübſch, aber zu einfach—“ Adam Freund ſetzte hinzu:„Aber gut vorge⸗ tragen.“ „Einfach?“ rief die Kindbettwärterin,“ was einfach! einfach oder doppelt, das iſt Alles Eins, wahr iſt meine Maiße, und das iſt die Hauptſache.“ „Bisher,“ meinte Sara,„iſt in der That Alles ſehr wahrſcheinlich, wer weiß aber, ob dies auch in der Folge der Fall ſein wird.“ „Alles, Alles iſt wahr, mein Kind! doch liebe Han⸗ nele, ſchau deinen Iſerl an, er macht ſchon ganz kleine Augen, das Kind iſt ſchläfrig, laß es zu Bett bringen.“ Als man in der That Miene machte, den Knaben vom Tiſche wegzuſchaffen, ſtemmte er ſich gegen dieſe Maß⸗ regel, und rief:„Laß mich, liebe Mutter, ich bin nicht ſchläfrig, ich werde fleißig ſchleißen, ich will weiter anhö⸗ ren die Maiße vom Schlomele.“ Man ließ den Knaben gewähren, und die Kindbett⸗ wärterin fuhr fort:„Ganz recht, mein Kind, hör' nur zu, und merk' Dir's wohl, wie es dem verfluchten Sohn weiter gegangen iſt. Wie Schlomele weg war, iſt die alte Ruwke allein geblieben, ganz allein, ohne Freund, ohne Kind und ohne Rind. Sie iſt anfangs ſehr mezar') ge⸗ ¹) gekränkt. 123 weſen, hat viel geweint, viel geklagt, und ſo iſt vergangen ein Jahr nach dem andern, ſo iſt gekommen Schwues, Suckes und Peſſach') und ein Jomtov') nach dem andern iſt gekommen, die alte Ruwke iſt um fünf ganze Jahre älter geworden, und hat von Schlomele nichts geſehen und nichts gehört, und kein Menſch hat genußt, wo Schlomele ſteckt. Da iſt einmal wieder der Herbſt gekommen, der Jom Kipur') war vor der Thür, das iſt nämlich der Tag, der fortnehmen ſoll alle Neweres*) von den Jüden, weil aber alle dieſe Neweres vom ganzen Jahre gar ſo viel und ſo ſchwer waren, ſo hat der Jom Kipur einmal zu Schem Jisborach geſagt:„Du lieber Schem Jisborach, Du willſt haben, ich ſoll zuſammenklauben die Neweres von allen Jüden, das iſt bei jetziger Zeit ein ſehr ſchweres Geſchäft. Früher haben die Jüden alle in einem Lande gewohnt, und haben nicht ſo viel Neweres gehabt, da hab' ich mich nicht ſo zu plagen gebraucht, aber jetzt ſind die Jüden zerſtreut in der ganzen Welt, und haben viele große und ſchwere Neveres, ich aber bin nebbach ein alter Mann geworden, und ſoll doch alle zuſammenſchleppen, das fallt mir ſehr ſchwer.“ „Was willſt Du alſo von mir haben?“ fragte Schem Jisborach. *) Wochen⸗, Laubhütten⸗ und Oſterfeſt. ²) Feſttag. ²) Verſöhnungstag. ²) Sünden. 124 „Ich will Gehülfen, damit ich allein nicht ſo viel zu ſchleppen habe!“ „Gut,“ ſagte Schem Jisborach,„ſo werde ich Dir geben Gehülfen, in jedem Monat Einen, damit für Dich nicht zu viel zuſammen kommt.“ „Und der Jom Kipur hat bekommen Gehülfen, und dieſe Gehuͤlfen ſind die Fom⸗ Kipur⸗Kotons'˙)!“ „Aber dieſe Gehülfen haben dem Jom Kipur wenig genutzt, denn die Juden haben ſich gedacht: was ſollen wir gehen zum Schmiedl, da gehen wir lieber gleich zum Schmieden, zu was ſollen wir gehen zu den Jom⸗ Kipur⸗Kottenlech, da warten wir lieber, bis der große Jom⸗ Kipur kommt; da drüber hat ſich nebbach der Jom Ki⸗ pur wieder bei Schem Jisborach beſchwert, und hat geſagt:„Du mein lieber Schem Jisborach, was haſt Du mir gethan? Du haſt geglaubt, mir zu helfen, Du haſt mir nicht geholfen. Schau nur hin, wie beim Jom⸗Ki⸗ pur⸗Koton die Schulen immer leer ſind, Du wirſt höchſtens den Rebbe, den Schames und noch einige alte Leute dort finden, alle Uebrigen bleiben aber zu Hauſe, und heben ſich ihre Neveres auf, bis ich komme.“ ¹) Am letzten Tage eines jeden Monats findet um die Mittagsſtunde in den Schulen ein Gottesdienſt ſtatt, in welchem die Widde(Selbſtbeichte) geſagt wird, und dieſer Gottesdienſt heißt Jom⸗Kipur⸗Koton, d. i. kleiner Verſöhnungstag. Ich erlaube mir, hier zu bemerken, daß die hier eingeſchaltete Legende von mir iſt, und daß ich ſie weder geleſen noch* Jemandem abgelauſcht habe. —— 125 „Gut,“ fagte Schem Jisborach,„ſo will ich Dir noch geben die Tſchuwetag vor Roſch Haſchonoh'), da ſollen die Jüden zeitlich früh zu Sliches') gehen und ſollen abbitten ihre Neweres.“ „Aber es hat nicht lange gedauert, ſo iſt der Jom⸗ Kipur wieder gekommen, und hat geklagt:„Du mein lieber Schem Jisborach, was haſt Du mir wieder gethan? Die Tſchuwetäg bringen mir keine Erleichte⸗ rung, denn Du verlangſt, die Juden ſollen zeitlich früh in die Schule gehen, und das thun ſie nicht, denn ſie liegen gern lang im Bett, und verſchlafen eine Sliche ¹) nach der andern.“ „Jetzt hat ſich der liebe Gott ſchon nicht mehr zu helfen gewußt, und hat geſagt:„Mein lieber Jom Ki⸗ pur, jetzt weiß ich wirklich nicht mehr, was ich thun ſoll, um meine Jüden dahin zu bringen, daß ſie ihre Neveres nicht Dir allein aufpacken.“ „Da hat der Jom Kipur geſagt:„Wenn Du mir erlaubſt, ſo will ich Dir, guter Vater, eine Eze¹) geben.“ „Nun, laß hören.“ „Du weißt, die Jüden eſſen gerne Geflügel, und gehen gern ſpazieren; gib ihnen alſo Gelegenheit, daß ſie auf eine dieſer Arten ihre Neweres patern'), und für mich nicht zu viel übrig bleibt.“ ¹) Bußtäg. ²) Gottesdienſt. ³) gewiſſe Gebete. ²) Rath. ²) Loswerden. 126 „Gut,“ antwortete Schem Jisborach,„ſo ſollen die Jüden am erſten Tag Roſch Haſchonoh zum Waſſer ſpazieren gehen, und ſollen dort ihre Neveres in's Waſſer werfen, dann ſollen ſie mir Geflügel als Opfer bringen, und ſollen, damit ſie ja nichts verlieren, dieſes Geflügel ſelbſt eſſen.“ „Biſt Du jetzt zufrieden?“ „Ja, mein guter Vater.“ „Seitdem gehen die Jüden Taſchluch machen) und ſchlagen ſich Kapores?) um, und der Jom Kipur darf ſich nicht mehr ſo plagen.“ „Der Jom Kipur alſo war vor der Thüre, da ſind in unſer Mokum wieder gekommen die Komödianten, und ſo wie alle Herbſt und Winter haben ſie auch in dieſem Jahre wieder Komödie geſpielt. Da hat es auf einmal geheißen, ein fremder Komödiant wird kommen, der ſehr geſchickt ſein ſoll, und der wird ſpielen, und Alles war ſchou neugierig auf den fremden Komödianten.