S —— Leihbibliothek „ deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Ottmann in Gieſſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ceih- und geſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2 Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: *—————————— auf 1 Monat: 6*/ 3 77 3 4 7 77 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und vefecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern zc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. e Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. S 7 „ — — F * 7 —— — * —— Mrs. Bray's Hiſtoriſche Romane. Siebenzehnter Band. Zweiter Theil. In demſelben Verlage iſt ferner erſchienen: Bray, Mrs., de Foir; oder: franzoͤſiſches Leben im vier⸗ zehnten Jahrhundert. Ein Zeit⸗ und Sitten⸗Gemaͤlde. 3 Theile. 8. 1 Thlr. 12 Gr. ——, die Weißkappen; oder: Anna von Gent. Ein Niederlaͤndiſches Gemalde. 3 Theile. 8. 1 Thlr. 12 Gr. ——, der Proteſtant. Ein Nachtſtuͤck aus der Re⸗ gierung der„blutigen“ Koͤnigin Maria. 8. 3 Theile. 4 Thlr. ——, Fitz of Fitz⸗Ford. Eine Sage aus Suͤd⸗Eng⸗ land, aus den Zeiten der Koͤnigin Eliſabeth. 3 Theile. 8. 4 Thlr. ——, der Talba von Portugal; oder: Schickſale der Ines de Caſtro. Ein Bild aus der Maurenzeit. 3 Theile. 8. Hauch, Prof. C., der Goldmacher. Eine Schilderung aus der erſten Haͤlfte des vorigen Jahrhunderts. 2 Theile. 8. 2 Thlr. 12 Gr. Ingemann, B. S., Koͤnig Erik und die Geaͤchteten. Ein Zeit⸗ und Sitten⸗Gemaͤlde aus den letzten Tagen des dreizehnten Jahrhunderts. 3 Theile. 8. 2 Thlr. 16 Gr. Ritter, der finſtere; oder: Die Belagerung Kopenha⸗ gen's unter Friedrich dem Dritten. Ein hiſtoriſches Phantaſieſtuͤck aus der zweiten Haͤlfte des ſiebzehnten Jahrhunderts. 2 Theile. 8. 2 Thlr. Trollope, Mrs., Leben und Sitte in Nordamerika. Nach der vierten Auflage aus dem Engliſchen uͤber⸗ tragen. 3 Theile. Mit 24 Darſtellungen in Stein⸗ druck. 8. 3 Thlr. 16 Gr. Vistorische RBomane der Mrs. Anna Eliza Bray. „Verweg'ner Krieg und treue Liebe Und ernſte Wahrheit in der Dichtung Schmuck.“ Gray⸗. Nach der zweiten Auflage aus dem Engliſchen uͤbertragen. Siebenzehnter Band. Warleigh. Zweiter Theil. univerſitäts⸗Buchhandlung. 1 8 3 8. —————— Warleigh; oder: Die verhaͤngnißvolle Eiche. Eine Legende aus Devon, von Mrs. Anna Eliza Bray. ——„Mauch ſagenhaft Geſchichtchen Hing um die Berg' herum, und manches Märchen Bevölkerte die düſtern Forſt' und nährte Die Phantaſei in ihrem zart'ſten Keim.“ Ausflüge, 13 Buch. Nach der zweiten Auflage aus dem Engliſchen uͤbertragen von Dr. G. H. Bärmann. Zweiter Theil. Univerſitäts⸗Buchhandlung. 1 838. —————— W 4 1 e 5 wei Warleigh. II. Ersten Capitel. „— Gram und Herzenskummer Verlieh'n ihm Worte, wie ſie Wahnwitz ſpricht.“ Shakſpeare. Der junge Elford ſetzte ſeinen Weg fort. Die Nacht war ſchoͤn; die blaue Hohlkugel des Him⸗ mels mit ihren Planeten und tauſend Sternen, jenen Wundern der Schoͤpfung, wies ſich glaͤn⸗ zend, während der wolkenfreie Vollmond in ſchwei⸗ gender Majeſtaͤt ſeine Bahn dahinwallte. Kein Laut ließ ſich in den Waͤldern vernehmen, ſo daß die Schoͤnheit und heilige Ruhe der Scene durch nichts geſtört ward; außer, daß dann und wann aus der Ferne ein Heerdengloͤcklein er⸗ klang, oder das Bellen eines Dorfhundes die Stille unterbrach, die zu ſolcher Stunde und in 1„ ſolcher Nacht ganz beſonders geeignet war, die Seele des Menſchen zu Dem zu erheben, der die Veſten des Himmels haͤlt und zu allen er⸗ ſchaffenen Dingen ſpricht:„Ich bin Euer Va⸗ e Eine Zeit lang ſchritt Reginald auf dem Heer⸗ wege hin, bis er den Gegenſtand bemerkte, den Miſtreß Raleigh ihm als denjenigen bezeichnet hatte, bei welchem er von der Landſtraße ablen⸗ ken ſollte. Dieſer Gegenſtand war ein ſteiner⸗ nes, muthmaßlich aus der Sachſenzeit herſtam⸗ mendes Kreuz, das bis jetzt der Wuth der Fa⸗ natiker entgangen war, die jedes ehrwuͤrdige Ueberbleibſel der Art im ganzen Lande unter dem Vorwande zerſtoͤrten, papiſtiſche Greuel zu ver⸗ nichten. Hier alſo wend⸗te Reginald ſich einem. Feldwege zu, uͤber den hin er in eine jener wil⸗ den und offenen, mit Felsgeſtein bedeckten Ebe⸗ nen gerieth, wie man ſie ſo haͤuſig zwiſchen den Waldſtrecken der Grafſchaft Devon antrifft. Ein kleines, einem unfern ſich erhebenden Huͤgel ent⸗ ſpringendes Gewaͤſſer rieſelte im Mondlicht ſchim⸗ mernd ſeine Bahn dahin und murmelte ſo leiſ' 5 und lieblich, daß es ſich gar wohl geeignet gab, „das ſchläfrige Ohr der Nacht“ einzulullen. Wie es ihm angerathen worden war, ging Reginald dem Laufe dieſes Gewaͤſſers nach, das wie ein geſchwätziger Reiſegenoß fortwaͤhrend, ſo wie es an ihm hinſtroͤmte, mit ihm plauderte. Es dräͤngte ſich bald in einen Waldbezirk, in wel⸗ chem es ſich oft unter dem ſchattigen Baldachin dicker Aeſte und Blaͤtter aus dem Geſicht unſe⸗ res jungen Wanderers verlor. Dieſer verließ jetzt den mehr betretenen Pfad und gelangte auf eine mit Neſſeln, Diſteln und anderem Wildkraut ſo uͤberwachſene Strecke, daß er nur mit Muͤhe ſich einen Weg bahnen konnte, und oft anhalten mußte, um ſich zu uͤberzeugen, daß er ſich in der Waldung nicht verirrt haͤtte. Obwohl er nun das ihm bisher ein treuer Fuͤh⸗ rer geweſene Waſſer nicht mehr ſah, ſo traf doch, als es in unwahrzunehmendem Bette neben ihm hinfloß, das Murmeln deſſelben des Juͤnglings Ohr Reginald war von nachdenkendem Weſen, und gab vollends jetzt, indem er uber den Lauf die⸗ ſes Waldgewaͤſſers gruͤbelte, ſich ſeinen ſchwer⸗ muͤthigen Gedanken hin. Wie ſehr ward er an das Geſchick der Menſchen erinnert, indem ſie durch die Alles behuͤtende Hand der Fuͤrſehung hienieden ihre Bahn entlang geleitet werden! Gleich dem Triumphe eines Mannes hatte er das Fluͤßchen im Scheine des Vollmondes blitzend und flimmernd, dann wieder durch Blaͤtterſchat⸗ ten verdunkelt geſehen, obwohl im letzteren Falle die Kraft und jede natuͤrliche nuͤtzliche Eigenſchaft deſſelben unveraͤndert dieſelbe geblieben war. Manchmal ſchwiegen die Murmelwellen, dann wurden ſie wieder laut; ploͤtzlich ſah man ſie nicht mehr, oder ſie verſenkten ſich in irgend eine Erdhoͤhle; dennoch hoͤrten ſie in dieſer Verſen⸗ kung nicht auf, zu ſein was ſie waren, indem ſie ſofort ſich wieder erhoben und in wohl noch breiterer Stroͤmung und verſtaͤrktem Laufe weit heller ſchimmerten, als je zuvor. So auch, dachte Reginald, fuͤhrt die Hand der Fuͤrſehung den Menſchen uͤber deſſen Lebenspfade, und wo er auch von Anderen geſehen oder ungeſehen ſich befinden mag— immer wandelt er unter den Augen Gottes, die uͤber ihn wachen, und ſchrei⸗ tet an der Hand des Hoͤchſten dahin, die oft den Menſchen aus der Tiefe des Elendes zu Ehre, zu Gluͤck und zu Gluͤckſeligkeit erhebt. „Ich weiß, daß Dem ſo iſt,“ fuhr Reginald fort, indem er ſeine Gedanken lautwerden ließ; „ich fuhle, daß dies wahr iſt, und will alſo das Beſte hoffen; ſelbſt wenn Hoffnung ſchwinden moͤgte, will ich doch nicht verzweifeln; und ob⸗ ſchon ich den Verluſt einſt gehabter Segnungen beklage, will ich doch nicht undankbar erfunden werden, ſondern den Geber alles des Guten lo⸗ ben, deſſen ich genoß, ſelbſt wenn dies Gute mich auch nimmer wieder erfreuen ſollte“ Durch Betrachtungen dieſer Art erheiterte Re⸗ ginald bei ſeinem Weiterwandern ſich das Ge⸗ muͤthz jedoch indem er dies that, ſeufzte er und heftete einen ſchwermuͤthigen Blick auf die Wald⸗ bezirke, die ſchweigend ihn umſtanden, indem ſie ihre hohen Wipfel und theilweiſe ſich ſenkenden Aeſte ſchoͤn vom Mondlichte beruͤhrt und verſil⸗ bert und ſich vielleicht wegen des Contraſtes der ſie rings umhangenden dichten und dunkeln Schat⸗ ten um ſo heller beleuchtet wieſen, waͤhrend hie und da der entrindete Aſt irgend eines alten Baumes, der ſich kuhn in das Licht ſtreckte, ſo daß dem Auge der Phantaſie er wie ein Men⸗ ſchenarm erſchien, welcher dem Leibe irgend ei⸗ nes Giganten angehoͤrte, der ſich dann recht wohl in dem dunkeln und rieſigen Stamm einer be⸗ tagten Eiche darſtellte, welche inmitten der ubri⸗ gen Waldbaͤume gleich einem glorreichen Feld⸗ hauptmann daſtand, der ſeine von ihm in die Schlacht zu fuͤhrenden Mannen um ſich her ver⸗ ſammelt hat. Reginald kam nun zu einer Huͤtte, die vor⸗ mals einem Holzhauer gehoͤrt hatte, jetzt jedoch ſo verfallen war, daß ſie ſich als faſt unbe⸗ wohnbar ergab. Eine Eiche von ungewohnlicher Größe und an ihrem Fuße ſo gehoͤhlt, daß ein Mann bequem in die Oeffnung kriechen konnte, ſtand nahe dem zerruͤtteten Gebaͤude, das, gleich⸗ wie die Huͤtten, die man noch heut zu Tage in Dartmoor ſieht, aus Torf und Lehm aufgefuͤhrt war, und in deſſen Dache ſich ein Loch befand, welches als Rauchfang diente. Die Mauern die⸗ 9 ———— ſer kuͤmmerlichen Behauſung waren zum Theil eingeſturzt, und die Thuͤr derſelben ſo wandelbar geworden, daß ſie nicht mehr verſchloſſen wer⸗ den konnte. Man kann ſich leicht vorſtellen, daß das Innere ſolcher Wohnung ſich keiner beſon⸗ deren Bequemlichkeit zu ruͤhmen vermogte. Als Reginald ſich der Huͤtte naͤherte, ſchim⸗ merte ihm durch die zertruͤmmerte Thuͤr derſel⸗ ben ein Licht entgegen. Er ſtand ſtill und blickte hinein. Es waͤhrte ein Weilchen, ehe er ſich zum Hineingehen entſchließen konnte, zumal da er nicht nur den unglucklichen Inſaſſen der elenden Wohnung zuvor zu beobachten, ſondern ſich auch einigermaßen von der Erſchuͤtterung zu erholen wuͤnſchte, die ihn bei dem Gedanken, ſeinen Vater unter Umſtaͤnden von mehr als gewohnlichem Miß⸗ geſchick wiederzuſehen, hatte erfaſſen muͤſſen. Waͤh⸗ rend Reginald ſtillſteht, wollen wir einige Worte in Betreff des Mannes mittheilen, den er mit ſo hohem Ernſt und ſo inniger Liebe anblickte. Sir Marmaduke Elford ſtammte aus einer der älteſten Familien in Devon. Er war ein juͤngerer Sohn, den man fuͤr die Kirche be⸗ ſtimmte, und der mit hohen Ehren von der Uni⸗ verſitaͤt entlaſſen ward, ſo daß Jeder ihn be⸗ ſonders tuͤchtig zu dem geheiligten Amte hielt, welchem man ihn ſeit ſeinen Knabentagen ge⸗ widmet hatte. Marmaduke war energiſchen, ern⸗ ſten, aufſchwingenden Geiſtes, wahrend in ſei⸗ nen Gefuͤhlen und Studien etwas Schwaͤrmeri⸗ ſches lag. Seine Leidenſchaften wieſen ſich ſtark, allein ſeine Vernunft that dies nicht minder, und gleich einem guten Beherrſcher ſeiner ſelbſt, rang er danach, Das, was in ſeiner Natur Unedles war, zu bezwingen. Selten ließ er einer ſeiner Leidenſchaften den Sieg uͤber ſich gewinnen. Als er in das Juͤnglingsalter trat, umwoͤlk⸗ ten ſeine Gefuhlsreizbarkeit, ſein zuruͤckgezogenes, verſchloſſenes und ſchwermuthiges Weſen ihm dergeſtalt den Geiſt, daß Viele ihn, wenn er Papiſt geweſen waͤre, tauglicher zu einem aſceti⸗ ſchen Moͤnch, als zu einem Geiſtlichen der mil⸗ den und gemäͤßigten Grundſätze der Landeskirche haͤtten glauben mogen. Er ſelbſt hatte jedoch eine andere Anſicht von der Sache, und betrach⸗ tete die Amtspflicht eines proteſtantiſchen Prie⸗ 11 ſters als einen hochernſten und ſtrengen Beruf. Vielleicht dachte er zu viel an die Verantwortlich⸗ keit, und zu wenig an die Hoffnungen, die Trö⸗ ſtungen und den erfteulichen Einfluß derſelben auf das Herz und den Umgang eines guten Men⸗ ſchen, der Gott ſelbſt durch das Wohlbehagen an ſeinen Lebenspflichten verehrt. Dieſem mogte ſein wie ihm wollte, ſo nahm Marmaduke doch die Prieſterweihe nicht; denn es ereignete ſich ein Umſtand, welcher in einem einzigen Augenblicke ſein Schickſal dahin wendete, daß dieſes ihn zum Repräſentanten und alleinigen Erben des großen Beſitzthums der Familie Elford machte. Bin⸗ nen einer und derſelben Woche ſtarben ſeine bei⸗ den Bruͤder an den natuͤrlichen Blattern; Mar⸗ maduke ward demnach von Oxford einberufen, und ſah ſich auf Befehl ſeines Vaters, ein Be⸗ fehl, der ihm fuͤr Pflicht galt, genoͤthigt, dem geiſtlichen Stande fuͤr immer zu entſagen. Ihn nahm jetzt die Familienwohnung unweit Sheeps⸗ tor in Devon mit allen den Ehren auf, die dem alleinigen Erben einer ſo edlen und uralten Ab⸗ kunft gebuͤhrten. Die Veraͤnderung in ſeinen Lebensverhaͤltniſ⸗ ſen war groß, brachte jedoch keine Umwandlung ſeiner Lebensweiſe, ſeiner Studien und ſeiner Neigungen hervor. Ihn umgab daſſelbe duͤſtere Weſen von vorhin und unterdruͤckte bei ihm all jene Eigenſchaften des Geiſtes, die an der Ju⸗ gend ſo einnehmend und liebenswuͤrdig ſind. Er ſtand voͤllig ſo wie zuvor in Gefahr, ein Men⸗ ſchenfeind zu werden, denn er ſchien keinen An⸗ theil an Demjenigen zu nehmen, was dieſer Welt angehoͤrte, und waͤhrend er alle ſeine Gei⸗ ſteskraͤfte auf die abſtracteſten theologiſchen An⸗ ſichten gerichtet hielt, uͤberſah er eben deswegen beinahe gaͤnzlich die nahe liegenden Begriffe und Grundſaͤtze. Dieſes ſein Hinneigen zu tiefen metaphyſiſchen Gruͤbeleien war bei ihm um ſo beunruhigender, da das Geruͤchtgefluͤſter umlief, die Elfords haͤtten in mehr als Einer Genera⸗ tion Spuren einer erblichen Geiſteszerruͤttung blicken laſſen. In ſolcher, allerdings bedenklichen Kriſis, als Niemand vermogte, den jungen Marmaduke ſei⸗ nem Duͤſter und ſeinen myſtiſchen Studien zu — entreißen, ward er vor den daraus zu befuͤrch⸗ tenden boͤſen Folgen durch die Liebe bewahrt. So ſehr dies ſanfte Gefuͤhl bisher unter ſeiner tiefen Schwermuth erſtarrt gelegen zu haben ſchien, ſo lebendig ward es jetzt in ihm und ſchien gar keine Maͤßigung kennen zu wollen. Er ward in ſeiner Neigung zu dem Gegenſtande ſei⸗ ner Wahl eben ſo ſehr Schwaͤrmer, als er es bisher in Bezug auf ſeine Lieblingsſtudien geweſen war. Marmaduke's Erwaͤhlte gehorte einem min⸗ der ausgezeichneten Stande an, als der ſeinige war, und beſaß kein Vermoͤgen; doch muß zu⸗ geſtanden werden, daß ihre anderweitigen Vor⸗ zuge durchaus ſeine Liebe zu ihr rechtfertigten. Sie war nicht nur ein ſchoͤnes und gebildetes Frauenzimmer, ſondern auch von trefflichem Ge⸗ muͤth, von warmem und liebevollem Herzen. Der Vater Elford, der mit Freuden ſah, daß ſein Sohn an irgend etwas Weltlichem Theil nahm, ſegnete dies Ehebuͤndniß, ſtarb bald nach⸗ her und hinterließ ſeinen Sohn Marmaduke und deſſen liebenswurdige Gattin als alleinige Be⸗ ſitzer ſeines großen Vermogens. Etliche Jahre lang genoß das junge Paar einer Gluͤckſeligkeit, wie ſie ſelten uns Sterbli⸗ chen zu Theil wird. Ihre Liebe zu bekroͤnen, ward ihnen ein Sohn geboren, dem ſie den Na⸗ men Reginald beilegten, und von dem man hoffte, daß er ihren Namen mit Ehren auf die Nachwelt bringen wuͤrde. Sir Marmaduke's Ge⸗ muͤthsart hatte mittlerweile unter dem zarten Einfluſſe reinehelicher Liebe ihre Schroffheit und ihr Duͤſter verloren, ſo daß, wenn er ſich eines Gemuͤthsfehlers ſchuldig machte, dies nur aus Uebermaaß der Liebe geſchah; denn man hatte von Marmaduke ſagen moͤgen, daß er ſeine Gat⸗ tin anbetete. Dies ſchoͤne Gluͤck ſollte jedoch eine furcht⸗ bare Umwandlung erleiden. Marmaduke und deſ⸗ ſen Gattin beſaßen nur den einzigen Sohn Re⸗ ginald, und dieſer ward nebſt dem Sohne des ritterlichen Sir Bevil Grenville, welcher gleich ihm erſt funfzehn Jahre zaͤhlte, von der Univer⸗ ſitaäͤt Opford, wo beide Juͤnglinge noch ihren Studien obzuliegen hatten, nach Hauſe zuruͤckbe⸗ rufen, indem beide Väter ihre Soͤhne dem Dienſte 15 Koͤnig Karls widmeten. Dies war jedoch nicht Alles. Sir Marmaduke ruͤſtete ſelbſt eine Rei⸗ terſchaar aus, vertheidigte ſeinen Familienſitz, bis dieſer erſtuͤrmt ward, und mußte dann, als keine Gegenwehr mehr moͤglich war, bei Nacht mit ſeinem Weibe und ſeinem Sohne die Flucht nach Ford Houſe, unweit Exeter, einem Wohnſitz er⸗ greifen, der ebenfalls fur den Koͤnig unter Waf⸗ fen war und den Schauplatz der denkwuͤrdigſten Handlungen heldenmuͤthiger Tapferkeit im gan⸗ zen Koͤnigreiche waͤhrend der burgerlichen Kriege abgab. Ford Houſe ward hierauf zu wiederhol⸗ ten Malen von den gegenſeitigen Parteien ein⸗ genommen, bis man es endlich durch Fairfar und Waller im Namen des Parlaments gaͤnzlich bezwungen ſah. Das Ungluͤck, das den tapfern Sir Mar⸗ maduke und deſſen ritterlichen Sohn Reginald betraf, iſt dem Leſer bereits bekannt; doch iſt dieſem ein Theil der Geſchichte des Erſteren noch nicht kund worden; auch können wir hier nicht ſo umſtaͤndlich darauf eingehen, als wir es wohl wuͤnſchten, indem dieſelbe ſogar zur Zeit, da ſie 16 ſich zutrug, in ein tiefes Geheimniß gehuͤllt war. Wir deuten hier auf die außerordentlichen Um⸗ ſtaͤnde hin, die ſich bei dem Abſterben der Lady Elford zugetragen haben ſollten, und auf welche zuruͤckzukommen wir ſpäter Gelegenheit finden duͤrften. Dieſe Umſtaͤnde hatten den Geiſt des ungluͤcklichen und verfolgten Gatten ſo heftig er— ſchuͤttert, daß es unbezweifelt blieb, ſeine Ver— nunft habe einen nie gaͤnzlich wieder zu heilen⸗ den Stoß erlitten. Es gab Augenblicke, in de⸗ nen bei Sir Marmaduke durch Wildheit und Regelloſigkeit in ſeinem Weſen und Reden nur allzu vernehmbare Spuren von zerruͤttetem See⸗ lenzuſtande zeugten. Zu dieſem haͤuslichen Miß⸗ geſchick des Vaters unſers Reginald geſellte ſich uͤberdies, wie wir wiſſen, der Anblick des Elen⸗ des, in welches Koͤnig und Volk von England ſich geſtuͤrzt ſehen mußten. Waͤhrend Sir Mar⸗ maduke die Waffen fuͤr ſeinen Monarchen fuͤhrte, und beſonders nach dem Hinſcheiden ſeiner Gat⸗ tin, war alle Heftigkeit ſeiner Gemuͤthsart, die bisher niedergeſaͤnftigt worden war, ausgebro⸗ chen, ſo daß ſie mit gedoppelter Kraft ſich vor „— der erlittenen Unterdruͤckung Luft zu ſchaffen ſtrebte. Im Treffen hatte Sir Marmaduke ſich kuͤhn und unternehmend, beim Siege finſter und we⸗ nig mitleidig gezeigt. Tapfer gegen einen Feind und achtlos hinſichtlich ſeiner ſelbſt gegen jegliche Gefahr, fuͤhlte er nicht ſo fuͤr ſeine mißleiteten Gegner, als man es wol haͤtte wuͤnſchen moͤ⸗ gen, indem dieſe, mißleitet, wie ſie waren, doch immer ſeine Landsleute blieben. Diejenigen von ſeiner Partei wurden von ihm als Bruͤder, und der Koͤnig als deren gemeinſamer Vater betrach⸗ tet, dem man Alles, ſelbſt das Leben opfern muͤßte; waͤhrend er ſeine Feinde mit einem Haſſe und einer Bitterkeit anſah, die nur durch gaͤnz⸗ liche Ausrottung derſelben ſich befriedigt gefuͤhlt haben wuͤrde. Um das Ganze ſeines Charakters in wenige Worte zuſammenzufaſſen, moͤgten wir wohl mit Wahrheit ſagen, daß die Natur ihm viele große Eigenſchaften verlieh, daß aber ſeine ſchwermuth⸗ vollen Religionsanſichten Das in ihm zu einem Quell des Schreckens umwandelten, was eine Warleigh. II. 2 18 Quelle des Hoffens haͤtte ſein und bleiben ſol⸗ len; ſo daß Marmaduke, durch wiederholte Un⸗ glucksfaͤlle zur Verzweiflung getrieben und von heftiger Parteiwuth fortwaͤhrend gereizt, ſich zu gleicher Zeit finſter, wild und elend— kurz als ein Abbild derjenigen Tage wies, in denen er lebte, und die vorzugsweiſe dazu geeignet waren, einen ſolchen Charakter hervorzubringen. Waͤhrend der bekuͤmmerte Sohn auf ſeinen ungluͤcklichen Vater blickte, ſah er dieſen in ei⸗ nen Mantel gehuͤllt, bewaffnet und barhaupt ſitzen und in einem von den wenigen Buͤchern leſen, die ſeine Elendsgenoſſen geblieben waren. Die Strahlen des Lichtes fielen auf ſein hage⸗ res, furchenreiches Geſicht, deſſen Zuͤge wenige Spuren von jener maͤnnlichen Schoͤnheit zeig⸗ ten, durch welche es ſich vormals ausgezeich⸗ net hatte, und eben ſo wenig war in ihnen Milde oder Herzensguͤte zu leſen. Schwermuth und Murrſinn blickten daraus hervor, wiewohl die Wildheit in den Augen bisweilen unter ei⸗ nem Anfluge von Schwaͤrmerei dem Antlitz et⸗ was Erhabenes verlieh; denn wenn Marmaduke ————„ 7) c 19 ——— in ſolchen einzelnen Momenten aufſchaute, ſo leuchteten ſeine Augen unter ſeiner duͤſtern Stirn gleich dem verzuckenden Blitze, der aus ſchwar⸗ zer Wolke hervorſchießt. Sir Marmaduke in dieſem Augenblicke zu betrachten, konnte nicht mit Gleichguͤltigkeit ge⸗ ſchehen, denn er gab in Wahrheit ein vollkom⸗ menes Bild des Leidens ab, waͤhrend ihn eine Wuͤrde umgab, die ſelbſt ſeinen Feinden Ach⸗ tung eingefloͤßt haben duͤrfte; dieſe haͤtten in ih⸗ ren Herzen ihm fluchen, doch nimmer Verach⸗ tung gegen ihn in allen ſeinen Drangſalen fuͤh⸗ len moͤgen. Als Reginald die Klinke der Thuͤr hob, um ſie zu oͤffnen, fing ein Hund, der einzige Waͤch⸗ ter des ungluͤcklichen Huͤttenbewohners, heftig an zu bellen. Sir Marmaduke fuhr auf und hatte ſchon die Hand an ſeine Waffe gelegt, als ſein Sohn vor ihm ſtand. Er ließ ſogleich ſeine Hand ſinken, blickte den Gekommenen veſt an, zeigte jedoch auf ſeinem Geſichte keine Mienen⸗ veraͤnderung, als der junge Mann, von Sorge, Bekuͤmmerniß und Anſtrengung im Aufſuchen 2* ———— 20 ſeines Vaters erſchoͤpft, in Thraͤnen ausbrach und die Worte ſtammelte:„O mein geliebter Vater! ſeh' ich Dich endlich wieder? Doch, o Herr des Himmels! an welchem Orte find' ich Dich? Biſt Du nicht erfreut, mich zu ſehen? Rede, mein Vater— ſegne mich!“ „Mein Segen,“ entgegnete Sir Marmaduke ſanften Tones,„iſt jederzeit mit Dir. Wolle Gott Dich beſchirmen! Doch warum ſuchſt Du mich hier auf? Du ſtellſt dadurch Dich der Ge⸗ fahr bloß, ohne mir dienen zu koͤnnen.“ Einigermaßen durch die ſanfte Redeweiſe des Vaters geſtaͤrkt, antwortete Reginald hierauf mit ſo vieler Waͤrme kindlicher Liebe und Anhaͤng⸗ lichkeit, daß die Empfindungen Marmaduke's um ein Bedeutendes geſaͤnftigt wurden, und der Vater mit einem theilnahmvolleren Auge, als es ſeit langer Zeit geſchehen war, auf den Sohn blickte. Reginald ſetzte ihn nun von gewiſſen naͤheren Umſtaͤnden in Kenntniß, die das Auf⸗ ſuchen des Vaters betrafen, und die zu wiſſen Sir Marmaduke den Wunſch geaͤußert hatte. Der Sohn hatte noch mehr als Dies mitzuthei⸗ — —— 6b 21 len, hielt jedoch inne, als zweifelte er, ob er es jetzt thun, oder es bis morgen verſchieben ſollte, da Das, was er zu ſagen haätte, den Vater leicht wieder aufregen moͤgte. Er holte nun unter ſeinem Mantel einige Erfriſchungen hervor, die, wie er wohl wußte, ſeinem Vater mangelten, und noͤthigte dieſen, etwas Wein aus einer mit⸗ gebrachten Flaſche zu ſich zu nehmen; dann er⸗ klärte Reginald, daß er beabſichtigte, dieſe Nacht in der Huͤtte zuzubringen. Sir Marmaduke genoß ſpaͤrlich von dem Brote und dem Weine, womit die Sorgfalt des Sohnes ihn verſehen hatte, weigerte ſich jedoch, ſich zur Ruhe zu legen, als Reginald ihn dazu aufforderte, ſondern erklaͤrte, er wuͤrde doch nicht ſchlafen koͤnnen, weshalb er denn lieber mit dem Sohne, den er ſeit ſo lange nicht geſehen hatte, die Zeit verplaudern wollte. Es zeigte ſich deutlich, daß an dieſem Abend mehr Schwer⸗ muth als Wildheit in Marmaduke's Seele lag, denn er ſprach Worte traurigen, aber durchaus wohlgeordneten Inhaltes. Als der Sohn ihn nochmals anmahnte, ſich zur Ruhe zu legen, verſetzte er:„Ruhe wird nur einem unbeſchwer⸗ ten Herzen und einem muͤden Haupt. Mein Haupt, Gott weiß es, iſt muͤde genug, doch mein Herz iſt zu belaſtet, als daß ich mich dem Schlummer hingeben koͤnnte. O mein Sohn!“ fuhr er fort, indem er auf einen im Winkel liegen⸗ gen Strohhaufen zeigte,„betrachte jenes Lager. Waͤre es ein Grab, wie gern wollt' ich mich unter Dunkel und Einſamkeit in daſſelbe legen; denn lange Zeit hat meine Seele vor den Pfor⸗ ten des Todes getrauert, ohne Einlaß in dieſel⸗ ben zu finden! Mein Hoffen iſt geweſen und iſt nicht mehr, und die Bekuͤmmerniß, dieſe ha⸗ gere Hexe, haͤlt ihren Starrblick auf mich ge— heftet, und ich vermag es nicht mehr, die Augen von ihr abzuwenden.“ In dem Weſen, das Marmaduke bei den letz⸗ teren Worten zeigte, lag ſo viel Beunruhigen⸗ des, daß der Sohn, um nur dem Geſpraͤch eine andere Wendung zu geben, darauf hindeutete, daß er ſeinem Vater eine Mittheilung, wenn gleich eine aufregende, zu machen haͤtte. Sir Marma⸗ duke fragte, worin dieſelbe beſtaͤnde, und Regi⸗ M 23 nald erzaͤhlte ihm nun in Kuͤrze, daß, obwohl der Koͤnig noch immer zu Carisbrook Caſtle ge⸗ fangen ſaͤße, doch das liſtige und grauſame Ver⸗ fahren des Parlaments gegen den Monarchen, dem es Tractatpunkte vorgelegt haͤtte, die dieſer ſeinem Gewiſſen und ſeiner Koͤnigspflicht nach nimmer zugeſtehen koͤnnte, aufs Neue durch das ganze Land ein maͤchtiges Gefuͤhl des Mitleidens und der Unterthanentreue erweckt haͤtte, ſo daß man hoffte, es moͤgte unter Mitwirkung der Ca⸗ valiere in Weſt⸗England ein Plan zur Be⸗ freiung des ungluͤcklichen gekroͤnten Gefangenen um ſo eher zu Stande kommen, als Parlament und Armee zur Zeit mit einander geſpannt waͤ⸗ ren, letztere auch erklaͤrt haͤtte, ſie wuͤrde ſich mit nichts Geringerem, als mit einer gaͤnzlichen Umgeſtaltung der Regierungsverfaſſung begnügen. Gegen ſeines Sohnes Erwartung ſchien Sir Marmaduke keineswegs durch dieſe Mittheilung ſofort aufgeregt zu werden, denn er laͤchelte nur, als er von den Spaltungen hoͤrte, die neuerdings zwiſchen jenen beiden Gewalten ſein ſollten, die zuvor zum Sturze der koͤ⸗ 24 niglichen Macht und Wuͤrde vereinbart geweſen waren. 6 „Dennoch laͤßt ſich,“ verſetzte der junge El⸗ ford,„eine Vernichtung dieſer Vereinbarung er⸗ warten. Man kann weder den Maßregeln, noch den Einſichten Derer vertrauen, die uͤber ihren Ehrgeiz ihrer Pflicht gegen Gott vergeſſen, wenn unter ihnen auch anerkannt einſichtsvolle Men⸗ ſchen, wie Fairfar, Cromwell und Vane, gefun⸗ den werden.“ „O Menſch!“ rief Sir Marmaduke, deſſen Melancholie ihn uͤber die von ſeinem Sohne ge⸗ machte Bemerkung zu einer moraliſchen Betrach⸗ tung anregte:„Menſch, ruͤhme Dich nicht Dei⸗ ner Einſicht, denn wie oft erweiſen Deine kluͤg⸗ ſten Rathſchlaͤge ſich als nichtig! Wie weit min⸗ der zuverlaſſig iſt ſie in ihrem Thun, als der Inſtinct der Vierfuͤßler, ja ſelbſt der Kriechthiere dieſer Erde es iſt! Dieſe kennen kein anderes Geſetz, als das ihnen unmittelbar vom Schoͤ⸗ pfer gegebene, und dieſem allein folgen ſie und irren darin nimmer. Der Staatsmann erbauet ſein Gebaͤude der Politik, doch nimmer vollbringt er es ſo zuverlaͤſſig, als die arme Ameiſe ihren Erdhaufen aufwirft! Der Kaufmann ſpeculirt, ſein Schiff geht in See und zeigt weiße, ge⸗ ſchwellte Segel, gleich den ausgebreiteten Schwin⸗ gen des Vogels; ſiehe, da kommt ein Sturm, und wo ſind alle ſtolzen Hoffnungen des Haͤnd⸗ lers? Der Hauch des Himmels hat ſie zunichte gemacht! Die Biene dagegen bleibt daheim, ſummt den lieben Tag lang, wie die Dirne bei ihrer Magdarbeit traͤllert, kennt keine geſcheiter⸗ ten Hoffnungen, baut aber mit ihrem Ruͤſſelchen und ihren Beinchen ein Haus, an welchem der Baukuͤnſtler ſich uͤber die Regeln der Schoͤnheit belehren mag. Der Biene Arbeit mißlingt nim⸗ mer, bis der Menſch eingreift und der Fleißigen die Frucht ihres Tagewerkes ſtiehlt!“ Marmaduke hielt inne und fragte dann, wie⸗ wohl mit anſcheinend geringer Theilnahme, ob wirklich ein Plan zu Nutzen des Koͤnigs im Werke waͤre. „Es iſt,“ antwortete der Sohn,„und die⸗ ſer Plan iſt mir kund. Ich trage Schriften bei mir, die ich dem Sir. William Baſtard zu uͤber⸗ 26 liefern habe. Morgen will ich Dir Alles mit⸗ theilen, nicht aber heute noch. Du ſiehſt auf⸗ geregt und angegriffen aus, deshalb will ich heute keiner einzelnen Umſtaͤnde mehr gedenken. Sir William ſoll Deine Anweſenheit in dieſer Graf⸗ ſchaft erfahren, und wird, wenn er es moͤglich machen kann, Dir ſicheren Schutz verleihen, denn er iſt mir ein wohlwollender Freund. Dann, mein Vater, werd' ich Dich von dieſem truͤbſeli⸗ gen Ort entfernt wiſſen.“ „Nicht alſo, mein Sohn! Ich bin ſo von Feinden umlagert, daß, wenn man um ſolchen Planes willen mich in Thaͤtigkeit ſaͤhe, ehe der⸗ ſelbe zur Reife gedieh, man Jeden, der mich in Schutz nahm, fuͤr verdaͤchtig halten und ſo das Vorhaben in ſeiner Geburt erſticken wuͤrde. Nein, um meiner Sicherung willen ſoll nimmer die große Sache, fuͤr die ich mein Leben hingeben wuͤrde, ſich gehindert ſehen! Was iſt mir das Leben? Lebte ich nicht, um Verwirrung und Tod uͤber mein Vaterland kommen zu ſehen? Iſt nicht der Koͤnig, der Herr der Ehre und der fürſtlichen Herrſchaft, durch rebelliſche Haͤnde, die 27 vom Blut ihrer Mitbuͤrger dampfen, von ſeinem Sitze geſtoßen worden? Iſt dieſer Monarch nicht der Boͤſewichte Gefangener, ſo daß Niemand ſa⸗ gen mag, ob er jemals ſeine Freiheit wiederer⸗ lange? Und bin ich nicht—— o Himmel! was bin ich? Was hat dieſe Rebellion aus mir gemacht?“ Reginald, der in Folge dieſer letzteren Worte und der Wildheit in ſeines Vaters Augen fuͤrch⸗ tete, es moͤgte der Gedanke an das eigene Elend jene Geiſteszerruͤttung wieder durchbrechen laſſen, die ſich bei ſolchen Gelegenheiten an Marmaduke wahrnehmen zu laſſen pflegte, wollte ihn von dieſem Gegenſtand ablenken, vermogte es jedoch nicht; denn Sir Marmaduke fuhr fort:„Lebte ich nicht, um alles Das zu verlieren, was des Lebens Leben iſt? um meinen koͤniglichen Herrn, fuͤr den ich kaͤmpfte und blutete, als Gefangenen, mein Haus zertruͤmmert, meine Habe in den Haͤnden der Schurken, meinen Namen gebrand⸗ markt, meinen Sohn als umherziehenden Bett⸗ ler, mich ſelbſt als einen Geaͤchteten und einen Preis auf meinen Kopf geſetzt zu ſehen, waͤh⸗ 28 rend mir nichts als das Vorrecht des Elenden gelaſſen ward, naͤmlich, mein Schickſal zu be⸗ wehklagen, und gleich Hiob meine gefallenen Ehren zu beweinen?“ Er hielt einen Augenblick inne, als wuͤrde er von ſeinen Gefuͤhlen bewältigt; dann rief er: „Das ſind die Fruͤchte der Rebellion, die gleich einem Raubthiere in ſchonungsloſem Grimm ihre Atzung ſucht; ja, die ſchlimmer als eine wilde Beſtie iſt, denn dieſe, obwohl grauſam von Na⸗ tur, verſchont oft auf Gottes Geheiß ihr Opfer, ſo wie es die bruͤllenden Loͤwen am Propheten Daniel bewieſen, als dieſer ihnen gebieten durfte, daß ſie ſich lammfromm ihm zu Fuͤßen ſtreckten. Wohl iſt's entſetzlich Ding, gegen Den zu hadern, der ein Herr aller Dinge iſt!“ „Mein theurer Vater,“ fiel Reginald ein, „hoͤre auf Das, was ich Dir zu ſagen habe. Beſſer iſt's, wenn Du mich horſt, als daß Du uͤber Uebel nachgruͤbelſt, an denen Du nicht Theil nahmſt, daß es zum Schaden Deiner Seele gereichen konnte. Du thateſt nichts, wodurch in dieſen gefahrvollen Zeiten Du Dir einen Selbſt⸗ vorwurf zuziehen koͤnnteſt.“ „Nichts?“ rief Sir Marmaduke haſtig.„Da ſpricht Dein Mund große Unwahrheit, mein Sohn. Nichts that ich, ſagſt Du? War ich's nicht, der die Belagerung von Ford Houſe be⸗ trieb und anfuͤhrte, um das Beſitzthum wieder zu erlangen, das die Rebellen mir entriſſen hat⸗ ten, und in welchem ſie ſo manchen tapfern Royaliſten gefangen hielten? Gefangen! Ja, Eine Gefangene befand ſich in jenem Hauſe, die mir theurer denn Licht und Leben war; theurer dieſem Herzen, als der Mutter es der Saͤug⸗ ling an ihrer Bruſt iſt— und wie ward jene Gefangene befreit?“ „Mein Vater,“ ſagte Reginald, der ſich be⸗ muͤhete, ſeines Erzeugers beunruhigenden Gedan⸗ kengang abzulenken,„aus Erbarmen um meine Ge⸗ fuͤhle, wenn nicht um Eurer eigenen willen, laßt ab von dieſem ſchauerlichen Gegenſtande! Was nuͤtzen ſolche Ruͤckblicke? Wir ſind nur blinde Werkzeuge in der Hand des Allmaͤchtigen, und duͤrfen nim⸗ mer hoffen, die Urſachen jener ſchrecklichen Zu⸗ 30 faͤlle zu erforſchen, die uns bisweilen begegnen; wohl aber haben wir zu erwaͤgen, daß, wie ſchrecklich ſie uns ſind, ſie nichts deſto weniger unter der Alles leitenden Aufſicht der Fuͤrſehung ſtehen. Wir kennen nicht die Rathſchlaͤge des Hoͤchſten.“ „Freilich kennen wir ſie nicht,“ verſetzte Sir Marmaduke,„denn es giebt einen Pfad, und der iſt Gottes, von dem der Menſch nichts weiß, und den des Adlers Blick nimmer geſehen hat. Sſt aber darum das ſuͤndige Werkzeug auf Er⸗ den minder ſtrafbar? Oder darf Blut, Blut der Unſchuld ungeſtraft vergoſſen werden? O nein, ſein Geſchrei wird himmelan ſteigen! Es iſt fuͤrchterlich Ding, wenn der Menſch gegen ſein eigenes Gewiſſen thut, denn er wird dann nim⸗ mer wieder lächeln, nimmer Frieden finden koͤn⸗ nen. Der helle Tag wird ihm dunkel und ſchau⸗ rig wie die Nacht ſein. Sein Bett wird ihm keinen Schlummer, ſeine Speiſe ihm keine Nah⸗ rung bieten. Und weſſen Blut ward vergoſſen? Ihr Blut war es, des theuerſten Gegenſtandes meines Herzens— meines Weibes Blut ward vergoſſen. D wie liebte ſie! Ihr Laͤcheln war 31 das eines Engels— es war eitel Licht und Liebe; und verwandelte ich dieſes Laͤcheln nicht in die Verzerrung des Todes?“ Der Ungluͤckliche warf ſich, als er ſo ſprach, auf ſein Strohlager, ſchlug mit ſeinen geballten Haͤnden an ſeine Bruſt und ließ jegliches aͤußere Zeichen von wilder Verzweiflung an ſich wahr⸗ nehmen. Sein neben ihm knieender Sohn war bemuͤht, dieſe gewaltſame Aufregung zu beſchwich⸗ tigen, und ſagte demnach: „Mein Vater, dieſe Selbſtvorwuͤrfe ſind eben ſo ungerecht als wild. Der Gram ſieht nicht mit klaren Augen, ſeine eigenen Thraͤnen hin⸗ dern ihn daran. Du verklagſt Dich ſelbſt als den Verderber meiner geliebten Mutter; doch weißt Du nicht, daß Du es wirklich wareſt, und wenn Du es auch wuͤßteſt, ſo wuͤrdeſt Du dennoch ſchuldlos ſein, denn Du entſendeteſt nicht in ſol⸗ cher Frevelabſicht die ungluͤckſelige Kugel, durch welche meine Mutter fiel.“ „O wuͤßte ich es gewiß, daß ihres Lebens Ende nicht durch dieſe meine Hand herbeigefuͤhrt ward!“ rief Sir Marmaduke.„Aber Zweifel, ———— ——= 32 ſcheuslicher Zweifel waltet hieruͤber ob. Und ſelbſt wenn Du beweiſen koͤnnteſt, daß ich die That nicht veruͤbte, wuͤrde ich darum minder ſtraf⸗ bar ſein? Leitete ich etwa nicht die Belagerung von Ford Houſe, da ich doch wußte, daß die⸗ ſes Haus, als es ſich in den Haͤnden der Re⸗ bellen befand, die mir ſo theure Gefangene enthielt?“ „Nun ja, aber Du thateſt es, um ſie und Deine Freunde zu befreien, um jenen veſten Punkt fuͤr den Koͤnig wieder zu gewinnen. Du wußteſt nicht, daß meine theure Mutter, gleich der edlen Lady Banks*) zu Corfe Caſtle, ob⸗ ſchon nur eine Frau, der Gefahr der Belage⸗ rung nicht achtend, ſie vielmehr mit den Befreiern theilen wollte. Und o! ungluͤcklichſter aller Zu⸗ falle! in dem Augenblick, in welchem ſie am Fen⸗ ſter erſchien, um den Anſtuͤrmenden das ermun⸗ ternde Signal zu geben, hatteſt Du den Befehl — *) Lady Banks vertheidigte ſechs Wochen lang Corfe Caſtle gegen die Rebellen, und war während der ganzen Rebellion eine fuͤr die gute Sache thätige Royaliſtin. Anm. d. Verf. 33 zum Feuern ertheilt. Meine Mutter fiel; eine der vielen entſendeten Kugeln Deiner Kaͤmpfer veruͤbte das Werk des Todes an ihr, die ſchon der Geſellſchaft der Seligen wuͤrdig war. Sie ſtarb, und Du fuͤrchteſt, es ſei dies durch Deine Hand bewirkt worden; dennoch beſchwoͤr' ich Dich, zu bedenken, wie es dafuͤr keinen Beweis giebt, noch geben kann. So getroͤſte Dich, mein Vater, und ſei verſichert, daß, wenn meiner theuern Mutter Geiſt von der Wohnung der Seli⸗ gen, hoch erhaben uͤber alles Erdenelend, herab⸗ blicken koͤnnte, ſie uͤber Deine Kuͤmmerniß be⸗ truͤbt ſein und Dir Friede mit Dir ſelbſt gebie⸗ ten wuͤrde. Hoͤre alſo nicht auf den Zuruf der Verzweiflung, mein Vater. Wende Dich nicht ab von den treugemeinten Rathſchlaͤgen Deines Sohnes— doch ich ſehe, Dein Auge blickt nicht auf dieſen; es ſtarrt vielmehr auf das Elend, auf ein eben ſo unabwendbares als verderbliches Elend hin. Rede zu mir, mein Vater, ich kann dies Dein Schweigen nicht ertragen.“ „Es wohnt keine Rede in der Stille des Grabes,“ entgegnete Marmaduke milderen Tones, Warleigh. II. 3 34 zund im Grabe weilen meine Gedanken. Doch will ich mich bemuͤhen, ſie von dort zuruͤckzuru⸗ fen. Ja, ich will ein Mann ſein. So lange ich Leben habe, ſoll dieſes der Pflicht in der gu⸗ ten Sache meines ungluͤcklichen Monarchen zu Gebote ſtehen. Ich will handeln, und nicht mehr gruͤbeln. Sprich weiter; ich hoͤre.“ „Wiſſe denn,“ ſagte Reginald,„daß Sir Piers Edgeumbe, der tapfere Tremaine, Trelaw⸗ ney von Trelawn, Sir William Baſtard und andere Edle im Weſten ſich verbuͤndeten, eine Schaar Maͤnner zuſammen zu bringen und ge⸗ heime Berathung mit ihren Freunden in allen Theilen von England, zumal aber auf der In⸗ ſel Wight, zum Dienſte des Koͤnigs zu halten. Ein Plan zu ſeiner Befreiung iſt entworfen, das konigliche Banner ſoll im Weſten aufgepflanzt, Plymouth und Exeter ſollen der koniglichen Sache wiedergewonnen und unter des Himmels Seg⸗ nung uͤber unſeren Waffen nochmals Aller Her⸗ zen angeregt werden, unſeren Feinden die Spitze zu bieten und den leidenden Koͤnig wieder auf ſeinen Thron zu ſetzen.“ . 35 „Des Koͤnigs Ehre lebt in der Mehrzahl ſeiner Unterthanen,“ verſetzte Sir Marmaduke; „ich hoffe, daß dieſe ſich zahlreich um ſein Pa⸗ nier verſammeln werden. Wer ſteht an der Spitze dieſes Unternehmens, und was verlangt man, daß ich dabei thun ſoll?“ „An der Spitze ſtehen Sir Piers Edgeumbe und mehrere Edle von Anſehen und Vermoͤgen,“ antwortete der Sohn.„Der Rath Deiner Er⸗ fahrung als Heerfuͤhrer wird hoch von ihnen ge⸗ ſchaͤtzt, und Diejenigen, die fruͤher Deine Mit⸗ kaͤmpfer waren, werden es wieder ſein, ſobald Du Dich als ihr Vorfechter zeigſt. Alles in Auf⸗ regung. Die Verbuͤndeten beabſichtigen naͤchſtens eine Verſammlung in dem Hauſe eines ihrer Freunde, der, obwohl ihnen neu, doch eifrig thaͤtig fuͤr den Plan iſt. Dir wird Kunde wer⸗ den, zu ihnen zu ſtoßen, ſobald dieſe Hitze, mit der man Dich verfolgt, ſich ein wenig abkuͤhlte. Man fuͤrchtet nichts als zu fruͤhe Entdeckung des Planes. Um dieſen zu foͤrdern, habe ich ein mit nicht geringer Gefahr verknuͤpftes Amt uͤbernom⸗ men: das des Botſchafters zwiſchen den Ver⸗ 3 36 buͤndeten und der Inſel Wight. Nach wenigen Tagen werd' ich Gelegenheit haben, dem Sir Piers wichtige Kunde vorzutragen.“ „Und wer iſt jener neue Freund der Verbuͤn⸗ deten?“ fragte Sir Marmaduke. „Sir John Coppleſtone von Warleigh,“ war des Sohnes Antwort. „John Coppleſtone?“ rief der Vater,„dem moͤgt' ich nicht trauen. Er war einſt im Buͤnd⸗ niſſe mit Ireton und Waller, und hielt vertrau⸗ ten Verkehr mit Ruthen, als Saltaſh dieſem Rebellen in die Haͤnde geſpielt ward. Dazu iſt Sir John der Vormund des jungen fanatiſchen Rundkopfes Amias Radcliffe, der in dem o! ſo verhaͤngnißvollen Gefechte zu Ford Houſe den Sir Shilton Calmady toͤdtete. Nochmals ſag' ich's, ich wuͤrde dieſem Sir John Coppleſtone nicht trauen.“ „Es giebt keine Veranlaſſung, ihm zu miß⸗ trauen,“ entgegnete der junge Elford;„ſeine eigne Partei hat ihn hintergangen, ihm gewiſſe ſequeſtrirte royaliſtiſche Grundſtucke vorenthalten, die ihm als ſein Beuteantheil fur fruͤher in De⸗ 37 von geleiſtete Dienſte zugeſichert worden waren. Er hat ſich mit Ireton uͤberworfen, verkehrt nicht mehr mit Waller, hat dem Verraͤther Ruthen Rache, ja ſogar Tod geſchworen, und zeigt ſich hoͤchſt eifrig in der Sache des Koͤnigs. Dazu iſt Coppleſtone ein Mann von ſo großem Ver⸗ moͤgen und ſo anſehnlicher Gewalt, daß wir ſeine Antraͤge nicht zuruͤckweiſen koͤnnen, waͤh⸗ rend es gilt, im Weſten des Landes einen kuͤhnen Streich fuͤr Karl Stuart zu fuͤhren.“ „Seine Majeſtaͤt bedarf der Freunde; ich will hoffen, daß dieſer Coppleſtone ſich wirklich als ein ſolcher ausweiſet. Morgen, mein Sohn, wollen wir weiter davon reden, denn jetzt fuhl' ich mich doch wirklich der Ruhe beduͤrftig. Du willſt die Nacht hier zubringen, ſagteſt Du?“ „Ja, mein Vater; morgen hab' ich eine lange Tagereiſe vor. Ich werde ſchon auf dieſem Strohe ſchlafen; mir ward oft, ſeitdem ich Dich nicht ſah, ein weit elenderes Lager, denn ich zaͤhlte manche Nacht Stunde nach Stunde ohne ſchla⸗ fen zu koͤnnen, ſo ſehnlich verlangte mich da⸗ nach, Dich wieder zu finden.“ 38 „Wir wollen Beide die Ruhe ſuchen,“ ſagte Sir Marmaduke.„Bete fuͤr mich, mein Sohn, und bete fuͤr unſeren Koͤnig, deſſen Bedraͤngniß wahrlich groß iſt.“ Reginald freute ſich, zu ſehen, daß die hef⸗ tige Gemuͤthsaufregung ſeines Vaters ſich fuͤr dieſesmal geſenkt hatte. Gewoͤhnlich ward Sir Marmaduke nach ſolchen heftigen Anfaͤllen beſon⸗ ders ruhig und gelaſſen. Der Vater ſtreckte ſich nun auf das Strohlager, und der Sohn wachte mit frommer Sorgfalt an dem aͤrmlichen Bette. Endlich bemerkte dieſer an dem leiſeren Athemho⸗ len des Vaters, daß der arme Leidende fuͤr eine Weile im Schlummer ſeines Grames vergaß. Auch Reginald legte ſich jetzt zur Ruhe; doch von ſorgenvollen Gedanken heimgeſucht, verfiel er erſt gegen Morgen in einen geſunden und erquicken⸗ den Schlaf. —— —— Zweites Capitel. „Sei's Schwaͤch' auch, iſt ſie dennoch wohl zu preiſen, Wenn Liebe wir zu unſrer Heimath weiſen. Wer ſie erblickt, und nicht ſich mag d'ran freu'n, Der fuͤhlt fuͤr nichts, der hat ein Herz von Stein.