—— S Leihbibliothek deutſcher, engliſcher ki franzöſiſcher Literatur Eduurd Oktm ann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ———. cLeih, und geſebedingungen. offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ inhn und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. hesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ſee Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennal me eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:* für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6B Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk. 1 Mk. 50 Pf. M.—f. 3 3 6 Auswärtige Kbonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung de i auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, der und teſtrt Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmützte ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der 6 um Erſatz des Ganzen verpflichtet. Kusſelneret⸗ Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir ieen auch dafür zu haben. —— (. Mrs. Brap's Hiſtoriſche Romane. Eilfter Band. Zweiter Theil. In demſelben Verlage iſt ferner erſchienen: Bray, Mrs., de Foir; oder: Franzoſiſches Leben im vierzehnten Jahrhundert. Ein Zeit⸗ und Sitten⸗Ge⸗ maͤlde. 3 Theile. 8. 4 Thlr. ——, Die Weißkappen; odert Anna von Gent. Ein Niederlaͤndiſches Gemaͤlde. 3 Theile. 8. 4 Thlr. ——, Der Proteſtant. Ein Nachtſtuͤck aus der Regierung der„blutigen“ Koͤnigin Maria. 3 Theile. 8. . 4 Thlr. ——, Der Talba von Portugal; oder: Schickſale der Ines de Caſtro. Ein Bild aus der ſpaͤtern Mauren⸗ zeit. Drei Theile. 5 5 4 Thlr. Franklin, B., Leben und Schriften, nach der von ſeinem Enkel W. T. Franklin veranſtalteten neuen londoner Original⸗Ausgabe; mit Benutzung des bei derſelben bekannt gemachten Nachlaſſes und fruͤherer Quellen zeitgemaͤß bearbeitet von Dr. A. Binzer. 4 Theile. gr. 12. 2 Thlr. 18 gr. Ingemann, B. Se, Konig Erik und die Geaͤchteten. Ein Zeit⸗ und Sittengemaͤlde aus den letzten Tagen des dreizehnten Jahrhunderts. 3 Theile. 8. 2 Thlr. 16 Gr. Ritter, der finſtere; oder: Die Belagerung Kopen⸗ hagen's unter Friedrich dem Dritten. Ein hiſtori⸗ ſches Phantaſieſtuͤck aus der zweiten Haͤlfte des ſiebzehn⸗ ten Jahrhunderts. 8. Aus dem Dän. 2 Theile. 2 Thlr. Trollope, Mrs., Leben und Sitte in Nordamerika. Nach der vierten Auflage aus dem Engliſchen uͤber⸗ tragen von Dr. Herrmann Franz. 3 Theile. Mit 24 Darſtellungen in Steindruck. 8. 3 Thlr. 16 Gr. PVistorische RBomane der Mrs. Anna Elizu Pray. „Verweg'ner Krieg und treue Liebe Und ernſte Wahrheit in der Dichtung Schmuck.“ Gray. Nach der zweiten Auflage aus dem Engliſchen uͤbertragen. Eilfter Band. Fitz of Fitz⸗Ford. Zweiter Theil. univerſitaͤts⸗Buchhandlung. Fitz of Fitz-Ford. Eine Sage aus Suͤd⸗England, aus den Zeiten der Koͤnigin Eliſabeth. Von Mrs. Anna Elizu Vray. „Wird wahr erzählt?“ „Ei freilich wird es das, Nach alter Sage voll Erſtaunenswerthem, Voll ſüßen Leides, daß kryſtall'ne Tropfen An Jungfraunaugen hangen, und die Alten Tief ſeufzend ihre grauen Locken ſchütteln Und ſprechen:— Schaut' die Welt!“ Manuſeript⸗Schauſpiel. Nach der zweiten Auflage aus dem Engliſchen uͤbertragen von Dr. G. H. Bärmann. Zweiter Theil. — RK Univerſitäts⸗Buchhandlung. 1 835. Fitz of Fitz⸗Ford. Erstes Capitel. „— Es ſollte der Verſtand, mein Sohn, Ein Weib ſich waͤhlen; denn Verſtand, als Vater (Dem wuͤrdige Nachkommenſchaft die groͤßte Freude gewaͤhrt) hat wohl in ſolchen Dingen Nach Rath zu ſuchen.“ Shakſpeare. Richter Glanville, der Eigner von Kilworthy, mit dem wir jetzt den Leſer bekannt zu machen haben, zählte zur Zeit unſerer Geſchichte“ etwa ſechzig Jahre. Von Perſon war er groß und wohlbeleibt, und auf ſeinem Geſichte lag jener Ausdruck von Freimuͤthigkeit und Verſtand, wo⸗ durch ein ehrenwerther und geiſtvoller Charakter ſich auszeichnet. Am Tage nach dem, an wel⸗ chem John Fitz ſeinem Vater ſeine Liebe zu Margarethen geſtanden hatte, lenkte der alte Fitz of Fitz⸗Ford. II. 1 2 Hugo ſeine Schritte nach Kilworthy, um eine Unterredung mit Glanville nachzuſuchen, deren Inhalt dem Leſer mitzutheilen, eine unerlaͤßliche Forderung unſerer Erzaͤhlung iſt. „Willkommen, Sir Hugo,“ ſprach der Rich⸗ ter, als der Nachbar zu ihm in's Gemach trat. „Es iſt lange her, daß wir einander ſahen; und obwohl ich ein Mann bin, der gleichſam außer⸗ halb der Welt lebt, ſo glaubt mir doch, daß ich die Erinnerung an meine Freunde nicht mit mir begrabe, ſondern zu allen Zeiten erfreut bin, dieſelben zü. ſehen oder ihnen zu dienen. Wie ſteht's um die gebietende Herrin von Fitz⸗Ford?“ „Dame Fitz iſt wohl auf; Dank ſey Euch fuͤr die Anfrage, Nachbar Glanville,“ verſetzte Sir Hugo.„Schelten ſoll ich Euch, daß Ihr unſer armes Haus nicht am Maienfeſte beehrtet. Wir hatten ein Vorſpiel und allerlei Kurzweil, woran unſere Gäſte ſich hoͤchlich vergnuͤgten.“ „Vielen Dank,“ ſagte der Richter,„allein fuͤr mich ſind Spiel und Tanz vorbei; denn ich fange an, die Wirkungen der Zeit zu ſpuͤren. Doch erquickt's mich, Herr Hugo, zu ſehen, wie —„ — W Ihr in ſo guter Geſundheit und ruͤſtiger Kraft Euch zeigt, als vor zwanzig Jahren.“ „Nun ja, Nachbar Glanville,“ meinte der alte Ritter,„ich kann, Gott ſey Dank, mich noch regen und ruͤhren, ohne mich d'rum ſchlim⸗ mer zu fuͤhlen, außer wenn ich Eurem Huͤgel hier begegne. Kilworthy iſt faſt eben ſo boͤs zu erklettern, als einer der Felsberge von Dart⸗ moor; doch kann ich's noch in's Werk richten. Und was meine Geiſteskraͤfte anlangt, ſo halte ich ſie fuͤr unvergleichlich, und meine, ich weiß von der edlen Aſtrologie noch eben ſo viel, als in meinem dreißigſten Jahre, zu welcher Zeit ich anfing, dieſelbe zu ſtudiren. Ja, ja, ich bin noch immer im Stande, meinen Freunden die Nativitat zu ſtellen, wie ich ſolches denn auch Euch, Nachbar, gern thun will, falls Ihr be⸗ gehrt, einen Eilblick in die Zukunft zu werfen. Ich habe bereits zwei oder drei meiner Freunde hoch verpflichtet, indem ich ihnen mit ziemlicher Gewißheit ihre Todesſtunde vorherſagte.“ Glanville lächelte üͤber dies freundliche Erbie⸗ ten des grillenhaften Alten und ſagte:„ Seyd bedankt, Herr Hugo, allein ich fuͤhle kein ſon⸗ derliches Verlangen, Eure Geſchicklichkeit dadurch auf die Probe zu ſtellen, daß Ihr mir den Zeit⸗ punct meines Todes weiſſaget; obwohl Gott weiß, daß ich nicht mit allzugroßer Liebe zum Leben beladen bin, ſo zweifle ich doch nicht, daß Er, der mir das Daſeyn gab, am beſten Zeit und Art kennen wird, es mir wieder zu nehmen. Demnach ſtell ich mein Leben Gott anheim, und vin weder anmaßend ſicher hinſichtlich deſſen Dauer, noch allzuſehr in Furcht vor deſſen Ende, da ich weiß, daß mein liebevoller Schoͤpfer fuͤr jegliche ſeiner Creaturen ſorgt und wacht; und es will mir gemuthen, Sir Hugo, daß bei Eu⸗ rem Verkehr mit den Sternen Ihr ein wenig in die Rechte des hohen Gerichtshofes eingreift, indem mir nicht kund ſeyn will, daß ein menſch⸗ liches Weſen irgend ein begruͤndetes Recht habe, uber eines ſeiner Mitgeſchoͤpfe das Todesurthel auszuſprechen, es muͤßte ſolches denn von einem Criminalrichter oder einem Arzte geſchehen. Doch moͤgte ich wohl eine andere Abtheilung Eurer Gelahrtheit und Geſchicklichkeit auf die Probe t 5 ſtellen, und ſolches zu Gunſten des Archidiaconus Summaſter, der wieder, Betreffs des Zehnten⸗ Holzes, im Streite liegt; da moͤgte ich denn auf Euren Ausſpruch hoͤren, inſofern ich weiß, daß Ihr in den Rechten der Sylva caedua*) beſſer bewandert ſeyd, als ich es bin.“ „Ja, ja!“ rief Sir Hugo, der inmitten all ſeiner Aſtrologie eine Vorliebe fuͤr ſeine ehemalige Profeſſion beibehielt, und es gar nicht ungern ſah, daß ſogar ein Richter in einer Autoritaͤts⸗ ſache ſich an ihn wendete—„Ja, ja! meine Gelehrſamkeit und Geſchicklichkeit ſollen, ſo weit ſie mein ſind, ganz und gar zu Euren Dienſten ſeyn. In meinem Werke,„Fitz⸗Berichte“ beti⸗ telt, werdet Ihr denkwuͤrdige Erlaͤuterung uͤber den beſagten Punct vorfinden. Auch iſt mir die Sache des Herrn Summaſter inſofern bekannt, als einer meiner Verwandten Client in derſelben iſt. Ich bin des Dafuͤrhaltens, daß die ſtritti⸗ gen Waldungen dem Zehnten nicht unterworfen ſind; denn ſeht, Nachbar Glanville, das 45ſte )„Des fällbaren Holzes—“ 6 Statut Edward's des Dritten, Capitel 3, ſagt in der Einleitung ausdruͤcklich, wie Waldholz, das zwanzig Jahre und daruber alt iſt, keinen Zehnten zu liefern hat—“ „Und die in Rede ſtehende Waldung kommt Eurer Meinung nach unter beſagtes Statut?“ fragte Glanville. „Unter beſagtes Statut!“ rief Sir Hugo, „und zwar eben ſo gewiß, wie mein Kopf unter meine Muͤtze, wenn dieſe jenen bedecken ſoll. Denn ſeht nur,“ fuhr der aſtrologiſche Rechtsge⸗ lehrte fort,„dieſe Waldung kann moͤglicher Weiſe nicht unter die Clauſul der„Caedua sylva“ oder des zu faͤllenden Holzes, alſo quasi dicas fäll⸗ baren Holzes, oder Holzes kommen, das faͤllbar iſt, ſintemal im 11ten Statute Heinrich's des Sechsten verfuͤgt ward, daß kein Waldholz un⸗ ter der Clauſul„caedua sylva“ als Brandholz gefallt werden ſoll, ſobald es das zwoͤlfte Jahr erreicht hat, als zu welcher Zeit es„grossae ar- pores“, nicht aber ,caedua sylva“ wird. Ergo, was kann die klagliche Einrede des Erzdechanten nutzen? Glaubt Ihr, daß ſie nutzen kann? Worin 7 behauptet er das Recht zu haben, junge Sproͤß⸗ linge aus altem Waldrevier zu hauen?“ „So meint Ihr alſo, die Forderung halte nicht Stich?“ fragte Glanville. „Stich halten?“ rief Sir Hugo;„nimmer, ſo lange das erwaͤhnte Statut obwaltet; nimmer, ſo lange noch ein Advokat in den Schranken bleibt, um daſſelbe zu erlaͤutern. Solches iſt meine Meinung, und ſo werde ich, nicht nur zu Nutz und Frommen des Herrn Summaſter, ſondern der geſammten Nachwelt, mein Gutachten daruͤber abfaſſen.“ Bei den wichtigeren Studien, denen Herr Hugo ſich hingab, bot ſich ihm ſtlten Gelegen⸗ heit dar, ſeinen Freunden entweder auf gerichtli⸗ chem oder außergerichtlichem Wege ein Proͤbchen von ſeiner alten Berufstuͤchtigkeit zu geben; wenn er es aber konnte, ſo gab er ſeine Meinungen gewoͤhnlich mit einem Feuer ab, daß man oft gar kein Verlangen nach ſeinen Mittheilungen trug; denn alsdann konnte nichts ihn eher auf⸗ halten, bis ſein letztes Pulver verſchoſſen war. „Und nun, Nachbar Glanville,“ fuhr Fitz 8 fort,„obwohl mein Verwandter von Herzen wuͤnſcht, die Sache mit dem Dechanten auf freundſchaftlichem Wege abzumachen, indem es ſowohl ſein Grundſatz wie der meinige iſt, daß „pax semper praeferenda est pello*)e, ſo muͤſſen wir doch, wenn der Dechant die Sache auf's Aeußerſte treibt, einen Unterſagungsbefehl aus⸗ wirken, und—“ „Vielleicht,“ fiel Glanville, der vermuthlich die Pein fuͤrchtete, noch mehr Auseinanderſetzun⸗ gen ſeines Freundes anhoͤren zu muͤſſen, ihm in die Rede—„vielleicht wollt Ihr mich die An⸗ gelegenheit vernehmen laſſen, um derentwillen mir das Vergnuͤgen wird, meinen alten Freund Sir Hugo Fitz zu ſo fruͤher Morgenſtunde bei mir zu ſehen—“ „Nun wohl will ich's,“ rief Sir Hugo,„ob⸗ ſchon ich fuͤrchte, es wird am Ende eine narri⸗ ſche Angelegenheit ſeyn; allein ich bin ein Vater und habe eines Vaters Nachſicht gegen die Suͤn⸗ den und Fehler nd Thorheiten eines Kindes, 5 *)„Friede ſtets dem Kriege vorzuziehen—“ —,— moͤgen ſie ſeyn, welche ſie wollen. Mein Seel'! ich glaube, ich wuͤrde John Fitz dennoch lieben, wenn auch das Geſetz ihm den Galgen zuer⸗ kennte.“ Glanville blickte ſchmerzlich.„Dieſer blind⸗ lings abgeſchoſſene Pfeil des plappernden Hugo hatte ihn in einem zarten Puncte getroffen, hatte eine nie zu verharſchende Wunde beruͤhrt, und obwohl Sir Hugo nichts dadurch hatte andeu⸗ ten wollen, ſo war es doch, wie es Schwaͤtzern gemeiniglich zu gehen pflegt, ſein Ungluͤck, blind⸗ hin ſeine Gedanken auszuſprechen, ohne zu be⸗ denken, welche Folgen ſeine muͤßigen Reden bei einem Andern haben koͤnnen. „Ich weiß, was die Gefuͤhle eines Vaters ſind,“ entgegnete Glanville;„und wie ſchwer und ſchaͤndlich ein Kind ſich auch gegen die Ge⸗ ſetze Gottes und der Menſchen vergehen kann, wird doch die Natur ſtets gehoͤrt werden; ihre Stimme iſt, gleich der des Gewiſſens, nicht zu erſticken, und vergebens verſuchen wir unſere Bruſt gegen die eine wie gegen das andere zu ſtaͤhlen.“ Er ſprach dies mit einem Tone der Tiefem⸗ pfindung und mit einer ſolchen Heftigkeit, daß Sir Hugo dadurch von ſeiner Selbſtbeſchauung zuruͤckgerufen ward, um fuͤr einen Augenblick ſei⸗ nes Freundes zu gedenken. Sir Hugo war ein achtloſer und eitler Mann; doch liebreichen Her⸗ zens. Er ſah augenblicklich, daß einem Gemuͤ⸗ the, welches lebhaft an einem ſo ſchmerzlichen Gegenſtande haͤngt, ein einziges Wort eben das iſt, was ein Funke in eine Pulvertonne iſt. Als kluger Mann wuͤrde er die zarteſten Mittel ge⸗ waͤhlt haben, um die Aufregung Glanville's zu ſaͤnftigen, und wuͤrde, um dieſem Zeit zu geben, ſich zu faſſen, geſchwiegen oder dem Geſpraͤch eine andere Wendung gegeben haben; allein Sir Hugo war in der Wahl ſeines Troͤſtungsthema's eben ſo linkiſch, wie er achtlos geweſen war, eine Veranlaſſung zu Herzenspein zu geben; denn durch gewiſſe Nebengedanken, die mit ſeinen Lieb⸗ lingsſtudien zuſammenhingen, ließ er ſich ver⸗ leiten, zu ſagen:„Mein wuͤrdiger Freund, es thut mir leid, zu ſehen, daß leicht von mir hin⸗ geworfene Worte Euch ſchmerzliche Erinnerungen 11 erweckten. Doch ach! was koͤnnen wir ſagen? Was verhaͤngt iſt, iſt verhaͤngt. Die Sterne luͤgen nimmer, und wie koͤnnen wir dem wider⸗ ſprechen, was droben verfuͤgt ward? Und Ihr werdet Euch erinnern, wie ich Euch etwas von jenen unheimlichen Umſtaͤnden Betreffs Eurer ar⸗ men Tochter vorherſagte—“ Richter Glanville fuhr auf, und verſetzte mit einem Blicke, in welchem ſich das Bangen ſei⸗ ner Gefuͤhle ſowohl wie der Verdruß uͤber dieſe unumwundene und ploͤtzliche Hindeutung auf das Schickſal ſeiner Tochter deutlich abſpiegelte: „Hoͤrt auf, Sir Hugo, hoͤrt auf; ich bitt' Euch! Ihr ſeyd der einzige Menſch, der ſich meinen Freund nennt, und der mir die Ungluͤckliche ſeit achtzehn Jahren genannt hat. Ihr ſeyd der ein⸗ zige Menſch, der es ungeſtraft thun durfte.“ Sir Hugo ward ein wenig betroffen und verſuchte eine Entſchuldigung vorzubringen; allein es war dies verlorene Muͤhe; denn der Ungluͤck⸗ liche, der vor ihm ſtand, ſchien in dieſem Au⸗ genblicke in ſeine eigenen Gedanken und Empfin⸗ dungen vertieft zu ſeyn. Seine Augen hafteten 12 am Boden, ſeine Haͤnde hatte er gegen ſeine Stirn gedruͤckt, und kein Wort kam uͤber ſeine Lippen; er ſah aus wie ein Bild des Kummers und der Schmach. Nach wenigen Minuten jedoch ſchien er ſich zu ſammeln, wiſchte eine Thraͤne ab, die ihm ungerufen gekommen war, und bat dann, wiewohl mit zitternden Lippen, den Nach⸗ bar, zu der Angelegenheit zu ſchreiten, um de⸗ rentwillen er gekommen waͤre. „Sogleich,“ ſagte Sir Hugo,„ſogleich! Ihr kennt die ungluͤckliche Vorherſagung uͤber meinen lieben Jungen— meinen John, der, wie Dame Fitz ſagt, jetzt als der Nebenzweig daſteht, um die Fruͤchte unſers uralten Hauſes auf die Nach— welt zu bringen. Nun, Nachbar, ſollt Ihr wiſſen, daß ungeachtet all meines Bemuͤhens, den Jungen* zu einer Reiſe nach Deutſchland oder ſonſt wo⸗ hin zu bewegen, bis die Conjunction der Pla⸗ neten, die ihm ſo uberaus draͤuend ſind, ihre böſen Adſpecten verloren haben werde(denn bis dahin halte ich ihn in England nicht fuͤr ſicher), will er doch nicht gehen— wrill keinen Schritt thun— will ſich nicht vom Flecke ruͤhren; ich — v— 1—5 V2 V 13 verſichr' es Euch; ſondern iſt eben ſo ſteifkoͤpfig wie ſeine Mutter, wenn ſie behauptet, daß der edle Orden vom Kniebande durch das Band ent⸗ ſtand, das, wie ein altes Weib erzaͤhlen mag, der Gräfin von Salisbury vom Strumpfe glitt. Kurz, mein Sohn iſt verliebt— verliebt, Nach⸗ bar Glanville, und weigert ſich, einen Plan zu entwerfen, der ihn bei ſeiner Wahl leiten moͤgte, wiewohl ſolches doch hinlaͤnglich uͤblich bei den jungen Edelleuten unſerer Zeit iſt.“ „Aber ſagt mir, Sir Hugo,“ fiel der Rich⸗ ter ein,„zu welchem Ende Ihr mich zum Ver⸗ trauten in dieſer Angelegenheit macht?“ „Das iſt's eben,“ entgegnete der Nachbar; „da kommen wir zum eigentlichen Puncte, zum Kern der Sache, um deßwillen ich hier bin: denn eben auf Eure Anſicht, oder vielmehr auf Euren Ausſpruch, Betreffs der Parteien oder einer der Parteien moͤgte ich meinen Beſchluß hinſichtlich meines Clienten begruͤnden. John Fitz kennt meine ſchwache Seite nur allzuwohl,“ ſagte der frohgelaunte Rechtsgelehrte,„und trotz dem Einfluſſe, womit er ſeit der Stunde ſeiner Geburt bedroht iſt, weiß der Junge doch, daß ich's nicht ertragen kann, ihn ungluͤcklich zu ſehen; und ſo bearbeitete er mich, bis ich endlich ihm eine Art von Einwilligung zuſagte; was ich jedoch nur inſofern that, als Ihr uns genuͤ⸗ gende Auskunft uͤber die Jungfrau ertheilen koͤnn⸗ tet, um welche herum nicht wenig Seltſames und Geheimnißvolles iſt, und inſofern ich zu ſeiner Vermaͤhlung mit ihr die Einwilligung meiner Ehehaͤlfte erlangen wuͤrde; denn Dame Fitz iſt eine hochverſtaͤndige und beſonnene und wuͤrdevolle Frau, die man alſo ihren eigenen Weg gehen laſſen muß.“ „Und wer iſt denn die Jungfrau, die Euer Sohn erkieſete?“ fragte Glanville;„Ihr nann⸗ tet ſie nicht.“ „Ach, ja ſo! der Umſtand gehoͤrt freilich mit zur Sache,“ ſagte Hugo—„ich vergaß dieſen Punct. John Fitz gab, wie es ſcheint, ſein Herz Eurer Pflegebefohlnen, der Jungfrau Margaretha, die, wie ich geſtehen muß, ein huͤbſches Maͤdchen, wiewohl ein wenig ununter⸗ richtet iſt, da ſie nicht einmal mit Zuverlaͤſſigkeit 15 ihren Geburtstag angeben konnte, obwohl ich mich, als ich ſie zum erſtenmale ſah, erbot, ihr einen Eilblick auf alle Widrigkeiten und Be⸗ ſchwerden ihres kuͤnftigen Lebens zu verſchaffen, ſobald ſie mir Tag und Stunde ihrer Geburt nennen wuͤrde. Allein etliche Frauenzimmer ſind auffallend blind fuͤr ihr eigenes Heil und ihren wahren Vortheil, und ſind nicht immer ſo ſorg⸗ lich, als ſie im Behalten des Jahres und Tages, in und an welchem ſie zur Welt kamen, ſeyn ſollten; wiewohl ich ſagen muß, daß Miß Mar⸗ garetha das erſte junge Maͤdchen iſt, an wel⸗ chem ich dieſen Gedaͤchtnißfehler wahrnahm, in⸗ dem ich im Allgemeinen denſelben nur bei Damen fand, die ſchon ziemlich vorgeruͤckten Alters und beſonders dann, wenn ſie, gleich unſerer hochge— liebten Monarchin, noch im Stande der Jung⸗ frauſchaft waren.“ Sobald Glanville nur zu Worte kommen konnte, fiel er dem Nachbar in die Rede, indem er ſagte:„Miß Margaretha iſt in jedem Betracht der Zuneigung eines rechtſchaffenen Mannes wuͤr⸗ dig. Wenn Tugend, Schoͤnheit und Geiſtesbil⸗ dung Verdienſte an einem Frauenzimmer ſind, ſo ſah ich nie ein Maͤdchen, durch welches Mar⸗ garetha uͤbertroffen worden wäre. Ihr Vermoͤ⸗ gen iſt nur gering, und wuͤrde, Euch die Wahrheit zu ſagen, nicht zu ihrem Unterhalte ausreichen; doch ſie verdient einen Freund, und ſie hat ihn, wie ich hoffe, in mir, der ich es ihr nimmer an Schutz und Obdach werde fehlen laſſen. Euer Sohn iſt vielleicht von dem Vermoͤgens⸗ zuſtande des Maͤdchens unterrichtet?“ „O ja,“ rief Herr Hugo,„und obwohl die meiſten Vaͤter eine gute Morgengabe fuͤr keinen uebelſtand bei der Verheirathung ihres Sohnes anſehen, ſo bin ich doch, rein heraus zu ſpre⸗ chen, Nachbar Glanville, nicht der Vater, der ſeines Sohnes Gluͤck in die Eine Schale legen, und den Balken durch einen in die andere Schale geworfenen Geldſack aufſchnellen laſſen moͤgte. Nach meinem Dafuͤrhalten iſt eine frommherzige Dirne mit einigem Verſtande und ſittiger Ge⸗ muͤthsweiſe an und fuͤr ſich Gluͤckes genug fur einen Mann, außer wenn er ein Jude oder ein Höfling iſt. Mein Sohn ſoll glücklich ſeyn, — c oO—— — wenn ich ihm dazu verhelfen kann; und was das Geld betrifft, ſo habe ich deſſen genug fuͤr mich und ihn— laſſen wir den Punkt alſo!“ „Herr Hugo,“ verſetzte Glanville,„ich ehre Eure uneigennutzige und edelmuͤthige Geſinnung, und freue mich, in dieſen unſern Zeiten, in de⸗ nen die Väter fuͤr ihre Sohne nach Gluͤcksgu⸗ tern ausſchauen, wie die ſeyn ſollen, die man aus der neuen Welt herholt, einen Mann zu kennen, der verſtaͤndig genug iſt, das Verdienſt dem Vortheil vorzuziehen, Weisheit fur mehr denn Gold zu achten, und Tugend hoͤher als das lauterſte Gold zu ſchätzen. Allerdings iſt es mei⸗ ner Meinung nach in den meiſten Fällen am ge⸗ rathenſten, unſere Kinder in geziemendem Alter ihre Wahl ſelbſt treffen zu laſſen, da das Gluͤck oder Mißgeſchick in der Ehe zunaͤchſt diejenigen betrifft, die ſolches Buͤndniß ſchloſſen; doch ſind wir, ach! nicht immer weiſe genug, dies eher zu bedenken, als bis es zu ſpät dazu iſt.“ Glan⸗ ville ſeufzte tief, und nahm dann nochmals eine Miene der Aufmerkſamkeit an. Fitz fuhr fort:„Doch waltet Ein Punkt ob, Fitz of Fitz⸗Forb. II. 2 uͤber den ich erſt Auskunft haben moͤgte, bevor ich meine Einwilligung zu der Geſammtſache gebe, und dieſer Punkt iſt die Herkunft Eurer Pflegetochter. Wer iſt ſie? von welcher Fami⸗ lie? Die Frage kommt ploͤtzlich, aber ſie iſt wichtig; denn wenn ich auch nicht nach Vergroͤ⸗ ßerung der Reichthuͤmer meines Hauſes trachte, ſo darf mir doch die Ehre deſſelben weder befleckt noch verringert werden.“ „Mein eigenes Ehrgefuͤhl gebietet mir, Euch hierauf deutlich und nach beſtem Vermoͤgen zu antworten,“ entgegnete der Richter.„Die Wahr⸗ heit iſt, daß ich ſelbſt wenig mehr von Miß Margaretha weiß, als Euch von ihr kund iſt, und ſo fern es ihr perſoͤnliches Verdienſt be⸗ trifft; fur dies kann ich mich verburgen.“ „Allein Ihr ſeyd ihr Pflegevater,“ fiel Hugo ein;„und wie Ihr ſelber aͤußertet, ihr Freund.“ „Ihr werdet hoͤren,“ ſagte Glanville.„Der verſtorbene Sir Frederik Champernoun, der von der Hand der Koͤnigin Mary den Ritterſchlag empfing, war in fruͤherer Zeit mein Studienge⸗ noß in Orford. Aufrichtige Freundſchaft ver⸗ knuͤpfte uns. In reiferen Jahren wurden wir durch Verſchiedenheit religioͤſer und politiſcher Meinungen getrennt, und Sir Frederik entfloh, wie ich vernahm, dieſem Lande, als Eliſabeth den Thron beſtieg. Ich hoͤrte nichts weiter von ihm, bis er, waͤhrend ſeiner letzten Krankheit in Frankreich, mir ein dringendes Schreiben zukom⸗ men ließ, in welchem er mich aufforderte, ſeine einzige Tochter unter meine Obhut zu nehmen, indem er bei dem verſtoͤrten Zuſtande in Frank⸗ reich ſonſt nicht ruhig ſterben koͤnnte, wenn er ſein Kind ſo mancherlei Gefahren ausgeſetzt wiſ⸗ ſen muͤßte. Dazu kam, daß die geringen Truͤm⸗ mer ſeines Vermoͤgens ſich noch immer in Eng⸗ land unter den Anforderungen des Geſetzes be⸗ fanden. Anfaͤnglich verſtand ich mich nur dazu, die Tochter vorlaͤufig zu mir zu nehmen; jedoch das Maͤdchen ward mir durch ihre Trefflichkeit bald lieb und werth. Drei Jahre hat ſie unter meinem Dache verlebt, und ich fuͤhle ſeitdem eine faſt vaͤterliche Zuneigung zu ihr.“ „Und das iſt Alles, was Ihr von ihrer Her⸗ * 20 kunſt und Verwandtſchaft wißt?“ fragte Herr Hugo.„Wer war Sir Frederik Champernoun?“ „Von guter Familie, aus dem Norden von England, ſo viel mir davon bekannt iſt,“ ent⸗ gegnete Glanville;„doch nicht mit den Cham⸗ pernouns von Devon verwandt. Eins muß ich Euch noch ſagen(wiewohl ich es Margarethen niemals äußerte, um nicht ihr Zartgefuͤhl zu ver⸗ letzen, da ich uͤberzeugt bin, daß ſie nichts von dem Umſtande weiß), naͤmlich, daß Sir Frede⸗ rik mir eingeſtand, ſeine Tochter waͤre ein un⸗ rechtmaͤßiges Kind, und mit deren Geburt ver⸗ knuͤpften ſich beſonders ſchmerzliche Umſtaͤnde, die mir ſpaͤterhin kund werden wuͤrden. Doch hat mein Freund nicht angedeuter, von wannen mir ſolche Auskunft zukommen ſollte.“ Herr Hugo blickte ſehr niedergeſchlagen.„Es thut mir leid, dies zu hoͤren,“ ſprach er,„und mehr noch ſchmerzt es mich, daß mein Sohn ſo unverſtaͤndig ſein Herz weggab. Unrechtmaͤßig! ſchmerzliche Umſtande, die ſich mit ihrer Geburt verknuͤpften! Umſtände, die ſpaͤterhin kund wer⸗ den ſollen! Alſo Zweifel, Bedenklichkeiten, Ge⸗ heimniſſe!— Dame Fitz wird nimmer in ſol— 5 ches Ehebuͤndniß willigen. Ja, Nachbar Glan⸗ ville, mein Weib wuͤrde, duͤnkt mich, eher ihre Familie ploͤtzlich erloͤſchen ſehen wollen, als in ihrem Familienwappen eine duͤſtere Baſtard⸗ ſchranke zu erblicken.— Unrechtmaͤßig! da geht's nimmer, nimmer!“ „Ich habe Euch Alles, was ich weiß, rein heraus geſagt,“ entgegnete Glanville,„doch kann dieſer Umſtand zuverlaͤſſig nicht die Ehre Eures Hauſes ſchaͤdigen, da eine Gattin, inſofern es den Rang betrifft, Ehre von ihrem Gatten em⸗ pfaͤngt, ohne daß ſie demſelben Ehre geben kann; obwohl ſie ihn dadurch ehrt, wenn ſie auf die zarteſte Weiſe ſeinen Namen traͤgt. Ihr ſeyd uͤber den Punkt des Vermoͤgens hinausgeſchluͤpft, thut ein Gleiches bei dieſem Umſtande, und macht Euren Sohn gluͤcklich; ſo will ich die Weiſſa⸗ gung wagen, daß kein Stern, welcher jemals leuch⸗ tete Eurem Hauſe, halb ſo viel Gluͤck prophe⸗ 5 zeihen kann, als Ihr erlangt, indem Ihr fuͤr John Fitz eine ſolche Gattin und fuͤr Euch ſelbſt eine ſolche Tochter erwaͤhlt. Dame Fitz wird Urſache haben, ſich zu freuen. Geht heim, ſprecht ſelbſt mit ihr; Euer iſt das Anſehen ei⸗ nes Eheherrn, und Ihr muͤßt das Regiment in Eurem eigenen Hauſe fuͤhren.“ „Sagt mir doch, Nachbar, fuͤhrt Ihr es in dem Eurigen, und haltet Ihr die Weiber wirk⸗ lich fuͤr ſo ſchmiegſam, als Ihr glaubt, daß die meinige es ſey?“ fragte Sir Hugv. Das war eine kitzliche Frage, indem die Welt davon fluͤſterte, wie Dame Glanville, des Rich⸗ ters zweite Gattin, ſo innerhalb wie außerhalb der Mauern von Kilworthy, einen gewaltigen Herrſcherſtab ſchwang. Glanville antwortete blos, daß er ſeit etlichen Jahren, wie Sir Hugo auch wohl wuͤßte, alle Handhabung von Familienan⸗ gelegenheiten ſeiner Ehehaͤlfte uͤbergeben haͤtte, ſich ſelten in die Welt miſchte, und ſeine Tage in Zuruͤckgezogenheit verlebte. Herr Hugo fuhr im Gemache herum, hatte tauſenderlei Einreden, ſprach dann von ſeines Sohnes Gluͤck auf die ruͤhrendſte Weiſe, aͤußerte, wie er das Beſte von Miß Margarethen dächte, verwuͤnſchte von Herzen die Baſtardſchranke, und 23 wuͤnſchte alle Wappenkundige und Genealogiſten zum Teufel. Unfaͤhig, in dieſem unbehaglichen Gemuͤthszuſtande irgend einen Entſchluß zu faſ— ſen, nahm er Zuflucht zu jenem Auswege, den alle Schwachherzigen und Unentſchloſſenen einzu⸗ ſchlagen pflegen; naͤmlich, er wollte der Sache Zeit laſſen, ſich zu ordnen, falls ſie es koͤnnte. Freilich bedachte er dabei nicht, daß er das Ge⸗ muͤth ſeines Sohnes unterdeſſen den baͤngſten Sorgen und den aͤngſtlichſten Erwartungen zum Raube ließ. Zweites Capitel. „Jede Schranke, jede Hemmung, jedes Hin⸗ derniß wird mir ein Heilmittel ſeyn.“ Shakſpeare. Oft moͤgen wir bemerken, wie im Menſchen⸗ leben eine Reihe geringfugiger Umſtaͤnde zu gro— ßem und gewaltigem Ausgange fuͤhren, obwohl dieſelben an ſich ſo unſcheinbar ſind und ſo ſchweigſam einherſchreiten, daß es ſchwer halten wuͤrde, ſie einzeln außzuzählen. Auf gleiche Weiſe hatten der geringfüͤgige, jedoch fortwahrende Umgang, die kleinen Be⸗ weiſe von Freundlichkeit und Aufmerkſamkeit zwiſchen John Fitz und Margarethen zu jener gegenſeitigen Liebe gefuͤhrt, in der jetzt das Gluͤck Beider enthalten war, und zu welcher das und ſeine Aufmerkſamkeit fuͤr die liebenswuͤrdige —————— 25 ſchwankende Benehmen Sir Hugo's nicht wenig beitrug. Hugo hatte weder den Muth, ſeiner Frau die Sache mitzutheilen, noch den Umgang der Liebenden mit einander zu verbieten, eben ſo we⸗ nig konnte er ſich Herz genug faſſen, ihr Buͤnd⸗ niß zu billigen. Er begnuͤgte ſich damit, ſeinen Sohn zu ermahnen, indem er ihm ſagte, daß er beſſer thun wuͤrde, wenn er, wenigſtens vor der Hand, nicht mehr an das Maͤdchen daͤchte. In wie fern dergleichen Ermahnung und Unent⸗ ſchiedenheit auf das Gemuͤth des jungen Fitz wirkten, kann man ſich leicht denken, indem die⸗ ſer gleich darauf ſeinen Beſuch zu Kilworthy Pflegbefohlene des alten Richters erneuerte. Als Glanville fand, daß der Mangel an Gluͤcksguͤtern kein erhebliches Hinderniß in den Augen Sir Hugo's war, hielt er den andern Grund von deſſen Mißbilligung fuͤr ſo ſchwach und hinfaällig, daß er, da er Margarethen wirk⸗ lich wohl wollte und deren Werth kannte, nicht ſonderlich daran zweifelte, die Zeit wuͤrde einen Einwurf beſeitigen, der ſich einzig und allein auf Vorurtheil ſtuͤtzte, und der, ſeiner Meinung nach, nur von geringer Erheblichkeit war, ſobald man dagegen die Vorzuͤge des lieben Maͤdchens in Erwaͤgung zog. Weit entfernt alſo, ſeiner Pfle⸗ getochter den mindeſten Zwang aufzuerlegen, ge⸗ ſtattete er dem jungen Fitz freien Zutritt in ſei⸗ nem Hauſe, bewachte auch keinesweges wie ein Argus das Thun und Treiben der jungen Leute, und beraubte ſie durchaus nicht jener kleinen Gelegenheiten zum Koſen, die die Liebe ſo treff⸗ lich zu benutzen weiß. Wenn die Familie im großen Saale ſaß, verſtand John Fitz es recht wohl, ſeinen Sitz bei Margarethen zu nehmen, und oſft leitete er dann des Maͤdchens Aufmerkſamkeit auf ſich, waͤhrend die Uebrigen ſich in ein allgemeines Geſpraͤch verwickelten. Kam ein Spaziergang in den Park oder ein Ausflug in die Umgegend zur Sprache, ſo hatte John Fitz immer einen Arm in Bereit⸗ ſchaft, auf den Miß Margaretha ſich ſtutzen mogte, und oft machte John Fitz ſich dadurch hoͤchſt nuͤtzlich, daß er dem Maͤdchen uͤber einen rauhen Felsweg oder uͤber einen Flußſteg half. 27 Mit Einem Worte, der Juͤngling nahm jede Gelegenheit wahr, darzuthun, wie ſeine innige Anhaͤnglichkeit an Margaxethen ihm das Liebſte auf der Welt war. Mit wie vieler Freiheit zum Austauſche herz⸗ licher Gefuͤhle dergleichen Gaͤnge und Ausfluͤge auch verbunden ſein mogten, ſo hatten ſie doch keinesweges den Charakter des verliebten Allein⸗ ſeins, indem Lady Leonore Howard, die Ver⸗ wandte der Glanvilles, und Sir Nicholas Slan⸗ ning, der vertraute Freund John's, gemeiniglich die Begleiter der Liebenden waren; und welches Verlangen die Liebe auch danach tragen mag, die Augen aller Welt zu blenden, ſo daß keiner außer denen, die unter ihrer Herrſchaft ſtehen, ihre Anweſenheit bemerken moͤgten, ſo darf man doch wohl mit Sicherheit annehmen, daß die Leute nicht voͤllig ſo dumm waren, als die Liebe ſie gern machen wollte. Das Herzensbuͤndniß zwiſchen dem Erben von Fitz⸗Ford und der ſchoͤ⸗ nen Fremden ward alſo bald der Geſpraͤchsſtoff der Vettern und Muhmen umher, ob und in —— — wiefern naͤmlich ſolches Buͤndniß ſtatthaft ſeyn moͤgte oder nicht. Da es nun gewiſſe Perſonen gab, denen aus dieſem oder jenem Grunde daran lag, dieſem begluͤckenden Herzensverkehr Einhalt zu thun, ſo begnuͤgten etliche derſelben ſich nicht damit, gleich Herrn Hugo, ein duldſames Weſen beizubehal⸗ ten, welches ihnen auch inſofern nicht zu ver⸗ denken ſeyn mogte, als ſie nicht, wie Herr Hugo, die Kunſt verſtanden, in allen Lebensver⸗ hältniſſen bei allem Zweifel, allem Mißtrauen und aller Schwierigkeit ihr unbedingtes Ver⸗ trauen in die Geſtirne zu ſetzen. Wir bemerkten dies als Einleitung zu einem Auftritte, den wir jetzt unſerem Leſer vorfuͤhren muͤſſen. Als fernere dazu noͤthige Vorerinnerung haben wir hinzuzufuͤgen, daß eines Abends(nicht lange nach Sir Hugo's Zwiegeſpraͤch mit dem Richter) Lady Howard allein ausging, und ihre Schritte einem Orte zulenkte, der der Elfenſumpf hieß und innerhalb des umfangreichen Beſitz⸗ thums von Kilworthy lag. Dieſer Ort charakteriſirte ſich durch jene V 29 Schoͤnheit, die den Thaͤlern von Devon ſo eigen⸗ thuͤmlich iſt, deren felſige, brauſende und ſchaͤu⸗ mende Gewaͤſſer vielleicht in keinem Theile von England ihres Gleichen finden. Der Elfenſumpf lag zwiſchen zweien Huͤgeln, von denen der hoͤ— here mit Baͤumen beſetzt war, die wie Gefieder an den Seiten des Berges herabhingen. Der Walla, jener kryſtallklare Fluß*), der von einem irlaͤndiſchen Saͤnger verewigt ward, floß ſanft, mit zartem Gemurmel, uͤber ſein Kieſelbett da⸗ hin. An den gruͤnen Ufern deſſelben wuchſen die purpurne englaͤndiſche Hyacinthe, die Schluͤſ⸗ ſelblume und buſchige Gaͤnſebluͤmchen, die ihre Koͤpfchen vor dem leichten Hauche des Fruͤhlings beugten, der mit jedem Blatt und Zweiglein um⸗ her zu taͤndeln ſchien. Die Voͤgel, die in die⸗ ſen wilden Bruͤchen niſteten, begleiteten mit ih⸗ rem Abendgezwitſcher die Muſik der Fluthen, „indem ſie ihren ſuͤßen Ton mit Silberklaͤngen miſchten.“ *) M. ſ. die ſchoͤne Epiſode von der Liebe zwiſchen den Fluͤſſen Walla und Tavy, in Browne's„britanni⸗ ſchen Hirtengedichten.“ Anm. d. Verf. In ſeinem Dahingleiten begegnete das Ge⸗ wäſſer endlich einer Felsmaſſe, unweit derſelben eine tiefe ſchwarze Hoͤhlung, rings mit Moos umgeben, ein natuͤrliches Becken bildete, in wel⸗ chem die Fluth wie ein klarer Spiegel da lag. Eine der Lippe eines Bechers aͤhnliche, große Oeffnung geſtattete den Waſſern freien Ausfluß zu weiterer Fortſetzung ihres Laufes. Von dort an bildete das Flußbett ſich zu ſanſtem Ab⸗ hange, und da der Walla, nach ſeinem Aus⸗ ſtrom aus dem Becken, das den Namen Elfen⸗ ſumpf fuͤhrt, mit dicken Klumpen von Geſtein durchworfen wird, ſo aͤndert er nunmehr ſeinen Charakter und ſturzt, huͤpfend und ſpringend, voll weißen Schaumes, haſtig abwaͤrts und brau⸗ ſet uͤber jegliches Hinderniß hin, das ſich ihm in den Weg lagert. Zu beiden Seiten des Bek⸗ kens erhoben ſich kleine Haine von Buchen, wil⸗ den Feigenbaͤumen und Thraͤnenweiden, die ei⸗ nem Narciß gleich daſtanden, und ihre Schoͤn⸗ heit in der Silberfluth unter ihnen zu betrachten ſchienen. Es ward Abend; die Sonne ſank tief hinter 31 die weſtlichen Hoͤhen hinab, und ließ, gleich großmaͤchtigen Sterblichen, die verglimmenden Spuren eines allmaͤlig hinſterbenden Ruhmes zuruͤck. Die fernen Hoͤhen von Dartmoor, mit ihren gewaltigen Felsbergen, trugen ſchon den ſchwarzen, trauernden Mantel der Nacht, waäh⸗ rend aus den tiefliegenden Thaͤlern und deren zahlreichen Gewaͤſſern ein dichter, ſchwerer Dunſt langſam aufwallte und einem ungeheuren Vor⸗ hange gleich alle Gegenſtaͤnde umher verhuͤllte. In der Ferne bloͤkten die Heerden. Die Voͤgel ſchwiegen mit ihrem Geſange und flogen auf, um ihre ſchuͤtzenden Neſter zu ſuchen; jeder Laut ſenkte ſich allmaͤlig zur Raſt, und„Schweigen umguͤrtete die Waͤlder“. An dieſer Stelle und zu ſolcher Stunde ſtand an ein Felsſtuͤck gelehnt, das nahe dem Elfenſumpfe einen Sitz bildete, das Weib, wel⸗ ches in der Fruͤhe des Maientages den Brief und das Zeichen von Georg Standwich an Mar⸗ garetha uͤberbracht hatte. Der Name der Alten fuͤhrte einen etwas fuͤrchterlichen Nebenbegriff, einen Klang mit ſich, durch welchen Ammen die 32 Kinder zu ſchrecken pflegten; denn ſie hieß Betſy Grimbal, fuͤhrte alſo einen Namen, der bis auf dieſen Tag in Devon ſich mit keinen anmuthigen Ideen verknuͤpft. Schon waͤhrend ihrer Lebens⸗ zeit war Betſy Grimbal wegen ihres kuͤhnen, liſtigen und wilden Charakters beruͤchtigt, waͤh⸗ rend viele von ihren Abenteuern mit den ge⸗ ächteten Grubenarbeitern jetzt eine Erzaͤhlung von ſagenhafter Beſchaffenheit liefern, wodurch der Abend am Winterheerde verkuͤrzt wird, und wo⸗ bei mancher Zuhoͤrer erbleicht und auf ſeinem Heimwege ſich ſcheu't, der Stelle zu nahen, wo der Schauplatz des Todes dieſer Alten geweſen ſeyn ſoll*). Betſy Grimbal war klein von Wuchs, aber ſtarken Gliederbaues. Ihre rothen, fleckigen und muskelfeſten Arme ſahen aus, als ob ſie eben ſo gut ein Schwert fuͤhren, als den Hammer ſchwingen koͤnnten, mit welchem ſie die Erzmaſ⸗ *) unter der Eingangspforte des Kloſters zu Tavi⸗ ſtock, die jetzt innerhalb des Pfarrhausgartens befind⸗ lich iſt. Anm. der Verf. — ſen zu zerſchlagen pflegte, die von ihren Genoſ⸗ ſen in den Gruben gefunden worden waren. Ihr Geſicht war eher harſch, als gemein, denn, obwohl jetzt herabgeſunken und entwuͤrdigt, war dieſe Frau doch in fruͤheren Jahren an zarten Umgang gewoͤhnt geweſen, und hatte eine weit uͤber ihren Stand hinaus reichende Erziehung genoſſen. Sie wies eine ſonnverbrannte, kuͤhne Stirn, ein Augenpaar, ſo hell wie beim Wieſel, und ihr Blick war ſo ſchlau und lauernd, daß Liſt als der entſchiedene Charakter ihres Geſich⸗ tes erſchien. Dicke, ſchwarze, buſchige Brauen, und ein Haarwulſt von gleicher Faͤrbung uͤber der Oberlippe verliehen ihr einen ſo unweibli⸗ chen Ausdruck, daß, waͤre ihr ein Fremder auf den Haideſtrecken von Dartmoor, ſo wie Banquo den Zauberſchweſtern auf der verſengten Haide begegnet, er ihr haͤtte zurufen moͤgen: „Vou should be women, And Jyet your beard forbids me to interpret, That you are so.“*) *)„Ihr ſolltet Weiber ſeyn, Doch Euer Bart verbietet mir, fuͤr ſolche Euch zu erkennen.“ Fitz of Fitz-Ford. II. Sobald Lady Howard ſich der Stelle naͤherte, rief ſie der Alten, in einem Tone, der einiges Zittern verrieth, die Worte zu:„Sind wir al⸗ lein? Weilt eine lebendige Seele in der Naͤhe? Sahſt Du etwas, was einem menſchlichen We⸗ ſen glich, auf Deinem Wege hierher?