. . — Leihbibliothet᷑ deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 8. Cdnard Otkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Ceſebedingungen. 1. oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von K jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ ſpo den angenommen.. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe ſ hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatret wird. 4 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: S 3. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1W.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— f. „ 5— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Ein Nachtſtuͤck aus der Regierung der„blutigen“ Koͤnigin Maria. 3 Theile. 8. 4 Thlr ——, Der Talba von Portugal; oder: Schickſale der Ines de Caſtro. Ein Bild aus der ſpätern Mauren⸗ zeit. Drei Theile. 8. 4 Thlr. Franklin, B., Leben und Schriften, nach der von ſeinem Enkel W. T. Franklin veranſtalteten neuen londoner Original⸗Ausgabe; mit Benutzung des bei derſelben bekannt gemachten Nachlaſſes und fruͤherer Quellen zeitgemäß bearbeitet von Pr. A. Binzer. 4 Theile. gr. 12. 2 Thlr. 18 gr. Ingemann, B. S., Koͤnig Erik und die Geächteten Ein Zeit⸗ und Sittengemälde aus den letzten Tagen des dreizehnten Jahrhunderts. 3 Theile. 8. 2 Thlr. 16 Gr. Ritter, der finſtere; oder: Die Belagerung Kopen⸗ hagen's unter Friedrich dem Dritten. Ein hiſtori⸗ ſches Phantaſieſtuͤck aus der zweiten Hälfte des ſiebzehn⸗ ten Jahrhunderts. 8. Aus dem Dän. 2 Theile. 2 Thlr. Trollope, Mrs., Leben und Sitte in Nordamerika. Nach der vierten Auflage aus dem Engliſchen uͤber⸗ tragen von Dr. Herrmann Franz. 3 Theile. Mit 24 Darſtellungen in Steindruck. 8. 3 Thlr. 16 Gr. PVistorische Romane der Mrs. Anna Eliza Bray. „Verweg'ner Krleg und trene Liebe Und ernſte Wahrheit in der Dichtung Schmuck.“ Gray⸗ Nach der zweiten Auflage aus dem Engliſchen uͤbertragen. wöftr Band. ref Fit of Fitz⸗Ford. Dritter Theil⸗ ————— R iel, univerſitäts⸗Buchhandlung. 1835. —————— Eine Sage aus Suͤd⸗England, aus den Zeiten der Koͤnigin Eliſabeth. Von Mrs. Anna Eliza Pray. „Wird wahr erzählt?“ „Ei freilich wird es das, Nach alter Sage voll Erſtaunenswerthem, Voll ſüßen Leides, daß kryſtall'ne Tropfen An Jungfraunaugen hangen, und die Alten Tief ſeufzend ihre grauen Locken ſchütteln Und ſprechen:— Schaut' die Welt!“ Manuſeript⸗Schauſpiel. Nach der zweiten Auflage aus dem Engliſchen uͤbertragen von Dr. G. H. Bärmann. Dritter Theil. i univerſitäts⸗Buchhandlung. 183 5. Fitz of Fitz⸗Foord. —— Erstes Capitel. „Die Schaͤndlichkeit, die Ihr mich lehrt, will ich ausfuͤhren, und es muͤßte ſcharf hergehen, wenn der Lehrling nicht den Meiſter uͤbertraͤfe.“ Shakſpeare. Obwohl es nicht unſere Abſicht ſeyn kann, uns in dieſen Blaͤttern auf ortsgeſchichtliche Begeben⸗ heiten einzulaſſen, weit weniger noch von jenen umſtaͤnden zu handeln, welche die Regierung der Königin Eliſabeth ſo denkwuͤrdig machten, muͤſ⸗ ſen wir dennoch, damit unſere Leſer in den Stand geſetzt werden, die mancherlei Urſachen zu wuͤrdi⸗ gen, welche die ſo bigotte wie rachſuͤchtige Seele des geaͤchteten Standwich in Aufruhr brachten, durchaus einige Worte Betreffs des Zuſtandes der Fitz of Fis⸗Ford. III. Partei ſagen, zu welcher derſelbe gehoͤrte; einer Partei in England, die, wie man recht wohl weiß, ſich von Spanien, Rom, und eigentlich von allen papiſtiſchen Regierungen in Europa unterſtuͤtzt ſah. Die Maaßregeln, welche von dem Miniſterio der Königin Eliſabeth zu Abwendung der Anfein⸗ dung ihrer Gegner ergriffen wurden, waren, wenn ſie auch durch die Beſchaffenheit der Zeiten be⸗ ſchoͤnigt werden, nichts weniger als ehrenvoll und weder der Koͤnigin, die durch dieſelben beſchuͤtzt werden ſollte, noch der Religion wuͤrdig, die man dadurch aufrecht zu erhalten beabſichtigte. Bei dem oberflaͤchlichſten Blick auf die Chronik der Regierung Eliſabeth's gewahrt man eine Reihe von Gewaltmitteln, die um der Religion willen angewendet wurden, und die man insgeſammt hätte ſparen koͤnnen. Allein jene Tage waren keine Tage der Duldung. Es würde langweilig ſeyn, hier die Namen Derer aufzuzaͤhlen, die, ver⸗ haͤltnißmaͤßig geſprochen, um geringer Schuld wil⸗ len gehenkt, geköpft, geviertheilt wurden; Etliche erlitten ſo ſchmaͤhlichen Tod, blos weil ſie die Oberherrſchaft Eliſabeth's nicht anerkannten, An⸗ — dere weil ſie verraͤtheriſche Worte geſprochen hat⸗ ten, und wieder Andere, weil man in ihnen wider⸗ ſpenſtige Prieſter erkannte, oder ſie fuͤr Agenten Rom's hielt. Die Geſchichte mit Somerville und Arden iſt bekannt genug, als daß wir ſie hier zu wieder⸗ holen brauchten. Sie liefert ein Beiſpiel von Strenge, die auf ſo unzulaͤnglichen Beweis hin in Anwendung gebracht ward, daß wir heut zu Tage uns wundern, wie irgend ein Miniſterium ſo ſehr die Hochachtung vergeſſen konnte, die es der allgemeinen Gerechtigkeit ſchuldig iſt, daß es die Jahrbuͤcher ſeiner Wirkſamkeit durch ſolche Thaten beſudeln konnte. Slade und Bodie, zwei durchaus harmloſe Menſchen, wurden gehenkt, weil ſie die Oberbotmaͤßigkeit Rom's anerkannt wiſſen wollten, und desgleichen William Carter, weil er Buͤcher verkaufte, von denen man vor⸗ gab, daß ſie hochverraͤtheriſchen Inhaltes waͤren, während Franz Throgmorton, der einen Brief⸗ wechſel mit der ſchottiſchen Maria unterhielt, im Tower, damit er ſeine Mitſchuldigen angeben moͤchte, gefoltert ward, obſchon die Anwendung der Tortur den Geſetzen des Landes zuwider war. Sogar hinterliſtige Briefe wurden als Mittel be⸗ nutzt, die Mißvergnuͤgten in eine Falle zu locken. Dieſe ſo ſtrengen als widerrechtlichen Maßregeln, weit entfernt, die Gemuͤther der Unzufriedenen zu ſaͤnftigen, entflammten dieſelben nur noch um ſo mehr; und ein furchtbares Unternehmen, das in ei⸗ nem der aufgefangenen Briefe der ſchottiſchen Maria „das große Complott“ genannt wird, ward ent⸗ worfen, um Eliſabeth mit Einemmale zu vernich⸗ ten, Maria Stuart auf den Thron zu ſetzen, und die katholiſche Religion wieder einzufuͤhren. Wir erwaͤhnen dieſer Dinge blos, weil man wahrneh⸗ men wird, daß dieſelben gewaltig auf Standwich wirkten, der ohnedies ſchon ſo eifrig in der Sache war. Er hatte ſich jetzt mit Cuthbert Mayne und Anderen auf Leben und Tod verbuͤndet. Als John Fitz ergriffen und in Verwahrſam gebracht ward, lebte Standwich mit einem Trupp verzweifelter Geſellen, die ihm ſo Obdach wie Beiſtand gewaͤhrten, in ihrem alten Schlupfwin⸗ kel, der bereits des oͤfteren erwaͤhnten Hoͤhle zur „tugendhaften Dame“. Hier ſaßen am dritten 5 Abend nach der Verhaftnahme des ungluͤcklichen jungen Mannes Standwich, Cuthbert Mayne, Capitaͤn Naswerth und etliche andere Innigver⸗ traute im hohen Rathe beiſammen. Die große runde Tafel in ihrer Mitte wies ein Gemiſch von einander widerſtreitenden Gegenſtaͤnden, als Waf⸗ fen, Schriften, Briefſchaften, Trinkgeſchirre und die Ueberbleibſel eines Mahles. Ein im Winkel der Hoͤhle am Boden angezuͤndetes Holzfeuer warf ein helles und erfreuendes Licht auf die Felswaͤn⸗ de, zwiſchen denen es brannte, waͤhrend durch et⸗ liche in der Woͤlbung befindliche Offnungen oder „Spalten der Rauch ſeinen Abzug fand. Eine Zeit lang waren die ernſtblickenden Ge⸗ ſellen mit den Papieren beſchaͤftigt, welche vor ihnen lagen; nur der undurchdringliche Seewolf Naswerth ſchien minder lebhaften Antheil an der Sache zu nehmen. Endlich ſprach Standwich, und nahm jene ihm ſo gewohnte gebieteriſche Miene an, welche zeigte, daß er ſeine Ueberlegen⸗ heit fuͤhlte, und daß er die Anerkennung derſel⸗ ben allen Anweſenden einfloͤßen wollte. Stand⸗ wich war ein boͤſer Menſch, allein die Natur 6 hatte ihn mit Eigenſchaften begabt, die ihn des Fuͤh⸗ reramtes bei Allem, was er unternehmen mochte, befähigten. Wenn ſo ausgeruͤſtete Menſchen ihre Kraͤfte der Tugend zuwenden, ſo werden ſie Hel⸗ den; widmen ſie dieſelben hingegen dem Laſter, ſo verwandeln ſie ſich in Tyrannen und Bedruͤcker. „Heut Nacht, meine Freunde,“ ſagte Stand⸗ wich,„heut Nacht muͤſſen wir handeln. Zoͤge⸗ rung und unſer Vorhaben koͤnnen nie als mit einander im Einklange gedacht werden.— Ihr, Cuthbert Mayne, begebt Euch mit dieſen Briefen zu Sir Thomas Morley; Ihr geht nicht allein, zwei von dieſen braven Männern begleiten Euch. Ich muß in anderer Richtung fort, denn mein Auftrag iſt der wichtigſte von allen. Ihr, Capi⸗ taͤn Naswerth, habt bei'm erſten Strahle des Morgenlichtes danach zu ſehen, daß Alles zu dem Zwecke bereitet iſt, von welchem wir vorhin ſpra⸗ chen. Euer Schiff iſt zur Hand. Die Ruͤhrig⸗ keit unſerer Spaͤher, die Thatigkeit unſerer Agen⸗ ten und Euer Aller Treue brachten die Dinge bis ſo weit in Gang. Wir erwarten nur die Ruck⸗ kehr Ballard's aus Frankreich, dann erheben wir 7 uns bis auf den letzten Mann. Die nordiſchen Bundesgenoſſen ſind vorbereitet; die Faction zu London ſteht ſchlagfertig, und wir im Weſten ſehen nur den glucklichen Moment ab, uns plotzlich zu erheben, um die edle gefangene Koͤnigin auf den Thron zu ſetzen—“ „Und auf dem Grabe Eliſabeth's zu jauch⸗ zen!“ ſetzte Cuthbert Mayne hinzu.„Wie wuͤnſch' ich, daß das gute Werk noch an dieſem Tage be⸗ ginnen moͤchte! Die jungſte Acte der englaͤndi⸗ ſchen Koͤnigin wird nur die Zuruͤſtungen Spa⸗ niens beſchleunigen und der Bosheit Philipp's neuen Brennſtoff zubringen. Sie hat Drake mit einer ganzen Flotte ausgeſchickt, um die ſpani⸗ ſchen Niederlaſſungen in Weſtindien zu pluͤndern.“ „Und Drake wird ſeiner Sendung zu entſpre⸗ chen wiſſen,“ fiel Naswerth ein,„dafur ſtehe ich Euch; er wird mit dem Spanier und obendrein mit deſſen Dublonen ein Laͤnzchen zu machen verſtehen. Weder Flamme noch Schwert wird er ſchonen, ſobald die ſpaniſchen Kanonen ihr Spiel beginnen und mit ihren donnernden Gur⸗ geln das Blut in ihm aufſchreien. Er wird — ihnen mit einem Gebruͤll antworten, daß ihre Mauern wie bei einem uͤberſeeiſchen Erdbeben er⸗ zittern. Nicht das,“ fuhr er fort, indem er ein Schnippchen ſchlug,„geb' ich fur Eure Spanier, ſobald Drake ihnen auf den Pelz brennt.“ „Sir Francis iſt allerdings ein furchtbarer Feind,“ entgegnete Standwich,„und unſerem Zweck iſt es erſprießlich, daß Drake jetzt nicht an der engliſchen Kuͤſte liegt.“ „Habt Ihr genaue Kunde, Hauptmann Stand⸗ wich,“ fragte Cuthbert,„wann Sir Thomas Mor⸗ ley den Verſuch machen will, den Statthalter zu berfallen, und Stadt und Caſtell von Exeter einzunehmen?“ „Ich habe ſie,“ war die Antwort,„es ſoll in dem Augenblicke geſchehen, in welchem Sir Henry Lyne ſeine Mannſchaft von Cornwall herbringen kann.“ „Sind wir Eurer Meinung nach ſtark genug?“ fragte Cuthbert weiter.—„Wie, wenn's ſchief geht?“ „Das kann es nur, wenn wir unſern eigenen Kraͤften mißtrauen,“ verſetzte Standwich.„Zwei⸗ 9 fel iſt der erſte Schritt zur uneinigkeit Laßt uns alle Furcht verſcheuchen und zuſammenhalten, ſo kann's nicht mißlingen. Wir ſind ſtark auf allen Seiten. Laßt mich ſehen, wie wir ſtehen. Sir Francis Englefield ſteht in zuverlaͤſſigem Briefwechſel mit der Koͤnigin der Schotten. Eben jetzt befindet er ſich am ſpaniſchen Hofe, wo er Geld und Huͤlfemannſchaft und jegliches Mittel zur Foͤrderung der Sache empfaͤngt und heruͤber⸗ ſchafft.— Ballard iſt mit Mendoza und Lord Paget in Frankreich. Er wird Alles ſo anord⸗ nen, daß die Landungsmannſchaft in eben demſel⸗ ben Augenblick Fuß faſſet, in welchem England am wenigſten vermag, Widerſtand zu leiſten, in⸗ dem das Heer der Veteranen und viele tapfere Fuͤhrer ſich in Flandern befinden. Ein zweiter Aufſtand findet gleichzeitig im Norden des Lan⸗ des Statt, und England iſt reif zur Rebellion. Wir im Weſten arbeiten zuverlaͤſſig, wenn gleich geheim; wir koͤnnen uns jeden Augenblick erhe⸗ ben, und in London—“ „In London,“ fiel Cuthbert ein,„haben wir unſere eigentliche Citadelle aufgerichtet. Ja,“ und ſeine Augen funkelten von Enthuſiasmus, als er ſprach—„ja, ich beneide jene ritterlichen Gei⸗ ſter, jene ſechs kuͤhnen Abenteurer,— Babing⸗ ton, Savage und ihre Genoſſen, deren Namen einſt in lichten Schriftzuͤgen ſtrahlen werden! Verbuͤndet haben ſie ſich durch einen Schwur, nicht abzulaſſen von ihrem heiligen Vorſatz, be⸗ vor ſie nicht einen Dolch in das Herz Eliſabeth's ſenkten. Wollte nur Gelegenheit mir die Hand bieten, wie freudig wuͤrde ich meinen Namen mit den ihrigen auf eine ſo glorreiche Hoͤhe bringen!“ „Zu einer ſo ſchwindelnden Hoͤhe, wollt Ihr ſagen, Meiſter Cuthbert,“ plumpte Naswerth ihm in die Rede.„Was zum T. l denkt Ihr und alle jene Tollhaͤusler durch ſolchen wilden Plan anders zu erlangen, als einen langen Strick und einen kurzen Weg zu demſelben? Eure Glorie wird ein Halskragen zu Tyburn ſeyn. Meint Ihr, die Koͤnigin Eliſabeth ſey Naͤrrin genug, ſtill zu ſitzen und zu warten, daß Ihr, oder ein Dutzend Eures Gelichters, herkommen und ihr die Kehle abſchneiden moͤchtet? Traun, ich ſage Euch, ſie hat Haare genug auf den Zaͤhnen, um, wenn's Noth thut, an der Stuͤckpforte eines ih⸗ rer Schiffe zu ſtehen, waͤhrend eine bruͤllende Salve jede Rippe des Seglers erdroͤhnen läßt; und haͤngen ſoll man mich, wenn ich meine, daß ſie Anſtoß nehmen wuͤrde, ihre Kanonen ſelbſt abzufeuern. Denn ſeht nur, Ihr, als Thomas Appletree nach ihrer Barke ſchoß und einen ihrer Leute verwundete, als ſie die Themſe hinab ru⸗ derte, ſchwur ſie da nicht mit einem derben Flu⸗ che, ſie wollte den Kerl mit ihren eigenen koͤnig⸗ lichen Haͤnden packen, und befahl ſie den Rude⸗ rern nicht, dem Meuchler auf der Stelle nachzu⸗ fahren? Es ſteckt ein Teufel in ihr, ſo wahr ich lebe, und die alte Dirne iſt mir d'rum um ſo lieber. Sie meuchelmorden? und davon ſchwatzt Ihr? Wie eine Loͤwin wuͤrde ſie ſolchen Kehlab⸗ ſchneider anſtieren und ihn aus ſeinem Vorſatz herausgucken. Und bei alldem iſt ein Weib mit kaltem Blute ermorden ein verflucht feigherzi⸗ ger Streich.“ „Cardinal Allen,“ entgegnete Cuthbert,„hat ein Buch geſchrieben, worin er es auseinander ſetzt, wie verdienſtlich es ſey, durch offene Ge⸗ 12 walt, oder durch irgend ein anderes Mittel, eine ketzeriſche Monarchin aus der Welt zu ſchaffen.“ „So laßt ihn ſolch verdienſtliches Thun ſelbſt in's Werk richten,“ meinte Naswerth,„nicht aber Andere zu ſo tollem Wageſtuͤck verleiten wollen!“ „Auch hat der Papſt,“ ſagte Cuthbert,„Je⸗ dem, dem die That gelingen, und der nachher durch dieſelbe umkommen moͤchte, unmittelbaren Eingang in den Himmel verheißen.“ „Der Papſt, mein' ich,“ entgegnete der See⸗ baͤr,„kann ſataniſch mehr verheißen, als er Wort zu halten im Stande iſt; doch ſey dies mit aller Reverenz von ihm geſagt, denn ich habe abſon⸗ derlichen Reſpect vor ſeinen rothen Roͤcken. Und nun hoͤrt mich, Cuthbert, und nehmt dies Eine⸗ mal meinen Rath an. Geht in's Gefecht, wenn's Deck gelichtet iſt, und aller Haͤnde bei den großen Kanonen ſind; dann moͤgt Ihr das Eurige mit⸗ wirken, ſo gut Ihr koͤnnt; allein ſeyd nicht ſo naͤrriſch, ſo ein Kleinboot, als Ihr ſelber ſeyd, gegen ſolches Kriegsſchiff, gegen ſolch eine Fuͤrch⸗ tenichts, wie die Koͤnigin Eliſabeth iſt, auslaufen zu laſſen;'s iſt ſonſt rein aus mit Euch. Aber Ihr wart ja ehedem Bartſcherer in der guten Stadt Launceſton, und Kinnſchinden und Ader⸗ laſſen haben Euch eine Gier nach Blute einge⸗ loßt „Ihr ſchwatzt wie Einer, der zu unſerem kuͤh⸗ nen Unternehmen untauglich, der uͤberhaupt zu einer That untauglich iſt,“ antwortete ihm Cuth⸗ bert.„Wer Euch ſo plappern hoͤrt, ſollte glau⸗ ben, Ihr haättet keinen Finger mit in unſerer Sache, und doch geſchieht's durch Eure Vermitt⸗ lung, daß wir mit unſeren Freunden jenſeit der Gewaͤſſer Verkehr halten.“ „Haha!“ rief der Capitaͤn;„das iſt etwas Anderes! Da bin ich in und auf meinem eigent⸗ lichen Elemente und ſpiele auf der See ein beſ⸗ ſeres Spiel, als Ihr zu Lande jemals eines durch⸗ zufuͤhren vermoͤget; denn Ihr ſeyd ein klaͤglicher Pilot.— Dieſer Becher voll Sect iſt hinrei⸗ chend, all' Eure Anſchlaͤge hinwegzuſchwemmen.“ „So wie Euer Hirn, oder ich müßte mich ſehr irren,“ ſagte Cuthbert;„Ihr ſeyd wunder⸗ ſamlich weiſe, und abſonderlich ſprachſelig, wenn der Wein Euch den Verſtand verdreht hat.“ 14 „Bei alldem wißt Ihr meine Weisheit doch da zu gebrauchen, wo's in Euren Kram paßt; oder nicht? Mußt' ich durch meine Weisheit nicht fuͤr Euch und den Hauptmann Standwich geſtern Abend jenen jungen Geſellen einſchnappen, der, ſo weit ich's abſehe, zu weiter nichts nuͤtz iſt, als gehenkt zu werden? Und zu welchem Ende mußt' ihm alſo von mir aufgelauert werden? Warum verbandet Ihr ihm die Augen, knebeltet ihn und legtet ihn in Eiſen? He? Das moͤcht' ich doch wiſſen.“ „Sobald ſolches zu wiſſen Euch Noth iſt, Capitän Naswerth,“ fiel Standwich hochfahrend ein, indem er den Blick von den Papieren er⸗ hob, in denen er herum geſehen hatte,„ſollt Ihr's erfahren, aber eher nicht. Ihr erhieltet Euern Lohn fuͤr Das, was Ihr thatet, und jetzt geht die Sache Euch weiter nicht an.“ „Und doch geht ſie mich an, geht mich ver⸗ maledeit viel an,“ entgegnete der Seebaͤr;„das war kein gemeines Aufgreifen. Der junge Menſch iſt keines Knechtes Sohn, keines Bettlers Balg, hinter'm Zaune aufgefangen. Dieſer Junker iſt der Sohn eines Ritters und eines machtigen obendrein; und Geſchrei und Laͤrm wird's geben, und die Geſammtmaſſe der Haͤſcher dieſer Graf⸗ ſchaft wird ſich auf die Beine machen, um den Dieb bei'm Kragen zu nehmen. Des Ferneren bedenkt, Hauptmann Standwich, daß, obſchon ich uͤber's Meer ſchiffe, um Eure Papiere und Eure Leute hinuber zu ſchaffen, ich doch auf dem Trok⸗ kenen nichts fuͤr Euch in's Werk richte, was wie Rebellion ausſieht— nicht eine Kanone feur' ich fuͤr Euch in dem von Euch beabſichtigten Handel ab. Auf mein Steuer gelehnt, laur' ich, von wo⸗ her der Wind weht und warte auf hohes Waſſer. So ſichre ich mir, ohne Euch Nachtheil zuzufuͤ⸗ gen, in dieſem Lande Hals und Gliedmaßen, wenn Euer Kram mißlingt; das kann ich aber nicht, ſobald man Wind bekommt, daß ich der Aufgreifer dieſes John Fitz war. Nicht einen Finger wuͤrd' ich an ihn gelegt haben, wenn ich gewußt haͤtte, daß Ihr ihn nach etlichen Tagen Haft wieder freigeben wollt; und daß Ihr das wollt, hoͤrt' ich Euch zu dieſem Cuthbert ſagen—“ „Ich habe Euch ſchon geſagt, Capitaͤn Nas⸗ werth,“ ſprach Standwich drein,„daß aus be⸗ ſonderen Gruͤnden, die Euch nicht kuͤmmern, ich dieſen jungen Mann fur eine kurze Zeit in enger Haft halten wollte. Ich hege keine perſoͤnliche Feindſchaft gegen ihn, obwohl er der Sohn mei⸗ 1 nes größten Widerſachers iſt. Ich beabſichtige 1 nicht, ihm an Leben oder Leibe zu ſchaden, wohl 3 aber werd' ich ihn morgen fruͤh in Freiheit ſetzen.“ „Dann wird morgen fruh der erſte Gebrauch, den er von ſeiner Freiheit macht,“ entgegnete Naswerth,„ganz naturlich darin beſtehen, daß er zu dem Sheriff der Graſſchaft geht und eine genaue Beſchreibung von meiner Perſon und von dem ganzen Hergange auf dem Huͤgelruͤcken der Plymouther Landſtraße abgiebt. Die Häſcher werden ſodann gegen mich losgelaſſen, und ich kann mein Haupt nimmer mit Sicherheit in die⸗ ſer Gegend erheben, ſobald Eure finſtern Com⸗ plotte nicht wirklich zu Stande kommen. Ihr habt mich in dieſe Gefahr gebracht, waͤhrend Ihr wohlbehalten Euch aus derſelben heraus oder durch dieſelbe hindurch ſteuert; denn ſo lange der junge Mann Euer Gefangener iſt, habt Ihr Euch 17 wohl gehuͤthet, ihn Eure Geſichter ſehen zu laſſen; ſo daß er kaum ahnen kann, wer ihn eingekerkert haͤlt— ſo kommt alle Gefahr der Sache auf meine Kappe.“ „Eure Gefahr iſt nur gering,“ ſagte Stand⸗ wich,„da Ihr meiſtentheils Euch auf dem Meere befindet, ſelten zeither an dieſer Kuͤſte waret, und nichts zu fuͤrchten habt, ſobald unſer Wagſpiel glůckte.“ „Aber mit dieſem gluͤckenden Wagſpiel ſieht es noch windig aus,“ meinte Naswerth,„und was mehr gilt: ich will dieſem Spiele nicht ver⸗ trauen, auch mir die Freiheit nicht verkuͤmmern laſſen, an dieſer Kuͤſte ohne Furcht zu landen, ſobald es mir beliebt. Hoͤrt mich, denn ich bin entſchloſſen, Euch zwiſchen zweien Stuͤcken die Wahl zu laſſen.“ „Zwiſchen welchen Dingen?“ rief Standwich. „Maßt Ihr Euch an, Ihr, der Ihr von uns be⸗ ſoldet wurdet, mir vorzuſchreiben? meinem Ur⸗ theile vorzugreifen?“ „Nein,“ antwortete Naswerth;„Ihr mogt, wenn Ihr wollt, Euer Urtheil in eine Schaluppe Fit of Fitz⸗Ford. III. 2 verwandeln und zuſehen, wie lange ſie unter dem Steuern Eurer Complotte flott bleibt.— Sprecht, wollt Ihr mich wirklich uber See geſchickt haben, um jene Briefſchaften dem Don Philipp zu uber⸗ bringen?“ „Das wißt Ihr,“ fagte Standwich;„ſonder Verzug muͤßt Ihr abſegeln.“ „So will ich mich haͤngen laſſen, wenn ich das thue,“ ſchrie der Seebaͤr,„ſobald Ihr mir nicht den Junker mit an Bord gebt. Gebt ihn mir wohlbehalten unter's Deck, und ich ſchwoͤr“ Euch bei des Papſtes großer Zehe und den hei⸗ ligen Thraͤnen unſerer lieben Frauen zu Loretto, kein Haar ſeines Hauptes zu verletzen. Habe ich ihn aber einmal in Hiſpanien, ſo ſtehe ich Euch dafür, ich werde ſo mit ihm ſchalten, daß John Fitz nimmer heimkehrt, um zu erzaͤhlen, wer ihn überſchiffte. Das iſt ſo meine Art von Seelen⸗ verkaͤuferei; gefällt ſie Euch nicht, ſo bleibt bei der Eurigen, dann aber lichtet Capitaͤn Naswerth morgen die Anker ſeiner Schwalbe; die See hat weite Raume fur ihn, und nimmer mengt er ſich wieder in Eure haͤkelige Politik, ſey's nun, Euch oder dem Papſte, oder dem leibhaftigen T.. l, wel⸗ ches einerlei iſt, zu dienen.“ „Ihr wollt die Briefſchaften an Don Philipp nicht uͤberliefern, wenn ich nicht darein willige, daß dieſer junge Mann mit Euch ſegelt?“ fragte r Standwich. „Nimmermehr,“ ſchrie Naswerth.„Ich will um Euretwillen nicht in's Hundeloch kriechen. r Nicht das Ende eines Strickes wuͤrf' ich aus, um n Euch ſammt und ſonders vor'm Erſaufen zu ſchuͤtzen. Jetzt wißt Ihr meine Meinung; alſo ⸗ beſtimmt hurtig die Eurige.“ , Standwich ſchien beunruhigt zu ſeyn. Er h warf ſich auf einen Sitz und verſank fuͤr ein h Weilchen in tiefe Gedanken. Endlich fuhr er auf n und rief haſtig:„Er ſoll mit Euch gehen; ja, n ich ſehe es ein, es wird in jedem Betracht am n⸗ beſten ſeyn. Ihr wollt nicht Hand an ſein Leben er legen?“ th„Gewiß nicht, ſobald er nicht aufſaͤtzig iſt,“ at war des Seecapitaͤns Antwort.„Ich denke, die ich erſte Gelegenheit wahrzunehmen, ihn irgend einem hiſpaniſchen Schiffer, den ich kenne, mitzugeben, 2* 20 damit der ihn irgend wohin nach der neuen Welt mitnimmt, wo er, wenn's ihm beliebt, eine neue Colonie anlegen und ſich zum Koͤnig derſelben aufwerfen mag.“ „Und wenn ich Euch den Gefangenen mitgebe, wollt Ihr unverzuͤglich uͤber Meer ſchiffen, um in Spanien der Ueberbringer jener Briefſchaften zu ſeyn?“ „Eh morgen Abend hereinbricht, will ich zu ſolcher Fahrt die Anker lichten,“ ſagte Naswerth; „der Wind iſt guͤnſtig; ich uberbringe Alles, was Ihr verlangt.“ 23 „Abgemacht alſo,“ ſagte Standwich;„der Gefangene iſt der Eurige. Aber, Eine Pflicht habt Ihr zu erfullen, und zwar u.n Eurer eige⸗ nen Sicherheit willen.“ „Was iſt's?“ fragte Naswerth.„Keine neue Aufgreiferei, will ich hoffen. Davon hab' ich ge⸗ nug bekommen, und nicht ſo leicht ſollt Ihr mich wieder dazu vermoͤgen. Was hab' ich zu thun?“ „Wache zu halten uͤber den Juͤngling John Fitz, daß er Euch nicht entwiſcht,“ antwortete Standwich.„Ich muß in wichtiger Angelegenheit fort von hier. Sir Thomas Morley trifft mit Cuthbert zuſammen, und ich muß einen Bundes⸗ genoſſen ſuchen, ohne deſſen Beiſtand unſere be⸗ ſten Entwuͤrfe fehlſchlagen. Vor Tages Anbruch kehren wir zuruͤck und loͤſen Euch in Eurem Waͤch⸗ teramt ab.“ „Leiht mir Eure Piſtolen,“ ſagte der Seebaͤr, „an der einen der meinigen zerbrach der Hahn und die andere trifft nicht ſicher.“ 3„Dort haͤngen ſie an der Felswand, nehmt 6 ſie herab,“ antwortete Standwich,„ſie ſind mit Kugeln geladen. Ich habe ein kleineres Paar, r das mir genuͤgt.“ t„Und wo muß ich wachen?“ fragte Naswerth. *„Wo ſteckt der Junker?“ „In derjenigen Schlucht dieſer Hoͤhle, die wir te den Kerker nennen,“ verſetzte der Haͤuptling der e⸗ Geaͤchteten.„Sie wird durch eine von außen ch verriegelte Thuͤr verwahrt.“ 6„So will ich in der großen Hoͤhle wachen,“ n ſagte Naswerth,„und wenn er verſucht, ſeine te Haft zu ſprengen und an mir voruͤber zu wollen, ſo ſoll er eine Pille in den Bauch bekommen, die 22 ihn ſchon Subordination lehren wird. Ich dulde keine Meuterei, wo ich Befehl ertheile. Gebt mir zu trinken, und ich gehe an meinen Poſten. Iſt Feuer in der großen Hoͤhle angemacht? Denn dieſes Euer vermaledeites Felſenloch iſt kalt und feucht, wie der Bauch eines lecken Fahrzeugs.“ „Es iſt kein Feuer dort,“ antwortete Stand⸗ wich. „So fullt mir den Weinkrug!“ rief Naswerth. „Haben wir kein Feuer von außen, ſo iſt das um ſo mehr Grund, uns von innen heraus zu wärmen. Schickt mir zu trinken und gebt mir eine Lampe. Ich will an meinen Poſten. Ihr zieht jetzt fort?“ „Augenblicklich,“ antwortete Standwich.„Mor⸗ gen mit dem Fruͤheſten kehr ich wieder. Gute Nacht!“ Capitan Naswerth, nachdem er mit den noth⸗ wendigſten Dingen, die er verlangt hatte, verſorgt war, machte ſich von dannen. Die Uebrigen wa⸗ ren ſchon mit Cuthbert fort. Standwich blieb allein zuruͤck. Kaum wußte er ſich allein, ſo ſchritt er durch einen engen Gang im Felſen, der mit einem der vielen Gemaͤcher dieſer Hoͤhle in 23 Verbindung ſtand. Im Gemache hielt er an, und rief den Namen Betſy Grimbal. Die Alte ge⸗ horchte dem Rufe und kehrte mit Standwich in das aͤußere oder erſte Gemach, wo die Genoſſen beiſammen geweſen waren, zuruͤck. „Wie ſteht's um Deinen Gefangenen?“ fragte der Geächtete.„Hat er geruht und Speiſe zu ſich genommen, und was treibt er?“ „Eine Zeit lang,“ antwortete Betſy,„wies er alle Nahrung zuruck; und als er fand, daß allen ſeinen an mich gerichteten Fragen keine Antwort ward, gab er ſich der Verzweiflung hin. Ich hoͤrte ſein Stoͤhnen in meiner Zelle, als ich die ſtarke eichene Thuͤr ſeines Kerkers wohl verwahrt hatte. Zuletzt aber ſiegte die Natur, trotz ſeiner Verzweiflung. Erſchoͤpft, wie ich ihn mir denke, durch Anſtrengung, Elend und Schwaͤche, ent⸗ ſchlief er endlich, ja, und ſchlief mehrere Stun⸗ den lang feſt und ruhig. Als er erwachte, und ich ihm abermals Speiſe und Wein bot, antwor⸗ tete er, daß er von Beidem genießen wollte, ſo⸗ bald ich ihn zuvor uͤberzeugte, daß Speiſe und Trank nicht vergiftet waͤren. Ich that's; er nahm 24 hierauf den Weinbecher, den er zum Munde fuͤhr⸗ te, und ſagte: Ich genieße dies, nicht weil ich wuͤnſche meine Tage zu verlaͤngern, ſondern weil ich durch Hunger nicht mein eigener Verderber werden will. Mein Vertrauen iſt auf die Gnade Gottes gerichtet, denn alle Menſchenhulfe ſcheint mir fern zu ſeyn!“ „Erzaͤhlt nichts mehr,“ fiel Standich ein, „Ihr macht mich ſonſt wankend in meinem Vor⸗ ſatze. Ich bemitleide den Juͤngling, da er, außer ſeiner uͤbel angebrachten Liebe zu meiner Lochter, mich in keiner Hinſicht beleidigte. Jedoch ſein Vater—“ „Eben ſein Vater war Euer grimmigſter Feind,“ unterbrach ihn Betſy.„Bei alldem beharrt Ihr dabei, dem Gefangenen morgen die Freiheit zu geben, weil ſeine Ruͤckkehr dann weder Euch noch den Eurigen nachtheilig werden kann?“ „Nein,“ antwortete Standwich.„Ich darf es nicht thun. Der Pirat, der den Jungling auf⸗ griff, weil ich ſelbſt anderweitig beſchaͤftigt ſeyn mußte, weigert ſich, Botſchaft nach Spanien zu bringen, ſobald ich nicht darein willige, daß John 25 Fitz als Gefangener mit ihm zu Schiffe geht. Des Juͤnglings Freiheit duͤnkt ihn gefaͤhrlich fuͤr ſeine eigene Sicherheit. Nun aber haͤngt mehr denn Tod und Leben von jener Botſchaft nach Spanien ab, und kein Schiff außer das des elen⸗ den Naswerth liegt ſegelfertig nach jener Halb⸗ inſel. Ich bedarf der Dienſte des Capitaͤns, es moͤge koſten, was es wolle; denn wie großer Schurke Naswerth auch ſeyn mag, mir hat er ſtets treulich gedient. So alſo hab' ich d'rein gewilligt, dem Capitaͤn den Erben von Fitz als Gefangenen zu uͤberantworten. Er nimmt ihn mit uͤber See.“ Betſy Grimbal, welche wußte, wie geradezu entgegen dieſer Vorſatz den Entwuͤrfen der Lady Howard war, und daß ihre eigene anſehnliche Belohnung ſich auf die Freiheit des Erben von Fitz ſtuͤtzte, widerſetzte ſich lebhaft dem Plane des Hauptmannes der Geaͤchteten. Dieſer blickte be⸗ troffen auf die Unterhaͤndlerin.„Mich duͤnkt,“ ſprach er,„Eure Bruſt waͤre des Mitleidens gaͤnzlich unfaͤhig? Woher dieſe Veraͤnderung? Ehedem war Euch die ganze Familie, ja der bloße 26 Name Fitz ein Abſcheu, ſo daß Ihr in Eurer Gier nach Rache ſchier weiter gingt, als ich—“ „Der Vater, nicht der Sohn,“ entgegnete Betſy,„war mein Feind ſowohl als der Eurige. Der Juͤngling hat keinen von uns beleidigt.“ „Mich, mich hat er im zarteſten Puncte ver⸗ letzt, rief Standwich;„er gewann die Liebe je⸗ nes Kindes, das ich, wie theuer es mir iſt, nicht das meinige nennen darf; um ihretwillen moͤgte ich jetzt ihn ihren Augen fern halten. Sie glaubt, John Fitz ſey geſtorben— ſie heirathet Slan⸗ ning. Aber wie heirathet ſie dieſen? Durch mein Anſtiften. Ich zwang ihr Gemuͤth zu dieſer Ver⸗ bindung. Ihr wißt nicht, und ſollt nimmer wiſ⸗ ſen, durch welche fuͤrchterliche Gruͤnde ich Mar⸗ garethen zu ſolchem Entſchluffe brachte. Ich be⸗ waͤltigte ihre Seele, ſo daß, ehe ich von ihr ſchied, ſie einen feierlichen Eid ſchwoͤren mußte, ſich mit Slanning zu vermählen. Bedenkt nun, welche Seelenfolter ſich ihrer bemaͤchtigen muß, ſobald ſie erfaͤhrt, daß John Fitz noch am Leben iſt. Nein! dies Leid will ich fern von ihr hal⸗ ten. Fuͤr ſie ſoll der Geliebte todt bleiben. Alſo 27 muß er fort, muß fuͤr immer in ein anderes Land verbannt werden. Wie koͤnnte ich meinem Kinde ſolche Marter zubereiten? Margarethe mag ſich glucklich fuͤhlen, indem ſie den Erben von Fitz in ſeinem Grabe waͤhnt.— Kein Wort! Redet nicht fuͤr ihn; mein Vorſatz iſt unerſchutterlich und wird ſich nimmer aͤndern!“ Als Standwich dieſe Worte geſprochen hatte, warf er den Mantel uͤber ſeine Schultern, ent⸗ ließ Betſy Grimbal, und machte ſich hinaus, um einen Hauptmitſchuldigen ſeiner verraͤtheriſchen Anſchlaͤge aufzuſuchen. Zweites Capitel. „Wer auf ſchluͤpferigem Boden ſteht, ver⸗ ſchmaͤht es nicht, auch den verächtlichſten Gegen⸗ ſtand zu faſſen, um nicht auszuglitſchen.⸗ Shakſpeare. Der ungluͤckliche Jungling, der auf ſo grauſame Weiſe zum Spielball der gottloſen Abſichten ſei⸗ ner Feinde gemacht worden war, lag in der Hoͤhle in dem ihm angewieſenen Felſenloche, an Haͤnden und Fuͤßen gebunden, auf einem elenden Stroh⸗ bette. Seine Seelenpein war über alle Beſchrei⸗ bung. Die Maͤnner, die ihn eingefangen hatten, machten nicht den geringſten Verſuch, ſeine Flei⸗ der zu durchſtobern oder ihm Geld und Schmuck abzufordern. Raubſucht konnte alſo offenbar nicht 29 der Zweck ſeyn, um deswillen man ihn aufgegrif⸗ fen hatte. So ſah John Fitz denn ein, daß man nur die Abſicht hatte, ihn gefangen zu halten. Aber weswegen? Dieſe Frage draͤngte ſich ganz natuͤrlich ſeinem Geiſte auf, und da die Maͤnner, die ihn fingen, ihm durchaus ſremd waren, ſo konnten ſie ſchwerlich in ihren eigenen Angelegen⸗ heiten ſo mit ihm verfahren haben. Allein von wem waren ſie gegen ihn ausgeſchickt worden? Dieſer Gedanke erweckte ihm eine Reihe von Muthmaßungen, durch welche ſeine Seele nur noch mehr gefoltert ward. Das Geruͤcht von der Verehelichung Slanning's mit Margarethen Cham⸗ pernoun, das er zufaͤllig aus dem Munde der El⸗ ſterwirthin vernommen hatte, kehrte ihm jetzt un⸗ ter grauſenhaften Vorſtellungen in die Erinnerung zuruͤck. Und wenn er alle Umſtaͤnde mit einander erwog, ſo konnte er kaum umhin, die fuͤrchter⸗ lichſten Folgerungen daraus zu ziehen.— Hatte nicht Slanning ihn waͤhrend des ganzen Hergan⸗ ges verrathen, um Margarethe fuͤr ſich zu ge⸗ winnen? Sobald die menſchliche Seele, unter einem ge⸗ 30 waltigen Eindruck ringend, erſt einen furchterli⸗ chen Argwohn als moglich denkt, ſo iſt es zum Erſtaunen, welche furchterliche Quaͤlerin dann die Einbildungskraft einem empfaͤnglichen Gemuͤthe wird. In ſolcher entſetzlichen Gemuthsverfaſſung war John Fitz von Fitz⸗Ford. Er erinnerte ſich, wie ſo gaͤnzlich er dem vermeinten Freunde Slan⸗ ning das Geheimniß ſeiner Liebe zu Margarethen vertraute; wie er ſo oft ihm anempfohlen hatte, die Fortdauer dieſer Liebe nicht dem Vater Hugo zu verrathen. Er erwog, wie er ſo oft an eben dieſen Vater aus fernen Landen waͤhrend ſeiner Kerkerhaſt geſchrieben hatte, ohne daß dieſer ihm Freiheit oder Erleichterung hatte zukommen laſſen. Was konnte uUrſache ſolcher Haͤrte bei Hugo Fitz geweſen ſeyn, der doch ſonſt den Sohn ſo innig geliebt hatte? Nur die fortdauernde, von Slan⸗ ning dem Vater verrathene Liebe dieſes Sohnes zu der Pflegtochter Glanville's, ſo dachte der un⸗ gluͤckliche Leidende, konnte Urſache davon werden. Und dann folgte der erſichtlichſte Beweis der Verraͤtherei Slanning's, von welcher John Fitz in ſeinen furchterlichen Phantaſieen traͤumte. In 31 dem Augenblick, in welchem er nach England zu⸗ ruͤckgekehrt war, hatte er dem treuloſen Freunde ſein Elend, ſeine fortdauernde Liebe zu Margare⸗ then und ſeine Furcht vor dem Vater geſchrieben, und ihn zu geheimer Beſprechung in die Herberge am Plymouther Wege beſchieden— und was war darauf erfolgt? In eben dem Hauſe, das er zum Zuſammenkunftsort beſtimmt hatte, ward er hinterliſtig aufgefangen, auf den Huͤgeln er⸗ griffen, und gebunden als Gefangener in ein Ker⸗ kerloch geſchleppt. Auf weſſen Anſtiften konnte dies, und zu welchem Zwecke geſchehen ſeyn? Noch mehr! wer außer Slanning konnte ſein Vorhaben, an jenem verhaͤngnißvollen Abend uͤber den Huͤgelruͤcken zu reiſen, gewußt haben?— Der Beweis lag klar, ſonnenklar vor Augen! Das ganze Land, ſo ſprach die Elſterwirthin, ſchwatzte von Slanning's bevorſtehender Heirath mit Margarethen! Fitz alſo, John Fitz, der Ver⸗ lobte eben dieſer Margarethe, war nicht Derjenige, der zu ſolcher Zeit anlangen durfte, um die Ab⸗ ſichten des verraͤtheriſchen Slanning zu vereiteln und des Elenden Nichtswuͤrdigkeit vor Aller Augen 32 offen darzulegen. Nein, dieſer John Fitz mußte aufgegriffen, in Bande gelegt werden, um deſſen Anſpruͤche an die falſche, vielleicht auch nur ge⸗ taͤuſchte Margarethe Champernoun zum Schwei⸗ gen zu bringen. Das war der Hauptinhalt der raſendmachen⸗ den Argwohnsgedanken des unglucklichen Erben von Fitz, als er gebunden auf dem Strohlager in der Hoͤhle der Grubenmaͤnner lag. Bisweilen waͤhnte er, er wuͤrde dem Tode aufgeſpart, da⸗ mit Slanning's Verrath mit ſolchem ſcheuslichen Morde enden moͤchte; ein anderes Mal ſtellte er ſich vor, man wuͤrde ihn nur für eine Zeit lang eingeſperrt halten; und in ſolchen Momenten ge⸗ lubdete ſeine Seele die bitterſte Rache gegen ſeine Verfolger. Dann wieder ſchwebte das Bild der ſchoͤnen und zarten Margarethe vor ihm in den Augenblicken auf, als er von ihr Abſchied nahm, und er zerſchmolz in dem tieſſten Herzenskummer uber den Verluſt der Geliebten. Zwar hatte er in ſeinem auslaͤndiſchen Kerker gehoͤrt, wie in ſeinem Vaterlande ſich das Geruͤcht von ſeinem Tode ver⸗ breitete; allein ſeine wiederholten Briefe an ſeinen 33 Vater und an Slanning, die mit einander, wie er deſſen gewiß zu ſeyn glaubte, durch die Hand ei⸗ nes achtbaren niederlaͤndiſchen Kaufherrn ſicher uberſchickt worden waren, mußten jenes Geruͤcht widerlegt haben. Wirklich hatte ſein Diener An⸗ dreas Morton— deſſen Niedertraͤchtigkeit freilich von John Fitz nicht geahnet ward— ihm oft verſichert, daß ſelbſt der General Norris wußte, daß er noch lebte, und daher dem Geruͤchte von ſei⸗ nem Tode widerſprochen haͤtte. Sonder Zweifel alſo, dachte Fitz, wuͤrde eben dieſer General kei⸗ nen Augenblick verſaͤumt haben, um ſeinem Freunde Hugo Fitz dieſe fuͤr den Vater ſo erfreuliche Kunde mitzutheilen. John Fitz wurde durch dieſe Vorſtellungen ſo hingenommen, daß es Momente gab, in denen er durchaus keinen andern Gedanken zu faſſen ver⸗ mogte. Seine jetzige Haft beduͤnkte ihn leicht ge⸗ gen die Stacheln verrathener Liebe und Freund⸗ ſchaft. Bei alldem duͤrſtete ihn nach Leben und Freiheit, damit er im Stande ſeyn moͤgte, ſeiner beleidigten Ehre mindeſtens in ſo fern Genug⸗ thuung zu ſchaffen, daß er den Verraͤther zu toͤdt⸗ Fitz of Fitz⸗Ford. III. 34 lichem Zweikampf forderte. So verfluchte er denn die Bande, die ihn in ſo ſchmaͤhlicher Haft hiel⸗ ten, indem er vergebens bemuͤht war, dieſelben zu ſprengen. In ſolcher Gemuthsbeſchaffenheit lag John Fitz, ſein Geſicht mit beiden Haͤnden bedeckt, am Bo⸗ den, als um Mitternacht die Riegel ſeiner Kerker⸗ pforte raſſelten, und eine Geſtalt, deren eine Hand eine Lampe, die ſie in der anderen trug, beſchat⸗ tete, an ſein Lager trat. „Kommt Ihr,“ rief der wehdurchwuͤhlte Jung⸗ ling,„Euer ſataniſches Werk zu vollenden? Ich bin bereit— ermordet mich und gebt mir Frieden.“ Die Geſtalt erhob die Hand, ballte ſie zur Fauſt und winkte auf ſo nachdruͤckliche Weiſe Schweigen, daß John Fitz darob erſchrak und verſtummend hinſtarrte, als die Angekommene leiſe die Pforte verſchloß, den Mantel fallen ließ und als das Mannweib Betſy Grimbal wieder zu dem Gefangenen ſchritt. Horchend, ob irgend ein Lau⸗ ſcher in der Naͤhe ſeyn moͤgte, ſtand ſie ein Weil⸗ chen regungslos da, dann ſprach ſie in leiſem aber deutlich zu vernehmendem Tone:„Macht kein Ge⸗ raͤuſch! Leben und Freiheit haͤngen ab von dieſer Stunde! Morgen iſt alle Hoffnung fuͤr Euch da⸗ hin!“ „Was meint Ihr, Weib?“ ſagte Fitz.„Ihr ſeyd meine Huͤtherin, ich bin Euer Gefangener— kommt Ihr, um meines Elendes zu ſpotten?“ „Nein,“ entgegnete Betſy, die das breite Meſ⸗ ſer zog, das ihr im Guͤrtel ſteckte, und damit die Bande an Haͤnden und Fuͤßen des Juͤnglings loſete. „Dies iſt's, weshalb ich kam. Freiheit will ich Euch geben, ſo Ihr Herz und Hand genug habt, dieſelbe wieder zu erringen. Seyd ohne Furcht— ich be⸗ ſchut Euch.“ „Ihr mich beſchuͤtzen?“ verſetzte John Fitz— „Ihr, ein Weib?“ „Und ein bewaffnet Weib,“ entgegnete die Ent⸗ ſetzliche,„und ein ſo verwegenes Weib, als Ihr jemals eines finden moͤgt.— Steht auf, und folgt mir! Aber Ihr koͤnnt nicht— Eure Gelenke ſind ſteif geworden— laßt mich ſie reiben.“ Und indem ſie niederknieete, rieb ſie ihm die Knoͤchel, bis er endlich Kraft erlangte, ſich auf ſeine Fuße zu ſtellen. 36 „Zu welchem Ende werd' ich alſo befrei't?“ fragte Fitz.„Iſt's zum Guten oder zum Boͤſen? Wenn zum Guten, warum ward ich ſo gemißhan⸗ delt, eingekerkert, verrathen? Ich kann, hoff' ich, dem Tode als ein Mann entgegen gehen; iſt Tod mir unvermeidlich, ſo bedarf's keiner abermaligen Hinterliſt, um mich anderswo umzubringen. 4 „Mißtrauiſcher Geſell!“ entgegnete Betſy, indem ſie ihn mit ihrem finſterſten Blick an⸗ ſchauete.„Schweigt, damit ich Euch retten koͤn⸗ ne, oder ſterbt als ein Narr, der ſeinem Ver⸗ haͤngniß entgegen rennt; oder wenn Ihr reden muͤßt, ſo ſprecht fluͤſternd, wie ich es thue.“ „Laßt mich das Schlimmſte erfahren,“ ant⸗ wortete John Fitz,„laßt mich mit einem Male mein Schickſal wiſſen.“ „Hoͤrt auf mit dieſer Narrheit; ich befehl's!“ ſagte Betſy.„Waͤre ich in boͤſer Abſicht herge⸗ kommen, ſo haͤtt' ich Euch wohl toͤdten moͤgen, als Ihr noch gebunden vor mir lagt. Dieſer feſte Fels, in welchem Ihr einen Kerker fandet, wuͤrde nimmer meine That verrathen haben.