—————— — — ¹ 6 2 „ —— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. 5* Cduard Otkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Vuches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus beträgt: für wöchentlich auf 1 Monat: „ bezahlt werden und 2 Bücher: —— — 1 Mk.— Pf. 4 Bücher: ——— 1 Mk. 50 Pf. 6 6 Bücher: — 2 Mk.— f. * 77 77* U 7 7 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu forgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſy iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. ee Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben⸗ 8. — v— 5 Mrs. Bray's Hiſtoriſche Romane. Zehnter Band. —— Fit 9f i Erſter Theil. In demſelben Verlage iſt ferner erſchienen: Bray, Mrs., de Foir; oder: Franzoͤſiſches Leben im vierzehnten Jahrhundert. Ein Zeit⸗ und Sitten⸗Ge⸗ maͤlde. 3 Theile. 8. 4 Thlr. ——, Die Weißkappen; oder: Anna von Gent. Ein Niederlaͤndiſches Gemaͤlde. 3 Theile. 8. 4 Thlr. ——, Der Proteſtant. Ein Nachtſtuͤck aus der Regierung der„blutigen“ Koͤnigin Maria. 3 Theile. S. 4 Thlr. ——, Der Talba von Portugal; oder: Schickſale der Ines de Caſtro. Ein Bild aus der ſpätern Mauren⸗ zeit. Drei Theile. 8. 4 Thlr. Franklin, B., Leben und Schriften, nach der von ſeinem Enkel W. T. Franklin veranſtalteten neuen londoner Original⸗Ausgabe; mit Benutzung des bei derſelben bekannt gemachten Rachlaſſes und fruͤherer Quellen zeitgemaͤß bearbeitet von Dr. A. Binzer. 4 Theile. gr. 12. 2 Thlr. 18 gr. Ingemann, B. S., Koͤnig Erik und die Geaͤchteten. Ein Zeit⸗ und Sittengemaͤlde aus den letzten Tagen des dreizehnten Jahrhunderts. 3 Theile. 8. 2 Thlr. 16 Gr. Ritter, der finſtere; oder: Die Belagerung Kopen⸗ hagen's unter Friedrich dem Dritten. Ein hiſtori⸗ ſches Phantaſieſtuͤck aus der zweiten Hälfte des ſiebzehn⸗ ten Jahrhunderts. 3. Aus dem Dän. 2 Theile. 2 Thlr. Trollope, Mrs., Leben und Sitte in Nordamerika. Nach der vierten Auflage aus dem Engliſchen uͤber⸗ tragen von Dr. Herrmann Franz. 3 Theile. Mit 24 Darſtellungen in Steindruck. 8. 3 Thlr. 16 Gr. — Vistorische Romane der WMrs. Annn Elizu Bray. „Verweg'ner Krieg und treue Liebe Und ernſte Wahrheit in der Dichtung Schmuck“. Gray. Nach der zweiten Auflage aus dem Engliſchen uͤbertragen. Zehnter Band. Fitz of Fitz⸗Ford. Erſter Theil. 7 Univerſitäts⸗Buchhandlung. 1835. Fitz of Fitz Ford. Eine Sage aus Suͤd⸗England, aus den Zeiten der Koͤnigin Eliſabeth. Von Mrs. Anna Eliza Pray. „Wird wahr erzählt?“ „Ei freilich wird es das, Nach alter Sage voll Erſtaunenswerthem, Voll ſüßen Leides, daß kryſtall'ne Tropfen An Jungfraunaugen hangen, und die Alten Tief ſeufzend ihre grauen Locken ſchütteln Und ſprechen:— Schaut' die Welt!“ Manuſeript⸗Schauſpiel. Nach der zweiten Auflage aus dem Engliſchen uͤbertragen von Dr. G. H. Bärmann. Erſter Theil. Univerſitäts⸗Buchhandlung. 1835. Stimmen aus England uͤber die Schriften der Mrs. Bray. De Foix; oder: franzoͤſiſches Leben im vierzehnten Jahrhundert. Ein Zeit⸗ und Sitten⸗Gemaͤlde. Drei Theile. „Mrs. Bray ſteht allein da unter unſern Roman⸗ ſchriftſtellerinnen; ſie hat ſich ein hohes Ziel geſteckt, und loͤſt ihre Aufgabe mit maͤnnlicher Energie.“— Atlas. „De Foix gibt ſich nur als hiſtoriſchen Roman, aber er iſt mehr: ein treues, lebenvolles Gemaͤlde des kriegeriſchen Charakters, der Sitten und Gebraͤuche jener ritterlichen Zeit des vierzehnten Jahrhunderts.— Sir Walter Scott wird den Leſern des de Foir plotzlich wie⸗ der vor die Seele treten.— Die Begebenheiten in die⸗ ſem Werke laſſen ſich als den Faden betrachten, auf welchen Perlen von großem Werth und großer Schoͤn⸗ heit an einander gereiht und hinlaͤnglich mit einander verbunden ſind, um die Aufmerkſamkeit des Leſers zu —————————— feſſeln, wenn nicht die Reize der Darſtellung ihn ver⸗ leiten, das Werk eher als eine Sammlung einzelner Gemälde zu betrachten, denn als ein einziges großes Ganzes.— Mit Freuden werden wir der Verfaſſerin ferner auf dem Gebiete des hiſtoriſchen Romans begeg⸗ nen.— Mrs. Bray iſt eine hochbegabte Frau.“— VIII Literary Chronicle. „Nichts moͤchte ſich beſſer zum Gegenſtande eines Romans eignen, als der Charakter Gaſton's Phoͤbus, Grafen de Foir.— Alle kleinere Einzelheiten, die Wohnungen und Sitten des Volks, unter dem dieſer Roman ſpielt, ſind mit nicht genug zu ruͤhmender Treue und Genauigkeit geſchildert. ken dieſer Art iſt uns kein unterhaltenderes und befrie⸗ digenderes bekannt, als dieſer Roman der Mrs. Bray“— Pimes. Die Weißkappen; oder: Anna von Ein niederlaͤndiſches Gemaͤlde. Gent. Unter allen neueren Wer⸗ Drei Theile. „Der Genius der Mrs. Bray hat bei dem be⸗ wundernden Publicum die gerechte Wuͤrdigung gefunden, und wir ſelbſt haben der ausgezeichneten Vortrefflichkeit ihres de Foir ſo unbedingt gehuldigt, daß es den Weißkappen zu nicht geringer Empfehlung gereichen mag, wenn wir bekennen, daß dieſe als hiſtoriſcher Ro⸗ man durch den Glanz der Ritterzeit, durch genaue Zeich⸗ IX nung alter Sitte in den verſchiedenſten Verhältniſſen, durch eine intereſſante Erzaͤhlung und durch einen bluͤhen⸗ den, kraͤftigen und anmuthigen Styl nicht minder ſich auszeichnen.“— Literary Chronicle. „— Mit Vergnuͤgen begegnen wir einem neuen Er⸗ zeugniſſe der Verfaſſerin des de Foix.— Mrs. Bray zeigt ſich hier im Beſitz nicht gewoͤhnlicher Talente. Die Geſchichte des Aufſtandes der Buͤrger von Gent ge⸗ gen den Grafen von Flandern, und ihrer Thaten, nach⸗ dem ſie ihre Partei durch weiße Kappen bezeichnet, iſt uberaus anziehend und merkwuͤrdig. Es verdient An⸗ erkennung, daß Mrs. Bray durch die lebenvolle faſt dramatiſche Darſtellung den hervorſtechendſten Scenen volle Gerechtigkeit hat widerfahren laſſen.— Einige dieſer Scenen beurkunden eine hoͤchſt kräftige Phantaſie.— Im Allgemeinen iſt der Styl der Mrs. Bray fließend und klar, ſeltener ſtrebt ſie nach Zierlichkeit, die ihr jedoch immer gelingt, wenn ſie ſie nothig findet. Ihre ge⸗ lungenſte humoriſtiſche Schoͤpfung iſt Herr Simon van Bet, ein gutmuͤthiger, eitler Buͤrgermeiſter, eine in die⸗ ſem Romane haͤufig, aber immer zum großen Ergötzen des Leſers wiederkehrende Erſcheinung.“— Monthly Review. „Die Erſcheinung der Weißkappen hat Mrs. Bray einem eben ſo unterhaltenden als geiſtreichen Ro⸗ mane zum Grunde gelegt. Sie hat ſich ſtreng an die Geſchichte und ſelbſt an kleinere Einzelnheiten wirklicher Thatſachen gehalten, die Sitten dieſer Zeit mit nicht geringer antiquariſcher Kenntniß und Genauigkeit geſchil⸗ dert, ihr Werk mit geſunden philoſophiſchen Betrachtun⸗ gen und lebendigen poetiſchen Bildern geſchmuͤckt, und X im Laufe der Erzaͤhlung einen großen Reichthum an Charakteren aufgeſtellt, welche mit gleicher Naturwahr⸗ heit, ſcharfer Auffaſſung und Kenntniß des menſchlichen Herzens durchgefuͤhrt ſind. Das Ganze iſt das Reſultat einer lebhaften, gebildeten und wohlbeherrſchten Phanta⸗ ſie.“— Gentleman's Magazine. „Die Weißkappen behaupten einen hohen Rang in ihrer Gattung. Die Erzaͤhlung iſt hoͤchſt anziehend, die Zeichnung der Charaktere geiſtreich, die Schilderung jener Zeit uͤberhaupt hoͤchſt getreu.“— Literary Gazette. „De Foix und die Weißkappen duͤrfen als hoͤchſt getreue und hoͤchſt unterhaltende Chroniken alter Zeit zu Rathe gezogen werden.“— Quarterly Review. Der Proteſtant. Ein Nachtſtuͤck aus der Regierung der„blutigen“ Koͤnigin Maria. Drei Theile. „Der Proteſtant hat die ſchoͤnſten Anſpruͤche auf den Namen eines hiſtoriſchen Romans. Die Verfaſ⸗ ſerin hat nicht blos bekannte Namen und beglaubigte Ereigniſſe mit den Gebilden ihrer Erfindung zuſammen⸗ geworfen, ſondern den ſilbernen Faden ihrer Phantaſie durch ein feſtes Gewebe von auffallenden, anziehenden und wichtigen Thatſachen gezogen. Der Proteſtant enthält eine lebendige Darſtellung der Leiden eines wuͤr⸗ digen Geiſtlichen der reformirten Kirche, ſammt denen XI ſeiner Kinder und Angehoͤrigen, als die„blutige“ Koͤni⸗ gin Maria ſich dem Koͤnige Philipp II. von Spanien und dem heiligen Vater an die Seite ſtellte. Große dramatiſche Kraft iſt in der Anlage und Durchfuͤhrung der Charaktere entfaltet; der Styl iſt glänzend, die Ver⸗ wickelung ſteigert die Spannung bis unmittelbar zum Schluſſe ſelbſt.— Die hiſtoriſchen Ueberlieferungen und alterthuͤmlichen Ueberbleibſeln entlehnten Einzelheiten ſind mit maͤchtiger Wirkung benutzt und enthalten nicht die geringſte Uebertreibung“— Morning Journal. „— Dies Werk enthaͤlt mehrere unmittelbar der Natur abgelauſchte Zuͤge, welche den ſchoͤnſten Erzeug⸗ niſſen der Poeſie an die Seite geſtellt zu werden ver⸗ dienen. Wir erinnern nur an das Verhalten der prote⸗ ſtantiſchen Opfer auf dem Richtplatze, an die ſo herrlich gezeichnete Dorfwahrſagerin, an den mit zum Flammen⸗ tode verurtheilte alten Diener und den blinden Knaben; die ſchoͤne Einfachheit in ihren Antworten auf die Fra⸗ gen des Richters, ob irgend Etwas fuͤr ſie geſchehen koͤnne, iſt wahrhaft ergreifend.— Das groͤßte Verdienſt der Verfaſſerin iſt ſtrenge Zeichnung der Charaktere, die ſie mit gleichſam anatomiſcher Feinheit auseinanderlegt. Ganz vorzuglich gelingen ihr Schilderungen aus dem Volksleben. Der alte Abel und ſein Hund, Gammer Plaiſe, die Haushaͤlterin, und der blinde Knabe Tommy ſind von ſchlagender Schoͤnheit. Eben ſo wenig fehlt es an ſehr ſchoͤnen Beſchreibungen und Betrachtungen, z. B. uͤber Kirchhoͤfe, uͤber die Capelle der heiligen Dreieinig⸗ keit zu Canterbury. Die Tendenz des Romans iſt Dar⸗ legung der furchtbaren Wirkungen religioſer Unduldſam⸗ keit, welche die verwerflichſten Leidenſchaften erzeugt und XII den Menſchen bis zum Judas herabwuͤrdigen kann.“— Gentleman's Magazine. „Die Begebenheiten in dieſem Romane folgen ein⸗ ander mit faſt athemloſer Schnelle, ganz im Einklange mit der raſtloſen, ſchreckhaften Natur jener Zeiten. Die großen Männer der Bewegung, Bonner, Gardiner, Thornton, Harpsfield, Bruder Johann von Spanien und Andere, erſcheinen hier auf der Buͤhne, und bewun⸗ dernswuͤrdig gut ſchließen ſich die erfundenen Charaktere an die hiſtoriſchen. Die Heldin, Roſa, eine ſchoͤne Schoͤpfung, beſteht ihre zahlreichen Pruͤfungen mit aͤcht chriſtticher Standhaftigkeit. Leider erlaubt der Raum hier nicht, einige der vielen ſchoͤnen Einzelheiten eines Werkes näher zu bezeichnen, welches, wenn uns nicht Alles truͤgt, ſowohl vermoͤge ſeines Stoffes, als der Be⸗ handlung deſſelben, großes Aufſehen erregen wird.“— New Monthly Magazine. Fitz of Fitz⸗Ford. Eine Sage aus Süd⸗ England, aus den Zeiten der Koͤnigin Eli⸗ ſabeth. Drei Theile. „Fitz of Fitz⸗Ford iſt einer der am beſten ent⸗ worfenen, am beſten ausgefuͤhrten und am meiſten für die engliſche Literatur gewinnenden Romane. Hiſtoriſche Thatſachen, welche in der alten, an ſeltſamen Schickſalen ſo reichen Familie der Fitz ſich zugetragen, liegen dieſer Erzaͤhlung zum Grunde. Die Rachrichten über dieſe XIII Familie und uͤber ihr altes Schloß laſſen ſich nicht ohne das lebhafteſte Intereſſe leſen. Der Reiz dieſes Romans wirkt in allen ſeinen Theilen gleich mächtig, ſowohl wo man von Wundern zu Wundern ſich fortgeriſſen, als wo man bald durch das Intereſſe der Situation, bald durch die Schonheit des Styls und den Reichthum des Colorits ſich gefeſſelt fuͤhlt. Dieſes neueſte Product der Mrs. Bray iſt ganz des Ruhmes wuͤrdig, den ſie be⸗ reits durch ihre trefflichen Romane: de Foix, die Weißkappen und der Proteſtant, ſich erworben.— Furet de Londres. „Mrs. Bray hat wieder einen Roman geliefert, welcher ihren durch ihre fruͤheren Leiſtungen gewonnenen Ruhm noch mehr befeſtigt und ihr einen Platz unter den erſten Schriftſtellerinnen unſerer Zeit anweiſt. Der Stoff ihres neueſten Werks iſt einer Legende aus der Ge⸗ gend, wo ſie lebt, der Umgebung des Dartmoorgehirges, entnommen, und ſie hat die der Sage entlehnten Mo⸗ mente hoͤchſt genial zu einem uͤberaus anziehenden Ro⸗ man in einander verflochten.— Das tragiſche Intereſſe fuͤr den Helden und die Heldin wird durch einige humo⸗ riſtiſche Zuge gemildert, die uns zu den gluͤcktichſten die⸗ ſer Dichtung zu gehoͤren ſcheinen. Die Charaktere ſind kraͤftig gezeichnet, die Schilderungen uͤberaus lieblich und maleriſch, und die Kenntniß engliſcher Alterthuͤmer hat die Verfaſſerin in den Stand geſetzt, den Einzelheiten ihrer Erzählung ein Gepraͤge der Wahrheit und Wirk⸗ lichkeit aufzudruͤcken, welches ihren Werth nur noch mehr erhoͤht.“— Pimes. „Die Geſchichte Fitz of Fitz⸗Ford's iſt wohl an⸗ gelegt und durchgefuͤhrt, entfaltet eine reißend ſchnelle ————————— XIV Folge uͤberraſchender Begebenheiten, und bringt einen maͤchtigen, aͤcht dramatiſchen Effect hervor. Mrs. Bray iſt ausgezeichnet gluͤcklich in der Anlage und Entwicke⸗ lung ihrer Charaktere, wovon Levi, Sir Hugh Fitz, Barnabas und Andere als lebenvolle Beiſpiele dienen; ihre Ortſchilderungen bringen uns die Localitaͤten ſo ge⸗ nau, ſo lebhaft vor die Augen, als waͤren wir ſelbſt an Ort und Stelle.“— La belle Assemblée. „In der Behandlung dieſer Sage iſt haͤufig die Theilnahme hoͤchſt lebhaft aufgeregt und die Spannung auf das Aeußerſte geſteigert. Die Anlage iſt einfach, natuͤrlich, ohne der Wahrheit der Charaktere oder dem Gange der Geſchichte Gewalt anzuthun, die Entwickelung geſchickt verzoͤgert und dadurch das Intereſſe bis zum Schluſſe ſelbſt rege gehalten. Eine bedeutende Kenntniß der Gebraͤuche und Gewohnheiten jener Zeit verbreitet einen ſolchen Grad von Sicherheit und Wahrſcheinlichkeit uͤber die Schilderungen, daß wir nicht umhin konnen, das Werk eben ſo gediegen als genial zu nennen.“— Atlas. „Dieſe Legende gewaͤhrt eine hoͤchſt angenehme Lectuͤre: die Hauptbegebenheiten ſind von grauſigem Intereſſe, die Charaktere mannichfaltig, natuͤrlich, wohl aufgefaßt und mit großer Kraft und Wirkung gezeichnet.“— Athenaeum. „Wir muͤſſen Mrs. Bray fuͤr eine unſerer erſten Schriftſtellerinnen, und das vorliegende Werk fuͤr ihrer wuͤrdig erklären.“— New Monthly Magazine. „Fitz of Fitz⸗Ford iſt mit ausgezeichnetem Ta⸗ lent gearbeitet. Die Charaktere ſind mit großer Feinheit entwickelt, die Beſchreibungen hinreißend, das Intereſſe XV der Erzählung erhaͤlt ſich ſtets auf gleicher Höhe. Die Kenntniſſe der Mrs. Bray ſind vielſeitiger und gruͤnd⸗ licher, als bei irgend einer andern Schriftſtellerin. Nie läßt ſie ſich einen Verſtoß zu Schulden kommen und iſt mit den Verſchwoͤrungen, welche unter der Regierung der Koͤnigin Eliſabeth die Ruhe unterbrachen, eben ſo vertraut, als mit den Ergoͤtzlichkeiten und Zeitvertreiben, oder der feineren Unterhaltung der hoͤheren Staͤnde, wie ſie zur Zeit ihrer Erzaͤhlung uͤblich waren. Sie verſteht es, ſowohl dem rauhen, ungeſtuͤmen Seemanne Form und Farbe zu geben und ihn uns leibhaftig vor Augen zu ſtellen, als den tapfern Soldaten, den gewandten Höfling, den beſchraͤnkten Pedanten, den Gruͤbler nach verborgenen Dingen, den Sterndeuter— nicht anders, als weihe ſie uns ein in die Geheimniſſe der Toilette, der Kuͤche, oder ſonſt einer dem ſchoͤnen Geſchlechte vor⸗ zugsweiſe eigenen Kunſt. Mrs. Bray gereicht ihrem Geſchlechte zur Ehre, und muß jenen beruͤhmten Frauen beigezählt werden, die durch Verbreitung nuͤtzlicher Kennt⸗ niſſe und durch Veredlung und Erheiterung des Gemuͤths zum Wohl ihres Vaterlandes, wie der geſammten Menſch⸗ heit thätig mitgewirkt haben.“— Family Magazine. „— Wir ſchließen, indem wir über Fitz of Fitz⸗ Ford unſern herzlichen Beifall ausſprechen, ſowohl we⸗ gen der geſunden, religioſen und moraliſchen Grundſätze, welche ſich in dieſem Romane bei jeder paßlichen Gele⸗ genheit ausſprechen, als wegen ſeiner lebenvollen Cha⸗ rakterſchilderungen und der Einfachheit ſeines Styls. Wir wagen die Behauptung, daß die Treue gegen ſchlichte Wahrheit und Natur die Romane der Mrs. Brav noch lange fortleben laſſen wird, wenn die zahl⸗ xVvI reichen Schriften, welche die kleinen Intriguen und Thor⸗ heiten des Tages ſchildern, laͤngſt in Vergeſſenheit ſchlum⸗ mern.“— Gentleman's Magazine. Der Talba von Portugal; oder: Schickſale der Ines de Caſtro. Ein Bild aus der Maurenzeit. Drei Theile. „Mrs. Bray iſt wohl bekannt durch ihre hiſtori⸗ ſchen Romane, und verdient dennoch, es noch mehr zu werden.“— Quarterly Review. „Dieſer neue Roman erhoͤht in der That noch den Ruhm der geſchatzten Schriftſtellerin.“— Literary Gazette. „Es iſt nur Gerechtigkeit, zu geſtehen, daß die Werke unſerer erſten dramatiſchen und epiſchen Dichter ſehr wenige Schoͤnheiten enthalten, mit welchen Mrs. Bray nicht den gluͤcklichſten Wettkampf beſtanden hätte.“— Gentleman's Magazine. ———————— Ford. — — — — — 88 Fitz of Fitz⸗Ford. Einleitung. „—— Nicht unbeſungen Sei hier der berggebor'ne Tavy; einſt Des Barden Thema! Seine Fluthen naͤſſen Mit Klaggemurmel Deine Truͤmmermauern, Du ſchoͤnes Kloſter Taviſtock. O Ihr, Die nah Ihr den Ruinen wohnt, bewahrt Vor Frevelhand das koͤſtliche Vermaͤchtniß!“ Carrington. Schriftſteller, welche auf einer Grundlage aus der Wirklichkeit ein Dichtungsgebaͤude auffuͤhren, haben ſeit einiger Zeit die Gewohnheit angenom⸗ 1 men, zu behaupten, daß ſie die Erzaͤhlung, welche ſie der Leſewelt vorlegen, irgend einem gluckli⸗ chen Zufall, etwa dem Auffinden eines alten Manuſcriptes oder gewiſſer Familienpapiere in 2 N XX einem verfallenen Schloſſe verdanken. In man⸗ chen Faͤllen iſt dieſe ſinnreiche Art von Einlei⸗ tung durch das Talent des Autors ſo anmuthig gemacht worden, daß dadurch weſentlich zu der Trefflichkeit des Werkes hingewirkt, und der Le⸗ ſer durch eine gedoppelte Erdichtung ergoͤtzt ward. Im vorliegenden Falle iſt es jedoch keines⸗ wegs noͤthig, eine Einleitung zu erſinnen. Die Erzaͤhlung, die den Titel„Fitz of Fitz⸗Ford“ zu fuͤhren hat, begruͤndet ſich auf Thatſachen; und um dem Leſer dies darzuthun, und ihm die Mittel kund zu machen, wodurch die wenigen wahren und intereſſanten Begebenheiten, aus de⸗ nen dieſe Sage ſich zuſammenſetzte, der Verfaſſe⸗ rin dieſer Blaͤtter zugaͤngig wurden, wird es rath⸗ ſam ſeyn, demſelben zuvoͤrderſt einigen Bericht von der Stadt und der Umgegend zu geben, wo die Familie Fitz of Fitz⸗Ford bluͤhete, und wo deren Name noch immer mit Theilnahme ge⸗ nannt wird, wenn der Reiſende die Truͤmmer ihres einſtigen prachtvollen Stammhauſes be⸗ trachtet. Die Stadt Taviſtock, etwa vierzehn(engliſche) XXI Meilen von Plymouth entfernt, war ehedem, von hoͤchſt mannichfaltigen und maleriſchen Landſchaf⸗ ten umgeben, ein beſonders wohlhabender Ort, der ſich vornehmlich durch ſeine praͤchtige Abtei auszeichnete, welche urſpruͤnglich von Orgar, dem Grafen von Devon, erbaut wurde. Durch die Ueberfaͤlle der Daͤnen ward dieſe Abtei zerſtoͤrt; jedoch wurde ein zweites Kloſtergebäude errich⸗ tet, ſo daß die Stadt von Neuem fuͤr einen be⸗ deutenden Platz galt, der fuͤr den Freund der Poeſie und der Geſchichte ſtets reich an liebli⸗ chen Gedankenverknuͤpfungen bleiben wird, weil hier Elfrida in zarter Jugendſchoͤne Siegerin uͤber das Herz ihres jugendlichen Monarchen ward; und weil hier Francis Drake geboren wurde, der nach dem Ausſpruche eines dichteriſchen Zeitge⸗ noſſen„der Erſte war, welcher einen Guͤrtel um die Erde zog,“ und der hier in Dunkelheit die erſten Jahre eines Lebens hinbrachte, das ſpaͤ⸗ terhin ſo glorreich in den Annalen von England genannt ward. Und wenn man auch die be⸗ ſcheidenen Truͤmmer des Hauſes, in welchem Drake ſeine Kindheit verlebte, leider! wegſchaffte, XXII ſo muͤſſen doch das friedliche Thal von Crown⸗ dale, in welchem das Gebaͤude ſtand, und der Tavy, der durch daſſelbe ebenſo hinfluthet, wie er es zur Zeit der Geburt Drake's that, ſtets fuͤr geheiligte und erinnerungswerthe Staͤtten gel⸗ ten. Hier auch erblickte Browne, der Dichter, das Licht der Welt mit manchen anderen Wackern, deren Namen lange Zeit den in Stein gehaue⸗ nen Pomp ihrer Graͤber uͤberlebte. Da jedoch alle irdiſche Dinge dem Verfall und der Veraͤnderung unterworfen ſind, ſo iſt ſolches auch der Fall mit jenem denkwuͤrdigen Orte. Cromwell, Graf von Eſſex, ſchleifte un⸗ ter der Regierung Heimichs des Achten einen be⸗ deutenden Theil der Abtei Taviſtock. Etwa hundert Jahre ſpaͤter ward das Capi⸗ telgebaͤude niedergeriſſen, um einer Privatwoh⸗ nung Raum zu geben, welche, jetzt ebenfalls um⸗ geſtaltet, ein oͤffentliches Haus zur Bequemlich⸗ keit der Reiſenden geworden iſt, wie man ſol⸗ ches augenblicklich aus dem mit dem Wappen von Bedford verſehenen Schilde abnehmen kann, das ſich oberhalb der Thuͤr des Hauſes befindet; —0 — XXIII und obwohl der Alterthumsforſcher dieſe Um⸗ wandlung beklagt, und wuͤnſchen moͤchte, es ſtuͤnde das ehrwuͤrdige Capitelgebaͤude noch auf ſeinem alten Flecke, ſo finden doch Leute, die von Geſchaͤften oder von dem Verlangen, die Schoͤnheiten der Umgegend zu betrachten, dorthin gefuͤhrt wurden, nicht geringen Troſt in den Bequemlichkeiten einer trefflichen Herberge mit freundlichem Wirthe und zuvorkommender Wir⸗ thin. Des Ferneren ſieht man daſelbſt eine ſchoͤne gothiſche Halle, einen ſtattlichen Raum, der ehe⸗ mals das Refectorium oder ſonſt ein Theil des Kloſters geweſen ſeyn mag, in eine Milchkam⸗ mer verwandelt. Die Abteikapelle, die neben der Gemeinde⸗ kirche ſtand, iſt gaͤnzlich zerſtoͤrt, bis auf einen einzigen Schwibbogen, der fruͤher Theil eines Grabes war, welches hoͤchſt wahrſcheinlich ſeinen Platz in einer Nebenkapelle des Hauptgebaͤudes hatte. Die Gemeindekirche iſt zwar geraͤumig und alterthuͤmlich, jedoch keineswegs durch Schoͤn⸗ heit ausgezeichnet. In ihr erblickt man das Grabmal Derer von Fitz. Auch enthaͤlt ſie ein — hubſches Monument aus den Zeiten der Köni⸗ gin Eliſabeth, mit den Abbildungen Richter Glan⸗ ville's und deſſen Gattin, die Beide ſo charak⸗ teriſtiſch ſind, daß an der Aehnlichkeit derſelben nicht gezweifelt werden kann. Zu fernerer Be⸗ ſtätigung dieſer Aehnlichkeit dient, daß ich mei⸗ nen Gatten oft habe ſagen hoͤren, wie er ſich erinnerte, als Knabe in ſeinem Vaterhauſe'ein altes Bildniß vom Richter Glanville geſehen zu haben, welches vollkommen dem Abbilde in der Kirche glich, und wie jedesmal, wenn durchzie⸗ hende Schauſpieler zu Auffuͤhrung der Poſſe „Meine Großmutter“ eines Bildniſſes bedurften, das Portrait des Richters Glanville dazu herge⸗ liehen ward. Kehren wir von dieſer Abſchweifung zuruͤck. Der bedeutendſte Theil der Abteimauern, die noch immer mit ihren Zinnen geſchmuͤckt ſind, dehnt ſich in bedeutender Strecke auf einem hohen Dammwege, laͤngs dem Flußufer hin. Dieſe Mauern bildeten die Graͤnze des Kloſter-Grund⸗ eigenthums, und dienen jetzt als Umhaͤgung des Vicariatgartens, ſeitdem innerhalb des Raumes breiten Accent von Devonſhire gefuͤhrtes Zwie⸗ XV der jetzige Herzog von Bedford ein ſtattliches Pfarrhaus hat erbauen laſſen. Innerhalb des Bezirkes dieſer Vicarei von Taviſtock, an dem Eingange, der der Stadt zunaͤchſt liegt, ſteht ein gothiſcher Schwibbogen, der zu beiden Seiten von einem vieleckigen, mit Epheu und wilden Blu⸗ men uͤberwachſenen Thurme geſtuͤtzt wird, und einen uͤberaus maleriſchen Anblick gewaͤhrt. Dieſer Schwibbogen bildete vormals den Pri⸗ vateingang zu dem Obſt⸗ und Luſtgarten der Abtei. Steigt man die zertruͤmmerten Stufen eines der Thuͤrme hinan, ſo erreicht man die Zinnen deſſelben, von wo aus man einen theilweiſen Ueberblick der Stadt hat, ſo daß die vorerwaͤhnte Herberge den Vordergrund der An⸗ ſicht bildet. Eine geſchaͤftige Einbildungskraft mag auf dieſer Hoͤhe die ſchwarzbekutteten Moͤn⸗ che heraufbeſchwoͤren, um mit ihnen das verwit⸗ terte Gebaͤu zu erfullen; nur daß dergleichen Traͤumereien, vermittelſt der naheliegenden Pfer⸗ deſtalle des Wirthes, Gefahr laufen, durch das Knallen der Poſtknechtpeitſche oder durch ein im XVI geſpraͤch zwiſchen dem Stallbuben und den Gaͤu⸗ len, einigermaßen geſtoͤrt zu werden. Doch braucht man, um die poetiſche Stimmung vor jeglicher Unterbrechung der Art zu bewahren, nur die Wendeltreppe wieder hinabzuſteigen, um hinlaͤngliche Nahrung fuͤr die Phantaſie unter dem Woͤlbgange zu finden, wo hie und da in nicht ganz planloſer Unordnung verſchiedene Ue⸗ berreſte gothiſcher Bauart ſich darbieten, als ge⸗ ſturzte Thurmſpitzen, alte Fenſterwoͤlbungen mit allerlei Koͤpfen grimmer, maulaufſperrender Ge⸗ ſtalten, oder Verzierungen mancher ſtattlichen Saͤule u. dergl. Auch ſieht man hier einen ſteinernen Sarg oder Sarkophag, ſaͤchſiſchen Urſprungs, wie es heißt. Die Sage bezeichnet ihn als den einſti⸗ gen Behaͤlter der Gebeine Orgar's, Grafen von Devon, des Begruͤnders der Abtei. Iſt dies wahr, ſo muͤſſen die Gebeine nach ihrer Verwe⸗ ſung hineingelegt worden ſeyn, oder Orgar war bei Lebzeiten ein Zwerg, dem jedoch eben dieſe Gebeine widerſprechen, welche von dem Todten⸗ graͤber, wie ein Loͤwe von ſeinem Huͤther, in— XRVIT nerhalb der Kirche gezeigt werden und von ſol⸗ cher Groͤße ſind, daß ſie deutlich darthun, Or⸗ gar habe an Koͤrpergeſtalt Denen geglichen, die einſt als Giganten uͤber die Erde ſchritten. Mit Huͤlfe des matten Glaſes der Alterthumsforſcher verwandelt ein Theil dieſer Sculpturreſte ſich leicht in eine„piscina,“ oder in ein geheiligtes Waſſerbecken. Das iſt jetzt theilweiſe mit Epheu bewachſen, und nimmt das herabtraͤufende Dach⸗ waſſer auf, durch deſſen Naß das Jungfernhaar, das Loͤwenmaul und andere wilde Blumen er⸗ quickt werden, die zwiſchen den Truͤmmern wach⸗ ſen und ſich mit dem Epheu verflechten, der phan⸗ taſtiſch die Ueberreſte des altgothiſchen Bildner⸗ werks umwindet. Dieſer Bogengang fuͤhrt je⸗ doch einen Namen, der zu einer romantiſchen Erzaͤhlung nicht als der einladendſte erſcheint, in⸗ dem er ſich durch die etwas ſchauerliche Beibe⸗ nennung„Betſy⸗Grimbals⸗Thurm“ auszeich⸗ net; denn„alte Sage ſpricht“, es ſey vor Zei⸗ ten auf jener Stelle eine Frau ſolches Namens auf fuͤrchterliche Weiſe ermordet worden. Es heißt: ihr Geiſt gehe noch immer um; wiewohl ———————— XXVIII ich bekennen muß, daß ich die Erſcheinung nie geſehen habe. Vielleicht aber iſt daran die Zeit Schuld, zu der ich die Ruinen beſuchte; denn welches Geſpenſt ließ ſich jemals„vor Mitter⸗ nacht, eh noch der Kirchhof gaͤhnt,“ erblicken? Ein anderer Theil der in Truͤmmern liegen⸗ den Abtei, im Vicariatgarten, der ſich mit den gewaltigen Mauern vereinigt, welche auf den Tavyfluß blicken, iſt hoͤchſt anziehend. Er be⸗ ſteht aus einem alten Thurme, der„das ſtille Haus“ heißt, lieblich mit Epheu behangen iſt, und ein oberes und ein unteres Gemach mit klei⸗ nen rundkoͤpfigen Fenſtern enthaͤlt. Eine Thuͤr des oberen Gemaches fuͤhrt auf die Zinne, von wo aus das Auge eine Anſicht vom Tavy ge⸗ winnt, der ſchaͤumend und brauſend unter ſeiner maleriſchen Bruͤcke hinſchießt, und den Abhang einer ſanften Hoͤhe hinabſturzt, während man⸗ cher edle Baum ſein entgegengeſetztes ufer ſchmuͤckt. Dieſe Ruinen der Abtei von Taviſtock deuten hinlaͤnglich die ehemalige Stattlichkeit und Be⸗ deutendheit des Kloſtergebaͤudes an; und wenn wir etwas lange bei Beſchreibung derſelben ver⸗ XXIX weilten, ſo wird der geneigte Leſer dies um ſo eher verzeihen, da ich dieſes Blatt in einem Ge⸗ mache beſchreibe, von welchem aus man gerade vor ſich die Ausſicht auf das ſtille Haus hat, das von ſeinem Epheu, einem meiner Lieblinge in der Pflanzenwelt, wie von einem Mantel um⸗ hangen, mich unwiderſtehlich reizte, einem ſo ehrwuͤrdigen Bekannten, den ihm gebuͤhrenden Tribut zu zollen. Taviſtock war vormals eine Gemeindeſtadt, hat jedoch, gleich anderen Orten, manche Ver⸗ aͤnderungen erfahren, und das Auf und Ab im Gluͤckslauf dieſer Welt empfinden muͤſſen, indem ſie zu fruͤherer Zeit ſchon ſo arm ward, daß ſie ihres Vorrechts verluſtig ging, weil ſie kein Par⸗ lamentsglied unterhalten konnte. Und als Ge⸗ genſatz der Armuth der Kirche in jener Zeit zu ihrer Wohlhabenheit in den Tagen ihrer mit Ring und Stab belehnten Aebte, mag ich wohl anfuͤhren, daß mein dahingeſchiedener Gatte im Gotteskaſten der Kirche ein Document fand, wel⸗ ches ſich als ein Bittſchreiben des Pfarrers an die Gemeinde um ein Paar Schuhe auswies. e ———————— Dennoch war vor Zeiten der Gewerbfleiß des Ortes ſo ruͤhrig und die Wollfabrik deſſelben ſo beruͤhmt, daß in London kein Tuch fuͤr treff⸗ lich galt, ſobald es nicht den Manufacturnamen Taviſtock fuͤhrte. Auch darf nicht vergeſſen wer⸗ den, daß hier eine altſaͤchſiſche Schule beſtand, in welcher jene uralte Sprache gelehrt ward, waͤhrend dieſelbe faſt in jedem anderen Theile von England beinahe vergeſſen war; und eines der erſten Buͤcher, die je gedruckt wurden, war eine„auf Koſten des Kloſters von Tavyſtoke edirte“ altſaͤchſiſche Grammatik. Weſtwaͤrts von der Stadt, neben dem neuen Heerwege nach Plymouth, ſteht die Ruine der Eingangpforte von Fitz⸗Ford, welche, außer ei⸗ ner alten Scheune, das einzige Ueberbleibſel des Stammhauſes Derer von Fitz iſt. Dieſer Pfor⸗ tenbogen iſt geraͤumig, und die Randverzie⸗ rungen des Simswerkes geben kund, daß ſie der Regierungszeit Heinrichs des Siebenten an⸗ gehoͤren. Das, was vom Simswerk noch erhal⸗ ten blieb, und durch den Epheu, womit es reich —— XXXI behangen iſt, hindurchblickt, zeigt ſich ſauber ge⸗ arbeitet, und moͤgte im Ganzen wohl ein will⸗ kommener Gegenſtand fuͤr den Pinſel eines Har⸗ ding oder Prout ſeyn. Das uralte Stammhaus von Fitz⸗Ford, das vormals hinter dieſer Ein⸗ gangpforte in einem offenen Hofe ſtand, ward vor mehrern Jahren niedergeriſſen und mußte ſein Material zum Aufbau des jetzigen Markt⸗ hauſes in der Stadt herleihen. Es war an einem Sommerabend, als ich zum erſtenmal, in Geſellſchaft mit meinem Gatten, die⸗ ſen alten Thorweg beſah. Als wir entlang gin⸗ gen, erzaͤhlte er mir verſchiedene Anekdoten in Bezug auf ſeinen Geburtsort; beſonders aber lenkte er meine Aufmerkſamkeit auf Fitz⸗Ford, als er mir ſchilderte, wie die Sage ſelbſt jene vereinzelte Eingangspforte, die jetzt in Ruinen liegt, mit den ruheloſen Geiſtern der unſichtba⸗ ren Welt bevoͤlkerte; wie ſeltſame Geſtalten unter jenem Schwibbogen geſehen worden waͤren, und wie eine derſelben von aͤcht⸗deutſchem Charakter waͤre; indem eine Lady Howard, die wegen ei⸗ —————————— — — —— — — XXXII ner im Fleiſche begangenen ſchweren Suͤnde zu der allnaͤchtlich wiederkehrenden Buße verdammt ward, ihrem Jagdhunde zu folgen, der zwiſchen Mitternacht und dem Hahnrufe von Fitz⸗Ford nach Oakhampton⸗Park laufen und mit einem einzigen Grashalm im Munde zuruͤckkehren muß, — eine Strafe, von der weder Herrin noch Hund eher erloͤſet werden kann, als bis der letzte Grashalm des Parks auf ſolche Weiſe weggeholt ward. Ich lachte uͤber dieſe wilde Sage; wor⸗ auf mein Gatte mir erzaͤhlte, daß es andere und wahrſcheinlichere Sagen gaͤbe, die, durch hiſtoriſche Thatſachen unterſtuͤtzt, mit jenem Schwibbogen von Fitz⸗Ford in Verbindung ſtaͤn⸗ den, und durch welche in fruͤheren Jahren ſeine Phantaſie nicht wenig aufgeregt worden waͤre. Meine Neugier ward allerdings dadurch rege gemacht, und man kann glauben, daß, waͤhrend ich die einzige uͤbriggebliebene Spur der einſii⸗ gen Wohnung Derer von Fitz in Augenſchein nahm, ich mit der lebhafteſten Theilnahme den wenigen, jedoch denkwuͤrdigen Thatſachen lauſchte, die mein Gefaͤhrte mir von jener uralten Fami⸗ lie erzaͤhlte. Mein Gatte aͤußerte mir ferner, daß er vor mehreren Jahren die Idee genaͤhrt haͤtte, eine Geſchichte ſeiner Geburtsſtadt zu ſchrei⸗ ben, derſelben einige Berichte uͤber deren Orts⸗ alterthuͤmer und die entzuͤckenden Landſchaften der Umgegend hinzuzufuͤgen, und daß er Behufs deſſen verſchiedene Notizen geſammelt haͤtte. Es moͤge mir hier die Bemerkung erlaubt ſeyn, daß mein Gatte jedes tiefe Thal und jeden„Tor“ oder Felsberg des weſtlichen Theils im Dart⸗ moor⸗Waldgebirge durchſpaͤhete, die dort befind⸗ lichen druidiſchen Ueberbleibſel durchforſchte, ſeine niedergeſchriebene Kunde von der Umgegend mit einer Menge von Umriſſen begleitete, und ſeiner Phantaſie in manchem kleinen Gedichte, das die ihn umringenden romantiſchen Gegenſtaͤnde ihm eingegeben hatten, freien Lauf ließ. Als wir von Fitz⸗Ford zuruͤckgekehrt waren, uͤberreichte er mir ſein Manuſcript; und da ich darin ſo Vieles fand, was Bezug auf die uͤber⸗ raſchenden Landſchaften der Umgegend hatte, be⸗ ſchloſſen wir, dieſelben zu beſu⸗ pi⸗ of Fi⸗Ford. I. XXXIV chen. Der Beſitz eines friedliebenden Gaules machte den Plan ausfuͤhrbar, indem ich dadurch in den Stand geſetzt ward, die Berghoͤhen und Tors hinanzuklimmen, ohne Gefahr zu lau⸗ fen, den Hals zu brechen. Mit gleicher Behag⸗ lichkeit konnte ich auch die wilden Thaͤler und tiefen Schluchten durchſpaͤhen, die dem Reiſen⸗ den gleichſam verborgen liegen, der gemeiniglich die Heerſtraße entlang zieht, und der waͤhrend deſſen eine an hoͤchſt romantiſchen Schoͤnheiten, reiche Gegend durchwandert, ohne nur zu ah⸗ nen, daß auf Schußweite von ihm ſich ein Thal, ein Waͤldchen und ein Waſſerfall, wie der zu Lidford, oder ein Huͤgeldorf wie Peter⸗Tavy, befindlich iſt, die mitz einander und einzeln zahl⸗ loſe Plaͤtze darbieten, welche den Dichter wie den Maler entzuͤcken muͤſſen. Nachdem ich unter dem Vortheile eines ſol⸗ chen Fuͤhrers die„Tors“ oder Felsberge des Dartmoor, die lieblichen Waͤlder und Thäler des Tavy und des Tamar, und noch manche andere Schauplatze beſucht hatte, die mehr oder minder mit dem Gegenſtande, der meiner Einbildungs⸗ kraft ſo lebhaft zuſprach, in Verbindung ſtanden, beſchloß ich, meiner Phantaſie freien Lauf zu laſ⸗ ſen, und dem Leſer in Form eines Romans die Sage aus Devon von Fitz of Fitz⸗Ford mit⸗ zutheilen. Geſchrieben im Pfarrhauſe zu Taviſtock, in Devonſhire, am 18. October 1828. Anna Eliza Bray. * ————— ——— Erstes Capitel. „—— Scharf am Rand Des weiten Moorland's, jedes Aug' erſchreckend, Hebt ſich ein Ungeheuer! Rieſig thuͤrmt ſich's Ob Huͤgels kecker Stirn; von fern geſeh'n Nimmt's Menſchgeſtalt an— Gottbild aus Granit!“ Carrington. An den weſtlichen Graͤnzen der Grafſchaft De⸗ von liegt jener wuͤſte Landſtrich, der in uralten Zeiten den Namen„Wald von Dartmoor“ fuͤhrte, und in den Urkunden und Acten des Herzogthums Cornwall noch heut zu Tage alſo genannt wird. Seit einigen Jahren iſt Dartmoor nach und nach ein Gegenſtand des Forſchens fuͤr den Reiſenden geworden, und eine anlockendere Ge⸗ gend fuͤr den Alterthumsforſcher und den Freund Fitz of Fitz⸗Ford. I. 1 2 des Maleriſchen, in deſſen wildeſten Formen, mag ſchwerlich aufzufinden ſeyn. Dieſer unge⸗ heure Landſtrich charakteriſirt ſich durch bergig gerunzelte Hoͤhen, deren Abhaͤnge kahl und ſteil und mit ſo zahlloſen Maſſen von Granitbloͤcken, den ganzen Moorſtrich entlang, beſaͤet ſind, daß, wenn auch alle Staͤdte Europa's aus dieſem Geſteine gebaut wuͤrden, die Maſſe deſſelben keineswegs dadurch aufgeraͤumt werden moͤgte. Auf den Gipfeln der meiſten dieſer Hoͤhen erheben ſich in beſonderer Erhabenheit die von der Natur kuͤhn aufgeſchichteten Felsberge von Dartmoor. Einigen Geologen zufolge ſind ſie fuͤr das Erzeugniß vulkaniſcher Erſchuͤtterungen zu erachten. Sie beſtehen groͤßtentheils aus feſtem Granit, der Maſſe auf Maſſe in horizon⸗ talen Schichten uͤber einander lagert. Unter dieſen Felsbloͤcken findet man hie und da den dunkeln Eiſenſtein; und viele der Bloͤcke ſind von ſo gi⸗ gantiſcher Form, daß im Zwielicht oder durch einen Nebelſchleier erblickt, ſie gern als verwit⸗ terte Thuͤrme oder als Mauern uralter Burgen erſcheinen. Der ſchwarze Adler, jetzt freilich nur 3 ſelten auf ihnen wahrzunehmen, war chedem ein haͤufiger Bewohner dieſer Schwindelhoͤhen, und mit ihm hauſeten auf denſelben der Birk⸗ hahn, die Felsamſel oder die Mooramſel, die heut zu Tage ſo zahlreich am Quell des Dart⸗ fluſſes geſehen wird. Der Boden von Dartmoor, der an den meiſten Stellen vermoderter Pflanzenſtoff iſt, welcher ſich uͤber Felsgrund hinlagerte, bietet treffliche Viehweiden dar, indem er vermoͤge des fortwaͤhrenden Regens in dieſen Berggegenden ſich immer gruͤn erhaͤlt. In den Ebenen bringt der Landſtrich reichlich Torf hervor, und der ganze Moorgrund iſt mit unzaͤhligen Fluͤßchen und Baͤchen des reinſten Waſſers angefuͤllt. Viele der erſteren ſtroͤmen mit der groͤßten Schnelligkeit, zumal wenn ſie durch einen Re⸗ genguß angeſchwellt wurden, und ſtuͤrzen dann ſchaͤumend und donnernd uͤber ſchwarze Fels⸗ maſſen, deren phantaſtiſche Form, deren wilder, fremdartiger Charakter durch dieſe natůͤrlichen Cascaden um ſo mehr hervorgehobene Anſichten 3* 4 darbietet, wie Salvator ſie gern als die Schlupf⸗ winkel ſeiner Banditen darſtellte⸗ Wenige einzelne Faͤlle ausgenommen, gebricht es dem Moor gaͤnzlich an Baͤumen“), minde⸗ ſtens da, wo es ſich zu den Höhen hinanzieht; doch kann dieſer Mangel kaum als eine Fehler⸗ haftigkeit des Landſtriches angeſehen werden, deſſen Charakter eine feierliche und wuͤſte Erha⸗ benheit bleibt. Baͤume fuͤhren durch ihr zartes Gezweig und Laubwerk der Seele Ideen von Schoͤnheit, jedoch eine Oede fuͤhrt in ihrer Aus⸗ dehnung einen Begriff vom Erhabenen zu; und nirgends erweckt dieſer Begriff ſich lebhafter, als wenn der Wanderer auf einem der Fels⸗ berge von Dartmoor ſteht. Er ſteht da gleich einem Ding aus Nichts, unter Bruchſtuͤcken des Rieſenfelſen, von denen das kleinſte ihn, wenn es herabſtuͤrzte, zerſchmettern wuͤrde, und das *) Der verſtorbene Herr Bray von Taviſtock pflanzte zu Bair⸗down, nahe dem Fluſſe Cowſic in Dartmoor, etwa zwanzigtauſend Baͤume, von denen noch etliche auf einem Inſelchen ſtehen, und bis zu einer Hoͤhe von ſech⸗ zig Fuß hinangewachſen ſind. Anm. d. Verf. doch ausſieht, als ob es ſeine Stellung ſeit Er⸗ ſchaffung der Welt behauptet haͤtte. Wendet der Reiſende ſeinen Blick landeinwaͤrts, ſo wan⸗ dert dieſer ununterbrochen von Hoͤhe zu Hoͤhe, von Tor zu Tor; und ſo wie die Wolken druͤ⸗ ber hinrollen und ihre Schatten herabwerfen, oder von einander berſten, mag wohl eine uͤber⸗ raſchende Wirkung wahrgenommen werden. In dem einen Augenblick zeigt ſich eine Hoͤhe in ſo tiefes Purpurlicht gehuͤllt, daß es faſt als Dunkelheit erſcheinen moͤgte, wenn dagegen im naͤchſten Momente der nämliche Minaret des gewaltigen Moorgrundes weiß und ſilbern ſich weiſet, als ſchimmere und funkele er in einem die Augen blendenden Sonnenlichte. Schau't man gen Weſten, ſo erblickt man die kegelfoͤrmige Hoͤhe, Brent Tor genannt, auf deren Gipfel ein Kirchlein ploͤtzlich aus einer weitgedehnten Hochebene hervorſpringt und der Landſchaft einen uͤberraſchenden Charakterzug ver⸗ leihet. Sieht man nach der Kuͤſte hinuͤber, ſo gewahrt man tief unter ſeinem kuͤhnen Stand⸗ puncte ein fruchtbares, angebauetes Land, das Hugel, Waldungen, Fluſſe und Doͤrfer zeigt, die ſich weit hin bis Plymouth, wo die Meeres⸗ bucht und die Hoͤhen von Edgcomb,, jenem Pa⸗ radieſe Devon's, einen Schauplatz ſchließen, der nur von der Unermeßlichkeit des Oceans, als deſſen Horizont, begraͤnzt wird. Obwohl Dartmoor heut zu Tage bequem zu bereiſen iſt, weil vor ſechzig oder ſiebenzig Jah⸗ ren eine treffliche Heerſtraße quer durch den Landſtrich angelegt ward, ſo war vor der Zeit dieſer Verbeſſerung doch die Einoͤde zwiefach ſchauerlich durch die Schwierigkeiten, die ſich dem Reiſenden beim Weiterkommen in einer ſo weitgedehnten, rauhen und einſamen Gegend darboten, ſo daß, wenn er zufaͤllig von ſeiner Richtungslinie abwich, er Gefahr lief, zwiſchen Fels und Sumpf zu gerathen, oder aber— was ſich haͤufig ereignete— von einem jener Bergnebel eingehuͤllt zu werden, die ihn hinderten, ferne Gegenſtände als Landmerkzeichen, oder die Sonne uͤber ihm als Fuͤhrerin, wahrzunehmen, wodurch er dann genoͤthigt ward, irgend einem Fluſſe oder Bergſtrome nachzugehen, waͤhrend, wenn 7 auch dies letztere Aushulfmittel ihm fehlſchlug, er in der groͤßten Gefahr ſchwebte, von der Nacht uͤberfallen zu werden, und in ſtrenger Winterszeit auf dem Moorgrunde umzukommen. Hiezu geſellten ſich noch manche andere, ſpaͤter⸗ hin zu erwaͤhnende Umſtaͤnde, wodurch die Wan⸗ derung durch dieſe Gegenden hoͤchſt gefaͤhrlich gemacht wurde, und jene eben angedeuteten Um⸗ ſtuͤnde wieſen ſich beſonders furchtbar zur Re⸗ gierungszeit der Koͤnigin Eliſabeth, in deren Ta⸗ gen die Ergebniſſe, die zu beſchreiben wir uns vornahmen, ſtattgefunden haben ſollen. Es war alſo zu jener Zeit an einem Mor⸗ gen im Aprilmonat, als das Gewoͤlk noch halb⸗ weg uͤber den Berghoͤhen des Moorgrundes her⸗ abhing und deren Gipfel durchaus verhuͤllt hielt, waͤhrend es ſchwache Streifen des rothen Mor⸗ genlichtes durchſchimmern ließ, daß zwei auf Eſeln reitende Perſonen die Hochebenen von Dartmoor, in der Richtung von Taviſtock her, hinanklommen. Der vordere Reiter war ein al⸗ ter Mann, der in einem langen, ſchwarzen Ge⸗ wande von Camelot ſteckte, das ziemlich einem ——— Prieſterrocke glich. Auf ſeinem Kopfe trug er einen von jenen thurmkoͤpfigen, breitgeraͤndeten Huͤten, die man auf alten Bildniſſen wahrnimmt und welche wir heutiges Tages auf der Schau⸗ buͤhne als den Hauptſchmuck der Mutter Gans, in der Pantomime gleiches Namens erblicken. Das Geſicht, das unter dieſer ungeheuern Kopfbedeckung hervorlugte, war von ſolcher Be⸗ ſchaffenheit, daß es nimmer verkannt werden konnte, mogte man es nun in den Sandwuͤſten Aegyptens oder unter dem Himmelsſtriche des kalten Norden erblicken; ſo hervorſtechend und eigenthuͤmlich bleiben die Zuͤge jener Nation, der der Himmel Segnungen und Fluche darreichte, indem er mit unbegraͤnzter Huld erſtere durch natuͤrliche und uͤbernatuͤrliche Mittel darreichte, bis durch„ihren Unglauben und ihres Herzens Haͤrtigkeit“ ſie dergeſtalt unter die letzteren ge⸗ rieth, daß ſie noch in den Tagen unſerer Zeit als ein uͤber den ganzen Erdboden zerſtreutes und gebrandmarktes Volk verfolgt wird. Das Individuum, von welchem wir hier reden, wies die gekruͤmmte Naſe, das helle ſchwarze Auge, den vorſichtig hurtigen Blick und den zuſammenge⸗ preßten Mund, wodurch der Jude ſich vor allen andern Voͤlkerſchaften auszeichnet; wiewohl der zuletzt erwaͤhnte Geſichtszug wegen des langen, bis auf die Bruſt ſich herabſenkenden Bartes nur mangelhaft wahrgenommen werden konnte. Der Reiter, der dieſem Abkoͤmmling Iſraels folgte, war ein Juͤngling aus demſelben Stamme. Er wies ſich ſchmal und leichtgebaut und be⸗ henden Weſens, mit eben ſo ſchurkiſchem Ge⸗ ſichtsausdrucke als irgend ein Aufſchoßling ſeines Volkes, der heut zu Tage als Hauſirer mit hollaͤndiſchem, in London fabricirten Siegellacke, mit halbhohlen Bleiſtiften oder mit dickſchaligen und ſaftloſen Apfelſinen, in der Gegend der ko⸗ niglichen Boͤrſe den Voruͤbergehenden beſchwer⸗ lich wird. Eine Zeit lang ſetzten beide Reiter ihren Weg ohne weiteren Verſuch zum Reden fort, als daß ſie gelegentlich den Thieren zuſprachen, auf de⸗ nen ſie einhertrabten, wobei der Juͤngere nicht ermangelte, dann und wann einen tuͤchtigen Schlag auf ſeinen Eſel fallen zu laſſen, der in — — ————— 10 dem Maße langſamer klomm, als die Anhoͤhe ſteiler ward. Der aͤltere Reiter merkte dies endlich, wendete ſich und ſprach im Tone der Ermahnung:„Benjamin, ſitz ab; verſchon' das Thier mit ſo harten Streichen. Sitz' ab, ſag' ich, und wandl z' Fuß den Huͤgel hinan. Der Eſel wird nur zu bald beladen werden mit noch ſchwererer Laſt; drum verſchon' ihn jetzt, daß ihm nicht mag fehlen die Staͤrk' in der Stunde der Noth, und bedenk, Benjamin, wie der barmherzige Menſch iſt auch barmherzig gegen ſein Vieh.