F Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ceih- und Heſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Desepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatte wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mt.— f *„—„„— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchiutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7 i Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkfam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — — 5 —— Mrs. Bray's Hiſtoriſche Romane. Sechster Band. Die Weißkappen. Dritter Theil. In demſelben Verlage iſt ferner erſchienen: Bray, Mrs, de Foir; oder: franzoſiſches Leben im vierzehnten Jahrhundert. Ein Zeit- und Sitten⸗Ge⸗ maͤlde. 3 Theile. 8. 4 Thlr. —— der Proteſtant. Ein Rachtſtuͤck aus der Re⸗ gierung der„blutigen“ Konigin Maria. 8. 3 Theile. 4 Thlr. —— FSitz of Fitz⸗Ford. Eine Sage aus Suͤd⸗Eng⸗ land, aus den Zeiten der Königin Eliſabeth. 8 Theile. 8. 4 Thlr. —— der Talba von Portugalz oder: Schickſale der Ines de Caſtro. Ein Bild aus der Maurenzeit. 3 Theile. 8. 4 Thlr. Ingemann, B. S., König Erik und die Geaͤchteten. Ein Zeit⸗ und Sittengemaͤlde aus den letzten Tagen des dreizehnten Jahrhunderts. 3 Theile. 8. 2 Thlr. 16 Gr. Ritter, der finſtere; oder: Die Belagerung Kopen⸗ hagen's unter Friedrich dem Dritten. Ein hiſtori⸗ ſches Phantaſieſtuͤck aus der zweiten Hälfte des ſieb⸗ zehnten Jahrhunderts. 2 Theile. 8. 2 Thlr. Trollope, Mrs., Leben und Sitte in Nordamerika. Nach der vierten Auflage aus dem Engliſchen uͤber⸗ tragen. 3 Theile. Mit 24 Darſtellungen in Stein⸗ druck. 8. 3 Thlr. 16 Gr. der PVistorische Romane Mrs. Anna Eliza Bray. „Verweg'ner Krieg und treue Liebe Und ernſte Wahrheit in der Dichtung Schmuck.“ Gray. Nach der zweiten Auflage aus dem Engliſchen Sechster Band. ubertragen. Die Weißkappen. Dritter Theil. Univerſitäts⸗Buchhandlung. — 1835. Die Weisskappen; oder: Anna von Gent. Ein Niederlaͤndiſches Gemaͤlde von Mrs. Anna Eliza Bray. „So ſeyd denn tapfer; Euer Hauptmann iſt tapfer, und gelübdet Verbeſſerung.“ „Kein Geld ſoll ſeyn; Alle ſollen auf meine Koſten eſſen und trinken, und ich will ſie Alle in Eine Liverei kleiden, daß ſie einig ſeyn mögen wie Brüder, und mich als ihren Herrn verehren.“ Shakſpeare. Nach der zweiten Auflage aus dem Engliſchen uͤbertragen von Dr. G. N. Bärmann. Dritter eil K univerſitats⸗Buchhandlung. 1835. 5 Die Weißkappen. Die Weißkappen III. Erstes Capitel. Der groͤßere Theil der Nacht, in welcher der Graf von Flandern ſo wunderbarlich den Ge⸗ fahren entſchluͤpfte, von denen er umringt war, ward von ihm und Anna, nebſt der armen Wittwe damit hinge bracht, Mittel zu ſeiner Flucht zu erſinnen, weil ſein Bleiben in Brugges ſo ge⸗ fahrbringend zu ſeyn ſchien, daß es auf alle Faͤlle fuͤr beſſer gehalten wurde, die Stadt ſo bald wie moͤglich zu verlaſſen, und ſich lieber den Zufaͤllen in offenem Felde, als den Bedrang⸗ niſſen zu Brugges hinzugeben. Weiblicher Scharfſinn tritt in ſchwierigen Le⸗ bensverhaͤltniſſen, wo Hurtigkeit und Regſamkeit nothwendig werden, gemeiniglich ſtark hervor. So war es auch jetzt; denn waͤhrend Ludwig 2 vergebens hin und her erwog, was am thun⸗ lichſten zu ſeiner Sicherheit ware, hatten die beiden Frauenzimmer ſchon einen Entſchluß ge⸗. faßt. Die Wittwe verſah den Grafen mit einem Anzuge aus dem Nachlaß ihres verſtorbenen Mannes, und Anna hob die Nothwendigkeit hervor, daß der Graf zur Stadt hinaus muͤßte, ehe noch das Tageslicht voͤllig angebrochen ſeyn wuͤrde. Zum Gluͤcke fuͤr Ludwig waren mehrere der Stadtthore in dieſer Nacht des Schreckens aus ihren Angeln gehoben worden, ſo daß es um ſo leichter ward, zu entſchluͤpfen. Die Wittwe that nun ihr Moͤgliches, die Perſon des Grafen zu verkleiden. Sein langes Haar, das er, zufolge der damaligen, unter den Adeligen herrſchenden Mode, durch ein Per⸗ lengewinde beveſtigt, oder mittelſt eines Netzes zuſammengehalten trug, ward jetzt dahin los⸗ geknotet daß es ihm uͤber Stirn und Augen⸗ brauen herabhing. Ein gemeines Wams, ſo wie es die Handwerker trugen, ward nebſt einem Mantel und einer Kappe von grobem Wollzeuge ſo nachlaͤſſig wie moͤglich angelegt. —.—— 5 So ausgeruͤſtet ſchickte Ludwig ſich nochmals an, mit Annen die Flucht zu ergreifen. Er dankte aufrichtig der Wittwe fur die edelmuͤthige Weiſe, womit ſie unter der Leitung des Him⸗ mels ihm das Leben erhalten hatte, verſprach ihr eine reiche Belohnung, ſo er je die Macht wieder haben wuͤrde, dieſelbe zu ertheilen, und bot ihr verſchiedene Goldſtuͤcke aus einer Boͤrſe an, die er bei ſich trug. Das ehrliche Muͤt⸗ terchen weigerte ſich anfaͤnglich, dieſe Muͤnzen an⸗ zunehmen, indem ſie meynte, daß in des Grafen gegenwaͤrtiger Lage ihm Gold nicht nur als Mittel zu ſeinem Unterhalte, ſondern auch zu Anſchaffung von Pferden nothig ſeyn duͤrfte, um ſeine Flucht zu foͤrdern, ſobald er die Mauern von Brugges hinter ſich haben wuͤrde. Der Graf verſicherte ihr jedoch, daß, wenn ſie das Wenige, was er ihr bot, fuͤr ſich und ihre Kin⸗ der annaͤhme, ſolches ihn nicht ſchwaͤchen wuͤrde, indem er noch Geld genug bei ſich fuͤhrte, um Lille zu erreichen, wo er auf eine oder andere Weiſe noch vor Nachts anzulangen gedaͤchte. Unter mancher Ermahnung zur Vorſicht und 6 unter bruͤnſtigem Gebet fuͤr das Wohlergehen der Fluͤchtlinge, ſagte die Wittwe dem Grafen und deſſen ſchoͤner Gefaͤhrtin, der Tochter Jan Lyon's, Lebewohl, die, obgleich das Kind des Uranſtifters der Empoͤrung gegen Ludwig de Male, jetzt als das Werkzeug zur Rettung des Grafen vor den Wirkungen jenes Aufſtandes thaͤtig war. Und die Jungfrau, die noch vor Kurzem den Grafen als ihren grauſamſten Be⸗ draͤnger gefurchtet hatte, war jetzt in Beſorgniß, er moͤgte ſeinen Bedraͤngern in die Haͤnde fallen. So ſeltſam und unvorhergeſehen ſind die Zufaͤlle und Wandelbarkeiten des Weltlebens; und ſo unter der geheimnißvollen, aber barmherzigen Leitung der Fuͤrſehung werden die Ereigniſſe in Gottes Hand zu heilſamen Lehren fuͤr den Hof⸗ faͤrtigen, daß dieſem oft von Demjenigen, den er am meiſten ſeinem Willen untergeordnet wähnt, ein weſentlicher Dienſt geleiſtet wird, deſſen Je⸗ der, auch in dem hoͤchſten Stande des Lebens, benoͤthigt ſeyn kann; denn unter den Soͤhnen des Staubes iſt gegenſeitige Dienſtleiſtung ſowohl das Band, wie die Pflichtuͤbung der Menſchheit. Sv 6 6 8„ 7 Es war kaum Tagesanbruch, als Ludwig und Anna das Haus der Wittwe verließen. Das Gaͤßchen, in welchem es ſtand, war menſchen⸗ leer, und als ſie Straßen hinabwanderten, die zu einem der Thore leiteten, die auf die Ebene vor der Stadt fuͤhrten, begegneten ihnen nur wenige Menſchen, da es noch fruͤh an der Zeit war. Den Weißkappen, die etliche Wohnungen ihrer Feinde niedergebrannt hatten, war von van Artaveld bei Todesſtrafe die Weiſung ge⸗ worden, fernere Greuel der Art zu unterlaſſen. Die Sieger, die durch ihre vorherigen Anſtren⸗ gungen, und mehr noch durch den heftigen An⸗ ſturm, den ſie gegen Brugges vollfuͤhrt hatten, bedeutend ermuͤdet waren, fanden ſo reichliche Erfriſchung, und ſo viele Bequemlichkeiten in den verſchiedenen, ihnen angewieſenen Quartie⸗ ren, daß ſie endlich das Werk der Verheerung aufgaben; und obwohl nichts ſie vom Pluͤndern zuruckhalten konnte, ſo begnugten ſie ſich fuͤr jetzt doch mit einigen Haͤnden voll Gold, die ſie aus den wohlverſehenen Kiſten und Kaſten der wohlhabenden Einwohner leicht erhalten konnten, und ſuchten dann, nachdem ſie den groͤßten Theil der Nacht hindurch ſich guͤtlich gethan hatten, die Ruhe. Als Anna und Ludwig de Male durch die Straßen gingen, ſchienen Schweigen und Ver⸗ wuͤſtung rings umher zu herrſchen; die Haͤuſer, die von den Weißkappen angezuͤndet worden waren, lagen in Schutthaufen da, und dampf⸗ ten aus ihrer glimmenden Aſche. Verſchiedene Wohnungen ſtanden ganz veroͤdet, indem deren Bewohner entweder umgekommen waren, oder die Flucht ergriffen hatten; und oft uͤberlief Anna ein Schauder, wenn ſie im Morgenzwielicht uͤber etwas kaum zu Erkennendes hinſtolperte, und dann bemerkte, wie ein Haufen Erſchlagener, die fortzuſchaffen die Sieger ſich noch nicht Zeit ge⸗ nommen hatten, im Wege lag. Als es heller ward, blickte das Maͤdchen vorſichtiger umher, und wendete ſich oft ab, um ſolchem Anblick des Grauſens auszuweichen. Endlich hatte ſie mit ihrem Gefaͤhrten die Stadtthore im Ruͤcken, und als Beide nun auf der Ebene furbaß ſchritten, beleuchtete das Mor⸗ f 9 genroth mit ſanftem, gedaͤmpftem Purpurlicht den Himmel. Munter zirpten die Voͤgel, und die Lerche, die ſich gleich dem Muthe der Ju⸗ gend, der ſeine fruͤhen Hoffnungen begruͤßt, von ihrer naͤchtlichen Ruhſtatt erhob, ſtieg ſingend in die Luͤfſte. Tauſend Demanttropfen blitzten auf dem gruͤnen Raſen, oder zitterten an zarten Feldblumen, mit denen die Wieſen beſprengt waren; und alle Schoͤnheit, Reinheit und Me⸗ lodie der Natur erfreute ſich gleichſam, dem wohlthaͤtigen Schoͤpfer vereinte Huldigung dar⸗ zubringen. Wie groß war der Gegenſatz dieſes fuͤr Menſchen geſchaffenen Schauſpiels natuͤrlicher Schoͤnheit zu dem wilden und frevelhaften menſchlichen Thun in vergangener Nacht inner⸗ halb des Weichbildes von Brugges! Anna ward betroffen durch dieſe Betrachtung, als ſie im Geiſte den Vater des Erbarmens um ferneren Beiſtand anflehete, und ihrem ſtillen Gebete fuͤr ihre eigene Erhaltung ein bruͤnſtiges Flehenswort fuͤr das Wohl ihres geliebten Walter's hinzufuͤgte. So lange Anna und der Graf noch in den Straßen von Brugges geweſen waren, hatten 10 ſie ein ſorgliches Schweigen beobachtet; jedoch jetzt befanden ſie ſich in freiem Felde, wo keine Gefahr aus einer Zwieſprach zwiſchen ihnen hervorgehen konnte: dennoch ſchien keins von Beiden geneigt, eine Unterredung zu eroͤffnen. Beide ſchwiegen, und zwar aus entgegengeſetzten Empfindungen. Anna, deren Thun ſtets von den veſteſten Grundſaͤtzen und den edelmuͤthigſten Gefuͤhlen geleitet worden war, hatte es aus den freiſin⸗ nigſten Beweggruͤnden unternommen, dem Gra⸗ fen auf ſeiner Flucht behuͤlflich zu ſeyn. Nach eben dieſem Entſchluſſe wollte ſie ihn jetzt nicht verlaſſen, da ſie vielleicht zu ſeiner Erhaltung mitwirken konnte; denn ſollte er in die Haͤnde der Weißkappen fallen, ſo hoffte ſie, ſie wuͤrde als Tochter Jean Lyon's bei dieſen Parteigaͤn⸗ gern einigen Einfluß haben, oder dieſe doch mindeſtens dahin vermoͤgen, den Grafen vor van Artaveld zu fuͤhren, in deſſen Ehrgefuͤhl und Menſchenliebe ſie großes Vertrauen ſetzte. Ludwig war in gottloſer Liebe einſt ihr Verfol⸗ ger geweſen; er hatte ihr mit Verderben gedroht, als er das Herzensbuͤndniß zwiſchen ihr und 11 Walter d'Anghien entdeckte, falls ſie dieſem Letz⸗ teren ferner Hoffnung auf ihre Hand geben wuͤrde. um Waltern zu retten, hatte ſie dem⸗ ſelben freiwillig fuͤr ſo lange entſagt, bis der Graf ſeine Einwilligung zu ihrer Ehe geben wuͤrde. Dies waren bittere Erinnerungen; jedoch bei alldem hatte der Graf ſein Geluͤbde gegen ſie erfullt. Er hatte ſie in ehrenvollem Schutz gehalten, und zwar in ſeinem eigenen Palaſte, zu einer Zeit, wo ſie von dem Schlimmſten haͤtte ereilt werden koͤnnen; und Anna, die von Natur ſtets geneigt war, erlittene Beleidigungen zu verzeihen, beſonders wenn die Erinnerung daran nur durch irgend eine kleine Gutthat ver⸗ wiſcht werden konnte, glaubte jetzt ſogar dem Grafen dankverpflichtet zu ſeyn, und muͤßte eben deswegen ihm Beiſtand leiſten. Dennoch zwei⸗ felte ſie, ob Ludwig dieſe Dienſtleiſtung aner⸗ kennen, oder inwiefern dieſelbe auf deſſen Ge⸗ muͤth wirken wuͤrde, ſo daß ſie ihn vermoͤgte, jegliches noch in ihm glimmende Gefuͤhl gottloſer Leidenſchaft zu Gunſten der ehrſamen Liebe ſeines Neffen zu vertilgen. — 12 Durch dieſe Gedanken wurde Anna ſcheu und furchtſam, und obwohl ſie in hoͤchſt pein⸗ licher Ungewißheit uͤber das dermalige Geſchick Walter d'Anghien's ſchwebte, und ſich darnach ſehnte, ihre Furcht uͤber dieſen Punkt mitzuthei⸗ len, ſo war ſie doch zu ſehr beſorgt zu beleidi⸗ gen, wenn ſie Walter's gegen deſſen Oheim er⸗ waͤhnte; und da ſie nicht Luſt hatte, uͤber irgend einen gleichguͤltigen Gegenſtand zu ſprechen, waͤh⸗ rend jener Umſtand ihr ſo druͤckend auf dem Herzen lag, blieb ſie ſchweigſam und ſinnend, als ſie auf der Ebene vor Brugges neben dem Grafen hinſchritt. Ludwig de Male, deſſen Seele durch tauſend widerſtreitende Gefuͤhle und Beſorgniſſe bewegt ward, war dennoch keinesweges fuͤr den Ge⸗ danken unempfaͤnglich, daß er in dieſem Augen⸗ blicke aller Wahrſcheinlichkeit nach die Erhaltung ſeines Lebens dem jugendlichen Geſchoͤpfe ver⸗ dankte, welches neben ihm ging. Die ploͤtziche und ſchreckliche Veraͤnderung in ſeinem Geſchick, die Zerruͤttung ſeines Landes, die Unſicherheit ſeiner Ausſichten in die Zukunft— das Alles drang auf ihn ein. Daß er wieder ein macht⸗ begabter und mit Ehren geſchmuͤckter Fuͤrſt wer⸗ den moͤgte, oder binnen wenigen Stunden, wenn die Feinde ihn fingen, vielleicht einem Kerker oder dem Tode uͤberantwortet werden koͤnnte— das waren ſorgliche Betrachtungen, die nach und nach ihm aufſtiegen, um ihn zu quälen; dabei dachte er mit einiger Theilnahme an ſeinen Nef⸗ fen, den er als ſeinen treuſten, eifrigſten und zuverlaͤſſigſten Freund kannte. Sein Gewiſſen fluſterte ihm Vorwuͤrfe uͤber die Behandlung zu, die er juͤngſthin gegen Anna hatte walten laſſen. Allein ihre Schoͤnheit, ihre Reize lebten zu ge⸗ waltig in Ludwigs Erinnerung, als daß er fuͤr dieſelben, ſogar in der Stunde der Gefahr, haͤtte gleichgultig ſeyn koͤnnen, und er vermogte an Walter's und Annens Liebe nicht ohne ein Ge⸗ fuͤhl des Neides und Kummers zu denken. Je⸗ doch ſeine Flucht und die Dienſte, die Beide ihm leiſteten, erregten in ſeiner Seele Gefuͤhle edlerer Art. Er beſchloß, ſein Geluͤbde unver⸗ bruͤchlich zu halten, ſo daß, muͤßte er auch mit Annen durch die entlegenſte Wuͤſte wandeln, doch kein Wort unkeuſcher Liebe ſeinen Lippen entſchluͤpfen ſollte. Ludwig de Male war am Hofe erzogen wor⸗ den; er war ein verzogener Sohn und an die Macht eines unumſchraͤnkten Fuͤrſten gewoͤhnt, doch hatte er eher ein ſchwaches als ein verderb⸗ tes Gemuͤth; denn obwohl er durch Einfluͤſte⸗ rung der Leidenſchaft zu boͤſen Handlungen ver⸗ leitet worden war, ſo beſaß er doch weder jene Verſtocktheit, noch jene Kaltherzigkeit, durch welche der Menſch unfaͤhig gemacht wird, den Vorſchrif⸗ ten der Vernunft, wenn dieſe waͤhrend der Zeit der Stille in der Seele ſpricht, Gehoͤr zu geben. Charaktere wie Ludwig de Male ſind der Reue faͤhig. Irgend ein großes Ergebniß regt dieſelbe an, ſo daß oft Buße erfolgt, wenn auch die innere Neigung des Gemuͤthes dieſelbe zuruckdraͤngen moͤgte. In ſolcher Seelenſtimmung befand ſich jetzt der Graf von Flandern. In dem Trachten, nach Moͤglichkeit ſeine Leiden⸗ ſchaft fuͤr Anna zu bekaͤmpfen, fuͤrchtete er die Gewalt der Schoͤnheit und die herzeneinnehmende Rede des Maͤdchens; dieſen Einfluͤſſen wollte er 15 ausweichen, und hauptſaͤchlich deshalb wanderte er, indem er die Blicke von ſeiner reizenden Gefaͤhr⸗ tin abwendete, ſchweigend fuͤrbaß. Unſere Fluͤchtlinge kamen endlich an das Ende der Ebene, wo der Weg ſich theilte. Einer der Pfade fuͤhrte nach Lille und der andere in einen Wald von einigem Umfange, in welchem der Graf waͤhrend der Tage ſeines Gluͤcks oft der Jagd nachgezogen war. Sie ſtanden hier einen Augenblick ſtill; dann wagte Anna es, ihren Begleiter anzureden, aber ſie that es mit ſcheuer und leiſer Stimme.„Mein Gebieter,“ ſprach ſie,„dies iſt, ſo ich nicht irre, der Weg nach Lille; doch wenn ich es wagen duͤrfte, Euch zu rathen, ſo ſchlagt dieſe Straße nicht ein. Fern hin gewahre ich einen Trupp Heranziehender. Sie ſind beritten und, wie mich duͤnkt, auch be⸗ waffnet. Ich fuͤrchte, es ſind von Euren Fein⸗ den; denn Eure Freunde, meyn' ich, duͤrften ſich ſchwerlich ſo nahe zu Brugges hin wagen, es waͤre denn, ſie kaͤmen mit zahlreicherer Mann⸗ ſchaft, als ich dort herziehen ſehe. Es moͤgte ge⸗ rathen ſeyn, ihnen auszuweichen.“ 16 Der Graf blickte die Straße nach Lille ent⸗ lang, indem er verſetzte:„Nein, das ſind nicht von meinen Freunden, denn wahrlich! das Ban⸗ ner von Gent flattert ihnen zu Haͤupten. Wir wollen den Waldweg einſchlagen; ich kenne von dort aus, in geringer Entfernung von hier, einen Seitenpfad, der ebenfalls nach Lille fuͤhrt. Wir koͤnnen denſelben aufſuchen und ihn ſogleich ein⸗ ſchlagen, oder auch ſo lange raſten, bis wir un⸗ ter den Schatten des Abends unſere Flucht um ſo ſicherer fortſetzen moͤgen. Aber wie, Maͤdchen, willſt Du, die Du waͤhrend der vergangenen Nacht weder Ruhe noch Schlaf genoſſeſt, die Beſchwerde laͤngerer Fußwanderung ertragen?“ „Mein Gebieter,“ ſagte Anna,„die trubſe⸗ ligen Ereigniſſe dieſer unruhigen Zeit haben zu oft meine Ruhe geſtoͤrt, als daß ich deſſen ſo gar ungewohnt ſeyn koͤnnte. Ich bin geſund und kraͤftig, und Gott wird, wie ich hoffe, in einer guten Sache mir Muth verleihen, jegliche Be⸗ ſchwerde zu ertragen. Ueberdies koͤnnen wir ja im Walde ruhen, bevor wir unſere Wanderung fortſetzen.“ —* — 8 S 275 r 17 Waͤhrend Anna ſprach, hatten Beide einen Waldweg eingeſchlagen. Ludwig bot dem Maͤd⸗ chen den Arm zur Stutze; er that dies mit einem ſehr artigen und freundlichen Weſen, welches Annen mehr Zutrauen einfloͤßte, als die Worte es konnten, die er dazu ſprach. Dennoch blieb ſie ſcheu und zuruͤckhaltend.„Nun, lehne Dich auf meinen Arm, Maͤdchen,“ ſagte Ludwig; „kannſt Du Dich ſcheuen, eine Stuͤtze anzuneh⸗ men, die ich ohne Dein edles Thun an mir Dir jetzt nicht wuͤrde anbieten koͤnnen?“ Anna nahm nicht laͤnger Anſtand. Obwohl jung und unerfahren, beſaß ſie doch jenes innere Zartgefuͤhl, welches in einem einzigen Augen⸗ blicke den Unterſchied des Ausdruckes entdeckt, der zwiſchen einer Handlung der Guͤte und ei⸗ nem aus Leidenſchaft ſich erzeugenden Thun ob⸗ waltet. Ludwig und Anna erreichten bald das In⸗ nere des Waldes, wo ſie ſich vornahmen, zu raſten, ehe ſie ihren Weg weiter fortſetzten. Die Wittwe hatte ſie mit allen Erfriſchungsmitteln, deren Ihr Haus faͤhig geweſen war, verſehen. Die Weißkappen III. 2 Dieſe beſtanden in einem kleinen Brote und etwas getrocknetem Fiſch. Die Fluͤchtlinge ſuch⸗ ten ſich jetzt einen Platz, an welchem ſie ihr kaͤrgliches Mahl in zu hoffender Sicherheit ver⸗ zehren koͤnnten; und indem ſie etwas vom Fuß⸗ wege abwichen, gingen ſie unter tief herabhan⸗ genden Aeſten an einem kleinen Bache hin, der, aus einer natuͤrlichen Quelle uͤber Felſen hin⸗ rieſelnd, ſich bald in zwei Arme theilte und nach verſchiedenen Richtungen hin den Waldgrund be⸗ netzte. Hier machten die Wanderer Halt, und Ludwig ſank auf ein Felsſtuͤck nieder. Anna blickte den Grafen an, und gewahrte auf deſſen Geſichte einen Ausdruck innerſter Beſorgniß und tiefen Kummers, waͤhrend die Todtenblaͤſſe ſei⸗ ner Wangen andeutete, daß ihm koͤrperlich ſehr unwohl ſeyn muͤßte. „Mein Gebieter,“ ſprach die Jungfrau,„ich fuͤrchte, Ihr ſeyd wenig im Stande, die Be⸗ ſchwerden zu ertragen, denen Ihr Euch unter⸗ ziehen muͤßt. Die Begebenheiten der vorigen Nacht haben Euch uͤbermannt. Ihr ſeyd krankz was kann ich thun, Euch zu helfen?“ nic der du nd ch⸗ ihr er⸗ an⸗ er, in⸗ ach ind ma ſſen und ſei⸗ ſehr „ich Be⸗ ter⸗ gen nk; 19 Der Graf heftete den Blick auf Annens An⸗ geſicht, waͤhrend er ſelbſt eine ernſte und feier⸗ liche Miene zeigte. Dann ergriff er ihre Hand, als ſie ſo vor ihm ſtand, und ſagte:„Maͤdchen, ich bin krank an der Seele; dieſe Ergebniſſe, fuͤrcht' ich, ſind nur der Anfang von ſchweren Leiden, ſind eine Geißel des Himmels, zur Strafe fuͤr veruͤbtes Thun. Und biſt Du es, von der ich Huͤlfe erlangen muß? Biſt Du es, die ich beleidigt habe, von der mir Beiſtand wird?“ „Mein Gebieter,“ antwortete Anna,„Gott iſt mein Zeuge, daß ich nicht des Vergangenen gedenke, es ſey denn, mich zu erinnern, wie Ihr Euer Geluͤbde hieltet und mir Schutz verliehet. Ich werde Euch jetzt dienen, wie es mir Pflicht iſt zu thun, in ſo fern ich es vermag, indem Ihr mein rechtmaͤßiger Herr und Gebieter ſeyd.“ „Ach, Anna,“ ſagte der Graf,„Du kennſt nicht zur Haͤlfte die Gefahr, die Du laͤufſt, in⸗ dem Du mir dienſt. Sollte ich dem Rebellen du Bois in die Haͤnde fallen, ſo bleibt Dir keine Hoffnung zu Freiheit und Ehre. Und moͤg⸗ 2 20 teſt Du mit mir Dich nach Lille wenden, wo ich Dich freilich wohl beſchuͤtzen koͤnnte, ſo fuͤrchte ich, dennoch nicht Macht genug zu haben, Dich vor den Spaͤheraugen der Gräfin von Artvis in und vor der Bosheit ihres Geheimſchreibers Gil⸗ he bert Mattheus zu verbergen. Deshalb duͤnkt le mich, der beſte Weg zu Deiner Sicherheit ſey bt der, daß Du nach Brugges zuruͤckkehrſt und w Dich ſofort unter den Schutz van Artaveld's di begiebſt; er iſt ehrenwerth, wenn gleich mein ſit Feind. Verlaß mich alſo, Maͤdchen; uͤberlaß m mich meinem Schickſale. Ich habe kein Recht u mehr dazu, Huͤlfe von Dir zu erwarten.“ di „Herr,“ verſetzte Anna,„jedes Geſchoͤpf, g ſey's Fuͤrſt oder Bauer, hat ein Recht, Huͤlfe tl von der Hand ſeines Mitgeſchoͤpfes zu erwarten, a und ich will Euch in dieſer Eurer aͤußerſten Be⸗ E kuͤmmerniß nicht verlaſſen. Auch habe ich noch d einen Grund, mein Gebieter, der mich antreibt, b Euch mit mehr als gewoͤhnlichem Eifer zu dienen.“ ir Anna ſprach dieſe Worte in einem bebenden, jedoch feierlichen Tone, wobei ihr eine Thraͤne ki im Auge ſtand. wo chte ich tois Gil⸗ unkt ſey und lds nein rlaß echt opf, uͤlfe ten, noch eibt, en den, raͤne „Welchen Grund?“ fragte der Graf haſtig; „rede, ich beſchwoͤre Dich!“ „Man lehrt uns,“ entgegnete die Jungfrau, indem ſie ſich andaͤchtiglich bekreuzte,„nach den heiligen Myſterien unſerer Kirche, daß die See⸗ len der Abgeſchiedenen den Flammen einer ab⸗ buͤßenden Strafe fuͤr ſo lange Zeit hingegeben werden, bis die im Fleiſche begangenen Suͤnden durch langwierige und marternde Qualen getilgt ſind. Auch lehrt man uns, daß dieſe bejam⸗ mernswerthe Leidenszeit abgekuͤrzt werden koͤnne, und die abgeſchiedenen Seelen durch die Gebete und die frommen Handlungen der auf Erden zuruͤck⸗ gebliebenen Angehoͤrigen zu erloͤſen ſind. Ich thäte ſo gern etwas, um meines Vaters Geiſt aus den Flammen des Fegfeuers zu erretten! Er war der Erſte, der ſich gegen Euch empoͤrte; das war eine ſchwere Suͤnde, und ich moͤgte bemuͤht ſeyn, dieſelbe durch den treueſten Dienſt in Eurer Sache abzubuͤßen.“ „Theuerſte Jungfrau,“ ſagte der Graf,„ſolche kindliche Froͤmmigkeit, ſolche Tugend, wie die Dei⸗ nige, muß allerdings Deines Vaters Miſſetha⸗ ten ſuͤhnen, und die Heiligen des Himmels, denen Du auf Erden gleichſt, werden fuͤrbitten bei unſerer heiligen Mutter und Sanct Petrus, daß Deinem Erzeuger ſich die Pforten des Pa⸗ radieſes aufthun. Denke daher nicht der Todten, ſondern der Lebendigen. Ich frage nochmals: willſt Du mich verlaſſen?“ „Nein, mein Gebieter,“ ſagte Anna,„ich will Euch nicht verlaſſen, will mich nicht zu Eurem rebelliſchen Volke wenden.“ Ein Strahl von Freude zuckte durch Ludwigs bleiches Angeſicht, und indem er Annens Hand zwiſchen ſeinen beiden Haͤnden druͤckte, fragte er ernſt und gewichtig:„Kannſt Du, o, kannſt Du vergeben?“ „So wahr Gott mir helfe,“ antwortete die Jungfrau, als ſie aufblickte und dieſe feierliche Zuſicherung gab;„ich vergebe Dir, ſo wie mir vergeben werden moͤge. Fahrt ſo fort gegen mich— ſeyd mein Vater und mein Fuͤrſt, und ich will Euch bis zum Tode als treue Untertha⸗ nin dienen.“ Anna hatte kaum dieſe Worte ausgeſprochen, nels, itten rus, Pa⸗ ten, als: „ich wigs and e er nnſt die liche egen und tha⸗ 23 als ein Rauſchen in den Blaͤttern, nahe der Stelle, an welcher ſie und der Graf ſich im Ge⸗ ſpraͤche befanden, hoͤrbar ward. Ludwig fuhr auf und zog unter dem aͤrmlichen Mantel, mit welchem er bekleidet war, einen Dolch, die ein⸗ zige Waffe, die er bei ſich fuͤhrte, hervor. Anna erblaßte, allein indem ſie bald ſich faßte, blickte ſie den Grafen an und legte den Zeigefinger an ihre Lippen, um ihn zum Schweigen zu er⸗ mahnen. Dann ſenkte ſie den Kopf und fluͤſterte ihm in's Ohr:„Zieht Euch hinter die Felſen zuruͤck, damit man Eurer nicht gewahr werde. Ich bin außer Gefahr. Ich will mich aufmachen und ſehen, was hier zu fuͤrchten ſteht. Bemerkt man Euch, ſo koͤnnte Alles verloren gehen. Ich bitt' Euch, Herr, begebt Euch hinter die Felſen, und laßt mich weiter ſorgen.“ Ludwig folgte der Weiſung. Anna zog ihren Mantel uͤber das Geſicht, nahm den kleinen Korb, in welchem ihre Speiſe war, unter den Arm, damit ſie deſto eher einer Baͤuerin gleichen moͤgte, und ſchritt dreiſt hinaus auf den Wald⸗ pfad. Abermals hoͤrte ſie ein Raſcheln in den Buͤſchen neben dem Wege. Anna ſtand ein Weilchen ſtill, das Raſcheln hoͤrte ſogleich auf. Durch dieſen Umſtand ward ſie uͤberzeugt, daß Jemand, wer es auch ſeyn moͤgte, ihre Schritte belauſchte. „Wenn es Einer waͤre, der dem Grafen nachſtellt?“ dachte Anna.„Vielleicht hat er Lud⸗ wig noch nicht geſehen. Iſt's ſo, ſo will ich trachten, die Schritte des Forſchers irre zu leiten, und einer andern Richtung nachgehen. Ich will am Wege Blumen pfluͤcken, damit ich voͤllig abſichtlos erſcheine.“ Als dieſe Gedanken durch Annens Seele zogen, ſchritt das Maͤdchen ge⸗ maͤchlich vorwaͤrts, indem ſie ihren Korb mit Blu⸗ men fuͤllte, die uͤppig ringsumher wuchſen. Immer noch ſchienen die Tritte des Lauſchers ihr zu folgen, ſo daß ihre Muthmaßung ſie nur noch mehr beunruhigte; dennoch beſchloß ſie, ſo unbe⸗ fangen und ſo leichten Herzens wie moͤglich zu ſcheinen, um den Laurer deſto eher zu taͤuſchen. So ſang ſie, indem ſie dahin ſchlenderte, ein Liedchen, wie die Toͤchter ihres Landes wohl zu thun pflegten. —— S 8 8 de er ir — 8 ein uf. itte ch ge⸗ lu⸗ mer zu och be⸗ zu hen. ein zu Kaum hatte Anna einige Toͤne getrillert, ſo ſturzte der verſteckt geweſene Lauſcher hervor, ſtellte ſich der Jungfrau in den Weg, und umſchlang ſie mit Innigkeit, indem er ausrief:„Gott ſey Dank, ſo biſt Du gerettet!“ Anna, die dem Haſtigen nicht hatte aus⸗ weichen koͤnnen, blickte auf, und erkannte Herrn Walter d'Anghien, deſſen Kleidung hoͤchſt unor⸗ dentlich und deſſen Geſicht blaß, jedoch voll des Ausdrucks inniger Freude und Liebe war. Einige Minuten lang blieb Anna ſtumm von Vergnuͤgen und Ueberraſchung, bis endlich die Worte:„Walter! Dank dem Himmel, der Dich erhielt! Wie kommſt Du hieher?“ ihren Lippen in ſolcher Bewegung entſchluͤpften, daß dieſelben kaum deutlich ausgeſprochen wurden.—„Ich will Dir Alles erzaͤhlen,“ ſagte Walter;„ich bin vor der Hand geborgen, aber wo iſt der Graf? Sicher war Jemand bei Dir, als ich Dich vorhin erblickte, ohne zu ahnen, daß Anna es waͤre, die unter den Aeſten der Baͤume ſtand.“ „Der Graf iſt in dieſem Walde,“ entgegnete Anna;„warum belauſchteſt Du uns, ohne ein Zeichen von Dir zu geben?“ „Ich zweifelte, ob Ihr es waͤret,“ verſetzte Walter,„und Du wirſt bald einſehen, daß ich hinreichende Urſache habe, einen gewiſſen Grad von Vorſicht anzuwenden. Wie entkamt Ihr aus Brugges?“ „Ich will Dir das Alles erzaͤhlen, waͤhrend wir zu dem Grafen gehen,“ ſagte Anna;„laß uns ihn augenblicklich aufſuchen.“ Waͤhrend ſie dies thaten, erzaͤhlte Anna ihm in Kuͤrze die Ergebniſſe des geſtrigen Abends, und wie ſie ſich aus Brugges fluͤchteten. Sie ſprach haſtig, und ihr ganzes Weſen ſchien von Entzuͤcken und Ueberraſchung, den Geliebten wohlbehalten vor ſich zu ſehen, erſchuttert zu ſeyn. Freude iſt wie Sorge die Erzeugerin heſtiger Bewegungen. Anna konnte ihre Empfindungen nicht verbergen, und doch wollte ſie in ſtand⸗ hafter Beobachtung ihrer Grundſaͤtze es ſich nicht geſtatten, eines Gegenſtandes zu erwaͤhnen, der ſich ſo innig mit ihrer gegenſeitigen Liebe ver⸗ wob; denn obwohl Ludwig ſein Betragen gegen ſie geändert hatte, ſo fehlte doch noch deſſen Zu⸗ tie ſtimmung zu den Anſpruͤchen ſeines Neffen. ich„Seh' ich Dich nochmals wieder, meine rad geliebte Anna?“ ſagte Walter.„Biſt Du hr nochmals mein? Meine Freude, mich Dir ſo nahe zu wiſſen, iſt ſo groß, daß ich aller Ge⸗ end fahren vergeſſen koͤnnte, von denen ich umringt laß bin; und doch, fuͤrchte ich, muß ich Dich nur allzubald verlaſſen, um ihnen entgegen zu gehen. hm Sage mir, ich bitte Dich, ehe wir zu dem ds, Grafen uns wenden, ob Du noch mein— noch Sie meine geliebte Anna biſt. Gewaͤhre mir Hoff⸗ on nung, daß ich Dich ſpaͤterhin als mein begehren ten darf, ſo werde ich leichteren Herzens und ent⸗ zu ſchloſſeneren Muthes den Stuͤrmen dieſer truben Zeit die Stirn bieten.“ ger„Herr Walter,“ verſetzte Anna mit einer gen Ernſthaftigkeit, die ſie bisher bei dieſem Zuſam⸗ nd⸗ mentreffen noch nicht hatte blicken laſſen,„hoͤrt icht auf, ich beſchwoͤr' Euch, von dieſem Gegenſtande der zu reden. Ich bin durch ein hochfeierliches Ge⸗ luͤbde verpflichtet, nimmer eher Eure Hoffnun⸗ gen zu ermuntern, als bis mir dazu die Ein⸗ willigung unſers Fuͤrſten ward.“ „Und hat er,“ fragte Herr Walter heftig, „noch immer gewagt, Dir dieſe Liebe zu unter⸗ ſagen? Hat er gewagt, in ſeiner unehrbaren Lei⸗ denſchaft zu beharren, und das nach all dem, was Du thateſt, um ihn zu retten?“ „Sey nicht ſo haſtig,“ ſagte Anna,„der Graf hat kein Wort zu mir geredet, das eines Maͤdchens Ohr nicht ohne Nachtheil ihrer Ehre haͤtte anhoͤren koͤnnen. Deiner iſt in meinem Geſpraͤche mit ihm durchaus nicht erwaͤhnt wor⸗ den. Aber jetzt iſt nicht die Zeit, ſich dergleichen Gefuͤhlen hinzugeben. Ein Geluͤbde bindet mich. Der Graf ſchwebt in unſaͤglicher Gefahr; laß uns auf Mittel ſinnen, ihn zu retten, und ſtel⸗ len wir das Uebrige der dunkeln Zukunft anheim, die unter goͤttlicher Fuͤrſehung eine ganz andere Geſtaltung haben moͤgte, als unſere Erwartun⸗ gen uns dieſelbe vorſpiegeln. Sorge iſt oft das Ende unſerer ſtrahlendſten Hoffnungen, wenn andererſeits nicht ſelten unſere Thraͤnen gleich ——„———— das 29 dem Morgenthau verzehrt werden, ſo wie das Tagsgeſtirn herauſſteigt.“ „Und kannſt Du ſo mir ausweichen?“ ſagte Walter.„Kannſt Du ſo mir die einzige Stuͤtze rauben, auf die ich mich zu lehnen habe, wenn ich durch die Gefahren und Bedraͤngniſſe dieſer Ergebniſſe hindurchwandern, wenn ich die Be⸗ kuͤmmerniſſe, die meiner warten, ertragen ſoll? O verſage mir nicht einen ſchwachen Strahl von Hoffnung; gewaͤhre mir eine kleine Zuſicherung treuer Liebe, eine einzige Erinnerung, die meiner Seele theuer iſt! Du ſchweigſt noch immer, und ich fuͤrchte, daß Gleichguͤltigkeit in Dir die Miene eines Entſchluſſes annimmt. Dies Schweigen iſt nicht Folge Deines Geluͤbdes, ſondern Dei⸗ nes Kaltſinnes.“ Anna blickte wehmuͤthig, als ſie dieſe Vor⸗ wuͤrfe hoͤrte, doch ſcheute ſie ſich, auf einen Gegenſtand einzugehen, durch welchen ihr Ge⸗ fuͤhl verrathen werden moͤgte. Sie hielt es fuͤr Pflicht, dies Gefuͤhl zu unterdruͤcken; und indem ſie ſanft in Walter's Antlitz ſchauete, waͤhrend ſie ihn zu der Stelle fuͤhrte, an welcher Lud⸗ wig ſich verborgen hielt, ſagte ſie nichts weiter, als:„Komm, laſſ' uns dieſe traurigen Gedan⸗ ken verſcheuchen. Laſſ uns unſer Hoffen kuͤnfti⸗ gen Gluͤckes dem Himmel vertrauen!“ Die Empfindungen wie die Hoffnungen eines Liebenden wenden ſich durch die geringſte Ver⸗ anlaſſung. Dieſe wenigen Worte wirkten maͤch⸗ tig auf Walter's Gemuͤth und verliehen demſel⸗ ben eine Art von Beruhigung; denn indem Anna ſich des Wortes„uns“ bediente, hatte ſie ihr Schickſal ja mit dem ſeinigen in Verbindung gedacht, hatte ihre Hoffnungen mit den ſeinigen zuſammenfließen laſſen.