— Ich frag' Euch nochmals: wollt Ihr mir zur 37 Freiheit folgen? wollt Ihr wieder hinauf zur obe⸗ ren Luft, oder wollt Ihr liegen bleiben wie ein furchtſamer Haſe, der nicht hinauszublicken wagt, aus Furcht, die Hunde moͤchten ihn hetzen?“ „An dieſem Orte,“ verſetzte John Fitz,„halte ich mein Leben ſchon fur verwirkt: wie koͤnnt Ihr alſo zweifeln, daß ich es wagen werde, um die Freiheit zu gewinnen?— Ich will Euch folgen; aber ich bin ohne Waffen. Die Gauner, die mich griffen, haben mich aller Mittel zur Gegenwehr beraubt.“ „Nehmt mein Meſſer,“ ſagte Betſy,„das wird vor der Hand genuͤgen. In der aͤußeren Hoͤhle wird ſich eine beſſere Waffe fuͤr Euch fin⸗ den. Ich kann von den meinigen mich nicht trennen,“ ſetzte ſie hinzu, indem ſie die Hand an die Piſtolen in ihrem Guͤrtel legte.„Wir haben keinen Augenblick zu verlieren. Koͤnnt Ihr jetzt ſicher auftreten?— Schreitet auf und ab. Fuͤhlt Ihr Euch gliederſtark genug, um im Nothfall—“ „Ich bin ſtark genug,“ entgegnete Fitz,„der Freiheit entgegen zu ſchreiten, obwohl ich mich etwas betaͤubt durch die dumpfe Kerkerluft fuͤhle. Geht voran! Wenn Ihr aufrichtiges Verlangen hegt, mich zu befreien, ſo will ich vergeſſen, daß Ihr meine Schließerin waret, und Ihr ſollt mich dankbar finden.“ „Ich bedarf Eures Dankes nicht!“ verſetzte Betſy.—„Seyd Ihr bereit?“ „Ich bin's,“ ſagte Fitz.„Was hab' ich zu thun?“ „Erſt erkennt Eure Gefahr; denn Gefahr habt Ihr zu beſtehen, bevor die freie Luft Euch wie⸗ der anlächelt. Außerhalb dieſes Kerkerloches und deſſen Vorkammern moͤgt Ihr Sicherheit finden; innerhalb derſelben ſeyd Ihr zum Verderben aus⸗ erſehen.“ „Ihr martert mich durch dieſe Weitſchweifig⸗ keit,“ rief Fitz;„ſprecht aus, was ich thun ſoll, und pruft, ob ich mich muthig zeigen werde!“ „Ihr habt Muth,“ entgegnete die Alte,„und das gefaͤllt mir an Euch. Erkennt Eure Gefahr. Morgen ſollt Ihr als Gefangener an den Schiffs⸗ bord eines Piraten geliefert werden. Blickt hin auf Euren Feind; aber ſtill, ſo Euch das Leben lieb iſt!“ Mit dieſen Worten oͤffnete ſie die Thin, 39 und Fitz erblickte beim Schein einer Lampe, die von dem Woͤlbdache der vorderen Hoͤhle herab hing, auf rauhem Lager die unterſetzte Geſtalt des feſtſchlafenden Seecapitans, der ſelbſt im Schlafe die eine Hand auf die neben ihm liegen⸗ den Piſtolen gelegt hatte. Als John Fitz ſeinen hinterliſtigen Bedraͤnger erkannte, kochte ihm das Blut in den Adern, ſo daß er kaum ſich in den Schranken der ihm ſo ernſtlich anempfohlenen Maͤßigung zu halten vermochte. „Dort liegt der viehiſche Trunkenbold,“ ſagte Betſy Grimbal.„Er ſchlaͤft feſt, aber dafur miſchte ich ihm auch den Nachttrunk! Wenn er erwacht, bevor Ihr durch die Hoͤhle geſchritten ſeyd, ſo iſt's um Euer Leben geſchehen.“ „Und um meine Freiheit, wenn ich in dieſer Hoͤhle bleiben muß, welches noch unendlich ſchlim⸗ mer ſeyn wuͤrde. Voran! ich folge,“ ſagte John Fitz. Betſy Grimbal ſchritt nun, oder glitt viel⸗ mehr vorwaͤrts. Als ſie dem Seeraͤuber nahe gekommen war, ſtellte ſie ſich vor dem Schnar⸗ chenden hin, zog ein's ihrer Piſtolen hervor und hielt es ihm gegen die Stirn, indem ſie dem Juͤngling zufluͤſterte:„Geht zu; wenn er erwacht, will ich ihn ſchon hindern, Euch zu ſtören.“ Der kalte und beſonnene Ernſt, womit ſie dieſe Worte ſprach, machte den Fluͤchtling ſchau⸗ dern, dem ſich unwillkuͤrlich der Gedanke auf⸗ drang, daß er den Beiſtand, der ihm durch ein ſo entſetzliches Weib ward, irgend einem finſtern und unergruͤndlichen Bosheitsplane verdankte. Da er ſich jedoch noch immer in der gefährlichen Hoͤhle wußte, gehorchte er ſchweigend dem Be⸗ fehl der Entſetzlichen, indem er den lebhaften Wunſch hegte, ſowohl des ſo ſichern Feindes, als der ſo zweideutigen Freundin ledig zu werden. Mittlerweile dauerte der Schlaf des Capitaͤns allem Anſcheine nach ſo feſt fort, als ob es ein Todtenſchlaf geweſen waͤre, und als Betſy Grim⸗ bal ſah, daß der Erbe von Fitz wohlbehalten den Ausgang der großen Hoͤhle erreicht hatte, folgte ſie ihm und fuͤhrte ihn durch das nun folgende Labyrinth von Gaͤngen. Als ſie die letzte Pforte erreicht hatte, loͤſchte ſie die Lampe. Im Freien angelangt, konnte man, obwohl es ſchon um die Zeit der Morgendaͤmmerung war, dennoch wegen des ſchwer herabhaͤngenden Nebels noch keinen Gegenſtand erkennen, und John Fitz vermochte auf keine Weiſe ſich zu ſagen, wo er ſich eigent⸗ lich befand. Immer noch fuͤhrte ihn ſeine Befreierin uͤber einen ſteilen und ſchmalen Pfad am Huͤgelrucken, an deſſen Fuße ſich der Eingang zu der Hoͤhle der„tugendhaften Dame“ befand. Dann ging's abwaͤrts zu einer ſchmalen Furth, durch die man mittelſt hineingelegter großer Steine trockenen Fußes hindurch ſchreiten konnte. Beide Wanderer kamen auf dieſe Weiſe gluͤcklich uͤber das Waſſer. Nachdem man jenſeits der Furth wieder eine An⸗ hoͤhe hinangekommen war, ſtand Betſy Grimbal auf derſelben ſtill, und Fitz befand ſich auf einer offenen Haide oder Gemeindetrift. „Hier,“ ſagte die ſchauerliche Fuͤhrerin,„ſchei⸗ den wir: Ihr ſeyd jetzt bewaffnet, denn hier iſt ein Schwert, das ich fur Euch aus der Hoͤhle mit⸗ nahm. Schlagt jenen Pfad ein,“ fuhr ſie fort, indem ſie links hinzeigte;„er wird Euch auf eine Heerſtraße leiten, die Ihr augenblicklich er⸗ 42 kennen werdet, denn ſie fuͤhrt nach Eurem Ge⸗ burtsorte. Sagt nichts!“ rief ſie, als John Fitz reden wollte,„ich will weder Dank noch Lohn von Euch. Auch rettete ich Euch nicht um Eurer ſelbſt willen. Ich hoffe, wir werden einander nimmer wieder ſehen; dennoch habe ich Euch einen guten Dienſt geleiſtet, denn ſo wahr der Himmel uͤber uns iſt, ohne meine Huͤlfe wuͤrdet Ihr nach die⸗ ſer Nacht nimmer auf englaͤndiſchem Grund und Boden die geſegnete Sonne erblickt haben! Dem⸗ nach darf ich eine Forderung an Euch machen.“ „Nennt ſie,“ ſagte Fitz.„Ich bin nicht un⸗ dankbar. Durch Gottes Fuͤrſehung ſeyd Ihr in dieſer Nacht das Werkzeug zu meiner Rettung geworden,— was wollt Ihr, daß ich zur Ver⸗ geltung deſſen thun ſoll?“ „Nicht den Eingang zu jener Hoͤhle verra⸗ then, falls derſelbe in Eurer Erinnerung lebt,“ ſagte Betſy Grimbal.„Wenn Ihr es thut, ſo moͤchte es leicht mir das Leben koſten, das ich wagte, um das Eurige zu retten. Wollt Ihr mir ſchwoͤren, die Hoͤhle nicht zu verrathen?“ „So wahr mir der ewige Gott helfen moͤge!“ 43 rief John Fitz;„die Dunkelheit der Stunde und meine Verwirrung waren ſo groß, daß, wenn auch mein Leben oder mein Tod davon abhinge, ich doch nicht im Stande ſeyn wuͤrde, den Weg durch die vielen verſchlungenen Gaͤnge, die Ihr mich fuͤhrtet, zuruͤckzufinden zu jener Hoͤhle mei⸗ ner Widerſacher. So braucht Ihr nicht zu fuͤrch⸗ ten, daß ich Euch verrathe; und wenn ich auch das Vermoͤgen haͤtte, es zu thun, ſo wuͤrde ich doch nimmer den Willen haben, meine Erhal⸗ terin zu verderben. Genuͤgt Euch mein Wort? denn ungern binde ich mich ohne Noth durch Eidſchwuͤre.“ „Es genuͤgt,“ ſagte Betſy,„denn Euer Wort mag eben ſo gut ſeyn, als Eure Schwuͤre, da Schwur wie Wort doch nur ein Hauch ſind, der leicht verwehen mag.“ „Mein Wort nicht,“ entgegnete Fitz;„ich ſtamme aus altem Hauſe, deſſen Ehre unbefleckt blieb; und mein Wort brechen, hieße die vorzug⸗ lichſte Auszeichnung eines Edelmannes einbuͤßen. Und nun laßt mich Euch eine Frage vorlegen, auf die Ihr mir hoffentlich eine wahrhafte Ant⸗ wort geben werdet: Ich bitt' Euch, ſagt mir, auf weſſen Geheiß ich ſo ſchmaͤhlich verrathen und eingekerkert ward?“ pur „Wie?“ rief die Alte,„meint Ihr, weil ich Euch vor dem Ungluͤck bewahrte, in ein fremdes Land geſchleppt zu werden, ich müſſe Euch dar⸗ um Alles vertrauen? Begnugt Euch mit der Euch gewordenen Freiheit und forſcht nicht weiter. Stellt keine Fragen, deren Beantwortung gefahr⸗ bringend ſeyn duͤrfte. Ich diene Leuten, deren Leben zwanzigmal mehr werth iſt, als das eines Aufſchoͤßlings, wie Ihr ſeyd. Geht Eures We⸗ ges, haltet Euer Verſ prechen, und fragt mich nicht 1. „Elendes Weib!“ rief John Fitz,„ich durch⸗ ſchaue Alles. So ſeyd Ihr denn, was ich muth⸗ maßte, im Buͤndniß mit jenen Geaͤchteten, von denen mir erzahlt ward, und der Schändliche da drüben gehort ebenfalls zu ihnen. Hoͤrt mich! Wider Euren Willen moͤcht' ich Euch vergelten, was Ihr an mir gethan habt. Mein Vater hat Vermoͤgen und Anſehen; verlaßt jene Leute, folgt mir, und der Dienſt, den Ihr mir leiſtetet, ſoll durch Vergebung des Vergangenen und durch Nit⸗ 45 tel belohnt werden, die Euch in den Stand ſetzen, in Zukunft ein ehrliches und friedſames Leben zu fuͤhren.“ Betſy Grimbal belaͤchelte veraͤchtlich dieſen Antrag.„Was!“ rief ſie:„ich ſollte tagtaͤglich in der Sonne ſitzen, die Kunkel drehen oder Sok⸗ ken weben, um ein elendes Stuͤck Brot zu meiner Saͤttigung zu erſchwingen? Ich kenne Euch, aber Ihr kennt mich nicht. Zwar bin ich ein Weib, aber ich bin es nicht an Kraft und Muth. Laͤn⸗ ger als achtzehn Jahre lebte ich mit einer Schaar von verzweifelten Maͤnnern und ertrug, wie ſie, tauſendfache Beſchwerden. Euer Antrag iſt ver⸗ geblich, ſelbſt wenn ich ihn annehmen wollte; denn wißt— und ich ſag's Euch, daß Ihr um ſo eher Euer mir gegebenes Wort haltet— wißt, daß mir keine Vergebung des Vergangenen wer⸗ den kann. Das Geſetz hat bereits den Spruch uͤber mich gethan, aber ich habe ihm Trotz gebo⸗ ten und gedenk' es ferner zu thun. Es mag mir drohen, aber es ſoll mich nicht bewaͤltigen! Nun, bebt nicht zuruͤck und blickt mich nicht an, als ob ich eine Viper waͤre, die Euch uͤber den Weg ſchlupfte. Waͤre ich eine Andere, als ich bin— wo wuͤrdet Ihr dann in dieſer Morgenſtunde ſeyn? Gehabt Euch wohl und zieht Eures Weges! Sie wendete ſich ab und ließ den uber ihren frechen und verwegenen Muth erſtaunten Erben von Fitz ſtehen. Zweifelsvoll uber das Seltſam⸗ Gottloſe in dieſem Weibe, wanderte er ſchwach und ermattet, ſo von fruͤherem wie juͤngſt ausge⸗ ſtandenem Leid, an Geiſte und Körper, den wei⸗ ten Weg dahin, der noch zwiſchen ihm und ſei⸗ nem Geburtsorte lag. Wir werden im Verlaufe des naͤchſten Capitels ihm folgen. Drittes Capitel. „Du Alltagsfreund! Du, ſonder Lieb' und Treu, (Denn ſo iſt jetzt ein Freund,) Verräther Du! Du trogſt mein Hoffen; nur mein Auge häͤtte Mich uͤberzeugen können. Sagen darf ich jetzt nicht: Mir lebt ein Freund—“ Shakſpeare. Durch die wilde Landſchaft hin, welche er zu durchwandern hatte, blickte John Fitz, ſobald der Anblick ſich ihm dargeboten hatte, auf einen ein⸗ zigen Punct— auf den Ort ſeiner Geburt. Die⸗ ſer lag am Ende des Thales, das er noch zuruͤck⸗ zulegen hatte, in einer Entfernung von etwa ei⸗ ner Stunde Weges vor ihm; die Thuͤrme und Thuͤrmchen der uralten Abtei, und manch' ande⸗ res edles Gebaͤude, das ſeitdem laͤngſt verfallen iſt, 48 flimmerten im gelben Sonnenlichte, von welchem ſie beleuchtet wurden. Einen Augenblick lang ſog er mit Entzuͤcken den Anblick ſeiner Heimath ein, denn wer kann, ſelbſt inmitten quälender Sorgen, ſeinen Geburts⸗ ort nach langer Abweſenheit ohne ein ſaͤnftigen⸗ des Gefuhl, ohne innige Theilnahme betrachten? Allein dieſe Empfindung des Erben von Fitz war nur vorubergehend; denn tauſend duſtere Betrach⸗ tungen und herzzerreißende Ahnungen erhoben ſich immer wieder in ſeiner Seelez ſo daß die durch zarte Ruͤckerinnerung ihm entpreßten Thraͤnen der Vollempfindung nur allzubald von ſeinen Wan⸗ gen verſcheucht wurden. Gleichſam von ſeinen geinigenden Gedanken geiagt, eilte er den Abhang hinab, und ging mit ſo raſchem Schritte vorwaͤrts, daß er ſchier erſchopft ward, und oft innehalten mußte, um Athem zu gewinnen. In der Furcht, erkannt zu werden, wickelte er ſich feſter in ſei⸗ nen Mantel und zog ſeinen Hut tiefer in's Ge⸗ ſicht; und in dem Gedanken, daß die Aermlich⸗ keit ſeiner Bekleidung, ſo wie ſein krankhaftes und ſo ſehr veraͤndertes Antlitz ihn vor'm Erkannt⸗ 49 werden ſchuͤtzen wurden, beſchloß er, mit Einem⸗ male alle ſeine Zweifel aufzuloͤſen. Als er der Stadt naͤher kam, hoͤrte er die Glocken der alten Ortskirche froͤhlich laͤuten, als ob ihr Hall ihn bewillkommnen wollte; ihm aber waren dieſe Klaͤnge nichts Anderes, als ſein Grab⸗ gelaͤut, ſo zerruttet fuͤhlte der Juͤngling ſich in ſeinem Innern. Indem der ungluͤckliche Erbe von Fitz in ſolcher beklagenswerthen Gemuͤthsſtimmung die Grenze ſeiner Heimath beſchreitet, verlaſſen wir ihn vor der Hand daſelbſt als einen in ſeinen Schickſalen traurigen Beweis von der Wandel⸗ barkeit des irdiſchen Gluͤckes, wodurch der liebens⸗ wuͤrdige Sohn eines wohlhabenden und geehrten Hauſes zu einem Gegenſtande des Mitleidens, ſo in Hinſicht ſeines koͤrperlichen, wie geiſtigen Zu⸗ ſtandes herabgebracht worden war. Zu einem andern Schauplatze— zu den braͤutlichen Hallen von Kilworthy, fuͤhren wir den Leſer. Zahlreiche Gaͤſte hauſeten daſelbſt, und zu⸗ folge der damaligen, beſonders im Weſten des Landes, herrſchenden Sitte, zwar eine ganze Woche Fitz of Fitz⸗Ford. III. 4 530 lang nach der Feier der Vermaͤhlung irgend eines angeſehenen Paares, ſo daß taͤglich neue Feſte und Luſtbarkeiten einander auf dem Fuße folgten. Kilworthy war mit Gaͤſten uberfullt. Glan⸗ ville, der wußte, wie Slanning's geringes Ver⸗ mogen durchaus nicht zu Erweiſung einer ſo koſt⸗ ſpieligen Gaftfreundſchaft ausreichte, hatte fuͤr die Ehrenwoche der Vermaͤhlung Derjenigen, der er ein Vormund und Vater geweſen war, willig ſein Haus geoffnet. Es war jetzt am dritten Tage nach Vollzie⸗ hung der Trauung, und Alles im Hauſe des Rich⸗ ters Glanville wies noch den Glanz hochzeitlicher Feier. Die Geſellſchaft hatte ſo eben ihr Mittags⸗ mahl beendigt. Die Braut, deren Geſundheit, wie man allgemein wußte, ſeit laͤngerer Zeit ſehr ſchwach geweſen war, ſchutzte dieſen Umſtand vor, um ſich von den Tanzvergnuͤgungen auszuſchließen und ſich mit dem Braͤutigam in ein Nebengemach des großen Saales zuruckzuziehen. Den Richter entſchuldigte ſein hohes Alter ebenfalls, ſo daß er und noch etliche wenige Perſonen der Braut und dem Braͤutigam Geſellſchaft leiſteten. Der nie⸗ dergeſchlagene Blick und die bleichen Wangen der Braut entgingen der allgemeinen Aufmerkſamkeit nicht, und manche der Anweſenden fluͤſterten ſich die Bemerkung zu, wie vielleicht die naͤchſte Ver⸗ ſammlung von Gaͤſten in Kilworthy einem Lei⸗ chenzuge gelten moͤchte, wenn nicht eine bedeutende Umwandlung der Geſundheit der Lady Slanning vorgehen wuͤrde, die zeither ſich ſo veraͤndert hatte, daß es ſchien, als ob eine von jenen boͤſen Wei⸗ bern, den Hexen der Zeit, einen boͤſen Zauber auf ſie geworfen haͤtte; denn ſie kraͤnkelte und ſchwand, wie man meinte, ebenſo dahin, als ihr wachſer⸗ nes Abbild vor einem langſamen Feuer zu Be⸗ wirkung jenes Zaubers hinſchmelzen muͤßte. Solche Muthmaßungen wurden durch den plumpen Aberglauben damaliger Zeit erzeugt. Wenig aber ließen die Gäſte es ſich traͤumen, daß es die Hexe Schwermuth war, welche an der Jugendbluͤthe und der Geſundheit Margare⸗ thens nagte. Was die Gäſte jedoch auch über die Unpaßlichkeit der Lady Slanning denken und meinen mochten, ſo hinderte es dieſelben doch nicht, * 52 ſich den Feſtlichkeiten zu uͤberlaſſen, die zu Ehren der Vermaͤhlung in Fuͤlle geboten wurden; ſo daß Alles eitel Luſt und Jubel war. Waͤhrend Margarethe zwiſchen ihrem Vor⸗ mund und dem ihr anvermaͤhlten Slanning ſaß und gelaſſen, ja mit einigem Wohlgefallen, auf die Pläne hoͤrte, die zu Wiederherſtellung ihrer Geſundheit entworfen wurden, drang draußen durch den großen Saal die Muſik der Pfeifen und Geigen und Harfen und Handtrommeln. Zu ihrer ſchrillendſten, rauſchendſten, munterſten Hoͤhe waren die Töne dieſer Inſtrumente geſtiegen, als die Muſik ſich plotzlich unterbrach und ein ge⸗ waltiges Getummel entſtand. Ein heftiger Stoß ward dann vernommen, die Thuͤr des Nebenge⸗ maches flog auf, und Margarethe ſtieß einen ent⸗ ſetzlichen Schrei aus, indem ſie zu Boden ſank; denn vor ihr ſtand, geſpenſterartig wie ein Leich⸗ nam, der ſeine Gruft ſprengte— der Erbe von Fitz. Den Schrecken, das Entſetzen zu beſchreiben, wovon alle Umſtehenden ergriffen wurden, als dieſe unerwartete Erſcheinung ſichtbar ward, wuͤrde unmoͤglich ſeyn. Die Hausleute und Diener, und 353 ſelbſt die Gaͤſte, durch welche John Fitz ſich Bahn zu dem Nebengemache brach, hielten ihn fuͤr ein wirkliches Geſpenſt, das aus jener Welt wieder⸗ kehrte, um ſeine Anſpruͤche an ſeine Verlobte gel⸗ tend zu machen, und flohen kreiſchend und ſchreiend vor ihm. Die Beſonneneren unter den Gäſten, die an ſeine leibliche Anweſenheit glaubten, traten erſtaunt uͤber ein ſo duſteres Ereigniß zu ſolcher Zeitfriſt fluͤternd zuſammen, um ſich ihre Furcht und Beſorgniß unter einander mitzutheilen, waͤh⸗ rend einige Wenige, die den verzweifelten Wie⸗ dergekehrten bewaffnet ſahen, ihm in das Neben⸗ gemach nacheilten, um Blutvergießen zu verhin⸗ dern. John Fitz aber wies ihre Einmiſchung mit einer alle moͤglichen Folgen geringachtenden Hef⸗ tigkeit zuruͤck, ſo daß Jeder, auf ſeine eigene Si⸗ cherheit bedacht, vor dem bis zur hoͤchſten Wuth der Leidenſchaft aufgeregten Juͤngling ſcheu und entſetzt zuruͤckwich. Sir Nicholas Slanning, der das unausſprech⸗ liche Elend der Wiederkehr des Erben von Fitz, ſowohl hinſichtlich ſeiner, wie ſeiner Gattin, in deſſen ganzem Umfange fuͤhlte, war kaum im 54 Stande, der in Ohnmacht geſunkenen Lady Slan⸗ ning zu Huͤlfe zu eilen. Glanville, obwohl er⸗ ſchreckt und betroffen, ſammelte dennoch in dieſem gewichtigen Momente ſeine Geiſtesgegenwart. Um den Ausbruch von Privatgefuͤhlen und die Eroͤr⸗ terung von Privatumſtaͤnden vor verdrießlicher Oeffentlichkeit zu bewahren, bat er einen der an⸗ weſenden Gaͤſte, der Geſellſchaft das plotzliche Er⸗ kranken der Lady Slanning anzukundigen und dafur zu ſorgen, daß Niemand in das Zimmer dringen moͤchte, in welchem die Neuvermaͤhlte ſich befand. Lady Howard und Francis Glanville, der juͤngere Sohn des Richters, waren die Ein⸗ zigen, die deß Zeugen wurden, was ſich nunmehr ereignete. Francis Glanville holte von einem Credenz⸗ tiſche ein Glas mit Waſſer und ſpritzte es in Margarethens Geſicht, um die Ohnmaͤchtige wie⸗ der zu ſich ſelbſt zu bringen. Slanning hielt ſeine Gattin in den Armen, und der altere Glan⸗ ville war zu John Fitz geſchritten, den er am Mantel hielt und zu dem er einige Worte in der nichtigen Hoffnung ſprach, des Juͤnglings heftige Gemuthsbewegung zu ſaͤnftigen; allein der Rich⸗ ter wußte kaum, was er ſprach, und der Juͤng⸗ ling vernahm in ſeiner Aufgeregtheit auch nicht ein einziges der Worte, die an ihn gerichtet wurden. Alles dies ging in wenigen Momenten und in weit kuͤrzerer Zeit vor, als zur Beſchreibung deſſen erforderlich iſt. Durch das Beſprengen mit kaltem Waſſer ward Lady Slanning einigermaßen in's Leben zuruͤckgerufen, und als Sir Nicholas ſich nun uͤber ſie beugte, um ihr diejenige Huͤlfe zu leiſten, die er in ſeiner Beſtuͤrzung aufzubrin⸗ gen vermochte, war der Erſte, der in dieſer all⸗ gemeinen Verwirrung das Wort nahm, der Erbe von Fitz. In einem Tone, dem durch Leidenſchaft ein ſchauerlicher Klang verliehen ward, rief er, mit einem Blick auf Margarethe, in welchem ſeine Zaͤrtlichkeit fuͤr ſie mit ſeinem Unwillen rang: „Sie war mein— mein im Angeſichte Gottes; aber o des Boͤſewichts, der ſie mir raubte! Jetzt, jetzt, indem ich ſie in dieſem todtenaͤhnlichen Zu⸗ ſtande vor mir liegen ſehe, bin ich ſo weit ge⸗ bracht, daß ich wuͤnſchen moͤchte, ſie waͤre die Leiche, welche ſie zu ſeyn ſcheint. Du Boͤſewicht, 56 Du brachteſt mich ſo weit, und ſo wahr ein Gott lebt, der zwiſchen uns richtet, und ſo wahr ich ein Mann bin— Du ſollſt mir Rede deshalb ſtehen!“ John Fitz zog ſein Schwert und verſuchte, durch ſeine Verblendung dazu angetrieben, indem er ſprach, auf Slanning einzudringen. Franz Glanville aber fiel ihm in den Arm, und auch der Richter warf ſich in's Mittel.„Laßt mich!“ ſchrie John Fitz,„laßt mich den Boͤſewicht tref⸗ fen, Gerechtigkeit erheiſcht es! Wer will es Mord nennen? Er iſt feig, wie er niedertraͤchtig iſt, wenn er mir Rache weigert. Er hat mich ver⸗ rathen, und ich will ſein Blut haben!“ „Ach!“ ſagte Vater Glanville,„Ihr ſeyd außer Euch von Leidenſchaft. Gebt der Vernunft Gehoͤr; aber, o! redet nicht von Blut, denn die das Schwert erheben, ſollen durch das Schwert umkommen. Bedenkt, daß Ihr Chriſt ſeyd, und gebt Euch geduldig.“ „Geduldig?“ rief Fitz.„Alter Mann, Ihr moͤgt mir von Geduld ſchwatzen, Ihr, der Ihr Nichts von meiner Schmach wiſſet.— Dort ſteht der Elende, der mich zu Grunde richtete. Ich hielt ihn fuͤr meinen Freund, fuͤr meinen Buſen⸗ freund— er ſchwur mir, ein ſolcher zu ſeyn. Ich liebte ihn wie mich ſelbſt— und wie hat er mir vergolten? Verrathen hat er mein Ver⸗ trauen; geſtohlen mir die Liebe des Weſens, das mir das theuerſte auf dieſer Erde warz uͤberliſtet, eingefangen, eingekerkert hat er mich und hat mich einem noch ſchlimmeren Schickſale, als dem Tode, uͤberantworten wollen, waͤhrend er jenes treuloſe, jenes undankbare Weib ehelichte.“ Die Heftigkeit, mit welcher John Fitz dieſe ſeine Vorwuͤrfe herausſprudelte, ließ fur eine Zeit lang keine Gegenrede aufkommen. Endlich je⸗ doch ſammelte Slanning ſich inſofern, daß er ruhig und mit Feſtigkeit antwortete:„So wahr Gott Richter ſeyn mag zwiſchen uns, ich bin un⸗ ſchuldig all' ſolchen Thuns! Ich hielt Dich fuͤr geſtorben.“ „Das iſt eine Luge, eine freche, giftige Luge!“ entgegnete Fitz.„Aber was koͤnnte ich ſonſt auch erwarten? Du wußteſt es, daß ich lebte, wußteſt es durch tauſend Umſtaͤnde, wußteſt es aus mei⸗ 58 nen Briefen, wußteſt es durch eben die Mittel, durch welche Du mich uberliſteteſt und durch eine Rotte Gauner mich auf eben der Stelle greifen ließeſt, zu welcher ich Dich als einen Freund beſchied.— Wagſt Du es zu laͤugnen? So thu's denn in Deine Gurgel hinein, und ich ſpreche zu Dir, daß Du ein Luͤgner und Verräther biſt.“ „Ich werde dies nicht dulden,“ verſetzte Slan⸗ ning, der jetzt ebenfalls gereizt ward.„Ihr habt mich ſchaͤndlich verleumdet. Hier iſt jedoch nicht der Ort, ſolchen Hader auszugleichen— ich werd' Euch zu treffen wiſſen.“ „Dazu gibt's keinen guͤnſtigeren Augenblick, als den gegenwaͤrtigen,“ ſagte Fitz.„Laßt mich los, Sir,“ fuhr er zu Glanville fort, der ſich noch immer zwiſchen die beiden Gegner geworfen hielt. „Laßt mich los, ich will Rache fuͤr mir angethane Schmach haben!“ „Ach!“ entgegnete der alte Richter,„wenn Ihr denn Alles vergeſſen habt, was Ihr den Ge⸗ ſetzen der Menſchen ſchuldig ſeyd, ſo gedenkt we⸗ nigſtens Eurer Pflicht gegen Gott. Die Rache iſt mein, ich will vergelten, ſpricht der Allmächtige!“ Mit bebenden Lippen rief der Erbe von Fitz dagegen:„Moͤge dieſer Gott die Rache hernieder⸗ fallen laſſen auf das Haupt jenes Niedertraͤchti⸗ gen! Moͤge ſein Ehebuͤndniß ihm ebenſo verflucht ſeyn, als die Gefuͤhle es ſind, die er in meiner Bruſt aufregte, und die mir die Erde Gottes zu einer Hoͤlle machen! Moͤge er—“ „Herr des Himmels!“ fiel Lady Slanning ein, die wieder zum Bewußtſeyn ihrer ſelbſt ge⸗ kommen war und nun Rede zu gewinnen ver⸗ mochte—„Herr des Himmels! wie koͤnnt Ihr mir ſolches Elend wuͤnſchen?“ „Ihr habt mich elend gemacht,“ entgegnete Fitz,„und habt es ſonder Reue gethan.“ Als er dies ſagte, warf er einen Blick auf Margare⸗ the, und das Anſchauen ihres bleichen und im⸗ mer noch lieblichen, in Thraͤnen gebadeten Ange⸗ ſichts, auf dem tiefe Bekuͤmmerniß lag, bewäl⸗ tigte den Verdruß des Erben von Fitz. Der Gang ſeiner Empfindungen nahm eine andere Richtung; er ließ das hohe geſchwungene Schwert ſinken, obwohl er von demſelben, weil Glanville ihn hielt, keinen Gebrauch hatte machen konnen, ſtieß Alles, was ihn umgab, von ſich und eilte auf Margarethen zu, deren Hand er ergriff, und zu der er mit einem Blicke, in welchem ſich ſeine furchterliche Seelenangſt abſpiegelte, ſagte:„Und konnte Slanning— konnteſt Du das Herz ha⸗ ben, mich Deiner alſo zu berauben? Und konnteſt Du, Margarethe, Dich ſo betruͤgen laſſen? Konn⸗ teſt Du alſo meiner vergeſſen? Sieh mich an, Margarethe; obwohl kaum geneſen, und von Leid und Muhſal erſchoͤpft, bin ich dennoch derſelbe— derſelbe John Fitz, dem in Stunden des Gluͤckes und der Liebe Du Treue gelobteſt, dem Du Dein Herz gabſt! Und er gab Dir Alles, was ein Mann dem Weibe geben kann: Liebe, Treue, Beſtaͤndigkeit, ſein Hoffen, ſeine Ehre, ſeinen Seelenfrieden. Und jetzt, jetzt mußt' ich Dich verlieren! O, Mar⸗ garethe! wie haſt Du das Herz Deſſen durch⸗ bohrt, der lieber geſtorben waͤre, als daß er Dir den leiſeſten Kummer verurſacht haͤtte!“ Er ließ, indem er ſprach, die Hand Marga⸗ rethens los. Die Vermaͤhlte konnte ihm nur durch krampfhaftes Schluchzen antworten. John 61 Fitz ſtierte noch immer auf ſie hin, waͤhrend der aͤltere Glanville leiſe mit Slanning ſprach. Achtlos gegen alle Umſtehenden fuhr John Fitz in ſeiner Verzweiflung, zu Margarethen ge⸗ wendet, fort:„Um Deinetwillen widerſtrebte ich dem Gebote meines Vaters, um Deinetwillen ward ich aus meiner Heimath verbannt. Ich habe geblutet, habe in einem Kerker geſchmachtet, habe Krankheit, Mangel und Beſchwerden erdul⸗ det; dennoch ließ Ein Gedanke mich das Alles ertragen— Margarethens Bild ſchwebte mir in meinem Kerker wie eine Lichterſcheinung in der Nacht der Verzweiflung vor. Jenes theure Bild befahl mir zu leben und zu hoffen, und ich hegte es in meinem Buſen; jetzt aber ſcheint es mir, als haͤtte ich eine Schlange darin erwaͤrmt, die jetzt aufgewacht iſt und mich toͤdtlich ſticht.“ Eine Thraͤne trat ihm in's Auge; indem er mit ſeiner Hand uͤber ſeine Stirn fuhr, wiſchte er dieſen Zeugen ſeines beklagenswerthen Gemuͤthszuſtandes weg:„Eine Thraͤne!“ ſagte er,„eine brennende Thraͤne! Ich dachte keine zu vergießen; denn Alles in mir iſt Raſerei; vergebens jedoch ring' ich— 62 mein Herz iſt weder ſteinern noch ſtaͤhlern, es will zerſchmelzen bei dem Gedanken an Das, was war.“ Waͤhrend John Fitz alſo von dem hoͤchſten Gipfel des Grimmes zu der unterſten Tiefe der wehmuͤthigſten Gefuͤhle uͤberging, ſo daß jedes ſeiner Worte zum Pfeile ward, der Margarethens Innerſtes durchdrang, blieb dieſe regungslos— ein Bild der Verzweiflung. „Aber ich will dieſe Schwaͤche abſchuͤtteln,“ fuhr Fitz fort—„ich will handeln, wie es ei⸗ nem Manne geziemt.— Sir Nicholas Slan⸗ ning, nochmals Angeſichts Gottes und der Welt klage ich Euch des niedrigſten und grauſamſten Verrathes an. Ich begehre Antwort, und werde mir dieſelbe zu erzwingen wiſſen“ „Ich bin bereit, ſie zu geben,“ entgegnete der Angeklagte,„doch wenn ich Euch ſage, nicht zu haſtig zu ſeyn, wohl zu erwaͤgen, was Ihr thun wollt, ſo werde ich keineswegs von ehrenſchwa⸗ chender Furcht dazu angeregt. Um Euch die Martern der Reue zu erſparen, wenn Ihr ſpaͤter⸗ hin den Irrthum erkennen werdet, in welchem 63 Ihr jetzt befangen ſeid, biete ich Euch nochmals an, Beweiſe zu empfangen, daß alles Das, wo⸗ durch Ihr mir einen verrätheriſchen Charakter bei⸗ legen moͤchtet, falſch und unwahr iſt. Ich hielt Euch fur todt, ſonſt haͤtte ich nimmer dieſes Frauenzimmer geehelicht.“ „Erlogen!“ ſchrie Fitz.„ Eure Worte ſind hohl, wie Euer Herz. Ich kann beweiſen, daß dies erlogen iſt, kann es vollgultig, ubergenugend beweiſen, und will alſo Eure Rechtfertigung nicht hoͤren. Ihr ließt mich von Buſchkleppern auf⸗ greifen, an Haͤnden und Fußen binden und ge⸗ fangen halten, und Ihr thatet das in der Nacht vor Eurer Vermaͤhlung. Ich weiß Alles!“ „Dieſe Anklage iſt eitel Tollheit,“ verſetzte Slanning;„zu einer andern Zeit wuͤrde ich ſie mit eben der Heftigkeit zuruͤckweiſen, mit welcher ſie ausgeſtoßen ward; jetzt kann ich ſie nur Eurem zerrutteten Hirn zuſchreiben. Aber dieſe Dame iſt meine Gattin, und mir kommt es jetzt zu, ſie gegen Gewaltthätigkeit zu ſchutzen. Sie mag ſich zuruckʒiehen. Mittlerweile hoͤrt dieſe Herren wenn Ihr mich nicht hoͤren wollt. Vielleicht vermoͤgen 64 ſie es, Euch Euren ſchrecklichen Wahn zu beneh⸗ men. Bei alldem werd' ich mich zu keiner Zeit der Rechenſchaft und Euch entziehen.“ „Ihr ſolltet doch erwaͤgen, Sir,“ ſagte Lady Howard, indem ſie John Fitz anredete—„daß Ihr dem Sir Nicholas Slanning ſchmaͤhliches Un⸗ recht zufuͤgtet, indem Ihr ihn ſo heftig des Ver⸗ rathes anklagt. Hat er denn wohl dieſe Dame ohne deren Zuſtimmung ehelichen koͤnnen? Ich wage die Behauptung, daß ihrem Thun durch⸗ aus kein Zwang angethan ward, daß man keine unwuͤrdigen Mittel anwendete, um ſie zu ihrem veraͤnderten Entſchluſſe zu vermoͤgen; ja, Wahr⸗ heitsliebe heiſcht die Zuſicherung, daß ſowohl Sir Nicholas Slanning ſelbſt, als ihr Vormund durch das Plötzliche ihrer Zuſtimmung ſich uͤberraſcht fuͤhlten.“ „Iſt dem ſo?“ fragte John Fitz, dem eine leidenſchaftliche Wallung die Wangen ergluͤhen ließ. „Iſt dem wirklich ſo? Sagt mir, war es ihr ei⸗ genes, freies, unerzwungenes, unuͤberredetes Thun, ſich mit jenem Manne zu vermaͤhlen?“ „Ihr ſcheint mich um einer Antwort willen anzublicken,“ ſagte der alte Glanville,„und zu 65 Ehren Sir Nicholas Slanning's muß ich es be⸗ kraͤftigen, daß, obwohl die Heirath Margarethens nicht ohne Zureden ſtattfand, ſie dennoch Folge ihrer uͤberdies etwas ploͤtzlich gegebenen Einwil⸗ ligung war.“ Margarethe rang in Seelenangſt ihre Haͤnde. „War dem wirklich ſo?“ fragte Fitz.„Und um einer ſo Treuloſen, ſo Leichtfertigen willen er⸗ duld' ich all' dieſe Schmach, all' dieſes Elend? Ja, ja, es war Zeit zur Heirath, es war Zeit, mich zu verwerfen, als ich, ein armer erkrankter Gefangener, in einem fernen Kerker lagz es war Zeit, die Hand eines ſtattlichen Bewerbers anzu⸗ nehmen, der bereit ſtand, ein freiwilliger Theil⸗ nehmer ihres Verrathes zu werden!“ „Ich hielt Euch fur geſtorben,“ lispelte Mar⸗ garethe mit Lippen, die ſo weiß und faſt ebenſo ſtarr als Marmor waren.„Ich koͤnnte mich rechtfertigen, aber ich bin das Weib eines Ande⸗ ren und darf es nicht.“ „Du ſollſt Dich nicht rechtfertigen,“ ſagte Slanning, der jetzt ſeinerſeits wieder in Leiden⸗ ſchaft gerieth.„Du biſt die Meinige, Deine Ehre Fitz of Fitz⸗Ford. III. i 66 iſt die meinige; mag er, der daran zweifelt, ſich an mich halten, ich werde dieſe Ehre mit mei⸗ nem Leben vertheidigen.— Komm, Margarethe, dies iſt kein Schauplatz fuͤr Dich— begieb Dich in Dein Zimmer; Lady Howard wird Dir Ge⸗ ſellſchaft leiſten.— Stutze Dich auf meinen Arm.“ „Ihr ſollt ſie mir nicht entreißen!“ rief John Fitz wild, als ob einander widerſtreitende Leiden⸗ ſchaften in ihm ihn zum Wahnwitz getrieben hät⸗ ten.„Ihr ſollt nicht— ich will ſie ſprechen horen.“ „Steht fern, Sir,“ ſagte Slanning.„Sie iſt meine Gattin. Eure Einmiſchung kann nicht laͤnger geduldet werden. Ihr wollt ebenſo wenig Vernunft anhoͤren, als ihren Vorſchriften Euch unterwerfen.“ Ein abermaliger Verſuch zum Kampf erfolgte. Glanville, Vater und Sohn, traten abermals da⸗ zwiſchen, und Margarethe, die eine Standhaftig⸗ keit, wie ſie ſie bisher nicht gezeigt hatte, zu Huͤlfe nahm, blickte bittend auf den Erben von Fitz, in⸗ dem ſie ſagte:„Hoͤrt mich, ſeyd ruhig; ich bitt' Euch, ich beſchwoͤr' Euch, hoͤrt mich!“ Es ent⸗ ſtand eine Pauſe, und die Gattin Slanning's 67 fuhr fort:„Gott allein wird eines Tages alles Verborgene an's Licht bringen. Der Wahrheit ge⸗ maͤß aber behaupte ich, daß ich Euch todt glaubte — wie ich Euern Tod betrauerte, das iſt allein dem ewigen Herzenskuͤndiger kund. Meine un⸗ gluͤckſelige Heirath ward durch Umſtaͤnde herbei⸗ gefuͤhrt, die ſo ſeltſam, jedoch ſo unwiderſtehlich waren, daß ſie mir noch jetzt als ein ſchauerlicher Traum erſcheinen.— Ich war einſt die Eurige, hatte mich Euch verlobt; jetzt aber bin ich die Gattin dieſes Mannes, und als das Weib Slan⸗ ning's darf ich fuͤrder keinen Umgang mit dem Erben von Fitz haben. Laßt alſo Friede zwiſchen Euch ſeyn! Vergeßt mich— vergeßt fuͤr immer den Namen Margarethe; aber wiederholt nicht den Fluch, den Ihr vorhin auf mein Haupt her⸗ abrufen wolltet.“ „Wollt ich das?“ ſagte Fitz, der durch die ergreifende Weiſe, in welcher Margarethe zu ihm geredet hatte, wieder geſaͤnftigt ward.„Koͤnnte ich Euch fluchen wollen? O nein, nein! es war Raſerei. Täglich will ich tauſend Segnungen auf Euer Haupt herabflehen. Euch vergeſſen? Sobald 68 jene Stunde kommt, in welcher mir die Erinne⸗ rung an alles Lebende hier auf Erden ſchwindet, wenn dieſer Leib in Staub zerfaͤllt— dann will ich vergeſſen, aber eher nicht. Slanning, wenn Ihr ein Herz habt, das Mitleid fuͤr mein Weh⸗ ſal fuͤhlen kann, ſo nehmt mein Schwert auf und ſenkt es in meine Bruſt, die ich willig Eurem Stoße darbiete.“ „Der Kummer hat ihm die Sinne verwirrt,“ ſagte Glanville.„Welch ein Anblick iſt dies, ei⸗ nen ſo edlen Geiſt ſo erſchuͤttert und ſo vernich⸗ tet zu ſehen! Entfernt Euch, Sir Nicholas, ſchafft Eure Gattin weg; Euer Anblick reizt ihn nur noch mehr auf. O, meine Kinder!“ fuhr der ehrwuͤrdige Greis fort:„denn bei dieſem Namen moͤgen meine Jahre, wenn mein Blut es auch nicht thut, Euch wohl nennen— o, zaͤhmt dieſe ſtuͤrmiſchen Leidenſchaften! Hier waltet ein fuͤrch⸗ terlicher Irrthum ob, der fuͤrchterliche, ach! wohl unheilbare Wunden ſchlug— doch der Ewige lenket Alles nach ſeinem Willen. Gebt Euch friedlich, vertrauet auf Gott, hofft das Beſte, und laßt ab von dieſem furchterlichen Hader, der mit Untergange des Leibes und der Seele enden muß. Ich will Sorge tragen, daß dieſer ungluͤckliche junge Mann wohlbehalten ſeinem Vater zuruck⸗ gegeben wird.“ Waͤhrend der betagte Glanville alſo ſprach, ward Margarethe, unterſtuͤtzt von ihrem Gatten und von der grauſamen Lady Howard, hinausge⸗ fuͤhrt, wobei Letztere ohne die leiſeſte Regung von Mitgefuͤhl, als Margarethe ihr Haupt an den Buſen ihrer Todfeindin lehnte, auf das Opfer ih⸗ rer Raͤnke und Hinterliſt blickte. Alles, was Lady Howard fuͤhlte, war bitterer Neid, zu ſehen, wie innig ihre ungluͤckliche Nebenbuhlerin von John Fitz noch in eben dem Augenblicke geliebt ward, in welchem ſie fuͤr ihn auf immer verloren ge⸗ gangen war. Als Margarethe ſich entfernt hatte, ſank der beklagenswerthe Erbe von Fitz, gebeugt von all dem Jammer, den ein widriges Geſchick auf ihn gehaͤuft hatte, erſchoͤpft und faſt ſprachlos in ei⸗ nen Seſſel. Geſteigerte Leidenſchaft hatte gleich einem Fieberparorysmus ihm fuͤr eine Zeit lang faſt uͤbermenſchliche Staͤrke verliehen. Als aber 70 dieſer Anfall voruͤber war und die unnatuͤrliche Anregung in ihm erſchlaffen mußte, da trat bei ihm ein um ſo hoͤherer Grad von Schwaͤche ein. Glanville that an ihm, was Menſchenliebe und die zarteſte Sorgfalt zu thun geboten. Er ent⸗ ſendete ſeinen Sohn Franz, um ſo behutſam wie moͤglich dem alten Nachbar Hugo die Kunde von dem Wiedererſcheinen des geliebten Erben zu uͤber⸗ bringen, und die trubſeligen Umſtaͤnde darzulegen, unter denen John Fitz ſich ſo ploͤtzlich und uner⸗ wartet zu Kilworthy gezeigt hatte. Genuͤge es, zu ſagen, daß Sir Hugo, in deſ⸗ ſen Bruſt ſich eine ſeltſame Vereinbarung von Freude und Bekuͤmmerniß erzeugte— Freude, ſeinen theuren Einzigen am Leben zu wiſſen, Be⸗ kuͤmmerniß uͤber das namenloſe Elend, das der⸗ ſelbe bei ſeiner Ruͤckkehr vorfinden mußte— ſich ſofort, und von faſt allen ſeinen Hausgenoſſen begleitet, auf den Weg nach Kilworthy machte. Wir uͤbergehen ſchweigend das Zuſammentreffen des Vaters mit dem Sohne. Der gute Alte ließ ſeinen Wiedererlangten mit der groͤßten Sorg⸗ falt ach Fitz⸗Ford ſchaffen, wo John, deſſen 71 geſchwaͤchte Natur unmoͤglich all dieſen Stuͤrmen Stand halten konnte, in ein gefaͤhrliches Fieber verfiel, welches ſo dem Kummer, wie dem Leben des unglucklichen Junglings ein Ende zu machen drohete. Biertes Capitel. „Gequaltem Herzen, das der Kummer plagt, Gebieten Stille wir, wenn ſichs beklagt; Doch druͤckten uns deſſelben Kummers Plagen, Wir wůͤrden gleichfalls, ja wohl mehr noch klagen.“ Shakſpeare. Die natuͤrliche Starke der Leibesbeſchaffenheit John's, deſſen Jugend und vor Allem die ſorg⸗ liche Pflege ſeines ihn ſo innig liebenden Vaters, ſetzten endlich den Erben von Fitz in den Stand, uͤber das entſetzliche Fieber, das ihn ergriffen hatte, zu triumphiren. Nach ſeiner Geneſung, und ſobald er die Erinnerung an den Gegenſtand ertragen konnte, ſetzte ſein Vater ihn von den Umſtänden, mindeſtens ſo weit ſie ihm ſelber kund 73 waren, in Kenntniß, die ſich mit der Heirath Slanning's und Margarethens verknuͤpften. Auch verfocht Sir Hugo kraͤftig die Wahrſcheinlichkeit alles Deſſen, was Slanning davon ausge⸗ ſagt hatte, indem er ſelbſt, Vater Hugo naͤm⸗ lich, erklaͤrte, keinen einzigen von den Briefen er⸗ halten zu haben, die John Fitz waͤhrend ſeiner Gefangenſchaft an ihn geſchrieben haben wollte. Man kann ſich das Erſtaunen des Sohnes uͤber dieſe Eroͤffnungen vorſtellen. Sofort rief er den Diener Andreas Morton vor ſich, deſſen Be⸗ ſorgung die Briefe uͤbergeben worden waren, und der es unternommen hatte, ſie auf zuverlaͤſſigem Wege nach England zu befoͤrdern. Sir Hugo, der noch immer Gefallen daran fand, ſeine Ad⸗ vocatengeſchicklichkeit leuchten zu laſſen, querfragte den treuloſen Diener, und trachtete die Sache bis auf den Grund zu unterſuchen; allein trotz des Alten Gewandtheit wies Andreas, der eine un⸗ durchdringliche Frechheit beſaß, ſich doch noch ſchlauer, als der Frager, und blieb bei der Aus⸗ ſage, die er von Anfang her in der Sache ge⸗ than hatte, naͤmlich, daß er jene Briefe der Be⸗ foͤrderung eines gewiſſen Kaufmannes in jener flandriſchen Stadt uͤberantwortete, und von dem es kund war, daß er ſchon manches Auswechſe⸗ lungsgeſchaͤft hinſichtlich der Kriegsgefangenen be⸗ ſorgte. In die Haͤnde jenes Kaufmannes be⸗ hauptete Morton die Briefe niedergelegt zu haben, was nachdem mit denſelben ward, koͤnne ihm freilich nicht bekannt ſeyn, und wahrſcheinlich wuͤrden ſie auf ihrem Wege durch das feindliche Lager verloren gegangen ſeyn. Was den Brief aber betraf, den Sir John Fitz bei ſeiner An⸗ kunft in England an Sir Nicholas Slanning ſchrieb, ſo habe er, naͤmlich Andreas Morton, denſelben allerdings an beſagten Sir Nicholas, wiewohl durch einen Mittelsmann beſorgt, doch koͤnne Letzterer, wie ſolches wohl oͤfter ſchon ge⸗ ſchehen ſey, von den Geaͤchteten, die die Gegend beunruhigten und ſeinen Herrn aufgriffen, beraubt worden ſeyn. Weiter war aus dem Dienſtmann nichts her⸗ auszubringen, deſſen edelmuͤthiger Herr es ſich nicht ein einzigesmal einfallen ließ, daß er haͤtte faͤhig ſeyn koͤnnen, ihn zu verrathen, auch wenn 75 die Verlockung dazu noch ſo verfuͤhreriſch gewe⸗ ſen waͤre. Obwohl nun John Fitz durch die Thatſache, daß ſein Vater uber ſeinen Tod getaͤuſcht geblie⸗ ben war, vermogt ward, Slanning fuͤr minder verraͤtheriſch zu halten, als er denſelben anfäng⸗ lich geglaubt hatte, ſo hing doch fortwährend, hinſichtlich jenes letzten Briefes, ein Zweifel uͤber ihm. Hatte Slanning jenen Brief erhalten oder nicht? Freilich war dies nur ein Zweifel; doch war derſelbe als ſolcher vollig hinreichend, all die bit⸗ teren Gefuͤhle zu naͤhren, die der ungluͤckliche junge Mann gegen ſeinen ſiegreichen Nebenbuhler hegte. Und auch Margarethe, die ſtets von ihm ge⸗ liebte und noch jetzt innig von ihm erſehnte Mar⸗ garethe, hatte ihm einen Pfeil in's Herz geſenkt, an deſſen Wunde er lebenslaͤnglich, wie er fuͤhlte, wuͤrde bluten muͤſſen. Freilich gereichte ihr ver⸗ laſſener Zuſtand ihr zu großer Entſchuldigung.