“ „So wuͤnſche ich denn,“ antwortete Benja⸗ min etwas naſeweis,„daß Ihr, Meiſter Levi, mich fuͤr Euer Vieh anſehet, und einigermaßen barmherzig gegen mich ſeyd; denn es iſt kein Miethling unter den Nazarenern, dem ſo mitge⸗ ſpielt wird, wie Ihr mir mitſpielt. Geſtern mußte ich den ganzen Tag in dieſer Wildniß auf der Lauer liegen, um nach Dem auszu⸗ ſchauen, was ich nicht eher erlugen konnte, als bis ich von einem Regen durchnaͤßt worden war, der mir eine zweite Suͤndfluth zu verkuͤnden 11 ſchien, wenn nicht das Zeichen des Bundes in den Wolken einem Bogen gleich auf dem Gipfel des Brent Tor geruhet haͤtte. Kaum aber war ich zu Hauſe gekommen und hatte ein wenig Speiſe und noch weniger Raſt genoſſen, als ich abermals hinaus mußte, um Euch auf dem Ritte nach einem Handel zu begleiten, von dem ich weiter nichts weiß, als daß er widergeſetzlich iſt und mit den Chriſtenhunden betrieben wird.“ „Hab' ich Dir nicht geſagt, Benjamin,“ ſprach Levi,„daß ſolcher Handel groß Noth thut, und daß er ſoll Dir nuͤtzen, Junge, wie mir? Drum ſey ſtill und murre nicht. So aber geht's immer: Der undankbare Knecht iſt auf⸗ ſaͤtzig gegen den Gebieter, wie die Kinder Iſraels es waren gegen Moſchem, als er ſie durch die Wuͤſte fuͤhrete. War nicht augenblicklich Waſſer da, ſie zu erfriſchen, ſo glaubten ſie, es wuͤrde fuͤr immer ausbleiben. Geduld iſt die Verwandte des Gewerblebens; wie magſt Du meinen Han⸗ del widergeſetzlich nennen? Das Geſetz bindet uns an unſere Leut, aber nicht an die Moabiter und Ammoniter, oder an Die, ſo da ſind die Feinde des wahrhaftigen Gottes. Du ſprichſt, dieſe Maͤnner, die wir aufſuchen, ſeyen Chriſten, ich aber ſage Dir, ſie ſind nicht mehr Chriſten, als Juͤden. Sie kennen keinen Gott als den, wel⸗ chen ſie im Eingeweid der Erden ſuchen, und felbſt dies thun ſie verſtohlen, dem Geſetz ihres Volkes zum Trotz und den Herrſchern zum Spott. Ich ſage Dir, kleiner Ben, ſie graben, und wuͤhlen, und ſchwitzen, um ihre Gier nach dem Mammon zu ſtillen, und wuͤrden um einer Handvoll Goldes oder Silbers ihre Seelen ver⸗ kaufen.“ „Ihr habt mir das ſchon oft geſagt,“ fiel Benjamin ein,„und dennoch ſucht Ihr ſie auf, als gehoͤrten ſie zum auserwaͤhlten Volk Gottes.“ Ohne des Burſchen Einwurf zu beachten, fuhr Levi fort:„Vorſichtig muß ſeyn, wer mit ihnen verkehrt, ja nur mit ihnen ſpricht; denn ſie ſind ein verzweifeltes Geſchlecht, und wuͤrden bei der geringſten Veranlaſſung die Waffe ge⸗ brauchen, die ſie in Haͤnden haben, ſo wie Da⸗ vid that mit dem Schwerte Goliaths.“ „Und doch ſchicktet Ihr mich geſtern allein — 13 aus, den Haͤuptling unter ihnen aufzuſuchen?“ entgegnete Benjamin.„Ihr gabt, als mein Vater Abſalom heimgehen wollte zu ſeinen Vä⸗ tern, das Verſprechen, daß ich in Eurem Dienſte ſollte ungefaͤhrdet ſeyn an Leben, Geſundheit und Gliedmaßen, und Ruhe genießen von mei⸗ ner Arbeit zu ſeiner Zeit.“ „Und hab' ich nicht geſorgt fuͤr Dich als fuͤr mich ſelbſt?“ war Levi's Antwort;„wag' ich mein eigenes Leben nicht mehr denn das Dei⸗ nige? Haſt Du nicht Ruh? Haſt Du nicht den Tag der Sabbather und die Feſte des Paſſah, der Laubhuͤtten, der Poſaunen und der Neu⸗ monden? Gewaͤhrt das keine Ruh? und etwa keine Ruh, wie ſie iſt zugewieſen den Kindern Gottes? Als Du Dich hineinſchmuggelteſt in die große Stadt des Moloch, ließen die Platt⸗ kappen Londons Dir da wohl Ruh? Zwickten und zwackten und ſtießen und neckten ſie Dich da nicht als einen elenden Judenjungen, ſo wie ſie's wohl thun einem Hunde, der bei Tag ih⸗ ren Ferſen folgt und bei Nacht ihr Waͤchter iſt, und dem weiter keine Belohnung wird, als auf⸗ — zuleſende Knochen und der Abfall in ihren Fleiſchſcharren? Steig' ab, ſag' ich, alberner Burſch; und ich will ein Gleiches thun, damit unſere Thiere den Steinweg leichter hinanklim⸗ men. Sodann will ich Dir zeigen, daß, wenn Du treu und verſtaͤndig biſt, die Dinge, die ich thue, ſo zu Deinem wie zu meinem Vortheil gereichen ſollen; denn Du biſt meines Samens, biſt der Erſtgeborene unſeres Hauſes, und wie ich es Abſalom verſprach, alſo will ich an Dir thun, dem vaterloſen Knaben meines leiblichen Bruders. Steig' ab, ſag' ich, und Du ſollt Alles hoͤren, denn die Stund iſt kommen, in welcher ich Dir vollvertrauen will.“ Der jugendliche Benjamin, der laͤngſt Ver⸗ langen getragen hatte, die naͤheren Umſtaͤnde zu erfahren, die mit ſeines Oheims geheimnißvollem Handel ſich verknuͤpften, und deſſen Neugier durch die ihm oft verſprochene, jedoch eben ſo oft vorenthaltene Mittheilung rege gemacht wor⸗ den war, ſtieg ſofort ab, und Ohm und Neffe fuͤhrten nun am Zaume ihre Thiere, die ſich ſehr gern ihrer Laſt entledigt fuͤhlen mogten. Lang⸗ 15 ſam ging es den Huͤgel hinan, waͤhrend Levi das Wort wieder nahm: „Benjamin,“ ſprach er,„Du biſt jung; ſie⸗ benzehn Sommer ſind kaum hingezogen uͤber Deinem Haupt, und bevor ich Dir vertraute, wollt' ich erſt erproben, ob Du deß wuͤrdig und ver⸗ ſtundig genug dazu waͤreſt. Wiewohl Du nun etwas murrend uͤber des Lebens Muͤhſeligkeiten erfunden wardſt, ſo habe ich Dich doch als ge⸗ treu erkannt. Huͤthe ferner Deine Zunge, denn was ich Dir zu ſagen habe, muß in keines Menſchen Ohr kommen, außer in das Deine.“ „Meiſter Levi,“ verſetzte der Neffe,„es ſteht wenig zu fuͤrchten, daß ich Eure Anſchläge ver⸗ rathe, denn wenn Ihr mich in die weite Welt hinausſtoßt, ſo hab' ich weiter keine Ausſicht, als den Hungertod. Die Dienſtzeit, die ich in Lon⸗ don bei den fetten Stadtnazarenern zubrachte, hat mich fuͤr immer von dem Verlangen geheilt, den Schweinfleiſchfreſſern zu dienen, die mich ſchlechter behandelten, als ich meinen Eſel be⸗ handeln moͤgte, obwohl er das hartnaͤckigſte Vieh iſt, das jemals einen Reiter oder einen Trag⸗ ſattel trug*). „Mein Leben,“ fuhr Levi fort,„hat nicht minder Sorgen und Muͤhen aufzuweiſen. In den Tagen des Herrſcherweibes, das da Maria und eine Zeit lang Koͤnigin von England hieß, und die, wie vor Zeiten die Goͤtzendiener dem Moloch, Menſchen durch Feuer opferte, floh ich, wie mancher unſeres Stammes, aus dem Lande. Ich hatte all mein Wohlerworbenes durch Ver⸗ folgung eingebußt, und obwohl ich dieſer Ae⸗ gypterknechtſchaft entrann, mußte ich doch noch lange Zeit durch die Wildniß der Landesunruhen wandern, bevor es mir gelang, im Schweiße meines Angeſichts unter den Arbeitern in dem Eingeweide der Erde des deutſchen Landes mein Brot zu eſſen. Ich hatte einen ſcharfen Blick, Ben, leicht faſſenden Verſtand und eine Hand, *) Der Tragſattel iſt ſehr gebraͤuchlich in Devon. Er iſt aus Holz gemacht, und wird ſtatt der Koͤrbe ge⸗ braucht. Sein Ausſehen gewährt einen maleriſchen An⸗ blick, und die auf ihm fortgetragenen Laſten ſind oft außerordentlich ſchwer. Anm. d. Verf. 17 die nimmer ſich abkehrte vom Pfluge der Muͤh⸗ ſeligkeit, ſo daß ich erfahren ward in der Kennt⸗ niß derer Metalle und der zuverlaͤſſigen Zeichen und Wahrnehmungen, ſie zu finden. Ich ge⸗ dieh, und mir ging's wohl, bis ich zu einer Zeit, in welcher ich hoffte, groͤßeres Gluͤck bei bequemerem Leben zu machen, in jenes Land zog, das da Flandern heißt, und allwo ich reich wie ein Kaufherr ward, und in maͤchtigem An⸗ ſehen ſtand bei meinem Volke.“ „Und doch bliebt Ihr nicht in dem Lande?“ fragte der Neffe. „Nein,“ war Levi's Antwort;„denn der Neid folgt dem Reichthume, gleichwie der Schat⸗ ten dem Koͤrper nachzieht, der unter den Strah⸗ len des großen Lichts dahin ſchreitet. Unter dem Vorwande, mich wegen meiner Glaubensmei⸗ nung zu verfolgen, eigentlich aber um Gelegen⸗ heit wahrzunehmen, ſich meiner Habe zu bemaͤch⸗ tigen, warf jener verfluchte Herzog Alba in der ſtark ummauerten Stadt Tournai mich in ein Gefaͤngniß. Umgekommen wuͤrd' ich dort ſeyn, ſo ich nicht gelernt haͤtte die Kunſt, in der Erde Fitz of Fitz⸗Ford. I. 2 zu wuͤhlen, gleich einem Fuchſe, der ſich ſeinen Gang graͤbt; unerſpaͤht, unter den maͤchtigen Felſen hinweg, welche unerſchuͤttert von ſeiner Liſt oben druͤber ſtehen bleiben. Ich hatte ein Werkzeug meines ehemaligen Berufes an mei⸗ nem Leibe verſteckt, und damit arbeitete ich Tag und Nacht, und entrann ſolcher Weiſe meinem Kerker zu einer Zeit, in welcher ein Aufruhr in der Stadt meine Flucht beguͤnſtigte. Bettelnd wanderte ich der Landeskuͤſte zu, und wenn die Leute mich wollten verfluchen als einen Juden, erzahlte ich ihnen von Alba's Grauſamkeit; und der Haß, in welchem ſie gegen dieſen Mann be⸗ harrten, bewog ſie, aus Groll gegen ihn, mir Broſamen von ihren Tiſchen zuzuwerfen. An der Kuͤſte erfuhr ich, wie die Dame Eliſabeth, die jetzt Koͤnigin von England waͤre, die Berg⸗ werksarbeiten im weſtlichen Theil ihres Landes zu verbeſſern trachtete, und deswegen Jeden, der in Deutſchland die Kunſt betrieben haben moͤgte, aufforderte, in ihr Land zu kommen, allwo dem Tuͤchtigen reichlicher Lohn verheißen worden war. Da benutzt' ich den Umſtand und bot mich den 19 Geſchaͤftsmaͤnnern an, bei denen die Arbeiter ſich zu melden hatten. Daß ich ein Anhaͤnger der moſaiſchen Lehre, nicht aber ein Sohn des Hei⸗ denthums war, ließ um ſo beſſere Meinung von meiner Erfahrenheit im Bergwerksweſen faſſen. So kam ich nach England; und wie meinſt Du, Ben, daß es mir hier erging?“ „Nun, ſollt' ich doch meinen, Ohm,“ ſagte der Juͤngling,„daß Ihr die Kunſt verſtandet, und den Lohn Eurer Einſicht empfinget.“ „Ich will Dir ſagen, Ben, was ich em⸗ pfing,“ fuhr Levi mit bedeutender Waͤrme im Ausdruck fort:„Ich empfing eine Urſach zum Fluch— und ſo lang' ich athme, werd' ich nicht aufhoͤren, zu fluchen dieſen Verraͤthern! Ich ward gehaͤtſchelt, geſchmeichelt, bezahlt und ge⸗ fuͤttert, und geprieſen wie ein weiſer Mann in Iſrael, wie ein wahrhaftiger Salomon in mei⸗ ner Kunſt, bis ſie mir ſo viel Kenntniß von derſelben abgelauert und abgeſchwatzt hatten, daß ſie ſich ſelber bereichern konnten zehnfaͤltig. Und als das geſchehen war, und ſie waͤhnten, ich haͤtte ſie Alles gelehrt, was ich wuͤßte, da— ſo 9) 3 — 20 mir der heilige Erzvater Abram ſoll helfen!— da hoͤhnten ſie mein und klagten mich falſchen Thuns an, obwohl ich ihnen doch ſo treulich gedient hatte fuͤr meinen Lohn, als Jacob dem Laban, bei dem er ſieben Jahre lang Knecht war, um der ſchoͤnen Rachel willen. Aber ich habe ein Geluͤbde geluͤbdet dem Gotte Jacobs, und will es halten, zu vergelten dieſem Volke das Unrecht, das es auf mein Haupt gehaͤuft hat.“ „Aber wie konnten ſie Euch ſo faͤlſchlich ver⸗ klagen?“ forſchte der Neffe,„was konnte es ih⸗ nen Gutes bringen, Euch ſo zu mißhandeln? „Einige unter ihrem eigenen Volke, denen man groß Vertrauen geſchenkt hatte,“ fuhr Levi fort,„waren untreu geweſen, und um ſich vor Strafe zu ſchuͤtzen, waͤlzten ſie die Schuld auf mich. Der Jude mußte fuͤr den Dieb und fuͤr den Suͤndenbock gelten. Die Miſſethaten der Treuloſen wurden auf ſein Haupt gehaͤuft— ich entfloh, um mich vor der Bosheit meiner Verderber zu ſchirmen, und fand eine Zeit lang Schutz bei den kuͤhnen Maͤnnern, die einſt Gru⸗ — 21 benarbeiter geweſen waren, jedoch wegen Rebel⸗ lion gegen ihre Obern von ihrem eigenen Zinn⸗ gruben⸗Gerichtshof geaͤchtet wurden. Dieſe elen⸗ den Menſchen behandelten mich beſſer, als meine ſchaͤndlichen Vorgeſetzten es gethan hatten; denn ſie ſchmeichelten mir nicht, um mich zu Grund zu richten. Sie legten mir des Tages Laſten auf, aber ſie gaben mir Speiſe, mich zu ſaͤttigen.“ „Und warum verließet Ihr ſie, Ohm?“ fragte Benjamin. „Ich verließ ſie nicht,“ war Levi's Antwort; „ich hoͤrte nur auf, unter ihnen zu wohnen. Fortwaͤhrend bin ich ihr Maͤkler und Haupt⸗ agent bei ihrem geheimen Verkehr— und Du ſollſt hoͤren, weshalb ich das bin. Der Feind, von dem ich fuͤrchtete, daß er mein Leben opfern wuͤrde, um ſich wegen ſeiner Miſſethaten zu ſichern, verſtarb, und da hielten die Verbuͤndeten es fuͤr gerathener, daß ich mich oͤffentlich in der Stadt aufhielte, denn wenn ich nicht ſchiene, als fuͤrchtete ich oͤffentliches Unterſuchen, ſo wuͤrde man, meinten ſie, mich fuͤr untadelig halten. Darum wohn' ich in Taviſtock, und lebe oͤffent⸗ 22 lich einem ſchlichten Berufe, waͤhrend ich geheim diejenigen Geſchaͤfte der Geaͤchteten betreibe, die von ihnen ſelbſt nicht wohl beſorgt werden koͤnnen. Bevor ich aus dem Dienſte der Kronbergwerke verjagt ward, hatte ich mittelſt unfehlbarer Zei⸗ chen laͤngſt gemuthmaßt, daß in einer gewiſſen Gegend dieſer Landſchaft ein Silberſchacht ver⸗ borgen ſeyn muͤßte*), und da ich die Geaͤchteten bereits erprobt gefunden hatte, lehrte ich ſie ver⸗ ſtohlen das Erz graben, zeigte ihnen jedoch den unterirdiſchen Schatz nur theilweiſe, ſo daß ſie nur langſam das Metall gewinnen koͤnnen, und dabei fortwaͤhrend meines Rathes und meiner Nachweiſung bebuͤrfen. Nun aber darf nach einem Geſetz der Koͤnigin das Metall nicht in dieſem Lande verkauft werden. Ich aber, der *) Die Silberminen von Devon waren ehemals be⸗ ruͤhmt und ſo ergiebig, daß durch ſie Edward der Dritte beſonders bei ſeinen Kriegen unterſtuͤtzt ward. Zur Zeit der Koͤnigin Eliſabeth entdeckte man mehrere Metall⸗ adern, und ein 137 Unzen ſchwerer, aus dem Silber der Coomb⸗martin⸗Minen im Norden von Devon gefertigter Becher ward von Sir Francis Bulmer der Stadt Lon⸗ don geſchenkt. Anm. d. Verf. ——— ——— 23 ich in fremden Zungen rede und auf auslaͤndi⸗ ſchen Maͤrkten wohl bekannt bin, verhandle das Silber an die Eigner fremder Schiffe, die an dieſe Kuͤſte kommen, und erhalte davon meinen Antheil als Lohn fuͤr meine Muͤhwaltungen.“ „Vielleicht aber,“ meinte Benjamin,„thun jene geaͤchteten Grubenmaͤnner endlich eben ſo an Euch, als Eure fruͤheren Obern an Euch thaten, und ſtoßen Euch aus, und uͤberantworten Euch dem Gerichte der Koͤnigin, ſobald ſie Eu⸗ rer nicht mehr beduͤrfen.“ „Das vermoͤgen ſie nicht, das wagen ſie nicht zu thun,“ rief Levi.„Ich habe der Welt Bosheit auf dem Wege der Erfahrung kennen gelernt, mein Knabe. Ich habe ihnen nicht alle unterirdiſchen Schaͤtze gezeigt, und uͤberdies bin ich es, der das Metall zu Barren fuͤr den Markt ſcheidet. Sie gewinnen nur Geringes zur Zeit, zumal da Alles verſtohlen geſchehen muß. So arbeiten ſie nur langſam— und wie koͤnnten mich den Gerichten Die verrathen, die da ſelbſt Geaͤchtete ſind? Keiner von ihnen kann vor eine Juſtizbank treten, ohne das eigene 24 Leben zu verwirken. Dennoch geb' ich zu, daß ſie heftig und gefaͤhrlich ſind, doch ſind ſie's nicht auf dem Wege, auf dem Du es von ihnen meinſt. Sie haben keine andere Lebensrichtſchnur, als ihr eigenes Beduͤrfniß und ihren eigenen Vortheil, und dem genuͤgen ſie durch jegliches Mittel. Sie haben kein anderes Geſetz unter einander, als das, was unter kriegfuͤhrenden Thie⸗ ren obwaltet— der Staͤrkere uͤberwaͤltigt den Schwaͤcheren. Sie haben auch kein Gewiſſen, ſondern nur Leidenſchaften— ein Streit, ein Stich und ein todter Menſch ſind Dinge, die bei ihnen einander auf den Ferſen folgen.“ „Dann, Meiſter Levi,“ aͤußerte der Neffe, „iſt es allerdings hochgefaͤhrlich, daß Ihr Euch unter ſie wagt. Was koͤnnt Ihr unbewaffnet gegen den Starken, den Ihr jetzt aufſucht, be⸗ ginnen, ſobald er ſeine Wehr gegen Euch richtet?“ „Ich traue ihnen nie und nirgend ohne große Behutſamkeit,“ verſetzte der Oheim,„und bin, wie vor Zeiten Joſua es war, ein Mann der Waffen. Ich kenne den Gebrauch des Schwer⸗ tes, des Dolches und des ſchwarzen Staubes, 25 der beim kleinſten Funken aus dem Kieſel in Flammen aufknallt. Schau' mich an, ob ich unvorbereitet bin?“ Und Levi ſchob ſein Gewand auf, das ihm die Bruſt bedeckte, und der Juͤng⸗ ling erblickte im ledernen Guͤrtel des Alten ein kurzes, derbes Spitzmeſſer und ein furchtbares Piſtolenpaar. „Ich bin nicht der Mann,“ fuhr Levi fort, „der ohne Noth Menſchenblut vergeußt, doch habe ich eine Hand, die nimmer zuruͤckzieht, wo Gegenwehr nothwendig wird; ſo daß, wenn Ei⸗ ner von jenen Leuten mir Anlaß zu Argwohn giebt, ich nicht der Narr werde ſeyn, der ſich zweimal von der Natter beißen läßt, ſondern der dem Kriechthier ſofort den Kopf zertritt.“ „Aber der Haͤuptling jener Leute,“ fiel Ben⸗ jamin ein,„ſoll ja, wie Ihr mir ſagtet, kein Grubenmann, ſondern ein Mann von beſſerer Herkunft und hoͤheren Kenntniſſen als die Ue⸗ brigen ſeyn. Wer iſt er?“ „Wer er iſt, weiß allein der Gott Abrams, der die Gedanken der Menſchen ſiehet,“ war Levi's Antwort.„Daß er kein Grubenmann iſt, 6 4 7.§—* iſt gewiß, denn er verſteht nichts vom Gewerb, und kaum kann ich Dir ſagen, weshalb jene Maͤnner ihn zu ihrem Fuͤhrer waͤhlten; ſo ich nicht annehmen will, daß ſie gleich den Kindern der alten Schlange ſich nur vom Satan und von keinem Andern leiten laſſen wollen. Der Mann beſitzt freilich hoͤhere Kenntniſſe als die Uebrigen, aber an Sitten iſt er eben ſo rauh wie die Andern; eben ſo rauh wie der Berg⸗ wind, der uͤber dieſe Gipfel ſtreicht. Er iſt kuͤhn, aber auch liſtig; ſchlau wie der erdwuͤh⸗ lende Fuchs, aber auch grauſam wie der Wolf, wenn er auflauert, ob der Huͤrdenhund ſchläͤft, daß er die Heerde uͤberfallen und wuͤrgen moͤge— und um ſolcher Eigenſchaften willen moͤgen jene Maͤnner ihn wohl zu ihrem Haͤuptling erwaͤhlt haben, indem ſie, wenn zwar wild und unbaͤn⸗ dig, doch kaum witzig genug ſind, um ihr Frei⸗ beuterſchifflein ohne einen tuͤchtigen Steuermann am Ruder zu lenken.“ „Bei dem Entſetzen Pharannis!“ rief der Neffe,„ich fuͤrchte ſchier, jenem Manne zu be⸗ gegnen, von dem Ihr mir ſolche Dinge erzählt. In London bangte mir nur vor den Fußbloͤcken, der Peitſche und einem leeren Magen; jedoch an dieſem wuͤſten Felsort fuͤrchte ich mich vor Dingen, die ich eben ſo wenig hoͤren oder ſehen kann, wie die nazarener Dummhuͤte die Elfen und Feen fuͤrchten, die, wie ſie ſagen, in den Berghoͤhlen hauſen und zur Nachtzeit im Moor⸗ grund tanzen, ſo daß ich im Halbdunkel vor jedem ſchwarzen Felsblock erbebe, wie er ſtill da ſteht, und immer laͤnger und langer, ſo wie ich ihm naͤher komme, zu einem Rieſen hinanwaͤch⸗ ſet. Die ſchmutzigen Boͤrſenwege und die Win⸗ kelgaſſen in London ſind ein Aufenthaltsort der Behaglichkeit gegen dieſen Ort hier.“ „Benjamin,“ ſprach der vielgereiſete Levi, „Du biſt ein Thor! Lerne, daß Weisheit beſſer iſt, denn Rubinen, wie Salomon ſagt, und daß dem Thoͤrigen und Schwachmuͤthigen all Ding wie Eſſig an den Zaͤhnen und wie Rauch in den Augen iſt. Was ſchwatzeſt Du von Elfen und von einfaͤltigen Nazarenerfeen? Nichts giebt's, das da tanzt auf der Fluth im Mondlicht, als die Flecken in den eigenen Augen der Schwein⸗ fleiſchfreſſer. Fuͤrchte nichts, Ben, denn Furcht geziemt wohl denen Weibern, die ſich an ihre Ehemaͤnner ranken, wie der Wein an's Stabgit⸗ ter; doch an einem Manne iſt ſie ſchmachvoll, und ein Narr iſt Der, welcher ſein Bangen offenkundig macht. Fuͤrchte nichts, ſag ich, ſon⸗ dern vertrau' auf die Fuͤrſehung Gottes, denn der Herr wacht uͤber ſeinem Volk, und von ihm haben, wie die Schrift ſagt, ſogar die jungen Raben ihre Speiſe.“ „Dem mag wohl ſo ſeyn, Ohm,“ meinte der Juͤngling;„allein wenn Ihr mich an dieſem Schauerorte zuruckließet, und ich weiter nichts zu eſſen haͤtte, als was die Raben mir braͤchten, ſo mein' ich, ich koͤnnte lange genug aufhorchen, ehe ich ihre Fluͤgel in der Luft klatſchen hoͤren und ſehen wuͤrde, wie ſie mir in den Krallen ein Stuͤck Fleiſch zu meiner Speiſe zutrugen. Es giebt nur Einen und zwar einen großen Propheten in Iſrael, der danach ausſchauen kann, durch Wunderwerk geſättigt zu werden.“ „Benjamin,“ verſetzte Levi,„lerne der Vor⸗ ſehung vertrauen, ſo wird ſie Dich nimmer ver⸗ 29 laſſen. Wir muͤſſen nicht zweifelvollen Gemuͤ⸗ thes ſeyn, wir muͤſſen des Himmels Finger wahrnehmen in allen Dingen, wie ich zu mei⸗ nem Nachbar Manaſſe ſprach, als er hinausge⸗ fuͤhrt ward, um gehenkt zu werden, blos weil er, ohne dazu befugt zu ſeyn, den Muͤnzfertigern Ihrer Majeſtaͤt half, und das Bildniß der Koͤnigin minder jungfraͤulich als Jene es thun muͤſſen, auf Silber gepraͤgt hatte.„Manaſſe, ſprach ich, wir muͤſſen uns der Wege des Himmels erfreuen, und all ſeine Pfade lieblich und anmu⸗ thig finden. Manaſſe aber achtete meiner Rede nicht, ſondern blickte auf den Henker und ſprach: Nichts wuͤrde ſo lieblich und anmuthig ſeyn, als wenn man den Kerl ſtatt ſeiner henkte.“ „Schaut, Ohm Levi,“ rief Benjamin,„dort ſteht der Vixen Tor, der Ort unſerer Be⸗ ſtimmung!“ „Das rothe Morgenlicht umſtrahlt ihn,“ ſagte Levi;„er erhebt ſich gleich dem Denkmale der Rachel in den Ebenen von Bethlehem, ge⸗ waltig und einſam!“ Der Gegenſtand, welchem die Reiſenden jetzt 30 ſich näͤherten, war einer der hervorſpringendſten in der ganzen Moorgegend, namlich ein großer Granitfels, oder vielmehr eine Felsgruppe, die aus drei zuſammenhaͤngenden Granitbloͤcken von hundert Fuß Hoͤhe beſtand, welche ſich ab⸗ geſondert auf einem weit ſich herabſenkenden Huͤgel erhoben, die jedoch, aus der Ferne betrach⸗ tet, nur eine einzige, rauhe, feſte und runzelige Steinmaſſe zu ſeyn ſchienen, aber ſo ſeltſam ge⸗ formt ſind, daß es nicht unwahrſcheinlich iſt, wie dies erhabene Werk der Natur zu einem Goͤtzen⸗ felſen von den Druiden erkieſt ward, die vor⸗ mals ſo viele von den Dartmoor⸗Tors zu den Ceremonien ihres Prieſterthums weiheten. Virxen Tor iſt ſeiner Form nach ſehr treffend mit der Sphynx verglichen worden, und die ſchroffen Hoͤhen, von denen er nach mehreren Richtungen hin umgeben wird, hat man nicht uneigentlich die ägyptiſchen Pyramiden beigenannt. Der Schauplatz wies ſich wild und oͤde, jedoch voll Erhabenheit. Im Vordergrund bot ſich ein rauher, ſtark mit ſchwerem Geſtein und Haidekraut beworfener —.—— Pfad dar, welcher jedoch keinen genuͤgend erhoͤ⸗ heten Gegenſtand zeigte, durch welchen der An⸗ blick des duͤſtern Tor gehemmt, oder deſſen An⸗ ſpruch auf einſames Hervorſpringen verringert worden waͤre. Wird der Felsberg jedoch von der Suͤdoſtſeite betrachtet, ſo verleiht der ploͤtz⸗ liche Abhang des Bodens, auf welchem er ſich erhebt, ihm einen neuen Charakter; ſo daß Vixen Tor die Geſtalt einer alten Burg von großmaͤch⸗ tiger Bauart annimmt, wie ſie uͤber dem Thale von Walkham hervorragt, das wie ſchlafend in weiter Dehnung am Fuße derſelben liegt. Durch dieſe Ebene voll Zaubers windet ſich der Fluß zwiſchen Waldungen hin, die ihr uͤppiges Ge⸗ zweig an ſeinem Uferrande herabneigen, welcher vereinzeltes Geſtein blicken laͤßt, an welchem und uͤber welches hin in weißem Schaume die Waſſer daher brauſen, waͤhrend an der entge⸗ gengeſetzten Seite des Fluſſes die kuͤhnen Anhoͤ⸗ hen, die des Thales Graͤnze bilden, hin und wieder mit Huͤtten bekroͤnt erſcheinen, die ihren blauen Rauch in die Luͤfte ſteigen laſſen, wel⸗ ches einen anmuthigen Gegenſatz zu dem dun⸗ 32 keln Gruͤn des Laubwerks abgiebt, und* den Gartenfleckchen, die zu den Huͤtten gehoͤken, darthut', daß dieſe Plätze am Guͤrtel des Moor⸗ grundes weder den wuͤſten noch den ungaſtlichen Charakter deſſelben an ſich tragen. Von der Richtung jedoch her, in welcher Levi und Benjamin ſich dem Felsberg naͤherten, erſchien derſelbe in der vorhin beſchriebenen Ge⸗ ſtalt, naͤmlich als ein duſterer, vereinzelter Stein⸗ klumpen. In einem einzigen Augenblicke zeigte ſich deſſen Antlitz verwandelt; denn die Wolken, von denen er dicht umhangen geweſen war, theilten ſich, und die volle Fluth des Morgen⸗ lichts ſtroͤmte auf den Fels und wies ihn ſo glanzend, daß jeder kleine Spalt auf ſeiner Ober⸗ flaͤche deutlich ſichtbar ward. Levi, deſſen Seele keineswegs unempfindlich gegen die Herrlichkeiten in der Natur war, wurde von dem Anblick mit Ehrfurcht und An⸗ dacht erfuͤllt. In der Sprache der Schrift rief der Greis, indem er Haͤnde und Augen gen Himmel hob:„Wie furchtbar iſt dieſer Ort! Es iſt hie keine andere denn die Wohnung des Herrn Zebaoth! Der Fels iſt wie der Altar aus unbehauenem Geſtein, den Jacob dem Gotte Iſraels errichtete!“ „Oheim!“ rief Benjamin, indem er mit nicht geringer Betroffenheit ſich hinter Levi duckte, „iſt nicht jene Geſtalt druͤben der Mann, den wir ſuchen? Ich ſehe ſeinen Bruſtharniſch im Sonnenſcheine ſchimmern.“ „Haſt Du die Beutel zur Hand, um das Silber hineinzuthun?“ ſagte Levi, deſſen Seele ſich augenblicklich von Ehrfurcht und Andacht abwendete, ſobald es irgend ſein Weltgetrieb galt.„Haſt Du die Beutel? denn wir wollen nicht lange bei jenem Goliath verweilen. Flink, Burſch, eile dem Tor zu!“ „Nein, Ohm Levi,“ rief Benjamin, indem er den Eſel, auf welchem er jetzt wieder ſaß, ſo lenkte, daß er hinter den Bruder ſeines Vaters kam.„Ich werde nicht vor Euch her reiten. Den Aelteren nachzuſtehen iſt Pflicht unſerm Volke, und thoͤrig iſt der Juͤngling, der da ver⸗ giſſet, das Alter zu ehren. Ihr habt mir das oft geſagt.“ Fitz of Fitz⸗Forb. I 3 34 „Furcht iſt's, die Dich jetzt an dies mein Wort erinnert,“ fiel ihm der Greis ein;„und ich ſtehe dafuͤr, Du wuͤrdeſt mir nicht alſo ge⸗ horſamen, wenn es zu einem Maienfeſte der Chriſten ginge. Du haſt das Herz einer Haus⸗ maus, Ben, die die Katze furchtet, obwohl dieſe auf dem Schooße der Kuͤchenmagd ſchlummert. Vorwaͤrts, Junge, und ſcheue nichts, denn jener Mann wird Dir kein Leid thun. Er kommt eben ſo in Frieden zu mir, wie der Leu der Wuͤſte ſich vor ſeinem Huͤther beugt.“ Zweites Capitel. „—— Dich kenn' ich wohl; Doch Dein Geſchick iſt unbekannt und fremd mir.“ Shakſpeare. Sie trabten nunmehr zu dem Felſen und dem Manne, vor dem Benjamin ſo ſehr in Furcht war. Levi und Benjamin ſaßen ab. Das Morgenlcht faͤrbte guͤlden die Spitzen aller Hoͤhen umher, obwohl unter denſelben noch die Nebelwolken hingen, waͤhrend man ferne Berge matt im Purpuraͤther des fruͤhen Tages hinſchmelzen ſah. Auf einem der Vorſpruͤnge des Vixen Tor, unter den tauſend phantaſtiſchen Formen und Fäͤrbungen, die der gewaltige Fels wies, ſaß ein Mann von etwa funfzig Jahren, 3 mit ſcharfen, jedoch ſo regelmaͤßigen Geſichtszuͤ⸗ gen, daß er in juͤngeren Jahren hohe Anſpruͤche an Schoͤnheit des Mannes gehabt haben mußte. Ein unſtaätes Wanderleben, und wahrſcheinlich auch die Abwechſelung verſchiedener Himmels⸗ ſtriche, hatte ihm das Geſicht gebraͤunt, ſo daß er in dieſem Betracht wohl dem Morgenlande an⸗ gehoͤren konnte. Seine Augen waren ſchwarz und feurig, doch ſenkte er dieſelben oft zu Bo⸗ den; und nicht das am mindeſten Bemerkbare in der Veränderung des Geſichtsausdruckes die⸗ ſes Mannes war der Umſtand, daß er zu Zeiten ſchwermuͤthig, ja ſogar ſtier und wild blickte. Sein Bart war lichtbraun, voll und kraus, ohne daß Zeit oder Muͤhſeligkeit ein Haar deſſel⸗ ben gebleicht haͤtte. Von Wuchs wies er ſich ſchlank, wohlgebaut und athletiſch. Um die Bruſt herum trug er einen etwas roſtigen Harniſch, und die nackten ſehnigen Arme, die er verſchränkt hielt, ſahen aus, als waͤren ſie eben ſo feſt wie der Stahl, uͤber welchen ſie gelegt waren. Seine Beine waren ebenfalls nackt, haarbewachſen und gebraͤunt; ein kleiner, leichter Lederſtiefel, der 37 ihm kaum uͤber den Knoͤchel reichte, war ſeine ganze Fußbekleidung. Dieſer Mann trug auf ſeinem Kopfe eine Pickelhaube oder Stahlkappe, von welcher eine ſchwarze Feder zur Schulter herabhing. Ein roſtfarbiger, pelzbeſetzter Mantel von auslaͤndi⸗ ſchem Schnitt hing ihm uͤber den Ruͤcken hin, und ein Paar Piſtolen, ein kurzes Meſſer und ein Schwert in und am Lederguͤrtel vervollſtaͤn⸗ digten das Anſehen der Figur, die zu beſchreiben wir verſucht haben; wiewohl wir nimmer im Stande ſeyn werden, in Worten ein Geſicht ab⸗ zubilden, das zu gleicher Zeit Gefuͤhle des Schreckens, der Ehrfurcht und der Bewunderung zu erregen vermochte; indem in demſelben nichts zu erblicken war, was an einen gemeinen und niedrig geborenen Straßenraͤuber haͤtte er⸗ innern moͤgen. Im Gegentheile, obwohl dieſer Mann ein verwegener Uebertreter der Geſetze zu ſeyn ſchien, ſo ſah er doch aus, wie ein Gauner hohen Grades— er haͤtte einen Fuͤrſten der Schelme abgeben koͤnnen. Geſtutzt auf ſeinen Reit⸗ und Wanderſtecken, 38 beugte Levi ſich vor ihm, wobei des Juden lan⸗ ger grauer Bart und ſchwarzes Gewand im Winde flatterten, welcher pfeifend uͤber den Moor⸗ grund zog und bei'm Anſtoßen an die Felſen ein ſchrillendes Echo erzeugte. Levi's großer Hut hatte der Stirn deſſelben zu einem Schirm⸗ dache gedient, unter welchem hervor er, ohne ſelbſt ſcharf angeblickt werden zu koͤnnen, den von ihm Angeredeten beobachten konnte, und wirklich hafteten die Augen des Juden feſt auf dem Fremden. Dicht hinter dem Greiſe ſtand der kleine Benjamin. Anfaͤnglich etwas betroffen und er⸗ ſchreckt, gewann er Zuverſicht durch die gelaſſene Stellung, in welcher er den Gewappneten er⸗ blickte; er ſtellte ſich auf die Zehen, um uͤber ſeines Oheims Schulter zu gucken, und ſchien durch ſeine erhobene Stirne, ſeine aufgeriſſenen Augen und ſeinen halboffenen Mund die Ver⸗ wunderung auszudruͤcken, mit welcher er ſeine Neugier befriedigte. Die beiden Eſel ſchlender⸗ ten friedlich graſend umher, indem ſie Haidekraut und Neſſeln ſchmauſeten, die zwiſchen den um⸗ 39 herliegenden Steinklumpen wuchſen, und ſo ein Gemaͤlde vollenden halfen, welches ſonder Zwei⸗ fel durch die Einbildungskraft manches unſerer Leſer beſſer ausgefuͤhrt worden ſeyn wird, als unſere Beſchreibung es hat liefern koͤnnen. „Freundlichen Morgengruß an Euch, Haupt⸗ mann Standwich,“ ſagte der Jude.—„Und Ihr ſeyd allein hier?“ ſetzte er hinzu, indem er vorſichtig umherblickte. „Nein,“ war die etwas rauhe Antwort des Bewaffneten.„Ich bin nicht allein, waͤhrend Ihr hier ſeyd. Und wenn Ihr nicht da ſeyd, habe ich eben ſo ſchlechte Geſellſchaft— meine eigenen Gedanken.“ „Warum kamt Ihr nicht geſtern zur anbe⸗ raumten Stunde, Hauptmann Standwich?“ fuhr der Jude fort.„Da ich Euch nicht fand, ſchickte ich den Knaben aus, daß er im Moorgrund bei Eurer ehemaligen Behauſung nach Euch umher⸗ lugte; allein er ſah nichts als die Wolken, die ihn bis auf die Haut durchnaͤßten. Warum kamt Ihr nicht?“ „Ich konnte nicht kommen,“ verſetzte Stand⸗ wich:„Die Beizfalken ſind losgelaſſen und be⸗ reit, ſich auf das Wild herabzuſchwingen. Ich habe die Nacht in der Wildniß des Wiſtman's⸗ Waldes zugebracht. Vor der Hand haben wir Alle unſere bisherigen Schlupfwinkel verlaſſen, und Ihr muͤßt furderhin unſere Mannſchaft in der Hoͤhle ſuchen. Ich darf nicht laͤnger oͤffent⸗ lich bei den Grubenmaͤnnern bleiben, denn von allen Seiten werd' ich bedraͤngt. Doch habe ich Mittel erſonnen, fuͤr meine Sicherheit zu ſorgen.“ „Und was fuͤr Mittel ſind das?“ fragte Levi,„denn ich weiß, Ihr habt ſo viele Verklei⸗ dungen und Masken, als die Fratzenſpieler bei'm Mummenſchanz. Sprecht Eure Meinung deut⸗ lich aus; denn ich verſtehe mich nicht auf Raͤthſel.“ „Und was kuͤmmert Euch mein Thun?“ fragte der Geaͤchtete aͤrgerlich, indem er den fin⸗ ſtern Blick nach dem Juden hinwendete, und auf dieſem Wege den Juͤngling Benjamin ge⸗ wahrte, der naͤher ſchlich und neugierig zu lau⸗ ſchen ſchien.„Und wie wagt Ihr's,“ fuhr Stand⸗ wich fort,„jenen Burſchen mitzubringen, und —————— 2¹ waͤhrend er ſteht und horcht, mich nach meinen Entwuͤrfen zu fragen?“ „Der Burſch iſt mein leiblicher Neffe,“ ver⸗ ſetzte Levi,„iſt jener Benjamin, deſſen ich ſo eben gegen Euch erwaͤhnte, und der auf nichts achten wird, was ihn nicht kuͤmmert.“ „Auch ſoll er's nicht!“ rief Standwich, der, ohne weiter ein Wort zu ſagen, auffuhr, den Juͤngling bei'm Kragen packte und ihn einige Schritte ruͤckwaͤrts ſchleuderte.„Hinweg, Narr,“ rief er dann dem Fortgeſtoßenen zu,„und huͤthe Dich, unſer Geſpraͤch zu behorchen!“ Allerdings ſchien Benjamin nach ſo ſcharfer Ermahnung keine Luſt zum Lauſchen zu ſpuͤren, denn er wich flinkbeinig viel weiter zuruͤck, als zu Erfuͤllung des erhaltenen Befehls noͤthig ge⸗ weſen waͤre. „Hauptmann Standwich,“ nahm Levi das Wort,„ich bitt' Euch, ſolche Gewaltthaͤtigkeit zu unterlaſſen. Um meinetwillen wie Euretwegen glaubt mir, daß ich Keinen hieher bringen werde, der unſeren Geſchaͤften nachtheilig werden koͤnnte. Schon fruͤher ſagte ich Euch, daß mein Alter es mir unerlaͤßlich macht, einen Beiſtand im Ge⸗ ſchaͤfte zu mir zu nehmen, und wem koͤnnt' ich ſicherer vertrauen, als dem Sohne meines Bru⸗ ders Abſalom? Der Burſch iſt abhaͤngig von mir, und darf nicht ausſchwaͤtzen, was ich ihm befehle, geheim zu halten; dazu iſt er verſtaͤn⸗ dig, verſchwiegen und wandelt die Wege des Friedens und Stillſeyns, wenn er auch zu Zei⸗ ten ſich als ein furchtſames Kind weiſt.“ „Aber ſein Vater?“ forſchte Standwich. „Iſt zu ſeinen Vaͤtern verſammelt worden,“ unterbrach Levi den Geaͤchteten:„Er iſt todt dem Leibe nach, wiewohl ſein Geiſt leben wird im Scheol, denn verwetten will ich mich, daß Abſalom nicht Theil hat an der Gehenna der Verdammten. So moͤgte ich Euch bitten, Hauptmann Standwich, daß Ihr dem Knaben offen zuſprecht, denn nimmer wird er ſchaden, weder Euch noch den Euren.“ Standwich blickte veraͤchtlich auf den Juden. „Nun, nun!“ ſprach er,„es ſoll mir gleich ſeyn, wen Ihr mitbringt, denn Euer Leben iſt eben ſo verfallen, als das meinige, wenn Alles kund wird; ja wenn nur Das kund wird, weshalb ich mich herablaſſe, einen elenden, mir ekelhaften, vermaledeiten Juden zu gebrauchen, deſſen Tritt ſchon die Erde beſudelt, und der ein Abſcheu jegliches Chriſten bleibt; denn in dieſem Puncte mindeſtens treffen alle Glaubensmeinungen zu⸗ ſammen, wie verſchieden ſie ſonſt auch ſeyn moͤgen.“ „Stimmen Eure chriſtlichen Glaubensmei⸗ nungen nur in dieſem Puncte uͤberein,“ entgeg⸗ nete Levi,„ſo iſt das Chriſtenthum fuͤrwahr ein Buͤndniß der Suͤnden, naͤmlich der Suͤnden des Haſſes gegen das verfolgte Volk Iſrael. Doch ſeyd Ihr Chriſten ja unter einander ſelbſt ein wildes Geſchlecht! Verwuͤnſcht und verflucht Ihr nicht Einer den Andern, und braucht die Zunge als Schwert und Dolch gegen einander, und zuͤndet den Scheiterhaufen an, auf welchem Ihr den Mitchriſten verbrennt? Iſt nicht das Kreuz, das ich an Eurem Halſe hangen ſah, Georg Standwich, ſo oft Ihr den Bruſtharniſch loͤſtet, ein Sinnbild der Verwuͤſtung; obwohl Ihr ſprecht, Euer Meiſter kam, um den Frieden auf Erden zu verbreiten? Was iſt Euer Biſchof zu Rom onders, als ein Koͤnig der Fluͤche? Und Ihr ſchwaͤtzt von meiner Veraͤchtlichkeit unter Eurem Volke, waͤhrend Eures Volkes Glieder ſich unter einander anfeinden?— Doch wollen wir, Georg Standwich, unſer Tagewerk nicht mit Vorwuͤrfen beginnen. Ihr ſeyd uͤbel gelaunt heute. Laßt uns von dem Silber ſprechen, denn das iſt ein Punct, in welchem Jude und Chriſt zuſammentreffen; ſintemal ſo der Anhaͤnger Mo⸗ ſis wie der Mann nach dem Herzen des Pap⸗ ſtes mit Wohlbehagen auf die glaͤnzenden Erd⸗ metalle blickt, auf denen das Bildniß derer Herr⸗ ſcher gepraͤgt ſteht— ſey es nun der Kopf ei⸗ nes Koͤnigs von Gottes auserleſenem Volke, oder von einem unglaͤubigen Geſchlechte; denn Keiner nimmt Anſtoß an dem Glauben Deſſen, der ſeinen Zahltag mit Gold oder Silber haͤlt.“ „Ich habe nichts hergebracht heute,“ ſagte der Geaͤchtete:„Ihr hoͤrtet ja, daß ich von Ge⸗ fahren bedraͤngt werde. Unſere Mannſchaft hat Silber fuͤr Euch vorräthig, doch wir duͤrfen es nicht wegſchaffen, und in Folge dieſer Bedraͤng⸗ — niß ſind etliche von uns in ſo großer Noth, daß es ihnen ſchier an Speiſe gebricht. Dieſem Man⸗ gel wird jedoch durch ein Stuͤck Wild abgehol⸗ fen, das man im Park von Fitz faͤllet. Der Eigner deſſelben wird heute Nacht um mehr als Ein Gabelhaupt ſeiner ſcheckigen Heerde aͤrmer gemacht werden.“ „Beſſer waͤr's, Ihr ließet dergleichen Werk,“ ſagte Levi,„der Parkhuͤther lauert auf, und der junge John Fitz, wie ich hoͤre, hat wie Sir Nicholas Slanning geſchworen, den erſten Wild⸗ dieb niederzuſchießen, den ſie im Park des alten Ritters ertappen werden.“ „Moͤgen ſie's verſuchen!“ entgegnete Stand⸗ wich;„jeder Pfeil, der uns einen Hirſch liefert, daß unſere Mannſchaft ihren Hunger ſtille, mag einen Mann der Unſeren den Wuͤrmern zum Abendbrote auf dem Platze uͤberlaſſen. Die Woͤlbgemaͤcher Derer von Fitz werden dann Einen mehr in ſich faſſen, den Ihr, Levi, ſo gern wie ich, vernichtet ſehen wuͤrdet. Hierin ſtimmen Jud' und Chriſt abermals uͤberein. 46 Hugo Fitz hat Euch eben ſo ſehr als unſere Mannſchaft beleidigt.“— „Das hat er, das hat er!“ fiel Levi ein, „denn zur Zeit der blutigen Maria war Hugo Fitz der Erſte, der meinen Untergang bewirkte. Raͤnke und Pfiffe des Rechtsweſens bot er auf bei einem Prozeſſe, den ich vor'm Gericht hatte, daß ich das Land fliehen mußte, um nicht auf dem Scheiterhaufen umzukommen oder vor Hun⸗ ger; und jener Mann——“ „Iſt nun ein Abtruͤnniger,“ rief Standwich, „der Julian dieſer Tage— der niedertraͤchtige, feile Miethling eines Hofes. Ihm verdanke ich die Gefahr, in der ich jetzt ſchwebe. Hoͤrt mich, Levi. Dieſer Hugo Fitz iſt zuerſt geſchaͤftig ge⸗ weſen, uns zu verderben, und dann uns zur Verzweiflung zu treiben. Jetzt hetzt er die Ge⸗ walt gegen uns. Auf ſein Anſtiften hat Richard Esdale, der Vogt vom Schloß Lydford, unſere Mannſchaft ſo gejagt und beunruhigt, daß wir gezwungen wurden, aus der Ebene von Lydford zu entweichen. Wir ſind verſtreut worden, und haben keinen ſicheren Zufluchtsort, als nur die 47 Hoͤhle. In ihr befinden ſich die wenigen Wei⸗ ber und die Huͤlfloſeſten der geaͤchteten Gruben⸗ maͤnner. Groß iſt ihr Elend, und geſtern Abend erfuhr ich, daß ein Preis von hundert Mark Silbers auf meinen Kopf geſetzt iſt.“ „Boͤſe Nachrichten, wahrlich!“ ſprach Levi. „Warum aber, da Euch keine Bande an dieſe Leute knuͤpfen, benutzt Ihr nicht eines der frem⸗ den Schiffe an dieſer Kuͤſte, und entweicht fuͤr eine Zeit lang dem Lande?“ „Was?“ rief Standwich,„um zu verhun⸗ gern oder umzukommen, wo ich weder Anhaͤnger noch Beiſtand habe?“ „Beide wuͤrdet Ihr zuverlaͤſſig finden, Haupt⸗ mann Standwich,“ meinte der Jude,„denn von Eurer Lebensweiſe findet Ihr der Bruͤder viele in jeglichem Lande, und Ihr ſeyd kein Fremd⸗ ling unter fernen Himmelsſtrichen.“ „Aber ich kann nicht— ich will nicht ent⸗ fliehen,“ verſetzte Standwich;„ich bin an dieſe Staͤtte durch eine Kette gefeſſelt, die ich nicht brechen kann, auch wenn ich es wollte. Wohl aber bin ich entſchloſſen, Alles zu erdulden, Alles 4⁸ zu wagen, Alles zu verſuchen, um Ein großes Ziel zu erjagen, welches Euch noch nicht kund iſt. Doch werd' ich bedaͤchtig ſeyn, werde Sorge tragen, durch jegliche Anſtrengung, durch jegli⸗ ches Mittel, das Natur oder Liſt darbieten moͤ⸗ gen, mein Leben zu erhalten. Nimmer aber, nimmer werd' ich dieſe Wildniß verlaſſen, bevor ich meinen Zweck erreichte. Hier will ich blei⸗ ben, ob ich nun ſtehen oder fallen moͤge!“ „Wahrlich, Hauptmann,“ ſagte Levi,„Ihr ſeyd ein Mann des Geheimniſſes; ſeltſam in Worten, jedoch entſchloſſen in Thaten. Und ſa⸗ gen muß ichs, wenn Ihr auch oft mit der Zunge mich geſchmaͤht habt, ſo ward mir doch Gutes von Euch zur Zeit meiner Noth erwie⸗ ſen. Kann ich Euch jetzt worin beiſtehen? Und wo hab' ich zu ſuchen das Silbererz? Das Schiff, mit dem das Metgll fort ſoll, ankert an der Kuͤſte. Ein Boot liegt bereit, die Waaren den Tamar hinab an Bord zu bringen. Der Schif⸗ fer hat Geld, wenn wir ihm nur das Erz zu⸗ fuͤhren koͤnnen. Wo find' ich's?“ „Sucht die Hoͤhle der klugen Frau auf,“ —, 49 ſagte Standwich;„Betſy Grimbal hat Weiſung, mit Euch zu unterhandeln.“ „Was? die Here von Endor ſoll ich aufſu⸗ chen?“ ſchrie Levi;„ſie iſt die Schlimmſte un⸗ ter den Euren, wiewohl Ihr mit einander ein furchtbar Geſchlecht ſeyd. Dem Grimm Eurer Mannſchaft mag' ich entgegentreten, denn er regt ſich nicht ſonder Anlaß dazu; auch mag Grimm geſaͤnftigt werden durch mildes Wort; doch die finſtere Bosheit jenes Weibes iſt toͤdt⸗ lich, ſollt' ich meinen.“ „Bringt ihr das Kaufgeld fuͤr das Erz,“ entgegnete Standwich,„und ſie wird zufrieden ſeyn. Unſere Mannſchaft vertraut ihr, denn ſie betruͤgt keinen unter uns. Mehr Grund zur Furcht beut Euch Richard Esdale. Ahnet er erſt, daß Ihr mitthaͤtig bei dem Gewerk ſeyd, ſo ſeht Euch fuͤr einen verlorenen Mann an. Sollt' er in Eure Gewalt gerathen, Levi, ſo macht ihm den Garaus; und Ihr erzeigt uns einen Dienſt, der nicht unvergolten bleiben ſoll.“ „Hauptmann,“ verſetzte Levi,„das iſt Euer Fitz of Fitz⸗Ford. I. 4 50 Handwerk; Menſchen im Dunkeln toͤdten iſt nicht mein Gewerb.“ Kaum hatte der Jude dieſe Worte geſprochen, ſo ſchoß der von ihm Angeredete einen furchter⸗ lichen Blick auf ihn. Mit der Hand am Schwett⸗ knaufe, und bebend von innerem Sturme, wollte Standwich ſeinem Grimme freien Lauf laſſen; doch beſann er ſich plotzlich, ließ ſeine Hand hinabgleiten und ſagte gedaͤmpften Tones:„Ihr ſeyd ein Thor, moͤgtet unſere Feinde vertilgt wiſſen, aber wagt's nicht, zur Vertilgung derſel⸗ ben zu ſchreiten.“ „Moͤgt's,“ verſetzte der Jude,„aber nicht durch Gewaltthaͤtigkeit; denn die Schrift ſagt, wer Blut vergeußt, deß Blut ſoll wieder ver⸗ goſſen werden.“ „Levi, ich kam hieher,“ fuhr Standwich fort, „Dir noch etwas Beſonderes zu ſagen. Es könnte ſeyn, daß ich morgen Nacht unter Dei⸗ nem Dache ruhen moͤgte.“— „Unter meinem Dache ruhen!“ rief der Jude voll Furcht und Erſtaunen.—„Heiliger Erzva⸗ ter Abram! Seyd Ihr toll, daß Ihr daran nur —, 51 gedenket? Wuͤrd es doch groͤßeres Wageſtuͤck ſeyn, als das derer Spaͤher, die ſich zur Ruhe begaben unter dem Dache Rahab's, der Hure; denn zuverlaͤſſig wird Jeglicher in der Stadt uͤber Euch ſeyn; Alle werden ſich erheben und ihre Thore ſchließen und Euch fahen. Rahab war getreu, und der Gott Iſraels war mit ihr; bei mir aber moͤgte er Euch zu retten vielleicht nicht ſeyn, wie treu ich mich auch erweiſe—“ „Darauf will ich's wagen,“ fiel Standwich ihm ein;„denn theilweiſe meiner Sicherheit wil⸗ len werde ich morgen die Stadt beſuchen. Kei⸗ nem Menſchen wird es einfallen, daß ich mich dorthin wagen koͤnnte. In der Ebene von Lyd ſollen ſie mich unterdeſſen ſuchen; und nicht, ſo wie jetzt, in Stahl gekleidet werde ich zu Euch kommen. Eines aber rath' ich Euch; wenn Ihr mich auch erkennt, huͤthet Euch, mich jenem al⸗ bernen Burſchen kund zu geben.