“ Cowper. Am Morgen nach dem Tode ſeines Begleiters Gnadegott Gabriel nahm Amias Radeliffe dank⸗ bar, doch etwas foͤrmlich Abſchied von Sir Piers Edgeumbe, und begab ſich auf einem, von ſei⸗ nem gaſtfreien Wirthe ihm geliehenen Gaul auf den Weg zu dem Hauſe, das ihm, bis er uͤber Meer fortgeſchickt ward, ſo viele Jahre lang Heimath geweſen war. Radeliffe und ſein Pferd ließen ſich durch das Fährboot von Mount Edg⸗ cumbe zu dem entgegengeſetzten Flußufer hinuͤber bringen, wo der Juͤngling wieder das Thier be⸗ ſtieg und langſam und voll von Nachdenken uͤber die juͤngſt ihm gewordenen Erlebniſſe dem Orte ſeiner Beſtimmung zuritt. Amias Radcliffe war ſo vertieft in ſeine Ge⸗ danken, daß er erſt dann aus denſelben erwachte, als er auf einer Wegkruͤmmung durch den An⸗ blick des lieblichen, ſtillen und abgelegenen Doͤrf⸗ chens Tamerton, das ſich ploͤtzlich vor ihm aus⸗ breitete, dazu angeregt ward. Wie viele ge⸗ miſchte Empfindungen bemaͤchtigten ſich ſeiner, als er die Strohhuͤtten, die vielen Baumgrup⸗ pen, das Murmelgewaͤſſer und den Thurm der alten Kirche wiederſah! Erinnerungen an ſeine Kindheit, ſeine Jugendzeit, an die Freuden und Leiden, die er erlebt hatte, ſeitdem er Tamerton nicht ſah, ſtiegen wie das Andenken an hinge⸗ ſchiedene Freunde in ihm auf und erfuͤllten ihn mit eben ſo wehmuͤthigen als ſuͤßen Gefuͤhlen. Um nach dem nicht weit entfernten Warleigh⸗ Houſe zu kommen, mußte Radeliffe durch das Dorf Tamerton, deſſen Lage ungemein lieblich iſt. Inmitten der drei hier zuſammenlaufenden Tha⸗ ler erblickt man einen kleinen Huͤgel, auf deſſen ſanfter Anhoͤhe die alte gothiſche Ortskirche ſteht. Eine in den lebendigen Fels gehauene Treppe fuͤhrt zu dem Friedhofe hinan, auf welchem man⸗ cher moosbewachſene Stein dem Wanderer ver⸗ kuͤndet, wie auch er dem gemeinſamen Ende al⸗ ler irdiſchen Hoffnungen und Sorgen gleich Dem entgegenzuwallen hat, der unter dem gruͤnen⸗ den Raſen ſchlaͤft. Ehrwuͤrdige Ulmen umſtehen den Kirchhof. Auch erblickte man hie und da unter einem alten Eibenbaume noch ein ſteiner⸗ nes Kreuz, welches die eifrigen Fanatiker des Ta⸗ ges, denen alles Bildwerk ein Greuel war, un⸗ angetaſtet gelaſſen hatten. Das Ortsflußchen murmelt durch das Dorf, und zieht an bewaldeten Hoͤhen und gruͤnenden Abhaͤngen hin, die an einer gewiſſen Stelle von einem ſchoͤnen kahlen Felſen uͤberragt werden, der den Namen Warleigh⸗Tor fuͤhrt. Dem Kirch⸗ hofe nahe ſtand damals, und ſteht noch heute, eine majeſtaͤtiſche Eiche, die, wie die Sage geht, in uralter Zeit von der Familie Coppleſtone ge⸗ pflanzt ward, deren Nachkoͤmmling, Sir John, 42 gegenwärtig Beſitzer von Warleigh war*). Zur Zeit unſerer Erzaͤhlung ſtand dieſer Baum in ſei⸗ ner Jugendbluͤthe, und als Amias Radcliffe zu deſſen weit ſich ausbreitenden, laubreichen Aeſten ſeufzend aufblickte, gedachte er der Tage und der Erlebniß ſeiner Kindheit, und wie er oſt im Schatten der Eiche mit Eifer ſeinen Knabenſpie⸗ len obgelegen hatte. Dann fiel ſein Blick auf eine dem Baume nahe ſtehende Huͤtte, und da es ihm wohl einfiel, wie ſeine Amme in derſel— ben gewohnt hatte, als er England verließ, be⸗ ſchloß er, hineinzugehen, ſich nach dem Befinden der Bewohnerin zu erkundigen und ſich von derſelben etliche Fragen beantworten zu laſſen, die er uͤber die Familie Warleigh, bevor er das Haus derſelben erreichte, dem Muͤtterchen vorlegen wollte. *) Die Coppleſtone⸗Eiche ward von der Zeit ſo mit⸗ genommen, daß man ihr gaͤnzliches Abſterben furchtete, bis der jetzige Eigenthuͤmer von Warleigy, Mr. R***, um ſie zu retten, ſie von ihrem faulen Polze ſaͤubern ließ. Der Baum hat dadurch zwar an Schoͤnheit verlo⸗ ren, doch gruͤnt er wieder und laßt hoffen, daß er noch manches Jahr uͤberdauern werde. Anm. d. Verf. ——— 43 Die altgothiſche Huͤtte, die, wie mehrere ih⸗ res Gleichen in der Grafſchaft Devon von ſo ho⸗ her maleriſcher Schoͤnheit, von Epheu, Myrthen⸗ buͤſchen und Roſen uͤberwachſen, mit einer ſtei⸗ nernen Pfortenthuͤr und kleinen bunten Fenſter⸗ ſcheiben verſehen war, ſtand inmitten eines Gar⸗ tens, der nach der Seite des Heerweges hin ſich von einer aus lockeren Steinen aufgeſchichteten Mauer umgeben wies. Ein Ellerngebuͤſch und mehrere wohlgepflegte Blumenbeete vor dem Ein⸗ gange zeugten von einer mehr als alltäglichen Aufmerkſamkeit auf Nettigkeit, denn auf den Beeten war auch nicht ein einziges Haͤlmchen Unkraut zu ſehen. Ein Bienenkorb und eine auf dem Grasplatze des Gartens weidende Eſelin vervollſtaͤndigten das Maleriſche der Anſicht, au⸗ ßer einem noch weit intereſſanteren Gegenſtande, deſſen wir beſonders zu gedenken haben. Ein kleines Maͤdchen von blendend weißer Hautfarbe, mit Roſenwangen und einem Koͤpf⸗ chen voll hellgoldenem Lockenhaar, ſprang, ihr Huͤtchen in der Hand, im Garten umher und jagte einem jener blaßgelben Schmetterlinge nach, ——— 4 die ſich unter den erſten Fruͤhlings- oder Som⸗ mer ⸗Inſecten zeigen. Radcliffe unterbrach die Jagd der Kleinen, indem er ſie fragte,„weß kleines Maͤdchen ſie waͤre, und wo ſie wohnte.“ Das Kind ſtand ſtill, erroͤthete und war zu ſcheu, als daß es mehr denn„Der Mutter Kind“ haͤtte antworten koͤnnen. Mittlerweile war Radeliffe abgeſtiegen und hatte ſeinen Gaul an einen Baum gebunden, als in der Huͤttenthur ſich eine etwa vierzigjäh⸗ rige, ſchwarzgekleidete Frau zeigte, deren Weſen und Mienen ſo von Bildung wie von Kuͤmmer⸗ niß zeugten. Radeliffe näͤherte ſich ihr ehrerbie⸗ tig und vernahm bald von ihr, daß die ehema⸗ lige Bewohnerin des Haͤuschens nicht mehr lebte, und daß dieſes von der zu ihm redenden Frau, die ſich ihm als eine Wittwe Raleigh kundgab, und deren Toͤchterchen Mary bewohnt ward. Radeliffe konnte die Nachricht von dem Ab⸗ ſterben ſeiner Amme nicht mit Gleichgultigkeit hinnehmen.„Die arme Alte“, ſprach er,„ſah vor etlichen Jahren, als ich England verließ, noch ſo ruͤſtig aus. Ehrliche Kitty, kaum in's — Vaterland zuruͤckgekehrt erkundige ich mich nach ihr und muß hoͤren, daß ſie auf dem Friedhofe ſchlaͤft, neben welchem ſie faſt zeitlebens wohnte! Friede ſei mit ihrer Aſche! Ich hatte keine Mut⸗ ter zu meiner Pflege; ich werde der guten Kitty nimmer vergeſſen.“ „Ihr ſeid, wie mich dunkt, Sir,“ entgegnete ihm Mrs. Raleigh,„der Pflegeſohn Sir John Coppleſtone's von Warleigh?“ „Der bin ich, Miſtreß Raleigh, und da Ihr die erſte Perſon in England ſeid, die ich ſeit meiner Ruͤckkehr in meine Heimath mit Fragen belaͤſtigte, ſo erlaubt mir auch, noch zu fragen, ob Sir John und deſſen Tochter wohl auf ſind und wie ſonſt mitſammen zu Warleigh leben?“ „Miß Gertrud Coppleſtone befindet ſich wohl und bei ihrem Vater, ſoviel ich weiß,“ verſetzte die Wittwe„Sir John werdet Ihr heute fruͤh wohl nicht zu Hauſe antreffen, denn ich ſah ihn vor etwa einer Stunde nach ſeiner Lieblings⸗ pachtung reiten und noch nicht zuruckkehren. Beliebt's Euch, Sir, in mein armes Haus zu treten und ein wenig zu raſten?“ 46 „Herzlichen Dank, ich bin nicht ermuͤdet, habe aber zeither mehrere Gefahren beſtanden, wodurch meine Geſundheit, wiewohl hoffentlich nicht fuͤr die Dauer, ein wenig angegriffen wor⸗ den iſt. Ich will lieber ein anderes Mal bei Euch einſprechen, gute Frau, denn Eure Recht— ſchaffenheit iſt mir eben ſo wenig, als Euer Miß⸗ geſchick unbekannt. Iſt dies huͤbſche kleine Mäd⸗ chen Euer einziges Kind?“ „Mary iſt mein einziger Troſt, meine einzige Sorge, hat ihren Vater verloren und auf Er⸗ den keine Freundin außer mir.“ „Allerliebſtes Geſchoͤpf,“ ſagte Radeliffe und zog ein merkwuͤrdiges uͤberſeeiſches Silberſtuͤck hervor, das er eben bei ſich fuͤhrte, und gab es der Klei— nen, welche mit freundlichem Laͤcheln dankte und meinte,„dieſe blanke Muͤnze wollte ſie nicht aus⸗ geben, ſondern Mutter bitten, es ihr an einer Schnur um den Hals zu haͤngen, ſo wie vor⸗ nehme Damen Bildniſſe trugen.“ Radcliffe, der ein Kinderfreund war, herzte und kußte die Kleine, ſagte der Wittwe Lebe⸗ wohl und ſetzte ſeinen Ritt fort, ohne daß ihm 47 irgend etwas Erzaͤhlenswerthes aufſtieß. Nicht lange waͤhrte es, ſo ſah er das ehrwuͤrdige und ſtattliche Herrnhaus von Warleigh vor ſich liegen. Das Gebaͤude war urſpruͤnglich zur Zeit des Konigs Stephan von einem der Barone, Gor⸗ ges von Tamerton Foliot, aufgefuͤhrt worden, hatte jedoch ſpaͤter und beſonders waͤhrend der Regierung Heinrichs des Achten einigen Umbau erlitten. Es war aus Stein erbauet und hatte einen Charakter von Großartigkeit. Sein brei⸗ ter, vorſpringender Thorweg, der Schwibbogen⸗ gang, der zu dem ſogenannten Baronſaale lei⸗ tete, die in der Mitte durch breite Zwiſchenlagen getrennten Fenſter, die vielen Rauchfaͤnge und Hoͤfe, die Capelle, die Gaͤrten und Terraſſen deſſelben zeigten all die mannichfaltige und etwas duͤſtere Pracht einer altengliſchen Baroniewohnung, in welcher Alles, gleich dem Herzen des englaͤn⸗ diſchen Barons und dem Geiſte ſeiner Gaſtlich⸗ keit, ſich nach vergroͤßertem Maaßſtabe beſtimmte; wo der breite Herd nimmer ſeines brennenden Holzes, noch die Tafel ihres heiteren Mahles, noch der Weinbecher mangelte, um den Frem⸗ den, den Inſaſſen oder den beſuchenden Freund zu bewillkommnen. Eine lange doppelte Ulmenreihe, in deren Nachbarſchaft manche ſtolze Eiche ſtand, bildete einen duͤſteren Schattengang dem Portale zu und ſtimmte mit ihren dicken, blaͤtterreichen Aeſten und epheuumwachſenen Stämmen trefflich mit dem Ernſt und der Stattlichkeit des Hauſes uber⸗ ein, waͤhrend, wie zur Milderung des Duͤſters der Anſicht, die klaren, ſprudelnden Waſſer des Tavy ſanft an dem Damme hinter dem Hauſe hinfloſſen, wie wohl ein liebliches Kind neben einem Greiſe, Beide ſchoͤn in ihrer Eigenthuͤm⸗ lichkeit und Beide doppelt ſchön durch den Ge⸗ genſatz, dahin zu wandeln pflegt. Als Radeliffe unter den Ulmen weg ſich dem Hauſe naͤherte, beſeufzte er es, daß er den Schau⸗ plätzen ſeiner Knabenzeit nicht mit jener Heiter⸗ keit nahen konnte, die ſonſt wohl der Wiederan⸗ blick der Heimath uns gewaͤhrt; denn viel und mancherlei waren die Beſchwerden, Gefahren und Beſorgniſſe, die er zeither hatte ertragen und fuhlen muſſen, und eine truͤbe Ahnung von kuͤnf⸗ — tigen Widrigkeiten und Leiden beſchlich ihn, wie ſehr ſeine Vernunft auch bemuͤht ſein mogte, die⸗ ſelbe zuruͤckzuweiſen. Waͤhrend Amias ſo gruͤbelte, ſchreckte ihn das ploͤtzliche Erſcheinen eines Mannes auf, der ſich auf eine auf den Erdboden geſtemmte Vo⸗ gelflinte ſtutzte. Radcliffe erkannte ſofort in dem gebraͤunten, ſcheelſehenden Geſichte des Burſchen Will Gubbins, ſeines Vormundes Jaͤger, der wegen ſeiner zigeunerhaften Hautfarbe gemeinhin der ſchwarze Will genannt ward und eben Der⸗ jenige war, vor welchem der ſterbende Gabriel in dunkeln Worten den Juͤngling gewarnt hatte. Als der ſchwarze Will unſeren Anköͤmmling ge⸗ wahrte, zog er mit ſeinem gewoͤhnlichen muͤrri⸗ ſchen Weſen die Muͤtze ab und hieß ihn mit ei⸗ ner Miene unwilliger Hochachtung willkommen, indem er dabei bemerkte, daß der Hausherr uͤber ſeine Ankunft hoͤchlich verwundert ſein werde. „Doch wird er nicht ungehalten daruber ſein,“ meinte Radeliffe und fragte dann:„Wo iſt mein Vormund?“ „In der Meierei,“ war die Antwort des Warleigh. II. 4 Muckers,„wohin ich ihm nachzukommen habe und wo ich ihm melden werde, wer ſo unerwar⸗ tet nach Warleigh zuruͤckkehrte.“ Damit ging er achtlos fort und uͤberließ es unſerem Juͤngling, allein den Weg in's Haus zu finden, anſtatt daß er demſelben haͤtte die Pforte oͤffnen und deſſen Ankunft melden ſollen. Das erſte lebendige Geſchoͤpf, durch welches Amias begrußt ward, war ſein alter Hund, Carlo; denn dieſer, ein wackerer Faͤnger, ſo wie jeder Land⸗ edelmann in Devon ihn zu halten pflegte, ſprang zu ihm auf, und lief dann munter bellend vor ihm her, als wollte er ſeinem jungen Herrn die Verſicherung geben, daß, wenn auch die ganze Welt ſich umgeſtaltete, ſein alter und getreuer Hund ihn doch nicht vergeſſen hätte. Carlo war ſchier wild voll Freude und aͤußerte dieſelbe mit aller Lebhaftigkeit, die in einem ſo munteren Thiere, wie ein Jagdhund zu ſein pflegt, nur wahrgenommen werden kann. Es war nahe an Mittagszeit, etwa halb eilf Uhr, weshalb es unſerem Juͤngling ſonderbar beduͤnkte, daß Niemand um das Haus herum — ſichtbar ward. Radcliffe band ſein Pferd an fand die große Pforte geoͤffnet und trat in die große Baronshalle. Hier fand er all ſeine Be⸗ kannten eben ſo wieder, als er ſie verlaſſen hatte— den breiten Camin mit den aus getriebenem Silber gefertigten Gittern, die in das Familien⸗ abzeichen, den„weißen Sporn von Coppleſtone“ ausliefen; denn vor Alters war den Rittern die⸗ ſes Hauſes geſtattet worden, ſilberne Spornen zu tragen, weshalb man ſie auch„Weißſporn von Coppleſtone“ nannte. Neben dem Camin war zu beiden Seiten Raum genug fuͤr ſo viele Perſonen, als Luſt hatten, ſich am Chriſtabend bei dem brennenden„Weihnacht-Rundklotze“ gleichſam zu braten. Durch die edlen gothiſchen, aus farbigem Glaſe gefertigten Fenſter dieſes Ritterſaales fiel Licht genug herein, um deutlich die an den Waͤn⸗ den haͤngenden Wappenſchilde der Gorges, Fo⸗ liots, Radcliffes und Coppleſtones(denn letztere beide Familien waren Blutsverwandte des Stamm⸗ hauſes) erkennen zu laſſen. Der verwaiſete Amias Radeliffe, deſſen Heimkehr wir jetzt zu ſchildern 4* 52 verpflichtet ſind, hatte keinen näheren Verwand⸗ ten, als ſeinen Vormund und Pathen, Sir John Coppleſtone, den dermaligen Beſitzer von War⸗ leigh. Der Saal war mit Bildern behangen. Ueber dem Camine ſah man den vom Kopf bis zur Sohle bewaffneten Ralph de Gorges, deſſen Ab⸗ bild, nebſt dem ſeiner Gemahlin noch heutiges Tages auf den Grabſteinen Beider in der Kirche zu Tamerton liegend zu finden ſind. Unter den Bildniſſen an den Waͤnden befand ſich eines, auf welches Amias mit beſonderer Innigkeit blickte, obwohl er ſich des Urbildes nur ſchwach erin⸗ nern konnte— es war dies das Abbild ſeines Vaters Walter Radeliffe, welches einen unge⸗ mein huͤbſchen Mann in der Bluͤthe ſeiner Jahre, doch mit einem ſchwermuͤthigen, ſanften und kla⸗ genden Geſichtszuge zeigte, der ſchon auf Amias, als er noch Knabe war, jederzeit einen wehmü⸗ thigen Eindruck gemacht hatte, ſo daß der Sohn, ohne einen weſentlichen Grund dafur zu haben, von jeher ſeinen Vater fuͤr einen ungluͤcklichen Mann hielt. Vielleicht hatte der Vormund ihn 6 —— 53 in dieſem unklaren Gedanken dadurch beſtaͤrkt, daß er nur ungern uͤber den verſtorbenen Sir Walter ſprach, ja, deſſen Namen kaum nannte. Auch ein zweites Bildniß war fuͤr Amias ſtets von hohem Intereſſe geweſen— naͤmlich das Abbild der einzigen Tochter ſeines Huͤthers, der Miß Gertrud, Erbin von Coppleſtone. Es zeigte nur den Kopf, uͤber deſſen lichtbraune Locken ein reiches Spitzenmuͤtzchen zu ſehen war. Die Zuͤge des Geſichts waren huͤbſch, jedoch von einem der Jugend ungewoͤhnlichen Ernſt um⸗ wallt. Von einem dritten Bilde, dem ſeines Pathen, des alten Sir John Coppleſtone, wen⸗ dete Amias ſich ſchaudernd ab, indem er der von dem ſterbenden Gabriel Betreffs ſeines Vormun⸗ des gegebenen duͤſtern Winke gedachte. Das Bild Sir Johns war in Lebensgroͤße, in der ſchlich⸗ ten, ja ſelbſt aͤrmlichen Bekleidung eines Puri⸗ taners jener Zeit. In der Hand ward zwar eine Bibel gehalten, aber auf dem Geſichte wies ſich kein Zug, der Kunde davon gegeben haͤtte, daß irgend eine von den milden und chriſtlichen Vor⸗ ſchriften im Herzen des Mannes wohnte. Es 54 war ein boͤsweiſſagendes, finſteres Geſicht, mit einem grauen, neidiſch blickenden Auge; ein Ge⸗ ſicht wie Leonardo da Vinci es ſich fuͤr einen Ju⸗ daskopf gewaͤhlt haben wuͤrde, und der Maler des Bildniſſes war zu ehrlich geweſen, um in ſeiner Arbeit einen Schmeichler Sir John's abzugeben. Dem Eingange dieſes Saales gegenuͤber fuͤhrte eine aufwaͤrts gehende Stufenreihe aus Marmor zu einer oberen Gallerie, welche zum Theil um den oberen Theil des Saales herumlief und Zu⸗ gang zu den verſchiedenen Schlafgemaͤchern des Hauſes gewaͤhrte. Derjenige Abſchnitt dieſer Gal⸗ lerie aber, der den Woͤlbfenſtern gegenuͤber lag, wies ſich ſehr geraͤumig und hatte ein offenes, aus geſchnitztem Eichenholz gefertigtes Gelaͤnder, uber das herab man den ganzen Saal uͤberſchauen konnte. Hier pflegten die Spielleute Platz zu fin⸗ den, wenn ſie leichtfuͤßigen Taͤnzern auſſtrichen, die unten im Raume am Chriſtabend oder bei an⸗ dern Feſtlichkeiten zu tanzen pflegten, bis die Wandkerzen vor dem ſie beſchleichenden Fruͤhlichte zu dunkeln begannen. 0 Drittes Capitel. „Rechtſchaff'ner Greis, wie zeigt in Dir ſo wohl ſich Getreuer Dienſt aus altgewordner Welt, In der aus Pflicht, nicht wegen Lohns man diente! Du paſſeſt nicht zur Mode dieſer Zeit.“ Shakſpeare. Obwohl wir den Leſer ein wenig dadurch auf⸗ hielten, daß wir von Warleigh und dem Ritter⸗ ſaale daſelbſt ſprachen, brachte Amias Radeliffe doch nur wenige Minuten in letzterem zu. Als er mit dem Blicke inniger Theilnahme an dem Bilde ſeines Vaters hing, oͤffnete ſich eine in das Innere des Hauſes fuͤhrende Thuͤr, und des Juͤnglings Ohr traf der Ausruf:„Der Himmel ſchuͤtz' uns! Seid Ihr's wirklich, Maſter Amias Radeliffe?“ Der junge Heimgekehrte ſah vinen Mann vor ſich, deſſen ſchneeweißes Haar und duͤrre Gebeine deutlich zeigten, wie er weit in demjenigen Laufe vorgeruͤckt war, der, wie lang er ſich geben mag, immer doch im Grabe endet. Bei alldem ließ der Alte eine erheiternde Friſche an ſich blicken, ſo daß er einer, wenn auch hohlgewordenen, doch ſtattlichen Eiche des Forſtes glich. Radeliffe eilte, ihn mit einem Haͤndedruck zu begruͤßen und ſagte in einem Tone voll Herzlichkeit:„Ehrli⸗ cher, lieber Anton, wie freut's mich, Dich wohl⸗ auf zu ſehen. Du haſt nicht im mindeſten ge⸗ altert, ſeitdem ich von Warleigh fern war.“ „Werde dennoch alt, Maſter Radeliffe, den⸗ noch alt. Wenn ich mich aber nicht veraͤnderte, lieber junger Herr, ſo laͤßt ſich Solches wahrlich nicht auch von Euch ſagen. Ihr ſeht abge⸗ haͤrmt und traurig aus. Ja, ja, die Dinge die⸗ ſer Welt nehmen oſt ſeltſame Wendung. Hier hat ſich waͤhrend Eurer Abweſenheit gar Vieles umgeſtaltet. Ich fuͤrchte, ich fuͤrchte, Maſter Amias, Eure Wiederkehr wird Eurem Vormunde wenig behagen. Und was koͤnnte ich Alles von Dem, was ſich zutrug, Euch erzaͤhlen! Kommt — 57 herein— Ihr ſeht erſchoͤpft aus; erquickt Euch an einem Glaͤschen Canarienſect in meinem Kaͤm⸗ merlein. Dort werden wir unter uns ſein, und Sir John kehrt wohl ſobald nicht heim, denn er ritt zum Anwalt Sherrick, wegen Ridler's Pachterneuerung; ſo kommt mit mir hinein und erzaͤhlt mir fein ausfuͤhrlich, wie's Euch ging, und wie Ihr heimkamt, und wer d'rum weiß, und was Ihr zu thun gedenkt, und—“ „Liebſter Anton, Du ſollſt Alles vernehmen,“ ſagte Radeliffe;„auch verſchmaͤh' ich das Glaͤs⸗ chen in Deinem Kaͤmmerlein nicht, denn ich wuͤn⸗ ſche ungeſtoͤrt und geheim mit Dir zu reden. Seltſames iſt mir begegnet, Anton, woruber ich Dir einige Fragen vorzulegen habe. Unter Allen hier im Hauſe biſt Du mir der zunaͤchſt Wuͤn⸗ ſchenswerthe, denn Du brachteſt vierzig Jahre in der Familie zu und warſt meines Vaters treuer Dienſtmann. Dir koͤnnt' ich mein Leben anvertrauen, denn ich kenne Deine Rechtſchaf⸗ fenheit.“ „Nun, nun, ich bin wohl ein ehrlicher, aber auch ein armer Knecht,“ entgegnete Anton;„je⸗ 58 doch wiederum bin ich nicht ganz verarmt, denn ich habe Dach und Fach, ein warmes Bett, be⸗ hagliche Wollkleidung, meinen Teller voll Speiſe und meinen täglich regelmaͤßig gefullten, wohl⸗ mundenden Becher. Dazu hab' ich die Bibel und das Licht der Lehre unſers Prieſters Heſe⸗ kiel. Doch kommt herein, kommt, und Nie⸗ mand ſoll Euer Hineinſchluͤpfen gewahren. Ich will den kleinen Hundejungen hinausſchicken, daß er Euer Pferd zu Stalle fuͤhrt, und ihm ſagen, einer meiner Freunde habe mich beſucht und be⸗ finde ſich in meiner Kammer. Sieh da! da iſt ja Carlo mit Euch gekommen— He! Carlo! Carlo! Gutes Thier! Er wie ich ein alter treuer Diener des Hauſes. Wie die Creatur ſich freut, Euch wiederzuſehen! Nun, nun, Maſter Amias, folgt mir, folgt mir!“ Der geſchwätzige Alte fuͤhrte den Juͤngling nun aus dem Ritterſaal in ein behagliches Ge⸗ mach, in welchem zwiſchen Rechnungsbuͤchern, Schreibgeraͤthe und andern zu ſeinem Berufe ge⸗ hoͤrenden Gegenſtaͤnden Maſter Anton Lapthorne in der Wuͤrde des Steward einer alten und an⸗ geſehenen englaͤndiſchen Familie ſeine Wohnung hatte. Anton Lapthorne verriegelte leiſe von innen die Thuͤr ſeiner Kammer, legte dann den Finger an die Naſe, blinzelte bedeutſam und ſagte in vertraulichem Tone zu Radcliffe:„Ich will uns ganz ſicher ſtellen; jetzt kann uns die Haushäl— terin doch nicht uͤberrumpeln, dazu ſind Thuͤr und Waͤnde dieſes Gemaches zu dick, um Lau⸗ ſcherohren durchzulaſſen. Jetzt ſetzt Euch, lieber junger Herr, waͤhrend ich den Canarienſect her⸗ vorhole. Laßt ſehen— dieſer, nein, dieſer Schluͤſ⸗ ſel iſt,“ und dabei nahm er einen von den Schluͤſſeln, die an dem in ſeinem Guͤrtel beve⸗ ſtigten Bunde hingen, welcher Guͤrtel, zuſammt der um ſeinen Hals geſchlungenen Silberkette und dem blauen, mit Silberſchnuͤren beſetzten Tuchwamſe, die Beſchaffenheit und Wuͤrde ſei⸗ nes Amtes kundgab. Einige Hartkuchen wurden jetzt nebſt dem Weine aufgetragen, welchen letzteren der alte An⸗ ton, als ein Feinſchmecker, mit einem Rosma⸗ rinſtengel umruͤhrte und ſeinem jungen Gaſt 60 wohlmeinend rieth, ein Gleiches zu thun. Dann aber drang er in Amias, ihm die naͤheren Um⸗ ſtände ſeiner Reiſe und ſeiner Wiederkehr mit⸗ zutheilen. „Du ſollſt Alles hoͤren bevor es Abend wird, Anton, ich verſpreche es Dir,“ verſetzte Radeliffe. „Jetzt aber laß mich die Abweſenheit meines Vormundes nuͤtzen und Dich bitten, mir nach beſtem Vermoͤgen Deines Gedaͤchtniſſes einige mir wichtige Fragen zu beantworten⸗ Wie lange warſt Du bei meinem Vater ehe ich geboren ward? Ich muß mehrere einzelne Umſtaͤnde er⸗ kunden und beginne mit dieſem.“ „Ich ſtand ſchon in Dienſten bei Eurem Groß⸗ vater, und ward erſt ein Dienſtmann Eures Va⸗ ters, als dieſer ſeine Hausehre, Eure liebholde Mutter, heimfuͤhrte. Das war ein Tag! Wie luſtig waren wir Alle bei jener Hochzeit! Eure Mutter ſah aus wie ein Engel— ganz in Weiß gekleidet, und Euer Vater wies ſich ſo ſchmuck und ſo gluͤcklich im blauen Genueſerſammetwamſe mit Goldſchnuͤren, während der Brautvater im chwarzen Atlasanzuge und den weißen Stiefeln 61 einherging; und die Glocken laͤuteten, und die Spielleute fiedelten, und o! was fuͤr'n Schmau⸗ ſen gab es; was fuͤr Kuchen und Blumen und Rosmarinſtraͤußchen und Wettlaufen und Rin⸗ geltanz und ſchmucke Dirnen, und unter dieſen die Lore Leichtfuß, ſchlank und behend wie ein junges Fuͤllen, und ich, der ich mit ihr tanzte, daß es—“ „Nun ja doch, Du warſt damals ihr Lieb⸗ ſter; ich weiß das Alles, Alles, Anton, aber—“ unterbrach ihn Radcliffe, der von dem geſchwätzi⸗ gen Steward die luſtigen Hergaͤnge bei jener Hochzeit ſchon oſt hatte erzaͤhlen hoͤren. „Aber,“ fiel Anton ein,„eine truͤbſelige Um⸗ wandlung der Dinge erfolgte. Ach! welcher Menſch weiß, was ihm gut iſt fuͤr alle Tage ſei⸗ nes hinfaͤlligen Lebens? Sir Walter war drei oder vier Jahre vermaͤhlt, ehe er einen Sohn hatte, um den er taͤglich zu Gott flehete, bis ihm denn ſein Gebet erhoͤrt ward; doch geſchah dies ſo ſehr zu ſeiner Bekuͤmmerniß, daß es ihm faſt das Herz gebrochen haͤtte, denn Ihr wur⸗ det geboren, Maſter Amias, aber Eure arme Mutter mußte darob den Geiſt aufgeben.“ „Ich weiß, ich weiß,“ ſagte Radeliffe nicht ohne Wehmuth;„doch moͤgte ich jetzt Etwas von meines Vaters Geſchick nach dem Tode mei⸗ ner Mutter und kurz vor ſeinem eigenen Hin⸗ ſcheiden hoͤren; denn mein Pathe und Vormund ſcheute ſich von jeher von meinem Vater zu ſprechen.“ Der Alte kopfſchuͤttelte und verſetzte:„Dazu mag er wohl Urſach haben, denn es waltete ein ſeltſames Verhaͤltniß, das Keiner ſo recht hat ergrunden konnen, zwiſchen Sir Walter Radeliffe und Sir John Coppleſtone ob. Beide ſchienen niemals einander gern zu ſehen und haderten und zankten mit einander wie ein paar Kampf⸗ haͤhne, und waren doch vielfältig beiſammen; ja, nach ſeiner Gemahlin Tode lebte Sir Walter faſt beſtaͤndig mit Eurem Vormunde, ſo daß der Eine Dies, der Andere Jenes daruͤber munkelte. Gewiß iſt, daß Sir John in ſeiner Jugend ein lockerer Geſell war, viel Geld verthat und, wie Etliche ſagen, ſeine Vermoͤgensumſtaͤnde faſt 63 gaͤnzlich zerruttete, bevor er froͤmmelnd ward.“ Mit leiſerer Stimme ſetzte der Greis hinzu: „Auch hab' ich gehoͤrt, daß eine alte Handveſte ausgefertigt geweſen ſein ſoll, die dem Sir John Eure Mutter, welche ihn nicht leiden konnte, zur Gattin zugeſagt hatte. Das Geruͤcht geht fer⸗ ner, daß Euer Vater dazwiſchen kam, ſich in die ſchoͤne Jungfrau, ſo wie dieſe ſich in ihn verliebte, und daß Sir John, der mit ſeinem Vermoͤgen ziemlich zu Ende war, auch wohl aus einer Frau ſich nichts machte, wenn gleich er ſpaͤterhin ſich dennoch verehelichte, von Eurem nachherigen Vater, Sir Walter abgekauft ward, ſo daß er wegen des Eheverſprechens ſchwieg, kraft deſſen vom geiſtlichen Gericht ihm Eure Mutter haͤtte als Gattin zugeſprochen werden muͤſſen. Wenn Dem nun ſo war, und in Be⸗ tracht, daß Euer Vater und Sir John leibliche Vettern waren, laͤßt es ſich einigermaßen erklaͤ— ren, weshalb Sir Walter gute Freundſchaft mit Sir John zu halten ſuchte; denn wie die Ge⸗ ſetze damals ſtanden, bevor das Parlament die Oberhand bekam, haͤtte Sir John Eures Va⸗ —— ters Ehe, ſo es ihm genehm geweſen waͤre, fuͤr null und nichtig erklaͤren laſſen koͤnnen, und ſo ging das Gerede, Sir John hielt jene Hand⸗ veſte wie ein Schwert an einem Haar uͤber Eu⸗ res Vaters Haupte, ſo lange dieſer lebte.“ „Wirklich?“ ſagte Amias,„daher alſo ward wohl mein Vater dazu vermogt, den Sir John zu meinem Vormunde zu beſtimmen, wie großen Widerwillen er auch gegen denſelben hat hegen moͤgen.“ „Davon weiß ich nichts,“ entgegnete Anton. „Ich erinnere mich jedoch, daß kurze Zeit vor dem Abſterben Eures Vaters beide Vettern beſ⸗ ſer denn jemals befreundet zu ſein ſchienen, und Sir John machte ſich viel mit Eures Vaters Angelegenheiten zu ſchaffen, die eben nicht zum Beſten ſtanden, bis endlich der arme Sir Wal⸗ ter auf ſo entſetzliche Weiſe um's Leben kam.“ „Wohl auf entſetzliche Weiſe, wiewohl ich auch hieruber gar ſehr im Dunkeln gelaſſen ward,“ entgegnete der junge Radeliffe.„Um Gottes willen, ſage mir Alles, was Du weißt; ich habe es nicht vergeſſen, daß Du von jeher * S——————————————— 65 ungern uͤber dieſe Sache ſprachſt. Jetzt aber bedenke, daß ich kein Knabe mehr bin. Nach ſechs Monden werde ich muͤndig und Herr mei⸗ nes Thuns und Vermoͤgens. So haſt Du nichts zu fuͤrchten, wohl aber zu hoffen, denn ich ver⸗ ſprach Dir oft, falls es noch Dein Wunſch ſein ſollte, Dir das Haͤuschen, in welchem Du ge⸗ boren wurdeſt, zu ſchenken, und Dir ein Dei⸗ nem hohen Alter genuͤgendes Auskommen zu ſichern, ſobald es in meiner Macht ſtehen wuͤrde, Solches zu thun.“ „Wollte der Himmel, jener Zeitpunkt waͤre eingetreten, mein theurer junger Herr,“ verſetzte der Alte mit einem Seufzer;„denn es giebt Au⸗ genblicke, in welchen ich glaube, denſelben nim⸗ mer zu erleben. Indeſſen Gott fuͤge es nach ſeinem Willen, er weiß am beſten, was uns gut und dienlich iſt! Ich will Euch Alles ſagen, ſo weit es mir ſelber kund iſt, aber es iſt eine duͤ⸗ ſtere und widerliche Geſchichte, ſo daß man Herz⸗ weh bekommt, wenn man ihrer gedenkt.“ „Kannteſt Du bei meines Vaters Lebenszeit Gnadegott Gabriel?“ fragte Amias, dem dieſes Warleigh. II. 5 66 Mannes Hindeutung auf das Schickſal Sir Wal⸗ ter Radeliffe's ploͤtzlich durch den Kopf fuhr. „Wohl kannt' ich ihn,“ war die Antwort, „das heißt ſo, wie Alle ihn kannten, nämlich ſo, daß Keiner wußte, was man aus ihm zu ma⸗ chen hatte, wie viele Jahre man auch mit ihm umgegangen war. Gabriel war ein finſterer, verſchloſſener Geſell, dazu ſtreng gegen die Haus⸗ genoſſen, Inſaſſen und Armen, und bedraͤngte, als die Unruhen ausbrachen, gar hart alle Koͤ⸗ niglichgeſinnten; immer aber blieb er ein Lieb⸗ ling Sir John Coppleſtone's, ſo daß die Leute zu ſagen pflegten, Sir John hätte außer ſeinen eigenen Haͤnden noch zwei andere Haͤnde, die alle von Einem Kopfe regiert wuͤrden. Jene Huͤlfe⸗ haͤnde aber waren Gnadezott Gabriel und der ſchwarze Will Gubbins. Der denkende und plan⸗ machende Kopf zu ihnen ſaß aber auf Sir John's Schultern. Die beiden liſtigen Fuͤchſe wuͤrden mich laͤngſt aus meinem Amte vertrieben haben, wenn Sir Walter, wie ich hoͤrte, nicht auf ſei⸗ nem Sterbebette es ſich ausbedang, daß ich ſo lange im Dienſte bleiben ſollte, bis ſein Sohn, 67 naͤmlich Ihr, mein guter junger Herr, volljaͤh⸗ rig geworden ſein wuͤrdet, um dann weiter fuͤr mich zu ſorgen, falls ich dann noch lebte.“ „Und mein Vater? mein armer Vater? Er ſtarb am Chriſtabend, wie ich hoͤrte; nicht wahr, Anton, als ich noch nicht vier Jahre zaͤhlte?“ „So iſt's,“ antwortete der alte Steward. „Nimmer, ſo lange Blut durch dies betagte Herz wallt, oder Licht in dieſen ermatteten Augen weilt, werd' ich jenes ungluͤckſeligen Abends ver⸗ geſſen. Wir waren alleſammt geſchaͤftig, und ſo gluͤcklich als der Tag lang war, und bereiteten gruͤne Zweige und Rundkloͤtze fuͤr den Kamin und die Chriſtkuchen, als Sir Walter und Sir John, die in Geſchaͤften mit Rechtsanwalten bis uͤber die Ohren ſteckten, am kalten, feuchten und ſchneeigen Vormittage des Chriſtvorabends ſich zu Gaule ſetzten, um nach einem Orte unweit Dartmoor zu reiten, wo ſie, wenn es ihnen nicht gaͤnzlich verloren gehen ſollte, ein Geſchäft vor dem Feſte abzumachen hatten. Nun, ſie hatten Gnadegott vorausgeſchickt, um ihnen ein gutes Mittagsmahl in der Herberge zu beſtellen, und 5* ehe ſie wegritten, reichte ich ihnen vor der Thuͤr noch erſt den altherkoͤmmlichen Steigbuͤgeltrunk, der ihnen wohl zutraͤglich ſein mußte, da ſie ei⸗ nen duͤſteren Ritt vorhatten, welches beſonders Eurem Vater auf dem Herzen zu liegen ſchien; denn dieſer, als ich ihm den Trunk reichte, ſprach zu mir:„„Anton, ich trink's auf Dein Wohl, ſieh nun aber auch ſorglich nach, daß die Waͤr⸗ terin mir meinen kleinen Amias wohl huͤthet, denn das Knaͤblein hat keine Mutter mehr, und doch furchte ich, er erlebt's, daß er ihrer gar ſehr beduͤrfte. Hab' Acht auf ihn, und gieb ihm ſeines Vaters Segen, wenn er heimkommt;““ denn Ihr ſollt wiſſen, die Maͤgde waren zur Zeit mit Euch ausgegangen, um Euch ein Schnee⸗ ballſpiel mit anſchauen zu laſſen; Euer Vater aber konnt' Eure Ruͤckkehr nicht abwarten. Als nun Sir Walter den Becher geleert hatte, gab er mir ihn mit einem Lächeln zuruͤck, denn er wies immer ein Laͤcheln auf ſeinem Geſichte, wenn er ſprach, und das verlieh ihm ein gar hubſches Ausſehen; und dann ſagte er zu mir:„„Gott beſohlen, Anton; ſteh' aber nicht ſo baarhaupt, 5 69 Deine Muͤtze in der Hand da, denn Du biſt traun nicht mehr ſo jung als ehedem.““ Nun, Maſter Amias, jung war ich damals freilich, denn ich zaͤhlte damals etwa Sechzig, und naͤhere mich nun den achtziger Jahren, denn was ich erzaͤhle, trug ſich, wenn's wieder Weihnachten worden ſein wird, vor ſiebenzehn Jahren zu.“ „Richtig gerechnet, Alter,“ ſagte Amias, ohne ſich in ſeiner Aufmerkſamkeit zu ſtoͤren. „Es war alſo am Chriſtabend,“ fuhr Anton fort,„und wir waren luſtig und guter Dinge, obwohl wir uns dann und wann wunderten, daß Sir Walter und Sir John nicht heimkehrten, da ſie doch mit der Zwielichtſtunde hatten ein⸗ treffen wollen. Doch wurden wir bald der Mei⸗ nung, daß Rechtsſachen ſich noch niemals in Eil hatten abmachen laſſen, und waren denn alle⸗ ſammt in der Geſindeſtube bei froͤhlichem Blin⸗ dekuhſpiel und ſchmauſeten Hartkuchen und tran⸗ ken Doppeltbier, als an der großen Pforte ein entſetzliches Klopfen hoͤrbar ward. Die Waͤrte⸗ rin hatte Euch ſchon zu Bette gelegt, daß ſie an unſerer Froͤhlichkeit mogte Theil nehmen. Nun, erſchreckt durch das unheimliche Pochen, deſſen ich noch heute mit Schauder gedenke, renn' ich Schlimmes beſorgend zur Pforte, und ſehe, wie, Gott erbarm' ſich! unſer Herr Sir Wal⸗ ter Radeliffe blutend und dem Anſcheine nach eine Leiche, von Gnadegott Gabriel und dem ſchwarzen Will in's Haus getragen wird. Bleich wie ein Sterbekittel folgte Sir John Copple⸗ ſtone, konnte nicht reden und mußte von uns in einen Seſſel gefuͤhrt werden, wo wir ihm ein Glas heißen Wuͤrzweins reichten, waͤhrend die Uebrigen um Sir Walter herumſtanden und wehklagten und aus eitel Schreck und Beſtur⸗ zung nicht wußten, wo ſie Hand anlegen ſollten.“ „Ward denn nicht augenblicklich nach Huͤlfe geſchickt?“ fragte der junge Radeliffe. „Doch, doch; es ward. Ich ſammelte meine Sinne, wie grauſenerregend der Anblick auch war und ſchickte nach dem Wundarzte, der da⸗ mals in Tamerton wohnte und fuͤr einen ſeines Gewerbes wohlkundigen Mann galt. Mittler⸗ weile erholte Sir John ſich und erzaͤhlte uns Alles, wie er und Sir Walter unweit Dartmoor 05 — 71 von Raͤubern angefallen worden waren, die da⸗ mals die Gegend zwiſchen Cornwall und Devon ſo unſicher machten; wie Sir John, der allzeit ein kecker Mann war und in ſeinen jungen Jah⸗ ren wohl dem Teufel ſelbſt geſtanden haͤtte, ſich der Raͤuber erwehrte, wie Sir Walter ihm zu Huͤlfe kam und einen gegen Sir John gefuͤhr⸗ ten, ſo heftigen Streich empfing, daß er blu⸗ tend und ſterbend, nachdem die Raͤuber ihnen Alles abgenommen hatten, nach Hauſe getragen werden mußte. Der Ueberfall war in nicht ſehr großer Entfernung vom Herrnhauſe vorgenom⸗ men worden.“ „Und kam mein Vater in ſofern wieder zu ſich, daß er die naͤheren Umſtaͤnde dieſes Unfal⸗ les mittheilen konnte?“ fragte Amias. „Ich weiß es nicht,“ verſetzte der Alte;„Ei⸗ nige bejahen, Andere verneinen dies. Alles, was ich Euch ſagen kann, iſt, daß er Stunden lang beſinnungslos lag und zwiſchen Leben und Tod ſchwebte. Endlich ſtellte der Wundarzt ihm die⸗ jenige Beſinnung her, die ein Menſch wohl kurz vor ſeinem Ende zu aͤußern pflegt. Was aber alsdann vorfiel, ward mir niemals kund; denn der Arzt hatte befohlen, daß Sir Walter durch⸗ aus nicht beunruhigt wuͤrde, welhalb denn Euer Vormund keinen Menſchen in die Kammer des Sterbenden ließ. Doch hab' ich mit meinen ei⸗ genen Augen geſehen, wie Sir John mit Schreib⸗ geraͤth in der Hand zu ihm hineinging; denn als er mich ſah, fragte er:„„Was ich hier her⸗ umzuſchleichen haͤtte? und ich ſollte mich hinun⸗ ter begeben, und dem Gemache des Sir Walter nicht ſo geraͤuſchvoll nahe kommen;““ wiewohl ich, daß Gott mir Zeuge ſein mag, nicht das mindeſte Geraͤuſch machte, waͤhrend Gnadegott Gabriel und der ſchwarze Will laͤrmend genug dem Sir John in die Kammer des Sterbenden folgten.“ „Warſt Du's denn nicht, der mich zu mei⸗ nem Vater trug, ehe dieſer verſchied? Dunkel erinnere ich mich, daß ich ihn, von Kiſſen un⸗ terſtutzt, ein blutbeflecktes Tuch um ſeinen Kopf gebunden, im Bette halb aufgerichtet, liegen ſah. Was er ſprach, oder ob er ſprach, weiß ich nicht mehr; doch entſinne ich mich, daß er mich kuͤßte, 73 aber ſeine Lippen waren ſo kalt, daß es kalt durch mein junges Herz drang; ja, ſelbſt in die⸗ ſem Augenblick ſpuͤr' ich jene Empfindung wie⸗ der— Horch! welch Geraͤuſch? Huſſchlaͤge!“ „So wird's Euer Vormund ſein,“ ſagte An⸗ ton.„Ihr muͤßt gleich zu ihm, denn nicht um der ganzen Welt willen moͤgt' ich, daß er wuͤßte, wir haͤtten hier lange mitſammen geplaudert. Er iſt ſo argwoͤhniſch! Ich will doch durch mein Fenſterchen lugen, ob er's iſt.“ Anton oͤffnete nun leiſe eine der beſonders in lei gefaßten Scheiben des Fenſters, durch wel⸗ che er allerdings den eben heimkehrenden Sir John erblickte. Fluͤſternd, als fuͤrchtete er den⸗ noch gehoͤrt zu werden, theilte er dem jungen Radeliffe ſeine Wahrnehmung mit und ſetzte hin⸗ zu:„Ich will ihm entgegen gehen, ihm ſagen, daß Ihr ſo eben ankamt und einen Becher Weins von mir begehrtet. Dann ſollt Ihr gleich in ſein Gemach.“ Anton war mittlerweile zur Thuͤr geſchritten, kehrte jedoch wieder um, faßte dann vertraulich und herzlich des Juͤnglings Hand und ſagte in bittendem Tone:„Große Veraͤnderung iſt mit der Denk⸗ und Handelsweiſe Sir John's vor⸗ gegangen, waͤhrend Ihr jenſeit des Meeres wa⸗ ret. Ich weiß, Ihr waret bisweilen unbeſonnen, oder doch haſtig gegen ihn. Ich bitt' Euch, ſeid's jetzt nicht. Sagt ihm nichts, wodurch Ihr ihn reizen koͤnntet. Erzuͤrnt Euren Pathen nicht, waͤr's auch nur um des alten Anton willen, der Euch liebt, als ob Ihr ſein eigenes Kind wa⸗ ret, und der nichts ſehnlicher wuͤnſcht, als Euch gluͤcklich und zufrieden zu ſehen.“ Piertes Capitel. „— Er lieſ't viel, Iſt vielfaͤlt'ger Beobachter, und blickt Schier durch der Menſchen Herzen; liebt kein Spiel, Wie Du thuſt, Anton; hoͤrt nicht gern Muſik, Läͤchelt hoͤchſt ſelten, und alsdann auch nur Als hoͤhnt' und ſpottet' er ſich ſelber aus, Daß Etwas ihn hat laͤcheln machen konnen.