“ „Und es Par grad am Erew) Jom Kipur, da iſt dieſer berühmte Komödiant gekommen, aber die Juden haben ſich an dem Tag nicht viel umgeſehen, haben auch nicht können in die Komödie gehen, und ſo ſind an dem⸗ ſelben Abend nur Gojim in der Komödie geweſen.“ „Die Juden waren alle in der Schule bei Kol Nidre, die alte Ruwke nebbach iſt in ihrem Winkel ¹) Obige Ceremonie heißt ſo. ²) Opfer. ²) Vorabeud. 127 geſtanden, in die bloße Strümpf', und hat unter den Füßen gehabt einen Teppich, und hat geleint) und geſagt, wie ſich's für eine fromme Jüdenne') ſchickt, da iſt auf einmal eine Mad') gekommen, und hat ſie aus der Weiberſchul' herausgerufen, und hat geſagt, ſie muß gleich nach Haus kommen, denn es wäre etwas Schreck⸗ liches vorgegangen.“ „Die alte Ruwke mußte fort aus der Schul'.“ „Was war indeſſen geſchehen?“ „Der berühmte Komödiant hat Komdödie geſpielt, und hat gemacht in dem Stück einen großen Roſche“), und da kommt vor, daß dieſer Roſche ſich zum Sof ſelbſt ein Meſſer in den Leib ſtoßt, und wie er das ge⸗ than hat, iſt der berühmte Komödiant umgefallen, und er hat dieſes Umfallen ſo natürlich gemacht, daß die Leute haben geklatſcht und Bravo gerufen, aber der Ko⸗ mödiant iſt nicht mehr aufgeſtanden, denn er war in das Herz getroffen, aber nicht zum Spaß, ſondern in allem Ernſt, und da hat er nur noch gebeten, nan ſoll ihn gleich tragen zur alten Jüdin Ruwke, denn das wäre ſeine Mutter.“ „Es war richtig Schlomele.“ „Wie Ruwke zu ihm gekommen iſt, hat er die Neſchome*) aufgegeben. Und ſie hat, weil er nicht iſt ge⸗ ¹) Geleſen. ²) Iudenweib. ²) Judenmädchen, Dienſtmagb.*) Böſe⸗ wicht. ³) Seele, Geiſt. 128 weſen geſchmadt'), in der heiligen Kol⸗Nidere Nacht ſich geſchnitten eine Krie.“ „Ob ſich Schlomele mit Fleiß umgebracht hat, das weiß man nicht. Unſer Rebbe hat geſagt, weil er als Jüd' zwiſchen Gojim gelebt, und hat mit ihnen ge⸗ geſſen und getrunken, und hat Kol⸗Nidre zu Nacht Ko⸗ mödie geſpielt, ſo iſt Aſchmedai in ſeine Hand ge⸗ fahren, und hat dieſe gedruckt, bis er ſich hat in's Herz geſtochen.“ „Ein anderer Lamdem*) hat aber geſagt, die Schuld davon wäre die Klole der alten Ruwke geweſen, die ſich und ihr Kind in's Kewer') gebracht hat; der Be⸗ weis davon iſt, daß die alte Ruwke auch einige Tage darauf geſtorben iſt.“ „Daß ſich Schlomele nicht hat gegeben zu er⸗ kennen, war deswegen, weil er ſich gefürchtet hat, daß die Leut', wenn ſie werden wiſſen, daß er iſt ein heimi⸗ ſcher Jüd', ſagen werden, er kann nichts und ſpielt nicht gut. Daß er an Kol⸗Nidre zu Nacht geſpielt hat, war die Urſach', weil er nebbach gar nicht gewußt hat, daß der Jom Kipur vor der Thür iſt. Aus der ganzen Maiße aber kann man entnehmen, daß die Eltern ihre Kinder nicht ſchelten ſollen, denn eine Klole in einem boͤſen Augenblick ausgeſprochen, geht in Erfüllung, ent⸗ ¹) Getanft. ²) Grab ²) Gelehrter. 129 weder an uns, oder an nnſern Kindern, oder an den Kindeskindern.“ Die Erzählerin hatte geendet. Reb Löb nahm nach einer Weile das Wort:„Eure Geſchichte, Frau Hendl, nimmt ein ſehr trauriges Ende; ich will glauben, daß ſie wahr iſt, aber ich kann weder dem Ausſpruche Eures Rebbe, noch jenem des Lamdems beipflichten, ſondern ich ſtelle mir die Sache viel einfa⸗ cher und natürlicher vor. Schlomele kommt in ſeine Vaterſtadt, mit dem Fluche der Mutter beladen, zurück; er hat ſich in der Welt dem Kreiſe Derjenigen entfrem⸗ det, unter welchen er aufgewachſen iſt; er iſt nicht ge⸗ tauft, das iſt wohl war, aber er hat zu lange unter den Chriſten gelebt, um wieder Jude ſein zu konnenz er fühlt ſich hier und dort nicht heimiſch, ihn druͤckt nicht nur der Fluch der Mutter, ſondern auch das Bewußtſein, daß für ihn kein Glück mehr auf dieſer Erde blühe; für die Juden iſt er ein Chriſt, für die Chriſten ein Jude. Nimmt man zu dieſen innern QOualen noch äußere miß⸗ liche Umſtände hinzu, Bedrängniſſe und beſonders das unſtäte und bewegte Leben eines Schauſpielers, ſo möchte ich faſt mit Gewißheit behaupten, der unglücktiche Schlo⸗ mele, zerfallen mit ſich und mit der Welt, ſei nur nach Hauſe gekommen, um bei ſeiner Mutter zu ſterben, und um dort begraben zu liegen, wo auch die Seinigen eine Ruheſtätte gefunden. Uebrigens geht aus dieſer Geſchichte noch eine andere Bemerkung hervor, und die Alt u. Jung Iſrael. 9 130 iſt, daß Eltern, was leider bei uns Juden meiſtens der Fall iſt, ihren Kindern bei der Wahl ihres künfti⸗ gen Standes nie gebieteriſch in den Weg treten ſollen; wer weiß, wenn die alte Ruwke ihren Sohn nicht verſtoßen hätte, ob dieſer in ſeiner Lebensweiſe, trotz ſeines Standes, ſich nicht mehr zu den Juden gehalten, ſich dieſen weniger entfremdet hätte, und ſich auch dann vielleicht weniger unglücklich gefühlt haben würde.“ Als Löb Tewel inne hielt, nahm der Hauſirer David das Wort und ſagte:„Man mag die Maiſſe drehen wie man will, es bleibt immer etwas daran, was man ſich herausnehmen kann zum Nutzen uud zum Beiſpiel.“ „Das iſt wahr,“ meinte Sara,„aber Eines ge⸗ fällt mir nicht dabei.“ „Nun, was denn, mein Kind?“ fragte Frau Hannele. „Daß Schlomele nicht verliebt geweſen iſt.“ „Wer weiß, ob dies nicht wirklich der Fall war?“ ſagte Adam Freund,„vielleicht hat Frau Hendl es nur zu erwähnen vergeſſen.“ „Es iſt ſogar wahrſcheinlich, daß er unglücklich verliebt war!“ meinte Iſidor Peiteles. „Davon,“ ſagte die Kindbettwärterin,„iſt im gan⸗ zen Mokum nicht die Rede geweſen,„ſonſt hätte ich es gewiß auch erzählt. Ich ſeh' auch gar nicht ein warum er grade verliebt geweſen ſein ſoll?“ 131 Mirjam,„weil wir junge Leute eine Maiſſe viel lie⸗ ber anhören und auch natürlicher finden, wenn in der⸗ ſelben ein verliebtes Paar vorkommt.“ „Gut,“ ſagte Reb Löb,„ſo ſoll jetzt eine Maiſſe erzählt werden, wo Verliebte vorkommen.“ „Und dieſen Roman,“ rief Iſiddr Peiteles, „werde ich erzählen.“ „Was, ein Roman?“ brummte die Kindbettwärterin, „was iſt das wieder für eine Geſere? ich will eine Maiſſe und keinen Roman.