“ „Aber der Burſch hat Augen— hat Ohren,“ ſprach der Jude,„und hat uͤberdies an dieſem Tage Euer Geſicht geſehen und Eure Stimme 4* 52 gehoͤrt. Wie kann ich ihm gebieten, Euch nicht zu kennen?“ „Er wird mich nicht erkennen, ſo Ihr mich ihm nicht verrathet,“ verſetzte Standwich.„Thut, wie ich Euch ſage, und er kann mich nicht er⸗ kennen. Ich werde nur waͤhrend der Nacht bei Euch verweilen.— Ihr muͤßt mich aufnehmen; Ihr duͤrft mir dies nicht verweigern. Erinnert Euch, Levi, daß ich Euer elendes Judenleben rettete. Auch war ich es, der Euch vor dem Complotte warnte, das Eure fruͤheren verraͤthe⸗ riſchen Goͤnner gegen Euch geſchmiedet hatten. Ich that das, ehe ich das letztemal England verließ.“ „Weiß es,“ antwortete Levi,„und in dem elenden Judenleben, wie Ihr es nennt, ſteckt mindeſtens Eine Tugend, die man nicht allzeit im Herzen des Chriſten findet. Ein Jude kann dankbar ſeyn, wie David es war gegen Jona⸗ than, als er ihm rieth, dem Zorne Saul's zu entfliehen. Ich will Euch aufnehmen in mein Haus, da Ihr raſend genug ſeyd, es zu begeh⸗ 53 ren; und das Leben, welches Ihr einſt rettetet, ſoll gewagt werden, das Eure zu bewahren.“ „Aus Erkenntlichkeit dafuͤr,“ ſagte Stand⸗ wich,„gebe ich Euch mein Ehrenwort, daß die Mannſchaft, welche mir gehorcht, Euch nimmer ein Haar kruͤmmen ſoll, ſo lange Ihr ſie nicht zu Hader reizt. Ihr ſollt nach wie vor Euerm Gewinn aus dem Handel mit uns ziehen.“ „Es iſt ein Vertrag zwiſchen uns,“ rief Levi; „ein Vertrag, wie der zwiſchen Joſua und dem Volke von Gilgal, und dieſer Felſen ſoll das Wahrzeichen davon ſeyn. Und gleichwie die Taube des Noa ſollt Ihr Ruhe finden fuͤr die Sohle Eures Fußes, und unter dem Dache mei⸗ nes Hauſes ſollt Ihr Zuflucht——“ „Genug davon!“ ſprach der Geaͤchtete;„noch Eins, und dann geh' ich. Ihr muͤßt mir noch Einen Dienſt leiſten, und zwar ſonder Verzug.“ „Sprecht,“ antwortete Levi,„und ſo es Leib und Glieder nicht gefaͤhrdet, ſoll's geſchehen.“ Standwich zog aus einer kleinen Taſche in ſeinem Mantel einen Brief, reichte ihn dem Ju⸗ den und ſagte:„Dies Schreiben muß in Ge⸗ 54 heim an Margaretha Champernoun abgegeben werden.“ „Frommer Iſaak!“ ſchrie Levi mit dem Aus⸗ drucke des hoͤchſten Erſtaunens auf ſeinem Ge⸗ ſichte—„ſeyd Ihr toll worden, Hauptmann? Ihr! Ihr ſendet ein Schreiben an Miß Grete Champernoun, der ſchoͤnen jungen Pflegtochter des Richters Glanville?— Wahrlich, der Mann hat den Verſtand verloren!“ fuhr der Jude fort, indem er Haͤnde und Blick erhob, und die Schul⸗ tern in die Hoͤhe zog, in der Verwunderung des Augenblicks.„Und ich ſoll ſeyn der Ueber⸗ bringer! Laßt mich Euch ſagen, was davon die Folge iſt: Dies Schreiben wird ſich mir eben ſo verhaͤngnißvoll erweiſen, als der verſiegelte Brief dem Uria, den David durch des Hethiters eigene Hand an Joab, den Heerfuͤhrer, ſendete. Dies werd' ich nicht ausrichten. Und wie Ihr, Georg Standwich, ein wilder Menſch, der Sohn Eines, den Niemand kennt, Ihr, ein Geaͤchteter, der da hauſet unter den Geaͤchteten— wie ein Solcher als Ihr, ſag' ich, irgend etwas mit dem. ſchmuckeſten Dirnlein von ganz Devon zu ſchaf⸗ 55 fen haben kann, eines Dirnleins, das die Pfleg⸗ tochter eines der Richter unter dieſem Volke iſt— das uͤbertrifft fuͤr mich jeglich anderes Wunder. Ich moͤgt' Euch bitten, mir dies zu erklaren, falls die Sache mich anginge; aber Ihr ſeyd ein Mann des Geheimniſſes in allen Stuͤcken.“ „So wollt Ihr mir dieſen Dienſt nicht lei⸗ ſten?“ ſagte Standwich;„wenn Ihr Euch wei⸗ gert, muß ich mir einen anderen Boten finden.“ „Ich hab' Euch ſchon geſagt, daß ich nicht will,“ antwortete Levi:„Euch herbergen iſt mehr, denn gefahrvoll, doch dieſe Dienſtleiſtung waͤre Tollheit, hieße mich vorſaͤtzlich in die Loͤwen⸗ grube ſtuͤrzen.“ „So thut denn Etwas fuͤr mich, im Fall ich keinen zuverlaͤſſigen Boten finden kann,“ fiel der Geaͤchtete ein;„ſeht zu, daß Ihr mit Mar⸗ garethen Champernoun ſprecht, und ſagt ihr, daß der Maientag nahe iſt und ſie an dem Tage Einen ſehen wuͤrde, nach welchem ſie ſich ſehnt, und den ſie am wenigſten erwartet. Sie wird Euch verſtehen.“ — „Das iſt eine finſtere Botſchaft,“ rief Levi, der zweifelsvoll den Kopf ſchuͤttelte;„doch be⸗ ruͤhrt ſie mich nicht. Kann ich das Maͤgdlein treffen, wiewohl ich keine Gelegenheit dazu ab⸗ ſehe, will ich Euren Spruch an ſie abgeben. Von wem aber ſoll ich ſagen, daß ich komme? Denn nicht um die Welt moͤgt' ich, ſelbſt nicht Buͤßung,“ verſetzte Standwich;„den eines ſolchen Mannes zu wiſſen, ſeyd nicht verpflichtet.“ Abermals blickte der Jude betroffen, denn widerſinnig ſchien es ihm, daß ein Menſch, der wie Standwich vom Truge, von Heimlichkeit und Gewaltthat lebte, ſich als einen Buͤßen⸗ den bezeichnet wiſſen wollte. Levi konnte das Laͤcheln nicht unterdruͤcken, das ſich um ſeine Lippen lagerte, als er lauernd auf den Haupt⸗ mann blickte und ſagte:„Bei unſerem Volke beginnen die Geſetzubertreter ihre Buße damit, daß ſie das Geſetz befolgen; doch Solches iſt zu⸗ 57 verlaͤſſig nicht die Buße nach Eurem Chriſten⸗ glauben. Nun wohl, ich vermag Vieles fuͤr Euch zu thun; die muͤndliche Botſchaft will ich uͤberbringen, Geſchriebenes wuͤrde allzu ge⸗ faͤhrlich—“ „Genug,“ ſagte Standwich;„morgen Abend in der Daͤmmerung werde ich den Schutz Eures Hauſes ſuchen. Mit Tagesanbruch verlaſſe ich es wiederz drum ſagt dem Duͤmmling dort nichts davon.“ „Der Knabe Benjamin ſoll nichts von mir erfahren,“ entgegnete Levi,„doch iſt er nicht ſo einfaltig, als er Euch zu ſeyn beduͤnkt. Bei all⸗ dem werden Trommeln und Pfeifen und die Spiele des Maienfeſtes der Juͤnglinge und Maͤd⸗ chen ihn draußen und zu geſchaͤftig halten, um ihm Zeit zur Neugier zu laſſen. Ich werde mein Beſtes thun, Euch zu ſchuͤtzen, und hoffe, es werde kein Boͤſes weder fuͤr Euch noch fuͤr mich d'raus entſtehen.“ „Fuͤrchtet nichts,“ ſagte der Geaͤchtete;„und jetzt macht Euch fort mit dem Knaben, ſo hur⸗ tig Ihr koͤnnt. Die Sonne iſt hoch herauf; 58 ich darf hier nicht länger weilen, denn ein Rei⸗ ſender koͤnnte des Weges kommen und mich er⸗ blicken. Ich muß heut ruͤſtig ſeyn, denn der naͤchſte Tag erfordert beſonderes Thun. Gedenkt des Silbererzes in der Hoͤhle der Alten. Geht zu ſchicklicher Weile dahin.“ „Will's thun,“ antwortete Levi,„und ſomit Gott befohlen, Hauptmann Standwich!“ Der Geaͤchtete winkte mit der Hand, zog den Mantel feſter um ſich, ſchritt haſtig hinter den Felsberg, eilte den ſteilen Abhang hinunter, der dem wilden und verwachſenen Thale Walk⸗ ham zufuͤhrte, und war bald nicht mehr zu ſehen. Levi winkte den Neffen zu ſich, und Beide be⸗ ſtiegen wieder ihre Thiere. Erſterer war ſehr verdroſſen, das Erz nicht erhalten zu haben, um deßwillen er eigentlich zu ſo fruͤher Stunde in den Moorgrund geritten war; dazu erſtaunte er noch immer uͤber das Geheimnißvolle in dem Charakter und dem Weſen des Geaͤchteten. Benjamin, der ſchon uͤber den bloßen An⸗ blick des muskelſtarken, bewaffneten und finſteren Felſenmannes in Schrecken gerathen war, ſchien . uͤberdies noch von dem Stoße zu leiden, den er von der Fauſt des Fremden erhalten hatte; ſo daß er waͤhrend des Dahinreitens oft umblickte, ohne ſelbſt zu wiſſen, was er eigentlich furchtete. Auch fand er nicht eher ſeinen Muth wieder, als bis der Oheim und er anfingen, die Bergre⸗ gion von Dartmoor hinabzutraben, wo der An⸗ blick der Heerſtraße, welche zur Stadt leitete, das Zuſammentreffen mit etlichen Voruͤberziehen⸗ den, und die Stadt Taviſtock, die ſich mit ihren Wehrmauern und den Thuͤrmen ihrer verfalle⸗ nen Abtei erhob, den Juͤngling von aller Furcht befreite, und ihm dergeſtalt die Zunge loͤſte, daß er uͤber allerlei Gleichguͤltiges mit dem Ohm plauderte; denn dieſer hatte ihm verboten, auf das Fruͤhgeſchaͤft dieſes Tages hinzudeuten, in⸗ dem er dabei verſtaͤndig bemerkte, daß, wenn es auch von Nutzen waͤre, alle Dinge zu beobach⸗ ten, es doch Dinge gaͤbe, an die man beſſer denkt, als daß man von ihnen ſpricht. Brittes Capitel. Schau, ob der Herr kommt!— Luſt'ger Tag heut, ſeh' ich. Wie ſteht's, Herr Hugo? Iſt kein Schultag heut? Shakſpeare. Ein Maientag zur Zeit der Koͤnigin Eliſabeth war ein ganz anderes Freudenfeſt, als in unſern Tagen, in denen die uralten Gebraͤuche zu Eh⸗ ren der Goͤttin Flora(denn die Alterthumsfor⸗ ſcher zweifeln nicht daran, daß jene Feſtlichkeit ſich von den Opferfeſten der Heiden herſchreibt,) den ſeltſamen Einfaͤllen der Rauchfangkehrer ha⸗ ben weichen muͤſſen, wenn dieſe mindeſtens fuͤr Einen Tag im Jahre mit halbgewaſchenen Ge⸗ ſichtern, den berußten Rock gegen ein nelkenfar⸗ benes Kleid vertauſcht, das uͤberdies mit Flitter⸗ gold beſteckt iſt, durch die Straßen von London mit welkenden Blumen und Papierkronen im Triumphe dahinziehen, und vielleicht ein allzu wohl getroffenes, wiewohl trauriges Zerrbild man⸗ cher Erdenkrone und mancher ſobald in Nichts zerfallenden Weltgroͤße abgeben! Die Sitten und Gebraͤuche der Menſchen ſtehen nimmer ſtill, indem Veraͤnderung die Ord⸗ nung der Dinge dieſer Welt auszumachen ſcheint, und kein Wunder alſo iſt es, wenn guter Ge⸗ ſchmack und Weisheit zur Zeit unſerer Geſchichte heut zu Tage nur allzu gern als barbariſche Sitten verſchrieen werden. Das Maienfeſt zur Zeit der Koͤnigin Eliſa⸗ beth war ein Feſt allgemeinen Entzuͤckens, am Hofe, wie unter allen Staͤnden des Volkes; und die Zeit, zu welcher es gefeiert wurde, galt fuͤr die Graͤnzlinie zwiſchen Winter und Sommer, als der Entſtehungstag der Blumen, der Liebe, der Fuͤlle und der Luſt, und in keinem Theile von England war daſſelbe damals hoͤher geach⸗ tet, als in dem„aͤußerſten Winkel des Weſtlan⸗ des“, wo alle uralten Ceremonien, deren Spu⸗ ———— 62 ren heut zu Tage uns nur an den Verfall deſſelben erinnern, geziemend und vollſtaͤndig da⸗ bei beobachtet wurden. Taviſtock, der Schauplatz jener Luſtbarkeiten, dieſer etwa drei(engl.) Meilen von Dartmoor entfernte Ort, bot damals einen ganz anderen Anblick, als zu unſerer Zeit dar. Freilich waren. die Moͤnche durch Cromwell, Grafen von Eſſex, unter Heinrich dem Achten aus ihrem Neſte vertrieben worden, allein das ſtattliche Kloſter mit ſeinem koͤſtlich erbauten Capitelſaale ſeinen Wehrmauern und kegelfoͤrmigen Thuͤrmchen er⸗ hob noch immer ſein Haupt uͤber den rauſchen⸗ den Tavy hin, der noch jetzt an den verfallenen Mauern des Gebaͤudes voruͤber, uͤber die Fels⸗ klumpen ſtroͤmt, die das Bett des Fluſſes derge⸗ ſtalt bilden, daß ſie bisweilen im Waſſerwirbel als Schneeflocken, oder, wenn die Sonne in vollem Lichte auf der Fluth ſpielt, wie„eine Schnur glaͤnzender Demanten“, gleich den Ju— welen jener Elfen und Feen erſcheinen, die, wie man glaubte, ihre Spiele und Scherze in den Quellen trieben, welche aus den Hoͤhlen und 63 Felsſchluchten des Moorlandes entſpringen, waͤh⸗ rend an den Ufern, den Abteimauern gegenuͤber, ein Hain gruͤnt, der ſeine Aeſte zu der Fluth hinabſenkt, die bei jeder Kruͤmmung in ihrem Laufe eine ſo anmuthige Vermengung von Licht und Schatten, von munterem Laubwerk, Felsge⸗ ſtein und Gewaͤſſer blicken laßt, daß die unmit⸗ telbare Naͤhe dieſes entzuͤckenden Ortes vorzugs⸗ weiſe den auszeichnenden Namen„der Spazier⸗ gang“ erhalten hat. Das gothiſche Haus, ehemals das Spital der Ausſaͤtzigen, auch Magdalenenſpital genannt, ein Gebaͤude aus uralter Zeit, ſtand damals noch, wie manch anderes ehrwuͤrdiges Haus, deſſen Begruͤnder die Kriege der rothen und weißen Roſe erlebten, in aller Pracht ſeiner Zierrathen da, und die Buden an ſeiner Vor⸗ derſeite, die von niedrigen, dicken Granitſaͤulen getragen wurden, boten durch ihre frei und offen ausgelegten Waaren aller Art den Kaufluſtigen reiche Auswahl dar. Unfern der Kirche, des einfachſten Gebaͤudes der Stadt, welches, wie es mit manchem Men⸗ 64 ſchengeſichte zu geſchehen pflegt, alle Schoͤnhei⸗ ten, von denen es ehedem umgeben war, uͤber⸗ lebt hat, wuchſen in ſtattlichen Reihen hohe Ei⸗ benbaͤume, zufolge jenes veralteten Geſetzes, kraft deſſen dieſe Baͤume auf allen Kirchhoͤfen gepflanzt werden mußten, um die unuͤbertroffenen Schuͤtzen des Landes mit Schießbogen zu verſorgen. Dieſe Baͤume, die einen dunkeln Schatten umherwar⸗ fen, wieſen ſich in vollkommener Uebereinſtim⸗ mung mit dem duͤſterfarbigen Geſtein des Thur⸗ mes, deſſen ſchlichte Bauart der praͤchtigen Structur des neben der Kirche ſich erhebenden Kloſters zur Folie diente. Von letzterem iſt weiter keine Spur vorhanden, als die Eingangs⸗ pforte zu einer Grabkapelle, die Orgar, dem Grafen von Devon, zugeeignet wird. Suͤdweſt⸗ lich von der Gemeindekirche ſtand zu jener Zeit ein Haus, deſſen Vorderſeite mit einem in Stein gehauenen Buche geziert war, welches darthun ſollte, daß dies Gebaͤude ein oͤffentliches, nicht aber die Wohnung eines Privatmannes war. Es war das Schulhaus, in welchem vor Alters, wiewohl Geſchichtskundige daran zweifeln, die —+„„—„———— — 65 altſaͤchſiſche Grammatikſchule gehalten ward, wel⸗ che zur Zeit unſerer Erzaͤhlung in ſofern ein wenig ausgeartet war, daß ſie eine Horde bar⸗ fuͤßiger und krauskoͤpfiger Buben enthielt, die man die lateiniſchen Jungen nannte. Ihr Lehr⸗ meiſter, Barnabas Ferule, galt in der Stadt fuͤr einen Mann von Gewicht, der wegen ſchwe⸗ rer Hand bei'm Pruͤgelaustheilen beruͤhmt war, bei dem man die zuverlaͤſſigſte Auskunft uͤber das Neueſte außerhalb und innerhalb Landes erhalten konnte, und der ſelbſt von dem großen Manne der Pfarrgemeinde, von Sir Hugo Fitz, wegen ſeiner unzubezweifelnden Kunſt im Nativität⸗ ſtellen, wegen ſeiner trefflichen Recepte zu Be⸗ ſchwoͤrung der Elfen und Feen, und wegen ſei⸗ ner Salben fuͤr die Augen der Sterblichen, daß dieſe nicht Gefahr liefen, bei'm Anblick der Her⸗ aufbeſchworenen zu erblinden, in hohem Anſehen ſtand. Barnabas war ein winziges, mageres Maͤnn⸗ lein, und ſah aus, als ob er gekocht waͤre, ſo welk und aſchfarbig wies ſich ſein Wangen⸗ paar, waͤhrend glaͤnzende Kugelaugen, von einem Fitz of Fitz⸗Ford. I. 5 Scharlachrahmen eingefaßt, ſeinem Geſichte einen Anſtrich von Wildheit und Regelloſigkeit verlie⸗ hen, und die, zuſammt den duͤnnen grauen Lok⸗ ken, die ihm ungekäͤmmt um die Zaͤhne herum⸗ hingen, und dem aus Mangel an Pflege halb⸗ verkommenen Barte, ihm gar ſehr das Anſehen Deſſen gaben, was die Landleute einen Wirr⸗ kopf nennen. Hiezu kam, daß ſein naͤchtliches Auffitzen, um die Geſtirne zu belugen und um anderen naͤchtlichen Studien der judicialen Aſtro⸗ logie obzuliegen, ihn dergeſtalt ausgemergelt und umgewandelt hatte, daß er vollkommen wie ei⸗ nes jener Geſpenſter ausſah, an deren Exiſtenz er ſo andaͤchtiglich glaubte. Die Sorge fuͤr die lateiniſchen Jungen, das Amt eines Stadtſchult⸗ heißen und Chirurg⸗Aſſiſtenten, benebſt der Auf⸗ halſung eines Eheweibes mit ſechs duͤrren Kin⸗ dern, waren allſammt Dinge, die dieſen gelahr⸗ ten Juͤnger der Sterndeuterei daran hinderten, fett von einem Einkommen zu werden, das ſich auf nicht hoͤher als eilf Pfund Sterling jaͤhrlich belief. In der Fruͤhe des Maientages hatte, ehe 67 es noch tagte, Barnabas ſich dem Bett entho⸗ ben, oder vielmehr, er war kaum zu Bette ge⸗ weſen, indem er eine beſondere Planetenconjunc— tion beobachtet hatte, bis die große Kirchenglocke zwei Uhr anſchlug, zu welcher Stunde er auf ſein Lager ſchlich, nicht um ruhig zu ſchlafen, ſondern zu traͤumen, in welcher Mondwohnung das Geſchick eines benachbarten, ſo eben in dieſe Welt des Wehes befoͤrderten kleinen Schreihal⸗ ſes aufzufinden ſeyn moͤgte. Allein nicht lange hatte Barnabas ſich dieſen ſtillen Viſionen hin⸗ gegeben, als er ſchon wieder genoͤthigt war, auf⸗ zuſtehen, um die Wiege des Juͤngſtgeborenen ſeines eigenen Hauſes zu ſchaukeln, deſſen wie⸗ derholtes Gequaͤrr ſo ihn wie ſeine minder thaͤ⸗ tige Ehehaͤlfte verhinderte, ſich dem wohlthaͤtigen Einfluſſe des Schlafes hinzugeben. Kaum grauete der Morgen hinter den oͤſtlichen Huͤgeln hervor, ſo erhob ſich ein ſo gewaltiges Glockengelaut, daß der alte Thurm von ſeinen froͤhlichregen Zungen bis in ſeine Grundfeſten erſchuͤttert ward, und Barnabas fuhr zum Bette heraus und in einen neuen ſchwarzen Rock aus Halbtuch hin 5* 68 ein. Dies gethan, wuſch er ſich das Geſicht, und zwar im Umkreis eines Ringes, ſo daß ſeine Morgenablutionen ihm wohl den Mund friſch und tuͤchtig machten, jedoch der Naſe und den Augen nimmer beſchwerlich fielen, um ſie der Schmuzkruſte zu entledigen, die ſich um dieſelben herum gelagert hatte, um, gleich dem eichenen Rahmen eines alten Gemaͤldes, durch den darbietenden Contraſt in ihrer tiefbraunen Faͤrbung den lichtern Zuͤgen des Angeſichtes ei⸗ nen erhoͤheteren Glanz zu verleihen. Hurtig war Barnabas vollends gekleidet, und ſchritt dann treppab, um der Gruppe ſeiner kleinen dicken Jungen entgegen zu treten, die an dieſem Tage zu ſo vorfruher Stunde an Ort und Stelle beſchieden worden waren. Das Schulgemach, in welches wir jetzt den Leſer einfuͤhren muͤſſen, war eine lange, alte, go⸗ thiſch gebaute Kammer, mit dicken, ausgeſchnitz⸗ ten, eichenen Woͤlbbalken, von denen viele grin⸗ ſende Ungeheuerkoͤpfe herabglotzten, indem ſie den Vollendungszierrath der Bogentraͤger abgaben. Die ſchmalen Fenſter waren in ſolcher Hoͤhe an⸗ 69 gebracht, daß ſie alle Moͤglichkeit ausſchloſſen, die Buben koͤnnten verſucht werden, ihre Zeit damit zu vertroͤdeln, hinauszuſchauen, was drau⸗ ßen vorgehen moͤgte; und mancher lange Tiſch und eben ſo lange Bank ſtanden geordnet um⸗ her. Am oberen Ende des Schulſaales ſah man einen ſeltſam geſchnitzten Lehnſtuhl, deſſen Ruͤk⸗ ken einen Moͤnch mit einem Buche und einem neben ihm ſtehenden Kinde zeigte, als ob dieſes von jenem leſen lernte, mit den daruͤber einge⸗ ſchnittenen Worten:„Schola Saxonica de Tavy- stoke.“ Dieſe Inſchrift that dar, daß dieſer ur⸗ alte Sitz der Gelahrtheit ehedem das Eigenthum der altſaͤchſiſchen Grammatikſchule geweſen war⸗ Vor dem Stuhle erhob ſich ein Pult, an wel⸗ chem eine eiſerne Kette befindlich war, woran das koſtbare und alleinige lateiniſche Woͤrterbuch gefeſſelt lag, das zu Nutz und Frommen der ganzen Schule diente. Dieſe Feſſeln mogten zu Verhuͤthung von Entwendung noͤthig ſeyn, in⸗ dem zur Zeit unſerer Erzaͤhlung die Buchdrucker⸗ kunſt ungleich minder verbreitet war, als ſie es gegenwärtig iſt, und Buͤcher alſo damals hoͤher im Werthe ſtanden und ſeltener angetroffen wurden. Eine große Birkenruthe(denn dieſer Schrecken kleiner Jungen reicht bis in die aͤlte⸗ ſten Zeiten hinauff und das Panterbret(ein hoͤlzernes Inſtrument, einer Kolbe nicht unaͤhn⸗ lich, mit welchem Schlaͤge in die Flachhand ver⸗ ſetzt wurden) lagen zu beiden Seiten des Woͤr⸗ terbuches, und waren der Schulzucht Das, was die Stutzen den Tropaͤen ſind, naͤmlich gewal⸗ tige Traͤger Deſſen, dem Ehrfurcht gezollt wer⸗ den ſollte. Der Schulſaal war pald gefuͤllt, denn da der derzeitige Tag zu einem Feſttag auserſehen ward, war keiner der Jungen„ſchneckengleich ur Schule gekrochen“. Luſt und eifrige Er⸗ wartungen ſaßen auf dem Geſichte eines jeden pausbackigen Knaben. Durch der guten Mutter Sorgfalt erſchienen aller Koͤpfe wie Flachsflech⸗ ten ſauber gekaͤmmt, außer da, wo die Natur ſolchen Förmlichkeiten trotzte, und das Haar ei⸗ nes Buͤbchens allzu hartnaͤckig lockte, als daß es haͤtte dahin gebracht werden töe, dem Schwanze des alten Dobbin, des Muͤhlenpferdes, ähnlich zu ſehen, welchem Launcelot Gobbo die Locken ſeines Sohnes vergleicht“). Mit nicht geringem Grade von Stolze betrachtete Barna⸗ bas ſeine kleine Heerde, die jetzt in ihren Sonn⸗ tagsjacken ſteckte, und von der jeder Einzelne bereit war, die Rolle zu uͤbernehmen, die bei den Maienſpielen ihm zuerkannt werden wuͤrde. Sobald der Lehrmeiſter erſchien, erhob die geſammte Brut aus ihren kleinen ſchrillenden Kehlen ein einſtimmiges Geſchrei, und rief dem Herkommen gemaͤß:„Feiertag fuͤr die lateiniſchen Jungen! Feiertag! Gott ſegne die Koͤnigin und unſern Schulmeiſter!“ „Und alle Edlen und Ritter des Landes!“ ſetzte Barnabas hinzu:„So iſt's recht, meine Burſchen! jauchzt froͤhlich, und Ihr ſollt einen Feiertag haben, denn woher naͤhme ſonſt die Maienkoͤnigin ihre Edelknaben? Wo ſind Hans Kelly und Robert Hilf?“ „Hans Kelly,“ antwortete ein Knabe mit *) M. ſ. Shakſpeare's„Kaufmann von Venedig.“ Der ueberſ. 72 einem Geſichte, das wie ein neuer Silbergroſchen glaͤnzte,„holt den Kochloͤffel, der zum Stecken⸗ pferde noͤthig iſt, wie Ihr's ihm befohlen habt. Und Robert Hilf melkt die Kuh der Frau Schul⸗ meiſterin, weil Robert vergeſſen hat, ihn geſtern Abend zu melken.“ „Ihn!“ rief Barnabas,„wer indicirt eine Kuh durch ihn?“ Wirſt Du, Tom Oſogut, nim⸗ mer richtig ſtatt Devonſch ſprechen lernen? Wirſt Du nimmer Deine genera, Deine masculina et ſoeminina unterſcheiden lernen, mein Junge? Hab' ich's Dir nicht noch neulich Abends ge⸗ ſagt, als Du den Muhnd durch ſie“ indicirteſt?“ ſetzte Barnabas hinzu, indem er fuͤr diesmal der breiten Volksſprache des Landes nachhing und das gedehnte O wie U ausſprach.„Weißt Du nicht, Tom, daß ich ſchon oft ſagte, wie ein Menſch augenblicklich an ſeiner Redeweiſe zu erkennen iſt, und wie man ſofort aus der gram⸗ matiſchen Conſtruction ſeiner Sprechſaͤtze ent⸗ nimmt, ob er ein wohlunterrichteter feiner Herr oder ein dummer Dorfluͤmmel iſt? Wohl habe ich Dir dieſes geſagt, und muß mit Cicero ſpre⸗ 73 chen:„Miror, cum praeceptor sit adeo insigniter eruditus, te non ulterius fuisse progressum.“ „Und nun,“ fuhr Barnabas fort,„meine Jungen, wißt Ihr Alle Eure Rollen? denn wir haben heut Abend vor dem Sir Hugo Fitz und einer hochedlen Geſellſchaft das Vorſpiel „Oberon und Titania“ nebſt einem Prolog von meiner Compoſition aufzufuͤhren. Tom Oſogut, Du ſpielſt den Oberon, und Samuel Bud macht die Feienkoͤnigin. Denkt an das, was ich Euch ſchon geſagt habe! Ihr muͤßt langſam und zier⸗ lich einherſchreiten, und nicht trampen und kne⸗ ten, als ob Ihr hinter'm Pfluge ſchoͤbet. Steh' auf, Tom, und laß mich ſehen, wie Du Titania umhalſeſt, und ſie dann an der Hand zur Laube fuͤhrſt. Tripple doch, Junge, tripple! weißt Du nicht, daß die Feien immer trippeln? Ei was, ſo trabt Mutter Moffat's graue Stute. Schaffe Dir einen beſſern Elfenſchritt an, oder Du wirſt in Deinem Schuh kein Halbſchillingsſtuͤck finden, das Dir von jenen Unſichtbaren als Belohnung dafuͤr hineingeworfen ward, daß Du ſie vor den Augen der Sterblichen getreulich darſtellteſt.“ 24 „Schaut auf mich, Jungen,“ ſprach Barna⸗ bas weiter, indem er Samuel Bud an der Hand faßte und ihn dann an den Fingerſpitzen fuͤhrend auf den Zehen mit ihm durch den Schul⸗ ſaal trippelte.—„Seht Ihr, wie ich mich mit Anmuth bewege? Titania, laß den Kopf uͤber die linke Schulter haͤngen, und halt' ihn nicht ſo ſteif in die Hoͤhe wie Lot's Weib, nachdem ſie in eine Salzſaͤule verwandelt ward. So iſt's Recht! ſo geht's— jetzt dreh' Dich zierlich her⸗ um und blicke auf mich— Pfui! nicht ſo! Du mußt den Kopf nicht nach Oſten und Weſten drehen, als ſteckte er auf einem Drehkreuze! Gieb auch Acht, Samuelchen, daß Du von Dei⸗ nem Weiberrock ein wenig, naͤmlich gerade ſo viel in die Hoͤhe hebſt, um den halben Schuh zu zeigen, wie die Edelfraͤulein thun, wenn ſie zur Kirche trippeln. So iſt's gut, mein Junge! Miß Margareth Champernoun hat ihren gruͤnen Reifrock nebſt dem Guͤrtel und dem Jäͤckchen zum Anzuge fuͤr die Feienkoͤnigin hergeliehen, drum ſey ein guter Junge, und ſtelle ein ſo zierliches Frauenzimmerchen vor, als Du jemals „—— —— 75 eines geſehen haſt. Jetzt mußt Du vor Oberon flichen, waͤhrend er Dir nacheilt. Was haſt Du denn mit Deinen Fluͤgeln angefangen? Sie waren neu am vorigen Maienfeſte, und koſteten ſammt Kleiſter und Beugdrath einen Halbſchil⸗ ling—“ „Mamme hat einen davon zerbrochen,“ war des Jungen Antwort,„als ſie damit die Spinn⸗ weben von Herrn Hugo's Buͤchern abwiſchte.“ „Titania's Schwingen zur Spinnwebenbuͤrſte im Hauſe eines alten Advocaten zu gebrauchen!“ rief der Schulmonarch—„das iſt eine entſetz⸗ liche Verkehrung des Rechtes zum Gebrauche der Dinge, und voͤllig ſo greuelhaft, als wenn ein Prieſter den Satan durch Weihwaſſer heraufbe⸗ ſchwoͤren wollte! Die Advocaten brauchen den Staub zu ihrem Gewerb, um ihn ihren Clienten in die Augen zu ſtreuen, und nicht Titania ſelbſt muß ihn wegfegen, ſonſt geht ihr Handwerk zu Grunde, wie ein Hofwitzling ſagen wuͤrde!“ rief Barnabas, indem er ſeinen weit hergeholten Ge⸗ danken von Herzen belachte.„Oberon, mein Junge,“ ſprach er dann weiter,„halte Deinen 76 Kopf hoch, Du weißt, Du biſt ein Koͤnig, und mußt alſo Majeſtaͤt und Wuͤrde zeigen. Sieh mich an,— ſo! Jetzt naͤhere Dich der Feienko⸗ nigin— Recht gut; nur ſtrecke nicht den Bauch heraus. Die Wuͤrde ſteckt in Kopf und Schul⸗ tern. Erhebe Deinen rechten Arm, indem Du Titania mit einem Buͤndel Blumen und einer Poeſie beſchenkſt. Nicht ſo! Deine Geberde muß leicht und frei ſeyn; Du haͤltſt ja die Arme ſteif wie Stangen uͤber ausgehaͤngten Barbier⸗ becken! Jetzt verfolge die Koͤnigin— ich will Dir zeigen, wie Du es machen mußt;“ und Barnabas huͤpfte hinter Titania her, waͤhrend der Junge, der den Oberon zu ſpielen hatte, ſchelmiſch die anderen Buben anlachte, oder das Maul zog, um die Phyſiognomie des Praͤcep⸗ tors nachzuaͤffen, wobei er dieſem folgte und deſſen Geberden etwa ſo nachmachte, wie ein Affe auf einem Tanzbaͤr herumſpringt. „Und nun, Burſche!“ ſagte Barnabas,„fuhrt Euren Mohrentanz auf; dann wollen wir Alle fort zu dem Hauſe des Sir Hugo Fitz, um dem Vorſteher unſerer Gemeinde den Maitaggruß zu bringen, und einen guten Imbiß aus ſeinen Vorrathskammern zu ſchmecken. Iſt das geſche⸗ hen, ſo geht's hinaus in den gruͤnen Wald, um Maienzweige fur die Proceſſion einzuholen. Tanzt, Jungen, tanzt! ich will Euch dazu pfeifen.“ Barnabas that alſo, und nachdem er, ſo gut er es vermogte, ſeine kleine Mannſchaft auch im Mohrentanz unterrichtet hatte, ließ er ſeiner Ehe⸗ haͤlfte einige Weiſungen zukommen, und fuͤhrte dann ſeine Schuljugend dem Hauſe Sir Hu⸗ go's zu. Piertes Capitel. Lang' hatt' er durchſtudirt Math'matik, 3 Optik, Philoſophei und Statik, Magie, Horoskopei, Aſtrologie, War eingehetzt in Phyſiologie; Doch mit dem Mond hatt' er Verkehr, Als ob Kalendermacher er waͤr, Verſtand in deſſen Scheibe zu leſen, Daß man glaubt', er ſey darin geweſen. Hudibras. Von dem Wohnhauſe des Sir Hugo Fitz iſt gegenwaͤrtig nichts mehr uͤbrig, als die epheuum⸗ wachſene Eingangspforte. Auch iſt das Gebäude nicht das Einzige, was jene Veraͤnderungen er⸗ itttt, die durch der Zeit Umwälzungen herbeige⸗ führt werden. Von dem edlen Park, der das Haus umgab, iſt keine Spur mehr vorhanden, und die ſanfte Anhoͤhe, auf welcher er ſtand, iſt ⸗— jetzt durch Einzaͤunungen in einen eintoͤnigen Schauplatz von Wieſenlaͤndereien abgetheilt, die ſelbſt in ihrer groͤßten Mannichfaltigkeit nichts An⸗ deres als die Buntheit eines Schachbretes zeigen; waͤhrend in Front des Gebaͤudes, oder vielmehr der Eingangspforte deſſelben, vormals ſtattliche Eichen und Ulmen ihren tiefen Schatten warfen. Das Mauerwerk der Pforte wird jetzt mit dem Staube beworfen, den die Heerwegswagen auf⸗ wuͤhlen, wenn ſie bei'm Klange des Poſtillons⸗ horns nach der Melodie des Jaͤgerchors aus Carl Maria von Weber's„Freiſchuͤtz,“ auf der neuen Straße nach Plymouth dahin rollen. Wie verſchieden war ehedem dieſer Schau⸗ platz von dem, was er heutiges Tages iſt! Keine ſtaubige Poſtſtraße, keine rollenden Raͤder verdarben den gruͤnen Raſen, oder unterbrachen die tiefe Stille, die um das Familienhaus her⸗ um herrſchte, das, beruͤhmt durch den Stolz und das Gebluͤt ſeines Stammbaumes, wie Wappen und Schilde es andeuteten, den Urſprung ſeiner Inſaſſen bis zu den Zeiten der alten Norman⸗ nen hinaufleiten konnte. Das Stammhaus von 80 ————— Fitz⸗Ford ſtand am Ende eines ſtattlichen Baum⸗ ganges, deſſen kuͤhne Wipfel einen Schwibbogen bilden, der ſo gruͤnend und ſo ſchirmend gegen die Schwuͤle des Sommers war, daß die alten ulmen ganz in Moos gehuͤllt, und mit Geflech⸗ ten von Schlingkraut behangen erſchienen. Die Saatkraͤhen, dieſe ſchwarzen Bewohner der Ul⸗ men, lebten hier in ungeſtoͤrtem Frieden, außer zu Anfange des Fruͤhlings, zu welcher Zeit die offenkundige Feindin des aufkeimenden Geſchlechts dieſer Voͤgel, die furchtbare Kuͤchenmagd, ihren Spruch erſchallen ließ, daß etliche und mehrere von den Jungen gefangen und getoͤdtet werden ſollten, damit die Monarchin der Bratpfanne den Tiſch im Speiſeſaale mit dem Leckerbiſſen von Devon, naͤmlich mit einer Saatkraͤhenpaſtete verſehen, und dieſelbe mit einer aus der reichen Milchſahne der Grafſchaft zubereiteten Bruͤhe begleiten koͤnnte. Am Ende des Baumganges zeigte ſich das Thorhaus, ein niedriges Bauwerk aus den Zei⸗ ten Heinrich's des Siebenten, das an ſeiner Vorderſeite, in Stein gehauen, einen Schild mit 81— dem Wappen von Fitz wies. Ein wohlgeſchweif⸗ ter, mit dem Eichenzweig und dem Schildſchnitz⸗ werk verzierter Schwibbogen geſtattete Zugang zu einem inneren Hofraume, auf welchem rings⸗ um die verſchiedenen Nebengebaͤude des Herrn⸗ hauſes ſtanden, deſſen nach Suͤden gewendete Vorderſeite einen des Herſtellers derſelben wuͤr⸗ digen guten Geſchmack verrieth. Die gothiſchen Thorwege daran waren mit reichem Bildhauer⸗ werke verziert, und die maſſiven Geſimſe der langen, viereckig bedachten Fenſter, mit ihren kleinen, demantmaͤßig eingefaßten Scheiben, wie⸗ ſen ſich ſtark und dick. An der Oſtſeite ſtand ein kleines, dem Hausgottesdienſte geweihtes Gebaͤude, das die Capelle genannt ward. Ob⸗ wohl der derzeitige Beſitzer des Gutes die Irr⸗ thuͤmer des Papismus gegen das Licht der re⸗ formirten Kirche vertauſcht hatte, ſo verkuͤndigten doch noch ein Paar aus Stein gehauene Figu⸗ ren, die Jungfrau mit dem Kinde, in einer Ni⸗ ſche, daß dieſes heilige Gebaͤude gleich den uͤbrigen aus einer Zeit herſtammte, in welcher die roͤmiſche Kirche ihren Krummſtab uͤber England ſchwang. Fitz of Fitz⸗Ford. I. 6 82 Die Schornſteine erhoben ſich zahlreich, und konnten in Folge ihres Reichthums in den Ver⸗ zierungen mit großem Rechte die Kronmuͤtzen des Gebaͤudes genannt werden; waͤhrend die aus denſelben aufſteigenden Rauchſaͤulen kund gaben, daß Gaſtlichkeit innerhalb jener Mauern keine Fremde war; und der duftige Qualm der ko⸗ chenden Toͤpfe und Keſſel, der durch die geoͤff⸗ nete Thuͤr der Kuͤchenhalle quoll, dienten zu an⸗ muthiger Beſtaͤtigung jener Kundgebung. Ungefaͤhr zweihundert Ellen weit von dem Hauſe, gen Weſten hin, zog der Tavyfluß ſeine Murmelwellen uͤber zahlloſe kleine Felsſtuͤcke und Kieſel, und an ufern hin, die mit wilden Blu⸗ men bewachſen waren. Eine noch vorhandene Bruͤcke, die drei wohlgeſchwungene Boͤgen mit weißgeſprenkelten Seitenwaͤnden hat und mit Epheu behangen iſt, bildete einen maleriſchen Anblick und leitete uͤber den Fluß an derjenigen Stelle, die Fitz⸗Ford oder die Furth von Fitz heißt, und wonach die ganze Beſitzung ihren Namen fuͤhrte. Hinab vom Stammhauſe zum ufer ſenkte ſich eine gruͤne Ebene, die von man⸗ ———— 83 cher ſtattlichen Eiche geſchmuͤckt ward, welche ſich in vereinzelter Erhabenheit erhob, und durch den Schatten ihres dichten Laubwerks einen lieblichen Ruheplatz dem Reh darbot, wenn es aus dem Dickicht des Parks hervorkam, um an der klaren Fluth ſeinen Durſt zu loͤſchen. Zur Zeit der Mittagshitze ſtanden oft viele dieſer Thiere in Gruppen unter jenen Herren der Waͤlder, und beſonders da, wo mehrere der Baͤume zuſam⸗ men den Tavy ſo uͤberhingen, daß ihre unteren Aeſte und Zweige ſich auf das klare Gewaͤſſer ſenkten. Von der Ebene aus geſehen wies die Abtei von Taviſtock ſich in hoher Schoͤnheit, indem ihre zahlreichen Thuͤrmchen ſich uͤber die alten Haͤuſer der Stadt mit ihren maleriſchen Gabel⸗ dächern erhoben, und die bogigen Hoͤhen von Dartmoor eine Landſchaft vollendeten, die, zur Abendzeit beſchaut, oft purpurgluͤhend in jenen zarten Tinten erſchien, deren Hintergrund ſo ſehr zur Bewunderung des Dichters und des Malers gereicht. Unfern der Abtei befand ſich ein Brun⸗ nen, der Fitzbrunnen genannt, mit dem klarſten 6* 84 Waſſer; und obwohl heut zu Tage keine Spur mehr von demſelben uͤbrig iſt, war er doch da⸗ mals mit einem Woͤlbdache verſehen, das der Niſche eines heiligen Borns ſich nicht unaͤhnlich wies. Liebliche Gruppen umringten oft jenes Platzchen. Knaͤbchen und Dirnchen mit Eimern kamen aus der Stadt, um hier Waſſer zu ſchoͤ⸗ pfen; ihre Lippen und Wangen waren bluͤhend, und ihre Locken ſo kraus und zart, wie die Wolle der Laͤmmlein, denen ſie an Unſchuld gli⸗ chen. Barfuͤßig kamen ſie daher gezogen, und nicht ſelten in allzu duͤrftiger Kleidung, als daß dieſe ihre derben wohlgeformten Gliedmaßen haͤtte verhuͤllen koͤnnen. Hier fuͤllten ſie dann ihre Waſſergefaͤße, ſetzten ſie nieder und rannten den Rehen nach, indem ſie mit einem ihrem Fruh⸗ ſtuͤck abgekargten Stuckchen Brot die huͤpfenden Waldbewohner in ihre Naͤhe zu locken hofften. Hier auch pfluckten ſie manche wilde Blume vom Raſen, und wenn etwa der Abend ſie bei ihren Scherzen uͤberfiel, kehrten ſie gern in Ge⸗ ſellſchaft nach Hauſe zuruͤck, indem ſie ſorgfaͤltig die ſeitwaͤrts liegende Elfenflur vermieden, eine Ebene, von der damals das Gerede ging, ſie ſey die Wohnſtaͤtte der Elfen von Devon, deren Ruf in etlichen Theilen des Landes ſelbſt heu⸗ tiges Tages noch nicht erloſchen ſſt. Nordwaͤrts hinter dem Stammhauſe Derer von Fitz, an dem plotzlich ſich bildenden Abhang einer Hoͤhe, ſtand der edle Park, der von jeder Richtung her betrachtet jene ſo wilde und be⸗ zaubernde Wirkung von Licht und Schatten zeigte, wie ſich dieſelbe jederzeit da bietet, wo die Baͤume einer uͤber den andern huͤgelan und huͤgelab hervorragen. Außerhalb der Parkgraͤn⸗ zen lagen manche liebliche Wieſenmatte, und manches Pachthaus und manche waldbewachſene Ebene; welches alles mit einander ſich innerhalb des Beſitzthums des wohlhabenden Ritters Sir Hugo Fitz von Fitz⸗Ford befand. Herr Hugo ſelbſt„ſchritt maͤchtig abwaͤrts im Thale des Lebens.“ Er war ein ausgezeich⸗ neter Rechtsgelehrter geweſen, wie ſolches ſein Biograph erklaͤrt, der zu Nutzen der Nachwelt, oder zu Frommen der Herren mit langem Rocke in den Gerichtshoͤfen, etliche krittliche Geſetzes⸗ 86 erlaͤuterungen des Sir Hugo vor dem Vergeſſen bewahrt hat. Zu der Zeit jedoch, in welcher wir ihn dem Leſer vorfuͤhren, hatte er ſich vom Geſchaͤftsleben zuruͤckgezogen und ausſchließlich ſich Forſchungen hingegeben, die ihn innig entzuck⸗ ten, und auf die Alterthuͤmer der ſichtbaren und auf Entdeckungen in der unſichtbaren Welt Be⸗ zug hatten. Eine ſeiner Wahrnehmungen in letzterwaͤhntem Studium iſt von ſeinem Biogra⸗ phen ebenfalls der Nachwelt aufbehalten worden. Gleich einem Arzte, der ſich in Ruhezuſtand verſetzte, und dennoch aus behaglicher Gewohn⸗ heit einen regelloſen Puls zu fuͤhlen und den Gang einer hartnäckigen Krankheit zu beobachten pflegt oder dann und wann unentgeltlich ein Recept verſchreibt, ertheilte auch Sir Hugo bis⸗ weilen einen rechtsgelehrten Rath ſo an aͤrmere Nachbarn, wie an Perſonen aus der bemittelten Claſſe, wobei er jedesmal die Auszeichnung machte, daß Erſtere ſeinen Rath als Orakelſpruͤ⸗ che und als ſo unfehlbar wie eine paͤpſtliche Bulle, oder wie eines Quackſalbers Heilmittel, Letztere hingegen als freundliche Winke, Andeu⸗ 87 tungen und unmaßgebliche Meinungen hinzuneh⸗ men haͤtten; Rathſchlaͤge, die, wenn man ſie ge⸗ horig befolgte, die Gerichtskoſten verringern und ſich zuverlaͤſſiger erweiſen wuͤrden, als alle Mei⸗ nungen der Richter und aller Beiſtand aller Advocaten obendrein. Doch dieſe Hinneigung zu ſeinem ehemali⸗ gen Berufstreiben fand nur, wie wir ſchon an⸗ deuteten, gelegentlich, etwa gleich der Gewohn⸗ heit eines alten Katers Statt, der dann und wann auf eine Maus losfaͤhrt, nachdem er dieſe Familienjagd laͤngſt den juͤngeren Murnern und Miezchen uͤberlaſſen hat. Herr Hugo Fitz pflegte zu ſagen, die letzteren Lebensjahre eines Mannes muͤßten den nutzlichſten und ernſteſten Forſchun⸗ gen gewidmet ſeyn, von der Welt und ihren Thorheiten muͤßte alsdann abgelaſſen werden, und eben deswegen haͤtte er am Abend ſeines Erdentages ſeinen Geiſt ſolchen Gegenſtaͤnden ge⸗ weihet, die eines Philoſophen und Chriſten wuͤr⸗ dig ſind. Dieſem richtigen und einleuchtenden Grundſatze gemaͤß uͤberließ er faſt unausgeſetzt ganze Tage und halbe Naͤchte hindurch ſich dem Studium der Sterndeuterei, einer Wiſſenſchaft, oder wenn der Leſer lieber will— einer Sucht, der zu Sir Hugo's Zeit ziemlich allgemein an⸗ gehangen ward. In minder an Begeiſterung reichen Stunden oder, wie er es zu nennen pflegte,„in den Mu⸗ ßemomenten ſeiner unzuzuͤgelnden Phantaſie,“ beſchaͤftigte Sir Hugo ſich mit der Alterthums⸗ kunde, ſo daß, wenn er in unſern Tagen gelebt haͤtte, er zuverlaͤſſig die Ehre errungen haben wuͤrde, irgend einer antiquariſchen Societaͤt man⸗ che ſeltene Schrift und manchen unter Mithuͤlfe ſeiner Collegen entworfenen Grundriß vorzulegen, und mit einer Diſſertation uͤber ſo außerordent⸗ liche und verwickelte Gegenſtaͤnde dergeſtalt zu begleiten, daß weder Autor noch Leſer derſelben, um uns eines Volksausdruckes zu bedienen, Kopf und Schwanz daran wahrnehmen koͤnnten, oder aber, wenn ſie es koͤnnten, oft den Kopf fuͤr den Schwanz, oder dieſen fuͤr jenen anſehen wuͤrden; wie wir ſelbſt von ſolchem Ergebniß ein Beiſpiel an einem unſerer gelahrten Freunde erlebten, der feſt dabei beharrte, daß der Boden einer alten metallenen Schraubſchachtel der muth⸗ maßliche Kopf einer uralten britiſchen Kampf⸗ keule waͤre. Herrn Hugo's antiquariſche Forſchungen wa⸗ ren jedoch meiſtentheils local, und wir glauben, ſagen zu duͤrfen, daß er zu ſeiner Zeit der Erſte war, der es der Muͤhe werth erachtete, die drui⸗ diſchen Ueberreſte des Dartmoor zu unterſuchen. Dies hatte er, ſeiner eigenen Behauptung nach, mit Erfolg gethan; ſo daß er zu beſtim⸗ men vermogte, an welcher Stelle ein alter Druid ſeine Raͤnke geſpielt hatte, um die Menge in Erſtaunen zu ſetzen, oder wo derſelbe ſeinen ver⸗ meinten Zauber zu Erſchuͤtterung des Steines hatte walten laſſen, auf welchem das heilige Feuer brannte; oder aber, welcher rauhe Fels durch die Hand und den Meißel ſolchen Prie⸗ ſters die Form zum Sitze des Richteramtes oder des Aberglaubens hatte annehmen muͤſſen. Al⸗ lein dies war nicht Alles; es war Sir Hugo's erhabenes Ziel und lang' erſehnter Ruhmeszweck geweſen, fruͤher oder ſpäter eine Bekanntſchaft mit den elfenhaften Bewohnern der einſamen 90 Hoͤhlen und tiefen Schluchten des Moorgrundes anzuknuͤpfen; ſo daß er nach wiederholten Ar⸗ beiten und Muͤhwaltungen hoffte, eheſtens im Stande zu ſeyn, gleich dem beruͤhmten Doctor Dee eine kleine Fee in eine Nußſchale einzuhuͤl⸗ ſen, oder ſie in einer wohlverſtoͤpſelten Flaſche bei ſich aufzubewahren; eine Methode des Feſt⸗ haltens, die der gelehrte Doctor Dee beſonders bei weiblichen Elfen ernſtlich anraͤth, indem dieſe ungleich mehr als maͤnnliche ihres Volkchens ge⸗ neigt ſind, auf Klatſchereien in die Nachbarſchaft zu ſchlendern. Dies waren die Mußebeſchaͤftigungen des großen und weiſen Sir Hugo Fitz. Und ob⸗ wohl er hinſichtlich ſeiner Aſtrologie und der in dieſelbe einſchlagenden Entwuͤrfe voͤllig ſo lebte, wie der Mann in eben dem Monde, den er ganze Naͤchte hindurch beaͤugelte, ſo fehlte es ihm doch nicht gaͤnzlich an mehr irdiſchen Gedanken und Gemuͤthsregungen. Eine der lieb⸗ freundlichſten und ftaͤrkſten unter den letzteren war die Herzlichkeit, mit welcher er an einem einzigen Sohne, der Stutze ſeines Alters und 91 dem letzten Sproͤßlinge ſeines uralten Hauſes, hing. John Fitz war ſein Stolz und ſeine Wonne, und er betrachtete den Juͤngling als Einen, dem zu einem vollendeten Edelmanne nichts mangelte, als ein Verkehr mit den Ge⸗ ſtirnen und einiges Umherwuͤhlen unter dem kegel⸗ foͤrmigen Geſtein, das ſich im Moorgrunde be⸗ fand; und man muß geſtehen, daß des jungen Menſchen Untuͤchtigkeit zu dergleichen Dingen dann und wann ſehr zur Unruhe und Beſorg⸗ niß des liebenden und oft den Sohn bittenden Vaters gereichte. Ein anderes Band, durch welches Sir Hugo ſich an die Erdenwelt geknuͤpft fuͤhlte, lebte in ſeiner Gattin, der Lady Theodora Eliſabeth Fitz, die, um ſich von ihrem Gemahl in edler Be⸗ treibung der Wiſſenſchaften nicht gaͤnzlich aus⸗ ſtechen zu laſſen, viele Zeit und Forſchung und Aufmerkſamkeit auf eine gewiſſe lange Perga⸗ mentrolle verwendet hatte, an deren Fuße die ſtattliche Figur eines Kriegers ſtand, der an Schoͤnheit und Adel des Ausdrucks dem Rieſen Gog von Guildhall nicht unaͤhnlich war. Aus 92 den Fingern und Daumen dieſes Kriegers ent⸗ ſprangen Blaͤtter, waͤhrend ſtatt der Fuͤße Wur⸗ zeln einer Eiche die Stuͤtzen des Leibes deſſelben bildeten. Aus dem Leibe dieſes grimmen Be⸗ gruͤnders des Geſchlechtes quoll eine lange Rolle heraus, die ſich durch alle Verwickelungen, Ver⸗ zweigungen und Verflechtungen und Unbegreif⸗ lichkeiten von Großvaͤtern, Großmuͤttern erſten, zweiten und fuͤnften Grades unter und durch einander heirathenden und verheiratheten Vettern und Muhmen, alle mit großem Namen und aus altedeln Haͤuſern auszeichnete. Das Ge⸗ ſammtwerk wirkte jenen Zauber des Stolzes, jenes Lullabei von hirnloſen Abkoͤmmlingen und nichtsnuͤtzenden Erbinnen, jenen Heiligſprecher der Narren, jenes Regiſter von Staub und Aſche, das man einen Familienſtammbaum nennt. Ueber dieſes verblendende Labyrinth konnte Lady Fitz mit ſolchem Entzuͤcken, ſolchem neu⸗ gierigen Forſchen hinblicken, daß ſie allendlich herausfand, ſie waͤre theils durch Gebluͤt, theils durch Connexionen mit allen Edelgeborenen in⸗ ner⸗ und außerhalb des Landes verwandt. Sie 93 wuͤrde ihr Geſchlecht bis zu Adam hinaufgelei⸗ tet haben, wenn dieſer zum Stammvater einer ſo ausgezeichneten Familie, wie die ihrige war, nicht zu gering geweſen waͤre. Sie ruͤhmte ſich, zwanzig Ahnen zu zaͤhlen, die dadurch beruͤhmt waren, daß ſie ihre Koͤpfe verloren, und zehn grafliche Ahnfrauen, die um ihren Tugendruf kamen; da jedoch Graͤfinnen bis in alle Ewig⸗ keit Graͤfinnen bleiben, ſo wuͤrde Lady Fitz keine einzige derſelben auf der Rolle des Stammbau⸗ mes ausgekratzt haben, ſelbſt wenn ſie dadurch das Anruͤchige des Charakters derſelben hätte wegſchaffen koͤnnen. Ferner fand man auf jenen Stammbaum⸗ blaͤttern eine ſolche Menge von Lords und Rit⸗ tern, herabgekommenen oder zuſammengehauenen Kriegern, von Richtern, die die Autorität der Geſetze aus ihren ſtattlichen Baͤuchen und ſchlepp⸗ langen Gewaͤndern herausgucken ließen— von Biſchoͤfen und Aebten, die zu Gedaͤchtniß ihres Erdenwandels in Stein ausgehauen wurden— von edlen Muͤttern, die, mit breiten Aeckern und ſchweren Goldſaͤcken auf dem Ruͤcken, ſich in 94 den Stammbaum einzuſchwaͤrzen wußten— von Jungfrauen, die aus Mangel an Ehegatten, im Geruch der Jungfrauſchaft Todes verbli⸗ chen; und endlich befand ſich auf dem Blatte ein Poet; allein wie dieſer es angefangen hatte, in jene hochadelige Geſellſchaft zu kommen, war nicht auszumitteln geweſen; und Lady Fitz war beinahe dahin gekommen, Bildniß und Namen deſſelben dadurch wegzuſcheuern, daß ſie an dem Ruͤcken deſſelben die Schnur befeſtigt hatte, wor⸗ an ſie die ganze Familie aufgerollt aufzuhaͤngen pflegte. Doch uns wandelt die Furcht an, unſere Le⸗ ſer moͤgten ſagen, wir glichen in Etwas der Dame Fitz, und daß wir von der Wurzel unſe⸗ res Gegenſtandes abwichen, um uns zwiſchen den Zweigen und Blaͤttern deſſelben zu verirren. Dennoch haben wir noch Eines und Anderes von Sir Hugo zu erinnern, bevor wir ihn in hocheigener Perſon vorfuͤhren und ihn fuͤr ſich ſelbſt ſprechen laſſen, wenn er anders Neigung dazu haben ſollte; indem es Augenblicke gab, in welchen der ehrenfeſte Ritter ſo unausſprechlich 95 weit von den Dingen der Erde abgewendet war, daß er am Himmel umherwanderte, unter deſſen ſternigen Schaaren er diejenige Kenntniß ſam⸗ melte, die er fuͤr die dem Menſchen nutzlichſte und nothwendigſte erachtete, ſowohl um denſel⸗ ben das Horoſcop zu ſtellen, als diejenigen Traͤnke und Decocte zu bereiten und zu verab⸗ reichen, die er bei gewiſſen Gelegenheiten den Armen und Kranken unter ſeinen Nachbarn zu⸗ fließen zu laſſen pflegte. Von Perſon wies Herr Hugo mittlere Groͤße; er war weder fett noch mager, jedoch von guter, wohl begabter Leibesbeſchaffenheit. Sein dop⸗ peltſpitziger Bart war glatt und grau, und an den Schlaͤfen guckten ihm ein Paar gleichfarbige Locken unter einem ſchwarzen thurmartigen Sam⸗ metkaͤppchen hervor. Um den Hals trug er ei⸗ nen ſchmalen Steifkragen, und ſein Gewand war mit koͤſtlichem Pelzwerke verbraͤmt. Bein⸗ kleid und Wams waren ebenfalls von ſchwarzem Sammet und gepauſcht, auch vorn herab und auf den Schultern mit Knoͤpfen vom feinſten Golde benaͤhet. Sein Schwert war gleich der —= 96 Wehr eines Edelmannes, und zwar eines betag⸗ ten, denn es diente mehr zu ehrenvollem An⸗ haͤngſel ſeines Ranges, als zu wirklichem Ge⸗ brauche. Der Griff deſſelben war mit Edelſtei⸗ nen beſetzt, allein die Klinge wollte nicht recht aus ihrer Scheide. Naͤchtliche Studien und krittliche Rechtsfaͤlle hatten den Glanz ſeiner Augen verdunkelt, jedoch ihm dieſe noch nicht tief in den Kopf geſenkt; wohl aber ward ihnen durch die oͤftere Ablenkung Sir Hugo's von ir⸗ diſchen Dingen ein Stierblick verliehen, mit welchem er allerdings an vor ihm befindlichen Gegenſtaͤnden haftete, die er jedoch alsdann kei⸗ nesweges ſah, ſondern nur Das gewahrte, was etwa in den Wolken vorging, oder was ſeine bethoͤrte Einbildungskraft ihm vorſpiegelte. Das war der mannliche Ritter, zu welchem jetzt Barnabas an der Spitze der Knaben ſchritt, die zur Mitfeier des Maienfeſtes vorbereitet wa⸗ ren. Als der wuͤrdige Schulmeiſter den langen, vorhin beſchriebenen Baumgang hinabſchritt, wur⸗ den von den Tritten der ruͤſtigen Schaar ſeiner Begleiter die Saatkraͤhen aufgeſchreckt, daß ſie 97 mit den Flugeln klatſchend, ſich hoͤher hinauf in die Wipfel der alten Ulmen ſchwangen, um dort einen ungeſtoͤrteren Ruheplatz zu finden. Das weite Portal des Hauſes Derer von Fitz that ſich hurtig dieſen fruͤhzeitig Kommenden auf;z und Barnabas, der ſein kleines Regiment zu zwei Mann hoch aufmarſchiren ließ, zog mit demſelben ſtolz in den inneren Hofraum ein. Eine große Koppel Hunde, die neben dem Hauſe angekettet lagen, erhoben gleichzeitig ihr Gebell den Fremden entgegen, waͤhrend ein ſchwarzer Adler, der in ſeiner Jugend im Moorgrunde ge⸗ fangen worden, und ein Liebling des alten Rit⸗ ters war, ſeine Fluͤgel weit ausbreitete und mit ihnen klatſchte, und, wiewohl vergebens, von der Kette loszukommen ſuchte, die ihn gefangen hielt. Im Hofraum angelangt, ſchritten Barnabas und deſſen Begleiter gerade dem Theile des Hauſes zu, der von der Familie deſſelben be⸗ wohnt ward. Hier blickte der Schulmeiſter um⸗ her, erhob dann ſeine Hand und gab einen Be⸗ fehlwink, worauf die lateiniſchen Jungen die Kehlen zu einem Morgengrußgeſang aufriſſen, Fitz of Fitz⸗Ford. I. 7 98 von dem Barnabas der Verfertiger war, und von dem er jetzt den ſchrillenden Discant der Scholaren mit ſeinem Tiefton begleitete, ſo daß es wie der Brummbaß und die Fiedeln klang, mit denen noch heut zu Tage die Pſalmodiemu⸗ ſik zu Devon aufgefuͤhrt zu werden pflegt. Dazu hob und ſenkte er tactangebend beide Haͤnde, um der guten Ausfuͤhrung ſeiner hier folgenden Maimorgenmuſik um ſo eher ſicher zu ſeyn. Die Jungen aber ſangen unter ſeiner Ca⸗ pellmeiſterſchaft: „'s iſt Maientag, o kommt hervor! Heraus zum Bett— hoho! Der Purpurmorgen ſteigt empor, Der finſt're Winter floh. Heit'rer Morgen— juchhei! Kommt heraus in den Mai! Die Eul' iſt verſteckt, Statt ihrer die Lerche nun heckt; Der Weißdornſtrauch dient ihr zum Sitz, Sie zwitſchert all Denen von Fitz.