—— Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und eſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. W — „ 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Wenn man einen der jetzigen Bewohner unſeres lieben Wiens in das Jahr 1480 zurückverſetzen, und ihn am Mittwoch⸗Morgen nach dem Sonntag Cantate auf den hohen Markt hinſtellen könnte, ſo möchte er da eines Anblickes theilhaftig werden, der ihm vielleicht nicht minder ergötzlich wäre, als, wenn er in unſerer Zeit einen Schnellläufer am erſten Mai im Prater, einen Kirchtag in der Brigittenau, oder, um mich volks⸗ thümlich auszudrücken, ſonſt einen„fidelen Jux“ zu Geſichte bekäme. Freilich würde er zu jener Zeit keine von all den Herrlichkeiten gefunden haben, die heutzu⸗ tage unſere Aufmerkſamkeit auf ſich ziehen, er würde die hohen anſehnlichen Gebäude vermiſſen, die jetzt den vielgeräumigeren Platz umfaſſen; von den modernen luxuriöſen Aushängekaſten war damals noch keine Spur vorhanden, denn eine Krambude der alten Wiener ver⸗ hielt ſich zu einer jetzigen Prachthandlung, gerade ſo, wie ein damaliger Kaufherr zu einem modernen Börſe⸗ ſpeculanten. 6 Wir wollen es verſuchen, unſeren Leſern ein Bild von dem Anblicke zu entwerfen, da uns hier zu⸗ gleich Gelegenheit gegeben iſt, mehrere Perſonen vor⸗ zuführen, denen wir im Verlaufe unſerer Erzählung noch ſehr oft begegnen werden. Vom Lichtenſteg führte ein Stadtthor bei dem „Weinberg“ genannt, auf den Markt, ein Engel mit dem Stadtwappen zierte die Einfahrt, die ſich links ge⸗ gen das„Hühnergäßchen,“ an einen Thurm lehnte. Der Platz ſelbſt war von ſchmalen zwei bis drei Stock hohen Häuſern eingeſchloſſen, deren eckige Dächer, mit den froſchmauligen Lucken, ſpitzbogige Fenſter mit eiſer⸗ nem Gegitter, finſtere laubenförmige Vorſprünge und ſonſtiges Geſchnörkel und Zierath, den alterthümlichen gothiſchen Anſtrich ſichtlich erkennen ließen. Am obern Ende der linken Häuſerreihe ſtand ein beſonders kennbares Haus. Eine mit einer Thüre ge⸗ ſchloſſene Stiege führte gleich vom Markte aus, auf den erhöhten altanförmigen Vorſprung, der auf zwei „ bogigen Gewölben ruhend, mit einem niederen Gelän⸗ der eingefaßt war, hinter welchem eine hohe runde Thüre, und rechts und links von dieſer ein Paar Fen⸗ ſter herausſchauten; unter dem Vorſprunge ſah man zwei eiſerne Thore, die jeden Vorüberwandelnden un⸗ heimlich anzuſchauen ſchienen. Dieß Gebäude hieß die 7 Stadtſchranne, kaum vierzig Jahre alt, weil die frühere, auf der andern Seite geſtandene, abgebrannt war. Die übrigen Häuſer des Platzes, mehr oder min⸗ der ſchön, ſchauten finſter mit ihren alten grämigen Ge⸗ ſichtern auf das lebhafte Treiben des Marktes, und glichen daher vollkommen jenen Pedanten von Menſchen, die mit Hohn und Mißfallen auf das Leben der jün⸗ geren Welt niederblicken, welcher ſie entweder ſchon entwachſen, oder mit der ſie nicht zeitgemůß vorwärts geſchritten ſind. Der Schranne gegenüber in der Mitte des Pla⸗ tzes befand ſich der von einer niederen Mauer einge⸗ raumte Fiſchmarkt, zwei hundertjährige Linden be⸗ ſchatteten ihn, aufwärts ſtand der gemauerte Fiſchbrun⸗ nen, von welchem das Waſſer in die Kälter der Fiſcher geleitet wurde. Abwärts vom Fiſchmarkt lagerte eine Gruppe niederer Hüttleins, die„Häringer⸗Hütten,“ ge⸗ nannt, wo Stockfiſche und Gänſe feilgeboten wurden. Wieder tiefer, dem Platze gegenüber, wo die alte Schranne geſtanden hatte, ſtand der Pranger, auf deſſen Spitze die Gerechtigkeit zu ſchauen war, welche ein ſäuertöpfiſches Geſicht machte, und blind für all' die Unbilden blieb, die ihr von den muthwilligen Gaſ⸗ ſenjungen zugefügt wurden, indem ſie ihr bald Foth 8 ins Antlitz warfen, bald aber Ziegelſtücke in ihre ſteinerne Wage warfen, als ob ſie darauf anſpielen wollten, daß es doch etwas Farbiges gebe, deſſen Schein ſelbſt ihre Blindheit zu durchblitzen vermöge. Um die achte Stunde des erwähnten Maimorgens hatte die geſchäftige Rührigkeit auf dem hohen Markte ihren höchſten Punkt erreicht. Die Verkaufſtände wa⸗ ren ſtattlich herausgeputzt, die Leinwandhändler gleich neben der Schranne prieſen ihre echt ausländiſche Waa⸗ re, die Kurſen*) lobten ihr weichhaariges Pelzwerk, 1 die Riemer, gegenüber dem Pranger ließen ihr gewichs⸗ 33 tes Zeug in der Sonne ſpiegeln, die Wendkrämer**) ¹ empfahlen ſich den Käufern, und die vor jeder Bude aufgeſtellten Lehrjungen machten ein gewaltiges Ge⸗ trätſche, um Käufer in den Kram ihres Herrn zu locken. Der freie Mittenraum des Marktes war mit Ti⸗ ſchen ausgefüllt, an jeden derſelben ſtand der Verkäu⸗ fer, oder die Eigenthümerin. Hier war die Backfrau mit dem Brodtiſche, unweit davon befand ſich der Methſieder, drüben ſtand ein Mäckler mit dem Wech⸗ ſ *) Kürſchner. *) Kleinwaarenhändler, ungefähr ſo, wie unſere Nürn⸗ bergerhandlungen. 9 ſeltiſch, der unter der Laſt von Gold⸗ und Silbermün⸗ zen, von Pfennigen, Denaren und Schillingen ſchier zu berſten drohte: böſe Buben unnſchlichen meiſtens ge⸗ ſchäftig dieſen Kram, um ein etwa herabgekaultes Stück zu erhaſchen, oder, wenn ſich der Mäkler dar⸗ nach bücken wollte, was er aber weislich bleiben ließ, ein Anderes wegzuſtipitzen. Die Scherlauben von der Schranne ſchief hin⸗ über waren alle ſpannenweit geoffnet, die Fiſcher inner⸗ halb der Mauer feilſchten bloshäuptig mit ihrer Waare, die Häringer und Ganſterer ſchrieen zudringlich bei ihren Hüttleins heraus; hier pries ein Vogelfänger ſeinen gut abgerichteten Sittich, dort ließ ein Anderer ſeinen Falken ſteigen, oben brußelte ein Schleifer vor ſeinem Kram, unten zählte das Bauernweib Eier aus dem Korbe, dieſes Alles geſchah laut, im Feilſchen ſchien ſich Eines um das Andere wenig zu kümmern, und Jedes redete nach Herzensluſt. Nimmt man nun noch an, daß alle Räume zwi⸗ ſchen dieſen Kram's und Buden mit Käufern oder Luſt⸗ wandelnden von den verſchiedenſten Ständen und Klaſ⸗ ſen jedes Geſchäftes und Alters vollgeſpickt waren, und erwägt man auch den Geſchmack an damals üblich ge⸗ weſenen buntſcheckigen Kleidern, die zu beſchreiben wir ſpäterhin noch genug Gelegenheit finden werden, ſo 10 kann man beiläufig den Eindruck ermeſſen, den die⸗ ſes Bild ſchon beim erſten Anblicke hervorzubringen vermag. Unter den Vielen, die eben durch das Wein⸗ bergthor nach den Markt eilen, bemerken wir einen großen robuſten Mann, der mit weitaufgeriſſenen Au⸗ gen jede Kleinigkeit bewundert, hin und wieder auch Einiges mit ſeinen breiten ſchweren Händen betaſtet, vor jedem Kram und jeder Bude gaffend ſtehen bleibt, bis ihn ein junges Mädchen an der Seite am Aer⸗ mel zupft, und durch die Worte:„Ei ſo kommt doch Herr Vetter!“ zum Weitergehen mahnt. So oft die⸗ ſes Mahnniß erfolgt, kopfſchüttelt er mit einer Miene, die ſo viel ſagen ſollte, als:„Ach! was gibt es da Alles für ſchönes Zeugs zum Anſchau'n, oder gar zum Kaufen.“ Dieſes ſonderbare Benehmen ſowol, als ſeine einfache Tracht laſſen uns in ihm einen Mann vom Lande erkennen, dem die bunten Marktfeilſchaften einer Stadt etwas Fremdes ſind, und der das eine Mal, wenn er ſich gerade da befindet, die günſtige Gelegen⸗ heit nicht unnütz vorüberlaſſen will, um ſich an den Merkwürdigkeiten recht ſatt zu ſchauen. Bei ſeiner Be⸗ gleiterin, dem jungen Mädchen, konnte man dieſes nicht mehr wahrnehmen. Ihr ſchienen all' die Sachen 11 gleichgültig, man konnte auf ihrem ſchönen Antlitze die Langeweile leſen, die ihr dieſer Gang verurſachte. Ihr einfacher Rock, welcher nur bis auf den Boden reichte, der ſchmuckloſe Gürtel, und die ſtumpfen Schuhen⸗ den verriethen ein armes Bürgermädchen oder eine Dienerin. „Ei, ſo kommt doch, Herr Vetter!“ mahnte die Dirne ſchon zum öfteſten etwas unwirſch, als ſich ihr Begleiter von einer Bude gar nicht zu trennen ver⸗ mochte,„auf dem Markte iſt das Gedränge zu ſtark, da dürfen wir nicht ſo lange weilen.“ „Den will ich ſehen,“ polterte der Landmann, „der mir das Anſ hauen verleidet, Du mußt Dich gedul⸗ den Grethe, unſereins bekömmt ſo was nicht täglich zu Geſichte.“ „Abet lieber Himmel?“ unterbrach ihn das Mäd⸗ chen„geberdet Euch nur nicht ſo auffallend, ſonſt lacht uns die ganze Welt aus.“— „Sollen's nur verſuchen,“ rief der Große,„ſo wahr ich Martin Pachmüller heiße und Zimmermeiſter bin, ich will ihnen das Jucken ſchon vettreiben. Hör' mal Grethe, ſeitdem Du in der Stadt Gürtelmagd biſt, gefällſt Du mir ein für allemal nicht mehr; ich bin der Bruder Deiner gottſeligen Mutter, alſo Dein leiblicher Vetter.“— 12 „Ihr mißdeutet meine Reden,“ begütigte ihn die Jungfrau,„ich darf nur bis zur neunten Stunde vom Hauſe ferne bleiben, und bis wir den ganzen Markt abſtöbern, dürfte wohl noch ein hübſches Weilchen her⸗ gehen.“ Der Zimmermeiſter wurde wieder ruhiger, ſuchte ſich bei ſeiner Begleiterin zu entſchuldigen, und als ſeine Neugierde wieder in Anſpruch genommen wurde, gedachte er des kleinen Zwiſtes mit ſeiner Baſe nicht fürder. „Da, da, ſeh' mal,“ rief er plötzlich, und riß das Mädchen mit ſich fort zum Kram eines Wachsgie⸗ ßers,„ſchau nur die ſchönen buntfapbigen Sachen, die kleinen Männleins und Weibchens an, ſo ſchau doch her; nicht wahr Grethe, dieſe da, mit dem Apfel in der Hand iſt die Eva? aber ich bitt Dich, wie kann die noch ſo jung ſein,— und gleich darneben der Adam, der ſtreckt ſchon die Bratzen nach dem verbotenen Apfel aus,— ei du Tropf, nimm lieber die Bandhacke und hau! ſie ihr um den Schädel;— der da, auf dem Schimmel, iſt der heilige Georg, nicht wahr Grethez ich erkenne ihn an den Lindwurm— da— da, ſo wahr ich Pachmüller heiße, das iſt mein Namenspatron, der heilige Martin, als wenn ich ihn vor mir ſehen würde 13 — um den muß ich feilſchen;„he Meiſter Wachs⸗ gießer, was koſtet der heilige Martin?“ Ehe der Gefragte ihm noch eine Antwort er⸗ theilen konnte, hatte er ſchon die Figur erfaßt, und da er wahrſcheinlich in dem Augenblicke nicht daran dachte, daß er keine Bandhacke zu Handen nehme, mochte er ſie mit den unzarten Händen etwas derb an⸗ gegriffen haben, und das ſchwache Wachskunſtwerk zer⸗ barſt in viele Stücke. Ein Schreckensruf über den ihm zerfallenen ſamenspatron entfuhr dem Zimmermeiſter; mit einem armſeligen Blicke ſchaute er auf die Wachsblättchen, die er noch immer in der ausgeſtreckten Hand vor ſich hin hielt. Grethe konnte ſich eines leiſes Kicherns nicht erwehren, der Wachsgießer aber erſah ſeinen Vortheil und forderte einen etwas übermäßigen Preis für das zerſtörte Kunſtwerk. Darüber ging Pachmüllers Betroffenheit in Aer⸗ ger über, der zuletzt in einen heftigen Zorn ausartete. Er ballte das Wachs in ein Klümpchen zuſammen und behauptete ſteif und feſt, daß er nicht mehr bezahlen wolle, als dasſelbe im Gewichte beträge, hätte der 3 Wachsgießer den Heiligen nicht ſo zaundürr gemacht, könnte er unmöglich in der Hand zerfallen ſein. Dem Meiſter genügte dieſes Anerbieten nicht, er wollte ſeine 14 Mühe, eines tölpiſchen Bauers wegen, nicht vergeudet haben. Ein Wort gab das andere, der hitige Zimmer⸗ mann wollte nicht nachgeben, der Wachsgießer auch, nicht, jeder glaubte das Recht auf ſeiner Seite; Grethe befand ſich in einer argen Verlegenheit, und ſuchte den Vetter zu beſchwichtigen, allein da hätte ſie eben ſo gut mit einem löcherigen Siebe die Donau ausſchöpfen können. Des Streites war noch kein Ende, als ein junger Mann auf den Kram losging. Er hatte ſchon früher eine Weile in der Ferne geſtanden und dem Wortwech⸗ ſel zugehorcht, wahrſcheinlich hatte ihn das ängſtliche Geberden der Jungfrau dazu vermocht, ihrer mißlichen Lage ein Ende zu machen, denn dem ungeſchlachten Zimmermeiſter zu Liebe, glauben wir kaum, daß er es unternommen haben würde. Er trat an die Seite des Wachsgießers, raunte ihm einige Worte ins Ohr, worauf dieſer ein freundli⸗ ches Geſicht machte, und dem ſtaunenden Zimmermann ein anderes Exemplar ſeines Namenspatrons mit den Worten darbot:„daß er die Figur etwas ſanfter faſſen möge, wenn er ſelbige wohlbehalten nach Hauſe zu bringen gedächte.“ Der Zimmermann beſaß nicht nur zu wenig Ehr⸗ geiz um dieſes Anerbieten zurückzuweiſen, ſondern er war der vollkommenen Meinung, daß ihm der Wachs⸗ gießer durch das Geſchenk gleichſam eine Vergütung für die ihm zugefügte Unbill bieten wolle, ergriff ge⸗ laſſen das Kunſtwerk, und erwiederte!„Das hättet Ihr mir früher ſagen ſollen, ſo würdet Ihr jetzt keiner Verſöhnungsmittel bedürfen!“— Das Benehmen ihres Landvetters hatte der Jung⸗ frau eine glühende Röthe auf das liebliche Geſichtchen gelockt; verwirrt, beſchämt, ſenkte ſie das Auge zu Bo⸗ den, und ihr Haupt glich in dieſem Augenblicke ſchier einem ſchönen Muttergottesköpfchen des kunſtfertigen Wachsbildners. Mit einem ernſten, jedoch wohlgefälligen Blicke betrachtete ſie der Jüngling, eine Sekunde lang war er in tiefes Sinnen verloren, dann aber ergriff er raſch ein kleines Wachsherzchen vom Kramtiſche„ und während der Zimmermeiſter mit der Aufbewahrung ſei⸗ nes Namensvatrons beſchäftiget war, hatte er Gelegen⸗ heit genug, dasſelbe der Jungfrau unvermerkt zuzuſte⸗ cken und ihr zuzuliſpeln:„Gedenkt meiner in Ehren, holde Jungfrau— auch ich werde Euer h vergeſſen, mein Name iſt Hannes.“— Grethe wagte es nicht ihr Auge aufzuheben, ein leiſes Zittern verrieth die Bewegung ihres Innern, ſie wollte dem kecken Jungen zürnen, der es gewagt, ihr auf öffentlichem Markte ein Herzchen anzubieten, aber 16 trotz aller Mühe vermochte ſie es nicht über ſich zu bringen, unwillkürlich öffnete ſich ihre Hand und das Geſchenk des Liebewerbes glitt in dieſelbe.— Vetter Pachmüller war eben fertig geworden; mit den Worten:„Komm Grethe!“ ſchritt er ohne Gruß und Dank voran, und die Jungfrau folgte ihm gedankenvoll nach. So lange er's vermochte, hatte ihr Hannes nachgeblickt, und noch blieb ſein Auge an der Stelle haften, wo er ſie zum letzten Mal erſchaut hatte. Endlich kam er, wie aus einem Traume erwa⸗ chend, zu ſich, entſann ſich des Vorgefallenen, warf dem Wachsgießer einige Pfennige auf den Tiſch, und entfernte ſich. Sein Weg führte ihn gegen die St. Ste⸗ phanspfarre. Ungefähr eine halbe Stunde darauf, kömmt desſelben Weges ein kleines Männlein daher. Seine beſondern Kennzeichen waren, klein und dick zu ſein, und es ſchien, als ob ihm die Natur, das, was ſie in der Länge verwehrt hatte, in der Dicke hätte zugeben — wollen. Seine kurzen Beine zappelten ſo raſch über den Markt, daß es von der Ferne ſchien, als ob ſich ein kleines Bierfäßchen ſchleunig daherwälze; man ver⸗ mißte an ihm, jene, den dicken Leuten gewöhnlich an⸗ geborne Trägheit, es war ſo ein recht wummeliges Männchen, wie ſeines Gleichen keines mehr in der ganzen Stadt Wien anzutreffen war. Sein Anzug war ganz einfach, ein graues Wamms, eine ſchwarz ver⸗ brämte Schaube, Pluderhoſen und abgerundete Schuhe. Als er ſo auf die Mitte des Marktes kam, hörte er plötzlich hinter ſich rufen:„Gevatter Lorenz! Gevatter Lorenz!“ Er kehrte ſich raſch um, und erblickte den Rufer, der über die ganze Menge, wie ein Thurm über die Stadthäuſer hervorragte. „Grüß' Euch der Himmel lieber Gevatter Mi⸗ chel!“ rief das kleine Männlein und ſtreckte dem An⸗ kommenden ſeine kurze Hand entgegen. Die beiden Ge⸗ vattersleute waren vor Freude außer ſich, und es dauerte eine hübſche Weile ehe das Geſpräch ſo recht in den Gang kommen konnte. Dieſe Augenblicke wollen wir benützen, unſere Leſer mit dem Gevatter Michel etwas näher bekannt zu machen. Er war ein überaus langer dürrer Mann, gonz das Gegentheil vom Gevatter Lorenz, die Beiden bildeten zwei ſo vollkommene Contraſte, daß man ſich ſchier darüber verwundern mußte, wie ſie nur Gevat⸗ tersleute werden konnten. Denkt man ſich ein über ſechs Schuhe langes Knochengerippe mit einer Menſchenhaut überzogen, ſo hat man eine vollkommene Vorſtellung vom Gevatter Michel; ſeine Ohren, Naſe, Hände 2 und Füße waren zu den übrigen Theilen ganz ebenmä⸗ ßig gebaut, das heißt, ſie waren hübſch lang; die Hände hingen hinab, die Ohren ſtanden hinauf, die Füße waren ſichelförmig eingebogen; das iſt das Ganze, was wir herausfinden können, denn ſonſt war an ihm nichts Merkwürdiges zu ſehen. „Nun Gevatter Michel, was gibt's Neues?“ begann der Kleine. „Weiß wenig, oder Nichts; wißt Ihr was?“ „Bei St. Stephan, wo ich Thurner bin,“ rief Herr Lorenz,„ich weiß auch Nichts!“ „Ihr wißt wenig, Gevatter,“ ſprach der An- dere,„ich will Euch aber etwas erzählen.“ „Ich hab's gewußt,“ lächelte der Thurner, ſich neugierig geberdend,„daß ich von Euch viel erfahren werde; Du lieber Himmel, siiſt 6 kein Wunder, 3 Ihr ſeid im Rathhauſe bedienſtet!— Michel Pudmer war Hausknecht im Rathhauſe, that ſich darauf nicht wenig zu Gute, und fand ſich daher durch die Rede ſeines Gevatters ſehr geſchmeichelt. „Nun Gevatter,“ entgegnete er mit wichtiger Mie⸗ ne,„ich will Euch anvertrauen, was ich weiß, aber—“ „Bei St. Stephan, wo ich Thurner bin,“ ver⸗ ſicherte der Fleine, der die folgenden Worte, durch langjährige Erfahrung ſchon errathen konnte,„ich halte de ur üb de alte 19 reinen Mund Ihr kennt mich ja, wir ſind— Gevat. tersleute.—“ Die Gevatterſchaft war Michels ſchwache Seite, und er begann mit der Reuigkeit auszukramen. „Wißt Ihr ſchon, daß es nicht richtig hergeht?“ Der Thurner riß erſtaunt die Augen auf, und ſchwieg. „Ich meine,“ fuhr der Andere fort„ob es Euch ſchon bekannt ſei, daß man ſich Verſchiedenes in die Ohren munkle?—“ Der Thurner riß nun auch den Mund auf, und ſchwieg wieder. „Wir werden wieder Fehde bekommen,“ liſpelteihm der Rathsknecht ins Ohr. „Hol' der Teufel die Fehde,“ fuhr Jener auf, und ſein Körper ſchüttelte ſich, als ob ihn die Ganshaut überliefe. „Ja, ja,“ verſicherte der Dürre,„es iſt beſtimmt — und das wieder mit den Ungarn.“ „Die verdammten Wallachen!“ brummte Herr Lorenz.„Verdammt hinten, verdammt vorne,“ ſprach der Gevatter,„ſie machen uns viel zu ſchaffen.—“ „Bei St. Stephan, wo ich Thurner bin,“ rief der Kleine aufbrauſend,„ich wollt', ich könnte den Schnauzbärten den Stephansthurm zwiſchen die Beine werfen, daß ſie ihr Lebtag nicht mehr aufſtünden.“ „Schnauzbart hinten, Schnauzbart vorn“, repli⸗ zirte der Andere,„das ſind leere Reden, die keinen Schilling werth ſind. Der liebe Himmel möge uns ſchützen.— Ihr werdet Euch erinnern, vor drei Jahren hat nicht viel gefehlt, und ſie wären uns auf dem Genick geſeſſen.“ „Bei St. Stephan, wo ich Thurner bin, Ihr habt recht, das ſind Teufelskerle, ſollen ſich befehden, ſo lang ſie wollen und todtſchlagen, wer ihnen in den Wurf kömmt, aber wenn ſie uns ſo wie damals einram⸗ meln, daß nicht einmal eine Schermaus herein kann, und uns hier wie die Ratten aushungern wollen, da möchte man ja vor Hunger d'rauf gehen, auch ſind die Schufte im Stande, und werfen uns mit ihren Stein⸗ kugeln und Hauffnützen*) den Thurm über dem Kopf zuſammen; bei St. Stephan, wo ich Thurner bin, das wäre eine ſaubere Wirthſchaft!“ Der Rathsknecht zuckte bedenklich mit den Achſeln, wie Einer, der ſagen will, ich möchte Dir gerne helfen, aber ich kann nicht; ſein Gevatter ſah ihm erwartungs⸗ voll in's Geſicht, als ob er irgend einen Troſtſpruch entgegen ſehe, da dieſes aber nicht erfolgte, ſchüttelte auch er bedenklich den Kopf und ſtieß einen tiefen Seuf⸗ zer aus. *) Ein damaliges Geſchütz. 21 ⸗„Wißt Ihr was?“ ſprach Michel Pudmer nach n einer Weile„wir wollen uns von den Grillen nicht be⸗ ¹6 meiſtern laſſen und zugreifen, ſo lang was da iſt. Geh'n en wir auf einen Krug Weißes*) in's Leinwandhaus.“ m Der Thurner war ein großer Freund vom Weißen, wiewohl er auch das Braune nicht zu verſchmähen pfleg⸗ hr te, er nahm daher die Einladung freundlich an, zappelte n, an der Seite ſeines Gevatters fort, und mußte jedes en mal nothwendig drei Schritte vorwärts thun, während m⸗ dieſer nur Einen machte. nn, Das Leinwandhaus auf dem hohen Markt war da einerſeits an die Schranne angebaut, und bildete ander⸗ die ſeits das Eck des Leinwandgäßchens. Da die Stadt ihr ein⸗ früheres Mauthhaus zur jetzigen Schranne verbaut hatte, Lopf ſo überkam ſie hierfür das Vorrecht in dem Leinwand⸗ das hauſe einen Bierſchank zu treiben, und es dürfte ſich die⸗ ſer Schank damals einer ſo allgemeinen Heffentlichkeit ſeln, und Beliebtheit erfreut haben, wie heutzutage das Möl⸗ fen, kerbierhaus, das Eliſium, bei den drei Raben, oder an⸗ ngs⸗ dere ſogenannte Localitäten. ruch Die Schankſtube war ziemlich voll, ſobald aber die ttelte beiden Gevattersleute in dieſelbe traten, kam ihnen gleich Seuf⸗ der Bierleutgeber**) mit einem freundlichen Geſichte ent⸗ *) Man hatte auch ſchon zu jener Zeit weißes und braunes Bier. **) Gaſtwirth. ſein Schöpplein Braunes und ſchaute finſter vor ſich nie⸗ 22 gegen, räumte ihnen einen Platz in der Ecke und begann das Weiße aufzutragen. Da er ſeine Gäſte ſchon ſeit ge⸗ raumer Zeit her kannte, ſo ſetzte er ihnen vier Krüge auf einmahl vor, von denen jeder beinahe doppelt ſo groß war, als die gewöhnlichen zu ſein pflegten. An dem Tiſche, wo ſich die beiden Gevattersleute ihr Weißes munden ließen, war anfangs noch ein Platz leer geblieben und ſie konnten ganz unverhohlen ihrer Plauderei pflegen; allein bald darauf wurden ſie auf ⸗ auf eine ſehr unliebſame Art in derſelben unterbrochen. Die Thüre wurde nämlich aufgeriſſen, eine armſelige Ge⸗ ſtalt ſtelzte auf zwei Krücken unter den Armen herein machte ſich dadurch, daß ſie mit ihren hölzernen Beinen rechts und links ſo ziemlich weit ausgriff, Platz— und ließ ſich geräuſchvoll, unter Ichzen und Stöhnen gerade am Tiſche der beiden Gevattersleute nieder.— Bei deſſen Gewahrnehmung fuhren die Plauderer etwas zuſammen, der Thurner ſtieß an den Rathsknecht, der Rathsknecht ſtieß an den Thurner. Herr Lorenz rutſchte nach rechts, Herr Michel nach links, der Eine krazte ſich die Ohren der Andere die Naſe, kurz ſie thaten Alles, um ſich gegen⸗ ſeitig ihre Verlegenheit erkennen zu geben. Der Ange⸗ kommene ſchien, als ob er ihrer gar nicht achte, trank 23 der. Er gewährte auch in dieſem Augenblicke keinen gar erfreulichen Anblick. Wiewohl kaum ſiebzehn Jahre alt, vermißte man doch ſchon auf ſeinem bartloſen Antlitze jene lebendige Friſche, jene blendende Färbung, die Jünglingen dieſes Alters eigen zu ſein pflegen, und die von einem tugend⸗ ſamen, ruhigen, thätigen Leben zeigen, ſein ganzes Aus⸗ ſehen verrieth ein herbes ſturmvolles Daſein, deſſen Stamm ſchon an der Wurzel durch einen giftigen Wurm zerfreſſen wurde, und welches daher ſchon im Keim ver⸗ giftet ward. Dem genaueren Beobachter konnte zwar das Intreſſante ſeiner Phiſiognomie nicht entgehen; große ſchwarze Augen, eine kühn gebogene Raſe, ein ſchön geformtes Kinn, glänzende tief herabhängende Raben⸗ locken, die bei jeder Bewegung des Hauptes ſich zu rin⸗ geln begannen, eine bleiche zarte Hautfarbe, allein dieſes Alles war durch Schmutz gleichſam übertuſcht, von den umgehangenen Lumpen verunſtaltet, und endlich durch den Anblick der dick umwickelten Füße und der hohen Krücken gar zu Boden gedrückt, ſo zwar, daß das ohne⸗ dieß beleidigte Auge ſich gerade durch den ſtechenden ge⸗ ſpenſtiſchen Blick noch unangenehmer berührt fühlte, und die blendend weißen Zähne bei Offnung ſeiner Lippen un⸗ heimlich hervorfletſchten. Die beiden Gevattersleute befanden ſich noch immer in der größten Verlegenheit, ſie wähnten ſich zu vornehm um mit dem Bettler an einem Tiſche zu ſitzen; beſonders verletzend war es für ſie, daß emige der Gäſte mit ſchee⸗ len Blickeh hinüber glotzten; ſie ſannen daher auf eine Gelegenheit ſeiner los zu werden. Der Rathsknecht glaub⸗ te hiezu ein ſicheres Mittel zu beſitzen. Er wendete ſich mit den barſchen Worten an den Unwillkommenen:„Wo haſt Du Dein Zeichen Junge?“ Dieſer blitzte den Ungeſtümmen einen Augenblick lang an, dann aber ſprach er:„Welch ein Zeichen meint Ihr?“ „Vom Sterzmeiſter*),“ entgegnete der Lange. Der Jüngling ſtierte dem Dürren ins Antlitz, daß ihm um's Herz ordentlich gruſelig wurde, erwiederte aber ganz langſam:„Ich bin kein Bettler.“ Der Rathösknecht glaubte ſich angelogen und fuhr im Bewußtſein ſeiner amtlichen Stellung auf:„Das wollen wir unterſuchen!“ „Bei St. Stephan, wo ich Thurner bin,“ half ihm ſein Gevatter,„das muß unterſucht werden.“ Der Jüngling ſchaute bald den Einen bald den Andern an, und da er die große Anzahl Krüge auf dem Tiſche gewahrte, ſprach er bitter lächelnd:„Euch hat *) Bettelvogt. 25 wahrſcheinlich in aller Frühe das Weiße ein Bischen zu gut gemundet.“ Sleine Töpfe gehen bald über. Der Thurner ſpru⸗ delte daher früher auf:„Bei St. Stephan wo ich Thur⸗ ner bin, das iſt ein Schwengel, ein kecker Lungerer, ein Bettler.“ „Selbſt Bettler!“ rief der Zerlumpte auffahrend. „Bettler vorn, Bettler hinten,“ unterbrach ihm Michel im befehlenden Tone,„der Sache wollen wir ſchon auf den Grund kommen, kennſt Du die Bettler⸗ Satzung vom Jahre 43—“ „Was kümmert mich Euere Satzung,“ grollte der Angegriffene. „Sie wird Dich ſchon kümmern!“ grinste der Rathsknecht,„Donnerwetter, das wäre eine ſchöne Ord⸗ nung, wenn wir, die Bedienſteten, nicht darauf ſchauen würden.“ Der Jüngling war zu aufgebracht, um einen rei⸗ fen Entſchluß faſſen zu können, und war auch nicht ge⸗ wohnt eine Laune oder Leidenſchaft zu bekämpfen; es würde daher jedenfalls zu Thätlichkeiten gekommen ſein; bei denen er unſtreitig den Kürzeren gezogen haben würde, und die ihn wahrſcheinlich, wegen öffentlicher Balgerei eine Stunde lang an den Pranger gebracht hätten, allein, ein günſtiger Zufall machte dem Streite ſchnell Wien I. 3 26 ein Ende, denn vom Markte herein erſcholl Trometen⸗ ruf, und wie ein Haufe dürrer Blätter, in die plötzlich ein Windſtoß fährt, ſtürzten die Gäſte alle auf den Platz hinaus. Die drei Streiter vergaßen des Zankes, der Be⸗ krückte froh darüber, freien Wind bekommen zu haben, ſtelzte fort, und die Gevattersleute vermochten ihren Reuigkeitsſinn nicht zu unterdrücken und befolgten ſein Beiſpiel, ſelbſt der Bierleutgeber konnte ſich nicht ent⸗ halten, auf den Markt hinauszueilen. Da hatte ſich indeſſen die Scene geändert. Die Marktleute umſtanden in einem großen Halbkreiſe die Schranne, ſo daß im ſtrengſten Sinne des Wortes keine Stecknadel hätte zu Boden gelangen können, und man von oben nur Gugeln und Köpfe zu ſehen bekam. Alles ſchaute auf den Altan der Schranne, wo ſich ein ſtädti⸗ ſcher Ausrufer und ein Trometer befanden, und Letz⸗ terer ſo eben, durch ſeinen dreimaligen Trometenſtoß, den ganzen Markt auf die zu erfolgende Kundmachung aufmerkſam machte. Nach dem letzten Stoße verſtummte das Gemurmel, welches früher durch die Menge gelau⸗ fen war, und Grabesſtille nahm deſſen Platz ein. Der Ausrufer trat nun vor, und verkündete dem Volke, daß am morgigen Vormittage, zu Ehren der hier anweſenden Herren Herzoge Georg und Chriſtoph 27 von Baiern und der anderweitigen Grafen, Barone, Ritter und Herren, ein feſtliches Scharlachren⸗ nen abgehalten werden ſolle, wobei die gewinnende Preiſe der laufenden Pferde ein Stück Scharlachtuch, eine Armbruſt und ein Schwert, dann die Preiſe der laufenden Mannen und Frauen zwei Stücke Parchant ²) für dieſe, und eine Spenſau für jene ausgeſetzt worden ſeien, bei welchem Feſte Jedermänniglich in den ihm zu⸗ ſtehenden Kleidern erſcheinen könne, ohne jedoch— bei Prangerſtrafe— Ruhe, Sitte und Ordnung zu ver⸗ letzen. Ein ungeheuerer Jubel des Marktvolkes folgte der geendigten Kundmachung; die Menge ſtob, nach Wunſch befriedigt, eben ſo ſchnell, als ſie zuſammengelaufen war, auseinander. Auch die beiden Gevattersleute hat⸗ ten an der Verkündigung ihren freudigen Antheil genom⸗ men, und der Thurner trottelte dann, in der Richtung gegen den Lichtenſteg an der Seite ſeines dürren Freun⸗ des daher, als plötzlich ihr Gegner von der Schankſtube an ihnen vorüberſtelzte, und in dem Augenblicke, als er ſich an des Rathsknechts Seite befand, mit ſeiner Krücke weit ausgriff, dem Langen dermaßen unter die Beine kam, daß dieſer der Länge nach hinpurzelte und gewiß *) Barchent. 28 auch ſeinen liebwerthen Gevatter mitgeriſſen hätte, wenn dieſer kein ſo großes Stabilttätsvermögen oder Stand⸗ fähigkeit beſeſſen hätte. Der Thurner war einen Augenblick lang ganz ver duzt, dann aber ſpreizte er ſeine kurzen Walzenbeine aus⸗ einander, ſtreckte die beiden Hände weit von ſich, und ſchrie mit der ihm eigenen gewaltigen Amtsſtimme: „Halt's'n auf!— halt's'n auf!“ Nun erhob ſich auch der Rathsknecht vom Boden, ſtreckte und wand ſich wie eine Schlange, die ſich erhe⸗ ben will, und gewahrte ſchon in ziemlicher Ferne ſeinen Widerſacher, der mit jener Schnelligkeit, welche geübten Stelzern eigen iſt, ungehindert dahineilte. Ohne ſich zu beſinnen, folgte er ihm im ſchnellſten Laufe nach, wo⸗ bei ihm ſeine langen Beine nicht wenig zu ſtatten ka⸗ men. Herr Lorenz hatte anfangs den tollen Gedanken mit ſeinem Gevatter gleichen Schritt halten zu wollen, und zappelte hinterdrein, allein einige Sekunden brach⸗ ten ihn außer Athem, er blieb ſtehen um auszuſchnau⸗ fen, dann aber wackelte er fein langſam gegen den Ste⸗ phansplatz, um ſeinen Hannes von dem mergigen Schar⸗ lachrennen in Kenntniß zu ſetzen.— Der lange Michel war indeß ſeinem Gegner mit ſolcher Schnelligkeit gefolgt, als ob er Meilenſtiefel an den Beinen gehabt hätte. Der Verfolgte hatte ihn be⸗ 29 merkt und auch ſeine Eile verdoppelt, allein vergebens;— in der Wollzeile war ihm der Rathsknecht ſchon ziemlich auf den Hals gekommen und Jener ſah ein, daß ſeine Mühe, auf dieſe Art zu entkommen, vergebens ſei. Er blieb daher ſtehen, und blickte dem daherkeuchenden Michel ruhig entgegen. Bis auf dreißig Schritte ließ er ihn ankommen, dann aber ſchleuderte er ihm ſeine beiden Krücken, eine hinter der Andern ſo ſchnell entgegen, daß der Lange ganz verblüfft ſtehen blieb. Dieſen Augenblick benützte der Jüngling und ſtürmte mit Windesſchnelle gegen die Froſch⸗Au zum Stubenthor hinaus. Der Raths⸗ knecht kovfſchüttelte bedenklich über den ſo plötzlich geheil⸗ ten Lahmen, und ſchob zurück in das Innere der Stadt. Das Scharlachrennen. Der Morgen war herangebrochen, im roſigen Feuer erſtrahlend, wie eine glanzhauchende Perle aus der ſchwarzen Muſchel, ſchälte er ſich aus dem dunklen Schooß der Nacht und ſtieg herauf, die eine Erdhälfte in ſeinen Lichtwellen badend, die erwärmend und erfriſchend zu⸗ gleich herniederfloſſen. Am Azurblauen Himmelsgewölbe war kein einzig Wölkchen zu ſchauen, in ungetrübter Pracht ſchwamm die große Feuerkugel in dem rieſigen Luftmeere, und eine heilige Stille ſchien die Auferſte⸗ hung des jungen Frühlingmorgens zu feiern. Die ſüßen Thauthränen der Gräſer und Blumen zitterten in den Kelchen und auf den Blättern; die Ouelle rieſelte ge⸗ ſchwätzig dahin, die Lerche ſchwang ſich in die Lüfte und trillirte ihr Jubellied. Ruhig von den Reizen des Früh⸗ lingmorgens übergoſſen, umlag ein ſchönes Weingarten⸗ land die Stadt Wien, denn ein großer Theil jener Strecke, wo ſich jetzt unzählige Vorſtädte erheben, war 31 da mit ſchlanken Reben bepflanzt, deren würziger Saft unſern Uhrahnen ſehr wohl zu behagen ſchien.— Vor dem Stubenthore in der ſogenannten Froſch⸗Au gewährte die Gegend einen beſonders reizenden Anblick. Die Wein⸗ gärten erſtreckten ſich hier bald eben, bald von kleinen Erhöhungen unterbrochen, weit hinaus an der Straße gegen Ungarn und zogen ſich auch beſonders in der Nähe der Stadt von dem Donauarme bis an die Ufer der Wien, ohne ihr Ende jenſeits dieſes Flußes überſehen zu können. Wie ein Wald von Reben lag die ſchöne Gegend da, kein Lüftchen bewegte die breiten Weinblät⸗ ter unter deren Schutz die Trauben ſich eben zu entfal⸗ ten begannen, hin und wieder ſah man Dächer das grüne Laub durchbrechen und wie drei treue Wächter ragten an verſchiedenen Punkten die Thürme, zu St. Niklas auf der Landſtraße, der St. Paul⸗Cavelle in Erdberg und der alten Kirche zu St. Marx hervor. Auf der ungariſchen Straße trabbten drei Reiter gegen Wien zu, ſie litßen eben das letzterwähnte Got⸗ teshaus im Rücken liegen, als von dem Thürmlein her⸗ ab die ſiebente Stunde ertönte. Die zwei Vordern der Reiter pflegten eines trau⸗ lichen Geſprächſels, und ſchienen, trotz der Verſchieden⸗ heit ihres Aeußeren in Betreff der Gewänder, dennoch recht innige Freunde zu ſein. Ein Jeder von ihnen 32 mochte ſchon viel über die Dreißig zählen, wiewohl man ihren verwitterten, ſtark bebarteten Geſichtern nach, auf noch mehr ſchließen konnte. Der Eine von ihnen ſteckte in einer netten ritterlichen Kleidung, deſſen Hauptbe⸗ ſtandtheile ein grünes fein ausgeſticktes Sammetwams eine enge fleiſchfarbene Hoſe, hohe Stiefel mit tüchtigen Räderſpornen und ein aufgeſtülpter Federhut bildeten; in einem rothledernen Bandalier hing ein mächtiger Sar⸗ raß, der im Ritte gleichſam taktweiſe an den Bauch des ſtattlichen Gaules ſchlug. Der Andere bot keine ſo angenehme Augenweide dar, er verrieth beim erſten An⸗ blick einen jener gefährlichen ritterlichen Wegelagerer, die hinter Buſch und Dorn den fahrenden Kaufherrn und Juden auf den Dienſt warten, und bei den ſchon zu jener Zeit ganz herabgekommenen Ritterthume auf allen Ecken und Enden haufenweiſe anzutreffen waren. Ein farbloſes abgeſchabtes Wamms, eine von Fett trie⸗ fende kalblederne Hoſe deckten den ſtrammigen Leib, ein kupferrother Filzhut ſaß keck auf dem verwudelten ſt chwarz⸗ lockigen Schädel, und ein breiter eiſerner Raufdegen hing um die Hüften gegürtet, weit über die Rippen des knöcherigen Kleppers hinab. Der in ziemlicher Entfer⸗ nung nachtrabende Dritte ſchien ein Diener des Erſte⸗ ren zu ſein, und bot außer einem brummbeißigen mür⸗ riſchen Geſichte nichts Sehenswerthes dar. 33 „Was meinſt Du wohl Schikentanz,“ ſprach der erſte der geſchilderten Reiter,„wir kommen wohl noch „ zu den ſtädtiſchen Marktſchwengeln zu rechte.