————————————— 8 2 * — ) Leihbiblivthet deutſcher, engliſcher und franz von S Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothet ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2 hesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. öſiſcher Literatur Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 5——————— 5 ſuf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 Auswärtige Wonnenten haben für Hin⸗ und Zuräcſ endung der e auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. Schadenersatz. Für zerriſſene, verlorene und ete Bücher(namentlich be ſolck hen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— 57 das zerriſſene, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Sheil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 73 ne Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf Suſnetiſan gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir⸗ auch dafür zu ſtehen haben. — ſi — Mrs. Pray's Hiſtoriſche Romane. Achtzehnter Band. W a Dritter Theil. In demſelben Verlage iſt ferner erſchienen: Bray, Mrs., de Foir; oder: franzoſiſches Leben im vier⸗ zehnten Jahrhundert. Ein Zeit⸗ und Sitten⸗Gemaͤlde. 3 Theile. 8. 1 Thlr. 12 Gr. ——, die Weißkappen; oder: Anna von Gent. Ein Riederlaͤndiſches Gemalde. 3 Theile. 8. 1 Thlr. 12 Gr. ——, der Proteſtant. Ein Nachtſtuͤck aus der Re⸗ gierung der„blutigen“ Koͤnigin Maria. 8. 3 Theile. 4 Thlr. ——, Fitz of Fitz⸗Ford. Eine Sage aus Suͤd⸗Eng⸗ land, aus den Zeiten der Koͤnigin Eliſabeth. 3 Theile. 8. 4 Thlr. ——, der Talba von Portugal; oder: Schickſale der Ines de Caſtro. Ein Bild aus der Maurenzeit. 3 Theile. 8. 4 Thlr. Hauch, Prof. C., der Goldmacher. Eine Schilderung aus der erſten Haͤlfte des vorigen Jahrhunderts. 2 Theile. 8. 2 Thlr. 12 Gr. In gemann, B. S., Koͤnig Erik und die Geaͤchteten. Ein Zeit⸗ und Sitten⸗Gemaͤlde aus den letzten Tagen des dreizehnten Jahrhunderts. 3 Theile. 8. 2 Thlr. 16 Gr. Ritter, der finſtere; oder: Die Belagerung Kopenha⸗ gen's unter Friedrich dem Dritten. Ein hiſtoriſches Phantaſieſtuck aus der zweiten Hälfte des ſiebzehnten Jahrhunderts. 2 Theile. 8. 2 Thlr. Trollope, Mrs., Leben und Sitte in Nordamerika. Nach der vierten Auflage aus dem Engliſchen uͤber⸗ tragen. 3 Theile. Mit 24 Darſtellungen in Stein⸗ druck. 8. 3 Thlr. 16 Gr. — Vistorische Romane der Mrs. Anna Eliza Bray. „Verweg'ner Krieg und treue Liebe Und ernſte Wahrheit in der Dichtung Schmuck.“ Gray⸗ Nach der zweiten Auflage aus dem Engliſchen uͤbertragen. Achtzehnter Band. Warleigh. Dritter Theil. iel, univerſitäts⸗Buchhandlung. 1 838. Warleigh; oder: Die verhaͤngnißvolle Eiche. Eine Legende aus Devon, von Mrs. Anna Eliza Pray. ——„Manch ſagenhaft Geſchichtchen Hing um die Berg' herum, und manches Märchen Bevölkerte die düſtern Forſt' und nährte Die Phantaſei in ihrem zart'ſten Keim.“ Ausflüge, 16 Buch. Nach der zweiten Auflage aus dem Engliſchen uͤbertragen von Dr. G. N. Bärmann. Dritter Theil. el, univerſitats⸗Buchhandlung. 1838. Stimmen aus Deutſchland uͤber die Schriften der Mrs. Bray. Der Phoͤnix. 1836. No. 97. „— Die hiſtoriſchen Romane der Mrs. Bray haben die Vergleichung mit denen W. Scott's nicht zu ſcheuen.— Die hiſtoriſche Treue iſt gewiſſenhaft beobachtet, der Styl klar und compact.“ Gersdorf's Repertorium der geſammten deutſchen Literatur. 1834. 3r Bd, 6s Heft, S. 577. „— In Wahrheit, die Romane der Verfaſſerin ver⸗ dienen alle Aufmerkſamkeit, und Referent bereut es nicht, ſich mit ihnen näher bekannt gemacht zu haben.— So wenig wir hier auf Details eingehen können, ſo muͤſſen wir doch die beſondere Friſche der Auffaſſung und Dar⸗ ſtellung, ſo wie die durchgängig ſich ausſprechende ſittliche Zartheit hervorheben.“ Originalien. 1836. No. 57. „— Von allen Nachahmern, welche der ſchottiſche Lafontaine gefunden, iſt Niemand auf wuͤrdigere Weiſe in ſeine Fußſtapfen getreten, als Mrs. Bray.“ Der Freimuͤthige. 1836. No. 70. „— Mrs. Bray darf unbedenklich zu den erſten Potenzen ihres Geſchlechts gerechnet werden.— Sie er⸗ VIII zaͤhlt friſch und lebendig. Alles bildet ein natuͤrliches, ſchoͤnes Ganzes, und ſein Gewebe iſt ohne Tadel. Ich haͤtte nicht geglaubt, daß es nach W. Scott noch moͤg⸗ lich ſein koͤnnte, zu glaͤnzen; die hiſtoriſchen Romane die⸗ ſer Englaͤnderin ſind der leibhaftige Beweis vom Gegen⸗ theil, und ein Beweis, gegen den ſich kaum Etwas ſa⸗ gen laͤßt.— Stellen laſſen ſich nicht ausheben; es iſt Al⸗ les aus Einem Stuͤck gegoſſen.“ Der Freimuͤthige. 1836. No. 118. „— Alle fuͤnf hiſtoriſche Romane der genannten Eng⸗ laͤnderin gleichen ſich in ihren Tugenden; die Vorzuͤge jedes einzelnen haͤngen weniger von der Bearbeitung, als von den hiſtoriſchen Stoffen ab. Alle laſſen das Talent der Verfaſſerin bewundern, welche Eignes und Fremdes, Wahres und Erdichtetes ſo innig zu verſchmelzen verſtand, die einzelnen Thatſachen ausarbeitete und in Folgen und Wechſelverbindungen mit einer Kunſt ergaͤnzte, welche viele unſerer jetzigen Romanſchreiber hinter ſich läßt. Un⸗ ſere Schriftſteller in dieſem Fach idealiſiren auf eine bi⸗ zarre Weiſe, weil ſie zu wenig Weltkenntniß haben, und fuͤhren uns Geſtalten vor, welche weder Leben noch Blut zeigen. Ja ſelbſt die, deren Figuren noch am greifbar⸗ ſten, concreteſten ſind, reichen nicht an das ruhige Leben und die Natur, welche ſich in den Romanen der Mrs. Bray vor uns ausbreitet, und da der Geiſt derſelben ein ſolcher iſt, dem man durchgehends ſeinen Beifall ſchenken muß, ſo koͤnnen ſie auch nicht ohne Segen blei⸗ ben. um des Guten willen, das ſie ſtiften können, wuͤn⸗ ſche ich, daß dieſe Weiſe der Romanſchriftſtellerei allge⸗ mein werden moͤge.“ Der Planet. 1836. No. 115. „— Dieſer Roman(der Talba von Portugal) iſt ganz ſeiner Vorgänger wuͤrdig, und man kann nicht um⸗ hin, mit voller Seele in das englaͤndiſche Urtheil einzu⸗ ſtimmen:„Es iſt nur Gerechtigkeit, zu geſtehen, daß die Werke unſerer erſten dramatiſchen und epiſchen Dichter ſehr wenige Schoͤnheiten enthalten, mit welchen Mrs. Bray nicht den gluͤcklichſten Wettkampf beſtanden haͤtte.“ Abendzeitung. Blaͤtter fuͤr Literatur und bil⸗ dende Kunſt. 1836. No. 70. „— Die Treue bei der Darſtellung der hiſtoriſchen Facten verdient lobenswerth genannt zu werden.— Be⸗ trachten wir Mrs. Bray als Romanſchreiberin, ſo kann man nicht leugnen, daß ſie wirklich ein ausgezeichnetes Talent beſitzt.— Die Charakterzeichnung iſt meiſtentheils feſt, conſequent und klar; ſelbſt die Nebenfiguren treten in eigenthuͤmlicher, wenn auch gewöhnlich nur aͤußerlicher Geſtaltung hervor.— Der Romanſtoff iſt mit den hiſto⸗ riſchen Facten ſtets ſehr gut verwebt und ſo vertheilt, daß das Intereſſe nicht leicht erkaltet.— Die Sprache der Mrs. Bray iſt unbedingt zu loben; es paart ſich darin Gewandtheit mit Kraft, Leichtigkeit mit Tiefe und jene Modulation, die ſich ſtets den Ereigniſſen, Perſonen und Situationen anpaßt, und mit denſelben zweckmaßig ſteigt oder fällt. De Foix.— Froiſſart hat den groͤßten Theil des Stoffes geliefert, und man kann das Buch fuͤglich als eine Art Chronik betrachten. Die Weißkappen.— Man kann den Roman ſelbſt faſt als Chronik empfehlen, ſo vollſtändig berichtet die Verfaſſerin die einzelnen Begebenheiten.— Daß ſich auf dem Schlachtfelde, wo die heldenmuͤthigen Buͤrger von Gent ihre Kämpfe mit dem Hofe ausfochten, reicher Stoff zu einem romantiſchen Gemaͤlde darbot, iſt ſehr klar, und die Verf. hat dieſe Felder zu genau durch⸗ forſcht, als daß ſie, von Natur mit einem feinen Tacte begabt, das Paſſende nicht hätte finden ſollen.— Der Roman iſt wirklich ſehr gelungen; die hiſtoriſchen Perſo⸗ nen ſind ſaͤmmtlich anziehende Erſcheinungen, welche die Verf. geſchichtlich treu wiedergegeben hat. Der Proteſtant.— Dieſer Roman iſt unſtreitig P der gelungenſte der Verf. Das Leben des proteſtantiſchen Geiſtlichen Owen Wilford und der Seinigen bildet ein einfaches, gemuͤthlich freundliches Familienbild, in wel⸗ chem der gottergebene Geiſtliche die Hauptfigur ausmacht, ohne deshalb den uͤbrigen eben ſo gut ausgefuͤhrten Per⸗ ſonen das Intereſſe zu nehmen. In den Leiden und Ver⸗ folgungen dieſer Familie ſpiegelt ſich jene fuͤrchterliche Zeit ab, als Maria von Lothringen, als Regentin von Eng⸗ land, die man nicht mit Unrecht die„blutige“ nennt, nach dem ſchrecklichen Ruhme rang, mit Spanien und Rom zu wetteifern in fanatiſcher Verfolgung und grau⸗ ſamer Ermordung der Proteſtanten. Fitz of Fitz⸗Ford.— Eine Legende aus Devon⸗ ſhire, reich an Schreckniſſen und Verwirrung, liegt die⸗ ſer Erzaͤhlung zum Grunde.— In keinem ihrer Romane zeigt ſich die Liebe der Verf. zum Stoffe und ihr Fleiß in der Ausfuͤhrung deutlicher, wie in dieſem. Der Talba von Portugal.— Die hiſtoriſchen Charaktere ſowohl, als die von der Verf. ſelbſt geſchaffe⸗ nen ſind gelungen zu nennen, und unter den letzteren iſt beſonders der Talba ein eben ſo tuͤchtig ausgefuͤhrtes als anziehendes Bild. Der deutſche Ueberſetzer hat ſaͤmmtliche Romane mit Fleiß und Liebe gearbeitet; die Sprache iſt durchgehends rein und fließend. Druck und Papier ſind ſchoͤn. Blaͤtter fuͤr literariſche Unterhaltung. 1836. No. 157, 158. „— Von Mrs. Bray koͤnnen alle deutſchen Ro⸗ mantiker lernen, wie man Natuͤrlichkeit mit Wirkung ver⸗ einigt, wie man anziehend, lehrreich, im hoͤchſten Grade unterhaltend erzählen kann, ohne der Schicklichkeit, den Geſchmackgeſetzen, der Naturwahrheit jemals zu nahe zu treten. Ihre ruhigen, ungemein beſonnenen, ſpiegelhellen Gebilde laſſen eben in ihrer Ruhe einen tiefen Eindruck in der Seele zuruͤck, und wir haben Kinder, Maͤnner und bejahrte Frauen ſich auf gleiche Art an ihnen erfreuen . S— M— S6b— XI ſehen. Wir ſind nicht zweifelhaft, welchem Reize in ih⸗ ren Darſtellungen dieſer Erfolg zu danken ſei. Es iſt zuvoͤrderſt ein tiefes, religios⸗ethiſches Element, in dem die Erfindungen dieſer Schriftſtellerin gleichſam ſchwim⸗ men und das ihnen eine ſo ungemeine Wirkung mittheilt, gegenuͤber den principienloſen, in ſich häßlichen, ſatani⸗ ſchen Gebilden der neueſten franzoͤſiſchen Schule des Ro⸗ mans. Naͤchſtdem iſt es ihre ruhige Klarheit, die uns zu ihnen hinzieht. Wir wagen nicht zu viel, wenn wir den Anblick ihrer Gemaͤlde, was ihre Erfindung betrifft, mit dem Anſchauen irgend eines claſſiſchen Werkes der bildenden Kunſt des Alterthums vergleichen. So ſtill und uͤberſichtlich wie die Geſtalten einer Niobe, einer Minerva, ſtehen auch die ihrigen vor uns da, jeder Anſchauung of⸗ fen. Nirgend wird etwas Gewaltſames, ein hervorbrechen⸗ des Streben, nirgend Haſt oder Zwang ſichtbar; der Strom ihrer Erzählung fließt leicht, zwanglos, unge⸗ hemmt und— um ein oft gebrauchtes Bild noch einmal zu gebrauchen— wie ein Bach, der zwiſchen Blumen⸗ ufern murmelt, dahin. An keiner Stelle huͤpft oder ſpringt er uͤber Hinderniſſe hinweg; ſein ganzer Lauf iſt ſo be⸗ ſonnen gewählt, ſo klar angeſchaut, daß wir ihn wie ei⸗ nen Silberfaden von einem Ende zum andern ſtets deut⸗ lich uͤberſehen. und doch fehlt es in ſeinem Laufe nicht an reizendſter Abwechſelung; aber dieſe gibt ſich unge⸗ ſucht, ſie iſt immer vollkommen naturgemaͤß und ver⸗ raͤth niemals Abſicht oder Anſtrengung. Wir erkennen in Mrs. Bray's Dichtungen einen feinen, geſchmackvoll gebildeten Geiſt, und nehmen in ihnen wahr, daß die Grenzen des Schoͤnen nicht uͤber das Ermeßbare hinaus⸗ gehen; kurz, daß es nicht nothig iſt, ſtets Himmel und Hoͤlle in Bewegung zu ſetzen, um zu gefallen und das Schoͤne darzuſtellen. Eine reiche Lebensbeobachtung und gruͤndliche Studien kommen dem großen Darſtellungsta⸗ lente der Dichterin zu Huͤlfe; doch ſehen wir nirgend eine uebertreibung oder Vorliebe, ſei es für die reflective, oder fuͤr die thatſächliche und die hiſtoriſche Seite des Romans. Sie malt und ſchildert nicht breit und langweilig, wie Cooper, ihre moraliſchen Reflexionen dringen ſich nirgend XI auf, ſie gehen aus den Gemuͤthszuſtaͤnden hervor, die ſie eben bildet. Mrs. Bray erſcheint niemals hinge⸗ riſſen, ſie beherrſcht ihren Stoff und die Handelnden; ſie kennt ihr Ziel, ihre Grenzen, und in ihrer ſelbſtbe⸗ wußten Seele ſpiegelt ſich immer das Bild rein wieder, an dem ſie gerade arbeitet. Dieſer Charakter innerſter Harmonie, der ihre Dichtungen auszeichnet, bildet ihren vorzuͤglichſten Reiz. Den reinen Zweck angenehmer Unterhaltung in's Auge gefaßt, glauben wir nicht, daß die erzählende Kunſt hoͤ⸗ here Erfolge erreichen koͤnne, als bei Mrs. Bray ge⸗ ſchieht. Sie beſchwichtigt die Seele, die ſie erſt maͤßig erregte; ſie gibt Bilder und Gedanken, denen leicht und angenehm zu folgen iſt; ſie ſtoͤrt uns nie in jenem behag⸗ lichen Halbtraume der Seele, der zur Anſchauung des Schoͤnen, zur Empfaͤnglichkeit fuͤr daſſelbe ſo beſonders geeignet iſt. Dies iſt ihre Kunſt, ihre Eigenthuͤmlichkeit, und wir kennen Niemand, der ihr hierin den Rang ſtrei⸗ tig machte.— Die Flut unſerer hiſtoriſchen Romane hat Nichts aufzuweiſen, was die„Weißkappen“ der Mrs. Bray an Anziehungskraft, an innerer Abrundung und Genuͤge, an harmoniſcher Kunſtwirkung uͤbertraͤfe. W. Scott erklaͤrt es einmal fuͤr keine unwuͤrdige Vorſtellung vom Paradieſe, wenn er ſich daͤchte, hier im ſommerli⸗ chen Schatten, an einem murmelnden Bache behaglich zu ruhen und täglich einen neuen guten Roman zu leſen. Mrs. Bray waͤre die Schriftſtellerin fuͤr ihn! So ſanft ſpricht ſie jede gute Regung in unſerer Bruſt an, ſo mild malt ſie die Leidenſchaft, ſo erweckt, ſo reizt und befriedigt ſie durch immer neue, natuͤrliche und anmuthige Bilder. Wir haben noch nicht Alles geſagt, was ſich zur Ehre dieſer Schriftſtellerin ſagen läßt. Die vorliegenden hiſtoriſchen Gemaͤlde zeugen von einer ſo klaren, richtigen und kraͤftigen hiſtoriſchen Auffaſſung, einer ſo gluͤcklichen Wiedergeſtaltung der Zeit nach gruͤndlichen Studien, als nur irgend eines der Gemaͤlde des Waverley⸗Verfaſſers. Leben, Wahrheit und Bewegung bezeichnen und erfuͤllen —*— —— Sb S v—— — — S— 8 6 n n 6 5 XRHI ſies der Leſer lebt in den Zeiten mit, die die Verfaſſerin malt, er wird von ihrem Geiſte, von ihrer Denkart maͤchtig mitergriffen, in den Strudel ihrer kleinen und großen Intereſſen mit hineingeriſſen, ohne doch je den uberſichtlichen Standpunct zu verlieren, und ohne je zu bezweifeln, daß die Verf. alle dieſe Ereigniſſe beherrſcht und uͤberſchauend ordnet. In dem erſten dieſer hiſtoriſchen Gemaͤlde erblicken wir die Hand der Malerin noch etwas unſicher und in den Maaßen ungeuͤbt.— Die Charakteriſtik begnuͤgt ſich mehr mit einzelnen Zuͤgen zu einem Gemaͤlde, als daß ſie dieſes ſelbſt gäbe;— inzwiſchen zeigt ſich doch ſchon hier das ſtrenge ſittliche Gefuͤhl, welches durchweg die Feder der Mrs. Bray leitet und ſie vor Verirrungen aller Art ſichert. Sie ſelber ſagt hieruͤber wahr und ſchoͤn, indem ſie von ihren eigenen Tendenzen ſpricht: „Daß der Roman einen großen Einfluß auf die Sit⸗ ten der Jugend ausuͤbt, iſt laͤngſt zugeſtanden; von der hoͤchſten Wichtigkeit muß es daher ſein, daß die beabſichtigte Wirkung unablaͤſſig auf das dauernd Werth⸗ volle gerichtet werde, daß ſie geeignet ſei, das Gemuͤth zu erheben und Liebe zu erwecken fuͤr Alles, was edel iſt, ſo in Geſinnung wie in Wort und That.“ Dies Ziel verliert Mrs. Bray nie aus den Augen. Läßt der Roman„de Foix“ daher auch in aͤſthetiſcher Hin⸗ ſicht noch zu wuͤnſchen uͤbrig, ſo befriedigt er doch in ethiſcher und zeigt ſich als Gemälde der Feudalhierarchie Frankreichs im 14ten Jahrhundert treu und treffend. Die eben erwachende Wiſſenſchaft und eine milder wer⸗ dende Sitte geben dieſem Bilde nebenher einen beſonde⸗ ren Reiz, den der hiſtoriſche Name vieler handelnden Per⸗ ſonen noch verſtaͤrkt. Innere und aͤußere Vollendung in hoͤherm Grade ge⸗ ben„die Weißkappen, oder: Anna von Gent,“ zu erkennen. Der geſchichtliche Stoff gehoͤrt zu den an⸗ ziehendſten, die zu erwaͤhlen waren. Die Bildung und das ploͤtzliche Hervorbrechen einer neuen Form der Zeit iſt ihr Thema.— Es gibt kaum eine wichtigere Periode XIV in der Geſchichte unſers Welttheils als dieſe Fehde des zum Leben erwachten Buͤrgerthums in Flandern gegen ſeine alten Herren und Bedrucker, die durch eine nun ver⸗ altete Waffenherrſchaft eingeſetzten Feudalherren; denn mit dieſer Fehde Gent's und Bruͤgge's, durch Handel und Gewerbſamkeit bereichert', entſprang in ganz Europa die Städtefreiheit.— Dieſe weltgeſchichtliche Begebenheit gibt der Verfaſſerin ihren hiſtoriſchen Grund und Boden, und ſie baut dieſen auf die erfreulichſte Weiſe an. Sie legt uns die großen Reſultate klar vor;— dazwiſchen wirft ſie eine romantiſche Intrigue von der ſchoͤnſten Wir⸗ kung;— Nichts begibt ſich, was ſich nicht vollkommen natuͤrlich begäbe. Selbſt der Humor, dieſe echt engliſche Mitgabe, fehlt nicht.— In der Kunſt klarer, anſprechen⸗ der Darſtellung ſind dieſe„Weißkappen“ unuͤbertrof⸗ fen. Jedes Capitel rundet ſich fuͤr ſich zu einem Bilde, hiſtoriſch oder romantiſch anziehend; alle fuͤgen ſich wie Glieder einer ſchoͤnen, leicht gearbeiteten Kette in einander; nirgend ein Sprung, Riß, Lucke oder Bruch. Die Spra⸗ che, ſtets wahr und naturgemaß, vom Ueberſetzer gut wiedergegeben, iſt wie ein edles Kleid auf einem edlen Korper. Sie iſt aber auch ein unabhaͤngiger Reiz fuͤr ſich. Mit Einem Worte, wenn es zuläſſig erſcheint, bei einer Trbeit in dieſem Kunſtgebiete von claſſiſcher Schon⸗ heit zu ſprechen, ſo glauben wir in den„Weißkap⸗ pen“ der Mrs. Bray ein Vorbild derſelben gefunden zu heß das ſelbſt dem„Waverley“ den Rang ſtreitig macht. „Der Proteſtant, ein Nachtſtuck aus der Regie⸗ rung der„blutigen“ Koͤnigin Maria,“ hat die Aufgabe, die Leiden eines wuͤrdigen proteſtantiſchen Geiſtlichen und ſeiner Familie waͤhrend der Verfolgung der reformirten Kirche zu ſchildern. Hier zeigt ſich beſonders die dramatiſche Kraft der Dichterin,— der Glanz ihres Styls und die Kunſt der Verwickelung, welche ſich einer ſtets geſpannten Aufmerkſamkeit des Leſers zu verſichern weiß. Zeit und Sitte ſind auch hier uͤberaus treu wiedergegeben. Poeti⸗ ſche Zuge von hoher Schoͤnheit,— Charakterbilder,— — treffliche Schilderungen,— Reflexionen— beleben dies Werk mit wechſelvollem Reiz; hoͤchſte Reinheit aber und Simplicitäͤt gewinnen der Dichterin unſer Herz und laſſen als Hauptwirkung des Romans tiefen Abſcheu gegen reli⸗ giöſe unduldſamkeit in unſerer Seele zuruͤck. An Bege⸗ benheiten und Charakteren von Bedeutung iſt kein Werk unſerer Verfaſſerin reicher als dieſes. „Fitz of Fitz⸗Ford“ entwickelt im hiſtoriſchen Kleide eine Sage in der an ſeltſamen Schickſalen reichen Familie der Fitz von Dartmoor. Die Erzaͤhlung iſt meiſterhaft angelegt, von tragiſcher Wirkung, welche ein maͤßiger Hu⸗ mor mildert, befriedigend durch Gedanken und maleriſche Schilderung, lehrreich durch gruͤndliche antiquariſche Stu⸗ dien, feſſelnd durch eine reißend ſchnelle Folge uͤberraſchen⸗ der Begebenheiten und fein angelegte, trefflich durchge⸗ fuͤhrte Charaktere. Wiſſenſchaft und dichteriſche Gaben ſchließen auch hier wieder einen engen Bund zur Hervor⸗ bringung eines durchaus ſchoͤnen Werkes von hohem Styl und feinſter, geſchmackvollſter Abwechſelung. Die hochſte Einfachheit, ſchlichte Wahrheit und Natur verleugnen ſich dabei niemals, und die Summe ihrer Wirkungen fließt immer in einen unzweifelhaften, religioͤſen und morali⸗ ſchen Lehrſatz zuſammen, der als uͤberſchwebender Gedanke des ganzen Gedichts wie ein Phoͤnix aus der Aſche aus die⸗ ſem emporſteigt. Die hohe Einfachheit der Mittel, mit welcher dieſe Erfolge erlangt werden,— dieſe ſchoͤne Ruhe und Sim⸗ plicität findet ſich nun zwar in dem„Talba von Portu⸗ gal“ nicht ſo rein wieder,— indeß zeugt auch dieſe Er⸗ zaͤhlung von ungemeinem Talent. Die Mauren ſind zwar etwas auf Koſten der Chriſten ins Schoͤne gemalt, und die Verf. hat etwas zu viel mit Koͤnigen und Hofleuten zu thun; doch iſt auch hier wieder ein treues Bild der Zeit, gutes Local, edles Coſtum, viel Haltung und Wahr⸗ heit der Charaktere, die man ſtets erlangt, wenn man ſich, wie Mrs. Bray, von jeder Regung, von jeder That ihrer Helden ſtrenge Rechenſchaft gibt, eine ſehr anziehende Verwickelung und ein belebtes Spiel der Leiden⸗ XVI — ſchaften gegen einander auf hoͤchſt belebter Scene.— Die Fähigkeit, ein großes Gemaͤlde zu umfaſſen, ſchon anzu⸗ ordnen, wirkungvoll zu gruppiren, zeigt ſich auch hier, wenn auch in geringerem Grade als in den„Weißkap⸗ en* Wir ſchließen dieſe Bemerkungen mit der dringenden Empfehlung an unſere jungen Romantiker, denen Kunſt⸗ bildung kein leeres Wort iſt, die Werke der Mrs. Bray einer ernſten Pruͤfung zu unterwerfen. Sie werden dabei nicht umhin koͤnnen, einzuſehen, auf welche Art ein Kunſt⸗ werk geboren wird, wie es die Geburtwehen des Geiſtes unter dem Schein der Leichtigkeit verbirgt, wie das Na⸗ turgemaͤße ſtets auf dem rechten Wege der Kunſt liegt, wie das Einfache und Bedeutende vor dem Verwickelten und Kuͤnſtlichen den Vorrang behauptet, und wie man immer gut ſchreibt, wenn man aus innerſter Seele herausſchreibt, vorausgeſetzt, daß dieſe keine kruͤp⸗ pelhaft verbildete ſei. Den Liebhabern und Freunden rei⸗ ner und wuͤrdiger unterhaltunglectuͤre aber wiſſen wir ki geſchmackvollere Erzählerin anzupreiſen, als Mrs. vay. W i Warleigh. III. 4 Erstes Capitel. „— Soll die Geſtalt von Gottes Majeſtät, Soll Gottes Hauptmann, Bot' und Abgeſandter, Als ein Geſalbter auf dem Herrſcherthrone, Von ſeinen Knechten ſich verurtheilt ſehn? —— Der Koͤnig ſeufzte Niemals allein; es aͤchzt mit ihm die Menge.“ Shakſpeare. Zwei oder drei Wochen nach den in den vor⸗ hergehenden Capiteln mitgetheilten Ergebniſſen ſaß zu Warleigg Sir John Coppleſtone in ſeinem Cabinette mit Schriften beſchaͤftigt und wies auf ſeinem Geſichte einen außergewoͤhnli⸗ chen Ausdruck von Unbehaglichkeit und tiefem Nachſinnen. Seine Seele war zu dieſer Stunde heftig aufgeregt, denn er ſpielte ein gefaͤhrlich Spiel mit den vielfaͤltigen Ergebniſſen der Zeit, und 5 hatte ſich in Complotte und Raͤnke tief verwickelt. Wenn ſeine Abſichten erreicht wurden, ſo duͤrfte ſich, wie er hoffte, ſein ſchlauer Ehrgeiz dadurch völlig befriedigt fuͤhlen; ſollten ſie aber fehlſchla⸗ gen, ſo moͤgte es, aller Wahrſcheinlichkeit nach, ihm all ſeine zeitlichen Guͤter koſten. In dieſer Gemuͤthsſtimmung vernahm er zu Vermehrung ſeiner Unruhe, daß im Vorſaale Jemand harrte, um mit ihm zu ſprechen und Briefſchaften in ſeine eigenen Haͤnde zu uberliefern. Sir John befahl, den Gemeldeten hereinzulaſſen, und nach kurzer Friſt trat der ehrliche und vertrauenswer⸗ the Cornet Davy zu ihm ein. Sir John empfing ihn kalthoͤflich und bot ihm einen Stuhl; kaum aber hatte der Melde⸗ diener ſich zuruͤckgezogen, ſo ſtand Sir John auf⸗ verriegelte die Thur, lugte hinter den Wand⸗ teppich, uͤberzeugte ſich, daß die Luft rein war, indem ſich kein Dritter in der Naͤhe befand, und rief nun mit Lebhaſtigkeit dem Cornet zu:„Du haſt Briefe fuͤr mich? Ich vermuthe, von wem ſie ſind der ehrliche Ritter, Dein Herr, ſchickt „—„——— n —„—— uf, nd⸗ ar, und Du vem ickt ſie mir. Befindet er ſich zur Zeit auf der In⸗ ſel Wight?“ „Nein,“ war des Cornets Antwort,„er iſt in Somerſetſhire und begiebt ſich nach Salis⸗ bury.“ „Nicht auf Wight? Nach Salisbury geht er? Was hat das zu bedeuten?“ fragte John Coppleſtone, den ein Gefuͤhl von Argwohn in dem Augenblicke beſchlich, in welchem er eine ſeinen Erwartungen ſo widerſprechende Kunde vernahm.„Ich haͤtte geglaubt, dieſe Sache waͤre unter uns unwiderruflich abgemacht, und daß nichts in der Welt den Sir Hugo zu ſol⸗ cher Friſt aufhalten koͤnnte?“ „Weshalb er einen andern Weg als den verabredeten einſchlug, weiß ich nicht,“ entgeg⸗ nete der Cornet;„doch kann ich dafuͤr einſtehen, daß ſeine Abſichten die naͤmlichen ſind. Hier iſt ſein Schreiben an Euch, Sir John; ein ande⸗ res uͤberbrachte ich bereits an Sir Piers Edg⸗ cumbe, denn das Paket von meinem Herrn lief geſtern mit dem Auſtrage fuͤr mich ein, jedes Schreiben ſelbſt zu uͤberliefern, und es keiner an⸗ dern Hand anzuvertrauen. Euer Brief wird wahrſcheinlich Euch das Naͤhere berichten, doch bin auch ich von Allem in Kenntniß geſetzt wor⸗ den, denn mein guter Herr ſchrieb an mich in den zwiſchen ihm und mir uͤblichen Chiffern.“ „Und was ſchrieb er Dir?“ fragte Sir John, indem er das Siegel von dem fur ihn beſtimm⸗ ten Schreiben loͤſete.„Eure Kunde faͤllt ſicher mit der meinigen zuſammen. Du ſcheinſt mir ein rechtſchaffener, Vertrauen verdienender Geſell zu ſein, und ſollſt guten Lohn empfangen, denn Du verdienſt Alles, was ſpaterhin fur Dich wird ge⸗ ſchehen koͤnnen. Setz Dich, waͤhrend ich dies leſe!“ Cornet Davy ſaß, während John Copple⸗ ſtone mit der angeſtrengteſten Aufmerkſamkeit den ihm von Sir Hugo Piper zugekommenen Brief las. Als er damit zu Ende war, ſchwieg er ein Weilchen, heftete ſeinen duͤſtern Blick auf den Cornet und rief dann im Tone des Jubelns: „Deine Kunde iſt gewichtig, furwahr! Gelingt dies, ſo wird Englands Hoffnung nochmals hell und glaͤnzend dem Phoͤnir gleich aus der eige⸗ nen Aſche emporſteigen. Iſt Alles vorbereitet?“ M ll ( e⸗ en ief in en 8: gt ell ge⸗ 2 „Es iſt,“ antwortete Davy,„und wolle Gott es zu einem geſegneten Ende hinausfuh⸗ ren!“ „Es kann nicht fehlen, mein' ich,“ verſetzte Coppleſtone;„Karl Stuart kennt unſer Vorha⸗ ben, weiß, daß ſeine Freunde der Stunde ſeiner Befreiung entgegenharren, ſo wie Moſes der Stunde entgegenſah, in welcher die Iſraeliten aus der Knechtſchaft befreiet werden ſollten. Sind alle Edelleute, all' unſere veſten Freunde und Verbuͤndeten auf dieſes große Unternehmen ge⸗ hoͤrig gefaßt? Der Ausgang deſſelben wird von ihrer Treue abzuhangen haben.“ „Sir Piers Edgeumbe und Sir William Ba⸗ ſtard werden nicht ermangeln, Jeden von ihnen gehoͤrig in Kenntniß zu ſetzen.“ „Und Burley,“ fuhr Coppleſtone fort,„Bur⸗ ley erhebt ſich, wie hier im Briefe ſteht, zur veſtgeſetzten Stunde mit den Seinigen auf der Inſel Wight, um den Koͤnig aus ſeiner Haft zu befreien. Er flieht dann in den Weſten des Landes; eine bewaffnete Macht in Cornwall und Devon, die ſich jetzt noch geheimhaͤlt, ſteht auf ein zu gebendes Signal bereit, den Koͤnig in ihre Mitte zu nehmen, und der Gouverneur von Plymouth⸗Caſtle verſpricht, dieſe Veſte an Karl Stuart zu uͤberliefern. Exeter wird ſich eben⸗ falls ergeben, und ſo pflanzt der plotzlich er⸗ ſcheinende König abermals ſein Banner in Weſt⸗ England auf. Seine Anweſenheit wird Aller Herzen zu kuͤhner Theilnahme an ſeiner Sache ermuntern; das Feuer wird um ſich greifen, und in Folge unſeres Beiſpiels werden Cornwall und Devon hellleuchtende Feuerthuͤrme fuͤr Englands Unterthanentreue abgeben.“ „So ſteht's zu hoffen,“ ſagte Davy;„des Königs Flucht nach Frankreich iſt unmoglich, denn keine Pinaſſe, kein Fiſcherbvot, kein Huͤh⸗ nerkahn, nicht das kleinſte Fahrzeug bleibt un⸗ durchſucht, ſobald es von der Kuſte abſtoͤßt. Der Koͤnig muß nach Southampton entrinnen; Al⸗ les iſt dazu vorbereitet. Burley's Plan iſt mit Zuverläͤſſigkeit angelegt; es ſcheint ein Fehlſchla⸗ gen deſſelben kaum moͤglich zu ſein; der Tag, ja die Stunde iſt vorbeſtimmt, wann der Koͤnig aus Carisbrook⸗Caſtle befreit werden ſoll, und — —„„„— — 1* 5 w — — 9 kein Zögern wird ſtattfinden, indem alle Anſtal⸗ ten dazu getroffen ſind.“ „Ganz recht,“ ſiel Coppleſtone ein;„am zwanzigſten Junius ſoll es geſchehen, wie ich aus dieſem Briefe vernehme. Alle Edelleute, die an der Spitze des Unternehmens ſtehen, treffen zu Warleigh zuſammen, um den Tag zu beſtim⸗ men, an welchem offener Aufſtand ſich gegen die tyranniſchen Gewalten zu erheben hat, von denen England jetzt mit den ehernen Geißeln der Rebellion und des Ingrimms gezuͤchtigt wird.“ „So iſt's vorbeſtimmt,“ entgegnete der Cor⸗ net,„indem Euer Haus, Sir John, zu jenem Zuſammentreffen der einzige ſichere Ort iſt, da Ihr vor dem Parlamente als unbeargwohnt da⸗ ſteht. Ihr gehoͤrtet fruher zur Gegenpartei—“ „Das that ich,“ unterbrach ihn Sir John, „allein damals war meine Seele voll Bitterkeit und ich wanderte in der Finſterniß Aegyptens, war ein armer mißleiteter Iſraelit im Hauſe der Knechtſchaft. Nimmer wuͤrde ich mich zu den Rundkoͤpfen gehalten haben, wenn ich das Elend haͤtte vorausſehen koͤnnen, welches ſie uͤber den König brachten, als dieſer ſo bereitwillig al⸗ len ihren gerechten Anforderungen genuͤgt hatte. Haͤtte ich es mir nur traͤumen laſſen konnen, daß ſie Gewalthand an den Geſalbten legen wuͤrden, ſo wäͤre ich lieber geſtorben, anſtatt an ſolcher Schaͤndlichkeit Theil zu nehmen; jedoch ich be⸗ reue wie Ahasver, als er den Tod aller Juden anbefohlen hatte, und ich will gleich ihm, der ein boͤſes Werk foͤrderte, jetzt mit Herz und Hand zu Abhuͤlfe deſſelben wirken helfen. Ich hoffe, Keiner zweifelt an meinem guten Willen im Dienſte Karl Stuart's?“ „Haͤttet Ihr's bei ſchoͤnen Worten bewenden laſſen, Sir John,“ antwortete der Cornet,„ſo wuͤrde Jeder an Euch gezweifelt haben; da Ihr aber große Summen herſchoſſet, um Waffen an⸗ zukaufen und Kriegsvolk zu werben, ſo ſeid Ihr durch Euer Thun dahin gerechtfertigt, daß kein Cavalier an Euch zweifelt, der Ihr in der Sache des Koͤnigs Eures Beutels nicht ſchontet—“ „Und auch nicht meines Gebetes,“ fiel John Coppleſtone ein,„denn bloßes Geldgeben wäre hier ein Thun geringen Werthes, ſobald nicht, —„— E — cS—— en ſo hr n⸗ hr ein che ohn aͤre wie bei Cornelio, der Gabe durch das Gebet Segnung verliehen wird. Man ſollte bedenken, wie ich nicht der erſte Mann bin, der nach An⸗ ſicht Deſſen, was das Parlament Uebertriebenes beging, ſich auf die Seite des bedraͤngten Koͤ⸗ nigs wendete. General Chudleigh war ungleich weiter gegangen als ich, denn er focht unter dem Grafen von Stamford auf den Hoͤhen von Strat⸗ ton, und kehrte dennoch bald zu ſeiner Pflicht⸗ treue zuruͤck, und kein Mann diente fortan der Krone beſſer als er. Wollt' ich der Beiſpiele mehrere anfuͤhren, ſo könnte ich noch die Gra⸗ fen von Bedford, von Holland und von Clare nennen, die alle miteinander in treuer Vaſallen⸗ ergebenheit nach Orford zu dem Koͤnige zuruck⸗ kehrten.“ „Ja,“ ſagte Cornet Davy in ſeiner gewohn⸗ ten unumwundenen Redeweiſe,„aber man muß auch bedenken, daß ſie nur zu Seiner Majeſtaͤt zuruckkehrten, als nach der Belagerung von Bri⸗ ſtol das Parlament eine arge Schlappe bekom⸗ men hatte. Ja, ja, nachdem Briſtol ſich erge⸗ ben hatte, als des Koͤnigs Sache hell leuchtete, 12 wie ein Sommerhimmel nach einem Unwetter, da kamen jene ſchwankenden Lords und Grafen und machten Beine gen Orford, weil ſie fuͤrch⸗ teten, ihre Kniee könnten ſich nicht zeitig genug beugen, um ihre Koͤpfe davor zu bewahren, ſich auf den Block zu Tower⸗Hill zu legen. Rein herausgeſprochen, Sir John Coppleſtone, ich wuͤrde auf Eure Ruͤckkehr zur guten Sache nicht mehr bauen, als auf eines wucheriſchen Juden Uneigennützigkeit, wenn Ihr nicht durch Geld⸗ vorſchuſſe ein beſſeres Zeugniß von Euch abge⸗ legt haͤttet, als jene n und Grafen es ie⸗ mals thaten.“ „Doch waren ſie Maͤnner von Ehre und An⸗ ſehen,“ meinte der von Warleigh. „Ja, ja,“ rief der Abgeordnete;„aber un⸗ beſtaͤndig wie der Wind; denn Jeder von ihnen fiel wieder ab vom Könige, nachdem die New⸗ buryſchlacht geſchlagen war, in welcher zu Eng⸗ lands tiefſter Trauer Sunderland, Carnarvon und der große Falkland den Staub kuͤſſen muß⸗ ten, und an die ich nicht denken kann, ohne daß mir das Herz in Wehmuth uͤbergeht.“ —— r, X —— „Sie waren in der That Perlen der Ehre in der Krone des Königs,“ entgegnete Sir John, „und eben jene wandelbaren Lords kehrten zum zweiten Male zu Karl Stuart zuruͤck, wie der Fruͤhling ſich ſtets der Erde wieder zuwendet, denn des Koͤnigs Geſchick begann von Neuem zu laͤcheln. Was mich iedoch betrifft, ſo mußt Ihr einſehen, daß ich mich zu Karl Stuart in der Zeit ſeiner Bedraͤngniß wandte, daß ich, waͤh⸗ rend er in Banden der Haft und der Bekuͤm⸗ merniß liegt, mein Leben und meine Habe daran⸗ ſetze, um ihm zu dienen; und wenn ich dies nicht gethan haͤtte, wo wuͤrden dann wohl die tapfern Fuͤhrer, die jetzt im Weſten des Landes bereit ſtehen, die Mittel haben hernehmen koͤn⸗ nen, ihren Plan zu ermuntern und anzuord⸗ nen?“ Mit funkelnden Augen und herzlich dargebo⸗ tener Hand rief Cornet Davy:„Sir John, Ihr ſprecht wahr; Ihr thatet das Alles, was Ihr eben erinnertet, und ich ehre Euch dafür. Ihr ſeid Großſchatzmeiſter in der Sache des Koͤnigs geweſen, und ich hoffe, jeder Poſten der zwiſchen ihr und Euch laufenden Rechnung wird gewiſ⸗ ſenhaft gebucht und der Saldo Euch von Sei⸗ ner Majeſtaͤt baar und voll ausgezahlt werden, ſobald der Konig zu ſeinem Rechte gelangt, Gel⸗ der zu erheben, ohne erſt deshalb ein gieriges Parlament um Erlaubniß anzugehen. Habt Ihr mir Briefe oder Botſchaften mitzugeben, ſo laßt mich dergleichen empfangen, denn ſo lange ich 3 athme, geht mir nichts uͤber den Dienſt fur mei⸗ nen Koͤnig und meinen Gebieter Sir Hugo Pi⸗ per, der ein ſo braver Edelmann iſt, als je ei⸗ ner einen Rebellen am Barte zupfte. Und gluͤckt nur Burley's Plan, entſchluͤpft nur der koͤnig⸗ liche Vogel ſeinem Kaͤfig am zwanzigſten Ju⸗ nius—“ „So heißt's an jenem Tage,“ unterbrach ihn Sir John,„„Willkommen Karl der Erſte, Konig von England in Warleigh⸗Hall!““ Er ſoll herzlich willkommen ſein.“ „Ein glorreich Hoffen,“ ſprach Davy wei⸗ ter,„und erfullt ſich's, ſo wird es unſerer* Grafſchaft Devon einen niegetraͤumten Ruhm verleihen; denn nur ſie iſt dann die Befreierin —— 15 des Koͤnigs, und die alten guten Zeiten werden alsdann wiederkehren.“ „Und daß es ſo kommen moͤge,“ ließ Sir John ſich jetzt vernehmen,„glaube ich Dir ra⸗ then zu muͤſſen, keinen Augenblick zu verlieren, um alle Diejenigen, welche es betrifft, von dem Tage und der Stunde unſerer Zuſammenkunft in Kenntniß zu ſetzen. Sonder Zweifel haſt Du der Briefe mehrere zu beſtellen—“ „Ich habe ein Schreiben an Sir William Baſtard,“ verſetzte der Cornet.„Sir William hat mit einigen von Butlers Leuten ein Hand⸗ gemeng vor den Pforten ſeines Hauſes gehabt; ein Handgemeng, in welchem man ſich von bei⸗ den Seiten gar hoͤflich mit Pulver und Blei begruͤßte.“ „Das war vorſchnell und unbeſonnen von ihm gehandelt,“ ſagte Coppleſtone.„Er haͤtte ſich waͤhrend ſolcher Kriſis in keinen Privatſtreit einlaſſen ſollen. Wie ich hoͤrte, kam der Hader daher, daß die Parlamentsreiter einige Stuͤck Vieh von Sir William's Triften wegfuͤhrten. Ich habe den Zwiſt fuͤr ihn geſchlichtet, damit 16 dies alberne Gezaͤnk nicht alle unſere Hoffnun⸗ gen aͤffen moͤgte. Wird Sir William am zwan⸗ zigſten Junius zur Verſammlung in Warleigh eintreffen?“ „Sonder Zweifel,“ meinte der Cornet,„denn er gleicht einer guten erprobten Ruͤſtung, deren Gelenke zur Zeit hitzigen Kampfes nicht ausein⸗ andergehen.— Sir John Coppleſtone, ich nehme meinen Abſchied von Euch, und hoffe, daß wir, wenn wir einander wiederſehen, die Befreiung des Koͤnigs zu bejubeln haben werden.“ „So hoff' auch ich,“ verſetzte Sir John; „empfiehl mich dem Sir Piers und Deinem wuͤrdigen Herrn. Gehab' Dich wohl!“ Der Cornet ging, voll von Hoffnungen und innigen Wuͤnſchen fuͤr das Gelingen derjenigen Sache, in deren Dienſt willig ſich ſein eigenes, und das dem ehrlichen Davy noch werthere Le⸗ ben ſeines Herrn darbot. Sobald Sir John ſich allein befand, maß er mit langſamen Schritten ſein Gemach. Er hielt die Arme verſchraͤnkt, den Kopf vorubergebeugt, ſein Blick ſtarrte in's Leere, und ſeine duͤſteren Gedanken hielten Zwieſprache mit einander, ſo daß nur dann und wann einzelne Redeſaͤtze auf ſeinen Lippen laut wurden.„So iſt's.— Mich duͤnkt, es kann nicht fehlen— was waͤr' alſo zu fuͤrchten? wo zu zweifeln?— Handſchrift und Siegel ward daruͤber gegeben.— Ja, ja, ſo muß es gehen— der Plan liegt klar unter Au⸗ gen, iſt wohl angelegt— die Maͤnner ſind zu⸗ verlaͤſſig— wie ſollt's denn fehlſchlagen? Thoͤ⸗ richte Furcht! Der geuͤbte Spieler nimmt nicht Anſtand, ſein Alles auf Einen hohen Wurf zu ſetzen, ſobald er weiß, daß ſein Gegner den blei⸗ beſchwerten Wuͤrfel nicht kennt. Unſer Spiel ſteht gut— ſteht ſicher.— Es muß gehen.— Wie aber? waͤr's nicht rathſam, das Geſchick zu befragen, wie dies auf mich blickt? Waren bis⸗ her doch die Geſtirne mir guͤnſtig; dennoch moͤgte ich Naͤheres daruͤber erfahren. Jener Satan von Weib hat Gewalt und Wiſſen in ſo dunklem Ge⸗ heimniß ſtecken, daß ſelbſt ein Heiliger ſich Raths von dorther erholen moͤgte, und wenn's zehnmal gegen ſein Gewiſſen waͤre. Ich muß vorſichtig mit der Alten umgehen. Gold ſoll ſie haben, Warleigh. III. 2 18— doch nicht viel, nicht ſo viel, daß ſie aufhoͤren moͤgte, mir zu dienen; ihr muß ſtets Hoffnung auf groͤßeren Gewinn vorgeſpiegelt werden Sie wird da ſein, ich will ſie ſprechen, will noch⸗ mals pruͤfen laſſen, wie dieſer große Wurf aus⸗ fallen moͤgte— ſei's nun zum Guten oder zum Schlimmen.“ 3 Sir John berief einen Dienſtmann zu ſich und befahl ihm,„die gute Frau hereinzufuͤhren, die ſo geſchicklich in der Kraͤuterkunde waͤre, und die ihm wegen eines ihn befallenen Halsubels ihren Rath ertheilen ſollte“. Der Dienſtmann vollzog dieſen Befehl ohne ſich uͤber denſelben zu verwundern. Zur Zeit unſerer Geſchichte ſtand manche geheime Unter⸗ handlerin mit den Geſtirnen in dem Ruf einer abſonderlichen Heilkunſtlerin, und wußte eben da⸗ durch das gefaͤhrlichere und einttäglichere Geſchäft einer Weiſſagerin zu bemänteln, die Leichtgläu⸗ bigkeit ihrer Kundleute zu bethoͤren, und ihre Be⸗ truͤgereien gegen Entdeckung zu ſchuͤtzen. Zweites Capitel. „Gewiſſenswurm mag Dir am Herzen nagen! Stets magſt dem Freund Du ein Verraͤther ſcheinen, Im treuſten Freunde ſtets den Schelm nur ſehn! Kein Schlaf mag auf Dein waͤſſ'rig Aug' ſich ſenken, Es ſei denn, daß ein martervoller Traum Dich mit der Hoͤlle garſt'gen Teufeln ſchrecke!“ Shakſpeare. e t Dem Befehle Coppleſtone's ſolgte das Erſchei⸗ nen der Mutter Gee. Sie trat keck in's Ge⸗ r mach, begruͤßte jedoch ehrerbietig ihren Goͤnner ⸗ und fragte nach deſſen Begehren. Ehe ihr Ant⸗ ft wort zu Theil ward, folgte Sir John ſeiner ⸗ Gewohnheit und verriegelte die Thuͤr, denn er e⸗ pflegte ſelten Leute bei offenen Thuͤren anzuhoͤ⸗ ren und ihnen ſeine Willensmeinung kund zu thun, indem die meiſten ſeiner Unterredungen ſich in den Schleier des Geheimniſſes zu huͤllen hatten. 2* 20 „Ich moͤgte ferner Huͤlfe bei Deiner Kunſt nachzuſuchen, Mutter“, ſprach Sir John,„ob⸗ wohl durch juͤngſt ſtattgefundene Ereigniſſe mein Glaube an Deine Weiſſagungen etwas wankend ward. Er iſt nach England zuruͤckgekehrt, ob⸗ ſchon ich uͤber Meer ihn zu der Zeit fortſchickte, die Du mir als die meinen Hoffnungen hinſicht⸗ lich ſeines Fernſeins beſonders gunſtige bezeich⸗ neteſt; dennoch ſag' ich, iſt er zuruckgekehrt, hat ſich von Neuem wie eine Viper, die in Staub getreten zu ſein ſchien, erhoben und liegt aber⸗ mals in meinem Wege und harrt eines guͤnſti⸗ gen Augenblickes, mir einen Stich zu verſetzen. Du verfuhrſt duͤſter und falſch mit mir in dieſer Sache.“ „Das that ich nicht,/ antwortete die Zauberſchwe⸗ ſter furchtlos.„Ich konnte Euch Beweiſe liefern, daß ich das nicht that. Sagte ich Euch nicht, Ihr wuͤrdet beſſer thun, Euch ſelber im Auge zu behalten und den Juͤngling ſeinem Geſchicke zu uberlaſſen? Ich ſicherte Euch nicht zu, daß er druͤben bleiben wuͤrde, ſondern ſagte Euch nur, daß, wenn Ihr ihn in fernes Land ſchicktet, die⸗ 21 jenige Zeit, die ich Euch anberaumte, dazu die guͤnſtigere ſein wuͤrde, und ſo ergab es ſich auch; denn ich weiß, daß Ihr wuͤnſchtet, er moͤgte nimmer heimkehren.“ „Ha!“ rief Coppleſtone,„wagſt Du mir dies in's Geſicht zu ſagen, da es doch albern und erlogen iſt? Ich ſagte Dir, der Burſch wurde immer frecher, je naͤher er dem Juͤnglingsalter ruͤckte. Ich hatte an ihm wie ein Vater gehandelt, ihm ſogar meine Tochter angeboten, die in ihrer Ju⸗ gend und Schoͤne wohl mit einem Grafen das Bett theilen duͤrfte, und er, der Undankbare, der giftige Wurm, verhoͤhnte meinen hohen Antrag, entehrte durch ſeine Weigerung mein Kind und hielt meine dargebotene Milde fuͤr allzu wohlfeil. Schon Das war mehr denn hinreichend, ihn fern von mei⸗ nem Angeſichte zu wuͤnſchen. Ich ſchickte ihn, damit er ſich ſelber dienſtlich wuͤrde, nach Bar⸗ badoes, wo ſein Vater ihm Grundſtuͤcke hinter⸗ ließ, die ich aus den gierigen Haͤnden harter Glaͤubiger geriſſen habe. Ich that ihm kein Un⸗ recht, als ich ihn dahin ſendete, wo durch Be⸗ triebſamkeit große Reichthuͤmer zu gewinnen ſind, ſobald des Herrn Auge uͤber deren Vermehrung wacht.“ „Ihr ſandtet ihn dahin, Sir John,“ verſetzte Mutter Gee,„aber Ihr gabt ihm einen Beglei⸗ ter mit, der mehr ſein Huͤther, als ſein Diener ſein mußte. Waͤre nicht ein Euch wohl bekann⸗ ter Umſtand eingetreten, ſo wuͤrde jener Knecht ihn ſo lange dort zuruͤckgehalten haben, bis das peſtilenziſche Fieber oder die verſengende Hitze jener Gegenden ihr Werk an dem Juͤngling voll⸗ fuhrt haͤtten. Sprach ich nicht Wahrheit?“ Coppleſtone wechſelte die Farbe; jedoch ent⸗ ſchloſſen, der Alten nicht merken zu laſſen, wie ſehr er durch ihre Worte ſich erſchuͤttert fuhlte, bezwang er alle aͤußern Zeichen ſeines Gemuͤths⸗ zuſtandes, nahm ſtolzduͤſteres Weſen an und ver⸗ ſetzte:„Was kannſt Du von jenem Dienſtmann wiſſen? Er ſtarb bald nachdem er aus der See gerettet worden war, und ſprach vor ſeinem Hin⸗ ſcheiden mit Keinem, außer mit dem Juͤnglinge, den er uͤber Meer begleitet hatte und mit dem er Schiffbruch litt. Du willſt ränkevoll mit mir verfahren, Weib; aber ſieh Dich vor!“ 23 „Ich ſpreche Wahrheit, obwohl ich ſie viel⸗ leicht dunkel ausſpreche,“ entgegnete ihm die Alte. „Sieh Dich vor,“ fuhr Coppleſtone fort, „denn ſelbſt Heiden wußten mit Gaukelwerk trei⸗ benden Zauberern umzugehen, und gaben ihnen den Tod, wenn ſie falſch gegen ihre Goͤnner verfahren waren. Wenn Maͤnner meiner Art, die auf klippenvollen Fluthen ſchiffen, auch Deine Kunſt in Ehrfurcht betrachten, ſo ſind ih⸗ nen Diejenigen, welche dieſelbe treiben, doch nichts weniger, als ehrwuͤrdig. So ich gegen Deine Kunſt und Dich; ich kaufe die erſtere, ſo wie ich eine Waffe, ein mir nothwendiges Ding er⸗ handle, doch darf ſolche Waffe nicht wider mich gekehrt werden. Bedenk' alſo, wer Du biſt, denn zur Stunde haſt Du Dich ſeltſam vergeſſen und falſchlich und gleißneriſch an mir gethan.“ „Das that ich nicht,“ entgegnete die Zauber⸗ ſchweſter.