— S= —— —— 2 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 2 Ednard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Feſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —˙———————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Ml.— 1f. 4 7 2 7 7*— 7 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchinutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——————— S—S— Sc Mrs. Bray's Hiſtoriſche Romane. Sechzehnter Band. W s„ Erſter Theil. In demſelben Verlage iſt ferner erſchienen: Bray, Mrs., de Foir; oder: franzoſiſches Leben im vier⸗ zehnten Jahrhundert. Ein Zeit⸗ und Sitten⸗Gemälde. 3 Theile. 8. 1 Thlr. 12 Gr. ——, die Weißkappen; oder: Anna von Gent. Ein Riederlaͤndiſches Gemaͤlde. 3 Theile. 8. 1 Thlr. 12 Gr. ——, der Proteſtant. Ein Nachtſtuͤck aus der Re⸗ gierung der„blutigen“ Koͤnigin Maria. 8. 3 Theile. 4 Thlr. ——, Fitz of Fitz⸗Ford. Eine Sage aus Suͤd⸗Eng⸗ land, aus den Zeiten der Koͤnigin Eliſabeth. 3 Theile. 8. 4 Thlr. ——, der Talba von Portugal; oder: Schickſale der Ines de Caſtro. Ein Bild aus der Maurenzeit. 3 Theile. 8. 4 Thlr. Hauch, Prof. C., der Goldmacher. Eine Schilderung aus der erſten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. 2 Theile. 8. 2 Thlr. 12 Gr. Ingemann, B. S., Koͤnig Erik und die Geaͤchteten. Ein Zeit⸗ und Sitten⸗Gemaͤlde aus den letzten Tagen des dreizehnten Jahrhunderts. 3 Theile. 8. 2 Thlr. 16 Gr. Ritter, der finſtere; oder: Die Belagerung Kopenha⸗ gen's unter Friedrich dem Dritten. Ein hiſtoriſches Phantaſieſtuͤck aus der zweiten Haͤlfte des ſiebzehnten Jahrhunderts. 2 Theile. 8. 2 Thlr. Trollope, Mrs., Leben und Sitte in Nordamerika. Nach der vierten Auflage aus dem Engliſchen uber⸗ tragen. 3 Theile. Mit 24 Darſtellungen in Stein⸗ druck. 8. 3 Thlr. 16 Gr. ———————— —— Vistorische Romane der ——,— Wrs. Anna Eliza Bray. „Verweg'ner Krieg und treue Liebe Und ernſte Wahrheit in der Dichtung Schmuck.“ Gray. Nach der zweiten Auflage aus dem Engliſchen uͤbertragen. Sechzehnter Band. Warleigh. Erſter Theil. R6et, Univerſitäts-Buchhandlung. 1838. Warleigh; 3 oder: Die verhaͤngnißvolle Eiche. Eine Legende aus Devon, von Mrs. Anna Eliza Pray. ——„Mauch ſagenhaft Geſchichtchen Hing um die Verg' herum, und manches Märchen Bevölkerte die düſtern Forſt' und nährte Die Phantaſei in ihrem zart'ſten Keim.“ Ausflüge, 18 Buch. Nach der zweiten Auflage aus dem Engliſchen uͤbertragen von Dr. G. H. Bärmann. Erſter Theil. ——————— 6el, Univerſitaͤts⸗-Buchhandlung. 1838. —— Einleitung. „So ungezwungen, wie in einem Traum, Behagt mir's, uͤber Ird'ſches nachzuſinnen; Zu fernſten Quellen Bahn mir zu gewinnen, Weit durch der Sage fabelhaften Raum.“ Southey's„Maͤrchen v. Paraguay“. Keine Grafſchaft Englands duͤrfte an Sagen aus alten Zeiten und von alten Familien reicher ſein, als die Grafſchaft Devon. Dennoch fan⸗ gen dieſe Sagen an, in Vergeſſenheit zu gera⸗ then. Das heranwachſende Geſchlecht, das, im Allgemeinen zu ſagen, der Starkgeiſterei nach⸗ zieht, lächelt uͤber die Geſchichtchen der Groß⸗ muͤtter, und aͤltere Perſonen, welche die lebendigen Fundgruben jener Art von Schaͤtzen abgeben, ſinken Einer nach dem Andern ins Grab, und mit ihnen ſtirbt nur allzu oft ein Vorrath von VIII Kunde, der nimmer niedergeſchrieben worden iſt. Viele von den Sagen, auf welche ich hier hin⸗ deute, verlieren(wie ſonder Zweifel alle Sagen) nichts dadurch, wenn ihre Wunderdinge durch muͤndliche Ueberlieferung von Geſchlechte zu Ge⸗ ſchlechte erhalten werden. Nichtsdeſtoweniger iſt die in ihnen enthaltene Einfalt und Natuͤrlich⸗ keit ein ſtarker Vorausbeweis ihrer innern Zu⸗ verlaͤſſigkeit. Bisweilen auch ſtutzen ſie ſich auf hiſtoriſche Einzelnworfaͤlle, mit denen ſie ſich mehr oder minder in Gemeinſchaft ſetzten. Ich mei⸗ nes Theils muß geſtehen, daß ich jederzeit ho⸗ hen Geiſtesgenuß darin fand, die Fragmente ſol⸗ cher alten, beinahe vergeſſenen Geſchichtchen zu ſammeln; und waͤhrend ich der Erzaͤhlung ſol⸗ cher Sagen der Vorzeit lauſchte, bin ich nie ſo hyperkritiſch geweſen, daß ich ſie darum haͤtte verwerfen moͤgen, weil ſie mir muͤndlich, nicht aber ſo zu ſagen Schwarz auf Weiß dargeboten wurden. Es mag Selbſttaͤuſchung, es mag Leichtglaͤubigkeit ſein, wenn man ſolchen Erzaͤh⸗ lungen lauſcht; dennoch bleibt ſolche Taͤuſchung harmlos; auch unterlaͤßt ſie gewiß nicht, ſich mit IX lebhaften Ideen zu erfuͤllen, durch welche die Phantaſie angeregt, und manche heilſame Be⸗ trachtung uͤber laͤngſt entſchwundene Zeiten und Dinge hervorgerufen wird. Wer, wie ich, inmitten des entzuͤckendſten Theils der Grafſchaft Devon lebt, dem wird durch eine alte Wohnung, einen beſonderen Fels, ein einſames Thal mit ſeinem Murmelgewaͤſſer und ſeinen hehren Forſten dieſer Grafſchaft um ſo mehr Theilnahme fuͤr jene Gegenſtaͤnde ein⸗ gefloßt, da er zu ſich ſagen kann:„Hier iſt der Ort! Dies war der Schauplatz!“ wo dies oder jenes Ergebniß ſich zugetragen haben ſoll. Wer z. B., ſelbſt wenn er ein Auslaͤnder waͤre, kann wohl die enge Felshoͤhle, die ſo lange Zeit den verfolgten Royaliſten Elford verborgen gehal⸗ ten haben ſoll, betrachten, ohne mit Theil⸗ nahme ſich der Erinnerung an jene Zeiten hin⸗ zugeben, in denen ſo viele Wackere dieſer Graf⸗ ſchaft fuͤr die Sache ihres Koͤnigs und ihres Lehr⸗ glaubens litten, bluteten und ſtarben? Dieſe letztere Bemerkung iſt fuͤrwahr auf die vorlie⸗ gende Geſchichte nicht ganz unanwendbar, wes⸗ halb ſie denn in ihrem Zuſammenhange mit je⸗ ner bei den Landleuten der Gegend fuͤr einen Wohnort der Elfen angeſehenen Hoͤhle zuerſt meine Phantaſie anregte, und mich dann vermogte, die⸗ jenigen Thatſachen zu ſammeln, die von muͤnd⸗ licher Ueberlieferung, hinſichtlich der denkwuͤrdi⸗ gen Ortsergebniſſe des Bezirkes, in welchem ich wohne, hergeleitet werden konnten. Dies ward mir bald eine Lieblingsbeſchaͤfti⸗ gung, und wenn ich auch nicht ſo gluͤcklich war, alle die Kunde einzuziehen, die ich zu erlangen wuͤnſchte, ſo waren die ſchoͤnen Landſchaften, die ſeltſamen alten Gebaͤude und Alterthuͤmer, welche ich waͤhrend meiner Nachſuchungen in Augen⸗ ſchein nahm, hoͤchſt unterhaltend; und außer den Gelegenheiten, welche ſich mir auf dieſe Weiſe zu Erkundung vergangener Begebenheiten darbo⸗ ten, hatte ich auch noch das Vergnuͤgen, die Freundlichkeit und Bereitwilligkeit mancher Fa⸗ milien zu erfahren, die mir auf das Zuvorkom⸗ mendſte jegliche ihnen zu Gebote ſtehende Mit⸗ theilung machten, und oft, wenn ſie nichts zu erzaͤhlen hatten, mir durch ihre alten Familien⸗ bilder, ihre altvaͤteriſche Wohnung, ja ſelbſt durch ihr vorzeitliches Hausgeraͤth einen fuͤr die Beob⸗ achtung reichen Schatz darlegten. Beſonderen Dank bin ich in dieſem Betrachte dem Grafen von Mount Edgeumbe ſchuldig, der auf hoͤchſt entgegenkommende Weiſe mir meine Nachforſchungen in Mount Edgeumbe erleichterte. Außerdem muß ich dankbar der Familie R*** erwaͤhnen, welcher jetzt Warleigh gehoͤrt; und ich hoffe, daß eine fluͤchtige Skizze meines Beſuches in jener uralten Baronie hier um ſo weniger am unrechten Orte ſei, als das folgende Werk ſein Entſtehen einem bei jenem Beſuche ſtattgefunde⸗ nen Umſtande verdankt, der ſich in Kuͤrze erzaͤh⸗ len laͤßt. Es war an einem ſchoͤnen Nachſommertage im Jahre 1830, als ich mit einigen Freunden in einem Boote von Devonport abfuhr, um das Herrnhaus und die Familie zu Warleigh zu be⸗ ſuchen. Ohne den Leſer mit Einzelnheiten von den mannichfaltigen Anſichten, die ſich auf die⸗ ſer Fahrt darbieten, aufzuhalten, mache ich ihn, wenn er ein Alterthumsforſcher iſt und je dieſen XII Weg zuruͤcklegt, nur darauf aufmerkſam, daß allein ſchon an dem Orte Saltaſh ſein Blick mit Theilnahme haften wird, obwohl der Ort an ſich keineswegs ſchoͤn iſt, ſo wie er denſelben auf einer ſteilen Hoͤhe liegen ſieht; denn Sal⸗ taſh wird ihm ein Thema zu der Streitfrage abgeben, ob es das Tamare des Antonin war oder nicht. Die Gelehrten ſind hieruͤber ver⸗ ſchiedener Meinung, indem etliche es an dem eben genannten Orte gedacht wiſſen wollen, an⸗ dere hingegen das im Namen ſehr germaniſch klingende Tamerton fuͤr den Punkt halten, auf welchem ſich jene alte Roͤmiſche Station befunden haben ſoll*). Wenn man an Saltaſh voruͤber iſt, zeigt ſich eine uͤberaus liebliche Landſchaft, denn der Fluß wird ſo breit, daß er einem See nicht un⸗ *) Man hat mir verſichert, daß zu Tamerton vor dreißig und einigen Jahren ein roͤmiſcher Altar, etliche Muͤnzen und Fragmente von Toͤpferarbeiten aufgegraben wurden. Wenn Dem ſo iſt, ſo wuͤrde Das ſehr auf die Entſcheidung zwiſchen beiden oben mitgetheilten Entſchei⸗ dungen hinweiſen. Anm. d. Verf. XIII ähnlich ſieht; Doͤrfer, von denen jedes den Thurm ſeiner alterthuͤmlichen Kirche zeigt, erheben ſich nach einander zwiſchen dicken Waͤldern oder an gruͤnen Abhaͤngen, und die Ausſtroͤmungen der vielen Fluͤßchen bieten eine große Mannichfaltig⸗ keit in der Anſicht dar. Kaum hatten wir dieſe nun uͤberſchaut und bewundert, ſo erblickten wir die mit Eichen gekroͤnte Landſpitze von Warleigh, welche ſich am Eintritte des Tavy kuͤhn hinaus⸗ ſtreckt. Unmittelbar hinter derſelben erheben ſich ſanft anſchwellende, ſchoͤn mit Waldung ge⸗ ſchmuͤckte Huͤgel, die zur Zeit lieblich gruͤnten. Auf einer dieſer Anhoͤhen erhob ſich Mariſtow, der Wohnſitz des Sir M. Lopez; waͤhrend Dart⸗ moor, das jederzeit in einer Landſchaft zu De⸗ vonſhire den herrlichſten Hintergrund abgiebt, ſich hoch in der Ferne thuͤrmend, ſeine im Son⸗ nenlicht glaͤnzenden Felſen zeigte. Die abwech⸗ ſelnden Wirkungen von Licht und Schatten auf dieſen Hoͤhen waren im hoͤchſten Grade uͤber⸗ raſchend. Ehe wir Warleigh erreichen wollten, hatten wir der Kirche zu Tamerton einen Beſuch zuge⸗ dacht. Das kleine Gewaͤſſer oder Creek, welches dahin leitet, wird von Waldung umhaͤgt, und ein ſchoͤner kahler Fels von bedeutender Höhe, der den Namen Warleigh⸗Tor fuͤhrt, verleiht ſelbſt dieſem kleinen Nebengewaͤſſer des majeſtaͤ⸗ tiſchen Tavy einen Charakter von Erhabenheit. Das Oertchen Tamerton iſt aͤußerſt male⸗ riſch; man kann es einen Thalzuſammenfluß nen⸗ nen, denn drei Thaͤler laufen hier zuſammen, und in ihrer Mitte ſteht auf einer ſanften Anhoͤhe die ſchoͤne, altersgraue Kirche, die manches Jahr⸗ hundert zaͤhlt. Wir ſtiegen eine aus dem lebendigen Fels gehauene Stufenreihe hinan, die von dem Orte zur Kirche leitet, in welcher wir den ehrlichen alten Kuͤſter hoͤrten, der uns manches auf die Ortsgemeinde bezuͤgliche Geſchichtchen erzaͤhlte, und der, indem er nach verfeinerten Ausdruͤcken in ſeinem Vortrage haſchte, uns, waͤhrend er auf ſeinen Stab geſtuͤtzt ſich an die Kanzeltreppe lehnte, wohl funfzigmal das Wort Voͤlkerung fuͤr Einwohner hoͤren ließ.„Die Voͤlke⸗ rung von Tamerton hat ſich ſehr vermehrt,“ ſprach er,„denn mit dem Jetzt verglichen, hatte Tamerton, als ich ein Knabe war, faſt gar keine Voͤlkerung; aber es iſt mit allen Voͤlkerun⸗ gen ſo gegangen, ſeitdem Bonaparte und die Kriege durch den Herzog von Wellington ihr Ende gefunden haben.“ Unſer Fuͤhrer machte uns auf etliche, ihn wichtig beduͤnkende Monumente aufmerkſam. Wir betrachteten auch die alterthuͤmlichen Grab⸗ ſteine der Foliots und Coppleſtones, ſo wie die weißgetuͤnchten Standbilder des Ritters Roger de Gorges und ſeiner Hausehre. Wir verließen die Kirche und deren duͤſtern, von hohen, ſchat⸗ tenwerfenden Baͤumen umringten Friedhof in ernſter Stimmung, um den Baum zu betrach⸗ ten, der die Coppleſtone-Eiche genannt wird, nachdem wir kurz vorher den Coppleſtone⸗Grab⸗ ſtein in Augenſchein genommen, und der Legende gelauſcht hatten, die ſich auf den lange Zeit in Andenken gebliebenen Inſaſſen jenes Grabes be⸗ zieht; als— wie ſoll ich unſer Erſtaunen uͤber eine Scene ausſprechen, die ſo ſehr im Gegen⸗ ſatze zu Dem ſtand, was wir jetzt erblickten?— XVI als wir auf der dicht an dem Kirchhofe belege⸗ nen Wieſe, Angeſichts des beruͤhmten Baumes, eine eben ſo anlockende als froͤhliche Gruppe er⸗ blickten, die uns, ehe wir ſolcher ploͤtzlichen Um⸗ wandlung uns verſehen konnten, in Heiterkeit und Luſtigkeit verſetzte. Die Wieſe war geſchmackvoll mit Kraͤnzen von Blumen, Lorbeern und Myrthen aufgeputzt; Tiſche, mit den erleſenſten Fruͤchten beſetzt, ſtan⸗ den einladend umher, waͤhrend ſich auf dem ſanft⸗ geſchorenen Raſen nicht nur die liebliche Dorf⸗ phyllis aus der Huͤtte, oder vom Pachthofe, ſon⸗ dern auch eine Reihe durch Kleiderpracht und Rang ausgezeichneter Damen erblicken ließ. Das Feſt trug den Charakter eines Dorfjahr⸗ marktes, und ward an dieſem Tage zum Beſten der Ortsſchule abgehalten. Jugend, Schoͤnheit und Pracht ſind zu allen Zeiten anlockend; er⸗ blickt man ſie jedoch ſo unter Baͤumen und Blu⸗ men gruppirt, im Sonnenlicht erglaͤnzend, den blauen Bogen eines Sommerhimmels zu ihrem Baldachin, ſo erhoͤht ſich der Effect, den ſolche Gegenſtaͤnde hervorbringen, ſo ſehr, daß ſelbſt ——————————„— „——,—„— c M M —— XVII weder das Duͤſter der Eibenbaͤume, noch die dun⸗ keln Tinten einer alten Kirche, wie die zu Ta⸗ merton, die gleich einem Monitor der Luſt und Schoͤnheit im Hintergrunde ſtand, ein anderes Gefuͤhl, als das des Entzuͤckens hervorzubringen im Stande ſind Hier war es, wo die liebenswuͤrdige und hochgebildete Anordnerin des Feſtes, die Herrin von Warleigh, uns empfing. Nachdem wir ſie, wie es ihrem Range und mehr noch ihren per⸗ poͤnlichen Vorzuͤgen gebuͤhrte, ehrerbietig und herz⸗ lich begruͤßt, auch die Coppleſtone⸗Eiche naͤher betrachtet und die oft erzaͤhlte Sage, die von derſelben ſich erhalten hat, nochmals angehoͤrt hatten, begaben wir uns mit Mr. R***, dem wuͤrdigen Eigner von Warleigh, zu deſſen ural⸗ tem Herrnhauſe. Wir hatten Urſache, der freund⸗ willigen Aufmerkſamkeit unſers Fuͤhrers von Her⸗ zen dankbar zu ſein. Mr. R*** beſitzt einen Charakter, der, ach! zur Zeit ſehr außer Mode iſt. Er behaͤlt die einfache, offene Aufrichtigkeit altenglaͤndiſcher Sitten bei, ſieht aus wie Einer, der es ſo meint wie er ſpricht, und ſpricht niemals Warleigh. I. b XVII anders als er denkt und fuͤhlt. Er fuͤhrte uns durch einen anſehnlichen Theil ſeines Grundbe⸗ ſitzthums, und namentlich auf den Gipfel eines Huͤgels, auf welchem man weit umher die Ge⸗ gend uͤberblickt. Man ſieht hier den Tavy, den Tamar, den See, Saltaſh, den Hamoaze mit den wald⸗ und wieſenreichen Hochlanden von Cornwall und Devon, die einen herrlichen Ge⸗ genſatz zu dem oͤden und felſigen Charakter von Dartmoor liefern; ferner das huͤbſche Oertchen Tamerton, die Kirche mit den Paͤchtereien und Huͤtten— welches mit einander ein koͤſtliches Panorama abgiebt. Auf unſerem durch anmuthige Gefilde fuͤh⸗ renden weiteren Wege zum Herrnhofe aͤußerte Mr. R*** die Meinung, daß die Forſte von Warleigh der Schauplatz der Ermordung Ethel⸗ wold's durch die Hand Edgars, als er ſich auf der Jagd befand, geweſen waͤre. Die folgenden wenigen, jedoch hoͤchſt triftigen Gruͤnde dienen al⸗ lerdings zur Unterſtuͤtzung dieſes Dafuͤrhaltens:— Orgar, Graf von Devon, welcher die Abtei dieſes Diſtrictes gruͤndete, reſidirte zu Taviſtock, XIX wo ſeine ſchoͤne Tochter Elftida von Ethelwold heimgeſucht ward, der, von Edgar als Frei⸗ werber abgeſendet, das in ihn geſetzte Ver⸗ trauen mißbrauchte, indem er fuͤr ſich ſelbſt um die Schoͤne buhlte und ſie zur Gattin erhielt. Dorthin auch, auf's Neue durch den immer leb⸗ hafter ſich verbreitenden Ruf von Elfridens Schoͤnheit dazu angeregt, kam der Koͤnig in Perſon, unter dem Vorwande, an einer Jagd⸗ partie in der Nachbarſchaft Theil zu nehmen. Gefeſſelt von Elfridens Reizen beſchloß er den Tod ihres Gatten, der, wie Malmesbury er⸗ zaͤhlt,„in einem Forſte zu Warewell durch einen Wurfſpieß des Todes ward“. Eiliche Alter⸗ thumsforſcher haben den Schauplatz dieſes Er⸗ gebniſſes auf das jenſeitige Ufer des Fluſſes Ta⸗ mar, nach Harewood in Cornwall verlegt, wie ſolches auch von Maſon, in deſſen Tragoͤdie „Elfrida“ geſchehen iſt, welches jedoch eine ſehr unwahrſcheinliche Muthmaßung bleibt, weil Edgar alsdann die entſetzlichen Schwierigkeiten zu uber⸗ winden gehabt haͤtte; denn er haͤtte viele Mei⸗ len weit durch unbetretene und wildverwachſene b* Walder reiten muͤſſen, die uͤberdies durch einen ſo breiten und ſo tiefen Fluß, wie der Ta⸗ mar iſt, unbeſchreitbar waren; indem zu keiner Zeit eine Bruͤcke daſelbſt naͤher, als die Neu⸗ bruͤcke hat vorhanden ſein koͤnnen, dieſe aber erſt in viel ſpaͤteren Tagen erbaut ward; waͤhrend hingegen Warleigh, oder der Warewell⸗Forſt, wie Malmesbury die Waldung nennt, nur zehn (engl.) Meilen von Taviſtock entfernt iſt, und wo kein Gewaͤſſer den Zugang unmoͤglich oder gefährlich macht. Zudem eignete der Warewell⸗ Forſt ſich ganz vorzuͤglich zur Jagd. Der Ge⸗ ſchichtſchreiber Malmesbury irrt gewiß, wenn er ſagt, daß Elfrida ein Nonnenkloſter zu Hare⸗ wood, an der Staäͤtte, wo ihr Gatte erſchla⸗ gen ward, erbauete. Elfrida zog ſich nach dem Tode Edgars, der ihren Gemahl todtete, nach Schloß Corfe, wo ſie Edgars ungluͤcklichen Sohn, den Sproßling einer fruͤheren Ehe, an den Thoren ihres Schloſſes ruͤcklings erſtechen ließ. Tödtlich verwundet ritt der Juͤngling von dannen, ſank jedoch bald aus dem Sattel, und ſein Leichnam ward im Walde gefunden. In —— — ——. 8—— XXI Folge deſſen zur Reue erwacht, mag Elfrida ſpaͤter jenes Kloſter zu Harewood begruͤndet ha⸗ ben. Der Tod Ethelwolds konnte ihr ſchwer⸗ lich Gewiſſensbiſſe erregt haben, da ſie an dem⸗ ſelben nicht im mindeſten Theil genommen hatte. Kehren wir von dieſer Abſchweifung zuruͤck. Wir langten auf dem Herrnhauſe zu War⸗ leigh an; da ich jedoch in den folgenden Capi⸗ teln Gelegenheit nehmen mußte, umſtaͤndlicher von dieſem ehrwuͤrdigen Gebaͤude zu ſprechen, bemerke ich hier nur; daß wir in demſelben ein herrliches und edles Bauwerk erblickten, welches zuerſt unter der Regierung Koͤnigs Stephan ent⸗ ſtand, jedoch unter Heinrich dem Siebenten und Heinrich dem Achten umgeaͤndert und er⸗ weitert ward. Nachdem Mr. R*** uns den Prunkſaal und andere koͤſtliche Gemaͤcher des Hauſes ge⸗ zeigt hatte, fuͤhrte er uns in ſeine Bibliothek, in der ſich mehrere ſeltene Buͤcher befanden, die der verſtorbene Oheim des jetzigen Beſitzers, der ein beſonderer Freund der Alterthumskunde ge⸗ weſen war, nebſt vielen Urkunden, Siegeln, Briefen und Pergamenten, die der Familie an⸗ gehoͤrten, ſorgfaͤltig zuſammengebracht und auf⸗ bewahrt hatte. Die Buͤcher zeugten ſofort von dem Charakter ihres vormaligen Beſitzers; ſie waren reich an Randgloſſen von deſſen eigener Hand, von denen ich diejenigen copiren durfte, die ſich auf die Familie bezogen. Aus mehreren ſolcher Randgloſſen, ſo wie aus anderen Hand⸗ ſchriften des Verſtorbenen, die Mr. R*** mir freundwillig mittheilte, gewann ich den geſchicht⸗ lichen Inhalt nachfolgender Blaͤtter— nämlich die Sage von der verhaͤngnißvollen Coppleſtone⸗Eiche. Taviſtock, am 1. Nov. 1830. Anna Eliza Bray. ————— — Warleigh. Erstes Capitel. „Anmuthig iſt's, am taulichen Kamin Vom Sturm und von Jefahr zur See zu hören, und ſich dabei des Scherſeins zu freu'n.“ Southey's„Madoc“. Der Leuchthurm zu Eddyſtone iſt lange Zeit hindurch nicht nur als das merkwuͤrdigſte Ge⸗ baͤude dieſer Art im Koͤnigreiche, ſondern viel⸗ leiſt in der ganzen Welt, beruͤhmt geweſen. Das gefaͤhrliche Felſenriff, auf welchem er ſteht, ſoll von den Waſſerwirbeln, die um ihn her be⸗ findlich, im Sturme aber entſetzlich ſind, ihm den Namen gegeben haben*). Dieſe Felſen be⸗ finden ſich mindeſtens zwoͤlf Meilen weit von „*)„Eddy“, meine ſchoͤne Leſerin, heißt ſoviel als Waſſerwirbel, Eddystone alſo Waſſerwirbelſtein. Anm. d. Ueberſ. 1* 2 der Kuͤſte von Devon entfernt, liegen gaͤnzlich verinſelt, folglich leider im Wege derjenigen Schiffe, die der Canalkuͤſte allzu nahe kommen. Inen ſich, ohne unter der Leitung eines erfah⸗ renen Lvotſen zu ſtehen, jemals zu nahen, kann nicht andek. als gefaͤhrlich, waͤhrend finſterer Nacht oder im vturme aber zuverlaͤſſig verderb⸗ lich ſein; ja, in Fuͤheren Zeiten konnte bei Sturmwind ein Schif, das in den Stunden der Dunkelheit den Haven von Plymouth zu er⸗ reichen ſuchte, kaum jenem unheilbringenden Riff entrinnen. So gefahrvoll, möſelig und faſt unausfuͤhrbar es zu ſein ſchien, trirnphirte des Menſchen Genie doch uͤber die Hindeniſſe, die der Eddyſtein darbot; denn im Jahre 166 errichtete Winſtanley, der Merlin ſeines Jahr hunderts, auf der Spitze deſſelben einen Leucht⸗ thurm, der, nachdem er mehreren fuͤrchterlichen Angriffen des ſturmdurchwuͤhlten Oceans getrotzt hatte, welcher, wie erzaͤhlt wird, einmal ſich an hundert Fuß hoch uͤber das Gebaͤu emporwir⸗ belte und deſſen leuchtenden Giebel ſchaumend umbrauſete, nunmehr fuͤr faͤhig gehalten ward, 5 5 eben ſo veſt zu ſtehen, als der Felsgrund, auf dem er erbaut worden war. Vielleicht mit zu anmaßendem Vertrauen in ſeine eigene Geſchick⸗ lichkeit, und zu wenig von dem Gedanken an die Macht Gottes erfullt, die da nach ihrem Ge⸗ fallen der Menſchen kuhnſte Werke zerſtoͤren kann, aͤußerte der Erbauer den Wunſch, es moͤgte, wenn er zum erſten Male ſein Gebaͤude beſu⸗ chen wuͤrde, ſich der entſetzlichſte Sturm erheben, der jemals die Veſte des Himmels erſchutterte. Dieſer vorlaute Wunſch ward nur allzu bald und allzu verhaͤngnißvoll erfuͤllt; denn die Mee⸗ resfluth ſchwoll auf, und„der Allerhoͤchſte ließ ſeine Stimme vernehmen, daß die Tiefen des Waſſers ſich aufthaten“, und das ſtarke Ge⸗ maͤuer und deſſen ungluͤcklicher Erbauer wurden mitſammen ſo hinweggeſchwemmt, daß, als die Sonne aufging, von dem Leuchtthurme nichts weiter als ſchwarzes, von der Brandung hin und her geſchleudertes Truͤmmergeſtein uͤbrig blie⸗ ben war, waͤhrend die Klippen, die unerſchuͤt⸗ tert gelaſſen worden waren, eben ſo verderben⸗ bringend als jemals ihre fuͤrchterlichen Zaͤhne —6 wieſen. Der Leuchtthurm, welcher gegenwaͤrtig auf dem Riffe ſteht, ward ſpäter und nach beſ⸗ ſerem Grundplane von Smeaton erbauet. In⸗ dem wir nun hier auf den einen wie den ande⸗ ren Bau hindeuteten, ſchweiften wir in ſo fern ab, als Das, was wir hinſichtlich der Gefahren am Eddyſtein zu erzaͤhlen haben, ſich vor der⸗ jenigen Zeit zutrug, in welcher Winftanley ſein kuhnes und uͤberraſchendes Werk auffuͤhrte— zu einer Zeit jedoch, in welcher alljaͤhrlich ſich vielfache und große Verluſte an Schiffen, La⸗ dungen und Menſchenleben an jenem verderblich⸗ ſten aller Riffe der Weſtkuͤſte Englands zutrugen. Es war um die Zeit der Fruͤhlings⸗Tag⸗ und Nachtgleiche des Jahres 1647, als zwei englaͤndiſche Kauffahrerſchiffe, von denen eines die Virginia, das andere der Alte Jacob hieß, ſchwer beladen von Weſtindien nach der Heimath beſtimmt, in einem ſehr zerrutteten Zuſtande ſich Weg durch eine ſturmbewegte See ſuchten. Die Virginia war jedoch, um uns eines nautiſchen Ausdrucks zu bedienen, ſeetuͤchtiger als der Alte Jacob, und mit dem Geſchicke dieſes letzten Fahrzeuges haben wir es hier beſonders zu thun. Letzteres Schiff hatte bereits durch fruͤheren Sturm gelitten, und es ſchien nur allzu wahr⸗ ſcheinlich, daß daſſelbe auserſehen war, an eben der Fuͤſte, nach welcher deſſen Mannſchaft mit Blicken der Sehnſucht und des Hoffens hinuber⸗ ſchauete, noch mehr leiden, wohl gar zum voͤl⸗ ligen Wrack werden ſollte. Der Einzelnumſtaͤnde, die hinſichtlich des Nißgeſchicks, das dieſes Schiff zu ſo weit zuruͤck⸗ liegendem Zeitpunkte traf, uns kund wurden, ſind nur wenige, dennoch ſind ſie ſchauerlich, und zufolge der Leichtglaͤubigkeit des Jahrhun⸗ derts zum Theil als boͤſe Vorzeichen Deſſen, was geſchehen ſollte, angeſehen worden, obgleich die⸗ ſelben nichts Anderes als auf der See oft wahr⸗ genommene Naturerſcheinungen waren⸗ Zuerſt alſo war das Schiff an einem Freitage in See gegangen und hatte dabei die Vorſicht verſaͤumt, ein Pferdehufeiſen an den Vordermaſt zu nageln, um die Hexen abzuhalten, die ſich demnach dieſe Vernachlaͤſſigung bald zu Nutzen machten, ſo daß ſie ihren dienſtbaren Geiſtern Maſten und Takelwerk preisgaben, und dieſe nun umher⸗ ſchwaͤrmten und Das anſtellten, was man da⸗ mals am Bord eines Schiffes eine„Teufels⸗ meſſe“ nannte. Mehrere Naͤchte hindurch hoͤrte man ſeltſame und milde Klaͤnge um das Schiff herum, jedoch keine Meerjungfer, keine Saͤnge⸗ rin der Seegewaͤſſer zeigte ſich auf dem Ruͤcken eines Delphins ſitzend, wie ſie ihre geiſterhaften Weiſen erklingen ließ, indem ſie ſich die langen ſeidenen Locken ſtrich. Waren jedoch die Muſi⸗ ker unſichtbar, ſo erblickte man dagegen einen unbekannten Waſſervogel auf den Maſtſtangen, oder ſah ihn Tage lang das Schiff umflattern. Die Matroſen ſchoſſen mehrere Male nach ihm, um eines ſo ſeltſamen Beſuchers ledig zu wer⸗ den, allein der Vogel ſchien ſchußveſt zu ſein, denn nimmer ward er getoͤdtet, ja nicht einmal verſcheucht. Auch ſah man um das Schiff herum ein ſtern⸗ artig Licht tanzen, welches bald wieder verſchwand, jedoch nur um ſich von Neuem zu zeigen, ſo daß es wie eine glaͤnzende Flamme ſich dehnte und dem Maſt entlang von Segel zu Segel zuckte. — 9 Wie natuͤrlich dergleichen Erſcheinungen an und fuͤr ſich auch ſein mogten, ſo waren ſie doch zuverlaͤſſig Vorboten von nichts Wenigerem als ruhiger See und guͤnſtigem Wetter. Als ſolche erwieſen ſie ſich denn auch, denn bald nach ih⸗ rem Sichtbarwerden erhob ſich ein Sturm, durch den das Schiff klaͤglich mitgenommen ward, ſo daß es mehrere Tage lang faſt gaͤnzlich entma⸗ ſtet auf hochgewuͤhlter See trieb, und nicht viel mehr als Wrack war. Waͤhrend der juͤngſten vierundzwanzig Stunden hatte der Sturm ſo entſetzlich gewuͤthet, daß die ungluͤckſelige Mann⸗ ſchaft meinte, es koͤnne nicht ſchlimmer mit ihr werden; dennoch ward es ſchlimmer. Entſetzli⸗ cher noch blies der Sturm aus Weſten her und trieb das huͤlfloſe Schiff dem Strande immer naͤher; aus ſchwarz daherrollenden Wolken wet⸗ terte es furchterlich, ſo daß das Meer ſeine Wo⸗ genſpitzen zum Himmel hinanwerfen zu wollen ſchien, waͤhrend der Regen in ſo entſetzlichen Stroͤmen herabfloß, als ob die„Fenſter der Luͤfte aufgethan und die Quellen der großen Tiefe geborſten waͤren“. Bei dem Zucken der Blitze ſah man die kochenden Wellen ſich uͤber und uͤber wäͤlzen, ſo daß kein Schreckniß eines wuͤthenden Orkans den ungluͤckſeligen Schiffen⸗ den vorenthalten blieb. Bis an den Rand in den Fluthen rollend, weil es laͤngſt an Beiſatzſegeln fuͤr den einzigen noch uͤbrig gebliebenen Maſtbaum fehlte, ſchien das Schickſal des Alten Jacob unvermeidlich zu ſein. Keine Hoffnung zur Rettung blieb mehr; denn als ob kein zum Untergang eines Fahr⸗ zeugs erforderlicher Umſtand fehlen ſollte, nahm man nunmehr auch noch wahr, daß das Schiff einen Leck bekommen hatte, und in vier Fuß tiefem Waſſer uͤber ſeiner Ladung ging. Verzweiflung, mit ihrer Genoſſin, der Unentſchloſſenheit, be⸗ maͤchtigte ſich nun Derer, die am Bord befind⸗ lich waren. Inmitten der Haſt und Verwirrung, worin Alles ſich erblicken ließ, machten ſich Ge⸗ ſchrei und Gebet, wie Verzagende dergleichen hoͤren zu laſſen pflegen, auf herzzerſchneidende Weiſe vernehmbar. Dazwiſchen heulten die Zu⸗ rufwoͤrter des Capitaͤns und ſeiner Steuerer, als dieſe in ſolcher namenloſen Bedraͤngniß denjeni⸗ —P gen Matroſen, die ihnen noch hoͤren und folgen wollten und konnten, ihre Befehle ertheilten. Als endlich das Schiff immer mehr mit Verſin⸗ ken drohete, ſah man, wie die am Bord befind⸗ lichen wenigen Haͤndler mit eigenen Haͤnden halfen, diejenigen Ballen und Kiſten, von denen ſie Gewinn und zeitliches Beſtehen hofften, in die See zu werfen, um das ſo entſetzlich preis⸗ gegebene Wrack moͤglichſt zu erleichtern. Sie ſchieden, als der Tod ſo nahe zu ihnen heran⸗ drang, von ihrer Habe, um des Oceans Tiefen damit zu bereichern, und thaten dies eben ſo be⸗ reitwillig wie ein zagender Bittſteller reiche Ga⸗ ben darbringt, um den Grimm irgend eines hoch⸗ fahrenden Tyrannen zu ſaͤnftigen und der ſchauer⸗ lichen Gewalt deſſelben vielleicht noch zu ent⸗ rinnen. Wie angeſtrengt auch an den Schiffspumpen gearbeitet ward, ſo konnte das Fahrzeug doch nicht hoch genug gebracht werden, um die her⸗ anſpuͤlenden Wogen zuruckzuhalten; vielmehr ſpuͤl⸗ ten dieſe von Spiegel zu Schnabel uͤber das Ver⸗ deck hin, und riſſen die Steuerer von ihrem 12 Baume weg, als dieſe eben mit groͤßter Anſtren⸗ gung bemuͤht waren, das Schiff von dem entſetz⸗ lichen, vorhin von uns beſchriebenen Riffe ab⸗ zulenken. In dieſem Schreckensaugenblicke ſah man et⸗ liche wenige Perſonen, auf ihre Selbſterhaltung bedacht, ſich dem Langboote anvertrauen, ob⸗ wohl dies auf ſo ſtuͤrmiſcher See nur als Folge eines verzweifelten Entſchluſſes betrachtet werden mußte, indem es faſt außer Zweifel war, daß das Boot noch eher als das lecke Schiff ſeinen Untergang finden wuͤrde. Dennoch waren acht Perſonen kuͤhn genug, den Verſuch zu wagen. Einer unter denſelben war ein aͤltlicher Mann, der zwar ſeine eigene Rettung vor Augen hatte, jedoch deſſen ungeachtet, und als ob er die groͤ⸗ ßere Gefahr im Boote anerkannte, bemuͤht war, einen Juͤngling zu vermoͤgen, am Bord des Al⸗ ten Jacob zuruͤckzubleiben; der Juͤngling jedoch aͤußerte ſeinen Entſchluß, ebenfalls ſich dem Boote anvertrauen zu wollen, ſtammelte ein kurzes Ge⸗ bet und ſprang dann, der Letzte von Allen, in das Boot, als eben der Matroſe das Kabel deſ⸗ 13 ſelben zu rechter Zeit losließ, indem die wieder⸗ kehrenden Wellen zuverlaͤſſig das Boot an dem Rumpfe des Schiffes zerſchellt, oder doch umge⸗ ſturzt haben wuͤrden. Waͤhrend ſo das Boot zuruckgeſchwappt ward, ſchoß der Alte Jacob vor⸗ waͤrts, doch waren kaum einige Minuten ver⸗ gangen, ſo hoͤrte man am Bord deſſelben das Angſtgeſchrei:„Brandung vor'm Schiff!“ und faſt in demſelben Moment ſcheiterte der Segel⸗ kahn am Riffe des Eddyſteines. Der Stoß war ſo gewaltig, daß der Spiegel des Schiffes borſt, und die Wellen, gleich eben ſo vielen heulenden Hunden, die auf das niedergehetzte Wild los⸗ ſtuͤrzen, in den Rumpf des unglucklichen Wracks drangen, ſo daß dieſes bald in Stuͤcke zertruͤm⸗ merte, uͤber welche die ſchaͤumende Brandung hinſpuͤlte. Die Virginia, die mit genauer Noth den Todesgefahren am Eddyſtein entrann, hoͤrte jetzt ein fuͤrchterliches, herzzerreißendes Geſchrei von etwa hundert Seelen— den Todesangſtruf der Mannſchaft auf dem geſcheiterten Schiffe. In der nächſten Minute war nichts weiter als die 14 ſchwarzen Klippen und die ſchaͤumende Brandung des verhaͤngnißvollen Riffes zu ſehen. Der heu⸗ lende Waſſerwirbel ſchloß ſich uͤber der Staͤtte, an welcher die Verungluͤckten ihren letzten Odem⸗ zug gethan hatten. Ein Kielpfoſten, der wenige Tage darauf an den Strand geſpuͤlt ward und nach ſeiner Form fuͤr den eines weſtindiſchen Kauffahrerſchiffes gehalten werden mußte, war das Einzige, was jemals von dem Wracke des Alten Jacob ans Land kam. 5 Ae. O— Zweites Capitel. „Und o, ſein ſchoͤnes Vaterland, deß Stolz dahin ge⸗ ſchwunden, Deß edler Geiſt gebrochen ward, um nie wohl zu ge⸗ ſunden, Ob deſſen Weh der aͤchte Sohn mit bittern Thränen Weil's fuͤr Verrath gilt, wenn er den Verſuch zur Rettung wagt!“ Moore's„iriſche Melodeien“. Der Verlauf unſerer Erzaͤhlung noͤthigt uns, den Schauplatz derſelben jetzt von der See weg auf das Land zu verlegen und den Leſer an eine Staͤtte zu fuͤhren, die ſo mannichfaltig ſchoͤn und ſo bezaubernd iſt, daß, wie die Sage be⸗ richtet, der ſpaniſche Admiral Medina Sidonia, als er auf ſeiner Eroberungsfahrt die Armada gegen Englands Kuͤſte lenkte und dieſe Stätte von fern erblickte, zum voraus zu ſeinem An⸗ theile an der unvergleichlichen Beute das unver⸗ gleichliche Grundgebiet von Mount Edgeumbe auserſah. Wirklich iſt die Schoͤnheit dieſes Landſtrichs ſo herrlich, daß, obſchon es unſerer Erzaͤhlung nothwendig wird, Etwas von den Oertlichkeiten deſſelben zu ſagen, wir doch bei Unternehmung deſſen unſere Schwaͤche fuͤhlen und fuͤrchten, daß, wie kurz wir uns auch in der Sache faſſen, wir doch nichts weiter als Worte des Lobes beibrin⸗ gen, ohne eine genuͤgende Vorſtellung von je⸗ nen Landſchaften zu erwecken, von denen einen ſchriftlichen Abriß zu geben, ſo weit uͤber unſere Kraͤfte iſt. Nach dieſer zu unſerer Entſchuldigung gege⸗ benen Vorbemerkung fahren wir fort, um dem Leſer zu ſagen, daß die Halbinſel Mount Edg⸗ cumbe ihre mit den edelſten Forſten bekroͤnten majeſtaͤtiſchen Hoͤhen in den Ocean hinausſtreckt, wo die Wellen uͤber ſchwarzen Felſenriffen bre⸗ chen, die an der Baſis der kragſteinartigen Klip⸗ pen liegen, welche mit Gruppen von Fichten⸗ baͤumen geziert ſind, die ſtarr emporſchießen — und ihr dunkles Haar vom Nachtwinde ſchuͤt⸗ teln laſſen. Schoͤnheit und Erhabenheit, an⸗ muthige Waͤlder und ſonnige Matten, tiefe Hoͤh⸗ len und uͤberhangende Felſen, wilde Bergpfade zwiſchen Abgruͤnden und Kluͤften, rieſige Fichten, die von tauſend Stuͤrmen unerſchoͤttert blieben, das Bruͤllen des Oceans, die Pracht von Hai⸗ nen und Schattengängen, die ſo Ruhe wie Ein⸗ ſamkeit darbieten— dies Alles vereinbart ſich, um eine fuͤr Naturſchoͤnheiten empfaͤngliche Seele mit Andacht und Entzuͤcken zu erfuͤllen. Zur Zeit unſerer Geſchichte wies das Herrn⸗ haus von Mount Edgeumbe ſich gegen Das, was es heut zu Tage unter dem leitenden Geſchmack des edlen und talentbegabten Repraͤſentanten der Familie Edgecumbe iſt, nur gering an Umfang und Pracht. Es war damals ein ziemlich ſchwer⸗ faͤlliges, viereckiges Gebaͤude, an deſſen Ecken ſich ein runder, mit Zinnen verſehener Thurm erhob, und wies in der Mitte ſeiner Vorder⸗ ſeite einen huͤbſchen Zugang, der in die ſoge⸗ nannte Halle, das groͤßte und beſte der Ge⸗ maͤcher des Hauſes, fuͤhrte. Das Gebaͤude ſtand Warleigh I. 2 18 auf einer bedeutenden Hoͤhe, die ſich ſanft zu einer mit gruͤnem Raſen bedeckten Ebene nach der Nordſeite oder, wie man wohl ſagen mag, nach der Binnenſeite der Halbinſel ſenkte; einer Ebene, die nur durch das Gewaͤſſer des Tamars von den gegenuͤberliegenden Staͤdten Stonehouſe und Plymouth getrennt wird. Von beiden Sei⸗ ten der ſehr umfangreichen Ebene fuͤhrten ſtatt⸗ liche Ulmenreihen von dem Landungsplatze des Fluſſes zur Herrnwohnung hinauf. In der un⸗ mittelbaren Umgegend des Gebaͤudes ſah man uralte Haine von Eichen, Buchen, Fichten und Kaſtanien. Nachdem wir ſo in Kuͤrze einen Abriß von der Ortslage des Herrnhauſes gaben, haben wir Einiges uͤber den Eigner dieſes koͤſtlichen Beſit⸗ thums zur Zeit unſerer Erzaͤhlung mitzutheilen. Sir Piers Edgeumbe war einer von jenen Koͤniglichgeſinnten, die im Weſten von England die Erſten geweſen waren, die fuͤr Koͤnig Karl die Waffen ergriffen, und die mit zu den Letzten gehoͤrten, welche dieſelben wieder niederlegten. Sir Piers war ein vielgeſchaͤtzter Herr von mitt⸗ ——— 19 lerem Alter, entſchloſſen in ſeinem Weſen, ge⸗ duldig bei den zahlloſen Bedraͤngniſſen und Wi⸗ drigkeiten, von denen er heimgeſucht ward, und ſo treumuthig fuͤr die Sache, der er diente, daß er ſich dadurch den Beinamen eines ver⸗ zweifelten Boͤswilligen und dafuͤr den Lohn zu⸗ zog, von dem Parlament, als dieſes im Weſten des Landes die Oberhand erhalten hatte, ſich verfolgt und in ſchwere Geldbuße genommen zu ſehen. Obgleich durch dieſe letztere Bedruͤckungs⸗ maßregel ſein Beſitzthum verkuͤmmert ward, ſo war dies dennoch ergiebig genug, um ihm ein weit groͤßeres Vermoͤgen zu ſichern, als man zu jener Zeit einem Royaliſten zu laſſen pflegte. Wie bittere Erfahrungen Sir Piers auch hatte machen muͤſſen, ſo wußte er doch recht wohl, daß es vielen Andern noch ungleich ſchlim⸗ mer ergangen war als ihm. Manche waren, ſo wie der groͤßte Theil der unter Sequeſter geleg⸗ ten Geiſtlichkeit, gaͤnzlich ausgepluͤndert worden, ſo daß ſie hinaus in die weite Welt wandern mußten, wo ſie mit dem weißen Stabe in der Hand, von den hungernden Ihrigen umringt, 2* den Tod des Elends hätten ſterben moͤgen, wo ſie ein Plaͤtzchen dazu fanden; waͤhrend Andere wieder in dumpfe Kerkerloͤcher auf dem Lande oder in Gefangenſchiffen ſchmachteten, oder wohl gar, wenn nicht gehenkt oder ſonſt aus dem Wege geſchafft, aufgegriffen und in turkiſche Scla⸗ verei verkauft wurden. Sir Piers war von allen dieſen Greueln wohl unterrichtet, denn auf einem oder anderem jener klaͤglichen Wege hatte er waͤhrend der Triumphzeit des Parlaments manchen Freund verloren, weil dieſer Bahn zur Befreiung Eng⸗ land's zu brechen ſtrebte. Sir Piers war demnach fuͤr das bei allem Ungluͤck ihm noch gebliebene Gluͤck im Herzen dankbar; und da das menſchliche Gemuͤth fuͤr die Leiden Anderer durch nichts ſo ſehr als durch eigenes Mißgeſchick empfaͤnglich gemacht wird, ſo trug die erlittene Verfolgung gar ſehr zur Staͤrkung der chriſtlichen Geduld und der ruhigen Ergebung unſers ehrlichen Rit⸗ ters von Edgeumbe bei. Wir haben irgendwo geleſen, wie die Veredlung einer betruͤbten Seele gar ſchoͤn mit einem geſchliffenen Diamant ver⸗ glichen worden iſt. Jeder Schliff war freilich eine dem Steine beigebrachte Wunde geweſen; allein wo waͤre wohl ohne jene Wunde der Glanz des Edelſteins? Einer der Hauptfehler im Charakter unſeres Piers war vielleicht zu großer Stolz auf ſich ſelbſt und zu wenig Schaͤtzung Derer, die unter ihm waren. Dieſem urſpruͤnglichen Mangel ward jedoch durch den Chriſtenſinn des Ritters dahin gewehrt, daß er ſich mildherzig gegen Diejenigen wies, die um ihrer Liebe zum Königsthum wil⸗ len in Duͤrftigkeit und Elend gerathen waren. Ohne ſeine Beihuͤlfe wuͤrde mancher beklagens⸗ werthe Royaliſt umgekommen ſein; denn wenn Sir Piers auch von ſich eingenommen war, ſo zeigte er ſich doch niemals eigenſuͤchtig. Gegen einen ſeiner vielen huͤlfebedurftigen Freunde war Ritter Piers aus einem gemiſchten Gefuͤhle von innigſter Hochachtung und herzli⸗ chen Mitleidens beſonders guͤtig. Dieſer mehr denn gewoͤhnlich beguͤnſtigte Freund war kein Anderer als der im Weſten des Landes hochbe⸗ ruͤhmte Koͤniglichgeſinnte, Sir Hugo Piper, zu deſſen Grabſteine in der ſchoͤnen Sanct Magda⸗ lenenkirche von Launceston wir eine Pilgerfahrt unternahmen, und auf welchem man einander gegenuͤber knieend die in Marmor ausgehauenen Conterfeie des wuͤrdigen Ritters und ſeiner Haus⸗ frau Sibylle erblickt, wie ſie dem Hoͤchſten fuͤr die Wiederherſtellung des Koͤnigshauſes danken, die zu erleben ihnen in ihrem hohen Alter vom Lenker aller Dinge gewaͤhrt ward. Wenden wir uns von dieſer Abbildung des Ritters zu dem Ritter ſelbſt! Sir Hugo Piper war in ſeiner fruͤheren Ju⸗ gend zum Handel erzogen und in Plymouth ein angeſehener Kaufherr worden, der mit Pro⸗ ducten von ſeinen eigenen Beſitzungen in Weſtin⸗ dien handelte. Er hatte auf dieſe Weiſe hin⸗ laͤngliches Vermoͤgen und Anſehen gewonnen, um die aus adeligem Geſchlecht entſproſſene Dame Sibylle zu ehelichen, die ihre Ahnen bis zu Wilhelms des Eroberers Zeiten hinaufzaͤhlte, ja, ſogar vermoͤge einer Seitenheirath in das edle Haus von Courtenay in Devon, Anſpruch auf Verwandtſchaft mit den Kaiſern von Con⸗ 23 ſtantinopel zu machen hatte. Der englaͤndiſche Kaufherr, der zu allen Zeiten einem hochehren⸗ werthen Stande angehoͤrte, ſtieg waͤhrend der aufeinander gefolgten Regierungen Eliſabeths, Jacobs und Karls des Erſten ganz beſonders zu hoher Wichtigkeit; wovon unter Anderem der umſtand Beweis gibt, daß Sir Thomas Greſham zur Zeit der jungfraͤulichen Koͤnigin auf ſeine alleinige Koſten die eben ſo nuͤtzliche als herrliche königliche Boͤrſe zu London erbauen ließ. Sir Hugo Piper fuͤhlte zwar ſeine Bedeu⸗ tendheit und hielt dieſelbe auch nach Kraͤften aufrecht; doch that er es, ohne Denen beſchwerlich zu fallen, zu denen er ſich vermoͤge ſeiner wach⸗ ſenden Reichthuͤmer gleichſam emporhob; denn nimmer nahm er jenes wichtigthuende Weſen an, in welchem neugebackene Edelleute ſich ſo ſehr zu gefallen pflegen. Er war fleißig der Zeit eingedenk, in welcher er als Lehrburſch auf ſeinem hohen Bocke in kleiner Schreibſtube des Hinterhauſes ſaß und vom Montag Morgen bis zum Sonnabend Abend die in Kalbsleder ge⸗ 24 bundenen Handelsfolianten in Ordnung zu hal⸗ ten hatte. Eben ſo wenig als er den Hoͤheren ſich aufdraͤngte, war er verletzend gegen Per⸗ ſonen unter ſeinem Stande, ſondern ſtets freund⸗ lich und hoͤflich gegen Diejenigen, welchen we⸗ niger Vermogen oder weniger Speculationsgeiſt als ihm zu Theil ward, und die deswegen auf der Gluͤcksbahn hinter ihm zuruͤckbleiben mußten. Allerdings hatte auch Sir Hugo zu Denen ge⸗ hoͤrt, welche durch die laut verklagten Bedruͤckun⸗ gen wrillkuͤhrlicher und großen Nachtheil brin⸗ gender Abgaben litten, womit Waaren, Frach⸗ ten, Schiffsparten, und andere kaufmaͤnniſche Eingaͤnge, von dem geſetzwidrig verfahrenden Par⸗ lamente belegt worden waren. Als Sir Hugo nun fand, daß die gegen dieſe Gewaltthaͤtigkeiten und gegen andere Miß⸗ braͤuche der Regierung mit gutem Grunde vor⸗ gebrachten Klagen zu nichts halfen, ſondern wohl gar den boͤſeſten Abſichten erzſchlauer Leute zum Vorwand oder zum Deckmantel dienen mußten, daß die Vernichtung der Monarchie erzielt ward, daß alle Ordnung in Staat und Kirche den wil⸗ 25 den Entwuͤrfen des Schwaͤrmereifers, der Ge⸗ waltthat und dem Ehrgeize weichen ſollte, da legte er ſeine dunkelbraune Geſchaftsbekleidung ab, ſteckte ſich um der guten Sache willen in eine Ruͤſtung, wandelte ſeine Schreibſtube in eine Wehrkammer um, ernannte ſeinen erſten Han⸗ delsgehuͤlfen zum Cornet, warf ſeinen thurm⸗ ſpitzigen Hut in den Winkel, ſtulpte eine Stahl⸗ kappe auf den Kopf, ruͤſtete auf ſeine eigenen Koſten ein Reiterregiment zum Dienſte Koͤnig Karls aus, ſtellte ſich an die Spitze dieſer Rei⸗ ter, indem er ein Schwert angeſchnallt hatte und den Commandoſtab in der Hand hielt, und be⸗ habte ſich wie ein geborener und wohlgeregelter Kriegsmann. Groß waren ſeine Thaten und nicht minder groß die ihm daraus erbluͤhenden Ehren; denn wenn er auch bei der Belagerung von Plymouth eine Wunde in den Nacken erhielt, ſo ernannte ſein Koͤnig ihn doch zum Hauptmann des kö⸗ niglichen Schloſſes zu Exeter, von wo aus er in jenen Tagen die ganze Stadt uͤberſchauen konnt, ohne erſt die Muͤhe zu haben, ſie in den 26 Grund zu legen; und obwohl auf den Hoͤhen von Stratton eine Kugel ihm durch den Schen⸗ kel pfiff, ward er dennoch zum Befehlshaber von Schloß Launceston, welches, wie er ſcherz⸗ weiſe zu ſagen pflegte, ihn hoͤher hob als die Hoͤhe geweſen war, auf welcher er ſeine Wunde empfing; und obwohl erſt kuͤrzlich ein boͤſer Schwerthieb eines pſalmſingenden Schurken im Treffen bei