“ „Freilich wohl,“ grommelte der Angeredte in den Bart,„wir werden uns an der Dummheit noch ſatt genug ſehen können.“ „Daß Dich die böſen Sieben holen,“ fuhr ihn der Frühere an,„wärſt Du in Deinem Rattenneſte geblie⸗ ben, und hätteſt Dir von Deinen Hetzhunden etwas vor⸗ heulen laſſen, wenn Du nicht zur Stadt willſt,“ „Bin nur Dir zu Liebe gekommen,“ entgegnete Schikentanz,„mir munden dieſe Spielereien nicht, ein ſtattliches Speerſtechen oder Ringelrennen, das iſt ein ritterlich Spiel, aber kein ſo Pferdelaufen, das kann jeder Krämerwannſt, und rühmt ſich zuletzt noch, uns das Handwerk abgelernt zu haben.“ „Haſt recht, Bruder Schikentanz,“ begütigte der Stattliche,„aber nun Du einmal da biſt, laß das fahrige Weſen, und verſchlucke mir zu Liebe das bittere . Fraut.— Kannſt mir's glauben, auch ich hätte mich den Teufel um ihr Feſt gekümmert, würde mich nicht etwas Anderes hereingelockt haben.“ „Brauchſt mir's nicht zu ſagen, Ulrich,“ lachte Schi⸗ kentanz hell auf,„kenn' ſchon den Kram, den Du aus⸗ höcken willſt. Wünſch' Dir viel Glück zum Brauttanz, 62 34 aber wahre Dich nur, daß Dir kein ſo ſtädtiſcher Miſt⸗ fink Unkraut in Deinen Weingarten ſäet.“ „Deſſen möge Keiner ein Gelüſte tragen,“ rief Ul⸗ rich im Eifer,„ſonſt geb ich ihm den Staubbeſen, daß er den Himmel für eine Pauke angaffen ſoll.“ „Ha, ha,“ ſchlug Schikentanz eine gellende Lache auf,„ſo Mancher iſt in der Liebe ſchon zum Schellenkö⸗ nig geworden, geht mir's auch nicht beſſer.“— „Wie willſt Du das gemeint haben,“ fragte Urrich. „Nun wie ſoll ich es gemeint haben; ganz einfach. Deine Frau Schwägerin, Dame Elsbeth hat mir einen Korb gegeben, das fünfzehn Freier in demſelben Raum genug hätten.“ „Willſt Du mich narren, Schikentanz?“ fuhr der Andere auf. „So wahr ich Franz heiße, und mein altes Neſt von einer Burg ſchon ganz verſchuldet iſt,“ betheuerte dieſer ehrlich,„ſo wahr habe ich keine Lüge geſprochen.“ „Da ſoll die Hölle drein fahren,“ zornſchnaubte ulrich,„was will die fahrige Witwe noch Nein ſagen, das hätte ich ihr nicht zugemuthet.“ „Sie meinte,“ ſprach Schikentanz,„daß ihr Gott⸗ ſeliger, Dein Bruder, ihr zu lieb geweſen wäre, und daß ſie ſich vorgenommen habe, den Witwenſtand nie mehr Valet zu ſagen.“ 35 „Das ſoll ſie bleiben laſſen,“ wüthete Ulrich,„hat mich der Bruder nicht zum Herrn ihres Willens ge⸗ macht, ich will ihr's ſchon wehren, einen Ungerufenen in die Familie einzuſchmuggeln. Mach' Dir nichts daraus, Schikentanz, ſie muß Ja ſagen, oder ſie hat ſich den Teufel auf den Hals geladen.“ „Vertraue Dir ganz Bruder Ulrich,“ rief der An⸗ redete,“ aber ich will Dir gerathen haben, wenn unſer Plan gelingen ſoll, ein wachſames Auge auf den Feber⸗ fuchſer zu haben.“— „Wie, auf ihren Geheimſchreiber?“ „Ha, der lumpige Schuft, ſcheint mir im Wege zu ſein, und kein Anderer; klopf einmal auf den Strauch und ſchau auf, ob keine Wildſau darin ſei. Dieſes ſchlei⸗ chende Schneppermaul ſcheint ſich bei ihr eingeniſtet zu haben, und alle neun und neunzig Donnerwetter ſollen drein ſchlagen, wenn ich den nicht aus dem Sattel werfe. Alſo auf gut Bruderſchaft Ulrich, einer ſteht dem an⸗ dern bei; Ebersdorf wird unſer, die Bürgermeiſterstoch⸗ ter Deine Geſponſin, und Dame Elsbeth die Meinige.“ Die beiden Freunde reichten ſich die Hände und ritten durchs Stubenthor in die Stadt. Die Kundmachung am vorigen Tage vor dem ſtatt⸗ findenden Volksfeſte hatte ſich nicht nur in der Stadt und den Vorſtädten verbreitet, ſondern die geſchwätzige 36 Fama trug dieſelbe auch in alle umliegenden Ortſchaften Schlöſſer und Burgen, ſo daß jeder, dem es gerade gelüſtete, dasſelbe beſuchen konnte. Die Menge ſtrömte auch von allen Seiten durch die Stadtthore, ganze Hau⸗ fen von Männern und Frauen, Jünglingen und Mäd⸗ chen, groß und klein, zu Fuß und zu Roß, reich und arm, ſo recht kunter bunter durcheinand, wälzten ſich gegen die Stadt zu. Dieſes für gewöhnlich nur zwei⸗ mal im Jahre abgehaltene Feſt war eigentlich nur fürs Volk beſtimmt, und der Adel und ſonſtige hochfahrende Seelen verſchmähten auch dann es mit ihrer Gegenwart zu beglücken; allein dieſes Mal war es zu Ehren frem⸗ der Herren veranſtaltet, man wußte, daß es der Kaiſer ſelbſt mit ſammt ſeinem Hofſtaate beſuchen würde und da wollte Niemand fehlen, die Armen um zu ſehen, die Rei⸗ chen um geſehen zu werden, die armſtolzen Ritter um ſich über das Krämervolk luſtig zu machen, und die Kaufherren um ſich an dem Bettelweſen der Adeligen zu weiden. Es war ein ſtattlicher Zug, der ſich gegen den Rennplatz zu in Bewegung ſetzte. An der Spitze ritten hoch zu Roß der Trometer mit dem Ausrufer, Beide in grellen Farben gekleidet, mit dem Stadtwappen geziert; der Trometer ſtieß zeitweiſe in ſein gellendes Horn, um den Voranſtrömenden anzudeuten, daß ſie die Fährte frei geben mögen. Hinter dieſen kamen die zum Laufen be⸗ d 3 d 37 ſtimmten Pferde, glatt geſtriegelt und rein geputzt, von den Knechten in Sonntagsgewändern, geführt; es wa⸗ ren ihrer dieſesmal zehn an der Zahl; viel mehr als ge⸗ wöhnlich zu ſein pflegten. Dieſen folgten die laufenden Mannen und Frauen, meiſt Burſche und Dirnen von der ärmſten Volksklaſſe, die mitunter auch im üblen Rufe ſtanden, kein gar ſittliches Leben zu führen, meiſt verdorbene ſchamloſe Weiber, denen nichts daran lag, ſich dem Geſpötte und Fingerdeuten der Menge auszu⸗ ſetzen, um durch den Wettlauf zu Fuß den ausgeſetzten Preis zu erringen. Dann kamen in Reih' und Glied geordnet zwei Fähnleins Armbruſt⸗ und Hakenſchützen mit ibrem eiſernen und kupfernen Handbüchſen, hinter dieſen kam die Trometenfahne nach den alten Stadtfarben roth und grau, ihr folgten von dem Spielgrafen angeführt, die Spielleute mit ihren Hörnern, Cymbeln, Pfeifen, Trometen und Pauken, ſie ließen luſtige Weiſen ertö⸗ nen, und auf dieſem Punkte hatten die den Zug bewa⸗ chenden Schaardiener wit den Schuljungen und Gaſſen⸗ lungerern die größte Noth, dann kamen die Träger der Preiſe einhergeſchritten, in der Mitte am Kreuze hängend das ſcharlachrothe Tuch mit weißer von Goldfranzen verzierter Leinwand, rechts davon die Armbruſt, links das Schwert. Hinter dieſen wurden von zwei Mannen die zwei Barchentſtücke getragen, in der Mitte von ihnen 38 ging der uns bereits bekannte Hausknecht im Rathhauſe, oder der Rathsknecht, wie er ſich lieber nannte, Michel Pudmer, und trug die dickgemäſtete Spenſau. Michel ragte auch hier über alle Andere hinaus, und er gewährte ſeiner Spenſau eine weit hinreichende Ausſicht über die feſtlich geputzte Menge; übrigens wa⸗ ren auch ſie Beide mit ſeidenen Bändleins, Lappen und Streifen zierlich herausſtaffirt, er nämlich und die Spen⸗ ſau. Zuletzt kam zu hoch Roß eine ſtattliche Schaar, es war der hohe Rath der Stadt Wien. Ganz vorne ritt Herr Stephan ODen, der Bürgermeiſter im Gallahar⸗ niſch, der ſich blank in der Morgenſonne ſpiegelte, ſo daß dem Beſchauer bei ſeinem Anblicke ordentlich die Augen flunkerten, an ſeiner Seite befand ſich Herr Chriſtoph Pempflinger der Stadtrichter; dann kamen die Herren Räthe Permann, Razy, Leutenböck, alle in feſtlichen Amtsgewändern mit ihren güldenen Ehren⸗ kettleins, mit den daran hängenden Kleinets, ihnen folgte der Kämmerer Georg Preuer, der Stadtanwalt Niklas Tätſchler und viele andere Herren vom Amte und ſtädtiſcher Bedienſtung. Hinter dieſen endlich, als auch beiderſeits nach der Länge des Feſtzuges ſchritten in ſtei⸗ fer Haltung die ſtädtiſchen Schaar⸗ und Leibdiener in blutrothen Wämmſern, weißen Aermeln und ſtarren Panzerkrägen, mit Spießen oder Hellbarden bewehrt. 39 Wenn nun ſchon dieſer feſtliche Zug an und für ſich eine bunte Augenweide darbet, ſo wurde dieſe, wo möglich, durch die ihn unregelmäßig umwogende Menge noch mannigfaltiger. Die muntern grellfarbigen Gewän⸗ der, die Wämmſer, Goller, Gugel und Schäppel der Männer, die Joppen, gold⸗ und ſilbergeſtickten Hau⸗ ben und Gürtel der Frauen, die feſtlichen Diener, Gür⸗ telmägde und Wagenknechte, Alles zuſammen bildete ein farbenreiches Gemälde, von dem wir nur bedauern können, daß kein kunſtreicher Pinſel eines mittelalterli⸗ chen Meiſters dasſelbe nach dem Leben gezeichnet und der Nachwelt zur Bewunderung übergeben hat. Während ſich der Zug auf dieſe Art gegen St. Marx bewegte, wurden dort alle Vorkehrungen zum Empfange desſelben getroffen. Das Aeußere der alten St. Marxerkirche mit dem darangebauten Armenleut⸗ hauſe war dießmal mit grünen Reiſern und Gewin⸗ den herausgeputzt, buntfarbige Blumen und Bänder ſtachen durch das Laubwerk auffallend heraus; vor dem Armenhauſe auf dem freien Platze war eine hohe Tri⸗ büne errichtet, die von Innen mit kirſchrothem Sammet austapezirt und mit goldnen Borden, Franzen und anderen Troddelwerk behangen war. Im Innern erhoben ſich über einige Geſtühle rechts und links, drei thronartig etrichtete Sitze, von ſchweren ſeidenen Faltenüberwürfen 40 gedeckt, die mit dicken Quaſten und Troddeln behangen waren; rückwärts hing in einem goldenen Rahmen ein Rieſenſpiegel, der das Bild des Beſchauers in Lebens⸗ größe zurückſtrahlte; er war feines echt venediſches Glas, erſt jüngſt der kaiſerlichen Majeſtät von Seiner Heilig⸗ keit dem Pabſte zum Geſchenke gemacht, denn Fran⸗ ziskus di Ruvere, geweſener Barfüßer Ordens-General ſtand als Pabſt Sixtus IV. mit unſerem Kaiſer Friedrich dem Vierten in gar gutem Einvernehmen. Der Boden der Tribüne, als auch die Stufen, die zu ihr hinan führten, waren mit dunkelgrünem Tuche überworfen, und wenn ſchon nicht die ſonſtige koſtbare Verzierung dieſer prachtvollen Tribüne, ſo würde doch ſchon, der an dem Gibel der Eindeckung angebrachte Doppeladler mit dem glänzenden Waypen in den Klauen, genugſam die Sitze der kaiſerlichen Majeſtät und ihrem erlauchten Verwandten verrathen haben. Seitwärts von dieſer herrlichen Teraſſe befanden ſich zwei lange mit bunten Teppichen gedeckte Tafeln von gepolſterten Armſeſſeln und anderen ſchwellenden Sitz⸗ werk umgeben, die zur Aufnahme der anderweitigen ho⸗ hen Herrſchaften und beſonders des ſtädtiſchen Rathes bereitet waren. Vor dieſen ſtand eine hohe mit Blumenguirlanden umſchlungene Säule, an welche das Scharlachtuch ge⸗ 41 hangen wurde, rechts und links waren Geſtelle errich— tet zum Niederlegen der übrigen Preiſe. Weiter vorn nach der Quere der Rennbahn war eine grüne Schnur geſpannt, an welche ſich die Renner anreihen mußten, bis das Zeichen zum Ausgreifen gegeben wurde. Nun langte der Zug an. Die beiden Fähnlein der bürgerlichen Armbruſt- und Hakenſchützen umſtell⸗ ken in Reih und Glied die Tafel und die Tribüne, die Schaardiener bildeten eine lebendige Wand, um das Gedränge der Schauluſtigen von der Rennbahn ferne zu halten, die Preiſe wurden unter Spiel und Klang auf die beſtimmten Plätze gebracht, und der Bürger⸗ meiſter mit dem ganzen Staate der Amtsherrn nahm an den gedeckten Tafeln Platz. Da die angekündigten allerhöchſten Gäſte, zu kommen, noch immer ſäumten, ſo trat eine lange Pauſe ein, die theils von dem Ge⸗ murmel der erwartungsvollen Menge, theils aber von den aufgeſpielten Weiſen der Spielleute unterbrochen wurde. Wir haben indeſſen Gelegenheit uns nach den beiden Freunden Ulrich von Ebersdorf und Franz von Schiken⸗ tanz ein wenig umzuſchauen. Wir finden die Ritter in der ſtähe eines unweit von der Tribüne errichteten Schauge⸗ rüſtes, auf welchem ſich nur Damen befanden, Damen, die den ſeidenen Gewändern und dem koſtbaren Schmucke 4 42 nach zu ſchließen, den höchſten adeligen Ständen ange⸗ hören mußten. „Siehſt Du ſie dort?“ liſpelte Ulrich und zupfte ſeinen Gefährten am Aermel,„ſie ſteht gerade am Eck des Gerüſtes.“ „Ein minniglich Mägdlein,“ brummte Schiken⸗ tanz mit wichtiger Kennermiene,„biſt ein glücklicher Freier.“ „Komm, laß uns näher zu ihr; ihr Anblick iſt Balſam für meine Liebeswunde.“— „Daß Du nur nicht daran verbluteſt,“ kopf⸗ ſchüttelte der Andere und Beide drängten ſich in die Nähe der Frauen, welches ihnen um ſo leichter wurde, da ſie von ihren Roſſen bereits abgeſtiegen waren, die ſie dem Diener des Ebersdorfers zur Beachtung übergeben hatten. Am Fuße des Gerüſtes blieben ſie ſtehen. Die Augen der früher bezeichneten Jungfrau ſielen zufällig auf die unten ſtehenden Ritter, und Ulrich erhaſchte die Gelegenheit ihr einen Gruß zu bieten, aus dem auch jeder Uneingeweihte eine Liebeswerbung herausge⸗ funden hätte. Allein die Erwiederung der Jungfrau zeigte das Entgegengeſetzte, ſie war ſteif, kalt, und man konnte es von ihrem Antlitze ableſen, daß ſie über die Zudringlichkeit des Ritters ungehalten ſey. Ulrich ließ ſich aber dadurch nicht abſchrecken und näherte ſich E⸗ te 4³ ihr noch mehr, ſo, daß er ihr unbemerkt einige Liebes⸗ worte hinauf flüſtern konnte. Dieß brachte die Jung⸗ frau vollends auf; ihrem züchtigen Sinne galt dieß für eine Entweihung ihres tugendſamen Wandels, und ohne irgend eine Antwort zu ertheilen, konnte ſie ſich in der Schnelligkeit keines Beſſern berathen, kehrte dem Ritter den Rücken und drängte ſich gegen die Mitte in den großen Frauenkreis. Schikentanz ſchlug über dieſes Abbrennen ſeines Freundes eine gellende Lache auf, daß die Umſtehenden nach ihm ſchauten; über dieſe ungebetene Aufmerkſam⸗ keit erboſt Fellte er plötzlich ſein Lachen ein und brummte vor ſich hin, doch laut genug um gehört zu werden: „Was hat das Bürgerpack ſo plötzlich Maulaffen feil?“ Ueber dieſe Rohheit fingen einige der Umſtehen⸗ den zu grommeln an, hin und wieder fielen Reden, aus denen deutlich die Worte:„Strauchdieb, Buſch⸗ klepper, adeliger Grautjunker u. ſ. w.“ hervorklangen. Darüber erboſte Schickentanz noch mehr und rief:„Was gibt es da zu bärbeißen, Ihr krämeriſchen Gäuche?“ „Hollah, Ritter vom Fuchsloch!“ ſchrie ein der⸗ ber Wiener Steinmetz,„haltet Euer ungewaſchenes Schneeppermaul, ſonſt will ich Euch zumeiſeln, daß 44 die ganze Donau die blauen Flecke von Euerm Buckel nicht herabwaſchen ſoll.“ „Seht mal den zottigen Steinbären,“ rief Schi⸗ kentanz und griff nach ſeinem Schwerte. „Laßt Euere Brodhacke ſtecken,“ maulte ein gro⸗ ßer ſtarker Mann und drängte ſich in die Nähe des Ritters,„oder, ſo wahr ich Martin Pachmüller heiße und Zimmermeiſter bin, ich will Euch zuhauen, wie den erſten beſten Slotz, daß Ihr acht Wochen Euer Gefäß nicht ſoll't brauchen können.“ „Um's Himmelswillen Herr Vetter!“ liſpelte eine Jungfrau, und zupfte den hitzköpfigen Meiſter rückwärts an ſeinem Goller,„was mengt Ihr Euch in eine Balgerei?“— „Ei was,“ grollte Pachmüller,“ dieſen adeligen Lungerer muß man Reſpekt lehren, ſonſt glaubt ſo ein aufgeblaſener Gauch, man hätte Furcht vor ſeinem Bratſpieß!“ Schikentanz wollte eben wieder einen derben Fluch als Vorrede und einige Schimpfreden als Nachſatz aus⸗ ſtoſſen, als er rückwärts vem Ebersdorfer ergriffen wurde, der ihm einive Worte ins Ohr raunte. Auf dieſes machte er ein grimmiges Geſicht, wie einer, der einen derben Schluck ſauern Eſſigs hinabwürgt und brummte in den Bart:„Ihr ſollt es mir büßen, Ihr aufgeblaſenen Stadtratten!“ worauf er ſich mit Ulrich entfernte. „Scheer' Dich in die Hölle,“ grollte ihm Pach⸗ müller nach und der Friede war wieder hergeſtellt. Ein von unten herauf dringendes Freudengejauchze und einige Pöllerſchüße kündeten jetzt die Ankunft des Kaiſers. Den Kaiſer an der Spitze ſprengte eine zahlreiche Reiterſchaar heran, deren Glanz und Pracht der ver⸗ ſammelten Menge laute Bewunderung abnöthigte. Die ritterlichen Gewänder der Herren und Frauen ſtrotzten von Gold und Edelgeſtein, da flimmerte und flunkerte Alles an den hellen Sonnenſtrahlen, die herrlichen Pferde und Zelter waren mit koſtbaren Satteldecken überhangen; beſonders anmuthig nahmen ſich zwei Frauengeſtalten aus, die zu beiden Seiten des ehrwürdi⸗ gen Kaiſers auf milchweißen Zeltern einherſtolzirten; es waren dieß, die liebenswürdige Prinzeſſin Kunigunde, ſpäter Gemahlin Albrecht des Vierten, Herzogs von Baiern, und die Prinzeſſin Maria, Gemahlin des nach⸗ maligen Kaiſers Maxmilian des Zweiten— Georg, Herzog von Baiern, ſein Vetter Chriſtoph, die Ge⸗ ſandten des Erzbiſchofs von Mainz und Churpfalzgra⸗ fen Philipp, die baieriſchen Grafen, Siegmund von Schaumburg, Ludwig und Wolfgang von Hettingen 46 und noch viele Andere, denn die Baierherrn waren mit 290 Pferden in Wien eingeritten, dann Chri⸗ ſtoph von Liechtenſtein zu Murau, Caſpar von Lam⸗ berg und viele andere öſterreichiſche Edle und Herrn bildeten die ehrſame Begleitung des öſterreichiſchen Herrſchers. Wie Strahlen eines glänzenden Kometen umſchweiften ſie den kaiſerlichen Stern. Nachdem das Freudengejauchze der Menge und die Pöllerſchüße ſtill ſchwiegen, nachdem die Bewill⸗ kommnung des ſtädtiſchen Rathes beendigt war, beſtieg Kaiſer Friedrich die Tribüne und nahm, die beiden Prinzeſſinnen rechts und links, die drei ausgezeichne⸗ ten Geſitze ein; nächſt ihnen ordneten ſich nach Rang und Würde die Angeſehenſten der Begleitung, die Ue⸗ brigen mußten ſich außerhalb, mit nebenſtehenden aber auch ausgezeichneten Plätzen genügen.— Kaiſer Fried⸗ rich war eine ſehr ſchöne Geſtalt, ſein ehrwürdiger Anblick, er zählte damals bei 65 Lebensjahre, ver⸗ rieth ganz jenes friedliebende Gemüth, welches ihm den Beinamen des Friedſamen verſchaffte, deſſen er aber durch unruhige oder aufſtrebende Nachbarn nicht froh werden konnte. Sein noch immer klares ſcharfes Auge, die ebenmäßige Adlernaſe, die eingefurchten Wangen und das rückwärts grad und ſchlicht herab⸗ hängende Greiſenhaar gaben ihm ein echt kaiſerliches Anſehen; ſeine Tracht war unter ſeiner ganzen Be⸗ 4* gleitung die Einfachſte; er liebte es nicht, ſich mit ausgezeichneten grellfarbigen Gewändern zu umhüllen; der Mittelweg mit Maß und Gränze war ihm der Angenehmſte. In dieſem Augenblicke zwiſchen den bei⸗ den jugendlichen Prinzeſſinnen glich er ſchier einem winterlichen Stamme, an deſſen Seiten bereits zwei zarte Frühlingsblümchen erſproßten. Der zu Pferde haltende Ausrufer und Tro⸗ meter hatte eben den Scharlach zum zweitenmal ver⸗ kündigt und man wartete nur noch des Zeichens zum beginnenden Rennen. Die zum Laufen beſtimmten Pferde mit den daraufſitzenden Reitern ſtanden ſcharrend vor der geſpannten Schnur, hinter dieſen in einer Reihe die wettlaufenden Mannen und Frauen. Ein Pöllerſchuß gab das Zeichen. Die Schnur fiel und die Pferde ſtürzten mit Windſchnelle dahin, hinterdrein die Wetrlaufer zu Fuß. Die damalige Rennbahn, durch anmuthige Weingärten führend, theilte ſich in den obern Renn⸗ weg, der von St. Marx in gerader kurzer Linie ge⸗ gen den Wienfluß führte, dann in den untern Rennweg, der gegen die heutige Ungargaſſe einbog und ſich ungefähr in der Mitte derſelben mit dem Obern vereinigte. Es war eine ziemliche Strecke, 48 welche die Renner und Laufer zurückzulegen hatten. Die Theilnahme der Zuſeher an dieſem, veranlaßte Wet⸗ ten, und zwar in früherer Zeit, von übermäßiger Höhe die aber ſchon im Jahre 1435 inſofern eingeſtellt wur⸗ den, daß ſie eine gewiſſe Summe nicht überſteigen durften. Die Armen oder Sichern, die nichts wagen wollten, erſchöpften ſich in Muthmaßungen, die ſie dem Nebenſtehenden Kund gaben. Beſondern Antheil nahm der Zimmermeiſter Pachmüller, und er würde auf einen Schimmel, der ihm beſonders wohl zu ge⸗ fallen ſchien, gerne einige Schillinge gewettet haben, wenn er nur einen Gegner bei Handen gehabt hätte. Er ſah daher dem Gaule nach, ſo lange er ihn nur verfolgen konnte und erwartete mit gräßlicher Ungeduld ſeine Zurückkunft. Dieſe Augenblicke wußte ſeine Baſe Grethe auf eine viel angenehmere Weiſe zuzubringen. Sie hatte nemlich hinter den breitſchulterigen Herrn Vetter mit einem jungen Manne ein Geſprächſel be⸗ gonnen, deſſen Inhalt uns der geneigte Leſer gewiß erlaſſen wird, wenn wir ihn verſichern, daß dieſer junge Mann derſelbe war, der Grethe erſt am vorigen Tage auf dem Markte beim Wachsgießer aus ſo großer Ver⸗ legenheit gerettet hatte, und deſſen Geſchenk ſie noch immer nicht zurückgeſtellt, ſondern in ihrem Schrein ſo gut aufbewahrt hatte, als ob es ſein eigen Bild wäre, ten. det⸗ öhe ur⸗ gen en ſie eil rde e te. ur d 49 welches ſie freilich erſt ſeit Kurzem in ihrem Herzchen trug.— Glücklicher Hannes!— Ein Freudengeſchrei Pachmüllers ſchreckte Grethen aus ihren Liebesentzü⸗ cken. Der Zimmermeiſter hatte nemlich ein ſehr ſcharfes Auge und er ſah wirklich den Schimmel, der den übri⸗ gen Rennern großen Wind abgewonnen hatte, einher⸗ brauſen. Das Freudengejauchze der Menge empfing den Gewinner des Scharlachs, hinterdrein kam ein ſtattli⸗ cher Braune, dem die Armbruſt zu Theil wurde, der Nächſtfolgende überkam das Schwert. Die Eigenthümer dieſer Renner waren der Ord⸗ nung nach, Herr Chriſtoph von Liechtenſtein zu Murau, der Herzog Chriſtoph von Baiern und ein Herr von Prüſchenk. Bald darauf langte auch der Erſte der laufenden Mannen an und die Gewinnerinnen der beiden Bar⸗ chentſtücke, die Uebrigen, als ſie ihre Mühe vergebens ſahen, blieben ſchon auf halber Bahn zurück, um ſich dem Geſpötte losmauliger Zuſchauer zu entziehen; nur Wenige trottelten hinterher und achteten der Witzeleien nicht, die ihnen von allen Seiten zugeſandt wurden. tun wurden die Preiſe an die Eigenthümer aus⸗ getheilt. Das Gedränge um die Tribüne und die Rathsherrentafel wurde jetzt doppelt ſo groß, und die Schaardiener hatten Noth es abzuwehren. Der Schar⸗ Wien I. 5 lach, die Armbruſt, und das Schwert waren bereits ausgegeben und nun trat der Gewinner der Spenſau vor den Rathstiſch. Man hatte früher auf dieſe Geſtalt nicht geachtet, unter der Menge verlor ſie ſich wirkungslos, und wenn vielleicht hie und da Einer ſie näher betrachtete, ſo er⸗ regte ſie doch kein Aufſehen; nun aber, da ſie in den geräumigen Kreis trat, und aller Augen auf ihr haf⸗ teten, konnte ſie ihren Eindruck nicht verfehlen. Ein brüllendes Gelächter durchtobte die Menge. Es war ein Burſche von mittlerer Größe; eine enge aſchgraue Hoſe, Schuh' und Strümpfe, und eine rothe Jacke bildeten ſeine ganze Kleidung, rückwärts hatte er einen bedeutenden Höcker und da er in etwas einwärts gekrümmter Stel⸗ lung ſtehen blieb, ſo ſchien es, als ob er gar keinen Bauch habe; ſein braunrothes ſtruppiges Kopfhaar, welches ſich tief herab auf die Stirne verlief, war ſo verrauft, daß man beinahe nicht drei Haare finden konnte, die ſich verträglich neben einander gelagert hät⸗ ten, jedes ſtand einzeln, jedes hatte eine andere Rich⸗ tung, ſein Antlitz war voll Bart, man ſah nichts als die Naſe, zwei Fleckchen blaſſer Wangen, ein Streif⸗ chen Stirne und zwei große ſchwarze Augen, die glü⸗ hende Blitze ſchoßen und die ſonderbar genug auch von glührothen Augenbrauen beſchattet waren. Als ihm — 51 von dem langen Rathsknechte die aufgeputzte Spenſau übergeben wurde, ſah er dieſem dermaßen ins Antlitz, daß Michel einige Schritte zurücktaumelte, und dadurch das Gelächter der Zuſchauer noch vermehrte, indem ſie meinten, daß Michel ein Späßchen produziren wolle. Die Gewinnerin des erſten Barchentſtückes war eine lange Dirne, mit einigen zuſammengeflickten Lap⸗ pen aufgeputzt, ſie mochte in ihrer Jugend kein unſchö⸗ nes Mädchen geweſen ſein, viele Spuren zeigten da⸗ von, nun aber war ſie— wiewohl kaum zwanzig Jahre alt— ſchon abgelebt, ihre Roſen waren ſchon verblüht, ihr Lebenslenz hat nur wenige Jahre gewährt. Als ſie in den Kreis trat, um den Barchent zu empfangen, rief eine Stimme:„Ei ſieh, Trude Fahnenſtang hat den Parchant gewonnen!“ Eine Andere ließ ſich ver⸗ nehmen:„Trude kommſt am Sonntag zur ſchwarzen Gugel in die Filzerſtraße?“ Ein Dritter ſchrie hinein: „Fahnenſtangin, was koſt der Parchant?“ Die Geru⸗ fene warf einen kecken Blick auf die Rufer, und nahm ihren Gewinn an ſich. Bevor nun der Zug ſeinen Rückweg antrat, er⸗ hob ſich der Kaiſer vom Sitze. Die übrige Beglei⸗ tung folgte ſeinem Beiſpiele, und der verſgnmelte Rath trat ihm zum Abſchiedsgruße ehrerbietig entgegen. Der * Kaiſer nickte Jedem freundlich zu, wandte ſich zu Herzog Georg von Baiern und ſprach mit lächelnder Miene: „Meine lieben Wiener ſehe ich gerne um mich, es ſind treue Seelen, wie ſich kein Fürſt treuere wün⸗ ſchen darf, aber nur nicht rappelköpfiſch dürfen ſie werden.“ Wohl hatte der Kaiſer wahr geſprochen, allein erſt fünfzig Jahre ſpäter konnten die Wiener ihre fel⸗ ſenfeſte Treue recht an den Tag legen, als ſie ihre Va⸗ terſtadt, ihr Fürſtenhaus gegen die ſiegreichen Os⸗ mannen vertheidigten. Nun ſetzte ſich der Zug in Bewegung; ganz in der Ordnung, wie er hergekommen war, nur diß ſich nun das Gedränge in jener Gegend vermehrte, wo die Gewinner der Preiſe einherzogen. Auch herrſchte jetzt eine beinahe ausgelaſſene Munterkeit unter dem Volke; Einer ſang, der Andere ſchrie, der Dritte jauchzte, die Muthwilligſten übten ihre Laune an Jenen der Mannen und Frauen, die beim Laufen leer ausgegangen waren, die ſich aber noch immer im Zuge befanden, um we⸗ nigſtens des lockeren Males theilhaftig zu werden, wel⸗ ches jedesmal nach den Rennen in der Behauſung des Bürgermeiſters auf Gemeindeunkoſten veranſtalt war. „He, Caſpar Grießenbeck!“ rief ein Bube in das Häuflein Wettlaufer hinein,„möchſt auch eine 53 Spenſau haben?“ laß Dir'n andermal Deine Beine anſtückeln.“— „Ei fteilich,“ ergänzte ein Anderer,„die Beine wären lang genug, aber ſie ſind zu ſchlecht geſpalten.“ „Er hat ja Plattfüße,“ ſchrie ein Dritter. Nun ging's auch über die Dirnen her. „Everl Dünnkragen,“ lärmte ein Lehrburſch, „möchſt einen Parchant?'s kommt der Winter bald, en ondersmal greif beſſer aus.“— „Halts Maul, muffiger Pechjunge!“ ſc ein Schaardiener dem kecken Burſchen zu. „Laß ihn gewähren,“ raunte ihm ein Kamerad ins Ohr“, die Dirne iſt dem Teufel zu ſchlecht, ſonſt hätte er ſie ſchon längſt geholt.“ „Hollah!“ begann plötzlich ein Haufe wilder Jungen zu johlen,„zwei Stücke Parchant ſind zu er⸗ laufen, wer will, wer mag— Veronika Zechmaul— Leni Hagenbut— Urſchel Grünſpann!“— „Aufgepaßt!“ brüllte ein Fl eiſcherburſch,“ Mor⸗ gen gab ich ein großes Wurſtrennen beim kupfernen Waſchtopf auf dem Saumarkt, der erſte Preis iſt eine Fleiſchwurſt, ſo lang und ſo dick, wie Trude Fahnenſtang!“ 54 Ein brüllendes Gelächter unterbrach den Ausru⸗ fer. So ging es fort auf dem ganzen Wege, Einer ſuchte den Andern zu unterſtützen. Der rothhaarige Gewinner der Spenſau ſchritt zwiſchen den beiden Barchentſiegerinnen gelaſſen ein⸗ her. Er hatte ſein Auge düſter zu Boden geſenkt und verrieth auch nicht die mindeſte Theilnahme an dem um ihn herrſchenden Volksjubel. Er glich vielmehr einem lebloſen Automate, welcher durch irgend ein Rä⸗ derwerk in Bewegung geſetzt wird. So gleichgültig und ruhig ſich auch ſein Aeußeres darſtellen mochte, ſe ganz anders ſah es in ſeinem In⸗ nern aus. Das Blut war in Wallung, das Herz hämmerte gewaltig unter der abgeſchabenen Jacke, und tiefe Seufzer, die er gewaltſam verhehlen mußte, drohten ſeinen Buſen zu zerſprengen; ſein Inneres war ganz einem Strome zu vergleichen, der durch wilde Gebirgs⸗ wäſſer und Sturzbäche angeſchwollen jeden Augenblick die Ufer zu überſpülen und die umliegende Gegend zu verheeren droht. Aber all dieſes gefahrdrohende Treiben war bisher durch eine gewaltige Macht in Zaum gehal⸗ ten werden, ein glänzender Stern beleuchtete das ſonſt düſtere Bild und ſein Einfluß ſetzte dieſem Drängen und Wogen einen unzerſtörbaren Damm entgegen. Wehe dieſem Leben, wenn er je unterginge!— 55 Trude Fahnenſtang ſchien an dem Schweigen ihres Nachbars wenig Wohlgefallen zu finden, ſie wünſchte, daß dieſer durch kecke ſchlagende Gegenreden die ſpottenden Gaſſenjungen eingeſchüchtert hätte, als dieſes aber nicht erfolgte, begann auch ſie an dem Mür⸗ riſchen ihr Müthchen zu kühlen.“ „Was läßt Du ſo Deinen Kopf hängen, Roth⸗ haar!“ ſprach ſie zu ihm,“ iſt Dir Deine Spenſau nicht fett genug, oder möchſt Zwei ſtatt der Einen ha⸗ ben? ſo antwortete doch mein Bürſchlein.“ „Deinesgleichen geb ich keine Antwort!“ murrte der Rothe vor ſich hin. „Warum nicht, mein Goldfink; biſt vielleicht was beſſeres, wie ich, Du ſtolzer Nickel, Gaßenfeger, Taugenichts, Du elender Lump— Du Strolch!“ „Trude ſei ſtill!“ unterbrach ſie der Andere mit tiefer Stimme, der man es aber abmerkte, daß ſie nicht ſeine Gewöhnliche ſei,„Du kennſt mich nicht.“— „Hab' nicht die Ehre,“ klatſchte ſeine Gegnerin höhniſch,„wer biſt Du nachher, Du Herr von Ha⸗ benichts, Du Taſchenwender und Schloßverderber, Du brennender Strohkopf.“— „Trude Fahnenſtang!“ zornſchnaubte der Ro⸗ the,“ noch ein Wort aus Deinem aaſigen Maul und der Schikentanz holt Dich.“ 56 Dieſer Name war kaum ausgeſprochen, als die Dirne einen gewaltigen Schrei ausſtieß, die Augen ver⸗ kehrte, im Geſichte ganz blau wurde und dermaßen zu zittern begann, daß ſie nur mit Mühe durch ihre „Mitſiegerin auf den Beinen erhalten werden konnte. Der Rothe nahm an dieſem Wechſel keinen An⸗ theil, ſondern ſchritt wieder gleichmüthig vorwärts. Im Hauſe des Bürgermeiſters Stephan Den auf dem neuen Markte ging es indeſſen rührig und munter her. In den geräumigen obern Stuben ſah man ſechs lange Tafeln gedeckt; ſchimmerndes Eßzeug, koſtbare Pokale waren rings umher gereiht. Die Stubenwände ſtrotzten von koſtbaren Decken und friſchen Reiſigge⸗ winden. Rieſige Glasgefäße mit eingefriſchten Blumen⸗ ſträußern füllten die Mitte der Gedecke, die Fenſterni⸗ ſchen prangten von buntfarbigen Töpfen, aus deren Mitte lebendige Roſenbüſche emporſproßten. Die Die⸗ ner in rothen Feiertagskleidern ſchoßen herum, um Alles zum Empfange der Feſtgäſte vorzubereiten. Nicht weniger lebhaft ging es unten in der Küche her. Da dampfte und praſſelte es auf dem blanken Herde, die Brühen quollen, die braunen Wildſpeiſen dünſteten, der Bratenwender knarrte, das Backwerk durchduftete den ganzen Küchenraum. Die Küchenmagd, die Köchin, die Schankmagd, der Feuerjunge, Alles war in 57 voller Thätigkeit; Die zerrieb den Zucker, Jene ſtieß den Zimmet und andere Gewürze, Einer reinigte die ge⸗ ſchliffenen Flaſchen,— die Teller und Schüſſeln ſchepper⸗ ten; es war ein Bild voll Leben und Freude. Agnes, die liebliche Tochter des Bürgermeiſters, mußte die Stelle der Hausfrau vertreten, denn Herr Stephan Den war ſchon ſeit langer Zeit Wittwer. Im ſtattlichen Hauskleide durchſtöberte daher die ſorgſame Jungfrau alle Räume; Grethe die Gürtelmagd,— Beide hatten ſich ſchnell vom Rennplatze nach Hauſe begeben,— befand ſich an ihrer Seite und half der anmuthigen Herrin alles Mangelnde erſetzen, oder das Schlechtverfügte verbeſſern. Um zehn Uhr, denn dieſe war damals in ganz Wien, ſelbſt dem Hof nicht ausgenommen, die Mit⸗ tagsſtunde, langte der Zug auf dem neuen Mackt an. Nun ſtrömten die Geladenen alle in das gaſtliche Haus. Dieſe beſtanden aus dem vollſtändigem Rathe, vielen angeſehenen Kaufherren und Gildevorſtehern, ferner aus einer beſtimmten Anzahl armer redlicher Vorſtadtbewohner, und endlich aus den Preisbewerbern. Die Stuben füllten ſich nach Rangordnung von der erſten abwärts, bis endlich in der letzten, deren Thüre über die rückwärtige Treppe in den Garten 58 hinabführte, die Wettlaufer zu Fuß, ihren Platz an⸗ gewieſen bekamen. Agnes gewann erſt ſpät— als das Tafeln ſchon im vollen Gange war— Zeit genug, einige Augen⸗ blicke ſich entfernen zu dürfen. In den vollen Gemä⸗ chern war's ſo ſchwül, die dampfenden Speiſen hat⸗ ten einen ſo betäubenden Geruch verbreitet, daß es ihr ordentlich wohl that, einige Minuten friſche Luft einzuſchlürfen. Aber auch eine andere Urſache entfernte ſie aus den feſtlichen Stuben. Sie hatte nämlich in der letzten derſelben, den Rothbart bemerkt, ſein Anblick flößte ihr Abſcheu und Ent⸗ 8 ſetzen ein, ſein glühendes Auge das ſie unheimlich be⸗ rührte, einem ſpitzen Pfeile gleich ſchmerzlich verwundete, ſchien ihr unerträglich. Sie glaubte den Häßlichen nicht mehr anſchauen zu können, ſchon der Gedanke an ihn machte ſie beben. Sie durchmaß mit langen Schritten den Garten, bis ſie endlich in einer Laube Ruhe fand. Die grüne Blätterhütte wölbte ſich ſchattig über ihrem Haupte; die Jungfrau in dem ſchneeigen Faltenkleide glich einer weißen Roſe im dichten Bvſche gelagert; ihr Buſen war der Kelch, der der Liebe Honig barg, und das Leben mit all ſeinen unzäligen Freuden und Küm⸗ 59 merniſſen, waren die Dornen, die der Roſe Frieden gefährden ſollten. Plötzlich ſtand der Rothe vor ihr. Die Jungfrau wollte laut aufſchreien, allein der Name,„Agnes“ der von ſeinen Lippen ertönte, erſchütterte ſie und ver⸗ ſchlang den Schrei. Der Rothe ließ ſeine Augen die Räume des Gar⸗ tens ſchnell durchſtreifen und als er ſie leer fand, riß er den falſchen Bart vom Geſichte, die Haarkappe vom Haupte und die Jungfrau ſchaute erſtaunt in ein ſchö⸗ nes blaſſes Jünglingsantlitz, von Rabenlocken um⸗ wallt.. „Heiliger Gott!