“ Shakſpeare. Sir John Coppleſtone war, obſchon einer al⸗ ten Familie von Devon entſtammt, keineswegs erblicher Beſitzer von Warleigh, und wenn er zur Zeit, in welcher wir ihn unſeren Leſern vor⸗ fuͤhren, auch fuͤr einen in der Grafſchaft ange⸗ ſehenen Mann galt, war er doch nicht immer reich und angeſehen geweſen. In juͤngeren Jah⸗ ren hatte er vielfaͤltig außerhalb Landes, und, wie es hieß, nicht ſonderlich zu ſeiner Ehre ge⸗ lebt, ſich auch waͤhrend der Regierung Jacob's des Erſten an deſſen Hofe in Ungebundenheit und Ausſchweifung umhergetrieben, und eben da⸗ durch ſeine Huͤlfsquellen ſo erſchoͤpft, daß er ſich genothigt ſah, einige ihm im Norden von Devon zuſtehende Beſitzungen zu Befriedigung ſeiner Glaͤubiger zu verſilbern. Als er aͤlter ward, gab er ſich jedoch hin⸗ ſichtlich des Geldes verſtaͤndiger, das heißt, er ward eigenſuchtig und trachtete auf allerlei Weiſe danach, ſeine Ausgaben aus dem Beutel Anderer zu bewirken, weshalb es kein Wunder, daß er alſo jetzt eben ſo ſehr als Geizhals erſchien, wie er fruͤher ein Verſchwender geweſen war. Bei all ſeinem fruͤheren Hange zu Schwelgerei man⸗ gelte es ihm jedoch nicht an Scharfſinn und ſon⸗ ſtiger geiſtiger Tuchtigkeit; beſonders aber zeich⸗ nete er ſich zu allen Zeiten durch eine eiſerne Beharrlichkeit aus, denn nimmer gab er ein Vor⸗ haben oder ein Unternehmen auf, das er einmal begonnen oder beſchloſſen hatte. Zur Zeit, als es ſo ſehr Mode ward, ſich in Geſchaͤftsplaͤne mit der neuen Welt einzulaſſen, beſchloß Sir John, hierin einen Verſuch zu wa⸗ 77 gen, um dadurch vielleicht ſeinen zerruͤtteten Ver⸗ moͤgensumſtaͤnden wieder aufzuhelfen. Dazu war jedoch Geld erforderlich; er hatte deſſen wenig, beſaß aber deſto mehr Schlauheit, und da ihm die Sache lebhaft am Herzen lag, unterließ er nicht, ſeine Anlagen und Tuͤchtigkeit kraͤftig in Anwendung zu bringen; ja, er that dies auf eine Weiſe, die deutlich davon zeugte, daß er zu Ge⸗ ſchaͤften ſolcher Art beſonders geſchicklich war; denn als Barbadoes von den Englaͤndern unter Jacob dem Erſten genommen ward, wußte Sir John Coppleſtone ſeine Freunde(die er mit ſei⸗ nem Unternehmungsgeiſt angeſteckt hatte) zu ver⸗ moͤgen, ihm die gaͤnzliche Handhabung gewiſſer Geldſummen anzuvertrauen, fuͤr welche er Laͤn⸗ dereien ankaufen und deren Anbau bewerkſtelli⸗ gen laſſen, um auf ſolche Weiſe dieſe Abenteu⸗ rer mittelſt ihrer in Weſtindien ſich angeſchafften Beſitzungen ſo reich als Fuͤrſten zu machen. Ungluͤcklicherweiſe gab Sir Walter Radeliffe den Plaͤnen Sir John's Gehoͤr. Er that es vermuthlich in Folge der geheimen Beziehungen, in denen er zu Letzterem ſtand und worauf durch den alten Hausmeiſter Anton Lapthorne bereits hingedeutet worden iſt. Ohne Kenntniß von der⸗ gleichen Geſchaͤften zu beſitzen, wagte Sir Wal⸗ ter Raleigh den groͤßten Theil ſeiner Habe an jene uͤberſeeiſchen Speculationen. Manchmal frei⸗ lich ward ihm von Sir John, der alle Eincaſ⸗ ſirungen und Auszahlungen zu beſorgen hatte, ein kleiner Gewinn ausgekehrt, jedoch im Gan⸗ zen verlor Sir Walter zehnmal mehr, als er ge⸗ wann, ſo daß zuletzt, als Fortuna ihr Rad gaͤnz⸗ lich wendete, der einſt reich bemittelte Sir Wal⸗ ter Radcliffe ſich genoͤthigt ſah, ſein väterliches Beſitzthum Warleigh dem vormals verarmt ge⸗ weſenen Sir John Coppleſtone zu verpfaͤnden. Jagt die Gluͤcksgöttin einen Menſchen erſt hugelabwaͤrts, ſo halt ſie damit ſelten inne, bis ſie ihn der Tiefe zugekollert hat; Sir Walter mindeſtens ward nicht von ihr geſchont. Zwar blickte dieſer noch immer hoffend nach Barba⸗ does, um von dorther ſeinen durch uͤbelerwogene Speculationen zerrutteten Vermoͤgensumſtaͤnden wieder unter die Arme zu greifen; jedoch Stuͤr⸗ me raſeten, Orkane wuͤtheten, Schiffe ſcheiterten, Kaufleute ſtellten ihre Zahlungen ein, um ſie nimmer zu leiſten, und all dieſe Uebel ſchienen ſich an den armen Walter anzuklammern; denn aller Welt Schiffe kamen gluͤcklich an, nur nicht die ſeinigen; ſeine Zucker⸗ und Baumwollen⸗ pflanzungen waren es immer, die der Orkan verheerte, waͤhrend die des Sir John und aller uͤbrigen Geſchaͤftstheilnehmer verſchont blieben und ſich reicher Aernte erfreueten. In dieſem Zuſtande der Dinge nun erwies Sir John ſich großmuͤthig und drang niemals in ſeinen Freund wegen Zahlung der Pfandſumme auf War⸗ leigh; obwohl Sir Walter beſonders lebhaft nach Tilgung dieſer ſeiner Schuld trachtete, und zwar, weil zur Zeit unſerer Erzählung dergleichen Pfand⸗ verſchreibungen keine Verlaͤngerung des Termins geſtatteten, ſondern wenn ſie am Tage ihres Verfalls uneingeloͤſt blieben, unabänderlich das verpfaͤndete Beſitzthum dem Pfandſcheininhaber zuerkannten. Man will wiſſen, daß ſogar Betreffs dieſes Punktes Sir John Coppleſtone, ganz gegen ſein ſonſtiges Verfahren, ſich wirklich uͤberaus nach⸗ ſichtig gegen ſeinen Freund und Vetter zeigte, indem er keineswegs ſhylocksmaͤßig auf„ſeinem Schein“ beſtand; ein Umſtand, der es ziemlich deutlich erklaͤrt, wie eine mehr als gewoͤhnliche Herzlichkeit zwiſchen den beiden Verwandten kurz vor dem Tode Sir Walter Radeliffe's obwaltete. Dies traurige Ergebniß erleichterte, wie man wohl denken kann, keineswegs die Zahlung der Pfandſumme, weshalb denn auch das verpfaͤn⸗ dete Beſitzthum dem Sir John Coppleſtone zu⸗ fiel; ja, haͤtte dieſer nicht furſorgend etliche Gel⸗ der auf Sir Walter's Pflanzungen in Barba⸗ does vorgeſchoſſen, ſo wurden auch dieſe haben verkauft werden muͤſſen, um des Verſtorbenen anderweitige Glaͤubiger zu befriedigen. Wie die Sachen ſtanden, hatte Sir John jene weſtindi⸗ ſchen Beſitzungen fur ſeines hingeſi chiedenen Freun⸗ des Sohn geſichert, dem er Pathe war und zu deſſen Vormunde der ſterbende Sir Walter Rad⸗ cliffe ihn ernannt hatte. Von dem Steward Anton Lapthorne vernah⸗ men wir, daß ein Verloͤbnißcontract Gur Zeit unſerer Geſchichte ein eben ſo bindendes Docu⸗ 81 ment, als heut zu Tage ein Ehevertrag iſt) zwiſchen Sir John Coppleſtone und der nachhe⸗ rigen Mutter unſeres jungen Radeliffe obwaltete, daß die Dame jedoch dies Buͤndniß abwies, in⸗ dem Sir Walter ihr beſſer als Sir John gefiel, und daß Sir John, als er ſich in zerrutteten Geldverhaͤltniſſen befand, abgekauft ward, jedoch ſpaͤterhin jenen Contract als eine Drohwaffe ge⸗ gen ſeinen Freund gebrauchte, indem er vermit⸗ telſt jenes Documents deſſen Ehe haͤtte vor ei⸗ nem geiſtlichen Gerichtshofe fur null und nichtig laſſen erklaͤren koͤnnen, wie Solches in aͤhnlichen Fällen oft und vielfaltig ſchon geſchehen war. Dieſes Geſchichtchen ward, wie manches an⸗ dere, das ſich auf Sir John bezog, verſchieden⸗ artig erzaͤhlt. Es iſt moͤglich, daß, wenn dieſer einen ſolchen„Schein“ in Haͤnden hatte, er den⸗ ſelben fruͤher als Popanz gegen Sir Walter brauchte; doch iſt es hoͤchſt unwahrſcheinlich, daß er ſolches waͤhrend der letzteren Periode ihres Mitſammenlebens that, da Sir John ſich, zwei Jahre ſpaͤter als Sir Walter, ebenfalls verehe⸗ lichte, und beide Vettern alsdann mindeſtens in Warleigh. II. 6 82 Einem Punkte gleiches Schickſal erlebten, indem Beide binnen verhaͤltnißmaͤßig kurzer Zeitfriſt Wittwer wurden. Lady Radeliffe ſtarb, wie wir von Anton vernahmen, im Kindbette und hin⸗ terließ einen einzigen Sohn; Lady Coppleſtone ſtarb an den Blattern und hinterließ eine ein⸗ zige Tochter. Wir haben hier ſo kurz und deutlich als moͤglich die ſonderbaren und in etwas einander widerſprechenden Lebensverhaͤltniſſe Sir John's in deſſen fruͤherer Zeit mitgetheilt. Was folgt, koͤnnen wir mit groͤßerer Zuverlaͤſſigkeit liefern, und dieſe ſpaͤteren Verhaͤltniſſe Sir John's ſind vielleicht nicht minder merkwuͤrdig und verdienen wohl eben ſo ſehr des geneigten Leſers Aufmerk⸗ ſamkeit. Jedem, der die Zeit der großen Rebellion von England und die Charaktere ſtudirte, welche durch jene Zeit hervorgebracht wurden, iſt es zur Genuͤge bekannt, daß Viele, die in ihrer Jugend ein wildes oder ausſchweifendes Leben fuͤhrten, . plotzlich ihren Irrthuͤmern entſagten und ſich dergeſtalt vom heiligen Geiſte erleuchtet waͤhnten, 83 daß ſelbſt die dunkeln Zuͤge ihrer Gemuͤthsart, von dieſer Seite betrachtet, als aufgehellt erſchie⸗ nen; wenn gleich bei ſolchem Bekehrungswerke es oft ſchwer zu unterſcheiden war, ob derglei⸗ chen Eiferer mehr ihre eigenen alten Suͤnden, oder diejenigen Suͤndengenoſſen verdammten, de⸗ nen nicht gleich ihnen eine ſolche Erleuchtung hatte werden wollen. Einer ſolcher Bekehrten ward Sir John Cop⸗ pleſtone laͤngere Zeit nach Sir Walter's Abſterben⸗ denn beim Ausbruche der Unruhen gab er ſich als ein Solcher kund. Wirklich ward ſein Ge⸗ wiſſen ploͤtzlich uberaus zart und empörte ſich entſetzlich gegen die Irrthuͤmer ſeiner Nachbarn. Gleichwie den beruͤchtigten Puritaner Claxton „betruͤbte ihn ein Maienbaumtanz“, und der An⸗ blick eines umgitterten Altars und eines Chriſt⸗ nachtkuchens waren ihm„ein Greuel und Kenn⸗ zeichen von angeordneten Kirchentagen“, und er⸗ ſchienen ihm eben ſo papiſtiſch und gehaͤſſig, als das weiße Oberkleid des Prieſters, oder als die Thurmſpitze einer Kirche. Vor Allem aber ver⸗ abſcheuete und verachtete Sir John jenen grau⸗ 6* ſamen Zuͤgel oder ſchmachvollen Maulkorb des Geiſtes, den er und Jeder, der ihm gleich dachte, in jeder vorgeſchriebenen Gebetsformel wahrnahm. Wie eifrig Sir John nun auch ſein mogte, das Biſchofsweſen und uͤberhaupt allen veſtge⸗ ſtellten Lehrglauben gering zu achten und umſtur⸗ zen zu helfen, ſo ſchien er doch kaum bei ſich ausgemacht zu haben, was er dafuͤr an die Stelle ſetzen wollte, denn er ſchwankte von Ei⸗ nem zum Andern und hielt ſich jederzeit zu De⸗ nen, die fuͤr den Augenblick die Oberhand hat⸗ ten, ſo daß er zu einer Zeit Presbyterianer, zu einer anderen Independent, dann wieder Browniſt und ſogar ein„Harrer auf die Fuͤrſehung“ war, wie jene koͤſtliche Secte ſich nannte, die ſich bei dem rohen Spiele gleichſam neutral hielt, ſich jedoch jederzeit der eben uͤberwiegenden Partei an⸗ ſchloß; ſo daß, als Ralph Hopton, Bevil Gren⸗ ville und Nicholas Slanning auf der Hoͤhe von Stratton ſiegten und die Sache ſich zu Gun⸗ ſten des Koͤnigs neigte, Sir John Coppleſtone als aͤchter„Harrer auf ſeinen eigenen Vortheil“, den er Providenz nannte, darauf bedacht war, 85 bei Zeiten ſich dem Koͤnige anzuſchließen und zu ſolchem Ende ſeine demuͤthigen Annaͤherungen ſpielen zu laſſen. Ehe er jedoch hiezu kommen konnte, ereignete ſich die Schlacht bei Naſeby, durch die, mit Clarendon's Worten zu reden, „Koͤnig und Reich verloren gingen“. Dieſer Um⸗ ſtand ſetzte ſofort die Politik Sir John Copple⸗ ſtone's wieder zurecht, ſo daß er der Anſicht ward, die goͤttliche Fuͤrſehung habe an jenem Tage den Koͤnig aufgegeben, und Sir John da⸗ her keinen Augenblick zoͤgerte, ein eifriger Be⸗ foͤrderer des Parlamentes, ſo wie dieſes damals beſchaffen war, zu werden, und ein Regiment des Schwertes im Lande obwaltend zu wiſſen. Zu ſolchem Ende mußte aber der Koͤnig erſt nie⸗ dergehetzt werden. Karl Stuart aber war ein edler Hirſch, der nicht durch Einen Rudel Hunde zum Verenden gebracht werden konnte. Wie ſchaͤbig alſo auch irgend ein Hund ſein mogte, war er dennoch willkommen, um Theil an der Hatz zu nehmen; ſo daß er, wenn auch nicht jagen, doch das Gebell verſtarken konnte. Koͤ⸗ nig Karl war bereits ein Gefangener; was 86 blieb alſo weiter fuͤr die Faͤnger und Klaffer zu thun uͤbrig? Außer dem Grabe gab es keinen Kerker mehr, in welchem man den Monarchen mit vollkommener Sicherheit haͤtte verwahrt hal⸗ ten koͤnnen; was Wunder alſo, wenn man ihn aus der Welt zu befoͤrdern trachtete? Um die⸗ ſen allerliebſten Zweck zu erreichen, ſuchte die uͤber⸗ wiegende Partei Jeden im Lande fuͤr ſich zu ge⸗ winnen, der durch ſeinen Rang, ſeine Faͤhigkei⸗ ten oder ſeinen Reichthum fuͤr einflußreich er⸗ achtet ward, und fuͤr ſolch einen Einflußreichen galt denn auch Sir John Coppleſtone. Dieſer geſellte ſich nun zu den ſogenannten Independenten, einem Rudel von Leuten, die groͤßtentheils dem Soldatenſtande angehoͤrten, duͤ⸗ ſtere, wilde und unverſoͤhnliche Gemuͤthsart zeig⸗ ten, Gott nur in deſſen Donner erkannten und ihn mit dem Schwerte verehrten, indem ſie er⸗ klaͤrten, und ihrer Erklaͤrung denn auch die That beigeſellten, daß in einem chriſtlichen Lande Alle verpflichtet waͤren, diejenigen Regeln und Vor⸗ ſchriften juͤdiſcher Verfaſſung aufrecht und wirk⸗ ſam zu erhalten, die durch die vollkommeneren 87 Anordnungen des Evangeliums bei Seite geſetzt wurden. So z. B. riefen ſie die Todesurtheile gegen Hexerei, Zauberei und Goͤtzendienſt wieder in's Leben, und es war nicht zum Verwundern, wenn ſie darnach trachteten, den Buͤrgerkrieg bis an's Ende der Welt fortdauern zu laſſen. Zu dieſer Partei und Secte hatte Sir John Cop⸗ pleſtone, nach mancherlei Windungen und Kruͤm⸗ mungen, ſich beſonders eifrig gehalten, und es bleibt gewiß, daß er in ſeinen Anſtrengungen fuͤr dieſelbe weit genug ging, um eine Zeit lang nicht nur des Vertrauens Fairfax's und Waller's, als dieſe ſich zu Plymouth befanden, ſich zu erfreuen, ſondern ſogar durch einen beſondern Verkehr mit Cromwell ſich Dieſem nahe gebracht zu ſehen. Cromwell hielt, wie man ſich erinnern wird, einen ſchlauen Blick auf Cornwall und Devon geheftet, indem er recht wohl wußte, wie dieſe Grafſchaften bis auf das Aeußerſte ſich auf Sei⸗ ten des Koͤnigs behaupteten, und wie der alte John Arundel in ſeinem achtzigſten Lebensjahre ſich auch dann noch weigerte, Pendennis⸗Caſtle herauszugeben, als ſein König zu Carisbrook ge⸗ 88 fangen ſaß und die Herausgabe jener Veſte an⸗ rieth. Das Parlament mußte demnach nicht we⸗ nig erfreut ſein, einen Mann von Coppleſtone's Schlauheit, Vermoͤgen und Einfluß in der ſo widerſpenſtigen Grafſchaft Devon den Abſichten der Independenten geneigt zu finden. Man machte ihn zu einem der Commiſſionsmitglieder in Be⸗ zug auf eingezogene Guͤter der Royaliſten, ſo daß fuͤr dieſe Sir John in ſeiner Umgegend eine wahre Geißel ward. Doch war das Spiel, wie verheißend es ſich auch anließ, noch nicht zu Ende gebracht. Sir John hatte nicht Luſt, dem Parlamente umſonſt dienſtlich zu ſein; er wollte „ſich ſelbſt durch die Zeiten“ fördern, und da ihm dies wohl nicht nach Wunſche einſchlug, ſat⸗ telte er abermals um. Wie dies eigentlich ver⸗ anlaßt ward, laͤßt ſich nicht mit Zuverlaͤſſigkeit ausmitteln. Etliche meinten, er habe Streit mit Fairfar bekommen und den Neid Waller's erregt; Andere ſagten, Cromwell habe Anſtoß an der Anmaßung Coppleſtone's genommen, und wie⸗ der Andere, die noch beſſer unterrichtet ſein woll⸗ ten, erklaͤrten den Sir John fur einen Getaͤuſch⸗ 89 ten und Betrogenen, dem Fairfax und Waller einige Beſitzthuͤmer aus den Haͤnden ſpielten, die den Royaliſten abgenommen worden waren, und die fuͤr ſich zu behalten ganz eigentlich Sir John's Abſicht geweſen war; dazu kam, daß Rachſucht vorherrſchend im Charakter Sir John's lag, und ſolche Taͤuſchung von Seiten der Independenten⸗ haͤupter ihm allerdings Groll und Haß gegen dieſelben erwecken mußte. Dem mag nun ſein wie ihm wolle, ſo bleibt es gewiß, daß ungeachtet aller damit verbunde⸗ nen Gefahr eben dieſer Sir John Coppleſtone, der finſtere Independent und das unverſoͤhnliche Mitglied einer verhaßten Commiſſion, zur Zeit, in welcher unſere Geſchichte anhub, wirklich in einem geheimen Buͤndniſſe mit jenen kuͤhnen, entſchloſſenen und tapfern Edelleuten ſtand, die einen abermaligen Verſuch zur Befreiung und Wiedereinſetzung des ungluͤcklichen Koͤnigs zu machen beabſichtigten. Allerdings muͤſſen dieſe mehrfaͤltigen Aenderungen in den Anſichten und Meinungen und dem Verfahren Sir John Cop⸗ pleſtone's unſeren Leſern ſeltſam beduͤnken, jedoch — — * 90 es iſt unſere Pflicht, Thatſachen zu erzaͤhlen, nicht aber zu gleicher Zeit Rechenſchaft von denſelben abzulegen; denn wenn wir uns Letzteres zur Auf⸗ gabe ſtellen, und widerſprechenden Handlungen eines Mannes ohne Grundſaͤtze ein durchaus er⸗ klärbares Motiv unterlegen wollten, ſo wuͤrde das eben ſo mißlich ſein, als den Lauf eines Schiffes ohne Maſt und Ruder und Segel be⸗ ſtimmen zu wollen, indem ein grundſatzloſer Menſch vollig einem ſolchen Schiffe gleicht, das von Wind und Wellen umhergeſchleudert wird, ohne daß Einer zu ſagen wuͤßte, wann und wo es anzu⸗ treiben oder zu ſcheitern hat. Fünftes Capitel. „—— Ihr ſollt mich hoͤren. Mein Va⸗ ter beauftragte Euch durch ſein Teſtament, mir eine gute Erziehung zu geben; Ihr aber habt mich wie einen Bauer aufwachſen laſſen und jegliche edelmaͤnniſche Eigenſchaft vor mir verdunkelt und von mir fern gehal⸗ ten. Der Geiſt meines Vaters ward jedoch ſtark in mir, und ich will es nicht länger dulden. Deswegen geſtattet mir Uebungen wie ſie einem Edelmanne zu⸗ kommen, oder gebt mir die mir gebuͤhrende geringe Verlaſſenſchaft meines Vaters, daß ich damit hingehe und mir gut Gluͤck erkaufe.“ Shakſpeare. Ueberraſchend iſt es, wie bereitwillig die Seele jeden furchterweckenden Umſtand bemerkt und auf⸗ faßt, ſobald ſie von irgend einer lebhaften Be⸗ ſorgniß zum Voraus ergriffen ward. Dies war auch der Fall mit Amias Radeliffe, als er durch den Steward in das Gemach desjenigen von uns ſkizzirten Mannes gefuͤhrt ward, der als ſein zwiefacher Verwandter ihn bei ſeiner Ruͤck⸗ 92 kehr aus fernem Lande um ſo herzlicher haͤtte willkommen heißen ſollen. Sir John Copple⸗ ſtone aber ſaß ſteif in ſeinem Seſſel da, ohne ein Zeichen des Begruͤßens blicken zu laſſen, ſchien vielmehr ſeinen Pflegeſohn mit Augen zu meſſen, aus denen Mißfallen und Mißtrauen blitzten. Anton's Erzaͤhlung, das zwar unvollſtaͤndige, jedoch beunruhigende Bekenntniß Gabriel's, zu⸗ ſammt des Muͤndels eigner Ueberzeugung von des Vormundes Unfreundlichkeit gegen ihn, mach⸗ ten miteinander den jungen Radecliffe ſchaudern, als er in dem alten, mit Eichenholze getaͤfelten Gemache umherblickte und eben jenes rothſam⸗ metne Jaͤſtchen erblickte, das hinter der Stuhl— lehne desjenigen Mannes ſtand, in welchem Amias ſeinen ſchlimmſten Feind zu ſehen glaub⸗ te, waͤhrend er doch nicht vermogte, eine einzige Spur des Geheimniſſes zu ergruͤnden, durch welches, wie Gabriel angedeutet hatte, des Juͤng⸗ lings kuͤnftiges Leben bedroht wuͤrde, und das, wie dieſer ahnete, nur irgend etwas Boͤſes oder Schmerz⸗ liches in ſich faſſen koͤnnte. . Im Geſichte und Weſen Sir John's war nichts, was den Juͤngling haͤtte anders ſtimmen, nichts, was ihm haͤtte Vertrauen einfloͤßen, ſeine Furcht verſcheuchen oder die natuͤrliche Beſcheidenheit der Jugend aufmuntern koͤnnen. In Sir John's Geſichte war nichts Offenes, nichts Freundliches, nichts Verſoͤhnendes. Sir John Coppleſtone war von mittlerer Groͤße, breit von Bruſt und Schultern, und wies eine runde, zum Schaͤdel hin jedoch abgeplattete Stirn. Sein Haar war ſchwarz geweſen, jetzt war es grau und ſo rund um den Kopf herum weggeſchnitten, daß die ziemlich großen Ohren hervorſprangen und ihm ein nichts weniger als angenehmes, ja faſt laͤcherliches Anſehen gaben, indem ſie in ihrer Umgebung denen eines Vier⸗ fuͤßlers glichen. Wer jedoch in Sir John's Ge⸗ ſicht hineinblickte, ſpuͤrte nicht die mindeſte Luſt zum Lachen; denn jeder Zug darin war ſo ſcharf gezeichnet, daß, einmal ihn erblickt, man ſchwerlich jemals ihn wieder vergaß. Dies Geſicht wies ſich zu keiner Zeit angenehm, denn ſelbſt in ſei⸗ nem ruhigen Zuſtande wies es einen kalten, herz⸗ loſen und finſtern Charakter, der ſich durch nichts umwandeln ließ. Obwohl Sir John Coppleſtone, nachdem er unter das Banner der Frommen getreten war, ſich von dieſen wieder losgeſagt und die Sache des Koͤnigs von Neuem zu der ſeinigen gemacht hatte, hoͤrte er dennoch nicht auf, darauf An⸗ ſpruch zu machen, unter die Heiligen dieſer Erde gezaͤhlt zu werden; jedoch die Demuth, die erſte moraliſche Tugend eines Chriſten, ſchien nicht in ſeine Glaubenslehre zu gehoͤren; denn in ſeinen duͤſtern Zuͤgen lauerte finſterer Hochmuth, und nie blickte er einem mit ihm Redenden in's Ge⸗ ſicht, ſobald er nicht beabſichtigte, dieſen ſcharf zu beobachten oder in Ehrfurcht zu halten. Zu jeder anderen Zeit trug er den Blick geſenkt, gleich einem Menſchen, der da weiß, daß ſein Inneres kein Erſpaͤhen ertragen kann, und der da furchtet oder fuͤhlt, man koͤnne durch ſeine Augen hindurch in ſeinem Herzen leſen. In ſeiner Kleidung war Sir John ausge⸗ ſucht einfach, ja ſogar foͤrmlich. Sie beſtand aus einem dunkelfarbigen Wamſe und Mantel, — ſein Halskragen war ſtark geſteift und ſchien eben ſo unbeugſam als ſein Traͤger zu ſein. Im breiten und geraͤumigen Guͤrtel aus Buͤffelleder ſteckten ihm ein Stoßdegen und ein kleiner Dolch, die einzige verzierte Waffe, die er jemals trug, denn dieſer Dolch hatte urſpruͤnglich dem erſten Weißſporn der Coppleſtone gehoͤrt, und ſteckte in einer karmoiſinrothen Scheide, die reich und merkwuͤrdig mit getriebener Silberarbeit geſchmuͤckt war. Sein breiter, hochkoͤpfiger Hut, der dem Traͤger deſſelben, beſonders wenn dieſer ihn vor⸗ uͤberſchob, einen Anflug von Vermummung ver⸗ lieh, die nichts weniger als einnehmend war, lag auf dem eichenen Tiſche, der neben dem Lehn⸗ ſeſſel ſtand, und ein Lieblingshund, ein Miſch⸗ ling von Zucht und Inſtinct, ruhte zu Fuͤßen des Sitzenden. Bei Radeliffe's Eintreten ließ der Hund, als ob er ſeines Herrn Vorliebe und Widerwillen zu verſtehen vermoͤgte, ein wildes Knurren hoͤ⸗ ren, indem er ſich vom Boden erhob, die Nuͤ⸗ ſtern ſpreizte und ſeine weißen Fangzaͤhne zeigte. Coppleſtone brachte durch einen Fußtritt den Lieb⸗ Verachtung hinausjagen, ploͤtzlich jedoch, wie⸗ 96 ling zum Schweigen, und der Hund nahm dieſe fuͤhlbare Andeutung des Gebieters, wie Guͤnſt⸗ linge hoͤheren Ranges dergleichen oft ebenfalls zu thun pflegen, mit Behaglichkeit auf, denn er ſtreckte ſich wieder hin und begnuͤgte ſich, zu Radcliffe hinaufzuſtieren, ſo wie wohl ein Ker⸗ kermeiſter im Beiſein eines hoͤheren Beamteten ſeinen Gefangenen lauernd im Auge behaͤlt, bis ihm Befehl wird, den Wehrloſen bei der Gurgel zu packen. Amias Radcliffe, obwohl von Natur ſanften und ſchmiegſamen Gemuͤthes, fuͤhlte uͤber dieſen kalten, wortloſen Empfang von Seiten ſeines Vormundes ſein Innerſtes empoͤrt und ſagte da⸗ her mit mehr als gewoͤhnlichem Muthe, jedoch gelaſſenen Tones, zu Sir John,„daß er es fuͤr gerathen gehalten haͤtte, nach Hauſe zuruͤck⸗ zukehren, ohne heimberufen worden zu ſein, und daß er in Folge deſſen ſich hier befaͤnde“. Sir John's erſte Bewegung ſchien die einer heftigen Aufwallung zu ſein; er ſah aus als wollte er aufſpringen und ſeinen Pflegſohn mit 97 wohl mit erſichtlicher Anſtrengung, faßte er ſich und entgegnete:„Wirklich, Sir? Da Ihr denn die Leitung Eures Thuns uͤbernommen habt, be⸗ vor dieſelbe Euch geſetzlich zu geſtatten iſt, ſo frage ich, ob es Euch beliebt, mir die Gruͤnde davon anzugeben. Ich hoͤre, Sir; gefall's Euch, mir zu antworten.“ „Sir John Coppleſtone,“ verſetzte Amias, „dieſes Spottes bedarf es nicht. Ich that nichts, um denſelben zu verdienen; nichts, um die Kaͤlte und Unfreundlichkeit zu verdienen, womit Ihr mich empfangt. Ich kenne meine Pflicht gegen Euch; weshalb alſo behandelt Ihr mich ſo? Als mein naͤchſter Verwandter und Vormund habt Ihr meine derzeitige Wohlfahrt in Euren Haͤn⸗ den. Als meinen Pathen muß ich Euch um ſo hoͤher achten, denn als ſolcher ſchwuret Ihr, mich in all Dem wohl unterrichten zu laſſen, was zu meinem kuͤnftigen Hoffen und Wohlergehen dien⸗ lich ſein kann. Jahre lang ertrug ich Eure Un⸗ freundlichkeit mit geduldiger Unterwerfung; doch auch Geduld hat, wie alles Andere, ihre Gren⸗ zen, und verſchleißt endlich unter unausgeſetztem Warleigh. II. 7 98 Gebrauch. Mein Vater uͤberließ mich Eurer Ge⸗ walt, indem er auf Eure Treue und Ehrgefuͤhl bauete; wie aber habt Ihr Euch Eurer heiligen Pflichten gegen mich entledigt? Ich werde re⸗ den; denn Ihr rieft mich auf, Gruͤnde wegen meines Heimkommens zu geben. Dieſe Gruͤnde ſind mannichfaltig, und Ihr ſollt ſie hoͤren.“ „Ja, Gruͤnde wollt' ich hoͤren, keine beißen⸗ den Bemerkungen,“ grollte Coppleſtone.„Wie iſt's denn? habe ich etwa keine Gewalt mehr uͤber Euch, junger Menſch? Bin ich nichts mehr in Euren Augen? Wo bleibt Euer Gehorſam, Eure Ehrerbietung? Bin ich denn ſchon ſo alt worden, daß meine Geiſteskraͤfte unmaͤchtig wur⸗ den? Bin ich blind, bettlaͤgerig oder gar naͤr⸗ riſch worden, daß Ihr ſo verfahret? Soll ich von einem Knaben mich aͤffen, mir widerſprechen laſſen? Erkennt Eure Stellung, junger Sir, und habt Acht, wo Gehorſam Euch Pflicht iſt, ſonſt ſollt Ihr die Macht fuͤhlen, die Ihr fuͤr nichts erachtet.“ „Ich habe ſie bereits gefuͤhlt,“ verſetzte Rad⸗ eliffe,„und ſollte es mir das Leben koſten, ſo 99 will ich nicht laͤnger ſchweigen. Ich habe lange geduldet und geſchwiegen; doch ein Wurm ſo⸗ gar kruͤmmt ſich, wie man ſpricht, wenn er ge⸗ treten wird. Ich bin aber nicht ſo niedriggebo⸗ ren, obwohl Ihr mich gern in den Staub ſtam⸗ pfen mögtet; und waͤr' ich's, ſo wurd' ich den⸗ noch das Vorrecht eines Kriechthiers haben und mich zu meiner Vertheidigung erheben duͤrfen, ſobald Ihr ſtrebt, mich zu vernichten. Ihr ſeid grauſam mit mir umgegangen.“ „Wer ſagt Das?“ rief der Vormund.„Habe ich nicht fuͤr Euch geſorgt, als ob Ihr mein ei⸗ gener Sohn waͤret? Pflegt' ich Eurer nicht da⸗ heim, bis ſich eine Euch vortheilhafte Gelegenheit darbot, Euch ins Ausland zu ſchicken?“ „Als einen Sclaven hieltet Ihr mich da⸗ heim,“ entgegnete der Zoͤgling;„unter eben dem Dache, das einſt meines Vaters war, bin ich in mehr denn Einer Hinſicht ſchlechter auferzogen worden, als der ſchlechteſte Dienſtknecht auf mei⸗ nes Vaters Guͤtern. Ihr ſagt, Ihr ſchicktet mich mir zum Vortheil uͤber's Meer? Ihr verbann⸗ tet mich! ſprech' ich dagegen; Ihr entſendetet 100 mich unter der Obhuth eines Menſchen, der, wie ich Urſache habe zu glauben, mich nimmer wie⸗ der in die Heimath zuruͤckkehren laſſen ſollte; Ihr entſendetet mich zu einer Zeit, als meine Geſundheit hoͤchlich gefaͤhrdet war, in ein krank⸗ heitſchwangeres Land; ich aber habe Alles erfah⸗ ren und kenne Euch, Sir John Coppleſtone.“ Amias Radeliffe ſprach dieſe Worte lebhaft, und ſeine Geberden dabei zeigten ſich noch leb⸗ hafter. Fuͤr ein Weilchen ſchwieg der Vormund, als hielten Staunen und Verwunderung uͤber die Vermeſſenheit des ſonſt ſo ſcheinbar ruhigen und unterwuͤrfigen Junglings ihn bewaͤltigt. Dann erhob er ſtolz das Haupt, waͤhrend der Ausdruck eines duͤſteren, boshaften Gefuͤhls jedem ſeiner Geſichtszuͤge einen furchtbaren Charakter verlieh. Mit einem Schlangenblicke haftete er an dem Sohne Sir Walter's, dann ſprach er im Tone gewaltiger, jedoch beherrſchter Leidenſchaft:„Ihr kennt mich, ſagt Ihr? Wie kennt Ihr mich denn? Sprecht, ich befehl' es!“ Amias fuͤhlte ſich durch des Breitſchulterigen Weſen geſchreckt— ſo ſchwer haͤlt es, fruhzeitig 101 anerzogene Unterwuͤrfigkeit von ſich abzuſchuͤtteln! Radcliffe wagte nicht ſogleich eine Entgegnungz in ſeiner Seele erwachte die Erkenntniß, daß er nichts Zuverlaͤſſiges uͤber den vor ihm Stehen⸗ den, ſondern nur unklare Winke uber denſelben aus dem Munde eines unter Gewiſſensbiſſen Sterbenden vernommen hatte, und deſſen Ver⸗ ſtand vielleicht zerruͤttet geweſen war. Dazu kam, daß Edelmuͤthige dem Argwohn ſchwer zugaͤngig ſind. Unbewandert auf den Trugwegen der Welt, und oſſen und aufrichtig in ſeinen Anſichten, fuͤhlte Amias Radeliffe beinahe Selbſtvorwuͤrfe uͤber die Haſtigkeit, die er hatte blicken laſſen, eben weil es ihm an Beweiſen gegen den Vor⸗ mund, wie unfreundlich dieſer ihn auch von je⸗ her behandelte, fuͤr Dasjenige fehlte, worauf Gnadegott Gabriel in lichten Augenblicken ſeiner Geiſteszerruͤttung hingedeutet hatte. Radcliffe litt keineswegs Mangel an Muth; jedoch der Muth iſt edler Natur und ſtellt ſich nur offenbarer Ge⸗ fahr oder erwieſener Schuld entgegen, bebt je⸗ doch davor zuruͤck, als Meuchler oder Verlaͤum⸗ der zu verfahren. Gefuͤhle ſolcher Art bewegten 102 unſeren Juͤngling, Gedanken dieſer Art waren es, die in ihm aufſtiegen, und demnach antwor⸗ tete er zwar veſten, jedoch gelaſſeneren Tones: „Ich verließ Barbadoes, Sir, wohin Ihr mich in Geſchaͤften ſchicktet, die kaum eines Edelman⸗ nes wuͤrdig ſind, und von denen ich keine Ein⸗ ſicht hatte. Ich verließ jenes Land, weil ſein Himmelsſtrich meiner Geſundheit eben ſo wenig, als das mir dort von Euch aufgetragene Ge⸗ ſchaͤft meinem Geiſte zuſagte. Das Schiff, in welchem ich heimkehrte, der Alte Jacob, ſchei⸗ terte am Eddyſtein, als es in den Haven von Plymouth einlaufen ſollte. Etliche Wenige von der Mannſchaft ſuchten ſich im Boote zu retten, das jedoch an den Klippen von Mount Edg⸗ cumbe umſchlug. Mir und dem mir von Euch mitgegebenen Diener ward Rettung, wiewohl Letzterer beim Umſturze des Bootes ſchwer ver⸗ wundet ward. Durch die menſchenfreundliche Fuͤrſorge des Sir Piers Edgeumbe und deſſen Mithelfer wurden wir gerettet und gepflegt; Ga⸗ briel aber, der an den erhaltenen Wunden ſtarb, bekannte vor ſeinem Abſcheiden—“ Coppleſtone's Geſicht verwandelte ſich, als dieſe Worte geſprochen wurden. Haſtig fiel der Vormund dem Juͤngling mit der Frage in die Rede:„Was bekannte Gabriel?“ „Vieles,“ fuhr Radeliffe fort,„ob zwar nur Unklares und Dunkles. Etliche ſeiner Winke waren entſetzlich, obwohl ſie zum Theil in Fie⸗ berhitze gegeben worden. Offen jedoch und un⸗ umwunden erklaͤrte er, daß Ihr ihm befohlen haͤttet, durch jegliches ihm moͤgliche Mittel meine Ruͤckkehr nach England zu verhindern. Aus welchem Grunde ihm ſolcher Befehl gegeben ward, eroffnete er nicht, doch genuͤgt, nebſt an⸗ deren Handlungen Eurer Unfreundlichkeit gegen mich, dieſer Umſtand, mich fuͤhlen zu laſſen, daß Ihr keineswegs auf wuͤrdige Weiſe gegen mich verfuhrt. Was that ich, daß Ihr den Befehl gabt, der mich fuͤr immer aus meinem Vater⸗ lande verbannt halten ſollte?“ „Und wie wißt Ihr, daß ich ſolchen Befehl wirklich gab?“ verſetzte Coppleſtone.„Iſt die Ausſage eines Fieberkranken, eines mit dem Tode Ringenden, wie Ihr ſelber den Euch mitgegebe⸗ 104 nen Begleiter bezeichnetet, eine Rechtfertigung der Heftigkeit und Frechheit, womit Ihr an die⸗ ſem Tage auf Euren Vormund eindringt, der Vaterſtelle bei Euch zu vertreten hat und ver⸗ tritt? Enthebe Dich, alberner Knabe, und lerne Gehorſam, ſonſt muß ich ihn Dir einlernen! Geh hin und erkenne Dich ſelbſt! Jung, muͤßig, leichtfinnig und achtlos zeigſt Du Dich undank⸗ bar gegen mich, der ich ſtets auf Deine Wohl⸗ fahrt bedacht war!“ Die Waffen des Vorwurfs, die Radcliffe ge⸗ fuͤhrt hatte, ſah er jetzt gegen ſich ſelbſt gekehrt— Das war unertraͤglich! Lebhaft erwiderte daher der Juͤngling:„Ich log nicht, wenn ich ſagte, daß Ihr mich, als meine Geſundheit wankte, in ein ungeſundes Land ſchicktet, und daß ich des⸗ halb heimkehrte. Wie aber werd' ich empfan⸗ gen, nachdem ich der Seuche von Barbadoes und dem Grabe entrann? Wohl mag es ſein, daß ich nicht erſt dorthin geſchickt zu werden brauchte, um den Tod daſelbſt zu finden; er iſt mir ſchon in der Heimath bereitet, denn was Anderes, als das Grab hab' ich hier zu hoffen, 105 was zu erwarten? Wo find' ich hier Troſt und Unterſtuͤtzung? Ihr laͤhmt alle meine Kraft, Ihr haltet mich in Abhaͤngigkeit und Knechtſchaft, ver⸗ ſagt mir Alles, was meiner Herkunft, meinem Stande und meinen Erbrechten gebuͤhrt. Ein⸗ mal, um Eurem Willen zu gehorchen, fuͤhrte ich bei Beſtuͤrmung von Ford Houſe die Waffen; jetzt moͤgt' ich ſie um meinem Willen zu genu⸗ gen fuͤhren. Gebt mir daher ein Annehmliches von Dem, was ohnehin nach wenigen Mona⸗ ten mein ſein wird, und ich will mich ſo aus⸗ ruͤſten, wie es einem Edelmann geziemt, und Euch alsdann nicht eher wieder laͤſtig fallen, als bis die Stunde kommt, in der die lange Rech⸗ nung, die waͤhrend meiner Minderjaͤhrigkeit zwi⸗ ſchen uns aufſummte, abgelegt und geſchloſſen werden muß. Dies iſt Alles, was ich begehre und beabſichtige.“ „Ich aber begehre und beabſichtige Anderes,“ verſetzte Coppleſtone heftig.„Ihr ſollt nicht die Waffen fuͤr eine Sache fuͤhren, die nicht viel mehr als die der Mißherrſchaft, des Blutver⸗ gießens und der Gewaltthaͤtigkeit worden iſt! 106 Ich denke hieruber jetzt ganz anders, als ich ehe⸗ mals dachte. Ich ſehne mich nach Frieden und Verſoͤhnung, und ein hurtiges Erſticken jener Empoͤrungsflamme, die ſo durch das Land ge⸗ raſ't hat, daß deſſen begruͤnte Huͤgel und Thaͤ⸗ ler, die einſt von Freude glaͤnzten und lachten, voll Trauerns und dem welken Graſe gleich wor— den ſind, das im Ofen verbrannt wird. Ich ſehe nur Einen Weg, der zum Frieden leitet, und dieſen will ich verfolgen, wie ſchmal und dorn— verwachſen er auch ſein mag.“ Radeliffe blickte ſtaunend auf den Rundkopf. „Fuͤrwahr,“ ſprach er dann,„ich verſteh' Euch nicht. Wollt Ihr, der Ihr ſo lange Zeit hin⸗ durch der Sache der buͤrgerlichen und kirchlichen Freiheit anhingt, der Ihr den Covenant beſchwurt, jetzt Euch auf die entgegengeſetzte Seite wenden, und die Tyrannei wieder auf eben den Sitz er⸗ heben, von welchem ſie unter ſo vielem Blut⸗ vergießen, das die Beſten und Tapferſten im Lande hinraffte, herabgeſtoßen ward?“ „Ich will keine Tyrannei wieder erheben,“ entgegnete Coppleſtone, der vielleicht im Herzen froh war, ſich auf dieſe neue Streitfrage einzu⸗ laſſen, um derjenigen auszuweichen, uͤber die ſich naͤher auszuſprechen er keine Luſt hatte;„doch gefaͤllt mir die Art und Weiſe nicht, wie die Dinge im Parlament und bei der Armee ge⸗ handhabt werden. Ich fuͤrchte, daß der Gene⸗ ral ſein Schwert, das er fuͤr Gottes Sache zog, jetzt fur ſich ſelber ſchwingt. Joſua kaͤmpfte, wie wir wiſſen, nicht um ſeinetwillen, ſondern um des Himmels Gebot zu vollziehen. Auch wur⸗ den die ſieben Drommeten aus den Hoͤrnern de⸗ rer Widder nicht zu eigenem Nutzen, ſondern zum Umſturz der Mauern von Jericho geblaſen. Ich ſage Euch, Maſter Amias Radeliffe, daß, ſo lange dieſer General um Iſraels willen Krieg fuhrte, ich ihn unterſtutzte; daß ich Solches aber nicht thun werde, ſobald er den Krieg zu den Zwecken ſeines Ehrgeizes benutzt. Und da ich ſehe, daß ſolch hinterliſtiges Spiel im Werke iſt, will ich mich einem offeneren und froͤmmeren Thun zuwenden.“ „Zu den Cavalieren wolltet Ihr Euch wen⸗ ——— —= ——————————.— 108 den?“ fragte Radeliffe erſtaunt.„Was bedeu⸗ tet das?“ „Was das bedeutet, ſoll Euch ſpaͤterhin kund⸗ werden,“ entgegnete Coppleſtone,„fur jetzt ſeid des Dafuͤrhaltens, daß meine Abſicht ihre Fol⸗ gen und ihre Beweggruͤnde hat. Und mein Be⸗ fehl geht dahin, daß Ihr nicht ohne meine Erlaubniß die Waffen fuͤr eine oder die andere Sache ergreift, ſonſt werd' ich als Euer Vor⸗ mund, deß Hand uͤber Euch zu ſagen hat, Euch durch das Geſetz zum Gehorſam zu zwingen wiſ⸗ ſen.“ Dieſe Zumuthung verdroß den Juͤngling nur um ſo mehr, da er erkannte, wie er in ſeinem zwanzigſten Jahre auf eine harte und gleichſam ſchimpfliche Weiſe eingezwaͤngt und gebunden ward. In ſchlichten Ausdruͤcken fragte er daher den Vormund, welche Gelder dieſer ihm bis zu ſeiner Volljaͤhrigkeit auszukehren gedaͤchte;„denn,“ ſetzte er hinzu,„wenn ich den Waffendienſt in England nicht uben ſoll, ſo habe ich meine Gruͤnde, mich fur kurze Zeitfriſt in's Ausland zu begeben, und bis zu dem Tage dort zu bleiben, der mich 1090 zum Herrn meines Villens und meines Erb⸗ theils macht.“ Coppleſtone, der jetzt ganz ſeiner Froͤmmler⸗ maske und bibliſchen Anſpielungen vergaß, ent⸗ gegnete hierauf mit einem rund herausgeſproche⸗ nen Fluchworte, daß Sir Amias Radeliffe außer Tiſch und Bett zu Warleigh und einem Spiel⸗ pfennig in der Taſche keinen Heller empfangen ſollte, indem Solches durchaus nicht vonnoͤthen waͤre. Wort gab nunmehr Wort aus Beider Munde, bis Coppleſtone endlich im hoͤchſten Grade erzurnt ausrief:„Undankbarer, der Du all meine vaͤterliche Sorgfalt fuͤr Dich mit Hohn zuruͤckweiſeſt, willſt Du in demſelben Augenblick, in welchem Du ungerufen unter mein Dach zuruͤckkehrſt, mir entrinnen, bevor die Friſt meiner rechtmaͤßigen Herrſchaft uͤber Dich abgelaufen iſt? Von mir willſt Du entweichen, der Du als mein Sohn von mir behandelt wardſt? Ja, wollte ich Dich nicht wirklich zu meinem Sohne machen, indem ich beabſichtigte, Dir mein eigenes Kind, meine Ruth, wie ich ſie vermoͤge ihrer ſeltenen Tugen⸗ den und Eigenſchaften wohl nennen mag, zum Weibe zu geben? Du oaber ſchlugſt Gertrud Coppleſtone mit nicht mehr Ruͤckſicht aus, als ob ſie eine ſo niedere Dienſtmagd waͤre, die, gleichwie Hagar dem frommen Abram, nicht zur Gattin, ſondern zur Beiſchlaͤferin geboten ward. Du ſchlugſt ſie aus und beleidigſt dadurch mei⸗ nen Namen und mein Geſchlecht, und wunderſt Dich jetzt, daß mein Zorn ſich gegen Dich regte, und daß ich Dich fuͤr eine Zeitlang fortſchickte aus meinem Angeſichte und dem Lande Deiner Geburt?“ „Ich ehrte Eure Tochter, Sir,“ verſetzte Amias mit Wurde,„viel zu ſehr, um ſie zu ehelichen, obwohl ſie Eure einzige Erbin und ein Fraͤulein von hohen Gaben des Geiſtes und Herzens und der Schoͤnheit iſt. Ja, ich wiederhole es, ich ehrte ſie zu ſehr, um ihr meine Hand ohne mein Herz zu bieten. Unſere Gemuͤthsneigungen ſte⸗ hen nicht immer unter unſerer Herrſchaft, und Miß Gertrud Coppleſtone verdient etwas mehr, als die bloße Hochachtung eines Mannes, der das Gluck haben ſoll, ſich ihren Gatten zu nen⸗ nen. Ich fuͤhlte mich Euch dankverpflichtet fur 111 die einzige freundliche Aeußerung, die Ihr je⸗ mals gegen mich machtet, und obgleich ich die⸗ ſen Euren Antrag aus untadelhaften Gruͤnden zuruckwies, achtete ich doch nimmer mich des Be⸗ ſitzes Eurer Tochter wuͤrdig.“ Ein finſterer Hohnblick ſchoß aus Coppleſto⸗ ne's Augen. Als der Vormund ſeines Muͤndels Verbindung mit ſeiner Tochter wuͤnſchte, war er durch gewichtige Beweggruͤnde dazu angeregt worden, und Radecliffe's Weigerung hatte dem Juͤngling des Alten Groll und Grimm, der wohl Haß genannt werden mogte, von der Stunde an zugezogen. Boshafte Gemuͤther finden nur in Rache ihre Genugthuung, und Amias hatte dies von Sei⸗ ten ſeines Vormundes zur Genuͤge erfahren muͤſ⸗ ſen.„Fuͤrwahr,“ ſchalt der Liebloſe:„Du warſt ihrer nicht werth! Ich kenne Dein Herz und Deine Neigungen, die kein Behagen an heiligen Ehebanden, wohl aber an der Ueppigkeit lockerer Dirne finden, die mit ihrer Zunge zwar ſchmei⸗ chelt, durch deren Haus jedoch der Weg zur Hoͤlle führt, und zu ihr mögteſt Du, bar aller Ein⸗ —— 112 ſicht, wie aller goͤttlichen Gnade, im Dunkeln, oder hoͤchſtens im Zwielichte ſchleichen.“ „Eine ſolche Anklage verletzt mich nicht, Sir John,“ ſagte Radeliffe,„denn ich bin unſchul⸗ dig an ihr, und daß ich Das bin, wißt Ihr, in⸗ dem Ihr ſie ausſprecht. Ich frage Euch noch⸗ mals, wieviel Ihr mir bis zu meiner Volljaͤh⸗ rigkeit ausſetzt; denn tritt dieſe ein, ſo halten wir Abrechnung mit einander, Sir John Copple⸗ ſtone, und ſcheiden dann fuͤr immer.“ „Was ausſetzen!“ eiferte der Vormund:„Ob⸗ dach, Tiſch und Bett hier iſt Euch ausgeſetzt, wie ich bereits ſagte, und weiter nichts! Ihr reiſen? Ihr in's Ausland gehen? und Das wohl gar mit Euren lockern und ausſchweifenden Ge⸗ noſſen? Schwelgen moͤgtet Ihr gern bis in die Naͤchte hinein, profane Geſundheiten ausbringen, und dreifaches Weh uͤber Eure eigene Seele her⸗ abrufen; moͤgtet Luſt in Uebermuth verkehren, die auslaͤndiſche Buhlſchweſter ſingen und den Geigenſtreicher und Lautenſchlaͤger fiedeln und klimpern hoͤren, waͤhrend der Becher der Geſund⸗ heit zu einem Feuerbecher gemacht wird, der das 113 Blut entzuͤndet, das Hirn verdreht, die Sinne alle bethoͤrt und zu Hader und Mord ſtachelt? um ſolchen Verſuchungen Euch hinzugeben, darum wollt Ihr reiſen, und darum will ich Euch nichts, gar nichts ausſetzen. Zu Hauſe bleibt Ihr, das Haus huͤthet Ihr, und moͤgt wohl Acht auf Eure Wege haben und die Zeit abwarten, daß Ihr die erforderlichen Jahre erreicht, um nach Eurem Geluͤſten, nicht aber unter meiner Obhuth, den Narren zu ſpielen.— Kein Wort, Burſch; wohl aber erwaͤgt, was ich Euch ſagte! Ich gehe, um Befehle zur Beſtattung der Leiche meines Dieners zu geben. Eurer Ausſage nach liegt dieſelbe noch unbegraben zu Mount Edgeumbe. Ich verlaſſe Euch fuͤr jetzt, doch merkt's Euch, daß, wenn ich Euch wiederſehe, Ihr Euch fug⸗ ſamer zu erweiſen habt, ſo Ihr's nicht bitterlich bereuen wollt.“ Hoch erzuͤrnt ging der Vormund von dan⸗ nen und uͤberließ den Juͤngling ſeinen Betrach⸗ tungen. Selten hatte Coppleſtone ſich ſo heftig gegen den jungen Radeliffe ausgelaſſen, denn dieſer hatte ihm ſelten oder niemals durch ſo Warleigh. II. 8 —— 114 kuͤhne und entſchloſſene Widerſetzlichkeit gegen die vormundſchaftliche Tyrannei Veranlaſſung dazu gegeben. Amias hatte in ſeinem Aerger nur Eine Beruhigung, naͤmlich die, daß die Zeit ſeiner Volljaͤhrigkeit nicht mehr fern war, und daß alſo dieſe Verfolgungen nicht lange mehr waͤh⸗ ren koͤnnten. Serhstes Capitel. „Wenn Gold, war ſchoͤnſtes Gold ihr Lockenhaar⸗ Wenn Silber, wohl ihr Haͤndchen Silber war, Doch Schoͤnſtes, was nur Wen'ge je erblickten, Das war ihr Herz, das hehre Tugendreize ſchmuͤckten.“ Spenſer. Radeliffe, deſſen Gemuͤth durch das mit ſeinem tyranniſchen Vormunde abgehaltene Geſpraͤch maͤch⸗ tig aufgeregt worden war, beſchloß, Gertrud Cop⸗ pleſtone aufzuſuchen, die ſich ihm ſtets freund⸗ lich gezeigt hatte. Vom alten Anton vernahm er, daß Sir Coppleſtone, ehe er das Haus ver⸗ ließ, mit ſeiner Tochter geſprochen haͤtte, und daß dieſe ſich jetzt im Garten, und wahrſchein⸗ lich an ihrem Lieblingsortchen darin, naͤmlich in dem nahe am Flußrande ſtehenden Sommerhaͤus⸗ chen, befaͤnde. 8* Zum Sommerhaͤuschen alſo ſchritt Radeliffe; doch that er es, um zuvor Faſſung zu gewinnen, auf einem Umwege. Dem Tavyfluſſe nahe ge⸗ kommen, ſtand er am Ufer ſtill und blickte auf das ſich ſanftkraͤuſelnde Waſſer. Er gedachte da⸗ bei ſeiner fruͤheren Lebensjahre, ſeines Vaters, deſ⸗ ſen truͤbſeligen Umſtaͤnde und deſſen Todes, ſo wie ſeiner eigenen peinlichen und ſchier ſclavenartigen Lage. Er hatte beſchloſſen, bei Gertrud Copple⸗ ſtone Rath und Beiſtand gegen ſeinen Vormund zu ſuchen, obgleich er kaum hoffen konnte, daß Betreffs ſeiner das Maͤdchen Etwas uͤber ihren Vater wuͤrde vermoͤgen koͤnnen, indem zur Zeit unſerer Geſchichte die Gewalt eines Vormundes uͤber ſeinen Muͤndel wirklich beinahe unumſchraͤnkt war, und ein entlaufender oder auffſaͤſſiger Pfleg⸗ ſohn nicht ſelten mit ſchwerer Kerkerhaft, oder durch anderweitige tyranniſche Behandlung auf das Fuͤhlbarſte beſtraft zu werden pflegte. Es iſt nöthig, den Leſer hieran zu erinnern, damit er ſich Radeliffe's Furcht und Coppleſtone's Verfah⸗ ren den Umſtaͤnden gemaͤß erklaͤren koͤnne. Amias Radcliffe war mit Gertrud Copple⸗ 117 ſtone auferzogen worden, Beide hatten von Kind⸗ heit an wie Geſchwiſter mit einander gelebt, wel⸗ ches ſchon an und fuͤr ſich Grund genug in ſich faßt, daß Beide ſich nicht in einander verliebten; Beide hatten fruͤhzeitig Eins des Andern Fehler kennen gelernt, und waren eben dadurch vor ſchwaͤrmeriſcher Hinneigung zu einander bewahrt geblieben. Dazu kam, daß Amias die Tochter Coppleſtone's von jeher mit uͤberwiegender Hoch⸗ achtung, ja zu Zeiten mit Ehrfurcht betrachtete; Liebe aber waltet nur unter gleichartigen Gefuͤh⸗ len und Empfindungen ob. In gewiſſen Beziehungen hatte Gertrud frei⸗ lich gleiches Geſchick mit Amias gehabt, denn ſie hatte fruhzeitig gleich ihm die Mutter verlo⸗ ren und war, wie er, unter die ausſchließliche Obhuth Sir John's geſtellt worden, doch waren auch dieſe Ergebniſſe nicht wichtig genug, um in Beider Herzen eine leidenſchaſtliche Liebe zu einander rege zu machen; denn waͤhrend Amias den Groll und Haß ſeines Vormundes davon⸗ tragen mußte, war Gertrud mehr denn irgend Jemand im Stande, auf ihren Vater zu wirken, 118 der in ihr die einzige Repraͤſentantin ſeines Hau⸗ ſes und die alleinige Erbin ſeiner wohl oder uͤbel erworbenen Beſitzthuͤmer erblickte. Ueberdies wollte man wiſſen, daß, obwohl John Coppleſtone ſich in Betreff kuͤnftiger Groͤße, oder der Ehre ſei— nes Hauſes, ſtreng gegen ſeine Tochter zeigte, er doch in allen anderen Punkten eine Art von Ehr⸗ furcht und Scheu gegen die Ueberlegenheit ihres Geiſtes und ihrer Tugenden hegte. Wirklich war Gertrud eine ſeltene Tochter fuͤr einen ſo ſeltſamen Vater, und da ſie als einzige Erbin von Warleigh gelten mußte, mag man wohl vorausſetzen, daß von vielen Seiten her um ſie herum gehoͤfelt und geſchmeichelt ward; dennoch gab es gewiſſe, den Vater, die Tochter und den Pflegſohn betreffende Umſtaͤnde, die Keiner genau ergruͤnden oder zu eigener Zufrie⸗ denheit berichtigen konnte, obwohl dieſelben von Gevattern und Baſen der Nachbarſchaft vielfaͤl⸗ tig eroͤrtert wurden. Allerdings gereichte es nicht wenig zur Ver⸗ wunderung, daß Sir John, der, wie man recht wohl wußte, viele Freier um ſeine Tochter ab⸗ gewieſen hatte, ſo ängſtlich darauf bedacht war, dieſe mit ſeinem Pflegeſohn, zu verehelichen, der bekanntlich ſich doch nur geringen Guͤterbeſitzes erfreuete, gegen den er andrerſeits ſo we⸗ nige Ruͤckſicht und wahre Fuͤrſorge hatte von je⸗ her blicken laſſen, und zu dem er faſt niemals anders als in Ausdruͤcken des Tadels oder der Gleichgultigkeit und Gefuͤhlloſigkeit ſprach. Die⸗ ſer Umſtand war und blieb ein Raͤthſel, welches nur Sir John haͤtte loͤſen koͤnnen, das zu thun ihm jedoch nimmer einfiel; auch laͤßt ſich nicht annehmen, daß er der Mann war, den man um ſolche Loͤſung haͤtte angehen duͤrfen. Gertrude glich an Geiſt und Gemuͤth mehr ihrer Mutter und deren Familiengliedern, als den Coppleſtones, deren Namen ſie fuͤhrte. Ihre NMutter war eine Elford, die einzige Schweſter Sir Marmaduke's, geweſen. Ehe die Buͤrger⸗ kriege ausbrachen, in denen Elford ſich zu den Royaliſten, Coppleſtone ſich zu den Parlamenti⸗ ſten hielt, hatte Gertrud den groͤßten Theil ih⸗ rer Kinderjahre bei der Lady Elford verweilt, der ſie von ihrer Mutter auf deren Todbette anem⸗ 120 pfohlen worden war. Lady Elford aber war in jedem Betrachte eine gebildete, freiſinnige, ſittige und reinmoraliſche Dame geweſen, ſo daß durch deren Lehre und Beiſpiel Gertrud alle jene treff⸗ lichen Grundſaͤtze einſog, die durch ſpaͤtere Le⸗ bensereigniſſe nimmer in ihr erſchuͤttert werden konnten. Ihr Vater, den zur Zeit andere Dinge beſchaͤftigten, war froh, der Erziehung ſeines Kindes auf ſolche Weiſe uͤberhoben zu ſein, bis der Ausbruch der Unruhen die Haͤuſer Copple⸗ ſtone und Elford ſpaltete, und Gertruden jeder Beſuch bei den Elford's ſtreng von ihrem Vater unterſagt ward. Wohl belaſtete es das Herz der Tochter, als ſie ſehen mußte, wie ihr Vater mit dem Parlamente Partei gegen den Koͤnig nahm, doch ſtand es nimmer in ihrer Macht, dies zu verhindern; tiefer noch war ihre Bekuͤmmerniß, als ſie vernehmen mußte, daß Amias Radcliffe bei der verhaͤngnißvollen Einnahme von Ford Houſe den Freund ihres vaͤterlichen Freundes, Marmaduke Elford's, den Sir Shilton Calmady, getoͤdtet hatte; auf das Hoͤchſte aber ſtieg Ger⸗ trudens Schmerz, als das Geruͤcht umlief, Sir 121 Marmaduke habe in Bekaͤmpfung der Rebellen und in der Abſicht, dieſelben aus der ihm zuſte⸗ henden Beſitzung zu vertreiben, das Ungluͤck ge⸗ habt, ſeine geliebte Gattin, ihre theure Erziehe⸗ rin, durch einen Schuß zu toͤdten, oder doch ver⸗ moͤge des von ihm gegebenen Befehls, Feuer zu geben, von Einem oder Anderm ſeiner Schaar tödten zu laſſen. Als ſie vollends die Geiſtes⸗ zerruttung, in die Sir Marmaduke uͤber dieſes entſetzliche Ereigniß verfiel, ſo wie die Verfol⸗ gung und die Leiden vernahm, die derſelbe zu erdulden hatte, beſchloß ſie in ihrem Innerſten, daß, wie auch immer die Folgen davon ſein moͤgten, ſie, wenn ihr irgend Macht dazu wuͤrde, ihr Aeußerſtes, ja ſelbſt ihr Leben daran ſetzen wollte, dem ungluͤcklichen Sir Marmaduke zu dienen oder zu retten, und ihm ſo einigermaßen den Dank abzutragen, den ſie ſeiner geliebten, jetzt in ihrem Grabe ruhenden, trefflichen Gattin ſchuldig war. Gertrude war hohen und lebhaf⸗ ten Gefuͤhls. Kaum hatte ſie dieſen Entſchluß gedacht, ſo nahm ſie, wie ſchwaͤrmeriſch es man⸗ chem Leſer, eben weil er die damalige Zeit nicht deutlich vor Augen hat, auch beduͤnken mag, ihre Bibel zur Hand, knieete vor dem in ihrem Ge⸗ mache hangenden Abbilde der Lady Elford, als ob die bildliche Anweſenheit der Verſtorbenen Zeugin ihres Gelubdes ſein koͤnnte und ſollte, und leiſtete auf das heilige Buch den Schwur, an ihrem Entſchluſſe veſtzuhalten, wie ſchwierig oder gefaͤhrlich Solches auch fuͤr ſie ſein oder wer⸗ den moͤgte. Waͤre Gertrud ein Mann geweſen, ſo wuͤrde ſie ſich als Held erwieſen haben; als Maͤdchen war ſie darauf vorbereitet, eine Dul⸗ derin zu werden. Zu Beidem gehoͤrt wahrer Muth, wiewohl letzterer im Sinne des Duldens ausſchließlich in der Sphaͤre des Weibes zu lie⸗ gen pflegt. Ein Charakter wie Gertrudens wird von zu⸗ falligen oder oberflachlichen Beobachtern nicht leicht verſtanden, denn die Tugenden deſſelben ſprechen ſich mehr durch Handlungen, als durch Worte aus; ſo geſchah es, daß der Geiſtes⸗ ſchwung des Maädchens von Etlichen als Stolz angeſehen ward, waͤhrend Anderen ihre Offen⸗ herzigkeit als Mangel an verfeinerter Bildung 123— und Erziehung, ihre Veſtigkeit und Beharrlich⸗ keit, die ſie nicht ſelten blicken ließ, fuͤr Starr⸗ ſinn galt. Dies war die Jungfrau, welche Amias Rad⸗ cliffe die Seinige hätte nennen koͤnnen, wenn nicht jene Laune der Liebe, die ſelten Hand in Hand mit der kuͤhleren Vernunft geht, hindernd dazwiſchen getreten waͤre. Liebe iſt wahrlich ei⸗ genwillig und launiſch, und vielleicht eben des⸗ halb ward ſie von den Alten als ein Kind, und obendrein als ein blindes Kind dargeſtellt. Wenden wir uns zu Amias Radeliffe zuruͤck! Aus ſeinen Grubeleien am Ufer des Tavyfluſſes zu ſich ſelbſt zuruͤckgekehrt, lenkte er die Schritte dem Sommerhaͤuschen zu, das ein kleines, mit Stroh gedecktes, ganz nach Gertrudens Phanta⸗ ſie nahe dem Flußrande im Garten Sir John's aufgefuhrtes Gebaͤude und des Maͤdchens Lieb⸗ lingsplätzchen war. Hier pflegte ſie ihrer aus⸗ erleſenen Pflanzen, hier ſaß ſie gern und ſann, und zwar beſonders zur Zeit der Abendſtunde, wenn die goldenen und purpurnen Tinten der untergehenden Sonne am Himmelsrande leuchte⸗ ten und auf den tiefen, ſchweigſam daliegenden Waſſern des Tavy flimmerten. Zu ſolcher Stunde auch folgte ſie mit dem Blicke den Kaͤhnen, die unter ihren weißen Segeln dahinglitten, um end⸗ lich im Hinſchweben gleich einem Waſſervogel zu verſchwinden, der mit leichten Schwingen uͤber die Wellenflaͤche dahinſchweift. Anmuthig auch war es, im Sommerhaͤuschen zu ſitzen und zu ſehen, wie die Feenwelt der Schatten ſich im Waſſer ſpiegelte, deſſen glatte Ebene durch nichts als durch leichte Ruderſchlaͤge, oder die langge⸗ furchte Kielſpur des entgleitenden Fahrzeugs auf⸗ geregt war. Unfern des Sommerhaͤuschens erhoben ſich mehrere hochbetagte, aſtreiche Baͤume und bilde⸗ ten einen ſchirmenden und ſchattenden Baldachin über einen unter ihnen ſich hinſchlaͤngelnden Ufer⸗ pfad, deſſen Dunkel und Stille zur Ruhe und zur Betrachtung einladete. Jenſeit des Fluſſes aber ſah man gruͤnbedeckte und waldbekroͤnte Huͤ⸗ gel, zwiſchen denen einzelne Dorfhuͤtten maleriſch hervorblickten. Als Radeliffe ſich dem Häuschen naͤherte, ward Gertrud ſeiner ſchon von fern gewahr, und trat ihm mit einem ſo herzlichen Willkommen⸗ gruß entgegen, daß er ſich dafuͤr doppelt dank⸗ verpflichtet fuͤhlte, indem derſelbe in ſo auffallen⸗ dem Gegenſatze zu dem finſtern und vorwurfs⸗ vollen Empfange ſtand, der ihm von ſeinem Vor⸗ munde geworden war. Er erkannte bald aus Dem, was Miß Gertrud ihm ſagte, daß ſie ihren Vater nach ſeiner Unterredung mit ihm geſpro⸗ chen und von demſelben die Nachricht ſeines un⸗ erwarteten Zuruͤckkommens vernommen hatte. Das Geſpraͤch, das jetzt erfolgte, war fuͤr Radeliffe eben ſo wichtig als ſtaunenerregend, und durfte ſchon deswegen ein eigenes Capitel verdienen. Siebentes Capitel. „Freundſchaft iſt keine Pflanze haſt'gen Wachſens, Schlägt ſie gleich Wurzeln in der Schaͤtzung Boden; Die ſtille Pflege freundlichen Verkehrs Muß ihr Gedeih'n und Triebkraft geben.