“ Als dieſer Geſang zu Ende war, zogen die Buben die Kappen ab und ſchrieen wie aus Einer Kehle:„Geſchenk den lateiniſchen Jungen! Gott ſegne Sir Hugo Fitz! Gott ſegne die Koͤ⸗ „—. — †— —(„——„ — nigin!“ In dem Maaße wie dieſes Geſchrei anſchwoll, nahm auch das Gebell und Geklaͤff der Hunde zu; der Adler flatterte immer wil⸗ der, und die geſammte Hausgenoſſenſchaft des Ritters, bis zum Sauhirtenjungen hinab, ließen ihre ſaͤmmtlichen, unterſchiedlichen Beſchaͤftigun⸗ gen ſtehen und liegen, um in den Hof zu eilen und den Singſang der Lateiner mit anzuhoͤren. Eben als die ehrſame Kuͤchenoberſtin von Fitz hingeſchritten war, und den Meiſter Bar⸗ nabas zu einem Gang mit ihr in die Hollaͤn⸗ derei eingeladen hatte, um daſelbſt einen Mor⸗ gentrunk weißen Bieres zu koſten, oͤffnete ſich eines von den langen ſchmalen Fenſtern des Geſchoſſes, in welchem die Familie hauſete, und das verwilderte Haupt Sir Hugo's, mit einer gewirkten Nachtmuͤtze bekroͤnt, ward allen An⸗ weſenden ſichtbar, indem der Ritter daſſelbe herausſteckte, waͤhrend er in die Leere ſtarrte und forſchte, weshalb er alſo geſtoͤrt wuͤrde. „Gott ſegne Eurer Geſtrengen Wohlergehen!“ nahm Barnabas das Wort:„Koͤnnt Ihr ver⸗ geſſen haben, daß heut Maitag iſt? Ich und 1 100 meine Buben aber ſind hergekommen, wie es die gute und alte Sitte heiſcht, den Fruͤhgruß dem edlen Hauſe von Fitz zu bringen, deſſen Gebieter, wie man wohl ſagen mag, das wahr⸗ haftige caput, d. h. Haupt der Gemeinde iſt. Und die anweſenden Buͤblein bitten ſich nun⸗ mehr das uͤbliche—“ Ehe Barnabas noch vollenden konnte, ſchrieen die Buben wieder:„Geſchenk fuͤr die lateiniſchen Jungen! Gott ſegne Sir Hugo Fitz!“ „Maitag?“ fragte der Ritter, der auͤsſah wie Einer, welcher eben aus dem Schlafe auf⸗ fuhr—„Maitag? Seht mir doch! Ich wußte nicht, daß es Morgen iſt.— Kann Jemand mir ſagen, ob ich zu Nacht im Bette geweſen bin?“ „Das kann ich, Eure Herrlichkeit,“ ſagte die Haushaͤlterin, die jetzt mit der Keule ihres Am⸗ tes, mit dem Schaumloͤffel in der Hand, vortrat. Aber Euer Geſtrengen Kopf iſt ſo voll vom Muhnd, daß Ihr oft nicht Dag von Nacht unterſcheiden koͤnnt. Ihr ſeyd zu Bette gewe⸗ ſen; denn eben als Ihr Euch in Eure Schlaf⸗ te, die 1 ah uf⸗ ßte nd ſen die 101 kammer begeben hattet, befahlt Ihr Robert, dem Gartenknecht, mich zu Euch zu rufen; und als ich kam, fragtet Ihr mich, was ich wollte. Dar⸗ auf ſagte ich Eurer Herrlichkeit, wie Ihr ſelbſt nach mir begehrt hättet, und dann ſpracht Ihr zu mir:„Alte, ſchlachte mir morgen fruͤh eine ſchwarze Henne, und ſorge dafuͤr, wenn Du es thuſt, ihr den Schnabel gen Oſten zu kehren; fange mir auch ihr Blut in eine Schale.“ „Richtig, richtig!“ rief Herr Hugo, der durch die in dieſer Anecdote ihm gegebenen Ideenver⸗ knuͤpfungen zu ſich ſelbſt gebracht ward.„Ich erinnere mich deſſen wohl; und haſt Du gethan, wie ich Dir befahl?“ „Ei freilich, Sir Hugo,“ verſetzte die Gebie⸗ terin vom Drehſpieße.„Ich habe eine Henne geſchlachtet, die ſo ſchwarz war, wie jemals eine auf der Welt, obſchuhn Ihr in Eurer Ge⸗ wuhnheit, den Muhnd anzuſtarren, eine Henne ſchwerlich von einer Ruhrdummel zu unter⸗ ſcheiden vermoͤgt,“ fuͤgte die Kapaunſpickerin von Devon leiſe hinzu, indem ſie dem Schulmeiſter einen bedeutenden Wink gab. 102 „Ich bin ſehr erfreut, Euch zu ſehen, Mei⸗ ſter Barnabas,“ fuhr Sir Hugo fort;„Ihr ſeyd willkommen zu dieſer Stunde. Steigt her⸗ auf in mein Gemach; laßt die Knaben bei Trunk und Imbiß in der Halle, dann moͤgen ſie hinausziehen zum Maiengruͤn. Ihr aber mittlerweile kommt und beobachtet mit mir die Conjunction.“ „Aber es iſt ja Maienmorgen, Sir Hugo, und die Jungen beduͤrfen—“ „Kuͤmmert Euch nicht um Das, was ſie be⸗ duͤrfen,“ fiel der Ritter, abermals in ſeine Traͤu⸗ mereien verſunken, dem Schulmeiſter in's Wort. „Die Maienbaͤume muͤſſen auch noch herein⸗ geholt werden,“ verſetzte Barnabas,„bevor es zwolf Uhr ſchlaͤgt, ſonſt haͤtte ja Marianchen, die Maienkoönigin, das ganze Jahr hindurch Ungluͤck.“ „Kuͤmmert Euch darum eben ſo wenig, gu⸗ ter Meiſter Barnabas, und kommt herauf, um augenblicklich die Conjunction zu beaugenſcheini⸗ gen.“ Indem Sir Hugo dieſe Worte ſprach, zog er den Kopf zuruͤck, ſchloß das Fenſter und dachte nicht mehr an das Geſchenk fuͤr die latei⸗ XN —— 103 niſchen Jungen; denn am eheſten ergriff ihn ſeine Geiſtesabweſenheit, wenn eine Forderung an ſeine Geldboͤrſe gemacht ward⸗ Barnabas jedoch wagte nicht, dem Ritter zu ungehorſamen. Er uͤberantwortete ſeine kleine Mannſchaft der Haushaͤlterin, welche den Buben Zuckerbrei und Maienkuchen verhieß, und ſchritt dann hinan, um den großen Mann der Geſtirne aufzuſuchen; indem er dies aber that, blickte er ſehnſuchtig hinter ſich und gedachte des leckern Fruͤhſtuͤckes, das ihm tauſendmal lieber geweſen waͤre, als das erhabene Zweigeſpräch mit dem ſternguckenden Sir Hugo. Die Haushaͤlterin ſchien die Wuͤnſche des Schulmeiſters zu erra⸗ then, denn ſie verſicherte, daß, da ſie wuͤßte und an ihrem Herrn wahrnähme, wie die Gelehrſam⸗ keit eine trockne Sache und kein altes Ei weder von einer weißen noch ſchwarzen Henne werth waͤre, ſo wollte ſie ſorgen, daß Meiſter Barnabas nichts durch den Teufel einbuͤßte, den, wie ſie allen Ernſtes glaubte, er jetzt mit ihrem alten Herrn heraufzubeſchwoͤren willens waͤre. Fünftes Capitel. „Seit Bacon's und Bob Groſteb's Zeit War Keiner gleich ihm dem Wiſſen geweiht; Kundig der Welt zu allen Zeiten, Wußt' Aller Traͤum' er auszudeuten.“ Hudibras. Barnabas fand hurtig ſeinen Weg zu des Aſtrologen Studirſtuͤbchen, worin Alles und Je⸗ des von den Lieblingsforſchungen des Inhabers deſſelben Kunde gab. Alles hier war dunkel und duͤſter, und ungeachtet des Flederwiſches aus Titania's Fluͤgeln, ſtand eine Reihe alter rechtswiſſenſchaftlicher Buͤcher ſtaubbedeckt auf dem Sims; waͤhrend etliche wenige aber ſeltene in Pergament eingehuͤllte mit ſilbernen Schließ haken verſehene Baͤnde, von haͤufigem Gebrauche verwittert und abgeſchleißt, umherlagen. Einer derſelben, deſſen Blattſeiten ſeltſame Figuren und Verſchlingungen zeigten, in denen Abtheilungen der Sonne, des Mondes und der Sterne in Entwuͤrfen, Netzen und Conjunctionen waren, wies ſich aufgeſchlagen auf einem Tiſche, der mit Aſtrolabien und verſchiedenen anderen der ſchwarzen Kunſt zugeſchriebenen Inſtrumenten beſetzt war. Auf abgeſondertem Sims ſah man, etwa wie in einer Apotheke, eine ganze Reihe von Phiolen und Flaſchen, mit darauf gemalten goldfarbigen ſeltſamen Figuren, wie ſie im Him⸗ mel und auf Erden wohl nimmer gefunden werden. Im Gemache, im Rachen des großen alten Kamins, ſtand ein kleiner Ofen, der einen halb zerbrochenen Schmelztiegel trug, und zu deſſen Fuße ein aus Eichenholz geformter und wie mit Eichenlaub beſchnitzter Blaſebalg lag; und damit auch dies letztere Haushaltungsgeraͤth nicht un⸗ belehrend ſeyn moͤgte, war nach dem Herkommen damaliger Zeit zwiſchen dem Schnitzwerk deſſel⸗ ben in zierlichen Lettern der Spruch Salomons: „Ich Weisheit wohne bei dem Witze, und ich 106 weiß guten Rath zu geben,“ angebracht. Ob nun der Beſitz dieſes belehrenden Windmachers durch das ſtete Darbieten ſolchen Textes unſern Sir Hugo ermuntert hatte, zu hoffen, er werde Mittel ausfindig machen,„ſtets guten Rath zu geben“, vermoͤgen wir nicht, zu ſagen; doch iſt es gewiß, daß die Laͤſterungen geſchaͤftig genug waren, das Geruͤcht auszubringen, Sir Hugo habe gleich weiſeren Koͤpfen als der ſeinige einer war, bei ſolchem Verſuche ſeinen„Witz“ ganz und gar eingebuͤßt. Ferner lagen in dieſem Gemache in eben der Verwirrung, in welcher ſie im Kopfe des Aſtro⸗ logen befindlich geweſen und noch ſeyn mogten, eine Menge von kunterbunten Gegenſtaͤnden um⸗ her, als Grundriſſe von Dartmoor, Ausmeſſun⸗ gen von Kegelſchnitten und Kreiſen, Abbildun⸗ gen von Druidengefaͤßen und getrocknete und friſche Kraͤuterbuͤndel. Vor dem Ritter aber lag ein Stuͤck von einem Mondſteine neben dem Dintenfaſſe. Zwei hohe, ſchmale Fenſter ließen hinlaͤngliches Licht in das Gemach fallen, um das Duͤſter und die Unfreundlichkeit erblicken zu 107 laſſen, die darin herrſchten; und zum Ueberfluß ſchwamm daſſelbe in jenem muffigen Dunſte, der den Geruchsnerven eines Buͤcherwurms ſo zuſagend zu ſeyn pflegt. Ueber dem Kamine hing aus dem Pinſel Holbeins ein Bildniß des Urgroßvaters Sir Hugo's, das einen ſehr alten Mann, der waͤh⸗ rend ſeiner Lebenszeit ein anerkannter Geizhals geweſen war, mit ſolcher Natur und Wahrheit zeigte, daß Geiz und Geldgier ſich in jeder Miene des Runzelgeſichtes wieſen; und gleich⸗ ſam als ob der Meiſter, der, wie die Sage ging, dies Gemaͤlde als Studie umſonſt fertigte, ſchlauſinnig das Original habe bewitzeln wollen, ſah man, wie derſelbe im Schatten des Hinter⸗ grundes Kappe und Kolbe eines Narren ange⸗ bracht hatte; die auf einem ledernen, verſiegelten Geldbeutel ruheten. Vielleicht war der Harpax bei'm Betrachten dieſes ſeines Abbildes zu kurzſichtig geweſen— wie die meiſten Menſchen es gegen ihre Fehler ſind— um die leiſe, aber wohlerſonnene Satire wahrzunehmen, mit der der Maler gegen ihn zu Felde gezogen war. So mogte denn der Geiſt des Ahnherrn wohl keine Reue, weder uber ſeine Suͤnde noch ſeine Thorheit ausach⸗ zen; allein welche Qualen wuͤrde dieſer Geiſt, ja ſelbſt das Bildniß empfunden haben, wenn es auch nur fuͤr einen Augenblick haͤtte Leben erhalten koͤnnen und dann geſehen haben muͤßte, wie dies ſein Bildniß Platz uͤber dem Ofen ei⸗ nes Alchymiſten fand, wie dieſer Alchymiſt ein Nachkomme der Sir Thrifty Fitz war und auf eben ſo nutzloſe Weiſe die Goloſäcke wegblies und wegſchmolz und leerte, auf welche der Ahn⸗ herr dieſelben gefuͤllt hatte.„Der Menſch haͤuft Schaͤtze auf, und weiß nicht, wer ihrer genießen ſoll,“ ſpricht Salomo, und haͤtte recht wohl hin⸗ zufugen moͤgen, daß ein Narr oft Schaͤtze auf⸗ haͤuft, damit ein Narr ſie vergeude. Eine Mar⸗ morbuͤſte von irgend einem Weltweiſen, und ein Bildniß von Tycho Brahe vervollſtaͤndigten die Ausſchmuͤckung dieſes Gemaches. Als Barnabas eintrat, ſaß Sir Hugo ſo ganzlich verſunken in eine Reihe von abſtracten Berechnungen da, daß er mit geoͤffnetem Munde, die Feder in der rechten Hand, waͤhrend er mit der andern den Kopf unter der Nachtmuͤtze kratzte, mit aufgeriſſenen Augen den Eintretenden an⸗ ſtarrte, ohne der tiefen Verbeugungen des Schul⸗ meiſters zu achten, der ſich zu wiederholten Ma⸗ len bis an den Boden buͤckte, und mit der aͤu⸗ ßerſten Geduld xmd-Ergebenheit ſeinem Patron einen guten Morgen nach dem andern wuͤnſchte. Und lange haͤtte er ſo ſich buͤcken moͤgen, wenn nicht ein außerordentlicher Zufall die wan⸗ dernde Beſinnung des Sir Hugo zu deren Hei⸗ math zuruckgefuͤhrt haͤtte. Indem Barnabas naͤmlich ſich vorwaͤrts beugte, hatte er nicht Geſchick, hinter ſich zu ſe⸗ hen, ſo daß er an einen Stuhl, an welchem ein Buͤndel von Staͤben lehnte, dergeſtalt ſtieß, daß Stuhl und Stabe uͤber einander purzelten. Da fuhr Sir Hugo auf, und der erſte Ausruf, der nunmehr uͤber ſeine Lippen ging, war:„Ei, ei, Meiſter Barnabas, Ihr habt die Haſelſtoͤcke umgeſtoßen, die vor dem dritten Freitag in die⸗ ſem Mond nicht haͤtten angeruͤhrt werden ſollen!“ Barnabas entſchuldigte ſich und raffte ſo⸗ gleich die gefallenen Staͤbe zuſammen; und da er nicht recht wußte, wohin mit denſelben, wollte er ſie auf einen Seitentiſch legen, als Sir Hugo ausrief:„Nicht dahin, Mann! um Eures Lebens willen nicht dahin! Ruͤhrt die kryſtallene Phiole nicht an. Das iſt eben das Ding, woruͤber ich mit Euch reden moͤgte, denn ich kenne und ſchaͤtze Eure Gelehrſamkeit, Meiſter Barnabas, in allen Stucken, die die gottliche Wiſſenſchaft betreffen.“ Mild floß das Compliment in die Ohren des Schulmeiſters, der in dieſem Augenblicke die Maienkuchen und die ſonſtige Schnabelweide im großen Saale vergaß, als er ſich ſolchergeſtalt zu einer Verhandlung aufgerufen fand, in wel⸗ cher ſeine Gelahrtheit auf's Tapet zu bringen ſeyn wuͤrde; denn Barnabas hatte keineswegs Luſt, die Rolle zu ſpielen, welche Whackum bei Sidrophel uͤbernahm; er wollte naͤmlich„kein Unterbeſchwoͤrer oder Aſtrologenhandlanger“ ſeyn. Im Verlangen jedoch, ſich das Wohlwollen Sir Hugo's zu bewahren, ließ Barnabas eine wenn moͤglich noch tiefere Verbeugung folgen, und ſtellte dann ſich kerzengerade, ſteif und un⸗ 111 beweglich in die Hoͤhe, ſo daß er eines und deſ⸗ ſelben Weſens mit den ſtarren Gegenſtaͤnden zu ſeyn ſchien, von denen das Gemach erfuͤllt war. Zu allen Zeiten gab und giebt es zwiſchen den Soͤhnen der Wiſſenſchaften eine Art von Freimaurerei, mittelſt welcher ſie durch die leiſe⸗ ſten Zeichen, ohne ein Wort zu reden, einander verſtehen, und erkennen, daß ſie Kinder deſſelben Myſteriums ſind, wo ſie auch immer zuſammen⸗ treffen moͤgen. Solch ein leiſes Zeichen von wohlbekannter Bedeutendheit fand jetzt zwiſchen Sir Hugo und dem Schulmeiſter Statt, als Letzterer einen ſtechenden Blick auf eine auf dem Tiſche befindliche Miſchung heterogener Subſtan⸗ zen warf, und ſagte:„Sie ſoll eingefangen werden? Verſtehe, Sir Hugo, verſtehe!“ Fitz nickte, ſah ernſthaft aus und fuͤgte ſo⸗ gleich mit etwas mehr Hoͤflichkeit, als er vorhin geaͤußert hatte, hinzu:„Ihr ſteht noch immer, guter Meiſter Barnabas. Ei, ſo hebt doch den umgeſtoßenen Seſſel auf und ſetzt Euch, damit wir zur Sache kommen.“ „Verzeiht, Sir Hugo,“ verſetzte der Schul⸗ 112 meiſter.„Ich kenne meinen Platz, und werde nimmer eine ſo vertrauliche Stellung einnehmen. Geſtattet, daß ich ſtehend——“ „Meiſter Barnabas,“ fiel Sir Hugo ein, „ich ehre Eure Beſcheidenheit; doch die Soͤhne der Wiſſenſchaft, und vor Allen ſolcher Wiſſen⸗ ſchaft, als die iſt, welcher wir uns widmen, ſind waͤhrend des Fortganges ihrer Studien gewiſſer⸗ maßen gleichen Standes; denn ich muß anneh⸗ men, daß die Planeten kein Anſehen der Perſon geſtatten, ſintemal das goͤttliche Licht ihrer Bah⸗ nen eben ſowohl von den Hirten zu Chaldaͤa, wie von einem Koͤnige auf ſeinem Throne wahr⸗ genommen und erforſcht werden kann. Und wenn meine Stellung im Leben auch verlangt, daß zwiſchen uns eine Art von Entfernung, etwa wie zwiſchen der Sonne und dem Saturnus, obwalte, ſo iſt ſolches doch anders, Meiſter Bar⸗ nabas, ſobald wir uns innerhalb des duftigen Bezirkes eines Gemaches der Wiſſenſchaften, wie dieſes eines iſt, zuſammen erblicken. Hier moͤ⸗ gen wir Hand in Hand gehen, und gleich Bruͤ⸗ dern, ja gleich den Zwillingen des Erdguͤrtels 113 ſeyn, und unſere bruͤderlichen Forſchungen verei⸗ nigen, um Wahrheiten zu entdecken— Wahr⸗ heiten, die die erhabenſten, nuͤtzlichſten und er⸗ ſprießlichſten ſind, durch welche jemals der Menſch geehrt und ausgezeichnet ward. Ich bitt' Euch alſo, ſitzt nieder, und vergeßt die Wuͤrde meines Standes uͤber die hoͤhere Wuͤrde des Aſtrologen.“ Sir Hugo, der dann und wann in ſeinen Reden ein Erkleckliches vom Advocaten dergeſtalt beizubehalten wußte, daß er eine ſchlimme Sache als eine gute herauskehrte, ſchloß hiemit ſeine Argumente, die er mit Gluth im Angeſichte und mit einer Miene von Selbſtzufriedenheit heftig vorgebracht hatte, indem er glaubte, daß dieſel⸗ ben zum wahren Preiſe der edlen Aſtrologie haͤtten gereichen muͤſſen. Barnabas aber ſetzte ſich unterdeſſen und ſchien bereit zu ſeyn, das Weitere zu hoͤren, und gelegentlich ſeine eigene Weisheit auszukramen. „Und jetzt, Meiſter Barnabas,“ fuhr der herablaſſende Patron fort:„ehe wir uns auf Gegenſtaͤnde abſtruſen Wiſſens einlaſſen, muͤſſen wir uns den nothwendigen, wiewohl min⸗ Fitz of Fitz⸗Ford. I. 8 —114— der erheblichen Pflichten der Menſchenliebe hin⸗ geben.— Wie ſteht es um die Wittwe? Hat ihr Fieber ſie verlaſſen?“ Barnabas kopfſchuͤttelte. „Wie?“ rief Sir Hugo—„nicht? Das kann nicht ſeyn— kann nicht ſeyn!“ „Sie hatte geſtern dreimal einen Schauer; ich verſichr' es Euch, Sir Hugo.“ „Unmoͤglich! unmoͤglich!“ eiferte Sir Hugo weiter:„That ich nicht ſelbſt, was zu thun noͤthig war? und noch dazu nach Vorſchrift des großen Agrippa? Nahm ich nicht die Abſchnitzel ihrer Naͤgel? Band ich ſie nicht in einen alten Linnenlumpen? Knuͤpfte ich das Buͤndelchen nicht um den Hals eines lebendigen Aals, und ließ ich dieſen nicht am letzten Freitage des vergan⸗ genen Monats zuruͤck in's Waſſer ſchluͤpfen? Agrippa ſagt, daß dieſes Mittel nimmer fehlſchlug; und Ihr werdet doch Agrippa's Anſichten und Behauptungen nicht in Zweifel ziehen?“ „Die Wittwe befindet ſich ſchlimmer denn jemals; fuͤrwahr, Sir Hugo. „Das iſt unmoͤglich, ſag' ich Euch, Meiſter Barnabas. Sie muß geheilt ſeyn, und wenn der Schauer ſie auch packte, daß ihr alle Kno⸗ chen im Leibe klapperten.“ „Sir Hugo, ich werde nicht mit Euch ſtrei⸗ ten,“ ſagte der Schulmeiſter,„allein die arme Alte ward aͤrger denn jemals vom Fieber ge⸗ ſchuͤttelt; es moͤgte denn ſeyn, daß ſie das Zit⸗ tern ihres hohen Alters fuͤr das des Fieberfro⸗ ſtes hielt.“ „Dem muß alſo ſeyn,“ ſagte Sir Hugo; „denn daß ſie nach den Schnitzeln, den Lumpen und dem Aalentſchluͤpfen noch nicht geheilt ſeyn ſollte, iſt unmoͤglich. Waͤre ſie nicht geheilt, Meiſter Barnabas, ſo muͤßte ja der gelehrte Agrippa, der groͤßte Mann in der medieciniſchen Aſtrologie dieſer juͤngeren Zeiten und aller Zei⸗ ten, ein Luͤgner von Haus aus ſeyn.— Doch nichts mehr von dieſer albernen Alten, die das Zittern des Fiebers nicht von einem Fruͤhmorgenſchauer hat unterſcheiden koͤnnen!— Sprechen wir von wichtigeren Dingen, Meiſter Barnabas. Wißt, ich bin ein Menſch, der voll ſteckt von den Widrigkeiten und Bekuͤmmerniſſen 8* 116 des Lebens. Es ſchlug mir fehl— ich kann ſie nicht fangen; ſollt's mein Leben koſten!“ „So muͤßt Ihr Euch in den dazu angewen⸗ deten Mitteln geirrt haben, Sir Hugo. Ich“ weiß, ich weiß: Feen ſind kitzliche Dingerchen; dennoch ſind ſie zu fangen. Darf ich nach Eue⸗ rem Recipe fragen?“ „Will's Euch zeigen, Meiſter Barnabas, 4. ſagte Sir Hugo;„ich bin entſchloſſen, einen abermaligen Verſuch zu machen, und den Bei⸗ ſtand Eurer Gelehrſamkeit und Erfahrung dabei zu erbitten.“ „Beide ſollen zu Euern Dienſten ſeyn,“ hochgeehrter Herr, wie's meine Pflicht gebietet,“ entgegnete der Schulmeiſter. Sir Hugo rumorte unter ſeinen gapiere als ſein gelahrter Aſſiſtent ſich dicht an ihn ſchob und mit ſorglicher Begier auf ein altes braunes, ſtaubiges, wurmzerfreſſenes Buch von bedeuten⸗ dem Umfang ſtarrte.„Hier iſt's,“ ſagte Sir Hugo—„hier Doctor Dee's eigenes Recept. Doch halt! wo iſt meine Brille?“ Dieſe bau⸗ melte am ſchwarzen Bande ihm um den Nacken; 117 und da keine Zangen an derſelben waren, ſo klemmte er dieſelbe auf die Spitze ſeiner Naſe, und zwar dergeſtalt, daß dieſe ſo ſchmal als ein Meſſerruͤcken ward, und ihm den Ton der Stimme in ein Piepen und Pfeifen verwandelte, dem Barnabas aufmerkſames Gehoͤr verlieh. Sir Hugo aber las:„Treffliches Verfahren, eine Elfe zu fangen, das Jedem gluͤcken wird, ſobald die Elfe nicht ſchon gefangen iſt. Erſtens: Nehmt ein viereckiges Cryſtallglas von venedi⸗ ſcher Fabrik—“ „Ein rundes Glas vielmehr,“ fiel Barna⸗ bas ein. „Nein, nein; ein viereckiges,“ ſagte Sir Hugo.„Das Viereckige paßt beſſer zu dem Geiſterweſen, wie der gelahrte Doctor Dee an einer anderen Stelle ſeines Buches ſagt.“ „Verzeiht, das Cryſtallglas muß rund ſeyn,“ wiederholte der Schulmeiſter. „Alle Philoſophen behaupten das Gegen⸗ theil!“ rief Sir Hugo. „Der Raum des Elfenkerkers ſoll vielmehr die Form einer Weltkugel haben,“ entgegnete Barnabas;„oder die Welt etwa nicht rund?“ „Was weiß ich's, ob die Welt rund oder viereckig iſt, ließ Sir Hugo ſich vernehmen; „wohl aber weiß ich, daß dies Recipe unfehlbar iſt. Weiter im Terte: Stellt beſagtes Cryſtall⸗ flaͤſchchen drei Mittwochstage lang in das Blut einer ſchwarzen Henne, und nehmt dreijaͤhrige Haſel⸗ zweige, ſchaͤlt ſie ſauber und verſcharrt ſie, wo Elfen zu weilen pflegen. Am vierten Mittwochs⸗ tage grabt Eure Haſelſtoͤcke auf und ruft der Elfe, daß Ihr ſie dreimal an jedes Stoͤckchen binden wollt. An dunklem Orte muͤßt Ihr ſie alſo an drei auf einander folgenden Mittwochs⸗ tagen rufen, und wenn ſie kommt, greift Ihr ſie und verſtoͤpſelt ſie wohl.“ „Bei der Seele Tycho Brahe's!“ rief Bar⸗ nabas,„das kann ich nicht geduldig anhoͤren.— Wer denkt nur daran, eine Elfe im Dunkeln rufen zu wollen, und das an dreien Mittwochs⸗ tagen anſtatt an dreien Freitagen! Erwartet Ihr wirklich, Sir Hugo, es werd' ein Recipe wie dieſes Euch zu einer Elfe verhelfen? oder daß 119 dieſe jemals im Dunkeln koͤnne geſehen werden? Und das auf einen Mittwochsruf? An einem Freitage muß gerufen werden.“ „Ihr ſeyd im Irrthum, Meiſter Barnabas,“ widerſprach Sir Hugo;„und wenn Ihr bei ſolcher Anſicht beharrt, ſo ſeyd Ihr allweg kein Geiſterbanner, und kein Aſtrolog obendrein!“ „Kein Aſtrolog, Sir Hugo?“ rief Barnabas, der von ſeinem Sitze in die Hoͤhe fuhr.„Kein Aſtrolog? Wollt Ihr mich beſchimpfen?“ „Das will ich nicht, Meiſter Barnabas; al⸗ lein ich wiederhol's Euch, wenn Ihr bei ſolcher Anſicht beharrt, ſo habt Ihr keine Kunde vom Thun und Treiben der Geiſter, und ſeyd kein Aſtrolog.“ Der Schulmeiſter ward wild.„Sir Hugo,“ rief er,„zehn Jahre lang und daruͤber bin ich Inſtructor der lateiniſchen Jungen, und noch kein Menſch hat jemals die Reinheit meiner Latini⸗ taͤt bezweifelt; dennoch, wenn Ihr Fehlerhaftig⸗ keit an und in meiner Proſodie, meinen Hexa⸗ metern und Pentametern gefunden haͤttet— ei nun, Sir Hugo, ich wuͤrd's verſchmerzt haben, 120 wuͤrde Euch dennoch haben Stand halten koͤn⸗ nen. Jetzt aber ſo mit Einemmale mich nieder⸗ geworfen zu ſehen— kein Aſtrolog mehr ſeyn zu ſollen, das iſt zu arg! Wie? hing ich den Timotheus Doleman, der vergangenes Jahr in Exeter aufgeknuͤpft ward, nicht von Kindesbei⸗ nen an an den Galgen? Sagte ich nicht ſeiner Mutter, ehe er noch an's Licht der Welt kam, daß all' ihre Schmerzen zu Nichts werden wuͤr⸗ den? Und warum ſagte ich das? Weil von den Hoͤrnern des Mondes herab ich einen Strick uͤber des noch ungeborenen Jungen Kopf hatte haͤngen ſehen! War der Junge nicht von der Wahrheit meiner Weiſſagung ſo durchdrungen, daß er die Ausſicht auf den Galgen ſchon mit der Muttermilch einſog? War er nicht, ſeitdem er die erſten Hoſen angezogen hatte, uͤber Alles, was fernerhin ihm begegnen moͤgte, ſo ſorglos wie ein junger Hund, der blindlings in's Waſ⸗ ſer rennt, wo er erſaufen muß? Und ward er denn nicht gehenkt? Beſtaͤtigte er nicht die Wahrheit meiner Prophezeihung? Sagte er nicht in ſeiner Beichte und Galgenrede, daß ich, ja ich ——— 121 Sir Hugo, ihm ſicherer an den Dreibein gehol⸗ fen haͤtte, als Richter oder Geſchworne es je gekonnt haben wuͤrden? Und doch ſoll meine Gelehrſamkeit in puncto puncti bezweifelt werden, und ich kein Aſtrolog ſeyn?“ „Ich ſage es nochmals,“ ſchrie Fitz,„daß, um die Sache hinſichtlich der Elfen zu handha⸗ ben, viele Zauberwerke im Dunkeln veruͤbt wer⸗ den muͤſſen; denn wie ſpricht der hochgelahrte, anmuthige und ſpitzfindige Sterndeuter Cornelius Agrippa uͤber eben dieſen Gegenſtand?“ „Der gelahrte Guſtavus Jacobowitſch iſt entſchieden entgegengeſetzter Meinung,“ behaup⸗ tete Barnabas,„und kein Zauber ſah jemals das Licht, ſobald er im Dunkeln bewirkt ward. Iſt nicht der Mond von jeher fuͤr nothwendig und unerlaͤßlich zu allen Zauberwerken erachtet worden, und zwar ſchon ſeit den Zeiten Zoroa⸗ ſters, der ſo beruͤhmt war, daß er fuͤr den Er⸗ finder dieſer goͤttlichen Kunſt gilt? Und wenn er dieſer war, ſo war er der groͤßte Wohlthaͤter der Menſchheit, den dieſe Welt jemals erblickt hat! Und folgten ihm nicht Albaris und Char⸗ 122 monedes und Hermippus und alle Uebrige? Erwieſen ſie nicht mit einander dem Monde alle Ehre und betrachteten ihn als die Sonne der Wiſſenſchaft?“ „Dennoch behaupte ich,“ ſchrie Herr Hugo, „daß etliche und andere Zauber im Dunkeln muͤſſen gewirkt werden; wie wollt Ihr es ſonſt erklaͤren, daß ſo viele und die meiſten der gro⸗ ßen Maͤnner dieſer Welt zu Etwas kamen und kommen?“ „Verzeiht mir, Sir Hugo, ich leite,“ entgeg⸗ nete Barnabas,„das Emporkommen des groͤß⸗ ten Mannes neuerer Zeit, des Grafen von Lei⸗ ceſter, der ſo hoch in der Gunſt unſerer gnaͤdig⸗ ſten Koͤnigin ſteht, aus dem Horne des Satur⸗ nus her—“ „Betrachtet doch dies merkwuͤrdige Capitel, Seite neunundneunzig, uͤber die gewaltigen Wir⸗ kungen der Dunkelheit, im Buche Agrippa's!“ unterbrach ihn Sir Hugo;„heißt es nicht darin, daß eine Zibethkatze durch die Beruͤhrung ihres Schattens allen Hunden das Bellen vergehen laßt? Daß Zauberer ihre Werke durch den Schat⸗ 123 ten ihrer eigenen Leiber verdecken? Daß, wenn ein Dintenfiſch in dunklem Gemache in eine Lampe oder Laterne geſetzt wird, er vor der Menſchen Augen Neger oder Mohren erſcheinen laͤßt?“ „Hermes und Chyramides, und ſpäter als dieſe, Albertus, behaupten das Gegentheil. Nach ihnen muß jeder Zauber im Lichte bewirkt wer⸗ den,“ entgegnete Barnabas. „Trismegiſtus, Porphyrikus, Jamblicus und Gog der Grieche ſprechen fuͤr meine Behaup⸗ tung,“ rief Herr Hugo. „Ihre Buͤcher gingen verloren!“ ſchrie Bar⸗ nabas. „Solches leugn' ich,“ ſprach Der von Fitz, „denn ich ſehe, daß Demokritos das Weſen der⸗ ſelben Aller ſammelte, und ſeine eigenen ſchlauen Commentare hinzufuͤgte, und wenn Ihr ſeine Autoritaͤt leugnet, ſo moͤgt Ihr eben ſowohl die weiſen Reden des Sokrates leugnen, weil ſie durch Plato veroͤffentlicht wurden.“ „Sir Hugo,“ nahm Barnabas gelaſſener das Wort,„geſtattet mir eine Frage, damit wir zum Zwecke kommen, ſintemal Wahrheit das Reſultat jeglicher Discuſſion ſeyn ſoll. Beant⸗ wortet mir nur dieſes: Wozu nuͤtzen die acht⸗ undzwanzig Lichthaͤuſer des Mondes? Wozu iſt der Mond da?“ „Antwort: Um den Aſtrologen Licht zu verleihen,“ ſprach Sir Hugo feierlich. „Gut. Es freut mich, daß Ihr alſo ſprecht,“ ſagte Barnabas.„Das iſt liberal— das heißt Einen Punct meiner Behauptung eingeſtehen. Und deshalb ſprech' ich: nichts kann durch einen Zauber ohne jenes hoͤchſt edle und merkwuͤrdige Licht des Mondes bewirkt werden! Fehlte dies Licht, ſo haͤtten alle Aſtrologen, die jemals leb⸗ ten, ihres Weges im Finſtern krabbeln muͤſſen. — Und was vollends die Geiſter betrifft! Wie ſpricht Heraklit? Verſetzte er die Weltſeele nicht in die Sonne, indem er dieſe, wie ich wohl ſa⸗ gen mag, fuͤr die Bratpfanne aller Teufel, Spukgeiſter und Elfenerſcheinungen erklärte? Und verſetzte nicht Alpharus den Mond in die achte Sphaͤre, und gab ihm ſeine Lichthaͤuſer und die aus denſelben quillende Macht? Verlieh er ihm 125 daher nicht ſeine Hoͤrner, ſeine Ekliptik, ſeine Hoͤcker und ſeine Zeichen? Und wozu nuͤtzte die⸗ ſes Alles, wenn es nicht zu Nutzen der Aſtrolo⸗ gie waͤre? Was ſoll alſo ein Sohn der Wiſſen⸗ ſchaft ohne den Mond zu Stande bringen?— Und was mehr iſt, denn dies Alles, Sir Hugo, ſo wißt, daß ich ſelbſt unter dem Einfluß des zwoͤlften Lichthauſes einen Geiſt beſchworen habe.“ „Den Teufel habt Ihr!“ rief Sir Hugo in gewaltigem Erſtaunen. „Ja, ja, Sir Hugo,“ fuhr Barnabas fort, „und das einen Geiſt, an dem der alte Corne⸗ lius ſelbſt ſich ergoͤtzt haben wuͤrde— vorausge⸗ ſetzt, daß er ſich zuvor die Augen gehoͤrig ſalbte, um den Geiſt ſehen zu koͤnnen.“ „Und wen habt Ihr denn beſchworen?“ fragte Der von Fitz. „Das rathet, Sir Hugo, das rathet!“ „Vielleicht Pipin?“ „Pipin?“ rief Barnabas geringſchaͤtzend. „Was ſoll ich mit ſolchem Lumpengeiſte? einem elenden Wicht, der nichts kann, als die Kuhkaͤl⸗ ber kneipen, wenn ſie liegen und wiederkaͤuen? —— Nichts da! Der Elf, den ich aufgefunden habe, iſt wichtiger, als Pipin und deſſen ganzes Ge⸗ ſchlecht. Rathet beſſer, Sir Hugo.“ „Vielleicht iſt's Gathon,“ ſagte Der von Fitz, „ein Elf, der gern in dieſen Gegenden in Hoͤh⸗ len und Berggruben ſpukt?“ „Eben ſo wenig, Sir Hugo,“ verſetzte der Schulmeiſter;„durch die Kraft meines Elixirs, das ich unter dem Einfluſſe des zwoͤlften Licht⸗ hauſes des Mondes elaborirte, habe ich Pitſch⸗ witſch ſelbſt herauf beſchworen.“ „Pitſchwitſch!“ rief Sir Hugo.„Iſt's moͤg⸗ lich, werther Barnabas? Iſt's denn möglich?“ „Gewiß, ich verſicht es Euch auf die Wahr⸗ haftigkeit eines Aſtrologen,“ ſagte Barnabas. „Ich bin jetzt beſchaͤftigt, einen Tractat uͤber meine Beſchwoͤrungsweiſe zu ſchreiben, worin ich den Doctor Dee mit ſeiner ſchwarzen Henne und ſeiner viereckigen Flaſche heimleuchten werde. Ich kann's mir denken, daß Dee mich zu allen Teufeln wuͤnſchen wird, denn ich kehre ſein gan⸗ zes Syſtem um und um.“ 127 „Kann's moͤglich ſeyn? Pitſchwitſch herauf beſchworen?“ rief Fitz abermals. „Ja, ja,“ entgegnete der lateiniſche Jungen⸗ lehrer,„ich beſchwor den kleinen Geſellen, wie⸗ wohl mit großer Schwierigkeit, und klemmte ihn ein, als er eben den Ruͤcken eines Flohes beſtei⸗ gen wollte; und was mehr noch ſagen will: es geſchah auf einen Freitags⸗, und nicht auf einen Mittwochsruf, wie Ihr und Doctor Dee be⸗ hauptet—“ „Und wo iſt der allerliebſte kleine Elf?“ fragte Sir Hugo:„Was habt Ihr mit ihm gemacht?“ „Eingepfropft hab' ich ihn in eine runde Fla⸗ ſche,“ entgegnete Barnabas.„Meine Frau haͤtte mir beinahe boͤſes Spiel damit getrieben, denn ich theilte ihr das Geheimniß nicht mit, und hielt die kleine Elfenphiole fuͤr ein Flaͤſchchen mit Cichorienwaſſer, und haͤtte es zu ihrer Ma⸗ genſtaͤrkung beinahe aufgekorkt.“ „Das wuͤrde ein großes Mißgeſchick geweſen ſeyn,“ ſagte Sir Hugo. „So mein' ich, denn kein Menſch kann wiſ⸗. 128 ſen, welches Unheil daraus haͤtte entſtehen koͤn⸗ nen,“ verſetzte Barnabas.„Haͤtte mein Weib den Stoͤpſel geluͤftet, ſo wuͤrde ſie aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit zum Lohn dafuͤr in eine Elſter, in ein Gakelhuhn oder in einen Staarmatz verwan⸗ delt worden ſeyn, welches jeden Falles doch ein trubſeliger Umſtand fuͤr einen Ehemann geweſen ſeyn wuͤrde.“ „Sehr wahr!“ bekraͤftigte Der von Fitz. „Aber wir werden geſtoͤrt. Hilf Himmel! welch ein Laͤrm da unten im Hofe! Ich fuͤrchte, es iſt heute kein Tag zu gelahrten Verhandlungen; die Albernheiten der Herkoͤmmlichkeit wuͤhlen mein ganzes Haus zu Muͤßiggang und Gelaͤch⸗ ter auf, als geſchaͤhe es blos, uns in unſeren Unterſuchungen wirrig zu machen.“ Die Klaͤnge, durch welche das mitgetheilte gelehrte Zweigeſpraͤch unterbrochen ward, waren von gemiſchter Beſchaffenheit. Der laute Ton eines Jagdhorns mengte ſich mit Pferdegetrap⸗ pel und der Muſik der Querpfeife und der Hand⸗ trommel. Sir Hugo oͤffnete nochmals das Fenſter, um 129 einen haſtigen Blick auf dieſe neuen Ankoͤmm⸗ linge zu werfen. Hurtig aber zog er den Kopf wieder zuruͤck, indem er ausrief:„Bei den Tra⸗ banten des Jupiter, es iſt die Familie Glan⸗ ville von Kilworthy, obwohl der Richter ſich nicht mit dabei befindet! Da iſt Dame Glan⸗ ville und Lady Howard, und ich weiß nicht, wer ſonſt noch. Ich hatte vergeſſen, daß ſie zum Maienfeſte kommen wollten. Und ſoll mir der Himmel helfen! da iſt mein eigener Sohn John Fitz in gruͤner Jagdkleidung mitten unter ihnen! Doch mir faͤllt's ein, er ſtellt heute bei der Jagd und den Spielen Robin Hood vor. Geht hinab, Meiſter Barnabas, und laßt Eure lateiniſchen Jungen'was vorbringen, das den neuangekommenen Gaͤſten Spaß machen kann; geht hinab, ich folg' Euch augenblicklich. Unſe⸗ lige Stoͤrung! Na, was zaudert Ihr denn? Packt Euch fort, und thut, wie ich Euch befoh⸗ len habe!“ Barnabas gehorchte. Waͤhrend er jedoch zum Hofraum hinabſtieg, fuͤhlte er, daß uͤberge⸗ woͤhnliches Faſten und der juͤngſt ſitgefunen Fis of Fis⸗Ford. J. geſſen ward. 3 1 1 2 3 1 1 3 1 4 2 14 36 1 1 12 16 1 130 Wortwechſel ihm die Eßluſt nicht wenig geſchaͤrft hatten. Ohne weiteres Bedenken begab er ſich daher in die Butterkammer, um die Haushaͤlte⸗ rin an das ihm gegebene Verſprechen hinſichtlich der Maienkuchen und anderer Leckerbiſſen zu erinnern. Dieſe loͤſete ihr Wort, und der Schul⸗ meiſter begab ſich ſo ruͤſtig an's Werk, daß die unſichtbare Welt der Geiſter und Elfen bald von ihm hinter einem kraͤftigen Rinderbraten und ei⸗ nem Kruge voll ſprudelnden Doppelbieres ver⸗ Serhstes Capitel. „Fruͤh ſtanden ſie zum Maienritus auf, Und kamen, als von unſerm Feſt ſie hoͤrten, Es zu verherrlichen, zu uns.