“ „Nein,“ antwortete Betſy Grimbal,„wir ſind allein und vor jedem menſchlichen Ohre ſicher. Dieſer Ort eignet ſich zu unſerem Zu⸗ ſammentreffen, da weder Wildes noch Zartes ſich um der Welt willen nach Sonnenuntergange an den Elfenſumpf wagen wuͤrde. Das Narren⸗ volk hoͤrt eine Stimme in jedem Blattgeraſſel und bildet ſich ein, den Seufzer eines Geſpen⸗ ſtes zu hoͤren, wodurch es bis zum Tode er⸗ ſchreckt wird, waͤhrend jeder ferne Gegenſtand, die kahle Stirn eines verwitterten Baumes oder hohen Felſens ihm als ein in ein Leichentuch gehuͤlltes, aus dem Grabe erſtandenes Geripp erſcheint. Ihr moͤgt ſonder Furcht und frei her⸗ ausſprechen.“ „Beides will ich,“ verſetzte Lady Howard. „Die Familie iſt heut Abend außer Hauſe; ich 35 wollte nicht mitgehen, um zu dieſer Stunde mit Dir reden zu koͤnnen. Ich fuͤhlte, daß ich Dich ſehen mußte, waͤre es auch nur, um Dir zu ſa⸗ gen, daß Deine Plane mißlangen, und meine Hoffnungen zunicht worden ſind.“ „Wie?“ fragte Betſy,„hat das Liebespul⸗ ver nicht angeſchlagen?“ „Sprich mir nicht von Liebespulver und ähnlichen Thorheiten!“ rief Lady Howard unge⸗ duldig.„Ich ſage Dir, John Fitz liebt Mar⸗ garethe, und nicht alles Liebespulver auf der Welt, es moͤgte denn Blei und Feuer mit ſich fuͤhren, iſt im Stande, ſein Herz zu durchdrin⸗ gen, oder die Gefuͤhle zu toͤdten, die er fuͤr ſie hegt. Er liebt ſie, und ich— ich werde uͤber⸗ ſehen, gehaßt, verachtet! Tod— es iſt Raſerei, daran zu denken! Ich bin zu einem bloßen Werk⸗ zeuge, zu einem Klotze herabgewuͤrdigt, auf den ſie ſich lehnen, wenn ſie ihre Zuſammenkuͤnfte un⸗ terſtuͤtzt wiſſen wollen. Lady Howard muß ih⸗ nen Begleiterin auf ihren Spaziergaͤngen ſeyn! Lady Howard muß Theil an ihren Geſprachen nehmen! Aber wie muß ſie es? Wie ein Ge⸗ 2* 3 maͤlde es thun kann; es ſieht aus, wie Fleiſch und Blut, aber es ſieht nicht, hoͤrt nicht, denkt nicht, und empfaͤngt kein anderes Zeichen von Aufmerkſamkeit, als einen empfindungsloſen Blick, oder eine fluchtige Bemerkung von dem lebenden Weſen, vor welchem es ſteht. Und muß ich ſolches Ding abgeben?— Doch laß es ſo ſeyn. Es iſt gut ſo, ganz gut. Was kuͤmmert mich John Fitz? oder was das Weib, das ihm ſchoͤ⸗ ner und beſſer beduͤnkt, als ich es bin? Laß ihn gehen; ich beſitze Stolz, wenn ich weiter nichts beſitze, um mich uͤber den Verluſt eines jungen Burſchen zu troͤſten.“ Mit dieſem Strome von heftigen Reden, wodurch ſie der ihr durch Neid, Eiferſucht und Täuſchung Gene drei dem menſch⸗ lichen Leben eben ſo furchtbaren Schweſtern, als die, welche ſeinen Lebensfaden ſpinnen, halten und abſchneiden) reggemachten Wuth einigerma⸗ ßen Luft machte, war Lady Howard auf dem Felsklump niedergeſunken, wo ſie der Alten den Ruͤcken zukehrte, und mit einer Miene von Stolz und Entſchloſſenheit das Haupt erhob, als wollte ſie andeuten, ſie waͤre wirklich ſo, wie der letzte 37 Theil ihrer Rede es angegeben hatte. Obwohl die Abendſchatten ſich rings umher lagerten, war es doch noch nicht ſo dunkel, daß Betſy nicht der Lady hochrothe Wangen und die Thränen, die auf dieſelben wie Thau auf gluͤhenden Bo⸗ den fielen, haͤtte ſehen koͤnnen, wenn der Dame Geſicht ihr zugewendet geweſen waͤre. Die Alte ſchritt jedoch naͤher zu ihr, und legte leiſe ihre Hand auf die Schulter der ergrimmten Schoͤ⸗ nen; allein dieſe machte ſich los von ihr, indem ſie unwillig ausrief:„Laß mich— ich bedarf Deines Rathes nicht, bedarf Deiner Huͤlfe nicht! Du haſt mich ſo weit gebracht, aber es ſoll mich weiter nicht kuͤmmern.“ In ſo ſanftem Tone, als ſie ihn hervorhau⸗ chen konnte, ſagte Betſy Grimbal:„Wenn Ihr mich nur anhoͤren wolltet, ſo koͤnnte noch Alles gut werden. Auf, Lady Howard, lernt Eure beſte Freundin kennen. Nun, nun! erſchreckt nicht vor dem Worte— ich kann Euch eine Verdrießlichkeit verzeihen, wie ich den Eigenſinn eines Kindes verzeihen wuͤrde, wenn es ſein Spielwerk verloren waͤhnt.“ 38 „Du haſt mich getaͤuſcht,“ rief die Dame. „Zuerſt lockteſt Du mir mein Geheimniß ab— horchteſt meine Thorheit aus mir heraus, und haſt Dir dann beide zu Nutzen gemacht.“ „Nicht alſo!“ verſetzte die Alte.„Las ich vermoͤge meiner Kunſt nicht in Eurem Schick⸗ ſalsbuche? Weiſſagte ich Euch nicht—“ „Du erfuͤllteſt mir das Hirn mit Traͤumen,“ ſagte die Lady;„Du ließeſt vor meinen Blicken ein Wahngebild einſtigen Gluͤckes aufſteigen, das ſeitdem mich im Geiſte verfolgt. Jetzt aber laͤuft Alles auf Taͤuſchung hinaus, und die Gedanken an Verlorenes ſchrecken mich gleich Geſpenſtern, die mir Todesbotſchaften aus Graͤbern bringen. Sie ſind fuͤrchterlich und widernatuͤrlich. Du kennſt den Geiſt nicht, den Du in meinem Bu⸗ ſen beſchworen haſt.“ „Ei, redet nicht ſo wild,“ entgegnete Betſy, „ſondern erzaͤhlt mir in deutlichen Ausdruͤcken, was ſich zugetragen hat.“ „Nichts Geringeres,“ verſetzte Dame Howard, „als daß Sir Hugo Fitz, ſtatt der Verbindung ſeines Sohnes mit der bettelhaften Fremden ent⸗ 39 gegen zu ſeyn, die Rolle des Freiwerbers fuͤr ihn ſpielte, und zwar bei keiner geringeren Per⸗ ſon, als bei dem Pflegevater, dem Richter Glan⸗ ville ſelbſt. Was die beiden Alten unter einan⸗ der ausmachten, weiß ich nicht; doch weiß ich, daß John Fitz ſogar alle Verſuche aufgegeben hat, ſeine uͤbelverhehlte Liebe zu verbergen, und jetzt oͤffentlich an dem Altare ſeiner Göoͤttin opfert.“ „Iſt das Alles?“ fragte die Alte.—„Das iſt nichts, das wird nicht lange ſo bleiben.“ „Nicht lange bleiben, was jeden Tag augen⸗ falliger wird?“ rief die Lady.„Wenn das Juͤng⸗ ferchen ihren Gaul beſteigt, wer iſt der Leibknecht, der ihr den Steigbuͤgel haͤlt? Kein Anderer, als der Erbe von Fitz! Wenn ſie ihren Faͤcher fallen läßt, wer iſt der hurtige Lakei, der ihn auf⸗ hebt? Wieder kein Anderer, als der Erbe von Fitz! Spricht ſie, ſo haͤngt ſein Ohr an ihren Lippen, waͤhrend er jedes ihrer Worte verſchlingt, und ihre gleichguͤltigſte Rede fuͤr eine Fuͤlle von Witz und Scharfſinn haͤlt. Und vollends wenn ſie ſingt! da ſitzt er mit verſchraͤnkten Armen und ſtarrt ihr ſo aufmerkſam in's Geſicht, daß 40 er nur fuͤr Margaretha Aug' und Ohr und Empfindung hat; und dann kommt ein tief her⸗ aufgeholter Seufzer, mit einigen Fluͤſterworten, die da ſcheinen, als wollte ihm mit ihnen das Herz aus dem Leibe fahren, wenn er lispelt: „O holde Margaretha! wenn ich Dich ſingen hoͤre, waͤhne ich, Himmelsklaͤnge zu vernehmen!“ Und bei alldem, wenn ich zufaͤllig neben ihm ſitze, erweiſet er mir nicht mehr Aufmerkſamkeit, als der alten Hauskatze, die ihr Plaͤtzschen am Heerde einnehmen darf, weil ſie zu zahm iſt, um Unheil anzurichten. Es macht mich toll, wenn ich daran denke. Buhlte er um edle, ehren⸗ und ſtandesmaͤßige Dirne von ſo hohen Anſpruͤ⸗ chen, daß ich mich mit ihr nicht mehr verglei⸗ chen koͤnnte, als ein blaſſer Stern es ſich ein⸗ fallen laſſen kann, mit der Koͤnigin der Nacht um die Wette zu leuchten, ſo moͤgte etwas min⸗ der Demuͤthigendes fuͤr mich darin ſeyn; allein um einer gemeinen, niedriggeborenen, einfaͤltigen Dirne willen, deren Schoͤnheit keineswegs uͤber allen Zweifel erhaben iſt, deren Scharfſinn aus eitel Liſt beſteht, und deren Hauptverdienſte, 41 Stolz und Rangſucht uͤber einen Einſchlag von Beſcheidenheit gewoben ſind, hintangeſetzt zu werden— das geht uͤber meine Geduld.“ „Doch muͤßt Ihr Euch in Geduld faſſen,“ fiel Betſy Grimbal ein.„Ich bitt' Euch, gebt Euch ruhig! Laßt dieſen Wortkrieg, und hoͤrt mich an. Ihr liebt den Erben von Fitz— nun, nun, leugnet's nicht; wendet Euch nicht ab, und beißt Euch auch nicht in die Lippe. Man⸗ ches Menſchenkind ſpielt eine Zeit lang im Leben eine Narrenrolle. Mancher Mann ließ ſich ſchon kirren, und ward hinterdrein der Gatte eines Frauenzimmers, von dem er ſich dergleichen zuvor nie hatte einfallen laſſen. Die Maͤnner gleichen den Voͤgeln; ſie ſcheuen das Netz, das man ihnen ſtellt, dennoch laßt mich Euch zei⸗ gen, wie es geſtellt werden muß, laßt mein Spielwerk nur in den duͤnnſten Faͤden der Ma⸗ ſchen deſſelben verwoben ſeyn, und ich ſtehe Euch dafuͤr, dem Flatterer ſollen die Fluͤgel ſo geſtutzt werden, daß er Euch nimmer davon fliegt.“ „Was aber kannſt Du bewirken,“ fragte Lady Howard,„ſobald Sir Hugo die Liebelei ſeines Sohnes billigt? Und wie vermag ich Liebe von Dem zu erzwingen, der vielleicht Haß gegen mich hegt?“ „Nichts von dergleichen!“ entgegnete Betſy; „warum ſollte John Fitz Euch haſſen? Erinnert Euch der Zeit, da er Lady Howard fuͤr das liebenswuͤrdigſte weibliche Weſen in ganz Devon hielt, bis jenes Dirnchen ihn behexte. Waͤre ſie nicht dazwiſchen gekommen, wuͤrde John Fitz laͤngſt der Eurige geworden ſeyn— wie koͤnnt Ihr alſo ſagen, daß er Euch haßt? Ihr Liebes⸗ leute ſeyd fortwaͤhrend in Ueberſpannung, und waͤhnt deshalb, Alles ſei Haß, was nicht Liebe iſt. Und was Sir Hugo Fitz betrifft, ſo ſag' ich Euch nochmals, daß er nimmer in die Hei⸗ rath ſeines Sohnes mit jenem Daͤmchen willigen wird. Die Mittel, ſolches zu bewirken, ſtehen mir zu Gebote.“ „Dir zu Gebote?“ rief Lady Howard er⸗ ſtaunt;„Dir, die Du, wie ich weiß, oder doch vermuthe, mit jenen wilden Maͤnnern, jenen geaͤchteten Grubenleuten in Verbindung ſtehſt, die ein Schrecken dem Lande worden ſind? 43 Sprich Vernuͤnftiges, daß ich Dir glauben moͤge. Du darfſt aus Furcht vor Fußbloͤcken oder Hals⸗ eiſen Dein Geſicht nicht innerhalb der Stadt zeigen, und ſelbſt Diejenigen, mit denen Du Deinen geheimen Verkehr treibſt, nahen Dir nur verſtohlen, ſo wie ich es thue. Und Du ſchwatzeſt von Verhinderung einer Heirath des Erben von Fitz?“ „Ich ſpreche und werde wahr machen, was ich ſage,“ verſetzte Betſy Grimbal;„denn ich habe das Vermoͤgen dazu; worin dies beſteht, kuͤmmert Dich nicht.“ „Du ſprichſt in Raͤthſeln,“ ſagte Lady Ho⸗ ward;„ich bin keine Hexe, daß ich ſie loͤſen koͤnnte.“ „Sagt mir doch,“ fuhr die Alte fort,„wuͤrde es Euch genuͤgen, Margarethens Hoffnungen zu vernichten, ſelbſt wenn die Eurigen ebenfalls ver⸗ eitelt wuͤrden?“ „Du weißt's,“ antwortete die verliebte Da⸗ me;„warum mich zwingen, noch deutlicher zu ſprechen? Die Sklavin, die ihrer Herrin Willen thut, fragt nicht nach den Beweggruͤnden; den⸗ 44 noch ſehe ich nicht ab, wie Du, ein ſo unbedeu⸗ tend ſcheinendes Werkzeug, zu ſo gewaltigen Kraͤften gelangen koͤnnteſt.“ „Das unbedeutendſte Werkzeug iſt oft das gefaͤhrlichſte,“ meinte Betſy.„Hat nicht die Viper, die im Staube kreucht, einen Stachel, der eben ſo ſicher toͤdtet, wie die Klaue des Leuen? Der eine, wie die andere kann den Men⸗ ſchen verderben, der doch der Koͤnig der Crea⸗ turen iſt. Ich kenne einen Mann— doch frage mich nicht nach deſſen Namen, noch Stande, noch woher ich ihn kenne— genug, ich kenne einen Mann, der jenes Puͤppchen lieber eingeſargt er⸗ blickte, als daß er ſie die Gattin des von Fitz wiſſen moͤgte— und dennoch nimmt er den herzlichſten Antheil an Margarethens Wohlfahrt.“ „Wer iſt der Mann?“ fragte die Lady ha⸗ ſtig—„und durch welche Mittel kann er uns zum Zwecke helfen?“ „Er vermag Alles, allein Ihr muͤßt nach Nichts fragen. Er iſt einer, dem die heurigen Zeitlaͤufte gefaͤhrlich ſind, und der deswegen ver⸗ ſteckt liegt. Seine Macht iſt groß, obwohl ſie 45 ſich in Geheimniß huͤllt. Sein Thun gleicht dem des Donnerkeils, den man nicht eher ſpuͤrt, als bis er herniedergefahren iſt. Dieſen Mann will ich aufſuchen; fuͤrchtet nichts!“ Als Betſy Grimbal dieſe Worte ſprach, faßte ſie die Dame feſt in's Auge, und gewahrte, wie dieſe ſich in Etwas ſtraͤubte, ihre Einwilligung zur Sache zu geben; endlich ſagte Lady Howard jedoch: „Wie iſt das moͤglich? Wird der von Fitz jemals Vergangenes vergeſſen?“ „Ich will Euch ſagen, wie es moͤglich wer⸗ den kann,“ entgegnete die Alte:„Durch ihr liſti⸗ ges Benehmen, durch ihre anſcheinende Einfach⸗ heit hat Margaretha den Erben von Fitz fur ſich eingenommen. Laßt mich Mittel finden, Beide zu trennen, und er, der durch ihre Anweſenheit nicht laͤnger geblendet werden kann, wird aus ſeinem thoͤrigen Traume erwachen. Der Schat⸗ ten, in den er vernarrt iſt, wird entweichen, und Vernunft wird ſich zur Beherrſcherin ſeiner Zuneigung auſwerfen. Dann benutzen wir die Gelegenheit. Seine Mutter wuͤnſcht ſeine Ver⸗ bindung mit Euch, ſie wird ſeinen Vater zu —— 46 gleichem Verlangen ſtimmen; und was ſeine Liebe betrifft, ſo giebt es Mittel, durch welche auf Herzensregungen gewirkt werden kann; wenn ſolche Mittel auch von Thoren unrechtmaͤßig ge⸗ nannt werden, ſo verſtehe ich es doch, dieſelben anzuwenden. Es giebt Arzneimittel, die maͤchtig ſind, wie der zur Nachtzeit gepfluckte Schierling; Arzneimittel, die nimmer fehlen. Manchen Trank habe ich in meinem Leben bereitet, deß Wirkung ſo Arztes wie Prieſters Bemuͤhungen, ihn un⸗ kraͤftig zu machen, vereitelt hat.“ „Gott des Himmels, was meinſt Du, Weib?“ rief Lady Howard,„biſt Du eine von Denen, die, wie man ſagt, Traͤnke verkaufen, welche Tod vor der natuͤrlichen Stunde des Scheidens bringen? Unſere Koͤnigin Eliſabeth ſelbſt iſt durch Creaturen, die ſolch' duͤſteres Gewerbe treiben, be⸗ laͤſtigt worden. Du haſt mir zum Elende ge⸗ holfen; willſt Du mich jetzt zu einem Werkzeuge der Suͤnde machen?“ „Keineswegs,“ war Betſy Grimbal's Ant⸗ wort.„Wenn Ihr meiner Huͤlfe begehrt, muͤßt Ihr mit meinen Nitteln zufrieden ſeyn, oder die 47 Sache aufgeben. Was kuͤmmert's mich, wen John Fitz ehelicht? Was geht's mich an, ob er jene Dirne heirathet, die einſt ſeinem Namen Schande bringen muß? Schon haͤngt der Schleier des Geheimniſſes uͤber der Herkunft Margare⸗ then's. Laßt dieſen Schleier weggezogen werden, ſo werden Schaam, Bettelarmuth und Unehre nackt vor aller Welt Augen daſtehen. Ich habe Euch mehr aus Liebe, als um Goldes willen gedient. Von Euch haͤngt's ab, ob ich Euch ferner dienen ſoll oder nicht; obſchon es mir Euretwegen Leid thun ſollte, Eines ſehen zu muͤſſen.“ „Und das waͤre?“ fragte die Lady. „Zu ſehen, wie Eure Feinde Eurer ſpotten,“ verſetzte die Alte.„Ich kann Euch ſagen, was ſich ereignen wird. Die Zungen der Thoren ra⸗ ſten nimmer, und es giebt deren, die da ſagen, daß, wenn John Fitz Euch der Fremden vorge⸗ zogen haͤtte, er nicht verſchmaͤht worden ſeyn wuͤrde. Jetzt alſo wird man denken, Margare⸗ tha war ſchoͤner oder beſſer oder wuͤrdiger, als Ihr, oder aber, ſie ſelber wird Euch bemitleiden, 48 wenn ſie das Weib eines Mannes wird, der Euch um ihretwillen verwarf.“ „Das ſoll ſie nicht!“ rief die Dame;„bei allen Hoffnungen im Himmel und auf Erben, das ſoll ſie nicht! Sie mich bemitleiden? Der Gedanke iſt garſtig; ich will nicht leben, um bemitleidet zu werden. Mitleid iſt die elende Segnung, die dem Bettler wird. Haß, Fluͤche, Beleidigung ſind miteinander Dinge, denen ein freier Geiſt ohne Demuͤthigung begegnen mag, indem ſie Muth heiſchen, der ſie zuruͤckweiſet; allein Mitleid iſt Verachtung, die letzte Beleidi⸗ gung, die dem Gefallenen von ſeinem Feinde werden kann. Verlaſſe mich alles Uebrige, nur bleibe mir der Stolz eines ſtandhaften Herzens, das nur durch den Tod gebrochen werden kann. Ich geſtatte Dir, in dieſer Angelegenheit nach Deinem Willen zu verfahren; doch bin ich noch immer voll Verwunderung daruͤber, daß eine ſo Niedriggeborne ſo hochfahrend ſpricht.“ „Niedriggeboren?“ ſagte Betſy Grimbal. „Seyd Ihr deß ſo gewiß, daß ich niedrig von Geburt bin, weil es mir an Gluͤcksguͤtern ge⸗ bricht? Haben wir Zeiten verlebt, in denen Die⸗ jenigen, welche auf dem breiten Ocean des Lebens ſegeln, ſtets im Fahrwaſſer blieben und mit vollem Winde dem Gluͤckshafen zuſteuerten? Wie manches gute Schiff iſt zeither zwiſchen Klippen getrieben worden, ſo daß ſein ſtattliches Gebaͤu zu einem elenden Wrack wurde! Solch ein Schiff bin auch ich. In der Jugend ward ich mit aller Zaͤrtlichkeit gehegt und gepflegt; doch iſt mir nichts geblieben, als das nimmer von mir zu verlierende Bewußtſeyn, daß ich uͤber meine jetzige Lage erhaben bin. Wenn ich bis⸗ weilen arg mit der Welt verfahre, ſo vergelte ich nur Gleiches mit Gleichem.“ „So folgt Ein Nebel dem anderen auf den Ferſen,“ ſagte die Lady.„Du haſt Deinem Geiſte gelehrt, Grauſamkeiten zu veruͤben und dieſelben durch die Benennung Vergeltung heilig zu ſprechen. Du haſt dieſe Lehre auch mir ein⸗ gefloͤßt, und Deine Gruͤnde haben mich ſo ver⸗ giftet, wie man ſagt, daß die Kleider eines Peſtkranken die Seuche verbreiten. Doch bedenke wohl, daß ich nichts thun will, nichts mehr, Fitz of Fitz⸗Ford. II. 4 50 als noͤthig ſeyn mag; ſelbſt Margarethens will ich ſchonen, ihr jeden unnoͤthigen Schmerz er⸗ ſparen. Sie ſoll leben!“ „Wie? um ihren Triumph vollſtaͤndig zu machen?“ rief die Alte.„Soll ſie Euch ein zweites Mal umfluͤgeln? Bedenkt, daß durch ihre Raͤnke Ihr hintangeſetzt wurdet.“ „Hoͤr' auf!“ ſagte Lady Howard.„Du kraͤchzeſt mir Das in's Ohr, was ich vergeſſen wollte. Du thuſt an mir, wie die Waͤrterin, die dem Kranken, der nach dem Glockenſchlage fragt, zur Antwort giebt, es ſey nur der Todten⸗ wurm, der neben ihm picke.— Wann ſoll ich wieder von Dir hoͤren?“ „Sobald ich etwas gethan habe, das des Berichtens werth iſt,“ ſagte Betſy Grimbal; „bis dahin gehabt Euch wohl und lernt mich genau kennen. Erwagt, daß ein einfaches Kaͤſt⸗ chen den koͤſtlichſten Juwel enthalten kann; ſo auch liegen Euch unter meinem abſchreckenden Aeußern mein Wille und meine Gefinnungen verborgen. Ich will alles Moͤgliche wagen, jedoch —— M 0 n n 31 mein Werk muß durch Zeit und Geduld gefoͤr⸗ dert werden.“ „Ich glaub' es,“ verſetzte die Damez„denn dem Crocodil muß erſt ſeine ſchuppige Schale wachſen, bevor es Kraft gewinnt, ein Verderber zu werden. Lebe wohl!“ Indem die Lady dies ſagte, legte ſie einige Goldſtuͤcke in die Hand der Alten und entließ dann dieſe, die ſie zu gleicher Zeit benutzte und verachtete. Nachdem Betſy gegangen war, ſtand Leo⸗ nore ſtill und heftete ihren Blick auf den Elfen⸗ ſumpf, der vor ihr wogte, und ſprach zu ſich ſelbſt:„So iſt es. Still und tief liegen die Leidenſchaften in der Menſchenſeele, wie die ſchlum⸗ mernden Waſſer in dem Becken dieſes Felſens. Es ſcheine Hoffnung, gleich der Sonne auf ſie, ſo glaͤnzen ſie in Licht und Freude. Es ſchwinde dieſes Licht, Taͤuſchung verdunkle gleich einer Wolke ihren Glanz, und ſofort werden ſie ſchwarz wie die Mitternacht— und ſiehe da! wie ſie raſen, anſchwellen und uͤber jegliches Hinderniß hinwegbrauſen, das ſich ihnen in den Weg la⸗ 4* 52 gert. Zu einer ſturmbewegten Fluth wird die Leidenſchaft, wenn Hemmung ſie in ihrem Laufe zuruͤckhalten will. Willensſtaͤrke, vereinte Gei⸗ ſteskraͤfte, gleich dieſen vereinzelten Gewäſſern, die endlich in Einen Strom zuſammenfließen, werden dann Bewaltigung allen jenen Hinder⸗ niſſen. Der ſchwache, herabhangende Baum wird vom Winde gebrochen; die feſtgewurzelte Eiche widerſteht— und ſo will auch ich den Gefahren auf meinem Lebenswege Stand halten.“ Mit dieſem Entſchluſſe ging Lady Howard von dannen als beklagenswerthes Beiſpiel von einem Charakter, der Gedankenſtaͤrke und That⸗ kraft genug beſitzt, gut zu handeln, wenn er ſich dazu hinlenken wollte; der aber, dem Boͤſen zu⸗ geleitet, ſich ſelber elend macht, indem er allen Denen, die in den Bereich ſeines Einfluſſes oder ſeines Thuns gerathen, gefaͤhrlich und wohl gar verderblich wird. DBrittes Capitel. „Dies ſind die Boͤſewichter, Die jeden Reiſenden mit Furcht erfuͤllen.“ 1 4„„„* „Bei'm Kahlkopf fetten Moͤnches Robin Hood's! Der Burſch waͤr'n tuͤcht'ger Koͤnig wilder Jungen!“ Shakſpeare. Gleich dem Harlekin in der Pantomime, auf deſſen Handſchwenkung ſich Meer in Land ver⸗ 1 wandelt, oder in Nachahmung der idealen Reiſe deſſelben aus der heißen Zone in die kalte, wol⸗ len wir unſern Leſer ſofort aus den oberen Re⸗ gionen der Erde in diejenigen verſetzen, die unter⸗ halb der Oberflaͤche derſelben, tief im Schooße unſerer gemeinſamen Mutter eingebettet liegen. Mit klaren Worten geſagt: wir fuͤhren ihn in eine Hoͤhle, welche zur Zeit unſerer Erzaͤhlung 54 Eingang in eine reiche Silbermine abgab; denn in dieſem Theile von Devon ward, ſo wie im noͤrdlichen Diſtricte, vormals dieſes Metall in bedeutender Menge gewonnen. Die Landſchaft, in welcher jenes Bergwerk ſich befand, war von beſonderer Schoͤnheit. Der Tavy floß rauſchend in ihr an einer hoͤchſt ma⸗ leriſchen Stelle zwiſchen zweien ſo abſchuͤſſigen Huͤgeln dahin, daß dieſe Klippen glichen, deren Geſtein ſich in mannichfaltigen Formen und Faͤr⸗ bungen wies. An anderen Stellen ward der Fluß von uͤppig herabhangendem Eichengehoͤlz beſchattet, und da, wo die Beſchaffenheit des Bodens zum Wachsthume von Baͤumen nicht ausreichte, war die Ebene mit purpurnem Haide⸗ kraut bedeckt, ſobald ſich nicht Klippengeſtein auf derſelben befand, das nicht ſelten die ehrwuͤrdige und ſtattliche Geſtaltung irgend eines Burgthurms annahm, und der Landſchaft einen Anſtrich von Kuͤhnheit und Großartigkeit verlieh. Eine kleine Oeffnung im Felſen, die von den Aeſten einer Eiche uͤberhangen ward, gab Ein⸗ gang zu einer natuͤrlichen Hoͤhle, deren Inneres — 55 durch kuͤnſtliche Nachhuͤlfe in zwei Gemaͤcher ge⸗ theilt ward, die durch herausgehauene Pfeiler unterſtuͤtzt wurden. Am anderen Ende dieſer Hoͤhle befand ſich eine zweite, ſo kleine Oeffnung, daß man nur gebuͤckten Koͤrpers durch dieſelbe hinſchluͤpfen konnte. Dieſe leitete, durch einen ſorgfaͤltig verborgen gehaltenen Gang, in die Silbermine, welche damals den Stoff zu einem geſetzwidrigen Gewerb abgab, indem kraft hoher Landesverordnung alles im Erdboden gefundene Metall der Krone gehoͤrt. Die Mine, die wir jetzt beſchreiben, iſt laͤngſt eingeſtuͤrzt; doch die Hoͤhle, der man den Namen„die tugendhafte Dame“ beilegte, iſt noch in Augenſchein zu neh⸗ men, und die Landſchaft um dieſelbe herum wird dem Kuͤnſtler oder dem Liebhaber des Maleri⸗ ſchen die Muͤhe, in derſelben herumzuſtreifen, gewiß belohnen. An demſelben Abend, an welchem Betſy Grimbal ihre Zuſammenkunft mit Lady Howard hielt, geſchah es, daß ein Mann von derbem, ſtammigem Anſehen und kleiner Statur, doch breit von Bruſt und Schultern, ſich vorſichtig dem 56 Eingange der„tugendhaften Dame“ naͤherte. Er hatte ſich ſeltſam herausſtaffirt, indem ſeine Kleidung weder die eines Land⸗ noch eines See⸗ mannes war, wohl aber wies ſie ſich als ein Gemiſch von des Einen, wie des Anderen Tracht, und ließ obendrein eine Anmaßung von Koͤſtlich⸗ keit blicken. Sein Wams war von blauem Halb⸗ ſammet und dicht mit Silberknoͤpfen beſetzt. Er trug große weite Beinkleider aus gebaͤndertem Taffet, und um die Huͤften einen verblichenen Goldſchnuͤrenguͤrtel. An den Fuͤßen hatte er Stiefeln aus Corduan, und auf dem Kopfe einen ſchwarzen Sammethut mit einem rothen Bande und rother Feder, die ein Geſicht uͤberſchattete, welches im buchſtaͤblichen Sinne des Wortes ſo gluͤhete, daß Wangenroth und Kupferroth ſich auf demſelben um die Oberherrſchaft ſtritten. Ein ſchwarzer gekraͤuſelter Schnurrbart hob mit kurzem, dickem Kinnbarte das brennende Colorit des Geſichtes nur um ſo mehr und etwa ſo her⸗ vor, wie ein Ofen noch gluͤhender erſcheint, wenn er von Dunkelheit umgeben iſt. Seine Naſe haͤtte einem Schauſpieler, der den Bar⸗ 57 dolph*) darſtellt, einen Vorrath Schminke er⸗ ſpart, denn ſie war ein immerwaͤhrender„Freu⸗ denfeuerſchein“, ein unaufhoͤrlicher Brand. Ein Lederguͤrtel enthielt ein Paar Piſtolen, und ein guter Pallaſch, der ihm an der Huͤfte hing, guckte unter einem lockern Wachtmantel hervor, den jener Mann zur Vervollſtaͤndigung ſeines Anzuges auf ſeinen Schultern trug. Ohne Zaudern ſchritt er dem Eingange der Hoͤhle zu(denn eine plumpe Pforte aus Eichen⸗ holz ſicherte die Inſaſſen vor ploͤtzlicher Zudring⸗ lichkeit, und pochte heftig mit einem Knittel an, den er in der Hand hatte. Dem Rufe ward Antwort durch das dumpfe Bellen eines Hundes, der als Waͤchter innerhalb der Hoͤhle gelagert zu ſeyn ſchien. Ein Zweiter vom Hunde⸗ geſchlechte, der in geringer Entfernung von Er⸗ ſterem lag, faßte den Laͤrm auf, ſo wie Eine Schildwache denſelben von der anderen zu ent⸗ lehnen pflegt, und belferte ebenfalls luſtig drein. *) In Shakſpeare's„Heinrich der Vierte.“ Der ueberſ. 58 „Nieder mit Dir, Tuͤrk!— Still, Perro! — Die Peſt in Eure plaͤrrenden Kehlen! Nie⸗ der, ſag' ich, und laßt mich hoͤren, welcher Satan auf dieſe Weiſe und zu ſolcher Stunde anpocht. — Wer da?“ fuhr die naͤmliche Stimme in lauterem Tone fort:„Wer biſt Du? und von wannen kommſt Du, daß Du anklopfſt, als wollteſt Du die Pforte einſchlagen?“ „Mach' auf, ſag' ich,“ rief der Fremde. „Gut Freund, Emanuel Naswerth, Capitaͤn der Schwalbe, und ein Freund aller Freibeuter, zu Meer oder Land!“ Vorſichtig ward die Thuͤr geoͤffnet; da aber Der, welcher das Thuͤrſteheramt verwaltete, kein Licht mit ſich fuͤhrte, ſtrauchelte der Capitaͤn uber die Schwelle hin.„Die Peſt uͤber Eure Vor⸗ ſicht!“ rief er.„Iſt's hier doch ſo finſter, wie im unterſten Schiffsraum! Geh, hol' eine Fackel, oder ich ſcheitere an dieſen Klippen, bevor ich in den Hafen einlaufe.“ „Reicht mir die Hand,“ ſagte der Fuͤhrer, „wir haben den Eingang von der Hoͤhle abge⸗ ſondert, ſeit Ihr zuletzt hier waret; nur noch. 59 wenige Schritte, ſo ſind wir ſicher an Ort und Stelle.“ „Sicher wie in einer Brandung,“ verſetzte der Capitaͤn.„Wo aber iſt Euer Hauptmann, oder Fuͤhrer— wie Ihr ihn nennt?“ „Hier,“ antwortete der Gefragte, der um eine Ecke bog und einen ſchmalen Gang entlang zu einem inneren Gemache der Hoͤhle leitete, wo Georg Standwich mit zwei oder drei Anderen, und Levi, dem Juden, um einen Tiſch herum ſaß. Eine eiſerne Lampe, die von der Woͤlbung herabhing, gewaͤhrte einen rothen Flackerſchein und wies jeden Gegenſtand umher in breiten Licht⸗ und Schattenmaſſen, von denen erſtere von der Faͤrbung der Lampenflamme feurig er⸗ ſchienen. Die Wirkung, die dadurch hervorge⸗ bracht ward, war gewaltig und von geſpenſti⸗ ſchem Charakter. Levi, der Jude, ſpaͤhete mit katzenartiger Wachſamkeit umher, beaͤugelte Jeden und Alles, und beſonders das Geſicht des Capitaͤn Nas⸗ werth, mit behutſamer Neubegier. Zwei oder drei andere Maͤnner von hinlaͤnglich verdaͤchtigem — Ausſehen ſaßen neben ihm, und Standwich, der unter ſolchen Geſellen von Perſon und Wuͤrde wie ein Koͤnig ausſah, war der Einzige unter ihnen, der einer beſſern Menſchenklaſſe als der niedrigſten, hinſichtlich des Gewerbes und des Benehmens, anzugehoͤren ſchien. Standwich begruͤßte den neuangekommenen Gaſt, wies ihm einen Sitz an und ließ ihm Er⸗ friſchungen vorſetzen.„Bei'm Lichte auf der Stirn' unſerer Heiligen,“ ſagte Standwich:„Ihr ſeyd willkommen, denn wir haben fuͤr Euch etwas zu beſorgen, das Fluͤgel finden muß, um uͤber das Waſſer hin unſern Freunden Kunde von Dem zu uͤberbringen, was ſich zugetragen hat. Wo liegt Euer Schiff? Treibt die Schwalbe in der Bucht, oder hat ſie auf dem Tamar Anker geworfen?“ „Bei'm T*l hat ſie Anker geworfen,“ ver⸗ ſetzte Naswerth;„die arme alte Schwarze ward ſo zerſtoßen und zerfetzt, neulich Nachts, als der Wind ſich zum Orkane aufblies, daß ich ſie nach Falmouth zum Ausbeſſern bugſiren laſſen mußte. Falmouth iſt noch ſo ein Ort, wo es etliche rechtſchaffene Geſellen giebt, die einem 61 Kahn einen Leck ſtopfen oder den Maſt flicken, ohne neugierig nach demſelben umzufragen, ob er eine hollaͤndiſche oder englaͤndiſche oder hiſpa⸗ niſche Flagge aufzuziehen pflegt, ſo man ihnen nur die Ducaten fuͤr das Kalfatern gehoͤrig klin⸗ geln laͤßt. Was alſo Euer Botſchaftbringen uͤber Meer anlangt, ſo kann fuͤr jetzt nichts daraus werden. Ich fahre nicht eher wieder uͤber den Heringsteich, als bis Alles dicht und feſt iſt, wir koͤnnten ſonſt leicht ſelbſt eine Ladung von Stinkfiſchen werden. Derweil nun meiner Schwalbe in Falmouth neue Fluͤgel angeſetzt werden, kam ich hieher, um mich nach meinen alten Cameraden umzuſehen.“ „Das iſt hoͤchſt unglucklich,“ ſagte Standwich, „wir haben Nachrichten, die unverzuͤglich das Ohr Don Juan's erreichen muͤßten—“ „Ja,“ ſetzte Levi hinzu,„und haben eine koͤſtliche Ladung aͤchter Metalle fuͤr ihn, wie er ſie wohl ehe zuvor von uns durch Eure Ver⸗ mittelung zu niedrigerem Preiſe, als irgend ein Markt von Europa ſie anſetzte, erhalten hat. So wohlfeil ward ſelbſt das Gold und Silber der neuen Welt nicht gewonnen. Es iſt rein, wie das Gold des Ophir, wiewohl unſer Metall Silber iſt, und ich ſelbſt es in meinem ſieben⸗ faͤltig geheizten Ofen gelaͤutert—“ „Und den beſten Theil davon zuruͤckbehalten und Kupferfeilſpaͤne in den Schmelztopf gewor⸗ fen habe, um das Gewicht wieder zu erſetzen,“ ſagte Naswerth.„Euch Juden kenn' ich durch und durch— in Spanien beſchneidet Ihr die Dublonen ſo lange, bis ſie zum Werth einer Piſtole herabſinken. In den Niederlanden ver⸗ kauft Ihr modriges Ziegenhaar fur engländiſche Schafwolle. In Deutſchland muß verſetztes Blei Euch fur irländiſches Zinn weggehen, und in Frankreich freßt Ihr Schinken, um darzuthun, daß Ihr keine Ketzer ſeyd. Man kennt Euer ganzes Geſchlecht, und Eure Spitzbubenſtreiche obendrein. Doch kommt, Hauptmann Standwich, es iſt lange her, daß ich mit Euch zuſammen⸗ traf, und ein tuͤchtiger Schluck aus der reifen⸗ beſchlagenen Kanne wird nicht uͤbel geeignet ſeyn, uns in's Fahrwaſſer alter Cameradſchaft zu brin⸗ gen. Und was den Juden hier betrifft, ſo laßt 63 ihm ebenfalls einen Maßkrug vorſetzen, um zu zeigen, daß wir liberal ſind, und uns dem Zorne nicht hingeben.“ „Ich kenn' Euch, Capitaͤn Naswerth,“ ent⸗ gegnete Levi;„war't Ihr doch allzeit wie Nabal dem Weine ergeben; und wohl kann geſagt wer⸗ den von Euch, daß Euer Name ausdruͤckt Eure Natur, denn Eure Naſe iſt Eures Namens und des Weinkruges werth, dem ſie zu verdanken hat ihre Roͤthe. Ich aber will nicht viel Worte loslaſſen gegen Euch, ſintemal ich weiß, daß Ihr ſeyd der Sohn des gottloſen und rebelliſchen Weibes.“ „Rebelliſch?“ rief der Seemann—„wer wagt es, mich rebelliſch zu nennen? Sagt ſolch ein Wort noch Einmal, und meine Waffe ſoll Folgerungen aus Eurem Schaͤdel ziehen! Re⸗ belliſch? Zugegeben, daß meine Schwalbe uͤber's Meer ſchluͤpft und an der hiſpaniſchen Kuͤſte ankert; iſt ſie denn etwa nicht die Schwalbe? und wandert dieſe etwa nicht, und verlaͤßt dieſe vermaledeite Waſſerrattenkuͤſte, an der der Wind aus allen moͤglichen Puncten der Windroſe blä⸗ 64 ſet, um beſſeres Klima aufzuſuchen? Und wenn ich mit Don Juan und anderen hohen Perſonen Handel treibe, ſo gilt doch wohl der Spruch — leben und leben laſſen, unbeſchadet der Koͤ⸗ nigin?“ „Cap'tän Naswerth,“ nahm Standwich das Wort,„es iſt nicht vonnoͤthen, Ruͤhmens von Eurer Unterthanentreue gegen die Koͤnigin Eliſa⸗ beth zu machen. Mein guter Freund Levi iſt nicht mehr geneigt, ihr Treue zu ſchwoͤren oder unſer Treiben ihr zu verrathen, als er geneigt ſeyn kann, ſeinen eigenen Vortheil dem ſichern Verderben hinzugeben. Er hat ſchon genug im Dienſte dieſes ketzeriſchen Weibes erlitten, um ein Feind ſo ihrer Perſon, wie ihrer Regierung zu ſeyn.“ „Wohl hab' ich gelitten,“ bekräftigte Levi, „ſo wie David, als er getreulich diente dem Saul und dafuͤr belohnt ward von jenem Herr⸗ ſcher mit allerlei und mannichfaltiger Schmach! Gleich ihm bin ich geflohen aus dem Dienſt, und habe genommen meine Wohnung bei dieſem 65 Volk, gleichwie David that, als er entwich in die Hoͤhle von Adullam.“ „In der alle Schelme und Diebe und alles Volk von Gad, die ſich vor den Handlangern der Gerechtigkeit fuͤrchteten, ſich verkrochen,“ ſagte Naswerth.„Iſt das der Vergleich, den Ihr auf uns anwenden und wodurch Ihr uns begruͤßen moͤgtet, Ihr juͤdiſcher Hund? Sind wir nicht ſtattliche Leute— die ein freies Leben fuͤhren, und nach unſerem Vergnuͤgen und eige⸗ nen Geſetzen verfahren, ohne uns um die Parla⸗ mentsſtatuten zu kuͤmmern? Kommt, Jungen,“ fuhr er fort, indem er zu der naheſtehenden Weinkanne griff,„ich bring's und trinke guten Erfolg allen Mondlichtreiſen zu Meer und zu Lande.— Heil Heinrich Percy von Nort⸗ humberland, und dem koͤniglichen Voͤglein im Kaͤfig!“ „Das heißt Marien, der Koͤnigin der Schot⸗ ten!“ ſagte Standwich;—„„von ganzem Herzen ſtimm' ich ein in den Trinkſpruch, und moͤ⸗ gen ihrer Freunde Plaͤne zu ihrer Befreiung ſich erfuͤllen! Moͤge ſie den Thron von England Fitz of Fitz⸗Ford. II. 5 66 beſteigen, mußte auch jeder ihrer Schritte dahin über den Leichnam eines Feindes gehen!“ Alle außer Levi, der nur achzte, ſtimmten in die ausgebrachte Geſundheit ein. „Wie nun, Mann?“ ſagte Naswerth,„biſt Du kein Freund von der erſehnten gottſeligen Herrſchaft unter dem heiligen Kreuze Roms? Ich hielt Dich fur einen Halbbekehrten und fuͤr Einen, der nur der Abſolution beduͤrfte, die den NMenſchen bei der erſten Beichte ſchneeweiß waͤſcht, wenn er auch ſo ſchwarz, wie der T. l waͤre; das nenn' ich mir eine Religion fuͤr uns See⸗ fahrervolk! Wir haben ein beſchwerliches Leben, fuͤhren und empfangen tuͤchtige Hiebe, gewinnen das Unſere muͤhſelig und verthun es leichtfertig, und denken nicht immer an's Zehngebot, wenn wir in den Hafen einlaufen. Doch was macht's aus? Fleiſch und Blut bleibt Fleiſch und Blut, und Religion iſt, wie meine Großmutter zu ſagen pflegte, ein bequem Ding. Ich aber ſetz hinzu, des Papſtes Religion iſt ein bequem Ding, iſt wie ein Armſtuhl fuͤr einen muͤden Mann, auf dem er ausruhet, nachdem er auf der Heerſtraße des Teufels hinabzog. Und was die Buße an⸗ langt, ſo nenne man mir eine ſchwerere, als die eines Seeſturmes oder Schiffbruches, wobei Alles uͤber Steuer geht, und einem Manne keine an⸗ dere Sicherheit bleibt, als die in einem Noth⸗ boot, das wie eine Auſterſchale treibt, bis es endlich an einer Klippe hangen bleibt und Alles ein Ende hat. Mann und Buße ſterben dann mitſammen, und der Mann nimmt des Papſtes freundlichen Gruß an den heiligen Peter mit, daß ihm von dieſem die Himmelsthuͤr aufgethan werde. Das iſt meine Religion, und die Heili⸗ gen wollen Denjenigen ſegnen, der ſie zuerſt aus⸗ gekluͤgelt hat, ſag' ich!“ Waͤhrend dieſer und mancher aͤhnlichen Ro⸗ domontade ſprach Capitaͤn Naswerth der Flaſche und der Kanne mit gutem Getraͤnk ſo fleißig zu, daß, wie wacker er ſich auch auf das Zechen verſtand, ſich ihm doch das Hirn ziemlich erhitzte, und in dem Maße, wie dies der Fall war, ſeine Redeaͤußerungen immer großſprecheriſcher und weit⸗ ſchweifiger wurden und eine Fluth von Schwuͤ⸗ ren und Fluͤchen in ſich aufnahmen, die wir aus „ 68 ſchuldiger Ruͤckſicht gegen den Leſer wohlweislich zuruͤckbehalten. Naswerth war thatſaͤchlich einer von jenen ſeeraͤuberiſchen, wohlbezahlten, ruͤhri⸗ gen Vermittlern zu Waſſer und zu Lande, die reichlich von Rom und Spanien beſchaͤftigt wur⸗ den und zu Eliſabeth's Zeiten ſo häufig ihre Laufbahn am Galgen zu Tyburn oder Wapping endigten. Jedem, der die Zeit der guten Koͤnigin Beß ſtudirt hat, iſt es bekannt, wie mancherlei die gottloſen Verſuche waren, der Beherrſcherin von England das Leben zu nehmen, und wie bei den vielen Meuchlern, die gegen dieſelbe ausgeſendet wurden, es als Fuͤgung des Himmels anzuſehen iſt, daß die Koͤnigin vor allen jenen heilloſen Entwuͤrfen geſchuͤtzt blieb. Die Chroniſten jener Zeit haben dargethan, wie verwegen jene Meuch⸗ ler ſich wieſen, wie ſie nicht ſelten von hohem Stande und vielen Gluͤcksguͤtern waren, und ſich oft mit Leuten aus den niedrigſten Staͤnden zu Ermordung der Koͤnigin Eliſabeth vergeſell⸗ ſchafteten. Faſt jede Provinz Englands lieferte ſchlagende Beweiſe dazu. Obwohl die Grafſchaf⸗ 69 ten Cornwall und Devon minder als andere durch dergleichen Frevler beunruhigt wurden, ſo waren ſie doch nicht gaͤnzlich frei von denſelben. Doch zuruͤck zu unſerer Geſchichte! Waͤhrend Naswerth ſich bei dem Weinkruge gutlich that und den ihm mit geſpannter Auf⸗ merkſamkeit zuhoͤrenden Genoſſen etliche tolle Abenteuer aus ſeinem gottloſen Leben erzaͤhlte, brachte Standwich vollends ſein Geſchaͤft mit dem Juden zu Stande, mit dem er leiſe ſprach. „Ihr ſeyd hart mit mir verfahren, Georg Standwich,“ ließ Levi ſich dabei vernehmen; „denn mein Antheil muͤßte groͤßer ſeyn, als Ihr ihn in dieſem Beutel voll Muͤnzen mir zuwieſet. Ich will das Geld nochmals uͤberzaͤhlen, bevor ich heut Abend zum Gott Iſtaels bete— doch hier will ich's nicht thun; denn jene Geſellen haben Falkenklauen, womit ſie nach Gold und Silber greifen, und wuͤrden den ohnehin ſchon verkuͤmmerten Lohn des armen Juden vollends ihm wegſchnappen——“ Ein lautes Pochen unterbrach hier die In⸗ ſaſſen der Hoͤhle. Der Mann, der als Pfoͤrt⸗ ner dieſer unterirdiſchen Regionen verfuhr, ging, um dem Aufrufe Folge zu leiſten, waͤhrend das Bellen und Klaffen der Hunde wiederholt erſcholl. Der Mann, der jetzt von dem Pfoͤrtner hereingefuͤhrt ward, gab einen ſchlagenden Ge⸗ genſatz zu dem fruͤheren Ankoͤmmling, dem Capi⸗ taͤn Naswerth, ab. Er war lang und ziemlich duͤrr, und trug unter einem Reitermantel einen ſchaͤbigen, ſchwarzen, aus Pluͤſch und Taffet zuſammengenaͤheten Anzug. Sein Geſicht wies einen Ausdruck von Geiſt, obwohl jeder Zug in demſelben ſo ſcharf erſchien, wie bei einem kran⸗ ken Menſchen, der ſo eben einen Fieberanfall uberſtanden hat. Sein ruheloſes, graues Auge ſchien ſich zu dehnen, ſo wie das Thema ſeiner Rede ihn mehr und mehr belebte. In dem Au⸗ genblicke, als dieſer Menſch in das, was man die Vorhalle der Hoͤhle nennen konnte, eingetre⸗ ten war, ſtuͤrzte er dem Tiſche zu, und rief mit Haſt:„Ich bringe Neuigkeiten, wichtige Neuig⸗ keiten! Bin heut ſchon manche Meile geritten, und habe weder der Sporen noch des Athems geſchont, um Euch aufzuſuchen und zu warnen, 71 Capitaͤn Standwich. Aber,“ fugte er hinzu, als ob er ſich beſaͤnne, indem er in der Hoͤhle um⸗ herblickte:„Sind wir Alle hier Freunde?