— Herr Walter war befriedigt. Dazu ließ Anna in ihrem Weſen eine Zaͤrtlichkeit durchblicken, welche noch, als ſie zu ſprechen aufgehoͤrt hatte, in Walter's Er⸗ innerung fortlebte. Von zweien Perſonen ge⸗ meinſam ſprechen, deutet gemeiniglich an, daß ſie im Verhaͤltniß der Gleichheit zu einander ſtehen; allein das Wort„uns“ auf den Lippen eines geliebten Gegenſtandes, durch welches dieſer Gegenſtand mit dem Liebenden als vereint er⸗ ſcheint, iſt dem Ohre ſo ſuͤße Muſik, wie die, ihr 31 welche durch gleichgeſtimmte Inſtrumente kunſt⸗ voll hervorgebracht wird. Ludwig hatte ſich in die Felsſchluchten zu⸗ ruͤckgezogen. Er gewahrte jetzt durch die Staͤmme der Baͤume, von denen er verdeckt ward, daß Anna in Begleitung einer dritten Perſon zu ihm zuruͤckkehrte. Er erkannte nicht gleich ſeinen Nef⸗ fen. Kaum aber bemerkte er, daß Walter es war, ſo durchdrang ihn ein Schauer der Ueber⸗ raſchung; es konnte kaum ein Schauer der Freude genannt werden, denn Anna lehnte ſich auf den Arm Walters, den ſie wirklich nicht eher losließ, als bis ſie den Felſen ganz nahe war. Ein un⸗ willkuͤhrlicher Seufzer entſtahl ſich des Grafen Buſen, allein der beſſere Vorſatz in ihm ließ ihn ſeine Empfindung unterdruͤcken, ſo daß er ſeinen Neffen mit jeglichem Zeichen von Wohl⸗ wollen empfing. Von Waltern erfuhr der Graf jetzt, daß Er⸗ ſterer bei van Artaveld keine Bedingniſſe, die Letzterer haͤtte eingehen koͤnnen, auszumitteln im Stande geweſen war. So hatte denn Walter die ihm gegebene Erlaubniß, Brugges augenblicklich, aber allein, zu verlaſſen, benutzt. Auch hatte Wal⸗ ter das Geruͤcht vernommen, der Graf waͤre mit einem Frauenzimmer aus dem Palaſte entflohen. In der Vorausſetzung, daß Anna dieſes Frauen⸗ zimmer war, und in der Hoffnung, einige Kunde von den Entflohenen zu erlangen, war er au⸗ ßerhalb Brugges ſo lange umhergewandert, bis er bemerkte, daß etliche Weißkappen ihn beobach⸗ teten; worauf er es fuͤr gerathener gehalten hatte, ſich in den Wald zuruͤckzuziehen. Hier hatte er zwei Perſonen erblickt, deren Geſichter verhuͤllt waren; er hoffte, Freunde in ihnen zu finden, wollte ſie jedoch erſt erforſchen, ehe er ſich ihnen anvertrauete. Aus dieſem Grunde war er Annen im Walde nachgeſchlichen, bis der Klang ihrer Stimme ihn verſicherte, wer ſie war. So trat er ihr in den Weg. Der Graf aͤußerte ſich zufrieden darüber, daß ein glucklicher Zufall ihm den Neffen zugefuͤhrt hatte. Sie hielten jetzt Rath, wie ſie es anzu⸗ ſtellen haͤtten, aus der gefaͤhrlichen Nachbarſchaft von Brugges zu entkommen. Sie wurden einig, eine Zeit lang im Walde zu ruhen, und gegen ihr lei al⸗ mit en⸗ nde au⸗ bis tte, er ullt en, rer ang daß hrt lzu⸗ haft nig, gen 33 Abend ihre Wanderung auf dem Wege nach Lille fortzuſetzen. Anna, erſchoͤpft durch die er⸗ littenen Anſtrengungen, genoß einiger Stunden Schlafs unter einem Felsvorſprung, waͤhrend Walter und deſſen Oheim das Maͤdchen bewach⸗ ten, und uͤber ihre eigenen Angelegenheiten ſpra⸗ chen. So verfloß der Vormittag, und um Mit⸗ tagszeit verzehrten die Fluͤchtlinge die ihnen uͤbrig⸗ gebliebenen ſpaͤrlichen Mundvorraͤthe und loͤſchten ihren Durſt aus dem Waldbache. Dann ſchick⸗ ten ſie ſich zum Weitergehen an. Keineswegs hatte waͤhrend dieſer Zwiſchen⸗ zeit Walter d'Anghien Vortheil aus ſeines Oheims truͤbſeliger Lage gezogen, und hinſichtlich ſeiner Bewerbung um Anna bei dem Grafen das Wort gefuͤhrt; er hoffte vielmehr, daß, wenn es ihm gluͤcken ſollte, den rechtmaͤßigen Landes⸗ herrn wieder zu ſeinen Rechten zu verhelfen, Ludwigs Großmuth nicht verfehlen wuͤrde, ihm Annens Hand gleichſam als Belohnung fuͤr ge⸗ leiſtete Dienſte zu geben. Auch Ludwig vermied es, den Gegenſtand in Anregung zu bringen. Seine Reue, ſein Entſchluß, kuͤnftighin aus Die Weißkappen III. 34 beſſeren Gruͤnden gegen Anna und ſeinen Neffen zu verfahren, waren durch die Gewalt jener heftigen Gemuͤthsbewegungen entſtanden, von welchen oft Menſchen in großer Bedraͤngniß er⸗ griffen werden; doch die Reue war zu jung, der Entſchluß zu peinlich, um bei dem Grafen ein demſelben entweder natuͤrliches, oder ſeinen Gefuͤhlen angenehmes, voͤllig uneigennuͤtziges Verfahren zu erzeugen. Fuͤr jetzt alſo genuͤgte es ihm, nichts Boͤſes zu wollen und ſich ſchwei⸗ gend zu verhalten. Die kleine Geſellſchaft wanderte bald durch den Wald. Etliche Stunden lang gingen ſie, ohne irgend eine Stoͤrung zu erfahren; allein erſchoͤpft von Anſtrengung, und nur wenig durch die genoſſene kleine Mahlzeit erfriſcht, ſuchten ſie einen Ruheplatz fuͤr die Nacht. Ueberdies wollte Anna, ehe ſie noch eine Stadt oder ein Dorf zu Geſichte bekamen, bei jedem Schritte vor Er⸗ mattung niederſinken. Walter, uͤber des Maͤd⸗ chens Zuſtand betruͤbt, bemerkte ein Pferd, das auf einem Raſenplatze vor eines Landmannes Huͤtte weidete, die hart am Wege ſtand, und on rch ſie, lein ch Ulte orf ad⸗ das nes und beſchloß, daſſelbe zu kaufen, um der jungen Rei⸗ ſegefaͤhrtin zu Huͤlfe zu kommen. Der alte Bauer willigte endlich darein, den Gaul fuͤr das Drei⸗ fache ſeines Werthes hinzugeben. Der Huͤtten⸗ bewohner, der ein ſchlauer Kerl zu ſeyn ſchien, betrachtete die Wanderer ſcharf. Sein Weſen erweckte Verdacht, und der ſeltſame Handel, von ſo aͤrmlich ſcheinenden Reiſenden geſchloſſen, die zufaͤllig an ſeiner Thuͤr voruͤber gingen, war allein ſchon hinreichend, ſeine Neugier zu erregen. Als die Wanderer von dannen ziehen wollten, ſagte der Alte:„Zuverlaͤſſig trefft Ihr auf dem Wege kein beſſeres Thier als das meinige, fuͤr wie ſchlecht Ihr daſſelbe auch halten moͤget; denn wenn es jetzt auch alt, etwas windbruͤchig und auf dem einen Auge blind iſt, ſo gab es, wie ich wohl ſagen mag, in dieſer ganzen Gegend kein beſſeres Pferd als dieſes, das zu fruh alterte. Doch wie geſagt, Ihr trefft weit umher keinen Gaul, der um ein Haar brauchbarer waͤre; denn die, ſo geſtern von Gent nach Lille zogen, ſahen aus, als ob nimmer Roß noch Reiter ſeit Ta⸗ gen gewußt haben, wie einem Geſaͤttigten zu 3* 36 Muthe iſt. Vielleicht kehren ſie in beſſerem Zu⸗ ſtande zuruͤck, als der war, in welchem ſie aus⸗ zogen; denn die Leute erzaͤhlen, daß die Hun⸗ gerleider von Gent geſtern Abend die fetten Buͤr⸗ ger von Brugges aufs Haupt ſchlugen.“ „Begab ſich denn geſtern Einer von den gen⸗ ter Buͤrgern nach Lille, ehe der Angriff auf Brugges gemacht ward?“ forſchte der Graf. „Nun ja doch, etliche Greiſe machten ſich auf den Weg,“ ſagte der Huͤttenbewohner,„denn ſie meynten, es moͤgte ſchlimm mit van Arta⸗ veld und ſeinen Leuten gehen; ſo machten ſie ſich denn auf, ſag' ich, nach Lille, um die Herzen einiger Mildgeſinnten in Lille zu bewegen, bei dem Grafen ein gutes Wort einzulegen, daß die von Gent vom Hungertode gerettet wuͤrden. Und wahrlich, ſie ſahen verhungert genug aus, ſahen eher Bettlern als Buͤrgern einer Stadt wie Gent aͤhnlich. Alle trugen einen weißen Hut; ſo alſo, wenn Ihr ihnen auf dem Wege begegnen ſoll⸗ tet, ſo nehmt Euch in Acht, falls Ihr von des Herrn Partei ſeyd, denn die Weißkappen, er⸗ zaͤhlt man, reißen das ſchoͤnſte Barett herunter, ———— „en(——„— —— 37 es mag purpurn oder ſcharlachfarbig ſeyn, das jemals auf dem Kopfe eines Hofdieners prangte.“ Die Reiſenden ſagten dem Alten Lebewohl, ſetzten Anna auf das Pferd, welches Herr Wal⸗ ter am Halfter fuͤhrte, denn an Zaum und Ge⸗ biß war hier nicht zu denken, und ſetzten ihre Reiſe ſo lange fort, bis das Zwielicht ſie an⸗ mahnte, ein Unterkommen fuͤr die Nacht zu ſuchen. Es war jetzt um die Stunde, wo Gegen⸗ ſtaͤnde in der Landſchaft ſich nur als in einander fließende Maſſen, oder durch allgemeinen Um⸗ riß wahrnehmen laſſen, wo alle Farbenmannich⸗ faltigkeit einen gemeinſamen Anſtrich des Dun⸗ kelns annimmt, wo Stille und Schweigen dem Geraͤuſche des Tages folgen. Unſere Fluͤchtlinge hielten an und uͤberlegten, wie ſie es anzuſtellen haͤtten, um zu Erfriſchung und Ruhe zu gelan⸗ gen. In geringer Entfernung gewahrten ſie ein Haus, durch deſſen Fenſter mehrere Lichter ſchie⸗ nen, die ihren Strahl weit hin uͤber eine dem flaͤmiſchen Lande ſo eigenthuͤmliche Ebene warfen. 38 „Ei,“ ſagte der Graf,„das Haus ſollt' ich kennen. Es muß eine kleine Herberge auf dem geraden Wege zwiſchen Brugges und Lille ſeyn. Die Schenke iſt zu duͤrftig, als daß ſie haͤufig beſucht wuͤrde, und verkleidet, wie ich bin, meyn' ich unerkannt dort einſprechen zu koͤnnen. Wenn wir daſelbſt Unterkommen ſuchen, wird man uns fuͤr arme Fußreiſende halten. Zieh Deine Kappe weit uͤber die Stirn, Walter, ſo wie ich, und wir wollen es wagen, einige Stunden Ruhe in jener Herberge zu ſuchen. Mit Tagesanbruch ſetzen wir dann unſern Weg fort.“ Alle willigten in den Vorſchlag und erreich⸗ ten bald das Thor der Herberge. Hurtig er⸗ ſchien der Wirth, obwohl er ſchon ein betagter Mann war, und aus ſeiner Behendigkeit und ſeiner Sprechweiſe ergab ſich, daß er eher ein Franzoſe als ein Niederlaͤnder war. Bereitwillig nahm er die Gaͤſte fuͤr die Nacht auf. In ſei⸗ nen Reden lag eine Hoͤflichkeit, die ſchon in jenen Zeiten der Nation eigen war, aus der er ſtammte, und die Alles, was niederlaͤndiſche feine Sitte genannt werden mogte, weit hinter ſich ließ. — — cS. ————.—„„ *7 — — Als die Wanderer naͤher traten, um ſich in das einzige Gemach des Hauſes, das neben der Kuͤche lag, fuͤhren zu laſſen, bemerkten ſie in eben dieſer Kuͤche zwei Maͤnner und ein Frauen⸗ zimmer, die an einem runden Tiſche ſaßen, und auf dem Kopfe das Symbol ihrer Partei— den wohlbekannten weißen Kremphut— trugen. Anna ſchauderte, und der Graf fuͤhlte ſich kei⸗ neswegs leicht, ſich in der Naͤhe ſeiner Feinde zu wiſſen, zumal da ihm der Gedanke aufſteigen mußte, ob er deren hier nicht noch mehrere zu furchten haͤtte, indem leicht in der Umgegend mehrere derſelben lauern koͤnnten. Allein zum Ruͤckzuge war es jetzt zu ſpät, nur Verdacht wuͤrde dadurch erregt worden ſeyn. Schweigend gingen die Wanderer in das ihnen angewieſene Gemach, das uͤberaus elend war und deutliches Zeugniß davon ablegte, wie keine ſaubere flaͤmi⸗ ſche Magd hier den Haushalt beſorgte. Alles umher zeugte von Nachlaͤſſigkeit; jeglicher Gegen⸗ ſtand im Gemache war ſtaubbedeckt; die Thuͤr war in rettloſem Zuſtande, und ein elendes Bett ſtand in einem kleinen Verſchlage, der nur theil⸗ 140 weiſe durch einen zerriſſenen Vorhang verhuͤllt ward, welcher von einer Seite zur andern gezo⸗ gen werden konnte. Die Wanderer ſetzten ſich hier, waͤhrend der Wirth eine Lampe auf den Tiſch ſtellte und die kurze Weiſung empfing, diejenigen Erfriſchungen herbei zu ſchaffen, die ſein Haus zu bieten vermoͤgte. Walter gab ihm dabei zu verſtehen, daß ſie fruhzeitig wieder fort muͤßten, weil ihre Geſchafte ihnen keine Zoge⸗ rung geſtatteten. Es haͤlt fuͤr Perſonen von hoͤherem Stande und beſſerer Erziehung eben ſo ſchwer, ihren Ton und ihr Weſen zu verbergen, als für den gemeinen Mann, das Betragen ſeines Vorge⸗ ſetzten anzunehmen. Walter's Mantel war ein⸗ fach und ſeine Kleidung uͤberhaupt unordentlich, und Anna und der Graf waren ſorglich ſo ge⸗ kleidet, daß ſie ihren wirklichen Stand haͤtten verbergen koͤnnen. Allein nichts von gemeiner Erziehung war an ihnen zu ſpuͤren, und der franzoͤſiſche Wirth, ein lebhafter alter Mann, gewohnt, taͤglich Leute von baͤuriſchem Weſen zu ſehen und plumpen Dialekt, oder die Sprache — 41 ſelbſtgefaͤlliger, wohlhabender Haͤndler ſprechen zu hoͤren, argwohnte bald, daß ſeine Gaͤſte nicht Das waren, was ſie zu ſeyn ſchienen. Doch beab⸗ ſichtigte er nicht, ſeinen Argwohn gegen irgend einen Andern als gegen die Reiſenden ſelbſt mer⸗ ken zu laſſen, und er that dies mehr durch ſein Weſen, als durch ſeine Worte, denn er behan⸗ delte ſie mit der groͤßten Hochachtung und Auf⸗ merkſamkeit. Der Tiſch war nun gedeckt, und es ward eine Flaſche Wein von beſſerer Sorte aufgetra⸗ gen, als eine ſo aͤrmliche Herberge dem An⸗ ſcheine nach zu liefern vermogte. Walter d'Anghien bat, daß fuͤr Anna eine abgeſonderte Kammer moͤgte eingerichtet werden, waͤhrend er erklaͤrte, er wolle mit ſeinem Gefaͤhrten die Nacht in demjenigen Gemache zubringen, in welchem man ſich jetzt befand. Der Wirth bedauerte, nur eine einzige aͤrmliche Kammer zu haben, doch wollte er die Jungfer gern in dieſelbe fuͤhren, ſobald es ihr belieben wuͤrde, denn es war Niemand, die Gaͤſte zu bedienen, im Hauſe, außer ihm; indem er in ſeiner eigenen Per⸗ 42 ſon Wirth und Wirthin, Knecht und vereinigte. Anna druͤckte ihre Bereitwilligkeit aus, viſh ſo bald wie moͤglich zuruͤckzuziehen, und indem ſie ihren Gefaͤhrten eine gute Nacht wuͤnſchte, folgte ſie dem Wirthe, der mit einer fuͤr ſie zu⸗ gerichteten Lampe voranſchritt, um ſie in ihre Kammer zu zeigen. Um dahin zu gelangen, mußte man durch die Kuͤche gehen. Dies war ein boͤſer Umſtand, denn Anna fuͤrchtete, von den dort ſitzenden Weißkappen, die gar wohl zur Schaar Peter du Bois gehoͤren konnten, erkannt zu werden. Allein da gab's keinen Aus⸗ weg; und indem Anna ihren Mantel feſt um ihr Geſicht zog, ging ſie hurtig durch die Kuͤche, wobei ſie nicht wagte, auf die gefaͤhrlichen Frem⸗ den zu blicken. Allein wie groß war ihr Ent⸗ ſetzen, als ſie die Treppe zur Kammer hinan⸗ ſtieg, die kreiſchende Stimme Urſula's zu verneh⸗ men, die, wie es ſchien, in heftigem Wortwechſel mit den beiden Weißkappen war.„Ich ſage Euch,“ ſprach die gottloſe Hexe in ihrem ge⸗ woͤhnlichen geheimnißvollen Tone—„Ich ſage 43 Euch, daß des Stolzes und Uebermuthes letzte Stunde zur Hand iſt, denn Loͤw' und Loͤwin ſollen ein karmoſinfarbenes Kiſſen zu ihrem Todtenlager vorfinden.“ Zweites C apitel. Kaum hatte Anna ſich in die ihr angewieſene Kammer begeben, ſo kehrte der Wirth zu deren Reiſegefaͤhrten zuruͤck. Erſt blickte er vorſichtig umher, verriegelte dann die Thuͤr, ſo gut der zerruͤttete Zuſtand derſelben es geſtatten wollte, und ſprach zum Grafen gewendet, in einem ern⸗ ſten, ehrerbietigen und ausdrucksvollen Tone: „Ich bin ein Franzoſe, und obwohl die Noth mich zu meinem dermaligen Geſchaͤfte her⸗ abbrachte, ſo ward ich doch zu beſſerem Geſchicke geboren. Ich lebe zwar in Flandern, aber ich bin kein Genoß der Weißkappen, ſo wie kein Feind des Grafen, wiewohl ich zu meiner eig⸗ nen Sicherheit den Widerſachern deſſelben meine Thuͤr oͤffnen muß.“ ₰ — 6 3 69 li Hier blickte der Wirth wieder umher, trat dann naͤher und warf ſich zu den Fuͤßen Lud⸗ wig de Male's, indem er weiter ſprach:„Ver⸗ gebt mir, hoher Herr; aber hier iſt kein Ort der Sicherheit fuͤr Euch. Ich weiß, Ihr ſeyd der verfolgte Graf von Flandern, und dieſer edle Juͤngling, der Euch begleitet, iſt, wenn ich nicht irre, Herr Walter d'Anghien. Ich habe Euch oft an meiner Thuͤr voruͤberreiten ſehen, wenn Ihr in beſſeren Tagen, als wir jetzt haben, gen Lille zogt, oder dorther kamt. Ich beſchwoͤre Euch alſo, verachtet nicht den Rath eines ſo armen Mannes, wie ich bin. Auch bin ich alt, und die Zunge des Betagten kann bisweilen da Dienſte thun, wo es ihm an Koͤrperkraͤften ge⸗ bricht. Herr, ſo Ihr meinen Rath annehmen wollt, koͤnnte ich Euch wohl vor aller Gefahr retten und Euch außer dem Bereich Eurer Feinde bringen.“ „Steht auf,“ ſagte der Graf,„ſteht auf, ehr⸗ licher Alter. Ich bin wirklich der ungluͤckliche Fuͤrſt dieſes zerruͤtteten Landes. Ich will Euern Rath vernehmen, und ſo er mir, wie Ihr ſagt, 46 wirklich nuͤtzen kann, will ich mich nicht undank⸗ bar fuͤr denſelben beweiſen.“ „Ihr muͤßt ſo ſchnell wie moͤglich von hier fort,“ fiel der Wirth ein.„Die Maͤnner, die Ihr draußen ſahet, ſind zwei der verwegenſten Weißkappen. Aus ihrer Unterredung nahm ich ab, daß ſie noch mehrere von ihrer Partei zu morgen fruͤh, wenn nicht noch in dieſer Nacht, hier erwarten. So fordert Eure Sicherheit, daß Ihr entflieht, und zwar noch ehe das Licht des Tages Euch erkannt werden laͤßt. Ihr habt nur Ein Pferd und ſeyd Eurer Drei. Wenn nun Herr Walter d'Anghien thun will, wie ich ihm Anleitung geben werde, ſo koͤnntet Ihr, ehe zwei Stunden vergehen, drei hurtige Gaͤule bekommen, wenn Ihr nur ohne Gegenrede ſo viel dafuͤr zahlt, als man fordert. Habt Ihr keine Geld⸗ mittel dazu, ſo will ich fuͤr Euch bis zu ſpaͤte⸗ rer Zeit gut ſagen.“ Herr Walter ergriff dieſen Vorſchlag mit Freuden und drang in den Wirth, keine Zeit zu verlieren, ihm den Ort zu bezeichnen, wo die Pferde zu bekommen ſeyn wuͤrden. ——— „ Zeiten ihre Beute a Kriege machten. „Ich will Euch ihn bezeichnen,“ ſagte der Alte,„obwohl ich das Haus nicht verlaſſen darf, um mit Euch zu gehen; doch iſt der Weg leicht zu finden. Ein halb Stuͤndchen von hier wohnt mir ein Vetter, der in dieſen Zeiten ſich geſchaͤf⸗ tig wies und ſeinen kleinen Geldvorrath dadurch haͤufte, daß er den Weißkappen zu verſchiedenen handelte, die ſie in ihrem So kam er auch zu drei ſtatt⸗ lichen Pferden, die eben ſo vielen Rittern gehoͤr⸗ ten, welche bei Oudenaarde getoͤdtet wurden. Mein Vetter gibt die Gaͤule gern zu gutem Preiſe weg. Habt Ihr Geld, ſie zu bezahlen?“ „Ich habe,“ ſagte der Graf.„Hier, Wal⸗ ter, nimm meine Boͤrſe und verliere keinen Au⸗ genblick, ſo zu thun, wie dieſer ehrliche Mann es uns anraͤth.“ „So geht,“ fuhr der Wirth zu Herrn Wal⸗ ter gewendet fort,„und haltet Euch raden Straße, die nach Lille fuͤhrt; halben Stuͤndchen trefft Ihr links das erſte auf dem Wege, und dort Vetter. Sagt ihm, daß ich Euch ſchickte, indem auf der ge⸗ nach einem ein Haus, wohnt mein 48 ich wußte, daß er Euch mit dreien Pferden ver⸗ ſorgen kann, und daß ich Euch, um Zeit zu gewinnen, gerathen haͤtte, den Handel ſogleich abzuſchließen. Folgt mir— ich muß Euch hin⸗ auslaſſen; aber ſprecht nicht, ja ſeht nicht ein⸗ mal die Leute an, die in der Kuͤche ſitzen. In weniger als zwei Stunden koͤnnt Ihr mit den Pferden zuruͤck ſeyn und Euch dann mit unſerm gnaͤdigen Herrn und der Dame, die ſich zur Ruhe legte, auf den Weg machen; ſo hoffe ich, daß Ihr, ehe der Tag grauet, in Sicherheit, fern von dieſem Orte der Gefahr ſeyn werdet; und dann, edler Graf, gedenkt des alten Mannes, der Euch ſolchen Dienſt leiſtete.“ „Gott gebe, daß uns die Flucht gelinge!“ ent⸗ gegnete der Graf;„und ich werde gewiß daran denken, Euch zu belohnen.“ „Gehabt Euch wohl, edler Herr,“ ſagte Herr Walter;„ich werde ſo ſehr wie moͤglich eilen, und hoffe, der Himmel, der uns ſo unerwartete Mittel zur Flucht zeigt, wird uns zur Ausfuh⸗ rung derſelben behuͤlflich ſeyn. Voran, ehrlicher Mann; ich will mein Barett uͤber die Stirn — 8S — M 8 49 ziehen, damit die Rebellen dort in der Kuͤche mich nicht erkennen.“ Herr Walter war fort, und der Wirth in der Kuͤche beſchaͤftigt, die Weißkappen mit fri⸗ ſchem geforderten Weinvorrathe zu verſehen; der Graf aber, in der Hoffnung, einiger Ruhe ge⸗ nießen zu koͤnnen, ehe er ſeine Reiſe fortſetzen muͤßte, warf ſich auf ein Lager, das in dem Ge⸗ mache, in welchem er gegeſſen hatte, befindlich war. Eine Zeit lang weilten ſeine Gedanken mit Beſorgniß bei dem klaͤglichen Zuſtande, in welchem er ſich befand, dann verſank er geiſtes⸗ und koͤrpermuͤde in veſten Schlaf. Wir muͤſſen uns jetzt fuͤr ein Weilchen zu Anna Lyon wenden. Als ſie durch die Kuͤche gegangen war, ſtand ſie am Fuße der Kammer⸗ treppe einen Augenblick ſtill, um einen haſtigen Blick auf die Gruppe der fuͤrchterlichen Weiß⸗ kappen zu werfen. Eine Lampe auf dem Tiſche, um welchen dieſelben ſaßen, erhellte hinlaͤnglich die Geſichter. Einer der Maͤnner wies ſich be⸗ ſonders plump und roh in ſeinem Weſen, und Anna hielt ihn fuͤr den Metzger Horkop aus Die Weißkappen III. 4 Gent; in dem Andern erkannte ſie Arnold le Clerc, den Schaͤndlichen, der ſie aus dem Hauſe des Herrn van Bet weglockte; eben denſelben, dem es gluͤckte, Walter'n in der Abtei unweit Brugges zu entfliehen. Betroffen, ſich dieſem Boͤſewicht ſo nahe zu wiſſen, konnte ſie nicht noch ein zweites Mal hinblicken, ſondern eilte die Stufen hinab, ging in die Kammer, riegelte hinter ſich zu und beſchloß, die Nacht ſorglich wachend hinzubringen. Kehren wir zu der Gruppe in der Kuͤche zuruͤck. Indem Horkop und Arnold le Clerc Wein ſchlurften, ſtand Urſula, die beruͤchtigte Zauberſchweſter, auf ihren Stab gelehnt vor ihnen und ſprach mit ihrem gewohnten Nachdrucke. Der Wirth war hinausgegangen, um ſich ander⸗ weitig zu beſchaͤftigen, und Walters Ankunft mit den Pferden zu beobachten. „Ich ſollt's meynen,“ ſagte Horkop, der der Herxe zugehoͤrt hatte,„daß wir vorige Nacht den fetten Kaͤlbern von Brugges einen tuͤchtigen Hieb verſetzten, und es kaum noͤthig iſt, ſo zu eilen, um unſern Freunden zu Courtrai Kunde —+.+— he rc te en ke. er⸗ nft der cht zen de davon zu uͤberbringen. Was mich anlangt, ſo waͤr' ich lieber ruhig in der bezwungenen Stadt geblieben, um den guten Wein der quabbligen Buͤrger auszuſchmecken, als daß ich ſo wie ein Spuͤrhund ausgeſchickt werde, um nach Feinden herum zu lugen, die wir nicht finden werden, und um Nachrichten zu uͤberbringen, die ſich von ſelbſt zu verbreiten wiſſen. Aber Peter du Bois ruhet nimmer. Er iſt wie ein Heerden⸗ hund, der raſtlos klaͤfft und Keinen in Ruhe laßt, damit ja kein Wolf der Huͤrde zu nahe komme, wenn gleich zehn Hunde gegen Einen Wolf da ſind, um dieſem die Gurgel abzubei⸗ ßen, ſo wie er ſich nah't.“ „Peter du Bois that wohl,“ ſagte Urſula. „Er befolgte nur meinen Rath, indem er Euch als Boten nach Courtrai ſchickte. Und ich ging in noch beſſerer Abſicht ſo weit mit Euch. Mor⸗ gen kehre ich nach Tournai zuruͤck. Ich muß jetzt mit Euch allein Rath halten, Arnold le Clerc; erſt jedoch ein Wort zu Eurem Gefaͤhrten, alſo hoͤrt mich an.“ Horkop war augenblicklich eitel Aufmerkſam⸗ 4 keit und Gehorſam. Er blickte auf die Hexe wie ein Sclav auf ſeinen Herrn, deſſen Peitſche ge⸗ ſchwungen iſt, ihm den Ruͤcken zu ſtreichen; der gehorcht, weil er fuͤrchtet, und ſeinen Be⸗ druͤcker haßt, waͤhrend er ihm gehorcht. Urſula wollte wieder laut reden, als ſie durch ein lau⸗ tes Klopfen von außen unterbrochen ward. Der Wirth hoͤrte den Ruf und eilte, demſelben zu be⸗ gegnen. Nach kurzer Friſt fuͤhrte er fuͤnf oder ſechs aͤltliche Maͤnner herein, die jeder einen weißen Kremphut trugen. Sie ſchienen auf einer Reiſe begriffen zu ſeyn und Halt gemacht zu haben, um ein Nachtquartier zu finden. Als Urſula die Eintretenden erblickte, hielt ſie mit Reden an ſich, blickte ihre Gefaͤhrten ſcharf an, und druͤckte ihren duͤrren Finger, zum Zeichen, daß ſie ſchweigen ſollten, an ihre Lippen. „Nichts da, Mutter,“ ſagte Arnold le Clerc, „ſprecht rein heraus, denn Jene dort tragen wie wir den weißen Kremphut.“ Die Hexe winkte nochmals Schweigen, und einer von den Juͤngſtangekommenen erwiederte +—„ c— —„„N— — auf einen ihm vom Wirthe gemachten Einwurf: „Laßt Euch das nicht beunruhigen, Meiſter Wirth. Kein Gemach, ſagt Ihr? Alles beſetzt? Ich aber ſage Euch, daß, wer die Gaͤſte darin auch ſeyn moͤgen, ſie Platz machen muͤſſen, in⸗ dem wir, die wir eben angelangt ſind, die Per⸗ ſonen gewiſſer ehrſamer Buͤrger von Gent zeigen, die von Lille zuruͤckkehren, wo wir eine Botſchaft von Wichtigkeit auszurichten hatten; und daß ich, der ich eine Kammer fordere, kein Gerin⸗ gerer bin, als einer von den Haupttraͤgern und Amtsdienern jener ehrenwerthen Stadt Gent; ich, Herr Simon van Bet, Ritter, Oberaͤlteſter der Goldſchmiedezunft und——“ „Und ein Verraͤther, und ein Narr obendrein!“ rief Arnold le Clerc, indem er die Stimme er⸗ hob und ſich zu dem Sprecher wendete.„Lebſt Du noch, alter Feigling? Ich daͤchte, daß Deine Speckſeiten laͤngſt ein Schmaus der Wuͤrmer waͤren.“ „Das wuͤrden ſie ſeyn, Meiſter Arnold le Clerc,“ antwortete Herr Simon, welcher erbleichte, als er ſo unerwartet mit ſeinem alten Feinde zuſammentraf—„das wuͤrden ſie ſeyn, wenn Dein ſchaͤndlicher Verſuch, mich zu toͤdten, ge⸗ lungen waͤre. Jedoch ich ward gerettet, und bin kein Verraͤther, ſondern kann entzuckt ſeyn, zu ſehen, wie meine liebe Stadt Gent von der Hungers⸗ noth erloͤſet wird, wenn gleich auf Koſten Derer zu Brugges. Auch bin ich kein Narr; denn ich habe auf den Fall, daß van Artaveld's Plan mißlaͤnge, eine Geſandtſchaft in Vorſchlag ge⸗ bracht und bewerkſtelligt, die Philipps Kopf, und vielleicht auch den Deinigen gerettet haͤtte. Eben ſo wenig bin ich ein Feigling, denn ich werde mein Leben gegen Euch, Arnold le Clerc, zu vertheidigen wiſſen, ſo es Euch geluͤſten ſollte, einen zweiten Angriff gegen daſſelbe zu wagen. Ich bin ein bewaffneter Mann, und ein ehrli⸗ cher Mann obendrein, der ſo ziemlich darauf eingerichtet iſt, es mit einem Schurken aufzu⸗ nehmen.“ „Das wird nicht vonnoͤthen ſeyn,“ verſetzte Arnold le Clerc,„unſere Partei hat jetzt die Oberhand, und ein Haͤuptling der Weißkappen mag ſonder Furcht thun, was ihm beliebt, und d t 1 te ie 55 dabei ſolche Burſche, wie Ihr ſeyd, Luft einſau⸗ gen und ſich aufblaͤhen laſſen, ohne daß man darauf Ruͤckſicht nimmt. Ich bin jetzt in keinem Zorne gegen Euch, und Ihr moͤgt leben, um Euch haͤngen zu laſſen, ſobald es Euch beliebt; denn mich ſoll's nicht kuͤmmern.“ Herrn Simons Grimm ward allerdings bei dieſer Rede noch hoͤher aufgeregt, doch wollte er ſich nicht in ferneren Zwiſt mit ſeinem Gegner einlaſſen. Wirklich fuhlte er bei dem bloßen An⸗ blick Arnolds ſeine kaum geheilte Wunde von neuem brennen, und verlangte abermals von dem Wirthe eine von der Kuͤche entfernt liegende Kammer. „Ich habe nur Eine Kammer,“ verſetzte der Alte,„und die hat bereits ein Reiſender inne.“ „Nun dann,“ entgegnete Herr van Bet, „ſo mag er dieſelbe mit mir theilen, denn es wird wohl Raum fuͤr uns Beide darin ſeyn, und ich trage kein Verlangen, hier in Geſell⸗ ſchaft des Meiſter Arnold le Clerc und der Dame da auf dem Schemel zu bleiben. Die Uebrigen von uns moͤgen, da fuͤr ſie im Hauſe kein Unter⸗ kommen iſt, Platz und etliche Buͤndel ſauberes Stroh in der Scheune finden, um ihrer Nacht⸗ ruhe pflegen zu koͤnnen. Mir aber, als dem 1 Haupte einer nach Lille abgeordneten Geſandt⸗ ſchaft, kann kein Strohlager behagen und gezie⸗ men. So alſo, ehrlicher Wirth, oͤffnet mir die Kammer, ſo werde ich den Reiſenden, der darin iſt, hoͤflich bitten, mir Zutritt zu geſtatten.“ Als Herr Simon der Kammer zu ſchritt, in welcher Ludwig de Male ſich befand, fuhr Ur⸗ ſula auf, erhob den Stab, den ſie in ihrer Hand hielt, und rief mit fuͤrchterlich kreiſchender Stimme: „Nimmermehr! kein Menſch, der zu den Weiß⸗ kappen gehoͤrt, geht in jene Kammer; denn ſo er es thut, wird mein Fluch auf ſein Haupt fallen.“ Die Buͤrger im Geleite des Herrn van Bet, die dieſem bis zum Ausgange gefolgt waren, fuhren bei dieſen Worten der Hepe zuruͤck, denn 1⁴ Urſula's Macht ward ſelbſt von den Kuͤhnſten unter den Weißkappen nicht bezweifelt. Auf du 1 Bois Geheiß wirkte ſie liſtig auf die Gemuͤther des Volkes, und indem ſie, wie jene umnach⸗ tete Zeit es mit ſich brachte, durch ihre vermeynt⸗ lichen Zauberkraͤfte der Leichtglaͤubigkeit der Menge Nahrung gab, erlangte ſie ein unſaͤgliches Ueber⸗ gewicht, nicht nur uͤber die niederen, ſondern ſelbſt uͤber die hoͤheren Staͤnde unter den Buͤr⸗ gern von Gent. So kann man wohl von ihr ſagen, daß ſie allgemein gefuͤrchtet ward und unbedingten Gehorſam fand. Horkop blickte ſtutzig auf, als er Urſula's Einrede vernahm, und Arnold le Clerc wollte ſchon die Alte nach ihren Gruͤnden dazu fragen, als dieſe ſich zu ihm beugte, und ihm einige Worte in's Ohr fluͤſterte. Sofort zog Arnold mit einer Miene des Erſtaunens ſeinen Dolch und ſtellte ſich vor die Thuͤr der Kammer.„Ur⸗ ſula,“ ſagte er,„erklaͤrt mir, daß Keiner, der den weißen Kremphut traͤgt, lebendig zu dieſem Gemache dringen ſoll. Zieht Euch alſo zuruͤck, Ihr Buͤrger, und ſeht zu, daß Ihr dem Willen der Maͤchtigen nicht zuwider handelt, denn mehr ihrem Zauber, als unſeren Waffen verdanken wir den Sieg der vorigen Nacht— ohne jenen Zau⸗ ber haͤtten fuͤnftauſend Mann nimmer die Stadt Brugges bezwungen.“ 58 Der wuͤrdige Goldſchmied gab ſich erſtaunt, ſeine Begleiter wieſen ſich beunruhigt; jedoch wagten ſie nicht, dem Willen Urſula's zu wider⸗ ſtreben. Es ward jetzt ausgemacht, daß Herr van Bet das Gemach haben ſollte, das unter dem Dache fuͤr Arnold le Clerc beſtimmt gewe⸗ ſen war. Arnold ſelbſt hatte ihm daſſelbe ange⸗ boten; welcher Umſtand dem ehrlichen Simon hoͤchlich auffiel, indem dieſer jeglicher Hoͤflichkeit von Seiten Arnolds mißtraute. Indeſſen ließ der kleine Buͤrgermeiſter dieſen ſeinen Argwohn nicht laut werden, beſchloß jedoch, wach zu blei⸗ ben, denn er konnte nicht umhin, hinter Urſu⸗ la's heimlichem Weſen und deren Verbote, die Kammer zu betreten, in der ein unbekannter Reiſender wohnte, Boͤſes zu vermuthen, zumal da das Gefluͤſter der Hexe eine ſo auffallende Wirkung bei Arnold le Clerc hervorgebracht hatte. Man war dahin uͤbereingekommen, daß Si⸗ mon's Begleiter, aus Mangel an Raum inner⸗ halb des Hauſes, ein Strohlager auf reinem Stroh in der Scheune finden ſollten; und ob⸗ —„—— 59 wohl Herr van Bet an der Scheune keinen Gefallen fand, ſo hielt er es doch fur rathſam, lieber bei ſeinen Geleitmaͤnnern, als in einem Hauſe zu bleiben, in welchem ſeine Geſellſchafter aus nicht weniger als aus einem Metzger, einem Gurgelabſchneider und einer Hexe beſtanden. Obwohl nun Herr van Bet weder ein be⸗ ſonders kuͤhner noch unvorſichtiger Mann war, ſo vermogte er doch nicht, es ſich zu ſagen, warum er einen Widerwillen fuͤhlte, das Haus zu ver⸗ laſſen; mindeſtens war er uͤberaus begierig, zu wiſſen, wer der Reiſende wäre. Er ſehnte ſich danach, einen Blick in die verbotene Kammer zu thun, denn Urſula's Fluch wuͤrde auf ihn keinen Eindruck weiter gemacht haben, wenn nicht ein ſo verzweifelt gefaͤhrlicher Geſell wie Arnold le Clerc war, der Hexe zum Beiſtand gedient hätte. Er beobachtete die beiden Eben⸗ genannten auf das ſchaͤrfſte, waͤhrend ſeine Be⸗ gleiter vor Schlafengehen noch einen Trunk Wein zu ſich nahmen, und bemerkte gar wohl, wie die Hexe nach der Kammerthuͤr hinſchielte und ge⸗ heime Winke an Arnold le Clerc richtete. Auch hatte Herr Simon Gelegenheit wahr⸗ genommen und leiſe Zwieſprach mit dem Wirth gepflogen, der ihm erzaͤhlte, wie der Reiſende ſich zur Ruhe begab, wie deſſen Gefaͤhrte fuͤr eine kurze Zeit abweſend waͤre, und wie das huͤbſche Maͤdchen, das mit jenen Beiden zöge, in einer Kammer oberhalb der Kuͤche ſchliefe. Die Worte„huͤbſches Maͤdchen“ hatten die ab⸗ ſonderliche Wirkung, daß ſie die Theilnahme des Herrn Simon an der Wohlfahrt der Rei⸗ ſenden, fuͤr die er wider ſeinen Willen von den Raͤnken Urſula's und deren Genoſſen fuͤrchtete, nur noch lebhafter rege machten. Allein es war jetzt Zeit, ſich in die Scheune zuruͤckzuziehen, und obgleich Herr Simon zoͤgerte, ſo lange er konnte, ſo bezwang doch die Furcht ſeine Gut⸗ herzigkeit in ſo fern, daß er ſich endlich erhob, um ſeinen Begleitern zu dem Nachtlager zu fol⸗ gen. Der Wirth zeigte den Weg, und Herr Simon, der noch immer beſorgt war, Denen, die er in Gefahr fuͤrchtete, dienſtlich zu ſeyn, drang in den Wirth, den Begleiter des Reiſen⸗ den aufzuſuchen und denſelben ſo ſchnell wie ——„—— ——— möglich zur Herberge zuruͤckzubringen. Der Wirth, der beſſer wußte, als Herr Simon irgend muth⸗ maßen konnte, wer der Reiſende und die Ge⸗ fahr, in der dieſer wirklich ſchwebte, eigentlich waren, folgte herzlich gern der Aufforderung van Bet's, verließ ſein Haus und ſuchte Herrn Walter d'Anghien auf, um dieſen von dem zu benachrichtigen, was waͤhrend deſſen Abweſenheit vorgefallen war, und ihn ſammt den Pferden heimzufuͤhren. Kaum hatten Simon, deſſen Begleiter und der Wirth ihren Weg zur Scheune genommen, ſo befahl Urſula dem Arnold, ihr zu folgen, nach⸗ dem Horkop von ihr die Weiſung erhalten hatte, keinen Menſchen in die Kammer zu laſſen, in welcher der Reiſende ſchlief. Dann oͤffnete die Hexe die Hausthuͤr und ging in Begleitung Arnold le Clerc's von dannen. Die kleine Herberge, in welcher der eben er⸗ zaͤhlte außerordentliche Auſtritt ſtatt gefunden hatte, war eine armſelige Wohnung, innerhalb der Mauern eines verfallenen, vormaligen hei⸗ ligen Gebaͤudes, das durch einen Angriff flam⸗ — laͤndiſcher Rebellen, zur Zeit Jacobs van Arta⸗ veld, des Vaters unſers Philipps, vom Feuer zerſtoͤrt worden war. Viel Getruͤmmer und Mauerwerk, ja ſogar etliche Gemaͤcher des Kloſters waren noch vor⸗ handen, jedoch in uͤberaus verfallenem Zuſtande. Ein Theil dieſes alten Gebaͤudes war beſonders intereſſant und maleriſch, und weder von der Hand der Zeit, noch der der Menſchen ſonderlich beſchaͤdigt worden. Dieſer Theil war ein Klo⸗ ſtergang, der ein durch offne Schwibboͤgen und durch Saͤulen von der feinſten gothiſchen Bauart unterſtuͤtztes gewoͤlbtes Dach trug. Das Kloſter ſtand in boͤſem Rufe, weil der Abt deſſelben nach vergeblichem Verſuche, ſein Heiligthum gegen die Rebellen zu vertheidigen, darin umgebracht worden war. Der Aberglaube hatte den ſchaurigen Ort nach der ihm gewohn⸗ ten Weiſe mit geſpenſtiſchen Weſen erfuͤllt, und es ging die Rede, die alten Gewoͤlbe ließen Toͤne widerhallen, wie ſie nimmer von menſchlichen Lippen, noch von irgend einem irdiſchen Ge⸗ ſchoͤpfe herruͤhrten. Nach dem Zwielichte ſcheuete ———— 63 der Bauer die Staͤtte, und ſelbſt der Verwegenſte unter den Gottloſen, der bei Tageslichte weder an goͤttliche noch menſchliche Dinge glaubte, noch ſich vor dergleichen fuͤrchtete, mied dieſelbe, aus irgend einer Ahnung von etwas Schrecklichem, das weder Weſen noch Namen hat— in Folge einer Furcht, die ſowohl die Nerven des ſcheuen Glaͤubigen, wie des anerkannten Unglaͤubigen zu beſchleichen pflegt. Zu dieſer Staͤtte ſchritt Urſula, und Arnold le Clerc folgte ihr. Waͤhrend ſie fuͤrbaß ging, blickte ſie vorſichtig umher, und als ſie endlich auf derjenigen Stelle angelangt war, auf wel⸗ cher, wie es hieß, der Abt erſchlagen wurde, nahm ſie eine von den Stellungen an, in wel⸗ chen ſie ſich zu zeigen pflegte, wenn ſie vorgab, Zauber zu bewirken. Ihr Haupt war erhoben und ihr Auge ſtierte in die undurchdringliche Fin⸗ ſterniß, von welcher der entferntere Theil des Gewoͤlbes erfullt war. Nichts konnte deutlich wahrgenommen werden, außer dem matten Lichte der Strahlen etlicher wenigen Sterne, die am Firmamente glaͤnzten, und ihren Schein haupt⸗ 64 ſachlich durch ihren Gegenſatz zu der rings um⸗ her verbreiteten Finſterniß gewannen. Arnold hielt an, und ſo kuͤhn und verwegen er war, ſo gefiel ihm doch nicht Ort, noch Zeit, noch Perſon, womit er es in dieſem Au⸗ genblicke zu thun haben mußte.„Was ſollen wir hier, Alte?“ fragte Arnold,„und was hat⸗ tet Ihr mir zu ſagen, das nicht in oder nahe der Herberge geſprochen werden koͤnnte? Redet hurtig!“ „Dieſe Staͤtte,“ ſagte Urſula in ihrem ge⸗ woͤhnlichen Beſchwoͤrungstone,„iſt fuͤr den Ge⸗ genſtand geeignet, den ich zu beſprechen habe, und fuͤr den Zweck, der zu verfolgen iſt; denn hier halten die Geiſter, die mir gehorchen, ihre mitternaͤchtigen Vigilien, und bieten ihre Huͤlfe zu demjenigen Thun, was ohne ſie keine ſterb⸗ liche Macht vollbringen kann.“ „Kommt, kommt,“ verſetzte Arnold,„laßt all das Geſchwaͤtz von Geiſtern und von Thun. Es mag etwas bei ſolchen Geſellen verſchlagen, wie Horkop und die alten albernen Buͤrger von Brugges ſind, doch bei mir, der ich Eure „— ———. †P— ßt m. en, on ure Schliche wie Eure Helfershelfer kenne, ſind der⸗ gleichen Popanze nicht angebracht. Sagt mir alſo, was Ihr zu ſagen habt, aber verſchwendet keine Zeit mehr uͤber den Teufel und ſeine Groß⸗ mutter— denn wo Du biſt, Alte, ſey's nun in einer Schenke, in einem Beinhauſe oder in einem Kloſter, da iſt der Satan allewege mit Dir. Und was die Geiſter betrifft, ſo zeige mir den Keckſten unter ihnen, ſo will ich ihn bei der Naſe zupfen, wie ich vom Pater Gregor, dem Beichtiger meines Urgroßvaters, erzaͤhlen hoͤrte, daß es ein Heiliger der Vorzeit jenſeits des Ge⸗ waͤſſers mit dem Teufel ſelbſt gemacht haben ſoll.“ In dieſem Augenblicke raſſelte es in der Naͤhe; es mogte der Wind ſeyn, der in dem Epheu wuͤhlte, von welchem die Mauern dick umhan⸗ gen waren. Arnold fuhr zuruͤck. Urſula erhob ihren Stab und ſprach:„Schweig, Narr, ſpotte nicht der Kraͤfte der Luft, daß ſie Dich nicht auf der Stelle zu Boden blaſen. Ich will ſie mit meinem Stabe von hinnen ſcheuchen. Hoͤre mich, aber ſchweig!“ „Nun, ich ſchweige,“ ſagte Arnold in un⸗ Die Weißkappen III. 5 S——— gleich geſenkterem Tone denn zuvor;„und ſomit ſagt mir hurtig, was Ihr mir mitzutheilen habt; alsdann laßt uns von hinnen gehen, und wenn Ihr mich zuruckgefuͤhrt habt, mag der Teufel, deſſen Name uͤbrigens mit Reſpect genannt werde, mich holen, wenn er kann.“ „Arnold,“ entgegnete Urſula,„nicht blos um meine mir befreundeten und mir gewogenen Geiſter zu begrußen, bin ich hier. Ich habe Euch etwas zu eroͤffnen, was in keines anderen Men⸗ ſchen Ohr, als in das Eure dringen darf; und wohl weiß ich, daß unter all den alten und tolpelhaften Weißkappen, die als Abgeordnete von Lille zuruͤckkehrten, kein einziger iſt, der um des Werthes ſeiner ganzen Stadt willen ſich zu dieſer Stunde an dieſen Ort wagen wuͤrde. So wird es hier keinen Horcher geben.“ „Einen beſſeren Ort, um ein Geheimniß zu er⸗ oͤffnen, oder eine Gurgel abzuſchneiden, kann es ſchwerlich irgendwo geben, Mutter,“ ſagte Arnold; „alſo ſpute Dich, Altez ich bin eitel Aufmerkſamkeit.