“ SFoanna Baillie. Viele von unſeren Leſern wuͤrden, wenn ſie die freundliche und offenherzige Bewillkommnung ge⸗ ſehen haͤtten, mit der Gertrud Coppleſtone dem jungen Radeliffe entgegentrat, dieſen als wenig empfaͤnglich fuͤr ſein Gluͤck, wie fuͤr den Werth des Maͤdchens angeſehen haben, daß er die Ge⸗ legenheit verſcherzte, die Tochter ſeines Vormun⸗ des ſeine Gattin nennen zu duͤrfen. Gertrud ſtand in der vollen Bluͤthe der Ju⸗ gend und Jungfrauenſchoͤnheit; ihre ſchlanke Ge⸗ ſtalt wies Ebenmaß und Anmuth in jeder ihrer Bewegungen. Sie war in blaßnelkenfarbenen Atlas gekleidet und trug ein reiches Spitzenhaͤub⸗ chen, das jedoch nicht ſo eng anſchloß, daß es die lichten, ſonnigen Locken ihres lieblich geform⸗ ten Koͤpfchens verborgen haͤtte, waͤhrend es die⸗ ſelben auf einen blendend weißen Nacken herab⸗ fallen ließ. Eine Schnur Perlen umkreiſete ihr den Hals, und ein koſtbarer Tropfenohrring aus dem Orient blitzte dunkel zwiſchen dem blonden Haar hervor. Ihr ausdrucksvolles, ſchoͤnes Ant⸗ litz war langrund geformt und wies feine, zarte Zuͤge, und wenn gleich graue, doch glanzvolle Augen. Mit einem Lächeln, das von hoher Freundlichkeit, jedoch von geringer Freudigkeit zeugte, und deswegen wohl mit einem Novem⸗ berſonnenſtrahl verglichen werden mogte, reichte ſie dem Juͤnglinge die Hand und ſagte:„Will⸗ kommen, Amias, obwohl ich nicht weiß, ob ich ſo ſprechen darf, denn ich ſah meinen Vater ſeit Eurer Ruͤckkehr, und er ſcheint nicht ſonderlich zufrieden mit Euch zu ſein. Ich wollte, Ihr hät⸗ tet ihn nicht erzuͤrnt, vollends nicht in den Zei⸗ ten, in welchen wir jetzt leben. Hättet Ihr doch 128 meinen Euch fruͤher ſo oft gegebenen Rath be⸗ folgt und Euch aus dem Wege gehalten, bis die Stuͤrme verweht ſein moͤgten, ſo wuͤrde Alles ſich wohl haben fuͤgen moͤgen.“ „Ich hoffe, geliebte Gertrud, meine theure Schweſter, wie ich Euch meine erſte Freundin am liebſten nenne,— ich hoffe, meines Vormunds Unwille gegen mich wird nicht auf Euch uͤber⸗ gegangen ſein; denn wenn Ihr mich kaltſinnig anblickt, bin ich ebenſo freundlos als verwaiſet. Laßt mich Euch willkommen ſein, ſo iſt War⸗ leigh mir dennoch eine Heimath, obwohl nicht ſolche Heimath, als es mir ſein wuͤrde, wenn Euer Vater nicht ſo ſehr gegen mich eingenom⸗ men waͤre. Er empfing mich wohl eben ſo ſchlimm als einen Hund, der ſich aus dem Stall in das Wohngemach ſchlich, beſchuldigte mich böſer Fehler, ja ſogar ſchaͤndlicher Laſter, womit ich meine Jugend beflecken wuͤrde, wenn ich ih⸗ rer nur gedaͤchte, wie viel mehr noch, wenn ich ſie in Ausuͤbung braͤchte. Er verweigerte mir all und jede Geldmittel, die meiner Herkunft und Stellung gebuͤhren, und wuͤrde mich, wie ich 129 glaube, zur Thuͤr hinausgeworfen haben, wenn er es aus Schaam uͤber meine Mittelloſigkeit nur haͤtte wagen moͤgen.“ „Ihr habt ihn durch Eure eigenmaͤchtige Heimkunſt erzurnt,“ verſetzte Gertrud,„und des⸗ wegen grollt er mit Euch. Er wird freundlicher werden, ſobald er Zeit gewinnt, die erſte Hitze in ſich abkuhlen zu laſſen. Durch kleine, aber oft wiederholte Widerſpruche gegen den Willen mei⸗ nes Vaters habt Ihr dieſem nach und nach ein Vorurtheil gegen Euch erweckt; jetzt geſelltet Ihr dazu dieſe Eure, ſeiner Anordnung ſo ſehr wi⸗ derſtrebende Heimkunſt, ſtatt daß Ihr die an Eurer Volljaͤhrigkeit noch fehlenden wenigen Monde haͤttet geduldig hingehen laſſen ſollen.“ „Haͤtte ich jene fehlenden wenigen Monde in Barbadoes zugebracht, wohin ich verbannt ward, ſo wuͤrde ich ſicherlich dadurch mein Grab gefun⸗ den haben. Ich kam zu Euch, um Euch meine traurige Geſchichte und all die ſchmerzlichen Um⸗ ſtaͤnde, die meine Ruͤckkehr beſchleunigten, mit⸗ zutheilen, damit mir von Euch, als von einer wahren Freundin, Rath und Beiſtand werden Warleigh. II. 9 130 moͤge. Ich konnte mir meines Vormundes Un⸗ willen doch eigentlich nur in Einer Angelegen⸗ heit zuziehen, Gertrud, und dies geſchah doch nur Euretwillen, denn——“ Er ſtockte, Gertrude jedoch ch wenn gleich mit Erroͤthen:„Sehen wir das als keine Be⸗ leidigung an, Amias,“ ſagte ſie freimuͤthig. „Ich weiß, worauf Ihr hindeutet, und ehre Eure Aufrichtigkeit, ſo wie Eure uneigennuͤtzige Freund⸗ lichkeit und Ruͤckſicht auf meine Gluͤckſeligkeit. Wir ſind ſtets einander als Geſchwiſter zugethan geweſen, und warum ſollten wir anders ſein wol⸗ len; ja, warum ſollte ich erroͤthen oder Anſtand nehmen, die Wahrheit zu ſprechen? Wie konnte mein Vater es Euch uͤbel deuten, als Ihr ihm ſagtet, daß Euch mein Glück und Eure Ehre mehr am Herzen laͤgen, als meine reiche Mit⸗ gift? Wir waren von jeher gute Freunde, Amias, aber wir wuͤrden ſchlimme Liebende abgeben,“ fuhr ſie muntereren Tones fort,„denn fuͤr ſo zarte Weſen zankten wir nie genug mit einander, und was mehr iſt, wir hielten einander nicht füͤr vollkommen, ſondern ſahen und ſehen der Fehler und Thorhei⸗ 131 ten manche aneinander, und ſchon dieſer Um⸗ ſtand allein reicht hin, daß ſchwaͤrmeriſche Liebe zu einander uns Beiden fern bleibt. Gewiß, Amias, beſonnene Hochſchaͤtung hat hoͤheren Werth als Leidenſchaft, und ſind wir nicht auf⸗ richtige Freunde?“ Mit Herzlichkeit, jedoch mit ſolcher Sittſam⸗ keit und Beſcheidenheit bot ſie ihre Hand dar, daß auch der hartnaͤckigſte Zweifler an Weiber⸗ freundſchaft Gertrudens Aufrichtigkeit nicht hatte in Verdacht ziehen koͤnnen; denn Gertrud ſprach wie ſie fuͤhlte und dachte. Amias druckte die dargebotene Hand ehrerbietig an ſeine Lippen⸗ nannte Gertrud ſeine liebe, einzige Schweſter und wiederholte die Verſicherung, daß ſie ſtets auf die herzlichſten Beweiſe ſeiner Freundſchaft wuͤrde rechnen koͤnnen. „Ich bezweifle Dies nicht,“ verſetzte die Er⸗ bin von Warleigh,„und ſtelle Euch in dieſem Punkte vielleicht heute noch auf die Probe. Erſt aber laßt mich Alles hoͤren, was Ihr mir zu ſagen habt, damit ich um ſo beſſer Eure Rath⸗ geberin ſein könne. Ich will als verſtändiges 9* —— Maͤdchen dem Jüͤngling eben ſo aufmerkſam zu⸗ hoͤren, wie ich als Kind dem Knaben zuhoͤrte, wenn dieſer mir von ſeinen entflatterten Voͤgeln oder verlorenen Spielſachen erzaͤhlte. Setzt Euch zu mir, Amias.“ Radcliffe trug ihr nun ſeine juͤngeren und juͤngſten Erlebniſſe vor, die der Leſer bereits kennt, und fragte dann die Jugendgeſpielin um Rath wegen der Strenge ſeines Vormundes ge⸗ gen ihn; worauf Gertrud ihm rieth, er möge ſich ſo viel als möglich den Wuͤnſchen ſeines Vormundes fuͤgen, vor Allem jene kleinen Auf⸗ wallungen vermeiden, durch welche er den Stolz Sir John Coppleſtone's beleidigte, und aͤußerte die Hoffnung, ihr Vater wuͤrde ihn dann bis zur nahen Zeit ſeiner Minderjaͤhrigkeit wenigſtens ertraͤglich behandeln. „Mein Vater,“ ſetzte Gertrud hinzu,„hat ſich ſeit einiger Zeit ſehr in ſeinen politiſchen Meinungen geaͤndert; die meinigen kanntet Ihr von jeher. Urtheilt nun, ob dieſe Veraͤnderung mir zu Bekuͤmmerniß oder zu Freude gereicht.“ „Gewiß zu Freude,“ verſetzte Amias.„Ich weiß, wie in Folge Eures fruͤheren Umgangs mit Lady Elford Ihr ſtets dem Koͤnige zugethan wa⸗ ret, und wenn ich dieſe Meinung auch nicht mit Euch theilte, ſo ehrte ich doch ſtets die Beharr⸗ lichkeit, mit der Ihr derſelben anhingt, und die hochachtungswuͤrdigen Beweggruͤnde Eures Be⸗ nehmens in dieſen denkwuͤrdigen Zeiten.“ „Sagt vielmehr in dieſen elenden, gottver⸗ geſſenen Zeiten,“ rief Gertrud.„Meines Va⸗ ters Umwandlung veranlaßt mir nichts weniger als Freude, denn ſie erweckt Zweifel in mir. Ich darf mich nicht deutlicher erklaͤren— er iſt ja mein Vater. Wollte ich doch, daß Aller Her⸗ zen ſich dem Koͤnige zuneigten; beſonders daß Euer Herz ſich ihm zuneigte, Amias, denn Ihr hegt wackeren Muth und aͤchte Grundſätze der Ehre. Doch ach! wenn ich auch meine ſchwe⸗ ſterliche Liebe zu Euch nicht von mir weiſen kann, muß ich dennoch erkennen und ſagen, daß Ihr ein Rebell ſeid.“ „Doch wohl nicht in dem ſtrengen Sinne, in welchem Ihr dies Wort nehmt,“ verſetzte der Juͤngling.„Nimmer wuͤrde ich meine Zuſtim⸗ 134 mung, wenn dieſe jemals haͤtte gefordert werden können, dazu gegeben haben, den Koͤnig einzu⸗ kerkern; wiewohl ich ſeine eigenmachtige Regie⸗ rung, ſeine unredlichen Rathgeber, ſeine Hoͤflinge und Sykophanten, die ſich vom Schweiße des Volkes mäſten, gern auf die Seite geſchafft wiſ⸗ ſen moögte, damit eben dadurch dem Koͤnige wahr⸗ haft gedient wuͤrde. Sind einmal unſere ver⸗ letzten Rechte wieder hergeſtellt, iſt Gewiſſens⸗ freiheit uns wieder zugeſtanden, walten zweck⸗ dienliche Geſetze und ein freies Parlament——“ „Und mit all Dem daͤchtet Ihr Wunderdinge zu thun, nicht wahr?“ fiel Gertrud ein.„So ſprecht Ihr Alle. Ihr Alle moͤgtet, um dem ar⸗ men Koͤnige wohlzuthun, ihn bekaͤmpfen und ſeine Freunde und Anhäͤnger erſchlagen; doch will ich glauben, daß Ihr, Amias, zu den Wenigen gehort, die mehr aus Mangel an richtiger Fol⸗ gerung, als an Rechtſchaffenheit verfahren. Ich denke nicht, daß das jetzt bei Heiligen wie bei Suͤndern fuͤr die Sache des Parlaments ſo ſehr vorherrſchende Syſtem des Verrathens mit kal⸗ tem Blute von Euch vertreten werden wuͤrde.“ 135 „Verrath wuͤrde jeder Sache zur Entwuͤrdi⸗ gung gereichen,“ verſetzte Radeliffe,„und ich bin, wie ich hoffe, der Letzte, der ihn vertritt oder uͤbt.“ „So glaube ich,“ ſagte Gertrud,„und eben deswegen will ich Euch vertrauen. Ich werde Euch Seltſames erzaͤhlen, Radeliffe; doch duͤrft Ihr mich nicht fragen, von wannen mir die Kunde davon kam, vor Allem abes muͤßt Ihr redlich ſein.“ „Stellt mich auf die Probe, Schweſter.“ „Wohlan, Amias,“ fuhr Gertrud fort,„wollt Ihr Ueberbringer eines Briefes von mir an eine Feindin ſein?“ „Um Euretwillen Alles, was der Ehre nicht widerſtreitet,“ verſetzte Amias Radcliffe. „Die Feindin, die ich meine, iſt, wie ich glaube, eine Feindin Eurer Ruhe, ſie iſt die ſchoͤne Miß Agnes Piper.“ Amias ward ſehr bewegt, ſah betroffen aus und wußte keine Antwort zu finden. „Ich vernahm Alles, was dahin gehort,“ fuhr Gertrud Coppleſtone fort,„von einer dritten Per⸗ 136 ſon, die Euch und Agnes kannte, als Ihr Euch vor Eurer Reiſe uͤber Meer zu Exeter befandet. Ich vernahm Alles, doch verſichere ich Euch, daß ich nichts davon meinem Vater hinterbrachte, und wenn mir zuverlaͤſſige Kunde ward, ſo hattet Ihr ebenfalls nicht Luſt, demſelben etwas davon wiſſen zu laſſen. Ich hoörte, daß Ihr der ſchoͤ⸗ nen Miß einen weſentlichen Dienſt leiſtetet, in⸗ dem Ihr, als bei einer Lußtfahrt auf dem Fluſſe Ex der Kahn umſchlug, ihr das Leben rettetet. Da ihr Vater zu den Koͤniglichgeſinnten gehort, war Euch jeder Verſuch zu ferneren Schritten in der Sache benommen; doch fluͤſterte man, daß Ihr, ſobald Ihr volljaͤhrig gewotden ſein wuͤr⸗ det, Eure Liebesbewerbung bei Agnes erneuern wolltet. Ich forſche nicht weiter hieruber bei Euch; iſt dem jedoch ſo, ſo wuͤnſche ich Euch um Euretwillen den beſten Erfolg. Darf ich fragen, ob Ihr mit Sir Hugo Piper bekannt ſeid?“ „Nein— ja,“ ſagte Radcliffe—„ich meine, ich ſah ihn nur Einmal, als er naͤmlich zufaͤllig ſich zu Mount Edgeumbe befand, wo Sir Piers ſo groß⸗ muthig fur die Erhaltung meines Lebens wirkte.“ 137 „Ich verſtehe,“ entgegnete Gertrud;„Ihr habt Sir Hugo geſehen, aber Ihr ſpracht nim⸗ mer als Bewerber um Miß Agnes zu ihm.“ Radeliffe's Betroffenheit ſchien ſich nur zu vermehren. „Gleichviel,“ ſprach Gertrud weiter,„was ich von Euch gethan wuͤnſche, vollfuͤhrt ſich viel⸗ leicht beſſer noch, wenn Ihr Sir Hugo gar nicht ſehet; denn argwoͤhnte dieſer meinen Brief und daß Ihr der Ueberbringer deſſelben waret, ſo koͤnnte das, in Folge Eurer politiſchen Meinung, Verdacht bei ihm erregen. Hoͤrt mich anz ich will kurz ſein. Bevor morgen muͤßt Ihr Agnes Piper aufſuchen, es moͤge koſten was es wolle. Gebt ihr dann meinen Brief, den ich Euch bin⸗ nen einer Stunde einhaͤndigen will, und ſagt ihr, daß ſie, wenn ihr die Sicherheit ihres Va⸗ ters und Aller, die ihr theuer ſind, etwas gilt, mein Schreiben ihrem Vater zu Geſichte bringt. Doch kein Wort uͤber den Boten und uͤber die Schreiberin, denn erkennt man mich in derſel⸗ ben, ſo wißt Ihr nicht, welchen unſaͤglichen Ge⸗ fahren ich dadurch bloßgeſtellt werde, indem ich 138 dem Vater Eurer Agnes diene. Wollt Ihr mir verſprechen, meinen Auftrag, ſo wie ich Euch ſagte, zu erfuͤllen?“ „Feierlichſt verſprech' ich's; Sir Hugo ſoll das Schreiben empfangen.“ „Ich denke, er wird den Inhalt deſſelben zu Herzen nehmen,“ ſprach Gertrud.„Mehr darf ich nicht ſagen, Eure Verſchwiegenheit iſt meine Sicherheit. Im Uebrigen glaub' ich, daß Miß Agnes Piper, die Aller Herzen zu gewinnen ſcheint, die Liebe meines Vetters Reginald El⸗ ford gewann. Kennt Ihr ihn, Amias?“ Radcliffe ſtutzte und ſagte, daß, als Miß Agnes ſich zu Exeter bei ihrer Verwandtin auf⸗ hielt, er den jungen Elford bisweilen im Hauſe der Letzteren angetroffen haͤtte. „Ich ſeh' es,“ fuhr die ſcharſſichtige Ger⸗ trud fort, als ſie Radeliffe's ernſten Geſichtsaus⸗ druck betrachtete,„ich ſeh' es, Ihr waret Ne⸗ benbuhler; und wer war der Gluͤcklichere? Doch ich will nicht fragen,“ ſetzte ſie lachend hinzu, „denn ich bin dazu nicht berechtigt. Bei alldem ſteht es in meiner Macht, Eure Großmuth auf 139 die Probe zu ſtellen und Euch zu ſagen, daß Ihr der Miß Agnes zu verſtehen gebt, ſie mogte Euren Nebenbuhler, meinen Vetter Reginald, vor der Naͤhe und Geſellſchaft eines Capitäns Cole⸗ man warnen, der, wenn mir keine Unwahrheit erzaͤhlt ward, den jungen Elford kuͤrzlich ſah und keineswegs freundlich gegen ihn geſinnt ſein duͤrfte. Coleman hat, wie ich glauben muß, ei⸗ nen ſchlechten Charakter. Er war ehedem Roya⸗ liſt, was er jetzt iſt, darf ich nur vermuthen, aber nicht ausſprechen, da er bisweilen Ruͤck⸗ ſprache mit— ich darf nicht ſagen wem haͤlt.“ „Ihr ſcheint wirklich außerordentliche Kunde zu beſitzen,“ ſagte Radeliffe;„doch theilt Ihr davon ſo Geringes und ſo Dunkles mit, daß, wenn ich nicht wuͤßte, wie Eure ſtarke Seele ſich nicht durch Schattenbilder erſchrecken laͤßt, ich wohl ſagen duͤrfte, Ihr bildet Euch ein, daß es hie und da Gefahren giebt, wo doch eigent⸗ lich keine Spur von denſelben vorhanden iſt.“ „Nicht Schattenbilder ſind's, die ich ſehe,“ entgegnete Gertrud,„was ich ſage und thue, vegrundet ſich auf hohe Wahrſcheinlichkeit, wenn — ,,——.—— 140 nicht auf zuverlaͤſige Gewißheit. Doch gedenkt Eures Verſprechens und der půnktlichen Erfuͤl⸗ lung deſſelben. Ich gehe jetzt in's Haus, um das Schreiben fuͤr Euch zu beſorgen. Wollt Ihr auch, wenn ſich Gelegenheit dazu findet, meinen Vetter Elford vor dem Capitn warnen oder warnen laſſen?“ „Ganz gewiß,“ war Radeliffe's Antwort, „denn gegen Verrath und Heimtuͤcke wurd' ich ſelbſt meinen Todfeind warnen. Für Reginald Elford, ich geſteh' es, kann ich keine beſondere Ruͤckſicht hegen, ſeitdem wir an jenem Ungluͤcks⸗ tage zu Ford Houſe einander gegenuͤber ſtanden, als er auf Seiten des Koͤnigs, ich auf Seiten des Parlamentes focht. Seitdem hat er bei je⸗ der Gelegenheit getrachtet, mir einen auffallen⸗ den und aufreizenden Grad von Haß zu zeigen; doch kenn' ich ihn als einen wackern Kaͤmpfer und als einen tapfern und hochherzigen Verfech⸗ ter der Sache, der er anhaͤngt. Obwohl er daher mein Feind iſt, mögte ich ihn doch nicht von Netzen des Verrathes umſtellt wiſſen, auch wenn ich vielleicht Gruͤnde haben ſollte, die mich fuͤr ſein Wohl minder beſorgt zu machen haͤtten.“ Amias hielt einen Augenblick inne und fugte dann hinzu:„Ihr jedoch, Schweſter, nehmt Theil an ihm, und ſchon deswegen ſollt Ihr ſe⸗ hen, wie ich das Vertrauen, das Ihr in mich ſetzt, rechtfertigen werde. Darf ich mittlerweile hoffen, daß Ihr Euch fuͤr mich bei meinem Pa⸗ then verwendet, damit er mir als dem Sohne des edlen verſtorbenen Sir Walter Radeliffe ein meinem Stande und Namen entſprechendes Jahr⸗ geld ausſetzt?“ „Ich will verſprechen, Alles zu thun, was ich kann,“ antwortete Gertrud;„doch ach, Amias! Ihr wißt nicht, wie dieſe wandelbaren Zeiten meinen Vater ſo truͤbſelig veraͤndert haben.“ Nach wiederholten Verſicherungen gegen ſeiti⸗ ger aufrichtiger Dienſtwilligkeit ſchieden Gertrud und Amias als treue Geſchwiſter von einander. Arhtes Capitel. „Mit roher Meinung ſtreitet rohe Meinung; Was Dieſer lehrt, dient Jenem zur Verneinung; Zuletzt ſieht Der zum Sieger ſich erklaͤrt, Deß Widerſpruch am laͤngſten hat gewährt.“ Prior's„Salomo“. Lange waͤhrte es, bevor in den dem Koͤnige und der Kirche beſonders treuen Grafſchaften Corn⸗ wall und Devon der Fanatismus Fuß faſſen oder ſich behaupten konnte; zuletzt erzwang er ſich durch die Greuel des Schwertes ſeine Stel⸗ lung, denn nachdem Exeter an Fairfar uberge⸗ gangen war, ſah jeder biſchoͤfliche Geiſtliche ſich aus den Graſſchaften verjagt, um einem fanati⸗ ſchen Parlamentsprediger Platz zu machen. Al⸗ lerdings waren letztere oft gemeine, unwiſſende, ja niederträͤchtige Menſchen; die jedoch unter ein⸗ ander ſelbſt nicht uͤbereinſtimmten, ſondern ſich als endlos mannichfaltige parteiſuͤchtige Haderer und fanatiſche Schismatiker zerſplitterten. An die Stelle allgemeinen Gebetbuches war eine Parlamentsacte getreten, und aller Orten eine geiſtliche Miliz auf die Beine gebracht worden, die erforderlichen Falles zuzuſchlagen hatte, um die Donnerreden von den Kanzeln herab zu un⸗ terſtuͤtzen. So glichen die Parlamentsprediger den Heertrompetern, durch welche der bewaffne⸗ ten Macht die noͤthigen Zeichen zum Angriffe ge⸗ geben werden. Wir mußten zu beſſerem Verſtaͤndniſſe Deſſen, was wir in dieſem Capitel dem Leſer zu erzaͤh⸗ len haben, obige kurze Bemerkung vorausſchicken. Der„Laͤrmſonntag“, von dem wir zuerſt aus dem Munde des redſeligen Trim Foretop hoͤrten, ſchrieb ſeinen Urſprung aus den alteſten Zeiten her, und war eigentlich ein Feſttag zum Andenken an die Begruͤndung und Einweihung der Ortskirche. Im Verlauf der Jahre ſchwand jedoch die Grundurſache der Feierlichkeit, waͤh⸗ rend die Luſtbarkeiten derſelben blieben, ſo daß 1 es eben nicht auffallend ſein kann, daß die Re⸗ gierungsbehoͤrden letztere auch dann noch dulde⸗ ten, als von erſterer nicht mehr Rede war. Zu Karls des erſten Zeiten gab der„Laͤrmſonntag“ ſich alſo fuͤr nichts weiter als fuͤr einen Jahr⸗ markt oder Kirmes, wovon der Urſprung in ei⸗ ner ehemaligen kirchlichen Feier zu ſuchen war. Die Froͤmmler taſteten dieſen Gebrauch nun als eine Sabbathſchaͤndung an, und haͤtten ihn, da er ſeinem eigentlichen Entſtehen durchaus nicht mehr entſprach, gern unterdruckt und abgeſchafft gewußt. Koͤnig Jacob und nach ihm Konig Karl der Erſte dachten jedoch hieruͤber ganz entgegen⸗ geſetzt, und Erſterer beſchloß, den Puritanern zum Trotze, den Lärmſonntag durch eine beſon⸗ dere Proclamation aufrecht zu erhalten, in wel⸗ cher es hieß:„ Nachdem Seine Majeſtät wahr⸗ genommen, daß unter dem Vorwande, Miß⸗ braͤuche abzuſchaffen, man nicht nur die gewoͤhn⸗ lichen Volksfeſte, ſondern auch die Feſte der Kir⸗ cheneinweihungen, ſchlechthin Laͤrmſonntage, ab⸗ geſtellt wiſſen will, iſt es Seiner Majeſtaͤt aus⸗ druͤcklicher Wille und Befehl, daß ſolche Feſte 145 und Laͤrmſonntage unveraͤndert durch das ganze Koͤnigreich beibehalten werden ſollen“ u. ſ. w. An manchen Orten in Devon iſt der Laͤrm⸗ ſonntag noch heutiger Zeit gebraͤuchlich; ein Ge⸗ brauch, der„freilich mit groͤßerer Ehre gebrochen als gehalten wuͤrde“, ſo daß, eben weil wir ihn nicht billigen, wir einige Entſchuldigung fuͤr Die⸗ jenigen daraus herleiten muͤſſen, die zur Zeit unſe⸗ rer Erzaͤhlung mit Abſcheu auf die rohen Volks⸗ ſpiele blickten, durch welche ein dem Dienſte Gottes beſonders geheiligter Tag auf eine Weiſe entweihet ward, wie es ſelbſt in einem Kalender der Heiden nicht vorzuſchreiben ſein duͤrfte. Die Feier des Laͤrmſonntages nun, die auf der großen, an den Kirchhof graͤnzenden Wieſe zu Tamerton ſtattfinden ſollte, traf mit der Be⸗ erdigung Gnadegott Gabriel's zuſammen. Dazu geſellte ſich das Geruͤcht, Oberſt Holbourn, der zu Plymouth quartiert lag, habe Befehl, die Feſtlichkeit durch die Gewalt der Waffen zu un⸗ terdruͤcken. Dagegen ging ein anderes Geruͤcht, nach welchem eine Anzahl uͤbelwollender Edel⸗ leute, Cavaliere genannt, in der Abſicht, noch⸗ Warleigh. II. 10 ———— ———————————— ——— ———————— mals alle Herzen im Weſten des Landes fuͤr die Sache des Koͤnigs aufzuregen, unter dem Vor⸗ wande, den Laͤrmſonntag zu unterſtuͤtzen, ſich vorgenommen haͤtten, den Parlamentsreitern Wi⸗ derſtand zu leiſten, und bei ſolcher Gelegenheit die eigentliche Stimmung des Volkes zu erpro⸗ ben und zu erforſchen, in wiefern man ſich auf dieſelbe hinſichtlich eines allgemeinen Aufſtandes fur den Koͤnig moͤgte verlaſſen koͤnnen. Jubelgeſchrei und Sterbegeſang ſollten ſich alſo an dieſem Tage gleichſam die Hand bieten, denn waͤhrend Erſteres auf der Gemeindewieſe zu erſchallen hatte, ſollte letzterer ſich auf dem Kirchhofe, wo er deutlich von den Lärmern ge⸗ hoͤrt werden konnte, vernehmen laſſen. Das Leichenbegaͤngniß war natuͤrlich in der⸗ jenigen Feierlichkeit von der Ortsbehoͤrde oder dem Directorium in ſofern geſtattet worden, als man wenige Ueberbleibſel von oͤffentlichen Trauer⸗ ceremonien noch ſo fuͤr Niedere wie fuͤr Hoͤhere duldete; ſo daß, wenn ein Prieſter irgend einer Leiche folgen und am Grabe den Leidtragenden 147 eine Rede halten wollte, ſolches ungehindert er⸗ laubt blieb. Am Morgen des Laͤrmſonntags war alſo, wie der Leſer ſich leicht wird vorſtellen koͤnnen, großes Gewuͤhl im kleinen Orte Tamerton Foliot, indem ſich von anderen Ortſchaften her Freunde und Bekannte und Verwandte in Menge einfan⸗ den, um Theil an den Luſtbarkeiten zu nehmen. Pächter mit ihren Knechten und Maͤgden zogen fruhzeitig von nah und fern her dem Sammel⸗ platze zu; Alle in Sonntagskleidern, die Maͤd⸗ chen einen Blumenſtrauß im Mieder, die Bur⸗ ſche ihren Knittel in der Hand. Weiber und Toͤchter fehlten natürlich nicht im Zuge, und ſchritten gar ſchmuck anzuſehen, in ihrer ſchnee⸗ weißen Kopfbedeckung, das ſaubere Taſchentuͤch⸗ lein in der Hand einher, waͤhrend ihre blauzwir⸗ nenen, unter gekuͤrztem Roͤckchen hervorguckenden Struͤmpfe ſchlanke Knoͤchelchen zeigten, deren, Fußchen in eben nicht ſchweren Schuhen ſteck⸗ ten, die mit einer Spange dicht hinter den Ze⸗ hen zuſammengehalten wurden. Die in der Umgegend ſich aufhaltenden Ca⸗ 10* 148 valiere, angelegentlich beſchaͤftigt mit den Anſpin⸗ nungen der Zeitlaͤufe, hatten Alles aufgeboten, um ihre Saſſen„Diener und Freunde zu Auf⸗ rechthaltung der Feſtlichkeiten des Laͤrmſonntags anzureizen, und wir wiſſen ſchon, welche beſon⸗ dere Gruͤnde ſie diesmal dazu hatten. Beluſtigend war es von allen Seiten, die Theilnehmer des Feſtes in buntem Gewuͤhle her⸗ anwogen zu ſehen und gelegentlich zu hoͤren, wie im guten breiten Engliſch der Grafſchaft herzlich gemeinte Wuͤnſche zum Heile des guten Koͤnigs Karl laut wurden, durch deſſen Aufrecht⸗ erhaltung der Proclamation ſeines Vorgaͤngers, des Koͤnigs Jacob, ihnen der Laͤrmſonntag ein unveraͤnderlicher Tag des Frohſinns und des Ju⸗ bels geblieben war. Dieſe Aeußerungen der in der Bruſt ſo Vie⸗ ler lebenden Treue gegen den Koͤnig, Aeuße⸗ rungen, die eben ſowohl auf den Lippen der Weiber, als denen der Maͤnner vielfaͤltig laut wurden, gingen jedoch nicht unbeachtet und un⸗ geruͤgt hin; denn die Froͤmmler in Tamerton wurden in allen geiſtigen und politiſchen Dingen —— von einem ſeltſamen Triumvirat beherrſcht, oder doch geleitet, das aus einem koͤſtlich begabten Schneider, der zu gleicher Zeit Schuhflicker war, und aus einer roſigen alten Bierwirthin beſtand, die ſich voll von dem Geiſte der Belehrung und Schwatzhaftigkeit zeigte. Als dieſe beiden Per⸗ ſonen den Zuſtand der Dinge ſahen und ge⸗ wahrten, welch gottloſes Treiben hoͤchſt wahr⸗ ſcheinlich an der Tagesordnung ſein wuͤrde, ſtell⸗ ten ſie ſich an den Weg hin und ſchrieen und eiferten gegen alle fluchwuͤrdigen Goͤtzendiener, die dem Sammelplatze zuzogen, auf welchen das große, ſtinkende Opfer des Tages in der Feſt⸗ lichkeit des Laͤrmſonntags auf den Altar Beelze⸗ bubs gelegt werden ſollte, und Beide ſchienen bereit zu ſein, ihre Worte durch Handgreiflichkei⸗ ten zur buchſtablichen Auslegung des Bibeltertes „Aug' um Auge und Zahn um Zahn“ zu be⸗ thaͤtigen. Das kleine Schenkhaus von Tamerton wies ſich, wie am Chriſtfeſte, mit gruͤnen Baumzwei⸗ gen behangen, und war ſchon zu fruͤher Tages⸗ ſtunde mit Gaͤſten uͤberſullt. Nicht nur die Kuͤche, 150 das kleine ſandbeſtreuete Vorgemach und der Gar⸗ ten waren beſetzt, ſondern in der Thuͤr ſchon draͤngte man ſich, und auf den langen, vor die⸗ ſelbe hinausgeſchobenen Baͤnken war kein Sitz⸗ platz mehr zu finden. Alles ringsum zeigte ein Gewimmel von Men⸗ ſchen; nur nahe der beruͤhmten Eiche von Ta⸗ merton, nach welcher das Schenkhaus ſeinen Schildnamen fuͤhrte, ſtand eine Huͤtte, in die bis jetzt kein Gaſt oder Beſuchender eingeſpro⸗ chen hatte. Dies war die Wohnung der uns bekannten Wittwe Raleigh, von welcher aller⸗ dings Ein Gaſt erwartet wurde, deſſen wir je⸗ doch erſt ſpaͤter zu gedenken haben werden. Der Baum ſelbſt bot heut einen auffallenden Anblick dar, denn um ſeinen beruͤhmten Stamm herum ſaßen die ausgezeichneten Verkaͤufer von verguͤldeten Pfeffernuͤſſen, bunten Papierdrachen, Drahtpuͤppchen und Pfennigspfeifen. Manch rothes Faͤhnlein wehete uͤber dem Meere von gruͤnen Blaͤttern, und Zweiglein von eben der⸗ ſelben Eiche wurden an Huͤten und Hauben als Abzeichen von Denen getragen, die ſich zu dem 131 „Volke von Tamerton“ gezaͤhlt wiſſen wollten und nicht wenig geneigt waren, die uralten Luſt⸗ barkeitsgebraͤuche ihrer Ortſchaft aufrecht zu er⸗ halten. Die Eiche von Tamerton wies, ſo wie de⸗ ren Abbild auf dem Schilde des Schenkhauſes im Orte, heute alſo um ſich herum die bunte⸗ ſten Gruppenz denn unter ihren Aeſten ſaß auf dem Stumpf einer ihrer gekappten Wurzelſchoͤß⸗ linge ein alter blinder Fiedler, der, weil er etwa ihm draͤuende Gefahr nicht ſehen konnte, in um ſo kuhnerem Muthe luſtiglich das beliebte Volks⸗ lied der Königlichgeſinnten aufſtrich, das mit den Worten begann: „Ein frohlich Herz dem Koͤnig,“ wonach nicht Wenige in den den Fiedler umſte⸗ henden und umtanzenden Kreiſen das Lied bald lauter, bald leiſer mitſangen, waͤhrend ein von den Behoͤrden geduldeter, umherſtreichender, bet⸗ telhafter Halbnarr den Vorſaͤnger dabei abgab. Aepfel und Nuͤſſe und Pfefferkuchen und Spielwerk aller Art waren die Verkauſsgegen⸗ ſtaͤnde unter der Eiche; auch fand man im Schat⸗ 8 2 152 ten derſelben einen alten allerweltsbekannten Tro⸗ deljuden und einen Tabuletkraͤmer, der im We⸗ ſten des Landes in nicht geringem Rufe ſtand, weil er durch beſonderes Abſingen die Lobprei⸗ ſungen ſeiner Waaren uͤberaus volksthuͤmlich zu ſteigern wußte. Die laͤndlichen Spiele jener Zeit wurden bei alldem gewiß nicht vergeſſen. Die neun Kegel oder Pinnen lockten manchen Bauerknecht an, ſein Gluͤck Betreffs einer Kanne Bier zu verſu⸗ chen, waͤhrend die Paͤchterſoͤhne ſich dem edleren Spiele„Stirbt der Fuchs, ſo gilt der Balg“ mit allem Eifer hingaben, den die Luſtigkeit des Tages einfloͤßte. Ringen und Klopffechten und Wettrennen, ſo wie der in Devon ſogenannte „Kußtanz,“ der vollends ohne Dirnen nicht ſtatt⸗ finden konnte, machten die Beluſtigungen ande⸗ rer Gruppen aus; kurz, haͤtte der koͤnigliche Geiſt Jacob's, der dieſe den Sonntag entheiligenden Spiele durch ſein Herrſcherwort aufrecht erhielt und bevorrechtete, aus ſeinem Grabe erſtehen und hier einen Zuſchauer abgeben koͤnnen, ſo wuͤrde er Urſache gehabt haben, mit der von der 153 Menge an den Tag gelegten Nachlebung ſeiner Anordnung hoͤchlich zufrieden zu ſein, denn Alles wies ſich ſo laͤrm- und trunk⸗ und ſchwatz⸗ und ſpiel⸗ und tanzſuͤchtig, als es irgend haͤtte zu wuͤnſchen ſein moͤgen. Unter Denen, die, um von dem nach Tamer⸗ ton her zuruͤckgelegten Marſche ſich zu erquicken, dem Doppeltbierkruge zuſprachen, ſah man auch den Barbier Trim Foretop, deſſen Hausehre und den beruͤchtigten Capitaͤn Coleman, wiewohl Letzteren etwas ſchweigſamer und haͤngmaͤuliger, als er es ſonſt wohl zu ſein pflegte. Alles war Geſchaͤftigkeit und Regſamkeit, auf den Wirths⸗ haustiſchen umher ſtanden Kummen mit Gaͤhr⸗ trank und Kruͤge mit Doppeltbier, und Schuͤſſeln mit Hartkuchen und kalten Quappenpaſtetchen, und Schalen voll geronnener Sahne zum Fruͤh⸗ mahl, waͤhrend der immerwaͤhrende Tabak in Wolken emporgeblaſen von der Bierbank zu Ta⸗ merton als ein dem Gotte des Schmauſens und Jubelns dargebrachtes Weihrauchopfer dick und dunſtig aufwaͤrts qualmte. Alles war Luſt und Laͤrm; die Maͤnner ſchwatz⸗ ſ 10 3 1 1 1 3 16 4 154 ten laut und kernig, die Weiber ſchnatterten wie Elſtern, die Dirnen kicherten, die Burſche lach⸗ ten und jauchzten, waͤhrend das Schallen aus⸗ gebrachter Geſundheiten, das Raſſeln der Bier⸗ kannen, das Klirren der Zinngefaͤße und Klingeln der Schalen, mit dem Quieken der Geige des alten Fiedlers draußen und mit dem Zurufe drin⸗ nen„Mehr Bier her!“ Tact halten zu wollen ſchienen. Trunkſucht war zur Zeit unſerer Er⸗ zaͤhlung wirklich ein Laſter, das in ſehr hohem Grade um ſich gegriffen hatte. Etliche Maͤnner betranken ſich aus Freude, Andere aus Bekuͤm⸗ merniß uͤber die Zeitlaͤufe; wieder Andere thaten es im wilden Eifer der Froͤmmelei, und nicht Wenige ſoffen ſich aus Verzweiflung von Sin⸗ nen. Auf Bierbaͤnken ward uͤber das Wohl des Staates und der Kirche, uͤber Koͤnig und Volk und Parlament und Biſchofsthum und Purita⸗ nismus verhandelt, bis oft die Mitglieder der kannengießernden Verſammlung unter dem Tiſche lagen, und die geheiligteſten Gegenſtaͤnde wur⸗ den mit eben ſo weniger Umſtaͤndlichkeit herge⸗ nommen, als es der Bierkrug ward, deſſen Saft 155 und Dunſt die Gehirne fuͤllte, daß aller Witz herausgetrieben ward, und Verrath und Aufruhr und Rebellion und Grauſamkeiten wie in Men⸗ ſchengeſtalt aus dem Grunde der geleerten Kanne ſchauerlich hervorſtiegen. Die Froͤmmeren und Fanatiſcheren unter den Prieſtern unterließen nicht, die Donner der Schreckensermahnungen gegen das Laſter der Voͤl⸗ lerei zu ſchleudern; doch ward ihnen, wenn auch nicht immer durch das Wort, doch jederzeit nach⸗ drucklich durch die That die Antwort:„Meinſt Du, weil Du ein Tugendhafter biſt, ſolle es kein Doppeltbier und keine Hartkuchen mehr ge⸗ ben?“ Und ſo fuhren Parlamentiſten und Cava⸗ liere fort zu zechen, und ſo derb zu zechen, als waͤren ſie eben ſo viele Heiden, die durch Feſt⸗ gebraͤuche ihre Feinde von ſich bannten, und da⸗ bei den Rachegoͤttern, die von ihnen angebetet wurden, maͤchtige Libationen darbrachten; denn die Parlamentiſten ſtoͤhnten Fluͤche in der Er⸗ bitterung ihres Gemuͤthes, und die Cavaliere ſtießen laute Schwüre im Eifer ihrer Treue fuͤr den Koͤnig aus, und nicht minder ward von bei⸗ 1 ſ 156 den Seiten dieſe plumpe Begruͤßungsweiſe in all ihrer Vollkraft angewendet, ſobald die Reli⸗ gion der Knochen war, um welchen die biſſigen Hunde beider großen Volksparteien ſich ſtritten. Ueuntes Capitel. „Dort unter büſtern Ulmen, Wo ſich der Raſen hebt, Dort ſchläͤft in enger Zelle, Was einſt im Dorf gelebt.“ Gray. Die Dinge befanden ſich ſo ziemlich in dem von uns beſchriebenen Zuſtande, als Margrethe Ridler, die Inhaberin des Schenkhauſes zur Eiche im Dorfe Tamerton, inmitten der hundert⸗ fachen Verabreichungen und Anordnungen, die ſie zu beſchicken hatte, um ihre zahlreichen Gaͤſte gebuͤhrend zu bewirthen, ploͤtzlich an etwas Be⸗ ſonderes dachte und ihrem Dienſtmanne zurief: „He, Hans, lauf' in den Hinterhof und kehre die Bienenſtoͤcke um, denn heute fruͤh wird hier eine Leiche voruͤber zur Gruft getragen, und laſ⸗ ſen wir die Koͤrbe bis dahin unumgekehrt, ſo 3 j verfliegen ſich die Bienen, ſo wahr ich Margre⸗ the heiße; denn er, der todt und dahin iſt und an dieſem geſegneten Tage in ſeine letzte Kam⸗ mer gebracht werden ſoll, ſchenkte mir eben jene Bienen, ehe er hinuͤberſegelte zu den auslaͤndi⸗ ſchen Orten. Tod iſt ein grauſig Ding! He, Hans! hoͤrſt Du nicht, wie Pachter Aſch nach ei⸗ nem friſchen Kruge ſchreit? Doch nein, ich will den alten Graͤmler ſelbſt bedienen; lauf' nur, daß der Geiſt des Todten mir die Bienen nicht nach ſich zieht, denn auf Dich wird kein Geiſt warten, und wenn Du zehnmal Dienſtknecht im Schenkhauſe zur Eiche waͤreſt! Lauf', ſag' ich, und kehr' die Stoͤcke um!“ Dieſer im aͤchten Geiſte des Aberglaubens von Devon gegebene Befehl war die erſte An⸗ deutung, die man um die Eiche herum von dem bevorſtehenden Begraͤbniß Gnadegott Gabriels ver⸗ nahm. Kein Glockengelaͤut machte ſich hoͤrbar, als der Leichenzug ſich in Bewegung ſetzte, denn das reformirende Directorium hatte dieſen kirch⸗ lichen Gebrauch mit ſo manchem anderen als gotzendieneriſch und aberglaͤubiſch abgeſchafft. Die 159 „Laͤrmer“, die ihre Beluſtigungen bereits begon⸗ nen hatten, ſchienen eben nicht ſich der duͤſtern Proceſſion anſchließen zu wollen. Etliche Zecher achteten derſelben gar nicht, waͤhrend Andere muͤßig hinuͤbergafften, als diene der Anblick ih⸗ nen juͤr einen Augenblick zum Zeitvertreibe. Ei⸗ nige jedoch, die bisher den Spielen zugeſehen hatten, wendeten ſich dem ſchwermuͤthigen Zuge zu und beobachteten mit Schweigen und Zuruͤck⸗ haltung, wie es dem Ergebniſſe, das ſie vor Au⸗ gen hatten, entſprach. Auch eine Dame ritt naͤher zu dem Kirchhofe. Sie trug einen ſie ver⸗ huͤllenden Mantel und eine Maske vor dem Ge⸗ ſicht, wie ſolches denn der damals uͤbliche An⸗ zug eines reitenden Frauenzimmers war, ſtieg dann ab, gab ihr Pferd einem ſie geleitenden Reitknecht in Obhuth und ging in die Hutte der Wittwe Raleiggy. Mittlerweile waren auf der Laͤrmwieſe mehrere junge Edelleute angelangt, die man durch den wohlgekannten Namen Cavaliere auszeichnete. Auf ihren Geſichtern lag etwas Finſteres und Zornblickendes, als ob ſie nicht diejenige Stimmung mitbraͤchten, die zur Theil⸗ ——— 5—— ² 3 ——— 160 nahme an bunter Volksbeluſtigung erforderlich iſt; vielmehr ſchienen ihre Mienen zu verrathen, daß ihr Sinn ganz danach ſtand, die erſte Ge⸗ legenheit zum Hader zu benutzen, oder wohl gar vom Zaune zu brechen. Naͤher und naͤher kam unterdeſſen der Leichenzug, der freilich ſehr ein⸗ fach, jedoch auch ernſt und anſtaͤndig war, und von allen denjenigen Gebraͤuchen geleitet ward, die noch bei Beerdigungen der Puritaner ſtatt⸗ zufinden pflegten. Voran ſchritt der Vogt oder Schultheiß des Ortes, in der Hand den langen, ſilberbeſchlagenen Stecken, mit welchem er den Weg von Gaffern in ſofern frei hielt, daß der Sarg ungehindert an den Ort ſeiner Beſtim⸗ mung getragen werden konnte. Ihm nach ging Heſekiel Hornbuckle, die Schultern mit dem blauen Calvinsmantel behangen, die Bibel in der Hand und einen großen Rosmarinſtengel im Knopfloche. Dann folgte der Sarg, der, wie es in Devon heißt,„unter Hand“, naͤmlich mittelſt durch die Ringe der Ruhekiſte gezogener Tuͤcher ſo getra⸗ gen ward, daß er nur etwa auf Fußes Hoͤhe vom Erdboden entfernt war. Der Sarg wies 161 ſich aus ſchlichtem, waͤhrend des Hintragens je⸗ doch mit einem ſchwarzen Trauertuche bedeckten Eichenholze, und war mit Eichenlaub und Ros⸗ marinzweiglein behangen und beſteckt. Hinter dem Sarge folgten die Leidtragenden, Maͤnner in langen, ſchwarzen Maͤnteln, die ab⸗ geſondert von den uͤbrigen Folgenden, paarweiſe vor dieſen herſchritten, und von denen Jeder nach altengliſcher Sitte mit einer Schaͤrpe und einem paar Handſchuhen beſchenkt worden war. Alle den Sarg Geleitenden aber trugen einen Ros⸗ marinſtengel in der Hand, den ſie in dem Au⸗ genblick in die Gruft zu werfen pflegten, in welchem die erſte Schaufel voll Erde auf den Begrabenen geſchuͤttet ward. Der ehrliche Heſekiel, dem gemaͤß der Ge⸗ ſtattung des Directoriums vergoͤnnt war,„ein Wort zu ſeiner Zeit“ zu reden, wiewohl er ſei⸗ ner Meinung nach niemals etwas Anderes, als „ein Wort zu ſeiner Zeit“ redete, auch wenn er funfhundert Woͤrter nach einander vernehmen ließ, naͤherte ſich kaum den luſtigen, laͤrmenden, qualmenden und zechenden Gruppen, als er im. Warleigh. II. 162 Geiſte uͤber einen Anblick aͤchzte, der allerdings der Feier des Sabbathes und einem Graͤbniſſe ſo gar nicht entſprach. Da der Stecken des Vor⸗ derſten im Trauerzuge nun beſondere Muͤhe, Platz zu machen, hatte, ſo ergriff Heſekiel die Gele⸗ genheit, die ihm das unerlaßliche Stillehalten des Zuges darbot, und rief, unfern der Eiche, unter welcher das Luſtgetuͤmmel allerdings am lebhafteſten ſein mogte:„Wehe, wehe dem Lande! Was muß ich ſchauen? So nahe der Graͤbniß⸗ ſtaͤtte, dem endlichen Ruheorte Aller, und dazu noch am Sabbathe des Herrn, muß ich ſehen, wie Entweihung und papiſtiſche Thorheit ſich hier breit machen und einen ungebuͤhrlichen Raum einnehmen! Es bekuͤmmert mich in der tieſſten Seele, Solches erblicken zu muͤſſen. Dort ſtehen und ſitzen und lagern ſie, Alte und Junge, Maͤn⸗ ner, Weiber und Kinder, und begehen Feier⸗ ſchmaͤuſe derer Heiden und Goͤtzendiener, und ſchaͤnden den Sabbath und zechen und ſchaͤkern und laͤrmen und tanzen nach dem Gequieke der Fiedel unter hochbetagter, ehrwuͤrdiger Eiche! Wie ſo ganz andere Gedanken ſolltet Ihr doch hegen, meine Bruͤder, unter den blaͤtterreichen Aeſten dieſer edlen Beherrſcherin derer Forſten! Denn ſolltet Ihr beim Hinanblick zu dem ſtein⸗ alten Baume nicht vielmehr an Euer letztes Ende denken und erwaͤgen, wie Deborah, die Amme der frommen Rebecka, ſtarb und zu Bethel unter, ja dicht unter der Eiche begraben ward, die ne⸗ ben der Hoͤhle von Machpela ſtand, welche Al— lon Bachuz genannt ward?