“ „Alle,“ verſetzte Standwich,„alle hier An⸗ weſende ſchweben in gleicher Gefahr, denn Alle haben ſo oder ſo das Geſetz wider ſich. Ihr mögt ſonder Furcht ſprechen. Jener Herr mit der rothen Feder am Hute und den Weinkrug in der Hand, iſt Capitaͤn Naswerth, Befehls⸗ haber der Schwalbe. Dieſer hier iſt mein ehr⸗ licher Freund Levi, zwar ein Jude ſeines Stam⸗ mes, jedoch eben ſo wenig als irgend ein Chriſt, geneigt, den Galgen zu zieren.— Hauptmann Naswerth, dieſer Herr, der ſo ſcharf ritt, um uns Kunde zu bringen, iſt Herr Cuthbert Mayne, wohlbekannt, ſo in Launceſton, wie an anderen Orten, und deſſen Thaten ſchon manches Thema fuͤr Balladenmacher und Poeten abgaben.“ „Ihr braucht mir nicht zu ſagen, wer er iſt,“ rief Naswerth.„Ich kenn' ihn recht wohl; war er doch Bartſcherer zu Launceſton, und Quack⸗ ſalber obendrein, bis er zu dem Gewerb griff, dem T. l und dem Papſte zu dienen. Und e ee e 72 hiemit trink' ich auf Beider Geſundheit, denn Beide ſind wuͤrdige Freunde der Seewoͤlfe.“ Mit dieſen Worten griff er wieder zur Wein⸗ kanne, durch welche ſein Verſtand bereits einen derben Ruck erlitten hatte. „Und wie lauten Deine Nachrichten, Cuth⸗ bert?“ fragte Standwich.„Es ſcheint Dir an Athem zu gebrechen, ſie herauszugeben. Setz' Dich— nimm Dir Zeit— trockne Deine Stirn, denn Thraͤnen der Eile troͤpfeln von ihr herab. Leere dieſen Becher, um Dir den Staub aus der Kehle zu waſchen, und dann theil' uns Deine Kunde mit.“ Cuthbert verſchlang den Inhalt des ihm ge⸗ reichten Bechers, ſtellte dieſen haſtig auf die Tafel und rief:„Wir ſind zunicht gemacht— unſern Freunden in London iſt es mißlungen. Edmund Champion, der Jeſuit, Ralph Sher⸗ win, Lucas, Orton, Bosgrave und all die edlen Gemuther, die am Hofe zu Rom gelubdeten, Fuß in ihrem Mutterlande England zu faſſen und es nicht eher wieder mit dem Ruͤcken zu ſchauen, als bis ſie Eliſabeth's Tod und Mary's 73 Freiheit bewirkt haben wuͤrden, ſind mit einan⸗ der ergriffen, des Hochverraths ſchuldig erklaͤrt und unter allen Scheußlichkeiten des Geſetzes hingerichtet worden. Das war der Lohn jener Maͤnner, die die Umwaͤlzung eines Reiches beab⸗ ſichtigten!“ Standwich verſtummte fuͤr einen Augenblick bei Empfang dieſer Nachricht. Er druͤckte ſeine beiden Haͤnde an ſeine Stirn und ſchien tief nachzudenken. Levi blieb bei ſeiner bisherigen Beſchaͤftigung, denn er ſetzte ſchweigend ſeine Berechnungen in ſeiner Schreibtafel fort; Capi⸗ taͤn Naswerth aber ließ ein lautes Pfeifen hoͤren, als wollte er auf ſeinem Schiffe den Wind her⸗ locken.„Nun dann,“ ſprach er hierauf,„wenn Edmund Champion und deſſen Geſellen die Tod⸗ tenglocke haben muͤſſen laͤuten hoͤren, ſo mag es uͤbel um die Jungen ſtehen, von denen ſie uͤber⸗ geſchifft wurden. Sagt doch an, Herr Cuthbert, koͤnnt Ihr mir keine Auskunft uͤber einen gewiſſen Lucas Kirby geben, der Befehlshaber einer den Franzoſen abgenommenen Galeaſſe, Namens Bo⸗ naventura, iſt? Moͤgt' ich doch gern ſein Schick⸗ ———————————————————— 74 ſal wiſſen, da ſein Schiff und das meinige man⸗ chen Windſtoß zuſammen aushielten, und gleich⸗ ſam Hand in Hand auf hoher See umherge⸗ ſchleudert wurden.“ „Capitaͤn Lucas Kirby,“ verſetzte Cuthbert, „iſt wegen Seeraubes und Hochverrathes gehaͤngt worden.“ Hier ließ Naswerth abermals ein Pfeifen hoͤren.„Und ſein Steuermann?“ fragte er dann. „Thomas Van Hynk, meint Ihr, nicht wahr?“ entgegnete Cuthbert. „Eben der,“ ſagte Naswerth. „Iſt hurtig wie eine Rakete in den Himmel oder ſonſt wohin gefahren,“ fuhr Cuthbert fort. „Sie haben ſich die Muͤhe erſpart, ihn als Hoch⸗ verraͤther anzuklagen, indem ſie zu Smithfield ihn als hollaͤndiſchen Anabaptiſten verbrannten.“ „Er hat Theer gerochen,“ ſagte Naswerth, „von Kindesbeinen an. Doch haͤtte ich's mir nimmer einfallen laſſen, daß ſie den Thomas Van Hynk wie ein altes Faß mit ſchwarzem Siegel verbrennen wuͤrden. Da ſieht man, was es giebt, wenn man nicht einer behaglichen Re⸗ 75 ligion nachlebt. Wir von der roͤmiſchen Kirche machen uns Alles hand- und maulrecht; denn ſobald die Zeiten mild werden, ſalviren wir See⸗ leute uns ſo gut wir koͤnnen, und werden, wenn moͤglich, wieder ehrliche Leute. Und wer weigert uns dann Abſolution fuͤr unſere Nothwendigkeits⸗ ſuͤnden? Nothwendigkeit iſt mir ein neuer Man⸗ tel, unter welchem man alte Lumpen birgt, und womit man des Menſchen Bloͤße deckt.“ „Die Nachricht, die Ihr brachtet, iſt aller⸗ dings boͤs,“ nahm Standwich wieder das Wort, nachdem er ſich hinlaͤnglich erholt hatte, um re⸗ den zu koͤnnen.„Wie ſteht's um Desmond? Hat der Edle die Streitkraͤfte erhalten, die von Seiner Heiligkeit zu Rom und dem Köͤnige von Spanien fuͤr ihn im Weſten von Irland ein⸗ treffen ſollten?“ „Die juͤngſten Nachrichten, die man hieruͤber in London hatte,“ ſagte Cuthbert,„lauteten, daß die Spanier zum Grafen Desmond ſtießen, ein Fort an der Kuͤſte einnahmen, das Banner Eliſa⸗ beth's von demſelben niederriſſen und das des Papſtes an deſſen Stelle aufſteckten. Allein Graf 76 Grey von Wilton verjagte ſie bald, ſo daß kein Mann von ihnen uͤbrig blieb.“ „Ich ſehe, wie es iſt,“ ſagte Standwich hef⸗ tig bewegt,„wir gehen zu Grunde, weil es uns an Einmuͤthigkeit gebricht. Wozu nuͤtzt's, wenn in Irland ſich eine Partei erhebt, waͤhrend die andere im Norden oder Weſten von England nichts thut, als auf Vorbereitung ſinnen? Waͤh⸗ rend unſere tapferen Freunde in London ihr Leben wagen und durch ihres Eifers Kuͤhnheit daſſelbe einbuͤßen, liege ich hier im Erdenbauche verſteckt, verkehre mit Schuften, will auf die Gemuͤther von Geaͤchteten wirken, daß ſie mit Herz und Hand zu uns ſtoßen moͤgen, ſobald die Mißver⸗ gnuͤgten im Weſten des Landes ſich in Waffen erheben; und ſiehe da! unterdeſſen lottert er, der unſer Hauptfuͤhrer ſeyn ſollte, unter den alber⸗ nen Buͤrgern Londons herum. Peſt und Tod! kaum iſt es auszuhalten. Ich hielt Sir Thomas Morlay fuͤr unſern Obmann; er aber ſtoͤßt nicht zu uns. Ich muß fort aus England, muß uͤber dies Mißlingen Rath bei unſern Freunden in England, Spanien und den Niederlanden ein⸗ 77 holen. Es muß ein kuͤhner, verwegener Streich gefuͤhrt werden, ſonſt verdorren unſere Hoff nun⸗ gen eine nach der andern.“ „Wirklich thätet Ihr vor der Hand am be⸗ ſten, die Flucht zu ergreifen,“ ſagte Cuthbert, „indem auf Geheiß der Koͤnigin und des Staats⸗ rathes eine Proclamation erlaſſen ward, daß alle Jeſuiten, widerſpenſtige Prieſter und Alle, die es mit dem Biſchofe zu Rom halten und vierzig Tage nach der Proclamation noch im Lande ge⸗ funden werden moͤgten, als Hochverraͤther vom Leben zum Tode zu bringen ſind.“ „Immerhin!“ ſagte Standwich.„Wenn ich fliehe, geſchieht es nicht aus Furcht, ſondern in der Hoffnung, daß ſolche Flucht ſich ſpaͤterhin um ſo erſprießlicher darſtellen ſoll. Koͤnnte die Verwirkung meines Lebens der Sache, fuͤr die ich ſtrebe, Beiſtand verleihen, koͤnnte ſie Mittel werden, das dreifache Kreuz wieder in England aufzurichten und Marien von Schottland die Freiheit und die Krone zu verleihen, ſo wuͤrde ich freiwillig mich dahin geben und mein Blut auf eine wuͤrdige Weiſe verſpritzt wiſſen koͤnnen.“ „Nu, nu! was mich betrifft,“ meinte Nas⸗ werth,„ſo bin ich kein Hahn mit ſolcher Schwanz⸗ feder. Kann ich die Koͤnigin der Gewalt herun⸗ terwerfen, und die Koͤnigin der Herzen hinauf⸗ ſetzen; ſchoͤn und gut! Muß dabei gefochten werden, wohl; ſo legt Backbord an Backbord, und ich ſage wieder ſchoͤn und gut! Und was die Religion anlangt, ſo hoͤre ich ein„De pro— fundis“ lieber aus der Kehle eines Moͤnches mit kirſchrothem Geſichte, der ausſieht, als ob er alles Waſſer fuͤr Weihwaſſer haͤlt, und drum nimmer einen Tropfen davon trinkt, als aus der windarmen Gurgel eines jener magern, ſchnuͤf⸗ felnden und ruͤffelnden Geſellen, die ihre Gebete hernaͤſeln, die Augen gen Himmel kehren wie ein Entrich bei'm Donnerwetter, und luſtige Kumpane, wie ich Einer bin, die alten Wein, junge Dirnen und blanke Goldſtuͤcke im Sacke, ob zu See oder Land erwiſcht, Allem vorziehen, an die Gerichte liefern. Jedoch mein Leben hin⸗ geben, mich haͤngen und ausweiden und vier⸗ theilen laſſen um nichts und wieder nichts: dazu hab' ich zu viel Mitleiden mit meinem eigenen 79 Fleiſch und Blut in meinen Eingeweiden; und ehe ich dies thue, laſſe ich Eure ſchottiſche Koͤ⸗ nigin, Euren Don Juan und Euren Don Phi⸗ lipp mit einander eine Kurrante*) zum Teufel tanzen, und laſſe meine Schwalbe im Dienſte der Koͤnigin Eliſabeth die Fluͤgel ausbreiten und die Wimpel wehen.“ „Ihr wolltet der Proteſtantin dienen?“ ſagte Cuthbert in veraͤchtlichem Tone zu dem halb⸗ trunkenen Seewolfe;„Ihr, der Ihr auf allen vier Meeren als Pirat bekannt ſeyd?“ „Das luͤgt Ihr in Eure verfluchte Kehle als ein gotteslaͤſternder Spoͤtter hinein!“ rief Nas⸗ werth;„ich bin ein rechtſchaffener Freibeuter, der in ſeinem Leben ſo viele Laͤnder geſehen hat, als die Windroſe Spitzen zeigt. Eliſabeth gewinnt einen Polarſtern, wie ich wohl ſagen moͤgte, fuͤr ihre Marine, wenn ſie mich gewinnt— und ſomit trink' ich ihr Wohlſeyn, denn bei alldem *) Er verſtuͤmmelt das franzdſ.„courante“, wel⸗ ches einen Eiltanz bedeutet. Der ueberſ. 80 iſt ſie eine brave, alte Jungfer, die's verſteht, Kopf uͤber Waſſer zu halten, und ihre Feinde mit eben der Mine, die ihr von ihnen gelegt ward, in die Luft zu ſprengen.“ „Ihr ſeyd trunken, wenn Ihr ſo ſprecht,“ ſagte Cuthbert;„und ſeyd Ihr das nicht, ſo ſind Eure Worte an dieſem Orte eine Beleidi⸗ gung.“ „Nabal iſt ſein Name, und Thorheit ſein Weſen,“ ſprach der Jude;„und Nabal's Herz war luſtig und guter Dinge, denn Nabal war trunken vom Weine.“ „Was ſagſt Du da, alter Iſaak?“ rief Nas⸗ werth. „Ich ſagte nur einen Vers aus der heiligen Schrift her,“ verſetzte der Jude,„ſintemal in ihr Vieles geſchrieben ſteht, was uns zeigen kann, welch Ding boͤs und welch Ding gedeihlich iſt, daß wir lernen verachten den Narren und Schwatzer, wo immer wir ihn moͤgen antreffen.“ „Soll das mir gelten, Du Buͤndel von alten Lumpen und Ledergeldſaͤcken?“ ſchrie Naswerth. „Seyd hoͤflich oder ich ſchlag' Euch den Hirn⸗ — 81 kaſten ein. Und dieſen Cuthbert da will ich platt ſchlagen wie eine Scholle, wenn ſein Maul mich noch Einmal einen Piraten nennt.“ „Nun, wer anders denn, als Du, Kerl,“ ent⸗ gegnete Cuthbert,„beraubte das Schiff des Grafen Worceſter, als er von England nach Frankreich uͤberfuhr, um Namens der Koͤnigin Eliſabeth bei dem Kinde Karls des Neunten Gevatter zu ſtehen?“ „Poſſen!“ ſchnob Naswerth,„das war nichts, ſag' ich, nichts, als ein kleines Mißverſtaͤndniß. Bei Nebelwetter enterte ich das Schiff des Gra⸗ fen, und nahm aus Verſehen einen Trinkbecher und eine Handvoll Loͤffel mit, wodurch ich einem Edelmann von England hinderlich ward, bei einem gekroͤnten Saͤugling Pathen⸗ und Trockenammen⸗Stelle zu vertreten. Und das Volk von England ſchwur, es ſey dies wohlge⸗ than, denn Eliſabeth haͤtte nicht noͤthig, chriſt⸗ liche Freundſchaft einem Prinzen zuzuſagen, deſſen Vater und Großmutter kurz vorher in der Bar⸗ tholomaͤusnacht den Proteſtanten die Gurgeln abgeſchnitten hatten.“ Fitz of Fitz⸗Ford. II. 6 82 „Eliſabeth iſt hoffaͤrtig, gleißneriſch, ruhm⸗ ſuͤchtig und ehrgierig,“ ſagte Standwich,„und—“ „Jedoch zu verſtaͤndig, meiner Meinung nach,“ fuhr der prahlende Naswerth fort,„als daß ſie ſich von Schluckern, wie wir am Ende Alle ſind, niederducken ließe. Was mich anlangt, ſo bin ich halb und halb geſonnen, geſcheidt zu werden, da es noch Zeit iſt, und zu ihrem Geſchwader zu ſtoßen, da ich es noch kann.“ „Euer Dienſt wird nicht angenommen wer⸗ den,“ ſagte Cuthbert;„und Ihr erringt weiter nichts, als daß Ihr mitgehenkt werdet, wenn Ihr uns verrathet.“ „Hohn Euren Worten— ich verrathe Kei⸗ nen!“ ſchrie Naswerth;„was jedoch die An⸗ nahme meiner Dienſte betrifft, ſo mag's eine Wette gelten. Laßt Euch ſagen, daß ich vor Jahren unter Drake diente. Er und ich, wir nahmen Vera Cruz ein und brandſchatzten es. Er und ich, wir ſengten dem Koͤnige von Fez zu Mogadore den Bart an, trieben ihm Schafe weg, die ſo groß wie Kuͤhe waren und zwei Yards lange Schwaͤnze hatten; und er und ich, 83 wir hielten etlichen Indianerfurſten eine Predigt und banden dem Dey von Algier eine Ruthe. Ich habe zu meiner Zeit große Dinge vollfuͤhrt, kann ich Euch ſagen; habe unter Forbiſher und Raleigh gedient, und das waren Beide arge Geſellen; denn Forbiſher belud ſein Schiff mit Schlacken und Kieſelſteinen und ſchwur, daß Alles lauteres Gold waͤre. Der Andere aber, der Raleigh, ging bei mir in die Schule, und lernte von mir feine Sitten, ehe er ſich an den Hof begab.“ „Poſſen!“ rief Cuthbert,„laßt das Prahl⸗ hanſen, unb ſagt uns, wann Euer Schiff bereit ſeyn wird, um den Hauptmann Standwich uber See zu ſchaffen. Er muß nochmals unſere Freunde druͤben aufſuchen, waͤhrend ich im Weſten des Landes Wild zuſammentreibe.“ „Beſſer thaͤtet Ihr,“ meinte Naswerth dage⸗ gen,„Ihr kehrtet zu Eurem ehemaligen Berufe zuruͤck, ſchluͤgt wieder Seife zu Schaum in Eu⸗ rem Bartbecken, und haͤngtet Eure lange Stange mit rothen Baͤndern wieder aus, um kund zu geben, daß bei Euch wieder Menſch und Vieh 6 84 geſchoren und zu Ader gelaſſen werden koͤnne; ſtatt daß Ihr Euch mit Dingen befaßt, die Euch an den Galgen liefern. Nimmermehr wollt Land⸗ ratten dazu aufgabeln, koͤnigliche Regierungen umzuſtoßen; denn die crepiren allſammt am Ver⸗ ſuche. Nur ein Seemann weiß das Steuer am Kahne des Koͤnigthums zu lenken; nur Er weiß vor'm Winde der Popularität zu laviren, nur Er verſteht's, die Seitenkuͤhlte der Politik auf⸗ zufangen, nur Er iſt behend genug, einzureffen, wenn ein Orkan heranzieht. Er nur iſt pfiffig genug, falſche Flagge aufzuhiſſen und hinten am Schiffsſpiegel eine Laterne auszuhaͤngen, die den nachzuͤgelnden Kaͤhnen der Hoͤflinge fuͤr einen Leuchtthurm gilt. Aber Standwich, Standwich! Du biſt ſo vertieft in Deine filzigen Complotte geweſen, daß Du getrunken haſt, wie Fuͤrſten zu heirathen pflegen, naͤmlich durch Stellvertre⸗ ter, ſo daß ich druͤber Deine Kanne nebſt der meinigen leerte. Bei alldem ſind wir miteinan⸗ der nuͤchtern, bis auf den Juden, der ſo trunken iſt wie ein Chriſt, daß er nicht auf ſeinen Fuͤßen ſtehen kann.“ 85 „Trunken? Ich?“ entgegnete Levi.„Seit Sonnenaufgang bis nun, da es Abend iſt, habe ich nur Einen Becher Canarienſect genoſſen und noch dazu ihn mit Waſſer aus dem Quell ge⸗ daͤmpft. Meine Gedanken weilten bei den Hoff⸗ nungen unſeres armen Volkes, und erwogen, wie viele Schekel ſo ein armer Mann, als ich bin, wohl zum Wiederaufbau des ſalomoniſchen Tempels moͤgte koͤnnen beitragen.“ „Du biſt wahrhaſtig kein Salomon, Jude!“ rief Naswerth;„denn wie will Dein Volk Tem⸗ pel bauen, da es keinen Winkel auf Erden hat, den es ſein Land nennen koͤnnte? Behalt Dein Geld, alter Schewa! und verthu's nach guter Chriſten Weiſe. Verehre dem Altar des heil. Nicolaus einen Leuchter, denn lange haſt Du ihm unter einem Hebraͤernamen gedient. Oder ſo Du keinen Leibeserben zaͤhlſt, ſo vermache das Deine, wie ſie im Morgenlande zu thun pflegen, einem Caravanſerai, worin arme Rei⸗ ſende, gleich mir, mit Doppelbier und Canarien⸗ ſect verſehen werden, und wir wollen Dich zudem zum Chriſten machen, daß der Satan dabei 86 Gevatter ſtehen moͤgte. Wohlan, alter Levi, ſey großmuͤthig; ſey ein großmuͤthiger Jud', und ich will Dir den Kuß des Friedens geben.“ Indem der trunkene Seebaͤr dies ſagte, verſuchte er in ſeiner wilden Laune außzuſtehen und dem Iſraeliten einen bruͤderlichen Schmatz zu geben; da er jedoch dabei in's Taumeln kam, begriff er ſich an der Lehne eines hoͤlzernen Seſſels und ſchrie:„Was geht denn die See heut Abend ſo hoch, daß man's Stehen kaum behalten kann? O Du beſoffenſter aller Juden, wie wankeſt und taumelſt Du vor meinen Augen! Geh hin und ſchlaf Dich nuͤchtern, alter Schewa, und nimm ein Exempel an mir.— Standwich,— Cuth⸗ bert— Staatsminiſter— Gurgelabſchneider— Ihr Großen unter den Kleinen und Ihr Klei⸗ nen unter den Großen— Ihr ſeyd mit einan⸗ der ſo benebelt, als Landratten es ſeyn muͤſſen. Reicht mir die Hand und helft mir mich nieder⸗ legen, denn mein Kopf und meine Beine ſtehen zu einander in einigem Widerſpruche. Noch ei⸗ nen Becher voll zum Nachttrunke!— Levi, zaͤhl' Deinen Roſenkranz ab, und Ihr, Standwich, ſchwoͤrt den Schinken nicht ab, ſo ſeyd Ihr Beide auf dem rechten Wege, Heilige zu werden. Und ſomit wuͤnſch' ich Euch Allen einen guten Morgen.“ Der trunkene Pirat ward zu einem Lager gefuͤhrt, das man in einem Winkel der Hoͤhle von Moos und getrocknetem Farnkraute zuberei⸗ tet hatte. Levi, der dieſe Nacht in der Hoͤhle zubringen mußte, ſchlich ſich ebenfalls zu einer Ruhebank, waͤhrend Standwich und Cuthbert Mayne nebſt noch etlichen anderen Vertrauten Rath hielten, was ſie in ihrer verzweifelten Lage zu beſchließen haͤtten. Seiner Zeit wird dem Leſer das Reſultat dieſer Berathung gewiß nicht vorenthalten werden. Biertes Capitel. „— O es iſt ſcheuslich, ſcheuslich!— Die Wellen, duͤnkt mich, ſprachen mir davonz Die Winde ſangen mir es, und der Donner, Die ſchaurigdumpfe Orgelpfeife, rief Den Namen Proſper.“ Shakſpeare. Standwich zog ſich endlich in eine tiefer in der Hoͤhle liegende abgeſonderte Zelle zuruͤck. Allein trat er in dieſelbe, ſtellte die Lampe, die er in ſeiner Hand trug, auf ein Tiſchchen und unter⸗ ſuchte ſeine Piſtolen, die er waͤhrend ſeiner Ruhe⸗ ſtunden beſtaͤndig neben ſich zu legen pflegte. Als er dieſelben fuͤr in Ordnung erkannte, ver⸗ wahrte er ſeine Papiere ſorgfäͤltig in einem Käͤſt⸗ chen, das in einer in den Fels gehauenen Niſche ſtand, in welcher man uͤberdies ſein Crucifix ———— ſein Schreibgeraͤth und etliche Buͤcher, nebſt an⸗ dern Dingen erblickte, die dieſem ſonderbaren Manne gehoͤrten. Die Nachricht, welche Standwich durch den Genoſſen Cuthbert Mayne uͤberbracht worden war, regte dem Hauptmann jegliche Triebfeder ſeines ſchwaͤrmeriſchen Gemuͤthes an. Er ſah die theuerſten Hoffnungen furchterlich erſchuttert, die ihm von jener Religion eingefloͤßt worden waren, fuͤr welche er ſo eifrig ergluͤhete, waͤh⸗ rend Viele von ſeinen geheimen Freunden und Anhaͤngern, die gleich ihm ſich bereit wieſen, ihr Leben fuͤr die Wiederherſtellung der gefangenen ſchottiſchen Maria hinzugeben, jaͤmmerlich dadurch umgekommen waren. Dennoch war ſeine raſt⸗ loſe und ſchwaͤrmeriſche Seele weder durch fruͤhe⸗ res Mißlingen, noch durch vorliegende Schwie⸗ rigkeiten zu erſchuͤttern. Sofort entwarf er neue Plaͤne zur Thaͤtigkeit, und ſetzte als Einleitung dazu die Art und Weiſe ſeiner Abreiſe feſt, um mit jenen verraͤtheriſchen auslaͤndiſchen Mächten zu unterhandeln, von denen ſo viele elende Helfershelfer jeglicher Art und Gattung nach 90 England geſchickt wurden, um daſelbſt mit den Mißvergnuͤgten Verkehr zu pflegen und dieſelben ferner aufzuhetzen. In dieſer Spannung des Gemuͤthes warf Standwich ſich endlich auf ein Mooslager, ohne etwas außer ſeinem Bruſtharniſch von ſich ab⸗ zulegen, zog ſeinen Mantel uͤber ſich und trach⸗ tete zu ſchlafen; allein jener Schlummer, der nur das Reſultat des Seelenfriedens und der Gewiſſensruhe ſeyn kann, ward ihm nicht zu Theile: fuͤrchterliche Traumbilder zogen an ſei⸗ nem Pfuͤhle voruͤber. In einem Augenblick war es ihm, als befaͤnde er ſich in einem Handge⸗ meng, in welchem er ringsum von Feinden ge⸗ aͤngſtigt ward, die mit einander nach ſeinem Leben trachteten; im andern Augenblicke war es ihm, als erblickte er eine weibliche Geſtalt, die ihm winkte, ihr zu folgen, die aber jedesmal, wenn er verſuchte, ihr zu gehorchen, ihm entſchlupfte, bis, wenn er ſie endlich erreichte und ſie an ſeine Bruſt druͤcken wollte, ſie in ſeinen Armen zu einem Geripp ward. Dann wieder waͤhnte er ſich auf offenem Meere; der trunkene Pirat ſtand 91 prahlend und fluchend neben ihm, waͤhrend das Schiff vom Sturme hin und her geſchleudert ward, und er ſelbſt vergebens verſuchte, das Boot zu erreichen, um ſich zu retten. Neben ihm ſchwamm dann etwas Weißes, das von den Wellen hoch zu ihm herauf gehoben ward. Stand⸗ wich betrachtete es genauer, und erkannte darin ein blutbeſpritztes Kind. Im Schlafe rang er ſchier mit Erſtickung, und ſchrie endlich laut auf im Traume:„Mary, o Mary! ſchone des Saͤuglings! das Kind iſt unſchuldig; Dein Streich treffe den Strafbaren!“ Standwich erwachte, fuhr auf, blickte wild umher, und griff in einem verworrenen Gefuͤhl von Schrecken(dem gewoͤhnlichen, wenn auch nicht immer ihm erkennbaren Begleiter deſſen, der ein Leben voll ploͤtzlicher Gefahren lebt) nach einem ſeiner Piſtolen, die zu Haͤupten ſeines Bet⸗ tes lagen, als eine dunkle Geſtalt ſich uͤber ihn hinbeugte, ihm den ausgeſtreckten Arm nieder⸗ hielt und denſelben ſofort entwaffnete. Dies war das Werk eines Augenblickes, und die Per⸗ ſon, die ſo ohne Umſtaͤnde mit ihm verfahren —————— 92 hatte, legte nun den Finger auf den Mund, als deutete ſie ihm Schweigen an. Standwich ſam⸗ melte ſeine Sinne und erkannte in dem naͤchtli⸗ chen Beſuche Betſy Grimbal. Er fragte ſie, weshalb ſie ſo zu unzeitiger Stunde käme? „Um nichts Guten willen,“ ſagte die Alte; „denn wann wird es etwas Anderes als Boͤſes zwiſchen mir und Dir geben, Georg Slandwich? Fluch hetzt uns Beide, trotz unſeres eiſenharten Muthes.— Wer ſchlaͤft dort draußen in der Vorhoͤhle mit ſo ſchwerem Athem, und ſchnarcht dazu wie ein Pfluͤger nach ſauern Tagesmuͤhen?“ „Es iſt der Seeraͤubercapitaͤn,“ verſetzte Standwich.„Er kam heut Abend hier an, als Du fern wareſt.“ „Deſto beſſer fur Euch, daß er zur Hand iſt,“ ſagte Betſy,„wenn anders ſein Schiff ſe⸗ geln kann. Und wer ſchlaͤft dort unter den Boh⸗ nenſtangen?“ „Levi, der Jude,“ antwortete Standwich; „er brachte heut Abend das Silber her, das er fur unſer Volk laͤuterte, damit es bei erſter Ge⸗ legenheit auswaͤrtigem Markte zugefuͤhrt werden 93 moͤgte. Es war zu ſpaͤt, um ihn heinzuſchicken. Bei'm Hahnenruf wandert er nach Hauſe.“ „Sie ſchlafen ſo feſt, als ob ich ihnen den Trank gemiſcht haͤtte. Erhebt Euch, Georg Standwich; ich habe Nachrichten fuͤr Euch, die Ihr wahrſcheinlich nicht werdet hoͤren moͤgen.“ „Sprich heraus, Weib,“ antwortete der ge⸗ aͤchtete Rebell;„ich werde nicht aufſtehen, ſon⸗ dern unterdeſſen hier ruhen.“ „Ihr werdet nicht dort ruhen, ſag' ich Euch,“ fiel Betſy Grimbal ein;„denn meine Worte werden das fuͤr Euch ſeyn, was Stahl dem Flintenſtein iſt; ſie werden Funken aus Deiner ſchlaͤfrigen Seele locken.“ „Was meinſt Du damit, Weib?“ rief Stand⸗ wich.„Hat der Sheriff Kunde von meinem Schlüpfwinkel erlangt? Will er uͤber mich her mit einem Verhaftsbefehl vom Staatsrath, und hat er eine Handvoll Schergen zu ſeiner Un⸗ terſtuͤtzung bereit? Gleichviel, ich bin zum Wi⸗ derſtande geruͤſtet! Wer iſt mein Feind?“ „Dein alter, ſchlimmſter Feind iſt es, den Du zu fuͤrchten haſt,“ antwortete Betſy.„Hat 94 Hugo Fitz kein PlaͤtSchen mehr in Deinem Ge⸗ daͤchtniſſe?“ „Ha!“ fuhr Standwich auf,„was iſt's mit ihm? Fluch auf ſeinen Namen— ich wollte, daß ich fuͤr immer ihn vergeſſen koͤnnte.“ „Er wird Dir nur allzubald neue Urſache geben, ſeiner zu gedenken,“ ſagte die Alte;„denn es ſcheint, daß er daruͤber aus iſt, ſeinen einzi⸗ gen Sohn John Fitz mit Deiner Tochter zu vermaͤhlen.“ Standwich erbebte bis in ſein Innerſtes, als er dieſe Kunde vernahm, und als das Licht der Lampe auf ſein Geſicht fiel, wies dies ſich hager und todtenbleich. Mit weit aufgeriſſenen Augen ſtierte er das Weib an, das vor ihm ſtand, und ſprach dann im Zittertone verhaltener Leiden⸗ ſchaft:„Sprich nicht ſolch ein Wort aus, nenne ſie nicht meine Tochter, damit dieſer Fels nicht von einander berſte und als Werkzeug des Zor⸗ nes Gottes uͤber unſere Haͤupter zuſammenſtuͤrze! Bei alldem hab' ich Vieles gethan, um des Himmels Grimm zu ſaͤnftigen, und es giebt Heilige, deren Fuͤrbitte ich zu meiner Vergebung 95 anflehete.— Aber Fitz— Hugo Fitz? ſprachſt Du nicht von ihm? von jenem Apoſtaten, jenem Feinde Gottes und der Menſchen? von ihm, der mich zu Dem machte, was ich bin, zu einem Auswuͤrfling, und dem ich fuͤrchterliche Rache geluͤbdet habe? Du ſprachſt von ihm— was iſt's mit ihm? Rede!“ „Margarethe liebt ſeinen Sohn,“ fuhr Betſy Grimbal fort,„und wird von ihm geliebt. Sie wird ſein Weib, das Weib des Erben von Fitz werden.“ „Habe ich nicht geſagt, es ſoll nicht ſeyn?“ rief Standwich aus.—„Und doch,“ fuhr er in milderem Tone fort:„warum ſollt' ich ihren freien Willen feſſeln, oder warum ſie elend ma⸗ chen, da ich weiß, wie bald der Ungluͤckliche zum Verbrecher werden kann?“ „Eben ſo thaten Sir Hugo und Glanville an Euch, Hauptmann Standwich,“ fiel Betſy Grimbal ein;„erſt feindeten ſie Eure Liebe zu Mary Glanville an, haßten Euch, traten Euch mit Fuͤßen und verheiratheten ſie an den alten 96 Sir John Page um deſſen Goldes willen. Sir Hugo Fitz war es, der die ganze Geſchichte auf⸗ deckte. Er war es, nur er war es, der Glan⸗ ville's Gemuͤth gegen Euch vergiftete; ſonſt wuͤrde nimmer Das geſchehen ſeyn, was Euch uͤberkam. Wir aber hatten eine koͤſtliche Rache und zahlten ihnen die ſchwarze Schuld in einer Muͤnze, die den Fluch Kain's zum Gepraͤge hatte. — Hahaha!“ „Still, Weib!“ ſagte der Geaͤchtete—„willſt Du mich durch ſolche Ruͤckerinnerungen raſend machen? Ich habe Vergangenes nicht vergeſſen, und brauche nicht durch Gedanken geſtachelt zu werden, die meiner Seele graͤßlichere Pein verur⸗ ſachen, als der Zahn einer Viper mir in mei⸗ nem Fleiſche erregen koͤnnte. Ich habe nicht der erlittenen Schmach vergeſſen, obwohl Jahre zwi⸗ ſchen mir und dem Abgrunde liegen, den man vor mir aufriß. Jeder einzelne Umſtand der Schauergeſchichte lebt ſo friſch in meiner Er⸗ innerung, als ob er ſich eben erſt ereignet hätte, um mir zu fluchen. Ich bedarf nicht, daran ge⸗ mahnt zu werden, als Mann zu handeln. Woher 97 weißt Du, Daß das, was Du mir von Mar⸗ garethen ſprichſt, wahr iſt?“ 2 „Lady Howard,“ antwortete die Alte,„die durch ihren Reichthum ſich Fuͤrſten zu ihren Be⸗ werbern angeln moͤgte, und die meine Dienſte nachſuchte, hat mir Alles erzaͤhlt, und leicht ward es ihr, Alles zu erfahren.“ „Hätte ich je glauben koͤnnen,“ murmelte Standwich,„daß die Rache des Himmels mir eine Geißel, wie dieſe, zuwenden koͤnnte, ſo wurde ich Margaretha nimmer der Obhut Glanville's uͤberantwortet haben. Was aber konnte ich thun? In England geaͤchtet, ein Preis auf meinen Kopf geſetzt, mein Vermoͤgen zerruͤttet, ohne Heimath und ſtuͤndlich in Gefahr, dem Tode durch das Geſetz anheim zu fallen— wohin anders haͤtte ich mein Kind in Sicherheit bringen koͤnnen? Frankreich war ein Schauplatz buͤrger⸗ licher Unruhen; mein Vetter Frederik Champer⸗ noun lag auf dem Todbett und war eben ſo arm und faſt eben ſo freudlos als ich: da war kein Menſch auf Erden außer Glanville, bei dem Margarethen's Haupt vor dem ihr drohenden Fitz of Fitz⸗Ford. II. 7 98 Ungewitter haͤtte geſchuͤtzt werden koͤnnen. Wie wenig aber ließ Glanville, als er das Maͤdchen aufnahm, es ſich traͤumen, daß Margaretha die Tochter ſeiner eigenen Tochter ſey! Und jetzt ſoll ich einſchreiten und den Becher der Gluck⸗ ſeligkeit ihr eben ſo von den Lippen reißen, wie er einſt von den meinigen geriſſen ward!“ „Erinnert Euch,“ ſagte Betſy—„bedenkt! Moͤgtet Ihr Euer Kind am Buſen des Sohnes Deſſen wiſſen, der Schmach und Elend und Angſt uͤber Euch brachte?“ „Verfluchtes Weib!“ rief Standwich—„ſey ſtill! Draͤnge mich nicht zu einer That des Grau⸗ ſens, nicht zu Dem, deſſen Du Dich ſchuldig machteſt, zu—“ „Warum ſchaudert Ihr? Sprecht's aus!“ fiel Betſy ein. „Zu einem Morde!“ ſagte Standwich und ſah todtenbleich von Schrecken aus, als er ſprach. „Ja, zum Morde!“ wiederholte Betſy Grim⸗ bal, indem ſie ihre Haͤnde in einander ſchlug. Mit dem Tone wilden Entzuͤckens fuhr ſie fort: „Ja, ich war es— ich, die zu der That half. W —— 99 Dem Elenden, deſſen Leben in ſeinem Golde ſteckte, der einem ſterbenden Mitbruder einen Tropfen Waſſers zu Kuͤhlung der Zunge ver⸗ weigert haben wuͤrde, wenn der Regen des Him⸗ mels ſich nicht frei und unentgeltlich ergoͤſſe— ja! dem Elenden, der ſein Weib wie eine Scla⸗ vin und mich, ihre Dienerin, wie die Sclavin einer Sclavin behandelte, half ich zu ſeinem Sarge, und der Erdboden beduͤnkte mich gruͤner und friſcher, ſeitdem ich wußte, daß jener Filz denſelben nicht mehr betrat. Warum aber werſt Ihr mir die That vor? Bedenkt, daß, wenn ich und meine troſtloſe Gebieterin die Hand des Todes auf Sir John Page legte, die Mittel dazu von Eurer Erfindung waren.“ „Ich weiß es,“ rief Standwich.„Es iſt dies eine Wahrheit, die nimmer ſchlummern wird. Der heulende Nachtſturm, wie der leichte Seuf⸗ zer des Morgenwindes wiederholen mir den Na⸗ men des Moͤrders. Nicht Ort, nicht Gedanke, nicht Handlung giebt es, die vom Gewiſſen nicht zur Hoͤlle gemacht wuͤrden. Das ſcheus⸗ liche Verbrechen ward von mir in Momenten 7 100 der Leidenſchaften, der Raſerei erſonnen. Dennoch moͤgeſt Du Dich erinnern, daß ich meinen Vor⸗ ſchlag zuruͤcknahm; ja, daß ich ſogar darum bat, daß der Gemahl der Ungluͤcklichen verſchont blei⸗ ben moͤgte.“ „Ja,“ entgegnete die Alte,„aber Euere Vor⸗ ſatzaͤnderung kam zu ſpaͤt. Der Elende lag ſchon in ſeinem Todeskampfe, als Ihr unter unſerm Fenſter Zeichen gabt, daß wir inne halten moͤg⸗ ten. Ihr warft Sand herauf und rieft:„Um Gotteswillen, haltet inne!“ aber die Hand des Todes war bereits in vollem Werke. Ihr haͤttet bereuen ſollen, ehe es geſchah, denn Reue nach der That kommt ſtets zu ſpät. Wer ſeines Opfers ſchonen will, ſteckt das Meſſer in die Scheide, bevor es vom Blute dampft.“ „O wollte Gott, daß es ſo geweſen waͤre!“ ſagte Standwich,„denn die Suͤnde hat, gleich der Fluth, die uͤber ihr Bett hinaustritt, keine Schranken, uͤberſchreitet jede Graͤnze und ſturzt in ihrem wildraſenden Laufe dahin. Das iſt's, was ich haͤtte beachten ſollen! Den erſten Schritt zum Boͤſen haͤtte ich fliehen ſollen; denn wer, — 8 — 101 der da Gottes Geſetz uͤbertritt, darf es wagen, zu ſeiner Seele zu ſprechen, ,hie ſollſt du inne halten“? Wehe, wehe! die Suͤnde iſt ein Ab⸗ grund, aus dem ſich Keiner hervorarbeitet. Mein erſtes Verbrechen war es, was mich meiner juͤng⸗ ſten Miſſethat zufuͤhrte. Haͤtte ich dem Weibe entſagt, das ich liebte, als ſie mit Ehren nicht mein ſeyn konnte, ſo wuͤrde Alles wohl ſtehen.“ „Fruͤher, als Ihr ſie dem Elenden entreißen wolltet, dem man ſie anvermählt hatte, dachtet Ihr anders,“ fiel die Alte ein. „Ich that's,“ entgegnete Standwich,„denn ich beherrſchte meine Leidenſchaften nicht. Lei⸗ denſchaft aber bewaltigt Alles, und laͤßt als eine unbarmherzige Zerſtoͤrerin nicht eher von ihrem Opfer ab, als bis ſie es vernichtet hat. Ich liebte Glanville's Tochter, liebte ſie, nachdem ſie John Page's Weib war, und triumphirte uͤber ihn, indem ich die Gattin ſeinem Hauſe entſtahl und ſie aus den Armen ihres Anver⸗ maͤhlten in die eines Verraͤthers fuͤhrte. Dies aber war nur der Anfang des Uebels— bedenke, was weiter folgte.“ 102 „Nichts Fuͤrchterlicheres haͤtte folgen koͤnnen,“ ſiel Betſy ein,„wenn Hugo Fitz nicht zu Euerm Verderben geſchaͤftig geweſen waͤre. Durch ſeine unaufhoͤrlichen Anſtrengungen, ſelbſt als Ihr meine ungluͤckliche Herrin ſchon ein Jahr lang die Eurige genannt hattet, entdeckte Hugo Euren Verſteckort.— Ihr vergeßt, daß Hugo das Werk⸗ zeug alles Deſſen war, was Euch elend machte.“ „Ich vergeſſ' es nicht,“ entgegnete Stand⸗ wich;„er war mein boͤſer Geiſt, mein unver⸗ ſoͤhnlicher Feind in jeglicher Hinſicht. Hugo Fitz war der Erſte, der meine Liebe zu der Tochter Glanville's dem Vater derſelben zu einer Zeit hinterbrachte, als dieſe Liebe rein und unſchuldig war. Er deckte die Thorheiten meiner Jugend auf, um mich bei Glanville als der Tochter deſſelben unwuͤrdig darzuſtellen. Und als ich ſie durch Suͤnde und mit Gefahr gewonnen hatte, war es wiederum Hugo Fitz, der ſie meinen Armen entriß, um ſie ihrem Gemahl wieder zu⸗ zufuͤhren; und was mehr iſt, denn Alles— o Himmel! kann ich es je vergeſſen, daß durch ſeinen Betrieb, durch ſeine Uebergeſchaͤftigkeit die „ 103 Ungluckliche, die durch mich zur Suͤnde verleitet worden war, als Moͤrderin angeklagt und ge⸗ richtet ward!“ „Eine ſolche Ruͤckerinnerung wuͤrde ſelbſt Steine zur Rache aufwuͤhlen,“ ſagte Betſy Grim⸗ bal.„Und wollt Ihr jemals zugeben, daß der Sohn dieſes Mannes Eure Tochter eheliche?“ „Still, Weib!“ entgegnete Standwich;„Mar⸗ garethe iſt unſchuldig. Nenne ſie nicht meine Tochter. Der ungluckliche Sproͤßling meiner ge⸗ ſetzwidrigen Liebe weiß nichts von dem ſcheus⸗ lichen Geheimniſſe ſeiner Geburt. Margarethe haͤlt ſich fuͤr das Kind eines redlichen Mannes, der jetzt in ſeinem Grabe ruhet.— O, waͤre jenes Grab das meinige geweſen!“ „Wie aber, wenn Margarethe wuͤßte, daß ſie Eure Tochter iſt?“ fragte die Alte. „Der bloße Gedanke an ſolch einen Vater wuͤrde ihre unſchuldige Seele mit Verbrechen be⸗ laſten,“ verſetzte Standwich;„denn ſie wuͤrde mir fluchen— und welcher Menſch iſt verwil⸗ dert genug, um den Fluch ſeines Kindes tragen zu können? Nein, nimmer ſoll Margarethe 104 wiſſen, daß ich ihr Vater bin— denn wenn ſie es wuͤßte, wuͤrde ſie in mich dringen, ihr das Grab ihrer Mutter zu zeigen. Wie koͤnnte ich das ertragen? Ja, eine fromme Tochter wuͤrde eine Thraͤne auf den Raſen ihrer Gebare⸗ rin fallen laſſen wollen, und wie— o! wie ſchmachvoll wurde es ſeyn, wenn ich ſtatt deſſen zu ſolcher Tochter ſprechen muͤßte:„Deine Mut⸗ ter ſtarb als gemeine Miſſethäterin— ja, aͤrger noch, als eine Verraͤtherin am Scheiterhaufen, und Du, Du biſt das Kind der Unehre, die Tochter einer Moͤrderin! Deine Gebaͤrerin hat kein Grab, denn ihre durch Feuer erzeugte Aſche mengte ſich mit gemeinem Staube und ward fuͤr zu verflucht gehalten, um eine Ruheſtatt in ge⸗ weihter Erde zu finden— und ich, der ich die verworfene Urſache deß Allen bin, ich lebe, um Dir zu ſagen, daß Du das Kind einer Verbre⸗ cherin biſt.“ Bei dieſen Worten warf Stand⸗ wich ſich uͤber ſein Lager hin, bedeckte ſein Geſicht mit ſeinen Haͤnden und ſchien mit den martern⸗ den Gefuͤhlen in ſeinem Buſen zu ringen. „Thor! ſteh' auf, und ſey ein Mann!“ rief Betſy Grimbal.„Vermoͤgen alle Salzwaſſer aller Meere denn die Erinnerung an Vergangenes wegzuwaſchen? Du weißt, daß ſie es nicht vermoͤgen; wie viel weniger alſo koͤnnen es Deine Thraͤnen! Erhebe Dich und ſey nicht gleich dem Feigling, der einen Plan entwirft, jedoch nimmer ihn in's Werk richtet.“ „Gottloſes Weib!“ entgegnete der Geaͤchtete, „Du vergiſſeſt, wer Du biſt und was Du ver⸗ dienſt. Du verdankſt mir das Leben, das Du den von Dir uͤbertretenen Geſetzen Deines Lan⸗ des ſchuldig biſt.“ „Sage der Welt das, Georg Standwich,“ rief die Alte,„und ſiehe zu, wie lange dann Dein Kopf auf Deinen Schultern bleibt. Geh hin und ſprich:„Dies iſt Betſy Grimbal, die ihrer Herrin, meiner Herzallerliebſten, der Lady Page, beiſtand, ihren Gemahl zu ermorden. Und wenn Ihr das thut, ſo vergeßt nicht, hin⸗ zuzufuͤgen, daß Betſy, als ſie den Haͤnden der Gerichtsbarkeit entrann, fuͤr mich mein Kind ſtahl und es wohlbehalten in meine Arme zu einer Stunde legte, in welcher, wenn ich mei⸗ nen Fopf haͤtte blicken laſſen, kein Haar auf demſelben geweſen ſeyn wuͤrde, das nicht der Strenge der Geſetze verfallen waͤre.“ „Ja, Weib,“ ſagte Standwich,„ſo verſtockt, gottlos und verworfen Du auch biſt, ſo verdanke ich Dir doch dieſe Eine Wohlthat. Du brach⸗ teſt mir meine unſchuldige Lochter, die ich ohne das nimmer haͤtte fordern moͤgen, und wohl nimmer wiedergeſehen haben wuͤrde. Auch warſt Du es, die mir dazu half, ſie der Obhut mei⸗ nes Verwandten Frederik Champernoun's zu uͤberantworten, der ſie alsdann als ſein eigenes Kind in der Hoffnung erzog, die Schmach ihrer Geburt in ewiges Vergeſſen zu begraben. Und er, dieſer theure Verwandte, dieſer einzige Freund, iſt nicht mehr! O, was fuͤr traurige Erinnerung gewaͤhrt dies Alles! Wenn ich erwaͤge, wie in meinem fruͤheren Leben ich ſo viele theure Freunde hatte, wie geehrt, wie gluͤcklich ich war— und ach! was bin ich jetzt?“ „Ein Menſch,“ fiel Betſy Grimbal ein,„der fuͤr ewige Tage den Stachel des Gewiſſens fuͤhlt, und weder Kraft hat, den Schmerz zu erdulden, noch Muth genug beſitzt, demſelben zu trotzen.“ „Freches Weib!“ rief Standwich,„wer biſt Du, daß Du es wagſt, ſo unverſchaͤmt zu mir zu reden? Bin ich nicht das Getruͤmmer eines edlen, wenn auch gefallenen Mannes, und biſt Du nicht eine niedrige Bettlerin, eine elende Betruͤgerin, eine gemeine Diebin, die einſt die Magd der ſuͤndigen Lady Page war? Was hat uns einander gleichgeſtellt, daß Du ſo dreiſt an mir thuſt?