Lansdown ihm nicht wenig die Schul⸗ ter verletzte, zog dieſer dritte Schlag ihm doch von Farln ſelbſt einen vierten Schlag zu, der ihm zu wahrem Heilbalſam ward, indem vor demſelben der tapfre Handelsmann als Krieger niederknieete, und nach demſelben als achtbarer Rittersmann wieder aufſtand. Fuͤr alle dieſe Ehrenbezeigungen war Sir Hugo nicht undankbar; und da an Hoͤfen Dank⸗ barkeit ſelten zuruͤckgewieſen wird, ſobald ſie ſich in handgreiflicher Geſtalt zeigt, ſo war ſolche Dankesannahme oft das Einzige, wodurch Koͤ⸗ nig Karl in den Stand geſetzt ward, ſeinen un⸗ mittelbaren Beduͤrfniſſen abzuhelfen. Wenn alſo die Angelegenheiten im Weſten des Landes aus —¶ůͤ“à————„VN 27 Mangel an Gelde in's Stocken geriethen oder erlahmten, ſo waren es Sir Hugo's weſtindiſche Zeuge, womit man das zerlumpte Heer des Koͤ⸗ nigs bekleidete, und Sir Hugo's Rumfaͤſſer, aus denen daſſelbe ſich den Bart naßte, indem es des Monarchen Geſundheit trank. Und als die ſchöne Koͤnigin Henriette Marie kläglichen Man⸗ gel an dem koſtbaren Dinge, welches Gold ge⸗ nannt wird, zu eben der Zeit litt, in welcher ſie einen königlichen Sohn zur Welt bringen ſollte, ſchickte Sir Hugo ſeine ſilbernen Schuͤſſeln und Teller und Trinkbecher und Vorlegeloͤffel in die Schmelze, um ein koͤnigliches Wochenbett und prinzliche Taufgewaͤnder und Huldgaben an Hebammen und Ammen zur Entbindung der Koͤnigin in Exeter herbeizuſchaffen. Solche Tage waren denn Tage des Friedens fur Sir Hugo, denn ſo lange er Gold hatte, galt Keiner außer ihm fuͤr ſo willkommen am Hofe, fuͤr ſo ruͤſtig im Felde; allein als jenes faſt allmaͤchtige Metall ihm ſchwand, ward all ſeiner Groͤße ein langes Lebewohl geſagt. Der Hof, die Lords und die Ladies blickten kaltſin⸗ —28 nig auf den Weſtindienhaͤndler, und der allzeit luſtige Lord Saint Jermyn, der durch Lächeln Das erſetzte, was an Verſtand ihm fehlte, nahm keinen Anſtand, unſern Kaufherrn aus aller Faſ⸗ ſung zu laͤcheln, als dieſer ſich beklagte, daß ſein Anſehen am Hofe eben ſo wie ſeine Geldboͤrſe zuſammenſchrumpfte. Bisweilen hatte Sir Hugo auch die Mittel zu irgend einem luſtigen Hof⸗ gelage hergeſchoſſen, damit die hohen Herrſchaf⸗ ten nicht ganz und gar in der Betruͤbniß der Zeitläufe untergehen moͤgten, jetzt jedoch ergab es ſich, daß— um uns eines Witzwortes zu bedienen, das Sir Hugo ſelbſt zu außern pflegte, wenn er des Umſtandes gedachte— daß, nach⸗ dem die hohen Herrſchaften getanzt hatten, Kei⸗ ner da war, der dem Piper oder Pfeifer, welcher dazu aufſpielte, haͤtte bezahlen moͤgen. Karl ſelbſt, deſſen Herzensguͤte das Elend, das er wider ſeinen Willen bewirkt hatte, nicht anzu⸗ blicken vermogte, fuͤhlte ſo große Bekuͤmmerniß, wenn er das lange truͤbſelige Geſicht, das abge⸗ tragene Wamms und das durchaus veraͤnderte We⸗ ſen Sir Hugo's gewahrte, daß ihm die Anwe⸗ 29 ſenheit des ehrlichen Ritters ſchier peinlich ward. Indem der Monarch zu gleicher Zeit ſich erin⸗ nerte, wie viel er dieſem rechtſchaffenen Unterthan zu danken hatte, und wie bei dem dermaligen Zuſtande der Dinge es ihm ſo ganz und gar unmoͤglich war, demſelben auch nur einen einzi⸗ gen Schilling zuruͤckzuzahlen, konnte er vollends ſeinen Blick nicht an demſelben haften laſſen. Fuͤr Sir Hugo ſelbſt aber war dies ſo ſchmerz⸗ lich, daß er, um nur den Koͤnig nicht noch mehr zu verſtimmen, den Ruͤcken wendete, Opford und den Hof hinter ſich ließ und den Entſchluß faßte, wenn er dem Köͤnige durch nichts weiter als durch Austheilen von Hieben dienen koͤnnte, dieſe mindeſtens ſo hageldicht als moͤglich fallen ſoll⸗ ten, ſo er anders Arme genug wuͤrde finden kön⸗ nen, um ihm bei dieſem Werke gehoͤrig behuͤlflich zu ſein. Hierin jedoch taͤuſchte der gute Ritter ſich leider nur allzu ſehr. Wenige Maͤnner nur, aus der niederern Volksclaſſe, ſtanden getreulich zu ihm, noch Wenigere zeigten ſich warmen Her⸗ zens fuͤr die koͤnigliche Sache, ſobald ihnen nicht 30 durch Malvaſier oder Doppelbier Feuer ins Blut geiagt ward. Seine Reiter murrten, als der Sold ruͤckſtaͤndig ward, und obwohl Sir Hugo Alles, was er beſaß, verkaufte, um den Kriegsknechten neue Pfennige in die Hand zu legen, obſchon er ihnen kraͤftig von Anhaͤnglichkeit an das Koͤnigs⸗ haus und von Liebe zur Kirche zuſprach, ſie auf ſeine eigenen vielfaͤltig gemachten Aufopfe⸗ rungen aufmerkſam machte, wurden die rohen Geſellen dennoch auffſaͤſſig, meinten, ein Vogel in der Hand ſei beſſer als ein Dutzend Voͤgel im Buſche, bedachten, wie guter Sold und noch beſ⸗ ſeres Freiquartier ihrer unter der blauen Fahne des Parlamentes wartete, und kamen binnen zwoͤlf Stunden dahin, ſich von den Agenten des alten Noll, wie Cromwell im Volke genannt ward, mit Leib und Seele gewinnen zu laſſen. Der alte Noll aber wußte ſodann ſie durch ſeine rauhe Kriegszucht ſo veſt zu halten, als waͤren ſie mit ehernen Ketten an ihn geſchmiedet ge⸗ weſen. Dies Alles war mehr denn hinreichend, einen ſtattlichen Kaufherrn zu Grunde zu richten; und — wirklich vermogte der ehrliche Sir Hugo nicht, in ſo gewaltiger Stroͤmung den Kopf uͤber Waſ⸗ ſer zu halten. Er ſah ſich ſchmachvoll von eben der Reiterſchaar verlaſſen, die gleich dem Erzeug⸗ niß eines Alchymiſten aus ſeiner Kunſt und Muͤ⸗ hewaltung hervorgegangen war; denn durch un⸗ ablaͤſſigen Eifer hatte er in ihr eine gute Compagnie wohl bewaffneter, trefflich eingeuͤbter und kriegs⸗ maͤßig geregelter Reiter aus Burſchen dargeſtellt, die vorher zerlumpte, plumpe und zum Theil nichtsnutzige Geſellen geweſen waren. Doch ihre Abtruͤnnigkeit von ihm war nicht das einzige uebel. Sir Hugo mußte bald nachher ſeine ei⸗ gene Treue gegen ſeinen Koͤnig und den Verrath, durch den dieſelbe unnuͤtz gemacht worden war, klaglich buͤßen. Er ward ergriffen, eingekerkert und ſchmachvoll behandelt, ſeine Guͤter wurden eingezogen, und ſammt ihm ſelber nicht eher los⸗ gegeben, als bis durch Vermittelung eines Freun⸗ des, den er zum Gluͤck in der Gegenpartei hatte, er eine Geldbuße bezahlte, die faſt alle ſein Be⸗ ſitzthum verſchlang. Als er endlich wieder zu Luft und Freiheit gelangte, ſah er, daß ihm nichts weiter geblie⸗ ben war als dieſe Freiheit, ſein Weib und eine zur Jungfrau herangewachſene Tochter, und ſo⸗ dann ein Grad von Armuth, wie er ihn bisher nimmer gekannt, ja nicht einmal geahnet hatte. Sein Stolz fuͤhlte ſich arg verletzt, als er nach allen Anſtrengungen ſich fuͤr einen Bettler zu erkennen genoͤthigt ſah. Um ſich und die Sei⸗ nigen durchzubringen, mußte Sir Hugo Piper, der einſt reiche Kaufherr, der edle Commandant von Exeter, der tapfere Kriegsmann, der Freund und Wohlthaͤter ſeines Koͤnigs, tief genug ernie⸗ drigt, gleichſam von vorn dadurch wieder anfan⸗ gen, daß er einen Kleinhandel mit Schiffsbe⸗ duͤrfniſſen zu Plymouth trieb. Hochſchaͤtzung fuͤr ſeinen Charakter, Ehrfurcht vor ſeinen geleiſteten ritterlichen Dienſten, und NMitleid mit ſeinem Ungluͤcke waren es, die ihn zum werthen Freunde und faſt täglichen Geſellſchafter des hochherzigen Sir Piers Edgeumbe machten. Nachdem wir unſern Leſern einen Ueberblick der Gemuͤthsart und der Geſchichte des wuͤrdi⸗ gen Ritters Piper gegeben haben, liefern wir ir eine fluͤchtige Skizze von deſſen Aeußerem. Um uns dies zu erleichtern, moͤgten wir die Leſer bitten, wenn ſie Lodge's praͤchtiges Werk uͤber Englands Biographie beſitzen, das darin befind⸗ liche Bildniß des ungluͤcklichen Lord Capel, von Vandyke verfertigt, zu betrachten. Sir Hugo ſah dieſem Edelmann auffallend aͤhnlich, zeigte eben dieſelbe lange, hagere, donquijote⸗ artige Geſtalt, daſſelbe ſtieraͤugige, langgeſtreckte, later⸗ nenbackige Geſicht, den naͤmlichen horizontal her⸗ vorſtehenden, einem Katzenbarte nicht unaͤhnlichen Schnauzbart. Kurz, in dem ganzen aͤußeren Erſcheinen unſers Mannes lag beim erſten An⸗ blick voͤllig ein Ausdruck, der zum Lachen hätte reizen moͤgen, welche Regung ſich jedoch ſogleich unterdruͤckt fuͤhlen mußte, ſobald man die freie, offenherzige, ehrliche und freundliche Rede Sir Hugo's vernahm, die ſich augenblicklich Ver⸗ trauen und Hochachtung zu gewinnen wußte. Sein Freund und Goͤnner, Sir Piers Edg⸗ cumbe, war ein ſtattlicher Mann mit martialiſcher Miene und kaſtanienbraunem Schnauz- und Spitzbart. Er trug ſein eignes Haar, das nach Warleigh. I. 3 34 damaliger Hofmode zu beiden Seiten der Stirn hoch aufgeſpitzt ſtehen mußte. Dabei hatte er lichtblaue Augen voll lebhaften Ausdrucks, eine braͤunliche Geſichtsfarbe und eine Adlernaſe. Dieſes ſehr vortheilhafte Aeußere ward noch durch die reichbeſchnuͤrte, volle und wallende Klei⸗ dung hervorgehoben, wodurch die Leute zu Carls des Erſten Zeit ſich charakteriſirten, und die, durch den Pinſel Vandyke's behandelt, ſich als die ſtattlichſte aller Trachten gibt; oder die, wenn der eiſerne Bruſtharniſch uber ſie geſchnallt wird, zu der Anmuth eine Wuͤrde fuͤgt, wie dieſe je⸗ mals im Bilde auf die Nachwelt gekommen ſein kann. Zur Stunde, in welcher wir dieſe beiden Ehren⸗ maͤnner dem Leſer vorfuͤhren, ſaßen ſie in einem Gemache des Herrnhauſes von Mount Edgcumbe. Das Gemach war mit ſogenanntem gewaͤſſerten Seidendamaſt ausgeſchlagen. Im alten breit⸗ maͤuligen Kamine brannten große Holzkloͤtze, die ihren Dampf durch einen ungeheuren, ſchrägen Rauchfang zwar aufwärts, zu Zeiten jedoch auch, da es draußen heftig ſtuͤrmte, zuruck ins Gemach —— ———————— ten eit⸗ die gen ich, ach 35 wallen ließen. Etliche hochlehnige ſchwarzgebeizte Stuhle nebſt verſchiedenen Schemeln und Kiſ⸗ ſenſitzen, ſo wie ein Schrank aus flammigem Nußbaumholze gaben das Hauptgeraͤth des Ge⸗ maches ab, abgeſehen davon, daß dieſes durch ein ſchoͤnes Bild einer Frau verziert ward, die ſich die Hand von dem Sprudelwaſſer eines Springbrunnens beſprengen ließ. Dies Bild war das von Vandyke gefertigte Conterfei der ver⸗ ſtorbenen Lady Edgeumbe. Es hingen noch etliche andere, jedoͤch bei weitem minder werthvolle Bilder an den Waͤn⸗ den, in deren einer ſich eine jetzt geoffnete Thuͤr befand, die in ein Cabinet leitete, deſſen Inhalt man in dieſem Augenblicke vom Gemach aus uͤberblicken konnte, und der ſofort darthat, daß Sir Piers Edgcumbe ein Orfordmann ganz vom aͤcht loyalen Charakter jener ausgezeichneten Uni⸗ verſitaͤt war; denn außer Falkengloͤckchen und anderen Schnurrpfeifereien, ſah man daſelbſt Werke von zu gefaͤhrlichem Inhalte, als daß ſie hätten offenbar auf die Boͤrter einer Buͤcherei geſtellt werden moͤgen— als naͤmlich:„Mereu- 8 — rius Academicus“ von dem loyalen Doctor Swad⸗ lin;„das Flugpferd aus Oxon“, und„Pegaſus, wie er nach Lachrymae's Pfeife tanzt“; ferner: „Die Eule in Athen“, in lateiniſchen Schofel⸗ reimen,„Gott erbarm' ſich unſer“ und mehrere andere politiſche Schriften der Zeit, die urſpruͤng⸗ lich zu Orford entſtanden, alleſammt jedoch durch einen Parlamentsbeſchluß verboten worden und nur noch im Beſitze ſolcher Boͤswilligen waren, die keinen Beſchluß fuͤr ſo guͤltig als den ihres eigenen Gewiſſens halten, welches letztere ihnen befahl, eher jegliche Gefahr zu laufen, als die Sache ihres Gottes und ihres Koͤnigs aufzuge⸗ ben; ſintemal der Erſtere befahl, dem Letzteren unterthaͤnig und gehorſam zu ſein. Sir Piers und Sir Hugo hatten Beide das Gluͤck, Vater zu ſein. Jeder hatte eine Tochter, und beide Toͤchter, die ungefaͤhr gleichen Alters waren, lebten mit einander in eben ſo herzlicher Freundſchaft als ihre Vaͤter es thaten; d. h. beide waren koͤniglich geſinnt, beklagten mit⸗ ſammen das Mißgeſchick der Cavaliere, wußten, welcher von dieſen der huͤbſcheſte und der ta⸗ 37 pferſte war; beteten fuͤr den Koͤnig Carl ſo Abends wie Morgens, ſchlenderten gemeinſam um Mount Edgeumbe herum; laſen, ſangen oder ſpielten die Laute ſo beſtaͤndig mitſammen, als ob ſie geborene Zwillingsſchweſtern geweſen wa⸗ ren, und waren nur getrennt, wenn dringende Nothwendigkeit es erheiſchte. Sir Piers ſaß mit ſeinem Freunde nach dem Mittagseſſen noch an der Tafel, und als wir dies Capitel eroffneten, ſchwiegen Beide. Sie hatten ein Spielchen auf dem Schachbrete ge⸗ macht, doch waren Beide nicht geſtimmt, dieſe edle und geiſtaufregende Unterhaltung fortzuſetzen. Die Figuren lagen uͤber einander geworfen da, und waͤhrend Sir Piers, den Elnbogen auf den Tiſch geſtutzt, in das Caminfeuer blickte, lehnte Sir Hugo ſich im Seſſel zuruͤck und ergab ſich dem Genuſſe des Rauchtabacks, den er in beſſe⸗ ren Tagen aus ſeinen ehemaligen weſtindiſchen Beſitzungen einzufuͤhren pflegte. Dazwiſchen, wenn er eine lange Rauchwolke von ſich geblaſen hatte, nippte er aus einem vor ihm ſtehenden klei⸗ nen Silberbecher ein wenig koͤſtlichen Wuͤrzweins. Er war am Morgen dieſes Tages zu Sir Piers gekommen, um ſich nach deſſen Befinden zu er⸗ kundigen, wie er ſolches oft zu thun pflegte, wo denn das immer ſchlimmer gewordene Sturm⸗ wetter den Wirth beſtimmte, ſeinen Gaſt nicht wegzulaſſen, ſondern ihn zur Mittagstafel bei ſich zu behalten; eine Einladung, die von dem gutherzigen und ſtill beſcheidenen Ritter Hugo willig und freudig angenommen worden war. Drittes Capitel. o„Ein wahrhaft tapfrer Mann iſt der, der Schlimmſtes Erdulden, der ſein Ungluͤck als ein Aeuß'res, Als eine Kleidung achtlos tragen kann, Und der ſein tiefverletzt Gemuͤth nicht durch Ihm zugefuͤgtes Leid gefahrdet ſein läßt.“ Shakſpeare. Als ſich nun zwiſchen den beiden Freunden ein Geſpraͤch bald uͤber politiſche, bald uͤber ihre eigenen Angelegenheiten entſponnen und wieder zerſchlagen hatte, gaben das Flatſchen des Re⸗ gens an die Fenſter, das Schrillgepfeif des Win⸗ des, das Brauſen des Oceans, und dann und wann ein Donnerſchlag ihnen, waͤhrend ſie ganz naturlich Einer zum Andern ſagten, welch ſtuͤr⸗ miſcher Nachmittag es waͤre, jenes unbeſchreib⸗ liche Gefuͤhl von Behaglichkeit und Selbſtbe⸗ gluͤckwunſchung, zu welchem jeder Menſch ſich 40 hingeneigt fuͤhlt, wenn er fern der Gefahr, im veſten Hauſe und am wohlgeheizten Kamine den Sturm draußen hoͤrt, der allerdings ver⸗ kuͤnden mag, in welcher Bedraͤngniß Die ſein moͤ⸗ gen, die demſelben zur Stunde preisgegeben ſind. F Sir Hugo ſprach viel daruͤber und erzaͤhlte von den Orkanen auf den Bermudas⸗In⸗ ſeln, welche damals, eben wegen der dort herrſchenden Stuͤrme, ſo angeſehen wurden, als waͤren ſie, inſofern es Luft und Wind und Waſſer betraf, allen Teufeln preisgegeben. Dem Allen hoͤrte Sir Piers zwar zu, jedoch keines⸗ weges ſo, als floͤßte es ihm Theilnahme ein; denn ſein Blick haftete noch immer am Kamin⸗ feuer, waͤhrend ſein Elnbogen ſich noch immer ſtuͤtzte und ſein Fuß auf einem Marmorblocke ruhte, welcher auf ſeinem eigenen Grundgebiete gegraben und zu einem Heerdſchemel zurechtge⸗ hauen worden war. Endlich nahm er ploͤtzlich das Wort. „Mich duͤnkt, Sir Hugo Piper“, ſprach Piers,„ich habe endlich die Urſache des trubſe⸗ —————— —— —„——— „———„„—— ligen Mißlingens in Kent ergruͤbelt. Hales und die uͤbrigen Wackern, die dem Parlamente zum Trotz es wagten, ſich zu verſammeln, Bevoll⸗ maͤchtigte im Namen Seiner Majeſtaͤt zu ernen⸗ nen, und endlich die Stunde abwarteten, in welcher zur Befreiung unſers Monarchen ein Streich zu fuͤhren ſein moͤgte, wuͤrden nimmer ſolches Mißlingen erfahren haben, wenn ſie be⸗ hutſam genug geweſen waͤren, ihren Eifer zu maͤßigen. Ihr Plan war gut; allein die Aus⸗ fuhrung deſſelben erwies ſich haſtig und man⸗ gelhaft. Sie haͤtten warten ſollen, bis andere Grafſchaften bereit geweſen ſein wuͤrden, ſich mit ihnen zu vereinigen. Dann erſt haͤtten ſie den Streich fuͤhren muͤſſen. Ich weiß nicht, wie das jetzt enden wird. Meines Erachtens nach,“ ſetzte er hinzu, indem er die gleichnamige Figur von dem Spielbrete in die Hoͤhe nahm,„iſt der Koͤnig ſchachmatt, wenn nicht irgend Etwas, und zwar ſonder Verzug, geſchieht. Was ſagt Ihr dazu?“ „Hm!“ verſetzte der Gefragte,„eben Das, was ich dazu ſagte, als im Jahre Zweiundvier⸗ 42 zig der Orkan mir alle meine Zuckerrohrpflan⸗ zungen verwuͤſtete; dergleichen Ereigniſſe ſind nicht zufaͤllig! Durch ſie werden die Suͤnden unſers Koͤnigreichs heimgeſucht. So iſt's, und ich ſag's, obwohl ich kein Puritaner bin. Wir ſprechen: das Parlament that Dies oder un⸗ terließ Jenes; ich aber ſage: der Teufel that's. So wie dieſem Befugniß gegeben ward, die Geduld des frommen Hiob auf ſchwere Proben zu ſtellen, eben ſo iſt dem Satan der Geiſt des Parlamentes hingegeben worden, um die Ge⸗ duld unſeres leidenden Koͤnigs zu pruͤfen.“ „Nur allzu wahr!“ verſetzte Sir Piers. „Wir ſehen einen Geſellen, wie Cromwell, geſchaͤftig im Boͤſen und ſprechen dazu, es ſei gut ſo,“ fuhr Sir Hugo fort;„allein was iſt dieſer Cromwell denn mehr als ein Kloͤpfel in einer Thurmglocke, der ſich hin und her ſchwingt, ſobald die Glocke vom Uhrwerk in Schwung gebracht wird? Der Teufel aber ſitzt im Uhr⸗ werk. Ich habe keine Geduld und kann's nicht mit anſehen, daß Menſchen, etwa ſo wie wir jetzt, ruhig da ſitzen und gaffen, wenn Dinge r⸗ ht ir 43 ſolcher Art ſich zutragen. Ich glaube, wenn Lucifer ſelbſt im Himmel waͤre, wuͤrd' er es doch nicht wagen, ſich auf den Thron des Aller⸗ hochſten zu ſetzen; wohl aber glaub' ich, der Satan iſt im Parlamente und nimmt dort mit ſo weniger Ehrfuchts den Koͤnigsſtuhl ein, als wenn dieſer eine gemeine Bierbank waͤre.“ „Im Parlament?“ entgegnete Sir Piers, auf den die Waͤrme uͤberging, mit welcher ſein Freund ſich ſo eben geaͤußert hatte—„ſagt vielmehr in der Armee;z denn was iſt das Par⸗ lament jetzt mehr als ein Rudel Fanghunde, die auf den Zuruf ihres Hatzmeiſters das koͤnig⸗ liche Wild mattjagten, und die, ſobald man ihrer nicht mehr bedarf, mit Peitſchenhieben zu Stalle gejagt werden? Ich ſage, Freund, das Parla⸗ ment ſpielte die Rolle eines alten Hexenmeiſters, der einen Teufel heraufbeſchwur, deſſen Name Legion iſt; jedoch kann alle Liſt aller Parla⸗ mente dieſen Teufel nicht wieder in die Tiefe ſturzen, ſo lange er eine Armee zu ſeinen Dien⸗ ſten hat. Was fuͤr ein Menſch iſt Cromwell! Ich finde mich beinah im Herzen veranlaßt, ihn 44 um ſeiner Kuͤhnheit und Macht willen zu loben, womit er Rebellion, Uſurpation und Tyrannei hindurchfuͤhrt. Sagt doch der Poet— Ehr' zu Zeiten dem Teufel um ſeines Feuerthrones willen!“ „Oliver Cromwell,“ ſagte Sir Hugo hier⸗ auf,„erinnert mich jederzeit an ein Kaperſchiff, das auf der See unter falſcher Flagge kreuzt, die es dann ploͤtzlich einzieht, ſobald es einen Kauffahrer erblickt. Auf dieſen jagt es dann los, entert ihn oder ſchreibt ihm Bedingungen vor, als ob es alles Seerecht in ſeinem einzi⸗ gen Rumpfe truͤge, und verſenkt oft ein Fahr⸗ zeug, nachdem er es bis auf den Kiel auspluͤn⸗ derte. So hat Cromwell es mit der guten Barke der britiſchen Monarchie gemacht, und ich will wuͤnſchen, daß er des Capitaͤns ſchone, der ſo lange am Ruder ſtand und dem Sturme trotzte. Dieſer aber, ach! iſt jetzt ein Gefangener in Carisbrook⸗Caſtle, waͤhrend ein ganzes Koͤnig⸗ reich zuſchauet und einen Abgott aus Demjeni⸗ gen macht, der gegen eben den Fuͤrſten die Waf⸗ fen wendete, die fuͤr deſſen Sache ergriffen zu haben, er ſich den Heuchelſchein gab.“ n, zu „Nun, um deswillen,“ entgegnete Sir Piers, „wird der alte Noll mehr gefuͤrchtet als geliebt; denn, fuͤrwahr! es gibt unter ſeiner eigenen Partei Leute, die ſich nimmer ſo von ihm be⸗ herrſchen laſſen wuͤrden, wenn er nicht ſeine Armee, ſeine Spione, ſeine Aufwiegler und ſeine pſalmſingenden Eiſenfreſſer haͤtte, die ſo in Eiſen gekleidet einhergehen, daß ſie, um ihre Schale, in der ſie ſtecken, anzudeuten, nicht anders als Cromwells Hummer genannt werden. Ich ſag's nochmals: Furcht beherrſcht der Menſchen Ge⸗ muͤther bei ihrem Hinblick auf Cromwell. Furcht iſt Urſache der juͤngſt eingetretenen Stille; jedoch— wie ein gelahrter und verjagter Seelenhirt mir vor nicht langer Zeit ſagte:—„jene Stille gleicht der auf dem todten Meere und erzeugt nichts denn Verderben.“— O England! Eng⸗ land! wenn ich Dich anblicke, koͤnnt' ich wei⸗ nen uͤber die Raſerei Deines Volkes. Du hat⸗ teſt einen milden, guten und frommen Monar⸗ chen, der freilich Fehler, menſchliche und von ſeiner hohen Stellung faſt unabzuſondernde Feh⸗ ler beging; allein was waren ſie im Vergleich mit den willkuͤrlichen Verfuͤgungen ſeiner Vor⸗ gaͤnger? Doch mit dieſem Koͤnige nicht zufrie⸗ den, haſt Du, o Volk von England! eine ſchone, liebliche Roſe niedergetreten, und an de⸗ ren Stelle—“ „Einen klumpnaſigen alten Rundkopf hinge⸗ pflanzt,“ unterbrach Sir Hugo das zierliche Citat ſeines Goͤnners,„der liſtig wie ein Fuchs und grimmig wie ein Tiger iſt. Kein Ende wuͤrd' ich finden, wollt' ich ein Verzeichniß ſeiner Schandeigenſchaſten aufzeichnen! Zuvorderſt hat er weder Geburt noch Rang zu ſeiner Empfeh⸗ lung, iſt aber ſehr geneigt, Andere zu erhoͤhen, weshalb er ſich denn auch als ein Freund des Galgens kundgibt, indem mancher Cavalier ſo hoch als Haman, und um keiner andern Suͤnde als ſeiner Unterthanentreue willen, hat baumeln muͤſſen. Zweitens mag er es nicht ſehen, wenn andere Leute ſich hochſtellen, deshalb tritt er alle ſeine Vorgeſetzten in den Staub. Aller Frei⸗ heit will er bewirken— vermuthlich Freiheit im Geiſte; denn die Leiber aller Derer, die ihm läͤſtig fallen moͤgten, haͤlt er in ſcheuslichen — ——— 45 n 2 eit m 47 Kerkern eingeſperrt. Er will nichts von will⸗ kuͤrlichen Steuern, nichts von königlichen Mo⸗ nopolien wiſſen, und um die Moͤglichkeit dieſer Suͤnde zu vernichten, ſtieß er den Koͤnig vom Throne, legte ſeine Eiſenfauſt auf alles Beſitz⸗ thum, und ſeine Commiſſionsmaͤnner und Se⸗ queſtrirer ziehen hinter ihm wie die Schakale hinter dem Loͤwen her.“ „Und ſchleppen alles Fleiſch in ihre Hoͤhlen,“ ſetzte Sir Piers hinzu. „Und wer iſt im Hadern ihm zu verglei⸗ chen?“ fuhr der heftige Ritter Hugo fort.„Ha⸗ derte er nicht mit allen Biſchoͤfen und mit den Richtern obendrein, weil Pryn ſeine Ohren ein⸗ bußte? Er aber zur Vergeltung Deſſen, laͤßt ein paar Schock Koͤpfe abhacken und ſpricht ſein Gebet dazu vor der Fruͤhſtuͤckszeit. Und dann ſollte der Koͤnig, der arme Koͤnig, eine papiſti⸗ ſche Armee haben wollen, um Land England bluten zu laſſen! Der alte Rundkopf aber, um dies Unheil zu verhuͤten, ſtellt dagegen ſelbſt ein Heer auf, das, um des Uſurpators Ehrgeiz zu ſaͤttigen, eben dieſem Lande das Herz ausreißen und alle Adern aufritzen moͤgte, waͤhrend er, um die Religion zu verbeſſern und aus Liebe zur heil. Kirche, es arm und leidend und nackt gemacht und des Reiches Prieſter und gelehrte Maͤnner verjagt hat, um ein ſchuf⸗ tiges, aus Schneidern, Webern, Klempnern, Schuhflickern und Heckenreitern zuſammengele⸗ ſenes Geſindel von Schismatikern uud Ketzern raſen zu laſſen, das den Wortunſinn der Un⸗ wiſſenheit fuͤr Prophetenſpruͤche haͤlt; das die Ver⸗ drehung des Gotteswortes zu ſchaͤndlichen Zwecken ein Erforſchen der Wahrheit, und die tollen Ausgeburten einer durch Bier⸗ und Tabacks⸗ dunſt betaͤubten Phantaſei Ausſtroͤmungen des heil. Geiſtes nennt; und das von der Kanzel herab Gott dem Allmaͤchtigen etwas Neues er⸗ zaͤhlt, als furchtete es, dieſer erfuͤhre nicht ſchnell genug das Werk, das ſie im Namen ihrer heil⸗ loſen Obern vollfuͤhrten!“ „Nur allzuwahr,“ ſagte Sir Piers,“ das Wort Gottes wird nicht nur von den buͤrger⸗ lichen, ſondern auch von den kriegeriſchen Religio⸗ niſten zu den ſchmaͤhlichſten Abſichten verdreht.“ „— — ( 5) 8— — — 7) e— 49 „Mein Blut kocht,“ fuhr Sir Hugo fort, indem er mit der einen Hand auf den Tiſch ſchlug, waͤhrend er mit der andern die Pfeife ſchwenkte,„wenn ich all der Scheußlichkeiten gedenke, die da veruͤbt und geſchwatzt werden; und faͤnden ſich nur ein Dutzend ehrlicher Kerle, die ſich zu mir hielten, ſo wollte ich nochmals mein Schwert ziehen und einen kuͤhnen Streich wagen, um, ehe es zu ſpaͤt wird, den Koͤnig ihren Klauen zu entreißen.“ „Sprecht Ihr ſo, Nachbar,“ rief Sir Piers mit einer Miene des Triumphes,„ſo will ich Euch bei'm Worte nehmen; denn wißt, es giebt im Weſten des Landes Maͤnner, die fuͤr das Wohl des Koͤnigs wachen und beten, und die eben jetzt in der Stille, in Geheim, und, wie ich hoffe, mit Sicherheit einen Plan zu des Ko⸗ nigs Befreiung verfolgen. Kennt Ihr Capitän John Burley von South Hams?“ „Ich kenne ihn,“ antwortete der Geſragte, „als einen wackern Cdelmann. Er pocht zu Landsdown mit Sir Bevil Grenville, jenem Juwel des Weſten, jenem Helden von Devon, Warleigh. L. 4 50 der am Tage jenes Treffens mit ſo Manchem in das Gras beißen mußte. Wohl kenn' ich ihn! Burley buͤßte beinahe das Leben bei dem Verſuch ein, den Verluſt ſeines Freundes und Landsmannes zu raͤchen. Was iſt's mit ihm?“ „Durch ſeine Unterthanentreue verlor er ſein Beſitzthum und ſeine Dienſtanſtellung, zog ſich auf die Inſel Wight zuruͤck, und lebt dort als ein armer, mehr geachteter als bemittelter Edel⸗ mann. Er wohnt unfern des Caſtells Caris⸗ brook.“ „So nahe dem gefangenen Koͤnig?“ entgeg⸗ nete Sir Hugo;„ſo hat Karl auf jener Inſel des Leidens mindeſtens Einen Freund!“ „Ich hoffe, Seine Majeſtaͤt hat der Freunde viel,“ ſprach Sir Piers weiter,„und Capitän Burley beabſichtigt, im paſſenden Augenblicke dieſelben auf die Probe zu ſtellen; das heißt, wenn wir im Weſten uns bereithalten wollen den koͤniglichen Fluͤchtling aufzunehmen, im Fall es ſich als unmoͤglich oder als ſehr gefaͤhrlich auswieſe, ſeine Ueberfahrt nach Frankreich zu verſuchen; denn die Beſorgniß ſeiner Feinde in — — dieſem Betracht iſt ſo groß, daß kein abfahren⸗ des Fiſcherboot undurchſtoͤbert gelaſſen wird. Vereinigt Weſt⸗England ſich nochmals, den Koͤnig in deſſen Rechte wieder einzuſetzen, ſo wuͤrde Seiner Majeſtaͤt ploͤtzliche Ankunft in dieſen Gegenden Aller Herzen anregen und Al⸗ ler Waffen in Thaͤtigkeit ſetzen. Cornwall und Devon, die ſtets dem Throne treu zuſtanden, ſtets zuerſt ihr Blut fuͤr denſelben vergoſſen und die Letzten waren, die vor dem Tode oder einer guten Sache zuruͤckwichen, wuͤrden alsdann den Ruhm haben—“ „Den Koͤnig zu retten!“ fiel Sir Hugo ein, indem er in ſeinem Eifer die Pfeife gegen den Tiſch ſtieß, daß ſie zertruͤmmerte.„Daß Dich die Peſt!“ rief er, indem er muͤrriſchen Geſichts die zerbrochene Roͤhre betrachtete,„irgend ein Rundkopf hat Dich gefertigt, ſonſt wuͤrdeſt Du nicht bei einem einzigen Streiche zerſchellen, den ich fuͤr den Koͤnig mit Dir ſo gegen dieſen Tiſch fuͤhrte, als ich ihn mit kaltem Eiſen gegen Karls ſchlimm⸗ ſten Feind fuͤhren wuͤrde, wenn er mir zu rech— tem und ehrlichem Kampfe ſtehen wollte! Mag's 4* naͤrriſch klingen, aber ich muß ſagen, dies Omen gefällt mir nicht. Kleine Dinge deuten oft auf gewichtige Ergebniſſe, und ich habe die boͤſen Vorzeichen bei dem erſten Aufpflanzen des kö⸗ niglichen Banners zu Nottingham nicht vergeſ⸗ ſen. Es war an einem ſtuͤrmiſchen Abend— juſt ſo ein Abend wie der heutige,— und Var⸗ ney, der Marſchall, ritt neben dem Koͤnige zu dem Caſtellhuͤgel. Unter dem Keſſelpaukendon⸗ ner und dem Trompetengeſchmetter, die lauter droͤhnten, als das Brauſen des Windes ſich ver⸗ nehmen laſſen konnte, ſtieß Varney die Fahne in den Boden und rief:„„Ich pflanze Dich auf fuͤr Gott und den Koͤnig Karl, und verflucht ſei die Hand, die Dich ausreißt oder niederwirſt!““ Siehe da! was geſchah? Freilich ward das Ban⸗ ner von keiner Hand beruͤhrt, jedoch der erſte daherfahrende Windſtoß warf die Fahne nieder, daß ſie platt auf dem Grunde lag; und Etliche, die umherſtanden, ſagten, daß Gott ſelber alſo die alte Monarchie von England den Pluͤnde⸗ rern zur Beute gab, ſintemal die Fahne nicht durch Menſchenhand, ſondern vor dem Hauche „———„— ₰—, 4—„— — ht 1 ſte er, ſo cht 7 53 des Herrn fiel, um zu zeigen, wie es nicht zu glauben waͤre, es koͤnnte die Fahne von hundert Königen, die auf den Siegesgefilden zu Creſſy, Poitiers und Azincourt vor Alters, und gegen die Spanier auf und gegen die Franzoſen am Lande in neuerer Zeit geflattert hatte, jemals hoffen aufgepflanzt zu ſtehen, ſo der Allerhoͤchſte ſie nicht hielte. Ich habe, ſeitdem Varney jenes Ergebniß, als wir mitſammen im Tower zu Lon⸗ don gefangen ſaßen, uns erzaͤhlte, niemals eine boͤſe Vorbedeutung verlacht. Und nun ſcht, Nachbar; waͤhrend ich nochmals von Koͤnig Karl und meinem Schwerte ſchwatze, zerbricht mir in der Hand meine Pfeife, meine alte Troͤſterin, meine Genoſſin im Gefaͤngniſſe, meine Helferin bei meinen Gruͤbeleien!“ Sir Hugo ſchloß in heftiger Gemuͤthsbewe⸗ gung ſeine Geſchichte von dem koöniglichen Ban⸗ ner. Der Umſtand mit der Pfeife wuͤrde ihn uͤbrigens ſchwerlich ſo tief ergriffen haben, wenn er nicht dabei ſeiner vielen erlittenen Widerwaͤr⸗ tigkeiten gedacht haͤtte. Dieſe hatten ihm den Muth, wenn auch nicht ſeine Grundſaͤtze ge⸗ 54 ſchwaͤcht; denn der fortwaͤhrend Ungluckliche wird nach und nach immer ſcheuer, bebt vor Schat⸗ ten zuruck, und erblickt Unheil, wo durchaus nichts zu fuͤrchten iſt. Sir Piers bemerkte, daß dieſe Zufaͤlligkeit alle ſchlummernden, peinlichen Erin⸗ nerungen des Ritters an vergangenes Mißgeſchick wieder aufgeſtoͤrt hatte, und freundlich und be⸗ daͤchtig, wie er jederzeit war, ſprach er mild ſei⸗ nem Gaſte zu, indem er ſagte: „Sir Hugo, ich furchte, ich that Unrecht, Euch Wink von einem Plan, einem vielleicht tollen Plan zu geben, den etliche wackere Maͤnner als letzte Anſtrengung ausfuͤhren moͤgten, um den Koͤnig aus ſeiner ſchmaͤhlichen Haft zu befreien. Ihr habt bereits allzuviel gelitten ſeit dieſen ſtuͤrmiſchen Zeiten, nachdem Ihr mannhaft mit denſelben ranget, wie ein ſchiffbruchiger See⸗ mann entronnen, der nichts als ſein Leben ret⸗ tete. Dazu ſeid Ihr Ehemann und Vater, der fuͤr das Fortkommen der Seinigen muͤhſelig zu wirken hat. Ich that Unrecht, wenn ich Euch von Neuem in Gefahr bringen wollte.“ „Ihr thut mir auf der Welt kein Unrecht, Sir Piers“, entgegnete der Ritter;„thut mir nicht mehr Unrecht als die Kaufleute von Exeter mir thaten, indem ſie mir einen Antheil an je⸗ ner Galeaſſe anboten, die eine Handelsfahrt nach den Bermudasinſeln wagen ſollte. Ich nahm das Erbieten an, und das Schiff ſcheiterte. Doch hinderte mich dies Ungluck nie, zu bedenken, wie jene Kaufleute mir einen Gewinn⸗, nicht einen Verluſtantheil zugedacht hatten. Ich habe be⸗ reits die Ehre gehabt, Sir Piers— und ich ſage das, ohne mich damit ruͤhmen zu wollen— mich und meine Familie fuͤr den Koͤnig zu Grunde zu richten; und wenn ich es fuͤr meine Pflicht hielte, ſolches noch Einmal zu thun, ſo moͤgte ich doch wiſſen, wer mich daran hindern durfte.“ „Ich nicht, lieber Nachbar,“ entgegnete Sir Piers,„ſobald Ihr dazu entſchloſſen ſeid. Auch wuͤrde ich Euch zu keinem Wagſtuͤck anregen, an welchem ich nicht unter gleicher Gefahr gleichen Antheil naͤhme. Aber Eure Gattin und Eure Tochter—“ „An die darf nicht gedacht werden, obwohl Beide mir lieb ſind wie das Licht des Tages ————— 56 oder wie mein eigenes Herzblut es mir iſt. Muͤſ⸗ ſen ſie jedoch in der Sache mit mir leiden, nun ſo geſchehe des Himmels Wilte. Muß der Gatte und Vater im Dienſte der Kirche und des Koͤ⸗ nigs ſterben, ſo wird Gott die Wittwe und Waiſe nicht ſonder Troͤſtung laſſen. So will ich auf den Herrn vertrauen, und mein Auge nicht zu⸗ ruͤckwenden, ſondern es auf meine Pflicht gehef⸗ tet halten—— Doch ſtill, wir werden unter⸗ brochen.“ „Wer da?“ ſagte Sir Piers haſtig und er⸗ hob ſich, als furchtete er, ein Horcher hätte ir⸗ gend Etwas von dem eben gefuͤhrten Geſprach erlauſcht. „Ich bin's; Cornet Daoy iſt's, mit Ver⸗ gunſt!“ ließ ſich eine Stimme in der Thuͤr ver⸗ nehmen, und herein trat der Mann, der auf dieſe Weiſe ſich ſelbſt angemeldet hatte. ₰ —— Piertes Capitel. „Der Invalid, am Trunke ſich erlabend, Sitzt am Kamin und ſchwatzt hinweg den Abend, Weint ob erlitt'nen Leids und ſchwerer Wunden, Schwingt ſeine Kruͤck' und ſchildert, wie man Sieg gefunden.“ Goldſmith's„Veroͤdetes Dorf.“ Cornet Davy war ſchon ein Mann bei Jah⸗ ren, hatte ein ernſtes und ehrenveſtes Ausſehen, wollweißes Haar und ein langes, ziemlich weh⸗ muͤthiges Geſicht. Als Sir Hugo bei'm Aus⸗ bruche der Rebellion ſeine Reiterſchaar ausruͤſtete, ward Davy zum Cornet gemacht; bis dahin war er Oberſchreiber und Bevollmaͤchtigter Sir Hugo's geweſen. Richard Davy verleugnete in ſeinem edleren und minder friedlichen Berufe als Cornet keineswegs ſeine kaufmaͤnniſchen Ei⸗ genheiten, ſo daß er bei aller Tapferkeit und 58 Tuͤchtigkeit als Kriegsmann vielfäͤltig den ehr⸗ ſamen Handelsdiener durchſchimmern ließ, und nach dem Abfall der Reiterſchaar, alſo kurze Zeit nach der Einnahme von Exeter durch Fair⸗ far, ſeinen Sitzbock in der Schreibſtube, wiewohl nicht als Oberſchreiber, ſondern als alleiniger Schreiber ſeines Principals, des herabgekomme⸗ nen Kleinhaͤndlers Hugo Piper, wieder einnahm. Sucht nach Auszeichnung und ein keines⸗ wegs zu tadelnder Ehrgeiz, der ihn vermogte, ein wenig ſtolz auf ſeine Kriegsthaten zu ſein, waren Urſache, daß der ehrliche Daoy ſich noch immer gern„Cornet“ nennen ließ, obwohl die⸗ ſer militaͤriſche Beiname ihm nicht ſelten Ver⸗ druß zuzog, nachdem er ihn auf Seiten der verlierenden Partei gefuͤhrt hatte. Ein alter Haudegen und ein Paar Reiterpiſtolen, die ehe⸗ maligen Gefaͤhrten auf ſeiner kriegeriſchen Lauf⸗ bahn, waren ihm, als Trophaͤen der Ehre ei⸗ ner hoffnungslos gewordenen Sache, noch immer lieb und werth. Gleich dem Geiſte ihres Eig⸗ ners hielten ſie ſich ſtets bereit zum Treffen, ſobald Gott, der König und Sir Hugo Piper 59 zur Thatigkeit und Tapferkeit aufrufen wuͤrden. Wenn fromme Wuͤnſche, andaͤchtiges Gebet und ſtete Sorge fuͤr das Wohl Koͤnig Karls dieſen haͤtten befreien koͤnnen, ſo wuͤrde der Eifer des Cornet Daoy ſolches allein bewirkt haben moͤ⸗ gen, und dabei war des guten Mannes Geſicht ein ſo klarer Spiegel von Dem, was in ihm vor⸗ ging, daß, wenn er allvormittaglich in der einen Hand die Zeitung, in der anderen die Pfeife hereintrat, um ein Stuͤndchen bei ſeinem ge⸗ liebten und herablaſſenden Brotherrn zu ſitzen, dieſer genau aus dem bloßen Anblicke des Ge⸗ ſichts des alten Davy wußte, wie es um die Angelegenheiten des Koͤnigs ſtand; er brauchte dann keine Zeile des„Tagesboten“, ſo hieß die Zeitung, welche damals erſchien, zu leſen, um zu erfahren, ob die Koͤniglichgeſiunten einen Aufſtand gewagt, oder ob ſie von ihren Geg⸗ nern geſchlagen worden waren; Cornet Davy's Blicke erzaͤhlten das Alles zur Genuͤge. Hatte ſich irgend etwas Gutes zugetragen, oder ſtand dergleichen zu hoffen, ſo wartete er nach ſeinem leiſen Klopfen an die Thuͤre ſelten das Hereinrufen ab, ſondern trat zuverſichtlich in's Gemach, ſchwenkte, wie er ſonſt wohl ſei⸗ nen Haudegen zu ſchwingen pflegte, den„Ta⸗ gesboten“, ließ ſeine kleinen grauen Augen von Entzuͤcken blitzen, und rief, indem jeder ſeiner Geſichtszuͤge auf Freude deutete:„Hehe, Sir Hugo! hehe! Gute Neuigkeiten! Die rund⸗ koͤpfigen Schufte werden doch noch auf den Sand geworfen, und wir malen doch noch wieder C. R. in unſere Banner, ohne daß wir zu fuͤrch⸗ ten haben, d'rum in Anſpruch genommen zu wer⸗ ben!“ Hatte hingegen Cornet Davy ſchlimme Kunde zu uͤberbringen, ſo dachte er, dieſe wuͤrde ſich zeitig genug von ſelbſt hoͤren laſſen, und hielt dieſelbe demnach ſchweigſam zuruͤck; war wortkarg und beantwortete Sir Hugo's Frage: „Was Neues?“ mit einem Kopfſchuͤtteln, einem langausgeholten Seufzer, einem„Ach Gott!“ und einem„Wer haͤtt's denken ſollen! doch Gottes Wille geſchehe!“ Es kam etwas ungewoͤhnlich heraus, daß Cornet Davy ſeinen Schmollwinkel in ſeines Herrn Schreibſtube verlaſſen und unaufgefor⸗ 61 dert ſich an einem ſo ſtuͤrmiſchen Nachmittage auf den Weg nach Mount Edgeumbe gemacht hatte, obſchon er keineswegs fur die Gaſtfreund⸗ lichkeit des Sir Piers ein Fremder war. Kaum aber hatte er die Thuͤr geoͤffnet, ſo las man auch auf ſeinem Antlitze den deutlichſten Aus⸗ druck der Betruͤbniß, ſo daß Sir Hugo unwill⸗ kuͤrlich auffuhr und im Tone eines Menſchen, welcher furchtet, eine ſchlimme Botſchaft hinneh⸗ men zu muͤſſen, die Frage laut werden ließ: „Ums Himmels willen, Davy, was giebt's? Was fuͤhrt Dich hieher?“ „Die entſetzlichſte Kunde, die ich Euch jemals uberbrachte, ſeitdem ich Euch den Untergang der Doppeltroſe mit ſammt ihrer Ladung oder den Sturz Sir Bevil Grenville's an der Spitze der königlichen Reiter berichtete,“ verſetzte Davy, indem er ſich bemuͤhete, mit Entſchloſſenheit ſei⸗ nen Rapport abzuſtatten:„Ich komme her durch Regen und Wind, denn das wehvolle Herz ließ mich nicht daheim. Ich eilte her, edle Her⸗ ren, um Euch zu melden, daß Colcheſter uber⸗ ging!“ „Colcheſter ging uber?“ riefen Sir Hugo und Sir Piers in Einem Athem. „Ja, ja, Colcheſter ging uͤber,“ wiederholte der alte Cornet,„und Sir Charles Lucas und Sir George Lisle ſind Beide Maͤnner des Todes.“ „Des Todes!“ ſagte Sir Hugo.„Wie ſchmerzt es mich, ſolches hoͤren zu muͤſſen! Maͤnner, die da geſtanden haben, als die Ku⸗ geln ihnen hageldicht um die Ohren ſauſeten; Männer, ſo kuͤhn wie jemals ein Cavalier, der in dieſen Kriegen mit dem Prinzen Rupert oder dem Prinzen Moritz zog! Wie ich hoͤrte, ver⸗ theidigten ſie Colcheſter mannhaft gegen eine große Ueberzahl. Sicherlich fielen ſie auf der Stelle ihres Ehrenpoſtens— „Nein, Sir Hugo,“ ſagte der Berichterſtat⸗ ter,„das thaten ſie nicht; ſie fielen vor einem hoͤlzernen Pfoſten im Hofe einer elenden Bier⸗ ſchenke zu Colcheſter, an welchem ſie auf Ge⸗ heiß des kaltherzigen Boͤſewichtes Ireton erſchoſ— ſen wurden.“ „Erſchoſſen? Ermordet? Auf Ireton's Ge⸗ heiß? Ireton's, des grauſamſten, herzloſeſten, rachſuͤchtigſten aller Rundköpfe? Davy, das iſt wahrlich trubſelige Kunde. Haͤtt' ich doch lieber meinen rechten Arm eingebuͤßt, als daß der Koͤnig zwei ſolche Männer verlieren mußte! Naͤnner, von denen der Eine durch ſeine Be⸗ ſonnenheit, der Andere durch ſeinen Eifer im Dienſte des Koͤnigs ſo ausgezeichnet war! Doch erzaͤhle, Davy, ich will mich in Geduld faſſen und Dir zuhoͤren, und es vor den Augen mei⸗ ner Seele haben, wie im Frieden und im Kriege der Tod das Letzte iſt, was uns Allen zu Theil werden muß.“ „Ja wohl, Sir Hugo,“ verſetzte der Cornet, „der Tod ſchleußt Jedermanns Rechnung ab; jedoch zu meiner Erzaͤhlung, Sir. Ich ſagte, die beiden Ehrenmaͤnner wurden hingewuͤrgt. Waͤre es im Treffen geſchehen, ſo wurd' es ein Vergnuͤgen ſein, ſie zu beweinen; jedoch Ermor⸗ dete kann man nicht beweinen, denn Einem wallt das Blut auf uͤber veruͤbten Mord, und gegen den Moͤrder. Auch iſt ein Mann nicht kaltblutig genug, um dann wie ein Weib zu 64 wehklagen, wenn er beſſere Ahndung eines Ver⸗ d brechens zeigen moͤgte. Colcheſter iſt uͤber, Sir Charles Lucas und Sir George Lisle wurden Ireton's Gefangene und dieſer rundkoͤpfige Hauptmann pſalmſingender Kehlabſchneider und i Diebe ließ ſie kaltbluͤtig niederſchießen.“ „So zu ſterben!“ rief Sir Hugo:„Ent⸗ ſetzlich iſt's, es nur zu denken! Edle Maͤnner, Ihr ſollt nicht gefallen ſein ohne gerächt zu wer⸗ den!— Cornet, haſt Du Deines ehemaligen Berufes vergeſſen? Koͤnnteſt Du nochmals, als Schreiber eines herabgekommenen plymouther Kaufmannes, Deinen Kiel niederlegen und Dei⸗ nen Haudegen wieder anſchnallen um mit dem Kriegsmann und Ritter Hugo Piper in's Feld zu ziehen, ſo ſich Gelegenheit bieten moͤgte, dem Koͤnige Karl dienſtlich zu ſein?“ „Ob ich mit Euch ziehen koͤnnte?“ rief der alte Davy.„Ei! Einem Herrn wie Ihr ſeid wurd' ich, und dazu um ſolcher Sache willen, 3 bis an's Ende der Welt folgen!“ 1„Erwägt, Sir Hugo,“ fiel Piers ein,„was ich vorhin erwaͤhnte, iſt, wenn auch im Gange, doch noch unzuverlaͤſſig, noch ungeregelt. Vor⸗ ſicht iſt alſo beſonders noͤthig; und ſollte dieſer ehrliche Mann—“ „Ohne Sorge, Sir Piers; mein Leben ſetz' ich daran, Cornet Davy iſt veſt wie Eichenholz, und uͤberdies kann ich ohne ſeine Mitwirkung nichts thun. Davy iſt mir ſo unerlaßlich als der Spaͤher dem General, oder ein bedeckter Weg es der belagerten Veſtung iſt. Denn begreiſt's, Sir Piers, ſteckte ich meinen Kopf in dieſer Sache allzu weit hervor, ſo wuͤrde es Verdacht erregen. Man wuͤrde fragen:„Was will der alte Boͤswillige an ſolchem Ort, oder zu ſolcher Stunde? Es geht Etwas vor in der Sache des Koͤnigs, ſonſt wuͤrde der alte Pfeifer nicht ſolch Liedchen hoͤren laſſen.“ Aber Davy, mein Factu⸗ renmann, mein Laden⸗ und Lagerhuͤter, mein Schreiber und Diener und Freund und, wie ich wohl ſagen mag, meine rechte Hand— wenn der umherrennt, ſo iſt das nicht zum Verwun⸗ dern; ſo alſo mag er zwiſchen mir und des Koͤ⸗ nigs Freunden eben ſo, ohne Argwohn zu er⸗ wecken, hin⸗ und hergehen, wie's Herzog Ha⸗ Warleigh. I. 5 milton als Spaͤher oder Doppeltgaͤnger zwiſchen dem Koͤnig und den Schotten that.“ „Nun, nun, ich bin uͤberzeugt,“ entgegnete Sir Piers,„daß Cornet Davy ein vertrauens⸗ werther Mann iſt; und ehe noch dieſe Woche verlauft, hoffe ich von mehreren, nahe und fern wohnenden Freunden gewichtige Nachrichten, die unſerer angelegentlichſten Berathung werth ſein durften, zu erhalten. Dann wollen wir weiter über dieſe Angelegenheit verhandeln. Fuͤr jetzt iſt die groͤßte Schwierigkeit die, daß wir in Geheim einen hinreichenden Vorrath von Waffen zuſam⸗ menbringen.“ „Halt!“ rief Sir Hugo,„da wuͤßt' ich Rath; denn als meine ſchuftigen Reiter von mir abfielen, weil die Soldzahlung von den Paſſat⸗ winden abhing, und erſt eine Ladung Rum und Zucker einlaufen mußte, die leider nimmer ein⸗ lief, da brachte Davy mit mir eine anſehnliche Menge Waoffenſtuͤcke fur Reiter und Fußvolk auf die Seite, die, wenn ſie auch, weil ſie nicht ge⸗ braucht wurden, ein wenig roſteten, doch bin⸗ nen Tagesfriſt blank und brauchbar herzuſtellen ge⸗ len 657 ſind. Cornet, haſt Du das Verzeichniß der Waf⸗ fenſtuͤcke bei Dir— Du pflegteſt wohl—“ „Vollſtändig in meinem Taſchenbuche, auf der Ruͤckſeite einer alten Muſterrolle geſchrieben,“ entgegnete der Kriegsgehuͤlfe, und fuhr in eine ſeiner Taſchen, die tief und geraͤumig wie ein Brunnen war, aus welcher er ein in Falbleder gebundenes, mit Silberhaken verſchloſſenes Buͤch⸗ lein hervorholte, in welchem das Verzeichniß ſteckte, aus welchem ſich ergab, daß fuͤr eine tuͤchtige Handvoll Kriegsknechte zu Gaul und zu Fuß Waffenſtuͤcke genug vorräthig lagen. „So will ich mir ein halbes Dutzend wacke⸗ rer Kerle anzuwerben ſuchen,“ ſagte Sir Hugo, „und dann, werther Freund Piers, nennt nur Zeit und Ort und was geſchehen ſoll.