“ Hier ſchoͤpfte Heſekiel Athem durch einen Seufzer, und da mit dem ſilberbeſchlagenen Stecken der Weg freigemacht worden war, ſchritt der Leichenzug weiter, der endlich den Friedhof erreichte, wo eine Menge Volks verſammelt ſtand, unter welcher ſich Mehrere befanden, deren fin⸗ ſterer Blick an dem Puritanerprieſter haftete, und denen nicht wenig nach einem Streite und dar⸗ aus hervorgehendem Handgemenge zu geluͤſten ſchien. Wirklich glaubte Heſekiel, daß ſie zu ſol⸗ chem Zwecke ſich an den Ort begeben hatten, dennoch beſchloß er, ſeine Pflicht zu thun, was auch daraus entſtehen moͤgte, und nicht nur das Wort zu ſeiner Zeit, ſondern auch noͤthi⸗ 11* — genfalls ſonder Furcht das Wort des Tadels zu ſprechen. Wie finſter nun auch das Ausſehen Derer ſein mogte, die um das Grab herumſtanden, ſo ward doch von keinem derſelben anfaͤnglich die Ceremonie geſtoͤrt, ſo daß unter feierlichem Schwei⸗ gen der Sarg ſeinen Weg in die Gruft fand. Die Rosmarinzweige wurden in das Grab ge⸗ worfen, und die Trauermaͤnner, die blos vom Schmerze den„aͤußern Schein“ zeigten, wofuͤr ſie einzig und allein in ihren langen ſchwarzen Mänteln verpflichtet waren, wollten ſich ſchon von hinnen begeben, als Heſekiel die Hand er⸗ hob und ſie mit folgenden Worten anredete: „Bleibt ein Weilchen, Freunde! Geht nicht von hinnen, denn ich habe ein Wort an Euch! Dort druͤben iſt Luſtbarkeit— hier iſt der Tod. Geht alſo nicht zu dem Hauſe des Gaſtmahls, ſondern weilet in der Wohnung des Trauerns. Steht ſtill am Rande dieſes Grabes und denkt an Eure eigene Gruft, und wie bald dieſe ſich Euch oͤffnen mag. Alle ſind geſtorben und wer⸗ den ſterben von den Tagen Adams an bis zu der Welt Ende. Der Hoͤchſte und der Niedrig⸗ ſte, von Saul, dem Koͤnige, bis zu Lazaro, dem Bettler— Alle muͤſſen dahinfahren. Der Un⸗ ſchuldige und der Suͤnder muͤſſen Einer wie der Andere den Becher leeren, deſſen Bitterkeit Tod heißt. Bedenkt, welche Macht dem Tode gege⸗ ben iſt! Krankheiten, Hinwelken, Seuchen kom⸗ men den Menſchen wie gewappnete Heere ent⸗ gegen, waͤhrend Unfall, Blitzſtrahl und Sturm das achtlos voruͤber wandernde Opfer treffen, ſo daß der Pfeil des Todes oft eher gefuͤhlt, als die Hand erblickt wird, die ihn entſendete—“ Als der ehrliche Heſekiel ſeine Zuhoͤrerſchaft alſo anredete, ſchien dieſe immer ſtiller und auf⸗ merkſam er zu werden, und Mancher, der zu boͤ⸗ ſem, oder vielleicht zu gar keinem Zwecke zum Grabe getreten war, fuͤhlte in ſeiner Bruſt ſich Etwas regen, das ihn anmahnte, zu hoͤren und zu erwägen, indem er den Blick auf das„geoff⸗ nete Thor des Todes“ heftete. „O daß ich Worte gleich dem lieblichen Sän⸗ ger von Iſrael haͤtte,“ fuhr Heſekiel mit Warme fort,„um gleich dieſem Eure Seelen zu bezau⸗ — 6 166 bern, daß ſie mir zuhoͤren, und daß meine Worte gleich Toͤchtern der Muſik keine andere Harmo⸗ nie haͤtten, als die, welche in denen Saiten des Himmels erklingt. Den Himmel nannt' ich? Er iſt unſere Heimath, meine Bruͤderz denn hier auf Erden entwandern wir nur wie die Taube Noa's unſerem natuͤrlichen Ruheplatze; demjeni⸗ gen Platze, dem alle Dinge zuſtreben, wie Sol⸗ ches die geſammte Natur Euch lehrt. Die Voͤ⸗ gel der Luͤfte haben ihr Obdach und ihren Ru⸗ heplatz, ſo daß, wenn es Nacht wird, ſie auf lugeln des Windes ihrer Wohnung zueilen. So auch macht es die Seele des Menſchen, wenn die Nacht des Todes uͤber ihn hereinbricht. Und was iſt das Leben, daß wir es beklagen ſollten? Der fromme Hiob ſagt Euch, daß Ihr wie Spreu ſeid, die vor dem Winde verwehet. So der Todte wie der Lebende beweiſen Euch dieſes. O ſchauet jenen Mann in ſeiner Schoͤnheit! Schauet ſeinen ſtrahlenden Blick, ſeine guͤldenen Locken, ſtark wie das Haupthaar Simſon's in deſſen Jugend und Vollkraft! Und ſeht, wie dann eben dieſe Locken grau werden und wider ihn 167 zeugen! So Du alſo, Juͤngling, mich fragen wollteſt, wo denn der Tod iſt, ſo muß ich ſpre⸗ chen: Er iſt in Dir und an Dir— iſt in Dei⸗ nen wilden Leidenſchaften und Deinen Laſtern; dort wuͤthet er, hier herrſcht er. In Deinen Streitigkeiten, Deiner Gottloſigkeit, Deinen uͤp⸗ pigen Gedanken weilet er; denn dieſe Alle ſind gleich der Ruͤſtung Saul's von keinem Nutzen fur Dich an dem ſchrecklichen Tage, an welchem Gott wider Dich ſtreitet!“ Heſekiel hielt einen Augenblick inne, und fuhr dann gegen etliche, in den Gruppen befindliche Frauenzimmer fort:„Und Ihr, Jungfrauen, die Ihr mich hoͤrt, obwohl Ihr jetzt ſchoͤn ſeid und Taubenaugen habet und holdſelige Rede fuͤhret, wie Salomo ſagt, ſo vertrauet dem Allen doch nicht, denn das Alles wird Euch taͤuſchen; wohl aber vertrauet dem Worte Deſſen, dem keine Schoͤnheit vergleichbar mit der der Froͤmmigkeit erſcheint, die ſich in dem reinen Tempel des Her⸗ zens dem Allerhoͤchſten beugt. O, Ihr Toͤchter der Erde! wenn Ihr an aͤußerer Geſtalt ſo fuͤr⸗ trefflich ſeid, daß man Euch mit denen Engeln 168 des Himmels vergleicht, ſo ſeid dieſen auch am Geiſte aͤhnlich, und wendet Euer Dichten und Trachten dem Himmel zu. Ihr wurdet geſchaf⸗ fen, um die Genoſſinnen der Männer und die Muͤtter der Menſchen zu ſein; wenn Dem aber alſo iſt, ſo laſſet den Mann nicht zum Fallſtricke fuͤr Euch werden; denn Gott ſpricht:„„Du ſollt ihm zum Heile, er Dir nicht zum Unheil gegeben werden!““ Drum ſeid ſelbſt in Euren froͤmmeren Regungen nicht allzuſehr der Erde vermaͤhlt, damit Liebe ſich nicht in Bekuͤmmerniß umwandle, und Euch am Tage der Noth nicht gleichwie der Rahel zur Verſucherin werde. So Gott Euch den Saugling von Euren naͤhrenden Brüſten hinwegrafft, ſo murret nicht daruber; denn wenn der Hoͤchſte Eurem Kinde will En⸗ gelsſchwingen verleihen, um ſich zu denen Se⸗ raphim zu erheben, wuͤrdet Ihr ob ſolcher Ver⸗ vollkommnung und Seligmachung zu wehklagen haben?“ „Und Ihr Betagten und Altersſchwachen, ſeid getroͤſtet,“ fuhr Heſekiel im feierlichen Tone fort; „denn Eure Wache iſt bald abgehalten worden, 169 Euer Lauf nahet ſich ſeinem Ende. Wenn Ihr Eure Tage in Wachſamkeit dahingebracht, wenn gleich denen klugen Jungfrauen Ihr Eure Lam⸗ pen mit Oel gefullt habt, daß ſie hell leuchten vom Geiſte Gottes, ſo iſt Euer Troſt die zu⸗ kunftige Krone; denn Ihr habt dann in einer Welt voll Haders und Verſuchung einen guten Kampf gekaͤmpfet!“ Indem Heſekiel den Blick in die Gruft ſenkte, prach er weiter:„Ich ſtehe am Grabe. O du bevoͤlkertes, bezahmendes Grab! Du biſt ſchauer⸗ lich, aber ſchoͤn! Du biſt aus Schrecken gebo⸗ ren worden, jedoch reich an Hoffnung. Du biſt ſchauerlich, denn wer vermag den Freund in Deinem Schooße zu erkennen? Aber Du biſt ſchoͤn, denn aus Deinem duͤſtern Gehäge ſchwingt ſich der Freund im Lichtgewande empor. Der Schrecken iſt Dein, denn Du biſt es, der Alle bezwingt. Seid alſo getroͤſtet, meine Bruder, und ſo wie ich an dieſer Gruft ſtehe und hinab⸗ blicke auf den vergaͤnglichen Staub eines Men⸗ ſchen, der ein ſuͤndiger, jedoch auch ein bereuen⸗ der Bruder war, vereinet Euch Alle mit mir 170 zum Gebete vor Dem, der ſelbſt den hartherzi⸗ gen Pharao erweichte, daß dieſer der Stimme ſeines Knechtes Gehoͤr gab; denn ich will ſol⸗ ches Gebet nicht ſchließen, ohne den Allerhoͤch⸗ ſten anzurufen, daß durch deſſen Gnade Euch, die Ihr am Leben ſeid, der Tod des Gerechten, und Euer Grab gleich dem Bette Iſchboſchet's, Euch ein Platz der Ruhe und des Friedens werde.“ Heſekiels eben ſo gefuhlvolle als einfache Rede brachte eine maͤchtige Wirkung auf deſſen Zuho⸗ rer hervor. Etliche hoͤrten ihm regungslos zu, Andere begleiteten ſeine kraͤftigen Ausdruͤcke mit entſprechenden Geberden des Auges und der Hand, indem ſie dieſe erhoben und ſenkten, je nachdem die Rede auf Himmel oder Grab hin⸗ wies. Viele ſchienen erſchuͤttert zu ſein, nicht Wenige weinten laut, und nicht Einer war an⸗ weſend, der nicht ernſthaft ausgeſehen haͤtte; Alle aber wuͤrden das geziemendſte Betragen ge⸗ zeigt haben, wenn nicht ein Umſtand eingetreten wäre, durch den die Scene einen ganz andern 171— Anſtrich bekam, obwohl ſolch ein Umſtand zur Zeit unſerer Erzaͤhlung keineswegs ungewoͤhn⸗ lich war, wie der Leſer es aus dem folgenden Capitel erſehen wird. ——,—————˖ „Er zaͤhlte ſich zum Starrſinnsvolk Von Afterheil'gen, denen Jeder Einraͤumt, ſie ziehn fuͤr Gott von Leder, Die Bibelglaub' und Gottvertrau'n Auf Saͤbel und Car'biner bau'n, Durch unfehlbare Artill'rie Darthun ihr Wann und Wo und Wie, Und ihre orthodoxen Lehren Durch apoſtol'ſche Hieb' erklaren.“ Hudibras. Heſekiels Zuhoͤrerſchaft ward durch einen Laͤrm oder Tumult geſtoͤrt, der ſich neben der Eiche auf dem Raſenplatze vernehmen ließ. Unſer be⸗ geiſterter Redner, der es fur einen Streit der Ze⸗ cher und Laͤrmer hielt, verſchmaͤhete es, auch nur Einen Blick darauf zu werfen, hielt es jedoch fur rathſam, noch etliche Scheideworte zur rech⸗ ten Zeit fallen zu laſſen, und ſprach demnach in vollem, lautem und gebieteriſchem Tone: „Bruͤder, begebt Euch nicht wieder zu jener Sabbathſchaͤnderei, zu jenem unheiligen Fiedel⸗ ſtreichen und zu jenem Gelage, bei welchem der Menſch, der nach dem Bilde Gottes geſchaffen ward, ſich denen Beſtien aͤhnlich macht. Wol⸗ let nicht, ſag' ich, dem Eſau, der ſein Geburts⸗ recht fuͤr ein Linſengericht verkauſte, in ſofern gleichen, daß Ihr wieder dort hinuͤbergeht, und Eure Seele fuͤr eine Kanne geiſtig Getraͤnk ver⸗ handelt! Zwar ward der Wein geſchaffen, um des Menſchen Herz zu erfreu'n, nicht aber ward er es, um daſſelbe fieberiſch zu machen. O, meine Bruͤder, Voͤllerei iſt eine Suͤnde, welche Gott durch den Mund ſeiner Propheten mit ei⸗ nem ſchweren Fluche, einem im Strafgericht und Blut niedergeſchriebenen Fluche belegt hat!„„Heu⸗ let, Ihr Saͤufer!““ ſagt Jvel;„„Wehe denen Trunkenen!““ ſpricht Jeſaias;„„Ha! dreifaches Wehe!““ ruft Habakuk,„„und gluͤhenderes Feuer, als die Hoͤlle ſelbſt es erzeugen kann, uͤber Den, der am Tage des Herrn nicht aus dem 174 Becher des Lebens, ſondern aus dem der Suͤnde trinkt!““ Ich ſag' Euch, meine Bruͤder, flie⸗ het jene Eiche; ja, fliehet ſie wie vor Alters die Kinder Iſraels die Gebuͤſche flohen, in denen dem Baal und dem Aſtaroth Opfer gebracht wurden! Oder wollt Ihr denenſelben nahe gehen, ſo thut es wie Gibeon that, der die Gebuͤſche niederhieb und den Altar Baal's umſtuͤrzte, den gottloſe Goͤtzendiener zum Hohne des wahrhafti⸗ gen Gottes aufgerichtet hatten.“ Dieſe Ermahnung des Prieſters ging fuͤr deſ⸗ ſen Zuhoͤrer nicht verloren. Diejenigen, welche die Leiche als Trauermaͤnner, Traͤger oder was ſonſt begleitet hatten, ſo wie viele von den Um⸗ ſtehenden, ließen auf Heſekiels Rede abſonderli⸗ ches Knurren und Murren hoͤren, woraus man wohl haͤtte abnehmen moͤgen, wie ſie geneigt waren, huͤlfreiche Hand an das gute Werk der Bekehrung zu legen. Ehe jedoch hierin Etwas geſchehen konnte, droͤhnte das Raſſeln einer Keſ⸗ ſelpauke und das Geſchmetter einer Trompete in Aller Ohr und verklang weit hinuͤber uͤber das Blachfeld. „Was hoͤr' ich?“ ſagte Heſekiel.„Sind das nicht Klaͤnge, wie ſie im Geleite von Kriegs⸗ knechten laut werden? Laßt uns einen Augen⸗ blick verziehen und ſehen, was Dies zu bedeuten hat. Vielleicht gelingt es mir, einem Streite zu wehren, denn wahrlich! ſo kriegeriſche Toͤne deu⸗ ten nicht auf Ankunft Friedlichgeſinnter. Horcht!“ Dem Trompeten⸗ und Paukenſchall zog das Stampfen von Roſſen nach, und herantraben ſah man einen Trupp wohlbewehrter Reiters⸗ knechte in Buͤffelkollern, die Beine in hohen Klappſtiefeln nach der Mode der Zeit, und ſtaͤh⸗ lerne Pickelhauben, damals ſchlechthin„Toͤpſe“ genannt, auf dem Kopfe. Ein blitzender Pan⸗ zer deckte ihnen Bruſt und Ruͤcken, um ihre Schultern herum hing ein Bandelier und eine Lunte, und außerdem fuͤhrte Jeder von ihnen ei⸗ nen an dem Sattel beveſtigten Carabiner, einen Hiebdegen und ein paar Piſtolen. Das Land⸗ volk auf der Laͤrmwieſe ward dadurch nicht we⸗ nig erſchreckt, ſo daß es gern Spiel und Tanz und Luſtbarkeit im Stiche gelaſſen haͤtte, wenn ihre Brotherren, die Pächter, die mit im Ge⸗ wuͤhle waren, ſie nicht ermuntert und durch Wort und Beiſpiel aufgefordert hätten, ſich nicht von einem Dutzend Reiter ſchrecken zu laſſen, von deren Kommen man noch nicht einmal die Ur⸗ ſache wuͤßte. Die Reiter ruͤckten vor ohne Hinderniß zu finden, denn jedes Mutterkind wich ihnen aus, bis ſie der Eiche nahe kamen, wo das„Halt“ ihres Commandirenden ſie in Reih' und Glied ſtillſtehen ließ. Der Commandirende aber war ein Hauptmann, John Butler, von wohlbe⸗ kanntem Ruhme und Andenken im Weſten von England waͤhrend der buͤrgerlichen Kriege, der, wenn ich mich nicht ſehr irre, auf einem der du⸗ ſtern Kirchhoͤfe in der Grafſchaft Devon ſeinen aus einer Schieferplatte beſtehenden Grabſtein hat, auf welchem das Verzeichniß ſeiner Helden⸗ thaten geſchrieben ſteht, und das mit den Wor⸗ ten beginnt: „Zu Karls Zeit, als dem Parlament und Land Zum Aerger und zur Noth ward Buͤrgerkrieg geſandt, Dient' ich zu Plymouth beim Belag'rungheer, Wo,“ u. ſ. w. Hatten wir eine genaue und vollſtaͤndige Ab⸗ ſchrift dieſes Epitaphiums Butlers erlangen koͤn⸗ nen, ſo wuͤrden wir dieſelbe der Neugier unſerer Leſer zum Beſten geben; doch wird wohl irgend ein gelehrter Antiquar uns durch das Auffinden jener Verſe und durch eigne Vervollſtaͤndigung derſelben, welches eben ſoviel ſagen will, beeh⸗ ren, indem wir es uns zur Pflicht gemacht ha⸗ ben, dieſen Blaͤttern Etliches von den außeror⸗ dentlichen und frommen Handlungen einzuſchal⸗ ten, wodurch ſeiner Zeit Capitaͤn Butler ſich ſo ſehr unter den Reiterhauptleuten auszeichnete. John Butler war ein langer, plumpknochi⸗ ger Menſch, mit einem Geſichte, auf welchem Schurkerei mit einem ſauern puritaniſchen Aus⸗ druck um die Oberherrſchaft zu ſtreiten ſchien Er hatte ſcharfe, ſchwarze, neidiſchblickende Au⸗ gen und einen beſonders widrig ausſehenden Mund. Wurden durch Leidenſchaft oder Fanatismus ſeine ſaͤmmtlichen Geſichtsmuskeln in Bewegung ge⸗ ſetzt, ſo zeugten dieſe eben ſowohl von einem wilden als boshaften Geiſte. In ſolcher Ge⸗ ſtalt ritt er jetzt mit dem fuͤrchterlichen Vorſatze heran, durch ehrliche oder hinterliſtige Mit⸗ Warleigh. II. 12 — tel das Volksfeſt auf der Tamertonwieſe zu ſtoͤren.. Butlers Charakter war wohlbekannt und hatte ihn ſogar bei Manchem von ſeiner eigenen Par⸗ tei verhaßt gemacht. Seine ungewoͤhnlichen, ge⸗ meinhin von Sieg gekroͤnten Waffenthaten und ſeine Keckheit als Rottenanfuͤhrer wurden hinder⸗ lich, daß auf ſeinen unmoraliſchen Wandel wei⸗ tere Ruͤckſicht genommen ward, als daß er ſich dann und wann eine ſcharfe Ermahnung eines und anderen Prieſters ſeiner Partei vom Kan⸗ zelpulte herab zuzog, ſo daß der Geiſtliche dabei laut den Namen Butler's in den Mund nahm, und bei etwaiger Verdeutlichung der Schwaͤchen im Charakter des Koͤnigs Salomo ſich geradezu auf den ausſchweifenden Reiterhauptmann bezog. Butler war einer von jenen ſchwarzen Boͤcken in der Heerde der Frommen, die aus der heil. Schrift eine Rechtfertigung und ein Beiſpiel ih⸗ res gottloſen Wandels herzuleiten wußten. Der Hauptmann war unter Anderen gar ſehr fur eine Linkehandehe eingenommen, und hielt zwei Frauen fur zutraͤglicher, als eine, wobei er die zweite — gleichſam ſo lange zur Probe hatte, bis er ſie als bleibend bei ſich behielt. So beduͤnkte ihn eines Tages ſeines Weibes Magd als gar wohl zu einem Kebsweibe geeignet, und er nahm ſie demnach dazu. Ihm wurden zwei Soͤhne, ei⸗ ner von ſeiner Ehefrau, der andere von ſeiner Beiſchlaͤferin geboren, und Hauptmann Butler ruͤhmte ſich nun oͤffentlich dieſes Ergebniſſes, in⸗ dem er ſich dabei in aller Anmaßung eines Fa⸗ natikers mit dem frommen Abraham in der Bi⸗ bel verglich, hatte auch die Frechheit, den Sohn ſeines Ehebettes Iſaak und den ſeiner Concubine Ismael zu nennen, und beſtatigte ſo die wahre Bemerkung des Poeten:„Der Teufel weiß die Schrift zu ſeinen Zwecken auszulegen.“ Bei all⸗ dem war zu einer Zeit des Hauptmanns Gewiſ⸗ ſen in kirchlichen Angelegenheiten ſo zart, daß man von ihm noch heutiges Tages in Taviſtock erzaͤhlt, wie er ſeinen eigenen Hund blos um des Verbrechens willen henkte, weil das Thier auf naͤherem Wege durch die verhaßte biſchoͤfliche Kirche des Ortes lief, waͤhrend deſſen Gebieter 42 einen frommen Umweg uͤber den Friedhof der⸗ ſelben nahm. i6 Butler hatte ſeine gottſelige Laufbahn als Independent begonnen, und galt gleich dem Cor⸗ poral ſeines Truppes, einem gewiſſen Hannibal Gammon, fuͤr einen maͤchtigen Prediger des Wor⸗ tes. Wenn eine ſtarke, rauhe Stimme, gleich den Toͤnen eines ſchlechtgeblaſenen Fagotts, ihn zu einem ſolchen hat machen können, ſo fehlte ihm gewiß kein Vorzug ſolcher Art. Zur Zeit, in welcher wir ihn dem Leſer vorfuͤhren, war ihm die rechtmaͤßige Frau geſtorben; er lebte je⸗ doch mit dem Kebsweibe, einer frommen Schwe⸗ ſter und einer von ihm Bekehrten, fort, von der wir vielleicht ſpaterhin noch zu erinnern haben werden. Als Hauptmann Butler zur Eiche von Ta⸗ merton ritt, erwartete er, daß die Laͤrmer da⸗ ſelbſt aus nichts Weiterem als aus Bauerknech⸗ ten und Dorfdirnen beſtehen und ſich am Ende leicht verſcheuchen laſſen wuͤrden. Der Haupt⸗ mann fand jedoch, daß er ſich hierin geirrt hatte, denn durch die Ruͤhrigkeit der Royaliſten hatten —————— 181 ſich eine Menge von Paͤchtern, Jagdbauern und Edelleuten auf dem Platze verſammelt, die jetzt alleſammt zwar bereit ſtanden, zu hoͤren, was der Reitercapitaͤn wohl zu ſagen haben moͤgte, die jedoch keineswegs geſonnen waren, nur einen Fußbreit von der Stelle zu weichen. Capitaͤn Butler uͤberſchaute die Verſammlung der kecken Geſellen und nahm nicht ſonder Er⸗ ſtaunen wahr, daß die meiſten von ihnen mit Knitteln, Stoͤcken, Heugabeln, Vogelflinten, ja ſelbſt mit alten Hiebdegen bewaffnet waren, waͤh⸗ rend die unter ihnen befindlichen Landedelleute ſich ungleich ſtattlicher geruͤſtet zeigten, indem viele von ihnen das Schwert im Bandelier und blanke Piſtolen im Guͤrtel trugen. Wenn But⸗ ler nun auch haͤtte wuͤnſchen moͤgen, nicht ſo geringe Meinung von den Laͤrmern zu Tamer⸗ ton gehegt und deshalb mehr Mannſchaft mit⸗ gebracht zu haben, ſo gehoͤrte er doch nicht zu denjenigen Kriegsknechten, die um einer Kleinig⸗ keit willen zum Ruͤckmarſch blaſen laſſen, denn ſchon oft hatte er der Mehrzahl obgeſiegt, und 182 es fehlte ihm nicht an Muthe, um Gehorſam gegen das Parlament zu erzwingen. Butler ließ die Trompete blaſen und befahl ſofort die Beluſtigungen einzuſtellen, indem die⸗ ſelben„ſabbathſchaͤndend, götzendieneriſch und aberglaͤubiſch“ waͤren; allein dieſes Gebot ward von den bewaffneten Laͤrmern mit einem dum⸗ pfen Schweigen hingenommen, welches dem Haupt⸗ mann keineswegs behagte Er wußte, daß er mit ſeiner Rotte wenig beliebt in der Grafſchaft war, und daß das Landvolk, ſeinen uralten Sit⸗ ten und Gebraͤuchen ſo wie den damit verbun⸗ denen athletiſchen Spielen zugethan, ſich keines⸗ weges die gewaltſamen Eingriffe der Parlaments⸗ reiter in ihre Tagsbeluſtigungen wuͤrde ruhig gefallen laſſen. Es erfolgten ſcharfe und aͤrgerliche Worte zwiſchen Butler und Sir William Baſtard, ei⸗ nem jungen Ritter aus Devonſhire, und ſchon ſchien es ſich zu einem allgemeinen Streite an⸗ zulaſſen, als Heſekiel in der Abſicht,„ein Wort zu ſeiner Zeit“ zu reden, vortrat und verſuchte, den Hader durch guͤtliche Vorſtellungen abzuwen⸗ ———————˖— ———————.———————— 183 den. Butler aber, der vom Gaule geſtiegen war und ſich auf einen Raſenhuͤgel geſtellt hatte, um ſich den Anweſenden deutlicher vernehmen zu laſſen, billigte keineswegs die ſanften Maßregeln Heſekiels, ſondern rieth dieſem, indem er ihn auf die Seite ſchob und ſeinen Platz einnahm,„ſeine Suppe ungekocht zu laſſen“; und ſobald er dem Prieſter dieſen Rath gegeben hatte, ſchickte er ſelber ſich an, den ihn umſtehenden armen hun⸗ grigen Seelen eine Speiſe aus ſeiner eigenen Rednerkuͤche zu reichen. Nachdem der geiſtbe⸗ gabte Reiterhauptmann ſich alſo etliche Male ge⸗ raͤuſpert hatte, begann er in einem anfaͤnglich kuhlen und gemaͤßigten, jedoch allmaͤlig ſich ſtei⸗ gernden und erwaͤrmenden Tone eines Indepen⸗ dentenpredigers, das Volk vor ihm zu ermahnen, dem Parlamente zu gehorſamen und allen Laͤrm und alle Beluſtigung ſofort einzuſtellen, und haͤngte ſeiner Ermahnung dann eine gottſelige Betrachtung uͤber die Läſterlichkeit des Gebrau⸗ ches des Laͤrmſonntags in folgenden zierlichen Worten an: „Und was wolltet Ihr hier eigentlich trei⸗ —————————— ——— ben, Ihr Soͤhne Belials?“ ſprach Butler:„Ich ſehe, ich kenne, ich durchſchaue Euch. Anſtatt meine Worte zu hoͤren, wenn ich die Perlen meiner Rede ſolchen Saͤuen vorwerfe, wie Ihr ſeid, ſehnt Ihr Euch nach denen Fleiſchtoͤpfen Aegyptens. Ihr moͤgtet Euren alten Tophet, Eure Biſchoͤflichen wieder haben, daß ſie an meiner Statt zu Euch redeten. Ihr moͤgtet Eure Pfarrer mit ihrer zehnten Henne und ihrem zehn⸗ ten Ferkel, Eure kurzluftigen, ſchafskoͤpfigen, hundsdummen Pralaten wieder haben, die ſich in die Beſchworergewaͤnder alter Papiſterei huͤl⸗ len und in Kirchen mit Thurmſpitzen ſalbadern, und ein armſeliges, ſalzloſes, geſchmackloſes, geiſt⸗ loſes, duͤrres, todtenknochiges, vorgeſchriebenes Gebet herplappern. Das iſt's, was Ihr haben moͤgtet, Ihr knurrenden Halunken, Ihr fleiſch⸗ lichgeſinnten, geiſtquaͤlenden, unzuverlaͤſſigen Mo⸗ ralitaͤtmenſchen; dies Alles moͤgtet Ihr haben anſtatt eines rechtfertigenden und ſeligmachenden Gewiſſens, das Euch vom Bierkruge und vom Sabbathſchaͤnden zuruͤckhalten ſollte.“ „Bruder, Bruder,“ ſagte Heſekiel zu dem Reiterhauptmann,„dergleichen Rede wird die Leute toll machen, nicht aber ſie uͤberzeugen. Laͤmmer wollen an Stricken der Liebe und an Baͤndern ſanften Rathes geleitet ſein. Ich bitte Dich, laß mich zu ihnen reden; ich will dieſe Sache auf zartere Weiſe ſchlichten, als Du es thuſt, und will den Schweif meiner Rede an den Rumpf der Deinigen knuͤpfen, denn Dein Stoff war gut, aber Deine Behandlung deſſel⸗ ben taugte nichts. Ich bitte alſo, laß mich an's Wort.“ Da der Hauptmann ſich ziemlich außer Athem geſalbadert hatte, gab er nach und Heſekiel's Stimme drang nun durch das Murren der Koͤ⸗ niglichgeſinnten in ſofern durch, daß ſeine Worte manches Gewiſſen ruͤhrten, ſo daß der Eigner deſſelben den Kopf haͤngen ließ, als Heſekiel im Eifer die Laſterhaftigkeit der Zeit und des Tages ruͤgte, indem er ſprach:„Iſt es denn am Sab⸗ bathe Zeit zu ſingen, zu tanzen, zu laͤrmen, ja wohl gar zu hadern, waͤhrend Ihr Gott loben und preiſen ſolltet, daß am ſiebenten Tage das glorreiche Werk der Schoͤpfung vollendet ward? 186 Doch hat bei alldem Euer Thun der Läſterung erſt begonnen; kehrt alſo um auf dem Wege des Boͤſen, da es noch Tag iſt! Fliehet, o fliehet den Becher der Unmaͤßigkeit und den Napf der Voͤllerei, daß Ihr Euch nicht an Seele und Leib in's Verderben ſtuͤrzet, denn der Wein iſt maͤch⸗ tigerer Verwandler aller Dinge, als die Alchy⸗ mie es jemals hat ſein koͤnnen——“ Heſekiel's Worte mußten jedoch verhallen in dem Gebrull der Ermahnung, die hoch zu Gaule Corporal Hannibal Gammon jetzt begann, der mit Butler, dem Hauptmann, der Meinung war, Heſekiel moͤgte ſeine geſchmackloſe Suppe„unge⸗ kocht“ laſſen.„Ich ſage,“ raſete der Corporal in ſeinem Donnerſermone fort,„ich ſage, erhebt Euch, meine Bruͤder, und ſchreitet zur That, und thut nichts zum Halben. Nehmt ein Aſt⸗ und Stamm und Wurzelwerk vor; reißt heraus den alten Menſchen und laßt den neuen in Euren Herzen lebendig werden! Meine Worte moͤgen denen Fleiſchlichgeſinnten dornig und ſtechend ge⸗ muthen, jedoch ſie ſollen ihnen ſeelenerrettend und lind am großen Tage des Zornes ſein. Auf — — 187 denn und thut zur Sache, und gedenket der Worte Jeremiaͤ, des Propheten:„„Verflucht ſei Der, welcher ſein Schwert vor dem Blute zuruͤck⸗ haͤlt!““ Sagt es laut in Gad, verkuͤndet es von denen Giebeldaͤchern. Wollt Ihr das Schwert ziehen? Wollt Ihr Saul darnieder werfen? Schonet nichts in der Stadt, ſchonet nichts auf dem Felde. Darnieder mit dem Goͤtzendienſt! Nieder mit dieſen Altaͤren des Baal!“ ſchrie der wuͤthende Corporal, indem er vorſprengte und mit der Hellebarde in ſeiner Hand die Tiſche mit Pfefferkuchen umſtuͤrzte, die von einer alten Markt⸗ kraͤmerin zu Kauf geboten wurden. Der Poͤbel murrte, und die Alte jammerte und wehklagte, eine zu Grunde gerichtete Frau zu ſein, waͤh⸗ rend die Jungen ſich um die Truͤmmer der Pfef⸗ ferkuchenbude eben ſo eifrig balgten als jemals Bauern von Cornwall es um den„Strandſegen“ oder die an ihre Kuͤſte geſchwemmten Schiff⸗ bruchsguͤter gethan hatten. Der Corporal aber blickte ungeruͤhrt auf die⸗ ſen durch den Felſen ſeiner Hand verurſachten Schiffbruch herab, und ſchweifte ſofort von der 188 1 Bahn ſeiner Rede ab, denn ſelbſt Pindar in ſei⸗ nen Oden nahm nimmer kuͤhneren Flug, als Cor⸗ poral Hannibal in ſeinen Sermonen:„Ich ſa⸗ ge,“ fuhr er fort,„Ihr ſollt nicht laͤnger dem Pharao dienen, deſſen Herz ſich gegen ſein Volk verſtockte; wohl aber ſollt Ihr Euch gegen ihn wenden, und ſollt Eure Pflugſchare in Schwer⸗ ter verwandeln, um den Kampf des Herrn zu kaͤmpfen. Jetzt iſt es an der Zeit, vollfuhrt alſo das Gericht; denn welches Reiters, ja welches Menſchen Hand uͤberhaupt wollte nicht das Schwert erheben, um gegen Babylon zu ſtrei⸗ ten, und den alten Widerſacher darnieder zu werfen? Nehmt ſie Alle, nehmt ſelbſt den Koͤ⸗ nig von Ahi, und laßt ihn haͤngen, ſo hoch als der gottloſe Haman nach dem Spruche Mardo⸗ chaji, des Juden, hing, und ſchont Keinen, der ſeiner ſchonen moͤgte, ſondern nehmt ihre Greiſe und Juͤnglinge, und ihre Weiber und Kinder, und die Fremden, die bei ihnen verkehren, und haͤngt ſie Alle auf, Alle, Alle, die da nicht ge⸗ horſamen wollen dem General und denen Haupt⸗ 189 leuten, und denen Cornetten und denen Corpo⸗ raͤlen und dem Parlament und—“ „Und dem Teufel, wenn er im Buͤffelkoller eines Corporals predigt,“ ſagte ein dreiſter na⸗ heſtehender Jagdbauer, deſſen Einwurf von ei⸗ nem ſchallenden Gelaͤchter vieler der Umſtehenden begleitet ward. Dies empoͤrte den kriegeriſchen Redner aber dermaßen, daß er zornmuͤthig aus⸗ rief:„Du armſeliger, elender, niedertraͤchtiger Kerl, Du Saukoben voll Unflaths, Du! Staͤn⸗ deſt Du nicht ſo tief unter mir, ſo wuͤrde ich mit Dir Fleiſchesarm gegen Fleiſchesarm ſtreiten an den Waſſern von Meriba.“ „Wohl ſteh' ich unter Dir,“ fiel der Derbe ein,„denn Du ſitzeſt hoch zu Gaule auf einem giebeldachigen Sattel. Komm herunter, Du pſalmodirender Halunk, leg Deinen Bratſpieß ab, den Du an Deiner Lende baumeln haſt, und laß einen Kreis ſchließen, zu ehrlichem Ring⸗ kampf, ſo will ich Dir zeigen, was eine recht⸗ ſchaffene Fauſt trotz Deinem Lederkittel vermag.“ „Schweig, Kerl,“ ſchrie Butler jetzt dem Landmanne zu;„wir haben nicht Zeit, die Zeit 190 mit Einem Deines Gelichters zu vergeuden; wir haben dem Volke noch etliche Kruͤmchen vom Tiſche der Erbauung zu verabreichen.„Ich ſa⸗ ge,“ fuhr der Reiterhauptmann fort,„dies iſt die eilfte Stunde, und wir duͤrfen nicht zaudern bei dem Werke des Herrn. Wollt Ihr nicht alle⸗ ſammt friedlich auseinandergehen, ſo muͤſſen wir an Euch thun wie Jehu an Jehoram that, wir muͤſſen unſere Schwerter ziehen und unſere Bo⸗ gen ſpannen, und kein Pfeil ſoll fliegen und keine Hellebarde gezuͤckt werden, ohne ein Gelenk in der Ruͤſtung Ahabs zu finden, um den Todt⸗ ſchlaͤger todtzuſchlagen. Meint Ihr, wir wer⸗ den ſie nicht ſturzen, dieſe Eure hoͤlliſchen Altaͤre des Baal? Denn was ſind ſie anders als ein ekler Haufen roͤmiſchen Unrathes, der vor Eu⸗ ren Augen zu vertilgen iſt? Corporal Hannibal Gammon, zieht Eure Mannſchaft zuſammen, und dann Hohn denen Medianitern und Verderben denen Amalekitern! Nieder mit dem Pfaffen⸗ thum!“ „Wir ſind bereit, edler Hauptmann,“ ent⸗ gegnete der Corporal.„Ertheilt nur den Befehl, —191 und wir rennen an. Wir wollen bei jenem Thurm⸗ hauſe beginnen, in welchem die große Hure von Babylon ſo lange Hof gehalten hat. Wir wol⸗ len keinen Fetzen von Pfafſenthum zuruͤcklaſſen. Den Anfang machen wollen wir bei jenen heil⸗ loſen Lichtern*), in denen ich unter ſchwerem Aechzen des Geiſtes in mir ſonderliche gemalte Bilder und Teufel erblickte, die man Heilige nennt und die man wie Nebuchadnezar's gol⸗ dene Goͤtzen aufſtellte, daß ſie denen Augen und Herzen verlockend werden, wenn die verdammli⸗ chen Orgelpfeifen und Harfen und Poſaunen und Pſalterſaͤnge gleich wie alte Fiedler erklingen, die zum Tanze derer Suͤnden aufſpielen. Schaut, dort iſt das Abbild des alten Drachen, der da Feuer der Hoͤllen ausſpeiet! Wahrlich, wir wol⸗ len es mit Steinen zerſchmettern, daß das ganze Fenſter darob zertruͤmmern moͤge! Sollen wir an's Werk, Hauptmann?“ „Thut es, und thut es wirkſam,“ entgeg⸗ *) Kirchenfenſter wurden damals„Kirchenlichter“ ge⸗ nannt. Anm. d. Verf. .— S —192— nete Butler,„und ſtoßt um die Steine der Ab⸗ ſcheulichkeit, die in Kreuzesgeſtalt auf dem Kirch⸗ hofe ſtehen, und reißet darnieder die umgitterten Altaͤre und Taufbecken, und all das Meſſeweſen des Papſtthums, welches Alles wie Michals Götzen nur gemacht iſt, um zu bethoren.“ Waͤhrend nun die Reiter ſich aufmachten, um die Fenſter der uralten Kirche zu Tamerton mit Steinen zu begruͤßen, ward dieſes den Koͤniglich⸗ geſinnten ein Zeichen, daß die Feindſeligkeiten be⸗ ginnen wuͤrden. Beide Parteien ſchienen ſich zu Dem zu bereiten, oder bereiteten ſich wirklich zu Dem, was gemeinhin„eine tuchtige Schlägerei“ genannt wird, als ſich ein Umſtand ereignete, deſſen wir zuvor erwaͤhnen muͤſſen. Miſtreß Raleigh, die, wie wir wiſſen, un⸗ fern der Eiche wohnte, vernahm kaum das Schick⸗ ſal, das der Kirche und deren Fenſtern bevor⸗ ſtand, als ſie, wie die maſtirte Dame, die in der Huͤtte der Wittwe Obdach genommen hatte, außerordentliche Beſorgniß blicken ließ. Beide Frauenzimmer fluͤſterten einige Minuten lang mit einander, woraus verlauten wollte, daß Jemand 193 Gefahr liefe, in dem Gotteshauſe uͤberfallen zu werden. Nach dieſer hurtigen Zwieſprach warf die Wittwe ihren großen Kappenmantel uͤber und ging, um das Gewuͤhl der Anſtuͤrmenden zu ver⸗ meiden, in ihrer Verhuͤllung haſtig der Kirche zu. Sie war gluͤcklich genug, eine Seitenthuͤr zu erreichen, zu welcher ſie mittelſt des dazu bei ſich fuͤhrenden Schluſſels Eingang fand, ohne von dem Poͤbel bemerkt zu werden, der von der entgegengeſetzten Seite her auf das heilige Ge⸗ baͤude eindrang. Wir muͤſſen ſie vorlaͤufig dort laſſen und zu dem vorgenannten Schauplatze zu⸗ ruͤckkehren. Die Reiter und die mit ihnen ziehenden Frömmler waren jetzt beſchaͤftigt, die ſteinernen Kreuze auf dem Friedhofe umzuſtuͤrzen, ehe ſie den Angriff auf Kirchenfenſter und Altar be⸗ ginnen wurden. Sie ſchienen dieſe Bilderſtuͤr⸗ merei fuͤr ein heiliges Sabbathwerk zu erachten; die Umſtehenden waren jedoch nicht friedfertig genug, um dieſen Frevel ungeahndet hingehen zu laſſen. Corporal Gammon fuͤhlte ſich dem⸗ nach tuͤchtig von den Bauern angegriffen, waͤh⸗ Warleigh. II. 13 rend Sir William Baſtard und deſſen Anhaͤnger ſich vor dem Haupteingang der Kirche aufgeſtellt und geluͤbdet hatten, daß keiner der puritani⸗ ſchen Frevler das Werk der— t vollfuͤhren ſollte. Es wuͤrde unmoͤglich ſein, die nun folgende Scene dieſes denkwuͤrdigen Tages genuͤgend zu beſchreiben, indem Verblendung und Gewaltthaͤ⸗ tigkeit auf beiden Seiten allzu maͤchtig waren. Waͤhrend etliche vom Hauptmann Butler gefuͤhrte Reiter abſaßen und die Steinkreuze und Fenſter zernichteten, ritten und raſeten Andere unter den Larmern umher, ſchwenkten ihre Hiebdegen und Piken, ſtießen die Buden der Haͤndler um, war⸗ fen alte Aepfelhökerinnen uͤber den Haufen, und jagten mit unabläͤſſiger Wuth Alles vor ſich her, indem ſie dieſe Gewaltthaten mit abſonderlichen Laͤſterworten gegen die Altaͤre des Baal und die neue Babel begleiteten, und die Saſſen von Ta⸗ merton ſolcher Verbrechen anklagten, als diejeni⸗ gen geweſen waren, die durch die Suͤndfluth und durch das Feuer, das vom Himmel auf Sodom und Gomorrha fiel, beſtraft wurden. 195 Der Sieg ſchien zweifelhaft, denn Haupt⸗ mann Butler, der, wie wir wiſſen, unvorſichtig genug geweſen war, abzuſitzen, ſah ſich jetzt hart bedraͤngt von den Paͤchtern und Bauern und de⸗ ren Knechten, die er mehr fuͤrchtete, als ein ſo kuhner Mann, wie er war, je zuvor einen Feind gefurchtet hatte. Die Bauern aber bedroheten ihn, daß, wenn er ſeine Mannſchaft nicht von dem Werke der Zerſtoͤrung zuruͤckberiefe, er flugs ſein Grab finden ſollte, denn ſie wuͤrden ihm le⸗ bendig in der noch nicht geſchloſſenen Gruft Gna⸗ degott Gabriels ſeine Stätte anweiſen. In dieſem Augenblick erſcholl aus dem Ge⸗ wuͤhl eine Stimme, welche rief:„Heda! dort kommt Capitaͤn Doll mit einem Rudel rundko⸗ pfiger Halunken hinter ſich. Steht veſt, wackere Leute! Weicht nicht! Werft den Capitän Doll und Jeden nieder, der auf uns loskommt.“ Der erwaͤhnte Capitaͤn Doll aber war zu damaliger Zeit eine in Weſtengland ſo beruͤchtigte Perſon, daß, waͤhrend Volk und Poͤbel und Kriegsknechte einander die Koͤpfe zerſchlagen, wir einige Worte uͤber dieſe dem Leſer ſo merkwuͤr⸗ 13* gebildet, ſo daß ſie gleich ihm puritaniſche Pre⸗ 196 dige Perſon ſagen muͤſſen. Das unter dem Na⸗ men Capitaͤn Doll bekannte Frauenzimmer war naͤmlich das beruͤchtigte, oder vielmehr uͤbel be⸗ ruͤchtigte Kebsweib des Capitaͤn Butler, Doro⸗ thea oder Dolly Sommerfield, die ehemalige Magd und zeitherige Beiſchlaͤferin des Indepen⸗ dentenhauptmannes, eine wuͤrdige Schuͤlerin des Letzteren, dem ſie aller Orten nachzog und ihm fechten, belagern und predigen half, ſo daß die Poeten des Tages ſie nicht unwuͤrdig erachteten, ihnen zum Stoff zu allerhand Liedern zu dienen, die von liederlichen Dirnen und herumlotternden Geſellen bei deren Orgien geſungen wurden. Dolly konnte, wie Cowley ſagt, drei Predigten hinter einander durchſitzen, und diejenige, die am laͤngſten gedauert hatte, war ihr die liebſte. Von allen Gnadenpredigern aber kam ihres Erachtens kein einziger dem Hauptmann Butler gleich, denn deſſen Sermone und deſſen Reiter kamen ſo dicht auf einander, daß Tertauslegen und Einhauen ſo ziemlich gleichzeitig eintraten. Nach ihrem Herzblatte, dem Hauptmann, alſo hatte ſie ſich 31 digten hielt. Als ſie nun eines Abends dieſem gottſeligen Werke obgelegen hatte, erſcholl plotz⸗ lich die Trompete des Reitertrupps ihres But⸗ lers zum Abmarſche, ſo daß Dolly ſich eiligſt auf die Socken machen und ihre Zuhoͤrerſchaft im Stiche laſſen mußte. Da es ein kalter, reg⸗ niger Abend war, ſchutzte ſie ſich auf dem Mar⸗ ſche gegen das rauhe Wetter durch ihres Liebha⸗ bers Lederwams und Blechhaube, ſo daß, als ſie in dieſem Aufzuge erſchien, ſie den Spottna⸗ men Capitaͤn Doll erhielt, der ihr bis an ihren Tod und noch nach demſelben verblieben iſt. Von Perſon war ſie lang, hochſchulterig und derb; und obſchon man ſie bei keiner Gelegen⸗ heit hat erroͤthen ſehen, ſo war Schaamhaftig⸗ keit ihr ſo eigen, daß nicht bloß ihre Wangen, ſondern auch ihre Naſe bleibend durch dieſelbe geroͤthet erſchienen; wiewohl etliche gottloſe Nei⸗ der kein Bedenken trugen, zu ſagen, Dolly ver⸗ danke dieſe Glorie des Geſichtes dem Brannt⸗ wein, durch welchen ſie den ihr werdenden Ein⸗ gebungen des Geiſtes nachzuhelfen pflegte. Dolly ging halb als Mann, halb als Weib 198 gekleidet einher, und hatte ſich vielfaͤltig als ta⸗ pfere Mitſtreiterin fuͤr Kirche und Parlament er⸗ wieſen. Ueber ihren Weiberrock und Mieder trug ſie einen alten Reiterkoller, eine roſtige Pike in der Hand und— Piſtolen im Le⸗ dergurtel. Dieſes ſeltſame Frtithn erſchien nun auf der Tamertonwieſe, um den Hauptmann But⸗ ler in ſeinen Heldenthaten daſelbſt zu unterſtutzen, welches ſie beſonders durch Puͤffe und Stoͤße that, womit ſie freigebig die anweſenden Weiber begruͤßte, ſo daß es manche zerfetzte Haube, manche zerriſſene Haarlocke und manche blutige Naſe abſetzte, als jenes nie genug zu preiſende Treffen von Tamerton Foliot auf dem Kirchhofe daſelbſt ſtattfand. Waͤhrend Capitaͤn Dolls zarte Hanbe eniht waren, alſo um ſich zu langen, war die Zunge der Dame keineswegs muͤßig, ſondern ſie fluch⸗ te— die Fromme mußte immer fluchen, ſobald ſie in gerechten Zorn uͤber die boͤſe Welt ge⸗ rieth— ſie fluchte, raſete, ſalbaderte, ſchimpfte, poͤhnte, predigte und ſang Pſalmen— Alles in 199 Einem Athem. Der Leſer wird uns damit ver⸗ ſchonen, ihr fanatiſches Wiſchiwaſchi hier nieder⸗ zuſchreiben. Als ſie damit zu Ende war, raffte ſie einen großen Stein auf, hieß allen ihren An⸗ haͤngern ihr zu folgen und die bunten Fenſter⸗ lichter der Kirche zu zerſchmettern, indem ſie dem Pobel erkläͤrte, der Herr des Himmels und der Erde wuͤrde aus dem Lande England entlaufen, wenn dem Götzendienſte der Koͤniglichgeſinnten nicht Einhalt gethan wuͤrde.„Er laͤuft davon,“ raſ'te fie,„ſeine Gloria ziehet von dannen, und boͤſe Tage werden dann uͤber uns kommen. Der Herr der Heerſchaaren packt den Covenant— den ſchottiſchen und englaͤndiſchen Covenant— zuſammen, weil Niemand ſeine Waare kaufen will. O leget Hand an ihn! Laßt ihn nicht Euren Kuͤſten entrinnen! Er ziehet von dannen; er rafft Eure Bibeln auf und nimmt ſie eben⸗ falls mit, weil ſie aus Mangel an Gebrauch ſo ſtaubbedeckt ſind, daß Ihr mit den Fingern Grundriſſe vom Höllenpfuhl darauf zeichnen koͤnn⸗ tet. Ich ſage, folgt mir nach und werfet das Gotzenthum darnieder, damit der Herr im Lande 200 bleibe. Haltet ihn auf, haltet ihn auf! Ich will helfen ihn aufzuhalten; ich will die Erſte ſein, die da Hand an den Pflug legt.“ Mit dieſen Worten rannte ſie der Kirche zu, und Viele folgten dieſem tollen, fanatiſchen Weibe. Ein einziger Steinwurf aus ihrer Fauſt zertrum⸗ merte eine ganze Reihe gothiſcher Heiligen, die harmlos ſeit Jahrhunderten geſtanden und das große oͤſtliche Fenſter der Kirche zu Tamerton ge⸗ ſchmuͤckt hatten. Stoͤhnet, Ihr Alterthumsfor⸗ ſcher, die Ihr damals noch nicht geboren waret, denn es iſt wahr, was ich erzaͤhle, und das ſchlichte, weiße Glas, das man jetzt in den Fen⸗ ſtern des ehrwuͤrdigen Gebaͤudes erblickt, zeugt davon, denn ſie verdanken ihr minder glorreiches Entſtehen dem Tumulte an jenem Larmſonntage! Capitän Dolls Beiſpiel ward von den Reiters⸗ knechten und all den fanatiſchen Rundkoͤpfen nach⸗ geahmt, die anweſend waren und an dem un⸗ heiligen Thun Antheil nahmen, waͤhrend die Royaliſten vergebens ſtrebten, dem Kirchenfrevel Einhalt zu thun. Die Verwirrung ward jetzt fuͤrchterlich. Pferde 201 courbettirten, Menſchen wurden von ihnen nieder⸗ geſtampft, Piſtolen wurden abgefeuert, Schwer⸗ ter hieben umher, Weiber kreiſchten, Knittel und Heugabeln wurden geſchwungen. Etliche wur⸗ den von ihren Gaͤulen geriſſen, Andere in den Staub getreten, Viele verwundet und Mehrere getoͤdtet. Die Fenſter der Kirche wieſen ſich zer⸗ truͤmmert. Der blinde Fiedler verlor ſeine Geige und Alles bis auf den Hund, der ihn nimmer verließ, und an deſſen Leine er ſeinen Weg fand. Der juͤdiſche Trödler ward um ſeiner Waaren willen zum Gefangenen gemacht, und der halb⸗ naͤrriſche Saͤnger lief wie ein Weiſer davon, als er ſah, daß er nicht laͤnger Stand zu halten vermogte. Die Cavaliere fochten ſo tapfer als die Rundköpfe, und ſtrebten ſo entſchloſſen fuͤr die Aufrechterhaltung der Tagesfeſtlichkeit, als ob davon das Schickſal des Konigs abgehangen hätte. Lange währte der wilde Kampf, bis, da der Sieg noch immer nicht deutlich entſchieden war, die Reiter mit ihrem Hauptmann Butler und dem Capitaͤn Doll endlich des Unheils, das ſie angerichtet hatten, ſatt zu ſein ſchienen und zum Ruͤckzuge blieſen. Sie nahmen die gemach⸗ ten Gefangenen, die jedoch keineswegs Perſonen von Bedeutenheit waren, zwiſchen ſich und zo⸗ gen muͤde vom Streite von dannen, waͤhrend ſie das Kampfgefild im Stiche ließen und Dolly einen Siegspſalm anſtimmte, wie Deborah that, als ſie ſich an der Niederlage Barachs und deſ⸗ ſen Goͤtzen Baal erfreute. Ihr Singſang mußte jedoch bald viſtn⸗ men, denn da ſie unbeſonnen genug war, hinter dem Troſſe der Ihrigen zuruͤckzubleiben, um an der Eiche ein Schluͤckchen Gebranntes zu ſich zu nehmen, auf daß ſie nach den Muͤhen des Ta⸗ ges ſich den Geiſt auffriſchte, ward ſie von ei⸗ nem Rudel Dorfburſchen und Jungen gejagt, ſo daß ſie verſuchte, Schutz in der Huͤtte der Wittwe Raleigh zu finden. Dieſe aber hatte gleich nach ihrer Ruͤckkehr aus der Kirche ihre Thuͤr verrie⸗ gelt, indem ſie von beſonderen Urſachen bewogen ward, ihre Wohnung vor durchſuchender Neu⸗ gier zu ſchuͤtzen. Miſtreß Raleigh weigerte ſich alſo, den Capitaͤn Doll bei ſich aufzunehmen, wo⸗ gegen dieſer der Wittwe fuͤrchterliche Rache ſchwur. 