„Verlangt Ihr von mir Erforſchung Eures Geſchickes, ſo muͤßt Ihr dieſe wohl oder uͤbel ſo hinnehmen, wie ſie ſich mir beut, denn mir ſteht darin keine Wahl zu. Durch verpoͤnte 24 Kuͤnſte, die mir gefaͤhrlich und Euch nicht weiter zum Heile ſind, erſchloß ich Euch Manches; durch ſie ſtellt' und las ich Euer Horoſtkop, und zum Beweiſe, daß ich nicht Gaukelwerk treibe, ſo hoͤrt meine Worte und zittert: Dein Ge⸗ ſchick verknuͤpft ſich ſeltſamlich mit dem Inhalte jenes KFaſtchens.“ Als die Alte dieſe Worte ſprach, zeigte ſie mit dem duͤrren Finger auf das im Gemache ſtehende rothſammtene, mehrerwaͤhnte Geraͤth. Trotz aller ſeiner Selbſtbezwingung ſchreckte Coppleſtone wie ein ploͤtzlich aufgeſcheuchter Hirſch zuſammen. Entſetzen bemaͤchtigte ſich ſeiner Seele, daß jeder Nerv ſeines mannlichen Koͤrpers er⸗ bebte und die aſchige Bläͤſſe des Todes uͤber ſein Geſicht zog, auf welchem jede Miene von Schuldbewußtſein zeugte, zu welcher Furcht ſich geſellte. „Was weißt Du mehr noch, Hexe?“ ſtam⸗ melte er ſchwer athmend. „Nichts mehr,“ verſetzte die Alte ruhig.„Ich ſagte Euch Alles, was ich weiß. Die Geſtirne reden zu uns Sterblichen nicht in ſchlichten, ein⸗ 25 fachen Ausdruͤcken; ſie geben uns nur die Schat⸗ tenumriſſe der zukuͤnftigen Dinge, und Heil und Unheil muß aus ihnen durch Eingeweihete ent⸗ ziffert werden. So alſo, wenn es ſich findet, daß das Haus des Lebens—“ „Hoͤr' auf, mit Deinen Zauberſpruͤchen,“ fiel Coppleſtone ihr in's Wort—„ich verſtehe ſie ſo wenig, als die Sprache der Chaldaͤer, in welcher die heilloſe Wiſſenſchaft des Weiſſagens zuerſt getrieben ward. Ich weiß, daß dieſelbe gewaltig und furchtbar iſt. Gieb mir ihre heil— bringende Macht, lehre mich ihr ſo zur Seite zu gehen, daß ſie meinen Schritten zum Gluͤcks⸗ tempel Fuͤhrerin wird, und ich will ſodann zu Deinem wahrhaften Wohlergehen thaͤtig ſein. Daniel, der weiſe Prophet, ward fuͤr die Aus⸗ deutungen belohnt, die er gab, als er vor dem Koͤnige ſtand. Er ward in Scharlach gekleidet und trug eine guͤldene Kette um ſeinen Nacken, und war maͤchtig an ſeiner Staͤtte und in ſei⸗ nem Thun. Wer da Verborgenes enthuͤllt, darf nicht unbelohnt bleiben; auch Dir ſoll daher Lohn werden— dennoch kehrte der F lebendig zuruͤck!“ „Er that's,“ verſetzte Mutter Gee,„und ich moͤgt' Euch nochmals rathen, ihn ſeinem Geſchicke zu uͤberlaſſen. Verfahrt nicht gegen ihn, denn er ſteht unter hoͤherer Hand, als der Eurigen⸗ Wilde Stuͤrme und das aufgeſtoͤrte Meer und die zackigen Strandklippen bedraͤuten ihn, unter Hunderten, die in die Tiefe verſanken, ward er der einzige Gerettete— er lebt; eine Macht, die ſtärker denn der Grimm des Windes und des Meeres und des Strandufers iſt, ja die ſtärker iſt, denn Deine Bosheit, beſchuͤtzt ihn— ich warne Dich daher, laß ab, ihn verderben zu wollen, wenn nicht das Geſchick, das Du uͤber ihn hereinbrechen ſehen moͤgteſt, Dein eigenes werden ſoll!! Coppleſtone ſtand verwunderungsvoll, als die Alte mit lauter Stimme jene kuͤhne Sprache fuͤhrte, in welcher ſie und ihres Gleichen ſich oft ſo erfolgreich auszudruͤcken und dabei eine Miene von Wuͤrde anzunehmen wußten, wie man an Leuten ihres Standes ſie nimmer haͤtte voraus⸗ „ ſetzen moͤgen. Mutter Gee aber war eine voll— kommene Schauſpielerin, und haͤtte bei dem Meiſter, dem ſie diente, ein Betrug unbemerkt durchſchluͤpfen koͤnnen, ſo ſpielte ſie zur Stunde ihre Rolle ſo gut, daß ſie in ihrer Heuchelei den Vater der Lugen ſelbſt hinter's Licht gefuͤhrt haben wuͤrde. Doch muͤſſen wir ihr die Gerech⸗ tigkeit widerfahren laſſen, daß ſie wirklich Theil⸗ nahme fuͤr Radeliffe hegte. Freilich hatte ſie, in Hoffnung Etwas dafuͤr zu gewinnen, ſeine ge⸗ heime Zwieſprache mit Agnes dem jungen El⸗ ford verrathen; dennoch hatte ſie Amias von deſſen Kindheit her gekannt, und er war ihr wirk⸗ lich lieber als ihr Goͤnner. Sir John Copple⸗ ſtone, den ſie ganz eigentlich hinterging; denn obwohl dieſer ihr Kundmann war, ſo erwies er ſich doch ſo muͤrriſch, herriſch und knauſerig ge⸗ gen ſie, daß es ſie verdroß, zu ſehen, wie er ſie dadurch in Unterthaͤnigkeit und Demuth erhalten wollte. Coppleſtone, den die Energie erſchreckte, mit welcher die Zauberſchweſter ihn warnte, konnte die Bemerkung nicht unterdruͤcken, die ihm von ſeinem argwoͤhniſchen Sinne zugefluͤſtert ward, daß Mutter Gee irgend einen beſondern Grund haben muͤßte, fuͤr den jungen Radecliffe ſo viel Anhaͤnglichkeit zu fuhlen. „Ich habe keinen ſolchen Grund“, verſetzte die Alte, die ſich wohl huͤthete, ihrem Kundmann merken zu laſſen, daß ſie ſich aus deſſen Pfleg⸗ ſohne mehr machte, als aus ihm.„Aber der Juͤngling“, ſetzte ſie hinzu,„hat mir nie etwas Leides zugefuͤgt, und ich habe ihn ſeit Jahren kaum geſehen. Was ich ſprach, ſprach ich mehr Euretwillen, Sir John, als ſeinetwegen, in ſo⸗ fern Ihr mich fragtet, wie Ihr mit ihm zu ver⸗ fahren haͤttet.“ „Genug davon,“ ſagte Coppleſtone.„Zu etwas Anderem. Sahſt Du Coleman? Iſt er meinem Geheiß nachzukommen, und hat er nicht weitere Klage gegen jene Royaliſten erhoben, da⸗ mit deren Guͤter unter Sequeſter gelegt wuͤrden? Kam meine Weiſung ihm zeitig genug? Jetzt muß kein Royaliſt auf ſolche Weiſe angetaſtet werden.“ „Er ließ ab von ihnen, denn Eure Wei⸗ 29 ſung ward ihm zeitig genug“, antwortete die Gefragte. „Gut ſo, gut ſo; mich freut's, daß die Man⸗ ner verſchont blieben!“ „Ihr ſeid beſonders freundlich gegen die Roya⸗ liſten und Cavaliere worden, Sir John,“ be⸗ merkte Mutter Gee. „Das kuͤmmert Dich nicht, Weib,“ verſetzte Coppleſtone.„Coleman ward zu dem Vorhaben durch ein dummes, von Deinem Sohne ihm mitgetheiltes Geruͤcht angeregt— nicht von Dei⸗ nem bloͤdſinnigen Sohne, ſondern von deſſen Bruder iſt hier Rede— ſonſt wuͤrde ich mich Deiner nimmermehr in ſolcher Angelegenheit be⸗ dient haben. Jetzt aber ſag' ich Dir, daß Du Deinem Burſchen einen Maulkorb anlegſt; laß ihn keine Geruͤchte gegen Royaliſten in Umlauf bringen, denn er wird gegenwaͤrtig ſich nicht wie ehedem darin unterſtutzt ſehen. Noch Eins, und ich bin mit Dir zu Ende. Erforſche mir Kunde uͤber den Ausgang einer Angelegenheit, die mir ſehr am Herzen liegt und von der ich hoffe, daß ſie am zwanzigſten Junius ſich er⸗ — fuͤlt. Ich moͤgte wiſſen, ob ſie gut ausgehen wird. Scheue keine Muͤhe! Durchblaͤttre das dunkle Buch zukunftigen Geſchicks, und ſage mir, ob der zwanzigſte Junius darin fuͤr mich mit ſchwarzen oder lichten Lettern bezeichnet ſteht. Hier iſt ein Goldſtuͤck fuͤr Dich. Sei ſorgſam und verſchwiegen, und Dein Lohn ſoll Dir nicht entſtehen.“ „Ich denke eben jetzt einen Theil deſſelben noch zu erheben,“ entgegnete Mutter Gee, indem ſie das Goldſtuͤck in ihre Taſche ſchob. „Verlieh ich Dir nicht eben einen Theil da⸗ von? Ward Dir nicht lauteres Gold von mir gereicht? Was willſt Du mehr, Hexe?“ „Eine beſſere Belohnung,“ antwortete die Alte,„einen Dienſt, den mir zu leiſten Ihr die Nacht habt, ſo Ihr wollt.“ „Sprich kurzweg,“ fuhr Sir John ſie an, „und dann enthebe Dich!“ „Mein armer Junge, den Ihr ſo eben ſelbſt als einen Blödſinnigen bezeichnetet— Fluch der Stunde, die ihn ſeines Verſtandes beraubte!— hat das Ungluͤck gehabt, an dem Streite mit 31 den Reitern auf der Tamertonwieſe Theil zu nehmen, und ſie haben ihn mit ſich fort in's Loch geſchleppt. Ihr ſeid Friedensrichter, Sir John, und koͤnnt des Burſchen Freilaſſung er— mitteln, ſo Ihr nur wollt. Hauptmann Butler ſchwört, mein armer Junge habe einen ſeiner Leute niedergeſchlagen und beſitze Verſtand genug, um zu wiſſen, wie geſetzverachtend er dadurch han⸗ delte. Butler droht, falls der Reiter ſtirbt, wel⸗ ches wahrſcheinlich geſchehen wird, meinen Sohn haͤngen zu laſſen.“ Coppleſtone horchte aufmerkſam.„Betraf' es eine geringere Sache,“ ſagte er,„ſo wurde ich Etwas darin thun koͤnnen; aber Butler ſteht hoch im Commando und Vertrauen, und— ich habe Gruͤnde— ich bin gezwungen— kurz, ich kann jetzt dem Hauptmann nicht zuwider ſein, was immer er vornehmen moͤge. Begnuͤge Dich mit dieſer Verſicherung. Koͤnnte ich Dir helfen, ſo wuͤrd' ich es zuverlaͤſſig thun.“ „Ich begnuͤge mich nicht,“ entgegnete Mutter Gee;„ſei der Burſche nun verſtaͤndig oder bloͤd⸗ ſinnig, er bleibt mein Fleiſch und Blut, und ich weiß, Ihr vermoͤgt ihn zu retten, ſo Ihr Willen dazu habt. Manchem ſchlimmeren Ge⸗ ſellen habt Ihr aus dem Kerker geholfen, um Denen zu gefallen, die Ihr fuͤr Euch gewinnen wolltet. Butler war lange Zeit Euer Freund, und Ihr koͤnnt mir helfen und ihm die Stirn bieten.“ „Ich ſage Dir, Weib, daß ich das nicht kann!“ rief Coppleſtone.„Gruͤnde, gewichtige Gruͤnde walten ob, die es hochnoͤthig machen, daß ich jetzt dieſen Butler nicht reize. Ich ſage Dir, ich darf nicht— das iſt ein ſtarkes Wort, wenn ich es ſpreche, ich darf's nicht, und waͤre Dein bloͤdſinniger Junge mein eigenes Fleiſch und Blut.“ „So muß er ſterben, muß im Loche oder am Galgen ſterben,“ ſagte die Bittende. „So laß' ihn ſterben,“ verſetzte Sir John finſter,„und beunruhige mich nicht länger we⸗ gen eines elenden Tölpels, der weder mir noch Dir Etwas werth ſein kann. Geh und vollfuhre mein Geheiß; ich habe andere Dinge vor der W —ð— — — e 33 Hand, als Galgenvoͤgeln den Kaͤfig aufzuſchie⸗ ben. Enthebe Dich!“ Mutter Gee gehorchte, denn ſie kannte den unbeugſamen Sinn dieſes ihres Kundmannes; und da er im Geheimniß ihres Hexereitreibens war, durfte ſie nicht wagen, ihn zu erzuͤrnen, in⸗ dem es mehr als Einen Hopkins gab, deſſen Haͤnden er ſie haͤtte uͤberantworten moͤgen, ſo⸗ bald er es wuͤrde gewollt haben. Als ſie nun den langen Baumgang entlang ſchritt, der zum Herrnhauſe von Warleigh leitete, ſtand ſie ploͤtz⸗ lich, wendete ſich mit einem bittern und bos⸗ haften Ausdrucke auf ihrem Geſichte dem uralten Gebaͤude zu und rief hochentruͤſtet: „Bloͤdſinnig? Galgenvogel? Haſt Anderes vor der Hand? Wohl weiß ich's, daß Du der⸗ gleichen haſt, Du raͤnkeſpinnender, liſtiger, ach⸗ ſeltraͤgeriſcher Boͤſewicht! Aber ich werde Mittel finden, Dich fuͤr dieſe Deine hartherzige Weige⸗ rung zu belohnen. Der Junge iſt mein Sohn, mein Herzblatt. Er war ein flachshaariger Knabe voll Scharfſinn und Witz, obſchon er jetzt bloͤd⸗ ſinnig iſt. Ich ſoll Dir das Buch des Schick⸗ Warleigh. III. 3 34 ſals durchblaͤttern? Ha! ich will ein ſchreckli⸗ ches Blatt aufſchlagen und Dich in Deiner ei⸗ genen Schlinge fangen. Du ſollſt fuͤhlen, was es heißt, einer Mutter Rache wecken, und daß ich Mutter bin! Fluchen will ich Dir hier auf dieſer Staͤtte, ehe ich Dein Gebiet, Dein liſtig erworbenes Gebiet, verlaſſe.“ Mutter Gee, die Jahre lang Andere getaͤuſcht hatte, hielt zu Zeiten ihre Betruͤgereien fuͤr voll⸗ kommen wahr und haltbar. So ſchickte ſie ſich jetzt an, eines ihrer Zauberwerke zu vollfuhren, deſſen Urſprung ſich bis in das graueſte Alter⸗ thum verfolgen laßt, und das ſie gegen ihre Todfeinde in Anwendung zu bringen pflegte. Sie erhob ihren Eſchenſtab, ſchritt ſonnenwärts, das iſt von Oſten gen Weſten, dreimal im Kreiſe herum, brach bei jedem Umgang ihren Eſchen⸗ ſtab von einander und verfluchte„den Böſewicht John Coppleſtone“. Als ſie das letzte Stuͤck ih⸗ res Stabes zu Boden warf, ſprach ſie vor ſich hin:„Es hat manche Viper beſprochen und manche boͤſe Schlange bezaubert; doch iſt keine — 3— „—— —r— — ih⸗ nd ne 35 Schlange*) boͤſer und keine Viper giftiger, als Du es biſt auf Deinen duͤſtern Wegen und auf Deinen falſchen und trugvollen Lippen. Aber nutzlos und duͤrr ſollſt Du werden, wie die En⸗ den dieſes zerbrochenen Stabes, die ich unter meine Fuͤße trete, und gleich ihnen ſollſt Du im Staube liegen und verkommen. Ich habe Dich verflucht und will jetzt Einen aufſuchen, von dem Du Dir nichts traͤumen laͤſſeſt. Ich will Dei⸗ nen verſteckten Plan ergruͤnden und laͤge er auf dem Grunde des Meeres— wrill ihn erforſchen, um meine Rache zu vollfuͤhren; denn lange Zeit biſt Du mir ein Tyrann geweſen, und willſt jetzt zur Ermordung meines Sohnes mitwirken.“ Nach dieſen Schauerworten wickelte ſie ſich in ihren Mantel und ging von dannen, um ein *) Die Landleute im Dartmoor beſprechen Schlan⸗ gen und Vipern, um ſie unſchaͤdlich zu machen, indem ſie mit einem Eſchenſtab einen Kreis um dieſelben herum ziehen. Auch haͤngen ſie Zweige vom Eſchenbaum um den Hals ihrer Hausthiere, damit dieſe nicht von jenen Kriechthieren gebiſſen werden. Anm. d. Verf. 3* 36 Vorhaben auszufuͤhren, welches ſpäterhin dem Leſer kund werden wird. Sir John Coppleſtone verkehrte, wie mancher andere finſtere und gefaͤhrliche Charakter ſeiner Zeit, mit Heren und Zauberern, und ſetzte unbe⸗ granztes Vertrauen in jene großen Gaukler des Jahrhunderts, die ſich mit judicialer Aſtrologie und dem großen Arcanum zu beſchaͤftigen vor⸗ gaben. In den Tagen der Buͤrgerkriege waren jene Betrugereien eben ſo gewaltig, als zu den Zeiten Eliſabeths und Jacobs des Erſten. Un⸗ empfindlich gegen jeden wahren Religivnsgrund⸗ ſatz, nur an aͤußeren kirchlichen Formen anhan⸗ gend, war es nicht zum Verwundern, daß Cop⸗ pleſtone ſich dem Aberglauben ſclaviſch hingab und an Leichtglaͤubigkeit ſelbſt einem Kinde nichts nachgab. Auch fehlte es natuͤrlich nicht an Leu⸗ ten, die ſich dieſe ſeine Schwaͤchen zu Nutze machten, indem ſie in ſeinen Thorheiten ihn be⸗ ſtaͤrkten, oder ſeinen Erwartungen ſchmeichelten, damit ſie dieſe wie jene zu Schurkerei und Be⸗ trug benutzen moͤgten. Zu Denen, die am liſtigſten und fuͤr ſich am am 37 eintraͤglichſten mit Sir John Coppleſtone ver⸗ kehrten, gehoͤrte vorzugsweiſe die verſchlagene Mutter Gee, und dieſer Umſtand erklaͤrt es zur Genuͤge, weshalb der Eigner von Warleigh die Zauberſchweſter zu einer Zeit in Anſpruch nahm, in welcher tief angelegte Plaͤne ihn draͤngten, wenn moͤglich die Zukunft zu erforſchen. Daß er in ſeiner dermaligen politiſchen Stel⸗ lung den allerdings vielgeltenden Hauptmann Butler nicht erzuͤrnen durfte, kann dem Leſer wohl begreiflich ſein; doch lief Coppleſtone ge⸗ wiß ungleich groͤßere Gefahr dadurch, daß er die Zauberſchweſter erzuͤrnte; denn er hatte nun die Rache der Alten geweckt, und es war ſicher dar⸗ auf zu rechnen, daß die auf ſolche Weiſe in ihr angeblaſene Gluth zu einer fuͤrchterlichen und verderblichen Flamme auflodern wuͤrde. ————————— Vrittes Capitel. — „Dieſer von außen heil'ge Deputirte— Deß ruhig Antlitz und beſonnen Wort Die Jugend bei dem Kopf nimmt und ſie einſperrt, So wie der Falk den Specht— iſt doch ein Teufel.“ Shakſpeare. Am Abend des Tages, an welchem Mutter Gee ihr Zuſammentreffen mit Sir John Copple⸗ ſtone gehabt hatte, ging dieſer allein des Weges hinab zu der Huͤtte des Schwarzen Will. Sir John gruͤbelte dabei vor ſich hin— die Schat⸗ ten um ihn her waren duͤſter wie ſein Inneres; er war elend in ſich ſelbſt, denn er hatte keinen ruhigen Augenblick; ſeine Befuͤrchtungen waren die des boͤſen Bewußtſeins; ſie ſtiegen eine nach der andern in ihm auf, die letztere immer die le⸗ 39 ſchauerlichere, gleichwie die Plagen, die ausge⸗ ſendet wurden, die Aegypter zu zuͤchtigen. John Coppleſtone hatte in ſeiner Jugend die Bahn der Ausſchweifung und Thorheit durch⸗ lauſen; in reiferem Alter verwandelte er das Ziel ſeines Trachtens, nicht aber ſein Herz, und ward ſo aus einem Thoren ein Gottloſer. Es war ſeine Natur, keines Feindes zu ſchonen, keine Belei⸗ digung zu vergeben, wie weit dieſe auch hinter ihm zuruͤckliegen mogte. Er hatte große Reich⸗ thuͤmer zuſammengebracht und war auf krummen und verſteckten Wegen weit auf derjenigen Straße vorgeruͤckt, die da zum Gipfel des Weltgluͤcks leitet. So wie er zu dieſem hinanſchritt, erwei⸗ terte ſich die Ausſicht ſeines Ehrgeizes immer mehr; er blickte dann uͤber ein weitgedehntes Ge⸗ biet, das er ſein eigen zu nennen wuͤnſchte, gleich⸗ viel ob der Preis, es zu erringen, judasgleich ein Blutgeld ſein wuͤrde. Dies war das mehr denn menſchliche Duͤſter, das uͤber der Seele Copple⸗ ſtone's hing, und gleich dem unglaͤubigen Koͤnige verſtockte er deßungeachtet ſein Herz und ver⸗ folgte ſeinen Weg der Gettloſigkeit. 40 Die Huͤtte ſeines Untergebenen, des Schwar⸗ zen Will, eines Menſchen, der wie ein Wolfs⸗ faͤnger nur ſeiner Wildheit wegen gebraucht ward, ſtand auf dem Grundgebiete Sir John's. Sie war ein niedriges, mit Stroh gedecktes Gebaͤude, an abgelegener Staͤtte, und entſprach nicht uͤbel dem Charakter ihres Beſitzers. Rings um ſie her ſtanden hohe und dunkle Waldbaͤume, durch deren dichtes Gezweig die Sonne nur ſpaͤrlich ihre Strahlen um Mittagszeit blicken ließ; die Waͤnde der Huͤtte waren baufallig und epheu⸗ umwachſen, die Fenſter barin ſo ſchmal, daß ſie wie Mauerritzen ausſahen, und die Thuͤr wies, ungleich anderen Huͤttenthuͤren, ſich veſt verwahrt, mit eiſernen Naͤgeln durchſchlagen, und ſtand ſelten offen— ſie war hart und ver⸗ ſchloſſen, wie die Seele des Huͤttenbewohners. Sir John naͤherte ſich, hielt jedoch einen Augenblick inne, ehe er an das bösweiſſagende Gebaͤude pochte. Er lauſchte, ob auch drinnen Etwas ſich regte. Kein Laut traf ſein Ohr, und ein lauter Stoß mit ſeinem Wanderſtecken kuͤn⸗ dete jetzt an, daß er Einlaß begehrte. Englands Moraliſt hat geſagt:„Kein Auge zu ſcheuen und keine Zunge zu fuͤrchten, iſt das große Vorrecht der Schuldloſigkeit.“ Sir John Coppleſtone konnte demnach nicht im Beſitze die⸗ ſes Vorrechtes ſein; denn obwohl ein kuͤhner und entſchloſſener Mann, der nie einem Gerin⸗ geren als er war, nachgab, vermogte er doch nimmer den Schwarzen Will ohne jenes unwill⸗ kuͤrliche Gefuͤhl von unklarem Argwohn zu be⸗ trachten, zu welchem ſich jederzeit die Furcht ge⸗ ſellt. Will war ein niedriger, gemeiner Menſch, galt auf der Wage der buͤrgerlichen Geſellſchaft nicht mehr, als der Bettler, der am Heerwege Almoſen begehrt; allein er war im Beſſitze ge⸗ wiſſer Geheimniſſe, hatte zu Gottloſigkeiten mit⸗ gewirkt und erhielt dadurch Bedeutendheit in den Augen Coppleſtone's. Sir John und deſſen Dienſtmann ſchwiegen einige Augenblicke, waͤhrend Will, der vielleicht vermuthete, der Beſuch des Gebieters moͤgte nicht geeignet ſein, ploͤtzlich unterbrochen zu werden, die Thur verriegelte, und dann mit einem We⸗ ſen duͤſterer Hoͤflichkeit fragte, ob es Seiner 42 Gnaden beliebe, ſich zu ſetzen und vom Spazier⸗ gange auszuruhen. Sir John war nicht der Mann vieler Worte, wo es Geſchaͤftsangelegenheit betraf. Er ant⸗ wortete daher nicht, zog aber, indem er ernſt in des Schwarzen Will's Geſicht blickte, unter ſei⸗ nem Mantel ein Buͤndel Schriften hervor und fragte:„Haſt Du meinem Auftrage gemaͤß Dich erkundigt, ob der Oberſt Holborn nach der Be⸗ lagerung von Sydenham⸗Houſe ſchon wieder zu⸗ ruͤck nach Plymouth iſt?“ „Er iſt's, Sir,“ antwortete Will. „Wohl,“ ſprach der Gebieter weiter.„Hier iſt ein Packet, das Du noch waͤhrend dieſer Nacht in ſeine Haͤnde liefern mußt. Du darſſt nicht eher ſchlafen noch raſten, bevor er es erhielt; und merke wohl! in ſeine eigenen Haͤnde mußt Du ſelbſt es abgeben. Bei Empfange dieſer Schriften wird Oberſt Holborn Dir gewiſſe Ge⸗ genſtaͤnde verabreichen, die Du alsdann mir zu uͤberbringen haſt. Diene mir hierin hurtig und getreu, ſo iſt Dein Gluͤck fuͤr immer gemacht, Will. Alles, was ich bisher ſuͤr Dich gethan ——„— —— p—— — habe, ſoll Nichts ſein; denn ſobald Einer in Si⸗ cherheit gebracht ſein wird, haſt Du wegen be⸗ gangener Schuld nichts mehr zu fuͤrchten. Ver⸗ ſtehſt Du mich?“ „Ich verſtehe,“ antwortete Will mit boshaf⸗ tem Lacheln. „Ha!“ rief Coppleſtone,„der freche Genoß, der laͤſtermaͤulige Spoͤtter, der mich in's Antlitz verhoͤhnte, der mich ſelbſt bei Denen verdaͤch⸗ tigte, mit denen ich im Amte ſtand— er ſoll in meine Hand gegeben ſein, wie Saul in Da⸗ vid's Hand gegeben war; doch will ich ihm nicht vergelten wie David dem Saul. Sein Leben iſt verwirkt, und er ſoll es laſſen. Einmal ver⸗ fehlteſt Du ihn; diesmal wird ein zuverlaͤſſiger Streich gegen ihn gefuͤhrt, und zwar durch oͤf⸗ fentliches Verfahren des Rechts und der Geſetze.“ „Das iſt wahrlich gewichtige Kunde,“ ſagte Will, der ſeine beſonderen Gruͤnde hatte, die von Coppleſtone ſo duͤſter angedeutete Perſon zu fuͤrchten, und mit dem Blicke boshafter Zufrie⸗ denheit ſetzt' er hinzu:„Mit Freuden koͤnnt' ich den Galgen wagen, um jenem Halunken den Reſt zu geben.“ „Hier waltet keine Gefahr ob,“ ſagte Copple⸗ ſtone;„der angelegte Plan kann nicht fehlſchla⸗ gen. Ich that Vieles, jedoch noch nicht Alles; ich habe kein feigherziges Leben gefuͤhrt; jede meiner Handlungen trug einen hohen Vorſatz in ſich und war mit eben ſo hoher Gefahr ver⸗ knuͤpft. Ehrgeiz kriecht nicht wurmgleich am Bo⸗ den hin; ſein Streben iſt aufwaͤrts gerichtet, ſein Hoffen hat kuͤhne Schwingen und erhebt Den, der den Preis erringt, weit über den Troß der Alltagsmenſchen, die ihm verwunderungsvoll nach⸗ ſtarren, als verfolgten ſie mit dem Blick einen Adler, der zur Sonne emporſteigt.“ Sir John ſprach dies als wollte er ſeinen Empfindungen und verwegenen Gedanken Luft machen, ohne die beſondere Abſicht zu haben, den Schwarzen Will dadurch anzureden; doch heftete er jetzt auf dieſen einen veſten Blick und fuhr fort: „Merk“ auf! Heute Nacht, wenn Alles im Schlafe liegt, wenn jede Huͤttenthur der Doͤrf⸗ ler verſchloſſen iſt, wenn kein Lauſcherauge mehr —„— „— L——— 45 wach ſein kann, richteſt Du meine Botſchaft aus. Der Mond wird Deinem Pfade Licht geben, und dieſer wird Dich zum Empfange reichen Lohnes leiten, ſo Du getreu bleibſt.“ Der Schwarze Will, der ſeit Jahren nicht nur das Werkzeug, ſondern oft der Vertraute Sir John Coppleſtone's geweſen war und deſſen Befehle, die gewoͤhnlich von fanatiſchen Unſinns⸗ reden begleitet wurden, hingenommen hatte, horchte auch jetzt in duͤſterer Behaglichkeit auf, als ſein Gebieter ihm den tiefangelegten Plan enthuͤllte, der mit ſo vielem Geheimthun und Eifer ausgefuͤhrt werden ſollte. Sir John legte dann das mitgebrachte Packet in die Haͤnde des Schwarzen Will und gab ihm alle erforderlichen Weiſungen, ſo daß der Bote im Stande ſein wuͤrde, zu jeglicher Stunde Zutritt bei dem Ober⸗ ſten Holborn zu erhalten. Ehe der Gutsherr ſich enthob, ermahnte er jedoch ſeinen Abgeord⸗ neten mit den Worten zur Behutſamkeit:„Sorge fuͤr Ausfuͤhrung meines Auftrags, aber nimmer ſchwatze daruber. So Jemand Dich befragen pollte, ſo ſei hoͤflich in Deiner Antwort, zeige 46 jedoch Keinem als habeſt Du mehr Kunde von meinen Angelegenheiten, denn das Wachs, wo⸗ durch dieſe Briefſchaften verſchloſſen gehalten ſind. Wird Dir zu trinken geboten, ſo ſcheue es wie Du einen Verraͤther ſcheuen wuͤrdeſt; denn Wein, der da Freude verheißt, hat Jammer in ſeinem Gefolge, und leitet oft gleichwie die Laſter Ne⸗ bukadnezar's zu ſolcher Thorheit und Suͤnde, daß der Zecher arm, nackt und bettelhaft von dan⸗ nen zieht, um ſich gleich dem Zugvieh auf dem Felde zu atzen. Sei vorſichtig, ſag' ich, und getreu; denn Solche, ſpricht Salomo, ſind die Weiſen.“ Sir John entfernte ſich und uͤberließ es dem Schwarzen Will, ſich zur Ausrichtung der ihm gewordenen Botſchaft anzuſchicken. Piertes Capitel. „Wer And're zu beherrſchen weiß, Der traͤgt davon des Stolzes Preis. An Leib' und Geiſt bezwinge man Die Leute nur, und ſieh! man kann Sie, ohne daß ſie ſelbſt d'ran denken⸗ Nach ſeinem eig'nen Willen lenken. Butler's„Hudibras“. Ohne einige Kenntniß des Geiſtes der furcht⸗ baren Zeiten der Buͤrgerkriege in England moͤgte der Leſer diejenigen Scenen, die wir im Ver⸗ laufe unſerer Geſchichte ihm vorzufuͤhren haben, nicht nur fuͤr unwahrſcheinlich, ſondern wohl gar fuͤr widernatuͤrlich halten. Indeſſen genaue Pruͤfung der hiſtoriſchen Ergebniſſe jener Zeit weiſen aus, daß Einheit des Vorſatzes, des Ge⸗ fuͤhls und der Meinung damals hoͤchſt ſelten ge⸗ 48 funden wurde. Selbſt unter den Braven und f Edlen jener Tage walteten Neid, Unentſchieden⸗ heit, Mißtrauen und Spaltung ob. Doch be⸗ ſchraͤnkte ſich dies nicht etwa blos auf Behoͤrden und Maͤnner im Amte; Staͤdte, Doͤrfer, Fami⸗ lien, Freunde und Blutsverwandte waren in Zwieſpalt ſelbſt Betreffs ihrer Unterthanentreue und noch mehr Betreffs ihrer Religion. „—— So ſah man waͤhrend der Buͤrgerkriege Eng⸗ lands Väter und Soͤhne, ja Gatten und Gat⸗ tinnen(denn die Weiber wieſen ſich damals als eben ſo ſtarrſinnige Politiker und Religioniſten wie die Manner) nicht ſelten ſo voll Haders gegen einander, daß der haͤusliche Kreis, die Staͤtte am heimiſchen Herde zu einem duͤſtern und ungluͤckſeligen Schauplatze wilden Streites gemacht ward. Die naächſten Blutsverwandten zankten oft uͤber die abſtracteren und myſtiſchen Theile der Gotteslehre in ſolchem Unmaße, daß ſie daruͤber vergaßen Chriſten zu ſein, indem bei ihnen an die Stelle der Sanftmuth und Liebe, die von der heil. Schrift uns ſo inniglich anbe⸗ — 49 fohlen werden, Haß und Verfolgung traten, die doch ſo ſehr im göttlichen Geſetze verboten ſind. Wir haben dieſe nothwendigen und unum⸗ ſtößlich wahren Bemerkungen vorausgeſchickt, weil ſie uns dienen, ein Licht auf etliche auffallende Thatſachen zu werfen, die wir uͤber das Thun Gertrud Coppleſtone's mitzutheilen haben. Ger⸗ trud war fromm und gottesfuͤrchtig, und es machte ihr Kummer, zu ſehen, wie draußen der Geiſt der Gottloſigkeit nach allen Richtungen umherſchweifte. Als ſie aber nun vermoͤge ih⸗ rer eigenen ſcharfen Beobachtungsgabe wahr⸗ nahm, wie ihr Vater eine achſelträgeriſche Rolle ſpielte und in Begriff ſtand, irgend eine verräthe⸗ riſche Handlung zu begehen, wodurch er ſich an Seele und Leib verderben duͤrfte, beſchloß ſie in einer Froͤmmigkeit, die an und fur ſich das groͤßte Lob verdient, in einer Froͤmmigkeit, durch die des Mädchens veſtes und entſchloſſenes Gemuͤth zu der aͤußerſten Kraftanſtrengung aufgefordert ward, alles ihr Moͤgliche anzuwenden, um ihren Vater vor ſolcher Suͤnde und ſolchem Elende zu be⸗ wahren. Warleigh. III. Gertrud hatte unter Beobachtung der groͤßten Vorſicht geſtrebt, werthvolle Erkundigungen durch Mutter Gee einzuziehen. Freilich kannte und ver⸗ achtete Gertrud den Charakter dieſer Alten, wußte, daß dieſelbe oft als Werkzeug beider Parteien beide Parteien hinterging, um ihren eigenen Gewinn da⸗ durch zu ſichern; jedoch was ſollte Gertrud, da ſie die Kunde, die ſie von Mutter Gee einzog, von keinem Andern haͤtte einziehen können? Ger⸗ trud behandelte daher die Alte mit Hoͤflichkeit, mißtraute ihr jedoch ſtets, hatte jedoch auch Ur⸗ ſache, zu glauben, daß ſie, eben um ihres eige⸗ nen Vaters willen, es nimmer mit der Zauber⸗ ſchweſter verderben duͤrfe. Mutter Gee aber hatte wirklich die Mittel in Haͤnden, ſich auf merkwuͤrdige Weiſe allerlei gewichtige Kunde zu verſchaffen. Sie hatte ih⸗ rer Zeit manche Agentſchaft ruͤſtig durchgefuͤhrt und war, wiewohl unter anderem von ihr ange⸗ nommenen Namen, eben das Weib, von wel⸗ chem Clarendon ſpricht, die als Spaͤherin waͤh⸗ rend der Belagerung Reading's von keiner ge⸗ ringeren Perſon, als von dem Oberſten Fielding „t+— „— ttel rlei ih⸗ hrt ige⸗ vel⸗ aͤh⸗ ge⸗ ding ſelbſt gebraucht ward. Bei der Beſturmung von Rougemont-Caſtle in Exeter trieb ſie gleiches Gewerbe. Auf ſolchen Wegen war Mutter Gee mit dem verrufenen Capitaͤn Coleman bekannt worden, der minder liſtig und verſchlagen, doch nicht im Geringſten weniger boöhaft, als ſie, nicht ſelten von ihr hinter's Licht gefuͤhrt wor⸗ den war. Der Leſer wird hieraus entnehmen koͤnnen, wie Mutter Gee mehr oder minder von Dingen unterrichtet ſein mogte, die ſonſt wohl außer dem Bereiche einer Perſon von ſo untergeordnetem Stande zu liegen ſcheinen. Die Zauberſchweſter hatte, wie wir wiſſen, ihrem Kundmanne Sir John Coppleſtone Rache geſchworen, und waͤhrend ſie dieſes Geluͤbde er⸗ fuͤllen wollte, meinte ſie zu gleicher Zeit darnach trachten zu muſſen, ſich gegen irgend ein ihr ſelber drohendes Unheil im Voraus zu ſichern. Zu dieſem Ende hatte ſie ihren Plan entworfen, deſſen erſter Schritt dahin ging, daß ſie nicht lange nach ihrem juͤngſten Geſpräche mit Sir John die Tochter deſſelben, die liebenswuͤrdige 4* 52 Gertrud, aufſuchte. Sie ſtand dem Maͤdchen bald allein gegenuͤber und erkannte auf den erſten Blick, wie Gertrudens ausdrucksvolles Geſicht von ſie beſchaͤftigenden ſchwermuͤthigen und niederbeugen⸗ den Gedanken zeugte. Die verſchlagene Alte zoͤgerte nicht, in dem Bombaſt ihres Gewerbes zu verſtehen zu geben, daß ſie wichtige Kunde haͤtte, die ihr jedoch keinesweges auf gewoͤhnli⸗ chem Wege zugekommen waͤre. Nun aber beſaß Gertrud zu viel Verſtand, um den Thorheiten ihrer Zeit nachzugehen, trug auch nichts Boͤſes im Herzen, und brauchte demnach nicht gleich ihrem Vater das Buch zukuͤnftigen Geſchickes durchblaͤttert wiſſen zu wollen; dennoch, da ſie nicht zweifelte, Mutter Gee habe wirklich irgend eine gewichtige Kunde erlangt, bat ſie die Alte, ihr ſolche mitzutheilen. „Euer Vater, ſchoͤne Miß“, ſprach die Zwi⸗ ſchentraͤgerin,„iſt zeither ſehr geſchaͤftig, und es ſcheint, als fuͤrchtete er Dinge, die nicht ganz ſo friedfertig ſein duͤrften, als man ſie nach ſo langem und grauſamem Kriege wohl wuͤnſchen moͤgte. Hoͤrtet Ihr, wie vergangene Nacht durch —„ en c —— —— S lte bes nde nli⸗ ſaß ten ſes eich kes ſie end lte, es anz ſo hen rch — den Schwarzen Will und deſſen Genoſſen ein großer Waffenvorrath nach Warleigh gebracht wurde? Euer Vater ſelbſt war dabei zugegen, als man ſie in das Gewoͤlbe unter der großen Kammer gen Norden ſchaffte.“ Gertrud erſchrak und erblaßte. Sie hatte nichts von dergleichen gehoͤrt, hatte aber kurz vor dem Schlafengehen geſehen, wie ihr Vater einige Schluͤſſel zu gewiſſen Kammern und Gewoͤlben des alten Gebaͤudes hervorſuchte. Auch erinnerte ſie ſich, daß der Schwarze Will uͤber eine Stunde lang mit ihrem Vater eingeſchloſſen geweſen, und daß Capitaͤn Coleman dazugekommen war. „Jetzt zweifelt noch, wenn Ihr Luſt habt, daß ich in den Sternen zu leſen vermag,“ fuhr Mutter Gee fort, indem ihr Blick an dem Far⸗ benwechſel auf Gertrudens Wangen hing.„Dann aber glaubt auch an Eines von dem Vielen, was ich von den boͤſen Werken weiß, die ſich zur Zeit vorbereiten. Dies Eine will ich Euch ſagen, und glaubt daran,“ fuhr ſie mit Nachdruck fort—„glaubt daran, ſo wahr Ihr den Mann Eures Herzens liebt; denn kommt dieſer am bend des zwanzigſten Junius hieher, ſo iſt er ſo gewiß, als die Sonne am Mittage leuchtet, ein verlorener Mann; denn der zwanzigſte Ju⸗ nius wird nach dem Willen des Schickſals fur Haus Warleig ein Tag des Ungluͤcks ſein, wenn—“ „Was haſt Du vor, Mutter?“ fragte Ger⸗ trud.„Sprich deutlich heraus, welche Gefahr droht, und wie ich dieſelbe abwehren kann? Auf wen zielteſt Du, als Du ſo ſeltſam ſprachſt?“ „Auf wen? Auf den Mann Eures Herzens. Erroͤthet nicht, ſchoͤne Miß, da Mancher außer mir es wiſſen mag, daß Gertrud Coppleſtone, die reiche Erbin von Warleigh, ſich mit Herz und Hand dem Sir William Baſtard ergeben haben wuͤrde, wenn nicht ihr Vater und jener tapfere Cavalier Todfeinde um alten Haders willen waͤren. Jetzt zwar ſind Beide Freunde miteinander, doch ſind ſie's nur um Eigennutzes willen, und Einer von ihnen wird ſich als Ver⸗ raͤther erweiſen.“ „Sprich“, rief Gertrud,„ich bitte Dich, ſprich! Sage Deine Meinung rund heraus, und uͤr er⸗ hr n 20 er ne, rz en rs de es er⸗ h, nd wolle nicht meinen Vater und jenen tapfern Ca⸗ valier in einen boͤſen Verdacht bringen, den Du am Ende nur durch Deine finſteren Muthmaßun⸗ gen wirſt rechtfertigen koͤnnen.“ „Ihr ſeid erzuͤrnt,“ entgegnete Mutter Gee, „doch ſprach ich nur die Wahrheit, wie geheim⸗ nißvoll ich auch dabei ſcheinen moͤge. Hoͤrt mich an! Ich darf nicht lange weilen, denn Euer Vater ſah mich im Vorhofe, als ich mich zu Euch hereinſtahl, und ſchien ſich ebenfalls hieher zu wenden. Hoͤrt mich, ſag' ich! Ein ſchlauer, gottloſer Plan iſt angelegt, um Sir Piers Edg⸗ cumbe, Sir William Baſtard, Sir Hugo Piper und mehrere andere Edelleute, die ich nicht nen⸗ nen darf, zu denen jedoch auch Euer ungluͤckli⸗ cher Oheim gehoͤrt, in eine Falle zu locken. Ich warne Euch vor der Gefahr, in ber jene Maͤnner ſchweben. Ich weiß, Ihr werdet mich nicht verrathen, daß ich Euch dieſe Dinge kund⸗ machte; ich weiß, daß Ihr es nicht duͤrft,“ ſetzte ſie kuhneren Tones hinzu,„denn Euer Va⸗ ter iſt in meiner Gewalt; ja, ja, Sir John Coppleſtone iſt in meiner Gewalt; doch um Eu⸗ 56 retwillen, ſo Ihr mich gut behandelt, will ich nicht zu ſeinem Verderben wirken.“ Gertrud wollte ſprechen, jedoch die Alte ließ es nicht zu, ſondern ſchloß haſtig ihre ſeltſame und beunruhigende Rede mit den Worten:„Ich kenne Eure Liebe zu Sir William Baſtard. Wird er durch die zeitige Warnung, die ich Euch gab, gerettet, ſo werd' ich ſpaͤterhin zur Belohnung mir einen Dienſt von Euch erbitten, den Ihr mir nach dem Tage des zwanzigſten Junius wer⸗ det leiſten koͤnnen. Glaubt mir, daß ich Wahr⸗ heit redete. Pruͤft ſelbſt und ſehet, ob nicht Ur⸗ ſache zum Argwohn vorhanden iſt. Sagt Eu⸗ rem Vater, wie Ihr es entdecktet, daß ſein Haus ſich in wehrhaften Zuſtand verſetzte; befragt ihn ſcharf, und wenn er nicht die Wahrheit von all⸗ dem beſtaͤtigt, was ich Euch geſagt habe, ſo trauet mir nimmer wieder. Gedenkt des zwan⸗ zigſten Junius! Ich werde an jenem Tage hier ſein; mittlerweile ſucht Eure Freunde von der ihnen drohenden Gefahr in Kenntniß zu ſetzen. Mißlingt Euch dies, ſo ſind ſie verloren.“ Nach dieſer Anmahnung enthob ſich Mut⸗ ————— 37 ter Gee und ließ Gertrud hoͤchſt bekuͤmmert, je⸗ doch zu gleicher Zeit veſt entſchloſſen zuruͤck, ih— rerſeits ſo zu verfahren, daß es ihr kund wer⸗ den mußte, ob die Alte ihr Wahrheit oder Luͤge ſprach. Fünftes Capitel. „Der beſte Weg iſt, Valentin zu ſchmaͤh'n, Als waͤr' er falſch und feig' und nied'rer Herkunft; Drei Dinge, die ein Weib von Herzen haßt.“ Shakſpeare. Gertrudens Zuſammentreffen mit ihrem Vater bereitete der Tochter ein unausſprechliches Elend. Sie blickte ihn an und ſchauderte, denn ihr Herz fluͤſterte ihr zu, daß die Zauberſchweſter ihr nur allzu gewiß die Wahrheit geſagt hatte. Ihr Va⸗ ter ſah allerdings darnach aus, den Verraͤther ſpielen zu wollen. Allem Vermuthen nach hegte er nicht die Abſicht, Gertrud von ſeinen Maͤnen, welche dieſe auch ſein mogten, in Kenntniß zu ſetzen; denn als die Tochter ihn befragte, wes⸗ halb er ſein Haus in Vertheidigungszuſtand brin⸗ gen ließe, gebot er ihr zu ſchweigen. „Ich kann nicht ſchweigen, Vater,“ entgeg⸗ nete ſie,„ſobald ich fuͤrchten muß, daß ein Plan im Werke iſt, der Deine Sicherheit gefaͤhrden kann. Ich bin Deine Tochter und Dir gewiß nicht ungehorſam. O, mein Vater, blicke mich nicht ſo zuͤrnend an! Vertraue Deinem Kinde Dein Vorhaben; vertraue ihr, die, wenn ſie Macht dazu haͤtte, wie Dein Schutzengel uͤber Dich wachen wuͤrde. Was that ich, daß Du mich in eben dem Augenblicke von Dir ſtoͤßeſt, in welchem ich Dir in und Gehor⸗ ſam nahe?“ „Gehorſam?“ rief Coppleſtone hoͤhniſch. „War's etwa Gehorſam, als Du die Bewerbun⸗ gen William Baſtard's aufmunterteſt, bevor ich dahinterkam und es vereitelte?“ „Ich hatte nicht die Abſicht, mich ohne Deine Einwilligung mit Sir William zu verloben, Va⸗ ter,“ war Gertrudens Antwort,„und ich hoffte, Du wuͤrdeſt die Werbung eines Mannes von 60 ſeiner Herkunft und ſeinem Charakter nicht zu⸗ ruͤckweiſen.“ „Seine Herkunft? Sein Charakter? Sprich mir nur davon nicht! Ich weiß, daß Du ſeit lange ſeine Laſter fuͤr Tugenden, ſeine Schlacken fuͤr Gold anſaheſt; weiß, daß er einſt ein toll⸗ ſinniger Verſchwender, ein Schwelger und ein Diener der Ueppigkeit war, der ſeine Aecker in Weinkruͤge und Rennpferde verwandelte, deſſen Silber am Feuer ſeiner Leidenſchaften zerſchmolz, ſo daß er all ſeine Guͤter verpfaͤndete und zu⸗ letzt ein ſo ſchamloſer Borger ward, daß er je⸗ den thorichten Geſellen, der ihm hätte Gehoͤr ſchenken wollen, mit der Muͤtze in der Hand um eine Anleihe von einem Jacobus, oder ei⸗ nem Kronthaler angeſprochen haben wuͤrde.“ Gertrud fuͤhlte ſich tief verletzt durch das ſpottiſche und uͤbertriebene Bild, das ihr Vater von etlichen Jugendfehlern Sir William's ent⸗ worfen hatte, und die von dem Juͤngling laͤngſt durch ein lobwurdiges Betragen wieder gutge⸗ macht worden waren. „Du irrſt, Vater; Du thuſt ihm Unrecht,“ — verſetzte Gertrud;„Du ſollteſt bedenken, daß, ſo⸗ bald er in den Beſitz von ſeines Oheims Nach⸗ laß kam, er alle ſeine Schulden bezahlte, von allen ſeinen fruͤheren Thorheiten abließ und ſich als ein geſitteter und rechtſchaffener Edelmann zeigte. Seitde. hat er freilich ſein Vermoͤgen abermals angegriffen, allein es geſchah fuͤr die Sache des Koͤnigs und gereicht ihm alſo zum Verdienſte. Was er Euch aber ſchuldete, hat er bis auf den letzten Heller bezahlt.“ „Bezahlt?“ rief Coppleſtone.„Wie hat er mich denn bezahlt? Mit uͤberlaͤſtiger Hoffart, mit unertraͤglicher Frechheit, weil ich ihm, und aus guten Gruͤnden, die Hand meiner Tochter verſagte; und dann heiſchte er mit gebieteriſchem Weſen von mir eine Quittung uͤber ſeine getilgte Schuld. Doch war Lies noch nicht Alles. Als ich Commiſſionsmitglied war und nach den ſe⸗ queſtrirten Guͤtern boͤswilliger und ſchuldigbe⸗ fundener Royaliſten zu ſehen hatte— wie be⸗ handelte mich da Dein Sir William? Ich will Dir's ſagen. Er verlaͤumdete mich, er taſtete meine Ehre an, er verklagte mich des Privat⸗ — ½ raubes an oͤffentlichem Gute. Aber ich hab's geſchworen, mir Genugthuung von ihm zu ver⸗ ſchaffen, und ich werde meinen Schwur zu hal⸗ ten wiſſen.“ Erſchreckt durch dieſe Drohungen eines rach⸗ gierigen und unverſoͤhnlichen Gemuͤthes, ſagte Gertrud im Tone hohen Ausdruckes;„O, mein Vater, gieb keinem ſolchen Grolle Raum! Ge⸗ wiß, gewiß, Du vermagſt es nicht, Sir William ſeinen Feinden zu verrathen! Der Himmel weiß es, daß er deren viele in dieſen gefahrvollen Zei⸗ ten hat.“ „Ich will uͤber meine Abſichten nicht befragt ſein,“ entgegnete Coppleſtone. „So hegſt Du denn keine boͤſen Abſichten, Vater?“ rief Gertrud mit Bangen.„Allguͤti⸗ ger Himmel! was ſoll ich denken? Ich weiß, Du beabſichtigſt hier im Hauſe ein Zuſammen⸗ kommen all Derer, die Du Deine Freunde nennſt, und unter welchen ſich Etliche befinden, von de⸗ nen es mich wundern muß, daß Du ſie ſo nen⸗ nen kannſt. Was aber muß Deine Abſicht bei jener Zuſammenkunft ſein, da Du gegen Ei⸗ t nen jener hier zu Erwartenden ſo bittern Haß naͤhrſt?“ „Schweig,“ herrſchte ſie der Vater an,„und hab Acht, das Haus nicht ohne meine, Deines Vaters, Erlaubniß zu verlaſſen. Nicht vor die Thuͤr, ſag' ich, gehſt Du, ohne vorher Zuſtim⸗ mung dazu von mir erhalten zu haben.“ „Ich kann mich nicht verſucht fuͤhlen, Dir ungehorſam zu ſein,“ verſetzte die Tochter,„denn ich weiß, daß Du von Leuten umgeben biſt, die mich belauern wuͤrden, wie Kerkerknechte die ar⸗ men Royaliſten belauern, wenn dieſe auf we⸗ nige Stunden zu einer ſcheinbaren Freiheit aus ihrem Gefaͤngniſſe gelaſſen werden. Doch wenn Du mich je geliebt haſt, wenn ich jemals den Namen Deiner Tochter in Deinen Augen ver⸗ diente, ſo mache mich durch die entſetzlichen Be⸗ ſorgniſſe, die Du in mir erregſt, nicht ſo gren⸗ zenlos elend! Sage mir, was Du vorhaſt und laß mich Dich vor der Gefahr beſchuͤtzen, in welche Deine eigenen heftigen Leidenſchaften Dich ſturzen!“ Coppleſtone blickte finſter auf ſein Kind und 64 entgegnete blos:„Aergere mich nicht mehr durch dieſe Fragen und Forderungen. Des Weibes Neugier ſteckt in Dir, ſo daß Du Wunderdinge aus jedem hingeworfenen Worte herausklauben moͤgteſt. Hinweg! begieb Dich in Dein Gemach, und belaͤſtige mich nicht läͤnger!“ In ſolcher boͤſen Gemuthsſtimmung entließ Sir John ſeine Tochter. Er hatte ihr unterſagt, ſich aus dem Hauſe zu entfernen, und ſie be⸗ ſchloß ihm zu gehorſamen, da ſie wohl wußte, wie erfolglos ihr Widerſtand ſelbſt gegen ſeine widerſinnigſten Befehle ſein wuͤrde. Mehr denn jemals aber fuͤhlte ſie ſich jetzt uͤberzeugt, daß irgend ein tief angelegter Plan mit der Zuſam⸗ menkunft der Royaliſten in Verbindung ſtehen muͤßte. Sie nahm ſich vor, ihrem jungen Vet⸗ ter Amias, in ſofern es ſich mit dem ihrem Va⸗ ter ſchuldigen Gehorſam vertragen moͤgte, ihre Furcht mitzutheilen; dehn wie feindlich dieſer auch der Sache des Koͤnigs geweſen ſein und noch ſein mogte, ſo hielt ſie ihn doch fuͤr edel⸗ ſinnig genug, um ihm zuzutrauen, daß er ſtre⸗ ben wuͤrde, ein ſo ſchwarzes Verbrechen, wie — )—— S— ch es ge en ch, eß gt, e⸗ te, ine nn aß m en et⸗ Ja⸗ hre ſer ind el⸗ tre⸗ wie Verraͤtherei, zu verhindern. Es war peinlich, uͤber dieſen Gegenſtand mit Radcliffe zu reden, dennoch hielt Gertrud dies fuͤr das ſicherſte und zarteſte Verfahren, da ſie wohl wußte, daß Amias um ihretwillen, ſo ſehr es ihm moͤglich ſein koͤnnte, ihren Vater vor oͤffentlicher Schmach bewahren und in der ganzen Sache ſo handeln wuͤrde, als betraͤfe ſie ſeine eigene Ehre und Verantwortlichkeit. Gertrud erwog dieſen Plan reiflich und ſuchte dann vor Schlafengehen eine Unterredung mit dem jungen Radeliffe, waͤhrend ſie ihren Vater abermals in ſeinem Gemache mit dem Schwarzen Will eingeſchloſſen wußte. Warleigh. III. 5 Serhstes Capitel. „Mich dunkt, es ſei zur anberaumten Stunde, Denn uͤber uns auf ihrem Heimflug zogen Der Krähen und der Dohlen Schaaren hin⸗ Mit wildem, widrigem Gekraͤchz enteilend, Indeß aus Thalſchlucht und aus Fluſſesbette Der weiße Flockennebel ſtieg, und an dem Walddunkeln Ufer ſich emporſtahl.“ JFoanna Baillie. Am Vorabende des zwanzigſten Juni ſaßen 1 mehrere Gaͤſte des Sir Piers in dem Ritter⸗ ſaale zu Mount Edgeumbe um eine reich⸗ und 1 wohlbeſetzte Tafel herz doch ſchienen weder die wohlzubereiteten Speiſen noch die trefflichen Weine, e die gaſtlich gereicht wurden, das Gemuͤth irgend ſi eines der Anweſenden zu erheitern. Auf allen ſi Geſichtern hing Truͤbfinn, und nur wenige ab⸗ d gebrochene Worte wurden waͤhrend der Mahlzeit u geſprochen. Kaum aber hatten die Diener abge⸗ en er⸗ nd len eit ge⸗ 67 raͤumt und Sir Piers mit ſeinen Freunden allein gelaſſen, als jeder von dieſen zu gleicher Zeit mit den Uebrigen das Wort nahm und in ban⸗ ger Beſorgniß die Fragen aufwarf:„Warum zoͤ⸗ gert er? Wo bleibt er? Keine Kunde auch lief von ihm ein. Burley verſprach doch, daß uns Nachricht an dieſem Tage werden ſollte, falls ſein Verſuch gluͤckte. Wird Er nun mor⸗ gen hier ſein?“ „Wenn er lebt, wird er es ſein“, ließ Sir Piers ſich vernehmen;„jedoch wer kann im menſch⸗ lichen Leben, und beſonders in einem Falle, wie dieſer, fuͤr Zufaͤlligkeiten und Unfaͤlle einſtehen? Ueberdies iſt's noch nicht voͤllig dunkel, ſo daß binnen hier und Mitternacht noch manche Stunde liegt, in der er eintreffen mag.