“ „Merk' wohl auf,“ verſetzte Urſula;„ich bin die Freundin und Agentin du Bois“ Ich handle 67 fuͤr ihn und mit ihm; und Vieles iſt gethan worden, was wir Beide vor Philipp van Arta⸗ veld verborgen halten, indem er zu ſehr dem Schattengebild anhaͤngt, das da Ehre genannt wird; ein Gebild, das von den Menſchen etwa ſo wie ein Gemaͤlde betrachtet wird, welches huͤbſch ausſieht, aber weder denken noch handeln kann, und ganz eigentlich der Schatten eines Schattens iſt. Van Artaveld wuͤrde auf unſere Plaͤne nicht eingehen; deswegen verbergen wir ſie ihm. Du Bois hat aller Orten ſeine Helfer und Mitwiſſer. Von einem derſelben haben wir in Erfahrung gebracht, daß Margarethe, die Graͤfin von Artois, in Geheim durch ihr Werkzeug, Gilbert Mat⸗ theus, ein Buͤndniß mit dem franzoͤſiſchen Hofe ſchloß, und daß ſolches ihr in ſo fern gelang, als der jugendliche Koͤnig Karl der Sechste von Frankreich jetzt wirklich gegen Tournai mit einer Schaar von auserleſenen Rittern heranruͤckt, um dort zu der Graͤfin von Artois zu ſtoßen, die ihre Vaſallen von Artois zuſammenberief, um im Buͤndniſſe mit Frankreich in Flandern einzu⸗ dringen, den Weißkappen ein Treffen zu liefern, „* 68 und Ludwig de Male wieder in ſeine Grafſchaft und Gewalt einzuſetzen. Bisher iſt Ludwig de Male abſichtlich von ſeiner ſchlauen Mutter uͤber dieſe Plaͤne in Unwiſſenheit gelaſſen worden. Er ſoll nichts eher davon erfahren, als bis Alles zur That reif iſt, damit er ſich nicht darein miſchen und den Oberbefehl uͤber die Geharniſchten for⸗ dern moͤgte, indem die kluge Gräfin und der Herzog von Burgund, der den Grafen von Flandern mehr als Vaſallen, denn als beleidig⸗ ten Fuͤrſten anſieht, dieſem ſolche Streitmacht nicht anzuvertrauen geſonnen ſind. Auch hat du Bois erſt geſtern Abend erfahren, daß die Grafin, die Alles vorbereitet fand, beabſichtigte, ihrem Sohne ihre Plaͤne zu eroͤffnen, als der plotzliche Angriff auf Brugges ſie daran hinderte und zu entfliehen zwang.“ „Und woher weiß du Bois dies Alles,“ ſagte Arnold,„da doch ich ſelbſt, ſo wie van Artaveld nichts davon erfuhr? Hat Einer von Deinen hier unſichtbar hauſenden Freunden ihm die Kunde zugebracht?“ „Du Bois,“ verſetzte Urſula,„ erfuhr Alles n ————— 69 auf natuͤrlichem Wege. Er nahm einen franzoͤ⸗ ſiſchen Herold gefangen, den er unweit Brugges im Begriff abzureiſen auffand. Er griff ihn nebſt ſeinen Schriften, unter denen ſich gewiſſe Briefe der Graͤfin von Artois an den Koͤnig von Frankreich, an Herrn Olivier de Cliſſon, den Conne⸗ table, und an den Herzog von Burgund befanden.“ „Und warum,“ forſchte Arnold weiter,„wer⸗ den mir dieſe Umſtaͤnde jetzt, und durch Euch und an ſolchem Orte, zu ſolcher Zeit mitgetheilt? In Eurem Weſen war vorhin, wie mich duͤnkte, etwas Sonderbares, als Ihr mir in's Ohr fluͤ⸗ ſtertet, daß ich gedeihen und alle meine Hoff⸗ nungen in Flandern erfullt ſehen wuͤrde, ſo ich nicht zugaͤbe, daß der alte Simon und deſſen Genoſſen den Reiſenden in jenem Gemache er⸗ blickten. Was wolltet Ihr damit ſagen? Es iſt ſo viel Geheimnißvolles in Allem, was Ihr ſprecht und thut—“ „Ich will's Euch flugs deutlich machen,“ antwortete Urſula.„Morgen gehe ich der Gräfin von Artois auf ihrem Marſche entgegen. Es war ihr ausdruͤckliches Verlangen, mich vor einem —————— 70 Zuge gen Brugges zu ſehen. Ich will ſie ſehen. Sie weiß nicht, in wie fern ich fuͤr du Bois thaͤtig bin. Sie kaufte mir einmal eine gewiſſe Specerei ab, die an einem ihrer Feinde, der auch der meinige war, ihre Schuldigkeit that; ſo denkt ſie, ſie kann mich vor ſich fordern, ja, mir befehlen, ſobald es ihr beliebt. Margarethe moͤgte gern von mir vernehmen, wie der Him⸗ mel auf ihr Vorhaben herabblickt; nun ja, ich will mit ihr ſprechen und ihr obendrein Rath ertheilen,“ ſagte Urſula in einem Tone, der da klang, als ob die Sprecherin ſich ſchon inner⸗ lich eines Triumphes uͤber eine gluͤcklich voll⸗ brachte Bosheitthat erfreuete. Abermals ließ ſich ein leiſes Geraͤuſch, das naͤher zu kommen ſchien, vernehmen. Suͤnde und Furcht ſind nimmer von einander getrennt. Durch die geringſte Bewegung wird die letztere in demjenigen Buſen erregt, in welchem die erſtere ihren Sitz hat. „Schon wieder?“ ſagte Arnold le Clerc.— „Hoͤrtet Ihr nichts? Gewiß war es ein Geraͤuſch, das irgend ein Lauſcher machte.“ ——— „Mit nichten,“ antwortete Urſula,„kein Ton aus dieſer Welt beruͤhrte Euer Ohr. Es kam von einem Luftgeiſte her; von ihm, der auf einem Atom reitet, mit der Motte ſegelt, die im Son⸗ nenſtrahle tanzt, und deſſen Stimme dem Don⸗ ner in ſeinem wildeſten Raſen und auch dem leiſeſten Gefluͤſter des Zephyrs gleich zu ſeyn vermag. Es iſt Ordo, der da ſpricht, er, der da weint, wenn Dirnen ihre Gebete herſagen, und lacht, wenn er Verzweiflung in das Ohr des ſterbenden Suͤnders heult.“ Trotz all ſeiner Gottloſigkeit fuͤhlte Arnold, der verwegene Arnold le Clerc, wie ein kalter Schauder ihm durch die Gebeine rieſelte, als urſula die Eigenſchaften des hoͤlliſchen Geiſtes beſchrieb, von dem ſie behauptete, und aller Wahrſcheinlichkeit nach auch glaubte, daß er ſie umſchwebe. „Macht fort und endet Eure Erzaͤhlung, Mutter,“ ſagte Arnold,„und laßt uns von hinnen gehen; oder wenigſtens laßt mich von hier— und bleibt Ihr zuruͤck, und ſteht oder tanzt mit Euern Freunden auf Atomen oder Beſenſtielen, wenn es Euch beliebt; wenn ich nur Eurer hoͤlliſchen Zuſammenkuͤnfte ledig bin; denn ſie eignen ſich nicht fuͤr einen Kerl meines Schlages, der keine in der Hoͤlle geſchmiedete Ruͤſtung um und an ſich hat. Erſt aber will ich mit Eurer Erlaubniß doch einen Blick hinter jenen Pfeiler werfen, denn ich will doch bei alle⸗ dem lieber glauben—“ fuhr Arnold fort, der ſeinen Muth wieder zuſammenſuchte—„was Geiſter auf zweien Beinen hienieden ſagen und thun, als was Geſpenſter meynen und verneh⸗ men, die auf Fluͤgeln wie Buttervoͤgel durch die Luft ſegeln.“ Arnold ſchuͤttelte alle Furcht von ſich, zog dreiſt ſeinen Dolch und ſchritt zu dem von ihm bezeichneten Pfeiler. Er ſpaͤhete rund um den⸗ ſelben herum, fand jedoch nichts als eine Eule, welche das Neſt, das ſie zwiſchen dem Epheu inne hatte, verließ, als ſie durch Arnold aufge⸗ ſchreckt ward. „Es iſt der Vogel der Nacht,“ ſagte Urſula, „eine Vorbedeutung von Unheil, jedoch nicht fur uns. Jetzt, Arnold, ſagt, ob Ihr uͤberzeugt ſeyd, —— 73 oder ob Ihr noch immer keinen Glauben an meine Macht oder an die der Geiſter hegt, welche derſelben Beiſtand leiſten. Eben dieſer Vogel iſt ein Geſandter an mich.“ „Ich zweifelte niemals an Deinen Freunden, Alte,“ antwortete Arnold,„doch iſt ihr hand⸗ greifliches und korperliches Erſcheinen mir ziem⸗ lich unglaublich; aber ſprecht weiter.“ „So merkt denn, Arnold,“ ſagte Urſula,„ich habe von dieſen Umſtaͤnden hinſichtlich Frankreichs Euch in Kenntniß geſetzt, um Euch Beweis zu geben, wie nothwendig es jetzt iſt, daß Ihr das thut, was ich Euch anweiſen werde. Erſt aber ſagt mir, ob es Euer Wunſch iſt, daß du Bois ſein Gluͤck vollenden, und ſpaͤterhin ſeinen laͤngſt angelegten Plan, Beherrſcher von Flandern zu werden, ausfuͤhre? Wuͤnſcht Ihr Sieg den Weiß⸗ kappen?“ „Ob ich ihn wuͤnſche?“ verſetzte Arnold,— „ich, der ich weiß, wie ſo noͤthig ich dieſem du Bois bin, der ohne mich nichts unternehmen kann, und nach welchem ich der Zweite in Flan⸗ dern werde ſeyn muͤſſen? Und da Ihr, wuͤrdige ———— Dame, zur Belohnung fuͤr die gute Durchfuͤh⸗ rung Eurer Rolle, Fuͤlle Goldes und, ſo es Euch beliebt, einen der graͤflichen Palaͤſte erhal⸗ ten ſollt, in welchem die Teufel ihre Spruͤnge machen koͤnnen, wie ſie es oft zuvor gethan haben, wobei Hofdamen ihre Taͤnzerinnen abgaben, waͤhrend hochadelige Herren dazu aufſpielten?“ „Wohlan,“ ſagte Urſula,„Alles haͤngt von Euch ab. Ich kann in dieſer Stunde Alles in Eure Haͤnde legen.“ „Wer? Ihr, Alte?“ verſetzte Arnold mit Hohngelaͤchter.„Ihr? Nein, nein, Frau Koͤni⸗ gin der Unken und Schwarzkunſtbuͤcher, dazu bedarf es anderer Dinge, als Eurer Geſchicklich⸗ keit, obwohl Euch dieſe nicht fehlen mag. Denn wahrlich, es wird ein guter Vorrath von Arnold le Clerc's Witz und Verwegenheit erforderlich ſeyn, bevor er ſich den zweiten Mann im guten Lande Flandern wird nennen koͤnnen.“ „Wirklich?“ meynte Urſula,„ſeyd Ihr deß ſo ſicher, daß ich Euch nicht nuͤtzen kann? Ge⸗ horcht mir, und binnen weniger als einer Stunde iſt Anna in Eurer Gewalt.“ — e 75 „Was?“ rief Arnold,„wie? Redet! Anna, die ſchmucke Tochter Jan Lyon's? Sie, die mir entſchluͤpfte, als ich nahe daran war, den reich⸗ ſten Lohn all meiner Muͤhſeligkeiten einzuernten? Beweiſet mir nur die Zuverläſſigkeit dieſer Be⸗ hauptung, und ich thue, was Ihr gebietet, muͤßte ich auch dem Satanas dienſtbar werden. Nur Anna gebt mir!“ „Schau't auf,“ entgegnete die Hexe;„ge⸗ wahrt Ihr den Lichtſtrahl, der durch jenes Kam merfenſter in der Herberge blinkt? Durch die Oeffnung in dieſer eingeriſſenen Mauer koͤnnt Ihr es ſchimmern ſehen. „Nun ja, ich ſehe es,“ verſetzte Arnold,„aber was ſolls damit? „Jenes Licht brennt in der Kammer der Dirne, die Ihr beſitzen moͤgtet,“ ſagte die Alte; „ſoll es, ehe eine Stunde vergangen ſeyn wird, Euch zu ihr leuchten?“ „Laßt es das thun,“ antwortete Arnold, „und wenn es hinterdrein auch eine Stadt in Brand ſteckte, wurde ich es doch die lieblichſte Flamme nennen, die mir jemals leuchtete.“ — „ ————— ——— — ——— — — „Allein erſt muß etwas gethan werden, das ich Euch ſofort nennen will,“ verſetzte Urſula. „Das Dunkel muß die That kennen, waͤhrend das Licht Euch Eurer Belohnung entgegen fuͤhrt. Die Dirne kam nicht allein hieher; einer ihrer Gefaͤhrten ſteckt noch im Hauſe. Saht Ihr ſie nicht, als ſie in die Herberge traten?“ „Nein,“ ſagte Arnold,„ich ſah nur ein Weib in einem Mantel, die von zwei Maͤn⸗ nern in unſcheinbarer Tracht begleitet ward. Keines der Geſichter war mir zugewandt; und ich hielt ſie fuͤr arme Teufel, die, aus Brug⸗ ges entflohen, meiner Beruͤckſichtigung nicht werth waren.“ „Ich aber ſah und erkannte ſie,“ entgegnete die Zauberſchweſter,„ich erblickte das Antlitz der huͤbſchen Creatur, die ſo ſchoͤn iſt, wie der Sa⸗ tan ſie haben wollte, als er den Menſchen zuerſt durch ein Weib verlockte. Ich ſah auch, daß die aufgeloͤſeten Locken und der breite Hut, ſammt der unſcheinbaren Tracht, es nicht ver⸗ mogten, meinem ſcharf ſehenden Auge den Erben und Herrn von Flandern zu verbergen.“ „Wie? Ludwig de Male waͤre der Reiſende?“ rief Arnold le Clerc. „Eben er,“ antwortete Urſula,„ward in der Kammer zuruͤckgelaſſen, als ſein Gefaͤhrte fortging.“ „Dann begreife ich vollkommen,“ fiel Arnold ein,„warum Ihr jenem butterherzigen Narren, dem van Bet und deſſen alten dickkoͤpfigen Ge⸗ ſellen verbotet, in jene Kammer zu gehen. Sie gehoͤren freilich zu uns Weißkappen, allein ſie thun ihnen kein Gutes. Sie ſtulpen ihren Kremp⸗ hut nur auf ihre Koͤpfe, als wollten ſie ihre langen Ohren verbergen und ihr Eſelshirn warm halten.“ „Sobald Ludwig de Male einmal todt iſt,“ fuhr die Hexe fort,„zerfaͤllt das Buͤndniß mit Frankreich in nichts. Dieſe Franzoſen wollen nur in Flandern einruͤcken, um dem Grafen die verlorne Macht wieder zu geben; iſt einmal das Haupt gefallen, ſo loͤſen die Glieder deſſelben ſich von ſelbſt ab. Waͤre Ludwig todt, ſo koͤnn⸗ ten die Maͤnner von Gent ſchon ihren Frieden mit Frankreich ſchließen; die Zahlung eines jaͤhr⸗ 78 lichen Tributes wuͤrde allem Hader ein Ende machen. Ludwig dahin, ſo iſt Anna in Eurer Gewalt; Ihr braucht ſie nur von hier fortzu⸗ ſchaffen, und ſobald Ihr du Bois die Kunde von des Grafen Tode ſendet, wird er Euch willig die alberne Dirne als ernſtliche Zuſiche⸗ rung ferneren Lohnes zukommen laſſen.“ „Ich verſtehe Euch,“ ſagte Arnold;„allein wie iſt das in's Werk zu richten? Freilich haben jene alten Troͤpfe die Herberge fuͤr die Nacht mit der Scheune vertauſcht— ſtoͤren koͤnnen ſie uns nicht. Laßt mich nachſinnen. Horkop kann uns ein nutzlich Werkzeug werden; er ſoll die Thuͤr bewachen, bis wir drinnen fertig ſind und Alles vorbei iſt. Dann aber der Wirth— der iſt ein alter, wenn gleich lockerer Zeiſig; er koͤnnte kei⸗ nen Gefallen an der That finden— wie werden wir ihn los?“ „Er war nicht im Hauſe, als wir es ver⸗ ließen,“ ſagte Urſula;„im Fall er zuruckkehrte, will ich ihn fortſchicken, daß er unſere Abreiſe beſorgt. Ihr muͤßt hurtig ſeyn. Ihr braucht nur die Thuͤr hinter Euch zuzuſchließen, und 1———„—— 79 dann zu thun, was Euch geluͤſtet. Nur ſeyd hurtig, ehe der Gefaͤhrte Ludwig de Male's wie⸗ derkehrt, der mit dem Grafen kam und hoͤchſt wahrſcheinlich in der Abſicht fortging, fernere Mittel zur Flucht herbei zu ſchaffen.“ „Ich will hurtig ſeyn,“ verſetzte Arnold,„ich will unverzuͤglich an's Werk gehen; erſt aber laßt uns die Art und Weiſe dazu bedenken. Am beſten thaͤtet Ihr, Horkop bei Seite zu nehmen, und ihm ſo viel wie noͤthig iſt, von der Sache zu ſtecken. Der Kerl iſt roh genug, und ſo dumm wie jemals ein Stuͤck Vieh war, das er zur Schlachtbank ſchleppte; dazu iſt er dick⸗ fellig und ein auserleſenes Werkzeug ſo fur mich, wie fuͤr du Bois, wo wir eines tuͤchtigen Armes ohne einen allzu ſpitzfindigen Kopf bedurfen. Stellt ihn vor der Hausthuͤr zur Wache bis Alles gethan iſt. Er wird Euren Weiſungen gehorchen, nie Euren Plan erforſchen wollen, ſobald Ihr Euren Einſchaͤrfungen einen Kern⸗ fluch beigebt; und Hoffnung auf Belohnung macht ihn knechtiſch ergeben. Wenn Alles voll⸗ bracht iſt, mach' ich ihm weis, es ſey blos mein 80 Plan geweſen, eine Dirne zu entfuͤhren, die mir behagte— auch ſoll Anna mir nicht entwiſchen. Laßt uns unverzuglich Alles einrichten, und dann, mein getreuer Dolch, will ich dich nicht eher wieder in die Scheide ſenken, als bis du eine That vollfuͤhren halfſt, die den Weißkappen Sieg, deinem Herrn aber Macht und Schoͤnheitgenuß gewaͤhrt.— Komm denn,“ fuhr er zu Urſula gewendet fort,„komm denn, Du beſte aller Si⸗ byllen, hinfort ſoll Deine Kunſt wie eines Prie⸗ ſters Ruf heilig geſprochen werden, ſo ſie nur dieſe Nacht uns durchhilft.“ „Sie wird durchhelfen,“ entgegnete Urſula; „Dein Alles wird Dein werden.“— Arnold und urſula verließen jetzt den finſtern Kloſtergang, wo ſie ihre Unterredung gepflogen hatten, und kamen in den Hoftaum, von welchem derſelbe umgeben war. Als ſie ihre Schritte der Schenke zuwendeten, hielt Arnold einen Augenblick an, und ſagte in ernſterem Tone als bisher:„Waͤh⸗ rend Ihr dem Horkop die noͤthige Weiſung gebt, Frau Urſula, will ich einen Krug Wein leeren, denn ich weiß nicht, wie es zugeht, allein mir „———„— — —— iſt der Muth heut Nacht umduͤſtert, wie die Farbe der Stunde es iſt; denn obgleich ich man⸗ chen Mann mein Lebelang hingeſtreckt habe, ſo hatte ich doch nimmer mit einem Schlafenden zu thun. Ich hatte jedesmal dabei fuͤr mein eigenes Leben zu fuͤrchten, und das ſtaͤhlte mich. Aber, ich weiß nicht, wie es zugeht, ich komme mir wie ein Kind vor; denn was iſt ein Schla⸗ fender anders, als ein Todter, da Beide gleich⸗ maͤßig bewußtlos und regungslos ſind. Ich will alſo ſonder Furcht auf ihn blicken— nein, ich will blos auf meinen Dolch blicken.“ „Gib mir Deinen Dolch,“ ſagte die Hexe, „und nimm dagegen mein Meſſer; es wird ein zuverlaͤſſigeres Werkzeug abgeben, denn es iſt vergiftet.“ „Gebt her denn,“ ſagte Arnold, und der Tauſch war augenblicklich beſchafft.—„Jetzt nach Hauſe,“ fuhr Arnold fort,„und einen Krug Wein, und dann— was dann? Nun, Anna wird mein ſeyn; ich will an ſie und nur an ſie denken.“ Mit dieſen Worten ſchritt er fuͤrbaß, und die Frevlerin Urſula und ihr gottloſer Genoß Die Weißkappen III. 6 82 kehrten ſchleichend und vorſichtig zu dem Herberg⸗ hauſe zuruͤck. Sie ſchlenderten, einen bedeutenden umweg nehmend, unter dem dunkeln Schatten des alten Gemaͤuers hin, als ob ſie fuͤrchteten, die dicke Finſterniß der Nacht waͤre unzureichend, ſie vor Wahrnehmung zu ſchuͤtzen. Furcht iſt die raſtloſe Begleiterin der Suͤnde und folgt den Tritten derſelben, wie der Schatten, den ihr eige⸗ ner Koͤrper auf den Boden wirft. Drittes Capitel. Bevor wir den Schritten Arnold's und Urſula's weiter nachfolgen, muͤſſen wir zu Annen zuruͤck⸗ kehren, und einiger Umſtaͤnde gedenken, die kurz vor dem Auftritte ſtattfanden, den wir im Bo⸗ gengange des verfallenen Kloſters belauſchten. Von dem alten Wirthe hatte Anna, ehe derſelbe fortging, Walters Ruͤckkehr zu beſchleunigen, in Erfahrung gebracht, daß er daruͤber aus waͤre, ihr und ihren beiden Begleitern noch vor Tages Anbruch Pferde zu verſchaffen, und daß Herr Walter ſchon fort waͤre, dieſelben zu holen, da⸗ mit Alles zur Flucht in Bereitſchaft geſetzt wuͤrde, weil er ſie und ihre beiden Begleiter nicht fuͤr ſicher in ſeinem Hauſe hielt. Der alte Mann verſicherte dem Maͤdchen ſeine Ehrlichkeit, und 6* 84 wie er Alles thun wollte, den Grafen zu retten, den er erkannt haͤtte, ſobald dieſer den ihm das Geſicht bedeckt gehaltenen Hut zuruͤcklegte, um die Mahlzeit verzehren zu helfen, die der Wirth ihm vorgeſetzt hatte. Anna dankte dem redlichen Greiſe fur deſſen Guͤte gegen ſie und ihre Reiſegefaͤhrten, ſagte, ſie wuͤrde ſich bereit halten, in dem Augenblick abzu⸗ reiſen, in welchem Herr Walter d'Anghien zu⸗ ruͤckkehren wuͤrde, wuͤnſchte ihm dann gute Nacht, und ſchloß nochmals die Thuͤr hinter ſich, als der Wirth die Treppe hinabſtieg. Ihren eigenen Betrachtungen uͤberlaſſen, weil⸗ ten Annens Gedanken mit Beſorgniß und Furcht bei der Gruppe, die ſie in der Kuͤche erblickt hatte, und bei dem, was ihr in Kuͤrze durch den Wirth kund gemacht worden war. In ſeiner Haſt hatte dieſer einen Umſtand unerwähnt ge⸗ laſſen, naͤmlich den, daß Herr Simon mit etli⸗ chen genter Buͤrgern ankam, ſein Quartier in der Scheune nahm, und daß es auf Simons Rath geſchah, wenn jetzt der Wirth nach Herrn Walter, in Folge des Verbotes Urſula's ſich um⸗ ——— 85 ſah, wonach einem Jeden unterſagt ward, die Kammer zu betreten, in welcher der Reiſende ſchlief. Von Herrn Simon's Ankunft wußte Anna nichts, ſonſt wuͤrde ſie ſich gewiß innig gefreut haben, dem wuͤrdigen Manne, der wie ein Vater an ihr gehandelt hatte, wieder ſo nahe zu ſeyn. Jeder Umſtand, der Urſula und Arnold le Clerc betraf, war ihr berichtet worden. Allem Vermuthen nach hatte der Wirth inmitten ſeiner Unruhe nicht auf den Namen des ehrſamen Goldſchmiedes geachtet, ſonſt wuͤrde er, bei NMittheilung der ſtattgehabten Ergebniſſe, deſſel⸗ ben gewiß gegen Anna erwaͤhnt haben. Nicht ohne ein Gefuͤhl des Abſcheues hatte Anna das Geſicht des frechen Arnold le Clerc wieder erkannt, als ſie ihrer Kammer zuging, und die von Ur⸗ ſula in deren gewoͤhnlichem Prophetentone aus⸗ geſprochenen Worte weilten ihr im Gedaͤchtniſſe. Urſula hatte geſagt,„die Stunde waͤre zur Hand, in welcher der Loͤw' und die Loͤwin fallen ſollten.“ Anna konnte ſich dieſe Rede nicht anders deuten, als daß dieſelbe auf den Grafen von Flandern und deſſen Mutter, die Grafin 86 von Artois, Bezug haͤtten, da ein Loͤwe mit guͤl⸗ dener Zunge das Wappenzeichen des graͤflich⸗ flandernſchen Hauſes war. Anna, deren Geiſtesfaͤhigkeiten jederzeit ſcharf und einbilderiſch waren, achtete in dieſer Stunde der Gefahr auf den kleinſten Umſtand, aus wel⸗ chem ſie irgend eine Auskunft in Bezug auf das gewinnen moͤgte, was unter den Feinden des Grafen und Herrn Walter's vorging. Ihre Beſorgniſſe wurden rege, und die Einbildungs⸗ kraft fuͤhrte ihr tauſend beunruhigende Bilder vor; Bilder, die nur allzuviel Wahres aus Annens Kenntniß von dem Charakter ſo Urſu⸗ la's, wie Arnold le Clerc's herleiteten; denn welche Raͤnke und Gottloſigkeiten konnten nicht von Denen erwartet werden, deren Leben in der Ausuͤbung von Schaͤndlichkeiten verfloß? Anna ſann hin und her uͤber den außeror⸗ dentlichen Auftritt, den der Wirth ihr mitgetheilt hatte.„Zu welchem Ende konnte Urſula es ver⸗ bieten, die Kammer zu betreten, in welcher Lud⸗ wig de Male ruhete?“ Sie legte ſich dieſe Frage vor, und ihre geſunde Vernunft mußte ihr ſagen, — daß ſolches zu keinem guten Zwecke hatte ver⸗ boten werden koͤnnen, da man wußte, daß Urſula noch nie irgend einem lebenden Weſen Gutes erwies. Je mehr Anna den Umſtand erwog, deſto veſter ward ſie der Meynung, daß Urſu⸗ la's Verbot und dunkle Rede hoͤchſt gefahrbrin⸗ gend fuͤr den Grafen ſeyn muͤßten. Dieſer Gedanke verbannte aus Annens Seele jede andere Ruͤckſicht. Sie konnte nicht ruhen, ſon⸗ dern entſchloſſen, die Nacht wachend zuzubringen, empfahl ſie, wie ſie ſtets that, ſich dem Himmel, zog aus ihrem Buſen ein kleines Chriſtusbild, das ſie auf ihrem Herzen trug, druͤckte es an ihre Lippen und dachte,„warum ſollte ich fuͤr mich oder fuͤr Andere Boͤſes fuͤrchten, da das Auge des Himmels aller Orten und zu jeglicher Zeit uͤber mir war?“ Die Vollfuͤhrung ihrer gewohnten Andacht⸗ uͤbung verlieh ihr neue Ermunterung des Geiſtes. Anna ſchob ihre Lampe in die Hoͤhe, ſetzte ſie auf den Tiſch und ging leiſe an das Fenſter, oͤffnete es und blickte hinaus; allein die Dun⸗ kelheit der Nacht hinderte ſie, irgend Etwas als 88 nur diejenigen Gegenſtaͤnde zu ſehen, die nahe dem Hauſe waren, und ſelbſt dieſe ließen ſich nur unvollkommen wahrnehmen. Sie bemerkte daß ihr Fenſter nicht ſonderlich hoch vom Erd⸗ boden lag und ſich unmittelbar oberhalb der Kuͤchenthuͤr befand. Als Anna zu dieſem Fen⸗ ſter hinausblickte, hoͤrte ſie, wie die ebengenannte Thuͤr ſich oͤffnete. Voll Furcht, bemerkt zu wer⸗ den, doch im Verlangen, zu wiſſen, wer es ſeyn moͤgte, der zu ſo ſpaͤter Stunde noch die Her⸗ berge verließ, zog Anna ſich zwar zuruͤck, lehnte ſich jedoch ſo dicht an das Geſims, daß ſie meynte, hoͤren zu koͤnnen, was etwa unten geſpro⸗ chen werden wuͤrde. Sie horchte mit athemloſer Aufmerkſamkeit, und erkannte Urſula's und Arnold le Clerc's Stimmen, allein Beide ſprachen zu leiſe, um von dem Maͤdchen verſtanden werden zu koͤnnen. Endlich vernahm Anna doch deutlich, wie Urſula ihren Begleiter aufforderte, ihr zu dem verfallenen Kloſtergange zu folgen, wo ſie ihm Dinge von Wichtigkeit mittheilen wuͤrde. Anna's Einbildungskraft ſetzte ſofort dieſe Mittheilung mit den ihr von dem Wirthe kund gemachten Umſtaͤnden in Verbindung, und ſie war uͤberzeugt, daß, was Urſula auch zu ent⸗ huͤllen haben moͤgte, es ſich auf den Grafen, vielleicht auch auf Walter d'Anghien, und demnach auf ſie ſelbſt beziehen wuͤrde. Erſchreckt und beun⸗ ruhigt uͤber ihre und ihrer Gefaͤhrten Sicherheit, krankte ſie an Muthmaßungen, und blieb regungs⸗ los wo ſie ſtand, bis ſie die Fußtritte Urſula's und Arnold's ſich entfernen hoͤrte. Endlich wa⸗ ren dieſe gar nicht mehr hoͤrbar. Anna war in Zweifeln uͤber das, was ſie thun ſollte. Daß Walter noch nicht zuruͤck war, wußte ſie, und die Zeit ſeiner Heimkehr war ungewiß. Wie konnte ſie ſagen, daß ihm kein Hinderniß unterwegs aufſtoßen wuͤrde? Und was konnte ſich unterdeſſen zutragen? Anna fuͤrchtete das Schlimmſte. Auf alle Faͤlle ſchien es ihr unumgaͤnglich noͤthig, daß ſie dem Grafen ihre Furcht und ihren Verdacht mittheilte. Vielleicht koͤnnte ſie mit ihm im Stande ſeyn, das Haus zu verlaſſen und Herrn Walter nachzugehen, ihm vielleicht auf ſeinem Ruͤckwege begegnen. Komme was wolle, ſie wuͤnſchte, den Grafen auf ſeiner Hut zu wiſſen, und die wenigen, aber ſo bemerkenswerthen Umſtaͤnde zu kennen, durch welche ſie in ſo große Beſorgniß uͤber Lud⸗ wigs Sicherheit verſetzt worden war. Von dieſen Erwaͤgungen geleitet, beſchloß Anna jetzt, den Verſuch zu machen, in die Kuͤche hinabzugehen und den freundlichen Wirth aufzu⸗ ſuchen. Sollte er da ſeyn, ſo konnte ſie durch ihn dem Grafen ihre Furcht mittheilen laſſen. In dieſer Abſicht entriegelte ſie ihre Kammerthuͤr, ſchritt leiſe durch dieſelbe und ſtand oben an der Treppe, von wo aus ſie die ganze Kuͤche uͤber⸗ blicken konnte. Sie gewahrte den Waͤchter Hox⸗ kop, der hinter dem Tiſche ſaß, an welchem er vorhin mit ſeinen Genoſſen zu Abend gegeſſen hatte; er war allein. Eine große, ſchwere Streit⸗ axt, ſeine gewoͤhnliche Vertheidigungswaffe, lag vor ihm. Der plumpe Rebell trank aus einem Kruge, den er in beiden Haͤnden hielt, und ſchien von dem berauſchenden Inhalte deſſelben ſchon ziemlich hingenommen zu ſeyn, denn er wankte, indem er das Gefaͤß in die Hoͤhe hielt. In ihrer Sehnſucht, dem Grafen zu dienen, 91 hatte Anna dieſes Menſchen vergeſſen; ſeine An⸗ weſenheit war ihr daher ein unuͤberſteigliches Hinderniß. Sie wagte nicht, hinunterzuſteigen, da ſie mit Recht muthmaßte, dieſer Waͤchter wuͤrde nach den von Urſula empfangenen ſtren⸗ gen Weiſungen Betreffs jener Kammer, ihr den Zutritt in dieſelbe ſtreitig machen. Die Thuͤr jener Kammer war dem Sitze gerade gegenuͤber, den Horkop eingenommen hatte. Nochmals war Anna Willens, den Wirth aufzuſuchen, doch ſcheuete ſie ſich, ſolches zu thun, da ſie ſich ſchon zur Nachtruhe zuruͤckgezogen hatte, und ihr Wie⸗ derkommen leicht bei den Feinden Verdacht wuͤrde erregen, und ſo den boͤſen Plan, den dieſe gegen den Grafen hegen moͤgten, eher foͤrdern, als hin⸗ dern koͤnnen. Anna zog ſich wieder in ihre Kammer zuruͤck und beſchloß nochmals, ſich munter zu halten. Um dieſes Vorhaben mit deſto groͤßerer Sicher⸗ heit ausfuͤhren zu koͤnnen, ſtellte ſie die Lampe auf den Heerd, und hing vor den Schein der⸗ ſelben eine der Decken die, auf ihrem Bette lagen. Ueberzeugt, daß ſie nun von außen nicht geſehen werden konnte, wagte ſie es, nochmals das Fenſter zu oͤffnen, und als ſie ſo in der Dunkelheit ein Weilchen hinausgeblickt hatte, konnte ſie draußen weit beſſer als vorhin die Gegenſtaͤnde erkennen. Sie nahm einen Theil des verfallenen Gebaͤudes wahr, in deſſen Mauern man die Herberge ein⸗ gerichtet hatte, und es kam ihr vor, als gewahrte ſie die ſchattigen Geſtalten zweier Menſchen, die unter einem Schwibbogen der Ruinen hervor⸗ traten. Waͤhrend Anna mit der angeſtrengteſten Auf⸗ merkſamkeit hinblickte, hoͤrte ſie Fußtritte, die im⸗ mer naͤher kamen, und ſie konnte jetzt nicht nur deutlich zwei Geſtalten ſich naͤhern ſehen, ſondern auch die Stimmen Urſula's und Arnold le Clerc's hoͤren. Beide ſchienen in ernſtem Geſpraͤche zu ſeyn. Nach wenigen Minuten befanden ſie ſich unter Annens Fenſter, und deutlich hoͤrte die Jungfrau, wie Arnold ſagte:„Ich will nur zu⸗ ſehen, ob hier draußen Alles ſicher iſt. Sobald die Schlaͤfer in der Scheune uns nicht ſtoͤren, geht Alles gut. Warte auf mich, Alte; ich bin gleich wieder hier.“ 93 Beunruhigt uͤber dieſe Worte, von denen ſie nicht anders glauben konnte, als daß ſie die unmittelbare Vollfuͤhrung irgend einer boͤſen Ab⸗ ſicht gegen den Grafen im Sinne hätten, beſchloß Anna, auf alle Gefahr ihre Kammer zu ver⸗ laſſen und Ludwig de Male aufzuſuchen. So⸗ fort ging ſie vom Fenſter weg und ſtahl ſich leiſen Schrittes nochmals an ihre Kammertreppe. Beim Lichte der Lampe, die in der Kuͤche brannte, erkannte ſie jetzt, daß Horkop noch auf demſel⸗ ben Stuhle ſaß und in Folge ſchwerfaͤlligen Temperamentes und uͤbermaͤßig genoſſenen Wei⸗ nes ſo veſt wie moͤglich ſchlief. Anna verlor keinen Augenblick, hurtig ſtieg ſie hinab, eilte durch die Kuͤche und gelangte in das Gemach des Grafen. Hier war kein Licht, denn die Lampe war erloſchen; doch drang durch die zum Theil offen gebliebene Thuͤr ein ſchwacher Schim⸗ mer aus der Kuͤche her. Ludwig de Male ſchlief auf dem aͤrmlichen Lager, auf welches er ſich geworfen hatte, ohne ſich im mindeſten zu ent⸗ kleiden. Ein alter halbvorgezogener Vorhang hing quer vor dem Alkoven, in welchem das Bett ſtand. Ludwig de Male's Zuͤge wieſen einen zu jeder Zeit auffallenden edlen Charakter, der ſelbſt jetzt durch den duͤrftigen Anzug und zerruͤtteten Zuſtand ſeines Gemuͤthes nicht verwiſcht werden konnte; allein ſeine Wangen waren blaß von Ermuͤdung ſeines Koͤrpers wie ſeiner Seele, und ſein durch unruhige Traͤume bewegter Schlaf war weder veſt noch erquickend. Seine Stirn wies ſich gerunzelt, ſeine Lippen regten ſich und ſeine Hand lag geballt auf dem Bette ausgeſtreckt, als hielte ſie den Dolch, den er als einzige Waffe bei ſich trug. Anna ſchlich leiſe dem Lager zu, um den Grafen zu wecken; jedoch als ſie ſich naͤherte, zuckte dieſer, und murmelte etwas. Er ſchien unter der Einwirkung irgend eines laſtigen Traum⸗ gebildes ſich zu aͤngſtigen; und aus Furcht, er moͤgte aufgeſcheucht einen Schrei ausſtoßen, durch welchen Horkop erweckt werden koͤnne, merkte Anna ſich blos die Stellung des Bettes, ſchlich dann zuruͤck, und machte die Thuͤr zu, die zur Kuͤche fuͤhrte, ehe ſie den Grafen weckte. Als ſie dies mit der groͤßten Vorſicht gethan hatte, ging ſie wieder dem Bette zu. Es war jetzt voͤllig dunkel im Gemache, doch fand ſie den Weg zu dem Lager des Grafen. Als ſie in den Alkoven, in welchem daſſelbe ſtand, getreten war, faßte ſie den Vorhang und wollte eben den Grafen aufſchuͤtteln, als ſie ein leiſes Geraͤuſch vernahm, und hoͤrte, wie die Hausthuͤr behende geoͤffnet und wieder verſchloſſen ward. Ein kalter Schauer fuhr durch Annens Glie⸗ der, und indem ſie inbruͤnſtig ihre Haͤnde faltete, fluͤſterte ſie:„O Gott, beſchuͤtze mich; ſie kom⸗ men, ſie wollen ihn ermorden!“ Als Anna zit⸗ ternd und horchend ſo da ſtand und nicht wußte, was ſie beginnen ſollte, und vor Bangen ſchier haͤtte zu Boden ſinken moͤgen, hoͤrte ſie Schleich⸗ tritte ſich dem Gemache nahen, und es war ihr, als wuͤrde draußen in der Kuͤche gefluͤſtert. Bald darauf vernahm ſie deutlich, daß Horkop aufge⸗ weckt worden war, und es ſchien ihr, als haͤtte dieſer das Haus verlaſſen; denn die aͤußere Thuͤr der Herberge ging auf und zu. All dieſes war ſchnell, und einen Ausruf des aufgeſchreckten Horkop ausgenommen, mit ſo wenigem Geraͤu⸗ ſche wie moͤglich geſchehen. 6 Die Tritte kamen jetzt dem Gemache ganz nahe, die Klinke bewegte ſich; es ſchien, als wollte Jemand hereintreten. Verzweiflung war das einzige Mittel, das Annen zu ihrer Selbſterhal⸗ tung uͤbrig blieb. Sie ſchluͤpfte hinter den Vor⸗ hang, und ſtand links von dem Bette, auf welchem der Graf ſchlief. Dieſer Vorhang war hie und da zerlumpt, ſo daß man, wenn man hinter demſelben ſtand, durch die Riſſe das ganze Gemach uͤber⸗ blicken konnte, ohne ſelbſt geſehen zu werden. Jetzt oͤffnete die Thuͤr ſich langſam, und wieder warf das Licht in der Kuͤche ſeinen Halbſchim⸗ mer in das Gemach des Grafen. Anna blieb in ihrer Stellung. Sie ſah jetzt zwei Perſonen zwiſchen Thuͤr und Angel ſtehen, doch da ſie ihr den Ruͤcken zugewendet hatten, konnte ſie das Geſicht derſelben nicht ſehen, erkannte jedoch nur allzuwohl die hagere Geſtalt Arnold le Clerc's und die duͤſtere Kleidung der Hexe. Fuͤr ein Weilchen ſtanden Beide regungslos und ohne ein Wort zu reden. Anna hielt den Athem ſo ſehr ſie konnte an ſich, ja ſie athmete kaum. Kalter Schweiß trat ihr auf die Stirn, S. W waͤhrend jeder Nerv an ihr zitterte; dennoch rief ſie all ihre Entſchloſſenheit zu Huͤlfe, und beſchloß, ſchweigend zu beobachten, was vorgehen wuͤrde. Man ſieht mich nicht,“ dachte Anna,„Jjetzt, jetzt nur Vertrauen auf den Allerhoͤchſten, ſo kann ich in dieſen bangen Momenten der Bedraͤngniß vielleicht ein Werkzeug des Erbarmens abgeben!“ Der Gedanke war fluͤchtig, die Wirkung deſſel⸗ ben gewaltig. In Stunden der Pruͤfung gibt es kein Ge⸗ fuhl, das ſo ſehr Koͤrper und Geiſt ſtaͤrkte, als ein veſtes und unerſchuͤtterliches Vertrauen auf Gott. Zu fuͤhlen, daß Gott mit uns iſt, zu glauben, daß er fuͤr uns ſtreitet, heißt eine eherne Ruͤſtung tragen, mit kraͤftigem Arme die An⸗ griffe der Verzweiflung zuruͤckweiſen und der Seele jene Kaltbluͤtigkeit, jene Denkfaͤhigkeit ver⸗ leihen, die ſo nothwendig ſind, in Augenblicken dringender Gefahr den Muth wirkſam, die Un⸗ ſchuld furchtlos zu machen. Anna hegte dieſes Vertrauen auf die Fuͤrſehung, und ſtand jetzt, anſtatt irgend einen Laut hoͤren zu laſſen oder ſich im mindeſten zu regen, als wodurch ſie ſich Die Weißkappen III. 7 98 verrathen und den Grafen nicht wuͤrde haben retten koͤnnen, veſt, bewegunglos und wachſam. Endlich ſagte Urſula zu Arnold mit leiſer Stimme:„Alles iſt ſtill; er ſchlaͤft— jetzt iſt's Zeit!“ „Ich will ihm erſt den Dolch wegnehmen,“ entgegnete Arnold.„Er iſt bewaffnet.“ „Nein, nein,“ ſagte Urſula;„geht nicht zu ihm, ohne den Streich zu fuͤhren, ſonſt moͤgte er erwachen und ſich zur Wehr ſetzen.“ „So ſoll er denn in der Hoͤlle erwachen!“ antwortete Arnold;„ich helf' ihm hin.“ Indem Arnold dies ſagte, ſchritt er dem Bette zu, beugte ſich voruͤber und erhob den Arm, um zuzuſtoßen, allein in demſelben Augenblicke ſturzte Anna hervor und ſtieß den Moͤrder ſo gewaltig zuruͤck, daß dieſer, auf ſolchen Angriff nicht vor⸗ bereitet, mit dem Meſſer gegen ſich ſelbſt zuruck⸗ fuhr und ſich eine kleine Wunde in der Bruſt beibrachte. Ehe der Boͤſewicht ſich von Annen losmachen oder ſich uͤber das Geſchrei„Mord! Mord!“ das dieſelbe erhob, beſinnen konnte, war Lud⸗ w———— —— wig erwacht, ſprang auf und griff nach ſeinem Dolche, waͤhrend er noch mit ſeinen Traumge⸗ bilden, die der ihn umgebenden Wirklichkeit ent⸗ ſprochen hatten, beſchaͤftigt war, ausrief:„Mord! Mord! Wo? Wer? Ich weiß, ich rang mit dem Boͤſewicht; ich hatt' ihn ſchon zu Boden geſtreckt—“ Waͤhrend Ludwig ſo wilde Rede ausſtieß, blickte er ſtier umher in jenem Zuſtande zwiſchen Schrecken und Beſtuͤrzung, von welchem wohl Menſchen ergriffen werden, wenn ſie an ihnen ungewohnter Staͤtte von einem Schlummer er⸗ wachen, zu welchem ſie ſich unter Umſtaͤnden der Beſorgniß niederlegten. Allein Ludwig erlangte bald ſein voͤlliges Bewußtſeyn wieder, als Arnold le Clerc, der ſich von Anna losgemacht hatte, auf den Grafen zuſprang, um denſelben nieder⸗ zuſtößen. Urſula war unterdeſſen vor das Haus gegangen, um Horkop herbei zu holen, der drau⸗ ßen Wache geſtanden hatte, um Unterbrechung fern zu halten. Der Graf, dem es weder an Muth noch an Entſchloſſenheit fehlte, ſich gegen einen Feind zu —* vertheidigen, packte ſeinen Gegner und ward unter Mithuͤlfe jener uͤbernatuͤrlichen Staͤrke, welche durch Verzweiflung, gleich dem Raſen eines Fie⸗ bers, oft verliehen wird, bald ſtaͤrker als Arnold le Clerc war. Indem er mit dem Moͤrder rang, griff er demſelben in die Gurgel und entwand ihm das Meſſer; allein indem er das that, ließ er den Dolch fallen. Das Ringen dauerte fort. In dieſem Augenblick kehrte Urſula mit Hox⸗ kop zuruͤck, der noch immer nicht nuͤchtern, die Art in ſeiner Fauſt hielt und mit dummen Blicken und wankenden Schritten herzukam, um den Helfer abzugeben, ſo daß er eher ausſah, an einem Zechgelage als an einem verwegenen und entſchloſſenen Thun Antheil nehmen zu wollen. Ludwig erkannte ſofort den Zuſtand ſeines zweiten Gegners, und da er fand, daß er es nunmehr mit zweien Moͤrdern zu thun hatte und dabei voͤllig waffenlos war, ſchlug er ploͤtz⸗ lich mit geballter Fauſt ſo heftig auf den Kopf Arnolds, daß dieſer Meuchler beſinnungslos hin⸗ ſtuͤrzte. Ludwig buͤckte ſich, um ſeinen Dolch aufzu⸗ ———„——— p—„„„„—„—— f— ————— N—„— 101 greifen, doch ehe er ſich wieder auftichten konnte, fuͤhrte Horkop mit einem graͤßlichen Fluche zwi⸗ ſchen den Zaͤhnen einen Hieb gegen den Grafen. Allein der Himmel beſchuͤtzte auch diesmal den Ueberfallenen, denn in demſelben Augenblick war Jemand aus der Kuͤche hervorgedrungen, und hatte ſich zwiſchen Ludwig und deſſen zweiten Gegner geworfen. Doch Horkop, der Halbtrunkene, ver⸗ mogte wenig gegen den ritterlichen und beſonne⸗ nen Walter d'Anghien(denn kein Anderer als dieſer war der Herzugekommene). Der Kampf war bald zu Ende; Horkop waͤlzte ſich zu den Fuͤßen Walters in Todesaͤngſten, von denen er bald durch die letzten Zuckungen erloͤſt ward. Herr Walter ging nun zu dem Grafen, der ſich vor Anna geſtellt hatte, als wollte er ſie gegen Gefahr beſchirmen. Er wollte reden, als Arnold le Clerc, der nur betaͤubt, nicht getoͤdtet worden war, wieder aufſprang und nach der Streitart griff, die Horkop hatte fallen laſſen. Er packte den Gegner, hielt ihm die Spitze ſeines Schwertes an die Gurgel und rief:„Ergib Dich, Hund! Machſt Du noch den kleinſten Verſuch zur Gegenwehr, ſo gibt mein Schwert Dir ſofort den Tod.