“ „Nun, wenn denn nichts Euern Entſchluß wankend machen kann,“ entgegnete der freund⸗ liche Wirth,„ſo wollen wir ſeiner Zeit denn das Weitere ſehen. Schau't Ihr doch in dieſem Au⸗ genblicke ſo muthvoll aus wie damals, als je⸗ ner Miſchmaſch von Thorheit, Laſter und Ta⸗ pferkeit, ich meine den Sir Richard Gren⸗ 0 68 ville, Euch bei der Belagerung von Plymouth ins Treffen fuͤhrte!“ „Ja,“ verſetzte der Ritter ſeufzend,„wäͤre Sir Richard ſeinem edlen Bruder, dem Sir Bevil Grenville, gleich geweſen, ſo wuͤrde der König nimmer als Gefangener in Carisbrook⸗Caſtle ſchmachten. Allein das wuͤſte Treiben und die Miß⸗ griffe und Gewaltthätigkeiten Richard's, ſo wie der ausſchweifende, ruckſichtsloſe Lebenswandel Gornigs, zerrutteten die Angelegenheiten des Koͤ⸗ nigs im Weſten des Landes. Betrunkene und ſchwel⸗ gende Cavaliere vermogten nicht den wilden, ent⸗ ſchloſſenen Independenten, und den kalten, nuͤch— ternen, pſalmſingenden Schuften im Parlamente gehoͤrig die Spitze zu bieten. Sir Bevil aber war wirklich ein Heerfuͤhrer. Du haſt den Wackern gewiß nicht vergeſſen, Davy? He?“ „Nein, Sir, eben ſo wenig als die Hoͤhen von Stratton, wo trotz einem grimmigen Kar⸗ thaunenfeuer, das ganze Reihen, wie die Sichel einen Aehrenſtrich dahinraffte, Sir Hugo Piper, Sir Ralph Hopton, Grenville und der nicht minder tapfere Slanning muthig hinanklommen.“ n el r, t 69 „Ja, und wo der Graf von Stamford mit all ſeiner Reiterei fluͤchtete,“ fiel Sir Hugo ein, „und wo an eben dem Tage auf der Hoͤhe von Stratton das Banner Koͤnig Farls voͤllig ſo ſtolz als jemals auf dem Tower zu London flatterte; und obwohl wir weder mit einer Bibel in der einen, noch mit Rebellion in der anderen Hand ins Treffen gingen, weder das Lob Gottes durch die Naſe ſchnaubten, noch im Herzen Gottes Ge⸗ bote uͤbertraten, vergaßen wir Cavaliere dennoch nicht, unſer Gebet um Sieg zu ſprechen. Die Hoͤhe von Stratton ſtand vor uns als unſer Hochaltar, das Banner des Koͤnigs war deſſen Baldachin, als mit ungewaſchenen, vom Kampfe blutigen Haͤnden, theils blutend, theils ſter⸗ bend, theils geſund an Leben und Gliedmaßen wir den Gott der Schlachten einſtimmig fuͤr den errungenen Sieg dankten. Du haſt den Tag nicht vergeſſen, Cornet Davy?“ „So wenig als das Treffen bei Lansdowne,“ entgegnete der Gefragte, indem er lebhaft ein⸗ fiel;„wiewohl der Sieg in jenem Treffen ſchier allzu theuer bezahlt ward, denn Sir Bevil Gren⸗ —— ville mußte dabei das Leben laſſen. Doch war's ein großer Tag, Sir Hugo, als Ihr zu dem eiſernen Poͤller, der unſere Mannſchaft in den Staub ſchmetterte, hinanranntet, und ihm, ge⸗ laden wie er war, das Maul zunageltet, wäh⸗ rend ich mit meinem Sartas die Kanoniere zu Boden ſaͤbeln half.“ „Und wie dann unſere Leute„„Lansdowne und Sieg!““ riefen—“ ſetzte der Ritter hinzu. „Und Koͤnig Farl!“ ſchloß der alte Davy, indem er die Stimme erhob, als waͤre der Sieg von dem man redete, ſo eben erſt gewonnen worden. „Und dieſer Feldruf mag von Neuem erſchal⸗ len,“ nahm Sir Piers das Wort, indem er ſich an dem muthigen Eifer des Freundes und deſſen getreuen Dienſtmannes erwaͤrmte—„von Neuem durch ganz Weſt⸗England erſchallen. Naͤher heran, Freunde— fuͤllt's Glas bis an den Rand! Ich trink' auf glucklichen Erfolg unſers Unternehmens und auf Befreiung des Koͤ⸗ nigs, den Gott beſchuͤtzen und in ſeine Rechte wieder einſetzen wolle!“ „Und moͤgen ſeine Feinde fallen, um nimmer wieder aufzuſtehen. Die bloße Hoffnung, daß ſolches geſchehen koͤnne, macht mich von Freude ergluͤhen,“ ſagte Sir Hugo.„Ich koͤnnte tan⸗ zen und ſpringen und ſingen, ſo wie ich nur daran denke, daß die gute alte Sache eine gun⸗ ſtige Wendung nehmen durſte. Ihr habt, Sir Piers, ſicher nicht das Lied vergeſſen, das Aleran⸗ der Brome, der Poet der Royaliſten, der Apoll der Cavaliere, wie ich ihn wohl nennen mag, dichtete, und das da— wiewohl's von beſſerer Stimme als der meinigen geſungen zu werden verdient, mit den Worten beginnt: „Reicht den gefuͤllten Humpen mir, Daß auf das Wohl des Koͤnigs ich ihn leere; Sind auch, wie Karl, in Banden wir, Erſchallen frei doch unſers Sanges Choͤre—“ „Reicht den gefuͤllten Humpen mir!“ ließ ſich Sir Piers als Chorus einfallend vernehmen, indem ihn wie den ehrlichen Cornet der Geiſt des Liedes ergriff, wie er in der Bruſt aller eif⸗ rigen Cavaliere vorherrſchend war. Alle Sorge ward fuͤr den Augenblick bei dem Malvaſier ver⸗ geſſen, von dem im Verlauf des Liedes gar 72 lieblich die Rede iſt, und einſtimmig wiederhol⸗ ten unſere drei Zecher die von Sir Hugo vor⸗ geſungene Stanze. Waͤhrend nun noch die Worte „unſers Sanges Choͤre“ von den Lippen des Ritters und des alten Cornet zitterten, oͤffnete ſich leiſe eine Seitenthuͤr, und ein paar Koͤpf⸗ chen, von denen einer einer lachenden Hebe, der andere einer der Begleiterinnen der Liebesgoͤttin anzugehoͤren ſchien, guckten hinter dem Teppich hervor, der die Thuͤr verdeckt hielt. Von dieſen Koͤpfchen ringelten ſich liebliche Locken bis auf den Nacken herab, und an jedem Ohrlaͤppchen derſelben baumelte eine Perle; kurz die Koͤpf⸗ chen wieſen einen Hauptſchmuck, wie Vandyke ihn auf ſeinen Bildniſſen der Sachariſſa, der Dorothea Sidney und der ſchoͤnen Gemahlin des ungluͤcklichen Koͤnigs Karl als unnachahmlich dar⸗ geſtellt hat. Die lachende Hebe war die Erſte der beiden Schoͤnen, welche das Wort nahm.„Wie,“ rief ſie, indem ſie mit heiterem Weſen naͤher trat: „„Erſchallen frei doch unſers Sanges Choͤre!““ Ei ja, nur keine Choͤre, will ich hoffen, durch die der Hals gefaͤhrdet wird, da die wackern Saͤn⸗ ger doch wiſſen muͤſſen, wie ſcharf es heut zu Tage mit einem Liede genommen wird. Wahr⸗ haftig, Ihr Herren, Ihr muͤßt uͤberzeugt ſein, keine Horcher zu haben; denn haͤttet Ihr die, ſo wuͤrde Euer Sang buchſtaͤblich in Erfuͤllung gehen, Ihr wuͤrdet wirklich in Banden zu Ply⸗ mouth oder ſonſt wo liegen muͤſſen.“ „Ei ſieh da, meine huͤbſche Gebirgsbluͤthe! mein Haideröschen von Devon, meine ſchoͤne Robina!“ ſagte Sir Hugo Piper,„warte, ich will das Muͤndchen erſt mit einem Kuͤßchen ſchließen, und es mit einem zweiten wieder oͤffnen, damit Du uns Etwas vorſingſt.“ „Nichts da, Sir Hugo,“ verſetzte Robina Edgeumbe, denn die Tochter des Sir Piers war es, die alſo geſprochen hatte;„mit dem Kuͤßchen von Euch iſt's nichts, denn hier ſteht Eine, die ein Naͤherrecht dazu hat als ich; Eure eigene Tochter, Miſtreß Agnes Piper, mit der Ihr heute an dieſem geſegneten Tage noch kein Sterbens⸗ woͤrtchen gewechſelt habt.“ „Fuͤrwahr, ſchoͤne Robina,“ verſetzte Hugo, 74 „Deine Worte ſind, wie eines Rundkopfs Ge⸗ wiſſen, wahr und falſch zugleich; wahr, in ſo fern ich wirklich heute, ſo lange ich mich hier befand, noch nicht mit meinem Toͤchterchen ſprach, und falſch, in ſo fern Du dieſen heutigen, ſtuͤr⸗ miſchen und regnigen Tag einen geſegneten nennſt.— Agnes, mein Kind, Gott ſegne Dich! Kuͤſſe Deinen alten Vater, und dann fuͤlle ihm noch einmal den Humpen. Iſt doch Deine Liebe zu Deinen Freunden hier ſo groß, daß Du faſt beſtaͤndig zu Mount Edgeumbe verweileſt! Ich fuchte jedoch, Du bleibſt hier allzulange und wirſt endlich laͤſtig.“ „Ei, ei, Sir Hugo,“ nahm Sir Piers das Wort,„da ſprecht Ihr zweifach Unwahres in Einem Athem, denn Ihr ſprecht unwahr, wenn Ihr ſagt, unſere Liebe zu Eurem Toͤchterchen koͤnnte uns laͤſtig fallen, und wiederum unwahr, indem Ihr die Geſellſchaft Eurer Agnes ſo un⸗ ter ihrem Preiſe abſchaͤtzt. Ich will hoffen, daß meine huͤbſche Pathe Agnes Piper auf das Kind ihres Gevatters, auf Robina hier, als auf eine Schweſter, und auf Mount Edgeumbe als auf 75 ihre Heimath blickt, ſo oft ſie dieſes Haus be⸗ ſucht.“ „Und wie verlebſt Du hier Deine Tage?“ fragte der zaͤrtliche Vater, als Agnes ihm den gefuͤllten Humpen reichte und er einen Blick der innigſten Zufriedenheit auf des Maͤdchens Huldgeſtalt ruhen ließ.„Traun, Maͤgdlein, die Bergluft hier athmet Dir Geſundheit entgegen, denn die Roſen, die man ſonſt nur an Deinem Mieder ſah, ſind Dir jetzt zu den Wangen hin⸗ angewandert, und bluͤhen dort ſo gefullt wie im Brachmond. Ich will hoffen, Du zeigſt Dich Deinen Wirthen als ein freundlicher, dankbarer, zuvorkommender, nuͤtzlicher Gaſt—“ „Miſtreß Agnes iſt durchaus ſo, wie ein Va⸗ ter die Tochter wuͤnſchen kann; ich verſichr' es Euch, Sir Hugo,“ fiel Sir Piers ein. „Die jedoch nicht all' Eure Freundlichkeit ver⸗ dient, werther Herr Pathe,“ verſetzte Agnes erroͤthend, wendete ſich dann zu ihrem Vater, und ſetzte hinzu:„Wir ſind keinesweges muͤßig hier, lieber Vater. Des Morgens ſind wir mit der Lerche wach, die wir an der alten Weiß⸗ dornhecke im Park ſingen hoͤren. Dann pflüͤcken wir wilde Blumen und lernen deren Namen und Heilkraft, oder ſtreifen uber die Klippenwege hin⸗ unter zur Bucht, und genießen des edlen An⸗ blicks, den der Ocean gewaͤhrt, wenn er ſeine ſich brechenden Wogen ſchaͤumend an das Ufer wirft. Vor Allem aber betrachten wir dort gern ein großes Schiff, wenn es ſtill und ſtattlich uͤber die Wellenhuͤgel dahinſchwebt, als tanze es nach dem Takte einer wohlgeregelten Muſik. O, das iſt ein Anblick, der die wunderſamſten Phan⸗ taſeien erweckt, das kaͤlteſte Herz erwärmt, und—“ „He! Holla! Agnes! Maͤdchen!“ fiel Sir Hugo ein,„ich hoͤr's ſchon; Du biſt wieder im alten Zuge, ſchwatzeſt Poeſie in Proſa, ſo daß die Phantaſei kaum Deinen Worten folgen mag; Du wirſt mir endlich noch durch und durch poe⸗ tiſch, Dirne!“ „Das iſt ſie ſchon, werther Sir Hugo,“ rief Robina, die Hebe;„iſt's von Kopf und Herz und Seele; ſie lebt nur in lichten Gedan⸗ ken, hehren Gefuͤhlen und ſchwellenden Hoffnun⸗ gen. Sie kann keine dahinziehende Wolke be⸗ * — „ e trachten, ohne dieſelbe mit den Alpen und Apen⸗ ninen zu vergleichen, wenn dieſelbe flockig iſt; zeigt dieſe ſich aber ſchwarz und duͤſter, ſo ver⸗ gleicht ſie ſie mit einer Hoͤhle oder mit dem Chaos. Der Ocean verſieht ſie mit Bildern des Erhabenen, und die Sterne mit Phantaſeien über unerkundete Welten. Und vollends der Mond! Von dem darf ich gar nicht reden, denn ſeine Einfluſſe ſind dem Ueberreiz der Poeſie, der Toll⸗ heit naͤmlich, nur allzu nahe verwandt. Ich will lieber der Erdenwelt gedenken, in welcher meine Freundin Agnes kein Eolaͤmmchen erblicken kann, ohne darin Stoff zu einem Sonnette zu finden. Dann liebt ſie die Muſik ſo leidenſchaftlich, daß ſie in dieſem Betrachte faſt ſo ſchlimm iſt, als ich es bin; ſo daß ihr Liederbuͤchlein und ihre Laute mit ihr zu Bette gehen und mit ihr aufſtehen.“ „Iſt dem ſo?“ ſagte Hugo;„dann, Ihr Maͤdchen, ſingt uns lieber Eins, als daß Ihr blos von Liedern ſchwatzt, und dann verlaßt uns wieder; denn Ihr habt eine Feierſtunde des Ge⸗ ſchaͤftes zwiſchen Sir Piers und mir und jenem ehrlichen alten Burſchen unterbrochen, der in 28 Euerm Beiſein ſich nicht eher ſetzen will, als bis Ihr es ihm geheißen habt.“ „Steht unſertwegen nicht,“ ſagte Miß Ro⸗ bina,„ſetzt Euch, lieber Maſter Davy, ſetzt Euch.“ „Cornet Daoy, wenn's Euch beliebt, ſchoͤne Miß,“ verſetzte der Angeredete, indem er ſich verbeugte und dann ſeinen Sitz einnahm. „Wir Alle haben einen Titel, und moͤgten ihn nicht gern einbuͤßen,“ fiel Sir Hugo ein. „Der Deinige, Maͤdchen, heißt Saͤngerin, und jetzt beweiſe hurtig, daß Du denſelben verdienſt. Was willſt Du ſingen?“ „Jegliches was Euch beliebt,“ entgegnete Robina.„Ich will nur erſt meine Laute holen,“ und ſie enteilte mit dem huͤpfenden Schritt einer Hindin. „Und was ſoll ich ſingen, Vater?“ fragte Agnes.„Cowley's Hymne an das Licht, ein Gedicht voll auserleſener Gedanken? oder Etwas aus ſeiner Davidiade? oder eine herrliche Fuge von John Denham? oder eine Stanze aus Da⸗ venant's Gundibert, nach Rimani's Singweiſe? Sw — denn ich weiß, von zarten Liebesflammen darf ich Euch nicht ſingen, der Ihr nur an Krieg denkt; ſonſt ſäng' ich Euch Habington's ſuͤße Lieder an ſeine Caſtara uͤber Cupido's Tod und deſſen Begraͤbniß in den Wangen der Schoͤnen.“ „Ei was!“ rief Sir Hugo,„koͤnnen Deine Poeten nichts Beſſeres thun, als den Liebesgott Gedanken an Tod und Friedhof mitbringen laſſen? Solch Gereimſel iſt keine Pfennigskerze werth.“ „Nun, wenn's Dir nicht behagt, Vater,“ verſetzte Agnes,„ſo hab' ich manch liebliches Lied⸗ chen von Suckling, habe Craſhaw's muſikaliſchen Wettkampf, oder ſeine Stufen zum Tempel der Zeit, oder Cartwright's Sperber der ſchoͤnen Lesbia, oder—“ „Halt da! Genug! wie der alte Will Shak⸗ ſpeare ſagt, der das ganze Buͤndel Eurer neu⸗ gebackenen Poeten aufwägt,“ rief Vater Hugo. „Laß mir das Alles weg, und ſing' uns Etwas aus Deiner eigenen Fabrik. Will ich doch lie⸗ ber Dein als eines Andern Machwerk hoͤren, und meine, ein Vater iſt in ſolchem Falle der nachſichtigſte Beurtheiler.“ Mittlerweile war Miß Robina zuruckgekehrt und hatte ihre Laute mitgebracht. Die beiden Freundinnen ſaßen nun, und Beider Väter ver⸗ gaßen fuͤr ein Weilchen ihre Complotte, ihre Politik, ja beinahe ihre Unterthanentreue uͤber die entzuͤckenden Gefuͤhle, die in ihnen erweckt wurden, als ſie die beiden lieblichen Weſen ih⸗ nen ſo nahe in aller Anmuth der Jugend, Un⸗ ſchuld und Schoͤnheit ſahen, und von ihnen zu den melodiſchen Klaͤngen der Laute folgendes Liedchen ſingen hoͤrten. Amors Liſt. Ein nacktes Kind ſollt' Amor ſein? O nein, er weiß ſich zu verhuͤllen! Hat vielerlei Gewaͤnder fein, Die ſind ihm all' zu Willen. Ein Proteus zeigt, bald ſo bald ſo, Sich hier der Dirn' er, dort dem Knaben; Iſt immer riſch, um Flamm' und Stroh Flugs bei der Hand zu haben. Er flattert hin, er wandert her, Weiß immer Weg und Steg zu finden, Und thut oft kalt wie's Nordermeer, um ſich'rer zu entzuͤnden. Zumal wenn in das Lockgewand rt Blutjunger Freundſchaft er ſich huͤllet, n Dann wird ſein Wunſch nach Herzensbrand 2 Am leicht'ſten ihm erfuͤllet. re Durch Mitleidsthrän' und Seufzernoth Erfaßt er da zwei junge Herzen; er und ſchau! das dritte Morgenroth kt Beſtrahlt dann Liebesſchmerzen. S Was erſt in Freundſchaft hat geweint, 1⸗ Das weinet jetzt in ſuͤßer'm Triebe; Kein Schalk der Schälk' es liſt'ger meint, 8 Als dieſer— Schalk der Liebe! 8 D'rum auf der Hut vor Amors Liſt Seid, o Ihr Maͤdchen und Ihr Knaben; Denn was ſich heut' in Freundſchaft kuͤßt, Will morgen Lieb'skuß haben. Warleigh I. Fünttes Capitel. „Ein edles Schiff, das mit dem Sturme ringt, Gewähret ſchaurig, wehmuthvollen Anblick,“ Maturius„Bertram“. Als Agnes ihr Lied endigte, ſeufzte ſie und ſagte:„Ich weiß nicht, wie's zugeht, aber ich ſpuͤre heut Nachmittag ſo wenig Harmonie in meiner Laute, daß ich eher weinen als ſingen moͤgte, wenn ich dem Geiſte der Schwermuth nachgeben wollte, der mich zu beſchleichen ſcheint.“ „Ei, das Wetter ſtimmt Dich ſo, Maͤdchen,“ ſagte Sir Hugo,„und fuͤrwahr! denn Wind und die See ſo im Einklange heulen zu hoͤren, und jene ſchwarzen Wolken da druͤben zu ſehen, die friſche Zufuhr von Blitz und Donner und Re⸗ gen und Hagel zu bringen ſcheinen, iſt vollauf hinreichend, ein phantaſtiſches Gemuͤth, wie das S 8— 6 7 83 Deinige, zu erſchuͤttern. Komm her, Madchen! ſchmecke den Malvaſier in meinem Becher, das wird die Grillen ſcheuchen. War's doch bei Dei⸗ ner Mutter jederzeit der Fall, wenn ſie ſich her⸗ abgeſtimmt fuͤhlte. Nun, nun! wende Dich nicht ab; ſchluͤrfe nur. Aha, ich merke ſchon; Du willſt nicht koſten, weil Du Dir einbildeſt, es ſei nicht poetiſch, und weil kein Liebesſaͤnger eine Ode auf ſeine Huldgoͤttin, wie ſie Cana⸗ rienſect ſchluͤrft, gedichtet hat. Dennoch, Maͤd⸗ chen, ſollteſt Du bedenken, wie es einen großen heidniſchen Poeten Namens Anakreon gegeben haben ſoll, der Dir Verſe uͤber den Traubenſaft ſchrieb, daß, wenn ein Eremit ſie laͤſe, er dar⸗ uͤber zum Zecher werden moͤgte.“ „Seht, ſeht doch!“ rief Robina, die nahe dem Fenſter ſtand,„kommt da nicht bei all dem Wetter Heſekiel Hornbuckle? Blaͤſ't doch der Wind ſo gewaltig, daß die ehrliche Seele kaum Hut und Mantel halten kann! Seht nur, wie er ſtillſteht und ſich umdreht, und ſich dann wie⸗ der wendet, um auf's Neue mit dem Sturm zu ringen, der ihn beinahe uͤber den Haufen wirft!“ 6* „Und wer iſt Heſekiel, lieb Herzchen?“ fragte Sir Hugo. „Der neue Pfarrer, deſſen ich neulich gegen Euch erwaͤhnte,“ ſagte Sir Piers, indem er fuͤr ſeine Tochter das Wort nahm;„er iſt ein pres⸗ byterianiſcher Puritaner, der kurzlich in die Stelle des ehrwuͤrdigen Geiſtlichen der Kirche von Eng⸗ land, des Mr. John Newte, eingeſetzt ward, welcher aus ſeinem Amte gejagt ward und ſeit⸗ dem Drangſale erlitt, wie ſie nur von Denen ge⸗ glaubt werden moͤgten, die Augenzeugen davon waren.“ „Hu, der ſtutzohrige Heuchler!“ ſagte Sir Hugo,„wie darf er ſich Eurem Hauſe naͤhern?“ „Rein herausgeſprochen, Gevatter Hugo, er iſt nicht der Schlimmſte ſeiner Gattung, obwohl ein Puritaner und Prediger. Er giebt ſich ſo ziemlich als Mittelsmann, und deswegen hat er hier Zutritt.“ „Laßt mich Euch Alles uͤber ihn rein her⸗ ausſagen, Sir Hugo,“ bemerkte Robina.„All⸗ zeit wird man's wiſſen koͤnnen, daß, als dieſer raſende Geiſt des Fanatismus und der Rebellion 85 ſo wuͤthend von den Frommen im Parlamente entzuͤndet ward, man, als tuͤchtiger Schmied, der den Ofen heizt, um das gegluͤhete Eiſen zu ſeinen Zwecken zu verhammern, der Haͤnde be⸗ durfte, um den Blaſebalg, durch den die Gluth zu unterhalten war, in Bewegung zu ſetzen. So rief man zur Huͤlfe eine Rotte halb unter⸗ richteter und ganz toller Prediger herbei, die je⸗ den gemaͤßigten und rechtglaͤubigen Geiſtlichen verdraͤngten und von einem Ende des Landes bis zum anderen das Volk anredeten, ihm die Ge⸗ fahr wiederherzuſtellenden Papſtthums vorhielten, ihm predigten, wie ſuͤndlich es waͤre, etwas An⸗ deres am Sonntage zu thun, als Aufruhr zu pre⸗ digen oder predigen zu hoͤren, wie Gewiſſens⸗ freiheit es erheiſche, ſich gegen den Koͤnig auf⸗ zulehnen, welche Boͤswilligkeit in der Untertha⸗ nentreue ſtecke, und wie nutzlos es ſei, daß die Kirche Biſchoͤfe habe—“ „Ei, Du kleines Plappermaul!“ ſagte Sir Hugo,„Du wollteſt mir eine Schilderung von dieſem Heſekiel entwerfen, und ſtatt das Indi⸗ viduum abzumalen, pinſelſt Du mir die Gat⸗ tung hin.“ „Geduld, und Ihr ſollt's hoͤren,“ verſetzte Robina.„Dieſer Heſekiel war einer von den Fanghunden, die auf's Wort kommen und wie⸗ der gehen; und obwohl er ſich auf's Bellen ver⸗ ſtand, war er doch nicht laut genug von Stim⸗ me; denn als Cromwell, oder Fairfax, oder Ire⸗ ton das von ihnen ſo genannte arme thoͤrichte Volk zu Exeter von ſeiner Treue gegen den Koͤ⸗ nig abwendig machen wollten, ſchickten ſie ein halbes Dutzend von dieſen tollen Prieſtern da⸗ hin, um ihm alles Das abzukanzeln, was je⸗ mals von den Propheten gegen unheilige und gottloſe Koͤnige geſagt worden iſt, wobei ihnen der Auftrag ward, Alles ſo auszulegen, daß es unmittelbar auf die Perſon Karl Stuart's zielte. Unter den Auserleſenen befand ſich auch Heſe⸗ kiel; da er ſich aber als ein ſo genannter ehrli⸗ cher Mittelsmann auswies, obwohl er eine eben ſo gute Suada wie all die Andern hat, und ſich nicht eifrig genug im Anblaſen der Schmiedekohlen zeigte, ſo ward er aus jenem NM— 1„ M M Weinberge wieder fortgeſchickt und in dieſe ent⸗ legenere Gegend beordert, wo man es nicht fuͤr erheblich haͤlt, ob er hier Gutes oder Boͤſes ſtif⸗ tet. Und ſo endet meine Schilderung Heſekiels; Ihr werdet das Bild aͤhnlich finden.“ „Doch iſt's nicht vollendet, Robina,“ fiel Agnes ein;„denn alle feineren Lineamente ſind daran vergeſſen worden. Du biſt eine von den⸗ jenigen Malerinnen, die nur in ſcharfen Umriſ⸗ ſen zeichnen, die eine krumme Naſe und ein Pfefferkinn getreulich wiedergeben, doch einen zar⸗ ten Ausdruck, oder einen feinen Blick unmitge⸗ theilt laſſen, weil man dergleichen erſt fuͤhlen muß, um es nachbilden zu koͤnnen. Du haſt unſern Heſekiel nur zur Haͤlfte portraitirt, und ich bin kein Vandyke, um dem Bilde diejenige Anmuth zu verleihen, die Du aus demſelben wegließeſt; doch will ich Dir ſagen, daß Heſe⸗ kiel, obwohl Puritaner, ein aufrichtiger Mann von ſeltenen Tugenden in dieſen unſeren Zeiten iſt, und wenn er auch, wie Du ſprichſt, Suada gleich den Uebrigen hat, ſo beſitzt er doch auch eine reiche und dichteriſche Phantaſei, durch wel⸗ che ſeiner Rede gar oft viel Nachdruck und Schoͤn⸗ heit verliehen wird, und welches noch mehr der Fall ſein wuͤrde, wenn er nicht dann und wann ſeinen Vortrag dadurch weitſchweifig und bis⸗ weilen laͤcherlich machte, indem er Ausdruͤcke der heil. Schrift auf Gegenſtande des Alltagslebens anwendet. Mir gefaͤllt Heſekiel ſo wohl, daß ich ihn fur einen frommen und verſtaͤndigen Mann halten moͤgte, ſo er nur ein Koͤniglichgeſinnter waͤre.“ Kaum hatte Miß Agnes dieſe nachtraͤglichen Worte geſprochen, als der Gegenſtand derſelben im Gemach erſchien und der kleinen Geſellſchaft zu Mount Edgeumbe die Perſon eines altlichen Mannes erblicken ließ, auf deſſen Geſicht eher ein tiefer als finſterer Ausdruck lag, und deſſen helle graue Augen eben ſo freundlich als durch⸗ bohrend zu blicken vermogten. Gleich allen pu⸗ ritaniſchen Predigern ſeiner Zeit trug er ſein Haupthaar rund um den Kopf herum ſo geſcho⸗ ren, daß er dadurch an das Laͤcherliche ſtreifte und auf den erſten Anblick die Ehrerbietung ſchwaͤchte, mit welcher man ein Geſicht wie das 89 ſeinige zu betrachten pflegt. Eine ſchwarze Be⸗ kleidung, uͤber die der blaue genfer Mantel, das wohlbekannte Obergewand der Schuͤler Calvins, hinhing, und ein kleines, veſtanſchließendes ſchwar⸗ zes Kaͤppchen machten ſeinen Anzug aus; und die Geſtalt des Traͤgers deſſelben, als ſie ſich mit langſamen und ziemlich ſtattlichen Schritten naͤherte, wie es einem Geiſtlichen wohl geziemt, war nicht ohne Wuͤrde und litt keinesweges Mangel an jener Leichtigkeit in der Bewegung, durch welche ſich der feine Mann auch in Hand⸗ habung ſeiner Gliedmaßen kund giebt. Als Hornbuckle eintrat, mußte Jeder es ihm anſehen, daß er eine Zeit lang mit dem Wetter⸗ ſturme gekaͤmpft hatte; denn ſein thurmſpitziger Hut, welchen er uͤber ſeinem Kaͤppchen trug und nicht abgenommen hatte, trieſte wie eine Dachrinne, und ſein„vom Trunk ſchier uͤber⸗ fullter“ Mantel entladete ſich ſeines Ueberfluſſes auf die geglaͤttete Eichenflur und auf den Tep⸗ pich, uͤber welchen er hinzuſchreiten hatte. Sir Piers und Robina riefen faſt in Einem Athem:„Wie naß Ihr ſeid! Was iſt's mit 90 Euch? Woher in dieſem Wetter?“ Dabei er⸗ bot Agnes ſich, ihm den waſſerſchweren Mantel abzunehmen; Heſekiel aber, der heftig bewegt ausſchauete, winkte mit der Hand, als wollte er den Eingang eines Sermons beginnen, wies al⸗ les Huͤlfeleiſten zuruͤck und ſprach mit lauter Stimme, als ob er eine Kirchenverſammlung an⸗ redete:„Aus dem Bauche der Hoͤlle will ich mein Schreien erheben, und Du ſollt mich hoͤren! O Jammer! Ich hoͤrte es ſelbſt, ich hoͤrte die Kanonen mit dieſen meinen Ohren, als ich am Fuße der hohen Klippen entlang ging, und die Erde mit ihren Schranken mir Sicherheit ge⸗ waͤhrte; und ich blickte hinaus auf die gewaltige Tiefe inmitten der Meere, und ſah es, und mein Herz erkrankte mir, und ich wendete mich ab voll Fuͤrchtens, denn nicht ſehen wollte ich ihr Ende.“ „Um Gott, Maſter Heſekiel,“ ſagte Robina, „ſeid noch nicht beim Ende, bevor Ihr uns den Anfang gezeigt habt. Laßt Euren Jammerruf und erzaͤhlt uns, was ſich zugetragen hat.“ „Und nehmt ein Glaͤschen Malvaſier zu Euch,“ ſetzte Sir Piers hinzu,„um Euch das Herz zu erwaͤrmen, denn Ihr ſcheint bis auf die Haut durchnaͤßt zu ſein, und werdet krank von Er⸗ kaͤltung—“ „Redet nichts von Erkaͤltung noch von Mal⸗ vaſier, noch von Einem, der mir gleich, gewiſſer⸗ maßen ſo ſicher iſt, wie ein Saͤugling im Mut⸗ terſchvoß, oder ein Laͤmmlein in der Huͤrde; wohl aber gedenkt der elenden Ungluͤcklichen da druͤben, welche umkommen muͤſſen, ſo Ihr ih⸗ nen nicht zu Huͤlfe eilet—“ „Wie? wer? wo?“ riefen Alle. „Ihr ſollet hoͤren,“entgegnete Heſekiel.„Ich war in einer Huͤtte am Seeſtrande bei einem frommen, ehrwuͤrdigen und theuren Amtsbruder geweſen, der an einem Geſchwuͤre darniederliegt und ſeiner Auflöſung nahe zu ſein ſcheint. Un⸗ ausgeweidete, warme und befiedert gelaſſene Kuͤch⸗ lein ſind ihm unter die Sohlen ſeiner Fuͤße ge⸗ bunden worden, obwohl dies ſonſt ſo wirkſame Nittel ihm nicht mehr helfen wird; und ich hatte ihm eine Rede gehalten uͤber das vermittelnde Geſetz, oder das Geſetz der Gnade, welches ſeine 1 111 1 1 3 11 1 . 9² abſonderlichen Bedraͤuensworte enthaͤlt, und der neue Menſch ſchien eben in dem Sterbenden die Stelle des alten entweichenden Menſchen einzu⸗ nehmen, als ich o! waͤhrend ich noch zur Ermah⸗ nungsvollendung meine Lichter leuchten ließ, Sig⸗ nale der Bedraͤngniß vom Meere her vernahm. Immer naͤher droͤhnte das Geſchoß, und ich trat an's Fenſter und ſah—“ „Ganz ſicher blaue Lichter,“ fiel Cornet Davy ein, der wie alle Uebrigen der Erzaͤhlung des Puritaners aufmerkſam zugehort hatte—„wir verſorgen mit ihnen die Schiffe, daß dieſe ſich derſelben als Nothzeichen im Sturme bedienen. Euerer Wuͤrden eigene Lichter ſind vermuthlich von ähnlicher Gattung, ſintemal Ihr dieſelben in der Noth des Sterbens leuchten laſſet.“ „Ach, ich vernehme,“ entgegnete Heſekiel, „daß Ihr in der Finſterniß Eures Erkennens mich nicht verſteht. Ich ſprach von Belehrung, von Ermahnung; denn dieſe ſind wie brennende Lichter auf hohem Leuchter der Erkenntniß. Doch laßt mich meinen Bericht abgeben, ohne daß man mich unterbreche; denn bedenke, Freund, 83 daß der Verſtaͤndige zu rechter Zeit zu ſchwei⸗ gen weiß, waͤhrend die Narren zur Unzeit den Mund voll haben. Ich ſchauete hinaus auf die See, und alldort raſete ein gewaltiger Sturm, und mit Wind und Waſſer rang ein Schiff und gab Nothzeichen, als wollte es Denen am Lande ſeine Betruͤbniß in ſeiner Stunde der Bedraͤng⸗ niß kundgeben. Und als ich aus dem Fenſter den Jammer erblickte, betete ich, das Schiff moͤgte dem Sturme beſſer entrinnen als zu er⸗ warten ſtand, ſintemal es mir ſcheinen wollte, als wuͤrde es gegen die Klippen getrieben, und ſeine Signale vermehrten ſich in dem Maße, wie die Gefahr ſtieg, in der es ſchwankte und ſchwebte. In dem einen Augenblicke zeigte ſich der Segelkahn wie ein dunkles Fleckchen auf den Waſſern; im anderen ſah man's auf die Schwin⸗ delhoͤhe der ſchaͤumenden Wellen gehoben, von wo es ſodann wieder in die Kluft des tiefen Oceans zu verſinken ſchien. O, es war ein An⸗ blick, um einem ſuͤndigen Menſchen Mitleid und Erbarmen gegen ſeine ungluͤcklichen Bruͤder ein⸗ zufloͤßen! Die Wolken des Himmels wieſen ſich 94 ſchwarz wie ein weitfaltiges Trauergewand, der Horizont war lodernd wie eine Feuerflamme von dem Zucken der Blitze, und der Ocean, der lau⸗ ter heulte denn der Wind, drang Welle nach Welle vor ſich hinpeitſchend an das Ufer.“ „Und das Schiff?“ ſtammelte Robina, die ob der Schilderung, die ſie eben gehoͤrt hatte, erbleichte. „Das Schiff war in großer Noth, als es ſo auf den Wogen auf- und abgeſchleudert ward, und noch fern dem Strande mit dem wachſen⸗ den Sturme rang,“ verſetzte Heſekiel mit blitzen⸗ dem Auge und zuckenden Geſichtsmuskeln, in⸗ dem durch die von ihm ſelbſt gelieferte Erzaͤh⸗ lung ſeine Empfindungen mehr und mehr geſtei⸗ gert wurden.„Denn die Winde,“ fuhr er fort, „wurden immer wuͤthiger— die Winde, dieſe ruheloſen, unſichtbaren Geiſter, die da die Wol⸗ ken vor ſich herjagen, oder ſie unter und uͤber einander wirbeln, oder ſie zwingen ſtill zu ſte⸗ hen, gleich dem Renngaul durch den Zuͤgel Deſ⸗ ſen, der auf dem Ruͤcken der edlen Creatur ſitzend dieſelbe beherrſcht.“ „Sagt' ich Dir nicht, daß es ihm nicht an poetiſchen Bildern gebricht?“ fluſterte Agnes der Freundin zu;„aber wir muͤſſen ihn zum Inne⸗ halten vermoͤgen, ſobald Etwas geſchehen ſoll, was Huͤlfeleiſten genannt werden koͤnnte. Heſe⸗ kiel wuͤrde den alten Hans Klapperbein, wenn dieſer in der Thuͤre ſtaͤnde, anreden und ihn eher hereinlaſſen, denn das Salbadern einſtellen, ſo man ihn nicht daran hindert.“ Und indem ſie zu dem Puritaner trat, ſetzte ſie laut hinzu: „Was kann geſchehen? Iſt den Leidenden zu helfen? Vielleicht treibt jenes Schiff, wie Hugo Piper's Doppeltroſe, in die Brandung und ſchei⸗ tert an den Kuͤſtenklippen. Was alſo iſt zu thun? Seit wie lange verließet Ihr die Bucht?“ „Sobald ich des Schiffes Noth gewahrt hatte, eilte ich hieher, ſo ſchnell meine Fuͤße mich her⸗ bringen konnten, um dieſen truͤbſeligen Zuſtand dem wuͤrdigen Sir Piers kundzuthun, deſſen Wohlwollen ſich auf die Leidenden ſo zu Waſſer wie zu Lande—“ „Ich furchte,“ fiel Sir Piers ein,„daß hier nur wenig wird gethan werden koͤnnen; doch 96 wollen wir dies Wenige eifrigſt verſuchen. Ich gehe, um das Noͤthige meinen Leuten zu befeh⸗ len, die ſtets auf dergleichen Ungluͤcksfaͤlle vor⸗ bereitet find, und dann wollen wir hinunter zur Bucht.“ „Laßt mich mitgehen,“ ſagte Sir Hugo. „Und mich!“ rief der Cornet.„Ich duͤrfte von Nutzen ſein koͤnnen, habe dergleichen Gefah⸗ ren wohl ehedem mit beigewohnt.“ „Nimm auch den großen Pudel, den Orgar, mit, lieber Vater,“ ſagte Robina. „Und in die eine Hand,“ ſetzte Sir Hugo hinzu,„Stricke und Fackeln, und in die andere eine Flaſche mit Branntwein.“ „In die andere Hand die Bibel, wollt Ihr ſagen,“ ließ Heſekiel Hornbuckle ſich vernehmen. „Alles zu ſeiner Zeit, ehrlicher Stutzohr,“ verſetzte Sir Hugo.„Im Sturme predigen die Leute nicht, ſo daß ſie dazu eines Bibeltertes beduͤrften; und wenn eine huͤlſreiche Hand und ein Schluck Branntwein einem Mitbruder nach einem Schiffbruche wohlthun koͤnnen, ſo ſind 90 re hr n. 0 ie tes nd ch nd 97 beide, ſollt' ich meinen, keine uͤble Vorberei— tung zu einem chriſtlichen Gebet.“ Heſekiel murrte uͤber Das, was er fuͤr eine allzu vertrauliche und unehrerbietige Abſchaͤtzung der Bibel erachtete, ſchickte ſich jedoch gleich den Uebrigen eifrig zum Mitgehen nach der Staͤtte an, wo er ein Augenzeuge von der Noth des Schiffes geweſen war. Nach wenigen Minuten hatte Sir Piers die erforderlichen Weiſungen ertheilt, und machte ſich nun mit Sir Hugo, dem Cornet und dem Pu⸗ ritaner auf den Weg. Als die Maͤdchen die Vaͤ⸗ ter zu zaͤrtlichem Lebewohl umhalſeten, ſchuͤttelte Sir Piers ſein Toͤchterchen von ſich ab und ſagte:„Weg mit Euch! Ich werd's an noͤthi⸗ ger Vorſicht nicht ermangeln laſſen; Ihr aber macht Betten zurecht und ſorgt fuͤr gewaͤrmte Decken. Sucht auch trockene Kleider aus mei⸗ ner Spinde hervor, laßt Feuer in den Kaminen anmachen, und habt Alles huͤbſch in Bereitſchaft und Behaglichkeit; bereitet gluͤhenden Wuͤrzwein ſo fuͤr Die, welche hingehen um zu helfen, wie Warleigh. I. 7 —— fur Die, denen, Gott geb' es, nach unſerer Wie⸗ derkehr in dieſer Noth geholfen ſein wird.“ „Wir wollen Alles beſorgen; nur trag' Sorge fuͤr Dich, und Gott ſegn' Euch und helfe den armen Schiffenden!“ waren die Worte, die von den Maͤdchen den Enteilenden nachgerufen wur⸗ den. Heſekiel hielt ſich hinter den uͤbrigen Maͤn⸗ nern, ſtand ſtill, holte aus einer ſeiner Seiten⸗ taſchen eine kleine zugehakte Bibel hervor, und ſagte zu der uͤber ſein Zoͤgern ſich wundernden Robina:„Ich will nur erſt Probe aufſchlagen, und dann gleich nachgehen.“ Robina wußte nun recht wohl, was er wollte, denn in ihren Tagen war das Probe Aufſchla⸗ gen, wie man's nannte, bei den Sectirern all⸗ gemeiner Gebrauch, der darin beſtand, daß man bei wichtigen Ergebniſſen oder Unternehmungen auf's Gerathewohl die Bibel aufſchlug, und die ſich dann bietende Stelle des Alten oder Neuen Teſtamentes als Vorbedeutung las. Dies that denn auch Heſekiel im obwaltenden Falle, und wie es ſchien, gar ſehr zu ſeiner Beruhigung; denn als er die Bibel in demjenigen ihrer Theile te, U⸗ an en die en 99 aufſchlug, wo er ſo ziemlich mit Gewißheit wiſ⸗ ſen konnte, auf Etwas zu ſtoßen, was mit ei⸗ nem Schiffbruch in Verbindung gedacht werden koͤnnte, traf er in der Apoſtel Geſchichte auf den Vers—„Nichts deſto weniger muͤſſen wir auf irgend eine Inſel geworfen werden.“ „Darunter muß in dieſem Falle,“ ließ der gelahrte Prieſter ſich vernehmen,„die Halbinſel Mount Edgeumbe verſtanden werden. Jetzt will ich ſofort zur Bucht, wo ich vielleicht noch einem armen ſchiffbruͤchigen Suͤnder die Hoffnung des gottlichen Wortes als einen Anker bei jeglicher Gefahr zuwerfen kann. Ich will mich aufmachen zu ſolchem guten Werke, und von meinem himm⸗ liſchen Vater den ewigen Lohn fuͤr dies mein irdiſches Thun erwarten.“ Indem er ſo ſagte, raffte er ſeinen Stab auf, ſchob ſeine kleine Bibel wieder in die Taſche und ging haſtigen Schrittes Denen nach, die durch Regen und Wind der Klippenbucht zueilten. Serhstes Capitel. 1„Hoch ſchwenkt die Fackeln uͤber Klipp' und Krag, Laßt helle Lichter leuchten von den Zinnen; Ruft ihnen zu, wenn etwa ſchweigt der Sturm, Und kuͤndet ihnen Hoffnung—“ Maturius„Bertram“. Der Weg, den unſere Huͤlfebringenden vom Hauſe bis zum Ruͤcken von Mount Edgeumbe zuruͤckzulegen hatten, war, obſchon zur Zeit durch einen ſtuͤrmiſchen Himmel und durch die Nebel des Regenwetters verduͤſtert, wenn er unter an⸗ deren Umſtaͤnden erblickt ward, reich an mannich⸗ faltigen Naturſchoͤnheiten. Nicht fern dem Herrn⸗ 1 hauſe konnte der Wanderer, nachdem er, unter den uͤberhangenden Waldſchatten hinweg, die 1 Höhe hinangeſtiegen war, auf jenen wilden Steil⸗ gaͤngen ſich, ſobald ein freier Platz des Huͤgels ihm Fernausſicht geſtattete, eine majeſtaͤtiſche 101— Landſchaft uͤberblicken. Weſtwaͤrts zeigt ſich der Hamoazefluß in jenem lebhaften Charakter, den die Schifffahrt jederzeit einem Gewaͤſſer verlei⸗ het, wo immer dieſes ſich befinden möge. Jen⸗ ſeit deſſelben erheben ſich die blauen und fernen Huͤgel von Cornwall in langgeſtreckter Linie, bis ſie ſich, wie man wohl ſagt, mit denen von De⸗ von durch die kuͤhne Hoͤhe des Brent Tor ver⸗ einigen, der hoch erhaben uͤber beide Grafſchaf⸗ ten wie ein Koͤnig daſteht, welcher die zu ſei⸗ nen Fuͤßen hingeſtreckten Nationen unterjocht halt. In der mittleren Entfernung erheben ſich die Staͤdte Stock, Stonehouſe und Plymouth mit ſeinem uralten Caſtell, das damals in all ſeiner Kraft und Erhabenheit ſtand. Die Gebaͤude, welche dieſe Staͤdte bildeten, waren aus Granit und Marmor, jenen koͤſtlichen Materialien, die der Grafſchaft eigen ſind. Von dieſer beſonderen Stelle aus geſehen er⸗ ſcheint der Plymouth-Sound mit der kleinen be⸗ veſtigten Sanct Nicolas- oder Drake's⸗Inſel in einer wunderlieblichen Anſicht. Zur Zeit als Sir Piers mit ſeinen drei Ge⸗ — ¹02 faͤhrten uͤber die Hoͤhe hinweg, demjenigen Theile der Bucht zuſchritt, von wo aus Heſekiel das ringende Schiff erblickt hatte, verlieh ein ſchwar⸗ zer, tiefhangender, ſturmwolkiger Himmel der ganzen Umgegend einen duͤſtern, ſchaurigen Cha⸗ rakter. Als ſie dahin wanderten, war es melan⸗ choliſch anzuhoͤren, wie der Wind zwiſchen den ſteinalten Baͤumen hinheulte, ſo daß dieſe aͤchz⸗ ten, als wollten ſie in das Schreckniß des Stur⸗ mes und in denjenigen Jammer einſtimmen, der ſolchen Wetters Begleiter ſo zu Lande wie zu Waſſer zu ſein pflegt. So empoͤrend es ſein mag, ſo wahr iſt es dennoch, daß zur Zeit unſerer Erzaͤhlung und noch viele Jahre nachher an der Weſtkuͤſte von Devon und Cornwall die Schiffbruͤche von dem gemeinen Manne„Gottes Gabe“*) genannt wur⸗ *) An manchen däniſchen Kuͤſten, ſo wie auch auf der Inſel Helgoland(heilig oder Hillig-Land) vor der Elbmuͤndung wird noch heut zu Tage, oder ward doch vor wenigen Jahrzehenden, allſonntäglich in den Kirchen um ſolche Schiffbruͤche, oder wie man es dort nennt, um einen„geſegneten Strand“ auf den Kanzeln gebetet. Anmerk. des Ueberſ. ⸗——— — den; denn was auch das Meer in ſeinem Grimm an's Land ſpuͤlte, ward unter dieſem Namen als rechtmaͤßige Beute aufgefiſcht, und ſchwer oft waren die Leiden der Ungluͤcklichen, die als Schiffbruͤchige in die Haͤnde jener Kuͤſtenbewoh⸗ ner fielen; ja nicht ſelten ermordeten dieſe die Verungluͤckten, um ſich mit deſto groͤßerer Si⸗ cherheit der durch den Sturm ihnen an den Strand geworfenen Beute verſichern zu koͤnnen. Zu den vielen verdienſtlichen Bemuͤhungen des Sir Piers von Edgeumbe gehoͤrte auch die, daß er jegliches moͤgliche Mittel angewendet hatte, um an der Kuͤſte ſeiner Beſitzung und in deren Naͤhe nicht nur dergleichen Verbrechen vorzubeu⸗ gen, ſondern auch jeglichen aufzubringenden Bei⸗ ſtand Denjenigen zu leiſten, die wegen des Man⸗ gels eines Leuchtthurms auf dem Eddyſteine ent⸗ weder an dem verhaͤngnißvollen Riffe, oder noch naͤher am Strande ſcheiterten. Beſtaͤndig hiel⸗ ten ſeine Saſſen die erforderlichen Rettungsvor⸗ kehrungen bereit, ſo daß bereits bei jenen ſich ein Gefuͤhl des Mitleidens zum Voraus gegen jeden Schiffbruͤchigen eingefunden hatte. 104 Nachdem unſere Huͤlfebringenden eine Zeit lang muͤhſam huͤgelan geſchritten waren, wobei ihnen Wind und Regen heſtig ins Geſicht ſchlu⸗ gen, erreichten ſie den Ruͤcken der Halbinſel, ſo daß ſie allmaͤlig abwaͤrts und der Bucht naͤher kamen, indem ſie in der Richtung von der Caw⸗ ſandbucht durch ein kleines Thal zu gehen hat⸗ ten, das zu beiden Seiten von kuͤhnen und ſtei⸗ len Hoͤhen eingefaßt war. Im Schooße deſſel⸗ ben ſtand etwa hundert Ellen weit vom Meere eine Huͤtte. Zwei, durch die Naͤhe eines ſo oſt ſtuͤrmiſchen Nachbars dennoch nicht beſchaͤdigte hohe Ulmen, weil ſie von beiden Seiten ſo wohl geſchuͤtzt wurden, bezeichneten das Gaͤrtchen der kleinen in Einſamkeit und Schoͤnheit daliegenden Wohnung. Felſen, die an Schwaͤrze dem Eben⸗ holze glichen, umguͤrteten den Strand, und uͤber ſie rollte brauſend und ſchaͤumend der Ocean ſeine majeſtaͤtiſchen Wellen; waͤhrend die umher ſich erhebenden Hoͤhen die wildeſte Zuſammen⸗ wuͤrfelung von roͤthlichem, gebrochenem Klippen⸗ und Krag⸗Geſtein wieſen, wozwiſchen hie und da eine Fichte hervorſchoß, oder eine Hangbirke ——,—— 105 hre Federnkrone bis zum Waſſerrande herab⸗ ſenkte. Wie ſcharf unſere vier Retter auch auslug⸗ ten, ſo war der Nebel doch ſo dick und der Wo⸗ genſchwall ſo entſetzlich, daß ſie nichts von dem ungluͤcklichen Schiffe gewahren konnten. Endlich aͤußerte Sir Piers den Entſchluß, eine ihm wohlbekannte Klippenhoͤhe zu erſteigen, von wo aus er wahrſcheinlich das Schiff wuͤrde erkennen koͤnnen, ſo es noch nicht untergegangen war, oder ſich mehr dem weſtlichen Punkte der Kuͤſte naͤherte. Da es mittlerweile immer dunkler wurde, ließ er Fackeln anzuͤnden und dieſelben am Ufer hin- und hertragen, gleichſam um das Signal zu geben, es moͤgte der ungluͤckliche Se⸗ gelkahn die Schauerklippen vermeiden, an denen er, wenn er auf dieſelben ſtieße, unvermeidlich wuͤrde zerſchellen muͤſſen. Sir Piers nahm nun ſelbſt eine Fackel und erklomm, von einem Diener, der ebenfalls ein Windlicht trug, begleitet, die Klippenhoͤhe, in⸗ dem er Sir Hugo und Heſekiel unten an der Bucht ließ, damit ſie die Bewegungen der Leute 105 am ufer leiten mögten. Nur mit vieler Muͤhe ſcheuchte er ſeinen beruͤhmten Pudel Orgar zu⸗ ruͤck, der durchaus den Schritten ſeines Herrn folgen zu wollen ſchien. Sir Piers, kuͤhnen Muthes und ſcharfſehen⸗ den Auges, auch von ſeiner Knabenzeit her an das Herumklettern auf den Kragſteinen von Mount Edgcumbe gewoͤhnt, ehe noch an beſchreitbare Wege auf denſelben gedacht worden war, ſtieg nun, wiewohl nicht ohne bedeutende Gefahr, auf⸗ waͤrts. Mehrere der Felsvorſpruͤnge waren mit hohen, dunkeln Fichten bewachſen, die von dem ſie von allen Seiten faſſenden Sturme knackten und aͤchzten. Andere ſolcher Baͤume lagen entwurzelt und mit ihrer Krone uͤber irgend einen Abhang hin⸗ uber, waͤhrend an ihnen und dem Abgrunde hin ſich ein glitſchiger, unzuverlaͤſſiger Fußpfad wand. Manchmal auch ſchien eine Klippe ſich uͤber den rollenden Dunſt einer duͤnnen Wolke zu erheben, die gleichſam von der See her zum Strande ge⸗ wälzt ward; waͤhrend dann wieder das Ange⸗ ſicht eines gigantiſchen Felſen, der ſich ſchwarz d n⸗ d. en n, e⸗ e⸗ z 107 wie die herrſchende Stunde wies, von dem Zucken der Blitze erleuchtet ward, das ſich jetzt ſchraͤg hinuͤber am Himmel zeigte, und deutlich die ver⸗ ſengten Wipfel mancher kahlen Eiche erkennen ließ, die bereits vom Wetterſturme hatten leiden muͤſſen. Dann folgte das Rollen des Donners, wel⸗ ches zwiſchen den Klippen ſo furchtbar wider⸗ hallte, daß ſelbſt das muthige Herz unſers Eig⸗ ners von Mount Edgeumbe dadurch, mindeſtens fuͤr einen Augenblick, von Schrecken erſchuͤttert ward. Sir Piers ſtand ſtill und erkannte durch ein unwillkuͤrliches Gefuͤhl der Ehrfurcht die unwiderſtehliche Gewalt Deſſen an, der„die Himmel beugte und herniederfuhr, waͤhrend Fin⸗ ſterniß unter ſeinen Fuͤßen lagerte“. Unter Schwierigkeiten, die nur Der uͤberwin⸗ den konnte, der mit den ungebahnten Pfaden dieſer Klippen genau bekannt war, gelangte Sir Piers endlich auf eine kuͤhne Hoͤhe, die ſich aus dem waldbewachſenen Geſtein hervorhob. Am Fuße dieſer Hoͤhe und etwas ſeitwaͤrts lag das Felſenriff, das an manchem ſeiner Randpunkte mehr denn einen ſteinalten Fichtenbaum zeigte, der den Stuͤrmen getrotzt hatte, wiewohl nicht immer unverletzt von denſelben geblieben war. Als Sir Piers ſo daſtand, indem er mit ei⸗ ner Hand ſich an einem Baume, in der andern die Fackel hielt, gewahrte er deutlich, wie Das, was anfaͤnglich als ein dunkler Fleck auf ſturm⸗ bewegtem Waſſer erſchien, dem Strande zutrieb. Nach genauerem Betrachten erkannte Sir Piers den Fleck fuͤr ein Boot, das dem Anſcheine nach durch keine andere Gewalt als die des Windes und der Wellen ſich dem Ufer naherte. Die See, welche, um uns einer alten Redensart zu bedie⸗ nen,„bergehoch und abgrundstief“ ging, warf das Fahrzeug bald auf ihre Schaumſpitzen, und wirbelte es bald in ihre Tiefen hinunter, als ob es aus dieſen nimmer wieder hervorkommen ſollte. Sir Piers ſah, wie auf dieſe Weiſe das preis⸗ gegebene Fahrzeug vor dem Winde demjenigen Theile der Bucht zugeſchwankt ward, wo er ſeine Gefaͤhrten gelaſſen hatte. Es ſtand nicht zu bezweifeln, daß es dort in der Brandung wuͤrde umſchlagen muͤſſen, und ſollte ſolches Un⸗ —————————— 6 r t . gluͤck ſich nahe dem Felſenriff ereignet haben, ſo wuͤrde keine Seele in dem Boote zu retten ge⸗ weſen ſein. Gewiß hegten die an der Bucht Befindlichen eben dieſe Ueberzeugung, denn, obwohl es ihnen unmoͤglich blieb, dem herantreibenden Kahne die mindeſte Huͤlfe zu leiſten, ſah Sir Piers ſie doch einer weiterhin liegenden Ufergegend zueilen, wo die ungluͤcklichen Schiffer minderer Gefahr als an jener Klippenreihe zu begegnen haben wuͤrden. Sir Piers, der jetzt ſeitwaͤrts uͤber ſeine Klippenhoͤhe ſchauete, ſah nun, wie ſeine Ge⸗ faͤhrten ſich der wuͤthigen See ſo nahe als moͤg⸗ lich verſammelten, um, ſobald es wuͤrde geſche— hen koͤnnen, den Schiffenden Huͤlfe zu leiſten, ohne jedoch ſelbſt von den anſtuͤrmenden und wieder zuruͤckwogenden Waſſern weggeſpuͤlt zu werden. Er ſah, wie eine Woge das Boot bis auf wenige Ellen weit vom Ufer heranſchleuderte, und das Schickſal der Schiffenden war jetzt nicht laͤnger zweifelhaft. Ihre einzige Hoffnung be⸗ ruhete jetzt auf Gott, daß dieſer den armen Huͤl⸗ feloſen Kraft in ihrem Kampfe gegen die Bran⸗ dung ſo lange verleihen moͤgte, bis die Retter im Stande ſein wuͤrden, ihnen Beiſtand zuzu⸗ wenden. Sir Piers weilte jetzt nicht laͤnger als bloßer Zuſchauer, ſondern eilte von ſeiner kuͤh⸗ nen Hoͤhe wieder abwaͤrts der Bucht zu, wo der erſte Anblick, welcher ſich ihm darbot, der war, daß ſeine Gefaͤhrten zwei Menſchen daher trugen, die ſie der Alles verſchlingenden See entriſſen hatten. Ob dieſe beiden Menſchen leb⸗ ten oder todt waren, ſtand noch dahin. Ehe Sir Piers noch die naͤheren Umſtaͤnde erfahren hatte, wollte ihm beduͤnken, der Pudel Orgar habe Theil an dem Rettungswerke genommen, denn als man den einen der Geretteten landein⸗ waͤrts trug, lief der Hund dicht neben demſel⸗ ben her, wedelte mit dem Schwanze und guckte ſcharf in die Hoͤhe, als nähme er Theil an dem anſcheinend lebloſen Weſen, welches zu Strande getragen ward. Den Nachfragen des Beſitzers von Mount Edgcumbe ward bald Genuͤge geleiſtet. Der Juͤngere von den beiden Geretteten, der entwe⸗ der zu ſchwach oder zu ſchreckergriffen geweſen — — M 111 war, um Etwas fur ſich ſelbſt zu thun, wuͤrde ohne die Bemuͤhungen des Puritaners Horn⸗ buckle und des Cornet Davy, die nebſt einem von den Dienern ihr Leben an ſeine Rettung ſetz⸗ ten, umgekommen ſein. Dieſe Maͤnner warfen ihm naͤmlich in dem Augenblicke, in welchem das Boot hart am Strande umgeſtulpt ward, ein Tau zu, welches er zwar faßte, jedoch ſeiner Schwaͤche wegen nicht haͤtte lange genug halten koͤnnen, wenn nicht der Pudel, der ihn am Kragen ſeines Wamſes packte, ihn um ſo ſchnel⸗ ler haͤtte an's Land ziehen helfen. Der zweite von den Geretteten, obwohl be⸗ deutend aͤlter als ſein Unglucksgefaͤhrte, hatte ſeine Erhaltung groͤßtentheils ſeinen eigenen An⸗ ſtrengungen zu danken. Wie Robinſon Cruſoe war er zu wiederholten Malen an den Strand geſpult, jedoch von der zuruͤckweichenden Welle wieder mit fortgeriſſen worden, waͤhrend er als ein geuͤbter und kraͤftiger Schwimmer mit den Waſſern rang. Gleich jenem Abenteurer war er endlich ans Land geworfen worden; jedoch ge⸗ ſchah dies nicht mit demſelben guten Gluͤck. Die 112 Woge, die ihn auf einen Fels ſchleuderte, deſſen nackter Gipfel uͤber den wogenden Fluthen her⸗ vorragte, hatte ihn mit ſolchem Grimme von ſich geſchleudert, daß er ſchwere Verletzungen an Bruſt und Kopf erhielt, die ihm die Beſinnung und die Bewegungskraft raubten. Leblos lag er auf dem Klippengeſtein, wo er ohne die men⸗ ſchenfreundlichen Bemuͤhungen der zur Rettung Herbeigeeilten, die mit nicht geringer Gefahr ihn ans Land holten, gewiß umgekommen ſein wuͤrde. Der Juͤngere war in Ohnmacht geſunken, (hatte jedoch keine Wunde erhalten), ſobald Or⸗ gar ſo wackern Beiſtand geleiſtet hatte, ihm an's Ufer zu helfen. Da die uͤbrigen Paſſagiere des verungluͤckten Bootes ſich auf keiner Welle erblicken ließen, un⸗ ſtreitig alſo in die Tiefe des Meeres gewirbelt worden waren, Sir Piers alſo am Strande wei⸗ ter keine Huͤlfe leiſten konnte, ſo befahl dieſer ſeinen Leuten, die Geretteten ſo hurtig als moͤg⸗ lich in das Haus zu tragen, wo ſonder Verzug all derjenige Beiſtand geleiſtet werden ſollte, der in einer ſo ungluͤcklichen Lage erfordert ward. —„ c—„—„+—, 3 ——— 113 Dieſem Befehle ward ſofort nachgekommen, und als Sir Piers die Bucht verließ, hatte er den beruhigenden Anblick, daß ein Schiff— eben die Virginia, deren Mannſchaft das Todesgeſchrei Derer auf dem untergegangenen Alten Jacob ge⸗ hoͤrt hatte und durch deſſen Nothzeichen Heſekiel zuerſt aufmerkſam gemacht worden war, vor dem Winde einen ſichern Ankerplatz in der Cawſand⸗ bucht erreichte. Nach einer halben Stunde gaben die Geret⸗ teten Zeichen des Lebens und des Bewußtſeins. Der Juͤngere ſchien noch ſchwach zu ſein, der Aeltere aber befand ſich, ſeiner erhaltenen Wun⸗ den wegen, in ſolchem gefaͤhrlichen Zuſtande, daß nach einem Wundarzt geſchickt werden mußte. Beide Schiffbruͤchige waren mittlerweile zu Bette gelegt worden, nachdem der Juͤngere mit matter Stimme ſeinen Befreiern gedankt hatte, waͤhrend der Aeltere viel zu verletzt und leidend war, als daß er haͤtte zuſammenhaͤngend reden koͤnnen. Nachdem auf ſolche Weiſe Sir Piers jede in dieſer Sache ihm moͤgliche Chriſtenpflicht er⸗ fuͤllt, auch ſeine Mithelfer bei der Rettung mit Warleigh. I. 8 trockenen Kleidern und einem Humpen guten Gluͤhweines erquickt hatte, begab er ſich eben⸗ falls zur Nachtruhe, jedoch nicht eher als bis auch des wackern Pudels Orgar gedacht worden war. Mit eigener Hand und vom eigenen Tiſche reichte Sir Piers dem treuen Thiere einen ge⸗ daͤmpften Kapaun, indem er es ſtreichelte und ihm liebkoſete, es auch nicht zuruͤckwies, als es ihm in ſein Schlafgemach folgte, ſondern hier vielmehr ihm geſtattete, die Nacht auf dem ro⸗ then Pluͤſchkiſſen des Sorgeſtuhls zuzubringen. nd ier Siebentes Capitel. „Sie reckt' empor die duͤrre Hand, Als dräute ſie der Himmelspforte, Und ſprach, zum Maͤgdlein hingewandt, Entſetzensworte.