“ „Meine liebe Frau Hendl,“ ſagte der Hauslehrer, es thut mir leid, Ihrem Wunſche nicht willfahren zu können. Ich bin ein gebildeter Mann, uud verſtehe es wohl, eine Novelle, einen Roman, wie man ſie jetzt in den Büchern ſindet, zu erzählen, aber mit Maiſſes in Ihrem Sinne gebe ich mich nicht ab. Wenn es der werthen Geſellſchaft angenehm, ſo will ich eine roman⸗ tiſche Geſchichte erzählen.“ „Gut, gut, erzählen Sie, Herr Peiteles!“ riefen Alle, mit Ausnahme der alten Kindbettwärterin. „Ich erwähne aber im Voraus,“ ermahnte der Hauslehrer,„daß ich nur in hochdeutſcher Sprache zu erzählen vermag.“ „Wegen meiner hochdeutſch,“ antwortete der Schul⸗ klopfer. „Oder türkiſch!“ ſetzte der Hauſirer hinzu. „Das will ich Dir ſagen, liebe Muhme,“ antwortete 132 „Fangen Sie nur einmal an,“ kreiſchte die alte Hendl,„eine lange Kränk') iſt ein gewiſſer Tod.“ Iſidor Peiteles räuſperte ſich, die Andern ſahen ihn erwartungsvoll an, und er begann:„Meine hiſtoriſch⸗romantiſche Erzählung führt den Titel: Zwei Herzen und ein Schlag. „Es war im Anfange des ſechszehnten Jahrhun⸗ „Was?“ unterbrach ihn die alte Hendl,„ſechs⸗ zehnten Jahrhunderts? Wann war das?“ „Vor etwas mehr als dreihundert Jahren, ich bitte unterbrechen Sie mich nicht.“ „Hätten Sie gleich geſagt: vor dreihundert Jahren, 8. hätt' ich nicht gebraucht zu fragen!“ antwortete Frau Hendl. Iſidor Peiteles ſah ſie mit einem finſtern Blicke an, und begann wieder:„Es war im Anfange des ſechszehnten Jahrhunderts, als ein harter Winter das Land bedrängte. Es war kalt, ſehr kalt, der Froſt machte Alles erſtarren, die Kälte war grimmig gräßlich, im ganzen Lande herrſchte Froſt und Kälte.“ „Ich bitt' Ihnen, tummeln Sie ſich,“ rief die Kind⸗ bettwärterin,„ſonſt wird ihre Maiſſe auch eing'frieren.“ „Ich habe Ihnen ſchon geſagt, daß ich keine Maiſſe, ſondern eine hiſtoriſch-romantiſche Geſchichte erzähle, jetzt ¹) Krankheit. 133 bitte ich Sie zum zweiten Male, unterbrechen Sie mich nicht.“ Mehrere der Anweſenden ſchmunzelten, und der Hauslehrer fuhr fort:„Es war alſo ſehr kalt, und auf der ganzen Straße ſah man weder Menſch noch Thier, denn Alle hatten ſich verkrochen vor der grimmigſten Kälte. Seit vier Stunden war ſchon zwölf Uhr vor⸗ über, es mochte alſo ungefähr um die vierte Nachmittags⸗ ſtunde ſein, da erhob ſich im Oſten—“ „Wo iſt das?“ rief die alte Hendl. „Das iſt dort, wo die Sonne aufgeht.“ „Aha, beim Misrach Hachemeſcht), jetzt erzählen Sie weiter.“* „Da erhob ſich im Oſten ein furchtbares Gewitter. Wolken ſtiegen herauf, langſam, majeſtätiſch, fürchterlich, und dieſe Wolken waren ſchwarz, finſter, finſter wie ein Grab, und ſchwarz wie die Nacht. Und immer finſterer wurde es am Himmel, immer finſterer wurde es auf der Erde, denn die Wolken hatten den ganzen Himmel um⸗ flort, und es ſchien, als ob der Himmel über die Fin⸗ ſterkeit der Erde Trauer angelegt hätte.“ Die alte Hendl ſchüttelte etwas ungläubig den Kopf, doch Peiteles ließ ſich nicht ſtören, und fuhr fort: „Und es dauerte wirklich nicht lange, ſo begann ein ¹) Sounenaufgang. 134 fürchterliches Gewitter zu toben, Blitze zuckten am Him⸗ mel, der Donner rollte,“— „Weh geſchrien!“ rief die Kindbettwärterin,„was ſind Sie für ein Amhorez¹)! Früher haben Sie geſagt, es war Winter, und jetzt thut es auf einmal blitzen und donnern.“ Die Uebrigen lachten, Peiteles wurde verlegen, und ſagte mit ſichtbarem Grimm:„Frau Hendl, Sie wollen mich mit Fleiß ſekiren—“ „Alles, was Recht iſt,“ ſagte der Schulklopfer, ſich in's Mittel legend,„Sie haben ſich widerſprochen, doch liegt daran wenig, erzählen Sie nur weiter fort!“ „Ja, ja, nur weiter, weiter!“ riefen die Andern, und Iſidor fuhr fort zu erzählen:„In dieſem grim⸗ migen Wetter ging ein einzelner Mann auf der Land⸗ ſtraße.— Er war in einen Mautel gehüllt, hatte den Hut tief in die Augen gedrückt, und ſah finſter aus, faſt ſo finſter, wie die Nacht, die ihn umgab. Und der Mann mußte ſchon ſehr müde ſein, denn ſein Gang wurde immer ſchwerer, immer langſamer, da endlich ſchimmerte ihm aus der Ferne ein rother Lichtſtrahl ent⸗ gegen, er eilte auf denſelben zu, und befand ſich vor ei⸗ ner Schenke.“ „Wo iſt er geweſen?“ fragte Hendl. „Vor einer Schenke.“ „Was iſt das?“ 6 ¹) Umwiſſender. 135 „Ein Wirthshaus. Ich bitte Sie zum dritten Male, unterbrechen Sie mich nicht.“ „Hätten Sie gleich geſagt, vor einem Wirthshaus, ſo hätte ich Sie nicht gebraucht zu fragen!“ antwortete die Kindbettwärterin mit unzerſtörbarem Gleichmuthe. Der Hauslehrer ſah ſie zornig an, und erzählte wei⸗ ter:„Der Fremde klopfte an das Thor, da begannen drin⸗ nen die Hunde zu bellen; bald darauf erſchien der Wirth, und fragte nach den Begehren des Fremden. „Kann ich hier für mich und mein Roß Unterkunft finden?“ „Weh geſchrieen!“ brach die Alte wieder los,„was iſt das wieder für eine Melohe 1)? früher haben ſie geſagt, er iſt gegangen zu Fuß, und jetzt redet er auf einmal von ſeinen Roß.“ Iſidor Peiteles ſprang zornig auf, und ſchrie: „Hören Sie mich doch früher an, ehe Sie mich unterbre⸗ chen. Der Fremde iſt zu Fuß gegangen, daß iſt wahr, aber ſein berittener Diener weiter rückwärts hat das Roß des Herrn am Zügel geführt.“ Die Kindbettwärterin erwiederte ganz ruhig:„Wenn der Herr hat ein Roß gehabt, und iſt doch zu Fuß gegan⸗ gen, ſo iſt er ein ſehr großer Schlemil*) geweſen.“ „Er konnte aber ſein Roß nicht beſteigen, weil es ſich früher den Fuß verſtaucht hatte.“ ¹) Arbeit. ¹) Ein ungeſchickter Meuſch. 136 „Dann hätte er ſollen den Meſchores 1) vom zwei⸗ ten Roß herunterjagen, und hätt' ſich darauf ſetzen ſollen.“ „Das war nicht möglich.“ „Warum denn?“ „Weil er ein ſehr ſtarker Mann war, und das Roß des Dieners nur ein ſchwaches Thier.“ „Dann hätt er ſo ein Peger ²*) nicht kaufen ſollen.“ „Er hat aber kein anderes bekommen.“ „Dann hätt er daheim bleiben und im Winter nicht reiſen ſollen.