“ „Ihr ſelbſt!“ entgegnete die Abſcheuliche; „wer einen Andern zum Mitwiſſer ſeiner gott⸗ loſen Geheimniſſe und zum Theilnehmer an ſei⸗ nen Miſſethaten macht, reißt alle Schranken der Sonderung ein, die fruͤher zwiſchen Beiden ge⸗ ſtanden haben moͤgen. Ich bin jetzt Deines Gleichen— verwirf mich, wenn Du den Muth dazu haſt.“ „Aus meinen Augen!“ ſchrie Standwich. „Ich weiß nicht, ob es Zulaſſung des Himmels iſt, oder ob der Teufel Dich dazu anregte— aber Du haſt in dieſer Nacht Erinnerungen in 108 mir erweckt, haſt ſolche Schreckbilder vor meine Seele gefuͤhrt, daß mein Inneres mit Grauſen erfullt iſt. Ich koͤnnte gefaͤhrlich werden. Noch ein Wort, und—“ „Und was?“ entgegnete Betſy in trotzigem Tone:„Was koͤnnteſt Du? Wohlan, nimm Dein Schießgewehr, und reihe einen zweiten Mord zu dem Regiſter Deiner taͤglichen Verbre⸗ chen, daß Du eine Urſache zur Buße mehr ha⸗ beſt. Laß Dein naͤchſtes Verbrechen den Tod Derjenigen ſeyn, die noch in dieſem Augenblicke wacht, um Dein Haupt gegen die Gerichtsbar⸗ keit zu ſchirmen. Doch ſieh her, Georg Stand⸗ wich! Ehe Du die Woͤlfin angreiſſt, fuͤrchte ihre Krallen. Ich werde nicht zahm ſterben, und bin ſo gut bewehrt als Du.“ Indem ſie dies ſagte, zog ſie ein geſpanntes Piſtol unter ihrem Mantel hervor und ſchlug mit der groͤßten Gelaſſenheit auf Standwich an. Mit Hohnſpott fuͤgte ſie hinzu:„Wohlan, ſprich! Wer ſoll den erſten Schuß haben? Ich ziele traun eben ſo gut als Du.“ „Narr, der ich bin,“ ſagte Standwich,„mit einem Weibe mich in Wortgefecht einzulaſſen! Steck' Dein Gewehr ein; ich ſinne nichts Ver⸗ derbliches gegen Dich. Meine Gedanken waren auf ein mir widerwaͤrtigeres Weſen gerichtet, als Du es biſt. Ich dachte an Georg Standwich, als ich vom Tode ſprach.“ „Denke ſeiner, wie es Dir geziemt,“ verſetzte Betſy Grimbal,„denke ſeiner als eines Men⸗ ſchen, der Leben, Blut und Bewegung hat, wo⸗ durch er ſo ſich wie Andern zu dienen vermag, und richte Deine Todesgedanken gegen Deine Feinde. Ueberlaſſe dieſe Reue naͤſelnden Pfaffen. Denk' an Hugo Fitz— er iſt's, der Dich auf⸗ ſchuttelt.“ „Morgen, morgen!“ ſagte Standwich;— „heut will ich keinen Rath anhoͤren.“ „Ich aber will Dir rathen,“ fiel ihm die Alte ein,„zu nicht geringem Preiſe hab' ich das Recht erkauft, Dir Rathgeberin zu ſeyn.“ „Und welchen Rath koͤnnteſt Du ertheilen?“ fragte Standwich.„Bosheit lauert aus Deinen Blicken, wie aus Deinen Worten! Was willſt Du, daß ich thun ſoll?“ 110 „Raͤche Dich an Fitz!“ rief die Alte.„Er⸗ ſinne irgend ein Mittel, die Hoffnungen ſeines Sohnes zunicht zu machen; das wird ihm ſchaͤr⸗ fer, als ein zehnfach gegluͤhetes Eiſen durch's Herz dringen, denn Fitz lebt nur in ſeinem Sohne. Mache den Sohn elend, ſo vernichteſt Du den Vater! Nimmer darf Margarethe das Weib des Erben von Fitz werden! Und wenn Alles fehlſchlaͤgt, ſo fuͤhre mit eigener Hand einen kuhnen Streich—“ „Satan!“ ſchrie der Geaͤchtete—„willſt Du meinen Grimm abermals mit Menſchenblute* fuͤttern?“ „Nur dann erſt, wenn jedes andere Mittel nicht verfangen will. Sir Hugo Fitz iſt der grauſame Verfolger Deiner ſelbſt und der Deini⸗ gen geweſen— ſoll dieſe Liebe nun gedeihen— ſoll eine Heirath zwiſchen John Fitz und Eurer Tochter zu Stande kommen?“ „Nein,“ antwortete der Geaͤchtete;„mein Blut ſoll ſich nimmer mit dem des Hauſes Fitz miſchen, muͤßte ich auch mein Leben einſetzen, um ſolches zu verhindern. Laß mich nachdenken. Der Plan iſt gefaͤhrlich; allein es giebt keinen andern. Ich will ihn wagen, und wenn er fehl⸗ ſchlaͤgt, ſo will ich lieber ſie todt, als mit dem Sohne des Verfluchten vermaͤhlt ſehen. Ich werde Alles zum Verſuch anordnen. Nach weni⸗ gen Tagen verlaſſe ich dieſe Kuͤſte, um, wie ich hoffe, mit beſſeren Hoffnungen zuruͤckzukehren, das Panier Roms in dieſes Land wieder zu ver⸗ pflanzen, die ſchottiſche Maria zu befreien und ſie im Triumphe zum Throne zu fuͤhren. Fuͤr dieſe Sache nur leb' ich; was waͤre auch ohne ſie das Leben Demjenigen, der auf Erden keinen Frieden hat und kaum hoffen darf, Frieden im Himmel zu finden?“ „Du und Hoffen auf den Himmel?“ rief Betſy Grimbal:„Hader, Blutvergießen und Rebellion ſind Deine Hoffnungen. Immerhin mag es ſo bei den Anhaͤngern Deines Glaubens ſeyn. Die des meinigen trachten ſowohl als Ihr nach Frieden im Tode; allein unſer Hoffen iſt zuverlaͤſſiger, denn das Eurige; denn es wohnt in jenem langen, ſtillen Schlafe, aus welchem keine Poſaune des Weltgerichts erwecken wird.“ 112 „Unglaͤubige!“ entgegnete der Rebell,„ſchweig, daß die Felſen nicht uͤber Dein gottlaͤſterndes Haupt, Dich zermalmend zuſammenſtuͤrzen.“ „Nein, nein,“ ſagte Betſy,„ſie ſind zu feſt in den Schooß der Hure Erde eingeſtemmt, deren Umarmung Alles aufnimmt, was Zuflucht in demſelben ſucht. Ich bin zu wohl belehrt worden, als daß ich die Schatten des Aberglau⸗ bens fuͤrchten ſollte.“ „Dein Geiſt,“ verſetzte Standwich,„iſt aller⸗ dings uͤber Deinen Stand belehrt worden, allein wie haſt Du ihn angewendet?“ „Das will ich Euch ſagen, Georg Stand⸗ wich,“ antwortete die Alte.„Ich habe die Kraͤfte meines Geiſtes ſo gebraucht, wie Solda⸗ ten ihre Waffen zu gebrauchen pflegen; naͤmlich als Mittel zu Angriff oder zu Abwehr, je nach⸗ dem meine Sicherheit es erheiſchte. Und was thue ich mehr als Andere? Ihr habt mich mit dem Namen Moͤrderin gebrandmarkt? Blickt in der Welt umher; ſind nicht auch manche Koͤ⸗ nige Moͤrder? Wie manches Haupt mag ge⸗ fallen ſeyn, um dem Argwohn zu genuͤgen, wenn 113 dieſer von koͤniglicher Abkunft war? Wo iſt der Gemahl Eurer ſchottiſchen Koͤnigin, um derent⸗ willen Ihr Euer Leben wagen moͤgtet? Wer fand fuͤr Darnley ein Grab? Ward es ihm nicht von ſeinem Weibe gefunden? und ward es nicht mit Feuer verſorgt, wie? mit Feuer, das nach Deiner Lehrweiſe die Verdammten martert?“ „Die Welt ſelbſt iſt eine Zerſtoͤrerin,“ ſagte Standwich;„und der Menſch nagt am Men⸗ ſchen.“ „Ja, und durch ſchleichende Mittel,“ ent⸗ gegnete Betſy Grimbal.„Das Recht und Ge⸗ ſetz ſchleppt einen Menſchen langſam zu Elend und Hunger; der Arzt vergiftet ihn und laͤßt ſich Bezahlung und hohes Anſehen dafuͤr geben; und wo ein dummer Teufel noch eine Handvoll Muͤnzen uͤbrig hat, da pluͤndern Eure Alchy⸗ miſten ihn durch Vorſpiegelung ungeheurer Reich⸗ thuͤmer. Alle Menſchen ſind Moͤrder. Eure Zweikaͤmpfer erſtechen einander und nennen es Ehre. Eure Kriegsknechte ſind Kehlabſchneider fuͤr einen Groſchen taͤglich, und Eure Myſtiker toͤdten den Leib vermittelſt der Seele. Nur Fis of Fitz⸗Ford. II. 114 Eine Art von Mord iſt rechtſchaffen, und nur der hat ſie erwaͤhlt, der ſeinen Feind offenbar und hurtig aus der Welt ſchafft.“ Waͤhrend Betſy Grimbal, deren Macht auf die Gemuͤther Anderer zum Boͤsthun zu wirken faſt eben ſo groß, als ihr Wille dazu war, auf ſo heftige Weiſe den Rebellenhaͤuptling anredete, ſtand dieſer mit verſchraͤnkten Armen in tiefem Sinnen da, und ſchien ganz und gar in den Ge⸗ genſtand verſunken zu ſeyn, der ſeiner Imagina⸗ tion von dieſem grauſamen und ſchaͤndlichen Weibe vorgehalten ward, das fuͤr ihn ſo viele Jahre lang wie ein boͤſer Genius geweſen war, der ihn umſpukte, um ihn zu Suͤnde und Elend zu verleiten. Standwich ſchien jetzt ſeine Ge⸗ danken auf ſeine Tochter zu richten, indem er leiſe vor ſich hin die Worte ſprach:„Nimmer, ſo lange ich Athem habe, ſoll ſie das verhaͤng⸗ nißvolle Geheimniß ihrer Geburt erfahren, damit ſie mich nicht frage, warum ich ſie nicht in der Stunde ihres Werdens erſtickt, damit ich ſie davor bewahrte, ihrem Erzeuger zu fluchen. Ich will ihre Schuldloſigkeit bewahren; ja, ich will Ein — 115 reines Weſen zum Freunde haben, das mit er⸗ hobenen Haͤnden, mit Blicken der Unſchuld empor zum Morgenlichte in heiligem Gebete ſchaut, und Segen uͤber Georg Standwich herniederfleht. Kein Tag ſoll vergehen, an welchem Margare⸗ the nicht ſolches Gebet zum Himmel emporſchickt. Moͤge der Himmel mir meine ſchweren Suͤnden vergeben, und all ſeine Segnungen auf das Haupt meines unſchuldigen Kindes herabſchuͤt⸗ ten. Thraͤnen entfielen den Augen des Geaͤchteten, als er ſo ſprach. Sein Haupt ſenkte ſich auf ſeine Bruſt. Einen Augenblick nachher ſchaute er auf, und ſeine Augen begegneten dem liſtigen Stierblicke Betſy's. Standwich ſah die dunkeln Augen voll Unheils vor ſich blinken und rief: „Ich ſeh's, Weib! Du warteſt den Augenblick ab, in welchem Leidenſchaft— Wahnwitz magſt Du es nennen— mich wieder ergreifen ſoll, damit Du mich dann zur Ermordung meines Feindes anregeſt. Doch es ſoll Dir nicht gelingen. Ver⸗ laſſe mich— ich befehl' es Dir. Ich will als Mann, als Vater handeln; allein kein Haar will 8* 116 ch auf Hugo's Haupte gekrummt wiſſen. Ent⸗ hebe Dich, ſag' ich!“ Betſy Grimbal entfernte ſi ich, und der Un⸗ gluͤckliche, der von einer Fluth boͤſer Leidenſchaf⸗ ten und von unklaren Gefuhlen der Reue hin und her geworfen ward, ſuchte nochmals Ruhe auf ſeinem Lager; allein er fand ſie nicht. Fünktes Capitel. d Die Alten klagen Ob hingeſchwund'ner Kraft. Erleſene Wen'ge Nur freu'n ſich des Genuſſes und erliegen Nicht ihren laͤſt'gen Muͤh'n—— Von dieſer Hoͤhe Hier, Jaͤger, ſchau' herab! Somerville. Jene Leidenſchaft fuͤr die Jagd, die ſo ſchoͤn in dem Gedichte beſchrieben ward, aus welchem wir die Ueberſchrift dieſes Capitels entlehnten— eine Leidenſchaft, der die Englaͤnder von jeher zuge⸗ than waren, herrſchte vollkraͤftig in der Bruſt der Bewohner von Taviſtock und der Umgegend, zur Zeit unſerer Erzählung. Oft nahmen die Frauenzimmer Theil an dieſen Waldbeluſtigungen, die, zumal in der Grafſchaft Devon, wegen der 118 bergigen Beſchaffenheit des Landes durch ploͤtz⸗ liche Felſenabhaͤnge und durch die zahlloſe Menge kleiner und großer Wald⸗ und Feldgewaͤſſer mit nicht geringen Gefahren verknuͤpft waren. Als Beweis, wie hoch die Jagd in jenen Gegenden ſchon in den fruheſten Zeiten geſchaͤtzt ward, bie⸗ tet ſich das noch vorhandene Jaͤgerhaus, das unweit des beruͤhmten Morwelfelſens, nach wel⸗ chem es ſeinen Namen erhielt, von dem Abte zu Taviſtock erbaut ward. Dieſes in gothiſcher Weiſe von Stein aufgefuͤhrte Gebaͤude zeigt ſich vierwinkelig und hat einen Thorweg, der viel Aehnlichkeit mit dem der Abtei Taviſtock hat. Es liegt zwiſchen ehrwuͤrdigen Baͤumen, und obwohl es jetzt in jeder Bedeutung des Wortes eine Einſiedelei iſt, ſo war es doch ehemals der Schauplatz mancher Feſtlichkeit, zu einer Zeit, in welcher die luſtigen Moͤnche von ihren Faſt⸗ und Bußuͤbungen abließen, und aus ihrem Klo⸗ ſter heraus nach dem Tacte des Hifthornes ſich hervormachten, um den fleckigen Hirſch zu bir⸗ ſchen, deſſen ſtramme Weichen ihnen einen leckern Schmaus verhießen. — ——— 119 Als die Abtei geſchleift ward und die Moͤnche ſich von Cromwell, Grafen von Eſſex, zur Zeit Heinrichs VIII. vertrieben ſahen, belehnte dieſer Koͤnig den Grafen von Bedford mit den Abtei⸗ gutern, ſo daß das Jägerhaus zu Morwel Ei⸗ genthum der Familie Ruſſel ward. Durch die Gefaͤlligkeit dieſer Familie bewohnte Sir Nicholas Slanning jetzt dieſes Jaͤgerhaus, wo er in ſeiner Jugend, Ruͤhrigkeit und Ruͤckſichtsloſigkeit gegen alle Gefahr dem Waldvergnuͤgen nach Herzens⸗ luſt oblag. Am Tage nach der im vorherge⸗ gangenen Capitel mitgetheilten Begebenheit zog Sir Nicholas dieſem Vergnuͤgen in Geſellſchaft des Sir Hugo, deſſen Sohnes John, und meh⸗ rerer benachbarten Landedelleute nach. Der Fuchs, dieſer liſtige Feind des Land⸗ mannes, war an dieſem Tage der Gegenſtand ihres Treibens, und zu fruͤher Stunde hielt die Geſellſchaft ſich zum Auszuge bereit. Schon hatten die Jagdluſtigen ſich in den Sattel ge⸗ ſchwungen, als nach des Landes Sitte ein alter Diener des Hauſes, der ſchon ſeit vierzig Jahren dies Amt verwaltet hatte, hervortrat und jedem 120 Reiter einen Silberbecher reichte, den er dann aus einer Kanne, die er in der andern Hand trug, mit Doppelbier fuͤllte, damit Jeder den Steigbuͤgeltrunk erhalten moͤgte. Mann und Roß und Hunde eilten ſodann von hinnen zu jenem luſtigen Zeitvertreib, der in einer oder anderer Form von jeher bei allen Nationen als eine Erholung, und bei wilderen Voͤlkern als ein Nahrungszweig angeſehen worden iſt. Der Thau lag glitzernd auf dem Graſe, die Luft war vom friſchen Fruͤhhauche gewuͤrzt, und die geſammte Natur wies ſich friſch, klar und lebendig. Das Birſchen hatte ſchon mehrere Stunden gewaͤhrt, ohne den Jägersleuten den erwuͤnſchten Erfolg herbeigefuͤhrt zu haben. Man wollte endlich uͤber den Tamarfluß ſetzen, um am jen⸗ ſeitigen Ufer, wie man hoffte, beſſere Jagd zu haben. So viel Vergnügen Sir Hugo auch an der Jagd fand, ſo fuͤhlte er ſich doch zu ermuͤ⸗ det, um laͤnger an einem Unternehmen Theil haben zu moͤgen, das nur von Juͤngeren und Ruͤſtigeren verfolgt werden konnte. Er ließ alſo 121 die Geſellſchaft ſammt und ſonders auf ihren Gaͤulen durch das Waſſer ſchwimmen, und be⸗ ſchloß, die Ruͤckkehr derſelben auf dem kuͤhnen Vorſprung des Morwelfelſens zu erwarten, von welchem herab er die Jagd zwiſchen den gegen⸗ uberliegenden Huͤgeln von Cornwall beobachten konnte. Die Landſchaft, durch welche Sir Hugo trabte, war wirklich großartig. Sie beſtand meiſtentheils aus kuͤhnen, hochgethuͤrmten Felſen, die ſich hie und da faſt ſenkrecht erhoben. End⸗ lich gelangte er in eine tiefliegende ſchmale Ebene, durch welche ſich ein brauſender Waldſtrom er⸗ goß. Der Pfad wand ſich unter einem Laub⸗ dache hin, das von Bäumen und Geſtraͤuchen gebildet wurde, welche aus den Felswaͤnden her⸗ vorſprangen. Am aͤußerſten Ende dieſer Thal⸗ ſchlucht fuͤhrte der Weg ploͤtzlich zu dem Rande eines Abgrundes, und obwohl hier das Gewaͤſſer nicht mehr geſehen werden konnte, ſo war doch das Brauſen deſſelben hoͤrbar. Mit ſorglicher Vorſicht begab Sir Hugo ſich hugelan. Das ſicher trabende Thier, das er ritt 122 und das an Wege gewoͤhnt war, vor denen der beſte Stadtrenner zuruͤckgebebt ſeyn wuͤrde, ſchritt ſorgfältig dahin, indem es ſowohl den Rand des Abgrundes, wie hie und dort befindliches lockeres Geſtein, auf welchem es hätte ſtuͤrzen müſſen, zu vermeiden wußte. Auf einer Wegkruͤmmung wendete Sir Hugo ſich von dem Abgrunde weg, und gelangte nunmehr in ein Dickicht, durch wel⸗ ches hindurch er ploͤtzlich den Vorſprung des Morwelfelſens erreichte, wo ſich dem Blicke eine uberraſchend hervortretende, praͤchtige Ausſicht darbeut, und von welcher mehrere hundert Fuß hohen Anhoͤhe herab, die unten am Tamar hin⸗ wandelnden oder hinſchluͤpfenden lebenden Weſen wie kleine Flecke ſich zeigen, ſo daß dieſe Gegen⸗ ſtaͤnde, von dort aus betrachtet, elfenartig erſchei⸗ nen. In der Ferne ſieht man die maleriſchen Schwibboͤgen der neuen Bruͤcke, die uͤber den Tamar fuͤhrt, weiterhin die Waͤlder von Blan⸗ chedown, und Huͤgel, die im blauen Horizont faſt ihre Umriſſe verlieren und ſich durch dies waſſerreiche Thal winden, in welchem Erhaben⸗ 123 heit und Schoͤnheit ſich zum Entzuͤcken des Be⸗ ſchauers deſſelben miſchen. Als Sir Hugo die Waldhoͤhe auf Morwel erreicht hatte, ſaß er ab und band ſeinen Gaul an einen der Baͤume, um auf dem Vorſprunge die Jaͤger am jenſeitigen Ufer zu beobachten. Auf einem bemooſ'ten Steine bot ſich ihm, dem Ermuͤdeten, ein bequemer Sitz dar, von welchem Sir Hugo die Umgegend in ſo fern minder beachtete, als ſeine Gedanken mit den druͤben umherſchweifenden und birſchenden Genoſſen be⸗ ſchaͤftigt waren. Als Sir Hugo ſich eine Zeit lang ſo der zwie⸗ fach ihm ſich bietenden Anſicht uͤberlaſſen hatte, hoͤrte er Fußtritte hinter ſich. Er fuhr auf und erblickte einen Mann von athletiſchem Koͤrperbau, der eine Sturmhaube und einen Bruſtharniſch trug, und mit Schwert und Piſtolen bewaffnet war. Die Geſtalt ſtand ſtill und heftete ſchwei⸗ gend einen ernſten und forſchenden Blick auf den Beſitzer von Fitz. Dieſer, der keineswegs auf ein ſo erſchreckendes Begegnen vorbereitet war, erkannte zur Vergroͤßerung ſeines Schreckens, daß es hier keinen Weg zum Entrinnen gab, indem der Fremde zwiſchen ihm und dem Engpaſſe ſtand, der in den Wald leitete. Ringsum aber lag der furchterliche Abgrund. Sir Hugo's Un⸗ ruhe ſtieg, ihm klapperten die Zaͤhne, und ein Zittern, das er nicht zu verbergen vermogte, er⸗ griff ſeinen ganzen Koͤrper, indem er einen„guten Morgen“ in der Hoffnung ſtammelte, dadurch den Ankoͤmmling fuͤr ſich zu gewinnen, von dem es ihm augenblicklich durch den Sinn fuhr, daß derſelbe kein Anderer, als einer von den geachte⸗ ten Grubenmaͤnnern ſeyn koͤnnte, die zum Theil von ihrem Raube, den ſie an dem Eigenthume der Krone uͤbten, zum Theil von offenbarer Pluͤnderung und Gewaltthat lebten. Wie tadelte der Eigner von Fitz im Herzen ſeine eigene Thorheit, ſich ſo unvorſichtig allein an einen ſolchen gefaͤhrlichen Ort gewagt zu haben! Dazu kam, daß er ſich in dieſem Au⸗ genblicke ſo entnervt fuͤhlte, daß, wenn er am Rande des Abgrundes geſtanden haͤtte, ſein Beben ihn unfehlbar in die Tiefe geſtuͤrzt haben wuͤrde. Eine Zeit lang ſchien es, als ob der Fremde ſich 125 an der Angſt des alten Gutsbeſitzers in boshaf⸗ tem Triumphe ergoͤtzte, bis endlich Sir Hugo Muth genug zuſammenraffte, ſich von ſeinem Sitze zu erheben, um in den Wald zu ſchlupfen. Allein hieran ward er von dem Fremden verhin⸗ dert, denn dieſer ſtellte ſich in den Weg und winkte, da zu bleiben, wo man ſich befand. Sir Hugo ſchritt nun zu Vorſtellungen, und ſagte in ſanftem Tone:„Freund, wenn Ihr ein ſolcher ſeyd, ich moͤgt' Euch bitten, mich in den Wald zu laſſen, wo mein Gaul angebunden ſteht. Meine Begleiter werden bald hier ſeyn, und ich habe nichts mit Euch zu ſchaffen.“ „Ich aber mit Euch,“ entgegnete Standwich, denn kein Anderer, als der geaͤchtete Haͤuptling ſtand vor unſerm Erſchrockenen.„Ich lauerte Euch auf, ich folgte Euch bis hieher, und auf dieſer Stelle ſollt Ihr mich hoͤren.“ „Ich— ich— ich kann nicht,“ ſtammelte Hugo;„ich kann mich hier nicht laͤnger aufhal⸗ ten. Laßt mich vorbei! Dies Zuruckhalten iſt geſetzwidrig, und verfaͤllt unter die Proclamation 126 ihrer glorreichen, jetzt regierenden Majeſtaͤt der Koͤnigin, denn es heißt darin—“ „Narr!“ rief der Hauptmann der Gruben⸗ maͤnner—„was ſollen hier die Geſetze? Schwatze von Deinen Proclamationen und Straſſtatuten zu den Geiern und Aaskraͤhen, die ihre Beute an Dir finden duͤrften, ſo ich meine Stärke gegen Dein gebrechliches Alter gebrauchte und Dich hinab in den Abgrund ſtuͤrzte, wo Dein Leichnam zermalmt und unkenntlich in der Tiefe anlangen wuͤrde.“ „Heilige Mutter Gottes!“ rief Sir Hugo, der in ſeinem Schrecken vergaß, daß er zur re⸗ formirten Kirche gehoͤrte.„Ihr werdet doch— Ihr koͤnnt nicht ſolche That thun, und noch dazu an einem armen alten Manne, der Euch niemals Leides zufugte.“ „Seyd deſſen nicht allzu gewiß,“ verſetzte ſein Gegner.„Ich habe ganz andere Dinge gewagt, und Ihr ſollt von ihnen hoͤren, bevor Ihr von hinnen geht. Moͤgen ſie Euch zur Warnung dienen, daß ich Fuͤrchterliches zu thun im Stande bin. Und was das Leidzufuͤgen be⸗ 127 trifft, ſo lebt kein Elender auf dieſer fluchbela⸗ denen Erde, der mir mehr Schmach angethan haͤtte, als Ihr. Dennoch ſeyd ohne Furcht— ich hege keine Abſicht gegen Euer werthloſes Leben. Nur Widerſtand wuͤrde mich dahin brin⸗ gen koͤnnen, von der Macht, die hier mein iſt, Gebrauch zu machen. Setz Dich, Alter— dort⸗ hin, ſag' ich, auf jenen— nein, auf jenen Stein! So! jetzt liegt hinter und neben Dir der Abgrund, und vor Dir ſtehe ich, Georg Standwich, bewaffnet und voll der Erinnerung an Geſchehenes.“ „Großer Gott! Georg Standwich!“ rief Sir Hugo, indem er bleich wie eine Leiche ward. „Iſt's moͤglich? Erblick' ich jenen Georg Stand⸗ wich,— welcher—“ „Welcher, des Mordes angeklagt, entrann,“ ſagte der Geaͤchtete, der die Worte Hugo's er⸗ gaͤnzte.„Ja, und mehr als das! Ihr ſeht in mir einen Menſchen, der ſo elend iſt, daß ihm nichts, als das erbaͤrmliche Vorrecht blieb, die Menſchheit zu haſſen, zu verfluchen und ihr zu vergelten.“ „Das ſind entſetzliche Worte,“ ſagte Sir Hugo, dem die Furcht ein wenig ſchwand, als er ſeinen Gegner in einem ſo tiefſchwermuͤthigen Tone reden hoͤrte—„wahrhaft entſetzliche Worte! Ich bin nicht Euer Richter, Georg Standwich, und mein Leben ſteht in dieſem Augenblicke ganz und gar in Eurer Hand. Es kann nicht mein Zweck ſeyn, Eure Empfindungen zu reizen. Wel⸗ chen Rath ich demnach Euch geben moͤge, ſo muß derſelbe treu gemeint ſeyn, und als Chriſt bin ich verpflichtet, ſolches zu thun. Wenn ein Gefuͤhl von—(Schuld, wollte Sir Hugo ſa⸗ gen; allein ſeine Furcht ließ ihn ſeinen Ausdruck mildern, ſo daß er ſprach) von begangenen Irr⸗ thuͤmern auf Eurer Seele laſtet, ſo lebt doch ein langmuͤthiger Gott, der da Wohlgefallen findet an Barmherzigkeit.“ „Wer aber darf hoffen, dieſe Barmherzigkeit zu finden?“ entgegnete Standwich mit Wildheit. „Nicht der Menſch, der elende Menſch! Alle Dinge, nur nicht die Menſchen, ſind gehorſam dem Willen des Hoͤchſten. Wind und Meer ge⸗ horchen ihm, die weite Himmelsfeſte und alle 129 Sterne folgen, wie der Erdball, nur Einem Ge⸗ ſetze, dem Geſetze Deſſen, der ſie erſchuf. Auf ſein Geheiß wurzelt dieſer ungeheure und ſchroffe Fels feſt in ſeinem ewigen Grunde, und em⸗ pfäͤngt in immer gleicher Unterwuͤrfigkeit uͤber ſeiner kuͤhnen Stirn den wilden Sturm, den bruͤllenden Donner und jeglichen Kampf in den Luͤften. Nicht alſo gehorche ich den Geſetzen des Ewigen, da ich einem einzigen Geſetze nimmer gehorchen kann.“ „Ihr koͤnnt richtig denken,“ verſetzte der alte Hugo, der in Verwunderung nicht abſehen konnte, wohin dieſe Unterredung fuͤhren wuͤrde;„und indem Ihr das thut, muͤßt Ihr uͤberzeugt ſeyn, daß das eine große Suͤnde iſt, welcher wir gegen unſere Ueberzeugung uns hingeben.“ „Wohl geſprochen, Greis,“ ſagte Standwich, indem er mit einem beſonderen Ausdrucke bitteren Gefuͤhles ſeine Augen auf Fitz heftete;„Euch verdank' ich all meine Schuld, all mein Elend; und ſollt' auch meine Seele d'rob ewig verloren gehen— Euch kann ich nimmer vergeben. So alſo uͤbertret' ich Gottes Geſetz.“ Fitz of Fitz⸗Ford. II. 9 „Ja wohl, und auf eine fuͤrchterliche Weiſe,“ entgegnete Sir Hugo, deſſen Schrecken mit all ſeiner vorherigen Gewalt in dieſem Augenblicke wiederkehrte;„dennoch fleh' ich Euch an, wenn nicht um meinetwillen, doch Euretwegen, haͤufet nicht Suͤnde auf Suͤnde! Laßt mich von hinnen, denn ſolche Worte ſind gefaͤhrlich. Leidenſchaft fuͤhrt zu Raſerei, und dieſe koͤnnt' Euch zu Ent⸗ ſetzlichem verlocken. Laßt mich gehen und fuͤrch⸗ tet nichts von unſerem ſeltſamen Zuſammentreffen an dieſem Morgen.“ „Ihr ſollt nicht gehen,“ rief Standwich. „Ich bin nicht raſend. Ich kam hieher mit dem Vorſatze, Euch anzutreffen— mit dem Vorſatze, Euch das Verzeichniß derjenigen Verfolgungen vorzuhalten, welche Ihr gegen mich walten lie⸗ ßet— Euch die Miſſethaten vorzuzaͤhlen, die ihr Entſtehen Euch verdanken, und Euch vor einer Folge zu warnen, die Euch und den Euri⸗ gen verderblich werden kann.“ „Vergangenes iſt vergangen,“ ſagte Sir Hugo, hoͤchlich beunruhigt.„Wozu alte Schmach er⸗ neuen? Ich war nicht boͤſe gegen Euch geſinnt, W 131 als ich Das that, was ich fuͤr Pflicht gegen meinen Freund und gegen die allgemeine Sache der Gerechtigkeit, der Menſchlichkeit hielt.“ Standwich legte die Hand an ſein Piſtol, als Sir Hugo nochmals verſuchte, an ihm voruber zu gehen. Der Ritter ſtand ploͤtzlich ſtill, und indem er einen Grad von Muth zuſammenraffte, der ihn bisher allem Anſcheine nach verlaſſen hatte, ſagte er:„Ich will Euch hoͤren, Georg Standwich; allein ich will mich nicht laͤnger von Furcht beherrſchen laſſen. Ich bin ein alter Mann; vergießet mein Blut auf Eure Gefahr. Gott iſt uͤber uns Beiden, obwohl der Menſchen Augen uns nicht ſehen. Ich bin ein Suͤnder, jedoch vielleicht beſſer als Ihr geſchickt, plotzlich zur Rechenſchaft gezogen zu werden.“ Standwich, der ſowohl durch dieſen einzigen Beweis von Muth, den Hugo waͤhrend dieſes Begegnens hatte blicken laſſen, wie durch die Wahrheit der Bemerkung des alten Ritters be⸗ troffen gemacht ward, ließ ſein Gewehr ſinken, legte ſeine Hand auf die Schulter ſeines Geg⸗ 92 132 ners, ſah ihm mit einer Miene, ihm welcher Wahn⸗ witz mit Kummer zu kaͤmpfen ſchien, ſtarr in's Geſicht und ſagte:„Waͤrſt Du nicht geweſen, ſo wuͤrde ich jetzt gluͤcklich und unbeſudelt von Menſchenblut ſeyn. Haſt Du mir nicht Schmach angethan? Wer entdeckte dem Richter Glanville zuerſt meine Liebe zu deſſen Tochter? Wer trennte uns Liebende? Ihr— Ihr thatet es? Wer rieth zu jener verhaͤngnißvollen Ehe mit John Page, dem Elenden, dem Geizigen, dem Grauſamen? Ihr thatet es. Und als jene Teufel, die da auf der Lauer liegen, um den Menſchen zu verſuchen, jene hoͤlliſchen Geiſter, die die Seele des Sterblichen zu Raſerei und gewiſſenloſer Liebe, zu Eiferſucht, Neid und Rache aufwiegeln— als jene Hoͤllengeiſter, ſag' ich, mich ſtachelten, Page's Weib zu entfuͤhren, wer fand da unſern Verſteckort und riß nach zwoͤlfmonatlicher Schuld die Ungluͤckſelige aus meinen Armen, und liferte ſie in die eines Ge⸗ mahls zuruͤck? Ihr— Ihr thatet dies, und mehr als dies. Wer klagte ſie peinlich an? Durch wen ward ſie vor ein oͤffentliches Gericht — M h 6 —— — v— S WM geſtellt und dort der Mordthat uͤberfuͤhrt? Ihr waret dieſer vermaledeite Anklaͤger!“ „So helfe mir Gott,“ entgegnete Fitz,„vor deſſen Richterſtuhl wir einſt Alle werden erſchei⸗ nen muͤſſen, wie das ungluͤckliche Weib bereits vor demſelben erſchien, wenn ich irgend etwas that, was ich nicht fuͤr meine ſtrengſte Pflicht erachtete! Die Ausſage, die ich vor Gericht ab— legte, war der Wahrheit gemaͤß. Ich ſagte nicht mehr und nicht weniger aus, als was ich ſah und hoͤrte. Das Zeichen, welches Ihr gabt, als Ihr Sand an das Fenſter warfet, ward deutlich von mir vernommen; auch hoͤrte ich, daß Ihr hinaufriefet: Um Gotteswillen haltet inne!“ und eben ſo deutlich hoͤrte ich, wie Eure Herzliebſte durch das Fenſter herunterrief:„Zu ſpaͤt,'s iſt ſchon geſchehen!“ Dies ſagte ich vor Gericht aus, und wenn in Folge dieſes wahrhaftigen Zeugniſſes die Verbrecherin des Todes ſterben mußte, ſo geſchah es unter Zulaſſung des Him⸗ mels nach dem Spruche der Geſetze ihres Lan⸗ des, nicht aber aus Feindſeligkeit abſeiten mei⸗ ner gegen ſie. Sagte ſie nicht, es ſey geſchehen?“ 134 „Sie ſagte es, ſie ſagte es!“ ſchrie Stand⸗ wich, dem ein krampfhaftes Zucken durch alle Muskeln fuhr.„Das Verbrechen war ſchwer, aber o! die Buͤßung deſſelben war entſetzlich! Sie ſtarb auf dem Scheiterhaufen wegen ihres Mordes an ihrem Gatten, und Du,“ fuͤgte er hinzu, indem er wieder zum Grimm uͤberging, „Du lieferteſt ſie an den Schauerpfahl! Du warſt es, der den Mordbrand entzuͤndete; ohne das hätte ſie leben moͤgen. Dein verfluchter, zum Unheil geſchaͤftiger Geiſt, Dein voreilig Weſen, Deine Advokatenliſt waren es, die da Thatſachen zuſammenſuchten, die da Beweiſe bei⸗ brachten, und das arme Weib inmitten ihrer Suͤnden und Seelenangſt den Greueln des bren⸗ nenden Holzſtoßes uͤberlieferten, und meine Seele mit endloſen Martern erfuͤllten. Und dennoch ſchreien dieſe Martern mir zu, ich ſey der Ver⸗ ſucher, der Verderber, der ſchaͤndliche Urquell all dieſer Greuel. Ich floh, um meinen Namen vor der Schmach zu ſchutzen, als gemeiner Miſſe⸗ thaͤter durch die Hand des Schergen zu ſterben. Denn Ehre kann ſelbſt dem Verdammten noch N — — 135 werth ſeyn— warum ſtuͤrben ſonſt ſo Viele unter dem Leugnen eben der Schuld, deren ſie doch wirklich theilhaſtig waren? Was kann mir das Leben ſeyn? was der Tod? was ein Seyn nach dem Tode?“ Waͤhrend Standwich dieſe wilde Rede der Reue und des Jammers herausſprudelte, fuͤhlte Sir Hugo, der vor ihm ſtand, und in deſſen Bruſt kein geringer Antheil von Menſchenliebe niedergelegt worden war, ſogar fuͤr dieſen ſtraf⸗ wuͤrdigen Geaͤchteten einen hohen Grad von Mitleiden. Dies Gefuͤhl ermunterte den ehrli⸗ chen Ritter nochmals zu dem Verſuche, das Gemuͤth des Grubenhauptmannes dadurch zu beſaͤnftigen, daß er ihn zu beſſern Gedanken hinleitete.„Die heilige Schrift,“ ſprach er, „ungluͤcklicher Mann, ſagt, daß der erſte Schritt, durch welchen der Suͤnder zu Gott ſich zuruͤck⸗ wendet, der des verlorenen Sohnes, naͤmlich der der Demuͤthigung und Buße iſt. Dieſer Pfad liegt offen vor Euch, und Euer eigenes Gefuͤhl ſcheint Euch auf denſelben leiten zu muͤſſen. Folget dieſer guten Anregung— ſie kommt Euch 136 von Gott. Saget mit dem Buͤßenden:„Vater, ich habe geſuͤndigt im Himmel und vor Dir und bin hinfort nicht werth, daß ich Dein Sohn heiße;“ thut dieſes, und Gott wird ſich Eurer Seele erbarmen.“ „Das iſt Dein Glaube,“ rief Standwich— „allein wiſſe, daß der meinige damit nicht aus⸗ reicht— nicht ſo wohlfeilen Kaufes gewaͤhrt er mir Erlaß meiner Suͤnden. Ich habe Rom be⸗ ſucht, in der Hoffnung, Vergebung zu finden; ich habe die ganze ſcheusliche Geſchichte gebeich⸗ tet, jedoch nur unter Einer Bedingung, nur wenn ich Eine gewiſſe That vollfuͤhre, kann ich auf Erbarmen vor dem Altare des Hoͤchſten hoffen. Doch das war es nicht, wovon ich reden wollte,“ fuhr der Geaͤchtete fort;„mein Elend kann nimmer ſeine Endſchaft erreichen, und eine der verhaͤngnißvollen Fruͤchte deſſelben wird leben, um mir noch dann zu fluchen, wenn ich im Grabe ſeyn werde.“ „Das werd' ich nimmer hoffen,“ entgegnete Sir Hugo,„und auf die Gefahr hin, daß Ihr meine Meinung fuͤr ketzeriſch haltet, muß ich doch im Sinne eines chriſtlichen Bruders ſpre⸗ chen, daß ich des Glaubens lebe, Euer Elend wird mit Eurem Leben im Fleiſche enden, und daß die Pein, die Ihr hier erduldetet, Euch der Pein nach dem Abſcheiden aus dieſer Welt uͤber⸗ heben werde. Dieſe Hoffnung kann ſich jedoch nimmer erfuͤllen, wenn Ihr nicht Eurem ſuͤndi⸗ gen Wandel entſagt. Schon habt Ihr Eine Urſache, Gott zu danken, denn Ihr hinterlaßt kein Geſchoͤpf, das Eure Schmach uͤberlebt.“ „Da habt Ihr abermals mit rauher Hand eine Saite beruͤhrt,“ fiel Standwich ein,„die ſchauerlich in meinem Buſen nachklingt. Es lebt allerdings ein Geſchoͤpf, das den Kummer eines mit Schmach gebrandmarkten Daſeyns mir verdankt. Das Kind unſerer Suͤnde, der ungluͤckſelige Sproͤßling des Ehebruches und Mordes iſt allerdings noch am Leben.“ „Gott des Himmels!“ rief Sir Hugo,„kann ein Geſchoͤpf leben, das elend genug iſt, durch den Finger des Spottes als das Kind der ſuͤn⸗ digen Lady Page und Georg Standwich's be⸗ zeichnet zu werden?“ 138 „Sie lebt,“ rief der Geaͤchtete,„jene Tochter lebt; und wie wird Dein hoffaͤrtig Herz vor Unwillen ſich blaͤhen, Sir Hugo, wenn ich Dir ſage, daß ſie nahe daran iſt, Deinen Namen zu fuͤhren, und der vergiſtete Aſt zu werden, welchem die Ehre, oder ſage lieber die Schmach Deines Hauſes auf die Nachwelt entſproſſen ſoll. Margarethe, das Pflegkind Glanville's, die Ver⸗ lobte Deines Sohnes, Deines imige Sohnes, iſt meine Tochter.“ Dieſe letztere Mittheilung bewaͤltigte den al⸗ ten Ritter dergeſtalt, daß er nichts Anderes dar⸗ auf zu entgegnen wußte, als den Blick gen Himmel zu richten und leiſe auszurufen:„Iſt es moͤglich? kann dies das verhaͤngnißvolle Ge⸗ heimniß ihrer Herkunft ſeyn?“ „Es iſt eine verhaͤngnißvolle Wahrheit,“ fuhr Standwich fort. Ja, ſchaudert nur! ſo werden Alle ſchaudern, wenn ſie in Margarethen das Kind einer Moͤrderin— das Kind des Grauſens — oder um alles Fuͤrchterliche in ein einziges Wort zuſammen zu faſſen— das Kind des ge⸗ aͤchteten Standwich erkennen. Wer, meint Ihr, 139 mögte die von ihrer Geburt an ſo geſchmähete, ſo gebrandmarkte Margarethe ehelichen?“ „Nicht mein Sohn,“ entgegnete Sir Hugv. „Ich habe nur einen einzigen Sohn, die Stuͤtze meines Alters, die Hoffnung meines Namens. Allein ehe ich das Blut meines Hauſes mit ei⸗ ner Entartung, der Deinigen gleich, ſich ver⸗ mengen ließe, eher wollte ich John Fitz ſo jung und verheißend er auch iſt, dem Grabe uͤber⸗ antwortet ſehen, und dann als troſtloſer Vater mich hinſtrecken und in Bekuͤmmerniß verharren, bis der wenige Sand in meiner Lebensuhr ausge⸗ laufen ſeyn wuͤrde.“ „Mit welchem Widerwillen,“ nahm Stand⸗ wich das Wort,„Ihr auch auf dieſen vermeint⸗ lichen Vertrag zwiſchen unſern Kindern(Shr erbebt bei dem bloßen Gedanken an ſolche Ver⸗ bindung) hinblicken moͤget, ſo kann Euer Abſcheu dagegen doch nimmer dem meinigen gleichkom⸗ men. Eure Veranlaſſung, ſolches Buͤndniß zu verwerfen, kann nicht ſo gewaltig ſeyn, denn Nargarethe iſt an ſich ſelbſt unſchuldig. Wähnt Ihr aber, ich koͤnnte meine Tochter mit dem Sohne Deſſen vermaͤhlt ſehen, der die erſte Ur⸗ ſach all meiner Suͤnde und meines Elendes war? Deſſen, der meines Kindes Mutter an den Schei⸗ terpfahl brachte? Nein. Ich liebe Margaretha mit aller Zaͤrtlichkeit eines Vaters. Sie weiß nichts von Schuld und eben ſo wenig weiß ſie, daß ſie eine Tochter der Suͤnde iſt. Sie gleicht der Blume, die dieſem rauhen Felſen entſprießt, und die an ſich ſchuldlos und ſchoͤn iſt. Den⸗ noch, obwohl ſie es iſt, und eben weil ſie es iſt, wollte ich, wenn ſie hier ſtaͤnde, ſie lieber kopflings von dieſer Klippe hinunterſtuͤrzen und ihre zarten Glieder dem wildeſten Raubvogel, der jemals bei'm Geruche von Blut mit den Flugeln klatſchte, zur Beute geben, als ſie mit irgend einem Manne vermaͤhlt ſehen, der Ver⸗ wandtſchaft und Gemeinſchaft mit Euch hat!“ „Still, ſtill,“ ſagte Fitz,„es iſt ſchauerlich, einen Vater alſo reden zu hoͤren. Armes Maͤgd⸗ lein! Obwohl ich fuͤr immer dem Gedanken entſage, ſie als meines Sohnes Weib zu ſehen, bemitleide ich ſie dennoch. Sie ſcheint ſo ſanf— ten Gemuͤthes, ſo ganz unfaͤhig zu ſeyn, gegen 141 den kalten Spott einer gefuͤhlloſen Welt zu kaͤmpfen. Und ich fuͤrchte, ſie liebt meinen Sohn. Ich weiß, wie innig ſie von meinem Sohne ge⸗ liebt wird. Ich gab dieſem meine Einwilligung, und muß ihn jetzt elend machen.“ „Das iſt gerechte Vergeltung,“ ſagte Stand⸗ wich,„Vergeltung fuͤr Eure Einmiſchung, durch welche Ihr zuerſt Glanville's Gemuͤth gegen mich einnahmt, als ich treu und redlich und ſchuldlos deſſen Tochter liebte, bevor ſie das Weib eines Anderen geworden war.“ „In jenem Falle,“ verſetzte Hugo,„glaubte ich nur als Freund zu handeln; denn ich muß Euch ſagen, Georg Standwich, daß Ihr in uͤblem Jugendrufe ſtandet, indem Ihr fuͤr einen Juͤngling von heftigen Leidenſchaften und zwei⸗ felhaften Grundſaͤtzen galtet. Aber mein armer Sohn— ihn, der fromm und tugendhaft iſt, ihn ſoll ich verderben! Ich wußte, daß etwas Widriges ihm begegnen wuͤrde; ich erforſchte es in der Stunde ſeiner Geburt, als ich ihm das Horoſkop ſtellte—“ „Und ich ſetze hinzu, was kein Stern Euch ſagen konnte und jemals ſagen wird, und das iſt— hoͤrt mich wohl! denn Leben oder Tod haͤngt davon ab— dies iſt, daß Ihr auf Mit⸗ tel zu ſinnen habt, dies Buͤndniß zwiſchen Mar⸗ garethen und Eurem Sohne zu zerſtoͤren. Be⸗ denkt, daß dies geſchehen muß, ohne daß Ihr dabei das Geheimniß von Margarethen's Geburt weder Eurem Sohne noch ſonſt einem lebenden Weſen verrathet. Laßt Ihr mich auch nur ah⸗ nen, daß Ihr dem John Fitz die Wahrheit ent⸗ huͤlltet, ſo wird dieſen nichts vor meiner Rache ſchuͤtzen. Ich beſitze Mittel, ich habe Spaͤher und Werkzeuge, von denen Ihr Euch nichts traͤumen laſſet. Verrathet Eurem Sohne das ſchauerliche Geheimniß, und Ihr ſeht ihn nach kurzer Friſt als Leiche zu Euren Fuͤßen, und Euer Name iſt dann fuͤr immer erloſchen. Si⸗ chert mir Schweigen uͤber dieſen Gegenſtand zu, und ich verlaſſ' Euch vielleicht fuͤr immer.“ „Ich verſpreche Euch, zu ſchweigen,“ verſetzte Sir Hugo in großer Unruhe, denn die Drohun⸗ gen eines ſo Fuͤrchterlichen, als Standwich war, machten von Neuem all' ſeine Furcht rege.„Nur 143 Eines ſagt mir, bevor wir ſcheiden: Muthmaßt Glanville, daß Margarethe die Tochter ſeiner ſuͤndigen, hingeſchiedenen Tochter iſt?“ „Nein,“ entgegnete der Geaͤchtete,„er, der den Namen des Vaters Margarethen's trug, war mein naher Verwandter, mein theuerſter Freund. Um ein uraltes Haus von gaͤnzlichem Untergang und Verderben zu retten, ein unſchul⸗ diges Kind vor dem Hohne der Welt zu ſchir⸗ men, fand er ſich willig, meine Tochter mit nach Frankreich zu nehmen und ſie dort als ſein ei⸗ genes Kind zu erziehen. Er ſtarb, nachdem er Margarethe der Obhut Glanville's uͤbergeben hatte; allein er enthuͤllte weder dieſem noch dem Maͤdchen ſelbſt das verhaͤngnißvolle Geheimniß.“ „Genug!“ rief Hugo.„O daß es dem Him⸗ mel gefallen haͤtte, jenes ungluͤckliche Kind im Augenblicke, als es geboren ward, in ſeinen Schooß aufzunehmen; es wuͤrde eine Segnung geweſen ſeyn!“ „Ja wohl, eine Segnung, die mir nicht zu Theil ward,“ ſagte Standwich.„Ich betrachtete das arme Geſchoͤpf, als es nach dem Tode ſeiner lag, und ein ſcheuslicher Gedanke flog mir durch die Seele. Ich blickte nochmals hin, das Kind laͤchelte im Schlafe gleich einem Cherub; der Teufel, der daneben ſtand und mich zu neuem Verbrechen haͤtte verlocken moͤgen, entfloh vor der Unſchuld der Kleinen, und eine Thraͤne be⸗ naͤßte meine Augen. Ja, dies ſonſt ſo ſtarre Herz fuhlte ſich geſaͤnftigt. Ich kuͤßte das arme Kind, und ein Engel ſchien mir zuzufluſtern, daß es aufbehalten ſeyn wuͤrde, damit eines Tages ſein ſchuldlos Gebet um meine Vergebung gen Himmel zu ſenden.