“ Urſula, die Alles verloren ſah, machte ſich zur Thuͤr hin, um ſich durch die Flucht zu ret⸗ ten, allein der Graf ſprang vor, verriegelte die Thuͤr und zwang die Alte niederzuſitzen, indem er ihr den Tod androhete, ſobald ſie verſuchen wuͤrde, zu entfliehen. Auf Arnolds Gurgel war noch immer Walters Schwertſpitze gerichtet. Als der Boͤſewicht ſah, daß Widerſtand vergebens war, rief er:„Ich ergebe mich, ſchont meines Lebens!“ Anna hoͤrte dieſe Worte, und da ſie an Ar⸗ nolds Kleidern Blut bemerkte, das aus der Wunde gefloſſen war, die er durch ihren Stoß ſich beigebracht hatte, trieb die ihr jederzeit in⸗ wohnende Menſchenfreundlichkeit ſie an, ſelbſt an dem Moͤrder Barmherzigkeit zu uͤben, indem ſie ſich fur denſelben bei deſſen Gegner verwendete. Anna blickte auf Walter und ſagte:„Er hat ſich ergeben; genuge dies. Der Elende iſt be⸗ reits durch ſein eignes Meſſer und mittelſt ſeiner eigenen Hand verwundet worden, als ich dem rt k⸗ ie er 103 Grafen zu Huͤlfe kam. Laß uns ihm das Blut ſeiner Wunde ſtillen, damit er nicht inmitten ſeiner Suͤnden dahin fahre und ſo ewig ver⸗ dammt werde.“ Arnold, fremd jeglichem Gefuͤhle der Dank⸗ barkeit, wie der Furcht, lachte uͤber Anna's menſch⸗ lichen Vorſchlag zu ſeinem Gunſten und antwor⸗ tete:„Nichts da, die Wunde iſt nur eine Schramme und hat nichts zu bedeuten. Laßt mich los.“ Urſula aber, die auf dem Stuhle ſaß, auf den der Graf ſie geworfen und mit einem Stricke veſt gebunden hatte, den er zufaͤllig im Gemache fand, wendete ſich, als ſie dieſe Worte Arnolds hoͤrte, zu ihm hin, ſo gut ihre Bande es ihr geſtatteten, und ſagte mit einem Geſichtsausdrucke, auf dem man den Triumph der Bosheit gewahrte: „Wie, Arnold le Clerc, eine Wunde, und waͤre ſie noch ſo klein, von dem Meſſer Urſula's, nennt Ihr nichts?“ Dieſe Worte zuckten wie ein Blitzſtrahl durch die Seele Arnold's. Er erinnerte ſich, daß Ur⸗ ſula ihm ihr Meſſer zu dem Ende gegeben hatte, ſer auch eine noch ſo kleine Wunde erhalten wuͤrde. „Großer Gott!“ rief Arnold, der in ſeiner See⸗ lenangſt ſeines gewohnten Unglaubens vergaß, und den Namen eines Weſens anrief, deſſen heilige Gebote zu uͤbertreten, die ſtete Beſchaͤfti⸗ gung ſeines Lebens geweſen war:„Großer Gott, ſo bin ich ja vergiftet!“ Es ſchien als wirkte die Erkenntniß von die⸗ ſer Gefahr auf ſein ganzes Weſen, indem ſie ihm ein ploͤtzliches Aufkochen des Blutes unter dem Beiſtande der Wirkung des Giftes dergeſtalt ver⸗ anlaßte, daß eine furchtbare Veraͤnderung augen⸗ blicklich mit ihm vorging; denn kaum hatte Ar⸗ nold dieſe wenigen Worte geſprochen, ſo ſchwol⸗ len ihm die Adern an der Stirn, ſein Geſicht ward leichenfarbig, ſeine Arme ſchlotterten, und als er auf eine Bank in dem Gemache nieder⸗ ſank, ſchien ſein Blick wie der eines Wahnwitzi⸗ gen in der Irre umherzuſchweifen. „Ja,“ ſagte Urſula,„Du biſt allerdings ver⸗ giftet. Das Blut, das jetzt durch Deine Adern kocht, wird bald ſtarr und kalt werden, gleich den Tod Ludwigs gewiß zu machen, wenn die⸗ ⁸ dem Quell eines Waſſers, den, wie fluthend es auch vorhin durch die Ritzen der Erde rann, ploͤtzlich der Froſt des Winters vereiſete.“ „Verfluchtes Weib,“ ſagte Arnold,„Deine hoͤlliſchen Kuͤnſte toͤdten mich. Dieſe Vergiftung iſt Dein Werk. Gib mir eins von Deinen Gegenmitteln, daß das Gift ſeine Wirkung ver⸗ liere!“ „Weib,“ ſprach Anna,„Ihr ſeyd in Wahr⸗ heit das Werkzeug des Todes Eures eigenen Mordgenoſſen geworden. So Ihr etwas thun koͤnnt, dieſem elenden Manne zu helfen, ſo thut es hurtig, und Ihr macht Eure Seele frei von der Suͤnde an dieſer Blutthat.“ Mit veraͤchtlichem Laͤcheln blickte Urſula auf die Jungfrau, indem ſie entgegnete:„Er empfaͤngt gerechten Lohn. Haͤtte er den Streich klug gefuͤhrt, ſo fiele er jetzt nicht wie ein Thor in ſeine eigene Schlinge. Keine menſchliche Macht kann Dich retten, Arnold; denn wiſſe, daß das Gift, welches in Deinem Blute wuͤhlt, aus dem Leibe jenes Kriechthiers gezogen ward, deſſen leiſeſte Mit⸗ theilung den Tod bringt.“ 106 „Weib, Hexe, Satanas!“ rief Arnold,„be⸗ ſchwoͤre Deine Teufel herauf, daß ſie mir helfen! So Du Gewalt haſt uͤber die Geiſter der Hoͤlle; ſo befiehl ihnen, daß ſie Dir beiſtehen, mich zu retten!“ „Nein,“ ſagte Urſula,„ich habe nur Gewalt, ihnen zu ihrer Beute zu verhelfen, nicht aber, ihnen ihre Opfer vorzuenthalten, ſobald deren Stunde gekommen iſt.“ „Thor, der ich war,“ ſchrie Arnold,„Dir zu trauen! Und iſt das das Ende Deiner Raͤnke, Deiner Zuſagen? Doch will ich nicht unge⸗ raͤcht ſterben. So meiner die Hoͤlle wartet, ſollſt Du, die Du mir hinhalſſt, mindeſtens mir Geſellſchaft leiſten. Weib, vermaledeites Weib, Deine Stunde iſt gekommen, wie die meinige.“ Halb wahnſinnig vor Seelenangſt und Kör⸗ perweh fuhr Arnold le Clerc von ſeinem Sitze auf, als hegte er die Abſicht, eine furchtbare Rache an Urſula zu nehmen. Doch als er vor⸗ warts ſchritt, ward er abermals von Walter d'Anghien zuruͤck gehalten:„Nichtswuͤrdiger Menſch!“ ſagte Herr Walter,„denkt vielmehr an — die kurze Spanne Zeit, die Euch auf Erden noch uͤbrig iſt, und wendet ſie zu dem Beſtreben an, Eure Rechnung mit dem Himmel abzuſchließen; nicht aber wollt, daß Rache die letzte That Eures Lebens ſey!“ „Schwatzt mir nicht vom Himmel,“ rief Ar⸗ nold,„uͤberlaßt es den Prieſtern und Weibern, zu beten und zu flennen. Ich will nichts als die Teufel rufen, daß ſie mir helfen. Betrachtet jene Hexe; mir bleibt noch eine Rache! Ludwig de Male, hoͤrt mich, ſtoßt der Alten durch das Herz, ſie iſt jetzt in Eurer Gewalt. Sie war's, die mich verlockte, Euch im Schlafe zu ermorden. Sie war's, die Eure Mutter verhin⸗ dern wollte, ſich mit dem Koͤnige von Frankreich zu verbuͤnden, um Euch wieder in Eure Hert⸗ ſchaft einzuſetzen; ſie iſts, die die Graͤfin von Artois aufſuchen will, um ſie wahrſcheinlich ins Grab zu foͤrdern. Stoßt ſie nieder, mit ihrem eigenen Meſſer ſtoßt ſie nieder. Das Gift wird ſicher wirken; ich fuͤhl's in meinen Gebeinen, es zerwuͤhlt mich waͤhrend ich rede. Toͤdtet ſie, ſag' ich, und moͤgen alle Teufel, denen ſie auf 108 Erden diente, moͤge jeder Menſchengeiſt, dem ſie zur Verdammniß in der Hoͤlle half, in ihrem letzten Roͤcheln ſie umbrauſen, um ſie an Seel und Leibe zu foltern; moͤge ſie unter allem Weh, das ein Menſch ertragen kann, dahin fahren zu den Qualen allewigen Elend's!“ „Schweig, Laͤſterer!“ ſprach der Graf.„Du haſt mir allerdings Dinge erzaͤhlt, von denen ich freilich nichts zu hoͤren ahnete. Ungluͤcklicher Mann, denke an Dein Ende. Bete zu Gott— fluche nicht! Denke, wie bald das Grab ſich Dir aufthun wird!“ „Nicht ſo! Laßt ihn fluchen,“ ſagte Urſula, „ſeine Stunde iſt nahe, ja ſie iſt ſchon herein⸗ gebrochen. Fahr' hin, Arnold, und fluche mit jenen Geiſtern, die Deiner harren. Eben jetzt biſt Du des Todes. Das Gift vollendet ſeine Wirkung.“ Luͤgneriſches Weib! ſataniſche Hexe!“ rief Arnold;„ich werde leben, um mich zu raͤchen und Dich zu verderben!“ Der Elende fuhr auf. Es ſchien, als verzehnfachten ſich ſeine Koͤrper⸗ kraͤfte durch die Gewalt ſeiner Leiden, denn gewaltſam machte er ſich von Walter d'Anghien los und ſchoß dem Stuhle zu, auf welchem Ur⸗ ſula gebunden ſaß. Allein ehe er denſelben er⸗ reichte, wich die uͤbernatuͤrlich ſcheinende Kraft von ihm; Todesfroſt bebte durch ſeine Gebeine und verſtellte all ſeine Geberden; ſein Geſicht ward ſchwarz und verzerrte ſich, ſein Schlund rochelte, er ſtieß eine ſcheußliche Laͤſterung aus, ſtuͤrzte ruͤcklings zu Boden und lag als ſtarre Leiche da. Urſula lachte, wies mit dem Finger auf den Todten, waͤhrend alle uͤbrigen Anweſenden ſtumm vor Grauſen da ſtanden und rief:„Werft den Leichnam den Hunden und Aasvoͤgeln vor, laßt ihn nicht hier vermodern!“ „Schweig, Weib,“ rief der Graf,„ſo Du noch ein einziges Wort redeſt, iſt es Dein letztes!“ „Herr,“ ſagte Walter d'Anghien,„verſchwen⸗ det nicht Euern Athem in Zwieſprach mit ſo ſuͤndiger Hexe. Ich vermag nicht mein Schwert mit dem Blute eines Weibes zu beſudeln, in der das Alter, das edlen Menſchen eine hoͤhere Wuͤrde verleih't, nur als Vergroͤßerung ihrer Verbrechen erſcheint, indem in Ausuͤbung der Gottloſigkeit ihr Haar ergraute. Waͤre das nicht, ſo wuͤrde ich wahrlich ihren Mordanſchlag Euch zu raͤchen wiſſen.“ „Und was vermagſt Du an mir zu thun, Ludwig de Male?“ ſagte Urſula.„Nimm mir das Leben, ſo Du es wrillſt, denn ich bin in Deiner Macht; doch wiſſe, daß aus dem Grabe noch Urſula's Schatten Dich umſchweben und Dein Geſchick mit Verderben bezeichnen wird.“ „Elendes Weib,“ verſetzte der Graf,„ich befehle Dir nochmals zu ſchweigen. Fuͤr jetzt verlaß ich Dich. Wenn wir fort ſind, werd' ich Befehl geben, Dich loszubinden. Und jetzt hoͤre, was ich gebiete! Verlaß dieſes Land, und ſonder Verzug! Und wenn eine ſolche Seele, wie in Deinem elenden Leibe wohnt, zur Reue gelangen kann, ſo bereue. Wirſt Du jedoch ſpaͤterhin in dieſem Lande, waͤr's auch im ent⸗ legenſten Winkel deſſelben, gefunden, und mir iſt noch Herrſchermacht zu Handen, ſo ſoll der Nachrichter Dir fuͤr alle Miſſethaten Deines Sin denlebens volle Gerechtigkeit geben.“. ——— 111 „Wenn Euch Macht zu Handen iſt,“ ſagte Urſula ſpoͤttiſch,„ſo werd' ich's dulden. Haͤttet Ihr mich nicht veſt gebunden, wuͤrd' ich mich Euch anders weiſen.“ „Laßt uns von hinnen gehen, Herr,“ ſagte Walter d'Anghien.„Alles iſt bereit— die Pferde warten unſer. Ich traf auf den ehrlichen Wirth, der mich zur Heimkehr antrieb, indem er, wie er ſagte, Gefahr fuͤr Euch furchtete. Wie dank' ich dem Himmel, daß ich zu rechter Zeit kam, um Euch dienen zu koͤnnen!“ „O, laßt uns unverzuͤglich abreiſen,“ ſagte Anna,„ich kann es nicht ertragen, auf dieſen Schauplatz des Greuels zu blicken. Dies war eine furchtbare Nacht; aber Gott ſey Dank, wir wurden gerettet aus den Schlingen des Boͤſen!“ Und indem ſie ſich zu Urſula wendete, ſagte ſie, waͤhrend ihr von Furcht blaſſes Angeſicht ein Bangen ausdruͤckte, dem Blicke der Hexe zu begegnen:„Wir verlaſſen Euch, Urſula, um⸗ geben von den Todten. Sie waren Eure Suͤn⸗ dengenoſſen; moͤge ihr Ende Euer Herz mit einiger Reue erfuͤllen, daß Ihr Euch losſagt von Eurem gottloſen Wandel, durch welchen Ihr ſonſt nur allzubald dieſen hier zugeſellt ſeyn werdet.“ Urſula murmelte eine Antwort, doch nuͤtzte dieſe zu nichts, denn ſchon hatte Anna, auf Walters Arm geſtuͤtzt, die Herberge verlaſſen. Der Graf folgte. Die Fluͤchtlinge hatten bald den Ort unter den Ruinen erreicht, an welchem der betagte Wirth, der noch nichts von dem in ſeinem Hauſe Vorgefallenen wußte, ihrer mit den Pferden harrte. Der Graf erzaͤhlte ihm in Kuͤrze das Noͤthige und befahl ihm, die zuruͤck⸗ gebliebene Alte loszubinden und in Freiheit zu ſetzen. Dann gab er ihm einige Goldſtuͤcke und das Verſprechen, ihn beſſer zu belohnen, falls er je wieder als Graf von Flandern ſich ſeiner Beſitzungen zu erfreuen haben wuͤrde. Die drei Fluͤchtlinge beſtiegen nun ihre Roſſe, ſagten dem freundlichen Wirthe Lebewohl, und ſetzten ihren Weg nach Lille fort. Sie kamen an der Scheune vorbei, in welcher der ehrſame — Herr Simon van Bet, nebſt ſeinen Gefaͤhrten die Nacht hinbrachte. Allein Anna wußte—„ ler ſe, nd ne n, t, 113 wie nahe ſie ihrem Pflegevater war; und Lud⸗ wig de Male ahnete nicht im mindeſten, daß er, aller Wahrſcheinlichkeit nach, die Erhaltung ſeines Lebens der Gutherzigkeit des biedern Buͤr⸗ germeiſters von Gent verdankte, indem dieſer, obwohl er den Reiſenden in der Kammer nur fuͤr einen Fremden hielt, den Wirth ſo ſchleunig fortſchickte, um die Ruͤckkehr des Gefaͤhrten zu foͤrdern. Die Weißkappen III. Piertes Capitel. il Nachdem wir den Grafen von Flandern mit j Walter d'Anghien und der ſchoͤnen Anna der boͤſen Nachſtellung ihrer Widerſacher entreißen ſahen und ſie auf ihrem Wege nach Lille wiſſen, werden wir von dem Gange unſerer Erzaͤhlung i genoͤthigt, ſie fuͤr einen Augenblick zu verlaſſen, d um uns von anderen, hoͤchſt wichtigen Dingen, ſ Betreffs der Angelegenheiten Ludwig de Male's, 9 zu unterhalten. Der Leſer weiß bereits, daß der Herzog von ſſi Burgund, der Oheim des jugendlichen Monar⸗ 2 chen Karls des Sechsten, der jetzt zum franzo⸗ h ſiſchen Thron gelangt war, die einzige rechtmaͤ⸗ G ßige Tochter Ludwig de Male's, die kaum„ t zehn Jahre zaͤhlte, geehelicht hatte. Durch d 115 Vermaͤhlung hoffte der Herzog, kraft des An⸗ rechtes ſeiner Gattin, ſpaͤterhin zum Beſitze von Flandern zu gelangen. Hinſichtlich dieſer Er⸗ wartung hatte er ſich mit den Anſpinnungen der Graͤfin von Artois beſchaͤftigt, um den Grafen an einer zweiten Ehe zu verhindern, damit nicht die Geburt eines Erben maͤnnlichen Geſchlechtes ihm das Erbtheil entzoͤge, das er mittelſt ſeiner it jungen Gemahlin zu erlangen gedachte. er Die hochfahrende und ehrgeizige Graͤfin von en Artois hatte jene Heirath zwiſchen dem Herzoge n, und ihrer Großtochter zu Stande gebracht, und ng im Verlangen, ihr Uebergewicht uͤber ihren min⸗ n, der ehrgeizigen Sohn zu behaupten, hatte ſie n, ſtets eine zweite Ehe deſſelben aus dem Grunde 8, gefurchtet, daß ſie alsdann nicht nur ihre, bis zum Deſpotismus getriebene Macht uͤber Ludwig, n ſondern auch ihren Einfluß auf den Herzog von r⸗ Burgund verlieren wuͤrde, der, um ſeines zu ⸗ hoffenden Vortheils willen, ſich einen hoͤheren ⸗ Grad von Beherrſchung ſeines Thuns auf Sei⸗ r⸗ ten der Graͤfin, als er ſonſt wohl geduldet haben würde, gefallen ließ. 116 Mancherlei waren die Raͤnke, die von dem Burgunderherzog und der Graͤfin von Artvis ge⸗ ſponnen wurden. Der liſtige Gilbert Mattheus diente dabei als Zwiſchentraͤger, Bote und Hel⸗ fershelfer, und zwar bisweilen mit einer Liſt und Verſchlagenheit, durch die er ſelbſt ſeinen Goͤnner und ſeine Herrin hinterging, indem er bald Jenem, bald dieſer, irgend einen Plan an⸗ gab, der dem Anſcheine nach ausſchließlich zum Vortheil des Einen oder der Andern gereichen ſollte, waͤhrend Gilbert in der That dadurch nur einen zu ſeinem eigenen Nutzen tief angelegten Entwurf zur Reife zu bringen trachtete. Die Empoͤrung der Weißkappen, durch welche Ludwig de Male's Verluſt ſeiner Grafſchaft an⸗ gedroht ward, wodurch denn auch ſeiner Toch⸗ ter Erbtheil verkuͤmmert werden mußte, war fuͤr den Herzog von Burgund eine hoͤchſt beunruhi⸗ gende Angelegenheit geworden. Vergebens hatte Letzterer ſich bemuͤht, den verſtorbenen Koͤnig Karl den Fuͤnften von Frankreich zu vermoͤgen, Theil gegen die Rebellen zu nehmen. Nimmer hatte dieſer Monarch darein willigen vnhy „„„—— weil er gegen Ludwig de Male aufgebracht war, nachdem dieſer dem Herzog von Bretagne, zu einer Zeit, wo derſelbe den Burgunder beleidigt hatte, Schutz an ſeinem Hofe verlieh. Allein kaum war Karl der Fuͤnfte geſtorben und ſein junger Sohn ihm unter der Vormund⸗ ſchaft ſeiner Dehme, Berri und Burgund, ge⸗ folgt, als Margaretha von Artois den Zunft⸗ meiſter Gilbert Mattheus in Geheim an den Herzog von Burgund abſchickte, um dieſem die gefaͤhrliche Lage des Grafen kund zu machen und ihm zu verſtehen zu geben, daß, wenn der Herzog jetzt den jungen Koͤnig vermoͤgte, ſich mit Flandern zu verbuͤnden, ihm die Erbſchaft zuerkannt werden ſollte. Herr Olivier de Cliſſon, der Guͤnſtling des verſtorbenen Koͤnigs, war von demſelben zum Connetable von Frankreich ernannt worden, und da er große Gewalt im Lande und bedeutenden Einfluß auf das Gemuͤth des jungen Prinzen beſaß, ſo hatte Burgund eine vorſichtige Rolle zu ſpielen; denn der Connetable mußte, ſo gut wie der Koͤnig ſelbſt, fuͤr das Intereſſe Flanderns —118— gewonnen werden. Viele Briefe wurden deshalb zwiſchen Burgund und der Graͤfin von Artvis gewechſelt, und erſt am Abend, an welchem der Angriff auf Brugges ſtattfand, erhielt Marga⸗ retha Beſtaͤtigung des zu Stande gebrachten Buͤndniſſes, ſo daß ſie beſchloß, den Koͤnig von Frankreich perſoͤnlich zu begruͤßen, um ihre An⸗ gelegenheit deſto nachdruͤcklicher zu betreiben. Indem die Graͤfin die ungeduldige Gemuͤths⸗ art und offenherzige Handlungsweiſe Ludwig de Male's in allen Staatsangelegenheiten kannte, hatte ſie abſichtlich ihn voͤllig unwiſſend uͤber eine Unterhandlung gelaſſen, die nur durch Liſt, Geduld und Intrigue durchgefuͤhrt werden konnte; auch wuͤnſchte ſie nicht, daß ihr Sohn eher etwas von ihrer Abſicht erfahren ſollte, als bis dieſe reif ſeyn wuͤrde, um zur That zu werden. In der Nacht, in welcher die Graͤfin mit Gilbert Mattheus aus Brugges entfloh, begab ſie ſich nach Lille; allein indem ſie fuͤrchtete, daß unter ſolchen Umſtaͤnden jede Zoͤgerung ihren Plaͤnen nachtheilig werden moͤgte, blieb ſie nicht einmal ſo lange in Lille, um Erkundigung uͤber alb tois der ga⸗ ten von An⸗ hs⸗ de nte, ber iſt, te; vas ieſe mit ab daß ren icht 1190 das Schickſal ihres Sohnes einzuziehen; indem ſie beſchloß, im Fall der Graf umgekommen waͤre, den Verſuch zu machen, die Grafſchaft Flandern, kraft des Rechts ihrer Enkelin, fuͤr den Herzog von Burgund an ſich zu reißen. Zu ſolchem Ende machte ſie ſich, in Begleitung Gilbert's, noch an dem naͤmlichen Morgen auf, um den Herzog in Tournai zu treffen, und zufolge eines mit demſelben verabredeten Planes, daſelbſt dem jungen Koͤnige zu begegnen, indem dieſer durch ſeinen Ohm von Burgund vermogt worden war, ſich nach jener Stadt zu begeben, um, wie vor⸗ geſchuͤtzt worden war, dieſelbe zu beſehen. Der Leſer wird alſo mit uns ſich nach Tour⸗ nai verfuͤgen muͤſſen, wo die Gräfin, nachdem ſie Gilbert mit einem Briefe an den Herzog von Burgund abgefertigt hatte, beſorgt in einem Ge⸗ mache ſaß und ihres Boten Ruͤckkehr erwartete⸗ Die Geſichtszuge der Graͤfin druͤckten ſelten die Geiſtesſtimmung derſelben aus; heute jedoch blickte ſie beunruhigter als jemals und ſchritt mit einiger Ungeduld auf und ab. Endlich kam Gilbert zuruͤck, und ſtand nach unterwuͤrfiger 120 Verbeugung bereit, mit einer Miene groͤßter Aufmerkſamkeit die Fragen ſeiner Gebieterin zu beantworten. „Gilbert,“ ſagte die Graͤfin,„was aͤußerte der Herzog uͤber meinen Plan? Wird heute mit dem Koͤnige geredet werden?“ „Vielgnaͤdige,“ verſetzte der Zunftmeiſter der Steuerleute,„der Herzog will Seiner Majeſtaͤt die Sache nochmals vortragen, und bittet Euch, ihn im Audienzſaale, zur Stunde, wo der Koͤnig ſich zu zeigen pflegt, zu beehren; denn es heißt, die Sache ſey den Weißkappen kund worden, indem dieſe einen franzoſiſchen Herold zu Brug⸗ ges aufgriffen und ihm ſeine Papiere abnahmen, worauf eine Deputation unter Friedensflagge von Gent angelangt iſt, um mit dem Koͤnige zu un⸗ terhandeln, daß dieſer nicht zu feindlichem Zwecke in Flandern einruͤcken moͤge.“ „Wirklich!“ ſagte die Graͤfin,„das darf nicht ſeyn; dazu muß gethan werden! Die Empoͤrer werden ſich unter die Herrſchaft Frankreichs ſtel⸗ len, und die Grafſchaft wird fuͤr uns auf immer verloren ſeyn. Ich muß den Herzog von Bur⸗ gund ſprechen. Dem muß durch jegliches Mittel vorgebeugt werden. Habt Ihr Kunde von mei⸗ nem Sohne? Jetzt, wo man ſeiner am noͤthig⸗ ſten bedarf, iſt er nicht zu finden. Er entkam aus Brugges, ſagt Ihr?“ „Das Geruͤcht verlautet ſo,“ antwortete Gilbert Mattheus,„und irgend ein armer Huͤt⸗ tenbewohner ſprengte aus, daß er den Grafen in niederer Verkleidung und in Begleitung eines jungen Ritters und eines Mädchens erkannte, die er fuͤr die Tochter Jan Lyon's erklaͤrt. Fer⸗ ner ſagt er, daß ſie ſich in hoͤchſt betruͤbter Lage befanden, und daß er ihnen ein Pferd verkaufte, um ihnen fortzuhelfen.“ „Die Tochter Jan Lyon's mit dem Grafen auf der Flucht?“ rief die Graͤfin.„Es iſt un⸗ moͤglich; ſie war nicht in Brugges.“ „Nicht, als Ihr wußtet, Vielgnaͤdige,“ ver⸗ ſetzte Gilbert.„Da aber Herr Walter d'Anghien der zuverlaͤſſige Freund Eures Sohnes iſt, ſo konnte dieſer ihm gar wohl beiſtehen, eine ihm liebe Jungfer zu verſtecken, die, wie man allge⸗ mein glaubt, trotz ihrer niedern Herkunft, und 122 ungeachtet ſie eines Rebellen Tochter iſt, eines Tages Ludwigs Gemahlin werden ſoll.“ „Eher ſoll er ſterben!“ ſagte die Grafin. „Nimmer will ich meinen Stamm durch ſolch ein Buͤndniß herabgewuͤrdigt ſehen, und es liegt im Intereſſe Burgunds, daß kein zweites Ehe⸗ buͤndniß dem das Daſeyn gebe, was die Hoff⸗ nungen der Erbfolge vernichten kann.— Und nun, Gilbert Mattheus, wo iſt Urſula?“ fuhr die Graͤfin in leiſerem Tone fort;„iſt ſie in ſicherer Verwahrung?“ „Sie iſt in meinem eigenen Gemache, wie Ihr es anordnetet,“ verſetzte Gilbert;„ſie iſt Euch von Brugges hieher gefolgt, will jedoch nicht laͤnger als einen Tag hier bleiben. Bei alledem, Vielgnaͤdige, wuͤnſchte ich, daß Ihr vorſichtig gegen ſie waͤret, da ſie ein offenkundiges und tuͤchtiges Werkzeug in den Haͤnden der Weiß⸗ kappen und zumal jenes Peter du Bois iſt, der—“ „Rathet mir nicht,“ ſagte die Graͤfin in ihrem gewoͤhnlich hochfahrenden Weſen.„Ich ſage Euch, daß Urſula, unter dem Scheine fuͤr die Weiß⸗ —— 123 kappen thaͤtig zu ſeyn, mir tauſendmal die Plaͤne derſelben verrathen hat. Ihr vergeßt, daß Urſula es war, welche das Gift lieferte, wo⸗ durch der Erzverraͤther Jan Lyon dahin fahren mußte.“ „Sie hegte perſoͤnliche Feindſchaft gegen jenen Mann,“ entgegnete Gilbert.„Glaubt mir, ſie iſt keine Freundin des Grafen von Flandern; und wie mich duͤnkt, zeigt die Vorſicht, mit welcher ſie hieher kam, und ihr eifriges Verlangen, gleich wieder fortzugehen, ſobald ſie die erwar⸗ tete Zuſammenkunft mit Euch gehabt haben wird, nur allzu deutlich an, daß ſie von unſerer Par⸗ tei mehr zu furchten hat, als wir uns vorſtellen. Ich vermuthe ſtark, daß ſie irgend ein finſte⸗ res Thun vorhatte, welches ſie Euch verbergen moͤgte.“ „Ich muß ſie ſehen,“ ſagte die Gräfin; „ſchickt ſie her zu mir. Noch eine Unterredung, und dann mag ſie weiter ziehen. Dann will ich in den Staatsrath. Erwartet mich draußen vor dem Audienzſaale, Gilbert.“ Gilbert verbeugte ſich und ging. Als er fort 124 war, ſchritt die Graͤfin zum Tiſche, nahm aus einem Kaͤſtchen ein Papier, welches ſie in der Hand behielt, und den Inhalt deſſelben erwog. Dann machte ſie Anmerkungen darunter, als ob ihr noch etwas Wichtiges eingefallen waͤre. Die Thuͤr oͤffnete ſich; Urſula ſtand vor ihr. Die vermeynte Zauberin trug in ihrer Hand den myſtiſchen Stab, den ſie zu fuͤhren pflegte, wenn ſie jene abgeſchmackten Zauberwerke ver⸗ richtete, deren ſataniſchem Einfluſſe allgemeiner Glaube zu Theil ward, und zwar von den Auf⸗ geklaͤrteſten, weil der Glaube an Zauberei in jenen Zeiten Aller Herzen befangen hielt. „Verriegelt die Thuͤr,“ ſagte die Graͤfin, „damit Gilbert Mattheus nicht herein komme. Ich traue Keinem weiter, als Nothwendigkeit es erfordert; und er hat nichts mit Dir bei dieſer Unterredung zu ſchaffen.“ Urſula gehorchte. „Komm naͤher, Weib,“ fuhr die Graͤfin mit einer Miene fort, in welcher Ernſt und Feier⸗ lichkeit vorherrſchend waren; denn obwohl Mar⸗ garetha fuͤr jedes Gefuͤhl der Tugend und Re⸗ 125— ligion laͤngſt erſtorben war, ſo hing ſie doch an⸗ daͤchtiglich dem Aberglauben ihres Jahrhunderts an.„Urſula,“ fragte die Graͤfin,„habt Ihr den Fortgang dieſer Begebenheiten vernommen? Soll das Blut von Artois noch durch die Adern kunftiger Grafen von Flandern fließen? Wie wird unſer Ausgang ſeyn?“ „Von dieſer Nacht wird er abhangen,“ ver⸗ ſetzte die Here, die ihren gewohnten geheimniß⸗ vollen Ton und den Blick eines Weſens annahm, welches ſchien, als bemerkte es im leeren Raume das, was andern Augen, nur nicht den ihrigen, unſichtbar war.„Ehe das Stundenglas die zwoͤlfte Stunde angedeutet haben wird, beſiegelt ſich das Geſchick der Graſſchaften Artois und Flandern.“ „Was meynt Ihr, Weib?“ ſagte die Graͤfin. „Ich verſtehe Deine Raͤthſel nicht zu loͤſen.“ „Ich darf nicht deutlich ſprechen,“ verſetzte Urſula.„Es gibt Kraͤfte, die fuͤr uns wirken, aber ſie duͤrfen nicht genannt werden; es gibt Thaten, die vollfuͤhrt, aber nie nacherzaͤhlt wer⸗ den muͤſſen; es gibt Zauberwerke, die da helfen, 126 aber nimmer duͤrfen wir ermeſſen wollen, warum ſie es thun. Merkt auf meine Weiſung, und das Ziel, wonach Ihr trachtet, wird erreicht werden.“ „Jenes Ziel iſt die Macht,“ ſagte die Graͤfin, „ſo moͤgte ich Eure dunkle Rede deuten. Allein wie gelangt man zu ihr? durch welche Mittel?“ „Ich habe,“ antwortete Urſula,„furchtbare Geiſter befragt, welche ihre Abſichten durch jene glaͤnzenden Sterne kund thun, welche im Man⸗ tel der dunkeln und melancholiſchen Nacht wie Edelſteine funkeln; und ſie ſind es, die Euch Heil verheißen, ſo Frankreich ſich mit Flandern verbuͤndet. Allein um zu dieſem Buͤndniſſe zu gelangen, muͤßt Ihr thun, wie ich es Euch anweiſe.“ „Weiſet an!“ ſagte die Graͤfin von Artvis, die, obſchon ſie ſich der Vormundſchaft der Hexe unterwarf, kaum ihren hochfahrenden Geiſt un⸗ terdruͤcken konnte.„Was iſt's, das Ihr im Befehltone gegen Margaretha von Artvis aͤußern moͤgtet?“ „Wenn Ihr heute,“ fuhr Urſula fort,„mit —„—„——, — 127 dem Herzoge von Burgund Ruͤckſprache über die Art des Einruͤckens in Flandern nehmt, ſo laßt Euch von ihm das Verſprechen geben, daß er ſeine Mannſchaft uͤber die Bruͤcke von Commi⸗ nes fuͤhren werde.“ „Bruͤcke von Commines?“ wiederholte die Graͤfin mit Erſtaunen.„Was ſoll dieſe phan⸗ taſtiſche Weiſung? Und warum ſollen die Fran⸗ zoſen, zu Wiedereinſetzung des rechtmaͤßigen Gra⸗ fen, an jenem beſonderen Orte in Flandern ein⸗ ruͤcken? Warum muͤſſen ſie den Fluß, der beide Laͤnder von einander ſcheidet, eher uͤber jene, als uͤber jede andere Bruͤcke paſſiren?“ „Es wird zum Gluͤcke fuͤhren,“ verſetzte Ur⸗ ſula.„Merkt auf meine Worte, ſtolze Frau. Entweder der Herzog von Burgund muß Euch dies Verſprechen geben, oder ehe die Mitter⸗ nachtſtunde hereinbricht, ſchlaͤgt Euer Unterneh⸗ men fehl, und die Grafſchaft Flandern faͤllt einem Fremdling zu.“ „Ihr ſprecht wilde Worte,“ ſagte die Graͤfin, „und gebt mir dieſen Rath ohne einen Schatten von Vernunftgrund. Wie kann ich mich auf 128 Euch verlaſſen? Welchen Beweis koͤnnt Ihr fuͤh⸗ ren, daß in Euren Worten Aufrichtigkeit und in Euren Weiſungen Klugheit lebe?“ „Vergangenes mag mir Glauben fuͤr Zukuͤnf⸗ tiges ſichern,“ antwortete die Zauberſchweſter. „Wer machte dem Gilbert Mattheus kund, daß heute eine Geſandtſchaft von Gent hier eintreffen wuͤrde? War es nicht Urſula? Wer hinterbrachte es ihm(und zu Euerm Beſten), daß die ein⸗ faͤltigen Buͤrger beabſichtigen, ſich Frankreich zu Lehen zu geben, ihren Grafen abzuſetzen, und alſo, um ihr Gold zu ſichern, das Knie vor einem auslaͤndiſchen Fuͤrſten zu beugen? That es nicht Urſula? Und wer, Graͤfin, um Euren Befehlen zu gehorſamen und den Schritten Eu⸗ rer eigenen Staatsſchlauheit zu Folge, vermogte die Weißkappen dazu, ihre Feindſeligkeiten bis in Frankreich auszudehnen? War es nicht Urſula?“ „Thateſt Du das?“ rief die Graͤfin,„ſo will ich Dir trauen. Ich will jedem Deiner Worte gehorſamen. Wenn dies gethan ward, ſo muß jegliche Hoffnung zu einer Uebereinkunft zwi⸗ ſchen Frankreich und den Weißkappen ſchwinden.“ 129 „Es iſt gethan,“ ſagte Urſula,„und auf mein Anſtiften. Ein Theil der Mannſchaft Peter du Boi's hat ein Dorf auf der franzoͤſiſchen Graͤnze in Brand geſteckt. Es war Euer eigener Plan, Margaretha von Artois, den franzoͤſiſchen Koͤ⸗ nig gegen unſer Volk zu erbittern. Glaubt Ihr jetzt, daß ich Eurer Sache diene?“ „Ich glaube, ich glaube,“ ſagte die Gräfin freudig.„Hier, Urſula, hier iſt Gold. Ich muß in den Staatsrath. Der Herzog von Burgund wird ſeine Zuſtimmung geben, wird mir verſpre⸗ chen muͤſſen, was Ihr begehrtet, oder die Lanzen unter meinen Fahnen ſollen nie zu den ſeinigen ſtoßen. Ich will der Bruͤcke von Commines wohl gedenken.“ „Ja, ja, der Bruͤcke von Commines,“ ent⸗ gegnete Urſula, durch deren duͤſtere Miene ein Strahl boshafter Freude zuckte—„dort ſoll der Tod Wache halten; und ich werde die Stunden bis dahin zaͤhlen.