“ Die Andern brachen bei dieſem Streite in ein lautes Gelächter aus. „Sie ſehen, meine Herrnund Damen,“ rief der Haus⸗ lehrer wüthend,„Frau Hendl hat ſichs vorgenommen, mich heute zu ſchikaniren.“ „Warum nicht gar,“ rief die alte Kindbettwärterin, „erzählen Sie, wie ſich's gehört, und ich werde kein Wort drein reden.“ Nach einigen Zureden von Seite der Andern ſetzte Iſidor endlich ſeine Erzählung weiter fort:„Der Fremde, ſo wie der ſpäter mit den Roſſen nachgekommene Diener fanden iin der einſamen Schenke Unterkunft. Das war aber ein ſehr unheimlicher Aufenthalt. Ein kleines Haus, halb eingefallene Mauern, ein Strohdach, kleine Fenſter, die meiſtentheils mit Papier verklebt waren, die Wände nicht ———— ¹) Diener. ²) Aas. gemauert, ſondern nur von Lehm, kurz und gut, man ſah es dieſer Schenke an, daß dort nie ein ordentlicher Menſch eingekehrt war. Der Fremde hatte es auch gleich bemerkt, daß er ſich an einem verufenen Orte befand, allein er that nichts dergleichen und nahm die Freund⸗ lichkeit des Wirthes für baare Münze an. Auf einmal klopft es wieder an die Thüre, und bald darauf traten ſechs rieſengroße Männer in die nie⸗ dere Stube, Einer größer wie der Andere, und der klein⸗ ſte von ihnen war faſt ſechs Schuhe lang.“ Die Kindbettwärterin ſchüttelte wieder bedenklich den Kopf, und als Peiteles es bemerkte, rief er:„Was haben Sie ſchon wieder zu kopfſchütteln?“ „Mir iſt's eingefallen, wie denn die Rieſen, von de⸗ nen der Kleinſte faſt ſechs Schuh lang, und Einer immer größer war wie der Andere, wie dieſe Gogmagogs 1) nur in der niedern Stube haben ſtehen können?“ „Wenn ſie nicht gerade ſtehen konnten, ſo haben ſie ſich gebückt.“ „Erlauben Sie, Herr Peiteles,“ nahm jetzt der Hauſirer das Wort,„daß ich eine andere Frage an Sie richte. Ihre Geſchichte zieht ſich in die Läng' wie ein Strudelteig, Sie erzählen jetzt ſchon langmächtig und man weiß noch immer nicht, warum die Geſchichte: „Zwei Herzen und ein Schlag“ heißt.“ 1) Gog, Magog ſo viel wie: Rieſen. 138 „Warum?“ rief der Hauslehrer,„weil die Räuber ein Mädchen bei ſich haben, welches dem Fremden in der Nacht das Leben rettet.“ „Und wer iſt der Fremde?“ „Ein König!“ „Und was kriegt das Mädchen dafür?“ „Der König heirathet ſie.“ „Ah ſo!“ rief die Kindbettwärterin,„jetzt iſt der Klapp 1) auf einmal heraus. Jetzt brauchen wir die Maiße nicht mehr anzuhören.“ Alle lachten; nür Frau Hannele hatte mit der Verlegenheit des beſchämten Hauslehrers Mitleid, und ſagte:„Das macht nichts, Herr Iſidor ſoll nur weiter erzählen.“ Da erhob ſich der Hausſtrer und ſprach mit ernſtem Tone:„Meine liebe Macheteneſte, Sie wollen wahr⸗ ſcheinlich Herrn Peiteles deßwegen weiter erzählen laſ⸗ ſen, damit uns der Appetit auf die Leber und Griepen vergehen ſoll, und Sie dabei etwas erſparen, das darf aber nicht geſchehen, darum herein mit der Leber und den Griegen, Herr Peiteles ſoll ſich ſeinen Roman aufheben, bis Meſchiach*) kommt.“ Allgemeines Gelächter; die geſchliſſenen Federn wur⸗ den in den zweiten Topf gepackt, die Dienſtmagd brachte Teller und Eßzeug, Sara ging zum rieſigen Kachelofen, ¹) Geheimniß. ²) Meſſias. 139 offnete die Roöhre und zog zwei Schüſſeln aus derſelben, deren Eine mit zwei rieſigen Lebern, die andere aber mit Stücken von einem Gansbraten gefüllt waren. Man wuſſch ſich die Hände, und ſetzte ſich dann zum Abendmal. Iſidor Peiteles machte ein finſteres Geſicht, und um ihn anfzumuntern, nahmen ihn Mirjam und Eſther in die Mitte, um das wieder gut zu machen, was ihre alte Muhme, die Kindbettwärterin, verdorben hatte. Adam Freund ſcherzte leiſe und verſtohlen mit der lieblichen Sara, der Schulklopfer und der Hauſirer ſprachen dem Mahle wacker zu, und Frau Hannele hatte ihre Freude daran, daß ſämmtliche Gäſte ſich ihr Gänſernes und Hausbrod ſo trefflich ſchmecken ließen. „Gehen Sie, Herr Peiteles“, bat ſie zum öfterſten Male„greifen Sie zu.“ „Ja, ja, thun Sie das“, ſprach der Hauſirer,„oder ſteckt Ihnen vielleicht noch der Roman im Halſe.“ „O, ſpotten Sie nur“, antwortete der Hauslehrer, „ſpotten iſt leicht, erzählen Sie einmal Etwas.“ „Jetzt habe ich keine Zeit dazu, ich muß eſſen.“ „Nun wir werden ſehen, was Sie ſpäter zum Vor⸗ ſchein bringen werden.“ „Jedenfalls etwas Beſſeres, als ihre zwei Herzen und ein Schlag.“ „Wo es im Winter donnert!“ ſagte der Schul⸗ klopfer. 140 „Und wo Einer, der zwei Roß hat, zu Fuß gehen muß,“ ſetzte Hendl hinzu,„wiſſen Sie, Herr Peiteles, Sie kommen mir gerade ſo vor, wie jener Chaſen 1) bei mir zu Haus, der hat in unſerer Khille wollen aufge⸗ nommen werden, und da hat er geſagt, er kann nicht nur ſchön ſingen, ſondern er kann auch gut Daſchenen*). Gut; jetzt hat man ihn an einem Schabbes laſſen Da⸗ ſchenen und ſingen. Wie die Schul aus war, iſt er zum Roſch Hakohol gekommen und hat geſagt: Nu, mein lieber Roſch Hakohol, was ſagt Ihr zu mir?“ „Ich werd Euch etwas ſagen,„gibt ihm der Roſch Hakohol zur Antwort,„es iſt wahr, Daſchenen könnt Ihr nicht, aber ſingen— könnt Ihr auch nicht. Bei Ihnen iſt's derſelbe Fall, eine Maiße erzählen, können Sie nicht, aber einen Roman erzählen können Sie auch nicht.“ „Sie muͤßen Herrn Iſidor nicht Unrecht thun,“ nahm der Schulklopfer das Wort,„ihm geht es vielleicht gerade ſo, wie dem einzigen Sohne jenes reichen Man⸗ nes, der ſechs Jahre in der Fremde war, wo er viele Tauſende gekoſtet hat. Wie er nach Hauſe gekommen iſt hat der Vater zu ihm geſagt: Afromele ²), mein Kind, du haſt mich ſo viel Geld gekoſt, was haſt du dafür gelernt?“ „Lieber Vater! ich hab gelernt ſpielen die Geigen.“ Der Vater war damit zufrieden, und in der Khille „ Vorſänger in der S*) Predigen. ²) Diminutiv von Abraham. 