“ Shakſpeare. Die zu Fitz⸗Ford angekommene Geſellſchaft be⸗ ſtand aus der Dame Glanville, der Gemahlin des Richters dieſes Namens, deren Muhme, der Lady Howard, einem jungen Fraͤulein, Namens Margarethe Champernoun, deren Vormund jungſt der Richter geworden war; ferner aus deſſen Sohne Frank Glanville, einem wilden jungen Geſellen, der mehr Gutherzigkeit als Beſonnen⸗ heit beſaß, und aus dem Sir Nicholas Slan⸗ ning, welcher mit Ehren in Kriegsdienſten ge⸗ 9* 132 ſtanden hatte, und jetzt einen ehrenwerthen Na⸗ men mit geringem Einkommen, eine ſtattliche Geſtalt und ein freimuͤthiges und edles Herz beſaß. John Fitz, der Sohn Sir Hugo's, gab den Fuͤhrer dieſer ehrenwerthen Perſonen zu dem Hauſe ſeines Vaters ab; und waͤhrend er, Sir Nicholas und Frank Glanville den Damen den Zuͤgel halten, damit dieſe abſitzen moͤgen, um in's Haus gefuͤhrt zu werden, duͤrfte es fuͤr uns an der Zeit ſeyn, dem Leſer einige Worte uͤber die Familie Glanville mitzutheilen. Richter Glanville, deſſen„ſprechend aͤhnliche Bildniſſe,“ wie der alte Prince ſie nennt, wir noch in der Gemeindekirche von Taviſtock zu be⸗ trachten das Vergnuͤgen haben koͤnnen, war zu ſeiner Zeit als ein verſtaͤndiger und gelahrter Rechtsanwalt bekannt, der weder ſeinen Freun⸗ den Vorſchub leiſtete, noch ungeziemende Strenge gegen ſeine Feinde walten ließ, ſobald jene oder dieſe in ſeine Richtergewalt geriethen. Er hatte manchem Staatsamte vorgeſtanden, und wenn er auch, aus ſpaͤter von uns mitzutheilenden Gruͤnden, ſich jetzt ſo viel als moͤglich vom oͤf⸗ fentlichen Dienſte zuruͤckgezogen hatte, ſo war er doch noch immer ein warmer Verfechter zur Aufrechterhaltung des Intereſſes der Koͤnigin und des der reformirten Kirche, welche jetzt als ein vom Sturm auf bewegtem Ocean hin und her geſchleudertes Schiff nochmals Schutz in dem Hafen vom guten alten England gefunden hatte. Der Richter wies ſich in ſeinem Weſen mild und angenehm, obwohl ungewoͤhnlich ernſt, ja zu Zeiten ſogar ſchwermuͤthig. Dieſe Nieder⸗ geſchlagenheit, hieß es, waͤre Folge eines erlitte⸗ nen ſchweren haͤuslichen Ungluͤcks— des Todes einer geliebten Tochter, der unter fuͤr ſeine Ge⸗ fuͤhle hoͤchſt ſchmerzlichen Umſtaͤnden erfolgte. Dies Ergebniß, welches viele Jahre vor dem Anfange unſerer Erzaͤhlung ſtatt fand, lebte ſo friſch in der Erinnerung des Vaters Glanville, und nagte ihm ſo ſehr am Herzen, daß er nicht die geringſte Hindeutung auf daſſelbe ertragen konnte. Die wenigen Freunde, die mit den Einzelnheiten dieſes truͤbſeligen Vorfalles genauer bekannt waren, achteten daher in ſofern Glan⸗ 5—— 6 2 ———————————————— 134 villes Empfindungen uͤber dieſen Gegenſtand, daß ſie ſorgfaͤltig Acht hatten, deſſelben in ſeinem Beiſeyn nimmer zu erwaͤhnen; ja, uͤberhaupt jeder Erinnerung an denſelben in ſofern vorzu⸗ beugen, daß nicht deshalb muͤßige Neugier in Anderen rege gemacht wuͤrde. Zu Vermehrung dieſes Kummers hatte die wilde und ruckſichtsloſe Lebensweiſe ſeines aͤlte⸗ ſten Sohnes, Frank, dem Richter Glanville vie⸗ len Verdruß gemacht, wozu ſich der Umſtand geſellte, daß er mit verſchiedenen Ehelaſten ſich beſchwert fuhlte, welche ſich aus der Gemuͤthsart ſeiner Gattin erzeugten, ſo daß Richter Glan⸗ ville keinesweges ein ſo begluͤckter Mann war, als die Stattlichkeit ſeiner Stellung, ſeine gro⸗ ßen Reichthuͤmer und ſein Einfluß auf Staats⸗ verhaͤltniſſe Manchen haͤtten glauben machen moͤgen, daß er es waͤre. Seit dem Tode ſeiner Tochter hatte man den Richter niemals Theil an Spielen oder Zeitverkuͤrzungen nehmen ſehen. Aus dieſem Grunde hatte er auch nicht die Maienfeſtgeſell⸗ ſchaft nach Fitz⸗Ford begleitet. Dame Glanville 135 war, wie wir noch bemerken muͤſſen, des Rich⸗ ters zweite Frau, und nicht die Mutter ſeiner hingeſchiedenen Tochter. Ihr Charakter war dem des Vaters Glanville ſo voͤllig entgegenge⸗ ſetzt, daß viele von ſeinen Freunden ſich wun⸗ derten, wie er dieſelbe hatte ehelichen koͤnnen. Auch iſt dies ein Fragepunct, den wir ſelber nicht zu beantworten vermoͤgen, welches man uns um ſo eher zu Gute halten wird, da Rich⸗ ter Glanville manchmal ſelbſt verdutzt uͤber dieſe ſeine zweite Heirath war. Allein wie oft er⸗ blicken wir Ehen, die ſo ganz und gar unſeren Anſichten widerſtreiten, daß wir Urſache haͤtten, zu glauben, wenn Ehen auch, dem Sprichworte nach, im Himmel geſchloſſen werden, ſolches Buͤndniß doch auch nicht ſelten an dem Wohn⸗ orte der Gegenfuͤßler der Himmelsbuͤrger zu Stande gebracht worden ſeyn duͤrfte. Dame Glanville ward, wie wir ſchon be⸗ merkten, von ihrer Muhme, der Lady Howard, begleitet; und der Leſer wird bald ſpuͤren, daß dieſe Letztere eine hervorſtechende Rolle in dem Drama ſpielen wird, welches unſeren Leſern auf 136 dieſen Blaͤttern vorzufuͤhren, wir uns vornah⸗ menz weshalb wir, wenn die Zeit der Hand⸗ lung dieſer Lady auch noch nicht herangeruͤckt iſt, wir doch ihrer einleitend zu erwaͤhnen haben. Obwohl Lady Howard eine Dame von Stande war, ſo gehoͤrte ſie doch nicht dem Hauſe Nor⸗ folk an. Ohne irgend einen eigenen Willen da⸗ bei gehabt zu haben, war ſie, etwa wie eine Leibeigene ihrem Gutsherrn, in ihrem ſechszehn⸗ ten Lebensjahre dem Ritter Sir Theodoſius Howard, einem Manne zur Gattin gegeben worden, der ein faſt furſtliches Vermoͤgen, eine reiche Zugabe von Stolz, und Jahre genug be⸗ ſaß, daß er haͤtte den Großvater ſeiner jugendli⸗ chen Braut abgeben koͤnnen. Lady Eleonore war blendend ſchon; allein ihre Schoͤnheit war junoniſchen Gepraͤges, und hatte etwas Zuruͤck⸗ ſchreckendes in ihrem kuͤhnen Daherfahren. Obwohl ſie der Abgott ihres verliebten Ge⸗ mahls war, ſo ermangelte ſie doch nicht, wie man wohl erwarten konnte, ihn von Grund ih⸗ res Herzens zu haſſen. So jung Lady Howard indeſſen auch war, ſo beſaß ſie doch viele natuͤr⸗ 137 liche Geiſtesſtaͤrke, durch welche ſie ſelbſt ſchon in zartem Alter eine gewiſſe Reife erhalten hatte. Da ſie nun fand, daß ihre Ehe ihr kein anderes Gluͤck als das des beftiedigten Stolzes und Ehr⸗ geizes wuͤrde bieten koͤnnen, ſo beſchloß ſie, nicht um eines Nichts willen aufgeopfert worden zu ſeyn. So lenkten ihre Geſinnungen ſich fruhzei⸗ tig zum Eigennutze, dem beſchraͤnkteſten Grund⸗ ſatze der Entwuͤrdigung im menſchlichen Herzen hin, und die Reichthuͤmer ihres Gemahls wur⸗ den faſt der alleinige Gegenſtand ihres Verlan⸗ gens, und zwar ſo, daß ſie dieſelben nach deſ⸗ ſen Tode uneingeſchraͤnkt beſitzen moͤgte. Indem ſie fortwaͤhrend uͤber ihre Handlungen wachte, und ihre Aufmerkſamkeit und ihre Worte nach der Laune ihres Gatten einrichtete, machte ſie von Tage zu Tage groͤßere Fortſchritte in der Kunſt zu taͤuſchen, bis dieſe ihr zu einer Ge⸗ wohnheit ward, von der ſie ſpaͤterhin nimmer ablaſſen konnte; und gleichſam wie zur Vergel⸗ tung fuͤr den Zwang, unter welchem ſie ſich in Gegenwart ihres alten Ritters fuͤhlte, uͤberließ ſie ſich ſarkaſtiſchen, hohnſpoͤttelnden und heftigen 138 Bemerkungen uͤber jegliches andere Geſchoͤpf, welches irgend ihrer Laune nicht zuſagen mogte. Fuͤnf Jahre lang erduldete Lady Howard dieſes Leben voll raſtloſen Betruges, Selbſtbe⸗ zwingung und Selaverei, als, nachdem ſie ihr einundzwanzigſtes Jahr zuruͤckgelegt hatte, ihr Gemahl mit Tode abging und ihr die Fruchte ihrer Schlauheit dahin uͤberließ, daß ſie unbe⸗ ſchraͤnkte Beſitzerin ſeiner Guͤter, zu großem Nach⸗ theil manches armen und nahen Verwandten ward, welcher mit Recht ein Legat aus dem Teſtament des alten Ritters haͤtte erwarten moͤgen. Es iſt unnoͤthig zu ſagen, daß die jugendli⸗ che, ſchoͤne und mit reichem Einkommen begabte Lady Howard manchem Hochadeligen des Lan⸗ des eine willkommene Verbeſſerung ſeiner Guͤter geweſen ſeyn wuͤrde, und daß es ihr demnach nicht an Bewerbern fehlte. Sie jedoch ließ zwar die Heuchelrede walten, daß ſie ſpaͤterhin wohl Einen oder den Anderen von ihnen waͤh⸗ len duͤrfte, dennoch verwarf ſie ſie vor der Hand Alle. So ward denn die Verbindung, welche 139 die junge, reiche Wittwe etwa ſchließen moͤgte, vorlaͤufig der Geſchwaͤtzgegenſtand der Gevattern und der Muthmaßungsſtoff der Frau Gevatte⸗ rinnen in ihrer Nachbarſchaft, ſo daß Lady Ho⸗ ward von dem Geruͤchte faſt jedem huͤbſchen jungen Edelmann, gegen den ſie eben freundlich geweſen ſeyn mogte, zur Ehe gegeben ward. Zu einer Zeit ſollte ſie nahe an einer Vermaͤh⸗ lung mit Sir Nicholas Slanning ſeyn, nachdem ſie dreimal mit ihm und ſeinen Hunden auf der Jagd geweſen war. Ein anderes Mal nannte das vielzuͤngige Geruͤcht den Sir Thomas Mor⸗ lay als den Begluͤckten; und dann wieder ſollte John Fitz ſie Alle durch die Auszeichnung ver⸗ dunkelt haben, welche er der ſchoͤnen Wittib erwies. Wir ſind nicht im Beſitze genuͤgender That⸗ ſachen, die ein Licht auf alle dieſe Muthmaßun⸗ gen haͤtten werfen koͤnnen. So viel vermoͤgen wir jedoch zu ſagen, daß, welch ein Beweggrund auch dazu vorhanden ſeyn mogte, es zuverlaͤſſig eine Zeit gegeben hatte, in welcher John Fitz der Lady Howard hinlaͤngliche Aufmerkſamkeit 140 zollte, um die ſich daruber hurtig in Umlauf ſetzenden Geruͤchte zu rechtfertigen, und daß die koſtbare und ſchoͤne Lady jene Huldigungen nicht unguͤnſtig aufnahm. Doch hatten dieſe ſeit ei⸗ niger Zeit aufgehoͤrt, ſo daß John Fitz und Lady Howard einander nur mit alltaͤglicher Hoͤf⸗ lichkeit entgegenkamen; worauf denn Dame Ge⸗ rucht, die ſtets bereit iſt, uͤber anderer Leute An⸗ gelegenheiten abzuurtheln, ploͤtzlich den Sohn Sir Hugo's als einen von der reichen Herrin abgewieſenen Liebhaber verſchrie. Lady Howard beſaß ein ſtattliches Wohn⸗ haus unweit Taviſtock; allein aus irgend einem oder anderem Grunde pflegte ſie ſich nicht immer in demſelben aufzuhalten; denn da ſie nahe mit der Dame Glanville verwandt war, und ſie von dieſer, die vermuthlich hoffte, die Wittwe fuͤr einen ihrer Soͤhne heimzubringen, oft dringend eingeladen ward, ſo brachte ſie den groͤßten Theil ihrer Zeit zu Kilworthy zu, wo es minder ein⸗ ſam als in ihrer eigenen Wohnung war. Lady Howard folgte dieſen Einladungen, wiewohl noch nichts ſich aus denſelben weiter hatte ergeben 141 wollen, als daß ſie zu Zeiten fuͤnf Monate hin⸗ ter einander bei der Dame Glanville verlebte. Waͤhrend eines jener Beſuche war denn Lady Howard mit zu dem Maienfeſte nach Fitz⸗Ford gezogen. Nachdem wir ſo viel von den im Herrn⸗ hauſe angelangten Gaͤſten erinnerten, ſey es uns vergoͤnnt, mit einigen Bemerkungen uͤber Mar⸗ garethe Champernoun hervorzuruͤcken; und damit dies deutlich geſchehe, wollen wir hier nur Das uͤberliefern, was allgemein unter den Freunden und Nachbarn des Richters fuͤr die Geſchichte dieſes jungen Frauenzimmers galt. Ihr Vater (ſo pflegte Glanville zu erzaͤhlen) war in fruͤ⸗ heren Jahren der liebſte Freund geweſen, den er auf der Welt hatte, obwohl heftiger politi⸗ ſcher Parteigeiſt, vor Allem aber eine Verſchie⸗ denheit in den Religionsmeinungen, die Freunde von einander abſonderte; ſo daß nach und nach aller Verkehr zwiſchen ihnen aufhoͤrte, und Sir Frederik Champernoun endlich das Koͤnigreich verließ, nachdem er einen bedeutenden Theil ſei⸗ nes Vermoͤgens in einem fruchtloſen Proceſſe, 142 und endlich den Reſt ſeiner Habe durch eine Geldbuße verloren hatte, die ihm wegen eines politiſchen Vergehens von der Sternkammer auf⸗ erlegt worden war. Beinahe gaͤnzlicher Verarmung hingegeben, zog er ſich nach Frankreich zuruͤck, und mehrere Jahre lang hoͤrte Glanville nichts von dem Schickſale ſeines fruͤheren, jetzt ſo ungluͤcklichen Freundes, bis dieſes Letzteren Beſorgniß fur ſeine Tochter denſelben auf dem Sterbebette ver⸗ mogte, ein an Glanville gerichtetes Schreiben nach England zu befoͤrdern. Wenige Stunden vor ſeinem Hinſcheiden dictirte Frederik Cham⸗ pernoun jenen Brief, indem er ihn ſelbſt zu ſchreiben ſich viel zu ſchwach fuͤhlte. Aus dem, was ſpaͤter erfolgte, mag der Inhalt jenes Schrei⸗ bens leicht ermeſſen werden, indem Richter Glan⸗ ville gleich nach Empfange deſſelben einen Ver⸗ trauten nach Frankreich ſendete, um die Tochter des verſtorbenen Frederik Champernoun nach England heruͤber zu geleiten. Zu dieſer Periode befand Frankreich ſich in unruhevollem Zuſtande, und es iſt demnach wahr⸗ —— ——— 143 ſcheinlich, daß der ſterbende Vater, wie ſehr er auch in ſeinen politiſchen oder kirchlichen Mei⸗ nungen von denen des Richters Glanville ab⸗ weichen mogte, doch des Richters Werth kannte, und Verlangen trug, ſein Kind aus einem Lande zu entfernen, in welchem ſo wenige perſoͤnliche Sicherheit waltete, und ſeine Margarethe der Sorge eines vormaligen Freundes zu uͤberant⸗ worten, deſſen Ehrgefuͤhl und Redlichkeit er ſo⸗ wohl das Maͤdchen, wie das kleine Vermoͤgen, das er ihr hinterließ, anvertrauen konnte. Mit aller Waͤrme, womit ein von Natur wohlwollendes Gemuͤth eine gute Handlung un⸗ ternimmt, entſprach jetzt Glanville dem ihm geſchenkten Vertrauen und ward der vaterliche Huͤther der jungen, kaum achtzehn Jahre alten, liebenswuͤrdigen Waiſe. Zwei Dinge waren es, die ihr in ſeinen Augen ein beſonderes Intereſſe verliehen: zunaͤchſt die Erwaͤgung, daß ſie außer ihm keinen Freund in England hatte, und dann die Hoffnung, daß ſie durch ihren Aufenthalt bei einer proteſtantiſchen Familie von ſelbſt den Irrthuͤmern der roͤmiſchen Kirche entſagen 144 wuͤrde; obſchon er durch die dringenden Bitten des ſterbenden Vaters ſich verpflichtet fuͤhlen mußte, keine Bemuͤhungen anzuwenden, um Margarethe zu einer Aenderung ihres Lehrglau⸗ bens zu bewegen. Richter Glanville hoffte ſol⸗ chen Uebertritt Margarethens um ſo mehr, da es mit Gefahr verknuͤpft war, ſich oͤffentlich zum Katholicismus zu bekennen, und da tͤglich ſtrenge Maßregeln gegen Diejenigen ausgefuͤhrt wurden, die ſolches thaten, wie denn u. A. die Familie des Lord Morlay wegen oͤffentlichen Beiwohnens der Meſſe nicht blos an Gelde, ſondern ſogar mit Kerkerhaft beſtraft worden war. Margarethe, als die Rede von ihrem fruͤheren Leben war, erzaͤhlte ihrem Pflegevater, daß ſie in der groͤßten Eingezogenheit mit ihrem Vater ge⸗ lebt haͤtte. Ihre Mutter, ſagte ſie, ſtarb bald, nachdem ſie ſelbſt geboren worden war, ſo daß ſie weibliche Fuͤrſorge und Pflege nur in ſofern kannte, als ihr dieſelbe von einer in Dienſt ge⸗ nommenen Magd gereicht ward. Margarethe konnte ſich an ihr Geburtsland nicht erinnern, indem ſie ein kleines Kind geweſen war, als ihr Vater mit ihr nach Frankreich entfloh; dennoch ſprach ſie ſo gut engliſch als franzoͤſiſch, und hatte beide Sprachen von ihrem Vater erlernt. Im Uebrigen moͤgen wir hinzufuͤgen, daß Margarethe nichts von der Welt wußte, zarten und nachgebenden Gemuͤthes war, jedoch bei alldem einen mehr ruhigen als ſchlaͤfrigen Cha⸗ rakter beſaß, indem ihre Seele, tiefer Gefuͤhle faͤhig, ſolche Kraͤftigkeit wies, daß ſie ſelbſt bei geringfuͤgigen Veranlaſſungen zeigte, welche ſtar⸗ ken Anſtrengungen ſie erforderlichen Falles wuͤrde machen koͤnnen. Von Koͤrpergeſtalt war Mar⸗ garethe klein und zart, und obſchon ſie nicht jene Regelmaͤßigkeit der Geſichtszuͤge beſaß, die auf die Bezeichnung„ſchoͤn“ haͤtten Anſpruch ma⸗ chen duͤrfen, ſo war doch ein ſo angenehmer Ausdruck in ihrer Phyſiognomie, in dem Laͤcheln ihrer vollen Roſenlippen und in dem Glanze ihrer dunkelbraunen Augen, ſo wie in ihrer kla⸗ ren Hautfarbe und ihrem uͤppigen Lockenhaar, daß man ihr, wenn nicht Schoͤnheit, doch einen uͤberaus hohen Grad von Anmuth zuſprechen mußte. Fitz of Fitz⸗Ford. I. 10 146 Auf dieſe junge und einnehmende Waiſe ver⸗ wendete jetzt der Richter Glanville ſeine Sorg⸗ falt. Mehr und mehr gewann er dieſelbe lieb, bis Gewohnheit, die Kleine mit Liebe zu be⸗ trachten, ihm dieſelbe faſt ſo werth machte, als ob ſie ſein eigenes Kind geweſen waͤre. Nachdem wir ſo viel von dem Richter Glan⸗ ville und ſeiner holden Pflegebefohlenen erinner⸗ ten, fahren wir fort, uͤber den Gegenſtand allge⸗ meiner Beluſtigung zu ſprechen, um deswillen die vorgenannten ehrenwerthen Perſonen ſich am erſten Tage des Maienmondes verſammelt hat⸗ ten. Es war noch fruͤh am Tage, denn die große Glocke des Thurmes hatte ſechs geſchla⸗ gen, als die Gaͤſte eintrafen. Die Sitten der feinen Geſellſchaft aber wichen damals gar ſehr von denen unſerer Zeit ab. Vornehme Herren und Damen beſuchten zu jener Zeit einander nicht, um die Beleuchtung durch Wachskerzen dem glorreichen Lichte der Sonne vorzuziehen, auch aßen ſie nicht zu Mittage, wenn es Zeit geweſen waͤre, ſich ſchlafen zu legen, oder wenn der Mond ſchien, wie hochwichtig dies Nachtge⸗ 147 ſtirn uͤbrigens fuͤr deſſen Verehrer Barnabas und Agrippa ſeyn mogte. Zuwider auch dem Tone jener Zeit wuͤrde es geweſen ſeyn, wenn man um Mittag im Bette ſich geſtreckt und gegaͤhnt haͤtte, ſo wie man es jetzt fuͤr unanſtaͤndig halten wuͤrde, vor den Mittagsſtunden ſeine Viſitenkarten vorzurei⸗ chen. Und was den Maientag anbetrifft, der jetzt nur noch von Milchmaͤdchen und Rauch⸗ fangkehrern gefeiert wird, was werden unſere vornehmen Damen denken, wenn wir ihnen ſa⸗ gen, falls ſie es noch nicht wiſſen, daß zu den Zeiten der guten Koͤnigin Beß das Maienfeſt voͤllig in ſo hoher Aufnahme ſtand, als heut zu Tage ein Hofball oder eine Maskerade? Dennoch waren ſchon zu Eliſabeth's Zeit die edlen Spiele des Maientages etwas ausge⸗ artet; denn die zarte Maienkoͤnigin ſelbſt, Jung⸗ frau Mariane, wie ſie genannt ward, ſah man oft durch einen als Dirne verkleideten plumpen Dorfjungen dargeſtellt. Dieſe Entartung hatte jedoch da begonnen, wo Entartung der meiſten Dinge ſich zuerſt erblicken laͤßt, naͤmlich inner⸗ 16 — halb des Weichbildes oder der naͤchſten Umge⸗ bung der Hauptſtadt; doch war dieſelbe noch nicht durch alle Grafſchaften von England ge⸗ drungen. Im Weſten des Landes ward„Jung⸗ frau Mariane“ noch immer von irgend einem Maͤdchen guten Herkommens dargeſtellt, das durch allgemeine Wahl der Ortsinſaſſen zum Voraus dazu ernannt worden war. Bei dem Maienfeſte zu Fitz⸗Ford hatte man die liebliche Margarethe von Champernoun zur Maienkoͤnigin ausgerufen, und dieſe erſchien dann als wuͤrdige Verſinnbildlichung der Jugend und Schoͤnheit des Fruͤhlings; und da wir anneh⸗ men duͤrfen, daß unſere Leſer nicht alleſammt ſo hocherfahrene Alterthumsforſcher ſind, als et⸗ liche gelahrte Maͤnner es waren, welche mit ſo vieler Umſicht eine Beſchreibung der Volksſpiele unſers froͤhlichen Englands hinterließen, ſo wird es uns ſchwerlich veruͤbelt werden, wenn wir ei⸗ nen fluͤchtigen Abriß von dem Charakter und den Ceremonien des diesmaligen Maienfeſtes zu Fitz⸗Ford hier folgen laſſen. Bu fruͤher Stunde des Tages, an welchem — * — 6b—„ ——— N das Feſt ſtattfand, verſammelten die Hauptperſo⸗ nen deſſelben ſich an vorher dazu beſtimmtem Ort, um aus dem benachbarten Gehoͤlz reich mit ſchneeweißen Bluͤthen behangene Hagedorn⸗ zweige zu holen, und jenen wohlgeordneten Zug zu Ehren des Maien zu beginnen, von welchem wir ſpaͤterhin ſprechen werden. Johann oder John Fitz, ein junger und huͤbſcher Mann in jagdgruͤnem Anzuge, mit Huͤfthorn und ſchwar⸗ zer Sammetkappe, von der eine weiße Feder ihm auf die Schulter herabhing, und der in ſeiner Hand den langen Bogen der englaͤndiſchen Bogenſchuͤtzen trug, war kein uͤbler Repraͤſen⸗ tant des ritterlichen Robin Hood, indem ritterli⸗ ches Weſen und feines Ausſehen als die hervor⸗ ſtechenden Eigenſchaften jenes beruͤhmten Geaͤch⸗ teten des luſtigen Sherwood angeſehen wurden, und die Herkoͤmmlichkeit laͤngſt dieſen Robin Hood zum Koͤnig des Maienfeſtes ernannt hatte. Margarethe, die diesmalige Maienkoͤnigin, erſchien in einer Bekleidung von nelkenfarbener Seide, die mit gruͤnen Flatterbaͤndern benaͤh't war. Anmuthig hingen ihre Locken uͤber ihre Schultern, unter einer Haube aus Silberſtoff herab, um die ſich ein mit Gold und Blumen geſchmuckter kronenartiger Reifen ſchlang, ſo daß Reichthum ſich mit Stattlichkeit in dem ganzen Anzuge paarte. Am Buſen trug das Maͤdchen einen Blumenſtrauß, und wie zart aus demſel⸗ ben die Bluͤthen hervorguckten, ſo ſchienen ſie doch von dem milden Roth der Jugend und Beſcheidenheit auf den Wangen der Maienkoͤni⸗ gin weit uͤbertroffen zu werden. Der Pater Tuck, der von Frank Glanville dargeſtellt ward, erſchien in ſeiner herkoͤmmlichen dunkeln Tracht; und Sir Nicholas Slanning, der die ſelbſtge⸗ waͤhlte Rolle des Narren durchzufuͤhren hatte, wiewohl Manche meinten, dieſe haͤtte ſich beſſer fuͤr Frank Glanville geſchickt, wies ſich in der bunten, gelb umnaͤheten Jacke. Die Kolbe in ſeiner Hand zeigte einen Menſchenkopf mit Eſels⸗ ohren, waͤhrend bei jeder ſeiner leiſeſten Bewe⸗ gungen, die an ſeiner mit einem Hahnenkamme verzierten herabhaͤngenden Muͤtze baumelnden Gloͤckchen und Schellen luſtig erklangen. Ein kurzgeſchnittener, kalbslederner Mantel deckte ihm — 151 die Schultern und vervollſtaͤndigte die Narren⸗ kleidung, ſo wie ſie zur Zeit Eliſabeths uͤblich war;z ein Umſtand, aus dem ſich eine wohl an⸗ zunehmende Erklaͤrung jener Stelle im Shak⸗ ſpeare herleitet, in welcher Conſtanze im Aus⸗ bruche ihrer Verachtung gegen Oeſtreich zu die⸗ ſem ſagt: „Geht, haͤngt ein Kalbsfell um die feigen Glieder!“*) Lady Fitz in den Wuͤlſten und dem Reif⸗ rocke ihrer Zeit, mit einem Schnuͤrleibe lang und ſteif herausſtaffirt, um ihren Hals herum eine dreiſtraͤhnige guͤldene Kette geſchlungen, empfing die Dame Glanville und deren Geſellſchaft mit all den umſtaͤndlichen Foͤrmlichkeiten, welche da⸗ mals fuͤr einen weſentlichen Theil guter Erzie⸗ hung galten. Sie wies der Frau des Richters den oberſten Platz im Verſammlungsſaal an, und fuͤhrte ihre Gaͤſte zur Stelle, wie wohl ein Herold zu thun pflegt, der am Wedeln eines *) M. ſ. Shakſpeare's„Koͤnig Johann.“ Der ueberſ. ————— . 3 N 132 Loͤwenſchwanzes die genealogiſchen Ehren erkannte, die einem Jeden gebuͤhrten. Die Maienkoͤnigin dagegen, die mindeſtens an dieſem Tage den Vorrang vor allen Andern haͤtte haben ſollen, ward am tiefunterſten Ende des Gemaches ge⸗ laſſen, ſintemal Lady Fitz of Fitz⸗Ford des Wiſ⸗ ſens ermangelte, ob und in wie fern Margare⸗ the von Champernoun„wappen- und turnier⸗ faͤhig“ ſeyn duͤrfte. Sir Hugo Fitz erſchien bald im Geſellſchafts⸗ ſaale, und ſetzte ſich, waͤhrend Alle, bevor man auszog, um den Mai hereinzuholen, an jener guten Mahlzeit Theil nahmen, die das Fruͤhſtuͤck unſerer Vorfahren abgab, neben Dame Glan⸗ ville, mit der er ein vertrautes Geſpraͤch an⸗ knuͤpfte, zu welchem bald, da es von Feſtlichkei⸗ ten des Tages handelte, ſaͤmmtliche Gaͤſte ihr Wort gaben. „Ich erklaͤre,“ ſagte Dame Glanville im Verlaufe des Geſpraͤches, als Lady Fitz eine fluͤchtige Bemerkung uͤber die Eingezogenheit des Richters hatte fallen laſſen, als ſie deſſen Nicht⸗ anweſenheit bei dem Feſte beklagte:„Ich erklaͤre —————————— daß es mir vorkommt, als fuͤhre mein Gemahl ein ſo fratzenhaftes Leben, daß es ſcheint, als vergaͤße er Alles, was ihn umgiebt; ja mehr noch, daß es ſcheint, als vergaͤße er Das, was das Herkommen und ſogar das Geſetz des Lan⸗ des von ihm heiſcht; denn ich konnte ihn nicht dazu bewegen, heute fruͤh ein ſeltſam ausſehen⸗ des Weibsbild verhaften zu laſſen, das um Kil⸗ worthy herum lauerte und offenbar wie eine Hexe ausſah, als ſie darum bat, ihre Maien⸗ morgenfackel in unſerer Kuͤche anzuͤnden zu duͤrfen. „Jene Frau, edle Dame Glanville,“ fiel Sir Nicholas Slanning ein, moͤgte um deß wil⸗ len, was ſie that, wohl nicht fuͤr eine Hexe zu halten ſeyn, denn Feuer oder Licht am Maien⸗ morgen vor den Thuͤren der Reichen zu erbit⸗ ten, iſt ein noch keineswegs erloſchener abergläu⸗ biſcher Volksgebrauch.“ „So iſt's,“ beſtaͤtigte Sir Hugo, ich leite, werther Nachbar Slanning, den Gebrauch davon aus den Zeiten der Druiden her. Es iſt ein Ueberbleibſel eines heidniſchen Opfers, das 154 Anzuͤnden eines Feuers zu Ehren des Gottes Baal; und ich moͤgte des Dafuͤrhaltens ſeyn, daß jenes um Licht bittende Weib keine andere Abſicht hatte, als eine Schuͤtte Stroh damit an⸗ zuzuͤnden, um ihre Kuh durch den Brand lau⸗ fen zu laſſen, damit das Thier waͤhrend des Jahres vor der boͤſen Seuche bewahrt bleiben moͤge. Die Sitte iſt allgemein genug in Dart⸗ moor. Bei alldem, moͤgt' ich ſagen, gab Dame Glanville einen heilſamen Rath; denn Hexen ſchuͤtzen oft dergleichen Gebraͤuche vor, um ihre duͤſteren Abſichten dahinter zu verſtecken. Alte Weiber ſind gefaͤhrlich und beſonders in Ver⸗ dacht zu ziehen, wenn ſie Triefaugen und ſpitzige Zunge an ſich wahrnehmen laſſen.“ „Nun, bei dem Anſehen, in welchem mein Scepter ſteht,“ entgegnete Nicholas Slanning, indem er ſeine Narrenkolbe ſchwang,„wenn dies allgemein geltende Richtſchnur werden ſoll, ſo ruf' ich Wehe uͤber jedes alte Muͤtterchen in der Pfarrgemeinde! Denn ein Triefauge kann beſonders in alten Tagen gar wohl durch einen Zugwind erzeugt werden; und was die ſpitzige — ———— . 155 Zunge betrifft, ſo beſſ're Gott die Ehemaͤnner des Ortes! Was jedoch die Alte betrifft, welche heut fruͤh zu Kilworthy ihre Fackel anzuzuͤnden begehrte, ſo will ich meine Schellenkappe gegen Eure Weisheit verwetten, wenn es nicht wahr iſt, was ich daruͤber ſagen werde. Das Muͤt⸗ terchen kam naͤmlich, um etwas mehr als um einen Zauber an ihrem Rindvieh zu bewirken— ſie trachtete nach einer Unterredung mit Jung⸗ fer Margarethen, der Maienkoͤnigin.“ „Ihr ſeyd ein bevorrechteter Narr, Sir Buntjacke,“ fiel John Fitz ein,„ſo koͤnnt Ihr, was fuͤr Lugen Ihr auch ausſprecht, doch keine Verlaͤumdung vorbringen.“ „Aber Kinder und Narren reden die Wahr⸗ heit,“ entgegnete Slanning;„das Sprichwort ſagt ſo; und ich ſage Euch, daß jene Alte Ver⸗ langen trug, mit dem Fraulein Margarethe zu ſprechen. Ich aber, der ich ſo tapfer als weiſe bin, meinte, ein huͤbſches Juͤngferchen koͤnnte nichts Gutes von einer Perſon lernen, die aus⸗ ſah, als ob ſie mit meiner Waare handelte, denn die Alte ſchien die Narrheit des Prophezeihens — 1³³⁸— zu treiben. Ich hieß deshalb die Alte ſich pak⸗ ken und fortſcheren, damit ſie nicht auf den Tauchſchemel geſetzt wuͤrde, und drohte ihr, wenn ſie zoͤgerte, mit einem Proͤbchen von meinem Scepter. That ich nicht wohl daran, Herr Hugo? Denn welches Gute entſproß je daraus, wenn ein Weib ſich mit Aſtrologie befaßte?“ „Die Aſtrologie iſt eine Wiſſenſchaft,“ ver⸗ ſetzte Sir Hugo gravitaͤtiſch,„und gleich andern verſtaͤndigen Dingen dem Spotte derer Narren preisgegeben. Sagt mir doch, unter weſſen Au⸗ toritaͤt Ihr Euch anmaßt, gegen Aſtrologie und Aſtrologen das Wort zu fuͤhren?“ „Verzeiht mir, wenn ich alſo thue, Herr Hugo,“ entgegnete Slanning.„Meine Autori⸗ taͤt iſt die Welt; denn nur ihrem Beiſpiele folg' ich, wenn ich bisweilen meinen Freunden und Verwandten mit Undank entgegenkomme. Un⸗ ſtreitig ſind alle Aſtrologen, die jemals lebten und noch leben, meine leiblichen Bruͤder, in ſo⸗ fern ſie zur Fortdauer meines Geſchlechtes wir⸗ ken, weil ſie ſelber Narren ſind und deren taͤg⸗ lich mehrere hervorbringen.“ 157 Sir Hugo, der ſelbſt an einem Tage allge⸗ meiner Luſt und Scherzhaftigkeit keine bittere Anſpielung auf ſeine Lieblingswiſſenſchaft leiden konnte, lenkte das Geſpraͤch anders. Er wen⸗ dete ſich zu den Druiden zuruck, und dies leitete ihn zu einer langen Abhandlung uͤber ſein eige⸗ nes Auffinden unzubezweifelnder Ueberreſte jenes uralten Prieſterthums in Dartmoor, bis Lady Fitz, welche einſah, wie wenig zuſagend derglei⸗ chen Getraͤtſch ihren Gaͤſten war, den Gemahl unterbrach, indem ſie ſagte:„Werther Sir Hugo, die jungen Leute haben ihr Fruͤhſtuͤck zu ſich genommen, und muͤſſen nun wohl an den Maienzug denken; Ihr aber ſprecht immerfort von Dingen, die ſo alt ſind, wie die vorſuͤnd⸗ fluthliche Welt, als ob wir mit der Welt, ſo wie ſie jetzt zugeſchnitten iſt, gar nichts mehr zu ſchaffen haͤtten. Ihr vergeßt, daß heute Maien⸗ tag iſt.“ „Das thu' ich nicht,“ rief Sir Hugo Fitz. „Ich kenne gar wohl das hohe Alter dieſes Fe⸗ ſtes; weiß gar wohl, wie etliche gelahrte Auto⸗ ren der Meinung ſind, es leite ſeinen Namen 158 von Maia, der Mutter des Mercurius oder Hermes, her—“ „Solche Meinung hegen auch meine Ferſen,“ fiel der Narr ein;„denn ſie ſind befluͤgelt und ſehnen ſich danach, ihre Legitimitaͤt darzuthun, daß ich mich als einen Sohn des leichtfuͤßigen und ſchlankfingerigen Gottes zeige, wenn der Maurentanz und der Mummenſchanz von De⸗ vonſhire ihren Anfang nehmen.“ „Daraus moͤgt Ihr abermals folgern,“ rief Sir Hugo,„wie freundlich gewogen dieſe weſt⸗ liche Graſſchaft der Erhaltung des Alterthums iſt. Der Mummenſchanz von Devonſhire iſt nichts als Ueberbleibſel einer uralten Sitte, die ſich von dem der Flora, der Mutter der Blu⸗ men, geweiheten Tanze herſchreibt. Auch iſt der⸗ ſelbe ein Tanz, der der Geiſterwelt genehm iſt, denn der gelahrte Doctor Dee ſagt, daß jede Hexe auf dem Harzgebirge in der Vornacht des erſten Maien den Mummenſchanz tanzt, und dabei, um die Blumen des Lenzes zu begruͤßen, uͤber einen Beſenſtiel ſpringt, auf deſſen einem Ende ein kleiner Teufel reitet.“ 159 „Doch mögte ſo Hexe wie Teufel mit kei⸗ nen Blumen zu ſchaffen haben, die Schwefel⸗ blumen etwa ausgenommen,“ verſetzte Narr Slanning.„Aber hoͤrt, Hans Fygge, der Stadtpfeifer, ſpielt luſtig unten im Hofe auf, und die lateiniſchen Jungen des Schulmeiſters ſtimmen ihr munteres Lied an. Laſſen wir alſo dieſe weiſen Geſpraͤche, und Jeder ziehe, wenig⸗ ſtens Einmal im Jahre, und zwar an dieſem Tage, der Narrheit nach.“ Mit dieſen Worten lief Sir Nicholas Slan⸗ ning voll Narrenwitzes und thoͤriger Froͤhlichkeit, ſo hurtig hinaus wie ein Rehbock. Alle jungen Leute, die die Geſellſchaft zu Fitz⸗Ford bildeten, folgten ihm. Im Hofe ſtieß eine Schaar jun⸗ gen Volkes zu ihnen, die ſich als Sommer und Winter angethan wies. Erſtere von dieſen wa⸗ ren mit Blumen bekraͤnzt, waͤhrend Letztere ihre dunkeln Gewaͤnder mit Epheu behangen hatten, und an den Muͤtzen Walddiſtelzweiglein trugen. Alle jungen Maͤnner wurden mit Schießbogen verſehen, indem ein Zielſchießen mit zu den Be⸗ luſtigungen des Tages gehoͤrte. Siebentes C apitel. „—— Ein moaͤchtiger Oberherr iſt Amor. Er hat mich ſo gebeugt, daß— ich geſteh's— Kein Weh mit ſeiner Zucht ſich mag vergleichen; Kein Erdengluͤck gleicht dennoch ſeinem Dienſt, Kein Wort erfreu't, ſo's nicht von Liebe redet!“ Shakſpeare. Die jugendliche Schaar erreichte bald die Hoͤl⸗ zung von Fitz, wobei Barnabas, der an der Spitze ſeiner Buben dahinzog, und eben ſo ſehr Knabe war, wie es die Knaben waren, den lu⸗ ſtigen Toͤnen der Pfeife und Handtrommel folgte. Das Wetter war entzuͤckend ſchoͤn, obwohl zu Zeiten etliche graue Wolken den Glanz der Morgenſonne verdunkelten. Jedes Voͤglein, durch die Muſik aufgeſchreckt, flatterte auf den Aeſten umher und wirbelte tauſendfaches Geſchmetter aus ſeiner kleinen Kehle, ſo daß die Luͤfte lieb⸗ lich davon erklangen. Der Hagdorn ſtreute ſei⸗ nen Bluͤthenduft umher, und jedes Gaͤnſebluͤm⸗ chen und Feldkraͤutlein, das in offener Bluͤthe dalag, ſchien die Wiederkehr des Lenzes zu be⸗ gruͤßen. Der ganze Schauplatz wies ſich in friſcher und lebensvoller Schoͤne, ſo daß der Maienmor⸗ gen, der mit der Jahreszeit in lieblichem Ein⸗ klange ſtand, froͤhlich von Denen begruͤßt ward, deren Alter und Gemuͤthsart ſo ſehr dem Wie⸗ deraufbluͤhen der ganzen Natur entſprach. Kein truͤber Gedanke, keine froſtige Empfindung la⸗ gerte, um ſie zu erkaͤlten, ſich um die jungen Herzen, die von hohen Erwartungen pochten, welche ihnen durch die Heiterkeit der Stunde eingefloͤßt wurden. Die Knaben kletterten auf die Baͤume, von denen ſie manchen gruͤnenden Aſt abbrachen, um Thuͤren und Fenſter der Haͤuſer damit zu beſtecken, waͤhrend die weißbe⸗ bluͤtheten Hagdornzweige gepfluͤckt wurden, um als Beute im Triumphzuge des Tages zu er⸗ ſcheinen. Diejenigen unter den Waldbeſuchern, Fitz of Fitz⸗Ford. I. 11 —.z—— —— —162— die bereits in das Juͤnglingsalter getreten wa⸗ ren, und deshalb an Knabenſpielen keinen Ge⸗ fallen mehr finden wollten, wohl aber der Ar⸗ tigkeit Aelterer nachzuahmen ſich befleißigten, pfluͤckten bunte Waldblumen, um dieſelben in einem Kranze irgend einer holden Jungfrau aus der Geſellſchaft darzubringen; und mancher Kuß ward geraubt und mit abwehrender Geberde ge⸗ geben, waͤhrend die Augen dazu lachten, deren Stirn mit dem Huldigungskranze geſchmuͤckt ward. Eiine Zeit lang widmete man ſich dieſen und aͤhnlichen Spielen und Scherzen, bis auf das von Barnabas, der fuͤr den Tag den Cere⸗ monienmeiſter abgab, erlaſſene Aufgebot, alle Haͤnde, ausgenommen die des Koͤnigs und der Koͤnigin, nebſt denen des Narren, beſchaͤftigt waren, die Maienſtange oder den Maienbaum zu⸗ zurichten, der im Triumphe nach der Stadt getragen ward. Waͤhrend die Zurichtung bewerkſtelligt wurde, erinnerte Barnabas ſich, daß er ſaumſe⸗ lig darin geweſen war, den Dorfknechten den Ort anzuzeigen, an welchen ſie das Joch Och⸗ 163 ſen zu fuͤhren hätten, von welchen die Maien⸗ ſtange heimgetragen werden mußte; und die muthmaßliche Zoͤgerung, die aus dieſem Umſtande entſtehen wuͤrde, ſchien dem wuͤrdigen Ceremo⸗ nienmeiſter bei den Maientagsſpielen bedeuten⸗ den Verdruß zu machen. John Fitz, oder vielmehr Robin Hood ge⸗ wahrte dies; und da er ſelbſt, ſeine Koͤnigin und der Narr noch nicht aufgerufen worden waren, ihre Rolle bei den Ceremonien zu be⸗ ginnen, ſo that er ſeinem Gefaͤhrten und ſeiner Gefaͤhrtin den Vorſchlag, der Beſorgniß des Schulmeiſters dadurch ein Ende zu machen, daß ſie gemeinſam zum Pachthofe gingen, von wan⸗ nen her die Ochſen zu bringen waren, damit dieſe zum rechten Orte gewieſen wuͤrden. Dank⸗ bar nahm Barnabas das Anerbieten an, und der Narr erkläͤrte, Koͤnig und Koͤnigin begleiten zu wollen, indem er zu ſehr zu dem Hoſſtaate gehoͤrte, als daß er ſich von demſelben ausſchlie⸗ ßen koͤnnte.„Und wenn uͤberdies,“ ſprach er, „Robin Hood und Jungfer Mariane heut mit⸗ ſammen flattern wie thoͤrige Voͤglein, ſo werden 4 ——— S 164 ſie hoͤchſt wahrſcheinlich meiner zum Friedens⸗ ſtiften beduͤrfen, denn Flatterzeit und Liebeszwiſt giebt es da, ſagt man, wo Jägerwams und Jungfernrock neben einander hertrippeln. Kommt Ihr, mein Koͤnig der Geaͤchteten, und Du, meine holde Koͤnigin der Blumen und Bluͤthenſtraͤuß⸗ chen!“ Indem Sir Nicholas Slanning alſo ſprach, ſchritt er mit John Fitz, auf deſſen Arm Margarethe ſich lehnte, jeder von den Dreien ſeinem Charakter gemaͤß angethan, durch den Wald, damit ſie die Botſchaft ausrichteten, wel⸗ che ſie zu Gunſten des Schulmeiſters uͤbernom⸗ men hatten. Eine Zeit lang waren ſie durch eine jener Gehoͤlzſtrecken hingewandert, die ſich ſo beſonders romantiſch in Devonſhire zeigen, als ſie ploͤtzlich in einiger Entfernung ein Weibsbild erblickten, die in einen dunkelfarbigen Mantel gehuͤllt war, ihnen einen Augenblick lang forſchend in's Ge⸗ ſicht blickte und dann in das nahe Dickicht zu⸗ ruͤckwich. „Bei der Narren Weisheit,“ ſagte Slanning, „ich muͤßte mich ſehr irren, wenn das nicht daſ⸗ 165 ſelbe Weib iſt, das heute fruͤh zu Kilworthy bat, ihre Kerze anzuͤnden zu duͤrfen. Sie ſcheint nach der Maienkoͤnigin auszuſchauen. Sei ſie Hexe oder Teufel, ſie ſoll unſerer huͤbſchen Ma⸗ riane heut zu keinem boͤſen Thun quer uͤber den Weg laufen, ſo lange ich ſo ritterlich bewaffnet bin,“ und bei dieſen Worten ſchwang er ſeine Narrenkolbe. Die drei Wanderer näherten ſich jetzt der Stelle, wo die Alte in das Gebuͤſch zuruͤckge⸗ ſchritten war, als dieſe auf eben ſo uͤberraſchende Weiſe, wie ſie vorhin ſich ihnen entzogen hatte, wieder vor ihnen ſtand. Ihre Zuͤge waren ſcharf und duͤſter, und obwohl ſie nicht hoch von Wuchſe war, wies ſie ſich doch derb. Ihr gan⸗ zes Ausſehen trug gaͤnzlich das Charakteriſtiſche an ſich, das man noch heut zu Tage an den Weibern wahrnimmt, welche in Devon und Cornwall an den Bergwerken mitarbeiten. Kuͤhn trat ſie vor, und eben ſo kuhn verlangte ſie mit der Maienkoͤnigin zu reden. „Entheb' Dich, Hexe, wie Will Shakſpeare ſagt!“ rief Slanning.„Was? Du willſt der 166 Majeſtaͤt der Lilien und Roſen Dich in den Weg lagern, und das an ihres Feſtes Jahres⸗ tage? und das, waͤhrend ſie an der einen Hand von ihrem koͤniglichen Gemahl und an der an⸗ dern von ihrem erſten Staatsdiener gefuͤhrt wird? Weicht zuruͤck, gute Mutter, oder gebt Eure Botſchaft kund, denn hier geſtatte ich Keinem außer mir den Narren zu ſpielen.“ „Ich will aber nicht zuruͤckweichen,“ ſagte die Alte im dunkelfarbigen Mantel,„und Ihr ſollt nicht voruͤbergehen, bevor ich mit der Maien⸗ koͤnigin ſprach; denn ich habe fuͤr ihr Ohr eine Kunde, die der Narr nicht verſteht.“ „So ſprecht ſie heraus, Weib,“ fiel John Fitz ein,„denn wenn ein Narr auch Ohren hat, ſo hat er doch keinen Verſtand.“ „Ihr ſpielt die Rolle des Bunten da ſo gut, als er,“ entgegnete die Geheimnißvolle;„und da Ihr von meiner Botſchaft an dieſes Fraͤulein wiſſen wollt, ſo muß ich wohl mit der Sprache herausruͤcken. Ich komme als eine rechtſchaffene Frau hieher.“ „Und ſo ziemlich auch als eine kluge Frau,“ 167 meinte Slanning,„denn ſo nennen ſich ja wohl Weiber Eures Gelichters, die aus der Hand wahrſagen, und dafuͤr, wenn's gluͤcken will, Silberpfennige einſaͤckeln.“ „Ich habe ein Juwel gefunden,“ entgegnete die Alte,„das, wie ich hoͤrte, dieſer Dame zu⸗ ſteht; darum ſuchte ich ſie auf, es ihr ʒuruckzu⸗ geben und mir eine Belohnung fuͤr meine Muͤhe zu erbitten. Die Dame ſelbſt mag beſtatigen, ob ich Wahrheit rede, und ob dieſer Schmuck ihr zugehoͤrt.“ Bei dieſem Worte faßte ſie mit beſonderem Geſichtsausdruck die junge Maienkoͤnigin in's Auge, und reichte ihr ein Kreuzchen aus feinem Golde, das mit etlichen Edelſteinen verziert war. Bei dem Anblicke des Kreuzchens erblaßte Mar⸗ garethe Champernoun fuͤr einen Augenblick, und konnte vor innerer Bewegung kein Woͤrtchen ſprechen. Sie ſtreckte die Hand aus und nahm ſchweigend den Schmuck hin, der ihr auf ſo ſonderbare Weiſe behaͤndigt ward. Die Ueberraſchung der beiden Begleiter Mar⸗ garethens kann man ſich leicht vorſtellen.„Was ————— 168 iſt das?“ ſagte John Fitz aͤrgerlich zu der Al⸗ ten, als er die Erſchuͤtterung der Maienkoͤnigin bemerkte;„Ihr habt dieſes junge Frauenzimmer faſt bis zu einer Ohnmacht erſchreckt! Ihr ſcheint boͤſen Zauber zu wirken.— Haltet die Alte auf, Slanning! Mein Vater hat mir von ſolchen Creaturen erzählt. Das Weib iſt eine Zaube⸗ rin— ſie ſoll uns dafuͤr Rede ſtehen.“ „Nein, nein!“ rief Margarethe.„Das gol⸗ dene Kreuz iſt mein— iſt ein geheiligtes Em⸗ blem. Mein verſtorbener Vater hielt große Stuͤcke darauf. Mit dieſem Zeichen verbinden ſich Ruͤckerinnerungen und Umſtaͤnde, die mir verbieten, das Kleinod ohne Ruͤhrung zu be⸗ trachten.— Mir wird ſchon beſſer.— Ich moͤgte Euch bitten, mich zu verlaſſen, damit ich dieſe Frau befrage, wie ſie zu dieſer meinem Herzen ſo theuern Koſtbarkeit gelangte.“ Haſtig ſteckte ſie das Kreuzchen in ihren Buſen, als auf ihre Bitten John Fitz und Slanning voraus ſchlenderten, waͤhrend ſie etli⸗ che Schritte hinter ihnen zuruͤckwich. Marga⸗ rethe hielt einen Augenblick inne, als ob ſie ſich „———— — —————— — — ſammelte, und ſprach dann mit haſtigem Weſen: „Weib, ſage mir— im Namen des Himmels beſchwoͤr' ich Dich! ſage mir, wer das Kleinod in Deine Haͤnde legte? wer Dir befahl, es mir zu bringen?“ „Derſelbe, der mir auftrug, Euch dieſes Schreiben einzuhaͤndigen,“ verſetzte die Alte. „Ich habe viel gewagt, es Euch wohlbehalten zu uͤberliefern.“ „So iſt er gekommen!“ ſagte Margarethe, indem ſie den Brief nahm und denſelben ſo⸗ gleich in ihr Gewand ſteckte. „Er iſt es,“ verſetzte die Fremde,„und moͤgte Euch an irgend einem Orte ſprechen, den Ihr beſtimmen wollet. Mit Gefahr ſeines Lebens verlangt er danach, Euch zu ſehen.“ „Wo iſt er?“ fragte Margarethe.„Zuver⸗ läſſig muß es Gefahr fuͤr ihn in dieſem Lande geben. Wo liegt er verborgen?“ „Dieſe Frage darf ich nicht beantworten,“ ſagte die Alte.„Mehrerer Leben als das ſeinige verwickelt ſich in die Sache. Vor der Hand iſt er ſicher. Wo beſtimmt Ihr, daß er Euch ſehe?“ ———— 170 „Ich kann jetzt weder Ort noch Zeit nen⸗ nen,“ entgegnete Margarethe.„Ich bin heute ſo von Geſpielinnen umgeben, daß es mir unmoͤg⸗ lich iſt, mich deren Aufmerkſamkeit zu entziehen.“ „So moͤgt Ihr erwarten, daß er Euch heute noch aufſucht,“ ſagte die Botin. „Gott des Himmels!“ rief Margarethe,„er wird es doch nicht wagen, ſich oͤffentlich zu zei⸗ gen? Bedenkt, welche Folgen das haben koͤnnte!“ „Das iſt ſeine, nicht meine Sorge,“ ſagte die Alte.„Gehabt Euch wohl, Fraͤulein; ich verlaſſ' Euch.“ „Bleibt,“ rief Margarethe.„Nehmt dies fuͤr Eure Muͤhe. Wer Ihr auch ſeyd, ſo ſollt Ihr nicht unvergolten mir einen ſo gefaͤhrlichen Dienſt geleiſtet haben. Nehmt hurtig! Seyd verſchwiegen, denn Ihr ſcheint von der Gefahr, die ſich mit dieſen Dingen verknuͤpft, voͤllig unterrichtet zu ſeyn. Und ihm, der Euch ſchickte, ſagt, daß Margarethe ſtets die naͤmliche iſt, die ſie ihm war. Gehabt Euch wohl; ich muß zu meinen Begleitern.“ Margarethe entfernte ſich ſofort von der Al⸗ 171 ten, und wie aͤngſtlich ſie auch danach trachtete, den Inhalt des ihr ſo eben auf ſo ſeltſamem Wege zugekommenen Briefes zu erfahren, war ſie doch genoͤthigt, das Leſen deſſelben zu ver⸗ ſchieben, um ſich zu ihren Gefaͤhrten zu begeben. Da dieſe Beiden recht wohl wußten, daß Margarethens Vater wegen ſeiner politiſchen und religioſen Meinungen England verlaſſen hatte, und in fremdem Lande unter truͤbſeligen Ver⸗ haͤltniſſen geſtorben war, ſo folgerten ſie, es muͤſſe mit jenem Juwel, wie auch Margarethe geaͤußert hatte, irgend ein ſchmerzlicher Umſtand in Verbindung ſtehen, ſo daß das Maͤdchen von wehmuͤthigen Erinnerungen ergriffen ward, als ſie jenes Kreuzchen erblickte. Aus Zartheit alſo erwaͤhnten ſie nichts gegen ihre junge Genoſſin hinſichtlich des vorgefallenen Auftritts; vielmehr war Slanning, der ſich von Natur gern der frohen Laune hingab, bemuͤht, des Maͤdchens Aufmerkſamkeit durch den Fluß ſeiner Rede auf Gegenſtaͤnde der Ergotzlichkeit hinzulenken. Sie ſetzten jetzt ihren Weg nach der Paͤch⸗ terei, als dem Orte ihrer Beſtimmung, fortz in⸗ =cece . 1 1 172 dem ſie an Huͤtten voruͤberzogen, die unfern des Tavyufers eine uͤber der anderen auf den Fels⸗ vorſpruͤngen mit Schilf bedeckt errichtet waren. Die Huͤtten im Devonbezirk ſuchten zu jener Zeit, wie ſie es noch thun, wegen ihrer maleri⸗ ſchen Schoͤnheit ihres Gleichen, indem das Ro⸗ mantiſche derſelben beſonders durch die klare Stroͤmung des Gewaͤſſers erhoͤht wird, das an dem Fuße der Felſen hinfließt, auf denen ſie erbaut ſind. Indem unſer Kleeblatt an dieſen laͤndlichen Wohnungen hinſchritt, zog es auf ei⸗ nem Pfade fort, der durch Haine von hohen Ulmen und Eichen fuͤhrte, wo manche oben in einander verſchlungene Baͤume ein anmuthiges Woͤlbdach bildeten, waͤhrend durch die Oeffnun⸗ gen im Wege der Anblick des rieſelnden und funkelnden Tavyfluſſes das Auge mit den leb⸗ hafteſten Wirkungen des Lichtes und Schattens ergoͤtzte. Endlich begannen ſie eine ſteile und regelloſe Anhoͤhe zu erſteigen, uͤber welche hin ſie in ein Thal gelangten, welches vom Lumbourne, deſſen ſchmale Fluth in den Tavy faͤllt, bewaͤſſert ward. John Fitz bemerkte, daß man ſich in der Nähe einer Huͤtte befand, die von einer alten Dienerin der Familie, ſeiner Amme, bewohnt ward. Die wunderſchoͤn gelegene Huͤtte ſtand dicht vor ihnen. Roſen⸗ und Myrthenbuͤſche und Geisblattranken umgaben uͤppig das Ge⸗ maͤuer der Wohnung, und deren mit Rohrſchilf belegtes Dach wies ſich von Epheu uͤberwachſen. Nahe dem Eingange der Huͤtte ſtanden etliche aus Stroh gefertigte Bienenkoͤrbe, deren ge⸗ ſchaͤftige Inſaſſen umherſummten und ſchwaͤrm⸗ ten, um der Blumen ſuͤßen Staub in ihre Vor⸗ rathszellen zu tragen. Bevor man zu dieſer anmuthigen Staͤtte gelangt war, hatte Margarethe, aufgeregt durch den Vorfall mit dem Kreuzchen und dem Briefe, uͤber Ermuͤdung und Unpaßlichkeit geklagt; und als man nun vollends der Huͤtte naͤher kam, begann ploͤtzlich einer jener Regenſchauer, die ſelbſt an den heiterſten Tagen ſo haͤufig in De⸗ von zu fallen pflegen. Die Kleidung der Maien⸗ koͤnigin war uͤbel dazu geeignet, dem Regen zu widerſtehen, oder ihn nur abzuhalten; und 174 Slanning, welcher ſah, daß das Maͤdchen ſich zu unwohl fuͤhlte, um weiter gehen zu koͤnnen, machte es Robin Hood zur Pflicht, ſeine Koͤni⸗ gin unter Obdach zu bringen, waͤhrend er allein dem nicht mehr weit entfernt liegenden Pacht⸗ hofe zuſchreiten wuͤrde, um die Jochochſen zur Stelle ſchaffen zu laſſen. Als Slanning dies geſagt hatte, eilte er, ſo haſtig er konnte, von dannen. Der Regen wurde heftiger; John Fitz eilte mit Margarethen der Huͤtte zu, klopfte an die Thuͤr derſelben, erhielt jedoch keine Antwort. Er hob daher die Klinke und dachte deshalb ſich mit dem Regen genugſam bei der Herrin der Huͤtte, die, wie geſagt, ſeine Amme geweſen war, entſchuldigen zu konnen. Zu ſeinem Er⸗ ſtaunen aber traf er kein menſchliches Weſen in der Wohnung an. Vermuthlich war die Be⸗ wohnerin der Huͤtte durch die Spiele des Ta⸗ ges herausgelockt worden. Mit der liebreichſten Sorgfalt fuͤhrte er Margarethe in das kleine nette Stuͤbchen, nahe dem Eingange, ließ ſie niederſitzen und war auf alle ihm erſinnliche 175 Weiſe bemuͤht, ihr das Bangen zu verſcheuchen, welches erſichtlich ſie bedruckt hielt. Margarethe aber, die nicht im Stande war, ihre Empfin⸗ dungen zu unterdruͤcken, brach endlich in Thraͤ⸗ nen aus. „Thraͤnen, Margarethe?“ rief Fitz, als er mit einer Miene der innigſten Theilnahme auf das Maͤdchen blickte.„Hierin ſcheint mehr als die Bekuͤmmerniß kindlicher Liebe obzuwalten! Der ſeltſame Auftritt auf dem Waldwege, und dieſe ungewoͤhnliche Bewegung— darf ich fra⸗ gen, Margarethe, ob ich Etwas zu thun ver⸗ mag, Eurer Bekuͤmmerniß abzuhelfen oder die⸗ ſelbe zu theilen?“ Margarethe ſtockte und blickte nieder; denn in dem Weſen ihres Begleiters lag eine Waͤrme des Ausdrucks, welche eine Zartheit verrieth, die, wie ſie fuͤrchtete, ihn verleiten moͤgte, einen Gegenſtand zu beruͤhren, uͤber den er zeither zu wiederholten Malen in ſie gedrungen war. In ihrer Verwirrung, und ohne daß ſie recht wußte, was ſie ſagte, antwortete Margarethe:„Laßt mich Euch bitten, meiner nicht zu achten. Mein — 176 Gemuͤth iſt zu heftig aufgeregt worden. Ihr muͤßt der Waiſe und Freundloſen dieſe Wal⸗ lungen zu Gute halten.“ „Freundlos?“ rief Fitz.„Freundlos ſoll Margarethe ſich nicht nennen, ſo lange ich ihr nahe bin. Nur zu wohl wißt Ihr, obwohl Ihr mir unterſagtet, zu hoffen, daß ich Euch ſelbſt mit meinem Leben dienen wuͤrde, ſobald ich Euch dadurch beweiſen koͤnnte, wie innig ich Euch liebe.“ Margarethe ſchwieg; allein ihr Geſicht wech⸗ ſelte die Farbe, gleich einer Abendwolke, die von Weiß in Roth uͤbergeht. „Ja, Margarethe,“ fuhr John Fitz fort;„ich kann die Wahrheit nicht laͤnger verhehlen, mein Friede, meine Gluͤckſeligkeit ruhen in Eurem Herzen. Ihr wecktet mir dieſe Liebe in dem Augenblick, in welchem ich Euch das erſtemal ſah, ehe ich Euch noch nicht als vaterloſe und freundloſe Fremde kannte. Und damals war mir nicht die Haͤlfte Eures Werthes kund.“ „Ich darf dies nicht anhoͤren,“ ſagte Mar⸗ 177 garethe in heftiger Bewegung.„Ich bitte Euch, laßt mich von hinnen.