“ „So iſt's, Sir Piers,“ fiel Reginald Elford ein;„Sir Burley's Bote wartet vielleicht ab⸗ ſichtlich den Schutz der Nacht ab, um ſich deſto ſicherer zu uns herzuſtehlen, und wer weiß, ob der von Euch angewieſene Faͤhrmann ihn nicht um den Ruͤcken des Felsberges herum rudert, oder nahe der Batterie, als an einem Orte lan⸗ 5* 68 det, wo er am wenigſten der Gefahr ausgeſetzt iſt, erkundet zu werden. Ich will hinunter an den Strand gehen und auslugen, um ein Sig⸗ nal zu geben. Wir verzweifeln zu fruͤh und aͤngſtigen uns mit Schattenbildern.“ „Thut das, junger Freund,“ ſagte Sir Piers; „auch hat uns die Hoffnung noch nicht verlaſſen, und ſie wird es nimmer, denk' ich, ſo lange noch in Devon ein einziger Edelmann lebt, der bereit iſt, ſein Leben und ſeine Habe an den Ver⸗ ſuch zu ſetzen, unſerm ungluͤcklichen Koͤnige bei⸗ zuſtehen. Moͤge ihn Gott erhalten! Blutet mir doch das Herz, wenn ich ſeines traurigen Schickſals gedenke!“ „Nicht mir,“ fiel der tapfre Trelawny von Trelawn einz„den Feinden des Koͤnigs mögt' ich das Herz bluten machen, und mein eignes geſund in ſeinem Dienſte erhalten. Mein Bu⸗ ſen pocht von Unwillen, wenn ich der Schurken gedenke, die ihren geſalbten Herrſcher gleich ei⸗ nem Loͤwen im Zwinger halten, damit er zu grauſer Hatz aufbehalten, und nur des Augen⸗ blickes harren, daß ſie zahlreich genug ſind, tet gen von ögt' nes Bu⸗ rken ei⸗ zu gen⸗ ſind, 69 um mit minderer Gefahr fur ſich ſelbſt ihm dem Tode zu liefern.“ „Nun, ſo niedertraͤchtig werden ſie doch nicht ſein, es zu ſolchem Aeußerſten zu treiben“, meinte Sir Piers. „Welche Regierung,“ entgegnete Trelawny, „die ihre Laufbahn durch Verletzung alles Voͤl⸗ kerrechtes begann, wird ſich ſonder Weiterſchrei— ten in ihren Ungerechtigkeiten fur ſicher halten? Ich kann nicht anders glauben, als daß der Koͤnig den Klauen der Gewalt entriſſen werden muͤſſe, ſo noch auf Erden Hoffnung fuͤr jeden ehrlichen Mann uͤbrigbleiben ſoll. Iſt doch der Teufel der Fuͤrſt der Gewalten auf Erden, ſo wie der in den Luͤften!“ „Doch nicht derer auf den Waſſern heut Nacht, um die wohlbehaltene Ueberkunft des Bootes hemmen zu koͤnnen, das uns unſern er⸗ ſehenten Boten zufuͤhren ſoll,“ fiel Reginald El⸗ ford ein, und begab ſich hinunter zur Bucht. Der Abend war ſtill; eine leichte Briſe ſchwellte die Segel der voruͤbergleitenden Schiffe, war jedoch nicht ſtark genug, die grenzenloſe Waſſer⸗ 70 flaͤche zu bewegen, die ſich nach allen Richtungen hin vor des langſam und ſinnend dahinſchreiten⸗ den Reginald's Blicken ausbreitete. Reginald ſtand am Bergruͤcken von Mount Edgeumbe, und ſchauete hinaus, bis der ſinken⸗ den Sonne feurige Gluten lichte Streifen am Horizonte verzittern ließen. Auch dieſe ſchwan⸗ den allmaͤlig, und ihnen folgten die grauen und dunſtigen Abendſchatten, und Reginald dachte noch nicht an ein Zuruͤckwenden ſeiner Schritte, als der Mond ſich erhob und den Ocean ver⸗ ſilberte. Der Juͤngling gab es endlich auf, die An⸗ kunft des Fahrzeugs mit dem Boten zu hoffen; indem er jedoch noch einen Fernblick uͤber das Waſſer verſenden wollte, ehe er in das Haus zuruckkehrte, ſchlenderte er laͤngs der Baſtei ent⸗ lang. Kaum hatte er etliche Schritte gethan, ſo hoͤrte er den Schlag eines Ruders. Er lauſchte, und es ſchien ihm, als ob dicht am Strande her ein Boot unter das Obdach einer Baumgruppe ſchluͤpfte, die ihre Zweige ſo tief auf die Fluth ſenkte, daß dieſelben bei hohem 71 Waſſerſtande die Wellen zu beruͤhren pflegten. Als er nun immerfort horchend der Stufenreihe zuſchritt, die damals Eingang zu den Gaͤrten von Mount Edgeumbe gewaͤhrte, ſah er ein Boot, in welchem ſich mehrere Perſonen befanden. Sie waren deutlich ſichtbar, denn Einer von ihnen trug eine Fackel, bei deren gluͤhrothem Scheine Reginald phantaſtiſch Verlarvte gewahrte, die jedoch auch bewaffnet waren, und die er dem⸗ nach fuͤr verdaͤchtige Cinzuͤgler halten mußte. Hoͤchlich uͤberraſcht, wenn nicht beunruhigt, blieb er nur ſo lange, als noͤthig war, um wahrzu⸗ nehmen, daß ſie landen wollten, und eilte dann mit der Hurtigkeit eines gehetzten Hirſches dem Hauſe zu. Im Saale angelangt, rief er athem⸗ los:„Bewaffnet Euch, edle Herren; ſeid auf Gegenwehr bedacht, denn der Feind dringt auf uns ein. Ein Boot mit bewaffneten Verlarvten iſt angelandet; ſie dringen durch den Garten herein, ich ſah ſie ſelbſt.“ „So wollen wir ihnen entgegen“, rief Tre⸗ lawny.„Gott gebe, daß ſie den Koͤnig nicht aufhielten, wenn er befreit ward und die Flucht —— vor ſeinen Feinden ergriff. Verlarvt, ſagt Ihr? Hm! das iſt ein alter Kniff. Ford Houſe ward, bei Gelegenheit eines Mummenſchanzes, durch Maͤnner verrathen, die ſich der Schandthat nicht ſchaͤmten, jedoch ihre Geſichter dabei nicht zeigen wollten. Bei alldem ſollen dieſe uns nicht zahm finden.— Was meint Ihr, Tremaine? wollen wir hinaus ihnen entgegen, oder wollen wir hier veſten Fuß faſſen?“ „Verveſtigt die Thuͤren, das iſt mein Rath,“ antwortete Oberſt Tremaine.„Die Saalpforten ſind ſtark. Haben die Verräther nur einfache Waffen bei ſich, ſo ſind dieſe Thüren eine Fels⸗ wand gegen Kugelgeſchoß. Wahrſcheinlich hat man etliche Beizfalken ausfliegen laſſen, um den koͤniglichen Adler zu jagen. Gewiß ward ihnen Kunde von unſerem Vorhaben. Vielleicht iſt durch Burley's Thätigkeit der Koͤnig entſchlupft, und man denkt ihn hier, wo er Zuflucht genommen haben duͤrfte, zu fangen. Zieht, Ihr Herren, und laßt mich die Ehre haben, unſere Verthei⸗ digung zu leiten; das heißt, ſo Sir Piers mir ſolches in ſeinem Hauſe geſtattet.“ —— „Haltet inne, Oberſt Tremainez habt Ge⸗ duld, edler Trelawny; hoͤrt mich, Reginald El⸗ ford!“ fiel Sir Piers ein.„Ihr ſeid raſend, Ihr wißt nicht, was Ihr thut; eben Euer Eifer kann die Sache verderben, fuͤr die Ihr bereit ſeid, Euer Leben hinzugeben. Wie wißt Ihr, daß jene Ankömmlinge Kunde von unſerem Plane haben, oder daß ſie hier den Koͤnig zu finden meinen? In einer Kriſis, wie die gegenwaͤrtige, muͤſſen wir, ſo lange wir es irgend koͤnnen, fried⸗ lich zu Werke gehen; ein Handgemeng mit Leu⸗ ten von Plymouth oder mit den Mannen des Oberſten Holborn wuͤrde uns Alle in's Ungluͤck ſtuͤrzen. Man wuͤrde uns eine Wache in's Haus legen, Burley koͤnnte mit dem befreieten Ge⸗ fangenen eintreffen, und ſiehe! durch unſere Un⸗ beſonnenheit wuͤrde dieſer dann kein Sicherheits⸗ plaͤtzchen finden koͤnnen. Hoͤrt mich an! Legt Eure Waffen ab; laßt Lichter bringen und den alten Saal von Jubelklang erſchallen; reißt die Pforten weit auf, nehmt die Vermummten als muntere Genoſſen auf, ſprecht ihnen freundlich zu, reicht ihnen Wein und ruft meine Tochter mit ihren Gefaͤhrtinnen herbei. Wir wollen ju⸗ belfroh erſcheinen, wenngleich ein ſchwerbe⸗ laſtet Herz ſich unter unſerm Lächeln birgt. Durch ſolchen Schein verbannen wir jeglichen Argwohn; und kommen ſie feindſelig, nun, ſo haben wir ja ein Schwert an unſerer Huͤfte, Ihr Herren, und werden es im Nothfall wohl zu entſcheiden wiſſen. „Recht ſo, Sir Piers,“ ſagte Tremaine, „es iſt zeitig genug, zur Wehr zu greifen, ſo⸗ bald wirkliche Gefahr ſich zeigt. Wer weiß auch, ob die Vermummten nicht junge Royaliſten ſind, die jetzt nichts Beſſeres zu thun wiſſen, als einen Scherz zu treiben. Und find ſie aͤchte Maͤn⸗ ner, nun, ſo zeigen wir ihnen nur ein Spiel, deſſen unter ſolchen umſtaänden kein Ehrenmann ſich zu ſchaͤmen hat.“ Sir Piers traf die verabredeten Vorkehrun⸗ gen, Trelawny aber fluſterte unterdeſſen dem jungen Elford zu:„Laß uns Jeden, der da kom⸗ men mag, ſcharf in's Auge faſſen, ſo daß, ſobald es die geringſte Urſache giebt, falſches Spiel zu 75 vermuthen, wir ſchlagfertig ſind. Scharfen Blick und hurtige Hand, Reginald!“ „Seid unbeſorgt; an meiner Vorſicht ſolls nicht fehlen,“ verſetzte der junge Elford. Siebentes Capitel. „Muß ich denn Deinem grimm'gen Zorne weichen? Soll ich erſchreckt ſein, wenn ein Toller raſt?“ Shakſpeare. Alles war jetzt angeordnet, und es waͤhrte nicht lange, ſo ruckte eine Schaar Vermummter von etwa acht Perſonen, deren Jeder— was damals etwas ungewohnlich war, einen leichten Kampf⸗ ſchild und ein entbloßtes Schwert trug, dem Hauſe naͤher. Sir Piers ſtand mit ſeiner Geſellſchaft be⸗ reit, ſie zu empfangen. Den Fackeltraͤger vorauf, führte Einer der Verlarvten den Zug an, be⸗ gruͤßte mit Anſtand den Herrn des Hauſes und erklaͤrte, ſein Vorſatz ſei kein anderer, als der Verſuch, eine alte, ehemals in Devon befolgte * als pf⸗ em uf, be⸗ und der lgte Sitte zu erneuen, die ſeit dem Ausbruche der Buͤrgerkriege in Vernachlaͤſſigung gerathen waͤre. Dieſe Sitte aber beſtand in nichts Weiterem, als daß junge und muntere Leute irgend eines Ortes in vermummtem Trupp das Haus de angeſehenſten Perſon im Orte an demſenigen Tage beſuchten, an welchem dieſelbe irgend eine Feſtlichkeit in ihrer Wohnung beging.„Und da heute, Sir Piers,“ fuhr der Sprecher fort,„der neunzehnte Junius, der Geburtstag Eures ab⸗ weſenden Sohnes iſt, ſo ſind wir gekommen, um Euch zu zeigen, daß wir unſeren tapfern Genoſſen nicht vergeſſen haben, obwohl er jetzt fern von uns iſt. Wir nahen daher in Froͤh⸗ lichkeit zu Sang und zu Tanz mit Euren ſchoͤ— nen Damen und auf das Wohl des Erben Eu⸗ res Hauſes zu trinken. Dies geſchehen, werden wir ſcheidend Euch eine gute Nacht wuͤnſchen.“ „Willkommen, Ihr Herren, zu ſolchem lo⸗ benswerthen Zwecke,“ ſagte Sir Piers,„und wenn gleich fuͤr uns die Zeiten nicht ſo erfreu⸗ lich ſind, als ſie es vor dieſen buͤrgerlichen Un— ruhen waren, ſo ſoll es mich, der ich alt und 78 ſorgebeladen bin, doch ergötzen, die Jugend froͤh⸗ lich zu ſehen und wahrzunehmen, wie ſie den Muth hat, jene von den Puritanern hinterm Kanzelpult und hinterm Trommelbock jedes mili⸗ taͤriſchen Salbaderers niedergeſchrieenen alten Spiele zu erneuen. Ich fuͤlle dieſe Becher und laſſe es mir eine Ehre ſein, wenn Ihr ſie auf das Wohl meines abweſenden Sohnes leert.“ „Mit Vergnuͤgen ſoll das geſchehen, Sir Piers,“ verſetzte der Sprecher,„zuvor jedoch geſtattet uns einen Tanz mit Euren ſchoͤnen Da⸗ men. Wir kommen nicht unvorbereitet zur Luſt; unſere Spielleute ſind mit uns. Mit Eurer Er⸗ laubniß moͤgte ich Eure liebenswuͤrdige Tochter, ſo dieſe es mir nicht ausſchlaͤgt, zu einer Pa⸗ vane*) auffordern.“ „Ei nicht doch!“ entgegnete Sir Piers;„wiel etwas Luſtigeres, woran wir Alle Theil nehmen moͤgen. In meinen jungen Tagen war der Con⸗ *) Pavane oder Pfauentanz; ein gravitätiſcher Tanz, der wohl Daſſelbe ſein mogte, was der! Italiener„passa- mezzo“ nennt. Anm. d. Ueberſ. 79 tratanz der, den jede flinke Dirne wegen ſeines huͤpfenden Taktes jedem anderen vrog. Laßt's alſo einen Contra ſein!“ „Von Herzen gern, Sir,“ ſagte der Ver⸗ larvte, und er bat und erhielt die Erlaubniß, mit Miß Robina Egdcumbe den Reigen zu be⸗ ginnen. Reginald Elford wollte um Agneſens Hand zum Tanze bitten, allein die Tochter Sir Pipers vertroͤſtete ihn auf ſpaͤterhin. Sir Piers ſchien vollkommen uͤberzeugt zu ſein, daß die Vermummten wirklich Die waͤren, wofuͤr ſie ſich ausgaben; doch war dies keineswegs der Fall mit Reginald. Er bildete ſich vielmehr ein, in einem der Nachtſchwaͤrmer die letzte Perſon zu erkennen, die er zu Mount Egdcumbe und voll⸗ ends in einem ſolchen Zeitpunkt haͤtte wiſſen moͤgen. Er beobachtete den ihm Verdaͤchtigen genau, und um dies deſto beſſer zu koͤnnen, forderte er Agnes nicht wieder auf. Er gewahrte nun, daß der Fremde forſchend den Saal uͤberblickte, ehe er es wagte, eine Taͤnzerin zu waͤhlen, ja ſich ſo lange zuruͤckhielt, bis Agnes zufaͤllig an ihm 80 voruͤberging. Sofort fluͤſterte er ihr einige Worte zu und fuͤhrte ſie zum Tanze. Elford, der aus Agneſens abſchlaͤgiger Ant⸗ wort die Schlußfolge gezogen hatte, daß ſie die⸗ ſen Tanz wollte voruͤbergehen laſſen, fuͤhlte ſich hochlich uͤber die Bereitwilligkeit entruſtet, mit der die Tochter Sir Piper's dem Fremden vor ihm den Vorzug gab, und beobachtete ſie nun mit um ſo eiferſuͤchtigerem Blicke. Als Agnes die Colonne hinunter getanzt hatte und nun am Ende derſelben Halt machen mußte, ſah Elford, daß das Gefluͤſter des Fremden von Neuem anhob, und daß Agnes mit Aufmerkſam⸗ keit, ja mit Theilnahme zuhoͤrte. Endlich hoͤrte der Tanz auf, der Wein ward herumgereicht, und die Taͤnzer nahmen keinen Anſtand, ihre Larven abzunehmen, um der auszubringenden Geſund⸗ heit Beſcheid zu thun. Sir Piers, dem die Freimüthigkeit der Juͤng⸗ linge behagte und dem jeglicher Argwohn ge⸗ ſchwunden war, fragte den Sprecher, ob er viel⸗ leicht, ehe man auf das Wohl des abweſenden ———*» 81 Erben des Hauſes traͤnke, irgend eine andre Ge⸗ ſundheit auszubringen wuͤnſchte. „Ei wohl, Sir Piers,“ verſetzte der Nacht⸗ ſchwaͤrmer,„und zwar eine Geſundheit, der ge⸗ wiß jeder Gaſt hier als ein Freund Sir Piers Edgeumbe's Beſcheid thut. Ich leere alſo die⸗ ſen Becher auf das Wohl Koͤnig Karl's, den Gott erhalten und ihn ſeinen getreuen Untertha⸗ nen von Cornwall und Devon zuruͤckgeben moͤge!“ „Er lebe!“ ſcholl es ringsum, und Sir Piers dankte den Verlarvten und hieß ſie noch⸗ mals willkommen. „Einer iſt unter ihnen, der nicht mittrank, auch ſich nicht entlarvte,“ fluͤſterte Reginald dem jungen Trelawny zu.„Dort hinten ſteht er. Er darf nicht ungeſtraft davonkommen. Bietet ihm den Becher, und weigert er ſich—“ Der Becher ward dargeboten und von der Hand gewieſen. Jetzt ſtuͤrzte Elford vor, und mit jener Heſtigkeit, durch die ſo oft ſeine beſ⸗ ſere Einſicht, ſobald der Stachel der Eiferſucht ihn prickelte, uͤbermeiſtert worden war, rief er aus:„Seht Euch vor, Ihr Herren, was Ihr Warleigh. III. 6 thut! Es iſt ein Verraͤther unter Euch— und dort ſteht er.“ Aller Augen hingen an dem Verlarvten. „Entwaffnet ihn, Freunde,“ ſchrie Elford, „er iſt zu unedlem Zwecke hiehergekommen, ſonſt wuͤrde er die Maske abgenommen und gethan haben wie ſeine Gefaͤhrten thaten.“ „Meine Abſicht,“ verſetzte der Angefeindete, „iſt vielleicht evler als Eure Worte es ſind, denn dieſe beluͤgen einen Rechtſchaffenen. Ich will mich nicht entwaffnen laſſen; ich that nichts, wo⸗ durch ich ſolche Gewaltthaͤtigkeit verdient haͤtte.“ „Euer Widerſtand wird Euch Gefahr brin⸗ gen,“ ſagte Reginald Elford. „Sprecht mir nicht von Gefahr!“ rief der Maskirte mit Lebhaftigkeit.„Glaubt nicht, daß ich ſie fuͤrchte. Wo waͤre ſie in Zeiten wie die jetzigen nicht zu finden? Ihr aber, Sir, wollt mir ſagen, von wem hier mir Gefahr drohen ſoll?“ „Ich habe keine Antwort fuͤr Euch auf ſolche Frage,“ verſetzte Reginald.„Ihr ſchlicht Euch vermummt zu irgend boͤſem Zwecke hier einz je⸗ 83 doch man kennt Euch, Sir; ja, ja, man kennt Euch, und ich ſage, Ihr ſeid Amias Radeliffe, der Rebell und Todtſchlaͤger Sir Shilton Cal⸗ mady's. Nehmt Eure Maske ab, und dann ſtraft mich Luͤgen, ſo Ihr es vermoͤgt.“ „Allerdings will ich meine Maske abneh⸗ men,“ verſetzte der junge Fremdling,„allein mein Geſchaͤft iſt nicht an Euch. Ich moͤgte unter vier Augen mit Sir Piers Egdeumbe ſprechen.“ „Mr. Amias Radcliffe,“ fiel Sir Piers ein, „wenig ließ ich, nachdem wir von einander ſchie— den, es mir einfallen, daß ich Euch nochmals, und noch dazu vermummt, in meinem Hauſe ſe⸗ hen wuͤrde. Ich bitt' Euch, mir Das, was Ihr mir mitzutheilen haben moͤgtet, im Beiſein mei⸗ ner Freunde zu ſagen, indem ich nichts Gehei⸗ mes mit Euch habe. Eure Grundſaͤtze, Eure Meinungen und vor Allem die Erinnerung an Eure ungluͤckſelige Handlung muß mir jederzeit Eure Naͤhe peinlich machen; denn nimmer kann ich Dem, der in Aufrechterhaltung der Rebellion meinen theuern Freund Calmady erſchlug, mein Vertrauen ſchenken.“ 6* 84 „Und ich werde Euch mein Vertrauen nicht aufzwingen,“ verſetzte der junge Radeliffe mit Stolz.„Ich kam hieher, um, wie ich glaubte, Euch einen Dienſt zu leiſten; verwerſt Ihr ſol— ches jedoch, bin ich nicht werth, daß Ihr mich anhoͤrt, ſo komme die Folge davon uͤber Euer Haupt; ich verlaſſe Euch, Sir Piers; lebt wohl!“ Mit Verbeugung gegen die Verſammelten, und dann mit einem ausdrucksvollen Blick auf Agnes verließ er den Saal. Als er an Regi⸗ nald voruͤberging, ſprach er zu dieſem:„So Ihr Etwas mit mir habt, ſo werd' ich Euch ſtehen; ich gehe langſam dem Landungsplatze nahe der Baſtei zu.“ „Ich werd' Euch folgen, Sir,“ ſagte Elford, und ſprach dann leiſe zu Trelawny. Das Ploͤtzliche dieſes ganzen Vorfalls ge⸗ reichte nicht wenig zu Sir Piers Edgeumbe's Erſtaunen, zumal da ſich aus den Aeußerungen der uͤbrigen Verlarvten nicht nur ergab, daß Amias Radeliffe ſich nicht blos bei ihm einge⸗ ſchlichen, ſondern ſich auch den Nachtſchwaͤrmern W ——*— 85 aufgedrungen hatte. Einer von dieſen bemerkte, daß er den jungen Radcliffe als einen wackern Edelmann und vormaligen Jugendgenoſſen kannte, und fuͤgte hinzu, wie dieſer verſucht haͤtte, allein Zutritt im Herrnhauſe zu erlangen, welches ihm jedoch unmoͤglich geweſen waͤre, da Sir Piers waͤhrend dieſes Nachmittags verboten haͤtte, ir⸗ gend einen Fremden zuzulaſſen, und daß Amias demnach ſich dem ihm aufgeſtoßenen Maskenzuge anzuſchließen wußte, um durch den Garten in's Haus zu gelangen. Reginald verlor kein Wort von dieſer Aus⸗ einanderſetzung, die ganz dazu geeignet war, Rad⸗ cliffe's Verfahren als noch verdaͤchtiger erſcheinen zu laſſen. Sofort verließ der junge Elford das Haus und holte den langſam dahinſchreitenden Amias ein, der ſonder Zweifel ſolches Zuſam⸗ mentreffen erwartete. Von leidenſchaftlicher Wal⸗ lung ſchwer athmend, konnte Reginald kaum nach der Urſache fragen, um derer willen Rad⸗ cliffe vermummt gekommen war. Der zur Rede Geſtellte erhitzte ſich jetzt eben⸗ falls und entgegnete ſeinem heftigen Angreifer, daß, ſobald er erfuͤhre, weshalb Reginald Elford ſich berechtigt glaubte, ihn ſo zu uͤberfallen, auch er ſich erklaͤren wuͤrde. „Berechtigt?“ ſchrie Elford,„berechtigt bin ich durch die mir von Euch zugefuͤgte Beleidi⸗ gung. Habt Ihr unſer voriges Zuſammentreffen vergeſſen, Sir?“ „Nein, Sir,“ war die Antwort,„ich erin⸗ nere mich nur allzu wohl, wie Euer Benehmen Euch den Edelmann vergeſſen zu machen ſchien. Iſt's Eure Abſicht, neuen Hader mit mir anzu⸗ fangen, ſo wißt, daß ich Euch jetzt wie jeder⸗ zeit ſtehe. Doch wißt und ſchreibt es nicht etwa der Furcht zu, wenn ich's Euch ſage, daß meine Religion mir verbietet, das Blut irgend eines Menſchen in einem Zweikampfe zu vergießen, deſſen eigentlicher Grund mir unbekannt iſt; und eben deshalb moͤgt' ich Eurer Raſerei lieber ver⸗ zeihen, als ihr begegnen. Kehrt daher heim, ſchlaft auf Euren Aerger, und wenn Ihr mor⸗ gen fruͤh erwacht, ſo erwaͤgt, wie ſehr Leiden⸗ ſchaft Euch in dieſem Hader irrleitete, und zwingt 87 mich nicht, Gottes Gebot gegen meine Vernunft und mein Gewiſſen zu uͤbertreten.“ „Euer Gewiſſen iſt eben ſo heuchleriſch als Eure Anmaßung,“ ſchrie Elford.„Ihr wißt, daß Ihr es ſchaͤndlich verſuchtet, mich an der empfindlichſten Stelle meines Herzens zu ver⸗ letzen, um mir die Zuneigung einer Dame zu entwenden, mit der ich ſeit lange verlobt bin, und zwiſchen ihr und mir den Samen der Zwie⸗ tracht zu ſaͤen. So lebe ich alſo des Glaubens, daß Ihr heut Abend in keiner anderen Abſicht nach Mount Edgeumbe ſchlichet, als eine ge⸗ heime Unterredung mit Miß Agnes Piper zu haben.“ „Und wenn dem ſo waͤre, was ging's Euch an?“ entgegnete Amias. „Mein Degen ſoll auf dieſe Frage antwor⸗ ten, ſagte Elford.„Entweder ſchwoͤrt, daß Ihr jene Dame niemals ohne meine Zuſtimmung wie⸗ derſehen wollt, oder zieht und wehrt Euch und komm uͤber Euer Haupt dann die Folge Eures unwuͤrdigen Betragens. Waͤhlt!“ „Ich habe gewaͤhlt,“ verſetzte der Schwer⸗ 88 gereizte;„ich werde nimmer ſolchen Schwur lei⸗ ſten. Die widerſinnigſte Eiferſucht macht Euch raſend.“ „So habt denn, was Ihr haben wollt,“ ſchrie Elford und wollte auf ſeinen Gegner losſtuͤrzen, als er ſich ploͤtzlich durch eine nervige Fauſt daran verhindert fuͤhlte, waͤhrend eine zweite ebenfalls hinzugetretene Perſon den jungen Radeliffe bei Seite nahm und in ernſtem, uͤberredendem Tone zu ihm redete. Elford wendete ſich und ſah den Oberſten Tremaine.„Ihr ſeid raſend, Reginald,“ ſagte der Oberſt,„toll, wie Jener dort Euch eben ſagte, daß Ihr es wäret. Zum Wetter, junger Mann, iſt's jetzt Zeit, bei kaltem Mondlicht in blinder Leidenſchaft mit dem Degen auf einan⸗ der loszurennen; jetzt, wo ein anderes ſo großes Spiel ſuͤr uns auf dem Wuͤrfel ſteht? Fechtet um wichtigerer Sache willen, als um die huͤb⸗ ſchen Augen der Miß Agnes Piper! Was ſcha⸗ det's denn, wenn ſie mit einem Rundkopfe tanz⸗ te, den ſie doch unter der Larve nicht erkennen konnte? Soll darum Blut vergoſſen werden? —————— zj—— —— — Mit Einem Wort, als Oberſter und im Com⸗ mando hier verbiet' ich jeden Kampf ſolcher Art.“ „Laßt mich los, Oberſt Tremaine, ich be⸗ ſchwoͤr' Euch,“ entgegnete Reginald.„Ihr wißt nicht, wie wiederholte Beleidigungen ich von mei⸗ nem Gegner habe erdulden muͤſſen.“ Oberſt Tremaine aber ſetzte einen derben Fluch, wie dieſer einem alten Kriegsmanne wohl ziemen mogte, gegen die brauſende Heftigkeit des Juͤnglings und bekraͤftigte denſelben dadurch, daß er dieſem den Degen entriß, ſich dann zu Amias Radcliffe wendete, zu dem Trelawny beſaͤnfti⸗ gend getreten war, und mit Veſtigkeit zu dieſem ſagte:„Ihr hoͤrtet's ebenfalls, Sir! Ich dulde hier keinen Zweikampf; enthebt Euch alſo, wenn ich Euch nicht die Wege zeigen ſoll.— Schaͤmt Euch, Elford,“ fuhr er fort,„einem Juͤnglinge ſo zuzuſetzen, da dieſer doch nichts beging, das ſolchen Groll verdiente. Haͤtte ich Euch nicht von Eurer Kindheit an gekannt und geliebt, ich wuͤrde ſelbſt mit Euch uͤber Eure leidenſchaftliche Heftigkeit hadern koͤnnen. Ihr ſeid in Wahr⸗ heit ein Elford, tapfer und großmuͤthig, aber wild 90 wie der Sturm, der, wenn er aufbrauſete, Al⸗ les vor ſich darnieder wirft. Hinweg, mit mir, zu Bett oder zum Weinbecher, denn wenn Ihr in Leidenſchaft ſeid, kann man Euch nimmer Euch ſelber uͤberlaſſen.“ Mit dieſen Worten trieb Tremaine den jun⸗ gen Elford zuruͤck dem Hauſe zu, waͤhrend Rad⸗ cliffe ſich genoͤthigt ſah, ſeines Weges hinab zum Boote zu ziehen, das ihn denn auch bald an des Fluſſes jenſeitiges Ufer trug. Achtes Capitel. „Leb' wohl, o Heimath, mir nicht Heimath mehr, Du Zeuge manches ſtillbegluͤckten Tages! Leb' wohl, du Huͤgel, der die Stirn ſich kraͤnzt Mit gluͤhem Licht des abendlichen Strahles! Lebt wohl! mein Blick hangt fuͤrder nicht an euch, Nicht mehr mit euch ſeh ich den Tag ſich neigen.“ Southey. Auf ſolche Weiſe endete Radecliffe's Verſuch, den Befehlen Gertrudens nachzukommen, auf deren Anrathen er eine geheime Unterredung mit Sir Piers Edgeumbe nachſuchen und dieſen war⸗ nen ſollte, mit ſeinen Freunden ſich nicht am zwanzigſten Junius nach Warleigh zu begeben, ſobald ſeine Partei nicht ſtark genug ſein wuͤrde, jeglicher Gefahr Trotz zu bieten. Waͤre Gertrud in der Sache offener gegen Amias geweſen, ſo moͤgte dieſer auf jene geheime Unterredung wohl dringender beſtanden haben; allein Gertrud hatte aus Ruͤckſichten kindlicher Pflicht gegen ihren Va⸗ ter nur ein halbes Vertrauen in Radcliffe geſetzt. Radeliffe war, wie er ſich ſogar oft ſeinen Feinden gezeigt hatte, von Natur ehrenwerth und hochherzig; obwohl er, gleich anderen muthi⸗ gen Junglingen jener ungluͤcklichen Zeit, ſich durch ſchwaͤrmeriſche Ideen uͤber Freiheit und Vater⸗ landsliebe hatte mißleiten laſſen; hatte, gleich allen vorſchnellen Vertretern der Rebellion, zum Umſturz des alten Verfaſſungsgebäudes mitge⸗ wirkt, ohne gehoͤrigen Grund zu der neuen Con⸗ ſtitution zu legen, die aufgebaut werden ſollte. Aus irrigen Begriffen hatte Radeliffe ſich zur Volkspartei geſchlagen, allein ſein beſſeres Ge⸗ fuͤhl empoͤrte ſich bei dem Gedanken, daß die Sache, fuͤr die er ſtrebte, ſich jemals durch ver⸗ rätheriſche Mittel wuͤrde unterſtutzen koͤnnen. Seine Anſichten waren zu tief bei ihm einge⸗ wurzelt, als daß er, wie ſein Vormund that, wieder zur Sache des Koͤnigs hätte uͤbergehen konnen; auch wünſchte er nicht jenen unglück⸗ ſeligen Monarchen wieder auf den Thron ge 93 ſetzt, den derſelbe als eigenmaͤchtiger, von boͤſen Rathgebern beherrſchter Fuͤrſt hatte raͤumen muͤſ— ſen. Seine presbyterianiſchen Grundſaͤtze ließen ferner eben ſo wenig den Wunſch zur Herſtellung der biſchoͤflichen Kirche bei ihm aufkommen; jedoch ſeine Seele empoͤrte ſich gegen das ab⸗ ſcheuliche Verfahren, das man gegen arme und ſchuldloſe Geiſtliche in Bewegung, geſetzt hatte, und gegen die Mittel, die von den Schotten an⸗ gewendet wurden, um den ungluͤcklichen Koͤnig, der ſich ihren Haͤnden anvertraute, erſt zu aͤf⸗ fen und dann ihn an das Parlament zu ver⸗ kaufen. Nicht minder kraͤnkte es den Juͤngling Amias, daß der Monarch, ſeinen ſchlimmſten Feinden uͤberantwortet, elender Gefangener Derer ſein mußte, die, ſeines Dafuͤrhaltens, zu Foͤrderung der buͤrgerlichen und kirchlichen Freiheit allzu tyranniſch verfuhren. Seiner Meinung nach hatte Koͤnig Karl als Menſch zur Genuͤge die Fehler des Herrſchers abgebuͤßt, und haͤtte er dieſen, ohne die Sache des Volkes zu verrathen, aus deſſen Haft befreien koͤnnen, ſo wuͤrde er 94 es mit Gefahr ſeines eigenen Lebens gethan ha⸗ ben. Obwohl nun die verſchworenen Royaliſten ihn nicht mit in ihren Rath, hinſichtlich der Er⸗ rettung des Koͤnigs aus deſſen Haſt, gezogen hatten, muthmaßte Radeliffe doch, daß Etwas der⸗ gleichen im Werke wäre, und Gertrudens An⸗ deutungen beſtätigten ihn nicht blos in dieſer Vermuthung, ſondern ließen ihn ſogar argwoͤh⸗ nen, ſein Vormund habe ſich in eben dieſes Complott eingelaſſen, um daſſelbe auf eine oder andere Weiſe zu ſeinem Vortheile zu benutzen, ja wohl gar es zu verrathen, ſobald ihm ſolches erſprießlich werden koͤnnte. Coppleſtone, der ſeit dem Ausbruche dieſer Buͤrgerkriege ſtets ein duͤſteres, muͤrriſches We⸗ ſen gezeigt hatte, war gegen die ihn Umgeben⸗ den finſter, ja wild und roh geworden. Unter allen Menſchen haßte er den jungen Radeliffe am meiſten, und hatte jungſther ſeinen Groll gegen dieſen ſo ſonder Maaß ausgelaſſen, daß Amias beſchloß, das Haus ſeines Vormundes zu verlaſſen, und wie duͤrftig ihn Coppleſtone auch mit Gelde verſah, daſſelbe erſt bei erlangter W — — 8„— — Volljaͤhrigkeit wieder zu betreten. Amias, um ſich in dieſem Vorſatze nicht gehindert zu ſehen, hielt denſelben ſo lange geheim, bis ſich ihm ein guͤnſtiger Augenblick zur Ausfuͤhrung bieten moͤgte; indeſſen bewog ihn ein Umſtand, den wir jetzt zu erzaͤhlen haben, ſein Vorhaben fruͤher, als er es ſonſt wohl gethan haben wuͤrde, in's Werk zu richten. Am Morgen des zwanzigſten Junius ſuchte Gertrud voll Bangens einen Augenblick abzu⸗ ſehen, mit Radcliffe unter vier Augen ſprechen zu koͤnnen, allein ihr Vater war mit Vorkeh⸗ rungen zum Empfange der zu erwartenden Roya⸗ liſten ſo im Hauſe geſchaͤftig, daß er ſich bald dort bald hier zeigte. Er ſchien beſtaͤndig auf der Lauer, wie es ſchien, ſo daß Gertrud ge⸗ noͤthigt war, ohne Ruͤckſprache mit ihrem Vetter den Ausgang der Sache abzuwarten. Je mehr ſie die Gefahr fuͤrchtete, die ihrem Oheim und dem Sir William Baſtard drohte, falls dieſe arglos zu der Verſammlung kommen wuͤrden, deſto mehr bangte ihr vor der leider nur zu trau⸗ rigen Wahrheit, daß Radeliffe's Sendung an 96 Sir Piers erfolglos blieb. Ihre Furcht gab ihr jedoch um ſo veſtere Entſchloſſenheit, ſo daß ſie ſich faͤhig fuͤhlte, im Nothfalle das Aeußerſte zu wagen. Aechter Muth iſt von edler Natur, und in der Hoffnung fuͤr eine gute Sache wirk⸗ ſam ſein zu konnen, vergißt er der Gefahren, die ſich oft mit ſolcher Thätigkeit in Verbindung zu ſetzen pflegen. Und ſolcher Muth erfuͤllte den Buſen der Tochter Coppleſtone's. Ihr ſchwan⸗ den bald alle Zweifel, und ſie hielt ſich uͤberzeugt, daß ihr ein Mittel bliebe, jeden Falls ihre Freunde zu retten. Ehe ſie jedoch zu Ausfuh⸗ rung dieſes ihres Planes ſchreiten konnte, mußte ſie von Amias erfahren, ob und wiefern er ihre Botſchaft an Sir Piers ausrichtete. Als Gertrud mit dieſen Gedanken beſchaͤftigt war, erſchien Mutter Gee bei ihr. Die Zauber⸗ ſchweſter kam unter dem Vorwande, den Sir John hinſichtlich ſeiner ihr geſtellten aberglaͤubi⸗ ſchen Fragen zu befriedigen, eigentlich aber, ihre eigene Abſicht, naͤmlich dieſen Tag in Warleigh⸗ Houſe zuzubringen, zu erreichen. Sie war mit ihrem Kundmanne eingeſchloſſen geweſen, und 97 die Nachrichten, die ſie durch ihren Helfershelfer Coleman eingezogen hatte, dienten nur, Gertru⸗ dens Beſorgniß zu erhoͤhen, als ihr dieſelben von dieſer liſtigen Zwiſchentraͤgerin und Horoſkopſtel⸗ lerin mitgetheilt wurden. Gertrudens Vorſatz ſtellte ſich demnach um ſo veſter. Von Radeliffe erfuhr ſie endlich das Mißlin⸗ gen ſeines Verſuches bei Sir Piers von Edg⸗ cumbe, und ſchrieb nun an Roger Rowle et⸗ liche Zeilen, denen ſie das dem Leſer bekannte goldene Kreuz beifuͤgte, und den Waldfuͤrſten bei dem Leben ihres Oheims und Sir William Baſtard's beſchwor, dieſe Beiden zu warnen, ſich nicht gen Warleigg zu wenden. Mutter Gee, die aus Rache gegen Coppleſtone deſſen Plan zu vereiteln ſtrebte, war bereitwillig zum Auffinden eines zuverlaͤſſigen Boten, der Gertrudens Schrei⸗ ben in die Thalſchlucht von Lidford braͤchte, in⸗ dem Alles davon abhing, daß Roger Rowle das Schreiben zeitig genug erhielte, um die Roya⸗ liſten von ihrem Gange nach Warleigh abzumah⸗ nen. Gertrud erkannte, daß, wenn ihr Geſuch nicht zur Stunde in Rowle's Haͤnde geriethe, Warleigh. III. 6 98 Alles verloren ſein wuͤrde. Nachdem die Zau⸗ berſchweſter einen Boten mit Gertrudens Briefe abgefertigt hatte, hielt ſie ſich fuͤr den Reſt des Tages in der Gegend von Warleigh-Houſe auf, welches eben keinen ſonderlichen Verdacht gegen ſie erwecken konnte. Es war gegen Abend dieſes ergebnißreichen Tages, als Coppleſtone, nachdem er mehrere ſei⸗ ner Leute mit Briefen nach verſchiedenen Ge⸗ genden, und wie gewöhnlich mit großer Geheim⸗ thuerei ausgeſchickt hatte, dem jungen Radeliffe begegnete, der zuruͤcktrat, um den Vormund vor⸗ beiſchreiten zu laſſen. Coppleſtone aber blickte ſeinen Pflegeſohn finſter an und befahl demſel⸗ ben, ihm in ſein Gemach zu folgen, weil er ihm Etwas zu ſagen haͤtte. Amias gehorchte ſchwei⸗ gend. „Ihr ſcheint ſehr geſchaftig heut zu ſein, Sir“, redete er in bitterem Tone den Juͤngling an; und jenes Umherſchlendern, das im Allge⸗ meinen die Beſchaͤftigung von Eures Gleichen ausmacht, hat ſich bei Euch in eine ruͤhrige, ſpaͤhende und ſich einmiſchende Neugier umge⸗ ———————————— wandelt. Zum dritten Male ertapp' ich Euch heute auf dem Bemuͤhen, in die Geheimniſſe meines Gemaches zu dringen. Auch fand ich, daß Ihr meine Leute auszuforſchen ſuchtet, und daß Ihr mit meiner Tochter fluͤſtertet. Wes⸗ halb das Alles? Miß Gertrud iſt von Euch zeither zu geringſchaͤtzend behandelt worden, als daß Ihr ploͤtzlich haͤttet ihr Vertrauter werden koͤnnen. Ich will die Urſache wiſſen, warum Ihr“ „Sir John Coppleſtone“, entgegnete Rad⸗ cliffe,„ich bin weder Euer Diener noch Euer Sclav, daß Ihr meine unſchuldigſten Handlun⸗ gen als verraͤtheriſches Thun zur Rechenſchaft ziehen durftet. Ihr habt mich zeither mit mehr denn gewoͤhnlicher Schroffheit behandelt, ſo daß, wie kurz auch die Zeit ſein moͤge, die ich unter Eurem Dache verweilen muß, ich ſie dennoch kuͤrzer machen will. Ich verlaſſe Euer Haus, in welchem ich uͤbler als der ſchlechteſte Eurer Hunde behandelt werde, denn dieſe bekommen am Ende doch noch von Euch, was ihre thie⸗ 100 riſche Natur bedarf, mir aber wird das Noth⸗ wendigſte von Euch vorenthalten.“ „Seid Ihr zu Ende?“ fragte der Vormund ſpitzig. „Nein, Sir John,“ fuhr Radcliffe fort. „Ihr laßt mich ohne alle Geldmittel, waͤhrend Ihr mein Erbgut einzogt und nach Gefallen handhabt. Ohne beargwohnt zu werden, darf ich in Eurem Hauſe nicht die gleichguͤltigſte Frage aufwerfen; jede Freiheit zu handeln iſt mir be⸗ nommen, und bei jeder Gelegenheit ſucht Ihr, dem Wolf in der Fabel gleich, Anlaß zum Ha⸗ der mit mir, und wer weiß, ob Eure Abſicht dabei nicht eben ſo gottlos, als die des Wolfes iſt. Dies Alles hat mir den Entſchluß erweckt, Euch zu verlaſſen. Draußen kann ich im ſchlimm⸗ ſten Falle doch nur verhungern; wiewohl ich noch hoffe, Freunde zu finden, die mich ſo lange unterſtuͤtzen, bis ich geſetzlich— und ich ſtehe Euch dafuͤr, daß ich es thun werde— das Mei⸗ nige von Euch fordern kann.“ „Was iſt denn das Deinige, vorlauter Kna⸗ be?“ ſagte Coppleſtone.„Was dein iſt, ſoll ——* M 101 Dir bald dargelegt werden. Dein iſt der Erb⸗ antheil, den ein verſchwenderiſcher Vater einem bettelhaften Sohne hinterließ.“ „Das luͤgt Ihr!“ rief Amias.„Ich will es nicht hoͤren, daß Ihr das Andenken meines Vaters laͤſtert. Mein Vater war in Wort und That ein Ehrenmann, der ſich ſeiner hochherzi⸗ gen Ahnen ſtets wuͤrdig wies. Er war ungluͤck⸗ lich, und war es in nichts ſo ſehr, als in ſei⸗ ner Verbindung mit Euch.“ Coppleſtone's Geſicht verfinſterte ſich bei die⸗ ſen Worten des Juͤnglings nur noch mehr.„Euer Vater“, verfetzte er,„glich Euch; er war frech und undankbar. Den Reſt ſeines zerruͤtteten Vermoͤgens rettete ich vor gaͤnzlichem Untergange, um einem unwuͤrdigen Sohne zu dienen, dem ich in der Schwaͤche meines Mitleidens und um das Mißgeſchick des Vaters wieder auszugleichen, meine eigene Tochter, die Erbin von Warleigh, zur Gattin antrug; jedoch mein Antrag ward verworſen.“ „Sagt lieber“, entgegnete Radeliffe mit vie⸗ ler Waͤrme,„Ihr trugt Eure Tochter dem Er⸗ 102 ben von Warleigh an; denn Angeſichtes Gottes bin ich dieſer Erbe, obwohl Ihr meinem Va⸗ ter die Beſitzung durch Pfandverſchreibung un⸗ ter dem Heuchelſchein der Freundſchaft aus den Haͤnden gaukeltet—“ Unmoͤglich wuͤrd' es ſein, des Vormundes Geſicht bei'm Anhoͤren dieſer Drohungen des mit Recht erzuͤrnten Pflegeſohns zu beſchreiben. Coppleſtone ſchien ploͤtzlich wie von einem Daͤ⸗ mon beſeſſen zu ſein; die Sprache verſagte ihm, ſeine Augen funkelten in hoͤlliſcher Gluth, und jede Muskel ſeines Geſichts zuckte krampfhaft. Sataniſche Bosheit geſellte ſich zu den gegen den Juͤngling ihm inwohnenden Gefuͤhlen des Haſſes, des Neides und des Argwohns. „Du der Erbe von Warleigh?“ ſprudelte er endlich aus;„Du wrillſt von mir fordern, was mein iſt durch Recht und Geſetz? Du ein elen⸗ der, frecher, bettelhafter Geſell? Du biſt der Erbe von Nichts, als von den Suͤnden und viel⸗ leicht auch von dem Geſchicke Deines Vaters, im Fall Gott der Herr Dich aufgiebt in ſeinem Zorne, wie er Deinen Vater aufgab.“ 103 „Um ihn in Eure Haͤnde zu liefern!“ rief der durch dieſe gegen ſeinen Vater und gegen ſich ſelbſt ausgeſtoßenen Schmaͤhungen ſonder Maaß entruſtete Juͤngling, und vergaß auf ſolche Weiſe alle ſeine bisher beobachtete Klugheit:„Wohl glaube ich das, und glaube eben ſo gewiß, daß mein Tod das ſicherſte Mittel ſein duͤrfte, Euch Euer verfluchtes Beſitzthum zu ſichern.“ Coppleſtone bebte vor Zorn, biß die Zähne zuſammen, klemmte die Lippen, ſchoß den wil⸗ den Blick eines Raſenden gegen den Juͤngling und fuhr mit der Hand nach dem ihm im Guͤr⸗ tel ſteckenden Dolche. Plotzlich aber ließ er die Waffe los, hob die geballte Fauſt und verſetzte ſeinem Pflegſohn einen Stoß, indem er dieſe Gewalthandlung mit einem Fluche begleitete, der zu furchterlich klang, als daß wir ihn nieder⸗ ſchreiben konnten. Radcliffe ſtuͤrzte gegen ihn, of⸗ fenbar in der Abſicht, ihn zu Boden zu werfen, faßte ſich jedoch unter gewaltſamer Anſtrengung, und rief:„Nein, nicht gegen den Vater Ger⸗ trudens ſoll meine Hand ſich erheben, nicht ge⸗ gen einen Greis ſich erheben, wie ſchwer mich 104 dieſer auch beleidigt haben mag! Sir John Coppleſtone, ich verlaſſe noch heut Euer Haus, und fuͤr immer. Am Tage meiner Muͤndigkeit ſeid bereit, mir vollgenuͤgende Rechnung abzule⸗ gen; denn bei'm ewigen Gott! ich werde ſie von Euch fordern.“ Nachdem er unter dem Ringen heſtiger Lei⸗ denſchaft und mit todtbleichem Geſichte dieſe Worte geſtammelt hatte, enteilte er dem Vor⸗ munde, rannte in ſein Gemach und ſchickte ſich an, ſofort Haus Warleigh zu verlaſſen. — — ——— 13 Ueuntes Capitel. Verflucht und zu verfluchter Stunde fleucht Sie hin, im Herzen unheilvolle Rache! Milton. Bevor Coppleſtone von ſeiner Beſtuͤrzung uͤber die von ſeinem Pflegeſohne ihm hingeworfenen Aeußerungen ſich erholen, ja, bevor er ſich nur von der Stelle bewegen konnte, auf der er wie erſtarrt ſtehen geblieben war, trat Coleman mit einem Weſen zu ihm ein, welches deutlich zeigte, daß er Wichtiges, was es auch ſein mogte, mit⸗ zutheilen und zu ſchleunigem Thun aufzufordern hatte. Der Capitaͤn war vollſtaͤndig bewaffnet, voͤllig nuͤchtern, zeigte auch nicht ſein gewoͤhnli⸗ ches keckes, anmaßendes Weſen, ſondern wies auf ſeinem Geſichte einen muͤrriſchen und ent⸗ 106 ſchloſſenen Ausdruck, welcher anzudeuten ſchien, daß er ſich zu Durchfuͤhrung einer Rolle hinauf⸗ gearbeitet hatte, die mehr Muth zu erfordern ſchien, als er aufzubringen vermogte. Ohne ein Wort zu ſagen, ſchob er in Coppleſtone's Hand einen Brief. Mit finſteren Mienen uͤberlas Sir John das Schreiben, das er mit zitternder Hand geoͤffnet hatte, blickte dann auf und ſagte zu Coleman, in der fanatiſchen Sprache, die er oft, und be⸗ ſonders dann im Munde fuͤhrte, wenn er eine mehr als gewohnte Handlung der Bosheit zu vollfuͤhren im Begriff war:„Der Herr gab ihnen einen Koͤnig im Grimme und nahm ihnen denſelben in ſeinem Zorne. Alles ſteht wohl— heut Abend, ſo meldet dieſes Schreiben des Oberſten Holborn— ſind ſie Alle uns als Beute verfallen. Du kommſt wegen des Verhaftbe⸗ fehls,“ ſetzte er hinzu, indem er das rothſammtene Kiäſtchen oͤffnete und eine Schrift herausnahm: „Hier iſt er, der gute Oberſt hätte ihn gern in Haͤnden, als vollkommenſte Rechtfertigung Deſſen, was er thut. Hier iſt Das, was ſeinen Weg W* —— 107 nach Exeter finden ſoll, bevor die naͤchſten vier⸗ undzwanzig Stunden vergehen. Das Inſtrument, das Du aus meiner Hand begehrſt, ordnet die Verhaftung des Gouverneurs von Plymouth⸗ Caſtle an, der Willens iſt, daſſelbe Schloß in dieſer Nacht— ich ſage nicht wem, zu verra⸗ then. Das Tagslicht ſchwindet ſchon; ich wollte, meine Lampe waͤre angezuͤndet.— Bleib, es geht ſchon— ich ſehe— dies iſt das Docu⸗ ment; nimm's und enthebe Dich. Gieb den Verhaftsbefehl in Keines Hand, als in die des guten Oberſten, und ſage Dem, der Dich mit dieſer Zuſchrift ſchickte, daß er vorruͤcken mag, ſobald er die Sturmglocke des alten Thurmes laͤuten hoͤrt, denn dann wird die Stunde ſein. Verſtehſt Du mich?“ „Gewiß“, ſagte Coleman,„und ich hoffe, Sir John, Ihr ſeid in Dem, was Ihr thun wollt, wohl berathen und gehoͤrig darauf vorbe⸗ reitet; denn Ihr werdet mit Teufelskerlen zu* thun haben, ſobald ſie von Leder zogen. Ich kenne ſie Alle; ſie werden fechten wie Kampf⸗ haͤhne und nur durch Gewalt ſich baͤndigen laſſen.“ 108 „Mehrzahl ſoll ſie bewaͤltigen,“ entgegnete Coppleſtone;„wir aber wiſſen, daß, wie im Heere Joſua's, der Herr mit uns ſein und fuͤr uns ſtreiten wird. Zoͤgere jetzt nicht, ſondern mache Dich fort. Ich muß jetzt meine Inſtruction nach⸗ ſehen. Wenn Du hinuntergehſt, ſo ſage zu ei⸗ nem meiner Leute, mir meine Lampe anzuzuͤnden. Es daͤmmert, und ich kann dieſe Papiere nicht mehr unterſcheiden. Es ſind Staatsbefehle, die mich in den Stand ſetzen, ganz ſo mit dieſen Maͤnnern zu verfahren, wie Zeit und Umſtaͤnde es mich noͤthig finden laſſen, ſollt' es auch die außerſte Strafgerechtigkeit gegen dieſe Verſchwoͤ⸗ rer gelten.“ Coleman ging, und nachdem ein Diener die Lampe beſorgt hatte, ſaß Sir John am Tiſche, um die Papiere zu betrachten, die er aus dem ſammtenen Kaͤſtchen genommen hatte. Kaum aber legte er Hand an dieſelben, ſo fuhr er auf und ſchrie:„Ich habe mich vergriffen— das Zwielicht taͤuſchte mich— ich bin zu Grunde gerichtet— ich gab ein unrechtes Papier hin— Alles wird entdeckt, die Sache wird ruchbar wer⸗ 109 den— mein Lohn wird mir verloren— Alles wird verloren gehen! Ich muß ihm nach— Coleman kann noch nicht uͤber Warleighgebiet hinausſein.“ Indem er uͤber dieſe beaͤngſtigenden Gedan⸗ ken Alles, ſogar das offengelaſſene rothſammtene Faͤſichen außer Acht ließ, ſturzte er zum Gemache hinaus, um Coleman zuruͤckzuwiſſen, indem er hoffte, es wurde, um denſelben in Beſitz des rich⸗ tigen Verhaſtbefehls zu bringen, noch nicht zu ſpaͤt ſein. Mutter Gee ſah, wie der Eigner von War⸗ leigh die Treppe hinabrannte, den Befehl in der Hand hielt und ſeinen Dienern zuſchrie, zu lau⸗ fen und Coleman aufzuhalten. Als ob der Ge⸗ nius des Boͤſen, unter deſſen Obhuth Sir John ſo lange Schutz gefunden hatte, ihn in dieſem Augenblicke verließ und ihn aller Bosheit ſeiner Gegner anheimgeben wollte, fuhr, vom Satan angeregt, ein Gedanke durch das Hirn der Zau⸗ berſchweſter, indem ſie ihren ehemaligen Kund⸗ mann und jetzigen Gegenſtand ihres bittern Grol⸗ les von dannen eilen ſah. Es war nur die Idee eines Augenblicks, indeſſen verlor die Alte keine Zeit, dieſelbe auszufuͤhren; ſie ſchlupfte in Sir John's Gemach mit aller kaltbluͤtigen, veſten Entſchloſſenheit, die zu ihrem Vorhaben noͤthig war; und ob es auch ihr Leben verwirken moͤgte, nahete ſie dem im hellen Scheine der Lampe of⸗ fenſtehenden Kaäſtchen, deſſen innere Einrichtung und Inhalt ſie genau zu kennen ſchien, denn ſie zog die mittlere Schieblade auf und nahm eine ſorgfaͤltig umwickelte und uͤberſchriebene Perga⸗ mentrolle heraus.„Es iſt gethan,“ ſagte ſie. „Coppleſtone's Verderben iſt in meiner Hand. Mein Junge wird ſterben— doch dies Blatt hier ſoll ihn raͤchen!“ Sie enteilte dem Gemache und ſchritt, da ſie jede Gallerie des Herrnhauſes genau kannte, dreiſt, ohne rechts noch links zu blicken, fuͤrbaß und oͤffnete, ohne ein Zeichen ihres Kommens vorauszuſchicken, Radcliffe's Kammerthuͤr. Sie trat in eben dem Augenblicke vor den Juͤngling, in welchem dieſer ſeine Zuruͤſtungen getroffen hatte und im Begriffe war, dem Dache ſeines Vor⸗ mundes bis zu dem unſeten Leſern bekannten — 3 3—— — M Tage Valet zu geben. Radeliffe fuͤhlte ſich nicht in der Stimmung, irgend einen ihn Beſuchenden wohlgefaͤllig anzublicken, und er fragte deswegen die Alte, wie ſie es wagte, ſo ohne Erlaubniß zu ihm einzudringen. „Die da Gutes in ihrer Hand tragen, um einen Willkommen zu gewinnen, fordern keinen,“ antwortete Mutter Gee;„und ich halte hier in meiner Hand Das, was Ihr am liebſten auf der Welt anblicken moͤgtet. Schwoͤrt mir, daß, ſo wahr Ihr in dieſer und jener Welt Gluͤckſelig⸗ keit zu erringen hofft, Ihr noch an dieſem Abend trachten wollt, durch Eilen und Bitten das Le⸗ ben meines armen geiſteskranken Sohnes zu ret⸗ ten, ſo lege ich die Mittel in Eure Hand, Euch als den wahren Erben von Warleigh darzuſtel⸗ len, auszuweiſen und einzuſetzen.