141 iſt ein groß Gerummel entſtanden, daß Afromele iſt ge⸗ worden ein geſchickter Klesmor ¹) und alle Welt hat hören wollen den Afromele Geigen ſpielen. Da hat ſein Vater eine große Mahlzeit gegeben, hat eingeladen alle Verwandten und Bekannten, und wie Afromele anfangen ſoll zu ſpielen, hat er was zuſam⸗ men gekritzelt, daß alle Mäus und Ratzen*) hätten davon laufen können. Da ſchüttelte zuerſt der Gevatter den Kopf, dann der Vetter, dann die Muhme, dann der Dede*), dann die Babe“), und zuletzt haben Alle die Köpf geſchüttelt, und der Vater hat gerufeu:„Afromele, was iſt das fuͤr eine Geigerei?“ „Das verſteht Ihr nicht, meine Lieben“, ſagte der Klesmor,„geigen kann ich ſehr gut, aber mit dem Fin⸗ gerln geht es mir ſchlecht, wenn mir aber kein Menſch zuhört, da kann ich geignen und fingerln zugleich. So auch Sie, Herr Iſidor, wenn Ihnen kein Menſch zuhört, ſo können Sie vielleicht Maißim und Romane erzählen.“ Das Mahl war beendet, da ſagte Reb Löb:„Herr Peiteles, wenn Sie mit Ihrer Geſchichte auch abgebrannt ſind, ſo bleiben Sie mir deßhalb doch ein lieber Gaſt, und ſtehen bei mir ſo wie früher in Ehren, als Beweis deſſen bin ich Ihnen das Meſumen*) mechabet ¹).“ ¹) Muſikant. ²) Ratten. ²) Großvater. ³) Großmutter.*) Das Vorbeten des Dankgebetes nach dem Eſſen. ²) Verehren, offeriren. 142 Iſidor Peiteles nahm den Antrag an, das Gebet wurde geſprochen, der Tiſch abgeräumt, die drei Knaben gingen zu Bette, und die übrige Geſellſchaft be⸗ gann das frühere Geſchäft fortzuſetzen. „Die Reihe zum Erzählen“, begann der Hauſirer, „iſt jetzt an mir. Ich werde erzählen eine ganz einfache Maiße, die heißt: „Der Schlumeſalnek).“ In einer Khille war einſt ein Vater, und dieſer Vater hat Reb Haſch, und von den beiden Söhnen hat der ältere Sch mule und der jüngere Noßele ge⸗ heißen. Der alte Vater war ziemlich bemittelt, und hat die beiden Kinder lernen laſſen. Schmule war ein aufgewecktes, munteres Jüngel, und Noßele war mehr ſtill und eingezogen. Schmule war ſchön gewachſen, hat gehabt ein Peßel Ponim*), ſchwarze Augen, ſchwarzes Haar, und Noßele war ein kleiner Pumpernikel, der keinem Menſchen gefallen hat. Schmule hat immer gehabt reine Wäſch, ein ſauberes Gewand, geputzte Stiefel, und hat ausgeſehen, als wenn er grad' wär aus einem Schachtele herausgeſprungen, und Noßele, wie wohl er mit ſeinem Bruder Gewand Unglücksvogel.) Schönes Antlitz. 143 und Wäſch immer zugleich bekommen hat, war er doch immer ſchmutzig, und hat ausgeſehen, als wenn er aus einem Ofen herausgekrochen wär'. Sein Hemd war im⸗ mer gleich zerkrippelt, ſein Rock fleckig, ſeine Hoſen hat unten gleich gehabt einen Schlumper), und wenn ein Fleck vom Himmel herunter gefallen iſt, ſo iſt er gefallen auf Noßele, er war ein nebbech ein großer Schlu⸗ meſalnek! Schmule hat gehabt einen leichten Kopf zum Lernen, hat gut geſchrieben, gerechnet, und ſeine Parſche Chumeſch*) verſtanden, Noßele aber war ein Stein⸗ kopf in den nichts hineingegangen iſt, und wie er bei der Bar Witzwe das Erſtemal aufgerufen wurde, iſt er ſogar in der Broche*) beim Sefer Thora) ſtecken geblie⸗ ben, der Schameß hat ihm müſſen heraushelfen, und die ganze Khille hat geſagt: der Noßele iſt ein großer Schlumeſalnek! Seit damals hat man in jener Khille auf dem Bal Emer*) eine große Tafel befeſtigt, auf welcher die Broche geſchrieben war, damit alle Amrazim, welche dieſelbe nicht auswendig können, ſie nur herunter zu leſen brau⸗ chen. Der alte Reb Haſch war ein kluger Mann, und hat deßhalb die beiden Söhne doch ganz gleich gehalten, keiner hatte vor dem Andern einen Vorzug, ein anderer ¹) Verbrämung von Schmutz. 2) Bibel. ³) Segen. ²) Ge⸗ ſetzrolle. ²) Erhöhte Stelle im Tempel. 1⁴4 Vater hätte vielleicht den Noßele verachtet, und ihn um Manches verkürzt, und den Schmule beſſer bewacht und erzogen, aber er that es nicht; keiner der Brüder hatte einen Grund, den zweiten um das Geringſte zu be⸗ neiden, und wenn der Vater von ſeinen Kindern ſprach, ſo war der einzige Unterſchied, den er ſich erlaubte, der, daß er den Einen:„Mein Schmule“, den andern aber„Mein Schlume ſalnek“ nannte; jedoch ge⸗ ſchah auch dieß nur dann, wenn keiner von Beiden an⸗ weſend war. Als Schmule ſechzehn Jahr alt geworden war, ſagte Reb Haſch zu ihm:„Mein Sohn, du biſt erwachſen, du haſt Etwas gelernt, du mußt jetzt auch die Welt pro⸗ biren, und mußt in die Fremd'! Die Fremd' iſt der Schleifſtein, an welchem die Ecken und Spitzen von einem Menſchen abgeſchliffen werden, damit er ohne An⸗ ſtoß in der Welt fortzukommen im Stande iſt. Ich werde dich nach Wien ſchicken, dort habe ich einen Ju⸗ gendfreund, der eine angeſehene Firma führt, bei ihm wirſt du eine Stelle finden, und dich zu einem tüchtigen Buchhalter ausbilden. Wenn du fleißig und brav bleibſt woran ich gar nicht zweifle, ſo wirſt du dort gut auf⸗ genommen ſein, und man kann nicht wiſſen, ob du nicht in Wien dein Glück machen wirſt. Wie Schmule gehört hat, daß er nach Wien ſoll, war er vor Freude ganz außer ſich, die alte Mad welche bei Reb Hg ſch ſeit dem Tode ſeines Weibes in 145 Dienſten ſtand, mußte dem jungen Herrn Alles zuſam⸗ menpacken, und in vier Tagen darauf ſollte Schmule mit einem Kaufmann, der grad nach Wien ging, um dort einzukaufen, abreiſen. Da ſich die Brüder gut mit einander vertragen hatten, ſo weinte Noßele bei Schmule's Abreiſe; als dieſer ſchon auf dem Wagen ſaß, ſprang er noch einmal zu ihm hinauf, und küßte ihn, und Reb Haſch weinte auch, endlich rief er:„Na, fahr' in Gottes Namen, mein Kind! Noßele ſteig herunter vom Wagen!“ Noßele ſtieg auch gleich herunter, blieb aber am Radnagel hängen, und zerriß ſich die neue Mancheſter⸗ hoſe; der Wagen fuhr fort und alle Andern, die zurück⸗ geblieben waren, haben zu Noßele gerufen:„Haßt e Schlumeſalnek!“). Noßele war jetzt allein zu Hauſe. Da er frü⸗ her bei allen ſeinen Jugendſpielen den Bruder zur Seite gehabt hatte, und dieſer jetzt fort war, hing er ſich an einen andern Chawer*) und das war Lebele, der Sohn vom nächſten Nachbar, der mit Taleßim, Zizes*) und Eßrogim*) handelte, und ſich nebſtbei mit Schad⸗ choneß*) abgab. Lebele hatte aber eine Schweſter, welche bereits neunzehn Jahr alt war; dieſe Schweſter hieß Fradl. ¹) Iſt das ein Schlumeſalnek. ²) Kamerad. ³) Schaufäden. *) Paradiesäpfel. ²) Ehekuppler oder Senſal. Alt u. Jung Iſrael. 