“ Southey's„Thalaba“ 28 Bch. Keiner von Allen, die den Sonnenuntergang desjenigen Tages geſehen hatten, deſſen Erleb⸗ niſſe uns Stoff zum vorhergehenden Capitel dar⸗ boten— mogte geahnet haben, wie am folgen⸗ den Morgen das glaͤnzende Tagsgeſtirn eine ſo ganz verſchiedene Scene, als die geſtrige war, be⸗ leuchten wuͤrde. Waͤhrend der Nacht hatte der Wind ſich gelegt, der Regen hatte aufgehoͤrt,“ und der Sturm ſchien in ſeiner eigenen Heftig⸗ keit ſein Ende gefunden zu haben; gleichwie große Bekuͤmmerniß, wenn ſie waͤhrend ihrer Dauer 8* 116 nicht toͤdtet, gemeiniglich ſich durch ihre eigene Bitterkeit verzehrt und weit minder nachtheilig wird als ein langſamer, ſchleichender, immer⸗ waͤhrend nagender Gram, der gleich dem Wurm im Blumenkelche nicht eher ſichtbar wird, als die Tochter Florens das zerblaͤtterte Haupt in den Staub ſinken laͤßt. Es uͤberraſchte in der That, die Veraͤnderung wahrzunehmen, die bei dem naͤchſten Fruͤhroth eingetreten— eine Veraͤnderung, wie Wenige ſie zu erblicken gewohnt ſein moͤgen, in ſofern ſie nicht im Weſten von England wohnen, wo Re⸗ gen und Sonnenſchein, gleich den Thraͤnen und dem Lächeln der Kindheit, oft unerwartet einan⸗ der aus geringem oder aus gar keinem erkenn⸗ baren Grunde folgen. Die Familie ſo wie die Gaͤſte zu Mount Edgeumbe ſchliefen in Folge der gehabten An⸗ ſtrengung, Unruhe und Beſorgniß veſter als ge⸗ woͤhnlich; Diejenigen freilich ausgenommen, die am Bette des verwundeten Fremden wachten, ſo daß die Dienerſchaſt an dieſem Tage ſpäter als ſonſt aufſtand. —————————————— Eine Mitbewohnerin des Hauſes iſt jedoch von den Langſchlaͤfern jener Nacht auszunehmen. Die hubſche Miß Agnes Piper, deren lebhafte Phanta⸗ ſei, innige Vorliebe fuͤr die Natur und poeti⸗ ſches Wohlgefallen an einſamen Spaziergaͤngen ihr ſelten oder niemals uͤberfluſſige Ruhe geſtat⸗ teten, war an dieſem Tage fruͤher denn jemals ihrer Kammer enteilt; denn da ſie waͤhrend der Nacht keineswegs gleich den Uebrigen ſchlief, hatte ſie all der ihr mitgetheilten, das Boot und den Sturm betreffenden Nachrichten gedacht, in ihrem Bette wachend die Bilder ihrer Phan⸗ taſei in Reime gebracht und ihren Empfindun⸗ gen in Spenſerſtanzen Luft gemacht. Natuͤrliche Folge war es am Morgen nun, nachdem der Schlaf unſerer Heldin nicht hatte kommen koͤn⸗ nen, daß dieſe ſich aufmachte, um in der Naͤhe eben den Ocean zu betrachten, mit welchem ſie ſeit mehreren Stunden ſo angelegentlich beſchaͤf⸗ tigt geweſen war. Agnes Piper, die oft ſolche poetiſche Anfaͤlle und Launen einer ungeregelten Phantaſei hatte, machte alſo, ohne ihre Gefaͤhr⸗ tin Robina zu wecken, ſich zeitig auf an das — Meeresufer. Agneſens Gemuͤthslage konnte be der ihr eigenen Lebhaftigkeit kaum anders ſein, denn von Kindheit an ihrem Willen uͤberlaſſen, waͤre Agnes ohne ihre natuͤrliche Herzensguͤte ein verderbtes Kind geworden; jetzt zeigte ſie ſich nur vorſchnell, that was ſie that aus augenblickli⸗ cher Anregung, und erholte ſich ſelten eher Ra⸗ thes, als bis ſie ſich gehoͤrig wieder geſammelt hatte. Bei allen dieſen Fehlern beſaß Agnes jedoch treffliche Eigenſchaften, naͤmlich ein war⸗ mes, empfaͤngliches Herz, einen faſt unzuerſchoͤ⸗ pfenden Mildſinn, hohe Grundſaͤtze und zum Hauptanker aller ihrer Vorzuͤge eine innige, auf⸗ richtige und thaͤtige Gottesverehrung. Agnes erhob ſich alſo mit der Lerche und oͤff⸗ nete leiſe ihr Fenſter, um hinauszuſchauen. Durch einen duͤnnen Wolkenſchleier brach in Oſten das Fruͤhroth hervor, welches von jugendlichen, zur Schwaͤrmerei geneigten Perſonen mit Entzuͤcken betrachtet zu werden pflegt. Agnes vernahm an dieſem Morgen nicht das Kraͤchzen der Eulen, welches oft um das Herrnhaus von Mount Edg⸗ cumbe herum ſich zwiſchen den alten Eichen und — — 119 ulmen hoͤrbar machte, wohl aber ſchrillte der Ruf des Hellſaͤngers, wie der eines Schildwaͤch⸗ ters an ſeinem Poſten zu ihr heruͤber und ver⸗ kuͤndete den jungen Tag. Matt und unſicher drang allmaͤlig das Licht durch und zitterte auf den fernen Höhen, bis es endlich guͤldenhell leuchtete, waͤhrend die Thaͤler und Schluchten der umherliegenden Landſchaften noch in Duͤſter gehuͤllt waren. Agnes begann ihre Streiferei durch die mannich⸗ faltigen Ortsſchoͤnheiten von Mount Edgcumbe; ſtand bald ſtill, um eine und andere derſelben mit Entzuͤcken zu bewundern, und ſetzte bald wieder ihren Schlendergang fort, ſo wie von der Natur hergeleitete dichteriſche Bilder ihre Seele beſchaͤſtigten. Alles um ſie her hatte gleichſam neues Leben und neue Lebendigkeit gewonnen, ſo daß Agnes ſeit langer Zeit keines ſo gemuͤthvol⸗ len, Herz und Geiſt erquickenden und erheben⸗ den einſamen Spazierganges ſich erfreut hatte. Die Ruhe, in der ſich der Ocean wies, be⸗ ſtimmte Agnes, fuͤr diesmal von dem ferneren Verſuche ihrer poetiſchen Schilderung des aufge⸗ 120 ————————— regten Zuſtandes des Meeres abzulaſſen, und ſtatt Deſſen einen ihrer Lieblingsplatze zu beſu⸗ chen, der aus mehr denn Einer Urſache zur Zeit unſerer Erzaͤhlung beſonders bemerkenswerth war. In einer kleinen einſamen Ebene ſtand eine mit Schindeln gedeckte Huͤtte, an deren Waͤnden die wilde Roſe, das Geisblatt und manche an⸗ dere Schlingpflanze in ſolcher Ueppigkeit hinan⸗ krochen, daß ſie das Gitterfenſter derſelben ver⸗ duͤſterten. Die Huͤtte ward durch etliche ehr⸗ wuͤrdige, aſtreiche Eichen innerhalb des zu dem Gebaͤude gehoͤrenden Gaͤrtchens gegen den rau— hen Athem des Windes und gegen den allzu brennenden Sonnenblick geſchuͤtzt. Das von le⸗ bendiger Hecke umgebene Gaͤrtchen aber wies zu gehoriger Jahreszeit uͤppig bluͤhende Anpflanzun⸗ gen von Roſen, Nelken und Paͤonien. Zur Seite der Huͤtte, ebenfalls durch hohe Baͤume, hinter welchen ein Dickicht hinlief, be⸗ ſchuͤtzt, befand ſich der Gegenſtand, der dem Oertchen die demſelben gewordene Wichtigkeit beilegte; naͤmlich der heilige Brunnen, deſ⸗ ſen klares, ſtilles Waſſer tief in der Erde ent⸗ ſprang, ein natuͤrliches Becken bildete und von dieſem aus durch einen ſchmalen Abſturz ſich all⸗ maͤlig in dem Thale verlor, deſſen Raſengruͤn durch dieſe erfriſchende Bewaͤſſerung um ſo leb⸗ hafter erſchien. Diejenigen, denen die aberglaͤubiſchen Mei⸗ nungen, die im Weſten von England herrſchen, bekannt ſind, werden ſich erinnern, daß dort noch immer das Geſchlecht der Elfen als Huͤther der Brunnen und Quellen angeſehen wird, und daß die wunderthaͤtige Macht derſelben noch heutiges Tages bei den Landleuten in etlichen Gegenden von Devon und Cornwall unbezweifelt iſt. Des⸗ gleichen glaubte man damals, wie zum Theil noch jetzt, allgemein an Hexen und Hexerei. Sel⸗ ten kannte man zur Zeit unſerer Erzaͤhlung ei⸗ nen heiligen oder Wunder wirkenden Brunnen, ohne ihn unter die unmittelbare Aufſicht einer von den Prieſterinnen Beelzebubs geſtellt zu glauben, an die ſich Hohe und Niedere, Kluge und Einfaͤltige, Reiche und Arme als an eine Auslegerin der Orakelkraͤfte ſolchen Brunnens zu wenden pflegten. Leicht einzuſehen iſt es daher, 122 daß manches ſchlaue und liſtige alte Weib ein ſolches ihr zugeſchriebenes Amt in hohem Grade als ein Mittel benutzte, ſich durchzubringen, in⸗ dem Leichtglaͤubigkeit und Aberglaube oft reich⸗ lich ſolchen alten Geſchoͤpfen zollten, die dem Volke bisweilen die Wohlthat erzeigten, daſſelbe bis auf den Tod zu erſchrecken, um ihm ſein Geld abzunehmen, und zu denen man haͤufig in allerlei Angelegenheiten Zuflucht nahm, ohne eben gegen ſie klagbar zu werden, wie ſehr auch das Parlament bemuͤht war,„rebelliſche Hexen“ aus⸗ findig zu machen. Der heilige Brunnen innerhalb des Bezir⸗ kes von Mount Edgeumbe konnte ſich einer ſol⸗ chen Prieſterin ruͤhmen, und obwohl wir nicht ſagen koͤnnen, daß Mutter Gee— ſo hieß ſie— beſonders beliebt bei Sir Piers war, ſo hatte er ihr doch, als ehemaliger Zofe ſeiner Großmutter, ferner, weil ſie fuͤr Menſchen und Vieh im Dorfe allerlei wirkſame Heilmittel zu bereiten pflegte, auch weil ſie einen ſcharfen Verſtand beſaß, ſtarke Redensarten im Munde fuͤhrte und ziemlich li⸗ ſtig war, ſo daß ſie ihren Angelegenheiten, wenn dieſe vor Sir Piers kamen, den beſten Anſtrich zu geben wußte, die fortwährende Erlaubniß er⸗ theilt, jene eben von uns beſchriebene Huͤtte zu bewohnen. Dieſe Nachſicht des Sir Piers ge⸗ gen die alte Heilkuͤnſtlerin mogte außerdem ihren Grund darin haben, daß er vor mehreren Jah⸗ ren durch ſie von einer gefaͤhrlichen Augenentzun⸗ dung genas— ein Umſtand, den er als ver⸗ ſtaͤndiger Mann dem ihm von ihr gereichten Kraͤu⸗ tertranke, das Landvolk jedoch den Zauberſpruchen zuſchrieb, die zuverlaͤſſig von Mutter Gee uͤber dem Decoct gemurmelt waͤren. Als Agnes ſich dem heiligen Brunnen naͤ⸗ herte, hielt ſie an, um einen Augenblick lang Mutter Gee zu betrachten, welche uber denſelben wie eine Sibylle des Alterthums hingebeugt ſtand. Ihre duͤnnen grauen Locken hingen unter einer Haube hervor, uͤber die ſie einen thurmſpitzen Hut geſtulpt hatte, der ſogar der Mutter Ship⸗ ton, jener Koͤnigin der Heren, nicht uͤbel geſtan⸗ den haben wuͤrde, die, wie man erzahlt, zur Zeit Koͤnig Heinrichs des Achten die Aufmerkſamkeit ſo vieler kluger Narren auf ſich zog. Dame Gee 124 war keineswegs eine geringzuachtende Perſon, auch wenn nur die Haͤlfte der Dinge, die man von ihr erzaͤhlte, ſich auf Wahrheit begruͤndete. Die folgende Skizze eines ihrer Lebensereigniſſe, das noch heut zu Tage den Stoff einer Sage enthaͤlt, ſei unſern Leſern ſo uͤberliefert, wie wir dieſelbe von denjenigen Hochbetagten in unſerer guten Stadt Taviſtock empfingen, welche derglei⸗ chen Geſchichtchen gern am Kaminfeuer in der Chriſtnacht zu erzaͤhlen pflegen: Mutter Gee hatte einen einzigen Sohn, ei⸗ nen huͤbſchen, vielverſprechenden Burſchen, der in jedem Betracht dem Kaliban, dem Sproͤßling der Here Sycorax, unaͤhnlich war. Dieſer Knabe haderte mit einem ſeiner Spielgenoſſen, der mit ihm gleichen Alters ſein mogte, und deſſen Mut⸗ ter, die ſich in der Meinung, ihr Junge wuͤrde von dem Andern allzu ſehr gezerrt, legte ſich in⸗ ſofern ins Mittel, daß ſie dem Sohne der Mut⸗ ter Gee einen derben Schlag ins Geſicht ver⸗ ſetzte. Die Hexe, hocherzuͤrnt uͤber die ihrem Knaben angethane Schmach, beſchloß bittere Ra⸗ che. Nachdem ſie, wie man erzaͤhlt, die fin⸗ 125 ſtere Gewalt des Boͤſen zu Rathe gezogen hatte, beſchrieb ſie unfern der Huͤtte jener Nachbarin, von der ihr Sohn die Maulſchelle erhalten hatte, unter ſo hoͤlliſch wirkſamen Kuͤnſten einen Kreis, innerhalb deſſen Jeder, der denſelben beſchreiten moͤgte, augenblicklich von Bloͤdſinn, mit dem ſich Bosheit und Hohn miſchte, erfaßt werden wuͤrde. Mutter Gee beſchrieb ihren gottloſen Zauber⸗ kreis auf ſolche Weiſe und an ſolchem Ort, daß der Sohn ihrer von ihr gehaßten Nachbarin auf dem Schulwege in denſelben wuͤrde gerathen muͤſſen; allein wer beſchreibt das Entſetzen und den Ingrimm der alten Zauberſchweſter, als durch irgend einen unvorherzuſehenden Zufall der Erſte, der jenen Fluchkreis betrat, ihr eigener Sohn ſein mußte, der von Stunde an ein kaum Menſch zu nennendes Weſen, haͤßlich von Leibe, garſtig von Seele und Allen, die ihn umgaben, ſchreck⸗ lich und entſetzlich, Keinem dies aber ſo ſehr ward, als ſeiner eigenen wuͤthigen Mutter, die von nun an den Knaben betrachtete, als ob er Gift und Galle geweſen waͤre. Auch ſoll von jener Zeit an Mutter Gee uͤberhaupt hoͤchſt haß⸗ erfuͤllt und grauſamen Sinnes, dabei aber um ſo liſtiger in ihrem Treiben worden ſein, ſo daß ſie daſſelbe um ſo geheimer, aber um deſto grau⸗ ſamer wirkend anzuſtellen wußte. Agnes hatte dieſes Erlebniß der Alten er⸗ zahlen hoͤren; eine Erzaͤhlung, die beſonders bei Agneſens Gemuͤthslage nur Schrecken und Furcht gegen Mutter Gee einzufloßen vermogte. Agnes hatte den bloͤdſinnigen Knaben geſehen, war je⸗ doch uͤber die Alte in Zweiſel, ob dieſe wirklich ſolchen ungluͤckſeligen Zauber bewirkt haͤtte oder nicht, waͤhrend andrerſeits Mutter Gee's Ver⸗ moͤgen, die Wunderandeutungen des heiligen Brunnens zu erklaͤren, ſo oft beſprochen wur⸗ den, daß, wenn man daſſelbe auch nicht allge⸗ mein unbedingt glaubte, es doch wiederum nicht ganz und gar zu verwerfen war. Als nun Agnes ſich dem Schauergewaͤſſer naͤherte, fuͤhlte ſie gleich Einer, die da fuͤrchtet, jedoch zugleich auch wuͤnſcht und hofft, irgend ein ihrer aufgeregten Phantaſei zuſagendes, uͤber⸗ natuͤrliches Zeichen oder Wunder zu vernehmen, ⸗ 127— ohne eigentlich zu wiſſen, worin dies zu beſtehen habe. Indem Agnes herantrat, wendete ſich die Alte, ſo daß Jene voll in das duͤſtre und boͤs⸗ weiſſagende Geſicht blicken konnte, deſſen Aus⸗ druck von Scharfſinn und Verſchlagenheit zeigte und ſelbſt in ſeinem ruhigen Zuſtande etwas Hurtiges und Gebietendes wies, als wäre die Beſitzerin dieſes Geſichtes, im Bewußtſein ihrer natuͤrlichen Geiſtesuberlegenheit, allen Denen furcht⸗ bar, zu welchen ſie redete. „Guten Morgen, Mutter,“ ſagte Agnes „Ihr ſeid zeitig geſchaͤftig am Brunnen, wie ich ſehe. Haben Einige aus dem Dorfe Euch zu Rathe gezogen, und will man etwa wiſſen, wer einen hoͤrnernen Loͤffel ſtahl?“ Und indem ſie ſich bemuͤhete, unbefangen zu der Alten zu ſpre⸗ chen, als fuͤrchtete ſie ſie nicht, ſetzte ſie hinzu: „denn dieſe und tauſend andere Wunder, wie die Leute erzaͤhlen, nehmt Ihr aus dem Aufaquillen des Waſſers ab, je nachdem dies auf die ihm von Euch geſtellten Fragen Antwort giebt.“ „Ihr ſcheint an der Wahrhaftigkeit die⸗ ſer Dinge zu zweifeln, junge Miß,“ verſetzte Mutter Gee;„dennoch iſt der allgemeine Glaube an die Kraͤfte des Brunnens zu ſtark, als daß er ſelbſt durch einen Eurer Prieſter erſchuttert werden koͤnnte. Ihr ſeid jedoch im Irrthume, wenn Ihr glaubt, daß irgend ein Dorfbewoh⸗ ner heute fruͤh den Brunnen zu Rathe gezogen wuͤnſchte. Ich kam, wie Ihr ſeht, mit dieſem Kruge zu beſonderem Zwecke hieher; denn beim Hahnruf an dieſem Morgen kam der muͤrriſche alte Stallknecht Ralph mit einer Botſchaft von der alten Beſchließerin im Herrnhauſe zu Mount Edgeumbe zu mir.“ „Wirklich?“ entgegnete Agnes;„ich verließ das Herrnhaus zeitig, um einen Spaziergang zur Bucht zu machen, damit ich ſehen moͤgte, wie das Meer ſich nach dem Sturme zeigte, und mich duͤnkt, daß, als ich meine Kammer verließ, die Haushaͤlterin noch gar nicht aufgeſtanden war.“ „Allerdings, denn wie Ralph ſagte,“ verſetzte die Alte,„war ſie die ganze Nacht gar nicht zu Bette geweſen, indem einer der Männer, die aus dem Waſſer gezogen wurden, nahe daran ſein 129 ſoll, jetzt am Lande ſeinen Tod zu finden. Er iſt gefaͤhrlich verwundet, und die Haushaͤlterin ließ mir unter der Hand ſagen, ich moͤgte heut fruͤh hinkommen und bei dem Toͤdtlichverletzten einen Zauberſpruch verſuchen.“ „Ei, Muͤtterchen,“ meinte Agnes,„verſucht etwas Beſſeres als Zauberſpruͤche. Mehr Ver⸗ trauen moͤgte ich bei einer Verletzung in Eure Kraͤuterſalben und Wurzelnpflaſter ſetzen.“ Die Hexe beantwortete den erſten Theil die⸗ ſer Rede Agneſens mit einem Schielblick, der dem Maͤdchen die Beſorgniß einfloͤßte, zuviel ge⸗ ſagt zu haben. „Wie?“ rief Mutter Gee dann:„Verhoͤhnt Ihr meine Kunſt, und brennt doch in dieſem Augenblicke von neugierigem Verlangen, dieſelbe zu Euren Dienſten in Anwendung gebracht zu ſehen? Weiß ich doch, wo Eure Gedanken ſind, und daß Ihr Kunde uͤber den Abweſenden be⸗ gehrt! Warum ſagt Ihr ſolches nicht gleich an einem Orte, wo Niemand Euch hoͤren, wo aber allerdings Eine iſt, die Euer Verlangen befrie⸗ digen koͤnnte? Hinweg mit dieſer Heuchelei, Warleigh. J. 9 130 die bei mir nicht nuͤtzt! Weiß ich etwa nicht, daß, waͤhrend Ihr zwei Jahre lang bei Eurer Verwandtin zu Exeter Euch aufhieltet, aller⸗ liebſte Dinge vorgingen, die Eurem Vater un⸗ bekannt blieben?“ Agnes war uͤber die Maßen betroffen; ſie wußte nicht, was ſie antworten ſollte, und ihr Gewiſſen ſagte ihr, daß die Alte nur allzu ſehr Recht hatte. Mutter Gee ſah das Erblaſſen der Tochter Sir Pipers.„Nun, nun,“ ſagte ſie,„ich will Euch Eures Bangens uͤberheben, Miß, und Eu⸗ ren Befehlen, ohne daß Ihr ſie ausſprecht, nach⸗ kommen. Steht ſtill dort und ſchweigt, und ſo⸗ bald ich dieſen Eſchenzweig“(ſie nahm ein kur⸗ zes Staͤbchen auf, das neben dem Kruge lag, den ſie gefullt hatte)„dreimal uͤber den Brun⸗ nen hinſchwenkte, ſo wird der Waſſergeiſt mir ſeine Antwort kund machen. Betrachtet dieſe dunkle Fluth! Sie iſt ſchwarz, aber klar wie der Kammerſpiegel, der Dir das Bild von Dei⸗ ner Leibesſchoͤnheit zuruͤckwirft. Schaue hinein, Maͤdchen!“ Agnes that dies und gewahrte mit Erſtau⸗ nen, wie das Waſſer ihr noͤthigenfalls haͤtte zum Spiegel dienen moͤgen, um ihre wallenden Locken aufzubinden. „Es iſt ein tiefes und ſchauriges Gewaͤſſer,“ fuhr Mutter Gee fort,„denn Wahrheit ruht in demſelben, und aus ihm heraus werden verbor— gene Dinge Denen kund, die da wuͤnſchen, den Schleier zu luͤften. Merk' auf, Jungfrau: Wenn dem Manne oder dem Weibe, nach welchem ich frage, indem ich ſo ſtehe und meine Zeichen ma⸗ che, wohl iſt, wird das Waſſer augenblicklich aufwallen; wenn krank, ſo verwandelt es ſeine Farbe ſo ſchnell als eine Abendwolke es thut; wenn todt aber, ſo laͤßt es keine Veraͤnderung an ſich wahrnehmen. Verſtehſt Du mich?“ „Ich verſtehe,“ antwortete Agnes, waͤhrend ihr Herz hoch klopfte, und ſie wider ihren Wil⸗ len, theils vermoͤge des ihr durch das Weſen der Zauberſchweſter erregten Schreckens, theils vermoͤge ihrer eigenen Einbildungskraft ſich ſchier uͤberwaͤltigt fuͤhlte. „Leg' einen Silberpfennig auf jenen ſchwar⸗ 9* zen Stein am Rande des Waſſers; es iſt dem Geiſte ein Zeichen; Silber muß es ſein!“ ſagte die Hexe. Agnes gehorchte mit Zittern. „Jetzt ſteh aufgerichtet und fuͤrchte nichts,“ ſagte Mutter Gee;„Du biſt nicht die erſte junge Dirne, die ich an dieſem Brunnen bleich wie eine Leiche ſtehen ſah. Vor nicht langer Zeit kam ſogar ein Eheweib hieher, um ſich nach ih⸗ rem Gatten, einem verbannten Geiſtlichen, zu er⸗ kundigen. Ich ſah ihr neugieriges Auge, ihr athemloſes Verlangen, als ich ſeinen Namen ausſprach. Das Waſſer verwandelte ſich nicht, wohl aber that es des Weibes Geſicht, auf wel⸗ chem ſich das bittere Entſetzen ſprachloſen Wehes zeigte. Kaum war ſie nach Hauſe gewankt, ſo erhielt ſie die trubſelige Kunde, daß ihr Gatte unter Moͤrderhaͤnden gefallen war! Jetzt ſoll die Fluth von Deinem Geſchick und Deinem Freunde reden.“ „Ich will nicht hinſchauen; ich darf nicht!“ rief Agnes in einem Tone des Grauſens. „Ei was, Du mußt nicht zagen,“ verſetzte W 133 die Hexe, die an dem Schrecken, den ſie in der Seele des jungen Maͤdchens erregt hatte, Wohl⸗ behagen zu finden ſchien;„Du ſollſt hinſchauen!“ und indem ſie die Bebende am Arme ergriff und veſthielt, ſetzte ſie hinzu:„Verſtumme! rede nicht eher als bis ich das Zeichen dazu gab. Jetzt, Geiſt der Waſſer, ſprich, und ſprich mir wahr, ob Reginald Elford noch am Leben iſt, ob nicht— „ob reich, ob arm; ob kalt, ob warm; ob lebend, ob todt? Vollzieh mein Gebot!“ Dreimal ſchwang die Zauberſchweſter ihren Stab, waͤhrend ſie ſelbſt ebenfalls in den Brun⸗ nen ſtierte. Kaum aber hob ſie zum dritten Mal ihren Eſchenzweig, ſo ſtieß ſie einen Schrei des Erſtaunens aus. Agnes kreiſchte, und Mutter Gee war uͤber ihr eigen Werk etwa eben ſo verwundert, wie ein Hexenmeiſter, den das wirk⸗ liche Erſcheinen des Teufels erſchreckt, den her⸗ aufbeſchwoͤren zu koͤnnen er blos vorgab; denn wie laͤßt ſich die Verwunderung der Alten, oder die Furcht Agneſens beſchreiben, als ſie Beide einen mit breitem Kremphute bedeckten Menſchen⸗ kopf ſich in der Fluth des Brunnens abſpiegeln und dieſer Erſcheinung ſofort einen jungen Men⸗ ſchen folgen ſahen, der die vor Schrecken zu Bo⸗ den ſinkende Tochter Hugo Pipers in ſeine Arme faßte. Arhtes Capitel. „Leb' wohl! Gott weiß, wann Wiederſehn uns wird; Mir rieſelt durch die Adern kalte Furcht, Daß mir des Lebens Waͤrme moͤgt' erſtarren.“ Shakſpeare. „Algütiger Himmel! Von wannen kommt Ihr?“ ſtammelte Agnes. „Aus dem anſtoßenden Dickicht. Ich ſah Euch unter den Baͤumen heranſchreiten, hoͤrte meinen Namen nennen, und trat ploͤtzlich hervor. Ich—“ Agnes hörte ihn kaum und ſchien in Folge ihrer vorherigen Unruhe ſich ſeiner Anweſenheit nur dunkel bewußt zu ſein. Der Juͤngling aber hielt ſie in ſeinen Armen, waͤhrend Mutter Gee, 1. welche ſich des Schreckensauftrittes, den ihre Teufelei herbeigefuͤhrt hatte, zu freuen ſchien, ih⸗ ren Krug zur Hand nahm und Waſſer in das 136 Angeſicht Agneſens ſpritzte, wodurch dieſe zwar vor einer Ohnmacht bewahrt ward, ſich jedoch ſo ſchwach fuͤhlte, daß ſie nicht mehr ſtehen konnte. Der Ankoͤmmling half ihr zu einem gro⸗ ßen Steine, welcher neben dem heiligen Brun⸗ nen einen natuͤrlichen Sitz darbot; dann ſetzte er ſich neben ſie und erwies ihr all jene kleinen Aufmerkſamkeiten, durch welche er meinte, ihre Bewegung ſaͤnftigen und ihre erſtorbenen Lebens⸗ geiſter wieder erregen zu koͤnnen, waͤhrend die Alte dem Maͤdchen die Schlaͤfe und die Haͤnde rieb, die ſich leichenkalt anfuͤhlten. Obſchon es hoͤchſt wahrſcheinlich ſein mogte, daß eben ihre Entfernung hier am meiſten gewuͤnſcht wurde, ſo blieb ſie deſſen ungeachtet unter dem Vor⸗ wande, der Halbohnmaͤchtigen beizuſtehen, jedoch nur in der Abſicht, zu quaͤlen. Agnes ſtieß nur einige unzuſammenhaͤngende Worte aus, die auf heftige Gemuͤthserſchuͤtterung deuteten; der junge Mann aber, der recht huͤbſch ausſah, und ungeachtet er nur aͤrmlich gekleidet einherging, jenes Aeußere wies, durch welches der Gebildete, auch wenn er in Lumpen einher⸗ 3 ————— geht, ſich auszeichnet, gab ſich ſehr behutſam in ſeinen Worten, und ſchien betroffen zu ſein, daß er in der Ueberraſchung und Unruhe des Augen⸗ blicks der Dame Gee verrathen hatte, daß er ſich Elford nannte, indem er ſo ploͤtzlich aus ſeinem Lauerwinkel im Dickicht hervorgetreten war. Er verſuchte jetzt den Umſtand dadurch zu bemaͤnteln, daß er an Agnes einige entſchuldigende Hoͤflich⸗ keitsworte, mehr als ein Fremder, denn als ein trauter Bekannter richtete; ploͤtzlich jedoch hielt er damit inne, ſtockte, wurde betroffen und ſchien durchaus nicht mehr zu wiſſen, was er ſagen wollte. Mutter Gee's ſcharfe Beobachtungsgabe wuͤrde ſelbſt einen noch gluͤcklicheren Bemaͤntelungsver⸗ ſuch, als der des jungen Elford war, ſofort durchſchauet haben; ſo daß ſie alſo dem Juͤng⸗ ling veſt in's Auge blickte und ſagte:„Meint Ihr, junger Sir, daß Ihr mich taͤuſchen koͤnnt? oder daß ich, die ich auf eben dem Gute, das Euer Vater kuͤrzlich verloren hat, geboren wor⸗ den bin, nicht einmal einen Elford erkennen ſollte? Kenne ich doch die Geſichtszuͤge jener Fa⸗ — — —— milie wie meine eigenen! Zeigt mir Einen aus ihrer Mitte in dem fernſten Winkel der Erde, ſo werde ich ihn ſofort an der Miene des Stolzes, an der hohen Stirn, an dem Auge erkennen, das, wenn er auch der Gemaͤßigteſte unter den Seinen iſt, dennoch einen Blick des Familien⸗ wahnwitzes wahrnehmen laͤßt. Einen Elford, ſelbſt wenn er in ſeinem Sarge im Grabe laͤge, wuͤrde ich an der bloßen Form ſeiner Gebeine erkennen!“ „Wenn Ihr ſo genau wißt, wer ich bin, gute Frau,“ verſetzte der Juͤngling,„ſo muß es Euch auch bekannt ſein, wie ich nicht wuͤnſchen kann, meinen Namen ſo zu veroͤffentlichen, als Ihr es thut, indem Ihr wiederholt ihn laut ausruft. Nehmt dies und ſchweigt.“ Er reichte der Alten ein Silberſtuͤck, welches von ihr nicht ausgeſchlagen ward; wohl aber ſagte ſie, nachdem ſie es ein Weilchen betrachtet hatte:„Will ich doch darauf ſchwoͤren, daß Ihr der Erſte Eures Namens ſeid, der weniger als Gold giebt, um einen treuen Freund oder eine 139 ſchweigſame Zunge zu belohnen. Indeſſen will ich ſtumm bleiben.“ Der junge Mann ſchien den ſeiner Freige⸗ bigkeit gemachten Vorwurf zu fuͤhlen, denn mit Erroͤthen entgegnete er:„Boͤſe Zeiten haben un⸗ ſer Haus und deſſen Reichthum herabgebracht.“ „Nicht aber Euren Stolz,“ ſchrillte Mutter Gee dagegen.„Horcht auf, junger Elford! ich will ehrlich mit Euch ſein, und Euch ſagen, daß ich von Euren Angelegenheiten genauer unterrichtet bin, als Ihr es Euch vielleicht denkt. Ich ſage Euch dies, um Euch zu zeigen, daß man mir trauen kann, obſchon es Leute giebt, die mir Schlimmes nachſagen. Folgt meinem Rath und ſchlendert hier nicht um Mount Edgeumbe herum, denn obwohl Ihr ein Royaliſt ſeid, ſo reicht dieſer Umſtand allein doch nicht aus, den Sir Hugo Piper zu vermoͤgen, Euch geheime Zwie⸗ ſprach mit ſeiner Tochter unter'm Baume des gruͤnen Waldes zu geſtatten, ohne Euch zuvor die Knochen am Leibe zu zerſchlagen.“ Agnes blickte ſehr niedergeſchlagen, als ſie dies hoͤrte, und der junge Elford ſchien uͤber die Ma⸗ 140 ßen aͤrgerlich uͤber die rauhe und freche Rede⸗ weiſe der Alten zu ſein. Da dieſe jedoch weit mehr als ihm lieb ſein konnte, von ſeinen Ver⸗ haͤltniſſen zu wiſſen ſchien, ſo furchtete er, durch Auslaſſung ſeines Aergers ihren Groll zu wecken, biß ſich in die Lippen, verſchluckte ſeinen Ver⸗ druß ſo gut er konnte, und bat mit aller Hoͤf⸗ lichkeit die Hexe, ſich zu entheben. „Ich will mich entheben,“ ſagte dieſe;„und obſchon ich geraden Weges nach dem Herrn⸗ hauſe zu Mount Edgeumbe gehe, ſo will ich doch nichts uͤber Miß Agnes und den Schatten im Brunnen erwaͤhnen; denn durch Schatten darf, wie Ihr wißt, ein ſtandhaftes Gemuͤth ſich nicht erſchuͤttern laſſen. Ich will nur noch Ein Wort ſprechen, und mich alsdann entfernen; und ſolches Wort moͤge ein guter Rath fuͤr Euch, Miß Agnes, ſein. Selbſt Angeſichts dieſes jun⸗ gen Mannes warn' ich Euch, ihn nicht anzuhoͤ⸗ ren, denn er iſt ein Elford. Sein Vater, Sir Marmaduke, verſchmaͤhete einſt eine Verbindung mit Eurem Hauſe, als Euer Vater einer der reichſten Kaufherren im Weſten des Koͤnigreiches war. Das ganze Land wiederhallte davon; und Jedermann weiß, daß Sir Piers Edgeumbe aus Ruͤckſicht gegen ſeinen alten Freund Hugo ſich in's Mittel legte, um das Ehebuͤndniß zu Stande zu bringen. Dies ſchlug jedoch fehl; und ich befand mich im Herrnhauſe, als Sir Piers ſich erbot, Euch von Exeter wegzuholen, wo Eure Verwandtin es geſtattete, daß Maſter Elford ohne Vorwiſſen beider Väter um Euch warb, bis Sir Marmaduke es ausfindig machte, und ſchier raſend daruͤber werden wollte. Denkt Ihr alſo, daß, wenn Sir Marmaduke ſeinen Stolz nicht beugen wollte, als Ihr noch eines reichen Handelsmannes Tochter waret, er ſolches jetzt thun wuͤrde, da Euer Vater bis zum Kleinhaͤnd⸗ ler herabgeſunken iſt? Geht und lernet klug ſein, bevor es zu ſpaͤt dazu wird!“ „Weib!“ rief der junge Elford aͤrgerlich, „dieſe Dreiſtigkeit uͤberſteigt alle Graͤnzen. Du haſt die junge Dame erſchuͤttert— verlaß' uns. Ich flehe Dich an, zu gehen; benimm Dich ver⸗ ſtaͤndig, und ich werde trachten, Dich zu be⸗ lohnen.“ „Findet erſt die Mittel dazu,“ verſetzte Mut⸗ ter Gee,„denn ſoll man dem Geruͤchte glauben, ſo ſind die Eurigen wie ein Gewaͤſſer im Sande zerronnen. Und Ihr, Miß Agnes, laßt die Zeit gewaͤhren. Koͤnnt Ihr Euren Sinn ſo demuͤthi⸗ gen, daß Ihr Euch in eine Familie hineinſteh⸗ len moͤgtet? Moͤgtet Ihr kalten Blicken, deu⸗ tenden Fingern und geſchuͤttelten Koͤpfen begeg⸗ nen, waͤhrend man Euch meidet, oder Euch den Ruͤcken derjenigen neuen Verwandten zeigt, de⸗ ren Geſichter Ihr zu ſehen begehrtet? Ich wuͤn⸗ ſche Euch Gluͤck zu ſolcher Ehe, ſobald jener junge Herr dort Euer Braͤutigam iſt.“ Die Hexe enthob ſich mit dieſen Worten, die ſie nur ge⸗ ſprochen hatte, um zu zeigen, daß ſie mit Dem, was die beiden jungen Leute fuͤr ein Geheimniß hielten, vollkommen wohl bekannt war. Agnes blieb bitterlich weinend mit Elford, der neben ihr ſaß, auf dem Steine zuruͤck. Als Reginald des Maͤdchens Hand hielt und ſie mit einem Geſichte anblickte, auf welchem ſich innige Zaͤrtlichkeit fuͤr ſie und Aerger uͤber die Frechheit des alten Weibes miſchten, das mit ih⸗ rem Kruge und ihrem Stabe dem Herrnhauſe zuſchritt, ſprach er:„Agnes, liebe Agnes, ſei getroͤſtet! Dieſe Deine Betruͤbniß verkuͤmmert die wenigen Augenblicke, die, Dich zu ſehen, der Zufall mir gewaͤhrte. Wolle mein Leid nicht noch durch Deine Thraͤnen vergroͤßern!“ „Verlaß mich,“ entgegnete Agnes;„Regi⸗ nald, ich flehe Dich an, verlaß mich. Jenes gottloſe Weib ſprach Wahrheit, obwohl in bit⸗ tern Worten. Ueberdies befahl mir mein Va⸗ ter—“ „Nicht, meiner zu vergeſſen, nicht, mich fuͤr immer zu verwerfen,“ fiel Reginald Elford ein. „Sir Hugo, der liebreichſte Mann, der beſte al⸗ ler Vaͤter, konnte ſolche Gewaltthaͤtigkeit gegen ſeiner Tochter Gefuͤhle nicht uͤben, wie wenig er der meinigen auch achten mogte.“ „Gewiß konnte er es nicht in der Abſicht, Dich oder mich zu kraͤnken, das glaube mir,“ ſagte Agnes;„aber, o Elford! Du kennſt mei⸗ nen Vater nicht. Wohl ſchlaͤgt auf Erden kein liebfreundlicheres, großmuͤthigeres Herz als das ſeinige; doch hat er Eine Eigenheit, die ſelbſt 144 ſeiner Herzensguͤte den Rang ablaͤuft, naͤmlich ſeine Rechtſchaffenheit; und Deine Liebe zu mir ohne Zuſtimmung des Sir Marmaduke Elford zu billigen, wuͤrde er fuͤr ſo unredliche Hand⸗ lung anſehen, daß kein Menſch ihn jemals da⸗ hin bringen koͤnnte, ihr Gehoͤr zu geben. Ohne Deines Vaters Einwilligung billigt der meinige nimmer Deine Wahl.“ „Ach, Agnes,“ entgegnete Reginald,„ſprich nicht von meinem Vater. Er iſt nicht in ei⸗ ner Lage, in der man ihn um ſolche Einwilli⸗ gung bitten konnte; und ich bin nicht in der, Dich zum Weibe nachzuſuchen. Nein, Agnes,“ fuhr er fort, indem er aufſtand und am Brunnen hin und her ſchritt,„ich kann nicht, will nicht, darf nicht um Dich werben. Wir ſind Bettler worden— Alles, Alles ging uns verloren— ein Preis iſt auf meines theuren Vaters Kopf geſetzt! Waͤhrend er keinen Zufluchtsort als den etwa hat, den ihm das Erbarmen oder die Ge⸗ fahr irgend eines Freundes bietet, waͤhrend ich in unausſprechlicher Angſt dies ausſpreche, ha⸗ ben ſein Mißgeſchick, ſeine Kriegsfahrten, ſeine ir langwierigen Leiden ihm einen Anfall von jener ſchauerlichen Krankheit zugezogen, auf welche je⸗ nes alte Weib ſo eben hindeutete. Er iſt der Fuͤrſorge ſeines Sohnes entronnen, der ihn jetzt mit bangem Herzen aufſucht, ohne Hoffnung zu haben, ihn zu finden. Es heißt, er ſei in dieſer Gegend irgendwo verborgen; dies zu erforſchen, bin ich hier; doch bin ich es auch noch um an⸗ derer hochwichtiger Urſache willen— von der ich jedoch jetzt nicht reden will. Laß mich vielmehr der Augenblicke genießen, in denen ich mich Dei⸗ ner erfreuen kann; wiewohl ich, es ſei Dir frei heraus geſtanden, Agnes, heute fruͤh nicht nach Mount Edgcumbe kam, um Dich zu finden.“ „Was war es denn, was Dich hieherbrachte?“ „Frage nicht, Agnes,“ verſetzte Reginald; „betraͤfe es mich allein, ſo ſollteſt Du es zuver⸗ laͤſſig erfahren; doch ein Leben, das tauſendmal mehr werth iſt als das meinige, eine meinen beſten Gefuͤhlen uͤber Alles wichtige Angelegen⸗ heit haͤlt ſelbſt gegen Dich meine Lippen verſie⸗ gelt. Sei uͤberzeugt, daß Alles Dir zu Gebote ſteht, was Reginald Elford ſein nennt. Seine Warleigh I. 10 146 1 Ehre aber gehoͤrt nicht ihm allein— ſie gehoͤrt 1 auch ſeinem Vater und ſeinem Vaterlande— und die Ehre iſt es, Agnes, die mir Schweigen auferlegt; alſo frage mich nicht, meine Geliebte!“ „Ich will auch nicht fragen,“ ſagte Agnes; „doch wuͤnſchte ich, Du koͤnnteſt meinen Vater beſuchen. Du ſiehſt ſo niedergeſchlagen, ſo kraͤnk⸗ lich aus, daß mir das Herz weh thut, wenn ich Dich anblicke. Du haſt meinen Vater niemals geſprochen, denn er kam nimmer nach Exeter, ſo lange ich unter dem Dache der Lady Parr weilte. Ich wollte, Du koͤnnteſt zu ihm gehen.“ 1„Das darf ich jetzt nicht, Agnes,“ antwortete 1 Reginald,„denn als Dein Vater wuͤrde er das Recht haben, mich uͤber den meinigen zu befra⸗ gen; ich aber koͤnnte ihm keine Antwort geben, koͤnnte nicht, Agnes,“ ſetzte er in der bitterſten Seelenſtimmung hinzu,„könnte nicht den Muth gewinnen, ihm zu ſagen, daß, nachdem ich ſei⸗ ner Tochter Liebe ohne ſeine Zuſtimmung ge⸗ 1 wann, ich fuͤrchten muͤßte, derſelben fuͤr immer 1 entſagen zu ſollen.“ „O ſprich nicht ſo,“ rief Agnes, als die Thraͤnen, die zu verbergen ihr nicht einfiel, ihr uͤber die Wangen rollten.„Geh nicht von mir; laß der Zeit ihren Lauf— endlich werden die Sachen ſich ja wohl uns zu Gunſten wenden. Du ſagſt, Deines Vaters Vermoͤgen ſei verloren? Gewiß, dieſer Umſtand wird ſeinen Stolz und ſeine Einwuͤrfe bewaͤltigen, und wenn mein Va⸗ ter ſich wieder in ſeinen Geſchaͤften erholt, ſo koͤnnen wir Euch ja forthelfen. Mein Vater ſah Dich niemals, doch kennt und ehrt er Deine Denkweiſe, und hatte nie Etwas gegen unſere Verbindung, außer Dem, was er fuͤr Ehrenpflicht hielt, naͤmlich daß er nicht eher in dieſelbe wil⸗ ligen koͤnnte, als bis der edler geborne Sir Mar⸗ maduke ſeine Zuſtimmung zu derſelben gegeben haben wuͤrde. Harre aus, und ſieh zu, was die Zeit fuͤr uns thun mag.“ „Was mich betrifft, Agnes, ſo fuͤrchte ich, daß ich nichts werde thun koͤnnen. Ich habe in dieſen Kriegen Alles, nur nicht meine Ehre und mein Leben eingebuͤßt. Selbſt wenn mein Va⸗ ter hinreichend ſeiner ſelbſt mäͤchtig waͤre, um in unſere Verbindung zu willigen, wuͤrde ich doch 10* 148 nicht gewiſſenlos genug ſein, Dich, die Zartge⸗ woͤhnte, zur Genoſſin meiner Duͤrftigkeit zu ma⸗ chen. Ich bin elend und verbannt, und es trach⸗ ten Diejenigen nach meinem Leben, die alle Die⸗ jenigen hinwuͤrgen, die ſie als ihren Maßregeln nachtheilig betrachten. Welches Loos koͤnnte ich unter ſolchen Umſtaͤnden Dir anbieten, Dir, deren Liebe mir das Hoͤchſte auf dieſer Welt iſt? Nein, Agnes, erſt laß mich meinen Vater ſich ſelber wiedergegeben ſehen; laß mich ihn geſund und in Sicherheit wiſſen, und der verarmte El⸗ ford, dem nichts blieb als ſein Schwert und ein gebrochenes Herz, geht dann, um im fremden Lande Dienſte zu ſuchen. Gleichviel, wie lange er ſein Leben noch friſtet, nachdem er gelebt hat, um zu ſehen, wie vor ihm ſeine lieblichſten Hoff⸗ nungen ſterben!“ „Rede nicht ſo!“ ſagte Agnes, deren ganze Seelenſtaͤrke ihr bei dem Anblick ihres ſo tief be⸗ kuͤmmerten Geliebten wiederkehrte—„denke nicht ſo niedrig von mir. Ich gab Dir die feierlichſte Zuſage meiner Liebe und Treue, als Du an Gluͤcksgutern weit reicher warſt denn ich; denkſt ze ht ſte an Du, ich werde jetzt von Dir laſſen, da Du aär⸗ mer biſt, als ich es bin? Nein, Elford! ſo lange ich lebe, gehoͤrt meine Liebe Dir und meinem Vater.“ „Eben dieſe Liebe und Treue, die um mei⸗ netwillen allen Leiden Trotz bieten moͤgte,“ ent⸗ gegnete Reginald,„ſollte mich lehren, keinen Vortheil aus ihr zu ziehen, ſie nicht zu verra⸗ then. O Agnes! waͤre mir nur Eine Dir zu bietende troͤſtende Hoffnung geblieben! Du weißt nicht, mit welcher Innigkeit ich ſolche Hoffnung veſthalten koͤnnte! Aber es waltet eine Urſache— eine verhaͤngnißvolle Urſache ob— ich darf Deine Sicherheit nicht auf's Spiel ſetzen. Ich rede unklar, Agnes; ich weiß, daß ich es thue, den⸗ noch darf ich nicht deutlicher ſprechen. Ich bin ſorgebeladen und herzenskrank, und gaͤnzlich un⸗ tuͤchtig, ſo zart als ich es wohl wollte, einen Ge⸗ genſtand zu beruͤhren, der einem ſo liebevollen, freundlichen und gutherzigen Weſen, als Du biſt, ſo peinlich iſt.— Vergiß mich, Agnes; vergiß Den, deſſen Pfad zu bangen Beſchwerden, zu Gefahren, vielleicht zum Tode leitet; und gleich⸗ 150 viel wann dieſer ihm nahet, nachdem ich zu Dir das letzte bittre Wort— Lebewohl geſprochen haben werde.“ Agnes konnte ihren Empfindungen nicht laͤn⸗ ger gebieten; ihre Einbildungskraft malte ihr tauſend Schreckniſſe, tauſend fuͤrchterliche Um⸗ ſtaͤnde vor, auf welche Elfords duͤſtre Winke ſo geheimnißvoll hingedeutet hatten; und ungewoͤhnt an Unterdruͤckung irgend einer ihrer ſtaͤrkeren Herzensregungen rief ſie laut in ihrer Seelen⸗ angſt:„Gefahr oder Tod— ich achte ihrer nicht; beide ſollen mir willkommen ſein, ſo wir nur nicht fuͤr immer— nur nicht ſo von einander ſcheiden muͤſſen!“ Ihre Thraͤnen fuhren fort zu fließen, als Reginald Elford bemuͤht war, ihre Wallung zu dampfen und zu beſchwichtigen, bis herabge⸗ ſtimmt durch des Mädchens fortwaͤhrende Verſi⸗ cherungen ihrer unerſchuͤtterlichen Liebe und Treue zu ihm, ſein hohes Ehrgefuhl, welches ihm vor⸗ geſchrieben hatte, die Geliebte zu laſſen und ihr lieber fur immer zu entſagen, als ſie in die Ge⸗ fahren zu verwickeln, von denen er ſich umringt 151 ſah, maͤchtig erſchuͤttert ward; ſo daß, nachdem er vergebens verſucht hatte, ſeinem hinſterbenden Vorſatze neues Leben einzuhauchen, er damit en⸗ dete, voll herzlicher Hingebung ſeine wiederhol⸗ ten Liebesverſicherungen gegen diejenigen Agne⸗ ſens auszutauſchen, alles Uebrige der Zeit und dem Zufalle, jenen unzuverlaͤſſigſten von allen Freunden, anheimzuſtellen, denen Liebende in der Noth nur allzu gern eben ſo ſehr vertrauen, als der Ertrinkende eifrig nach einem Strohhalme haſcht, um ſich zu retten. Die Zeit verrann; die Sonne ſtieg immer hoͤher und der Vormittag ruͤckte heran, ehe Agnes bedachte, wie lange ſie ſchon am heiligen Brun⸗ nen geweilt hatte; auch wuͤrde ihr dieſes jetzt noch nicht eingefallen ſein, wenn ſie nicht ploͤtz⸗ lich ihren Namen laut im nahen Walde hätte rufen hoͤren. Sie fuhr auf.