— Ach! dieſe Erinnerun⸗ gen entmannen mich.“ Fitz blickte auf und ſah, daß die Augen des Geaͤchteten in Thraͤnen ſchwammen. „Lebt wohl, alter Mann,“ ſprach Letzterer weiter.„Gedenkt des furchtbaren Zuſammen⸗ treffens an dieſem Morgen. Seyd darauf be⸗ dacht, meinen Weiſungen Folge zu leiſten— zernichtet dieſes unheilvolle Buͤndniß zwiſchen unſeren Kindern— wagt nicht, mein Geheim⸗ ſchuldigen Mutter in meinen Armen ſchlummernd niß zu enthuͤllen, und Ihr habt nichts zu fuͤrch⸗ ten.— Gehabt Euch wohl!“ Ohne Weiteres eilte Standwich die Fels⸗ hoͤhe hinab, und ſchritt haſtig durch den Wald, indem er den Edlen von Fitz in einem bejam⸗ mernswerthen Gemuͤthszuſtande zuruͤckließ. Ei⸗ nige Minuten lang ſtand dieſer regungslos auf der Stelle, auf welcher der Geaͤchtete von ihm geſchieden war. Schwer ſeufzend enthob er ſich dann, band ſein Pferd los, beſtieg es und ritt langſam nach dem Jaͤgerhauſe zuruͤck, indem er im Geiſte erwog, wie er es anzufangen haben moͤgte, das verhaͤngnißvolle Buͤndniß aufzuloͤſen, das zwiſchen ſeinem Sohne und der ſchuldloſen, jedoch ungluͤcklichen Margarethe Champernoun obwaltete. Fitz of Fitz⸗Ford. II. Serhstes Capitel. ————— „Stolz hat nur Einen Spiegel⸗ Sich zu beſchau'n— den Stolz!“ Shakſpeare. Bei ſeiner Ruͤckkehr nach Morwel fand Sir Hugo Fitz die Jager noch nicht heimgekehrt. Dieſer Umſtand gewaͤhrte ihm eine kurze Friſt, ſein Gemuth zu ſammeln und ſeine Ideen zu ordnen, ehe er mit dem geliebten Sohne zuſam⸗ mentraf, uͤber den Unheil zu bringen er ſich auf ſo entſetzliche Weiſe gezwungen ſah. Es ge⸗ reichte dem Vater zu einiger Erleichterung, als John Fitz nicht allein, ſondern mit einer luſtigen Menge gluͤcklicher Jäger zuruͤckkam, die mit ein⸗ ander ſich hochlich uber die gemachte Beute er⸗ weuten. Die Feſtmahlstafel ward bereitet, und m——— W 147 bei leckerem Schmauſe wanderte die Kanne mit ſchaͤumendem Doppelbiere, zu großer Erluſtigung der Gäſte Slanning's, fleißig umher. Mit welchen peinlichen Gefuͤhlen gewahrte Sir Hugo an dieſem Tage den Frohmuth ſeines Sohnes, von dem er wußte, daß dieſer nicht das Mindeſte von dem Unheil ahnete, das ihm drohete. Als Vater hatte er ſich dem Sohne zuſtimmend zu deſſen Verbindung mit Margarethen gewieſen, hatte ſogar verſprochen, ſeinen Einfluß bei der Mutter geltend zu machen, um deren Einwuͤrfe gegen des Sohnes Liebe zu einem ſchoͤnen und liebenswuͤrdigen Maͤdchen zu beſeitigen, die wei⸗ ter kein Unverdienſt hatte, als daß ein geheim⸗ nißvoller Schleier die Herkunft derſelben bedeckte. Dieſer Schleier war nun geluͤftet worden, und Alles ſollte ſich umgeſtalten. Obwohl ein Ad⸗ vocat mehr als irgend Einer geeignet ſeyn mag, die Begebenheiten eher thatſaͤchlich, als in einem poetiſchen Lichte zu betrachten, ſo konnte Sir Hugo, wenn er dieſe Angelegenheit erwog, doch nicht umhin, den dermaligen Zuſtand ſeines Soh⸗ nes, und den Kummer, den getaͤuſchte Hoffnun⸗ 10* gen demſelben bereiten wuͤrden, als dem eines Seemannes gleich zu achten, der mit Entzuͤcken ſich auf das hell vor ihm liegende, heitere und ruhige Meer begiebt, ohne daran zu denken, wie eben dies Element vielleicht auserſehen iſt, ihn eines Tages mit allen ſeinen ſchoͤnſten Erwar⸗ tungen vom Leben fuͤr immer zu verſchlingen. Ueber Einen Punct kam Hugo Fitz ſofort mit ſich ſelbſt auf das Reine— naͤmlich, ſo bald als moͤglich den Sohn aus der verlockenden Nähe Margarethens zu entfernen, und ihn den gefaͤhr⸗ lichen Drohungen des geaͤchteten Haͤuptlings zu entziehen. Er beſchloß, John Fitz in's Ausland zu ſchicken. Die Zeit dazu wies ſich guͤnſtig, in⸗ dem viele edle Soͤhne englaͤndiſcher Familien ſich als Freiwillige in die Dienſte der Niederlande unter dem General Norris begaben, der zu Un⸗ terſtuͤtzung der buͤrgerlichen wie religioͤſen Frei⸗ heit der Proteſtanten die Waffen ſeines Heeres lenkte. John Fitz, dem es keineswegs an Muthe ge⸗ brach, und der ſich laͤngſt danach ſehnte, ſich in den Waffen auszuzeichnen, hatte ſeinen Vater oft darum angelegen, ihm zu geſtatten, gleich an⸗ deren Juͤnglingen ſeiner Zeit ſich irgend einer oͤf⸗ fentlichen Angelegenheit widmen zu duͤrfen. Allein die Liebe zu dem einzigen Sohne und Beſorgniß fuͤr deſſen Leben und Wohlfahrt hatten bisher den zärtlichen Vater keine Einwilligung dazu ge⸗ ben laſſen. Der Sohn aber, verfangen in ſuͤßen Liebesbanden, hatte zeither jene fruͤheren Antraͤge nicht wiederholt, weil er wohl wußte, daß jegliche Unternehmung der Art ihn von ſeiner theuren Margarethe entfernen wuͤrde. Sir Hugo Fitz aber ſah jetzt kein anderes Mittel ab, jenes un⸗ ſelige Buͤndniß aufzuloͤſen, als den Sohn fort⸗ zuſchicken; auch hoffte er, daß dieſer, wenn man eine Anſtellung fuͤr ihn gefunden haͤtte, dieſelbe aus angeſtammtem Ehrgefuͤhle gewiß annehmen wuͤrde. Dieſe Anſtellung zu erlangen und bis dahin ſein Vorhaben geheim zu halten, war der Entſchluß, den Sir Hugo Fitz gefaßt hatte. Sich von ſeinem einzigen Sohne trennen, ihn den Kriegsgefahren in einem fremden Lande preis geben, war in der That ein Opfer. Allein Hugo fand keinen anderen Ausweg zu Abwen⸗ 150 dung deſſen, was er fur ein groͤßeres Uebel hielt, und das Opfer ſollte daher, koſte es, was es wolle, gebracht werden. So oft mittlerweile ſein Sohn es wagte, das Geſpraͤch auf denjenigen Ge⸗ genſtand zu lenken, der ſeinem Herzen der naͤchſte war, wich der Vater aus, oder entgegnete mit ſolcher Kaͤlte darauf, daß John Fitz nicht wagte weiter zu reden, um den Vater nicht uͤber einen Punct zu erzuͤrnen, mit dem er denſelben ſo gern im vollkommenen Einklange gewußt haͤtte. Bei ſeiner Hausehre hatte der wuͤrdige Ritter eine minder ſchwierige Rolle zu ſpielen, nachdem er beſchloſſen hatte, ſeinen Plan durch den Stolz der Lady Fitz zu foͤrdern. Zu dieſem Ende hatte Sir Hugo eines Ta⸗ ges mit ſeiner Lady eine ernſthafte Unterredung, in welcher er ihr wie im Vertrauen eroͤffnete, daß er Urſache haͤtte zu glauben, ſein Sohn hege Liebe zu einer Perſon weit unter ſeinem Stande, naͤm⸗ lich zu Margarethen, der geheimnißvollen Pfle⸗ getochter Glanville's. Um nun dieſe Liebe im Keime zu erſticken, fuhr Hugo fort, haͤtte er be⸗ ſchloſſen, ſeinen Sohn außerhalb Landes zu ſen⸗ 151 den, um ſich dort im Dienſte eines fremden Mon⸗ archen gleich anderen Juͤnglingen des Landes hervorzuthun. Lady Fitz ſiel augenblicklich in die hr alſo gelegte Schlinge. Sie erklaͤrte ſich bereit, in jede Maßregel zu willigen, durch welche von der Ehre ihres Hauſes ein ſolcher Todesſtreich abge⸗ wehrt werden koͤnnte. Es ward ferner unter ihnen ausgemacht, um den Liebhaber von jegli⸗ cher Gegenwirkung fern zu halten, daß dieſer von der Vorkehrung nicht eher etwas erfahren ſollte, als bis dieſelbe genuͤgend getroffen und Alles zu ſeiner Reiſe eingerichtet ſeyn wuͤrde. Lady Fitz ging in dieſer Vorſicht ſogar um einen Schritt weiter, als ihr Gemahl; denn indem ſie bedachte, daß Liebe durch Trennung oft erhoͤhet wird, und daß nach einem Feldzuge John Fitz noch immer zu ſeiner Margarethe getreu zuruͤck⸗ kehren moͤgte, ſann die fuͤrſorgende Lady darauf, ihrem Sohne dieſe Liebe gaͤnzlich dadurch aus dem Kopfe zu bringen, daß ſie eine andere Braut fuͤr ihn waͤhlte; auch ſaͤumte ſie nicht, ihren Gat⸗ ten mit dieſem Plane bekannt zu machen. Sir Hugo, wiewohl zu klug, um ſeiner Gat tin geradezu zu widerſprechen, ließ dieſe Angele⸗ genheit vor der Hand in Unbeſtimmtheit, indem er ganz richtig dachte, daß er tyranniſch genug gegen ſeinen Sohn verfuͤhre, wenn er ihm Mar⸗ garethen entzog, und alſo nicht noͤthig hatte, zu dieſer Grauſamkeit noch eine zweite dadurch hin⸗ zuzufuͤgen, daß er ihn zu einer Verehelichung zwaͤnge. Der gute Ritter hoffte, dieſe Schwie⸗ rigkeit wuͤrde durch die Alles heilende Zeit beſei⸗ tigt werden, und da er wußte, daß bloße Worte von Seiten ſeiner Lady noch kein ſonderliches Leid wuͤrden bewirken koͤnnen, ließ er die Dame ihre Schloͤſſer in die Luft bauen, indem er Miene machte, als ſaͤhe er ihr mit Wohlbehagen zu. „Zuverlaͤſſig, Sir Hugo,“ bemerkte Lady Fitz, „habt Ihr Recht, wenn Ihr John vor der Hand entfernt, denn nimmer koͤnnte ich darein willi⸗ gen, daß unſer Sohn ſich mit einem wappenlo⸗ ſen Maͤdchen vermaͤhlt.“ „Ei freilich, freilich, theure Lady Fitz!“ ver⸗ ſetzte der Gemahl. „Oder wenn ſie vielleicht ein Wappen fuͤhrte, 153 fiel die genealogiſirende Ehehaͤlfte ein,„ſo kann das nur auf dem Wege der Baſtardſchaft der Fall ſeyn; eine Schmach, die unſerem ehrwuͤr⸗ digen Hauſe nur ein einziges Mal angethan ward, als— wie es heißt— Koͤnig Heinrich der Achte demſelben durch eine voruͤbergehende Liebſchaft mit meiner Aeltermutter, der ſchoͤnen Lady Alicia, ein Mitglied hinzufuͤgte. Allein Ihr wißt, Sir Hugo, daß eine achtbare Familie ſich dergleichen Zugaben von keiner geringeren Perſon, als von einem gekroͤnten Haupte gefallen laſſen kann.“ „Ich weiß nichts von jener Einſchwaͤrzung,“ entgegnete Sir Hugo,„auch ſehe ich nicht ein, daß ein Koͤnigsbaſtard um ein Titelchen mehr als ein anderer eine ehrenwerthe Zugabe fuͤr eine achtbare Familie abgeben kann. Denn Ihr wißt, Lady Fitz, daß Bankerte keine Anſpruͤche auf Familienerbgut haben. Ein maͤnnlicher Erbe aber iſt der Stolz eines jeden uralten Hauſes wie das unſrige.“ „Eben deswegen,“ folgerte Lady Fitz wei⸗ ter,„trachte ich danach, unſern Sohn zu verehe⸗ lichen, denn ich beachte Soͤhne nicht ſo ſehr um ihrer ſelbſt, als um des Namens ihrer Familie willen, und in ſofern ſie verpflichtet ſind, dieſelbe bis zu den ſpaͤteſten Generationen fortzupflanzen. Meiner Schaͤtzung nach iſt der aͤlteſte Sohn eben ſo wohl Familieneigenthum als das Stammhaus, welches er erbt, und es darf demnach ſo wie uͤber dieſes auch uͤber ihn zum Heile der Familie ver⸗ fuͤgt werden. Wohl alſo wird John Fitz thun, wenn er Lady Howard, wie ich es Euch vor⸗ ſchlug, zur Gemahlin nimmt; nichts koͤnnte ehrenvoller ſeyn und beſſere Ausſicht auf Fami⸗ liengedeihen gewaͤhren. Drei von ihren Vettern ſind meines Wiſſens Mitglieder des Staatsrathes geweſen; einer ihrer Oheime verlor ſeinen Kopf bei der großen Rebellion im Norden des Landes— eine Auszeichnung, die nur Vornehmen zu Theile zu werden pflegt;— und ihr Vater ſtand in hohen Ehren bei dem letztverſtorbenen Koͤnige. Lady Howard hat uͤberdies ihre Guͤter in der Nachbarſchaft der unſrigen, ſo daß die Felder bereits aneinander graͤnzen, und gewiſſermaßen ſchon vereinigt ſind. Kurz alle dieſe Umſtaͤnde und Ruͤckſichten bieten fuͤr die Ehe unſeres Soh⸗ nes erhebliche Vortheile dar.“ „Vielleicht aber,“ fiel Hugo Fitz ein,„mogte unſer Sohn der Meinung ſeyn, daß noch andere junge Edeldamen in dieſer Hinſicht in Betracht zu ziehen ſeyn duͤrften, wenn es auf Stand, Ver⸗ moͤgen und Talente ankommt.“ „Daß ich nicht wuͤßte,“ verſetzte die Dame. „An Stand und Vermoͤgen duͤrften Wenige der Lady Howard gleich zu ſtellen ſein, und was deren Talente betrifft, ſo verſteht ſie ſich gar ſehr auf fremde Zungen; ſo daß ich zweifle, ob Miß Ro⸗ per, die Tochter des Sir Thomas More, beſſer im Lateiniſchen und Griechiſchen bewandert war. Was kann ein Gemahl mehr wuͤnſchen? Dazu ſchlaͤgt Lady Howard gar lieblich die Laute und verſteht ſich auf Zubereitung ſuͤßer gebrannter Waſſer, wie irgend eine junge Dame in der Grafſchaft.“ „Dazu,“ fuhr Sir Hugo fort, der die Gat⸗ tin in ihren Entwuͤrfen nicht ſtoͤren wollte,„ſoll dieſe Lady Howard viele andere Vorzuͤge beſitzen, wie z. B. einen ſcharfen Verſtand und einen gu⸗ 156 ten Tugendruf, welches mit einander wohl das Schaͤtzbarſte iſt, was eine Gattin dem Wappen ihres Gemahls beizugeben vermag.“ „Ja wohl,“ ſetzte die Dame hinzu,„und außerdem fuͤhrt die Lady Howard ſelbſt ein Wap⸗ pen, einen liegenden Loͤwen und eine fliegende Schlange— was kann wiederum ein Gemahl mehr wuͤnſchen? So darf ich ſagen, daß John Fitz in der Perſon der Lady Howard Alles hei⸗ rathet, was nur erheirathet werden kann.“ „Mag dem alſo ſein,“ verſetzte Sir Hugv. „Ich aber will durch einen vertrauten Boten ein Schreiben an meinen Freund, den General Nor⸗ ris abſenden, um zu ſehen, ob mittelſt einer An⸗ ſtellung bei deſſen Heere unſer Sohn den gefaͤhr⸗ lichſten Feindinnen der Juͤnglinge— der Liebe, der Poeſie und der muͤßigen Weile, entruͤckt werden kann.“ Siebentes Capitel. „—— Wenn dieſer Ring Von dieſem Finger weicht, weicht auch das Leben.“ Shakſpeare. Die Zeitfriſt, in welcher Sir Hugo einen ſo ganz andern Entſchluß hatte faſſen muͤſſen, war den Liebenden keineswegs ſo angenehm verſtrichen, als es fruͤher der Fall geweſen war. Die Kälte in Sir Hugo's Weſen und die Aeußerung deſſelben, daß der Wille ſeiner Gattin und andere Fami⸗ lienverhaͤltniſſe ſchwerlich eine Verbindung zwi⸗ ſchen John Fitz und Margarethe Champernoun geſtatten wuͤrden, hatten den alten Glanville ver⸗ mocht, ſeiner Pflegetochter dieſes trubſelige Reſul⸗ tat ſo ſchonend als moͤglich mitzutheilen, und ſie zu ermahnen, den Bewerbungen des Sohnes 3 ver nicht ohne Zuſtimmung des Sir Hugo Fitz Ge⸗ hoͤr zu ſchenken. Da nun Hugo ſeinerſeits ſo viel als moͤglich den Sohn von dem Hauſe Glan⸗ ville's fern zu halten bemuͤht war, ſo hatten die Liebenden zeither ungleich weniger einander ſpre⸗ chen koͤnnen als fruͤher. So ſtanden die Sa⸗ chen, als Margarethe eines Abends unfern des Waldes von Kilworthy an jener anmuthigen Staͤtte ſich erging, die den Namen der Elfen⸗ ſumpf fuͤhrte. Die Sonne war dem Untergehen nahe, und warf einen matten Schimmer auf das gruͤne Thal, waͤhrend die fernen Huͤgel im Purpur⸗ lichte ſchwammen, die ſteilen Berghoͤhen von Dartmoor aber fuͤr ein Weilchen im hellen Gold⸗ glanze leuchteten, der jedoch bald vor der Abend⸗ ſtunde dahin ſchmolz, ſo wie ein Feentraum ei— ner lebhaften Phantaſie vor den kalten Wirklich⸗ keiten des Erdenlebens zuſammenbebt. Als Mar⸗ garethe ſo da ſaß und den ſich verwandelnden Schauplatz betrachtete, ſeufzte ſie ſchwer, und konnte nicht unterlaſſen, den Anblick, der ſich ihr darbot, auf ihr eigenes Leben anzuwenden, indem 6 159 ſie dachte, daß ihre Hoffnungen gleich dem ſin⸗ kenden Lichte des Tages vor der duͤſtern Wolke des Geſchickes untergehen muͤßten, von dem ihr Lebenspfad uͤberhangen war. Wie tief Margarethe auch in dieſe Betrach⸗ tungen ſich verſenkt haben mochte, ſo war ſie doch nicht ſo ſehr vertieft, daß ſie nicht dann und wann das Koͤpfchen erhoben haͤtte, um die ſpaͤhenden Blicke nach einem Waldwege zu rich⸗ ten, der nach Taviſtock leitete. Ihre Erwartun⸗ gen ſchienen endlich ſich zu erfuͤllen, als ſie zwei Maͤnner daher kommen ſah, von denen Einer an einer beſondern Stelle, von welcher aus man in eine Waldoͤffnung blicken konnte, ſtillſtand, waͤh⸗ rend der Andere haſtigen Schrittes zu Marga⸗ rethen heranſchritt. In heftiger Bewegung ſchlug Margarethe ihre Haͤnde in einander, als John Fitz ſich neben ſie ſetzte, denn dieſer war es, der jetzt mit bangem Schweigen auf ſie blickte, als vermoͤgte ſein Mund nicht Das auszuſprechen, was er dem Maͤdchen ſeines Herzens zu ſagen hatte. Indem er endlich ſich zu ſammeln ſtrebte, ſagte er:„Es iſt freundlich von Dir, Margarethe, daß Du meine Bitte erfuͤlleſt. Wie innig habe ich mich nach dieſen Augenblicken geſehnt, ob⸗ wohl es wahrſcheinlich die letzten ſind, die ich an Deiner Seite zubringe.“ Das Vergnuͤgen, das Margarethe uͤber die Anweſenheit des Geliebten empfand, ward durch die letzteren Worte deſſelben nur allzubald in die Flucht gejagt, und unfaͤhig, ihre Empfindungen zu verbergen, ſagte ſie:„Geſchah es, um mir Das zu ſagen, daß Du mich in Deinem Briefe ſo dringend bateſt, zu dieſer Stunde mich hier treffen zu duͤrfen? Ich dachte, Du hätteſt mir frohliche Kunde zu bringen. Aber vielleicht hätte ich gar nicht kommen ſollen.“ „Es iſt die letzte Freundlichkeit, Margarethe, die Du wahrſcheinlich mir erweiſen kannſt; ver⸗ bittern wir ſie uns alſo nicht! Morgen wird kein Hinderniß mehr zwiſchen Dir und Deiner Pflicht ſeyn, falls Du es fuͤr Pflicht erachten ſollteſt, mich zu vergeſſen. Mein Vater hat mich nicht nur aus Deiner Naͤhe, ſondern auch aus meinem Mutterlande verbannt; und eine ſchwere Ahnung ſagt mir, daß dieſe unſere Trennung eine Trennung fuͤr immer iſt.“ Margarethe, die durch dieſe Worte tief er⸗ ſchuͤttert ward, weinte laut. Sie war zu einfa⸗ chen Herzens, um ihre Gefuͤhle verheimlichen zu koͤnnen.—„Und mußt Du fort?“ fragte ſie zaͤrtlich.„Soll und muß ich ſo freundlos als vaterlos bleiben? Wenn Gott unſere Herzen vereinigt hat, warum ſollen dieſelben durch Men⸗ ſchen getrennt werden?“ „Kein Menſch ſoll mich von Dir trennen, theuerſte Liebe,“ ſagte Fitz,„ſo er mir nicht die Bande loͤſet, die mich an dies Leben knuͤpfen, und ſelbſt dann noch wuͤrde mein Geiſt Dir nahe ſeyn, ſobald die Geiſter der Abgeſchiedenen die Lebenden umſchweben duͤrfen. Mein Vater hat ſtreng, ja verraͤtheriſch an mir gehandelt. Er hat mich in ein ſolches Verhaͤltniß gebracht, daß ich ohne Verluſt meiner Ehre hier nicht zu⸗ ruͤckbleiben kann; ſonſt ſollte keine weltliche Ruͤck⸗ ſicht mich jemals von Deiner Seite reißen. Er hat fuͤr mich eine Anſtellung bei den englaͤndi⸗ ſchen Streitkraͤften in den Niederlanden erhalten. Fitz of Fitz⸗Ford. II. 11 —— 162 Mein Name ſteht dort ſchon neben denen der edelſten Juͤnglinge des Landes eingezeichnet; ur⸗ theile alſo, Margarethe, ob ich hier bleiben kann ohne mich oͤffentlichem Hohnſpotte preiszugeben, ohne fuͤr einen Feigling erachtet zu werden, der es nicht wagt, ein Schwert fuͤr eine gerechte Sache des Zwiſtes zu ziehen!“ „Aber unſer Herzensvertrag,“ entgegnete Mar⸗ garethe,„ward fruher geſchloſſen, als dieſe Deine jungere Verpflichtung; und, wahrlich! jetzt mich zu verlaſſen, iſt grauſam, nachdem Du ſo eifrig bemuͤht wareſt, von mir ein Geſtändniß zu er⸗ langen, durch welches meine Gluͤckſeligkeit in Deine Gewalt gegeben ward.“ „Aber ohne Ehre kann es weder fuͤr Dich noch fur mich eine Gluͤckſeligkeit geben,“ ſagte John Fitz.„Ich konnte der Welt Hohn nicht ertragen, und will denſelben nimmer verdienen. Weiber denken uͤber dieſen Punct anders, als Maͤnner. Einer Sache ſey jedoch feſt verſichert, daß, wohin mein Geſchick mich auch fuhren moͤge, ſey es in die Schlachtreihen der Gefahr oder auf 163 das Todtenbett, meine letzten Gedanken nur bei Margarethen ſeyn werden.“ „O, ſprich nicht ſo,“ verſetzte die Geliebte, „Du brichſt mir ſonſt das Herz. Bleib hier, verlaß' uns nicht. Dein Vater wird ſich erwei⸗ chen laſſen, und wir koͤnnen noch gluͤcklich wer⸗ den; jedoch ſo zu ſcheiden——“ Seufßzer er⸗ ſtickten ihr die Stimme, waͤhrend Thränen ihre Wangen hinabfloſſen. John Fitz kußte dieſe Thraͤnen weg, legte Margarethens Haͤnde in die ſeinigen und ſagte:„Ich habe Dir wehe ge⸗ than, indem ich mein Vorhaben zu haſtig, zu harſch ausſprach; aber nur wenn ich minder em⸗ pfunden haͤtte, wuͤrde ich beſſer geredet haben. Mein Vater hat ſich zeither ſehr geandert. Er hat meine Anſtellung bei dem Heere ohne mein Mitwiſſen ausgewirkt, und ich bekenne Dir, daß er furchterliche Winke Betreffs meiner Liebe zu Dir hat fallen laſſen; ja, daß er mir ſogar mit ſeinem Fluche gedroht hat, wenn ich fernerhin noch an Dich denken wuͤrde.“ „Ach!“ ſagte Margarethe ſchluchzend,“ wor⸗ in hab' ich geſuͤndigt, daß er ſo hart in Hin⸗ 4 ——— —164— ſicht auf mich ſprechen mochte? oder warum gab er jemals unſere Liebe zu, wenn er es nur that, um uns zu verderben?“ „Es iſt grauſam, hoͤchſt grauſam!“ rief John Fitz,„und was mir noch ſeltſamer dabei vor⸗ kommt, iſt, daß, wie ſtreng mein Vater auch in Worten war, ſein Weſen doch denſelben vielfäl— tig widerſprach; ſo daß ich verſichert ſeyn moͤgte, er fuͤhlte eben ſo große Bekümmerniß, als die war und iſt, welche er mir aufbuͤrdete. Doch konnte ich nichts aufbringen, um ihn in ſeinem Vorſatze wankend zu machen.“ „Dann muͤſſen wir wahrlich von einander ſcheiden,“ ſagte Margarethe.„Nimmer will ich urſache ſeyn, daß Deines Vaters Fluch um Dei⸗ nes Ungehorſams willen uͤber Dich komme! Ich mag unglucklich ſeyn, aber ich will nicht gottlos werden.“ „Theuerſtes, zarteſtes aller Weſen!“ entgeg⸗ nete der Liebende, wie neidenswerth wuͤrde ohne dies Mißgeſchick mein Erdenloos ſeyn! Aber ſo von Dir getrennt zu werden—“ „Es iſt des Himmels Wille,“ unterbrach ihn 165 Margarethe,„laß uns demſelben Folge leiſten. Geh, John Fitz, erfuͤlle die Pflicht eines Soh⸗ nes, und jene Fuͤrſehung, deren Auge ſtets ge⸗ oͤffnet iſt, um den Wandel der Frommen zu ſchauen, wird Dich ſegnen. Gott befiehlt den Kindern, ihren Aeltern zu gehorſamen, auch wenn ſie deren Anſchlaͤge nicht billigen moͤgen. Ich meines Theils habe keine Aeltern, keinen Freund, der meine Sorgen mit mir theile; ſo daß ich lernen muß, mein ſchweres Geſchick allein zu tragen, waͤhrend vor Dir eine Welt liegt, die Deine Thaten ſchauen und ihnen Beifall zol⸗ len wird. Ruhm wird auf Deinem Pfade ſeyn und Dir Deinen Lohn bereiten. Vergiß dann den Traum unſerer Liebe, der ſich Dir in den Weg lagerte, und ſey gluͤcklich. Ich will zu Gott um Erhaltung Deines Lebens beten— ein Gebet, das ſelbſt von Deinem Vater mir nicht unterſagt werden wuͤrde.“ „Ich ſcheide von Dir,“ fiel John Fitz ein, „aber ich kann und werde nicht darein willigen, Dich fuͤr immer zu verlieren. Der Gedanke an meine Abweſenheit, an die Gefahr der Zeiten 166 und an die Muͤhſeligkeiten, denen ich mich hin⸗ geben muß, laͤßt mich bisweilen fuͤrchten, daß dies eine Trennung fuͤr immer ſeyn moͤgte; je⸗ doch ſo lange ich lebe, will ich nicht aufhoͤren zu hoffen, will nimmer meinen Anſpruͤchen auf Mar⸗ garethens Herz und Hand entſagen. Hoͤre mich an, denn ich habe unſere Angelegenheit aus jeg⸗ lichem Geſichtspuncte erwogen. Man wird in Dich dringen, mir zu entſagen, man wird Dir Geruͤchte uͤber mich zubringen, um Deine Seele zu vergiften, daß Du mich treulos waͤhnſt; aber traue ſolchen Geruͤchten nicht. Nimm dieſen Ring, Margarethe,“ und er zog einen Ring von ſeiner Hand und ſteckte ihn an Margarethens Finger —„empfang' ihn als ein Abſchiedgeſchenk mei⸗ ner Liebe, und hoͤre das Geluͤbde, das ich mit dieſem Geſchenke verbinde: Moͤge ſich fortan be⸗ geben, was da wolle; ſollte mein Vater das Aeu⸗ ßerſte aufbieten, uns zu trennen, ſollteſt Du durch dieſe wandelbare Welt in irgend eine Lage ſchwe⸗ rer Bedraͤngniß oder Bekuͤmmerniß verſetzt wer⸗ den, ſo daß Du eines Freundes in der Noth, eines Freundes beduͤrfteſt, der willig ſein Leben fur Deine Rettung wagte, ſo ſende nur dieſen Ring an John Fitz; und ſtaͤnde auch der Tod dazwiſchen, um ihm zuruͤckzuwinken, ſo ſchwoͤrt er dennoch, Deinem Aufrufe Folge zu leiſten— ſchwoͤrt im Namen des Himmels, zu Deinem Bei⸗ ſtande her zu eilen! Und Du, Margarethe, ver⸗ ſprich mir feierlich, nie von dieſem Liebeszeichen, ich moͤge lebend oder todt ſeyn, freiwillig zu ſcheiden.“ „Ich verſpreche es,“ ſagte Margarethe;„im Angeſichte des Gottes, vor welchem wir Beide ſtehen, verſpreche ich feierlich, daß, in welche Ver⸗ haͤltniſſe ich fortan gerathen moͤge, ich nie— es ſey denn, Dich dadurch zu meinem Beiſtande auf— zurufen— dieſen Ring eher von mir laſſen will, als bis meine Haͤnde im Tode erſtarren. Biſt Du zufrieden?“ „Ich bin's,“ ſagte John Fitz, und wollte weiter reden, als ſein Gefaͤhrte, den wir vorhin vor der Waldoͤffnung zuruͤckließen, haſtig herbei gerannt kam und den Liebenden ſchon von fern zurief:„Brecht Eure Unterredung ab, denn es kommen Mehrere den Waldweg her. Deutlich 5 erkannte ich unter ihnen Glanville und Lady Ho⸗ ward. Am beſten thut Ihr, wenn Ihr von ein⸗ ander ſcheidet, denn wenn nach Miß Marga⸗ rethe gefragt wird, und man ſie nicht daheim findet, ſo kann dadurch ein Verdacht erweckt wer⸗ den, den unter jetzigen Umſtaͤnden zu erregen, Euch unmoͤglich zutraͤglich ſeyn kann.“ „Du haſt Recht, Slanning,“ ſagte Fitz,„und obwohl Du eher zu uns kamſt, als ich Dich dazu aufforderte, ſo freut es mich dennoch, Dich hier zu ſehen, damit Margarethe erfaͤhrt, wieviel ich Dir, meinem Freunde, verdanke.“ Und zu Mar⸗ garethen gewendet, fuhr der Juͤngling fort:„Sir Nicholas Slanning iſt voͤllig in unſer Geheim⸗ niß eingeweihet, alle meine Hoffnungen ſind ihm bekannt, und durch ſeine Vermittelung denke ich kunftighin Nachricht von Dir und uͤber Dich waͤhrend der Zeit unſerer peinlichen Trennung zu erhalten. Ja, Margarethe, dieſer edelmuͤthige Freund hat es mir zugeſagt, mit der zaͤrtlichen Sorgfalt eines Bruders uͤber Dich zu wachen. Nimm ihn als einen Bruder auf, und Du, Slanning, erkenne in Margarethen den edleren 169— Theil meines Selbſt! Schuͤtze ſie, bewahre ſie vor Boͤſem, troͤſte ſie in ihrer Betruͤbniß, und rede zu ihr, wenn ich fern bin, dann und wann von Deinem Freunde, der keine andere Hoffnung in dieſem Leben hat, als die, welche ſich auf die Treue ſeiner Geliebten und auf die Sorge ſeines edelherzigen Freundes ſtuͤtzt.“ „Ihr ſollt und moͤgt nach Gefallen uͤber mich gebieten, edles Fraͤulein,“ ſagte Nicholas Slan⸗ ning mit Waͤrme,„denn ich muͤßte Den fuͤr ei⸗ nen ſchurkiſchen Feigling halten, der eine Dame, wie Ihr ſeyd, in Betruͤbniß, und einen Freund wie John Fitz in boͤſen Haͤndeln ſehen koͤnnte, und nicht durch Feuer und Waſſer ginge, um Bei⸗ den zu dienen. Hier iſt meine Hand, John; und obwohl ich nicht danach zugeſchnitten bin, feine Reden hoͤren zu laſſen, wie ein Hofmann, ſo kann ich doch frei und offen zuſagen, daß ich treulich das Amt verwalten werde, das Du mir heute anvertrauet haſt. Und nun ſprich, was kann ich mehr fuͤr Dich thun?“⸗ „Ich wollte Dich bitten, mich bis London zu geleiten, wohin ich gehen muß, bevor ich mich 130 zu Schiffe begebe; von dort aus ſollſt Du mein letztes Abſchiedswort Derjenigen uberbringen, die mir das Theuerſte guf der Welt iſt. Lebe wohl, Margarethe, empfange die Dienſtleiſtungen mei⸗ nes Freundes ohne Bedenken; Du moͤgteſt ihrer beduͤrfen. Lebe wohl! der Himmel ſey mit Dir, und bedenke, daß ich meine Gluͤckſeligkeit in Dei⸗ ner Obhut zuruͤcklaſſe.“ Und immer und immer noch zoͤgerte John Fitz, um Margarethen immer noch ein letztes Wort zu ſagen, immer noch hatte er dann Die⸗ ſes, dann Jenes vergeſſen, bis Sir Nicholas Slanning ihn endlich erinnerte, wie es unum⸗ gaͤnglich nothwendig ſey, von hinnen zu gehen. Endlich riß John Fitz ſich los, aber oſt noch wendete er ſich, um noch einmal Margarethen nachzublicken, die den Huͤgel hinauſſtieg, uͤber den hin der Weg nach Kilworthy fuͤhrte. Der Abend, der ſeine Schatten bereits tief herabge⸗ ſenkt hatte, huͤllte alle Gegenſtaͤnde in Dunkel, doch gewaͤhrte er noch hinlaͤnglichen Lichtſchim⸗ mer, daß John Fitz den weißen Schleier der Ge⸗ liebten unterſcheiden konnte, der einer Schnee⸗ 171 flocke gleich in der Landſchaft zu ſchwimmen ſchien. Als John Fitz, indem er in eine Waldkruͤmmung einbiegen mußte, denſelben endlich aus den Au⸗ gen verlor, ſeufzte er tief auf, als ob mit die⸗ ſem Schleier ihm zugleich jegliche Erdenhoffnung entſchwunden waͤre. 7 Arhtes Capitel. „Einbildungskraft moͤge jetzt ſich einen Zeitraum vorſtellen.“ Shakſpeare. Der Leſer laſſe ſich's gefallen, mit uns einen Zeitraum von zweien Jahren zu uͤberſpringen, um deſto foͤrderſamer mit unſerer Erzaͤhlung fort⸗ zukommen. Nachholend ſchicken wir Folgendes voraus. John Fitz war wirklich zu den englaͤndiſchen Kriegern geſtoßen, die damals in den Nieder⸗ landen dem Prinzen von Parma gegenuͤber ſtan⸗ den. Bald hatte er ſich ruͤhmlichſt bei dem Heere ausgezeichnet, jedoch wenige Monate wa⸗ ren erſt ſeit ſeiner Abreiſe von England verfloſ⸗ ſen, als Hugo Fitz die betruͤbende Nachricht 173 erhielt, ſein Sohn waͤre bei einem gefaͤhrlichen kriegeriſchen Wagniß erſchlagen worden. Vergebens wuͤrden wir bemuͤht ſeyn, den Kum⸗ mer des armen alten Vaters oder Margarethens zu ſchildern, als dieſe die Trauerpoſt erhielten. Wirklich lebte kein Herz in Taviſtock, das bei Empfang dieſer Kunde nicht trauerte, denn John Fitz war allgemein beliebt geweſen; und ſein Freund Slanning erklaͤrte, und er that es mit Wahrheit, daß er lieber ſein eigenes Leben haͤtte hingeben moͤgen, als dieſe betruͤbende Nachricht zu erhalten. Allein unter Allen, die von dieſer Botſchaft ſchmerzlich beruͤhrt wurden, war un⸗ ſtreitig wegen der beſonderen Umſtaͤnde, die ſich mit ihrer Lage verknuͤpften, Margarethe am mei⸗ ſten zu bemitleiden. Standwich, der raſtlos ge⸗ ſchaͤftig in ſeinen tollen Plaͤnen, waͤhrend dieſer Zeit zu mehrerenmalen hin und her das Meer uberſchifft hatte, zeigte ſich dann und zu einer verſtohlenen Unterredung mit ſeiner Tochter. Ob⸗ wohl er ihr nur im Charakter eines geiſtlichen Fuͤhrers bekannt war, wirkte er doch mit uͤber⸗ wiegender Gewalt auf ihr moraliſches Gefuͤhl Ihr Beſchuͤtzer Glanville nahm ab an Geſund⸗ heit und Lebensmuth, ſo daß deſſen Familie, ſo wie auch Lady Howard, mit Blicken des Nei⸗ des und Uebelwollens auf Margarethe ſahen, deren Lage dadurch oft unertraͤglich gemacht ward. Oft wuͤnſchte ſie, daß es der Wille des Himmels haͤtte ſeyn moͤgen, ſie mit John Fitz in Ein Grab zu legen; und eben ſo oft ſann ſie nach, wie ſie ſich ruhigere und friedlichere Verhaltniſſe waͤh⸗ rend der ihr noch zugemeſſenen Lebensfriſt ermit⸗ teln koͤnnte. Allein ſie war freundlos, und wie ſie waͤhnte, auch vaterlos, und hatte daher ei⸗ gentlich Niemanden, der die Laſt, von der ſie be⸗ druͤckt ward, ihr haͤtte moͤgen tragen helfen. Gegen ihren Vormund konnte ſie nicht kla⸗ gen, denn deſſen eigene Gattin, ſowie deren Ver⸗ wandte, Lady Howard, ja ſogar deſſen eigener Sohn blickten auf ſie wie auf eine Ueberlaͤſtige, auf einen Gegenſtand des Neides und Mißbeha⸗ gens. Margarethens ungluͤckliche Lage entging nicht der Wahrnehmung eines ſo edelmuͤthigen Mannes, wie Nicholas Slanning war, der durch jegliche Aufmerkſamkeit der Menſchenliebe und 275 Freundſchaft ſich bemuͤht wies, die Ungluͤckliche zu troͤſten. Indem er der jugendlichen und an⸗ muthigen Pflegetochter Glanville's ſeine Gedan⸗ ken und ſeine Sorgfalt widmete, ward er, ehe er deſſen noch ſelbſt gewahrte, ſo innig an das Mädchen geknuͤpft, daß er endlich das einzige Mittel anbot, das in ſeiner Macht ſtand, um ſie ihrer ſie bedruͤckenden Lage zu entreißen und ſie ſofort unabhaͤngig zu machen: er trug ihr naͤm⸗ lich ſeine Hand an. Margarethe aber ſchlug ſei⸗ nen Antrag aus, obwohl ſie denſelben dankbar anerkannte. Ueberdies war zwiſchen den Cha⸗ rakteren Margarethens und Slanning's ein ſo himmelweiter Unterſchied, daß, wenn ſie auch nie einen Anderen geliebt hätte, er doch keinesweges jemals der Mann ihrer Wahl haͤtte ſeyn koͤnnen. Sir Hugo Fitz war zur Zeit, in der wir den Faden unſerer Erzaͤhlung wieder auffaſſen, noch immer der wohlhabende und geachtete Ritter, der nachſichtige Gutsherr, der wohlwollende Freund und ein aufrichtiges Mitglied der refor⸗ mirten Kirche. In dieſer Hinſicht war er un⸗ veraͤndert geblieben; allein in anderem Betracht 176 wies er ſich ſo umgeſtaltet, daß man in ihm kaum den gutherzigen, grillenhaften Mann erkannte, welcher er ehedem geweſen war, und deſſen treff⸗ lichem Charakter man volle Gerechtigkeit hatte wriderfahren laſſen, wenn man auch uͤber ſeine Thorheiten zu lachen pflegte. Sir Hugo's graues Haar war nun ſilber⸗ weiß geworden und beſchraͤnkte ſich auf wenige duͤnne Locken zu beiden Seiten ſeines uͤbrigens kahlen Schaͤdels. Sein Geſicht hatte alle jene Zuge verloren, die auf Zerſtreutheit oder Geiſtes⸗ abweſenheit deuteten, und durch welche es fruͤher ſich ſo ſehr ausgezeichnet hatte. Runzeln waren bei ihm Furchen worden, und das Licht ſeiner Augen ſchien jetzt daͤmmernder als jemals zu ſeyn. Seine Kleidung, die ſich von jeher nachlaͤſ⸗ ſig gewieſen hatte, wies ſich jetzt nur um ſo mehr ſo, und ſeine Lieblingsſtudien ſchienen kein Intereſſe mehr fuͤr ihn zu haben. Buͤcher, ſogar diejenigen aſtrologiſchen In⸗ haltes, umringten ihn ſtaubbedeckt, und die Spin⸗ nen hatten ihr Gewebe um die Geruſte gezogen, 177 auf denen die Behaͤlter der Wiſſenſchaften ſtan⸗ den. Er aß wenig, und wie ein Menſch, der nicht weiß, daß er Theil an einem geſelligen Mahle nahm. Hatte Wachen ihn erſchoͤpft, ſo gewaͤhrte die ermuͤdete Natur ihm zwar Ruhe, allein dieſe Ruhe war ihm minder willkommen, als die des Grabes, der er entgegen eilte, denn Traͤume beunruhigten ihn, die faſt eben ſo me⸗ lancholiſchen Inhaltes, als ſeine Gedanken im Wachen waren. Kurz, ihm war(wie Shakſpeare dieſen Zuſtand ſo treffend beſchreibt) das Leben eben ſo langweilig als ein aufgewaͤrmtes Maͤr⸗ chen, mit welchem das Ohr eines Schlaftrunke⸗ nen gepeinigt wird. Zwei Stuͤcke waren auffallend in dem Le⸗ benswandel Sir Hugo's: erſtens, daß er gottes⸗ fuͤrchtiger als je geworden war, indem er ſowohl in woͤchentlichen Betſtunden, als Sonntags, die Kirche beſuchte; und zweitens, daß er meiſten⸗ theils ſeine Zeit in einem Eckchen ſeines Gar⸗ tens, nahe ſeinem Hauſe, zubrachte, wo ein ein⸗ ſamer Springquell ſeine Waſſer zwiſchen Blu⸗ menbeeten und Duftgeſtraͤuchen ſprudeln ließ, Fitz of Fitz⸗Ford. II. 12 178 welche mit beſonderer Sorgfalt gepflegt wurden. Dem Sprudelquell gegenuͤber ſtand eine Jasmin⸗ laube, in welcher der alte Ritter oft Stunden lang ſaß, bis er nicht ſelten von ſeiner ſorglichen Familie hereingeholt ward, die ihn mit all' der Zaͤrtlich⸗ keit pflegte, welche er verdiente. Seine Vorliebe fuͤr dies Gartenfleckchen war um ſo auffallender, als er fruͤher nicht den mindeſten Antheil an demſelben genommen hatte. Doch war ſein der⸗ zeitiges Thun und Treiben nichts weiter, als das ſo oft und ſo mannichfaltig ſich zeigende Bild eines Menſchen, der an tiefem Herzensgram er⸗ krankte. Unter Denen, die lebhaft Theil an der betruͤ⸗ benden Umwanblung nahmen, die mit dem alten Ritter vorgegangen war, befand ſich auch Bar⸗ nabas Ferule, der Schulmeiſter, deſſen Dank⸗ barkeit ſich in einer unbegrenzten Aufmerkſamkeit gegen ſeinen wuͤrdigen Goͤnner kund gab. So oft Barnabas ſich losmachen konnte, widmete er ſeine Zeit dem Herrn von Fitz. In der Hoff⸗ nung, den Truͤbſinn deſſelben zu ſcheuchen, las er nicht nur alles Wiſchiwaſchi aus der Nach⸗ 179 barſchaft zuſammen, ſondern brachte ihm auch alle Kunde zu, die von weiter her nach Tavi⸗ ſtock gelangt war; denn zu jener Zeit gab es keine Tageblaͤtter, keine Journale, mittelſt welcher man, verhaͤltnißmaͤßig geſprochen, eine Begebenheit eben ſo ſchnell, als dieſelbe entſtanden war, durch das ganze Koͤnigreich haͤtte verbreiten koͤnnen, in⸗ dem es wohl bekannt iſt, daß in England die erſte Zeitung aufkam, als das Land ſich durch das Geruͤcht erſchuͤttert fuhlte, daß die ſpaniſche Armada es bedrohe. In der erwaͤhnten Laube ſaß an einem Herbſt⸗ tage Sir Hugo, gelehnt auf ſeinen Stab, und mit jenem achtloſen Stierblick, der von gaͤnzli⸗ cher Theilnahmloſigkeit an den ihn umringenden Gegenſtaͤnden zeugt. Die Wolken hingen dun⸗ kel, und ſenkten ſich in ſchwarzen Maſſen auf die Hoͤhe des nahen Moorgrundes. Da ſtahl Barnabas ſich abermals zu ſeinem Goͤnner. Der arme Schulmeiſter war ſo ziemlich der⸗ ſelbe geblieben, als wir ihn Eingangs dieſer Ge⸗ ſchichte kennen lernten; nur daß er noch ein we⸗ nig magerer, ſein Rock noch ein wenig faden⸗ 42 180 ſcheiniger und ſein Geſicht um ein Bedeutendes laͤnger geworden war. Sir Hugo blickte ihn mit glanzloſem Aug' an, und ſagte in leiſem, ſchwermuͤthigem Tone, ohne ſeine Stellung zu veraͤndern:„Ihr ſeyd willkommen, Meiſter Barnabas; es hat zehn Uhr geſchlagen, und ich erwartete Euch ſchon ſeit einer halben Stunde. Wie kam's, daß Ihr ſo lange bliebt?“ „Verehrter Sir,“ verſetzte Barnabas,„es ſind erſt zehn Minuten, ſeitdem es zehn Uhr ſchlug, vergangen.“ „Es mag ſo ſeyn,“ ſagte Sir Hugo ſeuf⸗ zend; denn der Fuß der Zeit ſchleicht mir ſo bleiern, daß ihre Minuten mir Stunden zu ſeyn ſcheinen; und doch, Meiſter Barnabas, ſollte es alten Leuten beduͤnken, als eilte ſie, indem man wahrnimmt, wie hurtig ſie dahin ſchreitet durch die kurze Spanne, die zwiſchen dem hohen Alter und dem Grabe liegt.“ „Theuerſter Sir Hugo,“ entgegnete Barna⸗ bas,„das iſt wieder eine truͤbe Stimmung, in der ich Euch finde. Will Euch kein Troſt zu Her⸗ —81— zen kommen? Will nichts Euch erheitern? Ver⸗ ſucht's einmal, ob Ihr den Geiſt Euch nicht durch Eure ehemaligen Studien aufrichten koͤnnt. Nachbarin Gillach hat heute fruͤh einen Jungen in die Welt gebracht, der ſo huͤbſch und derb iſt, wie ein Neugeborner nur ſeyn kann. Er kam mit dem Schlage Zwei in dieſes Leben, juſt als eine Conjunction des Mars und der Venus ſo herrlich ſichtbar war, als ich ſie je ſah. Laßt uns zur Freude der Mutter des Buͤbleins Ho⸗ roſkop ſtellen— es wird Euch eine anmuthige Zerſtreuung geben.“ „Nein, nein!“ rief Sir Hugo, indem er traurig den Kopf ſchuͤttelte.—„Ich ſag's Euch, nichts wird mehr anmuthig fuͤr mich ſeyn. Ich, Meiſter Barnabas,“ und damit buͤckte er ſich und hob eines jener duͤrren und gelben Blaͤtter auf, die vom Wind' in die Laube hinein ge⸗ weht worden waren,„ich bin gleich wie dies welke Blatt, das der Herbſt abſtreifte vom Stamme, an welchem es ſeine Nahrung fand— verdorrt, nutzlos!