10 146 Fradl war ein ſehr ſchönes Kind, ihre Augen waren blau wie Feigel ¹), ihr Haar blond und ſeide⸗ weich, ihr Ponim war weiß wie Schnee, und die Go⸗ ſchelech*) haben geblüht, wie Roſen; dabei war ſie ge⸗ wachſen wie ein Lulew ²) aber verſteht ſich, nicht ſo dünn, ſondern nur ſchlank, aber voll und üppig. Ein Sprichwort ſagt:„Alle Schuſter tragen zer⸗ riſſene Stiefel, und alle Schadchonim haben alte Ma⸗ den.“ Das war auch hier der Fall, wiewohl Reb Jai⸗ kew, Fradels Vater, ein Schadchen war, ſo hatte er für ſeine Tochter doch noch keinen Mann gefunden, denn das Geſchäft mit den Taleßim und Zizis iſt ſchon da⸗ mals ſehr ſchlecht gegangen, weil die Zizisbeißer*) im— mer ſeltener geworden ſind, daher hat er für ſeine Fradl keinen Nedann*) gehabt, und eine Mad ohne Nedann kriegt ſelten einen Mann, denn bei uns Jüdon iſt es leider eingeführt, daß, wenn ein junger Menſch zwei Groſchen im Vermögen hat, will er gleich tauſeud Gulden Nedann haben; auf dieſe Art iſt Reb Jaikews Fradl neunzehn Jahr' alt geworden und iſt zu keinem Schidech*) gekommen. Wie nun Noßele oft zu ſeinem Chawer ins Haus gekommen iſt, hat er auch deſſen ſchöne Schweſter kennen gelernt und hat oft mit ihr geſprochen und da ſind ihm auf einmal aufgegangen die Augen, und da Veilchen.) Wangen. ²) Palmzweig. ²) Die Frommen. * Heirathsgut. ²) Heirath. 147 hat ſich auf einmal aufgethan ſein Herz, und Noßele, der Schlumeſalnek, iſt geworden verliebt in Reb Jaikews Fradl! Die erſte Lieb' iſt verſchwiegen, wie das Grab, und verkriecht ſich wie ein ſcheuer Vogel; das hat auch Noßele gethan, aber wenn es auch die Andern nicht merkten, ſo hat es doch Fradl erkannt, und obwohl Noßele nicht ſchön und nicht geſchickt war, ſo hat er doch ein ſehr gutes Herz gehabt und das hat der Bſule ¹) wohlgefallen, und ſie hat ſich ihm genähert, und da ſind auch ihr auf einmal aufgegangen die Augen, und da hat ſich auch bei ihr auf einmal aufgethan das Herz, und Reb Jaikews Fradl iſt geworden verliebt in Noßele, den Schlumeſalnek. An einem Schabbes Nachmittag iſt Noßele zu Reb Jaikew ins Hans gekommen, aber der Balboß*) war bei einem Bekannten zum Schale Sudeß*) eingela⸗ den, und Lebele war auch nicht da, daher war Noßele mit Fradl a llein. Sie hat ihm einen Stuhl geboten, er hat ſich zu ihr geſetzt, dabei aber hat ſein Herz ſo ſtark geklopft, als wenn es ein Schulklopfer wär, und ſein Blut iſt geloffen, wie ein Trenderl ²) und er hat nicht gewußt ob er ſoll reden oder ſchweigen, und wenn ihn Fradl ¹) Jungfrau. ²) Hausvater. ²) Jauſen.*) Ein aus Blei ge⸗ goſſenes Spielzeug, das gedreht, im Kreiſe herumwirbelt. 10* 148 angeſehen hat, ſo wurde er feuerroth und ſchlug die Augen unter. „Warum ſind Sie ſo ſtill, lieber Noße2“ fragte ſie. „Weil— weil ich nicht weiß, was ich reden ſoll!“ kekezte*) er. Eine andere Mad hätt' ihn vielleicht ausgelacht, aber Fradl that dieß nicht, ſondern ſah ihn betamt*) an, und ſagte:„Lieber Noße, erzählen Sie mir etwas.“ „Was ſoll ich Ihnen erzählen? Sie wiſſen mehr wie ich, ich weiß nichts, gar nichts, mir iſt's jetzt in meinem Kopfe, wie es vor Erſchaffung der Welt ge⸗ weſen iſt.“ „Sie ſind ein kindiſcher Menſch, lieber Noße“, ſagte Fradl,„Sie müſſen mehr Vertrauen zu ſich ſelbſt haben“. „Mein Gott! wie kann ich das, wenn die ganze Khille ſagt, ich wär ein Schlumeſalnek.“ „Laſſen Sie die Leure reden, man kann es, be⸗ ſonders bei uns Jüden, Niemanden recht machen, nicht der Kopf, ſondern das Herz macht den Menſchen, wenn das Herz ſchlecht iſt, ſo kann der Kopf ſo voll Gelehrtheit ſein, es nutzt Alles nichts; Sie aber haben ein gutes Herz, gewiß ein ſehr gutes Herz.“ „Ja, weiß Gott!“ ſagte Noßele,„mein Herz iſt gut, aber das Herz iſt verborgen in der Bruſt und Nie⸗ mand ſieht es.“ ²) Stottern. ²) Angenehm, lieblich, geſchmackvoll. 149 „Glauben Sie das nicht, lieber Noße, es gibt ſchon Leute, die es merken und anerkennen.“ Bei dieſen Worten ſchlug Fradl die Augen unter, aber Noßele wußte nicht, was das zu bedeuten hat, er war nebbech ein großer Schlumeſalnek. Nach einer Weile fuhr Fradl fort:„Sehen Sie, lieber Noße, ein Menſch, der aus ſich ſelber nichts macht, aus dem machen auch die Leute nichts; darum muß man nicht immer auf einem Fleck ſtehen bleiben, ſondern man muß vorwärts trachten, immer höher wollén.“ „Das habe ich mir auch ſchon gedacht!“ antwortete Noßele,„aber ich weiß nicht, wie ich es anfangen ſoll, ich glaude, es wird das Beſte ſein, ich mache es ſo wie mein Bruder und gehe auch in die Fremde.“ „Wie? Sie wollen fort von hier! rief Fradl er⸗ ſchrocken, und dabei iſt ſie blaß geworden, wie eine Wand. Auch das iſt dem Noßele nicht aufgefallen, denn er war nebbech ein großer Schlumeſalnek. „Muß ich nicht?“ antwortete er,„was wird hier aus mir werden?“ „Ihr Vater ſoll Sie in ſein Geſchäft nehmen.“ „Das mag ich nicht? ich will kein Handelsmann werden.“ Fradl ſchüttelte den Kopf und ſagte ganz traurig: „Sie wollen nicht, das thut mir ſehr weh!“ „Und warum denn?“ 150 „Weil Ihnen dann freilich nichts Anderes übrig bleibt, als in die Fremd'zu gehen.“ „Und warum macht Sie das traurig?“ „Weil— weil ich Sie dann nimmer ſehen werde!“ ſagte Fradl. Noßele dachte dasſelbe, kratzte ſich hinter den Ohren, und ſagte:„Ach, wenn ich denke, daß auch ich Sie nimmer ſehen ſoll, ſo möcht' ich faſt anfangen zu weinen.“ Fradl ſah ihn an, und preppelte 0):„Iſt mirs etwa anders? Noßele, ich werd es nimmer überleben.“ 3 3 Jetzt war der Klapp draußen. est hat Noßele gewußt, wo das Fleiſch gehackt wird. Er hat Fradl ihre Hand genommen, und hat geru⸗ fen:„Fradl! mein Leben, iſt es auch wahr, haſt Du mich richtig ſo gern?“ „Du kannſt noch fragen?“ rief ſie,„Du biſt mein Einziges auf dieſer Welt, mein Leben, mein Herz, mein Alles gehört Dir!