“ preßte ſie überraſcht mühſam hervor,„Wohlmuth, Ihr in dieſer Geſtalt?—“ Der Jüngling kniete nieder, ergriff heftig Ag⸗ neſens Hand und ſprach:„Verzeiht mir, ich konnte dem Drange meines Herzens nicht widerſtehen.“— „Dieſe Schande“— „Was gilt mir ein Vorurtheil, wenn ich nur den Zweck erreiche. Agnes, ſprecht kein voreilig Urtheil über mich, nennt es Uebermuth, Leichtſinn, oder wie's Euch ſonſt genehm, nur zweifelt an meiner Liebe nicht. Euch zu ſehen iſt mir Wonne, Euch zu meiden Höl⸗ lenpein. Sperrt mich in ein enges Grab, wo mir nie 60 ein Tageslicht wird, und laßt mich täglich nur eine Minute lang an Euerem Anblick ſchwelgen, ſtellt mich auf den Pranger, daß die ganze Welt meiner ſpotte, und ſchenkt mir nur einen Blick von Euch,— ich will freudig Alles dulden.“ Die Jungfrau ſchien die leidenſchaftliche Sprache des Jünglings nicht ungütig aufzunehmen, denn ihre Hand blieb ruhig in der ſeinigen und ihr ſanfter Blick tauchte ſeelenvoll in ſein Gluthenauge. So träufelt heilender Balſam in eine brennende Wunde. „Wollt Ihr mir kein Wort der Liebe wiederge⸗ ben,“ flehte Wohlmuth nach einer Weile. Agnes blickte verlegen um ſich.„Heute nicht,— hier nicht,“ flüſterte ſie beklommen,„am erſten Pfingſt⸗ feiertage.“ „Wo, um welche Zeit?“ drängte Wohlmuth. „In unſerm Weingarten,“ hauchte die Be⸗ drängte. „Heiſa, was gibt es dort? ha, ein Liebespärchen,“ rief plötzlich den Gang hinab eine kecke Weiberſtimme. Agnes ſchrack heftig zuſammen. Wohlmuth ge⸗ wann kaum ſo viel Zeit ſeine Haarkappe aufzuſetzen und den falſchen Bart vorzunehmen. Die Ankommende war Trude Fahnenſtang. Wohl⸗ muth trat raſch aus der Laube. Kaum gewahrte aber e re lt 61¹ die Dirne ſeiner, ſo ſtieß ſie ein Zetergeſchrei aus und ſtürzte, wie wahnſinnig, aus den Garten. „Sind wir verrathen?“ liſpelte Agnes zitternd. „Seid außer Sorgen,“ rief Wohlmuth,„die verräth uns nicht.“ 6 Er preßte ihre bebende Hand an ſeine Lippen und ſtürmte der Enteilten nach, während Agnes auf ganz entgegengeſetzten Wegen der Gartenpforte zueilte. Schloß Ebersdorf. Etsbeth, die Freiin von Ebersdorf, befand ſich allein und einſam in ihrem wohnlichen Kloſett. Seit dem Tode ihres Ehegatten„des ſeligen Herrn Veit von Ebersdorf, war die Witwe ſchon zu ſehr an größere Geſellſchaft entwöhnt, als daß ſie ſich in dieſem Au⸗ genblicke, wenn auch die Abenddämmerung ſie beſchlich, unheimlich gefühlt hätte. Die einſame Lage des Schlo⸗ ßes Ebersdorf mochte hiezu wohl das Meiſte beitra gen, denn Dame Elsbeth befand ſi ch noch in jenem Lebens⸗ alter, wo beſonders Frauen die ſo wie ſie, ſich zeitlich vermählen und das noch mit einem bejahrten Manne, des Lebens erſt recht theilhaftig werden wollen. Sie war in der Mitte der Dreißig, mit ſechzehn Jahren ſchon vermählt und ſeit drei Jahren Witfrau. Der verſtorbene Freiherr hatte vor ſeinem Tode eine wunderliche Verfügung getroffen: er machte von dem Willen ſeines Bruders Ulrich die hinterlaſſene Witwe abhängig. Schloß Ebersdorf war der Freiin als Erbe 63 zugeſichert, da jedoch keine Sproßen da blieben, ſo hätte der Freiherr es doch gerne gewollt, daß das Schloß ſeinem Namen nicht entfremdet werde, was doch gewiß geſchehen wäre, wenn Dame Elsbeth ihre Hand einem Anderen gereicht hätte; er beſtimmte daher, daß die Freiin keine zweite Verbindung eingehen dürfe, ein Beweis, wie wenig— oder wie ſehr er ſeine Gattin geliebt hatte,— und wenn dieſes je geſehen ſollte, ſie des Schloßes verluſtig werde, welches dann ſeinem Bruder ulrich anheim fallen ſolle. Auf dieſe Art mußte das Schloß über kurz oder lang ſeinem Bruder oder deſſen leiblichen Erben zukommen. Mit dieſer Verfügung war aber Herr Ulrich nicht ganz zufrieden; er ſah es ein, daß er für ſeine Perſon wahrſcheinlich nie zu dem Beſitze des Schloſſes gelangen würde, denn Elsbeth war noch immer eine rüſtige Frau, während er des Lebens Freuden ſchon zu ſehr verkoſtet hatte, und daher befürchten mußte, eher, wie ſie, das Zeitliche zu ſegnen. Um dieſem nun zuvorzukommen, hatte er ein feines Plänchen ausgeſonnen. Er verſtand ſich mit einem ſeiner Spießgeſellen, dem Ritter von Schikentanz, welcher Dame Elsbeth gegen eine gewiſſe Summe baaren Geldes als ſein Geſponns heimzufüh⸗ ren verſprach, in dieſem Falle würde er zur Stelle Herr des Schloſſes Ebersdorf geworden ſein. Daß nun Dame Elsbeth dieſe Bewerbungen zu⸗ ruckwies war ihr nicht zu verdenken, denn, den andern Nachtheil abgeſehen, war Schikentanz ein unſchöner roher wilder Mann, der zwar das Dreinhauen von Grund aus verſtand, dem aber feine, ſittliche Ma⸗ nieren ein ganz fremdes Feld waren, auf welchem er ſich nur ſchwer oder gar nicht bewegen konnte. Die drei Jahre, die Elsbeth, als Witwe bereits zugebracht hatte, gehörten trotz dem Allen nicht zu den bitterſten ihres Lebens; denn bei Lebzeiten ihres Gatten war ſie an der Seite des alten kränklichen grisgrämigen Man⸗ nes viel übler dran; ein Knabe, den ſie ein Jahr nach ihrer Verbindung zur Welt brachte„war kaum einige Stunden nach der Geburt wieder geſtorben, ſie war daher nicht nur jeder Freude bar, ſondern entbehrte auch des koſtbaren Schatzes, der Sterblichen zu Theil werden kann,— der Freiheit. Nun ſtand ſie zwar wieder einſam da, allein, ſie war nicht den Launen eines mür⸗ riſchen Greiſes unterthan, der ſie mehr zur Kranken⸗ pflegerin als zur Gattin erkieſen hatte. Sie athmete freier, das Leben gewann nach und nach wieder mehr Reiz für ſie, ſie durchſtreifte die Umgebung des Schlo⸗ ßes, aber nur immer von ihrer Gürtelmagd und einem alten Diener begleitet, ſie mied es, die nahe Stadt zu beſuchen, und lebte jeder fremden Geſellſchaft bar, ſo 65 viel Mühe ſich auch Herr Ulrich gab, die Dame eines Andern zu bereden. Außer dieſem gab es noch eine andere Urſache die Herrn Ulrich ſehr beunruhigte. Aus eigener Erfah⸗ rung traute er den Frauen nicht recht und befürchtete, daß die Frau Schwägerin ſich dem mehr als freund⸗ ſchaftlichen Umgange eines Mannes hingeben dürfte und auf dieſe Art nach einer zweiten Ehe kein Gelüſte tragen möge; um dieſem Allem vorzubeugen, hatte er nicht nur ein Falkenauge auf alle einkehrenden Männer zu Ebersdorf, ſondern er dehnte dieſe Sorg⸗ falt auch auf die männliche Dienerſchaft des Schloſſes aus. Der alte Gerhard Pfeifer war ſo eine Art Schloß⸗ möbel von dem nichts zu befürchten war, der frühere Schloßverwalter, der zugleich Geheimſchreiber der Freiin war, ein Mann in beſten Jahren, wurde auf eine ſchickliche Weiſe entfernt und ein neuer durch Herrn Ulrich eingeführt. Er glaubte ſich vor dieſem Manne in der früher ausgeſprochenen Beziehung nicht nur ganz ſicher, ſondern wähnte auch in ihm eine Kreatur zu beſitzen, die ihm in die Hände arbeiten würde, allein wie ſehr er ſich getäuſcht, das ſollte ihm die Folge lehren. Wir haben die Dame zum erſten Mal in ih⸗ rem einſamen Kloſett gefunden; ſie ruht auf einem 6 66 ſchwellenden Lotterbettlein, die Bogenfenſter ſind weit geöffnet, denn der kühle ſchattige Abend iſt mit Rie⸗ ſenſchritten einhergekommen und reichte, ſchon im Scheiden, der finſtern Nacht die Hand zum Gruße, die kaum die Alleinherrſchaft gewinnend, ihre Mil⸗ lionen funkelnder Söldner mit dem rieſigen Heerfüh⸗ rer auf dem Himmelsfelde heranziehen läßt, gleichſam als wollte ſie ihre Macht für ewig begründen; allein ſo oft ſie wiederkehrt, ſo kann ſie ſich doch nie hal⸗ ten, denn ein Rieſengeiſt überfunkelt all' ihre winzigen Heerſchaaren und wären ihrer millionenmal ſo viel, ſie müſſen verſchwinden; die Finſterniß muß dem Lichte weichen; ſolche Kämpfe ſehen wir alltäglich oben am Himmel, ſolche Kämpfe wiederholen ſich öfters auf der Erde. Nach einer Weile zieht die Freiin an der Klin⸗ gel. Die Gürtelmagd tritt ein. „Iſt der Schreiber ſchon zurück von Wien?“ „So eben kam er im Schloſſe an.“ „Er möge zu mir kommen; doch früher ſchließe die Fenſter und bring Licht in die Stube.“ Die Gürtelmagd gehorſamte der Gebieterin. Nach einer Weile trat der Beſchiedene ein. Er war ein kleines geſpenſtiges Männlein mit einem unverhältnißmäßigen großem Kopfe, ſein Antlitz 67 war eine ſcheußliche Larve; eine hügelige Stirne, auf- geſchwellte Wangen, eine platte Naſe, kleine breitge⸗. ſpaltene Katzenaugen und ein großer Mund gaben der Phyſiognomie dieſes Menſchen ſo ein widerliches Anſe⸗ hen, daß den, an deſſen Anblick Ungewohnten ein Grau⸗ ſen befallen mußte. Er näherte ſich der Dame mit trip⸗ pelnden Schritten, wobei ſein Schwert, das er ſelten abzulegen pflegte, auf den Fußdielen klapperte, küßte ihr ehrerbietig die Hand, und ließ ſich an ihrer Seite nieder. „Habt Ihr den Einkauf beſorgt?“ fragte die Dame nach einer Weile den Geheimſchreiber. „Ja meine Gnädige,“ erwiederte dieſer,„ganz nach Euerem Wunſche. Herr Ulrich läßt Euch ſeinen Gruß entbieten, er wird noch Heute Abends im Schloſſe eintreffen.—“ Die Dame zuckte bei dieſer Nachricht zuſammen und ſchwieg. „Meine Botſchaft holde Herrin ſcheint Euch nicht genehm.“— „Ich liebe ſeine Geſellſchaft nicht,“ erwiederte Elsbeth mürriſch,„die Herrn von Ebersdorf ſcheinen es darauf abgeſehen zu haben, mein Leben zu ver⸗ bittern; früher mein ſeliger Gemahl, jetzt deſſen Bruder.“ 68 „Ihr ſeid zu bedauern, gnädige Frau,“ entgeg⸗ nete der Geheimſchreiber mitleidig,„die Jugendjahre an dem Krankenbette eines ungeliebten Gatten zu ver⸗ trauern und den Sommer des Lebens einſam zuzubrin⸗ gen, iſt ein traurig Loos.“ „Erinnert mich deſſen nicht,“ unterbrach ihn die Freifrau„es iſt um ſo ſchwerer zu dulden, da keine Hoffnung auf eine günſtige Aenderung vorhanden.“ „Bei ſothanen Bewandtniſſen freilich, nicht,“ ſeufzte das Männlein„„doch ſolltet Ihr nicht verzagen und Euch darob abhärmen, dem Himmel iſt Alles möglich; könnte ich, gnädige Frau nur etwas dazu beitragen, Euer Leben zu verſüßen, an gutem Willen ſollt' es gewiß nicht ermangeln.“— Die Dame warf dem Sprecher einen Seitenblick zu, den dieſer aber nicht zu bemerken ſchien, dann fragte ſie plötzlich:„Wie lange ſeid Ihr ſchon in meiner Bedienſtung Jaroslaus?“ Durch dieſe kränkende Frage, die ihn an ſeine untergeordente Stellung erinnerte, ganz außer Faſſung gebracht, erwiederte er verlegen:„Seit ſechs Monden, gnädige Frau!“— „Sechs Monden erſt,“ kopfſchüttelte die Freiin, „und noch dazu von meinem Schwager aufgedrungen.“ — r e 69 „Darüber gnädige Frau enthebt Euch aller Sor⸗ gen“, erwiederte der Kleine.„Herr Ulrich dürfte ſich in meiner Perſon ſchier geirrt haben.— Gnädige Frau, ſeid Ihr feſt geſonnen dem Eheſtand Valet zu ſagen?—“ „Wie kömmt Ihr zu dieſer Frage?“ „Der Ritter Schikentanz hat um Euere Hand geworben.“ „Ihr wißt darum?“ „Wie ſollt' ich nicht, hat mir doch Herr Ulrich aufgetragen, Euch zum Jawort zu bereden.“— „Und Ihr rathet mir dazu?“ „Nie und nimmermehr, gnädige Frau; mißdeu⸗ tet meine Liſt nicht; ich mußte mich in das Vertrauen des Herrn Ulrich einſchleichen, um Euch um ſo kräf⸗ tiger ſchützen und warnen zu können.“ Die Freifrau, wiewohl ſie bisher dem unritterli⸗ chen Herrn Schwager wenig Gutes zugetraut hatte, ſchauderte doch vor der nackten Wirklichkeit zurück; ſie durchſchaute leicht ſeine Liſt, mit der er ſie zu umgarnen ſuchte, und verabſcheute ſeine Schändlichkeit, die es nicht verſchmähte, ſie eigenen Vortheils wegen, ſolch einem Manne zuzuführen. Mit Zentnerſchwere fiel ihr das Schutzloſe ihrer Lage aufs Herz, ſie ſchien ſich in einer großer Hede zu finden, wo reißende Thiere ſie umſchwürmen, wo weder ein ſchützendes Obdach, noch 70 eine rettende Hand zu finden, und wo ſie, das Weib ſich ſelbſt überlaſſen, umherirrt und vergebens nach Rath und Hilfe ſucht. Sie hatte von Ulrich Alles zu fürch⸗ ten, ein Mann, deſſen Hochmuth ſchon ſo weit gegan⸗ gen, was war der nicht fähig zu thun, um ſeine Wünſche zu erſtreben; einem Solchen, das konnte ſie leicht erwarten, war kein Mittel zu ſchlecht, um ſeinen Zweck zu erreichen. Die angebotene Hilfe ihres Ge⸗ heimſchreibers mußte ihr daher in dieſer troſtloſen Lage ein Rettungsbalken ſein, nach dem ſie in ihrer Be⸗ drängniß mit beiden Händen faßte; jedoch beſchloß ſie, vorſichtig zu Werke zu gehen, und ſich nicht auf ein⸗ mal dem häßlichen Manne anzuvertrauen, der ſich gleich anfangs durch ſeine Falſchheit, entweder gegen ſie oder gegen ihren Schwager, in ſo übles Licht ge⸗ ſetzt hatte. Seit Jaroslaus letzter Rede war eine tiefe Stille eingetreten, die nur durch das Athmen der beiden Per⸗ ſonen unterbrochen wurde, plötzlich aber drang vom Hofe herauf Pferdegetrabbe; unangenehm berührt fuh⸗ ren Beide aus ihrem Tiefſinne empor und der Ge⸗ heimſchreiber, ohne einen Befehl der Herrin abzuwar⸗ ten, trat in das Vorgemach des Kloſetts. Nach einer Weile tobte Ulrich herein. Jaroslaus hatte ſich abſicht⸗ lich in eine Fenſterniſche zurückgezogen, ſo daß Jener 71 im Vorbeieilen ſeiner nicht gewahrte. Ulrichs Eintreten bei Dame Elsbeth war eben ſo ungeſchlacht als ſcho⸗ nungslos; er warf ſein Barett auf einen Tiſch und nahm unaufgefordert Plat. Die Freiin war blaß und zitterte, ob vor Schreck oder innerem Verdruß war ſchwer zu entſcheiden. „Seid Ihr krank, Frau Schwägerin?“ begann er ſpottend. „Mir iſt nicht ganz wohl,“ erwiederte die Dame leiſe. „Auch mir nicht,“ fuhr Ulrich auf,„und Ihr tragt Urſache daran.“ „Gewiß ohne meinem Willen,“ verſetzte Elsbeth. „Ihr ſeid undankbar, Frau Schwägerin, und Undankbarkeit für gut gehegte Meinung kann mich am meiſten kränken. Sagt mir n'mal, Dame, wie lange wollt Ihr Euer zimperliches Weſen noch beibehalten? ſchwere Kriegszeit iſt vor der Thüre und Schloß Ebers⸗ dorf bleibt noch immer ohne Herrn; wer wird es ver⸗ theidigen, wenn die wilden Ungarn ſich einherwälzen und Euch den rothen Hahn auf's Dach ſetzen; Ihr fürwahr nicht; denn der Kittel gehört in die Küche oder zum Rocken und nicht auf die Mauer. Was wer⸗ det Ihr vornehmen, wenn Euch die Feinde das Thor zeigen, fürwahr, Ihr ſeid unbeſonnen; hättet Euch 72 ſchon längſt einen Geſpons erkieſen können; thut Ihr's nicht bald, ſo dürfte ſich dann ſchwerlich irgend Je⸗ mand vorfinden, der der alten Wittib den Mirthen⸗ kranz aufs gebleichte Haupt zu ſetzen gewillt wäre.“ Die Eitelkeit der Dame war zu verletzt, als daß ſie die unhöfliche Rede gleichgültig hingenommen hätte. Sie erhob ſich daher ſchnell und trat zornig vor den Schwager. „Herr Ulrich,“ begann ſie mit feſtem Tone, „es gefüllt mir zwar, wenn Ihr Euch mir in Euerer wahren Geſtalt zeigt, und jenes höfelnde fein gezierte Weſen abthut, das ohnedieß nur erzwungen und er⸗ heuchelt iſt; aber ſolche Reden zu hören, bin ich nicht bemüßigt und Ihr werdet wohl thun, mein Schloß ſo ſchnell als möglich zu verlaſſen.“ „Das könnt Ihr mir nicht gebieten,“ gegenre⸗ dete der Unzarte,„Ihr ſeid meiner Obhuth anver⸗ traut. Euch iſt das Schloß nur auf Lebenszeit gleich⸗ ſam zur Verwaltung übergeben, während ich der rechtmäßige Beſitzer davon bin.“ Elsbeth ſah das Wahre ſeiner Rede ein und ſchwieg. Ulrich fand es auch gut ſeinen Ton herabzu⸗ ſtimmen, hoffend durch Güte eher etwas zu bezwecken und begann nun der Dame die Vortheile auseinander 9 b n zu ſetzen, die ihr aus einer Verbindung mit einem begüterten Edelmanne erwüchſen. „Schloß Ebersdorf liegt nahe an Wien,“ ſprach er,„unweit der Grenze, der erſte feindliche Anlauf bringt Euch darum und Ihr habt Nichts, während Euch ſo die Güter des Gatten verbleiben.“ Die Dame vermochte dieſe Luftreden nicht länger anzuhören.„Was meint Ihr wohl,“ unterbrach ſie die Rede des eifrigen Schwagers,„würde Schloß Ebersdorf bei feindlicher Annäherung für Euch nicht eben ſo gut, wie für mich verloren ſein?“ „Keineswegs; eine tapfere Vertheidigung mit Hilfe meiner Freunde—“ „Seht Ihr,“ unterbrach ihn die Dame,„das könnt Ihr ja auch dann thun, wenn ich hier bin; es würde mir angenehm ſein, Euch, als meinem einzigen Verwandten die Erhaltung des Schloſſes danken zu können!“— Ulrich ſchwieg verblüfft. Die Schlinge der Liſti⸗ gen war zugezogen, er konnte ihr nicht entwiſchen, außer er zerhieb den Knoten. Und dieß geſchah.— „Ihr fordert viel Dame Elsbeth,“ begann er barſch,„Ihr fordert mehr als ich leiſten kann.“— „Will, ſollt Ihr ſagen, Herr Schwager; be⸗ müht Euch nicht ferner—“ Wien. I. 74 Dieſer Spott brachte den Junker noch mehr auf;„Frau Schwägerin,“ zornſchnaubte er der Dame entgegen,“ frohlockt nicht zu früh einer gelungenen liſtigen Rede halber, es dürfte Euch ſpäter doppelt ge⸗ reuen. Aber ſo wahr mir in der heiligen Taufe der Name Ulrich beigelegt wurde, ſo wahr könnt Ihr deß' überzeugt ſein, daß Ihr Euch im Kurzem eines An⸗ dern beſinnen werdet.“ Er ergriff ſein Barett und tobte ohne Gruß zur Thüre hinaus. Auf dem Gange kam ihm, wie von Ohngefähr Jaroslaus entgegen. „Ihr habt Euere Sachen ſchlecht gemacht,“ zürnte er dem Geheimſchreiber entgegen,„ſie ſträubt ſich jetzt mehr, denn je—“ „Nur Geduld,“ raunte ihm der Angeredete zu, „Herr Ulrich, Ihr kennt die Weiber nicht,— hättet Ihr nur einen Andern als gerade den Schikentanz—“ „Das ſind fromme Wünſche,“ verſetzte der An⸗ dere,„wer wird eine Wittib ohne Grund und Geld heimführen, würde ich ihm nicht ein hübſches Sümm⸗ chen als Entſchädigung verſprochen haben.“— Jaroslaus ſchüttelte den Kopf.„Doch“ rief er nach einer Weile,„es muß gehen, habt nur einige Zeit Geduld.“— 75 „Aber nicht zu lange,“ drohte Ulrich,„ſonſt führe ich einen Gewaltſtreich aus.“ „Und verſchüttet das Kind mit ſammt dem Ba⸗ de,“ beſänftigte ihn der Geheimſchreiber,„vertraut mir und ſeid des beſten Erfolges verſichert.“ „Dann rechnet auf klingende Dankbarkeit,“ ver⸗ ſicherte Herr Ulrich, eilte die Steinſtiege hinab, ſchwang ſich auf ſein Roß und trabbte über einen Feldweg hinaus auf die Straße und dann gegen die Stadt zu. Der Geheimſchreiber aber zog ſich in ſeine Stube zurück, deren Fenſter ihm eine weite Ausſicht über Feld und Flur gewährten. Der Häßliche lehnte ſich auf die Brüſtung und ſtierte in die ſtille Nacht hinaus, die wie ein ſchwarzes Leichentuch über die Erde gelagert war. Er blieb lange Zeit in tiefes Nachdenken verſunken und ließ die geflügelten Boten ſeiner Seele frei umher⸗ ſchwärmen. Hei! was gab es da in dem Hirne des kleinen Männleins für Koboldartigen Mumeltanz, wie wirrte und flirrte es vom ſiedenden Blute, wie tanzten die Bilder aus dem nachtſchwarzen Hintergrund hervor in die ſonnlichte Gegenwart und immer ein Anderes, wieder ein Neues, und wieder ein Folgendes, wenn das Frühere zerſtoben war. Plötzlich aber tauchte aus dem bunten Gewimmel ein Frauenbild auf und verbreitete 76 weit umher einen goldigen Frühlingsſchein, und wie ſie erſchienen, ſchwand alles Uebrige von hinnen, die frü⸗ heren Geſtaltungen erloſchen, wie die Sterne vor dem Sonnengefunkel, Alles ward öde und leer in der ganzen Schöpfung, wie vor dem Werden der Welt; jenes Frauenbild allein ſchwebte der ſchaffenden Gottheit gleich über die Tiefen und ihr Anblick zauberte das: „Es werde Licht“ in ſeinem Buſen zur Wirklichkeit. Dieſes Frauenbild aber war— Dame Elsbeth. Liebe um Liebe. In der Neulucken, einer vor dem Widmerthor*) gelegenen Vorſtadt ſtand am äußerſten Ende derſelben ein niederes Hüttlein. Da es von allen Seiten durch einen dichten lebendigen Stachelzaun umfriedigt war, deſſen einziges Pförtchen ſtets verrammelt blieb, außer, wenn Jemand durch heftiges Pochen Einlaß forderte, ſo wußten es ſelbſt die nächſten Nachbarn nicht, wie es im Innern zugehe, und nur Wenigen war es be⸗ kannt, daß die einzigen Bewohner dieſes Hüttleins ein altes Weib und ein Jüngling ſeien. Der erſte Pfingſtfeiertag war heiter und heilig vom Himmel geſtiegen, die Sonne glich einem feuri⸗ gen Schiffe, welches durch die blauen Lichtwogen ma⸗ jeſtätiſch dahin ſegelt, und deſſen ſtrahlgeformte Maſt⸗ und Segelbäume weit hinauf bis ins Unendli⸗ che reichen. Die feierlichen Glockenklänge der Stadt *) Burgthor. 78 von den Stephans⸗Peters⸗Schotten⸗Dominikaner- und andern Thürmen herab, zogen wie fromme Pilger ein⸗ her, jeden Gläubigen zum Gottesdienſte ladend. Ihr ehernes Klingklang drang auch über die Umzäunung der innern Stadt hinaus und verkündete weit umher, daß die Kirche einer zärtlichen Mutter gleich ihre Arme geöffnet habe, um Jeden, ſelbſt den reuevollen Wieder⸗ kehrer an ihr heilig Herz zu drücken. Dafür ſtrömte aber auch die Menge in ihren Feiertagskleidern in die Gotteshäuſer, die Vorſtädter in die Stadt, die Drin⸗ rigen heraus, jeder wollte was Neues ſehen und die Pracht an Anderr bewundern oder an ſich bewun⸗ dern laſſen. Das waren aber auch wunderliche Käuze, die lieben Wiener jener Zeit; haben auch damals ſchon die venediſchen, hiſpaniſchen und rheinländiſchen Moden nachgeahmt, hielten ſehr viel auf Putz und Pracht, be⸗ luden ſich mit Perlen und Gold, mit Seide und Sam⸗ met, mit Geweben und Bändern daß Einem vor Glanz und Farbenwechſel ordentlich die Augen flunkerten und ſtolzirten einher— die Niedrigen ſo wie die Hohen— wie Hähne mit geſchwollenen Kämmen, bis ihnen endlich durch eine Kleiderordnung das Handwerk gelegt wurde und jeder Stand ſich nicht koſtbarer tragen durfte, als ihm zukam. Während es nun auf allen Plätzen und Straßen, Gängen und Wegen von Luſt- und Kirchgängern wimmelte und die Häuſer beinahe leer blieben, tum⸗ melte ſich in jenem Hüttlein in der Neulucken ein altes Mütterchen geſchäftig herum, putzte und ſcheuerte, wuſch und rieb, hurtig friſch nach einand, daß es eine Freude war ihr zuzuſchauen, dabei aber blieb ſie nicht ſtille, ſondern maulte immer vor ſich hin, ſo zwar daß ein Blinder der völligen Meinung beigepflich⸗ tet hätte, daß ſie mit Jemanden eines kurzweiligen Ge⸗ ſprächſels pflege. Sie ſteht auf einer Holzbank und fegt die Wandſchränke, die ſich längs des Gemäuers der niedern Stube dahinzogen, dabei ſpricht ſie: Spute Dich Kathrei, Dein Söhnlein wird bald aus der Stadt kommen, wird Hunger haben, ei was— hungriger Magen kann Alles vertragen. Das Stück Fleiſch iſt bald gebraten und das Muß dazu iſt auch gleich fertig, wir ſind ja keine Praſſer, arme Leut kochen mit Wzſſer, immer gut und immer recht, dem Hungrigen iſt kein Brod zu ſchlecht— ſo— jetzt noch die Scheiben gewiſcht, außen und innen, ſonſt heißts: außen der Glanz, innen der die Stube iſt glatt und nett;— ei Du lieber Lazarus, was wir alten Leute vergeßlich ſind, denk! nicht an Putz und Tanz, lange Haar', und kurzer Verſtand, ſo— jetzt iſt der Tiſch auch gedeckt, die Tanz, 80 blanken Tiſchlacken nehmen ſich gut aus, das einge⸗ webte rothe Garn prunkt herriſch; die Klinke iſt auch blank; ſieht das Eiſen wie Silber aus, dann iſt ein fleißiges Weibſen im Haus. Nun ſchnell das Feuer aufgepuſtet— ei Du lieber Lazarus, ſchlägt mir der Rauch in die Augen— ſo— jetzt brennts, wie das ſchmorrt und praſſelt ober der Glut, ſo wird es auch den armen Seelen im Fegfeuer gehen, wo der Teufel Koch— ei Du lieber Lazarus, wie das Fett ſpritzt, wer eſſen will, muß kochen, wer ſich nicht kämmt den Kopf, reißt ſich auch kein Haar aus'm Schopf;— jetzt muß er doch bald kommen,— das Mahl wäre fertig und er ſchlenkert noch herum, weiß der liebe Lazarus wo, der Junge hat viel heiß Blut, ei was, wird ſchon abkühlen, friſches Aas holt der Geier, ge⸗ branntes Kind fürcht das Feuer,— mir ſcheint, ich hör' ihn ſchon klopfen, bum, bum, bum, dreimal, richtig er iſt's— ei Du lieber Lazarus er iſt's.— Sie trippelte hinaus das Pförtchen zu öffnen und ein Jüng⸗ ling trat ein. Ein enges grünes Tuchwamms mit aufgeſchlitzten Aermeln eine gefaltete Halskrauſe und weite Pluder⸗ hoſen deckten ſeinen Leib, ein Barett ſitzt auf dem Lo⸗ ckenkopf, deſſen ſchwarzen Augen uns in ihn den Ge⸗ 81 winner der Spenſau beim Scharlachrennen erkennen laſſen. „Seh' mal den Lungerer,“ haderte die Atte mit unzuverkennender Freundlichkeit,„was kömmſt Du ſo ſpät nach Hauſe? Bube, Bube, meng Dich nicht un⸗ ter die Kleien, ſonſt freſſen Dich die Säuen, freilich ſoll man des Plätzchens nicht vergeſſen, wo man in der Wiege geſeſſen, der Hahn verſchmäht die Eierſchalen, wo er iſt heraus gefallen, aber, aber zu tief geſtiegen, bleibt man auch oft liegen, hohe Leute ſtoſſen den Kopf an, kleine Säckel ſind bald vollgethan— hohe Steiger fallen bald, zu ſtarke Lieb' wird bald kalt,— hohe Berg' ſind bald voll Schnee, unten wächſt fein Gras und Klee.“— Das Antlitz des Jünglings bei dieſen vielgewohn⸗ ten Hadereien verlor auch nicht einen Funken jenes freudigen Ueberhauches, der gleich beim Eintritte an ihm merkbar geweſen war. Er ging vielmehr ſachte voran, ließ das Mütterlein maulen, trat in die Stu⸗ be,— die Alte trippelte immer nach und plapperte fort— da nahm er ſein Barett ab— Kathrei brachte ihm ſchnell einen Schämel,— er legte die ſammtne Kopfbedeckung auf den Wandſchrank und ſetzte ſich an den gedeckten Tiſch, ohne daß er noch die Alte in ihrem Redefluße geſtört hätte. 82 „Nun ſo laß doch hören Wohlmuth,“ unter⸗ brach ſie plötzlich ihren Sermon,„wo haſt Du ſo lange verweilt?“ „In der Stadt, Mütterchen,“ lächelte der Jüngling. „So haſt Du ſchon wieder des Minnedienſtes ge⸗ pflegt? ei Du lieber Lazarus,— Junge, Junge, faßt Dich der Teufel bei einem Här, entkommſt Du Dein Lebtag nicht mehr, nimm keinen größeren Biſſen, als das Maul weit iſt, reiß den Beutel nicht mehr auf, als er breit iſt.“— „Ach Mütterchen hättet Ihr ſie heut geſehen, Ihr würdet mir nicht grollen können.“— „Ei Du lieber Lazarus, das iſt ja eben das Arge, haſt ein Weib der Röslein halber dir erkoren, ſo iſt auch mit dem Lenz dein Lebensglück verloren.“ „Eingehüllt in prächtige Gewänder glich ſie ſchier einer Königin.“ „Iſt der Hochmuthsteufel in Dich gefahren? ei Du lieber Lazarus, was der Junge für Geſprächſel führt— hochfärtig Ding von einem Minnefreier, iſt dein Rauch ſo hell wie anderer Leute Feuer, bringt das Weib der Silber in den Schrein, kehrt das Glück bei dir wohl ſelten ein,— gute Frucht hat guten Kern, gleich und gleich geſellt ſich gern.“ —— ¹* — 83 Da Wohlmuth keine Antwort ertheilte, ſo be⸗ gann Frau Kathrei das Eſſen zu tiſchen, aber dem Jüngling wollten die ſchmackhaften Gerichte heute nicht munden, der ihm zu Theil gewordene Anblick der Heißgeliebten und die ungeduldige Erwartung für den Nachmittag ließen ihn gleichgiltig gegen alles Andere und nur das Bild der Geliebten ſtand vor ſeiner Seele, nur ſein Minneglück durchjubelte ſeine Bruſt. Dieſes gedankenvolle Schweigen ließ aber Mutter Kathrei nicht ununterbrochen, es verdroß ſie gewaltig, daß der Junge kein Gelüſte nach ihren Speiſen trage. „Haſt wohl Heute ſchon was verkoſtet, daß Dir mein Muß nicht mundet?— wenn die Maus zu viel frißt, ſo das Mehl ihr bitter iſt, oder möchſt vielleicht Leckerbiſſen haben?— Honigfladen, Mandelbrod, Meth⸗ kuchen, ei Du lieber Lazarus, man muß ſich ſtrecken nach der Decken, wer das Bein nicht ehrt, iſt des Flei⸗ ſches nicht werth, lieber trockenes Brot gekaut, als des Säckels Boden geſchaut. Trotz dieſem Zureden blieb Wohlmuth doch im⸗ mer theilnahmslos ſitzen, die Alte mochte wohl verſpü⸗ ren, daß ihr heutiges Reden kein geneigt Ohr finde, darum ſchwieg ſie lieber ſtill,— ſo weh es ihr auch that— ließ ihr Haupt hängen, rührte keinen Biſſen mehr an und ſchmollte ebenfalls. Die Kerichte verdampf⸗ 84 ten, wurden kalt und Mutter und Sohn ſaßen noch immer lautlos da, bis endlich Wohlmuth wie aus einem Traume auffuhr, und die weinende Mutter ge⸗ wahrte. Er neigte ſich zur Alten hinüber, ſchlang ſei⸗ nen Arm um ſie und drückte ſie feſt an ſich.„Du biſt ja doch mein ſüß' Mütterchen,“ begann er ſchmeichelnd, um die Grollende zu beſänftigen,„nicht wahr, wenn ich auch nicht Dein eigen Kind, deswegen wollen wir uns doch recht lieb haben— nicht wahr Mütterchen?“— Kathrei ſchluchzte nun noch heftiger, die Thrä⸗ nen perlten ihr ſchneller über die runzligen Wangen und ſie erwiederte von heftigen Schluchzen unterbro⸗ chen.„Ei was, hab ich Dich auch nicht geboren— ſo — Du lieber Lazarus— hab ich Dich doch geſäugt, ge⸗ pflegt, gewartet, groß gezogen, und thu' mich jetzt noch für Dich herum— was hätte eine wahre Mutter mehr thun können?“ Wohlmuth küßte ihr die weinenden Augen. „Sei ſtill Mütterchen,“ bat er wehmüthig,„weine nicht, Deine Thränen thun mir weh, ſie brennen heiß auf meinem Herzen, denn ich hab' ſie verſchuldet.“ „Ei was, Jugend kennt nicht Tugend,“ verſetzte die Alte etwas gefaßter,„Du haſt heiß Blut und das Ameinen verkehrt Dir den Kopf, aber trau keinem Son⸗ nenſchein im April, trau keinem Weibe zu viel, ich bin —— 85⁵ Dein Mütterlein, auf mich kannſt trauen und bauen. — Ach Wohlmuth, ich werde die Nacht nie vergeſſen, wo Du in mein Haus gekommen biſt. Es ſind jetzt ſiebzehn Jahre, ei Du lieber Lazarus, hab ich's ver⸗ geſſen?— Rein, nein, ich hab' ſchon recht, es ſind gerade ſiebzehn Jahre. Wir wohnten damals in obern Werd, nah am Waſſer, mein Gerhard— der liebe Himmel ſchenke ihm eine glückliche Urſtünd— war drau⸗ ßen am Waſſer, trieb da ein hübſch Geſchäft mit Fi⸗ ſchen groß und klein, wie ſie ſich im Retze fangen. Was einem der liebe Gott beſcheert, nach dem hat St. Peter nie begehrt. Ich verwunderte mich baß, daß Gerhard noch nicht heimkehre, denn draußen war ein Wetter, als ob alle böſe Sieben los wären. Blitz, Donner und Wind, alles untereinand; ich hab ſchnell Salz auf die Tiſchecken geſtreut, hab in die Mitte ein Stück Brod gelegt und ein Kreutz nach dem andern geſchlagen, beim Frommen kehrt Gott ein, beim Sün⸗ der iſt der Teufel drein; auf ein Mal— ei Du lieber Lazarus,— das denk ich noch wie heut— klopfts draußen, bum, bum, bum, dreimal— das war mein Gerhard— ich öffne das Thürl, er kommt, und ſtell Dir vor, bringt ein kleines Kind kaum einige Tage alt, in Fetzen eingewickelt auf dem Arm. Ach Du lieber La⸗ zarus, ich hätte vor Schreck bald die Rapuſe bekom⸗ 86 men, aber ich hab gleich ein Glas friſch Waſſer getrun⸗ ken und es war gut. Zeit zum Lachen, Zeit zum Wei⸗ nen, Zeit zum Frieden, Zeit zum Greinen. Ich hab das Meinige gethan, aber mein Seliger ſagte:„Wi⸗ derſpruch aus Weibesmund, dulde Du zu keiner Stund“ — und ich hab's Maul gehalten. So biſt Du bei uns geblieben. Drei Jahre drauf wird mein Gerhard von ſchwerer Krankheit heimgeſucht, er ſpürte ſein letztes Stündlein, ruft mich zu ſich; ei Du lieber Lazarus, was hat er mir da alles aufgetragen, wie ich Dich pflegen ſolle, Du ſeieſt von reichen Eltern, es hätte Dich in jener Nacht Jemand morden ſollen, aber dieſer Jemand hat ſich Deiner erbarmt und Dich am Leben gelaſſen, und weil Du Feinde hätteſt, ſo hat er be⸗ fohlen, wir ſollten Dein als Eltern pflegen und bis Du groß und ſtark würdeſt, dann können wir Dich ſchon zu ihm führen, er wolle Dir Alles entdecken. Siehſt Du Wohlmuth, wie mir nun mein Seliger den Na⸗ men jenes Mannes nennen wollte, hat's ihm die Kehle zugeſchnürt, er deutete was mit den Händen, ich konnts aber nicht verſtehen, dann iſt er blau geworden, hat gezittert und war mauſetodt. Ei Du lieber Lazarus, hoch und nieder allzuſamm, klaubt der Tod in ſeinen Kram— der Menſch iſt heut hübſch und roth, Mor⸗ gen d'rauf bleich und todt.“ — —— 1 9 87 Kathrei ſchwieg und wiſchte ſich die Augen; Wohl⸗ muth aber, dem das freilich ſchon längſt bekannte Ge⸗ heimniß ſeiner Geburt gerade jetzt am drückendſten erſchei⸗ nen mußten, preßte einen ſchweren Seufzer aus und trauerte im Stillen über ſein Mißgeſchick. „Ei was,“ tröſtete die Alte,„willſt den Himmel Dir ereilen, mußt früher auf der Erde weilen, wer dem lieben Herrgott vertraut, hat ſein Haus auf Felſen gebaut; aller Tage End iſt noch nicht gekommen— wer weiß, was der liebe Himmel Dir noch beſcheert.