“ „Margarethe,“ nahm John Fitz wieder das Wort,„hoͤrt mich; nur einen Augenblick lang hoͤrt mich geduldig an. Meidet mich nicht; es moͤgte dies das letzte Mal ſeyn, daß ich Euch um Gehoͤr anflehe. Unter allen Uebeln iſt die Unbeſtimmtheit mir am unerträglichſten. Wenn ich Euch zuwider bin, ſo ſagt es mir, und nim⸗ mer ſoll ein Wort der Bewerbung von mir Euer Ohr beleidigen; ich werde dann mein Schickſal wiſſen. Ich werde Gewißheit haben, waͤre dieſelbe auch nur ein anderer Name fuͤr das Wort Elend. Dennoch wuͤßte ich nicht, was Alles ich dulden und tragen moͤgte, ſo Ihr mir nur einen Schimmer von Hoffnung geben wolltet.“ Margarethe erwiederte hierauf einige Worte, die jedoch nicht viel mehr als die gegebene Wei⸗ ſung enthielten, John Fitz moͤgte nicht mehr an ſie denken. Da ſie aber nichts uͤber ihre Ge⸗ fuͤhle Betreffs ſeiner aͤußerte, war der Juͤngling keineswegs zufrieden geſtellt. Fitz of Fitz⸗Ford. I. 12 178 „Noch ein Wort,“ ſagte Fitz,„und ich will nicht laͤnger beſchwerlich fallen. Wir ſind Beide, theuerſte Margarethe, Geſchoͤpfe eines und deſ⸗ ſelben Gottes. In ſeinem Namen fleh' ich Euch an, aufrichtig gegen mich zu ſeyn. Durch ſeine heiligen Gebote ſind wir verpflichtet, Eines dem Anderen kein Leides zuzufuͤgen; welches Leid aber waͤre groͤßer, denn das, welches den Frieden eines Mitmenſchen durch Geringachten der Gefuͤhle deſſelben zerſtoͤrt?— Sagt mir nur die reine Wahrheit; erklaͤrt mir den wirklichen Beweggrund zu dieſer Abweiſung, und bin ich dann verachtet, ſo will ich dennoch es als ein Mann ertragen, wiewohl es den Verluſt meiner theuerſten Lebenshoffnung gilt. Koͤnnt Ihr Eure Hand auf Euer Herz legen und ſagen, daß ich Euch nicht mehr als ein gewoͤhnlicher Bekannter bin, deſſen Wohlfahrt Ihr wuͤnſchen moͤgtet, doch deſſen Verluſt Euch gleichguͤltig ſeyn wuͤrde? Beantwortet mir nur dies, und mein Schickſal iſt entſchieden.“ Dieſe Worte wurden von John Fitz mit ſolchem Ausdrucke des Gefuͤhls geſprochen, daß Margarethe aufgeregter denn vorhin ward. Sie hatte wenig Welterfahrung, aber gebildete Frauen⸗ zimmer beſitzen eine natuͤrliche Auffaſſungsgabe, welche augenblicklich den Unterſchied entdeckt, der zwiſchen einem Alltagsbewerber und dem Juͤnglinge obwaltet, welcher aufrichtige Ausdruͤcke wahrer Liebe vernehmen laͤßt; und fuͤr den Letz⸗ teren mußte Margarethe ihrem Gefuͤhle nach den Sohn des Sir Hugo erkennen. Als ſie nun das Koͤpfchen hob und ihr Auge den bangen, leidenſchaftlichen Blick John's auffaßte, erkannte ſie, daß dieſer Blick noch mehr ausdruͤckte, als ſeine Worte es gethan hatten. Da uͤberzog tiefe Roͤthe ihr die Wangen, ihr Auge ſenkte ſich wieder, waͤhrend ungerufene Thraͤnen ſich zwiſchen ihre ſeidenen Wimper draͤngten. In der Leidenſchaftlichkeit ſeiner Stimmung bemerkte John Fitz dieſes, und forderte das Maͤdchen nochmals auf, ohne Ruͤckhalt zu ihm zu reden. Margarethens Aufregung nahm zu, je mehr ſie bemuͤht war ſich zu faſſen; endlich mußte ſie, da er mit Flehen nicht nachließ, ihm Antwort geben. 42* 180 „Ich verſtehe mich nicht darauf,“ ſagte ſie, „die Gefuͤhle meines Herzens zu verbergen, vielweniger aber, dieſelben zu verſtellen; dennoch weiß ich, daß, wenn ich aufrichtig rede, man mir jene jungfraͤuliche Zuruͤckhaltung abſprechen moͤgte, die meinem Geſchlechte und Alter geziemt. Ihr aber werdet nicht die Aufrichtigkeit mißdeuten, die Ihr von mir heiſcht. Wißt alſo, daß ich ein Kind des Mißgeſchicks bin, daß ich nicht frei handeln, nicht der Regung meines Herzens folgen darf. Waͤre ich in anderen Verhaͤltniſſen, ſo wuͤrde ich——“ Sie hielt inne. „O ſprich aus! ſprich aus!“ rief Fitz mit Ungeduld:„Sage mir, ob ich dann hoffen duͤrfte, daß Du meine treue, innige Liebe erwidern wurdeſt?“ 1 Margarethens Schweigen, ihre Verwirrung, Alles beſtaͤtigte die Wahrheit, und John Fitz gelangte endlich zu dem Gluͤcke, dem Maͤdchen das Geſtaͤndniß zu entlocken, daß ſie ſeiner Liebe nicht abhold waͤre. Freilich ſchien Margarethens zartes Gemuͤth zu muthmaßen, daß ſie allzu aufrichtig geweſen ſeyn moͤgte, allein ihr entzuͤck⸗ 181 ter Geliebter entgegnete jedem ihrer Einwuͤrfe mit einer Inbrunſt, welche deutlich darthat, wie hoch er die Hoffnungen ſchatzte, zu denen Mar⸗ garethens Geſtäͤndniß ihn berechtigte. „Mißverſteht mich nicht,“ fuhr Margarethe im Verlaufe ihrer Herzensergießungen fort:„Ich will nimmerdar Veranlaſſung ſeyn, Euch mit den Eurigen zu entzweien, oder Euch zum Ver⸗ geſſen Eurer Pflicht gegen Euren Vater zu ver⸗ leiten.“ „Mein Vater liebt mich,“ verſetzte Fitz.„Ich werde ihm bekennen, daß ohne Dich kein Erden⸗ gluͤck fur ſeinen Sohn zu hoffen ſteht. Er ſoll Deinen Vormund in meinem Namen bitten, und Alles wird wohl gehen.“ „Aber Deine Mutter?“ fragte Margarethe zweifelhaft. „Meine Mutter muß ſich dem Willen mei⸗ nes Vaters fugen,“ war John's Antwort.„Und was koͤnnte ſie mehr wuͤnſchen, als ihren Sohn mit Derjenigen vereinigt zu ſehen, die Jedem, dem ſie ihre Hand reichte, Ehre dadurch verlei⸗ hen wuͤrde? Ich kenne meiner Mutter ſchwache und verarmten Hauſe zuwendeteſt. Wie gede⸗ 182 Seite, allein ich ſcheue mich nicht, derſelben zu begegnen.“ „Ich aber hege Furcht vor ihr,“ fiel Mar⸗ garethe ein;„ich weiß, daß meines armen Va⸗ ters Name von Deiner Mutter gering geachtet wird. Sie wird Dich fuͤr beſchimpft halten, wenn ſie hoͤrt, daß Du Deine Liebe einer Waiſe, einer Tochter aus einem verbannten muͤthigt durch das Geſchick ich jedoch ſeyn mag, ſo hege ich doch zu feines Gefuͤhl fuͤr Das, was ich dem Andenken meines Vaters und mei⸗ ner eigenen Ehre ſchuldig bin, als daß ich mich jemals einer Familie aufdringen koͤnnte. Ich beſitze nicht ſolche Wuͤrden, als die ſind, die hoch ſtehen in den Augen der Lady Fitz; allein die Wuͤrde des Rechtthuns und der Selbſtachtung liegt in meinem Bereich, und ſoll mir von der hartherzigen Welt nimmer geraubt werden.“ „Wie ſollte die Welt das auch jemals koͤn⸗ nen?“ ſagte Fitz.„Wozu aber auch dieſe Zwei⸗* fel? Warum mir das Gluͤck verbittern, Marga⸗ rethe, deſſen ich in dieſem Augenblicke genieße? 183 Laß uns das Beſte hoffen. Ueberlaſſe es mir, die Schwierigkeiten zu beſeitigen, mit denen ich zu kaͤmpfen haben moͤgte. Kann es deren von Deiner Seite doch keine geben! Du biſt Keinem Gehorſam ſchuldig, als Deinem Pflegevater, dem Dein Gluͤck die hoͤchſte Freude gewaͤhrt.“ „Doch, doch! Es waltet dennoch eine Urſach ob,“ entgegnete Margarethe in einiger Verwir⸗ rung,„die mich auch von der Seite her fuͤrch⸗ ten laßt; Umſtande ſind vorhanden, die ich nicht erklaren kann, die jedoch mich mit Beſorgniß er⸗ fullen.“ „Welche Urſache? welche Umſtaͤnde?“ rief Fitz:„Mindeſtens darfſt Du frei nach Deinem Willen waͤhlen—“ „Aber kein Ehebuͤndniß ſchließen, ohne—“ ſagte Margarethe. „Ohne was? ohne wen?“ fragte John Fitz beunruhigt. „Befrage mich nicht,“ ſagte Margarethe;„ich bitte Dich, beſtuͤrme mich nicht. Die Zeit wird kommen, daß ich frei daruͤber zu Dir reden kann. Fuͤr jetzt ſey verſichert, daß nach Dem, was an 184 dieſem Tage ſich zutrug, nur eine gewichtige Ur⸗ ſache mich vermoͤgen kann, Dir ein Vertrauen zu entziehen, welches Du von mir fordern darfſt.“ „Du ſetzeſt mich in Erſtaunen,“ ſagte Fitz. „Deine Worte ſind dunkel, Margarethe; und kennte ich die Redlichkeit Deines Herzens nicht, ſo koͤnnte ich Dir mißtrauen. Dazu der ſelt⸗ ſame Vorfall mit der Alten im Walde— ich weiß nicht, was ich denken ſoll. Aus Erbarmen mit meinen Empfindungen, ſage mir mehr— ſage mir das Schlimmſte.“ „Ich darf nicht,“ verſetzte Margarethe;„die feierlichſten Geluͤbde gebieten mir Schweigen. Wirklich— und Gott weiß, mit welcher Be⸗ truͤbniß ich es bekenne— wirklich iſt mein Ge⸗ ſchick mit Geheimnißvollem verflochten, das nur durch die Zeit aufgeklaͤrt werden kann. Doch darf ich Deinetwegen, und vielleicht auch mei⸗ netwillen ſagen, daß wir Beide leben moͤgen, um das Geluͤbde, das wir heute einander leiſte⸗ ten, bitterlich zu beklagen.“ „Nimmer werde ich das koͤnnen,“ entgegnete Fitz;„nimmer, ſobald Du Deinen Sinn nicht 6 185 änderſt; und ſolches will ich nicht denken, Mar⸗ garethe. Was kann Dich ſo im Gegenſatze zu einer Liebe beunruhigen, die, wie ich glaube, ſo⸗ wohl Dein Gluck, als das meinige ausmacht?“ „Es ſteht mir nicht frei, deutlich zu reden,“ verſetzte Margarethe,„doch darf ich ſagen, daß, wenn auch kein anderer Grund vorhanden waͤre, doch die alte Feindſchaft, die Deine Mutter ge⸗ gen meines Vaters Blut und gegen deſſen Grundſaͤtze hegt, hinreichend ſeyn wuͤrde, alle Hoffnung zunicht zu machen.“ „Nein, Margarethe, nein!“ ſagte Fitz.„Dies Hinderniß muß ſich beſeitigen laſſen. Nichts ſoll uns jemals trennen, es waͤre denn unſer eigener Wankelmuth, und den will ich nicht fuͤrch⸗ ten. Nur dies Geheimnißvolle beunruhigt mich, und das um ſo mehr, da es mir unterſagt wird, daſſelbe zu erforſchen. Ich dachte, Du haͤtteſt keinen Freund außer Deinem Pflegevater, dachte nicht, daß irgend Jemand lebte, der Einfluß auf Deine Geſinnung, oder eine Herrſchaft uͤber Dein Thun haͤtte, da Dein Vater geſtorben iſt.“ „Er iſt wirklich geſtorben,“ antwortete Mar⸗ 186 garethe,„aber ſein Einfluß dauert fort. Dringe nicht in mich, wie es damit zuſammenhaͤngt. Ich bin die Tochter des Mißgeſchickes und von Schwierigkeiten umringt, die ich nicht enthuͤllen darf; und wohl wird die Zeit kommen, daß mir ein Freund lebe, der mich dem Elend entreiße.“ „Und dieſer Freund lebt Dir, Margarethe— ein treuer, liebender Freund,“ ſagte Fitz.„Nicht laͤnger will ich auf ein Vertrauen dringen, das mir zu weigern Deine eigene Rechtſchaffenheit Dir verbietet; wohl aber will ich Alles von der Zeit und Deiner Liebe hoffen.“ Waͤhrend Fitz ſo ſprach, wurden die Lieben⸗ den, die ſich tief in ihre Empfindungen verſenkt und nicht bemerkt hatten, daß der Regen laͤngſt aufhoͤrte, durch einen Ruf von außen aufgeſchreckt. Nicholas Slanning gab ſich kund, und berichtete, wie er ſeinen Auftrag vollfuͤhrt habe, und wie es Zeit ſey, ſich dem Zuge anzuſchließen. Au⸗ genblicklich folgten ihm Fitz und Margarethe. deſſelben ein kronenartig gewundener Kranz hing, Arhtes Capitel. „Mit wuͤth'gen Blicken zog der Baͤr, Der tapf're Petz nächſt ihm daher⸗ und that ſein Beſtes, daß ihm frei Das Maul von Ring' und Stricke ſey. Kaum fuͤhlt' er los ſich, drang er ein In ſeiner Feinde dicht'ſte Reih'n. Bahn brach er durch der Furcht Gewuͤhl, Daß Dieſer ſtuͤrzt' und Jener fiel. So jagt' er fort, ſo flohen ſie Voll Bangens Alle, dort und hie.“ Hudibras. Der Maienbaum, ſchwer mit Bluͤthenaͤſten vom Hagdorn, Lorbeer und der Walddiſtel, die ſo uͤppig in Devon wachſen, beſteckt, auch mit al⸗ len Fruͤhlingsblumen und einer Unzahl von bun⸗ ten Baͤndern verziert, waͤhrend auf der Spitze ward im Triumphe nach Taviſtock von mehreren Joch Ochſen getragen, deren Hoͤrner mit Blu⸗ menſtraͤußchen und Baͤndern herausgeputzt wa⸗ ren. Die Verehrer und Verehrerinnen des Maien folgten in Proceſſion, wobei Jeder, mit einem Bluͤthenzweige an der Kappe, und einem gruͤ⸗ nenden Aſt in der Hand, nach den Klaͤngen der voranſchallenden Muſik in das erfreuliche Feſt⸗ lied einſtimmte. Als man unfern der Stadt ſich einem zu⸗ vor bezeichneten Orte nahete, ſtieß zu den aus dem Walde Zuruͤckgekehrten die Schaar der Juͤnglinge, die in duͤſteres Gewand gekleidet, die Muͤtzen mit Epheu und Eibenlaub umſchlun⸗ gen, den Winter vorſtellten. An ihrer Spitze ſchlich ein alter, weißbaͤrtiger und graulockiger Geſell, der ſich nicht uͤbel zum Repraͤſentanten des rauheſten der Jahrsbeherrſcher ſchickte. Als Gegenſatz zu dieſer duͤſtern Abtheilung des Zuges wies ſich die Maienkoͤnigin mit den jungen, ihr nachziehenden Maͤdchen, deren Haͤup⸗ ter mit Duftblumen geſchmuͤckt waren. Dieſen folgten Robin Hood und ſeine Bogenſchuͤtzen, nebſt dem Moͤnche Tuck, dem Narren, dem 65 189 Drachen und dem Steckenpferde. Letzteres, ein ſeltſames Gebild in dieſem Mummenſpiele, ward von Barnabas dargeſtellt, der herausſtaffirt zu dieſem Charakter, ſich in eine aus Backteig ge⸗ formte Maske geſteckt hatte, die einen Pferdekopf mit flatternder Maͤhne und einen natuͤrlichen Schweif eines Gaules wies, wobei ihm an den Ohren kleine Silbergloͤckchen und allerlei Baͤnder hingen. Am Maule des Thiers aber war ein großer Kochloͤffel ſo angebracht, daß er die Geld⸗ geſchenke aufnehmen konnte, die zu Foͤrderung der Spiele des Tages von den Bewohnern Ta⸗ viſtocks gemacht werden moͤgten. Die Schauſtellung des Steckenpferdes war, wie wir aus den Worten Hamlets, der das Verſchwinden deſſelben beklagt, zu Eliſabeth's Zeiten in etwas außer Mode gekommen; den⸗ noch behauptete es ſich noch lange Zeit, nachdem es anderswo in Vergeſſenheit gerathen war, in Devon. Dem Steckenpferde lag es beſonders ob, zu huͤpfen, zu ſpringen und uͤberhaupt die Capriolen eines Gaules nachzuahmen, in nägel⸗ beſchlagenen Schuhen auf den Steinen zu klap⸗ 190 pern, und nebenbei allerlei Taſchenſpielerſtuͤckchen auszufuͤhren, ſo daß der Repraͤſentant dieſes Thiers ſich in Bezug auf den Gebrauch ſeiner Haͤnde als menſchliches Weſen kund gab. Der Drache, dieſer ſtete Begleiter des Stek⸗ kenpferdes, ſteckte ebenfalls in einer Maske aus Backteig, die beſonders durch den beweglichen Schuppenſchwanz ſich auszeichnete, mit dem flei⸗ ßig und zu großem Effecte gewackelt ward. Dieſen beiden Charaktermasken bei den Maien⸗ ſpielen folgten jederzeit die Maurentaͤnzer, mit Papierkronen uͤber ihren Muͤtzen, an denen, ſo wie um ihre Fuͤße herum, Silberſchellen bau⸗ melten und klingelten. Als der Zug durch die vorzuͤglichſten Stra⸗ ßen der Stadt ſeinen Weg zuruͤckgelegt hatte, wendete er ſich dem Baumgange zu, der nach Fitz⸗Ford leitete; denn auf der gruͤnen Ebene daſelbſt vor dem Herrnhauſe ſollte die Maien⸗ ſtange als der Verſammlungspunct aller Tages⸗ ſpiele aufgepflanzt werden. Die Kirchenchorſaͤn⸗ ger ſchritten nunmehr, und dicht hinter ihnen die lateiniſchen Jungen, dem Zuge voran und 191 ließen den alten Chorſang erſchallen:„Der Som⸗ mer kommt gegangen,“ in welchen die geſammte Proceſſion einſtimmte. Das vorgeſungene Lied aber lautete folgendermaßen: „Fort, Winter mit dem ſchnee'gen Haupt, Fort, fort auf eiſ'gen Schwingen, Denn eisfrei wallt des Bächleins Fluth, und munt're Lerchen ſingen. Die Blümlein heben hold den Kelch, Sind nun nicht mehr gefangen; In gruͤnem Mantel prangt der Wald, Der Sommer kommt gegangen.“ „Fort, Winter mit der finſtern Stirn, ₰ Entweichet, Sturm und Duͤſter! 4½ Denn Bien' und flatternd Vöglein treibt Am Hag'dorn ſuͤß Gefluſter; Der bunte Schmetterling iſt frei, Luſt roͤthet Jugendwangen; Bekraͤnzt iſt Alles— denn, juchhei! Der Sommer kommt gegangen.“ Bevor der Zug das Herrnhaus von Fitz⸗ Ford erreichte, traten Sir Hugo, Lady Fitz, Dame Glanville, Lady Howard und alle dieie⸗ nigen Gaͤſte, die ſich der Proceſſion nicht ange⸗ ſchloſſen hatten, heraus, um denſelben mit ge⸗ ziemenden Ehren zu empfangen. Nachdem nun 192 hin und her verſchiedene Hoͤflichkeitsceremonien ſtattgefunden hatten, nahm Sir Hugo ſeinen Ehrenſitz unter einer fuͤr den Tag errichteten Laube ein, die die Robin Hood's Laube genannt ward, um etlichen Feſtſpielen zuzuſehen, welche nunmehr ihren Anfang nahmen. Die Luſtbarkeiten beſchraͤnkten ſich uͤbrigens nicht blos auf Fitz⸗Ford; ſie waren allgemein durch die ganze Stadt, ſo daß ſogar die Orts⸗ kirche mit Hagdornbluͤthen beſteckt war, und jedes Haus ſich in einer Liverei von Maien⸗ zweigen erblicken ließ. Auch die Gebraͤuche des Volksaberglaubens wurden nicht außer Acht gelaſſen. Etliche derſelben waren der Grafſchaft beſonders eigen, und Spuren von ihnen findet man noch heutiges Tages daſelbſt. Jede gute Hausfrau, die ſich des Beſitzes einer Kuh ruh⸗ men konnte, unterließ nicht, uͤber die Stallthuͤr einen Eſchenzweig aufzuſtecken, um den boͤſen Geiſt abzuhalten, damit das Thier im Verlaufe des Jahrs reichlich und gute Milch geben moͤgte. Der Trauring der im Orte zuletzt verehelichten Nachbarin ward in die Milchwanne geworfen, 193 um auf eigenthuͤmliche vorgeſchriebene Weiſe von denjenigen Dirnen herausgegrabbelt zu werden, die da erſehnten, ſolches Zeichen ehelichen Ge⸗ löbniſſes vor Wiederkehr des nächſten Maienta⸗ ges zu tragen; waͤhrend andere Jungfrauen, die nicht geneigt waren, ihre Wuͤnſche ſo offenkun⸗ dig zu machen, und dennoch mit Beſorgniß nach Erfullung derſelben trachteten, ſich in der Stille eine Schnecke verſchafften, um dieſelbe auf die weiße Herdaſche zu ſetzen, und wenn moͤglich aus den Windungen des Thierchens den An⸗ fangsbuchſtaben des Namens ihres kuͤnftigen Liebhabers zu entziffern. Die Schuͤtzen ſpannten ihre Bogen und ſchoſſen mit dem ellenlangen Pfeile um den Preis eines ſilbernen Bechers nach dem Ziele, waͤhrend manche kecke Burſche ſchleuderten, rangen, nach dem Ziele wettliefen, oder im Klet⸗ terſpiele ſich mit jener uͤberlegenen Koͤrperſtaͤrke und Geſchicklichkeit hervorthaten, wodurch zu al⸗ len Zeiten die maͤnnliche Jugend von Devon⸗ ſhire ſich auszeichnete; ſo daß ſelbſt Drake die Maͤnner dieſer ſeiner Grafſchaft als unuͤbertrof⸗ Fitz of Fitz⸗Ford l. 13 194 fen in Europa zu ruͤhmen pflegte. An dieſem Tage beluſtigten ſogar Kinder ſich in ungewoͤhn⸗ licher Froͤhlichkeit, und ſpielten die alten Spiele Blindekuh und Such⸗den⸗Dieb vom Morgen bis in die Nacht. Nachdem Sir Hugo und deſſen Geſellſchaft ihre Sitze eingenommen hatten, begann ſofort das Scherzgefecht zwiſchen Sommer und Win⸗ ter, zu großer Ergoͤtzlichkeit des Vaters Fitz, der dieſe Abtheilung der Spiele faſt eben ſo hoch als ſeine aſtrologiſchen Studien ſchätzte; indem er ſich beſondete Muͤhe gab, dieſelben zu erlaͤu⸗ tern, und ſeinen Zuhoͤrern darlegte, bis zu welch hohem Alterthum hinauf dieſe Ceremonien ſich verfolgen ließen. Nichts entſchluͤpfte ihm, und die meiſten ſeiner Bemerkungen waren eben ſo peſtäͤndig und belehrend, als es die hier folgende iſt:„Da ſeht, Lady Howard,“ rief Sir Hugo, „blickt hin, Dame Glanville, dort kommt Jung⸗ fer Mariane, die Maienkoͤnigin, hergeleitet unter den ſanften Klaͤngen der Floͤten, Lauten, Hand⸗ trommeln und Pfeifen. John Fygge, der Stadt⸗ pfeifer, hatte von jeher die beſte Hand zu einem 195 Trommelſtoͤckchen in der ganzen Grafſchaft. Und ſeht den alten Burſchen mit weißem Barte, der die Rolle des Winters ſpielt. Um in Ueberein⸗ ſtimmung mit der Jahreszeit zu ſeyn, die er darſtellt, ziehen die Mißtoͤne der Feuerzange, der Markknochen und des Hackmeſſers vor ihm hin, die man gemeiniglich die Quiekmuſik nennt, und dieſe Benennung, ich verſichr' es Euch, iſt uralt, wiewohl etliche meiner gelahrten Freunde mir den eigentlichen Urſprung derſelben abſtreiten wollen. Ich aber habe uͤber den Gegenſtand geſchrieben, und in ſolcher Schrift dargethan, daß das Wort„Quiek“ keineswegs„ſanft“ be⸗ deutet; ergo, daß rauhe Toͤne, durch die Be⸗ ruͤhrung harſcher Materialien hervorgebracht, auch nicht——“ Ein lautes Geſchrei der Menge unterbrach hier die Bemerkungen des gelahrten Commen⸗ tators, und kuͤndigte an, daß der Anlauf begon⸗ nen hatte. Dieſer Anlauf war ein von dem Winter und deſſen Rotte gemachter Verſuch, die Maienkoͤnigin zu erhaſchen, deren Geleitſchutzen, die die Begleiterſchaar des Sommers abgaben, 43 ſogleich den Angriff mit Nachdruck zurucktrie⸗ ben, und nach kurzem Kampfe den Winter und deſſen Trupp noͤthigten, ſich in die Scheune von Fitz⸗Ford zu fluͤchten, wo dieſelben uͤber dieſe Niederlage dadurch getroͤſtet wurden, daß ſie unter ſicherem Obdache Roaſtbeef und Plumpudding ſchmauſeten, waͤhrend die Be⸗ gleiter des Sommers ihr Mittagsmahl unter keinem anderen Dache verzehren mußten, als das war, welches ſich von den duͤnn mit Blaͤtterchen bekleideten Baumaͤſten uͤber ihnen woͤlbte. Sobald der Winter abgeklopft worden war, huͤpften die Maurentanzer heran, um deſſen Platz einzunehmen. Mit wehenden ſeidenen Schaͤrpen, und unter dem Klingeln ihrer Gloͤckchen, um⸗ rundeten ſie nach dem Tacte der Pfeife und der Handtrommel die Maienſtange. Die uͤbri⸗ gen Charaktermasken mengten ſich mit in den Tanz, wobei das Steckenpferd ſeine„Spruͤnge und Trotte“ mit einer Behendigkeit ausfuͤhrte, die den lauten Beifall der Menge rege machte. Narr und Drache waren ebenfalls mitten im 197 Gewuͤhl. Der Eine ſchwang ſeinen Kolben, der Andere ſeinen Schuppenſchwanz zum groͤßten Entzuͤcken nicht blos aller anweſenden Knaͤblein und Maͤgdlein, ſondern auch zu dem des Sir Hugo Fitz, welcher daſtand und zuſah, mit den Fingern nach dem Tacte der Trommel- und Pfeifenmuſik ſchnippte, und in das Geklingel der Gloͤckchen und Schellen hineinrief:„Das heißt brav getanzt, und das Steckenpferd, das ſich als zweibeiniges Thier da weiſet, wo wir vier Beine wahrzunehmen gewohnt ſind, hat wohl gezeigt, was es heißt, zu ſpringen und zu trottiren. Der Maurentanz war ebenfalls wohl und ordentlich ausgefuͤhrt; nur iſt zu bedauern, daß die Taͤnzer nichts von der Alterthuͤmlichkeit ihrer eigenen Capriolen wiſſen. Wetten will ich, daß ſie eben ſo unwiſſend uͤber die Herkunft dieſer Sitte ſind; denn wenn ſie wuͤßten, was ich weiß, ſo wuͤrden ſie ſtatt dieſer albernen Schellen Schwerter in die Hand genommen, und zu Zeiten dieſelben tactgemaͤß an einander geſchlagen haben, gleich wie in den pyrrhiſchen Kriegstaͤnzen. Doch wer kommt dort heruͤber, dem das Volk ſo bereitwillig und ehrerbietig Raum giebt, als waͤre er der Stadtſchultheiß?“ „Es iſt Mike vom Berge,“ entgegnete Lady Fitz, die nach der Richtung blickte, nach welcher Sir Hugo hinzeigte.„Es iſt der Grafſchaft⸗ minſtrel, Lady Howard, und verfehlt niemals am erſten Mai unſer armes Haus zu beſuchen. Er iſt ein Burſch von trefflichen Gaben, das verſichr' ich Euch, und kennt die Geſchichte und Vermaͤhlungen und Wappen jeglicher ehrſamen Familien in beiden Grafſchaften.“ „Er ſoll mir hoͤchlich willkommen ſeyn,“ ſagte Sir Hugo;„laßt den Burſchen herzu tre⸗ ten. Ich ehre ihn wegen ſeiner Alterthuͤmlich⸗ keit, obwohl ihm, wie es ſcheint, noch kein Haͤr⸗ chen am Kinn hervorſproßte. Laßt ihn herzu treten.“ Der Grafſchaftminſtrel naͤherte ſich demnach dem hohen Oberhaupte der Ortsgemeinde, wel⸗ ches ihn bei den Spielen herzlich willkommen hieß. Mike vom Berge, geboren an einem Orte unterhalb des Sanct Michaelsberges, der das Mauſeloch hieß, war ein junges Mitglied des % Geſchlechtes jener wandernden Poeten oder Bar⸗ den, die jetzt in den meiſten Gegenden von Eng⸗ land vergeſſen wurden. Der erwaͤhnte Juͤng⸗ ling war der Sohn und Nachfolger eines Alt⸗ meiſters ſeines Gewerbes, der die Kunſt des Reimens und Singens zwiſchen den Bergen und in den Thaͤlern von Cornwall und Devon laͤnger denn ein halbes Jahrhundert geuͤbt hatte. Mike war ein wohlbegabter Juͤngling und einte zu ſeiner Geſchicklichkeit, die Harfe zu ſchla⸗ gen, die er mit Leichtigkeit auf ſeinem Ruͤcken trug, eine klare und helle Stimme, nebſt eini⸗ gem Talent, Reimlein und Verslein zuſammen⸗ zuſetzen. Sein Weſen hatte eine Art von Ver⸗ feinerung angenommen, die weit uͤber die der Landjunker der Gegend hinausreichte; und aller Wahrſcheinlichkeit nach war er dadurch dazu ge⸗ langt, daß er ſeit ſeinen Kinderjahren in den Wohnungen der Reichen und Vornehmen einzu⸗ ſprechen pflegte, wozu ſich noch der Umſtand geſellte, daß ſein Gemuͤth diejenige Anmuth beſaß, die gemeiniglich Denen zu Theil wird, welche von den Waſſern des Helikon und Par⸗ naſſus ſchluͤrfen. Obwohl er noch ſehr jung war, hatte ſein Wanderleben ihm doch vielfach Gelegenheit geboten, ſich einen gewiſſen Grad von Gewandtheit zu verſchaffen, die man nur im Weltverkehr erlernt. Und da in der Regel die Menſchen aller Orten dieſelben ſind, in ſo⸗ fern es ihre Leidenſchaften und Meinungen be⸗ trifft, ſo lernte ſo ein ſchlauer Geſell als unſer Meiſterſaͤnger war, ſehr bald die Kunſt, ſich bei Allen, mit denen er verkehrte, dadurch beliebt zu machen, daß er genau auf ihre Gewohnheiten, Neigungen und Leidenſchaften einging. So wies er bei dem edlen Lord oder bei der hoffaͤrtigen Dame ſich demuͤthig und zuruͤck⸗ haltend, und waͤhlte zu ſeinem Sange gewoͤhn⸗ lich eine Ballade, von der er verſicherte, ihr Inhalt habe Bezug auf die Thaten dieſes oder jenes Vorfahren derſelben. Durch hurtiges Ein⸗ ſchieben eines anderen Namens verſtand er die Kunſt, mit geringer Reimabaͤnderung den Ritter des Einen Hauſes von dem Ritter eines andern Hauſes in tauſend Stuͤcken zerhacken zu laſſen, ſo daß, je nachdem er ſeine Zuhoͤrer wechſelte, 201 auch jene beiden Ritter ihre Rollen vertauſchen mußten; kurz, er machte es gaͤnzlich ſo wie ge⸗ wiſſe Meiſterſaͤnger auf der ſchottiſchen Graͤnze, die in einer und derſelben Ballade bald die Schotten, bald die Englaͤnder zunicht machten, je nachdem ſie vor dieſen oder vor jenen ſich hoͤren ließen. Hatte Mike mit huͤbſchen Paͤchterfrauen zu ſchaffen, ſo ließ er oft ſeine Perſon mehr als ſein Inſtrument gelten, das er gemeiniglich erſt dann ſpielte, wenn er etwas dringend darum angemahnt ward. Er glich in dieſem Betracht voͤllig den modernen Kunſtbefliſſenen. Er war dann entweder nicht bei Stimme, oder ſeine Harfe konnte nicht ſofort in Ordnung gebracht werden, bis ſeine Aufſchneidereien endlich damit endeten, daß er die Balladen vom Ritter Sanct Georg und dem Drachen, oder das leidvolle Lied aus dem Trauerſpiele von der Lady Iſabella ſang, in welchem er allen Ernſtes ſeinen ver⸗ wunderungsvollen Zuhoͤrern berichtete, wie eine gewiſſe grauſame Stiefmutter dem Koche Be⸗ fehl gab, ihr Stieftoͤchterlein zu toͤdten, wie der Leichnam derſelben backte; und wie, als der Va⸗ ter der Ermordeten heimkam und bei'm Eſſen ſeinen Liebling vermißte, derſelbe das Geluͤbde leiſtete, nicht eher zu eſſen und zu trinken, als bis er ſein Kindlein geſehen haben wuͤrde. „Hoho, rief da der Moͤrderkoch Mit Blicken grimm und ſcheu: Giert nach dem Toͤchterlein Euch noch, So eßt nur die Paſtei!“ Mike vom Berge, der zu dem Maienfeſte kam, um die Luſt deſſelben zu erhoͤhen, war phantaſtiſch gekleidet; allein da er ein Geſicht wies, worin jeder Zug regelmaͤßig war, da ſeine Augen licht und klar wie ein Sommerhimmel waren, da er Roſen auf den Wangen trug, und lichtbraune Locken auf ſeinem Nacken her⸗ abhaͤngen hatte, ſo ſtand jegliche Bekleidung ihm wohl. Er zog den Saitenſchluͤſſel, den er an einer Schnur um den Hals haͤngen hatte, hervor, ſtimmte hurtig ſeine Harfe und ſang und ſpielte luſtig ein froͤhliches Lied nach der Weiſe, nach welcher die Burſche und Dirnen um den Maienbaum herum tanzten. 5 Koch ſolches that und eine Paſtete aus dem 203 So verging der Morgen unter eitel Fröh⸗ lichkeit; da jedoch eine Reihe von auf einander folgender Vergnuͤgungen, gleichwie von Bewei⸗ ſen ſteter treuer Liebe, ſelten ungetruͤbt bleibt, ſo geſchah es denn auch bei dieſer Gelegenheit. Mancher Trupp junger Burſche, der damit an⸗ gefangen hatte, zur Luſt etliche Folgerungen aus dem Kampfknuͤttel oder dem Ringen zu ziehen, zerſchlugen ſich die Hinterkoͤpfe oder die Naſen⸗ beine, indem ſie vom Scherze zum Zanke und blutigen Verkehr uͤbergingen. Dem groͤßten Theile unſerer Leſer wird es bekannt ſeyn, daß zur Zeit, in welcher unſere Geſchichte ſich begab, die Puritaner, eine damals ſich erhebende Secte, wuͤthenden Eifer gegen Maitagsſpiele an den Tag legten. Mehrere ih⸗ rer Prieſter und Vorgeſetzten in verſchiedenen Gegenden Englands, die es ſich zur Richtſchnur gemacht hatten, ihre Kuͤhnheit und ihren Eifer zu Unterdruͤckung jener Ueberreſte des Heiden⸗ thums darzuthun, waͤhlten zu dieſem Ende be⸗ ſonders den Tag des Maienfeſtes, ſtellten ſich auf irgend ein hohes Faß, oder auf einen Kar⸗ 204 ren, und redeten ſo auf offenem Platze zu dem Volke uͤber die Gottloſigkeit und Abgoͤtterei, die in den Spielen des Tages offenbar enthalten waͤre. So ward denn auch das in dieſem Capitel beſchriebene Maienfeſt zu Taviſtock von einem ſolchen Eiferer geſtoͤrt, der ohne Ruͤckſicht auf anweſende Perſonen und deren achtbaren Cha⸗ rakter, ſich aufrecht ſtellte und Gottes Zorn und Fluch auf die zu Scherz und Luſt Verſammel⸗ ten herabdonnerte. Den Maienbaum verglich er mit dem guͤldenen Kalbe, das von den Kindern Iſrael zu deren großer Verwirrung angebetet ward; die arme Jungfer Mariane ward als die babyloniſche Hure dargeſtellt, und Pater Tuck, der bekanntlich als roͤmiſcher Moͤnch erſchien, mußte ſich zuſammt dem Papſte und Allem, was dazu gehoͤrte, dem leibhaftigen Teufel uͤber⸗ antwortet hoͤren. Der Drache ward der alten Schlange, der Verſucherin des erſten Menſchen, verglichen; Narr und Steckenpferd aber wurden als gottloſe und ſcheusliche Ueberbleibſel heidni⸗ ſchen Aberglaubens, und die geſammten Spiele 205 des Tages als ſtinkende Opfer auf dem Altare Beelzebubs hervorgehoben. Dieſe Anrede hatte eine verſchiedene Wir⸗ kung auf die Zuhoͤrer. Etliche beantworteten dieſelbe mit ſchallendem Gelaͤchter, Andere ver⸗ kehrten ihre Augen und aͤchzten bei jedem Fluch⸗ worte, das aus dem Munde des ſaalbadernden Puritaners kam, und wieder Andere ſpotteten dieſen aus, indem ſie deſſen Geſichts⸗ und Koͤr⸗ pergeberden auf laͤcherliche Weiſe nachaͤfften. Und als nun Salomon Sprudel immer lauter und waͤrmer in ſeinem Vortrage ward, fuͤhlten meh⸗ rere von den jungen Burſchen ſich nur deſto är⸗ gerlicher uͤber des Tonnenprieſters Frechheit. Endlich ward dieſer in ſeiner Metapheranwen⸗ dung ſo perſoͤnlich, daß mehre aus der Verſamm⸗ lung uͤber ihn herfielen, um ihn von ſeiner Stegreifskanzel herunterzuholen. Da brach aber von dieſer der Boden ein, auf welchem der freche Redner ſtand, ſo daß Salomon Sprudel in das geraͤumige leere Faß hineinfiel, welches nun von der erzuͤrnten Parthei gekippt wurde und, wenn ſich die Ortsvorgeſetzten nicht in's Mittel gelegt 206 hätten, vom Poͤbel die Ebene hinab in den Fluß hineingerollt worden ſeyn wuͤrde, um dieſem eifernden Regulus puritaniſchen Ruhmes einen abkuͤhlenden Trunk zukommen zu laſſen. Salomon Sprudel entrann demnach, wie⸗ wohl mit einiger Schwierigkeit, dieſem Ausgange ſeines Tagewerkes, ward jedoch foͤrmlich aus dem Felde geſchlagen und hinkte etwas lenden⸗ lahm ſeiner Wohnung zu. Bei alldem hoͤrte er nicht auf, Schmaͤhungen auszuſtoßen, wie⸗ wohl er es nunmehr in gedaͤmpftem Tone that, und nur von etlichen Greiſen und alten Weibern geleitet wurde, die es fuͤr eine ihnen obliegende Pflicht erachteten, ihren geiſtlichen Berather in deſſen Stunde der Bedraͤngniß nicht zu verlaſſen. Allein die Zwietracht, die nun einmal uͤber das Feſt hergefallen war, ſchien beſchloſſen zu haben, das Feld behaupten zu wollen; ſo daß ſich ein anderer Anlaß zu einem Streite von ernſterer Beſchaffenheit erhob. Kaum war Sa⸗ lomon Sprudel verjagt worden, ſo erſchien an deſſen Stelle ein Menſch von ganz anderer Art, und zwar kein geringerer, als ein Baͤrenfuͤhrer. 207 In der einen Hand trug er einen Stecken, an deſſen einem Ende ein Faͤhnlein wehete, in wel⸗ ches das Wappen der Stadt Taviſtock genaͤht war; mit der andern Hand ſchuͤttelte er ein Gloͤckchen, welches als Prolog zu der von ihm laut abzugebenden Kundmachung diente, daß der Kampf zwiſchen dem Baͤren und den Hunden im Thiergarten des Ortes ſeinen Anfang zu nehmen haͤtte. Alles rannte nun dem Thiergarten zu, der nicht fern von den Ufern des Tavy lag, und fuͤr die Bequemlichkeit der zahlreichen Zuſchauer hurtig gezimmerte Sitzreihen und Standgeruͤſte erhalten hatte. Die Zuſchauer, die ſich hier ver⸗ ſammelten, waren beiderlei Geſchlechtes und ge⸗ miſchten Standes. Spielen dieſer Art wurden, wie man recht wohl weiß, durch hohe und hoͤchſte Herrſchaften beſondere Vorrechte eingeraͤumt und fuͤr Modebeluſtigungen gehalten, und kein be⸗ wanderter Leſer wird ſich wundern, wenn man ihn daran erinnert, daß die Koͤnigin Eliſabeth ſelbſt in Begleitung ihres Hoſſtaates den ſoge⸗ nannten Baͤrengarten beſuchte. 208 Bei der diesmaligen Gelegenheit lehnten mehrere der zu Fitz-Ford anweſenden Damen es ab, den Baͤrenkampf mit anzuſehen. Beſonders that dies Margarethe Champernoun; vielleicht nicht ſo ſehr aus irgend einem Gefuͤhl beſonde⸗ ren Widerwillens gegen die Beluſtigung, indem vorherrſchende Sitte ſelbſt auf die zarteſten Ge⸗ muͤther ihren Einfluß behauptet, als vielmehr im Verlangen, von den Anſtrengungen in den Fruͤh⸗ ſtunden ſich in ſofern zu erholen, daß man deſto lebhafter an den Maskenſpielen und Taͤnzen waͤhrend der Abendzeit wuͤrde Theil nehmen koͤnnen. Margarethe ſehnte ſich uberdies danach, allein zu ſeyn, um Gelegenheit zu haben, ihren geheimnißvollen Brief zu leſen, und ihr Gemuͤth wegen der mancherlei Bewegungen zu ſaͤnftigen, die es im Verlauf dieſes Tages hatte erleiden muͤſſen. Alle jungen Maͤnner jedoch, unter denen ſogar Sir Hugo Fitz ſich befand, zogen hinab zum Baͤrengarten, in welchem ſie ihre Sitze ein⸗ nahmen. Wir muͤſſen hier bemerken, daß die Gallerie fuͤr die Zuſchauer zu beiden Seiten des zum Kampfſpiel anberaumten Platzes errichtet worden war. Der niedere Theil dieſes Platzes war ohne Verſchlag oder Verzaͤunung offen. Dies entſprach keinesweges der Ordnung in ei⸗ nem Baͤrengarten, allein der zu Taviſtock war nur eine fuͤr den Tag getroffene, voruͤbergehende Vorkehrung. In unſerer Mittheilung von dem ſcheuslichen Spiele, das nun folgte, werden wir uns ſo kurz als moͤglich faſſen, indem wir zu unſeren Zeiten keine beſondere Theilnahme oder Hochachtung fuͤr dieſe rohe Beluſtigung unſerer Vorfahren zu faſſen vermoͤgen; und wir wuͤrden hier gar nicht auf dieſelbe hindeuten, wenn es nicht zu Foͤrderung unſerer Erzaͤhlung unum⸗ gaͤnglich noͤthig waͤre. An einer mittelſt eines Krampen an einen dicken Pfahl zu oberſt des Kampſfplatzes befeſtig⸗ ten Kette ward der Baͤr in ſofern losgelaſſen, als dieſe Kette reichte. Petz war ein Thier von furchtbarem Anſehen, und hatte, nach dem Be⸗ richt des Fuͤhrers, ſich als von unerreichter Ge⸗ ſchicklichkeit bewieſen, indem er in dem beruͤhm⸗ Fitz of Fit⸗Ford. I. 14 ——— 3 nem gedaͤmpften und anhaltenden Gebrumm. 210 ten Paris⸗Garten*) faſt jedes Hundes, der ihn angegriffen hatte, Meiſter geworden war. Als der Baͤr vorgeſchoben ward, ſtapfte er ſo weit vor, als die Laͤnge ſeiner Kette es geſtattete. Dann ſtand er ſtill, ſchuͤttelte ſeinen zottigen Wanſt und ſeine Haͤngohren, indem er mit ſei⸗ nen Schielaugen umherglotzte, ob irgend ein Feind ſich nahen moͤgte; oͤffnete hierauf das Grab ſei⸗ nes entſetzlichen Rachens, gaͤhnte fuͤrchterlich, und begruͤßte endlich die Verſammlung mit ei⸗ In dieſem Augenblicke ließ man die Hunde ent⸗ ſchluͤpfen. Bellend und klaffend unter dem Ju⸗ bel, dem Haͤndeklatſchen und dem Aufmunte⸗ rungszuruf der Menge griffen dieſe ihren ge⸗ meinſamen Feind an. Der Baͤr, gleichſam betroffen durch dieſen plotzlichen Anlauf, wich zuruͤck, ſtellte ſich dann fuͤr einen Augenblick auf ſeine Hinterpfoten, und *) Nach dem Grafen Robert von Paris alſo ge⸗ nannt; vergl. Shakſpeare's„Heinrich der Achte.“ Anm. d. Ueberſ. 211 umarmte einen großen Fleiſcherhund, der ihm nach der Gurgel ſchnappte, auf ſo nachdruͤckliche Weiſe, daß dieſem in der Umarmung Rippe nach Rippe im Leibe knackte, worauf Petz den Gequetſchten als Leiche fallen ließ, und dann mit dem Maule etliche kleinere Koͤter zu erha⸗ ſchen ſuchte, die ihn am Zottelfell gepackt hielten. Fuͤr ein Weilchen wichen dieſe Angreifer, ei⸗ nige von ihnen verwundet, andere beſchaͤdigt, heulend und gelaͤhmt, oder aber ſpringend und klaffend zuruͤck uͤber den Bereich der Kette hin⸗ aus. Petz bruͤllte jetzt trotzig, ſchuͤttelte ſeine Ohren, waͤlzte den Kopf hin und her, ließ ſeine Augen immer wilder und gluͤhender rollen, und leckte, zu unſaͤglichem Behagen der Zuſchauer⸗ ſchaft, den Geifer auf, der ihm um das Maul herumhing. Er hatte den erſten Angriff ſiegreich zuruͤckgetrieben, und hohe Wetten wurden auf den endlichen Ausgang des ſcheuslichen Spieles in's Werk gerichtet. Die Hunde, welche unterdeſſen Athem ge⸗ ſchoͤpft haben mogten, ſtuͤrzten, zu abermaligem Angriff gehetzt, im Trupp wieder vor, waͤhrend 14* 212 an ihrer Spitze ein graͤmlicher, einaugiger alter Kettenhund befindlich war, der ſo durchaus ein⸗ gehetzt zu ſeyn ſchien, daß nichts ihn in Furcht ſetzen konnte. Auch ſchien es, daß er nicht blos Muth, ſondern auch Geſchicklichkeit zum Kampfe beſaß; denn Tuͤrk, ſo hieß der Kettenhund, nahm zu einer Kriegsliſt in dem Augenblicke Zuflucht, in welchem der Baͤr ihn in Front angreifen wollte. Er ſprang naͤmlich von hinten her auf den Ruͤcken ſeines Gegners, der ihn nun nicht auf die begonnene Weiſe packen konnte. Nach⸗ dem Petz nun etliche von den kleineren von vorn her auf ihn eindringenden Hunden wie Nuͤſſe zerknackt, andere von ihnen abgeſchuͤttelt hatte, machte er eine Bewegung, ſich niederzu⸗ werfen, um durch Rollen am Boden den auf ſeinem Ruͤcken hockenden Feind ſich vom Halſe zu ſchaffen. Dieſe Art von Gegenwehr konnte der alte Tuͤrk nicht abwarten, weil er dann un⸗ ter der ſchweren Leibeslaſt des Baͤren unfehlbar hätte den Geiſt aufgeben muͤſſen. Er verließ alſo ſeinen Ehrenpoſten, und Petz, der rollend, beißend, ſtoßend und pfotenſchlagend die Hunde ——— M 213 von ſich abhielt, nachdem er in wenigen Minu⸗ ten deren drei oder vier getoͤdtet hatte, ſchien auch bei dieſem zweiten Anlaufe der Hunde Sieger zu bleiben. Da verwandelte der Schau⸗ platz des Kampfes und der Beluſtigung ſich plotzlich und unerwartet, und eben deswegen um auf ſo ſchrecklichere Weiſe, in eine Scene des hochſten Entſetzens und der fuͤrchterlichſten Ver⸗ wirrung. Durch des Baͤren Waͤlzen und Rol⸗ len und Wuͤhlen wich der Krampen aus dem Pfahle, an welchem Petzens Kette hing. Der Baͤr, der ſich ſolchergeſtalt in Freiheit ſpuͤrte, ſtellte ſich augenblicklich auf ſeine Hinterbeine, und mogte ſich vollkommen hinſichtlich ſeiner bereits dargethanen Kampfgeſchicklichkeit befrie⸗ digt fuͤhlen, denn ohne an voͤllige Siegesehre zu denken, machte er ſich hurtig auf die Beine⸗ Mit langen und haſtigen Schritten eilte er dem Ausgange der Schranken zu, waͤhrend Tuͤrk, der Luſt haben mogte, einen zweiten Strauß zu be⸗ ſtehen, ihm nachſetzte, welches jedoch in ſofern mißlang, als dieſer am linken Vorderfuße ver⸗ wundet war. 214 Ploͤtzlicher Schrecken wird oft Veranlaſſung zu plotzlicher Thorheit. So war es jetzt. Der Anblick des alſo losgelaſſenen wilden Thieres, das durch die Hitze des Kampfes noch wilder gemacht worden war, brachte einen paniſchen Schrecken uͤber alle Anweſende, ſo daß Jeder ſich einbildete, der Baͤr habe ihn bereits in den Klauen. Die anweſenden Weiber kreiſchten, wurden ohnmaͤchtig, oder ſchrieen in Jammerto— nen, daß ſie verwundet waͤren. Die maͤnnliche Geſellſchaft ergriff nach allen Richtungen hin das Haſenpanier. Etliche krochen unter die Bäͤnke, Andere ſprangen uͤber dieſelben hinweg, Keiner aber erbot ſich, Das zu thun, was ge⸗ ſunder Verſtand anbefahl, naͤmlich zu verſuchen, dem Fortrennen des Baͤren Einhalt zu thun. Der Einzige, der am wahrſcheinlichſten dazu haͤtte tuͤchtig ſeyn moͤgen, war der Fuͤhrer; allein dieſer hatte kurz zuvor die Schranken verlaſſen, um friſche Hunde herbeizuholen, die in einem naheſtehenden Hauſe dazu bereit gehalten wurden. Mittlerweile— denn das Losreißen und Entrinnen des Baͤren geſchah in ungleich kurze⸗ — 5— 5 215 rer Zeit als die iſt, in der man den Bericht daruber zu leſen vermag— war Petz unaufge⸗ halten zum Garten hinausgerannt, und bei ſei⸗ nem Herannahen lief jedes Mutterkind ihm mit der Schnelligkeit eines abgeſchoſſenen Pfeiles aus dem Wege. Petz befand ſich in der wildeſten Gemuͤthsſtimmung eines wilden Thieres, und nichts konnte gewiſſer ſeyn, als das unvermeid⸗ liche Geſchick des erſten lebenden Weſens, ob Nenſch oder Thier, das dem Baͤren in die Klauen gerathen wuͤrde. Unter den haſtig Entfliehenden war auch ein alter Mann, der trotz, ſeinen Anſtrengungen es doch den Juͤngeren und Kraͤftigeren nicht gleich⸗ thun konnte. Petz ſchien dieſen in's Auge zu faſſen und ihn zu ſeiner beklagenswerthen Beute auszuerſehen, denn unverzuglich machte er Jagd auf ihn. Mittelſt ſeiner langen, beſchleunigten Schritte war er bald bis auf wenige Ellen weit dem Alten im Ruͤcken.„Gott Abram's, hab' Erbarmen mit mir,“ ſchrie der betagte Fluͤcht⸗ ling,„ſonſt werd' ich Raub dem Baͤren der Wuͤſte, als einſt es wurden die Verſpotter des — 216 heiligen Mannes Gottes. O, hätt' ich eine Wehr, mich zu vertheidigen! Die Beſtie kommt naͤher— beſchleunige meine Schritte, Du, Gott Abram's, Iſaac's und Jacob's, als ich nicht ſeyn ſoll des Todes. Mit der groͤßten Anſtrengung, die er aufzu⸗ bieten vermogte, lief der Alte, um wenn moͤglich Schutz in einem ihm nicht mehr fern ſtehenden Hauſe zu erlangen, als er in ſeiner Eil' uͤber einen Stein ſtolperte und zu Boden ſtuͤrzte. Durch den Fall verletzt, vermogte er nicht ſich ſogleich wieder aufzurichten, und kaum zehn Schritte weit hinter ibm war der Bär, das Maul mit Schaum bedeckt, die Gluͤhaugen auf ſein auserſehenes Opfer geheſtet, und mit jedem aͤußeren Anzeichen der wilden Gier, in welcher er ſchon im Voraus ſeiner Beute und des Blu⸗ tes genoß, das zu vergießen er ſo nahe daran war. Levi— denn das beklagenswerthe Opfer war kein Anderer, als dieſer Jude— Levi kreiſchte, daß es die Lufte zerriß, als in dem Mo⸗ ment, in welchem er ſeinen Tod unvermeidlich 217 glauben mußte, ein wohlgezielter Pfeil daher ſchwirrte, und im Schaͤdel des Ungethuͤms ſtek⸗ ken blieb. Ein lautes Geheul erfolgte. Der Baͤr waͤlzte ſich, kratzte in Todesängſten den Boden um ſich her auf, und lag dann ſteif und regungslos zu den Fuͤßen des Gegenſtandes ſei⸗ ner Verfolgung. Levi richtete ſich auf, blieb dann auf ſeinen Knieen liegen und erhob Blick und Haͤnde gen Himmel, konnte aber keines Wortes maͤchtig werden. Dankerfuͤllt allerdings war ſeine Seele gegen den Gott der Gnade fuͤr die ihm gewordene Rettung, allein Levi ver⸗ mogte nicht, ſeine Gedanken zu einem zuſammen⸗ haͤngenden Gebet zu ordnen, und die Natur ge⸗ waͤhrte ſeinem gepreßten Herzen Luft durch ei⸗ nen Thraͤnenſtrom. Waͤhrend Levi in dieſem Zuſtande bald gen Himmel, bald auf das todt vor ihm liegende Thier blickte, und dann vor dieſem zuruͤckſchreckte, als furchtete er, es moͤgte dennoch wieder zu ſei⸗ nem Verderben in das Leben zuruͤckkehren, trat ihm ein Mann nahe, der eine Art von Moͤnchs⸗ gewand trug, deſſen Kappe ihm das Haupt faſt 218 ganz verhuͤllte. Der Mann, der einen unge⸗ ſpannten Bogen in ſeiner Hand trug, faßte den noch immer knieenden Juden an den Arm und rief ihm zu:„Steh' auf, Unglaͤubiger, Du biſt in Sicherheit! Wozu dieſes Gebahren? Sey ein Mann— alle Gefahr iſt voruͤber.