„Man ruft mich,“ ſagte ſie,„mein Vater laͤßt mich ſuchen. Lebe wohl, Reginald! Sei behutſam und zufrieden. Vermeide jegliche unnuͤtze Gefahr, und bedenke, daß, wenn wir auch unſere Herzen gegen einan⸗ der austauſchten, unſere Haͤnde doch nicht eher in einander gelegt werden, als bis Sir Marma⸗ duke Elford und mein theurer Vater den Segen uͤber unſeren Bund ſprachen. Gehab Dich wohl! Gehab Dich wohl!“ Und bei dieſem letzten, ſchwachen Verſuche, den ihrem Vater ſchuldigen Gehorſam zu beob⸗ achten, enthob Agnes ſich, um Denen entgegen zu gehen, die man ausgeſchickt hatte, um ſie auf⸗ zuſuchen. Sie verließ Elford, der von vielen und mannichfaltigen Bekuͤmmerniſſen niederge⸗ beugt daſtand, deren ſchwerſte er aus Ehren⸗ pflicht ihr verhehlt hatte, indem dieſe ihm gebot, ein Geheimniß, das heilig wie jemals eines war, das man ihm anvertrauete, ſelbſt Derjenigen zu verhehlen, die er mehr als ſein eigenes Leben liebte. „ 5 „— der Schein betruͤgt, Und ſteh'nde Regel iſt der Eine Grundſatz: Die Menſchen ſind nicht, was zu ſein ſie ſcheinen.“ Havard's„Scanderbeg“. Es ſchien, als ſollte der Morgen dieſes Tages fuͤr die arme Agnes uͤberreich an Pruͤfungen und Herzenserſchuͤtterungen ſein; denn ein anderer und kaum minder aufregender Auftritt harrte ih⸗ rer, als ſie nach Hauſe kam. Bei ihrem Ein⸗ tritt in das Wohngemach, wo die Familie das Fruͤhmahl einnahm, gewahrte ſie Merkmale all⸗ gemeiner Unruhe und Beſorgniß, und ihr Va⸗ ter, Sir Hugo, aͤußerte ſich, ganz gegen ſeine Gewohnheit, ſelbſt wenn ſie ſich noch ſo ſehr vergangen haben mogte, hoͤchſt muͤrriſch uͤber ihre fruͤhzeitigen Spaziergaͤnge und ihr langes — 154 Außenbleiben. Offenbar war es, daß ſich Etwas ereignet haben mußte, wodurch der Gleichmuth der geſammten Geſellſchaft geſtoͤrt ward. Dem LTiſche nahe ſaß Sir Piers; vor ihm lag ein Packet Schriften; in der Hand hielt er einen offenen Brief, den er zu mehreren Malen uͤberlas, dann zuſammenfaltete und ihn zuletzt ſorgfaͤltig in ſeine Taſche ſchob, dabei das tiefſte Schweigen beobachtete, waͤhrend jeder Zug ſei⸗ nes geiſtvollen Geſichtes eine gedankenvolle, bei⸗ nahe feierliche Stimmung ausdruͤckte; und in ſei⸗ nem Weſen zeigte ſich dann und wann eine Reiz⸗ barkeit, obwohl er bemuͤht war, ſeinen Verdruß zu verbergen; denn indem er die Eier und den WMuskatwein ſchmeckte, die man vor ihn hinge⸗ ſetzt hatte, damit er ſein Fruͤhſtuͤck vollenden moͤgte, rief er ein„Hm! hm!“ uber das an⸗ dere, auf eine Weiſe, wie Agnes es von einem Mann ſeiner ruhigen Gemuͤthsart nie und vol⸗ lends niemals über eine ſolche Kleinigkeit gehort hatte, als ein ſeinem Geſchmacke nicht voͤllig zu⸗ ſagendes Fruͤhſtuͤck ſein mußte. Noch merkwuͤr⸗ diger aber war es, daß Sir Piers den armen Orgar mit aufgehobenen Vorderbeinen vor ſich ſitzen und ihn ſtarr anblicken, ja von Zeit zu Zeit ein Aufmerkſamkeit zu erregendes Aechzen von ſich geben ließ, ohne im mindeſten auf dieſe Aeußerungen des Thieres zu achten; bis endlich, nach wiederholtem Anmahnen, Orgar eine Schnitte von dem Rindfleiſche gleichgultig hingeworfen er⸗ hielt, das in der Mitte auf der Tafel ſtand. Sir Hugo Piper ſchritt im Gemach auf und ab, indem er die eine Hand in ſeiner Seitenta⸗ ſche, in der andern die Pfeife hielt, deren Dampf ein- und auszuhauchen ihm unter allen peinli⸗ chen Lebensverhaltniſſen Erleichterung und Troſt zu gewaͤhren pflegte; weswegen ihm denn auch keine Philoſophie haltbarer als die erſchien, Ta⸗ back von Barbadoes zu rauchen. Sir Hugo Piper ſah dann noch ernſthaft aus, als ſeine Tochter bereits eingetreten und der kleine Zank mit ihr voruͤber war; und Cornet Davy, deſſen Weſen, Regungen und Geſichtszuge ſtets in Uebereinſtimmung mit denen ſeines Brotherrn waren, ſaß am Kamine, lugte ernſthaft nach Un⸗ terhaltung aus und ſuchte keinen andern Troſt, als den, ſein Fruͤhbrot, das er mit vielem Be⸗ dachte verzehrte, dadurch zu veredeln, daß er von Zeit zu Zeit beſcheidentlich ein Glaͤschen köſtlich duftenden gebrannten Waſſers ausnippte. Agnes fuͤhlte ſich aͤußerſt unbehaglich; ſie wußte, daß ihr heutiger Morgenſpaziergang nicht ganz von der Art geweſen war, daß ſie gern hätte Rechenſchaft davon ablegen moͤgen, es wäre denn, daß ihr Vater ſie deshalb unter vier Augen befragt haͤtte. Sollte er dies thun, ſo— und damit beſchwichtigte ſie ihr Gewiſſen, wel⸗ ches ihr ſagte, ihm Alles ungefragt zu ent⸗ decken,— ſo wollte ſie entſchloſſen ihm die reine Wahrheit und nichts weiter ſagen; wollte weder Ausflucht noch Entſchuldigung fuͤr ihr Vergehen ſuchen. Schweigend ſetzte ſie ſich, und um be⸗ ſchaͤftigt mit irgend Etwas zu ſein, legte ſie ſich Etwas von den auf der Tafel befindlichen Spei⸗ ſen vor, obſchon ſie keine Eßluſt ſpuͤrte, wel⸗ ches man in Erwaͤgung der ihr vorhin geworde⸗ nen heftigen Gemuthsbewegung wohl glauben mag. Freunde, die unter peinlichen Verhaͤltniſſen 157 ſtehen, welche ſie einander nicht mittheilen moͤ⸗ gen, fuͤhlen jederzeit das Schweigen als etwas hoͤchſt Linkiſches und Läſtiges. So ging es auch unſeren Leutchen, von denen Jeder vielleicht ſich nach einem geſprochenen Worte ſehnte, waͤhrend jedoch Keiner von ihnen den Muth hatte, die druͤckende Stille zu unterbrechen. Endlich ging die Thuͤr auf, und Miß Robina Edgeumbe trat herein. Ihr Scharfblick gewahrte ſofort das un⸗ gewoͤhnliche Duͤſter, das den Himmel Aller truͤbte.„Wie?“ rief ſie,„was iſt Euch Allen? Was hat ſich zugetragen? Doch kein neues Miß⸗ geſchick, will ich hoffen. Seht Ihr doch Alle ſo feierlich aus und ſeid ſo ſtumm wie eine Geſell⸗ ſchaft Quaͤker, oder wie ein gruͤbelnder Prieſter, der ſich vor Eroͤffnung ſeines Sermons unter Inſpiration zu ſein beduͤnkt! Liebſter Vater, werther Sir Hugo, laßt mich nur Einmal ſe⸗ hen, daß Ihr laͤchelt, geſchaͤhe es auch nur aus Widerſtreben gegen die Puritaner, die da des Glaubens leben, Froͤmmigkeit koͤnne nur hinter ſauer ausſchauenden Geſichtern ſtecken.“ „Wir haben heute fruͤh keine Urſache zu laͤ⸗ 1⁵⁸ cheln, liebe Robina,“ ſagte Sir Piers.„Ich habe von einigen Freunden Briefe erhalten, die mich wegen einer uns am Herzen liegenden Sache nicht wenig aͤrgern. Zudem haben wir, wie ich fuͤrchte, einen Sterbenden im Hauſe.“ „Und einen Lebenden,“ ſiel FaHugo, der ſeinen Auf⸗ und Abmarſch, ſo wie das Rauchen einſtellte,„und einen Lebenden, der, wie mich nach etlichen Worten, die ich laut werden hoͤrte, duͤnkt, beſſer außer dem Hauſe ſein wuͤrde.“ „Still!“ ſagte Sir Piers;„er iſt aufgeſtan⸗ den. Ich habe ihn zum Fruͤhmahl bitten laſ⸗ ſen, und mich duͤnkt, ich hoͤr' ihn kommen.“ So war's; die Thuͤr oͤffnete ſich, und ein junger Mann trat herein. Die Kleider, welche er trug, paßten ihm nicht, denn ſie gehoͤrten dem Hausherrn, weshalb ſie denn auch dem Aeußeren des Juͤnglings nicht zum Vortheile ge⸗ reichten. Nichts deſto weniger ſchien der Fremde wohl gebaut, und war von beſonderer Koͤrper⸗ laͤnge. Er wies huͤbſche Geſichtszuge, obgleich ein Ausdruck von tiefem Nachdenken, ja faſt von Schwermuth ihn um vier oder fuͤnf Jahre aͤlter —— ——— erſcheinen ließ, als er wirklich war. Er ſah bleich und kraͤnklich aus, und fuͤhlte ſich erſicht⸗ lich noch ſchwach von den Drangſalen, die er Tags und Abends zuvor erlitten hatte. In ſei⸗ nen Mienen zeigte ſich nichts von der Munter⸗ keit der Jugend, nichts von jener Lebhaſtigkeit, die Hoffnungen aus Wuͤnſchen erzeugt und Er⸗ wartungen hegen laͤßt, ſobald Entwuͤrfe gemacht worden ſind. Doch lag in ſeinen vollen, dun⸗ keln und glaͤnzenden Augen Das, was man in ſolchen Augen ſelten gewahr wird, naͤmlich ein Charakter ganz beſonderer Milde, wodurch genuͤ⸗ gend der Mangel jener Lebhaftigkeit ausgeglichen ward, die man in jugendlichen und huͤbſchen Maͤnnern wahrzunehmen pflegt. Sobald der Fremde eintrat, ſtand Sir Piers auf und begruͤßte ihn, wogegen Jener ſich ver⸗ beugte, dann ehrerbietig auf die Uebrigen um⸗ herblickte, bis ſein Auge an Agnes Piper haften blieb. Kaum hatte er die Tochter Sir Hugo's wahrgenommen, ſo wurden ſeine bleichen Wan⸗ gen noch bleicher, waͤhrend Agnes dagegen bis uͤber den Nacken erroͤthete. Eine leichte Verbeu⸗ 160 gung und einige unzuſammenhaͤngende Worte, die auf gegenſeitiges Wiedererkennen ſchließen lie⸗ ßen, veranlaßten den Vater Agneſens, raſch hin⸗ geworfen die Frage zu thun:„Wie es ſcheint, Agnes, kennſt Du dieſen jungen Herrn; doch will ich hoffen, es ſei daruͤber nicht zu erröthen.“ Miß Agnes entgegnete hierauf, daß ſie den jungen Fremden oft waͤhrend ihres Aufenthaltes bei ihrer Großmutter muͤtterlicher Seite, der Lady Parr, geſehen haͤtte,„deren Haus er in der That vielfaͤltig beſuchte“. „Du hatteſt dort, ſollt' ich meinen, viele Bekanntſchaften, Agnes, von denen ich nichts erfuhr,“ ſagte Sir Hugo, ohne eine beſondere Abſicht in dieſe Bemerkung legen zu wollen; jedoch Agneſens Gewiſſen tauchte die Wangen derſelben in nur noch tieferen Purpur.„Deine alte Großmama,“ fuhr Sir Hugo fort, der gern ſeinen Gedanken Luft machte, ohne immer zu erwaͤgen, ob ſolches im Beiſein Anderer zu thun auch klug und räthlich ſein duͤrfte—„jene Lady Parr, ſag' ich, ſah jeden jungen Springins⸗ feld nur allzu gern, und oͤffnete ihm willig ihte 161 Thuͤren. Ich meines Theils ſah es niemals gern, daß meine Tochter ſich bei ihr aufhielt; jedoch Dame Piper lebte des Glaubens, es hätte ſol⸗ ches ſein Gutes, und ein„„Aus den Augen, aus dem Sinn““ traͤte beim Abfaſſen eines Te⸗ ſtamentes nur allzu haͤufig ein. So ward Agnes denn etliche Jahre bei der Großmama gelaſſen, waͤhrend welcher Zeit die Haͤlfte der jungen Burſchen der Grafſchaft wie Motten um ein Licht um ſie herum flatterten, ſo daß ihrer mehr denn genug kamen, um einer jungen Dirne den Kopf zu verdrehen. Die alte Milady Parr aber kitzelte es, wenn ſie ihre Seſſel mit nichtsſagen⸗ den, herausgeputzten, ſpreizbeinigen jungen Stutzern beſetzt ſah.“ Sir Piers, welcher wahrnahm, wie uͤberaus peinlich fuͤr Agnes dieſe unbedachtſame Rede Sir Hugo's war, wendete dieſelbe, ſo ſchnell er konnte, dadurch ab, daß er einen andern Gegenſtand be⸗ ruͤhrte, indem er den jungen Mann nach deſſen Befinden fragte, und die Hoffnung aͤußerte, er wuͤrde ſo wohl auf ſein, als es nach den von ihm juͤngſt beſtandenen Gefahren und der ihm Warleigh. I. 11 162 durch Gottes Fuͤgung gewordenen Rettung der Fall ſein koͤnnte. Der Fremde beantwortete dieſe Fragen mit eben ſo vieler Artigkeit als Zufriedenſtellung, dankte ſeinen Rettern in den verbindlichſten und herzlichſten Ausdruͤcken, und ließ in der That nichts von Dem ungeſagt, was bei ſolchen Gele⸗ genheiten geſagt werden muß. Als dieſer Austauſch ſchuldiger Hoͤflichkeits⸗ reden voruͤber war, aͤußerte Sir Piers ſeine Theilnahme in Bezug auf den zweiten Schiff⸗ bruͤchigen, worauf der junge Mann kopfſchuͤttelnd entgegnete:„Ich fuͤrchte, er ſchwebt in großer Gefahr. Wie ich hoͤrte, hat er während der Nacht nicht geſchlafen, ſondern faſt beſtaͤndig irre geredet und ſich eingebildet, noch auf dem Meere zu ſchwimmen. Dieſen Morgen jedoch ſcheint er lichte Augenblicke zu haben, denn er erkannte mich und fragte, wann der Arzt wiederkommen wuͤrde.“ „Und wann wird der wiederkommen, Ro⸗ bina?“ fragte Sir Piers. „Wahrſcheinlich erſt ſpaͤt Abends,“ war die Antwort;„denn als geſtern Abend Doctor Harts⸗ 163 horn unſer Haus verließ, ſagte er, daß er meh⸗ rere Meilen weit fahren muͤßte, um einen Pa⸗ tienten zu beſuchen, der zwar nicht ſo krank als der arme Fremde, jedoch eine in der Grafſchaft hochanſehnliche Perſon waͤre.“ „Ei was!“ rief Sir Hugo,„der gefaährli⸗ chere Kranke ſoll billig jederzeit der hochanſehn⸗ liche fuͤr den Arzt ſein! Der Herr Doctor haͤtte heute Morgen wiederkommen ſollen.“ „So dachte die ehrliche Haushaͤlterin eben⸗ falls, verehrter Sir,“ fiel Cornet Davy ein, der jetzt zum erſten Male an dieſem Morgen das Wort nahm;„denn ſie ſagte mir, daß des Arz⸗ tes Ausbleibens und ihrer eigenen Beſorgniß willen, ſie zu einer alten Frau geſchickt haͤtte, die ganz beſonders bewandert in Heilung von Krankheiten und Wunden ſein ſoll.“ „Alte Frau? Was fuͤr eine?“ fragte Sir Hugo. „Ganz ſicher,“ fiel Robina ein,„ließ ſie die ſcheußliche alte Hexe, Mutter Gee, holen, durch die, wenn grimmige Blicke eine Krankheit zu 1 164 heilen vermoͤgten, dem armen Fremden zur Stelle geholfen werden wuͤrde.“ „Hm,“ meinte Sir Piers,„Mutter Gee verſteht ſich trefflich auf die Arzneikunde, obwohl ſie ein Weib von boͤſer Gemuͤthsart iſt. Daß ſie herrliche Kraͤutertraͤnke zu bereiten weiß, hab' ich an mir ſelber erprobt. Auch hat ſie eine beſſere Erziehung genoſſen, als es ſonſt wohl mit Leuten ihrer Herkunft der Fall iſt. Dieſe umſtaͤnde, verbunden mit ihrer Schlauheit, ih⸗ rem Murrſinn und ihrem Hange, mit des gemei⸗ nen Mannes Leichtglaͤubigkeit ihr Spiel zu trei⸗ ben, haben ſie in groͤßeren Ruf gebracht, als ihr Guteswirken es verdient, und ihr den Cha⸗ rakter einer Hexe beigelegt. Die Doͤrfler erzaͤh⸗ len ſeltſame Streiche, die ſie am heiligen Brun⸗ nen den Leuten ſpielen ſoll; doch will ich wet⸗ ten, daß ſie nimmer den Teufel auf die Ober⸗ flaͤche des dunkeln Waſſers heraufbeſchwor.“ Dies war abermals ein zufaͤllig abgeſchoſſe⸗ ner Pfeil, der, ohne dahin gezielt worden zu ſein, die arme Agnes tiefverletzend traf; und ihre beobachtende Freundin Robina, die, ohne zu wiſſen was vorgefallen war, Agneſens Peinlich⸗ keit gewahrte, kam dem Maͤdchen zu Huͤlfe, ohne jedoch zu ahnen, nach welcher Gegend hin es am meiſten noͤthig war, den Streich abzu⸗ wehren. „Verſchwenden wir nicht die Zeit,“ ſagte ſie, „indem wir von Mutter Gee reden; wir Alle kennen ſie ja als die beſte Heilkuͤnſtlerin in der Gegend. Ihr Kommen kann uns alſo beruhi⸗ gend werden. Uebrigens moͤgte ich meinen Rath zum Heil des Fremden ebenfalls geben; dem Schwerverwundeten muß zur Ader gelaſſen wer⸗ den; denn als Doctor Hartshorn geſtern weg⸗ ging, ſagte er in ſeiner umſtaͤndlichen Redeweiſe zu mir:„„Wenn dem Patienten nach dem Tranke, den ich ihm gegeben habe, nicht viel beſſer wird, ſo laßt ihm morgen fruͤh eine Ader oͤffnen, und reicht ihm alsdann ein wenig Perlenertract in Waſſer.““ Als ich nun den Doctor fragte, wer dem Manne zur Ader laſſen ſollte, antwortete er:„„Schickt nach Trim Foretop, dem Bader, denn der laͤßt ſo Roß wie Mann zur Ader gleich Einem im Lande.““ 166 „Jedenfalls,“ ſagte Sir Piers,„werde ſo⸗ gleich nach Trim Foretop geſchickt.“ „Mit Eurer und Sir Hugo's Erlaubniß,“ nahm Cornet Davy das Wort,„will ich zu ihm gehen; und da im Laden eines Bartſcheerers al— lerlei Neues umlaͤuft, ſo vernehme ich vielleicht etwas dergleichen, bevor der„„Tagesbote““ ein⸗ trifft.“ „Recht ſo, Davy,“ ſagte Sir Hugo,„nur haͤtteſt Du nicht meine Erlaubniß erſt dazu er⸗ bitten ſollen, denn ſo lange Du zu Mount Edg⸗ cumbe im Herrnhauſe der Gaſtfreundſchaft ge⸗ nießeſt, hoͤr' ich auf, Dein Herr zu ſein, indem ich dort gleich Dir ein Gaſt bin. Noch Eins, Davy! Haſt Du Dein Gewerbe an den Bader ausgerichtet, ſo ſchau doch daheim vor, ob Alles im Laden ordentlich hergeht, und ſage meiner Hausehre Sibylla Alles, was ſich hier zutrug, und daß ich wohl erſt morgen fruͤh wuͤrde kommen koͤnnen.“ „Es ſoll kein Jota von Eurem Befehl un⸗ ausgefuͤhrt bleiben, Sir,“ verſetzte Davy,„und ich hoffe hin und zuruͤck eben ſo ſchnell zu ſein, d. —————————— 167 als es jemals einer von Euren alten Spaͤhern bei der Belagerung von Plymouth war.“ „Daran zweifl ich nicht,“ ſagte Sir Hugo. „Geh mit Gott, Davy,“ ſetzte er hinzu, als der Cornet die Thuͤre hinter ſich zuzog,„Du ehrliche Seele, der Du eben ſo gut ein lederge⸗ bundenes Rechnungsbuch wie eine leberne Ka⸗ none handhabſt, und desgleichen ich, was Muth und Treue betrifft, in einem armen Handelsge⸗ huͤlfen nimmer geſehen habe, noch hoffen kann, jemals zu finden.“ Sir Piers bot dem Fremden jetzt von dem Fruhſtuͤck und erzeigte ihm jegliche freundwirth⸗ liche Aufmerkſamkeit. Der junge Mann wies jedoch hoͤflich das Angebotene zuruͤck, indem er bemerkte, daß die Beſchließerin ihn bereits mit dem Erforderlichen verſorgt haͤtte. „Nach ſolchen Gefahren, wie Ihr ſie geſtern uberſtandet,“ meinte Sir Piers,„moͤgtet Ihr vielleicht wuͤnſchen, Euer Zimmer noch nicht zu verlaſſen. Darf ich, wenn Erzaͤhlung Deſſen Euch nicht allzu ſchmerzlich iſt,“ ſetzte er mit herzlicher Theilnahme und frei von jeglicher Re⸗ 168 gung der Neubegier hinzu—„darf ich fragen, wie Ihr in das Boot gelangtet, deſſen Umſtur⸗ zen ſo nahe am Strande geſchah, daß mit Got⸗ tes Huͤlfe wir in den Stand geſetzt wurden, Euch dienſtlich zu werden?“ „Ihr habt das unzubeſtreitendſte Recht, Al⸗ les zu wiſſen,“ verſetzte der junge Mann,„denn Ihr habt daſſelbe mit Gefahr Eures Lebens, und in der edelmuͤthigen Abſicht, mich zu retten, er⸗ kauft. Geſegnet ſei der Gott der Gnade! Eure Abſicht ward mit Erfolg gekroͤnt. Ihr habt, werther Sir, mich und meinen verwundeten Be⸗ gleiter mit derſelben Barmherzigkeit aufgenom⸗ men, womit Publius den ſchiffbruͤchigen Paulus auf der Inſel Melita aufnahm; ich aber, un⸗ gleich jenem frommen Apoſtel, habe nicht die Macht, durch irgend einen Dienſt Eure Groß⸗ muth zu belohnen; doch kann mein Dankgefuͤhl gegen Euch, beſonders aber gegen jenen Herrn (indem er auf Sir Hugo Piper deutete) erſt mit meinem Leben enden.“ Obwohl Sir Hugo dieſe Rede mit einer Ver⸗ beugung hinnahm, winkte er deſſenungeachtet ð M —— MN 169 ſeinem Freunde Piers, und beruͤhrte dabei ſeine eigene Stirn, als wollte er zu verſtehen geben, wie der Fremde ſein Haar geſtutzt truͤge. Sir Hugo mogte, etwas vorſchnell freilich, den Juͤngling fuͤr einen Rundkopf, und obendrein fur einen Puritaner halten, weil dieſer einer bibliſchen Ge⸗ ſchichte gedacht hatte, die Caväliere aber, wie man geſtehen muß, in der heil. Schrift nicht ſonderlich bewandert zu ſein pflegten. Ob Sir Hugo in ſeiner Vermuthung recht oder unrecht hatte, wird die Folge ausweiſen. „Ich kehrte,“ fuhr der junge Fremde fort, „von Barbadoes zuruͤck, wohin ich— ziemlich gegen meine Neigung, wie ich geſtehen muß— von meinem Pathen und Vormunde geſchickt worden war, um nach etlichen Grundbeſitzungen zu ſe⸗ hen, die zur Zeit meiner Volljaͤhrigkeit mein Ei⸗ genthum werden ſollen. Der Alte Jacob, das Schiff, in welchem ich ſegelte, verließ zu gleicher Zeit mit der Virginia den Haven von Barba⸗ does. Auf hoher See trafen beide Weſtindien⸗ fahrer zuſammen und erlitten waͤhrend mehrerer Tage einen entſetzlichen Sturm. Geſtern um Mit⸗ tag war unſer Schiff in ſo großer Gefahr, daß mein Begleiter mit etlichen Anderen den Ver⸗ ſuch beſchloſſen, ſich durch das Langboot zu ret⸗ ten. Ich folgte ihnen. Dieſer Entſchluß war mir und vielleicht auch noch meinem Begleiter zum Heile, denn ach! nur allzubald hatten wir den Schreckensanblick, den Alten Jacob am Ed⸗ dyſtoneriff ſcheitern und untergehen zu ſehen. Die Virginia hielt ſich klar von den Felſen—“ „Und lief, wie ich ſelbſt es ſah,“ bemerkte Sir Piers,„ohne weiteren Schaden zu nehmen, in die Bucht von Cawſand ein; und obwohl das ungluͤckliche Boot ebenfalls verſank, ſo danke ich doch Gott, daß Ihr, der Ihr ſo jung ſeid und ſo vielverſprechend zu ſein ſcheint, fur viele Jahre des Gluͤcks, wie ich hoffe, gerettet wurdet.“ Ein Seufzer und(wie Robina ſcharfſichtig wahrnahm) ein ſchwermuͤthiger Seitenblick auf Agnes, die jedoch ernſt vor ſich niederſah und nichts von dem Allen bemerkte, war die einzige Antwort, die der junge Mann hierauf gab. Sir Piers fuhr jetzt fort:„So ſehr ich es auch beklage, daß Euer Begleiter ſchwer verletzt 8 f d e 8 ———————— ward, wundere ich mich weit mehr daruͤber, daß hinſichtlich des gefaͤhrlichen Felſenufers, an wel⸗ ches Euer Fahrzeug geſchleudert ward, Ihr nicht Beide getoͤdtet wurdet, als daß Einer von Euch Wunden erhielt, die allerdings Bedenklichkeiten erzeugen moͤgen.“ „Wohl beaͤngſtigende Bedenklichkeiten, wie ich fuͤrchten muß,“ entgegnete der Fremde,„wes⸗ halb ich Eure Mildherzigkeit noch ferner in An⸗ ſpruch nehmen und Euch bitten moͤgte, meinem ungluͤcklichen Reiſegefaͤhrten den Beiſtand irgend eines frommen Prieſters ſeines Lehrglaubens zu verſchaffen. Mein Begleiter iſt Presbyterianer, und da er lichte Augenblicke zeigt, halte ich es fuͤr Chriſtenpflicht, die wir Einer dem Andern ſchuldig ſind, wie weit wir auch von einander uber gewiſſe Religionspuncte abweichen, das Kran⸗ kenbett dieſes Mannes, das ſich leicht als deſſen Sterbelager ausweiſen koͤnnte, nicht ohne prie⸗ ſterlichen Rath und Troſt zu laſſen.“ „Freilich, freilich,“ nahm Sir Hugo das Wort;„ich bin allerdings hinlaͤnglich Vertheidi⸗ ger der Gewiſſensfreiheit, um hieruͤber einerlei 172 Meinung mit Euch zu ſein, obwohl meines Er⸗ achtens kein Menſch das Recht hat, der Landes⸗ kirche, die da war und die nun nicht mehr iſt, abtruͤnnig zu werden, möge er uͤbrigens denken, wie er wolle. Ich ſpreche, laßt den Teufel die Seinigen haben. Mahomed habe ſeine Tuͤrken, wenn Etliche Tuͤrken ſein wollen; der alte Adam, wie die Puritaner alles Das nennen, was ſie fuͤr gottlos erachten, habe ſeine Juden, ſo's Men⸗ ſchen giebt, die ſich zum Judenthum bekennen; und moͤge Beelzebub den Papſt bei deſſen Ab⸗ ſcheiden hinnehmen, weil er der Koͤnig von ih⸗ nen Allen iſt! Betreffs Eures Begleiters, ſo ſollt' ich denken, Sir Piers koͤnnte ihm, ohne erſt weit danach zu ſchicken, mit einem Hirten ſeiner eigenen Heerde aushelſen.“ „In meinem Hauſe befindet ſich ein Geiſtli⸗ cher vom Presbyterianerglauben,“ ſagte Sir Piers;„ein rechtſchaffener Mann, der geſtern mitthaͤtig bei Eurer Rettung war. Er ſoll Euern Wunſch ſofort vernehmen, und ich zweifle nicht, daß er gern und freudig jeglichen geiſtlichen Beiſtand in — 8 8 8 173 dieſem Falle leiſten werde. Wie nennt ſich denn Euer Gefaͤhrte?“ „Gabriel,“ verſetzte der Juͤngling;„bei die⸗ ſem Namen nenn' ich ihn; obwohl er, wenn er vollkommen wohlauf iſt, ſich ſeit der Zeit, die er die Zeit ſeiner Bekehrung nennt, gern Gna⸗ degott Gabriel nennt und genannt hoͤrt.“ „Nun, wenn ſein Glaube aͤcht iſt,“ fiel Sir Hugo ein,„ſo ſcheint er auf dem beſten Wege zu ſein, die Wirkſamkeit dieſes ſich beigelegten Namens zu erproben. Ich wuͤnſche ihm gluͤck⸗ liche Fahrt gen Himmel, wo Gottes Gnade wohnt, obwohl er nicht in recht befrachtetem Schiffe unter des Koͤnigs Flagge in der guten Kirche von England, ſondern in einem Contre⸗ bandfahrzeug, oder, wie ich wohl ſagen mag, in einem Piratenkahne ſegelt, der der Sectirer heißt, auf dem hohen Meere ſtreift, Priſen macht und die uralten Rechte geſetzlicher und angeordneter Begruͤndung zu ſeiner Beute nimmt.— Duͤrfte es nun, junger Herr, da Ihr Eures Begleiters Namen genannt habt, wohl geſtattet ſein, nach dem Eurigen zu fragen?“ — 174 Nach kurzer Pauſe und leiſem Erroͤthen, das uͤber die Wangen des Fremden zog, antwortete dieſer:„Ich heiße Amias Radcliffe.“ Kein von einer alten Hexe ausgeſprochenes Zauberwort brachte jemals eine ſo ploͤtzliche Wir⸗ kung auf Alle, außer auf Miß Agnes, die noch immer ernſt bei weiblicher Arbeit an einem Ne⸗ bentiſchchen ſaß, hervor, als dieſe Antwort des Juͤnglings. Sir Hugo hielt plotzich mit ſeinem Hin⸗ und Herſchreiten, einer Bewegung, an die er ſich waͤhrend ſeiner Fahrten zwiſchen Europa und Weſtindien gewoͤhnt hatte, ſo wie mit ſeinem Rauchen inne, und ſtarrte mit beiden Augen den Fremden etwa eben ſo an, wie man einen gro⸗ ßen Uebelthaͤter anzuſtarren pflegt, der zum Hoch⸗ gericht abgefuͤhrt wird und Neugier erregt, zu welcher ſich kein Fuͤnkchen Achtung geſellt. Eine entſchiedenere, jedoch minder derb zu erkennen gegebene Veraͤnderung zeigte ſich an Sit Piers; denn als dieſer hoͤrte, wer ſein Gaſt war, fuhr er einige Schritte zuruͤck. Zwar ſtierte er den Fremden nicht an, wohl aber wies W—— M 8 8 8 S u ir ſein Geſicht einen Ausdruck hohen, an Strenge graͤnzenden Ernſtes, indem das Fragewort: „Wirklich?“ uͤber ſeine Lippen ging. Robina ſah ebenfalls ernſthaft aus, obwohl ſie ſolches ſeit dem Tage nicht gethan hatte, an welchem ſie gehoͤrt hatte, wie Koͤnig Karl von dem Schurken Joice zu Holmby gefangen genommen worden war. Sogar Orgar ſchien aufzufaſſen, daß nicht Alles in Richtigkeit war, denn als er ſeinen Herrn zuruͤckweichen ſah, hob er den Kopf, oͤffnete die Nuͤſtern, zeigte dem Fremden ſeine weißen Zaͤhne und ließ ein wildes Knurren vernehmen, worauf ſein Herr ihn durch den Zuruf:„Still, Orgar, huſch!“ beſchwichtigte. Der Juͤngling ſetzte ſeine Erzaͤhlung mit et⸗ was mehr Selbſtvertrauen fort, als ob ſein Geiſt ſich durch Wahrnehmung des innern Widerwil⸗ lens oder Mißfallens ſammelte, der ihm zwar ſchweigend, jedoch erſichtlich von ſeinen Zuhoͤrern geaͤußert ward.„Ich bin Amias Radeliffe,“ ſagte er,„und verwaiſet. Mein Vormund iſt ein in dieſen Gegenden wohlbekannter Mann, f † 3 1 1 1 1 3 . 3 1 1 3 176 der ſich John Coppleton nennt. Ihm bin ich untergeordnet, bis ich mein einundzwanzigſtes Jahr zuruͤckgelegt haben werde, zu welcher Zeit ich zum Beſitz meiner Unabhaͤngigkeit und eines anſehnlichen Vermoͤgens gelange, welches waͤh⸗ rend meiner longen Minderjaͤhrigkeit unter Ob⸗ huth meines Vormundes ſtand. Ich bin Amias, der einzige Sohn des kuͤrzlich verſtorbenen Sir Walter Radeliffe— vielleicht hoͤrtet Ihr ſchon meinen Namen.“ „Allerdings, junger Mann,“ ſagte Sir Piers finſter,„und hoͤrte ihn in Verbindung mit Blut⸗ vergießen und Rebellion. So jung Ihr auch ſeid, ſo fiel doch, wenn das Geruͤcht wahr ſprach, Sir Shilton Calmady von Eurer Hand bei der Beſtuͤrmung von Ford Houſe. Ich wollte, Ihr fuͤhrtet einen andern Namen.“ „Er fiel von meiner Hand,“ rief der junge Mann lebhaft;„indeſſen geſchah es in der Hitze des Treffens. Ich fuͤhrte einen Trupp Freiwil⸗ liger unter Waller's Regiment bei der Beſtuͤr⸗ mung von Ford Houſe. Mit großer Gefahr hat⸗ ten wir die das Haus umgebenden Paliſſaden 1 rs t⸗ 2 niedergeriſſen. Sir Shilton, der an der Spitze einer kleinen Schaar der Belagerten einen Aus⸗ fall machte, ſturzte mit dem Schwert in der Hand gegen mich, waͤhrend er ſeinen Genoſſen zurief: „„Keinen Pardon den rundkoͤpfigen Halunken!““ „Sagt' ich's nicht geſtern Abend, daß ich ihm den rundkoͤpfigen Schuft ſchon am Schnitt ſeines Haares anſah, ehe er noch wieder zu ſich gekommen war?“ fluͤſterte Sir Hugo der Toch⸗ ter ſeines Freundes zu. Nittlerweile ſetzte der Fremde ſeine Erzäh⸗ lung mit einer Lebhaftigkeit fort, die nicht we⸗ nig Blut in ſeine bleichen Wangen ergoß und ſein der mannichfaltigſten Ausdruͤcke faͤhiges Auge erleuchtete.„Kaum war dieſer Befehl gegeben worden, ſo drang Sir Shilton Calmady heſtig auf uns ein; wir fochten mannhaft ein ehrliches Treffen, bis wir Beide aus mehreren Wunden bluteten und Calmady endlich fiel. Als braver Feind beklage ich noch heute ſeinen Tod und zweifle nicht, er wuͤrde ein Gleiches in Bezug auf mich thun, wenn ich durch ſein Schwert, Warleigh. I. 12 ————— 178 ſo wie er durch das meinige, in gerechter Sache des Haders gefallen waͤre.“ „Gerechte Sache des Haders?“ rief Sir Piers:„Junger Mann, nennt Ihr Das gerechte Sache, was zu ſeiner Grundlage Rebellion hat? Das Umſturzen der ehrwuͤrdigen Conſtitution un⸗ ſerer Geſetze und der Union der Kirche und des Staates— Dinge, die bisher heilig gehalten worden waren, wie das Sacrament der Ehe; das Niederreißen der uralten Monarchie von Eng⸗ land; das Einkerkern eines Koͤnigs— eines Koͤ⸗ nigs, deſſen Geſtattungen nur noch groͤßeren und frechen Forderungen Thor und Thuͤr offneten— eines Fönigs, deſſen Milde an Uebermenſchliches graͤnzte, und deſſen Herz bei ſeinem Volke war, und deſſen Hoffen jetzt einzig und allein im Him⸗ mel iſt.— Solches Thun iſt Eure Sache, und um dieſer willen vergoſſet Ihr das Blut eines Tapfern, das Blut meines Freundes, Sir Shil⸗ ton Calmady, zu Ford Houſe.“ „Ich that es nicht aus perſoͤnlicher Feind⸗ ſchaft,“ entgegnete der junge Radeliffe.„Cal⸗ mady war Freiwilliger ſo wie ich; er auf Sei⸗ —— ———„„ 129 ten des Koͤnigs und der eigenmaͤchtigen Gewalt, ich auf Seiten des Volks und der Freiheit.“ „Das eben iſt's, mein tapfrer Geſell,“ fiel Sir Hugo Piper ein,„das iſt Euer Aller Feld⸗ geſchrei! Ihr Rundkoͤpfe fahrt auf, und legtet wohl Gewalthand an den Vater, der Euch das Leben gab, um nur die Freiheit des Fanatismus und der Rebellion darzuthun. Ihr ſchneidet Eu⸗ ren Mitbuͤrgern die Gurgel ab und ſchreiet, es geſchehe zum Wohle des Volkes; und waͤhrend Ihr auf einen ehrenwerthen Edelmann loshauet und loshackt, weil deſſen Eifer Eurem Grimm gehaͤſſig erſcheint, ſchlagt Ihr ihn ſteintodt und ſprecht dann, es geſchehe nicht aus perſoͤnlicher Feindſchaft. Peitſcht mir, ſag' ich, ſolche ſpitz⸗ findige Unterſcheidungen mit der neunſchwaͤnzigen Katze*). Orgar, der Pudel dort, koͤnnte Euch beſſere Grundſaͤtze lehren; denn er bleibt zu al⸗ len Zeiten und unter jeglichem Verhaͤltniß ſei⸗ nem Herrn treu und faͤhrt nicht gegen ihn, als *) Strafwerkzeug auf englaͤndiſchen Kriegsſchiffen. Anm. d. Ueberſ. 42 Ihr bei'm erſten Gebell der uͤbelgeſitteten Hunde des Parlaments gegen Euren Koͤnig fuhrt, der Euer Herr iſt.“ „Der Koͤnig mißbrauchte ſeine Gewalt,“ ſagte Radcliffe;„er wies ſich eigenmaͤchtig, be⸗ druͤckend und von boͤſen Rathgebern irregeleitet.“ „Das iſt nicht wahr!“ entgegnete Sir Hugo; „zu mild, zu herablaſſend, zu fuͤgſam gegen freche Anforderer wies er ſich!“ „Von Anfange ſeiner Regierung an,“ ei⸗ ferte der junge Republikaner dagegen,„waltete die boshafte und verderbliche Abſicht vor, allen Geſetzen vorzugreifen, das Praͤrogativ der Krone zum Unterdruͤcker der Rechte des Parlamentes zu machen, die Freiheiten des Volkes zu ſturzen und Papiſterei in's Land zu bringen.“ „Den Teufel und ſeine ganze Sippſchaft in's Land zu bringen, wollt Ihr ſagen,“ verſetzte Sir Hugo,„und zwar in Geſtalt von Muggle⸗ tonianern, Arminianern, Antinomianern, Soci⸗ nianern, Puritanern, Presbyterianern, Browni⸗ ſten, Independenten, Suchern, Separatiſten, Harrern der Providenz und einer koſtbaren Rotte s tzte le⸗ ci⸗ ni⸗ en, von der Liebesfamilie! Satanas iſt, wie wir wiſſen, der Vater vieler Familien; doch ſeine religioͤſe Erzeugungskraft uͤbertrifft alle übrigen in Mannichfaltigkeit und Gattung.“ „Der Koͤnig und ſeine boͤſen Rathgeber,“ fuhr Radcliffe fort,„ließen Rochelle verloren ge⸗ hen und verriethen die Sache der ungluͤcklichen Hugenotten— eine Sache, die der Koͤnig haͤtte aufrecht erhalten ſollen, die er aber verrieth, in⸗ dem er ſich an das Papſtthum lehnte. Er gierte nach Monopolien und Schiffsgeldern, waͤhrend er die hohe See ſo uͤbel beſchuͤtzt ließ, daß die Kauffahrerſchiffe eine Beute der tuͤrkiſchen Pira⸗ ten wurden.“ „Ich ſelbſt,“ grollte Sir Hugo,„verlor ein Frachtſchiff durch die beturbanten Diebe, doch war ich darum nimmer ungerecht genug, die Schuld deshalb auf den Koͤnig zu werfen, und ich ſehe nicht ein, was fuͤr ein Recht Ihr habt, junger Menſch— Ihr, der Ihr nimmer ein eignes Boot, wohl nicht einmal eine eigne Nuß⸗ ſchale flottwerden ließet— was fuͤr Recht Ihr habt, ſag' ich, ſolche Klage gegen Seine Maje⸗ 182 ſtaͤt zu fuͤhren. Mich duͤnkt, in dieſem Falle mindeſtens bin ich der beſte Richter, wieviel ſonſt die Freiheiten des Volkes Euch auch angehen moͤgen!“ Das ironiſche Laͤcheln, womit dieſe Worte begleitet wurden, ſchien den ſpitzigen Inhalt der⸗ ſelben nur noch verſchaͤrfen zu ſollen; Sir Piers aber, der, beſonnener und vorſichtiger als ſein Freund, ſich von dem erſten Schrecken, der ihn uͤberfiel, als er den Namen des jungen Freiwil⸗ ligen hoͤrte, der ſeinen Freund Calmady erſchlug, ſo ziemlich erholt hatte, ſprach milder, jedoch mit Ernſt und Zuruͤckhaltung: „Maſter Amias Radcliffe, da es der Fuͤrſe⸗ hung gefallen hat, mich gewiſſermaßen zum Werk⸗ zeuge Eurer Rettung aus einem Schiffbruche zu machen und Euch auf Eurer Ruͤckkehr zu Eu⸗ rem Vormunde unter mein Dach zu fuͤhren, ſo werde ich, welchen natuͤrlichen Widerwillen ich auch beim Anblicke Deſſen fuͤhlen muß, der ge⸗ gen meinen koͤniglichen Herrn focht und meinen Freund toͤdtete, mich dennoch einem hoͤheren und weiſeren Willen, als der meinige ſein kann, un⸗ lle nſt rte er⸗ rs in hn il⸗ g, it e⸗ en d 183 terwerfen. Unter meinem Dache alſo, unter das die Hand Gottes Euch fuͤhrte, ſeid Ihr ſicher und ſollt ſchuldige Hochachtung empfangen, wie die Pflichten der Gaſtfreundſchaft ſolches gebie⸗ ten. Seid alſo willkommen hier ſo lange, bis Ihr wohl und geſund und zufrieden Euch zu Eurem Vormunde begeben koͤnnt. Ich werde Euch jeglichen erforderlichen Beiſtand leiſten; und da ich ſehe, daß Ihr Eurem ſchwer verwundeten Begleiter ein freundlicher Gefaͤhrte ſein wollt, ſo laßt Euch durch Das, was heute hier in Folge unſerer Meinungsverſchiedenheit geſprochen ward, nicht beſtimmen, Eure Abreiſe von hier einen Augenblick eher veſtzuſetzen, als bis Ihr Alles thatet, was Menſchenfreundlichkeit und Chriſten⸗ pflicht von Euch fordern. Bleibt bei Eurem Ge⸗ faͤhrten und wartet ab, wie es mit ihm geht. Wird dies ſo oder ſo geſchehen ſein, ſo brauche ich Euch nicht zu ſagen, daß unſere einander widerſprechenden Anſichten der Dinge uns nur zu ſchlimmen Genoſſen eines und deſſelben Hau⸗ ſes, waͤre dieſes auch mein eigenes, machen wuͤrden. Sobald Eures Geſellſchafters Zuſtand ſich ent⸗ 184 ſchieden hat, thun wir am beſten, je eher deſto lieber von einander zu ſcheiden.“ Obgleich dieſe Rede in hohem Ernſte geſpro⸗ chen ward, ſo war ſie doch von einem ſo frei⸗ muͤthigen Weſen begleitet, daß ſie an der Auf⸗ richtigkeit des Sprechers durchaus nicht zweifeln ließ. Mit einiger Hochfahrendheit antwortete der 8 junge Mann:„Ich dank' Euch, Sir Piers, fur all' Eure Güte, hoffe jedoch dieſelbe nicht lange mehr in Anſpruch zu nehmen. Der Zuſtand die⸗ ſes Verwundeten, eines alten vertrauten Die⸗ 4 ners meines Vormundes, macht es mir unmög⸗ lich, dieſen eher zu verlaſſen, als bis ich des Arztes Entſcheidung daruber vernahm. Iſt dieſe erfolgt, ſo verabſchiede ich mich von Euch, und obwohl ich in der Ueberzeugung weggehe, daß ich mich von einem Manne entferne, der kein Bedenken traͤgt, mir ſeine Feindſchaft zu erklaͤren, ſo kann mein Dank gegen dieſen Mann fuͤr die Rettung, die er durch Gottes Willen an mei⸗ nem werthloſen Leben uͤbte, erſt bei meinem Tode aufhoͤren. Ich wollte, wir ſchieden unter erfreu⸗ 3 licheren Umſtaͤnden, denn ich furchte, nimmer hof⸗ 183 ſto fen zu duͤrfen, Sir Piers meinen Freund zu nen⸗ nen, obwohl ich tief fuͤhle, daß er mir ein ſol⸗ o⸗ cher geweſen iſt.“ ei⸗„Ihr moͤgt mit Wahrheit ſo ſprechen,“ meinte f⸗ Sir Hugo,„denn ein Freund in der Noth, wel⸗ ln cher Sir Piers Euch war, iſt ein Freund in er der That.“ ur Die Unterhaltung ſenkte ſich nun zu Alltags⸗ ge hoͤflichkeiten herab, und als bald darauf der her⸗ e⸗ beigerufene Heſekiel erſchien, begab der junge Radeliffe ſich zu ſeinem kranken Reiſegefaͤhrten. Zehntes Capitel. „— Ueberm Krankenbette ſchwang Der grimme Tod die fuͤrchterliche Senſe.“ Milton. Die muntere Robina war es, die waͤhrend der gegen Ende des vorhergehenden Capitels mitge⸗ theilten Scene das Gemach verließ, um Heſekiel zu Erfuͤllung ſeiner Amtspflicht an Einem ſeines Lehrglaubens in der Stunde der Bedrängniß her⸗ beizurufen. Sie hatte zwei Gruͤnde, dies ſo ſchnell als moͤglich zu bewerkſtelligen; zunaͤchſt aus Mit⸗ leiden mit dem Schwerverletzten, und dann in der Hoffnung, die Anweſenheit des Geiſtlichen wuͤrde dem politiſchen Zwiſte dadurch ein Ende machen, daß Radecliffe ſich zu ſeinem Gefaͤhrten zu begeben haͤtte. Wie heiter Robina auch von Natur und aus Gewohnheit ſein mogte, ſo ſeufzte ———— †—, „————— 187 ſie doch bei Ausrichtung ihrer Botſchaft und fuͤhlte jene Entmuthigung, die jedes gute Men⸗ ſchenherz fuͤhlt, wenn es weiß, daß in ſeiner unmittelbaren Naͤhe ein Mitchriſt ſeine Todes⸗ ſtunde herannahen ſehen muß. „Der Beſuch des Todes bringt ernſte Ge⸗ danken mit,“ ſagte Robina ernſthaft zu Heſe⸗ kiel; denn Robina litt nicht Mangel an gehoͤri⸗ gem Denken und an Mitgefuͤhl bei außerordent⸗ lichen Veranlaſſungen.„Der Tod iſt die Wolke, welche im Voruͤberziehen auf unſere Lebensſonne, wie hell ſie ſcheinen moͤge, einen dunkeln Schat⸗ ten wirft.“ „Wahr, junges Frauenzimmer,“ verſetzte He⸗ ſekiel, der etwas betroffen ausſah, als er gleich⸗ ſam zum erſten Male ſo ernſte Worte uͤber Ro⸗ bina's Lippen gehen hoͤrte:„Wahr! der Tod iſt das ultimum terribilium; und was ſind wir mehr denn ein Staub, der eine kurze Zeit hindurch athmet? Denn ſelbſt wenn ich Eure roſigen Wangen betrachte, Miß Robina, bemuͤhe ich mich jederzeit, an den Friedhof zu denken, um die Seele im Zuͤgel zu halten, die nur allzu ſehr geneigt 188— iſt, an ſo vergaͤnglichem Reize Wohlgefallen zu finden. Die Uebel der Schoͤnheit, Miß Robina, ſind mannichfaltig und erwieſen. Erſtens macht ſolche Leibesſchoͤnheit, daß die Jungfrauen unbe⸗ kuͤmmert um die Mißgeſtalt der Seele bleiben, ſo lange der Koͤrper ſolche Mißgeſtalt nicht theilt; zweitens iſt Leibesſchoͤnheit eine Schlinge, worin ſich Augenluſt und Fleiſchesluſt faͤngt; drittens iſt ſie eine Blume, die durch tauſend Zufällig⸗ keiten verwelkt und ſich nimmer als dauernd ausweiſet; viertens iſt ſie die große Eitelkeits⸗ Meſſe aͤußerlichen Herausputzens, die zu Thor⸗ heiten und zum Schmuͤcken des armen gebrechli⸗ chen Fleiſches verleitet, das binnen Kurzem eine Beute der Wuͤrmer werden muß. Ich bin Eu⸗ retwillen bekuͤmmert, Miß Robina, und koͤnnte um das Heil Eurer Seele und um des Wohl⸗ wollens willen, das ich zu Euch hege, von Her⸗ zen wuͤnſchen, Euch, wenn es ſo moͤglich waͤre, nicht ſchoͤner zu ſehen, als die garſtigſte Dirne war, die jemals in ihrer Garſtigkeit ein Sichab⸗ wenden von der Welt und ein Zufluchtſuchen bei den Frommen erkannte.“ ———— zu cht be⸗ n, rin li⸗ re, Robina, die ſolche Umgeſtaltung ihrer Koͤr⸗ perreize wahrſcheinlich fuͤr ein großes Uebel, nicht aber als ein wuͤnſchenswerthes Heil angeſehen haben moͤgte, auch nicht Luſt hatte, den fuͤnf⸗ ten Hauptſatz des Sermons zu hoͤren, in wel⸗ chem Heſekiel fortfahren zu wollen ſchien, unter⸗ brach ihn in ſeiner Rede, indem ſie ihn ohne Weiteres in das kleine Vorgemach fuͤhrte, das an des kranken Mannes Kammer ſtieß, wohin mittlerweile auch Radcliffe gekommen war. Beide begaben ſich nun in das angraͤnzende lange, nie⸗ drige Gemach, das nur ſchwach durch zwei ſchmale Fenſter erleuchtet ward und mit ſo ſchwarzem Holze getafelt war, daß es einen grabaͤhnlichen Anblick gewaͤhrte. Am breiten Kamine uͤber ein zu Aſche nie⸗ dergebranntes Feuer hingebeugt, ſaß ein altes Weib, die abwechſelnd mit einer anderen Waͤr⸗ terin die Nacht am Bette des Verletzten gewacht hatte. Sie hielt den Ruͤcken ſo gekruͤmmt, daß ſie wie verwachſen ausſah, und ihre Naſe und ihr Kinn ſtießen beinahe zuſammen. Wirklich glich die alte Nanny Raffles ſo ſehr dem Bilde, 190 das Retzſch von jener alten Hexe entwarf, die Fauſt den Zauberſpiegel vorhaͤlt, daß wir, ſtatt fernere Stizze von Nanny zu entwerfen, unſere Leſer auf jenes Gemaͤlde verweiſen. Nanny nickte im Halbſchlummer an dem Kamine. Neben dem Bette des Kranken ſaß Mutter Gee an einem Tiſchchen, auf welchem verſchie⸗ dene Kraͤuter, etliche Phiolen, ein Buch und das Eſchenſtaͤbſchen lagen, mit welchem letzteren ſie ihre Zauber zu bewirken pflegte. Mutter Gee ſaß in einem großen Armſtuhle und hatte ihre Fuͤße auf ein Kiſſen geſetzt, waͤhrend die Be⸗ ſchließerin des Herrnhauſes, eine ſaubere, aͤlt⸗ liche Frau, unfern von Mutter Gee auf einem Schemel ſaß und zu der leiſe ſprechenden Here mit jener Miene tiefer Ehrerbietung aufblickte, mit welcher Perſonen von geringem Stande zu hoͤher in Rang oder Kunſtberuͤhmtheit Geſtell⸗ ten aufzuſchauen pflegen. Als Radeliffe und Heſekiel eintraten, erhob ſich die Haushaͤlterin; Mutter Gee aber, als ob ihre Geſchicklichkeit in Behandlung des Kranken ſie zur Herrin des Gemaches ernannt hätte, regte att ere kte ter as ſie zee re e⸗ lt⸗ em exe te, l⸗ ob en ſich nicht von ihrem Sitze, ſondern nickte nur ein wenig gruͤßend mit dem Kopfe. Die Nachfrage der Eintretenden ward von der Aufgeſtandenen mit einem Kopfſchuͤtteln und den Worten beantwortet:„Ach! er ſcheint ſeinem Ende nahe zu ſein, denn er ſprach irr waͤhrend des ganzen Morgens, obwohl er dann und wann einen lichten Augenblick hat, den er dadurch aus⸗ fuͤllt, daß er entweder einen Geiſtlichen oder ei⸗ nen Schluck Branntwein verlangt. Dann kommt ſein Irrereden wieder, und er ſchwatzt nur vom Meere und vom Schiffe, und von Euch, junger Sir, und von einem Sir John Coppleſtone.“ „Still!“ ſagte Radeliffe,„ſprecht nicht ſo laut; es koͤnnte ihn beunruhigen. Ich will mit ihm reden.“ „Nein, das will ich thun,“ fiel Heſekiel ein; „denn es iſt meine Pflicht, und in dieſer Krank⸗ heit wollen Gott der Herr und ich ihm das La⸗ ger bereiten.“ Indem er ſo ſprach, naͤherte er ſich dem Bette, auf welchem Gnadegott Gabriel lag, der ein Mann zwiſchen vierzig und funfzig Jahren, von ſcharfen Geſichtszuͤgen, braun wie Mahagonyholz war und große ſchwarze Augen hatte, in denen ſich zur Zeit des Geſundſeins ein Charakter von Wildheit zeigte, die jetzt aber im Zuſtande des Irrſeins und aus Mangel an Schlaf, ſo wie in Folge des Fiebers, matt ſtier⸗ ten und weit aus ihren Hoͤhlen hervorgetreten waren. Der Kopf war ihm verbunden und das unter dem Linnen hervorguckende braune Haar wies ſich blutig. Seine Arme lagen ausgeſtreckt auf der Bettdecke; er ſah entſetzlich elend, hager und um die Augen herum ſchwarz aus, und war ruhelos, obwohl er ſich nur mit Schmerzen be⸗ wegen konnte. Heſekiel beruͤhrte des Kranken Hand, die von Fieberhitze brannte, redete ihn an, erhielt aber keine Antwort. Nun trat Radeliffe an das Bett und ſagte mit ſanfter Stimme:„Kennſt Du mich, Gabriel? Weißt Du, wo Du biſt?“ „Nicht im Stande in das gelobte Land zu kommen,“ antwortete Gabriel,„wegen— ich will ſeinen Namen nicht nennen— wegen eines Menſchen, der ſein Gewiſſen mit einem gluͤhen⸗ gen eins aber an tier⸗ eten das aar reckt ager war von aber Bett nich, zu ich ines hen⸗ den Eiſen ſchaͤdigte, und das meinige veſt ver⸗ ſchloſſen haͤlt im rothſammtenen Kaͤſtchen.“ „Was iſt das?“ ſagte Heſekiel.„Ach, er redet irre. Wovon ſpricht er?“ „Er ſcheint an Warleigh zu denken,“ ſagte der junge Radcliffe,„und an das rothſammtene Faͤſtchen, das in meines Vormunds Kammer ſteht.