— Vieles war auch wohl den gegen ſie gebrauchten Ueberredungen zuzuſchreiben; dann aber klangen ihm wieder die duͤſtern Winke, jene wenigen, aber eindringlichen Worte in's Ohr, welche von der — Lady Howard uͤber die Art und Weiſe hingewor⸗ fen worden waren, in welcher Margarethe ihre Einwilligung zu jener Heirath gegeben hatte; ſo daß durch die Erinnerung daran des Juͤnglings Bitterkeit nur vermehrt ward. Und eine tiefe . Empfindung betrogener Liebe und gemißbrauchten Vertrauens, die ihm in Geheim den Buſen be⸗ laſtete, veraͤnderte nicht nur ſein Weſen, ſondern auch in hohem Grade ſeinen Charakter. So peinlich das Alles auch fuͤr John Fitz war, ſo erzeugte es ihm mindeſtens Ein Gutes; es erweckte ſeinen Stolz, jenen Stolz, der ſchon manchen Menſchen vor einem gebrochenen Herzen bewahrte. Bei ſeinen vielen Tugenden hegte John Fitz uͤberdies etliche Fehler, die ſich zur La⸗ ſterhaftigkeit neigten: Er konnte nicht leicht ver⸗ geben. Und wenn in kuͤhleren Augenblicken er auch von ſeinem Vater vermocht ward, ſeinen Groll bei Seite zu legen, entfremdete er ſich doch nimmer den Empfindungen, wodurch derſelbe ein⸗ geflößt worden war. Sein Stolz unterſtützte ihn, daß er ſeine Schmach und Bekuͤmmerniß als ein Mann ertrug; er verlieh ihm jenen Grad von 77 Staͤrke, wodurch er befaͤhigt ward, vor der Welt den Schein von Gleichguͤltigkeit gegen die jungſt ſtattgefundenen Ereigniſſe zu zeigen; denn nichts ward mehr von ihm gefurchtet, als Mitleid, wel⸗ ches oft den Betrogenen mehr beleidigt, als be⸗ ſaͤnftigt. Mitleid dem Zornigen oder dem Belei⸗ digten gezollt, athmet in ſeinen Troͤſtungen nichts als Geringſchaͤtzung. Dieſem auszuweichen, mied John Fitz nach ſeiner Geneſung nicht die Geſellſchaft, ſondern ſuchte ſie vielmehr auf, und ſtellte ſich, als ob er Vergnuͤgen an den Spielen und Beluſtigungen faͤnde, die mit ſeinem Stande und ſeinen Jahren ubereinſtimmten. Allein dieſe Anſtrengung war zu peinlich, als daß er ſie lange Zeit hätte durch⸗ fuhren koͤnnen. Indem er nun ploͤtzlich in das entgegengeſetzte Extrem verfiel, beſchloß er noch⸗ mals, der Gefahr und dem Tode in fremden Lan⸗ den Trotz zu bieten. Von dieſem Entſchluſſe ward er nur durch die Thraͤnen, die Bitten und die Bekuͤmmerniſſe ſeines betagten Vaters zuruͤckge⸗ bracht, der im Verlangen, ihn haͤuslich begluͤckt zu ſehen, und auf Anſtiften ſeiner Gattin, jetzt — 78 in den Sohn drang, ſich mit der begüterten Lady Howard zu vermaͤhlen, gegen deren Perſon und Vollkommenheiten nichts einzuwenden war. Sir Hugo verſicherte dabei dem Sohne, daß dieſer Heirathsantrag von ihrem Verwandten, dem Rich⸗ ter Glanville, unterſtuͤtzt wurde, der ihm im Ver⸗ trauen mitgetheilt hatte, wie die Lady ſelbſt ſolche Verbindung lebhaft wuͤnſchte. Eine Heirath zwiſchen ihrem Sohne und ei⸗ ner Dame von ſolchem Range, Reichthum und Anſehen, wie Lady Howard war, zu Stande zu bringen, ſchien der ſtolzen Lady Fitz ein uͤber Al⸗ les wuͤnſchenswerthes Unternehmen zu ſeyn. Allein ſie ging unvernuͤnftig dabei zu Werke, ſo daß der Bogen, weil ſie ihn allzu ſehr ſpannte, beinahe brach; denn John Fitz, fortwaͤhrend von der Mutter uͤber dieſe Angelegenheit gequalt, ward nicht nur der von der Mutter endlos veranſtal⸗ teten Zuſammenkunfte mit der Lady Howard über⸗ drüſſig, ſondern geringſchaͤtzte ſogar oͤffentlich die⸗ ſes ſtolze Frauenzimmer, das, in der Hoffnung, ihn endlich zu gewinnen, eine ſo ſchändliche Rolle geſpielt hatte, verweigerte unwiderruflich 79 ſeine Zuſtimmung, an ſolche Verbindung auch nur zu denken, und ſchlug, um der Lady Geſellſchaft und der Mutter Zudringlichkeit auszuweichen, ei⸗ nen Lebensweg ein, der dem Vater Hugo die groͤßte Bekuͤmmerniß verurſachte, weil dieſer ſich dadurch faſt ganzlich von ſeinem Sohne getrennt ſah. Zur Zeit unſerer Erzaͤhlung war Schloß Lid⸗ ford eine Veſte von einiger Bedeutung, indem ſie im Fall öffentlichen Aufſtandes einen trefflichen Haltpunct abgab. Auch ward ſie als Gefaͤngniß benutzt, in welchem Gefangene nicht blos verwahrt gehalten, ſondern auch verhoͤrt und bisweilen hin⸗ gerichtet wurden. Dies an und fuͤr ſich feſte und hinſichtlich ſeiner Lage ſo merkwuͤrdige Schloß ward jederzeit nur einem Gouverneur von erprob⸗ ter Tapferkeit und Treue zur Bewahrung gege⸗ ben. Der bisherige Gouverneur ſtarb ploͤtzlich, und als John Fitz davon hoͤrte, machte⸗er aus⸗ ſchließlich eine Reiſe nach London, um durch die Vermittelung ſeiner Freunde daſelbſt den erledig⸗ ten Poſten fur ſich zu erhalten— ein duͤſteres, abgeſondertes, wiewohl ehrenvolles Amt, welches 80 mit ſeiner dermaligen Gemithobeſchaffenheit voll⸗ kommen uͤbereinſtimmte. General Norris, unter welchem er in Flan⸗ dern gedient hatte, fuhrte ihn am Hofe der jung⸗ fräulichen Koͤnigin ein, und Eliſabeth, die nie⸗ mals gleichgültig gegen maͤnnliche Schoͤnheit und Anmuth war, ſah die Erſcheinung des Erben von Fitz gern, ungeachtet der Schwermuth, die ſich auf ſeinem Angeſichte wies. Dazu wurden ſeine Kriegsthaten der Koͤnigin in ſo gunſtigem Lichte vorgetragen, daß dieſe ihn nicht nur zum Gou⸗ verneur von Schloß Lidford machte, als weshalb er nachgeſucht hatte, ſondern ihm auch mit eige⸗ ner Hand die Ehre des Ritterſchlages verlieh. Bei ſeiner Ruͤckkehr nach Devon beſchrankte John Fitz ſich ſofort auf Schloß Lidford, wo er ein ſeltſam duͤſteres, einſiedleriſches Leben fuͤhrte, von welchem ſpaͤterhin mehr in dieſer Geſchichte zu erinnern ſeyn wird. Unterdeſſen war das Ehebundniß Sir Nicho⸗ las Slanning's und deſſen Gattin keineswegs von neidenswerther Beſchaffenheit. Durch ihre ſtrengen Grundſaͤtze war Margarethe ſich vollkom⸗ 81 men deſſen bewußt, was Pflicht ihr auferlegte, und daß jetzt, da ſie das Weib eines Anderen war, es ſchwach, wenn nicht ſuͤndlich waͤre, auf die Vergangenheit mit Wohlgefallen oder Sehn⸗ ſucht zuruckzublicken. Von ſolchen richtigen Erwaͤ⸗ gungen angeregt— denn in den Geſetzen der Tugend wohnt klare Vernunft und keine Sophi⸗ ſterei— wies ſie ſich ſtreng in der Beobachtung ihrer Pflichten als Gattin, und in der That wachſa⸗ mer uͤber ihre geringfuͤgigſten Handlungen, als ſie es vielleicht geweſen ſeyn wuͤrde, wenn ihr Gemuͤth ſich in einer Verfaſſung befunden haͤtte, durch welche ſolche Wachſamkeit unnoͤthig gemacht wor⸗ den waͤre. Ein geziemendes Betragen im Leben liegt im Bereiche jeder tugendhaften und behut⸗ ſamen Seele; allein die Gefuͤhle, durch welche wir zu ſolchem Betragen beſtimmt werden, ſind un⸗ gleich minder in unſerer Gewalt, und empoͤren ſich oſt trotz dem, daß wir bemuͤht ſind, ſie zu unterdruͤcken. Dies war Lady Slanning's Fall. Eben ihr Bemuͤhen zu vergeſſen, ward ihr zum Quell der peinlichſten Erinnerungen, und ungeach⸗ tet all ihres Pflichtgefuͤhls konnte ſie Das nicht Fitz of Fitz⸗Ford. III. 6 aus ihrer Seele verbannen, was ſich derſelben unaufhoͤrlich aufdrang, indem tägliche Ereigniſſe es ihr wiederholt darthaten, wie wenig Ueberein⸗ ſtimmung zwiſchen ihren Gefuͤhlen, Ideen und Anſichten und denen ihres Gemahls obwaltete. Dennoch bemuͤhete ſie ſich, gluͤcklich zu ſeyn; min⸗ deſtens bemuͤhete ſie ſich, ſich zu begnugen; aber Alles bei ihr war Bemuͤhen— Anſtrengung. Margarethens Denkweiſe naͤherte ſich dem Schwermuͤthigen, und ihre Unterhaltung nahm daher eine ahnliche Faͤrbung an. Die aͤußere Ge⸗ ſellſchaft war ihr druͤckend, ſo daß ſie dieſelbe ſo viel als moͤglich mied, ohne jedoch dabei dem Willen ihres Gemahls entgegen zu ſtreben. Sie ward eifriger als jemals in ihren irrigen Reli⸗ gionsmeinungen; allein ihre Religion, ſo ſchwaͤr⸗ meriſch ſie ſich derſelben auch hingab, ſchien zu einem Gemuͤthe zu ſprechen, das blos Zuflucht bei ihr ſuchte und fand, war aber keineswegs ge⸗ eignet, ihr das Gemuͤth zu erheitern und es dank⸗ bar gegen die Segnungen dieſes Lebens zu ma⸗ chen, und ſo ſich deſto eher zu einem hoͤheren Le⸗ ben vorzubereiten. Sorgfaͤltig vermied ſie, auch 83 nur den Namen des Erben von Fitz zu nennen; aber eben dies bewies, daß ſie ihn nicht mit Gleichguͤltigkeit nennen konnte. Alle dieſe Umſtaͤnde entgingen ihrem Gatten nicht, der, wenn auch minder zartfuͤhlend, als Margarethe, doch eine ſcharfe Beobachtungsgabe beſaß, mit der er um ſo eher den Gemuͤthszuſtand Marga⸗ rethens durchſchauete, da er hohen Werth auf ſeine Gattin legte. Slanning ſah, daß ſein Weib ſich unglucklich fuͤhlte; und da er ſich ſeiner Liebe zu ihr bewußt war, erwartete er von ihr Erwiderung ſeiner Ge⸗ fuͤhle. Seine Eigenliebe duͤnkte ſich durch den Anflug von Schwermuth beleidigt, der auf Mar⸗ garethens Geſichte lag, und den ſie aus ihrem Umgange mit ihm nicht verbannen konnte. Slan⸗ ning handelte unweiſe; denn anſtatt die Wirkung der Zeit abzuwarten, anſtatt bemuͤht zu ſeyn, durch zaͤrtliche Geduld Margarethens Herz zu ge⸗ winnen, machte er ihr Vorwuͤrfe uber ihre Kalte und erhohete ſo durch ſpitzige Worte die Bitter⸗ keit derjenigen Gefuͤhle in ihr, uͤber die er ſich beklagte; ſo daß endlich, als er fand, wie ſeine 6* 84 Vorwuͤrfe den unglucklichen Zuſtand ſeines Wei⸗ bes nur verſchlimmerten, es endlich Momente gab, in denen er, weil er zu Hauſe ſich unzufrieden und uͤbelgelaunt fuͤhlte, die Schuld all ſeines NWißbehagens auf den Eheſtand ſelbſt ſchob. Margarethe war in ihrem Benehmen eben⸗ falls zu tadeln, denn obwohl ſie ein warmes Herz und feſte Tugendgrundſätze beſaß, war ſie doch gleich allen anderen menſchlichen Weſen nicht frei von jenen Fehlern und Schwaͤchen, die durch Nachſicht gegen dieſelben ſich vergroͤßern. Sie war geneigt, bei der Schattenſeite des Gemaldes zu weilen, und hatte es zeither ſich geſtattet, mehr an ihres Gatten Mangelhaftigkeit, als an deſſen mancherlei Vorzuge zu denken. Seine Unfreund⸗ lichkeit gegen ſie ward von ihr aus ſo grellem Lichte betrachtet, daß ſie ſich ſchwer beleidigt von ihm waͤhnte, und dieſe Vorſtellung mußte ihr als Bevorrechtung dienen, weit weniger als ſonſt ihre wandernden Gedanken und ihr ſtilles Sehnen in Zwang zu halten. Dieſe fieberiſchen und aufrei⸗ zenden Empfindungen griffen ihr Gemüth derge⸗ ſtalt an, daß ſie zu Zeiten einen Grad des Ver⸗ 85 druſſes und des Murrens blicken ließ, der ehe⸗ dem ihrem Charakter geradezu entgegen geſtanden hatte. Allein es war jetzt ſo, und ſo kann es geſchehen, daß die beſten Gemuͤther in Fehler ver⸗ fallen, ſobald ſie nicht fortwaͤhrend gegen dieſel⸗ ben auf ihrer Huth ſind. So fanden, nach und nach zwar, aber um deſto ſicherer, Mißbehagen, Kaͤlte und Mangel an Vertrauen, jener Todesſtreich des ehelichen Frie⸗ dens, zwiſchen Slanning und deſſen Weibe Statt. Margarethe lernte ihren Gatten fuͤrchten, und Furcht verſchloß ihr Herz und Lippen. Sie ſuͤhlte tief ſeine Unfreundlichkeit und behielt dies Tief⸗ gefuͤhl fuͤr ſich; ſie bruͤtete ſo lange uͤber Bekuͤm⸗ merniß, bis ſolches Bruͤten ihr zur Gewohnheit ward. Sir Nicholas, der zu Zeiten einſah, daß er durch ſeine Vorwuͤrfe die Unbehaglichkeit der Gattin vergroͤßert hatte, lernte endlich ebenfalls ſeine Klagen zuruͤckzuhalten; allein indem er dies that, wies er ein Benehmen, das noch mehr zu fuͤrchten war, als ſein fruͤheres Weſen; denn ge⸗ genſeitiges Schweigen, gegenſeitiges Trachten nach Zwang in einer ſo vertraulichen Verbindung, als die Ehe iſt, hoͤren zuletzt unabaͤnderlich mit Arg⸗ wohn und Mißtrauen auf, indem ſie— und oft wenn es zu ſpaͤt iſt— die Erfahrung darlegen, daß Fehlerhaftigkeiten der Eheleute nicht halb ſo verletzend oder nachtheilig in ihren Folgen ſind, als das gegenſeitige Verhehlen derſelben es iſt. Wir muͤſſen hier der Lady Howard erwaͤhnen. Sie war in ihrem aͤußeren Weſen dieſelbe geblie⸗ ben, weil ſie es mehr als die vorbenannten Perſo⸗ nen in ihrer Gewalt, auch ſtaͤrkere Beweggruͤnde hatte, ihre Gefuͤhle, von welcher Art dieſe auch ſeyn mochten, zu verbergen; doch von Allen, die in dieſe traurige Geſchichte verwickelt waren, hatte Keine ſich innerlich ſo gaͤnzlich umgewandelt, als ſie. Sir John Fitz, der einſt von ihr geliebte John, um deſſentwillen ſie alle jene Raͤnke ſpie⸗ len ließ, durch welche bis auf dieſen Tag ihr Name der Schmach uͤberantwortet ward, hatte ſie geringgeſchaͤtzt, verachtet, ja ſie oͤffentlich ver⸗ ſpottet und verworfen. Konnte dies verziehen werden? Lady Howard gab jetzt einen Beweis von der Wahrheit Deſſen ab, was der Poet ſo kraͤftig ausſprach, als er die Gewalt verſchmaͤhe⸗ 87 ter Liebe beſchrieb, wenn dieſe in einem heſtigen Gemuthe ſich in Haß verwandelt; indem er ſagte: „Wenn heftige Liebe ſich in Haß verkehrt, Iſt gleichen Grad's er heftig wie die Liebe.“ Die Liebe der Lady Howard begann allerdings mit Heftigkeit, wenn ſo ſelbſtſuchtige Gefuͤhle, als die ihrigen, den Namen Liebe verdienen. Ihr Haß gegen ihn, von dem dieſe Liebe mit Hohn vergolten ward, war ebenſo gewaltig, ebenſo reg, ebenſo ausdauernd.„Sir John Fitz,“ pflegte ſie zu ſich ſelbſt zu ſagen,„hat mich zu ſeiner Schuldnerin gemacht. Ich bin ihm Abrechnung wegen ſeiner Verachtung ſchuldig, und ſie ſoll ihm werden.“ Das waren ihre Empfindungen, die vor der Hand aus Mangel an Gelegenheit zur That in ihren Grenzen gehalten wurden; allein keiner derſelben ward geſtattet, an Kraft zu ver⸗ lieren. Lady Howard ſann, berechnete, harrte ge⸗ duldig, gleich dem Raubvogel, der auf dem Aſte ſitzt, den das unbedachtſame Voͤgelein umflattert, und den guͤnſtigen Augenblick erlauert, in wel⸗ chem er auf ſein Opfer niederſchießen und es mit ſcharfen, unablaſſenden Krallen packen kann. 88 Was juͤr Abſichten Lady Howard auch gegen den Erben von Fitz hegen mochte, ſo huͤllte ſie dieſelben in einen undurchdringlichen Schleier. Sie verſteckte ſich hinter Heuchelei z ſo daß, waͤh⸗ rend ſie Margarethen auf das Bitterſte haßte, ſie derſelben doch jegliche hochachtungsvolle, ja faſt liebfreundliche Aufmerkſamkeit zollte; und— wie ſeltſam es ſcheinen mag— die Freundſchaft des Gatten ihrer„theuern Freundin“(wie ſie Mar⸗ garethen nannte) auf das eifrigſte ſuchte und pflegte, ſo daß Manche fluͤſterten, wie ſie ſich dar⸗ uber wunderten, daß Lady Slanning auf die wachſende Vertraulichkeit zwiſchen Sir Nicholas und Lady Howard nicht eiferſuͤchtig ward. Allerdings ſchien Lady Howard hie und da in dieſem ihrem Verfahren zu weit zu gehen, al⸗ lein ſie war eine Dame von vornehmer Geburt, von hohem Range und unermeßlichem Vermoͤgen, und als ſolche wagte ſie Dinge, fur deren bloßen Verſuch ein Frauenzimmer niederern Standes ohne Weiteres dem bitterſten öffentlichen Tadel preisgegeben worden ſeyn wuͤrde: ſo ſehr haben in allen Zeiten Rang und Reichthum ſich das Vorrecht angemaßt, herkoͤmmliche Sitten gering zu achten, ſobald es der Neigung oder Laune des Individuums entſprechend iſt; und ſonder Zwei⸗ fel iſt die allgemeine Bemerkung richtig, daß der Arme fortwaͤhrend dem Tadel bloßgeſtellt bleibt, waͤhrend der Reiche ſich uͤber denſelben zu ſtel⸗ len weiß. Ehe wir dies Capitel ſchließen, muͤſſen wir noch einen Blick auf Standwich werfen. Wir verließen ihn, als er raſtlos und thaͤtig fuͤr die Sache des Hochverrathes und der Empoͤrung war. Eine Zeit lang gingen ſeine Entwuͤrfe ziemlich von Statten; allein wie ſtill und tief die dunkeln Waſſer des Aufruhrs auch waren, welche Eliſa⸗ beth zu verſchlingen droheten, ſo ward der Lauf . derſelben mit wachſamen und ſcharfſpaͤhenden Blicken beobachtet. Die Verſchworenen konnten keine Bewegung machen, keinen Plan verabreden, keinen Briefwechſel mit noch ſo entfernten Mit⸗ genoſſen unterhalten, ohne daß es dem großen Staatsmanne Walſingham kund worden waͤre, deſſen Mittel, Kunde zu erlangen, ſo geheim, je⸗ doch ſo entſcheidend waren, daß, als jene Com⸗ ————— 90 plotte nun am Rande ihrer Ausfuͤhrung ſtanden, er die Raͤdelsfuͤhrer derſelben greifen und in ſo ſichere Verwahrung bringen ließ, daß ihnen nicht die geringſte Hoffnung uͤbrig blieb. Ballard, Babington und andere Genoſſen der Verſchwoͤrung erlitten den Tod, und wir brau⸗ chen nur hinzuzufuͤgen, daß manche dieſer Rebel⸗ len, bevor ſie hingerichtet wurden, die Namen ih⸗ rer Verbuͤndeten verriethen. Einer von ihnen be⸗ kannte, daß Georg Standwich, Cuthbert Mayne und Sir Thomas Morley im Buͤndniſſe waͤren, um einen Aufſtand in den weſtlichen Grafſchaf⸗ ten zu erregen, und daß Standwich eine Rotte Geaͤchteter bereit hielt, deren Verbrechen ſie der Regierung gefaͤhrlich gemacht haͤtten, und die nur den Wink ihres Haͤuptlings abwarteten, um zu jeglicher Unternehmung, ſey ſie auch noch ſo ver⸗ zweifelnd, zu ſchreiten. Von dieſem Umſtande ward ſogleich nach Exeter von Seiten des Staats⸗ rathes berichtet und der Befehl ertheilt, die Raͤ⸗ delsfuͤhrer Thomas Morley, Cuthbert Mayne und Georg Standwich gefaͤnglich einzuziehen. Hinſichtlich der ſchlauen Art und Weiſe, wo⸗ 91 mit Standwich ſich bisher der Gefahr, entdeckt und gefangen genommen zu werden, zu entziehen gewußt hatte, gehoͤrte ſeine Verhaftnahme zu den ſchwierigen Aufgaben. Dieſelbe zu loͤſen, bot der Sheriff der Grafſchaft all ſeinen Scharfſinn auf, und beſchloß endlich, den Geaͤchteten durch einen ſeiner eigenen Agenten in die Falle zu locken. Dieſem, der ſchon zum Tode verurtheilt war, ward Leben und Freiheit verheißen, wenn er zum Habhaftwerden ſeines Fuͤhrers mitwirken wollte. Das Leben hat beſonderen Reiz fuͤr Jeden, und wie man im Allgemeinen bemerkt hat, zumal fuͤr Denjenigen, der bereit iſt, Anderen daſſelbe zu nehmen, oder dazu zu helfen, daß es ihnen ge⸗ nommen wird. So geſchah es denn, daß durch Verrätherei eines ſeiner eigenen Geſellen Standwich an der Stelle gegriffen ward, die den Namen Vixen Tor fuͤhrt, und an welcher wir zuerſt den Geaͤchteten, wie er ſich mit Levi, dem Juden, beſprach, kennen lernten. Wenige Stunden ſpaͤter lag Standwich ſchwer gefeſſelt im Verließe zu Schloß Lidford. Fünktes Capitel. „Laß uns einander nimmer wieber ſeh'n:— Doch biſt mein Fleiſch und Blut Du, meine Tochter!“ „Die Goͤtter ſind gerecht; denn unſ're Laſter Sind ihnen Werkzeug', uns zu geißeln.“ Shakſpeare. Lidford, mit ſeinem romantiſchen Thale, ſeinem Waſſerfalle, ſeiner Bruͤcke und ſeinem Caſtell, das dem Reiſenden im Weſten von England ſo viele Gegenſtaͤnde des Entzuͤckens darbietet, wird jetzt zu einem wichtigen Schauplatze in unſerer Ge⸗ ſchichte. Obwohl der Ort heut zu Tage ſich kaum zu der Bedeutendheit eines Dorfes erhebt, war er doch vor Zeiten von ſo hoher Wichtigkeit, daß erzaͤhlt wird, Julius Caſar ſey bei ſeiner zweiten Ankunft in Britannien, nebſt ſeinem Heere, daſelbſt bewirthet worden. Lidford ward von den Daͤnen gepluͤndert, als dieſe die urſpruͤngliche Abtei zu Taviſtock niederbrannten, und ſtieg waͤhrend der ſaͤchſiſchen Heptarchie zu Wohlhabenheit empor. Dieſer romantiſche Flecken liegt etwa drei Stun⸗ den Weges von Taviſtock, und bietet dem Freunde der Natur in deren wildeſten und maleriſcheſten Formen ein unbegrenztes Feld dar. Das Schloß, welches noch, wiewohl verfal⸗ len, vorhanden iſt, war einſt ein Gebaͤude von bedeutender Staͤrke, jedoch zu keiner Zeit wegen der Schoͤnheit ſeiner Architektur ausgezeichnet. Es war ein viereckiges, ſteinernes, ſchlicht aus⸗ ſehendes, jedoch mit ungeheuer dicken Mauern verſehenes Bauwerk, und da es auf einem hohen Erdhuͤgel ſtand und jeden ringsum befindlichen Gegenſtand uͤberſchauen konnte, mag es nicht un⸗ eigentlich mit einer an ihrem Poſten befindlichen Schildwache verglichen werden. Vor dem Ein⸗ gange des Schloſſes ſah man eine zu beiden Sei⸗ ten von einer Erdmauer eingeſchloſſene, langſam ſich ſenkende Ebene, an deren Ende der Boden — abſchuͤſſig wird und ſich ſteil in die Tiefe ſenkt. Die jenſeitige Thalebene wird ebenfalls abſchuͤſ⸗ ſig und ſteilgeſenkt, bis ſie dem Fluſſe, unweit der Bruͤcke begegnet. Da ſolchergeſtalt das Schloß oder Caſtell auf einem Puncte ſtand, zu welchem von allen Seiten, außer von Nordweſten her, der Zugang ſchwierig war, mußte es von ſeiner Stel⸗ lung allerdings eine bedeutende Staͤrke herleiten. Von der Hohe des Caſtells herab ſieht man den Fluß, nachdem er Kluft und Bruͤcke hinter ſich ließ, ſich durch die tiefliegende, waldreiche Ebene winden, an deren Ende er die Fluthen des Waſſerfalles aufnimmt. Zu bemerken iſt noch, daß, obwohl das Caſtell von Lidford zu beſchraͤnkt und unbequem war, um dem Gouverneur zu be⸗ ſtaͤndiger Wohnung dienen zu koͤnnen, derſelbe doch in dringenden Fäallen ſich in daſſelbe hinein⸗ warf; zu anderer Zeit aber wohnte er in einem neben dem Caſtell befindlichen geraͤumigen Hauſe, von welchem jedoch heut zu Tage nicht die kleinſte Spur mehr übrig iſt. Der Kerker im Caſtell zu Lidford, in welchen Georg Standwich geworfen worden war, und den der neugierige Reiſende noch jetzt in Augenſchein nehmen kann, lag unterhalb des Erdbodens— ein kleines, enges, dumpfiges Loch, deſſen dickes Gemaͤuer dem nagenden Zahne der Zeit noch im⸗ mer Hohn zu ſprechen ſcheint. Die plumpen Quadern, aus denen es aufgemauert ward, wieſen manchen dicken Ring und manche ſchwere Kette von Eiſen, die Beweis abgaben, daß Gefangen⸗ ſchaft hier in allen ihren ſchauerlichſten Formen heimiſch war. Aus Mangel an friſchem Zuſtrome war die Luft in dieſem Verließe erdig und unge⸗ ſund, und zu Milderung der Troſtloſigkeit des Ortes war nichts vorhanden, als eine von der Woͤlbdecke herabhaͤngende Lampe, die ein flackern⸗ des und unſtetes Licht verbreitete. Fenſter hatte der Kerker nicht, in den man nicht anders, als mittelſt einer Leiter gelangen konnte, die durch eine Fallthuͤre mit dem daruͤber befindlichen Ge⸗ mache in Verbindung ſtand. In dieſer Zelle des Duͤſters und Elendes ſaß, den Ruͤcken an die Mauer gelehnt, auf einem Strohlager Georg Standwich, mit auf die Bruſt geſenktem Haupte, wahrend ihm die Haͤnde mit⸗ 96 telſt einer leidlich langen Kette an einen von den im Gemaͤuer befindlichen Eiſenringen geſchloſſen waren. Standwich, ausgezeichnet durch die Schwärze ſeiner Verbrechen und durch ſeinen wilden Eifer fur eine Religion, von der er ein ſo unwuͤrdiges Mitglied war, beſaß noch immer jene Geiſtes⸗ ſtärke, die in Augenblicken der Gefahr nur um 1 ſo feſter und ſtandhafter zu werden pflegt, ſowie jene Eisberge in dem Maße an Starrheit zuneh⸗ men, in welchem die Elemente um ſie her ſich ſtrenger und erbitterter zeigen. Auf dem Geſichte des Gefangenen gewahrte man noch immer kei⸗ 1 nen Ausdruck der Freude noch des Kummers, ſondern fortwaͤhrend nur den eines ſtarren Ern⸗ ſtes, der von dem verſtockten Entſchluſſe zeugte, jede Widerwaͤrtigkeit mit Feſtigkeit und Stand⸗ haftigkeit zu ertragen— ein Benehmen, durch welches ſelbſt eines Verbrechers Mißgeſchick ſol⸗ chen Schein von Wuͤrde gewinnt, daß er unſere 1 Hochachtung rege machen moͤchte. Am dritten Tage nach ſeiner Verhaftnahme gewahrte Standwich um die Stunde, in welcher man ihm gewoͤhnlich Speiſe und Trank zu brin⸗ gen pflegte, daß dem Kerkermeiſter eine zweite Perſon mit einiger Vorſicht die Leiter herabſtei⸗ gend folgte; und als nun Erſterer, nachdem er Brot und Waſſer hingeſetzt hatte, ſich hurtig auf den Ruͤckweg machte; hoͤrte Standwich den Letz⸗ teren ſagen:„Ich werde nicht lange bleibenz harrt meiner oben im Gemache und Alles wird gut gehen.“ Der Kerkermeiſter verließ das Gefaͤngniß, zog wie gewoͤhnlich die Leiter nach ſich, und Stand⸗ wich blieb mit ſeinem neuen Geſellſchafter allein, in welchem, nachdem derſelbe Hut und Mantel abgelegt hatte, er ſofort den Juden Levi erkannte. „Kennt Ihr mich, Hauptmann Standwich?“ fragte der Iſraelit.„Ich bin gekommen, Euch aufzuſuchen in Eurer Kerkerhaft, und zu vergel⸗ ten, inſofern es einem ſo armen Manne, als ich bin, moͤglich iſt, die gute That, die Ihr einſt mir erwieſet. Ich hab's nicht vergeſſen, wie ohne die Staͤrke Eures Armes und Eures guten Schieß⸗ bogens ich der Wuth der wilden Waldbeſtie haͤtte erliegen muͤſſen; denn Ihr erſchlugt den Fitz of Fitz⸗Ford. III. 98 grimmen Baͤren, wie an einem ſchneeigen Tage jener Hauptmann Davids den Löwen in der Grube toͤdtete.“ „Und wie kommſt Du hirhert⸗ ᷣe der Gefangene.„Meint' ich doch, daß an dieſen Ort Niemand kaͤme, als mein Huͤther, damit ich auf⸗ geſpart bleiben moͤchte dem Tage, an welchem ich dem Poͤbel ein rohes Schauſpiel abzugeben haben werde. Ich bedarf nichts von Dem, was Du mir bringen koͤnnteſt, Alter; uͤberlaſſe mich —. meinem Schickſale.“ „Ich will Euch aber Eurem Schickſale nicht uberlaſſen,“ entgegnete Levi,„ebenſo wenig als Ihr mich der Wuth des grimmen Baͤren uͤber⸗ ließet, deſſen Tatzen ſich ſchon nach mir ſtreckten. Wie ich hieher komme? das will ich Euch ſagen. Jenes entſetzliche Weib, das ſich Betſy Grimbal nennt, und nicht nahe kommen darf Eurem Ker⸗ ker, damit ſie nicht ebenfalls in S— Eurer Bedraͤnger falle, war bei mir— „Weshalb?“ fiel Standwich— ein. „Um nichts mehr und nichts minder,“ war Levi's Antwort,„als mir zu rathen, wenn ich 99 Euch einen Dienſt leiſten wollte, zunaͤchſt die Lady Slanning von Eurer Lage zu unterrichten; denn ſie vermeinte, die Ehefrau des Sir Nicholas Slanning ſey an Euch geknuͤpft mit ſeltſamen Banden, die nur durch den Tod geloͤſet werden koͤnnen.“. „Und Du thateſt das?“ fragte der Gefan⸗ gene weiter. „Ich that's,“ verſetzte der Jude.„Lady Slan⸗ ning weiß, daß Ihr in Haft liegt wegen Eurer politiſchen Meinungen und Anſpinnungen, ſo wie um Eures Lehrglaubens willen. Als dies voll⸗ fuͤhrt war, rieth die Grimbal mir, zunaͤchſt zu Lidford einen Diener des Fitz, Namens Andreas Morton, aufzuſuchen, der vor Kurzem von ſeinem Herrn zum Gefangenwaͤrter in dieſem Caſtell ge⸗ macht ward. Morton, ſprach die Grimbal wei⸗ ter zu mir, waͤre Euch verpflichtet wegen ge⸗ wiſſer Dienſte, die Ihr ihm leiſtetet in Flandern, allwo Ihr ſonſt mit ihm in gewiſſer Verbin⸗ dung ſtandet. Sie rieth mir ſodann, dem Bur⸗ ſchen Gold zu geben, um ihn zu vermoͤgen, mich zu Euch zu laſſen in Euer Verließ. All dem bin * 160 ich, wiewohl unter ſonderlicher Wagniß, nachge⸗ kommen, und befinde mich nun hier, um Euch zu zeigen, wie ein Jud' einem Chriſten kann dank⸗ bar ſeyn, dem er das Leben verdankt.“ „So biſt Du gekommen, um dieſen Chriſten ſterben zu ſehen. Ich bin bereit, dem Tode ent⸗ gegen zu gehen, und wenn ich um etwas bekuͤm⸗ mert bin, ſo bin ich es nicht um mein Schickſal, ſondern um das Schickſal Derer, die in einer Sache umkamen, fur die ich, wenn's moͤglich ge⸗ weſen waͤre, mein Leben haͤtte tauſendfach hinge⸗ ben moͤgen.— Kannſt Du, Levi, mir einige Nachrichten von meinen Freunden geben?“ „Nachrichten?“ rief der Jude:„Au weih! und Nachrichten, die, ſollt' ich meinen, Euch To⸗ desverdruß in die Seele floͤßen. Deine Freunde ſind beſeſſen von einem boͤſen Geiſte, der ſie ih⸗ rem eigenen Verderben entgegentreibt. Gleich wie Abſalom, hat Thomas Morley die Herzen der Mannen von Iſrael an ſich geriſſen. Er iſt mit den Seinigen zu den Streitern des Cuthbert Mayne geſtoßen, und mit einander haben ſie auf⸗ gerichtet das Banner der Rebellion unweit Laun⸗ 101 ceſton. Sir Nicholas Slanning aber und viele andere Tapfere ſind freiwillig gegen die Meute⸗ ter ausgezogen; um die Kriegsſchaar der Koͤnigin zu unterſtuͤtzen—“ „Nicholas Slanning!“ fiel Standwich ein, „kaͤmpft er auch gegen die Sache der Wahrheit? Ich hielt ihn fuͤr einen heimlichen Feind der Eli⸗ ſabeth und ihres ketzeriſchen Regiments, und er iſt jetzt gegen meine Freunde verbuͤndet?“ „Es kann nicht ſeyn, daß er ein Feind iſt der engländiſchen Koͤnigin,“ entgegnete der Jude, „ſintemal er das Schwert zog in ihrer Sache und um ihr Recht zu ſchutzen gegen die Anhaͤnger der Maria, der Koͤnigin der Schotten⸗ Es iſt dies ein Kampf; gleich dem zwiſchen Adonijah und Salomon, als Beide Koͤnig ſeyn wollten Denn obwohl die Eliſabeth und die Maria nur Wei⸗ ber ſind, ſo ſind ſie doch wild und hochfahrend in ihrem Grimme, durch den Maͤnner zu Streit und Blutvergießen getrieben werden; ſo daß, wenn die eine Rotte ruft:„Sieg der ſchottiſchen Maktia!“ die andere dagegen ſchrei't:„Gbott mit Eliſabeth!“ 102 „Und gluͤckt es den Anhaͤngern Mariens,“ fiel Standwich mit einer bisher in dieſem Ge⸗ ſpraͤche noch nicht an ihm wahrgenommenen Leb⸗ haftigkeit ein,„ſo koͤnnen wir hoffen, einen furcht⸗ baren Aufſtand im Weſten zu bewirken, wie Weſt⸗ moreland ihn im Norden erregte; andere Graf⸗ ſchaften werden dann unſerm Beiſpiele folgen, und Alles kann gut enden.“ „Gluͤcken? Gut enden?“ ſprach Levi dagegen, „nimmer! Taͤuſcht Euch nicht mit ſolcher Hoff⸗ nung, Hauptmann Standwich! So wenig es Euch beikommen kann, die Herrin des Waldes, die Eiche, mit Euren eigenen Haͤnden zu entwur⸗ zeln, ſo wenig iſt eine Rotte, wenn noch ſo ver⸗ zweifelter Maͤnner im Stande, den ſtattlichen — Thron der Herrſcherin in England zu ſtuͤrzen.“ „So lange meine braven Cameraden noch fechten, ſo lange iſt noch Hoffnung,“ ſagte Stand⸗ wich—„muͤßt' ich nur unterdeſſen nicht hier in Banden angeſchmiedet, wie ein feiger Knecht und elender Sclave danieder liegen!“ „Barmherziger Gott!“ wehklagte der Jude, „denkt lieber, Georg Standwich, auf irgend ein — 103 Mittel, Euch zu retten, als ſo wild von Dingen zu reden, die nimmermehr geſchehen koͤnnen. Glaubt mir, niedergemacht werden bald ſeyn jene Rebellen, die nur eine Handvoll Maͤnner ſind ge⸗ gen die gewaltige Streitmacht, die, wie ich hoͤre, von allen Seiten her gegen ſie ruͤckt. Denkt auf Eure Sicherheit, Hauptmann Standwich. Habt Ihr keinen Freund, der um Gnade fuͤr Euch fle⸗ hen mag bei Denen, die da ſitzen auf hohem Stuhle? Habt Ihr keinen Goͤnner am Hofe der Eliſabeth?“ „Keinen,“ entgegnete Standwich.„Keine Creatur athmet, die bei dieſer Regierung hoch angeſchrieben ſtaͤnde und um Gnade fuͤr mich nachſuchen moͤchte, haͤtte ich auch die Mittel, ſie dazu zu beſtechen!“ „Wenn dem alſo iſt, Mann,“ ſagte Levi,„ſo iſt Deine Gefahr wahrlich groß; denn ſo wahr Deine Seele lebt, es iſt nur Ein Schritt zwi⸗ ſchen Dir und dem Tode!“ „So mag der Tod kommen,“ rief Standwich, „ich furchte ihn nicht! Nur Einen Wunſch habe 0 ich noch auf Erden doch, er wird bleiben.“ 1 iSprih ihn—— d Sſueüt„bin 4 doch gekommen, Dir zu dienen, und will ich doch die gute That nicht halb thun! Ich habe etwas Erſpartes, die Frucht jahrelanger Muͤhen. Ihr verhalft mir dazu, als ich mit jenen Soͤh⸗ nen Belials handelte um ihr Silbererz, das ſie ausſcheideten aus den Eingeweiden des Erdbodens in jenen geheimen Gruben. Koͤnnen etliche Saͤk⸗ kel Goldes Euch dienen, oder Eure Befreiung bewirken, ſo will ich ſie hingeben fur Euch, daß 65. wohl um Euch ſtehen und Eure Seele leben ihes von Goche!“ rif Sni.„Nein Kind moͤcht' ich ſehen, moͤchte noch Einmal, ehe ich ſterbe, meine Tochter in meine Arme ſchließen 4 „Dein Kind? Deine Tochter?“ rief ber voll Erſtaunen: Du biſt Väter?“ „Ja, und ein unglückſeliger Vater!“ etgeg⸗ nete Standwich;„denn der elendeſte Dorfanſied⸗ ler, der im Schweiße ſeines Angeſichtes ſich den taͤglichen Biſſen erſchwingt, genießt eines Troſtes 105 deſſen ich mich nimmer erfreuen durften er ſegnet ſeine Kinder; wenn dieſe vor dem Schlafengehen ſeine Kniee umfaſſen; er ruft ſie ſonder Schaam und Bekummerniß zu ſich; allein mein Kind weiß es nicht) daß ich ihr Vater bin.“ „Was wollt Ihr damit ſagen?“ fragte Levi: „War't Ihr doch von jeher ein Mann des Ge⸗ heimniſſes, Georg Standwich, doch nimmer hab' ich geahnet, däß ſolche Bcie auf Erden S verknuͤpften“ So wiſſe es jetzt⸗ gevi⸗ der r Geich⸗ teteʒ„und ſo helfen mir die Heiligen des Him⸗ miels, als ich freundlos in dieſem Augenblicke, ſo freundlos bin, daß ich Dir, einem Unglaͤubigen, den Segen eines ſterbenden Vaters für ſein Kind anvertrauen will, da der Tod ihn ereilt.“ „Der Tod muß uns Alle ereilen,“ entgegnete Levi,„denn wir Alle muͤſſen ſterben und werden verſchuttet, wie Waſſer auf den Boden, das nicht wieder aufgeſchoͤpft werden kann. Euch aber mag die dunkele Stunde wohl bald nahen, ſo nicht etwas gethan werden kann zu Eurer Befreiung.“ „Höre mich aufmerkſam an, ich bitte Dich,“ 106 ſagte Standwich,„und obwohl Du ein Jude und veraͤchtlich und verachtet biſt in den Augen der Menſchen, will ich Dir dennoch vertrauen.“ „Nu, traun, bin ich doch nicht ſo verächtlich,“ verſetzte Levi;„denn obwohl der Menſch zu ſehen pflegt auf das Auswendige, ſieht doch der Herr Zebaoth in das Herz, und das. erbar⸗ mend gegen Dich.“ „Ich bedarf des Erbarmens, Jude,“ ſugte d der Gefangene,„aber nicht des Erbarmens, das der Menſch dem Menſchen zeigen kann. Meiner Suͤnden ſind viele und ſchwere, allein ich hoffte ſie durch eine einzige Großthat auf Erden zu til⸗ gen. Waͤre unſer Unternehmen gegluͤckt, ſo wurde Der, der dieſes verlorene Koͤnigreich alsdann in den Schooß der allein ſeligmachenden Kirche zu⸗ ruͤckgefuͤhrt haͤtte, auch Vergebung fur alle Sün⸗ den gefunden haben, die ein Menſch begehen konnte. Allein unſer Plan mißlang.“ Ach!“ ſagte Levi,„lehrt Dein Glaube Dich, daß Suͤnde kann weggewaſchen werden durch das Blut, das vom Schwerte der Rebellion traͤuft? Waͤre dem ſo, ſo wuͤrde Abſalom ein Prophet 107 ſeyn; doch der Hoͤchſte fuͤgte es, daß er haͤngen mußte an den Aeſten des Baumes, und umkom⸗ men durch den Speer Joab's, denn er hatte ſich empoͤrt gegen ſeinen Vater und Koͤnig. Glaube mir, Georg Standwich, Dein Glaube iſt gleich dem, welcher, dem Hoͤchſten ein Greuel, Men⸗ ſchenopfer dem Moloch, Baal und Aſtaroth dar⸗ brachte. Aber ſprich weiter; ich horche Deiner Rede.“ Standwich, der in Gedanken verloren zu ſeyn ſchien, waͤhrend Levi ſprach, blickte jetzt auf und ſagte:„Meine Tochter, obwohl ein Kind der Suͤnde, iſt unſchuldig; ſie weiß nicht einmal, wel⸗ chen ſtrafbaren Aeltern ſie ihr Daſeyn verdankt. Levi, haſt Du je die Geſchichte einer Lady Page gehoͤrt, welche vor mehreren Jahren durch den Spruch des Geſetzes um's Leben kam?“ „Wegen ihres Mordes an ihrem Ehemann,“ ſagte der Jude;„ſie ward verbrannt. Um ſuͤn⸗ diger Liebe willen zu einem anderen Manne that ſie das Schreckliche an ihrem Herrn.“ „Jener andere Mann war ich,“ ſagte Stand⸗ wich. Der Jude ließ den Stab fallen, den er in ſei⸗ ner Hand hielt, als er dieſe Worte hoͤrte„Ihr?“ rief er aus:„Ihr ſeyd der Jammernswerthe?“ Ja,“ entgegnete der Geaͤchtete,„und Mar⸗ garethe, das Weib Slanning's, iſt die Frucht unſerer Suͤnde“ „Heiliger Vater Abraml“ ſthnte de n Suder ißt ſie alſo verflucht ſchon vom Schooß ihrer Mutter her? Stirb, Mann, und enthuͤlle nimmer Dein Geheimniß, denn ſicher wird es ſie wahn⸗ witzig machen. Iſt ſendoi⸗ i6 in ihrer Unwiſſenheit!“ „Sie iſt mein Kind,“ ſagte Standwich, vund Suͤnder, der ich bin, hege ich doch noch Gefuͤhle, die auch dem roheſten Menſchen eigen bleiben, ja, die ſelbſt im wilden Thier ihre Spuren blicken laſſen. Ich liebe meine Tochter, und will ſie an mein Herz druͤcken, bevor ich ſterbe. Warſt Du jemals Vater, Levi?“ „Ei wohl,“verſetzte der Juden„obwohl ich jetzt ein hochbetagter, verwittweter und kinderloſer Mann bin Ich war einſt Ehemann und Vater. Ruth geſegnete mich mit drei lieblichen Kindern, Zur, Kiſch und Abiſag; und meine Soͤhne waren mir wie die jungen Palmen und die Cedern des Libanon, und meine Tochter glaͤnzte mir, wie das Heiligthum des Tempels. Aber Er, der ſie gab, nahm ſie wieder, und der arme Nachkomme Ja⸗ cobs ward zuruckgelaſſen, um zu trauern, gleich dem Haͤnflinge, der allein ſitzt auf dem Dache des Hauſes. Ich weiß, daß eines Vaters Liebe gewaltig iſt, wie der Tod.“ „Sie iſt's,“ verſetzte Standwich,„und weicht nur dem Tode Lesi, leihe mir Deine Schreib⸗ tafel; ich weiß; Du fuͤhrſt ſie ſtets bei Dir.“ „Zu was Ende?“ fragte der Jude. „Ich will an meine Tochter ſchreiben, und Du ſollſt den Brief uberbringen.“ „Kann ich's thun mit Sicherheit?“ fragte Levi,„iſt keine Gefahr dabei?“ „Keine,“ verſetzte Standwich.„Sagteſt Du nicht vorhin, ihr Gemahl ſey abweſend? Meine Tochter iſt Herrin ihres Thuns. Vielleicht findet ſie Mittel, mich hier zu ſehen.“ „Wahr, wahr,“ ſagte der Jude.„Sir Nicho⸗ las Slanning iſt ausgezogen mit den Kriegsleu⸗ ten. Ich will die Botſchaft ausrichten; aber ſchreibt hurtig, denn ich darf nicht laͤnger ſaͤu⸗ men. Andreas Morton, der, wie es ſcheint, Euch dienſtlich iſt, ſo weit er es mit Sicherheit ſeyn kann, hieß mich eilen.“ „Er hat wohl Urſache, mir dienſtlich zu ſeyn,“ verſetzte Standwich,„denn jetzt, da ich Gefange⸗ ner ſeines Herrn, des Edlen von Fitz bin, koͤnnte ich Dinge von ihm erzaͤhlen, die ihn auf immer verduͤrben“ „Thut's nicht,“ fiel der Jude ein,„denn ohne ihn koͤnnt' ich nimmer zu Euch gelangen. Viel⸗ leicht vermoͤgen wir ihn, Euch ferner nutzlich zu werden; denn ich habe ihm Das gegeben, was nach der Welt Lauf, ſo den Chriſten, wie den Juden, getreu macht: Andreas Morton kann, wie ich ſehe, dem Golde nicht widerſtehen.“ „Das wußt' ich ſchon laͤngſt von ihm,“ ent⸗ gegnete Standwich.„Raſte auf jenem Steinſitze, Levi, waͤhrend ich an Margarethe ſchreibe.“ Der Jude ſetzte ſich, wie ihm angewieſen wor⸗ den war, und Standwich hatte bald ſein Werk vollendet. Er legte die Schreibtafel in Levi's Haͤnde, gab ihm mancherlei Weiſung zu Vorſicht und Behutſamkeit bei Ablieferung des Schrei⸗ bens, und bat ihn, genau auf alle dieſe Einſchär⸗ fungen zu achten. „Deine Worte, Georg Standwich,“ er der Jude,„ſollen nicht auf den Boden fallen. Ich will ſie bewahren in meiner Bruſt, ſo ge⸗ treulich, als es that die Wittwe von Tekoah mit dem weiſen Rathſchlage Joab's, des Heerhaupt⸗ mannes. Gehab' Dich wohl, unglucklicher Mann. Du biſt nicht unter dem Geſetze, doch giebt es Ein Geſetz, und das ſtammt von der Natur her, unter dem alle Menſchen ſtehen; und alle Welt, ſo weit der Vater der Natur erkannt und geprie⸗ ſen wird, giebt zu dies Geſetz. Es iſt das Ge⸗ ſetz, welches lehrt, daß das Erbarmen allein vom Hoͤchſten kommt. Such' es zu erringen, Stand⸗ wich, denn, wahrlich! Du bedarſſt deſſen; groß ſind die Suͤnden, die auf Deiner Seele haften.“ Nachdem der Jude dieſen heilſamen Rath ge⸗ geben hatte, machte er das verabredete Zeichen, um anzukuͤndigen, daß er aus dem Verließe ge⸗ laſſen ſeyn wollte. Mit einem ſchweigenden Lebe⸗ 112 wohl, das er durch ein Winken mit der Hand ausdruckte, uberließ er den elenden und ſuͤndigen Georg Standwich deſſen eigenen— Be⸗ S Serhstes Capitel. „O vergieb mir meine Suͤnden! Der da ſtirbt zahlt alle Schuld.