“ Levi ſah den Bogen in der Hand des Man⸗ nes, und faßte augenblicklich den Gedanken, der vor ihm Stehende ſey ſein Lebensretter. Aber⸗ mals ſank er in die Knie, ſtammelte nunmehr haſtige, unzuſammenhaͤngende Worte des Dan⸗ kes, und kuͤßte nach der Sitte, die noch immer von den Gebraͤuchen des Morgenlandes her, ſeinem Volke eigen zu ſeyn pflegt, den Saum des Gewandes ſeines Retters, ja er wuͤrde, wenn dieſer es zugelaſſen haͤtte, den Fuß deſſelben auf ſeinen eigenen Nacken geſetzt haben, als er im Staube vor ihm lag. „Der Segen des Gottes Iſrael,“ ſprach Levi endlich zuſammenhaͤngender,„ſey uͤber Dir! Ich verdanke mein Leben Deinem Bogen und Pfeile. Ich bin ein armer alter Mann von geringem Verdienſte; aber was ich thun kann, 219 zu zeigen mich dankbar, das will ich thun, und ſo Dir Gold und Silber kann nuͤtzlich ſeyn, ſo ſoll's Dein ſeyn, ſo lange Levi noch hat einen Silberling— das heißt,“ ſetzte er, ſich verbeſ⸗ ſernd hinzu,„es ſoll Dein ſeyn ohne allen Zins und auf unbeſtimmte Zeit.— Gott, wie bin ich verwirrt, daß ich nicht kann beſprechen ein welt⸗ liches Geſchaͤft! Blick hin auf das fuͤrchterliche Thier. Dem Hoͤchſten ſey Preis, ich bin noch am Leben! Hu, wie die Beſtie da liegt, ſchauer⸗ lich und entſetzlich noch im Tode, und wie ſie aufſpreizt den gaͤhnenden Rachen, als wollte ſie mich doch noch verſchlingen! Biſt Du ſicher, daß ſie iſt wahrlich todt? Biſt Du ganz ſicher? Haſt Du nicht noch einen Pfeil— doch nein, ich ſeh's, der Baͤr iſt erlegt, und ſein Wanſt wird Staub ſeyn wie die Erde, aus der er ge⸗ ſchaffen ward. Und Du, o Fremdling! Du, mein Erretter, haſt mich erloͤſt an dieſem Tage aus den Tatzen der grimmigen Beſtie. Levi, der Sohn Aminadab's, der Sohn Adonijab's, der Sohn—“ „Der Sohn des Teufels!“ rief der Fremde. 220 „Heda, Levi! Mann, ſchau' auf, ſammle Deine zerſtreueten Sinne! Kennſt Du mich nicht?“ Levi blickte auf; der Fremde ſchob fuͤr ein Weilchen ſeine Kapuze zuruͤck. Augenblicklich erkannte ihn der Jude und ſprach in neuer, wie⸗ wohl ganz anderer Beſtuͤrzung:„Heiliger Pro⸗ phet Iſraels! Du biſt Georg Standwich, der Mann des Geheimniſſes und der Tapferkeit, aber mächtig gleich Simſon, als er den jungen Lo⸗ wen, der ihn im Weingarten zu Timnath an⸗ bruͤllte, auseinander riß, wie wenn derſelbe ein Zicklein geweſen waͤre. Laß mich ausziehen mei⸗ nen Schuh,“ fuhr Levi im Ueberſtroͤmen ſeines Dankgefuhles fort,„und ich will Dir ſchwoͤren Treu und Unterwuͤrfigkeit in allen Dingen, und mein Schwur ſoll ſeyn wie ein Zeugniß in Iſrael, und wie ein Zeugniß des Boas vor den Aelte⸗ ſten, die unter den Thoren ſitzen——“ „Nochmals ſag' ich Dir, halt' das Maul,“ rief Standwich,„ſonſt moͤgten wir Beide im Hundeloche ſitzen muͤſſen, wenn nicht an noch boͤſerem Orte. Steh' auf und folge mir! Ver⸗ 221 giſſeſt Du, daß ich die naͤchſte Nacht in Deinem Hauſe zubringen will?“ „Wunder uͤber Wunder!“ unterbrach ihn Levi,„wie kamſt Du hieher in dieſer Kleidung? Und woher nahmſt Du den guten Pfeil, der meinen Verfolger in den Staub warf? Ich will meine Lenden guͤrten und Dir folgen, ſo ſchnell meine Verletzung durch meinen Fall es mir ge⸗ ſtattet.— O des guten Pfeiles! Ich ſehe in Deiner Hand einen Bogen; aber ich ſehe doch nicht Deinen Koͤcher.“ „Ich lauerte in jenem Gehoͤlze hinter den Bogenſchutzen,“ entgegnete Standwich,„als alle von ihnen bis auf den letzen Mann davon rann⸗ ten, um dem Puritaner zuzuhoͤren, und ihn dann fuͤr gehabte Muͤhe eine zweite Taufe zuzuwen⸗ den. Mancher Bogen und Pfeil ward von den Schuͤtzen zuruͤckgelaſſen. Bald nachher erblickte ich einen Mann, der von dem Baͤren verfolgt ward. Ich wußte nicht, daß es mein Wirth Levi war, der in ſo großer Gefahr ſchwebte— deſto minder Dank iſt dieſer mir alſo ſchuldig; allein ich raffte von dem Geſchoß das Noͤthige 222 auf, um einen Mitmenſchen von fuͤrchterlichem Tode zu retten. Das Thier war noch außer dem Bereich eines Piſtolenſchuſſes, ſonſt, Levi, haͤtte es keines Bogens und Pfeiles bedurft; denn ich trage hier,“ ſetzte er hinzu, indem er an ſeine Bruſt ſchlug,„unter dieſem Gewande Waffen, um ſie im Nothfalle bei der Hand zu haben; Waffen wie Ihr, Levi, ſie wohl zu tra⸗ gen pflegt, mein' ich, wenn Ihr Euch unter meine Genoſſen begebt. Heut jedoch will es ſich ergeben, daß Ihr nichts dergleichen bei Euch fuͤhrtet, denn ſonſt wuͤrde meine Huͤlfe Euch nicht vonnoͤthen geweſen ſeyn.“ „Es iſt wahr,“ verſetzte Levi,„ich hatte weder Waffen von Eiſen oder Stahl, noch das ſchwarze Pulver, das durch einen einzigen Funken das Hirn aus dem Schaͤdel ſchmettern kann; und ſo dank' ich das Leben Euch, wie es David dem Jonathan—“ „Ich muß fort,“ rief Standwich.—„Sieh, dorther kommen Leute. Sprich, ein Bogenſchuͤtz habe Dich gerettet, aber nenne nicht Den, der Dir den Liebesdienſt erwies. Gegen Abend titihei — 223 komm' ich unter Dein Dach; laß Keinen in Deinem Hauſe ſeyn.— Bis dahin, lebe wohl!“ Ohne weiter ein Wort zu aͤußern, warf der vermummte Geaͤchtete den Bogen hin, ſchritt einen ihm nahe liegenden Seitenweg hinab, der in den Park von Fitz⸗Ford leitete, und uͤberließ es dem Juden, ſo gut dieſer es verſtehen wuͤrde, einen Bericht uͤber ſeine Errettung allen Denen abzuſtatten, die aus Neugier oder Verwunderung ſich danach erkundigen moͤgten. Unter anderen Umſtaͤnden wuͤrde die ver⸗ worrene und unhaltbare Auskunft, die der Jude uͤber ſeine Befreiung aus den Tatzen des Bären gab, zuverlaͤſſig Verdacht erregt haben; jetzt je⸗ doch ſchrieb man Alles dem Schrecken Levi's zu, einem Schrecken, der ſich ſogar der minder Be⸗ tagten und der Kraͤftigeren bemeiſtert hatte. Und obwohl Levi als Goldſcheider, als Pfand⸗ jude und Geldverleiher oft ſchon dem Hohne und der Bosheit des Stadtvolkes hatte zum Stichblatte dienen muͤſſen, ſo war doch jetzt kein Einziger boͤſen und harten Sinnes genug, ihn zu ſchmähen oder zu verſpotten, indem Alle, der Eine mehr, der Andere minder, ſich uͤber den kuͤhnen, jedoch noch unbekannten Schuͤtzen freue⸗ ten, den Levi als ſeinen Retter bezeichnet hatte. Aller Aufmerkſamkeit richtete ſich nun auf das erlegte Thier, und Diejenigen, welche ſchnell wie Standwich's Pfeil geflogen waren, als die Beſtie noch lebte, wurden, als dieſe getoͤdtet vor ihnen lag, wunderſam kuͤhn; mindeſtens in Worten: indem Jeder von ihnen erklaͤrte, wie er die Creatur unfehlbar erlegt haben wuͤrde, wenn ihm nicht ein Anderer zuvorgekommen waͤre; und zum Beweiſe deſſen beſann man ſich nicht, die ausgeſtreckten ſteifen Tatzen des Baͤ⸗ ren, oder deſſen Schwanz aufzuheben, oder aber dem erſchlagenen Petz mit veraͤchtlichem Lachen einen trotzigen Fußtritt zu verſetzen. Ueuntes Capitel. „Dies iſt der Ort, der Mittelpunct des Hains; Hier ſteht der Eichbaum, der Monarch des Waldes.“ Douglas. Margarethe Champernoun hatte den erſten guͤnſtigen Augenblick ihres Alleinſeyns benutzt, um den geheimnißvollen Brief zu leſen, der ihr auf ſo ſonderbare Weiſe von einem Frauenzim⸗ mer uͤberreicht ward, das, wie der Leſer leicht wird vermuthen koͤnnen, entweder das Weib, oder die Mutter oder Schweſter, oder doch die Genoſſin irgend eines der geaͤchteten Grubenar⸗ beiter war. Nachdem Margarethe ſich mit dem Inhalte jenes Schreibens bekannt gemacht hatte, legte Fitz of Fitz⸗Ford. 1. 15 226 ſie haſtig ihren Maientagsputz ab, da ſie nicht eher als bis zur Verſammlung im großen Saale bei der Abendtafel und dem nachherigen Tanze in ihrem Charakter als Maienkoͤnigin zu erſchei⸗ nen brauchte, und nahm einen von jenen gro⸗ ßen, altmodiſchen Maͤnteln um, wie wir deren— wohl auf den Bildniſſen von unſeren Ur⸗ großmuͤttern wahrnehmen. Margarethe wollte ſo vermummt die Treppe hinabſteigen, als die junge und liebenswuͤrdige Lady Howard ihr entgegen trat. So ſchoͤn Helene Howard auch war, ſo wies ſie ſich doch ein wenig ſchlau, und beſaß in nicht geringem Grade Das, was man Talent, und noch mehr von Dem, was man Ei⸗ telkeit nennt; wiewohl das Eine wie die An⸗ dere in jenen Tagen, wie in den unſerigen, von den Beſitzern derſelben nur als ein vom Ver⸗ dienſt unzertrennliches, ſich geziemendes Selbſt⸗ vertrauen angeſehen ward. Margarethe Cham⸗ pernoun und Lady Helene Howard waren nicht mit einander verwandt; da ſie jedoch beinahe gleiches Alter hatten und faſt ſtete Hausgenoſſen 227 waren, ſo pflegten ſie wohl einander mit„Muhme“ oder„Muͤhmchen“ zu begruͤßen. „Nun, Muͤhmchen,“ fing Lady Howard an, wohin in der Vermummung? Hilf Himmel! was fuͤr ein Mantel! Eignet ſich der fuͤr eine Maienkoͤnigin? Mein' ich doch, dem Sir Hugo, wenn er ſich bei Nacht und Nebel hinausbegiebt, um die Sterne zu begucken, wuͤrde er paßlicher ſeyn!“ „Ich will nur in den Park hinunter— das heißt, nicht in den Park, ſondern—“ „Sondern irgendwohin, Muͤhmchen, wohin Ihr nicht wollt, daß ich Euch begleite,“ fiel Lady Howard ein. Margarethe erroͤthete. „Nun, nun, Jungfer Margarethe,“ fuhr Lady Howard mit einer ſonderlichen Kopfbewegung fort,„ich verſichere Euch, daß ich meine Geſell⸗ ſchaft Keinem aufdringe. Auch muͤßt Ihr das heut fruͤh bemerkt haben, denn ich ging nicht mit, als Ihr mit Euerem Maienkoͤnig, John Fitz, durch den Wald ziehen wolltet. Ich blieb zuruͤck und that waͤhrend Eurer Abweſenheit als ½ Freundin an Euch; denn als die loſen Maͤuler ſich daruͤber luſtig machen wollten, daß Ihr al⸗ lein mit zweien jungen Burſchen dem Pachthofe zuſtreiftet, da nahm ich Eure Partei und er⸗ klaͤrte, daß Ihr es nur um Eines willen von Beiden thaͤtet, obwohl man meinte, Jungfer Margarethe haͤtte, wie jeder gute Schuͤtz, gern zwei Straͤhne an ihrem Bogen, damit, wenn—“ „Werthe Lady Howard,“ rief Margarethe, „wie koͤnnen die Leute ſo boshaft ſeyn? Ich weiß gewiß, daß ich nichts Arges im Sinne hatte, als ich mit Sir Nicholas Slanning und John Fitz nach der Pachterwohnung ging.“ Hier ließ Lady Howard jenen kurzen, trok⸗ kenen Huſten hoͤren, der auf Mißtrauen zu deu⸗ ten pflegt, ſobald ein junges Frauenzimmer nicht geradezu Das fuͤr Luge erklaͤren mag, was von einem anderen jungen Frauenzimmer hieruͤber oder daruͤber behauptet wird. „Die Leute ſind doch gar zu boshaft!“ ſetzte Margarethe uͤbelgelaunt hinzu. „Sehr boshaft, Liebſte,“ zog Lady Howard nach;„das ſagt' ich ſchon neulich zur Dame rd 229 Baſſet, als ſie bemerkte, wie Ihr in der Kirche immer umher ſchautet, als ob Eure Augen ir⸗ gend einen jungen Menſchen ſuchten, der ſich dort muͤßte antreffen laſſen; da es ſich doch ziemt, daß Ihr den guten Herrn Paſtor anblickt, ſo lange er ſich predigend vernehmen laͤßt. Ge⸗ wiß, liebe Margarethe, ich nehme ſtets Eure Partei, und werde niemals die boshaften An⸗ merkungen weitertragen, die man uͤber Euch macht; und es wuͤrde ſehr kraͤnkend ſeyn, wenn ich nicht faͤnde, daß Freundſchaftspflicht ſolches gebietet.“ „Ich meinte, die Freundſchaft beſtehe im Austauſch freundlicher Dienſtleiſtungen,“ ſagte Margarethe,„und bezweifle es manchmal, daß dergleichen mit in das Regiſter der Freundſchafts⸗ pflichten gehoͤre; vielleicht aber irre ich hierin“ „Ganz gewiß thut Ihr das, Liebſte,“ fuhr die anzapfende Lady fort;„denn Ihr wißt, daß wir jederzeit Wahrheit ſprechen ſollen, indem dies, wie mein Verwandter, der Richter, ſagt, der ſicherſte Weg iſt, uns ſelbſt kennen zu lernen.“ — — ———— 230 „Dennoch hoffe ich,“ entgegnete Margarethe, „daß ich nicht nach verlaͤumderiſchen und bos⸗ haften Geruͤchten mich ſelber zu erkennen, oder von Anderen danach erkannt zu werden habe.“ „Freilich habt Ihr das nicht,“ ſagte Helene, die jetzt ſich den Anſchein gab, als wuͤßte ſie gar nicht, was fuͤr Stachelworte ſie bisher geredet hatte,„und das ſagte ich auch zu Dame Mary Kelly, als dieſe ſich wunderte, wie Ihr den Part der Maienkoͤnigin uͤbernommen haͤttet, da es doch in der Gegend ſo viele junge Frauen⸗ zimmer giebt, die als Ortseingeborne und von anſehnlicher Herkunft ein Naͤherrecht, wie Mi⸗ ſtreß Kelly es ausdruͤckte, dazu haͤtten, und die man deswegen haͤtte vorziehen ſollen. Ich aber vertheidigte Euch; denn glaubt mir, ſprach ich, Margarethe weiß nichts von Anmaßung, und es faͤllt ihr im Schlafe nicht ein, wie ihre Stellung im Leben ſie durchaus nicht dazu eignet, den angenommenen Charakter zu behaupten.“ „Ich wuͤnſche Euch guten Morgen und eine heitere Laune, Lady Helene,“ ſagte Margarethe, der Thraͤnen in den Augen ſchwammen, denn —— 0 231 ſie fuhlte ſich ſchwer verletzt durch die kleinen Ausbruͤche des Neides und der Bosheit ihrer Hausgenoſſin. „Nicht doch, liebſte Margareth,“ rief Lady Howard in ſcherzendem Tone,„ich wollt' Euch nicht wehthun. Kommt, laßt uns wie fromme Kinder uns ein Kuͤßchen geben und uns vertra⸗ gen; denn Ihr wißt, wie boͤs mein Vetter, der Richter, auf mich ſeyn wuͤrde, wenn er hoͤrte, daß ich Euch beleidigte. Vergebt mir— ich meint' es gewißlich nicht boͤſe.“ Ohne Zoͤgern vergab Margarethe ihrer Freun⸗ din, kuͤßte ſie und wiſchte ſich die Thraͤnen, in⸗ dem ſie ſich nochmals anſchickte, die Treppe hin⸗ unter zu gehen. „und jetzt will ich Euch zeigen, daß ich wirklich in heiterer Laune bin, wie Ihr's nennt,“ ſagte Lady Helene,„denn ich will Euch ſagen, daß, wenn Ihr in den Park geht, um Euch nach John Fitz umzuſehen, Ihr ihn dort nicht an⸗ treffen werdet. Er und alle Bogenſchuͤtzen ſind hinter dem alten puritaniſchen Tollhäusler, dem Salomon Sprudel, her, der auf dem Markte 232 gegen die Maienſpiele ſaalbaderte. John Fitz ging eben dahin, als ich hereintrat.“ Margarethe erroͤthete abermals.„Und wes⸗ halb meint Ihr denn, Lady Howard,“ ſagte ſie, „daß, weil ich ausgehe, ich nothwendiger Weiſe den Erben von Fitz aufſuchen muͤſſe— ich— ich— niR. „Nun, Liebſte, ich dachte nur ſo,“ entgegnete die Lady,„weil Ihr nicht wuͤnſchtet, daß ich mit Euch ginge, wie ich ſolches ja deutlich gewahrte. Wollt Ihr Euch aber nach irgend einem Ande⸗ ren umſehen, ſo habe ich eben ſo wenig etwas dagegen. Ich will vielmehr in den Wohnſaal hinunter gehen, wo ich Dame Baſſet bei der Lady Fitz ließ, damit ich bereit bin, das Wort fuͤr Euch zu fuͤhren, wenn die Beiden wohl et⸗ was muthmaßen und Anmerkungen uͤber das Thoͤrichte Eures Betragens machen moͤgten, wie boshafte Leute es gern zu thun pflegen.“ In⸗ dem Lady Howard bei dieſer Rede ein hoͤhni⸗ ſches Laͤcheln auf ihren Lippen wies, verließ ſie ihre Freundin, ſo daß dieſe endlich ihres Weges gehen konnte.. 5 — —*B — — 233 Hurtig war Margarethe die Treppe hinab und uͤber den Hofraum weg, wobei ſie doch fleißig hinter ſich blickte, ob auch irgend Jemand ihre Schritte beobachten moͤgte. Sie erreichte auf ſolche Weiſe eine beſondere Stelle im Park, die die Jaͤgereiche hieß, weil an dieſer Stelle ein ſehr alter Baum ſtand, der dieſen ſeinen Namen von irgend einer wilden Sage herleitete. Die Stelle war beſonders charakteriſtiſchz denn die alte Joͤgereiche ſtand inmitten einer Mannichfaltigkeit von Baͤumen, die alle erſt aufwuchſen, als jener Veteran des Forſtes anfing zu verwittern. Vor der Eiche hinaus lag ein beſonnter Raſen, der jetzt in vollem Lichte fun⸗ kelte, und eben dadurch das Schattige in dem ringsumher ſich breitenden dichtverwachſenen Ge⸗ hoͤlz um ſo lebhafter hervorhob. Mit wenigen gruͤnen Blaͤttern bekroͤnt wies die Jaͤgereiche ihr kahles Haupt, ihre kraͤnkelnden, verwitternden Aeſte ſo dem Sommer wie dem Winter, ſo dem milden Hauche des Mittags wie dem Heulen des mitternaͤchtlichen Sturmes, gleich einem be⸗ tagten Krieger, der ſeinen Stand behauptet, ob ——— 234 Zeit, Parteiwuth und Gewaltthat ſich erheben, um wechſelsweiſe ihn zu bewaͤltigen. Auf einer unter der Eiche befindlichen nie⸗ drigen Bank ſaß ein Mann in dunkelm Kapuz⸗ gewande, der unſeren Leſern ſofort als der Haupt⸗ mann Standwich bekannt ſeyn wird, den Mar⸗ garethe Champernoun jedoch mit dem Namen Pater Oswald anredete, wobei ſie in Blick und Geberde die tiefſte Ehrfurcht zeigte.„Pater,“ ſprach ſie, als ſie ihm naͤher trat,„ich habe Eu⸗ rem Befehle Folge geleiſtet, wiewohl ich es nur mit Schwierigkeit konnte. Ich wuͤrde ſagen, daß es mich freu't, Euch zu ſehen, wenn Ihr mir nicht geſagt haͤttet, daß Aufenthalt in dieſem Lande Euch gefaͤhrlich iſt, und daß, wenn Ihr der Regierung deſſelben in die Haͤnde gerathet, Ihr dem Geſetz als papiſtiſcher Widerſpenſtiger anheim fallet. Ich habe mich lange danach ge⸗ ſehnt, Euch zu ſehen, obwohl ich fuͤrchte, daß die kurze Zeitfriſt, die ich unſerer Unterhaltung wid⸗ men kann, kaum hinreichend ſeyn wird, mich von all Dem zu unterrichten, was ich gern er⸗ fahren moͤgte.“ 235 Oswald, oder Standwich, denn der Mann vor uns bediente ſich bald des einen, bald des andern Namens, jenachdem es den mißlichen Verhaͤltniſſen zuſagen mogte, in denen er ſich befand— blickte mit beſonderem Ernſt in das unſchuldige Geſicht Margarethens, ergriff eine ihrer Haͤnde, legte ſeine andere Hand wie ſeg⸗ nend auf ihr Haupt, und befahl ihr dann, ſich neben ihn zu ſetzen. Nach etlichen eben nicht bedeutenden Fragen, die jedoch alle von dem Antheile zeigten, den er an des Maͤdchens Wohl⸗ ergehen nahm, fragte er ſie, ob ſie die Lehren vergeſſen haͤtte, die er ihr, als ſie einander das letztemal in Frankreich ſahen, mitgab. „Nein, fuͤrwahr nicht, frommer Vater,“ ver⸗ ſetzte Margarethe,„und eben ſo wenig vergaß ich die feierliche und ſchwermuͤthige Gelegenheit, bei welcher Ihr mir jene Lehren gabt. Ich kann niemals den Tag vergeſſen, an welchem Ihr meinen armen Vater zu Grabe geleitetet; und eben ſo wenig wird es mir jemals aus den Gedanken kommen, daß ich erzogen ward, in Euch meinen zweiten Vater zu verehren. Ihr 236 wißt nicht, wie tief ich heut fruͤh bei dem Er⸗ blicken des Kreuzchens ergriffen ward, das mein Vater Euch auf ſeinem Sterbebette gab, als er mir das feierliche Verſprechen abnahm, Eurem Willen zu gehorchen, ſo oft Ihr durch jenen Schmuck mich dazu auffordern wuͤrdet. Ich habe meine Zuſage erfuͤllt. Doch— darf ich es ſagen, ehrwuͤrdiger Pater?— doch iſt mir Euer Geſchick, Euer Welttreiben bisher zwar dunkel angedeutet worden, jedoch noch immer Geheimniß geblieben. Ich kenne Euch zwar als jenen frommen Mann, der der ver⸗ traute Freund meines Vaters war; allein et⸗ was, das dieſer mir kurz vor ſeinem Hinſcheiden mittheilte——“ „That er das?“ rief Standwich mit einer Miene des Erſtaunens.—„Wiederhol' es mir, Margarethe, nenne mir deutlich den ganzen In⸗ halt ſeiner Mittheilung. Ich muß es ſowohl um Deinetwillen als meinetwegen wiſſen. Laß in Deiner Wiederholung nichts fehlen, rufe Dir auch das kleinſte Wort, das Dein Vater bei jener Gelegenheit ſprach, in's Gedächtniß zuruͤck, ———„„— v 237 denn Du weißt nicht, welche wichtige Folge daran hangen kann.“ „Ich wartzu theilnehmend fuͤr Das, was ich hoͤrte,“ verſetzte Margarethe,„als daß ich das Geringſte des Umſtandes haͤtte vergeſſen koͤnnen. Ihr erinnert Euch, frommer Pater, daß von meiner Kindheit an Ihr bisweilen meines Va⸗ ters Haus beſuchtet, da der Franciskanerorden, zu dem Ihr gehoͤrt, Euch ein Wanderleben vor⸗ ſchreibt. Zu jener Zeit hattet Ihr viele Freund⸗ lichkeit fuͤr mich, belehrtet mich uͤber allerlei wiſ⸗ ſenswerthe Gegenſtaͤnde, vor Allem aber uͤber die heiligen Geheimniſſe unſers Gottesglaubens. Kann ich daher mich jemals meiner Kinderjahre erinnern, ohne Eurer mit dem innigſten Dank⸗ gefuͤhl zu gedenken? Die Angelegenheiten meines ungluͤcklichen Vaters, ſeine zerruͤtteten Vermoͤ⸗ gensumſtaͤnde, und der troſtloſe Zuſtand Frank⸗ reichs, beſtimmten ihn bei'm Herannahen ſeines Todes, mich nach England zu ſchicken und der Obhuth ſeines fruͤheren Freundes Glanville zu uͤberantworten. Etwas Geheimes verknuͤpfte ſich mit dieſem Umſtande, und immer, Pater Oswald, 238 habe ich gedacht, daß Ihr mehr von demſelben wuͤßtet, als ich, indem mein Vater jenen Schritt nicht eher thun wollte, als bis er mit Euch Ruͤckſprache daruͤber genommen—“ „Ich kannte und billigte ſeinen Beweggrund dazu,“ verſetzte Standwich(den wir lieber bei dieſem Namen nennen, obwohl Margarethe ihn ſo nannte, wie er in Frankreich zu heißen pflegte).„Von dieſem Theile in Deiner Erzaͤh⸗ lung brauchſt Du nicht zu reden. Sprich nur von Deines Vaters Mittheilung kurz vor ſeinem Tode.“ „Als mein Vater fuͤhlte,“ fuhr Margarethe fort,„daß er nicht lange Zeit mehr zu leben haben wuͤrde, ſchrieb er an Euch, daß Ihr kom⸗ men und ihm in ſeinen letzten Stunden beiſte⸗ hen moͤgtet. Als der Bote aber abgegangen war, verſchlimmerte ſich der Zuſtand meines Vaters ſo ſehr, daß dieſer fuͤrchtete, er wuͤrde noch vor Eurer Ankunft den Geiſt aufgeben muͤſſen. Nimmer werd' ich ſeine Angſt in jenen Augenblicken vergeſſen! Er ſagte, er koͤnnte nicht ruhig ſterben, wenn er Euch nicht zuvor ſaͤhe. 239 Es ſchien etwas, was keiner außer Euch von ihm nehmen koͤnnte, auf ſeiner Seele zu laſten. Er zaͤhlte die Tage, ja die Stunden Eurer An⸗ kunft, allein Ihr kamt nicht zu der Zeit, in welcher er Euch erwartete.“ „Sein Brief verfehlte mich,“ ſagte Stand⸗ wich,„und nur durch Zufall erfuhr ich ſeine Krankheit. Ich eilte ſogleich zu ihm und ſah ihn wenige Stunden vor ſeinem Hinſcheiden.“ „Er fuͤrchtete, daß es ſo kommen wuͤrde,“ verſetzte Margarethe,„und in Folge dieſer Furcht ließ er eines Morgens, als er ſich ſchlimmer denn jemals fuͤhlen mogte, mich an ſein Bett kommen. Weinend ſtand ich neben ihm. Er ergriff meine Hand und ſagte:„Margareth, weißt Du, wie fuͤrchterlich der Tod iſt?“—„Ei wohl, Vater,“ verſetzt' ich, der Tod iſt jener ge⸗ waltige Schreckenskoͤnig, der Leib und Seele von einander ſondert, und waͤhrend er jenen zerſtort, dieſer die Unſterblichkeit verleiht, jedoch auch zu gleicher Zeit ſie zu einer furchtbaren Rechenſchaft zieht!“ Standwich fuhr auf, ſchritt einigemale vor Margarethen hin und her, und ſchien in heſtiger Bewegung zu ſeyn.„Es iſt ein wahres Wort, Margarethe,“ ſprach er,„daß wir Alle einſt Rechenſchaft ablegen muͤſſen— Gott ſey dem Suͤnder gnaͤdig!“ „Als ich dies zu meinem Vater geſagt hatte,“ fuhr Margarethe fort,„duͤnkte es mich, als faͤhe er beunruhigt aus. Er winkte mit den Augen nach einem leeren Stuhle hin, der am unteren Ende des Gemaches ihm gegenuͤber ſtand. In ſeinem Blicke lag eine Wildheit, die mich er⸗ ſchreckte, und indem er ſeine Hand den Augen folgen ließ, ſprach er mit leiſer und zitternder Stimme: Margarethe, ich kann mir den Tod vorſtellen! Dort ſitzt er und ſchau't nach mir her; langſam ſcheint er aufzuſtehen und mit zauderndem, aber doch ſicherem Schritte zu mir heran zu kommen, und mir fehlt das Vermo⸗ gen, ihm zu entfliehen. Nicht lange wird es waͤhren, ſo umklammert er mich mit ſeinen kal⸗ ten und ſteifen Armen.— Es erſchuͤtterte mich, daß mein Vater alſo ſprach, und daß er ſo wild dabei ausſah.„Beruhige Dich, liebſter Vater,“ 241 ſagte ich zu ihm,„Du biſt ſtets ein rechtſchaffe⸗ ner Menſch geweſen; Deine Familie iſt ungluck⸗ lich, aber ehrenwerth, und zuverlaͤſſig iſt im Tode nichts, das Dich um Anderer oder Deiner ſelbſt willen beaͤngſtigen koͤnnte; es moͤgte denn jene Ehrfurcht ſeyn, mit welcher jeder Menſch vor ſeinen Gott zu treten hat; und wenn dieſer Gott auch ein Gott der Gerechtigkeit iſt, ſo iſt er doch auch der Vater des Erbarmens!“ „Und was antwortete er hierauf?“ fragte Standwich, den dieſe Erzaͤhlung gewaltig zu er⸗ ſchuͤttern ſchien. Margarethe fuhr fort:„Mein Vater ſagte mir, daß ihm etwas ſchwer auf dem Herzen laͤße— Ich wollte, ich koͤnnte den ungluͤcklichen Mann ſehen, bevor ich ſterbe, ſagte er; und da⸗ mit meinte er Euch.„Und Dich, Margarethe, geht es ebenfalls an. Gern moͤgte ich Dir es offenbaren, allein ich darf es nicht ohne ſeine Zuſtimmung, und doch kann ich nicht eher in Frieden ſterben, als bis ich es herausſagte. O, daß er doch kaͤme!““ „In der That, Vater,“ entgegnete ich,„ſolltet Fitz of Fitz⸗Ford. I. 16 Ihr in Dem, was Euer Kind betrifft, keines Dritten zur Berathung beduͤrfen. „Er ſchuttelte den Kopf, ſeufzte und ſagte, daß ich nicht wuͤßte, was ich von ihm verlangte. Doch, fuͤgte er hinzu, will ich Dir, aus Furcht, daß ich eher abſcheide, als der ungluckliche Os⸗ wald kommt, ſo viel ſagen: Oswald iſt mir nahe verwandt; ſterbe ich, ſo haſt Du ihn als einen Vater zu betrachten, ja, es iſt mein Be⸗ fehl im Tode an Dich, daß Du ſolches thuſt. Freilich will ich Dich nach England in Sicher⸗ heit bringen; dennoch, wenn Oswald Dich dort aufſucht, gehorche ihm, als ob ich ſelbſt Dir be⸗ foͤhle. Er wird Dich zu Deinem Glucke leiten. Er wird Dich lehren die Klippen und Untiefen in der See des Erdenlebens zu vermeiden, an denen ſo Mancher ſcheitert. Er wird Dich leh⸗ ren einzuſehen, wer Dir Freund iſt und wen Du als Feind, ſo des Leibes, wie der Seele, zu vermeiden haſt; und zu gehoͤriger Zeit, Marga⸗ reth, wird er den Schleier luͤften, von welchem Deine Geburt bedeckt iſt.“ „Ihr Engel und alle Heiligen!“ rief Stand⸗ 243 wich, heftig erſchuttert,„ſagte er das?“ und uͤber⸗ waͤltigt von dem Gefuͤhle, das er nicht verheh⸗ len konnte und doch gern vor Margarethen ver⸗ bergen wollte, wendete er das Geſicht ab, ſtand abermals auf, ſchritt uͤber den ſonnigen Raſen hin und her, nahm dann ſeinen Sitz wieder ein und ergriff Margarethens Hand. Die ſeinige war todtenkalt. „Soll ich fortfahren?“ fragte die Jungfrau. „Ich fuͤrchte, es beunruhigt Euch, wiewohl ich nicht weiß, woher ſolches kommt. „Sprich, ſprich!“ rief Standwich;„ich kann es ertragen. Verhalte mir nichts von Dem, was weiter vorging; laß mich auch das kleinſte Wort hoͤren, das von dem Munde Deines Va⸗ ters kam, ſollte es auch wie ein toͤdtender Pfeil mein Herz durchdringen.“ „Ich ward,“ fuhr Margarethe abermals fort, „durch dieſe bange Andeutung heftig erſchuttert, indem ich niemals mir von einem uͤber meiner Herkunft hangenden Schleier etwas hatte traͤu⸗ men laſſen. Ich wußte, daß, wie man mir ge⸗ ſagt hatte, meine Mutter wenige Stunden nach 16* meiner Geburt geſtorben war, und mich der lieb⸗ reichen und nachſichtigen Sorgfalt meines Va⸗ ters uͤberlaſſen hatte. Dieſer nahm mich aus England nach Frankreich in ſo zartem Alter mit, daß er, obwohl er mich ſorgfaͤltig in der Spra⸗ che meines Mutterlandes unterrichtete, ich doch mich an dieſes nicht im mindeſten erinnern konnte. In einem Bangen, das zu beſchreiben ich nimmer verſuchen werde, bat ich meinen Va⸗ ter, mir mehr zu ſagen, mir dieſes beaͤngſtigende Geheimniß zu enthuͤllen; allein er wollte es nicht thun. Die bloße Erwaͤhnung deſſelben ſchien wie in einem Augenblick der Schwaͤche ſeinen Lippen entſchluͤpft zu ſeyn. Er nahm mir die feierliche Zuſage ab, zu keinem Menſchen außer zu Euch, Das zu ſagen, was er mir eben eroͤffnet hatte, ſo wenig und ſo unbefriedigend dies auch ſeyn mogte. Dann fuͤgte er zu dieſer beunruhigenden und peinigenden Mittheilung noch Eins hinzu.“ „Sprich es aus!“ rief Standwich haſtig. Mar⸗ garethe zoͤgerte; ſie ſah die unbeſchreibliche Angſt, womit ihr Zuhörer ihre Antwort erwartete. Um — 2*N —„—» — d er r⸗ ſt, ſeinem Blicke nicht zu begegnen, weil ſie furch⸗ tete, durch ihre Aeußerung ihm wehzuthun, ſah ſie zu Boden und antwortete leiſe, jedoch mit feſtem Tone:„Mein Vater ſagte mir, der Name Oswald waͤre nicht Euer wirklicher Name.“ „Er ſagte die Wahrheit,“ entgegnete Stand⸗ wich.„Jene Geſetze, die ich verabſcheue, und die mich nimmer ihrer Tyrannei unterwuͤrfig ſe⸗ hen werden, haben meinen Namen laͤngſt in das Buch des Todes geſchrieben.— Aber war das Alles?“ „Alles,“ antwortete Margarethe,„außer daß mein Vater hinzuſetzte, Ihr haͤttet in Bezug auf Euer perſoͤnliches Wohlergehen, ein enthaltſames, aber raſtlos thaͤtiges und eifriges Leben fuͤr die Sache unſerer heiligen Religion gefuͤhrt. Auch duͤnkt mich, er ſagte mir, daß in Folge thaͤtigen Antheils, den Ihr in irgend einer oͤffentlichen Angelegenheit in England nahmt, dies Land hoͤchſt gefaͤhrlich jetzt fuͤr Euch waͤre, ſeitdem Eli⸗ ſabeth den Thron beſtieg. Dies iſt Alles, was ich weiß; das noch Uebrige bedarf keiner Wie⸗ derholung. Ihr kamt an, bevor mein Vater verſchied. Ihr hattet eine lange, geheime Un⸗ terredung mit ihm; erſt als dieſe zu Ende war, ward ich hereingerufen. Ich ſah, wie mein Va⸗ ter Euch jenes Kreuzchen als ein Abſchiedspfand gab, das mir ein Erinnerungszeichen jener kind⸗ lichen Pflicht und jenes unbedingten Gehorſams ſeyn ſollte, womit ich Euch, wenn er nicht mehr ſehn wuͤrde, entgegen zu kommen haͤtte. Ich höffe, ich werde die dem Verſtorbenen geleiſtete feierliche Zuſage nie verletzen.“ „So wie auch nie dem Ueberlebenden,“ fiel Standwich ein.„Du biſt es Dieſem wie Je⸗ nem ſchuldig. Biſt Du gluͤcklich, Margarethe? Iſt Dein Herz eben ſo leicht in England, als es in Frankreich war? Wie ſteht's um Deinen Vormund, wie verfaͤhrt Glanville mit Dir?“ „Ich bin ſo gluͤckich,“ war Margarethens Antwort,„als die Erinnerung an fruͤhere Tage und an die Worte meines ſterbenden Vaters es mich ſeyn laſſen. Mein Vormund aber iſt eitel Großmuth, Guͤte und Liebe gegen mich.“ „Preis dem Himmel, daß dem alſo iſt,“ ſagte Standwich.„So hat Glanville nie ver⸗ —— — 5 l 247 ſucht, Deine Seele von dem Lehrglauben abzu⸗ bringen, in welchem Du von Kindheit an un⸗ terrichtet worden biſt?“ „Nie,“ antwortete Margarethe. „Gut,“ entgegnete Standwich,„denn thäte er es, ſo wuͤrd' ich mich des Rechtes bedienen, das Dein Vater mir uͤbertrug; wuͤrde Dich ſei⸗ ner Obhut entziehen, obwohl die Folge davon ſeyn wuͤrde, daß Du mein elendes und gefaͤhr⸗ liches Wanderleben theilen muͤßteſt.“ „Ach!“ ſagte Margarethe,„habt Ihr denn keine Heimath in England? Und wagtet Euch dennoch hieher? Welches Dach beſchirmt Euer Haupt, und an weſſen Tiſche trinkt Ihr Euern Becher und eßt Ihr Euer Brot, was in Frank⸗ reich Jeder willig einem Bruder vom heiligen Orden der Franciskaner reichen wuͤrde?“ „Unterlaß ſolche Fragen,“ ſagte Standwich. „Biſt Du ſo unwiſſend uͤber die ſtrengen Geſetze des Landes, in welchem Du lebſt, daß Du nicht weißt, wie mein Leben hier verwirkt ſeyn muß? Ein Widerſpenſtiger, wie ſie mich in ihren flu⸗ chenswerthen Rathösſitzungen nennen, findet hier kein Erbarmen, nachdem jene Proclamation er⸗ laſſen worden iſt, durch welche Perſonen ſolcher Art ſaͤmmtlich aus England verbannt wurden. Nur um Einer Sache willen hat das Leben noch Werth fuͤr mich, und ich habe keine Liebesbande auf Erden, außer denen, die mich an Dich knuͤ⸗ pfen. Die Sache, der ich mich weihete, erfor⸗ dert das Aufbieten aller meiner Kraͤfte! Koͤnnte ich es nur erleben, den Triumph zu haben, daß die verwaiſete Tochter meines Freundes und Verwandten gluͤcklich und ſicher hienieden weilt, ſo mag der letzte meiner Tage gern hereinbre⸗ chen, und die Schaufel voll Erde, die dann meine Leiche bedecken mag, wird mir, der ich als ein Ausgeſtoßener umherwandern muß, will⸗ kommener ſeyn, als das ſtolze Dach, von wel⸗ chem die Haͤupter der Koͤnige beſchirmt werden. Im Grabe ſchlaͤft alle Sorge und Bekuͤmmer⸗ niß, ob auch der Sturm den Raſen deſſelben peitſcht, und Froſt und freſſender Thau die Grashalme auf demſelben verzehren: der Be⸗ wohner der Gruft fuͤhlt keine Kaͤlte, kein Elend mehr.“ „Frommer Vater,“ ſagte Margarethe,„das ſind ſchwermuͤthige Gedanken; und, fuͤrwahr! Derjenige, welcher ſeine Lebensſtunden dem Hoͤchſten weihet, ſollte eher ſeine Gedanken auf die Gluͤckſeligkeit, die ſeiner nach dem Tode har⸗ ret, als auf die Uebel richten, denen der gerin⸗ gere und dem Moder beſtimmte Leib durch den Tod entrinnen mag.“ „Ja, ja!“ ſagte Standwich;„aber es giebt Menſchen, die da wuͤnſchen moͤgten, daß, wenn es ſeyn koͤnnte, auch der Geiſt, gleich dem Leibe in Unempfindlichkeit ſchlummern duͤrfte;— aber das kann nicht ſeyn.“ „Nur der Strafbare koͤnnte eine Vernich⸗ tung ſeines Seyns wuͤnſchen,“ meinte Mar⸗ e. „Ja wohl der Strafbare,“ verſetzte Stand⸗ wich;„wir aber wuͤnſchen es nicht, Margarethe?“ „Gott verhut's,“ rief das Maͤdchen, hoͤchlich uͤberraſcht durch die ſeltſame Weiſe, auf welche der Freund ihres verſtorbenen Vaters ſie an⸗ redete. Er ſchien mit irgend einer ſchmerzlichen Vorſtellung zu ringen. — „Ich muß fort,“ fugte ſie hinzuz„mein Ausbleiben koͤnnte Verdacht erregen; vielleicht ſucht Einer oder Anderer mich ſchon. Dazu erheiſcht Eure Sicherheit, daß unſere Zuſammen⸗ kunft geheim bleibe.“ „Die Todten moͤgen darum wiſſen,“ ſagte Standwich,„wenn die Geiſter der Abgeſchiede⸗ nen Kunde von dem Thun der Erdenkinder er⸗ halten koͤnnen; allein den Lebenden bleibe dies Geſpräͤch ein tiefes Geheimniß! Wir muſſen uns abermals ſprechen, Margarethe, und ich werde auf Mittel ſinnen, Dich Ort und Stunde wiſſen zu laſſen.“ 6 „Bevor wir jedoch ſcheiden,“ verſetzte ſie, „mögte ich Euch um etwas bitten: darf ich?“ „Sprich's aus,“ ſagte Standwich, und fuͤgte dann im zarteſten Tone hinzu:„Wenn Du mich als einen Vater betrachteſt, ſo werde ich des beſten Vaters Guͤte gegen Dich blicken laſſen.“ onn „Ich mögte Euch feierlich beſchwoͤren,“ fuhr WMargarethe fort,„mir, wenn es ſeyn kann, das — —— ———— 251 ſchreckende Geheimniß meiner Herkunft, worauf mein ſterbender Vater hindeutete, zu enthuͤllen. Denn ſeit jener Hindeutung peinigt mich der Gedanke daran im Wachen und im Schlafe zu jeder Stunde, und fuͤhrt mir tauſenderlei ſchwan⸗ kende und wechſelnde Bilder vor die Seele, die mit einander ſchattig und undeutlich wie Nacht⸗ phantome ſind. Mich duͤnkt, meine Seele wuͤrde Frieden haben, wenn ich uͤber dieſen Umſtand Alles wuͤßte.“ „Forſche nicht danach,“ ſagte Standwich; „es wird eine Zeit kommen, wiewohl ich ſie nicht mit Zuverlaͤſſigkeit vorher beſtimmen kann, in welcher Dein Wunſch ſich erfuͤllen wird; jedoch gluͤcklicher— gluͤcklicher wirſt Du dann nicht ſeyn. Mittlerweile ſey bemuͤht, jenen Drang nach Forſchen zu unterdruͤcken, denn er kann Dich nur zu Elend fuͤhren. O Weib! wie verhaͤngnißvoll iſt ſchon von der Welt An⸗ fang her Deine Neugier, Dein Verlangen, Ver⸗ botenes zu wiſſen! Fliehe dieſe Neugier, Mar⸗ garethe, ſo wie Du die Schlange fliehen moͤg⸗ —— 252 teſt, die noch als die einſtige Verſucherin des Weibes zur Suͤnde auf dem Erdboden kreucht. Der Fluch iſt gefallen auf die Soͤhne dieſer Erde, ſo daß ſie leben, um ſtets neue Schuld auf ſich zu laden, und Reue zu empfinden, waͤh⸗ rend ihr Lebensantheil oft nichts denn Elend iſt, dem keine andere Hoffnung, als die des Grabes bleibt.“ Margarethe wollte reden, als Standwich ihr Schweigen gebot.„Hoͤre mich,“ ſprach er, „aber entgegne mir nichts. Frage nach nichts, forſche nach nichts, denn Du weißt nicht, wo⸗ nach Du forſcheſt— frage nicht, wer ich bin, von wannen ich komme, noch wohin ich gehe. Die Beſtien der Wuͤſte haben Inſtincts genug, um eine Schlucht gegen ihre Feinde zu finden, wie ſollt' ich nicht Verſtand genug haben, dieſen elenden Leichnam gegen Gefahr und Verraͤtherei zu ſchuͤtzen. Obwohl ich Angeſichts der Men⸗ ſchen ein Auswuͤrfling bin, will ich Dir doch ein Vater, ein Freund ſeyn, will fuͤr Deine Sicherheit wachen und Deine Schritte leiten. Lebe wohl. Wir werden uns wiederſehen. Ge⸗ 253 denke des Verſprechens, das Du dem Sterben⸗ den leiſteteſt.“ Standwich druͤckte mit Waͤrme des Maͤd⸗ chens Hand und entwich dem Orte, indem Mar⸗ garethe in hoͤchſt peinvoller Gemuͤthsſtimmung nach Hauſe zuruͤckkehrte. Zehntes c apitel „Erzahlen koͤnnt' ich, daß vom kleinſten Wort Dein Herz zerginge—“ Shakſpeare. Am Abend des Maientages gaben der Ritter von Fitz⸗Ford und deſſen Lady ein praͤchtiges Bankett allen ihren zahlreichen Freunden und Bekannten, welche Theil an den Morgenbeluſti⸗ gungen des Feſtes genommen hatten. Der alte Prunkſaal des Stammhauſes wies ſeine langen, mit ſchwerem Silbergeraͤth aufgeputzten und mit Leckerbiſſen aller Art beſetzten Speiſetafeln, waͤhrend der Lichtſchimmer, der ſich von den zahlreichen, auf ſilbernen Armleuchtern brennen— den Kerzen verbreitete, und die Kraͤnze aus Lor⸗ beern, Hagdorn und Waldblumen mancher Art, 255 womit das Gemach behangen war, dem Ort ein glaͤnzendes und munteres Anſehen verliehen. Manche ſtattliche Dame und manch ſchmuk⸗ kes Dirnlein ſtrahlte an dieſem Abend in allem Prunke raſchelnder Seide, reicher Juwelen, ge⸗ ſteifter und raͤdergroßer Hals⸗ und Armkragen und der rieſigen Erhabenheit des Reifrockes. In letzterem Kleidungsſtuͤcke hatte das Frauen⸗ zimmer das Anſehen, den Umfang und die An⸗ muth eines Faſſes, und obwohl der Reifrock zu Eliſabeths Zeiten den hoͤchſten Grad ſeiner Voll⸗ kommenheit erreicht hatte, ſo iſt es doch unleug⸗ bar, daß derſelbe in ſeiner Form und ſeinem Zuſchnitt all Dem widerſtrebte, was von gutem Geſchmack und einfachem Kleidermuſter erſonnen werden kann. Auch die Bekleidung der Maͤnner jener Zeit, und beſonders Derer, die ſich nach dem Hofſgeſchmack herausſtaffirten, wies eitel Manſchettenweſen und Ueberladung von Gold⸗ treſſen und Gewaͤnderſtickerei. Bei der Abendfeſtlichkeit zu Fitz⸗Ford leuch⸗ tete manches Antlitz von Luſt und Freude, in⸗ dem dieſe Empfindung noch durch die Vorſtel⸗ 256 lung erhoͤhet ward, daß man bewunderte und ſich bewundern ließ. Letzteres bezog ſich hinſicht⸗ lich des ſchoͤnen Geſchlechts wohl auf keine junge Dame ſo ſehr, als auf die Maienkoͤnigin, Mar⸗ garethe Champernoun, die zu den Reizen ihrer Koͤrperſchoͤne den noch groͤßeren Zauber eines Geſichtsausdruckes von Unſchuld und Beſcheiden⸗ heit fugte; Eigenſchaften, die oft wirkſamer ſind, als alle aͤußere Schoͤnheit es jemals ſeyn kann. Margarethe aber ſah an dieſem Abend nicht ſo frohlich wie ſonſt aus; und als man ihr dieſe Bemerkung machte, ſchuͤtzte ſie Ermuͤdung und Unpaͤßlichkeit vor; welches ihr denn auch zur Entſchuldigung dienen mußte, daß ſie nicht im Ringeltanze figurirte, als nun der luſtige Klang der Pfeifen und Handtrommeln jeden Fuß im Saale zu Fitz⸗Ford in luſtige Bewegung ſetzte. Nach dem Einleitungstanze fuͤhrten die Zoͤg⸗ linge des verdienſtvollen Barnabas, die lateini⸗ ſchen Jungen, mit glaͤnzendem Erfolg ihr Scherz⸗ ſpiel„Oberon und Titania“ auf. Der Schul⸗ meiſter, der wirklich das Stück verfaßt hatte, lieferte der Zuhoͤrerſchaft ſeinen„ Prolog“ ab, 257 und zwar mit jenem Vorauserſchnappen des Beifalls, deſſen ſelbſt groͤßere Theaterpoeten ſich ſchuldig machten: er dankte naͤmlich praͤnume⸗ rando fuͤr die Lorbeern, die er durch ſeine Arbeit erringen wuͤrde. Mike vom Berge, der waͤhrend der Auffuͤh⸗ rung des Scherzſpieles gaͤhnend und gering⸗ ſchaͤtzend gegen ein Machwerk da geſeſſen hatte, das, wie er meinte, als Dilettantenwerk weit hinter ſeinen Dichtungen zuruͤckblieb, legte nach der Vorſtellung, und zwiſchen den Taͤnzen, man⸗ che Proben ſeines Talentes in Balladen und Liebesliedern ab, wodurch er die Ohren ſeiner aufmerkſamen Zuhoͤrer und Zuhoͤrerinnen ent⸗ zuckte. Die Luſtbarkeiten zu Fitz⸗Ford beſchraͤnkten ſich aber keinesweges blos auf den Bankettſaal des Hausherrn. Die Kuͤche war ebenfalls mit Gaͤſten der Dienerſchaft angefuͤllt. Frau Alice, die Haushaͤlterin Sir Hugo's, eine Eingeborne von Devon, bewirthete in ihrem eigenen Gema⸗ che den Schulmeiſter und den Harfenſpieler(nach⸗ dem dieſe aus dem Saale entlaſſen worden wa⸗ Fitz of Fitz⸗Ford. I. — 258 ren) mit etlichen anderen von ihren auserleſenen Freunden; und zwar geſchah dies mit eben ſo viel Wichtigthuerei, und mit noch etwas mehr Parade, als Dame Fitz an der Saaltafel je hat blicken laſſen koͤnnen. Nach dem Abendeſſen, als die jungen Leute ſich dem Tanze hingaben, Frau Alice aber ſo wenig als deren Privatgaͤſte an dieſer erhitzenden Beluſtigung Vergnuͤgen fanden, ſetzten Letztere ſich um das Kaminfeuer herum(denn wenn der Tag auch warm geweſen war, ſo zog man es doch vor, durch Flackerflammen im Kamine die Geſelligkeit zu erhoͤhen), und uͤberließ ſich ge⸗ muͤthlich und freiherzig jenem Geplauder, in wel⸗ chem die Dienerſchaft vornehmer Leute ihre Herrſchaft und deren Angelegenheiten, und Al⸗ les, was dieſelbe angeht oder nicht angeht, zu beſchwatzen pflegt. Die Spiele, die am Tage ſtattgefunden hatten, lieferten ebenfalls Stoff zur Unterhaltung. „Meiſter Barnabas,“ ſagte Frau Alice, „langt zu, fuͤllt Euch einen Becher und thut, als ob Ihr zu Hauſe wäͤret; oder hättet Ihr —+——— 259 lieber irgend etwas Anderes vor? Ich kenne Euch als einen gelahrten Mann, doch bei alldem, ſollt' ich meinen, verſchmaͤht Ihr kein Glaͤschen Sect oder Malvaſier. Und Ihr werdet finden, daß wir jenen wie dieſen zu Fitz⸗Ford eben ſo gut als irgendwo in der Grafſchaft haben, welches ich eigentlich nicht ſagen ſollte, da ich jederzeit ſelbſt fuͤr unſern alten Herrn die Ein⸗ kaͤufe fuͤr Kuͤche und Keller beſorge.“ „Dank, Frau Alice,“ entgegnete Barnabas, „der Wein iſt anmuthig, lieblich, genuͤgend! Und da der Saft der Traube dazu auserſehen ward, das Herz des Menſchen zu erfreuen, wie Ho⸗ mer— oder Salomo— gleichviel uͤbrigens, welcher von beiden großen Maͤnnern— ſagt, ſo nehme ich nicht im mindeſten Anſtand, die Gabe des Bacchus, mit welcher dieſes Haus geſegnet iſt, in mich hinein zu ſchluͤrfen.“ „Verzeiht, Meiſter Barnabas,“ nahm die Haushaͤlterin wieder das Wort,„weder der Eine noch der Andere jener Herren hatte mit dem Weine etwas zu ſchaffen; wohl aber Capitain Naswerth, von der Schwalbe, war Ueberbringer 1 260 deſſelben; denn er beſorgt uns immer unſer Faͤß⸗ chen, wenn ſein Schiff auf dem Fluſſe Anker wift „Ich ſprach nur metaphorice, Frau Alice,“ ſagte Barnabas;„wie Ihr denn auch etliche reinklaſſiſche Metaphern in meinem an dieſem genußreichen Abend geſprochenen Prologus moͤgt wahrgenommen haben; unter Anderen die Me⸗ tapher, mittelſt welcher ich ein Gewitter in der kuͤhnen Figur eines ,ſturmtrunkenen Himmels darſtellte— welches ſehr kuͤhn und durchaus bildlich geſprochen iſt; ſintemal Ihr wißt, Frau Alice, daß ein Gewitter auf die Natur eben ſo wirkt, wie der Traubenſaft auf das Hirn des Menſchen, ſo daß vor demſelben Baum und Menſch und Vieh gleichſam das Drehen bekom⸗ men. Ich bediente mich des Vaters Bacchus in bildlichem Sinne, ſintemal, Frau Alice, der⸗ ſelbe der Gott des Weines, und obendrein, wie ich Euch verſichern kann, ein luſtiger Gott iſt.“ „Meiſter Barnabas,“ entgegnete die Haus⸗ haͤlterin,„ich bin zwar keine Papiſtin, aber doch hab' ich's nicht gern, daß man uͤber heilige Dinge 261 ſpottet, auch wenn ſie nicht in meine Religion gehoͤren. So wollen wir mit Eurem Verlaub weder von Goͤttern, noch Heiligen, noch von „ der Jungfrau Maria ſprechen, derer die Roͤmi⸗ ſchen in ihren Meßbuͤchern gedenken.“ „Ihr habt ganz Recht in Dem, was Ihr 1 ſagtet,“ rief Barnabas;„der Gott Bacchus iſt 1 ein Roͤmiſcher, und hatte, wie ich Euch verſichern kann, zu ſeiner Zeit uͤber die Siebenhuͤgelſtadt eben ſo große Gewalt, als heutiges Tages dem Thiere in Purpur und Scharlach zu Theile worden iſt. Aber wie gefiel Euch mein Scherz⸗ ſpiel? War es nicht, wie mein Prologus, rein⸗ klaſſiſch? He? Gab es jemals ein ſuͤßeres Maul⸗* voll Poeſie, als die in Oberon's Anrede an Ti⸗ tania, wenn es heißt: ,O Titty, Titty, u. ſ. w.