“ „Du biſt toll, Weib,“ ſagte Radcliffe;„toll, denn wie kann ich Deinen Jungen retten? Er ward zum Tode verurtheilt, weil er einen der Butler'ſchen Reiter im Handgemenge toͤdtete. Wie kann ich ihn retten? und was ſchwatzeſt Du von mir als dem Erben von Warleigh? Ich 112 11 wuͤrde es ſein, wenn mein Vater nicht das Be⸗ ſitzthum verpfaͤndet und verwirkt haͤtte.“ 1„Er verwirkte es nicht,“ entgegnete Mutter Gee.„Ich ſage auch nicht, daß Ihr meinen 1 Sohn retten koͤnnt; doch ol ich bitt' Euch, es zu verſuchen. Iſt der Junge auch in aller Welt Augen ein elendes Geſchoͤpf, ſo iſt er doch mein 18 Sohn und mir theurer als das Licht des Tages. 1 Selbſt die jahrelangen Bekuͤmmerniſſe, die er mir erweckte, haben mir ihn nur um ſo werther gemacht. O verſucht es, ihn zu retten! Ihr kennt den Oberſten Holborn— Butler's rechte Hand; ſprecht nur Ein Wort der Bitte fuͤr den Jungen, und vielleicht verſchont man den Bloͤd⸗ ſinnigen aus Mitleiden mit ſeinem erbaͤrmlichen 4 Zuſtande; ſollt' er auch drob lebenslaͤnglich in Ketten und Banden liegen muͤſſen.“ Es war Gefuͤhl, es war ſogar Beredtſam⸗ keit in der lallenden Stimme, dem bittenden Blicke und dem erſchuͤtternden Weſen der Mut⸗ ter Gee, als ſie den jungen Amias um deſſen Fuͤrwort anflehete. So maͤchtig iſt die Mutter⸗ liebe, daß ſie ſelbſt einen verhaͤrteten Buſen er⸗ ter len elt ein weichen und beleben kann! Lieben doch die Woͤl⸗ finnen ihre Jungen; kein Wunder daher, daß in dem allem Guten ſonſt ſo entfremdeten Herzen eines Weibes, wie Mutter Gee's Herz, ſich dieſe maͤchtige Naturſtimme regte. Amias war nicht ungeruͤhrt; doch mußte er der Alten erklaͤren, wie er fuͤhlte, daß ſeine Ver⸗ wendung fruchtlos ſein wuͤrde. Uebrigens ver— ſprach er, es zu verſuchen, fuͤr den Burſchen nach beſtem Vermoͤgen das Wort zu fuͤhren. Mutter Gee fuͤhlte ſich durch dieſe Zuſicherung getroͤſtet und beruhigt.„Die gute That“, ſprach ſie,„ſoll nicht unvergolten bleiben, ſoll ſich viel⸗ mehr belohnt ſehen, noch ehe ſie vollfuͤhrt ward. Nehmt dieſes Pergament; es iſt die Pfandver⸗ ſchreibung uͤber das Gut Warleigh, die zuruͤck⸗ zubehalten jener Coppleſtone nimmer das Recht hatte. Mir fehlt es jetzt an Zeit, dies deutlicher zu erklaͤren. Ich muß dieſen Ort fliehen; denn faͤnde man mich hier, ſo moͤgte man argwoͤh⸗ nen, daß ich Euch dieſe Handveſte gab, und mein Leben ſtaͤnde dann auf dem Spiele, indem Euer Vormund weiß, daß ich Dinge veruͤbte, Warleigh. III. 8 114 1 die den Geſetzen des Parlamentes zuwiderlau⸗ n fen, wenn gleich er ſelbſt mich fuͤr ſolche Dinge d in Sold nahm.“. 3 ² Radcliffe, erſtaunt uͤber Das, was er hoͤrte, d nahm faſt mechaniſch das Pergament und fragte n die Alte, wie ſie dazu gekommen, und auf welche n 1 Weiſe ihr Kunde von ſeinen und ſeines Vaters d 8 Angelegenheiten geworden waͤre. tl „Ich kann jetzt nicht Alles ſagen,“ verſetzte ie 3 die Alte.„Es giebt mehrere Schriften außer ſi dieſer, die in Euren Haͤnden ſein ſollten; dieſe je iſt jedoch die ſchätzbarſte. Habt Ihr des Ster⸗ 1 bebettes Eures Dieners Gnadegott Gabriel ver⸗ n Ein Lichtſtrahl ſchien auf Amias einzudrin⸗ d gen, denn in dieſem Augenblick erinnerte er ſich, b daß Gabriel Jahre lang ein vertrauter Knecht Cop⸗ d 1 pleſtone's geweſen war, und er gedachte der duͤ⸗ ſtern Winke, des mangelhaften Bekenntniſſes des di Sterbenden, ſo wie mehrerer anderer hierauf Be⸗ te zug habender kleineren Umſtaͤnde. „Es gab“, fuhr Mutter Gee fort,„eine hoͤr⸗ nerne Kapſel mit Briefen, die Gabriel in ſei⸗ nem Wamſe trug. Vielleicht erinnert Ihr Euch, daß er dieſelbe verlangte; aber ich hatte dieſelbe zur Zeit zu einem Zwecke in Sicherheit gebracht, der, ich geſtehe es Euch nicht ſonder Schaam, mir ſelber nuͤtzlich werden ſollte. Haͤtte Sir John meinen Sohn gerettet, ſo wuͤrde ich vielleicht— doch gleichviel; er that es nicht, wollte es nicht thun. Aus jenen Brieſſchaften Gabriel's erfuhr ich ein wichtiges Geheimniß, und der mir auf ſolche Weiſe gewordenen Kunde verdankt Ihr das jetzt in Euren Haͤnden befindliche Pergament. Ich darf nicht laͤnger hier weilen. Gehabt Euch wohl; ich gab Euch das Mittel, Euch zu Euerm Rechte zu verhelfen, und Ihr verſpracht mir, mich der Angſt um meinen Sohn dadurch zu enthe⸗ ben, daß Ihr Euch fuͤr ihn verwendet. Eilt, dies zu thun. Lebt wohl und ſeid gluͤcklich! Sie enthob ſich ſchnell und verließ das Haus durch ein Seitenpfoͤrtchen, das in die weitgedehn⸗ ten Forſtbezirke von Warleigh leitete. 8* Zehntes Capitel. „Ich ſcheide jetzt von Dir Wie Suͤnder, die an einem Jenſeit zweifeln, Vom Leben ſcheiden, ungern, bang und furchtſam Und vor der Zukunft bebend.“ Rowe's„Tamerlan“. „Leb' wohl! Gott weiß, wann Wiederſehn uns wird! Mir rieſelt durch die Adern kalte Furcht, Daß mir des Lebens Waͤrme moͤgt' erſtarren.“ Shakſpeare. Unwillig, das Haus zu verlaſſen, ohne Gertru⸗ den, die er bruͤderlich liebte, ein letztes Lebewohl zu ſagen, ſchlich Amias Radeliffe zu dem Ge⸗ mache der Tochter Coppleſtone's, die in der Kind⸗ heit ſeine Geſpielin, in reiferen Jahren ſeine Freundin grweſen war. — N W 117 War Gertrud verwundert, Radeliffe zu ſehen, wie er Verdruſſes und Truͤbſinnes voll von War⸗ leigh ſcheiden wollte, ſo war Amias es nicht minder, als er gewahrte, wie ſeine einzige Ver⸗ traute ſich heftig bewegt und bangen Blickes zeigte. „Amias,“ ſagte bei des Juͤnglings Eintre⸗ ten das Maͤdchen mit ihrem gewohnten warm⸗ herzigen und einfachen Weſen,„gehſt Du heute fort und verlaͤſſeſt mich, waͤhrend ich von ſo mancher Gefahr und Betruͤbniß mich umringt ſehen muß? Heut Abend ſoll die Zuſammen⸗ kunft der Royaliſten ſtattfinden— Du kennſt meine Beſorgniſſe. Es gluͤckte Dir nicht, Diejeni⸗ gen zu warnen, von denen ich um ihrer ſelbſt willen wuͤnſchte, daß ſie nicht herkommen moͤg⸗ ten.“ Sie ſeufzte, hielt inne und fuͤgte dann hinzu:„Haͤtte nicht mein Vater dieſe Zuſam⸗ menkunft angeſtiftet, ſo wuͤrde ich auf jegliche Gefahr—— Doch frage, mich nicht, was ich dann wagen oder wozu mich der Drang der Zeitumſtaͤnde treiben wuͤrde. Noch will ich hof⸗ fen. Mich duͤnkt, ich habe das richtige, das 118 einzige mir noch gebliebene Mittel gewaͤhlt, um meinen Oheim und deſſen Freund, Sir William Baſtard, vor Unheil zu bewahren. Moͤge der Himmel ſie beſchuͤtzen; denn mißlingt mein Ver⸗ ſuch, ſo fuͤrchte ich, ſie—— doch ich will meine Furcht nicht ausſprechen. Ich kann nur beten, daß die Gefahr abgewendet werden moͤge; denn gewiß iſt's, daß mein Vater unter einem ſeltſamen Grimme ringt. Nie noch hab' ich ihn ſo geſehen.“ „Sein Grimm gegen mich wird's ſein, der keine Grenzen kennt, Gertrud,“ verſetzte Amias. „Ich verlaſſe jetzt ſein Haus fuͤr immer; verſuche nicht, mich zuruͤckzuhalten. Ich will Dich nicht durch Herzaͤhlung Deſſen verletzen, was mir Wi⸗ driges zu Warleigh geboten ward; aber fort von hier muß ich, ſonſt, Gertrud, koͤnnte ich ver⸗ lockt werden, zu vergeſſen, daß John Copple⸗ ſtone Dein Vater iſt, und um Deinetwillen moͤgt' ich ſeiner ſchonen, wie ſchmaͤhlich er auch an mir gethan hat. Ich will meine Rechte nicht jetzt gegen ihn geltend machen, aber meine Zeit dazu wird kommen; und ſelbſt dann werd' ich 119 ſogar gegen einen Feind großmuthig ſein koͤn⸗ nen. Mein Vormund iſt mir jederzeit ein fin ſterer, ſtrenger und unnachſichtiger Quaͤler ge⸗ weſen; Du aber biſt ſeine Tochter, und Deine Freundlichkeit war Balſam auf die Wunden, die er meinem Herzen ſchlug, als ich außer Dir Niemand hatte, der mich hätte troͤſten moͤgen. um des Kindes willen kann ich und will ich dem Vater vergeben. Leb wohl, Gertrud, meine Freundin, meine liebe, einzige Schweſter! Gott ſegne Dich allweg! Denke bisweilen an Amias Radcliffe, und wenn Du es thuſt, ſo gedenke daran, daß er gegen Dich ſtets der Naͤmliche— dankbar und liebevoll bleiben wird. Denke ſei⸗ ner, wie eines Bruders.“ „Ich denke ſeiner, wie eines Bruders, und wie eines theuren Bruders,“ antwortete Ger⸗ trud,„und kann den Gedanken nicht ertragen, daß er aus dem Hauſe getrieben werden ſoll, das ihm waͤhrend ſeiner Kindheit Obdach gab. Hinausgetrieben, und das von Dem, deſſen Wan⸗ del ich nicht näher pruͤfen darf. O Amias, be⸗ mitleide mich! Ich moͤgte freundlich gegen Dich 120 ſein, moͤgte Dich bitten, zu bleiben, um meinet⸗ willen, Deiner ſelbſt willen zu bleiben, wenn ich nicht fuͤrchtete——“ „Fuͤrchte nichts, wenigſtens meinetwegen nichts, liebſte Schweſter“, ſagte Amias.„Nach weni⸗ gen Wochen bin ich volljaͤhrig, und bis dahin hoff' ich, werde ich ſchon einen Freund finden, der mich mit dem Noͤthigen verſorgt.“ „Gott des Himmels!“ ſagte Gertrud,„Du bei Fremden Unterſtuͤtzung ſuchen? Das darf, das ſoll nicht ſein! Laß mich Deine Freundin ſein! Du nannteſt mich Deine Schweſter; wohlan, ſo laß mich Dir wie eine Schweſter dem Bru⸗ der beiſtehen! Hier, Amias, nimm dieſe Boͤrſe; ei, ſo nimm ſie, und laß mich nicht argwoͤh⸗ nen, Du daͤchteſt wirklich ſo kleinlich von Dei⸗ ner Freundin, daß Du ihr nicht fuͤr einen Dienſt verpflichtet ſein moͤgteſt, der der Geberin mehr Zufriedenheit als dem Empfaͤnger gewaͤhrt. Ich bin, wie Du weißt, Deine Schweſter.“ „Du biſt mein beſſerer Engel“, entgegnete Radeliffe,„und ich will Deine Gabe nicht zu⸗ ruͤckweiſen, wohl aber ſie zehnfältig vergelten, ſobald mir die Stunde ſchlaͤgt, in welcher ich Dir meine Dankbarkeit beweiſen kann. Ver⸗ mag ich Etwas fuͤr Dich zu thun? Länger hier bleiben darf ich nicht. Deines Vaters Grimm moͤgte ſich auch gegen Dich wenden, wenn er nur muthmaßte, daß ich irgend eine Freundlich⸗ keit aus Deiner Hand empfing.“ „Du kannſt nichts fuͤr mich thun, als—— Doch ich darf es nicht verlangen, nach Dem, was Du mir von der bitteren uud grundloſen Eifer⸗ ſucht erzaͤhlteſt, womit mein Vetter Elford Dich verfolgt.“ „Ich achte ſeiner Drohungen nicht,“ verſetzte Radcliffe.„Sage mir, was wuͤnſcheſt Du, daß ich thue; laß mich Dir meine Dankbarkeit zur Stelle beweiſen.“ „Ich moͤgte Dich bitten“, ſagte Gertrud, „daß, wenn Du auf Deinem Wege von hinnen auf einen der royaliſtiſchen Edlen, ſelbſt wenn's Reginald Elford waͤre, treffen ſollteſt, Du ſie warnen moͤgteſt, nicht gen Warleigh zu ziehen; denn nichts vermag mir die boͤſe Ahnung zu be⸗ 122 ſchwichtigen, die mir ſagt, daß ihrem Leben hier Gefahr droht.“ „Ich will Dir gehorchen“, entgegnete Amias. „Der Abend daͤmmert immer tiefer herab; ich will jeden Royaliſten warnen, dem ich etwa be⸗ gegne; ſelbſt wenn es Elford waͤre, weil er Dein Verwandter iſt, ſollte er meine Warnung auch uͤbel aufnehmen. Gehab' Dich wohl, Gertrud; des Himmels Segen uͤber Dich!“ „Und uͤber Dich, lieber Amias; gebe Gott, daß wir einander in beſſeren und glucklicheren Tagen wiederſehen!“ „Amen dieſem Wunſche!“ ſchloß Rabcüie, ergriff und kuͤßte Gertrudens Hand und blickte das Maͤdchen mit Ruͤhrung an, waͤhrend Thraͤ⸗ nen in ſeine Augen traten. Das Feierliche, das in dem Abſchiede des Juͤnglings lag, machte einen tiefen, fuͤr ihr ganzes Leben unverwiſchba⸗ ren Eindruck auf Gertrudens Gefuͤhl. Unfaähig, mehr zu reden, als abgebrochene Worte, winkte ſie mit der Hand, und Amias enthob ſich. Als er das Haus verließ, mußte er ſeine Wander⸗ ſchaft zu Fuß antreten, denn Coppleſtone hatte 123 ſeinen Muͤndel ſo beſchrankt gehalten, daß dieſer ohne deſſen Erlaubniß kein Pferd aus den Stal⸗ len bekommen konnte, viel weniger einen eigenen Gaul haben durfte. Amias ſchritt langſam un— ter dem Schatten des Baumganges, der ſich vor dem Hauptportal des Hauſes dehnt, fuͤrbaß. Als er den letzten jener Baͤume erreicht hatte, ſah er, wie Coppleſtone, der von dem Zuruͤckho⸗ len Colemans wiedergekehrt war, dem Herrn⸗ hauſe zueilte. Radeliffe ſtand ſo lange ſtill, bis er gewiß wußte, daß ſein Vormund ihm aus dem Geſichte war; dann ſetzte er, unentſchloſſen, wie er handeln oder wohin er ſich fuͤr die Nacht begeben ſollte, ſeine Irrwanderung fort. Ande⸗ ren Tages gedachte er, ſich nach Exeter zu be⸗ geben, um einen Bekannten daſelbſt in ſeinen Angelegenheiten zu Rathe zu ziehen und zu er⸗ kunden, wie er es anzuſtellen haͤtte, bei Ein⸗ tritt ſeiner Volljaͤhrigkeit ſeinem habgierigen und unfreundlichen Vormund gebuͤhrende Rechnung abzufordern. Es war zu ſpaͤt und zu daͤmmernd, als daß der ohnehin niedergeſchlagene Juͤngling Luſt 124 gehabt hätte, an dieſem Abend noch weit zu wandern. Auch erinnerte er ſich des Auftrags Gertrudens, und da er wußte, wie die Wittwe Raleigh, durch menſchenfreundliche Geſinnungen dazu angeregt, manchen Leiden der verfolgten Royaliſten abzuhelfen ſtrebte, fiel es ihm ein, daß ſie vielleicht Gelegenheit haͤtte, die Warnung Gertrudens weiter zu befoͤrdern. Jedenfalls wollte er bei ihr einſprechen und dann erwaͤgen, was weiter fuͤr ihn zu thun ſein moͤgte. In dieſem Entſchluſſe ging er in der Rich— tung nach Tamerton zu, und gelangte bald in die Naͤhe der in der Abenddaͤmmerung hoch und duſter daſtehenden Kirche, uber die ſich ein grauer, ſturmverkuͤndender Himmel herabzuſenken ſchien. Amias konnte nicht umhin, daran zu denken, wie in dem Gebiete des ſtillen Gotteshauſes, unter ſtattlichem Grabſteine, die Aſche ſeines Vaters ruhete— ſeines Vaters! Tauſend Gedanken draͤngten ſich dem Juͤngling auf und ſchwellten ihm das Herz, als er bei der Erinnerung an Denjenigen verweilte, der einſt einen ihm ſo theuern Namen gefuͤhrt hatte. Alle heitern und 123 truͤben Bilder ſeiner Kindheit draͤngten ſich vor ſeine Seele, und Amias konnte das Verlangen nicht unterdruͤcken, ehe er dieſe Gegend verlaſſen wuͤrde, noch einmal den ſtillen Friedhof von Ta⸗ merton zu beſuchen. Haſtig ſchritt er dem Grabe ſeines Vaters zu. Er wuͤnſchte keinen Zeugen bei dieſem Beſuche. Einſamkeit und Schweigen ſind die liebſten Begleiter der Froͤmmigkeit und Sorge; und Froͤmmigkeit und Sorge waren es, durch welche Amias Radcliffe ſich jetzt angeregt puͤhlte. Dem Grabſteine nahe gekommen, blickte der Juͤngling umher, um zu ſehen, ob auch Jemand ihn beobachtete. Er ward jedoch und zwar ſcharf von einem Manne beobachtet, der in einen Man⸗ tel gehuͤllt ſich ſeinen Schritten ſo behutſam nach⸗ geſtohlen hatte, daß Amias es nicht eher be⸗ merkte, als bis ſeine Augen ihm die erſte Kunde davon zufuͤhrten. Bei'm erſten Hinblicke bildete Amias ſich ein, in der Groͤße und Haltung des Verhuͤllten Et⸗ was wahrzunehmen, das ihn an Reginald El⸗ ford erinnerte. Konnte Elford es ſein? Amias 126 zweifelte, und nicht geneigt, ſich ſelber kund zu geben, oder ohne Noth einem Fremden Gertru⸗ dens Warnung zukommen zu laſſen, ſchritt er der uns bekannten Eiche zu, die außerhalb des Kirchhofes ſtand, und uͤberlegte bei ſich, welches Verfahren fuͤr ihn das beſte ſein wuͤrde. Der Vermummte folgte ihm, als er unter dem ehr⸗ wuͤrdigen Baume ſtillſtand. Was nunmehr er⸗ folgte, ſoll dem Leſer zu gehoͤriger Zeit kund wer⸗ den; fuͤr jetzt fordern andere Ergebniſſe unſere unmittelbare Aufmerkſamkeit. Eilftes Capitel. 2.„O welche Welt iſt dies, wenn Das, was hold iſt, Den, der es an ſich traͤgt, vergiftet! Ich lauſchte ſein, und hoͤrte ſeine Ränke. e Dies iſt kein Ort, dies Haus iſt nur ein Schlachthaus; Verabſcheu's, flieh's, betritt es nimmermehr!“ Shakſpeare. Am Nachmittage des zwanzigſten Junius, als Wittwe Raleigh mit ihren gewohnten Hausar⸗ beiten beſchaͤftigt war, uͤberraſchte ſie ein Beſuch in der Perſon des ehrlichen, dem Leſer laͤngſt bekannten Baders, Trim Foretop. In Geſicht und Weſen Trim's wies ſich ein mehr als ihm ſonſt eigener Ausdruck von Wich⸗ tigkeit, wozu ſich eine Ernſthaftigkeit geſellte, die gleich dem Beiſatze manches Buchtitels auf Mit⸗ theilungen von erheblichen und erſchreckenden Er⸗ gebniſſen deutete. Das Erſte, was Trim that, war, 128 die Huͤttenthuͤr, die er offen gefunden hatte, zu verriegeln; dann erhob er Haͤnde und Augen und rief mit einem langen Blicke auf Miſtreß Raleigh:„So Euch das Leben lieb iſt, gute Frau, verlaßt noch in dieſer Nacht Eure Woh⸗ nung, oder Gott wolle Euch vor der Waſſer⸗ probe und dem Scheiterhaufen ſchuͤtzen! Außer Athem lief ich mich, um hieherzueilen und Euch zu ſagen—“ „Was habt Ihr mir zu ſagen, Meiſter?“ fiel die Wittwe ihm voll Unruhe in die Rede.„Wer wird Arges mit mir armen Frau im Sinne ha⸗ ben, und wen haͤtte ich beleidigt oder gekraͤnkt?“ „Des Teufels Großmutter, wie ich wohl ſa⸗ gen mag, iſt hinter Euch her,“ verſetzte Trim. „Capitaͤn Doll und der Stadtconſtabel mit einem Trupp Reiter werden hier ſein, bevor die Nacht hereinbricht. Mir ward die Kunde in meinem Laden. Alle Kunde dringt in eines Barbiers Laden, wie Ihr wißt. Vor Nacht, ſage ich, hebt man Euch auf, ſteckt Euch in's Loch und ver⸗ klagt Euch— ſchrecklich und entſetzlich iſt's nur zu denken!— verklagt Euch dann der Hexerei.“ h⸗ er⸗ 129 „Was ſprecht Ihr?“ fragte Miſtreß Raleigh nicht wenig betroffen uͤber eine ſo unerwartete Anklage.„Das muß ein Irrthum ſein; Eure Mittheilung iſt zu abgeſchmackt, als daß man ſie glauben koͤnnte. Jedermann weiß, daß ich die Wittwe eines Geiſtlichen bin; mein Gatte war einer der Kaplaͤne Koͤnigs Karl.“ „Darnach wird nicht gehoͤrt, Dame Raleigh,“ meinte Trim.„Eine Kaplanswittwe kann eben ſo gut als Hexe, wie ein Geiſtlicher als Zaube⸗ rer verklagt werden. Erinnert Ihr Euch nicht, wie die Frommen im Lande den ehrwuͤrdigen Doctor Atwell aufgriffen, mißhandelten und ein⸗ kerkerten? Und weshalb thaten ſie's? Ei, weil er einen großen ſchwarzen Kater in ſeiner Stu⸗ dirſtube zu haben pflegte, weil er ſeltſame Be⸗ merkungen uͤber den Lauf des Mondes und der Sterne ſchrieb, und Manchen von der Seuche heilte, ohne ſelbſt von ihr ergriffen zu werden. So mußte er Schmach und Pein leiden, weil man argwoͤhnte, er habe Gutes durch die Macht des Boͤſen gethan. Ihr ſeht aus, als zweifeltet Ihr an Dem, was ich ſagte; dennoch will ich Euch Warleigh. III. 9 130 Alles, was ich weiß, ſo hurtig als moͤglich er⸗ zaͤhlen. Gebt mir nur einen Trunk Obſtwein, denn Laufen und in Furcht Schweben ſind Dinge, die Einem das Fieber in's Blut treiben koͤn⸗ nen.“ Die Wittwe erfuͤllte Trim's Verlangen, und als dieſer ſeinen Durſt geloͤſcht hatte, ſprach er folgendermaßen weiter:„Ihr muͤßt gehoͤrt ha⸗ ben, liebe Frau, daß dieſe ſchuftigen Puritaner, die als Rebellen im Parlamente ſitzen— ich ſpreche frei und ehrlich zu Euch, wie zu Allen, die einerlei Meinung mit mir ſind— wie jene Purita⸗ ner, ſag' ich, einen gewiſſen Matthias Hopkins, ei⸗ nen Hexenfinder, unter Autoritaͤt des Parlamen⸗ tes ausgeſandt haben, damit alle Weiber, jung oder alt, verbrannt werden, die nicht Witz ge⸗ nug haben, den Teufel zu betruͤgen, nachdem er ihnen genutzt hat. Ich frage, hoͤrtet Ihr je⸗ mals von jenem Hopkins?“ „Ich?“ rief die Wittwe:„Ach! erinnere ich mich doch nur allzuwohl einer armen Frau, die wegen hohen Alters, Elendes und Armuth, nach⸗ dem ſie ihre beiden Soͤhne durch die Buͤrger⸗ ie 131 kriege verloren hatte, zornigen Gemuͤthes ward und ihren Groll dann und wann an ihren Nach⸗ barn ausließ. Fuͤr dieſe ihre Vergehungen fiel ſie dem Hopkins als Opfer, obwohl man eher glaubt, der Grund davon habe darin gelegen, daß ſie einem ungluͤcklichen Royaliſten, einem Edelmanne, Herberge gab, der in der Sache des Koͤnigs beſonders thaͤtig geweſen war.“ „Und eben das iſt auch Euer Fall, gute Ra⸗ leigh; mein Leben verwett' ich darauf,“ ſagte Trim.„Jetzt hoͤrt mich an. Dolly Sommer⸗ field, ſie, die man gemeinhin den Hauptmann Doll nennt, trieb einſt mit Hopkins und Sterne das Gewerbe des Hexenfindens, ſagte ſich jedoch bald von demſelben los, weil ihr nichts dabei ward, als das Aufhetzen des Wildes, während Hopkins mit den Fettfedern durchging. Dolly, die auch das Handgreifliche und Erkleckliche gerne hat, verließ den Hexenfinder, deſſen ſie uͤber⸗ drüßig worden war, traf mit Capitän Butler zuſammen und trieb nun Satanswerk auf an⸗ dere Weiſe, indem ſie zu S der Rebellion Predigten hielt.“ 9* 132 „Was aber hat das Alles mit mir zu ſchaf⸗ fen?“ fragte die Wittwe. „Nichts weiter,“ verſetzte Trim,„als daß Hauptmann Doll meint, ihr altes Gewerbe koͤnnte ihrem neuen Treiben mehr Nachdruck ver⸗ leihen, und da ſie einen beſonderen Groll gegen Euch hegt, weil Ihr am Laͤrmſonntage ihr Zu⸗ flucht in Eurem Haͤuschen verſagtet, ſo daß die Buben ſie zu Waſſer reiten ließen,— nun denn, ſag' ich, um eines und aller dieſer Dinge wil⸗ len hat Dolly Sommerfield, oder Hauptmann Doll, Euch, Frau Raleigh, als Hexe ange⸗ klagt; doch— ſo ward es mir wenigſtens in meinem Laden zugefluͤſtert— doch ſoll Euer Hauptvergehen darin beſtehen, daß Ihr mehr als Einen unſerer bedeutendſten Royaliſten beherberg⸗ tet oder verſtecktet; weshalb man Euch denn ein⸗ fangen, einſperren und einſchuͤchtern will, daß Ihr bekennt, was Ihr etwa uͤber gewiſſe Cava⸗ liere wißt, gegen deren Perſonen, deren Eigen⸗ thum und deren Anſchlaͤge das Parlament einen beſonderen Groll hegt.“ Frau Raleigh fuͤhlte ſich uͤber ti Maßen be⸗ 133 aͤngſtigt. Sie wußte wohl, daß ſie manchem der ausgezeichneten royaliſtiſchen Edlen Beiſtand geleiſtet und zu deren Flucht und Sicherſtellung hingewirkt hatte; und obwohl ſie lieber ſterben, als zur Verraͤtherin an jenen Maͤnnern werden wollte, ſo war ihr doch der Gedanke, zur Ge⸗ fangenen gemacht und von ihrem Toͤchterchen ge⸗ trennt zu werden, ſchier unertraͤglich. Jedoch wohin ſie ſich wenden, wo ſie Schutz und Bei⸗ ſtand ſuchen ſollte, wußte ſie nicht. Angſtvoll fragte ſie den Barbier,„welchen Schatten von Beweis es dafuͤr gaͤbe, den Dolly Sommer⸗ field zu Unterſtuͤtzung ihrer laͤcherlichen Klage bei⸗ bringen koͤnnte?“ „Beweis?“ verſetzte Trim;„Beweis iſt nicht vonnoͤthen. Eines Eidſchwurs nur bedarf es in ſolchen Angelegenheiten, und an dem werden der Haß Dolly's gegen Euch und ihre eigene Bos⸗ heit es nicht fehlen laſſen. Sie braucht nur zu erzaͤhlen und zu beſchwoͤren, wie ſie Euch um die Stunde der Mitternacht zur Tamertonkirche gehen ſah, wie Ihr eine verhuͤllte Geſtalt bei Euch hattet, und wie ſtark zu vermuthen ſteht, —————————————— 34 daß jene Bemaͤntelte eine Hexengenoſſin war, daß Ihr Beide auf einem Beſenſtiel rittet und daß es um Euch her nach Schwefeldunſt roch. Fer⸗ ner ſagt ſie aus, daß ſie im Glockenthurme der Kirche ein Licht brennen ſah, daß, nachdem Ihr um ein offenes Grab getanzt hattet, der Boͤſe ſelber, und zwar in der Geſtalt eines Mannes mit rothen Hoͤrnern, zu Euch trat. Dann be⸗ hauptet ſie, Ihr haͤttet Saͤrge bemauſet, den Todten etliche Zaͤhne ausgebrochen, haͤttet Lei⸗ chentuͤcher geſtohlen und ſie Behufs Eurer ver⸗ maledeiten Zauberkuͤnſte zu Faden zerzupft. Seht, Das iſt es, was Capitän Doll gegen Euch zu Gericht gegeben haben ſoll, und Ihr moͤgt ſelbſt pruͤfen, wieviel Wahres daran iſt, obwohl ich, gute Frau, geſtehen muß, daß ich keine Sylbe davon glaube. Und deswegen auch kam ich her, um Euch zu warnen, denn wer weiß, wie ſehr unter ſolchen Umſtaͤnden Euer Leben in Gefahr ſchwebt? Dolly ſchont Keinen, gegen den ſie einmal ergrimmt iſt.“ Trim Foretop ſprach wahr und Wittwe Ra⸗ leigh füͤhlte ſich uberzeugt, hinſichtlich ihrer dem M M 135 Sir Marmaduke Elford gewidmeten Fuͤrſorge gar wohl fur verdaͤchtig gehalten und demnach, zu Folge der barbariſchen Sitte der Zeit, als Here verklagt werden zu koͤnnen. Einer der Hauptcharakterzuͤge der Fanatiker in den Tagen Cromwell's war die veſte Ueber⸗ zeugung— und ſie verfuhren ſtreng nach der⸗ ſelben— daß die Geſetze und Anordnungen der Iſraeliten unter Moſis Herrſchaft zu allen Zei⸗ ten und von allen Voͤlkern befolgt werden muͤß⸗ ten. Daher entſtand ihre ſtrenge und puritani⸗ ſche Feier des Sabbathes und ihr Dafuͤrhalten, daß Götzendienerei und Hererei mit dem Tode, ſelbſt mit dem Tode auf dem Scheiterhaufen be⸗ ſtraft werden muͤßten. So hatte Wittwe Raleigh allerdings zu fuͤrch⸗ ten, und waͤhrend ſie dem ehrlichen Bader fuͤr deſſen zeitig ihr gegebene Warnung dankte, nahm ſie nicht Anſtand, ihm ihre Furcht und Unge⸗ wißheit, wohin ſie ſich fluchten ſollte, zu eroff⸗ nen. Sie hatte nur einen einzigen Freund, der ihr helfen konnte, und dieſer wohnte zu Ply⸗ mouth; wie konnte ſie aber Plymouth in Si⸗ 136 cherheit erreichen und wiſeh dort weilen? „Nicht d'ran zu kehn gute Frau— der Bader.„Eben ſowohl koͤnntet Ihr hoffen. unverſehrt durch die Flammen eines Scheiter⸗ haufens zu gehen, als zu denken, Ihr konntet unbeachtet in Plymouth Euch aufhalten. Denkt nochmals nach, ob Euch nicht ſonſt irgendwo ein Freund wohnt; irgend ein Huͤttenbewohner, ein Pächter, eine Mitgenoſſin in Eurer Beſorgniß. Ehe ich Euch rathen moͤgte, daß Ihr hier blie⸗ bet, wo man Euch alsdann ſicher einfinge, ſprech' ich lieber, ſattelt Euren Eſel, ſetzt Euch und Euer Toͤchterlein auf das Thier und reitet in Wald und Moor auf gut Gluͤck hinein. Dort koͤnnt Ihr hoͤchſtens unter Diebe gerathen; hier fallt Ihr nicht nur in der Diebe, ſondern auch in der Moͤrder Haͤnde.“ Das Wort Trim's:„unter die Diebe gera⸗ then,“ klang der ehrlichen Frau, als ob es ihr vom Himmel zugerufen worden waͤre. „Ja,“ ſagte ſie,„ich kenne einen ehrlichen Dieb, wie ſeltſam Euch dieſe meine Bezeichnung — 14137 auch klingen moͤge. Ich kann Euch jetzt nicht erzaͤhlen, wie ich Urſache habe, ihm zu trauen, und wie er mir ſagte, ich moͤgte in der Stunde der Bedraͤngniß mich zu ihm fluͤchten, jedoch Niemanden mitbringen, als mein armes Kind. Freilich iſt der Verſuch gewagt; indeſſen iſt Hier⸗ bleiben mein gewiſſes Verderben, und einen an⸗ deren Zufluchtsort weiß ich nicht.“ „So eilt dorthin,“ ſagte Trim,„und be⸗ ginnt Eure Wanderung ſobald es anfaͤngt zu daͤmmern. Es wird eine helle Mondnacht wer⸗ den und Gott Euer Geleitsmann ſein.“ Die Wittwe dankte dem ehrlichen Bader, der ihr den Eſel zaͤumte und ihr dann ihre wenigen Habſeligkeiten in drei Buͤndel packen half, wo⸗ bei er denn ſein Schwatzen allerdings nicht un⸗ terließ. Nn „Ja, ja, das ſind mir Zeiten!“ ſprach erz „alle Augenblicke anders, wie die Stutzung des Bartes am Hofe, und Mißbraͤuche wachſen ſo ſchnell als das Haar am Kinne des Mannes. Stutzt man dies auch heute noch ſo ſorglich, morgen ſprießt's wieder vor, und wird, wie ich 38 wohl ſagen mag, immer ſtarrer unter dem Scheer⸗ meſſer. Und da ſagen denn dieſe Rebellen, es ſei einzig und allein um der Religion willen, daß ſie alle Teufel gegen uns loslaſſen. Denn ſeht nur, Frau Raleig), Ihr koͤnnt einen Baum (und ſo ſagt ſelbſt die heil. Schrift) an ſeinen Fruͤchten erkennen; ſo auch erkennt Ihr einen Rundkopf an der Stutzung ſeines Haupthaars und koͤnnt ſicher genug daraus abnehmen, wer ſein eigentlicher Herr und Gebieter iſt. Und dann, ſprech' ich, wenn Ihr Einen ſeht, der eine Gabe bekommen hat, wie die Frommen es nennen, zu predigen, und braucht dieſelbe Gabe, um die Kanzel zu einem Luͤgenorte zu machen, an welchem er die Worte der heil. Schrift ver⸗ drehet und die Freiheit zur Frechheit macht, und den armen Koͤnig in's Loch ſperrt, waͤhrend Die, welche des Koͤnigs Geſetze uͤbertreten, frei aus⸗ gehen— wohlan, ſag' ich, wenn all dergleichen ſich begiebt, ſo iſt's Zeit fur mich, daß ich mei⸗ nen Witz wie meine Scheermeſſer ſchaͤrfe; denn kein Menſch hat Frieden jetzt, ſo er ſich der al⸗ ten Lehre erinnern moͤgte, die ich in meinen Kin⸗ 139 derjahren ſo gut wie meinen eigenen Namen in⸗ nehatte; der Lehre naͤmlich: Fuͤrchte Gott und ehre den Koͤnig—“ Die Wittwe war jetzt bemuͤht, des ehrlichen Foretop's Geſchwatzigkeit dadurch zu hemmen, daß ſie ſich zur Abreiſe anſchickte. „So recht, gute Frau,“ fuhr jedoch Trim fort,„es iſt Zeit zu gehen, denn mein laͤngeres Hierſein kann Euch nicht nuͤtzen. Ehe Ihr aber von dannen reitet, werdet Ihr wohlthun, Eure kleine Mary auslugen zu laſſen, ob die Luft rein iſt. Das Kind iſt ziemlich ſchlau. Thut's alſo, und ſomit woll' Euch Gott geleiten und eine gluͤckliche Reiſe geben!““ Der Bartſcheerer verabſchiedete ſich, und Wittwe Raleigh harrte der Stunde der Daͤmme⸗ rung, um unter dem Schutze derſelben dem Zu⸗ fluchtsorte entgegen zu eilen, zu dem mit Sicher⸗ heit zu gelangen ſie im hellen Auge des Tages nicht wohl erwarten konnte. Zwölftes Capitel. „Erſchlug ich Menſchen auch beim Kriegsgewerk, Eracht' ich's doch füͤr gegen mein Gewiſſen, Mord zu begeh'n—“ Shakſpeare. Wahrend der zu Ende des vorhergehenden Capi⸗ tels gedachten Zwiſchenzeit füͤhlte Frau Raleigh eine Faſſung und einen Muth, wie ihr derglei⸗ chen kaum jemals gekommen war, ſo daß ſie ſich geruͤſtet wußte, jeglichem ihr etwa bevorſte⸗ henden Wechſel ſtandhaft entgegentreten zu koͤn⸗ nen. Nur um ihr Toͤchterchen war ſie beſorgt. Sich keiner abſichtlich boͤſen That bewußt, warf ſie alle ihre wirklichen Sorgen auf den Herrn Herrn, und eingebildete Sorgen kannte ſie nicht. Sie war beſonnen genug; doch blieb ihr nicht hinlaͤnglich Zeit, daß ſie einen eigenen Plan zu —— ihrem ferneren Thun haͤtte entwerfen konnen. Daß ſie fliehen und ſcheunig fliehen mußte, hatte ſie nach der von Trim ihr gewordenen Kunde deutlich eingeſehen, und dieſe Flucht behutſam anzuſtellen, war es, was ihr zunaͤchſt vor der Hand lag. Fuͤr das Weitere mußte Der ſorgen, der die Wittwen und Waiſen in ſeinen beſonde⸗ ren Schutz nimmt. „Mary, mein Kind“, ſagte ſie zu ihrem Lochterchen,„ſpring doch hinaus und ſo weit, bis an die alte Eiche, und ſieh Dich ſorgfaͤltig nach allen Seiten um, und kehre hurtig zuruͤck, mir zu ſagen, was und wen Du etwa ſaheſt. Wenn Niemand zu ſehen iſt, und Alles umher ſcheint ja ſtill zu ſein, ſo wollen wir Dobb's Ruͤcken beſteigen und von hinnen reiten. Du aber, Kind, erzaͤhle ja keinem Menſchen, daß wir noch heute von hier weg wollen. Da, kuͤß mich, Miekchen, und thu', wie ich Dir befohlen habe. n Das Kind, das oſt kleine Gaͤnge thun und Botſchaften fuͤr die Mutter hatte ausrichten muͤſ⸗ ſen, dabei nirgend und Keinem verdächtig be⸗ 142 duͤnken konnte, hatte einen Grad von Klugheit und Vorſicht in dergleichen Dingen gewonnen, wie man es bei einem achtjaͤhrigen Maͤdchen kaum haͤtte erwarten moͤgen. Es begann jetzt zu daͤmmern, uns obwohl kein Luͤftchen ſich regte, deuteten doch die ſchwuͤle Hitze und das dumpfe Roth, wodurch die Schoͤn⸗ heit des Sommerabendhimmels mehr verfaͤrbt als erhoͤht ward, zuſammt dem in weiter Ferne dann und wann rollenden Donner auf ein her⸗ annahendes Ungewitter. Dieſe Wahrnehmung gereichte der guten Wittwe Raleigh nicht wenig zur Beſorgniß, da es ihr am Herzen lag, noch vor Mitternacht in die Thalſchlucht von Lidford zu gelangen. Es uͤberraſchte ſie, daß ihr Töchterchen nicht ſo ſchnell wiederkehrte, als ſie es erwartet hatte, ſo daß ſie ſchon daran dachte, ſelbſt hinauszuge⸗ hen und nach dem Kinde zu ſehen. Doch ver⸗ ſchob ſie dies noch um einige Minuten, denn ihr kam zu Sinne, wie das Kind irgend Jemand habe erblicken moͤgen, und nun in ſeiner Schlau⸗ heit zoͤgere, ſich zur Huͤtte zuruͤckzuwenden, da⸗ ————— — —˙—„—„——— c—„— eit n, en le 143— mit es nicht ausſaͤhe, als waͤre ſie eine ausge⸗ ſchickte Spaͤherin, die nun haſtig mit Kunde zu ihrer Mutter ſich zuruͤckwendete. Mary zoͤgerte noch immer zu kommen, und eben als der Mutter Beſorgniß wegen der Klei⸗ nen ihren hoͤchſten Grad erreicht hatte, ſturzte dieſe ploͤtzlich athemlos, bleich und an allen Glie⸗ dern bebend herein, hielt Etwas, das ſie mitge⸗ bracht hatte, ihrer Mutter entgegen, ſtammelte: „O Mutter— Mutter— ich hab's geſehen“— und fiel bewußtlos zu den Fuͤßen der Erſtaunten. Miſtreß Raleigh nahm alle ihre Beſonnen⸗ heit zuſammen, um zuerſt ihr Toͤchterchen wieder zu ſich ſelbſt zu bringen, und dann einen ferne⸗ ren Pruͤfungsblick auf das Uebrige zu werfen. Es gelang ihrz denn ſobald die Kleine wieder zu ſich ſelbſt gekommen war und ein wenig mit Schluchzen und Schaudern nachgelaſſen hatte, erzaͤhlte ſie ein ſo entſetzliches Ergebniß, von dem Gott ſie hatte Augenzeugin ſein laſſen, daß die beklagenswerthe Mutter beinahe in eben den⸗ ſelben Zuſtand gerathen waͤre, aus dem ſie vor⸗ 1 1 1 . ſ 31 3 1 1 1 3 1 5 1 11 1 3 1 144 hin ihr Toͤchterchen wieder zu ſich ſelbſt gebracht Mutterſorge gab ihr jedoch ſofort die ihr ſo nothwendige Kraft zuruck. Nach Dem, was Mary ihr erzählt hatte, mußte ſie erkennen, daß das Leben des Kindes jetzt in noch groͤßerer Gefahr, als ſie ſelbſt, ſchwebte, und ſo verlor ſie keinen Augenblick, ſich auf den Weg und da⸗ von zu machen. Sie band ihre Buͤndel an den Sattel des Eſels, ſetzte ihr Toͤchterchen auf das Thier, um dies nicht durch dreifache Laſt vor der Zeit zu ermuͤden, ſchritt ſelbſt nebenher und zog unter manchem Stoßgebetlein zu Gott, ſie und ihre Kleine in ſeinen allerhoͤchſten Schutz zu nehmen, der Gegend von Thal Lidford zu. Kaum eine Stunde lang war ſie ſo fortge⸗ wandert, als der Abend uͤberaus dunkel ward. Die Sonne war laͤngſt untergegangen, der zu erwartende Mond aber noch nicht herauf, und ſchwarze Woͤlkchen und Wolken zogen ſo dicht zuſammen, daß ſie einen ungeheuren Mantel bildeten, der das ganze Himmelsgewoͤlbe einhuͤllte —+„— —— t ſo er P 6 145 und das Zwielicht ſchier ſo duͤſter und melan⸗ choliſch wie die Nacht machte. Waͤhrend nun der Sommerabend im Junius durch Dunkelheit ein Schauergewand tragen mußte, ſah man un⸗ fern der Tamertonkirche den Fußpfad daherzie⸗ hen, der geraden Weges zu der Huͤtte leitete, aus welcher Frau Raleigh mit ihrer Mary erſt vor Kurzem entflohen war. Die auf dem Pfade Daherwandelnden— es waren nur wenige Perſonen— ſchritten lang⸗ ſam und behutſam vorwaͤrts, indem einer von ihnen, der als Fuͤhrer dienen mogte, mit der Laterne in der Hand, den Anderen voranging. Dieſer Fuͤhrer war der Stadtconſtabel von Ply⸗ mouth; die uͤbrigen Perſonen aber zeigten ſich als der Capitaͤn Coleman, beruͤchtigten Anden⸗ kens, als zwei Butlerſche Reitersknechte und als der beruͤhmte Hauptmann Doll, die miteinander ausgezogen waren, um die als Hexe und Roya⸗ liſtenverſteckerin angeklagte Wittwe Raleigh ge⸗ fangen zu nehmen und vor ein ſchmaͤhliches Gericht zu ſtellen. Die Hexenfinderin Dolly Sommerfield hatte ſich uͤberdies in dieſer Ange⸗ Warleigh. III. 10 146 legenheit keinesweges als ſchlaue Beſchwoͤrerin gezeigt; denn ſie ſelbſt plauderte in Trim's La⸗ den aus, wie der Conſtabel bereits den Ver⸗ haftöbefehl gegen die Wittwe in Haͤnden haͤtte, und wie dieſe waͤhrend der Nacht aufgehoben werden ſollte, wodurch der ehrliche Bader denn zeitig genug, wie wir wiſſen, in Stand geſetzt worden war, die arme Verſolgte zu warnen und ihr zu ihrer Flucht forderlich zu ſein. Waͤhrend nun dieſe gemiſchte Haͤſcherſchaar heranruckte, ſchien Dolly nicht diejenige Schweig⸗ ſamkeit und Vorſicht zu beobachten, welche Ca⸗ pitaͤn Coleman fuͤr rthlich, ja fuͤr unumgaͤng⸗ lich noͤthig hielt, wenn ihnen ihr Fang nicht entgehen ſollte. Mit einem runden, nichts we⸗ niger als zierlich geſetzten Fluche fragte Cole⸗ man daher die Dolly, ob ſie nicht zehn Minu⸗ ten lang das Maul halten koͤnnte, bis das Ge⸗ ſchaͤft, welches man vorhätte, abgemacht ſein wuͤrde. „Mein Maul halten? Zehn Minuten lang?“ rief das Mannweib, indem ſie ihre Arme in ihre Seite ſtemmte und voll Aergers uͤber den Fluch: „Nicht ſobald e erſchallet Schlemr zuͤgler n „Re Schimpf ſich abzu raſet nac keine W hen koͤn daruͤber. Euer Ge und Eur zu oft g haͤtte hei „Ihr Ihr ſo „Wehe 2 im Weine ruft Salt Saͤufer u 147 Fluch und den Verweis Coleman's ſtillſtand: „Nicht zehn Augenblicke lang will ich ſchweigen, ſobald es gilt, mein Geſchrei durch die Wildniß erſchallen zu laſſen gegen ſolche Spoͤtter und Schlemmer und Flucher und rothnaſige Streif⸗ zuͤgler wie Ihr Einer in dieſem Lande ſeid.“ „Recht ſo“, verſetzte Coleman, der das Schimpfen Dolly's durch kalte Verachtung von ſich abzuwaͤlzen ſuchte;„recht ſo, ſcheltet und raſet nach Herzensluſt! Eine Weiberzunge ſchlaͤgt keine Wunden, deren Blut und Narbe man ſe⸗ hen koͤnnte, und ein honetter Kerl lacht nur daruͤber. Dolly Sommerfield, ich halt' Euch Euer Getraͤtſch zu Gute, denn die Aquavitflaſche und Eure Lippen haben heut Abend einander zu oft gekuͤßt, als daß Euer Hirn nicht druͤber haͤtte heiß und die Flaſche kalt werden muͤſſen.“ „Ihr mogt wohl ſelber trunken ſein, daß Ihr ſo ſprecht“, rief die kriegeriſche Dolly. „Wehe Denen, die das Hitzige lieben, und ſich im Weine betaͤuben und entflammen! Ja, wehe ruft Salomo, und wehe ſag' ich, denn die Saͤufer und Schlemmer muͤſſen verarmen. Ich 10* 148 kenn' Euch, Capitaͤn Coleman. Euer wahres Ab⸗ bild iſt ein Schenkhausſchild, denn wenn die Leute Euch in Eurer Wohnung ſuchen, wo ſu⸗ chen ſie Euch anders, als in der Trinkſtube zum rothen Drachen? Wo iſt Eure Vernunft? wo Euer Witz? Beide erſaͤuft im rothen Drachen. Wo iſt Euer Geld? Wo anders, als in des Drachen Klauen? Wo iſt Euer Gemuͤth? Wahr⸗ lich nirgend, als im Blute des Drachen. Und wo wird am Ende all dieſer Dinge Eure Seele ſein? Fuͤrwahr nur in der bodenloſen Kluft, wo der rothe Drache ſelbſt in Flammen liegt mit allen Schlottrern und Goͤtzendienern und Hexen—“ „Und lügneriſchen Halbweibern, wie Ihr eines ſeid!“ fiel Coleman nicht wenig erzuͤrnt ein. „Gemach, gemach!“ ſchnob der Conſtabel, der ein ſchroffer Calviner war und von Kindes⸗ beinen an ein unheilbares Klemmen in der Naſe gehabt hatte.„Es geziemt nicht denen Auser⸗ waͤhlten, unter einander zu hadern, wohl aber mitſammen den Krieg gegen Gibeon zu fuͤhren. — 149 Wir ziehen hier feldeinwaͤrts, um die Abſcheu⸗ lichkeit aufzuſtobern, denn was iſt abſcheulicher, als eine Here. Wir ſollten Hand und Stim⸗ me in Harmonie erheben, um die Greuel des Landes zum Lande hinauszuſchaffen.“ „Ich erhebe meine Stimme“, ſchrie Dolly, „und will meinen Sang beginnen, und es ſoll ein Sang des Fluches ſein, von Morgen bis Mitternacht, und ich will ihn noch dann erſchal⸗ len laſſen, wenn ſchon die Jungen laß und mud geworden ſein werden; denn eine Hexe iſt eine Here, oder Zauberin, oder Beſchwoͤrerin, oder Zuhaͤlterin der boͤſen Geiſter oder eines Zaube⸗ rers oder Nekromanten—“ „Oder aber ſie iſt ein altes Weib“, rief Co⸗ leman,„das auf einem Beſenſtiele durch die Luft reitet, ſo naͤmlich Alles wahr iſt, was da ge⸗ ſprochen wird. Ihr aber werdet die Hexe, die wir ſuchen, aufſchrecken, daß ſie die Flucht er⸗ greift, ſo Ihr nicht wenigſtens jetzt das Maul haltet, indem wir nahe der Eiche ſind, neben der die Wohnung der—— Doch was giebt's hier?“ rief er plötzlich in anderem Tone, als er 150 uber Etwas ſtrauchelte.„Holla, Tom! Con⸗ ſtabel! Mann des Gerichts und der Laterne, leuchte her und ſieh, was hier am Fuße der Eiche liegt.— Ein Menſch iſt— ein Trunkener— oder ein Todter— oder Beides zugleich, ein Todttrunkener. Holla, Freund, ſteh' auf, ſag' ich! Was? kannſt Du nicht antworten? Erſt aber laß Dein Geſicht ſehen—“ Ein ſchweres Aechzen ward in dieſem Au⸗ genblicke horbar.„Gott der Gnade!“ rief der Conſtabel,„das ſpricht— und ein entſetzlich Wort! Seht, der Mann hat eine Wunde im Ruͤcken; Eine feige Hand verſetzte ihm ſicherlich dieſen Stoß. Der arme Menſch iſt ermordet!“ „Helft mir ihm den Kopf aufzurichten“, ſagte Coleman;„leuchtet ihm in's Geſicht— He! Gott des Himmels! es iſt Mr. Amias Radcliffe! Helft, lauft, fliegt zur nachſten Huͤtte; ſchafft Rettung! Der hier iſt ein Edel⸗ mann, der von Denen, die da in Macht ſind, hoch in Ehren gehalten wird.“ „Reißt ihm das Wams auf— ich will ihm das Blut ſtillen. Könnt Ihr ſprechen, Sir?“ N — 151 ſagte Dolly.„Hatt' ich doch nur ein Flaͤſch⸗ chen Roſaſolis! Koͤnnt Ihr nicht ſagen, wer Euch verwundete? Sprecht!“ „Sprecht“! rief Coleman.„Nein, der ſpricht in dieſer Welt nicht mehr. Er blutet ſich todt; kein Viertelſtundchen Leben iſt mehr in ihm. In der Bruſt hat er auch einen Stich. Wer that es? Nennt den Moͤrder, Sir Amias, und—“ indem er einen fuͤrchterlichen Schwur einſchal⸗ tete—„r ſoll mit ſeinem letzten Tropfen Blut mir Rechenſchaft darüber geben. Wer ſchlug Euch?“ Es ſchien, als verſtande der ungluͤckliche Amias Radcliffe, was man ihn fragte, obſchon er ſprachlos und ſterbend war. Er lag in Co⸗ leman's Armen; Dolly war bemuͤht, mit einem Tuche das Blut zu ſtillen, das dick aus der Bruſt des Jünglings quoll, und der Conſtabel leuchtete dazu. Radeliffe ſchlug die Augen auf und ließ ſie an Coleman haften. Sie wieſen ſich ſchwimmend, ſeine Lippen regten ſich, aber kein Laut kam uͤber dieſelben. Seine Wangen 152 waren bleich und die Muskeln des Mundes zuck⸗ ten krampfhaft. Nachdem Amias vergebens verſucht hatte, zu ſprechen, machte er eine letzte Anſtrengung; ver⸗ muthlich, um ſeine Seele in Gottes Haͤnde zu empfehlen, denn er legte matt ſeine Haͤnde zu⸗ ſammen, ſeine Augen blickten aufwaͤrts und ſeine Lippen zuckten leiſe. Nach wenigen Minuten ſtreckte er ſeine Glieder und verſchied. So ſtarb auf eben ſo geheimnißvolle, als ſchauderhafte Weiſe Amias Radeliffe— ein Juͤng⸗ ling, der freilich durch den vorherrſchenden Puri⸗ tanergeiſt irrgeleitet worden war, jedoch ein Herz voll des innigſten, liebevollſten und edelmuͤthigſten Gefuͤhls hatte. Keine ernſtere Lehre als die, welche der Tod giebt! Sogar das gottvergeſſene Halbweib Dolly Sommerfield und ihre verhaͤrteten Genoſſen wur⸗ den durch die letzten Momente des Ermordeten erſchuͤttert. Schweigend ſtanden ſie einige Au⸗ genblicke lang uͤber den Todten hingebeugt— die kalte Hand des Todes ſchuttelte ihnen das Gewiſſen. —— 3 WMittlerweile hatten die Reiter etliche Leute aus der Nachbarſchaft herbeigerufen. Man hob die Leiche vom Boden auf und ſchickte ſich an, ſie gen Warleigh zu tragen. Dreizehntes Capitel. „Bis jetzt ließt Ihr Euch gehn, und maßt die Zeit Mit allem Maaß der Frechheit; Euer Wille Galt Euch Geſetz. Bis jetzt ging ich, gleich Allen, Die in dem Schatten Eurer Herrſchaft lagern, Einher mit unterſchlag'nen Armen; und Wir aͤchzten unſer Leid vergebens aus.