“ * Shakſpeare. Jedes Jahrhundert hat ſeine Thorheiten, und es iſt wohl bekannt, daß zu der Koͤnigin Eliſabeth Zeit viele verſtaͤndige, gelehrte und fromme Leute ſich ſowohl dem Glauben an judiciale Aſtrologie, ſowie dem Auffinden des Steines der Weiſen hin⸗ gaben. Der beruͤhmte Doctor Dee, der einen Folianten uͤber Das ſchrieb, was er„Geiſterver⸗ kehr“ nannte, fand ebenſo viele ihn bewundernde Proſelyten und Anhaͤnger, als heut zu Tage ein Fitz of Fitz⸗Ford. III. 8 Gall oder Spurzheim: ſo muͤſſen die Sonder⸗ barkeiten und Thorheiten des alten Sir Hugo Fitz, von denen wir unſern Leſern in fruͤheren Capiteln dieſes Werkes Bericht abzuſtatten hat⸗ ten, mehr dem Jahrhundert, in welchem derſelbe lebte, als ſeinem naturlichen Verſtande zugeſchrie⸗ ben werden; indem Hugo in allen Dingen, außer in denen, die das Reſultat der von ihm ange⸗ nommenen Vorurtheile waren, ſich als ein Mann von klaren Einſichten und moraliſchen und reli⸗ gioͤſen Grundſaͤtzen erwies. Jetzt jedoch, indem wir zur Zeit des Vor⸗ ſprungs, den unſere Erzaͤhlung hat nehmen muͤſ⸗ ſen, zu dem alten Ritter zuruckkehren, ſchien deſ⸗ ſen Thorheit von demſelben vor jenem ernſten Zeitpuncte geflohen zu ſeyn, der oft Weisheit lehrt, wo nichts Anderes ſolches zu thnn vermag vor dem Zeitpuncte des herannahenden Todes naͤmlich. Durch die Kunde von dem vermeinten Hinſcheiden ſeines Sohnes, einem Ergebniſſe, von welchein er die Urſache ſich ſelber beimaß, hatte der gute alte Hugo, wie wir es bereits berichte⸗ ten, an Koͤrper und Geiſt einen heftigen Stoß 115 W erlitten, von welchem er ſich nimmer ganz wieder o erholtez und es iſt wohl nicht zu bezweifeln, daß n der plotzliche Uebergang von Kummer zur Freude, als er die Wiederkehr ſeines Sohnes vernahm, e nur allzu ſehr zu Beſchleunigung ſeines Endes ⸗ hinwirkte. Sir Hugo lag iett auf ſeinem Bette, Haupt ⸗ und Arme durch Kiſſen unterſtutzt, allwo er ſchwer n athmete, und dann und wann den matten Blick i⸗ gen Himmel richtete. Der Schweiß des Todes hing an ſeiner Stirn, die von Zeit zu Zeit durch r⸗ die fromme Sorgfalt jenes geliebten Sohnes ab⸗ ſ⸗ gewiſcht ward; der mit einem Geſichte voll Be⸗ ſ⸗ kuͤmmerniß am Lager ſtand⸗ en Lady Fitz war nicht anweſend, denn ieſe it Dame gehoͤrte zu jenen Perſonen, deren verfei⸗ nertes Gefuͤhl, ſtets auf Schonung ſeiner ſelbſt es bedacht, nicht Theil an den Gefuͤhlen eines Ster⸗ en benden zu nehmen vermag, und die deswegen on den Anblick des Todes nicht ertragen koͤnnen. tte So war Lady Fitz von dem vieljaͤhrigen Theil⸗ te⸗ nehmer ihres Wohls und Wehes geflohen, waͤh⸗ rend deſſen Lebensfunke noch glimmte, bevor er 116 gaͤnzlich erloſch; und ohne die kindliche Liebe John's wuͤrde das Todtenbett Sir Hugo's der Fuͤrſorge der Dienerſchaft und jenes puritaniſchen Prieſters uͤberlaſſen geblieben ſeyn, der waͤhrend der letzteren Lebensjahre Sir Hugo's beſondere Gnade vor den Augen des alten Ritters funden hatte. Der Puritanerprieſter war, ungeachtet der fa⸗ natiſchen Umſtaͤndlichkeit ſeiner Secte, ein wohl⸗ wollender Mann. In der Hand das Buch des Lebens, in den Augen Thraͤnen der Theilnahme, war er jetzt bemuͤht, die Seele des Abſcheidenden durch troͤſtende Hoffnungen auſzurichten. In ei⸗ nem Winkel des verdunkelten Gemaches, denn die Fenſter deſſelben waren großtentheils behangen, ſaß die alte Haushälterin, die jetzt die Kranken⸗ waͤrterin ihres Gebieters abgab. Sie theilte ihre Aufmerkſamkeit zwiſchen der Sorgfalt, die ſie auf das Kochen eines Traͤnkchens in einem Toͤpfchen auf dem Caminfeuer fuͤr ihren Kranken richtete, falls er leben ſollte, und dem Achtgeben auf die Zeigerhand einer altmodiſchen Schlaguhr, die neben dem Camine hing und ſo hell und klar — ð— 8„ M 17 pickte, als ob ſie eine Stimme der Zeit waͤre, welche deutlich dem Sterbenden jeden Moment bis zu deſſen letztem Athemzuge vorzuzaͤhlen ſchien. Welche Lehre mag man in einem Sterbege⸗ mache gewinnen! Dort nehmen alle Dinge eine veraͤnderte Bedeutung anz und gleichſam wie durch die vermeinte Gewalt der Alchymie, wird das ſchlechteſte Metall zu Golde; denn der Tod, ſo haͤßlich und widerlich er an ſich ſelbſt iſt, ſtellt allweg die Wahrheit in ihr rechtes Licht. Im Gemach eines Sterbenden iſt der Reichthum ohne Werth, denn er vermag nichts zu kaufen, als ein Grab, um wenige zerfallende Gebeine darin zu verbergen. Der Rang ſinkt zu Nichts hinab, denn er, der ihn ſein nannte, iſt auserſehen, ein Fraß der Wuͤrmer zu werden; Schoͤnheit ver⸗ welkt und Wiſſen faͤhrt entſetzt vor den Geheim⸗ niſſen der Gruft zuruͤck; während Prachtgewaͤn⸗ der und Gemacher voll Licht und Glanz ſich zu Grabtuͤchern, Gruftgewolb' und Dunkelheit aus⸗ wechſeln. Wer kann auf ſolches Schauſpiel blik⸗ ken, ohne daß ſein Gemuth erſchuttert werde, und in ſeiner innerſten Seele ihm die Fluͤſterworte laut wurden:„Menſch, wer Du auch ſeyſt, und wie Du auch im Stolze der Geſundheit und Ju⸗ gend Dich erfreueſt: nicht lange wird es waͤhren, ſo wird dieſes Schauſpiel ſich an Dir und mit Dir wiederholen. Erkenne alſo des Lebens Nich⸗ tigkeit; bereite Dich zum Sterben!“ Mit ſolchen Empfindungen und Vorſtellungen ſtand der liebende Sohn des Edlen von Fitz dem Vater in deſſen letzten Lebensaugenblicken bei. Er kniete an dem Lager des Sterbenden, um deſſen Scheideſegen zu empfangen, beugte dann ſich wieder uͤber denſelben, im Bemuͤhen, irgend einen Schmerz des ſcheidenden Lebens zu ſaͤnftigen, und horchte mit banger Aufmerkſamkeit, wobei er ſelbſt kaum Athem holte, damit ihm nicht das leiſeſte Wort entgehen moͤchte, das der Sterbende mit groͤßter Anſtrengung etwa W aͤußerte. Als der Prieſter das Gebet geendigt hatte, ſchien Sir Hugo, durch die Innigkeit, womit er daſſelbe im Geiſte nachgeſprochen hatte, wirklich erſchoͤpft zu ſeyn, ſo daß er einige Minuten lang wie geſtorben da lag; doch erholte er ſich wieder, 119 ſtreckte die Hand aus und begehrte mit ſchwacher und hohlklingender Stimme nach ſeinem Sohne. „Ich bin hier, mein Vatet,“ ſagte John Fitz, als er dem Vater Stirn und Schlaͤfen trocknete, ſich ſelbſt die Thraͤnen abwiſchte und ſich bemu⸗ hete, feſten Tones zu ſprechen, um den Sterben⸗ den nicht durch wehmuͤthiges Weſen noch mehr zu aͤngſtigen.„Ich bin bei Euch, Vater, und harre Eures Gebotes in dieſen duͤſtern Momen⸗ ten mit mehr Gehorſam, als ich es jemals wah⸗ rend der Zeit Eurer Geſundheit that. Was be⸗ gehrt Ihr, das geſchehen ſoll? Jedes Eurer Worte iſt mir heilig.“ „Nichts, nichts, John Fitz,“ verſetzte der ſchwache Greis, als bb er es vergeſſen haͤtte, wes⸗ halb er den Sohn gerufen hatte.„Ich wollte nichts, als Dich bitten, mir zu vergeben“ „Ich Euch vergeben, mein Vater?“ entgeg⸗ nete der Sohn:„O waͤre ich nur Eurem Rathe gefolgt, ſo wuͤrde ich jetzt glucklich ſeyn; wuͤrde nicht Der ſeyn, der ich bin⸗ Doch weg damitz mein groͤßter Kummer iſt jetzt, zu bedenken, wie wenig gehorſam ich Euch war, wie ſehr ich jungſt⸗ 120 her Eure Geſellſchaft vernachlaͤſſigte. Ich fuͤhle den Werth derſelben jetzt, da ich am Rande ſtehe, ſie einzubuͤßen. Mein theurer Vater, moͤchtet Ihr mir nur vergeben!“ „Ich habe Dir nichts zu verzeihen,“ ſagte der ſterbende Greis, indem er des Sohnes Hand faßte. Mit dem Ausdrucke hochſten Ernſtes im Angeſichte, ſetzte er dann hinzu:„Ich ward Ur⸗ ſache großer Bekummerniß für Dich, mein theu⸗ rer Sohn; allein Gott, dem ich von jeder Hand⸗ lung meines Lebens Rechenſchaft ablegen muß, weiß, daß ich, was ich that, in der beſten Ab⸗ ſicht that. Ich moͤchte mehr ſagen, allein der Athem gebricht mir. Doch hore mich. Verſchließe feſt in Dein Herz die letzte Warnung eines Va⸗ ters. O mein Sohn, ein boͤſer Einfluß der Ge⸗ ſtirne waltete zur Stunde S Seburt; moͤge Gott es abwenden, aber— Obwohl John Fitz ſah, daß ſein Vater ſelbſt im Tode nicht von ſeinen Vorurtheilen abließ, und obwohl dieſelben ihm ſtets thoricht bedunkt hatten, ſo beſaß er doch zuviel Herzensguͤte, um die letzten Anmahnungen ſeines Erzeugers, aus 121 welchen Gruͤnden dieſer ſie auch ertheilen mochte, gering zu achten. Er verſprach demnach mit ern⸗ ſter Aufmerkſamkeit Das anzuhoͤren, was Sir Hugo ihm mitzutheilen mit großer Anſtrengung bemuͤht war. „Mein Sohn,“ fuhr der Greis fort,„auf mei⸗ ner Seele laſtet ein Geheimniß, ſchwer wie die Hand des Todes ſelbſt. Ich mochte allein mit Dir reden; ich werde nicht eher ſterben koͤnnen—“ John Fitz blickte auf den Prieſter, als ob er ſagen wollte:„Laßt mich mit meinem Vater al⸗ lein.“ Jedoch der Puritaner, der der Meinung war, es kaͤme ihm zu, ſich in's Mittel zu legen, ſprach zu dem Sterbenden:„Wenn in dem, was Ihr zu ſagen habt, mein Bruder, etwas von Suͤnde enthalten iſt, ſo duͤrfte es gerathener ſeyn, daß ich zugegen bliebe. Ich ſage das nicht, um meine Neugier zu befriedigen, ſondern ich ſpreche alſo um Euretwillen; denn es kann ſeyn, daß der Geiſt des alten Adam in Euch noch ſchwer mit dem des neuen Menſchen ringt, und daß meine prieſterliche Ermahnung, obwohl ich nur einer der niedrigſten Diener Gottes bin, Euch da⸗ 122 zu verhelfen koͤnne, die dunkle Wolke hinwegzu⸗ ſcheuchen, die ſich vor Eurem Scheideblick, gleich⸗ wie die Wolke vor dem Tabernakel, lagerte, ſo daß ſie Finſterniß war dem gottloſen Pharao und ſeinem Heere; denn alſo auch bethoͤrt uns die Finſterniß der Suͤnde, uns, die wir durch die Wildniſſe dieſes Pilgerlebens wandern. Soll ich bleiben, werther Sir Bugo⸗ um⸗, und zu ermahnen?“ „Nein, nein, frommer Mann,“ entgegnete John Fit,„zieht Euch zuruͤck, nur fuͤr wenige Minuten, und nur an das andete Ende des Ge⸗ maches denn meines Vaters Stimme iſt zu ſchwach, daß Ihr dort nichts von ſeinen Worten vernehmen werdet. Er will allein mit mir reden“ Der Prieſter entfernte ſich von dem Bett und ſchritt zu der Haushalterin, mit der er ſeinerſeits ein Fluͤſtergeſpräch anknupfte, wohei Letztere auf den Zeiger der Uhr hinwies, als ob dieſer den Gegenſtand ihrer unterhaltung abgähe. John Fitz unterſtuͤtzte den Vater mit ſeinen Armen, und des Greiſes Haupt ruhete an der 123 Bruſt des Sohnes.„John,“ ſprach er,„mein theurer Sohn, ſo lange ich lebte, furchtete ich mich, Dir das zu ſagen, was ich in meinen letzten Au⸗ genblicken Dir enthuͤlle; denn es darf nicht als ein Geheimniß mit mir in die Grube fahren. Bei Deiner Geburt waltete ein feindſeliger Einfluß der Geſtirne, der mir vorherkuͤndete, Du wuͤrdeſt ein entſetzliches und gewaltſam herbeigefuͤhrtes Ende nehmen. Du biſt von heißem Tempera⸗ mente und leicht zum Streite gereizt.— Ver⸗ ſprich mir, bevor ich den Geiſt aufgebe, daß Du Dich ſcheuen willſt, im Hader das Schwert zu ziehen— verſprich mir das, und ich will ruhig ſterben.“ Sir Hugo ſprach dieſe Worte mit ſo großer Anſtrengung und in ſo leiſem Tone, daß John nur durch die geſchaͤrfteſte Aufmerkſamkeit die hohe Wichtigkeit derſelben faſſen konnte. Er that dies jedoch, und verſetzte im Tone heftiger Be⸗ wegung;„Ich verſprech' es Euch, mein theurer Vater.“ Der alte Ritter empfing dieſe Aeußerung des 124 Gehorſams gegen ſeine letzte Anmahnung mit leb⸗ hafter Freude, denn fuͤr einen Augenblick glaͤnzte ſein Auge, und das Laͤmpchen des Lebens ſchien noch Einmal bei ihm aufzuflammen, bevor es fuͤr immer verloſchte. Mit deutlicher Stimme ſprach er die Worte:„Gott ſegne Dich, mein Sohn!“ Allein im naͤchſten Augenblicke war das Leuchten ſeines Antlitzes verſchwunden, und die Furchen des Todes gruben ſich in jeden ſeiner Zuͤge. Er ſank in eine Ohnmacht zuruͤck, aus welcher er nicht wieder erwachte. Seinem letzten Willen zufolge ward wenige Tage nach ſeinem Hinſcheiden ſein Leichnam dem Familiengewoͤlbe in der Kirche zu Taviſtock uber⸗ antwortet, in welcher das Monument Derer von Fitz noch heutiges Tages zu ſehen iſt. Der liebevolle Sohn nahm Theil an den letz⸗ ten Ehren, die ſeinem Vater gezollt wurden, und kehrte dann aus der„Behauſung der Aſche und des Staubes“ mit der kleinen Schaar von Leid⸗ tragenden(denn Sir Hugo hatte angeordnet, ſo einfach als irgend ſein Stand es geſtattete, beer⸗ 125 digt zu werden) nach Fitz⸗Ford zuruͤck, von welchem Stammhauſe und deſſen weitlaͤuftigen Grundſtuͤcken er jetzt der alleinige und trauernde Erbe geworden war. Siebentes Capitel. Die Brucke—z u Lidford. „Wie von der Schwindelhoͤh' in naͤcht'gen Tiefen Hinab der Blick auf dunkle Waſſer ſchau't, Die nimmer noch in ihrem Brauſen ſchliofen, Daß d'rob dem Wand'rer auf der Bruͤcke grau't So ſchauet unſer geiſtig Aug' mit Bangen Auf dunkler Zukunft dichten Schleier hin; Wie wir auch hofften, ahnten, forſchten, rangen, Iſt Allen doch zuletzt nur Tod Gewinn!“ Edward A. Bray. Zuruͤckgekehrt in das Vaterhaus, aus welchem ſich die Mutter ſchon vor dem Tage der Beerdi⸗ gung zu irgend einer benachbarten Freundin be⸗ geben hatte, um dort ihrer wankenden Geſund⸗ heit zu Huͤlfe zu kommen, konnte der Erbe von 127 Fitz die Todtenſtille, die in der gleichſam veroͤde⸗ ten Wohnung herrſchte, nicht ertragen⸗ Er wik⸗ kelte ſich in ſeinen Mantel, ſchwang ſich auf ſein Pferd, und ritt, nur von Andreas Morton, der, nachdem er der Leichenfeier beigewohnt hatte, zu ſeinem Dienſtamte zuruͤck mußte, begleitet, lang⸗ ſam dem Caſtell von Lidford zu. Als John Fitz der Brucke dieſes Ortes nahe war, ſaß er ab, hieß ſeinen Diener das Pferd zu Stalle fuͤhren, und ſchuͤtzte einen Spaziergang durch die Thalebene vor, ehe er ſein einſames Wohnhaus zu Lidford aufſuchen wuͤrde.— John Fitz begehrte allein zu ſeyn, um inmitten der wil⸗ den Erhabenheit der Landſchaft, die ihn ws ſeinen Gruͤbeleien nachzuhangen⸗ Er ſtand ſtill auf der Bruͤcke von Lidford, deren einziger, kuͤhner Bogen ſich von einer zur anderen Seite einer tiefen und fürchterlichen Kluft ſchweift, die durch irgend eine heftige Naturer⸗ ſchutterung entſtanden ſeyn mag⸗ In dieſe Tiefe hinabzublicken, iſt entſetzlich Anfaͤnglich erſcheint drrunten Alles dunkel, allein je länger das Auge uͤber dem Abgrunde weilt; deſto mehr nimmt die Finſterniß ab, bis man endlich ſieht, wie die Fluth uͤber ihr duͤſteres und ſchmales Bett hinbrauſet. Die geſpaltenen Felſen dieſer Kluft zeigen ſich mit Moos und Strauchwerk bedeckt, und hie und da ſieht man die nackten, ſich anklammernden Wurzeln etlicher alter Baͤume, die aus den rau⸗ hen Bergſpalten hervorragen. Das Auge haftet wie angebannt an dem Schlunde, und das Ohr lauſcht, um das dumpfe Sauſen der Waſſer auf⸗ zufangen, die fremd jeder menſchlichen Annaͤhe⸗ rung tief unten zwiſchen dem Felsgeſtein hin⸗ plaͤtſchern. John Fitz ſtierte hinunter in den Abgrund und ſchauderte vor ſeinen eigenen Gedanken, als irgend ein geheimes, unzuerklaͤrendes Gefuhl je⸗ nen Wunſch in ihm anregte, den ſeitdem ein neuerer Dichter in den trefflichen Worten„ein grauſer Wunſch ſich in die Kluft zu ſtuͤrzen“ aus⸗ ſprach. Das melancholiſche Gemuͤth findet in jeg⸗ lichem Gegenſtande Nahrungsſtoff. Inmitten der Luſt wird die Gewalt des Contraſtes daſſelbe mit ſchmerzlichen Gefuͤhlen uͤberſaͤttigen. Weilt es in einer Wildniß, ſo wird die Oede rings umher 129 ihm zu einem Bilde ſeiner eigenen Hoffnungen. Schau't es auf die Fuͤlle der Natur, ſo hat je⸗ der Gegenſtand eine Zunge, die in Accenten des Einklanges und der Theilnahme zu ſolchem be⸗ klagenswerthen Gemuͤthe ſpricht. John Fitz wanderte den rauhen Pfad entlang, der zum Waſſerfalle leitet. Dieſer fuͤhrte durch eine ſteil liegende Waldgegend, von wo aus man fernhin den Thurm und das Caſtell von Lidford liegen ſah, zu welchem Bilde die fernen Hoͤhen von Dartmoor den Hintergrund abgeben. So gelangte er in die Ebene, durch die der Lidfluß romantiſch dahin ſtroͤmt. Als er ein Weilchen am Flußrande hingeſchritten war, mußte er um einen Felsvorſprung biegen, und hatte nun ploͤtz⸗ lich den brauſenden Waſſerfall vor ſich, wie der⸗ ſelbe uͤber ſchwarze Felsmaſſen in ewigem Schau⸗ me herunterſtuͤrzt. Felswand, Waſſer, Schaum, Waldbruch, wildes Geſtraͤuch bilden hier mit ein⸗ ander eine ſo tiefe Einſamkeit, daß der Eremit der Natur hier ſich die Zelle erbauen und jene geſchaͤftige Welt vergeſſen moͤgte, von der er ſo gaͤnzlich ausgeſchloſſen iſt. Fitz of Fitz⸗Ford. III. 9. An dieſer Stelle pflegte John Fitz oft ſich je⸗ ner Schwermuth hinzugeben, die, ſeitdem ſeine fruͤhen Hoffnungen ſo bitter getaͤuſcht wurden, ſich an ſeine Seele geklammert hatte. Im Anblick des ſchauerlichen Naturſchauſpiels, das ſich ihm hier darbot, verloren, gedachte John Fitz ſeines Vaters und Margarethens, die Beide fuͤr ihn geſtorben waren; und immer lebhafter ward ihm die duſtere Ueberzeugung, daß fur ſolche Verluſte dieſe Welt keinen Troſt bieten kann. Die Sonne ſank hinab, und als John Fitz ſo ſeinen Traͤumen und Gruͤbeleien nachgehangen hatte, ſchritt er, waͤhrend die fernen Hoͤhen ſich im Scheine des untergehenden Tagsgeſtirnes roͤthe⸗ ten, ſeinem einſamen Hauſe in Lidford zu. Durch eine Hinterthuͤr in der Gartenmauer gelangte er in das ſtille Gemach, das er zu bewohnen pfleg⸗ te, als kaum daſelbſt eingetroffen, ſein Diener Andreas Morton, der ſeiner ſchon geharrt zu ha⸗ ben ſchien, zu ihm eintrat und ihm meldete, wie ein Bote ungeduldig nach ihm gefragt haͤtte, und noch wartete, um ihm ein Schreiben von Wich⸗ tigkeit in eigene Haͤnde zu uͤbergeben. 131 Der Bote ward vorgelaſſen, beugte ein Knie vor dem Gouverneur von Lidford, oͤffnete jedoch nicht eher den Mund zur Rede, als bis Andreas Morton, von dem er hereingefuͤhrt worden war, das Gemach wieder verlaſſen hatte. Dann erhob er ſich, zog das Schreiben aus ſeinem Buſen und uͤberreichte es, indem er ſagte:„Ich brachte dies nach Fitz⸗Ford, allein Euer Geſtrengen Pfoͤrtner ſagte mir am Thor des Hauſes, daß Ihr Euch hieher gewendet haͤttet. So ritt ich denn hieher, indem ich beauftragt ward, mit der größten Heimlichkeit und Eile dies in Eure eige⸗ nen Haͤnde zu uͤbergeben. Ich habe das Gebot meiner Herrin erfullt, und harre Eurer Befehle, bevor ich zu ihr zuruͤckkehre.“ „Und wer iſt Eure Herrin, junger Jagers⸗ mann?“ fragte Fitz, indem er das verſiegelte Schreiben aus der Hand des Boten nahm. „Lady Slanning,“ war die Antwort,„und Euer Geſtrengen wird ſich meiner wohl erinnern. War ich doch Leibknabe bei der Miß Margarethe manches Jahr, und kam mit ihr aus Frankreich, als ſie ſich nach England begab.“ 9 132 Der letztere Theil dieſer Rede ward kaum von John Fitz verſtanden; denn in dem Augenblick, in welchem er hoͤrte, das Schreiben kaͤme von Lady Slanning, uͤberlief ihn einer jener kalten Schauer, die er jedesmal zu fuͤhlen pflegte, ſo oft Margarethens Name plötzlich und unerwartet ge⸗ nannt ward. Dazu uͤberraſchte es ihn nicht wenig, daß ſie ſo geheimnißvoll ein Schreiben an ihn hatte abgehen laſſen. Eine ſeltſame Ahnung von irgend etwas Außerordentlichem ergriff ihn; je⸗ doch, um ſeine heftige Bewegung nicht dem Bo⸗ ten zu verrathen, zog er ſich in ein anſtoßendes Cabinet zuruͤck, wo er mit zitternder Hand das Siegel des empfangenen Briefes brach. Allein welche Sprache ſpricht ſeine Empfindungen aus, als das Erſte, was er erblickte, jener Ring war, den er Margarethen an dem Abende gab, an welchem er Abſchied von ihr nahm, bevor er nach Flandern ziehen mußte! Nachdem er mit unbe⸗ ſchreiblichen Gefuͤhlen ein Weilchen das Kleinod angeſtarrt hatte, las er Folgendes: „Sir John Fitz— ich ſende Euch mit dieſem Schreiben ein Andenken, das Ihr, wie Ihr Euch 133 deß wohl erinnern werdet, mir zu einer Zeit gabt, deren ich jetzt nicht gedenken will. Das Geluͤbde, das ſich mit dieſem Andenken verknůͤpfte, macht mich ſo kuhn, die Erfuͤllung deſſelben von Euch zu erbitten, inſofern ich, als es Gott gefaͤllt, ſol⸗ cher Erfullung dringend bedarf. In des Hoͤchſten Namen verſpracht Ihr mir, daß, in welchen Le⸗ bensverhältniſſen ich durch die wechſelnden Bege⸗ benheiten dieſer Welt mich befinden moͤgte, und ich in der Stunde der Bedraͤngniß des Dienſtes eines Freundes beduͤrfte, ich Euch nur dieſen Ring zu ſchicken brauchte, und Ihr wuͤrdet ſofort ſol⸗ chem Auftufe Folge leiſten und zu mir eilen. Nun iſt aber meine Bekuͤmmerniß zu ſolcher Rieſenhoͤhe angewachſen, daß ich durch zuverlaͤſſige Hand Euch jenes Angedenken ſchicke, und des Ferneren Euch anflehe, mich ſo ſchleunig als moͤglich in meinem armen Hauſe zu ſprechen. Da die Sache von Wichtigkeit iſt, und ohne Gefahr ſich nicht wohl von ihr reden laͤßt, ſo bitte ich Euch, ſo geheim als moͤglich zu kommen, auch nur einen einzigen Begleiter, und zwar ſolchen, dem Ihr wohl ver⸗ trauen moͤget, mitzunehmen.“ 134 „Indem ich Euch dem Schutze Gottes anem⸗ pfehle und dieſe Angelegenheit an Euer edles Herz lege, nenne ich mich Eure betruͤbte Freundin, Margarethe Slanning. Aus meinem armen Hauſe zu Holwel, bei Taviſtock, am Tage des***, A. D. 1586.“ Das Erſtaunen des Erben von Fitz, als er dieſe Zeilen geleſen hatte, kann man ſich leichter vorſtellen, als beſchreiben. Bei alldem verlor er keine Zeit, daſſelbe zu beantworten. Er ſchrieb, zerriß mehrere Blaͤtter, und beſchloß endlich, fol⸗ gende Antwort abgehen zu laſſen: „Mylady Margarethe“— Fitz konnte es nicht uber ſich gewinnen, die Worte„Mylady Slan⸗ ning“ zu ſchreiben: „Ich habe Brief und Angedenken von Euch richtig empfangen, und eingeſtehe und anerkenne das Recht, welches Ihr durch Letzteres auf mich habt. Ich bin ſo eben erſt nach Lidford zuruͤck⸗ gekehrt; nichts deſto weniger will ich keinen Au⸗ genblick Zeit mehr verlieren, als noͤthig iſt, mei⸗ 135 nen ſchnellſten Renner ſatteln zu laſſen, um Eurer Aufforderung Genuͤge zu leiſten. Ich nehme nur einen vertrauten Begleiter mit, und werde ſo ge⸗ heim als moͤglich zu Euch kommen. Damit dies um ſo ſicherer geſchehen moͤge, bitte ich Euch, mir durch den Bringer dieſes den Eingang zu Hol⸗ wel oͤffnen zu laſſen, der in das Gehoͤlz fuͤhrt. Ich kenne die Gegend dort von fruherer Zeit her genau, und wahrlich! dieſe Zuſammenkunft iſt kein Gegenſtand fuͤr das Geſchwaͤtz der Welt. „Indem ich Euch, Mylady Margarethe, dem Schutze des Allerhochſten anempfehle, nenne ich mich Euren tiefbekuͤmmerten John Fitz.“ „Aus meinem Hauſe zu Lidford, am Tage des***, A. D. 1586.“ Fitz ſiegelte haſtig dieſes Schreiben, und ent⸗ ließ den Boten mit demſelben. Dann erhielt An⸗ dreas Morton im Cabinette den Befehl, zwei Pferde zu ſatteln und ihn zu begleiten, indem er in einer Angelegenheit ausreiten muͤßte, die kei⸗ nen Aufſchub litte. Fitz war unvorſichtig genug, mit einer Miene von Niedergeſchlagenheit und 136 Verwirrung dem Diener die Mittheilung zu ma⸗ chen, daß es nach Holwel ginge, um in wichtiger Sache eine geheime Unterredung mit Lady Slan⸗ ning zu haben; wobei er ihm jedoch ſtreng anbe⸗ fahl, gegen Jeden das tieſſte Schweigen hieruber zu beobachten, auch ihm einſchaͤrfte, im nahen Walde die Pferde ſo lange zu halten, bis er, naͤmlich der Gebieter, von Holwel zuruͤckkommen wuͤrde. Andreas Morton verſprach allen dieſen Wei⸗ ſungen puͤnctlich Folge zu leiſten. Da Andreas jedoch, wie der Leſer ihn bereits kennt, ein nie⸗ driger, neugieriger und verrätheriſcher Dienſtknecht war, ſo ermangelte er nicht, jeden kleinſten Um⸗ ſtand in dem Benehmen und Reden ſeines Herrn zu erlauern, und dieſe Wahrnehmungen in ſei⸗ nem Gedaͤchtniſſe aufzuſpeichern, um, im Fall er fruͤher oder ſpaͤter Nutzen fur ſich daraus ziehen koͤnnte, den noͤthigen Gebrauch davon zu machen. Sein ſpaͤhender Blick gewahrte demnach auch den koſtlichen Ring am Finger des Gebieters, als die⸗ ſer den Reithandſchuh anzog. Morton hatte nie zuvor dieſen. Ring an der Hand ſeines Herrn ge⸗ — 137— ſehen; er wußte auch gewiß, daß dieſer denſelben noch nicht hatte, als er von der Leichenfeier zu⸗ ruͤckkehrte, und folgerte daher in ſeiner Schlauheit ganz richtig, daß Ring und eben eingelaufenes Schreiben mit einander in genauer Verbindung ſtänden. Achtes Capitel. „Wolluſt und Rache haben für jegliche wahr⸗ hafte Unterſcheidung ein tauberes Ohr, als die 7 Natter haben kann.“ Shakſpeare. Oft wenn der Menſch das lebhafteſte Verlangen tragt, klug und vorſichtig zu handeln, und ſich unnoͤthige Muhe giebt, ſein Thun geheim zu hal⸗ ten, geſchieht es, daß irgend ein Umſtand ſich er⸗ eignet, der all ſeine Bemuͤhungen zunicht macht. So ging es jetzt dem Erben von Fitz, der wirk⸗ lich ein Mann von Ehre war, und nur in ehren⸗ werther Abſicht dem Aufrufe der Lady Slanning folgte. Haͤtte er ſich dabei begnuͤgt, keck und auf 139 geradem Wege in Holwel einzureiten, ſo wurde er aller Wahrſcheinlichkeit nach jeder Beobachtung entgangen ſeyn. Es war Abend, und als John Fitz uber ei⸗ nen Huͤgelrucken ritt, der zu dem Park leitete, durch welchen er ſich nach Holwel begab, bemerkte er eine von ſechs Pferden gezogene Kutſche— ein Ding, das zur Zeit unſerer Geſchichte ein Lurus⸗ gegenſtand erſten Ranges war. Dieſes Fuhrwerk, wußte er, gehoͤrte der reichen Lady Howard, und hatte, mit ſeinen daſſelbe ſtets geleitenden Die⸗ nern zu Fuß und Roß, nicht blos Neid in man⸗ cher Dame Bruſt erregt, ſondern ließ auch, wo es durchfuhr, die Bewohner mit eben der Neu⸗ gier, mit welcher es heut zu Tage zu geſchehen pflegt, wenn ein Dampfwagen ſich blicken laͤßt, an Thuͤren und Fenſter rennen. Wie hoch geprieſen Lady Howard's Kutſche nun auch ſeyn mochte, ſo war dieſelbe doch, nach heutigem Geſchmacke zu urtheilen, ein plumpes, unfoͤrmliches, ſchwerfaͤlliges Geruͤſt, ein mit un⸗ zaͤhlig vielen meſſingenen Naͤgeln beſchlagener Le⸗ derkaſten, der ſich zweier Vorder⸗, zweier Hinter⸗ und zweimal dreier Seiten⸗Fenſter ruͤhmte, auf vier Raͤdern rollte, und auf ſeiner Bedachung, einem heutigen Leichenwagen nicht unaͤhnlich, vier Kugeln wies. Auf den beiden vorderen Pferden ſaß der erſte, auf den beiden hinteren der zweite Poſtillion, welcher Letztere eine lange Peitſche ſchwang, mit der er die vier Vorpferde und bei⸗ laͤufig auch, wenn es ihm ſo beliebte, ſeinen Amts⸗ bruder begruͤßen konnte. Die ſchoͤne Herrin dieſes Raͤderhauſes hatte ſich daſſelbe erſt ſeit Kurzem von London her an⸗ geſchafft, und probirte daſſelbe an dieſem Abend in der Naͤhe ihrer Wohnung auf beſagtem Huͤgel⸗ rucken, bevor ſie damit eine vorhabende Reiſe von Belang, naͤmlich nach der guten Stadt Plymouth, wagen wollte. So kam es denn, daß ſie außer den Poſtillionen oder Reitknechten diesmal nur zwei Lakeien zur Begleitung hatte, da ſie ſonſt deren mindeſtens ſechs zu haben pflegte. In dem Augenblicke, in welchem John Fitz ſich an der Stelle des Hugelruckens befand, von wo aus der Weg in das Gehoͤlz von Holwel lei⸗ tet, traf er mit der Kutſche und deren Inhaberin zuſammen. Doch muͤſſen wir bemerken, daß John Fitz, noch ehe die Annaherung derſelben ſich durch das Rollen des Wagens kund gab, von der Naͤhe der Lady Howard unterrichtet ward, und zwar durch den Anblick ihres ihm wohlbekannten Fang⸗ hundes, vor dem der Gaul des Gouverneurs von Lidford ſchier ſcheu werden wollte, eines Hundes, der ſeine Herrin auf allen ihren Fahrten und Zugen begleitete, und dem ſie wegen ſeiner Tuͤch⸗ tigkeit auf der Jagd den Namen Rothfang gege⸗ ben hatte. Rothfang gehoͤrte zu jenen Fanghunden, deren Gattung jetzt in England faſt erloſchen iſt, die aber zur Zeit unſerer Erzaͤhlung faſt auf jedem Edelhofe des Landes anzutreffen waren.— Ihr Inſtinct, Blut zu wittern, war ſo außerordent⸗ lich, daß, wenn ſich auch keine Spur von Blut am Boden befand, doch dieſe Thiere mittelſt ih⸗ res Geruches dem verwundeten Jagbgegenſtande bis in deſſen verborgenſte Schlupfwinkel nachzu⸗ ſpuͤren wußten. Dieſe Thiere, die nach dieſem ihren Inſtinctvermoͤgen auch wohl Bluthunde ge⸗ nannt wurden, waren groß, derb und muskelſtark. 142 Rothfang war einer der Ausgezeichnetſten ſei⸗ nes Geſchlechtes, denen von ihren Eignern nicht ſelten zu dem Hundenamen noch der des Beſiz⸗ zers beigegeben ward, und Lady Howard, ſtolz auf jede Auszeichnung, die ſich von ihrem Hauſe herleiten ließ, ſprach oft ſelbſt von ihrem Lieb⸗ linge unter dem Namen„Rothfang Howard.“ Rothfang Howard war von rieſigem Hunde⸗ gliederbau, ſein Geſicht blickte, mit einem ſchwar⸗ zen Fleck uͤber jedem Auge, wild und ernſt; er hatte lange Ohren, einen ſchweren Wanſt, einen grauen Ruͤcken und eine ſandige, ziemlich dem Roͤthlichen ſich naͤhernde Bauchfarbe. Als der Liebling ſeiner Herrin, war er der Schrecken der Wilddiebe, der Bettler und eines Jeden, der ſei⸗ ner Gebieterin oder deren Eigenthum hätte zu nahe kommen moͤgen; und wirklich fehlte es nicht an Leuten, welche erzaͤhlten, die Lady ließe ſich haupt⸗ ſaͤchlich deswegen von ihrem Hunde begleiten, um ſich Bettler und Bittende vom Leibe und von ihrer Boͤrſe zu halten; denn wie reich und prunkend Lady Howard auch ſeyn mogte, ſo war ſie doch von Natur knauſerig, und gehoͤrte in der That zu jenen Weibern, die an Wahrſagerinnen, Zau⸗ berſchweſtern und Unterhaͤndlerinnen, wie Betſy Grimbal, Haͤndevoll Gold gaben, während ein Armer, der um Gottes Barmherzigkeit willen bat, kaum einen Pfennig von ihnen erlangen konnte. Als Rothfang ploͤtzlich vor dem jungen und muntern Pferde des Gouverneurs von Lidford aufſprang, ſo daß dieſes vor dem Hunde zuruͤck⸗ ſchreckte, nahm John Fitz Zuflucht zu dem ſchlimm⸗ ſten Mittel, das in ſolchen Faͤllen angewendet werden mag, er peitſchte naͤmlich den Gaul und ſette ihm die Sporen dergeſtalt ein, daß Blut und Schweiß an dem Thiere herabtraͤuften. Den⸗ noch zwang er es endlich zum Stehen, und brachte es in dem Augenblicke, in welchem die Kutſche an ihm voruberrollte, ſo weit, daß es ſich dem Ge⸗ hoͤlzwege zulenken ließ, der nach Holwel fuͤhrte. Lady Howard, der ſo Roß wie Reuter nicht unbekannt war, erſtaunte uͤber den Weg, den Letz⸗ terer einſchlug. Mit Sir Nicholas Slanning ver⸗ traut, wußte ſie, daß ſeit ſeiner Verheirathung zwiſchen dieſem und dem Erben von Fitz nichts als Haß und Mißtrauen obwaltete; ſie wußte auch, 144 daß Letzterer ſeit jenem trubſeligen Wiederſehen niemals den mindeſten Umgang mit dem Slan⸗ ning ſchen Hauſe gepflogen hatte, und jetzt ſah ſie, wie John Fitz zur Abendzeit, auf einem Abwege, zu eben der Zeit, in welcher Sir Nicholas abwe⸗ ſend war, dem Hauſe deſſelben zuſchlich, in wel⸗ chem die Gattin Slanning's der unbeſtimmten Ruͤckkehr ihres Mannes zu harren hatte. Einem Frauenzimmer von einem Charakter, wie der der Lady Howard war, konnten dieſe zuſammenge⸗ dachten Umſtaͤnde nur das Verlangen erwecken, tiefer in dieſer Sache zu forſchen. Lady Howard oͤffnete demnach eines der Vor⸗ derfenſter ihrer Kutſche, befahl dem ihr zunachſt ſitzenden Reitknecht zu halten, der dieſen Befehl dann mittelſt eines Hiebes mit der Peitſche dem vorderen Poſtillion kund that, ſo daß das Rader⸗ haus ſtill ſtand. Sogleich war an jeder Seite des Wagens einer von den beiher laufenden, mit langem Odem begabten Lakeien bereit, die weite⸗ ren Befehle der Herrin zu vernehmen. Dieſe äußerte nun ihre Abſicht, die große Allee hinan⸗ zufahren, die zu dem Haupteingange von Holwel 145 leitete, dort anzuhalten, und ſich nach dem Be⸗ finden ihrer theuren Freundin, der Lady Slan⸗ ning, zu erkundigen. Kaum war dieſer Befehl ertheilt, ſo wanderte derſelbe von dem Lakeien zu dem naͤchſten Poſtil⸗ lion und von dieſem vermittelſt deſſen Peitſche zu dem Reitknecht auf den Vorderpferden, worauf es im Trabe dem Haupteingange von Holwel zu⸗ ging. Dort angelangt, kundigte einer der Lauf⸗ lakeien die Ankunft ſeiner Herrin dem Pfoͤrtner an, waͤhrend der zweite bereit ſtand, ihr aus dem Wagen zu helfen, ſobald das Hausthor ſich zum Empfange derſelben oͤffnen wuͤrde. Waͤhrend nun innerhalb des Hauſes die Mel⸗ dung beſorgt ward, warf Lady Howard einen Späherblick hinauf zu einem Gemache, welches, wie ſie wußte, gewoͤhnlich von Lady Slanning bewohnt ward, und erblickte durch das Fenſter die ſich hin- und herbewegende gewiſſe Feder, welche ſie erſt vor einer Viertelſtunde am ſchwar⸗ zen Sammtbarette des Edlen von Fitz hatte wehen ſehen. Es iſt uberraſchend, mit welchem durch⸗ bohrenden Blicke gewiſſe Damen an den gering⸗ Fitz of Fit⸗Ford. III. 10 146 fuͤgigſten Theilen einer Bekleidung haften! Lady Howard fuͤhlte ſich uͤberzeugt, jene Feder koͤnnte keine andere, als die am Hute des Gouverneurs von Lidford ſein. Ihre Ungeduld ſtieg dermaßen, daß ſie ſchon im Begriffe war, aus dem Wagen zu ſchreiten und ſich in's Haus zu begeben, als William— der naͤmliche junge Jaͤger, der das Schreiben Margarethens an John Fitz uͤberbracht hatte— an den Wagenſchlag der Dame trat, und dieſer in ſehr hoͤflichen Ausdruͤcken andeutete, daß ſeine Herrin, Lady Slanning, nicht blos ſich unwohl fuhlte, ſondern auch mit Geſchaͤften uͤber⸗ haͤuft waͤre, daher Niemanden bei ſich ſehen koͤnnte; welches ihm, naͤmlich dem jungen Jäger, zwiefach leid thaͤte, indem es ihn noͤthigte, den Beſuch einer ſo ehrenwerthen Dame, wie Lady Howard, zuruͤckzuweiſen. Haſt Du nun, mein Leſer, jemals geſehen, wie ein einziges winziges Fuͤnkchen in einen Hau⸗ fen Schießpulver geworfen, eine augenblickliche und entſetzliche Entzuͤndung der ganzen Maſſe verurſachte, ſo kannſt Du, vergleichsweiſe, Dir einen Begriff von dem nunmehrigen Gemuͤthszu⸗ 147 ſtande der Lady Howard machen. Seit langer Zeit hatte ſie Brennſtoffe zu dem wildeſten Aus⸗ bruche der Wuth und des Grimmes zuſammen⸗ getragen und aufgehaͤuft. Es bedurfte nur eines ſo geringfugigen Umſtandes, wie der war, der ſich am Wagenſchlage und oben am Fenſter ereignet hatte, um eine fuͤrchterliche Exploſion zu erzeugen. Mit einer Leidenſchaftlichkeit, die ſie ſelbſt vor dem Jäger nicht verbergen konnte, durch welchen ſie abgewieſen worden war, befahl ſie, den Wa⸗ gen zu ſchließen und augenblicklich zuruͤckzufahren. Kaum aber war die Kutſche den Baumgang ent⸗ lang gerollt und auf dem Huͤgelrücken wieder an⸗ gelangt, ſo mußte abermals ſtillgehalten werden. Unbekuͤmmert, was ihre Dienerſchaft davon den⸗ ken mochte, ſtieg die Dame aus, befahl zu war⸗ ten, bis ſie wiederkommen wuͤrde, verbot ihren Lakeien, ihr zu folgen, rief laut ihren Rothfang zu ſich, und ſchritt, von dieſem allein begleitet, der Stelle zu, an welcher John Fitz vorhin ſeinen Gaul ſo bitterlich gepeitſcht und geſpornt hatte. Durch Zeichen und Geberden, die von dem Hunde wohl verſtanden wurden, ward dieſer zur 102 148 Witterung vermocht; Lady Howard folgte dem Thiere, und dieſes leitete ſie bald zu einem Dickig etlicher Buchen, unter denen Andreas Morton ruhig auf einer Moosbank ſaß, nachdem er ſein Pferd und das ſeines Herrn an einen der Baͤume angebunden hatte. Die Abendſchatten ſanken tief herab. Die Lady, welche demnach keine Zeit zu verlieren hatte, knuͤpfte ſogleich ein Geſpräͤch mit dem Dienſtmanne Morton an. Was ſie von dieſem erfuhr, wird ſpäterhin kund werden; genuͤge es, fuͤr jetzt zu ſagen, daß, als die Dame zu ihrem Wagen zuruͤckkehrte, ihre Boͤrſe um ein Bedeu⸗ tendes leichter als vorhin warz ein Umſtand, aus welchem bei der Knauſerei der Dame allerdings zu ſchließen war, daß die Mittheilungen, die der Diener des Erben von Fitz ihr gemacht haben mogte, wohl nicht unwichtig fur ſie haben ſeyn muͤſſen. NReuntes Capitel. „Wenn's kund Euch waͤre, wem ich dieſen Ring gab⸗ Wenn's kund Euch waͤr', fuͤr wen ich dieſen Ring gab⸗ und faßtet Ihr's, wofuͤr ich dieſen Ring gab, Da man nichts nehmen wollt', als dieſen Ring: So ſenkte wohl ſich Euer Mißbehagen.“ Shakſpeare. Als John Fitz ſich der Hinterpforte des Hauſes zu Holwel naͤherte, ließ er ſein Pferd unter der Obhut ſeines Dieners Morton, ſchritt zu Fuße weiter, und ward ſofort von dem jungen Jaͤger in ein Gemach gefuͤhrt, in welchem Lady Slan⸗ . ning gemeiniglich wohnte. Doch befand Marga⸗ rethe ſich nicht in demſelben, als Fitz eintrat. Dieſer bemuhte ſich unterdeſſen, ſo gut die kurze 150 Zeitfriſt es ihm geſtatten wollte, ſich inſofern zu ſammeln, um ſeiner fruͤheren Verlobten mit ei⸗ nem gewiſſen Grade von Faſſung entgegen zu tre⸗ ten. Allein das Gemach, in welchem er ſich be⸗ fand, wollte keineswegs dieſem Zwecke entſpre⸗ chen, indem daſſelbe viele von denjenigen Gegen⸗ ſtaͤnden wies, die ihm als alte Bekannte erſchei⸗ nen mußten, weil er ſie zu tauſend Malen in Kilworthy, und, ach! wie unter ſo ganz anderen, begluͤckteren Lebensverhältniſſen geſehen hatte. Hier hing Margarethens Bild— das Bild der Theuren, die er einſt die Seinige hatte nen⸗ nen durfen. Es war gemalt worden, als ſie ein zwoͤlfähriges Madchen war; doch hatte ſie ſchon damals viele Zuge jenes geiſtvollen Charakters, durch den ſie ſich als Jungfrau ihm ſo ſchon, ſo liebenswuͤrdig darſtellte. Hier hing auch ihre Laute. Wie oft hatte Margarethe dieſelbe um ihres geliebten Fitz willen geſpielt! Hier auch ſtand ein ihm wohlbekanntes Kaͤſtchen, in wel⸗ chem Margarethe diejenigen Briefe, Papiere und Sächelchen zu verwahren pflegte, die ihr die lieb⸗ ſten waren; und— herzdurchbohrender Anblick! 151 am anderen Ende des Gemaches wies ſich ihm ein Gegenſtand, der ihm nur allzu deutlich zeigte, daß Margarethe ihm nimmer angehoͤren konnte— naͤmlich in Lebensgroͤße das Bildniß ihres Ge⸗ mahls, des Sir Nicholas Slanning, in kriegeri⸗ ſcher Ruͤſtung, und auf ſeine Waffe geſtuͤtzt. Mit drohender ueberlegenheit ſchien das Gemaͤlde auf den ungluͤcklichen John zu blicken, als ob es ſagen wollte:„Mein iſt das Recht, und ich werd' es zu behaupten wiſſen.“ Sir John Fitz wendete ſich von dieſem ihn aufregenden Gegenſtande ab, und ſein Blick fiel auf die ſchoͤne Geſtalt der Lady Slanning, welche in dieſem Augenblick hereintrat.— Fitz blieb wie angebannt; er begrußte die Dame nicht in den herkoͤmmlichen Hoͤflichkeitsausdruͤcken; er vermochte nur ſein Haupt auf ſeine Bruſt zu ſenken und tief zu ſeufzen, und dadurch gleichſam zu erkennen zu geben, daß er ihrer Anweſenheit bewußt war. Margarethe naͤherte ſich ihm mit ruhigem und gefaßtem Weſen, doch war es ungeachtet deſſen erſichtlich, daß ihr Herz nichts weniger als be⸗ ſchwichtigt klopfte. Ihre Lippen zitterten, und 152 ihre Wangen roͤtheten ſich, als ſie leiſe und ver⸗ worren einige Worte der Hoflichkeit ſprach, deren Sinn ſie kaum ſelbſt verſtand. Der Gouverneur von Lidford faßte ſich end⸗ lich inſofern, daß er nach der Veranlaſſung ihrer ſo außerordentlichen Aufforderung fragen konnte. „Wayrlich, außerordentlich iſt die Veranlaſ⸗ ſung,“ entgegnete Lady Slanning;„gewiß aber erinnert Ihr Euch——“ „Mich erinnern?“ rief John Fitz, als ver⸗ weilte er bei jeder Sylbe dieſer Worte—„mich erinnern, Margarethe? O, daß ich vergeſſen koͤnn⸗ te!“ Und als ob er rang, die Gefuhle zu unter⸗ druͤcken, die neuerdings ſo lebhaſt in ihm aufge⸗ regt worden waren, fuͤgte er mit kaͤlterem Aus⸗ drucke hinzu:„Was iſt es, das Lady Slanning von mir begehrt?“ „Eine kurze Unterredung,“ verſetzte Marga⸗ rethe.„Recht wohl weiß ich, wie ſeltſam, wie unzuläſſig dieſe meine Zudringlichkeit Euch be⸗ dunken muß; jedoch da ich der Macht vertraue, der meine Abſicht bei dieſem Geſpraͤche klar vor dem ewigen Blicke liegt, ſo hoff' ich, daß, wenn 153 Ihr erſt die Urſache meiner Mahnung an Euch wiſſet, Ihr dem unglucklichen Weſen verzeihen werdet, das ſich alſo angetrieben fühlt, in der Stunde der Bedraͤngniß EuernBeiſtandzu erflehen.“ „Und welchen Dienſt koͤnnte ich der Lady Slanning leiſten,“ entgegnete Fitz,„den Sir Ni⸗ cholas, der Mann, dem ſie Gattenrechte uber ſich einraͤumte, ihr nicht weit beſſer zu leiſten ver⸗ mogte, als ich? Ich ward einſt verſchmaͤht: war⸗ um werd' ich jetzt aufgeſucht?“ „Sprecht nicht alſo,“ verſetzte Lady Slan⸗ ning;„Eure Worte ſind voll bitterer Vorwuͤrfe. Warum wollt Ihr in Eurer Bruſt ſo unfreund⸗ liche Gedanken gegen Dieienige naͤhren, die Euch nimmer abſichtlich krnkte? Ich hoffte auf eine mil⸗ dere Begegnung in der Stunde meiner Noth.“ „Und weshalb hofftet Ihr?“ ſagte Fitz.„Kann ein Verarmter Euch Gold geben? Kann ein Ver⸗ worfener Euch Troſt verleihen? Oder kann das Herz des John Fitz Das einem andern Weſen verleihen, wovon es ſelbſt keine Ahnung in ſich trägt? Meine Seele iſt verodet an jeglicher Freude und Hoffnung. Auf Erden lebt keine Creatur, 154 die eine Thraͤne an ſeinem Grabe weinen moͤchte, wenn er morgen Dem beigeſellt wuͤrde, deſſen Gebeine er heute begrub.“ „Der arme alte Ritter Hugo!“ rief Lady Slanning.„Ich dachte nicht— ich wußte nicht, daß Ihr heute der traurigen Pflicht, ihn zu be⸗ ſtatten, obzuliegen haͤttet, ſonſt wuͤrde ich mein Geſuch aufgeſchoben haben, wie wenig Aufſchub daſſelbe auch zu erleiden geeignet iſt.