“ Die Graͤfin nickte ihre Zuſtimmung und ent⸗ hob ſich in den Audienzſaal. Die Weißkappen III. Fünftes Capitel. Die uralte Stadt Tournai, deren Truͤmmer heutiges Tages dem Kuͤnſtler und Alterthumfor⸗ ſcher ein ſo ergiebiges Feld darbieten, bluͤhte zur Zeit unſerer Erzaͤhlung auf der Hoͤhe ihres Ruhms. Tournai beherrſchte ein weites Gefild und war von Mauern und Thuͤrmen von unge⸗ heurer Bauart umringt; einer dieſer Thuͤrme erinnert(ſogar jetzt noch) an die Engelsburg in Rom, und ſchaut auf die ſpaͤter aufgerichteten Gebaͤude um denſelben herum etwa ſo herab, wie unſere gothiſchen Vorfahren auf ihre min⸗ der kuhnen Soͤhne, alſo in einem Charakter von Staͤrke und Erhabenheit, der von unſerer Zeit nicht erreicht wird. ℳ——+— „— ild me ten ab, in⸗ on eit Die Cathedrale U. L. Fr. Sanct Electaria, von fruͤheſter normaͤnniſcher Bauart, wies in ihrem Innern die ſchoͤnſten Vereinbarungen, ein⸗ fach aber maſſiv, geraͤumig aber gefaͤllig. Die runde Kuppel und die ſeltſam geſchnitzten Saͤu⸗ len boten mit den vielen Niſchen und Altaren einen eben ſo reichhaltigen, wie imponirenden Anblick dar; waͤhrend das ehrwuͤrdige Schloß und die prachtvolle Sanct Martins⸗Abtei(von welcher heut zu Tage kaum eine Spur uͤbrig iſt) an Staͤrke und Schoͤnheit den anſehnlich⸗ ſten Gebaͤuden des Jahrhunderts gleich geachtet wurden. Der jugendliche Koͤnig Karl der Sechste von Frankreich bewohnte jetzt das Schloß von Tournai, wohin er auf Anregung ſeines Ohms, des Herzogs von Burgund, gereiſet war, und wo er dermalen ſeinen Hof hielt. Der Audienz⸗ ſaal, in welchem der Koͤnig gewoͤhnlich Fremde empfing, oder auch ſeinen Staatsrath hielt, war von beſonders anziehendem Charakter, und wie die Cathedrale von altnormaͤnniſcher Bauart. Zwei Reihen kurzer und maſſiver Saͤulen, die 9* 132 ſich in einem runden Schwibbogen endeten, un⸗ terſtutzten ein Dach von geſchnitztem Eichenholze; waͤhrend rings um im Saal eine Gallerie unter den Fenſtern hinfuͤhrte, deren dunkel gefaͤrbte Scheiben die Wappen der Stadt, der Koͤnige von Frankreich und verſchiedener Edlen und Ritter zeigten, deren Namen mehr oder weniger mit Tournai in Verbindung ſtanden. Am oberen Ende des Saales befand ſich ein erhoͤheter Sitz, zu welchem mehrere mit karmoſin⸗ farbenem, golddurchwirktem Tuche bedeckte Stu⸗ fen fuͤhrten. Die hohe Lehne dieſes Sitzes lief in einen fein geſchreinten Baldachin von Gichenholz aus, der ebenfalls mit einem Tuche bekleidet war, an welchem das in Gold gewirkte Wappen von Frankreich prangte, uͤber welchem eine Krone zum Zeichen des Ranges desjenigen angebracht war, der als Konig von Frankreich das Recht hatte, dieſen Sitz einzunehmen. Hier nun waren die Herren des Staatsra⸗ thes und vom Hofe verſammelt, um den Eintritt ihres jugendlichen Monarchen abzuwarten. Kei— nem ſiel es ein, ſich zu ſetzen; wohl aber ſtanden ni P füͤ ch S — 8 ————+„ det en ne cht cht ra⸗ ritt dei⸗ 133 Alle entbloͤßten Hauptes, den Blick oft der Thuͤr zugewendet, die in das Gemach des Koͤ⸗ nigs fuͤhrte. Wir koͤnnen auf dieſe Scene der Vorzeit nicht zuruͤckblicken, ohne uns verſucht zu fuͤhlen, dem Leſer eine fluchtige Skizze von etli⸗ chen der Hauptperſonen zu entwerfen, die im Saale hartten. Dieſe waren Maͤnner, deren Na⸗ men oft zum Entzuͤcken des alten Chronikenſchrei⸗ bers gereichten, als er ihre Thaten der Kuͤhnheit und Tapferkeit niederſchrieb, deren Heldenthum fuͤr den Poeten oder den Maler lockenden und anmuthigen Stoff abgab, und deren kleinſtes Ueberbleibſel, mogte dieß nun in ihrer Wohnung, ihrem Grabmal oder in den Staͤdten, die ſie baueten oder eroberten, beſtehen, jetzt einen koſt⸗ lichen Gegenſtand des Forſchens fuͤr den Alter⸗ thumkenner und den Wißbegierigen herleiht. Zur Rechten des Thrones ſtanden des Koͤ⸗ nigs Oehme, die Herzoͤge von Berri und Bur⸗ gund, angethan mit ihren Staatskleidern, die von Stickerei und Wirkerei⸗Arbeit flimmerten. Zur Linken des Koͤnigſitzes ſtand der Hochconne⸗ table von Frankreich, Sire Olivier de Cliſſon, 134 der in ſeinem Amte der Nachfolger des beruͤhm⸗ ten Bertrand du Gueſclin war. Sire Olivier wies ſich von mittlerer Groͤße, von ſtarkem Mus⸗ kelbau, mit einem Geſichte, das in der Jugend huͤbſch geweſen war, und jetzt durch Schlachten⸗ dienſt und Beſchwerden aller Art mehr, als durch das Alter veraͤndert erſchien, denn der Mann zaͤhlte erſt funfzig Jahre. Seine Stirn war hoch und beweglich; tiefe Runzeln zogen ſich durch laͤngere Gewohnheit oft in dieſelbe, doch entſtanden dieſelben weder aus tiefem Denken, noch aus uͤbler Laune. Im Treffen zu Aurai war ihm die Sehkraft des rechten Auges durch einen Hieb mit der Streitart geraubt worden, und von der Zeit an runzelte er die Stirn, als ver⸗ ſchaͤrfte er dadurch die Sehkraft des ihm geblie⸗ benen Organs. Dieſer Unfall hatte die natuͤr⸗ liche Anmuth und Regelmaͤßigkeit ſeiner Geſicht⸗ zuͤge ſehr geſtoͤrt, doch war ſein noch ſehendes Auge groß, voll und leuchtend, und ſchien in ſeinem hurtigen Blick und in ſeiner wachſamen Beobachtung den Beſitzer fuͤr den Verluſt der Daͤlfte des Doppelorgans genuͤgend zu entſchaͤ⸗ digen. Der Mund des Mannes war von einem ſchroffen Ausdrucke und zeigte in Verbindung mit den uͤbrigen Geſichtzuͤgen das, was man eine mit kriegeriſchem Freimuth vereinbarte, ab⸗ geſchloſſene Phyſiognomie zu nennen pflegt. Der Charakter des Sire de Cliſſon laͤßt ſich am beßten aus ſeinen Thaten entwickeln. Als Krieger war er tapfer im Felde und bedaͤchtig im Kriegsrathe; er trachtete nicht nach Blutver⸗ gießen um geringfuͤgigen Anlaſſes willen, allein er ſchonte nicht, ſobald einmal das Verheerungs⸗ ſchwert entſcheidet worden war; ein Umſtand, der einige Hiſtoriker vermogte, ihm den Beina⸗ men„der Metzger“ zu geben. Als Hofmann gab er ſich offenherzig und aufrichtig, welches ſo im jetzigen wie im fruͤheren Jahrhundert et⸗ was Seltenes bleibt. Wie ſehr er auch perſoͤn⸗ lich ſeinem Fuͤrſten anhing, ſo vermogte ſolches doch nie, ihn zu irgend einer Ungerechtigkeit ge⸗ gen das Volk zu verleiten. Als Menſch war er bieder, ernſt und derb in ſeinem Weſen, wie⸗ wohl großmuͤthiger Handlungen faͤhig. Reizbar von Empfindung, ließ er ſelten eine Beleidigung 136 ungeahndet, ſelten eine Wohlthat unbelohnt hin⸗ gehen. Das war Sire Olivier de Cliſſon: geach⸗ tet von ſeinen Freunden, gefuͤrchtet von ſeinen Feinden, und der Abgott ſeiner Kriegsmannen, die ihm zu manchem kuͤhnen Zuge, zu man⸗ chem blutigen Siege gefolgt waren*). Sire Olivier erſchien ſelten unbewaffnet. Ihm waren Blechhaube, Panzerhemd und Kampf⸗ handſchuh gewoͤhnliche Bekleidungsſtuͤcke; und obgleich er jetzt, indem er der Ankunft ſei⸗ nes Koͤnigs harrte, barhaupt ſtand und ſtatt der Stahlkappe ein Sammtbarett zu ſich genom⸗ men hatte, ſchien er doch keineswegs ſich in die⸗ ſer Art von Herausſtaffirung behaglich zu fuͤhlen; *) Sire Olivier de Cliſſon ward zu Joſſelin in der Bretagne begraben. Das ſchoͤne, mit ſeinem hoͤchſt aͤhn⸗ lichen Bilde in Lebensgroͤße geſchmuͤckte, marmorne Denk⸗ mal, welches man ihm errichtete, ward zur Zeit der großen franzoͤſiſchen Revolution zertruͤmmert. Die Ver⸗ faſſerin hatte auf ihren Reiſen in der Bretagne das Gluͤck, den Kopf von Sire Oliviers Abbild aufzufinden und vor gaͤnzlichem Verfalle zu retten. Das Bruchſtuͤck ward im Garten eines Tabaksfabrikanten gefunden, wo es als Vogelſcheuche aufgeſteckt worden war. M. ſ. „Tour in Normandy and Britanny. Anm d. Verf. en 137 denn ſtatt daß er nach der damaligen Mode das Barett haͤtte an einer koͤſtlichen Schnur uͤber den Ruͤcken fallen laſſen ſollen, hielt er es in der Hand und zupfte auf linkiſche Weiſe daran herum. Sire Jean de Vienne, der tapfre Admiral von Frankreich, ſprach abſeits mit de Cliſſon, jedoch mit klarer deutlicher Stimme, die uͤberdies ſehr wohlklingend war, während andere Hoͤflinge ſich nur fluſternd unterhielten, als ob die Woͤl⸗ bung der Koͤnigshalle durch lautes Wort belei⸗ digt wuͤrde. Der huͤbſche junge Graf von Montmorenci ſtand ebenfalls dem Thronſeſſel nahe; und ob⸗ wohl er einer der tapferſten Ritter ſeiner Zeit war, gebrach es ihm doch nicht an jener feinen Bildung, die von den Troubadours als eine Trefflichkeit geruͤhmt ward, durch welche die Auf⸗ merkſamkeit der Schoͤnen rege gemacht und das Herz derſelben erobert wird. Montmorenci wußte die Lanze ſo zierlich wie kraͤftig zu ſchwingen, verſtand ein Liedchen zu trillern und im Prunk⸗ ſaale vorzutanzen, und trug die Schuhe mit noch laͤngerem Schnabel, als die Mode es vor⸗ 138 ſchrieb, waͤhrend er ſich nicht damit begnuͤgte, auf Vorder⸗ und Hinterſtuͤck ſeines Mantels das Wappen ſeines Hauſes gewirkt zu zeigen, ſon⸗ dern er trug daſſelbe auch auf dem Bruſtſtuͤcke ſeines Wamſes koſtlich in Blau und Silber ge⸗ ſtickt. Der Graf ſtand allein, ohne von Jeman⸗ dem fuͤr den Augenblick Notiz zu nehmen, denn Damen waren noch nicht anweſend. Er beluſtigte, in Ermangelung es mit den Letzteren thun zu koͤnnen, ſich mit einem ihrer Lieblings⸗Spiel⸗ 3 werke, einem Eichhoͤrnchen, das an einer Sil⸗ berkette ihm auf dem Arme hockte und taͤndelte. Auch der junge Graf de Saint Py war ge⸗ genwaͤrtig, und lehnte mit kreuzweis gelegten Armen und von ſich geſtreckten Beinen an einem der hohen Seſſeln aus Eichenholze. Er ſah aus, als zahlte er die Rundungen in dem Schnitz⸗ werk der Saalwolbung, denn ſeine Augen waren aufwaͤrts gerichtet, und ihr Blick zeugte mehr von achtloſem Muͤßiggang, als von tiefem Nach⸗ 4 Endlich oͤffnete ſich die den Hoͤflingen ſo deu⸗ tungvolle und ergebnißreiche Thuͤr, durch welche 139 ſofort etliche Kaͤmmerlinge und Ritter des Koͤ⸗ nigs eintraten. Dann kamen die Knappen der Letzteren, denen ein Ober⸗Thuͤrſteher folgte, welcher einen mit den Lilien bekroͤnten ſilbernen Stab trug. Dieſe machten gleichſam Raum, ſo daß die im Saale befindlichen Edlen mit ihrem Fluͤſtern aufhoͤrten, ehrerbietig einen Schritt zu⸗ ruckwichen und ſich in eine aufgerichtete Stellung warfen. Karl der Sechste, der Gegenſtand dieſer all⸗ gemeinen und ſchweigenden Hochachtung, trat jetzt mit jenem leichten Schritt und jener unbe⸗ fangenen Miene ein, wodurch er darthat, daß er von Kindesbeinen her an dieſe Foͤrmlichkeiten gewoͤhnt worden war, und daß dieſelben weder Gewalt noch Reiz genug hatten, ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit von den Beluſtigungen des Jugendalters abzuleiten. Karl zaͤhlte erſt ſechszehn Jahre, und der huͤbſche junge Falk, den er auf der Hand trug, ſchien fuͤr den Augenblick mehr ſeine Theilnahme rege zu erhalten, als der geſammte Hof mit allen ſeinen Ceremonien⸗ Der Koͤnig war von feiner Geſichtsfarbe, 140 ſchlank und wohl gewachſen, und leicht und be⸗ hende in ſeinen Bewegungen. Seine Geſichts⸗ zuge wieſen Froͤhlichkeit und Behaglichkeit, wo⸗ durch jede jugendliche Phyſiognomie ſtets ange⸗ nehm gemacht wird, und wodurch zumal das Antlitz eines Monarchen die Herzen fuͤr ſich zu gewinnen pflegt. Seine Mienen waren zart, ja zu zart, um auf wirkliche Leibesſtaͤrke deuten zu koͤnnen, und ließen ſchon jetzt in ſo fruͤhen Le⸗ bensjahren einen wilden Ausdruck wahrnehmen, der wenige Jahre ſpaͤter von den Aerzten als Vorbote jener unſeligen Krankheit erkannt ward, von welcher der Koͤnig in reiferem Alter ſich ſo oft ergriffen fuͤhlen mußte. Doch kann dieſe Hinterdrein⸗Prophezeihung der Aerzte kaum Beweiskraft genug fuͤr den Um⸗ ſtand haben, daß das Uebel des Koͤnigs in deſſen Conſtitution lag; vielmehr erhellt aus den Berichterſtattern der damaligen Zeit, daß der erſte Anfall der Krankheit Folge einer heftigen Koͤr⸗ peranſtrengung und eines ſogenannten Sonnen⸗ ſtiches war. Dem ſey wie ihm wolle; zur Zeit unſerer Geſchichte war Karl der Sechste in voll⸗ —— de⸗ 13 rd, ng in en ſte or⸗ en⸗ Zeit kommenem geiſtigen Geſundheitszuſtande, und es fehlte ihm weder an perſoͤnlichem Muthe, noch an Denkvermoͤgen. Karl beſaß vielmehr alle die Geiſtesvorzuͤge und Talente, welche adeligen Juͤnglingen ſeiner Zeit durch Erziehung gemein⸗ hin verliehen wurden, und ſeine romantiſche An⸗ haͤnglichkeit an der Prinzeſſin, die er wenige Jahre ſpaͤter ehelichte, zeigte eine Verfeinerung des Geiſtes, wodurch er darthat, daß er ſowohl inniger Liebe, wie der zarteſten Galanterie faͤhig war. Der junge Monarch erſchien in koͤniglichem Schmucke. Er trug den karmoſinfarbenen, mit Hermelin beſteppten Koͤnigsmantel. Seine Dal⸗ matica fiel in breiten und anmuthigen Falten uͤber eine weißlinnene Tunica. Sie war aus lichtblauer Seide, worin ſich die Lilien ſilbern geſtickt wieſen, und ward von einer Demant⸗ agraffe zuſammengehalten. Seinen Hals trug er entbloͤßt. Das ſchoͤne lichtbraune Haar, durch welches Karl ſich ſo ſehr auszeichnete, hing uͤppig uͤber ſeinen Ruͤcken hin, und umlockte ihm der⸗ geſtalt die Stirn, daß es ihm beinahe den Per⸗ 142 lenſchmuck verdeckte, der ſich um ſeine Schlaͤfe wand. Karl naͤherte ſich dem Throne, begruͤßte huld⸗ voll die Verſammelten, und hatte Verſtand ge⸗ nug, Jeden, gemaͤß deſſen Stand und Charakter, mit einigen Worten anzureden, die von hurtiger Auffaſſunggabe und ungezwungenem Benehmen zeugten. Nachdem er dies gethan hatte, wen⸗ dete er ſich zu dem jungen Grafen von Mont⸗ morenci, deſſen Alter und Lebensweiſe denſelben zu einem Lieblingsgeſellſchafter des jungen Mon⸗ archen machten.„Seht da, Graf,“ ſagte Karl, „wir haben heut fruͤh von einer huͤbſchen Dame ein hubſches Geſchenk erhalten. Die edle Grafin von Artois ſandte uns dieſen jungen Falken, der einen Reiher wie jeden anderen Vogel in unſern Bezirken erjagen, und ohne lange Umſchweife zu machen, auf unſere Hand zuruͤckkehren wird. Wir wollen nachher unſern Falken mit dem Eu⸗ rigen wetten laſſen, Graf, ſo nur unſere werthen Dehme Berri und Burgund uns hübſch kurzen Staatsrath machen und ihre Ernſthaftigkeit bei Seite ſetzen; denn fuͤrwahr, wir ſind dieſer lan⸗ —— — gen Verhandlungen uͤberdruͤſſig, und ſehnen uns nach einem Pferde und einem ergiebigen Jagdrevier.“ „Mein gnaͤdigſter Neffe und Koͤnig,“ ſagte der Herzog von Burgund, indem er vortrat,„es wuͤrde mir leid thun, Euch an den Beluſtigun⸗ gen hinderlich zu werden, die Eurem Alter und der Erhaltung Eurer Geſundheit geziemen; allein es liegen ſo wichtige Gegenſtaͤnde zur Berathung vor, daß ſie Eure ganze Aufmerkſamkeit erhei⸗ ſchen und keinen Aufſchub dulden.“ „So ſagtet Ihr uns geſtern,“ verſetzte der junge Koͤnig,„und ſo ſprecht Ihr jeden Tag; wenn wir jedoch niemals Muße haben, edlem Spiele nachzugehen, ſo waͤre es uns beſſer, der Sohn eines unſerer Schildknappen zu ſeyn, als dieſe Prunkgewaͤnder zu tragen, die da Feſſeln fuͤr unſere Freiheit ſind. Die Soͤhne unſerer Va⸗ ſallen beluſtigen ſich, wenn es ihnen beliebt, waͤh⸗ rend wir ſitzen und Eure Reden anhoͤren muͤſſen, Ihr Herren, die oft mehr dahin abzielen, Eure verſchiedenen Meynungen zu beſprechen, als un⸗ ſere Entſcheidung zu begehren. Laßt Euch alſo ——————— 144 erbitten, redet hin und her, waͤhrend Karls und Montmorenci's Falken fliegen, und ſeyd ſicher, das Rad des Staates wird drum aus Mangel an Haͤnden, die es drehen, nicht ſtill ſtehen.“ „Die Soͤhne der Vaſallen, mein edler Mon⸗ arch,“ fiel Sire Olivier de Cliſſon ein,„koͤnnen nach ihrem Gefallen thun, weil ihnen nichts Wichtiges zu thun obliegt; doch der Sohn eines Koͤnigs, der uͤberdies ſelbſt ſchon Koͤnig iſt, muß lernen ein Mann zu ſeyn, obwohl er noch im Knabenalter ſteht; denn Thorheit in hoher Stellung iſt eben ſo ungeziemend, wie Ausge⸗ laſſenheit im hohen Alter. So muͤßt Ihr denn, gnaͤdigſter Herr, bei Zeiten durch die Rathſchlaͤge Derer lernen, die aͤlter und erfahrener ſind, als Ihr es ſeyd, wenn nicht dieſer Staat durch den Muͤßiggang ſeines Beherrſchers in Verachtung ſinken ſoll.“— „Ihr gebt uns gar kecke Weiſung, Sire Connetable,“ verſetzte Karl in der beſten Laune von der Welt;„doch wollen wir ſie eben ſo wenig uͤbel aufnehmen, als den Muͤßiggaͤnger ſpielen. Nennt alſo den Gegenſtand Eurer wich⸗ *— ———— cn es als en ing ire une ſo ger tigen Verhandlung, und wir wollen in Anhoͤ⸗ rung deſſelben und in Annahme Eures guten Rathes unſer Beſtes thun. Und Ihr, Montmo⸗ renci,“ fuhr der Koͤnig fort, indem er ſich halb⸗ fluͤſternd zu ſeinem jungen Jagdgenoſſen wendete, „ſtehlt Euch hinaus, und ſagt dem Falkenier, Alles in Bereitſchaft zu halten; denn ſo es Un⸗ ſeren lieben Frauen zu Sanct Eleutaria gefallt, wollen wir auf und davon, ſobald wir unſern Oehmen entſchluͤpft ſeyn werden. Sire de Saint Py ſoll mit uns.“ Sire de Saint Py, der ſeitdem ſeine gleich⸗ guͤltigen Blicke von dem Saalgewoͤlbe wegge⸗ wendet und auf Das gerichtet hatte, was ſeit dem Eintritte des Koͤnigs vorgefallen war, ver⸗ beugte ſich ehrfurchtsvoll bejahend gegen dieſe Einladung; Montmorenci aber eilte, Alles anzu⸗ ordnen daß gleich nach Aufbruch der Sitzung die Falken auffliegen koͤnnten. „Mein koͤniglicher Neffe,“ nahm Burgund wieder das Wort,„wird heute einen ſchoͤnen Beſuch zu empfangen haben. Graͤfin Margare⸗ tha von Artois harrt im Vorſaal, um, wie ich Die Weitßkappen III. 10 146 bereits erinnerte, Eurer Hoheit Beiſtand gegen die Feinde ihres Hauſes zu erflehen.“ „Laßt die edle Dame vortreten,“ verſetzte Karl.„Wir waͤren fuͤrwahr kein aͤchter Ritter, ſo wir uns weigerten, das Geſuch einer Dame anzuhoͤren. Fuͤhrt Ihr ſie herein, Sire de Saint Py, da Ihr beſſer daran gewoͤhnt ſeyd, den Knappen der Damen abzugeben, als unſere Hehme und der tapfre Sire Olivier.“ Sire de Saint Py verbeugte ſich mit An⸗ ſtand, ſchritt dann in Nachahmung ſeines Freun⸗ des(und eben weil es Nachahmung war, kam es laͤcherlich heraus) auf den Zehen den Saal entlang, und kehrte mit der Graͤfin Margaretha von Artois und dem Zunftmeiſter Gilbert Mat⸗ theus zuruͤck, der bei dieſer Gelegenheit den Schlepptraͤger ſeiner Gebieterin abgab. Die Graͤfin, die von Natur ein wuͤrdevolles Aeu⸗ ßeres und anmuthige und edle Koͤrperbewegungen wies, ſchritt gerade auf den Thron zu, knieete auf der unterſten Stufe deſſelben und verbeugte ſich ſo vor dem Koͤnige. Karl erhob ſofort die Dame und ſagte mit m ſte di te ler re let rei einem Laͤcheln:„In der That, theure Graͤfin, ehe ſollten wir das Knie vor Euch beugen; denn ſo Schoͤnheit, Verſtand und Muth die Huldi⸗ gung unſeres Geſchlechtes da verlangen, wo wir dieſelben in dem ſchoͤneren Theile der Schoͤpfung wahrnehmen, ſo mag Margaretha von Artois wohl Fuͤrſten zu ihrem Dienſt auffordern.“ „Eure Majeſtaͤt ſpricht trotz dem jungen Mont⸗ morenci ſelbſt,“ ſagte der dreiſte Sire Olivier; „allein mich duͤnkt, dieſer Dame wird der Bei⸗ ſtand Eurer Geharniſchten beſſer behagen, als die ſuͤße Rede Eurer Hofdiener.“ „Ei, Sire Olivier,“ entgegnete der Koͤnig, „Ihr ſollt eben ſo wenig unſere Artigkeit ſchel⸗ ten, als wir es bei uns an Muthe wollen feh⸗ len laſſen; obwohl wir das Beiſpiel der erſte⸗ ren von unſerem Freunde Montmorenci und des letzteren von unſerem Connetable entlehnen. Hoͤ⸗ ren wir jetzt das Geſuch dieſer Dame.“ Auf kurze und nachdruͤckliche Weiſe legte die Gräfin nun eine Schilderung des Unrechts dar, das ſie und der Graf von Flandern durch die Empoͤrung der Weißkappen erlitten, und um zu 10* 148 zeigen, wie es fuͤr Frankreich nothwendig waͤre, ſich ihrer Sache anzuſchließen, verweilte ſie mit vieler Redegewandtheit bei der Friedensverletzung auf Seiten der flamlaͤndiſchen Rebellen, indem dieſe ein franzoͤſiſches Graͤnzdorf in Brand ge⸗ ſteckt hatten. Der Herzog von Burgund nahm⸗ den guͤnſtigen Augenblick wahr, nicht nur auf die Seele des jungen Koͤnigs zu wirken, ſondern auch den Connetable fuͤr die Angelegenheit zu gewinnen, indem dieſer ſich bisher ziemlich kalt gegen dieſelbe bewieſen hatte. Er wußte, daß de Cliſſon bei der geringſten, dem franzoͤſiſchen Volke zugefuͤgten Beleidigung Feuer fangen wuͤrde, und hatte ſich nicht geirrt. „Bei der Seele meines Vaters 1 rief Sire Olivier,„dergleichen iſt nicht zu ertragen. Sol⸗ len dieſe ſchaͤndlichen Handwerkgeſellen von Gent, die von der Pluͤnderung des eigenen Landes leben, das unſere beſchaͤdigen? Sollen ſie dergleichen wagen duͤrfen? Nimmermehr! Hier lebt kein Mann unter uns, der nicht einmuͤthig dazu ſtimmt, jenes Geſindel zu zuchtigen. Laßt un⸗ ſeren Monarchen nur das Wort ſprechen, ſo ——, ——— ire ol⸗ ent, en, hen kein azu 149 zieht Olivier de Cliſſon abermals die Klinge, um Karls des Sechsten Feinde eben ſo heimzu⸗ ſchicken, wie er es an den Feinden von Deſſen erlauchtem Vater that. Redet, mein Koͤnig, und wir gehorchen Euch.“ Als Sire de Cliſſon dieſe Worte ſprach, wen⸗ dete er ſich ploͤtzlich zu dem Koͤnige, dem er bis⸗ her ſein blindes Auge zugekehrt hatte. Es ſchien, als machte er dieſe Wendung, um ſeinem Ge⸗ ſuche bei dem Koͤnige durch einen veſten und entſchloſſenen Blick aus ſeinem feurigen Auge und durch einen eher befehlenden, als bittenden Ton noch groͤßeren Nachdruck zu verleihen. „Wir wollen nicht ermangeln, Sire de Cliſ⸗ ſon,“ ſagte der junge Koͤnig mit vielem Feuer, „die Waffen zu ergreifen und jenen frechen Flam⸗ laͤndern, ſowohl zur Rache fuͤr unſer beleidigtes Volk, wie zum Schutze des Rechtes dieſer edlen Dame und deren Sohnes, unſers Vetters von Flandern, die Fehde anſagen. Wir wurden be⸗ reits zum Ritter geſchlagen, und ſehnen uns darnach, die Sporen zu ernſtem Kampfe anzule⸗ gen; denn, die Wahrheit zu ſagen, bisher er⸗ 1350 ſchienen wir noch nicht in der Kriegsruͤſtung, ſondern begnuͤgten uns mit leichten Turnierſpie⸗ len eines Edelknaben, ſtatt den Waffenthaten eines Fuͤrſten und Mannes obzuliegen. Dem ſoll abgeholfen werden; wir wollen keine Zeit verlieren. Sire Connetable, Ihr werdet die Kundmachung beſorgen, daß alle Ritter und Knappen in unſerm Beſitzthum zu unſerm Ban⸗ ner treten, damit wir gegen dieſe Weißkappen zu Felde ziehen;“ und zu Montmorenci gewen⸗ det, der zuruͤckgekehrt war und ſeinen Platz neben dem Monarchen eingenommen hatte, ſetzte der Koͤnig hinzu:„Wir wollen uns eine Kampf⸗ ruͤſtung zulegen, die ſo gut ſeyn ſoll, wie jemals ein Fuͤrſt ſie trug; auch ſoll ſie von demſelben Waffenſchmiede gemacht werden, welcher dieje⸗ nige fertigte, die Ihr beim juͤngſten Turnier in Paris truget; und ſoll unſer Schildzeichen fuͤr diesmal ein fliehender Hirſch ſeyn.“ „Ein fliehender Hirſch, Majeſtaͤt?“ ſagte Sire Olivier.„Ich will hoffen, es ſey da nicht von Flucht die Rede, wo Frankreich den Vor⸗ trab fuͤhrt. Und warum ablaſſen von dem koͤ⸗ —+ ——. niglichen Wappen Eures Hauſes und einer Ein⸗ bildung wie dieſer folgen?“ „Das will ich Euch ſagen, Connetable,“ ent⸗ gegnete der Koͤnig mit eben ſo vieler Einfachheit wie Ernſthaftigkeit in ſeinem Weſen:„Wir waͤh⸗ len zu unſerm Bannerzeichen den fliehenden Hirſch, um einem Traume zu gehorſamen, der uns verwichene Nacht im Schlafe beunruhigte, und noch jetzt, wo wir wach ſind, ſchwer auf uns laſtet. Hoͤrt zu, Ihr Herren, und wir erzaͤhlen Euch unſern Traum.“ Saͤmmtliche Hoͤflinge machten jetzt eine Be⸗ wegung, um naͤher zu dem Koͤnige zu kommen, und ſchickten ſich mit einer Miene ernſter Auf⸗ merkſamkeit und lebhafter Neugier an, ihn den Traum erzaͤhlen zu hoͤren, als waͤre dieſer ein Orakelſpruch, durch welchen das Schickſal Frank⸗ reichs ſich zu entſcheiden haͤtte. Karl war nicht frei von dem Aberglauben ſeiner Zeit, nach wel⸗ chem die Wirkſamkeit der Traͤume, ſo wie die Ge⸗ walt der Hexerei, einen Theil der Glaubensmey⸗ nung jedes aͤchten Anhaͤngers ausmachte. Nur Sire Olivier de Cliſſon blickte mit einer 152 zweifelsvollen Miene, die ſchier an Verachtung graͤnzte, auf den Koͤnig, indem er murmelte: „Ein Traum? Ueberlaßt die Traͤume, mein Koͤ⸗ nig, dem Gruͤbeln der Weiber und der Deu⸗ tung der Pfaffen. Der Koͤnig von Frankreich ſoll von nichts Anderem traͤumen, als von ſeinen Lanzen, und ſoll, wenn er aufwacht, dieſelben in Bewegung ſetzen.“ Karl, der ſchon laͤngſt an die beizende Laune ſeines Connetable, deſſen Tapferkeit und Treue ſich waͤhrend der vorigen Regierung ſattſam be⸗ waͤhrt und ihm eine Art von Vorrecht, keck zu ſprechen, eingeraͤumt hatten, gewoͤhnt war, achtete des Einwurfes de Cliſſon's nicht, ſondern ſchickte ſich zur Erzaͤhlung ſeines Traumes mit einer Miene des Stolzes und des Vertrauens an, woraus abzunehmen war, daß er wirklich etwas des Anhoͤrens Werthes vorzutragen hatte. Sire Olivier dagegen fuͤhlte vielleicht Stolz in eben jener Rauhheit, die ihn zur Geringſchaͤtzung deſſen ſtimmte, was der Koͤnig erzaͤhlen wollte; denn es gibt Leute von Auszeichnung, fuͤr die der ihnen gewordene Ruf, keck in ihren Reden 1—„—— ———„—————— p—,„— „ℳ —— zu ſeyn, eben ſo ſchmeichelhaft iſt, wie fuͤr An⸗ dere die Nachrede, daß ſie hoͤflich und fein von Sitten und Benehmen ſind. Als der Koͤnig ſah, daß er Aller Aufmerk⸗ ſamkeit auf ſich gezogen hatte, begann er folgen— dermaßen:„Mir traͤumte, Ihr Herren, ich be⸗ faͤnde mich in dieſer Stadt, und der Graf von Flandern verehrte mir einen abgerichteten Falken — eben ſolchen, als dieſer iſt, den mir die Frau Graͤfin von Artvis ſchenkte. Und der Falk war gelehrig, und flog hin und wieder auf mein Geheiß, und ſchlug mit den Fluͤgeln, wenn er mir auf der Fauſt ſaß. Nun war es ein ſchoͤ⸗ ner Morgen, die Sonne ſtand im Aufgange und beruͤhrte leiſe die Spitzen der Berge und die Wipfel der Waldbaͤume mit guͤldenen Strah⸗ len, die Voͤgel ſangen, und die Luft athmete ſuͤß. Ich aber zog mit dem Sire Connetable hinaus auf die Falkenbeize. Wir ſtiegen zu Pferd, und da ich einen Reiher uͤber uns wahr⸗ nahm, ſprach ich:„„Laßt den Falken fliegen, Sire Olivier, daß er uns den Reiher herab⸗ hole.“ De Cliſſon that alſo, als, ſiehe da! 154 mein Falk ſo hoch in die Luͤfte ſtieg, daß wir ihn ſchier aus dem Geſichte verloren. Unſere Gaͤule trabten wacker, indem ſie kaum den Bo⸗ den beruͤhrten. Der Falk blieb immer hoch uͤber uns, bis wir zu einem Dickige gelangten, wo wir nur zu Fuße weiter konnten. So ſtiegen wir ab— allein jetzt war kein Falk mehr zu ſehen. Verdruͤßlich ward ich und ſann nach, was wohl zu thun ſey, als ein Hirſch, weiß wie der Schnee, den der Wind des Winters peitſcht, langſam und gemuͤthlich aus dem Walde hervorkam, zwei große Fluͤgel ausbreitete, ſich aufſchwang und mir zu Fuͤßen ſich wieder nie⸗ derließ. Ich beſtieg das edle Thier, das ſich ſofort auf ſeinen Schwingen dergeſtalt erhob, daß es mich hoch uͤber die Wipfel des Waldes trug, der unter mir wie eine weite gruͤne See ſchwamm. Der Hirſch flog der Richtung gen Flandern zu, und ſofort ſah ich dort, wie mein Falk einen Reiher nach dem anderen herabholte, waͤhrend dieſe ſich vergebens ſeiner zu erwehren trachteten. Als mein Falk die Reiher ſaͤmmtlich vertilgt hatte, rief ich ihn zuruͤck, und er, wohl —„——„—„—„——„——„„„—„—— — ir 155 abgerichtet, gehorchte und ſetzte ſich auf meine Fauſt. Der Hirſch aber, der Alles verſtanden zu haben ſchien, kehrte mit mir zuruͤck und brachte mich wieder zu der Staͤtte, wo der Sire Connetable meiner wartete. Hierauf er⸗ wachte ich, allein der Traum iſt mir im Ge⸗ daͤchtniſſe geblieben, und ich halte ihn fuͤr eine guͤtige Vorbedeutung unſerer vorzunehmenden Fehde. Der weiße Hirſch, der mich in den Stand ſetzte, meinem Vogel zu folgen, ſoll das Schildzeichen bei unſerem erſten Waffen⸗ verſuche ſeyn.“ Die Hoͤflinge druͤckten einſtimmig ihre Ver⸗ wunderung uͤber des Koͤnigs Traum aus und lobpreiſeten die Weisheit, die er in Auslegung deſſelben an den Tag gelegt hatte; und um der Phantaſie des Koͤnigs zu ſchmeicheln, er⸗ klärten ſie einſtimmig, auf dieſem Zuge eben⸗ falls den weißen befluͤgelten Hirſch zum Schild⸗ zeichen zu nehmen. Der Herzog von Burgund und die Graͤfin von Artois, die am meiſten Theil an dem Aus⸗ gange dieſes Zuges zu nehmen hatten, verloren 156 keine Zeit, ſich des guten Willens zu verſichern, den man in Bezug auf ihre Angelegenheit blicken ließ, und ſchritten ſofort zur Berathung uͤber die zu treffenden Maßregeln zur Zuſammen⸗ ziehung ihrer Streitkraͤfte und uͤber ihren Ein⸗ marſch in das flanderiſche Gebiet. De Cliſſon ging von Herzen in dieſe Plane ein. Es ward demnach ausgemacht, daß die Graͤfin von Ar⸗ tois ſonder Verzug ihre Mannen in Artois ver⸗ ſammeln und uͤber die Bruͤcke von Commi⸗ nes, wo ſie ſich mit den Streitern von Frank⸗ reich und Burgund zu vereinigen haͤtten, das flanderiſche Gebiet betreten ſollten. Dieſem Marſchwege ward von Einigen im Rathe widerſprochen, allein da der Herzog von Burgund der Graͤfin nicht zuwider ſeyn wollte, ſtimmte er mit in ihren Antrag ein, ſo daß endlich veſtgeſetzt ward, die verbuͤndete Streit⸗ macht ſollte uͤber die Bruͤcke von Commines in Flandern eindringen. Die Graͤfin, welche un⸗ geduldig jeden Verzug von ſich wies, rreiſete ſofort nach Artois ab, um ihre Mannen zu — ſchaaren, und wollte ſich eben bei dem jugend⸗ lichen Koͤnige beurlauben, als eine Unterbrechung ſtattfand, von der im folgenden Capitel Rede ſeyn moͤge. Serhstes Capitel. Am aͤußerſten Ende des Saales gab es eine geraͤuſchvolle Bewegung, und ein Gemiſch von Stimmen ſchien auf ein Gezaͤnk, alſo auf ein Ergebniß zu deuten, das ſich eben nicht in die Naͤhe eines Koͤnigs zu wagen pflegt. Farl bemerkte ſolches und ſagte:„Werther Graf von Montmorenci, geht doch hin und erkundigt Euch nach dem, was ſich dort ergibt, und kehrt ſchnell zuruͤck, uns Bericht zu erſtatten, denn etwas Außerordentliches muß es wohl ſeyn.“ Der junge Hoͤfling gehorchte und kehrte bald darauf laͤchelnd wieder, indem er ſprach:„Huld⸗ voller Monarch, da draußen iſt ein Mann von derbem Anſehn in Buͤrgerrock und Kappe, wie am Hofe ſich's wohl im Mummenſpiel ſchickt; —— doch zeigt er ſich gar gewichtig in ſeinem Weſen. Ihn begleiten vier oder fuͤnf Graubaͤrte, die an einem Stecken ein weißes Laͤppchen, einem Tel⸗ lertuche gleich, tragen, das ſie vielleicht ſelbſt webten, und das ſie eine Friedensfahne nennen. Der kleine derbe Gewerksmann, der das Frie⸗ denshaͤuflein anfuͤhrt, nennt ſich das Haupt einer Geſandtſchaft der Maͤnner von Gent, an Eure koͤnigliche Majeſtaͤt.“ „Und warum weigern unſere Hofdiener ſich, eine Geſandtſchaft vor uns zu laſſen?“ fragte der Koͤnig. Montmorenci entgegnete darauf:„Weil vor etlichen Tagen durch Eurer Majeſtaͤt hohen Rath kund gemacht ward, wie keine Geſandtſchaft ab⸗ ſeiten der flamlaͤndiſchen Rebellen vor Euren koͤniglichen Thron gelaſſen werden ſollte, es ſey denn, ſie habe zuvor Freibrief dazu von Eurer Majeſtaͤt erhalten; wo nicht, ſollen dergleichen Ankoͤmmlinge nach Spruch und Recht, als Ge⸗ fangene gehalten werden. Nun aber beſtehen jene Maͤnner doch darauf, ſich vorgelaſſen zu ſehen.“ 160 „Laßt ſie vor,“ ſagte Karl,„daß wir urthei⸗ len, in wie fern ſie jenem Spruche verfallen ſind. Wir hatten die Kundmachung vergeſſen, die auf Anrathen unſers Ohms von Burgund erlaſſen ward.“ Die Graͤfin von Artois und der Herzog von Burgund, welche aus leicht einzuſehenden, mit ihrem Intereſſe eng verwobenen Gruͤnden nicht wollten, daß eine Geſandtſchaft der Weißkappen Zutritt bei dem Koͤnige erhielte, tauſchten jetzt einen bedeutenden Blick gegen einander aus. „Huldvoller Koͤnig,“ nahm die Graͤfin dann das Wort,„ich moͤgte Eurer Majeſtaͤt zu hoͤchſi⸗ eigener Sicherheit rathen, Euch wohl zu beden⸗ ken, ehe Ihr dieſe Maͤnner vorlaſſet. Hegten ſie redliche Abſichten, ſo wuͤrden ſie vor ihrem Kommen um Euren Freibrief nachgeſucht haben. Ihr kennt nicht zur Haͤlfte die Raͤnke dieſer Maͤn⸗ ner von Gent; ſie ſind der ſchmaͤhlichſten Ver⸗ raͤtherei faͤhig.“ „Wir wollen ihnen auch nicht leichthin ver⸗ trauen,“ verſetzte der Koͤnig,„doch wir wollen ſie hoͤren. Umgeben von dieſen unſern Tapfern, ei⸗ d. uf en nit cht en etzt C nn 161 und in dieſem Saale, haben wir nichts zu fuͤrch⸗ ten. Fuͤhrt die Maͤnner von Gent herein, Mont⸗ morenci.“ Der Graf gehorchte und kehrte mit etlichen betagten Maͤnnern zuruͤck, an deren Spitze kein Geringerer als Herr Simon van Bet einher⸗ ſchritt. Angethan mit ſeinem Amtsgewande, als Zunftmeiſter der Goldſchmiede, eine unge⸗ heure guͤldene Kette um den Hals, trat Herr Simon mit einer Miene von Wichtigkeit auf, die ſelbſt durch die Naͤhe der koͤniglichen Maje⸗ ſtaͤt um nichts verringert werden konnte. Die kleine runde Figur des Herrn Simon, ſeine ſeltſame Kleidung, ſein hoffaͤrtiges Beneh⸗ men, ſein komiſcher Geſichtsausdruck, in welchem ſich frohe Laune mit Selbſtbehaglichkeit miſchte, — dies Alles wirkte gemeinſam dergeſtalt auf den jungen Koͤnig, daß er ſich des Laͤchelns nicht enthalten konnte, als er die ehrfurchts⸗ vollen Verbeugungen und Begruͤßungen des Gold⸗ ſchmiedes erwiederte. Die Graͤfin von Artvis wich einige Schritte zuruͤck und fluſterte mit Gilbert Mattheus. Die Weißkappen JII. 11 162 Als es mit den Ceremonien zu Ende war, verbeugte Herr Simon ſich nochmals, rauſperte ſich und eroͤffnete ſodann den Grund ſeines Kom⸗ mens, indem er ſprach:„Wolle es Eurer Ma⸗ jeſtaͤt Huld und Gnade gefallen, von meiner Perſon die Geſinnungen, Meynungen und guten Abſichten des beſſeren und gemaͤßigteren Theils der Buͤrger von Gent gegen Eure Majeſtaͤt zu vernehmen. Nachdem beſagte Buͤrger gewiſſen Gruͤnden, die ich ihnen vorlegte, Beifall ſchenk⸗ ten, fanden ſie es fuͤr gut, mich an die Spitze einer an Eure koͤnigliche Gnaden gerichteten Ge⸗ ſandtſchaft zu ſtellen— maßen ich Herr Simon van Bet, Ritter und Oberaͤlteſter der Gold⸗ ſchmiede, auch Buͤrgermeiſter erwaͤhnter Stadt, und in allen Stuͤcken Euerer Majeſtaͤt demuͤ⸗ thigſter Knecht bin, ſofern ſolches auf rechtem Wege und vertraͤglich mit den Pflichten meiner eigenen oͤffentlichen Stellung geſchehen kann.“ Dieſe ſeltſame Anrede, die voll von Ehrer⸗ bietigkeit gegen den Koͤnig, jedoch auch eben ſo reich an perſoͤnlicher Wichtigthuerei, ſo Betreffs der Stadt Gent wie deren Repraͤſentanten, des er ils ler ſo ffs es 163 Herrn Simon van Bet, war, erregte unter den Hofleuten ein Gekicher, und zwang ſelbſt den Koͤnig zum Laͤcheln. Alle, nur nicht Burgund und die Graͤfin, ſchienen durch die dreiſte Rede des Abgeordneten hoͤchlich beluſtigt zu ſeyn. Bur⸗ gund und die Graͤfin aber fuͤrchteten, die Schlicht⸗ heit und Offenherzigkeit van Bet's moͤgte ihren Planen und Entwuͤrfen ein weſentliches Hinder⸗ niß in den Weg legen. „Hoͤchſt wuͤrdiger Buͤrgermeiſter,“ war des Koͤnigs Anrede an Herrn Simon,„wir be⸗ zweifeln nicht im mindeſten Eure wohlgemeyn⸗ ten Abſichten, und wollen Euch hoͤren, ob⸗ wohl wir fuͤrchten, daß Eure Sendung ſich fruchtlos ergeben wird, indem Frankreich durch Euer Stadtvolk feindlich behandelt ward. Die Maͤnner von Gent haben bereits den Grenzfrie⸗ den gegen unſer Land gebrochen, denn es iſt von ihnen eines unſerer Doͤrfer in Aſche gelegt worden.“ Als Herr Simon dieſe Worte vernahm, ſtimmte ſich der Ausdruck ſeiner Selbſtgefaͤlligkeit auf ſeinem Geſichte maͤchtig herad. Der Buͤr⸗ 164 germeiſter zeigte eine Miene des Bangens und der Betroffenheit. „Gefalle es Eurer Hoheit,“ entgegnete er, „zu glauben, daß ich und dieſe meine Mitab⸗ geordneten nichts von dieſem Dorfbrande auf der Grenze wußten.“ „So wußtet Ihr auch nicht,“ fragte der Herzog von Burgund,„daß Ihr jetzt nach Spruch und Recht Gefangene Frankreichs ſeyn werdet, weil Ihr ohne vorher nachgeſuchte koͤnig⸗ liche Erlaubniß hieher kamt?“ Ueber dieſe Eroͤffnung wie niedergedonnert, wendete Herr Simon ſich zu dem Herzoge und ſagte:„Gefangen? Ich gefangen? Ich, der ich in eigener Perſon das Friedensbanner der Stadt Gent vor mir hertragen laſſe? Fuͤrwahr, das koͤſtlichſte Privilegium, das uns je entriſſen ward, iſt Nichts im Vergleiche zu dieſer Schmach! Geruhe Koͤnigs Majeſtaͤt mich zu hoͤren, denn au⸗ ßerdem, daß Ihr Koͤnig ſeyd, und als ſolcher einen Mann hoͤren muͤſſet, bevor Ihr ihn richtet, tragt Ihr ein junges Herz in der Bruſt, und die Jugend hegt gemeinhin mildere Gefuͤhle, als das Alter.“ „Es iſt allerdings gewiß, daß Ihr in Ge⸗ fahr ſeyd, nach Spruch und Recht äls Gefan⸗ gener hier zuruͤckgehalten zu werden,“ verſetzte Karl;„dennoch wollen wir Euch hoͤren, obwohl wir fuͤrchten, auf Eure Antraͤge nicht eingehen zu koͤnnen.“ „Mein Herr Koͤnig,“ fuhr Simon van Bet fort, indem er ſich ſammelte:„Der Werth des Goldes ergibt ſich erſt aus der Tiegelprobe; ein Gleiches iſt es mit dem Menſchen. Böͤten ſich Eurer Majeſtaͤt keine Gelegenheiten zur Gnade dar, ſo koͤnnte die Welt nicht ſagen, unſer jun⸗ ger Koͤnig, den unſere heil. Mutter noch lange alſo am Leben erhalten wolle! iſt ein gnaͤdiger Koͤnig. Nun aber kam ich hieher, um Gutes zu bewirken, ohne einen einzigen Gedanken an irgend etwas Boͤſes zu hegen, ſo alſo hoffe ich, es werde mir geſtattet ſeyn, unangetaſtet heimzu⸗ kehren, meine Sendung moͤge nun von erwuͤnſch⸗ tem Erfolge ſeyn oder nicht. Ich kam hieher um darzuthun, daß die aͤlteren und gemaͤßigte⸗ ren Buͤrger von Gent, die mehr dem Frieden, als der Fehde geneigt ſind, vernahmen, wie Koͤ⸗ 166 nigs Majeſtaͤt von Frankreich gewillt ſey, gegen die Stadt zu ziehen, und daß die beſſer geſinn⸗ ten Genter daher ſich erbieten, dem Koͤnige Karl dem Sechsten in allen billigen Dingen unter⸗ wuͤrfig zu ſeyn und ihre Waffen vor ihm zu ſtrecken, ſo Eure Majeſtaͤt uns die Zuſicherung gibt, der Stadt Gent Rechte und Freiheiten wieder herzuſtellen, die man dem Grafen und Herrn Ludwig de Male nicht mehr anvertrauen kann.“ Als dieſe Worte geſprochen wurden, wechſel⸗ ten der Herzog von Burgund und die Graͤfin von Artois abermals bedeutende Blicke mitein⸗ ander.„Und welche Buͤrgſchaft koͤnnen die Maͤn⸗ ner von Gent fuͤr ihre dargebotene Unterwerfung ſtellen?“ fragte ſpoͤttiſch der Herzog,„waͤhrend in dem Augenblicke, wo ſie ihr Anerbieten machen, ihr eigenes Volk unſere Doͤrfer pluͤndert und in Brand ſteckt, ehe wir einen einzigen Schritt gegen ſie thaten?“ „Etliche aus dem Poͤbel moͤgen jener Brand⸗ ſtiftung ſchuldig ſeyn,“ antwortete Herr Simon, „denn ſie hat ohne Mitwiſſenſchaft von Seiten der gemaͤßigten Buͤrger oder von Seiten unſer, der Geſetzverwaltung von Gent, ſtattgefunden.“ „Eure gemaͤßigten Buͤrger moͤgen gering von Anzahl ſeyn,“ verſetzte der Herzog,„und Eure Geſetzverwaltung beſteht nur dem Namen nach, ſobald dergleichen Frevel ungeſtraft veruͤbt werden.“ Herr Simon ließ den Kopf haͤngen, als er dieſen Einwurf vernahm. De Cliſſon ſprach un⸗ terdeſſen mit dem Koͤnige, jedoch ſo leiſe, daß Niemand außer dem Monarchen es vernehmen konnte. Karl, der ihm ſehr aufmerkſam zuge⸗ hoͤrt hatte, wendete ſich zu Denen von Gent und ſagte:„Unſer tapferer Connetable hat uns weiſen Rath ertheilt, und obwohl wir kraft un⸗ ſerer erlaſſenen Kundmachung nicht verbunden ſind, unbefugte Sendungen anzuerkennen, wollen wir dennoch in ſofern auf die Eurige eingehen, daß Ihr Euren Maͤnnern von Gent diejenigen Be⸗ dingungen zuruͤckbringt, die wir in Uebereinſtim⸗ mung mit unſerer Ehre und in Gerechtigkeit gegen unſere Verbuͤndeten Euch vorzuſchreiben haben.“ „Mit Freuden werde ich Eurer Hoheit Vor⸗ ſchlag uͤberbringen,“ antwortete van Bet,„denn 168 es wird ein ehrenwerther Vorſchlag ſeyn, weil er von den Lippen eines Koͤnigs kommt.“ „So hoͤrt denn die Bedingungen, die unſer weiſer und tapferer Connetable uns anraͤth,“ fuhr der Koͤnig fort,„und unter denen wir die Unterwerfung von Gent annehmen und die Fehde gegen die Stadt aufheben wollen. Zuerſt habt Ihr die Perſonen Eurer Fuͤhrer, Philipp van Artaveld und Peter du Bois, auszuliefern, die zur Genuͤge der oͤffentlichen Gerechtigkeit dem Henker zu uͤberantworten ſind; ſodann habt Ihr einzuraͤumen, daß es in unſerem Belieben ſteht, Euch diejenigen Rechte und Privilegien wieder herzuſtellen, die fuͤr zweckdienlich von uns er⸗ achtet werden.