“ Eine Thraͤne ſtand in des alten Mannes Augen, und Barnabas,„obwohl S 4— —— 182 zum Weinerlichen ganz verdorben,“ war dennoch bei'm Anblicke des Kummers ſeines Goͤnners der⸗ geſtalt erſchuͤttert, daß er ſich abwenden mußte, um ſeine eigene Betruͤbniß zu verbergen. „Aber Ihr verſpracht mir Neuigkeiten,“ fuhr der herzkranke Ritter fort, indem er ſich an⸗ ſtrengte, ſeinen Schmerz abzuſchuͤtteln und mun⸗ teres Wort zu reden—„ja, ja, Neuigkeiten. Der Eilbote von Exeter wird Neues aus Lon⸗ don mitgebracht haben. Wie geht's Ihrer Ma⸗ jeſtaͤt? Gott gebe, daß es ihr wohl gehe— wie⸗ wohl ich ihr nicht mehr dienen kann. Hab' ich ihr doch gedient, ihr Alles, was ich mein nannte, mein Herzblut im Blute meines einzigen Soh⸗ nes hingegeben!— Nun, nun! mit meinen Ge⸗ beten muß ich ihr jetzt dienen; ſie ſind Alles, was mir uͤbrig blieb; und ſie ſoll ſie haben fuͤr die Fortdauer ihrer glorreichen Regierung.“ „Ihre Majeſtaͤt befindet ſich wohl, und ganz London war ſehr geruͤhrt durch“— Der Schul⸗ meiſter hielt inne, als naͤhme er Anſtand, weiter zu ſprechen.. „Sprecht Eure Neuigkeit aus, Mann!“ ſagte 183 Sir Hugo,„fuͤrchtet nicht, mich zu verletzen. Ich kann jede Kunde vernehmen; denn Weniges giebt es, was mir Schmerz, und Nichts, was mir Freude verurſachen koͤnnte. Sprecht!“ „Nun denn, ganz London,“ fing Barnabas wieder an,„iſt in großer Bekuͤmmerniß, denn der Leichnam des Sir Philipp Sydney iſt heim⸗ gebracht worden, um in der Sanct-Paul's⸗ Kirche feierlich beigeſetzt zu werden.“ „Und Die, welche ihn, den Tapfern, liebten, werden eine Thraͤne an ſeiner Gruft weinen,“ ſagte Sir Hugo—„wo aber iſt das Grab meines ehrlichen Jungen, der ebenfalls in Flan⸗ dern fiel? Sein Leichnam ward nimmer heim⸗ gebracht, daß ich den kuͤmmerlichen Troſt haben koͤnnte, eine Thraͤne uͤber dem gruͤnen Raſen zu weinen, der ſeinen Staub deckt. Sprechen koͤnnt' ich dann doch: hier liegt Alles, was in dieſer Welt von John Fitz uͤbrig blieb,— es wuͤrde eine Art von Troſt geweſen ſeyn— jedoch es iſt mir verſagt worden.— Er fiel mit einer Menge, die erſchlagen wurden, und fuͤllte mit jener Menge ein gemeinſames Grab!“ 184 „Sir Hugo,“ ſagte Barnabas mit vieler Empfindung,„ich kann nicht ſagen: ſeyd unbe⸗ kuͤmmert, denn Ihr ſeyd ein Vater.“ „Ich war ein Vater,“ verſetzte Hugo;„doch ietzt bin ich nur ein kinderloſer Greis.“ „Doch darf und muß ich ſagen,“ fuhr der Schulmeiſter fort,„daß Gottes Wille allweg ge⸗ ſchehen muß.“ „Ich habe um Gehorſam gegen dieſen Wil⸗ len Gottes gefleht— inbrunſtiglich,“ ſagte der Ritter. „Und wir wiſſen,“ bekraͤftigte Barnabas, „wie ſchon ein Heide erklaͤrte, daß obniae pre- ces coelum penetrant*). Wie alſo muß das Ge⸗ bet eines Chriſten einem Menſchen gedeihlich ſeyn!“ „Mich duͤnkt,“ verſetzte Sir Hugo, indem er ſich die Thraͤnen abwiſchte,„ich wuͤrde dieſen Streich beſſer ertragen haben, wenn er im na⸗ tuͤrlichen Verlaufe der göttlichen Fuͤrſehung mich getroffen hätte. So aber macht mein Herz mir )„Beharrliche Gebete durchdringen den Himmel“ ——„— —— 185 unaufhoͤrlich Vorwuͤrfe, daß ich es war, der den Sohn hinaus jagte, und obendrein zuverlaͤſſig gegen deſſen Willen. Demnach betrachte ich mich als die Urſache des Todes meines armen Knaben.“ „Der Kummer vergroͤßert, gleich einem Seh⸗ rohre, durch welches wir die Planeten beſchauen, den Gegenſtand, den er zeigt,“ ſagte Barnabas, „und erblickt auf glaͤnzender Oberflaͤche diejenigen dunkeln Flecken, die mit unbewaffneten Augen nicht wahrgenommen werden koͤnnen. Ihr thatet an Eurem Sohne nicht mehr Unrecht, als ſo man⸗ cher anderer Landedelmann an dem ſeinigen that. Ihr ſchicktet ihn in den Kampf gegen den grau⸗ ſamen Prinzen von Parma, fuͤr die Sache ſei⸗ nes Vaterlandes fuͤr die Sache derjenigen Re⸗ ligion, die aufrecht zu erhalten unſer Aller Trach— ten iſt; fuͤr eine Sache, von der ich wohl ſagen mag, daß ſie die geſammte Menſchheit angeht. Ihr ſolltet Euch eher freuen, als beklagen uber den Adel jenes Geiſtes, durch welchen Ihr Euren John Fitz zum Opfer brachtet; denn bedenkt, was Ger⸗ manicus ſprach, wie Tacitus es uns aufbehalten hat, daß ſein Sohn ihm nicht theurer, als ſein —186— Mutterland war“. Fuͤrwahr, ſolch' ein Beiſpiel muß Fuͤlle des Troſtes fuͤr Euch enthalten!“ „Beſſeren Troſt vermag ich in der heiligen Schrift zu finden,“ verſetzte Sir Hugo,„indem ich erkenne, daß Gott ſelbſt uns lehrt, mehr auf den Beweggrund zu unſeren Handlungen, als auf den Erfolg derſelben zu ſehen. Gott weiß, daß ich ſo that, als es mir am Beſten duͤnkte. Irrte ich in meinem Thun, ſo war es keine abſichtliche Uebertretung eines goͤttlichen Gebotes. Aber, lieber Meiſter Barnabas, wiederholt mir doch die naͤheren Umſtaͤnde, die Euch vom Cor⸗ net Nesbitt mitgetheilt wurden, welcher meinen Sohn fallen ſah. Ich wollte, wenn ich es koͤnnte, mich durch die Erinnerung an ſeinen Ruhm troͤſten, denn das Andenken an die Ta⸗ pfern iſt Segen.“ „Theuerſter Goͤnner,“ verſetzte Barnabas,„ich habe Euch das ſchon ſo oft wiederholt— warum ſo trauriges Thema abhandeln?“ „Ach, Meiſter Barnabas,“ ſagte Hugo, „muͤßt Ihr noch lernen, daß es Quellen des Schmerzes giebt, die fuͤr unſere Natur ein ſo 187 ſäͤnftigendes Gefuͤhl in uns reg werden laſſen, daß wir unwillkuͤrlich immer wieder zu ihnen zuruͤckkehren? Mein Knabe iſt todt— todt; aber gern weil' ich bei ſeinem dahingeſchiede⸗ nen Werthe—— Cornet Nesbitt alſo ſah ihn fallen.“ „Er ſah's,„antwortete Barnabas.„John fiel ruͤhmlich in dem Verſuche, eine Veſte einzu⸗ nehmen, die der Feind unweit Lille inne hatte.— General Norris befehligte die Streitmacht, und Euer Sohn geſellte ſich als Freiwilliger zu der⸗ ſelben. Er trug das Banner von England. Mit den Feinden verglichen, beſtand unſere Mann⸗ ſchaft nur aus einer Hand voll Leuten. Schon hatten die Unſern die Schanze erreicht— John Fitz war einer der Erſten, die ſie erſtiegen; ſiehe, da ward vom Prinzen von Parma den Feinden ploͤtzliche Verſtaͤrkung, unſere Mannen wurden umzingelt, niedergemacht, und Euer wackerer Sohn, der das Banner von England nicht laſ⸗ ſen, ſondern in Begleitung weniger Entſchloſſe⸗ ner vorwaͤrts dringen wollte, fiel mit Wunden bedeckt, wäͤhrend kaum ein Mann außer dem 7 188 Cornet Nesbitt ubrig blieb, der Kunde von dem Gemetzel haͤtte geben mogen. Sydney wiſchte ſich eine Thraͤne ab, als er das Schickſal ſeines jungen Freundes vernahm, und wenig mochte, wie ich meine, der wackere Sir Philipp ahnen, daß ſein eigenes Leben ſobald auf eben ſo glor⸗ reicher Laufbahn zu Ende gehen wuͤrde. Alle Kampfgenoſſen ruͤhmen John Fitz als Muſter alles Edlen und Braven.“ „Und das waͤre denn Alles, was mir von ihm blieb— ſein guter Name,“ ſagte Sir Hugo; —„es iſt dies nur ein Hauch, aber doch ein Hauch, der mich erquickt. Fahr' wohl denn, mein wackerer Junge! Ich dachte, Du ſollteſt eines Tages mich betrauern, wie der Lauf der Natur es denn erheiſcht haͤtte, daß mein graues Haupt ſich fruͤher als Dein Lockenkopf in die Grube legte— jedoch ich lebe, und Du biſt todt!— Genug, genug!— Was habt Ihr ſonſt Neues, Barnabas?“ „Daß Mylord von Leiceſter auf der Königin beſonderen Befehl aus den Niederlanden zuruͤck⸗ berufen ward,“ ſagte Barnabas.„Ludgate wird ——— 189 auf Koſten der Buͤrger von London neu erbauet; und ein gewiſſer John Adams iſt mit einem Ri⸗ chard Dibdale zu Tyburn, als von Rom aus in dieſes Land zu Mordanſchlägen gegen unſere durchlauchtigſte Koͤnigin abgeſchickt, auf ſchauer— liche Weiſe hingerichtet worden.“ „Wunderſamlich iſt Ihre Majeſtaͤt vor der Gewalt ihrer Feinde beſchirmt worden,“ ſagte der alte Sir Hugo;„und ich hoffe mit Zuver⸗ ſicht, daß der Arm der Fuͤrſehung ſie fernerhin beſchuͤtzen werde, denn viele ſind der Complotte gegen ſie, und vielfach die Parteien und Anhaͤn⸗ ger der roͤmiſchen Kirche, die nach erneuertem Aufruhr in dieſem Lande trachten. Wo be⸗ findet ſich jetzt die ſchottiſche Koͤnigin?“ „Noch immer zu Schloß Fotheringhay,“ war des Schulmeiſters Antwort,„als enggehaltene Gefangene, obwohl vielerlei Verſuche gemacht wurden, ſie zu befreien. Das Geruͤcht geht, das Parlament ſtehe im Begriff, die Sache vorzunehmen, und die ſchottiſche Koͤnigin werde in große Bedraͤngniß gerathen.“ 190 „Ihr bringt mir wahrlich Neuigkeiten,“ ſagte Sir Hugo.„Wir leben in gefahrvollen Zeiten; Gott moͤge ſie beſſern! Wos fuͤr Kunde giebt's denn in der Nahe? Wie ſteht's um meinen Nachbar Glanville? Seit laͤnger denn einem Monate ſah ich ihn nicht, und, die Wahrheit zu ſagen, Ein Mitglied ſeiner Familie kann ich nicht anblicken, ohne daß mir hoͤchſt peinliche Erinnerungen auf— ſteigen, weshalb ich es denn auch unterließ, Kil⸗ worthy zu beſuchen.“ „Glanville nimmt ab an Geſundheit,“ ver⸗ ſetzte Barnabas,„und die Leute ſagen, daß er zeither etliche Verdrießlichkeiten erfuhr, die ihm Seelenleiden zu ſeinen Koͤrperſchmerzen hinzu⸗ fuͤgten. Im Uebrigen hoͤrte ich weiter nichts Neues, als daß Sir Nicholas Slanning im Be⸗ griff ſtehen ſoll, des Richters ſchöne Pflegetoch⸗ ter, Miß Margarethe Champernoun, zu ehelichen.“ Sir Hugo Fitz ließ den Stab fallen, auf den er ſich ſtützte, und rief haſtig aus:„Ehelichen? Iſt's moͤglich?— Weiß er denn nicht? Nein, nein; er kann's nicht wiſſen— Sir Nicholas Slanning, ein Ehrenmann, ein Mann aus ſo — 191 uraltem Hauſe!— Barnabas, das iſt nicht wahr, das iſt Gewaͤſch aus einem Landſtaͤdtchen, Gewaͤſch, welches gern jedes huͤbſche Maͤdchen mit demjenigen jungen Herrn fuͤr verſprochen ver⸗ ſchreiet, mit dem man ſie geſtern an einem oͤf⸗ fentlichen Orte ſah. Ich glaub's nimmer.“ „Dennoch beſpricht man's als eine unzube⸗ zweifelnde Angelegenheit,“ meinte der Schulmeiſter. „Er liebte ſie mehr, als ſich ſelbſt!“ ſagte Hugo vor ſich hin,„und dieſe ſeine verhaͤngniß⸗ volle Wahl bahnte Weg zur Urſache ſeines To⸗ des. Wahrlich, Mißgeſchick folgt allen Denen, welche auf dieſes Maͤdchen blicken. Und Slan⸗ ning ſelbſt,“ fuhr er mehr zu Barnabas gewen⸗ det fort,„ſagte mir, daß ſie ſeine Bewerbung zuruͤckwies, und noch dazu unter der Bemerkung, daß ſie ihn nimmer wuͤrde ehelichen können, auch wenn ſie niemals meinen ungluͤcklichen Sohn ge⸗ liebt haͤtte; und jetzt ſollte ſie ſo ploͤtzlich ihre Geſinnung geaͤndert haben?“ „Weiber ſind unſtaͤt wie Waſſerfluthen, Sir Hugo,“ meinte der Schulmeiſter,„denn wie ſpricht der große Dichter Virgilius?“ und mit ————„. — 192 der Miene eines alten Paͤdagogen citirte Barna⸗ bas den alten Vers:„vium et mutabile;“ ein Citat, das ſeit Virgils Zeiten bis zu den un⸗ ſern herab im Munde jedes Schulbuben iſt, wenn er auf die Weiber ſchelten will. „Doch,“ ſagte der alte Ritter, als ob er ſich beſaͤnne—„doch will ich ſie mild beurtheilen. Sie iſt jung, zart, liebenswuͤrdig, und wuͤrde freundlos ſeyn, ſobald es Gott gefallen ſollte, ihren Pflegvater aus dieſer Zeitlichkeit abzurufen. Sir Nicholas Slanning iſt ein Mann von Ehre und Wuͤrde, und ihrem Dienſte ergeben. Ich weiß das von ihm ſelbſt, und es iſt moͤglich, daß ſeine ehrerbietige und unablaͤſſige Bewerbung endlich den Sieg uͤber die Abgeneigtheit des Mädchens davon trug. Ihr wißt, Schulmeiſter, daß ich Euch oft ſagte, wie ich aus Familienruͤckſichten die Liebe meines Sohnes zu dieſer Margarethe Champernoun mißbilligen mußte, und jenen des⸗ halb in's Ausland ſandte. John Fitz gehorchte mir, obwohl er die Geliebte mehr als ſein eig⸗ nes Leben liebte. Niemals werd' ich's vergeſſen, wie er am Tage ſeiner Abreiſe mir die Hand druͤckte, und mit Thraͤnen in den Augen mich flehentlich bat, ich moͤgte, obſchon ich meine Einwilligung zu dieſem Ehebuͤndniſſe verweigerte, dennoch, wo ſich Gelegenheit boͤte, Margarethen hold ſeyn und in der Noth ihr dienen. Es war dieſes ſeine letzte Bitte, und ſie ſoll nicht uner⸗ fuͤllt bleiben. John Fitz iſt todt; allein oft dachte ich an ſeine Bitte, als ob ſeine Stimme mir aus dem Grabe ſchallte. Ich bin reich und habe kein Kind, das mich beerben koͤnnte. Sir Nicholas iſt ein Mann von Verdienſt, aber von geringem Vermoͤgen; Margarethe haͤngt von Glanville ab. Ich will mit Slanning ſprechen, und wenn eine ſeinem Weibe mitgegebene Summe dieſer Ehe foͤrderlich ſeyn kann, ſo ſoll es daran nicht feh⸗ len. Ich werde dann das beruhigende Bewußt⸗ ſeyn haben, daß, wenn ich auch der erſten Liebe Margarethens hinderlich werden mußte, ich doch mindeſtens etwas dazu beitrug, ſie fur ihre uͤbri⸗ gen Lebenstage unabhaͤngiger gemacht zu haben.“ Und dieſem liebfreundlichen Entſchluſſe gaͤnz⸗ lich hingegeben, verließ der ſohn⸗ und troſtloſe Vater, auf des Schulmeiſters Arm geſtutzt, Fitz of Fitz⸗Ferd. 1I. 13 Reuntes Capitel. „Hermia. O Holle! Liebeswahl durch Fremder Augen! Lyſander. Und wenn auch Einklang in der Wahl war, drangen Krieg, Krankheit oder Sterben auf ſie ein.“ „Johannisnachttraum.“ Shakſpeare. Es wird jetzt nothwendig, daß wir unſere Auf⸗ merkſamkeit auf die ſchoͤne und ungluͤckliche Mar⸗ garethe richten, um Rede wegen des Geruͤchtes zu ſtehen, welches dem Sir Hugo mit ſo vieler Zuverſicht von dem Schulmeiſter hinterbracht ward. Der Leſer kennt bereits die Umſtaͤnde, durch welche Margarethens Lage ſo peinlich ge⸗ macht worden war, da zu Vergroͤßerung ihres tiefen und ſchweren Kummers uͤber das Ableben 13* — —— 196 des Erben von Fitz ihr der Troſt einer freudvol⸗ len Heimath und einer mitfuͤhlenden Freundin, gebrach. Wenn ſie auf ihren Pflegevater blickte, ſo gewahrte ſie einen Greis, der unter der Laſt der Jahre, einer wankenden Geſundheit und haͤus⸗ licher Leiden dahin ſchwand. Blickte ſie auf Sir Nicholas Slanning, ſo fand ſie deſſen Neigun⸗ gen und Wuͤnſche ſo ſehr mit deſſen Freund⸗ ſchaftanerbietungen verbunden, daß ſie letztere kaum in Anſpruch nehmen konnte, ohne erſtere aufzumuntern. Dazu muͤſſen die Sitten der Zeit mit in An⸗ regung gebracht werden; denn wieviel Gutes man auch von den goldenen Tagen der guten Koͤni⸗ gin Beß erzaͤhlt, ſo waren ſie doch keinesweges Tage der allgemeinen, noch der individuellen Frei⸗ heit, ſobald wir dies Wort in dem Sinne auf⸗ faſſen, den daſſelbe heut zu Tage enthält. Frei⸗ heit erhob ſich damals erſt aus ihren Feſſeln; obwohl es wahr iſt, daß, wenn man die Zeit Eli⸗ ſabeths mit der Regierung der blutigen Maria von England und der des Tyrannen und Metz⸗ gers Heinrichs des Achten vergleicht, man die⸗ 197 ſelbe allerdings eine Zeit der Freiheit nennen muß. Dennoch bot ſie nur einen Zuſtand wie zwiſchen ſtockfinſterer Nacht und dem erſten, fernen Daͤm⸗ merlichte des heraufſteigenden Morgens dar. Will⸗ kuͤrliche Maßregeln beherrſchten noch immer den Koͤnigshof; man fand dergleichen im Staats⸗ rathe, ja ſogar im Volke, und in nicht geringem Maße in den Familien des Adels und der Guts⸗ beſitzer durch das ganze Land. Heirathen wur⸗ den zu jener Zeit, mindeſtens zwiſchen Perſonen von irgend einem bedeutenderen Stande, mit we⸗ nigen Ausnahmen, durch Aeltern, Vormuͤnder und Verwandte abgeſchloſſen, und Widerſetzlich⸗ keit von Seiten der alſo Verlobten ward fuͤr hoͤchſt gefährliches Unternehmen angeſehen. Sir Nicholas Slanning's Bewerbung um die Hand Margarethens hatten dem Madchen juͤngſt⸗ her vielfäͤltige Ermahnungen von Seiten ihres Vormundes zugezogen.„Junge Maͤdchen, ge⸗ liebtes Kind meiner Sorge,“ pflegte Glanville zu ſagen,„beduͤrfen fortwaͤhrend der Obhuth eines Beſchuͤtzers. Sie gleichen in dieſer mit Suͤnden und Sorgen angefullten Welt zarten Pflanzen, 198 die, wenn ſie nicht an einem edlen Stamme hin⸗ aufranken können, vom erſten Sturme entblaͤt⸗ tert, ja wohl gar entwurzelt werden. Ein Frauen⸗ zimmer iſt ein zwar liebenswuͤrdiges, aber an ſich ſchwaches Geſchoͤpf, und vermag allein es nicht, dem Leid der Erde Stand zu halten, oder die Pfeiler der Bosheit von ſich abzuwehren. Wer aber kann ein weibliches Weſen beſſer be⸗ ſchuͤtzen, als der ihr zu Theil gewordene Gatte? Erwaͤge dies, Margarethe, und bedenke auch, daß ich alt bin. Noch eine kurze Friſt, und Dein Huͤther legt ſich zum Sterben; und ſollteſt Du an dem Orte, an welchem er begraben liegt, die Klagen Deiner Bekuͤmmerniß erſchallen laſſen, ſo wuͤrde ihnen weiter keine Antwort werden, als das Saͤuſeln des Windes, das in den Grashal⸗ men ſpielt, mit denen ſeine Gruft uͤberwuchs.“ Auf dieſe und aͤhnliche Erinnerungen und Vorſtellungen Glanville's zu Unterſtuͤtzung der Bewerbung Slanning's antwortete Margarethe jederzeit nur mit Thraͤnen. Manchmal wich das Maͤdchen auf Unterredungen dieſer Art aus, und dann begegnete ſie nicht ſelten den ſtechenden Blik⸗ 199 ken und ſcharfen Reden der Dame Glanville, oder, was ſchlimmer war, den kalten Sarkasmen und ſatiriſchen Bemerkungen der Lady Howard. Bei alldem blieb ſie entſchloſſenen Sinnes, und alle Zuſtimmung, die von ihr erlangt wer⸗ den konnte, beſtand darin, daß ſie mit ſchwer⸗ muthvoller Hoͤflichkeit die Beſuche annahm, die Sir Nicholas Slanning ihr abſtattete. Dies war der Gemuͤthszuſtand Margarethens, als die Ruͤckkehr des geaͤchteten Georg Stand⸗ wich(der, wie ſich vermuthen laͤßt, zu Foͤrderung ſeiner duͤſteren Plaͤne, außerhalb Landes geweſen war) in die Naͤhe der Hoͤhle dem Maͤdchen abermals Veranlaſſung gab, ihre geheimen Unter⸗ redungen mit dieſem Manne fortzuſetzen, der, wie wohl bemerkt werden muß, eine ſo außeror⸗ dentliche Gewalt uͤber ihre Seele hatte. Ein Mann wie Standwich, deſſen Spaͤher zahllos ſeyn mogten, erfuhr bald, was waͤhrend ſeiner Abweſenheit ſich zugetragen hatte; ſo waren denn der Tod des Erben von Fitz, der Kummer Mar⸗ garethens, Slanning's Antrag und des Maͤd⸗ chens Abneigung dagegen mit einander Dinge, die 200 ſeinem raͤnkeſpinnenden und tyranniſchen Geiſte durchaus nicht fremd waren. Neben allen ſeinen mancherlei laſterhaften Ei⸗ genſchaften zeigte Standwich zwei Charakterzuͤge, die ihm, wenn man ſeine Verbrechen von ihm wegdenkt, Hochachtung und Mitleiden haͤtten ge⸗ winnen muͤſſen. Der eine derſelben war Ver⸗ achtung weltlicher Guͤter, und der andere auf⸗ richtige Liebe zu ſeiner ungluͤcklichen und außer⸗ ehelichen Tochter. Um ihretwillen, um ihr Schmach und peinliche Gefuͤhle zu erſparen, hatte er beſchloſſen, daß ſie nimmer das ver⸗ haͤngnißvolle Geheimniß ihrer Geburt erfahren, und ihn niemals in einem anderen Lichte, als dem eines Freundes ihres verſtorbenen Vaters ſehen ſollte. In ſofern ſie in ihm ihren geiſt⸗ lichen Huͤther erkannte, wußte er, daß ſein Ein⸗ fluß auf ſie ohne Grenzen war; und er nahm ſich vor, denſelben, ſo wie die Zeitumſtaͤnde es noͤthig machen wuͤrden, durch Mittel geltend zu machen, die er fuͤr unfehlbar erachtete. Obgleich ſeine Zuſammenkuͤnfte mit Margarethen nur ſel⸗ ten waren, weil vergroͤßerte Gefahr fuͤr ihn im — Entdeckungsfalle ſich damit verband, ſo ließen dieſelben doch jedesmal einen merklichen und ent— ſcheidenden Eindruck bei Margarethen zuruͤck. Im Verlaufe ſeines Wanderlebens hatte Standwich viel Verkehr mit den Jeſuiten gehal⸗ ten, und ſein empfängliches Gemuͤth hatte be⸗ reits die ſcheinheilige und liſtige Denkweiſe, die beſondere Verfahrungsart, die Schwaͤchen und Lei⸗ denſchaften der Mitmenſchen zu benutzen, kurz die gefaͤhrlichſte aller Eigenſchaften eingeſogen— naͤmlich die Macht, die Sophiſterei als Waffe zu gebrauchen, um die Vernunft zu unterjochen und in Feſſeln zu ſchlagen. Mit ſo furchtbarer Gewalt ausgeruͤſtet, ſchwang Standwich ſeine Seele zu dem hoͤchſten Puncte eines Schwaͤrmereifers hinauf, um das Gemuͤth Margarethens dergeſtalt zu uͤbermeiſtern, daß er ihr, wenn man ſich des Ausdruckes bedienen darf, eine freiwillige Zuſtimmung abringen wollte, den Sir Nicholas Slanning zu ehelichen, und ſo ein Ziel zu erreichen, das ihm für ſie als hoͤchſt wun⸗ ſchenswerth erſchien, da er, eingezogener Erkun⸗ digung zufolge, Slanning nicht nur fuͤr einen 202 Rechtſchaffenen, ſondern auch fuͤr einen treuen Anhaͤnger der Kirche zu Rom halten mußte, wenn dieſer ſich auch aͤußerlich den Gebraͤuchen der Reformirten uͤberließ. Konnte Standwich dieſe Heirath bewirken, ſo hoffte er noch Wich⸗ tigeres mit Huͤlfe Slanning's, vermittelſt ſeines Einfluſſes auf Margarethe, durchzuſetzen. Letz⸗ teres war jedoch ein noch in's Weite geſchobener Plan. Vor der Hand nahm die Heirath ſeine ganze Aufmerkſamkeit in Anſpruch, und er be⸗ ſchloß, dieſes Vorhaben des eheſten auszufuͤhren. Wir ſind nicht vermoͤgend, die näheren Um⸗ ſtaͤnde der hierauf bezuglichen Zuſammenkunft des Geaͤchteten mit Margarethen darzulegen. Daß ſie gewaltig, ja fuͤrchterlich geweſen ſeyn muͤſſen, laßt ſich au dem Reſultate derſelben folgern. Als Margarethe den Haͤuptling der Grubenmaͤn⸗ ner verlaſſen hatte, ſah man ſie bei ihrer Ruͤck⸗ kehr nach Kilworthy ihre Kammer aufſuchen. Eine Todtenblaͤſſe lag auf ihren Wangen, ihre Augen wanderten wie ruhelos umher, ſie zitterte heftig, und verrieth durch Miene und Weſen eine ſolche Geiſteszerrüttung, daß, als ſie am Abend zu ihrem Vormunde gerufen worden war, dieſer uͤber ihren Geſundheitzuſtand ſich hoͤchlich beun⸗ ruhigt fuͤhlte, und freundlich nach der Urſache ihres geiſterbleichen Antlitzes fragte. „Margarethe,“ ſprach der wuͤrdige Greis, nach⸗ dem er jeden etwaigen Lauſcher entfernt hatte, „Thraͤnen gebuͤhren allerdings den Verſtorbenen. Nähre immerhin Dein Andenken an John Fitz; aber verzweifle nicht! Der Kummer will in zarten Naturen ſeinen Lauf haben. Deinem Schmerze iſt Alles zu Theil worden, was Zartge⸗ fuͤhl hat bieten koͤnnen; allein dies endloſe Zer⸗ martern, dieſe unaufhoͤrliche bittere Sehnſucht iſt Empoͤrung gegen Gott. Der Hoͤchſte leihet uns jeden Freund, den wir hienieden haben; allein dieſer Freund iſt Gottes, nicht unſer Eigenthum; und wenn nun der Ewige jenen Geiſt, den er fuͤr eine Zeit lang eine leibliche Huͤtte hier auf Erden bewohnen ließ, wieder abruft, wer will dann zu ihm ſprechen: Nein? Wer will gegen die Hand des Allmaͤchtigen ſtreiten? Der Geiſt iſt zu ſeinem Urquell zuruckgeſtroͤmt, den Leib ge⸗ ben wir mit frommer Sorgfalt dem Erdboden fuͤhle folgte, rief ſie:„Mein theurer, vielgeehr⸗ 204 wieder; allein wir ſollen nicht uns mit dem Staube begraben, da wir ſehen, wie jede ſterb⸗ liche Creatur waͤhrend ihres Erdendaſeyns gleich einem Krieger iſt, den ſein hoher Feldherr an ei⸗ nen Poſten ſtellte, von welchem nicht eher als auf erhaltenes Befehlswort, gewichen werden darf. Ein Mann faͤllt, der andere tritt an deſ⸗ ſen Stelle, bis die Schlacht voruͤber iſt. So die menſchlichen Geſchoͤpfe in dieſem Thale des Jammers! Und gluͤckſelig, o dreimal gluͤckſelig Der, welcher einen ſchuldloſen, nicht aber einen ſchuldbeladenen, durch den Spruch des Geſetzes gewaltſam, mitten in Suͤnden hingerafften Todten betrauert.“ Glanville ſprach dieſe Worte in einem Tone ſo tiefen Gefuͤhles, und mit ſolch' ernſtem Aus⸗ drucke, indem er in der Aufregung des Gefuͤhls die Hand Margarethens innig druͤckte, daß das Maͤdchen, aus ihrem eigenen Truͤbſinn dadurch aufgeſchreckt, die weinenden Augen erhob und in ſein Antlitz blickte. Sie erſchrak uͤber die Blaͤſſe deſſelben, und indem ſie der Regung ihrer Ge⸗ ter Freund, was, ach! was hab' ich gethan, daß ich Euch ſolche Bewegungen hervorrief? Ich kenne Eure Gute, weiß Alles, was Ihr bezweckt, und will— ja, will mir rathen laſſen. Ich kam ja, um Euch das zu ſagen— ich——“ „Margarethe,“ fuhr Glanville fort, ohne ihrer Worte zu achten,„betrachte mich. Ich bin mehr noch, als Du, ein Gegenſtand des Mitleidens; und ich ſage Dir dieſes, weil ich weiß, daß der Bekuͤmmerte gern Troſt darin findet, wenn er des Anderen Elend fuͤr groͤßer als das eigene erkennen muß.“ „Es iſt dies ein ſchwaches, ja wohl gar ein unwuͤrdiges Gefuͤhl,“ verſetzte Margarethe,„aber es iſt ſo; die Beſchaffenheit des menſchlichen Her⸗ zens iſt von der Art, ich geſteh' es, daß ich ſelbſt niemals Troſt bei dem Gluͤcklichen, wohl aber bei Dem fand, den gleich mich ein Kummer druckte.“ „Und mein Kummer iſt todtlich,“ ſagte Glan⸗ ville;„er wurde Dein junges Herz erſchuttern, wenn ich ſeinen Grund nur nennete. Sowohl um Deinetwillen, wie meinetwegen laſſe ich ſei⸗ nen Grund Dir ungenannt. Doch will ich Dir ſo viel, und zugleich mehr daruber ſagen, als ich je einem menſchlichen Ohre anvertrauete— mei⸗ nen Kummer trag' ich um eines ſuͤndigen Kin⸗ des willen. Gedenke daran, denke, wie groß die Angſt eines Vaters ſeyn muß, der an die Strafe der Suͤnde glaubt, welche in dieſem Buche an⸗ gedraͤuet wird!“ und indem er dies ſagte, be⸗ ruhrte er eine Bibel, die auf ſeinem Ziſche lag. „Ich zweifle an meiner Tochter Seligkeit,“ fuhr Glanville in einem Tone fort, den anzuhoͤren Margarethen ſchaudern machte.„Beſſer, o weit beſſer waͤr' es geweſen, hatt' ich ſie in Unſchuld, in Kindheit ſterben ſehen, als daß ich leben mußte, um zu ſehen, was ich ſah. Frage mich nicht— fordere keine Erklaͤrung; die ſcheusliche Kunde ſoll Dir nimmer von meinen Lippen kommen. Wie beneidete ich den Nachbar Fitz, als ich die Art und Weiſe des Todes ſeines Sohnes hoͤrte! Ja, ich beneidete ihn. Er konnte Thranen uber den erlittenen Verluſt vergießen, keine Schmach miſcht je ſich ſeinem Kummer beiz dem meinigen jeoch— 207 „Gedenkt der mir von Euch gegebenen Lehre,“ ſagte Margarethe ſanft,„daß wir uns dem Wil⸗ len Gottes unterwerfen muͤſſen.“ „Ich gedenke,“ entgegnete Glanville.„O, Du mein Schoͤpfer und Richter! Lehre mich auch da auf Dich hoffen, wo die Wege Deiner Fuͤr⸗ ſehung dunkel ſind! Ich will nie mehr murren, ſey mein Kummer auch ſo duͤſter wie die Wol⸗ ken Aegyptens, als kein anderes Licht leuchtete, denn die Flamme Deines Zornes!“ Margarethens Huͤther ſchwieg. Er hatte ſeine Haͤnde gefalten und ſie gegen ſeine Stirn gedruͤckt. Nach einigen Minuten, während wel⸗ cher er truͤben Gedanken nachzuhangen ſchien, ſetzte er mit etwas gefaßterem Weſen hinzu:„Un⸗ ſer Weh beginnt mit unſerer Pflichtverſaͤumniß. Ungehorſam auf Seiten des Menſchen war die erſte Verletzung des goͤttlichen Gebotes, und dann kamen allgemeine Suͤnde und Tod. Moͤge dies der Jugend zur Lehre dienen, daß ſie nicht ab⸗ ſtreife vom Wege der Pflicht, der ihnen von Ael⸗ tern und Vorgeſetzten vorgezeichnet ward. Laß auch Dir dies eine Warnung ſeyn.“ 208 „Sie iſt's, ſie ſoll's ſeyn,“ rief Margarethe heftig, und als ob ſie erfreut waͤre, nach dem Augenblicke der Ueberzeugung zu haſchen, daß ſie gemaͤß dem handle, was man ſie als ihre Pflicht hatte erkennen laſſen wollen, jedoch miß⸗ trauiſch gegen ſich ſelbſt, als koͤnnte ſolch ein Augenblick ihr unbenutzt entſchluͤpfen, erhob ſie ſich haſtig von ihrem Sitze, warf ſich ihrem Pfle⸗ gevater zu Fuͤßen, und ſagte in tiefer Bewegung und mit zitternder Stimme:„Ich will Euern Willen thun, will dem nachkommen; was man ſo dringend von mir heiſcht— „Was?“ rief Glanville erſtaunt,„wie ſoll ich das verſtehen? Darf ich hoffen, daß Du Slannings Hand annehmeſt? Iſt das die Be⸗ deutung Deiner Worte, v Willſ Du das?“ „Ich muß, ich muß,“ rief Nucne ha⸗ ſtig,„das Opfer muß gebracht— und ich will es bringen.“ „Das Opfer? muß?“ fragte Gunvile,„was ſoll das heißen? Füͤrwahr, das iſt ſehr ſeltſam! Wie oft hab' ich vergebens des wackern Slan⸗ ning Bewerbung unterſtuͤtzt, und jetzt, da ich nicht im mindeſten derſelben gedachte, jetzt fuͤgſt Du Dich dem Geſuche auf eine Weiſe, die, ich geſteh's, mich im hoͤchſten Grade ſonderbar be⸗ duͤnkt?“ „Immerhin,“ verſetzte Margarethe,„aber der Kampf iſt voruͤber und— ich gebe nach, ich willige ein; verſchont mich, ich bitt' Euch, mit Fragen daruͤber.“ Glanville hielt des Maͤdchens Hand, welche heftig zitterte.„Steh' auf, theure Margarethe,“ ſagte er,„ich wuͤnſche, daß Du Slanning's Gat⸗ tin werdeſt, aber nicht auf dieſe Weiſe. Ich hoffte, Zeit, Jugend und die Liebe eines ſo wak⸗ keren Mannes, verbunden mit Deinem eigenen Nachdenken, wuͤrden eine erfreuliche Umſtim⸗ mung bei Dir bewirken. Ich moͤgte Dich jetzt nicht entmuthigen, doch muß ich ſagen, daß Du mehr wie eine Trauernde, als wie eine Verlobte ſprichſt.“ „Ich bin fuͤrwahr eine Trauernde,“ entgeg⸗ nete Margarethe.„Betrachtet dies Gewand,“ fuhr ſie fort, indem ſie auf die dunkle Beklei⸗ Fitz of Fitz⸗Ford. II. 210 dung blickte, in welcher ſie einherging;„ich kann es auf Geheiß eines Wortes wechſeln, aber meine Gefuͤhle nicht. Mein Gemuͤth iſt dunkler denn dies Gewand. Ich will Euch nicht täuſchen. Ich ſprach bisher nur Wahrheit und will es fer⸗ ner thun. Ich liebte John Fitz. Er iſt todt, iſt fuͤr dieſe Welt mir auf immer verloren; ſein Geiſt iſt bei Gott und weit entruͤckt den ſchwindenden Aengſten dieſes Erdenlebens. Er kann jetzt kei⸗ nen Kummer fuͤhlen, ob auch Margarethe ge⸗ brochenen Herzens iſt und ihre Tagesreſte im Elend dahin ſchleppt. Nicht von ihm alſo will ich jetzt reden; aber Wahrheit gebeut mir, zu ſa⸗ gen, daß, wenn ich John Fitz auch nie gekannt haͤtte, ich doch den Sir Nicholas Slanning nie⸗ mals wuͤrde zum Gegenſtand meiner Wahl ma⸗ chen koͤnnen. Dennoch habt Ihr Alle es uͤber mich vermogt, und ich habe eingewilligt. Wenn ſo ein ungluckliches Weſen, als ich es bin, ihm genehm ſeyn kann, ſo werde ihm die arme Hand, um die er ſich ſo lange Zeit und 2— be⸗ warb.. „Du ſprichſt Worte einer emen Phan⸗ — 6 W N 211 taſie,“ entgegnete Glanville,„Du blickſt auf die Lebenden mit Gefuͤhlen, die den Todten angehoͤ⸗ ren. Eine kurze Zeitfriſt, eine Ortsveraͤnderung, und vor Allem Dein Pflichtgefuͤhl, werden einem guten und edelmuͤthigen Herzen, wie das Dei⸗ nige es iſt, bald lehren, gerecht gegen den Mann zu ſeyn, der Dir ſo viele beharrliche Liebe bewies. „Ich bin niemals ungerecht gegen die Ver⸗ dienſte Sir Slaninng's geweſen,“ ſagte Marga⸗ rethe,„ich kenne ſeinen ganzen Werth und be⸗ klage es, daß ein ſo edles Gemuͤth ſeine Nei⸗ gungen dahin wendete, wo ſie ſo kalt aufgenom⸗ men werden.“ „Welche Einwuͤrfe kannſt Du haben,“ fragte Glanville,„ſobald Du den Charakterwerth Slan⸗ ning's einraͤumſt? „Ach!“ verſetzte Margarethe,„es giebt Em⸗ pfindungen des Herzens, die an ſich ſo zart ſind, die ſo leicht mißverſtanden werden, daß ſie gleich einem Inſtrumente, auf welchem wir ſpielen, mißtönen, wenn ſie nicht von derjenigen Mei⸗ ſterhand beruͤhrt werden, die allein im Stande iſt, ihnen Harmonie zu entlocken. Wollte ich die 14* * 212 verſchiedenen Empfindungen angeben, die da zei⸗ gen, wie wenig mein Gemuͤth mit dem des Sir Nicholas Slanning im Einklang iſt, ſo fuͤrchte ich, daß ſelbſt Ihr mich nicht verſtehen wuͤrdet.“ „Das iſt nur jungfraͤuliche Beſorgniß,“ ent⸗ gegnete Glanville.„Darf ich Slanning rufen laſſen, und ſein Herz mit der frohen Kunde er⸗ freuen? Noch heut Abend will ich ihn kommen laſſen.“ „Nein,“ rief Margarethe,„nein, nicht heut Abend; ich bitt' Euch. Gönnt mir nur wenige Stunden, mein Gemuͤth zu ſammeln, das hef⸗ tig erſchuͤttert worden iſt. Gern empfing' ich Slanning, auch wenn mein Herz kalt fur ihn iſt, in einer Stimmung, die ihm zeigt, daß ich nicht fuͤr die Dankbarkeit erſtarb. Morgen will ich ihn in Eurem Beiſeyn ſprechen.“ „So ſey's,“ ſagte der Greis.„Ohne in Dich dringen zu wollen, moͤgte ich Dich gern nach der Urſache dieſer ſo ploͤtzlichen Umwand⸗ lung Deines Gemüthes fragen.“ „Mein Gemuͤth iſt nicht umgewandelt, und 213 wird ſich, furchte ich, niemals umwandeln koͤn⸗ nen,“ war Margarethens Antwort. „Aber Dein Vorſatz änderte ſich zuverlaͤſſig,“ ſagte Glanville,„und daß er ſolches that, haſt Du mir ſo ploͤtzlich zu erkennen gegeben, daß ich glauben muß, Dein Entſchluß erzeugte ſich ebenfalls plotzlich.“ „Ich geſtehe es,“ entgegnete Margarethe, „doch bitt' ich Euch, fernere Fragen deshalb ein⸗ zuſtellen. Wenn meine Fuͤgſamkeit Euch ange⸗ nehm iſt, ſo laßt es damit ſein Bewenden ha⸗ ben, und dringt nicht erfolglos in mich, indem Ihr dadurch nur eine neue Wunde da erzeugt, wo ſchon ſo viele Wunden bluten. Ihr drangt in mich, dem Sir Nicholas Slanning meine Hand zu reichen— ich fuge mich Euerm Verlangen. Und nun; mein theurer Vormund, mein Freund, mein Vater— denn ſo Euch zu nennen, verdient Eure mir erwieſene Guͤte— gebt mir jetzt Euren Segen; der Segen wie die Fuͤrbitte eines guten Menſchen mag Vieles wirken, mag einige Troͤ⸗ ſtung in dies ſchier gebrochene Herz traͤufeln.“ „Der Himmel ſey mit Dir, Margarethe,“ ſprach der ſie ſegnende Greis.„Möge Dein Perzenskummer Beſchwichtigung finden, und jede irdiſche Segnung auf Deinem jugendlichen und unſchuldigen Haupte ruhen! Mure alſo ſehen wir einander wieder.“ „Ja, morgen— bis dahin Lebewohl!“ Nargarethe verließ ihren Pflegvater und zog ſich in ihre Kammer zuruͤck, wo ſie ſofort ihren Empfindungen freien Lauf ließ und in einen Thraͤnenſtrom ausbrach. Dadurch einigermaßen erleichtert, ſchritt ſie ſinnend in ihrem Gemach auf und ab, und ſtahl ſich endlich an das Fen⸗ ſter, welches ſie oͤffnete, um ſich durch die fri⸗ ſche Nachtluft zu erquicken. Es war eine ſchoͤne Spaͤtherbſtnacht. Eine Stille gleich der des Todes herrſchte draußen, die nur dann und wann von dem Gefluͤſter des Nachtwindes unterbrochen ward, der in den ab⸗ gefallenen Blaͤttern ſpielte. Tauſend Sterne glaͤnzten durch den tiefblauen Himmelsraum, allein fuͤr Margarethen war in dem Anblicke dieſer ſtrah⸗ lenden Welten nicht ein einziger froher Gedanke. Dumpf erſcholl ihr das Murmeln des Fluͤßchens, das in einiger Entfernung ſich durch das Thal wand, und klang wie Flaggeſeufz über Dahin⸗ geſchiedenes. 8 So auch,“ ſprach Margarethe in tiefen Ge⸗ danken vor ſich hin—„o auch bin ich, wie dieſe ſchwindende Jahreszeit. Alles in mir iſt kalt und freudlos, gleich jenem Winter, der bald dieſen letzten Seufzern des ſterbenden Herbſtes folgen wird. Doch es muß ſeyn; ich fuͤhl's, es muß ſeyn— Standwich hat mein Urtheil aus⸗ geſprochen. Und o! unter welchen furchterlichen Drohungen hat er mich an den Rand dieſes Ab⸗ grundes gefuͤhrt, den ich uͤberſpringen, oder in welchen ich hinabſturzen muß. Waos für ein Mann iſt Standwich! wie ſtreng, wie ſeltſam, und doch— wie ehrfurchtgebietend! Gewiß iſt's ein Zauber, zu gewaltig, um blos durch menſch⸗ liche Mittel bewirkt werden zu koͤnnen, der mich vor ihm beugt. Ja, es muß ſeyn— es muß Gottes Wille ſeyn, daß dieſer Mann einen ſol⸗ chen Einfluß auf mich hat, und daß ich mich demſelben unterwerfe. Ich will dieſem rebelli⸗ ſchen Herzen Gehorſam lehren, will mich be⸗ muͤhen zu vergeſſen.— gu vergeſſen!“ fuhr Mar⸗ garethe fort, indem ſie ihre Haͤnde faltete und mit uͤberſtroͤmenden Augen zu den Lichtern des naͤchtlichen Himmels aufblickte.—„O ihr ſtrah⸗ lenden Welten, ihr zahlloſen Sterne da droben! wenn Ihr, wie Etliche lehren, hoͤhere und ed⸗ lere Behauſungen ſeyd, zu denen die Geiſter der hienieden Abgeſchiedenen ſich empor fluͤgeln, um bei Cherubim und Seraphim zu weilen, die den Thron Deſſen umſtehen, der Euch Alle erſchufz und wenn Ein Geiſt aus Euren Sphaͤren her⸗ abſchauen kann auf dieſe niedere Erde, o ſo möge er auf mich herab blicken! Vergieb, Schatten des Verblichenen! vergieb den Wunſch, daß ich Dich vergeſſen mögte; und iſt es Dir geſtattet, in meiner Nahe zu weilen, ſo fluͤſtere meinem betruͤbten Herzen Troͤſtung zu, und ſey mit wie ein ſtaͤrkender Engel Gottes! Lehre mich auf Ihn hoffen, vor dem tauſend Jahre wie ein Geſtern ſind, und der da Balſam zu traͤufeln weiß in wunde Herzen, ſo wie er Stille zu la⸗ gern vermag auf ein wild empoͤrtes Meer.“ 217 Erſchoͤpft durch die vielfachen Erſchuͤtterun⸗ gen, die Margarethe an dieſem fuͤr ſie ergebniß⸗ reichen Tage erlitten hatte, erlag ſie endlich der erquickenden Hand des„holden Wiederherſtellers ermuͤdeter Natur— des balſamiſchen Schlafes.“ Zehntes Cayitel. „Eine Heirath iſt von zu großer Erheblichkeit, als daß ſie durch Anwaltſchafterei in's Werk zu richten waͤre.“ Shakſpeare. Während der Lebenszeit des Erben von Fitz hatte Slanning die Rolle eines treuen Freundes geſpielt, und durch ſeine Vermittelung war es geſchehen, daß Margarethe Kunde von ihrem Ge⸗ liebten, von deſſen Wohlfahrt und fortdauern⸗ der Liebe erhielt. Als die truͤbe Nachricht von dem fruͤhzeitigen Tode John's einlief, ward Slanning tief dadurch erſchuͤttert, und ſtrebte. vermöge eines lobenswerthen Gefuͤhles, auf alle nur moͤgliche Weiſe die genaueſten Nachrichten uͤber die letzten Lebensbegebenheiten ſeines un⸗ gluͤcklichen Freundes einzuziehen, den er wie ei⸗ nen geſtorbenen Bruder betrauerte. Ruͤckſicht ge⸗ gen den abgeſchiedenen Freund und gegen den Ge⸗ muͤthsʒuſtand Margarethens, ließ ihn das Amt des Troͤſters als eine ihm auferlegte Pflicht erſchei⸗ nen. Mit allem Eifer ſeines edlen Herzens un⸗ terzog er ſich derſelben. Das Thema war Mar⸗ garethen nicht unwillkommen; denn wer ſein Liebſtes verlor, findet ein ſchmerzliches Vergnuͤ⸗ gen darin, von ſeinem Verluſte reden, die Tu⸗ genden und die Zartlichkeit des Verſtorbenen prei⸗ ſen zu hoͤren. Kein Band giebt es, das ſchnel⸗ ler oder williger in Freundſchaft verknuͤpfe oder Vertraulichkeit erzeuge, als Mitgefuͤhl in Be⸗ kuͤmmerniß. Kein Wunder alſo, daß Margarethe bald auf Slanning wie auf einen Bruder blickte, und ihn daher mit aller Offenherzigkeit, Freund⸗ lichkeit, ja Zaͤrtlichkeit einer Schweſter behan⸗ delte; allerdings ohne zu ahnen, wohin ſolche Zaͤrtlichkeit fuͤhren wuͤrde. Margarethe war ſchoͤn, war ungluͤcklich und beſaß ſo viele liebenswuͤrdige Eigenſchaften, daß 220 Slanning, ehe er ſich deſſen noch béwußt ward, Gefuͤhle, die ihm bisher fremd geweſen waren, fuͤr das Maͤdchen naͤhrte. Und welcher Leſer wuͤßte nicht, wie„Mitleid das Herz zu Liebe zerſchmelzen laͤßt!