“ „Und welcher Grund, ich frage nochmals,“ ſagte John Fitz in einem Tone, der von der Reiz⸗ barkeit ſeiner Stimmung zeugte,„welcher Grund kann obwalten, daß Ihr es fuͤr nothwendig oder fur ſchicklich erachtet, mich aufzufordern, der Gat⸗ tin des Sir Nicholas Slanning mich dienſtlich zu erweiſen?“ „Sir Nicholas,“ war die Antwort,„iſt nicht daheim, er iſt mit den Kriegsleuten ausgezogen, die den Aufruhr in Cornwall daͤmpfen wollen; allein wenn er auch hier waͤre, wuͤrde er mir doch nicht helfen koͤnnen; nur von Euch kann ich hoffen, Huͤlfe zu erlangen. Ich habe von ei⸗ ner Sache zu reden, an der Tod oder Leben haͤngt.“ 155 „Tod oder Leben?“ rief Fitz:„Was wollt Ihr damit ſagen, Lady? Ihr erſchreckt mich— Eure Blicke, Eure Worte laſſen mich Schlimmes fuͤrchten. Er hielt einen Augenblick inne, dann fügte er hinzu:„Ich mochte großmuͤthig an Euch handeln. Ja, mag es eine Schwaͤche ſeyn— weshalb ſie verbergen? Noch jetzt, Margarethe— Lady Slanning wollt' ich ſagen— vermag ich nicht mit Gleichguͤltigkeit auf die Wohlfahrt ei⸗ nes Weſens zu blicken, das mir einſt ſo theuer war, und das zur Vergeltung meiner Liebe—— doch ich will jetzt nicht meines Elendes gedenken! Kann ich zu Eurem Gluͤcke beitragen, ſo ſoll nicht der leiſeſte Fluſtergedanke des Grolles mich vermoͤgen koͤnnen, Euch nur einen Augenblick in Bekuͤmmerniß zu laſſen. Befehlt, worin ich Euch dienen ſoll.“ „Ihr könnt Alles,“ ſagte Margarethe lebhaft: „Ihr koͤnnt mich von Schmach und Elend erretten! Ihr habt einen Vater verloren— laßt dieſen Umſtand Euer Herz belehren, fur mich zu fuhlen; denn ein Vater iſt es, der mir durch Euch geret⸗ tet werden ſoll.“ — 156 „Euer Vater?“ rief Fitz:„Ihr überraſcht mich. Mein' ich doch, Euer Vater ſey laͤngſt in fernem Lande geſtorben, und Ihr waret eine Waiſe, ehe Ihr die Pflegetochter Glanville's wurdet!“ „Auch ich glaubte das,“ entgegnete Lady Slanning;„doch Ihr wißt, daß ſtets ein Schleier uͤber meiner Herkunft hing— jetzt iſt er mir ge⸗ luͤftet. Fragt mich nicht; ich flehe Euch an, mich nicht zu fragen, denn meine Lippen ſind durch eine Macht verſchloſſen, der man nicht ungehor⸗ ſam ſein darf. Laßt es Euch genuͤgen, wenn ich Euch ſage, daß Euer Gefangener— mein Va⸗ ter iſt.“ „Wie? Georg Standwich?“ rief der Gouver⸗ neur von Lidford,„der Haͤuptling der Rebellen? Das Werkzeug Roms und Spaniens? Er Euer Vater?“ „Ja,“ antwortete Margarethe,„jener Ungluͤck⸗ ſelige gab mir das Leben. Ware ich geſtorben im Augenblicke meiner Geburt— mir waͤre beſ⸗ ſer; ich haͤtte dann nicht dieſe Stunden der Angſt und Schmach auf meiner Seele!“ 157 „Und wie moͤgt Ihr hoffen,“ ſagte Fitz,„daß ich jenen Mann rette, deſſen Schickſal, weil er Euer Vater iſt, mir wehe thut? Er iſt ein Ver⸗ raͤther, und die beleidigte Gerechtigkeit heiſcht ſein Leben zur Suͤhne ſeiner Miſſethaten.“ „Ich kenne ganz die Gefahr, in welcher er ſchwebt,“ entgegnete Margarethe.„Die Zeit draͤngt; Sir Nicholas Slanning iſt abweſend, und, wie geſagt, war' er auch zugegen, er konnte mir nicht helfen. Die Entſcheidung des Geſchik⸗ kes meines Vaters ruͤckt naͤher; ich muß handeln, wenn er nicht umkommen ſoll.“ „Er muß wahrlich umkommen, Margarethe,“ ſagte Fitz.„Ich will Euch nicht mit falſchen Hoffnungen täuſchen, noch Euch Wiſſenſchaft Deſſen vorenthalten, was Euch binnen wenigen Stunden kund werden wird. Das Todesurtheil des Rebellen Georg Standwich traf heut in Lid⸗ ford ein.“ Ein Ausdruck des Grauſens lagerte ſich auf das Antlitz Margarethens, als ſie dieſe Worte hoͤrte. Indem ſie bitterlich die Haͤnde rang, achzte ſie:„Aber Ihr werdet— Ihr koͤnnt es nicht vollziehen laſſen!“ „Ich muß,“ entgegnete der Schloßhauptmann, „Ehre, Dienſteid, Gewiſſen rufen mich auf, den Befehlen meiner Monarchin und der Geſetze zu gehorſamen. Ungehorſam von meiner Seite wuͤrde in dieſen halsgefaͤhrlichen Zeiten als Hochverrath angeſehen werden.“ „Und muß er ſterben?“ wehklagte Margare⸗ the in herzzerreißenden Accenten.„Wollt Ihr den Bejammernswerthen mitten in ſeinen Suͤnden und Bedraͤngniſſen hinſchlachten? ihm nicht einmal Friſt goͤnnen, ſich mit Gott zu verſoͤhnen?— Könnt Ihr das Blut Desjenigen vergießen, von dem mir das Daſeyn ward?“ „Ich darf Euch nicht anhoͤren,“ verſetzte John Fitz.„Koͤnnte ich Euern Vater mit dem Verluſte meines Lebens retten, ſo wuͤrde ich es thun, in⸗ dem ich Euch alsdann ein Opfer braͤchte, das fuͤr mich keinen Werth hat; allein meine Ehre kann Euren Bitten ſolcher Art kein Gehoͤr ſchen⸗ ken. Ich beſchwoͤr' Euch, dringt nicht ferner in mich.— Laßt meinen Mantel los— erſpart 159 mir, erſpart Euch ſelbſt dieſe vergeblichen Fle⸗ hensworte.“ „Ich laß' Euch nicht— darf Euch nicht laſ⸗ ſen!“ entgegnete Margarethe.„Ich weiß, mein Vater hat ſich vieler Miſſethaten ſchuldig gemacht, allein er bleibt immer mein Vater, immer dasje⸗ nige Weſen, was mich mehr liebt, als ſein eige⸗ nes Leben; und ſo lange mir Odem bleibt, will ich nicht ablaſſen von dem Verſuche, ihm das Le⸗ ben zu erhalten.— Ihr ſeyd ein Sohn geweſen, Ihr kennt die Gefuͤhle eines Kindes— denkt Euch die meinigen, wenn mein Vater ſterben— auf eine ſo ſchmähliche Weiſe umkommen muß, da es doch noch ein Mittel, ihn zu retten giebt, ſo Ihr mich nur anhoͤren wollt.“ „Und welches Mittel?“ ſagte der Schloß⸗ hauptmann.„Kein NMittel giebt es, das ohne Verwirkung meiner Ehre hier retten koͤnnte! Dieſe Ehre iſt Alles, was mir blieb, Margarethe, und nimmer werdet Ihr mir mein Letztes rauben wollen.“ „Nimmer, nimmer will ich das!“ aͤchzte Lady Slanning;„Alles was ich von Euch erbitte, iſt, — ———— 160 die Vollſtreckung des ſchrecklichen Urtheils ſchieben.“ „Das darf ich nicht— „O, ſagt das nicht!“ fuhr ſie fort, indem ſie ſich ihm haͤnderingend zu Fuͤßen warf—„Ihr duͤrft es— Ihr werdet es thun— Ihr werdet zu den Thronſtufen Eliſabeth's eilen, Ihr werdet vor der Monarchin knieen, ſo wie ich jetzt vor Euch kniee, und um das Leben meines Vaters flehen. Beruſt Euch auf Eure eigenen Verdienſte, um ſein Vergehen zu mildern, und die gnaͤdige Koͤnigin, die, wie man weiß, den Namen Fitz ehrt, begunſtigt, liebt— ſie wird Euch Eure Bitte nicht verſagen, und mein ungluͤcklicher Vater iſt gerettet. Um dieſe Gunſt von Euch zu erflehen, beſchied ich Euch zu mir.“ Der Gouverneur von Lidford hob die Knieen⸗ de vom Boden auf; er wankte, er ſchien mit ſei⸗ nen eigenen Gefuͤhlen zu ringen, indem er bemuͤht war, die ihrigen zu faͤnftigen; dennoch aber ſprach er kein Wort, aus welchem die Bejammernswer⸗ the auch nur die kleinſte Hoffnung haͤtte herleiten moͤgen. Margarethe ſah den Kampf in ſeiner 161 Bruſt, und bat ihn gelaſſenen Tones, auf den Ring zu blicken, den ſie ihm geſendet hatte, und den er jetzt an ſeiner Hand trug, und dann, wenn er es vermoͤgte, ihr Angſtflehen zuruͤckʒuweiſen. Sir John Fitz zog das denkwurdige Kleinod von ſeinem Finger und hielt es einige Augen⸗ blicke in der Hand, während Lady Slanning mit einem Geſichte vor ihm ſtand, in welchem jeder Zug von jenem lebhaften Ausdrucke zu ergluͤhen ſchien, durch welchen ſie ſich von jeher charakte⸗ riſirte. Den Blick auf John Fitz geheftet, ſtand ſie mit gefaltenen Haͤnden vor ihm, als erharrte ſie irgend eine Andeutung zu der Hoffnung, daß dieſe ihre lette Anmahnung ſeine Gefuͤhle fur ſie gewinnen moͤgte. Das Ausſehen des Schloßhauptmanns, als er ſchweigend den Ring anſtarrte, war hoͤchſt uͤber⸗ raſchend und ausdrucksvoll. Gekleidet in tiefe Trauer— das Haar aufgeloͤſet— die Bläſſe langwierigen Kummers auf dem Geſichte, das dennoch immer Spuren verletzten Stolzes gewie⸗ ſen, jetzt aber alles Hochfahrende verloren hatte, machten mit einander einen gewaltigen Eindruck. Fitz of Fitz⸗Ford. III. 11 Erſichtlich war es, daß ſeine Empfindungen maͤch⸗ tig durch Lady Slanning's Hinweiſung auf den Ring geſaͤnftigt wurden. Thraͤnen traten in ſeine Augen, und er ſagte tief bewegt und mit zittern⸗ der Stimme:„O Margarethe! konntet Ihr dies Andenken ſo ſorglich aufbewahren, und doch Den vergeſſen, der es in Eure Hände legte?“ „Nimmer vergaß ich ihn!“ rief Lady Slan⸗ ning; ſetzte jedoch, als ob ſie ſich beſänne, ſogleich hinzu:„Ich darf nicht vom Vergangenen reden.“ „Dieſer Ring aber ſpricht vom Vergangenen, Netereihe,⸗ ſagte Fitz,„und wie viel ſpricht er!— Wie oft habe ich der Stunde gedacht, in welcher ich ihn Dir reichte— ach! es war die letzte Stunde, in der ich Margarethe mein nannte. Konnte, o konnte Margarethe einen Anderen ehe⸗ lichen, ſo lange dieſer Ring an ihrem Finger war? Warum,“ ſetzte er wie in Geiſtesabweſenheit hin⸗ zu,„warum wird mir jetzt die Erinnerung an ihn aufgezwungen? Heißt das nicht mit einem Dolche in dem Herzen wuͤhlen, das ſchon aus ſo vielen Wunden blutet?— Habt Ihr den Ring ſtets getragen?“ —— „Als ich dies Andenken empfing,“ verſetzte Lady Slanning,„geluͤbdete ich feierlich, daß, in welche Verhaͤltniſſe das Schickſal mich auch brin⸗ gen mögte, dieſer Ring niemals von meinem Fin⸗ ger kommen ſollte— ich habe mein Gelubde ge⸗ halten, und flehe heut Euch an, das Eurige zu erfuͤllen.“ Fitz blickte feſt in Margarethens Antlitz, ein convulſiviſches Zucken ſchien durch ſeine Geſichts⸗ zuge zu beben, allein die Zunge verſagte ihm den Dienſt. Er trat naher zu Lady Slanning, er⸗ 7 t griff in heftiger Bewegung deren Hand, ſteckte n den Ring wieder an ihren Finger und ſtammelte: e„Ihr habt mich uberwunden, Lady.“ .„So wollt Ihr ihn retten?“ fragte ſie,„wollt ⸗ meines Vaters Begnadigung bei der Koͤnigin aus⸗ 2 mitteln?“ t⸗„Ich will den Verſuch wagen,“ war die Ant⸗ n wort,„will ihn um Euretwillen wagen.— Ge⸗ m habt Euch wohl!“ 16„Und mein Vater?“ rief Lady Slanning. „Ich will daruber nachdenken, was ſich thun laͤßt,“ verſetzte der Schloßhauptmann.„Vor der 1 164 Hand nehme ich es auf mich, das Urthel unaus⸗ gefuͤhrt zu laſſen. Ich will auf Mittel ſinnen, ihm ferner zu dienen, bevor ich an den Hof reiſe. Standwich, wiewohl ein Werkzeug des Verra⸗ thes, hat, duͤnkt mich, niemals das Schwert in offener Rebellion gezogen: der Umſtand koͤnnte zu ſeinen Gunſten gereichen, koͤnnte ihm Gnade auswirken.⸗ „Dank ſey dem Himmel, wenn dies moͤglich iſt!“ rief Margarethe;„aber welche Worte ver⸗ moͤgen den Dank auszuſprechen, den ich Euch, dem Retter meines Vaters, ſchuldig bin?“ „Wollt mir keinen Dank darbringen; ich be⸗ darf deſſen nicht,“ entgegnete Fitz.„Ich muß gehen. Eines aber bedenkt: ſeyd verſchwiegen, wie das Grab, uͤber meinen Vorſatz, ſo das Le⸗ ben Eures Vaters Euch werth iſt. Sollte meine Abſicht den Waffengefaͤhrten Eures Gemahles kund werden, ſo moͤgten jene Hauptleute der Sache und meinem Verſchieben der Hinrichtung einen ſolchen Anſtrich geben, daß, ſchon ehe ich zu den Stufen des Thrones gelange, alle meine 165 Plane vereitelt werden. Ihr ſollt noch von mir horen, bevor ich Eliſabeth's Gnade anrufe.“ Lady Slanning gelobte die tieſſte Verſchwie⸗ genheit; John Fitz aber wiederholte ſeine Zuſage, alles Moͤgliche zur Rettung des verurtheilten Standwich aufzubieten, und ſchied von Marga⸗ rethen und einem Schauplatz, auf welchem ſein Gemuͤth eine ſo fuͤrchterliche Erſchuͤtterung erlit⸗ ten hatte. Bald hatte der Gouverneur von Lidford ſei⸗ nen Diener, der mit den Pferden ſeiner harrte, wieder aufgefunden; er ſchwang ſich auf und ritt ſinnend nach Fitz⸗Ford, wo er die Nacht zuzu⸗ bringen gedachte, anſtatt nach Lidford zuruͤckzu⸗ kehren. Zehntes Cayitel. „—— Nein,'s iſt Verleumdung⸗ Die ſchaͤrf're Schneide denn ein Schwert, giftig're Bung', als das Nilgewuͤrm hat; deren Odem Auf Windes Fluͤgeln faͤhrt und alle Winkel Der Welt fuͤllt; Koͤn'ge, Königinnen, Staaten, Jungfrau'n, Matronen, ja der Gruft Geheimniß Durchdringt die Viper, die Verleumdung heißt. Shakſpeare. Obwohl Sir John Fitz jetzt mit dem Umſtande bekannt gemacht worden war, daß Standwich der Vater Margarethens war, ſo wußte er doch nichts Naͤheres hinſichtlich des traurigen Geheimniſſes ihrer Geburt; und wirklich war Margarethe ſelbſt nicht ganzlich in dieſes Geheimniß eingeweiht. In dem haſtig, im Drange des Vatergefuhls an 167 ſie geſchriebenen Brieſe, den der Jude Levi über⸗ brachte, hatte Standwich blos ſeiner Tochter of⸗ fenbart, daß ſie ſein außerehelich erzeugtes Kind waͤre, und daß, um einen ſo entwuͤrdigenden Um⸗ ſtand zu verheimlichen, der verſtorbene Sir Fre⸗ derik Champernoun, ſein Blutsverwandter, ſie füͤr ſeine Tochter ausgab und als ſolche erzog. Dann gab er ihr die feierliche Verſicherung, es waͤre zu ihrem Heile nothwendig, daß er ihr den Na⸗ men ihrer Mutter, ſo wie deren naͤhere Schickſale verſchwiege;z auch verbot er ihr, uͤber ihre Mutter nachzuforſchen und irgend einem Menſchen das Geheimniß, das er in jenem Briefe ihr mittheilte, zu entdecken. Des Ferneren ſagte er ihr, daß er wenig oder gar keine Hoffnung haͤtte, mit dem Leben davon zu kommen, doch daß er wuͤnſchte, ſie noch einmal zu ſehen, obwohl er, da er ein Gefangener im Caſtell zu Lidford waͤre, er kaum abſähe, wie Margarethe ſolches moͤglich machen wollte, ohne oͤffentlich einzugeſtehen, daß ſie in ihm ihren Vater erkenne— ein Umſtand, den er um ihretwillen fur immer verheimlicht wun⸗ ſchen muͤßte. 168 Levi, der Ueberbringer jenes Schreibens, hatte ſeinen Zeitpunct gluͤcklich wahrgenommen, und daſſelbe in dem Augenblicke uͤberreicht, als Lady Slanning von einem Morgenſpazierritte zuruͤck⸗ kehrte. Allein furchtſam und vorſichtig, wie der Jude ſich ſtets wies, entwich er ſogleich, und wollte fuͤr keinen Preis wieder zu ihr gehen, ſo ſehr fuͤrchtete er den Zorn des Sir Nicholas Slan⸗ ning, der, ohne zu wiſſen, daß Standwich der Vater ſeiner Gattin war, weſentlich zum Hab⸗ haftwerden deſſelben mitgewirkt hatte. Margarethe, die ſich gaͤnzlich ſelbſt uberlaſſen, deren Gemahl fern und die ohne Freund war; Margarethe, immer vollherziger, als beſonnen, und im lebhaften Verlangen, den Mann zu retten, dem ſie ihr Daſeyn verdankte, obwohl ihr Inne⸗ res ihr zufluſterte, daß derſelbe ſein Schickſal ver⸗ diente— Margarethe, ſo von Kindespflicht und Menſchenliebe angeregt, beſchloß, einen Befreiungs⸗ plan zu verſuchen, der wild, abenteuerlich und hoͤchſt gefaͤhrlich war. Auf dieſem Wege kam ſie dazu, dem Schloßhauptmann von Lidford jenes Schreiben und jenen Ring zuzuſenden, durch wel⸗ 169 chen John Fitz endlich vermogt ward, das Ver⸗ ſprechen zu geben, das Moͤgliche fuͤr Margare⸗ thens ungluͤcklichen Vater zu verſuchen. Am Morgen nach ihrer herzerſchuͤtternden Un⸗ terredung mit John Fitz ſehnte Lady Slanning ſich danach, ihrem Vater ihre juͤngſt gewonnenen Hoffnungen mitzutheilen; allein es fehlte ihr da⸗ zu durchaus an Gelegenheit. Ueberdies hatte John Fitz es ihr zur Pſflicht gemacht, das tieſſte Schweigen uͤber dieſe Sache zu beobachten, hatte ihr auch die triftigſten Gruͤnde dargelegt, um de⸗ rentwillen ſolches Schweigen unerlaßlich waͤre, und ſie hatte dieſes Schweigen feierlich angelobt. Auch erkannte ſie, daß der Schloßhauptmann von Lidford nicht wenig Gefahr dabei lief, wenn er die Vollſtreckung des Todesurthels eigenmaͤchtig verſchob; und als ſie vollends des ſchweren Un⸗ rechts gedachte, das ſie, wiewohl willenlos, ihrem fruheren Geliebten angethan hatte, ſo fuhlte ſie, daß ſie lieber ſterben wollte, als das leiſeſte Wort ausathmen, durch welches ſie ſo ihn wie ihren Vater gefaͤhrden koͤnnte. Von dieſen Betrachtungen beherrſcht, konnte ————— 170 Lady Slanning unmoͤglich ihrem Gatten etwas uͤber dieſe Angelegenheit ſchreiben; ja, ſie haͤtte um dieſe Zeit es gern ganz und gar vermieden, ihm zu ſchreiben, wenn nicht an eben dem Mor⸗ gen Sir Nicholas ihr einen Boten mit haſtiger Mittheilung und zugleich die Weiſung geſchickt haͤtte, ihm auf gleichem Wege eine Antwort zu⸗ kommen zu laſſen. Indem Margarethe dieſe Ant⸗ wort ſchrieb, fuhlte ſie allerdings das Unziemliche, ja ſogar das Gefaͤhrliche in ihrer Verheimlichung gegen ihren Gatten; allein ein ehrenwerthes Ge⸗ fuͤhl, der Wunſch, den Retter ihres Vaters nicht in Gefahr zu ſturzen, ihr Verſprechen, zu ſchwei⸗ gen und vor Allem ihre Furcht vor dem Gatten, verſchloſſen ihr die Bruſt. Dadurch aber ward ihr Brief ſo verworren, in einigen ſeiner Stellen ſo unklar und bedeutungslos, daß es einem Frem⸗ den ſogar aufgefallen ſeyn muͤßte, wenn er dies Schreiben geleſen und gewußt hätte, daß es der Feder einer ſo gebildeten Dame, als Lady Slan⸗ ning, entfloſſen war. Nachdem wir ſo viel von—— un⸗ glůͤcklichem und vielleicht uͤbelbedachtem Verfahren 171 nach ihrer Unterredung mit Fitz erinnert haben, wird es nothig ſeyn, etwas uber die Maßregeln zu ſagen, die dieſer zu ergreifen beſchloß, um George Standwich vor einem Geſchicke zu bewah⸗ ren, das dieſer liſtige und gefaͤhrliche Rebell nur allzu ſehr verdiente⸗ Die Gunſt, die John Fitz ſich waͤhrend ſei⸗ nes kutzen Aufenthaltes zu London bei der Koͤnigin erworben hatte, war ſo bedeutend und entſchie⸗ den, daß, wenn Fitz gewuͤnſcht hätte, in die Rei⸗ hen der Hofdiener einzutreten, er gleich Anderen zu den hoͤchſten Ehrenſtellen haͤtte emporgelangen moͤgen. Wirklich verſcherzte er fernere Befoͤrde⸗ rung aus der Hand der Koͤnigin nur dadurch, daß er derſelben auswich und ſich in die Einſam⸗ keit zu Lidford begrub. So gleichgültig Fitz gegen Hofgunſt ſich ge⸗ zeigt hatte, und ſo ungern Eliſabeth ihm das duͤſtere Amt eines Schloßhauptmanns zu Lidford gewaͤhrte, indem ſie ihn lieber an ihrem Hofe ge⸗ wußt haͤtte, hatte John Fitz von Fitz⸗Ford eben durch Erlangung jenes Amtes ſich einen maͤchti⸗ gen Feind gewonnen, welcher kein Geringerer, als 172 der Graf von Leiceſter war, der eben zur Zeit, in welcher Fitz um die erledigte Stelle nachſuchte, von ſeinem in den Niederlanden bekleideten hohen Amte nach London zuruͤckgekehrt war, um die Gouverneurſtelle zu Lidford fuͤr irgend einen al⸗ ten gedienten Krieger, der in jener Einſamkeit ſeine Tage zu beſchließen wuͤnſchte, nachgeſucht hatte. Als Leiceſter nun fand, daß das Geſuch eines ftiſch an den Hof gekommenen Juͤnglings dem ſeinigen vorgezogen worden war, daß dieſer Jüngling von Eliſabeth's eigener Hand den Rit⸗ terſchlag erhalten hatte, ſo waren das Dinge, die der hochfahrende Guͤnſtling nicht verzeihen konnte, ſo daß er von der Stunde an der anerkannte Feind John Fitz of Fitz⸗Ford's ward und blieb. Sir John wußte dies, und hielt ſich verſichert, daß Leiceſter und deſſen Lieblinge die erſte guͤnſtige Gelegenheit ergreifen wurden, ihre kleinliche Bos⸗ heit auszuuͤben, und ſeinen Untergang bei der Koͤ⸗ nigin zu bewirken. Wie willkommen wuͤrde es ihnen alſo ſeyn, zu wiſſen, daß Fitz es gewagt haͤtte, die Vollſtreckung eines Urthels uͤber einen Verbrecher, wie Standwich war, aufzuſchieben! Wer konnte zweifeln, daß, wenn ſie von dem Um⸗ ſtande unterrichtet waͤren, ſie denſelben der Koͤnigin als eine Handlung unverzeihlicher Kuͤhnheit und Anmaßung, ja des Hochverrathes vorſtellen wuͤr⸗ den! Dies war der Hauptgrund, welcher John Fitz wuͤnſchen ließ, daß von ſeinem Vorhaben nicht eher etwas verlautete, als bis er ſich zu Eli⸗ ſabeths Füßen werfen und von ihr die Begnadi⸗ gung des Vaters Nargarethens erbitten könnte. Und da er ferner glaubte, daß er von ſeinem be⸗ gluͤckten Nebenbuhler, dem Sir Nicholas Slan⸗ ning, gehaßt ward, und daß dieſer in fruͤherer Zeit ſich um die Gunſt Leiceſter's beworben hatte, ſo furchtete er ſogar, Slanning ſelbſt moͤgte nie⸗ dertraͤchtig genug ſeyn(das waren wirklich ſeine finſteren Gedanken) nach all' dem, was vorfiel, dieſen Umſtand zum Verderben ſeiner Ehre und ſeines Namens zu benutzen. Wenden wir uns jetzt zu Lady Howard zu⸗ ruͤck.— Als ſie nach der von Lady Slanning ihrer Meinung nach empfangenen abſichtlichen Be⸗ leidigung in ihre Wohnung zuruͤckkehrte, ſchwellte ihre Bruſt ſich von unwillen und Bosheit, und ihre von Eiferſucht, ſo wie von Argwohn vergif⸗ tete Seele hielt es fuͤr an der Zeit, zum Werk zu ſchreiten, dem Sir John Fitz den ihr gebote⸗ nen Hohn zuruͤckzuzahlen, und jenem bitteren Geiſte des Neides und der Rache ſich zu uͤberlaſ⸗ ſen, von welchem ſie ſeit ſo langer Zeit gegen die wehr⸗ und ſchuldloſe Vn brſcen ge⸗ weſen war. Wie hinterliſtig iſt das Hetz des Menſchen! So boͤſe Lady Howard auch war, ſo ſuchte ſie dennoch bei ſich ſelbſt nach Entſchuldigung und Rechtfertigung deſſen, was ſie in's Werk richten wollte.„Ich hatte gehofft,“ folgerte ſie in ihrer boshaften Sophiſterei,„Lady Slanning fuͤr jene erheuchelte Miene der Unſchuld und Milde, durch welche ſie trachtete, mir uͤberlegen zu erſcheinen, genuͤgend gedemuͤthigt zu haben; allein dem iſt nicht ſo. Ihren Raͤnken zunaͤchſt auch verdanke ich den Verluſt jener zarten Gefuͤhle, die John Fitz fuͤr mich hegte, bis ſie mir in den Weg trat und ſein Gemuͤth gegen mich vergiftete. Sollte man es ſich vorſtellen koͤnnen, daß dieſe ſcheinbar ſo unſchuldige, keuſche, unterwürfige Gattin die 175 erſte Abweſenheit ihres Gatten wahrnimmt, um ſofort einen heimlichen Umgang mit ihrem ehema⸗ ligen Anbeter wieder anzuknuͤpfen? Und dieſer John Fitz, er, der ſtets fuͤr ſo hochherzig und ehrenwerth ausgerufen ward, daß er nichts als Worte der Wahrheit und Tugend auf ſeinen Lip⸗ pen tragen und in ſeinen Gedanken hegen koͤnn⸗ tez dieſer John Fitz, der mich und den Vorzug, den ich vor den Edelſten des Landes ihm gab, verwarf, und eine Zuneigung zuruͤckwies, die er nimmer verdiente— Tod und Hoͤlle! macht es nicht raſend, daran nur zu denken? Und dieſer Fitz jagt jetzt dem Weibe eines anderen Mannes nach?— Doch dies ſoll nicht geduldet werden; ſie ſelbſt haben ſich mir uberantwortet; ſie zwin⸗ gen mich, zu handeln; ich fuͤhle mich aufgefordert, Beiden die Zuͤchtigung zu bereiten, welche ſie ver⸗ dienen! Ich will es thun, und zwar ſonder Reue; denn es iſt eine Handlung der Gerechtigkeit!“ In dieſem Gemuͤthszuſtande ſchritt Lady Ho⸗ ward in ihrem Gemache haſtig auf und ab. Dann ſetzte ſie ſich und ſchrieb. Ihr Hund lag neben ihr Ungeduldig fuhr die Dame auf und ſchob ihren Seſſel bei Seit', als ſie ihre Schreiberei vollendet hatte; gleichzeitig mit ihr ſprang der Hund in die Hoͤhe, richtete den Stierblick der Thuͤr zu, wies die Zaͤhne und heulte. „Still, Rothfang, lieg!“ ſagte die Dame und ſtreichelte ihm dabei die großen zottigen Oh⸗ ren; allein das Thier wollte ſich nicht beſaͤnfti⸗ gen laſſen, ſondern fuhr gegen den Eingang los. „Still, ſag' ich!“ wiederholte die Herrin,„ſtill, Du Narr, kennſt Du noch nicht meine Dienerin, die ohnehin etwas von Deiner Natur in ſich hat, obwohl ſie ungleich minder wuͤrdig iſt, als Du, mein edler Faͤnger? Betſy Grimbal kommt, laß ſie in Frieden ſich naͤhern.“ Lady Howard oͤffnete jetzt die Thuͤr, und Roth⸗ fang, der durch Befehlworte und gebieteriſches Weſen ſeiner Herrin ſich einigermaßen beruhigt hatte, ſtreckte ſich wieder nieder, drohte jedoch mit ernſtem Geſichte und wildem, wenn gleich ge⸗ daͤmpftem Geheul, ſo oft Betſy, die unterdeſſen eingetreten war, ihm naͤher kam. „Betſy,“ nahm die Goͤnnerin das Wort:„ich will wetten, daß etliche Deiner Genoſſen vorige 177 Nacht in meinem Park ein Reh erlegten, und daß Du Theil nahmſt am Fortſchaffen des Wil⸗ des. Mein Fanghund empfing Dich noch nie⸗ mals ſoz er muß das Blut des Thieres an Dir wittern. Nun, leugne nur nicht. Das Organ des Geruchs an meinem Rothfang iſt zu fein, als daß es ſich täuſchen koͤnnte. Waͤre ich nicht zu⸗ gegen, ſo wurde Dein Leben gefaͤhrdet ſeyn. Doch füͤrchte nichts; ich vergebe Dir, ſo Du meine Be⸗ fehle vollzogen haſt. Sprich! Sahſt Du den milchgeſichtigen Burſchen, den Andreas Morton? Er ward gut bezahlt, und was hat er dafuͤr ge⸗ than? Keinen Heller ſoll er mehr von mir be⸗ kommen, ſobald er mir nicht rein heraus beichtet, was ich von ihm wiſſen will.⸗ „Er hat alle ihm mogliche Erkundigungen ein⸗ gezogen,“ verſetzte die Unterhaͤndlerin.„Aber ſein Herr, John Fitz, iſt, wie Morton ſagt, auffal⸗ lend verſchloſſen geworden. Doch habe ich Eines erfahren, was wichtiger, denn alles Uebrige ſeyn duͤrfte.“ „Sprich's aus!“ rief die Lady. „Sir John Fitz,“ fuhr die Grimbal fort, Fitz of Fitz⸗Ford. IMI. 12 fort,„iſt im Begriff, dieſe Gegend zu verlaſſen und eine Reiſe zu unternehmen, die, wie er dem Diener aͤußerte, einige Zeit erfordern wuͤrde, doch nannte er nicht den Ort, wohin er ſich begeben wolle. Etwas Wichtiges muß es ſeyn, da es ihn beſtimmt, das Caſtell zu einer Zeit zu ver⸗ laſſen, in welcher er einen namhaften Gefange⸗ nen, naͤmlich Georg Standwich, darin zu huͤten hat. Standwich ſollte frei ſeyn, wenn meine Wuͤnſche es vermoͤgten, Mauern zu ſturzen und Eiſenſtangen zu zerbrechen.“ „Ihr ſtandet in einem ſeltſamen und gefähr⸗ lichen Verkehr mit dieſem Rebellen und Wider⸗ ſpenſtigen?“ fragte Lady Howard. „Ich kannte ihn, Mylady,“ war die Antwort, „ehe er Rebell ward, und bevor ich mich geno⸗ thigt ſah, mit Menſchen zu verkehren, die unter meinem Stande und meiner Erziehung ſind. Ich war Leibdienerin einer reichen und ehrenwerthen Dame, wie Ihr es ſeyd. In ihrem Dienſte lernte ich Georg Standwich kennen, und habe in neue⸗ rer Zeit, ſeitdem Armuth und Elend uͤber uns kamen, ihm mehrere Male das Leben gerettet, in⸗ 179 dem ich ihn vor den Verfolgungen ſeiner Feinde ſchuͤtzte. Doch unſere Bekanntſchaft ſcheint jetzt fuͤr immer enden zu wollen. Ich hoͤre, es iſt keine Hoffnung mehr fuͤr ihn, da ſo Viele ſeinen Tod wollen.“ „So laß ihn ſterben,“ ſagte die Lady,„das iſt eine Sache, die weder mich, noch Dich kuͤm⸗ mert. Du kamſt hieher, um mir Kunde Betreffs Fitz zu bringen. Morton kann alſo den Grund der Reiſe ſeines Herrn nicht erforſchen? Ich wollte, daß er es koͤnnte. Mein Leben moͤgte ich verwetten, daß dieſe Reiſe Bezug auf Lady Slan⸗ ning hat. Er wird ſie doch nicht waͤhrend der Abweſenheit ihres Mannes in ein anderes Land entfuͤhren wollen?“ „Ich weiß es nicht, Herrlichkeit,“ antwortete die Gefragte;„Alles, was Morton erfuhr, iſt, daß ſein Herr übermorgen Abend abreiſet, und daß er kurz vorher eine zweite Unterredung mit Lady Slanning haben wird. Andreas Morton war der Ueberbringer eines Briefes, in welchem, wie er erlauerte, jene Zuſammenkunft verabredet ward.“ „Genug,“ ſagte die Lady,„verlaß mich; ich muß morgen mit dem Fruͤheſten einen Boten ab⸗ fertigen.“ „Zu welchem Ende?“ fragte die Grimbal. „Zu einem Werke, deß ſich ein Teufel ruͤh⸗ men moͤgte!“ rief die Lady,„denn ich kenne kei⸗ nen verfluchteren Geiſt, als den der Eiferſucht. Laß mich allein. Erfaͤhrſt Du mehr, ſo laß mich mehr wiſſen; wenn nicht, ſo komm ubermorgen Abend zu mir, ich konnte Deiner Huͤlfe nothig haben. Zetzt an mein Werk!— Doch halt! hier iſt der Lohn fuͤr Deine Nachricht; ich bleibe Keinem etwas ſchuldig, und wenn ich es thue, ſo bezahle ich meine Schuld mit zehnfachem Zins, wie Fitz es bald erfahren ſoll.“ Die Alte entfernte ſich; Lady Howard aber begab ſich wieder an ihren Schreibtiſch und ent⸗ warf mit vieler Faſſung und Beſonnenheit einen Brief an Sir Nicholas Slanning, deſſen Inhalt dem Leſer nicht lange mehr Geheimniß bleiben wird. Als ſie nach Beendigung ihrer Epiſtel ſich erhob, ſiel ihr Blick in einen großen Spiegel, der ihr gegenuͤber an der mit reichem Teppich ge⸗ 181 ſchmuckten Wand hing. Sie fuhr vor ihrem ei⸗ genen veraͤnderten Ausſehen zurück. Eine dunkle Roͤthe hielt ihr Geſicht uberzogen, als ob heftige Leidenſchaft ihr das Blut zum Gehirn trieb und ihr jede Ader der Stirn und des Nackens ſchwellte. Der finſtere Ausdruck in ihrem Auge und das bittere Lächeln auf ihrer Lippe verliehen ihrem Antlitze jenen Charakter von Bosheit, den aus⸗ zudruͤcken, das Bemuͤhen eines Malers ſeyn wuͤr⸗ de, wenn er durch ſeinen Pinſel den Genius tod⸗ bruͤtenden Neides darzuſtellen beabſichtigte. Eine Ueberzeugung von Dem, was ſie war und wem ſie aͤhnlich ſehen mogte, durchzuckte mit Blitzesſchnelle die Seele der Lady Howard, allein dies vermogte nicht, ſie in ihrem Vorſatze wankend zu machen, und als ſie ihr eigenes Ab⸗ bild im Spiegel mit einem an Schauder graͤn⸗ zenden Gefuͤhl betrachtete, ſchlug ſie mit der Hand auf den Tiſch, auf welchem der juͤngſt ver⸗ ſiegelte Brief lag, und rief:„Es iſt ihr eigenes Werk. Haben ſie die Aehnlichkeit mit einem Hoͤl⸗ lengeiſt in mir hervorgerufen, ſo ſollen ſie auch mich als ſolchen finden.“ In dieſem Seelenzuſtande verließ ſie das Ge⸗ mach, als ein ſchauerliches Beiſpiel von der Ge⸗ walt boͤſer Leidenſchaften, welche, wenn ſie los⸗ gelaſſen werden, um an dem Herzen Desjenigen zu nagen, der ſie in ſich wachſen ließ, zuver⸗ laͤſſig, wie in der Fabel von der Viper, damit enden, daß ſie jenes Herz zu Wahnſinn und Tod ſtacheln. Eilftes Capitel. „— Welch' aͤrmlich Werkzeug Kann edle That thun!— Freiheit bringt er mir!“ Shakſpeare. Georg Standwich, der im Verließe des Caſtells zu Lidford unter Todesurthel lag, und durchaus nichts davon wußte, daß irgend ein Verſuch ge⸗ macht wuͤrde, ſeine Begnadigung auszuwirken ſah ſich fur verloren an. Unter jener ſeltſamen Niſchung von heftigen und boͤſen Leidenſchaften, die ihm ſo natuͤrlich waren, ward er von ſeinem Religionseifer, ſeinem Aberglauben, ſeiner Zaͤrt⸗ lichkeit fuͤr Margarethe und ſeiner Beſorgniß we⸗ gen ſeiner Genoſſen, wechſelweiſe beherrſcht und gefoltert, je nachdem dieſe oder jene Regung in ſeiner Bruſt vorwaltete. Etliche Tage waren wieder verſtrichen, und er hatte Niemand geſe⸗ hen, als den Burſchen, der unter Morton's Be⸗ fehl ihm Speiſe und Trank brachte. Es gab Augenblicke, in welchen ſein Glau⸗ benseifer und ſeine Hoffnung auf Wiederherſtel⸗ lung des Katholicismus in England jeden an⸗ dern Gedanken bei ihm uͤberwogen; allein dies Bruten war nur vorubergehend, denn bei ruhige⸗ rem Nachdenken fuͤhlte er ſich, in Folge der laut gewordenen Ereigniſſe, uberzeugt, daß alle Ver⸗ ſuche, die Regierung der Eliſabeth umzuſtoßen, vergeblich ſeyn mußten. Dann wieder richtete er ſeine Gedanken auf ſich ſelbſt, und fuͤhlte dabei den giftigen Stachel ſeines Gewiſſens. Blickte er zuruͤck, ſo ſtierten ihn jene Tage ſeiner Jugend an, waͤh⸗ rend welcher er in ſtrafbarem Umgange mit Lady Page lebte, und wodurch dieſe ungluͤckliche zur Ermordung ihres Gatten verleitet ward. Dann folgte die Erinnerung an ihren ſchrecklichen Tod und an die Verheimlichung von Margarethens Herkunft. Nicht minder beklemmend war ihm 185 endlich der Gedanke, daß er durch ſchauerliche Nittel auf das Gemuͤth ſeiner Tochter wirkte, um dieſe zu ihrer Vermaͤhlung mit Slanning zu zwingen, waͤhrend er gewaltſame Hand an eben den Jüngling legte, den Margarethe wahrlich liebte, und den er ſo lange gefangen hielt, bis Margarethens ungluͤckliche Heirath vollzogen war. Standwich wußte ferner nicht das Geringſte davon, daß Lady Howard irgend Theil an dieſer Sache genommen hatte, denn die heilloſe Unter⸗ haͤndlerin Betſy Grimbal hatte ihm nimmer mit⸗ getheilt, in welcher ſchaͤndlichen Beziehung ſie zu der Lady ſtand. Der Verurtheilte wuͤnſchte, bevor er ſeine Niſſethaten buͤßen muͤßte, ſeine Tochter zu ſehen und deren Vergebung zu erbitten; allein auch hie⸗ zu wies ſich ihm nicht Hoffnung, indem Levi nichts wieder von ſich ſehen oder hoͤren ließ. Durch fortwaͤhrendes vergebliches Harren und durch die nagenden Foltern in ſeinem eigenen Buſen aufgereizt, hatte Standwich Momente, in denen er ſich gänzlich ſeiner natürlichen Wildheit und den Ausbruͤchen ſeiner augenblicklichen Stim⸗ 166 mung hingab. In einem ſolchen Momente, als eben Morton in ſein Gefaͤngniß hinabgeſtiegen war, drohete er dieſem Elenden damit, dem Schloß⸗ hauptmann die Rolle zu verrathen, die Morton bei Unterſchlagen der aus Flandern geſchriebenen Briefe ſpielte. Andreas Morton, der ein ſchlauer und vorſichtiger Schurke war, ſchwieg gegen dieſe Drohungen, erwog aber im Stillen die Wahr⸗ ſcheinlichkeit, daß ein Menſch, wie dieſer Stand⸗ wich, ganz geeignet waͤre, ſeine Drohung wahr zu machen, und richtete danach ſein Benehmen gegen den Gefangenen ein. Als Standwich in ſeine Gruͤbeleien alſo ver⸗ ſunken lag, ward er ploͤtzlich durch das Herab⸗ ſteigen des Juden überraſcht, der bald mit einem Geſichte voll Bangen und Beſorgniß vor ihm ſtand. Sein erſtes Thun war, die Fallthuͤr zu verſchließen, ſein zweites, die Lampe, deren wir fruͤher gedachten, herabzunehmen, die ſelbſt bei Nacht brennend gelaſſen ward, weil das Verließ in ewiger Finſterniß lag. Mit Sorgfalt ſtoͤrte Levi die Lampe und naͤhrte ſie aus einem Oelfläſchchen, das er zu des 187 Gefangenen Verwunderung aus ſeinem Gewande hervorzog.„Wozu all' dieſe Vorkehrungen?“ fragte Standwich betroffen. „Weil der Gefangenwaͤrter nicht zur Hand iſt, um ſein Amt zu verwalten,“ verſetzte Levi, „und weil dieſe Lampe ein Licht Deinen Fuͤßen werden ſoll, damit Du in der Dunkelheit nicht abkommeſt von Deinem Wege.“ „In Deiner Rede iſt Dunkelheit,“ ſagte Stand⸗ wich.„Weshalb kommſt Du? Haſt Du meine Botſchaft an meine Tochter ausgerichtet?“ Levi regte ſich nicht von der Stelle, ſondern verſorgte ruhig ſeine Lampe, achtete auch nicht auf die Fragen des Gefangenen. Erſt als er mit der Lampe in Ordnung war, ſetzte er dieſe in ei⸗ nen Winkel des Kerkers, naherte ſich dann mit Beſorgniß auf ſeinem Geſichte dem Gefeſſelten, und ſprach mit bebender Stimme:„Auf, Georg Standwich! Erheb' Dich! Verlier' keinen Augen⸗ blick, denn der Gott Iſtaels hat Dir zugeſendet den Befreier; das heißt, wenn Dein Herz kuͤhn genug iſt, zu erfaſſen die Gelegenheit, und Dein Arm ſtark, als er es damals war, wie Du ſpann⸗ teſt den Stahlbogen, der den wilden Baͤren—“ „Was willſt Du, Jude? Iſt jetzt Zeit zu Scherz und Spott?“ fragte der Gefangene. „Kein Scherz! Auch iſt dies nicht der Ort zum Scherz, und nicht die Zeit zum Spott, waͤh⸗ rend Deine Feinde liegen und lauern, daß ſie Dich zermalmen mit maͤchtiger Hand.— Ich bring' Euch viele Neuigkeiten.“ „Neuigkeiten!“ rief Standwich—„bringe mir lieber Botſchaft von meinem Kinde.“ „Ich habe keine Botſchaft von der Lady Slan⸗ ning,“ war des Juden Antwort.„Ich uͤbergab ihr den Brief, aber weiter wagt' ich nichts. Auch nicht von ihr ich zu reden.— Der Knabe Benjamin— „Was ſolls mit ihm? Was geht mich der Burſch an?“ fragte Standwich ungeduldig. „Ein guter Burſch, der Benjamin,“ entgeg⸗ nete Levi,„und geht Dich viel an, denn ohne die Kunde, die er mir hinterbrachte, waͤrſt Du zu dieſer Stunde denen Todten beigeſellt, in de⸗ ren Naſe kein Odem iſt.“ j nn 189 „Ich verſtehe mich nicht auf Raͤthſel,“ rief Standwich muͤrriſch.„Sprich hurtig, was Du zu ſagen haſt.“ „Laͤßt ſich doch nicht Alles in Einem Athem ſagen,“ verſetzte der Jude.„Der Burſch Ben⸗ jämin, der auf meinem Eſel reiſete und in mei⸗ nen Angelegenheiten, ſah doch zu Launceſton in Cornwall, von wannen er erſt heute fruͤh zuruck⸗ kehrte, ein Geſicht, daß es ihm die Gebeine klap⸗ pern machte, und ihm das Haar ſtraͤubte.“ „Welches Geſicht? Betraf es etwa meine Freunde?“ rief Standwich haſtig. „Als ich leben ſoll, betraf es ſie!“ entgeg⸗ nete der Jude.„Sind Deine Freunde doch zu⸗ nicht gemacht bei der Belagerung des Caſtells daſelbſt; Etliche fielen durch's Schwert, Andere liegen in Banden; dem jungen Loͤwen ſind aus⸗ gebrochen worden die Zaͤhne; und der alte Lowe liegt und ſchmachtet und aͤchzet nach Huͤlfe. Und geſehen mit den eigenen Augen hat's Benjamin, wie Dein alter Freund und Genoſſe Cuthbert Mayne geſchleift und geviertheilt ward, und wie aufgeſteckt ward ſein Haupt auf die Thormauer von Launceſton, den Adlern und Raben zur Atzung—“ „Wie?“ fiel der Gefangene ein—„Cuthbert gefallen in unſerer braven Sache? Warum ſollte ich dann noch wuͤnſchen/ verſchont zu werden? Cuth⸗ bert Mayne, der den eigentlichen Entwurf des ganzen Planes machte, durch welchen ſo viele rit⸗ terliche Kampen gleich ihm in den Staub ſinken mußten. Wehe! wehe!“ „Glaub' mir,“ entgegnete Levi,„Du haſt nicht urſache, ſeinetwegen bekuͤmmert zu ſeyn. Die Rathſchlaͤge, die er gab, waren gleich denen Ahi⸗ tophels, der den Abſalom zur Suͤnde verleitete und ihm den Weg zur Empoͤrung zeigte, welcher zu Blut und Tod fuͤhrt. Wahrlich! Du haſt nicht Theil zu nehmen an dieſem gottloſen Manne! Denk' an Dich ſelbſt; denn der Knabe Benjamin ſagte ferner— und der Burſch hat ein Aug', um ſcharf zu ſehen, und ein Ohr, um gierig zu hoͤren— ferner ſagte er, wie er hoͤrte die Haupt⸗ leute unter ſich ſprechen, daß das Urthel des To⸗ des ſey geſprochen uͤber Dich, und daß, wenn Sir John Fitz zogerte, daſſelbe zu vollſtrecken, ſo 191 wuͤrden ſie ſchon nach der Urſache davon zu for⸗ ſchen wiſſen, indem Cuthbert Mayne unter'm Galgen ſich geruͤhmt hat, wie Georg Standwich einſt ſeinen Tod raͤchen werde. Und als der Nach⸗ richter nun dem Cuthbert entgegnete, wie ſolches nicht wurde geſchehen koͤnnen, ſintemal Georg Standwich bereits im Verließe laͤge, antwortete der Verurtheilte:„So werdet Ihr wohl thun, ihn in ſchwere Ketten zu legen, denn er iſt ein braver Genoſſe, der nicht aufgeben wird ſeine gerechte Sache, ſo lange noch ein Tropfen Blutes in ſei⸗ nen Adern fließt! Und als dieſe Worte nun dem Sir Nicholas Slanning und den uͤbrigen Ban⸗ nerfuhrern mitgetheilt wurden, war Benjamin in der Naͤhe, und der Benjamin hat mir's wieder erzaͤhlt, und hat hinzugefuͤgt, wie er wohl be⸗ merkte, daß die Bannerfuhrer einmuthig nach Dei⸗ nem Tode trachteten. Und hierher kommen wer⸗ den ſie heute, um zu erſpaͤhen die Urſache, wes⸗ halb das Urthel nicht an Dir vollzogen ward.“ „Moͤgen ſie kommen!“ ſagte Standwich;„ich bin bereit. Nur Einen Wunſch heg' ich noch— meine Tochter zu ſehen; allein er wird nicht er⸗ 192 füllt werden. So will ich mich denn waffnen, um dem Tode ſtandhaft zu begegnen, wie ein Mann es thun ſoll.“ „Waffne Dich lieber, ihm zu entrinnen,“ ſagte der Jude,„wie ein verſtändiger Mann es thun wird, wenn die Thore ſeines Kerkers offen ſtehen, daß er entſchlupfen mag, wie ein Vogel aus der Schlinge des Jägers. Hier,“ fuhr Levi fort, in⸗ dem er den Mantel von ſich warf, worein er ge⸗ hullt war—„hier ſind die Mittel zu Deiner Befreiung, ſo Du Herz und Hand haſt, dieſelbe zu erfaſſen.— Ich werde Deine Bande löſen, 2 dieſer Kerker wird ſeyn ein veroͤdeter Raum— Abermals forſchte Georg Standwich mit allem Ernſte, der ihm zu Gebote ſtand, nach dem eigent⸗ lichen Sinne dieſer Worte, gllein Levi antwortete ihm blos dadurch, daß er eine kleine Feile her⸗ vorholte, mit welcher er behend und hurtig die Ketten durchſchnitt, an denen Standwich gefeſ⸗ ſelt lag. „Jetzt ſchreit umher!“ rief der Judez„ſtrecke Deine Glieder! Du biſt frei.“ Aceeiulti 193 „Frei von dieſen Feſſeln,“ ſagte Standwich; „allein was nutzt es mir, da ich zwiſchen dieſen Kerkermauern unter dem Erdboden begraben lie⸗ ge? Was hilft's dem Fuchſe, in ſeinem Loche ſicher zu lauern, wenn er ſich nicht hervorwagen kann ohne daß die Hunde ihn an der Kehle packen?“ „Die Hunde ſollen vielmehr liegen bleiben hinter Dir,“ fiel Levi ein,„inſofern Du ſie weißt zu treffen;“ und damit holte er ein Paar Piſto⸗ len hervor und haͤndigte ſie dem Erſtaunten ein. „Was ſoll ich thun?“ rief dieſer.