“ Herr Simon fuhr vor dieſer Exoͤffnung zu⸗ ruͤck. Sein Haupt, das er bisher geſenkt hatte, erhob ſich ploͤtzlich, ſeine Wangen gluͤheten, und die ganze Geſtalt des kleinen Goldſchmiedes ſchien von Gefuͤhlen des Unwillens anzuſchwellen. „Wie, Herr Koͤnig!“ rief der Buͤrgermeiſter, der mehr als gewoͤhnlichen Muth aus dem Zorne gewann, der in ihm kochte,„wem meynet Ihr, e+„———„ 5.— 169 daß Ihr ſolche Bedingungen ſtellt? Ich bin kein Koͤnig und kein Connetable, doch bin ich ein Mann, der ſeit langer Zeit die Geſetzbuͤcher er⸗ wog, und Recht und Gerechtigkeit als Buͤrger⸗ meiſter der guten Stadt Gent handhabte; doch nimmer fand ich ein goͤttliches oder menſchliches Geſetz heraus, durch welches Verraͤtherei, kaͤme der Vorſchlag dazu auch aus dem Munde eines Regenten, geheiligt wuͤrde.“ „Ihr ſeyd ein frecher, verwegener Mann,“ ſagte der Herzog von Burgund,„und ſollt da⸗ zuͤr buͤßen.“ „Ich bin ein ehrlicher Mann,“ war van Bet's Antwort, die er dem Herzoge gerade in's Geſicht warf,„und ſoll ich dafuͤr leiden, ſo muß ich es dulden.“ „Ich will nichts weiter hoͤren,“ ſagte Bur⸗ gund;„Ihr habt unſern Monarchen gelaͤſtert, der mein koͤniglicher Neffe iſt, und ich will da⸗ fuͤr Eure Buße erzwingen. Ihr ſeyd des Throns Gefangener— man nehme ihm das Schwert ab.“ „Ich bin kein Gefangener,“ antwortete Herr Simon,„und ſo lange der Koͤnig in eigener 170 Perſon ſeinem Hofe vorſitzt, ſoll kein Menſch es wagen duͤrfen, mich anzuruͤhren, ehe Majeſtaͤt es nicht befahl. Dem Herzoge von Burgund aber habe ich nichts zu ſagen; jedoch ich will mit jenem jungen Edelmanne reden, der, obwohl er ein Koͤnig iſt, einen Mann hoͤren ſoll und wird, deſſen Kopf aͤlter iſt als der ſeinige; einen Mann, der ſeit laͤngerer Zeit gewohnt iſt, zu thun, was Geſetz und Recht——“ Hier ward Herr Simon von dem Koͤnige unterbrochen, der von Natur gutmuͤthig, gleich anderen Juͤnglingen ſeines Alters, einen Scherz liebte, und den die Miſchung von Unwillen und Wichtigthuerei in dem Buͤrgermeiſter von Gent mehr beluſtigte als verdroß. Auch hatte Montmorenci dem Koͤnige zugefluͤſtert,„daß der kleine alte Handwerker viel Anlaß zum Spaß geben wuͤrde, weshalb er Seine Majeſtaͤt um aller Heiligen willen baͤte, denſelben am Hofe zu behalten, waͤre es auch nur, um den Sire de Saint Py zu aͤrgern, der die Poͤbelhaftig⸗ keit des dicken Goldſchmiedes nicht wuͤrde ertra⸗ gen koͤnnen.“ —— „Herr Simon,“ ſprach Karl, der ihn mild at anredete,„ſagt uns, ich befehl's Euch, frei her⸗ nd aus, was in unſerem Vorſchlage enthalten war ill daß derſelbe ſo ſehr Euer Mißfallen rege machen hl konnte?“ nd„Mein edler junger Koͤnig,“ verſetzte Herr en van Bet,„weil Ihr mir befehlt, frei heraus zu zu reden, ſo will ich Euch ſagen, daß, als ich an der Spitze dieſer Geſandtſchaft hieher kam, ge ich ſolches that, um Blutvergießen zu verhindern ch— um Frieden zu ſtiften; nicht aber, um mich dem rz Verrath und der Unehre hinzugeben. Wie alſo en koͤnnte ich in den mir gethanen Vorſchlag willi⸗ on gen? Ueber den Werth, den der Kopf des Pe⸗ te ter du Bois haben mag, ſage ich nichts, denn er er mag genau ſo viel betragen, wie der des aß Kopfes des leibhaftigen Satans, als dieſer zuerſt m das Unheil in dieſe Welt brachte. Dennoch bin fe ich nicht der Mann, der kalten Blutes einen re Mitbuͤrger unter das Henkerbeil liefert. Was g⸗ jedoch van Artaveld betrifft, er moͤge gethan a⸗ haben, was er wolle, denn ich gedenke nicht von ſeinem Verdienſt um die Sache zu reden, ſo iſt er ein ſeltener, rechtſchaffener, uneigennuͤtziger und ehrenwerther Juͤngling— ja, und— ob⸗ wohl ich ſolches in dieſer Umgebung ſage— er iſt ein Mann, der ſich vermoͤge ſeiner guten und edlen Eigenſchaften mit Koͤnigen in gleichen Rang ſtellen duͤrfte. Eh' ich ein einziges Wort uͤber meine Lippen gehen ließe, das nur den Hund verriethe, der van Artaveld's Ferſen nachlaͤuft, wuͤrde ich lieber dem Herrn Herzog von Bur⸗ gund geſtatten, mich vor den Augen Eurer Ma⸗ jeſtat aufzuhenken, ſo wie er mich Angeſichts der Majeſtaͤt zum Gefangenen macht.“ „Van Artaveld iſt alſo Euer Freund, Herr Simon,“ fragte der Koͤnig,„da Ihr ſo warm zu ſeinem Gunſten ſprecht?“ „Er iſt der Freund jedes Redlichen,“ verſetzte Herr Simon,„ich wuͤnſche Eurer Majeſtaͤt ſolchen Freund; denn Koͤnige, ſagt man, ſtehen zu hoch, um ihres Gleichen zu haben; und ich ſehe nicht wohl ein, wie ein Menſch einen andern da einen wahren Freund nennen kann, wo Furcht und Stolz zwiſchen Beide getreten ſind. Und was unſere Privilegien anlangt, ſo hat der er nd ft, ur⸗ ta⸗ ts err rm tzte en 173 beſſere Theil der Buͤrger von Gent fuͤr dieſel⸗ ben und nur fuͤr dieſelben geſtritten, wiewohl ich zugebe, daß Viele in Gent um ſchlechter Ur⸗ ſach willen fochten. Allein die edleren Genter, denen die Freiheit heilig iſt, werden nie zugeben, und ſollten ſie auch das Leben dafuͤr laſſen, daß der Fremdling ihnen nach ſeinem Gefallen ihre Stadtrechte zuſtutzt. Stellt entweder alle unſere Privilegien oder kein einziges derſelben wieder her.“ „Ihr ſeyd ein kecker Buͤrgersmann,“ bemerkte der Koͤnig,„daß Ihr uns dergleichen zu einer Zeit zu ſagen wagt, in welcher unſere Gewalt uͤber Euch iſt.“ „Ich rede wie ich denke und fuͤhle,“ verſetzte Herr Simon,„ich liebe meine Vaterſtadt, und werde Gent nimmer verrathen, ich mag außer⸗ halb oder innerhalb der Mauern deſſelben ſeyn. Und wenn ich auch Eurer Majeſtaͤt zugeſtehe, daß die Genter Unbill veruͤbten, ſo iſt eine Stadt ihrem Oberhaupte doch das, was ein Kind dem Vater iſt; und welcher Vater, dem natuͤrliche Liebe inwohnt, wird den Sohn ver⸗ 174 ſtoßen, auch wenn dieſer ſich eines Fehltrittes ſchuldig machte?“ „Ihr wuͤrdet weiſer thun,“ ſagte Sire Oli⸗ vier de Cliſſon,„wenn Ihr dieſe Rathſchlage fuͤr Euch behieltet. So Ihr Euch weigert, die gebo⸗ tenen Bedingungen heimzutragen, ſchweigt min⸗ deſtens und macht keine Gloſſen uͤber dieſelben.“ „Und weshalb ſollt' ich ſchweigen?“ entgeg⸗ nete van Bet.„Ich meyne es redlich, und darum ſpreche ich offen. Ich bin noch nicht lange genug am Hofe geweſen, um die Schliche deſſelben gelernt zu haben.“ Montmorenci, der ſich uͤber die Maßen an dem Auftritte ergoͤtzte, und den ehrlichen Simon durch das veraͤchtliche Laͤcheln, womit er deſſen Reden begleitete, nur noch mehr reizte, wollte den gehetzten Goldſchmied jetzt noch aͤrgerlicher machen, und ſprach deshalb zu ihm:„Traun, hochwertheſter Ausforſcher der Geſetze und Er⸗ forſcher der Metalle, es waͤre Schade, wenn Ihr uͤberhaupt den Hof verließet; indem wir, wenn Ihr bleibt, der Wohlthat Eurer Weisheit zu unſerer Belehrung theilhaftig werden moͤgen, 3 —„—++ f†—„—————.— —+—, und Seine Majeſtaͤt in Eurer Perſon ſich eines Hausnarren zu erfreuen haben mag.“ „So Weisheit durch Narren gelehrt werden kann,“ verſetzte Herr Simon etwas ſtechend, indem er den jungen Grafen anblickte,„wird man an ihr nicht Mangel leiden, dieweil Ihr am Hofe das Wort fuͤhrt.“ Jetzt wendete ſich das Gelaͤchter gegen Mont— morenci, und herzlich ſtimmte der junge Koͤnig in daſſelbe ein. Der Auftritt war außerordent⸗ lich in ſeiner Art. Er war von luſtiger Beſchaf⸗ fenheit, und doch zu ernſthaft, um nicht Beſorg- niſſe bei dem Herzoge von Burgund und der Graͤfin von Artvis rege zu machen, indem dieſe ſchon lange gemuthmaßt hatten, die Genter Buͤr⸗ ger wuͤrden zu Beendigung des Krieges und zu voͤlliger Vernichtung des flandriſchen Grafen, ſich den Franzoſen in die Arme werfen. So ſtutzte all ihre Hofſnung ſich einzig und allein auf den Umſtand, die Verſuche zur Unterhandlung auf Seiten der Rebellen fruchtlos zu machen, und den Koͤnig zu vermoͤgen, feindſelig gegen Flan⸗ dern zu verfahren. Vor allen Dingen mußte die Heimkehr van Bet's verhindert werden, indem durch ſeine Gefangenhaltung vor der Hand jeder fernere Verſuch zum Vergleiche der Weißkap⸗ pen mit der Krone von Frankreich abgebrochen ward.. Die Graͤfin beſchloß, eine dreiſte Anſtrengung zu Erreichung ihres Zweckes zu wagen. Ueber⸗ zeugt, daß der Herzog von Burgund ſie unter⸗ ſtutzen werde, trat ſie dicht vor den Thron und redete folgendermaßen zum Koͤnige:„Mein gnaͤ⸗ digſter Monarch, es ſchmerzt mich, daß ich ſo zudringlich werden muß; allein das Gemein⸗ wohl verlangt, daß ich frei heraus rede. Ich kenne ſo ziemlich dieſen Mann, der ſich an die Spitze jener Geſandtſchaft ſtellte. Er hat ſchon an zwanzigmal dieſes Amt verwaltet; jedoch ware er wirklich der ehrliche Mann, als welcher er bei Eurer Hoheit gelten moͤgte, indem er ſich keck in Rede und roh von Sitten gibt, ſo wurde es gar nicht nothwendig ſeyn, daß er jetzt den Vermittler macht. Ich kenne ihn als einen liſtigen Emporer, als den Anſtifter des Aufruhrs, der ſogar aͤltere Buͤrger zur Rebellion verleitete. —„„—— e„ —— e—— e—„——„— 177 Eben dieſer Buͤrgermeiſter war es, der ge⸗ meinſam mit dem raͤnkevollen Jan Lyon und dem gottesläſternden Peter du Bois ſich zu einem Bankette draͤngte, das ich den Buͤrgern von Brugges gab. Ich rath' Euch Gutes, wenn ich ſage, daß Ihr Euch vor ihm huͤten moͤget; ſeine erheuchelte Einfalt iſt nur eine truͤgeriſche Huͤlle. Heffentlich nenne ich ihn einen Erzver⸗ raͤther, und behaupte, er ſey eher als Kund⸗ ſchafter, denn als Geſandter hieher gekommen.“ „Das iſt fuͤrwahr eine ſchwere Anklage,“ fiel der Koͤnig ein,„und dennoch iſt etwas um und an dem Herrn Simon, was uns glauben ma— chen moͤgte, daß Ihr, Frau Graͤfin, ihn zu ſtreng richtet; denn durch das Beiſpiel unſers Connetable ſind wir belehrt worden, daß offen⸗ herzige Rede und ſchlichtes Benehmen ſichere Kennzeichen der Redlichkeit bleiben.“ „Doch haͤtte ich eine mir wichtig ſcheinende Frage aufzuwerfen,“ nahm Burgund das Wort. „Waret Ihr, Herr Simon, wirklich in Genoſſen⸗ ſchaft Jan Lyon's und Peter du Bois's, als dieſe ſich ſo verwegen bei dem Bankett ein⸗ Die Weißkappen III. 12 178 draͤngten, das die Frau Graͤfin zu Brugges gab?“ „Ich war mit ihnen, ich geſteh's,“ entgeg⸗ nete van Bet,„doch war ich keiner von Denen, die jemals in Vorſchlag brachten oder wuͤnſchten, ſich zu dem Abendeſſen irgend einer Dame, ſie mogte noch ſo adelig ſeyn, zu draͤngen. Und wie der Ausgang des Banketts war, wird die Frau Graͤfin ſelbſt am beſten wiſſen.“ „Ihr raͤumt alſo ein, zugegen geweſen zu ſeyn, und zwar in Geſellſchaft jener Rebellen⸗ haͤupter,“ ſagte der Herzog.„Dieſer Umſtand reicht allein ſchon hin, den ſchlimmſten Verdacht gegen Euch zu erregen. Eure Majeſtaͤt darf die⸗ ſen Mann nicht frei laſſen. Es iſt guter Grund vorhanden, Schlimmes von ihm zu argwoͤhnen, beſonders da er ohne den erforderlichen Geleit⸗ brief hieher kam. Wir ſind der Graͤfin von Ar⸗ tois Dank fuͤr die Weisheit ihrer Rathſchlaͤge ſchuldig.“ „Wenn ich nach den weiſen Rathſchlaͤgen der Frau Graͤfin behandelt werden ſoll,“ aͤußerte Herr Simon,„ſo moͤgte ich um einen Prieſter, 179 der mir die letzte Oelung gibt, und um einen Schreiber, der mein Teſtament aufſetzt, bitten; denn ſchwerlich duͤrfte ich dann dem Schickſale Jan Lyon's entgehen.“ „Was wollt Ihr damit ſagen, Unſinniger?“ rief die Graͤfin.„Was ſollen dieſe verſteckten Andeutungen? Wagt Ihr es, meine Ehre, oder die Rechtlichkeit meines Verfahrens in Zweifel zu ziehen? Wollt Ihr meinen Namen verdaͤchtigen? Und das in dieſer Umgebung? Niedrig gebore⸗ ner Schurke, der Ihr ſeyd, wie gebt Ihr Euch ſo frech, den unbefleckten Ruf einer Dame an⸗ zutaſten?“ „Ihr ſeyd wohl im Stande, Gnädigſte,“ verſetzte Herr Simon,„Alles zu faſſen, was ich ſagen will. Ich klage Euch nicht in unumwun⸗ denen Ausdruͤcken an, denn ich weiß, Ihr wuͤr⸗ det mich einen Luͤgner ſchelten, wenn ich auch mit der Zunge der Wahrheit ſelber redete. Ich greife Eueren unbefleckten Ruf nicht an, denn ein unbefleckter Ruf buͤrgt noch nicht fuͤr nicht veruͤbte Unthat. Und niedrig geboren bin ich ſo gerade zu nicht, denn ich gelte in meiner Vater⸗ 12* 180 ſtadt etwas als Buͤrgermeiſter und Oberalteſter, der Ehre meiner Ritterwuͤrde nicht weiter zu ge⸗ denken— doch wollte ich lieber der elendeſte der Niedrigſten ſeyn, die da uͤber das Antlitz der Erde kriechen, als ein Herz mit mir herumtra⸗ gen, in welchem kein anderer Vorrath zu finden waͤre, als ſchlechte Metalle und falſches Gold: das ſind Handlungen und Geſinnungen, die der Welt uͤberguldet erſcheinen, und die an und fuͤr ſich doch eitel Schlacken ſind.“ „Schweigt, frecher Menſch,“ ſagte die Graͤfin, „laßt in Gegenwart Seiner Majeſtaͤt Eurer Zunge nicht ſo zuͤgelloſen Lauf.“ „Ich kann leichter ſchweigen,“ meynte van Bet,„als Ihr eine kleine Stimme zu beſchwich⸗ tigen vermoͤgt, die heut oder morgen, bei Tag oder bei Nacht zu Euch reden und Euch ermah⸗ nen wird, eines armen Maͤdchens, einer Waiſe zu gedenken, deren Vater— ich will nicht ſa⸗ gen, auf welche Weiſe— bei Eurem Bankett um das Leben kam.“ „Genug davon!“ rief der Herzog von Bur⸗ gund.„Ich verhafte Euch, Herr Simon, weil 181 Ihr ohne Geleitbrief hieher gekommen ſeyd, und weil Ihr im Verdachte ſtehet, ein Kundſchafter zu ſeyn. Auch Eure Mitbuͤrger, die mit Euch kamen, bleiben gefangen. Man fuͤhre ſie ſaͤmmt⸗ lich in das Verließ des Schloſſes. Ich verfahre hier als Huͤter des jungen Koͤnigs, um denſel⸗ ben vor Gefahr zu ſchuͤtzen.“ „Nicht doch, Oheim,“ fiel der Koͤnig ein, „Ihr ſollt nicht ſo hart verfahren. Wir fuͤrchten dieſe Maͤnner nicht. Laßt ſie friedlich heimkeh⸗ ren; und was Herrn Simon betrifft, ſo den⸗ ken wir beſſer von ihm, als Ihr. Gebt ihm die Freiheit.“ „Nein,“ war de Cliſſon's Einwurf,„dieſe Leute duͤrfen jetzt nicht nach Gent zuruͤckkehren. Gaͤben wir dies zu, nachdem wir die Kund⸗ machung erließen, ſo wuͤrden wir uns ſelber widerſprechen und unſere Verfuͤgungen fur null und nichtig erklaͤren. Andere unberufene Ge⸗ ſandtſchaften wuͤrden uns alsdann bedraͤngen, und jetzt, wo wir im Begriff ſtehen, gegen dieſe Flamlaͤnder vorzuruͤcken, koͤnnten ſie Kunde zuruͤcktragen, die uns nachtheilig werden duͤrfte. 182 Ihr moͤgt ſie gut behandeln laſſen, mein Koͤnig, doch Gefangene ſind und bleiben ſie.“„ „Es widert uns an, Gewalt gegen ſie zu uͤben,“ ſagte der Koͤnig,„indem ſie vertrauens⸗ voll zu uns kamen; doch duͤrfen wir den Mey⸗ nungen weiſerer und aͤlterer Haͤupter nicht ent⸗ gegen handeln. Herr Simon, Ihr ſeyd ein Gefangener Frankreichs; Eure Mitbuͤrger ſind es ebenfalls. Gebt Eure Waffen ab.“ „Hier, Hoheit,“ ſprach Herr Simon,„hier iſt mein Schwert, von dem ich wohl ſagen darf, daß ſein Gewiſſen eben ſo rein, wie ſeine Klinge glaͤnzend iſt, denn es ward nie in das Blut eines Mitmenſchen getaucht. Ich bin ein Mann des Friedens, und fuͤhre mehr das Schwert der Gerechtigkeit in der Rathhaushalle meiner Va⸗ terſtadt, als das des Krieges auf blutigem Ge⸗ filde. Alle Geſandtſchaften, an deren Spitze ich ſtand, und ihrer waren manche, bezweckten den Frieden; ſo machten ſie mich denn endlich zum Gefangenen. Nur Eine Huld moͤgt' ich von Eu⸗ rer Majeſtaͤt erflehen.“ „Nennt ſie,“ verſetzte der Koͤnig,„und koͤn⸗ — 183 nen wir ſie unbeſchadet unſerer Pflicht gewaͤh⸗ ren, ſo ſoll ſie Euch nicht geweigert werden.“ „Mein Herr Koͤnig,“ ſagte van Bet,„ich habe bisher ſo gewohnt und gelebt, wie es mei⸗ nem Stande und Namen als ehrlicher Mann zukommt; da Ehrlichkeit jedoch nicht allzeit ein Schild gegen boͤſe Lebenszufaͤlle iſt, ſo gerieth ich einſt in eine Bedraͤngniß, die mich eine Zeit lang im Verließe des Grafen zu Ecclo veſthielt. Ich war unſchuldig, und vergebe Denen, die mich dorthin lieferten, weil ſie, wenn ſie mich fuͤr ſchuldig hielten, Recht thaten, und ſie nur durch Gefaͤngnißhaft mich fuͤr die That, deren ſie mich anklagten, konnten buͤßen laſſen. Mich der That uͤberfuͤhren konnten ſie freilich nicht. Haͤtten ſie's gekonnt, ſo wuͤrde allerdings der Kerker mir noch fuͤrchterlicher geweſen ſeyn. Bei alldem blicke ich ſeit jener Zeit mit Schrecken auf dunkle Mauern, Eiſenſtangen und doppelte Schloͤſſer.“ „und was hat dies Mißgeſchick, von dem Ihr redet, mit der Huld zu ſchaffen, die Ihr von uns begehrt?“ fragte der Koͤnig. 184 „Ich will's Euch ſagen, edler junger Herr⸗ ſcher,“ antwortete Herr Simon,„und vielleicht lernt Ihr daraus etwas von einem Manne, der zur Zeit, wo er Macht in keiner geringeren Stadt als der Stadt Gent beſaß, gar viel von der Welt ſah. Ein Menſch in dieſer Welt,“ fuhr der ehrliche Goldſchmied fort, der zu ſeiner Lieblingsmetapher zuruͤckkehrte—„ein Menſch in dieſer Welt gleicht oft einem Klumpen Gold — das Metall an ſich mag gut ſeyn, und den⸗ nach unerkannt und unbenutzt da liegen, bis es in die Haͤnde des Schmiedes gelangte. Dann nimmt es eine ſchmucke Außenſeite an, gleichwie Menſchen, die durch feine Erziehung abgeſchliffen werden; und geſtempelt mit dem Bildniſſe eines Koͤnigs wird das Goldſtuͤckchen ein Ding von Wichtigkeit gleich einem Menſchen, der in hohem Amte ſteht. Die Muͤnze, die ſich zuerſt im Saͤckel des Koͤnigs befinden mag, geht nun wohl von ihm zum Edelmann, von dieſem zum Ritter und ſo weiter bis zum niedern Handwerker herab, bis ſie allendlich ihren Weg in die Taſche eines Gefangenen im Kerker findet. Die Lehre nun, 185 die ich hieraus ziehe, iſt, daß ich Eurer Majeſtaͤt zeigen moͤgte, wie nichts auf dieſer Welt blei⸗ bend iſt, und wie der groͤßte Menſch der Erde, gleich einer edlen Goldmuͤnze, von der hoͤchſten Stellung herab in die niedrigſte Umgebung ge⸗ bracht werden kann.“ Der Koͤnig laͤchelte uͤber die weit ausgeholte Rede des kleinen Goldſchmiedes, und fragte aber⸗ mals, was dieſelbe mit der zu erbittenden Gunſt zu ſchaffen haben koͤnnte. „Ei,“ antwortete Herr Simon,„die Erwaͤ⸗ gung dieſer Dinge ſollte uns Alle, hoch und niedrig, reich und arm, dahin vermoͤgen, ge⸗ fuͤhlvoll gegen einander zu ſeyn; weil— und moͤge Eure Hoheit unter dem Schutze Gottes und der heil. Jungfrau es nimmer ſo finden!— weil ſelbſt ein Koͤnig durch die Wandelbarkeiten der Welt herabgebracht werden kann. So moͤgte ich Eure Majeſtaͤt anflehen, gefuͤhlvoll gegen mich zu ſeyn; und wenn ich gefangen bleiben muß, es mich auf mein Ehrenwort ſeyn zu laſſen— mich, auch dieſe meine Gefaͤhrten, nicht in einen Kerker zu ſtecken, als waͤren wir Em⸗ 186 poͤrer und Miſſethaͤter. Keiner von uns hat je das Schwert zur Fehde gezogen; darum, huld⸗ voller junger Koͤnig, blickt mit Erbarmen auf uns!“ Thraͤnen ſtanden in den Augen des troſtloſen Herrn Simon, als er ſich ſo an das Herz des Monarchen wendete, welcher innig geruͤhrt durch des Goldſchmiedes ſchlichtes Weſen, nicht anders denken konnte, als daß ſein Ohm und die Graͤſin zu hart mit demſelben verfuͤhren. „Wir wollen Euer und Eurer Freunde Ehren⸗ wort annehmen,“ entgegnete Karl,„Ihr ſollt uneingeſchloſſene Gefangene ſeyn; und wir uͤber⸗ laſſen es Eurer eigenen Einſicht, dieſe Guͤte nicht zu mißbrauchen.“ Herr Simon, der nichts ſo ſehr fuͤrchtete, als ein zweites Mal in einen Kerker geſperrt zu werden, erkannte mit Dank dieſe Huld des Koͤ⸗ nigs, und gab fur ſich und ſeine Gefaͤhrten ſein Ritterwort, weder zu Waffen zu greifen, noch nach Flucht zu trachten, ſo lange ſie unter der Gewalt Frankreichs ſich befinden wuͤrden. Der Herzog von Burgund machte einige 187— Einwuͤrfe gegen dieſe Nachſicht, und hielt es fuͤr gefaͤhrlich, Denjenigen uneingeſperrt zu laſſen, der der Kundſchafterei verdaͤchtig war; allein de Cliſſon, der edlere Geſinnungen hegte, billigte das Verfahren des jungen Koͤnigs, indem er zu gleicher Zeit anrieth, die Gefangenen am Hofe zu behalten, um ſie deſto beſſer unter Aufſicht zu haben, damit ſie nicht Verkehr mit dem Feinde hielten. De Montmorenci, der viel Beluſtigung durch die Einfalt des Goldſchmiedes hoffte, und ihm uͤberdies einen oder andern Streich zu ſpie⸗ len gedachte, ſtimmte dieſer Maßregel bei, welche auch ſofort angenommen wurde. Den beklagenswerthen Mitgliedern dieſer er⸗ folgloſen Geſandtſchaft wurden Gemaͤcher im Schloſſe angewieſen, in welche man ſie alsbald abfuͤhrte, damit der Staatsrath in ſeinen Be⸗ rathungen hinſichtlich der gegen Flandern zu tref⸗ fenden Vorkehrungen fortfahren moͤgte. Koͤnig Karl verfolgte mit der Ungeduld des Knaben⸗ alters eifrig das neugeſteckte Ziel. Entzuͤckt von dem Gedanken, den Mann zu ſpielen, und im Kampf zu Ernſt die ritterliche Ruͤſtung zu tragen, 188 vergaß er die angeordnete Falkenjagd und ſprach nur von dem Fehdezuge. De Cliſſon war erfreut, dieſen Kriegergeiſt in ſeinem jungen Fuͤrſten wahr⸗ zunehmen, doch beſtand er auf Verlaͤngerung der Vorbereitungsfriſt; allein kaum wollte der Koͤ⸗ nig etwas davon hoͤren, ſo groß war deſſen Ungeduld. Noch an demſelben Tage reiſte die Graͤfin von Artois ab, um ihre Streitmacht in Bewe⸗ gung zu ſetzen, nachdem ſie vorher dem Herzoge von Burgund das Verſprechen abgenommen hatte, die Dinge ſo zu ordnen, daß das verbuͤndete Heer uͤber die Bruͤcke von Commines in Flan⸗ dern einruͤcken ſollte. Wenige Stunden nach der Abreiſe der Grafin erhielt der Koͤnig Kunde, daß Ludwig de Male wohlbehalten Lille erreichte, nachdem er auf hoͤchſt gefahrvollen Wegen ſeinen Feinden entronnen war, und daß er nun eine große Heermacht zu⸗ ſammenzoͤge, um mit derſelben zu dem Koͤnige zu ſtoßen, damit ein gemeinſamer Angriff auf die Weißkappen gemacht wuͤrde. Die Rebellen, durch ihre juͤngſt errungenen Siege ſtolz gemacht, 189 dachten jetzt mehr darauf, die Stadt Oudenaarde, die ſie belagert hielten, zu bezwingen, als die Bewegungen des Grafen und die Streiter deſſel⸗ ben zu beobachten, indem ſie dieſe verachteten, ſich ſelbſt aber ſeit der Einnahme von Brugges fuͤr unuͤberwindlich hielten. Siebentes Capitel. Wir werden nicht bei den mancherlei Raͤnken verweilen, die theils von den Rebellen, theils von Seiten Frankreichs zu Foͤrderung der Fehde angeſponnen wurden, welche letztere jetzt laut gegen die Weißkappen veroffenkundigt worden war. Man findet die Darlegung dieſer Raͤnke ausfuͤhrlich bei den Schriftſtellern jener Zeit. Genuͤge es zu ſagen, daß Philipp van Artaveld den fruchtloſen Verſuch machte, ein Buͤndniß mit den Englaͤndern gegen Frankreich zu ſchlie⸗ ßen, und daß der Burgunder, ſtets auf ſeinen Vortheil bedacht und voll Ungeduld, die flandri⸗ ſche Grafenkrone zu gewinnen, ſeine Raͤnke ſo ſchlau durchfuͤhrte, daß, als Ludwig de Male ſich mit den Franzoſen vereinigte, er den Grafen 191¹ von Flandern nur als untergeordnete Perſon bei Durchfuͤhrung eben des Zwiſtes gelten ließ, durch welchen demſelben ſeine flandriſchen Be⸗ ſitzungen wieder erkaͤmpft werden ſollten. Lud⸗ wig ward uͤber wichtige Puncte gar nicht befragt, ja, er ward nicht einmal aufgefordert, einen Sitz im Kriegsrathe des franzoͤſiſchen Koͤnigs einzunehmen. Ludwig fuͤhlte tief dieſes hinterliſtige und un⸗ wuͤrdige Verfahren; allein er konnte es nicht von ſich abwenden, ſo daß die Franzoſen zwi⸗ ſchen ihm und den Rebellen eben ſo zu verfah⸗ ren ſchienen, wie der dritte Hund in der alten Fabel, der die Beute wegſchleppte, waͤhrend zwei befeindete Hunde ſich um dieſelbe biſſen. Welche Geſinnungen Herr Walter d'Anghien auch hegen mogte, ſo hing er doch getreu der Sache ſeines Oheims an, und ließ ſich durch die unwuͤrdige Behandlung von Seiten Frank⸗ reichs nicht auf dem Pfade ſeiner Pflicht ab⸗ ſchrecken oder irre machen. In der Ueberzeugung, daß der Graf jetzt unmoͤglich mit Frankreich bre⸗ chen konnte, vermied er Alles, was zu einem 192 ſolchen Bruche fuͤhren, oder die Eiferſucht Bur⸗ gunds noch mehr haͤtte anfeuern moͤgen. Ein anderer maͤchtiger Grund, durch welchen Herr Walter zu edler Anſtrengung vermogt ward, war die Anweſenheit Annens, welche den Gra⸗ fen auf dieſem Fehdezuge begleitete; denn Lud⸗ wig fuͤhlte gar wohl, welche Verpflichtungen er dieſem Heldenmaͤdchen ſchuldig war, und voll Eifers, ihr Leben und ihre Ehre zu beſchuͤtzen, hatte er bei der obwaltenden Zerruͤttung des Lan⸗ des es nicht gewagt, ſie in Lille zuruͤckzulaſſen; auch konnte er ſie der Obhut der Graͤfin von Artvis nicht uͤberantworten, weil dieſe(abgeſehen von ihrem perſoͤnlichen Widerwillen gegen Anna) jetzt in Artois mit Zuſammenziehung ihrer Streit⸗ macht beſchaͤftigt war, und keineswegs eine ver⸗ trauenswerthe Huͤterin der ungluͤcklichen Waiſe eines Rebellenhaͤuptlings abgeben konnte. Es war anfaͤnglich beſchloſſen worden, Anna dem Heiligthume eines Kloſters zu uͤbergeben, allein am Abend vor ihrer Abreiſe dahin brannten die Weißkappen, durch welche die ungluͤcklichen Be⸗ wohner Flanderns alles Elend eines Buͤrger⸗ —— 1——* N M 193 —————— kriegs zu erleiden hatten, das heilige Gebaͤude nieder. Dennoch hielten der Graf und deſſen Neffe es fuͤr gerathener, daß Anna dem Zuge folgen ſollte, den man unternahm, um zu dem franzoͤſiſchen Heere zu ſtoßen; und wenn ſie ſich ſolchergeſtalt auch im Schooße des Krieges und des Tumultes befand, ſo ward ſie doch minde⸗ ſtens von wackeren und treuen Freunden beſchuͤtzt, die ihr Leben hingegeben haben wuͤrden, um das ihrige zu ſichern. Auch konnte, wenn es zum Kampf mit den Weißkappen kommen und das Aeußerſte geſchehen wuͤrde, Anna noch immer bis zu ausgefochtener Sache irgend einem Klo⸗ ſter anvertraut werden. Als Ludwig de Male ſich mit den Franzoſen vereinigt hatte, und fand, wie gleichguͤltig er von ſeinen Verbuͤndeten aufgenommen ward, trug er nur noch mehr Verlangen, Anna vom franzoͤſi⸗ ſchen Hofe fern zu halten. Sie ward deswegen ſehr eingezogen quartiert, und hatte nur eine einzige weibliche Dienerin bei ſich, die ihr von Lille gefolgt war; dabei wendeten Walter und der Graf vor, die junge Dame, die ſich in ſei⸗ Die Weißkappen III. 13 194 nem Gefolge befaͤnde, waͤre eine Waiſe, die unter der Vormundſchaft des Grafen ſtaͤnde, wel⸗ cher aͤngſtlich fuͤr ihre Sicherheit beſorgt waͤre. In Folge dieſes Umſtandes und des ſchwachen Glaubens, der zwiſchen den Franzoſen und dem Grafen obwaltete, traf es ſich, daß weder Anna noch Herr Walter dem Herrn van Bet zu Ge⸗ ſichte kamen, obwohl dieſer noch immer ein Ge⸗ fangener auf ſein Ehrenwort am Hofe Karls war. Die Aelteſten von Gent, die im Geleite des Buͤrgermeiſters geweſen waren, und die fuͤr minder wichtig gehalten wurden, vielleicht weil ſie ſich als minder wichtig gaben, hatte man gegen etliche ſranzoͤſiſche Gefangene ausgewechſelt, welche bald nach dem Austufe der Fehde von den Weißkappen gemacht worden waren. Alles war jetzt zum Anruͤcken gegen die Rebellen in Bereitſchaft, als der Graf durch Gilbert Mattheus Kunde vom Erkranken der Herrin von Artois erhielt. Es hieß, ſie litte an einem Uebel, von welchem die Aerzte keine Re⸗ chenſchaft geben koͤnnten, doch daß ſie von dem⸗ ſelben bis zu gaͤnzlicher Theilnahmloſigkeit gegen 195 Alles was vorging, ergriffen waͤre. Fuͤr den Augenblick konnte Ludwig ſeinen Standort nicht verlaſſen, um zu dem Krankenlager ſeiner Mut⸗ ter zu eilen. Er ſah ſich daher genoͤthigt, den Zunftmeiſter mit der Weiſung zuruckzuſchicken, im Fall des Abſterbens ſeiner Mutter vor Been⸗ digung der Fehde, das Ereigniß ſo geheim wie moͤglich zu halten und keine Zeit zu verlieren, ihn ſelbſt, naͤmlich den Grafen, davon in Kennt⸗ niß zu ſetzen, damit dieſer eher darum wuͤßte, als Burgund und der franzöſiſche Kriegsrath. Ludwig hatte beſchloſſen, wenn ſeine Mutter vor Ausgleichung des Kampfes ſterben ſollte, ſofort dem Koͤnige von Frankreich als Erbe von Artois zu huldigen, bevor Burgund mit ſeinen gefaͤhr⸗ lichen Raͤnken dazwiſchen treten oder verſuchen koͤnnte, ihm eine Beſitzung zu entreißen, auf die der Herzog, wie man muthmaßte, ſchon als auf die ſeinige hinblickte. Gilbert verſprach ſich treu zu erweiſen, und reiſete wieder ab. Jetzt erhob ſich ein Zwiſt, auf welchem Wege die Verbuͤndeten in Flandern einruͤcken ſollten; doch gelang es endlich dem Herzoge von Bur⸗ 43* 196 gund, der nimmer zweifelte, die Graͤfin werde bei Commines mit ihren Reiſigen zu ihm ſtoßen, den Connetable fuͤr ſeine Meynung zu gewinnen; ſo daß endlich ausgemacht ward, mittelſt der Bruͤcke von Commines uͤber den Lysfluß vorzu⸗ dringen. In der Fruͤhe des Tages alſo gingen der Koͤnig, der Graf und deren Streitmaſſen zu dieſem Zuge ab. Als man die Ufer des Fluſſes erreicht hatte, nahm der Koͤnig ſein Quartier in einer der Staͤtte nahe gelegenen Abtei, wo ſich der Kriegsrath verſammelte, um die zunaͤchſt zu treffenden Maßregeln anzuordnen. Der Uebergang uͤber den Fluß war allerdings mit groͤßerer Gefahr verbunden, als man ver⸗ muthet hatte. Urſula, ein liſtiges und nuͤtzliches Werkzeug in den Haͤnden des Peter du Bois, war von dieſem ſo trefflich geſtempelt worden, daß unter dem Vorwande, die Weißkappen an die Graͤfin zu verrathen, ſie mehr als einmal Mittel ward, jenes Haͤuptlings Plaͤne zu foͤr⸗ dern; indem Margaretha von Artvis mit aller ihrer Raͤnkeſucht und Hinterliſt, doch eine Scla⸗ S— 8 S 197 vin ihres eigenen Glaubens an Hexerei war, ſo daß die Graͤfin, gleich manchem liſtigen Men⸗ ſchen, durch ihr Vertrauen zu der Zauberſchwe⸗ ſter, ſelbſt in die Schlingen derſelben lief. Der Leſer wird ſich erinnern, daß es die Graͤfin war, welche durch Urſula's Vermittlung das franzoͤ⸗ ſiſche Grenzdorf hatte in Brand ſtecken laſſen, um die Franzoſen zum Mitzuge gegen die Weiß⸗ kappen anzureizen. Die fuchsſchlaue Hexe hin⸗ terbrachte dieſen Plan dem Peter du Bois, der⸗ uͤberzeugt, daß ſeine Partei nimmer zu einem Buͤndniſſe mit Frankreich gelangen wuͤrde, ſo lange Burgund Erbrecht an Flandern hatte, ſei⸗ nen Banden jenes Dorf zur Beute nehmen ließ, indem er richtig folgerte, daß durch ſolche That das blinde Vertrauen der Graͤfin zu Urſula ſich nur um ſo mehr veſtigen wuͤrde. Kaum war dieſer Umſtand ſo weit gediehen, ſo ſann du Bois auf einen tief liegenden Plan zum Ver⸗ derben der Graͤfin und deren Streitkraͤfte bei Commines, zu welchem Ende ihm Urſula bei Margarethen von Artois dienſtlich ſeyn mußte. Herr Walter d'Anghien, der fuͤr die Sache — ———————— — E—— 198 ſeines Ohms freudig mit zu Felde zog und jetzt mit ſeinen Mannen an den Ufern des Lysfluſſes ſtand, zeigte in ſtetem Ermeſſen ſeiner Pflicht noch vor dem Beginn des Treffens eine Einſicht, wie er ſie im Kampf oder Handgemenge ſelten an den Tag zu legen pflegte. So erwog er denn, daß bei dem Verſuche zum Uebergang uͤber die Bruͤcke die groͤßte Vorſicht beobachtet werden muͤßte, und daß es wohl gerathen ſeyn duͤrfte, genau die Stelle zu unterſuchen, ehe man uͤber dieſelbe dem Feinde mit dem Vortrab entgegenruͤckte. Ungeachtet der Kaͤlte, womit ſein Oheim empfangen worden war, hatte Herr Walter ſich durch ſeine Tapferkeit und ſein ritterliches Weſen einige Freunde unter den Franzoſen erworben. Auch hatte er ſich die Hochſchaͤtzung der beiden munteren Grafen de Montmorenci und Saint Py gewonnen, indem er gar wacker eine Lanze zum Scherz mit ihnen brach. Junge Leute ſind minder empfaͤnglich fuͤr Parteienwuth, als das reifere und mehr berechnende Alter; ſo daß waͤh⸗ rend mancher gravitaͤtiſche und ſubtile Hoͤfling 199 kalt auf Walter d'Anghien blos aus dem Grunde blickte, weil der Herr Herzog es that(denn Hoͤflinge ſind die Spiegelbilder ihrer Fuͤrſten), ward Walter der Liebling mancher junger Edlen und bedachtloſen Ritter, die ihn nahmen wie er war, ohne auf die Partei zu achten, zu welcher er gehoͤrte. Zu dieſen Edlen gehoͤrten auch Montmorenci und Saint Py. Da ſie durch Scherztreiben bei Hofe in einem gewiſſen Rufe ſtanden, folgten ſie ihrem Hange und trachteten, Aufſehen durch Eigenſchaften zu machen, die von Verſtändigeren zuruͤckgewieſen ſeyn wuͤrden, nach denen jedoch die Eitelkeit der Jugend mehr noch als der Man⸗ gel an Auszeichnung zu trachten pflegt, auch wenn ſie dazu die leichtfertigſten Mittel anwen⸗ den muͤßte. Doch wurden dieſe Spaßmachereien vergeſſen, ſobald die beiden jungen Grafen ihrem angeſtammten Muthe folgten, von welchem ſie ſich zu wackeren Thaten und mannlichen Unter⸗ nehmungen angeregt fuͤhlten. D Anghien kannte den Charakter Montmorenci's und Saint Py's gar wohl, und hatte beſchloſſen, ſich an Beide zu wenden, um ihren Beiſtand zur Erkundung der Bruͤcke zu erhalten, ehe der Vortrab der verbuͤndeten Streitmaͤchte uͤber dieſelbe in Flan⸗ dern einruͤcken wuͤrde. Freudig gingen Beide auf Walter's Plan ein, und mit der groͤßten Vorſicht ſchritt man zum Werke. Sie entdeckten bald, wie Bogen und Pfeiler unterhalb der Bruͤcke ſo liſtig einge⸗ ſaͤgt und geſchwaͤcht worden waren, daß ſie ſo⸗ fort, wie eine Menſchenmaſſe ſich auf dieſelbe be⸗ geben wuͤrde, einbrechen mußte. Auch nahmen ſie wahr, wie Peter du Bois am jenſeitigen Ufer eine bedeutende Streitmacht bereit hielt, vermuthlich um aus dem ſeinen Feinden zuge⸗ wendeten Unheil Nutzen zu ziehen. D'Anghien hielt einen hurtigen Rath mit ſeinen Gefaͤhrten, deſſen Reſultat wir mitzutheilen haben, und ſollte unſere Erzaͤhlung etwas laͤnger ausfallen, als die Tendenz dieſes Werkes es vielleicht geſtattet, ſo ſind doch die einzelnen Umſtaͤnde dieſes Er⸗ gebniſſes von ſo außerordentlicher Beſchaffenheit und laſſen ſich aus ſo intereſſantem geſchichtlichen Geſichtspuncte betrachten, daß wir kaum unſerer Erzaͤhlung genuͤgen wuͤrden, wenn wir oberflaͤch⸗ lich daruͤber hingingen. Als man uͤber einen Beſchluß einig geworden war, entſendeten d'Anghien und deſſen Theilneh⸗ mer am Werke einen Boten an Sire Olivier de Cliſſon, der ſchlichthin uͤber die Beſchaffenheit der Bruͤcke zu berichten hatte; wobei ſie bemerk⸗ ten, daß er als Feldherr vor dem Uebergange die Bruͤcke erſt herzuſtellen haͤtte. Dieſe Kunde gerieth zu Olivier's großer Beſtuͤrzung, doch ver⸗ lor der Connetable keine Zeit, die noͤthigen Ar⸗ beiten anzubefehlen. Waͤhrend nun die Bruͤcke von Commines ausgebeſſert ward, zog Walter mit den Genoſſen ſtromanwaͤrts, um den ſchick⸗ lichſten Ort zur Ausfuͤhrung ihres beſchloſſenen Vorhabens aufzufinden. Sie gelangten endlich an eine Stelle, an welcher ſich etliche Baͤume unfern einer Huͤtte befanden, die wahrſcheinlich einem jener Armen gehoͤrte, die ſich von der Fiſcherei im Lysfluſſe ernaͤhren. Hart am jenſeitigen Ufer, der Huͤtte gegenuͤber, ſtand ein dicht belaubtes Waͤldchen. „Da druͤben,“ ſagte Herr Walter zu ſeinen 202 Gefaͤhrten,„duͤrfte ein hoͤchſt wuͤnſchenswerther Ort zu Erreichung unſers Zweckes ſeyn, ſobald wir nur jenes Bootes habhaft werden koͤnnen, das ich dort weiterhin liegen ſehe. Laßt uns eilen, es wegzunehmen, ehe der Eigner deſſelben unſer gewahr wird.“ Sie verſuchten dies; allein der Fiſcher, wel⸗ cher ſah, wie mehrere bewaffnete Maͤnner dem Orte nahe kamen, an welchem er angelte, und fuͤrchten mogte, daß es Feinde waͤren, eilte zu ſeinem Boote und ruderte, ſo gut die Stroͤmung des Waſſers es zuließ, quer hinuͤber.