“ Shakſpeare. Gertrud Coppleſtone ſaß, nachdem Amias Rad⸗ cliffe ihr ſein letztes Lebewohl geſagt hatte, voll Beſorgniß uͤber die zur Zuſammenkunft zu er— wartenden Royaliſten an einem offenen Fenſter ihres Gemaches und horchte auf jeden Laut im Hauſe, waͤhrend ſie jede Bewegung in der naͤhe⸗ ren Umgebung deſſelben belauſchte. Das Fen⸗ ſter ſah dem Fluſſe zu, und obwohl die Land⸗ 155 ſchaft durch das dichte Blätterwerk der ſich am Ufer erhebenden hohen Baͤume beſchattet ward, bot ſich doch durch die Staͤmme hin eine Fern⸗ ſicht auf das breite, ſilbern ſtroͤmende Waſſer und die jenſeitigen Huͤgel dar, die gleichſam in dem von den grauen Tinten des Abends beruͤhrten Lufthimmel zergingen. Die Sonne ging hinter den fernen Waſſern da zu Ruͤſte, wo dieſe ſich ſo ſehr ausbreiteten, daß ſie eine Art von Landſee bildeten, deſſen glatter Spiegel einen lieblichen Gegenſatz zu den ſchwarzen Umriſſen eines Schiffes abgab, das nahe dem Ufer vor Anker lag. Wie ſo ſchoͤn und ruhig war die Scene! Wie ſo getadezu widerſprechend derjenigen, die bald im Herrn⸗ hauſe von Warleigh ſtattfinden ſollte! Gertrud vernahm bald Huftritte; mehrere Reiter naͤherten ſich, wie es ſchien, ſehr behut⸗ ſam dem Hauſe, ſaßen ab und traten ſchweigend ein. Ihre Zahl vergroßerte ſich nach und nach, bis ſie zuletzt ſich wohl auf zehn Edelleute be⸗ laufen mogte. Sir John Coppleſtone ging ih⸗ nen entgegen, um ſie zu empfangen. Es herrſch⸗ 156 ——— ten bei dieſer Zuſammenkunft eine Stille und eine Feierlichkeit in dem Weſen Aller, die da ka⸗ men, daß man wohl daraus abnehmen konnte, wie ſich mit ſolchem Kommen eine hohe und ernſte Wichtigkeit verknupfte.. In den mehr zuruͤckgelegenen Theilen des al⸗ ten Ritterſaales von Warleigh wurden die Ge⸗ genſtaͤnde bereits undeutlich und duͤſter, waͤhrend die Strahlen der ſinkenden Sonne ein Halblicht auf eine Gruppe von Maͤnnern warf, die in der Mitte des Saales um einen langen eichenen Tiſch herumſaßen. Man konnte in dieſem Halblichte die Geſichtszuge der Gäſte deutlich wahrnehmen. Alle wieſen edlen und freimuͤthigen Ausdruck, mit welchem ſich, zumal auf dem Antlitze Sir Piers Edgeumbe(denn dieſer befand ſich in der Verſammlungh, ein nicht zu verkennender Anflug von Stolz miſchte. Auch ſah man dort die kuͤhne, offene und vertrauensvolle Stirn Trelawny's von Trelawn, des Juͤnglings, in deſſen Adern das Blut von Helden rann, die das ihrige auf den Gefilden von Poitiers und Creſſy nicht geſchont hatten, 157 und deſſen Haus ſich mit einem auf hohes Ehr⸗ gefuͤhl ſich gruͤndenden Stolze ruͤhmte, das erſte in Cornwall geweſen zu ſein, welches ſich erhob, um den grauſamen Tyrannen, Richard den Drit⸗ ten, von dem von ihm erſchlichenen Throne zu jagen. Zugegen ebenfalls war der Oberſt Tremaine, der zwar gezwungen ward, ſeinen uralten Fami⸗ lienſitz Sydenham zu uͤbergeben, nachdem der⸗ ſelbe eine langwierige und gefaͤhrliche Belage⸗ rung hatte abhalten muͤſſen, der jedoch in unzu⸗ bezwingender Lebhaftigkeit alle jene hurtige Ent⸗ ſchloſſenheit, jenes unzubezweifelnde, gebieteriſche Weſen, jenen gelaſſenen Muth und jene feine Sitte zeigte, wodurch er ſich als Officier und Royaliſt in jenen gefahrvollen Zeiten die hohe Achtung eines Jeden ſeiner Partei erworben hatte, indem ſeine Wege jederzeit die der Ehre, der Vaſallentreue und der Tapferkeit waren. Auch ein vierter Gaſt war anweſend, und als Gertrud von deſſen Kommen Kunde erhielt, ſank ihr das Herz, denn ſie war nun uͤberzeugt, daß der von Mutter Gee entſendete Bote den 158 von ihr abgeſchickten Brief nicht habe uͤbergeben konnen; kurz, daß ihre Warnung durchaus fehl⸗ ſchlug. Dieſer Gaſt war kein Anderer, als Sir William Baſtard, deſſen wir zu mehreren Ma⸗ len als des beſonderen Gegenſtandes gedachten, den Miß Gertrud eben ſo ſehr hochſchätzte, als John Coppleſtone denſelben verachtete. Die männliche Schoͤnheit auf dem Geſichte Sir Wil⸗ liam's war beſonders einnehmendz ſie trug das Geprage hoher Entſchloſſenheit und kuͤhnen Mu⸗ thes, wozu ſich die hohe Milde eines zarten Gemuͤthes geſellte. Geradheit war Hauptcha⸗ rakterzug dieſes jungen Helden, der ſich als der Erſte gezeigt hatte, welcher in Weſt⸗England die Sache des Koͤnigs unterſtutzte, und mit dem Greiſe John Arundel Schloß Pendennis, die letzte Veſtung im Reiche, die ſich dem Uſurpator Cromwell ergab, ſelbſt dann noch vertheidigte, als Koͤnig Karl ſeinen Getreuen den Rath er⸗ theilte, ihre Waffen niederzulegen, nachdem die Schotten ihn dem Parlamente verrathen hatten. Bei allem energiſchen und kuͤhnen Ausdruck wies Sir William's Geſicht einen gewiſſen Zug 159 von Feinheit und guter Laune und zeugte von einem wohlwollenden und leicht beugſamen Ge⸗ muͤthe, ſobald ſeine hohen Grundſatze von Va⸗ ſallentreue nicht hinderlich wurden, die ſtuͤrmiſche Empfaͤnglichkeit ſeiner Seele anzuregen. Geſund⸗ heit auf den Jugendwangen, mit dunkeln Augen und langen kaſtanienbraunen Locken, durfte Sir William's Kopf als Modell zu einem Apoll ha⸗ ben dienen koͤnnen. Sir William's Bildniß wird noch heut zu Tage zu Warleigh aufbewahrt, und zeigt noch nach ſo langer Zeitfriſt von dem Manne, der geboren ward, um zu herrſchen und in der Geſchichte ſeines Vaterlandes nimmer ver⸗ geſſen zu werden. Noch mehrere Edelleute nahmen an der Zu⸗ ſammenkunft in Warleigh Theil; doch gehoͤren ſie nicht ſo unmittelbar als die Ebengenannten zu unſerer Geſchichte; Alle aber zeichneten ſich durch Eifer, Treue, Ehrgefuͤhl und Muth in der Sache des ungluͤcklichen Karl Stuart aus„und keiner von ihnen wuͤrde ermangelt haben, willig ſein Leben hinzugeben, um dem Monarchen Frei⸗ heit und Wiederherſtellung zu verſchaffen. 160 Als Sir John Coppleſtone ſeine Gaͤſte em⸗ pfing, ſchien er unter einer uͤbelverhehlten Angſt zu ringen, die wahrſcheinlich Folge ſeiner Gewiſ⸗ ſensregung war, denn es mogte fuͤr ihn aller⸗ dings Momente geben, in denen eine Stimme, die gehoͤrt ſein wollte, ihm zufluͤſterte, welche Todſuͤnde beſonders die Feindſchaft ware, die er gegen Sir William Baſtard hegte. Indeſſen konnte, wie Dem auch ſein mogte, kein Fluͤſtern des Gewiſſens bei Sir John maͤchtig genug wer⸗ den, um einen von ihm einmal gefaßten Vorſatz auch nur im mindeſten zu erſchuͤttern. Mit finſterer, jedoch gelaſſen ſcheinender Miene verbeugte er ſich ſehr hoͤflich gegen jeden Cava⸗ lier, indem ſein ſcharfes, hurtiges und dunkles Auge dabei einen Blick ſchoß, als haͤtte er im Innerſten der Seele ſeiner Gaͤſte leſen wollen. Nachdem dies geſchehen war, ſenkte ſein Blick ſich zu Boden, und es wuͤrde eines haarſchar⸗ fen Beobachters bedurft haben, um jetzt noch wahrzunehmen, daß etwas Beſonderes in Sir John vorging, denn dieſer verrieth weder in Wort noch Blick noch Weſen etwas dergleichen, e M —— 6 —— NN 161 außer daß er etliche Male der Saalthuͤr, ohne dem Anſcheine nach einen eigentlichen Zweck da⸗ mit zu verbinden, und ſo zuging, als haͤtte er ſich fuͤr einen Augenblick vergeſſen. Es wurden jetzt Lichter in den Saal gebracht, und Coppleſtone ließ ſeinen Gäſten Wein und Erfriſchungen vorſetzen. Wir üͤbergehen ſchwei⸗ gend die Hoͤflichkeit, womit er ſie bewirthete. Mehr denn eine Stunde war verfloſſen, als das leiſe, beſorgliche Geſpraͤch der Cavaliere lauter und die Unterhaltung allgemeiner ward, als ſie es bisher geweſen war. Alle ſprachen von ihren lange gehegten Plaͤnen, ihren hohen Hoffnungen, ihren kuͤhnen Vorſätzen, und Alle aͤußerten den innigen Wunſch, der Koͤnig moͤgte durch Capi⸗ taͤn Burley's Vermittlung von der Inſel Wight entfliehen, und moͤgte, ſo ihm ſeine Flucht un⸗ ter Gottes Schilde gelaͤnge, noch heute Nacht in den uralten Hallen von Warleigh die Huldigun⸗ gen der wenigen, eben jetzt dort verſammelten getreuen Vaſallen empfangen. „Lief noch keine Kunde von Burley ein?“ fragte Tremaine„Mich duͤnkt, er war es, der Warleigh. III. 14 162 das Verlangen aͤußerte, wir moͤgten uns am zwanzigſten Junius zu Warleigh verſammeln und unſere Getreuen bereit halten, indem er verſprach, den Koͤnig, falls dieſer lebte, uns zuzufuͤhren. Lief keine Nachricht von ihm ein?“ „Keine,“ verſetzte Coppleſtone,„jedoch iſt die Stunde noch nicht herangeruͤckt, wiewohl es Abend ward. Die Nacht wird nicht voruberge⸗ hen, hoff' ich, ohne daß unſer Vorhaben ſich er⸗ fulle; nur muͤſſen wir Geduld haben, edle Her⸗ ren. Ich habe einen Spaͤher ausgeſchickt, der uns ſofort berichten wird; denn Burley verab⸗ redete, Halt an einem Orte dieſſeits Plymouth zu machen, wo etliche Cavaliere den koͤniglichen Fluͤchtling in Empfang nehmen und ihn wohl⸗ behalten zu dieſem Hauſe, als ſeiner vorlaͤufigen Reſidenz, fuͤhren wollen. Es wundert mich ſelbſt, daß mein Ausgeſchickter noch nicht zuruͤck iſt, doch will ich einen zweiten ſchicken, ja ich will ſiebenfach hinausſchicken, wie Elias that, um nach Regen ausſchauen zu laſſen, als nur ein kleines, kaum handgroßes Woͤlkchen fern am Himmel hing. Doch wie jenes Woͤlkchen ſich zu W M F— — 163 einer Segensfulle vergroͤßerte, ſo hoffe ich, wird auch unſer jetziges Hoffen ſich erweitern.“ „Burley's Zoͤgern iſt wahrlich ſeltſam,“ ſagte Sir William Baſtard;„und ich will hoffen, hier walte kein Irrthum, kein Mißverſtaͤndniß, um nicht zu ſagen, kein Verrath ob. Ich las ſelbſt Burley's Schreiben, in welchem er darlegte, daß er Mittel gefunden haͤtte, ſeinen Plan dem un⸗ gluͤcklichen Koͤnig mitzutheilen, und daß dieſer ihn freudig auffaßte und bereit waͤre, zu Wie⸗ dererlangung ſeiner Freiheit jeglicher Gefahr die Stirn zu bieten. Furcht auf Seiten Seiner Ma⸗ jeſtät kann alſo nicht Urſache dieſes Zoͤgerns ſein.“ „Furcht iſt von Seiner Majeſtaͤt niemals als nur dann gezeigt worden, wenn es galt, ſeinen eigenen Rathſchlaͤgen zu trauen,“ fiel Sir Piers ein,„und beſſer fuͤr Koͤnig und Reich wuͤrde es geweſen ſein, wenn Karl Stuart auch dieſe Furcht nicht gehegt haͤtte, indem ſeine Anſichten im All⸗ gemeinen verſtaͤndiger, als die ſeiner Raͤthe wa⸗ ren, in ſofern wir Lord Falkland und Maſter Hyde ausnehmen. Ich hoffe alſo, der Koͤnig 11* werde heute Nacht hier eintreffen, oder wenn das nicht geſchieht, daß Burley uns irgend eine genuͤgende Auskunft uͤber dieſes Zoͤgern giebt, damit wir ermeſſen koͤnnen, wie wir gegen un⸗ ſere Anhaͤnger zu verfahren haben.“ „Wurden aber nicht noch andere Freunde als die Maͤnner von Burley's Partei erwartet?“ fragte Trelawny von Trelawn.„Mich duͤnkt, Sir Piers, auch Euer ehrenwerther Freund, Sir Hugo Piper, wollte hier ſein? Und verſprach nicht Reginald Elford, ſein Vater, Sir Marmaduke, wuͤrde, ſo er lebte, ebenfalls kommen und bereit ſein, die Saſſen ſeines eigenen Beſitzthums anzu⸗ fuͤhren, die auf den Ruf ihres alten Gutsherrn ſich freudig erheben und ſowohl fuͤr einen Elford als fuͤr ihren Koͤnig ihr Leben in heil'gem Kam⸗ pfe wagen moͤgten? Wie kommt's, daß dieſe Ca⸗ valiere nicht hier ſind?“ „Ich vermag es nicht zu ſagen,“ antwortete Sir Piers,„und verliere mich in Muthmaßungen daruber; es moͤgte denn ſein, daß jene braven Maͤn⸗ ner auf dem Wege zu Burley ſtießen, und dann Alle mitſammen hieherkommen. Moͤglich iſt's 163 auch, denn Sir Hugo Piper begab ſich abſicht⸗ lich nach Salisbury, um eifrig mit Hand an Ausfuͤhrung des Plans zur Flucht des Koͤnigs zu legen. Freilich verſprach er, am Abend dieſes Tages hier zu ſein, doch erſcheint weder er noch Sir Marmaduke.“ „Es iſt in der That ſeltſam, daß Sir John Coppleſtone von allen dieſen Cavalieren keine naͤhere Kunde erhielt,“ ſagte Oberſt Tremaine, und ſah uͤberaus ernſt aus, als er dieſe Bemer⸗ kung machte. „Oder vielleicht keine Kunde, die er uns mit⸗ theilen moͤgte,“ ſetzte Sir William Baſtard hin⸗ zu, indem er einen Blick des Mißtrauens an dem Eigner von Warleigh haften ließ. Sir John beachtete ſolches nicht, denn in demſelben Au⸗ genblicke wurden Huftritte fernher gehoͤrt, die, als ſie naͤher kamen, die Erde unter ſich ſchier erdroͤhnen ließen, ſo abgemeſſen kriegeriſch und ſchwer klangen die Tritte. Ueber Huͤgel und Wald und Gewaͤſſer ent⸗ ſendete eine Drommete ihren lauten Ruf, der von jedem Echo ſo deutlich wiederholt ward, wie das 166 Larmgeſchrei einer ausgeſtellten Schildwache, wo⸗ durch das ganze Heer zu den Waffen gerufen wird. Kaum aber ließen dies Getrampel und Geſchmetter ſich vernehmen, als die Cavaliere, wie durch einen elektriſchen Schlag zu plötzlicher Furcht vor Verraͤtherei angeregt, ihre Degen zo⸗ gen und ihren Wirth fragten,„was dies zu be⸗ deuten habe?“ Sir John antwortete nicht, ſondern ſchritt der Saalthuͤr zu. Gertrud, die ebenfalls durch das kriegeriſche Getoͤs aufgeſchreckt worden war, eilte an ihr Fenſter und ſah einen kleinen Trupp Reiterei heranrucken, der ſich bald in gedoppel⸗ ter Reihe vor dem Herrnhauſe aufſtellte, als ihm von ſeinem Fuͤhrer das gebieteriſche„Halt!“ zwar leiſen, jedoch veſten Tones zugerufen wor⸗ den war. Dem„Halt!“ folgte ein undeutliches Geflü⸗ ſter, von welchem Gertrud keine Sylbe auffaſ⸗ ſen konnte; als aber die Reihen ſich ausdehn⸗ ten und den Befehl erhielten, jeden Ausgang des Hauſes zu beſetzen, rief ſie, auf ihren Stuhl ſinkend:„Er iſt verloren! William iſt verlo⸗ — ⁸ — 167 ren! Wolle der Himmel Erbarmen haben, denn hienieden findet ſich keine Hoffnung mehr. Waffne dich, mein Herz, und ſei muthig, Alles ſchwei⸗ gend und geduldig mit anzuſchauen!“ Gertrud entwich ihrem Gemache und gelangte durch eine Gallerie auf die Plattform des Rit⸗ terſaals, auf die unſere Leſer bereits fruͤher auf⸗ merkſam gemacht worden ſind, und auf welcher man den ganzen Saal uͤberblicken konnte Die vor Warleigh geruͤckten Reiter waren ſaͤmmtlich dazu auserleſene Leute, deren fanati⸗ ſcher Eifer, deren mürriſcher Sectengeiſt und toͤdtlicher Haß gegen Koͤnig und Cavaliere durch⸗ aus nicht in Zweifel zu ziehen waren. Ihre Anzahl war nicht groß, weil man es der Klug⸗ heit gemaͤß hielt, nicht in ſtarken Kriegermaſſen durch Tamerton zu ziehen, damit die Nachbar⸗ ſchaft nicht aufgeſtoͤrt wuͤrde. Dennoch war die Reiteranzahl groß genug, um die zu Warleigh verſammelten Cavaliere zu bewaͤltigen, und un⸗ ter dem Vorgeben, ſie hielten eine gegen Staat und Parlament verraͤtheriſche Sitzung, gefan⸗ gen fortzufuͤhren. Dies war das Ergebniß, und 168 dies die niedrige, heuchleriſche, judasaͤhnliche Rolle, die John Coppleſtone geſpielt hatte, um die Royaliſten in die Schlinge zu bekommen, die er ihnen unter ſeinem eigenen Dache gelegt hatte. * Pierzehntes Capitel. „Du meinſt, ich fürchte Dich, verfluchtes Kriechthier, Und freueſt Dich ſo fluchenswuͤrd'gen Denkens; Doch ob mein Blut bei Deinem Anblick ſtockt, Will ich doch ſtehn und will Dich anſchau'n—“ JFoanna Baillie. Die Reiterſchaar ward vom Oberſten Holborn befehligt, der dem Parlamente mit einem Eifer diente, durch welchen er ſich in der Grafſchaft Devon einen unſterblichen Namen erwarb; denn keine Veſte, kein Beſitzthum ward daſelbſt be⸗ lagert und erſtuͤrmt, noch ſonſt irgend etwas Ge⸗ waltiges gegen die Koͤniglichgeſinnten ausgefuͤhrt, ohne daß Holborn ſich haͤtte ruͤhmen koͤnnen, Theil daran genommen zu haben. Oberſt Holborn war hoch gewachſen, und wies ein verhaͤrtetes, hohnblickendes Geſicht, ein 170 Geſicht, in welches, als in das ſeines Richters, ein Angeklagter zu blicken geſchaudert haben wuͤrde, denn es war nicht der leiſeſte Zug darin, der Erbar⸗ men haͤtte hoffen laſſen moͤgen. In ſeinem We⸗ ſen und ſeiner Kleidung zeigte er ſich als ſtarrer Kriegsmann. Ueber ſeinem Buͤffelwams und der ſtaͤhlernen Bruſtplatte trug er einen dunkel⸗ farbigen Mantel, den er in Momenten des Nach⸗ ſinnens veſt um ſich herumzuwickeln, und dann vor ſich hinſtierend uͤber Tod und Leben eines Menſchen ſo gleichguͤltig zu entſcheiden pflegte, als hoͤrte er das Namenregiſter ſeiner Reiter⸗ knechte verleſen. Seine Gewohnheit, noch nach errungenem Siege Blut zu vergießen, um ſei⸗ nem froͤmmelnden Grimme oder ſeinen perſoͤn⸗ lichen Rachegefuͤhlen Genuͤge zu leiſten, hatte ihm das Gemuͤth durchaus fuͤr Alles, was Gnade genannt werden mag, verſtockt. So war er denn der auserleſene Mann in allen den Faͤllen, in welchen entſchloſſener Wille und ein unbeug⸗ ſames Gemuͤth noͤthig waren, um eine Hand⸗ lung der Ungerechtigkeit bis auf das Aeußerſte hindurchzufuͤhren. 171 Langſam und beſonnen trat Oberſt Holborn in den Ritterſaal zu Warleigg. Schwer droͤhnte ſein Tritt, als wollte er ſelbſt dem Erdboden ſeine Gewaltmacht fuͤhlen laſſen. In ſeinem fin⸗ ſtern Auge lag weder ein Ausdruck von Furcht noch von Verdruß, noch von Gefuͤhl. Er blickte Denen, die er verderben wollte, veſt in's Geſicht, ohne auch nur fuͤr eines Augenblickes Dauer ſich von ihnen abzuwenden. Kaum wurden die Cavaliere ſeiner anſichtig, als ihnen auch der letzte Zweifel, ob ſie verra⸗ then waͤren, entſchwand. Alle erkannten, welch Geſchick ihrer wartete. Der leidenſchaftlichſte Unwille bemaͤchtigte ſich der Bruſt eines jeden von ihnen, ſo daß ſie verzweiflungsvoll einen Widerſtand verſuchten, der jedoch zu nichts fruch⸗ tete, indem ſie ſich nach kurzem Kampfe von der Ueberzahl der mit dem Oberſten hereinge⸗ drungenen Reiter uͤberwaͤltigt ſehen mußten. In dieſem Handgemenge ward von Sir William Baſtard einer der Reiter ſo toͤdtlich verwundet, daß er nach wenigen Minuten verſchied, jedoch zuvor reuevoll bekannte, wie Sir John Copple⸗ ſtone ihn dazu verleitet haben wollte, den Sir William wenn moͤglich bei dem Andringen in den Saal zu toͤdten. Coppleſtone, der das Geſtaͤndniß des Ster⸗ benden nicht gehoͤrt hatte, und dem noch immer nach dem Tode des lange von ihm gehaßten Juͤnglings verlangte, ſchrie jetzt laut:„Blut iſt vergoſſen worden von dem Gottloſen! Laßt es nicht vergebens gen Himmel ſchreien! Wer Blut vergeußt, deß Blut ſoll wieder vergoſſen werden, ſagt die Schrift!“ „Elender!“ rief Sir William Baſtard, der weiter keines Zeugniſſes gegen den Eigner von Warleigh bedurfte,„Du haſt uns Alle verrathen, und moͤgteſt jetzt noch Deine Unthat durch Mord gekroͤnt ſehen! Nimm mein Leben hinz es ſoll nicht der Rede werth ſein, ſo es Dich ver⸗ moͤgen kann, Erbarmen gegen die uͤbrigen Ca⸗ valiere zu zeigen.“ „Wo iſt der edle Burley?“ fuhr Sir Piers dazwiſchen, der ſelbſt in dieſen entſetzlichen Au⸗ genblicken mehr an des Koͤnigs, als an ſeine eigene Sicherheit dachte. on rd u⸗ ne 173 „Im Kerker,“ entgegnete Coppleſtone,„der Narren Geſchick ward das ſeinige, denn er breitete Anderen ein Netz aus, und gerieth ſelbſt hinein. Der Koͤnig liegt nach wie vor in Banden.“ „Er iſt hoͤchſt wahrſcheinlich aufgeſpart wor⸗ den“, ſalbaderte Oberſt Holborn in der Froͤm⸗ melei, die er beſtaͤndig auf den Lippen trug,„um ein Suͤndenopfer fuͤr die Vergehungen des Lan⸗ des abzugeben, ſintemal er der Erſte war, der da Krieg entzuͤndete und Thorheit in Iſrael be⸗ ging.“ „Das alſo iſt das Ende unſers Hoffens? So muͤſſen wir dieſes vor unſeren Augen ver⸗ ſinken ſehen?“ ſagte Sir Piers.„Wir kamen voll Vertrauens in Euer Haus, Sir John Copple⸗ ſtone, Ihr aber verriethet uns an Eurem eige⸗ nen Herde; und den edelherzigen Burley wird durch Eure Schmachthat, wie ich fuͤrchte, ein grauſames Schickſal treffen*. *) Hauptmann Burley von Devonſhire mußte ſeinen Verſuch, den Koͤnig Karl aus der Haft in Carisbrook⸗ Caſtle zu befreien, durch ſchändliche an ihm veruͤbte 174 „Ihm wird Rache werden!“ rief Sir Wil⸗ liam;„Gott ſieht dieſe Niedertraͤchtigkeit. Zit⸗ tere, Boͤſewicht, denn die Gerechtigkeit wird nicht— kann nicht fehlen, Dich zu erreichen!“ „Menſchen ohne Waffen ſchlagen nur mit der Zunge drein“, verſetzte Coppleſtone.„Ich uͤberantworte Dich Einem, der Macht in Fuͤlle hat, um uͤber Verraͤther und Todtſchlaͤger, wie Du einer biſt, zu verfuͤgen.“ „Ihr Herren“, ſagte Holborn, der ſich zu den gefangenen Cavalieren wendete;„ich bin nicht ſonder Vollmacht hier. In meine Haͤnde iſt Ge⸗ walt von Denen gelegt worden, die jetzt Herrſcher im Lande ſind. Mich haben ſie nach Devon abge⸗ ordert, ſo wie Gewalt in Joſephs Hand vom Pha⸗ rao gelegt ward, daß er ein Maͤchtiger im Aegypter⸗ lande ſein moͤgte; und ſo wie Joſeph mit ſeinen unglucklichen und ſuͤndigen Bruͤdern verfuhr, moͤgte ich mit Euch verfahren, ſo Ihr mich dazu gelangen laſſet; moͤgte Eure Unthaten nicht mit Schmach, Hinterliſt, die ihn als Hochverräther darzuſtellen wußte, mit dem Tode am Galgen buͤßen. Anm. d. Verf. 5 —„— —— W ſondern Euch ſelbſt vielmehr mit Gnade bedecken, ſo Ihr nur auf den rechten Weg zuruͤckkehren wollet. Ich bitt' Euch, bedenkt dies, und ſo ich hier ſitze“— er ſetzte ſich naͤmlich zu Haͤupten der Tafel und holte unter ſeinem Mantel ge⸗ wiſſe Papiere hervor—„moͤgt' ich Euch ange⸗ hen, mir als ehrliche Maͤnner etliche Fragen zu beantworten. Fuͤrchtet dabei nichts, denn Gnade wird funden werden, ſo Ihr ſie ſuchet.“ Zu Sir Piers ſich wendend fuhr er fort: „Ich beginne mit Euch. Es iſt wohl kund, daß dieſes Complott, auf's Neue Tyrannei und Ha⸗ der in's Land zu bringen, ſich nicht blos auf Devon beſchraͤnkt. Die von Cornwallis nehmen Theil daran, und Ihr wißt um ihre Plaͤne und Maßregeln. Nennt alſo die zu ſolchem Unter⸗ nehmen in Cornwallis oder anderswo verbuͤnde⸗ ten Radelsfuͤhrer, und Leben und Freiheit ſind Euer Lohn. Sagt an, wer ſind jene dem Dien⸗ ſte Karl Stuart's ergebene Maͤnner?“ „Alle, die ehrliche Vaͤter haben“, verſetzte Sir Piers,„Alle, denen Wahrheit und Gerech⸗ tigkeit heilig ſind, Alle, die Gott fuͤrchten und 176 den Koͤnig ehren, und Alle, die den Tod nicht ſcheuen, noch Ehre in dem Gedeihen der Re⸗ bellen finden. Da habt Ihr meine Antwort.“ „Hab' ich keine andere zu erwarten?“ fragte Oberſt Holborn. „Keine“, entgegnete der Grundherr von Edgeumbe, auch wenn Ihr Eure Augen bis zu Todtmuͤdigkeit anſtrengtet oder wenn die Sonne ſo lange ſchiene, bis ſie einen ehrlichen Rund⸗ kopf beleuchtete.“ „Eure Rede iſt hoͤhniſch“, gegenſprach der Oberſt,„jedoch Euer Koͤnig hat lange im Rathe derer Spoͤtter geſeſſen, und Ihr gehoͤrt zu ſeinem Hoſſtaate.“ „Und jetzt gehoͤr' ich zu ſeiner Gefangenen⸗ ſchaft“, fiel Sir Piers ein;„es freut mich, daß ich wuͤrdig erfunden werde, dieſelbe mit ihm zu theilen.“ „Oberſt Tremaine“, ſprach Holborn weiter, „ich hoffe, Euch verſtaͤndiger zu finden, als Euer Freund dort es in Banden iſt. Ihr ſeid ein Kriegsmann und ſolltet etwas von Mannszucht wiſſen. Welche Waffen und Kaͤmpfer haben 177 die Rebellen in Cornwallis vorraͤthig zu dieſem Aufruhre?“ „Waffen wie die Sache ſie verlangt, und etliche tauſend Haͤnde, um dieſe Waffen zu ſchwingen; jegliche Waffe wird willkommen ſein, ſollte ſie auch nur eine Heugabel oder ein Re⸗ chen, oder ein Pflugſchar ſein, um die Rebellen zu Boden zu ſchlagen. Andere Waffen auch duͤrften vorhanden ſein, die das Ausland ihnen zufuͤhrte.“ „Sonder Zweifel von Holland her“, fiel Holborn ein,„von jener papiſtiſchen Koͤnigin, Henrietta Maria, der Jeſabel unſerer Zeit, ge⸗ gen die ein Fluch erſchollen iſt.— Und Ihr“, fuhr er zu Trelawny fort,„wuͤßtet Ihr Ewas von Denen in Cornwallis?“ „Ich weiß, daß ſie edel und tapfer ſind“, antwortete der Gefragte,„daß ſie bei einem Tre⸗ lawny in manchem hitzigen Treffen ſtanden, und werden ihn zu rächen wiſſen; wie Ihr ſolches denn auf Eure Koſten beſtätigt finden werdet, ſobald unſere Jagdbauern druͤben von dieſes Ta⸗ ges Verrath hoͤren.“ Warleigh. III. 12 178 „Und Ihr, Sir William Baſtard“, ſprach der Oberſt weiter,„der Ihr ein Verrather ſeid, der uͤberdies an dieſem Tage einen Mann er⸗ ſchlug, welcher ſeine Pflicht erfullte, was habt Ihr zu ſagen, um die Strafe Eurer Miſſethat zu mildern?“ „Ich beging keine Miſſethat“, verſetzte Sir William.„Ich weiß, daß John Coppleſtone nach meinem Blute duͤrſtet, weil uͤbermuthige Rach⸗ ſucht ihn erfuͤllt. Nimmer wuͤrde ich einen Athem⸗ zug daran verſchwenden, wenn ich mein Leben da⸗ durch retten koͤnnte, daß ich ihn um Gnade an⸗ flehete; denn ich verabſcheue den grauhaarigen Heuchler, der in Unheilbruten, nicht in Ehre, alt ward, bis in das Innerſte meiner Seele, weil er mich und meine ritterlichen Freunde verrieth. Auch raͤume ich durchaus nicht ein, daß ihm oder Euch das Recht zuſtehe, irgend gegen mich zu verfahren. Ich kam hieher, dem Koͤnige dienſtlich zu ſein, denn ich bin ihm geſchworner Vaſall, und er iſt fortwaͤhrend Monarch von England, wenn gleich in ſchmählichen Banden;z ſo alſo moͤgt' ich fragen, in wiefern ich Verra⸗ * M ther bin? Keine geſetzliche Behoͤrde kann mich darauf anklagen, und ich anerkenne keine Gewalt, die ſich nicht auf Geſetzeskraft oder auf die Oberherrſchaft meines Fuͤrſten ſtutzt.“ „Das Parlament hat ein Geſetz ergehen laſ⸗ ſen,“ entgegnete Holborn,„kraft deſſen es hoch⸗ verraͤtheriſch iſt, dem Koͤnige ohne Erlaubniß des Parlamentes irgend Vorſchub zu thun.“ „Schandbewaͤhrt ſind alle Verfuͤgungen je⸗ ner rebelliſchen Verſammlung“, ſagte Sir Wil⸗ liam;„ihre Mitglieder und ihre Maßregeln zei⸗ gen ſich als einander gleich und aͤhnlich, denn beide verbuͤndeten ſich mit Falſchheit und Re⸗ bellion; und wir befinden uns in der Gewalt eines Böſewichtes, der nimmer dem Zuruf der Chriſtenliebe oder der Wahrheit Gehoͤr gab, auch wenn es das Leben eines Menſchen gegolten haͤtte.“ „Dein Leben wird der Gerechtigkeit zum Opfer werden!“ ſchrie Sir John Coppleſtone, „Du wirſt den Lohn Deiner Unthaten einaͤrn⸗ ten.“ „Sprich nicht von meinen Unthaten,“ ent⸗ 42* 180 gegnete Sir William.„Du haſt gewagt, eine Schmachthat zu begehen, ſo wage es auch, den Beweggrund dazu einzugeſtehen! Ich kenne Deine Feindſchaft, Coppleſtone, und deren Urſache. Ich legte Deine Bosheit und die Betrugereien dar, die Du ſogar gegen Deine gottloſen Oberherren Dir zu Schulden kommen ließeſt. Mir dies zu vergelten, duͤrſtet Dich nach meinem Blute. Mittlerweile aber gehe heim, durchſuche Dein eigenes Herz und lerne Dich ſelbſt erkennen, und ſieh, wie Du um ſchnoͤden Lohnes willen zum Verraͤther und Meuchler wurdeſt.“ Todtenblaͤſſe uͤberzog nach dieſen Worten die Wangen Coppleſtone's; all' ſeine Glieder bebten. Er ſtierte den Juͤngling mit einer Wuth an, die ſchier aus mehr denn menſchlicher Bosheit ſich zu entwickeln ſchien; dann verſetzte er in bitterem Tone des Spottes:„Ich antworte Euch nicht. Oberſt Holborn wird mit Euch ver⸗ fahren.“ „Hauptmann Butler“, denn dieſer Wuͤrdige war unterdeſſen ebenfalls eingetreten—„Haupt⸗ ch — 181 mann Butler“, ſagte Oberſt Holborn,„ein Wort in Euer Ohr!“ Butler neigte ſich, vernahm, verbeugte ſich, und verließ den Saal.„Sir William Baſtard“, fuhr der Commandirende fort—„hoͤrtet Ihr nie⸗ mals von dem Schickſale Sir Charles Lucas und Sir George Lisle's?“ „Als die Rebellen Colcheſter eingenommen hatten, wurden jene Ehrenmaͤnner ermordet“, war Sir William's Antwort. „Sie wurden auf dem Flecke niedergeſchoſ⸗ ſen“, ſagte Holborn,„weil ſie Verbrecher und Frechaufſaͤſſige gegen den Parlamentsgeneral wa⸗ ren, der ſie gefangen genommen hatte. Euch wird gleiches Geſchick, Sir William; bereitet Euch alſo zum Tode! Wir laſſen Euch eine Stunde zu Eurer Vorbereitung. Unſer Erbar⸗ men will Euch nicht an Seel' und Leib zugleich ſtrafen. Corporal Hannibal Gammon, geleite den Verurtheilten in die alte Kapelle dieſes Hau⸗ ſes und uͤberlaſſ' ihn alldort Gott und ſeinen eigenen Gedanken. Nach einer Stunde werde ihm der Tod durch die Kugel. Fort mit ihm! 182 Kein Wort! Bind' ihn und hüth' ihn wohl, denn Du haſt mit Deinem Leben fuͤr ihn zu haften.“ Ein Schrei des Entſetzens entfuhr den Roya⸗ liſten, als ſie dies ſchnellgeſprochene, grauſame Urthel hoͤrten. Alle legten jetzt Fuͤrwort fuͤr Sir William Baſtard ein, ob ſie Gnade fuͤr ihn erhalten moͤgten; jedoch der verſtockte Holborn achtete auf Keines Rede, ſondern hoͤrte nur auf das Gefluͤſter Coppleſtone's, der ihm die Worte in's Ohr raunte:„Wozu ihn noch eine Stunde lang ſchonen? Warum ihn nicht ſofort hin⸗ richten?“. „Ich weiß, was ich thue“, entgegnete der Oberſt, der ebenfalls nur fluͤſterte;„ich halte die Gerechtigkeit eine Stunde lang in der Hoff⸗ nung auf, daß der Schrecken einen oder den ande⸗ ren dieſer Maͤnner bewegen möge, irgend eine Ausſage uber das gegen unſere Haͤupter her⸗ andringende Complott Derer von Cornwallis zu thun.“ „Und werdet Ihr ihn verſchonen, wenn ſie beichten?“ fragte Sir John. , zu ne r 183 „Ja, wie Joab den Abſalom verſchonte“, verſetzte der Oberſt;„er ſtieß ihm drei Pfeile in die Bruſt, Falls einer ihn nicht toͤdten moͤgte.“ „Wohlan“, ſprach Coppleſtone jetzt laut, „ich uͤberlaſſ' es Euch, nochmals dieſe Maͤnner zu befragen; es verlangt ſie, mit Euch zu reden. Ich enthebe mich, damit es nicht heiße, ich ſei ein blutduͤrſtiger Mann, der Wohlgefallen an dem Untergange ſeiner Feinde hat. Gehabt Euch wohl fuͤr ein Weilchen!“ Nach dieſen Worten verließ er den Saal. Oberſt Tremaine nahm jetzt das Wort. „Oberſt Holborn“, ſprach er,„Ihr ſeid Kriegs⸗ mann, und ſolltet wiſſen, daß es dem Tapfern geziemt, des gefallenen Feindes zu ſchonen. Sir William Baſtard iſt ein Gefangener. Haltet ihn, ſo Ihr's wollt, in engen Banden; ſendet ihn auf ein Transportſchiff; verbannt ihn, nur ſchont ſeines Lebens, damit Ihr dereinſt nicht ſchwer zur Rechenſchaft darob gezogen werdet.“ „Ihr werdet hier und dort Rechenſchaft da⸗ von geben muͤſſen; Ihr werdet's, ſo wahr ich ein Mann bin“, rief Trelawny.„Ward ich auch in Bande gelegt, ſo bin ich doch nicht freundlos, und ich ſchwors Euch bei aller Wahr⸗ heit im Himmel und auf Erden, daß dieſe Schand⸗ that ihren Raͤcher finden wird!“ „Gedenkt der Jugend des Sir William Ba⸗ ſtard, ſeines edlen Sinnes, ſeines ritterlichen Muthes“, fiel Sir Piers ein,„ſchont ſeiner wie Ihr wollt, daß einſt Eurer geſchont werde!“ „Ich bin nicht unbarmherzig“, entgegnete Holborn,„jedoch ich muß meiner Pflicht nach⸗ leben. Schone ich des Verurtheilten, ſo muß es zum Wohle des Landes geſchehen. Nehm' ich Loſegeld fuͤr ihn an, ſo muͤßt Ihr es zah⸗ len.“ „Nennt es!“ riefen einſtimmig die Roya⸗ liſten. „Ich zahl' es und koſtete es mich meinen letzten Pfennig“, ſetzte Sir Piers hinzu. „Nennt die Namen der Raͤdelsfuͤhrer in Corn⸗ wallis, die Ihr Sir John Coppleſtone nicht nen⸗ nen wolltet, ſo lange der König nicht frei ſein wuͤrde; nennt ſie, ſag' ich, und der Gefangene lebt.“ M M Die Royaliſten durchrieſelte ein Schauder, und tief aufſeufzend ſagte Sir Piers:„Ich moͤgte fuͤr Sir William thun, was ich nur fuͤr meinen eignen Sohn zu thun im Stande bin, jedoch ſelbſt um dieſen Sohn zu retten, auch wenn er zwanzigfaches Leben hätte, wuͤrde ich nimmer zum Verraͤther werden. O, daß ich leben mußte, um dieſe Stunde zu ſehen! Was kann ich fuͤr Dich thun, William?“ „Thut nichts, Sir Piers,“ verſetzte der Ge⸗ fragte;„meine Freunde, ich danke Euch Allen, und gehe um ſo beruhigter zum Tode, da ich fuͤhle, daß ſolche Maͤnner eines Tages meines Schickſals gedenken werden.— Oberſt Holborn, Ihr ſteht im Begriff, einen Mord zu begehen; ich uberlaſſe die Rache Dem, der da ſpricht:„„ſie iſt mein und ich will vergelten.““ Er wird meines Blutes gedenken, das Euch vor Gericht ruft; indeſſen bereu't, und ich vergebe Euch dies Euer Thun. Lebt wohl, meine Freunde; betet fuͤr mich, aber ſeid nicht bekuͤmmert um mich, beweint mich nicht. Iſt mein Tod auch minder ehrenvoll, als der auf dem Schlachtfelde, ſo er⸗ —————— leide ich ihn dennoch im Dienſte meines Monar⸗ chen. Lebt wohl, und Gott erhalte den Koͤnig!“ Sir William ward zur Capelle abgefuͤhrt, um dort den Verlauf der ihm geſtatteten Stunde ab⸗ zuwarten— einen kurzen Zeitraum zwiſchen ihm und der Ewigkeit! Dennoch, wie kurz er war, ward er doch zur Zeit jener Kriege nicht oft geſtattet, denn Verhoͤr(wenn Das Verhoͤr genannt werden konnte, wo kein geſetzlicher verordneter Richter den Vorſitz fuͤhrte) und Verurtheilung ergaben ſich nur allzuoft als Folge geheimer Bosheit unter der Maske oͤffentlicher Gerechtigkeitspflege. Sir William Baſtard konnte keine Hoffnung zum Entrinnen hegen; denn abgeſehen von Sir John Coppleſtone's verfolgendem Haß gegen ihn, war er laͤngſt von den Parlamentiſten als ein feuriger und muthiger Juͤngling und nur allzu eifriger Cavalier dazu auserſehen, bei erſter guͤn⸗ ſtiger Gelegenheit als Opfer zu fallen. Funtzehntes Capitel. „Wie ſtänd's um Euch, Wenn er, der hoͤchſte Richter, nach Verdienſt Euch richten wollte? O, bedenket das; Und Gnade wird dann auf der Lipp' Euch ſchweben.“ Shakſpeare. Als John Coppleſtone den Ritterſaal verließ, ſuchte er die Einſamkeit ſeines Gemaches, wo er heſtig bewegt ſich in einen Seſſel warf, um Athem zu ſchoͤpfen.„Wer kommt?“ fuhr er plötzlich auf, als mit leiſem Geraͤuſche Jemand zu ihm eintrat. „Ich bin's, mein Vater,“ ſagte Gertrud, de⸗ ren Feierblick einen lebhaften Gegenſatz zu der ſo erſichtlichen Ruheloſigkeit Sir John's abgab. „Was muß' ich hoͤren? Ihr habt jene ungluͤck⸗ lichen Edelleute verrathen, die Obdach in Eurem 188 Hauſe ſuchten, und Einer von ihnen iſt zum Tode verurtheilt. Fuͤrchterlich, furchterlich! Ihr durft den Jungling nicht ſterben laſſen.“ „Sein Leben iſt verwirkt. Er iſt Verraͤther des Parlaments und ein Feind der Freiheit!“ entgegnete Coppleſtone. „O, nenn' ihn nicht ſo, Vater!“ rief Ger⸗ trud mit Waͤrme.„William iſt kein Verraͤther; denn er that nur ſeine Pflicht gegen ſeinen Monar⸗ chen, deſſen Ungluͤck aller Rechtſchaffenen Herzen aufregt, ſich ſeiner Sache zu weihen. Feind der Freiheit nennſt Du ihn? Ach! wo iſt Freiheit? Nicht im lachenden England, wo ſie ſonſt ihre Heimath hatte. Voruͤber ſind jene gluͤcklichen Tage, und Englands Freiheit hat ſich in Knecht⸗ ſchaft verwandelt. Tyrannei und Schwaͤrmerei⸗ fer herrſchen mit ehernem Scepter.“ Wie hochfahrend und ſtreng John Copple⸗ ſtone ſich auch gemeiniglich gegen ſeine Tochter zeigte, ſo fuhlte er doch zu Zeiten das Ueberge⸗ wicht ihres hohen Sinnes; ja er furchtete dieſes ſogar in Augenblicken, in denen er nicht ſchnell genug ſeinen Zorn herbeirufen konnte, um ihre 189 Gruͤnde dadurch zu widerlegen, daß er Gertrud ſelber von ſich wies. Irgend ein unklares, ſelt⸗ ſames und gemiſchtes Gefuͤhl hinderte ihn an dieſem Abend, die Tochter aus ſeiner Naͤhe zu ſcheuchen. Mit geſenkten Blicken hoͤrte er ihre Rede an und that dann etwas ihm eben nicht Ungewoͤhnliches— er verſuchte, ſich in den Augen ſeines Kindes zu rechtfertigen. „Gertrud,“ ſprach er,„Du kennſt die arge Nothwendigkeit nicht, die mich zwang, eine Rolle zu ſpielen, welche von Dir, wie ich ſehe, ge⸗ mißbilligt wird. So wenig das Urtheil Anderer mich kuͤmmert, wuͤnſch' ich doch, daß mein Kind richtig von mir denkt. Tag und Nacht hab' ich reiflich dieſe That erwogen, ehe ich zur Ausfuͤh⸗ rung derſelben ſchritt, und fand heraus, daß ein abermaliger Verſuch, die Macht des Koͤnigs im Lande wieder herzuſtellen, um jeden Preis zer⸗ nichtet werden muͤßte. Ich that, wie Deine Poe⸗ ten es nennen, ein kleines Unrecht, um ein gro⸗ ßes Recht zu behaupten, um das blutende Eng⸗ land vor ferneren Verluſten zu retten—“ „Sage mir, mein Vater, daß Du Sir Wil⸗ 190 liam Baſtard retten willſt!“ fiel Gertrud ihm ein. „Nimmer!“ entgegnete Coppleſtone.„Thaͤt' ich's, ſo wuͤrd' ich ein zu Grunde gerichteter Mann ſein. William iſt Einer der kuͤhnſten Re⸗ bellen im Weſten des Landes, ein Aufwiegler, dem der Unruhſtifter ſo viele zugethan ſind—— mit Einem Worte, Dirne, ich gelobte Cromwell den Tod des Juͤnglings.“ „Cromwell!“ rief Gertrud;„und wer iſt denn Cromwell? Doch nur ein Menſch— ein kuͤhner Menſch, ich geb' es zu, aber auch ein ſchlangenliſtiger Menſch! Was haͤtteſt Du ſei⸗ ner zu achten, wenn Du ſeine Gunſt durch Blut erkaufen mußt? Iſt Gott nicht maͤchtiger denn der Menſch? So ſuche lieber Gottes Gnade, denn die Gunſt eines athmenden Staubhaͤuf⸗ chens! Du ſuchſt, gleich Allen Deiner Partei, nach Macht und nach Emporkommen, als nach den Mitteln zur Gluͤckſeligkeit; wohlan, denn! ſo bringe Dein Geſuch bei dem Hoͤchſten in Macht an. Flopfe bei ihm an, und er wird Dir auf⸗ thun. Fuͤrchte nicht, ihm zu vertrauen, denn er iſt getreu und verlaͤſſet Keinen. Fuͤrchte nicht, ihn zu bitten, denn er iſt der Geber aller guten Ga⸗ ben; aber furchte, o furchte, wider ihn zu ſuͤndi⸗ den, denn er wird Dich richten!“ „Ich will dieſe Reden nicht hoͤren,“ ſagte Coppleſtone;„ſie moͤgen in einer Kirche, nicht aber in meinem Gemache laut werden.“ „Wahrheit mag und ſoll aller Orten laut werden,“ entgegnete Gertrud und fuhr mit all der Energie fort, die die Verzweiflung einem fuh⸗ lenden Gemuͤthe verleihet, wenn dieſes ſeine letzte Hoffnung vertheidigt.„Von Gott red' ich, mein Vater, von dem hoͤchſten Gott und von Deiner Gehorſamspflicht gegen ihn. An jeglichem Ort, zu jeglicher Stunde mag davon wohl geredet wer⸗ den, denn Gott iſt uns uͤberall nahe. O erkenne ſeine Naͤhe durch Dein Erbarmen gegen—“ „Hoͤr' auf,“ fiel ihr der Hartherzige einz „Du ſprichſt vergebens. Verlaß mich— geh— die Stunde ruͤckt heran— ich muß hinunter. Oberſt Holborn will mich ſprechen, bevor die Hin⸗ richtung vollzogen wird. Laß mich los, ſag' ich!“ „Nein, nein!“ rief die ihn am Mantel zu⸗ 192 ruckhaltende, knieende Gertrud—„Hier will ich liegen, hier ſterben, ehe ich Dich hingehen und Deine Hand in Blut tauchen laſſe. Wende Dich zu mir, ſieh mich an! Ich bin Dein Kind, daſ⸗ ſelbe Kind, auf das Du ſonſt Deines Alters Hoffen ſetzteſt. Du ließeſt ſonſt mich von keiner rauhen Luft anathmen, wie willſt Du jetzt— o mein Vater! wie willſt Du jetzt mein Herz brechen? Willſt Du Dein einziges Kind in ein fruͤhzeitiges Grab——“ „Ha!“ rief Coppleſtone,„iſt es ſo? Geſtehſt Du es immer noch, daß Du Liebe zu dieſem Ver⸗ brecher fuͤhlſt? Genug, ſchon dafuͤr, daß er ſich in das Herz meines Kindes ſtahl, verdient er zu ſterben! Er, mein Feind, mein verhaßteſter Feind, ſoll nimmer leben, um Dich heimzufuͤh⸗ ren; ſoll nimmer leben, um auch nur Einen Acker meines Landes ſein zu nennen. Ha! daß Du, Du mir die Schmach anthuſt, ihn zu lie⸗ ben—“ „Ich will ihn nicht lieben,“ fiel Gertrud ein,—„will eher aller Hoffnung auf ihn ent⸗ ſagen, ja will eher ihr abſchwoͤren, als daß Er —— N— ich ind ich a⸗ ers ner erz ein hſt um meinetwillen auch nur das Geringſte lei⸗ den ſoll.“ „Stark muß Deine Liebe ſein, da ſie ſo aus Dir ſpricht,“ entgegnete Coppleſtone.„Du gleichſt in Deinen Gefuͤhlen gar ſehr dem Weibe, das vor dem Throne Salomonis ſtand. Die Hure, die keine Liebe fuͤhlte, wollte lieber das Kind toͤdten ſehen, als ihre Forderung aufgeben, allein die aͤchte Mutter war zarten Herzens ge⸗ nug, ihrem Rechte zu entſagen, damit nur der Knabe am Leben bliebe. Salomon war ein wei⸗ ſer Richter, doch lebte er in dieſen Tagen, ſo wuͤrde ſeine Weisheit harten Stand haben, um mit den Gottloſen zu verfahren, die ſich zahllos wie die Sterne gegen uns erheben. Laß mich los, ſag' ich, Dirne! Soll ich Gewalt brau⸗ chen, um Dich von mir zu treiben?“ „O hoͤre mich! hoͤre mich, mein Vater!“ „Ich darf nicht, ich will nicht,“ ſagte Cop⸗ pleſtone;„denn es harrt Einer, daß das Zei⸗ chen gegeben werde, welches das letzte ſein wird, das er hoͤrt, bis die Poſaune des Weltgerichts erſchallt, die die Todten erweckt. Ich werde Warleigh. III. 13 194 dann dieſen Ruf hoͤren, wie er ihn horen wird, aber ſelbſt dann will ich ob dieſer meiner That nicht erbeben.“ Mit erhobenen Haͤnden und Augen, den Blick in bittern Thraͤnen ſchwimmend, die ihr über die Wangen ſtroͤmten, lag Gertrud vor ihrem Vater. Sie ſah ſeine Unbeugſamkeit und ver⸗ ſetzte mit ſchwacher Stimme, indem ſie krampf⸗ haft, wie in Todesangſt, die Hand des Uner⸗ bittlichen gefaßt hielt:„So moͤge bei jenem letz⸗ ten Poſaunenrufe Gott der Herr Dir mehr Er⸗ barmen zeigen, als Du es jetzt gegen ein Mit⸗ geſchoͤpf in der Stunde der Noth und des Ban⸗ gens zeigſt!“ Kaum hatte das Maͤdchen dieſe Worte ge⸗ ſprochen, ſo ſchien es, als ſei es vorbeſtimmt worden, es ſollte ſich mit der Rede Gertrudens irgend ein aͤußeres Zeichen verbinden, um das Gewiſſen Coppleſtone's zu erſchuttern. Lange nachſchallende Toͤne eines Jaͤgerhornes erklangen durch Thurm und Halle, und hallten aus den Baumgruppen um Haus Warleigh herum fremd⸗ artig wider. ut a ur lie br zu en ſie —„ 195 Schaudernd horchte Coppleſtone dieſen ihm unerklaͤrbaren Klaͤngen; Gertrud aber ſprang auf aus ihrer knieenden Stellung.„Was iſt's? Ich will zur Halle!“ rief der Eigner von Warleigh, und ſtuͤrzte zum Gemache hinaus; Gertrud aber lief an's Fenſter und ſchauete hinaus— Fackeln brannten unten; einer der Traͤger derſelben blickte zu dem Maͤdchen hinauf; dieſe winkte ihm und enteilte dem Gemache ſo ſchnellen Schrittes, daß ſie kaum den Boden beruͤhrte. Serhzehntes Capitel. „Wer mag ſo klopfen? Wie kommt's, daß mich jeder Laͤrm erſchrecket?“ „Brecht auf das Thor! Ich bring' Euch Sicherheit! Soll ich geaͤfft ſein von ſo ſchnoͤden Knechten?“ Shakſpeare. Dem lauten Jagdhornrufe, durch den Sir John Coppleſtone ſo erſchreckt und deſſen Tochter ſo unerwarteter Weiſe uͤberraſcht ward, folgte faſt in demſelben Augenblicke ein Laͤrm, durch den die im Ritterſaale Befindlichen in Erſtaunen verſetzt wurden. Geſchrei, Waffengeklirr, Huf⸗ tritte und Schießen, die Lärmtrompete der Hol⸗ born'ſchen Reiter und das Anrufen der Schild⸗ wachen gaben miteinander kund, daß irgend ein plotzlicher und verwegener Angriff auf die um⸗ — 3„— —— „, ohn ſo faſt den nen uf⸗ ol⸗ ild⸗ ein 197 ſtehenden Parlamentsſoldaten gemacht worden wat. Oberſt Holborn ſelbſt, der ſich noch im Saale befand und ſich bemuͤhete, den gefangenen Cavalieren irgend ein Geſtaͤndniß Betreffs ihrer Genoſſen in Cornwallis zu entpreſſen, ſtand ei⸗ nige Minuten lang ſtarr vor Erſtaunen. Furcht⸗ los wie er war, haͤtte er gern den Saal ſogleich verlaſſen, um draußen zu ſeinen Leuten zu ſto⸗ ßen, allein aus Beſorgniß, die Gefangenen moͤg⸗ ten unterdeſſen Gelegenheit finden, zu entwiſchen, konnte er keinen beſtimmten Entſchluß faſſen. Mittlerweile verloren Die draußen keine Zeit. Ihre Anzahl war der der Reiter bei weitem uͤberlegen, auch waren ſie wohl bewaffnet, und an Muth gebrach es ihnen wahrlich eben ſo wenig. Durch das Bruͤllen und Heulen und Schießen und Anſtuͤrmen gegen das Haus hin⸗ durch ſcholl der Kampfruf:„Roger Rowle! Folgt unſerm Hauptmann! Halloh! Halloh! Wo iſt Sir William Baſtard? Rennt die Thuͤr ein! Halloh! Roger Rowle!“ „Die Philiſtiner ſind uͤber uns“, ſagte Oberſt 198 Holborn zu den in dem Saal tretenden Copple⸗ ſtone;„wir ſind verloren!“ „Nutzen wir das Leben, das noch unſer iſt“, entgegnete der Eigner von Warleigh.„Schicken wir unſeren Gefangenen voraus, dem Tod' ent⸗ gegen! Haltet die Thuͤr verrammelt; ich will auf geheimem Wege zur Capelle und ihn eher mit eigner Hand hinliefern, als daß er befreiet wuͤrde!