—“ „Du haſt Recht, Mütterchen,“ entgegnete Wohl⸗ muth aufgemuntert,„nach trüben Wetter kommt Sonnenſchein, ich habe Dich— und will den Himmel bitten, daß er Dich mir erhalte— Du haſt als eine ei⸗ gene Mutter an mir gehandelt und ich werde es Dir gewiß vergelen. Wie, auf welche Weiſe, das iſt mir zwar noch nicht klar geworden, aber daß es geſchehen wird, deß' kannſt Du verſichert ſein.“ Kathrei drückte den Jungen an ſich, küßte ihn auf die Stirne und munterte ihn ſelbſt zu ſeinen vorhabenden Liebesgang auf, wiewohl ſie es dabei nicht unterlaſſen konnte, ihm eine Menge feiner Sprüchlein mit auf den Weg zu geben. „So mach' nur, daß Du fortkommſt,“ drängte ſie den Jüngling,„Dein Lieb wird ſchon harren, aber 88 hüthe Dich vor Weiberkuß, er trifft das Herz als'n grober Schuß; trau, ſchau, wem? und laß Dich nicht beirren, es ſind nicht alle Chriſten, die kaſteien und brevieren; ein Mädchen ohne guten Nam', iſt ein Spiegel ohne Rahm— und komm nicht zu ſpät zurück— ich werde für Dich bethen; ei Du lieber Lazarus, was biſt Du ein ſchmucker Jüngling geworden, drück doch Dein Ba⸗ rettlein nicht ſo tief in die Stirne herab, ſo— mein Söhnlein, nun geh' in Gottes Namen, aber nimm Dich in Acht: wer zu hoch in die Wolken ſticht, dem fällt Staub in's Angeſicht, ſeines Standes ſoll man nie vergeſſen, mit großen Herrn iſt nicht gut Kirſchen eſſen.“ Wohlmuth war jetzt ſchon auf der Straße; Mutter Kathrei hatte noch ein Kraftſprüchlein auf der Zunge, aber der Jüngling war ſchon fort, ſie ſchloß daher die Pforte und kehrte in ihr Stübchen zurück, um an ihr Söhnlein zu denken, und für ihn vom Himmel Segen zu erflehen. Ach das war ein herrlicher Nachmittag, ſchien es doch, als ob ſich der liebe Hinmel ſelbſt des Feiertages freue und habe ſich deshalb in ſein heiteres blaues Kleid geworfen, und ein ſtilles ſittſames Weſen angethan, und ſich eine große feurige Roſe an dem Buſen geſteckt, wie eine züchtige Jungftau, wenn ſie an dem Arm ihres S— 89 Hochzeiters wandelt; dann aber glich er wieder einer fürnehmen ſtattlichen Dame, die in Pracht und Glanz gehüllt, von feinem Gold umwoben, gar hochnaſig um⸗ herſtolzirt und mit jedem Begegnenden liebäugelt, jedem feurige Blicke zuwirft, und an ſich locken will, dann aber ſpröde fürbaß ſchreitet, und nichts als dem lauen Odem ihres Liebeskußes zurückläßt. Das dunkellaubige Weinland vor der Stadt war auch voll von Beſuchern, Alles ſtrömmte herbei, des herrlichen Tages zu genießen und ſich unter Gottes freiem Himmel zu ergehen. Bür⸗ germeiſters Töchterlein war auch draußen, aber ganz allein, denn den Vater hielten wichtige Amtsberathungen zurück, mit denen der fleißige Rathsherr ſeit einigen Tagen ſo überhäuft war. Der Weingarten des Herrn Stephan Hen war einer der geſchmackvollſten und üppig⸗ ſten— dunkle Rebenlauben führten zu einem kleinen Häuschen, wo der alte Hämmerlin als Wintzirl hauſte und ſein Amt tüchtig verſah; da in der Nähe der Wien⸗ fluß vorbeiquoll, ſo war ſeitwärts ein Teich angelegt, der von Fiſchen wimmelte, ein kleines Gehölz von Buch⸗ und wilden Kaſtanienbäumen bot ſchattige Spaziergänge und trauliche Lauben dar, wo man recht geheim der Min⸗ ne pflegen konnte, ein Blumengärtchen prangte in den üppigſten Farben und durchduftete die nächſten Parthien. Hämmerlin war thätig und fleißig, ſeine ſorgſame 8 90 Hand vertilgte jedes Unkraut, beſchnitt jeden Auswuchs und ließ ſich nirgends verkennen. Dafür aber hatte er ſich mancher heimlichen Gabe zu erfreuen und war der holden Herrin mit ganzer Seele zugethan, wiewohl er ſelbſt gegen ſie ſeine derbe brummige Außenſeite zu kehren pfleg⸗ te; aber das machte die Jungfrau nicht ſtutzig, ſie kann⸗ te den Alten, der ihr als Kind auch oft das Sitzfleiſch abprackte, wenn ſie in ſeiner Behauſung kunter bunter herumgewirthſchaftet hatte. „Wie geht's Dir lieb' Väterl?“ rief ſie dem alten Wintzürl entgegen, als ſie Nachmittags in ſein Häus⸗ chen trat,„bin heut zu Gaſt gekommen, wenn es Dir genehm iſt.—“ „Wem wird ein ſo hold Fräulein nicht genehm ſein,“ ſchmunzelte der Alte,„überdieß ſeid Ihr Herrin — und ich Fnecht.“— „Ei du altes Brummeiſel,“ rief die Jungfrau, „da hab ich ein Fläſchlein Extra gebracht, einige Stück⸗ chen Feiertagskuchen und zwei gebratene Hähnel— laß Dir's ſchmecken.“ Der Alte packte die Gaben zuſananen, ſetzte ſich zum Schmauſen, und Agnes huſchte hinaus, floh zum Teiche hinab, lockte die ſchwimmenden Thierlein mit Broſamen an ſich, und hatte ihre Freude daran, wenn die ſtummen Gäſte nach den Leckerbiſſen ſchnappten, dann en ir 91 eilte ſie wieder in das Blumengärtlein, athmete den Hauch der lieblichen Frühlingskinder ein, pflückte meh⸗ rere derſelben, band einen zierlichen Strauß, und ſteckte ihn an ihrem Buſen, dann huſchte ſie ſchnell durch Weingänge und Lauben, umkreiſte den Garten und kehrte wieder in das wohnliche Häuschen zurück. Der Alte hatte indeſſen ſeine Schmauſerei vollendet. „Wos rinnt Euch der Schweiß von der Stirne,“ grollte er in fröhlicher Weinlaune dem Mädchen entgegen, „habt Noth daß Ihr mir da herumſtöbert und die Blüm⸗ lein von den Stöcken reißt; habt Ihr Euch doch aufge⸗ putzt, als ob Ihr Eueres Hochzeiters gewärtig wäret?—“ „Wer weiß,“ erwiederte die Jungfrau launig, „was noch geſchehen wird.—“ „So?“ grommelte der Alte,„hab' noch Nichts gehört, das trau ich Euch ſchon zu, hinter des Vaters Rücken, hier der Liebelei zu pflegen.—“ „Du wirſt mich doch nicht verrathen, alter Mum⸗ melpelz?“ lachte das Mädchen. „Ich? hm— hm— das wäre eine verteufelte Geſchichte— aber— was kümm're ich mich drum— ich weiß nichts davon, eher will ich zehn Weingärten als ein einzig Mägdlein bewachen, ich geh' mein Sonn⸗ tagsſchläfchen zu machen, eh' Ihr fortgeht, ſo weckt mich.“ 92 Der Alte trollte ſich kopfſchüttelnd hinaus und ließ Agnes allein zurück. Der Nachmittag war ſchon ziemlich vorgerückt, Agnes ſaß von Gedanken umfangen in dem Stübchen, deſſen angenehme duftige Kühle ihre heiße Wangen und Stirne zu kühlen nicht vermochte. Die Fenſter waren geöffnet, Weinreben rankten ſich durchs ſchmale Gegit⸗ ter, es war, als ob ſie neugierig nach der minniglichen Jungfrau lugten, die, das Köpfchen in die Hände ge⸗ ſtützt— in ihrer ganzen Schöne vom Frühlingshauch des Lebens angeweht, da ſaß. In dem kleinen Herzchen aber tobte es auf und ab; wie auf einer grünen Wieſe, dem Spielplatz muthwilliger Jugend, tummelten ſich da die Kinder des heißen Blutes herum; der Verſtand ſchalt ihr Vorhaben, die Liebe aber nahm es in Schutz, der Wechſelkampf währte lang und heftig, und wer trug den Sieg davon? nun, wer anders als die allgewaltige Bezwingerin, die keines Menſchen ſchont, die ſich den Fürſten wie den Bettler, den Helden wie den Feigen, Jung und Alt, hoch und niedrig, unterthänig macht, die Liebe, die heiße, erſte, reine, heilige Jugendliebe ſchwang ſiegreich ihr hoffnungsgrünes Panner, und trat gegen jeden Vernunftseinwurf als ein geharrniſch⸗ ter Ritter in den Kampf, und beſiegte Alles mit ihrer 93 Allgewalt und durchjubelte, einer fröhlichen Hochzeiterin gleich, das jungfräuliche Herz. Da raſchelte es draußen im Weinlaub, immer näher tönten die Schritte, ein ſchwarzes Auge ſprühte im grünen Laubwerk durchs Fenſter,— es war Wohlmuth. Agnes hatte auf ihn ſo ſehnſüchtig geharrt, und erbebte jetzt doch bei ſeinem Anblicke, ein feines Bleich überhauchte anfangs die Wangen, dann aber ſenkte ſich das Auge zu Boden und heilige Schaam hüllte ihr Antlitz in einen Roſenſchleier. „Agnes!“ liſpelte der Jüngling durch's Wein⸗ laub— ſie blickte auf, und das Bild des Geliebten wirkte, wie ein mächtiger Zauber auf die betroffene Jungfrau, jeder Zweifel verſank, ſie ſah nur ihn, hörte nur ſeine Stimme und eilte hinaus. Wohlmuth kam ihr ſtürmiſch entgegen und drückte die zitternde Hand des Mädchens an ſeine Lippen, ſie ließ es gewähren, ein leiſer Gegendruck durchwirbelte das Blut des feurigen Jünglings. An ihrer Seite wandelte er nun durch die Wein⸗ lauben, und ſein höchſtes Glück ergoß ſich in einen Wortſtrom, der ſüß, wie Honigſeim, in dem Herzen der Jungfrau mündete. 94 „Ach, der heutige Tag,“ ſprach er von Liebe erglüht,„überſchüttet mich mit Glück, als ob ich im ſüßen Rauſche alle andern vergeſſen ſollte, die ich getrennt von Euch, in trüben Alleinſein verkümmert hatte. Früh Morgens um die achte Stunde ſtand ich ſchon vor der Stephanspfarre, ich wußte, daß Ihr da die Frühmeſſe beſuchen würdet, und harrte, wie der nächtliche Wan⸗ derer der ſtillen Morgendämmerung, Euerer Ankunft. Ach Agnes, wie ungeduldig ſah ich da der Sonne ent⸗ gegen, die mir meinen Lebensweg beleuchten ſollte, mit welcher Sehnſucht ſchaute ich die Kärthnerſtraße hinab, die Ihr heraufzukommen pflegt; und wie ſie daher ſchrit⸗ ten, die geputzten Frauen alle, wie die Blumen unter den Menſchen, ſo blieb mein Herz doch ruhig, es ließ ſeine Stimme nicht hören, blieb ſtumm in mir, wie ein Fiſch in den Silberwogen, denn meine Blume ſah ich nicht. Schon wollte ich an Euerm Kommen zweifeln, ſchon däucht' ich mein Liebeshoffen, wie eine zu frühe Blüthe vom rauhen Sturm zerknittert, und wollte kummerſchwer meinen Heimathsweg antreten, da liſpelte es in meinem Innern:„Bleibe Thor, Du harreſt nicht vergebens,“ und ich— blieb.— Da erwachte es in meinem Buſen, wie aus leichtem Schlaf gerüttelt. „Sie kommt“ hauchte eine Ahnung in mir, und„Sie kommt,“ jubelte meine Seele wie mit tauſend Stimmen; ——— 95 ich ſah Euch an der Seite Euers Vaters, ich tauchte meinen Blick in Euerer Schöne Fluth und alles An⸗ dere verſchwamm vor meinen Augen; nur Ihr war't da für mich, nur Ihr war't das Band, das mich noch an dieſe Erde feſſelte. Agnes, warum ſeid Ihr meinem Herzen ſo unentbehrlich geworden, warum kann ich nur in Euch meinen Lebensſtern finden, von dem meine Ruhe, mein Glück mir zugeſichert werden ſoll, in Euch, die mir in dieſem Leben ewig fremde hätte bleiben ſollen?“ Wohlmuth ſchwieg. Die Jungfrau vermochte nicht zu antworten; ſeine Rede, ſo gerne ſie ihrer auch gehorcht hatte, ließ doch durch ihren Schluß einen bit⸗ tern Eindruck zurück, deſſen Wahrheit ſie zu läugnen nicht vermochte, und es war auffallend, daß gerade der heißblutige, leidenſchaftliche Jüngling ſo einer ern⸗ ſten Ueberlegung in einer Stunde die ihm ein ſicheres ungeſtörtes Beiſammenſein mit dem Mädchen ſeines Herzens gönnte, fähig war; allein, es iſt eine beſon⸗ dere Eigenheit dieſes Temperaments, daß es von einem Extrem zum Andern ganz leicht übergeht; vom höchſten Jubel, ohne Zwang zum tiefſten Schmerz herabſinkt; in dieſem Augenblicke ſich der Freude hingibt, im Näch⸗ ſten aber von Thränen überwältigt wird. Die Größe der Leidenſchaft brachte es bei ihm mit ſich, daß er im Augenblicke der höchſten Wonne, des höchſten Schmerzes 96 gedachte, daß zwiſchen ihm und der Geliebten ſich eine ſo große Kluft ausdehne; ſo wird oft die Mittags⸗ ſchwüle eines Sommertages durch einen plötzlichen Sturm unterbrochen. Wohlmuth war im Hauſe ſeiner Pflegemutter nicht ſo vernachläſſigt worden, als man vielleicht von ſeinen erſten Auftritten in dieſem Gemälde vermuthen ſollte. Die alte Kathrei konnte ihm freilich nicht jene feine Sittſamkeit angewöhnen, die Knaben höherer Stände von Jugend auf eingeprägt werden, dazu war ſie viel zu einfach, und hatte auch den Knaben zu lieb, um die bei der Jugend ſo nothwendige Strenge in An⸗ wendung zu bringen, er war daher nicht wohlerzogen, vielmehr ungebehrdig, muthwillig raſch, vom Augen⸗ genblicke hingeriſſen, nur eine angeborne Scheu vor Unrecht und Schlechtigkeit, in deſſen Tiefen er ſonſt ge⸗ wiß untergegangen wäre, hielten ihn in Zaum. Er war ſchon ſechszehn Jahre, ohne daß er auf ſeine Zukunft gedacht hatte, denn Niemand machte ihn darauf auf⸗ merkſam. Er lebte daher von einem Tage zum andern, durchſchweifte die Straßen und Plätze, war überall dabei, wo es etwas zu ſehen gab, jedes Schimpfſpiel, Turnier oder Ringenſpiel auf der Penzwieſe oder dem Hofplatze mußte er mit anſehen, wurde ein Bäcker ge⸗ ſchupft, blieb er nicht fern, ſtand Jemand auf dem em ge em 97 Pranger, war er keiner der Letzten der ſein Steinchen nach ihm warf, er lungerte überall herum und wurde, wenn er nach Hauſe kam, von dem Mütterlein mit Sprüchlein empfangen, gefüttert, und wieder mit Sprüch⸗ lein entlaſſen. So wurde er ſiebzehn Jahre alt, als die Liebe ſich ins Spiel miſchte; er ſah Agnes, und eine heftige Leidenſchaft entbrannte in ſeinem Innern gegen die Jung⸗ frau. Wenn er früher ſeine Zeit mit Nichtsthun vergeudet hatte, ſo wendete er ſie nun dazu an, jede Gelegenheit auf⸗ zuſtöbern, die Aus erwählte ſeines Herzens ſehen zu können. Er nahte ſich ihr unter allerlei Geſtalten, bald als fah⸗ render Schüler, bald als Bettler, um aus ihrer Hand ein Almoſen zu empfangen, dann wieder als Schaar⸗ diener unter ämtlichen Vorwand, wenn er wußte, daß der Vater im Rathe ſei— ja wir haben ihn ſelbſt als Wettlaufer und Gewinner der Spenſau beim Scharlach⸗ rennen gefunden— um nur einen Nachmittag mit ihr unter einem Dache zubringen zu können. So viel Lie⸗ besbeweiſe von einem Jünglinge konnte eine Jungfrau, die ſo ſtreng, wie Agnes gehalten wurde, nicht uner⸗ wiedert laſſen, und ihr war es vorbehalten, dem regel⸗ loſen Wildſtrom eine beſtimmte Richtung zu geben, ihn einzudämmen, daß er ſich ſelbſt und ſeine nächſte Um⸗ gebung nicht verheere. Wien I. 9 98 Wohlmuth hatte auf ſeine letzte Rede vergebens eine Antwort erwartet, die Jungfrau ſchritt an ſeiner Seite ſtill dahin, und ſchien von wichtigen Gedanken befangen. „Hab ich mit meinem Worten Euch vielleicht wehe gethan?“ unterbrach der Jüngling das Schweigen. „Nein“ verſetzte die Jungfrau ſchüchtern,„das nicht, aber Ihr habt mich gemahnt, daß ich Euch mei⸗ den ſollte.“ „Meiden? Heiliger Gott!“ rief Wohlmuth er⸗ blaſſend,„wollt Ihr mich vernichten?“ „Nicht vernichten,“ verſetzte die Jungfrau be⸗ bend,„aber ich will Euch nicht unglücklich machen.“ „Ihr liebt mich alſo nicht?“ fuhr er entſetzt zu⸗ rück,„meine Hoffnungen ſind zertrümmert, mein Glück war alſo nur erträumt, ich bin wieder der Elendeſte aller Menſchen, gualvolle Tage ohne Luſt und Freude ſollen nun wieder in ſtarrer Gleichgültigkeit an mir vorüberziehen, wie kalte Larven beim Faſtnachts ſpiel, jede Stunde ſoll bleiſchwer über meinem Haupte hängen und ſoll mir nichts als eine finſtere Fratze zeigen. Ag⸗ nes!— war's Euer Ernſt, was Ihr jetzt geſprochen? bedenkt, in jenen wenigen Worten liegt eine ganze Welt voll Unheil.— Agnes nein, nein— ſo kann Euer Herz nicht ſprechen, ſo elend könnt Ihr mich nicht machen r⸗ elt erz 99 wollen, Ihr wollt mich erbarmungslos aus meinem Himmel ſchleudern, den ich mir mit der Liebe Macht erſtürmt, wollt mich hinab in die finſtere Grube ſen⸗ ken, wo mir Euer Aug' nicht leuchten, wo Euer Athem mir nicht Kühle wehen, wo Euer Wort mich nicht zum Leben rufen ſoll, o dann mög' der Himmel über mich einſtürzen und mich und die Erde, wie einen Ball zer⸗ trümmern, denn all' dieß Weh wär' gegen meine Pein nur Wonnetaumel!“ Dieſer heftige Erguß einer raſenden Leidenſchaft machte die Jungfrau erbeben, ſie mochte es fühlen, daß ihr aus einer ſolchen Liebe entweder das höchſte Erden⸗ glück, oder der größte Schmerz erwachſen könne, wer konnte es ihr verargen, daß ſie der Stimme ihres Herzens Gehör gebend, das Erſtere zu wählen glaubte. „Wohlmuth,“ wendete ſie ſich ſanft zu dem Ge⸗ liebten,“ ich glaub' es Euch, daß Ihr mich liebt, ich verkenn' die Leidenſchaft nicht, die Euer Herz durch⸗ tobt, aber was ſoll ich davon denken, daß Ihr ſelbſt das Erringen meines Beſitzes bezweifelt?“ Dieſe Einwendung erweckte wieder einen ganz an⸗ deren Ideengang in der Seele des Jünglings; wäh⸗ rend er kurz vorher gar nicht daran gedacht hatte, ſich die Geliebte vom Schickſale abzutrotzen, erwachte nun aller Lebensmuth in ſeiner Seele. 100 „Verzweifeln, ich verzweifeln?“ rief er raſch, „hab' ich das geſagt, Agnes, ich war ein Thor, wenn ich es ausgeſprochen. Nein, ich verzweifle nicht.— Sprich Du heiliger Engel, was ſoll ich thun, was unternehmen? mein Gott, wie mir das Blut durch die Pulſe jagt, wie's mir zum Hirn wirbelt, der Ge⸗ danke macht mich toll; ich will Euch zeigen Agnes, was Liebe vermag; aber ſagt mir nur wie, zeigt mir nur den Pfad, den ich zu wandeln habe; wo iſt der Berg, den ich nicht erklimme, und reichte ſein ſchneeiger Scheitel bis in die Wolken hinauf, wo iſt die Kluft, die mich zurückſchaudern machte, und führte ihre Tiefe bis in die Hölle hinab ſprecht Agnes, um meines ewi⸗ gen Heils Willen, ſeid nicht ſo wortkarg, Euer Schwei⸗ gen iſt ein giftiger Dolch, der ſeine Spitze in mein Lebensmark bohrt und meinen Geiſt mit gewaltiger Kraft zerſtört. „Seid ruhig, Wohlmuth,“ bat die Jungfrau, „bezähmt das widerſpenſtige Blut, unterdrückt den Sturm in Euerem Innern, dieſes ungeſtümme Toben bringt kein Heil, es macht Euch und mich unglücklich.“ „Ja Agnes, Ihr habt recht, ich will ruhig ſein, will mich bezwingen, will Euren Worten horchen, wie einer heiligen überirrdiſchen Verkündigung, ich thue ja Alles, was Ihr begehrt, nur ſtoßt mich nicht von „ 101 Euch, laßt mich nur in Euerer Nähe weilen, oder wenn dieß nicht, ſo laßt mir den theuern Glauben nur, daß ich Euch lieben darf, daß Ihr meine Liebe nicht verſchmäht, weil ich ſo ungeberdig war; ach mein Gott! ich hab' heißes Blut, ich kann ja nicht dafür.“ Das Liebespaar war indeſſen in dem kühlen Ge⸗ hölze angelangt, eine ſchattige Laube nahm ſie auf, kühle Nacht umfing den duftigen Raum, deſſen keu⸗ ſches Blätterdach ſelbſt vom Kuße des Sonnenſtrahls unentweiht war. Agnes ließ ſich auf den kleinen Sitz nieder und Wohlmuth nahm zu ihren Füſſen Platz; ſein Locken⸗ haupt war der Jungfrau zugekehrt, ſeine Augen ver⸗ ſchlangen die Reize der Lieblichen, ihre Hände ruhten in den ſeinigen. Der Augenblick— in dem ſie ihm ihre Liebe beken⸗ nen ſollte— war gekommen. Sie fühlte, daß ſie den Jüngling damit zum Gott machen und ihren ernſten Mahnungen dadurch das Bittere benehmen werde. „Wohlmuth,“ ſprach ſie,„darf ich wirklich die⸗ ſer flackernden Flamme trauen, die in Euerm Herzen praſſelt, und die, ſo gewaltig ſie auch jetzt zu ſein ſcheint, doch nach kurzer Zeit vielleicht niedergebrannt ſein und nichts zurückgelaſſen haben wird, als ein ſtilles Grab, auf dem ich Thränen der Reue zu weinen hätte. 102 Unterbrecht mich nicht!— Ihr werdet mir alles das wiederholen was Ihr ſchon betheuert, und was ich, durch mein Herz überredet Euch ſo gerne glaube. Ja, Wohlmuth, ich kanns Euch nicht verhehlen, ich liebe Euch vielleicht inniger als Ihr mich, nur iſt meine Liebe eine ſtille Glut, die heißer als eine lodernde Flamme ver⸗ zehrt, und die mich gewiß vernichten würde, wenn ſie die Euere überleben möchte.“ Sie vermochte nicht weiter zu ſprechen, Thränen erſtickten ihre Stimme. Wohlmuth drückte ihre Hände an ſein heißes Antlitz; dieſe Rede wirkte wie ein erfri⸗ ſchender Sommerregen auf die lechzende Flur. Das Geſtändniß der Liebe, die feſte ſichere Ueberzeugung, die Gewißheit, die ihm dadurch wurde, dämpften die gewaltigen Aufwallungen. Nun hatte ſie ihm ja die ſüße Leidenſchaft geſtanden, er hatte es gehört, das beſeligende Wort, das wie ein Friedensengel der hei⸗ mathlichen Jungfrauen⸗Bruſt entſchlüpfte, um in das nahverwandte Jünglingsherz zu überſiedeln, aus der Tiefe war es gekommen und zog wieder in die Tiefe ein. „O Du mein einzig Weſen!“ ſchmeichelte Wohl⸗ muth und erhob ſich zur knieenden Stellung empor. „Du meine theuere Seele, komm her, an mein po⸗ chendes Herz und fühle jeden Schlag deſſelben, fühle „ 103 das heftige Wallen des tobenden Blutes, das vom erſten bis zum letzten Tropfen Dir gehört.“ Agnes neigte ſich zu dem Knieenden hinab, Jedes fühlte des Andern Wangen glühen, er ſchlang die Arme um die Geliebte, ihr Buſen ſchwellte an ſeinem Her⸗ zen, ihr in Thränen gebadetes Auge blickte liebedürſtend zu ihm hinüber, ſie preßte den Wonnetrunkenen an ſich — und wie die Herzen ſich gefunden, ſo fanden ſich die Lippen auch, und verſchmolzen in einen langen glühen⸗ den Kuß. Friſchauf Du holde Maienzeit des Lebens, Du ſüßer Zaubertrank der Jugend, Du Wunſchhütlein des raſchen Blutes. Friſchauf Du ſchöner wonniglicher Traum, Du blüthereicher Lebenslenz, Du erſte reine heilige Liebe, Du haſt das Herz zum Herzen hingezau⸗ bert, Du haſt den armen Strolch ein Paradies geöff⸗ net, und ihn durch Deine berauſchenden Nektartropfen in eine ſchönere Welt verſetzt, ei ſo ſoll es jetzt auch Deine Sorge ſein, den Jüngling ſtets die wahre Bahn zu führen, daß er nicht irre gehe, ihn zu ſtützen, wenn er ſtrauchelt, ihm den Arm zu bieten, wenn er fällt— Du biſt ſein Alles auf öet Welt, Dir hat er ſein Lebenswohl anheim geſtellt, und Du ſollſt ihm auch dafür haften! 104 Wie ſie in der dunklen Laube dort flüſtern„wie ſich die Jungfrau inniglich an ſeine Bruſt ſchmiegt, und die ernſten Worte durch den Honig ihres Hauches ver⸗ ſüßt, wie ſie fleht und bittet, ſeine Wildheit zu zähmen, — ein ernſtes Ziel zu verfolgen, und er Alles bejaht, Alles verſpricht und ſein Wort mit dem Kuße beſiegelt und ſie wieder zu ſprechen beginnt und er dennoch zu horchen nicht ermangelt, ihre Hand drückt und preßt, und heiße Küße auf Stirne, Mund und Augen haucht, wie ſie mit ſeinen ſchwarzen Locken ſpielt, die ſich glänzend abwärts ringeln und er ihr dafür die Thau⸗ tröpfchen von den Wangen wiſcht, und dabei, die Strahlen der tiefgeſunkenen Sonne neugierig durch die Blätter lugen, um das Friedenspaar zu belauſchen, und der friedliche Abend ſchon hereinhorcht, ob der Tag be⸗ reits abgezogen ſey, ach wer dieß Alles ſo recht leben⸗ dig malen könnte— es müßte ein Herz und Auge weid⸗ liches Bildchen geben. Der Abend war heraufgezogen, der Sonne letz⸗ ter Goldſtrahl umfaßte die tagesmüde Erde, wie ein liebend Weib am Rand des Grabes den Gatten um⸗ ſchließt, mit dem ſie ein Lehemfriedlich vertändelt; die gefiederten Zweigebewobner ſuchten ſchon ihr nächtlich Geſitz, die Grille begann ihr monotones Gezirp und 105 das Jauchzen und Jubeln der heimkehrenden weinmun⸗ tern Gäſte durchſchallte die ländliche Flur. Wohlmuth und Agnes verließen Arm in Arm das Gehölz und eilten dem Winzerhauſe zu, unweit von demſelben blieben ſie ſtehen, um Abſchied zu nehmen. „Ach!“ ſeufzte der Jüngling,„mußte dieſe Stunde ſo ſchnell verinnen, wie die plätſchernden Wellen einer Silberquelle, während die Trüben, einem finſtern ſchlammigen Bache gleich, dahinſchleichen. Lebe wohl, mein holdes Engelsbild, wenn auch fern von Dir, wirſt Du mir doch ſtets gegenwärtig ſein.“ „Leb wohl, Wohlmuth!“ hauchte ihm die Jung⸗ frau zu„denke meiner Worte und Deines Ver⸗ ſprechens.“, Mit thränenden Augen reichte ſie ihm den Blu⸗ menſtrauß, er drückte ſeine Lippen darauf, und ver⸗ lies mit ſtürmiſchen Schritten den Garten. So lange Agnes vermochte, verfolgte ſie den Geliebten mit ihren Blicken, doch je weiter ſein Schritt ihn von ihr trug, deſto drückender wurde es ihr um's Herz: noch einmal wandte er ſich um, ſchwang den Blumenſtrauß, ſein heilig Liebespanier in der Luft und verſchwand dann ihren Blicken. Agnes zerdrückte 106 die letzte Thräne im Auge und trat in das Winzer⸗ häuschen. Hämmerlin ſchien ihrer zu harren.„Ihr habt was Sauberes angeſtiftet,“ grollte er der Jung⸗ frau entgegen,„Ihr glüht ja wie eine Pfingſtroſe, wenn das der Wiederſchein Eures Herzleins iſt, dann möge ſich der heilige Florian der Brunſt erbarmen.“ Die Jungfrau trotz ihrer wehmüthigen Stim⸗ mung mußte die Rede des Wintzürls belächeln, der gleich darauf fortfuhr:„Und wie mir's bedünkt, habt Ihr auch geweint, wie mag ſich das nur reimen, auf den Wänglein Sonnenbrand, in den Augen Thränen⸗ naß; um die Zeit, Sonne und Riegen zugleich, da bläut der Teufel ſeine Geſponſin durch, und der Wein wird ſauer.“ „Was kümmert mich Dein Wein,“ rief die Jungfrau neckiſch, während ſie ſich zum Abgang rü⸗ ſtete,„eine Muth mehr oder weniger, ſüß oder ſauer, das gilt mir gleich.“ „Das will ich wohl meinen“ grommelte der Alte in den Bart,„wenn Ihr den Magen voll ſüßer Minne habt, das Euch der reſche Wein nicht zu⸗ ſagt.“ te er . Nach freundlichem Gruße trat Agnes den Rück⸗ weg an.„Gnädiges Fräulein,“ rief ihr der brummige Wintzirl noch nach,„was ſoll ich dem Herrn Bürger⸗ meiſter ſagen, wenn er mich um den ſchwarzlockiger Grautjunker ausgattert?“ Der Freier. Wir haben bisher wenig Gelegenheit gehabt, unſern Leſern den damaligen Bürgermeiſter der Stadt Wien Herrn Stephan Hen aus einem alten adeligen Ge⸗ ſchlechte entſproſſen, das aber unter Kaiſer Ferdinand I. ausgeſtorben iſt, vorzuführen; nun aber können wir es um ſo ſchicklicher thun, da wir ihn, nach einigen vor⸗ ausgeſchickten kurzen Umrißen ſeines Charakters, in Si⸗ tuationen finden, die ihn ganz ſo, wie er war, ohne Hehl und Falſch, ihrem geiſtigen Anſchauen verdeut⸗ lichen werden. Er war ein ſtattlicher Mann, mit ſcharf mar⸗ kirten Geſichtszügen, etwas ſteif und ungelenk, aber ſchlicht und gerade. Seine Wohlhabenheit war ſeine ſchwache Seite, er liebte das Gold, jedoch nur in ſo⸗ fern, als er es nur auf rechtlichem Wege erwerben konnte; ſtreng und ernſt in⸗ und außer Amt, gewiſſen⸗ haft bis ins Uebertriebene, gerecht, ſo wie es kaum je Einer geweſen, ſtolz auf Adel und Amt, ohne deßwe⸗ — —,— en, 109 gen Niederergeſtellte geringzuſchätzen, geehrt und ge⸗ fürchtet von ſeinen Untergebenen, denen er nie einen Fehler vergab— und ein Schrecken allen Denjenigen die als Verbrecher vor ſeinem Richterſtuhle ſtanden. Sei⸗ nem Kaiſer mit ganzen Leben ergeben, liebte er außer Gott und Vaterland Niemanden als ſeine Tochter. Je⸗ doch auch dieſe väterliche Liebe hatte eine enge Grenze, ſie erſtreckte ſich nur ſo weit, als ſie das Wohl ſeines Kindes betraf, hörte aber ſchon auf, wo es ſich um ein höheres Intereſſe handelte, oder ſeine amtliche Stel⸗ lung ins Spiel kam. So durfte es Agnes nie wagen, als Fürbitterin in irgend einer Beziehung aufzutreten, ſelbſt durch Vaterliebe wollte er nicht beſtochen ſein. So wenig er ſie je zu einer ehelichen Verbindung gezwungen hätte, ſo wenig würde er es aber zugegeben haben, daß ſie eine ſtandeswidrige Verbindung eingehe und wäre das Herz ſeines Kindes darüber gebrochen. Agnes wußte das recht gut und verbarg auch ihr Verhältniß mit Wohl⸗ muth in den Tiefen ihres Buſens, daß es nicht ſovald an's Tagslicht komme. An einem Morgen wurden dem Bürgermeiſter vier Perſonen gemeldet, die ſich von ihm einige Au⸗ genblicke Gehör erbaten; er war ſtets dem Geringſten wie dem Höchſten zu Dienſte und beſchied die Bitt⸗ ſteller in ſeine Stube. 11⁰ Herr Stephan Hen ſaß in einem gepolſterten Armſeſſel als die Gemeldeten eintraten. Voran ſchritt Lorenz Entheim, der Thurner von St. Stephan, ihm folgte ſein Sohn Hannes; dann kam die alte Kathrei Halleiner mit Wohlmuth. Die beiden Jünglinge blieben beſcheiden an der Thüre ſte⸗ hen, während die Alten ſich dem Amtsherrn nahten und ihm die Hände küßten. „Gnaden Herr Bürgermeiſter!“ begann der Thurner,„wollt mir's verzeihen, daß ich ſo früh komme, aber bei St. Stephan, wo ich Thurner bin, der Junge iſt ſeit einigen Tagen wie toll, als hätt' er'n Schierling gefreſſen oder als hätte ihn'ne Hexe gefeit, wäre der Thurm nicht ſo hoch, ich hätt' ihn ſchon längſt über Hals und Kopf die Stiege herunter geworfen, aber's iſt ein ſchmucker Hallunk, und wie Euer Gnaden wiſſen, mein Einziger, der, wenn er nicht anders wird— bei St. Stephan, wo ich Thurner bin—“ Hier blieb Herr Lorenz plötzlich ſtecken, fuhr ſich mit der Hand über die Stirne, würgte an einem Worte, als ob's ihm in die unrechte Kehle gefahren wäre, dadurch trat eine geraume Pauſe ein, die Mut⸗ ter Fathrei weislich benützte und zu ſprechen begann: * 111 „Ach Gnaden, auch ich hab' groß Herzleid in Erfahrnuß gebracht, ei Du lieber Lazarus, wenige Haare ſind noch immer keine Platten, auch kleine Leute werfen große Schatten, mein Wohlmuth hat ſich's in den Kopf geſetzt— leichtfertige Jugend kennt nicht Satz und Tugend, ich hab' ihm zugeredt wie 'n kranken Ochſen, aber wer nicht hört, das iſt Er, ja Du lieber Lazarus, riſch, raſch, wie'ne Maus bei einem Ohr hinein, beim andern heraus, wer klei⸗ nes Fehl nicht acht't, wird bald zu großem Fall ge⸗ bracht, freilich iſt's wahr, da ſollt' der Henker Söld⸗ ner ſein, träf' jeder Pfeil Fleiſch und Bein, aber, wenn der Teufel ſein Spiel treibt blos, da geht auch ein Beſen los, ach Gnaden mein Wohlmuth will'n Kugeltreiber werden!“ „Bei St. Stephan, wo ich Thurner bin, mein Hannes auch!“ rief der Dicke verwundert aus. „Ei Du lieber Lazarus, das ſind zwei Hunds⸗ fötter, klagte Kathrei,„Fleiſcher und Schooßhund von einem Gezücht, ſind beide Hunde, aber ſie dutzen ſich nicht; Gnaden, vergebt mir mein narriges Plauſch⸗ werk, Rede in Eil, ein Wort iſt kein Pfeil.“— Der Bürgermeiſter hatte indeſſen die beiden Alten in ihrem Geſchnatter nicht unterbrochen, nun aber winkte er ihnen mit der Hand zu ſchweigen. Kathrei 5 112 verſtand die Deutung wohl, konnte ſie aber nicht ſo ganz genau befolgen, ſondern entgegnete ſchnell:„Ei Du lieber Lazarus, Gnaden wird gewiß den Nagel auf den Kopf treffen, denn nur der Kluge thut es verſtehn, mit Klugen und Narren umzugehen.“ „So viel ich aus Euern Reden entnehme,“ be⸗ gann der Amtsherr ernſt,„ſo wollen die Burſche dort in den ſtädtiſchen Solddienſt treten; ihrem Be⸗ gehren ſoll gewillfahrt werden, und Ihr könnt deſſen froh ſein, denn es zeigt, daß die Jungen Ehr' im Leibe haben, und wenn ſie ſich halten, wie's braven Söldnern ziemt, ſo kann's ihr Glück ſein.“ „Gnaden!“ begann Kathrei weinend,„das iſt Alles recht, aber ich bin ne alte Kötſche, wer wird mich pfle⸗ gen, wenn mein Söhnlein fort iſt, und ich Heut oder Morgen krank werde, ei du lieber Lazarus, ich müßte draufgehen.“ „Dann wird die Stadt für Euch ſorgen,“ erwie⸗ derte der Bürgermeiſter weich. „Ei du lieber Lazarus, dem geſchenkten Gaul, ſchaut man nicht in's Maul; aber wer jetzt der Welt vertraut, hat ſein Haus auf Sand gebaut; Wohlthun trägt freilich Zinſen, aber man wird nicht breit von ſchmalen Linſen.“ —— ſe Si el 5 —— 113 „Gnaden Herr Bürgermeiſter,“ begann Lorenz ſchwer aufathmend,„ſothanes Weib hat mich auch an etwas Geſpaßiges gemahnt. Mein Hannes will in den Krieg ziehen; der Luxbruder ſoll ſich hinſcheeren, ſie werden ihm's Lederzeug ſchon durchfuchteln; aber ich war immer gewillt, obbenannten Jungen zu meinem Nachfolger zu erkieſen; denn bei St. Stephan, wo ich Thurner bin, wie Gnaden an mir ſieht, ernährt das Amt ſeinen Mann ſonder Fährlichkeit, man iſt hochgeſtellt, hat'ne weite Ausſicht, überſieht die ganze Stadt.—“ „Ihr ſeid ein Fettwannſt, ſondergleichen,“ grollte Herr Stephan,„wenn Ihr nicht Ja ſagt, ſo könnt Ihr Eurem Amte Valet ſagen. Habt Ihr Euern Sohn zum Lungerer oder zur Stadt Beſtem erzogen? Trollt Euch fort und mäſtet Euch fürder dick und fett, ſcheert Euch aber um den Jungen nicht. Ihr Beiden aber,“ ſprach er zu Wohlmuth und Hannes gewendet,„geht zum Rottenmeiſter Kunz in den tiefen Graben, laßt Euch für den Stadtdienſt einſchreiben und haltet Euch brav, man wird Euerer ſchon gedenken.“ Somit hatte das Geſprächſel ein Ende, und die Vier verließen mit verſchiedenen Gefühlen die Stube. Der Amtsherr wollte ſich ebenfalls zum Abgange auf die Schranne rüſten als wieder ein Beſuch erſchien, der ihn 10 114 noch durch eine Viertelſtunde davon zurückhielt. Es war dieß der Herr Ulrich von Ebersdorf. Mit einem ihm angebornen geſchmeidigen Gang näherte er ſich ehrerbietig dem Amtsherrn und bediente ſich gar feiner Manieren, die Gunſt deſſelben zu erſchmei⸗ cheln. Er war ſtattlich herausgeputzt und hatte Alles angewandt, ſich in ein vortheilhaftes Licht zu ſiellen. Nach einer langen Einleitung in welcher er den Bürger⸗ meiſter durch ſüße Worte zu beſtechen ſuchte, rückte er mit ſeiner eigentlichen Bitte heraus, die nichts Anderes als eine Werbung um Agneſens Hand war. Der Bürgernreiſter war hiervon ſehr überraſcht; denn wiewohl er ſchon ei⸗ nige Zeit bemerkt hatte, daß ſich Herr Ulrich ihm und ſeinem Töchterlein zu nähern ſuche, ſo kam ihm die Werbung doch zu unverhofft, daß er ordentlich um eine Antwort verlegen war. Allein dieſe fand ſich bald; dem Amtsherrn war nämlich die Verfügung des ſeligen Herrn Veit nicht unbekannt, und er wußte, daß der wie vom Himmel gefallene Freier ohne Schloß Ebersdorf nur etwas Weniges mehr beſitze, als ganz arm zu ſein. Auf dieſes wurde nun hingewieſen, allein Herr ulrich erklär⸗ te beſtimmt, daß ſeine Schwägerin einen Ritter von Schikentanz zu ehelichen gedenke, wodurch ihm das Schlößlein zufallen würde. Darüber verwunderte ſich der Amtsherr baß, und begann nun auf einen andern . 