“ „Oeffnet's nicht,“ aͤchzte Gabriel, der die Worte des Juͤnglings auffaßte;„um der Welt willen oͤffnet's nicht, ſonſt ſteigt der Geiſt her⸗ auf wie Samuels Geiſt vor Saul. Denn ein alter Mann wird herauſſteigen, der mit keinem anderen Mantel, als mit ſeinen Suͤnden bedeckt iſt, und wird kurzweg mit uns Allen verfahren, weil ich gezoͤgert habe, ſeinen wilden Grimm an dieſem Amalekiter zu vollfuhren.“ „Von wem mag er ſprechen?“ ſagte Heſe⸗ kiel.„Ach! dies iſt ein entſetzlicher Anblick. Seit wie lange war er ſo?“ „Die ganze Nacht hindurch,“ verſetzte die Beſchließerin,„raſete er ſo, ſprach von Dieſem, Warleigh. I. 13 194 bald von Jenem, und bald vom Meere, bald vom Schiffe.“ „Ja, ja, das Schiff!“ ſtoͤhnte Gabriel,„das Schiff waͤre nimmer gerettet worden, wenn ich Alles ausgefuͤhrt haͤtte.“ „Hoͤrtet Ihr Das?“ fragte Heſckiel gedaͤmpf⸗ ten Tones zu Radecliffe gewendet.„Mir behagt Dies nicht. Irgend eine ſchwere Laſt muß auf der armen Seele liegen, weil die Schrecken des Todes ſo wild in Hirn und Gewiſſen herumar⸗ beiten. Ich wollte, ihm kehrte die Vernunft zu⸗ ruͤck, daß ich ihm zuſprechen koͤnnte. Ich will wachen und ihn ermuntern und bedraͤuen—“ „O ſagt Maſter Amias Radcliffe, daß er nimmer wieder heimkehre! O mein Kopf, mein Kopf!“ „Jetzt fangen ſeine Schmerzen wieder an,“ bemerkte die Haushaͤlterin,„jetzt, da er ſich ſchlim⸗ mer geraſet hat. Sehet, wie er ſich umkehrt und die Lippen bewegt. Wie ſind dieſe ihm doch ſo duͤrr und ſo ſchwarz—“ „Waſſer! Waſſer! Zu trinken, zu trinken!“ rief der Kranke. +„— Ud agt vill er ein n, 7 im⸗ hrt och „Ich will's ihm reichen,“ ſagte Radeliffe. „Nicht doch!“ fiel die Haushaͤlterin ein;„die ganze Nacht hindurch hat er es begehrt, ich aber gab es ihm nicht, denn Doctor Hartshorn be⸗ fahl, ihm, wenn er es begehren ſollte, nichts als den verordneten Trank zu reichen, und auch den nur zu den veſtgeſetzten Stunden. Um al— ler Welt willen darf er in ſolcher Fieberhitze kein Waſſer trinken.“ „Er ſoll's trinken, und ich will's bei dem Doctor verantworten,“ fiel Mutter Gee ein, in⸗ dem ſie mit gebieteriſchem Weſen aufſtand und dem Leidenden einen Becher mit Waſſer hinhielt, den er mit der Gier eines Verſchmachtenden leerte. Der ſo hochbegabten Mutter Gee wagte die Beſchließerin nicht zu widerſtreben. Als der Kranke getrunken hatte, ſtreckte er ſich hin und ward ruhig, waͤhrend die Haushaͤlterin meinte, nach dieſer Ruhe wuͤrde er wohl einige lichte Augenblicke haben, und dann hoffentlich wiſſen, was um ihn her vorginge. Heſekiel, der ſolchen Moment abwarten wollte, bat, man moͤgte ihn bei dem Kranken allein laſ⸗ 413* — ſen, und Alle erfuͤllten ſogleich dieſe Bitte, bis auf Mutter Gee, die hartnaͤckig darauf beſtand, an ihrem Poſten bleiben zu wollen, wobei ſie der Beſchließerin in's Ohr fluͤſterte, daß der Zau⸗ ber nur dann wirkte, wenn ſie im Gemache bliebe. Heſekiel dachte, Mutter Gee wuͤrde die etwaigen leiſe von dem Beichtenden zu ſprechen⸗ den Worte nicht vernehmen koͤnnen, ſobald ſie es ſich gefallen ließe, am unteren Ende des Ge⸗ maches zu ſitzen, waͤhrend er ſelbſt mit ſeinem geiſtlichen Zuſpruche dicht am Bette des Kran⸗ ken weilte. Die Beherrſcherin der Zauberwerke ließ ſich dieſe Anordnung gefallen, nahm ihren Sitz fern dem Bette, nahe dem Kamin, wo ſie, ob ab⸗ ſichtlich, um vielleicht deſto ſicherer Etwas zu er⸗ lauſchen, koͤnnen wir nicht mit Gewißheit ange⸗ ben, ſie ihre Schuͤrze uͤber ihren Kopf, ſich ſelbſt aber in dem hohen Lehnſeſſel zuruͤcklegte, ihre Arme verſchraͤnkte, und bald in ein Schlaͤfchen verſunken zu ſein ſchien. Heſekiel, der weder ein tiefblickender noch arg⸗ woͤhniſcher Mann, auch noch nicht vor langer bis n, au⸗ che die en⸗ ſie tem an⸗ Zeit in die Gegend gekommen war, um von dem wirklichen Charakter der Mutter Gee unterrich⸗ tet zu ſein, ahnete hier keine Liſt, im Fall der⸗ gleichen hier obwaltete. Als er ſich demnach uberzeugt zu haben glaubte, daß die Dorfarztin eingeſchlafen war, ſetzte er ſich an das Bett, legte ſeine kleine Taſchenbibel vor ſich hin, und harrte des Erwachens des Kranken waͤhrend er mittlerweile ſich mit Leſen des zwoͤlften Capitels im zweiten Buche Samuelis beſchäftigte; ja, durch die von Gnadegott Gabriel vorhin ausge⸗ ſtoßenen abgebrochenen Worte von deſſen trub⸗ ſeligem Gewiſſenszuſtande beinahe uͤberzeugt, las und ſtudirte der ehrwuͤrdige Puritanerprieſter ſich ſo ziemlich in die Ueberzeugung hinein, jetzt wie ein zweiter Nathan berufen zu ſein, einem zwei⸗ ten David das Gewiſſen zu erſchuͤttern. Endlich gewahrte Heſekiel, daß der Kranke die Augen aufſchlug und umherblickte, als ſuche er Jemanden; dann ſeußzte er leiſe und legte ſeine Hand an ſeine Stirn. Heſekiel, der ihn aufmerkſam beobachtete und ihn zur Vernunft gekommen glaubte, wollte die guͤnſtige Gelegen⸗ —— heit nicht entſchluͤpfen laſſen, legte daher leiſe ſeine Hand auf die des Leidenden, und fragte ihn:„Bruder, kennſt Du mich, oder vermutheſt Du, wer ich bin?“ „Nein,“ verſetzte der Angeredete mit ſchwa⸗ cher Stimme.„Ich ſah eben hier— aber es war wohl nur ein Schatten— ich glaubte, ich ſaͤhe den jungen Amias Radeliffe.“ „Das war kein Schatten, ſondern er ſelbſt,“ verſetzte der Prieſter.„Wie fuͤhlſt Du Dich jetzt, Freund?“ „Ach, ſehr ermattet, wegen der Toͤchter Heths,“ ſagte Gnadegott Gabriel,„die mich die ganze Nacht hindurch gequaͤlt haben. Beſonders that das eine Alte, die mir zu trinken weigerte.“ Den Geiſtlichen ſchaͤrfer anblickend, ſetzte er hin⸗ zu—„Wer biſt Du, und wie iſt Dein Name?“ „Heſekiel,“ antwortete der Prieſter. „Heſekiel?“ wiederholte der Kranke.„Gleichſt Du dem frommen Heſekiel, ſo gebeut dem Schat⸗ ten des Sonnenzeigers, gleich dem des Ahas, um zehn Grade zuruͤckzuweichen, daß mir Friſt werde, zu bereuen, und ich nicht zur Hoͤlle fahre.“ —————„— iſe te eſt 3 7 nze hat in⸗ 2 hſt at⸗ as, riſt „Zu bereuen?“ rief Heſekiel:„O, damit zo⸗ gere nicht. Ich bin, Bruder der Suͤnde und des Staubes,“ fuhr er in feierlichem und ein⸗ dringlichem Tone fort,„obwohl allweg unwuͤr⸗ dig, doch Einer von Gottes auserwaͤhlten Die⸗ nern, daher geſtellt, um gleich dem Propheten meines Namens laut zu reden und nicht zu ſcho⸗ nen, ſondern wie ein Waͤchter des Hauſes Iſrael zu ſein. Und hier bin ich, wie ich ſehe, an meinem Platze; denn wenn ich den Sohn der Suͤnde erblicke, und das boͤſe Bewußtſein in al⸗ len deſſen Schrecken ihm die ſcheidende Seele bis in deren Innerſtes erſchuͤttern ſehe, und unter⸗ laſſe dann, zu dem Gottloſen zu ſagen:„„Menſch, Du mußt ſterben,““ ſo wird er dahinfahren in ſeinen Suͤnden, ſein Blut aber von meiner Hand gefordert werden. So alſo will ich auch Dir zu⸗ rufen: Entlade Deine Bruſt, und laß Deinen inneren Menſchen ganz und gar neu werden!“ Gnadegott Gabriel beantwortete dieſe Anrede mit einem tiefen Stoͤhnen. „Ich ſehe es,“ fuhr Heſekiel fort,„ich ſehe es, irgend eine ſchwarze Miſſethat, die bisher 200 wie eine garſtige Wand weiß uͤbertuncht ward, laßt ihre eigentliche Farbung durchſchimmern. Bis hieher iſt Satanas geſchaͤftig geweſen„ wie er es denn allzeit iſt, ſein Werk als hinterliſti⸗ ger Betruͤger bei Dir zu treiben. Doch hoͤre ihn nicht an, denn er iſt ein Moͤrder von An⸗ fang; iſt es, der da wilde Gedanken einfloͤßt, das Blut erhitzt, das Hirn entzuͤndet und den Men⸗ ſchen gleichmacht dem bruͤllenden Loͤwen, der da umhergeht, daß er ſuche wen er verſchlinge.“ Der Patient ſtoͤhnte abermals. „Er iſt,“ fuhr Heſekiel immer lebhafter fort, je mehr er von ſeiner eigenen Rede hingenom⸗ men ward,„er iſt der entſetzliche Eine, ſobald ein Groͤßerer als er iſt, ihn, gleich ſeinen Crea⸗ turen, dem Donner, dem Hagel und dem unbaͤn— digen Sturme, zum Werkzeuge macht, um den rebelliſchen Suͤnder zu ſtrafen. Satanas iſt's alsdann, der die ſchlummernde Aſche eines boſen Gewiſſens anblaͤſet, und ſie aufflammen macht, und den Tod bewaffnet aus der Hoͤlle kommen laͤſſet; und er, der der Verſucher des Menſchen war, wird jetzt deſſen furchterlicher Anklaͤger vor — e 8 — 8 — 8 8 201 Gott und vor des Suͤnders eigener Seele. Doch, wende Dich, o wende Dich wiederum ab von ihm, denn wofuͤr wuͤrdeſt Du allſonſt ſterben? Widerſtehe dem Teufel, ſo weicht er von Dir! Ich will Namens Deiner mit ihm ringen, und mitſammen wollen wir ihn zuruͤcktreiben, und ſein Horn ſoll zerbrochen und ſein Hintertheil der fernen See zugewendet werden. O, bereue, bereue! und ſanft ſoll Dein Schlaf ſein, ob auch das Grab Dir zum Bette wuͤrde; denn die Bruſt des mit ſeinem Gotte Verſuͤhnten iſt gleich dem Tempel des Friedens!“ Waͤhrend Heſekiel dieſe Rede, oder wenn der Leſer es lieber will, dieſen Sermon hielt, in welchem ſich ſo viel Wahres mit dem wilden Ei⸗ fer und Gewaͤſche der Fanatiker ſeiner Zeit miſchte, verwandelten ſich ſein ganzes Angeſicht und We⸗ ſen; denn ſeine ohnehin ſcharfen Geſichtszuge wieſen einen Ausdruck, der, wenn unſer Ver⸗ gleich nicht fuͤr profan erachtet wird, ſein Antlitz gleichſam wie das Antlitz Moſis leuchten machte, als dieſer vor dem Herrn Herrn ſtand und deſſen ————— —— 202 heilige Gebote empfing, um ſie der Menſchheit zu uͤberliefern. Auf Heſekiel's Stirn lag hohe Feierlichkeit; Aufrichtigkeit floͤßte ſeinen Worten ſowohl Ge⸗ fuͤhl als Nachdruck ein; wuͤrdevoll ſtand er, em⸗ porgerichtet in ſeiner ganzen Laͤnge, und befeh⸗ ligte, ermahnte, berieth und uͤberredete den ſo an Koͤrper wie an Seele Verwundeten, die ihm noch zugemeſſene Friſt, wie karg ſie auch ſein moͤgte, auszukaufen. Gnadegott hoͤrte zu, ließ dann und wann ein halberſticktes Aechzen ver⸗ nehmen, und verſuchte endlich, ſich in eine ſitzende Stellung im Bette zu bringen. Heſekiel half ihm dabei und unterſtuͤtzte ihn mit den Kiſſen, ſo daß der Kranke daſaß und ſchauerlich anzuſe⸗ hen war, wie die alten gothiſchen Bilder vom Lazarus in ſeinen Leichentuͤchern es ſind. Ga⸗ briel blickte den Prieſter an, und ſah dann lang⸗ ſam im Gemache umher, warf dann wieder ei⸗ nen ſprechenden Blick auf Heſekiel, und zeigte dabei mit dem Finger nach der im Lehnſeſſel ſchlummernden Mutter Gee hin, als wollte er ſagen:„Die da iſt ja hier.“ eit —— „Sie ſchlaͤft,“ verſetzte Heſekiel.„Iſt es je⸗ doch Dein Wunſch, ſo will ich ſie wecken und gehen heißen.“ „Thue das,“ ſagte Gnadegott Gabriel,„und ſag' ihr, mir das Wams zu bringen, das ich trug, bevor man mich auf dies Lager legte. In einer Taſche deſſelben ſteckt ein hoͤrnernes, wohl⸗ verwahrtes Gehaͤuſe mit einigen Briefen, die ich, bevor ich ſterbe— ſo ich ſterben muß— in Ma⸗ ſter Amias Radeliffe's eigene Haͤnde legen und ihm Alles— Alles ſagen will. Es gebricht mir dazu zur Stunde an Kraft und an genuͤgendem Erinnerungsvermoͤgen. Schaffe mir nur erſt das Wams.“ ſolches Kleidungsſtuͤck, wohl aber fiel ihm ein, es muͤßte naß geweſen ſein, und man wuͤrde es irgend wohin zum Trocknen gehaͤngt haben. So beſchloß er, das Wams zu fordern, doch ohne den Zweck zu verrathen, der damit verbunden war; wohl aber zwei Fliegen mit Einer Klappe zu ſchlagen, naͤmlich zu gleicher Zeit die alte Here zu entfernen, indem er ſie mit der Nach⸗ Heſekiel blickte umher, gewahrte jedoch kein 201 frage zu der Haushaͤlterin ſchickte. Er ſchuttelte demnach leiſe die Zauberſchweſter, um ſie aus ihrem wirklichen oder erheuchelten Schlummer zu erwecken und ſie zu bitten, ſich nach dem Wamſe des Schiffbruͤchigen zu erkundigen. Mutter Gee ſchien ſchwer zu erwecken zu ſein; als ſie jedoch erſt wach war, machte ſie, ſeltſam genug, nicht die mindeſte Einwendung, das Zimmer zu verlaſſen, aus welchem ſie doch vorhin nicht hatte weichen wollen. Augenblick⸗ lich ging ſie, um die ihr von Heſekiel gewordene Botſchaft auszurichten, kehrte auch nach kurzer Friſt mit dem noch halbnaſſen Wamſe zuruͤck, und wollte dann ihren Sitz wieder einnehmen; der Prieſter aber unterſagte ihr dies in gebiete⸗ riſchem Tone und befahl ihr dann, den jungen Radcliffe herzubeordern, indem der Verwundete denſelben zu ſprechen begehrt haͤtte. Mutter Gee mußte ſich fuͤgen, und kaum war ſie hinaus, ſo riegelte Heſekiel hinter ihr zu, brachte dem Kranken das Wams, welches dieſer, ſo wie auch ſodann der Prieſter that, ſorg⸗ fältig unterſuchte, jedoch die geheime Taſche deſ⸗ . ————„e— — e——+ c—„— —— * M 20⁰5— ſelben aufgeſchlitzt fand, und weder Gehaͤuſe noch Briefe entdecken konnte. Heſekiel nahm nun, da er wohl einſah, daß jene Schriften von Erheblichkeit ſein muͤßten, die Haushaͤlterin deshalb in Anſpruch, die auch ge⸗ ſchaͤftig umfragte und ſuchte, ohne jedoch eine Spur des Verlorenen auffinden zu koͤnnen. Nie⸗ mand wußte Etwas von ſolchem hoͤrnernen Ge⸗ haͤuſe, am wenigſten aber Mutter Gee, die ſich obendrein hoͤchlich beklagte, um nichts und wie⸗ der nichts aus ihrem Schlaͤfchen aufgeſchreckt worden zu ſein. Man mußte endlich allgemein zu der Vermuthung gelangen, der kranke Schiff⸗ bruͤchige habe jenes Gehaͤuſe im Waſſer verlo⸗ ren, denn vor allen Andern ſah Mutter Gee ſehr kluͤglich ein, daß, wenn Wind und Wellen einem Menſchen den Kopf gegen die Felſen zu ſchleudern vermoͤgten, warum ſie dann nicht auch eine innere Taſche aufreißen koͤnnten, die nicht von Schloß und Schluͤſſel, ſondern nur durch einen alten Knopf zuſammengehalten geweſen war. Ob dieſe Folgerung nun wahr oder un⸗ wahr ſein mogte, mußte Heſekiel dieſelbe doch 206 gelten laſſen, und als Gabriel ſich uͤberzeugte, daß das Gehaͤuſe nicht beizubringen waͤre, bat er dringend, man moͤgte den jungen Radeliffe ſonder Verzug zu ihm kommen laſſen, welches denn ſofort durch den Prieſter bewirkt ward. Eilttes Capitel. „—— Ein Fuchs, der voll von Heuchelſchein, Sich vor dem Eidſchwur ſcheu't, doch teufliſch luget, Der allweg mild und froͤmmelnd weiß zu ſein, Und ſtets erſt betet eh' er ſtiehlt und trüget.“ Als Radeliffe ſich dem Bette naͤherte, ſtutzte er vor der auffallenden Veraͤnderung, die mit ſei⸗ nem Begleiter vorgegangen war, und indem er den Geiſtlichen bei Seite nahm, ſagte er fluͤ⸗ ſternd zu dieſem:„Ehrwuͤrdiger, habt Ihr wohl ſchon davon gehoͤrt, wie ein Gefaͤhrlichkranker, der viele Stunden lang ſeiner Sinne beraubt war und dann wieder zu Verſtande kommt, ge⸗ meiniglich dadurch an ſich wahrnehmen laͤßt, daß es bald mit ihm zu Ende gehen werde? Ich muß mich ſehr irren, wenn jener Mann nicht ſeinem Tode nahe iſt. Seht ſeine waͤſſerigen, 208 verglaſeten Augen; ſeht, wie es ihn durchſchauert und wie er nach dem Bettlinnen greift, waͤh⸗ rend ſeine Wangen ſich eingefallen und ſeine Lip⸗ pen ſich blaͤulich zeigen! Wahrlich, hier iſt eine ungewoͤhnliche Umwandlung vorgegangen— Wenn doch der Arzt nur kaͤme!“ „Wenn Ihr alſo denket,“ verſetzte Heſekiel, „ſo zoͤgert um Deß willen, der da ſpricht:„„Wie bald iſt die Lampe des Gottloſen erloſchen!““ keinen Augenblick laͤnger, mit ihm zu reden; denn wahrlich! ſeine Seele kann nicht eher in Frieden abſcheiden, als bis er Euch geſehen ha⸗ ben wird. Er ſagte, er habe Euch Vieles von leidvoller Wichtigkeit mitzutheilen; und außer uns Dreien iſt Niemand hier, denn Gott.“ „Ich will ihm erſt von ſeinem Tranke rei⸗ chen,“ entgegnete Amias,„denn die Beſchließe⸗ rin ſagte mir, es ſei jetzt die Stunde dazu. Viel⸗ leicht erleichtert die Arznei ihn, ſo Lus er um ſo ausfuͤhrlicher redet.“ Radeliffe that alſo, und als Gabriel, der nur mit Anſtrengung ſchlucken konnte, die Schale zuruͤckgab, blickte er forſchend in das Antlitz ſei⸗ der ale ſei⸗ nes jungen Gebieters und ſagte:„Hoͤrt mich an, WMaſter Amias, denn ich erachte mich einen Ster⸗ benden; und ſeitdem ich dies thue, ſcheint mein ganzes fruheres Leben ſich umgeſtaltet zu haben. Alles, was ich ehedem fur gut hielt, Alles, was ich zu gewinnen trachtete, beduͤnkt mich jetzt nich⸗ tig. Gleich dem reichen Manne im Evangelio koͤnnte ich Alles hingeben fuͤr einen Tropfen Waſſers, um meine Zunge zu kuͤhlen, oder was beſſer iſt, fuͤr ein Gewaͤſſer, um meine Suͤnden wegzuwaſchen.“ „Gabriel,“ ſprach Heſekiel, der auſſtand vor dem Bette, an welchem er bisher ruhig geſeſſen hatte,„Gabriel, hege nicht ſolchen unzulaͤngli⸗ chen Wunſch; ſeufze nicht nach denen Waſſern von Bethlehem, wie David es in eitlem Muthe that! Werde kein Taͤucher oder Anabaptiſt, wel⸗ ches eben ſo thoͤricht iſt, als ein Paͤdobaptiſt, und ich will—“ „Still,“ ſagte Radeliffe,„er iſt nicht faͤhig, Diſſertationen anzuhoͤren. Vernehmen wir lie⸗ ber, was er uns mitzutheilen hat.“ „Ich wollte ſagen,“ nahm Gabriel das Wort, Warleigh. I. 14 210 „daß, waͤhrend ich mich in der Freiheit der Ver⸗ heißung waͤhnte, ich mich all mein Leben lang im Hauſe der Knechtſchaft unter ſtrengem Zuchtmei⸗ ſter befand. Kommt naͤher her zu mir, denn o! ich bin ſehr krank, und mich friert entſetzlich. Dazu ſcheint das Gemach ſich mit mir zu dre⸗ hen, und— und— wo ſeid Ihr?“ „Hier,“ verſetzte Radeliffe.„Ihm wird ſchlimmer, Heſekiel— ruft nach Beiſtand!“ „Nein, nein,“ fiel Gabriel mit gebrochener Stimme ein;„es iſt Alles vergebens, der Tod pocht an die Thuͤr, und er pocht mit ſchwerer Hand. Mein Fleiſch wird vom Zittern gepackt— ich komme, ich komme. Gieb, o Vater der Gnade! mir nur ſo viel Athem, daß ich— Ma⸗ ſter Amias— warne—“ „Wovor? vor wem?“ fragte der erſtaunte Radeliffe. „Vor Eurem Vormunde, den Ihr ſchwer— auf eine Weiſe beleidigt habt, die er, ich fuͤrcht' es, Euch nimmer vergeben wird.“ „Nimmer vergeben?“ rief der von Entſetzen ———— ————, „—— en 211 ergriffene Juͤngling;„das iſt unbegreiflich! Etwa weil ich mich weigerte, nach—“ „Laßt mich Alles ſagen, was ich zu ſagen habe,“ ließ Gabriel ſich matten Tones verneh⸗ men.„Er ſchickte Euch unter meiner Obhuth nach Barbadoes, als Eure Geſundheit in ſchwaͤch⸗ lichem Zuſtande war, beauftragte mich, Euch dort zu laſſen, auch wenn es ſchlimmer mit Euch wer⸗ den ſollte. Ich that zu dem Ende Alles, was ich konnte, Ihr aber wolltet nicht bleiben. Seine anderweitigen Befehle hinſichtlich Eurer wurden mir in Briefen mitgetheilt, die ich nebſt einem wichtigen, Euch betreffenden Papiere, in dem hoͤrnernen Kaͤſtchen in meiner Bruſttaſche trug. Ich verwahrte ſie ſo ſorgfaͤltig, daß, wenn irgend Unerwartetes ſich zutragen moͤgte, ich ihm ſeine eigenen Befehle vorzeigen koͤnnte——“ Gabriel hielt inne, denn er hatte mit An⸗ ſtrengung geſprochen, und es trat etwas Blut uͤber ſeine Lippen. Da die Hauptverletzung ſich in der Bruſt befand, ſo hatte er innerlich ſo ſehr geblutet, daß, als Radeliffe dieſes Symptom wahrnahm, er es fuͤr ein abermaliges Vorzeichen 14* 41 1 3 13 . 3 3 3 p p— S . 2 3 1 1 212 baldigen Todes des Bekennenden anſah. Be⸗ troffen von Dem, was er bereits uͤber ſeinen Vormund gehoͤrt hatte, obwohl Dieſes nur eini⸗ gen von ihm ſelbſt gehegten Verdacht beſtätigte, hoͤrte er eifrig zu, in der Hoffnung, ferneren Auf⸗ ſchluß zu erlangen, ehe Gabriel wieder zu ſchwach oder zu geiſtesverloren werden moͤgte, um mehr zu entdecken. „Huͤthet Euch vor Euerem Vormunde,“ ſprach der Sterbende weiter,„geht nicht nach Hauſe— das heißt, nicht eher, als bis Ihr muͤn⸗ dig, und dann—“ Hier hielt er abermals inne, waͤhrend Rad⸗ cliffe uͤber ihm hing und beinahe ſeinen Athem einhauchte;—„und dann begebt Euch nach Warleigg und—“ Gabriel ſchien jetzt ſo er⸗ ſchoͤpft zu ſein, daß Radeliffe nach einem Eſſenz⸗ flaͤſchchen griff, welches auf dem Tiſche ſtand. Die erregende Kraft der Tropfen verfehlte in ſo fern ihre Wirkung nicht, als der Leidende etliche abgebrochene Worte ausſtieß, wobei es jedoch ſchien, daß ſeine Geiſteskraͤfte ſich wieder zer⸗ ſtreueten, ſo daß er zwar nicht den Gegenſtand le Be⸗ nen ini⸗ gte, uf⸗ ach ehr er⸗ nz⸗ nd. ſo che och er⸗ 213 ſeiner Rede gaͤnzlich verlor, jedoch Gedaͤchtniß und Auffaſſungsgabe ihm den Dienſt verſagten. „Er iſt ein entſetzlicher Menſch,“ ſagte Gabriel, „der viele Anſchlaͤge im Sinne hat und, wie das Grab, nie genug bekommt.“ „Von wem redet Ihr?“ fiel Heſekiel ein. „Seht Euch vor, was Ihr ſprecht, ſuͤndiger Menſch, bevor Ihr einen Anderen anklagt, daß Ihr nicht Eure eigene Laſt auf eines Nebenmenſchen Ruͤcken waälzet! Die Zunge gleicht einem kleinen Feuer, das ſich bald entzuͤndet und zu verderblicher Flamme anwaͤchſet.“ „Still doch, ich bitt' Euch,“ unterbrach Rad⸗ cliffe den Geiſtlichen.„Ich weiß wohl, von wem er ſpricht. Rede weiter, Gabriel. Kannſt Du mir Etwas uͤber den Tod meines Vaters ſagen? Ich war ein Kind, als mein Vater ſtarb, und mein Vormund ſprach hieruͤber niemals mit mir.“ „Ich darf nicht reden,“ verſetzte Gabriel hoh⸗ len Tones, und indem er ſcheu und wild im Gemach umherſtierte, fuͤgte er heſtig bewegt hinzu:„Laßt Sir John Coppleſtone nicht her⸗ ein, ſo will ich Euch Alles erzaͤhlen.“ 214 „Er iſt fern von Dir, Gabriel,“ entgegnete Amias;„er weiß nicht anders, als daß wir uns noch zu Barbadoes befinden.“ „Weiß er nicht?“ ſagte Gabriel, uͤber deſſen Geſicht ein ſchauerliches Laͤcheln zog;„aber der Teufel kann's ihm ſagen; denn mit dem iſt er auf Du und Du, wo's Etwas zu erſchnappen giebt—“ „Das iſt furchterlich!“ rief Radeliffe.„Ga⸗ briel, ſo Dir Beſinnung genug blieb, meine Worte zu verſtehen, ſo beſchwoͤr' ich Dich bei Dem, dem wir Alle Rechenſchaft ablegen muͤſ⸗ ſen und der allen Suͤndern vergeben will, mir Alles zu ſagen, was Du weißt. Sprich mir von dem Unrecht, was mein Vormund begangen ha⸗ ben mag, oder noch gegen mich im Sinne hat. Rede! Welch Unrecht beging er? Welches be⸗ gingſt Du?“ „Ich?“ ſchrie Gabriel mit einem Ausdrucke des Grauſens auf ſeinem ohnehin ſchon verzerr⸗ ten Geſichte.„Ich that's nicht ſelbſt; ich diente nur als Zeuge dabei. Huͤthet Euch vor Will, dem ſchwarzen Will, wie ſie ihn nennen! O 215 warum leben doch die Gottloſen, und werden alt und haben Gewalt?“ „Er redet truͤbſelig irre,“ ſagte Radeliffe; „giebt's denn kein Mittel, ſeinen Geiſt auf Ei⸗ nen Gegenſtand zu heften?“ „Ich fuͤhl's,“ raſete Gabriel weiter—„der Tod macht mir das Blut erſtarren; aber in der Hoͤlle iſt's heiß genug, wie wir hoͤren. Ich be⸗ greife nicht, wie Kora und ſeine Rotte die Hitze ertrugenz denn unſer ſind Viele; wir koͤnnen die Gluth loͤſchen, wir Alle— bis auf Einen, denn die wilde Flamme, die dieſer Eine entzuͤndete, kann nimmer geloͤſcht werden. Doch naͤhrte Euer Vormund nur mit wenigen Schriften, und dieſe brennen dort in nimmer ſterbender Flamme, die ihn verzehrt. Wie viel Uhr iſt's?“ „Das bringt mich von Sinnen,“ ſagte Amias.„Was meinſt Du mit den Schriften? Gabriel; was fuͤr Schriften ſind verbrannt wor⸗ den?“ „Ich hab's geſagt, nicht alle; nicht alle!“ lallte der Sterbende.„Ein Papier darf er nicht verbrennen, um ſein Selbſt willen darf er's nicht; — 216 und er bewahrt es verſiegelt zu ſeiner eigenen Verdammniß.“ Der Ungluͤckſelige hielt wieder inne. Leiſe Zuckungen flogen uͤber ſein Geſicht hin, und er griff nach Radcliffe's Hand, die er dann veſt⸗ hielt. Sein Betaſten war ſchauererregend, denn er fuͤhlte ſich kalt und feucht wie eine Leiche an. „Welches Papier verwahrt mein Vormund? Wo verwahrt er es?“ fragte Radeliffe haſtig. „Im rothſammt'nen Kaͤſtchen,“ ſtoͤhnte der Gefragte,„liegt das Geheimniß von——“ Er ward ohnmaͤchtig, ſo daß er kein Wort mehr hervorbringen konnte. Radeliffe ſah ſich nun genoͤthigt, nach Huͤlfe zu rufen, und von mehreren Dienſtboten beglei⸗ tet, eilte die Haushaͤlterin herein. Durch ſcharfe Erregmittel ward der Kranke nochmals wieder zur Beſinnung gebracht, vermogte jedoch nichts von Dem hinunterzubringen, was man ihm ein⸗ floͤßen wollte. In großen Tropfen ſtand ihm der kalte Schweiß vor der Stirn, waͤhrend zucken⸗ des Ringen ſeiner Haͤnde und das Verzerren ſei⸗ ner Geſichtsmuskeln, zuſammt der Eiſeskalte in 217 ſeinen Gliedmaßen nur allzu deutlich ſeinen na⸗ hen Tod verkuͤndeten. Heſekiel, der dieſen Zuſtand wahrnahm und davor erbebte, daß dieſer Menſch ſterben ſollte, ohne zuvor ein Gebet zu Gott geſchickt zu ha⸗ ben, obwohl Vollendung ſeiner Bekenntniſſe viel⸗ leicht in dieſen Momenten annehmlicher als ein Gebet geweſen ſein moͤgten, betete neben ihm und fuͤr ihn auf tiefgefuͤhlte und emphatiſche Weiſe, und beſchwur den Ungluͤcklichen, wenn er das Vermoͤgen zu ſprechen habe, ein Wort des Flehens um Erbarmen Gottes mit ſeiner Seele laut werden zu laſſen. „Du wirſt ſo nicht ſterben wollen,“ ſprach er;„Du darſſt ſo nicht ſterben wollen, darſſt ſo nicht hintreten vor den Herrn des Himmels und der Erden! Alſo rede, und kannſt Du's nicht, ſo gieb ein Zeichen, daß Du den Hoͤchſten um Barmherzigkeit anfleheſt—“ Man ſah, daß Gabriel die Lippen bewegte, daß er nach einem Worte rang; allein dies Wort kam nicht uͤber ſeine Lippen— die Kraft der Rede war ihm fuͤr dieſes Leben geraubt.„Falte 5 — —218 Deine Haͤnde,“ fuhr Heſekiel im Eifer fort, „laß mich ſehen, daß Dir noch Vernunft genug zu einem aͤußern Zeichen des Betens blieb, und meine Seele ſoll ſich in der Deinigen getroͤſtet fuͤhlen.“ „Er vermag's nicht zu thun,“ ſagte Rad⸗ cliffe;„ſeht, wie's ihn durchſchauert, als ob die Luft ihn kalt anblieſe, und doch iſt hier kein Luftzug zu ſpuͤren.“ „Die Luft!“ rief Heſekiel;„iſt nicht die duͤnne Luft der Stoff, durch welchen das un⸗ ſichtbare und doch Sehkraft verleihende Licht dringt? So auch iſt der Geiſt unſichtbar, aber durchdringend, ein Verkuͤnder der Wahrhaftigkeit Gottes. O, daß der Geiſt uber dieſen Suͤnder kommen wolle!“ Ein leiſer, wie von entſetzlicher Todesangſt ausgeſtoßener Schrei, dem jenes Roͤcheln folgte, das ſo oft in der Kehle ſterbender Menſchen ver⸗ nommen wird, uͤberzeugte alle Anweſende, daß Gabriels letztes Stuͤndlein gekommen war. He⸗ ſekiel fuhr noch dann fort, fuͤr ihn zu beten, als der Sterbende laͤngſt keine Empfindung mehr ———„———— rt, ug nd ſtet d⸗ die ein die n⸗ cht er eit er 219 zeigte, im Geiſte in das Gebet einſtimmen zu koͤnnen. Heſekiel blickte in ſeiner Inbrunſt einen Augenblick lang gen Himmel, und als ſeine Au⸗ gen ſich wieder auf den Hingeſtreckten ſenkten, lag dieſer, eine ſtarre Leiche, vor ihm. Schweigend, aber mit entſetzlichem Schauder blickte Radcliffe auf den fuͤrchterlichen Sterbemo⸗ ment eines Menſchen, der allem Anſcheine nach hoͤchſt uͤbel darauf vorbereitet war, dem letzten Feinde der Menſchheit zu begegnen, waͤhrend Heſekiel mit chriſtlicher Milde dem Verſchiedenen die Augen zudruͤckte und, um die Umſtehenden zu erbauen, dieſelben mit folgenden Worten an⸗ redete: „Gabriel,“ ſprach er mit einem Seußzer,„iſt dahin, und nicht an uns iſt es, das Wohin zu nennen. Laſſet uns hoffen, daß irgend ein in⸗ neres Zeichen von Reue und Buße— nur von Dem geſehen, der in alle Tiefen blicket— Gnade und Vergebung fur dieſen Suͤnder gewann. Nein, meine Brüder, erforſchen wir nicht die Wege des Allerhoͤchſten, wohl aber unſere eigenen; und ſo werde dieſes Todtenbett uns Allen eine heilſame Lehre! Mancherlei ſind die Wege des Todes, doch giebt es nur Einen Weg zum Leben, und dieſer findet ſich einzig und allein auf dem Pfade Gottes; denn wenn die Gewaltigen der Erde auch in der Erhoͤhung ihres Stehens Millionen gebeugt vor ſich ſehen, ſo läßt doch, wie Ihr ſo eben geſehen habt, ſobald die Stunde da iſt, weder Tod noch Gewiſſensdrang ſich zuruͤckwei⸗ ſen; und obwohl es Göͤtter der Erde giebt, ſo muͤſſen ſie dennoch ſterben. Erwaͤgt Dies, meine Freunde, und gewinnet Euch Nutzen daraus!“ Der Entſetzensauftritt, der ſtattgefunden, der Feierton, in welchem Heſekiel geredet hatte und die Leiche, die dalag, ergriffen und erſchuͤtterten mitſammen alle Umſtehenden. Die alte Haus⸗ haͤlterin ſchluchzte laut und ſchritt dabei zu Ver⸗ fuͤgung der letzten Dienſte an jeglichem Todten⸗ bette, nachdem Radeliffe und Heſekiel das Ge⸗ mach verlaſſen hatten. Zwölttes Capitel. ⸗ 0„Die ausgehang'nen blanken Becken, Die ſchwarzen Zahn' auf langem Stecken, e Die Glaͤſer vor dem Fenſter auch Mit blut'gem Saft gefuͤllt, nach Brauch; Sie ſprachen deutlich: Es wohnt hier Ein Wund- und Zahnarzt und Barbier.“ Gay. d* Unſere Leſer werden ſich erinnern, wie Cornet Davy entſendet ward, um den Chirurg Trim Foretop herbeizuholen, daß er dem kranken Gna⸗ degott Gabriel nach Anweiſung des Doctor Harts⸗ horn eine Ader offnen moͤgte. Cornet Davy konnte freilich nicht wohl vorherſehen, daß ſein Gang unnuͤtz ſein und der grimme Tod dies⸗ mal ſo kurzen Prozeß machen wuͤrde. Der ehr⸗ 3 liche Kriegsknecht und Handelsgehulfe ſchritt ſei⸗ nes Weges zu der Wohnung des Bartſcheerers, ** N indem er ſich dabei im Geiſte vorzaͤhlte, wie viel Sir Hugo moͤglicher Weiſe an etlichen auf Spe⸗ culation nach Weſtindien verſendeten Waaren ge⸗ winnen, und wie ſolcher Gewinn am beſten fuͤr die Sache des ungluͤcklichen Koͤnige Farl ver⸗ wendet werden koͤnnte; denn es war ein Haupt⸗ charakterzug Davy's, daß er gleichmaͤßig mit ſeinem Principal dachte. Davy war in jedem Betrachte rechtſchaffen und uneigennuͤtzig, hatte von jeher ſeinen Vortheil dem ſeines Brotherrn nachgeſetzt, und folgte jetzt, nach gleichem libe⸗ ralen Grundſatze, dem Beiſpiele des wuͤrdigen Ritters dadurch, daß er die Vortheile des ge⸗ fangenen Karl Stuart denen ſeines Gebieters vorzog. Waͤhrend der Cornet nun auf ſeinem Wege daruber gruͤbelte, wie viele Complotte, Schlach⸗ ten und Siege durch den fuͤr Sir Hugo zu hof⸗ fenden weſtindiſchen Gewinn zu Gunſten des Koͤ⸗ nigs zu erlangen ſein wuͤrden, und während er in Folge ſolcher zu hoffenden Ergebniſſe im Geiſte den alten Noll aufs Haupt ſchlug, das ganze Parlament aufknuͤpfen, den Covenant ver⸗ ſte iel brennen, das Biſchofsthum wiederherſtellen und den Koͤnig mit Sicherheit ſeinen Thron beſteigen ließ, muͤſſen wir uns von ihm und ſeinen Luft⸗ ſchloͤſſern trennen und fruͤher als er in den La⸗ den Trim Foretop's eintreten— ein Gemach, das in unſeren entarteten Zeiten bei weitem nicht mehr jene Bedeutendheit und Wichtigkeit in ſich faßt, als es zur Zeit unſerer Geſchichte der Fall war. Trim Foretop's Wohnung ſtand in der Vor⸗ ſtadt von Plymouth, und die Thuͤr derſelben hatte einen bedeckten Ueberbau, unter welchem zu bei⸗ den Seiten Steinbaͤnke angebracht waren, auf denen, wenn der Laden ſelbſt von Kunden und Herumſchlenderern uͤberfullt war, diejenigen Plau⸗ derer draußen Platz fanden und nahmen, die drinnen keinen Raum mehr finden konnten. Ueber dem Thorwege ſteckte das wohlbekannte Aushaͤn⸗ geſchild, naͤmlich blanke Becken, an einer langen Stange hervor, waͤhrend um letztere herum als Wahrzeichen, daß hier am Arme zur Ader gelaſ⸗ ſen wuͤrde, ſich ein breites blutrothes Band ſchlang. Gleich allen Bartſcheerern, von den Tagen des beruͤhmten Barbiers in den„Arabiſchen Maͤr⸗ chen“ bis auf unſere Zeiten herab, war auch Trim wegen ſeiner Geſchwaͤtzigkeit beruͤhmt. Wie haͤtte er auch anders ſein ſollen? Betrachten wir doch einen ſchweigſamen Barbier als ein ſo unnaturliches Geſchopf, daß, wo derſelbe ſich etwa finden laſſen mögte, man ihn als ein Wun⸗ derthier anblicken wuͤrde. Das Innere von Trims Laden entſprach völlig den äußeren Andeutungen deſſelben; denn es gab Beweiſe von der Man⸗ nichfaltigkeit der Geſch fte, denen ſich ein Wund⸗ arzt zu Trim Foretop's Zeit zu unterziehen hatte. Jedem Vorübergel ene ins Auge fallend lager⸗ ten vor den Fenſtern des Ladens kreuzweis ge⸗ legte Beich den! memento mori g 35 ſchlagene g ſch häuſiger as geunde zeigten. Auf Schnuͤren gereihete ausgezogene alte Zaͤhne hingen wie über jenen Knochen rer dat der dile hin und machten kund, daß Trim eben ſo gut einen Zahn ausziehen, als einen Spitzbart ſtutzen und einen Knebelbart kraͤuſeln konnte. Kaͤmme, Scheeren, Bartmeſſer gaben dabei nur geringere Ausſchmuͤckung ab, waͤhrend abſonderliche Flaͤſch⸗ chen in kantiger und kugeliger Form allerlei Traͤnke und Elirire ausſtellten, in denen irgend eine ab⸗ ſonderliche Heilkraft ſteckte, und dazwiſchen aller⸗ lei bunte Doſen und Schachteln mit Pulvern und Pillen aufgeſtapelt ſtanden, die nach neue⸗ rer pharmaceutiſcher Anordnung laͤngſt nicht mehr in einer Barbierſtube zu finden ſind. Ein Tiſch, ein wurmſtichiger, hochlehniger Stuhl, etliche Schemel Behufs des Zahnausziehens und eine Ruhebank neben dem Kamine gaben das Geraͤth des Gemaches ab; vor Allem aber gehoͤrte hiezu ein ſchwarzer, altväteriſcher Eckſchrank, der, wenn das Geruͤcht wahr ſprach, Dinge enthielt, die der ſchwarzen Kunſt angehoͤrten, in welcher, wie man ſpitzfindig argwöhnte, Trim Foretop herum⸗ dilettantirte; denn als einmal die Thuͤr jenes Schrankes ein wenig geoͤffnet ſtand, bemerkte man darin abſonderliche alte, in braun gewordenem Warleigh. I. 15 Schweinsleder gebundene Folianten, allerlei Kritzel⸗ ſchriften und verſchiedene dickbaͤuchige Flaſchen, in denen ein Kind wie ein Hering in der Poͤkel⸗ bruͤhe, ein Klumpen zuſammengerollter Schlan⸗ gen, oder der Leib eines jungen Alligator ſteck⸗ ten. Wenige von Trim's Kunden ſehnten ſich nach einem zweiten Blicke in den Schauer⸗ ſchrank, und etliche Boshafte waren gottlos ge⸗ nug, zu aͤußern, wie Trim eher zum Hinein⸗ gucken in jenes fuͤrchterliche Heiligthum aufmun⸗ terte, als davon zuruͤckhielte, indem er wohl wuͤßte, wie die Wahrnehmung, daß er in ge⸗ heime Kuͤnſte eingeweihet ſei, nur dahin wir⸗ ken koͤnnte, die Ehrfurcht zu erhoͤhen, die ihm bereits von allen ſeinen ihn bewundernden Ge⸗ vattern und Freunden gezollt ward⸗ Trim Foretop entſprach in ſeinem Aeußern vollkommen ſeinem Gewerbe. Er war ein be⸗ hendes, ruͤhriges, duͤnnes Maͤnnchen, weder jung noch alt, legte ſich ein vielgeſchaͤftiges Weſen bei, wodurch er Alles um ſich her in Bewegung ſetzen zu wollen ſchien, und machte zehnmal mehr Um⸗ ſtaͤnde bei Bewirkung einer Kleinigkeit, als de⸗ ———— 227 ren zu dem wichtigſten Thun erforderlich gewe⸗ ſen waͤren. Er war geſchaͤftig fuͤr alle ſeine Freunde und deren Angelegenheiten, waͤhrend er nach der Weiſe aͤchter Regenten ſeine eigenen Angelegenheiten ſeinem erſten Miniſter, naͤmlich ſeiner Ehehaͤlfte, uberließ, die wiederum gleich ei⸗ nem aͤchten Miniſter die einmal gefaßten Zuͤgel nicht wieder losließ, ſondern dieſelben mit veſter Hand, wiewohl nicht ſelten mit Murren lenkte, daß ihr Gemahl ſich nicht gebuͤhrend leiten ließe. In einem Punkte ſtimmten Trim und ſein Weib jedoch vollkommen uͤberein, und zwar darin, daß Beide ſich die hoͤchſten politiſchen Einſichten zutrauten, obſchon Jedes von ihnen ein ande⸗ res politiſches Verfahren gegen ihre Kundleute blicken ließ. Die Dame war naͤmlich eine of⸗ fenkundige Koͤniglichgeſinnte, waͤhrend Trim, ob⸗ gleich er im Herzen ein Aehnliches war, doch au⸗ ßerlich mehr Klugheit verrieth, indem er hoͤchſt verſtaͤndig erwog, daß, wenn einerſeits Cavaliere ihre Bärte geſtutzt und ihre Locken geringelt ha⸗ ben muͤßten, andrerſeits Rundkoͤpfe zu ſcheeren und zu barbieren waͤren, er es demnach ſo mit 15* 228 Dieſen wie mit Jenen, oder ſo mit Jenen wie mit Dieſen zu halten haͤtte, ſintemal bloße Un⸗ terthanentreue, wie loͤblich ſolche an und fur ſich auch ſein moͤgte, ihm kein Fleiſch in den Koch⸗ topf lieferte, auch ihm die Ohren nicht wieder anſetzen koͤnnte, falls er dieſelben in einem Hand⸗ gemeng auf Seiten einer oder der andern Par⸗ tei haͤtte einbuͤßen muͤſſen, welcher Verluſt in je⸗ nen Zeiten ſchier zu den alltaͤglichen Dingen ge⸗ hoͤrte. Der Leſer wolle jedoch aus dieſer unſerer Schilderung keineswegs abnehmen, Trim habe eine Scheu vor den Covalieren gehegt. Trim hegte nur Scheu vor Perſonen, die oͤffentlich in Verdacht ſtanden, und Koͤnigsmann war wie Parlamentiſt, der da kam, um honetter Weiſe an Bart oder Kopf das erforderliche Werk mit ſich vornehmen zu laſſen, unſerm Trim hoͤchlich will⸗ kommen, ſo daß ihm entweder ein Sitz unter der Vorhalle, oder auf der Bank neben dem Kamine, ja bei außerordentlicher Veranlaſſung wohl gar ein Trunk Duͤnnbier zu beſſerer Be⸗ ſprechung der umlaufenden Neuigkeiten geboten —+—„—„—„— ill⸗ ter ng e⸗ 229 ward, bis denn, falls kein herumſtreifender, nach Boͤswilligen auslugender Spaͤher zugegen war, der Gaſt nach Belieben kannengießern konnte, bis er die Angelegenheiten der Nation in Ord⸗ nung gebracht, oder die hohe Landeskirche wie⸗ derhergeſtellt hatte, ohne daß Trim ein Ster⸗ benswoͤrtchen dagegen ſagte, was den Gaſt haͤtte erzuͤrnen und demnach wegwenden moͤgen. Ein Lehrjunge und eine Dienſtmagd gehoͤr⸗ ten nebſt einem Capitaͤn Coleman zu den Haus⸗ genoſſen Trims, und da dieſer Capitaͤn im Fort⸗ ſchritt unſeres Drama's ſich als eine nicht un⸗ wichtige Perſon auszuweiſen hat, darf er hier nicht uͤbergangen werden. Capitaͤn Coleman kam in ſeinem Aeußeren ſehr der Beſchreibung nahe, die der luſtige Schalk John Falſtaff von dem Friedensrichter Shallow giebt—„Er war Angeſichts der Welt wie ein Kerl, den man nach dem Abendeſſen aus Kaſe⸗ rinde, oder aus einem gabelartig gewachſenen Rettig ſchnitzte.“ Capitaͤn Coleman war uͤber die Maßen duͤnnleibig, und ſeine Gliedmaßen ſchienen von keiner geuͤbten Hand geformt zu ſein. — ——— 230 Er war krummbeinig; da er jedoch ſeine korper⸗ lichen Maͤngel, wie Alles, was ihn betraf, auf ſeine kriegeriſche Laufbahn bezog, ſo erklaͤrte er, daß ſein viehaͤhriges Reiten auf einem feuri⸗ gen Renner und das damit verbundene Anklem⸗ men der Kniee an den Sattelgurt ſeinen Beinen die krummlinige Richtung verliehen haͤtte, die ubrigens jedem Reiter hoͤchſt zuträglich ſein duͤrfte. Bewegte er ſeine Arme, ſo ſchwenkte er ſie wie die Flügel einer Windmuhle; ſeine Naſe war krummſchnabelig und von nicht geringen Dimen⸗ ſionen; dabei wies er ein langes Kinn, hagere Wangen, ſchwarzes Haar, aufwaͤrts ſtehenden Schnauzbart, ein Paar Augenbrauen, die, aus einiger Entfernung erblickt, ausſahen, als waͤren ſie mit angebranntem Korke gemacht, hatte ei⸗ nen wilden Blick im Auge eines Trunkenboldes, denn dies lag ihm roth und waſſerig blinzelnd im Kopfe. Er hatte in dem laͤrmenden und ze⸗ chenden Reitertrupp Sir Richard Grenville's, ei⸗ nes ſeiner Mannſchaft wuͤrdigen Fuͤhrers, gedient. Daß der Capitaͤn, nachdem ſein Commandiren⸗ „———„—„— „—— ———— r⸗ 231 der nach Frankreich entwiſcht war, ſich noch in Freiheit befand, kann nur dem Umſtande zuge⸗ ſchrieben werden, daß er, wie alle Welt behaup⸗ tete, den Covenant beſchworen hatte; dennoch muͤſſen wir zur Steuer der Wahrheit, und um dieſen unſeren Helden nicht ſchlechter darzuſtellen, als er wirklich war, unſeren Leſern bekennen, daß derſelbe wirklich den Koͤnig lieber hatte, als das Parlament. Mit herzlichem Vergnuͤgen erinnerte Capitaͤn Coleman ſich der Dienſte, die er unter Grenville leiſtete, und all des freien Lebens, das damit verbunden geweſen war, und hielt, obwohl jetzt ein Kriegsmann außer Thaͤtigkeit, doch ſehr dar⸗ auf, daß ihm ſeine kriegeriſche Betitelung beige⸗ legt ward. Seine Kleidung wies ſich nachlaͤſſig und nicht ſonderlich ſauber; doch war an ihr ein Anflug von Modeweſen wahrzunehmen, der allerdings von der Eitelkeit des Traͤgers derſelben zeugte. Sein Mantel war ſcharlachroth, wiewohl ver⸗ ſchoſſen und fleckig, jedoch mit verwitterten Schnuͤ⸗ ren uͤberladen, und ſein Rock mit den damals ———— ——————— 232 ſo ſehr beliebten Goldflittern uberſaͤet, daß die Grundfarbe deſſelben kaum erkannt werden mogte. Alle ſeine Kleider dufteten nach Rauchtaback, während aus ſeinem Munde der Miſchgeruch die⸗ ſes Kraͤutleins und des Jamaicarums dampfte, ſo oft er die Lippen öffnete. Die eiſenbeſchlage⸗ nen Reiterſtiefel, in denen er einhertappte, ver⸗ liehen ſeinen Tritten eine larmende Wichtigthue⸗ rei, ein Weſen, das Maͤnnern, wie Capitan Co⸗ leman einer war, von nicht geringem Werthe iſt, weil ſie fuͤhlen, daß ihre perſoͤnliche Bedeutend⸗ heit eben nicht allgemein anerkannt zu werden pflegt; und eine ſchwarze Muͤtze aus Sammet, von der eine einzige Feder ihm uͤber die linke Schulter herabnickte, vervollſtändigte den Anzug unſers Exkriegsmannes. Zur Stunde, in welcher wir dieſen abgeſetz⸗ ten Helden unſeren Leſern vorfuͤhren, war er eben aus dem kleinen Gemache, das er in Trim Foretop's Wohnung inne hatte, in des Barbiers Laden gegangen, der den Sammelplatz von Kun⸗ den, neugierigen Nachbarn und friſch einlaufen⸗ den Neuigkeiten abgab. Seine Ankunft, gleich 233 der mancher anderen hohen Perſon, ſchickte einen ihn vorverkuͤndigenden Duft vor ſich her, wie⸗ wohl dieſer ſich nicht aus Roſen oder Ambra entwickelte; der Wolkenqualm einer eben ange⸗ zuͤndeten Pfeife war es, der durch das Haus wallte und durch den Miſtreß Foretop das Her⸗ annahen ihres Miethsmannes ſpuͤrte. Miſtreß Foretop hatte ihre beſonderen Urſa⸗ chen, uͤberaus hoͤflich gegen den Capitaͤn zu ſein, da dieſer ihr verſprochen hatte, am heutigen Tage einiges ſeit laͤngerer Zeit ihr ſchuldiges Geld zu zahlen. Wenn er fruͤher in dergleichen Geſchaͤft ſich auch puͤnktlich gezeigt hatte, war er in neue⸗ rer Zeit doch ſehr ſaumſelig darin geworden. Durch welche Mittel der Capitaͤn lebte, konnte ſo eigentlich Niemand, folglich auch Mrs. Fore⸗ top nicht ſagen, indem der Capitaͤn gegen Je⸗ dermann hieruͤber hoͤchſt verſchloſſen blieb. Viel⸗ leicht that er Das darum, weil ihm bisweilen dieſe Mittel ſelbſt unbekannt waren. Capitän Coleman zeigte bei ſeinem Eintritt in den Laden keineswegs die zuverſichtliche Miene, die man an Denjenigen wahrzunehmen pflegt, * ² ———————— der im Begriff iſt, ſeine Schuld zu bezahlen, ſon⸗ dern ſuchte vielmehr gefliſſentlich jeglicher Erwaͤh⸗ nung dieſes Umſtandes auszuweichen. Vermoͤge dieſer Anzeichen uͤberzeugt, daß heute fuͤr ſie an keinen Geldempfang von dieſer Gegend her zu denken ſein duͤrfte, erkannte Mrs. Foretop, daß jetzt die Reihe an ihr waͤre, die Zuverſichtliche zu ſpielen, und daß ſie ohne Furcht, dadurch zu beleidigen, ſich eben ſo unhoͤflich zeigen duͤrſte, als ſie unzufrieden mit dem Ausbleiben der ver⸗ ſprochenen Zahlung war. Auf eine freundliche Anfrage von Seiten des Capitaͤns, wohin ihr Mann denn ſchon ſo zeitig gegangen waͤre, ant⸗ wortete Mrs. Foretop demnach ſehr ſchnoͤde: „Ausgegangen, um ein Geſchaͤftchen zu beſor⸗ gen, wofuͤr er baare Bezahlung, nicht aber, wie von gewiſſen Leuten, leere Verſprechungen ſtatt klingender Muͤnze zu empfangen; ich ſage von Leuten, die am Ende ſo wie ihr ehemaliger General, Sir Richard Grenville, bezahlen.“ „Nun, wie bezahlte denn der, liebes Frau⸗ chen?“ fragte der Capitaͤn verbluͤfft. „Wie er bezahlte? Ei mun, auf eben die ——— N—„——„ ————— Weiſe wie Ihr mich vielleicht zu bezahlen gedaͤch⸗ tet, wenn ich's zuließe— er bezahlte Ferſen⸗ geld.