„Erreicht er das jenſeitige Ufer,“ ſagte Herr Walter,„ſo iſt unſer Plan zunicht; er hinterbringt ſeine Wahrnehmungen und Muthmaßungen den Weiß⸗ kappen, und dieſe lauern uns dann auf. Flink, helft mir mich zu entwaffnen; ich will mich in den Fluß ſtuͤrzen und ſuchen, des Bootes hab⸗ haft zu werden.“ Haſtig ſchritt man zum Werke, und kaum ſah Herr Walter ſich ſeiner Ruͤſtung ledig, ſo ſprang er in's Waſſer, ohne eine andere Waffe als ſeinen Dolch bei ſich zu fuͤhren. Als ruͤſtiger 203 und erfahrener Schwimmer erreichte er den Kahn und war bald in demſelben, bevor der erſchreckte Fiſcher ſich beſinnen konnte. Walter verſprach nun dem Manne, gut mit ihm zu verfahren, ſobald er das Boot wieder zuruckrudern wollte, drohete ihm jedoch mit augenblicklichem Tode, im Fall er ſich deſſen weigere, oder nur den lei⸗ ſeſten Laut hoͤren laſſen wuͤrde. Der Fiſcher, der kein Entrinnen ſah, fuͤgte ſich, und ehe er noch wieder zu dem Ufer zu⸗ ruͤckgekommen war, hatte Walter durch gute Verſprechungen ihn ſchon dahin gebracht, den Rittern dadurch nuͤtzlich zu werden, daß er ihnen einen Ort nachwies, wo ſie noch zwei Boͤte und einen ihnen nothwendigen Vorrath von Seilen vorfinden wuͤrden. Unterdeſſen hatte ſich Walters kleine Schaar um etliche Gewappnete verſtarkt, und man eilte jetzt zur Ausfuͤhrung des entworfenen Planes. Am Flußufer wurde ein tuͤchtiger Pfahl einge⸗ ſteckt, an welchen man einen Strick beveſtigte. Dann ſtieg Herr Walter mit etlichen ſeiner Man⸗ nen in das Boot und ſchiffte zum jenſeitigen —— ——————————— Ufer hinuͤber, wo ſie ebenfalls denſelben Strick anhefteten und ihn auf dem Ruͤckwege wieder heruͤber leiteten. Auf dieſe Weiſe war ihr Plan in ſo fern ausgefuͤhrt, daß ſie, ohne Ruder zu beduͤrfen, mittelſt dieſer Stricke, mehrere Mann in ihren Boͤten ſchnell uͤber den Fluß ſchieben konnten. Mit den ledigen Boͤten konnte dann ein einzelner Mann zuruͤckkehren, um Andere nachzuholen, die Luſt haben moͤgten, das gegen⸗ ſeitige Ufer des Lyosfluſſes zu erreichen. „Jetzt iſt Alles bereit,“ ſagte Herr Walter zu ſeinen braven Genoſſen.„Laßt uns nicht zoͤgern, unſer Vorhaben auszufuͤhren. Laßt uns ein tapferes Unternehmen wagen, wir moͤgen nun darin umkommen oder obſiegen. Koͤnnen wir du Bois und deſſen Rotte uͤberfallen, ſo haben wir Etwas bewirkt, woruͤber ganz Flan⸗ dern entzuͤckt ſeyn wird. Wir ſind wohlbewaff⸗ net und verſtehen uns auf Kampf, und obgleich geringer an Anzahl als der Feind, haben wir es doch nur mit zuſammengelaufenem Handwer⸗ kervolke zu thun, das mit Kolben und Knitteln bewaffnet iſt und vor unſern Lanzen aus gutem 205 Bordeaurſtahl, eben ſo wie der Fuchs vor den edlen Hetzhunden, entfliehen wird.“ Alle Gefaͤhrten Walter's brannten vor Unge⸗ duld, ſich einzuſchiffen, und waͤhrend Walter's Knappe ſeinen Herrn wieder vollſtäͤndig wapp⸗ nete, ſprang der junge Graf Saint Py, im Ver⸗ langen, der Erſte zu ſeyn, der uͤberſchiffte, mit etlichen Mannen in das Boot und erreichte flugs das entgegengeſetzte Ufer, wo man ſich, nachdem man den Kahn zuruͤckgeſchickt hatte, in dem dickbelaubten Waͤldchen, wie es verabredet worden war, verborgen hielt. Nun fuhr auch Walter mit vielen anderen Rittern hinuͤber, die von dem Grafen von Mont⸗ morenci aufgeboten worden waren. Endlich be⸗ kam Sire Olivier de Cliſſon Kunde von dem Wageſtuͤck der jungen Geſellen, und betroffen uͤber den Tollſinn, der aus demſelben hervor⸗ blickte, beklagte er bitterlich die Voreiligkeit d'Anghien's, und unterſagte ſtreng alle fernere Ueberfahrt, indem er die Hinuͤbergeſchifften als verlorene Maͤnner betrachtete, weil er in Erfah⸗ rung gebracht hatte, daß du Bois's Schaar 206 aus nicht weniger als zehntauſend Rebellen be⸗ ſtand. Im Verlangen jedoch, Herrn Walter und deſſen Schaar jeglichen in ſeinen Kraͤften ſtehen⸗ den Beiſtand zu leiſten, ließ der Connetable, um diejenigen, welche uͤber den Fluß gegangen waren, vor Ueberfall zu ſichern, ſeine Bogen⸗ maͤnner auf die Rebellen ſchießen, die am an⸗ dern Ende der Bruͤcke den Dammweg beſetzt hielten. Dies gab zu einem heſtigen Schar⸗ muͤtzel Anlaß, bei welchem die Verbuͤndeten ſich den Schein gaben, als wollte ihr Vortrab, un⸗ geachtet jedes Hinderniſſes, ſich den Uebergang erzwingen. Mittlerweile fuhren die Boͤte an den Seilen hin und her und ſetzten alle Ritter und Knap⸗ pen uͤber, welche zu d'Anghien ſtoßen wollten. In Menge draͤngte man ſich den Fahrzeugen zu, ſo daß es ſchier Streit gab, wer der Erſte ſeyn wuͤrde, und die Kaͤhne faſt uͤberladen wurden. Die Abenteuerer befanden ſich in außeror⸗ dentlicher Gefahr; denn haͤtte du Bois nur das Mindeſte von ihrem Vorhaben geahnet, ſo wuͤrde —— er mit leichter Muͤhe das Waͤldchen, in welchem dieſelben verſteckt lagen, haben umzingeln und Mann fuͤr Mann niederhauen koͤnnen. Die Ge⸗ fahr ward noch dadurch vergroͤßert, daß der Abend hereinbrach und die Boͤte bald nicht mehr arbeiten konnten; auch goſſen die Wolken, die den ganzen Tag hindurch ſchwer gehangen hatten, ihre Laſt in gewaltigem, anhaltendem Regen aus. Die Tapfern, die in dem Waͤldchen verſteckt waren, hatten nichts bei ſich, als ihre Waffen, auch gab es weit und breit keinen Ort, wo ſie irgend eine Erfriſchung und Bequemlichkeit haͤt⸗ ten vorfinden koͤnnen. Unerſchrockenen Muthes jedoch, blieben ſie in voller Ruͤſtung, ſtellten ſich wohlgeſchaart auf, und beſchloſſen, obwohl ſie kaum Vierhundert an der Zahl waren, veſten Schrittes gegen du Bois und deſſen Heer vor⸗ zuruͤcken. Mit hochgeſchwungenen Bannern machten ſie ſich, durch eine ſumpfige Gegend am Flußufer hin, auf den Weg, und beabſichtigten, ent⸗ weder in der Stadt Commines Nachtquartier zu halten, oder in dem Verſuche dazu umzu⸗ kommen. D'Anghien, Saint Py und Mont⸗ morenci waren die Panierfuͤhrer der kleinen Schaar. Allein der Boden, uͤber den ſie vor⸗ wärts mußten, war ſo moraſtig, daß die Schwer⸗ geharniſchten oft knietief einſanken und dadurch ſehr am Weiterkommen verhindert wurden. Deſſen ungeachtet hielten ſie ſich veſt an einander ge⸗ ſchloſſen und drangen ſo ruͤſtig ſie konnten vor. Von dem Dammwege aus, den er beſetzt hielt, entdeckte du Bois dieſe gegen ihn anruͤcken⸗ den Maͤnner und rief:„Was ſeh' ich? Welcher Hoͤllengeiſt hat jene Raſenden gegen mich her beſchworen? Wie haben ſie uͤber den Fluß kom⸗ men koͤnnen, ohne uͤber die Bruͤcke gegangen zu ſeyn? Doch die Unterwelt, die ſie herauf⸗ fuͤhrte, ſoll ſie bald wieder zuruͤck empfangen. Bevor der Tag daͤmmert, ſoll kein Mann mehr von ihnen am Leben ſeyn, um erzaͤhlen zu koͤn⸗ nen, wie er zu dieſer Staͤtte gelangte.“ Pierre la Nuitée, der als Zweiter im Ober⸗ befehl unter du Bois ſtand, lachte uͤber die An⸗ maßung der Ritter, und trug darauf an, ſofort W W — — 209— uͤber ſie herzufallen und ſie zu einem Abend⸗ ſchmauſe fuͤr die Kraͤhen zuzurichten. „Nein,“ entgegnete du Bois,„laßt ſie nur heranziehen. Wir ſtehen hier im Vortheil, wir ſind auf der Hoͤhe, ſie muͤſſen durch den Moraſt. Wenn die Nacht hereingebrochen ſeyn wird, wollen wir uͤber ſie her, denn bis dahin werden ſie von Anſtrengung muͤrbe gemacht ſeyn. Ob⸗ wohl ſie in Stahl gehuͤllt einhergehen, ſind ſie ſelber doch nicht von Eiſen, ſondern gleich uns von Fleiſch und Bein.“ „Was ſoll dann geſchehen?“ fragte la Nuitée.“ „Laßt unſere Leute,“ war du Bois's Ant⸗ wort,„bleiben, wo ſie ſind, und ſich ſtellen, als bemerkten ſie die Heranziehenden gar nicht; und gebt Acht, wir fangen dieſe Goldfiſche,“ fuhr du Bois mit ſeinem gewohnten, grinſenden Laͤ⸗ cheln fort, indem er auf die glaͤnzenden Ruͤſtungen der Ritter anſpielte;„wir fangen ſie mit ihren ſchimmernden Schuppen ſicher in unſere Netze ein, bevor ſie der Angel gewahr werden, an welcher ſie zappeln ſollen.“ Die Befehle des Oberfuͤhrers der Weißkappen Die Weißkappen III. 14 210 wurden ſtreng befolgt. Seine Mannſchaft lagerte ruhig auf dem Dammwege, am Ende der Bruͤcke von Commines und erwartete ſchweigend den Feind. Mittlerweile ſenkte der Abend ſich immer tiefer herab, doch war es noch nicht ſo dunkel, daß de Cliſſon nicht ganz deutlich haͤtte wahr⸗ nehmen koͤnnen, was am jenſeitigen Ufer vor⸗ ging. Als er nun hinuͤber nach dem Moraſte blickte, brach er laut in Klagen des Kummers und der Betruͤbniß aus, indem er die Bluthe Ritterſchaft im verbuͤndeten Heere ihrem ℳ unvermeidlich ſcheinenden Tode entgegen⸗ ziehen ſah. Bei dieſem Anblicke ſchwand dem Sire Olivier alle Geduld, und eiſigkalt rollte ſein Blut ihm durch die Adern, indem er aus⸗ rief:„O meine wackern Ritter! meine tapferen Freunde! Ihr ſeyd verloren, und ich muß leben, um ſolches zu ſehen. Ich nehme wahr, wie Ihr dem Tode entgegengeht, und vermag nicht, Euch zu helfen. Doch bei'm heiligen Dionys!“ fuhr der tapfere Connetable fort,„ich will nicht wie ein Weib heulen und wehklagen, ſo lange mir noch ein Schimmer von Hoffnung bleibt, Euch * *—— v* M — —211— Beiſtand verleihen zu koͤnnen. Ich, der ich meinen Leuten verbot, Theil an dem verwegenen Zuge zu nehmen, will jetzt Erlaubniß geben, daß Jeder, der da Luſt dazu hat, hinuͤberziehen moͤge, um den Tapferen dort druͤben zu Huͤlfe zu eilen.“ Kaum ward dieſer Wille des Oberfeldherrn kund, ſo eilte der geſammte Vortrab, ſich durch alle nur erſinnliche Mittel Bahn uͤber die Brucke zu brechen; durch Balken und Planken, ſelbſt durch daruͤber geworfene Kampſfſchilde ſuchten ſie auf der noch wankenden Bruͤcke ſich veſten Fuß zu ſichern, waͤhrend die Bogenſchuͤtzen unaufhoͤr⸗ lich ihre Pfeile gegen die Weißkappen abſchnell⸗ ten, ſo daß dieſe bei dem heftigen Angriff ihrer Gegner kaum wußten, was ſie thun ſollten, als ſie ſich ſo von den Angreifern auf der Bruͤcke, und den durch den Moraſt herandringenden Fein⸗ den bedrohet ſahen. Allein ungeachtet dieſer Anſtrengungen ſah Cliſſon's Vortrab ſich doch bald genoͤthigt, den Verſuch aufzugeben, indem die Nacht ſo maͤchtig hereinbrach, daß man keine Hand vor Augen ſehen konnte. Dazu regnete es unaufhoͤrlich. 14* De Cliſſon und die Seinigen, voll Beſorgniß fuͤr die Waffenbruͤder am jenſeitigen Ufer, woll⸗ ten nicht von der Stelle weichen, ſondern harr⸗ ten in banger Erwartung der Wiederkehr jenes Lichtes, welches, wie ſie fuͤrchten mußten, ſie nichts Anderes als die Leichen ihrer gefallenen ritterlichen Genoſſen erblicken laſſen wuͤrde. Alein weder Dunkelheit noch Gefahr, weder Muͤhſeligkeit noch Regen, weder Hunger noch Durſt vermogten den Muth der kecken und tapfe⸗ ren Abenteurer im Moraſte zu bewaͤltigen. Ob⸗ wohl ſie bei jedem ihrer Schritte wankten, waren ſie doch bis in die Mitte des Sumpfes ge⸗ kommen, wo ſie Halt machten, weil es zu dunkel war, als daß ſie haͤtten weiter vordringen koͤnnen. Sie beſchloſſen, hier die lange, kalte Nacht hindurch unter Waffen und zum Kampfe bereit zu harren. Knoͤcheltief ſtanden ſie im Sumpfe, waͤhrend der Regen, gleich dem Waſſer einer geoͤffneten Schleuſe, ihnen uͤber Helm und Harniſch herabrann. t0 D'Anghien und Saint Py, denen die Gegend bekannt war, ſpaͤhten ungeachtet all dieſer Hin⸗ ——— 213 derniſſe ämſig umher, drangen ſelbſt bis zur Vorhut des Feindes, um denſelben zu beobach⸗ ten und ihre eigene Mannſchaft vor Ueberfall zu ſichern, indem ſie dieſelben durch Beiſpiel und Zureden wach und munter erhielten. Endlich brach das Tageslicht graukalt hervor, in welchem alle umliegenden Gegenſtaͤnde nach und nach wie geſpenſtiſch ſichtbar wurden. Es regnete noch, jedoch minder heftig; und obgleich der herauf⸗ daͤmmernde Tag ein trauriges Schauſpiel erblicken ließ, indem er die wackern Abenteurer bleich von Hunger, Anſtrengung und Ermuͤdung, wie ſie waren, beleuchtete, und erkennen ließ, wie ihre glaͤnzenden Ruͤſtungen erblindet ausſahen und ihre Paniere regendurchnaͤßt herunterhingen, zeig⸗ ten die Wackeren ſich dennoch ſtandhaften und unwandelbaren Muthes, veſt entſchloſſen, niemals zu weichen, ſondern bis zum Tode ihrem ſich geſteckten Ziele nachzugehen. Waͤhrend der ganzen Nacht hatten ſie eine tiefe Stille beobachtet, um nicht die Aufmerk⸗ ſamkeit des Feindes auf ſich zu ziehen. Keine Klage, kein Murren kam uͤber ihre Lippen, und trotz allen Schwierigkeiten, die ſich ihnen entgegen⸗ ſtellten, wichen ſie dennoch nicht aus ihren Rei⸗ hen, noch legten ſie Speer und Schild nieder. Jetzt nahete die Stunde, in welcher du Bois vom erſten Grauen des Tages Nutzen ziehen und mit aller Vorſicht uͤber ſeine Gegner im Moraſte herfallen wollte. D'Anghien ſah die Bewegung.„Jetzt, Freun⸗ de,“ rief er,„jetzt, da unſer zu wenig ſind, um angreifen zu koͤnnen, laßt uns veſten Fußes Stand halten! Wenn die flaͤmiſchen Hunde uͤber uns herfallen, mag Jeder von uns laut das Feldgeſchrei ertoͤnen laſſen, damit unſer Ruf Schrecken in ihre Seelen donnere, waͤhrend ihre Leiber von unſern ſcharfen Lanzen aufgeſpießt werden. Sie ſind rohes und zuͤgelloſes Volk und koͤnnen es nicht mit einer Schaar eingeuͤbter Gewappneter aufnehmen. Sie kommen! ſie kom⸗ men!— Schließt Eure Reihen, ſtreckt die Lan⸗ zen vor, und ruft mit mir:„die heilige Mut⸗ ter fuͤr Flandern! Sanct Sebaſtian fuͤr den Leuen!““ In einem Augenblicke war der ganze Schau⸗ platz wie umgewandelt. Die weit offene Ebene, die ſich bisher in tiefes Schweigen gehuͤllt hatte, erdroͤhnte jetzt von dem Feldrufe, von der Ver⸗ wirrung des Handgemenges und dem Geſchrei der Kaͤmpfenden. Der Tumult war fuͤrchterlich, und indem derſelbe das Ohr Cliſſon's und der Streiter deſſelben erreichte, fuhren dieſe auf. De Cliſſon aber, dem es unmoͤglich war, zu ſeinen geliebten Waffengefährten zu gelangen, ritt am Flußufer auf und ab, als ob er wirk⸗ lich ihnen zur Seite waͤre, und ermunterte ſie zu muthigem Kampfe, indem er, bald ſo, bald ſo, irgend einen Wehrruf des Heeres erſchallen ließ. „Unſere heilige Mutter fuͤr Frankreich!“ ſchrie der Connetable.„Sanct Dionys mit d'Anghien. Gut abgefochten! Eine Schaar Tapferer, an der die Augen du Gueſclin's ſelbſt ſich weiden wuͤrden, ſo die Todten auf die Lebendigen blicken koͤnnten! Veſt geſchloſſen, ihre Lanzen gleich Heckenpfaͤhlen, um die Hunde, die druͤber hin moͤgten, aufzuſpießen. Jetzt, Bordeaurſtahl, ſey veſt und ſcharf, wie du's zu ſeyn pflegſt, und der Tag iſt unſer. Halloh, ſchrei't mit, meine Bra⸗ ven; laßt Euren Feldruf ertoͤnen! Ihr werdet noch Sieg! Sieg! rufen, und jenes Rebellen⸗ und Handwerkervolk, dieſe Schneider und Leinweber, werden Ach und Weh und Erbarmen ſchreien! Seht da, Herr Herzog!“ fuhr er zum Burgun⸗ der gewendet fort, der jetzt neben ihm ritt.— „Seht wie die Halunken hinſtuͤrzen, gleich raͤu⸗ digen Schaafen auf ihrer eigenen Weide! Die falſchherzigen, feigen Schurken! So recht! So recht! D'Anghien hau't wacker drein. Nieder mit ihnen! Keinen geſchont! Schlagt ihnen das Hirn zum Schaͤdel heraus! Da ſeht! Da ſeht! Sie fliehen. Saint Py ihnen nach— d'Anghien ihnen noch aͤrger als Jener auf den Ferſen! Doch, o allbarmherziger Himmel!“ ſetzte de Cliſſon mit bebender Stimme hinzu—„er iſt raſend, er wagt ſich zu weit—“ „Wer iſt der Geſell,“ fragte Burgund,„der dort, umgeben von etlichen verzweifelten Halun⸗ ken, die mit eiſenbeſchlagenen Staͤben bewaffnet ſind und noch Einmal verſuchen Stand zu hal⸗ ten, als daͤchten ſie den Platz zu behaupten?“ g11 „Ich kenne den Elenden,“ war des Conne⸗ table's Antwort,„denn er traͤgt ritterliche Ruͤ⸗ ſtung. Es iſt du Bois. D'Anghien wird um⸗ zingelt werden; er wird von den Seinigen ab⸗ kommen; ſie werden ihn umbringen. O! ich kann es nicht mit anſehen, wenn ein ſo edles Gemuͤth hingeſchlachtet wird.“ Und der Connetable, obwohl daran gewoͤhnt, im Kampfe das junge tapfere Blut neben ſich fließen zu ſehen, wendete das Angeſicht ab und ein Schauer rann durch ſeine Gebeine. „Seht, ſeht doch hin, Herr Connetable!“ nahm der Herzog von Burgund das Wort. Und als de Cliſſon wieder hinblickte, rief er faſt athemlos von Beſorgniß:„D'Anghien lebt noch; er ſficht gleich du Gueſclin. Du Bois haut mit der Axt nach ihm, doch es trifft nur den Schild des Wackern. Ha! tapferer d'An⸗ ghien, alle Heiligen ſtreiten mit Dir, ſonſt muͤß⸗ teſt Du verloren ſeyn. Was ſeh' ich? Was ſeh' ich? Saint Py kommt zur Huͤlfe, Montmorenci mit ihm— Walter iſt gerettet. Gott ſey Dank! Gott ſey Dank! Und ſeht, ſeht, wer faͤllt da?“ 218 „Du Bois,“ verſetzte Burgund,„d'Anghiens Speer hat ihn durchbohrt. Seht nur, ſein Volk tragt ihn vom Kampſfplatze fort!“ „Aber der Halunke iſt nicht todt;“ rief de Cliſſon,„denn er zeigt mit der Hand auf d'An⸗ ghien. Sie ſetzen nach— recht ſo! Unſer muß der Tag ſeyn. Drrauf gehauen, tapfre Freunde! Sanct Dionyſius mit Euch! Ha! wie ihr Feldruf nochmals erſchallt. Halloh! Unſere heilige Mutter fuͤr Flandern, Sancta Maria fuͤr d'Anghien!“ So reizte durch lautes Rufen auf und nieder am Flußufer der ritterliche Connetable die Wackern an, waͤhrend er weder im Stande war, die Ge⸗ fahr des Treffens mit ihnen zu theilen, noch ihnen Beiſtand zukommen zu laſſen. Allein alle Hoffnung, alle Furcht, allen Drang und Eifer des Kampfes fuͤhlte er mit ihnen; und als er endlich ſah, wie die Cameraden ſiegten, da war er halb wahnwitzig von Freude, riß ſein Panier aus den Haͤnden des Knappen, der es trug, ſchwenkte es hoch gehalten hin und her, und jubelte laut!„Hurrah! Sieg mit Frankreich! Hurrah! Sieg mit d'Anghien.“ 25 —— 219 Der Sieg Walters und ſeiner Schaar uͤber⸗ fluͤgelte alle Hoffnung, die ſie zu demſelben gehegt hatten. Ihre Feinde flohen vor ihnen, waͤhrend du Bois, gefaͤhrlich verwundet und unfaͤhig, ſeiner Mannſchaft Befehle zu ertheilen, kaum mit dem Leben davon kam, als die Seinigen ihn auf ihren Schilden aus dem Gewuͤhle trugen. Von Neuem machte de Cliſſon's Vorhut den Ver⸗ ſuch, uͤber die Bruͤcke zu dringen; welches nach etwa drei Stunden gelang. Nun fiel Sire Oli⸗ vier uͤber die Rebellen her, die voͤllig geſchlagen wurden, ſo daß mehr als Viertauſend von ihnen todt auf dem Platze blieben. Das verbuͤndete Heer, deſſen erſter Anlauf ſo wohl gegluͤckt war, ſchickte ſich nun an, uͤber den Lysfluß zu ſetzen. Karl der Sechste von Frankreich, Ludwig von Flandern und all deren Ritter und Reiſige zogen nun triumphirend in das Gebiet von Commines ein. Der Koͤnig nahm Quartier in einer Abtei, aus der die Moͤnche waͤhrend des Schreckensauftrittes in den Morgenſtunden voll Entſetzen geflohen waren. Die Stadt ward eingenommen, gepluͤndert und in Brand geſteckt, und ehe der Abend wieder⸗ kehrte, war das geſammte Heer der Verbuͤnde⸗ ten uͤber eben die Bruͤcke gegangen, die auf ſo hinterliſtige Weiſe zu dem Verderben deſſelben hatte wirken ſollen. Arhtes Capitel. ——— Obwohl wir im vorhergehenden Capitel einen Bericht von dem Wageſtuͤck abgaben, durch welches, verhaͤltnißmaͤßig geſprochen, eine Hand⸗ voll Leute das Heer ihrer Gegner vor ſich hin jagten, iſt es doch nicht unſere Abſicht, die ein⸗ zelnen Ergebniſſe aufzuzaͤhlen, welche vor der Schlacht bei Roſebecque ſtattfanden. Es mag hinreichend ſeyn, zu erinnern, daß, obgleich die Franzoſen Fuß in Flandern faßten, ſie doch noch nicht die Bezwinger der Weißkappen genannt werden konnten, indem van Artaveld noch ein zahlreiches Heer befehligte, und von dem von ſeinen Wunden geneſenen du Bois unterſtutzt, nichts ſo eifrig wuͤnſchte, als dem Grafen und deſſen Bundesgenoſſen in offener Schlacht zu be⸗ 222— gegnen, damit der langwierige Zwiſt auf einmal entſchieden werden moͤgte. Die Rebellen waren zu weit gegangen, als daß an Ausſoͤhnung oder Vergebung zu denken geweſen waͤre; auch konn⸗ ten die von Gent auf keinen Frieden rechnen, der eine Wiederherſtellung ihrer Privilegien mit ſich gefuͤhrt haͤtte, ſobald derſelbe nicht durch einen Sieg erlangt ward. Philipp van Artaveld, entſchloſſen und wirk⸗ ſam in ſeinen Maßregeln, brachte ſo viele Streit⸗ bare auf die Beine, daß er in Gent keinen Waf⸗ ſenfähigen mehr zuruͤckließ, als nöthig war, die Stadt gegen einen Ueberfall zu ſichern. Mit einem Heere von nicht weniger als ſechszigtauſend Mann zog er nochmals zu Felde und ruͤckte gegen den franzoͤſiſchen Koͤnig vor, der jetzt mit den zu dem Grafen gehoͤrenden Flamlaͤndern ſein Quartier unweit Roſebecque genommen hatte, wo die Verbuͤndeten ſowohl von der Jahreszeit, wie von ihren vielfachen Anſtrengungen, ſich gegen die Rebellen zu behaupten, großes Ungemach auszuſtehen hatten. Zwiſchen Roſebecque und dem umfangreichen offen daliegenden Lande erhebt ſich eine Anhoͤhe oder ein Huͤgel, der den Namen Mont d'Or (der goldene Berg) fuͤhrt, und etwa eine Halb⸗ ſtunde Weges vom Fuße dieſes Huͤgels befand ſich ein Gehoͤlz, das in Front von einem tiefen Graben gedeckt ward. Hier ſchlug van Artaveld ſein Lager auf, und bald waren beide Heere daruͤber einig, daß binnen kurzem eine Entſchei⸗ dungſchlacht wuͤrde erfolgen muͤſſen. Der gro⸗ ßere Theil der Streiter van Artaveld's waren mit Stahlkappen und Panzerhemden verſehen, ſchwangen Keulen, die ſtark mit Eiſen beſchlagen und mit ſcharfer Stahlſpitze verſehen waren, und trugen uͤberdies an der Huͤfte ein langes, breit⸗ geklingtes Meſſer. Die Gewerksrotten der ver⸗ ſchiedenen Staͤdte hatten eine eigenthuͤmliche Be⸗ kleidung, die wie ein Kittel ausſah, in welchem das jedesmalige Stadtwappen gewirkt war; da⸗ bei ließen ſie ſich ihre Zunſtbanner vortragen. Ihr Kriegsgeraͤth beſtand aus Donnerbuͤchſen, Schießbogen und einer Art von Handgranaten. Eine tuͤchtige Schaar englaͤndiſcher Bogen⸗ ſchuͤtzen, die ſich zu dem Ende aus Calais weg⸗ geſtohlen hatten, ſtanden bei ihnen im Solde und wurden reich bezahlt. So geruͤſtet und un⸗ terſtuͤtzt, war Philipp vorgeruͤckt und lagerte am 27. November im Jahre der Gnade 1382 auf den Ebenen vom Mont d'Or, in der Er⸗ wartung, die Franzoſen wuͤrden am naͤchſtfol⸗ genden Tage von Roſebecque heranruͤcken und ihm eine Schlacht liefern. Nachdem am Abend vor jenem denkwuͤrdigen Schlachttage Philipp van Artaveld mit ſeinen Hauptleuten alle noͤthigen Vorkehrungen zum Treffen veranſtaltet hatte, gab er allen ſeinen Unterbefehlshabern eine Abendmahlzeit, und nach derſelben redete er ſeine Waffengefaͤhrten auf hoͤchſt ermuthigende Weiſe an. Er ſchilderte ihnen die Leiden und die Schmach, die die Genter erduldet hatten, und beſchwor Jeden unter ihnen, ihre Freiheiten als Mann mit dem letzten Tro⸗ pfen ſeines Blutes zu behaupten. Auch du Bois redete zu ihnen, ſchwatzte jedoch nur von Rache und unverſoͤhnlicher Blutgier da, wo Philipp van Artaveld die gerechte Sache der Genter Buͤrger darlegte. Dieſe Anreden ſteigerten den ——— 7— N 225 Muth der Zuhoͤrer zu ſolcher Hoͤhe, daß ſie ge⸗ lubdeten, der naͤchſte Morgen ſollte ſie entweder als Sieger oder als Getoͤdtete ſehen. Das Mahl war zu Ende. Van Artaveld befahl, waͤhrend der Nacht die ſtrengſte Wach⸗ ſamkeit, doch ſo, daß jeder ſeiner Mannſchaft etliche Stunden der Ruhe genießen konnte, um morgen deſto beſſer zum Kampfe geſtaͤrkt zu ſeyn. Van Artaveld, erſchoͤpft durch die endloſen An⸗ ſtrengungen des Tages, zog ſich zeitig in ſein Zelt zuruͤck, nachdem du Bois, deſſen Zelt ſich neben dem Philipp's befand, verſprochen hatte, die Nachtwachen zu beaufſichtigen, und erforder⸗ lichen Falles den Oberbefehlshaber zu wecken. Tiefe Stille herrſchte durch das weitgedehnte Lager der Inſurgenten, außer daß dann und wann das Klirren der Waffen, oder der Zuruf der Wachpoſten vernommen ward. Die Luft war friſch und kalt, und der im Abnehmen ſtehende Mond blickte bleich und krankhaft, denn dunkle und ſchwere Wolkenmaſſen zogen vor ſei⸗ ner Scheibe voruͤber, verdunkelten ihn bisweilen gaͤnzlich, oder ließen ſeine Silberſtrahlen matt Die Weißkappen III. 15 durch ſich hinſchimmern. Wurden die Wolken nun vom Nachtwinde verjagt, ſo blitzten Tau⸗ ſende von funkelnden Sternchen aus dem Bal⸗ dachin der Nacht, gleich Demanten im Ohre des Aethiopiers hervor, die durch die umher ge⸗ lagerte Dunkelheit noch leuchtender gemacht wur⸗ den. Auf mehreren Puncten des Lagers waren Wachfeuer angezuͤndet worden, von denen etliche noch hohe Flammen, die vom Winde gepeitſcht wurden, aufwirbeln ließen, waͤhrend andere zu einem Aſchenhaufen zuſammengeſunken waren. In Philipps Zelte loderte noch ein kleines Feuer, und obwohl die Nacht kalt war, hatte doch van Artaveld den Eingang zu ſich offen gelaſſen, damit er das geringſte Geraͤuſch ver⸗ nehmen moͤgte, im Fall dergleichen waͤhrend der Nacht vorfallen ſollte. Durch die Zeltoͤffnung ſtahl ſich dann und wann ein Strahl des Mond⸗ lichtes, ſo oft der Wolkenzug dieſen melancholi⸗ ſchen Schimmer durch ſich hindurch ließ— einen Schimmer, der um dieſe Zeit auf das Antlitz derjenigen Perſon fiel, die den Schlummer van Artaveld's bewachte, als dieſer groͤßtentheils geruͤſtet, auf einem rauhen Feldbett im Innern des Zeltes lag. Dieſer Waͤchter des jugendlichen und tapfe⸗ ren Oberfuͤhrers der Weißkappen trug die Klei⸗ dung eines Edelknaben, doch war dieſelbe reicher als gewoͤhnlich, war von muntern Farben und koͤſtlich verziert. Das Jaͤckchen war lichtblau mit Silber geſtickt; ein mit Pelzwerk beſetzter Man⸗ tel war nachlaͤſſig uͤber die Schultern geworfen, und unter dem kleinen blauſammtenen Barett, das vorn mit einem Juwel geſchmuͤckt war, drangen dicke ſchwarze Locken uͤppig hervor. Der Wuchs dieſes Pagen war ſchlank und an⸗ muthig, wiewohl eher klein als groß; auch wies ſich in dem ganzen Weſen des Buͤrſchchens etwas, das mehr auf Gewohnheit an friedliches Gemach, als an ein rauhes Feldlager deutete. Es duͤrfte etwas ſchwer gehalten haben, ſo⸗ gleich in dieſer Verkleidung die Traͤgerin derſel⸗ ben zu erkennen, die keine Andere als die un⸗ gluͤckliche und ſtrafbare Bianca war, deren Cha⸗ rakter und Irrthuͤmer dem Leſer bereits bekannt ſind. Sie hatte van Artaveld, der mit Innig⸗ 15* 228 keit an ihr hing, auf mehreren ſeiner Zuͤge in dieſer Tracht begleitet. Ihr Geſicht war noch immer ſo ſchoͤn wie ſonſt, doch eine Wolke von Schwermuth lagerte auf ihrer Stirn, und ihre Lippen, die bisher zu laͤcheln pflegten, um van Artaveld zu gefallen, waren jetzt geſchloſſen und regungslos. Der Geſammtausdruck ihres Ant⸗ litzes zeigte von jener ernſten und ruhigen Stim⸗ mung, die keine ſtarke Gemuͤthsbewegung, weder der Freude noch des tiefen Kummers, ſondern nur die einer abgeſchloſſenen Melancholie wunden Herzens mit ſich fuͤhrt. Ihre großen ſchwarzen Augen hafteten eine Zeit lang an ihrem ſchlum⸗ mernden Geliebten, bis ſie aufblickend in das Mondlicht ſchaueten, das durch die Zeltoͤffnung drang, und ſich dann mit Thränen fuͤllten. Bianca ſeufzte tief und wendete ſich abermals zu van Artaveld.„Ich will ihm meinen Man⸗ tel uͤberwerfen,“ fluſterte ſie vor ſich hin,„denn die Nacht iſt kalt, und er ruht auf elendem La⸗ ger. Morgen duͤrfte ich nicht mehr ſo viel fuͤr ihn thun koͤnnen— ach, morgen!“ Wiederum ſaß ſie ſinnend, und wiederum hob — ———— n re d t⸗ er 229 ein Seufzer ihren Buſen, als ſie ſich zärtlich buͤckte und den Geliebten durch Zudecken mit ihrem Mantel gegen die Kaͤlte der Nachtluft ſchuͤtzte. Als ſie dies that, fuhr Philipp auf, denn ſein Geiſt war zu unruhvoll, als daß ihm ein veſter Schlaf, der nur das Vorrecht der Geſundheit, der Behaglichkeit und Unſchuld iſt, zu Theil geworden waͤre. Philipp erwachte, wollte vom Lager aufſpringen, beſann ſich jedoch ſogleich, erkannte, wo er war, und ſchalt in zaͤrt⸗ lichen Ausdruͤcken die Geliebte, daß ſie das Waͤchteramt bei ihm verwaltete, und fragte, warum ſie ſich noch nicht zur Ruhe gelegt hätte. „Ich will dieſe Nacht bei Dir wachen,“ ant⸗ wortete Bianca.„Van Artaveld, ich fuͤhle mich krank am Herzen, und mögte Dir gern vergel⸗ ten, denn Du haſt mir viel Gutes erwieſen— ich bin nicht undankbar.“ „Und warum willſt Du eben dieſe Nacht bei mir wachen?“ forſchte Philipp.„Dazu redeſt Du ſo ſchwermuͤthig. Du ſollteſt mir den Muth anfeuern, damit ich morgen als Mann den Ge⸗ fahren des Tages entgegengehe; ſtatt deſſen beugſt Du mich nieder.“ „Das war nicht meine Abſicht,“ entgegnete Bianca;„doch es will mir das Herz abdruͤcken. O, van Artaveld, wer ſagt uns, was der naͤchſte Tag bringt? Mir ahnet, als werde etwas Trau⸗ riges ſich ereignen. Morgen kannſt Du eine Leiche ſeyn, und ich“— fuhr Bianca fort, in⸗ dem ihr die Thraͤnen uͤber die blaſſen Wangen rollten—„doch was kann ich Anderes werden, als was ich laͤngſt war, eine Verworfene?“ „Eine Verworfene?“ wiederholte Philipp hef⸗ tig—„Du eine Verworfene? Bin ich denn, Bianca, ſo wenig auf Dein zeitliches Wohl be⸗ dacht geweſen, daß Du Dir ſelber einen ſo trau⸗ rigen Namen gibſt?“ „Nein,“ ſagte Bianca,„Du biſt uͤberguͤtig gegen mich geweſen. Koͤnnte Unehre durch Guͤte getilgt werden, ſo wuͤrde ich gluͤcklich ſeyn. Aber o! Du kennſt, van Artaveld, nicht das Herz des elenden Weibes, das Du zur Mitſchuldigen an Deiner verbotenen Liebe machteſt!“ Van Artaveld blickte mit Erſtaunen auf die —.————————— —.————— 231 Italienerin, als dieſe ihn in ſolchen Ausdruͤcken anredete. Er aͤußerte ſeine Beſorgniß, und be⸗ ſchwor ſie, ihm gerade heraus die Urſache ſolcher Aeußerungen, die ihm auf ihren Lippen ſo fremd klangen, zu nennen. „Ja,“ verſetzte Bianca,„ja, ich will die Laſt abwerfen, von welcher meine Seele bedruͤckt wird— eine Laſt, die mir um ſo ſchwerer ward, weil ich ſie geheim hielt. Es iſt eine feierliche Stunde, Philipp; ſie iſt vielleicht die letzte Stunde gegenſeitigen Vertrauens— ſie ſoll wuͤr⸗ dig ausgefuͤllt werden. Die Thraͤnen, die mei⸗ nen Augen entſtroͤmen, entſpringen aus einer zarten Bekuͤmmerniß, die ich ſeit vielen Jahren nicht fuͤhlte. Meine Leiden waren hart und verſtockt wie ein Fels, der von keinem Regen⸗ ſchauer befruchtet wird. Jetzt jedoch kann ich wei⸗ nen, kann, Gott ſey Dank! Thraͤnen vergie⸗ ßen, kann ruhig eine traurige Geſchichte er⸗ zaͤhlen.“ „Welche Geſchichte? Was haſt Du, holde Bianca?“ ſagte van Artaveld—„Rede, ich be⸗ ſchwoͤre Dich. Du weißt, was ich fuͤr Dich zu 232 thun vermag; weißt, daß ohne Deinen traurigen Fehltritt ich Dich zum Weibe genommen haͤtte.“ „Das eben iſt es,“ entgegnete Bianca,„ich kenne Deine zaͤrtliche Großmuth. Kannſt, o kannſt Du der Elenden vergeben, die Dein Ver⸗ trauen mißbrauchte, die Dich niemals liebte?“ Philipp fuhr auf und ließ die Hand ſeiner ſchoͤ⸗ nen Geliebten los, die er bisher in der ſeinigen gehalten hatte. Er athmete kurz, ging einige Schritte hin und her, fuhr dann mit der Hand uͤber die Stirn, als ob es ihm ſchwer wuͤrde, ſeinen Empfindungen Worte zu geben, und ſagte endlich:„Bianca, darauf war ich nicht vorbe⸗ reitet. Ich dachte, Du liebteſt mich innig, er⸗ wiederteſt zaͤrtlich meine Gefuͤhle fuͤr Dich— Doch immerhin! ich will verſuchen, es als ein Mann zu tragen, denn ich habe eines Mannes Pflichten zu erfullen, und indem ich morgen die⸗ ſer Pflicht nachlebe, verliere ich vielleicht mein Leben, und mit demſelben jede Veranlaſſung zu Bekuͤmmerniß.— Ich haͤtte nicht gedacht, daß ſo Etwas mich ſo haͤtte erſchuͤttern koͤnnen. Warum ſagſt Du mir das in ſolchem Augenblicke?“ 233 Van Artaveld fuhr mit der Hand wieder uͤber ſeine Augen, und zwar mit einer Heftig⸗ keit, welche deutlich zeigte, daß er bemuͤht war, die Thraͤne zu verbergen, die in ſeinen Wimpern hing. Bianca warf ſich ihm zu Fuͤßen, ergriff ſeine Hand und rief leidenſchaftlich in einem Tone, der von ihrem Tiefgefuͤhl Kunde gab: „O vergib, vergib einer Ungluͤcklichen, die in dieſem Augenblicke Dir Beweis von ihrem Dank⸗ gefuͤhl geben moͤgte. Sie ſpricht nur ſo zu Dir, um die Aufrichtigkeit der Reue, der tiefen Reue darzuthun, von der ihr Buſen erfuͤllt iſt. Bianca erſehnt Deine Vergebung, bevor ſie ſtirbt—“ „Stirbt?“ rief van Artaveld, der ſeines eigenen Kummers uͤber ſeine Liebe zu dem Mäd⸗ chen vergaß:„Du ſterben, Bianca? Was heißt das? Sage mir, ich beſchwoͤre Dich, auch wenn Du mich nicht liebſt, was ich zu Deinem Wohle, zu Deinem Gluͤcke vermag.“ „Hoͤre mich,“ fuhr die Italienerin fort,„ich werde nicht eher mich von meinem Kniefall vor Dir erheben, als bis ich ein voͤlliges Bekennt⸗ niß meiner Schuld ablegte; nicht eher, als bis — ———— 234 ich die Verzeihung von Dir erhielt, die ich im Himmel zu finden hoffe. Gott hat mir das Herz erſchuͤttert, hat in meiner Seele die tiefſte Buß⸗ empfindung erweckt. Hoͤre mich, und laß die Schaam, die mit gluͤhender Roͤthe auf meinem Angeſichte ruht, mich nicht vor mir ſelbſt gehaͤſſig machen— laß mich durch ſie Erbarmen bei Dir finden. Gib, o gib mir Deine Hand; morgen will ich ſie nicht mehr von Dir fordern.“ „Steh' auf, Bianca, ſteh' auf!“ ſagte Phi⸗ lippz;„kniee nicht vor mir! Ich weiß nicht, was Deine ſo geheimnißvollen Worte bedeuten ſollen. Doch Dein Ausdruck zeugt von ſo tiefer Herz⸗ erſchuͤtterung, daß ich es nicht fuͤr bloße Auf⸗ wallung noch fuͤr Folge eines zerruͤtteten Geiſtes halten kann. Sage mir Alles, was ich wiſſen ſoll; dieſe Ungewißheit iſt ſchrecklich.“ „Ach, ich bin unausſprechlich elend!“ klagte Bianca. „Ich hielt Dich fuͤr begluͤckt durch meine Liebe,“ verſetzte van Artaveld. „Dem Schuldigen wird kein Gluͤck zu Theil,“ ſagte das Maͤdchen,„bevor er nicht kalt und 235 gefuhllos wird, wie der rohe Menſch, der kein einziges menſchliches Gefuͤhl kennt. Ich habe geſucht, einen Troſt fuͤr mein Weh dadurch zu finden, daß ich Andere elend wußte— ich habe den bitteren Trank der Rache gekoſtet— ich habe gejauchzt uͤber Unheil, das ich anrichtete— ich habe dem Himmel ſelber Trotz geboten, um mir die Gedanken an mein begangenes Unrecht zu verſcheuchen— aber ich habe nimmer einen Augenblick des Seelenfriedens gekannt. Alles in mir iſt Aufruhr geweſen. Gleich dem ſturm⸗ durchwuͤhlten Ocean ward mein Innerſtes bewegt gehalten, ſo daß ich Tod um mich her verbrei⸗ tete, waͤhrend in mir keine Ruhe zu erlangen war.“ „O laß dies bangbewegte Herz an meiner Bruſt ruhen!“ ſagte Philipp, der von Bianca's Kummer tief erſchuͤttert war. „Nimmer! nimmer!“ entgegnete die Italie⸗ nerin trauernd.„Ich habe zu ſchwer geſuͤndigt, zu ſehr Dein mir bewieſenes Vertrauen gemiß⸗ braucht. Ich liebte meinen fuͤrſtlichen Verfuͤhrer, Ludwig von Flandern. Ich ward von ihm ver⸗ ſtoßen um einer niedern Buͤrgerstochter willen. Eiferſucht machte mich raſend, und ich ſchwur purchterliche Rache. Da jedoch Furcht vor Man⸗ gel, der mich ſchauerlich anſtarrte, mich ergriff, haͤufte ich Suͤnde auf Suͤnde, indem ich Deine Mitſchuldige in unerlaubter Liebe ward; und um Dich zum Werkzeuge meiner Rache an dem Grafen zu machen, verbuͤndete ich mich mit Verworfenen, die Dich dem Verderben zu⸗ fuͤhrten.