“ Maſel tow! ¹) Von dieſer Stund an iſt es Noßele nicht mehr eingefallen, in die Fremd' zu gehen, er iſt fleißiger als früher bei ſeinem Chawer geſteckt und hat mit Fradl ſeine Freud gehabt. ) Murmelte.*) Redensart, eben ſo viel als: Er weiß, was an der Glocke iſt. ²) Viel Glück. —— —— —— ———— —— 151 Noßele hat geglaubt ſeine Sachen recht klug zu machen, daß kein Menſch ſeine Lieb' merkt, aber dem war nicht ſo; Reb Jaikow, Fradls Vater war ein kluger Kopf und Noßele war nebbech ein Schlu⸗ meſalnek. Bei der nächſten Gelegenheit hat der Schadchen dem Noßele ſein Haus verboten, denn er hat geglaubt, daß ſeine Tochter mit dem jungen Menſchen keine Aus⸗ ſicht hätt'. Noßele hat ſich das Haus verbieten laſſen, iſt aber doch heimlich mit der Geliebten zuſammen gekommen. Im Haus bei ihr war eine alte Schuppen ¹), da ſind die Kiſten geſtanden, in welchen Reb Jaikew ſeine Lulews und Eßrogim bekommen und verſchickt hat. Auf dieſen Kiſten ſind nun Noßele und Fradl oft ſtun⸗ denlang beiſammen geſeſſen und haben ſich gedruckt und gekußt, und haben geſprochen von ihrer Liebe, und Noßele hat ihr da geſagt, daß er in die Fremd' wird gehen, um etwas zu werden, und da haben ſie ſich Treue gelobt für immer und ewig, und da iſt auf einmal Reb Jaikew in die Schuppen gekommen, und hat in der Hand gehabt einen poßlen*) Lulew, der an einen Stock gebun⸗ den war, und wiewohl Suckes ſchon lang vorbei war, hat er den Lulew angefangen zu ſchütteln auf Noßele s Buckel) bis der Buckel iſt grün geworden, wie ein Eßrog) ¹) Schoppen. ²) Unbrauchbar. ²) Rücken. ²) Paradiesapfel- 152 und wie Noßele ſeine Klepp ¹) gehabt hat, iſt er ge⸗ gangen in die Fremd. So hat Abfchied genommen von der Geliebteu No⸗ ßele, der Schlumeſalnek. Nach dieſer Begebenheit ſind zehn Jahr⸗ vergangen, da iſt auf einmal Schmule von Wien gekommen, und hat mitgebracht viel Geld und ein ſchönes Weib: Reb Haſch hat an dem Sohne viel Freude gehabt, denn Schmule hat iu der Khille ein großes Haus geführt und war ein reicher Mann. Kurz darauf kam auch Noßele zurück, aber ganz allein, und mit wenig Geld. Wie Noßele gekommen iſt, war auch die ganze Khille auf, und als man ihn fragte, was er denn eigent⸗ lich in der Fremde geworden iſt, da ſagte er:„Ich bin ein Schuſter geworden.“ Da haben die Leut' gerufen:„Jetzt war er zehn Jahr in der Fremd, auf einmal kommt er zurück und iſt nur geworden ein Schuſter. Haßt e Schlumeſalnek.“ Aber Noßele ließ ſich nicht irre machen, ſondern ging hinüber zu Fradl, die indeſſen freilich eine alte Mad geworden, aber ihm auch treu geblieben war, und ſiel ihr um den Hals, und ſagte:„Fradl, mein Herz, jetzt werden wir Chaßene*) machen.“ Reb Jaikew war froh, ſeine alte Mad zu patern, ¹) Schläge.*) Hochzeit. 153 die ganze Nedann, welche jetzt Noßele bekommen hat, war ein ſeidener Tales mit einem ſchmalen Goldbörtel ¹), drei Pfund Zizes, ein alter Lulew, ein Paar verſchim⸗ melte Eßrogim, darauf haben ſie ſich geben laſſen Chuppe Keduſchen*) und ſind geweſen Mann nnd Weib. Schmule war ein reicher Kaufmann, Noßele ein fleißiger Schuſter. Reb Haſch hatte an beiden Söhnen ſeine Freude gehabt, aber Schmule war in Wien ein großer Gaiwe⸗ nik*) geworden und hat ſich geſchämt, daß ſein Bruder nur ein Schuſter iſt, dadurch iſt zwiſchen Beiden eine Feindſchaſt eingetreten. Schmule hat ſich um Noßele nicht ungeſehen, und Noßele hat zu ſeiner Fradl geſagt:„Liegt ihm an mir nichts, ſo liegt mir auch an ihm nichts; er iſt ein Koozen*) und ich ein Handwerker; ich verſtehe meine Profeſſion, und ſo lange die Mode nicht aufkommt, bloßfüßig zu gehen, ſo lange werde ich auch zu leben haben; nicht wahr, Fradl, mein Kind?“ Statt der Antwort fiel ihm Fradl um den Hals, und weinte Freudenthränen. Er ſetzte ſich hierauf auf den Dreifuß und arbeitete weiter. Der alte Vater gab ſich freilich viele Mühe, zwiſchen den Kindern den Vermittler zu machen, um ſie auszu⸗ ¹) Goldborte.*) Vermählen. ³) Ein ſtolzer Menſch. ²) Ein reicher Mann. 154 ſöhnen, aber es iſt nicht gegangen. Schmule wollte den Bruder ſogar in ſein Geſchäft nehmen, aber dieſer ſagte:„Ich bin ein Schuſter geworden und will ein Schuſter bleiben, bis Meo Schonim. ¹)“ Die andern Leute aber, als ſie hiervon hörten, ſag⸗ ten:„Noßele könnte bei ſeinem Bruder das beſie und ſchönſte Leben haben, und er will doch nicht, haßt e Schlumeſalnek!“ So vergingen mehrere Jahre. Auf einmal iſt eine große Veränderung geſchehen. Von Wien ſind Briefe gekommen an mehrere Häu⸗ ſer, und wie die Briefe geleſen waren, ſind die Leute zu⸗ ſammen geloffen, und haben die Köpfe zuſammengeſteckt, und haben mit einander lauter Sodeß*) gehabt und auf einmal iſt der Klepp herausgekommen, daß Schmu⸗ le's Schwär*) hat fallirt und weil Schmule bei ihm auch viel Geld hat liegen gehabt, ſo war das viele Geld verloren. In der Khille war ein großes Geſchrei und viel Klagen, aber mit Geſchrei und Klagen wird Jeruſcho⸗ laim*) nicht aufgebaut, mit viel Geſchrei und Klagen wird das verlorne Geld nicht zuruͤckgewonnen. Von demſelben Augenblicke hat auch Schmule angefangen zu wackeln, und er hat ſich mühſelig fortge⸗ bracht, da iſt ein neues Schlemaſel*) über ihn gekom⸗ ¹) Bis hundert Jahre.*) Geheimniſſe.*) Schwiegervater. *) Jeruſalem.*) Unglück. —— 155 men; in der Khille iſt eine große Srefeh) ausgebrochen, und die halbe Khille iſt abgebrannt, und dabei war auch Schmule und Noßele. Schmule hat verloren ſein Haus, ſein Magazin, ſeine Schore*), ſeine ſchöne Einrichtung, und es iſt ihm nichts übrig geblieben, als ſein Weib, fünf kleine Kin⸗ der, und ein Paar Gulden. Noßele hat nebbech auch verloren, was er gehabt hat, aber er hat doch ſein Werkzeug und ſein Leder ge⸗ rettet, und dabei iſt ihm noch geblieben ſein Weib, und er hat behalten ſeine zwei ſtarken Hände und ſein Au⸗ genlicht, und mehr braucht ein Profeſſioniſt nicht, um zu leben. Nach der Srefeh hat er ſich wieder genommen ein Quartier und hat friſch angefangen zu arbeiten, das hat aber ſein Bruder nicht thun können, denn ein zu Grund gegangener Kaufmann kann in ſeinem Geſchäft nicht arbeiten. Der alte Reb Haſch hat nebbech das Alles mit erleben müſſen, und hat groß Zahr ¹) gehabt, und das hat ihn gemacht ſteinalt. Sechs Monate nach der Srefeh hat Noßele ſchon wieder ſo viel erworben gehabt wie früher. Schmule aber, damit er Weib und Kinder nicht verhungern laſſen mußte, hat ſich für ein Paar Gulden ¹) Feuersbrunſt.