11⁵ Punkt hinzulenken, er meinte nähmlich, daß er zwar weder an der Perſon noch an dem Adel des Herrn Ulrich etwas auszuſetzen habe, nur müße die Sache wegen des Schloßes mittelſt eines Geſchriftes in Gewißheit gebracht werden; was ſeine Tochter beträfe, ſo glaube er kaum, daß ſie einen ſo ſtattlichen Freier von ſich weiſen würde, wenn es aber der Fall wäre, dann müßte ſich Herr Ulrich freilich mit einem Körblein beſcheiden. An den Letzterem konnte der eingebildete Ebersdorfer— trotz ſchon gemachter bitterer Erfahrniß nicht glauben, er war über die Herablaſſung des ſtädtiſchen Herrn ſchier außer ſich, verſprach mit der Schwägerin in Baldem Alles zu beordnen und entfernte ſich mit freudbewegtem Herzen aus dem Hauſe ſeines künftigen Schwiegers. Sein Weg führte ihn gen Ebersdorf. Dort waren, ſeitdem wir es zum erſtenmahl betreten hatten, einige Veränder⸗ ungen vor ſich gegangen. Schloß Ebersdorf ſtand in einer ſumpfigen Nie⸗ derung, ungefähr eine Stunde von Wien links abſeits von der Straße, die von da gegen Preßburg führt. Gegen die Donau zu, die unweit vorüberrauſcht, dehnen ſich ſchattige Auen aus, die in dieſer Richtung keine Fern⸗ ſicht geſtatten. Die Lage des Schloßes war von der Art, daß es trotz ſeiner baulichen Feſtigkeit keinem Feinde glücklichen Wiederſtand leiſten konnte, dieß ſah die Frei⸗ 11¹6 frau wohl ein; allein ſie hatte dennoch in der letzten Zeit Söldner geworben, auf der Ringmauer Wachen ausge⸗ ſtellt, die Thore blieben ſtets verſchloſſen, die Zugbrücken aufgezogen, und nur ein kleines Pförtchen wurde Ein⸗ laßfordernden geöffnet. Dieſe Vorſichtsmaßregeln, ſo thöricht ſie auch ſchon ſchienen, hatten doch ihren triftigen Grund. Sie waren nemlich auf Anrathen des Geheim⸗ ſchreibers geſchehen, der von Seite Ulrich's nicht mit Unrecht Gewalt befürchtete. überhaupt hatte ſich Jaros⸗ laus in der letzten Zeit der Freifrau unentbehrlich gemacht. Nachdem ſie ſich an ſein obſchreckendes Aeußere gewöhnt hatte, brachte ſie es über ſich, länger wie gewöhnlich in ſeiner unmittelbaren Nähe zuzubringen; ihr Blick vermochte ſchon ohne eine nachtheilige Em⸗ pfindung auf ſeiner wahrhaft häßlichen Geſtalt zu ru⸗ hen; in ihrem Innern war die Ueberzeugung erwacht, als wären ſeine Züge während dieſer Zeit etwas männlicher und edler geworden. Dieß war auch wirk⸗ lich der Fall; allein nicht die Zeit brachte dieſe Aen⸗ derung hervor, ſondern der wohlthätige Einfluß ihrer Nähe, ihrer ſich gegen ihn immer ſteigenden Freund⸗ lichkeit. Jaroslaus hatte nemlich bisher gar wenig auf ſein Aeußeres geachtet, er wußte, daß er häßlich ſei, und that daher gar nichts, um durch eine gefüllige 117 Umhüllung und andere Hilfsmittel dem Uebel ein wenig abzuhelfen, nun aber, ſeitdem die Freiin ſeine Gefühle in Aufregung gebracht hatte, lag die ſtiefmütterliche Behand⸗ lung der Natur um ſo ſchwerer auf ſeinem Herzen,— er hatte nie ſo viel und ſo oft daran gedacht, wie jetzt, es entſtand daher der Drang in ihm, ſeine Perſönlich⸗ keit mehr hervorzuheben; ſorgfältige Reinlichkeit und Fleidung wirkten vortheilhaft dazu, und brachten die erwähnte Wirkung hervor. Dieß Alles aber hätte die Dame nicht ſo deutlich bemerkt, würden ſie ſeine geiſtige Eigenſchaften nicht darauf geleitet haben. Dieſe mußte jeder bemerken, wenn er nur Stunden in ſeiner Geſell⸗ ſchaft zubrachte. Ein Alles durchdringender Verſtand, unterſtützt durch eine an's Redneriſche grenzende Dar⸗ ſtellungsgabe waren zwei Haupteigenheiten, die er im vollen Maße ſein nannte. Dame Elsbeth erkannte, daß nur ein ſolcher Mann ſie in ihrer hilfloſen Lage kräftig zu ſchützen vermöge, ſie zwang ſich anfangs zu ihm hin, nach und nach koſtete es immer weniger Mühe, ſpäter gar keins und zuletzt war er ihr unentbehrlich. Als der Geheimſchreiber dieſe wohlthätige Aenderung bemerkt hatte, gerieth er vor Entzücken außer ſich, jedoch an die drückenden Feſſeln des Geſchicks ſchon gewohnt, ver⸗ ſchloß er ſeine Freude in ſich, ſo wie er früher ſeinen Kummer vergraben hatte und trat um ſo behutſamer 118 auf, daß dieſe Aenderung ja nicht bemerkt werde; denn hätte Ulrich ſie gewahrt, ſo wäre ſein ganzes Streben vereitelt geweſen.— Jaroslaus ſah nur zu gut die urſache ein, warum Ulrich gerade ihn auf's Schloß genommen hatte,— ſeine Sorgfalt ging in dieſer Be⸗ ziehung ſo weit, daß er ſelbſt ſich von der Dame etwas entfernt zu halten begann, ſo weh es ihm auch that, da er befürchten mußte, ſich dadurch ſchaden zu können. ulrich war ſchon ſeit jenem Abende deſſen wir erwähnt, nicht in Ebersdorf geweſen, er that dieß abſichtlich, um ſeinem Verbündeten dort mehr freien Spielraum zu gönnen und um ſich nicht eines Einverſtändniſſes mit ihm zu verdächtigen. Er eilte daher froher Dinge hin⸗ aus und hoffte nichts Anderes als die Frau Schwägerin ganz willfährig zur neuen Verbindung zu finden. Er hatte ſchon im Stillen ſein Plänchen geſchmiedet, wie er die geliebte Gattin einführen werde, die neuen Aen⸗ derungen, die er vorzunehmen gedachte, das prächtige Leben, das er führen wolle, kurz, es war ein hübſches Kartenhäuschen an dem nichts auszuſetzen geweſen wä⸗ re, als— daß es in die Luft gebaut, in ſich ſelbſt zuſam⸗ men ſtürzte. Die getroffenen Vorſichtsmaßregeln im Schloße, die er gleich beim Eintritte bemerkte, ſetzten ihn in gewaltige Verwunderung, das war etwas, was c e„— c— —,„———,—„—— 11¹9 nicht in ſeine Karte paßte allein dieſes Staunen wurde doch etwas gemildert als er bemerkte, daß ihm Dame Elsbeth dießmal freudig entgegen kam, was ſonſt nie geſchehen war, ihn lächelnd begrüßte, ja ihm ſogar die Hand zum Kuße reichte. Hätte er nicht gefürchtet, ſich zu verrathen, er würde laut aufgejauchzt haben, ſe aber ſteckte er in der Schnelligkeit ſeine Flagge um, das heißt: er kehrte ihr ſeine höchſt freundliche Außen⸗ ſeite zu und ſtellte ſich ſo herzlich, wie er es noch nie geweſen. Die Freiin ließ ein leckeres Mal tiſchen, lud ihn ſelbſt an die Tafel, und benahm ſich ſo, wie er es nur wünſchen mochte, was konnte nun Herr Ulrich Anderes denken, als daß ſein Verbündeter ſich mei⸗ ſterlich benommen hatte, und die Dame ſeinen Wün⸗ ſchen geneigt gemacht habe; an dieſe Ideen knüpften ſich unmittelbar viele Andere, wie nun ſeinem Plane die baldige Erfüllung folgen werde; er ſah die Tochter des Wiener-Bürgermeiſters ſchon als Schloßfrau von Ebersdorf und ſeine Schwägerin auf Schikentanzs Eulenneſt, noch Heute konnte das Geſchrift erhalten werden und Morgen wär' Alles in Ordnung gewe⸗ ſen; aber das Geſchäftchen ging nicht ſo ſchnell, er hatte ſich etwas verrechnet;„wer ein Bischen zu früh gedacht, hat die Zeche ohne Herberger gemacht,“ würde Mutter Kathrei geſagt haben. 120 „Frau Schwägerin,“ lächelte Urich der Freiin ganz anmuthig zu,„Eure Freundlichkeit entzückt mich, Ihr ſeid ſo munter und fröhlich, wie ich Euch ſeit dem Tode meines ſeligen Bruders nicht geſehen, für⸗ wahr, Frauen ſind wie Sonnen, doppelt ſchön, wenn ihre Stirn von Unmuthswolken entſchleiert iſt.“ „Ihr verſteht es, zu ſchmeicheln, Herr Schwa⸗ ger“ erwiederte Elsbeth anmuthig,„wie ein minneſu⸗ chender Ritter.“ „Schnacken und Schnurren“, lachte Herr Ul⸗ rich,„werde wahrſcheinlich nicht ſobald des Ehegärt⸗ leins pflegen, als mein Freund Schikentanz.“ Die Dame verſtand die Anſpielung und wurde verlegen, der Schwager legte dieß zu ſeinem Beſten aus und fuhr fort: „Nicht wahr holde Frau Schwägerin ein ſtatt⸗ licher Freier? tapfer und edel, wie keiner ſeines Gleichen.“ „Elsbeth ſchlug die Augen nieder und erröthete. „Ei, ei, was braucht Ihr zu erröthen; nicht wahr, deßwegen habt Ihr das Schloß ſo herausgeputzt? aber ſagt mir doch, weß Urſache ſind denn Knechte ge⸗ worben und die Vertheidigungsmaßregeln getroffen worden?“ 121 „Findet Ihr das nicht heraus?“ entgegnete die Freifrau, ſo gleichgültig als möglich,„Du lieber Him⸗ mel, ich habe Euer Wort, Feindesgefahr betreffend, beherziget, es wär' mir leid, wenn das Schloß der Verwandtſchaft entfremdet werden ſollte.“ „Dieſe Sorgfalt,“ jubelte Herr Ulrich,“ ich muß Euere zarte Hand küßen, Ihr ſeid eine vielweiſe Dame,— darf ich meinem Freunde eine günſtige Nachricht hinterbringen?“ „Noch nicht, Herr Schwager, es kann Alles noch werden— aber nur Geduld; Uebereilung bei einem ſo gewichtigen Schritte könnte als Leichtſinn gedeutet werden. „Ihr gebt Ihm aber Hoffnung?“ „Hoffnung, ja, aber er möge wohl erwägen, daß Hoffnung noch keine Gewißheit ſei, wir wollen die Zukunft abwarten, die Zeit kann Alles bringen.“ Ulrich fand an dieſem Aufſchube freilich kein Wohlbehagen, allein er geſtand ſich auch, daß ſeine Angelegenheit viel beſſer ſtände, als ehedem, und wie⸗ wohl er ſie gerne beſchleuniget hätte, ſo fürchtete er doch Alles wieder zu verderben, was Jaroslaus gut gemacht hatte, und beſchied ſich mit dem erhaltenen Verſprechen. Nachdem er noch eine Menge Schmeiche⸗ leien und Anſpielungen auf ihre nahe Verlobung ver⸗ Wien I. 11 122 geudet hatte, entfernte er ſich fröhlich, wie noch nie, aus ihrem Gemache. Er hoffte, bevor er noch das Schloß verließ, ſeinen Verbündeten ſprechen zu kön⸗ nen; allein dieſer ließ ſich nirgends blicken und er mußte in dieſer Beziehung unbefriedigt das Schloß verlaſſen. Dame Elsbeth athmete wieder leichter, als der Falſche das Schloß verlaſſen hatte, ſie hoffte nun wie⸗ der einige Zeit von ſeiner Zudringlichkeit befreit zu ſein und erwartete mit Ungeduld die Ankunft des Geheim⸗ ſchreibers. Dieſer erſchien bald darauf, mit geſpannter Aufmerkſamkeit ſich ihr nähernd. „Habt Ihr gnädige Frau meinen Rath befolgt?“ fragte er raſch. „Ganz nach Euerm Wunſche,“ erwiederte die Dame. „Und welche Wirkung hat er hervorgebracht?“ „Die Vorausgeſagte,“ lächelte Elsbeth. Der Häßliche verzog ſein Geſicht und ballte die Fauſt. „O!“ rief er erboſt aus,„wär' mein Arm ſchwer wie Blei, und hart wie Stahl, daß ich das elende Gezücht mit einem Schlage niederſchmettern könnte. Heiliger Gott, was für Menſchen bevölkern Deine ſchöne Erde, warum läßt Du Deine Sonne ſolch eine Schlangenbrut beſcheinen. Gnädige Frau, Ihr werdet 123 jetzt einſehen, wie gut ich Euren Schwager kenne, ver⸗ traut nur mir und Ihr ſollt wenigſtens nicht überliſtet werden. Gegen offene Gewalt wollen wir uns zu ſchützen verſuchen, heimliche haben wir mehr zu fürchten, deßwegen haltet ihn mit Hoffnungen und Verſprechen ſo lang als möglich hinaus, vielleicht treten indeß gün⸗ ſtigere Umſtände ein, daß wir ihm dann kühn die Stirne bieten können.“ Die Dame lächelte dem Geheimſchreiber gütig zu und verſprach auf ſein dringendes Bitten ganz nach ſei⸗ nem Wunſche zu handeln und ohne männlicher Beglei⸗ tung ja nicht das Schloß zu verlaſſen. Der Geheim⸗ ſchreiber küßte ihr die Hand, und verließ beſeligt das Gemach. In der Seele der Freifrau mochte nun wohl der Gedanke erwachen, daß Jaroslaus Aufmerkſamkeit und Ueberwachung für ihr Wohl irgend eine andere Urſache zu Grunde liegen müſſe, als die bloße Pflicht des Die⸗ ners gegen ſeine Herrin; dieſe Sorgfalt mußte einen viel tiefern Urſprung haben. Je länger ſie darüber nach⸗ ſann, deſto näher glaubte ſie demſelben zu kommen, es war ein ganz eigenthümliches Gefühl, das ihrer Mei⸗ ſter wurde, als ſie plötzlich auf den Gedanken kam, daß es vielleicht gar ein gewißes Wohlwollen des Man⸗ nes gegen das Weib ſein könne, welches die Triebfeder ℳ 124 ſeiner Handlungsweiſe bilde. Dame Elsbeth ſchüttelte hierüber das Haupt, war aber über dieſe Muthmaßung nichts weniger als betreten, ſondern ſie überflog im Geiſte die körperlichen Mängel und Verſtandesvorzüge dieſes Mannes— und die häßliche Geſtalt Jaroslaus erſchien vom roſigen Nimbus ſeines Geiſtes umſtrahlt, wie in einem feinen Gewebe gehüllt, vor ihren Blicken. Von dem Allen hatte aber der Geheimſchreiber keine Ahnung, denn er befand ſich allein in ſeinem Gemache, um für das Wohl ſeiner angebeteten Herrin zu ſorgen. Hetr Ulrich konnte den erhaltenen freudigen Be⸗ ſcheid nicht auf dem Herzen dulden, er mußte ihn ſei⸗ nem Freunde mittheilen und eilte Schikentanz aufzuſu⸗ chen, da er am beſten wußte, wo dieſer beſonders, Abends zu finden ſei. Die Nacht war hereingebrochen, ſtürmiſch und finſter wie ein gewaltiger Feind; ſchon am Nachmittage hatten ſich Wolkenmaſſen, wie drohende Heere, vom Kah⸗ lengebirge abgelöst, ballten ſich über der Stadt zuſammen und beſchworen Nacht und Regen herauf. Alles flüchtete ſich vor dem argen Guß, der bei anhaltender Dauer eine zweite Sündfluth herabzubeſchwören vermochte; Jeder ſuchte eine Wohnung oder ſonſt ein gaſtlich Obdach zu erreichen, und bedauernswürdig war derjenige, dem auf freiem Felde ſolche Schutzſtätte zu finden unmöglich 125 war. Es war eine gar finſtere unheimliche Sommers⸗ nacht, der Regen rauſchte in Strömen herab, kein Himmel, kein Stern war ſichtbar, das Plätſchern ge⸗ wichtiger Tropfen mit dem Toben des Sturmes ſtörten die nächtliche Stille. Aber noch ſchauerlicher ſtellt ſich eine ſolche Naturſcene in einer baumreichen Gegend dar, wie es eben im untern Werd der Fall war. Dieſer war beſonders gegen die Donau zu, ein dichter Wald, der erſt nach der Zeit zur heutigen Leopoldſtadt herange⸗ bildet wurde. Der Prater liefert noch immer Ueberreſte jener Zeit, nur ſcheint er ſo wie die Menſchen ſelbſt, durch ihre Hilfe ſein rauhes mittelalterliches Anſehen abgelegt und ein geſchmeidigeres, augenweidlicheres Ge⸗ wand angezogen zu haben. Dort wüthete das Element viel fürchterlicher, denn der Sturm wühlte in den Baum⸗ kronen umher, zerzauste die zweigigen Locken und zwang die Greiſe, ſich ſeiner Uebermacht zu beugen; es rauſchte und ächzte im Walde, mitunter knackte ein Baum zu⸗ ſammen und lehnte entwurzelt an ſeinem nächſtſtehenden zitternden Bruder. In einem der verborgenſten Theile dieſer Inſel ſtand, von Bäumen gedeckt, ein Gehöfte. Eine aus wilden Holzſtämmen gezimmerte Hütte mit Lehm über⸗ ſchmiert, ein kleiner Hofraum und ein baufälliger Schop⸗ pen waren ſeine Beſtandtheile. Im Innern dieſer dürf⸗ 126 tigen Wohnung reichten ſich Schmutz und Unreinlichkeit bis ins Eckelhafte die Hand. Auf einem Herrde brannte ein helles Feuer; zwei Fäſſer mit angeſteckten Rinnen lagen in einer Ecke, zerbrochenes Geſtühl und Tiſch⸗ werk lag und ſtand ordnungslos umher, wenige Koch⸗ geräthſchaften hingen roſtig und unrein an der Lehm⸗ wand. Ein alter Mann in Fetzen und Lumpen gewickelt kauerte in der Nähe der Flamme, und ein Mädchen, die ſeine Tochter zu heißen ganz würdig war, ſchirrte die Gluth und rührte in einem kleinen, über dieſelbe han⸗ genden Keſſel. Zwei Ziegen und ein Kalb hatten ab⸗ ſeits ihren Stall, und wohnten mit den Menſchen ge⸗ mein, weil ſie draußen keinen Augenblick ſicher geweſen wären. Das Mädchen verrichtete langſam und träge ihre Arbeit; der Alte ſchien zu ſchlummern, es wurde daher kein Geſprächſel laut, bis man an der Hofthüre ſtarkes Pochen hörte. Darüber erbebte das Mädchen, eilte zum Alten, rüttelte ihn unſanft am Arme und ſprach:„Va⸗ ter, draußen klopft Jemand.“ Der Geweckte brummte unverſtändliches Zeugs in den Bart, und torkelte hinaus, das Mädchen aber blickte inmer furchtſam auf den Eingang, als ſähe ſie einer gefürchteten Perſon entgegen; aber ihr Antlitz wurde —— 127 ordentlich verklärt, als an der Seite des Vaters Herr Ulrich eintrat. „Er iſt alſo nicht da geweſen?“ fragte der Ebers⸗ dorfer den Alten verwundert. „Wie ich ſage, edler Herr,“ erwiederte der Andere, „noch nicht, aber daß er kömmt, deß' könnt Ihr Ge⸗ nüge tragen.“ „Guten Abend Trude,“ wandte ſich nun Ulrich zu dem Mädchen,„Du ſcheinſt Deinen Buhlen eine Atzung zu bereiten,— ſei nicht ſo faul Trude, wenn Schikentanz kommt—“ „Laßt mich ungeſchoren,“ rief das Mädchen erbe⸗ bend,„wenn er kommt, wird er da ſein— leider noch immer früh genug.“ „Halt's Maul, Du ungewaſchene Dirne,“ ſchalt der Alte,„der edle Ritter von Schikentanz iſt Dein Herr und Gebieter, wenn er Dich abkehlt, ſo bin ich ihm noch Dank ſchuldig, Du unſaubere Schleife Du!“ Das Mädchen nahm einen Krug, öffnete die Rinne eines Faſſes, füllte ſelben, und ſtellte ihn vor Herrn Ulrich hin, der ſich indeſſen einen ſchwankenden Stuhl an die Wand gerückt, und niedergelaſſen hatte. „Nicht wahr Herr Ebersdorfer,“ lispelte ſie dem Gaſte im bittenden Tone zu,„Ihr werdet mir kein Leid thun laſſen?“ 128 „So viel ich kann, will ich abwehren, verſicherte ulrich, ergriff den Krug und trank; der Alte kauerte ſich wieder auf ſeinen gewöhnlichen Platz hin, und Trude fuhr in ihrer früheren Beſchäftigung fort. Auf einmal tobte es gegen das Gehöfte her, als ob die wilde Jagd los wäre, man hörte kein Schreien und Lärmen, ſondern Raſcheln, Stampfen und Pfeifen, dann hörte man ein düſteres Geſchwurbel, die tolle Bande kam immer näher; der Alte war hinausgeeilt, um die Thüre zu öffnen, allein die Meiſten hatten ſchon den Zaun überſprungen, nur Wenige benützten den freien Eingang; nun ſtürmten Alle in die unreine Stube, und der kleine Raum war bald voll von ihnen. „Donnerwetter iſt das ein Treiſch!“ rief einer der Geſellen.„Trude puſte das Feuer an, leg' friſch Holz auf, wir ſind ja naß, wie die Waſſerratten.“ „Hollah Trude Fahnenſtang,“ rief Schikentanz ſich aus der Umgebung herausſchälend,„komm her mein Liebchen, wo bleibt der Willkomm!“ Trude ſchritt auf ihn zu, ſie zitterte ſichtbar. Er ließ ſie ganz herbeikommen, dann brach er in eine heftige Lache aus, gab ihr eine tüchtige Maulſchelle und rief: „Da haſt's, ich will Dir die Lieb' ſchon einblaſen, Du böſe Sieben.“— —— —— Se- n 129 Die Geſchlagene zeterte ein Wehgeſchrei heraus und taumelte in die Ecke. Die Gewänder wurden nun in der Nähe des Heerdes aufgehangen, die wilden Geſellen ließen ſich an nehreren Tiſchen nieder, Schikentanz empfing jubelnd den Ebersdorfer, der in dieſer Geſellſchaft kein unge⸗ wöhnlicher Gaſt zu ſein ſchien. Nun ging's über's Zechen her; der Alte und Trude mußten tiſchen und die Krüge füllen, die Bande wurde immer fröhlicher und lauter. „Hei Bruder Ulrich!“ rief Schikentanz,„das war Dir ein ſauberes Stück Arbeit, eine tüchtige Rauferei im Innern der Stadt, wir unſerer Zehn, die Anderen über Zwanzig— aber den ſtädtiſchen Ladenſchwengeln fehlt's an Mark und Muth— Donnerwetter das ſind feige Memmen, die vor nem alten Haſen Reißaus nehmen, ich ſelbſt habe mit meinem Bullenbeißer drei abgekehlt, und die Kumpane verſäumten auch nicht ihre Schuldigkeit zu thun,'s hat auch nebenbei was getragen, denn wie wir herüber eilten, kommt ein Krämer die Prager Straße daher; was braucht der Alte ſoviel Geld und Waare, wir nahmen ihm ſeine Laſt ab und ließen ihn laufen.“ „Das war dumm,“ rief der Ebersdorfer,„wenn, er Euch nun verräth?“ „Warum nicht gar,“ lachte Schikentanz,„das wird er bleiben laſſen; holla, luſtig Bruder!“— Ul⸗ 130 rich's Worte hatten einen heimlichen Zunder in ſeine Seele geworfen, den er verlöſchen wollte.„Sauft Euch die Ranzen voll, he Trude Fahnenſtang, trink auch—“ damit warf er einen vollen Krug nach ihren Kopf, den ſie nur durch Schnelligkeit auswich, ſo daß er an der Wand zerſchellte und das feurige Getränk herniederrann. „Hollah!“ rief ein Anderer,„Schikentanz Deine Geſundheit!“ „Sollſt leben Kuno von Blaſenfeld!“ jauchzte dieſer. „He Du, Ritter von Horſteneck, ſauf zu, willſt etwa gar züchtig und zimperlich thun?“ „Du alter Schlemper von Dünnenfuß, laß das Ge⸗ ſäuf Deine runzelige Gurgel hinabrinnen,'s iſt ja kein ſiedend Blei oder Pech, ſondern Wein, wie ihn ſelbſt der erſte aller Zechbrüder, der Trunkenbold Noa nicht beſſer gepflanzt.“ „Der alte Jude ſoll leben!“ „Er war ja kein Jude, der Noa—“ „So hol' ihn der Teufel, wenn er ein Heide ge⸗ weſen.“ „Hollah, Wein her, Kreuz und Wetter, Wein her!“— brüllte der wilde Schikentanz.„Trude Fah⸗ nenſtang gib Deinen Vater einen Rippenſtoß, daß der alte Gauch etwas riſcher ſich herwälze— verdammter 3„ 13¹ Grundler— ſo heißt doch das alte Donnerwetter?— bring einen vollen Krug her, Graukopf, oder ich werf' Dir den leeren Schädel ein.“ Der alte Grundler tummelte ſich wirklich, denn er wußte, daß Schikentanz, beſonders in fröhlicher Wein⸗ laune, gerne Wert zu halten pflege, während ſeine Tochter Trude— Fahnenſtang war ein durch Schiken⸗ tanz erſonnener und verbreiteter Spitzname— trotz ihrer Geſchäftigkeit vor jedem kommenden Augenblicke noch mehr erbebte. Eine Angſt, wie noch nie, hatte das Herz der Dirne beſchlichen, wiewohl dergleichen Abende für ſie nichts Seltenes waren; als ſich daher der alte Grund⸗ ler eben bei den Fäſſern befand, eilte ſie zu ihm hin und flüſterte ihm zu:„Vater, ich bitt' Euch, laßt mich heim⸗ lich hinaus, mir iſt ſo ängſtlich, als drohe uns noch dieſe Nacht ſchlimmes Erlebniß.“ „Halt's Maul, alberne Dirne,“ ſchalt ſie der Vater aus,„willſt mir das bischen Verdienſt abzwacken?“ „Nur Heute, Vater, ich bitt' Euch hört auf die Stimme Eures Kindes; Ihr habt mir noch nie eine Bitte gewährt, habt unmenſchlich an mir gehondelt, aber ich will deß' nicht fürder gedenken, nehmt Euch nur jetzt meine Warnung zu Gemüthe.“ „Verdammte Lügnerin,“ grollte der unmenſchliche Vater,„noch ein Wort und der Schikentanz holt Dich.“ 132 „Nein nein, um's Himmelswillen nein,“ kreiſchte die Unglückliche,„ich bin ſtill wie das Grab, und wenn mich die Hölle zu verſchlingen drohte.“— Ulrich und Schikentanz hatten unterdeſſen eine leiſe Zwieſprach geführt.„Hollah ho,“ ſchrie der Wilde auf,„iſts um die Zeit, dann will ich Morgen einreiten wie der ſtattlichſte Hochzeiter, mit Spielleuten und auf⸗ geputzten Mannen. Heda Ihr luſtigen Saufbrüder, wer macht auf einige Tage Gemeinſchaft mit mir, ich bedarf eines aufgeputzten Gefolges, vier Knappen, einen Herold, zwei Werber und zwei Brautſtände; Geld und Wein gibts im Ueberſtuß, an einer feſtlichen Tafel ſolls nicht ermangeln, die Räuſche werden vom Himmel herabregnen, wer durch acht Tage nüchtern wird, ſoll in einer Pfütze erſäuft werden; wollt Ihr mitgehen?“ „Wir gehen, wir gehen mit!“ riefen die ausgelaſ⸗ ſenen Geſellen. „Ich bin der Herold!“ brüllte Blaſenfeld. „Wir Zwei die Werber!“ riefen Dünnenfuß und Horſteneck. „Joſeph Grundler,“ jauchzte der Ebersdorfer, „Du wirſt der Pickelhäring und Trude—“ „Trude Fahnenſtang,“ ſchrie Schikentanz,„ſoll mir in der Brautnacht die Leuchte halten!“ 133 „Donnerwetter, was iſt das?“ brüllte der Hor⸗ ſtenecker auf einmal,„haltet eine Minute die Mäuler — verdammt— hört Ihr nichts?“ Todtenſtille trat plötzlich ein, mit geſpannter Auf⸗ merkſamkeit horchten Alle nach außen, keiner athmete laut, keiner wagte ſich zu regen, man hätte das Lau⸗ fen einer Spinne hören können. „S iſt draußen, nicht richtig,“ lispelte Ulrich dem Schikentanz zu,„ſollten ſie uns auf der Spur ſein?“ „Verdammte Unvorſicht,“ brummte der Ebersdor⸗ fer, daß wär''ne ſchöne Wirthſchaft.“ „Brüder,“ wiſperte der Horſtenecker,„s iſt beſſer wir machen uns bei Zeiten davon, als daß ſie uns in den Hundsſtall einrammeln— raſch zur Wehre— dann fort aus dem Reſt!“— In einem Nu waren ſie in den Kleidern, hatten die Schwerter umgürtet, die Hüte aufgeſtülpt. „Die Dirne und der Alte müſſen mit,“ rief Schi⸗ kentanz,„ſonſt werden wir verrathen, und das wäre eben ſo ſchlecht wie jetzt— kommt, laßt uns eilen.“— Grundler und Trude wurden in die Mitte genom⸗ men, der ganze Schwarm drängte ſich zur Thüre hin⸗ aus, dann durch den Hof, um ins Freie zu gelangen. Wiewohl die Nacht finſter war, ſo waren ihrer doch 134 zu Viele, als daß ſie ſo ganz geräuſchlos hätten fort⸗ ſchleichen können. „Hieher! Hieher!“ rief plötzlich eine Stimme in ihrer Nähe, und ein Haufe von Schaardienern und Stadt⸗ ſöldnern ſtürzte auf ſie los. „Hollah, ho!“ brüllte Schikentanz,„iſt's um die Zeit, d'rein gehauen!“ Die Buben wehrten ſich wie die lebendigen Teufel, die Finſterniß begünſtigte ſie nicht wenig. Die Angrei⸗ fer mußten weichen und riefen laut um Hilfe; dieſe er⸗ ſchien wirklich, denn ein Trupp Söldner war rückwärts zu dieſem Behuf aufgeſtellt; allein die Buſchklepper wit⸗ terten die Jauche und begannen in haſtiger Eile zu flie⸗ hen. Aber in dergleichen Balgereien gewandt, hielten ſie ſich auch hier hübſch beiſammen; die Verfolger waren raſch hinter ihnen her— ſo gings fort über Buſch und Dorn, durch Wald und Geſträuch. Urrich ſchleppte Trude hinter ſich, und Schikentanz den alten Grundler. Der Greis vermochte nicht mehr zu athmen, ſeine ſchwachen Beine ſchlotterten ſchon. „Schikentanz,“ keuchte er im Laufe,„ich kann nicht mehr vorwärts— laßt mich zurück.“ „Den Teufel auch,“ ſchnaufte dieſer,„fort— fort— Du mußt!“ ic 135 Nun gings wieder eine Weile vorwärts, ihre Rich⸗ tung war gegen die Donau zu, da ihnen dieſe Gegend ſehr bekannt war, ſo konnten ſie jene ſelbſt in der Finſter⸗ niß verfolgen, überdieß waren ſie ſolcher Scenen bei Nacht und Nebel nicht ungewohnt, aber auch die Verfolger tha- ten das ihre, und kamen ihnen nicht nur nach, ſondern der ſie trennende Zwiſchenraum wurde immer kleiner. „Schikentanz,“ keuchte Grundler matt,„jetzt kann ich nicht mehr.“ „Wir ſind ja gleich beim Waſſer,“ ermuthigte ihn dieſer,„vorwärts— fort.“ Aber dieß Alles half Nichts, der Greis war zu erſchöpft, er vermochte kaum mehr die Füße zu heben; Schikentanz mußte ihn ſchon tragen, dadurch war er etwas zurückgeblieben. „He,“ rief er ſeinen Spießgeſellen zu,„helft mir, der Alte kann nicht mehr vorwärts.“ „So ſchlag' ihm den Schädel ein,“ brüllte Einer zurück.„Verdammte Geſchichte!“ ſchnaufte Schikentanz unter der gewaltigen Laſt. „Ach dieſe Pein, laßt mich lieber ſterben,“ wim⸗ merte Trudens Vater. „Wenn Du's willſt, in's Teufels Namen!“ keuchte ſein Träger, riß einen Dolch von der Seite und tauchte ihn in die Bruſt des Alten. 136 „Trude— Trude, mein Kind,“ ächzte der zum Tode Getroffene,„vergib— ach— Trude—“ Schikentanz hörte hinter ſich die Verfolger, raſch ließ er den Blutenden ſinken und ſtürzte ſeiner Laſt le⸗ dig, den Andern nach. Die Verfolger ſchnell hinterdrein— die Andern, wo möglich eben ſo ſchnell vor ihnen her. Das rauſchte wie eine wilde Jagd durchs Gezweigigt.— Keuchen — Schreien— Fluchen bezeichnete ihre Bahn— jetzt war das Ufer des Flußes erreicht, Alle ſammelten ihre letzten Kräfte, ſtürzten in einen Kahn der hier ſtets zu ihrem Gebrauch befeſtigt war, ſchnitten das Seil ent⸗ zwei und ſtießen eben vom Land, als die Verfolger auf der Höhe des Ufers anlangten. „Hollah ho!“ brüllten die Geſellen aus dem flüch⸗ tig hinabrinnenden Fahrzeug.„Ihr Stadtſchwengel, ſchmiert Euch künftig die Beine beſſer, wenn Ihr uns auf der Fährte ſeid; hollah ho!“ Burg Hohrnberg. Win Greis lag im Sterben. Es war ein grämiger ungebehrdiger Alter, der ſeine letzten Stoßſeufzer aus⸗ hauchte; lange Zeit hatte er ſein Weſen getrieben, und ſollte nun fort von da, wo er ſo gewaltig herumrumort hatte. Matt ſtreckte er ſeine dürren Knochen aus, ballte die Eiſenfäuſte, als gedächte er noch im Sterben die Pfeiler des Hauſes zu erſchüttern, wo er geweilt hatte, aber er war zu ſchwach, er vermochte kaum ein fühlba⸗ res Schwanken hervorzubringen und verloſch. Er hatte ſich ſelbſt überlebt. Ein Greis lag im Sterben. Er hatte im Mannes⸗ alter viel Unheil geſtiftet, er war groß geſogen von Menſchenblut, ſättigte ſich von Raub, wärmte ſich an lodernden Menſchenwohnungen, ruhte auf Schutt und Aſche, hatte keine Thräne im Auge, kein Erbarmen im Herzen, ſein Gott war der Krieg, ſein Feind der Friede; nun athmete er noch ein Mal auf, und hatte ſich über⸗ lebt!— 12 137 Ein Greis lag im Sterben. Er war angethan in Eiſen, Panzer und Helm; Schwert und Speer waren ſeine Kennzeichen, ein alter Stammbaum ſeine Luſt, ein Streitroß ſeine Freude. Ringelrennen und Turnier, Schimpfſpiel und Stechen, Fehde und Blutkampf gal⸗ ten ihm zu jeder Zeit gleich hoch, er hatte viel und wa⸗ cker gekämpft, machte noch in ſpäter Zeit viel Gerede von ſich, ſeine Minne, Treue und Freundſchaft in der Jugend wurden weit und breit geprieſen, aber er lebte zu lange, er überlebte ſich ſelbſt!— Ein Greis lag im Sterben. Alt, matt, ſeiner ſelbſt überdrüßig, wollte er doch noch nicht von hinnen; er ſchien ſich auf der Erde recht wohl zu gefallen; man mußte Gewalt, Kniffe anwenden, den alten Bär⸗ beißer fortzufegen; da erhob ſich ein Deutſcher und ver⸗ ſchwärzte den Alten, dann kam ein Mönch und gab ihm Pulverkörnchen ein und der greiſe Alte ſchnitt gräßliche Fratzen, wälzte ſich ungebehrdig herum, ächzte, ſtöhnte und verſchied. Nun wurde ein großer Leichenzug angeordnet, arme herabgekommene Ritter trugen ihn zu Grabe, ſchwarze Fähnlein wehten von den zu Eulenneſtern gewordenen Burgen, Waffenzeug von Roſt zerfreſſen rauſchte auf dem letzten Gange, dürre Klepper krumm und lahm tru⸗ gen die abgezehrten Reiter, die ſich kaum ſelbſt mehr „ 139 erkannt haben würden. Mit dem Greiſe war auch ihre Blüthenzeit zu Grabe gegangen, denn er, der ſich ſelbſt überlebt hatte, war Niemand anders als das— Mittelalter! So wie die alte Zeit von den Geſängen der Kreuzfah⸗ rer ʒu Grabe geſungen wurde, ſo war das Mittelalter durch Fanonen in die Grube gedonnert, und jeder Buchſtabe, den der erfinderiſche Guttenberg aus hartem Holze ge⸗ ſchnitzt, ward zugleich ein Span zu ſeinem Sarge. In der Zeit unſerer Erzählung geſchahen die letzten Zuckun⸗ gen des verſcheidenden Mittelalters, ſein fibriſches Pul⸗ ſiren, ſein Scheinleben brachte noch Unheil mit ſich. Krieg und Peſt ſchwangen ihre grauſigen Fackeln über ſein Leichenbett, und das herabgekommene Ritterthum heulte ihm den Grabgeſang. Wie eine freundliche Sonne ging hinter ihm die neue Zeit auf; ein geſelligeres Leben verband die Intereſſen der Menſchen, und die herabge⸗ kommenen Wiſſenſchaften wurden aus dem Schlamme der Barbarei hervorgeſucht, gereinigt und gepflegt, die Buchdruckerkunſt erleuchtete wie ein glänzendes Meteor den nächtlichen Himmel; die erhabene Kunde der Ge⸗ ſtirne, der Magnetnadel veredelten die Schiffahrt und bahnten den Weg zu den fremden Welten; die verbeſſerte Geſchützkunde gab dem Ritterthume den letzten tödlichen 140 Stoß und wie ſich die zeitige Frucht aus der herben Schole ſchält— ſo verjüngt ſtand Europa da. Doch wir dürfen bei dem freundlichen Bilde nicht weilen, die Zeit unſerer Geſchichte iſt weiter zurück, wir rönnen uns dießmal mit ſolch erfteulichen Geſchehniſſen nicht befaſſen, finſtere wilde Scenen des Uebermuths und der Gewalt, der Tapferkeit und der Bedrängniße machen unſer Gemälde aus, und wir bedürfen eines ſorgfältigen Pinſels um ſie lebenstreu zu ſchildern. Dos letzte Viertel des fünfzehnten Jahrhundertes führte eine Reihe ſtürmevoller Jahre über Oeſterreich he⸗ rauf, die nur ſelten ven einem lichten Sonnenblicke des Friedens erhellt wurden. Von dem Augenblicke an, als Mathias Corvinus, zum ungariſchen König ausgerufen wurde, trat auch Friedrich mit ſeinen Anſprüchen auf den ungariſchen Thron auf, und der Kampf begann. Oft unterbrochen, dann wieder angefangen, Waffenſtill⸗ ſtände und Friedensſchlüſſe, nichts nützte.— Kaiſer und König waren unverſöhnliche Feinde, es war dann nur Friede zwiſchen ihnen, wenn ſie ſich gegenſeitig bekämpf⸗ ten.„Si vis pacem, para pellum.“ Jeder der feindlichen Nachbarn ſuchte Vorwände hervor, um die etwa eingetretene Ruhe ſtören zu können, bald ließ der Kaiſer in Ungarn, bald der König in Heſterreich einfallen, Märkte, Flöſter und Schlöſſer 141 wurden überrumpelt, belagert, geplündert, gebrand⸗ ſchatzt oder in einen Schutthaufen verwandelt. Es mag ein unauslöſchlicher Haß in Friedrich's Herzen gegen Ungarns Helden gewurzelt haben, daß er, der Ruh' und Friedliebende ſo langwährenden Kämpfen, in denen er doch größtentheils den Kürzern zog, kein Ende machte, und ſich nur dann zu einem Frieden oder Waffenſtill⸗ ſtande bequemte, wenn er durch unabänderliches Be⸗ drängniß hiezu nothgedrungen war. Daß dieſe Einfälle und Scharmützeleien meiſtens nur an den Grenzen der beiderſeitigen Reiche geführt wurden, gab ihnen ein ſehr verdächtiges Anſehen, und man hätte ſie, um mit einem vaterländiſchen Geſchichtſchreiber zu reden, ſchier für„Räubereien“ halten mögen; ſie hatten von dieſen wirklich ſehr viel Eigenes an ſich. Oedenburg, Kobersdorf, Forchtenſtein, Neuſtadt, Haimburg, Kor⸗ neuburg und viele andere Ortſchaften wurden oft genom⸗ men, wieder ſo oft zurückerobert, und endlich doch ver⸗ loren. Es iſt beſtimmt, daß, würde ein gleiches oder wenigſtens ähnliches Temperament wie Mathias, die⸗ ſem gegenüber geſtanden ſein, dieſes Metzeln und Mord⸗ brennen ein frühes Ende genommen haben dürfte, in⸗ dem ein oder der andere Theil ſiegreich hervorgegangen wäre; ſo aber wurde durch das zaghafte, langſäme be⸗ dächtige Weſen ſeines Gegners die Kriſis in die Länge 142 gezogen, indem bald Deutſchland, bald Rom, als Ver⸗ mittler auftraten und nichts als unentſchiedene Verzöge⸗ rungen bezweckten; ſtatt, daß ſie das Uebel, in der Wurzel angegriffen hätten, haben ſie die Wunde nur immer mit Schönpfläſterchen bedeckt. Was hat der ſiegreiche Mathias nicht allein ſchon gegen den damaligen Schrecken des Südens, die Türken, ausgerichtet, wie ſehr hat er ſelbſt ſchon die wilde Horde gedemüthigt, was würden erſt zwei vereinte Kräfte, wie die der damaligen Gegner vermocht haben?