—„Du haſt einen Plan mit mir vor; eile, mir ihn ganz mitzutheilen, daß ich im Stande bin, jeder Ge⸗ fahr „Vor der Hand ſo viel,“ antwortete Levi, der beſchloſſen zu haben ſchien, ſeinen Vorſatz mit der groͤßten Kaltbluͤtigkeit durchzufuͤhren:„Vor einer Stunde reiſ'te der Schloßhau mann von Lidford ab, und wie ich vernahm, will er mor⸗ gen mit dem Fruheſten Fitz⸗Ford verlaſſen und eine geheime Reiſe antreten, deren Zweck er ſo geheim haͤlt, daß ſelbſt ſein vertrauter Diener Morton denſelben nicht erfahren konnte. Durch Fitz of Fis⸗Ford. III. 13 ein nimmer bei den Niedertraͤchtigen fehlſchlagen⸗ des Mittel— durch Gold— hab' ich des Dienſt⸗ knechtes Morton Mithuͤlfe erkauft, daß er ſelbſt mir den Weg zeigte zu Deiner Befreiung, und daß er mit Winke gab, dieſelbe zu bewirken, waͤh⸗ rend er den Gebieter nach Fitz⸗Ford begleitet, denn Morton geht nicht mit auf jene Reiſe; und ſo Dein Entrinnen waͤhrend ſeines Fernſeyns von Lidford ſtattfindet, wird er ſich ſchon herauszure⸗ den wiſſen—“ „Gewiß,“ unterbrach ihn Standwich—„er⸗ ſann Betſy dieſen Befreiungs⸗Plan. Sie ſtand lange Zeit in einem geheimen Verkehr mit An⸗ dreas Morton, um den Schloßhauptmann zu hin⸗ tergehen und mir zu dienen“ „Sie weiß nichts von dieſen Anſchlaͤgen,“ entgegnete Levi.„Morton wollte dem Belials⸗ weibe nicht mehr vertrauen, ſeitdem ſie ſich zu der Lady Howard geſellte, in deren Dienſten, wie es heißt, ſie fortwährend thaͤtig iſt.“ „So muß es zum Boͤſen ſeyn,“ ſagte Stand⸗ wich,„und da zwei gottloſe Weiber ſich alſo zu Werken der Finſterniß vereinigten, that Morton 195 wohl, ihnen Beiden nicht zu trauen, obwohl Betſy Grimbal mir ſtets getreu war, und wie ich meine, es auch jetzt ſeyn wuͤrde, wenn ſie mich in einer Gefahr wuͤßte, aus der ſie mich retten koͤnnte.“ „So dachte Siſerah,“ ſprach Levi,„als er vor Barak floh, und ſein Vertrauen auf die Jael, das Weib Heber's des Keniters, ſetzte; allein die Treue der Jael beſtand in einem Hammer und einem Nagel, wodurch Siſerah um's Leben kam. Nein, Hauptmann Standwich, wir trauen keiner Jael in unſerer Noth. Ich allein unter⸗ nahm Deine Befreiung, und Morton gab mir zu meinem Vorhaben ſeine Seele, weil ich ihm Gold gab.— Ihr rettetet mich vor dem bittern Kelche des Todes, als ich fluͤchtig war vor dem wilden Thiere des Waldes, das nach meinem Blute gierte; und ſo wahr es einen Gott giebt in Iſrael, ſo wahrhaftig will ich vergelten jene Wohlthat mit Aufopferung alles Deſſen, was ich mein nenne; obwohl ich, waͤhrend ich ſolches thue, keinen Heller uͤbrig behalte, den ich koͤnnte bei⸗ ſteuern zum Wiederaufbau des Tempels zu Zion.“ 13 „Halt, Levi,“ ſagte Standwich zu dem Juden, der die Lampe aufgehoben hatte und ſchien, als wollte er voran auf dem Wege zur Flucht gehen: „Halt, Levi! ich kann mich ſo nicht durch Eroß⸗ muth zermalmen laſſen, und noch dazu von ei⸗ nem Unglaͤubigen, von Einem, der als vor Gott und Menſchen verflucht angeſehen wird. Ich will nicht mit Dir gehen, denn wohl weiß ich, daß mich befreien eine That iſt, die Dem das Leben koſten kann, der ſie wagt. Ueberlaß mich alſo meinem Schickſale; geh', alter Mann— geh' in Sicherheit und Frieden, ich will nicht Urſach wer⸗ den, daß Du mit den Deinen in Gefahr geraͤthſt.“ „Es giebt keine Gefahr fuͤr mich oder die Meinen,“ verſetzte Levi,„es moͤgte denn die Folge Deiner eigenen Thorheit ſeyn. Der Burſche, der Dir Speiſe und Trank in Deinen Kerker zu brin⸗ gen pflegte, iſt abſichtlich entfernt worden. An⸗ dreas Morton, Dein Huter, ließ mich ſelbſt in den Thurm, ehe er ſeinem Herrn nach Fitz⸗Ford ſolgte. Die Anſtalten zu Deiner Flucht ſind ſo getroffen, daß ſie ſcheinen, als ſeyen ſie aus Dei⸗ ner eigenen Kenntniß des Ortes und Schlauheit 197 hervorgegangen. In weniger als acht Stunden kannſt Du außer dem Bereiche Deiner Feinde ſeyn, da die Schwalbe, die ſegelfertig liegt, nur wartet, um Dich an Bord zu nehmen. Capitaͤn Naswerth, deß Gewerbe nicht mehr gluͤcken will an dieſen Kuͤſten, will nach der neuen Welt, um dort auf's Neue ſein Gluͤck zu verſuchen. Es freut ihn, daß Du mit ihm ziehſt, denn er weiß, wie nützlich Du ihm werden und ſeyn kannſt.“ „So bin ich bereit,“ ſagte Standwich.„Wie aber kommen wir durch die Wachen oder durch die Thore dieſer Veſte?“ „Still, ſtill!“ antwortete Levi,„meinſt Du, wir koͤnnten durch dieſelben hindurch? Das wuͤrde ein hoffnungsloſes Unternehmen ſeyn! Un⸗ ſer Weg iſt gleich dem des blinden Maulwurfes. Die Erde kann bisweilen die Freiheit geben dem Lebenden, ebenſo gut, als ſie bewahrt den Leich⸗ nam. Huͤllt Euch in dieſen Mantel, ſteckt die Piſtolen in Euren Guͤrtel, ſchreitet leiſe und folgt mir!“ Vorſichtig ſchritt Levi, mit der Lampe in der Hand, voran, und bald erreichte er mit Stand⸗ wich das kleine Gemach oberhalb des Verließes, in welchem ſie keinen Menſchen vorfanden. Die Thuͤr dieſes Gemaches war außerhalb ſorgfältig von Morton verſchloſſen worden, damit dieſer je⸗ des Verdachtes von Theilnahme an der Flucht des Verurtheilten ledig ſeyn moͤgte. Als ſie in dem Gemache oberhalb des Ker⸗ kers angelangt waren, ſagte der Jude leiſe:„Hier endet unſere Gefahr; wir ſind jetzt in Freiheit.“ „In Freiheit?“ rief Standwich:„Wie? Jene Thůr iſt von Eiſen und feſt verſchloſſenundverriegelt.⸗ „Immerhin,“ entgegnete Levi—„ich aber will Euch ein Geheimniß erſchließen. Als die Maͤnner von Gad vor Zeiten dieſe Veſte baue⸗ ten, waren ſie liſtig darauf bedacht, aus derſelben heimlich entrinnen zu koͤnnen, wenn Noth es er⸗ fordern moͤgte. Seht Ihr jenen großen grauen Quaderſtein in der Mauer?“ „Was ſoll er?“ fragte Standwich.„Es iſt ein Eiſenring in demſelben, wie ich aͤhnliche Steine denn in meinem Kerker ſah.“ „Der Ring druckt auf eine geheime Feder,“ ſagte Levi,„und Morton, der den alten Thurm 199 genau kennt, hat mich den Druck gelehrt. Hal⸗ tet die Lampe, aber ſteht weiter zuruͤck, daß der lange verhalten geweſene Zugwind, der aus der Oeffnung hervorbrechen wird, ſie nicht verloͤſche. Schautt jetzt, iſt der Stein nicht gleich dem Wun⸗ der des harten Felſen am Horeb, der einem dur⸗ ſtigen Volke Waſſer ſprudeln ließ? Gieb Acht, wie er den Rachen oͤffnen ſoll, den finſteren, um Dir Freiheit zu geben!“ Levi beruͤhrte, waͤhrend er ſprach, die Feder, und augenblicklich drehte ſich der Stein, und eine Pforte war aufgethan. „Dies iſt der Eingang zu dem unterirdiſchen Gewoͤlbe,“ fuhr der Jude fort.„Haſt Du Muth, durch daſſelbe hindurchzuſchreiten*)7 Es leitet zu der Felsoͤffnung unweit der Schlucht bei der Bruͤcke von Lidford.“ „Nur vorwaͤrts!“ ſagte Standwich.„Ich wurde es wagen, und wenn es zu den Pforten *) Obwohl dieſer Eingang zur unterirdiſchen Hoͤhle von Lidford nicht mehr vorhanden iſt, ſo iſt doch die Sage von demſelben, wie von der Hoͤhle, noch immer im Schwange. Anmerk. d. Verf. 200 der Hoͤlle leitete. Wen ſchmachvoller Tod erwartet der wird wahrlich nicht den Verſuch ſcheuen, ihm zu entrinnen! Ich bin uͤber die ſchneebekuppten Apenninen gezogen, als hungrige Woͤlfe auf den⸗ ſelben Menſchen und Vieh zu ihrer Beute machten.“ „So flieht denn um Eures Lebens willen!“ rief Levi.„Aber ſeyd wie Lot, waͤhrend Ihr flieht. Haltet nicht inne im Laufen, bevor Ihr die Berge erreicht, denn es ſuchen Euch Die, ſo da duͤrſten nach Eurem Blut, wie der Hirſch duͤrſtet nach friſchem Waſſer.— Ich will die Lampe tragen; Ihr ſollt es nicht, denn wenn ſie verloͤſcht, ſind wir Beide verloren.“ Nachdem Levi dieſe Worte geſprochen hatte, ſchritt er voran durch den Gang; Standwich folgte. Eine Zeit lang ging es eine Wendeltreppe hinab, die in der dicken Mauer angebracht war. Levi, der die Lampe mit ſeiner Hand ſo beſchattete, daß das Flaͤmmchen derſelben nicht durch den Luftzug gefaͤhrdet werden konnte, wanderte mit vieler Be⸗ hutſamkeit weiter, und war ſo emſig in Zuruͤck⸗ legung des dunkeln und gefahrvollen Weges, daß er kaum zu Standwich eher redete, als bis das „ 201 ſchwache Flimmern eines blaͤulichen Lichtes, wel⸗ ches ſie, nachdem ſie durch eine Kruͤmmung im Gange gekommen waren, in der Ferne gewahrten, ihm die Verſicherung gab, daß ſie von der Dun⸗ kelheit auf ihrem Pfade nichts mehr zu fuͤrchten haͤtten, ſondern dem Ausgange der unterirdiſchen Bahn nahe waͤren. Bald nachher hoͤrten ſie ein leiſes Gemurmel, das immer ſtaͤrker ward, je weiter ſie ſchritten, bis das Plätſchern und endlich das Brauſen des Waſſers ſie erkennen ließ, daß ſie ſich dem Bette des Lidfluſſes naͤherten. Endlich gelangten ſie an die Muͤndung der Hoͤhle, die von außen kaum, wegen der vielen Spalten und Ritzen in der Fels⸗ wand, wahrgenommen werden konnte. Dieſe Muͤn⸗ dung war eine naturliche Oeffnung oder ein Riß im feſten Fels, deſſen Seiten, ſchwarz wie Eben⸗ holz, tauſenderlei groteſke Geſtalten darboten, die von dem Schaume des Lidfluſſes beſpuͤlt wurden, wenn dieſer, von Regenguͤſſen angeſchwollen, noch wilder als ſonſt daher brauſete. Hoch uͤber ihnen hingen in ſchauerlicher Er⸗ habenheit, als droheten ſie jeden Augenblick ſich 202 von ihren lockeren Haltpuncten loszureißen, un⸗ geheure Steinmaſſen, die halb in der Luſt ſchweb⸗ ten, ſo daß es ſchien, als wurde die leiſeſte Er⸗ ſchuͤtterung ſie in die Tiefe ſtuͤrzen. Strauchwerk, Moos, wildes Farnkraut und die Stämme ſtein⸗ alter Baͤume ſchoſſen aus den Spalten der Fel⸗ ſen hervor, deren wilde Formen, zuſammt dem heulenden Strome in der duͤſtern Tiefe, und der engen Kluft, in welche nimmer ein Sonnenſtrahl drang, dem ganzen Schauplatz einen Charakter beilegten, der ein an Schauder grenzendes Inter⸗ eſſe verlieh. Als Levi an dem Rachen der unterirdiſchen Hoͤhle ſtand und aus derſelben herauslugte, ſah er, uͤber den Fluß hinblickend, etwa zwanzig Ellen weit von ſich, hoch in Luften aufgehangen, den Bogen der Lidfordbrucke, die ſich uͤber den Schlund hin ſchweift. Levi berichtete nun ſeinem Gerette⸗ ten, wie ſie bemuͤht ſeyn muͤßten, dadurch weitere Bahn zu finden, daß ſie von Felsſtuͤck zu Felsſtuck klimmten, bis zu dem Theile des Bru⸗ ches hin, wo der Waſſerfall ſich in den Lidfluß ergießt; indem es unerlaͤßlich wäre, daß Stand⸗ 203 wich bis zum Herannahen des Abends ſich in der Waldung verſteckt hielt. Um die Zeit der Daͤm⸗ merung war Benjamin an eine gewiſſe Stelle unfern des Gipfels der Berghoͤhe mit Pferden beſtellt, fuͤr die Levi zum Voraus geſorgt hatte, um die Flucht des Geretteten zum Strande hin zu erleichtern. Unweit Morwel⸗ham, berichtete der Jude weiter, wuͤrde Capitaͤn Naswerth ein Boot anlegen laſſen, um ihn an Bord zu holen, damit man ſofort nach Plymouth hin die Anker lichtete. Der Plan beduͤnkte dem Haͤuptling der Ge⸗ achteten wohl und ſorglich erſonnen; und wie un⸗ dankbar Standwich von Natur auch ſeyn mogte, ſprach er doch ſeinen innigen Dank gegen Levi, den er fuͤr ſeinen Retter erachtete, fur den Dienſt aus, den dieſer ihm ſo großmuͤthig und eifrig er⸗ wieſen hatte. Lovi aber wies ſolchen Dank jeder⸗ zeit dadurch zuruͤck, daß er auf ſeine eigene Schuld der Dankbarkeit gegen Standwich deu⸗ tete, der ihn vor zwei Jahren, am Tage jenes Maienfeſtes, aus den Klauen des grimmen Baͤ⸗ ren errettete. Sie erreichten die Staͤtte, an der zur anbe⸗ raumten Stunde Benjamin ſich mit zwei Pfer⸗ den, von denen eines doppeltſitzig eingerichtet war, blicken ließ. Standwich ſaß bald im Sat⸗ tel des einen der Gaͤule, der ein muthiges Thier war. Levi beſtieg das zweite Pferd, das ſich derb 1 und ſtarkknochig wies, und Benjamin ſetzte ſich hinter den Oheim auf einen hohen Sattelſitz, wo er einem Affen auf dem Ruͤcken eines Baren nicht ungleich ſah. Wir verlaſſen ſie fuͤr jetzt, um uns anderen Gegenſtaͤnden zuzuwenden, auf welche unſere Auf⸗ merkſamkeit ſich zu richten hat. Zwölttes Capitel. „Es will das Herz vor Ungeduld mir brechen— Wer nennt's vorſchnelle Eiferſucht? Mein Weib Schickt' aus nach ihm, die Stund' iſt feſtgeſetzt, Geſchloſſen der Vertrag— Laäͤßt es ſich denken?“ Shakſpeare. Das Haus, welches von der Lady Howard be⸗ wohnt ward, und von welchem heut zu Tage keine Spur mehr uͤbrig iſt, ſtand in nicht großer Entfernung von Holwel, dem Wohnorte Slan⸗ ning's, und gab von außen und von innen Zeug⸗ niß von dem Reichthume und der Prachtliebe ſei⸗ ner ſtolzen Eignerin. Gegen das Ende jenes denkwuͤrdigen Tages, an welchem Standwich aus Lidford entflohen war, und 206 der als Vorabend der von John Fitz beabſichtig⸗ ten Reiſe nach London anzuſehen blieb, zog am Himmel ein ſchweres Wetter herauf. Um dem⸗ ſelben auszuweichen, vielleicht auch aus anderem Grunde, trabte ein einzelner Reiter im Mantel und Klapphut, der damals uͤblichen Reiſetracht, die Huͤgel herab, und hielt nicht eher an, als bis er an die Pforte der Wohnung der Lady Howard gekommen war. Hier ſtieg er ab und verlangte mit einiger Ungeduld, der Herrin des Hauſes ſo⸗ gleich vorgefuͤhrt zu werden. Erſt als der Fremde im Gemache der Dame Howard ohne Zeugen gegenuͤber ſtand, warf er den breiten Hut, unter welchem die Dienerſchaft des Hauſes ihn in der Abenddaͤmmerung nicht hatte erkennen koͤnnen, und den Mantel von ſich, und ſagte in heſtiger Bewegung:„Ich bin ge⸗ kommen, Lady— hier Euer eigener Brief, der mich zu dieſer Stunde an dieſen Ort beſchied. Beweiſet die Wahrheit Deſſen, wovon Euer Schreiben ſpricht, und Ihr ſollt ſehen, daß ich ſo verfahren werde, wie es meiner Berichterſtat⸗ terin und meiner eigenen Ehre als Ehemann ge⸗ 207 ziemt. Doch will ich nicht unbeſonnen handeln. Ich verlange Beweis, klaren, unwegzuleugnenden Beweis,“ fuͤgte er in einem Tone hinzu, der eben nicht viele Hoͤflichkeit gegen die Lady ausdruckte. Die Dame mogte durch dieſen Ton und das damit verknuͤpfte unzarte Weſen ſich hoͤchlich be⸗ leidigt fuͤhlen, denn ſchier mit mehr als ihrer ge⸗ wohnten Hochfahrendheit verſetzte ſie:„Fordert Be⸗ weis von Eurer Gemahlin, Sir Nicholas; denn wenn Ihr ſolchen bei mir ſucht, ſo ſucht Ihr mehr, als ſelbſt ein Gerichtshof bei mir ſuchen wuͤrde; indem in ſolchen Faͤllen die Beweiſe aus den Um⸗ ſtaͤnden hergeleitet werden. Der Gemahl der Lady Slanning aber duͤrfte vielleicht Gewalt genug uͤber ſein Weib haben, um von ihr einen genaue⸗ ren Bericht uͤber ihren erneuerten Umgang mit Sir John Fitz zu erlangen, als ich denſelben zu ertheilen vermag— das heißt, wenn er ihn mit Geduld verlangt.“ Das kalte, ſarkaſtiſche, faſt hohnſpottende We⸗ ſen, womit dieſe Worte geſprochen wurden, war hoͤchſt empfindlich fuͤr Slanning, ſo daß dieſer alle ſeine Selbſtbeherrſchung, die doch gemeiniglich 208 ſein Eigenthum blieb, verlor und entgegnete:„Ich bin nicht hier, Lady Howard, um Beleidigungen von Euch hinzunehmen. Ihr habt Euch vermeſ⸗ ſen, meine Gattin— ja, ja, meine Gattin in dieſem Euren Briefe eines ſchweren Verbrechens anzuklagen. Ihr veranlaßtet mich, geheim hieher zu kommen, indem Ihr behauptetet, mir Beweiſe von der Strafbarkeit meines Weibes vorlegen zu koͤnnen; ſo alſo fordere ich dieſe Beweiſe.“ „Geduld, Sir Nicholas,“ verſetzte Lady Ho⸗ ward minder hochfahrend,„und Euch ſollen Be⸗ weiſe werden— Beweiſe, daß Euch das Herz d'ran erkranken wird. Warum aber wollt Ihr Eure Forſchung in Worten und Geberden begin⸗ nen, als ob Ihr meine Ehre in Zweifel zoͤgt? Welch anderen Grund, als Euch Gerechtigkeit zu verſchaffen, wie meine Freundſchaft fuͤr Euch es mir gebeut, koͤnnte ich haben, um mich ſo in eine Sache voll Gefahr zu miſchen, die aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach meinen Gefuͤhlen nicht zuſagend ſeyn kann?“ „Vergebt mir,“ entgegnete Sir Nicholas,— „vergebt, Lady Howard, der eiferſuchtigen Nach⸗ 209 frage eines Ungluͤcklichen, der, ehe er dieſen Um⸗ ſtand wahr finden moͤgte, lieber ſaͤhe, daß die ganze uͤbrige Welt aus Falſchheit zuſammengeſetzt waͤre. Ich dachte, verzeiht mir, ich hoffte, daß irgend ein Verdruß in Euch gegen Sir John Fitz, ſeit deſſen undankbarem Benehmen gegen Euch, Euch da mehr Verdacht ſchoͤpfen ließ, als wirk⸗ lich vorhanden ſeyn moͤgte. Waͤre dieſer Umſtand nicht, ſo wuͤrde ich zuerſt nicht Euch, ſondern meine Gattin aufgeſucht und zu dieſer Stunde ihr ein voͤlliges Eingeſtaͤndniß ihrer Schuld ab⸗ gezwungen haben.“ „Und meint Ihr,“ ſagte Lady Howard,„daß ein Weib, das wirklich falſch gegen ihren Gemahl handeln konnte, ſo leicht dahin zu bringen ſey, gegen ſich ſelbſt zu zeugen? Nein, Sir Nicholas, glaubt mir, Weiber, welche betrogen, wagen es auch, ihren Betrug zu verdecken. Iſt Eure Gat⸗ tin ſchuldig, ſo wird ſie nimmer die Wahrheit ſprechen.“ „Fuͤrwahr, ſo wird's ſeyn,“ entgegnete Slan⸗ ning.„Konnte ſie mich Einmal betrugen, ſo wird ſie ſtets voll Trug ſeyn. Ihr lehrt mich, Fis of Fitz⸗Ford. III. 14 2¹⁰ wie ich zu handeln habe. Sofort will ich Fitz aufſuchen; mein Schwert ſoll ſeinen Lippen Ge⸗ ſtaͤndniß abnoͤthigen.“ „Das wuͤrde ebenfalls Thorheit ſeyn,“ ſagte die Lady.„Er wird ſchwoͤren, daß Ihr ein Be⸗ trogener, daß Ihr trunken von der Thorheit Eu⸗ rer Leidenſchaft ſeyd. Er wird Euch rathen, heim⸗ zugehen und Euren Rauſch auszuſchlafen, waͤh⸗ rend Euer pflichtliebendes Weib Euch den Pfuͤhl aufklopft, den Eiferſucht Euch ein wenig unbe⸗ quem fuͤr Euer Haupt werden ließ. Seyd gelaſ⸗ ſen, und hoͤrt mich! Gewinnt durch Eure eigenen Augen den Beweis, den Ihr verlangt, und dann verfahrt nach Euerm Gefallen. Bis jetzt habt Ihr noch nichts vernommen, wodurch Eure wil⸗ den Gedanken ſich rechtfertigen ließen. Unterſucht mit Beſonnenheit Das, was ich Euch eroͤffnen kann, ſo wird Das, was Ihr thun werdet, ſich auf Vernunſt ſtutzen konnen.“ „So ſey's, ſo ſey's,“ entgegnete Slanning. „Ich will jeden Umſtand erwaͤgen, nicht der kleinſte, der auf der Schale der Gerechtigkeit auch nur den Ausſchlag eines Haares abgeben duͤrfte, ſoll mir 211 entſchlupfen, und waltet ein Zweifel, nur ein ein⸗ ziger Zweifel ob, ſo ſoll er in die Schale der Gnade geworfen werden; denn obwohl ich Rache fur Beleidigung will, ſo ſoll ſolche Beleidigung doch erwieſen ſeyn, klar wie die Sonne um Mit⸗ tag erwieſen ſeyn, bevor ich mein Weib fuͤr ſchul⸗ dig erachte. Ich bin jetzt ruhig— ganz ruhig; ſprecht, was wißt Ihr von dieſer Sache?“ „An dem Abend vor der Nacht, in welcher ich an Euch ſchrieb,“ berichtete die Lady,„ſah ich Sir John Fitz, wie er durch das Geholz Eu⸗ rer Wohnung zuritt. Ich hielt es fur ſonderbar, daß er uberhaupt Lady Slanning beſuchte; noch ſonderbarer aber beduͤnkte es mich, daß er es waͤhrend Eurer Abweſenheit that; oder rechtfer⸗ tigt dies ſich etwa durch Euren erneuerten Um⸗ gang mit ihm?“ „Es fand kein erneuerter Umgang zwiſchen uns Statt,“ antwortete Sir Nicholas.„Von der Stunde an, in welcher Fitz zu uns eindrang, hat er meine Naͤhe und, wie ich ſtets glaubte, auch die meines Weibes gemieden. Welch ſonſti⸗ 14* 212 gen Beweis habt Ihr? Denn dieſen Umſtand kann ich fuͤr keinen Beweis halten.“ „Wir werden ſehen, ob Ihr ihn dennoch nicht dafuͤr halten werdet,“ fuhr die Boshafte fort. „Hoͤrt weiter: Ich war in meiner Kutſche, und, neugierig, ich geſteh's, zu ſehen, wie der Beſuch des Schloßhauptmanns von Lidford zu Holwel aufgenommen werden moͤgte, fuhr ich vor Euer Haus, waͤhrend Fitz durch eine Hinterpforte in daſſelbe eingelaſſen ward. Aus meinem Wagen ſah ich, wie John Fitz ſich im Wohngemach Eu⸗ rer Lady vom Fenſter zuruͤckzog, um von außen nicht erblickt zu werden, und—“ „Und weiter ſahet Ihr nichts?“ rief Slan⸗ ning—„nichts, das die Ehre meines Weibes ſchaͤdigen koͤnnte?“ „Nichts,“ antwortete Lady Howard,„allein mein angetragener Beſuch ward unter dem Vor⸗ wande abgewieſen, daß Lady Slanning krank und außerdem dringend beſchaͤftigt ſeyo. So konnte ich nicht umhin, zu denken, meine Anweſenheit duͤrfte der Heimlichkeit, mit welcher John Fitz 213 Eure Gattin beſuchte, einigermaßen im Wege ge⸗ weſen ſeyn—“ Slanning ſchien heftig bewegt; die Lady fuhr fort:„Da ich jedoch von dem Boten, der Eurem Weibe Kunde von Euch uͤberbrachte, erfuhr, daß er ein Schreiben an Euch zuruͤckzutragen hatte, ſo zweifelte ich nicht, Lady Slanning werde Euch genuͤgenden Aufſchluß uͤber einen Umſtand gege⸗ ben haben, der ſo auffallend—“ „Das that ſie nicht, ſo wahr der Himmel mir helfe!“ fiel Slanning ein,—„mit keiner Sylbe gedachte ſie deſſen; vielmehr ſchrieb ſie mir einen Brief, wie ich nie zuvor ihn von ihr er⸗ hielt. Verworrenheit war in jeder Zeile, kaum ein Satz darin war vollkommen verſtaͤndlich. Ich wunderte mich daruͤber, aber jetzt iſt mir die Ur⸗ ſache davon klar; eben jene Verworrenheit zeugt von der Wahrheit.— Weiter! ich will Euch fer⸗ ner nicht unterbrechen, will Alles anhoͤren, und will's gelaſſen anhoͤren.“ Sir Nicholas warf ſich in einen Seſſel, wäh⸗ rend ſeine kaltherzige, boshafte Quaͤlerin in ihrer Berichterſtattung fortfuhr, den Worten nach dabei 214 der Wahrheit nicht untreu ward; allein jedem ih⸗ rer Worte durch Ton, Blick und Geberde eine ſolche ſataniſche Bedeutung verlieh, daß ſie da⸗ durch nur zehnfach groͤßeres Unheil wirkte. Sie redete Dolche, die ſich in Slanning's Herz ſenk⸗ ten, und ſteigerte ſeine Eiferſucht zu einem ſol⸗ chen Grade, daß ihm ſeine eigenen Gefuͤhle un⸗ ertraͤglich wurden. Dennoch gewahrte ſein Scharf⸗ blick, daß todtliche Bosheit hinter der Mittheilung der Lady lauſchte, ſo daß er von ſeinem Sitze auffuhr und ausrief:„Seht Euch vor, o, ſeht Euch vor, was Ihr thut! Bedenkt, daß Ihr in die Seele eines liebenden Gatten einen Argwohn floͤßt, der deſſen liebreichſte Geſinnungen zu tödtli⸗ chem Grimm verwandeln, und ihn Thaten bege⸗ hen laſſen muß, an denen Teufel ſich ergötzen moͤgten! Seht den Abgrund vor Euch! Wenn Ihr auf leichte Vermuthungen hin ein tugendſa⸗ mes Weib verklagt, ſo verſenkt Ihr Eure eigene Seele in eine Suͤndentiefe, aus der Ihr keine Er⸗ loͤſung zu hoffen habt. Weder Himmel noch Erde. wird Euch dann Frieden zu bieten vermogen. Ihr ſchmaͤht dann den Ruf einer Schuldloſen; Ihr verklagt auch Sir John Fitz, einen Mann, dem durch mich ſchon ſo großes Leid widerfuhr; aufs Neue gebt Ihr mir Waffen gegen ihn in die Hand, denn Ihr treibt mich zu Eiferſucht und vielleicht zu Mord; Ihr thut dies, wenn Ihr Euch jetzt erkuͤhnt, Worte der Bosheit ſtatt der Wahrheit zu reden.“ „So wahr ich nach dieſem Leben meinen Rich⸗ ter finden mag,“ ſagte die Entſetzliche,„ich habe nur Wahrheit geſprochen! Werdet Ihr durch meine Worte getaͤuſcht, ſo ward ich es ebenfalls durch meine Augen und Ohren. Andreas Morton, der Diener des Erben von Fitz, verſicherte mir, daß ihm der Befehl worden war, im nahen Gehoͤlz mit den Pferden zu harren, bis ſein Gebieter von einer Unterredung mit der Lady Slanning zuruͤck⸗ kehren wuͤrde. Auch geſtand er— doch ich ſcheue mich, es zu ſagen—“ „Scheuet nichts! Ich will Alles wiſſen!“ rief Slanning mit einer von Leidenſchaft faſt kreiſchen⸗ den Stimme. „Er geſtand mir,“ fuhr die Lady fort,„daß Margarethe an eben demſelben Nachmittag einen Jägerburſchen nach Lidford mit einem Schreiben an den Schloßhauptmann abſendete, und daß, wie Morton meint, der Brief von einem Zeichen oder Geſchenke begleitet war, indem nach des Jä⸗ gers Ruͤckkehr Fitz einen demantbeſetzten Turkis⸗ ring an ſeinem Finger trug, den man nie zuvor bei ihm geſehen hatte.“ „Den Ring kenn' ich,“ rief Sunin— „ja, ja, Margarethe trug ihn beſtaͤndig; ſogar am verhaͤngnißvollen Tage meiner Vermaͤhlung mit ihr trug ſie ihn.— Ich weiß, daß der Ring ihr werth war— und nun hat ſie ihn an Fitz geſchickt! Das iſt in der That ein Beweis! Das iſt eine zu ſchwarze, zu verdammenswerthe That, als daß ſie der Färbung der Bosheit beduͤrfte. Was erfolgte?“ „Andreas Morton,“ fuhr Lady Howard ſort, „erklaͤrt, daß ſein Herr das Schreiben beantwor⸗ tete, daſſelbe dem Jager mitgab und dann ſelbſt nachfolgte; jedoch warum er nachfolgte, konnte Morton nicht erſpaͤhen.“ „Warum? Iſt da noch Frage?“ rief Slan⸗ ning außer ſich.„Um das Werk der Hoͤlle zu 217 thun— um ſich und mein ſchaͤndliches Weib an Leib und Seele dem Verderben hinzugeben! Ich will's vollenden, denn bis jetzt iſt das Werk erſt in ſeinem Beginnen.— Sprecht weiter! Jedes Wort ruft Tod uͤber die Nichtswuͤrdigen.“ „Seyd Ihr doch außer Euch von Zorn!“ ſagte Lady Howard.„Wenn dieſe Dinge Euch ſchon ſo aufregen, wie wird es dann um Euch ſtehen, wenn ich Euch ſage, daß an dieſem, ja an eben dieſem Abend, der finſter und ſtuͤrmiſch herein⸗ bricht— ſie eine zweite Zuſammenkunft—“ „Bei der ich zugegen ſeyn will!“ ſchrie Slan⸗ ning;—„freilich werd' ich ein unwillkommener Gaſt ſeyn, aber man ſoll mich dennoch zulaſſen! Um welche Zeit treffen ſie zuſammen, um mich zu entehren, um Suͤnd' auf Suͤnde zu haͤufen, um des armen Ehemannes zu ſpotten, den ſie in den Armen des Schlafes waͤhnen als einen Dorf⸗ knecht nach des Tages Muͤhſal, waͤhrend ſie in Ueppigkeit ſchwelgen? O Margarethe! koͤnnt' ich — o koͤnnt' ich dies je fuͤr moͤglich gehalten haben?“ „Ich will doch den Vorhang fallen laſſen; es — blitzt— horcht! Es donnert— ja, ja, das war ferner Donner,“ fiel ihm Lady Howard ein. „Thut es nicht,“ verſetzte Slanning.„Laßt mich die Blitze ſehen; o! daß einer von ihnen mich zerſchmetterte, es wurde Barmherzigkeit ſeyn. Margarethe, die ich fur ſo fromm hielt, muß ich ⸗ ſo falſch finden; falſch gegen einen Gatten, der ſie ſo liebte, als ich——“ „Nicht doch, kommt vom Fenſter weg,“ un⸗ terbrach ihn abermals die Dame.„Das war ein Blitz, um blind davon zu werden. Ich will den Vorhang herunterlaſſen. Welch ein entſetzlicher Schlag!“ Sie hielt inne, als ein fuͤrchterlicher Donner uͤber dem Hauſe krachte, daß dieſes in ſeinen Grundfeſten erbebte. Selbſt die kuͤhne und ver⸗ ſtockte Bruſt der Lady Howard erzitterte bei die⸗ ſem Wetterſchlage. Beide ſchwiegen ein Weil⸗ chen, und die Dame nahete ſich nicht dem Fen⸗ ſter, während draußen der Sturm unaufhaltſam wuͤthete. „Wenn das Wetter fortdauert, und das iſt wahrſcheinlich, denn es begann nach Sonnenun⸗ 219 tergang, ſo giebt es eine ſchauerliche Nacht,“ ſagte Lady Howard. „Es iſt Gottes Stimme,“ verſetzte Slanning, „die des Hoͤchſten Zornbefehle verkuͤndet. Sein verzehrend Feuer zuckt in Luͤften, und hernieder⸗ fallen wird es in dieſer Nacht.— Sagtet Ihr nicht, acht Uhr waͤre die Stunde, in welcher John Fitz und mein Weib—“ „So ſagte Andreas Morton,“ entgegnete Lady Howard.„Auch fuͤgte er hinzu, ſein Herr wuͤrde ſich morgen mit dem Fruͤheſten auf eine geheime Reiſe begeben; allein wer ihn auf derſelben be⸗ gleiten wird, oder wohin er ſich begeben wird, konnte Morton der Verſchloſſenheit ſeines Gebie⸗ ters nicht entlocken.“ „Ha!“ rief Slanning,„wie Alles zuſammen⸗ trifft, um ihn als ſchuldig darzuſtellen, und mei⸗ ner Seele Beweiſe aufzudringen, die ſo hell ſind, wie alle Gegenſtaͤnde, welche von dieſen Blitzen erleuchtet werden! Klar iſt mir die ganze Reihe der Verbrechen, die bis zu dieſem Abend veruͤbt wurden, und denen unſtreitig nunmehr die Krone aufgeſetzt werden ſoll.— Als ich hieher eilte, 220 kam ich durch Lidford und erfuhr, daß man ſo eben entdeckte, daß Georg Standwich daſelbſt aus ſeinem Verließe entfloh, nachdem Fitz verzögert hatte, das erfolgte Todesurthel an jenem Rebel⸗ len zu vollziehen. Dieſes Zögern, des Schloß⸗ hauptmanns Fernſeyn von Lidford zur Zeit ſo dringender Gefahr und Amtsobliegenheit, und die Flucht jenes Standwich ließen den ſeltſamen Arg⸗ wohn in mir rege werden, daß Fitz das Entwi⸗ ſchen des Verurtheilten befoͤrderte. Klar iſt Alles! Heute wird der Verbrecher befreit, heute beſpricht Fitz ſich mit Margarethen, und mit dem Fruͤhroth verlaͤßt er das Land, vielleicht, um mein Weib mitzunehmen. Sicher blieb Standwich verſchont, um Pelfer bei dieſer Schmachthat zu ſeyn, denn der Arm eines Boͤſewichts vermag oft ⸗ ten Dienſt zu leiſten—“ „Darin iſt allerdings Veranlaſſung zu Arg⸗ wohn,“ fiel Lady Howard ein;„doch moͤgt' ich Euch bitten, wohl zu erwagen, was Ihr thut, und nicht zu ſtreng zu urtheilen. Ihr habt mich der Bosheit beſchuldigt, aber ich kann es Euch zuruͤckgeben, denn Ihr raſet in der Tollheit un⸗ 221 gezaͤhmter Leidenſchaft. Ihr ſollt mich hoͤren, wenn ich jetzt bemuͤht ſeyn werde, Euren Grimm zu ſaͤnftigen. Bedenkt,“ fuhr die Liſtige mit ei⸗ ner Miene von Redlichkeit fort, die ſie zu noch ſichererer Foͤrderung ihrer gottloſen Abſicht erheu⸗ chelte,„bedenkt nach Chriſtenpflicht, wie lange Jahre John Fitz und Margarethe einander wahr⸗ haft liebten. Konnte ein anderweitiges Eheband mit einem Male eine ſolche vieljahrige Verbin⸗ dung aufloͤſen? Erinnert Euch auch Margarethens ſorgfaltigen Benehmens gegen Euch durch Ver⸗ meiden alles Deſſen, was Euch peinlich werden konnte; erwaͤgt, mit welcher Behutſamkeit ſie be⸗ muͤht war, den Kummer ihres Herzens zu ver⸗ bergen—“ „Nur zu ſehr erinnert Ihr mich daran,“ ent⸗ gegnete Slanning mit einer Bitterkeit, in der ſeine Seelenqual ſich ausſprach,„daß mein Weib mich niemals liebte. Ich weiß es, und Ihr thut wohl, mich in eben dem Augenblicke daran zu er⸗ innern, in welchem ich fuͤr immer mein Weib von mir zu ſtoßen habe. Weg alſo mit jeder Maske! Geſteht, Lady Howard, daß Ihr von John Fitz 222 beleidigt wurdet, daß durch ſeinen ſuͤndlichen Ver⸗ kehr mit meinem Weibe er ſelbſt Euch Weg zur Rache bahnte, und daß Ihr mich zum Werkzeuge ſolcher Rache machen wollt. Sey es immerhin ſo, ich bin bereit dazu. Ich ward noch ſchimpf⸗ licher beleidigt als Ihr, und ich will uns Beide raͤchen.“ „Und wenn Ihr wahr ſpracht,“ rief die Lady, die den ihr ſo eigenen gebieteriſchen Ton wieder annahm,„wird ihre Schuld deshalb geringer, weil ich die Zuchtigung derſelben wuͤnſche? Nein. Es ergötzt mich, daß ich es bin, die die Binde von Euern Augen nahm. Ich zeige Euch Beide, wie ſie ſind, damit Ihr erkennen moͤget, wofuͤr Ihr ſie zu halten habt; und wahrlich! ich leiſte Euch dadurch einen guten Dienſt.“ „Ja,“ ſagte Slanning,„einen Dienſt, wie der Henker ihn den Verurtheilten leiſtet, indem er ein ſcharfes Beil waͤhlt, damit er ſicher ihm das Haupt mit Einem Streiche vom Rumpfe trenne. O Weib! Ihr habt mich an dieſen Ab⸗ grund geſchleppt, habt in meine Seele furchter⸗ 223 liche Stacheln der Eiferſucht geſenkt— Ihr habt ein verſtocktes, grauſames Herz.“ „Aber auch ein kuͤhnes,“ fiel die Schreckliche ihm ein,„und einen feſten Vorſatz. Beides aber fehlt Euch. Nicht aber ſagt, daß ich Euch an den Abgrund ſchleppte, damit Ihr hineinſtuͤrzet. Der Schlund liegt vor Euch, aber vor demſelben zuruͤckzuweichen, ſteht in Eurer Macht. Thut es, und uͤberlaßt es mir, meine Rache an John Fitz ſelbſt zu vollſtrecken. Geht hin und laßt die Welt davon ſchwatzen, was Ihr haͤttet thun ſol⸗ lenz geht hin und laßt die Welt auf den muthloſen Ehemann mit Fingern deuten, der dem Galan ſeines Weibes die Thuͤr oͤffnet, weil ihr blaues Auge und ihre Pfirſichwange ihn zu keinem mann⸗ haften Entſchluſſe kommen laſſen.“ „Eure Worte ſind Stachelſtaͤbe, die mich zur Raſerei treiben!“ rief Slanning.„Ich ward be⸗ leidigt; Schande brennt auf meiner Stirn; das Eiſen iſt gluhend, mit dem ich geſchaͤndet ward, aber es ſoll in Blut— im Blute des Buhlers meines Weibes gekuͤhlt werden! Fallen ſoll er in dieſer Nacht, oder ich will meinen Leib als Leich⸗ 224 nam zurucklaſſen, daß er von den Fuͤßen des Ehe⸗ brechers zerſtampft werde! Ich will Fitz aufſuchen, und das gleich!“ Indem Sir Nicholas Slanning dieſe Schauer⸗ worte redete, ſchritt er hin und her im Gemache, pruͤfte ſein Schwert, ſchnallte deſſen Gurt feſter fuhr mit der Hand uͤber ſeine Stirn und ſtand endlich ſtill, indem er den Stierblick an den Bo⸗ den heftete. „Ihr wißt die Stunde,“ ſagte die Lady. „Um acht Uhr,“ verſetzte Sir Nicholas,„wird ſein Schickſal und das meinige ſich entſcheiden.“ „Ich will mit Euch gehen,“ ſagte die Dame, „ſonſt giebt es Mord—“ „Und wenn es den giebt,“ fragte Slanning, „wer hat ihn hervorgerufen?“ „Diejenigen, die die ſtrafbare Veranlaſſung dazu wurden,“ verſetzte die Abſcheuliche.„Es iſt ein ſcheusliches Wetter draußen. Erwartet mich, ich will nur einen Mantel umnehmen. Unweit Holwel hab' ich ein Weib auf der Lauer ſtehen, ſo daß mir getreulicher Bericht von all' Dem wird, was heut Abend dort vorgeht.“ „Ein Weib?“ fragte Slanning verwundert. „Ja, ein Weib,“ war die Antwort.„Sie wird mir Kunde geben von Manchem, was Euch betreffen duͤrfte. Ich hole meinen Mantel.“ Lady Howard verließ das Gemach. Betſy Grimbal war ſchon da, und berichtete ihr, daß ein Mann haſtig den Waldweg nach Holwel her⸗ unter ritt, daß ſie geſehen haͤtte, wie er am Gar⸗ tenthor abſtieg und in Slanning's Haus ging. Es ſtand nicht zu bezweifeln, daß jener Mann Sir John Fitz war, obwohl ſein raſcher Schritt und die Dunkelheit des Abends der Spaͤherin nicht geſtattet hatten, ihn zu erkennen. Ueberzeugt nun, daß ihr Opfer ihr nicht wuͤrde entgehen koͤnnen, verlor Lady Howard keinen Au⸗ genblick, um zu dem Gatten der ungluͤcklichen Margarethe zuruͤckzukehren und das eben Erfah⸗ rene ihm mitzutheilen. Aufmerkſam hoͤrte Sir Nicholas ihr zu.„So iſt der Fuchs im Loche,“ ſagte er mit bitterem Lächeln:„ich will ihn aufklopfen.“ Er griff nach ſeinem Hute und wollte das Zimmer verlaſſen, zuvor aber wendete er ſich, trat vor Lady Howard Fitz of Fitz⸗Ford. III. 15 —226— hin, legte ſeine Hand auf ihren Arm, blickte ſie mit einem Antlitz an, dem durch Grimm, Rach⸗ gier und Zerriſſenheit des Buſens ein ſchreckliches und geſpenſtiſches Ausſehen verliehen worden war, und ſprach mit dumpfer Stimme:„Ich gehe, mir Genugthuung zu ſchaffen; wenn Ihr mich aber hintergangen habt, ſo ſoll das Entſetzen dieſer Nacht uͤber Euch kommen. Ja, Mylady, Ihr ſollt mitgehen; Ihr zogt dieſe Schaͤndlichkeit an das Licht, und ſollt nun auch ſie Aug' in Auge beſchauen!“ „Das will ich,“ verſetzte die Dame;„allein ich gehe nicht ohne meinen Wachter. Halloh, Rothfang! Rothfang!“ Augenblicklich gehorchte der Hund ihrem Rufe.„Jetzt bin ich bereit,“ ſuhr ſie fort.„Geht voran; laßt dieſe duͤſtere Stimmung entweichen— ſeyd ein Mann, damit Leidenſchaft nicht Eure Vernunft uͤbermeiſtere. Ich vergebe Euch Eure Zweifel Betreffs meiner, denn Ihr werdet mit eigenen Augen die Beweiſe ſehen. John Fitz befindet ſich in dieſem Augen⸗ blicke zu Holwel; waͤhrend Ihr hier zaudert, nutzt er ſeine Zeit bei Eurem Weibe.“ 227 „So ſey er auf ſein letztes Ende bedacht!“ rief Slanning,„denn wenn er ſchuldig iſt, ſo komme ſein Blut uͤber ſein Haupt!“ Durch ſeiner Gattin Melancholie und durch tauſend andere Umſtaͤnde war Sir Nicholas Slan⸗ ning laͤngſt inne worden, daß Margarethe ihn wenig oder gar nicht liebte; es bedurfte nur ei⸗ ner Anregung wie dieſer, um die Flamme der Ei⸗ ferſucht zu heller Lohe anzublaſen; und in dieſer furchterlichen Gemuͤthsſtimmung begab der un⸗ glͤckliche, ſchwer getaͤuſchte Gatte, begleitet von Lady Howard, der ihr Fanghund folgte, ſich in⸗ mitten eines ſchauerlichen Wetterſturms nach ſei⸗ ner Wohnung, die nach der Fuͤgung des Geſchik⸗ kes ihm nimmer mehr eine Behauſung des Frie⸗ dens ſeyn ſollte. Breizehntes Capitel. „Du haͤltſt's fuͤr ſchlimm, daß bieſer Wetterſturm Bis auf die Knochen Dich durchnäßt, ſo duͤnkt's Dich; Doch wo ſchon groͤß're Krankheit wuͤthet, fühlt man Die ſchwaͤch're minder. Shakſpeare. Um die Zeit, als Standwich und Levi die ſie ſchirmende Waldung bei Lidford verließen und ihre Reiſe fortſetzten, begann der Abend hereinzu⸗ brechen. Als die Sonne hinter dunkeln, ſich im⸗ mer finſterer zuſammenziehenden Wolken hinab⸗ ſank, erhob der Wind, der bisher vollkommen ruhig geweſen war, ſich plotzlich in gewaltigen, lange anhaltenden Stoͤßen, waͤhrend das ſchwarze Gewoͤlk, das gegen den Wind zog, ein Ungewit⸗ ter verkuͤndigte. 229 „Raſch vorwaͤrts,“ ſagte Standwich zu dem Juden,„Du wirſt ſonſt dem Gewitter nicht ent⸗ gehen. Wie weit reiteſt Du mit mir?“ „Traun,“ verſetzte der Jude,„ſo weit, bis Ihr erreicht habt das Boot, das Eurer harrt; denn ich muß die Pferde zuruͤckliefern. Das, was Ihr reitet, habe ich mit bedeutenden Koſten unter dem Vorwande einer Reiſe in meinen eigenen An⸗ gelegenheiten gedungen, und ſchlimmen Verdacht wuͤrde ich erregen, wenn ich das Thier nicht heut Abend ſeinem Eigner wieder zuſtellte. Doch denke ich, Euch noch einen andern Dienſt zu leiſten, be⸗ vor wir jenen dort vor uns liegenden Huͤgelruͤcken erreichen.“ „Welchen Dienſt?“ fragte Standwich. „Das ſollt Ihr gleich hoͤren,“ verſetzte Levi. „Ich habe ein weitumher zu ſehendes Signal ver⸗ abredet, durch welches Capitaͤn Naswerth erken⸗ nen wird, daß Ihr frei ſeyd, und er alſo das Boot anzulegen habe, um Euch aufzunehmen. Ich habe jegliches Mittel zu Eurer Flucht wohl er⸗ wogen, und ſo moͤge der Gott Jacob's mich und das Meinige gedeihen laſſen, als ich hoffe, daß dieſe Mittel nicht fehlſchlagen werden!“ „Und ich habe keine Mittel, Dir zu vergelten,“ ſagte Standwich;„doch will ich um Deinetwil⸗ len, Levi, fortan minder unduldſam gegen die Juden denken.“ „Thut's, Herr,“ verſetzte Levi,„und wenn Ihr in fremdem Lande jemals antrefft einen be⸗ druͤckten Sohn Zions, ſo erzeigt dieſem meinen troſtloſen Bruder in Iſtael Erbarmen, ſo wie Da⸗ vid Erbarmen zeigte dem Mephiboſeth, der lahm war an ſeinen Fußen, um Jonathan's, deſſen Va⸗ ters, willen— erzeigt ihm Erbarmen, ſag' ich, und ſeht es an als Bezahlung der Schuld des Dienſtes, den Levi, der Sohn Adonijab's, Euch leiſtete. Schaut hinauf! Seht Ihr dort jenen Felsberg, der ſich inmitten der Ebene erhebt, wie Ararat oder Carmel? Dort werden wir die Flam⸗ me lodern laſſen, die da gilt als Zeichen des Hof⸗ fens Eures Unternehmens.“ Die Fluchtlinge hatten jetzt eine offene, weit⸗ gedehnte, allmälig anſchwellende Ebene erreicht, in deren Mitte ſich zu anſehnlicher Höhe eine kegel⸗ 231 foͤrmige, zum Theil grunbewachſene Felsmaſſe er⸗ hob, auf deren Gipfel und wenige Fuß breit von einem ſteilen Abhang entfernt, ein dem heil. Mi⸗ chael geweihetes Kirchlein ſtand. Ein ſo merk⸗ wuͤrdiges Gebaͤude konnte nicht ohne ſeine Legende ſeyn; und ſo wie's hoch in den Wolken ange⸗ klammert da ſtand, ward es von dem gemeinen Manne ganz geziemend dem Teufel zugeſchrieben. Die Kirche, hieß es, ward urſpruͤnglich am Fuße des Felſens erbauet, allein der Teufel, der„der Furſt der Luftgeiſter iſt“, hatte jede Nacht das Werk, das die Arbeiter bei Tage beſchickten, oben auf den Gipfel des Tor hinaufgehoben, um das Gebaͤude in ſeinem Gewaltrevier zu wiſſen. Kaum aber war das Kirchlein eingeweiht und dem Sanct Nichael gewidmet worden, ſo trieb dieſer Schutz⸗ heilige den Teufel aus, und warf ihm überdies einen Felsklumpen nach, der noch an dieſem Tage als Fragment am Fuße des Felsberges zu ſehen iſt.