“ Waͤhrend Coppleſtone dieſe Worte ſprach, donnerten etliche von den Stuͤrmenden an die Saalthuͤr, begehrten Einlaß und drohten Feuer zu werfen, wenn man nicht oͤffnete. Oberſt Hol⸗ born und die im Saale aufgeſtellten Wachen waren in dieſem Augenblicke in heftigem Kampfe mit den Cavalieren, die, als ſie hoͤrten, daß die Kommenden zu ihrer Befreiung heranruͤckten, ſich losriſſen und ihre Waͤchter zu bewaͤltigen ver⸗ ſuchten. Die verſchiedenen Leidenſchaften, von denen die im Saale Befindlichen ergriffen waren, zu beſchreiben, iſt unmoͤglich. Verzweiflung gab den Koͤniglichgeſinnten uͤbermenſchliche Kraft, ſo daß ſie unbewaffnet, wie ſie waren, mit herku⸗ le⸗ 0 “ nt⸗, ill er liſcher Gewalt uͤber die ſtahlbewehrten Reiter herfielen. Dennoch wuͤrden ſie haben unterlie⸗ gen muͤſſen, wenn nicht Oberſt Holborn haͤtte ſeine Mannſchaft theilen und eine zweite Thuͤr im Saale beſetzen muͤſſen, durch welche ein an⸗ derer Haufe der Leute Roger Rowle's Einlaß erzwingen wollte. Sir Piers Edgeumbe, der mit dem Oberſten gerungen hatte, war von dieſem zu Boden ge⸗ worfen, der nun uͤber ihm ſtand und den ge⸗ fallenen Feind aufforderte, um Gnade zu flehen. Tremaine blutete aus mehreren Wunden. Tre⸗ lawney balgte ſich noch mit einem Reiter herum. Fruͤher waren mit Coppleſtone etliche Diener des Hauſes in den Saal gekommen und ſtan⸗ den nun angſtvoll im G⸗wuͤhl da, ohne vorwaͤrts noch ruͤckwaͤrts zu koͤnnen. Coppleſtone aber ſchrie:„Nur die Thuͤren verwahrt gehalten!“ „Stand gehalten!“ rief Oberſt Holborn. „Bei Eurem Leben, haltet die Thuͤren ver⸗ wahrt!“ wiederholte der Eigner von Warleigh. Immer wilder aber ward der Andrang und das Drohen von außen, dann erſchollen durch 200 den Laͤrm hindurch oben von der Gallerie des Saales herab die Worte: „Reißt die Thuͤren auf, und gleich!“ „Wer ſpricht? Wer befiehlt in meinem Hauſe?“ fragte Coppleſtone, indem er zur Gal⸗ lerie hinaufblickte. „Ich befehle hier im Namen Koͤnig Karl's von England!“ rief Gertrud, die dicht am Ge⸗ laͤnder der Plattform ſtand und in dieſem ent⸗ ſcheidenden Augenblick mit einem an Erhabenes graͤnzenden Muthe die Hoheit ihres Entſchluſſes zeigte. Ihr Blick munterte die in Verzweiflung kaͤmpfenden Cavaliere zum Ausharren aufz ſie zeigte mit dem Finger auf die Hauptthuͤr des Ritterſaales von Warleigh, und rief ihrem un⸗ tenſtehenden Leibdiener zu:„Richard, bei Dei⸗ nem Leben, oͤffne die Thuͤr im Namen des Koͤ⸗ nigs von England!“ Der Diener gehorchte, er ſchob die ſchweren Eiſenriegel mit Muͤhe zur Seite, er drehete den gewichtigen Schluſſel, und herein wie ein Bergſtrom quollen die wilden Maͤn⸗ ner vom Moor, wie man gemeinhin in Devon die Gubbins und deren rauhen Hauptmann Roger M N— 201 Rowle nannte. Die Verwirrung ward jetzt ent⸗ ſetzlicher, als ſie vorher hatte ſein koͤnnen. Barhaupt, denn er hatte ſeine Kappe im Handgemenge draußen verloren, wilden Blickes und hochgeſchwungener Waffe gebot Roger Rowle Schweigen und Ruhe, und ſeine Stimme uͤber⸗ ttoͤnte den Laͤrm, wie der Donnerſchlag ſich, fur einen Augenblick mindeſtens, zum Meiſter des Heulens eines entſetzlichen Sturmwindes zu ma⸗ chen weiß. Kein Nekromant haͤtte durch geheime Kuͤnſte eine plotzlichere Wirkung hervorbringen koͤnnen, als Roger Rowle's Donnerruf hervo rbrachte. „Haltet die Rundkoͤpfe nieder, Ihr da“, befahl Roger weiter,„und Ihr Andern durchſucht jeden Winkel des Hauſes, bis Ihr Sir William Ba⸗ ſtard gefunden habt, dann bringt ihn hierher, denn ſo er noch lebt, denk' ich ihn ſchon zu ſchuͤtzen.“ „Sir William Baſtard wird in der Ca⸗ pelle gefangen gehalten, um zum Tode gefuͤhrt zu werden“, nahm Sir Piers das Wort. „So befreit ihn dort“, befahl Roger ſeinen Leuten;„und Ihr reicht dieſen Cavalieren ihre Waffen und bindet dagegen die Rundkoͤpfe. „Heute mir, morgen Dir! mag's jetzt heißen. Schnuͤrt den alten Parlamentshelfer, doch thut ihm um ſeiner ſchoͤnen Tochter willen kein Lei⸗ des an, die eine aͤchte Freundin des Koͤnigs und der Freunde des Koͤnigs iſt!“ Allen dieſen Befehlen ward mit Hurtigkeit Folge geleiſtet. Roger Rowle ſandte ſodann et⸗ liche ſeiner Mannen aus, um die Zahl der ge⸗ toͤdteten, verwundeten und gefangen genommenen Reiter aufzunehmen, uͤber die er einen Sieg mit ſo vieler Kaltbluͤtigkeit und Ruhe erfochten hatte, als ob er ein auf den Schauplätzen des Krieges Jahre lang erprobter Feldherr geweſen waͤre. Als er auf ſolche Weiſe die Ordnung hergeſtellt hatte, redete er den Fuͤhrer der Bezwungenen an:„Und nun, Oberſt Holborn, ſprecht, was Ihr fuͤr Euch und Eure Leute vorzubringen habt, daß nicht mit Euch verfahren werde, wie Ihr mit dieſen Cavalieren verfuhrt und verfahren wolltet. Waͤre mir dies Zeichen,“ ſetzte er hinzu, indem er das von Gertrud ihm geſendete und jetzt wieder um ——— 6 — 8 203 ſeinen Nacken hangende goldene Kreuzchen zeigte— „waͤre mir dies Zeichen nicht zeitig genug zuge⸗ ſtellt worden, ſo wuͤrde der edelſte Cavalier von Weſt⸗England durch die Bosheit und Verraͤthe⸗ rei eines Gottloſen umgekommen ſein. Er iſt jetzt gerettet und Ihr ſeid mein Gefangener. Was habt Ihr vorzubringen?“ Holborn antwortete hierauf mit einem Muthe, der deutlich kundgab, daß er einem Geaͤchteten, wie Der war, in deſſen Gewalt er ſich freilich befaͤnde, nimmer um Gnade bitten wuͤrde. Roger Rowle's Einnahme von Warleigh⸗ Houſe war nicht die einzige Waffenthat, der der Wegelagerer ſich ruͤhmen konnte. Er und ſeine Leute hatten waͤhrend der Buͤrgerkriege ſchon manchen wackern Kampf gegen die Gewalthaber gekaͤmpft. Obwohl wild im Gefechte, war Ro⸗ ger doch nicht grauſam nach dem Siege, ſo daß er nimmer einen gefangenen Feind toͤdtete, wenn dieſer nicht etwa eine Schaͤndlichkeit an irgend einem Royaliſten begangen hatte. Wohl aber entließ er ſeine Gefangenen nicht ſonder Loͤſegeld und wußte dieſes jederzeit nach den Vermoͤgens⸗ —— 204 umſtaͤnden zu beſtimmen. Unter ſeiner Aufſicht ließ er ſie dann Briefe an ihre Angehoͤrigen ſchreiben, denen dann die Weiſung ward, um die und die Stunde die und die Summe, wohl verwahrt in einem Lederbeutel, durch einen ein⸗ zigen Boten einzuſchicken und auf einen gewiſ⸗ ſen platten Felsſtein von Dartmoor niederzule⸗ gen, ſo daß jener Stein noch heutiges Tages deshalb der„Diebs⸗ und Loͤſegelds⸗Stein“ ge⸗ nannt wird. Hatte der Bringer das Geld niedergelegt, ſo mußte er ſich binnen gewiſſer Zeitfriſt aus der Naͤhe des„Steines“ entheben; denn wehe ihm, wenn er zauderte oder ſich verſteckte, um zu er⸗ ſpaͤhen, wer da kommen und das Loſegeld von dem Felſen nehmen wuͤrde! Naͤchſten Tages ward dann der ausgeloͤſ'te Gefangene in Freiheit geſetzt. Verwundete pflegte er nie als Gefangene fortzufuͤhren, und ſo hatte er in dieſer Nacht nur Wenige jenſeit des Steines bringen zu laſſen, denn die meiſten der Holborn ſchen Reiter waren getoͤdtet oder doch ſchwer verwundet worden. „Ihr und Eure noch am Leben gebliebenen 205 Leute werden noch in dieſer Nacht von uns ab⸗ gefuͤhrt, Oberſt Holborn,“ ſagte Roger Rowle; „Ihr habt Euch fuͤr Eure Perſon mit hundert Koͤnigsſporen*) zu loͤſen, denn ich weiß, daß Ihr bei Mitteln ſeid, und Euer Bote mag ſei⸗ nen Weg zum Diebesſteine finden; ſo heißt nam⸗ lich ein alter Stein nach neuer und keineswegs unrichtiger Benennung, denn Diebe koͤnnen ſich nur mit Dem ausloͤſen, was ſie zu Dieben mach⸗ te— mit Gelde! Da kommt Sir William Ba⸗ ſtard! Loͤſet ſeine Bande und gebt ihm ſein Schwert zuruͤck; er iſt ein wackerer Edelmann. Nicht danket mir, guter Sir William; dankt vielmehr der Tochter des alten Rundkopfes, die dort auf der Gallerie ſteht und wie eine Koͤni⸗ gin ausſchauet. Sie ſandte uns Kunde von Eu⸗ rer Gefahr, und nur ihrem Aufrufe gehorchten wir, als wir hieher kamen, um Euch aus den Klauen dieſer Geier zu reißen.“ *)„Koͤnigsſporn“ hieß ein Muͤnzſtuͤck, das zur Zeit Jacobs J. gepraͤgt ward. Anm. d. Verf. 4 1 206 Sir William blickte auf zu Gertruden. In ſeinen Blicken ſchwamm eine Fuͤlle von Dank⸗ gefuͤhl, doch kam kein Wort uber ſeine Lippen, ſo erſtaunt und verwundert war er uͤber Das, was er ſah und hoͤrte. Coppleſtone aber ſprach, indem er ſeine Toch⸗ ter mit den bitterſten Vorwuͤrfen uͤberhaͤufte, daß ſie den beſtehenden Machthabern hinderlich wor⸗ den waͤre, das Land von ſo manchem ruheſtö⸗ renden Royaliſten zu beſreien. Bei dieſen Worten wechſelten Sir Piers und der junge Trelawny einen Blick, als ob ſie Beide es wohl verſtanden haͤtten, wie das rebelliſche Parlament ſie fuͤr eines der Transportſchiffe be⸗ ſtimmte, auf denen ſo manche Koͤniglichgeſinnte, deren man ſich zu bemaͤchtigen gewußt hatte, in ferne Länder geſchleppt und dort nicht ſelten als Sclaven verkauft wurden. Holborn, in der fa⸗ natiſchen Frechheit ſeines Gemuͤthes, warf eben ſo roh als unmaͤnnlich manches Wort des Vor⸗ wurfs zu Gertrud hinauf, waͤhrend Sir William Baſtard, ergrimmt uͤber dieſe Unritterlichkeit des P dieſen zu Boden geworfen haben wuͤr⸗ —207 de, wenn er unedel genug gedacht haͤtte, Hand an einen Gefangenen und Gebundenen zu legen. Coppleſtone aber, der fuͤr ſeine Perſon nicht viel furchtete, weil er gehoͤrt hatte, daß er diesmal unter dem Schutze ſeiner Tochter ſtand, fuhr in ſeinem Schelten gegen dieſe fort und ſchmaähete ſie, daß ſie trotz dem Parlamente und der Frei⸗ heit des Volkes den Royaliſten Beiſtand leiſtete. Gertrud, die nicht von der Gallerie gewichen war, vergaß uͤber das Schneidende dieſer Vor⸗ wuͤrfe ihren gefaßten Entſchluß, Alles ſchwei⸗ gend und geduldig zu ertragen, und verſetzte hoch⸗ ſinnig: „Sprecht nicht von Freiheit, die zum Feld⸗ geſchrei der Rebellion herabſinken mußte! Ihr habt den Herrſcherſtab des Koͤnigs zerbrochen, habt den Stab der Empoͤrung ergriffen, und die⸗ ſer iſt zur Schlange in Eurer Hand worden. Kein redliches, treues Herz in England giebt es mehr, das Ihr nicht gebrochen oder durchbohrt haͤttet. Des Landes Edle habt Ihr vertilgt, des Landes Kirche iſt Beute Eurer Diebe worden, und der Kirche Prieſter wandeln in Verbannung 208 und Erniedrigung. Eure Gottloſigkeit fleugt hoch, hoch wie des Adlers Flugel, und trotzt dem Lichte des Himmels. Eure Unthaten hullen ſich nicht mehr in Finſterniß, denn mit ſchamloſer Stirn vollfuhrt Ihr ſie Angeſichts Gottes und der hei⸗ ligen Engel! Schande uber Euch, Oberſt Hol⸗ born, der Ihr dieſes Werk der Nacht habt ver⸗ uͤben wollen; Euer iſt dieſe Schande, nicht mein, die ich unter Gottes Beiſtand Euer heilloſes Trachten vereitelte und meinen Vater bewahrte, daß er an dem Greuel nicht Theil nahm, den Ihr unter ſeinem Dache vollfuͤhren wolltet. Sir William Baſtard und Ihr edlen Cavaliere alle, Ihr ſeid frei; doch laßt mich Euch rathen, dies ungluͤckſelige Land zu verlaſſen, wo Eure Wi⸗ derſacher nimmer raſten werden, Euch gottloſe Fallen zu ſtellen. Meine Theilnahme an Eurer Befreiung iſt geendet. Gehabt Euch wohl, und woll' Euch Gott erhalten, ſo wie er den Koͤnig in ſeine gnädige Obhuth nehmen moͤge!“ Sie verbeugte ſich und enthob ſich von der Plattform. Einſtimmiger Beifallsruf ſcholl ihr von den im Ritterſaale befindlichen Royaliſten * 209 nach, durch welches das wilde Huſſahgebruͤll der rohen Krieger Roger Rowle's hindurchſcholl und die Kuͤhnheit pries, mit welcher Gertrud Copple⸗ ſtone ihre Geſinnungen fuͤr Koͤnig und Cavaliere kundgegeben hatte. 3„ n Warleigh. III. 3 Siebenzehntes Capitel. „Seht mich, Ihr Götter, einen armen Greis, Elend von Kummer, wie von Laſt der Jahre.“ N „Was ſagt Ihr nun? Giebt's jetzt noch Troſt fuͤr uns? Beim Himmel! haſſen will ich ewig Den, Der mir fortan von Troſt noch ſprechen moͤgte.“ Shakſpeare. Kaum wollte Roger Rowle ſeine Gefangenen fortfuhren laſſen, als ein lautes Klopfen an der Thur des Saales erſcholl. Roger befahl ſeinen Leuten nachzuſehen, wer zu ſo ſpäter Stunde in Haus Warleigh, wo Er jetzt befehligte, Einlaß begehre. Eine Stimme von außen kuͤndigte den Ca⸗ pitaͤn Coleman an, der eine wichtige und ſchmerz⸗ liche Kunde an Sir John Coppleſtone zu berich⸗ ten kaͤme. Es verſteht ſich, daß der Moormaͤn⸗ nerhaͤuptling ſich fuͤr den Erſten und Einzigen hielt, an den dieſe Kunde berichtet werden muͤßte. Coppleſtone, der ruͤckſichtlich ſeiner Tochter nur ſo lange hatte gefangen gehalten werden ſol⸗ len, bis Roger Rowle und ſeine Leute Haus Warleigh verlaſſen haben wuͤrden, und der in dem Kommen Coleman's irgend Etwas, ſeiner Sache Abhelfendes hoffen mogte, bat, den Ge⸗ meldeten hereinzulaſſen. Auch ohne dieſe Bitte wuͤrde Roger Rowle als kluger Heerfuͤhrer ſol⸗ ches gethan haben. Der Leſer kann ſich vorſtel⸗ len, mit welcher Beſtuͤrzung Coleman die Scene im Saale uͤberblickte. Was ihn aber bis zum Erſtarren betroffen machte, war, daß Sir John Coppleſtone, deſſen Zwiſchentraͤger er bei dem rebelliſchen Parlament abgegeben hatte, ſich in den Klauen der Gegenpartei befand. Unnoͤthige Frechheit oder Schauſtellung von Muth, wo wirk⸗ liche Gefahr ſich zeigte, waren nicht Sache un⸗ ſers Capitaͤns. Um alſo gute Miene zu boͤſem Spiele zu machen und jeglichen Verdacht von ſeiner Theilnahme zum Einfangen der Cavaliere zu entfernen, pries er in etlichen Worten ſeine 14* 212 fruͤher bewieſene Dienſttreue gegen den Koͤnig und ſeine beſondere Ruͤckſichtnahme gegen 1½ gluͤckliche Royaliſten. „Schweigt davon und ſpielt hier nicht den Prahler,“ fluͤſterte ihm eine Stimme in's Ohr; „denkt an die Ebene von Tamerton und an die Wittwe Raleigy! Wir kennen Euch. Sagt lie⸗ ber Eure Botſchaft und packt Euch dann von hinnen.“ Ehe Coleman Muth faſſen konnte, umzublicken und den Sprecher zu betrachten, hatte dieſer ſich ſchon von ihm weg und unter die Uebrigen ver⸗ loren. Coleman ſaͤumte nicht, ſeine Mittheilung zu machen, um nur deſto eher der Geſellſchaft zu entrinnen, in die er ſo unvermuthet gerathen war. Er meldete, daß er in Begleitung des Conſtabels auf dem Wege nach Tamerton, unter der Eiche daſelbſt, einen Leichnam gefunden ha⸗ be, den er abzuliefern kame. Wir uͤbergehen mit Schweigen die erſten Aeußerungen des Grauſens und der Unruhe al⸗ ler Anweſenden, als nun die Leiche des jungen Amias Radeliffe hereingetragen ward, an deſſen 213 Wunden man ſofort erkannte, daß eine Moͤrder⸗ hand ſie ihm beigebracht haben mußte. Vor allen Andern aber ſchien Sir John Cop⸗ pleſtone in Verzweiflung uͤber dieſen ſchauerlichen Todesfall zu ſein, ſo daß er in ſeiner Bekum⸗ merniß gleichſam die geheimſten Angelegenheiten ſeines Herzens darlegte.„Zu meinem Eidam hatt' ich ihn erkieſet,“ rief er wehklagend:„O, wie ſo gern haͤtte ich ihm mein Kind, mein Lieb⸗ ſtes auf Erden, gegeben! Und jetzt— jetzt muß ich ihn ſo erblicken! Himmel und Erde will ich in Bewegung ſetzen, um den Moͤrder dieſes un⸗ gluͤcklichen Juͤnglings ausfindig zu machen.“ „Irgend ein verfluchter feigherziger Halunke muß er ſein,“ ſagte Roger Rowle,„denn ſeht! die tiefſte Wunde und ſicher die, an welcher der Ermordete ſtarb, ward ihm in den Ruͤcken ver⸗ ſetzt. Solch ein Stoß kann nur von eines Meuch⸗ lers Fauſt gefuͤhrt worden ſein. Haͤtte ich den Schuft, der's that, in meinen Haͤnden, ein Strick und der naͤchſte Baum ſollten ihm Roger Rowle's Spruch ohne vorgaͤngiges Verhoͤr kund⸗ machen!“ 214 Die juͤngſtbefreieten Cavaliere ſtanden voll Trauerns an der Bahre des ungluͤcklichen Amias; die Diener des Hauſes, die dem Juͤnglinge ſtets hold geweſen waren, draͤngten ſich weinend her⸗ zu, Sir John Coppleſtone aber entſendete Ei⸗ nen von den letzteren, damit ſeiner Tochter die⸗ ſer unerwartete Trauerfall angekundigt wuͤrde. Sir Piers, Trelawny und Tremaine fluͤſterten mittlorweile mitſammen, indem ſie dann und wann einen Seitenblick auf die Leiche warfen. Eine Gerichtsperſon aus der Nachbarſchaft, die von dem Morde gehoͤrt hatte und mit Coleman hereingetreten war, um vielleicht Näheres uͤber den Unfall zu erkunden, ward jetzt von Sir Piers angeredet, als plotzlich ein Greis hereinſtuͤrzte und ohne Eines der vielen Anweſenden zu ach⸗ ten, ſich weinend und wehklagend uͤber den Leich⸗ nam hinwarf. Es war Anton Lapthorne, der treue Diener des Hauſes Warleigh, von dem der Leſer weiß, wie innig dieſer Hochbetagte den armen Amias liebte. „Und muß ich Das erleben!“ rief der alte Anton:„O, daß ich mit dem Blute, das matt durch meine Adern rinnt, Dich beleben koͤnnte! O mein theurer, theurer junger Herr! Muß ich alter Mann Dich in Deiner Jugendbluͤthe als Leiche ſehen? ich, den Dein Vater naͤhrte und ſchuͤtzte und liebte; Dein Vater, der mir der freundlichſte, wohlwollendſte Gebieter war? Ach! auch ihn ſah ich als Leiche— ihn, wie Dich! Dort haͤngt ſein Bild,“ fuhr er aufblickend fort, und zeigte auf das an der Wand hangende Bild⸗ niß Sir Walter Radeliffe's, das mit ſeinem ſchwermuthreichen, Mitleiden erflehenden Blicke auf die Leiche des Sohnes niederzuſchauen ſchien.— „Dort haͤngt ſein Bild— wohl mag es trau⸗ rig und duͤſter auf einen Anblick, wie dieſer iſt, herabſehen. O Sir John Coppleſtone! blickt nicht Herr Walter im Bilde hernieder, als wollte er Euch aufrufen, den Moͤrder ſeines Sohnes den Haͤnden der Gerechtigkeit zu uͤberliefern?“ Coppleſtone erſchrak und blickte unfreiwillig zu dem Bilde hinan. Er wollte dem troſtloſen Steward irgend Etwas antworten, als die vor⸗ erwaͤhnte Magiſtratsperſon, die angelegentlich und leiſe mit Sir Piers geſprochen hatte, zu ihm 216 trat und ihn um Gehoͤr bat, weil dadurch viel⸗ leicht einiges Licht auf dieſes ſchauerliche Ergeb⸗ niß geworfen werden koͤnnte. Mittlerweile trat Gertrud aufgeſchreckt, bleich und verſtoͤrt in den Saal.„Wo iſt er?“ rief ſie,„wo haben ſie ihn hingelegt? O, Amias, mein Freund, mein Bruder! Muß ich Dich ſo wiederſehen? Gott des Himmels! wer hat dies Entſetzliche an Dir gethan? Wo fand man ihn? Welcher Boͤſewicht hat einen ſo Ritterlichen und Braven meuchleriſch erſchlagen koͤnnen? O Amias! Amias! mein Freund, mein Bruder!“ „Ich ſag' Euch,“ ſprach die Magiſtratsper⸗ ſon jetzt laut zu Coppleſtone,„daß Sir Piers Edgcumbe mir verſichert, wie zwei der hier an⸗ weſenden Cavaliere erſt am verwichenen Abend ein Gefecht verhinderten, das zwiſchen Eurem ungluͤcklichen Pflegſohn und Reginald Elford ſtattfinden ſollte, und wobei Letzterer ſich hefti⸗ ger Drohworte bediente und erklaͤrte, wie er im Blute Radeliffe's ſich Genugthuung fuͤr eine ihm wegen einer Dame zugefuͤgte Beleidigung ver⸗ ſchaffen wollte. Die Sache muß unterſucht und ſofort ein Verhaftsbefehl gegen Reginald Elford erlaſſen werden. Die Ausſage dieſer Cavaliere, ſo wie die des Sir Piers, iſt zu Foͤrderung die⸗ ſes Rechtsganges unerlaͤßlich.“ „Zu ſolcher Foͤrderung muͤſſen wir bereit ſein,“ fiel Sir Piers ein;„obwohl Ihr, Sir John Cvop⸗ pleſtone, hinterliſtig an mir und meinen Freunden Euch gezeigt habt, will ich Euch dennoch meine Mitwirkung zur Erkundung des Moͤrders Eures Pflegſohnes nicht vorenthalten, ſo wir an Leben und Freiheit und Guͤtern ungefaͤhrdet vor einem Gerichtshofe zu einer Zeit erſcheinen duͤrfen, in welcher wir einer Sache anhingen, die durch Hinterliſt und Verrath eines falſchen Freundes ſo ſchmaͤhlich zunichte gemacht ward.“ „Ihr habt nichts Schlimmeres als einen Guͤ⸗ terſequeſter zu erwarten,“ verſetzte Coppleſtone, „denn Eure Theilnahme an Burley's Verrath wird Euch ſchwere Geldbuße koſten, ſobald—“ „Sobald wir nicht die Freunde von Cornwal⸗ lis namhaft machen, oder aus dem Koͤnigreiche entfliehen und unſere Guͤter den Rebellen zur Beute geben; ich verſteh' Euch,“ entgegnete Sir Piers;„ich jedoch werde nimmer dies ungluck⸗ ſelige Land verlaſſen, ſo lange der Koͤnig noch lebt und daſſelbe beherrſcht; denn wenn Karl Stuart auch gefangen liegt, bleibt er dennoch Monarch von England und mein Lehensherr. Wir gehen jetzt, Ihr kennt unſere Willensmeinung. Laßt jetzt fuͤr Eure Tochter und jenen alten Mann ſorgen, denn Beide ſcheinen von dem Schreckensauftritte bis zum Tod erſchuttert zu ſein.“ Roger Rowle zog, indem die Cavaliere eben⸗ falls das Herrnhaus von Warleigh verließen, mit ſeinen Leuten und ſeinen Gefangenen, von wel⸗ chen letzteren er eines Jeden Loͤſegeld beſtimmt hatte, von dannen. Coppleſtone gab, ſo uͤbel er ſich ſelbſt befand, denn der Anblick des Erſchla⸗ genen ſchien nicht minder auf ihn, als auf alle Uebrigen gewirkt zu haben, die noͤthigen Befehle, ſeine ohnmaͤchtig uͤber Radeliffe's Leiche hingeſun⸗ kene Tochter von hinnen zu tragen und ihr Bei⸗ ſtand zu verſchaffen. +„— fn—,—— Arhtzehntes c apitel. „Hamlet:—— Ermordung? Geiſt: Hoͤchſt ſchmählich wuͤrd' auf's Mild'ſte ſie be⸗ nannt; Doch dieſ' iſt ſchmählich, ſeltſam, unnatuͤr⸗ lich.“ ich. Shakſpeare. Mutter Gee hatte noch in eben der Nacht, in welcher Radcliffe's Leiche nach Warleigh⸗Houſe geſchafft worden war, nicht blos als Pflegerin der erſchuͤtterten und ſchier erkrankten Gertrud Coppleſtone, ſondern auch als Todtenſchmuͤckerin des Erſchlagenen zu walten. In Folge der fuͤrchterlichen Art, auf welche Amias um's Leben gekommen war(denn daß er durch Moͤrderhand fiel, ſtand außer Zweifel) durfte die Leiche nicht eher entkleidet werden, als bis der Todtenbeſchauer dieſelbe gepruͤft und 220 die damals ſogenannte„Todtenjury“ daruber abgeſprochen und protokollirt hatte. Es war jetzt ſpaͤt nach Mitternacht, das ganze Haus War⸗ leigh hatte ſich, in ſo fern es nach ſolchen ent⸗ ſetzlichen Auftritten, wie die waren, welche Abends vorher ſtattfanden, geſchehen konnte, zur Ruhe begeben, und Mutter Gee hielt Alles zum Her⸗ ausputzen des Todten bereit und wachte bei dem⸗ ſelben, ohne— was allerdings gegen ihre ſon⸗ ſtige Gewohnheit ſein mogte— die Taſchen deſſelben zu durchſuchen und auszuleeren. Wes⸗ halb ſie dieſes bei der Leiche des jungen Rad⸗ cliffe nicht that, koͤnnen wir nicht ſagen. Biel⸗ leicht geſchah's aus einem Aberglauben, von wel⸗ chem Mutter Gee keineswegs frei war und nach welchem ſie ſich mit Erſchlagenen nichts zu ſchaf⸗ fen machen wollte; vielleicht hegte ſie wirklich zu viele Hochachtung fuͤr das Andenken Rad⸗ cliffes, um nicht zu wuͤnſchen, daß die naheren umſtaͤnde der Ermordung deſſelben an's Licht kommen moͤgten, wozu vielleicht Eines oder An⸗ deres, was der Juͤngling noch bei ſich trug, hinwirken duͤrfte. Freilich hatte ſie fruͤher das 221 Wams Gnadegott Gabriels gepluͤndert, aber ſie that ſolches, als dieſer noch lebte, auch das Wams zur Zeit, da ſie es beſtahl, nicht an dem Koͤrper ſeines Eigners befindlich war. Ohne den Todten alſo, viel weniger aber noch deſſen Kleider zu beruͤhren, beſtreute ſie denſelben mit Blumen und Rosmarin, vergaß auch nicht das Salz, noch ſonſt irgend einen zum Herausputzen noͤthigen Gegenſtand, zuͤndete dann zu Haͤupten der Leiche die uͤblichen ſieben Kerzen an, ſetzte ſich dann zur Todtenwache der Bahre gegenuͤber, ſann uͤber die Schauerumſtaͤnde nach, durch welche ihr Einer von den Wenigen geraubt worden war, fuͤr die ſie jemals Stwas, was Mitleid oder Wohlwollen genannt werden mogte, gefuͤhlt hatte, und unterließ dabei nicht, das Schickſal ihres elenden bloͤdſinnigen Jungen zu bejammern. Als Mutter Gee ſo ſinnend daſaß, oͤffnete ſich leiſe die Thur, und herein trat die lange duͤſtre Geſtalt Coppleſtone's, die in einen Mantel ge⸗ hullt ſchleichend herankam. Die Todtenwaͤchte⸗ rin ſchaute auf; Coppleſtone trug einen Leuch⸗ — 222 — ter mit brennendem Lichte, ſetzte denſelben auf einen Tiſch, warf ſeinen Mantel zuruͤck und ließ auf dieſe Weiſe erkennen, daß er bewaff⸗ net war. Mutter Gee gewahrte einen ſeltſamen, un⸗ gewohnten Ausdruck auf dem Geſichte des Eig⸗ ners von Warleigh. Der ſonſt kalte, finſtere und vorſichtige Blick deſſelben war einem kuͤhnen, entſchloſſenen und verwegenen Ausſehen gewi⸗ chen; dennoch ſchien es, als koſtete es ihn ge⸗ waltige Anſtrengung, um diejenige Entſchloſſen⸗ heit zu gewinnen, die zu einem ſeinen Gefuͤh⸗ len widerſtrebenden Vorhaben noͤthig ſein mogte; denn Coppleſtone athmete ſchwer und preßte die Lippen zuſammen, als er ſich mit einem leichten Zittern und Zucken der Leiche nahete und deren Bruſtlatz oͤffnen wollte, jedoch nicht gleich damit zu Stande kommen konnte und des⸗ wegen ſich tiefer uͤber den Todten beugte. Mut⸗ ter Gee, die unbemerkt naͤher geſchlichen war, ſah jetzt, daß Coppleſtone, als er an der Leiche herumfingerte, von einem Schauder geſchuttelt f t⸗ w, he elt ward, der ihn noͤthigte, fuͤr einen Augenblick die Augen zu ſchließen. „Was wollt Ihr bei der Leiche, Sir John Coppleſtone?“ fragte die Alte;„ſie darf nicht angeruͤhrt werden, bevor der Todtenbeſchauer ſie in Augenſchein nahm, und ich halte Wache an der Bahre.“ „Schweig, Weib!“ fuhr Coppleſtone auf: „Was ich thue, geht Dich nicht an. Dieſer Juͤng⸗ ling gehoͤrte zu meinem Hauſe; ich war ſein Pathe und Vormund, und mir ſteht das Recht zu, hier zu unterſuchen.“ „Ihr ſollt ihn nicht beruͤhren!“ rief Mutter Gee mit der groͤßten Dreiſtigkeit;„nicht an die kleinſte Falte ſeiner blutbefleckten Kleider ſollt Ihr Hand legen, ſo wahr es Geſetz und Ge⸗ walt im Lande giebt, Euch d'rob zur Rechen⸗ ſchaft zu ziehen!“ Als ſie dies ſprach, ſchob ſie ſich vor den Todten und hielt mit wahrhaft mannlicher Kor— perkraft den Eigner von Warleigh von der Bahre zuruͤck„Ihr wollt, wie es ſcheint, des armen Radeliffe Kleider durchſuchen; und was denkt Ihr zu finden?“ Sie ſagte dieſe Worte mit ſo bitterem Hohne, daß Coppleſtone ſowohl daruber erſtaunte, als ergrimmt ward, waͤhrend ihm ein Argwohn durch die Seele fuhr, daß ihm ſchier das Blut in den Adern haͤtte erſtarren moͤgen.„Ha!“ rief er;„waͤr' es ſo? Dann will ich Dich zum Schweigen bringen!“ und er zuckte den Dolch, den er aus ſeinem Guͤrtel gezogen hatte, gegen die Alte. „Stoßt zu, wenn Ihr's wagen duͤrft; ſtoßt zu!“ ſagte Mutter Gee und ſtarrte ihn mit ei⸗ ner Miene voll Muthes an, daß ihm der Dolch entfiel und er leichenbleich ſich abwendete. Nach gewaltſamer Anſtrengung gewann er endlich Athem genug, mit leiſer Stimme zu entgegnen: „Ich wollte Dir kein Leides thun— nur dro⸗ hen. Hier“, fuhr er haſtigen Weſens fort,„hier iſt Gold, nimm's, Weib, nimm's, und gieb Dich zufrie⸗ den. Gold erkauft ja alle Dinge auf Erden und un⸗ ter der Erden, denn ſelbſt die Holle— die Hoͤlle in all' ihren Schreckniſſen und ihrer Macht iſt — —— —— S—* ——— MW „——— W M — 225 kaͤuflich. Nimm alſo, und ſchweige. Ich will in dieſen Kleidern, die mit dem Blute der Ju⸗ gend beſudelt ſind— o daß dies Blut noch warm in den Adern floͤſſe!— nur nach einem Pergament, nach einem armſeligen Pergament ſuchen. Hoͤre mich an: Ich habe Urſache, zu vermuthen, daß dieſer elende und mißleitete Juͤngling kurz zuvor, ehe er mein Haus verließ, aus meinem unverſehens von mir offen gelaſſe⸗ nen Gemache eine Schrift entwendete— ja, ich bin uͤberzeugt, daß er ſie entwendete, und ich kam, mir wenn moͤglich dieſe Schrift wieder zu verſchaffen, die dem Todten nichts nuͤtzt, den Lebenden jedoch von großter Wichtigkeit iſt. Nimm alſo dies Gold, und laß mich nehmen, was mein iſt. Alles, was ich von Dir verlange, iſt Schweigen: alſo— nimm und ſchweige!“ Mutter Gee wog einen Augenblick lang die ihr gereichte Geldboͤrſe in der Hand, blickte auf vas blaſſe Antlitz des Todten und dann auf das nicht minder ſchauerliche, bleiche Geſicht Copple⸗ ſtone's, der ſtarr wie eine Marmorſaͤule vor ihr ſtand und in fuͤrchterlicher innerer Bewegung Warleigh. III. 15 226 des Ausſpruchs der Alten harrte. Sie hielt ei⸗ nen Augenblick inne, warf dann die Boͤrſe zur Erde und rief:„So verwerf' ich Dein Aner⸗ bieten! Und wiſſe, wuͤrde jedes Goldſtuͤck in jenem Beutel verdoppelt und wiederum verdop⸗ pelt, ſo daß der Werth ſich hundertfach verviel⸗ faͤltigte, wurd' ich doch kein einziges davon be⸗ ruͤhren. Du, der Du den Goͤtzen Gold ange⸗ betet haſt, bis die Flammen der Hoͤlle Dir zum Gluͤhofen wurden, um Dir Deine Muͤnzen zu praͤgen; Du, der Du den Vater und den Va⸗ terloſen uͤbervortheilteſt, um Deine Säckel zu fullen und Deinen Geiz zu maͤſten, der da raſt⸗ los ſchreit!„„Gieb! Gieb!““— wie es in dem Buche heißt, deſſen Wort ſtets in Eurem Munde, jedoch nimmer in Eurem Herzen iſt— Du, ſage ich, der Du dies thateſt und thuſt, Du beurtheilſt mich nach Deiner niedrigen Anſicht von den Beweggruͤnden der Handlungen des Menſchen. Wiſſe jedoch, daß meine Seele nim⸗ mer ſo ſchwarz iſt, als die Deinige, auch wenn ſie noch ſo boͤſe Anſchlaͤge gehabt haben mag! Es giebt Dinge, die ein Weib hoͤher denn Gold — M M —— 227 ſchaͤtzt, und ich bin ein Weib und eine Mutter! Ich habe Gefuͤhl einer Mutter fuͤr mein Kind. Verſprich mir meines armen bloͤdſinnigen Soh⸗ nes Leben, und behalte Dein Gold, und nimm Deine Schrift obendrein; ich will dann Dein Geheimniß nicht verrathen.“ Coppleſtone lauſchte ſchweigend jedem Worte, das ſie ſprach, antwortete nicht, riß aber mit einer Haſt, die nur Verzweiflung ihm verleihen konnte, das Wams des Todten auf, holte das Pergament daraus hervor, und hielt es mit ei⸗ nem Ausrufe des Triumphes in die Hoͤhe. „Und mein Sohn?“ rief Mutter Gee:„Wird er leben? Werdet Ihr Eure Zuſage erfuͤllen?“ „Ich habe Dir ſeinetwegen keine Zuſage ge⸗ leiſtet, Weib“, verſetzte Coppleſtone.„Ich wuͤrde ſie leiſten, wuͤrde Deinen Jungen retten, jedoch es iſt zu ſpaͤt— ſchon buͤßte er mit dem Lode ſeine Miſſethat.“ „So ſoll denn Dein Tod benfalls erfol⸗ gen!“ ſchrie die Entruͤſtete.„Schaͤndlicher, Ver⸗ fluchter! ich will Dein Blut fließen ſehen, ſollte auch durch einen und denſelben Streich das mei⸗ 45 228 nige ſich mit demſelben miſchen. Einer Mutter Fluch falle auf Dein greiſes Haupt! Du ſollſt nimmer dieſe Schrift von hinnen tragen.“ Mit dem Grimm einer ihrer Jungen beraub⸗ ten Tigerin war ſie auf Coppleſtone losgegan⸗ gen. Sie hing ſich an den Arm, deſſen Hand das Pergament hielt; ſie packte ihn mit den Zaͤh⸗ nen bei dem Wamſe, daß er ihr nicht entrinnen moͤgte; ſie ſtampfte mit den Fuͤßen gegen ihn, um ihn zu Boden zu werfen; jedoch Coppleſtone war ein ſtarker Mann, und ſie hatte daher hef⸗ tig mit ihm zu ringen, waͤhrend er ſeinerſeits Muͤhe hatte, ſich der Wuͤthenden zu erwehren. Als Mutter Gee ſo mit John Coppleſtone rang, fuhr ihr ein Gedanke durch den Kopf, zu deſſen Ausfuͤhrung ſie ſonder Verzug ſchritt. Waͤh⸗ rend Coppleſtone in der einen Hand das Per⸗ gament hielt und mit der andern bemuͤht war, ſeine Gegnerin niederzuwuͤrgen, faßte dieſe eine der brennenden Kerzen und hielt dieſelbe gegen das trockene, alte Blatt, daß es bald in heller Flam⸗ me aufloderte und Coppleſtone gezwungen war, es fallen zu laſſen. Der Luftzug vollendete den 229 begonnenen Brand, ſo daß, ehe noch Copple⸗ ſtone ſich von der Triumphirenden losgemacht hat⸗ te, um das Document, wenn moͤglich, zu retten, dieſes ſchon in ein glimmendes Aſchenhaͤuſchen verwandelt worden war.„Siehe da das Ende Dei⸗ ner Thaten“, rief Mutter Gee auf das zerſtorte Pergament deutend,„und Dein eigenes Ende ſoll um nichts beſſer ſein; Dein Name ſoll zum Schmachwort werden, waährend Du ſelbſt in Staub zerfallen ſollſt, den der Niedrigſte, wie der Hoͤchſte, nach ſeinem Gefallen mit Fuͤßen tre⸗ ten mag. Ich verlaſſe Dich, Coppleſtone, Dich und Dein Haus verlaſſ' ich, ſobald es tagt, fuͤr immer; aber der Fluch der Mutter eines verlo⸗ renen Sohnes, dem ein einziges Wort von Dir haͤtte das Leben retten koͤnnen, wird bis zu Dei⸗ nem Tode an Dir haften! Und dieſer arme Juͤngling,“ fuhr ſie fort, indem ſie ſich zu der Leiche wendete—„wie er zu Tode kam, weiß ich nicht, doch hab' ich meine Gedanken daruͤber. Sein Vater nahm ein ſchauerlich Ende, und es giebt Leute, die da n es geſchah durch ſcheußliche Mittel.“ 230 Coppleſtone ſtand einige Minuten lang ſtarr von Verdruß und Grimm, indem er bedachte, wie ein ihm ſo veraͤchtliches Weib ihn ſo bei⸗ ſpiellos geaͤfft hatte. Er war im Begriff, all' ſeinen Zorn gegen die Alte loszulaſſen, doch ge⸗ ¹ wiſſe Erinnerungen, die ihn durchzuckten, ver⸗ mogten ihn, von unnuͤtzen Vorwuͤrfen uͤber Ge⸗ ſchehenes abzuſtehen. Muͤrriſch ging er daher von dannen, nachdem er verſucht hatte, der Al⸗ ten einige Worte uͤber ſeine Bekummerniß, daß er nicht verſucht habe, ihren Jungen zu retten, 1 und die Verſicherung herzuſtammeln, daß er wirk⸗ lich nicht geglaubt haͤtte, man wuͤrde ſo ſchnell und ſo ſtreng gegen einen armen Bloͤdſinnigen 1 verfahren. Sich ſelbſt uͤberlaſſen, ging Mutter Gee zu natuͤrlicheren Empfindungen uͤber und beweinte den Tod ihres Sohnes, ſo daß der Morgen ſie noch in Thraͤnen fand. „O, dies iſt eine traurige Stunde!“ rief ſie, als das Tageslicht ſich durch das Fenſter ſtahl. und auf die Leiche Radeliffe's fiel.„Es iſt Mor⸗ gen fuͤr die Welt, aber Nacht fuͤr mich, denn 231 dunkel iſt mein Hoffen und zwar fuͤr immer. Das kalte Licht des Tages faͤllt auf dieſen Tod⸗ ten, und ach! auch auf meinen armen Sohn; doch kann es weder dieſen noch jenen zum Leben erwecken, obwohl die Voͤgelein draußen froͤhlich zwitſchern, als wollten ſie alle, alle Schlaͤfer er⸗ wecken. Doch ich will mich nicht grämen, will nicht weinen, will kein Wort des Kummers hoͤ⸗ ren laſſen, ſo lange ich noch auf Rache an dem kaltherzigen Heuchler zu ſinnen habe, der meines Jungen Blut haͤtte retten und mir die Trauer einer Mutter erſparen koͤnnen. Aber dieſer Mut⸗ ter Fluch ſoll auf ihm laſten, wie wenn der Thau dieſes Morgens auf ſein Haupt fiele und ſich d'rob in Blut verwandelte!“ 11 3 f 3 3 8 1 1 3 1 6 ¹ . 1 Reunzehntes Capitel. „—— Ich find', ob meinem Zenith ſteht Ein hoͤchſt verhaͤngnißvoller Stern, deß Einfluß Ich mir gewinnen muß, wenn nicht fortan Mein Erdengluͤck zerfallen ſoll.“ Shakſpeare. Unter den Schriften, die anderen Tages von dem Todtenbeſchauer aus Radeliffe's Taſchen ge⸗ nommen wurden, befand ſich auch ein Brief von Reginald Elford, ohne Tagesnamen zwar, doch ſchien er bald nach ſeinem erſten Hader mit dem ungluͤcklichen Amias geſchrieben zu ſein, und hatte ub Bezug auf ſeine Eiferſucht gegen den Ermorde⸗ ten und gegen Miß Agnes Piper. Außer der in dieſem Schreiben enthaltenen Drohung, daß, wenn er, naͤmlich Amias, ſeine Liebesbewerbungen bei der Dame nicht aufgaͤbe, es ihm ſein Leben koſten 233 koͤnnte, ward auch vor Gericht bethätigt, wie Elford einen zweiten Streit mit Amias hatte, und daß dabei derſelbe, noch kurze Zeit bevor dieſer Ungluͤckliche ſo geheimnißvoll um's Leben kam, die naͤmliche Drohung muͤndlich hören ließ. Der ſchwarze Will ſchwur ebenfalls, daß am Abend vor der Ermordung er Reginald Elſord in der Naͤhe der Tamerton⸗Eiche haͤtte in einen Mantel gehuͤllt, als ſcheue er ſich erkannt zu wer⸗ den, umherſchleichen ſehen. Des ſchwarzen Wills Eid wurde in dieſer Sache kein guͤltiges Zeug⸗ niß geweſen ſein, wenn nicht ein benachbarter, in hohem Anſehen ſtehender Paͤchter dieſelbe Aus⸗ ſage gethan hätte. In Folge dieſer und mehrerer vndichtige An⸗ zeichen gab das Geſchwornengericht das aller⸗ dings wohl etwas vorſchnelle Verdict eines„ab⸗ ſichtlichen Mordes, von Reginald an Amias Radecliffe verubt“, ab. Elford ward demnach aufgeſucht, ergriffen und gefangen fortgefuͤhrt, und zwar geſchah dies unter Umſtaͤnden, die allerdings den gegen ihn reggewordenen Verdacht bedeutend vergroͤßern 234 mußten. Reginald Elford ward in einem Schlupf⸗ winkel zwiſchen Plymouth und Tamerton gleich am Morgen nach der ſtattgefundenen Mordthat erſpaͤht. Er hatte keine Waffen, außer einem kurzen, blutbefleckten Dolche an ſich. Auch ſein Mantel wies Blutflecke, und ſeine Bekleidung war in Unordnung, wie die eines Menſchen, der einem Kampfe oder einem Handgemenge ſo eben entronnen ſein mogte. In Blick und Weſen gab er ſich aufgeregt, zeigte jedoch viele Beſon⸗ nenheit und Vorſicht in den Antworten, die er auf die ihm in der Sache vorgelegten Fragen gab. Er raͤumte ein, daß der bei dem Ermordeten gefundene Brief ſeine Handſchrift war, leugnete jedoch, den jungen Mann getoͤdtet zu haben, und behauptete, daß, wenn er demſelben auch jemals gedrohet haͤtte, er ſolche Drohung doch niemals anders, als nach den Geſetzen der Ehre, naͤm⸗ lich in ehrlichem Zweikampfe, wahrgemacht haben wuͤrde; denn leider ward zur Zeit unſerer Ge⸗ ſchichte ein ſolcher barbariſcher Zweikampf als Ausgleichungsmittel zwiſchen jungen und muthi⸗ — 235 gen Edelleuten fuͤr unerlaßlich gehalten. Elford leugnete auch ſtandhaft, daß ihn der ſchwarze Will, oder ſonſt Jemand in der Nähe von War⸗ leigh am Abend des zwanzigſten Junius habe ſehen koͤnnen, weigerte ſich jedoch, uber ſeinen ei⸗ gentlichen Aufenthaltsort an eben jenem Abend genuͤgende Auskunft zu geben, obwohl man ihn aufforderte, ſich mittheilender, beſonders uber dieſen Punkt zu geben, da er durch ein ſolches genu⸗ gendes Ausweiſen hoͤchſt wahrſcheinlich ſein Le— ben wuͤrde retten koͤnnen. Er aber ſchwieg hart⸗ näͤckig und gab durchaus keinen weiteren Auf⸗ ſchluß. Unter allen dieſen hoͤchſt verdaͤchtigen Umſtänden ward er nach Lidford⸗Caſtle abge⸗ fuͤhrt, um ſich dort vor Gericht auf Leben oder Tod geſtellt zu ſehen. Im Gefaͤngniſſe ward Reginald zu wieder⸗ holten Malen befragt, und ihm, unter dem Vor⸗ wande der Nachſicht gegen ſeine Jugend, ein Freipardon zugeſichert, im Fall er Betreffs der Complotte der Royaliſten in Cornwallis einige Auf⸗ ſchluͤſſe geben wollte. Allen dieſen Verſuchen ſtellte er eine und dieſelbe Verneinung entgegen, und er⸗ 236 wartete, wiewohl mit erſichtlicher Ungeduld, die Stunde ſeines Verhoͤres. Die traurigen und geheimnißvollen Umſtaͤnde, die ſich mit der Ermordung des jungen Radeliffe verknupften, erregten durch die ganze Grafſchaft eine innige Theilnahme. Seine Leichenfeier ward mit jeglicher Art von Hochachtung fuͤr ſein An⸗ denken und mit Bekuͤmmerniß uͤber ſein trubſe⸗ liges Geſchick begangen. Der Unwille, der im Volke gegen ſeinen Moͤrder herrſchte, war ge⸗ waltig, denn er maß ſich nach der Theilnahme ab, die man fuͤr den Erſchlagenen hegte. Faſt Jeder verdammte den jungen Elford als den Schuldigen, und hoffte, dieſer werde der verdien⸗ ten Strafe nicht entgehen. Bevor wir unſere Geſchichte in Bezug auf den Gefangenen fortſetzen, muͤſſen wir uns zu einer Perſon unſeres Drama's zuruͤckwenden, de⸗ ren wir ſeit laͤngerer Zeit nicht gedachten. Sir Hugo Piper hatte ſich in Mitwirkung zur Er⸗ leichterung der Flucht des Königs von Caris⸗ brook⸗Caſtle nach dem Weſten von England, wie wir wiſſen, aufgemacht, und ſollte am zwanzig⸗ — 237 ſten Junius der Sitzung der Cavaliere zu War⸗ leigh beiwohnen, da John Coppleſtone keines⸗ wegs wuͤnſchte, daß ein ſo geſchaftiger Royaliſt, wie der alte Handelsmann war, dem ausgeſpann⸗ ten Netze entſchlupfen ſollte. Jedoch Sir Hugo entſchluͤpfte demſelben, und der Leſer wird bald erfahren, auf welche Weiſe das geſchah. Schon ehe ſich Sir Hugo Piper gen War⸗ leigh zu wenden hatte, erfuhr er das Fehlſchla⸗ gen der Flucht des Koͤnigs und ſehnte ſich dem⸗ nach, zu ſeinem eignen Herde zuruͤckzukehren; denn durch die Rolle, die er in dem Complotte geſpielt hatte, war er genoͤthigt geweſen, etliche Wochen lang in Somerſetſhire und in einem entlegenen Theile von Devon zuzubringen, ohne während all dieſer Zeit Gelegenheit gehabt zu haben, von ſeiner Gattin und ſeiner Tochter zu hören. Um ſo mehr alſo wuͤnſchte er dieſe wiederzuſehen. Vom Cornet Davy begleitet, auf dem Heim⸗ wege begriffen und nicht viele Meilen von Ply⸗ mouth entfernt, mußte er ploͤtzlich Halt machen, weil der alte Gaul Hector, der treue Genoß der Streifzuͤge ſeines Herrn, durchaus nicht mehr ——— weiter konnte. Sir Hugo mußte alſo Herberge nehmen noch ehe die Nacht hereingebrochen war. Nachdem er durch ein Pfeiſchen ſeine Grillen ver⸗ jagt hatte, legte er ſich zu Bette, befahl jedoch vorher dem Cornet, darnach zu ſehen, daß die Pferde wohlgefuͤttert und dann mit Tagesan⸗ bruch zur Weiterreiſe bereit gehalten wuͤrden, in⸗ dem unter Gottes Beiſtand er naͤchſten Tages ſeine Wohnung in Plymouth zu erreichen be⸗ gehrte. Der Cornet gehorchte dieſer Weiſung, und als der Tag grauete, ſtanden die Gaͤule geſattelt vorgefuͤhrt. Das Fruͤhſtuͤck fuͤr den ehrſamen Ritter war aufgetragen, und Davy harrte des Aufſtehens ſeines Gebieters, um mit dieſem vor dem Wegreiten eben jenes Fruͤhſtuͤck, das Wet⸗ ter und die Wirthshausrechnung zu beſprechen. Nicht wenig betroffen aber fuͤhlte ſich der ehr⸗ liche Cornet, als er den eintretenden Ritter ſelt⸗ ſam um ſich herumſtarren ſah, wie wenn der⸗ ſelbe kaum wuͤßte, wo er waͤre, dann ſich an den Tiſch ſetzte, Meſſer und Gabel zur Hand nahm, jedoch keinen Biſſen genoß, auch den wiederhol⸗ ———. —— N—— 239 ten gewoͤhnlichen Morgengruß des treuen Cor⸗ nets kaum beantwortete, ſondern auf die Frage, „wie der Herr Patron geſchlafen habe?“ mit den ſeltſamen Worten entgegnete:„Ich will hof⸗ fen, daß ich wirklich geſchlafen habe, Davy.“ Dabei ſah Sir Hugo hoͤchſt ernſthaft aus. „Ei,“ verſetzte Davy,„Ihr werdet doch nicht zweifeln wollen, ob Ihr in vergangener Nacht ſchlieft? Wird doch Jeder hier im Hauſe dies fur zuverlaͤſſig annehmen!“ „Cornet Davy,“ antwortete Sir Hugo,„es giebt Stunden, in denen ein Menſch Nichts fuͤr zuverlaͤſſig halten kann. Wir waͤhnen, unſere Freunde ſeien zuverlaͤſſig— doch ach! wie ſo hinterliſtig verrathen ſie uns oft. Gedenke nur, wie juͤngſt erſt der edle Burley verrathen ward, ſo daß er, wie unſer Koͤnig, jetzt als Gefagenet ſchmachtet! Und ward er nicht in einer Stunde verrathen, in welcher er die Erlöſung des Monar⸗ chen aus der Haft fuͤr zuverlaͤſſig hielt? Ich zweifle jetzt an Allem, Davy, nur noch nicht an Dir. Brach nicht ſogar der alte Hector geſtern zuſammen, als ich es ſchon fuͤr zuverlaͤſſig hielt, 240 er wuͤrde mich bis zur Zeit des Abendbrotes zu den Meinigen tragen? So auch alſo, Davy, zweifl⸗ ich, ob ich in vergangener Nacht ſchlief oder wachte, und kann mich, ſollt's mein Leben koſten, dieſes Zweifels nicht entſchlagen.“ „Vielleicht wurdet Ihr durch beaͤngſtigende Traͤume beunruhigt, Herr Ritter— Nicht wahr, Ihr habt getraͤumt?“ „Getraͤumt, Davy?“ verſetzte Sir Hugo: „Gott allein,“ fuhr er ſehr nachdruͤcklich fort— „Gott allein weiß, was da träumen heißt; ich armer verblendeter Sterblicher vermag ſolches nicht zu ſagen.“ Der Cornet war nicht wenig verwundert, zu⸗ mal da Hugo's ernſtes Weſen nicht im minde⸗ ſten nachließ, und er vergebens bemuͤht war, ſei⸗ nen Patron zu deutlicherer Erklaͤrung zu ver⸗ moͤgen. Sir Hugo hatte mittlerweile ein wenig von dem Fruͤhmahle gekoſtet, bezahlte jetzt ſeine Zeche und fragte nach den Pferden. „Sie ſtehen vorgefuͤhrt, Herr Ritter,“ ſagte der Cornet. „So wollen wir fort, Davy. Frage doch S— c—„— 241 die Wirthsleute nach dem nächſten Wege gen Lidford.“ „Gen Lidford, Patron? Nach Plymouth wollt Ihr ſagen.“ „Ich ſage wie ich's meine, Mann,“ entgeg⸗ nete Sir Hugo etwas haſtig.„Geh hin und thue nach meinem Geheiß!“ „Nun, ich will's freilich thun, wiewohl mir's ſeltſam vorkommt. Darf ich fragen, Herr Rit— ter, weshalb Ihr gen Lidford wollt?“ „Ich weiß es wirklich ſelbſt nicht, Davy.“ Der Cornet ward unruhig.„Hm, hm!“ dachte er,„der Verdruß uͤber Burley's Gefangen⸗ nehmung, der Gram uͤber des Koͤnigs mißlungene Flucht haben meinem armen Herrn den Kopf verdreht.