— Und auf welche Weiſe wurden dieſe Kräfte zerſplittert!— Statt den gemeinſamen Feind jener Zeit zu bekämpfen, bekrieg⸗ ten ſie ſich gegenſeitig, vergoßen oft geringfügiger Urſa⸗ chen— ja ſelbſt Privatintereſſen wegen, Ströme von Blut, und machten tauſende von Unterthanen elend. Wer wagt es mit Gewißheit zu entſcheiden, auf weſſen Seite das Recht geweſen ſei?— Wahrlich auch er hatte Unrecht! Bei dem Allen wollte jede der beiden Partheien als angegriffen, als beleidigt daſtehen, Einer maß dem Andern die Schuld des erneuerten Kampfes bei, und glaubte das Recht auf ſeiner Seite, ſo geſchah es oft, daß Beide zu gleicher Zeit bei ein und demſelben Schiedsrichter und Friedensvermittler die nämlichen Kla⸗ gen führten und ſich über ein gleiches Unrecht beſchwerten. — ec— 8 8 e— 143 Aus dieſen Unruhen, Wirren und Kämpfen er⸗ wuchs für Heſterreich doppeltes Uebel, denn da König Mathias ſo viel als möglich in Feindesland kampirte, ſo wurde dieſes natürlich als Kriegsſchauplatz zerſtört und ausgeplündert, dieſes hatte man aber nicht nur den feindlichen Truppen, ſondern auch eigenen gemietheten Söldnern zu danken; dieſe trieben oft ein gräulicheres Spiel, als die Anderen, da ſie jährlich im Spätherbſte beutebeladen in ihre Heimath zurückzukehren pflegten; der arme Landmann hatte daher in keinem Falle gewon⸗ nen. Anderweitiger Nachtheil war, daß die Gemüther verwildert wurden, böſes Beiſpiel wird nur zu gern nach⸗ geahmt, und leichter iſt's in Wildheit und Barbarei zu verſinken, als ſich veredelt emporzuheben; der moraliſche Kachtheil war daher jedenfalls der Ueberwiegendſte. Im Korneuburger Frieden vom Dezember 1477 verpflichtete ſich Kaiſer Friedrich dem ungariſchen König einen Kriegsſchadenerſatz von 100,000 Goldgulden aus⸗ zuzahlen, dafür zog der ſiegreiche König ſein Heer aus dem Lande und ſtellte ſeinem Gegner bei 70 eroberte Herter zurück. Allein Friedrich ſäumte die Summe auszuzahlen und bot zu Pfingſten 1480 die deutſchen Erblande auf. Die Anweſenheit der baieriſchen Herzoge, — deren wir ſchon früher erwähnt— vermochten in dieſer Angelegenheit nichts auszuwirken; ein ungariſcher 144 Geſandter— Nikolaus Banfi— wurde unbefriedigt abgefertigt; Mathias, um ſeine Forderungen in des Kaiſers Erbländern einzutreiben, bekriegte die Steier⸗ mark und Kärnthen, und bedrohte auch Oeſterreich wie⸗ der. Kaiſer Friedrich erwartete vergebens vom deutſchen Reiche Hilfstruppen und ſah ſich gezwungen zu gemie⸗ theten böhmiſchen Söldnern ſeine Zuflucht zu nehmen. So war der Winter von 1480 auf 14814 herangekom⸗ men. Die Natur ſchlief ruhig unter dem weißflockigen Pelze, der Donauſtrom erglänzte eine kryſtallene Eis⸗ decke in der winterlichen Sonne und das Kahlengebirge erhob ſein ſchneeiges Haupt gegen die Woiken. Die Oerter Stockerau, Kloſterneuburg, Korneu⸗ neuburg und einige andere in der Nähe liegende, waren voll von böhmiſchen Miethſöldnern, die über 3000 an der Zahl unter Anführung eines Hauptmannes herbei⸗ gerufen worden waren, um im nächſten Frühjahre deſto kräftiger auftreten zu können. Die Lieblingszeit dieſer feilen Kriegshorden waren eigentlich die milderen Jahres⸗ zeiten, denn da ſchlugen ſie auf freiem Felde ihre Heer⸗ hütten auf, bildeten einen feſten Tabor und führten, wenn es ſonſt keine Beſchäftigung gab, auf eigene Fauſt ſo einen kleinen Privatkrieg mit den umliegenden Ort⸗ ſchaften, der ihnen wenigſtens ihren nöthigen Lebens⸗ — —————— 145 unterhalt einbrachte, ſo daß ſie den ausbedungenen Sold als reines Erſparniß einſtecken konnten. Dieſe unlieb⸗ ſamen Gäſte waren aber dieſen Winter nicht wie gewöhn⸗ lich in ihre Heimath gezogen, ſondern blieben zum Schrecken der Landleute in den umliegenden Ortſchaften, wo ſie aus eigenem Säckel zehren ſellten, allein von dieſer Regel gar oft abwichen, indem ſie Manches ge⸗ noſſen, was ſie weder bezahlt noch geſchenkt bekommen hatten. Ein trüber Winterabend ſenkte ſich auf die traurige Landſchaft herab, die anſpruchsloſen Dorfhütten lagen von Schneemaſſen eingezäunt und ſelten erblickte man einen der Bewohner im Freien, den draußen war's kalt, rauh und unfreundlich. Ein einzelner Reiter befand ſich auf der Straße von Korneuburg nach Stockerau, der ſeinen Gaul zur Eile antrieb, weil die Nacht mit Rie⸗ ſenſchritten herannahte. Da der Reiter eine Pelzmütze tief in die Augen gedrückt hatte, und in einem verbräm⸗ ten Mantel gehüllt war, ſo konnte man nichts als einen kleinen Theil ſeines Antlitzes wahrnehmen, der aber wenig Erbauliches darzubieten ſchien. Im ſtarken Trabbe langte er bald darauf in Stockerau an, und hielt vor einem kleinen Häuschen ſtille, welches in der Mitte eines geräumigen Zimmerplatzes ſtand, den man nur durch einige Holzböcke und Baumſtämme Wien. I. 13 146 erkennen konnte, die auch, zum Theil beſchneiet, über die Schneedecke hervorragten. Rüdengebell verrieth ſeine Anweſenheit, ein Knecht ſtürzte herbei und half dem Reiter vom Roſſe, der ſich fröſtelnd ſchüttelte und mit ſteifen Schritten durch den Hof auf die Hausthüre los⸗ ging. Eine hohe Frauengeſtalt ſtand ſeiner harrend am Eingange, umhalſte den Angekommenen mit freudiger Geberde und führte ihn in die rückwärtige warme Stube, die zu ſeiner Aufnahme bereit war. Die Dame mochte von Seite des Angekommenen eine viel freudigere Rückkunft erwartet haben, denn ihre Verwunderung ſtieg gar hoch, als der Mann Mantel und Mütze bei Seite legte, und ſich erſchöpft in einen Stuhl warf. „Iſt Dir etwas Unangenehmes begegnet?“ fragte ſie nach einer Weile kleinlaut. Der Finſtere gab ihr keine Antwort. „Ums Himmels Willen Woazlaw,“ rief ſie beſorgt, „laß Dich von Unmuth nicht bemeiſtern!“ „Der Henker ſoll da gelaſſen bleiben,“ fuhr der Mann mürriſch auf,„mein Ritt nach Wien war wie⸗ der vergebens. Die Dame ſeufzte tief auf, ließ die Hände in den Schooß ſinken, und verfiel ebenfalls in düſteres Schwei⸗ gen. Die traurige Nachricht hatte ſie ganz umgeſtimmt. 147 „Ach!“ ſeufzte ſie leiſe vor ſich hin,„was wer⸗ den wir nun beginnen?“— „Wer hätte ſo was vermuthen können,“ knirſchte Wazlaw,„Dreitauſend Knechte, ſchon durch vier Mo⸗ nate kein Denar Sold, und immer noch Aufſchub von einem Tage zum andern, und jetzt noch in der ver⸗ dammten Winterszeit; es iſt zum Verzweifeln!“ Die Dame näherte ſich dem Unmuthigen und be⸗ gann ihn durch Liebkoſungen zu beſänftigen. „Was nützt Dein Schönthun, Hanka?“ murtte der Finſtere,„die Buben überlaufen mich, ihren Haupt⸗ mann, wer ſteht mir dafür, daß ſie keine Revolte an⸗ zetteln, und mich wie ein Stück Vieh abſchlachten? es ſind wilde Kerle, die den Teufel im Leibe haben.“ „Dein Wort Wazlaw, vermag viel über ſie,“ tröſtete ihn die Dame,„es hat Jeder ſo viel Vorrath, um nicht darben zu müſſen.“ Der Hauptmann erwiederte nichts, erhob ſich vom Sitze, und durchmaß mit haſtigen Schritten die Stube; Hanka wagte es nicht ihn fürder zu ſtören, ſondern ſetzte ſich auf eine Polſterbank und ſtützte ihr Haupt auf die Hände. Der Hauptmann der böhmiſchen Söldner Wazlaw Wulczko, war ein kleiner unterſetzter Mann; ſein breites Geſicht, die niedere Stirne, weitgeſchlitzte Augen und ſchwarzes Borſtenhaar, verriethen ſchon beim 148 erſten Anblicke den Slaven. Er war ein kühner Füh⸗ rer ſeiner Knechte, ſtreng und wild, im kleinen Krieg gewandt, diente dem, der ihn bezahlte, und war zu Allem fähig, wenn ſeine Forderungen nicht erfüllt wur⸗ den. Hanka, war ſeine ſtete Begleiterin und innige Freundin, die Freud und Leid mit ihm theilte, und ihm die wenigen Stunden würzte, die ſein unru⸗ hig Gewerb ihm frei ließ. Noch war zwiſchen dem Paare ſeit dem Aufſtehen Wazlaw's kein lautes Wort gewech⸗ ſelt worden, als ſich unverſehens die Thüre öffnete und eine hohe vierſchröttige Mannesgeſtalt in die Stube trat. — Daß ihre Ankunft dem Hauptmanne ſehr ungelegen kam, konnte man daraus entnehmen, weil er bei ihrem Anblicke mit dem rechten Fuß auf den Boden ſtampfte und ein Geſicht dazu machte, als ob er ſagen wollte: „Ich hab's gewußt, daß er nicht lange ausbleiben wird.“ Der Angekommene drehte eine alte Gugel verlegen in der Hand und begann mit ungeſchickten Kratzfüßen dem Herrn eine glückliche Wiederkehr von Wien zu wünſchen. „Gnaden Herr Hauptmann,“ fuhr er kopfnickend fort,„als ich Euch vor dem Häuschen ſtille halten hörte, ging mir ſchier das Herz vor Freude auf.“— „Wird Euch wieder zugehen,“ erwiederte der Krie⸗ ger unwirſch; denn meine Reiſe war wieder umſonſt. 149 Ihr müßt Euch ſchon noch gedulden, Freund Pachmül⸗ ler, Zeit bringt Roſen.“ „Aber nicht Gold“ ſtotterte der Andere und kratzte ſich hinter den Ohren; ſo wahr ich Zimmermeiſter bin, das hätte ich nicht gehofft. Seht Herr Hauptmann, s'kömmt das Frühjahr, die Arbeit wird beginnen, und ich ſteh“ dann blank und baar da—“ „Ei bis zum Frühjahr wird noch Alles anders werden, dann blüht mein Waizen und Ihr ſollt auch zufrieden ſein.“ Vetter Pachmüller machte ein ſüßſaures Geſicht, und wieder einige Kratzfüße, empfahl ſich und verließ die Stube. Draußen erſt begann er zu brummen: „Was ſoll ich mit dem böhmiſchen Gaudieb machen, wohnt ſchon drei Monate zur Miethe, frißt mich kahl und gibt keinen Denar her. Werf' ich ihn hinaus, ſtecken mir ſeine Knechte den rothen Hahn auf's Dach und dann ſitz ich erſt im Pfeffer, ſo bin ich wenigſtens durch ſeine Gegenwart geſchützt; hol' ihn ſammt ſeinen Ge⸗ ſellen der Teufel, das wär' das Beſte für uns; kommen ſie aber ins Himmelreich, dann möcht' ich ſchier lieber auf die grüne Wieſe trottiren.“ Das Ende dieſes Selbſtſermones hatte er ſchon in der Vorderſtube geführt, wo Frau Roſl, ſeine Ehege⸗ ſponſin am Rocken ſaß und fleißig ſpann. — 150 „Na Martin“ keifte ſie und lief ihm mit offener Schürze entgegen,„gib her, laß das Silber nur dahin⸗ einfallen, die Schürze hat kein Loch—“ Pachmüller hatte noch ſeine Gugel in der Hand und Frau Roſl meinte ſie ſei voll Münze; da dieß aber nicht der Fall war, nahm der Zimmermeiſter ſeine Kopfbedeckung, warf ſie erzürnt in ihre Schürze und rief:„Da haſt den ganzen Plunder und friß Dich ſatt dran!“ Frau Roſt wollte nun wie gewöhnlich eine Zank⸗ ſcene beginnen, allein für Heute kam ſie übel an, denn ihr Geſpons ſchlug mit der flachen Hand auf die Tiſchplatte, daß der Boden der Stube erbebte und rief: „Kein Wort mehr, oder der Hackenſtiel hat Hitz!“ „O Du heiliger Martin!“ wimmerte Frau Roſl und machte ſich hinter den Ofen; dann begann ſie zu weinen— wie es gewöhnlich alle boshaften Weiber ma⸗ chen, wenn ſie ſich nicht anders zu helfen wiſſen, und ſchlief darüber ein. Vetter Pachmüller war deſſen nicht wenig froh, denn er hatte die Ausſicht auf eine ruhige Kacht vor ſich, wie ihm deren in ſeinem Eheſtande nicht viele zu Theil geworden waren. Nicht lange darauf wurde an die Thüre der Hauptmannsſtube geklopft, ein Söldner überbrachte dem Herrn ein geſiegeltes Schreiben, welches dieſer mit —————————— ———— 15¹ nicht wenig Neugierde entfaltete und zu leſen begann; es enthielt eine Einladung an ihn ſowohl als an ſeine Dame, einige Tage auf Burg Hohenberg, ſeitwärts Greifenſtein, zu kommen, wo man nicht nur einige fröhliche Faſtnachtstage zubringen wolle, ſondern auch mit dem edlen Herrn von Wulczko über eine einträgliche Unternehmung zu berathſchlagen habe. Dieſe Einladung wurde von beiden Theilen mit Vergnügen angenom⸗ men, da ihnen in ihrer goldleeren Einſamkeit eine oh⸗ nedieß freudenleere Faſtnacht gedroht hatte. Hohenberg lag zwiſchen Greifenſtein und Alten⸗ berg auf einer ſteilen Anhöhe, zu der nur ein einziger unbequemer Fußſteig führte, den man nur mit ſchwerer Mühe zu Pferde zurücklegen konnte. Die Burg mochte ehedem feſt und ſtark geweſen ſein; dicke Ringmauern, ein breiter tiefer Graben, Thürme und Zinnen waren zwar noch vorhanden, allein in einem ſehr baulichen Zuſtande, die Lage ſelbſt war gegenwärtig ſchier noch das Beſte an ihr, denn von allen Seiten unzugänglich, konnte man ihr nur von einer Seite mit ſchwerem Ge⸗ ſchütze zukommen; ſonſt aber konnte jeder Sturm ſehr leicht abgeſchlagen werden. Wenn man über die Zug- brücke in den Hofraum angelangt war, gewahrte man erſt den mißlichen Zuſtand dieſer ritterlichen Behauſung, da war Alles zerfallen und baubedürftig. Zwei Seiten 152 des einſchließenden Vierecks waren ehedem zu Wohnun⸗ gen beſtimmt, weil aber die beiden andern Seiten des Gebäudes ganz zerfallen waren, ſo daß man die dar⸗ unter befindlichen Stallungen und Vorrathskammern nicht mehr gebrauchen konnte, und nur die nackte Ringmauer in die Luft ſtarrte, ſo wurden die Knechte und Pferde in die untern Wohnzimmer der beiden an⸗ dern Zeilen verlegt und die Kammern und Rüſtungs⸗ plätze ebenfalls dert ausgemittelt. Uebrigens herrſchte da die größte nur erdenkliche Unordnung und Unſauber⸗ keit. Schutthaufen, morſches Bauholz, Kalkgruben und alte Geräthſchaften umlagerten den Brunnen, deſſen Eindeckung zerfallen, der Querbalken an dem die Rolle ſammt Kette hing, ſchlotterig, die Eimer durchlöchert, und mit Fetzen verſtopft waren. Roſtiges Waffenzeug ſchimmlige Feuerlöſcheimer, ſchadhafte Leitern und Ha⸗ cken hingen ordnungslos umher und waren ebenſo viele Zeugen von dem ſchlechten Zuſtande auf der Burg. Die obern Wohngemächer befanden ſich in einem nicht viel beſſern Zuſtande, denn da ſah es eben recht faulig und luftig aus. Die Wände, an denen wenig Kalk mehr haftete, ſtarrten roh auf die morſchen Dielen des Fuß⸗ bodens hinab, die Glasſcheiben der Fenſter waren meiſt zertrümmert, oder wenigſtens zerſprungen, die Erſtern waren mit öhlgetränktem Papier überklebt, der Anderen —„„—— ce 153 wurde gar nicht geachtet, die Thüren hingen in roſtigen Angeln und knarrten bei der leiſeſten Bewegung, Spin⸗ nengewebe umzog die Decken und Ecken der Wohnge⸗ mächer und ein Anflug von Schimmel umzog die feuch⸗ teren Theile. An einem Morgen ging es auf Hohenberg ſehr geſchäftig her, es wurde gefegt und gewaſchen, gekehrt und geputzt, gerieben und geſtaubt. Knechte tummelten ſich unten herum, Mägde oben, ja ſelbſt einige uns be⸗ reits bekannte Herren verſchmähten es nicht, Hand an⸗ zulegen um der Wohnung einen etwas leidlichen Anblick zu verſchaffen. Wer dieſen Rumor ſo überblickt hätte, würde ſich hoch verwundert haben. Da war Alles Leben und Bewegung, unten und oben, Knechte tru⸗ gen Waſſer zu, einige rieben den Boden,— andere wuſchen die Fenſter, Mägde reinigten Herd und Küche, andere das Kochgeſchirr; der Horſtenecker hatte einen langen Wiſch in der Hand, fegte die Wände und trieb mit den Weibern unzüchtige Späße; Dünnenfuß na⸗ gelte die ſchlotterigen Stühle zuſammen, und Blaſen⸗ feld mit Schikentanz fummelten die Wehrgehänge und Waffen. Dabei wurde geſchrieen und gelärmt, muth⸗ williges Geſpeis getrieben und Schelmenliedlein ge⸗ ſungen. 154 „Tummle Dich Blaſenfeld,“ rief Schikentanz, „einen Tag Müh' bringt uns vielleicht gar vielen Ge⸗ winn, wir müſſen uns ins beſte Licht zu ſtellen ſuchen, ſonſt huſtet uns der böhmiſche Dummbart was— es ſollen recht luſtige Tage werden.“ Der Angeredete ſputete ſich, daß ihm die Schweiß⸗ tropfen auf der Stirne ſtanden, denn bis zu Mittag mußte Alles blank und fertig ſein; Schikentanz, als Burgherr durchlief alle Räume, ordnete, befahl, verbeſſerte, und half wieder ſelbſt mit wo es Noth that, die Fenſter waren ſpannweit offen, in den Kaminen loderten helle Flammen, damit Alles ſchnell trocknen möchte. Eine ſchwarz gekleidete Dirne war in der Küche beſchäftiget; Schikentanz kam zufällig hinaus.„Spute Dich Trude Fahnenſtang,“ ſchalt er ihr entgegen und gab ihr einen Stoß in die Seite,“ verdammte Dirne, Du wirſt heute die Stelle der Burgfrau vertreten— wenn der Schlemmer, Dein ſpitzbübiſcher Vater, es erlebt hätte, er würde vor Wolluſt aus der Teufelshaut gefahren ſein; Du und eine Burgfrau— biſt wohl erfahrth darüber, da küß mir dafür die Hand.“— Er hielt ihr ſeine Rechte hin, Gundlers Tochter ergriff ſie zitternd, denn ſie wußte, was folgen würde, drückte einen Kuß darauf und erhielt dafür eine Maulſchelle. Aufſchreiend tau⸗ melte ſie zurück und Schikentanz verließ lachend die Küche. ein ke iſt le ð) „— 155 „Bruder Franz,“ johlte Horſteneck dem eben eintretenden Schikentanz zu,„da ſchau mal nunter, der Ebersdorfer reitet den Steig herauf. Ich bitt Dich, ſchau ihn nur an, macht der nicht ein Geſicht, als ob er Hufnägel in den Gedärmen hätt'. Grüß Dich die Hölle, Ebersdorfer!“ heulte er zum Fenſter hinunter, „halte Dich feſt im Sattel, Dein Gaul mag ſchon lange keinen Hafer gerochen haben, ſchaut verdammt windig aus.“ ulrich ſchwang ſeinen Hut in der Luft, ſein Flepper ſtolperte, dafür erhielt er die Sporen ins Fleiſch und ſprengte bald darauf in die Burg ein. Schikentanz harrte ſeiner auf der Stiege. Der Ebersdorfer kam ihm mit einem Klaggeſicht entgegen. „Was bringſt Du für Kunde?“ rief ihm Schi⸗ kentanz leiſe zu. ulrich ſchöpfte tief Athem.„Der alte Grundler iſt geſtorben—“ „Hol' ihn der Teufel, das wiſſen wir ſchon lang.“ „Aber der Gaudieb hat in ſeinen letzten Stünd⸗ lein geplaudert—“ „Neun und neunzig Donnerwetter!“ kreiſchte Schikentanz,„daß ihm die Zunge dafür gebraten würde—“ 156 „Er hat Dich und den Horſtenecker verrathen, dann ging ihm der Athem aus.— „Daß er ihm nie eingegangen wär',“ klagte der Burgherr. „Das Aergſte kommt erſt,“ begann Ulrich von Neuem. „Krächze nur zu, Rabe, mit den vermaledeiten Hiobsbotſchaften!“ grollte Schikentanz. „Du biſt vor's kaiſerliche Geding geladen—“ „Daß ich ein Narr wäre zu kommen—“ „Dann wirſt Du in die Reichsacht erklärt!“ Schikentanz wurde blau, grün, gelb und roth, knirſchte mit den Zähnen, verdrehte die Augen und ballte die Fauſt.„Verdammt noch einmal!“ heulte er laut: „Verrathe Dich nicht im Voraus,“ warnte der Schreckensbote. „Du haſt recht,“ raunte ihm der Andere zu,„es wäre Alles verdorben.— Bruder Ulrich halt's Maul,“ rief er halb befehlend, halb bittend,„oder bin im Stande—“ „Wir kennen uns,“ lächelte der Ebersdorfer. „Alſo gut, komm hinauf,„erwiederte Schiken⸗ tanz, zwang ſich eine freundliche Miene zu machen, nahm den Angekommenen unter dem Arm, ſtellte ſich —,„ — —— „ r 6 , 157 fröhlich und guter Laune— und um jeden Verdacht zu beſeitigen, begann er ein Sauflied anzuſtimmen, von dem man wirklich nicht unterſcheiden konnte, ob es ge⸗ ſungen oder geheult ſei. Der Winternachmittag war heiter, die Luft ſtill, der Himmel rein, liebäugelnd zog die noch wenig Wärme gewährende Sonne dahin, küßte den Schnee auf den Gebirgen und Fluren, allein dieſer blieb kalt liegen und zerfloß nicht wie vor dem warmen Frühlingsodem; ſo dringt auch der faſche Kuß einer Kokette nicht zu Herzen, ſondern verſiegt auf den zitternden Lippen. Die dritte Rachmittagsſtunde war nicht mehr fern, als auf dem Söller zu Hohenberg ein in einen Thurm⸗ wärtel verwandelter Knecht ins löch' rige Horn ſtieß und die Ankunft der erwarteten fürnehmen Gäſte zu wiſſen machte. Die Ritter und Junker hatten ſich in ihren beſten Staat geworfen und wer den Horſtenecker in ſeinem freilich ſchon etwas ſtark abgenützten Sammet- wamms und dem wehenden Federbarett geſehen haben würde, hätte kaum zu glauben gewilliget, daß dieß der Nämliche ſei, der noch am Vormittage wie der ge⸗ meinſte Knecht die Wände der Gemächer gefegt hatte. Dasſelbe war auch bei allen Andern der Fall, von denen Keiner es verſäumt hatte, das Beſte ſeines Gewandes— die Wahl mochte ihnen nicht ſchwer fal⸗ 158 len— anzulegen. Auch Trude mit noch einigen andern S Dirnen prangten in Staat und Flitter, dem man es 4 jedoch bei näherer Betrachtung anſah, daß er weder a echt noch neu ſei. Die Damen an der Spitze, rumor⸗ t ten die Junker über die Steinſtiege hinab und machten C mit ihren eiſernen Haudegen ein Geſchepper, als ob n ihrer Fünfhundert wären, die ausgehungerten Knechte d eilten dienſtwillig umher, und halfen das Aufſehen e vergrößern. n „Schikentanz,“ raunte Blaſenfeld dem ſich hoch n ſtreckenden Ritter zu;„ſchau mal die Fahnenſtangin an, was die für'n ſtattliches Aufſehen als Burgfrau macht, 2 der ſchwarze Ueberwurf kleidet die Dirne gut, und die 2 wehenden Federn am Haupte machen die Kötſche or⸗ 0o dentlich ſtolz.“ „Wüßte dieß der alte Grundler,“ ſchmunzelte 9 Franz,„er kehrte ſich vor Freude noch im Grabe um, e — wenn ſie ſeinen ſchundigen Leichnam nicht etwa den 3 Raben zum Fraße vorgeworfen haben.“ 2 Ein zahlreiches Gefolge von Söldnern bildete 9 die Begleitung des Hauptmanns und ſeiner Dame. ſ „Wenn die ſich einfallen laſſen, länger als drei L Tage hier zu bleiben,„brummte Schikentanz dem Ebers⸗ ſ dorfer zu,„ſo freſſen ſie uns arm.“ 5 Der Söldnerhauptmann war in voller Pracht. p m, en ete rei t. 159 Sein Pelzwerk mit dem ſchwarzen Federhut, ſeine enge Hoſe mit den hohen Stiefeln, dann ſein Wappenzeug, alles war nett und blank. Hanka hatte einen dunkelro⸗ then Rock von geſchornem Sammet, eine verbrämte Gugel und Pelzſchaube; man ſah es gleich, daß hier mehr Geſchmack und Eigenthum zu finden ſei, als bei den Bewohnern der Burg. Die Bewillkommung war etwas gemeſſen und ſteif, man beklagte beiderſeits: daß man nicht ſchon längſt ſo angenehme Nachbarſchaft be⸗ nützt habe. Schikentanz, wiewohl er ſich als Burgherr vorgeſtellt hatte, ließ doch dem Ebersdorfer überall den Vortritt, weil dieſer doch etwas mehr Sitte und feinere Manieren zu eigen hatte. Man führte die Gäſte in die obern Gemächer, wo ſie ſich's bequem machen mußten. Als der Abend hereinbrach, verſammelte man ſich zum Nachtimbiß in dem Speiſeſaal.— Wazlaw und Hanka erhielten die oberſten Sitze. Es wurde getafelt und ge⸗ zecht, die Ritter mußten ſich Gewalt anthun, beim Trunke ein niegewohntes Maß zu beobachten, denn für gewöhnlich pflegten ſie nicht nüchtern vom Tiſche aufzu⸗ ſtehen, deſto beſſer ließ ſich der Böhme den guten Heſterreicher munden; gegen Ende wurden die Nachbarn ſchon mehr heimlich und vertraut, die Herren gingen zuſammen, die Damen ebenfalls und es wurde viel ge⸗ plaudert und geſcherzt, aber Alles in Zucht und in 160 Ehren. Wer hätte in dieſen fröhlichen zurückhaltenden, freilich etwas ungehobelten Junkern die Gäſte in des ſeligen Grundlers Hauſe wieder erkannt?— Spät in der Nacht wurde zu Bette gegangen, ruhig, ohne Taumeln und Gepolter und der böhmiſche Hauptmann vermochte in Gedanken ſich nicht genug über die Leutſeligkeit der Ritter zu verwundern, und war nur neugierig die Ur⸗ ſache zu erfahren, ob deren Willen die Einladung ge⸗ ſchehen ſei; denn bisher war von einer ſolchen noch nicht Rede geweſen. In derſelben Nacht kamen Schikentanz und Ulrich heimlich zuſammen. Der Abend hatte den Erſteren et⸗ was zerſtreut, der Schreck über die erhaltene Kunde war gewichen, und ſein angewohnter Leichtſinn über⸗ tünchte die grelle Färbung bald mit mildern Tinten, doch konnte er ſich einer leiſen Mahnung ſeines Innetn nicht erwehren und dieſe trieb ihn zu ſeinem Freunde. „Nun Bruder Ebersdorfer,“ ſprach er zu Ulrich, „was hältſt Du von unſerm Gaſt?“ „Er ſcheint ganz der Mann, wie wir ihn brauchen.— „Meinſt Du?“ „Gewiß; er hat mir ſchon vertraut, daß er durch längere Zeit aus eig'nem Säckel zehren müſſe, indem ihm wegen Mangel an Geld, der Sold nicht ausbe⸗ zahlt werde— darüber iſt er ſehr erboſt und wird mei⸗ en, des der eln chte der nde ber⸗ och icht rch dem sbe⸗ mei⸗ 161 nem Sinnen nach nicht anſtehen, mit uns in Verbin⸗ dung zu treten.“ „Wenn nur,“ brummte Schikentanz,„die ver⸗ dammte Geſchichte mit dem Grundler nicht drein ge⸗ kommen wär', vielleicht verderben ſie uns noch vor dem Frühjahre den Spaß.“ „Warum nicht gar, es werden jedem Geladenen drei Monden Bedenkzeit gelaſſen—“ „Beim Teufel, Ebersdorfer, Du haſt Recht, in drei Monden kann ſich Vieles ändern; Du haſt mir gar nicht berichtet— warſt Du in Ebersdorf?“ „Ja, Dame Elsbeth ahnet noch nichts und iſt noch immer höchſt freundlich; die Entſcheidung muß bald heranrücken. Die Bürgermeiſtersdirne ſpreitzt ſich gewaltig, aber s'wird ihr nichts nützen; ſagt der Alte „Ja“, darf die Junge nicht„Nein“ ſagen.“ Schikentanz ſchüttelte ungläubig den Kopf. Hör'mal Ebersdorfer, ich werde Dir was ins Ohr munkeln— aber fahr' nicht auf und überleg Dir's gut. In der Stadtſchenke, wo wir die letzte Rauferei hatten, da iſt öfters ein kleiner Dickwanſt hingekommen, der mehr Fette an einem Finger als Hirn im ganzen Schä⸗ del hat; ſothaner Mann iſt Thurner zu St. Stephan und Gevatter des Rathhausknechtes Michel. Die beiden Stadthunde mochten mich einmal für trunken halten, 14 162 und plauderten ſelbander ſo laut, daß ich Alles erlau⸗ ſchen konnte. Ich erfuhr da Dinge, die Dich angehen, verdammt noch einmal, ganz nah' angehen. Die Bür⸗ germeiſtersdirne hat bereits einen Buhlen—“ „Donnerwetter!“ fuhr der Ebersdorfer auf. „Donnerwetter hinten, Donnerwetter vorne, hat auch der Rathsknecht bei dieſer Kunde herausgeheult, allein der Thurner hat ihm's ſo klar bewieſen, daß mir ordentlich die Augen übergingen. Des Thurners Sohn hat die Gürtelmagd Deiner Dame zur Liebſten von der er's erfuhr— da haſt Du die ganze Wäſche.“— So ſehr ſich Schikentanz auch bemüht hatte, dieſe Kunde mit einem leidtragenden Geſichte mitzutheilen, ſo war doch eine gewiße Schadenfreude nicht zu ver⸗ kennen, die der Geſelle dabei empfinden mochte. Hatte ihm doch der Andere eben eine unliebſame Botſchaft mitgebracht, daher that es ihm ordentlich wohl, dieſen in ſeinem Innern lang genug verborgenen Pfeil auf das Herz des Freundes abzudrücken. Ulrich war wie vom Schlage getroffen; nachdem er ſich in etwas erholt hatte, begann er den Freund näher darüber auszufor⸗ ſchen, wer denn eigentlich der Auserwählte ſei? da⸗ von aber wußte der Andere keine nähere Kunde zu geben, nur ſo viel hatte er ermittelt: daß Jener gemei⸗ nen Standes ſein müſſe, weil die Dirne vor dem 163 Alten mit dieſer Buhlſchaft ſo geheim thue. Dieſe Nachricht hatte die Leidenſchaft in dem Herzen des Ebersdorfers mit aller Macht geweckt, allein nicht nur Liebe, ſondern auch die Schlange„Eiferſucht“ rin- gelte ſich in ſeinem Buſen und blies mit ihrem gifti⸗ gen Odem die verzehrende Glut des Haſſes an, der dem unbekannten Nebenbuhler Tod und Verderben bringen ſollte. Ulrich ſchwur es laut und unverholen: daß er nicht ruhen noch raſten wolle, bis er den ver⸗ dammten ſtädtiſchen Lungerer ausgewittert— und aus dem Leben gebracht haben würde. Das beiderſeitige Unglück ſchien die Freunde noch mehr und enger an⸗ einander zu knüpfen, ſie verſicherten ſich ihres beider⸗ ſeitigen kräftigen Beiſtandes, ſchwuren ſich Freundſchaft bis über den Tod hinaus und ſchieden dann, um eine ſchlafloſe gedankenreiche Nacht auf ihren Lagern zu⸗ zubringen. Das Leben auf der Burg wurde in den folgenden zwei Tagen— es waren Faſtnachts⸗Sonntag und Montag— ſo heiter und fröhlich, wie man nur wünſchen konnte, zugebracht. Reiten und Stechen, Tafeln und Zechen, Geſang und Geplauder kürzten die Stunden; es fehlte an nichts, was man nur be⸗ gehren und wünſchen konnte; ſelbſt die mitgebrachten Söldner und ausgehungerten Knechte konnten es ſich 164 gütlich thun, und die Letzteren waren ſo fleißig, daß es ſchien, als ob ſie ſich für das nächſte halbe Jahr ſatt eſſen und trinken wollten. Am erſten dieſer Tage wurde in einem verſchloſ⸗ ſenen Gemache von den Männern großer Rath ge⸗ pflogen. Die Ritter luden nemlich den Hauptmann ein, mit ihnen gemeinſchaftliche Sache gegen die Wie⸗ ner zu machen; ſie gaben vor, von den Städtern groß Unbill erfahren zu haben und wollten nun Rache an ihnen nehmen, und da Er, der Hauptmann, ſich auch nicht wenig zu beklagen habe, ſo würde es auch in ſeinem Intereſſe liegen: den Aufgeblaſenen eine Schur anzuthun, an die ſie Zeitlebens denken ſoll⸗ ten. Um von dem Böhmen ja keine abſchlägige Ant⸗ wort zu erhalten, hatte man ihm ſchon früher wacker zugebechert, damit auch die Weinlaune das ihre bei⸗ tragen ſolle, was aber höchſt überflüſſig geweſen wrr, denn Wazlaw hegte einen bittern Groll im Herzen, den er jetzt auf die leichteſte Art befriedigen konnte. Es wurde alſo beſchloſſen, beim Beginne des Früh⸗ jahrs von dieſer Seite die Donaufarth zu ſperren und der Stadt die Zufuhr abzuſchneiden, ein Aehnliches wollte man auch mit den Gebrüdern Ulrich und Bal⸗ thaſar Weispriach, die mit 2000 Söldnern bei Nuß⸗ dorf lagen und ebenfalls ſchon einen mehrmonatlichen 165 Soldrückſtand zu fordern hatten, verabreden, damit die Stadt von zwei der ausgiebigſten Seiten keine Le⸗ bensmittel erhalte, wodurch ſie, da von der ungariſchen Seite auch nichts zu erwarten war, in die ärgſte Klem⸗ me gerathen mußte. Dieſer Vorſchlag, den Schiken⸗ tanz ausgeheckt hatte, wurde von dem Hauptmann mit großer Bereitwilligkeit angenommen und noch ein Lan⸗ ges und Breites über die Maßregeln der Ausführung beſprochen. Während dieſer halbtägigen Berathſchlagung hat⸗ ten ſich Trude und Hanka freundſchaftlich zuſammen gefunden und mit einander geplaudert. Eine Ahnung von der Gleichheit ihrer gegenſeitigen Lebensverhältniſſe und Schickſale, die ſie ſich mitzutheilen freilich nicht für gut fanden, hatte ſie für die kurze Zeit nahe ge⸗ nug gebracht und befreundet. Während der Anweſen⸗ heit der Gäſte, hatte Trude von dem rohen Schikentanz noch keine Unbill erfahren und die Dirne war deſſen ſo froh, daß ſie dem Abgange Jener mit Zittern entgegen ſah, denn wie ſie mit Recht befürchtete, hatte ſie dann wieder alles Böſe zu erwarten. Beim Mittagsmale fand man ſich wieder zuſam⸗ men, allein es begann nun ein ganz anderes Leben wie früher. Durch das Einwerſtändniß mit dem Hauptmanne war die Scheidewand gefallen; er ſtand den Rittern 166 nun näher, man hielt den fernern Zwang für überflü⸗ ßig, begann die Maske abzulegen und ſich in ſeiner wahren Geſtalt zu zeigen. Zum größten Erſtaunen machten die Edlen die Entdeckung, daß ſie all dieſer Mummerei nicht bedürft hätten, denn der Böhme trug auch gern ſein Scheit zur Flamme und gefil ſich in ſeiner rohen Laune eben ſo gut wie die Andern. Trude zitterte bei dieſem Ausbruch, denn nun war der Still⸗ ſtand vorüber, ſie hatte von dem wilden Schikentanz wieder Alles zu befürchten. Juchhei, nun gings wieder um, die Vecher kreiſten in kürzern Zwiſchenräumen, je mehr die Weinlaune ſtieg, deſto toller und muthwilliger trieb man's. Ein Humpen nach dem andern wurde ge⸗ leert. Der Rebenſaft floß in Strömen, es wurde geju⸗ belt, geſchrieen und getobt, als ſollte die Luſt nie ein Ende nehmen. Erſt in ſpäter Mitternacht taumelte man in die Neſter, fand ſich aber am Morgen ſchon wieder zuſammen, um das Saufgelage fortzuſetzen. Was wurde da für unzüchtig Kurzweil und Narrethei getrieben, die Dirnen wurden mit in den Strudel hinein- geriſſen, all ihr Weigern half nichts, ſie mußten mit⸗ zechen und mitjohlen daß ihnen die Kehlen rauh und heißer wurden. Dünnenfuß hatte den tollen Einfall und umkleidete ſich zum Pikelhäring, ſetzte eine Schel⸗ lenkappe und zwei Hörner auf, machte ſich lange Ohren, 167 beſtrich das Geſicht mit Ziegel und Ruß und— in der Mitte der Zechenden. „Hollah ho!“ ſchrie Schikentanz,„was iſt das für'ne Faſtnachtsfigur, bei allen Teufeln, das iſt Dün⸗ nenfuß.— Du verdammter Schellenkönig, komm' her Brüderlein, laß Dich herzen für den köſtlichen Einfall!“ Er taumelte dem Pikelhäring entgegen, und drückte ihn an ſich; dieſer preßte ſein ſchwarzrothes Geſicht an Schi⸗ kentanz's an, und beſudelte den eben ſo arg. Ein lau⸗ tes Gebrüll der Andern erfolgte.— Der Burgherr erfuhr ſein Ausſehen, und wellte ſich ſchier ausſchüt⸗ ten vor Lachen. „Ein Schalksgeſicht mehr oder weniger in der Welt,“ jubelte er,„macht nichts, der mich lieb hat, herzt mich.“ Nun taumelte er von einem Geſitz zum andern und jeder umarmte den zottigen Bären; auch die Dirnen mußten das Ihre thun. „Heißa, Trude Fahnenſtang,“ platzte er auf ein⸗ mal heraus,„biſt Du immer die Letzte, wenn es dar⸗ auf ankommt mir Beweiſe Deiner Liebe zu geben.“ Grundlers Tochter erbebte, er aber riß ſie em⸗ por, ergriff ihren Arm und ſchleuderte ſie dreimal um ſich herum, daß ihr ordentlich die Sinne vergin⸗ gen, dann ſtieß er ſie auf ihr Geſitz zurück. 168 „Trude hat die Drehpeſt!“ brüllte der Horſten⸗ ecker. „Fahnenſtangin,“ johlte Blaſenfeld,„was macht denn die Burgfrau?“— Woezlaw ſchlug über den ſpaſigen Namen eine gellende Lache auf.„Bruder Schikentan;,“ rief er, „Du hältſt ſtreng Hausregiment; verdammter Kerl— das gefällt mir— ha ha ha!