203 Die Buben und Dorfknechte aber verabſaͤumten die ihnen ſich bietende Gelegenheit nicht, packten Dolly beim Kragen, ſetzten ſie auf einen alten Karrengaul—„verkehrt ſtatt des Zaumes den Schwanz in der Hand“, und ließen ſie, wie es in Devon genannt wird,„zu Waſſer reiten“ Waährend ſie ſo zur naͤchſten Pferdeſchwemme traben mußte, um daſelbſt geduckt zu werden, hatte man uͤber einen kleinen, ſchmalen Bruͤcken⸗ weg oberhalb des niedlichen Gewaͤſſers zu gehen, das noch durch das Dorf fließt. Auf dieſem Stege nun verlor Dolly, als ſie ſich mit Hef⸗ tigkeit der ihr angethanen Gewalt erwehrte, das Gleichgewicht, purzelte kopflings in die Fluth hinein und verhalf ſo ſich ſelber zu dem Ducken, welches der Pöbel ihr zugedacht hatte. Die Jun⸗ gen pfiffen und ziſchten, und die Dorfknechte haͤndeklatſchten und lachten aus vollem Halſe. Wohl eingeweicht ward Dolly endlich von dem frommen Schneider und Schuhflicker aus dem Waſſer gezogen, doch waͤhrte es lange, bevor ſie wieder zu ſich ſelbſt kam. So endete fur dies⸗ mal Dolly's Abenteuer. — — — 1 204 Die wenigen zerbrochenen Glieder und zer⸗ ſchlagenen Koͤpfe, die bei dieſem Handgemenge verabreicht wurden, weggedacht, war Heſekiel un⸗ ter Allen Derienige, der am uͤbelſten dabei weg⸗ kam; denn er hatte verſucht, den Friedensſtifter zwiſchen beiden wuͤthenden Parteien abzugeben, und erfuhr nun das gewoͤhnliche Schickſal eines gemaͤßigten Vermittlers zwiſchen zweien raſenden Kaͤmpfern. Beide Parteien erklaͤrten ihm, als es mit ihrem eigenen Kampfe vor der Hand ein Ende hatte, den Krieg, ſo daß er mit genauer Noth, wiewohl arg durchgepruͤgelt, entrann. Als die Reiter fort waren, zogen die Cava⸗ liere und uͤbrigen Koͤniglichgeſinnten zuſammen, und waren ebenfalls auf haſtigen Ruͤckzug be⸗ dacht nachdem ſie zuvor nach beſtem Vermoͤgen fuͤr die Verwundeten geſorgt hatten. Dann hiel⸗ ten ſie kurzweg Rath uͤber gewichtige und ge⸗ fährliche Dinge und beſtimmten Zeit und Ort zu einer Zuſammenkunft; denn nach den Ergeb⸗ niſſen dieſes Tages fuͤhlten Alle, daß die Stunde zu angeſtrengterem Thun und offeneren Hand⸗ lungen der Feindſeligkeit nahe ſein muͤßte. Wir 205 ſcheiden fur jetzt von ihnen und wenden uns zu Denkwuͤrdigkeiten, die in dieſer wahrhaften und zuverlaͤſſigen Geſchichte als von nicht geringerer Wichtigkeit erſcheinen. Eilftes Capitel. „Ihn kannt' er, und vermuthete, ſie waͤr's; Doch weil verlarvt ſie war, konnt' er ſich irren.“ Shakſpeare. Wahrend des Aufruhrs, von dem wir im vor⸗ hergehenden Capitel eine Beſchreibung verſuch⸗ 1 ten, erſchien unter Denen, die thaͤtigen Antheil an dem Streite gegen die Parlamentiſten nah⸗ men, auch der junge Elford. Allerdings war es ſehr unvorſichtig von ihm, ſich in ein Handge⸗ menge zu wagen, in welchem zum Nutzen ſeiner Partei nichts Entſcheidendes erlangt werden konnte, wo er ſich aber einer großen Gefahr ausſetzte, ohne verhaältnißmaͤßige Veranlaſſung dazu gehabt zu haben. Nur durch Unbeſonnenheit der Ju⸗ gend konnte ſolches Thun entſchuldigt werden. Ob er vom Hauptmann Butler erkannt worden war, oder nicht, vermoͤgen wir nicht zu ſagen; doch moͤgten wir Nein dazu ſagen, denn den jungen Elford als Gefangenen mitzunehmen, wuͤrde fuͤr eine hochwichtige Sache anzuſehen ge⸗ weſen ſein. Gewiß jedoch iſt es, daß Reginald Elford von dem tapfern Capitaͤn Coleman erkannt ward, der durchaus keinen Theil an dem Handgemenge genommen, ſondern ſich damit begnuͤgt hatte, Diejenigen von beiden Parteien in's Auge zu faſ⸗ ſen, die ſich dabei am meiſten auszeichneten. Der Leſer wird ſich des zweifelhaften Charakters des Capitaͤns erinnern, ſo wie auch, daß er dem jungen Elford in der Huͤtte der Wittwe Raleigh gedroht hatte. Wirklich beabſichtigte Coleman, dem jungen Elford einen feindſeligen Streich zu ſpielen; er wollte naͤmlich ſelbſt den Juͤngling in die Haͤnde der Gerichte ſpielen, und ſagte nur aus dieſem Grunde dem Hauptmann Butler nichts von der Anweſenheit Elford's, denn ſodann wuͤrde der Lohn des Verraths nicht in Coleman's Haͤnde, ſondern in die des Reiterhauptmanns gefallen 208 ſein. Coleman hatte den Juͤngling trotz deſſen breitem Hut und weitem Mantel gar wohl er⸗ kannt, allein Coleman war ein Feigling in der Haut, und wagte ſich daher nicht perſoͤnlich an Reginald, nahm ſich jedoch vor, dieſem bis in deſſen Verſteckort nachzuſpuͤren. Um dieſes zu bewerkſtelligen, ſtieg er zu Pferd, als der junge Royaliſt hinter dem Gaͤrtchen der Wittwe Ra⸗ leigh ein Gleiches that, und ritt gemaͤchlich hin⸗ ter ihm drein. Die Anweſenheit Elfords war nicht blos von Coleman, ſondern auch von der Dame in der Maske bemerkt worden. Auch ſah die Verlarvte aus dem Huͤttenfenſter der Wittwe Raleigh, wie der Juͤngling zu Gaul ſtieg und wie Capitaͤn Coleman ihm folgte. Haſtig rief ſie den ſie als Reitknecht begleitenden Burſchen, fluͤſterte ihm etwas ins Ohr und ſah nach wenigen Minuten ihren gegebenen Befehl erfullt, denn der Burſch fuͤhrte ihr Pferd, ſo wie das ſeinige vor. Die Dame ſetzte ſich zu Sattel und verließ auf ei⸗ nem Seitenwege die Huͤtte, um einen Vorſprung zu gewinnen und durch eine Querſtraße auf den 209 Heerweg zu gelangen, auf welchem Reginald El⸗ ford entlang geritten war. Der junge Elford war ſehr herabgeſtimmt, denn an dem Morgen deſſelben Tages hatte Mut⸗ ter Gee, die ihrer eigenen Zwecke willen ſich ſo zu geben wußte, als haͤtte ſie Kundſchaft von allen Parteien, ihm gewiſſe Winke, Betreffs des ſonderbaren Zwiegeſpraͤches gegeben, das ſie waͤh⸗ rend ihrer Wache bei dem Todten zu Mount Edgcumbe zwiſchen Amias Radeliffe und Agnes Piper belauſchte. Reginald hegte allerdings ve⸗ ſtes Vertrauen zu der Treue ſeiner geliebten Agnes und wollte daher keinen Verdacht gegen dieſelbe bei ſich aufkommen laſſen. Auch wußte er, daß die Zeiten von außerordentlicher Beſchaffenheit waren, und alſo außerordentliche Verhaͤltniſſe her⸗ beifuͤhrten; dennoch kniſterten wider ſeinen Willen Fuͤnkchen des Zweifels und der Eiferſucht in ihm; Regungen, von denen aͤchte Liebe ſich vielleicht niemals frei erhalten kann, ſo lange ſie nicht im ausſchließlichen Beſitze des geliebten Gegen⸗ ſtandes iſt. So wollte Reginald zwar ſeine Agnes nicht beargwoͤhnen, dennoch konnte er nicht Warleigh. II. 14 210 eher Herzensruhe finden, als bis er von der Ge⸗ liebten Erklaͤrung uͤber das Vorgefallene erhal⸗ ten haben wuͤrde. Mit nicht geringer Gefahr war er waͤhrend der Morgenzeit dieſes Tages in den Gefilden und Gehoͤlzen von Mount Edg⸗ cumbe umhergeſtrichen, ob er nicht etwa Agne⸗ ſen auf einem ihrer gewoͤhnlichen Spaziergaͤnge begegnen wuͤrde. Leider geſchah dies nicht, doch erfuhr er von einem der Kuͤchen- oder Hunde⸗ jungen des Sir Piers, die Fraͤulein des Hau⸗ ſes hätten ſich nach einem Jagdhaͤuschen unfern der Tamerlonwieſe begeben, um von dort aus viel⸗ leicht die Volksbeluſtigung auf der Wieſe zu beſu⸗ chen. Da Elford ſich nun dem Jagdhaͤuschen nicht naͤhern durfte, hoffte er Agnes entweder im Ge⸗ wuͤhl zu Tamerton oder doch auf ihrem Heim⸗ wege nach Mount Edgeumbe anzutreffen. Da nun keins von Beidem ſich hatte fuͤgen wollen, ritt Reginald truͤbſinnig die Straße entlang. Plötzlich aber ſchlug ſein Herz hoͤher auf, als er vor ſich her die uns bekannte maskirte Dame dieſelbe Straße reiten ſah. War es Agnes? Konnte ſie es ſein? Koͤrpergroͤße und Wuchs 211 ließen es vermuthen, auch die leichte und anmu⸗ thige Handhabung des Pferdes zeigte ſich, jedoch das Pferd war nicht das, was Agnes gewoͤhn⸗ lich zu reiten pflegte; indeß der Umſtand machte nichts aus, da Sir Piers viele Pferde hatte, und Miß Agnes Piper, als geuͤbte Reiterin, wohl jeden Gaul zu lenken wußte. Dann der dunkle Mantel uͤber ihren Schultern— Reginald glaubte den Mantel zu erkennen; ja, ja, zu mehreren Malen hatte er Agnes damit bekleidet geſehen. Wie aber kam's, daß ſie ihn, den Geliebten, jetzt nicht beachtete? Was konnte das zu bedeuten haben? Reginald wollte zu ihr hinanreiten und ſie um Erklaͤrung, um Aufloͤſung aller ſeiner Zweifel Betreffs ſeiner Herzensangelegenheit bit⸗ ten, obſchon Capitaͤn Coleman, der dicht hinter ihm her trabte, wiewohl durch nichts darthat, daß er den jungen Elford erkannt haͤtte. Bei alldem glaubte Reginald hoͤchſt vorſich⸗ tig ſein zu muͤſſen, denn obwohl er faſt uͤber⸗ zeugt war, die verlarvte Dame ſei Miß Agnes, ſo war es doch moͤglich, daß er ſich irrte. Ca⸗ pitaͤn Coleman war unterdeſſen hart am Rande 14* —212— des Heerweges hin der Verlarvten naͤher gekom⸗ men, als Elford ihr war; dennoch faßte dieſer ein Herz, ſprengte an dem Capitaͤn voruͤber und ritt dann dicht neben der Dame. Ihr Burſch trabte einige Schritte weit vor ihr her. Die Stimme, die ſie laut werden laſſen wuͤrde, muͤßte entſcheiden, dachte Reginald. Der Weg ging uͤber eine ſchmale Ebene, zu der der Burſch die Drehpforte ſo eben geoffnet hatte. Elford ver⸗ beugte ſich und gruͤßte die Dame in hoͤflichen Ausdruͤcken; die Verbeugung ward erwidert, doch ſprach die Verlarvte kein Wort. In der Abſicht, die erwuͤnſchte Erklaͤrung von ſeiner Geliebten zu erlangen, ohne das min⸗ deſte Mißtrauen gegen dieſelbe blicken zu laſſen, redete Elford die Dame nochmals im Geiſte und Tone an, wie es den feinen Sitten ſeiner Zeit entſprach, und als er abermals keine Antwort empfing, fuhr er fort:„Ich hoffe, ſchoͤne Miß, Ihr werdet Euerm treuen Diener ein Wort goͤn⸗ nen.“ Zur Zeit unſerer Erzaͤhlung pflegten Lieb⸗ haber ſich gern Diener ihrer Geliebten zu nen⸗ nen.„Ihr koͤnnt Euch mir offen kund geben, 13 denn obwohl ich gewahre, daß Ihr geneigt ſeid, heute meine Geduld auf die Probe zu ſtellen, ſo weiß ich doch, wen ich in Euch begruͤße, und weder Maske noch Mantel koͤnnen Euch mir verbergen.“ „In Wahrheit, Sir,“ verſetzte die Verlarvte mit einer Stimme, die in Reginald's Ohr zwar wie die Agneſens, wiewohl etwas heller und ſchaͤrfer klang;„wenn ich Euch ſo wohl bekannt bin, als Ihr ſagt, ſo bedarf es meines Kund⸗ gebens nicht. Indeſſen, obwohl ich Euch als guten Schuͤtzen kenne, glaube ich doch, daß Ihr bisweilen, und ſo auch wohl heute, weit neben das Ziel hinſchießt.“ „Laſſen wir jegliches Wortſpiel,“ verſetzte Reginald,„ein einziger offenherziger, freundli⸗ cher Ausdruck iſt mehr werth, als das zierlichſte Compliment, ſelbſt wenn es verdient ward. Ver⸗ ſichert mich nur, daß Ihr die ſchoͤne Dame ſeid, fuͤr die ich Euch halte, und—“ „Ei,“ entgegnete die Dame in der Maske mit Lachen, denn ſie ſchien es auf Scherzreden abgeſehen zu haben,„wer ſagt denn, daß ich 214 Complimente von Euch hoͤren will? Ich ver⸗ lange gar nicht, daß Ihr mich ſchoͤne Dame nennt, da Ihr mein Geſicht nicht geſehen habt;z denn haͤttet Ihr es geſehen, ſo wuͤrdet Ihr es vielleicht nur fuͤr leidlich huͤbſch und noch nicht fur gaͤnzlich verweint halten, indem Manche ihre Schoͤnheit durch ihre Thraͤnen uͤber dieſe kriege⸗ riſchen Zeiten verderben.“ „Die kriegeriſchen Zeiten,“ entgegnete Regi⸗ nald,„ſind an und fuͤr ſich ſchon ſchlimm ge⸗ nug, allein ein Fluch wuͤrden ſie ſein, wenn ſie die Schonheit zerſtörten. Nur Eines giebt es, was den Koͤrperreiz uͤberſtrahlt, und das iſt die Schoͤnheit der Seele, in welcher Aufrichtigkeit als ein ewiges Licht leuchtet. Mit den Gefuͤh⸗ len eines Anderen ſein Spiel treiben, wie Ihr zu thun heute fruͤh geneigt zu ſein ſcheint, zeugt aber nicht von ſolchem Strahlenlichte. Laßt alſo ab, ich bitt' Euch, von dieſen Thorheiten, die Ihr, wie ich fuͤrchte, von Eurer Freundin lern⸗ tet, und thut und redet aus Eurer eigenen Seele, denn ich habe Euch etwas hoͤchſt Schmerzliches 215 mitzutheilen. Ihr wißt, daß ich Euch liebe und moͤgte Euch jetzt ſagen—“ „Nur kein Geheimniß!“ fiel die Dame ihm in's Wort,„es moͤgte Euch ſonſt, nachdem Ihr Euren Irrthum einſahet, gereuen. Nehmt mei⸗ nen Rath an, und erklaͤrt niemals eher Eure Liebe, als bis Ihr gewiß wißt, daß Eure Hul⸗ digung willkommen iſt. Wie koͤnnt Ihr wiſſen,“ ſetzte ſie lachend hinzu,„daß ich nicht einen gluͤck⸗ licheren Nebenbuhler Euch vorziehe?“ Reginald fuhr bei dieſen Worten betroffen zuruͤck. Freilich waren dieſelben taͤndelnd hinge⸗ ſprochen, doch faßte ihn die Eiferſucht, und er entgegnete haſtig:„Nimmer, nimmer koͤnnt Ihr das! Nach Dem, was vorfiel, koͤnnt Ihr ſo nicht mit mir verfahren. Euere Aufrichtigkeit, Eure Wahrheitsliebe, Euer Zartgefuͤhl, Euer Gewiſſen verbieten es Euch insgeſammt. Es kann, es darf keine Eiferſucht in meinem Herzen gegen Euch aufkommen, obwohl Ihr jetzt mich mar⸗ tert. Ich weiß Euch mir treu, denn Ihr ſeid die Trefflichſte—“ „So recht!“ verſetzte die Verlarvte,„ſo macht ——— 216 Ihr's Alle; Ihr ſchmeichelt uns, macht uns ei⸗ tel und ſchmaͤht uns hinterdrein wegen unſerer Thorheit. Wir ſind Engel— ſo lange Ihr um uns werbt und wir Euch nichts zu Leide thun; bei dem erſten Anlaß von Verdacht aber, den Ihr gegen uns hegen moͤgtet, ſind wir nicht viel weniger als boͤſe Geiſter. Ihr nennt unſere Ge⸗ ſichter hubſch, ſagt uns, bluͤhende Roſen ſind minder ſchoͤn als unſere Wangen, und doch zieht Ihr dabei unſere Liebe und Treue in Zweifel. Sobald Ihr uns aber gewonnen habt, und wir blos einen Scherz mit Euch treiben, ſo ſeid Ihr in Eurem Verdruſſe die Herren der Schoͤpfung, und unſere Schoͤnheit wird zu der, die ſich auf Jeſabel's geſchminktem Antlitze wies, waͤhrend unſere Treue Euch nicht mehr gilt, denn die der Delila, als ſie Simſon verrieth. Ja, es giebt fuͤr uns keinen ſicheren Weg Euch zu gefallen; denn ſind wir gleichgultig in unſerem Anzuge, ſo duͤnkt Euch das ungeziemend, ſchmuͤcken wir uns aber ein wenig, ohne dabei aufzuhoͤren keuſch und rein wie die Lilien auf dem Felde zu ſein, ſo beſcheltet Ihr uns als eitel und putzſuͤchtig, 217— ſo daß wir uns keine Locke aufkraͤuſeln koͤnnen, ohne daß Ihr ſagt, wir wollen Maͤnner darin fangen, wie der Vogelſteller den Zeiſig im Netze faͤngt. Ich kenne Euer falſches Geſchlecht recht wohl, und will Keinem von Euch trauen; ſo daß, ſobald Ihr Liebe ſchwoͤrt, ich mich leichtglaͤubig wie ein Jude und hartherzig wie ein Commiſ⸗ ſionsmitglied zeigen will, wenn ein Royaliſt aus⸗ ruft:„„Habt Erbarmen mit meiner Hab' und meinem Gute!““ „Ich ſehe,“ ſagte Reginald,„Ihr ſeid ent⸗ ſchloſſen, heut Euer Spiel mit mir zu treiben, in⸗ dem Ihr meiner Gefuͤhle ſpottet; und dennoch, obwohl ich ſolchen Scherz fuͤr unzeitig halte, kann ich nicht umhin, die Anmuth, mit der Ihr ihn treibt, zu bewundern.“ Die Dame fuhr fort, ihren jungen Begleiter mit allerlei leichten Hohnreden uͤber die Maͤnner und deren Liebe und Liebesforderung zu necken, ohne jedoch ihre Perſon im mindeſten kund zu ge⸗ ben, ſo daß, als ſie das Capitel der Eiferſucht etwas ſcharf hernahm, Elford ihr endlich in die Rede ſiel und ausrief:„Nein, das heißt den — 218 Scherz allzu weit treiben. Ich beſchwoͤr' Euch, ſeid ernſthaft. Ich ſuchte Euch auf, um mit Euch Dinge von Erheblichkeit zu ſprechen, nicht aber mich in Thorheiten zu verlieren. Laßt uns die ſich uns bietende Gelegenheit nicht durch un⸗ nuͤtzes Geplauder verſcherzen. Ich weiß nicht, was ich von dem Weſen, das Ihr gegen mich annehmt, denken ſoll, denn bei allem Frohmuth, der aus Euren Worten ſpricht, enthalten dieſe doch eine Strenge, die uͤber die Grenzen des Scherzes hinausgeht, oder als ob Ihr den Hoͤf⸗ lingen nachahmtet, die gern in ſpitzigen Aus⸗ druͤcken reden. Es ſcheint, Ihr wollt blos witzig ſein, Miß.“ „Das mein' ich nicht, Sir,“ entgegnete die Maske. „Nun, ſo wollt Ihr blos Euer Spiel mit mir treiben,“ verſetzte der Juͤngling etwas ge⸗ reizt. „Beſſer, daß Ihr zugebt, ich thue das, als daß ein Anderer ſein Spiel mit Euch treibt,“ entgegnete die Dame ploͤtzlich.„Koͤnnt Ihr fech⸗ ten, Sir?“ 219— „Mit einem Manne, wenn es ehrlichen Streit zwiſchen ihm und mir giebt, gewiß!“ antwor⸗ tete Elford. „Seid Ihr nicht alſo der Meinung,“ ſprach die Schalkhafte weiter,„daß eines Fechters Ge⸗ ſchicklichkeit ſich darin zeigt, daß er einen Stoß oder Hieb gehoͤrig abzuwehren weiß, der Stoß oder Hieb mag nun regelrecht, ſchuͤlerhaft, ehr⸗ lich oder hinterliſtig gefuͤhrt werden? Wohlan, Sir,“ fuͤgte ſie hinzu, indem ſie umher und hinter ſich blickte,„eine ſolche geſchickte Fechterin bin ich; denn waͤhrend ich mit Euch ſprach, habe ich einen gegen Euch gerichteten Angriff glucklich abgewehrt.“ „Ich verſtehe Euch nicht, Miß,“ entgegnete Elford. „Das glaub' ich gern,“ ſagte die Dame und ritt jetzt ganz nahe neben dem Juͤngling hin. „Doch will ich's Euch deutlich machen. Ich muß kurz ſein— Ihr ſchwebt in Gefahr— man lauert Euch auf. Meine Anweſenheit gereichte bisher Euch zum Schutze. Jener abſcheuliche Coleman ſtellt Euch nach, und vor kaum zehn 220 Minuten ſah ich druͤben auf dem Felde etliche Häſcher, die von dem Capitaͤn gegen Euch ge⸗ ſandt worden ſein wuͤrden, wenn mein Beiſein ihn nicht bisher daran verhindert haͤtte. Ich plauderte, lachte, brachte Euch dahin, daß Ihr ſchienet, als rittet Ihr in meiner Geſellſchaft und als mein Freund. So lange Ihr mich geleite⸗ tet, wagte man nicht, Euch anzugreifen, denn ob⸗ wohl ich eine Maske trage, kennt man mich doch recht wohl an dem Burſchen, der mir folgt. Hier kommt die Heerſtraße. Galoppirt als ob Euer Leben davon abhinge; ich will jetzt umkeh⸗ ren und die Auflaurer, wenn ich ihnen begegne, im Namen eines Mannes hindern, dem unge⸗ horſam zu ſein ſie nicht wagen duͤrfen. Seid auf Eurer Hut; Ihr kennt nicht die Gefahr, die Euch drohet. Wagt Euch nie wieder in's Gewuͤhl. Ihr thatet unweiſe, auf der Laͤrmwieſe Euch blicken zu laſſen. Sagt Euerm Vater, daß er fuͤr immer die Huͤtte zu meiden hat, daß er nicht wieder dahin zuruͤckkehren darf. Ich weiß, er verließ ſie geſtern Abend und begab ſich an einen andern Verſteckort, der ziemlich gefaͤhrlich 221 fuͤr ihn war. Enthebt Euch und ſeid in Zukunft behutſamer. Jetzt habt Ihr nichts mehr zu fuͤrch⸗ ten, doch erwägt, daß ich nicht immer in der Naͤhe bin, um Euch durchzuhelfen, und daß es Leute giebt, gegen die ich Euch endlich nicht ſchuͤtzen kann.“ „So ſeid Ihr denn nicht die Dame, fuͤr die ich Euch hielt?“ ſagte Elford.„Eure Geſtalt, Euer Wuchs ſchien mir doch zu ſagen, daß Ihr es waͤret, wiewohl Eure Stimme, ich hoͤr' es, da Ihr hurtiger als vorhin ſprecht, ungleich tie⸗ fer, kraͤftiger und gebietender ſchallt. Sagt mir, wer Ihr ſeid; vertraut meinem Ehrgefuͤhl und laßt mich meine Beſchuͤtzerin kennen, denn das ſeid Ihr mir wohl unſtreitig heute geweſen.“ „Wollt nichts wiſſen, als daß ich Eure Freun⸗ din bin,“ verſetzte die Verlarvte;„nochmals warn' ich Euch, auf Eurer Hut gegen den fal⸗ kenaͤugigen Coleman zu ſein. Ich weiß, daß er mit Menſchen in Verbindung ſteht, die Euch ge⸗ faͤhrlich ſind. Flieht dieſe Gegend, und Ihr ſeid ſicher. Lebt wohl; der Himmel beſchirm' Euch!“ Bei dieſen Worten trieb die Verlarvte ihren Gaul und ritt auf eben dem Wege zuruͤck, auf welchem Capitän Coleman lauernd dem jungen Elford nachgefolgt war. Dieſer hatte die Dame ſammt ihrem Burſchen bald aus dem Geſichte verloren. Elford's Empfindungen waren verworren und aufgeregt, als die Dame von ihm ſchied; und ob⸗ wohl er fuͤrbaß ritt, wie ſie es ihm befohlen hatte, konnte er doch nicht dem Verlangen wi⸗ derſtehen, Agnes zu ſehen, bevor er zu ſeinem Schlupfwinkel bei Sir William Baſtard zuruͤck⸗ kehrte. Bei dieſem tapferen Royaliſten dachte er dann ſo lange zu bleiben, bis Alles bereit ſein wuͤrde, den lange genaͤhrten Plan zur Befreiung des Koͤnigs zur Ausfuͤhrung zu bringen. ölttes Capitel. „Seine Worte ſind Zuſagen, ſeine Schwuͤre ſind Orakel⸗ ſpruͤche, ſein Lieben iſt aufrichtig, ſeine Gedanken ſind tadellos, ſeine Thraͤnen ſind lautere, dem Her⸗ zen entſendete Boten, und ſein Herz iſt dem Truge ſo fern als der Himmel es der Erde iſt.“ **„ „— Dieſe Eiferſucht Iſt fuͤr ein koſtlich Herz; wie»s ſelten iſt, Muß groß ſie ſein; und da er edel iſ⸗ Muß ſie auch heftig ſein.“ Shakſpeare. Wir muͤſſen Reginald Elford ſeines Weges zie⸗ hen laſſen, und uns Ergebniſſen zuwenden, die an dem Laͤrmſonntage ſtattfanden. Amias Radeliffe, der in Erfahrung brachte, daß die Familie von Mount Edgeumbe mit ih⸗ ren Gaͤſten fuͤr eine Zeitlang ſich nach einem ———— 224 Jagdſchlößchen unweit Tamerton begeben hatte, machte ſich dorthin auf den Weg, um Gertrud Coppleſtone's Auftrag, deſſen der Leſer ſich er⸗ innern wird, mittelſt einer von Agneſens Zofe auszurichten, die ihm wohlbekannt war; ja, er hoffte auf dieſe Weiſe Agnes ſelbſt ſprechen zu können. Er hatte die Zofe zum Voraus dahin gewonnen, daß Agnes ein kurzes Geſpraͤch mit ihm zu einer gewiſſen Stunde geſtatten wollte. Nun traf es ſich, daß, als Radcliffe, eben nicht in der heiterſten Stimmung, dem Jagdſchloͤßchen vorſichtig zuſchritt, er von Reginald Elford er⸗ ſpaͤht ward, welcher ſchon angelangt war und nun ſah, wie die Zofe den jungen Amias durch eine Hinterpforte einließ, dabei ſehr eilfertig aus⸗ ſchauete und ſpaͤhend umherblickte, ob auch ein Lauſcher in der Naͤhe ſein moͤgte. Wir ſagen vor der Hand nichts weiter uͤber Elford's Empfin⸗ dungen, als daß er bei dieſem Anblicke und nach den Winken, die ihm von Mutter Gee gegeben worden waren, vor Eiferſucht ſchier haͤtte raſend werden moͤgen. Vorſchnell erklaͤrte er im Her⸗ zen Agnes Piper fuͤr treulos, und beſchloß, für 225 dieſe Schmach vollgenuͤgende Rache zu nehmen. Sein Pferd ließ er an einen Baum gebunden ſtehen, und harrte bis Amias das Haus wieder verlaſſen wuͤrde, in welchem er ſich nach Regi⸗ nalds Dafuͤrhalten, jetzt als deſſen beguͤnſtigter Nebenbuhler befand. Wir folgen des jungen Radcliffe's Schritten. Amias ward in ein kleines niedriges Gemach eines entlegenen Theiles des Jagdhauſes gefuͤhrt, wo er nicht lange, doch in nicht geringer Unruhe, zu warten hatte, bis Agnes erſchien. Auch dieſe ſah aufgeregt aus und fragte ziemlich bewegten Tones, warum Mr. Radcliffe ſie nochmals auf⸗ ſuchte, nachdem ſie ihm unter großer Gefahr und zu ungewohnter Stunde ein Geſpraͤch un⸗ ter vier Augen zu Mount Edgeumbe geſtattet hatte. „Aus gedoppelter Urſach, Miß,“ war des Ge⸗ fragten Antwort.„Habt Ihr ſo ſchnell den In⸗ halt jenes Geſpraͤchs vergeſſen? oder meint Ihr, daß dieſe widrigen Zeiten meine Gefuͤhle ſo ſehr umwandeln koͤnnen, daß ich Eurer vergaͤße, weil ich ſelbſt ungluͤcklich bin? Nein, Agnes, meine Warleigh. II. 15 226 Freundſchaſt iſt nicht von der Dauer eines Som⸗ mertages. Ihr habt mir verboten, fuͤr immer verboten, meiner Empfindung fuͤr Euch einen zaͤrtlicheren Namen zu geben; allein obſchon ich nicht hoffen kann, Eure Liebe zu gewinnen, will ich doch ſo handeln, daß mir Eure Achtung nicht entſteht. Ihr ſollt erkennen, daß ich edel⸗ muͤthig ſein kann und meiner ſelbſt nicht achte, waͤhrend ich mein Moͤglichſtes thue, um Euer Gluͤck zu foͤrdern.“ „Ach!“ verſetzte Agnes in freundlichem und verſoͤhnendem Tone,„ich bin offenherzig gegen Euch geweſen, Mr. Amias, ich habe Euch nie⸗ mals getaͤuſcht. Alles, was ich Euch bieten konn⸗ te, bot ich Euch; wiewohl es, ich geb' es zu, ungleich Eurem Verdienſte und der Dankbarkeit iſt, die ich Euch ſchuldig bin. Ihr rettetet mich aus den Fluthen, Ihr botet mir Eure Liebe an, die ich jedoch nicht erwiedern konnte, da mein Herz bereits einem Andern geſchenkt war. Der Dienſt, den Ihr mir leiſtetet, Euer Edelſinn und Eure Herzenswärme verdienten es miteinander, daß ich ſonder Ruͤckhalt aufrichtig gegen Euch — 227 war. Ihr wißt, daß ich es war, wißt, daß ich Eure Bitte gewaͤhrte, keinem Menſchen Etwas von Eurer Liebesbewerbung um mich zu ſagen, weil dieſe erfolglos bleiben mußte. Es bedurfte kaum eines ſolchen Verſprechens, da Zartgefuͤhl fuͤr Euer verwundetes Herz mir hieruber von ſelbſt die Lippen verſiegelt haͤlt. Von der Stunde an, in welcher Ihr mich aus dem Waſſer zoget, habe ich Euch geſchaͤtzt und geehrt, ja, als ei⸗ nen Bruder geliebt.— Was kann ich mehr thun?“ Rabeliffe ſchien von der herzlichen Anrede des Mädchens tief ergriffen zu ſein. Agnes aber fuhr fort:„Habe ich mich nicht ſtets dankbar gegen Euch erwieſen? Sagte ich Euch nicht gleich freimuͤthig, daß ich mich einem Anderen verlobte? Gewaͤhrte ich Euch nicht ſogar in naͤchtlicher Stunde auf der Terraſſe von Mount Edgeumbe die Zuſammenkunft, um die Ihr ſo dringend batet? That ich es nicht unter großer Gefahr, mißdeutet und verkannt zu werden? Dennoch that ich es, weil Dankbarkeit mich dazu anregte, und—“ 15* 228 „Ich ſuchte jene Zuſammenkunſt nicht aus unwuͤrdigem Grunde nach,“ fiel Radcliffe ein, denn mir war das ſchwanke Geruͤcht zu Ohren gekommen, Reginald Elford, dem Ihr Euch ver⸗ lobtet, haͤtte ſein Leben in der Schlacht von Newbury verloren. Ich wußte, daß die roya⸗ liſtiſche Partei durch das ganze Königreich ſo gut als vernichtet war. Da ich nicht wußte, in wel⸗ che mißliche Lage dieſe Umſtaͤnde Euren Vater und demnach auch Euch verſetzt haben mogten, eilte ich nach England zuruͤck. Vielleicht auch— ich will Euch die Wahrheit nicht verbergen— regte ſich die Hoffnung in mir, daß nach Elfords Tode mir Eure Liebe werden koͤnnte— doch nichts mehr vom Vergangenen! Ihr gewaͤhrtet mir die ernſtlich erbetene Zuſammenkunft, und von Euren Lippen vernahm ich, daß Elford, mein geſchworener Feind, mein begluͤckter Neben⸗ buhler, noch lebt, wenn gleich als Bettler und Verfolgter, dennoch gluͤcklich lebt, weil Ihr ihm Eure Liebe und Treue bewahrt haltet.“ „Und wuͤrdet Ihr mich achten koͤnnen, wenn ich dies nicht thaͤte, Mr. Amias?“ fragte Ag⸗ —— 229 nes.„Ich weiß zum voraus, wie Euer edles Herz eine ſolche Frage beantwortet. Nimmer werd' ich es vergeſſen, wie Ihr in jener Nacht auf der Terraſſe, als ich Euch geſtand, wie ungluͤck⸗ lich ich mich uͤber Elfords Schickſal fuͤhlte, Ihr ſo edeln Sinnes um meinetwillen herzlich wuͤnſch⸗ tet, Elford moͤgte ſeiner Verfolger ledig werden, und wie Ihr dann gelobtet, ihn nach allen Eu⸗ ren Kräften vor Gefahr zu ſchirmen. Das war hochherzig von Euch gedacht und geſprochen, wackerer Amias Radeliffe!“ „Und ich bin hier, mein gegebenes Wort zu erfuͤllen,“ ſagte Radcliffe.„Reginald Elford— ich darf nicht ſagen, vom wem ich es erfuhr— Elford iſt wirklich in Gefahr. Mir ſagte es eine Perſon, auf deren Wahrheitliebe ich bauen kann. Reginald muß ſchlaue Wege einſchlagen, ſonſt wird er verrathen und ſein Vater wird es mit ihm. Des Ferneren iſt hier ein Schreiben an Euren Vater, Miß Agnes. Ich kenne den Inhalt dieſes Briefes nicht, doch mag ihm ver⸗ trauet werden, da er aus der Hand eben jener zuverlaͤſſigen Perſon kommt. Nehmt den Brief, und ſo Sir Hugo Piper's Leben Euch werth iſt, ſo ſagt— mir ward Anftrag, ſo und nicht an⸗ ders zu ſprechen— ſo ſagt Niemandem, wer dies Schreiben uͤberbrachte, legt es aber in Eu⸗ res Vaters Gemach, daß er es finde und leſe. Ich habe mein Gewerb ausgerichtet, und mir bleibt nur noch die Bitte an Euch uͤbrig, daß Ihr meiner mit Wohlwollen und Mitleid ge⸗ denken und uͤberzeugt bleiben moͤgt, daß Amias Radeliffe vielleicht der einzige Freund war, der inmitten ſeiner eigenen Sorgen und Bekuͤmmer⸗ niſſe ſich bemuͤhete, Euer Erdengluͤck zu foͤrdern. Lebt wohl; der Himmel wache uͤber Euch und ſegne Euch!“ Eine Thraͤne fiel auf Agneſens Hand, als der Juͤngling dieſe mit Innigkeit kuͤßte, und dabei einen wehmuͤthig liebevollen Blick an dem Maͤd⸗ chen haften ließ. Nach einigen Secunden hatte Amias nicht nur das Zimmer, ſondern auch das Jagdhaus verlaſſen. Mittlerweile hatte Reginald Elford draußen beſchloſſen, in dem Augenblick, in welchem der junge Radeliffe ſich zeigen wuͤrde, auf Das zu beſtehen, was er fuͤr ehrenvolle Genugthuung wegen ihm angethaner Schmach hielt. Kaum alſo war Amias von dem Jagdhauſe her in ei⸗ nen Baumgang getreten, der zu einer dunklen Parkgegend fuͤhrte, als Reginald ihm entgegen⸗ ſtuͤrzte, den Degeu zog und mit wildem Aus⸗ druck in Blick und Worten rief:„Zieht, Sir, zieht! Ihr werdet hier nicht voruͤbergehen ohne mir Genugthuung gegeben zu haben. Zieht und vertheidigt Euch, denn ſo Ehre im Manne und Wahrheit im Himmel iſt, muß Einer von uns in dieſem Zweikampfe fallen.“ Der Leſer wird ſich Radeliffe's Erſtaunen leicht vorſtellen koͤnnen. Freilich hatten die bei⸗ den Juͤnglinge im Treffen einander gegenuͤber geſtanden, doch waltete von Seiten Radeliffe's kein Privatzwiſt mit Reginald ob, und da Er⸗ ſterer fuͤr Agnes Piper nie mehr war, noch ſein durfte, als jeder andere junge Mann, der ſich ihr Freund nennen mogte, ſo konnte Amias nicht wohl auf den Gedanken kommen, daß Re⸗ ginald durch Eiferſucht zu dieſer vorſchnellen Herausforderung bewogen ward. Da er alſo hier einen argen Fehlgriff Reginalds vor Augen ſah, entgegnete er milden Tones:„Weder Ihr, Reginald Elford, noch der Groll, mit welchem Ihr mich ſeit der Beſtuͤrmung von Ford Houſe verfolgt, ſind mir fremd; allein ich bin mir nicht bewußt, daß ich Euch perſoͤnlich irgend ein an⸗ deres Unrecht zufuͤgte, als daß ich dem Par⸗ lamente diene, waͤhrend Ihr der Sache des Koͤ⸗ nigs anhangt. Doch halte ich dieſe Meinungs⸗ verſchiedenheit nicht fuͤr gewichtig genug, um hier Euer Blut zu vergießen, oder das meinige durch Euch fließen zu laſſen. Ich werde alſo nicht mit Euch kaͤmpfen, ſchone auch wohl Eurer um anderer Urſach— um einer andern Perſon willen, deren Leben tauſendmal mehr werth iſt, als Eures und das meinige. Laßt mich voruͤber!“ „Nimmermehr! Eure Reden ſind Hohnſpott, Eure Maͤßigung iſt erheuchelt; oder minder mild geſprochen: Ihr habt nicht Luſt, dasjenige Leben zu wagen, das Euch ſo viel Vergnuͤgen verſpricht, als der Lohn der Falſchheit Vergnuͤgen gewaͤh⸗ ren kann. Zieht, oder ich ſtoß' Euch nieder!“ ————— ſetzte der Hocherzurnte mit einem leidenſchaftlichen Fluche hinzu. Radeliffe zog ſeinen Stoßdegen, weil er ſich dazu gezwungen ſah, verſuchte jedoch ſo ruhig als möglich zu verfahren, und fuhr in ermah— nendem Tone fort:„Ihr duͤrftet dieſe Eure Ra⸗ ſerei ſchwer bereuen muͤſſen; ich bitt' Euch daher um Eurer ſelbſt willen, von dieſem Hader ab⸗ zulaſſen. Unſeren politiſchen Streit auszufechten, moͤgte ſich uns anderswo beſſere Gelegenheit bie⸗ ten, denn der oͤffentlichen Sache kann dieſer un⸗ ſer Kampf durchaus nicht foͤrderlich werden. Meine Partei hat jetzt die Oberhand, und kann die Sicherheit derſelben durch meinen Tod nicht gefaͤhrdet werden; Ihr aber, der Ihr Euren Koͤ⸗ nig ſo ſehr liebt, trachtet lieber fuͤr denſelben zu leben, als daß Ihr Hader mit Jedem ſucht, der der Meinung iſt, Karl Stuart ſei bei allen ſei⸗ nen Tugenden— und ich gebe zu, daß er deren viele beſitzt— ein willkurlicher Herrſcher und ein Tyrann.“ „Mein Streit mit Euch, Sir, iſt in dieſem Augenblicke nicht politiſch,“ verſetzte Elford,„ob⸗ 234 wohl, wenn ich ihn dazu machen wollte, ich desfalls leicht Entſchuldigung in dem Verdruſſe finden wuͤrde, den ich uͤber den Tod Sir Shil⸗ ton Calmady's fuͤhle, der durch Euch erſchlagen ward.“ „Erſchlagen?“ rief Radcliffe.„Das iſt ein Wort, das ich von Keinem, am wenigſten aber von einem Feinde in Beziehung auf irgend eine meiner Handlungen duldete. Sir Shilton Cal⸗ mady ward ungluͤcklicherweiſe durch mich getod⸗ tet, doch geſchah's in offenem Kampfe, Mann gegen Mann, und dabei war mein Leben eben ſo ſehr gefaͤhrdet, als das ſeinige. Einer von uns Beiden mußte fallen, und das Schickſal gab mir den Sieg, ihm aber das Grab. Solche Handlung, wie ungluckſelig ſie ſein mag, iſt nicht als Todtſchlag anzuſehen. Doch auch dieſe Eure Schmaͤhung, dieſe bittere Verlaͤumdung will ich geduldig von Euch hinnehmen. Laßt mich voruͤber, und wißt, daß, wenn ich mich hier ſo friedfertig zeige, es nicht Euretwegen, ſondern um der ſchoͤnen, edelſinnigen und zartfuͤhlenden Agnes willen geſchieht.“ 235 Dieſer Name, im Munde des vermeinten Ne⸗ benbuhlers, goß nur Oel in die Zornesgluth des jungen Reginald, ſo daß mit blitzenden Augen und von Ingrimm bebenden Lippen dieſer mit von heftiger Eiferſucht lallender Stimme ant⸗ wortete:„Dies uͤberſteigt alles Maaß! Nicht zufrieden damit, mich hinterliſtig zu verrathen und des Madchens Liebe zu erſchleichen, ſeid Ihr noch frech genug, Angeſichts meiner den Lobred⸗ ner Derjenigen abzugeben, die mir ſo ſchweres Unrecht zufuͤgte. Das Maͤdchen, das Ihr nann⸗ tet, iſt falſch, und Ihr ſeid ein Feigling und ein Schurke obendrein, wenn Ihr Euch weigert, mei⸗ ner Waffe die Spitze zu bieten.“ „Solche Beſchimpfung erduldete ich noch nim⸗ mer,“ ſagte Radeliffe, der ſich jetzt ebenfalls er⸗ zuͤrnte.„Wenn ich falle, ſo lebt Jemand, der meinem Andenken Gerechtigkeit widerfahren laſ— ſen wird. Muͤßt Ihr aber das Leben laſſen, ſo rechnet es Eurer eigenen Unbeſonnenheit zu und flehet Gott um Vergebung dafür anz denn in dieſem Kampfe ſeid Ihr nur Schuld an Eu⸗ rem Tode. Ich bin bereit, Sir.“ ——— .—————— ——— *. ———— —————— 236 Es erfolgten mehrere Gaͤnge. Radeliffe, ob⸗ gleich tapfer, war ein minder gewandter Kaͤm⸗ pfer als ſein Gegner, und wuͤrde wahrſcheinlich bald im Nachtheile geweſen ſein, wenn Elford's Heftigkeit nicht deſſen Geſchicklichkeit geſchwaͤcht haͤtte. Ein kaltblutiger Fechter iſt gemeiniglich ein zuverlaͤſſiger, allein diesmal war Reginald Keines von Beiden. Wuͤthend daruber, daß Rad⸗ cliffe, den er ſtets fuͤr einen veraͤchtlichen Kaͤm⸗ pfer hielt, fortwaͤhrend ſeine Stellung behaup⸗ tete, ſtuͤrzte er heftig und in der Abſicht auf ihn los, ihn zu Boden zu werfen, ſo daß Amias bald entwaffnet ward und eine leichte Wunde von Reginald's Waffe empfing. In dieſem Augenblicke aber ward der Zwei⸗ kampf unterbrochen. Die Zofe, durch welche Amias wieder zum Hinterpfoͤrtchen hinausgelaſ⸗ ſen worden war, hatte von fern den Wortwech⸗ ſel der Juͤnglinge gehoͤrt, fuͤrchtete, ohne zu wiſ⸗ ſen was, eilte in das Haus zuruck und ſchreckte Agnes und Robina auf, die ſogleich mit ihr dem Park zueilten. Drei Frauenzimmer ſind mehr als hinreichend, um dem Kampfe zweier Maͤn⸗ 237 ner Einhalt zu thun. Agnes errieth ſofort, daß ein Mißverſtaͤndniß Betreffs ihrer juͤngſten Zu⸗ ſammenkunft mit Radeliffe Anlaß zu dem Streite gegeben haben moͤgte, und da ſie wuͤnſchen mußte, Elford daruͤber zu beruhigen, fluͤſterte ſie ihrer Freundin Robina die Worte zu:„Um Gottes willen, ſchaffe Amias in's Haus, während ich hier bleibe um den Grimm Elford's zu ſaͤnfti⸗ gen!“ Mit der lebhafteſten Bereitwilligkeit be⸗ ſtand Robina jetzt darauf, daß Mr. Radeliffe ihr folgen ſollte, um ſich von der Haushalterin ſei⸗ nen heftig blutenden Arm verbinden zu laſſen. Um Agneſens Bekuͤmmerniß, die ſich deutlich genug auf den blaſſen Wangen des Mädchens zu erkennen gab, nicht noch zu vermehren, fügte Amias ſich, und begab ſich mit Robina und der Zofe in's Haus. Etliche wenige leidenſchaftliche Worte Elford's ließen Agnes ſofort die Urſache des Grolles ih⸗ res Geliebten erkennen. Zwar konnte ſie dieſem nicht eroͤffnen, daß Amias ihr ein fuͤr ihren Va⸗ ter beſtimmtes Schreiben heimlich uberbracht hatte, konnte auch, als der eiferſuͤchtige Reginald des⸗ — halb in ſie drang, nicht geradezu laͤugnen, daß Radeliffe ſich einſt um ihre Liebe beworben, al⸗ lein deſſen ungeachtet verſicherte ſie den Gelieb⸗ ten ſo ernſtlich, aufrichtig und feierlich ihrer un⸗ erſchoͤtterten Treue, daß Reginald einigermaßen beruhigt und zufriedengeſtellt ward, obgleich nichts ihn uͤberzeugen konnte, Radeliffe vermoͤgte ſo heldenmaͤßig großmuͤthig zu ſein, dem eigenen Gluͤcke das des Maͤdchens vorzuziehen, welches er liebte. Hierin beging Elford unſtreitig eine große Ungerechtigkeit; indeſſen war er, wenn auch ein edelherziger junger Mann, doch immer nur ein Menſch, und wie ſeine Gefuͤhle ſtark und zuͤgellos waren, ſo waren es auch ſeine Fehler. Agnes rechtfertigte beide geheimen Zuſammen⸗ kuͤnfte, die ſie mit Radcliffe gehabt hatte, da⸗ hin, daß ſie ſagte, es hielt Ehrgefuͤhl ſie ver⸗ pflichtet, fuͤr den jungen Radeliffe alles ihr Moͤg⸗ liche zu thun, um ſich ihm als eine Freundin zu erweiſen, ihm nicht nur das reinſte Vertrauen, ſondern ſchweſterliche Liebe zu ſchenken, indem er ihr einſt das Leben gerettet haͤtte. Immer noch 230 konnte Reginald ſich nicht zufrieden geben, in⸗ dem Agnes, in Folge ihres dem jungen Rad⸗ cliffe gegebenen Verſprechens, ihr Betragen nur theilweiſe erklaͤren durfte; die verſteckte Gluth der Eiferſucht und des Verdachtes brannte in ſeinem Innern und machte ihn in eben dem Augenblick elend, in welchem die Geliebte bemuͤht war, ihn gluͤcklich zu machen. Bei alldem war Reginald nicht unempfind⸗ lich genug, Agneſens Beſtreben gaͤnzlich zu ver⸗ kennen. Er hielt ſie nicht mehr fuͤr falſch, wie er es zuvor gethan hatte; allein er hielt ſie fuͤr ſchwach, ſchwankend und geheimthuend, und in⸗ dem er ihren Charakter mehr nach ſpäteren als nach fruͤheren Handlungen beurtheilte, furchtete er fur die Zukunftz fuͤrchtete, Agnes moͤgte ver⸗ leitet werden, ihm zu entſagen, ſobald Radeliffe's Volljährigkeit eingetreten ſein und Amias dann in den Stand geſetzt werden wurde, ſich um die Tochter Hugo Piper's zu bewerben. Reginald verſchwieg dem Maͤdchen keinen die⸗ ſer Gedanken, und beſchwor ſie um ſeines See⸗ lenfriedens willen, und ſo ſie wirklich ihn zufrie⸗ —— den ſtellen wollte, allen Umgang, ſelbſt den der Freundſchaft, mit ſeinem gefuͤrchteten und be⸗ gluͤckten Nebenbuhler, wie er den jungen Rad⸗ cliffe fortwaͤhrend nannte, ſofort und fuͤr immer aufzugeben. „Aber hier giebt es ja gar keinen Grund zur Eiferſucht,“ entgegnete ihm Agnes;„keine Ver⸗ nunft gebietet—“ „Sprich nicht von Vernunft zu Gefuͤhlen, die gleich den meinigen aufgeregt und gemartert ſind,“ unterbrach Elford.„Eben ſo wohl koͤnnteſt Du von Vernunft zu meinem Vater reden, wenn er ſich in ſeiner Seelenangſt Vorwuͤrfe macht, das unfreiwillige Werkzeug des Todes meiner Mut⸗ ter geweſen zu ſein. Mag es Eiferſucht ſein oder nicht, was mich jetzt bewegt; Du kannteſt meine Gemuͤthsart, als Du meine Liebe annahmſt und erwiederteſt. Du nahmſt dieſe Liebe mit al⸗ len ihren etwaigen Schwaͤchen an. Freue Dich alſo des Guten und Wuͤrdigen, was in mir ſein mag, und huͤthe Dich, die Verderberin Eiferſucht in mir zu erwecken. Sie ſoll ſchlummern, ſo lange Du ſelbſt nicht ihren Grimm aufſchreckſt. 7— 241 Gehab' Dich wohl— ſei gluͤcklich, aber huͤthe Dich!“ „Ich kann Dich ſo nicht von mit laſſen, Re⸗ ginald,“ ſagte Agnes.„Amias Radeliffe, ich ſag' es, und ſag' es mit Wahrheit, Amias iſt edelherzig, und vielleicht gerechter als Du es biſt. Wenn Du alſo findeſt, daß er einige Empfin⸗ dung fuͤr mich hegte, wie er ſie denn hegte, ſo halte ihn deswegen nicht der Unehre, mich nicht der Falſchheit faͤhig. Ehre ſeinen Charakter, auch wenn Du ſeine Meinung nicht theilſt, und wage nicht Dein Leben, oder ſuche nicht das ſeinige in ei⸗ nem ſo elenden und grundloſen Streite.“ „Der Himmel weiß, daß ich es nicht gern thue,“ antwortete Reginald;„dennoch, Agnes, huͤthe Dich! denn ſo ich ihn wieder treffe, moͤgte es ſein Leben oder das meinige koſten. Leb'wohl; ich muß fort von hier.“ Nach einem herzlich geſagten Lebewohl ſchie⸗ den die beiden Liebenden. Agnes ward tief da⸗ durch verletzt, daß ſie ſehen mußte, wie ein ſo edles Gemuͤth als Reginald's ſich ſo blindlings einer verderblichen Leidenſchaft hingeben konnte; Warleigh. II. 16 242 ja, ſie fuͤrchtete, daß die Abirrungen der Vernunſt, die ſich ſo haͤufig in der Familie Elford gezeigt hatten, ſich auch an Reginald moͤgten erblicken laſſen. Hoͤchſt betruͤbt kehrte ſie in das Jagd⸗ ſchloß zuruͤck, indem ſie beſchloß, ſo weit ſie es mit Ehren thun konnte, ihr Herz der Freundin Robina zu öffnen und deren Rath zu erbitten. Sꝛie fand, daß Radcliffe's Wunde verbunden worden war. Amias dankte den Damen und beſonders der Haushaͤlterin, deren wundaͤrztliche Kenntniſſe ihm treffliche Dienſte geleiſtet hatten, fuͤr deren Sorgfalt, und begab ſich dann auf den Ruͤckweg nach Warleigh, damit Gertrud nicht um ihn in Sorgen ſein und ſein Vormund nicht durch ſein langes Ausbleiben irgend einen Ver⸗ dacht gegen ihn hegen moͤgte. Vreizehntes Capitel. „Pol. Ich hoͤrte, daß zeither er oft allein Mit Dir ſich unterhielt, und daß Du ihm Hoͤchſt frei und vorſchnell haſt Gehoͤr verſtattet. Wenn Dem ſo iſt— und mir ward's ſo geſagt, Um mich zu warnen,— muß ich Dir bemerken, Daß Du Dich ſelber nicht ſo klar erkennſt, Als meinem Kind' und Deiner Ehr' es ziemt. Was iſt's mit ihm und Dir? Sprich mir die Wahrheit! Oph. Er hat juͤngſther, mein Vater, ſich ſehr zart Um meine Gunſt beworben.