— Wahrſcheinlicher jedoch iſt eine andere Sage Betreffs jenes Kirchleins, nach welcher daſ⸗ ſelbe die Erfullung des frommen Geluͤbdes eines Seefahrers ward, der in einer Stunde der Be⸗ dräͤngniß verſprach, dem heil. Michael auf der erſten Landhoͤhe, die er von ſeinem Schiffe aus erblicken wurde, eine Capelle zu errichten, ſo die⸗ ſer Heilige ihn vor dem Schiffbruche erretten wuͤrde. Brent Tor oder der brennende Tor, der, ver⸗ muthlich wegen ſeiner hohen Ortslage und ſeines Namens, wahrſcheinlich als Leuchtthurmspunct den Ureinwohnern von Britannien diente, war die erſte Landhoͤhe, die jener Seefahrer von ſeinem Schiffe aus gewahrte, ſo daß dieſer ſein Geluͤbde erfullte und dem Heiligen, der ihn beſchirmt hatte, jenes Kirchlein erbaute, das all ſeinen gleichzei⸗ tigen und ſpäteren Bruͤder⸗Seefahrern als Wahr⸗ zeichen diente; denn noch heutiges Tages erhebt es als ein ſolches ſeine vom Zahne der Zeit be⸗ nagten Mauern. Als unſere Reiter ſich dem Brent Tor naͤher⸗ ten, wurden die dichten Wolken, die das Haupt des Felſens umhullten, ſchwarz wie die Nacht, und breiteten ſich wie ein düͤſterer Vorhang in weiten Falten aus, ſo daß jeder fernere Gegen⸗ ſtand verdunkelt ward, und die Troſtloſigkeit der „ 233 öden Ebene ein noch ſchauerlicheres Anſehen an⸗ nahm, ſo wie deſſen braune und purpurne Tin⸗ ten ſich immer mehr und mehr ſchwaͤrzten. Das Murmeln des fernen Donners verkuͤndete, daß der Kampf der Elemente begann, waͤhrend raſch auf einander folgende Blitze auf Augenblicke das Dunkel verſcheuchten, und den Gipfel des Brent Tor mit einem Feuerſchein umgaben. Schlag folgte auf Schlag— der ſich wiederholende Don⸗ ner ſchien die Grundlage des Felſens zu erſchuͤt⸗ tern, indem er zu Haͤupten deſſelben bruͤllte, oder widerhallend uͤber die Berghoͤhen des Dartmoor dahinrollte, waͤhrend die Blitze den Thurm der Sanct Michaelskirche, der als hoͤchſter Gegenſtand zu einem Anziehepuncte ward, umſpielten. Das Pferd ſcheute vor dem Blitze, ſeine Maͤhne ſtraͤubte ſich; weißer Schaum, die Wir⸗ kung uͤbermaͤßigen Schreckens, naͤßte ihm die Wei⸗ chen, ſo wie der Blitz ihm in die Augen fuhr, und nur mit Muͤhe vermogte Standwich, das er⸗ ſchreckte Thier zu zuͤgeln, waͤhrend Levi unter ge⸗ doppelter Angſt, naͤmlich unter der vor dem Sturme, und der, daß irgend ein Hinderniß zur ſerneren Flucht des Hauptmannes Standwich ſich erheben mögte, zu ringen ſchien. Der Burſche Benjamin aber umklammerte von hinten her ſei⸗ nen Ohm, wobei ihm vor Grauſen und Entſetzen alle Zaͤhne im Munde klapperten. Die Ausrufungen Levi's um dieſe Zeit waren von gemiſchter Beſchaffenheit, und nicht wenig beluſtigend, indem ſie die raſtlos wechſelnden Re⸗ gungen ſeiner furchtbelaſteten Bruſt kund gaben. „Sey gutes Muthes, Benjamin,“ ſprach Levi, um ſeinen Neffen aufzurichten,„hie iſt nichts zu fuͤrchten.— Nun, nun, pack' mich nicht an ſo gewaltig— kann ich doch kaum athmen!— Welch ein Donnerſchlag war das! Hu! entſetz⸗ licher Blitz!'s iſt wie das Wetter auf Sinai, als die ganze Erde erbebte, und als Rauch und Gluth und eine dichte Wolke auf dem Berge la⸗ gen.— Hauptmann Standwich, ſaͤnftigt ihn doch, ſaͤnftigt doch den guten Gaul; ſtreichelt ihn, es wird doch mehr helfen, als die Peitſch' und der Sporn.— Wir ſind doch am Fuße des Brent Tor.— Steig' ab, Benjamin, ſag' ich, ſteig' ab, erklimme jenen Fels und ſetze das Rei⸗ ſigholz in Flammen; thu's hurtig, ſonſt hindert Dich daran dieſer Regen, der ſchon zu fallen be⸗ ginnt. Die Reiſer wurden wohl getrocknet, Alles iſt bereit; ſpute Dich, ſonſt wird's zu ſpät wer⸗ den „Ich kann nicht, Oheim,“ entgegnete Benja⸗ min.„Ich will auch nicht; ich furchte mich vor den Blitzen, die oben auf dem Gipfel des Tor gewaltiger leuchten, denn irgendwo.“ „Du ſollſt gehen, Benjamin,“ erwiederte Levi, „meine Fuͤße ſind altersſteif und muͤd' von den Beſchwerden dieſes Tages, ſonſt wuͤrd' ich es thun; Du aber biſt flink wie das junge Reh des Waldes. Geh' alſo und fuͤrchte nichts, denn Er, der den Donner macht, und ausſchickt die Glanz⸗ pfeile ſeiner Blitze, Er iſt mit Dir, und wird Dir ein Schild ſeyn gegen die Gefahr. Fuͤrchte nichts, thu', wie ich Dir geheißen habe, denn Du biſt von meinem Fleiſch und Bein und mußt mir gehorſamen, als Deinem Verwandten und Vor⸗ geſetzten.“ So zwang Levi den feigherzigen kleinen Ben⸗ jamin zum Abſitzen. Quaͤrrend und murrend, 236— und doch voll Eifers, mit ſeinem Werke nur deſto eher fertig zu werden, da es doch gethan werden mußte, eilte der Burſche, das Feuer auf der Hoͤhe anzuzunden, um dem Capitaͤn Naswerth, der deſ⸗ ſen harrte, das verabredete Signal zu geben. Kaum war Benjamin anwaͤrts geſchritten, ſo ritt Standwich nahe zu ſeinem Befreier und redete in hurtigen Worten Folgendes zu ihm:„Lovi, ich verlaſſe Dich auf ein Weilchen. Schnell wie der Wind— ſo mein Gaul es anders will, eil' ich fort und werde in zwei Stunden wieder bei Dir zu Morwel⸗ham ſeyn. Reite dahin voraus, und ſage dem Piraten, daß er auf mich warte. Ich muß jetzt fort, denn Dein Pferd wird dem mei⸗ nigen nicht folgen koͤnnen.“ „Mich verlaſſen? Fort?“ rief der Jude voll Erſtaunen—„Wohin wollt Ihr denn, Haupt⸗ mann Standwich? Hab' ich doch gewagt mein eigenes Leben, um Euch aus Ketten und Kerker zu befreien, und hab' Euch zuvor geſagt, daß ich die Gaͤule muß zuruͤckliefern vor Nacht, wenn nicht ſoll auf mich fallen ſchwerer Verdacht. O, verlaßt mich nicht, ſondern reitet mit mir gen Morwel⸗ham, ſo daß Ihr beſteigen moͤget das Boot, und ich zuruͤckkehren kann mit den Gaulen zu deren Eigner. Und wohin könntet Ihr wol⸗ len, daß Ihr alſo ſprecht vom Verlaſſen und Fort⸗ reiten?“ Standwich zoͤgerte ein Weilchen, bevor er ant⸗ wortete, dann ſprach er:„Levi, Du warſt mir allerdings ein Freund in der Noth, wie Keiner, und Keiner wuͤrde weder Scharfſinn noch Muth wie Du gehabt haben, es mir zu ſeyn. Darum will ich Dich nicht hintergehen, denn Du verdienſt mein ganzes Vertrauen. Hoͤre denn! Ich ſtehe im Begriffe, dieſes Land vielleicht fuͤr immer zu verlaſſen, denn was anders als Tod harrt mei⸗ ner in demſelben, wenn ich zuruͤckkehre? Ich bin ein Geächteter, aber ich bin auch Vater; und Va⸗ tergefuͤhl draͤngt mich, unter jeglicher Gefahr noch Einmal mein Kind zu ſehen. Um meine Tochter zum letzten Male in meine Arme zu ſchließen, will ich nach Holwel—“ „Seyd Ihr von Sinnen?“ ſchrie Levi.„Ihr raſet, Hauptmann Standwich, ſeyd toll, rein toll, wenn Ihr an ſolchen Ritt nur denkt. Lady Slan⸗ 238 ning bewohnt ein Haus, das unfern einer nam⸗ haften Stadt ſteht; ſie iſt umringt von ihren Die⸗ nern, vielleicht gar von Gaͤſten und Befreundeten. Man wird Euch wieder greifen und Ihr ſeyd ein todter Mann, ſo wahr als ich rede zu Euch dieſe Worte.“ „Ich will's wagen,“ entgegnete Standwich; „ich bin entſchloſſen, es zu wagen. Ich habe nur Ein Leben zu verlieren, und will es daran ſetzen, noch Einmal mein Kind zu ſehen.“ „Euer eigenes Leben moͤgt Ihr wagen,“ ſprach Levi,„wenn Euch alſo geluͤſtet nach Eurem Un⸗ tergange; ich aber wage darum nicht das mei⸗ nige, das arg in die Klemme kommen wird, ſo man Euch wieder greift. Schau't, der Burſche hat das Feuerzeichen entzuͤndet! Seht, wie's flammt! Auf acht Meilen in der Runde zu Meer und Land kann dies Licht wahrgenommen werden; es wird, es muß Aufmerkſamkeit erregen. Nur Ei⸗ nen ſichern Weg giebt's noch— flieht nach Mor⸗ wel⸗ham, ſo Euer Leben Euch werth iſt! Dort harrt Eurer das Boot; nicht aber ſtuͤrzt Euch in die Löͤwengrube, aus der Euch zu retten es kei⸗ nen Befreier giebt.“— „Vergebens dringſt Du in mich,“ rief Stand⸗ wich;„ich bin entſchloſſen— ich muß meine Tochter zuvor ſehen.“ „Eure Feinde, Eure Verfolger werdet Ihr ſehen,“ ſchrie Levi dagegen,„und verloren ſeyn. Bisher habén ſie Euch gehauen mit Peitſchen, dann aber werden ſie Euch geißeln mit Scorpio⸗ nen. O, Du eigenſinniger Mann, wie wirſt Du bethoͤrt von den eitlen Einbildungen der Gedan⸗ ken Deines Herzens!“ „Ich gehe,“ ſagte Standwich.„Nach zwei Stunden ſeh' ich Dich zu Morwel⸗ham wieder.“ Und indem er dies ſagte, ſetzte er ſeinem muthi⸗ gen Gaule die Sporen ein, mit denen Benjamin, als er die Pferde brachte, ihn verſehen hatte, und ſprengte in vollem Galopp von dannen. Levi ſchrie ihm nach ſo laut er konnte:„Wenn Ihr nach Holwel wollt, ſo reitet durch das Gehoͤlz zu der Hinterpforte ein!“ Es iſt wahrſcheinlich, daß Standwich dieſe Worte noch hoͤrte, denn' er winkte dem Juden mit der Hand, ward aber ſodann nicht mehr von dieſem geſehen. Levi blieb ſtarr auf der Stelle ſtehen, wo er ſtand, erhob Augen und Haͤnde gen Himmel, und eiferte gegen die Tollkuͤhnheit ſei⸗ nes Befreieten. Mittlerweile kehrte Benjamin zu ſeinem Oheim zuruck, und aͤußerte das ſehnſuͤchtigſte Verlangen, von dieſem Orte wegzukommen, nachdem er das ihm aufgetragene Werk vollfuhrt hatte; denn ſeit⸗ dem der junge Jude auf ſolche Weiſe ein Mit⸗ helfer zu der Flucht des Gefangenen geworden war, dachte er an nichts, als an die Gefahr, in welcher er deshalb ſchwebte; und kaum hatte er ſeinen Hochſattelſitz hinter ſeinem Ohm wieder eingenommen, ſo ſagte er:„Oheim Levi, ich ſah den Hauptmann mit Blitzesſchnelle von dannen reiten. Wohin iſt er?“ „Dem Thale von Tophet zu, mein Sohn,“ verſetzte der Alte,„allwo das Feuer bereits an⸗ gezundet liegt, ihn zu verzehren; denn wehrlich! dieſer tolle Einfall muß ihn verderben. Er iſt geritten gen Holwel.“ 21 „Holwel!“ rief Benjamin,„dann werden ſie ihn greifen, ſo wahr meine Seele lebt. Oheim Levi, was wird werden mit uns, die wir ihm ge⸗ holfen haben bis hieher?“ „Wahrlich, mein Knabe Ben,“ verſetzte Levi, „uns bleibt nur Ein ſicherer Weg, auf dem wir entrinnen moͤgen dieſen Gefahren; denm ſo wie wir jetzt ſind, erachte ich uns fuͤr nicht viel Beſ⸗ ſeres, als fuͤr verlorene Menſchen. Die Sache mag verzweifelt ſeyn, aber die Gefahr iſt es auch. Es faͤllt mir ein, daß Sir Nicholas Slanning noch immer nicht daheim iſt; koͤnnen wir alſo dieſen tollen Hauptmann dazu bewegen, daß er nicht laͤnger zu Holwel verweilt, als etliche Mi⸗ nuten, ſo kann Alles noch gut gehen. Ja, ja; ſo kann ich ihn vielleicht noch retten. Auch muß ich vor Nacht den Gaul zuruͤckliefern, den er rei⸗ tet. Alſo ihm nach, da's keinen anderen Ausweg giebt. Vertrauen wir dem Hoͤchſten uͤber den Wolken!“ Mit dieſen Worten trieb Levi ſein Pferd an, ſo viel dieſes es leiden konnte, und ritt dem vorangeeilten Standwich nach. Dieſer hatte in ſeinem eifrigen Verlangen, die Tochter Fitz of Fitz⸗Ford. III. 16 22 zu umarmen, eine Thorheit begangen, die an Ra⸗ ſerei grenzte, indem er ſich auf die offene Heer⸗ ſtraße gewagt hatte, anſtatt den Weg nach Mor⸗ wel⸗ham einzuſchlagen, wo das Boot des Pira⸗ ten ſeiner harrte. Schon durch Sir Nicholas Slanning wiſſen wir, daß die Flucht des Verurtheilten bekannt geworden war. Einer von der Wache, der nicht zu Morton's Genoſſenſchaft gehoͤrte, und der in dem Gemache oberhalb des Verließes, in welchem Standwich eingeſperrt geweſen war, etwas zu ſuchen hatte, entdeckte die Flucht des Gefangenen und aus Furcht, es moͤgte ein Theil des Tadels daruͤber auf ihn fallen, machte er Laͤrm, ſo daß Caſtell und Flecken Lidford ſich ſogleich auf die Beine machten, um dem Entflohenen nachzuſetzen. Dies geſchah durch verſchiedene Parteien, nach verſchiedenen Richtungen hin, und zu gleicher Zeit ward der Ortsobrigkeit von Taviſtock Anzeige da⸗ von gemacht. Erwaͤgt man nun, daß Standwich des Vormittags entfloh, und den Tag uͤber in der Waldung von Lidford verborgen lag, ſo war Fuͤlle von Zeit zu dieſen Vorkehrungen uͤbrig, ehe 243 er mit der fuͤr ihn daraus hervorgehenden Gefahr in Beruͤhrung kam; ſo daß lange, bevor das Feuerzeichen gegeben ward, der bloße Name Stand⸗ wich ſchon ein Schrecken geworden war, denn Maͤn⸗ ner, Weiber und Kinder furchteten ihn auf zehn Meilen in der Runde. Zwei von den ruͤſtigen Verfolgern des Fluͤcht⸗ lings hatten von einem alten Huͤttenbewohner vernommen, daß dieſer einen Mann zu Pferde haͤtte uber den Huͤgelruͤcken unfern des Brent Tor ſprengen, und zu oͤfteren Malen hinter ſich blicken ſehen, als fuͤrchtete er, daß ihm Jemand folgte. Hierauf beſchloſſen die Maͤnner, denſelben Weg einzuſchlagen. Mittlerweile hielt Stand⸗ wich, als er Taviſtock naͤher kam, es fuͤr kluger, ſeinen Galoppritt zu maͤßigen, damit derſelbe nicht Verdacht gegen ihn erregen moͤgte. Hierin aber betrog er ſich, denn eben dadurch, daß er lang⸗ ſam weiter trabte, gewannen ſeine Verfolger Zeit, ihn einzuholen, und als dieſe nun in einiger Ent⸗ fernung vor ſich auf dem Heerwege einen einzel⸗ nen Reiter erblickten, zweifelten ſie nicht laͤnger, daß es der ihnen von dem Huͤttenbewohner Be⸗ 244 zeichnete ſeyn muͤßte. Der Abend war dunkel hereingebrochen. Um nun ihres Gefangenen ſich gewiß zu verſichern, beſchloſſen ſie, daß Einer von ihnen(Beide waren Bewaffnete) langſam an den einzelnen Reiter, ohne Notiz von ihm zu nehmen, vorbeireiten, der Andere aber ihm in den Ruͤcken fallen ſollte, ſo daß der Gefangene weder vor⸗ noch ruͤckwaͤrts koͤnnte. Und da ein hoher Erd⸗ wall zu beiden Seiten des Heerweges an dieſer beſonderen Stelle hinlief, wuͤrde eine Seitenbe⸗ wegung nicht in's Werk zu richten geweſen ſeyn. Vorſichtig fuͤhrten die Beiden dieſen Plan aus, und Standwich war in der Falle, ehe er ſeine Gefahr noch ahnete. So wie der Mann, der ihm im Ruͤcken ritt, ſah, daß ſein Camerad vorausge⸗ ritten war, ſprengte er haſtig heran und rief: „Haltet und ſagt, wer Ihr ſeyd, im Namen der Koͤnigin!“ „Ein Reiſender in eigenen Angelegenheiten,“ antwortete Standwich kurzweg „Ihr ſeyd Georg Standwich% erkenn' Euch an der Stimme,“ rief der Ang ifer.„Ich ver⸗ haft' Euch im Namen der Koͤnigin.“ 245 Damit wollte er Hand an Standwich legen, waͤhrend ſein Genoſſe ſein Pferd wendete, um ihm zum Beiſtande heranzureiten; allein ehe Einer von ihnen zum Zwecke kommen konnte, hatte der muskelkraͤftige Standwich den Erſteren gefaßt und ihn vom Pferde herunter auf den Boden ge⸗ ſchleudert. Nun ſetzte er die Sporen tief in die Weichen ſeines Thieres und jagte in einem Ga⸗ lopp von dannen, hinter welchem der zweite Haͤ⸗ ſcher zuruͤckbleiben mußte. Allein obwohl ſeine Feinde ihm nicht folgen konnten, that es doch ei⸗ ner ihrer Piſtolenſchuͤſſe, von dem die Kugel ihm durch das Fleiſch des rechten Armes fuhr. Mit der groͤßten Gelaſſenheit hielt Standwich an, buͤckte ſich, faßte den Zugel ſeines Gaules mit dem Munde, zog mit der Linken ſein Piſtol und entlud deſſen Inhalt gegen ſeine Verfolger, von denen er Einen ſo ernſtlich traf, daß der Ge⸗ noſſe deſſelben anhalten und ihm beiſpringen mußte. So bedraͤngt und aus ſeiner Wunde blutend, wich Standwich dennoch nicht von ſeinem Ent⸗ ſchluſſe, ſondern wollte auf alle Gefahr ſeine Toch⸗ ter zuvor ſehen. Groß war dieſe Gefahr, in der 246 er ſchwebte, ſein Verſuch war nicht viel weniger, als eine Handlung der Raſerei zu nennen; jedoch Standwich beſaß noch ein geladenes Piſtol, und hegte dabei, wie gewoͤhnlich Leute von ſeinem Cha⸗ rakter thun, eine an Ueberſchätzung ſtreifende hohe Meinung von ſeinen eigenen Kräften und Hülfs⸗ mitteln Das ungewoͤhnliche Gluͤck, das ihn bis⸗ her auf ſeinen Kreuz⸗ und Querzugen begleitete und ihn ſo oft gegen ſeine Feinde ſchuͤtzte, hatte ihm die Idee eingefloͤßt, es ſey nicht ſein Ver⸗ haͤngniß, durch die Raͤnke dieſer Feinde zu fallen. So gefaͤhrlich die Lehre vom Verhaͤngniß oder von Vorherbeſtimmung auch iſt, ſo floͤßt ſie doch den höchſten Grad von Verwegenheit und Be⸗ harrlichkeit ein, wie ſolches ſich aus vielen Bei⸗ ſpielen ſo in aͤlterer wie neuerer Geſchichte er⸗ giebt. So hatte u. A. Koͤnig William Kunde von der Macht und Gewalt dieſer Lehre, als er in ſeinem Heere die ſtaatskluge Meinung zu verbrei⸗ ten wußte, daß jede ihren eigenen Laußzet⸗ tel haͤtte. Obwohl Georg Standwich es ſich ſelbſt nicht wurde eingeſtanden haben, ſo ward er dennoch in ſeiner tiefſten Seele von dieſem Fatalismus be⸗ herrſcht. Minder uͤberraſchend iſt es daher fur uns, wenn wir ſehen, wie er mit kalter Entſchloſ⸗ ſenheit den Huͤgelruͤcken entlang in eben dem Au⸗ genblicke nach Holwel ſprengte, in welchem er wußte, daß das ſo eben auf der Landſtraße Vor⸗ gefallene die ganze Gegend auf die Beine brin⸗ gen wuͤrde, um ihn einzufangen. Wie viel oder wenig Standwich nun ſich a uf ſein Geſchick verlaſſen mogte, ſo hielt er es doch keineswegs fur gerathen, die allgemeine Klugheit aus den Augen zu ſetzen. In dieſer Hinſicht folgte er der von dem Juden erhaltenen Weiſung und ritt durch das Gehoͤlz, alſo auf eben dem Wege nach Holwel, auf welchem an einem fruͤhe⸗ ren Abende Lady Howard die Schritte des Schloß⸗ hauptmanns von Lidford erſpaͤhet hatte, und wo auf ihre Veranſtaltung an dieſem denkwurdigen Abend Betſy Grimbal auf der Lauer ſtand, um wahrzunehmen, wann John Fitz zu ſeiner zweiten unterredung mit Lady Slanning ſich naͤhern wuͤrde. Bevor wir Standwich weiter folgen, wird es nöthig ſeyn, ein Wort uͤber den Beweggrund zu 248 ſagen, durch welchen John Fitz vermogt ward, ſich nochmals mit Margarethen unter ſo gefaͤhr⸗ lichen, ſo leicht zu mißdeutenden Verhaͤltniſſen zu beſprechen. Wie wir es dem Leſer bereits dar⸗ legten, ſah John Fitz die große Schwierigkeit ein, die darin lag, den verurtheilten Georg Stand⸗ wich zu retten. Er hatte deswegen ſorgfältig eine Bittſchrift abgefaßt, die er der Koͤnigin zu uͤber⸗ reichen gedachte. Um Margarethen dieſe zu zei⸗ gen, um von ihr, wenn moͤglich, noch einen oder anderen Umſtand zu vernehmen, der zu Milde⸗ rung der Unthaten ihres Vaters dienen koͤnnte, wollte er ſie Abends zuvor ſprechen, ehe er ſich an den Hof begab. Wie wenig konnte Standwich es ſich einfal⸗ len laſſen, daß er ſelbſt durch ſeine Flucht und ſein daraus erfolgtes Thun Alles that, was in ſeiner Macht ſtehen konnte, um die Werke der Kindesliebe ſeiner Tochter von Grund aus zu ver⸗ nichten! Wir brauchen nur noch hinzuzufuͤgen, daß in der Dunkelheit des Abends Betſy Grim⸗ bal irriger Weiſe den Fluͤchtling Standwich fur den Schloßhauptmann von Lidford gehalten hatte, — — 249 als ſie der Lady Howard berichtete, ſie hätte Letz⸗ teren durch das Gehoͤlz nach Holwel reiten ſehen; ein Irrthum, der um ſo eher moͤglich war, da Standwich und John Fitz ziemlich von gleich hohem Wuchſe waren, und da jeder von ihnen ſein Pferd mit Keckheit und Leichtigkeit zu hand⸗ haben pflegte, wie es Maͤnnern, die ein gefahr⸗ volles oder kriegeriſches Leben fuͤhren, wohl eigen ſeyn mag. Pierzehntes Capitel. „—— Braͤch' auch Gefahr, Gewaltig wie Gedankenbild ſie jemals Mir zeigen kann, und in noch ſchrecklich'rer Geſtalt herein, ſoll dennoch meine Pflicht Dem Fels gleich, gegen den empoͤrte Fluth brauſ't, Den Andrang jener wilden Strömung brechen, Und unerſchuͤttert Dir zur Seite ſteh'n.“ Shakſpeare. Als Standwich, dem Rathe Levi's gemaͤß, auf verſtohlenem Wege zu Holwel einritt, hielt er dicht vor der Hinterpforte des Hauſes an, band ſein Pferd an einen mit Buſchwerk umgebenen Baum, ſo daß daſſelbe nicht ſofort moͤgte wahr⸗ genommen werden, und ſchritt dann mit einiger Vorſicht zu der Pforte. Dieſe ſtand angelehnt. Nach einigem Bedenken ging er keck durch die⸗ ſelbe hindurch. Er gelangte in einen Garten, und aus dieſem in einen kleinen Vorſaal, in wel⸗ chem mehrere Thuͤren in untere Gemaͤcher, eine Treppe gegenuͤber aber zu einem Corridor fuhrte, der in die verſchiedenen oberen Gemaͤcher leitete. Das Zwielicht des Abends ward durch den draußen heulenden Sturm doppelt verduͤſtert, ſo daß Stand⸗ wich verſichert zu ſeyn glaubte, nicht augenblicklich entdeckt zu werden, ſobald er es nur vermoͤgte, dasjenige Gemach zu treffen, in welchem ſich ſeine Tochter befand. Waͤhrend er einen Augenblick nachſann, wie er dies wohl moͤglich machen koͤnnte, oͤffnete ſich eine der Thuͤren, und Lady Slanning ſelbſt ſchritt uͤber den Corridor. Sie hielt ein brennendes Licht in der Hand und ging in ein anderes Gemach. Haſtigen Schrittes folgte Standwich ihr in daſ⸗ ſelbe. Sie war allein, und als ihr Auge die Er⸗ ſcheinung auffaßte(denn mehr Erſcheinung als Wirklichkeit beduͤnkte es ſie), als ſie die bleiche, hagere Geſtalt ihres Vaters in unordentlicher, 252 blutbefleckter Kleidung ſah, ſtieß ſie unwillküͤrlich einen Schrei des Schreckens aus. Standwich ſturzte auf ſie zu, faßte ſie in ſeine Arme, als ſie niederſinken wollte, und ſagte in heftiger Bewegung:„um Gottes Barmherzig⸗ keit willen, ſey ſtill! Sey ohne Furcht vor mir! Still, ſag' ich, ſonſt iſt' um mein Leben ge⸗ ſchehen!“ „Mein Vater!“ entgegnete Lady Slanning halb ohnmaͤchtig—„Euere Blicke— dieſes Blut—“ „Iſt nichts,“ verſetzte Standwich—„eine leichte Streifwunde im Arm, ſonſt nichts.“ Die Blaͤſſe ſeines Geſichtes jedoch und das Niederſinken ſeines Armes, mit welchem er die Tochter nicht mehr halten konnte, ſchienen ſeiner Aeußerung zu widerſprechen. „Aber Ihr ſeyd verwundet,“ ſagte Margare⸗ the,„gewiß, Ihr ſeyd verwundet. Heilige Jung⸗ frau! wie kann ich Euch beiſtehen? Wie kamtt Ihr hieher? Kennt Ihr die Gefahr——“ „Ich kenne ſie,“ antwortete Standwich;„ich habe mit Gefahr meines Lebens Dich heut Abend aufgeſucht; ich habe meinen Kerker geſprengt. Alles iſt zu meiner Flucht aus dieſem Lande vor⸗ bereitet. Wenige Minuten, und wir ſcheiden auf immer.“ „O mein Vater!“ fragte Margarethe,„war⸗ um thatet Ihr dies, da in eben dieſer Nacht Sir John Fitz ſich nach London aufmacht, um von der Koͤnigin Eure Begnadigung zu erbitten?“ Standwich ſtand wie erſtarrt von Erſtaunen. „Nichts wußt' ich davon,“ lallte er endlich. „Und konnte Fitz dies fuͤr mich wollen, fuͤr mich, der ich ihn ſo uͤber alle Maßen beleidigte und kraͤnkte?“ „Ich verſtehe Euch nicht,“ ſagte die Tochter, „ich weiß nur, daß Fitz auf meine Bitten das uͤber Euch verhaͤngte Urthel unvollzogen ließ. Großmuͤthig hat er es uͤbernommen, fuͤr Euch das Wort zu fuͤhren— Euch zu retten.“ Jedes dieſer Worte war wie ein Dolchſtich fuͤr den Geaͤchteten, den bittere Reue uͤber das erfaßte, was er Grauſames an John Fitz veruͤbt hatte. In dieſem Gefuͤhle rief er aus:„Marga⸗ rethe, blicke mich an und fluche mir; denn ich 254 war es, der Deinen und meines Wohlthaͤters Frieden fuͤr ewig ſtorte!“ „Ihr ſprecht in Geiſteszerruttung, mein Va⸗ ter,“ verſetzte Lady Slanning.„Die Begeben⸗ heiten des Tages umduͤſterten Euch den Verſtand. Wie konnte ich dem Weſen fluchen, von welchem mir das Daſeyn ward? O nimmer koͤnnt' ich das! Ihr mögt geirrt haben, wie ſo Mancher ſich irrte in dieſen trubſeligen Zeiten— Ihr moͤgt Unrecht gethan haben aus mißverſtandenem Eifer; aber Ihr bleibt ſtets mein Vater. Natur und Kindespflicht und jegliche fromme Dankesregung gebieten mir, Euch zu verehren. O laßt in die⸗ ſen Augenblicken, den erſten, die wir mitſammen verleben, ſeitdem ich erfuhr, daß Ihr mein Vater ſeyd, mich lieber Euch zu Füßen ſinken und um Euren Segen bitten!“ Und ſie ſank nieder auf ihre Knie, und ſchlug ihre Haͤnde zuſammen und ſah in ſein Angeſicht mit einem Blicke voll kindlicher Ehrerbietung und Zaͤrtlichkeit, daß ſie in dieſem Augenblicke ihrem Vater als ein Weſen hoͤherer Natur erſchien. „Meinen Segen, mein Kind?“ ſagte Stand⸗ wich, der durch Stellung und Worte ſeiner Toch⸗ ter ſich unausſprechlich geſaͤnftigt füͤhlte;—„wie kann mein Segen einem Kinde wuͤnſchenswerth ſeyn, das von mir in ſeinen zarteſten Empfin⸗ dungen verletzt ward? Margarethe, in dieſer Welt werden wir uns ſchwerlich wieder ſehen; dennoch kann ich von Dir, Du Liebe, nicht ſcheiden, be⸗ vor ich Deine Vergebung fuͤr Geſchehenes erhielt. Ich fuͤhl' es; fuͤhl' in dieſen Augenblicken das bittere Weh einer fruchtloſen Reue. Ich irrte in Dem, was ich fuͤr Dein Wohlergehen hielt, wie ich denn in Allem irrte, was Dich betraf. Kannſt Du mir vergeben? Schicke mich nicht von Dir mit dem Gedanken, daß Margarethe lebt, um meinem Gedaͤchtniſſe zu fluchen.“— „Wenn Ihr, mein Vater,“ fiel Lady Slan⸗ ning ein,„Fjetzt auf jene entſetzliche Stunde hin⸗ deutet, in welcher Ihr mir den Eid abdranget, Slanning's Weib zu werden, ſo kann ich Euch das verzeihen. War's auch vielleicht ein Ueber⸗ ſchreiten der Grenzen Eurer vaͤterlichen Gewalt uͤber mich, ſo dachtet Ihr doch mein Gluͤck da⸗ durch zu befoͤrdern; denn gleich mir glaubtet Ihr, John Fitz lebte nicht mehr.“ In heftiger Bewegung entgegnete Standwich: „Darin eben, Margarethe, liegt mein Verbrechen an Dir und ihm. Ich wußte, daß John Fitz am Leben war.“ „Wußtet Ihr dies, konntet Ihr dies wiſſen,“ rief Margarethe,„und mir doch einen Schwur zu anderweitiger Vermaͤhlung abpreſſen? Beſſer, o beſſer wuͤrdet Ihr gethan haben, wenn Ihr mein Leben zum Opfer verlangt haͤttet, als daß Ihr mich ſo Angeſichts Gottes und der Menſchen zu einer Meineidigen machtet, daß Ihr vor des Hoͤchſten Altar mich ein Gelubde thun ließet, das ich im tiefſten Herzen verabſcheuete. O, mein Vater, wie konntet Ihr dies, da Ihr wußtet, daß es mich elend machen mußte, ſobald John Fitz wiederkehrte?“ „Hoͤr' auf,“ ſagte Standwich,„hoͤr' auf mit dieſen Vorwuͤrfen! Vergieb mir, Margarethe; oder ſo Du Rache willſt fuͤr das Unrecht, das ich an Dir und dem Edlen von Fitz that, ſo ſprich ein einziges Wort, und ſie ſoll Dir in 257 Fuͤlle werden. Ich uͤberliefere mich der Gerech⸗ tigkeit, und morgen kannſt Du den hauptloſen Rumpf Deſſen ſehen, der Dein Vater war.“ „Sprecht nicht ſo, ich vergeb' Euch ja!“ ent⸗ gegnete die Tochter.„Ich wuͤrde Vergangenes vergeſſen, wenn es nicht, ach! nur zu tief in mei⸗ ner Erinnerung eingegraben waͤre. Denkt jetzt nicht weiter an mich, denkt an Euch ſelbſt, an Eure Sicherheit. Nach all' dem, was mit Euch vorging, duͤrft Ihr in dieſem Lande nicht laͤnger weilen; und ich muß Euch ſagen— weshalb auch ſollt' ich's verhehlen?— eh' eine Stunde vergeht, erwart' ich Sir John Fitz in dieſem Ge⸗ mache.“ Standwich ließ einen Ausruf der Verwunde⸗ rung hoͤren. „Seyd unbeſorgt, mein Vater,“ ſagte Mar⸗ garethe;„er kommt, mir die NMittel vorzulegen, durch welche er Eure Begnadigung auszuwirken gedenkt. Pruͤft ſelbſt, was in ihm wird vorge⸗ hen muͤſſen, wenn er findet, daß eben der Mann, deſſen Leben er mit Gefahr des Verluſtes ſeiner Ehre zu retten ſtrebt, die Bande ſeiner Haft Fitz of Fitz⸗Ford. III. 17 loren, denn zu finſter ſind die Zeiten. Ein Rebell, 258 ſprengte, bevor dieſelben auf Befehl ſeiner Koͤnigin ihm geloſ't wurden. Sir John Fitz kann als Mit⸗ ſchuldiger, als Verraͤther angeſehen werden——“ „Nein,“ fiel Standwich ein,„ich will nicht fliehen; ich habe das Gluͤck des Edlen von Fitz zertruͤmmert, und er wollte dafuͤr mein Retter werden. Nimmer alſo will ich ihn der Gefahr ausſetzen, Ehre und Leben zu verlieren! Ich uͤber⸗ antworte mich meinen Verfolgern—“ „Das ſollt Ihr nicht,“ unterbrach Lady Slan⸗ ning,„ſie werden Euch toͤdten. Laßt mich zu Eurer augenblicklichen Flucht Vorkehrung treffen. Wie kamt Ihr hieher? Habt Ihr Mittel zu ſchneller Flucht?“ „Ich war zu Pferd,“ entgegnete der Geaͤch⸗ tete.„Mein Gaul iſt ſo ſchnell, daß man kaum ihn einzuholen vermag. Er ſteht angebunden am Gartenthore Deines Hauſes—“ „So geht,“ verſetzte die Tochter,„hier hab' ich keine Macht, Euch zu retten, wiewohl Ihr mein Vater ſeyd. Wenn Ihr den Dienern der Gerechtigkeit in die Hände fallet, ſeyd Ihr ver⸗ der ſein Gefaͤngniß durchbrach, findet keine Scho⸗ nung. Aber Ihr werdet bleich, mein Vater,“ fuhr ſie fort, indem ſie ihn mit unausſprechlicher Angſt anblickte—„immer bleicher werdet Ihr. Heilige Jungfrau, ich ſeh's, der Blutverluſt zieht Euch eine Ohnmacht zu! Eure Wunde iſt ſchlim⸗ mer, als Ihr ſagtet; ich will ſie verbinden, auch ſollt Ihr Euch durch einige Tropfen Weins er⸗ quicken, bevor Ihr mich verlaßt. Ich bin gleich wieder da.“ Lady Slanning eilte zu einem Kaͤſtchen, das auf einem Tiſche ſtand, und nahm aus demſelben eine Phiole mit Wundbalſam und anderen noͤthi⸗ gen Dingen zum Verbinden heraus, denn die Frauen damaliger Zeit pflegten im Allgemeinen heilende Hand an die Kranken und Verletzten in ihrer Umgebung zu legen. Dann entbloͤßte ſie den Arm des Vaters und verband deſſen Wunde nach beſten Kraͤften, wobei jedoch etliche Bluts⸗ tropfen auf die Flur des Gemaches ſfielen. Als die zartlich beſorgte Tochter den Verband umge⸗ legt und die Bekleidung des Vaters wieder in Ordnung gebracht hatte, mußte dieſer einen Becher 260 Weins zu ſich nehmen, welches ihn ſehr erquickte, indem ſeine Ohnmacht nur durch den Blutver⸗ luſt entſtanden war. Dann drang Margarethe in den Vater, ſich ſchleunig auf die Flucht zu begeben. „Und muß ich Dich denn verlaſſen? Muß ich Dir ein ewiges Lebewohl ſagen? Du verlangteſt vorhin meinen Segen, Margarethe— empfang' ihn, mein innig geliebtes Kind! Kein Tag, der meinem Haupte noch zugemeſſen ſeyn moögte, ſoll nir vergehen, ohne daß ich die Heiligen des Him⸗ mels anrufe, Dich, mein Schmerzenskind, zu ſegnen!“ Lady Slanning empfing ſchweigend ihres Va⸗ ters letzte Umarmung, waͤhrend Thraͤnen uͤber ihre Wangen floſſen und Kummerſeufzer ihre Stimme erſtickten. Plotzlich rief ſie:„Ich hoͤre den Trott eines Pferdes. Das wird Fitz ſeyn! Horch! er kommt auf dem Waldwege her— da gilt kein Mittel, ich muß ihm entgegen. Ich will ihm die reine Wahrheit entdecken; er ſoll wiſſen, daß Ihr hier ſeyd; ich will ſein Ehrgefuͤhl und ſeine Großmuth in Anſpruch nehmen.“ Haſtig riß Margarethe ſich aus der Umar— mung ihres Vaters und eilte zum Gemache hin⸗ 261 aus.— Eine Pauſe entſtand, dann trat Lady Slanning wieder herein, aber nicht, wie Stand⸗ wich es erwartet hatte, mit dem Edlen von Fitz, ſondern mit Levi, dem Juden, der ſchier außer ſich zu ſeyn ſchien. „Entfleuch, Georg Standwich,“ rief der Alte, nachdem er ein wenig Odem geſchoͤpft hatte.„Ich bin unterwegs angehalten worden, Bewaffnete haben mich angehalten, die Dich ſuchen weit und breit. Ihr habt Einen verwundet, einen von den Lidfordwaͤchtern, der, wie er ſpricht, Euch verhaf⸗ ten wollte. O daß Ihr doch gefolgt waͤret dem Rathe des Levi! Sie hielten mich an, ſie wollten mich erforſchen wegen Eurer; ich aber war Euch getreu, nicht getreuer iſt geweſen Jonathan dem Freunde David. Hieher bin ich geritten, ſo ſchnell mein Thier zu laufen vermogte, um Euch zu brin⸗ gen dieſe Kunde voll Schrecken; und ſo wie Jo⸗ nathan abſchoß den Pfeil, daß er ſollte ein Zei⸗ chen ſeyn dem David, ſo——“ „So kommſt Du, mir das Zeichen zur Flucht zu geben,“ fiel Standwich ein, indem er die bibli⸗ ſchen Anſpielungen, von denen ſtets die Reden 262 des ehrlichen Levi voll waren„unterbrach.„Ich will Deinen Rath nicht verſaumen. Fahre wohl, Margarethe! Mein Roß iſt nahe— ich will's augenblicklich beſteigen.“ „Nicht alſo,“ kreiſchte Levi;„um des Lebens willen beſteigt nicht wieder den fluͤchtigen Ren⸗ ner! Sie kennen Euch an der Creatur, auf der Ihr ſaßet, als Ihr den Haſcher verwundetet; und ein Reiter iſt es, nach welchem rings umher ge⸗ ſpaͤht wird. Sie werden Euch erwittern, uͤber⸗ fallen, uͤberwaltigen; denn dieſe Kriegsmaͤnner ſind erbitterter gegen Euch, als es jemals Saul war gegen David, den Sohn Jeſſe's. Ihr muͤßt verborgen liegen, oder irgend ein Mann von Macht und Anſehen muß Euch nehmen in ſeinen Schutz. Hier koͤnnt Ihr auch nicht bleiben; denn, ſo wahr der Herr lebt, hieher werden bald die Bannerfuhrer kommen, denn hieher ſah man Euch reiten.“— Lady Slanning, die mit Angſt und Schrek⸗ ken jedes Wort vernahm, das der Jude ſprach, faßte eines derſelben mit Lebhaftigkeit auf, und ſagte mit einer an ihr ungewohnten Geiſtesſtaͤrke: 263 „Ganz recht, der Himmel gab dieſem Alten einen Gedanken ein, der zu Eurer Rettung fuͤhren kann, mein Vater. Ja, ja, irgend ein Mann von Macht und Anſehen muß Euch in Schutz nehmen. Folgt meinem Rathe: Ueberliefert Euch dem Ed⸗ len von Fitz; vertraut ſeiner Ritterlichkeit; werft Euch ihm zu Fuͤßen; er iſt großmuͤthig; er wird Euch erheben und ſchuͤtzen. Ich will mit Euch bitten, mich mit Euch vor ihm niederwerfen, und nicht eher mich von meinen Knieen aufrichten, als bis er mein Flehen erhoͤrte. Kommt mit mir. Ich kenne einen Nebenweg durch das Gehoͤlz, auf dem wir unwahrgenommen nach Fitz⸗Ford gelan⸗ gen moͤgen. Ihr aber, ehrlicher Levi, reitet auf der Heerſtraße dahin, um die Nachſetzenden vielleicht dadurch irre zu leiten. Wenn man auch Euch anhaͤlt; ſo kann Euch doch kein Leid geſchehen, denn nimmer wird man Euch fuͤr Georg Stand⸗ wic) anſehen koͤnnen.“ „'s iſt wahr,“ entgegnete Levi,„die Taube des Friedens kann nicht gehalten werden fuͤr den Adler des Krieges. Ich will alſo thun, und Ben⸗ jamin, der draußen harrt, ſoll des Hauptmanns 264 Gaul heimreiten, damit das gute Thier zuruͤckge⸗ ſtelt werde ſeinem rechten Eigner. Ich ſelbſt will mich in die Naͤhe von Fitz⸗Ford begeben, allwo ich vielleicht etwas vernehme, das mich be⸗ ruhigt uͤber die Sicherheit des Hauptmanns Stand⸗ wich; denn ich weiß nicht, wie's kommt, aber ſo ſuͤndig und unruhkoͤpfig er auch iſt, ſo ſehnt ſich doch mein Herz nach ſeiner Befreiung. Ich will in dieſer Nacht keine Ruhe fuͤr die Sohle mei⸗ nes Fußes finden, ehe ich nicht weiß, daß Stand⸗ wich geſichert und verwahrt iſt in der ſchuͤtzenden Obhuth des ritterlichen Herrn von Fitz⸗Ford. Eins aber verſprecht mir zuvor, Georg Stand⸗ wich; verſprecht mir, daß Ihr nicht wollt in's Verderben bringen mich und den Knaben Ben⸗ jamin dadurch, daß Ihr ausſagt, wer Euch be⸗ freiete von Euren Banden im Caſtell von Lidford.“ „Füͤrchte nichts, Levi,“ entgegnete der Fluͤcht⸗ lingz„eher wuͤrd' ich mein Leben zehnfach hinge⸗ ben, als Dich verrathen.“ „Ich bin bereit,“ ſagte Lady Slanning, die während der weitſchweifigen Rede des alten Ju⸗ den einige Vorkehrungen zu ihrem Mitgehen ge⸗ troffen hatte.„Folgt mir jetzt ſchweigend; ſteigt leiſe die Treppe hinab, daß meine Leute nicht her⸗ vorkommen. Bei meiner Ruͤckkehr will ich ſchon einen Vorwand finden, der meine Abweſenheit rechtfertigt, ohne Euch Gefahr zu bringen. Leiſe, ſo Euch das Leben lieb iſt; und gebe Gott, daß ich in dieſer Nacht die Retterin meines Vaters werden moͤge!“ „Der Gott Iſtaels ſey Dein Beſchirmer!“ ſprach Levi in feierlichem Tone;„moͤge er ein⸗ hergehen vor Deinen Schritten, ſo wie er einher⸗ zog vor ſeinem Volk, als er es erloͤſet hatte aus der Knechtſchaft der Aegypter; und moͤge das Dunkel dieſer Stunde Dir alſo ſeyn, wie das Dunkel der Wolke, durch welche die Soͤhne Iſraels verhuͤllt wurden, daß ſie nicht konnten geſehen werden vom Pharao und deſſen Heer, die ihnen nachſetzten! Fahr' wohl, Standwich, und gedenke zuweilen des alten Levi, dem Du das Leben retteteſt, und der Dir dafuͤr das ſei⸗ nige zu Gebote ſtellte, als Dankbarkeit es auf⸗ rief zu Deinem Dienſte. Fahre wohl! fahre wohl!“ 266 Alle Drei ſtiegen nun behutſam die Treppe hinab. Sie wurden durch nichts geſtört, da die⸗ ſer Theil des Hauſes der abgelegenſte war⸗ Draußen angelangt, ſchied Standwich nochmals von dem dankbaren Juden und folgte ſeiner Toch⸗ ter, die ihn auf einem verſteckt liegenden Wald⸗ wege nach Fitz⸗Ford fuͤhrte. Funtzehntes Capitel. „Zuruͤck zum Himmel, ehrfurchtsvolle Nachſicht, und Du, gluͤhaͤug'ger Zorn, ſey Fuͤhrer mir! Zuruͤck nimm, Tybald, jetzt den„Schurken,“ den Du juͤngſt mir gabſt.“ Shakſpeare. Die Verwundung des Haͤſchers auf der Heer⸗ ſtraße ward bald weit und breit kund, ſo daß, wie Levi berichtet hatte, Alles aufgeboten wurde, des fluͤchtig gewordenen Standwich wieder hab⸗ haft zu werden. Der Reitertrupp, der eben in Taviſtock angelangt war, als er von Launceſton zuruͤckkehrte, wo er den Dienſt bei der Hinrich⸗ tung Cuthbert Mayne's zu verrichten gehabt hatte, ward nach allen Richtungen ausgeſchickt, ſo daß, 268 wenn Standwich, da die Ausgeſendeten einen einzelnen Reiter aufſuchten, zu Pferde von Hol⸗ wel entflohen waͤre, er zuverlaͤſſig eingefangen worden ſeyn wuͤrde. Der Laͤrm war ſo gewaltig, daß er ſogar zu Sir Nicholas Slanning drang, als dieſer von dem Hauſe der Lady Howard ſich in ſeine eigene Wohnung begab, um John Fitz bei deſſen heim⸗ licher Zuſammenkunft mit Margarethen zu uͤber⸗ raſchen. Slanning war zeither Bannerfuͤhrer ei⸗ nes Heerhaufens der Koͤnigin zu Launceſton ge⸗ weſen, und konnte daher in einer ſo wichtigen Angelegenheit, wie die des Wiedereinfangens ei⸗ nes zum Lode verurtheilten entwiſchten Verbre⸗ chers, unmoͤglich voruͤberziehen, ohne ſich in Et⸗ was darum zu kuͤmmern und einen oder anderen zweckfoͤrdernden Rath daruͤber zu ertheilen, wenn er in den obwaltenden gefaͤhrlichen Zeiten nicht ſchweren Verdacht gegen ſeine Unterthanentreue haͤtte erregen wollen. Dies veranlaßte einige Zoͤge⸗ rung fuͤr Slanning, der ohne dieſelbe eher nach Holwel gekommen ſeyn wuͤrde, als Margarethe das Haus verließ, um die Rettung ihres Vaters zu verſuchen. Bei dieſer Gelegenheit erfuhr Sir Nicholas auch etwas Weniges uber den Vorfall zwiſchen dem Haͤſcher und dem Entflohenen, wie Letzterer, zuvor verwundet, ein Piſtol gegen Jenen abfeuerte, und dann geſehen worden war, als er in geſtrecktem Galopp nach Holwel ritt. Es bedarf kaum des Erwaͤhnens, daß dieſe Kunde nur dazu dienen konnte, das von Vorur⸗ theilen und Eiferſucht ſo arg eingenommene Ge⸗ muͤth Slanning's noch mehr zu dem ſchlimmſten Argwohn anzuregen. Feſter als jemals hielt Slanning ſich jetzt uͤberzeugt, daß John Fitz die Flucht des Gefangenen bewirkte, damit dieſer ihm als Helfer dienen moͤgte, Margarethe waͤhrend ihres Gatten Abweſenheit zu entfuͤhren. Die Vor⸗ ausſetzungen der Eiferſucht ſind eben ſo wild, als unbezwinglich; die Einbildungskraft des Leſers wird es ſich alſo ausmalen koͤnnen, in welchen Grimm Slanning gerieth, als er nun in ſeiner Wohnung anlangte, und daſelbſt ſeine Gattin nicht fand. Um dieſe deſto eher beſchleichen zu koͤnnen, war er ebenfalls durch den Garten her⸗ eingekommen. Die offen ſtehende Thuͤr des Ge⸗ 270 maches ſeiner Frau, das brennende Licht auf dem Tiſche darin, das Kaͤſtchen und der Wandſchrank geoffnet, ein nicht ganz geleerter Weinbecher, und ein Handſchuh, den Standwich ablegte, als Mar⸗ garethe ihm ſeine Wunde verband— dies Alles waren nur allzu deutliche Zeichen von einer ploͤtz⸗ lichen Entweichung. Mehr aber als Alles über⸗ zeugten ihn die noch naſſen Blutflecke am Boden, daß alle Hoffnung dahin ſey, ſein Weib unſchul⸗ dig zu finden. Die Blutflecke, folgerte er, muͤß⸗ ten von jenem Standwich herruͤhren, der auf dem Heerwege von dem Haͤſcher getroffen ward, und doch trotz ſeiner Verwundung hergeeilt war, um die treuloſe Gattin in die Arme ihres Buhlen zu fuͤhren. In dieſer Wuth rief er den Jäger Wil⸗ liam herauf, der nach der Lady Howard Verſiche⸗ rung der Ueberbringer des Briefes von Margare⸗ then an den Schloßhauptmann von Lidford ge⸗ weſen war. Kaum war William eingetreten und hatte un⸗ ſchuldiger Weiſe ſeine Verwunderung uber die unerwartete Heimkehr ſeines Gebieters geaͤußert, als dieſer, der ihn mit den Verräthern im Buͤnd⸗ niſſe glaubte, ihn bei der Gurgel packte, und mit Geberden und Reden eines Wahnſinnigen dem armen jungen Jaͤger mit augenblicklichem Tode drohete, ſobald er nicht die lautere Wahrheit be⸗ kennen wuͤrde. Lady Howard, die, wie der Leſer weiß, mit Slanning gekommen war, legte ſich hier, nach der ihr eigenen boshaften Schlauheit, in's Mit⸗ tel, um den Schein eines rechtlichen Verfahrens walten zu laſſen, und rieth dem Jäger, Alles zu ſagen, was er wuͤßte, indem in dem Thun ſei⸗ ner Herrin unmoͤglich etwas geweſen ſeyn koͤnnte, das dem Gemahl derſelben vorzuenthalten waͤre. So bedroht, bedraͤngt und angemahnt, geſtand William, daß ſeine Herrin ihn in Geheim mit einem Schreiben an Sir John Fitz zu Lidford, in hoͤchſt wichtiger Angelegenheit und unter dem Siegel des Schweigens, geſchickt; wie er ferner eine Antwort des Gouverneurs zuruckgebracht haͤtte, wie dieſe von ſeiner Herrin in ihrem Ca⸗ binette geleſen worden, und wie Sir John Fitz an demſelben Abend auf dem Waldwege nach Holwel gekommen waͤre, und ſich geheim mit der 272 Herrin beſprochen hätte, weshalb denn auch Lady Howard abgewieſen werden mußte. Auch hatte ſeine Gebieterin ihm geſagt, alle Störung nach Moͤglichkeit zu beſeitigen, indem heut Abend der Schloßhauptmann wieder zu ihr kommen wuͤrde. Weiter, ſagte er aus, wuͤßte er nichts von der Sache, doch wiſſe er, daß ſeine Gebieterin viel zu fromm und gut ſey, als daß durch Alles, was ſie thäte, irgend einem Menſchen Leides geſchehen könnte. Wohin ſie jetzt gegangen, wuͤßte er nicht, indem er des Todes ſterben wollte, wenn er auch nur hätte ahnen koͤnnen, daß ſeine Herrin ſich nicht in ihrem Gemache befaͤnde. Als Slan⸗ ning vernahm, daß des Burſchen Ausſagen vol⸗ lig mit den Mittheilungen der Lady Howard über⸗ einſtimmten, entließ er denſelben. Kaum war William hinaus, ſo durchſuchte Slanning Kiſten und Kaͤſtchen im Gemache ſei⸗ nes Weibes, wo er dann bald das Antwortſchrei⸗ ben des Gouverneurs von Fitz fand. Der Leſer wird ſich deſſelben erinnern. Gleich die eiſten Worte des Briefes, daß er Margarethens Schrei⸗ ben und deren„Angedenken“ erhielt, und daß ſie burch letzteres„ein Recht“ auf ihn habe, erfull⸗ ten ihn mit erneuertem Grimme, ſo wie nicht minder die Worte, daß er„ſo geheim als moͤg⸗ lich“ kommen wolle, und daß„wahrlich! dieſe Zuſammenkunft kein Gegenſtand fur das Geſchwatz der Welt waͤre“. So wie Slanning dieſen Brief geleſen hatte, warf er denſelben, als ob das empfindungsloſe Papier den Ausbruch ſeines wilden Zornes hatte fuhlen koͤnnen, zu Boden, trat ihn mit Fuͤßen und rief auf die leidenſchaftlichſte Weiſe den all⸗ maͤchtigen Gott zum Zeugen an, daß er, ehe die Sonne wieder aufgehen wuͤrde, ſein Weib aus den Umarmungen ihres Verfuͤhrers reißen und ſeine beſudelte Ehre im Blute des Schaͤndlichen rein waſchen wollte. Im naͤchſten Augenblicke ſchien er jedoch ſich zu ſammeln, denn er erin⸗ nerte ſich, daß ſeine Gattin entflohen war— entflohen durch Huͤlfe des Verbrechers Standwich, und er wußte nicht wohin! Mit zehnfacher Bitterkeit draͤngte dieſer Ge⸗ danke ſich dem Ungluͤcklichen auf, der nun keinen Weg ſah, ſeiner Rache Luft zu machen. Haſtig Fitz of Fitz⸗Ford. III. 18 „ 274 ſchritt er im Gemache auf und ab, ballte die Faͤuſte und knirſchte mit den Zaͤhnen, waͤhrend des Grimmes Schaum auf ſeinen zuckenden Lip⸗ pen ſtand. Der Geiſt des Boͤſen, der nimmer aus dem Gemuͤthe der Lady Howard wich, fluſterte dieſer jetzt ein Aushuͤlfsmittel zu, durch welches ſie ihr ſchauerliches Rachevorhaben, woruͤber ſie ſo lange bei ſich ſelbſt gebruͤtet hatte, wuͤrde dennoch aus⸗ fuͤhren koͤnnen; und augenblicklich gehorchte ſie der Zufluͤſterung.