“ Laut ſetzte er dann hinzu:„Aber Ihr habt doch wohl beſonderen Grund, Herr Ritter, der Euch gen Lidford—“ „Keinen, daß ich wuͤßte,“ antwortete Sir Hugo,„doch kann's ſein, daß wir dort einen finden, Davy. Jetzt weiß ich weiter nichts, als daß ich ſonder Verzug nach Lidford muß.“ „Nun, das uͤberſteigt Alles!“ meinte Davy. Warleigh. III. 16 „Lieber Herr, denkt noch Einmal nach. Lidford iſt eine Veſte der Rebellen und Parlamentsmaͤn⸗ ner, die Euch wahrlich nicht hold ſind. Denkt alſo nochmals nach und kehrt dann heim zu Mut⸗ ter Piper und der Jungfrau Agnes, die ſonder Zweifel, ſo lange Ihr nicht heimkommt, auf Dornen—“ „Ich ſage Dir, Davy, daß, wie theuer mir Mutter und Tochter auch ſind, ich doch nicht an dieſem Tage zuruͤckkehren, auch keinen Zollbreit vom Wege nach Lidford abweichen will. So fort mit allen Fragen und Zweifeln. Erkundige Dich nach dem Wege, Davy; beſteige Deinen Gaul und folge mir.“ Davy mußte allerdings gehorchen, wiewohl ſeine Verwunderung keineswegs dadurch verrin⸗ gert ward. Wir aber laſſen Herrn und Diener ihres Weges reiten, und eilen, an der Hand des geneigten Leſers, ihnen voraus nach Lidford. — Zwanzigstes Capitel. ——— n„Haſt Du durch Wort und That, it Ja, durch unſichtbaren Gedanken und Unausgeſproch'nen Wunſch nur, Theil genommen rt An dieſem Greuelwerk, ſo ſoll der Fluch Der Miſſethat Dich der Verzweiflung weihen.“ ch Maturin's„Bertram“. ul Der Morgen des Tages, an welchem das Ver⸗ 1 hoͤr Reginald Elford's zu Lidford⸗Caſtle ſtatt⸗ ⸗ finden ſollte, beleuchtete das gewoͤhnliche Volks⸗ . r gewuͤhl, das dergleichen Scenen beizuwohnen 6 6 pflegt. Kanm waren die Thuͤren des Gerichts⸗ ſaales geoͤffnet worden, als auch ſchon eine dichte Menſchenmaſſe durch dieſelben eindrang, ſo daß der nicht ſehr große Saal ſich bald uͤberfuͤllte. Draußen am Eingange ſtanden in feierlichem Schweigen Doppelreihen von Parlamentsſolda⸗ 16* 244 ten im Buͤffelwamſe und der Stahlkappe jener Zeit, den Haudegen im breiten Bandeliere und die Luntenflinte auf der Schulter. Sie hatten auf Ordnung und Ruhe zu halten, und thaten dies auf die kuͤrzeſte und wirkſamſte Weiſe, in⸗ dem ſie jeden etwaigen Laͤrmer oder Friedens⸗ ſtoͤrer ohne Weiteres niederhieben oder einſperr⸗ ten. Viele der benachbarten Edelleute und Ca⸗ valiere, etliche um des Ermordeten, andere um des des Mordes Angeklagten willen, waren zu⸗ gegen und draͤngten ſich zu den Sitzbaͤnken. Auch neugierige Weiber fehlten nicht dabei; denn man ſah mehrere mit ihren Saͤuglingen auf dem Arme in den Saal dringen. Alt und Jung, Reich und Arm, Royaliſt und Rundkopf bilde⸗ ten bunte Gruppen der Neugier, wie das Ver⸗ hor des merkwurdigen Rechtsfalles Reginald El- ford's ablaufen wuͤrde. Gerichtsbeamte jeder Art waren anweſend, und leicht war es, den volitiſchen Charakter jedes Einzelnen in der ver⸗ ſammelten Menge zu erkennen; denn die Cava⸗ liere wieſen Keckheit im Blick, achtloſe Behag⸗ lichkeit und Fuͤlle von Goldſchnüren auf ihren . Kleidern, waͤhrend die Fanatiker in ihren thurm⸗ ſpitzigen Huͤten und dunkelfarbigen, ſchlichten Gewaͤndern hoffaͤrtig lauernd und yoͤhnend ein⸗ herſchritten. Endlich waren alle Vorkehrungen zur Sitzung getroffen. Der Oberrichter, ein ehrwuͤrdiger Mann und, obwohl Puritaner, keiner der Schlimme⸗ ren ſeiner Secte, denn er beſaß der Eigenſchaf⸗ ten viele, die ihn zu wuͤrdiger Amtsfuͤhrung tuͤchtig machten, hatte ſeinen Sitz eingenommen. An ihm hin ſaßen die Geſchworenen, von denen mancher eine kleine Bibel in der Hand hatte, indem zu jenen Zeiten, wie wir ſchon erinner⸗ ten, oft Bezug auf die Geſetze der Juden ge⸗ nommen ward. Alle Zeugen waren in Bereit⸗ ſchaft, die See von unbedeckten Menſchenkoͤpfen ſtarrte jetzt voll Erwartung in die Hoͤhe, und jedes Auge uͤberblickte mit geſpannter Aufmerk⸗ ſamkeit den Saal und die darin vorgehenden Feierlichkeiten, als das Wort„der Gefangene“ erſt gefluͤſtert ward und dann laut von Munde zu Munde lief. Reginald Elford erſchien vor den Schranken, eine mannliche, kraͤftige Geſtalt. Zwar wies er ſich bleich von Kerkerhaft und Beſorgniß, doch zeigte er auch jenen hohen Muth und jene ru⸗ hige Entſchloſſenheit, die da nothig ſind, um ein Leiden mit derjenigen Wuͤrde zu tragen, mit welcher ſeine Familie der Leiden ſo viele erdul⸗ det hatte. Reginald blickte weder frech oder gleich⸗ gultig, noch ſcheu und verſchaͤmt auf den Ge⸗ richtshof; ſondern verbeugte ſich ehrerbietig gegen den Oberrichter, wie es ſchon dem Amte deſſel⸗ ben gebuͤhrte, warf einen fluͤchtigen Blick umher und ſtand dann geſammelt und gelaſſen, um aufmerkſam auf die ihm vorzulegenden Fragen die erforderlichen Antworten zu geben. „Reginald Elford“, ſprach der Oberrichter, „erhebt Eure rechte Hand und hoͤrt an die Klage, die gegen Euch vorzubringen iſt!“ Der Gefangene gehorchte, und die Klage, ward verleſen, wie in der Nacht des zwan⸗ zigſten Junius u. ſ. w. Reginald Elford ab⸗ ſichtlichen Mord an Amias Radeliffe begangen habe. „Was ſprichſt Du nun, eginatd Elford“, M 247 fragte der Oberrichter, nachdem das Verleſen zu Ende war—„ſchuldig oder nicht ſchul⸗ dig?“ „Nicht ſchuldig, Mylord“, lautete Reginald's veſte und feierliche Antwort. „Vor wem wrillſt Du verhoͤrt werden?“ war nun die naͤchſte Foͤrmlichkeitsfrage. „Vor Gott und meinem Vaterlande“, waͤre hierauf die uͤbliche und ausdrucksvolle Antwort geweſen; Elford aber, der ſich in dieſem Augen⸗ blicke ſchwer des Elendes Englands, ſeines Va⸗ ters und ſeiner Freunde erinnerte, antwortete mit Tiefgefuͤhl:„Vor Gott und meinem armen Vaterlande.“ „Gott verleihe Dir geſegnete Losſprechung!“ ſagte der Oberrichter, als der Staatsanwalt auf⸗ ſtand, um die Rechtsſache darzulegen. Wir uͤbergehen mit Schweigen die weitlaͤufige Verhandlung, und bemerken nur, daß der An⸗ walt jeglichen Klagepunkt durch Worte und Zeu⸗ genſchaft ſo hervorzuheben wußte, daß die ohne⸗ hin ſchon gegen den Beklagten eingenommene Menge nur um ſo lebhafter von deſſen Schuld i 248 uberzeugt ſein zu muͤſſen glaubte. Capitaͤn Co⸗ leman, Dolly Sommerfield, der Conſtabel, der ſchwarze Will und der Pächter aus der Gegend von Tamerton, Sir Piers Edgeumbe, Trelawny und Tremaine legten nach der Reihe und jeder in dem ihm eigenthuͤmlichen Charakter ihre Zeu⸗ genausſagen ab, und mit wie großer Abneigung die genannten Cavaliere dies auch thaten, ſo tru⸗ gen ihre Darlegungen dennoch ebenfalls dazu bei, den Mordverdacht gegen den Angeklagten zu ver⸗ ſtaͤrken. Unter allen Zeugen aber, die abgehoͤrt wurden, war Niemand ſo tief betruͤbt und ſo bemitleidens⸗ werth als Agnes Piper. Bleich, zitternd, bewegt und thraͤnenſchweren Auges trat ſie vor und wagte nicht, dem Gefangenen in's Geſicht zu ſehen, damit ſie nicht ihre zaͤrtlichen Gefuhle fuͤr ihn ſo öffentlich verrathen moͤgte. Aller Augen waren jetzt zu ihr gewendet, und ein Ge⸗ murmel von Theilnahme ward laut, als man ihre Betruͤbniß ſah.. Reginald Elford, der waͤhrend der ganzen vorgaͤngigen Verhandlung jene furchtloſe Ent⸗ — — F—— — ſc 249 ſchloſſenheit und vollkommene Selbſtbeherrſchung gezeigt hatte, welche in einer Lage gleich der ſei⸗ nigen, ſelbſt gegen den Schuldigen Achtung ge⸗ bieten, fuhlte ſeinen Muth wanken, als die Ge⸗ liebte gegen ihn auftrat. Die Ueberzeugung, daß ſie, die ihm theurer als das Leben war, ſeine Mitanklaͤgerin werden mußte, ward ihm uner⸗ traͤglich. Mit unausſprechlicher Seelenangſt blickte er zu ihr hinuͤber, und wider ſeinen Willen entſchluͤpften ihm die Frageworte:„Auch Agnes gegen mich?“ Agnes fing dieſe Worte auf, und verſetzte weinend und haͤnderingend:„Ich bin nicht ge⸗ gen Euch; ich ward wider meinen Willen hier⸗ hergefuͤhrt, um die Wahrheit zu ſagen. Gott verleihe Euch Losſprechung!“ „Amen dieſem Wunſche!“ ſagte Elford; en ich bin unſchuldig.“ Als ihr der Eid abgenommen ward, daß ſie bei dem allmaͤchtigen Gott und Richter des Him⸗ mels und der Erden die Wahrheit— die lautere Wahrheit— nichts als die Wahrheit ſagen wollte, ſchauderte Agnes, denn es war ihr, als haͤtte —— 5——— 250 ſie damit ihr Siegel unter das Todesurtheil Re⸗ ginald's gedruͤckt, an deſſen vollige Unſchuld ſie bisher ſo vertrauensvoll geglaubt hatte. Mit nicht geringer Schwierigkeit und nicht ſonder Verwirrung— ſo groß war ihre Bekuͤmmerniß— legte ſie Alles dar, was ſie von der Eiferſucht und dem Hader zwiſchen Amias Radeliffe und dem Gefangenen wußte, der vor den Schranken ſtand. Vieles von Dem, was ſie ausſagte, ward ihr durch die Gewandtheit des Staatsanwaltes entlockt, der, in Querfragen geuͤbt, durch jeden Irrthum, jede Luge, jeden Zweifel und jegliches Verhehlen ſo hindurchzudringen wußte, daß aus dem Zeugniß Agneſens die unleugbare Wahrheit hervorging, Reginald Elford habe den Hader angefangen und vergroͤßert, wenn gleich Amias Radeliffe nicht gaͤnzlich von den Anſchuldigungen frei zu ſprechen bliebe, um derer willen der Be⸗ klagte ihn anfeindete. Nachdem der Anwalt auf ſolche Weiſe aus Agneſens Darlegungen ver⸗ ſtärkten Beweis gegen den Gefangenen heraus⸗ geſiebt hatte, durfte die faſt ohnmächtig gewor⸗ e—„„—„—— 251 dene Miß Agnes Piper ſich aus dem Gerichts⸗ ſaal entheben. Indem ſie dies that, warf ſie einen Angſt⸗ blick auf Elford, als wollte ſie ihn um Verge⸗ bung bitten, daß ſie ſo durchaus gegen ihren Willen Theil an ſeinem Verderben hatte nehmen muͤſ⸗ ſen. Da ſie jedoch ſah, wie der Jungling mit verſchraͤnkten Armen, niedergeſenktem Haupte und in den Boden wurzelndem Blicke daſtand, als waͤre das Leben ſelbſt ihm nach dieſem entſetz⸗ lichen Schickſalsſchlage vollig gleichgultig wor⸗ den— da bewaͤltigte auch ſie der Jammer der Stunde in ſolchem Maaße, daß ſie ohne Be⸗ ſinnung in die Arme der ſie Umſtehenden ſank, und ſie in dieſem Zuſtande hinausgetragen wer⸗ den mußte. Nach ihr hatte Sir John Coppleſtone Zeug⸗ niß abzulegen. Er leiſtete den herkömmlichen Eid mit foͤrmlicher Feierlichkeit, ohne dabei den Gefangenen anzuſehen und ohne ein Wort mehr zu ſagen, als ihm abgefragt ward. Seine Aus⸗ ſage ging blos dahin, wie ſein Pflegſohn Amias Radcliffe geſonnen geweſen waͤre, bis zu ſeiner Volljährigkeit das Haus ſeines Vormundes zu verlaſſen, indem, wie Sir John zugeſtand, Rad⸗ cliffe und er ſeit einiger Zeit nicht auf dem freund⸗ ſchaftlichſten Fuße geſtanden haͤtten, weil der Pflegſohn ſich geweigert hatte, die ihm vom Zeu⸗ gen angetragene Tochter deſſelben, Miß Gertrud Coppleſtone, zu ehelichen— ein Umſtand, aus welchem alle Welt entnehmen koͤnnte, wie hoch Seuge den unglucklichen Verſtorbenen habe ſchaͤtzen muͤſſen. Sir John bezeichnete hierauf die Stunde, in der er zuletzt den Ermordeten lebend in ſei⸗ nem Hauſe geſehen hatte, und etliche von der Dienerſchaft des Zeugen beſchworen deſſen Aus⸗ ſage, daß Maſter Amias Radeliffe um acht Uhr Abends am zwanzigſten Junius Haus Warleigh verließ. Das Zeugniß Coleman's, Dolly's und des Conſtabels aber lief dahinaus„daß die Leiche des Erdolchten an demſelben Abend wenige Mi⸗ nuten nach neun Uhr unter der verhaͤngnißvollen Eiche, nahe dem Kirchhofe von Tamerton, un⸗ weit des Herrnhauſes von Warleigh, gefunden ward. Nichts, wodurch Reginald Elford's Schuld an dem begangenen Morde bethaͤtigt werden konnte, ward in der ferneren Verhandlung vergeſſen. Sein kurzer, blutiger Dolch, ſein blutbefleckter Man⸗ tel, ſeine Aufregung und ſein haſtiges Weſen, als man ihn am Morgen nach der That ver⸗ haftete, dienten mit einander zu ſeiner Ueberfuͤh⸗ rung, ſo daß alle Anweſenden uͤberzeugt waren, der Beklagte könne dem Todesurthel nicht mehr entrinnen, er muͤßte denn im Stande ſein, ein alibi*) zu beweiſen. * Ein Rechtsausdruck, ſchone Leſerin, der ſo viel bedeutet, als„Beweis zu fuͤhren, daß man zur Zeit der Ermordung an einem ganz andern Orte, als an dem be⸗ findlich war, an welchem die Unthat vollfuͤhrt ward“ Anm. d. Ueberſ. „Shylock: Gelehrter Mann! Sprich Urthel; mach' Dich fertig! Porcia: Wart' noch ein wenig; ſo weit iſt's noch nicht!“ Shakſpeare. Nachdem der Staatsanwalt die Klage gegen Reginald Elford erwieſen hatte, ward dieſer auf⸗ gefordert, ſich zu vertheidigen. Wie aus einem dumpfen Traume durch dieſen Aufruf aufge⸗ ſchreckt, blickte der Juͤngling, deſſen Gedanken zeither nur mit Agnes und ſeiner nunmehrigen gaͤnzlichen Hoffnungsloſigkeit beſchaͤftigt geweſen waren, den Oberrichter an, und kam dadurch ei⸗ nigermaßen und in ſofern zur Beſinnung, daß er einſah, was er ſeiner Ehre und der Erhal⸗ tung ſeines Lebens ſchuldig waäre. Durch dieſe Einundzwanzigstes Capitel. ———„——— — Erkenntniß kehrte ihm die Selbſtbeherrſchung und ſogar einige Seelenſtaͤrke wieder. Mit edler Miene und hoch aufgerichtetem Koͤrper ſah er umher, ließ dann einen ruhigen Blick an dem Oberrichter haften und fuͤhrte in veſt und deut⸗ lich geſprochenen Worten ſeine Sache. Mit kuͤh⸗ ner und maͤnnlicher Beredtſamkeit verweilte er nachdruͤcklich bei dem Gedanken, wie gefaͤhrlich es ſei, zufaͤllig zuſammentreffenden Ergebniſſen unbedingt als einem zuſammengehoͤrenden Gan⸗ zen zu trauen, und zwar beſonders dann unbe⸗ dingt zu trauen, wenn kein Beweis vorlaͤge, daß der Angeklagte in irgend einem Falle eine Nei⸗ gung zeigte, die ihn zu dem ihm angeſchuldig⸗ ten Verbrechen haͤtte anleiten koͤnnen. Beſcheiden, jedoch mit der Waͤrme und dem Eifer der Jugend und der Tapferkeit, wies El⸗ ford auf die Dienſte hin, die er in unbefleckter Ehre waͤhrend des Krieges dem Koͤnige geleiſtet hatte, und fragte dann, ob es wahrſcheinlich waͤre, daß er, der ſich jederzeit ritterlich und edelmaͤnniſch zeigte, durch eine eben ſo feige als ſchaͤndliche That ſeinen guten Namen haätte be⸗ 256 flecken können? Er leugnete nicht, daß Gefuͤhle der Eiferſucht gegen den Verſtorbenen in ihm rege geweſen waren; er gab zu, daß er den jun⸗ gen Radcliffe als einen unwuͤrdigen Nebenbuhler betrachtet hatte, der ihm die Zuneigung der Ge⸗ liebten abſpenſtig zu machen trachtete; er raͤumte ein, daß er in Folge deſſen dieſem Nebenbuhler die Spitze ſeiner Waffe in ehrlichem Zweikampfe bot und daß dies vielleicht Suͤnde, jedoch völ— lig gemaß der Sitte der Zeit war, und behaup⸗ tete dann, es wuͤrde hoͤchſt ungerecht ſein, ihn wegen des Allen fuͤr den uͤberwieſenen Moͤrder des Umgekommenen zu halten. Keiner; aͤußerte Reginald Elford, könnte den Tod des ungluͤcklichen Amias Radeliffe mehr beklagen, als er ſelbſt ihn beklagte, indem Amias ſtarb, bevor er, naͤmlich der Beklagte, Gelegen⸗ heit gefunden haͤtte, ihm den ungerechter Weiſe gegen ihn gehegten Verdacht der Eiferſucht ab⸗ zubitten, wie er ſolches zu thun ſich verpflichtet gefühlt haben wuͤrde, weil er durch ſpaͤter in's Licht getretene Umſtaͤnde erfahren haͤtte, daß Amias Radcliffe, weit entfernt, ihm ein niedriger 257 Nebenbuhler zu ſein, vielmehr in edelmuͤthiger Freundſchaft und maͤnnlicher Entſagung ſich auf mehr als gewoͤhnliche Weiſe hochherzig erwies. Es bekuͤmmerte ihn, ſetzte der Beklagte hinzu, in tiefſter Seele, wenn er dieſer ſo fruͤheren als ſpateren Verhaͤltniſſe gedaͤchte, und er moͤgte jetzt ſein durch falſche Anſchuldigung wahrſcheinlich ſchon verfallenes Leben darum hingeben, wenn er dadurch nur in den Stand geſetzt werden koͤnnte, das Unrecht ſeiner gegen den Ermorde⸗ ten gehegten Gefuͤhle wieder gutzumachen. Der Oberrichter ließ den Gefuͤhlen des Be⸗ klagten voͤllige Gerechtigkeit widerfahren, zeigte jedoch auf das Zuſammentreffen aller Zeugenaus⸗ ſagen und folglich auch auf den Umſtand hin, daß Beklagter von dem ſchwarzen Will und dem Pächter aus der Gegend um eben jene Zeit, zu welcher der Mord veruͤbt worden war, unfern der Eiche zu Tamerton geſehen— wenn gleich verhullt, wie Einer, der ſein Geſicht verbergen moͤgte— aber dennoch geſehen worden waͤre. „Mylord,“ fuhr Elford dagegen in ſeiner Vertheidigung fort,„ich vermoͤgte zu beweiſen, Warleigh. III. 17 258 wie zu jener Stunde, in welcher der Mord ver⸗ uͤbt ward, ich ſo viele Meilen weit von der Ta⸗ merton⸗Eiche entfernt war, daß es gaͤnzlich un⸗ moglich bleibt, mich hätte Jemand in der Nähe jenes Baumes ſehen und ich den Mord, deſſen man mich anklagt, begehen koͤnnen. Ich ſage, ich koͤnnte dies beweiſen, Mylord; jedoch eine hoͤhere Pflicht als die, welche ich meinem Leben, oder— was mir ſelbſt theurer als mein Leben iſt— meiner Ehre ſchuldig bin, verſiegelt mir die Lippen zu ewigem Schweigen. Ich will nicht mein Leben dadurch retten, daß ich das Leben eines Anderen dahingebe. Tropfenweiſe wuͤrde ich eher mein Blut unter Folterqualen fließen laſ⸗ ſen, als zum Verraͤther zu werden. Ich moͤgte den ehrſamen Gerichtshof anflehen, dieſen Theil meiner Erklaͤrung ganz beſonders zu beherzigen. Es iſt offenkundig, Mylord, daß ich mich zu den Koͤniglichgeſinnten zähle; auch weiß man, daß mein Vater in dieſen unnaturlichen Kriegen ſein Vermoͤgen, ſeinen Seelenfrieden, alle ſeine Freunde und Verwandte bis auf mich verlor, und daß meine arme Mutter durch eine Kugel—“ 8 8 ———— 2 Elford hielt inne; denn wie leiſe dieſe Hin⸗ deutung auf ſeine Mutter auch war, ſo fuͤllte ſie ihm doch die Augen mit Thränen. Indem er bemuͤht war, ſich zu faſſen, ſprach er weiter, doch that er es in minder veſtem und zuverſichtlichem Tone als zuvor.„Ich bin Royaliſt,“ ſagte er, „und als ſolcher mit Royaliſten in Verbindung, die es nicht immer wagen können, ſich gefahr⸗ los blicken zu laſſen. Wie nun, da es doch moͤg⸗ lich iſt, ſolches anzunehmen„wie nun, wenn ich an jenem Abend an einem Orte und in Geſell⸗ ſchaft von Männern war, die blos zu nennen ſchon ein Verrath ſein wuͤrde? Dennoch waͤr' es moͤglich, daß, wenn ich es thaͤte, ſie, ſollt' es ihnen auch das Leben koſten, vortreten und Angeſichts aller Welt meine Unſchuld rechtferti⸗ gen wuͤrden.“ „Mein Anzug, meine Bewaffnung und meine Verſtoͤrtheit, als man mich gefangen nahm,“ fuhr Reginald fort,„ſind ebenfalls als Beweiſe ge⸗ gen mich aufgeſtellt worden. Wohlan, Mylord Oberrichter! Ich bekenne, daß ich am Abend des zwanzigſten Junius einen Freund beſuchte, 17* 260 der ſich unter Lebensgefahr verborgen halten muß. Auf meinem Wege zu ihm traf ich auf zwei Maͤnner, die, wie ich nicht zweifeln konnte, meine Schritte belauſchten, um ſo durch mich den Ver⸗ ſteckort meines Freundes zu erſpaͤhen. Es kam zu einem Wortwechſel, von dieſem zu einem Hand⸗ gemeng, in welchem ich Einen der Beiden, doch wie ich glaube, nicht gefaͤhrlich verwundete. Beide entflohen; wer ſie waren, weiß ich zwar nicht, doch daß ſie ſich mir feindlich zeigten, bleibt ge⸗ wiß, indem ſie unbeſtreitbar in mir einen Roya⸗ liſten erkannten, der fruͤher in offenem Felde ge⸗ kaͤmpft hatte. Freilich wird keiner von Beiden, falls ſie von meiner Gefangennehmung hoͤrten, ſich aus eigenem Antriebe dem Gerichte ſtellen, um mich aus meiner jetzigen Bedraͤngniß zu ret⸗ ten; denn Beide uͤberfielen mich hinterliſtig, wie ich ſchon ſagte. Ein Menſch jedoch koͤnnte mich retten, mein' ich, und hoffentlich ohne ſelbſt Ge⸗ fahr dabei zu laufen; doch ach! jenes Mannes Namen weiß ich nicht und weiß nicht, wo er ſelbſt anzutreffen ſein mag.“ Ein Gemurmel durchlief den Saal, doch — 261 ward die Stille bald wiederhergeſtellt, und El⸗ ford fuhr zu nicht geringer Verwunderung und bei der geſpannteſten Aufmerkſamkeit aller Anwe⸗ ſenden folgendermaßen fort: „Als ich meines Weges weiter zog, begab ich mich gen Sheep's⸗Tor, viele Meilen von Ta⸗ merton; da kamen zwiſchen acht und neun Uhr Abends zwei Maͤnner zu Pferd an mir voruͤber, welche laut mit einander redeten, und aus den Worten des Einen entnahm ich, daß eben ver⸗ moͤge ſeiner Aeußerungen er ebenfalls jenen bei⸗ den Nachſchleichern, denen ich kurz zuvor mit genauer Noth entronnen war, ein Dorn im Auge ſein koͤnnte. Ich redete jenen Mann an, waͤh⸗ rend er noch zu ſeinem Gefährten ſprach, und aͤußerte ihm meine Beſorgniß ſeinetwegen, deu⸗ tete ihm auch einen Weg an, den er meiner Meinung nach einzuſchlagen haͤtte, wenn er je⸗ nen Auflaurern nicht begegnen wollte. Der Rei⸗ tersmann dankte mir und ſagte, daß ihm meine Warnung zu ſehr guͤnſtiger Zeit kaͤme und ihm aller Wahrſcheinlichkeit nach das Leben gerettet hatte, indem er ſich in hoͤchſt wichtiger Angele⸗ 26 genheit auf dem Wege befaͤnde. Wir ſchieden freundlich von einander; der Mann bot mir eine gute Nacht und—“ „Und da ſchlug die Glocke Neun!“ rief eine helle Stimme inmitten des Gewuͤhls am Ein⸗ gange des Gerichtsſaales. „Wer wagt's, die Sitzung hier zu ſtören?“ rief der Oberrichter.„Holla! nehmt den unbe⸗ rufenen Sprecher dort veſt—“ „Noch nicht!“ entgegnete die naͤmliche Stim⸗ mez„erſt muß man mich hoͤren.“ „Ich frage nochmals,“ ließ ſich der Ober⸗ richter vernehmen,„wer es wagt, die Feierlichkeit einer Gerichtsſitzung uͤber Leben und Tod zu ſtoͤ⸗ ren?“ „Ich wag' es,“ war die Antwort eben der— ſelben Stimme, und hervorgedrungen durch die Menge war jetzt Sir Hugo Piper, und ſtand kuͤhn und mannlich mit ſeinem aͤltlichen Geſichte da, das jetzt von redlichem Eifer und von der Anſtrengung eines weiten und beſchwerlichen Rit⸗ tes ergluͤhete; denn Sir Hugo hatte, ſeitdem er zur Zeit des Fruͤhrothes dieſes Tages ſeinen 263 treuen Hector beſtieg, manche Meile Weges zu⸗ ruͤckgelegt, ſo daß er eben erſt zu Lidford ange⸗ langt, ſich den Schweiß von der Stirn wiſchte und bemuͤht war, Athem zu ſchoͤpfen, damit er in der Erzaͤhlung, die er abzugeben hatte, nicht ſtraucheln, oder wohl gar ſtocken moͤgte. Sobald Sir Hugo alſo im Stande war, ſei⸗ ner Stimme und ſeinen Empfindungen zu gebie⸗ ten, ſchauete er dem Gefangenen vor den Schran⸗ ken veſt in's Antlitz und ſprach:„Junger Mann, kennt Ihr mich? Meiner Stimme moͤgt Ihr Euch gewiß erinnern, wiewohl meiner Perſon vielleicht nicht; denn als wir am Fuße des Sheep's⸗ Tor, Abends des zwanzigſten Junius, einander begegneten, war es etwas dunkel, und als wir uns von einander verabſchiedeten, ſchlug des na⸗ hen Doͤrfchens Thurmuhr—“ „Neun!“ rief Elford, dem die ploͤtzliche Freu⸗ de, eben den Zeugen vor ſich zu erblicken, der ihm von der gegen ihn erhobenen Mordanklage reinigen konnte, die Seele ſo gewaltig einnahm, daß er beide Haͤnde erhob, krampfhaft ſchluchzte und dann ſtammelte:„O, mein Gott, mein Gott, 264 ich danke Dir! Du haſt mir den Erretter ge⸗ ſendet, und ich werde nicht dieſen Tod der Schmach ſterben.“ „Gott, und nur Gott hat Dir den Erretter geſendet,“ bekraͤftigte Sir Hugo Piper.„Moͤ⸗ gen Alle zuhoren, wie ich hier vor dieſem offe⸗ nen Gerichtshofe und unter dem Eidſchwure bei dem allmaͤchtigen Gott und Richter des Him⸗ mels und der Erden, die Wahrheit zu ſprechen, meine einfache Erzaͤhlung vorbringe, welche dar⸗ thun wird, welches wunderſame Mittel der Va⸗ ter der Wahrheit und des Erbarmens erwaͤhlte, um mich zur Befteiung jenes Gefangenen auf⸗ zurufen!“ Das feierliche im Weſen und die Kraͤftigkeit des Tones, womit dieſe Worte geſprochen wurden, und der Anblick der krampfhaften Freude, die ſich des Angeklagten bemaͤchtigt hatte, erregten mit⸗ einander die lebhafteſte Theilnahme aller Anwe⸗ ſenden, und der Oberrichter befahl, den neuen Zeugen ſonder Verzug einzuſchwoͤren. Sir Hugo legte die Hand auf das heilige Buch und leiſtete den feierlichen Schwur, daß 265 er die Wahrheit, die reine Wahrheit und nichts als die Wahrheit ſprechen wollte. Dann begann er ſofort ſeine Ausſage: „Am Abend des zwanzigſten Junius,“ er⸗ zählte er,„befand ich mich in Begleitung mei⸗ nes Dieners und Anhaͤngers, des Cornet Davy, auf meinem Wege vom Hauſe eines Freundes unweit Sheep's⸗Tor's, den ich in Geſchäften von einiger Wichtigkeit heimgeſucht hatte. Ich wollte an eben jenem Abend einer Geſellſchaft gewiſſer Edelleute zu Warleigh beiwohnen, von denen es jetzt kund iſt, daß ſie Royaliſten ſind, und ich brauche alſo nicht hinzuzufugen, daß ſie wahrſcheinlich ihre Verſammlung zu Warleigh buͤßen werden—“ Hier erinnerte man den ehrlichen Ritter Hugo daran, wie er von ſeiner eigentlichen Ausſage abwiche, die nur darauf hinausliefe, daß er be⸗ wieſe, in wiefern er in die Sache Reginald Elford's mit verflochten waͤre. „Verzeiht mir, Mylord Oberrichter, und Ihr Gentlemen der Jury,“ entgegnete Sir Hugo, „doch werdet Ihr ſofort erkennen, daß ich nicht 266 weiter abwich, als bis zum Fuße des Sheep's⸗ Tor, an welchem ich auf meinem Ritte voruͤber mußte, und wo ich, da ich keinen Lauſcher um⸗ her ſah noch muthmaßte, etwas laut und ftei⸗ ſinnig uͤber eine gewiſſe hochwichtige Sache mit dem Cornet Davy ſprach, und war dieſe Sache keine andere als jenes Zuſammentreffen der Edel⸗ leute zu Warleigh, die Ihr, Mylord, ſo eben eine außerweſentliche Sache nanntet. Ich be⸗ dauerte gegen den Cornet, daß ich furchtete, mein Gaul waͤre zu ermuͤdet, um mich noch vor Nachts an den Ort meiner dermaligen Beſtimmung zu tragen, und aͤußerte hieruͤber um ſo lauter mei⸗ nen Verdruß, als ein großer Hauptzweck meiner Reiſe dergeſtalt vereitelt worden war, daß mei⸗ nen zu Warleigh verſammelten Freunden großes Unheil daraus erwachſen koͤnnte. Waͤhrend ich nun zu meinem Begleiter alſo ſprach, ſtuͤrzte plotzlich ein Mann hervor, der, wie es ſchien, un⸗ ter einem der Felſenvorſpruͤnge geraſtet hatte. Anfaͤnglich hielt ich ihn fuͤr einen Wegelagerer oder fuͤr irgend einen parteigangeriſchen Schur— ken, der aus Dem, was ich unvorſichtiger Weiſe * 267 geſprochen hatte, Nutzen zu ziehen bereit ſein moͤgte. Ich legte daher meine Hand an meinen Schwertgriff, und auch der Cornet zog von Le⸗ der; jedoch der vermeinte Buſchritter wies ſich bald als ein Freund aus„denn er warnte uns, unter keiner Bedingung an dieſem Abend gen Warleigh zu ziehen, und erzaͤhlte uns gewiſſe umſtaͤnde, die mich uͤberzeugten, daß ihm das Ganze des Planes, fuͤr welchen ich zu Warleigh mitthätig ſein wollte, bekannt war; ja, er ver⸗ ſicherte mir, daß, wenn ich gen Warleigh zoge, ich mich bald verrathen ſehen wurde. Ich dankte ihm und ſetzte hinzu, daß er mich wahrſcheinlich aus Lebensgefahr gerettet hatte, indem ich in wichtiger Angelegenheit reiſete. Ich wollte ihn um ſeinen Namen fragen, doch nachdem er mir einen Nebenweg bezeichnete, den ich einſchlagen moͤgte, um etlichen rundkoͤpfigen Halunken aus⸗ zuweichen, von denen er uͤberfallen worden war, ſagte er mir hurtig gute Nacht und verlor ſich zwiſchen dem Felsgeſtein, als eben die Dorf⸗ thurmuhr Neun ſchlug. Cornet Davy, der ein ſo ehrlicher Kerl iſt, als je Einer vor Gericht 268 erſchien, befindet ſich zur Stunde in Lidford. Ich ließ ihn in der kleinen Herberge zuruͤck. Laßt ihn holen, den Eid ablegen und Ihr ſollt hoͤren, wie ſeine Ausſage vollkommen mit der meinigen ubereinſtimmen wird.“ Ein Gemurmel der Zuſtimmung wogte durch den Saal; Sir Hugo Piper fuhr alsdann fort: „Und jetzt, Mylord Oberrichter und Ihr, Gentle⸗ men der Jury, laßt Euch zu Eurer Verwunde⸗ rung erzaͤhlen, wie ich hieherkam, um einen faͤlſchlich Angeklagten zu retten, deſſen Namen ich erſt hier in dieſem Saale erfuhr, und von deſſen Verhaſtung, wegen meines langen Fern⸗ ſeins von dieſer Gegend, ich nichts wußte. Man⸗ cher wird die Wahrheit Deſſen, was ich jetzt mit⸗ theilen will, bezweifeln; indeſſen, ich ſtehe hier als ein wohlbekannter Mann, und als ein Mann, dem man hoffentlich nicht zutrauet, daß er vorſaͤtzlich eine Luge ſprechen werde. Zudem hab' ich den lebendi⸗ gen Gott zum Zeugen der Wahrheit meiner Darle— gung genommen, und moͤgte nimmer durch Ver⸗ letzung ſolchen Eides das Heil meiner Seele ver⸗ loren geben, moͤgte nicht allen Richtern der Erde 269 lugen, gaͤlte es auch in Friedenszeit eine Koͤ⸗ nigskrone dadurch zu gewinnen.— Alſo weiter in meiner Ausſage! Nach dem erwaͤhnten Zu⸗ ſammentreffen bei Sheep's⸗Tor war ich durch Empfang gewiſſer Briefe von der Hand eines Freundes in meiner Reiſe aufgehalten worden, ſo daß ich, ſtatt mich meiner Heimath zuzuwenden, bis nach Exeter zuruͤckging, von wo ich geſtern ſo weit wie bis nahe bei Plymouth wiederkehrte, und hoffte noch an demſelben Tage die Meini⸗ gen wieberzuſehen, von denen ich geraume Zeit entfernt geweſen war. Unſere Pferde jedoch— oder vielmehr mein Pferd— denn der alte Hector war es blos, der ſich ſteif meldete— konnte nicht ſonder vorgaͤngige Raſt weiter; ſo daß wir beſchloſſen, in einer kleinen Herberge am Wege zu raſten und dann heute fruͤh mit der Lerche aufzuſtehen, um gen Plymouth zu reiten. Ich begab mich, nachdem ich, wie jeder Chriſt es zu thun ſchuldig iſt, Gott fuͤr die mir Tags uͤber gewordenen Gnaden gedankt und ihn um eine ruhige Nacht angefleht hatte, zeitig zur Ruhe. Iſt ein Mann bei guter Geſundheit und reinen 270 Gewiſſens, ſo mag es wohl nicht viele Beſchwer⸗ den geben, die ihm den Schlaf rauben; ſo alſo, Mylord und Gentlemen, hoffe und wuͤnſch' ich, daß Ihr jederzeit eines ſo ſanften Schlafes ge⸗ nießen moͤgt, als er mir waͤhrend der erſten drei oder vier Stunden geſtern Nachts zu Theil ward. Gegen Morgen jedoch,“ fuhr Sir Hugo nach kurzer Pauſe fort,„ward ich durch einen Traum heimgeſucht, und dieſer Umſtand eben brachte mich hieher.“ „Ein Traum? Ein Traum bringt einen Zeugen vor Gericht?“ murmelte es in der Ver⸗ ſammlung. „Wahrlich, ein Traum!“ fprach Sir Hugo weiter:„Mir traͤumte naͤmlich, ich waͤr' allein zwiſchen dem Geſtein von Sheep's⸗Tor, und es waͤre Abend. Ich ſehnte mich heim zu Weib und Kind, und trieb meinen Gaul vorwaͤrts, denn ich bildete mir ein, ich ſaͤße auf meinem alten Hector. Dieſer aber war nicht vom Flecke zu bringen, als ploͤtzlich von eben dem Felsblock herab, an welchem ich am Abend des zwanzig⸗ ſten Junius von dem jungen Manne gewarnt —„— —„————— worden war, nicht nach Warleigh zu gehen, ich eine Geſtalt mir winken ſah. Ich kann nicht ſagen, daß die Geſtalt eine deutlich menſchliche war, denn ſie wies ſich ſchattenartig und un⸗ vollkommen, oder ſo, als ob ich ſie durch einen Nebelſchleier erblickte. Ich war betroffen, jedoch ich gehorchte, und mein Gauk, der, wie mich duͤnkte, unter mir in allen ſeinen Gelenken bebte, trug mich bis auf wenige Schritte zu der Ge⸗ ſtalt hinan, die nun im Befehltone die Worte zu mir ſprach:„Mache Dich auf und be⸗ gieb Dich nach Lidford!“ Mein Pferd, ſo war mir, brach unter mir zuſammen, als die Geſtalt mich anredete. Ich erſchrak und er⸗ wachte und fand mich im Bette in der Her⸗ berge, durch deren Fenſter das erſte Grauen des Morgens hereinſchlich. Ich wendete mich auf meinem Lager um und entſchlief wieder; aber⸗ mals aber ſchwebte die Geſtalt vor mir, und ich hoͤrte wieder wie im Traum ſie die naͤmlichen Worte ſprechen. Ich erwachte nochmals; die Lerche zwitſcherte und der Morgen war heller heraufgeſtiegen. Da ich mich jedoch muͤde fuͤhlte, 272 ſprach ich ein Stoßgebetlein, faltete meine Haͤnde und entſchlummerte nochmals; indeſſen mein Traum kam zum dritten Male, und ein drittes Mal erſcholl der Befehl einer Macht, die mir gewaltiger zu ſein ſchien, als alle Macht irdi⸗ ſcher Koͤnige, und rief mich auf mit den Wor⸗ ten:„Mache Dich auf und begieb Dich nach Lidford!“ Ich fuhr auf und war auch augenblicklich außerhalb des Bettes, uͤberzeugt, daß dieſe feierliche Heimſuchung, dieſes Ehrfurcht erweckende Geheiß wahrlich von Gott geweſen war, und daß ich gehorchen muͤßte. Ich ſank auf meine Kniee und flehete den Hoͤchſten an, mich ſicher zu geleiten, daß ich mein Vorhaben, in welches Geheimniß daſſelbe ſich auch gehuͤllt haͤtte, erfullen moͤgte. So kam ich nach Lidford ſonder Abſicht und Plan. Ich nahm Herberge, um mein Thier fuͤttern zu laſſen, und als ich vernahm, es faͤnde hier ein Gerichtsverhoͤr Statt, eilte ich, von Neugier getrieben, dieſem Saale zu, in den ich eintrat, als der Gefangene ſeine Vertheidigung begann. Was folgte, davon war dieſe ganze Verſammlung Zeuge. Gott, der Herr, ir 273 hat jenen jungen Cavalier durch mich, ſein ſchwaches Werkzeug, errettet, obwohl ich des jungen Man⸗ nes Geſicht nicht eher als an jenem Abend in der Daämmerung bei Sheep's⸗Tor erblickte, auch hier im Saale erſt vernahm, daß er ſich Regi⸗ nald Elford nenne, der vor laͤngerer Zeit zu Exeter, als ich nicht dort war, meiner Tochter Liebe gewann und meine Einwilligung zu ſeiner Verehelichung mit meiner Agnes erhalten haben wuͤrde, wenn nicht die Zeitverhaͤltniſſe und ſeines Vaters Mißgeſchick Schuld geweſen waͤren, daß Sir Marmaduke Elford ſeine Zuſtimmung zu dieſem Buͤndniſſe verweigerte. Die Gefahr, in welcher jener junge Mann als verfolgter Roya⸗ liſt ſchwebte, hinderte ihn, ein perſoͤnliches Zu⸗ ſammentreffen mit mir in Plymouth zu der Zeit zu ſuchen, als mein Kind mir zuerſt ſeine Lie⸗ besbewerbung kundmachte. So blieben wir bis auf dieſen Tag einander von Perſon unbekannt.“ Die Verwunderung, die durch dieſe Darle⸗ gung im Gerichtsſaale reggemacht wurde, zu be⸗ ſchreiben, wuͤrde ein vergeblicher Verſuch blei⸗ ben. Reginald Elſord war ſo von Freude, Er⸗ Warleigh. III. 18 ſtaunen und Dankgefuͤhl uͤberwaͤltigt, daß an⸗ faͤnglich er ſeinen Gefuͤhlen keine Worte zu ge⸗ ben vermogte. Als er jedoch Kraft zur Rede wieder gewonnen hatte, ſank er, alles Andere um ſich her vergeſſend, oͤffentlich im Saale auf ſeine Kniee und pries laut und inbruͤnſtig den Hoͤchſten, deſſen Gnade ihn auf ſo wunderſame Weiſe von einer faͤlſchlich gegen ihn Wen Klage gereinigt hatte. Allgemein wurden die Aeußerungen der inni⸗ gen Theilnahme der Anweſenden an der ſegens⸗ reichen Wendung des Geſchickes Reginald El⸗ ford's. Selbſt der Oberrichter war tief geruͤhrt und ſtimmte in die allgemeine Anerkennung ein, daß in dieſer Losſprechung eines Unſchul⸗ digen die Hand des Allmaͤchtigen ſichtbar ware. Die Cavaliere triumphirten, und ſelbſt Rund⸗ kopfe und Fanatiker vergaßen, daß der Gerettete ein Royaliſt war. Etliche gingen ſogar ſo weit, den Vorfall mit dem Traume zu vergleichen, in welchem„der Engel des Herrn Herrn zu Ja⸗ cob redete“. Andere ſagten, er gliche dem Trau⸗ me Joſephs, in Folge deſſen dieſer am Leben e⸗ de re 275 blieb und vor dem Hauſe des Pharao zu hohen Ehren gelangte. Auch Daniels Traum, ja, kein einziger Traum, deſſen die heilige Schrift er⸗ waͤhnt, ward vergeſſen, um ihn, er mogte nun anpaſſend ſein oder nicht, auf das vorliegende Ergebniß anzuwenden, und dieſes demnach als eine unmittelbare Andeutung oder Offenbarung gottlichen Willens zu erklaͤren. Einige in der neueren damaligen Zeitge⸗ ſchichte Bewanderte gedachten auch des merkwuͤr⸗ digen Traumes jenes Edelknaben, der den Her⸗ zog von Buckingham vor der ihm drohenden Ge⸗ fahr warnte, wie Buckingham aber des Trau⸗ mes und der damit verbundenen Warnung hohn⸗ lachte, und doch nach wenigen Tagen dem Meſ⸗ ſer des Meuchlers Felton zum Opfer fiel. zu ſprechen. Ehe er jedoch dazu gelangen konnte, Zweiundzwanzigstes Capitel. „Bei'm Recht beſchwoͤr' ich Euch, Deß wohlverdiente Strebeſtuͤtz' Ihr ſeid, Kommt nun zum Spruch!“ Shakſpeare. Es waͤhrte ein Weilchen, bevor der Tumult der Freude und der Verwunderung im Gerichts⸗ ſaale zu Lidford ſich in ſo fern legte, daß wie⸗ der zur Tagesordnung geſchritten werden konnte. Der Oberrichter war der Erſte, welcher ſich ſam⸗ melte und dann die Aufmerkſamkeit der Geſchwor⸗ i nen in Anſpruch nahm, um die Guͤltigkeit der 1 juͤngſten Zeugenausſage in's Licht zu ſtellen, und ſ demnach den Gefangenen von aller Schuld an t der Ermordung Amias Radcliffe's frei und los ſ 277 erhob ſich eine neue Unterbrechung. Ein altlicher Mann im Mantel und unter breitem Kremphute, dem eine ſauber gekleidete Frau folgte, die ein kleines Maͤdchen an der Hand fuͤhrte, ſuchte ſich Bahn durch das Gewuͤhl hin zu den Richter⸗ ſitzen zu brechen, ward jedoch von den Wachen zu⸗ ruͤckgehalten. Die Frau aber, die minder betagt war, auch wohl minder rauh von den Kriegs⸗ knechten behandelt ward, drang durch, ſtuͤrzte vor die Schranken, hob ihr Kind in die Höhe, und rief mit ſo heller Stimme, daß die ganze Verſammlung dadurch erſchuͤttert ward:„Ihr habt den Traum gehoͤrt, jetzt hoͤrt auch den Zeugen!“ Die Haſt, die Aufgeregtheit, womit die Frau hervorſturzte und ihr Toͤchterchen in die Hoͤhe hob, und der ſchrillende Ton, in welchem ſie ihren ſeltſamen Ausruf hatte hoͤren laſſen, ver⸗ leiteten Manchen zu dem Glauben, die Frau ſei wahnſinnig und waͤhne, nachdem ihre Phan— taſie durch den Hergang im Saale erhitzt ward, ſich berufen, irgend einen Antheil an den denk⸗ wuͤrdigen Ergebniſſen des Tages zu nehmen. 278 Ein Gerichtsbote wollte ſie mit Gewalt weg— fuͤhren, ſie aber ſchuttelte ihn von ſich, erhob den Arm ihres Kindes und zeigte der ganzen Verſammlung, daß die Kleine die Scheide eines Dolches in ihrer Hand hielt. Indem ſie ihr Tochterchen mit Ernſt und Liebe anblickte, ſagte ſie dann:„Jetzt, Mary, mein Kind, ſprich die Wahrheit— Gott ſieht Dich!“ Das Kind, welches etwa acht Jahre zaͤhlen mogte, mit Augen klar und blau, wie die mil⸗ deſten Tinten eines Morgenhimmels, ſchuͤttelte ſich die goldene Lockenfulle, die ihr die roſigen Wangen umhing, zuruck und ſchauete, durch der Mutter Zuſpruch ermuntert, veſten Blickes umher, bis der Gegenſtand ihres Suchens ihr gefunden war. Mit einer Stimme und einem Weſen, wo⸗ durch ſie zwar einige Furcht, jedoch auch einen Grad von Entſchloſſenheit kundgab, wie man ihn bei ſo jugendlichem Geſchoͤpfe kaum hätte erwarten moͤgen, rief die Kleine, indem ſie mit der Dolchſcheide auf den anweſenden Sir John Coppleſtone zeigte:„Dort ſitzt der Mann, der den Mord beging!“ W——* v2—— 279 Das Erſtaunen, die Beſtuͤrzung, die Unruhe, die durch dieſe ploͤtzliche Anklage hervorgebracht wurden, uͤberſteigen alle Beſchreibung; denn der ſo ploͤtzlich des Mordes angeklagte Coppleſtone ſchien mit Einemmale von dem Grauſen, das ihn erfaßte, uͤberwaͤltigt zu ſein. Er wollte ſich er⸗ heben, wuͤrde jedoch, wenn die Umſtehenden ihn nicht unterſtutzt haͤtten, wie betaͤubt zu Boden geſtuͤrzt ſein. Schwer athmend heftete er die ſtarren Augen auf die Dolchſcheide in der Hand des Kindes. Sie war ein zu bekannter Gegen⸗ ſtand, um mißkannt zu werden, denn ſie war die Scheide eben jener Waffe, die ſich von ural⸗ ter Zeit her auf ihn vererbt hatte und Nachlaß des Ritters„Coppleſtone mit dem weißen Sporn“ war. Der weiße, d. i. der ſilberne Sporn, den der Ritter, als beſondere Auszeichnung in den Turnierſchranken hatte tragen duͤrfen, war in ge⸗ triebener Arbeit, nebſt dem Wappen, auf der Scheide des Dolches angebracht; und viele der im Saale Anweſenden mußten Dolch und Scheide oft an Sir John Coppleſtone geſehen haben, 280 da dieſer, beſonders in neuerer Zeit, dieſe Waffe faſt beſtaͤndig im Guͤrtel getragen hatte. Sir John Coppleſtone's banger Blick hing an dieſem ſtummen Zeugen, wie man die Dolch⸗ ſcheide wohl nennen mag; Todesblaͤſſe uberzog ihm die Wangen; ſeine blaͤulichen Lippen beb⸗ ten, krampfhaftes Zucken durchfuhr all' ſeine Glie⸗ der, und große Schweißtropfen hingen ihm an der Stirn; aller Muth, alle Faſſung, alle Kraft war von ihm gewichen— ein ſchweigender, uberfuͤhrter und auf die Anklage eines Kindes zu verdammender Moͤrder ſtand er da. Obſchon die naͤheren Umſtaͤnde ſeiner Miſſe⸗ that noch nicht kund waren, ward er doch von allen Anweſenden fuͤr ſchuldig erachtet. Der Oberrichter befahl, ihn in Gewahrſam zu neh⸗ men. Dies konnte ieicht geſchehen, denn vom Geiſte des Boͤſen ſeinem Schickſale uberlaſſen, war Coppleſtone an Seele wie an Leibe ſo kraftlos worden, daß die ſchwache Hand der als ſeine Verklaͤgerin erſchienenen Tochter der Wittwe Raleigh ihn ſonder Hinderniß hätte ge⸗ fangen von hinnen fuͤhren moͤgen. Kaum war der ſo auffallender Weiſe Ver⸗ klagte veſtgenommen worden, ſo ſchritt der Ober⸗ richter zu augenblicklicher Unterſuchung des Falles. Mit Milde und Zartheit, jedoch auch mit einer Feierlichkeit im Weſen, die wohl geeignet war, tiefen Eindruck auf die Seele eines Kindes zu machen, von deſſen Ausſage Leben oder Tod abhangen duͤrfte, begann der Oberrichter die Fleine zu befragen. Vorher hatte er zu Buch nehmen laſſen, daß dieſelbe Mary Raleigh hieß und die einzige Tochter des ungluͤcklichen Doctor Raleigh, des weiland Kaplans Koͤnig Karl's, war. „Kennſt Du, mein Kind“, fragte der Ober⸗ richter,„die Beſchaffenheit eines Eides, und die Strafe, welche Dem wird, der da falſch ſchwoͤrt? Liebſt Du Gott und fuͤrchteſt Du ihn?“ „Ich weiß“, antwortete die Kleine,„daß Gott mich und die ganze Welt erſchaffen hat, und daß, wenn ich artig bin und Mutter lieb habe, er mich hier gluͤcklich machen will, und noch gluͤcklicher, wenn ich ſterbe. Wenn ich aber 3 Folgerung herleiten wollte, daß die kleine Mary 282 — Unwahrheit ſage, werde ich geſtraft wie die Gott⸗ loſen“ „Und wie werden die Gottloſen geſtraft, mein kleines Maͤdchen?“ fuhr der Frager fort. „Sie werden dem Teufel und ſeinen Geiſtern uͤbergeben, und ſind ewiglich elend, wie er es iſt“, war die Antwort. „Wer lehrte Dich dies?“ fragte der Oberrich⸗ ter weiter. „Meiti Vater, Sir“, antwortete Mary,„als er noch lebte; jetzt aber iſt er todt, und nun lern' ich Alles von Mutter.“ „So erinnerſt Du Dich Deines Vaters?“ „O ja. Ich ſaß auf ſeinem Schooße, und er kuͤßte mich. Manchmal ſtand ich auf ſeinen Knicen und ſpielte mit ſeinen weißen Haaren; denn er war ein alter Mann und viel aͤlter, als meine Mutter, weil Mutter keine weißen Haare hat.“ „Haſt Du beten gelernt?“ fragte der Rich⸗ ter, der aus den Antworten des Kindes gern die ——————————— — 283 Raleigh als vor Gericht guͤltiger Zeuge bei ei⸗ ner ſo ſchweren Anklage gelten koͤnnte. „Ich habe gelernt zu Gott zu beten, Sir, daß er mich ſegnet und mich ein gutes Kind werden laͤßt, und habe die zehn Gebote und den Glau⸗ ben und das Vaterunſer beten gelernt, Sir, und habe gelernt fuͤr den Koͤnig zu beten.“ „So biſt Du wahrlich gut unterrichtet wor⸗ den, liebes Kind“, ſprach der Oberrichter.„Jetzt ſage mir, weißt Du, was es heißt, vor Gott Etwas ausſagen oder ſchwoͤren, liebe Kleine?“ Mit uͤberraſchender Hurtigkeit und einem Ausdrucke von Ehrfurcht antwortete Mary:„Ich rufe, wenn ich ſchwoͤre, Gott an, daß er hoͤre und ſehe, wie ich die Wahrheit ſpreche; und da Gott mich uͤberall ſieht und hoͤrt, ich mag ge⸗ hen oder ſtehen oder liegen, ſo muß er es ja wiſſen, wenn ich Unwahrheit ſage, und wird mich dafuͤr ſtrafen.“ „Genug“, rief der Oberrichter,„Du liebli⸗ ches Kind haſt Verſtand und Lehrwiſſen genug, um Dein Zeugniß guͤltig zu machen. Nehmt dieſem Kinde den Eid ab.“ Es geſchah, und 284 ſchlicht und einfach, obwohl mit einer uͤber ihre Jahre hinausreichenden Geiſtesklarheit, erzaͤhlte Mary, daß gottloſe Leute ihre Mutter haͤtten als eine Hexe einfahen wollen. So waͤre ihre Mutter denn mit ihr von dannen gezogen zu einem Freunde, damit ſie nicht in's Gefaͤngniß geworfen wuͤrden.