—“ Dünnenfuß ſchüttelte die Schellen, ſprang mit einem Satz auf den Tiſch, ſtellte ſich vor Trude und begann grimmige Fratzen zu ſchneiden. So gings fort, was Weinlaune nur erſinnen konnte, wurde getrieben, getanzt, und geſungen, gezecht und gelärmt; es war ein Getöſe, als ob der Welt Ende nahe ſei. „Die letzte Faſtnacht iſt da,“ brüllte Schikentanz, als der Abend herangerückt war,„was thun wir, um ſie würdigzu begehen?“— Jeder heulte ſeine Meinung heraus; der meinte, man ſolle ſich ſämmtlich als Geiſter vermummen, und im Hofe'n Hexentanz ſpielen, der Andere wollte bei Racht und Nebel ein Fechtſpiel halten, der Dritte meinte eine Schneeburg erſtürmen, ſo gings fort, bis endlich der Böhme den tollen Einfall hatte, man ſolle den Pikelhäring, weil die Faſtnacht bald zu Ende ſei, be⸗ graben. t ——— 169 Das war ein Beifallslärm.—„Der Dünnen⸗ fuß— der Pikelhäring wird begraben— hollah ho, wir wollen ihm ein ſtattlich Begräbniß machen— armer Pikelhäring, leg Dich nieder, biſt todt!“ Nun mußte ſich der Pikelhäring der Länge nach auf die Tafel legen, zum Kopf wurden zwei brennende Fackeln geſtellt, volle Humpen und Krüge umringten den lebendigen Leichnam; in jeder Hand hielt er einen Becher, auf das Haupt wurde ihm ein Strohkranz ge⸗ geben, und Trude, da ſie ohnedieß ſchwarz gekleidet war, mußte um ihn heulen und klagen. Beides konnte die Dirne vom Herzen thun. Während deſſen bereiteten die Andern das Leichenbegängniß vor, eine lange nie⸗ dere Mehltruhe mußte die Stelle des Sarges vertreten, vier Knechte, die vom Trunke noch nicht überwältigt waren, wurden zu Trägern beſtimmt, jeder der Anwe⸗ ſenden erhielt ſeine Rolle, und bereitete ſich vor, die⸗ ſelbe auch gehörig durchzuführen; bald darauf tobte Alles in den Saal, das war ein Geheul und Geſtöhn um den Pikelhäring.—„Er war ſo ein wackerer Kumpan!“ rief der Eine—„ſo ein gewaltiger Zecher,“ ſchrie der Andere;„Armer Pikelhäring,“ johlte der Dritte, und goß dem Todten einen Becher Wein in die Kehle, wozu dieſer ein wenig den Kopf erhob und dadurch ein allgemeines Gejauchze hervorbrachte, dann Wien 1. 15 170 wurde der Leichnam in die Truhe gelegt, der Deckel derſelben zugeklappt: dieſer Akt wurde von einem wo möglich noch geſteigerten Geheule begleitet, dann ſetzte ſich der Zug in Bewegung. Voran ſchritt Blaſenfeld mit einem Flederwiſch auf einer langen Stange, von dem ein ſchwarzer Fetzen herabflatterte, dann kamen Schikentanz, Horſtenek und Wazlaw als Spielleute, der Eine poſaunte in das löcherige Horn des Thurm⸗ wärtls, der Zweite paukte auf ein kupfernes Kochbecken und der Dritte ſchepperte mit zwei eiſernen Topfde⸗ ckeln; hinter dieſen kam der Sarg mit einem weißen Leilach überworfen; zwei Humpen wackelten auf dem— ſelben und vier Fackelträger umgaben ihn; dann folgte Trude als Leidtragende, von Hanka und den andern Dirnen umgeben; das Frauenvolk begleitete das hölliſche Spielwerk der Ritter mit ihrem Gewinſel und Jam⸗ mer. Der Zug bewegte ſich langſam die Steinſtiege hinab in den Hof, in deſſen Mitte ein Weinfaß ange⸗ zapft, hoch lag. Dieſes wurde unter Geheul dreimal umkreist, dabei geſungen, poſaunt, gepaukt und ge⸗ ſcheppert; beſonderes Gejauchze verurſachte es immer, wenn der Pikelhäring an die Wände des Sarges zu pochen und klopfen begann, das machte aber die An⸗ dern nicht irre, ſie fuhren in ihrer Zeremonie fort,— der Ebersdorfer ſtand auf dem Weinfaß und ſtotterte 171 mit trunkener Zunge eine lange Leichenrede hervor, auf die aber kein Menſch horchte. Dann hieß es: jetzt ſolle der Todte zur Erde beſtattet werden; der Sarg wurde abgeſetzt. Nun wollte Jeder den theuern Hin⸗ übergeſchiedenen noch einmal ſehen, man wollte den Deckel öffnen, aber er war in's Schloß gefallen und dieß verſperrt. Der Schlüſſel der Mehltruhe that nach langem Suchen ſeine Dienſte. „Hollah!“ jauchzte Schikentanz, welcher der Nächſte war,„da ſchaut mal her, der Pikelhäring har ſich auf den Bauch gelegt, verdammter Fatznarr, ſteh' auf, und laß' Dich begaffen.“ Aber Dünnenfuß blieb liegen und regte ſich nicht, darüber brachen die Andern in tolles Lachen aus. „Werft ihn aus dem Kaſten,“ ſchrie Blaſenfeld „daß ihm die Rippen krachen, er wird ſchon geſunden.“ Man erwartete nun, daß der Pikelhäring auf⸗ ſpringen und ſein Geſpeis treiben würde, allein er blieb noch immer regungslos liegen. „Halsſtarrige Beſtie!“ kreiſchte Schikentanz und ſtieß mit dem Fuße an die Truhe, ſie ſtürzte um, der Pikelhäring rollte auf den Boden heraus. „Dieß iſt doch ein Bischen die Narrethei übertrie⸗ ben,“ rief Wazlaw, und neigte ſich hinab— die Fackeln ſenkten ſich und vom rothen grellen Lichte beleuchtet, * 172 ſtiette das ſchwammige ſchwarzrothe Leichengeſicht Dün⸗ nenfuß's in die kalte Nachtluft!— „Bein Teufel und der Hölle,“ brüllte Schiken⸗ tanz,„er iſt todt!“ „Todt!“ heulte die trunkene Gilde im Chor und bebte im ſtarren Entſetzen zurück. In dieſem Augenblicke erdröhnten am Thore der Burg drei gewichtige Schläge, Schikentanz zitterte wie Eſpenlaub im Sturme; er kannte nur zu gut deren Bedeutung; ſein Auge unflorte ſich, die Füße ſchlot— terten; von Wein, Furcht, Schrecken und Angſt durch⸗ wirbelt, ſank er auf die Leiche des Pikelhärings. Der Burghof erdröhnte vom Klagegeheul der Verſamm⸗ lung!— Der Söldner. Die Gefahr, in welcher ganz Oeſterreich ſchwebte, war für dieſesmal glücklich abgewendet worden. Wiewehl Kaiſer Friedrich bis zum Frühjahr 1481 ein ziemliches Heer zuſammengebracht hatte, ſo mochte er doch im Innern die Ueberzeugung hegen, daß er mit demſelben keine großen Fertſchritte machen würde; es kam ihm daher eine Botſchaft der ungariſchen Königin Beatrix ganz gelegen, die ihn erſuchte, noch einmal Friedensgeſandte an Mathias zu ſenden, indem ſie die⸗ ſelbe durch ihre Fürbitte unterſtützen würde. Dieß mag als gültiger Beweis für Feßlers Ausſpruch dienen; daß Beatrir ihren Einfluß auf den König auch auf Regie⸗ rungsgeſchäfte auszudehnen begann und dieſer keines⸗ wegs mehr jenen jugendlichen Starrſinn beſaß, der ihn früher ſo ſehr ausgezeichnet hatte. Wie nachtheilig ihm dieſe Uebermacht wurde, ſollte Mathias noch kurz vor ſeinem Ende erfahren. Der Biſchof von Aichſtett und 174 der Graf von Zollern wurden daher nach Preßburg ab⸗ geſandt. Die junge Königin wandte ihre Ueberredungs⸗ kunſt an, ihre dießmaligen gründlichen Vorſtellungen und Bitten erweichten den König, da er aber ſelbſt unpäßlich war— er litt gar ſtark am Zipperlein,— ſo theilte er ihr ſeinen Rath, den Biſchof von Großwar⸗ dein zu, mit deſſen Hilfe ſie— wenn es ihr möglich ſei— den Frieden herſtellen ſolle.„Die Königin“, erzählt Fugger,„war über dieſe unverhoffte Antwort ſo erfreut, daß ſie ſich vor ihm auf die Fniee warf, ihm die Füße küßte, dann ihn umarmte, auf die Wange küßte und mit thränenden Augen dankſagte.“ Hierauf ſchickte die Königin ihre eigene Carette mit Melonen beladen nach Wien, weil ſie wußte, daß der Kaiſer dieſe Früchte ſehr liebe und bat ihn, ſeine Geſandten auf demſelben Wagen mit annehmbaren Friedensvorſchlägen zu⸗ rückzuſenden. Auf dieſe Weiſe wurde im Sommer 1481 ein Friede zu Stande gebracht; der König verſprach alle eroberten OHerter zurückzuſtellen, ſobald ihm der Kaiſer 50,000 Goldgulden gezahlt haben werde. Man hätte nun glauben ſollen, eine kurze Ruhe werde die geſchlagenen Kriegswunden des Vaterlandes und daher auch ihren nachtheiligen Einfluß auf die Hauptſtadt in etwas heilen, allein ſchon im Frühjahre, langte traurige Kunde in Wien an; der Söldnerhaupt⸗ . —,— 1735 mann Wazlaw Wulczko hatte in Verbindung mit meh⸗ reren Rittern oberhalb Stockerau, und die Gebrüder Ulrich und Balthaſar Weißpriach bei Nußdorf den Do⸗ naufluß geſperrt, ſo daß keine Lebensmittel zugeführt werden konnten. Einer ſo volkreichen Stadt, wie Wien ſchon damals war, mußte eine ſolche Hemmung bald empfindlich werden, die Noth nahm überhand, und eine ungeheuere Theuerung trat ein. Es iſt eine alte anerkannte Wahrheit, daß Men⸗ ſchen, wenn ſie ſich auch durch ihre ganze frühere Le⸗ benszeit fremd geblieben waren, ſich doch in gewiſſen Fällen ſehr ſchnell mit einander befreunden. Allgemei⸗ nes Unglück oder allgemeine Freude bringen beſonders ſolche Wirkung hervor, und nichts iſt im Stande Men⸗ ſchenherzen näher zu bringen als gleiche Erlebniſſe oder Schickſale. Der Thurner von St. Stephan und Mutter Kathrei, ſeitdem ihre Söhne in den ſtädtiſchen Solddienſt getreten waren, fühlten ſich ſo zu einander gezogen, daß es ihnen Erleichterung ſchien, wenn ſie ſich gegenſeitig ihr Herzleid klagen konnten. Kathrei brachte daher viele Stunden in Geſellſchaft des Herrn Lorenz zu, wo ſie immer von ihrem Wohlmuth und er von ſeinem Hannes erzählte, und Beide ſich gegenſeitig anzuhören, nicht ermüdeten. Auch die jungen Söldner fanden ſich, ſo oft es ihr Beruf geſtattete, bei dem al⸗ 176 ten Paare ein, und verlebten fröhliche Stunden in ihrer Mitte. An einem Sonntage keuchte Mutter Kathrei die vielen Steinſtufen hinan, die in die enge Wehnung des Thurners führten; es war Nachmittags, die Sonne heiß, die Luft ſchwül. Die Alte klopfte leiſe an und trippelte in die Stube.„Guten Abend Herr Lerenz!“— dabei wiſchte ſie ſich den Schweiß von der Stirne. „Grüß Euch der Himmel Frau Kathrei, habt Euch auch in der Hitze heraufbemüht?“— „Ei was, nach Oſtern kehren Pfingſten ein, nach Regen kömmt Sonnenſchein, faul, trägt wenig für's Maul, wer Sennenſtich ſcheut, hat wenig Gewinn erbeut; ei Du lieber Lazarus— wie geht's Euch Herr Lorenz?“ „Ganz gut Frau Kathrei,“ erſiderte der Thur⸗ ner behaglich,„da habt Ihr Weißbrod und Bier, eßt und trinkt nach Herzensluſt; ſe wahr ich Thurner von St. Stephan bin, es iſt Euch vergönnt—“ Die Alte ſpreitzte ſich nicht und griff zu.„Euer Mehl iſt hübſch weiß, Herr Lorenz, mein's iſt zwar auch nicht ſchwarz doch will ich's nicht loben, denn ſo wie der Krumme hinkt, ſo eigen Lob immer ſtinkt, aber s'iſt auch verdammt theuer. t 8— 177 „Der Teufel ſoll denen die Leuchte halten, die Schuld daran tragen,“ brummte Herr Lorenz,„aber man wird's den Buſchkleppern ſchon einſalzen.“ „Ei Du lieber Lazarus, ich hab mir's gleich ge⸗ dacht, wer'nen borſtigen Igel beißt, ſich das Maul blutig reißt, wer das Roß beim Schwanz ang'ſchirrt, macht die Zeche ohne Wirth, man darf an's End nicht vergeſſen, wie man ſich's eingebrockt muß man's auch eſſen; wie man ſich kocht, ſo ißt man, wie man ſich bettet, ſo liegt man.“ „Bei St. Stephan, wo ich Thurner kin“ be⸗ theuerte Herr Lorenz,„auf das hab' ich auch gedacht, deßwegen kümmert mich der Stadt Noth wenig, ich habe Frucht und Mehl auf zwei Jahre im Vortath, woran auch ihrer Zwei zu beißen hätten.“ „Ihr ſeid ein kluger Mann“, lächelte Kathrei, „ich hab Euch mein Lebtag viel Pfiffiges zugetraut; gute Bäum, wachſen nicht ſchief, ſtille Waſſer graben tief.“ „Ihr habt doch auch für die Zukunft geſorgt?“ „Ei Du lieber Lazarus, wer wird ſo was ver⸗ ſäumen? aber zum Käſemachen gehört'ne Kuh, zum Tanze mehr denn rethe Schuh', aus leerem Glas kann man nicht viel ſaufen, wer kein Geld hat, kann nicht viel kaufen.“— 178 Der Thurner glaubte, dieß ſei eine Anſpielung auf den leeren Becher, er ſchenkte ihn daher voll und ſtellte ihm vor Frau Kathrei, dieſe nippte daran, dankte dem gaſtlichen Freunde, und fing zu ſeufzen an. „Bei St. Stephan, wo ich Thurner bin,“ rief dieſer verwundert aus,„mir dünkt gar, Frau Kathrei Ihr habt Herzleid?“— „Ach Du lieber Lazarus!“ ſchluchzte die Alte und das Weinen ſtand ihr näher, denn das Lachen,„der verdammte Junge; zieh' den Hund auf den Tiſch, er bleibt lieber unter dem Tiſch, mir iſt's jetzt allein ſo öde, wenn der böſe Feind in die Stadt kommt und ich bin allein, wer wird mich beſchützen, mein Häuschen iſt bald fort und dann bin ich eine Bettlerin.“ Herr Lorenz rutſchte auf dem Seſſel hin und her, was er gewohnlich zu thun pflegte, wenn er über etwas Wichtiges nachzudenken hatte, oder wenn er ſich in einer argen Verlegenheit befand. „Hm, hm“ brummte er vor ſich hin,„ja, ja“ fuhr er etwas lauter fort,„bei St. Stephan, wo ich Thurner bin,„ſchrie er auf einmal,“ ich habs. Wißt Ihr was Frau Kathrei, da ſeitwärts iſt ein kleines Kämmerchen, welches ehedem von meiner Gottſeligen, der Himmel verleihe ihr eine heilvolle Urſtänd, bewohnt wurde. Wenn's Euch genehm iſt, ſo verkauft Euer „ 179 Neſtlein, zieht zu mir herauf und ſteht meiner Wirth⸗ ſchaft vor!“ „Ei Du lieber Lazarus,“ kopfſchüttelte das Müt⸗ terchen bedenklich,„Ihr werdet doch nicht Herr Le⸗ renz—“ „Warum nicht gar“ polterte der Thurner,„ſo ein alter Eſel wie ich, wird ſich doch nicht wieder in's Joch ſtecken.“ „Da habt Ihr recht“ entgegnete Kathrei,„ſteckt ſich ein Alter in's Ehejoch, ſo pfeift er bald auf dem letzten Loch— ei Du lieber Lazarus, auf die Art wär' uns Beiden geholfen.“ Des Thurners Vorſchlag wurde einige Tage dar⸗ auf in Ausführung gebracht, die alte Kathrei zog hin⸗ auf, verſah ſeine Wirthſchaft und Herr Lorenz führte wieder ein gemächliches Leben, wie es ihm ſeit dem Tode ſeiner Gottſeeligen nicht zu Theil geworden war. Ein ebenſo freundſchaftlich Band hatte die beiden Jünglinge Wohlmuth und Hannes vereinigt, ſie hat⸗ ten ſich ſo aneinander gewöhnt, daß man ſelten Einen oder den Andern von ihnen allein fand. Da der Thur⸗ nersſohn älter und mehr bedächtig und gelaſſen war, ſo wirkte dieß auch auf Wohlmuth, deſſen heißes Blut und raſches Weſen öfters durch Hannes gedämpft wur- 180 de, der ihn von manchen unbedächtigen Schritt zu⸗ rückhielt. Die beiden Söldner waren alſo innige Freunde und Vertraute; keiner hatte vor dem andern ein Geheimniß, ſie verplauderten manche Stunde von ihren Geliebten, und Wohlmuth ſandte durch Grethe ſeiner Agnes man⸗ chen Gruß und pries den Freund glücklich, dem es öf⸗ ters als ihm gegönnt war, ſeine Herzliebſte zu ſchauen und mit ihr zu koſen. Da die Eltern jetzt beiſammen wohnten, ſo machten ſie vereint ihre Gänge nach dem Stephansthurme und ſuchten das freundſchaftliche Ver⸗ hältniß zwiſchen ihnen, wo möglich noch mehr zu be⸗ feſtigen. Die Lage der Wiener wurde mit jedem Tage be⸗ denklicher, der Mangel an Lebensbedürfnißen war jetzt ſogar drückend geworden und der Rath ſah ſich gezwun⸗ gen, Gewalt mit Gewalt zu vertreiben und gegen die Räuber auszuziehn. Die Kunde von dieſem Kriegszuge war nur zu bald bekannt geworden und die klatſchzün⸗ gige Stadtfama trug dieſelbe durch alle Tavernen und Lucken, und über die Zungen und Lippen der neugierigen Plauderſchweſtern. Seitdem Kathrei ſich in ſeiner Be⸗ hauſung befand, beſuchte Herr Lorenz viel ſeltner das Leinwandhaus oder die ſonſtigen Schankſtuben; dieß und noch eine andere Urſache brachte den Rathsknecht ſ —„) N — — 181 Michel zu ihm hinauf. Die Gevattersleute empfingen ſich freundlich und Mutter Kathrei tiſchte dem Langen Bier und Brod. „Vergelt's Gott, Frau Gevatterin“ rief der Nathsknecht— denn ſeit Kathrei ſich bei den Thurner befand, nannte er ſie immer ſo, aber ohne fernerer Bezüglichkeit,„Ihr wißt, ich verſchmähe keinen Trunk.“ „Ei Du lieber Lazarus, trinkt nur zu nach Durſt, wie der Mann, ſo bratet man ihm die Wurſt.“ „Wurſt— hinten, Wurſt vorn,“ erwiederte Michel, und leerte den Becher,„das Bier iſt gut. Gevatter ſetzt Euch zu mir, ich will Euch was Neues erzählen.“ Herr Lorenz war ganz Ohr und Mutter Kathrei horchte ebenfalls hoch auf. „Alſo Uebermorgen geht's'naus!“ begann der Rathsknecht und hielt eine Weile ein, der Thurner und Kathrei verſtanden dieß nicht und glotzten ihn an. „Nun— die Stadtſöldner unter Anführung des Herrn Bürgermeiſters“ fuhr der Erzähler fort,„zieh'n gen die Räuber aus.“ Das Wort Stadtſöldner erweckte in den beiden Andern zugleich die Gedanken an ihre Söhne. „Ei Du lieber Lazarus! Mein Wohlmuth!“ 182 „Bei St. Stephan, wo ich Thurner bin, mein Hannes!“ Dieſe beiden Ausrufungen entglitten ihren Lippen. Kathrei zitterte, der Thurner verdrehte die Augen; ſie fing zu weinen und er zu ſtöhnen an. „Mein Wohlmuth zieht in den Krieg,“ klagte Ka⸗ threi weinend,„ach die Schreckensbotſchaft, ich hab's gleich gewußt daß ich heute üble Kunde hören werde, denn das linke Ohr hat mir heute Morgens mehr denn dreimal geklungen.“ „Ohren hinten, Ohren vorne,“ tröſtete ſie der Rathsknecht„was nützt Euch Frau Gevatterin das Ge⸗ plärr, der liebe Gott iſt überall.“ Ihr habt recht Gevatter Michl„miſchte ſich der Thurner in's Spiel,“ haben's die Jungen gewollt, ſo ſollen ſie's auch haben.“ Dabei aber ſtieß er doch mehr als einen Seufzer aus und ſchüttelte zeitweilig den Kopf. Endlich gelang es dem Rathsknecht Beide zu trö⸗ ſten, wozu beſonders ſeine Nachricht beitrug, daß er ihnen noch etwas Wichtigeres mitzutheilen habe, was Beide in hohe Verwunderung ſetzen würde. „Ich war neulich in dem Leinwandhauſe“ erzählte Michel„und ſaß wie gewöhnlich auf meinem Platz in der Ecke. Ihr kennt ihn Gevatter Lorenz, wir pflegten „„———— en,— 183 immer ſelbander dort zu ſitzen, da kommt auf einmal ein Mann her, ſetzt ſich zu mir und beginnt mit mir ein Geſprächſel zu pflegen. Geſprächſel hinten, Geſprächſel vorn, das hätt' nichts an ſich gehabt, aber der Saker⸗ menter iſt mir verdächtig vorgekommen; hat ausg'ſchaut wie ein Bauer und hat g'redt wie ein Junker. Junker hinten, Junker vorne, dacht ich mir, Du ſollſt mich nicht erwiſchen, richtig fängt er an auf den Strauch zu klopfen, ich thue nichts desgleichen; er frägt um Euern Hannes — ja Gebatter Lorenz, um Euern Hannes hat er ge⸗ fragt; ich hab' ihm g'ſagt, er wär' Söldner geworden!“ Der Thurner und Kathrei ſeufzten, der Rathsknecht aber fuhr fuhr fort: Söldner hinten, Söldner vorn, das kann der Narr ſchon wiſſen, aber er war mit dem nicht zufrieden und begann mich weiter auszugattern, ob ich deſſen Lieb nicht kenne? Lieb hinten, Lieb vorne, er⸗ wiederte ich ihm, das braucht Ihr nicht zu wiſſen, laßt mich ungeſchoren!— Er aber ſchlug eine Lache, wie der Gottſeibeiuns, wenn er eine arme Seele bei den Haaren erwiſcht und rief: Ei Du Schelm, meinſt Du ich kenne ſie nicht die Gürtelmagd des Bürgermeiſters?— Ver— dammte Geſchichte, der Kerl wußte mein Geheimniß. Ihr habt mir's ja einmal eben in ſelbiger Schenke an⸗ vertraut Gevatter Lorenz— aber ich hab nichts der⸗ gleichen gethan. Gürtelmagd hinten, Gürtelmagd vorn, 184 dacht ich mir, deßwegen braucht er das Andere doch nicht zu wiſſen. Er ließ nun Bier im überfluß hergeben, ich mußte trinken, auf ſeine Geſundheit Beſcheid thun, und weiß der liebe Himmel was noch Alles. Auf einmal fragt mich der Naar, ob ich denn der Bürgermeiſters⸗ tochter Liebſten nicht kenne. Ich aber dachte mir, Tochter hinten, Tochter vorne, das erfährſt Du von mir nicht und ſagte— Nein.„Du verdammter Schelm von einem Rathslnecht,“ rief er,„da, da ſchau her“, ich dachte ſchen, Euer Wohlmuth ſei dort, Frau Kathrei, aber ich ſah Niemanden.“—„Doa, da, ſchau her,“ rief der Andere,„ich bin's Du tolles Schalksgeſicht.“ Donnerwetter, das wollt mich baß erzürnen, daß der Fatznarr ſich ſo mauſig machte, ch ſchrie hm zu:„Bindet Ihr Eurer Großmutter einen Bären auf, nicht mir, den ſtädtiſchen Rathsknecht, daß muß ich beſſer wiſſen, der Söldner Wohlmuth iſt's, der alten Kathreiihr leiblicher Sohn.“— Kaum hatte ich dieſe Worte ausgeſtoßen, ſo fährt Euch der Kerl wie beſeſſen vom Stuhl auf, lacht wie der helle Satan und rumpelt zum Thürl hinaus. Thürl hinten, Thürl vorn, das wär' Alles recht geweſen, aber mir hat's nachträglich geſchienen als hätt' ich einen dummen Streich gemacht, deßwegen bin ich auch herge⸗ kommen, Euch von der Sache in Kenntniß zu ſetzen, e l 6 n 185 damit Ihr denen Burſchen einen Wink gebt, daß ſie ſich mit ihren Minnegängen in Acht nehmen.“ „Ei Du lieber Lazarus,“ brach Mutter Kathrei los,„Gevatter Michel, Ihr hättet Euere Zunge im Zaume halten ſollen. Zunge im Zaum, iſt Goldfrucht am Baum,— wer vorwärts'nen Sprung thun will, geht früher hinter ſich in der Still—“ „Bei St. Stephan, wo ich Thurner bin, Kathrei Ihr habt recht, der Gevatter hat ſich übertölpeln laſſen.— Der Rathöknecht machte ein Geſicht, ſo lang wie der Stephansthurm, und wußte in der Verlegenheit nicht, was er darauf erwiedern ſollte, als er plötzlich aus derſelben erlöſt wurde. Man hörte nemlich über die Steinſtiege Tritte erſchallen und die beiden Jünglinge ſtürmten bald darauf in die Stube. Das gab nun Freude und Küße unter den Eltern und Kindern; Mutter Kathrei hatte gleich Thränen im Auge, ſie konnte ſich ihrer nicht erwehren, ſo oft ſie den Jüngling nur zu Geſichte bekam und der Thurner konnte ſich an ſeinen Hallunken,— wie er den Hannes beim Erguß ſeiner väterlichen Liebe immer zu nennen pflegte,— nicht ſatt ſehen. Der Rathsknecht, um ſeinen im Leinwandhauſe begangenen Fehler wieder gut zu machen, erzählte den Söldnern die ganze Geſchichte noch einmal, und bat ſie: ja auf ſich Acht zu haben, denn bei ſothanen unruhigen 16 186 Zeiten könne man Einem leicht an's Leben gehen und— Leben hinten, Leben vorn, ſo lebt man ja doch nur einmal und man müſſe auf die Zurückverbleibenden denken,— und ſo weiter mehr dergleichen Reden. Wohlmuth konnte leicht herausfinden, wer der Frager geweſen ſei, denn Agnes war durch ihren Vater ſchon längſt mit der Werbung des Ebersdorfers bekannt gemacht worden. Aus der Beſchreibung des Rathöknechts, die Perſon betreffend, erkannte er, daß es Niemand Anders, als Herr Ulrich ſein könne, der ſich verkappt hatte, um ſeinen Namen auszugattern. Warum ſich aber Jener gerade an den Rathsknecht gewendet, das konnte er nicht erſinnen und ſchöpfte den gerechten Ver⸗ dacht, daß das Verhältniß gegenwärtig nicht mehr ſo geheim ſei, als es ihm zuträglich und wünſchenswerth geweſen wäre. Dieſe letztere Meinung theilte er den An⸗ dern unverholen mit, man erſchöpfte ſich in Muth⸗ maßungen und ahnte nicht, daß die freilich unſchuldigen Verräther, der Thurner und Rathsknecht, ſich in ihrer Mitte befänden. Nachdem man über dieſen Gegenſtand lange genug verhandelt hatte, rückten die beiden Söldner endlich mit der Urſache ihres abendlichen Beſuches heraus. Sie waren nemlich gekommen, von ihren Eltern Abſchied zu nehmen. „Lieb' Mütterlein,“ ſprach Wohlmuth und küßte 187 die Alte kindlich,„Ihr wißt noch nicht, warum wir heute gekommen ſind.“ „Ja, ja“ rief Hannes,„auf das Wichtigſte hätten wir bald nicht gedacht, wir kommen Euch Valet zu ſagen.—“ Dieſes Wort fiel dem Thurner und Kathrei ſchwer auf's Herz; wiewohl ſie's Beide ſchon erfahren hatten, ſo brachte es jetzt aus dem Munde der Söhne doch wieder ihre vernichtende Wirkung hervor. Herr Lorenz ergriff zitternd die Hand ſeines Sohnes und die Alte begann wieder zu weinen. Den beiden Söldnern war es auch ſchwer um's Herz, denn ein Kriegszug iſt doch kein Spaziergang, und wenn es ihnen auch wenig um ihr Leben zu thun war, ſo dachten ſie doch an die Troſtloſigkeit ihrer zu⸗ rückbleibenden Eltern; aber der Gedanke: warum ſie eigentlich dieſen gefährlichen Stand gewählt, erhob und ermuthigte ſie wieder, nun war ja die erwünſchte Ge⸗ legenheit da, ſich Ehre und Anſehen zu erwerben, nun waren ja die Schwingen da, die Wohlmuth zu ſeiner Geliebten emporheben und Hannes zu ihr hinübertragen ſollten. Dieſer wußte nämlich, daß ſein Vater außer ſeinem Thurnerſold keine voträthigen Schätze beſitze, die ihm ſeine Zukunft hätten ſichern können und da er deſſen Nachfolger werden wollte, ſo konnte er auf ſolche Be⸗ 188 dienſtung dann die gerechteſten Anſprüche machen, wenn er ſich früher einige Jahre als Söldner zur Stadt Beſtem herumgetummelt; oder gelang es ihm vielleicht in Kriegs⸗ zeit zu hoher Ehre zu kommen und ſich etwa die Würde eines ſtädtiſchen Hauptmannes zu erkämpfen, ſo war es ihm um ſo leichter, ſeine Grethe als Geſponſin heimzuführen und ſie glücklich zu machen. Der Abſchied der Söldner verurſachte viel Thränen, Mutter Kathrei konnte ſich nicht faſſen; der Rathsknecht tröſtete hinten und vorn, aber es war vergebens, bis er endlich den Söldnern einen Wink gab, daß ſie dem Geflenne ein Ende machen ſollten. „Lebt wohl mein geliebtes Mütterchen!“ rief Wohl⸗ muth.„Lebt wohl liever Vater!“ rief Hannes; Alle Vier herzten und umarmten ſich wechſelſeitig, geriethen zuletzt in eine Gruppe zuſammen, die ſich gar nicht mehr zu löſen ſchien, bis Michel die beiden Jünglinge an den Armen erwiſchte, und ſie zur Thür hinausſchob. „Bei St. Stephan, wo ich Thurner bin,“ ſtöhnte der dicke Lorenz„hätt ich doch bald geflennt, wie ein altes Weib!“ dabei wiſchte er ſich die Thränen aus den Augen. „Ei Du lieber Lazarus!“ weinte Kathrei,„wer ſich will der Katzen ſchämen, muß verlieb mit Mäuſen nehmen; mein Wohlmuth— ach mein Wohlmuth, — 189 viele Leute freſſen viel Brod, viel Hunde ſind des Haſen Tod, gute Frucht gehört in die Tenne, ſo geht's, will das Ei klüger ſein als die Henne. „Ei was!“ rief der Rathsknecht,„Ei hinten, Ei vorn, ſchneidet keine ſolche Fratzen, ſonſt wird mir's auch noch weich um's Herz, wer weiß, was aus den Burſchen noch werden kann; in acht Tagen iſt die ganze Geſchichte gar, wer wird denn mit den ritterlichen Buſchkleppern und räuberiſchen Söldnern bei Stockerau ſoviel Weſens machen; ein Tag hin, zwei Tage gekämpft, ſie in die Flucht gejagt, am vierten Tage Raſt, am fünften jubili⸗ rend zurückgekehrt und die Dalkerei hat ein Ende.— Ich ging auch mit in den Krieg, aber Krieg hinten, Krieg vorn, überall iſt's gut, aber zu Hauſe am beſten. Gute Nacht Gevatter!—“ Eine laue Sommernacht breitete ihren ſterngeſtickten Mantel, an dem das Mondesviertel wie ein türkiſcher Orden zu haften ſchien, über Wien. Die eilfte Nacht⸗ ſtunde hatte vom St. Stephansthurme ſchon herabge⸗ brummt und tiefe Ruhe war in der ſonſt geräuſchvollen Stadt eingekehrt, deren Häuſermaſſen hoch in die nächt⸗ liche Luft ragten und von den noch höhern Thürmen bewacht zu werden ſchienen. Ein einzelner Mann, in einen breiten Mantel gehüllt, ſchlich durch die Kärnth⸗ nerſtraße gegen den neuen Markt zu; ſein Gang war 190 leiſe und vorſichtig und ſein Kopf lugte verdächtig nach allen Seiten. „Es würde mich wundern, ſollte ich ihn in dieſer Nacht nicht treffen,“ brummke er vor ſich in den Bart „Morgen ziehen die Söldner aus, und da wird doch der minnende Frauenknecht von ſeinem girrenden Täublein Abſchied nehmen, die ſüße Mondnacht iſt hiezu einladend, will mir ihn'n mal begucken den glücklichen Freier der züchtigen Bürgermeiſterstochter; kenn' ich ihn, danniſt er bald auf's Korn genommen und dann: ade Welt, ade Liebchen, deinen Hochzeiter ſiehſt Du nicht mehr und mir iſt die Bahn frei.“ So ſprechend verlor er ſich längs der Gartenmauer hinter dem Hauſe des Herrn Stephan Oen. Die beiden Söldner, als ſie die Stephanspfarre verlaſſen hatten, luſtwandelten noch eine geraume Weile durch die Stadt, dann aber trennten ſie ſich; denn Wohl⸗ muth hatte noch einen bitterſüßen Gang, er mußte die Geliebte ſehen, um von ihr Abſchied zu nehmen. Der kleine Garten des Bürgermeiſters lag ſtill und ruhig da, das Mondlicht zitterte auf dem dunklen Laub⸗ werk, welches ſtumm an den Zweigen hing, als woll⸗ es die Ruhe der Nacht nicht ſtören. Kein lebendes Weſen ſchien in der Umgebung zu wachen, Alles war von ſüßem Schlummer umfangen, ein Spiel gaukelnder k —„— ce- — — 19¹ Träume; nur ſie wachte, die immer rege, unruhvolle, die ſüße zauberwirkende Liebe wachte, um ſelige Stunden des Beiſammenſeins zu genießen. Wohl ſchön iſt's an der Seite der Geliebten zu tändeln, wenn draußen die Sonne ſengt und brennt, ein kühles Blätterdach ſich ſchützend ober den Häuptern wölbt, zu den Füßen eine friſche Quelle murmelt, welche die Liebesworte zu wiederholen ſcheint, und ein leiſer Luft⸗ hauch durch die Blätter ſäuſelt das Liebesgeflüſter des beglückten Pärchens gleichſam nachahmend; wohl an⸗ muthig iſt's auch mit der Geliebten zu koſen, unter Gottes lieben freien Himmel, wenn die Sonne, eben hinabge⸗ ſunken, die kühlenden Schatten heraufbeſchwört, wenn die Blumen ihren duftigen Buſen öffnen und die Luft mit Ambra ſchwängern, wenn die Nachtigall das letzte Liedchen flötet, dann ihr Ruheplätzchen ſucht und Alles ſo ſtill und ruhig wird, ſo traulich und wonnig, ach, wer da der ſüßen Minne pflegen könnte!— Aber am herrlichſten iſt's an der Seite der Geliebten in ſtiller Nacht, wenn die Erde, ein ruhig Grab, da liegt, das verrätheriſche Licht ferne, und trauliches Dunkel Alles umſchleiert hält, wenn nur winzige Sterne am blauen Bogen flimmern, des Mondes Silberlicht in leichten Wellen dahinzieht, und kein Lauf die ſüße Ruhe ſtört;— da wird es in der Seele Tiefen ſo ſchaurig ſtill. 192 das Herz horcht im leiſen Schlage ängſtlich nach der Außenwelt, jeder Laut dringt zu ihm, jeden Hauch fühlt es bebend, es ahnet die beglückende Nähe des ver⸗ wandten Herzens, jauchzt ihm entgegen und zerfließt in nie gefühlte Wonne, wenn der Buſen an dem Buſen ruht. Heiliger Gott, der Du über alle Welten thronſt, erhaben unanſchaubar, nicht durchdenklich, von dem das tiefſte Sinnen, der größte Aufſchwung des menſch⸗ lichen Geiſtes nur eine Ahnung zu ergründen ver⸗ mag, Du dreimal heiliger ewiger Gott, nur Du ver⸗ mochteſt, ſolch ein Gefühl in unſ re ſchwache Bruſt zu pflanzen, eine ganze Welt in den kleinen Raum zu ſchmiegen, ein flammendes All in die zerbrechliche Schale. Horch! jetzt klirrt ein Riegel am rückwärtigen Pförtchen des Gartens, eine Geſtalt ſchleicht herein, raſch ohne Verzug, eilt ſie in eine der Lauben und har⸗ ret in ſtiller Sehnſucht der kommenden Augenblicke. Jetzt rauſcht es geiſterhaft aus der Ferne daher; ein weißer Schatten ſchwebt durch die ſtillen Gänge, ätheriſch bewegt ſich die zarte Geſtalt, unhörbar leicht, wie eine Rauchwolke vom Winde angeweht, dahin fließt. In der Laube finden ſich die Liebenden, ihre Her⸗ zen ruhen wieder an einander die Lippen berühren ſich — 193 im weichen Kuſſe und vereinen ſich, als ſollten ſie ſich nie wieder trennen. „Mein Wohlmuth!“ hauchte die Jungfrau. „Agnes!“ liſpelte er und umſchlang die zarten For⸗ men, drückte ſie feſt an ſich, als wollte er die Förper in Einen zuſammen preſſen. Aengſtlich wandte ſich die Jungfrau aus der beengenden Lage, ihr Herz pochte ge⸗ waltig, das ſchaurige Dunkel der Laube wehte„ un⸗ heimlich an. „Komm Wohlmuth, komm heraus in die helle Kacht,“ bat ſi ſie den leidenſchaftlichen Jüngling,„das dunkle Blättergemach flößt mir Furcht ein— hier im Freien laß' uns luſtwandeln, zwiſchen den Blumen, den ſtummen Vertrauten unſerer Liebe, ſie mögen es vernehmen, das geſchwätzige Flüſtern— ſie verrathen uns nicht.“ Wohlmuth drückte die Geliebte an ſich.„Wie lange iſt es ſchon her“ begann er leiſe,„daß ich Dich, meine Herzensluſt nicht zu ſprechen bekam. Ach Agnes, die Zeit— ſie ſchleicht ſo langſam, ſo träge dahin; von einem Sonntage zum andern, wo ich Dich wenigſtens ſehen durfte, ſchien's mir eine Ewigkeit, mit Ungeduld ſah ich dem nächſten entgegen, wenn der frühere kaum verfloſſen war.“ Wien. I. 194 „Ging's mir wohl beſſer als Dir, Du ſüßer Schwärmer?“ verſetzte die Jungfrau.„Du ahnſt es nicht, mein guter Wohlmuth, wie unendlich mehr ich zu leiden und zu dulden habe. Du haſt einen treuen Freund gefunden, mit dem Du lebſt, in dem ſich Dein zweites Ich wiederſpiegelt. Ihr verplaudert die freien Stunden, theilt Euch Euern Kummer, Euere Sorge wechſelweiſe mit; der eine tröſtet den andern, einer ſteht dem andern freundſchaftlich bei, während ich allein da bin, ohne Mutter— ohne Freundin. Wer ſoll mich tröſten, wem ſoll ich mein Weh vertrauen, von wo ſoll ich Linderung erwarten, ich muß meine Liebe ſorgfältig im Herzen verſchließen— kann Niemanden meine Freude meinen Kummer mittheilen und dieſe Entbeh⸗ rung iſt für ein liebend Herz eine qualvolle, ſchwere Laſt!“ „Ach“ ſeufzte Wohlmuth,„wie lange wird ſie wohl noch währen, die ſchöne ſchmerz⸗ und freudenreiche Minnezeit unſeres Lebens?“ Agnes ſchwieg, ſie wagte es nicht die Frage zu beantworten, denn eine dunkle Ahnung machte aus dem zarten Herzen flüſtern, daß bald ein Sturm her⸗ einbrechen könne, der den ſtillen Meeresſpiegel zu einem Wellengebirge emporthürmen, und den Engel der Ruhe einer Taube gleich, aus ihrem Liebesgarten davon ſcheu⸗ chen werde; allein zum Troſte dieſes finſtern Bildes 195 ſah ſie im Geiſte hinter den ſchwarzen Wolkenmaſſen den goldigen Hoffnungsſtrahl hervorbrechen; der Sturm ſchwieg, die Berge ebneten ſich, ein verſöhnender En⸗ gel ſchwebte über die windesſtille Fläche— ein großer duftiger Kranz fiel herab, und umſchloß ſie und Wohl⸗ muth in einem Blüthenkreis. „Du weißt es wohl ſchon Geliebte“ begann Wohl⸗ muth wieder,„daß wir Morgen von hinnen ziehen?“ „Wohl hat mir der Vater die traurige Kunde be⸗ reits mitgetheilt“ entgegnete Agnes ſeufzend,„auch er geht mit, er wird Euer Führer ſein. Ach Wohlmuth! wer weiß, wenn ich Dich wieder ſehen werde?“— „Wenn? ſagte der Jüngling raſch,„in einigen Tagen gewiß.“ Agnes ſchüttelte das Lockenhaupt.