“ Slanning erkannte endlich, daß jene Empfin⸗ dungen der Theilnahme, die anfaͤnglich ihm den Wunſch einfloßten, Margarethens Thraͤnen zu trocknen, jetzt ſich gegen ihn ſelber kehrten; ſo ward er ſchwankend und wußte ſich nicht gegen das Madchen zu benehmen. Glanville, der die Veraͤnderung Slanning's allerdings wahrgenom⸗ men hatte, beſtagte ihn, und des jungen Man⸗ nes Offenherzigkeit hielt die Wahrheit der Sache nicht zuruͤck. Der ſorgliche Pflegvater, der es fuͤr Margarethe als ein Gluͤck anſah, wenn ſie die Gattin eines ſo wackeren Mannes wuͤrde, ermunterte Slanning zu dem Plane, mit ſeiner Bewerbung herauszuruͤcken. Er deutete darauf hin, daß Margarethe allerdings durch den erlit⸗ tenen Verluſt tief erſchuttert ſeyn, und ſchon in ſofern mit vieler Zartheit behandelt werden muͤßte, daß ſie aber auch noch ſehr jung war, und daß 221 der Schmerz nicht ewig dauern koͤnnte. Wurde, meinte er, Slanning auch nur nach und nach des Maͤdchens Gunſt gewinnen, ſo wuͤrde doch endlich der Grund, worauf ſich dieſe zu hoffende neue Liebe bauete, um ſo ſtaͤrker und feſter er⸗ ſcheinen. Keiner lauſcht eifriger auf Grinde, als Der⸗ jenige, welcher wuͤnſcht, daß dieſelben ſich bewahr⸗ heiten moͤgen. Ohne Zoͤgern alſo ſtimmte Slan⸗ ning den Anſichten Glanville's bei, und beſchloß von dem Augenblicke an, ſich um Margarethens Gegengunſt zu bewerben. Obwohl Slanning kein Mann von den verfeinertſten Ideen war, ſo war er doch keineswegs unempfindlich fur das Zartgefuͤhl, durch welches ein Mann eiferſuchtig darauf gemacht wird, ein Frauenzimmer zu ehe⸗ lichen, deren Herz nicht fuͤr ihn empfindet; den⸗ noch konnte er nicht fuͤr einen kritiſchen Beobach⸗ ter des menſchlichen Herzens angeſehen werden, und ſo kam es, daß er ſich oft durch Hoffnun⸗ gen taͤuſchte, die nur aus ſeinem Wunſche, ſie erfullt zu ſehen, entſtanden waren. Margarethens freundliches wiewohl ſie nichts weniger als ſolches dadurch beabſichtigte, trug ebenfalls dazu bei, die Tau⸗ ſchung Slanning's zu befoͤrdern, ſo daß dieſer oft ſich ſelbſt fragte:„Haben meine Gefuͤhle ſich nicht geaͤndert? Betrachtete ich ehedem Marga⸗ rethe nicht als die Verlobte meines Freundes? Als er geſtorben war, betrauerte ich ihn da nicht eben ſo innig, als ſie es that? Theilt' ich nicht ihre Bekuͤmmerniß ſo lange, bis eben dadurch dieſe Liebe in mir entſtand? Hab' ich mich alſo nicht auf ſolchem Wege geaͤndert, und kann mit Margarethen nicht ein Gleiches vorgehen?“ Dazu hatte, um die Wahrheit rein heraus zu ſagen, Slanning's Charakter einen Anflug von Eitelkeit, wodurch er, trotz ſeines beſſern Urtheils und ſeiner Freimuͤthigkeit, vermogt ward, die Dinge aus einem falſchen Geſichtspuncte zu betrachten; und als dieſe Schwaͤche bei ihm der Leidenſchaft der Liebe zu Huͤlfe kam, mußte die Gewalt der letzteren ſich verdoppeln; ſo daß er ſich heimlich Das zufluͤſterte, was offen einzuge⸗ ſtehen ihm Schaamroͤthe auf die Wangen geſagt haben wuͤrde: daß nämlich jetzt, da John Fitz 223 todt war, es nicht anders ſeyn koͤnnte, als ſeine Bewerbung um Margarethe muͤßte ihm zu Gun⸗ ſten auf das Maͤdchen wirken, indem ſeiner Mei⸗ nung nach an ihm in den Augen Margarethens nichts durchaus Verwerfliches ſeyn koͤnnte. So verkunſtelt die menſchliche Seele ſich in ihren Empfindungen und Regungen, daß, gleich einer vieltheiligen Maſchine, nicht blos ein Räderwerk beſtaͤndig thaͤtig in derſelben iſt, ſondern daß es ihr auch nicht an gegenwichtigen Kraͤften man⸗ gelt, welche, obwohl ſie nothwendig ſeyn moͤgen, doch von dem oberflaͤchlichen Beobachter nimmer entdeckt oder verſtanden werden. Wir verweilen nicht bei den Liebesbewerbun⸗ gen, durch welche Slanning nach Margarethens Gunſt rang. Er war ein täglicher Gaſt zu Kil⸗ worthy, doch geſtatteten die ſtrengen Sitten der Zeit die Darbringung ſolcher Huldigungen im⸗ mer nur im Beiſeyn der Hausgenoſſen; und ſel⸗ ten alſo oder nie waren Slanning und Marga⸗ rethe allein: ein Umſtand(da Margarethe ſtets ein ernſtes und geſetztes Weſen blicken ließ), durch welchen Slanning die Gelegenheit benommen 224 ward, die Spur jener furchtbaren Hinderniſſe wahrzunehmen, welche ſich ſeinen Hoffnungen ent⸗ gegen ſtellten, Hinderniſſe, welche er allerdings zu furchten hatte, von denen er jedoch nunmehr glaubte, daß ſie nicht in Margarethens Geſin⸗ nung gegen ihn ihren Grund hatten. Dies war die Lage der Dinge, als die Hei⸗ rath zwiſchen Sir Nicholas und Margarethe an⸗ fing der Geſchwaͤtzgegenſtand der Nachbarſchaft zu werden. So hatte das Geruͤcht ſich zu den Ohren des Schulmeiſters geſchleppt, der es dem Sir Hugo Fitz zutrug. Allgemein hieß es jetzt, daß die Ehe binnen Kurzem vollzogen werden wuͤrde; ja, etliche Frau Baſen wußten ſchon Kirche, Tag und Stunde der S im Voraus anzugeben. 0 — Eilttes Capitel. „Was fuͤr ein Schwärmer iſt das, der mit dieſer Fuͤlle uͤberfluͤſſigen Athems unſer Ohr betaäubt?“ ¹ Shakſpeare. Hart am Wege, der von Taviſtock nach Ply⸗ mouth leitet, ſtand zur Zeit unſerer Erzaͤhlung eine kleine Herberge, die unter dem Namen der „Alten Elſter“ bekannt war, wie denn das ge⸗ malte Bild dieſes ſchwatzhaften Vogels uͤber der Thuͤr des Hauſes den Reiſenden es kund machte — eine Art von Veroͤffentlichung, die in jenen Tagen um ſo nothwendiger ſeyn mogte, da die Wenigſten aus den niederen Staͤnden leſen konnten. Das Beiwort„alt“ war der in Rede ſtehen⸗ Fitz of Fitz⸗Forb. 11. 15 . 226 den Elſter auf aͤhnliche Weiſe, wie wohl das Wort„Wittwe“ irgend einer Herzogin oder Graͤ⸗ fin, beigelegt worden, um ſie von einer juͤnge⸗ ren Anſprecherin dieſes Titels zu unterſcheiden, indem ein zweites Wirthshaus an der Heerſtraße von Plymouth ebenfalls eine Elſter als Lockvo⸗ gel fuͤr die Kunden ausgehangen hatte, die die alte Herberge zu beſuchen pflegten. Die Alte Elſter war ein verfallenes Gebaͤude mit ſchmalen, kleinſcheibigen Fenſtern und einem maleriſchen Spitzdache, deſſen ſchadhafte Stellen dadurch bedeckt wurden, daß das Geißblatt und der wilde Roſenſtrauch ſich uͤber daſſelbe hin⸗ ſchlaͤngelte. Eine Reihe ungeheurer alter Schorn⸗ ſteine erhoben ſich aus dem Gebaͤude heraus und ſtanden unerſchuͤttert, ungeachtet des ewigen Krie⸗ ges der Winde, denen ſie ſeit faſt zweihundert Jahren preisgegeben worden waren: ein Um⸗ ſtand, welcher darthat, daß der Kuͤnſtler, der die „Alte Elſter“ auffuͤhrte, ſich in ſeinem Bauwe⸗ ſen mehr auf Dauerhaftigkeit, als auf Schoͤnheit verſtand. Eine rauh gewoͤlbte Thuͤr unter ſtei⸗ nernem Vordache, das mit Epheu umhangen 227 war, gewaͤhrte Eingang zur Kuͤche; und uber der Schwelle hing, als damals allgemein uͤbli⸗ ches Abzeichen eines Wirthshauſes, ein Buſch⸗ wodurch kund gemacht ward, daß man hier Wein ſchenkte.„Guter Wein braucht keinen Buſ ℳ ſagt ein altes Spruͤchwort; allein im vorliegen⸗ den Falle war der Buſch nur Subſtitut, nicht Symbol des Weines, dieſer mogte gut oder ſchlecht ſeyn; denn die„Alte Elſter“ war, ſeit dem Auffliegen ihrer juͤngeren Namensſchweſter, in ihrem Geſchaͤftstreiben ſo herabgekommen, daß ſie den Reiſenden weiter keine Getraͤnke, als Ci⸗ der und Doppelbier zu bieten vermogte. Das Haus ſtand in einem Gaͤrtchen, wel⸗ ches von einer niedrigen Steinmauer umgeben ward, die ohne Moͤrtel und Kalk ſo aufgeſchich⸗ tet war, daß der Wind frei zwiſchen den Stei⸗ nen durchblaſen konnte, durch welche Vorſichts⸗ maßregel dieſe Umzaͤunung vor der Gefahr ge⸗ ſchutzt ward, umgeweht zu werden. Etliche zwerghafte Baume mit runden Wipfeln, den Kohlkoͤpfen nicht unaͤhnlich, ſtanden weſtlich von dem Gebaͤude, alſo der Gegend zu, aus welcher 15 228 der Wind in dieſen hochliegenden Ortſchaften am haͤufigſten wehet, und ſtreckten ihre Aeſte auf un⸗ erfreuliche Weiſe in entgegengeſetzter Richtung aus. Das Gaͤrtchen konnte außerdem ſich eini⸗ ger einzeln ſtehenden Ellern, einiger Beete voll Kuͤchenkraͤuter und eines ſtrohgeflochtenen Bie⸗ nenkorbes, nebſt etlichen Roſenſtoͤcken ruͤhmen, die zwiſchen einer Fuͤlle von Kletten, Neſſeln und Unkraut ſich hervorhoben. An der Thuͤr dieſes verfallenen Wirthshau⸗ ſes zeigte ſich eines Abends ein armer Reiſen⸗ der auf einem Pferde, deſſen Magerkeit und aͤrm⸗ liches Sattelzeug darzuthun ſchienen, wie der Eigner deſſelben irgend ein Mann von niederem Stande ſeyn, oder aber den Gaul nur fuͤr ir⸗ gend eine Friſt gemiethet haben muͤßte. Dem mogte nun ſeyn wie ihm wollte, ſo ſahen Mann und Pferd doch hoͤchſt ermuͤdet aus, und als der Reiſende abgeſtiegen war und ſeinen Gaul an ei⸗ nen zerlumpten Jungen abgeliefert hatte, der das Amt eines Stallknechtes verwaltete, bat er, man moͤgte das Thier durch etwas gutes Futter 229 erquicken. Dann begab er ſich ſelbſt in das Haus. Die Ankunft jegliches Kunden, mogte er nun reich oder arm ſeyn, war fuͤr die verwittwete Eigenthuͤmerin der„Alten Elſter“ durch die Her⸗ abgekommenheit der Herberge allemal ein Gegen⸗ ſtand von Wichtigkeit. Demnach eilte Grazia Norton an die Schwelle des Hauſes, um den Reiſenden zu bewillkommnen. Dies geſchah denn von der ehrlich ausſchauenden Alten, in deren Geſichte man wohl leſen konnte, daß ihr die Drangſale dieſer Welt nicht fremd blieben, mit ihrem gewohnten Knir, ihrem„Gut'n Abend“ und dem daran gehaͤngten Geſuch„Beliebt's naͤher zu treten?“ Der Reiſende nahm Graziens Hoͤflichkeit an und folgte der Wirthin in ein Gemach, in wel⸗ chem die Nettigkeit und Sauberkeit der Eigne⸗ rin die Verzierungen eines Wohnzimmers mit der Nutzlichkeit einer Kuͤche zu vereinbaren ge⸗ wußt hatte. Daß das Gemach eine Kuͤche war, ergab ſich aus dem Kamine, deſſen große ſtei⸗ nerne Vorſeite ſich platt wie ein ſchraͤg liegender 230 Leichenſtein wies. Ein kuͤmmerliches Feuer glimmte auf dem Heerde, uͤber welchem an Ha⸗ ken und Ketten ein großer Topf hing, der keine unverheißenden Duͤfte hinſichtlich einer Abend⸗ mahlzeit aufwallen ließ. Hoch am Sims hin⸗ gen etliche wenige Schinken, neben einem Paar Stiefeln, die Moͤrſern nicht unaͤhnlich ſahen, waͤh⸗ rend in einer Wandecke ein Paar alte Flinten und ſonſtiges Haus⸗ und Jagdgeraͤth angelehnt ſtanden. Die Boͤrter der Kuͤche waren ſauber und weiß geſcheuert, und zeigten in regelmaͤßigen Reihen einen Phalanx von zinnernen Tellern und hoͤlzernen Schuͤſſeln, zwiſchen welchen in einem ſchadhaft gewordenen Porzellankrug ein Blumen⸗ ſtrauß als Zierrath ſteckte. Die Flur war mit reinem Sande beſtreut, und etliche Kupferſtiche (heut zu Tage wuͤrden wir ſie Holzſchnitte nen⸗ nen) hingen hie und da an den Waͤnden. Die Gegenſtaͤnde dieſer Bilder waren der heil. Schrift entlehnt, und ſtellten Abram's Opfer, die Be⸗ gegnung des Boas und der Ruth, ſo wie die der Rebecca und des Knechtes am Brunnen dar. Alle dieſe frommen Perſonen waren in der Tracht, ———— *. 231 die zur Zeit Edwards des Sechsten im Schwange war, abgebildet, waͤhrend unter dem Bilde der Inhalt deſſelben mit Mönchsſchrift befindlich war. Der Reiſende, welcher der Wirthin in dieſes Gemach folgte, war ein junger, aͤrmlich geklei⸗ deter, magerer, ja abgezehrter Mann. Seine Geſichtszuge wieſen ſich regelmaͤßig und hatten wahrſcheinlich ehemals die Bezeichnung„hubſch“ erhalten; allein Krankheit oder Armuth, oder beide vereint, hatten ihm jenen hohlen und ſtie⸗ ren Blick beigegeben, bei welchem Knochen und Muskeln zu ſehr hervortreten, um ein angeneh⸗ mes Ausſehen zu gewaͤhren. Seine Augen wa⸗ ren matt und ſeine Wangen aſchfarbig. Die Wirthin eilte, ihm den hochlehnigen Seſſel un⸗ terzuſchieben, der neben dem geraͤumigen Heerde ſtand, und warf, da ſie bemerkte, daß der Abend kalt war, und der Reiſende wohl einen weiten Ritt gemacht haben mogte, etlche Reiſigbundel auf das duͤrftige Feuer. Als der Reiſende ſeinen Sitz einnahm, bemerkte er einen alten Mann mit langem Barte, der auf 232 einem Schemel neben dem Kamine ſaß oder viel⸗ mehr hockte, und dann und wann aus einer Kanne ein erquickendes Schluͤckchen zu ſich nahm. Dabei ſchien der Alte unſern Fremden ſcharf in's Auge zu faſſen, ſo oft dieſer wegblickte. Die freundliche Wirthin fragte nun Letzteren, womit ihr geringes Haus ihm dienen koͤnnte. „Mit einer kleinen Erfriſchung,“ antwortete er,„einem Biſſen Brot und einem Becher kla⸗ ren Waſſers.“ Doch wuͤnſchte er, daß ſein Gaul gut gefuͤttert werde, weil er ſeine Reiſe gern des Eheſten fortſetzen moͤgte, das Thier aber auf dem ſchlechten Heerwege arg mitgenommen wor⸗ den waͤre. Der Alte im Caminwinkel, dem keines dieſer Worte entging, und in deſſen Bruſt Gefuͤhle des Mitleids durch das aͤrmliche und krankhafte Aeu⸗ ßere des Reiſenden erregt worden waren, glaubte, ſein hohes Alter berechtigte ihn, ein Wort drein zu reden, und er redete deswegen den jungen Fremden ohne alle Umſtaͤnde an:„Junger Mann,“ ſagte er,“ muͤßt Ihr doch ſeyn ein Fremder auf dieſem Wege, ja wohl auf allen Heerwegen Eng⸗ 233 lands, ſo Ihr nicht wißt, daß es iſt unziem⸗ lich in einer Herberge, blos Brot und Waſſer zu begehren. Des Gaſtes Verſtreuen iſt des Wirthes Erfreuen. Dieſe Frau iſt eine Wittib, und die Rechnung uber ſo karges Mahl, als Brot und Waſſer, wird klein ſeyn wie ein Almoſen, ge⸗ worfen in eine Bettlerſchuͤſſel. Dies Haus hat keinen Wein, aber das Bier d'rin iſt erträglich ſtark, und ſo Armuth Euch den Willen feſſelt, Euren Pfennig auszugeben, um der Wittib Pfund voll zu machen, ſo will ich Euch ſolchen Krug Doppelbier vorſetzen und etwas Schmackhaftes zur Geſellſchaftleiſtung hinzufugen laſſen. Denn Eure Magerkeit ſcheint mir die des Mangels zu ſeyn, und die Farbe der Krankheit lagert auf Euern Wangen. Gute Frau von der Alten Eiſter,“ fuhr der Greis zur Wirthin gewendet fort,„ich ſeh, wie der Juͤngling iſt in Noth; ſetzt ihm Speiſe und Trank vor, daß er erquicke ſein Herz, bevor er weiter zieht, und ich zahl' die Zeche.“ „Ich dank' Euch herzlich fuͤr Eure Guͤte,“ ſagte der Reiſende;„und aufrichtig geſprochen, 234 Ihr habt richtig geurtheilt. Ich bin in ärmli⸗ chen Umſtaͤnden, jedoch nicht in ſo aͤrmlichen, daß ich den Becher Waſſer, den ich forderte, nicht eben ſo gut bezahlen koͤnnte, als wenn's Dop⸗ pelbier waͤre.“ „Nun dann,“ rief der Ate, in welchem unſre Leſer gewiß ſchon Levi, den Juden, erkannten,„ſo iſt's Narrheit, Waſſer in einer Herberge zu be⸗ gehren. So Du blos Waſſer bedarfſt, mein guter Juͤngling, ſo fließen von dieſen Huͤgeln herab zahlloſe Stroͤmchen, deren Silberwaſſer rein und erquickend iſt, wie das Waſſer im Brun⸗ nen zu Sehu, oder wie der Thau auf den duͤr⸗ ren Ebenen von Syrien. Fuͤr Waſſer Muͤnze hinzugeben, wo man es umſonſt haben kann, iſt Thorheit; es heißt ein Weſen fuͤr einen Schat⸗ ten geben. So Du Geld haſt— wohl, ſo gieb Dein Geld aus, ſchlurf' eine Kanne Bier; das wird gut thun der Wittib, und Du wirſt Dei⸗ nen Pfennigwerth fuͤr Deinen Pfennig be⸗ kommen.“ Der arme Reiſende konnte nicht unterlaſſen, üͤber dieſe ſonderbare Miſchung von Freigebig⸗ 235 keit und Freimuͤthigkeit bei dem Juden zu lä⸗ cheln. War es nun die feine Sitte, oder die ſchwaͤchliche Geſundheit, oder das Laͤcheln, durch welches dem Geſichtsausdrucke des Fremden ein Intereſſe verliehen ward, wodurch dieſer ſich das Wohlwollen der Wirthin, ſo wie des Juden, er⸗ warb; genug, Frau Grazia ſetzte ihm ein wenig kaltes Gefluͤgel und eine Kanne ſchaumreichen Doppelbieres vor, bat ihn, ſich zu laben, und fuͤgte hinzu, daß, wenn er in Noth waͤre, ſie um der Bezahlung willen nicht hadern wuͤrde. Abermals verſicherte der Reiſende, daß ſie im Irr⸗ thum waͤre, daß kaum uͤberſtandene Krankheit und Strapazen ihm alle Eßluſt geraubt haͤtten, daß er jedoch bemuͤht ſeyn wolle, einige Biſſen, als Anerkennung ihrer Freundlichkeit und zu Nutz der Herberge, zu genießen. Waͤhrend der Fremde alſo ſprach, wurden die Inſaſſen des Kuͤchengemaches durch ein To⸗ ben von außen und den Ausruf:„Wirthshaus heraus!“ geſtoͤrt.„Daß Dich,“ ſagte die Wir⸗ thin, indem ſie der Thuͤr zueilte,„wer mag denn das ſeyn? Der geht ja ſo haſtig zu Werke, als 236 wolle er mir die Thuͤr einrennen, waͤhrend ich ſchon komme, ſie zu oͤffnen. Aber gut, ſo hat die„Alte Elſter“ doch Gaͤſte zu Nacht, und alle Gaͤſte ſind ihr willkommen.“ Die ehrliche Alte oͤffnete und ließ einen Fremden herein, der ſchnell und laut Befehl ertheilte, daß man fuͤr ſein Pferd ſorgen moͤgte. Dann ſetzte er, mehr zur Wirthin gewendet, hinzu:„Geſellſchaft ſagſt Du, Weib? Nun, um ſo beſſer, ſag' ich, ein Krug Sect und gute Genoſſenſchaft ſind mir ſtets behag⸗ lich. Aber halt's Maul. Eine Elſter iſt genug fuͤr Ein Haus, und die, die draußen aushaͤngt, genuͤgt mir. Wo ſind denn die Gaͤſte?“ und als er mit dieſen Worten naͤher trat, erkannte der Jude in ihm, vermoͤge der rothen Naſe, den blutruͤnſtigen Augen und den breiten Schultern, den Seecapitaͤn Naswerth. Auch dieſer erkannte unſern Levi und ſaͤumte keinen Augenblick, die alte Bekanntſchaft nach ſei⸗ ner Weiſe zu begruͤßen.„He! Schewa!“ rief er,„Du alter Maulwurf, biſt Du da? wie der Hamletſpieler zu dem Geiſt im Keller ſpricht! — Und wohin ſoll's mit Dir? Welches Weges ziehſt Du, um gute Waaren gegen falſche Muͤnze einzuhandeln?“ „Deine Zunge iſt falſch, wenn ſie alſo ſpricht,“ rief Levi.„Ich bin auf der Reiſe nach der gu⸗ ten Stadt Plymouth, in meinen eigenen Ange⸗ legenheiten, und da ich hoͤre, daß die„Doppelte Roſe“ aus der neuen Welt zuruckgekehrt iſt, ſo moͤgte ich den Capitaͤn derſelben ſprechen, weil ich doch wuͤnſche, einen Handel dahin zu machen.. „Was? Du einen Handel nach dem El Do⸗ rado machen, Graubart?“ ſagte Naswerth.„Du, nach dem wahren ſalomoniſchen Tempel der Ju⸗ den, wie ich wohl ſagen mag, wo Alles mit Gold uberlegt iſt? Wo die Baren obendrein roth ſind, und die Stinkkatze einen Pelz hat, der den Mantel unſerer Koͤnigin einfaſſen koͤnnte? Wo die Maͤuſe mit ſilbernen Schwaͤnzen herumlau⸗ ſen, und wo's ſo viele Juwelen giebt, als hier Brombeeren zu finden ſind? Aber warum wagſt Du Dich nicht in eigener Perſon hin, Levi? Je⸗ doch Schwatzen iſt duͤrres Werk. Wirthin! was kann Euer Haus einem ſeefahrenden Reiſenden 238 bieten, der ſich auf den vier Fuͤßen eines Gau⸗ les hieher machte, ſtatt auf dem Ruͤcken eines Dreimaſters uͤber das hohe Meer zu reiten?“ Die Wirthin entgegnete, daß ihr Haus nichts Beſſeres als Cider biete, es moͤgte Seiner Ge⸗ ſtrengen denn eine Kanne gewuͤrzten Doppelbie⸗ res vorziehen. „Cider?“ rief Naswerth.„Nichts davon! Der iſt ſauer, und ſollte zur Buße fuͤr den Faſt⸗ nachtdienſtag aufgeſpart werden. Sect iſt mein wahres Getraͤnk. Sect iſt der Koͤnig aller guten Getraͤnke; Euer Doppelbier nur ein Untermo⸗ narch. Wenn jedoch der uͤberfließende Becher mit Sect, an deſſen Rande die Perlen wie Krondemanten funkeln, hier nicht zu haben iſt, ſo muß ich mit dem Abgeordneten der Ma⸗ jeſtaͤt mich begnuͤgen. Alſo gluͤht und wuͤrzt ſofort das Doppelbier, Wirthin; und Ihr, Levi, ſollt mit mir trinken. Ich haſſe das Al⸗ leintrinken; und dieſer Fremde hier, der ausſieht, als thaͤt' ihm ein Trunk Waͤrmendes Noth, um ihm etwas Blut in die Wangen zu jagen, 239 ſoll auch ſein Schluͤckchen davon haben, und das aus gutem Herzen.“ Der Reiſende ſprach ſeinen Dank aus, lehnte jedoch das Mittrinken hoͤflich ab⸗ „Nun, in's Trls Namen, woher kommt Ihr denn,“ rief Naswerth,„daß Ihr einen Krug Wuͤrzbier verſchmaͤht? Vielleicht habt Ihr'nen vornehmen Magen, der an hiſpaniſches oder fraͤn⸗ kiſches Traubengewaͤchs gewoͤhnt iſt. Bei alldem,“ fuhr Naswerth fort, indem er den jungen Mann ſcharf in's Auge faßte,„bei alldem ſeht Ihr eher aus, wie einer von Pater Peters Buͤßenden, der ſo oft das Kreuz kußte und ſo lange Waſſer trank, bis ſeine Knochen und ſein Fleiſch einan⸗ der ewige Feindſchaft ſchwuren. Aus welcher Weltgegend, junger Herr, kommt Ihr denn her, wenn's nicht Beleidigung iſt, eine hoͤfliche Frage zu thun?“ „Vom Veſtlande,“ antwortete der Reiſende. „Veſtland?“ entgegnete Naswerth,„das iſt ein umfaſſendes Wort und dehnt ſich in die Laͤnge und Breite. Mit welchem Beinamen moͤgen die Geographen jenen Theil des Veſtlandes belegen, von welchem Ihr eigentlich ſprecht, und den Euer ehrenwerthes Selbſt hieher geſandt hat, junger Herr?“ „Ich komme aus den Niederlanden. war die Antwort. „Niedrig genug moͤgen ſie fur Euch geweſen ſeyn, ſollt ich meinen,“ ſagte der Seecapitaͤn. „So habt Ihr in Kriegsdienſten geſtanden?“ Der Reiſende bejahete dies. „In Kriegsdienſten?“ rief die Wirthin, wel⸗ che beſchaͤftigt war, das Wuͤrzbier zuzubereiten. „In Kriegsdienſten, ſagt Ihr? Da moͤgt' ich wetten, Ihr habt von einem meiner Vettern ge⸗ hoͤrt, der fruͤher im Dienſte des Admirals Drake ſtand, und nachher mit dem Erben von Fitz zog. Meines Vetters Name iſt Andreas Morton. Er war ein wilder junger Geſell, und ſo, furcht' ich, iſt nicht viel Gutes aus ihm worden. Vielleicht habt Ihr auch von dem Tode des Erben von Fitz gehoͤrt?“ „Allerdings,“ verſetzte der Reiſende mit ei⸗ nem Seufzer. „Und kanntet John Fitz vielleicht?“ fragte 241 die Wirthin weiter;„und wo war't Ihr denn an dem Tage, an welchem er, wie die Leute er⸗ zaͤhlen, getoͤdtet ward?“ „In eben demſelben Treffen,“ war des Rei⸗ ſenden Antwort. „Und Ihr wurdet alſo nicht getödtet?“ ſchwatzte die Wirthin fort.„Seht, ſeht doch, wie ſeltſam es in der Welt hergeht! Dort ſtirbt ein Junker, der alleinige Sohn ſeines Vaters, der Fuͤlle des Reichthums hat, und hier kehrt Einer, der ſo arm iſt, daß er kaum Leib' und Seele zuſammenhalten kann, zuruͤck, um von dem Schlachtgetuͤmmel zu erzaͤhlen, als ob nichts vorgefallen waͤre!“ „Nicht doch, gute Frau,“ fiel der Jude ein, „ſieht der junge Herr doch aus, als haͤtte er der Beſchwerden und Muͤhſale viel ertragen und manchen ſchweren Streich um geringen Gewin⸗ nes willen erlitten. Und wo habt Ihr geweilt, junger Mann,“ fuhr Levi fort,„ſeit jenem blu⸗ tigen Tage?“ „In einem Gefaͤngniſſe,“ antwortete der Rei⸗ ſende,„aus welchem ich erſt kurzlich befreit ward. Fitz of Fitz⸗Ford. II. 16 242 Doch der Abend ruckt vor, und ich muß auf Weiterreiſe bedacht ſeyn.“ „Vermuthlich ſucht Ihr Verwandte und Freunde auf,“ ſprach Levi weiter;„und ſo Ihr's thut, verbuͤrg' ich Euch freudigen Willkommen, denn Ihr ſeht ganz danach aus, daß die Euren ſich ſehnen moͤgen nach Eurer Heimkehr. Will⸗ kommen werdet Ihr ſeyn wie Iſaak es dem Abram war.“ „Ja, ja,“ fiel die Wirthin ein.„Vaͤter ſind oft ſchwer bekuͤmmert um ihre abweſenden oder geſtorbenen Soͤhne. So hoͤr' ich, iſt es der arme alte Sir Hugo, der ſchier zollweis abſtirbt ob dem Verluſt ſeines eigenen Sohnes, und es ſchmerzt mich um ſo mehr, da der alte Herr von manniglich geehrt und geliebt wird.“ „Er trauert um ſeinen Sohn,“ ſetzte der Jude hinzu,„wie Jacob trauerte um Joſeph, als man ihm den in Blut getauchten bunten Rock ſeines Sohnes brachte. Der Krieg iſt gleich dem wilden Wuͤſtenthiere, gleich dem bruͤllenden Löwen, der ſeine Atzung ſucht; er verſchont nicht 243 den Sohn des edelſten Ritters, noch den Ab⸗ kömmling des aͤrmſten Dienſtbauers.“ „Das war's juſt, was ich zu Andreas Mor⸗ ton ſagte, als er in den Krieg gegen die Hiſpa⸗ nier ziehen wollte Sprach ich, der Krieg iſt ein Schlucker, der nimmer genug hat, um ſich zu ſättigen, waͤre ihm der Bauch auch mit todten Leibern vollgeſtopft. Ja, ja, mein Vetter An⸗ dreas war all' ſein Lebtag ein wilder Burſch, wild, ſag' ich, wie ein Dartmoorfullen, und konnte nimmer zum Arbeiten vermogt werden; ſo daß er, ſtatt in Devon den Acker zu pfluͤgen, hin⸗ aus rannte an Bord des Schiffes, das bei Ply⸗ mouth lag und Gott weiß wohin wollte—“ „Sicherlich um den Ocean zu durchpfluͤgen,“ unterbrach Naswerth,„und eine Furche um die Welt herum zu ziehen, wie ich und Drake es vor ihm thaten; zu ſehen, wie die Sonne da ausſieht, wo ſie nimmer zu Bett geht, und was fuͤr Art von Lichtern die Pole ſind, wo ewige Nacht regiert.“ „Na!“ fragte die verwunderte Wirthin,„wie 16* moͤgen die denn beſchaffen ſeyn, wenn man Euer Geſtrengen danach fragen darf?“ „Wie Weiberliebe, Mutterchen,“ antwortete. Naswerth,„die ausbrennt, obwohl ſie ewige Gluth verſprochen hat.“ „Das iſt ein nur allzu getreues Bild,“ ſagte der Iſraelit,„denn ich habe noch kuͤrzlich erſt von ſolcher ſchwindenden Frauenliebe gehoͤrt, die da heute nicht will, und morgen doch will.“ „Ein Kopfſtuͤck moͤgt' ich verwetten,“ fiel die Wirthin ein,„daß ich weiß, auf wen Ihr zielt, guter Levi, denn die ganze Gegend iſt voll da⸗ von. Miß Margarethe Champernoun, die nichts von Sir Nicholas Slanning wiſſen wollte, ſteht nun doch auf dem Sprune, ihn zu heirathen, ob⸗ wohl ihr ſeit dem Verſpruch der Geiſt des ge⸗ fallenen Erben von Fitz keine Ruhe gelaſſen ha⸗ ben ſoll.“ Der Reiſende machte Miene zu ſprechen, als Naswerth dazwiſchen fuhr und ſagte:„Eitel Lug, ſag' ich Euch, eitel Gewaͤſch— nichts als verfluchte Lugen, die von alten Weibern bei ei⸗ ner Schale warmen Geſoͤffs ausgeheckt worden. 245 Slanning ſteht in Begriff, nach der neuen Welt zu ſegeln.“ Der Reiſende erhob ſich. „Wollt Ihr ſchon fort?“ fragte ihn Frau Grazia Morton. „Augenblicklich,“ verſetzte der Reiſende;„laßt mir mein Pferd vorfuhren, ich darf nicht langer zoͤgern.“ „Darf ich, ohne aufdringlich zu ſeyn, Euch fragen, junger Herr, welches Weges Ihr zu rei⸗ ten gedenkt?“ fragte der Seecapitaͤn. „Ueber den Huͤgelruͤcken hinab,“ war die Antwort.„Habt Ihr meinen Gaul vorfuͤhren laſſen, Frau Wirthin?“ „Ei freilich, aber der Stalljunge meint, das Thier ſey ſo erſchoͤpft, daß es Euch kaum eine Meile weit wird tragen koͤnnen; und das iſt um ſo betrubender, da die Huͤgel hier herum von den Geaͤchteten unſicher gemacht werden.“ „Geaͤchtete? Unſicherheit in dieſer Gegend? Das iſt fuͤrwahr etwas Neues!“ ſagte der Reiſende. „Neues oder Altes,“ entgegnete die Wirthin, „wahr iſt's dennoch. In ganz England giebt's keine aͤrgeren Diebe, als jene Berggauner, kein Huhn kann ich vor ihnen ſichern; und wohl mag' ich's nur meiner Armuth zu danken haben, daß ſie mir noch nicht die Gurgel abſchnitten, um meine Alte Elſter auszuweiden.“ „Schweigt, Weib!“ nahm Naswerth das Wort,„ſchreckt Kinder durch Geſchrei uͤber den Wolf; ein guter Fanghund furchtet ihn nicht. Ich kummere mich nicht um alle Geaͤchteten, die da athmen, waͤren ſie auch verwegen wie die zu Sherwood, und hätten ſie Robin Hood an ihrer Spitze.“ „Ich ſpreche nicht von Euch, geſtrenger Herr,“ meinte die Wirthin,„aber dieſer junge Herr iſt von ganz anderem Schlage, als Ihr, und ſieht nicht mehr danach aus, ſich mit einem Beutel⸗ ſchneider herumzuſchlagen, als ich mich mit dem Papſte.“ „Und wer ſind dieſe Geaͤchteten, mit denen Ihr mir droht?“ forſchte der Reiſende. „Ein verzweifeltes Geſindel,“ entgegnete Frau Grazia;„ehedem waren ſie Grubenarbeiter; was — ⸗ 6 — ſie aber jetzt ſind, und wo ſie ihre Schlupfwinkel haben, weiß allein der Himmel, denn kein Spaͤ⸗ her der Obrigkeit kann ſie aufſtobern. Und da Eurer Herrlichkeit Gaul ein ſo elendes Thier iſt, und Ihr ſelbſt in trubſeligen Umſtaͤnden zu ſeyn ſcheint, ſo ſollt's mir leid thun, wenn ein Rei⸗ ſender, der hier zuvor einſprach, zwiſchen den Huͤ⸗ geln angehalten und abgethan wuͤrde. So Ihr alſo hier uͤbernachten wollt, ſoll Euch ein leidli⸗ ches Bett bereitet werden, und es ſoll Euch nichts mehr koſten, als wenn Ihr jetzt fortzieht.“ „Ich dank' Euch herzlich, Frau Wirthin,“ verſetzte der Reiſende,„allein ich kann nicht blei⸗ ben. Wie uͤbel ich auch zu meiner Reiſe geruͤ⸗ ſtet ſeyn mag, ſo muß ich ſie doch ſchleunig fortſetzen.“ „Ihr thaͤtet dennoch beſſer, hier zu bleiben,“ fiel der Iſraelit ein,„denn Ihr ſeyd ſchlimm darauf eingerichtet, einem Feinde Stand zu hal⸗ ten; und ſelbſt wenn Ihr mit beſſerem Gaule verſehen waͤret, ſo ſolltet Ihr dennoch bedenken, was die heil. Schrift ſagt:„Der Schnelle ge⸗ winnt nicht immer das Ziel, noch der Starke die 247 Schlacht!“ Hoͤrt den Rath verſtändigen Alters; thut wie ich ſage, und bedenkt:„Gehorſam iſt beſſer, denn Opfer, und Gehoͤr geben beſſer, denn das Fett von Widdern.““ „Fett von einem Pfenniglichte!“ ſagte Nas⸗ werth.„Zu was fuͤr einen huhnherzigen Geſel⸗ len wollt Ihr meinen jungen Kriegsmann hier machen? Aber hoͤrt, Herr Reiſender, wir Alle wiſſen, daß im Dienſte ſowohl Nieten als Tref⸗ fet gezogen werden. Ihr ſeyd ſo eben erſt, wie ich wohl ſagen darf, einem Schiffbruch entron⸗ nen, und habt noch keinen Hafen erreichen koͤn⸗ nen, um Euer Fahrzeug kalfatern zu laſſen, ſeyd alſo zu einem Treffen nicht wohl geſchickt. Ich aber dagegen fahre mit vollen Segeln, und biete Euch ein wohl ausgeruͤſtetes Convoi an;z denn, ſchau't hier,“ fuhr er ſort, indem er ein Paar Piſtolen zeigte, die er im Guͤrtel ſtecken hatte, „ſeht Ihr dieſe Schreihaͤlſe? Und hier iſt ein Stuͤck kaltes Eiſen, ein ſo gutes Fangmeſſer, als je an eines Mannes Lende hing. Ich will Euch gelei⸗ ten, denn ich ziehe die naͤmliche Straße, und wir wollen dem Teufel in die Zähne ſchauen, 249 mag er uns nun in Menſchen? oder Thiergeſtalt begegnen!“ Der Reiſende ſchien nicht geneigt zu ſeyn, das Anerbieten anzunehmen; doch mogte der Gedanke an ſeinen ſchwäͤchlichen und huͤlfloſen Zuſtand, und das Nichtwiſſen, wie er hoͤflicher Weiſe den Antrag ablehnen ſollte, ihn anders beſtimmen, ſo daß er die rauh gebotene, doch dem Anſcheine nach wohlgemeinte Begleitung des Capitaͤn Nas⸗ werth uͤber den Huͤgelruͤcken annahm. Die Gaͤule wurden vorgefuͤhrt; unterdeſſen leerte der tapfere Seemann vollends einen zwei⸗ ten Krug, wobei er auf einen gluͤcklichen Ritt fur ſich und ſeinen Reiſegefährten trank, zahlte ſeine Zeche, wuͤnſchte der Wirthin und dem Ju⸗ den eine gute Nacht, befahl dem Reiſenden, ihm zu folgen, und begab ſich hinaus vor die Her⸗ berge. Der Jude, der kein Auge von ihm abgewen⸗ det hatte, ſah, daß er mit dem Stallbuben ſchwatzte, waͤhrend er ſeinen Klepper ſtreichelte, und trat zu dem Reiſenden, der ſeine Zeche be⸗ richtigte:„Ihr ſeyd jung,“ ſprach er zu ihm, 250 „und in meinem Herzen regt ſich großes Mit⸗ leid mit Euch. Ich weiß nicht, woher es ſo iſt, alſo fragt mich nicht weiter; aber mir ſchwant Boͤſes, guter junger Herr, ſo ich dran denke, daß Ihr in die Nacht hinein reiten wollt mit je⸗ nem Vieltrinker. Bleibt, wo Ihr ſeyd, nehmt das Nachtlager an, das Euch geboten ward von der ehrlichen Wirthin, ſo moͤgt Ihr morgen im Sonnenlichte ſicherer Eures Weges ziehen. Geht nicht, um Eures Lebens willen, mit jenem Sohne Belial's, denn gleichwie Saul hat er einen boͤ— ſen Geiſt, und Ihr moͤgtet kein Harfenſpiel Da⸗ vids haben, denſelben zu bannen.“ dank Euch, eyrlicher Alter,“ verſetzte der Reiſende,„aber ich kann hier keine Stunde laͤnger weilen. Mein Gemuth iſt uͤbel auf, und Ihr wißt nicht, von welchem boͤſen Geiſte ich ebenfalls getrieben werde.“ „Wohl aber weiß ich, mit welchen boͤſen Gei⸗ ſtern Ihr uͤber die Huͤgel ziehen wollt,“ entgeg⸗ nete Levi.„Falſchheit, Prahlſucht, eine kecke Hand und ein grauſames Herz ſind boͤſe Geiſter, 251 die in Fleiſch und Bein einherſchreiten auf dieſer ſuͤndigen Welt—“ „Hier iſt eine geringe Bezahlung fuͤr Speiſe und Trank, ſo ich in Eurem Hauſe genoß, ehr⸗ liche Wirthin,“ ſagte der Reiſende.„Waͤre ich nicht arm, wuͤrd' ich Euch beſſer vergelten; und obwohl ich Eure Freundlichkeit wegen des Nacht⸗ lagers nicht annehmen kann, ſo werd' ich der⸗ ſelben doch ſtets dankbar gedenken.“ „So geht Ihr alſo?“ ſagte der Iſraelit. „Moͤge denn der Gott Abram's Euer Schild ſeyn, wenn mein guter Rath vergeblich bleibt! Doch weilt, noch einen Augenblick weilt! Er iſt arm, er kann doch noͤthig haben die Pfen⸗ nige. Gebt ſie ihm zuruͤck, Muͤtterchen, viel⸗ leicht ſind's ſeine letzten Krumen. Ich zahl' fuͤr ihn. Gott weiß, wie noͤthig ihm dies Wenige noch ſeyn mag!“ Der Reiſende erſtaunte uͤber die Haſtigkeit des Juden.„Es iſt wirklich das Letzte, was ich an Muͤnze bei mir fuͤhre,“ ſprach er,„und ich werd' Euch dieſen Liebesdienſt nicht vergeſſen, ſondern Mittel finden, ihn Euch ſpäterhin zu 252 lohnen, ſo ich anders am Leben bleibe. Gehabt Euch wohl; mein Gefaͤhrte wartet auf mich. Ich hege keine Furcht— Gott befohlen!“ Trauernd ſchuttelte der Jude den Kopf und blickte dem Fremden nach, bis dieſer ſeinen Au⸗ gen entſchwand. * gwölttes Capitel. „Viel tauſend Wibrigkeiten außer dieſer Belehrten mich, wie man geduldig traͤgt.“ Shakſpeare. Der juͤngere Reiſende beſtieg ſeinen Gaul mit einer Miene, in der Zweifel und Unbehaglichkeit deutlich zu leſen waren. Was fuͤr dringende Gruͤnde zum Weitereilen er auch haben mogte, ſo hatten die Warnungsworte des Juden doch einigen Eindruck auf ſein Gemuͤth gemacht; auch ließ ſich nicht annehmen, daß Geſpraͤch oder Be⸗ nehmen ſeines Gefaͤhrten geeignet geweſen ſeyn ſollten, die Vorurtheile zu beſeitigen, die er gegen dieſen gefaßt hatte. Bei alldem war die Sache nicht zu aͤndern; denn obgleich es dem jungen Manne keineswegs an Muth gebroch, ſo litt er 254 fuͤr den Augenblick doch an einer Koͤrperſchwaͤche, die ihm durch ein hartnaͤckiges Fieber und laͤn⸗ gere Kerkerhaft zu Theil geworden war, ſo daß er ſich weder auf Koͤrperſtaͤrke, noch auf wirkſame Mittel zum Widerſtande im Nothfall hätte ver⸗ laſſen koͤnnen. Alles alſo wohl erwogen, ſchien es ihm am gerathenſten und ſicherſten, das freundliche Aner⸗ bieten des plauderſuͤchtigen Seefahrers anzuneh⸗ men; um ſo mehr, da die Wirthin, ſo wie der Jude, denſelben wohl kannten. Freilich hatte Levi unſerm Reiſenden von dem Ritte mit dem Capitaͤn abgerathen und gefaͤhrliche Winke fallen laſſen, doch waren es immer nur Winke gewe⸗ ſen, die von keiner einzigen Thatſache unterſtuͤtzt worden waren. Dieſe konnten aus Vorurtheil oder gar aus Bosheit erzeugt worden ſeyn, und auf Beides wollte er nicht achten. Argwohn weilt ſelten bei der Jugend, und unſer Reiſender wußte vollends nichts von demſelben, beſchloß vielmehr, alle Furcht von ſich fern zu halten, und uberließ ſich anderen Gedanken, die von zu be⸗ —, 255 draͤngender Beſchaffenheit waren, als daß er ſich ihrer ſo leicht haͤtte wieder entaͤußern koͤnnen⸗ In dieſer Seelenſtimmung ritt er in gemaͤch⸗ lichem Schritte weiter, denn ſein Gaul war nicht wohl zu einem Trotte geeignet. Der Seemann, der neben ihm her trabte, und ſein Pferd bald zerrte, bald peitſchte, brachte ſein Thier dadurch in eine Laune, nach welcher es bald Luſt zu be⸗ zeigen ſchien, auf eigne Weiſe die Reiſe zu be⸗ treiben, indem es ſich in einen geſtreckten Ga⸗ lopp ſetzte. Dagegen lehnte der Reiſende ſich je⸗ doch auf und empfahl eine lockerere Haltung des Zuͤgels, damit das Thier nicht gereizt wuͤrde und ebenfalls im Schritt gehen moͤgte, welches denn auch endlich gelang. „Ich moͤgte lieber in ſtockfinſterer Nacht ein Schiff durch den Canal von Briſtol lootſen,“ ſagte der Seecapitaͤn,„auch wenn der Wind ſich zu einem Orcan aufblieſe, als mein Ge⸗ nick dem Ruͤcken ſolcher aufſaͤtzigen Gaͤule ver⸗ trauen, die dem Ruder nicht gehorchen, und nicht anhalten, wenn Einer Luſt hat, Anker zu werfen. Ein Seemann auf einem Pferderuͤcken iſt eben ſo an ſeinem Platze, als ein Fiſch auf dem Trockenen.— Aber hoͤrtet Ihr jemals ſo ein Wiſchiwaſchi, als die Alte und der Jude uͤber Geaͤchtete und der Teufel weiß uͤber wen ſonſt vorbrachten?“ „Daß ihre Anſichten uͤbertrieben waren, iſt wohl außer Zweifel,“ ſagte der Reiſende,„denn kein Vergroͤßerungsglas geht uͤber die Furcht. Doch mogte was ſie ſagten nicht ohne allen Grund ſeyn. „Hm, hm!“ meinte der Seewolf,„es mag allerdings in dieſen Schluchten etliche derbe Ge⸗ ſellen geben, die mit der Welt nach dem Natur⸗ recht verfahren und in etwas Feinde der Ge⸗ ſetze ſind, weil die Geſetze ſich ihnen feindlich zeigten; ſo daß, wenn eine Zweifelsfrage zwiſchen ihren Beduͤrfniſſen und der Gerechtigkeit liegt, ſie die Sache auf dem kuͤrzeſten Wege abmachen, und da nehmen, wo ſie finden; denn Selbſter⸗ haltung iſt das erſte der Naturgeſetze.“ „Kurzweg alſo, ſie ſind Geaͤchtete und Diebe obendrein,“ verſetzte der Reiſende.„Ich wun⸗ dere mich nur, daß unſere Regierung ſich nicht — in's Mittel legt, um das Land von ſolchem Neſte voll Spitzbuben zu ſaͤubern, wenn der Magiſtrat der Grafſchaft ſich zu ſchwach dazu fuͤhlt.“ „Nun, Alles wohl erwogen,“ meinte Nas⸗ werth,„ſo hat die Regierung jetzt wohl ohnedies alle Haͤnde voll zu thun, da von allen Orten her danach geſtrebt wird, die ſchottiſche Koͤnigin auf den Thron von England zu bringen.“ „Das wird man nicht und kann man nicht,“ fiel der Reiſende lebhaft ein,„in ganz England iſt kein treues Herz, das nicht fur Eliſabeth ſchluͤge, kein rechtſchaffener Arm, der ſich nicht fuͤr ſie er⸗ hoͤbe. Ihre Feinde ſchwatzen viel von den Schwaͤchen, ihre Freunde aber nur von den Tu⸗ genden der englaͤndiſchen Koͤnigin; allein ſie iſt ein ſterbliches Weſen, und da moͤgen wohl Schat⸗ ten von Gebrechlichkeit hie und da den Glanz ihres Geiſtes verdunkeln. Jedoch ihre Fehler und Vorzuͤge zuſammengenommen, wo wuͤrde Eng⸗ land eine Koͤnigin gleich ihr hernehmen? Wer iſt wie ſie zu gleicher Zeit der Schrecken ihrer Feinde und die Freundin und Mutter ihres Volkes?