— Titty, Frau Alice, bedeutet Titania in der Ab⸗ kuͤrzung, um der Alliteration willen: —— ———— ——* „O Titty, Titty, komm zu mir, Die zartſte Liebe winkt uns hier; Der Feenchor tanzt in bunten Reih'n, Und Voͤglein zwitſchern munter d'rein.“ Die Begeiſterung dazu kam mir nach ge⸗ 262 nommenem tuͤchtigen Schluck von den inn Waſſern des Helikon.“ „Hilf Gott, Meiſter Barnabas!“ ließ die Haushaͤlterin ſich vernehmen,„hoͤrt' ich doch nimmer, daß Ihr jemals ein Waſſertrinker waret. So Ihr aber dergleichen Trank vorzieht, wollen wir Euch einen Krug voll aus dem Brunnen von Fitz augenblicklich heraufholen laſſen, und ich will kein Weibsbild ſeyn, wenn das Waſſer nicht reiner und klarer iſt, als die Waſſer des Meiſter Helligon, die ſo trube ſind, wie der Aus⸗ guß meines Waſchfaſſes; und den Meiſter Helligon kenn' ich recht gut, denn er iſt Wirth zum Gorganiſchen Ochſen- oder Eſelskopf, wel⸗ ches eine leidliche Herberge in Launceſton iſt.“ „Zum„Gorgoniſchen Haupt“ wollt Ihr ſa⸗ gen, welches wiederum eine klaſſiſche Benennung iſt. Doch ich erkenne, daß Ihr fuͤr dergleichen keinen Sinn habt, erkenne, daß Ihr keine Schule habt! Wie ſolltet Ihr aber auch, da Ihr ein Frauenzimmer von niederer Herkunft ſeyd, und das ue sutor ultra crepidam eben ſo wohl auf Euch, als auf den Dorfſchuhflicker paßt.“ n ie h n 6 8 ——— ————— 263 „Ein Frauenzimmer von niederer Herkunft!“ rief die Haushaͤlterin, die krapproth von Aerger ward.„Ei, ei, Meiſter Barnabas! das iſt we⸗ der huͤbſch noch wahrhaft an Euch, wenn Ihr alſo ſagt. Iſt nicht Tobias Tibbs, der dort im Kaminwinkel ſitzt, mein Halbbruder, und iſt er nicht zu gleicher Zeit Pfarrſchreiber zu Taviſtock? Und war nicht mein Vater dreißig Jahre lang Ortskuͤſter? Ich wollte, Ihr erkenn⸗ tet, Herr, daß meine ganze Familie zur Kirche gehoͤrte, welches mehr ſagen will, als etliche und gewiſſe Leute von ſich ſagen koͤnnen, die meines Wiſſens ihr Leben damit hinbrachten, den latei⸗ niſchen Jungen das ABC einzublaͤuen.“ „Der Stich ſoll auf mich gehen und er iſt handgreiflich,“ verſetzte Barnabas;„aber Ihr ſollt wiſſen, Weib, daß die Jugend belehren, den Geiſt, dieſen beſſeren Theil des Menſchen, aufklaͤren, die edelſte Beſchaͤftigung eines Man⸗ nes iſt. Wer ward zur Zeit des Alterthums hoͤher geachtet, als Anaxagoras, der Lehrer des Prinzen Cyrus? Und war nicht Dionyſius, der Koͤnig von Syrakuſa, ein Schulmeiſter? Und be⸗ 264 lehre ich etwa nicht die lateiniſchen Jungen in Ihrer Majeſtaͤt freien Grammatikſchule zu Ta⸗ viſtock? Und ruft dieſe ganze Stadt nicht mit lauter Stimme:„Audivi e viris doctis illum esse egregium doctorem“2“ „Und gewiß weiß ich,“ verſetzte Frau Alice, „daß, wenn Ihr die lateiniſchen Jungen unterrich⸗ tet, Meiſter Barnabas, Ihr ſolches nicht unent⸗ geltlich thut. Denn, ohne ſchielende Compli⸗ mente zu machen: erhaltet Ihr nicht alljaͤhrlich zu Weihnacht von mir fuͤr Euren Unterricht an meinen Jungen einen Schinken und zwei Kuh⸗ kaͤſe? Bei alldem kann ich noch nicht wahrneh⸗ men, daß der Schlingel, der Matthes, weiß, wie viel zweimal Zwei ſind.“ „Figuren, Frau Alice, ekle Arithmetik!“ ſchrie der Schulmonarch,„und gaͤnzlich unter der Wuͤrde eines klaſſiſchen Juͤngers und Zoͤglings der Muſen, ſobald derſelbe nicht, wie ich ſolches denn zugebe, den Zweck hat, ein Adept in der edelſten aller Wiſſenſchaften, naͤmlich der Aſtro⸗ logie zu werden. Ich aber halte lateiniſche Schule, und Summiren und Buchſtabiren und ——„—„—. 265 ſonſtige Poͤbelweisheit moͤgen meine Scholaren von ſelbſt lernen.“ „Nun das muͤßt Ihr am beſten verſtehen, Meiſter Barnabas,“ verſetzte die Haushaͤlterin; „Eure Strohlogie aber ſoll mein Junge nicht lernen; denn aus der habe ich nimmer etwas Gutes, wohl aber viel Boͤſes entſtehen ſehen, und brauchen wir deshalb nur auf unſern edlen alten Herrn hinzublicken.“ „Wie? auf den gelahrten Sir Hugo Fitz?“ rief Barnabas.„Der iſt geſchicklich, ich raͤum's Euch ein, aber ſtarrkoͤpfig iſt er auch, und koͤnnte, wenn er wollte, Beſſeres von Denen lernen, die er, nach ſeiner Meinung tief unter ſich glaubt.“ „Das koͤnnte er,“ fiel der Pfarrſchreiber ein, der bisher noch kein Wort gewagt hatte, indem es ſchien, daß Barnabas und Alice, die Beide wegen ihrer Zungenfertigkeit beruͤhmt waren, ein⸗ ander an dieſem Abend zu einem Wortkampfe den Handſchuh hingeworfen hatten, wer von Beiden das letzte Wort behalten wuͤrde.„Sir Hugo,“ fuhr Tibbs fort,„ſieht Alles, was ihm weit, aber nichts von Dem, was ihm vor der Naſe liegt.“ 266 „Und fuͤrchtet ſich vor Dem, was er nim⸗ mer ſieht und nimmer zu ſehen bekommen wird,“ ſetzte die Haushaͤlterin hinzu;„und das kommt von ſeiner Studirmacherei, die er uͤber die Sterne und den Muhnd treibt. Erinnere ich mich doch der Nacht, in welcher der junge John Fitz gebo⸗ ren ward— eine ſo ſchaurige Nacht, wie jemals eine am Himmel hing, und ein ſo huͤbſches Juͤngelchen, als jemals eines an's Licht dieſer Welt kam. Nun! als nun meine Lady in ihren Schmerzen lag, und ich den Knecht Gil Barnet fortrennen ließ, um ſo ſchnell als moͤglich Mut⸗ ter Maͤrzwetter zu holen, damit das Kind nicht eher als ſie kaͤme— welches, wie Ihr ſelbſt einſeht, Meiſter Barnabas, freundlich nachbarlich von mir gethan war, denn Mutter Maͤrzwetter haͤtte ja dann ihren Geburtsthaler eingebuͤßt, und leben und leben laſſen, iſt mein Sprich⸗ wort—— nun dann, als Gil noch nicht lange weg war, ruft Sir Hugo mich aus dem Gema⸗ che der Lady und ſah ſehr eilfertig aus, als er ſprach:„Alice, ſo lieb Euch Euer Leben oder die Wohlfahrt des Hauſes Eures Herrn iſt, haltet, —— M 267 wenn ſich's irgend thun laͤßt, die Geburt des Kindleins noch um Eine Stunde zuruͤck; denn am Himmel iſt ſolche Conſternation“ daß, wenn, ehe dieſe voruͤber iſt, die Frucht geboren wird, ſelbige ein truͤbſeliges Ende nehmen muß, denn ſo ſie ſich als Knaben ausweiſet, ſo wird er ſich und ſeine ganze Familie zu Grunde richten.“ Ich wurde, als ich dies hoͤrte, eben ſo huddelig, wie Sir Hugo es war, und begab mich zuruͤck zu meiner Lady. Wie dem nun auch ſeyn mogte, das Knaͤblein kam bald darauf zur Welt, ohne daß meine Lady außer mir und der alten Betſy irgend Huͤlfe gehabt hätte. Kaum hatte ich das Knaͤblein, das allerliebſte, in die bereit gehaltenen Windeln geſteckt, ſiehe, da rannte Sir Hugo herein in das Gemach der Woͤchne⸗ rin, als ob dieſe ſich, wer weiß wie wohl be⸗ funden haͤtte, und verlangte genau die Zeit der Geburt des Kindes zu wiſſen.“ „Und ſagtet Ihr ſie ihm?“ fragte Barnabas; „Ihr konntet ſie doch auf die Secunde angeben?“ „Herr, mein Gott! rief ich,“ fuhr Frau Alice fort,„macht doch nicht ſolchen Tumult hier, Ihr 268 bringt ja ſonſt meine Lady um's Leben. So Ihr aber begehrt zu wiſſen, um welche Zeit das Kindlein geboren ward, ſo kann ich Euch ſagen, daß ſolches geſchah, als die große Thurmglocke Zwoͤlf anſchlug, und daß das Knaͤblein ganz allein durch ſich ſelbſt, ohne alle andere Huͤlfe, als die Gott ihm angedeihen ließ, zur Welt kam. „Ein ſchlimmes Zeichen, ſprach hierauf Herr Hugo,„denn ein kuͤhner Eintritt in das Leben deutet auf boͤſen Ausgang aus demſelben.. Und mit ſolchen und aͤhnlichen Worten warf er ſo haͤufig um ſich, bis ich ſagte,„Ihr werdet, ſagt' ich, meine Lady in die„Kraͤmpe“ ſchrecken, wenn Ihr mit Euren„Dictionen“ uͤber ihre Verloͤſung nicht bald inne haltet. Und ſomit ſchob ich den alten Herrn, ſo hurtig ich es konnte, zur Thuͤr hinaus, und gab dem Kinde einige Troͤſtung fur's Eingeweide, denn es ſchien von einer Ko⸗ lik ergriffen zu werden, als es ſeines Vaters Worte hoͤrte, obwohl es dieſelben nicht verſtehen konnte.“ „Und ich erinnere mich,“ ſetzte der Pfarr⸗ ſchreiber hinzu, der jetzt ein Haͤkchen gefunden 269 hatte, an welches er ſein Gutachten anknuͤpfen konnte—„ich erinnere mich jener Nacht ſehr wohl. Der Wind blies gewaltig, und Sir Hugo— denn ich war damals unter ſeinen Dienſtleuten und gelangte erſt um Pfingſten deſſelben Jahres zu meiner Pfarrſchreiberſtelle— und Sir Hugo nahm mich mit auf die Hoͤhe des alten Thurms, wobei er mich in der einen Hand ſeinen Hut, in der andern eine Laterne halten ließ. Nun, wie geſagt, ein heftiger Orkan wuͤthete, als Sir Hugo in den Himmel hinein guckte, obwohl es ſo finſter war, daß man keine Hand vor Augen, geſchweige denn einen Stern am Firmamente erkennen konnte; dabei peitſchte der Regen entſetzlich herunter, und ich that mein Beſtes, die Laterne gut zu halten; allein nieder ſchlug ſie der Regen und der Wind. Da ſprach ich zu dem Herrn: ſoll ich hinunter⸗ gehen, Sir, und anderes Licht holen, damit Ihr ſehen koͤnnt, was am Himmel vorgeht?“ Er aber antwortete:„Nicht doch, Kerl,“ ſagte er,„von welchem Nutzen wuͤrde mir das ſeyn? Wir wollen uns die Treppe wieder hinunter grabbeln, 270 ſo gut wir koͤnnen; ich aber erkenne, wie es iſt: das Schickſal meines Kindleins wird eben ſo duͤſter und ſchaurig ſeyn, als dieſe Stund' es iſt. Ich aber will aus alldem die„Tivetaͤt“ niederſchreiben.“ „Nativitaͤt!“ rief Barnabas. „Na, Eins iſt nicht viel mehr als das Andere, und auf ein„Na“ kommt ſo viel nicht an,“ verſetzte Tibbs,„obwohl, wie Herr Hugo ſprach, es mir ſchier das Herz bricht, zu finden, welch Unheil meinem Kindlein bevorſteht!“ „Sagt mir doch,“ fragte Mike, der Harfner, der bis jetzt die Rolle des Zuhoͤrers geſpielt hatte,„ſagt mir doch, ob dem Sir John Fitz irgend ein Unfall begegnete, durch den die Weiſ⸗ ſagung des alten Ritters gerechtfertigt werden koͤnnte?“ „Unfall dem ſuͤßen Juͤngelchen?“ rief die Haushaͤlterin, die in ihrer fruͤhern Erinnerung an ihren Liebling vergaß, daß derſelbe jetzt zum Manne herangewachſen war—„Unfall dem lieben John? Ei nun, er iſt der Erbe eines der beſten Grundſtuͤcke der Grafſchaft; und im We⸗ 271 ſten von England giebt's keine Familie, um de⸗ ren eine Tochter er nicht werben duͤrfte, und keine Mutter giebt's, die ſeinen Aeltern nicht freundlich entgegen kame, um vielleicht ihr Toͤch⸗ terchen an den jungen Fitz zu bringen; allein ich hoͤrte eines Tages unſern alten Ritter ſagen, daß eine dunkle Stunde wie eine Wolke uͤber dem Haupte ſeines Sohnes hinge, wiewohl ſie noch nicht auf ihn heruntergeplatzt waͤre— und allerdings mag etwas Wahres in Dem ſeyn, was der Alte ſprach, denn ich habe ſagen hoͤren, daß Herr Hugo es war, der dem Richter Glanville deſſen Mißgeſchick mit ſeiner Tochter vorherverkuͤndigte.“ „Das war freilich ein Mißgeſchick,“ ſagte der Pfarrſchreiber, indem er ſehr ernſthaft ausſah. Barnabas blickte ebenfalls duͤſter. Vielleicht that er's aus guter Cameradſchaft. Dann ſprach er:„Ich weiß nur wenig von jener Begeben⸗ heit, denn ſie ereignete ſich eher, als ich in dieſe Gegend kam, um die Sorge fuͤr die lateiniſchen Jungen zu uͤbernehmen, und die Leute hier 272 wollen, ich weiß nicht warum, nicht recht davon reden.“ „Ich aber weiß, warum ſie das nicht wollen,“ fiel die Haushaͤlterin ein;„denn Richter Glan⸗ ville, wenn er auch jetzt mopſig iſt, thut doch viel Gutes, und gewaͤhrt allweg Huͤlfe, wo ſie noͤthig iſt, ja ſogar da, wo ſie nicht noͤthig iſt, ſobald man ihn nur darum angeht: ſo nehmen die Leute hier ihren eigenen Vortheil wahr, welches man immer thut, wenn man ſein Maul da haͤlt, wo man ſonder Schaden es thun kann. Ich aber weiß mehr von der Sache, als irgend Jemand, duͤnkt mich;“ und dabei brachte ſie jene Art von Kopfnicken und Augenzwinkern an, die das gewoͤhnliche Vorſpiel zu irgend einer geheimnißvollen Mittheilung abgeben. Mike vom Berge, der gleich Allen ſeines Gewerbes ein eifriger Zuhoͤrer bei allen Gevat⸗ tergeſpraͤchen war, bei denen er Zutritt erhalten konnte, fuͤhlte ein lebhaftes Verlangen, dieſe Ge⸗ ſchichte zu vernehmen. Er uͤberredete alſo durch allerlei holde Redensarten bald die Alte zum Erzaͤhlen. „——„— c„—— — — ——* 273 Barnabas, der unterdeſſen die Weinbecher gefullt hatte, rief, als die Reihe eben an den ſeinigen kam:„Imple ad summum marginem,“ wie Horaz ſagt, Frau Alice; es wird Euch gute Dienſte fuͤr Eure Geſchichte leiſten, wenn Ihr dieſen Becher leerſchlurft.“ Und ſomit reichte er ihr den ihrigen, ſtoͤrte das Feuer im Kamine zu munterer Flamme auf, und nahm ſeinen Sitz als Mitzuhoͤrer ein. „Wir Alle hier ſind befreundet,“ nahm die Haushaͤlterin das Wort,„ſonſt wuͤrde ich nicht erzaͤhlen, was ich erzaͤhlen werde; denn wenn es auch nicht ſonderlich die Familie von Fitz betrifft, ſo moͤgte dieſe doch nicht gern wollen, daß davon geſchwatzt wird, indem die Glanvilles ſo vertraute Freunde dieſes Hauſes ſind. Doch, wie ich zuvor ſagte, wir ſind hier Alle be⸗ freundet.“ Einſtimmig bekraͤftigten alle Zuhoͤrer dieſe Anſicht; denn Neugier verſteht ſich eben ſo gut darauf als Eigennutz, jegliche Maske anzunehmen. „Ihr muͤßt wiſſen,“ fing Alice wieder an,„daß ich vormals ein junges Frauenzimmer war—“ Fitz of Fitz⸗Ford. I. 18 274 „Richtig, Frau Alice,“ fiel Barnabas ein, „wir ſchenken dieſem Umſtand um ſo williger Glauben, als wir jetzt ſehen, daß Ihr ein altes Frauenzimmer ſeyd.“ „Noch nicht ſo ſehr alt, als Ihr meinen moͤgt, Meiſter Barnabas,“ entgegnete die Er⸗ zahlerin;„aber auch nicht mehr ſo jung, als da⸗ mals; doch laſſen wir das hingehen—“ „Es iſt ſchon hingegangen, wenn Ihr von Eurer Jugend ſprecht,“ ſagte der Schulmeiſter, der uͤberall etwas von dogmatiſcher Genauigkeit mit ſich herumtrug. „Laßt mich auf meine Weiſe erzaͤhlen,“ ſagte die Haushaͤlterin,„oder erzählt ſelbſt, Meiſter Barnabas, wir ſind hier nicht in der Schule. Ihr bringt mich ja aus dem„Confect..— Wo war ich denn?— Ganz recht! Als ich noch ein junges Frauenzimmer war, ſtand ich bei der Tochter des Richters Glanville im Dienſt; allein meine junge Gebieterin und ich verſtanden“s nicht, an einem und demſelben Strange zu ʒie⸗ hen; denn ich war jung und geradezu, ſie aber war hoffartig und huͤbſch, und beſaß boͤſe Lei⸗ „—.———— 275 denſchaften, wie ſich's ſpaͤterhin auswies. So verließ ich denn ihren Dienſt, und trat in den der Dame Fitz. Hier ſtieg ich vom Stuben⸗ mädchen bis zur Haushaͤlterin, wie ſich's ge⸗ buͤhrte; denn Ihr wißt, Herr Barnabas, daß Leute zum Lohn ihter Verdienſte befoͤrdert wer⸗ den muͤſſen. Nun, nachdem ich von der Miß Mary Glanville weggezogen war, ging ſie, wie es ſchien, nach London, wo ſie einen Liebſten hatte, von welchem ihr Vater nichts wußte, und an dem, wie ich wohl vernahm, nicht ſonderlich viel war, und der, was ſich als das Schlimmſte an ihm auswies, kein Geld hatte.“ „Schmutziger Eigennutz!“ rief Barnabas, „an den die Liebe und die Muſen nimmer den⸗ ken. Deswegen, Frau Alice, wird der Liebes⸗ gott als blind dargeſtellt, weil er ſich nicht vom Golde blenden laͤßt. Kein uͤbler Text das zu meinem naͤchſten Sonette.“ Die Haushaͤlterin fuhr fort:„Nun trug es ſich zu, daß mein Herr, Sir Hugo Fitz, ſich ebenfalls in London aufhielt, wo er Alles erfuhr, was die Liebesgeſchichte der Miß Mary betraf, 18* B——————— 276 und wo ihm Vieles uͤber den jungen Mann kund ward, der damals ein Soldat oder Ma⸗ tros, wiewohl jedenfalls Offizier war; und ſo erzäͤhlte Sir Hugo dem Richter Glanville die ganze Liebesgeſchichte der Miß Mary. Obwohl nun die Aſſiſen nahe zuk Hand waren, und Richter Glanville Sitzung zu obſerviren hatte, machte er ſich doch, als ob ein Floh ihm im Ohre krabbelle, auf nach London, wo er, wie mich duͤnkt, die Sache bald ſchlichtete. Ich glaube, er ſchlug den beſten Weg ein, ſeiner Tochter die alte Liebe dadurch auszutreiben, daß er ſie zu einer neuen zwang, denn das Neueſte, was ich erfuhr, war, daß Miß Mary an den reichen Sir John Page von Plymouth, einen Mann verheirathet ward, der alt genug war, um ihr Vater ſeyn zu koͤnnen. Ihr kanntet dieſen Sir John Page, Meiſter Barnabas, wie mich duͤnkt?“ Barnabas ſchuͤttelte ein wenig traͤumeriſch den Kopf und ſagte dann:„Doch, doch; ich erinnere mich, ihn in Plymouth geſehen zu ha⸗ ben, als ich noch ein Knabe war, denn Sir 1)— 31 ———— e„— —— —+— —.— —277— John war um viele Jahre aͤlter, als ich. Man haßte ihn als einen Geizhals, und Jeder wun⸗ derte ſich, wie ein ſo gefuͤhlvoller, achtbarer Mann als Richter Glanville war, ſeine Tochter einem Sir John Page geben konnte.“ „Nun, ich glaube, er that es,“ ſagte Frau Alice,„ſo wie Leute bisweilen zu Einem Uebel greifen, um dadurch von einem anderen ſchlim⸗ meren erloͤſet zu werden; denn es hieß, Richter Glanville glaubte ſeine Tochter nicht eher als bis er ſie verheirathet haben wuͤrde, in Sicher⸗ heit; ſo ſehr fuͤrchtete er, ſie moͤgte mit ihrem erſten nichtsnuͤtzigen Liebhaber durchgehen. So ward ſie denn verehelicht. Und es hieß nun, ſie wuͤrde die vornehme Dame ſpielen; allein Sir John Page ließ ſeiner jungen Gemahlin keinen Pfennig zukommen, ſo geizig war er. Und ſo wie er immer filziger ward, ſo ward ſie immer heftigeren Gemuͤthes, und Beide fuͤhr⸗ ten mit einander ein Katz⸗ und Hundeleben. Da kam ihr alter Liebhaber zum Vorſchein, und mit dieſem entlief Miß Mary ihrem Gemahl—“ „Und da gab's Handgemeng und Gefecht ——„ 278 zwiſchen Gemahl und Liebhaber?“ fragte der Harfner. „Nichts von dergleichen,“ verſetzte Frau Alice.„Ihr werdet hoͤren. Der alte Mann liebte ſeine junge Frau hinlaͤnglich, trotz ihres haderſuͤchtigen, hoffaͤrtigen und gottloſen Weſens, und die Leute ſagten, er waͤr' ein Chriſt, obwohl er filzig wie ein Jude war. So rief er denn die Gerichte auf, um ſeine Frau wieder zu er⸗ halten, nicht aber um ſie wie eine Verworfene laufen zu laſſen. Nach einer Jagd von etwa zwoͤlf Monden fand Sir Hugo Fitz, der An⸗ walt in der Sache war, die Entflohene auf; Richter Glanville zog ſie ein, und John Page bekam ſeine entlaufene Frau zuruͤck, die er, in der Hoffnung, ſie zu demuͤthigen und zu beſſern, ſtrenger denn jemals behandelte. Und dann kam der ſchreckliche Theil der Geſchichte— aber ich mag's kaum erzaͤhlen, ſo entſetzlich iſt's.“ „Und was iſt's?“ fragte Mike vom Berge, deſſen Neugier durch dieſe Bemerkung der Er⸗ zahlerin noch hoͤher geſpannt ward.„Iſt ſie am Leben?“ er in es hl in ne va f; ge rn, m ge, Er⸗ — ſie 279 „Am Leben?“ rief die Haushaͤlterin, ſchuttelte den Kopf, erhob ihre gefaltenen Haͤnde und ſetzte mit Nachdruck hinzu:„Sie ſtarb eines purchterlichen Todes, wiewohl ſie ihr Schickſal verdiente. Aber der arme Richter Glanville! ich werde es nimmer vergeſſen, wie er auf der Rich⸗ terbank ſaß und—“ „Und was?“ rief Mike vom Berge. „und das Todesurthel uͤber ſeine eigene Tochter ſprach,“ ſchloß die Haushaͤlterin. „Todesurthel uͤber ſeine eigene Tochter? Um welches Verbrechens willen?“ „um Mordes willen,“ ſagte Frau Alice,„um Mordes willen an ihrem Ehegatten. „Horrenda narras!“ rief Barnabas; und es entſtand eine tiefe Pauſe. Ein kalter Schauer uͤberlief jeden der Zuhoͤrer. Miſtreß Alice war die Erſte, die das Schweigen brach.„Ich ſah den Richter Glanville,“ und ſie wiſchte ſich eine Thraͤne ab, als ſie ſprach.—„Ich ſah ihn die ſchwarze Kappe auffſtuͤlpen und ſich von ſeinem Sitze erheben. Guter Gott, wie ſah er aus! Bleich wie ein Linnen, aber in ſeinen Augen 280 war keine Thraͤne, obwohl Alle ſahen, daß er zitterte. Dennoch ſprach er Wort nach Wort das ſchauerliche Urthel mit klarer, glockenheller Stimme aus. Er blickte dabei die Gefangene nicht an. Allein als er an das Wort„Tod“ kam, verſagte ihm die Rede, dennoch vollendete er ſeinen Spruch. Als er nun zu den Formel⸗ worten kam, und der Herr erbarme ſich Eurer Seele, da brach der Vater ganz und gar in ihm hervor; Thraͤnen entſtuͤrzten ſeinen Augen, und im naͤchſten Augenblicke ward er ohne Be⸗ wußtſeyn aus dem Gerichtsſaale weggetragen.“ „O calamitatem!“ ſtoͤhnte Barnabas. „Und die Tochter?“ fragte der Harfner. Miſtreß Alice ſenkte ihr Haupt und fuhr in dumpfem Tone fort:„Sie ward lebendig ver⸗ brannt, denn Mord an einem Ehemanne wird wie Hochverrath erachtet; und ihr armer Vater hat ſeitdem ſein Haupt nicht wieder erhoben; er iſt ein ſchwermuͤthiger, herzkranker Mann.“ „Kein Wunder, daß er nicht zu den Maien⸗ ſpielen kam,“ fiel die Frau des Wuͤrzkraͤmers — 12 1 5 281 ein, die eine der aufmerkſamſten Zuhoͤrerinnen ihrer Freundin geweſen war. „Richter Glanville zu den Maienſpielen!“ rief die Haushaͤlterin.„Eben ſo gewiß koͤnntet Ihr ihn ſeinem eigenen Leichenbegaͤngniſſe bei⸗ wohnen ſehen. Der arme Mann! jener Gerichts⸗ tag war ihm faſt eben ſo ſchrecklich, als der Tag des juͤngſten Gerichts es uns Allen ſeyn wird.“ „Er ſaß ein zweiter Brutus zu Gericht,“ ſagte Barnabas,„wie jener Mann der Vorzeit, der ſeine eigenen Soͤhne zum Tode verurtheilte.“ „Ich weiß nichts vom Richter Brutus,“ fiel die Haushaͤlterin ein;„aber ich weiß, daß ich den Richter Glanville an jenem Tage auf der Bank geſehen habe, und daß ſein Anblick einen Stein haͤtte erbarmen moͤgen.“ „Wohl ward Glanville mir als ein ſchwer⸗ muͤthiger Mann geſchildert,“ ſagte der Harfner, „allein die Urſache davon hoͤrte ich nie zuvor erzaͤhlen. Wie aber, Frau Alice, kam Sir John Page denn um ſein Leben? Hatte ſeine Frau denn irgend Mitſchuldige bei ihrem Ver⸗ brechen?“ 282 „Dieſe Frage kann ich nicht ſo recht beant⸗ worten,“ verſetzte die Haushaͤlterin;„denn bei'm Verhoͤre fielen allerlei Widerſpruͤche vor, und die Miſſethaͤterin wollte nichts geſtehen. Sie war feſten Muthes, obwohl dieſer ſich dem Boͤ⸗ ſen zugewendet hatte. Sie hatte eine Magd oder Dienerin, oder ſo dergleichen bei ſich, von der es hieß, daß ſie eine beſſere Erziehung genoſſen haͤtte, als ihr Stand es mit ſich brachte; wiewohl es ſchien, daß ihre Erziehung nur da⸗ hin gewirkt hatte, ſie noch gottloſer zu machen. Dieſe Perſon ſoll ihre Hand mit in der Sache gehabt haben, allein ſie war entwiſcht und konnte nirgends aufgefunden werden. Längere Zeit nach⸗ her aber ging das Geruͤcht, Sir John Page waͤre lebendig und wohlauf erblickt worden—“ „Fabulae!“ unterbrach Barnabas. „Daß man ihn hat umhergehen ſehen, weiß ich ganz gewiß,“ fiel die Wuͤrzkraͤmerin ein; „aber ob er dennoch lebt— Gott helf uns!— er mag wohl nicht mehr am Leben geweſen ſeyn, als ſeine verbrannte Frau, die, wie man erzählt, allermitternaͤchtlich geſehen ward, wie ſie uͤber 283 den Kirchhof ging, und in der Einen Hand ein Buͤndel brennendes Reiſig hielt, mit der andern aber eine ſchwere, raſſelnde Eiſenkette hinter ſich her ſchleppte—“ „Dennoch wollen die Leute geſehen haben,“ ſagte Frau Alice, indem ſie ihrer Freundin in's Wort fiel,„und wollen es auf ihre Bibel be⸗ ſchwoͤren, daß Sir John Page ſich am Leben befand, obſchon ſeine Frau wegen an ihm be⸗ gangenen Mordes verbrannt worden war.“ „Das kann wohl nicht ſeyn,“ meinte Bar⸗ nabas,„denn ich hoͤrte, daß der Leichnam Sir John Page's dem Todtengericht unterworfen geweſen, von der Jury aber erklaͤrt worden ſeyn ſoll, der Mord waͤre von irgend einer unbekann⸗ ten Perſon begangen; worauf denn die Frau des Getoͤdteten als verdaͤchtig eingezogen, ver⸗ hoͤrt, verurtheilt und nach dem Spruche des Ge⸗ ſetzes hingerichtet ward.“ „Nun, Gott wird's am beſten wiſſen,“ ſagte Frau Alice.„Sir John Page war ein Geiz⸗ hals, und in ſeiner Art boͤſe genug, daß Nie⸗ mand nach ſeinem Ableben gefragt haben wuͤrde, 284 wenn dies nicht auf ſo unnatuͤrliche Weiſe er⸗ folgt waͤre. Er iſt hingegangen, um Rechen⸗ ſchaft abzulegen. Ließ er aber ſein Weib un⸗ veruͤbten Mordes willen verbrennen, ſo war das ein grauſames Thun von ihm. Sind wir doch allzumal Suͤnder; und was die Leute auch ſa⸗ gen moͤgen, ſo glaub' ich allendlich doch, daß es ein muͤßiges Gered iſt, wenn man erzaͤhlt, daß Sir John noch am Leben war. Mag man doch wohl Jemanden geſehen haben, der ihm am Leibe ſehr aͤhnlich war;z denn er war ein wohlausgeſtatteter Mann, mit einem Muttermal am Kinn, und einer Warze an der Naſe, wie ich mich deſſen wohl erinnere. Ich glaube an das Maͤrchen von ſeinem Leben nicht mehr, als an das, was von Eduard Luggar erzaͤhlt wird, der, wie es heißt, um's Leben kam, weil er am Johannisabend durch das Schluͤſſelloch der Kirchenthuͤr von Taviſtock blinzte.“ „Dieſe Geſchichte iſt ſo wahrhaftig wie die heilige Schrift,“ nahm Barnabas das Wort, „denn ich kannte den Edward Luggar genau, und eben ſo genau als die arme Emma Gen⸗ — 285— dall, die er heirathen wollte. Es war ein naͤr⸗ riſcher Einfall von ihr, ihn dazu zu bewegen, am Johannisabend in die Kirche zu blinzen— es war ein Geſpoͤtt mit heiligen Dingen, und konnte nicht gut ausgehen; aber die Neugier der Weiber, ſagt ein alter Poet— ich kann mich in dieſem Augenblicke nicht auf ſeinen Na⸗ men beſinnen; doch das iſt gleichviel— war und iſt die Quelle alles Uebels.“ „Ihr aͤußert harte Rede uͤber unſer Geſchlecht,“ rief Frau Alice,„und was Eure Poeten betrifft, von denen Ihr ſo viel Aufhebens macht, ſo ſehe ich nicht ein, was die mit den Angelegenheiten der Weiber zu ſchaffen haben; und wenn ſie wirklich achtbare Herren waͤren, ſo wuͤrden ſie ſich ſchaͤmen, ſich um Dinge zu kuͤmmern, die ſie nichts angehen. Und was Edward Luggar anlangt, ſo war er ein frecher junger Geſell, der den Dirnen nachlief, anſtatt an ſeine Geſchaͤfte zu denken.“ „Das heißt verlaͤumden, Frau Alice,“ rief Barnabas;„Edward kuͤmmerte ſich um keine andere Dirne, als um Emma Gendall, die er 286 herzlich lieb hatte. Ich ſage Euch nochmals, daß ich ihn genau kannte.“ „Und ſein Schickſal wird nimmer vergeſſen werden, denn ich habe es durch eine Ballade verewigt, die ich auf ihn dichtete,“ ſagte der Harfner,„und die ich Euch herzlich gern vor⸗ ſingen will.“ „Thut das,“ entgegnete ihm Frau Alice, „zuvor aber ſchluͤrft noch einen Becher Weins, um Euch die Kehle anzufeuchten; denn es ſingt ſich ſchlecht mit trockener Gurgel, und eine Bal⸗ lade gefaͤllt mir vor allen andern Liedern, voll⸗ ends wenn von Geiſtern und Kobolden darin vorkommt.“ Mike vom Berge griff zu ſeiner Harfe, fuhr mit den Fingern durch die Saiten derſel⸗ ben, brachte mit Huͤlfe ſeines Schluͤſſels etliche von dieſen in die rechte Stimmung, raͤuſperte ſich und ſang mit leidlichem Ausdruck folgende Ballade: Johannisabend. Schwach ſchimmernd hat der Mond ſein Licht Durch Wolken vorgebracht; 287 Der muͤde Doͤrfler ſchlummert laͤngſt Den ſanften Schlaf der Nacht. Hinuͤber zu dem Kirchhof ſtill, Ein blaſſer Juͤngling ſchleicht; Bald hat des Gotteshauſes Thor Sein Wanderſchritt erreicht. Am Thore ſinkt er auf die Bank Von duftig gruͤnem Moos, Und uͤberſinnt bei Nachtwind's Weh'n Sein ſeltſam Erdenloos. „Ich ſoll,“ dacht' er,„bis Mitternacht Geduldig harren hier, So lautet Emma's Scherzgebot, und gern gehorch' ich ihr. „Wie liebt die Kleine mich ſo ſehr, Wie iſt ſie mir ſo hold! Wie tauſcht' ich gegen ſie doch nicht Der ganzen Erde Gold! Wie ſprach ſo neckiſch ſie zu mir: „Treu weiß ich, Edward Dich; Von Mutter und von Heimath fort Folg' ich Dir williglich. Die Liebe Dir zu pruͤfen, hab' Ich ſchlau Dich oft geneckt; Jetzt iſt zu wiſſen noch, ob Dir Auch Muth im Herzen ſteckt. 288 Johannisabend ruͤckt heran, Da ſieht ein Auge kuͤhn, Durch's Schluͤſſelloch der Kirchenthuͤr Des Jahres Todten zieh'n. Denn wer im Lauf des Jahres ſtirbt, Der wallt daher im Zug Rund um den Hochaltar, als Geiſt In weißem Leichentuch. Geh hin, erforſch', ob mir vielleicht Im Laufe dieſes Jahr's Der Aufruf Vetter Hein's erſchallt; Sieh hin, und offenbar's! Denn nimmer reich' ich Dir die Hand, Wenn mit im Zug' ich bin. Was hätt'ſt Du, ſtuͤrb' ich noch dies Jahr, Von Emma wohl Gewinn?““ Durch die zerriſſ'nen Wolken hallt Der Glocke Feierton; Der letzte Schlag erklungen, buͤckt Zum Schloß ſich Edward ſchon. Hell in das Schiff der Kirche dringt Durch's Fenſter jetzt der Mond; Der Juͤngling lauſcht und lugt, und ſieht Die Kirche wie bewohnt. Her von dem Seitengange zieht Ein langer, banger Zug; Dem Hochaltare wallt er zu In weißem Leichentuch. 289 Da waren Männer, ruͤſtig noch, Noch bluͤhendjunge Frau'n; Selbſt Kindlein in der Muͤtter Arm Geſpenſtiſch anzuſchau'n. Mit Zitterſchritten jeder in Der Schaar zum Altar zieht, Und hu! im Letzten, der ſich weiſ't, Edward ſich ſelber ſieht. Geſpenſtiſch ſchau't ihn ſein Geſicht Als letztes an im Zug, Mit Schlot erknieen wallt's dahin Im weißen Leichentuch! Dem Juͤngling ſtraͤubt ſich's Lockenhaar, Die Bruſt hebt ſich ihm ſchwer; Hin ſinkt er auf des Raſens Grund, Aechzt auf, und— iſt nicht mehr! Der Harfner endete ſeinen Sang, und in demſelben Augenblicke verkuͤndete die große Thurm⸗ glocke von Fitz, daß die erſte Morgenſtunde des neubegonnenen Tages vergangen war. „Gott ſegn' uns! rief Frau Alice;„Ein Uhr, ſo wahr ich lebe! Zeit iſt's, daß wir aufbrechen ſonſt verwandeln wir Nacht in Tag und Tag Fitz of Fitz⸗Ford. I. 19 290 in Nacht. Es iſt jetzt nicht an der Stunde, au⸗ ßer unſern warmen Betten zu ſeyn, und die Ge⸗ ſellſchaft der Herrſchaft hat ſich laͤngſt zur Ruhe begeben. So mein' ich, haben wir auch uns einander fuͤr diesmal Valet zu ſagen.“ Barnabas zog ſeine Kappe dicht uͤber beide Ohren, und die Wuͤrzkraͤmerin verkroch ſich ſo in ihren Mantel, daß von ihrer ganzen Figur nichts als die Naſenſpitze ſichtbar war. Der Schulmeiſter zuͤndete nun das Licht in ſeiner Laterne an, bot der Wuͤrzkraͤmerin den Arm, um die Dame heimzugeleiten, und ſagte zu der Haus⸗ haͤlterin:„Gute Nacht, Frau Alice, oder viel⸗ mehr guten Morgen!“ Zu dem Harfner ge⸗ wendet, ſetzte er hinzu:„Habt Dank fuͤr Eure Ballade, die uͤbrigens beſſer gerathen ſeyn wuͤrde, wenn Ihr unter mir die Claſſiker gelernt haͤttet, und das Abmeſſen Eurer Fuͤße gehoͤrig verſtaͤn⸗ det. Die Laterne iſt bereit.— Nochmals freund⸗ lichen guten Morgen! Iſt's gefallig, Frau Nach⸗ barin? Domus repetamus! Laßt uns gehen!“ So trennte ſich die Geſellſchaft der Haus⸗ 291 hälterin. Der Pfarrſchreiber folgte dem Schul⸗ meiſter und der Wuͤrzkraͤmerin. Dem Harfner war bereits ein Schlafgemach im Herrnhauſe an⸗ gewieſen worden, und Frau Alice zog ſich in ihr anſtoßendes Kaͤmmerlein zuruͤck. Eilftes Capitel. „Die Bien' aus ihrem Korbe fleugt, Sich zu dem Kelch der Roſe neigt; Die Schäkerin, die Loſe! Obſchon von Kelches Saft ſie ſaugt, Wie's ihr fuͤr ihre Zelle taugt, Bleicht d'rob doch nicht die Roſe. So, liebholdſuͤße Margareth, Es mir mit Deinem Muͤndchen geht, Wenn ich voll Lieb' es kuͤſſe: Was wehrſt Du's ab? wo iſt denn Noth, Daß ich den Kuß auf Muͤndlein roth Fortan entbehren muͤſſe?“ Als John Fitz, der in der Kunſt der Muſik wie der Poeterei nicht ſelten gluͤckliche Verſuche gemacht, Tags nach dem Maienfeſte in der Fruͤh⸗ ſtunde, am Fenſter ſeines Gemaches ſaß und die Eingangs dieſes Capitels mitgetheilt en Verſe ſang, oͤffnete ſich leiſe die Thuͤr, und ein Be⸗ ſuch ſtahl ſich herein, den der Juͤngling nicht ſo⸗ fort bemerkte, ſo daß er einige Secunden ſpaͤter ſich wunderte, ſeinen Vater vor ſich ſtehen zu ſehen. „Ich wollte, John Fitz,“ ſagte der alte Sir Hugo,„Du faͤndeſt etwas Beſſeres zu thun, als hier mit verſchraͤnkten Armen zu ſitzen, Dei⸗ ne Ferſen an einander zu ſchlagen und Reimlein und Lieder zu ſingen, die Du von dem Land⸗ ſtreicher, dem Mike vom Berge, lernteſt. „Bitt' Euch um Verzeihung, Vater,“ war John's Antwort,„was ich ſo eben ſang, war von meinem eignen Machwerk.“ „Deſto ſchlimmer,“ rief der Vater,„Narren und Poeten giebt es ohne Dich genug in der Welt. Und laß doch hoͤren, was fuͤr ein huͤb⸗ ſches Daͤmchen Du Dir zu Deiner Muſe er⸗ waͤhlt haſt?“ „Nun, nun, Vater! Dame, Vater? Nun, die Koͤnigin Eliſabeth, Vater.“ „Koͤnigin!“ rief Sir Hugo;„was weißt Du denn von unſerer huldvollen Majeſtaͤt, der Koͤ⸗ 294 nigin Eliſabeth, daß Du mit ihr umſpringſt, wie ein Bauerbengel mit einer Dorfdirne um die Pfingſtenzeit?“ „O Vater, Ihr wißt, alle junge Burſche ſchrei⸗ ben jetzt Verſe zum Preiſe der Koͤnigin, die dann bald Aſtraͤa, bald Virginia, bald Una oder Diana heißt, oder wie ſie ſie ſonſt in ihrer Phantaſie mit einem wohlklingenden Namen belegen moͤgen. Das iſt ſo ſehr in der Mode, daß es heißt, man koͤnne ohne dergleichen gar nicht nach Hofe ge⸗ hen, und ein ſolches Gedicht an die Koͤnigin ſey der beſte Freibrief, um zu Belohnung und Eh⸗ ren zu gelangen.“ „Deſto ſchlimmer, deſto ſchlimmer!“ rief aber⸗ mals Sir Hugo.„Du aber biſt mein Sohn, der Namen und Ehren meines Hauſes auf die Nachwelt zu bringen hat, der folglich etwas Beſ⸗ ſeres thun muß, als den Narren ſpielen. Nicht daß es mir mißfiele, wahrzunehmen, wie Du Geſchick zur Poeſie haſt, ſintemal dieſelbe von manchen beruͤhmten Maͤnnern der Vorzeit betrie⸗ ben ward; denn ſo trieb Zoroaſter, wie wir wiſ⸗ ſen, in ſeinen Mußeſtunden, ſo gleichſam zur 295 Erholung, die Poeſie dermaßen, daß er beilaͤu⸗ fig ein paar Millionen Verſe dichtete; allein ſeine Verſe waren des Mannes, der ſie machte, wuͤrdig; ſie enthielten nichts von Euern Liebes⸗ liedern, nichts von„Cupid“ und„ſtupid“, ſo gut Beides auch zu einander paßt. Nein! Zo⸗ roaſter ruͤhmte in ſeinen Geſaͤngen die Glorien der Sonne und des Mondes und des Gottes der Natur; wiewohl ſeine Gedanken darin ſpaͤ⸗ terhin von denen Magiern mißdeutet wurden, ſo daß ſie ſeine Bilderſprache buchſtaͤblich ausleg⸗ ten, Gott den Allerhoͤchſten ſelbſt fuͤr das Cen⸗ tralfeuer erklaͤrten, und ſo die Feueranbeterei der Chaldaͤer aufbrachten; und ich bin entſchieden der Meinung, daß das heilige Feuer der Veſta nichts als ein Nachlaß jenes uralten chaldaͤiſchen, an ſich ehrwuͤrdigen Aberglaubens war. Nun, wie ich ſagte— Du hoͤrſt mich doch, John Fitz? Du ſcheinſt zum Fenſter hinauszugucken—“ „Ich bin eitel Aufmerkſamkeit, Vater,“ ver⸗ ſetzte der Juͤngling. „Recht ſo, Sir!“ fuhr der Alte fort.„Da demnach die Poeſie die Sanction des Alterthums * 296 hat, nichts von einem Homer, einem Virgil und änderen Autoren neuerer Zeit zu erwaͤhnen, ſo iſt dieſelbe allerdings ehrenwerth, ſobald ſie ſich gegen ein ihrer wuͤrdiges Ziel richtet. Nicht hin⸗ derlich ſoll es mir daher ſeyn, wenn Du die⸗ ſelbe zu edeln Zwecken in Ausuͤbung bringſt. Auch koͤnnte ich wuͤnſchen, daß Du mit gleichem Eifer Dich auf die Wiſſenſchaften legteſt. Haͤt⸗ teſt Du nur Scharfſinn genug, mein Junge, die Aſtrologie zu ſtudiren, oder wollteſt Du Dich nur einiger Forſchung uͤber den Dartmoorgrund hingeben, ſo koͤnnte man einige Hoffnungen von Dir hegen—“ „Wie ſo, Sir?“ fragte John Fitz. „Wie ſo, Sir?“ wiederholte der Vater. „Nun, Sir, man koͤnnte Hoffnung hegen, daß Du zu geſunder Vernunft gelangteſt, und den Werth der Zeit dadurch anerkennteſt, daß Du dieſelbe beſſer benutzteſt.“ „Sagt mir doch, Vater, was kann mir die Aſtrologie nuͤtzen? Was, wenn ich wie ein Fuchs oder ein Kaninchen im Dartmoorgrund herum⸗ wuͤhle?“ —— 297 „Was Aſtrologie Dir nuͤtzen kann?“ rief Sir⸗ Hugo.„Wie? die edelſte aller Kenntniſſe des Menſchen, eine Wiſſenſchaft, deren Geheimniſſe Keiner zu ergruͤnden vermag? Und was es Dir nutzen kann, den Dartmoorgrund zu kennen? Da moͤgt' ich doch fragen, Sir John Fitz, habt Ihr geſehen, was wir heimbrachten, als wir neulich bei'm Wiſtman'sgehoͤlz das große Huͤnengrab ge⸗ oͤffnet hatten?“ „Ich ſah einen Haufen alter zerbrochener Toͤpfe und Kruͤge,“ war John's Antwort,„und etliche Stuͤcke verſchimmelten Meſſings oder Ei⸗ ſens, an denen ich keine eigentliche Form wahr⸗ nehmen konnte.“ „Elende Unwiſſenheit!“ rief der Aſtrolog, „und die muß ich in meinem eigenen Sohne finden! Zerbrochene Toͤpfe und Kruͤge nennt er die ſchoͤnſten Exemplarien uralter britiſcher Tö⸗ pferarbeit(denn ich halte ſie fur britiſche, nicht fuͤr roͤmiſche), die jemals im Moor gefunden wurden! Begraͤbnißurnen, ſonder Zweifel, nennt er Toͤpfe und Kruͤge! Die alte Alice, die Haus⸗ haͤlterin, haͤtte nicht duͤmmer ſchwatzen koͤnnen.“ 298 „Nun, Sir Hugo,“ fragte John Fitz,„wel⸗ chen Nutzen hat denn dergleichen, und was wird dadurch bewieſen?“ „Bewieſen?“ verſetzte der Sterngucker und Alterthuͤmler,„bewieſen? Nun, ſie liefern un⸗ zubezweifelnde Beweiſe, daß dem britiſchen Volke eben ſowohl, wie den Roͤmern, die Toͤpferei be⸗ kannt war, und daß ſich Leichenurnen auch in uralten englaͤndiſchen Graͤbern fanden.“ „Nun, wo anders als in Graͤbern ſollten denn Leichenurnen gefunden werden?“ entgegnete John Fitz.„Doch ſeyd nicht ungehalten auf mich, Vater,“ fuhr er liebreicher fort,„wenn ich mich nicht darum kuͤmmere, aus welchem Thon die Druiden ihre Kannen und Naͤpfe— ihre Urnen wollt' ich ſagen— verfertigten, und daß ich nicht begreifen kann, wie es mir im gering⸗ ſten erſprießlich zu ſeyn vermag, eine andere Be⸗ kanntſchaft mit Mond und Sternen zu machen, als daß ſie mir im Auge der Poeſie als freund⸗ lichſchoͤne Himmelskoͤrper erſcheinen. Ich will Euch dadurch nicht beleidigt haben. Wir haben beiberſqüs unſer Studium und unſern Geſchmack. 9 6 299 Laßt mich dem meinigen folgen, und ich ver⸗ ſprech' Euch, mich niemals in Eure Sachen zu miſchen, ſollten die Sterne auch Verderben auf mein Haupt herabkuͤndigen, weil ich mir aus ihrem Einfluſſe nichts mache.“ „Ach mein Sohn,“ ſagte Sir Hugo, deſſen Geſicht in dieſem Augenblicke die Farbe wech⸗ ſelte,„wie weh thut es meinem Herzen, Dich alſo reden zu hoͤren. Du weißt nicht, uͤber wel⸗ chen Gegenſtand Du ſo leichthin ſpotteſt. Ich kam eben zu Dir, um Dir meine Seele uͤber ei⸗ nen gewiſſen Punkt zu oͤffnen, von welchem die Erhaltung Deines Gluͤckes, ja, vielleicht Deines Lebens abhaͤngt, und ich bitte Dich, wenn nicht aus Mitleid mit Deinen, doch mit meinen Em⸗ pfindungen dabei, mir ein aufmerkſames Ohr zu leihen.“ John Fitz, der ſeinen Vater wirklich liebte, obwohl er nie darein willigen wollte, ein Aſtro⸗ log zu werden, erkannte an dem Geſichtsaus⸗ drucke des alten Mannes, daß dieſer tief ergriffen war. Um ihm keinen Kummer zu machen, aͤn⸗ derte er ſogleich ſein ganzes Weſen, ward auf⸗ 300 merkſam, und verſicherte ſeinen Vater, daß er ſeinen Mittheilungen und ſeinen Rathſchlaͤgen die groͤßte Aufmerkſamkeit widmen wuͤrde. „Mich freut's, dies zu hoͤren,“ ſagte Sir Hugo,„da es in Deiner Macht ſteht, mir eine Beſorgniß vom Herzen zu nehmen, die ich nicht laͤnger verbergen kann. Mein Sohn, ein ban⸗ ges Geſchick waltet uͤber Dir— wenn man ihm ausweichen kann— wenn man der verhaͤngniß⸗ vollen Stunde entſchluͤpfen kann, ſo wirſt Du noch lange Zeit und gluͤcklich leben; wenn man das aber nicht kann, ſo erbebt meine Seele, die Folgen herzunennen, die jene Stunde mit ſich fuͤhren wird. Bei Deiner Geburt ſtellte ich Dein Horoſtop— es war ſchauerlich— das Horn des Mars——“ „Lieber Vater, laßt irgend etwas Anderes als die Sterne mir drohen, und ich will mit aller Ernſthaftigkeit darauf achten; doch Ihr macht Euch wirklich ungluͤcklich durch den Glau⸗ ben an ſolche Ammenmaͤrchen—“ „Schweig, Junge!“ rief Sir Hugo in ſchar⸗ ſem Tone; denn wie liebreich und nachſichtig er 301 auch gegen den Sohn war, ſo gab es doch Au⸗ genblicke, in denen er alles Anſehen eines ſtren⸗ gen Vaters anzunehmen verſtand.„Ich ſage Dir, ſchweig! Hoͤren ſollſt Du, und gehorchen. Es bekuͤmmert mich, Dich ſo unwiſſend zu fin⸗ den, daß Dir nicht einmal die Terminologie der erhabenſten aller Wiſſenſchaften bekannt iſt. Ich werde Dich daher blos von dem Reſultate mei⸗ ner Forſchungen unterrichten, die ich gleich nach Deiner Geburt vornahm. Alle Kunſtausdrucke werde ich dabei vermeiden, damit Du mich voll⸗ kommen verſtehen moͤgeſt.“ John Fitz ließ jenes Achſelzucken ſpuͤren, mit welchem wir da Unterwuͤrfigkeit zeigen, wo Wi⸗ derſpruch und Einwurf uns nicht geſtattet werden. „Durch meine Kunſt hab' ich erkannt,“ fuhr Sir Hugo fort,„daß der ſicherſte Weg, den Du einſchlagen kannſt, um einer großen, Dir dro⸗ henden Gefahr auszuweichen, der iſt, Dich ſo lange auf Reiſen zu begeben, bis Du Dein vier⸗ undzwanzigſtes Jahr zuruͤckgelegt haben wirſt. Denn fruͤher, fuͤrchte ich, gewaͤhrt Dir der Aufenthalt in dieſem Lande keine Sicherheit. 302 Willſt Du alſo reiſen? Willſt Du meine Be⸗ ſorgniß dadurch heben, daß Du nach Deutſch⸗ land gehſt, wo ich, wie Du weißt, Freunde habe, die Dich willig aufnehmen und bewirthen werden?“ John Fitz machte ein langes Geſicht, und widerſprach dann heftig dieſem Plane. „Nun dann,“ rief Sir Hugo,„ſo muß ich fuͤrchten, daß irgend ein mir von Dir verhehl⸗ ter Beweggrund Dich wuͤnſchen laͤßt, hier zu bleiben, da Hang zum Reiſen doch dem jungen und edeln Blute ſo eigen zu ſeyn pflegt. Fuͤrch⸗ ten muß ich dann, daß man mir eine Wahrheit in's Ohr fluͤſterte, als man mir ſagte, daß Du Margarethe, die Muͤndel Glanville's, liebſt.“ Der Sohn, der ſich ſo in Front angegriffen ſah, wußte nicht, was er ſeinem Vater antwor⸗ ten, noch wie er ſich bei demſelben entſchuldigen ſollte. Er ward blaß, ſah verwirrt aus und ſtammelte unzuſammenhangende Worte. Sir Hugo ſchuͤttelte den Kopf.„Der boͤſe Planet, der in der Stunde Deiner Geburt vor⸗ herrſchte, war keineswegs die Venus; da das ——— 303 Horoſtop jedoch Boͤſes verkuͤndete, ſo fuͤrchtete ich ſtets, daß Weiber mit im Spiele ſeyn wuͤr⸗ den. Ja, ja, ich ſehe, wie's ſteht! Liebe lauert im Hintergrunde. Junge Maͤdchen ſind jungen Burſchen, was die Sirenen vor Alters denen Schiffern waren; ſie locken in Untiefen und zwi⸗ ſchen Klippen, ſo daß des Juͤnglings Kahn nur allzu oft in's Bodenloſe verſinkt, oder zu elen⸗ dem Wrack zertruͤmmert wird. Wenn ich auch meinte, daß Du Deine Zeit vertroͤdelteſt, und wohl einſah, wie es Dir an Sinn fuͤr die tiefen Myſterien der Philoſophie fehlt, ſo habe ich doch ſolche Thorheit, wie das Verliebtſeyn iſt, nicht von Dir geglaubt. Sieh da die Ausbeute des Verſelns und Reimens und des Liederdichtens an die Koͤnigin Eliſabeth! Ich habe Dich nun⸗ mehr erkannt, und erwarte vollſtaͤndigen Bericht uͤber den Hergang der Sache, ſo daß Deinem Vater nichts von Dir verheimlicht wird.“ „Ich hatte nie die Abſicht, Euch die Wahr⸗ heit zu verhehlen, Vater,“ verſetzte John Fitz. „Aber ich bin ſehr ergriffen, ſehr beſturzt; den⸗ noch ſollt Ihr Alles wiſſen, und das Gluͤck Eu⸗ 304 res Sohnes ſoll Eurer väterlichen Zaͤrtlichkeit anheim geſtellt ſeyn.“ John Fitz bekannte nun ſeine ganze Liebes⸗ geſchichte, ſchilderte im glaͤnzendſten Lichte die Vollkommenheiten Margarethens, und erklaͤrte, daß ohne die Hoffnung, das Maͤdchen einſt die Seinige nennen zu können, alles Lebensgluͤck fuͤr ihn dahin ſeyn wuͤrde. Nachdem er ſolcherge⸗ ſtalt das Eis gebrochen hatte, wagte er es, in ſeinen Vater zu dringen, daß dieſer ſeine Ein⸗ willigung zu dieſem Herzensbundniſſe geben moͤgte. Wie dies Bekenntniß aufgenommen ward, ſoll ſpaterhin mitgetheilt werden; fuͤr den Augen⸗ blick iſt es noͤthig, den Leſer zuſammt dem alten Sternguck einer andern Perſon dieſes Drama's entgegen zü fuhren. —— ⸗———— .— 8 3 3* . 3 3 * 3 * 3 3 ſ