“ Der Capitaͤn nahm die Pfeife aus dem Munde, laͤchelte ſo fein als ſein grobes Geſicht es irgend zuließ, und verſetzte in neckendem Tone: „Ei was, Ihr ſcheint ſehr zum Scherzen aufge⸗ legt heute fruͤh, denn Ihr wißt recht wohl, daß meine herzliche Zuneigung zu Euch und Eurem lieben Manne mir, als einem betitelten Manne, ein ſolches Ausreißen nimmer geſtatten wuͤrde. Gutes Muthes, Frauchen! Gehaͤngt will ich ſein, wenn ein ſo ſchmuckes Geſicht wie das Deine jemals grollend ausſchauen kann; es fehlt ihm dazu an Eſſigſaͤure, und iſt traun ſo huͤbſch wie das der Koͤnigin, wenn Ihre Majeſtaͤt ſich in ihrer anmuthigſten Laune befindet. Gutes Muthes, ſag' ich; denn bei Allem, was der Ehre am theuerſten iſt— bei meinem guten Solda⸗ tennamen ſchwoͤr' ich Euch, daß ich Euch bezah⸗ len werde, ſobald mir meine irlaͤndiſchen Ren⸗ ten eingehen, und Euch obendrein den kirſchfar⸗ benen Kleiderzeug zum Geſchenk machen will, der 236 Euch neulich in dem Packet des alten Wander⸗ kraͤmers Abraham ſo wohl gefiel.“ „Irlaͤndiſche Renten?“ wiederholte Mrs. Fo⸗ retop.„Soll mir Gott helfen, wenn ich jemals glaubte, daß Ihr uͤberſeeiſche Beſitzungen hät⸗ tet!“ „Ei, alle meine Beſitzungen ſind uͤberſeeiſch,“ verſetzte der Capitaͤn,„und daher kommt es, daß in gegenwaͤrtigen regelloſen Zeiten, und bei der Unzuverlaͤſſigkeit der Winde und den haͤufig ſtatt⸗ findenden Schiffbruͤchen meine Zufuhr nicht eben ſo regelmaͤßig iſt, als meine Beduͤrfniſſe es ſind; denn ein Menſch muß eſſen und trinken und ſchlafen, wie Ihr wißt, es moͤgen die Mittel dazu ihm eingehen oder nicht.“ „Doch muß er es nicht auf Koſten einer ehr⸗ lichen Frau, will ich hoffen,“ entgegnete Dame Foretop, die durch des Capitaͤns Weſen zwar etwas geſaͤnftigt ward, jedoch noch immer auf zu empfangende Bezahlung ſchielte;„Ihr ver⸗ ſpracht mir doch, mir heute Morgen mein Geld zu geben; Ihr verſpracht's, ſo wahr ich eine ho⸗ nette Frau bin—“ NN „Das ſeid Ihr,“ fiel ihr der Capitaͤn ins Wort,„und eine huͤbſche, freundliche Frau oben⸗ drein, denn an eben dieſem Morgen werdet Ihr mir einen Kronthaler ſo lange vorſtrecken, bis ich Alles in Einem bezahlen kann; thätet Ihr es auch nur der Leiden wegen, die ich im Dienſte des Koͤnigs von England, Frankreich und Schott⸗ land und von Ireland obendrein erduldete.“ „Im Dienſte des Herzen⸗, Rauten⸗, Kreuz⸗ und Spatenkoͤnigs, wollt Ihr ſagen,“ verſetzte Frau Foretop,„bis endlich der Spaten ſich fuͤr Euch in Bewegung ſetzt, wenn Ihr nicht am Galgen in Ketten begraben werdet, welches fuͤr Euch und Eures Gleichen, die Ihr wuͤrfelt und Karten ſpielt und zecht und ſchlemmt, am Ende das Ende ſein wird, daß Ihr ſo hurtig aus⸗ loͤſcht wie ein Licht, das man an beiden Enden angebrannt hat. Nur wenn Ihr mir beſſere Si⸗ cherheit als bisher gebt, leihe ich Euch noch ei⸗ nen Kronthaler.“ „Die ſollt Ihr haben, Herzchen; unzubezwei⸗ felnde Sicherheit,“ verſetzte der Capitaͤn;„denn Du ſelbſt ſollſt dieſe Sicherheit ſein, Herzchen, und ein Schmatz von Deinen Korallenlippen ſoll das Siegel des Vertrags abgeben,“ ſetzte der lockere Zeiſig hinzu, indem er die Dame beim Kopfe nahm und ſie weidlich abkuͤßte. Nachdem Mrs. Foretop ſich den Mund ge⸗ wiſcht und ihre Haube, die bei Verabreichung und Hinnahme des Friedenskuſſes ſich ein wenig verſchob, wieder zurechtgeſetzt hatte, ſagte ſie: „Fuͤrwahr, Ihr ſeid ein ſo curioſer Bittſteller, daß, wenn mein Mann nicht uͤberzeugt ware, die beſte aller Frauen in mir zu haben, ihr ihm Wuͤrmer in den Kopf ſetzen koͤnntet. Aber das Reitervolk macht's einmal bei uns Weibern nicht anders, es ſei denn, man waͤre alt und garſtig wie eine Hexe.“ „Was Ihr doch nicht ſeid, auch ſchwerlich jemals ſein werdet,“ fiel der Capitaͤn ein.„Ihr leihet mir alſo einen Kronthaler? einen Kron⸗ thaler um des Mitleids und Eurer blauen Au⸗ gen willen, denen das Mitleid ſo wohl ſteht? einen Kronthaler, um mein betruͤbtes Herz fuͤr eine gute Sache zu erwaͤrmen? einen Krontha⸗ ler zu Ehren des Koͤnigs von England, daß hi ve hi m w ( 8 m 239 man deſſen Geſundheit in einem Glaſe Kana⸗ rienſect trinken koͤnne?“ „Zu ſolchem Zwecke geb' ich mit Vergnuͤgen einen Kronthaler her,“ ſagte eine Stimme, und als der ſcharmirende Capitaͤn umblickte, ſtand der Cornet Davy vor ihm, der ſo eben in den Laden getreten war. „Honettes Anerbieten ſollte nimmer ausgeſchla⸗ gen werden,“ ſagte Coleman.„Ehrlicher Freund, leihet mir das Geld, und wir wollen zur Stelle mitſammen ein Glaͤschen ſo froͤhlichen und leich⸗ ten Herzens ausſtechen, als ob wir Koͤnige waͤren.“ „Nicht doch! viel leichteren Herzens, will ich hoffen, als mindeſtens Ein Koͤnig jetzt iſt,“ verſetzte der Cornet mit einem Seufzer.„Nehmt hin den Kronthaler, denn ich wuͤrde mich ſcha⸗ men, wenn ich ſchlechter als mein Wort waͤre, wiewohl oft arg mit Worten herumgeworfen wird. Doch mittrinken darf ich nicht, denn mein Geſchaͤft iſt wichtig und dringend.“ „Will's glauben,“ ſagte der Capitaͤn,„auch mein Geſchaͤft war's, denn der fruͤhere Theil des Tages eignet ſich am beſten zum Rechnung⸗ zahlen und Sicherheitſtellen. Aber ſetzt Euch, Freund, und ich ſchicke dann den Lehrjungen fort, daß er uns den Canarienſect aus dem Koͤ⸗ nigskopfe hole, das heißt aus dem ehemaligen Koͤnigskopfe; denn, wie ich hoͤre, haben die Rund⸗ koͤpfe das Bild des Aushaͤngeſchildes in das des alten Noll verwandeln laſſen.“ Cornet Davy kopfſchuͤttelte, als er dieſe boͤs⸗ weiſſagende Nebenbemerkung vernahm.„Ich will hoffen, das Kopfabnehmen wird ſich nicht weiter als bis auf die Aushaͤngeſchilder der Wirthö⸗ haͤuſer erſtrecken,“ ſagte er;„doch iſt dieſe Ge⸗ ringſchaͤtzung gegen Seiner Majeſtaͤt Bruſtbild, das ausgehaͤngt ward, um die Herzen der Un⸗ terthanen drinnen in der Schenke zu erfreuen, eine boͤſe Vorbedeutung Deſſen, was mit dem Urbilde geſchehen moͤgte, falls den Royaliſten das Schlimmſte begegnen ſollte.“ Capitaͤn Coleman ſah ſich bald im Beſitze des Canarienſectes, und als mittlerweile Cornet Davy die Abſicht ſeines Kommens kundmachte, ward ihm die Weiſung, daß Trim Foretop's „„——. — 241 Ruͤckkehr von einem Geſchaͤftsgange abgewartet werden muͤßte. So ſetzten denn Mrs. Foretop, der Capitaͤn und Davy ſich zu dem erheiternden Becher, dem Erſtere noch durch einen Paſteten⸗ reſt, den ſie freigeblig zum Beſten gab, eine hoͤ⸗ here Wuͤrze verlieh. Politik, das Lieblingsthema des Tages und aller Englaͤnder, denn dieſe halten ſich fuͤr eine denkende und demnach fuͤr eine politiſche Nation, lieh Stoff zur Unterhaltung her; bis Davy, als er den Capitaͤn bei Namen nennen hoͤrte, ſich deſſen plötzlich zu erinnern ſchien, und mit ern⸗ ſtem Tone zu ihm ſagte:„Ungeachtet Deſſen, Ca⸗ pitaͤn, was ich heute fruͤh von Euch hoͤre, glaube ich doch, mich zu irren, wenn ich Euch fuͤr einen aͤchten Koͤniglichgeſinnten halte. Ich vermuthe vielmehr, in Euch Einen von Denen zu ſehen, die da, um aller Strafe und Buße dafuͤr, daß ſie die Waffen in der Sache des Koͤnigs fuͤhr⸗ ten, zu entgehen, den Covenant beſchwuren, ſo⸗ bald das Parlament und Fairfar die Schale im Weſten des Landes zu ihren Gunſten ſenkten.“ „Vielwerther Waffenbruder,“ entgegnete der Warleigh. I. 16 242 Capitaͤn,„da thut Ihr mir Unrecht, ungebuͤhr⸗ liches Unrecht; habt dem erſten beſten luͤgenhaf⸗ ten Geruͤchte Gehoͤr gegeben, das uͤber mich im umlauf iſt, waͤhrend ich doch an Geiſt und Leibe und Guͤtern um des Koͤnigs willen ſchweres Leid erduldete.“ „So beſchwuret Ihr den Covenant nicht?“ fragte Davy. „Ihr ſollt's hoͤren,“ verſetzte Coleman: „Nachdem Fairfar uns zu Paaren trieb, durch ueberzahl jedoch nur uns zu Paaren trieb(denn Ihr wißt, daß gegen die Menge ſelbſt ein Herkules endlich nichts mehr ausrichten kann), verſicherte man ſich auch meiner und wollte, wegen meiner vielfaltigen Waffenthaten— deren ich mich wei⸗ ter nicht ruͤhme, weil der Muth ausſchließlich etwas Angebornes iſt— und weil ich den Fein⸗ den ſchon durch meinen bloßen Namen fuͤrchter⸗ lich ward, indem die puritaniſchen Halunken mich nicht anders als den rothen Drachen nannten—“ „Sehr richtig,“ ſchob Cornet Davy ein,„un⸗ ter dem rothen Drachen, von dem auch in der Offenbarung St. Johannis die Rede iſt, verſteht ——,— 8 ————„* — M — — — t man den Teufel, und Grenville's Reiter verdien⸗ ten wohl vielfaͤltig dieſen Namen.“ „Ich ſage, Fairfar und Waller, eiferſuͤchtig und neidiſch auf meinen Kriegsruhm, ſo wie auf meine Grundſätze, wollten mich auf ein Schiff bringen und in die tuͤrkiſche Sclaverei verkaufen laſſen, ſobald ich nicht den Covenant beſchwoͤren wuͤrde, welches ich natuͤrlich ſtandhaft weigerte.“ „Wie geſchah's denn, daß Ihr endlich los⸗ kamt?“ fragte der Cornet. „Da eben liegt der Pfiff! Zufällig traf es ſich, daß einer meiner Freunde, der recht wohl wußte, daß ich mich nicht bearbeiten ließe, ſon⸗ dern lieber als ein Maͤrtyrer fuͤr die gute Sache ſterben wuͤrde, Mitglied der Sequeſtratoren oder der Commiſſionmaͤnner war. Der kam unter dem Vorwande, mich ſchon herumzukriegen, zu mir in mein Gefaͤngniß, leerte einen Becher mit mir und ſchob, als er ging, mir ein Blatt in die Haͤnde, welches ich in meine Taſche ſchieben mußte und nicht eher leſen ſollte, als bis er hin⸗ ausgegangen ſein wuͤrde. Ich fugte mich dieſer Weiſung, und er ging, begab ſich aber ſofort zu 16* 244 den Behoͤrden und meldete dieſen, wie ich den verlangten Schwur in ſeine Hand geleiſtet, und er mir das Document daruͤber zugeſtellt haͤtte. Das mir zugeſteckte Papier war naͤmlich ein ſol⸗ ches Document; man fand es bei mir und ließ mich augenblicklich frei. Ich geſtehe es, daß ich es damals fuͤr gerathen hielt, dem Handel nicht zu widerſprechen, weil er mir ſo erſichtlichen Vor⸗ theil gewaͤhrte, hoffe aber, daß ein Tag kommen wird, an welchem ich mich den Cavalieren wie⸗ der anſchließen und der Sache des Koͤnigs eben ſo folgen kann, wie der Schiffer auf dem Meere dem Polarſterne folgt.“ Kaum hatte der Capitaͤn dieſe ſeine wahre oder falſche Ausrede geendet, die er gegen alle Royaliſten vorbrachte, als ein Frauenzimmer her⸗ eintrat, die von Mrs. Foretop freundlich begruͤßt und mit dem Namen einer Wittwe Raleigh be⸗ legt ward. — e— Dreizehntes Capitel. „Recht auf Gewäͤſch war er bedacht, Wenn nicht'ge Sach' ihn ſchwatzen macht', Um durch ſein endlos Zungenpoltern All ſeiner Hoͤrer Ohr zu foltern.“ Butler's„Hudibras“ Die Wittwe Raleigh war in ihrem Aeußern eine angenehme Erſcheinung. Freilich zaͤhlte ſie ſchon Vierzig, hatte auch wahrſcheinlich niemals hohe Schoͤnheit beſeſſen, doch lag auf ihrem Ge⸗ ſichte jener Ausdruck von Verſtaͤndigkeit, Wohl⸗ wollen und Tiefgefuͤhl, der jederzeit bei allen Rechtſchaffenen Hochachtung und Zutrauen be⸗ wirkt. Sie trug ſaubere Trauerkleider, die je⸗ doch ziemlich fabenſcheinig waren, auch zeigte ſie ſich hohläugig und bleichwangig, ſo daß man ſie gar wohl fuͤr durftig an Mitteln halten mogte. Sie entſchuldigte ſich bei Mrs. Foretop, daß ſie 246 zu dieſer eingetreten war, doch waͤre dies nöthig geweſen, um, wie ſie ſagte, ſich ein wenig aus⸗ zuruhen, indem ſie heute noch zu Hauſe nach Tamerton zu wandern haͤtte, wenn ihr nicht zum Gluͤck irgend ein vom Markte heimkehrender Nachbar begegnete, der ſie hinter ſich auf ſein Pferd nahme. „Nun, dies gute Gluͤck will ich Euch wuͤn⸗ ſchen, Liebe,“ entgegnete Mrs. Foretop,„denn es ſind nicht Zeiten darnach, daß eine ehrſame Frau aus gutem Hauſe, wie Ihr es ſeid, allein ihre Straße ziehe. Zudem hab' ich ſagen hoͤren, Ihr wuͤrdet heute fruͤh hieher nach Plymouth kommen, um von James Grey, dem Schiefer⸗ decker, die vierzig Schillinge in Empfang zu neh⸗ men, die er Eurem verſtorbenen Manne ſchul⸗ dete, den Gott ſegnen wolle, denn er war ein wackerer Herr. Ich will hoffen, Ihr erhieltet das Geld?“ Obwohl Mrs. Raleigh nicht ſo mittheilend in Worten als Mrs. Foretop war, nahm ſie dennoch nicht Anſtand, dieſe Frage der Wahrheit gemaͤß mit Ja zu beantworten. „Nun, ſo iſt's recht,“ verſetzte die Frau des Baders,„verſprechen und zahlen iſt rechtſchaf⸗ fen, nicht aber iſt's honett, ſein Wort brechen, als waͤr's blos wie eine Paſtetenrinde da, um gebrochen zu werden.“ Dabei blickte Mrs. Fo⸗ retop von der Seite auf den Capitaͤn; dieſer aber war Einer von Denen, die nur dann einen Wink verſtehen, wenn ſolches Verſtaͤndniß in ihren Kram paßt. Indem er alſo aus einer großen Doſe, die er bei ſich fuhrte, ſeine Pfeife fuͤllte, ließ er die Anſpielungen ſeiner Wirthin zu ei⸗ nem Ohre hinein⸗ und zum andern wieder hin⸗ ausgehen. Mogte er nun durch den Anblick des ſchwer⸗ muͤthigen Geſichtsausdruckes der Wittwe Raleigh zu Mitleiden geruͤhrt worden ſein, oder fuͤhlte er eine klebrige Hand fuͤr einen Theil von den vierzig Schillingen der armen Frau zu haben, was wir nicht zu entſcheiden vermoͤgen; genug, es ſtieg ihm ein ſehr ritterliches Project in den Kopf, welches er ſogleich in folgenden Worten mittheilte: „So eben bedenk' ich,“ ſprach er, indem er —— die Pfeife aus dem Munde nahm und ſich zu Davy wendete, wie es doch zu beklagen ſein duͤrfte, wenn eine ſo wackere Frau wie Dame Raleigh den weiten Weg nach Tamerton zu Fuße, mit Gefahr koͤrperlicher Ermuͤdung und wohl gar unter Verluſt ihrer eingeholten Baarſchaft, zurucklegen ſoll. Ich habe gehoͤrt, daß Sir Hugo Piper ein altes aber tuͤchtiges Reiterpferd im Stalle hat, deſſen er ſich unter Sir Bevil Gren⸗ ville's Commando im Treffen von Landsdown bediente. Wie mich dunkt, heißt das Thier Hector. Wollte Sir Hugo mir nun daſſelbe leihen, ſo koͤnnten wir ſolches leicht aufzaͤumen, und ich braͤchte die gute Frau darauf nach Hauſe, ohne beſuͤrchten zu muͤſſen, mit dem Gaule nicht vor Mondesaufgang wieder zuruͤck zu ſein. Was aber Diebe, Gaſſenlungerer, verlaufene Soldaten, los⸗ gelaſſene Gefangene, Buſchklepper und Btutel⸗ ſchneider betrifft, ſo moͤgen ſie Alle miteinander nur kommen; die Wittwe iſt unter meinem Schutze, und ſoll ſehen, wie wir Reitercapitaͤne uns dergleichen vom Leibe halten. Bei Dutzen⸗ den wollt' ich ſie zerhacken, wie Ihr, Mrs. Fo⸗ —— ———— ———„— retop, die Fleiſchſtuckchen zu dieſer Paſtete zer⸗ hackt habt!“ „So wahr ich eine honette Frau bin,“ ſagte Mrs. Foretop,„das iſt denn doch ein hoͤflicher und cavaliermaͤßiger Vorſchlag, den der Capitän da machte, und ich rath' Euch, Miſtreß Raleigh, ein ſo gutes Anerbieten, das nicht zweimal hin⸗ ter einander gemacht werden moͤgte, nicht von der Hand zu weiſen. Es duͤrfte wirklich nicht gerathen fuͤr Euch ſein, mit dem Gelde in der Taſche allein nach Hauſe zu wandern; denn wo's Geld gilt, haben die Hecken eben ſo gut Augen, als man ſagt, daß die Waͤnde Ohren haben.“ Weit entfernt, uͤber den Antrag des Capitans erfreut zu ſein, ward die Wittwe Raleigh durch denſelben in Verlegenheit geſetzt; lehnte ihn da⸗ her, wiewohl ſehr hoͤflich, ab, und meinte, es wuͤrde ihr nicht fehlen, bald einem gutherzigen Nachbar zu begegnen, der ſie auf ſeinen Sattel nehmen wuͤrde. „Ei, ſeid Deſſen nicht ſo gewiß,“ meinte die Frau des Baders;„ein Vogel in der Hand iſt 250 mehr werth als deren zwei auf dem Dache; und wie koͤnntet Ihr, eine Frau von guter Herkunft, die ſich auf Leſen und Schreiben und Nadelar⸗ beit und all dergleichen verſteht, und uͤberdies die Wittib eines Geiſtlichen iſt, wohl einen beſ⸗ ſeren Heimfuͤhrer finden koͤnnen, als einen ſtatt⸗ lichen Reitercapitaͤn? Das iſt, einen vormaligen Capitaͤn; doch bleibt auch ein geweſener Capitaͤn immer ein Capitaͤn, und ich bin uͤberzeugt, daß Ihr ſo behaglich mit einander dahintraben wer⸗ det, als ob Ihr Euch ſchon ſeit ſieben Jahren kenntet. Und obwohl ich es jetzt in ſeinem Bei⸗ ſein ſage, ſo wuͤrd' ich doch hinter ſeinem Ruͤcken nicht mehr von ihm ſagen, als daß der Capitaͤn ſich Euch als ein recht angenehmer Mann zei⸗ gen wird, wenn er naͤmlich nuͤchtern, ſo wie jetzt iſt; hat er jedoch ein Becherchen oder ſo zu viel geſchluͤrft, ſo wird er gern ein bischen vorlaut und maͤrzaliſch(ſie wollte martialiſch ſagen), und wer kann da wiſſen, was draus wer⸗ den mag; denn Frauenzimmer ſind bezaubernde Creaturen, und da Euer erſter Mann einen ſchwarzen Rock trug, ſo duͤrftet Ihr nichts da⸗ —0— S* 8 M —— M 251 gegen haben, wenn Euer zweiter ſich in einem rothen Rocke zeigt— Hehehe!“ Dieſe Art und Weiſe zu ſcherzen war der Wittwe nichts weniger als behaglich, ſo daß dieſe, im Verlangen, dem Geſpraͤche eine andere Wendung zu geben, und doch nicht da zu belei⸗ digen, wo vielleicht gutgemeinter Beiſtand an⸗ geboten, wenn auch plump oder unzart ausge⸗ ſprochen ward, ſich dahin aͤußerte,„daß ſie fuͤr das Anerbieten ſehr dankbar waͤre, jedoch un⸗ moͤglich ſich des Pferdes Sir Hugo Piper's be⸗ dienen koͤnnte, ohne dieſen zuvor um Erlaubniß gebeten zu haben, welches zu thun ſie aber nim⸗ mer uͤber ſich vermoͤgte.“ Cornet Davy, der dies hoͤrte, und in ſeiner Schlichtheit nichts von jener verfeinerten Welt⸗ ſitte kannte, nach welcher die Leute eine Vernei⸗ nung in Entſchuldigungsworte kleiden, nahm den Einwurf der Wittwe in deſſen buchſtablicher Bedeutung und ſagte deswegen:„Verehrte Frau, dieſer Bitte kann ich Euch uͤberheben, denn mei⸗ nes wuͤrdigen Herrn altes Pferd, der Hector, ſteht mir allzeit zu Gebote, und wuͤrde mein ————.— Herr es mir hoͤchſt ſtreng verweiſen, ſeinen Gaul da ſtill ſtehen gelaſſen zu haben, wo ich ihn um einer Wittib und einer Waiſe willen(denn ich hoͤrte Euch vorhin ſagen, daß Ihr ein Toͤchter⸗ lein habt,) haͤtte in Bewegung ſetzen koͤnnen. Sobald ich den Bader geſprochen haben werde, gehe ich zu meiner Herrin, der Frau Sibylla, um ihr eine Botſchaft von Sir Hugo zu uͤber⸗ bringen, der heute zu Mount Edgeumbe ver⸗ weilt, und will dann gleich Euch das Pferd hie⸗ her vor die Thuͤr fuͤhren laſſen.“ Ueber dieſen zweiten Antrag ſchier noch pein⸗ licher denn zuvor geſtimmt, wollte die Wittwe ſich eben entſchieden des Mitreitens weigern, als ſich ein Umſtand ergab, der ſie ſofort anderer Meinung werden ließ. Es trat naͤmlich mit der Frage, ob Meiſter Foretop nicht zugegen waͤre, ein Mann herein, der an Aeußerem, wie an Stand und Weſen gar ſehr von den bereits im Laden befindlichen Per⸗ ſonen abwich. Der neue Ankoͤmmling war ein kleiner, blaſſer, ſchmaͤchtiger Handwerker, ein Lederausſchnitzler und Handſchuhmacher. Er wies 0— 253 ein Paar ſchwarze, blitzende Augen, trug ein gro⸗ bes Wams, eine Linnenſchuͤrze und auf dem rundgeſtutzten Haar ein altes ſchwarzes Käpp⸗ chen, und ließ jenes ſteife, ſtierblickende Weſen an ſich wahrnehmen, in welchem die Froͤmmler jener Zeit ſich ſo wohl gefielen. Tim Glover, ſo hieß der Lederausſchnitzler, hatte gar keine Eile, um wieder wegzugehen, als der Bader erwartet werden mußte, und ſchlug deshalb die Kanne Bier nicht aus, die ihm von Miſtreß Foretop freundlich geboten wurde; denn Mrs. Foretop erinnerte ſich wohl, wie ihr oft von ihrem Manne angerathen worden war, freund⸗ lich und zuvorkommend gegen jeden Kundmann zu ſein, und wenn ihre Zunge auch bisweilen uͤber Gebuͤhr zu Gunſten der Sache des Königs in Bewegung kam, verſtand ſie ſich doch darauf, im Allgemeinen milde Rede gegen ihre politiſchen Gegner zu fuͤhren. Kaum hatte Glover Platz genommen, ſo wendete ſich der Capitän, der in ſeiner Leibes⸗ laͤnge alle kleineren Leute über die Achſeln an⸗ ſah, zu ihm und fragte mit Frechheit in der Miene:„Na, was Neues, kleiner Kerl? Seht Ihr doch aus, als haͤttet Ihr's erkluͤgelt, einen Gaul zu ſtehlen, oder ein Schloß aufßzuſchnellen ſei etwas Geſcheidtes, da es doch klug gethan iſt, dergleichen bleiben zu laſſen. Na, was giebt's? Wie dreht ſich die Welt? Sind die Frommen ehrlich worden, oder ſtieg der Hanf im Preiſe, weil ſo viele von ihnen noch ungehangen umher⸗ gehen? Und wo iſt Euer Mars des Tages, der General Cromwell?“ „Er wirkt Wunder im Lande Ham's,“ ant⸗ wortete der ſchmaͤchtige Handſchuhmacher. „Im Lande des Rindfleiſches und Puddings, wollt Ihr ſagen,“ entgegnete der Capitaͤn.„Zum Teufel, was fuͤr ein Land wollen Eure pſalmo⸗ direnden Generale endlich noch aus Alt⸗England machen, als ob hier Alles nach Art und Weiſe der Wanderer in Aegypten gemodelt werden muͤßte? Mich ſoll verlangen, wie das Alles noch enden wird!“ „Schlimm wird's enden, wenn nicht einge⸗ ſchritten wird,“ verſetzte Glover,„denn die Soͤhne Belials ſind auf den Beinen, nachdem ſie dem ——— 255 Antlitze des Zornes entflohen und in die Wild⸗ niß rannten, allwo ſie ihre abſcheulichen Altäre aufrichteten, um die alte Babel neu aufzubauen, und von wannen ſie umherſtreifen im Lande als aller Manns Feinde, und ſchrecklich werden de⸗ nen Jungfrauen von Siloa, ſo daß dieſe erzit⸗ tern, denen Schrecklichen in den Weg zu ge⸗ rathen.“ „Was zum T**l wollt Ihr damit ſagen?“ fragte der Capitaͤn und haͤngte noch einen Fluch daran, der zu ſcheußlich war, als daß wir ihn wiederholen moͤgten:„Ich verſtehe mich ſchlecht auf Eure Späßchen, Maͤnnlein! Was habt Ihr ſagen wollen?“ „Den Gubbins ſind wir auf den Beinen,“ verſetzte Tim Glover;„ſie haben in verwichener Nacht von der groͤßten Paͤchterei unweit Tamer⸗ ton ſechs Kuͤhe, zehn Schafe und ein Dutzend Hühner geſtohlen und weggetrieben; denn nur die Gubbins, ſagt man, koͤnnen dieſen Frevel veruͤbt haben.“ „Die Gubbins?“ fiel Miſtreß Foretop ein; „da iſt's doch gut, liebſte Raleigh, daß Ihr von ſo tapferem Manne, wie der Capitaͤn iſt, nach Hauſe geleitet werden koͤnnt, denn ohne ihn moͤgte es um Euch und Euer Baares auf der Heerſtraße uͤbel ſtehen.“ „Wer ſind denn die Gubbins?“ fragte die Wittwe. „Eine Rotte von Raubgeſellen, ſo blut⸗ und 1 habgierig, als deren jemals eine auf des Koͤnigs j Straße einem Wanderer Halt zurief, und die von einem eben ſo ſchuftigen Hauptmann, der ſich Roger Rowle nennt, befehligt wird.“ C „Eine Rotte Papiſten und geaͤchteter Diebe und Moͤrder,“ ſetzte der Handſchuhmacher hin⸗ zu,„die ſo dem Koͤnige wie dem Parlamente 4 1 Trotz beut, und nur Baalspfaffen zu ihren Be⸗ ſt herrſchern haben moͤgte.“ „Ein wahres ſcythiſch⸗wildes Geſchlecht,“ ſagte der Capitaͤn,„deren Anfuͤhrer einmal von un meinem ehemaligen Befehlshaber, Sir Richard ha Grenville, eingefangen und zu Lydford Caſtle in me Eiſen gelegt ward; doch der Kerl, eben jener die Roger Rowle, war ein wahrhaftiger Goliath, ſpe brach ſich durch ſeinen dunklen Kerker, ſtellte ſich 257 wieder an die Spitze ſeiner Wilden, die alleſammt Fluͤchtlinge vor dem Geſetze, Cavaliere und Rund⸗ koͤpfe durcheinander ſind, und lebte mit ihnen und auf ſeine Weiſe, als ob er Koͤnig von Eng⸗ land waͤre, haͤlt die Wanderer an, pluͤndert ſie und toͤdtet ſie wohl gar, ſtiehlt und raubt, und ſchlägt dem Geſetz ein Schnippchen, indem er jegliches Nachſetzen zu Schanden zu machen weiß.“ „Sir,“ ſagte Frau Raleigh, als ſie dies hoͤrte, zu dem Capitaͤn,„mit Dank nehm' ich Euer Anerbieten an, mich von Euch auf dem Pferde dieſes Ehrenmannes nach Hauſe geleiten zu laſſen, denn ich habe ein armes vaterloſes Loͤchterlein, ſo daß, wenn mir etwas Arges zu⸗ ſtieße, ich——“ „Wittwe,“ unterbrach ſie der Capitän mit einer Stentorſtimme,„ich bin zu Euren Dienſten, und ſollte Roger Rowle ſelbſt es fuͤr thunlich halten, uns anzugreifen, waͤhrend dieſe Klinge an meiner Lende baumelt, ſo will ich zeigen, was dieſe Klinge vermag; ich will dem Kerl den Kopf ſpalten, und Ihr ſollt die eine Haͤlfte davon ha⸗ ben, ſo wie die des Preiſes von hundert Ro⸗ Warleigh. I. 17 258 ſenobeln, den das Parlament darauf geſetzt hat.“ Waͤhrend der Capitaͤn ſo bramarbaſirte, flog die Thuͤr auf, und vielgeſchaͤftig und geraͤuſch⸗ voll ſprang der Herr des Ladens herein. Trim Foretop hatte ſo viel zu beſchicken, daß er nicht anzufangen noch aufzuhoͤren wußte. Dazu kam, daß er mit Neuigkeiten— mit einem ſolchen Budget von Neuigkeiten vollgepfropft war, daß es ihm ſchier die Kehle zuſchnuͤrte, um ſie von ſich zu geben. Das war aber noch nicht Alles! Cornet Davy's Anmahnung, mit nach Mount Edgeumbe zu kommen, die Geſchichte von den Gubbins, ein mit ihm eingetretener Kunde, der ein Stillmittel fuͤr ſein erbaͤrmlich ſchreiendes, zahnendes Kind haben wollte, und das Gebeier ſeiner Ehehaͤlfte, deren Zunge ſich wie der Klopfel in der Glocke eines Stadtausſchreiers be⸗ wegte, machten den ſonſt ſo behenden und maul⸗ firen Bader vollends confus. Endlich jedoch fand er Worte, die indeſſen eben ſo verworren her⸗ auskamen, als ſeine Gedanken es waren. „Freilich, freilich,“ ſchnatterte er;„ſogleich —— m folg' ich Euch zu Sir Hugo Piper, das heißt zu Sir Piers von Edgcumbe— braver Herr, der! keinen beſſeren kann's geben— Jammer⸗ ſchade, daß er nicht langſt gegriffen und gehaͤngt ward— denn groͤßeren Dieb gab's nicht, ſeit⸗ dem Hanf verarbeitet ward, als der Roger Rowle iſt, von dem Ihr erzaͤhlt— Ich weiß, liebe Frau, daß Du mit mir zu ſprechen haſt, aber Du ſiehſt, ich bin in Haſt— dringende Noth— und Noth hat kein Gebot— wie's Sprichwort ſagt— Schiffbruch, Cornet Davy? Nichts Schlimme⸗ res als das— ja, ja, Aderlaſſen gegen's Fie⸗ ber und zerſchlag'ne Koͤpfe— Ihr ſeid zu dem Rechten gekommen, der hier helfen kann— zer⸗ ſchlagene Koͤpfe ſind heut zu Tag alltaͤglich Ding— doch iſt's gut— es foͤrdert das Ge⸗ werb— dieſer Buͤrgerkrieg, der hebt die Bader ſo wie die Kerkermeiſter und Rechtsverweſer und Commiſſionherren hervor— Capitaͤn Coleman will mit Miſtreß Raleigh zu Sattel— alter Reitergaul! Herrlich, herrlich— ich helfe— ich komme hurtig wie'n Lanzettenſchnitt— kann Euch nicht barbieren, Maſter Glover— meine 4 ——— 260 Frau wird's thun, die ſchlenkert's Bartmeſſer wie ihre Zunge— ich weiß ſchon, was Du ſa⸗ gen willſt, Frau; Du biſt lieblich wie ein Mai⸗ morgen, ſo Du guter Laune biſt. Und nun, da ich Euch Alle zufriedengeſtellt habe, hoͤrt meine Neuigkeiten!“ Der Cornet ließ Zeichen von Ungeduld blicken. „Ihr koͤnnt's nicht abwarten?“ fuhr der Ba⸗ der in Einem Zuge fort.„Oho! Ihr koͤnnt's, denn ich muß erſt einige Nothwendigkeiten her⸗ ſuchen, um ſie mit nach Mount Edgeumbe zu nehmen— ein Bißchen Ambrapflaſter— ein wenig rosa solis— ein Quentchen aurum po- tabile— meine beſte Lanzette— mein ſchaͤrf⸗ ſtes Bartmeſſer; denn da der Schiffbruchige, wie Ihr ſagtet, gefaͤhrlich verwundet iſt, moͤgt' ich beide Dinge brauchen muͤſſen— die Lanzette, um ihn auszuadern, wenn er lebt, das Bartmeſ⸗ ſer, um ihn zu ſcheeren, wenn er todt iſt. Das nenn' ich ſein Geſchaͤft kennen! Immer zu Al⸗ lem fix und fertig und vorbereitet! Das iſt der halbe Weg, auf dem große Maͤnner emporſtei⸗ gen— und jetzt meine Neuigkeiten!“ kl al —— 261 „Faßt Euch kurz, ich bitt' Euch,“ fiel Cor⸗ net Davy ein,„gebt uns die runde Summe und laßt die Specification weg, ſonſt meint Sir Hugo, ich haͤtte mich ſaumſelig erwieſen. Faßt Euch kurz!“ „So kurz wie Sir Richard Grenville's Spruch, den er ſeinen Gefangenen zurief—„„zum Gal⸗ gen!““ und der Spruch ward dann ſofort voll⸗ zogen, und daher ſchreibt ſich,“ verſetzte der Bart⸗ philoſoph,„die Rede vom Lydfordgeſetz. Ihr kennt doch, werther Cornet, die Verſe, die Browne, der Poet von Devonſhire, uber die Gubbins und das Lydfordgeſetz machte? Ja, ja, Ihr kennt ſie; wenn nicht, ſo ſprecht, und ich ſage ſie Euch her. Nun aber, halt ſtill! meine Neuigkeit— vor Allem aber muß ich erſt dies Bartmeſſer ſchleifen und Euch dabei die Geſchichte vom Poe⸗ ten Browne und dem Lydfordgeſetz erzaͤhlen.“ Kein Barbier ſeit den Tagen des beruͤhmten ſchwatzhaften Bartſcheerers in der Geſchichte des kleinen Buckeligen war ſo ein peinlicher Schwätzer, als Trim Foretop; denn gleich wie der arabiſche Barbier ſein Aſtrolabium hervorholte, um zu ſe⸗ —— —— hen, wie viel es an der Zeit waͤre, und ſang und tanzte, anſtatt einen ungeduldigen Lieben⸗ den zu ſcheeren, ſo zog unſer Trim, zur Zeit da er dem Cornet haͤtte folgen ſollen, zwar kein Aſtrolabium, wohl aber ein halbes Dutzend uber⸗ fluͤſſiger Bartmeſſer hervor, um ſie zu ſchleifen und die Zeit in unnuͤtzem Gewaͤſch uber die Buſch⸗ kleppereien der Gubbins, uͤber den Urſprung des Redens vom Lyofordgeſetz und endlich Betreffs ſeiner beſonderen Neuigkeiten zu verſchwenden, waͤhrend Cornet Davy auf Dornen ſaß, daß dem zu Mount Edgeumbe liegenden Verwunde⸗ ten wundaͤrztliche Huͤlfe werden moͤgte. „Ich geh' ſchon, geh' ſchon!“ ſagte der Bar⸗ bier—„Nun noch Eins— in fuͤnf Worten iſt's abgemacht; kuͤnſt'gen Sonntag iſt der Teu⸗ fel los!“ Tim Glover aͤchzte, verdrehte die Augen und ſagte:„Wie? am Tage des Herrn? Am ſiebenten Tage? Und Ihr fuͤrchtet nicht, daß, indem Ihr ſolches nur aͤußert, der Erdboden ſich oͤffne und Euch verſchlinge?“ „Ei was!“ rief der Capitaͤn,„ich bin Bi⸗ ———— — E belhuſar genug, um behaupten zu koͤnnen, es ſei in der Ordnung, dem Teufel ſein Recht zu geben, ſo oft es Zeit dazu iſt. Doch geſchwind, Freund Foretop; Deine Neuigkeiten— und hoͤr' auf, wie Hamlet zum Buͤhnenſpieler ſpricht— hoͤr auf, Deine vermaledei'ten Geſichter zu ſchnei⸗ den und fang' an!“ „Will ſchon, will ſchon!“ entgegnete Trim. „Kund und zu wiſſen ſei Jedermann— denn ſo lauten die Worte buchſtaͤblich, wie ich ſie ge⸗ druckt mit eigenen Augen in der Publication las— kund und zu wiſſen ſei Jedermann, wie unſer allergnadigſter Herr und Koͤnig Karl, hoch⸗ ſeligen Andenkens— nein, ſo war's nicht, denn Koͤnig Karl lebt noch in dieſer Welt, und Gott erhalt' ihn fuͤr immer!“ „Was? wie den ewigen Juden?“ fiel der Capitaͤn ein. „Nicht doch, nicht doch! Bringt mich nicht aus dem Concept,“ ſagte Trim—„daß unſer allergnadigſter Koͤnig und Herr, gleich wie deſ⸗ ſen Vater, hochſeligen Andenkens— jetzt hab' ich's— eine Verordnung erließ, welcher zufolge 264 an Sonntagen autoriſirte Spiele und Zeitver⸗ treibe ſtattfinden duͤrfen, obwohl ſolche vom Par⸗ lamente Widerſpruch und Verbot erfahren moͤg⸗ ten: ſo ſind denn ſonderliche Ritter und Edel⸗ leute und Freiſaſſen und Andere dieſer Grafſchaft entſchloſſen, ſo zum Heil ihrer Leiber, wie ihrer Seelen, die alten mannlichen Spiele, Uebungen und Zeitvertreibe dieſes Koͤnigreiches dahin wie⸗ der aufzufriſchen, daß ſie naͤchſten Sonntag auf der großen Ebene bei Tamerton luſtig und fried⸗ lich mit Knitteln und Keulen und Stumpfarten und Breitſchwertern u. dergl. m. zuſammenkom⸗ men und nach allen Rechten und Ehren und Ge⸗ braͤuchen einen Klopf⸗, Laͤrm⸗ und Schmaus⸗ ſonntag abhalten wollen, trotz allen Cromwell's und Ireton's, und allen Prieſtern und Parla⸗ menten, die da verſuchten oder verſuchen wollen, koͤnnen und moͤgen, ſich Solchem zu widerſetzen. Und ich ſage, jener Sonntag endet zu meinem proficiat, denn wie viele Male dort auch alle Neune zuverlaͤßig geworfen werden, wird's doch mehr zerſchlagene Koͤpfe, geſchundene Naſen und verrenkte Gelenke dabei abgeben.“ — —— Tim Glover ſtohnte und verdrehete die Au⸗ gen abermals. „Nun, dahin muß ich auch,“ meinte Mrs. Foretop;„denn anſtaͤndige Geſellſchaft beſuch' ich gar zu gern.“ „Und ich muß auch hin,“ rief der Capitan, „ſonſt wurde ja Bellona nicht mehr ihr eigenes Gefild erkennen. Miſtreß Foretop, ich werde die Ehre haben, Euer Begleiter zu ſein.“ „Es heißt,“ nahm der Bartſcheerer wieder das Wort,„Rulhen's Reiter ſollen der Feſtlich⸗ keit Einhalt thun; doch ſteht des Koͤnigs Be⸗ fehl veſt, keine Hinderung geſetzlicher Anordnun⸗ gen zu geſtatten, und ſo lange England einen Koͤnig hat, wird denn doch wohl ſolche Hinde⸗ rung nicht geduldet werden.“ „Sein Reich iſt dahin,“ bemerkte der Hand⸗ ſchuhmacher,„denn er liegt in Banden, und es ſcheint, als werde man ſeine Krone wie eine gute Beute vertheilen.“ „Wird man das?“ ſchrie Miſtreß Foretop, puterroth von Ingrimm,„nun, ſo ſprech' ich, und gleich ſoll mir's gelten, wer mich hoͤrt, daß ich zu leben hoffe, um den Tag zu ſehen, an wel⸗ chem das Seinige ihm wieder ward, und man ihn erblicken kann, wie er zu Windſor Caſtle ein⸗ herſchreitet mit einem Loͤwen an der einen und einem Einhorn an der andern Seite, gleichwie es einem großen Koͤnige von England zu thun geziemt in ſeinem eigenen Palaſt und inmitten ſeines ihm angeſtammten Volkes!“ Und indem Miſtreß Foretop mit einer Miene ſtattlicher Wichtigthuerei ſolche Worte ſprach, ſchoß ſie zum Laden hinaus, um einer dringen⸗ den Kuͤchenpflicht obzuliegen. Cornet Davy aber verſprach, als er ging, um ſeine Beſtellung an Dame Sibylla auszurichten, der Wittwe Raleigh das Pferd vorfuͤhren zu laſſen, waͤhrend der Ba⸗ der endlich ſich auf den Eilmarſch nach dem Herrnhauſe von Mount Edgeumbe machte. —— Pierzehntes Capitel. „Und nach dem Leben kam der Tod geſchritten, Ein leib⸗ und ſeelenlos Gebild— ein Schatten!“ Spenſer's„Feenkoͤnigin“. Durch das Hinſcheiden Gnadegott Gabriel's, das bald nach dem Augenblicke ſtattfand, da Cornet Davy ſich auf den Weg zu dem Bader Foretop machte, verwandelte ſich der Charakter des Be⸗ ſuches dieſes zungenfiren Lanzettenſchwingers; ſo daß Trim, anſtatt dem Lebenden Blut abzuza⸗ pfen, den Todten zu barbieren hatte, worauf er ſein herkoͤmmliches Gratial und uͤberdies das ſo⸗ genannte„Trauerſchluͤckchen“ empfing, und als⸗ dann ſich wieder heim in ſeinen Laden begab. So ward Platz um die Leiche herum, daß von den Weibern, die von jeher bevorrechtete Waͤr⸗ ter der Geſtorbenen ſind, die noͤthigen Landesce⸗ remonien mit derſelben vorgenommen werden mogten. Mittlerweile traf der junge Radeliffe ſeine Vorkehrungen, das Herrnhaus zu verlaſſen, und ſetzte ſeine Abreiſe auf den folgenden Tag veſt, nachdem er mit dem Steward des Sir Piers das Noͤthige zur Beerdigung ſeines Begleiters verabredet und angeordnet hatte. Er beſchloß ſo⸗ fort, ſich nach Warleigh zu wenden, denn wenn kein anderer Grund ihn beſtimmt haͤtte, dies zu thun, ſo meinte er, ſchon Gabriels Tod verpflichte ihn zur Ruͤckkehr; indem der ungluͤckliche Gna⸗ degott laͤnger denn zwanzig Jahre im Dienſte von Radeliffe's Pathen und Vormunde, Sir John Coppleſtone, geſtanden und ſeines Wiſſens weder Verwandte noch ſonſtigen Freund hatte, und Amias daher glaubte, es waͤre unerlaßlich, daß Sir John das Vorgefallene erfuͤhre. Wahrend wir den jungen Amias bei ſeinen Reiſeanordnun⸗ gen laſſen, wenden wir uns zuruͤck in die Lei⸗ chenkammer. Gegen Abend des Tages, an welchem Gna⸗ degott Gabriel dieſe Welt verlaſſen hatte, war Mutter Gee, deren Beruf ſie oft dahin fuhrte, wo duͤſtere und ſchauerliche Scenen vorwalteten, um den Leichnam herum beſchaͤftigt. Nanny Raffles, die alte Waͤrterin, deren wir bereits ge⸗ dachten, hatte dabei als untergeordnete Perſon dienſtwillige Handreichungen zu leiſten. Waͤhrend Mutter Gee, dieſe große Meiſterin ſo ſichtbarer als unſichtbarer, ſo nuͤtzlicher als entſetzlicher Kuͤnſte, mit ihrer Gehuͤlfin nach der, noch heutiges Tages zu Devon nicht gaͤnzlich er⸗ loſchenen, uͤblichen Sitte das„Herausputzen der Leiche,“ wie es genannt wird, beſorgte, fand folgende Zwieſprach zwiſchen ihnen Statt. „Nanny,“ ſagte Mutter Gee,„heut Nacht muß durchgewacht werden— hat die Beſchlie⸗ ßerin den Krug mit Wachholderbranntwein und den hoͤrnernen Loͤffel heraufgeſchickt?“ „Der Wachholder iſt hier, ſo wie der Loͤf⸗ fel“z verſetzte die Alte,„doch werdet Ihr wohl nicht eher die beſtaͤubten Ellernblaͤtter damit be⸗ ſprengen, als bis die Hunde anfangen zu bel⸗ len und der Todte fertig gekleidet iſt. Der Zau⸗ — RE 270 ber iſt meines Erachtens gefaͤhrlich, ſo Ihr nicht alle Zeichen genau dabei in Obacht nehmt; denn wenn Ihr eines davon verfehlt, ſo ſteigt Braun⸗ chen herauf*) und pruͤgelt Euch mit Eurem ei⸗ genen Stecken, iſt dieſer gleich von kroſſem Eſchen⸗ holz; denn ein halb volffuͤhrter Zauber iſt ihm ein Greuel.“ „Alte alberne Strunzel,“ verſetzte die Zau⸗ berſchweſter in ſehr unumſtaͤndlichen Ausdruͤcken, „was ſchwatzt Ihr vom Braunchen? Der furch⸗ tet mich mehr, als ich ihn ſcheue, denn wenn er mir einen Poſſen ſpielt, ſo kann ich eine Ulme ſpalten und ihn hineinklemmen, daß er quiekt wie eine Feldmaus, der in Devon man es eben ſo machte, weil ſie uͤber den Ruͤcken eines Scha⸗ fes lief, daß dies davon das Zucken kriegte. *) Braunchen oder Brownie, ein Spukgeiſt, an den ſo in Weſt⸗England wie in Schottland geglaubt wird; der nach dem Aberglauben der Landleute in ver⸗ fallenen Häuſern, beſonders in dergleichen Pachtwohnun⸗ gen hauſet und bisweilen waͤhrend der Nacht die Hand⸗ reichungen der Dienſtboten verrichtet. Borlaſe ſagte, daß noch zu ſeiner Zeit in Cornwall dieſer Kobold von den Bauern beſchworen ward. Reicht mir jene Buͤndelchen Rosmarin und die Epheu⸗ und Lorbeerzweige her!“ Die alte Nanny gehorchte und bemerkte, als Mutter Gee mit dem Herausputzen des Todten fortfuhr:„So recht! ſo iſt's wohlgethan! Iſt doch zwiſchen hier und dem Brent⸗Tor Keine, die gleich Euch einen Leichnam ſtrecken und putzen kann! Er ſieht eben ſo ſchmuck aus als Tom Nachtſchatt, des jungen Nachtſchatt's alter Vater, den Ihr herausputztet, nachdem er gehenkt wor⸗ den war, und dem Ihr die Hand abdrehetet, um, wie ich hoͤrte, eine Gloriahand daraus zu ma⸗ chen.“ „Still! daß die Waͤnde nicht dergleichen ho⸗ ren,“ entgegnete Mutter Gee.„Die Gubbins haben jetzt jene Hand, und eine feine Hand iſt's ihnen. Sie ward aufgetrocknet in den Hunds⸗ tagen und iſt jetzt wie ein Leuchter zurechtge⸗ macht, auf dem man dem Boͤſen ſelbſt ein Licht vorhalten koͤnnte, wenn er eines andern als des Feuers bedurfte, das aus ſeinen eigenen Hoͤr⸗ nern glimmt.“ „Solche Gloriahand ſoll ein furchtbar Ge⸗ ——— 272 maͤcht ſein, hoͤrt' ich ſagen,“ verſetzte Nanny Raffles, indem ſie mit ihren alten grauen, nei⸗ diſchen Augen zwinkerte, als ſie die Mutter Gee anblickte, deren Zauberkraft ſie mit erbaulicher Bewunderung anſtaunte.„Einen Kronthaler, ſo ich einen haͤtte, moͤgt' ich darum geben, um zu wiſſen, wozu ſolche Hand nuͤtzt und was ſie werth iſt.“ „Die Gloriahand,“ belehrte Mutter Gee, „iſt maͤchtig wie das Streicheln mit der Hand eines unbegrabenen Todten, und von unſchaͤtz⸗ barem Werthe fuͤr Die, ſo naͤchtlicher Weile veſte Thuͤren erbrechen und in die Haͤuſer derer Rei⸗ chen dringen; denn wenn ein aus beſprochenem Brennſtoff gemodeltes Licht zwiſchen die Finger derſelben geſteckt und dann brennend hingehalten wird, ſo betaͤubt es Jeden, der die Lichtflamme ſieht, ſo daß er verdummt und regungslos wird, waͤhrend Der, welcher das Licht haͤlt, freien Ein⸗ gang und Durchgang und Weggang hat auf ſei⸗ ner naͤchtlichen Wanderung. Jetzt an unſer fer⸗ neres Werk! Habt Ihr alle Katzen im Hauſe eingeſperrt, und alle Spiegelglaͤſer bedeckt?“ fe—. —273— „Die Hausmaͤgde thaten's,“ antwortete Nan⸗ ny,„denn keine von ihnen wuͤrde hier unter'm Dache bleiben, unter welchem ein Todter liegt, wenn ſie nicht zuvor darauf bedacht geweſen wa⸗ ren, die Hoͤllengeiſter zuruͤckzuſcheuchen, die da nach Seel und Leibe der Abgeſchiedenen gierig ſind.“ „Wohl denn, ſo zuͤndet die Lichter an, die ich auf jenen Tiſch ſtellen ließ, damit Alles fein geordnet ſei, ehe die Beſchließerin heraufkommt, um von der Hand des Todten geſtreichelt zu wer⸗ den; denn dies ſoll heut Nacht geſchehen.“ „Gereich's ihr zum Segen!“ ließ Nanny Raffles ſich vernehmen.„Was fehlt ihr denn? Hat ſie eine Warze, oder eine Puſtel, oder ir⸗ gendwo den Schwind?“ „Sie hat eine Halsanſchwellung,“ ſagte Mut⸗ ter Gee,„die jedoch durch eine Todtenhand ge⸗ heilt werden kann, ſobald die Heilung unter mei⸗ ner unmittelbaren Leitung vorgenommen wird.— Jetzt aber zundet jene Lichter auf den Wandleuch⸗ tern am Ende des Gemaches an.“ „Ihrer ſind ſieben,“ entgegnete Nanny,„eine Warleigh. I. 18 274 geheimnißvolle Zahl; denn wie der Prieſter juͤngſt ſagte:„„große Deutſamkeit liegt in denen Zah⸗ len. Der ſiebente Tag ward nach Erſchaffung der Welt der Ruhe geheiligt; dann wurden ſie⸗ ben Altaͤre durch Bileam auſgerichtet, und auf ihnen ſieben Ochſen und ſieben Widder geopfert. Siebenmal ward auf ſieben Drommeten um Je⸗ richo's Mauern herum geblaſen, und es waren ſieben guͤldene Leuchter und ſieben Kirchen in Aſien, und—“ „Sieben Teufel ſtecken in Dir, Weib,“ rief hocherzuͤrnt die Zauberſchweſter,„daß Du ſtehſt und ſalbaderſt, anſtatt mein Geheiß zu thun! Doch halt' ein Weilchen! Eins hatt' ich ver⸗ geſſen Zuͤnde die Lichter noch nicht an, ſondern komm her und hilf mir ſeine Daumen unter⸗ binden.“ Die beiden Weiber kamen jetzt einem Ge⸗ brauche nach, der, wie wir hoͤrten, noch waͤh⸗ rend des juͤngſt verfloſſenen Jahrhunderts im We⸗ ſten von England ublich war;z ſie klemmten naͤm⸗ lich die Daumen des Todten in deſſen Haͤnde hinein— ein aberglaubiſcher Gebrauch, der ver⸗ 275 muthlich zuerſt unter den Juden aufkam, indem der Daumen in ſolcher Lage einem Buchſtaben des hebräiſchen Alphabetes gleichſieht, welcher ehemals den Namen des Allmächtigen bildlich andeutete. Ein in ſolcher Lage befindlicher Dau⸗ men hatte, aberglaͤubiſcher Meinung nach, die Macht, boͤſe Geiſter abzuhalten, die von jeher ſich ſo entſchloſſen zeigten, auf die Todten zu wirken. Nachdem das Beabſichtigte vollfuͤhrt war, ſprach Mutter Gee zu ihrer Gehuͤlfin:„Jetzt reicht mir das Salz, und das Licht des Todten!“ Nanny Raffles langte unverzuͤglich einen zin⸗ nernen Teller her, auf welchem ein Haufen Salz lag, in welchem ein Licht ſteckte. Mutter Gee ſetzte den Teller auf die Herzgrube der Leiche, und zuͤndete das Licht in dem Salze an, ſo daß der Schein der Kerze blendend auf das Geſicht des Todten fiel und deſſen verzerrte Mienen hell beleuchtete. Der Verband, den der Arzt ihm um ſeine verwundete Stirn gelegt hatte, war ihm nicht abgenommen worden. Die alte Nanny betrachtete den Leichnam. 18* 276 „Jetzt, da ich bei hellem Lichte ſein Geſicht ſehe,“ ſprach ſie,„erinnert er mit ſeinem blutigen Kopfe an einen Todten, den ich vor etwa zwanzig Jah⸗ ren ſtreckte und putzte, als Sir Walter Radeliffe ſo ſeltſam um's Leben kam. Ich gedenke des Abends, an welchem die Beſchließerin von War⸗ leigh zu mir ſchickte und mir ſagen ließ, in al⸗ ler Stille hinaufzukommen und einen Todten fuͤr das Grab auszuſtatten; und ich ging hin, und es war großes Gewuͤhl im Hauſe. Ich hatt' ihn ſo eben mit Blumen und Rosmarinſtengeln huͤbſch gemacht, und den Zinnteller mit dem Lichte auf die Herzgrube Sir Walters geſtellt, der nun wie ein ſchmucker Leichnam anzuſehen war, als der alte Sir John Coppleſtone hereinkam— doch damals war er noch nicht alt, und aus⸗ ſah—“ „Und wie ſah er aus?“ fragte Mutter Gee, denn die Alte hatte ploͤtzlich inne gehalten. „Hu! bleich wie des Todten Grabtuͤcher,“ verſetzte Nanny Raffles,„und ich ſagt' ihm das. „„Seh' ich ſo aus?““ entgegnete mir Sir John. „„Und waͤr's etwa ein Wunder? Sir Walter 277 war mein Freund und empfing ſeine Todeswun⸗ den um meinetwillen.““ Dabei ſeufzte Sir John Coppleſtone und faßte einen Rosmarinzweig, und hielt ihn, als wuͤßte er nicht, was er hielt, und fragte mich nach Etwas, das ich nicht deutlich verſtand, und als ich ihm ſolches ſagte, antwor⸗ tete er mir mit einer anderen Frage:„„Was ſoll das Salz? was macht Ihr damit?