„Ich will Euch dennoch ein Mittel verſchaffen, Slanning,“ ſagte ſie,„Euer Weib und deren ſchaͤndlichen Verfuͤhrer zu erja⸗ gen. Sonder Zweifel iſt Standwich das Werk⸗ zeug zu Beider Flucht und der Genoſſe derſelben. Er wird Margarethe nicht verlaſſen, bevor er ſie in die Haͤnde des von Fitz lieferte. Schaut her! ſeht die Blutflecke, die der verwundete Standwich hier auf den Boden fallen ließ! Mein Hund ſoll ſeine Spur verfolgen.— Halloh, Rothfang, Rothfang! Du edles Thier, ſpiele jetzt Deine Rolle (ſie mißlang Dir nie), und geleite dieſen Mann zu dem Schlupſwinkel der Schande!“ Als Sir Nicholas dieſe Worte hoͤrte, fuhr er auf und riß die Thuͤr weit auf, daß der Fang⸗ hund hereinkonnte, dem Lady Howard nun die Blutſpuren am Fußboden beſchnuppern ließ, und dann das edle Thier durch Worte, Wink und Ge⸗ berde zum Nachſetzen anregte. Fort ſprang Roth⸗ fang, und ihm nach rannte Slanning, um nicht etwa hinter dem Gebell des Hundes zu weit zu⸗ ruͤckzubleiben, daß es nicht mehr zu ihm dringen koͤnnte. Wer mit der Beſchaffenheit der alten englan⸗ diſchen Fang- oder Bluthunde bekannt iſt, wird wiſſen, daß dieſe Thiere ſelten zu anderer Zeit bellen, als wenn ſie auf der Blutjagd ſind; dann aber thun ſie es laut und anhaltend, wiewohl ihre Bewegungen dabei langſamer als bei ande⸗ ren bellenden Hunden zu ſeyn pflegen. So auch lärmte der Bluthund der Lady Howard jetzt vor Slanning her, der ihm in der Richtung nach Fitz⸗ Ford haſtigen Schrittes folgte. Unterdeſſen hatte Standwich ſich als Gefan⸗ gener dem Schloßhauptmanne von Lidford uͤber⸗ liefert, und obwohl man annehmen kann, daß 18* 276 Letzterer ſich mit Recht dadurch verletzt fuͤhlte, daß Derjenige, deſſen Begnadigung er auszuwirken gedachte, ſeiner Haft entrann und die Erbitterung gegen ſich dadurch nur noch vergroͤßerte, ſo ver⸗ mogte Fitz doch nicht, den Bitten Margarethens zu widerſtehen; ſo daß er endlich darein willigte, Standwich als Staatsgefangenen unter ſeinen be⸗ ſonderen Schutz nehmen zu wollen, nachdem die⸗ ſer feierlich geluͤbdet hatte, keine Flucht mehr zu verſuchen. Kaum waren dieſe gegenſeitigen Verſprechun⸗ gen geleiſtet und empfangen worden, als Andreas Morton ploͤtzlich hereintrat und meldete, wie et⸗ liche Stadtmagiſtratsperſonen ſeinen Gebieter in dringender Angelegenheit zu ſprechen wuͤnſchten⸗ Dieſe Anmeldung war beunruhigend fuͤr den Schloßhauptmann, indem dieſer ſich jetzt in eben dem Gemache befand, in welchem er dergleichen Beſuche auf Fitz⸗Ford anzunehmen pflegte, und in welchem ſich jetzt Standwich befand, den er in der Stille nach Lidford zu fuͤhren und daſelbſt ſo lange zu verwahren gedachte, bis er, der Zu⸗ ſage gemäß, die er Margarethen gegeben hatte, deſſen Begnadigung von der Koͤnigin erhalten haben wuͤrde. Um alſo jeder moͤglichen Entdeckung vorzubeu⸗ gen, befahl er dem Diener, die Fremden in das Thurmgemach am Thorwege zu fuͤhren, wohin er dann ſich ebenfalls begab. In der kurzen Audienz, die die Magiſtratsperſonen bei John Fitz hatten, machten dieſe, wie er es ſchon zum Voraus er⸗ wartet haben mogte, ihm die Anzeige von der Flucht des gefangenen Rebellen, und fuͤgten das Geſuch hinzu, ebenfalls Leute auszuſchicken, um den Entflohenen, wenn moͤglich, einzufangen. Fitz antwortete hierauf nicht mit Beſtimmt⸗ heit, dankte jedoch den Abgeordneten in gewoͤhn⸗ lichen Ausdruͤcken der Hoͤflichkeit fuͤr ihre gehabte Muͤhe, und geleitete ſie bis unter den Schwib⸗ bogen des Thorweges, wo die Dunkelheit der Stunde durch zwei daſelbſt brennende Fackeln er⸗ hellt ward. Kaum waren die Abgeordneten fort, als das Bellen Rothfangs hoͤrbar ward und gleich dar⸗ auf der Hund unter den Thorweg ſprang. Dicht hinter dem Thiere ward ſofort Nicholas Slan⸗ ning ſichtbar. Das Fackellicht fiel in vollem Schimmer auf des Schloßhauptmanns Geſicht, ſo daß Slanning dieſen ſofort erkannte, die Hand an ſein Schwert legte und in wildem Tone der aufgeregteſten Lei⸗ denſchaft rief:„Dein Schwert zieh', Elender, und vertheidige Dich, oder mein Stahl ſoll mir uber Deinen Leichnam hin Bahn brechen zu De⸗ nen, die Du hier verborgen haͤltſt!“ Das Erſtaunen des Edlen von Fitz war nichts weniger als gering, allein die heftigen Geberden und drohenden Worte Slannings zwangen ihn, das Schwert zur Gegenwehr zu ziehen. Er that's, und indem er einige Schritte zuruͤckwich, ſagte er mit vieler Faſſung:„Was bedeutet ſolch ein Betragen, Sir Nicholas? Ich fuͤgte Euch kein Leid zu, auch habt Ihr nicht noͤthig, Euch durch Mord den Weg in mein Haus zu bahnen.— Wen ſucht Ihr hier?“ „Mein Weib, Boͤſewicht!“ rief Slanning, „mein Weib, das Ihr mir geſtohlen habt, und den Rebellen, den Ihr befreietet, damit er Euch als ſchaͤndlicher Kuppler dienen moͤgte.— Ver⸗ theidige Dich, denn Du biſt ein Verräther und Verfuͤhrer, und Dein Blut ſoll die Klage recht⸗ fertigen.“ „Solche Klage iſt Raſerei,“ verſetzte Fitz,„und bedarf keiner Rechtfertigung weiter, als daß ich ſie fur lugenhaft erklaͤre.— Steckt Eure Wehr ein und redet mich an, wie's ſich ziemt, denn ich ſtehe hier nicht, um mich von irgend einem Ra⸗ ſenden ſchmaͤhen zu laſſen.“ „Ich, reden wie's ſich ziemt?“ ſchrie Slan⸗ ning.„Was ziemt ſich gegen Den, der während meiner Abweſenheit mich des Theuerſten beraubte? Mein Schwert an dem ſeinigen zu meſſen und auf Tod und Leben mit ihm zu kaͤmpfen! Ich rufe Dich nochmals aus fur einen Verräther, ei⸗ nen Lugner und einen Feigling, ſo Du Dich nicht ſchlagen willſt!“ „Namen, gleich dieſen, ſollen ſich nimmer zu dem Namen Fitz geſellen,“ verſetzte der Angegrif⸗ fene in einem Grade von Leidenſchaft, den er bis⸗ her nicht hatte blicken laſſen, waͤhrend er, in der ſichern Vorausſetzung, daß irgend eine ſeltſame 280 falſche Meinung in Slanning's Seele vorwalten muͤßte, ſo daß dieſer zu ſolcher Gewaltthaͤtigkeit getrieben ward, nur mit Widerwillen Gebrauch von ſeinem Schwerte machen wollte. Der gottloſe Andreas Morton, der vielleicht zu ſeiner eigenen Sicherung wuͤnſchte, daß Einer von Beiden fallen moͤgte, damit er ſelbſt von der Furcht vor ſeinem Gebieter befreit wuͤrde, ſagte in dieſem Augenblicke zu Sir John Fitz: „Wie, edler Herr? ſteht Ihr hier, um Euch ei⸗ nen Feigling ſchelten zu laſſen, waͤhrend Ihr die Waffe in der Hand habt?“ Fitz, der bisher zwiſchen dem Wunſche, des aufgereizten Slanning zu ſchonen, und dem Ver⸗ langen, die eigenen ihm eben zugefugten Beleidi⸗ gungen zu rächen, noch geſchwankt hatte, ward durch dieſe wenigen, in ſo kritiſchem Momente geſprochenen Worte ſeines Dienſtknechtes derge⸗ ſtalt beſtimmt, daß er mit Entſchloſſenheit den wiederholten Drohungen Slanning's dadurch ent⸗ gegnete, daß er rief:„So will ich Dir denn ſtehen, und komme Dein Blut uͤber Dein eige⸗ nes Haupt!“ Dann warf er ſich in Vertheidi⸗ 1281— gungsſtellung; Slanning aber fiel ihn mit unzu⸗ baͤndigender Wuth an. Da Beide jedoch geſchickte Meiſter in Fuͤh⸗ rung ihrer Waffen waren, mit denen ſie jetzt auf Leben und Tod ſpielten, ſo haͤtte der Kampf lange anhalten moͤgen, ehe ihm Entſcheidung ge⸗ worden waͤre; dennoch dauerte derſelbe nur we⸗ nige Augenblicke, indem Slanning in ſeinem blin⸗ den Grimme einen verzweifelten Ausfall machte, dabei aber mit dem Fuße ausglitſchte und ſo ge⸗ wiſſermaßen ſich ſelbſt in das Schwert ſeines Gegners ſtuͤrzte. Kaum ſah Fitz ihn fallen, ſo warf er ſchreckerſtarrt ſeine Waffe hin, rannte dann zu dem Verwundeten, hob ihn vom Boden auf und befahl dem Diener Morton, augenblick⸗ liche Huͤlfe herbeizuſchaffen. Der Laͤrm verbreitete ſich im Augenblicke. Der Erſte, der der Kampfſtaͤtte, die nun zu einem Schauplatze des Blutvergießens geworden war, zueilte, war Georg Standwich, der mit half, den Sterbenden in das Haus zu tragen. Ein Die⸗ ner ward nach der Stadt geſchickt, um einen Wundarzt zu holen. 282 Man riß dem Getroffenen die Kleider auf und war bemuͤht, das Blut zu ſtillen, das im Guſſe aus der Wunde quoll. Das ganze Haus gerieth in Bewegung; wer aber ſchildert das Weh und Entſetzen der Lady Slanning, als dieſe ver⸗ nahm, ihr Gemahl ſey in plotzlichem Kampſe durch die Hand des Gouverneurs von Lidford ge⸗ fallen! Ihr Schrecken war ſo gewaltig, daß ſie eine Zeit lang gar nicht verſtehen konnte, was geſprochen ward Keine Thraͤne trat ihr in's Auge, allein mit aſchfarbenem Antlitze und einer Miene ſtarren Erſtaunens blickte ſie den Diener an, durch den ſie an das Sterbelager ihres Gat⸗ ten gefordert ward. Es vergingen mehrere Mi⸗ nuten, ehe ſie dahin gebracht werden konnte, der Anmahnung Folge zu leiſten. Als ſie in die Kammer trat, in welche man Slanning gebracht hatte, ſah Margarethe, wie Standwich den Verwundeten unterſtutzte, und wie John Fitz bemuͤht war, das Blut zu ſtillen, waͤhrend er in ſeiner Gemuͤthszerruttung fortwaͤh⸗ rend Wehe uͤber die That rief, die er begangen hatte, und dazwiſchen ſchrie, daß ſeine Leute die Ankunft des Wundarztes beſchleunigen mögten, weil es ſonſt zu ſpaͤt dazu werden muͤßte Sir Nicholas, in welchem jeder Anweſende einen Sterbenden zu erkennen hatte, ſchien ſeine Beſinnung beibehalten zu haben, denn er heftete auf ſein hereintretendes Weib einen ſo herzzer⸗ reißenden Blick, daß dieſe, in tieſſter Seele da⸗ durch erſchuͤttert, auf den Gedanken gerieth, ir⸗ gend ein entſetzliches Mißverſtaͤndniß in Bezie⸗ hung auf ſie muͤßte dieſen fuͤrchterlichen Vorfall herbeigefuͤhrt haben. Hin ſtuͤrzte ſie an das Lager des Gatten, kniete nieder, nahm ſeine kalte Hand in die ihrige, und ſprach in einem Tone, in wel⸗ chem dem Sterbenden eine Engelsſtimme zu er⸗ klingen ſchien, die ihm Troſt des Himmels in ſei⸗ nen letzten Augenblicken zuliſpelte:„O mein Gat⸗ te! muͤſſen wir uns ſo wiederſehen, und iſt es an dieſem Orte, wo ich Euch ſagen muß, daß ich hieher zu dem Edlen von Fitz eilte, um Schutz von ihm fuͤr meinen Vater zu erflehen? Das Geheimniß meiner Geburt iſt enthuͤllt— Stand⸗ wich iſt mein Vater.“ Slanning war ſprachlos, doch ſchien es, als verſtaͤnde er vollkommen dieſe Worte, denn er druͤckte, wiewohl leiſe, Margarethens Hand, blickte zaͤrtlich auf ſeine Gattin, erhob dann das Haupt und ſah zu Fitz hinan; ſeine Lippen regten ſichz nochmals blickte er auf Margarethe, und that dann, vom Blutverluſte gaͤnzlich erſchoͤpft, ohne zu ächzen, ſeinen letzten Athemzug. Bald nach⸗ her ward Lady Slanning aus dem Gemache in einem Zuſtand entfernt, der aͤußerlich dem des Leichnams gleich war, von dem man ſie wegbrachte. Den Schrecken und Jammer zu beſchreiben, wovon das Stammhaus zu Fitz⸗Ford waͤhrend dieſer Nacht erfullt ward, wuͤrde eine Feder von weit groͤßerer Geſchicklichkeit erfordern, als die unſere jemals wird ſeyn koͤnnen. Genuͤge es, zu ſagen, daß der Jammer groß war und ebenſo tief von Allen empfunden ward, indem Beide, ſowohl Sir Nicholas Slanning, wie Sir John Fitz of Fitz⸗Ford, als wackere Maͤnner allgemein hoch in Ehren gehalten wurden. In dieſen Augenblicken der Verwirrung ward es kund, daß in eben dieſer Nacht der Rebell Standwich ſich dem Gouverneur von Lidſord als Gefangener uͤbertieferte, ſo daß Fitz ihn nun nicht mehr gegen die Haͤſcher ſchuͤtzen konnte, ſondern ihn von dieſen in's Gefaͤngniß zuruͤckfuͤhren laſ⸗ ſen mußte. Bald nachher ward die ungluͤckliche Margare⸗ the aus dem Hauſe des Erben von Fitz durch ihren ehemaligen Vormund, den Richter Glan- ville, der in dem Augenblicke, in welchem er von dem trubſeligen Ereigniſſe hoͤrte, ſich zu ihr auf den Weg machte, unter den Schutz ſeines eige⸗ nen Daches und ſeiner edelmuͤthigen, väterlichen Fuͤrſorge nach Kilworthy gebracht. Serhszehntes Capitel. „Seit ich geboren ward, verfolgte mich Die Weiſſagung— ſie werd' erfuͤllt!“ Manuſcript⸗Schauſpiel. Unter den Vielen, die theils aus Theilnahme, theils aus Neugier ſich zu den Thoren des Stamm⸗ hauſes von Fitz⸗Ford drangten, war Einer, wel⸗ cher den zu ſpat eintreffenden Wundarzt beglei⸗ tete. Dieſer Eine war kein Anderer, als Bar⸗ nabas Ferule, der alte Lehrer an der lateiniſchen Schule, der ſo lange Zeit der unterwuͤrfige Freund und Rathgeber des verſtorbenen Sir Hugo, in deſſen aſtrologiſchen und ſonſtigen Studien, gewe⸗ ſen war. Der Wundarzt ſah ſich allerdings ge⸗ nöthigt, wieder von hinnen zu gehen, eilte jedoch, 287 ſeine Dienſte der Wittwe des Gefallenen bei de⸗ ren Verſetzung nach Kilworthy anzubieten, obwohl Margarethens Zuſtand von der Art war, daß alle menſchliche Huͤlfe ſchier vergebens und hoff⸗ nungslos zu ſeyn ſchien. Barnabas hingegen blieb noch zu Fitz⸗Ford. Er ſah die Zerruͤttung, unter der der ungluͤck⸗ liche Sir John rang, und Liebe zu ihm, wie Andenken an deſſen Vater, beſtimmten den alten Mann, den Gouverneur von Lidford nicht zu ver⸗ laſſen. Dabei hatte er noch eine andere Abſicht, die ihn wuͤnſchen ließ, es abzuwarten, daß das Gewuͤhl im Hauſe ſich entfernte. Barnabas wußte, daß dem verſtorbenen Slan⸗ ning ein Vetter lebte, der reich beguͤtert war, in hohem Anſehen ſtand und ſich nie freundlich ge⸗ gen Sir John bewieſen hatte. Er zweifelte nicht, daß dieſer Verwandte lautes Geſchrei gegen Sir John wegen Slanning's Tod erheben wuͤrde. Nun aber war bei dem Kampfe kein Zeuge außer Andreas Morton zugegen geweſen; dieſer aber hatte in dem Augenblicke die Flucht ergriffen, als er gewahrte, daß Standwich ſich wieder in der 288 Haft des Gouverneurs von Lidford beſand und in ſeinen Kerker abgefuͤhrt werden ſollte. Barnabas ſah ein, daß, wenn John Fitz we⸗ gen Slanning's Tod verfolgt wuͤrde, viele Um⸗ ſtaͤnde ſich gegen ihn kehren muͤßten, indem es ſchwer hielt, ja unmoͤglich war, zu beweiſen, daß Slanning die erſte und unzubaͤndigende Veran⸗ laſſung zu dem ungluͤckſeligen Zweikampfe gege⸗ ben hatte. Einen Weg zur Sicherheit gab es nur fuͤr John Fitz, naͤmlich den, die Gunſt der Koͤnigin in Anſpruch zu nehmen; und deswegen hatte Barnabas beſchloſſen, den Gouverneur von Lidford dahin zu vermoͤgen, dieſen Weg einzu⸗ ſchlagen, um Vergebung fuͤr ſich da nachzuſuchen, wo Fitz um Begnadigung eines Andern hatte bitten wollen; von welchem letzteren Umſtande der ehrliche Schulmeiſter ſich freilich nichts traͤu⸗ men laſſen konnte. Wir uͤbergehen die vielfachen Vorſtellungen, durch welche Barnabas bemuͤht war, den Edlen von Fitz zu beſtimmen, ſich noch in derſelben Nacht auf die Reiſe nach der Hauptſtadt zu be⸗ geben. Obwohl Fitz jeder Hoffnung auf Lebens⸗ gluͤck entſagt hatte, ſo beſaß er doch einen hohen Grad von Stolz, der ihn nie verließ, und voll⸗ ends dann nicht, wenn es die Ehre ſeines Na⸗ mens galt. Vielleicht erbte er dieſen Stolz von ſeiner Mutter; doch dem ſey wie ihm wolle: Barnabas wußte, ungeachtet ſeiner Einfalt, den Edlen von Fitz bei ſeiner ſchwachen Seite zu faſſen. Dies gelang ihm; Fitz willigte in den Vorſchlag, wobei er jedoch wiederholt erklaͤrte, daß er es nur thaͤte, um die Ehre ſeiner Familie und ſeines Namens vor Schmach zu bewahren, indem er voͤllig gleichgultig gegen Das waͤre, was mit ihm ſelbſt vorgehen moͤgte. Es ward ferner ausgemacht, da Andreas Morton nirgends zu finden war, und John Fitz keinem Andern in einer ſo wichtigen Angelegenheit vertrauen wollte, daß der ehrliche Schulmeiſter ihn als Freund und Diener auf dieſer langen und peinvollen Reiſe begleiten ſollte. Die Zuruͤſtungen zu dieſer letzteren waren bereits getroffen worden, da John Fitz ja am fol⸗ genden Morgen ſich hatte auf den Weg machen wollen, um die Sache des verurtheilten Rebellen Fitz of Fitz⸗Ford. III. 19 290 Standwich zu fuͤhren. Wie wenig hatte er den⸗ ken moͤgen, daß jemals und ſo ſchnell ein Zeit⸗ punct hereinbrechen wuͤrde, der ihn noͤthigte, ſolche Reiſe um ſeiner ſelbſt willen zu unternehmen! und als er nun das Haus ſeiner Väter verließ, bedachte er, wie in ſeinem Falle ſich die Worte der heil. Schrift bewahrheiteten, wenn der Pre⸗ diger Salomo ſagt:„Der Menſch weiß ſeine Zeit nicht; ſondern wie die Fiſche gefangen werden mit einem ſchaͤdlichen Hamen, oder wie die Vogel gefangen werden mit einem Strick: ſo werden auch die Menſchen beruͤcket zur boͤſen Zeit, wenn ſie plotzlich uͤber ſie faͤllt.“ Mit groͤßter Vorſicht trat John Fitz, beglei⸗ tet von Barnabas Ferule, ſeine Reiſe an, wie⸗ wohl er dies in einem hoͤchſt zerruͤtteten Gemuͤths⸗ zuſtande that, durch den Barnabas allerdings ſehr beunruhigt ward. Waͤhrend jener Nacht legten die Reiſenden nur wenige Meilen zuruͤck und machten in einer kleinen unbedeutenden Herberge Halt; und als ſie folgenden Tages ihre Gaͤule beſtiegen, um gemaͤch⸗ lich weiter zu ziehen, bemerkte Barnabas, daß 291 John Fitz hager ausſah, einen blauen Ring um die Augenhoͤhlen herum hatte, und daß ihm auf den Wangenknochen eine unnatuͤrliche Roͤthe lag, waͤhrend ſeine Lippen bleich waren. Dies Alles verkuͤndete einen fieberiſchen Koͤrperzuſtand, ſo daß Barnabas liebreich fuͤrſorgend den Vorſchag that, heute noch zu raſten; Fitz aber antwortete darauf kurzab und weigerte ſich entſchieden, auch nur einen einzigen Augenblick laͤnger zu zoͤgern. Sie ritten fort. Es war zeitig am Tage, der Thau hing an den Grashalmen, und glaͤnzte wie Thraͤnen im Auge der Schoͤnheit an jeder Feld⸗ blume. Die aufgehende Sonne zerſtreute allmaͤ⸗ lig den dichten Fruͤhnebel, ſo wie ein edelmuͤthi⸗ ger Wohlthaͤter, der umherwandert, um die Wol⸗ ken der Bekuͤmmerniß zu verſcheuchen, auf ſeinem Wege den Menſchen Segnungen darreicht. Die Luft zog mild und friſch, und die Lerche, der He⸗ rold des Morgens, ſchwang ſich, dem Hoͤchſten lobſingend, auf leichten Flugeln in die Luͤſte. Allein der ſchwermuͤthigen Seele verduͤſtern ſich ſelbſt die Herrlichkeiten der jungen Natur; dieſe hoͤren auf, ihr zu gefallen, denn die aͤußeren Gegenſtaͤnde 10 nehmen ihre Faͤrbung von dem innern Gemuͤthe des Menſchen an. So war es auch der Fall mit dem ungluͤck⸗ lichen John Fitz, der an dieſem Tage ſo ganz in ſich zerfallen war, daß es ſchien, als leitete eher das Roß ihn, als daß er demſelben ſeine Rich⸗ tung anwies. Auch bemerkte Barnabas, daß, ſo oft ſie anhielten, um fuͤr ihre Thiere ſorgen zu laſſen, John Fitz friſches Waſſer begehrte, das er mit Gier und in Maſſe verſchlang; und obwohl Fitz immer auf Weiterziehen drang, erwaͤhnte er doch nie des Zweckes ſeiner Reiſe, und ritt end⸗ lich ſo langſam, daß es ſpaͤt Abends ward, ehe ſie eine kleine Herberge erreichten. Die Beſorg⸗ niß des ehrlichen Schulmeiſters war jetzt zu einer bedeutenden Hoͤhe geſtiegen, indem er nicht anders meinte, als das ſeltſame Weſen des Sir John Fitz waͤhrend des ganzen Tages deute einen Fie⸗ bergrad an, der ihm die Sinne zerſtoͤrte. Mit freundlicher Sorgfalt drang er in den Sohn ſei⸗ nes verſtorbenen, vielgeliebten Goͤnners, ſich zu Bette zu legen und zu verſuchen, ob er mögte ſchlafen koͤnnen. 293 Anfaͤnglich ſchwieg Fitz, allein die liebevolle Art, womit der gute Rath wiederholt ward, ſchien endlich eine ſchwache Theilnahme in ihm, trotz der Apathie rege zu machen, in welche er ſeit ſo vielen Stunden verſunken geweſen war. Erfreut, als er dies hoͤrte, verfiel Barnabas auf den Ge⸗ danken, wie's wohlthaͤtig fuͤr John Fitz werden könnte, wenn deſſen Ideengang in eine andere Richtung gebracht wurde; denn das klaſſiſche Ge⸗ daͤchtniß des wuͤrdigen Schulmonarchen erinnerte ſich des Redeſpruches eines alten Weltweiſen oder Arztes, der da lautet:„Starres Hinbruten erzeugt Raſerei,“ wodurch des ehrlichen Barnabas Be⸗ ſorgniß nicht wenig vergroͤßert ward. Zu ſolchem Ende wagte Barnabas einige An⸗ ſpielungen auf ſeinen hingeſchiedenen Goͤnner, den Vater des Kranken. Da Fitz Theil hieran zu nehmen ſchien, fuͤhlte der Schulmeiſter ſich er⸗ muntert, fortzufahren. Als Barnabas im Ver⸗ laufe des Geſpraͤches immer waͤrmer ward, ſagte er:„Erinnere ich mich doch meines theuren Goͤn⸗ ners, als wäre er erſt geſtern geſtorben! Wie manche Stunden, wie manchen Tag hab' ich mit 294 ihm zugebracht! Der arme alte Sir Hugo! Nach⸗ dem er Doctor John Dee's Werk geleſen hatte, machte er ſich gar viel mit dem Elfenbannen zu ſchaffen, allein es wollte ihm nicht gelingen, ob⸗ wohl er ſeltene aſtrologiſche Einſichten beſaß, ſo daß er zu Zeiten ein recht gutes Netz zum Nati⸗ vitatſtellen zu entwerfen verſtand. Ihr werdet Euch wohl der Lieblingsſtudien Eures Vaters er⸗ innern, Sir, nicht wahr?— Und wie lieb hatt' er Euch! Ich bin uͤberzeugt, daß, wenn Ihr auf alte Zeiten, obwohl ſie Euch Vergnuͤgen zeigen, zuruckblickt, Euch die Erinnerung daran wie ein Traum beduͤnken muß, ſo verwandelt iſt jetzt Alles.“ „Ich erinnere mich an Alles,“ ſagte Fitz,„aber vergeſſen iſt beſſer.“ Dabei zog er die Muͤtze uͤber ſeine Stirn, als wollte er eine heftige innere Be⸗ wegung verbergen.„Weckt keine Erinnerungen mehr in mir,“ ſetzte er hinzu,„es giebt Gedan⸗ ken, die ich nicht zu ertragen vermag.“ „Fiuwahr,“ verſetzte Barnabas,„ich mögte Euch nicht einen einzigen Gedanken hervorrufen, der Euch peinlich werden koͤnnte. Doch weiß ich gewiß, daß, wenn ich vom alten Herrn Hugo ſpreche, es Euch nur Vergnuͤgen gewaͤhren kann, denn Ihr waret ihm ein liebender, gehorſamer Sohn. Jetzt aber ſucht Euer Gemuͤth zu be⸗ ſchwichtigen, nehmt eine Erfriſchung und verſucht der Ruhe zu pflegen, ſo wird, hoff' ich, Alles wohl enden.“ „Nichts wird fur mich zut enden,“ verſetzte Fitz;„verlaßt mich, Alter, ich will allein ſeyn.“ „Sagt das nicht,“ entgegnete der Schulmei⸗ ſter;„ich kann, ich will Euch nicht verlaſſen. Euer Vater that an mir als ein Freund, wie⸗ wohl ich nur ein armer, geringer Mann war; wie koͤnnte ich alſo anders, als ſeinen Sohn eh⸗ ren und lieben?“ „Dacht' ich doch nicht, daß noch ein Hund ubrig wäre, vielweniger alſo ein Menſch, der ſich um mich kuͤmmerte,“ ſagte Fitz.„Ich war ſeit der Stunde meiner Geburt zum Elend auserſehen.“ „Wollt nicht ſo denken!“ rief Barnabas. „Ich weiß, woher Euch der Gedanke kommt; aber glaubt mir, der alte Sir Hugo war gewaltig im Irrthume.“ „Woruͤber?“ fragte Fitz mit einem Blicke der 296 Verwunderung; denn wirklich verſtand er in die⸗ ſem Augenblicke nicht, worauf der Schulmeiſter hindeutete. „Ei nun, uͤber Euer Horoſkop,“ fuhr Bar⸗ nabas fort,„denn da Sir Hugo zu Zeiten uͤber die Nativitat, die er Euch ſtellte, hoͤchſt beunru⸗ higt war, ſo ſagte ich ihm oft, daß er das Netz dazu ganz falſch——“ „Meine Nativitat?“ rief Fitz unterbrechend; „ich erinnere mich— mein Vater ſprach davon auf ſeinem Sterbebette.“ „That er das?“ fragte Barnabas. „Wohl that er es,“ antwortete Fitz,„und ließ mich ihm ein Geluͤbde thun— welches ich gebrochen habe. Wie lautete das Geſchick, das mein Vater mir prophezeihete?“ „Ich verſichere Euch,“ ſagte Barnabas, der einer Antwort auf dieſe Frage ausweichen wollte, „daß Sir Hugo ſtets bei ſeinem Nativitatſtellen die groͤßten Fehler beging. Nimmer konnte ich ihn bewegen, ſchnurſtracks dem gelehrten Agrippa zu folgen, und—“ „Aber mein Horoſkop?“ rief John Fitz un⸗ geduldig—„ich will es wiſſen!“ Die laute und haſtige Stimme, womit dieſe Worte geſprochen wurden, beunruhigte nicht we⸗ nig den alten Schulmeiſter, der ſich ſcheuete, dem Kranken zu widerſprechen, indem er deſſen reiz⸗ baren Gemuͤths⸗ und Nervenzuſtand wohl kannte; ſo daß er, indem er abermals des alten Hugo Verfahrungsweiſe tadelte, ihm ſagte, daß derſelbe große Bekuͤmmerniß und einen gewaltſamen Tod prophezeihete. Fitz hoͤrte dies mit unveraͤndertem Geſichte an, antwortete auch nichts, ſondern ſchritt lang⸗ ſam mit unterſchlagenen Armen auf und ab, in⸗ dem er uͤber ſeinen eigenen Gedanken brutete, und ſchien dann wieder in jene Apathie zu verſinken, der er ſich während dieſes ganzen Tages hinge⸗ geben hatte. Obwohl das Wetter den Tag uͤber ſonnig und heiter geweſen war, zog der Abend doch kalt und ſtuͤrmiſch herauf— ein Bild des abnehmenden Menſchenlebens! Fitz warf ſich, einem großen gothiſchen Fenſter gegenuͤber, in einen Seſſel. Die Fitz of Fitz⸗Ford. III. 20 Herberge war ein altes Gebaͤude aus dem vier⸗ zehnten Jahrhundert. Er heſtete den ſtarren Blick auf die hohen Rahmen und demantkleinen Glas⸗ ſcheiben, allein ihn rührte nicht das Feierlicht, das durch ſie in das Gemach ſtroͤmte, als der Mond bald glaͤnzend, bald von Wolken uͤberſchattet, wech⸗ ſelnd Licht und Dunkelheit am Firmament erzeugte. Im alten Wirthshauſe knarrten Thuͤren und Fen⸗ ſter, als das klagende Pfeifen des Windes ſchril⸗ lend, gleich dem Jammerrufe eines irren Luftgei⸗ ſtes, in's Ohr drang. Der beunruhigende Zuſtand des Edlen von Fitz gereichte zum groͤßten Leidweſen des Schul⸗ meiſters, der den ungluͤcklichen jungen Mann noch⸗ mals bat, Ruhe und Erfriſchung zu genießen. Letztere wies Fitz durchaus zuruͤck, es wäre denn ein wiederholter Trunk Waſſer, den er waͤhrend des Tages ſo oft zu ſich genommen hatte. Doch willigte er darein, zu Bett zu gehen, wollte aber die Begleitung des treuen Alten dabei nicht an⸗ nehmen, und als Barnabas ihn bei der Hand ergriff, fuhlte dieſer, daß ſie heiß und trocken war. Nochmals bat der Schulmeiſter um Erlaubniß, — bei ihm zu bleiben, Fitz aber wehrte mit der Hand ſchweigend ab und zog ſich in ſeine Kam⸗ mer, deren Thuͤr er hinter ſich verriegelte, zuruͤck. Barnabas ſchlief dicht daneben; allein dem guten Alten ward wenig Schlaf. Zwiſchen Be⸗ ſorgniß und aͤngſtlichem Lauſchen getheilt brachte er die Nacht zu, fuhr oft auf, und fuͤhlte dann, wie ein kalter Schauer ihn uͤberlief. Etliche Male auch ſchlich er an John's Thuͤr, um noch genauer zu horchen, doch war Alles ſtill in der Kammer. Als Barnabas in der Fruͤhe ſich erhob, war ſein erſter Gang wieder zu eben jener Thuͤr, an die er mehrere Male pochte, jedoch ohne Antwort zu erhalten. Da uͤberfiel den Alten ein niege⸗ fuhltes Bangen, ſo daß er die Leute in der Her⸗ berge zuſammenrief. Die Kammerthuͤr mußte aufgeſprengt werden, und wer beſchreibt den Schrecken und die Bekuͤmmerniß des alten Schul⸗ meiſters, als das Erſte, was er erblickte, der Leich⸗ nam des Edlen von Fitz war, der quer uͤber dem Bette liegend in ſeinem Blute ſchwamm! Sein Schwert, das unſelige Werkzeug zu ſei⸗ ner Selbſtvernichtung lag, wie es ſeiner Hand 20 entfallen war, am Boden, und wenig zu bezwei⸗ feln ſtand es, daß in der Fieberhitze und in der Geiſteszerruttung, in der der Ungluͤckliche ſich be⸗ funden hatte, die unzeitige Erinnerung an Sir Hugo's Prophezeihung die Melancholie des armen John Fitz bis zum Wahnwitze ſteigerte, ſo daß dieſer beſchloß, ſelbſt das Geſchick zu erfullen, zu welchem er, wie er glaubte, geboren worden war. Wie ſo viele Beiſpiele von vorwitzigem Forſchen in die Zukunft ſind, gleich dem vorlie⸗ genden, die Urſache eben derjenigen Wirkung geworden, die dadurch hat prophezeih't ſeyn ſollen! Der einfaͤltige Barnabas Ferule fuͤhlte jedoch (und Heil ſeinem Seelenfrieden, daß es nicht an⸗ ders war) dies ſo wenig, daß, nachdem der erſte Schreck voruͤber war, man ihn die traurige Be⸗ merkung machen horte:„Er waͤre jetzt uberzeugt, daß der alte Sir Hugo mehr Geſchicklichkeit im Nativitatſtellen gehabt, als er ſie ihm jemals zu⸗ getraut haͤtte; obwohl er lieber haͤtte ſterben, als leben mogen, um dies in dem Geſchick des gelieb⸗ ten Sohnes ſeines Gonners bewieſen zu ſehen.“ Das Uebrige unſerer duͤſteren Geſchichte kann in Kuͤrze erzaͤhlt werden. Der Leichnam des ungluͤcklichen Sir Nicholas Slanning ward in der Kirche zu Bickleigh, etwa zehn(engl.) Meilen von Taviſtock, beigeſetzt. Sein Grabmal, das ihn ſelbſt und ſeine Gemahlin im Bilde zeigt, iſt noch in Stein gehauen, unter ei⸗ ner von Pfeilern getragenen Kuppel vorhanden. Daneben ſieht man den Tod, wie er mit einem Dolche die Bruſt eines Kriegers durchbohrt, und die rauhen, aber emphatiſchen Verſe, die noch zu leſen ſind, darunter: „As stout as thon art, T'll strikke to thy heart.“*) Die in lateiniſcher Sprache abgefaßte Grab⸗ ſchrift ſpielt ſowohl auf den Tod des Sir John Fitz, wie des Sir Nicholas Slanning an, indem ſie von Letzterem meldet, daß ſein Moͤrder zu gleicher Zeit ſein Raͤcher ward. *) Das koͤnnte zu Deutſch in Reimen heißen: „Und waͤr'ſt Du auch von Erz, Ich durchſtoße Dir das Herz.“ Der Ueberſ. Lady Howard, die eine ſo hervorgehobene Rolle in den tragiſchen Begebenheiten ſpielte, welche wir zu erzaͤhlen hatten, zog bald nach dem Tode der beiden Freunde ſich auf ein anderes ihrer vielen reichen Guͤter zuruͤck. Vermuthlich that ſie es in der Hoffnung, durch Ortsveraͤnde⸗ rung eine Gemuͤthsveraͤnderung zu gewinnen. Mogte dem nun ſeyn wie ihm wollte, ſo irrte ſie dennoch; denn von allen Hauptperſonen un⸗ ſerer Geſchichte war ſie, wiewohl aͤußerlich die Begluͤckteſte, doch innerlich die Elendeſte; denn in ihr nagte der Wurm, der nimmer ſtirbt— ein boͤſes Gewiſſen! Tod und Elend hatten ihrem Werke der Rache die Krone aufgeſetzt, hatten uͤberall ihre Bosheit und ihren Stolz geſaͤttigt. Kein Weſen war uͤbrig geblieben, an welchem ſie den Grimm ihrer unnatuͤrlichen Gefuhle ferner hatte auslaſ⸗ ſen moͤgen. So wendete dieſer Grimm ſich denn gegen ſie ſelbſt, und es ward ihr eine Strafe, die man denen der Hoͤlle des Dante beizaͤhlen kann; denn ſie ward verdammt, täglich und ſtundlich ihre Thaten in Gedanken zu wiederho⸗ 303 len. Ihr Reichthum gewaͤhrte ihr keinen Troſt, denn ihr nie befriedigter Geiz ließ ſie ſtets nach mehreren Guͤtern trachten. Ihre Jugend und Schoͤnheit gaben ihr ebenfalls keinen Troſt, denn ſie ſchwanden dahin, bevor Lady Howard auch nur einen einzigen Zug von Geiſtesſchoͤne zum Erſatz derſelben ſich angeeignet hatte. Ihr Stolz war gebrochen, denn nach dem Schauderereigniß zu Fitz⸗Ford ward ſie von ihres Gleichen gemie⸗ den und vom gemeinen Manne verwuͤnſcht. Fuhr ſie in ihrer Prachtkutſche, ſo gedachte ſie des Abends, an welchem ſie in derſelben dem Edlen von Fitz aufgelauert hatte. Alles, bis auf ihren Hund, ſchien von ihr abzufallen, und ihre ver⸗ blendete Liebe zu dieſer Creatur vermengte ſich oft auf ſeltſame Weiſe mit Ekel und Widerwil⸗ len; denn als haͤtte auch er ſich mitverſchworen gegen ihren Frieden, erſchien er ihrer Einbildungs⸗ kraft, wie der Geiſt des Banquo dem Machbeth, als ein Erinnerer an Blut und Mord. Das Andenken der Lady Howard iſt noch jetzt, nach ſo vielen Jahren, in der Gegend ſo verflucht, daß die Sage daſelbſt geht, die Kutſche, auf welche die Lady ſo ſtolz war, werde noch im Mondenſchein geſehen, wie ſie von Taviſtock nach Dakhampton⸗Park, dem Gute, auf welchem Lady Howard ſtarb, hin⸗ und herraſſelt. Aber es iſt jetzt eine Kutſche aus menſchlichen Gebeinen, und Menſchenſchaͤdel grinſen an der Stelle jener Ku⸗ geln, womit das Dach des Fuhrwerks bei Leb⸗ zeiten ſeiner Eignerin an ſeinen vier Ecken ver⸗ ziert geweſen war. Und Lady Howard, erzaͤhlt die Sage weiter, ſitzt, ein in Grabtuͤcher gehuͤll⸗ tes Geſpenſt, in der Kutſche, vor welcher das Geripp ihres Rothfang vorauf rennt, um allnaͤcht⸗ lich einen Grashalm von Oakhampton-Park nach Fitz⸗Ford zu bringen, welche Buße ſo lange dauert, bis das letzte Haͤlmchen von Oakhampton⸗ Park ausgerupft ſein wird, und welches am juͤng⸗ ſten Tage geſchehen ſoll. Betſy Grimbal's Schickſal hat ſich ebenfalls nur ſagenhaft ausgebildet. Im Vicaratgarten zu Taviſtock ſteht zwiſchen zweien Thuͤrmen ein epheuumwachſener ehrwuͤrdiger, gothiſch geform⸗ ter Schwibbogen, der einſt Eingangspforte der alten Abtei war. An dieſer Stelle, ſo berichtet 305 die Sage, ſoll jenes entſetzliche Weib ihren Tod gefunden haben, als einer ihrer wilden Genoſſen moͤrderiſche Hand an ſie legte. Etliche Blut⸗ flecke an der Mauer der Wendeltreppe ſollen von ihrem Blute herruͤhren, und noch bis auf dieſen Tag fuͤhrt das uralte Gebaͤude den Namen„der Betſy⸗Grimbal's⸗Thurm.“ Das Schickſal des geaͤchteten Standwich war merkwuͤrdig. Obwohl er zum zweiten Male ein⸗ gefangen worden war, gelang es ihm dennoch, wieder zu entfliehen, indem er ſeine Waͤchter, als dieſe auf dem Wege zu ſeinem Kerker mit ihm nothwendig Halt gemacht hatten, zu uͤberliſten oder zu bewaltigen wußte. Wo er nach dieſer Flucht ſich verbarg, oder durch welche Mittel er aus England entwich, iſt voͤllig unbekannt. Nur weiß man, daß um eben jene Zeit ein englaͤndi⸗ ſcher Verbannter, der ein geheimer, Raͤnke ſpin⸗ nender Feind der Koͤnigin Eliſabeth geweſen und ein Mann von duͤſterem und ſeltſamem Weſen war, bald nach der Enthauptung der ſchottiſchen Maria in Spanien eintraf und ſich in ein Klo⸗ ſter unweit Cadiz begab, wo er ſich den ſtrengſten Bußuͤbungen der roͤmiſchkatholiſchen Kirche freiwil⸗ lig unterwarf, und wodurch er, wie man glaubte, ſein Ende beſchleunigte. Etliche Papiere, die man nach ſeinem Hinſcheiden an ſeiner Perſon fand, ließen vermuthen, daß der geſtorbene Moͤnch kein Anderer als der einſt beruchtigte, geaͤchtete und zum Tode verurtheilte Georg Standwich war. Es duͤrfte dem Leſer, um der poetiſchen Ge⸗ rechtigkeit willen, lieb ſeyn, zu erfahren, daß der ſchurkiſche Dienſtknecht Andreas Morton ſeine Flucht keineswegs ſo glucklich zu Stande brachte, als Georg Standwich. Aus Gruͤnden, die hier zu eroͤrtern zu weitlaͤufig ſeyn wuͤrde, erhob ſich gegen Andreas Morton der allerdings gegruͤndete Verdacht, daß er es war, der eigentlich zu der Flucht des verurtheilten Standwich wirkte. Als er demnach ſich aus Fitz⸗Ford weggeſtohlen hatte, ſetzte man ihm nach. Wirklich ward Andreas Morton eingeholt, und auf der Stelle, auf wel⸗ cher man ihn traf, als er ſich verzweifelnd zur Wehr ſetzte, erſchoſſen. Lady Slanning, die nach dem Tode ihres Gatten mehr denn jemals ein Gegenſtand des 307 Nitleidens war, fand die liebreichſte Pflege bei dem wündigen, zartlich für ſie bemuͤh'ten Richter Glanville, der durch Levi— dem Georg Stand⸗ wich ſich vertraut hatte— die wahren Umſtaͤnde der Geburt Margarethens als Geheimniß erfuhr. Aus einleuchtenden Gruͤnden hielt der ehrwuͤrdige Richter es nicht fuͤr gerathen, jene Umſtaͤnde zu veroffentlichen, ſo daß er zu dem Ende den Ju⸗ den Levi und deſſen Neffen Benjamin in beſon⸗ deren Schutz nahm, damit durch dieſe nichts von jenen traurigen Verhaͤltniſſen verlauten moͤgte. Wahrſcheinlich iſt es alſo, daß die ungluckliche Margarethe niemals erfuhr, wer ihre Mut⸗ ter war. Haͤtten väterliche Sorgfalt und Pflege die Wunden eines gebrochenen Herzens zu heilen vermogt, ſo wurde Lady Slanning Troͤſtung ge⸗ funden haben; allein dem war nicht ſo; der Pfeil war allzu tief gedrungen. Der letzte Blick des ſterbenden Slanning, und das noch entſetzlichere Geſchick des Edlen von Fitz— eben desjenigen Fitz, dem ihre erſte und einzige Liebe ward— ſchwebten ihr unaufhorlich vor Augen, ſo daß ſie 306 immer mehr und mehr dahin welkte, bis der Tod ihre thraͤnenſchweren Augen ſchloß. Und als ſie nun fuͤhlte, daß ihr Ende herannahete, zog Margarethe von ihrem Finger einen demantbe⸗ ſetzten Tuͤrkisring, reichte denſelben dem Richter Glanville als Angedenken, und ſprach:„Nehmt hin, mein Vater; denn das Band des Lebens loͤſet ſich jetzt fuͤr dieſe Welt.“ Glanville errichtete bald nach dem Tode der Lady Slanning ihr und ihrem Gatten das er⸗ waͤhnte Grabmal in der Kirche zu Bickleigh, wo⸗ bei Barnabas Ferule ſeine ganze Latinitaͤt auf⸗ bot, um jenes Epitaphium zu Stande zu brin⸗ gen, das auf den Tod des Sir Nicholas Slan⸗ ning und des Sir John Fitz anſpielt; jedoch auf ſtrengen Befehl des Richters Glanville mußte der Schulmeiſter in jener Grabſchrift jede Hindeutung auf den Umſtand vermeiden, daß Lady Slanning die eigentliche, wiewohl ſchuldloſe Urſache des Todes der beiden Freunde geweſen war. So enthaͤlt das Grabmal uͤber der Lady Tod nichts weiter, als deren Namen und Sterbetag. Levi, der Jude, der, wie wir wiſſen, fruͤher — ſein Weſen mit den geaͤchteten Grubenmaͤnnern getrieben hatte, ward verſtandiger in ſeinen alten Tagen. Er ſagte ſich von jenem unerlaubten Ge⸗ werbe los, und lebte, durch Glanville unterſtuͤtzt, als ehrlicher und wohlhabender Goldſchmied bis an ſeinen Tod zu Taviſtock. Der ehrliche, gutherzige Levi beklagte herzlich das traurige Geſchick der Lady Slanning. Als er eines Tages auf ſeinem Heimwege nach Ply⸗ mouth an der Kirche zu Bickleigh voruberzog, trat er ein in das heilige Gebaͤude, um das der Verſtorbenen juͤngſt errichtete Grabmal zu betrach⸗ ten. Eine Thraͤne floß dabei uͤber ſeine tiefge⸗ furchten Wangen, und in einem Tone, der von ſeiner herzlichen Ruͤhrung zeugte, ſprach er zu dem ihn begleitenden Neffen:„Benjamin, ich bin ein alter Mann, und obwohl ich gar Vieles in dieſem Leben habe geſehen, ſo iſt doch das Ge⸗ ſchick der edlen Frau, die hier ſchlummert, das Traurigſte von Allem, was ich ſah.— Lady Slanning war jung, war ſchoͤn wie die Roſe des Gartens zu Saharon, und lieblich und rein wie die Lilie im Thale. Aber ſie iſt dabin! Wohl kommen wieder im Lenz die Blumen der Erde, und es kehrt zuruck die Zeit der ſingenden Voͤgelein; ſie aber, die Liebliche, kehrt nicht wie⸗ der, denn im Grabe iſt kein Fruͤhling, der da erneuert den Athem des Lebens.— Friede ſey mit der Geſchiedenen!— Du aber, mein Benjamin, ſey ermahnt durch dies ſchweigende Grab, zu thun allezeit, was recht iſt; denn es giebt einen Weg, der da ſcheint zu ſeyn der rechte, der es aber nicht iſt, ſintemal er zum Tode fuͤhrt. Haͤtte Georg Standwich nicht verlaſſen jenen rechten Weg, wurde wohl nimmer ſeine Tochter ſo fruͤh⸗ zeitig ihr Grab gefuͤllt haben. Dein Wort, o Gott Iſrael's, iſt aufgerichtet in Wahrheit! und Du ſiehſt, Benjamin, in dieſer traurigen Ge⸗ ſchichte, wie es ſich bewahrheitet auf Erden, daß der Herr Zebaoth ſtraft in ſeinem Zorne die Sun⸗ den der Väter an den Kindern bis in's dritte und vierte Glied!“ —