“ Shakſpeare. Robina Edgeumbe, welcher Agnes Piper all' ihre Bekuͤmmerniſſe mittheilte, war ein lebhaftes, 6 frohliches, ja ſogar gedankenloſes, aber auch herzensgutes Mädchen. Ward ihrer Erwaͤgung igend etwas Wichtiges anheimgeſtellt, ſo konnte ſie ſowohl eine ehrliche als verſtaͤndige Rathge⸗ berin ſein. So rieth ſie denn im obwaltenden 16* 244 Falle ihrer Freundin Agnes, die ganze Geſchichte dem wuͤrdigen Vater, Sir Hugo, zu entdecken, und in Zukunft ſich von deſſen Anſicht leiten zu laſſen. Mit Wahrheit bemerkte Robina, daß Sir Hugo ſeine Tochter herzlich genug liebte, um von dieſer kein Opfer als das etwa zu fordern, was ſich mit ihrer Gluͤckſeligkeit und Ehre ver⸗ truge. Dieſer Rath war gut, wenn er auch fuͤr den Augenblick vielleicht nicht ganz im Ein⸗ klange mit den Plaͤnen oder gar mit den Wuͤn⸗ ſchen ihrer Freundin ſtand. Allein Robina war aufrichtig; ſie glich nicht dem Paraſiten Gnatho, den Terenz ſo trefflich geſchildert hat, und der ſeine Freundſchaft den Launen Desjenigen an⸗ ſchmiegte, dem er dieſelbe widmete. Agnes ver⸗ ſprach Robina's Rath zu befolgen. Sie hatte den Brief an eben dem Tage, an welchem ſie ihn empfing, mit mehreren eingelaufenen Gegenſtaͤn⸗ den ihrem Vater vorgelegt. Anderen Morgens bekannte ſie dieſem die juͤngſt mit Amias Rad⸗ cliffe und Reginald Elford ſtattgefundenen Vor⸗ faͤlle. Sir Hugo hoͤrte die Bekenntniſſe ſeiner Tochter mit derjenigen Freundlichkeit und Theil⸗ 245 nahme an, womit alle Vaͤter ihrer Toͤchter Ver⸗ trauen ſollten zu gewinnen und ſich zu erhalten wiſſen. Sir Hugo wußte, daß ein junges Herz gleich einer jungen Pflanze zart und ſorgfaͤltig behandelt und gepflegt ſein will. Indem er nach dieſem Grundſatze verfuhr, wuͤnſchte er ſein An⸗ ſehen mehr in Hochachtung als in Furcht zu er⸗ halten, und daß ſeine Tochter ihn als ihren be⸗ ſten Freund betrachtete, dem ſie ihre Schwaͤchen und Fehler aufrichtig eingeſtaͤnde.„Ein Vater,“ pflegte Sir Hugo zu ſagen,„der ſeiner Tochter Gemuͤth beherrſchen mogte, fange, wie bei Zah⸗ mung eines jungen Vogels, damit an, ihr Ver⸗ trauen zu gewinnen, ſo wird der kindliche Ge⸗ horſam derſelben wie von ſelbſt folgen.“ Sir Hugo Piper ſagte Agneſen nichts von dem Briefe, den er empfangen hatte, indem er nicht anders muthmaßte, als es ſei derſelbe auf gleichem gewoͤhnlichen Wege wie die uͤbrigen eingelaufen; jedoch der Inhalt deſſelben verwun⸗ derte ihn nicht nur, ſondern machte ihn ſogar beſturzt. Es ergab ſich daraus, daß der unge⸗ nannte Schreiber deſſelben genau um gewiſſe, 246 im Werk ſtehende Plaͤne wußte, und an dieſen nahm Sir Hugo Piper weſentlichen Antheil. Das Schreiben aber warnte ihn, ſich vor einer ihm gelegten Schlinge zu gewiſſer Zeit und an gewiſſem Orte zu huͤthen. Wer dieſe Falle ge⸗ ſtellt haͤtte, ward nicht geſagt. Der Schreiber des Briefes empfahl Geheimhaltung an, weil ſonſt keine fernere Warnung, auch wenn ſie noch ſo noͤthig ſein ſollte, erfolgen wuͤrde. Verwundert uͤber die Zuverlaͤſſigkeit und Freundlichkeit, wo⸗ mit der Brief abgefaßt war, verbarg Sir Hugo denſelben ſorgfaͤltig, und beſchloß ſowohl die Warnung zu benutzen, als das anbefohlene Schweigen daruͤber zu beobachten, und das Uebrige der Fuͤrſehung zu uͤberlaſſen, die zu jeder Zeit die ſicherſte Schutzwehr gegen Verrath und Bos⸗ heit ſein muͤßte. Beruhigt durch dieſen Ent⸗ ſchluß, ſchickte er ſich an, von ſeinem freundli⸗ chen Wirthe, Sir Piers, Abſchied zu nehmen, da er nach Plymouth zuruͤckzukehren hatte, ehe er ſich zu einem Freunde unweit Sheepstor be⸗ geben wuͤrde, wo wegen der ihm ſo ſehr am 247 Herzen liegenden Angelegenheiten ſeine Anwe⸗ ſenheit unerlaßlich war. Kurz vor ſeiner Abreiſe befand er ſich alſo mit ſeiner Tochter allein, deren Herz ſich ſehr durch die Nachſicht beruhigt fuͤhlte, womit er ihr wirklich ſo zu nennendes Geſtaͤndniß aufge⸗ nommen hatte. Agnes aͤußerte jetzt mit vieler Liebe und kindlicher Ergebenheit die Beſorgniß, wohin ihr Vater ſich jetzt zu begeben gedachte. „Forſche nicht, mein Kind,“ entgegnete Sir Hugo,„ich gehe dahin, wohin die Ehre mich ruft, und Pflichtgefuͤhl meine Gegenwart heiſcht. Da Dem ſo iſt, Agnes, ſo bete zu Gott fur Deines Vaters Sicherheit und gutes Gluͤck; doch bedenke dabei, daß unſere Gebete nichts ſind, wenn un⸗ ſere Werke nicht Hand in Hand mit denſelben gehen. Auch habe im Sinne, Maͤdchen, daß Dein Vater die Bibelworte nicht ſo in den Mund nimmt, als die ſchurkiſchen Puritaner es thun, die nur ſolche Spruͤche aus der heil. Schrift herausheben, deren Worte ſie ſo verdrehen koͤnnen, daß ihr Blutvergießen und ihr Kirchenzerſtoͤren dadurch auf ſpielende Weiſe gerechtfertigt erſchei⸗ 248 nen. Ich meines Theils fand in der Bibel nim⸗ mer einen Spruch, Agnes, der mir haͤtte befeh⸗ len koͤnnen, mich zu empoͤren und den Koͤnig und die Regierung niederzuwerfen, wie die From⸗ men der Zeit es gethan haben. Doch ich muß fort. Erſt aber noch ein Wort zu Dir, und um Deinetwillen.“ „Und auch um Deiner ſelbſt willen, hoff' ich, mein theurer Vater,“ verſetzte Agnes,„denn Du⸗ biſt ſo freundlich mit mir und ſo nachſichtig ge⸗ gen meine Fehler, daß, wenn ich nicht Vergnuͤ⸗ gen darin faͤnde, Dir zu gehorchen, ich das un⸗ dankbarſte Kind von der Welt ſein wuͤrde; und ein ſolches hoffe ich nicht zu ſein, obſchon ich Dir bekannte, daß ich Reginald Elford hoch, vielleicht fuͤr meinen Seelenfrieden allzu hoch ſchaͤtze. Dennoch ſollſt Du allweg mein Fuͤhrer ſein, und nach Deiner Vorſchrift will ich handeln. Mein theurer Vater, ich moͤgte mit dem Dichter Maſſinger ſprechen: „Dem Amor, der mit mir kam, ward gelehrt, Den Pfeil zuruͤckzulaſſen und die Fackel, Die in der Furcht Dir wehzuthun erloſch.“ — — 249 „Da haben wir's!“ ſagte Sir Hugo,„da ſitzeſt Du ſchon wieder auf dem hohen Roſſe Dei⸗ ner Poeten und Dramenſchreiber! Hol' der Geier die Kerle, ſag' ich, ſie ſind's, die jungen Dirnen gleich Dir, Agnes, das dumme Zeug von Amor und Pfeilen und Fackeln in den Kopf bringen. Moͤgt' ich lieber von Dir in ſchlichter Proſa hoͤren, daß Du ein frommes Kind ſein willſt; denn ich glaube nicht, Agnes, daß, wie gut Du auch biſt, Du blos aus Buͤchern wuͤr⸗ deſt gut ſein koͤnnen. Was helfen Buͤcher, wo kein Herz iſt? Sag' mir doch, Madchen, hat einer Deiner Poeten jemals es ausgeſprochen, worin der Gehorſam beſteht, den ein Kind ſeinem Vater ſchuldig iſt?“ „Ei ja wohl, Vater,“ rief Agnes.„Der naͤmliche Maſſinger hat es, wenn er ſagt: —, Hier iſt der Thron der Tugend, Den ich mit meinen koſtlichſten Juwelen Der Kindeslieb' und Treue ſchmuͤcken will! Mein Vater iſt der Altar meines Opfers!“ „Das behagt mir nicht,“ entgegnete Sir Hugo, „ich mag es nicht leiden, daß ein Vater mit ei⸗ 250 nem Dinge verglichen wird, auf welchem Kinder Opfer darbringen, wie die alten Heiden es auf ihren Altaͤren thaten. Schon das Wort Opfer mißfaͤllt mir, weil, auf einen Vater bezogen, es immer ſo herauskommt, als verlange es ein er⸗ zwungenes, pflichtgemaͤßes Thun. Ich aber moͤgte, daß meine Tochter mir mit Freuden gehorchte, und dies um ſo mehr, wenn ich nur Das von ihr verlange, was zu ihrem Wohle gereicht. Lie⸗ gen Dir keine Verſe auf der Zungenſpitze, Maͤd⸗ chen, die Dich den Geiſt des Stolzes und rich⸗ tigen Gefuͤhls lehren, die ein Madchen ſich ſel⸗ ber ſchuldig iſt? Mich duͤnkt, als einer Jungfrau ſollten Dir dergleichen nicht fehlen.“ „In dieſem Augenblick wollen mir doch keine ſolche Verſe einfallen, mein Vater.“ „So will ich Dich in ſchlichter Proſa daruͤber belehren,“ ſprach Sir Hugo weiter.„Lerne denn, Maͤdchen, mehr an Dich ſelbſt und weniger an Dei⸗ nen Liebſten denken, und deſſen ſtets wiederkeh⸗ renden Grillen eben ſo zu ſchmeicheln, als alte Jungfern ihren Aeffchen. Sei Du ſelbſt, Agnes; handle rechtſchaffen, jedoch auch mit einiger 251 Selbſtaͤndigkeit, und ſcheue Dich nicht, dieſen oder jenen jungen Herrn, dem Du Hoöflichkeit ſchuldig biſt, nach ſeinem Befinden zu fragen, aus Furcht, Dein Herzblaͤttchen Maſter Reginald ſtaͤnde da⸗ bei auf und zoöge die gelben Struͤmpfe der Eifer⸗ ſucht an. Ich ſage Dir, Maͤdchen, laß nicht ab von Deinem verſtaͤndigen Sinne, Deinem freien Geiſt und Deiner offenherzigen Unſchuld, was ein toller Liebhaber auch deshalb eifern moͤge.“ „Doch moͤgte ich nimmer Urſache blutigen Streites werden,“ verſetzte Agnes;„und da Du ſelber ſagteſt, daß in Exeter zu viele junge Maͤn⸗ ner bei Großmuͤtterchen Zutritt gehabt haͤtten, ſo „Mißverſtehe mich nicht, Agnes,“ fiel ihr der Vater ein;„wenn ich von Dir geſittete Rede gegen ieden geſitteten jungen Mann will, ſo verlange ich damit nicht, daß Du mit Wort und Gunſt allzu freigebig ſein ſollſt. Weit gefehlt! Junge Dirnen ſollten, wie junge Bluͤmlein, keuſch und lieblich zugleich ſein. Nicht will ich, daß Dein Umgang allzu frei, oder ſo wohlfeil ſei, wie der 252 einer Bierwirthin, zu der jeder Kunde zu jeder Stunde eintreten mag. Nichts von derglei⸗ chen! Laß Deine eigenen guten Gedanken und Deine unſchuldigen Beſchaͤftigungen Dir ſtets der liebſte Umgang ſein. Halte Deine Blicke fern der Thorheit, und halte Deine Au⸗ gen offen, um an Deinen tugendhaften Geſpie⸗ linnen mehr Vollkommenheiten, als an Dir ſelbſt wahrzunehmen: ſo wirſt Du nicht uͤber den gro⸗ ßen Anſtoßſtein der Jugend ſtraucheln, den man Selbſtgefaͤlligkeit nennt. Verſtehſt Du mich, Agnes?“ „Ganz gewiß, mein Vater. „Deine Ohren aber,“ fuhr Sir Hugo fort, „laß taub ſein gegen die Schmeichelei. Nicht ſollſt Du Dich gleichguͤltig gegen heilſames Lob erweiſen, denn verdientes Lob veſtigt in der Ju⸗ gend das Streben nach dem Guten, ſo wie mil⸗ der Thau die Blume erquickt, auf die er faͤllt. Nein, Agnes, verdientes verſtaͤndiges Lob er⸗ ſchallt jederzeit zur Ehre Gottes; aber Schmei⸗ chelei iſt Erzeugniß des Teufels, und einer von den Lockbiſſen, die er an die Zunge des Be⸗ 253 truges haͤngt, um des Maͤdchens Seele daran zu fangen und ihre Keuſchheit ſchiffbruͤchig zu machen. Wenn demnach die Maͤnner Dich huͤbſch nennen, ſo denke jederzeit, daß Deine Tugend Dich ſo darſtelle und daß die Tugend Solches noch kann, wenn Deine goldenen Locken laͤngſt ſchon grau wurden. Nun, ich muß fort; ge⸗ denke meiner Worte, und der Himmel ſegne Dich, mein Kind, denn Du biſt gut und un⸗ ſchuldig.“ „Wohin begiebſt Du Dich, mein Vater?“ ſagte Agnes;„ich werde ſchwerlich mich eher glucklich fuhlen, als bis ich Dich wohlbehalten wie⸗ der daheim weiß.“ „Wohin ich gehe, gehoͤrt nicht hieher,“ ver⸗ ſetzte der Vater.„Noch Eins, Mädchen. Was dieſen Reginald Elford betrifft, ſo kennſt Du die Gruͤnde, weshalb ich Dich uͤbel berathen finde, daß Du ihm Liebe und Treue zuſagteſt. Ich wollte, daß ich, ehe Du dies thateſt, davon in Kenntniß geſetzt worden waͤre. Allein als Du es thateſt, ſtandeſt Du unter der Obhuth Dei⸗ ner Großmutter, und ſo bleibt dieſe mehr zu ta⸗ deln als Du. Sie ließ Dich in Exeter allzu keck werden; ich wollte, Du wäreſt nie dort ge⸗ weſen.“ „Sie billigte meine Neigung zu Reginald,“ verſetzte Agnes,„ſonſt wuͤrd' ich dieſe gewiß nicht erwiedert haben. Sie ſagte aber auch, daß Ihr den jungen Mann nie geſehen haͤttet, alſo nicht nach eigener Ueberzeugung von ihm urthei⸗ len koͤnntet; daß jedoch ſein allgemeiner Cha⸗ rakter Euch wohl bekannt waͤre, weil Jedermann denſelben hochachtete; ſeine Familie waͤre edel, und ſo dachte ſie, Euch wuͤrde das Buͤndniß eben ſo wuͤnſchenswerth ſein, als es ihr war, und——“ „Und da der Burſch ein glattes Geſicht und eine geſchmeidige Zunge hat, uin ſeine Sache zu verfechten, und weil Deine Großmutter ihn un⸗ terſtuͤtzte, hoͤrteſt Du ihn an, Agnes, und gabſt ihm freimuͤthig Dein Wort, ſein Weib werden zu wollen. War's nicht ſo, Agnes?“ „Gewiß, Vater, wenn ich gewußt haͤtte, daß ich Euch dadurch mißfallen koͤnnte—“ „Und wenn es mir mißfaͤllt, iſt's doch nur 255 um Deinetwillen, Kind; obſchon ich der Ein⸗ wuͤrfe dagegen viele habe. Zuerſt, Agnes, ſollſt Du wiſſen, daß ich, wenn gleich nicht edel ge⸗ boren, doch hoffentlich ein Ehrenmann bin und auf ehrlichem Wege meinen beſonderen Stolz fuͤr mich haben kann. Nun aber moͤgt' ich meine liebe einzige Tochter ſelbſt nicht auf den Stamm eines Furſten impfen, wenn dieſer geringſchaͤtzend auf deren Herkunft blickte, oder ſie fur zu theuer erkauft hielte, weil ihr Vater nicht hochedelge⸗ boren iſt. Nein, Agnes, der alte Hugo Piper, der plymouther Kaufmann, der im Dienſte ſei⸗ nes Koͤnigs, ſeiner Kirche und ſeines Vaterlan⸗ des ſich zu Grunde richtete, wird ſich in dieſen hinterliſtigen und verderblichen Zeiten nimmer er⸗ niedrigen laſſen, weil er zu keiner Zeit ſich ſelbſt würde erniedrigen koͤnnen. Nun iſt freilich Sir Marmaduke Elford zur Zeit, wie die Leute ſa⸗ gen, noch mehr herabgekommen, als ich es bin; ſeine adelige Herkunft hat ihm dieſen Vorzug vor mir gegeben; dazu ſoll er halb wahnwitzig ſein, weshalb ich ihn von Grunde des Herzens bemitleide; allein ich darf nicht vergeſſen, daß, 1 256 als Sir Marmaduke in Anſehen lebte, er eine Verbindung zwiſchen ſeinem Sohne und meiner Tochter von ſich abwies, ſo daß ich damals den Entſchluß faßte und fortwaͤhrend bei demſelben beharre, meine Einwilligung nicht eher zu geben, als bis er ſelbſt Deinen Werth erkennt und frei⸗ willig ſeine Zuſtimmung zu dieſer Ehe giebt. Da haſt Du meine Willensmeinung, und was nun den jungen Elford betrifft—“ „Er iſt rechtſchaffen, Vater,“ fiel Agnes ein. „Etliche Fehler mag er haben; doch wer iſt ohne Fehler? Und wenn Du an Alles denkſt, was er in dieſen Zeiten und von den Rundkoͤpfen erlit⸗ ten hat, ſo wirſt Du Dich kaum daruͤber wun⸗ dern koͤnnen, daß er ſelbſt den Beſten unter ih⸗ nen mißtrauet.“ „Daruͤber wundere ich mich ganz und gar nicht, Kind,“ verſetzte Sir Hugo.„Ich wuͤrde einem Schuft von Rundkopf nicht trauen, und wenn er mein leiblicher Bruder waͤre; und ob⸗ wohl dieſer Amias Radeliffe, der, wie ich hoͤrte, gleich einem Enterich ſchwimmen kann, in die Er ſprang und Dich herausholte, wie Piers 257 Edgeumbe's alter Pudel Orgar es eben ſo wohl haͤtte thun koͤnnen; und obwohl Du dafur dank⸗ bar biſt, und obwohl ich es auch bin, jetzt da ich weiß, daß Radeliffe Dein Retter ward, ſo bleibt's bei alldem doch wahr, Agnes, daß er gegen den Koͤnig Farl focht, und dies iſt eine Gottloſigkeit, welche, wenn Du morgen freien Herzens waͤreſt, und er ein Herzog waͤre, ich ihm doch ein Nein von meinen Lippen hoͤren laſſen wuͤrde, ſelbſt wenn Du Dich eben ſo verliebt in ihn fuͤhlteſt, als er ſagt, daß er es in Dich iſt. Radcliffe iſt nicht fuͤr Dich, auch wenn—“ „Ich dachte nie mehr an ihn, Vater, als Dankbarkeit es mir anbefahl, und als an einen jungen Mann, der zwar ungluͤcklicherweiſe in ſei⸗ nen politiſchen Meinungen irregeleitet, doch viele eigenthuͤmliche Tugenden beſitzt.“ „Dergleichen Tugenden gelten nicht viel bei mir,“ verſetzte Sir Hugo,„wenn der Mann nicht die ächte oͤffentliche Tugend, den reinen Sinn fuͤr Gott und König und Vaterland zeigt. Doch ich wollte von Reginald Elford ſprechen. Ich habe noch mehr Einwuͤrfe gegen Deine Lieb⸗ Warleigh. II. 17 238 ſchaft mit ihm. Die Leute fluͤſtern, es ſei meh⸗ rere Geſchlechter hindurch mit der Familie nicht recht richtig im Oberſtuͤbchen geweſen,“ fuhr Sir Hugo fort, indem er den Zeigefinger an die Stirn legte;„nun aber, Agnes, da ich kein Poet, viel⸗ weniger noch ein Versler bin, ſo iſt mir die ge⸗ ſunde Vernunft in einem Menſchen weit lieber als die Tollheit, wie poetiſch dieſe auch manch⸗ mal in ihrem Auffluge ſein mag—“ „Aber Reginald“, fiel Agnes ein,„war hof⸗ fentlich niemals und wird niemals—“ „Laß mich ausreden, Maͤdchen,“ rief Sir Hugo;„Du kennſt den alten Will Shakſpeare, den einzigen Komoͤdienſchreiber, den ich jemals leiden konnte— nun, Shakſpeare bringt die Poe⸗ ten, die Verliebten und die Tollhaͤusler in eine und dieſelbe Claſſe, zu welcher Dein Liebling Reginald auch gezaͤhlt werden duͤrfte, denn er iſt zuerſt ein Poet, wie Du ſelbſt ſagteſt.“ „Das iſt er, Vater, und ſeine Leier klingt wohl ſo lieblich, als die des Saͤngers Cowley oder Curſhaw.“ „Mich kuͤmmert ſeine Leier nicht mehr, als ſind Spielſaͤchelchen und fuͤr einen Mann und Krieger nicht mehr werth, als eine Dreierpfeife. Schwatzeſt Du von Muſik, Madchen, ſo laß mich Trommeln und Trompeten hoͤren, die muth⸗ aufregende Trommel, wie der alte Shakſpeare ſagt— das iſt Muſik fuͤr einen alten Reiterca⸗ pitän, wie ich einer war in den Geſechten zu Landsdown und auf den Höhen von Stratton. Die Gaͤule ſelber tanzten danach. Doch wieder auf Deinen Liebſten zu kommen. Er iſt ein Poet, ſagſt Du; fuͤr einen Verliebten mußt Du ihn halten, und einen Tollhaͤusler wird er, wie ich fuͤrchte, aus doppeltem Grunde abgeben; ſo alſo zeigt er nicht uͤbel Shakſpeare's drei Charaktere in einem.“ „Hinſichtlich des letzteren irrſt Du Dich wohl, Vater,“ meinte Agnes.„Reginald hat wohl heftige Leidenſchaften, doch jederzeit geſunde Ver⸗ nunft gezeigt.“ „Deine Aeußerung, Maͤdchen, enthaͤlt einen Widerſpruch; der Leidenſchaftliche iſt niemals ver⸗ nuͤnftig. Ich furchte, in Reginald ſteckt die alte 17* ſeine Geige,“ entgegnete Sir Hugo,„denn beide 260 Familienkrankheit. Allen Ernſtes, Agnes, mir behagt dies wilde Feuer der Liebe und Eiferſucht im jungen Elford durchaus nicht.“ „Ich geſtehe,“ ſagte Agnes,„daß es unrecht von ihm war, den jungen Amias vor die Klinge zu fordern, blos weil dieſer mit mir ſprach; doch mußt Du bedenken, lieber Vater, daß ein hoch⸗ herziges und heftiges Gemuͤth, wie das ſeinige, unter Verfolgung dieſer Zeiten leicht aufgeregt wird. Denke daher mild von Reginald.“ „Wie? mild, wenn er einen unſinnigen Ha⸗ der anfing, der einen Mord zur Folge haben konnte?“ rief Sir Hugo.„Ich weiß von keiner Milde gegen ſolche Gemuͤther, und moͤgte das Gluͤck meines Kindes nimmer in der Obhuth ei⸗ nes Mannes wiſſen, der ſeine Leidenſchaften nicht innerhalb der Grenzen der Vernunft zu halten weiß. Gedenke meiner Worte, Agnes; denn ich muß endlich fort. Handle rechtſchaffen, Kind, aber nicht ſelaviſch. Deine Gedanken ſind frei von allem Truge, laß daher Dein Benehmen offen⸗ herzig und freundlich gegen Jedermann ſein. Vor 261 allen Dingen fuͤrchte keinen Liebhaber, vor Al⸗ len keinen tollen, ſo lange Dein Vater lebt, um Dich zu ſchuͤtzen. Lebe wohl!“ „Lebe wohl, mein theurer Vater! Moͤge der Pimmel Dich ſegnen und beſchirmen, und Dich wohlbehalten heimbringen, und das bald, da Du mir nicht ſagen willſt, wohin Du Dich be⸗ giebſt.“ „Gehab' Dich wohl, mein Kind, und kehrſt Du nach Hauſe zuruͤck, Agnes, ſo erzaͤhle Deine ganze Liebesgeſchichte der guten Mutter Sibylle. Ich will ſie vorbereiten, daß ſie Dich freund— lich anhoͤre; denn einer Jungfrau beſte Rathge⸗ berin in dergleichen Angelegenheiten iſt eine from⸗ me und verſtändige Mutter, und eine ſolche Mut⸗ ter haſt Du, mein liebes Kind.“ Sir Hugo reiſete ab, indem er ſeine Toch— ter nicht wenig beunruhigt uͤber dieſes ſein ge— heimes Fernſein vom Hauſe zuruͤckließ. Auch die freimuͤthigen Aeußerungen des Vaters uͤber Sir Marmaduke's Hoffart, uber die Geiſteskrankheit in der Familie Elford und uͤber die Leidenſchaft⸗ lichkeit Reginald's waren hoͤchſt peinlich fuͤr —— 262 Agnes; ihre geſunde Vernunft ſagte ihr jedoch zu gleicher Zeit, daß ihr Vater uber dieſe Punkte nur allzu wahr und richtig geſprochen hatte, und dieſe Ueberzeugung koſtete dem liebenden Maͤd⸗ chen freilich manchen Seufzer und manche Thraͤne. Pierzehntes Capitel. „Faſt fuͤrcht' ich mich, auf dieſem Kirchhof hier Allein zu ſtehn, doch will ich's wagen—“ Shakſpeare. 0 Eine Zeit der Verfolgung iſt jedesmal auch eine Zeit der Pruͤfung, und Manche, die in Stunden des Friedens keinen beſonderen Charakterzug an ſich wahrnehmen laſſen, ſondern ſich damit be⸗ gnuͤgen, ruhig den Strom des Lebens hinabzu⸗ gleiten, rufen in Tagen der Unruhe alle ihre Energie hervor und handeln mit einer Kuͤhn⸗ heit, einem Unternehmungsgeiſte und einer Selbſt⸗ aufopferung, daß es dem Friedfertigen in ruhi⸗ ger Zeit faſt unglaublich, wenn nicht gar unna⸗ tuͤrlich erſcheint. Inmitten der Truͤbſale der buͤr⸗ gerlichen Kriege in England beſtaͤtigten viele Maͤnner an ſich jene Umwandlung des Charak⸗ 264 ters, und wir haben Beiſpiele, daß ſelbſt Frauen⸗ zimmer ſich nicht ſcheueten, ſolches ebenfalls zu thun. Wenige Tage nach dem Tunulte zu Ta⸗ merton hatte Wittwe Raleigh ihr Toͤchterchen Mary eines Abends zu Bette gelegt. Als ſie berzeugt war, daß die Kleine ruhig ſchlief, ging ſie in das untere Gemach ihrer Huͤtte hinab, vollendete einige nothwendige haͤusliche Geſchaͤfte, legte dann Mantel und Kappe an, ſetzte ſich dann gedankenvoll ein Weilchen nieder, horchte mehrere Male auf, und ging dann und wann wie⸗ der zur Thuͤr, um hinauszuſehen. Es ſchien, wie ſpaͤt am Abend es auch ſein mogte, daß Wittwe Raleigh Jemandes Ankunft erwartete. Als ſie endlich Hufſchlag herantrabender Pferde hoͤrte, ſprang ſie wieder auf, horchte nochmals und off⸗ nete ſodann die Pforte ihrer Wohnung. Zwei Perſonen hielten vor der Thur an, beobachteten jedoch ein tiefes Schweigen. Die eine derſelben ſtieg vom Gaule und begab ſich ſofort in die Huͤtte. Dieſe Perſon war keine andere, als die verlarvte Dame, die auf ſo ſonderbare Weiſe die ——— * 265⁵ Beſchuͤtzerin des jungen Elford gegen die Liſt und Nachſtellung des Capitaͤn Coleman geweſen war. Bevor die Dame ein Wort mit der Witt⸗ we redete, fluͤſterte ſie ihrem Begleiter Etwas in's Ohr, worauf dieſer ſich ſchweigend verbeugte. Was jetzt erfolgte, war von kurzer Dauer und entſcheidendz denn nach wenigen ſchnell zwiſchen der Dame und der Wittwe gewechſelten Reden nahm letztere einen großen Mantel, hing ihn ſich uber den Arm, ſteckte ſorgfaͤltig den Schluͤſſel ein, den ſie zu einer gewiſſen Seitenthuͤr der Orts⸗ kirche beſaß, und verließ mit der Verlarvten die Huͤtte. Der Begleiter, ein alter Mann, blieb zu Pferde ſitzen, hielt den Gaul ſeiner Herrin am Zuͤgel und nahm ſeinen Stand unter der beruͤhm⸗ ten Eiche zu Tamerton, während die Wittwe und die Verlarvte, ohne weiter mit einander zu reden, und mit großer Vorſicht, als furchteten ſie belauſcht zu werden, den Weg zur Kirche einſchlugen. Indeſſen hatten ſie wohl nicht ſon⸗ derliche Urſache, einen Auflaurer zu fuͤrchten, denn die friedlichen und einfachen Bewohner von Ta⸗ —266— merton hatten ſich laͤngſt dem Schlafe uͤberant⸗ wortet. Bei alldem ſchien der Vollmond ein Waͤch⸗ ter zu ſein, denn er blickte hellglaͤnzend auf die ſchlummernde Erde. Tiefe Stille herrſchte rings⸗ um; nur der Nachtwind rauſchte bisweilen durch die hohen Ulmen und duͤſteren Eiben, die, gleich Schildwachen an ihrem Poſten, den Zugang zu dem heiligen Gebaͤude huͤtheten, das erſt vor Kurzem von dem fanatiſchen Geiſt der Zeit ſo wilden Angriff hatte erleiden muͤſſen. Der alte Thurm der Kirche erhob ſich grau und ehr⸗ wuͤrdig uͤber die kalten und weißlich ſchimmern⸗ den Grabſteine des Friedhofs, um die herum hohes Gras im Nachtthau funkelte und vor dem Hauche des Windes ſich beugte. Als Wittwe Raleigh und deren Begleiterin die Kirche erreicht hatten, oͤffnete erſtere mit dem Schluſſel, den ſie hervorzog, die zur Kan⸗ zel fuͤhrende Thuͤr. Die Verlarvte ſchauderte, als ſie von drinnen her dumpfes Aechzen ver⸗ nahm. Beide ſchluͤpften dann in das Gottes⸗ haus.„Beſſer iſt's wohl, ich gehe voran und benachrichtige ihn erſt,“ ſagte die Wittwe,„bei ſeinem ſchwachen Geſundheitzuſtande koͤnnte die Ueberraſchung ihm nachtheilig werden. Erinnert Euch der Gruft, von der ich Euch ſagte; ſie liegt offen zur rechten Hand von Euch; nehmt Euch in Acht, wenn Ihr an ihr vorubergeht.“ Die verlarvte Dame folgte ihrer Fuͤhrerin nicht ohne Schauer und Furcht. In der Kirche wehete eine kalte Luft und tiefe Stille herrſchte umher. Das ſanfte und keuſche Licht des Mon⸗ des quoll durch die Fenſter und zeigte deutlich die Verwuͤſtung, die jungſt angerichtet worden war, denn große Locher befanden ſich in den ſchoͤn gemalten Glasſcheiben, ſo daß der Zugwind da⸗ durch hinpfiff. Diejenigen Theile der Kirche, in die der Mondſtrahl nicht gelangen konnte, lagen dunkel da, und konnten um ſo mehr Bangen erregen, da man nicht wiſſen konnte, wem ſie zum Schlupfwinkel dienen mogten, und ein ver⸗ ſteckter Lauſcher war in dieſem Augenblick ein arg zu fuͤrchtender Gegenſtand. Dazu kam, daß die Hauptthuͤr des Gotteshauſes von den An⸗ ſtuͤrmern hoͤchſt ubel zugerichtet worden war, und demnach leicht ſich Jemand durch dieſelbe herein⸗ 268 ſtehlen konnte, wiewohl Miſtreß Raleigh eben nicht beſorgte, daß dieſes zur Stunde geſchehen wuͤrde. Man kam an der offenen Gruft vorbei und gelangte an eine Woͤlbthuͤr, die zu dem Glocken⸗ ſtuhle des Thurmes leitete, und als die Wittwe dieſelbe oͤffnete, ſchimmerte den Gekommenen von innen des Gemaches der Strahl einer Lampe entgegen. In dem Gemache befand ſich ein al⸗ ter Mann, der auf einem Haufen Stroh ſaß. Sein Bart war lang und grau, und ſein Locken⸗ haar hing ihm unordentlich uͤber die Schlaͤfen herab. Tiefe Furchen in ſeinen Wangen erhoͤhe⸗ ten noch ſein aͤltliches Ausſehen. Sein Geſicht wies edlen, charaktervollen Ausdruck, allein in ſeinem Blick war etwas Irres. Ein ſchwerer Seußzer entquoll der Bruſt des Greiſes, als die Wittwe ſich ihm naͤherte und milden Tones zu ihm ſprach:„Dem Himmel ſei Dank, Sir Mar⸗ maduke, daß ich Euch wohlbehalten wiederſehe. Ich komme, wie ich es Euch verſprach, mit der Dame, die Euch gern am Laͤrmſonntage geſprochen haͤtte, wenn Eure Wohlfahrt es geſtattet haben koͤnnte.“ ——— Sir Marmaduke ſtierte die Sprecherin mit nichts ſagendem Blicke an, als hätte er ihre Worte nicht verſtanden, oder doch keinen Antheil daran zu nehmen. Vermoͤge des Schimmers der Lampe, die auf einer alten Bank ſtand, bemerkte er ſodann die Dame in der Maske, ſenkte jedoch, nachdem er auch ſie angeſtarrt hatte, den Blick bald zu Boden. Die Verlarvte aber, die ſeinen Empfindungszuſtand wohl erkennen mogte, hielt ihm freundlich ihre Hand entgegen, nahm dann ihre Larve ab und ſagte im Tone tiefer Bewe⸗ gung:„Mein theuerſter Oheim, kennt Ihr mich nicht? Seht mich doch noch Einmal an.“ Er that es und rief dann wie mit ihm wie⸗ derkehrender Beſinnung:„Gertrud Coppleſtone! Seid Ihr die Dame, die ſo großen Antheil an einem ſo armen, gramzernagten, elenden Greiſe nimmt, als ich bin?“ „O mein theurer Oheim,“ verſetzte Gertrud, indem ſie vor dem Sitzenden auf ihre Kniee ſank,„ſprecht nicht ſo. Kann ich jemals Eurer, meines zweiten Vaters, vergeſſen? Eurer, unter deſſen Dach ich die erſten Lehren des Gottes⸗ — 270 glaubens und der Tugend empfing? Wohl bin ich, ich weiß es, die Tochter eines Mannes, der nicht immer den geraden Weg ging, von wel⸗ chem Ihr nimmer abwichet. Als deſſen Kind bin ich ihm Gehorſam ſchuldig, und werde je⸗ derzeit trachten, ihm dieſen zu beweiſen; doch giebt es hoͤhere Pflicht fur mich, naͤmlich die ge⸗ gen meinen Gott und meinen Koͤnig. Dankbar⸗ keit fuͤr empfangene Wohlthaten iſt ein Befehl Gottes, und ſo will ich des Dankes gegen Euch nimmer vergeſſen, was fur Folgen es auch haben moͤge; und waͤhrend ich vor Augen habe, daß ich eine Tochter bin, will ich nicht außer Acht laſſen, welche Pflichten mir gegen die Lebenden und die Todten obliegen.“ Sir Mamaduke, der waͤhrend dieſer herzli⸗ chen Anrede voͤllig ſeiner ſelbſt wieder bewußt worden war, umhalſete mit Innigkeit ſeine Nichte, die ſich ſodann neben ihn ſetzte und des Grei⸗ ſes ehrwuͤrdiges Haupt an ihrem Buſen ruhen ließ, und ihre Thraͤnen denen beigeſellte, die ſie auf ihre Hand fallen fuͤhlte. Miſtreß Raleigh, das Wiederſehen der beiden Verwandten nicht zu ſtoren, ſtand ſtill und abſeits da und ward tief geruͤhrt von den Herzensergießungen des be⸗ tagten Oheims und der bluͤhend jungen Nichte. „Du warſt ſtets guten und frommen Her⸗ zens, meine Gertrud,“ ſagte Sir Marmaduke. „Jetzt aber ſage mir, weshalb Du zu dieſer nächtlichen Stunde hieher kamſt. Die gute Wittwe Raleigh, die mich waͤhrend dieſer ungluͤckſeligen Zeiten ſo oft ſchon zu verbergen wußte, ſagte mir, daß ich meines Lebens in der Huͤtte nicht mehr ſicher ſein koͤnnte; ſo verſteckte ſie mich hier in dem Glockenthurm— einem Schlupf— winkel, der wohl ſchon manchen frommen Geiſt⸗ lichen barg, nachdem die Verfolgung der grau⸗ ſamen Fanatiker, die die Oberhand in Kirchen⸗ wie in Staatsangelegenheiten erlangten, ihm kein Obdach gelaſſen hatte. Die gute Raleigh ſorgte hier fuͤr mich, bis mein Sohn mir eine beſſere Freiſtatte ausmitteln wuͤrde. Bis jetzt iſt ihm dies nicht gelungen, denn die Edelleute, die ſich fuͤr den Koͤnig erheben moͤgten, glauben ei⸗ nen beſonders guͤnſtigen Augenblick dazu abwar⸗ ten zu muͤſſen, und ein Preis iſt auf meinen Kopf geſetzt. Selbſt hier ſchweb' ich in Gefahr, ausgekundſchaftet zu werden.“ „Als ich Euch den Glockenthurm zur Frei⸗ ſtatt vorſchlug,“ nahm die Wittwe das Wort, „glaubte ich freilich nicht, daß am Laͤrmſonntage es ſolche rebelliſche Auftritte geben wuͤrde. Gnade Gottes war es, daß Ihr dabei unentdeckt bliebt. Wurdet Ihr doch erhalten wie vor Alters die Propheten, als Jeſabel ſie verderben wollte! Al⸗ lein Obadjah erhielt dieſelben zu funfzigen in ei⸗ ner unterirdiſchen Hoͤhle, wo ein Engel des Herrn Wache uͤber ſie hielt.“ „Auch ward ich wirklich ebenfalls unter der Erde verborgen gehalten,“ ſagte Sir Marma⸗ duke,„denn an jenem Sonntage, liebe Gertrud, warnte die gute Raleigh mich vor der Gefahr, und ich mußte in ein Grab ſchluͤpfen, das fuͤr einen Juͤngſtgeſtorbenen geoͤffnet worden war. Der Lebende und die Todten geſellten ſich als⸗ dann zu einander. Nun, nun, ſchaudere nicht, mein Kind, ein Beinhaus iſt in dieſen Zeiten ein beſſerer Zufluchtsort, als ein Gefaͤngniß, wo⸗ zu die Tyrannen den Schluͤſſel fuͤhren. O Ger⸗ 273 trud, ich koͤnnte allzeit und immer bei den Tod⸗ ten wohnen, ſo ich nur vermoͤgte, dadurch das Andenken an eine einzige Stunde zu verlieren!“ Gertrud erkannte, zu welchem Schauerum⸗ ſtande die Gedanken des Greiſes ſich hinwende⸗ ten, und ſuchte dieſelben abzulenken, jedoch ver⸗ gebens. Sir Marmaduke hoͤrte nicht auf des Maädchens Mahnung, ſich von hinnen zu bege⸗ ben, da ſie ſo gluͤcklich geweſen waͤre, ihm einen ſicherern Aufenthaltsort auszumitteln; der Hart⸗ verfolgte war nicht mehr von ſeinen melancholi⸗ ſchen Gruͤbeleien abzubringen. „Gertrud,“ ſagte er,„Du ſollſt mir von ihr ſprechen, denn Du liebteſt ſie jederzeit, und ſie war Dir in Zaͤrtlichkeit und Sorgfalt fuͤrwahr eine Mutter. Du haſt ihrer nicht vergeſſen, mein Kind?“ „Gewiß nicht, Sir,“ verſetzte Gertrud, die ijetzt befurchten mogte, durch ihr Schweigen ſeine Gefuͤhle nur noch ſchmerzlicher aufzuregen.„So lange noch Gedaͤchtniß lebt, werde ich ihrer nim⸗ mer vergeſſen. Sie iſt jetzt die Genoſſin der Warleigh. II. 18 274 Heiligen und Engel, denen an Froͤmmigkeit und Milde ſie ſchon hier auf Erden glich.“ „Ja, ſie iſt wahrhaftig gluͤckſelig,“ ſagte Sir Marmaduke, indem er aufwaͤrts blickte„O, daß der Menſch,“ fuhr er lebhaft fort,„durch das endloſe Luftgewölb hindurch nur einen Blick in die Wohnung der Erloͤſeten ſenden koͤnnte! Waͤre dieſer mein Leib zu Staube geworden, ſo koͤnnte ich die Theure jetzt vielleicht als einen walten⸗ den Seraph erblicken, als welcher ſie bisweilen herab auf die Erde geſendet wird, um den aͤch⸗ zenden Geiſt und das brennende Haupt zu um⸗ ſchweben und der abſcheidenden Seele den Sang des Troſtes entgegen zu athmen, der aus dem Glauben an den Allewigen klingt, in welchem alle, alle Hoffnung ruhet. Meinſt Du nicht, Gertrud, daß die Fromme mir endlich auf mei⸗ nem Sterbebette als ſolcher Engel erſcheinen werde?“ „O werther Oheim,“ verſetzte das Maͤdchen, „laßt mich Euch bitten, nicht jetzt ſolchen Ge⸗ danken nachzuhangen, wiewohl ſie Euch eher Be⸗ ruhigung als Bekuͤmmerniß verurſachen moͤgen. —⁵— Eure Gott und dem Koͤnig und dem Lande ge⸗ leiſteten Dienſte verheißen Euch gewiß ein ſeli— ges Ende, und Ihr moͤgt noch zu mehreren aͤhn⸗ lichen aufgerufen werden. Daran denkt und rich⸗ tet Eure Seele auf; laßt ab von nichtigen Sor— gen und zeigt Euch als ein Mann; denn wenn Koͤnig Karl verſchont bleibt——“ „Wahr, wahr, Gertrud,“ ſagte Sir Mar⸗ maduke;„aber werden ſie ihn verſchonen? ſie, die Keinen verſchonen? Die Erde, die Luft, alle Elemente, die wilden Vierfuͤßler und die Raub⸗ voͤgel, die auf ruheloſen Schwingen umher flie⸗ gen— Alle, Alle gehorchen ihrem Schoͤpfer, ge⸗ horchen ihm mehr als die Menſchen es thun; denn der Menſch, wenn er zum Rebellen entartet, gehorcht keiner Macht, als nur der der Finſter⸗ niß, deren Boten ſeine eigenen boͤſen Leiden⸗ ſchaften ſind. Und in Rebellenhaͤnden iſt der Köͤ⸗ nig, und ſie werden gegen ihn, fuͤrcht' ich, an Haͤrte gleich den Felſen, an Wildheit gleich den Loͤwen, an Gier gleich den Aasvögeln ſein.— Ja, ja, ich will mich aufmachen; ich will ich ſelbſt ſein; denn ſo lange Karl lebt, kann ich 48* 276— ihm noch nuͤtzen. Und iſt das gethan, ſo mag das Grab mir eine hochwillkommene Lagerſtatt ſein.“ „Solche Gedanken,“entgegnete Gertrud,„ſind edler als die Gruͤbeleien der Verzweiflung. Hier, Oheim,“ fuhr ſie fort,„wickelt Euch in dieſen Mantel, den Wittwe Raleigh Euch beſorgte. Folgt mir; der alte Anton, mein treuer Diener, harrt draußen mit Pferden. Wir muͤſſen hurtig von hinnen. Sir William Baſtard hat einen Plan zu Eurer Sicherung mit mir verabredet. Ich werde Euch heute Nacht an einen Ort ge⸗ leiten, an welchem er uns treffen will. Einer ſeiner Leute kehrt mit mir nach Warleigh zuruck, ſo daß ich vor Sonnenaufgang heim bin, und mein Vater iſt dieſe Nacht Hauſes. Da Euer Leben auf dem Spiele ſteht, wollte ich Eure Sicherſtellung keinem Andern, als nur mir ſelbſt anvertrauen. Freilich haͤtte ich wohl einen Freund, der, obwohl Feind Eurer Sache, eh⸗ renwerth genug ſein wuͤrde, daß ich ihm das Werk haͤtte vertrauen moͤgen, allein in Folge eines albernen Haders iſt er am Arme verwun⸗ 277 det worden, ſo ward ich denn, wenn gleich ein Madchen, genoͤthigt, ſelbſt fuͤr Euch in dieſer Bedraͤngniß zu handeln; denn Anton, wie treu er ſein mag, iſt zu alt und ſchwach, um in ſo dringender Gefahr ſich umſichtig genug zu zei⸗ gen. Seid Ihr bereit? Wir muͤſſen eilen.“ Sir Marmaduke, der ſich jetzt vollig geſam⸗ melt hatte, dankte ſeiner Nichte, aͤußerte die Hoffnung, daß ſie von ſeinem Wohlſein Nach⸗ richt bekommen und er ihrer Freundlichkeit nim⸗ mer vergeſſen wuͤrde, und verließ dann mit Ger⸗ trud und der Wittwe die Kirche. Draußen be⸗ ſtieg der Greis das Pferd, welches der alte An⸗ ton geritten hatte. Dieſer erhielt die Weiſung, ſeines Fraͤuleins zu Warleigh an einer gewiſſen Pforte des Gartens zu harren, und nachdem man ſich gegenſeitig bei einander beurlaubt hatte, wendete die Wittwe ſich ihrer Huͤtte, der alte Diener dem Herrnhauſe von Warleigh zu. Ger⸗ trud aber ritt mit Sir Marmaduke den ihr ge⸗ nau bekannten Weg entlang, der zu der Stelle fuͤhrte, an welcher Sir Baſtarbs Abgeordnete den Greis in Empfang nehmen ſollten. Beide Reitenden ſprachen kein Wort, indem zu fuͤrch⸗ ten ſtand, irgend ein Lauſcher koͤnnte am Wege ſein. Auch waren die Gedanken Gertrud's aͤmſig genug geſchaͤftig. Sie wußte, daß ihr zeitheri⸗ ges Thun nicht nur ihrem Vater unbekannt ge⸗ laſſen worden war, ſondern auch manchen ſtren— gen Vorwurf verdienen mogte; doch ſprach ihr Herz ſie in ſofern frei, daß ſie, wenn auch hin⸗ ter dem Ruͤcken ihres Vaters, doch immer nur im Gefuͤhl reiner Dankbarkeit handelte. Sir John Coppleſtone hatte ſeine Tochter keineswegs in das Innere ſeiner Plaͤne blicken laſſen, und nach Dem, was ſie davon errieth, und nach den juͤngſt ſtattgefundenen Ereigniſſen mogte ihr natuͤrlicher Scharfblick ihr allerdings Urſache genug zu ernſt⸗ licher Beſorgniß geben. Sie wußte, daß Regi⸗ nald Elford von dem Capitaͤn Coleman zu deſ— ſen Beute auserſehen war. Sie erfuhr dies durch Mittel, uͤber die wir ſpaterhin uns deutli⸗ cher werden ausſprechen koͤnnen. Sie hatte den jungen Elford Einmal gerettet, und hoffte, ihre Warnungen wuͤrden ihn fuͤr die Zukunft vorſich⸗ tiger ſein laſſen. Die Gefahren Sir Marma⸗ 279 duke's waren erſichtlich; denn der Parlaments⸗ general Ruthen, der ſich im Weſten des Landes waͤhrend der juͤngeren Unruhen ſo geſchaͤftig er⸗ wies, hatte ſeine Niederlage und ſeine daraus hervorgegangene Flucht von Saltaſh hauptſaͤch⸗ lich dem hartnaͤckigen Widerſtande Marmaduke's zugeſchrieben, und geſchworen, ihn, wo er ihn faͤnde, wie einen Hund zum Schrecken aller Ver⸗ raͤther niederzuſchießen. Dieſe Drohung ward durch das Schickſal des Sir Charles Lucas und des Sir George Lisle zu Colcheſter nur um ſo furchtbarer gemacht; und Gertrud erfuhr kaum ihres Oheims entſetzliche Bedraͤngniß, als ſie, eingedenk ihrer ihm ſchuldigen Dankbarkeit und ihres vor dem Bilde der Lady Elford geleiſteten Geluͤbdes, Alles aufbot, um das Werk der Ret⸗ tung durchzufuͤhren. Obwohl ſie nun ihren Va— ter wegen boͤſer Abſichten beargwohnte, trug ſie doch Sorge, denſelben gegen keinen Menſchen zu verklagen. Als Coleman juͤngſt bei Sir John Coppleſtone einſprach, ließ derſelbe ein Wort fallen, das keineswegs fuͤr des Maͤdchens Ohr beſtimmt war, durch welches ſie aber hinſichtlich 280 des Sir Hugo Piper ſehr beunruhigt ward. Der Brief, den ſie an dieſen tapfern Royaliſten ſo geheimnißvoll ſchrieb und befoͤrderte, war das einzige Mittel, das ſie anwenden konnte, um ihn zu warnen, da ihre kindliche Pflicht ihr verbot, den Namen ihres Vaters zu nennen, der aller⸗ dings in den geheim gehaltenen Anſchlag ver⸗ wickelt war, den man gegen Sir Hugo vorhatte. In dem Bewußtſein, daß ſie allweg nur aus edlen Anregungen handelte, fuͤhrte Gertrud jetzt ihren Oheim dem Sir William Baſtard, einem koͤniglichgeſinnten Edelmanne, zu, an den ſie ſich, weil ſie keinen anderen Helfer ausfindig zu ma⸗ chen wußte, in dieſer Bedraͤngniß gewendet hatte, da die arme Wittwe Raleigh ſtuͤndlich mehr in Gefahr gerieth, es erkundet zu ſehen, daß und wo ſie den verfolgten Sir Marmaduke verſteckt hielt. In fruheren gluͤcklicheren Zeiten war der junge Cavalier als Freund im Herrnhauſe zu Warleigh aus⸗ und eingegangen, durch die Kriegs⸗ unruhen aber war zwiſchen Sir William Ba⸗ ſtard und Sir John Coppleſtone eine unzuver⸗ tilgende Spaltung entſtanden, ſo daß Letzterer 281 beſonders den Erſteren unverſoͤhnlich haßte, und obwohl Sir John neuerdings ſich der Partei des Koͤnigs zuzuneigen ſchien, konnte Sir William doch kein Vertrauen wieder zu dem Beſitzer von Warleigh gewinnen, ſondern betrachtete ihn etwa ſo wie die Ritter der Vorzeit die Freiſchaaren betrachteten, naͤmlich als Leute, deren Soͤldner⸗ dienſte man zu Foͤrderung einer guten Sache be— nutzt, an denen jedoch fortwaͤhrend der Blick des Argwohns und der Behutſamkeit haften muß. Gertrud wußte dies, und wie leid es ihr thun mogte, ſo geſtattete ihr Rechtlichkeitsgefuͤhl ihr jedoch nicht, den jungen Sir William des⸗ halb durchaus zu verdammen. Der ebengenannte Cavalier hatte darein gewilligt, ihren Oheim auf⸗ zunehmen und zu beſchutzen, doch wollte er dies nur unter der Bedingung thun, daß ihrem Va⸗ ter nichts davon mitgetheilt wuͤrde. Gertrud ge⸗ lobte willig Verſchwiegenheit, weil dieſe ihr als das Räthlichſte fuͤr alle Parteien ſchien. Sir William hatte ſich erboten, ſelbſt an den Ort zu kommen, an welchen Gertrud ihren Oheim ihm entgegenfuͤhren wollte; doch hatte aus Gruͤnden maͤdchenhaften Zartgefuͤhls Gertrud ſich ſolches Zuſammentreffen verbeten und nur darauf ange— tragen, daß etliche Vertraute Sir Williams an⸗ weſend waͤren und den Greis in Empfang naͤhmen, ohne die Dame zu kennen, die denſelben ihrer Obhuth uͤberlieferte. Sir William Baſtard fugte ſich dieſer Anordnung und Gertrud gelei— tete nun ihren Oheim der Staͤtte zu, an wel— cher ſie die ausgeſendeten Vertrauten zu finden hoffte. ———————— Funfzehntes Capitel. „Der Mann, ſo einſam, ſo geheimnißvoll, Dem Laäͤcheln fremd, dem Seufzen kaum entquoll, Deß Name ſeiner Mannſchaft Khnſten ſchreckt, Mit Blaͤſſe alle braunen Wangen deckt, Beherrſcht ſie mit der Kunſt, die blendet, lenkt, Und doch das rohe Herz mit Furcht umfaͤngt. Was iſt der Reiz, den Raͤuber anerkennen, Beneiden, und doch nicht bekaͤmpfen koͤnnen? Was feſſelt ihre Treue ſo? Die Kraft Des Geiſt's, der Seele Macht, die Wunder ſchafft.