„Wohlmuth“ begann ſie zitternd,„ſollte Dir nun etwas Leides geſche. hen, eine ſchwere Wunde, oder— heiliger Gott— etwa gar der Tod zu Theil werden, ich würde es nicht über⸗ leben, denn ich trüge die Schuld daran.“ „Du?“ fragte der Jüngling zärtlich. „Wer denn, als ich?“ klagte die Jungfrau,„hab ich nicht den unſeligen Zunder zuerſt in Dein Gemüth ge⸗ worfen, der Dich, um meine Hand zu erringen, in den Solddienſt trieb, o daß ich dieſen tollen Gedanken nie gedacht hätte.“ 196 „Du mein heißgeliebtes Leben„tröſtete der Jüng⸗ ling,„wozu dieſen quälenden Bildern Raum geben, er⸗ wehre Dich dieſer Gedanken, die, ſchwarzen Nachtvögeln gleich, Dein Gemüth durchzieh'n, hab' ich doch meinen Hannes in der Näh', er wird ſeinem Freunde kein Leid zufügen laſſen, ſo wie ich ihm als Schutz an der Seite ſtehen werde.“ „Wohlmuth!“ bat die Fungfran,„ſchone Deines Lebens, denke: daß an ihm ein zweites Leben hängt, deſſen Faſern in dem Deinen münden, und deſſen Fort- dauer von Deinem Wohlſein abhängt, ſei tapfer zwar, doch nicht tollkühn; denk' an mich und erwäge ſtets, daß Dein Tod auch der Meinige ſein würde. Dann noch eine Bitte Geliebter: mein Vater zieht mit Euch, be⸗ wach' ihn in der Schlacht und im Kampfgewühl, ſein Arm hat die Kraft nicht mehr wie der Deine, Du und Hannes könnt ihm viel nützen, wenn er vielleicht von uebermacht bedrängt, oder von Verrath umſponnen wird.“ Die Luſtwandelnden waren jetzt in der Nähe des Pförtchens angelangt, durch welches Wohlmuth herein gekommen war. Die Glocke tönte die Mitternachtsſtunde herab und Agnes drang in den Geliebten, die übrigen Stunden, der Ruhe zu pflegen, welcher er zur morgi⸗ gen Anſtrengung ſo ſehr bedürfen würde. * — 197 „So ſoll ich alſo ſchon fort?“ klagte der Jüng⸗ ling,„ſo ſchnell Dich verlaſſen— o meine Geliebte, ſe ſchwer bin ich noch nie von Dir geſchleden!“ Er drückte die Jungfrau an ſich, küßte ſie wieder und wieder und vermochte dennoch nicht, ſich von ihrem Herzen los zu reißen. Agnes drängte— und er mußte ſich endlich doch entſchließen, den ſchweren Rückweg an⸗ zutreten. „So leb' denn wohl, mein Leben!“ flüſterte er ihr zu,„ach, aus dem heiligen Paradieſe muß ich fort und in Kampf und Blutvergießen treten; ſtatt Blu⸗ menodem wird mich Pulverdampf umwehen, ſtatt Lie⸗ besgeflüſter werde ich den Donner unſerer großen Büch⸗ ſen hören. Agnes!“ rief er und ließ ſich vor der Jung⸗ frau auf die Kniee nieder,„Du heiliges Bild meines Herzens— gib mir Deinen Segen mit auf die blutige Wanderung!“ Wie ein Friedensengel ſtand die ſchneeige Jung⸗ frau vor dem knieenden Jünglinge, der, das Locken⸗ haupt entblößt, ſich tief vor der Huldin neigte; ſie ſenkte ihre Rechte auf ſeinen Scheitel, drückte die Linke an das eigene Herz, um ſeinen Sturm zu dämpfen; die erhabene Stille der Nacht heiligte die herzliche Weihe und der Mond hüllte die ganze Scene in ſein magiſch Silberlicht. 198 Schon lange ſtierte ein ſchwarzer Kopf über die Gartenmauer herein; jetzt ſtieß er ein brüllendes Ge⸗ lächter aus.— Wohlmuth taumelte auf, Agnes ent⸗ floh, während der Jüngling das Pförtlein raſch auf⸗ ſchloß und dem Lauſcher nachſtürzte. Er vernahm aber nur das Verhallen ſeiner Schritte ohne ihn ſelbſt errei⸗ chen zu können. Der Rriegezug. Der Morgen ſäumte noch immer, als es ſchon in allen Gaſſen und Straſſen der Wienerſtadt anfing le⸗ bendig zu werden. Die Trommler und Pfeiffer wirbelten das Zeichen zum Aufbruche und die Bedienſteten und Söldner ſtrömten heran, um ſich zu ſammeln und in Ord⸗ nung zu ſtellen. Schon am vorigen Tage waren alle Kriegsbedürfniſſe herbeigeführt und vor dem Schotten⸗ thore aufgeſtellt worden. Der Eckthurm neben dem Juden⸗ thurm, der Rathhausthurm, ja die Schranne ſelbſt waren zur Aufbewahrung des Pulvers beſtimmt, welches in der Pulverſtampfe beim Werderthor erzeugt, größtentheils aber aus Rürnberg hergeführt wurde. Die Büchſen— ſo nannte man damals die Geſchütze überhaupt— wa⸗ ren in dem Zeughauskaſten auf dem hohen Markt, auf dem Rathhauſe oben, auch in der Schranne aufbe⸗ wahrt. Die Geſchützkunſt war damals noch nicht in ſtarken Fortſchritten begriffen; ihre Büchſen, aus Ku⸗ 200 pfer oder Eiſen, zum Theil auch ſchon aus dem heuti⸗ gen Geſchützmetall erzeugt, waren ſchwer und ungelenk, ſelbſt ihre„kleinen kupfernen Büchſen auf Rädleins“ wozu Haufnitzen, Teraßbüchſen und Schlangen gehör⸗ ten, machten hievon keine Ausnahme; außerdem hatten ſie noch eiſerne Hakenbüchſen und Viertelbüchſen. Von allen Ecken und Enden ſtrömten die Theil⸗ nehmer des Kriegszuges herbei, um ſich vor dem er⸗ wähnten Thore zu ſammeln. Das war ein Drängen, Laufen und Reiten. Bekannte und Blutsfreunde woll⸗ ten ihre Angehörigen noch einmal ſehen und ſprechen, der Zuſchauer und Neugierigen gab es mehr als der Krieger; der Eine hatte einen Bruder, der Andere einen Sohn, der Dritte einen Freund dabei, den er noch herzen und koſen wollte; hin und wieder ſah man auch Thränen fließen, denn der Gedanke: daß ein oder der andere der Ihrigen nicht wieder heimkehren dürfte, drückte Manchen ſchwer auf das Herz. Wohlmuth und Hannes waren auch ſchon auf dem Platze, der Thurner und Kathrei an ihrer Seite. Die Troſtloſigkeit der Alten hätte bald auch die Söldner hingeriſſen, als plötzlich das Zeichen gegeben wurde und die Krieger ſich in Reih! und Glied ordnen mußten. Wiewohl dergleichen ſtädtiſche Heeresʒüge— beſonders in den letzten kriegsſchwangern Jahren— nichts Seltenes waren, indem man bald gegen 201 kaiſerliche Söldner, bald gegen Parteigänger, Raub⸗ ſoldaten, und endlich gegen die Ungarn ſelbſt auszuzie⸗ hen hatte, ſo war keine ſo großartige Heeresmacht als die Gegenwärtige aus den Mauern Wiens gezogen. Voran wurden geführt fünf kupferne Büchſen auf Rädleins, dann zwei eiſerne Büchſen und zwei Hauf⸗ nitzen, ſämmtlich mit dem ſtädtiſchen Wappen verſehen, an ihren Seiten ſchritten die Büchſenmeiſter mit den Zündruthen, gefärbte Federn wehten von ihren Häup- tern, übrigens ſchienen ſie ſo unbeweglich, wie ihr Ge⸗ ſchütz; dann kam ein Spiel, Trommel und Pfeifen, die einen gewaltigen Rumor machten— nicht etwa um den Takt des Schrittes anzugeben, ſondern um die Ge⸗ müther der Krieger zu erheben und zu erheitern; nun folgte der Bürgermeiſter hoch zu Roß, er war der An⸗ führer der Stadtdienſtleute, die in dreißig Gliedern, ein jedes Glied zu ſechs einherſchritten; ſie unterſchieden ſich in Schützen, Langſpieße und Kurzgewehr, hatten ihre Hauptleute, Fähndrich und Lieutenants und trugen an ihrer Rechten ebenfalls das Stadtwappen; übrigens waren ſie in Fähnleins abgetheilt und immer nach den Farben ihrer Fähnleins gekleidet, ſchwarz und gelb, oder roth und weiß; dann kam der Stadtfeldhaupt- mann, ebenfalls beritten; er war der Befehlshaber der Söldner, die zunächſt ihren Hauptmännern und Rot⸗ 202 tenmeiſtern zu gehorchen hatten; es waren ihrer zwei Flaſſen, Fußknechte und Reiter, der erſteren Fünf⸗ hundert, der letzteren Neunzig an der Zahl, hinter die⸗ ſen kamen die Streitkarren die zur Fortbringung ver⸗ ſchiedener Kriegsbedürfniſſe dienten; ihre Laſten beſtan⸗ den aus dem nöthigen Pulver, großen und kleinen Büch⸗ ſenſteinen und Bleikugeln, dann den verſchiedenen Le⸗ bensbedürfniſſen, zu deren Zubereitungen ſelbſt Köche und Küchenjungen mitwanderten, zuletzt die Heerhüt⸗ ten, die, groß und klein, damals ſchon aus Zwilch und Leinwand beſtanden. Außer dieſen hatten ſich noch viele Edle und Ritter mit ihren Dienſtleuten und Mannen angeſchloſſen, viele Bürger und Studenten; denn es galt ja einen gemeinſamen Feind der Stadt zu bekäm⸗ pfen, ſo daß der ganze Zug bei 2000 Föpfe ſtark war. Der Stand der Söldner und Stadtdienſtleute war zwar ein viel größerer als wir oben angeführt haben, allein, um während der Zeit der Abweſenheit jeden Ueberfall von der Nußdorfer Seite her abwehren zu können, mußte ein großer Theil derſelben zur Ueberwachung und Vertheidigung der Stadt rückgelaſſen werden, und dadurch waren die Streitkräfte ſchon in vorhinein ge⸗ ſchwächt. Die Menge der Zuſchauer durfte dem Zuge nicht weit folgen und mußte ſich beguemen, während dieſer m er ar ſe de ( 7) 8 te 203 langſam vorwärts wallte, in die Stadt rückzukehren. Der Thurner und Kathrei hatten in dieſer Beziehung einen Stein im Brete vor, denn vom Thurme aus blieb ihnen die Ausſicht leicht und unverwehrt, und Wohlmuths Mütterchen war vom Fenſter nicht weg zu bringen, trotz allem Zureden des Herrn Lorenz. Wer die Unbeweglichkeit einer damaligen Kriegs⸗ maſſe kennt, wird ſich gar nicht wundern, wenn wir erwähnen, daß das Heer erſt am Abend bei Stockerau anlangte, um dort ſein Lager aufzuſchlagen. Der böhmiſche Hauptmann hatte durch ſeine Kund⸗ ſchafter zeitlich genug die Ankunft der Wiener erfahren; da er ſein Hauptlager ungefähr anderthalb Stunden ober Stockerau aufgeſchlagen hatte, von wo aus er die Donaufahrt verwehren konnte, ſo zog er ſchnell ſeine Söldner zuſammen und entwarf mit ſeinen Verbünde- ten auf Hohenberg einen Plan, der gewiß den Vortheil auf ihre Seite bringen mußte. Eine ſtille friedliche Sommernacht war über die Fluren ausgegoſſen, die Sterne flimmerten hell von oben herab, als wollten ſie ihren Glanz nur ſo lange zur Schau ſtellen als der Mond noch in der Ferne weilte. In dem großen Zelte des Bürgermeiſters wurde 204 abermals des Raths gepflogen, wobei ſich nebſt dem Stadtfeldhauptmann und anderen kriegserfahrenen Be⸗ fehlshabern auch die kaiſerlichen Hauptleute Tiburtius von Zinzendorf, Caſpar von Lamberg, Andreas Gall und viele Andere einfanden. Der Plan des Angriffes wurde entworfen, und da man auf feindlicher Seite die Uebermacht wußte, ſo mußte man ſich die größte Wirkung von den Geſchützen verſprechen; es wurden daher dieſe auch am meiſten berückſichtigt. Man hätte kaum vermuthen ſollen, daß ein Mann, der wie Herr Stephan Den, meiſt nur mit ſtädtiſchen Rechts⸗ und Gerichtsgegenſtänden beſchüftigt war, auch in Kriegsſa⸗ chen ſo wahre treffende Bemerkungen zu machen im Stande ſei. Die Hauptleute bewunderten ſeinen Scharf⸗ ſinn und ſchämten ſich nicht, ſeiner Meinung beizupflichten. Zu derſelben Zeit ſaßen zwei junge Söldner ver ihrer Heerhütte und während die andern Kameraden der Ruhe pflegten, unterhielten ſie ſich in leiſer Zwieſprache miteinander;— es war Wohlmuth und Hannes. Es dürfte ſchen Mancher die Bemerkung gemacht haben: daß bei Jünglingen zwiſchen ſiebzehn und zwan⸗ zig Jahren ſowohl in körperlicher als geiſtiger Hinſicht die größte merkbarſte Veränderung vor ſich gehe. Beim weiblichen Geſchlechte tritt dieſe Periode früher ein, und ſie wird gewöhnlich zwiſchen dem fünfzehnten und 205 achtzehnten Jahre Statt finden; es verſteht ſich von ſelbſt daß das Klima, beſonders bei dem Frauengeſchlechte, hierauf einen bedeutenden Einfluß hat, und daß in den ſüdlichen Ländern, dieſe Periode viel früher herbei⸗ kömmt, als in den Nördlichen; allein wir ſprechen blos nur in Beziehung auf das Land in dem wir wohnen. Vor dem fünfzehnten Lebensjahre iſt das Mädchen ſchmächtig, ihr Körper unausgebildet, der Sinn kin⸗ diſch, nach Puppen und Spielzeug ſtrebend; allein plötzlich tritt die Veränderung ein; wenige Monate rei⸗ chen hin und die Jungfrau iſt herangebildet, mit der Fülle ihres Körpers nimmt das Ernſte ihres Sinnes zu, und wie ſie früher nur nach Tand und Flitter ge⸗ ſtrebt, ſo richtet ſie nun ihr Augenmerk auf Beſchäfti⸗ gungen, die innerhalb ihrer Sphäre im häuslichen Kreiſe liegen; ihre Beſtimmung von der früher nur eine Ah⸗ nung ihre Seele durchflogen, tritt nun beſtimmt vor ſie hin, und die Liebe iſt gewöhnlich die Sonne, in welcher all' dieſe Früchte heranreifen, um ſie mit dem ſegnenden Eheherbſte unter Dach und Fach zu bringen um im Winter davon zehren zu können. Beim Knaben ergibt ſich der nemliche Wechſel, nur viel langſamer, das Kräftigere bedarf auch mehr Zeit zu zeitigen und ſich heranzubilden. Er iſt gewöhnlich wild und ausge⸗ laſſen, keines ernſten Zieles gedenk, außer wenn es ihm 206 ſchon von Jugend auf von den Eltern geſetzt und vorge⸗ leiert wird, was gewiß ſehr thöricht iſt, da man nicht im Voraus weiß, zu was ſich ſein Geiſt eignen, zu welchem Stande er Luſt und Liebe hegen würde, nun bildet er ſich zum Jünglinge heran, der Kör⸗ per vervollkommnet ſich und mit ihm der Geiſt. Zwiſchen dem ſiebzehnten und zwanzigſten Lebensjahre iſt die gewaltige Kriſis, da gährt und tobt es in der engen Bruſt, ein ungewiſſes Sehnen durchſchleicht den Buſen, die Sinne faſſen Alles leicht auf und laſſen es eben ſo ſchnell wieder ſinken, der Wille iſt unbeſtändig der Ausführung vorherrſchend, der Lebensmuth hat ſei⸗ nen Culminationspunkt erreicht, auf dem er gewöhnlich lange zu weilen pflegt; Luftſchlöſſer werden gebaut, ſtürzen zuſammen und erſtehen wieder. In dieſer Pe⸗ riode ſcheiden ſich meiſtens die Lebenswege und es iſt beſtimmt, daß er bei den größten Theil zu dieſer Zeit der erſte Grund zum fernern Glück oder Unglück gelegt wurde. Auch in körperlicher Beziehung geht eine un⸗ glaubliche Veränderung vor ſich; Jünglinge, die man während dieſes Trieniums nicht geſehen, erkennt man ſchwerer, als andere, die uns vom zwanzigſten Jahre auſwärts, durch zehn Jahre ferne geblieben. An der Gränze dieſer Periode befand ſich nun Wohlmuth; auch er hatte ſich an Körper und Geiſt 207 merklich verändert, doch beiderſeits zu ſeinem Vortheile. Er war ein ſtattlicher Jüngling geworden, deſſen Züge ſich ſchon ausgebildet, deſſen Körper kräftig herange⸗ wachſen war; der wilde Ausdruck hatte ſich verloren, die Glut ſeines Auges war gedämpft— ſo verliert ſich das herbe Ausſehen der Frucht durch die zeitigende Sonne. Wiewohl keine erfahrne Hand da geweſen war, die ihn durch dieſen Strudel geleitet hätte, ſo thaten doch ſeine ihm innwohnende Güte und Leitbarkeit, ſein frommer Sinn das Ihre und die Liebe zog endlich, ein rathender Engel, an ſeiner Seite. Er war ein Kriegs⸗ mann wie ihn ſeine Vorgeſetzten nur wünſchen konnten, folgſam, ohne Widerrede und Starrſinn, gut und fromm, dabei aber nicht ohne Geiſtesgegenwart und Muth; da⸗ für wurde er auch von Allen geliebt, erhielt manches Geſchenk von ſeinem Hauptmanne und wurde bei jeder Gelegenheit hervorgezogen. Herr Stephan Den hatte der beiden Stadtkinder nicht vergeſſen, und bei dem Feld⸗ hauptmanne oft Erkundigungen über ſie eingezogen, und da ihm nur Gutes berichtet wurde, ſo beſchloß er im Einverſtändniſſe mit dem Hauptmanne ſie nach ihrer erſten tapfern Waffenthat zu befördern und ihre Lage zu verbeſſern. Die beiden Söldner ahnten es daher nicht, daß der kommende Tag ſo viel über ihr Lebensglück ent⸗ ſcheiden ſollte. 208 „Ob Morgen wohl ſchon der Kampf beginnen werde?“ fragte Wohlmuth den Freund, der ſeit einer Weile ſtumm an ſeiner Seite ſaß. „Wahrſcheinlich,“ erwiederte der Thurnersſohn, „haben wir doch nicht ſo viele Vorräthe mit, um da längere Zeit müſſig zu bleiben.“ „Ach, wer den Ausgang in Voraus beſtimmen könnte!“ ſeufzte Wohlmuth. Hannes lächelte über den unmöglichen Wunſch.— „Der Krieger ſoll immer mit Zuverſicht darauf hoffen“, entgegnete er.„Der Himmel wird unſere gerechte Sache nicht ſinken laſſen. Sind es doch Abtrünnige, denen wir entgegen ziehen, die zu unſerer Hilfe herbeigerufen, nun plötzlich ihre Schwerter gegen uns kehren und un⸗ ſerer Stadt Bedrängniß bringen.“ „Beim Himmel!“ rief Wohlmuth aufgeregt„ſie ſollen das Gewicht meiner Fäuſte verſpüren. Ach Hannes, denk Dir die Freude, wenn wir ſiegreich in die Stadt einziehen, und uns das Freudengejauchze der Bürger entgegenſchallt, wenn die Glocken uns begrü⸗ ßend ſchon über die Donau herüber tönen, als wären ſie die Grüße unſerer Lieben, wenn die Menge zum Empfang der Tapfern herbeiſtrömt, und den Befreiern ein„Willkommen“ zujubelt und wenn endlich meine Agnes ihrem Vater entgegenzieht und ihr Blick M — 8 8 8 209 mich trifft und mir Beifall lächelt, ach welch ein Lohn für ſo geringe That.“ „Das ſind Gedanken, die Jeden begeiſtern kön⸗ nen,“ erwiederte der Andere,„gewiß Wohlmuth, auch ich empfinde ähnliches mit Dir, auch mein Herz wird von Freude durchjubelt, denk' ich ſolchen Augenblickes und jede Minute Säumniß, dünkt meiner Ungeduld eine ewig lange Friſt.“— „Und doch,“ begann Wohlmuth wieder,„kann ich mich einer leiſen Ahnung nicht erwehren, die mir Unheil zu künden ſcheint. Hannes, es iſt nicht Furcht, nicht Bangigkeit vor dem kommenden Morgen; auch Feigheit darfſt Du's nicht ſchelten, aber eine innere Stimme ſagt mir's, daß nicht Alles ſo kommen dürfte, wie wir es wünſchen, und dieſe Stimme iſt ſo ſtark, daß ſie ſelbſt jene freudige Aufregung, die ich früher ausgeſprochen, laut übertönt. Hannes, wenn Einer von uns, oder etwa gar Keiner von Beiden rück⸗ kehren ſollte?“— Der Thurnersſohn ſchauderte unwillkürlich vor der finſtern Ahnung des Freundes und ſprach ſchwer athmend:„Dann möge ſich der Himmel unſer er⸗ barmen!“— Wir dürfen den beiden Jünglingen ſolche bange Augenblicke keineswegs verargen, denn ſelbſt alte vieler⸗ 18 210 probte Krieger, die ſchon unzählige Schlachten und Scharmützel mitgefochten, empfinden ſolche Regungen, die ihren Urſprung keineswegs der Furcht, ſondern in dem jeden Menſchen innewohnenden Gedanken über das dunkle unenthüllte Jenſeits haben.“ „Hannes!“ begann Wohlmuth nach einer Weile des Stillſchweigens,„was über uns auch hereinbre⸗ chen möge, laß' uns zuſammenhalten bis in den Tod; ſollte es jedoch das Schickſal beſtimmt'haben, daß nur Einer von uns rückkehren ſollte, ſo ſei ihm das Wohl unſerer Lieben und Theuern anheimgeſtellt. Er ſoll die Eltern überwachen, tröſten und ihnen ein lie⸗ bender Sohn ſein.— Hannes, ſollte ich auf dem Felde bleiben, ſo tröſte meine Agnes, ſie möge meiner ver⸗ geſſen und ihr Herz einem Andern zuwenden, nur ſoll ſie ſich vor dem Ebersdorfer wahren, denn er iſt ein böſer Menſch, den ich oft in ſchlechter Geſellſchaft getroffen habe; ach hätte ich die Stunden, die ich damals ſo herumgelungert, zu etwas Beſſerem ver⸗ wendet!— Doch was vorüber iſt, läßt ſich nicht mehr ungeſchehen machen.“ Er ſchwieg, eine warme Thräne floß über ſeine Wange und ein Händedruck des Freundes ſchien ihm Troſt zuzuſprechen. 211 „Laß Dich von ſo finſtern Gedanken nicht be⸗ meiſtern,“ ſprach dieſer,„ſie taugen nur dazu, das Gemüth herab zu ſtimmen und den Muth zu ſchwächen. Komm, laß uns den Reſt der Nacht der Ruhe pflegen, vielleicht zaubern Träume die ſüßen Bilder herbei, welche uns die Wirklichkeit zu geben nicht vermag.“ Beide krochen durch den niedern Eingang der Heer⸗ hütte, ſtreckten ſich auf das Lager, und waren bald von den Armen eines erquickenden Schlafes umfaßt. Die Nacht ſchritt vorwärts, ſich immer mehr ihrem Ende nähernd, ihr Schweigen war öd' und düſter, die Flur ſchlief— der Wald war verſtummt, ſeine Bewohner ruhten— nur der rieſige nimmermüde Strom rauſchte ununterbrochen herüber und ſtörte die nächtliche Stile. Ein falbes Dämmern im Oſten, war der erſte Vor⸗ bote des kommenden Tages; in jener Gegend begannen auch die Sterne zuerſt matt und matter zu werden; immer weiter zog der blaße Schein herauf, immer mehr erloſchen die Himmelslichter, das Grau der Nacht verſchwand, eine ſchwache Helle vertrat den Platz, jetzt röthete ſich das Gewölk, die Sterne tauchten unter, glühend ſprühte ein Strahl nach dem Andern am Himmelsbogen auf, wie ein freundlicher Sieger auf weißem Friedensroſſe ſtolzirte der lichtfunkelnde Tag;— ein Freudenruf durchbebte die Flur und wie die purpurne Roſe aus der grünen Knospe 212 ſpringt, ſo brach die Sonne aus der dunklen Wald⸗ krone herauf. Jetzt wurde es im Lager der Wiener lebendig. Die Heerhütten wurden abgeriſſen, die Reihen ordneten ſich, die fernen Wachpoſten wurden eingezogen, die Büchſen hergerichtet, und Alles zum Schlage fertig gemacht. Aber auch die Böhmen waren in ihrem Tabor*) nicht müſſig geblieben; ſie hatten zwar erwartet, noch in der Nacht angegriffen zu werden; allein zu ihrem Verdruße war dieß unterblieben, und unwillkommen war ihnen daher der Morgen, der nicht ſo leichten Sieg zu bringen drohte. Wazlaw würde zwar ſehr gerne den Feinden entgegen gegangen ſein; allein ſeine vortheilhafte feſte Stellung hieß ihn bleiben und den Angriff abwar⸗ ten. Herr Stephan Oen rückte gegen den Tabor vor, die ſchweren Büchſen wurden aufgeführt und nach der Reihe gegen die Verſchanzungen abgefeuert. Der Don⸗ ner der Geſchütze erſchütterte den Boden und rollte noch lange durch das jenſeits des Fluſſes gelegene Ge⸗ birge; die ſchweren Steinkugeln ſchlugen in das Erdreich der aufgeführten Schanzen, manche derſelben ſielen in deren Mitte und trafen wirkſamer; nun wähnte man, daß die Feinde hervorſtürzen würden und den Angriff *) Verſchanztes Lager. 213 beginnen; auf dieſe Art wollte man ſie nemlich hinter ihren Wällen hervorlocken— allein man irrte ſich; die Böhmen blieben ruhig im Tabor. Nun erfolgte die zweite Lage der Büchſen; derſelbe Erfolg, die Böhmen rührten ſich nicht. Die Söldner und Stadtdienſtleute ſtanden ſchon zum Anfall bereit und warteten nur des Angriffs, allein die dritte Salve erfolgte und im Tabor blieb es ruhig, wie früher. Da ſprengte der Feldhaupt⸗ mann zum Bürgermeiſter.„Verdammt nochmal, Herr Bürgermeiſter!“ rief er dem Herrn zu,„mir ſcheint die Hunde haben bei Nacht und Nebel Reißaus ge⸗ nommen und ein Paar Vogelſcheuchen zur Schrecke rückgelaſſen.“ „Der Meinung bin ich nicht!“ rief Herr Stephan Oen.„Ihr kennt die Böhmen nicht Herr Feldhaupt⸗ mann, die laſſen ſich den Pelz vollſchießen, denn ehe durch die harten dicken Schädel eine Kugel geht, müßte ſie dreimal ſo feſt und zehnmal ſo groß wie die unſern ſein. Der Mittag war herangenaht, jedes Geſchütz war fünfmal abgefeuert worden und die Böhmen rührten ſich noch nicht. Man glaubte nun darauf ſchließen zu kön⸗ nen, daß ſie durch Zögern wieder den Anbruch der Nacht erwarten wollten. Um nun dieſem zuvorzukommen, wurde der Sturm auf den Tabor anbefohlen. Die 21¹4 Trommeln wirbelten und die Fußknechte begannen den Lauf. Nun waren auf einmal die Schanzen voll böh⸗ miſcher Söldner, die unter fürchterlichem Kriegsgeſchrei den Angriff abwehrten. Die Stürmer wollten ſich aber auch nicht abſchrecken laſſen und erkauften jede Fuß⸗ breite des Bodens mit ihrem Blute. Das Kriegsge⸗ tümmel hallte durch die weite Ebene und benachrichtigte die Rückwärtigen, daß das Handgemenge bereits be⸗ gonnen habe. Da der Böhmerhauptmann mit ſeiner ganzen Macht auf eine zu kurze Vertheidigungslinie der Schanzen beſchränkt wat und auf dieſe Art nicht vor⸗ theilhaft hätte wirken können, ſo ließ er zu gleicher Zeit rechts und links zwei Haufen herausbrechen, die gleichſam die Stürmenden in die Seite nehmen ſoll- ten; allein nun eilten die berittenen Söldner vor, hin⸗ ter ihnen die Fähnlein der Stadtdienſtleute, die frei⸗ willigen Ritter und Edlen mit ihren Mannen, und der Kampf entbrannte auf drei Seiten zugleich. Er währte lang und unentſcheidend: während auf der einen Seite Uebermacht und Tollkühnheit, war auf der andern mehr wahre Tapferkeit und geregelte Kunſt, und wer weiß, welchen Ausgang er genommen hätte, wäre nicht eine Liſt im Spiele geweſen, die den Städtern Verderben bringen ſollte. Das Kampfgetümmel und Gemetzel war eben zur — 215 Reife gediehen, als plötzlich von rückwärts die mit den Böhmen verbündeten Ritter mit ihren Knechten und einen Haufen böhmiſcher Söldner hervorbrachen und ſich zum Nachtheile der Wiener in den Kampf miſchten. Dieſe hatten ſich nemlich auf Hohenberg verſteckt gehal⸗ ten, Kähne zu ihrer Ueberſchiffung waren bereit, ſie eilten nun, ſobald ſie durch Schüſſe den Beginn des Kampfes erfuhren, herüber und fielen dem Feinde in den Rücken. Bei Nacht, wie ſie gehofft hatten, wäre dieſe Liſt viel wirkſamer geweſen, allein ſie verfehlte auch am Tage ihren Zweck nicht. Die Verwirrung nahm nun über⸗ hand, die Maſſen der Feinde drohten das Häuflein der Städter zu erdrücken, aber ſie wichen dennoch nicht, wiewohl ihre Reihen ſchon ganz aufgelöſt waren und ſo in zerſtreuten Gruppen kämpften. Anfangs hielten ſie zwar den Andrang aus; allein ihre Rotten lichteten ſich, ihre Kräfte waren im Abnehmen, ſie begannen zu wei⸗ chen; früher langſam, Schritt vor Schritt, dann aber immer ſchneller— bis ſich der Rückzug in eine totale Flucht auflöſte. Während des ganzen Kampfes hatten Wohlmuth und Hannes heldenmüthig neben einander ausgehalten, im Sturm waren ſie voran— beim Weichen die Letzten. Als die Auflöſung herbeigeführt war, und der Kampf ſich vereinzelt hatte, blieben die Jünglinge noch immer 216 feſt geſchloſſen und kämpften wie recht erprobte Krieger. Da plötzlich gewahrte Wohlmuth den Bürgermeiſter in großer Bedrängniß. „Hannes!“ rief er dieſen zu,„Herr Stephan Den iſt umrungen, komm' laß uns ihm beiſtehen!“ Noch Ei— nige geſellten ſich zu ihnen und das Häuflein ſtürzte dahin, wo der ritterliche Bürgermeiſter von Feinden eingeſchloſſen, ſich löwenmüthig vertheidigte. Die Hilfe kam zur rechten Zeit, denn ſein Arm begann ſchon zu erſchlaffen, und nimmer lang hätte er ſich halten kön⸗ nen. Die Söldner fielen in den Haufen und machten dem Rathsherrn Luft; allein nun ſtürmte Schikentanz mit ſeiner wilden Rotte herbei, ihre Schwerter met⸗ zelten erbärmlich unter den Söldnern. „Rettet Euch gnädiger Herr!“ rief Wohlmuth dem Bürgermeiſter zu„wir wollen Euern Rückzug decken“. Herr Stephan Oen warf dem Jüngling einen dankbaren Blick zu und ſprengte davon, um Hilfe zu holen, allein das kleine Heer war ſchon auf der Flucht begriffen, nur Wenige hielten noch aus. Indeſſen kämpfte das Häuflein fort; da fiel ein gewaltiger Schlag von eines Ritters Schwert und Hannes ſtürzte an Wohlmuths Seite zu Boden. „Wohlmuth!“ ächzte er,“ grüß mir——— 217 „Den Teufel!“ brüllte Schikentanz, ſchwang ſei⸗ nen Raufdegen und ſchleuderte Wohlmuth die Wehr⸗ waffe aus der Hand.„He Kameraden fangt einige dieſer Stadtbuben, ſie tragen Löſegelder ein!“— Auch dieſes Häuflein— das letzte der Städter auf dem Schlachtfelde wurde umrungen, einige niederge⸗ macht, ondere wieder— unter ihnen Wohlmuth— ge⸗ feſſelt, und von den Rittern als Kriegsgefangene fort⸗ geführt. ⸗ Die Sonne war eben im Untergehen, ihr letzter blutiger Strahl fiel mitleidsvoll auf das leichengefüllte Schlachtfeld und beleuchtete die wilden Geſichter der nach Beute ſuchenden böhmiſchen Raubſöldner. „ Die Schreckenskunde dieſer Niederlage langte nur zu bald in Wien an; mit Bangen ſah man den Rück⸗ kehrenden entgegen und zweifelte unter Furcht und Angſt, ob man die Seinigen vermiſſen würde oder nicht. Am Mittage des andern Tages ſaß die Freifrau von Ebersdorf in ihrem Kloſett und harrte des Ge⸗ heimſchreibers, der nach Wien geeilt war, um Kunde über den Erfolg des ſtädtiſchen Zuges einzuholen, denn Wien. I. 19 218 auch auf ihre Sicherheit hatte das Gelingen deſſelben bedeutenden Einfluß, weil die Raub-⸗Söldner bei ſtei⸗ gendem Kriegsglück ihre beutegierigen Hände auch nach den einzeinen Schlöſſern und Edelſitzen auszuſtrecken im Stande waren, da erſchien plötzlich ein Bote und be⸗ gehrte mit der Freifrau zu ſprechen— er wurde einge⸗ laſſen und vor die Dame gebracht. „Gnädige Frau“ begann er,„ich komme ſo eben durch die Aue da unten; da liegt ein einzelner Ritter der bis auf den Tod verwundet iſt; er läßt Euch bit⸗ ten, Ihr möget ſchleunig hinabkommen, dann er habe Euch Wichtiges vor ſeinem Tode anzuvertrauen.“ Da der Bote auf ihre Fragen keine genügende Auskunft geben konnte und weder die Perſon des Ver⸗ wundeten zu beſchreiben, noch ihren Namen zu nennen wußte, ſo eilte die Dame, theils durch ihr gutes Herz, theils aber durch Neugierde bewogen, hinab, und ſolgt dem voraneilenden Boten. Manche Zweifel und Muthmaßungen bekämpften ihr Herz; bald meinte ſie: es wäre der auf dem Zuge verwundet gewordene Schwager, denn ſie wähnte im⸗ mer, daß er ſich den Städtern angeſchleſſen habe, oder — dabei pochte ihr Herz gewaltig— ſollte vielleicht Ja⸗ roslaus ein Unglück viderfohten ſein?— Angſtſchweiß rieſelte ihr über die Stirne. — 219 In kleiner Entfernung vom Schloſſe erhob ſich ein dichtes Gehölz; als ſie bei demſelben anlangten, blieb der Bote plötzlich ſtehen. Die Dame glaubte nun ſchon in der Nähe des Sterbenden zu ſein, allein jener ließ einen gellenden Pfiff ertönen, verlor ſich eilig unter den Bäumen und Herr Ulrich trat ihr mit den höhniſch aus⸗ geſprochenen Worten:„Guten Tag Frau Schwägerin!“ entgegen. Elsbeth erzitterte, denn ſeine Augen funkelten, ſeine Rechte ruhte auf der Bruſt und hielt den Griff eines Dolches krampfhaft umfaßt. „Wir wollen nicht viel Worte verlieren,“ fuhr er barſch fort, und erfaßte mit der Linken ihre Hand. „Wollt Ihr mir Schloß Ebersdorf mittelſt eines Geſchriftes übergeben?“— Die Dame zitterte wie Eſpenlaub.„Mein Gett!“ ſtammelte ſie erſchrocken. „Macht's kurz bitte ich, Ja oder Rein, wollt Ihr?“— dahei riß er den Dolch aus der Scheide und ſchwang ihn über ihr Haupt,„wir ſind allein und zeugenlos, entſchließt Euch ſchnell!“ Die Augen der Freifrau umflorten ſich, ſie ſah den funkelnden Stahl über ihrem Haupte blitzen, ihre Sinne ſchwanden. Ulrich hielt die Ohnmacht der Dame für Verſtellung, und wollte ſchon die Mordklinge in ihre „ 220 Bruſt ſenken, als er ſich plötzlich am Arme feſtgehal⸗ ten fühlte. Er blickte zurück— und Schikentanz ſtand als Landmann verkappt hinter ihm. „Alle Teufel!“ rief er,„Schikentanz, was machſt Du da?“— „Dich Brüderchen hab' ich geſucht,“ erwiederte Jener nicht ohne Hohn, Du haſt Dich aus dem Staube gemacht, weil uns die Stadtratten eine harte Nuß zum Knacken vorwarfen— hübſch weit vom Schuß iſt ſicher. Nun wir haben's ohne Dich ausgefochten, aber ich hab' von Deiner Seite Unheil gewittert, deßwegen bin ich hergeeilt.— Du willſt Deiner Schwägerin den Garaus machen, das hätte auch ich zu wiſſen gebraucht. Warum thateſt Du ſo geheim mit dem Plänchen?“— Ulrich ſchwieg. „Weil Du mich übervortheilen wollteſt,“ lachte Schikentanz höhniſch,„nicht wahr Brüderchen, o wir kennen uns; doch beim Teufel! aus dem Vorhaben wird nichts Freund Ulrich.“ „Das wollen wir ſehen,“ brüllte der Ebersdorfer ob des Hohnes erzürnt und ſchwang zum zweitenmal den Dolch. „Ulrich!“ ſchrie Schikentanz,„halt' ein, einen Ruck noch mit Deiner Hand und Du haſt von mir Alles zu befürchten!—“ 221 „Ich habe Niemanden zu fürchten,“ ſchrie der Ebersdorfer, vor Wuth außer ſich,„am allerwenigſten einen— Geächteten, einen Vogelfreien!“ „Teufel!“ ſchäumte Schikentanz wie ein verwunde⸗ ter Eber und knirſchte mit den Zähnen„mich willſt Du höhnen, elender Wicht, ſo wiſſe denn: der Bu⸗ be, den ich von Dir einſt zum morden überkam, lebt und ſoll Dir zum Schaden und Trotz, aus ſeinem Dunkel hervorgezogen werden.“ „Ted und Teufel!“ brüllte der Ebersdorfer, ließ die ohnmächtige Dame ſinken und taumelte mit ſtarrem Blick wie bewußtlos an einen Baumſtamm. Schikentanz aber nahm raſch die ohnmächtige Frei⸗ frau in ſeine Arme und trug ſie eilends gen Schloß Ebersdorf. Jaroslaus, an der Spitze einiger Knechte kam ihm ſchon ſuchend entgegen, der verkappte Ritter übergab ihm die Dame und verlor ſich ohne weiterer Erklärung aus der Gegend. Ende des erſten Theils. Seite — C 4 4 6 4 4 * Verbeſſerungen zum erſten Bande. 38 Zeile 5 von oben, ſtatt: weit hinreichende, lies: 38 43 44 47 52 54 69 82 105 124 129 137 145 194 4 8 4 4 * * 4 C 4 4 4 4 4 & 9 25 10 17 23 22 24 23 8 14 25 23 13 20 & 4 4 & C & 4 4 4 4 4 4 4 4 C & 4 4 C 4 4 4 4 4 4 & 4 4 weithin reichende. xzu hoch Roß, l. hoch zu Roß. „Schneeppermaul, l. Schnep⸗ permaul. „Gefäß, l. Geſäß. „Windſchnelle, l. Windes⸗ ſchnelle. sveranſtalt, l. veranſtaltet. «werden, l. worden. «großer, l. großen. «Weib der Silber, l. Weib dir Silber. verinnen, l. verrinnen. 4 wo dieſer beſonders, l. wo dieſer, beſonders. „Bruder, l. Brüder. «von Roſt, l. vom Roſt. «den, l. denn. s machte, l. mochte. — — 82 — Von Eduard Breier iſt noch bei uns erſchienen: Yer Fluch des Rabbi. Romantiſches Sittengemälde aus dem KXV. Jahr⸗ hundert. 1841. Velinpap. elegant geheftet. Der Rönigsenkel. Die Schlacht bei Mohäes. Zwei hiſtoriſch⸗romantiſche Erzählungen. 1841. Velinp. elegant geheftet. Die Tartaren in Croatien und Palmatien. Hiſtoriſches Gemälde aus den Zeiten König Bela IW. 1841. Velinpap. elegant geheftet. Von demſelben Verfaſſer erſcheint bei uns künftig: Die Vußziten in Tuditz. Hiſtoriſcher Roman aus dem fünfzehnten Jahrhundert. Ferner iſt bei uns erſchienen und zu haben: Der Rrüppel von Merona. Hiſtoriſche Novelle in 2 Bänden, von Emanuel Straube. Von demſelben Verfaſſer erſcheint künftig bei uns: Die Peſt in Wien. Hiſtoriſche Novelle, aus dem erſten Viertel des achtzehnten Jahrhundert. Die Schweden vor Brünn. Hiſtoriſche Novelle. — — ————————— —— ————— ——————