„Ehe wir aber wegritten“, fuhr Mary fort,„ſchickte Mutter mich hinaus, daß ich zuſehen moͤgte, ob uns auch wohl Je⸗ mand in den Weg treten koͤnnte. So kroch ich denn unter einen Heckenbuſch und guckte umher. Da ſah ich einen Mann der Eiche zugehen, und ich erkannte ihn, obgleich es ſchon daͤmmerte; denn der Mann war Maſter Amias Radeliffe.“ Die Kleine ward jetzt ſcharf befragt, in wie fern ihr Amias Radeliffe bekannt waͤre. „Ei, ich kenne ihn recht wohl,“ ſagte Mary, „denn er ſchenkte mir ein Silberſtuͤckchen, das ich hier um den Hals trage, und ich ſah ihn oft an unſerer Wohnung voruͤberreiten, wo er manchmal ſein Pferd anhielt und nach der Mut⸗ ter fragte, oder mir ein Spielwerk mitgebracht hatte. Ich ſtand nun unter der Hecke und 3 te — 2 — W 2— ſprach, wie Mutter mir befohlen hatte, mit kei⸗ nem Menſchen, der mich nicht etwa anredete. Aber es redete mich auch Niemand an, und ich hielt mich ganz ſtill, als ich einen andern Mann auch zur Eiche laufen und den Maſter Amias Radcliffe beim Mantel veſthalten ſah. Der an⸗ dere Mann aber war Sir John Coppleſtone, den ich auch wohl kennen mußte, da er faſt taͤg⸗ lich an Mutters Thuͤr vorbeireitet—“ Man fragte nun, was ſie gehoͤrt und geſe⸗ hen haͤtte, worauf ſie ausſagte, daß John Coppleſtone ſchrie:„Gieb mir die Papiere her⸗ aus, die Du aus meinem Kaͤſtchen, meinem roth— ſammtenen Kaͤſtchen, geſtohlen haſt!“ Gewiß, ſagte ſie, haͤtte ſie dieſe Worte gehoͤrt, und es duͤnkte ihr, Maſter Amias habe geſagt, er wolle nicht; denn er wehrte Sir John von ſich ab, als dieſer ihn veſtgehalten hatte. Amias wollte ſich losreißen, und ſie ſchalten und zankten hef⸗ tig gegen einander, und balgten ſich, ſo daß ſie Beide auf die Erde fielen. Cappleſtone ſtand aber bald wieder auf, und ſetzte ſeinen Fuß auf Mr. Amias Radeliffe, und dann geberdete Sir John 286 ſich wie ein Wuͤthender, riß ſeinen Dolch her⸗ aus und ſtieß ihn zweimal in den Leib des ar⸗ men Maſter Radeliffe, daß dieſer jaͤmmerlich ſtohnte, als er unter der Eiche am Boden lag. Dies waͤre Alles, was ſie wuͤßte, ſchloß Mary, blos daß Sir John in ſeinem Zorne die Scheide des Dolches von ſich warf, die ihr an den Kopf flog, als ſie unter der Hecke ſtand; daß ſie dann, gewaltig erſchreckt, die Scheide aufnahm und zu Mutter lief und ihr Alles erzaͤhlte. Ob Sir John Coppleſtone ſie geſehen haͤtte, wuͤßte ſie nicht. Nach dieſen Ausſagen des Kindes ward Frau Raleigh eingeſchworen, und hatte dann die Heim⸗ kunft ihres Kindes zu beſtaͤtigen, welches ſie nach den dem Leſer bekannten Umſtaͤnden that. Fer⸗ ner ſagte ſie aus, daß, um ihren Verfolgern zu entgehen, ſie ſich in die Thalſchlucht von Lid⸗ ford gefluͤchtet und dort wirklich einen Freund gefunden hätte. Von der Gefahr, in welcher Reginald Elford ſchwebte, hatte ſie erſt an die⸗ ſem Tage zufaͤllig etwas erfahren, und ſich, trotz der ihr etwa dabei drohenden Gefahr, ſofort auf den —„—„——— c„ 287 Weg gemacht, damit ihr liebes Töchterchen die Miſſethat Sir John Coppleſtone's beweiſen und den Faͤlſchlichverklagten retten moͤgte. Waͤhrend Sir John Coppleſtone dem Ge⸗ faͤngniſſe in Lidford⸗Caſtle bis auf Weiteres uͤber⸗ antwortet ward, ſah auf Befehl des Oberrich⸗ ters der junge Elford ſich freigeſprochen. Kaum hatte er die Schranken verlaſſen, als der alte Mann, der in Begleitung der Wittwe Raleigh gekommen war, ſich in Reginald's Arme warf, und in herzzerſchneidendem Tone ausrief:„Mein Sohn, mein Sohn! und um mich, der ich ſo alt und werthlos bin, zu retten, wollteſt Du an dieſem Tage Dein Leben hingeben?“ Zu der Verſammlung gewendet fuhr Sir Marmaduke Elford fort:„Dieſer gehorſame, lie⸗ bevolle Sohn ſuchte mich am Abend des zwan⸗ zigſten Junius voll Bekuͤmmerniß in der wilden Felsgegend von Sheep's⸗Tor auf, in welche ich mich vor meinen Verfolgern gefluͤchtet hatte. Er haͤtte mich zum Beweiſe ſeiner Unſchuld vor dies Gericht fordern koͤnnen, allein er hielt dies fuͤr einen Verrath gegen mich und wollte lieber 288 den Tod des Miſſethaͤters ſterben, als mein graues Haupt gefaͤhrden. Gott aber wollte nicht, daß der Unſchuldige umkommen ſollte. Die ehrliche Wittwe Raleigh gab mir Kunde von Dem, was vorging, und ſie und ich wir eilten hieher, in der Hoffnung, meinen Sohn zu retten, ſollte auch unſer Beider Leben darob in Gefahr gerathen.“ „Keiner hier,“ nahm der menſchenfreundliche Oberrichter das Wort,„wird bei den wunderſa⸗ men Ergebniſſen dieſes Tages ungeruͤhrt geblie⸗ ben ſein. Sir Marmaduke Elford, obſchon wir verſchiedener politiſcher Meinung ſind, kenne ich Euch doch als einen braven und hoͤchſt ungluͤck⸗ lichen Mann, und werde daher bemuͤht ſein, fuͤr Euch diejenige Milde auszuwirken, die ſchon ge⸗ gen ſo manchen mißleiteten Royaliſten geuͤbt worden iſt. Auch die Wittwe und ihr Toͤchter⸗ chen ſollen nicht vergeſſen werden; denn Beide ſind gewichtige Zeugen gegen Sir John Copple⸗ ſtone, der jetzt unter Anklage wegen Mordes ſteht.“ Bevor Reginald Elford den Gerichtsyof ver⸗ ließ, verbeugte er ſich ehrerbietig gegen die Sitze —— — S e+——,„— — W 289 und aͤußerte ſeinen Dank gegen den Oberrichter fuͤr die Freundlichkeit, womit dieſer ſeinem ver⸗ folgten Vater Schutz und Sicherung verſprochen hatte. Die Waͤrme ſeines Ausdruckes zeugte von ſeinem Tiefgefuͤhl;„ſeines Vaters Leben,“ ſagte er,„waͤre ihm ungleich theurer, als ſein ei⸗ genes.“ „Mein Leben!“ rief Sir Marmaduke Elford, deſſen ſchwermuͤthiger Geiſt ſich ſelten lange zur Ruhe gab—„Mein Leben! was iſt es weiter, als ein ſich taͤglich dem Verloͤſchen immer mehr naͤherndes Flaͤmmchen? Und warum ſollte ich deſſen Fortdauer hienieden wuͤnſchen? Ich lebte, um meine theuerſte Hoffnung in's Grab legen zu ſehen; ich lebte, um zu ſehen, wie mein Koͤ⸗ nig, von deſſen Tagen ich gehofft hatte, daß ſie friedlich wie Aſa's Tage verfließen wuͤrden, als der Krieg nicht im Lande war— ich lebte, ſag' ich, um zu ſehen, wie dieſer milde und hochher⸗ zige Koͤnig mit aͤrgerem Hohne, als mit dem Stachel eines Scorpiones, von ſeinem Herrſcher⸗ ſitze getrieben ward. Er liegt jetzt gefangen, und die Gottloſen verlachen ihn. O dieſe Zeiten brin⸗ Warleigh. III. 19 gen furchterliche Heimſuchungen mit, und boͤſe Tage geſellten ſich mir zu den Bekuͤmmerniſſen meines Alters. Wie ſollte ich Leben wuͤnſchen, da mein Hoffen einer Morgenwolke oder dem Fruͤhthaue gleicht, die da verſchwinden, ſobald ſie ſich zeigen?“ Waͤhrend der arme alte Sir Marmaduke den Verluſt ſeiner Ehren und Guͤter und irdiſchen Gluͤckſeligkeit im Tone tiefen Gefuͤhls und in ei⸗ ner Redeweiſe beklagte, die er ſich durch anhal⸗ tendes Studiren der heil. Schrift angeeignet hat⸗ te, konnten mehrere der Umſtehenden nicht um⸗ hin, ihn mit Hiob, dem gepruͤften und getreuen Knechte Gottes, zu vergleichen, deſſen Leiden nur durch deſſen Geduld uͤbertroffen wurden. Alle bemitleideten ihn, und als er alt, herzenskrank und gebeugten Hauptes, auf ſeines Sohnes Arm geſtuͤtzt, zum Saale hinauswankte, rief Man⸗ cher der Anweſenden Segen auf ſein Haupt her⸗ ab und wuͤnſchte, daß ſein graues Haar ſich moͤgte mit Ehren und in Frieden in die Grube legen. Der alte Marmaduke, innig geruͤhrt durch N WM ———— 291 dieſe Aeußerungen herzlicher Theilnahme an ſei⸗ nem Mißgeſchick, wiſchte eine Thraͤne aus ſeinen Augen und ſagte zu den ihm Zunachſtſtehenden: „Dank Euch, Freunde, Dank Euch! Es wal⸗ tet Troͤſtung in den Gebeten und dem Mitleiden guter Menſchen. Doch indem ich Verlorenes be⸗ klage, laſſe Gott mich nicht undankbar fuͤr Das erfunden werden, was mir noch geblieben iſt— dieſer geliebte Sohn, der fuͤr ſeinen Vater ſter⸗ ben wollte, der Ewige ſegne ihn!“ „Gott, ſegne ihn! Gott ſegne Reginald El⸗ ford!“ erſcholl es aus dem Munde Vieler, und beſonders der Cavaliere. Und ſaͤnftigend war die⸗ ſer Zuruf fuͤr das Herz des Greiſes Marmaduke, ſo daß dieſer ungleich minder ſchwermuͤthig, als er es lange Zeit hindurch geweſen war, ſich dem Gerichtsſaale an der Hand ſeines Sohnes enthob. Preiundzwanzigstes Capitel. „Es traue Keiner je dem erſten Schritt Zur Suͤnd'— er ſteht alsdann an einem Abgrund, Deß tiefe Kluft Schooß des Verderbens iſt!“ Young. Auf Befehl des hohen Gerichts uͤber Leben und Tod ward das rothſammetne Kaͤſtchen John Cop⸗ pleſtone's durchſucht, und all deſſen Papiere wur⸗ den in die ſchaͤrfſte Beurtheilung genommen. Da 6 es nicht unſere Abſicht iſt, hier in die Einzeln⸗ heiten jener Unterſuchung einzugehen, begnuͤgen wir uns, blos die Umriſſe der entdeckten Thatſa⸗ chen zu geben, wodurch der ſchandbare Wandel Coppleſtone's mehr oder minder deutlich an das Licht gebracht ward. Aus den im Kaͤſtchen gefundenen Briefen, W — — N 293 Handveſten und Documenten ergab ſich, daß der verſtorbene Sir Walter Radeliffe, der Vater des ermordeten Amias, waͤhrend der Zeit ſeiner Ver, luſte in Weſt⸗Indien, genoͤthigt geweſen war, ſein Erbbeſitzthum Warleigh an Sir John Cop⸗ pleſtone zu verpfaͤnden. Sir Walter fuͤhlte ſich aber nicht beruhigt, ſo lange er dies Beſitzthum nicht einloͤſen konnte. Durch den Tod eines Vetters jedoch zu einigen Baarſchaften gelangt wollte er ſich ſeiner Schuld gegen Sir John Coppleſtone entledigen, welchem dieſer aber ſtets und gewoͤhnlich unter dem Vorwande auswich, ſeinen Glaͤubiger nicht zu einer Zeit draͤngen zu wollen, in welcher dieſer, zu einigem Vermoͤgen gekommen, daſſelbe moͤgte anderweitig benutzen koͤnnen, um ſich wieder emporzubringen. Dieſer Theil der Angelegenheit war jedoch niemals recht in's Klare zu bringen geweſen, in⸗ dem etliche Zwiſchenpapiere fehlten, die wahr⸗ ſcheinlich abſichtlich zerſtoͤrt worden waren. Den⸗ noch ergab ſich aus gewiſſen noch vorhandenen Papieren, daß am Chriſttage des Jahres 1629 das Beſitzthum Warleigh allerdings von Sir 294 Walter eingeloͤſet worden, und dennoch als ver⸗ fallen in Sir John's Haͤnden geblieben war. Die eine Schieblade des Kaͤſtchens ward leer ge⸗ funden„ und hatte ſonder Zweifel jenes Perga⸗ ment enthalten, das durch Mutter Gee(wie dieſe denn ſolches ſpaͤterhin bekannte,) erſt ent⸗ wendet, dann an Amias Radcliffe gegeben und zuletzt auf die dem Leſer bekannte Weiſe vernich⸗ tet ward. Die Behoͤrde, die ſich mit der Unterſuchung der Papiere Sir John Coppleſtone's zu befaſſen hatte, machte ferner ausfindig, wie das Teſta⸗ ment Sir Walter Radeliffe's ein Document ganz beſonderer Art war. Es trug das Datum eben des Tages, an welchem Sir Walter Rad⸗ cliffe ſchwer verwundet ward, und die Zuͤge der Unterſchrift des Erblaſſers wieſen ſich gezwun⸗ gen, als haͤtte Jemand die Hand des ſchreiben⸗ den Sterbenden gefuͤhrt. Durch dieſes Docu⸗ ment ward Sir John Coppleſtone zum Huͤther oder Vormunde des einzigen Sohnes Sir Wal⸗ ters, des jungen Amias Radeliffe, eingeſetzt. Auch ward Sir John zum alleinigen Vollſtrecker des — Teſtamentes ernannt, und Sir Walter gab in der Schrift daruͤber die beſondere Erklärung, daß die Beſitzung Warleigh gaͤnzlich an Sir John Coppleſtone verwirkt und verfallen wäre. Dieſe Erklaͤrung ſtand aber mit anderen vorhandenen Papieren geradezu im Widerſpruche, ſo daß da⸗ durch das ganze Teſtament, bei deſſen Abfaſſung nur die hoͤchſt verdaͤchtigen Zeugen, der ſchwarze Will und Gnadegott Gabriel, zugegen geweſen waren, und deſſen Namensunterſchrift ſo uͤber⸗ aus unfrei erſchien, an ſeiner Zuverlaͤſſigkeit we⸗ ſentlich verlor. Der einzige noch lebende Teſta⸗ mentszeuge, der ſchwarze Will, ward daher ſo⸗ fort gefaͤnglich eingezogen. Mittlerweile reichte Mutter Gee, in ihrem Rachegefuhle gegen Coppleſtone, bei Gericht alle die Papiere ein, die ſie in dem Wamſe Gnade⸗ gott Gabriel's gefunden hatte. Eines dieſer Pa⸗ piere war ein Schreiben Coppleſtone's, in wel⸗ chem er des ſchwarzen Will als„eines tuͤchtigen Burſchen“ erwaͤhnte, auf den„er ſich verlaſſen koͤnnte“, und der ihm vor etwa zwanzig Jah⸗ 296 ren„einen ſo trefflichen Dienſt geleiſtet hätte, als ſich jemals einer von der Hand eines Man⸗ nes erwarten ließe.“ Freilich war in dieſen Worten Coppleſtone's nichts den ſchwarzen Will Ueberfuͤhrendes ent⸗ halten; Will aber hoͤrte in ſeinem Kerker ſo uber⸗ triebene Berichte von dieſen Enthuͤllungen und von dem Verdachte, der ſich dadurch gegen ihn ſelbſt erhoben haͤtte, daß er, feigherzig wie jeder Gottloſe es am Ende iſt, in der Hoffnung, das eigene Leben ſicher durchzubringen, gegen ſeinen Gutsherrn zeugte. Im erſten Verhoͤre ſagte er aus, daß Sir John Coppleſtone vor vielen Jahren ihn gedun⸗ gen haͤtte, einen Trupp Geſindels, unter Zu⸗ ſicherung anſehnlicher Belohnung, dazu anzuregen, ihn(Coppleſtone) und Sir Walter Radeliffe an einer gewiſſen Stelle im Moor, am Chriſtabend des Jahres 169, zu berauben. Sir Walter war naͤmlich an jenem Abend zu einem Freunde beſchieden, um bei demſelben eine ihm zum Ein⸗ loͤſen ſeines Beſitzthums Warleigh noch fehlende ——— Geldſumme als Anleihe in Empfang zu nehmen. Der Zweck jener Beraubung war alſo, den Sir Walter außer Stand zu ſetzen, das Gut War⸗ leigh vor dem geſetzlichen Verfallstermine wieder an ſich zu bringen. Es ſollten von den Rau⸗ bern allerdings nur Drohungen und keine That⸗ lichkeiten angewendet werden, da aber Sir Wal⸗ ter wider Erwarten ſo heftigen Widerſtand ge⸗ gen die an Zahl dreifach ſtaͤrkeren Buſchklepper leiſtete, daß Einer von ihnen todt auf dem Platze blieb, ſo waren Letztere genoͤthigt, zu ihrer Selbſt⸗ vertheidigung auf ihn zu ſchießen, welches ſie um ſo eifriger und eilfertiger thaten, als Sir Wal⸗ ter Einen von ihnen bei Namen nannte. Der Verwundete ſtarb nicht auf der Stelle, ſondern ward auf Coppleſtone's Geheiß ſterbend nach Warleigh geſchafft, wo man keinen Menſchen, als nur Die zu dem zwiſchen Tod und Leben Schwebenden ließ, denen Sir John es geſtattete. Das Teſtament war von Letzterem geſchmiedet wor⸗ den, und Gnadegott Gabriel hatte des Ster⸗ benden Hand zum Unterzeichnen des Documentes gefuͤhrt. 298 Wenn nun auch bei wiederholten Verhoͤren der ſchwarze Will ſich oft, ob mit, ob ſonder Ab⸗ ſicht, verworren in ſeinen Ausſagen gab, ſo blieb er doch bei der Behauptung, daß das Teſtament ein untergeſchobenes Document waͤre. Auch er⸗ gab ſich, daß Coppleſtone wirklich den Sohn des Sir Walter, der jungen Amias, nur in der Ab⸗ ſicht nach Weſt⸗Indien ſchickte, daß der ihm mitgegebene Gnadegott Gabriel den Juͤngling dort ſo lange zuruͤckhalten ſollte, bis dieſer, der ohnehin von wankender Geſundheit war, von dem Klimafieber wuͤrde aufgerieben, oder durch ſonſt eine ſich bietende Gelegenheit aus der ge⸗ ſchafft worden ſein. Nach vollſtaͤndigem Rechtsverfahren ward, mittels der gegen ihn ausſagenden Zeugen, zu denen beſonders Mary Raleigh und ſeine eigene Dolchſcheide gehoͤrten, John Coppleſtone des Verbrechens uͤberwieſen, ſeinen Pflegeſohn Amias Radeliffe am Abend des zwanzigſten Junius un⸗ ter der Eiche zu Tamerton ermordet zu haben. Das Gericht ſprach das Todesurthel gemaß * dem Geſetze aus, und ſonder Hoffnung auf Gnade ward Coppleſtone aus den Schranken in die Zellen des Verbrechens und Elends von Lidford⸗Caſtle zuruͤckgefuͤhrt. vierundzwanzigstes Capitel. „Laß Dein Ermahnen, Prieſter; meine Suͤnde! Vermehr' ich dadurch nicht, daß ich jetzt frech Erzwung'ne Reu' ob eines ſuͤnd'gen Lebens Empor zum Himmel ſende.“ Joanna Baillie. Sir John Coppleſtone lag unter Folterqualen im Kerker von Schloß Lidford, wo er die Voll⸗ ſtreckung ſeines Todesurthels zu erwarten hatte. Sein Gewiſſen war fuͤrchterlich erwacht. So wie der grauſame Nero nach der Ermordung ſeiner Mutter ſich beſtandig von boſen Geiſtern verfolgt waͤhnte, ſo ſchreckten den Moͤrder des jungen Radeliffe fortwaͤhrend die Angſtgebilde ſeiner Seele, denen er nur entfliehen zu können meinte, wenn er ſich in die Finſterniß des To⸗ des ſtuͤrzte; wiewohl dann„die Traͤume, die ihm 301 dort kommen moͤgten“, ihm ein Gedanke wur⸗ den, der das Innerſte ſeines gottloſen Herzens erſchuͤtterte, das durch Frevelthaten ſo lange Zeit“ hindurch dem Hoͤchſten Trotz geboten hatte. Elend, namenlos elend war John Copple⸗ ſtone im Gefaͤngniſſe zu Lidford, ſo elend, daß ſelbſt Tugend und Froͤmmigkeit ihm eine Thraͤne des Mitleids haͤtten weinen moͤgen; denn John Coppleſtone wagte nimmer und nimmer auf Gott zu hoffen. Hingeſtreckt auf ſeinem Strohlager, ſein Geſicht in daſſelbe wie in einen Pfuͤhl be⸗ graben, die Faͤuſte geballt, das Haar wild um ſein ſchmachbedecktes Haupt, lag er wie Kain und ſtoͤhnte, ohne beten zu koͤnnen, waͤhrend ſeine Gewiſſensangſt und der Fluch einer Mut⸗ ter auf ihm laſteten. Er rief den Tod an, ihn zu verbergen, fuͤrchtete jedoch durch das große Portal deſſelben zu ſchreiten, welches ſich nim⸗ mer, um Ruͤckweg zu geſtatten, wieder oͤffnet, ſollte auch die erbangte Seele durch daſſelbe hin einen Pfad betreten muͤſſen, der hinab zu den Kluͤften des Verderbens leitet. Allein ſelbſt in dieſem Zuſtande der Ver— 302 laſſenheit verließ die Chriſtenliebe ihn nicht. Als ein mitleidfuͤhlender Engel ſuchte ſie den Suͤn⸗ digen und Elenden heim, und kam in der Ge⸗ ſtalt eines Prieſters des Hochſten; denn Heſekiel Hornbuckle, der, in der Hoffnung, ſie zu mil⸗ dern, Scenen des Jammers eben ſo eifrig auf⸗ ſuchte, als der Luͤſtling den Freuden der Uep⸗ pigkeit nachjagt, trat in den Kerker und ſtand vor dem gequälten Verbrecher, ehe dieſer noch gewahrte, daß ein menſchliches Weſen ihm nahe wär⸗ 1 161 Der gute Prieſter konnte waͤhrend einiger Augenblicke kein Wort hervorbringen, als er den erbaͤrmlichen Zuſtand Coppleſtone's ſah, als er des Bejammernswerthen langes Aechzen hoͤrte. Bewältigt durch den Anblick ſo übermenſchlichen Leidens, als Folge unmenſchlichen Thuns, fal⸗ tete Heſekiel die Haͤnde und betete, erhobenen Blicks, im Stillen zu Gott, ihm ſoviel von der Kraft ſeines allewigen Geiſtes zuzuwenden, als erforderlich ware, diejenigen Worte zu ſpre⸗ chen, die dahin wirken könnten, das elende Ge⸗ ſchoͤpf, das vor ihm lag, aus deſſen Seelen⸗ —— ſchlafe zu erwecken, ſo daß es noch, obwohl ſchon zur eilften Stunde, den Thron der Gnade ſuchen moͤgte. Heſekiel ſprach endlich, und Coppleſtone, der von ſeinem Lager auffuhr, erhob ſein wirres Haupt und ſtierte mit dem Blick eines Wahn⸗ ſinnigen umher, um endlich ſein wildes, blut⸗ runſtiges Auge an dem Prieſter haften zu laſſen, als wollte er in deſſen Angeſichte den Grund von deſſen Kommen leſen.„Bringſt Du mir Gnade?“ rief der Gefangene, denn ſeine Ge⸗ danken hatten nichts denn elende Lebensfriſtung vor Augen. 6 „Ich hoffe es“ ſprach Heſekiel ſanft.„Gnade und Frieden, denn beide ſind Gottes, und beide ſind den wahrhaft Buͤßenden verheißen worden. O, ſo Du Deine Seele liebſt, ſtoße die Gnade nicht von Dir!“ ont „Fuͤr mich giebt es keine, keine fur mich!“ ſchrie Coppleſtone in ungeduldigem Tone des Verzagens;„ich will nicht— ich kann nicht bereuen.“ „Still“, rief Heſekiel,„athme nicht ſolches 304 Wort aus; hege nicht ſolchen verzweifelnden Ge⸗ danken, der nur aus der Hoͤlle Dir zugeblaſen werden kann! Du haſt einen ſtolzen Geiſt, ſtolz, furcht' ich, wie der des Pharao war, als er ſein Herz verſtockte; doch gab es ein Stolze⸗ res, als er ſelber war— naͤmlich das Meer, das ſich vor dem Hauche des Allmaͤchtigen erhob, und im gewaltigen Anſchwellen ſeiner furchterli⸗ chen Wogen jenen ſtolzen Koͤnig und all deſſen Heer zu Nichts machte. Sei nicht gleich ihm, ſonſt wird wahrlich Gott Dich von den Fluthen der Truͤbſal verſchlingen laſſen. Hoͤre mich und verzage nicht! Nimm dieſes Buch— es iſt die Bibel, und aus ihr will ich Dir Troͤſtung le⸗ ſen, will beten bei Dir Tag und Nacht, bis ich Dir das Herz ruͤhre, und Dich lehre, Dich ſelbſt zu bemitleiden, auf daß Deine Seele er⸗ rettet werde.“ Coppleſtone weinte. „O geſegneter Anblick, dieſe Deine Thrä⸗ nen!“ rief Heſekiel.„Begruße dieſe koſtlichen Tropfen, ſo ſie dem Thau gleich, der die Erde erquickt, niederfallen, um Dein hartes Herz zu „— ——„„— M —— 305 erweichen. Begruͤße ſie, und mache Deine Au⸗ gen zu Quellen bitterer Waſſer, ſo werden dieſe Deine Miſſethaten hinwegwaſchen. Ich will mit Dir beten; ja, noch mehr— ein Engel ſoll mit uns beten, oder doch ein engelgleiches Weſen, Deine tugendhafte und tiefbetruͤbte Toch⸗ ter, ſoll es thun; denn wahrlich, eine Jungfrau, lieblich in ihrer Unſchuld und angenehm Gott und den Menſchen in ihrer Froͤmmigkeit, gleicht Deine Tochter jenen reinern Geiſtern einer hoͤ⸗ heren Welt! Willſt Du Gertrud ſehen? Sie harrt draußen.“ „Mein Kind, meine Gertrud?“ ſagte der Gefangene;„ich darf ſie nicht ſehen. Sie wird mich verwuͤnſchen, wird meiner hohnſpotten und fragen, womit ſie ſich ſo ſchwer verſuͤndigte, daß ſie einen Miſſethaͤter zum Vater haben muß! Nein, laſſe mich ſterben; gieb mich dem Tode und dem Elende hin, aber fuͤge nicht noch zu dieſem Wehſal das Schaamgefuͤhl eines Vaters hinzu, der da ſehen muß, wie ſeine Tochter ob ſeiner Schmach erroͤthet, und der da hoͤren muß, wie ſie ihm ſeine Unthaten vorwirft.“ Warleigh. III. 20 306 „Das wird ſie nicht thun, wohl aber wird ſie Vergebung fuͤr Dich vom Vater der Gnade erflehen“, entgegnete Heſekiel. „Wird ſie? wird ſie?“ fragte Coppleſtone. „Ich kann, ich darf nicht fuͤr mich beten, ſie aber moͤg' es thun; es iſt Troͤſtung in dem Ge⸗ danken. Vielleicht erfleht ihr reiner Geiſt einige Gnade auf mein ſuͤndiges Haupt und uͤber dies gebrochene Herz herab. Ich will ſie ſehen— Ruf' ſie her!“„ Heſekiel verließ den Kerker und kehrte mit Gertruden zuruͤck, deren wankender Schritt ſie kaum aufrecht erhalten konnte, um durch die Pruͤfung hindurchzugehen, die jetzt zu beſtehen ſie fuͤr ihre Pflicht erachtete— naͤmlich eine letzte Unterredung mit ihrem bejammernswuͤrdi⸗ gen Vater zu haben. Sie konnte nicht ſprechen. Thraͤnen und Schluchzen erſtickten ſie ſchier, und ſie fiel haͤnderingend, voll Angſt und unaus⸗ ſprechlichem Schmerze, zu den Fuͤßen des Ver⸗ urtheilten. Coppleſtone fuhr zuruͤck. Es ſchien, als ſcheuete er ſich, die Tochter zu beruͤhren, ſo ſchauerlich erſchien ihm jetzt ſein Kind— das einzige Weſen auf Erden, das er jemals geliebt hatte— als er ſeiner Miſſethaten uͤberwieſen vor demſelben ſtand. „Schaff' ſie fort!“ ſchrie er,„ſchaff' ſie fort! Ich habe ſie elend gemacht; elender noch als michz habe ihr ſchuldloſes Haupt mit Schande uͤberhaͤuft und ſie zum Abſcheu Aller gemacht, ſo daß ſie ausrufen:„„Das iſt des Moͤrders Tochter!““ „O mein Vater, ſprich nicht ſo!“ ſagte Ger⸗ trud, die ſich peinvoll anſtrengte, mit Faſſung zu reden.„Willkommen ſei mir die Schande, will⸗ kommen der Tod, ſo ich Dich nur mit Gott verſoͤhnt finde! Mein Vater, fliehe mich nicht; ich bin Deine Tochter, immer noch Deine Toch⸗ ter. Sollteſt Du auch zehnfaͤltig mit Verbrechen beladen ſein, will ich doch weder in Deiner Schuld noch in Deinem Tode Dich verlaſſen. Hore mich: Ich war einſt ein unverſtaͤndiges Kind; Du weißt, wie oſt ich mich verging, daß Du drob mich ſchalteſt, jedoch ſo ich mein Un⸗ recht nur geſtand und bereuete, oͤffneteſt Du mir 20* * „ 308 jedesmal Deine Arme und verzieheſt mir. So auch iſt es bei Gott, dem Vater unſer Aller. Wie veſt die Thore des Himmels auch verſchloſ⸗ ſen ſein moͤgen, werden ſie doch dem Rufe der Reue und Buße ſich oͤffnen. Klopfe an, ſo wird Dir aufgethan!“ „Aber der Tod wird mich uͤbereilen“, klagte Coppleſtone.„Der Tod iſt Allen ſchrecklich, am meiſten aber iſt er der Gebieter des Bangens, wenn das bleiche Roß, das ihn traͤgt, gewapp⸗ net mit den Schrecken des Geſetzes daherſprengt und das Erbarmen nicht Hand noch Aug' erhe⸗ ben mag, ſondern es, von der Gerechtigkeit ge⸗ ſpornt, an ſich voruͤberrennen laͤßt.“ „Du ſiehſt nur das Bangen, nicht das Hof⸗ fen“, nahm Heſekiel das Wort.„Nicht Deine Reue allein kann Dich ſelig machen; aber Gott hat ſie zur Bedingung Deiner Erloͤſung gemacht. Aaron's Stab ward in das Heiligthum geſtellt, und dort bluͤhete er und ward ſchoͤn in ſeinem Gruͤn und ſeiner Frucht; er bluͤhete nicht aus eigner Kraft, ſondern durch den Geiſt Gottes, und eben ſo erzeugt dieſer Geiſt in dem Herzen 309 0 auch des Unwuͤrdigſten die Bluͤthen der Buße 2 und des Hoffens.“ ſ⸗ Sir John Coppleſtone ſchien dieſe an ſeine er Gefuͤhle gerichtete Anrede gar nicht aufzufaſſen, ſo ſo hingenommen war er von dem Bewußtſein des uͤber ihn gekommenen Elendes.„Schauer⸗ ſte lich iſt es“, murmelte er vor ſich hin,„von der m Hand der Gerechtigkeit vom Leben gebracht zu , werden! Entſetzlich iſt's, nur zu denken, wie p⸗ alles Volk mit Hohn auf mich ſchauet und auf gt mich mit Fingern deutet und ſchreit:„„Seht den e⸗ Miſſethaͤter!““ Das, das iſt Unehre, das iſt die e⸗ Bitterkeit des Todes; ja, das iſt Vorgefuͤhl von Hoͤllenqualen; denn der Hohn iſt das Spiel— of⸗ werk, womit die Teufel ſich beluſtigen. Tod auf ne dem Schlachtfelde, in der Fluth, im Feuer, auf ott der Folter oder auf noch langſamer toͤdtendem ht. WMarterbette— Tod in jeglicher Geſtalt, komm' t, er nun von Gottes oder eines Menſchen Hand, m iſt Erbarmen gegen jenes Verenden. Ich will us nicht den Tod des Miſſethaͤters ſterben!“ es,„Du wirſt es auch nicht, mein Vater“, un⸗ terbrach ihn Gertrud;„fleuch zu Gott und ſtirb 310 in ihm als ein Buͤßender. O blicke nicht weg von mir! Laſſ' mich niederknieen und beten! Mein Gebet ſoll den Himmel anflehen, bis Dir Gnade wird, ſo Du nur mit mir um Gnade bitten willſt. Ich kenne das Bangen Deiner Seele, doch iſt es nicht ſtaͤrker, denn das Erbar⸗ men des Hoͤchſten. Denke der Allmacht dieſes Hoͤchſten, des Herrn des Himmels und der Erde, des Vaters der Erloͤſung, bei dem kein Ding unmoͤglich iſt.“ „Hoͤr', o hoͤr'!“ rief Heſekiel,„ſie redet mit der Zunge der Wahrheit. Eine fromme Tochter athmet zu den Fuͤßen ihres Vaters Worte des Glaubens und der Erkenntniß aus; nimm dieſe Worte auf, ſo wie Du den Sang eines Seraphs aufnehmen moͤgteſt; erhebe Dein Kind vom Boden; druͤcke es an Deine Bruſt, und habe nur Ein Herz, Ein Hoffen, Ein Gebet— und dies Alles in Gott! Er iſt barmherzig, und Barmherzigkeit iſt ſein erhabenſtes Kennzei⸗ chen. Er begann in Barmherzigkeit, als er den Menſchen erſchuf; Zorn iſt nur ein Zweites in ihm, denn ſelbſt, als der Menſch Weg zu 311 eg eigenem Verderben ward, verließ die Gnade n! Gottes die Creatur nicht, ſondern wirkte barm⸗ ir herzig zu deren Erloͤſung.“ de Coppleſtone fuͤhlte ſich geſaͤnftigt; er ſchloß er Gertrud an ſein Herz und weinte in ihren Ar⸗ r⸗ men, und ſprach:„Mein Kind, mein Kind! es kannſt Du mir vergeben?“ e,„Nicht mein iſt die Vergebung, mein Va⸗ ng ter“, verſetzte die Tochter;„Gottes Geſetz iſt uͤbertreten worden, und Gott allein kann verge⸗ it ben. Flehe ihn an um ſeine Vergebung!“ er„Kniee mit mir“, ſagte der Miſſethaͤter,„ich te will— ich will verſuchen, zu beten.“ m„Dem Hoͤchſten ſei Dank!“ rief Gertrud, es und Heſekiel wiederholte mit Inbrunſt des Maͤd⸗ d chens Worte. Der Verbrecher ſank vor ſeiner d Tochter knieend hin, faltete ſeine Haͤnde und — blickte auf mit einer Miene, durch die ein Stein g, haͤtte geruͤhrt werden moͤgen, und ſprach:„Va⸗ i⸗ ter im Himmel, vergieb mir meine Schuld!“ er Gertrud knieete neben ihm, und Heſekiel, der dieſen Moment wiederkehrenden Hoffens und wach⸗ ſender Reue nicht unbenutzt entſchluͤpfen laſſen 312 wollte, öffnete die Bibel und las in tiefer An⸗ dacht und mit dem Tone innigen Gefuͤhls ei⸗ nes der erhabenen Capitel des Buches Hiob, wodurch die Macht und Barmherzigkeit Gottes verherrlicht wird. Dann betete er lange und in⸗ bruͤnſtig uͤber dem Verurtheilten. Die Stunde des Scheidens brach endlich herein. Heſekiel, der den Gemuͤthszuſtand, den er in Coppleſtone reggemacht hatte, nicht gern herabgeſtimmt wiſſen wollte, fluͤſterte Gertruden zu, ihren Abſchied in ſo wenige Worte als moͤg⸗ lich zu faſſen. Gertrud verſtand den Geiſtlichen, bejahete ſchweigend, und ſagte dann blos:„Mein Vater, leb' wohl! Ich muß Dich jetzt verlaſ⸗ ſen, doch ich komme wieder— ich werde bis zum letzten Augenblicke bei Dir bleiben.“ „Thue das, Gertrud“, verſetzte Coppleſtone, „ſonſt gerath' ich von Neuem in Verzweiflung. Leb' wohl, mein Kind! Ich mogte Dich ſeg— nen, aber ich darf es nicht, denn mein Segen koͤnnte ſich Dir in Fluch verwandeln.“ Gertrud wollte antworten, allein Heſekiel verbot es ihr durch einen Wink. Er legte jetzt — M —— 313 in Coppleſtone's Hand die Bibel und ſchied von dem Miſſethaͤter mit den Worten: „Achte nicht der Außendinge, achte nicht des Todes, denn das Leben iſt in Deiner Hand. Aengſtige Dich nicht uͤber den Verluſt Deines guten Namens; denn Namen und Weltehren al⸗ lein vermoͤgen nicht den Menſchen zu erloͤſen. Du kannſt hoch in Weltehren ſtehen, und doch der Wahrheit verloren gegangen ſein. Nichts giebt es, das Dich erloͤſen koͤnnte, ſo Du nicht vor Gott Deine Suͤnden bereueſt; denn der Hoͤchſte wird nicht nach Deinem Namen fragen, wohl aber wird er denl ſeinigen in Deinem Herzen geſchrieben ſtehen finden wollen. Gehab' Dich wohl und erwaͤge meine Worte, ſo wird Dein eigenes Gewiſſen Dir den Zuſtand Deiner Seele zeigen; denn das Gewiſſen iſt gleich dem Urim und Thummim auf der Bruſt des Prie⸗ ſters, es leuchtet hell, ſobald es des Herrn Ge⸗ bote ausſpricht. Gehab' Dich wohl! Suche das Erbarmen, und finde es!“ So ſchied Heſekiel Hornbuckle von Sir John Coppleſtone, und als er und Gertrud die Zelle 314 — 1 verließen, trat Holborn, der Oberſt, mit etlichen von den Sequeſtratoren royaliſtiſcher Beſitzthuͤ⸗ mer herein, indem er Wichtiges mit dem Gefan⸗ genen bereden wollte, der auf der Bahn ſeiner Gottloſigkeit dem Parlamente und der Sache der Rebellen im Weſten des Landes ſo eifrig gedient 1 hatte. X Fünfundzwanzigstes Capitel. „Es iſt geſchehn— der Sturz der Majeſtät Iſt nimmer einfach; wie die Schneelauine Reißt er, was nah' ihm iſt, mit ſich hinab.“ Shakſpeare. Uns bleibt nur noch Weniges zu erzaͤhlen uͤbrig, und dies Wenige wird, wie wir fuͤrchten, dem Leſer kaum genuͤgen; doch iſt die Schuld nicht unſer, denn Wahrheitsliebe noͤthigt uns, die Thatſachen ſo zu uͤberliefern, wie ſie ſtattfanden, auch wenn wir dies mit Bekuͤmmerniß thun. Sir John Coppleſtone, der mit ſo vollem Rechte zum Tode durch des Nachrichters Hand 2 verurtheilt worden war, erlitt dennoch nicht die Strafe des weltlichen Geſetzes. Die Feindſelig⸗ keit der Zeit rettete ihn vor dem Tode des Miſ⸗ 316 ſethaͤters, denn die damaligen Machthaber, de⸗ nen er zum Sturze des Monarchen ſo weſent⸗ lich gedient hatte, wirkten es aus und geſtatte⸗ ten es, daß Sir John Coppleſtone ſich aus den Haͤnden der Gerechtigkeit loskaufte! Prince, der Biograph von Devon, e daß es„John Coppleſtone dreizehn gute Herrn⸗ haͤuſer in Cornwall koſtete, um ſich den Par⸗ don fuͤr den an ſeinem Pflegeſohne begangenen Mord zu erkaufen“, und daß er, Prince, die Verzeihungsacte ſelbſt geſehen; auch„wuͤrde“, ſetzt er hinzu,„dieſe Acte noch jetzt als eine Merkwuͤrdigkeit in dem Archive von Warleigh⸗ Houſe aufbewahrt gehalten“*). Wenn jedoch Sir John Coppleſtone der Schmach oͤffentlicher Hinrichtung entrann, indem er ſich das Leben erkaufen durfte, ſo konnte die⸗ ſes ihm doch kaum wuͤnſchenswerth ſein, inſo⸗ *) Die Verfaſſerin vorliegenden Werkes hat erkun⸗ det, daß eben dieſes Document im Beſitz der Familie Bamfield, im Norden von Devon, befindlich iſt, indem die Bamfield's das Gut Warleigh innehatten, ehe dieſes von der uralten Familie Radcliffe, den derzeitigen Ei⸗ genthuͤmern deſſelben, wieder angekauft ward. — —— ———————— fern er die ihm auf ſolche Weiſe geſtattete Friſt nicht dazu anwendete, Frieden mit Gott zu ma⸗ chen. Wie dieſem nun auch ſein mogte, ſo iſt's doch gewiß, daß Sir John Coppleſtone nicht mehr lange nach Empfang ſeines Pardons lebte. Sein Ruf war dahin, ſeine Schaͤndlichkeit ge⸗ reichte jedem redlichen und gefuͤhlvollen Herzen zum Abſcheu, und er ſah ſich von Allen, mit Ausnahme Derer geflohen, deren politiſche Ab⸗ ſichten in ihm einen ſo eifrigen Befoͤrderer gefun⸗ den hatten, ſo daß ſie noch einigen Verkehr mit ihm haben mogten, als er ſeiner Haft un⸗ ter dem Vorwande entlaſſen worden war, ſeinen Pflegeſohn im Zorne und in der Meinung von demſelben beraubt worden zü ſein, getoͤdtet zu haben. Dieſer ſchale Vorwand reichte jedoch bei den Rechtſchaffenen nicht aus, von denen Jeder recht wohl wußte, daß Sir John Coppleſtone ſein Leben nur ſeiner politiſchen Partei und ſei⸗ nem Gelde verdankte. Das Beſitzthum Warleigh ward zwar mit Geldbuße belegt, jedoch nicht confiscirt, und blieb Eigenthum Coppleſtone's, der ſich nach ſeiner 318 Loslaſſung dorthin zuruͤckzog, und ein ſeltſames, duͤſteres Leben fuͤhrte, ſo daß er weder an Staatsangelegenheiten, noch an Raͤnken irgend einer Art mehr Theil nahm, ſondern dem An⸗ ſcheine nach Alles um ſich her mit Gleichguͤltig⸗ keit betrachtete. Er mied allen Umgang eben ſo ſehr, als er ſelber gemieden ward, und ſprach ſelbſt mit ſeiner naͤchſten Umgebung nur ſelten. Gertrud, von welchen Empfindungen ſie auch bewegt ſein mogte, hielt bei ihm aus und ſtrebte ſeine Gedanken auf religioͤſe Betrachtun⸗ gen hingelenkt zu erhalten, wiewohl vergebens; der Pfeil ſeines Verderbens war zu tief bei John Coppleſtone eingedrungen; ſein Gewiſſen ließ ihm nirgend Ruhe, ſo daß bei ſeinem fort⸗ waͤhrenden Verfolgen einer und derſelben Ge⸗ dankenreihe endlich ſein Verſtand litt. Er ver⸗ ſank in jenen krankhaften, duſteren und entner⸗ venden Zuſtand der Reue, der oft in einen ſchwermuͤthigen Wahnſinn auszuarten pflegt, und in dieſem Zuſtande ſtarb auch Sir John Copple⸗ ſtone. Die eigentlichen Umſtaͤnde ſeines Ablebens —— — ——————„—„— 2N P—„——„—„—„—.—. — ſind niemals deutlich kund worden, indem man ſich Muͤhe gab, dieſelben zu verheimlichen. Ei⸗ nige ſagten, er ſei ploͤtzlich an einem beſonderen und abgelegenen Orte geſtorben, den er auf ſei⸗ nem Gute auffand, und taglich zu ſeinem Schlupf⸗ winkel zu machen pflegte; nach Anderen ſoll ihm ſein Tod auf uͤbernatuͤrliche Weiſe geworden ſein, indem der Geiſt des von ihm Ermordeten her⸗ aufſtieg und Rache an dem Todtſchlaͤger nahm. Nach ſo vielen ſeitdem verfloſſenen Jahren iſt es durchaus unmoͤglich, in dieſer Sache Schein von Wahrheit zu ſichten, vollends wenn man dabei des Aberglaubens und des Religionszuſtan⸗ des jener Zeit zu gedenken hat. Alles, was wir im Stande ſind, hieruber mitzutheilen, laͤuft da⸗ hinaus, daß Warleigh⸗Tor eine Höhle oder Felsſpalte nahe dem Gipfel dieſes Berges hatte, worin der Moͤrder Coppleſtone einen Verſteckort gegen menſchliche Wahrnehmung zu finden pflegte. Doch iſt jener Ort erſt eigentlich nach dem Ab⸗ leben des Slenden erkundet worden, indem man Coppleſtone's Leiche daſelbſt fand, ſie heimlich fortſchaffte, und ohne erſt Todtenſchau an ihr 320 zu halten, eilig begrub; ſo daß Manche der Meinung wurden, Sir John habe ſich ſelbſt entleibt. Bald nach ſeinem Tode verließ ſeine Tochter, deren groͤßter Kummer die Verbrechen ihres Vaters geweſen waren, fuͤr einige Jahre das Land. Bei ihrer Ruͤckkehr nahm ſie mit gedoppel⸗ tem Rechte, und zwar als einzige Erbin Sir John Coppleſtone's und als nächſte Verwandtin des verſtorbenen Amias Radeliffe, Beſitz von dem Herrngute Warleigyg. Nach Wiederherſtel⸗ lung Koͤnig Karl's des Zweiten, vermaͤhlte ſie ſich mit Sir William Baſtard, der der koͤnigli⸗ chen Sache ſo ritterlich gedient hatte. Gertrud und ihr Gemahl lebten zu Warleigh und wie— ſen in ihrem Wandel ein muſterhaftes Beiſpiel von jenen Vorzuͤgen, die an Beſitzern großer Guͤter eine Segnung fuͤr alle ſie Umgebenden werden— ſie waren wohlthaͤtig gegen die Ar⸗ men, und lebten lange und glüͤcklich mit einan⸗ der, wiewohl dieſe Gluͤckſeligkeit in Gertrud nicht ohne Beimiſchung eines bitteren Gefuͤhls blieb, indem ſie des Gedaͤchtniſſes der Verbrechen ih⸗ —21— res Vaters nimmer ledig werden konnte, auch ein gewiſſes Schaamgefuͤhl ſie vom Umgange mit Mehreren und Vielen zuruͤckhielt. Sir Piers Edgcumbe, der durch die ſchwere Geldbuße, die er in Folge ſeiner Theilnahme an dem Plane des ungluͤcklichen Burley, den Koͤnig Karl den Erſten aus Carisbrook⸗Caſtle zu befreien, hatte zahlen muͤſſen, beinahe zu Grunde gerichtet worden war, verließ nach dem Tode ſeines geliebten und ſchwer verletzten Mon⸗ archen das Koͤnigreich und zog dem Schickſale des verbannten Kronerben auf dem Veſtlande nach. Bei Wiederherſtellung ſeines koͤniglichen Gebieters kehrte er in ſein Vaterland zuruͤck, wo er mehrere ſeiner anſehnlichen Guͤter, und vor Allem das unvergleichliche Beſitzthum Mount Edgeumbe, in Devon wiedererlangte. Die muntere Robina ward die Gattin des ritterlichen Trelawny von Trelawn, und getreu ihrer Liebe zu ihrer Freundin Agnes Piper, ſo in Freude, wie in Kuͤmmerniß, wuͤnſchte ſie, daß ſie mit Agnes zugleich ihr Trauungsfeſt feiern moͤgte. Elford unterſtutzte dieſen Wunſch, und Warleigh. III. 24 322 erhielt Agneſens Hand als Lohn ſeiner vieljähri⸗ gen und treuen Anhaͤnglichkeit. Seine Ge⸗ muͤthsfehler hatten ſich durch Verbannung und Leiden bedeutend herabgeſtimmt, ſo daß er Ag⸗ neſens um ſo wuͤrdiger geworden war. Er nahm Beſitz von dem Gute Sheep's⸗Tor, als Erbe des Titels und der Guͤter ſeines Vaters, denn Sir Marmaduke war herzenskrank außer⸗ halb Landes geſtorben, indem der an ſeinem huldvollen Gebieter Karl dem Erſten vollfuͤhrte Juſtizmord ihn keine heitere Stunde mehr ge⸗ nießen ließ. Die Hoͤhle, in welcher Sir Marmaduke un⸗ ter dem Felsgekluft verborgen gelegen hatte, ward von Reginald als eine heilige Stätte geachtet, zu der er am jedesmaligen Jahrestage des Hinſchei⸗ dens ſeines Vaters in Andacht und Sohnesliebe wallfahrtete. Sir Hugo Piper und Cornet Davy fuhren fort, es zu treiben, wie ſie es bisher getrieben hatten, indem ſie das Gute und das Schlimme des Erenlebens mit ſtetem Gleichmuthe hinnah⸗ men. Sir Hugo ward nimmer wieder reich, ————— 323 erlangte auch nimmer Etwas von dem Vielen wieder, was er ſo freigebig dem Dienſte des enthaupteten Königs gewidmet hatte; doch meinte er immer, es ginge auch ſo ſchon mit ihm, und fuͤhlte demnach niemals eigentlichen Mangel. Zuftiedenheit ſaͤttigte ihn, ſo wie den Cornet, denn obwohl Beide ſich nach beſſeren Zeiten ſehn— ten, rauchten ſie doch zu dermaliger Zeit, ſo wie dieſe denn eben war, behaglich ihr Pfeiſchen, und labten ſich dabei an der Vergangenheit; und gedachten ſie bisweilen der zu hoffenden beſ⸗ ſeren Zukunft, ſo bemerkten ſie froͤhlich und wohlgemuth, daß, wenn ſie auch keine großen Dinge mehr thun koͤnnten, ſie doch von großen Dingen zu ſchwatzen vermoͤgten. So glichen ſie in der That ſo ziemlich jenem armen Manne in dem arabiſchen Maͤrchen, der von dem Barme⸗ ciden eingeladen ward:— ſie ſchwelgten an der Tafel einer lebhaften Einbildungskraft. Sir Hugo und Cornet Daoy blieben ungetrennt in Leben und Tod, denn der ehrliche Diener lebte nur zwei Tage laͤnger, als ſein Herr; und Beide liegen in der Kirche zu Launceston, in der 2 324 Grafſchaft Cornwall, begraben, wo erſt vor we⸗ nigen Monden die Verfaſſerin dieſes Werkchens zu dem Denkſteine des freiherzigen Ritters, Sir Hugo Piper's, pilgerte. Die Wittwe des Caplans Raleigh erhielt, zur Anerkennung der von ihrem Gatten bis zu deſſen Tode dem Koͤnige treugeleiſteten Dienſte, von Farl dem Zweiten einen ſie gegen Sorgen ſchuͤtzenden Jahrgehalt. Ihre Tochter Mary wuchs zu einer ſchmucken Jungfrau heran, in welcher viel von ihres Vaters Geiſt und Froͤm⸗ migkeit und von ihrer Mutter Sanftmuth wohnte. Sie ehelichte einen jungen Geiſtlichen, der ſpa⸗ ter, unter der Regierung William's und Mary's, ein Biſchof jener Kirche ward, die, wie man wohl ſagen mag, gleich dem Phoͤnix der Fa⸗ belwelt, glorreich aus der Aſche der Unwuͤrdig⸗ keit, in die ſie durch Fanatismus und Rebel⸗ lion geſunken war, wieder hervorging. Roger Rowle und Mehrere von ſeinen Man⸗ nen begaben ſich, des Stegreifslebens uberdruͤſ⸗ ſig, unter die Fahnen des Generals Monck, und bald darauf fand Roger ehrenvollen Tod auf — . * —— —325 einem ſchwerbeſtrittenen Schlachtgefild in Flan⸗ dern. Der ſchwarze Will entſchluͤpfte nicht ſo leicht als ſein von ihm verrathener Gutsherr; denn ungeachtet der im Gefaͤngniſſe ihm etwa vorge⸗ ſpiegelten Hoffnungen auf Leben und Freiheit, ward er in mit ihm angeſtellten peinlichen Ver⸗ hoͤren der Theilnahme an der Ermordung Sir Walter Radcliffe's ſchuldig befunden, und durch das Beil des Henkers zu Tode gebracht. Vom Schickſale der Zauberſchweſter Mutter Gee wiſſen wir nichts; hoͤchſt wahrſcheinlich war es nichts weniger als ein gluͤckliches, indem noch heut zu Tage Betreffs ihrer wilde Sagen im Munde des Volkes umgehen, nach denen ihre Anmaßung, auf uͤbernatuͤrliche Weiſe ſo Gu— tes als Boͤſes wirken zu koͤnnen, ihr eigenes Verderben herbeigefuͤhrt haben ſoll. Der Baum, welcher Zeuge der Ermordung des jungen Amias Radcliffe war, ſteht noch, und zwar hart außerhalb des Kirchhofs von Ta⸗ merton Foliot, und heißt noch heut zu Tage „Coppleſtone's Baum“ oder„die verhaͤngniß⸗ 326 volle Eiche“z und die Schauergeſchichte des Ver⸗ brechens, das am Stamme dieſes Waldfuͤrſten veruͤbt ward, lebt noch jetzt im Munde der aͤl⸗ teren Dorfeinwohner. Die Hoͤhle oder der Fels⸗ ſpalt, worin man Sir John's Leiche auf ſo ge⸗ heimnißvolle Weiſe fand, fuͤhrt ebenfalls des Moͤrders Namen, denn ſie heißt„Coppleſtone's Höhle“ Sobald die Daͤmmerung naht, ſcheut das Landvolk der Gegend dieſe Schlucht als einen Schlupfwinkel boͤſer und boshafter Spuk⸗ geiſter. Wie nun auch in ihrem immer gleichmaͤßi⸗ gen, unaufhaltſamen Schritte die Zeit dahin⸗ eilte und Menſchengeſchlechter entſtehen und ver⸗ gehen ſah, ſo erliſcht das Gedächtniß wahren Heldenmuthes doch nimmer.— Das Bildniß Gertrud Coppleſtone's haͤngt noch heutiges Ta⸗ ges, mit dem ihres Gatten, Sir William Ba⸗ ſtard's, in dem naͤmlichen Ritterſaale, in wel⸗ chem ſie von der Gallerie herab, am Abend je⸗ nes zwanzigſten Junius, einen ſo edlen Muth und eine ſo kuhne Entſchloſſenheit zeigte, daß ſie dadurch ihrem nachmaligen Gatten, und auch —— —— —— —— hoͤchſt wahrſcheinlich allen den zur Zeit anweſen⸗ den und verrathenen Royaliſten, das Leben rettete. Wie ſtrafbar ihr Vater auch geweſen ſein mag, ſo ſaͤnftigen doch die Tugenden der Toch⸗ ter in gewiſſem Grade den gerechten Unwillen, den die Nachwelt gegen das Andenken John Coppleſtone's hegen muß; und um Gertrudens willen hoffen wir, daß der Leſer, der die Bah⸗ nen dieſer Erzaͤhlung mit uns durchwanderte, falls er jemals jenen Theil der Grafſchaft De⸗ von beſucht, mit Wohlwollen und Theilnahme auf das Kirchdorf Tamerton, auf das Herrnhaus „Warleigh“ und auf„die verhaͤngnißvolle Eiche“ blicken wird. Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. ——— — — ——