*) Waare. ²) Kummer. 156 Schore gekauft, und hat müſſen herumfahren auf die Märkte, und hat ſich müſſen plagen, wie er es nicht gewohnt war; wie ſchwer es ihm daher angekommen iſt, kann ſich jeder Menſch leicht vorſtellen. Noßele hat dieß mit ſchwerem Herzen eingeſehen. Da ſagte er einmal zu Fradl:„Weißt du was, mein Kind, wir wollen meinem Bruder ein wenig unter die Händ greifens du ſiehſt, daß er ſich ſehr ſchwer ernährt, wir wollen ſeine zwei älteſten Knaben zu uns in die Lehr nehmen. Er hat nebbech viel Kinder, wir aber haben keins, daher iſt es unſere Pflicht, ihm dieſen An⸗ trag zu machen.“ Fradl willigte ein, der alte Reb Ha ſch wurde ins Mittel gezogen, und wie Schmule von ſeinem Vater dieſe Nachricht bekam, iſt er zu ſeinem Bruder geloffen, iſt ihm um den Hals gefallen, und hat geſagt: „Mein lieber Bruder, ich habe groß gefehlt, daß ich dich und deine Profeſſion gering geachtet, und mich dei⸗ ner geſchämt habe. Die Strafe iſt aber nicht ausgeblie⸗ ben, ich bin ein armer Mann geworden, und Schem Jisborach hat mir nun gezeigt, daß es beſſer iſt, die Zukunft ſeiner Hände Arbeit anzuvertrauen, als ſie auf ſchwankende Spekulationen zu ſtützen, die den Menſchen heute ſteinreich und morgen bettelarm machen. Verzeihe mir die Kränkung und ſei wieder mein lieber Bruder; damit du aber ſiehſt, daß meine Rede aus wahrem Her⸗ zen kommt, ſo gelobe ich dir in dieſer Stunde, daß kein 157 Einziger von allen meinen Söhnen ein Handelsmann, dagegen alle Profeſſioniſten werden ſollen.“ Und das iſt auch geſchehen. So hat Noßele fortgelebt und fleißig gearbeitet in der warmen Stube. Schmule hat muͤſſen im Sommer und Winter herumfahren, hat ſich muͤſſen plagen und rackern, hat nicht können bleiben zu Haus bei ſeinem Weibe und ſeinen Kindern, und wie die andern Leute das geſeh'n haben, ſind ihnen die Augen auſgegangen und ſie haben geſagt:„Unſere Kinder müſſen auch Profeſſioniſten werden, da ſeht nur hin, wie gut es dem Noßele geht, er iſt doch kein ſo großer Schlumeſalnek, wie wir geglaubt haben.“ So ſind vergangen die Jahre, Noßele, Schmule und Fradl und die andern ſind geworden alt, und wenn ſie nicht geſtorben ſind, ſo leben ſie noch, und Schem Jisborach möge ſie nehmen in ſeinen Schutz und möge ſie und uns bewahren von allem Böſen; er möge ſich annehmen aller Jüden, möge erleuchten ihre Augen, damit ſie das thun, was ihnen frommt, und möge ſie, wenn ſie einſtens die Augen zudrücken, aufnehmen in die Geſellſchaft der Frommen, ſo wie er aufgenommen hat unſere Väter Abraham, Iſack und Jakob, damit wir mit ihnen vereint genießen das Leben jenſeits in aller Ewigkeit, Amen!“ 158 „Amen!“ riefen alle beim Federſchleißen Verſam⸗ melten, und erhoben ſich von ihren Sitzen. „Meine Lieben,“ nahm jetzt Reb Löb Tewel das Wort,„ehe Ihr fortgeht, muß ich Allen für den angenehmen Abend, den Ihr mir und den Meinen ver⸗ ſchafft habt, danken. Wir ſind vier Stunden beiſammen geſeſſen, und haben Manches vernommen, von dem es wünſchenswerth wäre, daß es jeder Jude hören und es ſich zn Herzen nehmen möchte. Die Uneinigkeit in den Gemeinden, zweckmäßige Erziehung und Behandlung der Kinder, gewiſſe Vorurtheile in Bezug anf Standes⸗ wahl, das ſind Gegenſtände, die den Juden nicht warm genug an das Herz gelegt werden können, und es iſt die heiligſte Pflicht aller jener Juden, welche die Feder — öfentlich führen, das Volk darauf aufmerkſam zu ma⸗ chen. Glaubt mir ſicher, meine Lieben, jene Juden mit den Millivnen, wenige Ausnahmen abgerechnet, die nützen ihren Glauben wenig oder gar nichts, denn Hauſirer oder Börſeſpekulant, dieſer oder jener iſt ein„Hande⸗ wsund⸗dasiſt ja der allgemeine Vorwurf, den man den Juden macht, daß ſie nur für den Handel Sinn, nur zum Handeln Luſt und Neigung haben; da⸗ rum behaupte ich, daß ein braver, redlicher, geſchickter jüdiſcher Handwerker dem Judenthume mehr nützt und mehr Ehre macht, als alle jene Millionäre, die eben durch ihren Reichthum den Neid der Andern wecken und zu neuen Gehäſſigkeiten gegen die Juden Anlaß geben⸗ 159 Somit nehmt Euch Alles zu Herzen, was ihr heute ge⸗ hört und erfreuet mich heut über acht Tage wieder mit Euerem Beſuche, und wenn uns Gott das Leben ſchenkt, werden wir jenen Abend eben ſo angenehm und nützlich zubringen wie den heutigen. Jetzt gute Nacht!“ „Gute Nacht, gute Nacht!“ riefen die Uebrigen. Allgemeiner Lärm, es wird geſchrien, gerufen, ge⸗ kußt und ſich beurlaubt. „Gute Nacht! meine theuere Sara!“ „Tauſend gute Nacht, mein Adam!“ „Sehe ich Dich bald wieder?“ „Ja, mein Leben!“ Außen in der dunkeln Vorhalle hörte man einen leiſen Kuß. „Gute Nacht!“ „Tauſend gute Nacht!“ Drin und draußen Lärmen, Schreien und Abſchied⸗ nehmen. Endlich ſchied man. Im Hauſe Reb Löb Tewels wurde es wieder Stille. Dieß iſt ein Abend beim Federnſchleißen. In ſelber Verlagshandlung ſind ferner erſchienen: Eduard Preier's geſammelte Romane. 1. bis 12. Vand. Der Gezeichnete., Hiſtoriſcher Roman in 3 Bänden. Wien vor 100 Jahren. Hiſtoriſcher Roman. 2 Bde. Die Sendung des Rabbi. Zeit⸗ und Sagenbild aus dem 15. Jahrhundert. 2. Bde. Die Hußiten in Luditz. Hiſtoriſcher Roman. Der Fluch des Rabbi. Romantiſches Sittengemälde aus dem 16. Jahrhundert. Waldfräulein, oder Ritter und Adept. Romantiſches Sagenbild der Vorzeit. Der Königsenkel. Die Schlacht bei Mohäcs. Hiſto⸗ riſche Erzählungen. Die Tartaren in Ervatien und Dalmatien. Hiſtori⸗ ſcher Roman.