“ Vyrons„Corſar“(uͤberſ. v. A. Hungari). —— Gertrud Coppleſtone und Marmaduke Elford waren eine Zeitlang auf Nebenwegen und bahn⸗ loſen Pfaden fortgeritten, bis ſie in eine offenere Gegend kamen. Vor ihnen ſtreckte ſich eine in der Ferne von ſich thuͤrmenden Hoͤhen und ſanft anſchwellenden Huͤgeln umgebene Haide, an deren Ende ſie in eine tiefe Bergſchlucht geriethen, die 284 in einen noch wilderen Theil der Gegend, in ei⸗ nen dichten Wald mit mehreren Ausgaͤngen fuͤhrte, deren einen Sir William Baſtard als den Ort der Zuſammenkunft beſtimmt hatte. Vor der Bergſchlucht angelangt ſahen unſere naͤchtlichen Reiſenden tief in ihr Alles im Dun⸗ kel liegen, indem die uͤberhangenden Felſen dem Lichte des Mondes das Eindringen weigerten. Um den mit einer Unzahl von Felstrihmmern be⸗ ſaͤeten Weg in der Finſterniß mit Weniger Ge⸗ fahr zuruͤckzulegen, war es am gergthenſten, den Pferden den Zuͤgel ſchießen zu laſſen, damit die Thiere mit deſto mehr Zwangloſigkeit ſich ihren Pfad ſelbſt ſuchen moͤgten. Endlich erreichten Gertrud und Marmaduke eines jener waldigen Felsthäler, die ſich ſo haͤufig und ſo maleriſch in der an ſchoͤnen Landſchaften reichen Grafſchaft De⸗ von darbieten. Auch hier herrſchte Finſterniß, ob⸗ wohlzu Zeiten ein Mondlichtſtreifen durch eine Wald⸗ oͤffnung ſchoß und auf den thaunaſſen Baumäſten und Raſenanſchwellungen blitzte. Zwiſchen das Pfeifen des Windes in den Wipfeln der rieſig⸗ hohen Baͤume hindurch waͤhnte Gertrud etliche 285 Male ferne Menſchenſtimmen zu vernehmen; doch hielt ſie dies bald wieder fuͤr Taͤuſchung, bis ſie, als der Weg ploͤtzlich umbog, einen unteren Theil der rings ſich aufthuͤrmenden Felſenmaſſen von dem rothen Gluͤhſchein einer hellbrennenden Fackel erleuchtet ſah. Ehe ſie noch ſprechen, ja nur zu ihrem Oheim ſich wenden konnte, wurden die umherliegenden Steinhaufen gleichſam leben⸗ dig, denn hinter jedem derſelben fuhr ein Wege⸗ lagerer hervor und ſtuͤrzte uͤber unſere beiden Rei⸗ ſenden hin, als muͤßten dieſe jedes Einzelnen Beute werden. Widerſtand war durchaus vergebens; es blieb nichts zu thun uͤbrig, als ſich einem dem An⸗ ſcheine nach unvermeidlichen Geſchicke zu fuͤgen. Gertrud ſah dies ein; kein Wort, kein Schrei entſchluͤpfte ihr. Augenblicklich ſtieg ſie von ih⸗ rem Pferde und flehete den ſie bedraͤngenden Raͤuber, der einer der Fuͤhrer der Bande zu ſein ſchein, in wenigen aber erſchuͤtternden Worten 3 an, ihr und ihrem hochbetagten Begleiter Barm⸗ herzigkeit zu ſchenken. Sir Marmaduke ward ebenfalls zum Abſitzen genoͤthigt, als er thoͤrichter⸗ — 286— weiſe verſuchte, ſeine Waffe zu gebrauchen. Er ſah ſich ſofort uͤberwaͤltigt. Gertrud blickte auf zu dem Manne, von dem ſie angehalten worden war, und Schauder durchrieſelte ſie. Ein wilde⸗ res, garſtigeres Geſicht war ihr auch zuvor noch nie zu Geſichte gekommen, vollends aber ward ihr dieſer Anblick durch Zeit und Ort noch ent— ſetzlicher gemacht. Wir muͤſſen hier ein Weil⸗ chen inne halten, um von dem Raͤuberhaupt⸗ mann und deſſen Geſellen Einiges zu ſagen. Hat einer unſerer freundlichen Leſer jemals Rembrandts beruͤhmtes Gemaͤlde, das den Na⸗ men„Le Prisonnier en colère(der zornige Gefangene)“ fuͤhrt, ſo kann er nach demſeiben ſich von der Geſtalt, welche jetzt vor Gertrud Coppleſtone ſtand, eine ungleich beſſere Vorſtellung machen, als irgend unſere Beſchreibung ihm die⸗ ſelbe zuzufuͤhren im Stande iſt. Er war lang und ſtark wie Herkules, ſein Geſicht ſo braͤun⸗ lich wie das eines Bergbanditen in einer italie⸗ niſchen Novelle. Sein ſchwarzes, lockiges, aber verworrenes Haar hing lang uͤber ſeinen Ruͤcken hin. Dicker nackter Hals, breites Antlitz, hohe . . Stirn, dunkle, uͤber die großen ſchwarzen Augen ſich ſenkende Brauen verliehen ihm ein wildes Anſehen. Sein etwas breiter Mund deutete auf einen ſcharfen, abgeſchloſſenen Charakter, ein dicker Schnauzbart deckte ihm die Oberlippe, und das Kinn war ihm mit einem kurzen rauhen Barte, den Borſten auf dem Ruͤcken eines Ebers nicht unaͤhnlich, umwachſen. Auf ſeinem Kopfe trug er eine Stahlkappe, ein bis auf die Kniee ihm herabhangender Le⸗ derrock wies ſich nicht nur von dem Erdboden, auf dem er da und dort gelegen haben mogte, ſondern von jedem Elemente fleckig, denn auf dem Ruͤcken war derſelbe ſicherlich durch Feuer und Waſſer, zufolge der wilden und abenteuerli— chen Laufbahn ſeines Traͤgers, gegangen. Im Guͤrtel, durch den dieſer Buͤffelkittel zuſammen⸗ gehalten ward, ſteckten ein Paar Piſtolen und ein langer Dolch von feinſter Arbeit, denn des Mannes Waffen waren ſein Stolz. Ueber die eine Schulter hin hing ihm ein dunkelbrauner Mantel. Er trug Stiefeln mit hohen weiten Kappen, wie man ſie haͤufig auf Gemalden er⸗ 288 blickt, die ſich aus jener Zeit herſchreiben. Seine Schritte waren weit, und nimmer ſetzte er den Fuß auf den Boden, als mit ſo kuͤhnem, ve⸗ ſtem Tritt, wie wenn er der Erde zu gebieten haͤtte. Vor dieſem Manne ſtand Gertrud bebend vor Furcht, als ſie hoͤrte, wie ihr Oheim, den dieſes Abenteuer vollends zur vollkommenſten Selbſtbeherrſchung zuruͤckgefuͤhrt hatte, in hohem und unwilligem Tone fragte,„weshalb er und die ihn begleitende Dame auf ſo widerrechtliche Weiſe angehalten worden waͤren?“ Der An⸗ fuͤhrer der Wegelagerer beantwortete dieſe Frage mit einem ſtuͤrmiſchen Gelaͤchter und ſagte dann: „Unſer Wille iſt unſer Recht und um nichts ſchlech⸗ ter als das Recht, das jetzt auf Englands Boden waltet, denn wir ſichern es uns durch Gewalt und nach unſerem eigenen Geluͤſten. Wer aber und was ſeid Ihr? Habt Ihr Geld? Gebt's heraus, ich fordere nimmer zweimal hinterein⸗ ander.“ „Hier meine Boͤrſe,“ ſagte Gertrud,„nehmt ſie, nehmt Alles, was ich habe, hier iſt auch ein Juwel, und ein werthvoller, glaubt es mir. Nehmt, und wenn Erbarmen in Euch wohnt, ſo laßt uns ziehen. O, wenn Ihr Maͤnner ſeid, wenn Ihr je beſſeres Gluͤck und Geſchick kanntet, als das zu ſein ſcheint, welches jetzt uͤber Euch waltet, ſo flehe ich Euch an, Mitleid mit jenem Greiſe und mit mir huͤlfloſem Maͤdchen zu haben!“ „Ihr habt mich entwaffnet,“ nahm Sir Mar⸗ maduke das Wort,„habt mich durch Ueberzahl bewaͤltigt, ſonſt wuͤrd' ich mich ſo nicht ergeben haben, wuͤrde lieber im Kampfe fuͤr meine Frei⸗ heit gefallen ſein.“ „Sprecht, wer ſeid Ihr?“ fiel der Fuͤhrer ge⸗ bieteriſch ein.„Vielleicht ſind wir fuͤr Euch nicht Die, die wir zu ſein ſcheinen. Es giebt ſchlechtere Kerle, als wir ſind, in der Welt und die zu einer Zeit, wie die jetzige, dennoch in un⸗ gleich beſſerem Rufe ſtehen. Nochmals befehl' ich Euch, zu reden und nicht Kurzweil mit uns zu treiben. Thut Ihr dies dennoch, ſo ge⸗ ſchieht's auf Eure eigene Gefahr.— Wie nennt Ihr Euch?“ Warleigh. Il. 19 290 Gertrud heftete einen ausdrucksvollen Blick auf ihren Oheim, als wollte ſie ihn warnen, ſich nicht zu verrathen, denn ihre Seele war banger Ahnungen voll. Auch hatte ſie hiezu wohl Be⸗ fugniß; denn inmitten der Einſamkeit duͤſterer Fels⸗ und Waldgegend wies der gluͤhrothe Schein der Fackel, deren Licht mit den umher gelager⸗ ten Schatten rang, eitel Gegenſtaͤnde des Schreckens. In Marmaduke's Charakter aber lag es und war vielleicht eine ſeiner Schwaͤchen, daß er zu jeder Zeit ſich ſtolz auf den Namen fuhlte, den er tadellos von ſeinen Vorvaͤtern ererbt hatte, obwohl derſelbe jetzt durch ſeine Treue gegen den ungluͤcklichen Karl Stuart von der Verderbtheit der Zeit als beſudelt erſcheinen mußte. Achtlos gegen jede Gefahr alſo verſetzte er, ohne auf Gertruden's Blick oder uͤberhaupt auf irgend Etwas Ruͤckſicht zu nehmen:„Ich bin Mar⸗ maduke Elford, alt uud bekümmert zwar, doch immer noch Derſelbe wie zur Zeit, in welcher ich den Glanz und die Ehre meines uralten Hau⸗ ſes vertrat. Ihr moͤgt von ſolchem Manne wohl gehoͤrt haben.“ „Allerdings hab' ich,“ verſetzte der Raͤuber⸗ hauptmann.„Antwortet mir! Seid Ihr der Sir Marmaduke Elford, der, als Sir Richard Gren⸗ ville, jener grauſame und raubgierige General, den wackern John Gubbins zu einem geſetzwidri⸗ gen Tode verdammt hatte, dieſen Ungluͤcklichen dadurch vor ſo ſchmachvollem Schickſal zu be⸗ wahren trachtete, daß Ihr bis auf das Aeußer⸗ ſte ranget, ihm das Leben zu erhalten? Seid Ihr der Mann?“ „Der naͤmliche,“ verſetzte Sir Marmaduke, „und wenn ich auch nicht vermogte, Sir Richard zu bewegen, des armen mißleiteten Mannes zu ſchonen, ſo gelang es mir doch, den juͤngern Sohn deſſelben zu retten, der mit ſeinem un⸗ gluͤcklichen Vater gefangen genommen worden war.“ „He, Burſch!“ rief der Anfuͤhrer der We⸗ gelagerer bei dieſen Worten einem ihm nahe ſtehenden Juͤngling zu—„Ralph Gubbins, kniee nieder und danke Deinem Retter. Sir Marmaduke Elford iſt es, der vor Dir ſteht. Glaubt' ich doch, ihn auf den erſten Blick zu er⸗ 19* 292 kennen.— Hervor, Junge, und gieb Ehre den grauen Haaren dieſes Mannes.“ Ein halb nackter Juͤngling, der einem Wil⸗ den nicht unaͤhnlich war, trat jetzt vor, ſchauete unter ſeinen verworrenen Locken, aus großen ſchwarzen Augen auf Sir Marmaduke, reichte demſelben die Hand dar, und ſagte:„Dank Euch, edler Sir, doch nicht um meiner ſelbſt willen; denn waͤre ich, ehe Ihr mich rettetet, ge⸗ hangen worden, ſo wuͤrde ich nur ein paar Jaͤhrchen vor meiner Zeit vom Karren geſprun⸗ gen ſein; denn eine kluge Frau prophezeihete mir, Vater und ich wuͤrden Beide Hanf ſtrecken, ehe wir uns in unſeren Sarg zu ſtrecken haͤtten, und der Vater that's ſchon. Dennoch dank' ich Euch,“ fuhr der wilde Burſch fort, indem er Sir Marmaduke's Arm bis in den Schulter⸗ knochen ſchuͤttelte,„dank' Euch, ſag' ich, daß Ihr Alles thatet, was ein Mann thun konnte, um meinen Vater vom Galgen loszubringen! Ich bin nicht undankbar; nennt mir Euren Feind und ich will Euch zeigen, ob eine gutge⸗ 293 zielte Kugel, oder ein wohlgefuͤhrter Stoß Euch von ihm befreien kann.“ „Meiner Feinde ſind viele,“ entgegnete Sir Marmaduke,„und da Ihr ſo genau wißt, wer ich bin, ſo muß Euch auch bekannt ſein, fuͤr weſ⸗ ſen Sache ich kaͤmpfte und blutete und litt, und um weßwillen jetzt ein Preis auf meinen Kopf geſetzt ward, den zu verdienen wohl, wie ich hoffe, nimmer Euer Gewerbe ſein wird.“ „Nimmer, und waͤren wir hungrig wie bauch⸗ leere Woͤlfe,“ ſagte der Anfuͤhrer.„Wir fuͤhren ein freies, aber kein ehrloſes Leben. Unſer Wort, zu ſchonen oder zu toͤdten, wird nimmer gebro⸗ chen. Ich bin's, der ſo ſpricht, und ehe wir von einander ſcheiden, ſollt Ihr mich beſſer ken⸗ nen lernen.— He, Burſche!“ rief er ſeinen Leu⸗ ten zu:„Hieher!— Wir Alle ſind Eines Ge⸗ fuͤhls, Eines Glaubens. Ja, ja, Sir Marma⸗ duke, wundert Euch nicht; wir ſind keine Got⸗ teslaͤugner. Wir hangen wahrhaftig einer Reli⸗ gion an. Ihr ſteht hier umringt von einem fern und nah bekannten, obwohl um ſeiner ſelbſt wil⸗ len geſchmaͤheten und verfolgten Geſchlecht. Wir 294 ſind die papiſtiſchen Gubbins, die ſich gegen ihre Verfolger gewendet halten und bisher ihnen Trotz boten. Kennt Ihr dies Kleinod?“ Er zeigte ein kleines goldenes Kreuz, das ihm an einer Schnur um den Nacken hing.„Dies war das Erſte,“ fuhr er fort,„was uns zur Zielſcheibe der Beute fanatiſcher Puritaner machte. Gren⸗ ville, jener ausſchweifende Verraͤther des Koͤ⸗ nigs— denn Verraͤther war er, indem er durch ſein liederliches Leben die Sache des Koͤnigs ver⸗ rieth— uͤberfiel uns zuerſt und verfolgte uns un⸗ ter dem Vorwande, daß wir Papiſten waͤren, eigentlich aber that er es, um ſich unſerer Reich⸗ thuͤmer zu bemaͤchtigen. Wir aber leben noch immer frei, wenn gleich ein wildes Leben, und ſo wollen wir fortleben, bis das Geſchick die Tafeln umkehrt.“ „Ich kenne Eure traurige Geſchichte,“ ſagte Sir Marmaduke,„und wenn ich anfaͤnglich auch Euer Mißgeſchick beklagte, ſo kann ich Euerer jetzigen Lebensweiſe doch keinen Beifall ſchenken. So kuͤhnmuͤthige Maͤnner als Ihr ſeid, moͤgte ich auch tapfere Thaten fuͤr die Sache des Koͤ⸗ nigs verrichten ſehen.“ „Und fuͤr ſolche Sache ſcheuen wir weder Muͤhſal noch Kampf und Tod,“ verſetzte der An⸗ fuhrer.„Dem Koͤnige Karl Stuart ſind wir zu⸗ geſchworen. Wer aber iſt die Dame dort? Sie ſieht bleich und erſchrocken aus— wie iſt ihr Name?“ „Meine Nichte, die Tochter Sir John Copple⸗ ſtone's. Thut ihr kein Leides an, denn ſie iſt aller Ehre wuͤrdig.“ „Dann fließt ihrer Mutter Blut kraͤftiger, denn das ihres Vaters in ihr,“ ſagte der Raͤu⸗ berhauptmann.„Sie hat nichts von uns zu fuͤrchten. Warum iſt ſie heute Nacht in Eurer Geſellſchaft?“ „Um mich vor der Gewalt meiner Feinde zu ſchuͤtzen,“ antwortete Sir Marmaduke,„ritt ſie mit mir dem Sir William Baſtard entgegen, der mir Obdach und Beiſtand zuſagte.“ „So iſt's gut, daß wir einander begegneten,“ war des Geaͤchteten Antwort,„denn ſo eben vernahmen wir von einem unſerer Streifzuͤgler, 296 daß in Folge der kuͤhnen Gegenwehr, die Sir William den Parlamentsreitern zu Tamerton zeigte, er von dieſen in ſeiner Wohnung uͤber⸗ fallen ward, ſo daß er ſich in derſelben verram⸗ meln und zur Wehr ſetzen mußte. Haͤtte er ſich hinausbegeben, wuͤrde er ein Mann des Todes geworden ſein. Wir ſind Freunde Sir Williams, denn er iſt ein tapferer Royaliſt. Waͤren wir von groͤßerer Anzahl geweſen, ſo wuͤrden wir ihm zu Huͤlfe gekommen ſein; allein unſere Leute bewohnen die Thalſchlucht von Lidford als ihre Heimath, und wir hier ſind nur einige wenige umherziehende von ihnen, die den Tag abwar⸗ ten, um zu den Genoſſen zuruͤckzukehren. Es blieb uns alſo unmoͤglich, unſere Streitkraͤfte ſchnell genug zuſammenzuraffen, um Sir William Huͤlfe zu leiſten.“ Sir Marmaduke und Gertrud aͤußerten nicht geringe Beſorgniß fuͤr Sir William, als ſie dieſe Mittheilung der Gubbins hoͤrten. „Fuͤrchtet ſeinetwegen nichts,“ meinte der Anfuͤhrer;„es wird nur ein voruͤbergehender Laͤrm ſein. Sir William, ich ſteh' Euch dafuͤr, 297 wird ſich ſchon heraushelfen, denn er iſt jung und tapfer; wiewohl kuͤnftighin ſeine Behau⸗ ſung fuͤr Euch, Sir Marmaduke, keine ſichere Zu⸗ fluchtſtaͤtte darbieten duͤrfte.“ „Ich weiß nicht, wohin ich mich wenden ſoll,“ entgegnete der Greis Elford.„Ich gleiche einem gehetzten Hirſche. Jedes Fels⸗ oder Walddach wuͤrde mir willkommen ſein, wenn es mir ſo lange Ruhe verſchaffte, bis die Stunde ſchlagen moͤgte, die mich zu irgend etwas Beſſerem auf⸗ ruft, als zum Herumſchleichen, um mein altes Leben vor Gefahr zu ſichern.“ „Ihr werdet leben, hoff' ich, um es glorreich zu enden,“ ſagte der Geaͤchtete;„ich aber will Euch in Eurem Elende beiſtehen. Ich kenne ei⸗ nen Sicherheitsort, der Euch verborgen halten wird, ſollten auch Cromwell und all ſeine Hunde Euch auf den Ferſen ſein; doch muͤſſen wir die⸗ ſen Ort nicht in der Dunkelheit ſuchen. Raſtet hier bis zur Morgendaͤmmerung, ſo will ich mit etlichen meiner Leute Euch ſicher dorthin fuͤhren, und dieſer Juͤngling, deſſen Leben Ihr rettetet, ſoll Euch daſelbſt taͤglich mit dem Noͤthigen ver⸗ —— ſorgen, bis Ihr zur That hervorſchreiten koͤnnt. Wollt Ihr mir folgen?“ „Herzlich gern,“ verſetzte Sir Marmaduke, „und unterwegs will ich Euch ſagen, wo Ihr meinen Sohn auffinden und ihm meinen Auf⸗ enthaltsort nennen koͤnnt.“ „Zugeſtanden!“ rief der Fuͤhrer.„Und dieſe Dame? Was koͤnnen wir fuͤr ſie thun?“ „Ich muß nach Hauſe zuruͤck,“ ſagte Ger⸗ trud mit Scheu.„Werde ich morgen fruͤh dort vermißt, ſo erregt es Verdacht. Ich kam in der Hoffnung, meinen Oheim zu retten, kam als ſeine Fuͤhrerin, um Sir William zu begegnen, aber ich kam heimlich.“ „Ich verſtehe,“ entgegnete der Geaͤchtete: „Ihr kamt ſonder Vorwiſſen Sir John Copple⸗ ſtone's. Manches Maͤdchen betruͤgt ihren Vater um ſchlimmeren Vorſatzes willen. Miß, ich gebe Euch dieſes Geld nicht zuruͤck, indem ich Euch meine Ehre verpfaͤnde— und ich habe Ehre, auch wenn ſie nicht immer mit den Geſetzen der Willkuͤr uͤbereinſtimmt— daß dieſes Geld zur Unterſtutzung und Pflege Eures Oheims treulich 209 verwendet werden ſoll. Euren Demant aber geb' ich Euch zuruͤck.“ Indem er auf einen von ſei⸗ ner Mannſchaft zeigte, ſetzte er hinzu:„Dieſer, mein junger Freund, ſoll Euch ſofort nach War⸗ leigh geleiten, damit er noch vor Tage zu mir zuruͤckkehre, denn ſelbſt um einer ſchoͤnen Dame zu dienen, darf ich ihn doch nicht der Gefahr ausſetzen, ſich allein in offner Gegend blicken zu laſſen.“ Der Geaͤchtete ſprach dies mit einem freimuͤ⸗ thigen Weſen und mit ſo vieler Freundlichkeit, als es einem ſo rauhen Menſchen irgend moͤglich ſein konnte. Unter ſo verzweifelten Umſtaͤnden vermogte Gertrud nichts Anderes zu thun, als das Erbieten anzunehmen, und ſie nahm es mit aller Sitte an, dankte dem Fuͤhrer mit Waͤrme, wenn gleich in leiſem und ſcheuem Tone, und nahm herzlichen Abſchied von ihrem Oheim, den ſie mit thraͤnennaſſem Blick um ſeinen Segen bat. Er gab ihr dieſen, indem er ſie in ſeine Arme ſchloß. Gertrud wollte ſich zum Fortrei⸗ ten anſchicken, als der Fuͤhrer ausrief: „Noch ein Wort an Euch, ſchoͤne Miß! Eben — faͤllt mir ein, daß ich vielleicht Einem, der Euch theuer iſt, einen Dienſt leiſten kann. Nun, Ihr braucht nicht zu erroͤthen, denn es iſt keine Schande, einen ehrenwerthen Edelmann liebzuha⸗ ben. Wir haben Kunde von der Welt, obwohl wir im Kriege mit ihr leben. Ihr kennt doch Sir William Baſtard genau?“ „ Sie kennt ihn,“ nahm Marmaduke das Wort,„denn durch ihre Vermittlung wollte Sir Walter mir ſeinen Schutz angedeihen laſſen.“ „Sir William wird nach dem Tumulte zu Tamerton nimmer in Ruhe gelaſſen werden, fucht' ich,“ ſagte der Geaͤchtete.„Ein tief an⸗ gelegter Plan— ſo vernahm ich durch unſere Spaͤher, die ſtets zuverlaͤſſig ſind— wirkt zu ſeinem Verderben, im Fall er in dieſer Nacht ſeinen Widerſachern entrinnt. Gern moͤgt' ich ihm und der Sache des Koͤnigs dienen, wenn man mich zeitig genug davon in Kenntniß ſetzte. Lady,“ fuhr er mit beſonderem Ernſte zu Ger⸗ trud gewendet fort:„nehmt dies goldene Kreuz“— er nahm es von ſeinem Nacken und reichte es der Tochter Coppleſtone's,„bewahrt es ſorgfaͤl⸗ tig, und ſollte Eure oder Sir William Baſtards Sicherheit zur Zeit der Noth die Mithuͤlfe eines maͤchtigen Armes erheiſchen, ſo ſendet durch ei— nen getreuen Boten dies Wahrzeichen in das Thal von Lidford, in die eigenen Haͤnde Roger Rowle's, ſo wird dieſer ſofort dem Aufrufe Folge leiſten. Roger Rowle ſchwoͤrt Euch jeden ihm möglichen Beiſtand, ſobald Ihr Ort und Stunde nennt, denn Roger Rowle ſelbſt legt dies Wahr⸗ zeichen in Eure Hände.“ Als Gertrud dieſen in jenen Tagen ſo furcht⸗ baren Namen hoͤrte— denn Roger Rowle war zur Zeit Karl's des Erſten der Robin Hood von Devon— konnte Gertrud ſich nicht eines Aus⸗ rufes der Ueberraſchung enthalten, als ſie aus der Hand des Parteigaͤngers das goldene Kreuz⸗ chen nahm, welches wohl ein hohes Zeichen von der Gunſt deſſelben war, in welcher ſie und Sir William Baſtard bei ihm ſtand. Marmaduke El⸗ ford aber vermogte nicht ſein Bedauern zu äu⸗ ßern, daß ein Mann, der ſo tapfer als Freiwil⸗ liger in der Sache des ungluͤcklichen Konigs ge⸗ dient hatte, jetzt eine, den buͤrgerlichen Geſetzes⸗ ordnungen ſo zuwiderlaufende und ihm ſelbſt ſo gefaͤhrliche Lebensweiſe fuhrte. Roger Rowle fuͤhlte ſich durch dieſe freimuͤ⸗ thige Bemerkung keineswegs beleidigt, lachte viel⸗ mehr uͤber dieſelbe, und lachte auf eine ihm ſo beſonders eigenthuͤmliche Weiſe, daß, wenn man ſpaͤter im Lande irgend einer Sache ſo erwaͤhnen wollte, als koͤnnte ſie Einem furchtbar werden, man ſich des Ausdrucks bediente:„Es wird Dich ſchrynen*) wie das Lachen Roger Rowle's.“ Ro⸗ ger Rowle fand Ergoͤtzen in ſeiner wilden Lauf⸗ bahn und ſprach nie von derſelben ohne jene Energie, die ein ſo uͤberraſchender Zug in dem Charakter dieſes uͤbelgeleiteten, jedoch merkwuͤr⸗ digen Mannes war. Ungeachtet des Wilden in ſeinem aͤußern Erſcheinen wies Roger Rowle etwas Erhabenes in ſeiner Miene und ſeinem *) Der hochdeutſche, beſonders der ſuͤddeutſche Leſer ſtoße ſich nicht an dies im Norden unſeres Landes wohl⸗ bekannte Volkswort; es konnte, um die Worte der Verf.: „It will scare Jou like the laugh of Boger Rowles“ als Volksſprichwort wiederzugeben, wohl kein entſpre⸗ chenderes Wort fuͤr„scare“ gewaͤhlt werden. Der ueberſ. Weſen, als er die Arme ausſtreckend auf die Felſen deutete, unter denen er ſtand, und Sir Marmaduke's Aeußerung mit den Worten erwie⸗ derte:„Wir ſind gleich den Winden, die keine Botmaͤßigkeit kennen, ſondern wild dahinfahren, wohin es ihnen geluͤſtet. Die Walder ſind un⸗ ſere Gezelte, welche vom Heerhorn erklingen. Dieſe Felſen ſind unſere Caſtelle, die wohl eine Belagerung abhalten, denn die eherne Fauſt der Zeit hat nimmer an ihnen ruͤtteln koͤnnen. Der Sturm, der uns Muſik macht, uͤbertoͤnt die Trommeln, und der heulende Wind ſchrillt lau⸗ ter in das Ohr, als die gellende Pfeife, und un⸗ ſer Geſchuͤtz iſt der rollende Donner, der in ſei⸗ nem dumpfen Daherbrauſen uns aufregt, wenn wir uns waffnen, um zu Felde zu ziehen.“ Gertrud blickte den Sprechenden mit ſchwei⸗ gender Verwunderung an, die der Ehrfurcht nicht gaͤnzlich fremd ſein mogte, als ſie der vollkraf⸗ tigen Stimme des Geaͤchteten lauſchte, der, er⸗ griffen von ſeinem Gegenſtande, lebhaften Tones fortfuhr: „Ich war ein Kriegsmann, ich bin es noch; 304 denn worin weicht mein Treiben von demjenigen Derer ab, die ſich dem Kampfe und der Erobe⸗ rung weihen? Wir lieben die Schlacht, wie Jene ſie lieben, unſere Gefahr iſt nicht geringer, als die ihrige, wohl aber bleibt die ſeidene Zeit des Friedens uns immerdar unbekannt. Tag und Nacht muͤſſen wir unter Waffen ſein, und unſer Wandel iſt ehrenwerther, denn der Wandel je⸗ ner ſtattlichen Diebe, jener frechen, blutvergie⸗ ßenden Rebellen, die des Koͤnigs Krone zu ei⸗ nem Spielballe machen und auf eines Volkes Verderben den Thron ihres Gluͤckes erbauen. Wir ſind freie Bewohner der Erde, obwohl wir kein Dach haben, unter deſſen Schutz wir zur Zeit der Bedraͤngniß uns begeben koͤnnten.“ „Ein hartes Lvos!“ ſagte Sir Marmaduke, „ein Lvos, das von keiner Arbeitsraſt weiß und der Suͤndenſchuld manche mit ſich fuͤhren muß, kann weder Ehre noch Freuden bieten.“ „Keine Freuden?“ rief Roger Rowle—„Hal der Freuden hat es mehrere, und auch Ehre iſt unſer; denn wir koͤnnen hochherzig handeln, um einem Freunde zu vergelten, ſo wie wir vermoͤ⸗ 305 gen, gerecht zu verfahren, um den Feind zu ſtra⸗ fen. Wir koͤnnen Bankett halten nach ſchweren Tagesmuͤhen, Bankett wie Koͤnig und Edle es im Prunkſaale halten. Ein Becher ſchaͤumenden Bieres, oder ein Trunk perlenden Weines, der wie die Rubinen in der Krone des Koͤnigs fun⸗ kelt, ſind unſer, wenn wir auf das Heil Karl Stuarts trinken wollen. Auch die Jagd dient uns zur Erholung und zur Luſt.— Seht da unſere Freuden! ſie ſind maͤnnlicher, freier und mutherregender, als das muͤßige Leben an einem Herrſcherhofe, oder als das liſtige Treiben des boshaften Politikers, der nur ſeinen elenden Vor⸗ theil im Auge hat.“ Zu Gertrud gewendet ſprach er jetzt:„Schoͤne Dame, Euer Fuͤhrer harrt Eures Befehls; ſeid ſonder Furcht; der Juͤngling iſt von erprobter Treue. Laßt mich Euch zu Sattel helfen.“ Gertrud nahm einen letzten Abſchied von ih⸗ rem Oheim, dankte dem enthuſiaſtiſchen Wald⸗ furſten fuͤr deſſen Edelſinn, wuͤnſchte ihm beſſere Zeiten und ein minder bewegtes Leben. Die Seele voll von Verwunderung, Staunen und Warleigh. II. 20 306 Beſorgniß, ritt ſie von dannen, ohne des Weges zu achten, den ihr Begleiter ſie fuͤhrte. Dieſer aber kannte alle Schluchten und Thaͤler und Ne⸗ benpfade der Gegend, ſo daß er ſie nach kurzem Ritte vor die Pforte des Herrnhauſes von War⸗ leigh gefuͤhrt hatte, von wo er zu Fuße zuruͤck⸗ kehrte, indem das Pferd, das er geritten hatte, dasjenige war, auf welchem Sir Marmaduke ſich fluchtete. An der Pforte harrte der alte treue Anton, der die Gaͤule zu Stalle fuͤhrte, waͤhrend ſeine junge Gebieterin, deren Abweſenheit Keinem als nur dem ehrlichen Steward kund worden war, ſich in ihre Kammer begab. * Serhzehntes Capitel. „Auf Schwindelhoͤhen, wo der Nar Der koͤnigliche Bogel, niſtet, Sah ſich der Fluͤchtling vor Gefahr Geſchuͤtzet——“ Alte Ballade. Wir wenden uns zu Sir Marmaduke Elford zuruͤck. Kaum daͤmmerten die roͤthlichen Tinten am Morgenhimmel, als Roger Rowle, Ralph Gubbins und die uͤbrigen Thalſchluchtgenoſſen ſich mit Marmaduke auf den Weg machten, um dieſen zu dem fuͤr ihn auserſehenen Verſteckort zu geleiten. Man zog durch eine wilde Gegend und gelangte bald an eine Pfadkruͤmmung, von welcher aus man den Anblick von dem Sheep⸗ 20* Tor mit ſeinem majeſtatiſchen platten Gipfel hatte. Von dem Orte geſehen, an welchem un⸗ ſere Wanderer jetzt ſtanden, ſchien der Felsberg unmittelbar oberhalb einer faſt ganz mit Epheu uͤberwachſenen Bruͤcke hervorzuſpringen. Die ufer des unten hinrauſchenden Gewaͤſſers wa⸗ ren mit Weidenbaͤumen beſetzt, und jenſeit des epheuuͤberwachſenen Bogens ſah man die Wi⸗ pfel einiger himmelhohen Baͤume, die ihre Aeſte uͤber den zwiſchen ihnen zu erblickenden Huͤtten⸗ daͤchern wiegten. Nachdem unſere Schaar behutſam am aͤu⸗ ßerſten Rande des Doͤrfchens hingezogen war, begann ſie die gebirgige Hoͤhe zu erklimmen. Mit ihnen ſchien der Tor aufzuſteigen und bei jedem ihrer Schritte ein erhabeneres Anſehen zu gewinnen. Eine Zeitlang ſah man am Wege hin einzelne Grashalme, auf duͤnn mit fauler Pflanzenerde bedecktem Granitboden hervorge⸗ ſproſſen; bald jedoch ward der Pfad zu einem kahlen, in phantaſtiſchen Vorſpruͤngen und Ver⸗ tiefungen ſich zeigenden Felſen, an denen hie und da Moos und Leberkraut klebten. Die An⸗ — ſicht, die ſich von dieſer Höhe herab darbot, war praͤchtig. Im Thale unten ragte der kleine Kirchthurm des Dorfes empor, das ſeinen Namen von dem Tor entlehnt hat, und erſchien umringt von den Huͤtten der Landleute als ein lieblich mildernder Gegenſtand, der inmitten einer wilden und ein⸗ ſamen Gebirgsgegend auf geſelliges Leben deu⸗ tete. Weſtwaͤrts hin enthuͤllte ein weiter Hori⸗ zont ſeine ſanftblauen Tinten, die ſich in den ro⸗ ſigen Schimmer des Morgenlichtes tauchten. Noͤrdlich zeigte ſich eine hocherhabene Anſicht, denn dort erblickte man kuͤhne, himmelanſtrebende Tors, von denen jeder auf dem Haupte eine Granitkrone trug, die jetzt hell in den Strahlen der aufgehenden Sonne erglaͤnzten. Alles in der unmittelbaren Umgebung unſe⸗ rer Wanderer war wild und oͤde; uͤber, unter und neben ſich ſahen ſie nichts als Felsmaſſen auf Felsmaſſen gehaͤuft, die ſich bald als Spitz⸗ ſaͤulen, bald als Quadern auf einander geſchichtet und in ſo ſcharfen Winkeln zeigten, daß ſie den Gedanken erweckten, es ſei hier eine durch Stur⸗ 310 mes Brandung erzeugte ſteinerne See entſtan⸗ den. Ueber ſolche Felsformen tauſendfacher Art hinweg leitete der ungebahnte Pfad zu dem ta⸗ felfoͤrmigen Gipfel des Tor, uͤber deſſen weſtli⸗ chen Ruͤcken man ſchauerlich ſenkrecht herabzuſe⸗ hen hatte „Wohin fuͤhrt Ihr micht 2“ fragte Sir Mar⸗ maduke. „Dorthin!“ antwortete der Gaaͤchtete, und zeigte auf einen im Felſen befindlichen Riß, uͤber den ein Krag, wie ein Wetterdach, hinhing, das aus noch hoͤher emporſtrotzenden ſteilen Gra⸗ nitmaſſen hervorſprang. „Dort muͤßt Ihr verſteckt liegen“, fuhr Ro⸗ ger Rowle fort.„Meint Ihr wohl, daß Crom⸗ well's Schurken Euch dort erſpaͤhen moͤgten, wohin kaum Lerche und den Flug er⸗ heben?“ „Dort?“ rief Sir Marmaduke, der ſtill ſtand und mit Verwunderung den ihm zugedachten furchterlichen und gefahrvollen Zufluchtsort be⸗ trachtete.„Dort? Wohl eine Staͤtte, an wel⸗ cher die Voͤgel der Luft ihre Neſter bauen moͤ⸗ ——— gen, nicht aber, wo ſich Obdach fuͤr einen Men⸗ ſchen bieten duͤrfte. Wo find' ich hier Speiſe und Trank?“ „Unbeſorgt!“ entgegnete Roger Rowle;„ich lebte dort einen Monat lang und lebte un⸗ geſchädigt dort“, ſetzte er leiſer und mit einem grimmen Laͤcheln hinzu,„als ein ganzer Trupp Auflaurer mich fern und nah im Lande ſuchten, nachdem ich mich an dem Moͤrder des braven John Gubbins geraͤcht hatte. Ralph, mein Burſch hier, klettert einen Felſen hinan, wie ein Spring⸗ bock; er brachte mir Speiſe und ſoll ein Glei⸗ ches an Euch thun. Kommt, Sir Marmaduke, ſeid ohne Furcht. Gebt mir Eure Hand, Ihr ſollt bald von mir lernen ein Felserkletterer wer⸗ den.“ Mit groͤßter Beſchwerde und unter beſtaͤn⸗ diger Vorſicht der Augen, der Fuͤße und der Haͤnde galt es jetzt, von Krag zu Krag zu ſpringen und zu klimmen, bis man einen platten Felsgrund erreichte, auf welchem man ſich vor dem Riß oder der Muͤndung der engen Zelle befand, die 312 dem Greiſe Elford als Sicherungsgefaͤngniß ge⸗ gen ſeine Feinde dienen ſollte. „Wir ſtehen jetzt“, ſprach der Geaͤchtete,„am Eingange der Elfenſchlucht, denn alſo ward dieſe Hoͤhle von den wenigen Hirten genannt, denen ſie kund worden war, ehe dieſelben von dieſen Hoͤhen ihre Schafe und Ziegen durch Grenvil⸗ le's Reiter forttreiben ſahen. Die Zelle wird als Schlupfwinkel unſichtbarer Weſen angeſe⸗ hen; auch werdet Ihr ſie drinnen werken hoͤren, ſobald Ihr hineintretet. Ein alter Hirt, der dem Sir Richard und deſſen Schlingwoͤlfen gram war, machte mich zuerſt auf dieſe Hoͤhle auf⸗ merkſam und ermahnte mich, ſo mir an gutem Gluͤck und ruhigen Naͤchten gelegen wäre, eine Stecknadel, als ein fuͤr die Elfe dieſer Schlucht beſtimmtes Opfer, hineinfallen zu laſſen, ſonſt wuͤrde ſie mich hinterdrein unaufhoͤrlich quaͤlen*).“ *) Dies den Elfen darzubringende aberglaͤubiſche Opfer wird noch jetzt von denjenigen Landleuten in Anwendung gebracht, die es wagen, der ſchwindelhohen Hoͤhe des Sheep⸗Tor einen Beſuch abzuſtatten. Anm. d. Vf. 313 Indem Marmaduke, ſo gut es gehen wollte, ſeinem ungleich behenderen Fuͤhrer folgte, gelangte er bald in eine Kluft des Felsberges, die ſich ſeltſam regelmaͤßig geformt wies und wohl eine Hoͤhle genannt werden mogte. Ein Felsvor⸗ ſprung innerhalb derſelben bot einen Sitz darz aufrecht in dem Elfenhauſe zu ſtehen, war un⸗ moͤglich, da daſſelbe kaum fuͤnf Fuß Hoͤhe hielt und etwa ſechs Fuß lang und breit ſein mogte. Sir Marmaduke und ſein Fuͤhrer aber waren hoch⸗ gewachſene Maͤnner. „Hoͤrt Ihr die Klaͤnge wohl?“ fragte Roger Rowle.„Horcht!“ Sir Marmaduke horchte, und hoͤrte dann deutlich ein Geraͤuſch, wie wenn fern ein Waſ⸗ ſer fortwaͤhrend in ein metallenes Becken tropfte. „Es iſt tropfenweiſe fallendes Waſſer,“ ſagte der Geaͤchtete;„allein von wannen es kommt, oder wo es ſich befinden mag, iſt unbekannt; denn kein Gewaͤſſer fließt zwiſchen dieſen Felſen, das Getoͤs aber hoͤrt weder im Winter noch im Sommer, weder bei Naͤſſe noch bei Duͤrre auf, —— und bleibt jederzeit daſſelbe*). Dennoch buͤrg' ich dafuͤr, daß, wenn dieſe Schlucht von Elfen bewohnt wird, dieſe beſſere Geſellſchaft fuͤr Euch abgeben, als Fairfar oder Cromwell Euch zu Lidford⸗Caſtle, oder in den alten dumpfen Ker⸗ kern von Rougemont zu Exeter bereiten moͤgten. Ich laſſe Euch hier fuͤr eine Zeitlang zuruͤck.“ „Werd' ich Euch wiederſehen?“ fragte Elford. „Gewiß,“ fuhr Roger Rowle fort,„und hier iſt etwas Euch Unentbehrliches.“ Er zog unter ſeinem Mantel ein Querſaͤckchen mit Mundvor⸗ rath hervor, indem er ſagte:„Ralph ſoll Euch mehr und uͤberhaupt Alles bringen, was zu Eu⸗ rer Bequemlichkeit erſorderlich ſein kann. Auch laß ich Euch einen unſerer Kettenhunde, der An⸗ dere aͤrger heulen machen wird, als er ſelber bellen kann, denn er beißt ſcharf und ſicher. *) Sonder Zweifel gab dieſer ſeltſame Umſtand An⸗ laß zu dem Aberglauben, die Höhle ſei Schlupfwinkel unſichtbarer Weſen, ſo daß ſie bei dem Landvolke den Na⸗ men„Elfenhaus“ fuͤhrt. Die Elfen aber ſind ein Feen⸗ geſchlecht, deſſen urſprung bis zur Zeit der heidniſchen Sach⸗ ſen hinauf verfolgt werden mag. Anm. d. Vf. 315 Nehmt auch dieſes Piſtol und dieſen Vorrath von Pulver und Blei. Haltet gute Wache, und be⸗ dient Euch Eurer Schießwaffe, um nicht Laͤrm zu machen, nur im aͤußerſten Nothfalle. Kann ich ſonſt noch Etwas fuͤr Euch thun, ſo ſprecht; es gebricht mir dazu nicht an gutem Willen.“ „Ihr werdet Euch erinnern,“ verſetzte Sir Marmaduke,„daß ich heute fruͤh Euch ſagte, wo Ihr meinen Sohn wuͤrdet antreffen koͤnnen, um ihm Kunde von meinem Aufenthaltsorte zu ge⸗ ben. Sagt ihm, daß, wenn die Stunde zur Thaͤtigkeit ſchlaͤgt, er mich bereit finden wird; daß er aber in eigener Perſon mich auffordere, da— mit ich des Aufrufes ſicher ſein moͤge.“ „Ich will's thun,“ ſagte der Geaͤchtete,„und koͤnnen meine Leute Euer Unternehmen unter— ſtuͤtzen, ſo gebietet uͤber Roger Rowle und uͤber deſſen wilde Thalſchluchtgeſellen. Lebt wohl, Sir Marmaduke, die Sonne iſt herauf und paßt nicht zu Denen, die bei Nacht zu wan⸗ dern haben. Vieles iſt noch fuͤr mich zu thun⸗ bevor der Tag ſich wieder ſenkt. Lebt wohl und ſeid uͤberzeugt, daß Ihr uns bewaͤhrt finden werdet.“ 316 Mit dieſen Worten enthob ſich der Geaͤchtete, und ließ Marmaduke Elford vor ſeinen Feinden geſichert, jedoch auch in einer ſo troſtlos elenden Einſamkeit zuruͤck, daß ſie mehr darauf berech⸗ net zu ſein ſchien, deſſen ungluͤckſelige Schwer⸗ muth zu erhoͤhen, als ihm einen kuͤhneren Muth zu dem Unternehmen, das die Royaliſten vor⸗ hatten, zu erwecken oder zu unterſtuͤtzen. Wir haben jetzt dem Leſer einige Worte Betreffs Roger Rowle's und deſſen Rotte mitzu⸗ theilen, und eroͤffnen zu ſolchem Ende ein neues Capitel. „ Siebenzehntes Capitel. „Ein einzig Gluͤhen noch iſt ihm geblieben, Durch das das Herzblut ihm wird umgetrieben; Dies Gluͤh'n heißt— Rache!“ Moore. Obgleich die Genoſſen Roger Rowle's zur Zeit, in welcher wir ſie dem Leſer vorfuͤhren, zuver⸗ laͤſſig nur den Namen„Raubgeſellen“ verdienten, waren ſie doch nicht gaͤnzlich alles Mitleidens unwuͤrdig, da Ungerechtigkeit, Grauſamkeit und Verfolgung ſchweres Leiden uͤber ſie verhaͤngten, ſo daß zur Verzweiflung durch jenen Mangel an Gnade getrieben, die, zu rechter Zeit erwieſen, zu ihrer Beſſerung haͤtte hinwirken moͤgen, ſie vielmehr ſo lange in ihren Irrthuͤmern verſtaͤrkt wurden, bis ſie durch wiederholte Gewaltthaͤ⸗ tigkeiten verhaͤrteten Gemuͤthes werden mußten. Der Muth und die Verdienſte des glorreichen Sir Bevil Grenville's, der in der Schlacht von Landsdown getoͤdtet ward, waren Urſache, daß man das Mißbetragen ſeines Bruders Richard eine Zeitlang mit mehr als gewoͤhnlicher Nachſicht behandelte, bis es unmoͤglich wurde, ſeine haͤufigen Unthaten ungeſtraft hingehen zu laſſen. Sir Richard hatte eine der reichſten Wittwen von Stande im Weſten Englands, Lady Howard von Taviſtock, geehelicht. Er verſchwendete bald das Vermoͤgen ſeiner Gattin, die er alsdann unwuͤrdig behan⸗ delte und ſie zuletzt ſchimpflich und grauſam von ſich jagte. Unter dem Panier Karl's des Erſten ſtieg Sir Richard zu hoher Kriegsgewalt und ward zu der Belagerung von Plymouth angewieſen, ſo daß er eine Zeitlang im Weſten des Landes die Angelegenheiten des Koͤnigs faſt ganz allein beſorgte. Allein dabei wies er ſich ſo eigenſuͤch⸗ tig, habgierig, gewaltthaͤtig, betrugeriſch und aus⸗ ſchweifend, daß er ganz eigentlich dieſen Angele⸗ genheiten zum Verderben gereichte. Unter vielen andern Grauſamkeiten, die er —— beging, heben wir nur die hervor, durch welche er als Sheriff von Devon endlich im Munde des Volkes ein Sprichwort erzeugte, welches noch heut zu Tage in dieſer Grafſchaft im Schwange iſt. Er pflegte naͤmlich ehrliche und bemittelte Leute der Gegend bei dem leiſeſten Grunde zum Veidachte, ja oſt aus gar keinem Grunde nach Lidford⸗Caſtle, wo er hauſete, ſchaffen und dort im Kerker ſchmachten zu laſſen, bis ſie ſich mit ſchwerem Golde loͤſeten, weshalb man jedes will⸗ kuͤrliche und ungerechte Verfahren noch heut zu Tage mit dem Sprichwortnamen„Lidford⸗Recht“ belegt. Browne, der Verfaſſer der„Britanniſchen Hirtengedichte“ ſchrieb hieruͤber im Jahre 1644 folgende Verſe: „Oft hoͤrt' ich, wie nach Lidford⸗Recht, Man Einen hing als Galgenknecht, Ohn' ihm Prozeß zu machen. Anfänglich ſtaunt' ich darob ſehr, Doch ſeit ich's ſah, ſtaun' ich nicht mehr; Denn es war nicht zum Lachen.“ Nun war einer von der Familie der Gub⸗ bins, ein im Lande fur ſehr reich geltender Vieh⸗ haͤndler, der nicht nur Fuͤlle Gutes fur ſich be⸗ 320 ſaß, ſondern auch ſeine aͤrmeren Verwandten bis in den dritten und vierten Grad reichlich unter⸗ ſtuͤtzte, ſo daß gleich einem ſchottiſchen Clan die Gubbins von Devon unter den Freiſaſſen der Grafſchaſt eine überaus zahlreiche und anſehnli⸗ che Familie bildeten. Alle, bis auf den letzten Mann, waren der Sache des Koͤnigs Karl zu⸗ gethan, und etliche von ihnen hatten ihm in mehr als einer Schlacht gedient. Waͤhrend eines kurzen Waffenſtillſtundes, als Sir Richard Grenville und deſſen Armee ihre Zeit durch Muͤßiggang und Entweihung der ko⸗ niglichen Sache verſchleuderte, bethoͤrte und ent⸗ fuhrte einer von des Generals Officieren die al⸗ teſte Tochter John Gubbins, ein ſchoͤnes ſieben⸗ zehnjaͤhriges Mädchen. Ergrimmt uͤber dieſe Schmachthat wendete John Gubbins, nachdem er ſich vergebens bemuͤhet hatte, den Verſteckort ſeines entfuͤhrten Kindes ausfindig zu machen, ſich an den General, um Erſatz zu erhalten. Sir Richard aber, weit entfernt, dem ſchwer be⸗ leidigten Vater Gehoͤr zu verleihen, beſtarkte den Officier, der das Maͤdchen geſtohlen hatte, in —— c— 321 dem begangenen Unrechte, worauf ſodann dem unglucklichen Klaͤger eine neue Grauſamkeit zu⸗ gefuͤgt ward, indem der Verfuͤhrer des Maͤd⸗ chens dem General zufluͤſterte, John Gubbins waͤre ein Papiſt, haͤtte auch nicht alle ſeine Soͤhne gebuͤhrend unter das Panier des Koͤnigs geſtellt, ſo daß nicht blos Klage gegen Gubbins zu er⸗ heben waͤre, ſondern ſogar Hand an ihn zu le⸗ gen ſein durfte, indem er als reicher Inſaſſe ein namhaftes Loͤſegeld wuͤrde zahlen koͤnnen. Dieſer Wink genuͤgte. Gubbins wurde mit ſeinem juͤngſten Sohne ergriffen und zu Lidford⸗ Caſtle eingekerkert, waͤhrend der Verraͤther in ſeinen Miſſethaten triumphirte. So entſtand, wie es wohl zu Zeiten der alten Barone geſchehen war, ein Streit, der zu laͤngerer und gefährli⸗ cher Fehde fuͤhrte, in welcher auf beiden Seiten, ſowohl der Schuldigen als der Unſchuldigen Blut floß. Die dem Vater Gubbins zugefuͤgte Schmach regte den Grimm ſeines ganzen Stammes auf, Warleigh. II. 21 322 denn ſo mogte man ſeine zahlreiche Verwandt⸗ ſchaft wohl nennen; und Roger Rowle, einer ſeiner Vettern, ein junger Mann von wildem Lebenswandel, aber guten Geiſtesgaben, der als Freiwilliger zur Sache des Koͤnigs geſtanden hatte, beſchloß, den alten Gubbins zu raͤchen. Roger war ein verſchmaͤheter Bewunderer von der ſchoͤnen Tochter Gubbins geweſen, liebte dieſe noch immer leidenſchaftlich und hoffte, vielleicht durch ſeinen Muth das Maͤdchen endlich noch fuͤr ſich zu gewinnen. So ſchritt er zu kecker Ausfuͤhrung des verzweifelten Plans, ihren Va⸗ ter aus ſeiner Gefangenſchaft zu befreien. An einem Tage, an welchem man wußte, daß Sir Richard abweſend und Lidford⸗Caſtle nur ſchwach bemannt ſein wuͤrde, nahmen die kuͤhnen Jagd⸗ und Landbauern unter Roger's Leitung das Ca⸗ ſtell wirklich mit Sturm, befreiten die Gubbins, Vater und Sohn, und alle ſonſtige in der Veſte befindlichen Gefangenen, die ſich zu ihnen geſel⸗ len wollten. Nach dieſem wilden Abenteuer wagten ſie nicht, in ihre heimatlichen Wohnun⸗ gen zuruͤckzukehren, ſondern bildeten eine ſtark⸗ — 323 bewehrte Schaar, die das Land durchzog, bald in der Gegend von Bren⸗Tor, bald wieder zwi⸗ ſchen den Felſen von Dartmoor, am oͤfterſten aber, und wenn ſie hart vom Feinde bedraͤngt wurden, in der Thalſchlucht von Lidford lager⸗ ten. Keine Hoͤhle, kein Waldbruch, keine Fel⸗ ſenkluft, kein Verſteckwinkel war im Weſten des Landes zu finden, der ihnen nicht zur Zuflucht⸗ ſtaͤtte gedient haͤtte; und obwohl Sir Richard augenblicklich alles Vieh und ſonſtiges Eigenthum dieſer Leute ſequeſtrirte, ſo erſchuͤtterte ſolches den Muth der alſo Geaͤchteten durchaus nicht, viel⸗ mehr boten ſie allen Verſuchen, ihrer hafhaft zu werden, nur um ſo kuͤhner und beharrlicher Trotz. Endlich ward John Gubbins, der Vater, eingefangen, und ſonder Urthel und Recht von eben dem Officier, der ihm die Tochter verfuͤhrt hatte, gehaͤngt. Spricht das Geruͤcht wahr, ſo geſchah dies Angeſichts eben des Hauſes, in wel⸗ chem das Maͤdchen von ihrem ſchaͤndlichen Ver⸗ derber fortwaͤhrend als Gefangene gehalten wurde. Dieſe letzte Schmachhandlung vollfuͤhrte den Un⸗ 324— tergang des Stammes der Gubbins, und beſtaͤ⸗ tigte denſelben in ſeiner wilden geſetzloſen Le⸗ bensweiſe; denn Roger Rowle, der ebenfalls ein Papiſt war, ſchwur bei des Himmels heiliger Jungfrau, daß er nimmer von ſeiner Rache ab⸗ ſtehen, noch nachlaſſen wolle, bis dieſe eben ſo ausgezeichnet als die Verbrechen ſeiner Feinde ſein wuͤrde. Gehorſam dieſem Geluͤbde, uͤbernahm er von Neuem die Fuͤhrung ſeiner Geſellen, die ihm Einer fuͤr Alle und Alle fuͤr Einen folgten, und das Erſte, was ſie thaten, war, dem Verfuͤhrer der Tochter und Moͤrder des Vaters aufzulauern und ihn auf dem Flecke, wie einen Hund, nie⸗ derzuſchießen. Jetzt ward eine große Belohnung auf das Einfangen Roger Rowle's geſetzt, doch half dies zu nichts; kein Menſch verrieth ihn, und er war waͤhrend der gefahrvollen Zeiten des Krieges vielfaͤltig thaͤtig, den verfolgten und fluͤchtigen Royaliſten Beiſtand zu leiſten. Eine Zeitlang lebten Roger's Geſellen innerhalb der Schranken des wilden Geluͤbdes ihres Fuͤhrers und ſuchten Rache, nicht Raub. Als aber end⸗ ₰ — — 325 lich ihre Huͤlſsemittel ſchwanden und ihnen keine Gnade geboten ward, auch wenn ſie ſich haͤtten ergeben wollen, ſo ſahen ſie ſich durch finſtere Nothwendigkeit gezwungen, Zuflucht zu Raͤuberei und Mluͤnderung zu nehmen, ſo daß aus ihnen wirklich nichts Anderes ward, als eine Raͤuber⸗ rotte, die von ihrem Hauptmanne Roger Rowle befehligt ward, nachdem ſie dieſen einmuͤthig zu ihrem Fuͤhrer gewaͤhlt hatten. Seine Kuͤhnheit, ſein Waffengluͤck und die Anhaͤnglichkeit, die ſeine Mannſchaft ihm zeigte, machten ihn in der Thal⸗ ſchlucht von Lidford oder in den Wildniſſen von Dartmoor bald eben ſo ſchrecklich, als Robin Hood und deſſen Schaaren es in dem Walde von Sheerwood jemals zu der Zeit haben ſein koͤnnen, zu welcher das froͤhliche England zur Haͤlfte mit Dieben bevoͤlkert war. Ein alter Schriftſteller, der von den Gubbius in einer Note uͤber Camden ſpricht, nennt ſie „einen rohen Stamm, ein wahrhaft ſcythiſch Volk“. Dieſer Rotte nun und deren Fuͤhrer ſah 326 Sir Marmaduke Elford ſich jetzt uͤberantwortet. Roger Rowle hatte ihm ſein Wort gegeben, ihn zu ſchuͤtzen, und es war eine Charaktereigenthuͤm⸗ lichkeit dieſes Geaͤchteten, daß er niemals ſein Wort brach; ja, Roger wußte ſich viel mit ſei⸗ ner Ehre und ſeiner Religion, obſchon letztere in nichts Weiterem als in der Obſervanz etlicher von der roͤmiſchen Kirche vorgeſchriebenen Cere⸗ monien beſtand, unter denen er mit groͤßerer Sorgfalt auferzogen worden war, als ſein nach⸗ heriger Lebenswandel es haͤtte vermuthen laſſen moͤgen. Roger hatte ſich auch auf Reiſen um⸗ geſehen und war nicht gaͤnzlich unbekannt mit den Sitten und Gebraͤuchen der gebildeten Welt, ſo daß er auch aus dieſem Grunde ſeine Genoſ⸗ ſen uͤberragte und dieſelben zu unbedingtem Ge⸗ horſam anzuleiten wußte. Noch waͤhrend des verfloſſenen Jahrhunderts lebten unweit Bren⸗ Tor verfchiedene Nachkoͤmmlinge dieſes„ſcythi⸗ ſchen Geſchlechtes“, und zwar thaten ſie es nicht blos unter dem eigentlichen Namen Gubbins, ſondern auch indem ſie den rohen, und ſelbſt den wilden Charakter ihrer Vorfahren an ſich wahr⸗ —— 321 nehmen ließen. Wir ſcheiden fuͤr jetzt von dieſen 3 Wegelagerern und wenden uns zu einem ganz anderen, mit unſerer wunderſamen Geſchichte. ſich verknuͤpfenden Gegenſtand. Druck von 5. A. Brockhaus in Leipʒig. *„ — ⸗* 8 *