““ Sprech' ich darauf: Ei, du mein Gott, Sir John! kennt Ihr nicht das Seelenſalz, das von Jedermann auf einen chriſtlichen Leichnam gelegt wird, um zu zeigen, daß er nicht ſtarb wie die Thiere, die da umkommen, ſondern daß er einen Geiſt hat, der da erloͤſet oder verdammt werden mag? Und als ich dies geſprochen hatte, ſeufzte Sir John Coppleſtone abermals, daß es wie ein Stoͤhnen klang. Als ich nun ſo ſeinen Schmerz ſah und ihn aufzuheitern dachte, ſprach ich: Graͤmt Euch nicht um die Todten, Sir, denn die Todten gra⸗ men ſich nimmer um uns; und freuen ſolltet Ihr Euch vielmehr, Sir Waltern ſo zu ſehen, denn er hatte einen ſchweren Todeskampf zu kaͤmpfen, obwohl ich, die ich waͤhrend der gan⸗ 278 zen Nacht, ehe er ſtarb, bei ihm wachte, ihm die Kiſſen unter dem Kopfe wegzog; denn ſo Taubenfedern in ſolchen Kiſſen ſein moͤgten, muß der Sterbende ſchwer mit dem Tode ringen. Ungeachtet all meiner Sorgfalt mußte der Ster⸗ bende das, denn lange bevor er verſchied, wußt' ich's an ſeinem Roͤcheln, daß es wuͤrde geſche⸗ hen muͤſſen, und der Todtenwurm pickte dazu in der Wand laut und immer lauter, und als er verſchied, verdorrte ploͤtzlich im Garten der Lorbeerbaum, den der Sterbende gepflanzt hatte als er noch Knabe warz ja, und als ich ihn ſo bewachte und uͤber ihm betete, klopfte es deut⸗ lich dreimal zu Haͤupten des Bettes, ſo daß wir Alle wußten, es ſei der Aufruf zum letzten Athem⸗ holen.“ Kaum hatte Nanny dieſe Worte geſprochen, als ein helles, feierliches Klopfen an der Thuͤr ſie erſchreckte:„Gott der Gnade!“ rief ſie,„was iſt das?“ „Was es iſt, alberne Naͤrrin?“ entgegnete Mutter Gee.„Oeffnet und ſeht zu, ſo wißt Ihr es. Will ich doch wetten, es iſt die Beſchließe⸗ ————— e5— 279 rin, die ſich ſtreicheln laſſen will. Indeſſen kommt ſie zu fruͤh, denn wir koͤnnen eher nichts vor⸗ nehmen, als bis der Mond voll herauf iſt und ſilbernhell ſcheint. Oeffnet die Thuͤr', ſag' ich.“ Nanny gehorchte und vergaß daruͤber, die Ge⸗ ſchichte vollends zu erzaͤhlen, die ſie uͤber ihre Wache bei dem Leichnam des Sir Walter Ra⸗ leigh begonnen hatte, der vor etwa zwanzig Jah⸗ ren auf ſo ſchauerliche Weiſe um's Leben gekom⸗ men war. Funtzehntes Capitel. „— Mitternaͤcht'ge Hexen rufen, Durch maͤcht'ge Zauberſpruch' und blut'ge Zeichen, Und ſcheußlich anzuhorende Beſchworung, Daͤmonen und Geſpenſter aus den Kluͤften, Und treiben Satan an zu hoͤll'ſchem Werk.“ Rowe's„Jane Shore“. Es war wirklich die Haushaͤlterin, welche ein⸗ zutreten wagte. Nur mit Widerwillen kam ſie, um ſich dem unheiligen Thun, das an ihr voll⸗ bracht werden ſollte, zu unterwerfen, und furch⸗ tete nicht wenig, Sir Piers wuͤrde dieſe Heil⸗ methode nicht ſonderlich billigen. Sir Piers hatte ihr naͤmlich eine andere Cur angerathen, nach welcher ſie drei Spinnen auf einem Seidenfaden um ihren kranken Hals haͤngen und dreimal nach einander des Morgens einen gewiſſen Trank ein⸗ nehmen ſollte; Heilmittel, die Sir Piers als ſehr 281 wirkſam gegen Druͤſenanſchwellungen anſah, und die er mittelſt des beruͤhmten Sir William Aſh⸗ mole, der dieſelbe an ſeinem eigenen Koͤrper er⸗ probte und bewaͤhrt fand, in ſein Tagebuch ein⸗ getragen hatte. Die Haushaͤlterin, die jedoch ihres Brot⸗ herrn Kenntniſſe, zuſammt denen Sir William Aſhmole, fur nichts gegen die Wunderthaͤtigkeit der Dame Gee erachtete, richtete zwar drei Spin⸗ nen, und obendrein die fetteſten zu, die die Haus⸗ magd nur hatte auftreiben koͤnnen, um dieſelben als Amulet umzuhaͤngen, ſobald das Geſchick, oder vielmehr Sir Piers es durchaus erheiſchen wuͤrde, ſtahl ſich jedoch jetzt voll Schrecken und Glaͤubigkeit hinauf in die Leichenkammer, um ſich unter Obhut der Zauberſchweſter von der Hand des Todten ſtreicheln zu laſſen. Da jedoch der Vollmond noch nicht aufgegan⸗ gen war, in der Sympathiecur alſo noch nicht vorgeſchritten werden konnte, ſetzten alle drei Weiber ſich an das herabgebrannte Kaminfeuer, da ſie wegen der Leiche keine allzu große Waͤrme im Gemach erregen durften, und die Haushaͤl⸗ 282 terin war vorzugsweiſe der Meinung, es duͤrfte unter dieſen ſchauerlichen Umſtaͤnden ein Schluck⸗ chen guten gebrannten Waſſers beſonders erſprieß⸗ lich ſein. Sie holte demnach aus ihrem geraͤu⸗ migen Schubſack eine kleine, langhalſige Korb⸗ flaſche hervor, fuͤllte aus derſelben drei kleine Trinkhoͤrner, kehrte ihren Ruͤcken der Leiche zu, und nippte langſam ihr Schnaͤppschen, indem ſie gemaͤßigt, wie ſie immer war, die guͤnſtige Stunde erwartete. Die beiden Andern, die geſchaͤftsmaͤßiges Wohlgefallen an Todtenlagern und Beinhaͤuſern fanden, waren minder furchtſam und tranken ih⸗ ren Schluck, indem ſie dem hingeſtreckten Gna⸗ degott Gabriel gerade in's ſtarre Antlitz ſahen; ja ſie wuͤrden den Becher eben ſo wenig zuruͤck⸗ gewieſen haben, wenn der Todte aufgeſtanden waͤre, um mitzutrinken. Dabei ſchwatzten ſie ein Langes und Breites uͤber das Herausputzen der Leichen, bis endlich die Frage geſtellt ward, ob ein durch Schußwunde, oder ein durch Schwert⸗ hieb zu Tode gekommener Menſch den huͤbſcheren Leichnam abgabe? Mutter Gee entſchied fuͤr er⸗ — 283 ſteren, Nanny Raffles fuͤr letzteren Fall, ſo daß Beide endlich die Haushaͤlterin zur Schiedsrich⸗ terin deshalb aufriefen, indem Nanny ſie fragte, ob ſie ſich der Leiche erinnerte, die zu Plymouth Caſtle lag, als Sir Piers Edgeumbe daſelbſt ge⸗ fangen ſaß, und was ſie von der Huͤbſchheit je⸗ ner Leiche hielte? Kopfſchuͤttelnd und ſeufzend antwortete die Gefragte.„Ach, ich gedenke jener Zeit nimmer, ohne an einen Mann zu denken, der Entſetzliches litt, und der mir noch heute fruͤh in's Gedächt⸗ niß gerufen ward; denn Trim Foretop erzaͤhlte mir, wie die Wittwe Raleigh endlich ein Unter⸗ kommen in einer aͤrmlichen Huͤtte zu Tamerton fand.“ „Wittwe Raleigh?“ ſagte Mutter Gee;„kaum habe ich jemals von ihr vernommen, doch duͤnkt mich, daß ich ſie einmal ſah und ihr mehr kund machte, als ſie zu hoͤren wuͤnſchte. War ſie nicht die Frau eines der koͤniglichen Caplaͤne?“ „Allerdings,“ verſetzte die Haushaͤlterin,„Frau des Doctor Raleigh, der ein Neffe des beruͤhm⸗ ten Sir Walter Raleigh war, welcher, wie maͤn⸗ —284— niglich erzaͤhlt wird, zur Zeit des Koͤnigs Jacob den Spaniern zu Gefallen ſeinen Kopf ein⸗ buͤßte.“ „Deſto groͤßerer Narr war er,“ meinte Nan⸗ ny,„daß er irgend einem Anderen als ſich ſelbſt zu Gefallen ſeinen Kopf hingab.“ „Er konnte nicht umhin,“ entgegnete die Haushaͤlterin;„denn in jenen Tagen, wie in den unſrigen, fragte man die Leute niemals, ob ih⸗ nen ein Gefallen damit geſchaͤhe, wenn man ſie um einen Kopf kuͤrzer machte.“ „Ich wuͤnſchte, Ihr erzaͤhltet uns die Ge⸗ ſchichte der Wittwe Raleigh,“ fiel Mutter Gee ein;„denn wenn ich auch das Ende derſelben erfuhr, ſind mir doch die naͤheren Umſtaͤnde da⸗ von voͤllig unbekannt.“ „Doctor Raleigh,“ begann die Haushaͤlte⸗ rin,„heirathete ein Fraͤulein von guter Herkunft, eben die Perſon, die er als Wittwe hinterließ. Nun muͤßt Ihr wiſſen, daß Raleigh ſich fuͤr den König, und das mit gutem Rechte, erhob, denn Koͤnig Karl war ihm ſtets ein gewogener und freigebiger Herr geweſen, bis die Rebellen den —„„N—————„— 285 guten Doctor unter Sequeſter legten und ihn aus einem Gefaͤngniß in das andere ſchleppten, damit er nur der Drangſale recht viele erfahren moͤgte. Endlich entwiſchte jedoch der Doctor und begab ſich zu ſeinem koͤniglichen Gebieter nach Orford. Mittlerweile hatte man ſeine Gattin von Haus und Hof gejagt und verfolgte ſie dermaßen, daß ſie ſchon zwei Naͤchte unter freiem Himmel hatte zubringen muͤſſen, indem Niemand es wagen durfte, ſie bei ſich aufzu⸗ nehmen.“ „Wie kam's denn, daß der Doctor, als er Orford erreicht hatte, wieder in die Haͤnde ſei⸗ ner Feinde gerieth?“ fragte Mutter Gee. „Leider auf die einfachſte Weiſe von der Welt,“ war der Haushaͤlterin Antwort.„Des Doctors beſter Freund, Sir Marmaduke Elford, hoͤrte von dem Mißgeſchick der armen Frau Raleigh, und nahm dieſe nebſt ihrem Toͤchterlein men⸗ ſchenfreundlich in ſein Haus auf. Mittlerweile hatten die Truppen des Koͤnigs obgeſiegt, und Doctor Raleigh konnte ſich wieder ohne ſonder⸗ liche Gefahr zu den Seinigen begeben, was er 286 denn auch that. Die Freude waͤhrte jedoch nicht lange, denn als Lord Goring, und zwar, wie Viele meinen, durch ſeine eigene Schuld auf's Haupt geſchlagen worden war, mußte Doctor Raleigh abermals die Flucht ergreifen. Er fluͤch⸗ tete ſich nach Bridgewater, wo er zwar mann⸗ haft fuͤr den Koͤnig thaͤtig war, jedoch zum Ge⸗ fangenen gemacht ward, als der Ort uͤberging. Nun hatte er wirklich ſchwere Leiden zu erdul⸗ den. Er ward in Plymouth Caſtle eingeſperrt, wo er einen rohen Menſchen, Namens Barret, zum Kerkermeiſter hatte, der fuͤr Geld ſeine Ge⸗ fangenen bisweilen, ohne Wiſſen der Commiſſion, unter deren Botmaͤßigkeit er ſtand, herausließ. Doctor Raleigh aber gab ihm kein Geld, viel⸗ leicht weil er keins hatte. Da er jedoch hoͤrte, daß ſein Weib ſchwer krank darnieder laͤge, wen⸗ dete er ſich um Urlaub auf Ehrenwort bittend an die Commiſſionsmaͤnner—“ „Und die verweigerten ihm das Geſuch?“ fiel Mutter Gee ein. „Allerdings, denn ſie fuͤrchteten, er habe ein neues Complott fuͤr den Koͤnig unter Haͤnden. ——₰ —„— — t Der ungluͤckliche Raleigh war, entruͤſtet uͤber die erhaltene abſchlaͤgige Antwort, unbeſonnen genug, der Commiſſion zu verrathen, wie Barret ſich von anderen Gefangenen haͤtte beſtechen laſſen. Als der Schurke von Kerkermeiſter dies erfuhr, ſchwur er dem armen Doctor Rache, und hielt ſein Wort nur allzuſehr; denn er trat, als Ra⸗ leigh eben an ſeine Gattin ſchrieb, in deſſen Ker⸗ ker und verlangte den Brief zu ſehen. Der Doctor weigerte ihm Solches, und es kam zwi⸗ ſchen Beiden zu heftigem Wortgefecht, bis Bar⸗ ret ſein Schwert zog und es dem ungluͤcklichen Gefangenen in den Leib rannte. Das Leid zu ſchildern, das durch dieſen Mord erzeugt ward, vermag ich nicht; ſelbſt Raleigh's Feinde erſtarr⸗ ten uͤber die Schandthat, der Jammer der Wittwe aber war beiſpiellos.“ „Ich glaub's,“ fiel die Zauberſchweſter ein, „denn ich ſah ihn. Bleich wie der Todte dort, ſtarrte ſie auf die Fluth des heiligen Brunnens, der kein Zeichen gab und eben dadurch den Tod des Doctors ihr verkuͤndete.“ „Ihr Schmerz,“ fuhr die Erzahlerin fort, 3 „trieb ſie jedoch an, klagbar gegen Barret zu werden; allein die Schweſter dieſes Boͤſewichtes ſagte eidlich vor Gericht aus, daß Raleigh ih⸗ ren Bruder zuerſt gereizt haͤtte, und ſo mußte das Blutgericht die That Barret's denn als Folge nothgedrungener Selbſtvertheidigung anſe⸗ hen und erkennen. Die Falſchſchwoͤrerin ward jedoch fuͤrchterlich beſtraft.“ „Wie das?“ fragte Nanny. „Nicht durch die Hand der Menſchen,“ ſagte die Haushaͤlterin,„wohl aber durch Gott, der ſie mit einem furchtbaren Gerichte heimſuchte. Es befiel ſie eine ploͤtzliche Lahmung und eine ſolche Geſichtsverrenkung, daß ſie die elendeſte Creatur und ſo ſcheußlich ward, daß man ſie kaum anſehen mogte. Sie ſtarb auf eine klaͤg⸗ liche Weiſe und unter entſetzlichen Fluͤchen, die ſie gegen ihren Bruder ausſtieß, und rief in der Todesnoth aus, daß Barret, um ſein elendes Leben zu retten, ſie zum Verderbniß ihrer Seele vermogt haͤtte, einen falſchen Schwur zu thun. So bleibt's denn unnuͤtz Ding, gottlos zu ſein, der geg 6 S M 289 denn boͤſe Thaten kommen an's Licht, wie tief verſteckt ſie auch liegen moͤgen.“ „Seht da!“ rief die Zauberſchweſter;„der Vollmond zeigt ſich im Silberglanze zwiſchen klaren Läͤmmerwolken. Jetzt iſt die Stunde. Wir muͤſſen die Lichter ausloͤſchen und dann ſollt Ihr,“ fuhr ſie, zur Haushalterin gewendet, fort, indem ſie aufſtand,„von der Hand des Todten beruͤhrt werden. Habt Glauben an das Mittel, ſo werdet Ihr zuverlaͤſſig durch daſſelbe geheilt!“ „Muͤſſen die Lichter denn ausgeloͤſcht wer⸗ den?“ fragte die Haushalterin bangend und bebend. „Fuͤrchtet nichts,“ entgegnete Mutter Gee. „So lange ich hier bin, wird Euch kein Ge⸗ ſpenſt beunruhigen, obwohl der finſtere Blick unter dieſes Todten Stirn mich nicht zweifeln läßt, daß er, nachdem er in die Grube gelegt ward, noch manche Nacht ſpukend umherwan⸗ dern wird.“ „Gott des Himmels! ſprecht nicht ſo,“ ent⸗ gegnete die Haushälterin,„ich bin ſonſt nicht im Stande, mich ihm zu nähern, noch weniger, Warleigh. I. 19 S EE 290 mich von ſeiner eiskalten Hand beruͤhren zu laſſen.“ „Ich wiederhol's Euch,“ verſetzte Mutter Gee,„daß, ſo lange ich dieſen Stab aus kroſſem Eſchenholze in der Hand halte, Ihr nichts zu fuͤrchten habt. Jetzt verſteht mich! Ihr ſtellt Euch neben das Bett und waſcht dreimal Eure Haͤnde im Mondſchein, waͤhrend ich meine Spruͤ⸗ che ſpreche. Sobald ich alsdann Euch mit dem Stabe winke, faſſet Ihr mit Eurer Linken die rechte Hand des Todten und ſtreicht Euch mit derſelben dreimal uͤber Euren kranken Hals, ſo wird derſelbe geneſen. Habt Ihr die Hand des Todten wieder niedergelegt, ſo moͤgt Ihr dieſe Kammer verlaſſen, doch bei Eurem Leben ſprecht eher kein Wort, als bis ihr uͤber die Schwelle derſelben und zwar bis an die Stelle gekommen ſein werdet, wohin ich jetzt einen Rosmarinſten⸗ gel lege.“ Mutter Gee vollfuͤhrte auch noch dieſe Vor⸗ kehrungsceremonie, und kehrte dann wie Eine von den Heren im Trauerſpiele Macbeth zuruͤck, de ber un Ge vor Ha ſich uͤbe 291 während ſie zum Zeichen des Schweigens den Finger an ihre duͤrren Lippen legte. Mit Blumen und Immergruͤn herausgeputzt, und von Epheu, Lorbeer und Rosmarin, den Zeichen und Symbolen der Ewigkeit, umgeben, lag Gnadegott Gabriel auf ſeinem Todtenbette. Sein aſchfarbenes Geſicht zeigte durch ſeinen Aus⸗ druck den fuͤrchterlichen Zuſtand, in welchem die Seele von dem Leibe geſchieden war, obwohl je⸗ der Zug ſtarr und unbeweglich kundgab, wie je⸗ der Lebensfunken in dem Dahingeſtreckten erlo⸗ ſchen war. Als Mutter Gee nun die Lichter ausloͤſchte, und der Mond in ſeinem Zitterlichte den Anblick der Leiche nur noch ſchauerlicher machte, ſtand die Haushalterin zitternd und be⸗ bend neben dem Bette und wuͤrde, von Angſt und Furcht getrieben, das zum Zauber ſo noͤthige Schweigen gewiß gebrochen haben, wenn Mutter Gee nicht mit draͤuender Miene ſie durch Zeichen vor ſolcher Frevelſtoͤrung bewahrt haͤtte. Da die Haushaͤlterin jedoch nicht fähig zu ſein ſchien, ſich ſelbſt mit der Todtenhand zu beſtreichen, ſo uͤbernahm die Zauberſchweſter ſelbſt dieſen Theil 19* des ſympathetiſchen Heilverfahrens, und indem ſie mit den kalten feuchten Fingern der Leiche uͤber den kranken Hals der Haͤushaͤlterin hinfuhr, murmelte ſie: „Dreimal in des Mondes Schein, Dich vom Uebel zu befrei'n, Soll Dir Heil geboten ſein; Huſch! hinweg all Leid und Pein!“ Die Haushaͤlterin fuͤhlte ſich, nachdem das ſchauerliche Betaſten voruͤber war, ſo erſchottert und durchſchauert, daß ſie nicht nur des Bei⸗ ſtandes der alten Nanny bedurfte, um uͤber die Schwelle des Gemaches zu gelangen, ſondern die alte Raffles mußte die Geſtreichelte, deren Kniee ſchlotterten, ſogar bis zu deren Kammer gelei⸗ ten, wo denn die Haushaͤlterin den erſten Wie⸗ dergebrauch ihrer Zunge dahin anwendete, daß ſie feierlich erklaͤrte, wie ſie ſolchen Gang nim⸗ mer wieder gehen wuͤrde. Nittlerweile war Mutter Gee alleinige Waͤch⸗ terin des Todten geworden, und kaum hatte ſie dieſes bemerkt, als ſie die Thuͤr von innen ver⸗ riegelte, an dem erſterbenden Kaminfeuer eine der au W bei ſel der m he Kerzen anzuͤndete, und dieſe auf einen kleinen, haͤßlichen, krummbeinigen Ziſch ſetzte, ſo daß es ausſah, als hielte irgend ein garſtiger Kobold der Zauberſchweſter auf ſeinem Ruͤcken das Licht dar. Umherblickend uͤberzeugte Mutter Gee ſich jetzt, daß ſie und der Todte die alleinigen In⸗ ſaſſen des Gemaches waren, ſchneuzte mit Fin⸗ ger und Daumen die Kerze, holte aus ihrem Schubſacke ein hoͤrnernes Gehaͤuſe hervor und begann die darin enthaltenen Briefſchaften zu durchſtoͤbern. Mutter Gee war in fruͤheren Jahren eine Lieblingszofe der Mutter des Sir Piers von Edgeumbe geweſen, und hatte unter ſolcher Gon⸗ nerſchaft Gelegenheit gehabt, manche Dinge und ſo auch Leſen und Schreiben zu lernen, wie der⸗ gleichen denn damals Denen aus dem niedern Volke, wozu Mutter Gee allerdings von Hauſe aus gehoͤrte, nur ſelten oder niemals gelang. Was nun auch die in dem hoͤrnernen Gehaͤuſe befindlichen Schriften enthalten mogten, ſo feſ⸗ ſelten ſie doch ganz und gar die Aufmerkſamkeit des herenhaften Weibes, ſo daß ſie dann und 3.—. 1 ¹ 1 1 1 11 ſ 1 3 8 1 wann ihr Leſen zwar unterbrach, jedoch nur um mit boshaftem Triumphlaͤcheln auf den todten Gnadegott Gabriel zu blicken; bis ſie endlich aufhorchte, ein Geraͤuſch oder vielmehr eine Stoͤ⸗ rung zu ſpuͤren ſchien, und Papiere und Gehaͤuſe wieder in ihre Taſche ſchob. Bei fernerem Aufhorchen hoͤrte ſie, daß eine auf die Terraſſe fuͤhrende Thuͤr des Hauſes ſich offnete, und da das Fenſter der Todtenkammer uͤber dieſer Thuͤr befindlich war, oͤffnete die all⸗ zeit Neugierige dies Fenſter, um vielleicht drau⸗ ßen etwas Naͤheres zu erſpaͤhen. Die Nacht war ſchoͤn und ſtill; kein Hauch regte die Blaͤtter der Baͤume, die ruhig im Silberlichte des Mondes daſtanden und zwiſchen ihnen hin jeden Gegen⸗ ſtand deutlich bis zur Meeresbucht wahrnehmen ließen, auf der manches ankernde Fahrzeug ſanft geſchaukelt wärd. Als Mutter Gee nun lauſchend am Fenſter ſtand, ſah ſie aus dem Dickicht hoher Lorbeerbaͤu⸗ me, das ſich unfern des Hauſes erhob, eine hohe, in einen Mantel gehuͤllte Mannsgeſtalt hervor⸗ ſchreiten und behutſam und wie verſtohlen ſich ————— 6 295 der Terraſſenpforte naͤhern, durch welche faſt zu gleicher Zeit eine weißgekleidete Madchengeſtalt ihm entgegenkam. Zeit und Ort und obwal⸗ tende Heimlichkeit mußten die Neugier der alten Lauſcherin nur um ſo hoͤher ſteigern, ſo daß dieſe, nachdem ſie bereits aus beſonderer Vorſicht das Licht im Gemache wieder ausgeloͤſcht hatte, den Kopf ſo weit als moͤglich zum Fenſter hin⸗ ausreckte, ob ſie etwa von Dem wuͤrde verneh⸗ men koͤnnen, was die Beiden da unten ſprechen moͤgten. In dieſem Punkte ſollte ſie ſich jedoch arg getaͤuſcht finden; denn nach wenigen gleichgultig klingenden Begruͤßungsworten gingen beide Ge⸗ ſtalten weiter ſeitwaͤrts auf der Terraſſe weg, bis ſie im Schatten einer Baumgruppe ſtehen blie⸗ ben. Endlich kehrten ſie wieder zuruͤck und es ſchien, als wollten ſie von einander ſcheiden, denn ſie ſtanden nahe der Pforte ſtill, und obwohl Mutter Gee nur abgebrochene Worte vernehmen konnte, glaubte ſie doch, daß die Beiden ein ih⸗ nen hoͤchſt wichtiges Geſpraͤch abhielten. Ob zwar die Lauſcherin das Geſicht des Frauen⸗ * 3 E ee 296 zimmers nicht in's Auge faſſen konnte, kam es ihr doch als gewiß vor, die Weißgekleidete ſei Niemand Anderes, als Miß Agnes Piper, deren Abenteuer am Brunnen mit dem jungen Elford ſie keineswegs vergeſſen hatte. Sie folgerte da— her, der Mann im Mantel ſei eben dieſer junge Elford, allein bei ſchaͤrferer Auffaſſung uberzeugte ſie ſich, daß der Verhuͤllte nicht der junge El⸗ ford, ſondern kein Anderer als Amias Radeliffe, der junge Fremde, war, den ſie am Morgen die⸗ ſes Tages zum erſten Male geſehen hatte. Allerdings lag viel Auffallendes in dieſem naͤchtlichen Zuſammenkommen, und Agnes Pi⸗ per, offenbar die Geliebte Reginald Elford's, mit dieſem jungen Fremden unter ſolchen Umſtaͤnden zu erblicken, mußte bei der Lauſchenden den hoͤch⸗ ſten Grad von Neugier erwecken, ſo daß, wenn ſie die Macht gehabt haͤtte, Kobolden und Gei⸗ ſtern zu gebieten, ſie dieſe gewiß in Bewegung geſetzt haben wuͤrde, um den Inhalt des Ge⸗ ſpraͤches der Beiden zu erkunden, und ſo viel⸗ leicht das offenbar hier obwaltende ſeltſame Ge⸗ heimniß zu enthuͤllen. Da ſie jedoch zu denjeni⸗ 297 gen Hexen gehoͤrte, die, wie Heinrich Percy ſagt, den Teufel zwar heraufbeſchwoͤren, aber immer dabei zweifeln, daß er dem Rufe gehorchen werde, ſo blieb ihr nichts uͤbrig, als ihre Sinnenwerk⸗ zeuge um ſo ſchaͤrfer anzuſtrengen, welches ihr indeſſen geringe Ausbeute verſchaffte. Nicht lange waͤhrte es, ſo ſah Mutter Gee zu ihrer Verwunderung, daß Radeliffe die Hand Agneſens faßte, und daß dieſe keineswegs aͤrger⸗ lich daruber zu ſein ſchien, obwohl ſie eine leichte Bewegung des Zuruͤckweichens machte. Des Maädchens Kopf wies ſich geſenkt, waͤhrend Rad⸗ cliffe lebhaft und, wie es ſich ergeben wollte, mit vielem Nachdruck auf eine ermahnende Weiſe ſprach. Dann entſtand eine kurze Pauſe, die dadurch unterbrochen ward, daß Agnes leiſe und wie bekuͤmmert redete, auch ihr Taſchentuͤchlein an ihre Augen hielt. Was aber ſie und er ge⸗ ſprochen hatten, war nimmer deutlich zu den Ohren der Alten gelangt, doch ſah dieſe jetzt, wie Radcliffe auf der Terraſſe hin und her ſchritt und dann wieder zu Agneſen ging, die ſich un⸗ terdeſſen dem Pfortchen genaͤhert hatte, als ob ———— 298 ſie ſich wieder in das Haus begeben wollte. An der Thuͤr faßte der Mann im Mantel abermals des Maͤdchens Hand und Mutter Gee vernahm, daß er die Worte ausrief:„Gott des Himmels! ſo wollt Ihr nicht?“ Agneſens Antwort hier⸗ auf ward oben im Fenſter nur theilweiſe hor⸗ bar, ſo daß die Zauberſchweſter nichts weiter als die Schlußworte vernehmen konnte:„Ich ſag's Euch nochmals, mein Vater wuͤrd' es nimmer vernehmen— ich verlaſſe mich gaͤnzlich auf Euer Ehrgefuͤhl—“ Von Radeliffe's Gegenrede hierauf wurden nur die Worte hoͤrbar:„Ich hab's feierlich ge⸗ ſchworen, Agnes, und was auch daraus werden möge, ſo ſollt Ihr ſehen, wie ich der Wahrheit anhange.“ Seine Stimme ſenkte ſich wieder, dann hoͤrte man ihn ſagen:„Fuͤrchtet nichts; ich werde thun wie ich ſagte. Koͤnnt Ihr nach Dem, was ich ſchwur, noch an meiner Aufrichtigkeit zweifeln? Habe ich nicht meine Seele durch——“ Das uebrige ſeiner Worte ging der Horcherin durchaus verloren. Agnes antwortete hierauf in dumpfen Toͤnen, ** 35 299 und Radecliffe's Erwiederung klang leiſe, beguͤti⸗ gend und zart, jedoch auch ſo leiſe, daß kein Wort davon hinauf zum Fenſter gelangte, an welchem Mutter Gee endlich ſah, daß Radeliffe Agneſens Hand nochmals und diesmal mit Haſt an ſeine Lippen druͤckte, worauf das Maͤdchen ſich durch die Pforte zuruͤckzog, die ſich eben ſo leiſe ſchloß, als ſie geoͤffnet worden war. Ein Weilchen ging Radeliffe auf der Terraſſe mit verſchraͤnkten Armen hin und her, ſtand dann ſtill, um nach der Thuͤr zu blicken, durch welche Agnes ihm verſchwunden war, und nahm ſeinen bedenklich erſcheinenden Schritt wieder vor, bis er auf einem Fußwege ſich verlor, der um das Haus herum zur großen Einfahrtpforte deſſelben fuͤhrte. Den Kopf voll von einem allerliebſten Stoffe zur Neugier, zum Nachgruͤbeln und vielleicht zum Unheilſtiften, verließ Mutter Gee das Fenſter in der Todtenkammer. Seehzehntes Capitel. „Hier iſt ein großer Mund, fuͤrwahr, Der. Tod und Berg' und Meer' und Felſen ausſpei't, Und ſo vertraut von bruͤll'nden Loͤwen ſpricht, Wie dreizehnjähr'ge Maid von ihrer Docke.“ Shakſpeare. Es wird jetzt noͤthig, uns zu dem tapferen Ca⸗ pitaͤn Coleman zuruͤckzuwenden, der ſich ſo rit⸗ terlich zum Begleiter der Wittwe Raleigh erbot, welche im Herzen nicht wenig unzufrieden dar⸗ uͤber war, die Reiſegefaͤhrtin eines Mannes ſein zu muͤſſen, deſſen Weſen und Geſprachsweiſe ihr ſo ganz und gar nicht zuſagten; allein der Ge⸗ danke an ihr Toͤchterchen, das kaum acht Jahre zaͤhlte und in namenloſes Elend verſetzt werden wuͤrde, wenn ihrer Mutter auf gefaͤhrlicher Straße irgend ein Unheil zuſtieße, zwang ſie, von allen ihren Bedenklichkeiten ſich loszuſagen und je eher — K. 301 je lieber ſich mit dem Capitaͤn auf den Weg zu machen. Gleich allen Großſprechern, die viele Worte machen und weitſchichtige Vorkehrungen treffen, bevor ſie zur That ſchreiten, hatte auch Capitaͤn Coleman ſo lange gezaudert und geplaudert, bis der Abend hereinbrach, ehe er den durch Cornet Davy beſorgten Gaul beſtieg, und nachdem er ſich außer ſeiner Plaͤmpe mit einem alten Rei⸗ terpiſtol bewaffnet hatte, die arme Wittwe hin⸗ ter ſich auf den fuͤr ſie beſonders herbeigeſchaff⸗ ten Breitſattel ſetzte, um mit ihr den Ritt nach Tamerton zu beginnen. Waͤhrend man nun in der Daͤmmerung da⸗ hintrabte, durch welche die Gegenſtaͤnde nur un⸗ klare Umriſſe zu zeigen pflegen, litt die ehrliche Wittwe nicht wenig von Furcht und Bangen, ſo daß ſie in jedem alten Baume am Wege ei⸗ nen Buſchraͤuber vermuthete, und beiher kein ſon⸗ derliches Vertrauen zu der Tapferkeit ihres Ge⸗ leitsmannes hegte, obwohl dieſer vor ihr auf dem Sattel nicht aufhoͤrte, ſein eigenes Lob uber — 2 302 ————————— ngſt vollfuͤhrte kuͤhne Waffenthaten laut wer⸗ den zu laſſen.* „Sonder Furcht ſeid, gute Frau,“ ſprach er, „ſo lange ich bei Euch bin; denn fuhre der Teu⸗ fel ſelbſt in Geſtalt jenes Roger Rowle herauf, ſo ſteht es mehr in meiner als in aller Schwarz⸗ roͤcke Macht, ihn zu bannen. Pier im Sattel⸗ halfter ſteckt mein Piſtol, und das verſteht nach⸗ druͤcklicher ſich deutlich zu machen, als aller Pfaf⸗ fen lateiniſche Spruͤche, denn es ſpeiet nicht Worte, ſondern Schwefeldunſt und Bleikugeln aus, und hat in ſo fern Aehnlichkeit mit den Sermonen des Kaplans von Grenville's Reiter⸗ trupp. Grenville jagte ihn fort, weil der Kerl nuͤchtern blieb, waͤhrend die Reiter und ihr Fuͤh⸗ rer ſich bezechten, und er ſich alſo nicht als rech⸗ ten und orthodoxen Prediger auswies. In ſei⸗ nen Reden aber ſchwatzte er hochſt ſchwerfaͤllig Seiner Majeſtät Kriegsmannen vom brennenden Pfuhle vor, weshalb ich ſeine Sermone denn gar wohl mit Schwefel und Bleikugeln verglei⸗ chen mag—“ „Gott erbarm ſich!“ unterbrach ihn Mrs. ——„—„ Raleigh,„was lauert dort unter jener Hecke? Fuͤrwahr, es iſt ein Menſch— er wird uns an⸗ fallen wollen— Seht doch hin! Was kann's ſein?“ „Was kann's ſein?“ wiederholte der Capi⸗ taͤn—„Ah, ah! ich ſehe Etwas; doch, Poſſen! Seid nicht albern; am Ende iſt's ein alter Baumſtumpf oder ein Stuͤck von einem Mei⸗ lenzeiger. Es iſt nichts, ſag' ichz furchtet Euch nicht.“ Damit trieb er dem alten Hector die Spornen in die Weichen, um denſelben in Ga⸗ lopp zu bringen, unſtreitig, damit er dem unter der Hecke etwa Lauernden vorbeiſprengen und entrinnen moͤgte, wobei er jedoch ſein Prahlen nicht unterließ, ſondern laut ausrief:„Ich ſag' Euch, ich fuͤrchte nichts, und ſo ſeid auch Ihr ſonder Furcht, denn ſchon mit dem Fauſtende meiner Reitpeitſche wuͤrde ich den beſten Mann in England zu Boden ſchlagen, ſobald er auf unſerem Ritte uns ein„„Halt““ zuriefe.“ Des Capitäns hell erklungene Herausforde⸗ rung ward auf hoͤchſt uͤberraſchende Weiſe da⸗ durch beantwortet, daß der vermeinte Baum⸗ 304 ſtumpf in die Hoͤhe fuhr, dem Gaul in den Zü⸗ gel fiel und ſich als ein langer, kraͤftig gebauter Mann zeigte, der in einen Mantel gehuͤllt und einen ſchwarzen Flor vor dem Geſichte, dem Ca⸗ pitaͤn ein donnerndes„Halt!“ zurief. Die Wittwe kreiſchte laut auf, der Capitan ließ einen Schrei des Erſtaunens und Schreckens vernehmen, waͤhrend ſeine Haͤnde bebten und ſeine Zaͤhne klapperten, ſo daß er wohl das Pi⸗ ſtol aus dem Halfter herauskramte, dieſes jedoch ſofort ſeinem Gegner uͤberlaſſen mußte, weil der Vermummte es ihm entwand und daſſelbe, wie der kleine David das Schwert Goliath's, gegen deſſen ehemaligen Beſitzer richtete, indem er den Capitaͤn bedrohte, ihm das Hirn zu zerſchmettern, wenn er nicht ſogleich ſein Geld herausgabe. „Ohne Waffen kann man nicht fechten,“ lallte der Bramarbas und holte eine alte lederne Geldboͤrſe hervor, die nur wenige Kupfermuͤnzen enthielt. Der Straßenraͤuber riß ihm dieſelbe weg, wog ſie auf der Hand, ſchätzte ſie als ſehr geringhaltig ab, und wendete ſich dann zur Wittwe, um auch deren Baarſchaft in Empfang 305 zu nehmen. Frau Raleigh fuͤgte ſich minder be⸗ reitwillig in dieſe Forderung, als ihr Begleiter es gethan hatte, der noch aͤrger als ſie an allen Gliedern zitterte und nicht ein einziges Mal auf den Gedanken gerieth, dem Gaule die Spornen zu geben und ſo ohne Weiteres dem Wegelage⸗ rer zu entrinnen. „Sir,“ ſagte die Wittwe zu Letzterem,„ich will Eurem Befehle gehorchen, denn das Leben iſt koſtbarer, denn Silber und Gold, obwohl ich kein Gold Euch zu bieten habe. Dennoch ſollt Ihr wiſſen, daß Ihr mit dieſer Boͤrſe mir ge⸗ wiſſermaßen das Leben nehmt. Vielleicht iſt Euer Herz nicht ganz verhaͤrtet worden, und ich will hof⸗ fen, daß dem ſo ſei. Die Noth mag Euch zu dieſer Eurer Gewaltthätigkeit getrieben haben, denn in dieſen Tagen iſt wohl Mancher aus Kummer in Suͤnde gerathen. Ich bin eine Wittwe, Sir, die Wittwe des Doctor Raleigh, der, wie alle Welt weiß, auf ſo ſchaͤndliche Weiſe im Kerker ermordet ward. Ich habe ein armes vaterloſes Toͤchterlein, und Gott weiß, wie ſauer es mir wird, mich und die Kleine durchzubrin⸗ Warleigh. I. 20 — 306 gen. Dieſe Boͤrſe enthaͤlt ein Suͤmmchen, das einem Freunde von meinem Gatten, einem ehr⸗ lichen Handwerker, geliehen ward, und das die⸗ ſer mir heute zuruͤckerſtattete. Nehmt Ihr mir dies Wenige, ſo nehmt Ihr all mein Baares und bringt dadurch mich und mein Kind in gro⸗ ßes Elend.“ „Wenn dieſe Boͤrſe,“ verſetzte der Wegela⸗ gerer mit Nachdruck, denn er hatte einen auf⸗ merkſamen Zuhoͤrer der klagenden Wittwe abge⸗ geben,„wenn dieſe Boͤrſe auch tauſend Kro⸗ nenthaler enthielte, ſo wurde ich nicht einen ein⸗ zigen derſelben anruͤhren, ſo Ihr ihn mir nicht fteiwillig gabt. Die Wittwe des Doctor Ra⸗ leigh iſt ſicher vor jeglicher Gefahr, die ihr durch mich oder die Meinigen kommen koͤnnte. Wer, oder was ich bin, gilt hier gleich; genug wenn ich ſage, daß Euer Mann mir einſt das Leben rettete, als ich bei Belagerung einer gewiſſen Stadt fälſchlich fuͤr einen Spaher gehalten, nahe daran war, gehenkt zu werden.“ „Dazu koͤnntet Ihr jetzt wieder, und wohl mit einigem Rechte, gelangen,“ ließ Capitaͤn Co⸗ 307 leman ſich vernehmen, deſſen Muth einigerma⸗ ßen wiederkehrte, als er den Straßenraͤuber ſich ſo mild gegen die Wittwe zeigen ſah.„Ich ge⸗ leite dieſe ehrliche Frau in ihre Heimath, und da Ihr die Boͤrſe derſelben nicht anruͤhren wollt, ſo daͤcht' ich, Ihr gaͤbt mir die meinige gleich⸗ falls zuruͤck, denn ich bin eben ſo wenig ein rei⸗ cher Mann, als Ihr es ſein moͤgt.“ .„Schweig, Kerl,“ verſetzte der Verhuͤllte, .„und ſei zufrieden, daß Du mit ganzen Knochen ⸗ im Leibe davonkommſt. Du bemauſeſt und be⸗ ⸗ ſchwindelſt die Unwiſſenden und Einfaͤltigen, ohne t daß es Dir Gefahr bringt, ich aber muß unter ⸗ großen Bedraͤngniſſen mir das Nothwendige am h Heerwege erpreſſen. Beſtehſt Du alſo darauf, , Etwas hier von mir zu bekommen, ſo will ich n Dir den Schaͤdel dermaßen zerwalken, daß Du n wohl ſagen ſollſt, Dir ſei Etwas verabreicht n worden.“ he Die Wittwe wollte den Raͤuber unterbrechen, dieſer fuhr jedoch fort:„Ich bin nicht ſo boͤs, hl als Ihr vielleicht meint. Doch das war's nicht, o⸗ was ich ſagen wollte. Von Euch und Eurem 20* ——————— 308 armen Kinde wollt' ich ſprechen. Wir leben in argen Zeiten, und ich kann Euch ſagen, Frau Raleigh, daß, wie harmlos Ihr auch ſein moͤgt, Ihr dennoch boͤſe Feinde habt. Barret wird's Euch nimmer vergeben, daß Ihr ihn vor Ge⸗ richt zogt, wenn gleich dieſes ihn von ſeinem ſchaͤndlichen Morde an Eurem Gatten freiſprach. Jetzt achtet meines Rathes, denn vielleicht tritt nur allzu bald die Stunde ein, in welcher ihr deſſelben hochbeduͤrftig ſein moͤgtet. Habt Ihr Schutz gegen Gefahr zu ſuchen, oder ſollte Noth Euch aus Eurer Wohnung verjagen, ſo fluͤch⸗ tet Euch in das Thal von Lydford; furchtet nichts dabei, denn Ihr werdet dort ei⸗ nen Freund finden. Bringt aber Niemand mit, als Euer armes Kind;z denn zeigt ſich mit Euch eine dritte Perſon, ſo wird der Freund Euch nicht ſichtbar werden. Erwiedert mir kein Wort jetzt, wohl aber glaubt, daß der Mann, der durch Verzweiflung zum Straßenraub geſtachelt, wohl einen ſchlechteren Kerl, als er ſelber iſt, pluͤndern, nicht aber Hand an das Eigenthum einer Wittwe und Waiſe legen konnte. Sol⸗ chem Manne, daͤcht' ich, koͤnntet Ihr wohl ver⸗ trauen. Lebt wohl und huͤthet Euch vor Eu⸗ rem Begleiter, denn ich kenne ihn als einen Halunken.“ Mit dieſen Worten wendete der ſeltſame Heerwegsritter ſich zuruͤck in den Buſch und verſchwand mit dem Piſtol und dem Lederbeu⸗ tel, die er als Siegesbeute dem Capitaͤn abge⸗ jagt hatte. Sobald die Gefahr voruͤber war, kehrte des Bramarbas Tapferkeit wieder, ſo daß von dieſer geſtachelt, er dem Thiere die Spornen gab und fort uͤber das Blachfeld ſprengte, waͤhrend er unter Fluͤchen und Drohungen der Wittwe ver⸗ ſicherte, daß das ploͤtzliche Einbuͤßen ſeines Pi⸗ ſtols einzig und allein Schuld daran war, daß er den Buſchklepper nicht uͤber den Haufen t ſchoß. Ohne daß weiter etwas Erzaͤhlenswer⸗ thes vorfiel, langte man, als es voͤllig dunkel geworden und der Mond noch nicht aufgegangen war, vor der armen Wittwe Raleigh Behauſung an, die unfern der Kirche zu Tamerton ſtand, von welcher ſpaͤterhin in unſerer Geſchichte wird 310 Rede ſein muͤſſen, und die wir deshalb hier mit Stillſchweigen uͤbergehen. Als die Wittwe Raleigh in ihre Huͤtte ge⸗ treten war, wo ihr Töchterlein mit Sehnſucht der Mutter Ruͤckkehr entgegengeſehen hatte, ſchlug ſie ein Licht an, und hielt es ſodann fuͤr ihre Pflicht, ihrem Geleitsmann jegliche Artig⸗ keit zu erweiſen, obwohl das feigherzige Beneh⸗ men deſſelben, ſo wie die Warnung des Raͤu⸗ bers ſie ſehr vor dem Capitaͤn zuruͤckſchreckten Sie ſetzte ihm das aͤrmliche Mahl vor, das ihre Huͤtte bieten konnte, das auch von dem Groß⸗ ſprecher nicht verſchmaͤht ward. Als er ſich ge⸗ ſattigt hatte, erklaͤrte er, unverzuglich nach Ply⸗ mouth zuruͤckkehren zu wollen, um dort alle Haͤ⸗ ſcher auf die Beine zu bringen, damit der Ha⸗ lunke unter dem Buſche ſonder Verzug einge⸗ fangen und an den Galgen geliefert wuͤrde. „Wer der Raͤuber auch ſein mag,“ entgeg⸗ nete die Wittwe,„ſo hat er doch an mir ſo großmuthig und edelherzig ſich erwieſen, daß ich es ihm nimmer vergeſſen kann, wohl aber dem Himmel und ihm dafuͤr danke.“ —. „Vergeſſen werd' ich ihn eben ſo wenig,“ verſetzte der Capitän,„denn der Schuſt gab mir Urſache genug, ſeiner zu gedenken. Er ſtahl mir eine Boͤrſe, die funfzehn Goldſtuͤcke und zehn Kronenthaler enthielt, und dazu ein Piſtol, das ſeiner Zeit furchterlich wie die Peſt geweſen iſt; denn es ward nimmer geſehen, ohne daß nicht eines Menſchen Tod hinterdrein erfolgt wäre. Und was des Kerls Großmuth betrifft, ſo ſag' ich Euch, daß ich nicht im Geringſten an dieſelbe glaube; Furcht, eitel Furcht war's, die ihn antrieb, denn der Gauner ſah wohl ein, daß, wenn ich auch Seelengroͤße genug beſaß, um ein mir zugefuͤgtes Unrecht ſonder Ruͤge hingehen zu laſſen, ich ihn doch unfehlbar nie— dergehauen haben wuͤrde, wenn er Hand an Euch oder Euer Eigenthum gelegt haͤtte. So erheuchelte er Großmuth und ließ Euch durch⸗ ſchluͤpfen, damit er ſelber durchſchluͤpfen moͤgte. Nun aber, Frau Raleigh, ſollt Ihr wiſſen, daß ich ein ſchlichter Mann bin, der bei ſo ſchweren Zeiten, als jetzt obwalten, einen ſo ſchweren Ver⸗ luſt, wie derjenige meines Beutels und Piſtols, 312 nicht wohl verſchmerzen kann, weshalb Ihr es billig finden werdet, daß Ihr mir die Haͤlfte der vierzig Schillinge herausgebt, die ich durch meine Tapferkeit Euch erhielt, daß der Wegela⸗ gerer nicht mit denſelben durchging.“ Die Wittwe erſchrak nicht wenig uͤber die⸗ ſen frechen Antrag. Sie war arm, hatte ein Töchterchen zu ernaͤhren und bedurfte uͤberdies, um eines dringenden, ihr am Herzen liegenden Geheimniſſes willen, mehr denn jemals des Gel⸗ des, ſo daß dieſes eben jetzt fuͤr ſie von der hoͤchſten Wichtigkeit war. Daſſelbe zur Hälfte weggeben, wuͤrde ein harter Schlag fur ſie ge⸗ weſen ſein. Zwar verſtand ſie ſich nicht auf den Werth eines Piſtols, daß aber der Lederbeutel des Capitäns nicht ſo viel enthielt, als dieſer angab, lag ihr außer Zweifel. So bot ſie ih⸗ rem erbärmlichen Geleitsmann den vierten Theil ihrer heimgebrachten Baarſchaft als eine kleine Entſchaͤdigung fuͤr deſſen Verluſt an, doch der Capitaͤn eiferte dagegen, ward lauten Tones, beſtand darauf, die volle Haͤlfte haben zu wollen, und ſchritt endlich, als die Wittwe die ernſtlich⸗ Z —6 ſten Vorſtellungen und Bitten dagegen vorbrachte, zu der abſcheulichen That, ſich mit Gewalt des Geldes bemaͤchtigen zu wollen. Frau Raleigh kreiſchte vor Furcht laut auf, und die Kleine weinte jaͤmmerlich, als ſie ſah, wie ihre Mutter mit dieſem neuen Raͤuber rang. Da oͤffnete ſich ploͤtzlich die Thuͤr und herein trat ein junger, huͤbſch ausſehender Mann, den ein grober Reitermantel verhuͤllte. Er hatte den Hulferuf der armen Frau gehoͤrt, packte ohne Weiteres den ſchurkiſchen Capitaͤn beim Kragen und bedeutete ihm, ſich ſofort hinwegzubegeben, wenn er nicht mit dem Degen begruͤßt werden wollte, den der Juͤngling ihm bei dieſen Wor⸗ ten entſcheidet unter die Augen hielt. Der Capitaͤn hatte nicht Luſt, ſich herumzu⸗ ſchlagen. Muͤrriſch und in den Bart brummend ſchritt er zur Thuͤre, als er aber die Klinke der⸗ ſelben in der Hand hatte, ſchoß er einen wilden Blick der Bosheit auf den Befreier der Wittwe Raleigh und ſagte:„Ich vollziehe jetzt Euer Ge⸗ heiß, doch wenn wir einander wieder begegnen, werdet Ihr das meinige vollziehen, wie wenig e elen e 314 es Euch auch behagen moͤge. Verlaßt Euch dar⸗ auf, ich gedenke Eurer!“ Im naͤchſten Moment war er zur Thuͤre hinaus, beſtieg den alten Hector und ritt, ſo hurtig er konnte, zuruͤck nach Plymouth. Haͤtte er nur den Gaul ſteh⸗ len und doch mit Sicherheit im Orte bleiben koͤnnen, ſo wuͤrd' er es gewiß gethan haben; ſo aber ward das Thier noch in derſelben Nacht ſeinem rechtmaͤßigen Eigner zuruͤckgeliefert. Kaum war der Capitaͤn zur Thuͤre hinaus, ſo ward dieſe von der Wittwe ſchweigend ver⸗ riegelt. Als dieſes geſchehen war, kehrte Frau Raleigh zu dem Juͤnglinge zuruͤck, ergriff deſſen Hand, ſprach etliche unzuſammenhaͤngende Worte, ſank dann in einen Seſſel und brach in einen Strom von Thraͤnen aus. Waͤhrend der junge Mann bemuͤht war, ſie durch beruhigende Worte zu beſchwichtigen, ſtand die liebliche Kleine ne⸗ ben der Mutter, wo ſie bald dieſe bat, nicht ſo zu weinen, bald aber mit Verwunderung und Vergnuͤgen zu dem Fremden aufblickte. Dieſer war, wie geſagt, jung, dabei von hubſchem, edlem, ſtattlichem und freundlichem Aus⸗ — ſehen, wiewohl auf ſeiner freien Stirn eine Wolke der Bekuͤmmerniß lagerte. Sobald Mrs. Raleigh ſich einigermaßen er⸗ holt hatte, begruͤßte ſie mit herzlichen Worten den jungen Mann, den ſie mit dem Namen Reginald Elford anredete, ihn dann fragte, wo⸗ her er zu ſo ſpaͤter Stunde kaͤme, und dann die Doppeltfurcht aͤußerte, wie in dieſer Landes⸗ gegend ihm Gefahr drohen moͤgte, und wie es leicht ſein koͤnnte, daß Capitaͤn Coleman ihn er⸗ kannt haͤtte. Zuletzt wuͤnſchte ſie von ihm zu wiſſen, wo jetzt eigentlich ſein Aufenthalts⸗ ort waͤre und ob er ſich in zuverlaͤſſigen Haͤn⸗ den befaͤnde. „Mir gebricht's an Zeit, liebe Raleigh,“ verſetzte der junge Elford,„auch nur die Haͤlfte Eurer Fragen zu beantworten, denn ich habe dringendes Geſchaͤſt vor; und wie werth ich Euch halte und ſtets hielt, ſo daß ich willig mein Leben in Eure Macht ſtellte, ſo darf ich doch um Eurer eigenen Sicherheit willen Euch nicht mit jenen peinlichen Verhaͤltniſſen bekannt machen, die zu wiſſen Euch jetzt von keinem 316 Nutzen ſein wuͤrde, durch die Ihr aber, wenn Ihr ſie wuͤßtet, leicht in die Folgen derſelben verwickelt werden koͤnntet. Gebt Euch alſo zu⸗ frieden, da ich vor der Hand glaube, mich in Sicherheit zu befinden. Die ſchwerſte Sorge, die mir jetzt am Herzen liegt, iſt die, meinen Vater aufzuſuchen, der in einem hoͤchſt beun⸗ ruhigenden Seelenzuſtande ſeiner ehemaligen Frei— ſtaͤtte entfloh; doch ſprach ich heut eine Per⸗ ſon, die, theilnehmend fuͤr unſere Angelegenhei⸗ ten, mir verſicherte, daß Ihr mir den Auf⸗ enthaltsort meines Vaters wuͤrdet nennen koͤn⸗ nen.“ „Allerdings,“ verſetzte die Wittwe.„Euer Vater ſchwebte in der groͤßten Gefahr und ent⸗ rann nur mit genauer Noth ſeinen ihm auf⸗ lauernden Feinden, um ſein Leben meiner Fuͤr⸗ ſorge zu vertrauen. Er hielt ſich eine Zeitlang in dem obern Gemache meiner Huͤtte verbor⸗ gen; da wir jedoch fuͤrchten mußten, daß ſeine Verfolger ihn auch hier erſpaͤheten, ſahen wir uns genoͤthigt, abermals Zuflucht zu dem alten Baum und der verfallenen Huͤtte, einem uͤber⸗ ₰ aus elenden Obdach, zu nehmen. Dort halt Euer Vater ſich ſeit zwei Naͤchten auf. Meine kleine Mary brachte ihm Speiſe und Trank da⸗ hin, denn des Kindes Umherlaufen faͤllt nicht auf, waͤhrend mein Hingehen zu dem Fluͤcht⸗ ling dieſen leicht ſeinen Nachſpuͤrern verrathen durfte.“ „Liebe Miſtreß Raleigh,“ ſagte der junge Elford,„wie kann ich jemals Euch genuͤgend fuͤr die Sorge danken, die Ihr meinem armen Vater erweiſet, in der Ihr ſogar dies liebe, ſuͤße Kind unterrichtet. O wie erkenn' ich darin die Hand der Alles lenkenden Fuͤrſehung, die ſchon ſo oft Euch arme Wittwe mit Eurer va⸗ terloſen Waiſe zu Werkzeugen der Rettung und Erhaltung meines theuerſten Verwandten mach⸗ te! Vergelte Gott Euch Euer Thun an uns, ich vermag's nicht!“ „Sprecht nicht von Vergeltung,“ entgegnete die Wittwe;„denn was ich auch an Eurem Vater thun mag, ſo zahle ich dadurch nur mei⸗ nes verſtorbenen Gatten Schuld ab. Hat Euer 318 Vater doch meines ſeligen Eheherrn Haft viel⸗ faͤltig erleichtert, und mich und mein armes Kind vor dem Umkommen bewahrt! Koͤnnte ich aufhoͤren, Deſſen zu gedenken, koͤnnte ich mich Deſſen je undankbar und unwerth erwei⸗ ſen, ſo wuͤrde ich ja zu den Verworfenſten mei⸗ nes Geſchlechtes gezaͤhlt werden muͤſſen.“ Miſtreß Raleigh ſprach mit Waͤrme, und als ſie von Reginald wiederholte Verſicherung von deſſen Dankempfindungen und Hochachtung gegen ſie empfangen hatte, bezeichnete ſie ihm ſorglich und genau den Weg, der zu der Zu⸗ fluchtſtaͤtte ſeines Vaters fuͤhrte. Da der junge Elford rings in der Gegend Weg und Steg genau kannte, ſo ſtand nicht zu befurchten, daß er irre gehen wuͤrde. Mit vieler Beſorgniß fuͤr ſeine und ſeines unglucklichen Vaters Sicherheit, ſah Miſtreß Raleigh ihn ſcheiden, durfte jedoch nicht wagen, ihn auf ſeiner Wanderung zu be⸗ gleiten. Ermuͤdet von den Anſtrengungen und Widrigkeiten des verfloſſenen Tages legte ſie ſich mit ihrem einzigen Schatze, ihrer kleinen Mary, v„ 319 zur Ruhe, nachdem ſie ſich, die huͤlfloſe Wittwe, und ihr Toͤchterchen, die vaterloſe Waiſe, dem Schutze Deſſen empfohlen hatte, der aller Witt⸗ wen und Waiſen Beſchirmer iſt. Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. ———— — —— ——