“ Fitz of Fitz-Ford. II. 17 238 „Ei, ei! wohl geſprochen, junger Sriegsge⸗ ſell,“ rief Naswerth.„Ich finde, daß Du eine gelaͤufige Zunge haſt, ſobald Du ſie haben willſt. Bei alldem iſt's doch ein Jammer, daß Ihre Majeſtaͤt, die, wie's heißt, nimmer gleichgultig ge⸗ gen die Jugendlichen und Tapfern iſt, ſo lange ſie naͤmlich Junggeſellen bleiben, einen ſo wackern Cavalier, wie Du biſt, ſo arg in ihren Dienſten verkommen ließ. Wahrhaftig, Dein abgetragenes Wams und Deine Erzäͤhlungen aus dem Kriegs⸗ leben wuͤrden Dir das Mitleidlaͤcheln der Maje⸗ ſtät erringen, ſobald Du beide nach Hofe truͤgſt.“ „Ihr ſpottet meiner,“ entgegnete der Juͤng⸗ ling;„micht ſo wie ich mich jetzt zeige, moͤgt' ich mich an den Hof begeben; auch habe ich, die Wahrheit zu ſagen, ganz anderen Gedanken nach⸗ zuhangen. Mich duͤnkt, Ihr erwaͤhntet vorhin, wie Ihr vielfaͤltig im Auslande waret, und—“ „Ja, ich habe Anker auf allen Meeren der Erdkugel geworfen, ſo hab' ich!“ verſetzte Nas⸗ werth.„Ja, ja, Herr; ich ſegelte in Drake's Schiff, dem Unerſchrockenen,“ bis ich ſpäterhin Herr eines eigenen Seglers ward. Ich war bei —, 259 dem edelherzigen Geſellen, als er das Mißgeſchick am Suͤdpol hatte, wo er zweimal mit genauer Noth dem Rachen des Todes entrann, als er auf einen bitterboſen Strand zu ſitzen kam. War's zum drittenmale geſchehen, ſo haͤtte der Knochen⸗ mann uns zuverlaͤſſig heimgeholt. Hinterdrein war ich, wo die Gebirge eitel Eis ſind, und wo die See ausſieht wie der Zuber einer Wäſche⸗ rin; nichts als Schnee und Eis und Schaum, wo eines Menſchen Worte gefrieren, und erſt bei'm naͤchſten großen Thauwetter hoͤrbar werden. Ich habe das Land geſehen, von welchem der Ne⸗ ger im Puppenſpiel ſpricht, das Land der, Anthro⸗ pophagen, denen die Koͤpfe unterhalb der Schul⸗ tern heraus wachſen. Seltſame Geſichte habe ich auf meinen Fahrten erblickt— Sonne und Eis, Faͤlte und Hitze, Nord und Suͤd, Oſt und Weſt, alle haben mich der Reihe nach gehabt. Es giebt, glaub' ich, wenige Reiſende zu Meer und Land, die halb ſo viel ſahen, als ich geſehen habe.“ „Ich zweifle nicht, daß Ihr mehr als man⸗ cher Andere ſah't, die minder Beobachtungsgabe als Ihr beſitzen,“ verſetzte der Reiſende.— 47* 260 „Nanntet Ihr nicht vorhin einen Sir Nicholas Slanning, und ſagtet, er waͤre Willens, in die neue Welt zu ſegeln?“ „So ſagt' ich. Wos ſoll's mit ihm?“ ent⸗ gegnete der Capitaͤn. „O, nichts!“ ſagte der Reiſende,„nichts als daß ich gern etwas Neues uͤber einen Mann hoͤ⸗ ren moͤgte, deſſen Familie mir wohl bekannt iſt. Und das Geruͤcht uͤber ſeine Heirath, meint Ihr, ſey ungegruͤndet?“ „Muhmengeſchwaͤtz, wie ich vorhin ſagte,“ war die Antwort des Capitaͤns.„Wißt Ihr denn nicht, daß Heirathgeſchichten und all' das aͤhnliche Teufels⸗Wiſchiwaſchi die Beſchäftigun⸗ gen der Weiber, ſo der jungen, wie der alten, ausmachen, ſobald Haͤuſer genug beiſammen ſte⸗ hen, um Das abzugeben, was ein Staͤdtchen ge⸗ nannt werden kann? Schaut ein Mannsbild eine Dirne an, flugs fragt man, wann iſt Hoch⸗ zeit?“ Nichts da, Sir Nicholas Slanning, drauf nehmt mein Wort, iſt frank und frei von der⸗ gleichen Verplaͤmp'rung.“ Der Reiſende ließ das Geſpraͤch fallen und 261 verſank in eine Reihe von Gedanken, die fuͤr eine Zeit lang von dem Seewolfe, der ſich bei'm Weiterreiten die Zeit mit Pfeifen vertrieb, nicht unterbrochen wurden. Man war jetzt ziemlich auf der Hoͤhe des Huͤgelruͤckens angelangt. Der Schauplatz, den man von hier aus uͤberblickte, war von hoͤchſt uͤberraſchender Beſchaffenheit. Gen Weſten, wo die Ausſicht von hoͤheren Hoͤhen be⸗ grenzt ward, ſah man weit hin in dem zwiſchen⸗ liegenden Raume Matten, Ebenen und ſanfte, mit Waldung bekroͤnte Anger. Der Tamar, deſ⸗ ſen Gewaͤſſer unter den daruͤber ſchimmernden wei⸗ ßen Wolken ſilberhell erſchien, wand ſich in ei⸗ niger Entfernung ſchlangenaͤhnlich durch das Thal. Im Oſt erhob ſich uͤber jede umherliegende Hoͤhe der kuͤhne und tafelfoͤrmige Wipfel des Schaafs⸗ Tor, der jetzt marmorweiß zu dem Tiefblau am oͤſtlichen Himmel hinaufblickte, eine Wirkung, die durch das auf ihn fallende Licht der untergehen⸗ den Sonne hervorgebracht ward. Das Meavy⸗ thal, deſſen uralte Kirche und ehrwuͤrdige Eiche von gigantiſchem Umfange noch heutiges Tages Gegenſtaͤnde beſonderer Theilnahme ſind, lag in 262 all' ſeiner Schoͤnheit da, waͤhrend deſſen Baͤch⸗ lein, das ſchmal, wie ein Lichtſtreifen erſchien, durch eine Feenwelt von Bezauberung dahin zu fließen ſchien. Noͤrdlich ſah man eine ſanft angeſchwellte Ebene, uͤber Taviſtock hinaus, von der coniſchen Hoͤhe begrenzt, die den Namen Brent-Tor fuͤhrt, auf deſſen Gipfel der„in Wolken gehuͤllte Thurm“ einem zu Meere wie zu Lande dienenden Leucht⸗ thurme glich. Unſere Reiſegenoſſen bekamen endlich einen Felſen zu Geſichte, der iſolirt inmitten dieſes weitgedehnten Sandhuͤgelruͤckens ſtand. Das Zwielicht, das ſich jetzt immer ſtaͤrker herabſenkte, und hurtig die Färbung jeglichen Gegenſtandes in die der allgemeinen Daͤmmerung verwandelte, ließ die Vertiefungen und Ritzen des Felſens nicht mehr wahrnehmen, der nun als eine ein⸗ zige hohe und plumpe Maſſe, die noch etliche Scheideſtrahlen des Lichtes auffing, gen Himmel ſtarrte, und bei Annaͤherung der Reiſenden die⸗ ſen immer groͤßer zu werden ſchien. „Das iſt Euch ein Fels,“ nahm der See⸗ 263 capitäͤn das Wort,„der ſieht in aller Welt Au⸗ gen doch aus wie ein altes ſchwarzes Wrack ei⸗ ner Caracke, deren Kiel oberſt gelegt ward. Selt⸗ ſame Geſchichten erzaͤhlt man von dieſem Felſen, und wenn jedem Ammengeſchwaͤtz Glauben bei⸗ zumeſſen waͤre, ſo duͤrften dieſe Rippen aus har⸗ tem Geſtein wohl eine Ladung von boͤſen Gei⸗ ſtern enthalten, die der Tel hinein ſtauchte. Man ſagt, in und um den Felſen lauern Elfen und boͤswillige Kobolde, die dem Reiſenden Leides zu⸗ fuͤgen—“ „Muͤßiges Geſchwaͤtz“ fiel der junge Mann ein,„um dumme Bauerjungen und einfaͤltige Dirnen am Chriſtfeſtfeuer zu beluſtigen; ein Mann muß dergleichen nicht achten.“ „Doch giebt es etliche Maͤnner, die noch dazu fuͤr weiſe gelten, welche allerdings darauf ach⸗ ten,“ entgegnete Naswerth.„Da iſt zum Exem⸗ pel der alte Hugo Fitz von Fitz⸗Ford, ein hoͤchſt ehrenwerther Ritter vom roſigen Kreuz, der in dieſe Welt kam, als Narrheit das vorherrſchende Zeichen in ſeinem Horoſkop war; nun ſeht! der glaubt an mehr Elfen, Kobolde und Geiſter als 264 der T'l ſelbſt Luſt haben moͤgte, fuͤr ſeine Ver⸗ wandten anzuerkennen.“ „Ihr habt eine freche Zunge, Herr,“ ſagte der Reiſende,„daß Ihr alſo ſpottend uͤber den Namen eines ehrenwerthen Edelmannes herfahrt.“ „Alle Tauſend!“ rief Naswerth,„wollt Ihr den Hector heut ſpielen? He? wollt einen Freund ſchelten, weil er ſeinen Nachbar richtig beſchreibt? Was kuͤmmert's Euch, junger Fant, weß Rufes das Haus Derer von Fitz ſich erfreut? Der alte mondſuͤchtige Ritter mit ſeiner Alchymie und Aſtrologie, ſeinen Schmelztiegeln und Horo⸗ ſtopen, mag wohl ein ganzer Narr, und Ihr moͤgt wohl kein halber ſeyn, wenn Ihr ſeine Partei nehmt.“ „Maͤßigt Eure Zunge,“ drohte der junge Mann,„oder fuͤr wie ſchwach Ihr mich auch halten moͤgt, ich will Euch die gottloſen Reden aus dem Hirne ſchlagen!“ „Den Tel werdet Ihr!“ entgegnete der See⸗ wolf.„Dazu muͤßt Ihr erſt von mir erwarten, ob ich's leiden will. Die Leute ſagen, der alte Fitz ſtellte ſeinem Sohne als dieſer geboren ward, 265 die Nativität, und ich moͤgte doch wiſſen, ob die Sterne ihm prophezeihten, welches Schickſal der junge Herr diesſeits des Siniein von Ply⸗ mouth haben wuͤrde.“ Der Reiſende erſchrak und ſtarrte dem See⸗ capitän in's Geſicht, der jetzt ſein Pferd naͤher zu dem des jungen Geſellen lenkte und in den Worten fortfuhr:„Herr Reiſender, Was wollt Ihr verwetten, daß ich nicht mit eben der Leich⸗ tigkeit, wie der alte Hugo Fitz einen Teufel oder eine ganze Rotte Teufel aus den Steinrippen jenes Felſens, ohne weitere Zaubermittel als ei⸗ nen Bootsmannspfiff hervorzaubere?“ Und ehe der Fremde noch antworten konnte, hatte Nas⸗ werth ein ſilbernes Pfeiſchen, das er an einem Bande um den Nacken trug, an den Mund ge⸗ ſetzt und ließ nun einen ſchallenden Laut daraus hoͤren, als ob er ſeine Schiffsmannſchaft zu⸗ ſammenrief. Der erſtaunte Reiſende, der ſich allerdings verrathen ſah, konnte weder Flucht noch Gegen⸗ wehr verſuchen; denn in dem Augenblick, in wel⸗ Fitz of Fitz⸗Ford. 1I. 18 266 chem das Pfeiſchen laut ward, war er von meh⸗ reren bewaffneten Maͤnnern, die hinter dem Fel⸗ ſen hervorgeſturzt waren, umringt.„Boͤſewichte!“ rief er, als einer der Auflaurer ihn aus dem Sattel heben wollte, waͤhrend ein Anderer ihm den Zuͤgel entwand:„Böſewichte! Moͤrder! ich will mein Leben theuer verkaufen, will nicht fal— len ohne einen Streich zu fuͤhren.“— Er hatte ſein Schwert gezogen und hieb nach Dem, der ihm in den Zuͤgel gefallen war, allein Naswerth hemmte den Hieb, indem er hinterruͤcks dem Juͤngling den Arm hielt. „Nichts von Hieben, mein junger, huͤbſcher Geſell! Wir ſehen, daß Ihr tapfer ſeyd, allein der beſte Hahn kann nicht fechten, wenn man ihm den Sporn wegſchor.— Entreißt ihm ſein Schwert!“ Dem Befehle ward ſofort Folge geleiſtet. „Elender!“ rief der junge Mann,„wollt Ihr Eure Haͤnde mit meinem Blute beſudeln? Gott wird Euch drob zur Rechenſchaft ziehen. Ihr habt mich jenen Maͤnnern verrathen, um mich umzubringen.“ 267 „Das hab' ich nicht,“ entgegnete Naswerth. „Hier iſt nicht von Mord die Rede, ſobald Ihr Euch ruhig und ſchweigſam gebt. Wir haben zu viel Hochachtung fuͤr den alten Landadel die⸗ ſer Graſſchaft, als daß wir das Blut des Er⸗ ben von Fitz vergießen ſollten. Ihr meintet wohl, ich kannt' Euch nicht? He? wolltet gern un⸗ erkannt ſeyn? Glaub mir, das ſollt Ihr nach Herzensluſt; und damit kein Menſch Euch auf⸗ ſpuͤre, ſollen die Eingeweide der Erde Euch Si⸗ cherheit verleihen.— Weg mit ihm nach der Hohle!“ „Was habt Ihr mit mir vor?“ rief der un⸗ gluͤckliche John Fitz, als man ihm Arme und Haͤnde auf den Ruͤcken ſchnuͤrte.„Iſt Geld Euer Zweck, ſo kennt Ihr, wenn ich auch keinen Hel⸗ ler bei mir fuͤhre, den Reichthum meines Va⸗ ters. Gebt mir die Freiheit, und jede Summe, die Ihr nennt, ſoll Euer ſeyn; ich will's Euch mit dem heiligſten Schwure bekraͤftigen. Mein Vater wuͤrde all' das Seine darum geben, mich zu retten, und Ihr bindet mich jetzt zu Knecht⸗ ſchaft.— Tod ware mir beſſer. Zieh Dein 18* — 268 Schwert, Nichtswuͤrdiger! Gieb mir entweder Freiheit oder ein Grab! Ich will Euch reizen bis Ihr mich toͤdtet, wenn Ihr mir die Freiheit weigert. Elender, Niedertraͤchtiger, Feigherziger, zieh' Dein Schwert und ſtoße es in dieſe bekla⸗ genswerthe Bruſt!“ „So iſt's Recht!“ ſagte Naswerth;„macht einen Sturm aus dem Nachtwinde. Ich aber achte der Scheltworte eines Knaben ſo wenig, als das Heulen eines Meuterers, wenn er an den Fockmaſt gebunden ward. Eins aber will ich Euch um Euretwillen ſagen: So Ihr wuͤnſcht, jemals das geſegnete Licht des Tages wiederzu⸗ ſehen, ſo haltet Euer Maul, oder bei Gott! ich laß Euch unter die Deckluken meines Schiffs decken, wo Ihr all' Euer Lebtag kein Licht wie⸗ der zu ſehen bekommen ſollt. Alſo ſchweigt, wenn Ihr kein Narr ſeyd.— Verbindet ihm die Augen und ſchleppt ihn fort,“ ſprach Nas⸗ werth zu den Genoſſen,„und wenn er noch ei⸗ nen Laut von ſich giebt, ſo knebelt ihn; ſchweigt er aber, ſo fuͤgt ihm kein Leid zu.“ Die Boͤſewichte, die mit ſo wenigem Ge⸗ 269 raͤuſch als moͤglich allen Befehlen nachkamen, verhuͤllten dem ſchon an Armen und Haͤnden Ge⸗ bundenen die Augen, ſchluͤpften mit ihm hinter den Felſen und waren bald verſchwunden. Ei⸗ ner der Geſellen nahm das Pferd, das ſo plotz⸗ lich ſeinen Reiter verloren hatte, bei dem Zuͤgel und folgte dem Capitän Naswerth, der den Vor⸗ angegangenen nachritt. Dreizehntes Capitel. „Don Juan. Wie kannſt Du dieſe Heirath quer⸗ legen? Borrachio. Auf geradem Wege nicht, jedoch ſo verdeckter Weiſe, daß keine Unred⸗ lichkeit an mir wahrzunehmen ſeyn ſoll.“ „Viel Laͤrm um Nichts.“ Shakſpeare. Sonder Zweifel hat der Leſer mit Erſtaunen geſehen, wie der todtgeglaubte John Fitz ploͤtz⸗ lich wieder erſchien und von Naswerth, der mit der oſt erwaͤhnten Schaar geaͤchteter Grubenar⸗ beiter in Verbindung ſtand, gewaltſam aufge⸗ griffen und fortgeſchleppt ward. Um dieſen Um⸗ ſtand in's Licht zu ſetzen, wird es noͤthig ſeyn, etwas Naͤheres uͤber jene Grubenmaͤnner und den ſo lange Zeit mit ihnen verbuͤndeten Standwich zu ſagen Außerdem daß jene Geächteten, die ſich zur Zeit unſerer Geſchichte im Bezirk Devon furcht⸗ bar gemacht hatten, das unerlaubte Gewerbe trieben, Silber aus den Schachten zu gewin⸗ nen, die dem Geſetze nach ausſchließlich der Krone angehoͤren, und das geſtohlene Metall auf auslaͤndiſchen Maͤrkten verkaufen zu laſſen, wendeten ſie ſich im Falle der Noth zu Raͤu⸗ bereien, und bedraͤngten voruͤberziehende Reiſende. Es laͤßt ſich wohl denken, daß eine ſo gefaͤhr⸗ liche Rotte nicht lange an einem und demſelben Verſteckorte bleiben konnte, ohne Gefahr zu lau⸗ fen, durch die Wachſamkeit und Ueberlegenheit der Ortsbehoͤrden entdeckt und eingefangen zu werden. Dieſem auszuweichen, veraͤnderten die Grubenmaͤnner oft ihren Schlupfwinkel. Bis⸗ weilen ſchirmten ſie ſich, wie wir geſehen haben, durch Aufenthalt in der großen Hoͤhle, dann wie⸗ der in der Thalſchlucht von Lidford, wo es we⸗ gen der daſelbſt befindlichen ſteilen Höhen ſchwer hielt, ihnen nachzuſpuͤren; und dann wieder im 272 Dickicht der Waͤlder, deren ungebahnte und wild⸗ verwachſene Pfade nur mit Muͤhe zu beſchreiten waren. Der Dartmoorgrund hatte, wie wir ihn be⸗ ſchrieben haben, damals keine gebahnte Heer⸗ ſtraße, und bot alſo dieſen Gebirgsdieben Schlupf⸗ winkel aller Art darz kein Wunder war es da⸗ her, daß eine halbwilde und geaͤchtete Rotte, de⸗ ren Schlauheit, in Anwendung der ihnen zu Ge⸗ bote ſtehenden Mittel zu ihrer Selbſterhaltung, mit ihrem Muthe gleichen Schritt hielt, der Entdeckung auszuweichen und alle Plaͤne zu ihrer Habhaftwerdung zunicht zu machen wußte. Das vielfaͤltige Mißlingen der zum Ein⸗ fangen dieſer Buſchklepper gemachten Verſuche hatte dieſe endlich gaͤnzlich aufhoͤren laſſen, ſo daß die Bewohner der Gegenden, wenn ſie eine Reiſe durch den Moorgrund, oder durch ſonſt eine oͤde Strecke der Grafſchaft zu machen hatten, ſich damit begnuͤgten, in großen Geſellſchaften, oder in Begleitung einer Schaar Bewaffneter fuͤrbaß zu ziehen, um ſich gegen perſoͤnliche Ueberfaͤlle zu ſichern. Deſſen ungeachtet fielen dann und 2 wann ſchmaͤhliche Begebenheiten vor. Nicht oft, aber doch bisweilen, fand man einen Reiſenden, vielleicht weil er ſich zur Wehr geſetzt hatte, er⸗ ſchlagen, und oͤfter wurde Einer vermißt, von dem alsdann keine Spur wieder außzutreiben war. So verzweifelt die Geaͤchteten auch geworden waren, ſo fuͤhlten ſie doch ſich ihres beſchwerli⸗ chen und gefaͤhrlichen Lebenswandels uͤberdruͤßig, und wuͤrden ſich wohl gebeſſert haben, wenn ſie in's buͤrgerliche Leben haͤtten zuruͤckkehren koͤnnen; allein welche Hoffnung auf Vergebung konnten ſie nach ſo vielen veruͤbten Miſſethaten hegen? Die einzige Moͤglichkeit, durch welche Ruͤckkehr in's buͤrgerliche Leben ihnen haͤtte werden koͤn⸗ nen, war eine gaͤnzliche Umgeſtaltung der Lan⸗ desregierung; und aus dieſem Beweggrund hatte Standwich ſich jenen Grubenmaͤnnern beigeſellt, weil er recht wohl wußte, daß bei keiner Re⸗ bellion beſſere Werkzeuge zu finden ſind, als Menſchen, die bereits durch Geſetzverwirkung alle und jede Ausſicht auf unangefochtenes Leben ver⸗ loren, und nur durch Verzweiflung und unver⸗ 274 hofften Gluͤckswechſel in erwuͤnſchtere Lebens⸗ verhaͤltniſſe gerathen koͤnnen. Standwich, einer der thaͤtigſten Agenten Roms und Spaniens waͤhrend der Regierung der Koͤ⸗ nigin Eliſabeth, war lange Zeit die Mittelsper⸗ ſon geweſen, durch welche man einen verraͤtheri⸗ ſchen Verkehr mit vielen der Mißvergnuͤgten im Weſten des Landes unterhalten hatte. Um ſich vor Verfolgung und Tod zu ſchuͤtzen, hatte er ſich zu den geaͤchteten Grubenarbeitern geſellt, hatte dieſelben vermogt, ſich der Fahne der Re⸗ bellion anzuſchließen, ſobald dieſe mit einiger Wahrſcheinlichkeit des Erfolgs wuͤrde aufgerich⸗ tet werden koͤnnen. Wir wollen uns hier nicht auf die mancherlei Verſuche einlaſſen, die zu ſol⸗ chem Zwecke angeſtellt, vereitelt und wieder an⸗ geſtellt wurden, bis der Tod der ſchottiſchen Ma⸗ ria und die Niederlage der ſpaniſchen Armada alle ene Hoffnungen und Entwuͤrfe gaͤnzlich zu⸗ nicht machten. Zur Zeit unſerer Geſchichte war Maria Stuart am Leben, obwohl Gefangene, und in jedem Winkel des Landes lauerten ge⸗ heime Botſchafter, die Mariens Anſpruͤche an 215 die Krone von England geltend machen wollten, und die Parteigaͤnger derſelben dadurch aufreiz⸗ ten, daß ſie ihnen vorſtellten, es wuͤrde ein Gott und den Menſchen wohlgefaͤlliges Werk ſeyn, wenn man Maria Stuart auf den Thron ſetzte und die alte Landesreligion wieder einfuͤhrte. Die Thatkraft der Miniſter Eliſabeth's, und der Koͤ⸗ nigin eigene Einſicht und Veſtigkeit machten alle jene Plaͤne zunicht, und obwohl Standwich bis⸗ her wenig mehr gethan hatte, als fuͤr Rom zu unterhandeln und Raͤnke anzuſpinnen, hoffte er dennoch, und war nach einem laͤngeren aberma⸗ ligen Fernſeyn abermals in England beſchaͤftigt, wo er in ſeinen ehemaligen Schlupfwinkeln hauſete. Nach dieſer Wiederkehr hielt er, wie wir er⸗ innert haben, jene entſcheidende Zuſammenkunft mit Margarethen, welche, obſchon ſie wußte, daß er als papiſtiſcher Widerſpenſtiger in Lebensge⸗ fahr ſchwebte, doch nicht im Geringſten eben ſo wenig ahnete, welchen Antheil er an den rebelli⸗ ſchen Umtrieben im Lande hatte, als daß er ihr 276 leiblicher Vater war. Ueber dieſe beiden Puncte lebte das Maͤdchen in gaͤnzlicher Unwiſſenheit. An dem Abend vor dem, an welchem John Fitz ſo verraͤtheriſch auf dem Huͤgelruͤcken uber⸗ fallen ward, war Lady Howard, ihrer Gewohn⸗ heit nach, Gaſt und gleichſam Familienglied zu Kilworthy. In ſtummer Erwartung ſaß die Dame in dem zu ihrem Gebrauche ihr angewie⸗ ſenen Gemache. Sie hatte ſich fruͤhzeitig in daſ⸗ ſelbe zuruͤckgezogen. Auf ihrem Geſichte lag Be⸗ ſorgniß, und ſie ſchien zwar die auf dem Tiſche brennende Lampe anzublicken, allein ihre Gedan— ken waren keinesweges auf irgend einen aͤußern Gegenſtand gerichtet. Da ſchlug die große Haus⸗ uhr die zehnte Stunde. „Zehn!“ rief Lady Howard;„ſo iſt die Stunde alſo da, und dieſe Nacht wird's ent⸗ ſcheiden. Alles im Hauſe ging zur Ruhe, alſo — hinaus!“ Indem ſie dies ſagte, griff ſie nach einen kleinen Schluͤſſel, ſtoͤrte ſorgfaͤltig die Lampe, oͤffnete leiſe eine Thuͤr hinter dem Wandteppich und ſchluͤpfte durch dieſelbe eine Treppe hinab, die mittelſt einer zweiten Thuͤr zu dem Fuße der Gartenterraſſe leitete. Sorglich bedeckte ſie die Lampe, damit ſie nicht durch einen Windſtoß beim Oeffnen jener zweiten Thuͤr verloͤſchen moͤgte. Als ſie mit dem Schlſſel dieſe Pforte geoffnet hatte und hinausſchaute ohne zu gewah⸗ ren, was ſie zu gewahren wuͤnſchte, ſtellte ſie die Lampe auf die unterſte Treppenſtufe, ging einige Schritte hinaus und wagte es, einigemale, wie⸗ wohl nicht ſehr laut, in die Haͤnde zu klatſchen. Das Signal ward vernommen. Eine Ge⸗ ſtalt, die in der Dunkelheit der Nacht nur un⸗ vollkommen wahrgenommen werden konnte, ſchlich herzu. Man erkannte ſich, ohne daß ein Wort gewechſelt ward. Die Geſtalt trat durch die Gar⸗ tenpforte ein, die von der Lady wieder verſchloſ— ſen ward. Dieſe nahm dann die Lampe auf, und ſtieg aufwaͤrts in ihr Gemach zuruͤck, wo⸗ hin die Geſtalt ihr folgte. Als auch hier die Thuͤr wieder verſchloſſen und der Teppich vor derſelben wieder geordnet war, ſprach die Lady: „Nun ſind wir ſicher; ſprich frei und fuͤrchte nichts.“ ſagtet?“ 278 „Was hätt' ich zu fuͤrchten?“ entgegnete die Angeregte;„wenn irgend Jemand uns hier heim⸗ ſucht, ſo werdet Ihr am meiſten Urſache haben zu zittern; und dringt von außen Jemand zu mir ein, ſo habe ich Mittel, mich zur Wehr zu ſetzen.“ Mit dieſen Worten ließ die Geſtalt den Mantel, in den ſie gehuͤllt war, fallen, und die mit Dolch und Piſtolen, einem Manne gleich, bewaffnete Betſy Grimbal ward ſichtbar, die, wie ſchreckend ſie auch fuͤr manches junge Frauen⸗ zimmer ſeyn mogte, doch nicht im Stande war, die eiſenſtarke Lady Howard zu erſchuͤttern. „Setzt Euch, Weib,“ ſagte dieſe zu der Al⸗ ten.„Ihr habt lange in der Kaͤlte geharrt; ich habe etwas Waͤrmendes fuͤr Euch aufgeſpart.“ Damit ſchritt ſie zu einem Seitenſchranke, aus welchem ſie einen Silberbecher hervorholte, der mit wuͤrzigem Dufte das Gemach erfullte und den ſie vor Betſy Grimbal hinſtellte. „Ich habe mit Ungeduld auf Euch gewartet,“ fuhr Lady Howard fort;„habt Ihr irgend ſichere Kunde uͤber Das erhalten, wovon Ihr mir 279 —————— „Ich habe,“ verſetzte Betſy,„und in dieſer Nacht muß etwas veſtgeſetzt werden.“ „Wie aber, wenn Ihr im Irrthum ſeyd?“ ſagte die Lady.„Uebermorgen, wißt Ihr, iſt der Tag der Vermaͤhlung Slanning's mit Marga⸗ rethen.“ „Und ſo wahr Lichter am Himmel leuchten,“ entgegnete Betſy,„ehe jener Tag hereinbricht, iſt John Fitz zuruͤckgekehrt und fordert ſeine Ver⸗ lobte. Morgen ſetzt er den Fuß an dieſen Strand.““ „Himmel!“ rief Lady Howard,„dann ſind alle meine Hoffnungen vernichtet! Verzoͤgert ſein Kommen, waͤr's auch nur um einen einzigen Tag; thut das, und Alles, was ich habe, ſey Euer. Wel⸗ cher Engel oder welcher Teufel konnte ſich ſo er⸗ heben, um unſere Plaͤne zu zerſtoͤren? Seyd Ihr ſicher, daß John Fitz frei iſt? Hat er Kunde von ſeinem Leben, von ſeinem Entrinnen aus der Haft, vor ſeiner Heruͤberfahrt hergelangen laſſen? Auf welche Weiſe, durch welche Ver⸗ mittelung kommt er?“ „Wollt Ihr mir Wort goͤnnen,“ fragte die 280 Alte,„oder ſoll ich dieſe Fragen anhoͤren, und die Zeit mit Hin- und Herſchwatzen vergeuden, da ſie doch zu Thaten verwendet werden muͤßte? Wollt Ihr mich hoͤren?“ „Sprecht! ſprecht!“ ſchrie die Lady,„ich beſchwoͤre Euch, mir Alles zu ſagen. Mein Ge⸗ muͤth iſt in furchterlicher Aufregung, ſeitdem Ihr mir die Kunde brachtet, daß John Fitz an Bord eines Schiffes ſey und ſich hieher begebe. Ihr ſagtet mir, daß ſolche Kunde Euch von ſicherer Hand ward; wohlan, ſprecht Alles heraus, ich will verſuchen, Euch ruhig anzuhoͤren.“ „Ihr kennt den Namen Georg Standwich?“ fragte Betſy. „Wohl kenn' ich ihn,“ war die Antwort. „Was ſoll's mit ihm, der, wie mich duͤnkt, der Anfuͤhrer jener Geaͤchteten iſt, durch welche die Umgegend unſicher gemacht wird? Ein Preis iſt auf ſeinen Kopf geſetzt.“ „So iſt's,“ ſagte Betſy.„Ihr aber ver⸗ dankt ihm viel wegen des guten Dienſtes, den durch ihn ich jetzt Euch leiſten kannz obwohl ich zugebe, daß er kaum ahnet, wie nutzlich er einer ———— ——— 281 andern Perſon dadurch wird, daß er glaubt nach ſeinem Willen zu handeln. Er weiß nichts da⸗ von, daß Ihr in die Sache verwickelt—“ „Und ſoll's auch nicht,“ fiel Lady Howard hochfahrend ein—“ ich bin reich, frei und un⸗ abhaͤngig. Dient mir, wie Ihr es zugeſagt habt durch jedes Euch beliebige Mittel, und ich habe genug, um Zwanzig Eures Gelichters zu be⸗ lohnen. Wollt Ihr gleich jetzt noch mehr Geld?“ „Nicht eher, als bis ich es durch ehrlichen Dienſt erwarb,“ war Betſy's Antwort;„und wenn Alles erfuͤllt ſeyn wird, will ich Eure Zu⸗ ſage in Anſpruch nehmen.“ „Ich erinnere mich ihrer, und will ſie erfuͤl⸗ len, ſo wahr ein Gott lebt!“ ſagte Lady Ho⸗ ward.„Ich verſprach, Dich mit den Mitteln zu verſehen, dieſes Land fuͤr immer verlaſſen zu koͤnnen.— ich werd' es halten. Nun aber wei⸗ ter, denn die Stunden verrinnen. Ihr ſpracht von Georg Standwich—“ „So that ich,“ verſetzte Betſy.„Durch ihn vernahm ich die zuverlaͤſſige Kunde. Standwich war bei'm Herzog Alba, jenem fuͤrchterlichen Fitz of Fis⸗Ford. II. 19 282 Feinde der Ketzer, als John Fitz gefangen und blutend eingebracht ward. Standwich ſah ihn in Feſſeln legen und in's Verließ der Veſte wer⸗ fen.— Das Gerucht von des Juͤnglings Tode gelangte bald nach England, denn man hatte ihn fallen ſehen, als Hunderte von den Strei⸗ tern Alba's niedergemähet wurden. Nun traf es ſich, daß John Fitz nicht allein eingekerkert ward; denn ſein Diener, Andreas Morton, der als Fluͤchtling gefangen genommen worden war, lag unfern von ihm im Gefaͤngniß. Standwich kannte dieſen Andreas, und wußte, daß derſelbe zu jeder Niederträchtigkeit kaͤuflich war. Unter der Be⸗ dingung, ihn fur ſich gewonnen zu haben, ver⸗ ſchaffte er ihm die Freiheit, ſo daß Morton ſich in der Stadt, in welcher John Fitz gefangen lag, nur noch als Spaͤher aufhielt, um Stand⸗ wich in deſſen Plaͤnen beizuſtehen.“ „Welche Handlung konnte ein Gefangener begehen, die der Beobachtung eines Spaͤhers be⸗ durft hatte?“ fragte Lady Howard. „Das ſollt Ihr hoͤren,“ entgegnete die Alte. „Im Grfaͤngniſſe ſchrieb John Fitz beſtaͤndig 283 Briefe nach England, um in ſeine Freunde zu dringen, daß er gegen irgend einen anderen Ge⸗ fangenen ausgewechſelt werden moͤgte. Dieſe Briefe zu beſtellen verſprach Andreas Morton zwar, lieferte ſie jedoch in die Haͤnde des Georg Standwich. Der Gouverneur, in deſſen Haft ſich John Fitz befand, ward endlich minder ſtreng in ſeiner Bewachung, um ſo mehr da John Fitz in ein ihn abzehrendes Fieber verfallen war, ſo daß dieſer, ungeachtet ſeiner Körperſchwaͤche Mit⸗ tel fand, ſeine Flucht zu bewerkſtelligen.“ „Er war von jeher edlen Muthes und trotzte jeglicher Gefahr.“ „Andreas Morton,“ fuhr Betſy Grimbal fort,„folgte den Spuren ſeines Herrn. Er fand ihn koͤrperſchwach und in dem elenden Zuſtande, in welchem er der Haft entronnen war.“ „Die Ungeduld John's, ſeine Heimath zu er⸗ reichen, ließ ihn nicht raſten; er erreichte, wenn gleich mit Schwierigkeit, die Kuͤſte, und begab ſich an Bord eines nach England ſegelnden Schif⸗ fes. Von allen dieſen Umſtaͤnden ward Georg Standwich durch Andreas Morton in Kenntniß 19* 284 geſetzt, der ihm erſt heute noch den juͤngſten Brief zuſandte, den John Fitz ſchrieb, und der an Ni⸗ cholas Slanning gerichtet war. Als dieſer un⸗ terſchlagene Brief anlangte, war Standwich nicht in der Hoͤhle, ich nahm ihn daher dem Brin⸗ ger, der einer von unſern Leuten war, ab, und — hier iſt er; leſet ihn und uͤberzeugt Euch.“ Die Hand der Lady zitterte heftig, als ſie den verraͤtheriſch verheimlichten Brief hinnahm. Ein ſchwacher Strahl von Rechtlichkeitgefuͤhl ſchien noch in ihr zu glimmen, ſo daß ſie ein Weil⸗ chen inne hielt, ehe ſie das Siegel brachz allein der nächſte Augenblick fuͤhrte ihr das Bild Mar⸗ garethens, ihrer beneideten Nebenbuhlerin, vor die Seele, und ſie unterdruͤckte jenen Reſt edle⸗ rer Empfindung. Haſtig riß ſie das Schreiben auf, las es und las wieder mit angeſtrengter Aufmerkſamkeit; dann ließ ſie das Blatt ſinken und ſagte:„Ich ſehe nicht ab, was fuͤr Hoff⸗ nung mir bleibt, auch wenn wir ſeine Ruͤckkehr in die Heimath verzögern. Er ſchreibt dies aus Plymouth.“ „So mi's,“ ſprach die Alte weiter.„Er —— 285 fuhlt ſich noch ſchwach von der langen Kerker⸗ haft und ward, ſeitdem er den Fuß auf Eng⸗ lands Boden ſetzte, mehreremale durch Ruͤckfälle ſeiner Krankheit in ſeiner Reiſe aufgehalten.“ „Er beklagt ſich in dieſem Briefe auch uͤber die beiſpielloſe Unfreundlichkeit ſeines Vaters, daß dieſer kein Mittel zu ſeiner Befreiung verſuchte, noch ſonſt ihm Erleichterung zukommen ließ, ob⸗ ſchon er ihm ſo viele Briefe ſchrieb, in denen er ſeine troſtloſe Lage ſchilderte. Er ſchreibt dieſes der Furcht ſeines Vaters zu, als wuͤrde er ſeine Bewerbung um Margarethe fortſetzen; und in Folge dieſer vermeinten Unfreundlichkeit meldet er dem Freunde Slanning, daß er morgen Abend in ſeinen Geburtsort zuruͤckzukehren gedenkt. Er bittet Slanning, ihm, wenn moͤglich, in der klei⸗ nen Schenke am Plymouther Wege um die Zeit des Sonnenunterganges entgegen zu kommen, um dort mit ihm Rath zu halten, was am Zweck⸗ maͤßigſten zu thun ſeyn duͤrfte, ehe er ſich ſei⸗ nem Vater wieder zeigte. Dann bittet er ſeinen Freund, daß er Margarethen ſeiner unveraͤnder⸗ lichen Liebe verſichern moͤge, indem ihm das Le⸗ 286 ben nur um ihretwillen noch lieb iſt. Er aͤu⸗ ßert die Hoffnung, daß der Anblick ſeines Elen⸗ des mildere Geſinnung bei ſeinem Vater erzei⸗ gen wuͤrde, und fuͤgt hinzu, daß, um ſo ge⸗ heim als moͤglich ſich mit Slanning beſprechen zu koͤnnen, er ohne ſeines Dieners Begleitung in der Herberge eintreffen wolle. Seine letzte Zeile enthaͤlt eine Segnung uͤber den Namen Nargarethe.“ „Iſt das der ganze Inhalt des Schreibens?“ fragte Betſy. „Er iſt's,“ verſetzte die Lady.„Ich ver⸗ zweifle ſchier. Hätte ich ſeine Befreierin aus ſei⸗ nem Kerker werden koͤnnen, ſo moͤgte ich etwas von ſeiner Dankbarkeit zu hoffen haben; jetzt aber ſehe ich klar, daß ich nichts dadurch gewinne, wenn ſeine Ruͤckkehr verzoͤgert wird.“ „Ich aber weiß, was ſich noch gewinnen laͤßt,“ widerſprach ihr die Alte.„Werdet Ihr jetzt ſchwachmuthig? wollt Ihr zuruͤckziehen? Ihr, die Ihr ſeit ſo langer Zeit durch mich wußtet, daß John Fitz nicht todt, ſondern nur gefangen war? Hoͤrt mich, Lady, und ich zeige Euch ei⸗ —— nen Weg, die Sache nach Wunſche in's Reine zu bringen. John Fitz ſagt in dieſem Briefe, daß er morgen Abend mit Sonnenuntergang in der kleinen Herberge am Plymouther Wege ein⸗ treffen will, und daß Slanning ihm dort be⸗ gegnen ſoll. Begegnen muß ihm freilich Jemand dort,“ fuͤgte die Schäͤndliche bedeutſam hinzu „obwohl nicht der Freund, den er erwartet.“ „Ihr wollt ihm doch kein Leid zufuͤgen?“ fragte die Lady, die Betſy's Abſicht errieth. „Wenn ich wuͤßte, daß man ihn nur wenige Stunden, nur ſo lange aufhalten koͤnnte, bis Nargarethe ihm fur immer verloren gieng, in⸗ dem ſie mit Slanning vermaͤhlt ward, ſo moͤgte ich wohl darein willigen. Allein ehe ein Haar auf ſeinem Haupte gekrummt wuͤrde, wollte ich lieber dieſen Brief dem alten Manne einhaͤndi⸗ gen, der jetzt uber den Verluſt ſeines einzigen Sohnes jammert und wehklagt; wollte lieber meine traͤumeriſchen Hoffnungen— denn traͤu⸗ meriſch nur ſind ſie— fur immer aufgeben. Ich moͤgte das Leben des Erben von Fitz um jeden Preis geſchont wiſſen.“ 288 „Damit er heim komme und ein Elend vor⸗ finde, welches ihn wuͤnſchen laſſen muß, daß er in Alba's Kerker den Tod haͤtte finden moͤgen,“ ſagte Betſy—“ doch das kuͤmmert mich nicht. Ich hege nicht den Wunſch, ihn in ſeiner Ruͤck⸗ kehr aufzuhalten, obwohl Standwich, wenn er dieſen Brief ſaͤhe, tauſendmal ſein Leben wagen wuͤrde, die Ankunft des Erben von Fitz ſo lange zu verhindern, bis Margarethens Vermaͤhlung vollzogen ward.“ „So hat Standwich dieſen Brief noch nicht geſehen?“ fragte Lady Howard haſtig. „Nein,“ verſetzte Betſy—„Ihr, Lady, bracht ſo eben das Siegel deſſelben— ich er⸗ warte Euern Befehl, ihm denſelben einzuhaͤn⸗ digen.“ „Welches Intereſſe kann Standwich dabei ha⸗ ben,“ fragte die Lady weiter,„John Fitz in ſei⸗ ner Heimreiſe aufzuhalten, damit zuvor Marga⸗ rethens Vermählung mit Nicholas Slanning zu Stande komme?“ „Das iſt ſeine, nicht unſere Sache,“ war Betſy's Antwort.„Standwich war ein werther „— Freund des Sir Frederik Champernoun, das iſt Etwas; und John Fitz iſt das, was Standwich einen Ketzer nennt.“ „Lebt denn ſo ein Menſch wie jener Stand⸗ wich irgend eines Religionglaubens?“ fragte die Lady. „Ei freilich,“ entgegnete die Gefragte;„es giebt Leute, ſchoͤne Dame, die ihr Muͤthchen, wie gottlos es ſeyn mag, an den Leuten kuͤhlen, und die doch meinen, fromm zu ſeyn, indem ſie Gott danken, wenn ihnen Alles gut von Statten ging. Jedoch laßt uns zum Schluſſe kommen. Wenn es Euch mit Schaudern erfullt, zu denken, daß John Fitz eher erſcheint, als Margarethe ei⸗ nem Andern anvermaͤhlt ward, ſo ſeyd verſichert, daß, ehe vierundzwanzig Stunden vergehen, ſich ſolches ereignen wird, ſobald man ſeine Reiſe nicht hemmt.“ „Wenn er kommt,“ meinte Lady Howard, „und Margarethe ſtaͤnde auch ſchon vor dem Al⸗ tare, ſo wuͤrde ſie— ich kenne ihre innerſte Seele— Slanning vor den Augen Gottes und 290 der Menſchen mit einem„Nein' zuruͤckweiſen, und dann iſt meine Hoffnung auf immer dahin.“ „So muͤſſen wir zur Sache ſchreiten, min⸗ deſtens muß ich es thun, und noch in dieſer Nacht,“ rief Betſy.„Weshalb zaudern? Hier iſt keine Zeit zu verlieren. Zögert der Hirſch, uͤber die Hecke zu ſpringen, wenn die klaffenden Hunde hinter ihm drein ſind? Ich muß ſofort Stand⸗ wich aufſuchen.“ „Zu welchem Ende?“ fragte Lady Howard. „Ihm dieſen Brief zu bringen,“ war die Antwort.„Ich ſtehe dafuͤr, er wird Mittel fin⸗ den, dem Erben von Fitz ein Hinderniß in den Weg zu legen, daß dieſer die Hochzeitfeier nicht durch ſeine Anſpräche auf die Braut ſtört.“ „Wer aber ſteht mir dafuͤr, daß Standwich ihm kein Leid zufuͤgt?“ ſagte die Lady.„Iſt John Fitz auch kalt gegen mich, dennoch werd' ich nie aufhoͤren, ihn zu lieben. Nimmer verlor er einen Gedanken an mich,“ fuhr ſie in einem Tone fort, der die groͤßte Seelenfolter verrieth,“ nimmer that er das, ſeit er Margarethen kannte; ich aber liebte ihn mit unveraͤnderter Liebe. Reichthum, Schoͤnheit und Rang ſchätzte ich nur in ſofern, als ſie mich ſeiner werth machen koͤnn⸗ ten— dennoch blieb er kalt gegen mich.“ „So laßt ihn Margarethe heirathen,“ fiel Betſy ein,„und Alles zwiſchen Euch hat ein Ende.“ „Nimmer! nimmer!“ rief die eiferſuchtige Dame.„Waͤre Margarethe nicht, ſo wuͤrde ich ſeine Gegengunſt gewonnen haben. Unſere Fa⸗ milien wuͤnſchten dieſe Verbindung, und er ſchien derſelben nicht abhold zu ſeyn. Er war hoͤflich, aufmerkſam, freundlich gegen mich— Alles ſchien guten Weg gehen zu wollen: da kam ſie, und fing ihn, und entriß ihn meinen Hoffnungen.— Nein! er ſoll ſie nimmer heimfuͤhren. Ich mag ihn verlieren, mein Plan, den ſchwachglimmen⸗ den Funken ſeines Wohlwollens gegen mich wie⸗ der zu einem Flaͤmmchen und zu einer Flamme anzublaſen, mag fehlſchlagen; jedoch eine Neben⸗ buhlerin, die Nebenbuhlerin, die ihn mir ſtahl, ſoll niemals uͤber mein Elend triumphiren! Bin ich ungluͤcklich, ſo ſollen anderer Herzen eben ſo wohl Pein leiden, als das meinige.“ eb — 292 „Ich gehe zu Standwich,“ ſagte die Unter⸗ haͤndlerin „Erſt, Weib,“ rief die Lady,“ gieb mir die feierliche Zuſicherung, daß bei Allem, was geſchieht, dem Haupte des Erben von Fitz kein Haar ge⸗ kruͤmmt wird. Geſchieht's dennoch, ſo uͤberant⸗ worte ich Dich dem weltlichen Gerichte, auch wenn ſolcher Schritt mich mit in's Verderben zöͤge. Ich will überzeugt ſeyn, daß ihm kein Leid zugefuͤgt wird!“ „Welches Leid denn?“ fragte Betſy.„Meint Ihr, Standwich wuͤrde ohne Noth ſeine Haͤnde mit dem Blute eines albernen Juͤnglings beſu⸗ deln, und ſo noch groͤßere Gefahr uber ſich ſelbſt bringen? Glaubt mir, er hat ohne das ſchon genug abzuwehren. Ich buͤrge Euch dafuͤr, daß der Erbe von Fitz weder an Leib noch Leben ge⸗ ſchaͤdigt wird; im ſchlimmſten Falle ſoll er nur wenige Stunden lang gefangen gehalten werden. Sobald die Heirath geſchloſſen ward, iſt John Fitz frei. Ich verſpreche das, und danach rich⸗ tet meine fernere Belohnung ein.“ „Es ſey ſo,“ ſagte die Lady.„Ich willige ——— in Deinen Plan. Sobald Margarethe vermaͤhlt, und John Fitz wieder in Freiheit iſt, ſoll dieſe Boͤrſe, die hundert Mark in Gold enthaͤlt, Dein ſeyn— eher micht! Jetzt enthebe Dich— die Nacht ſchwindet hin; es iſt Scheidenszeit.“ „Ich gehe,“ ſagte Betſy,„gehe, um ein Ding in's Werk zu richten, von dem, ich ſteh' Euch dafuͤr, einſt dieſe Gegend fern und nah ſo erfuͤllt ſeyn wird, daß zehn tauſend ſchwatzende Zungen voll ohnmaͤchtigen Aergers es erzaͤhlen. Ihr aber werdet dadurch zufrieden geſtellt wer⸗ den, denn in Euren dunkeln Augen, Lady Ho⸗ ward, iſt Etwas, das bei'm Anblick einer kuͤhnen That funkelt. Ich weiß nicht, woher es kommt, allein es iſt ein Vergnuͤgen.— Ihr Puritaner moͤgtet es ein Vergnuͤgen, wie die Verdammten es fuͤhlen, nennen— das Elend zu beſchauen, das wir aus eigenen Kraͤften anrichteten. Dies Vergnuͤgen und jene leuchtenden Goldſtuͤcke ſind mein Theil in dieſer Sache; und obwohl ich es in meinem Horoſkop nicht verzeichnet fand, will ich dennoch prophezeihen, daß noch lange Zeit, nachdem dieſer Leib ein Aſchenhaufen ward, der 294 Name Betſy Grimbal ein Schrecken dem Wan⸗ derer ſeyn wird, der zur Nachtzeit die einſame Straße durch Dartmoor zieht. Ruhm iſt Je⸗ dem theuer, und der meinige ſoll darin beſtehen, der Wunderſchrecken Aller zu ſeyn.“ Waͤhrend Betſy im Stolze ihrer Gottloſig⸗ keit, ſich ſelbſt dieſe ſcheusliche Lobrede hielt, wickelte ſie ſich in ihren Mantel, und enteilte dann durch die ihr von der Lady geoͤffneten Thuͤ⸗ ren, um ihren niedertraͤchtigen Plan zum Auf⸗ greifen des Erben von Fitz in's Werk zu richten. Wie bereitwillig Standwich auf denſelben ein⸗ ging, und durch welche Mittel er mit Huͤlfe des Seecapitaͤns ihn ausfuͤhrte, iſt dem Leſer bereits bekannt.