“ „Welchem Verderben?“ fragte van Artaveld haſtig.„Was willſt Du damit ſagen?“ „Zum Verderben!“ wiederholte die Buͤßende; „denn ich verlockte Dich, ein Verraͤther an Dei⸗ nem Landesherrn zu werden. Um Ludwig in den Staub zu treten, in welchen er mich trat, um ihn zu einem Ausgeſtoßenen, zu einem ver⸗ achteten Weſen, wozu er mich machte, zu machen, trieb ich Dich an, die Waffen gegen ihn zu er⸗ greifen, und habe ſo Dich, der Du mich in meiner Schande liebteſt, und hegteſt, und pfleg⸗ teſt, in's Elend, ja, ich furchte in den Tod gejagt.“ 237 „Nein,“ ſagte Philipp,„bin ich ſtrafbar, ſo kannſt Du dafuͤr nicht verantwortlich gemacht werden. Ich ergriff die Waffen, um die Rechte meiner Vaterſtadt zu vertheidigen. Ich trat nur in die Fußſtapfen meines Vaters.“ „und wirſt gleiches Schickſal mit ihm haben — er ward erſchlagen!“ ſetzte Bianca hinzu. „Ich aber lebe,“ entgegnete Philipp,„lebe, um meine Vaterſtadt gegen Unterdruͤckung in Schutz zu nehmen; und wenn ich ſterbe, ſo wird es in der Schlacht, nicht aber von Moͤr⸗ ders Hand geſchehen. Wir ſind ſtarker Heeres⸗ macht, und du Bois iſt willig und im Stande, mir Herz und Hand zu gemeinſamem Zwecke zu reichen.“ „Du Bois iſt ein Boͤſewicht,“ verſetzte Bi⸗ anca—„ein ſchwarzer, niedertraͤchtiger Boͤſe⸗ wicht. Er war der Erſte, der mich uͤberredete, Dich zur Empoͤrung anzureizen; unter dem Scheine, fuͤr Gents Wohlfahrt zu handeln, ging er nur ſeinen eigenſuͤchtigen Planen nach, und that dies auf eine Weiſe, die mich ſchaudern macht, wenn ich daran denke.— Trau ihm nicht!“ „Iſt dem ſo,“ ſagte van Artaveld,„ſo habe ich ihm ſchon allzu ſehr getraut; doch ſind wir ſo eng mit einander verbunden, und die Schlacht iſt ſo nahe vor uns, daß ich unmoͤglich mit ihm brechen kann. Mich jetzt von ihm losſagen, wuͤrde einen Hader herbeifuͤhren, der das un⸗ ausbleibliche Verderben unſerer Sache zur Folge haben muß.“ „Haſt Du Befehl gegeben, daß morgen in der Schlacht keines Menſchenlebens geſchont wer⸗ den ſoll?“ fragte Bianca. „Nein,“ war Philipps Antwort;„ich habe vielmehr befohlen, jedem Flehenden Pardon zu geben, und habe beſonders angeordnet, daß das Leben unſers jungen Gegners, des Koͤnigs von Frankreich, heilig gehalten werde. Karl iſt nur ein Knabe, und thut was Andere wollen, daß er es thue.“ „So hat denn du Bois das Vertrauen, das Du in ihn ſetzteſt, gemißbraucht,“ antwortete Bianca;„denn ich weiß, daß er vielen ſeiner Leute einſchaͤrfte, durchaus keine Schonung zu beweiſen, vor Allem aber, ſo es gelingen wollte, den jungen Koͤnig auf die Wahlſtatt hinzuſtrecken.“ Van Artaveld ſtaunte, als er dies hoͤrte. „Und wer,“ fragte er,„iſt Helfer meines Mit⸗ befehlshabers in dieſem hinterliſtigen Thun? Wer kann ohne mein Wiſſen ſeine Befehle weiter bringen?“ „Urſula,“ war Bianca's Antwort,„Urſula iſt's, dieſer Satan in Geſtalt eines Weibes— Urſula, die meine Jugend mißbrauchte, und mich auf den Weg der Suͤnde verlockte, iſt die raſt⸗ los thaͤtige Agentin des gottloſen du Bois. So eben ſah ich ſie wieder in ſein Zelt ſchluͤpfen. Sie traͤgt ſeine Botſchaften und iſt die Unter⸗ haͤndlerin in ſeinen Schmachthaten, und iſt es oft unter dem Schutze ihres vermaledeiten Zau⸗ berwahnes, durch welchen ſie die Gemuͤther des gemeinen Volkes beherrſcht, ſo daß dieſe ihr mit Furcht und Zittern gehorchen.“ „So ſoll ihr Spruch denn erfolgen,“ ſagte van Artaveld.„Kann ſie dieſer Klage uͤberwie⸗ ſen werden, und gewinne ich die Schlacht, ſo ſoll ſie morgen als Werkzeug der Schande und 240 des Ungehorſams, den Tod erleiden. Und jetzt Bianca, hoͤre mich. Auf den Fall, daß ich er⸗ liege, moͤgte ich fuͤr Dich geſorgt wiſſen. Nimm dieſe Boͤrſe; ſie enthaͤlt mehr als noͤthig iſt, um Dich aus dieſem Lande zu bringen. Hoͤre, und folge meinen Weiſungen.“ „Es bedarf deſſen nicht,“ entgegnete Bianca, „ich genoß zu lange Deiner Wohlthaten, um Geld noͤthig zu haben. Mein Entſchluß iſt gefaßt, Du moͤgeſt nun am Leben bleiben, oder mor⸗ gen des Todes ſeyn. Nur Einen Liebesdienſt moͤgte ich Dir erweiſen, bevor wir fuͤr dieſe Welt auf immer von einander ſcheiden.“ „So ich falle, ſcheiden wir allerdings von einander,“ antwortete van Artaveld;„doch wenn ich als Sieger fuͤr Gent am Leben bleibe, ſo ſoll Bianca Philipps Triumph theilen.“ Bianca ſenkte den Blick und ſagte mit leiſer, aber veſter Stimme:„Magſt Du als Sieger leben, oder als Rebell fallen— wir ſcheiden dennoch fuͤr immer. Ich aber will Deiner zar⸗ ten Sorgfalt fur mich bis zu der Stunde gedenken, in welcher das Grab meine Schuld bedeckt.“ Abermals ergriff van Artaveld Bianca's Hand. In des Maͤdchens Blicke lag eine Feierlichkeit, eine ſo tiefe Melancholie, und ihr Weſen zeigte eine ſo veſte Entſchloſſenheit, daß er ſich davon uͤberwaͤltigt fuͤhlte und ſich ſcheute, ſie nach ihrem Vorhaben zu fragen. Er konnte nur ſchwei⸗ gend ſie betrachten und erwarten, was ſie wei⸗ ter ſagen wuͤrde. Nach kurzer Pauſe fuhr ſie fort. „Als Du zu Brugges thaͤtig warſt, ward ich zu Gent von ſchwerer Krankheit ergriffen, die, wie ich glaube, die Folge meiner verſtoͤrten Gedanken und der heftigen Empfindungen war, von denen ich mich unaufhoͤrlich bewegt fuͤhlte. Ich war todtkrank, doch hoffe ich, jene Krank⸗ heit des Leibes wird mir die Geſundheit der Seele wieder zuruͤckgeben. Da ich meinen Tod nahe waͤhnte, blickte ich zum erſtenmal ohne Vorurtheil der Leidenſchaft auf mein verfloſſenes Leben— und ſchauderte, vor meinen Gott zu treten. In dieſem Seelenzuſtande fand mich ein frommer Moͤnch, der mir den letzten Troſt der Kirche reichen wollte. Von meiner Reue uͤber⸗ Die Weißkappen III. 16 — 242— zeugt, floͤßte er meinem wunden Geiſte den Balſam des Friedens und der Hoffnung ein. Er ließ mich zu der Barmherzigkeit des Allvaters aufblicken, und lehrte mich, daß einem ſuͤndigen Leben entſagen das beßte Opfer zur Suͤhnung des goͤttlichen Zornes bleibt. Von der Stunde an gelubdete ich, allen Leidenſchaften, aller Furcht, allem irdiſchen Hoffen zu entſagen und den Reſt meiner Tage Ihm zu widmen, der die Seele verwandeln kann, ſo wie eines Tages der Leib aus Verweslichem in Unverwesliches umge⸗ ſtaltet wird. Moͤge Gott mir mein Vorhaben geſegnen!“ Bianca hielt inne, als waͤre ſie von der Allgewalt ihrer Empfindungen uͤberwaͤltigt. End⸗ lich fuhr ſie fort:„Der Dankverpflichtung gegen Dich eingedenk, nahm ich mir vor, bei Dir zu wachen, Deinen Schritten im Gefuͤhl ſchweſter⸗ licher Zuneigung zu folgen, bis Du außer Ge⸗ fahr ſeyn wurdeſt, und dann Dich fuͤr immer zu verlaſſen. Darum folgte ich Dir in dies Lager, in der Kleidung des Pagen, in welcher ich Dir fruher ſchon nachzog, ehe ich zum Be⸗ —— — wußtſeyn meiner Schuld und meines Elendes erwachte. Ich kam heute hier an, und dies iſt die erſte Stunde, die mir Gelegenheit bot, Dich mit meinem Vorhaben bekannt zu machen.“ „Und muß ich Dich denn verlieren?“ fragte van Artaveld—„muͤſſen wir fuͤr immer von einander ſcheiden? Gibt es keinen andern Aus⸗ weg?“ „Keinen andern,“ entgegnete die Italienerin, „denn der fromme Kloſterbruder lehrte mich, daß man vor Gott nicht ſaͤumen ſoll. Der Hoͤchſte verlangt ein ganzes, ein ungetheiltes, unverderb⸗ tes Herz. Nicht kann Buße uns nuͤtzen, ſo lange wir des Vortheils derjenigen Suͤnde genie⸗ ßen, der wir entſagen moͤgten. Uebermorgen kehre ich zu jenem ehrwuͤrdigen Manne zuruͤck, denn er verſprach mir, mich bei buͤßenden Urſu⸗ linerinnen in Frankreich unterzubringen.“ Van Artaveld ließ Bianca los, ſchlug ſeine Haͤnde zuſammen und rief mit Innigkeit:„Wolle Gott Dich ſegnen!— Wir ſcheiden wirklich von einander. Ich habe Deines Leibes Suͤnde mit Dir getheilt, Bianca, aber ich will Deine Seele 465 nicht irre leiten, wenn ſie zu beſſerem Trachten ſich wendete. Ich verrieth, ich verfuͤhrte Deine Unſchuld nicht, doch beſtaͤrkte ich Dich in Deiner Schuld. Ich kann und will nicht verſuchen, dies durch Trugſchluͤſſe zu vertheidigen, auch nicht Dich bitten, die Thraͤnen der Buße in Lächeln der Wolluſt zu verwandeln. Geh— verlaſſe mich auf immer! und wenn Du Dich van Artaveld's erinnerſt, ſo bedenke, daß er, der Deine Fehler mit Dir theilte, zugleich auch der⸗ jenige war, der Dich Ihm uͤberantwortete, wel⸗ cher Dich als ein irrendes und verlorenes Kind an ſeine Vaterbruſt zuruckrief. Fall' ich morgen im Kampfe, Bianca, ſo ſchenke meinem Anden⸗ ken eine Thraͤne. Lebe wohl!“ Van Artaveld wich von ihrer Seite, legte die Hand an ſein Schwert und ſchien das Zelt verlaſſen zu wollen. „Bleib,“ ſagte das Mädchen,„bleib, wir trennen uns noch nicht. Ich ſagte Dir noch nicht Alles. Noch ein Werk der Liebe moͤgte ich vor meinem Scheiden an Dir thun. Nur ein kleines Werk iſt es, doch duͤrfte es Dir beweiſen, 245 daß ich nicht undankbar gegen Dich bin. Es kann Dir nuͤtzlich ſeyn, und Du wirſt alſo mir meine letzte Bitte nicht verſagen.“ „Was iſt's?“ fragte Philipp.„Es ſoll mich freuen, ein Werk der Liebe von Deinen Haͤnden zu empfangen, daß ich deß gedenken und mey⸗ nen moͤge, ich ſey nicht ganz geringgeſchaͤtzt von Dir.“ „Die arme Bianca bleibt noch Dein Page,“ verſetzte das Maͤdchen, indem ſie verſuchte, durch ihre Thraͤnen hindurchzulaͤcheln.„Sollte der Tag Dir und den Deinen morgen verloren gehen, und ſollteſt Du mit dem Leben davon kommen — denn nehmen ſie Dich gefangen, ſo iſt fuͤr Dich, als dem Oberhaupte der Weißkappen kein Erbarmen von Deinen Feinden zu hoſſen,— ſo habe ich auf ein Mittel gedacht, Dich zu retten; und da ich weiß, daß mein Plan nur von einer treuen Seele ausgefuͤhrt werden kann, ſo will ich deſſen Ausfuͤhrung Keinem als mir ſelbſt anvertrauen.“ „Sage mir, was Du vorhaſt,“ ſprach Phi⸗ lipp,„und wenn es ausfuͤhrbar iſt, ſo will ich mich nicht weigern, Deinen Liebesdienſt anzu⸗ nehmen, da ich weiß, daß die Erinnerung, mir zur Stunde der Noth nuͤtzlich geweſen zu ſeyn, Dir erquickend bleiben wird, und damit, wenn es mißlingt, ich nicht wie ein Miſſethaͤter durch den Richterſpruch meiner Feinde falle.“ „Erinnerſt Du Dich,“ ſagte Bianca,„des edlen Thieres, das Du mir in den Tagen mei⸗ nes Stolzes ſchenkteſt? Erinnerſt Du Dich, wie ſogar der muntere Bretagnerherzog, als er zu Gent war, es zu kaufen wuͤnſchte, und daß Du es doch lieber Deiner Bianca ſchenkteſt?“ „Wohl erinnere ich mich deſſen,“ antwortete Philipp,„es gab zur Zeit kein edleres Roß in Flandern. Ich freute mich, Dich ſo edel berie⸗ ten zu ſehen, wenn Du mit mir auf die Jagd zogſt.“ „Das Pferd trug mich heute in Dein Lager,“ ſagte die Italienerin,„und morgen, ehe das Treffen beginnt, ſo habe ich mir's ausgedacht, nehme ich mit demſelben meinen Standpunct nahe dem Gehoͤlz, auf der Hoͤhe des Mont dOr. Dort harre ich mit dem bereitgehaltenen Thiere 247 Dein, ſo daß, wenn Du zuruͤckgetrieben wirſt, Du aufſitzen und die Flucht ergreifen magſt, ehe ein Feind Dich einholen kann; denn ich weiß, daß Du Deine Leute zu Fuße befehligſt. Frei⸗ lich kann mein Plan mißlingen, doch bietet er Dir mindeſtens Hoffnung zu einer Flucht dar, die Dir nur durch einen Pagen bereit gehalten werden kann, der ſo treu wie Bianca iſt.“ Van Artaveld war uͤber dieſen Beweis von Liebe und Dankbarkeit auf Seiten ſeiner reuigen Geliebten innig geruͤhrt, und ſagte ihr, daß im Falle Flucht durch verloren gehendes Treffen no⸗ thig waͤre, er durch ihre Mithuͤlfe jenes Mittel ergreifen wuͤrde, um dem ſchweren Schickſal zu entgehen, von der Hand des Nachrichters zu fallen. Doch hoffte er Beſſeres, hoffte, als Sie⸗ ger, nicht als Fluͤchtling aus dem Kampfe her⸗ vorzugehen. Bianca beſchwor ihn jetzt, ein wenig der Ruhe zu pflegen; jedoch tief ergriffen von dem Auftritte, der zwiſchen ihnen ſtattgefunden hatte, war Philipp wenig zum Schlummer geneigt, ſondern wollte lieber zu du Bois gehen, um von dieſem Gehorſam gegen die Schonungbefehle, die er hinſichtlich des franzoͤſiſchen Koͤnigs gege⸗ 8 ben hatte, zu erzwingen. Bianca beſchwor ihn, dieſen Vorſatz bis zum Anbruch des Tages auf⸗ zuſchieben, und ſetzte ihm auseinander, wie noͤ⸗ thig es fuͤr ihn waͤre, einige Stunden Ruhe zu ſuchen, damit er morgen fruͤh bei Kraͤften ſeyn moͤgte. Endlich, durch des Maͤdchens Gruͤnde dazu vermogt, warf Philipp ſich nochmals auf ſein Lager, und das Maͤdchen nahm ſchweigend ihren Platz wieder an demſelben ein, um ihn zu bewachen. Eine Zeit lang lag van Artaveld in ſtummer Beſorgniß und ſann uͤber das Juͤngſterlebte nach. Es hatte ſeine Seele tiefer erſchuttert, als es in der gegenwaͤrtigen Kriſis ihm lieb ſeyn konnte. Er bemuͤhete ſich, ſeine Gedanken auf einen anderen Gegenſtand zu richten und zu er⸗ waͤgen, wie er morgen am beßten die Schlacht wuͤrde eroͤffnen koͤnnen, bis er endlich, von all den erlittenen Anſtrengungen und den gehaͤuften Bekuͤmmerniſſen ſeiner Seele erſchoͤpft, der Natur ihr Recht geſtatten mußte, und in einen unruhi⸗ 249 gen Schlaf verfiel, in welchem die Bilder, mit denen im Zuſtande des Wachens ſein Geiſt be⸗ ſchaͤftigt geweſen war, ihn durch unruhige Traͤume ſchreckten. Bianca ſaß regunglos, um den Schlaͤfer nicht zu ſtoͤren, wahrend ihre Seele uͤber bangen Ahnungen von der Zukunft bruͤtete. Ihr Cha⸗ rakter war nicht von alltaͤglicher Art. Sie war ſtark und lebhaft von Gefuͤhlen; dieſe Gefuͤhle hatten eine irrige Richtung erhalten, jedoch in ihrem Buſen glomm ein Funke beſſerer Grund⸗ ſaͤtze, obwohl derſelbe erloſchen geweſen zu ſeyn ſchien, ſo lange man ſie von Ueppigkeit und Rache umhergetrieben erblickte. Wenige Menſchen ſind jedoch ſo vollendet boͤſe, daß nicht zu irgend einer Zeit ihres Le⸗ bens ihr Gewiſſen ihnen Wahrheit redete. We⸗ nige ſind gaͤnzlich allen Keimes der Tugend ledig; und Heil dem Suͤnder, wenn irgend ein Ereigniß oder Mißgeſchick, wie peinlich es auch ſeyn moͤge, in ſeinem Herzen ein Gefuͤhl ſeines Unwerthes rege machen kann! Das ſind Augen⸗ blicke der Gnade, die die Fuͤrſehung uns dar⸗ 250— bietet, um auf den Weg der Tugend zuruͤck zu gelangen. Freilich ſind ſolche Eindruͤcke nur all⸗ zu oft voruͤbergehend, werden oft verſcheucht oder verbannt, weil man ſie inmitten weltlicher Ge⸗ nuͤſſe fuͤr geſchaͤftige Aufdringliche anſieht; allein es gibt bleibende Veranlaſſungen, und dieſe ſind von außergewoͤhnlicher Gewalt. Dieſe nehmen das ganze Herz des Suͤnders ein, und wirken ſo lange auf daſſelbe, bis es Handlungen der Buße erzeugt; ſie gewaͤhren der Seele gleichſam einen Sabbath— ein Ausruhen von dem Ra⸗ ſen und Toben der Leidenſchaften. So war es mit Bianca. Die Krankheit, von welcher ihr Leben bedroht war, der Tod, der ihr nahe trat und deſſen Anblick auch der Verhaͤrtetſte nicht ſonder Zagen ertragen mag, hatten ihre Furcht ſo ſehr aufgeregt, daß ſie zum erſtenmale die Schrecken eines boͤſen Gewiſſens fuͤhlte. In die⸗ ſem Seelenzuſtande machten des Moͤnchs Ermah⸗ nungen gewaltigen Eindruck auf ſie, ſo daß Bianca nach und nach eine wahrhaftige Bußfer⸗ tige ward, und da ihre Empfindungen ſich ſtets lebhaft erwieſen, ſo war jetzt ihr ganzes Herz — nur auf Einen Gegenſtand— auf die Furcht Gottes und auf ihr Verlangen nach goͤttlicher Vergebung gerichtet. Als Bianca van Artaveld's Schlummer be⸗ wachte, bemerkte ſie, daß ihr Freund nach und nach in ruhigeren Schlaf verſank, denn er fuhr nicht mehr auf und ſtieß auch keine abgebroche⸗ nen Reden mehr aus, wie er zuvor gethan hatte. Mit Beſorgniß hing ihr Blick an dem Schlafen⸗ den; ſie ſeufzte, als ſie bedachte, wie bald viel⸗ leicht dieſe edlen Zuͤge, die jetzt durch den Schlummer geſaͤnftigt erſchienen, in die Erſtar⸗ rung des Todes uͤbergegangen ſeyn wuͤrden. Nach einer Weile glaubte ſie fernher Toͤne ſeltſamer Art zu vernehmen. Sie horchte auf⸗ merkſam, doch war Alles wieder ſtill, und in der Meynung, ihre kummerbeſchwerte Seele ſey ihrer Einbildung zu Heraufbeſchwoͤrung phanta⸗ ſtiſcher Klaͤnge, waͤhrend der tiefen Stille der Nacht, zu Huͤlfe gekommen, wendete ſie ſich von der Vorſtellung ab, bis ſich ein leiſer und be⸗ ſonderer Ton wiederholte und deutlich ihr Ohr erreichte. Er ſchien aus einiger Entfernung zu kommen. Sie wollte Philipp nicht im Schlafe ſtoren, bevor ſie ſich nicht uberzeugt haͤtte, daß ſolches durchaus noͤthig waͤre; deshalb ſchritt ſie leiſe zu dem Zeltausgange. Dort lauſchte ſie ein wenig, und als ſie abermals das Geraͤuſch ver⸗ nahm, beſchloß ſie, hinausʒugehen und wo moͤg⸗ lich die Urſache deſſelben zu erforſchen. Langſam ſchritt die Italienerin zum Zelte hinaus. Die Nacht war dunkel, denn die Wol⸗ ken, die bisher maſſenweiſe hingezogen waren, hatten ſich jetzt zu einander gehaͤuft, hingen gleich einem ſchwarzen Vorhang am Himmel und ver⸗ bargen den Mond, der im Untergehen war, und jedes nachtige Geſtirn. Der Wind hatte ſich ge⸗ legt, kein Blatt regte ſich, Todtenſtille herrſchte ringsum, als ob Schweigen und Finſterniß als wachende mitternaͤchtige Geiſter ihr Ehrfurcht ge⸗ bietendes Amt verwalteten. Bianca blickte nach dem Mont d'Or hinuͤber, denn von dorther ſchienen die Klaͤnge zu kom⸗ men, als erzeugten ſie ſich auf der kleinen An⸗ hoͤhe, auf welcher das feindliche Heer lagerte. Sie ſah deutlich, wie Feuerfunken aufſpruͤheten 2 5 8 — 253— und in der Luft verblitzten;— dann war Alles dunkel— dann zeigten die Funken ſich wieder in einem Glanze, der ihr die Augen blendete. „Jenes Licht,“ ſprach die Italienerin zu ſich ſelbſt,„muß von dem Wachfeuer der Feinde herruͤhren; aber o Himmel! woher entſtehen jene Klaͤnge?“ In dem Augenblicke erhob ſich wieder der Wind, der geſchlummert hatte, fegte mit Brauſen der Staͤtte zu, wo Bianca ſtand, und fuͤhrte ihr eine Maſſe von Toͤnen zu, wie man wohl mit Erbeben ſie von einer Menge von Sterbenden auf dem Schlachtfelde vernehmen mag*). Geklapper von Harniſchen, Geklirr von Schwertern, das ſchwere Fallen der Streitart, der klirrende Stoß von Lanzen,— dies Alles wurde durch einander in wilder Verwirrung ge⸗ hoͤrt, waͤhrend das Schnauben und Wiehern der Roſſe, das Stampfen ihrer Hufe, das Geſchrei der Kaͤmpfenden ſich in den Feldruf:„Mont⸗ *) Die Geſchichtſchreiber jener Zeit deuten ganz beſonders auf ein uͤbernatuͤrliches Ereigniß ſolcher Art hin. Anm. d. Verf. morenci!“„D'Anghien!“„Van Artaveld!“ miſch⸗ ten, und dem das Stoͤhnen und Aechzen der Sterbenden oder Verwundeten auf dem Felde des Todes nachdroͤhnte. Bianca, hoͤchlich erſchreckt und uͤberzeugt, daß das Getoͤſe vom Mont d'Or heruͤber kam, beſchloß, van Artaveld zu wecken. Um dies zu thun, wendete ſie ſich zum Zelte zuruͤck, als eine dunkle Geſtalt ihr in den Weg trat. Stumm und regungslos ſtand die Italienerin ein Weil⸗ chen. Die Geſtalt ſtreckte die Hand aus, und faßte Bianca's Arm. Ueberwaͤltigt von aber⸗ glaͤubiſchem Bangen, hatte das Maͤdchen nicht Kraft, ſich deſſen zu erwehren, ja, nicht einmal, um nach Huͤlfe zu rufen. „Bleib,“ ſprach die Geſtalt,„Du wirſt nicht in jenes Zelt gehen, bis Du die Worte Urſula's gehoͤrt haſt.“ „Laß mich los, Weib!“ rief die Italienerin, die jetzt einigen Muth gewann, als ſie erkannte, von wem ſie angeredet ward.„Laß mich in jenes Zelt, daß ich unſern Heerfuͤhrer wecke, denn der Feind ruͤckt gegen ihn vom Mont d'Or F———„— 2V e(e— 235 heran. Hoͤrſt Du nicht das ſchauerliche Getoͤſe von dorther hallen?“ Urſula lachte.„Jene Klaͤnge,“ ſprach ſie, „ſind nicht von dieſer Welt. Sie kommen nicht von ſterblichen Lippen und ſind nicht fuͤr ſterb⸗ liche Ohren. Blicke hinuͤber zu der Anhoͤhe,“ fuhr die Hexe fort, indem ſie mit dem Stabe hinanzeigte,„betrachte jenen Schein, der ſich der Dunkelheit zum Spott erhebt— jene Lich⸗ ter, vor denen der Mond ſeinen bleicheren Schein verhuͤllt; denn furchtbar anzuſchauen ſind die Flammen der Geiſter aus dem bodenloſen Ab⸗ grunde. Hoͤre mich, indem ich Worte in Dein Ohr fluſtere, uͤber die Dein Herz jauchzen wird; denn ich weiß, es iſt wild wie mein eigenes, und wird entzuͤckt ſeyn uͤber eine Vorverkuͤndi⸗ gung des Unheils.“ „Laß mich fort,“ ſprach Bianca, die noch immer rang, um ſich von der duͤrren Fauſt der Scheußlichen loszumachen. „Nur einen Augenblick lang hoͤre mir ſchwei⸗ gend zu, und Du magſt gehen,“ entgegnete die Zauberſchweſter.„Jenes ſchaurige Getoͤſe iſt ein Vorbote des morgen hereinbrechenden Treffens, wo des Stolzen Haupt wird niedergeworfen wer⸗ den, wo das Edle wird den Staub kuͤſſen, und wo ſie, die in dieſer Nacht an feſtlicher Tafel ſchmauſeten, ſelbſt einen Feſtſchmaus fuͤr Wuͤr⸗ mer und einen Leckerbiſſen fuͤr die Aasvoͤgel ab⸗ geben werden, welche an den Leibern der Er⸗ ſchlagenen ſich atzen. Jenes Getoͤs iſt das Tri⸗ umphgeheul der hoͤlliſchen Geiſter. Sie jubeln, daß morgen an jener Staͤtte die Halme zum Maͤhen reif ſind. Morgen wird auf dem Mont d'Or eine Schlacht geliefert werden; morgen wird der Mont d'Or den Weibern gebieten, Wittwengewaͤnder anzulegen, waͤhrend lallende Saͤuglinge den Mont dOr als das Grab ihter Erzeuger bezeichnen werden. Und Einer wird fallen, der Dir theuer iſt, Bianca, und Du wrirſt nicht leben, um ſeine Gruft mit Blumen zu kraͤnzen. Du wirſt ſterben, wie Du gelebt haſt— eine Beute des hoͤlliſchen Geiſtes.“ „Gottloſe Prophetin!“ rief Bianca;„lendes Weib! Deine Zunge, die gleich dem Nachtvogel kraͤchzet, der der Vorverkuͤnder alles Boͤſen iſt— N„——„—„n— —„———— c —) —„— Deine Zunge ſpricht eitel Lug und Trug. Ich bin nicht mehr Deine Schuͤlerin, nicht mehr Beute weder fuͤr Dich, noch fuͤr den Hoͤllengeiſt. Ich habe mich dem Himmel gewidmet.“ Urſula lachte wieder.„Dem Himmel?“ kreiſchte ſie;„Du Dich dem Himmel gewidmet? Betruͤge Dich nicht ſelbſt durch ſolche Reden. Eben ſo gut koͤnnte die ſchwarze Nacht, die in feierlichem Duͤſter herabhaͤngt, zu dieſer Stunde hell und ſtrahlend werden, gleich dem Tage, wie Du es vermagſt, von Suͤnde zu Heiligkeit uͤber⸗ zugehen. Du biſt verdammt; Dein Name ward niedergeſchrieben in das dunkle Buch der Ver⸗ fluchten. Gezeichnet biſt Du in dieſer Welt als die Tochter der Schande, in jener als die des Elendes. Hoͤhne mich nur; meinem Spruche entgehſt Du doch nicht! Bedenke, daß Urſula es iſt, die Dich ermahnt, auf Deine letzte Lebens⸗ ſtunde hinzublicken— zu verzweifeln und zu ſterben.“ Indem das gottloſe Weib, deren Geiſt, dem Boͤſen und dem Aberglauben hingegeben, ſtark vom Wahnwitz beruͤhrt war, ſo redete, ließ ſie Die Weißkappen III. 17 ab von der Italienerin, und ging dem Anſcheine nach, eben ſo zwecklos fort, wie ſie gekommen warz ſie hatte den dem Maͤdchen Furcht und Entſetzen durch ihre entſetzliche Anrede einfloͤßen wollen. Bianca hatte bei den Fluchworten der Hexe gezittert, und trotz ihres ſeit kurzem gefaßten Entſchluſſes, nichts denn den Himmel zu fuͤrch⸗ ten, bangte ihr, als ſie der ſchaurigen Prophe⸗ zeihung der Alten gedachte. Sie fuͤrchtete Ur⸗ ſula, waͤhrend ſie ſie verabſcheuete, und eilte in einem Zuſtande gewaltiger Aufregung in das Zelt zuruͤck, und weckte van Artaveld.„Steh' auf, Philippz erwache, Philipp van Artaveld!“ ſagte Bianca;„ſteh' auf und waffne Dich. Deine Feinde, fuͤrcht' ich, fallen uͤber Dich her. Um Gotteswillen ſteh' auf und horche dem Getoͤſe, das vom Mont d'Or heruͤberſchallt“ Philipp fuhr auf und eilte vor das Zelt, wo die Klaͤnge, durch welche Bianca vorhin ſo er⸗ ſchreckt worden war, ſein Ohr ebenfalls erreich⸗ ten.„Wir ſind verrathen,“ ſagte van Artaveld. „Warum ſchickte die Vorhut nicht Spaͤher nach dem Mont d'Or? Ich muß mich waffnen. Wir wollen dem Feind entgegen. Ruf den Herold, Bianca, der im naͤchſten Zelte ſchlaͤft; er ſoll meine Heerdrommete blaſen, waͤhrend ich einen Kundſchafter ausſende.“ Van Artaveld wollte weiter ſchreiten, als einer der Waͤchter, von Furcht todtenbleich, vor ihn trat. „Sprich kurz, was Du zu ſagen haſt!“ rief Philipp ihm entgegen.„Sag' an, was trug ſich zu?“ „Edler van Artaveld,“ ſagte der Mann,„der Oberhauptmann Peter du Bois hatte kaum das Getoͤſe vom Mont d'Or heruͤber vernommen, ſo ſchickte er mich mit noch Etlichen auf Kundſchaft aus. Wir gingen dem Laͤrm nach, allein zu unſerem Erſtaunen und zu unſerer Beunruhi⸗ gung war, als wir am Orte ankamen, nicht das Mindeſte daſelbſt zu hoͤren noch zu ſehen. Wir haben die ganze Anhoͤhe durchſpaͤhet, kein lebendes Weſen, außer uns, war daſelbſt zu finden.“ „Narren, die Ihr ſeyd!“ entgegnete van Ar⸗ taveld,„Feiglinge ſeyd Ihr dort geweſen, und habt Euch, aus Furcht vor dem Feinde, nicht an der anderen Seite des Huͤgels hinabgewagt. Dahinter ſteckt ein Fallſtrick. Ich fuͤrchte, wir ſind verrathen, denn ſolche Klaͤnge ſind aller⸗ dings von dieſer Welt, oder ich muͤßte mich ge⸗ waltig irren. Laßt meine Heerdrommete reden!“ Der laute, ſchrillende Ruf der Drommete drang durch das Lager; die Schlaͤfer fuhren auf, griffen haſtig nach ihren Waffen, indem Keiner von ihnen zweifelte, der Feind ſey geoen ſie an⸗ geruͤckt. Die Hauptleute der Weißkappen rann⸗ ten zu van Artaveld, um die Urſache ſeines Heer⸗ rufes zu vernehmen. In Kuͤrze machte er ſie mit derſelben bekannt, und waͤhrend er es that, ward ſeine Ausſage durch das Getuͤmmel beſtaͤ⸗ tigt, das ſich abermals vom Mont dOr heruͤber deutlich vernehmen ließ. „Dahinter ſteckt etwas Außergewoͤhnliches,“ ſagte van Artaveld.„Folgt mir; ich will mei⸗ nen eigenen Heerbann auf der Hoͤhe aufſtellen, und dort, ſo's noͤthig wird, unſern Feinden Stand halten. Wenn die Mannen geſchaart —261 ſind, gebt den Feldruf, und wir ziehen gegen den Mont d'Or.“ „O, nicht nach der Hoͤhe, nicht nach Mont dOr!“ flehete Bianca, indem ſie ſich an Phi⸗ lipps Arm hing.„Ich beſchwoͤre Dich, nicht dort ſuche den Feind auf. Thu' es an jedem anderen Ort, nur nicht auf dem Mont d'Or.“ Vergebens trachtete Bianca, den Oberfuͤhrer der Weißkappen von ſeinem juͤngſtgefaßten Ent⸗ ſchluſſe abzubringen; ſie gab alſo jeglichen ferne⸗ ren Verſuch dazu auf, und ließ ihr Pferd in Bereitſchaft halten, um bei dem Grauen des Tages mit dem edlen Thiere ihren Standpunkt am Gehoͤlz auf dem Mont d'Or einzunehmen, damit Philipps Flucht noͤthigen Falles vorberei⸗ tet ſeyn moͤgte. Jedoch ungeachtet ihres neuer⸗ langten Vertrauens zum Himmel, und trotz ihrer beſſeren Gefuͤhle, zitterte ſie, ſo oft ſie der Fluch⸗ worte Urſula's gedachte, und dabei erkannte, daß Philipp van Artaveld veſt entſchloſſen war, das Treffen auf dem Mont d'Or zu beginnen. URenntes Capitel. Nachdem wir in unſerem vorhergehenden Capi⸗ tel beſchrieben, wie die Inſurgenten die Nacht vor der Schlacht hinbrachten, bleibt uns noch uͤbrig, etwas von dem Koͤnige von Frankreich und deſſen Bundesgenoſſen zu erwaͤhnen. Der wackere Connetable hatte die nachdruͤcklichſten Vorkehrungen zu dem nahen Kampfe getroffen; Alles war fuͤr den naͤchſten Tag angeordnet. Der Monarch ſelbſt wollte mit in das Treffen, doch ruckſichtlich ſeiner Jugend, war von ſeinem Kriegsrath beſchloſſen worden, daß er ſeine Stel⸗ lung da nehmen ſollte, wo wenig Gefahr ſeyn moͤgte. Auch hatten ſeine Ritter und Reiſige ihn zu umringen. Bei einem feierlichen Mahle verſammelte Karl am Vorabend der Schlacht ſeine Oehme, den Grafen von Flandern, Herrn Walter d'Anghien und die Edelſten ſeines Gefolges. Das koͤnigliche Bankett wurde in Karl's Zelte, und mit einer Pracht gehalten, wie ſie hinſichtlich der Zeitum⸗ ſtaͤnde kaum hatte erwartet werden koͤnnen. Der junge Koͤnig ſaß oben an der Tafel. Die Neu⸗ heit der Scene ermunterte ihn, und dieſe ſeine Munterkeit ward durch die ritterlichen Reden der Tapfern, von denen er umgeben war, dergeſtalt erhoͤht, daß an der Tafel eine ungewoͤhnliche Froͤhlichkeit und ein Eifer fuͤr die Fehde herrſchte, der weit uͤber des jugendlichen Herrſchers Jahre hinausreichte. Er befragte ſeine Oehme und den Connetable uͤber deren Plane, an welchen er mit der groͤßten Lebhaftigkeit Theil nahm. Selbſt der Graf von Flandern, der bisher vernachlaͤſſigt, und ſeiner eignen Sache unter⸗ ordnet worden war, genoß an dieſem Abende außerordentlicher Ehrenbezeigung, indem ihm der Oberbefehl uͤber des Koͤnigs Fahnenſchaar an⸗ vertraut ward, ſo daß er die Aufſicht uͤber ſie⸗ 1 benhundert Ritter und zwoͤlfhundert Reiſige er⸗ hielt. Die Artigkeit und der Frohſinn, womit Karl ſeine Gaͤſte bewirthete, verbreiteten ein allgemeines Entzuͤcken; alle waren luſtig und guter Dinge, und genoſſen, von lebhafter Hoff⸗ nung dazu angeregt, ſchon im Voraus des Triumphes, den der naͤchſte Tag ihnen bereiten wuͤrde. Gegen das Ende des Bankettes fuͤllte der Koͤnig mit eigener Hand einen Becher mit Wein, hob ihn hoch und rief, indem er aufſtand: „Trinkt mir's zu, meine tapfern Freunde, auf einen glucklichen Erfolg unſeres Zuges! Gott und Sanct Dionyſius wollen uns Sieg verleihen!“ In demſelben Augenblicke hatte ſich Alles vom Sitz erhoben; die Becher wurden gefuͤllt, und Jeder der Gaͤſte that mit lautem Jubel dem Koͤnige Beſcheid. Nur Einer unter Allen ſchien an dieſer allgemeinen Freude nicht Theil zu neh⸗ men; dieſer Eine ſeufzte, indem er den Becher weiter gab, den er aus Artigkeit gegen des Koͤ⸗ nigs Trinkſpruch mit den Lippen beruͤhrt hatte, ohne aus demſelben getrunken zu haben. Dieſer Eine war kein Anderer als der ehrliche Buͤrger⸗ meiſter, Herr Simon van Bet, der, obwohl Gefangener auf ſein Ehrenwort, das er noch nie gebrochen hatte, an dieſem Abend von dem Koͤ⸗ nig zur Abendtafel geladen worden war. Die Schlichtheit und Ueberſpanntheit des Herrn Si⸗ mon hatte den jungen Rittern und Hoͤflingen reichen Stoff zur Beluſtigung geboten, ſo daß der Oberaͤlteſte der Goldſchmiede weniger fuͤr einen Gefangenen, als fur einen koͤniglichen Spaß⸗ macher galt, und demnach als ein Wild ange⸗ ſehen ward, worauf ihr Witz gute Jagd machen konnte. In Folge deſſen war Herr Simon etwa auf dieſelbe Weiſe geladen worden, wie wohl in neuerer Zeit ein lachender und witzelnder Schma⸗ rotzer zu Tiſche gebeten wird, um den Schmaus⸗ geber und deſſen Genoſſen zu beluſtigen, als ob ſolches eine unerlaͤßliche Zugabe zu den Freuden der Tafel waͤre. Allein zu welchen Schwaͤnken Herr Simon auch fruͤher Veranlaſſung gegeben haben mogte, ſo wurden bei dieſer Gelegenheit die Hoͤflinge doch getaͤuſcht, indem Herr Simon ſo truͤben Herzens, ſo„wehumfangen“ ausſah, daß er weder ſelbſt ſcherzte, noch Anderen Urſache zum Scherze bot. Farl, der gleich allen jungen Ge⸗ ſellen, dem Beiſpiele ſeiner Genoſſen, und alſo auch dem der Aelteren folgte, die an Jahren Maͤnner, an Sitten Knaben waren, hatte zwar oft den ehrlichen Buͤrgermeiſter zur Zielſcheibe ſeines Spottes gemacht, dennoch ſchaͤtzte er den⸗ ſelben. Die naturliche Gutherzigkeit des Koͤnigs, und der Kummer, den er fuͤhlte, wenn er Ande⸗ ren Kummer verurſachen mußte, hielten ſeinen Uebermuth in Schranken, ſo daß, wenn er auch dann und wann mit dem kleinen Goldſchmiede ſcherzte, er es doch nie that, ſobald derſelbe da⸗ durch laͤcherlich gemacht werden konnte. Dem⸗ zufolge hegte Karl jetzt einen Wunſch, den er noch Keinem mitgetheilt hatte, und der in nichts Anderem beſtand, als den ehrlichen Mann in irgend einem Amte an ſeinem Hofe angeſtellt zu wiſſen. So bemerkte er denn auch an dieſem Abend die Niedergeſchlagenheit van Bet's, und die Art und Weiſe, wie derſelbe den Becher wei⸗ ter gegeben hatte. Karl wendete ſich zu dem Herrn Simon, laͤchelte froh und fragte ihn: — „Was iſt das, wuͤrdiger Ritter? Ihr nehmt Theil an unſerm Becher, als ob derſelbe mit einem Todestrunke, nicht aber mit dem Weine der Freude gefuͤllt waͤre? Wir ehren Euch um Eurer Redlichkeit und Eures Werthes willen und zumal wegen der Ritterlichkeit, mit welcher Ihr Euer Ehrenwort haltet, und eben deshalb moͤgten wir Euch, zum Zeichen unſerer beſonde⸗ ren Gunſt, einen Vorſchlag zu Eurem Vortheil machen.“ Herr Simon dankte dem Koͤnige mit einer Verbeugung, ſah jedoch nicht im Geringſten froͤh⸗ licher aus als vorhin. Karl fuhr fort:„Obwohl Ihr als ein Anhaͤnger der Maͤnner von Gent hieher kamt, ſind wir doch uͤberzeugt, daß Ihr weder an den Gewaltthaͤtigkeiten, noch an der Selbſtſucht und Rachgier derſelben Theil nahmt. Laßt alſo fuͤr immer von jenen unwuͤrdigen Buͤr⸗ gern ab, und nehmt bei uns eine Befehlshaber⸗ ſtelle an, in der wir Euch als einen unſerer ge⸗ ehrteſten Hauptleute und Ritter halten wollen.“ Da Viele von den Anweſenden dieſe Aeuße⸗ rung des Koͤnigs fuͤr Scherz hielten, ſo gab es ein Gekicher und ein Winken unter den Hoͤflin⸗ gen, und eine geſpannte Erwartung, was Herr Simon wohl darauf entgegnen wuͤrde. Dieſer, der wohl einſah, was die Springinsfelde wuͤnſch⸗ ten, achtete nicht weiter auf ſie, war auch wohl zu ſehr mit ſeinen Empfindungen beſchaͤftigt, um ſeinen Unwillen uͤber einen leichten oder muͤßigen Scherz auszudruͤcken, und wendete ſich mit fol⸗ genden Worten an den Koͤnig: „Ich danke fuͤr Eurer Majeſtaͤt guten Wil⸗ len, und bin Euch hoch verpflichtet fuͤr die Be⸗ handlung, die Ihr mir angedeihen laßt, ſeitdem ich Euer Gefangener auf mein Ehrenwort bin. Ohne Eure Huld waͤre mir in einem Kerker das Herz gebrochen, welches fuͤr Gent, und wohl fuͤr ganz Flandern ein trauriges Ereigniß gewe⸗ ſen ſeyn wuͤrde, indem es fuͤr Einen, der zwan⸗ zig Jahre als Oberbuͤrgermeiſter, nicht zu ge⸗ denken auch als Oberaͤlteſter der Goldſchmiede und in anderen Ehrenaͤmtern fungirte, ſich nicht geziemen will, daß er gleich gemeinem Verbre⸗ cher in einem Verließe verſchmachte. Ihr ſeyd guͤtig gegen mich geweſen, guter junger Koͤnig, 269 und vermoͤgte ich es, Euch als redlicher Mann einen Dienſt zu leiſten, ſo wollte ich Euch zei⸗ gen, daß Simon van Bet ſeine Ritterwuͤrde niemals durch Undank entweihen kann. Jedoch mich unter das Banner Eurer Majeſtaͤt zu ſtel⸗ len, wenn Ihr daſſelbe Euch gegen meine Va⸗ terſtadt vortragen laßt, freudig einen Becher lee⸗ ren zu helfen, der auf Gent's Verderben um die Tafel kreiſet— das ſind Dinge, zu denen ich mich nimmer verſtehen kann; und wenn jene jungen Ritter und Knappen daruͤber kichern, daß ein alter Mann alſo ſpricht, oder das Anerbie⸗ ten eines Koͤnigs ausſchlaͤgt, wenn dieſer einen Verräther aus ihm machen moͤgte, ſo haͤtte ich wohl Luſt, ihnen zu ſagen, daß ihr Gekicher mich wenig irrt, und daß ihr Spott mich vor den Augen Anderer nicht zur Haͤlfte ſo beleidigen kann, als es mir Schmach bringen wuͤrde, wenn ich vor meinen Augen mich ſo herabwuͤrdigte, daß ich meine Geburtsſtadt verriethe. Nein, gnaͤdigſter Koͤnig, ich liebe die Stadt Gent, ich vertheidigte die Rechte derſelben; ich that es um der oͤffentlichen Gerechtigkeit, nicht aber Haſſes 270 gegen den Grafen von Flandern willen. Aus dieſem Grunde ward ich das, was Ihr einen Verraͤther ſchelten mogtet; dennoch will ich mich nicht dadurch zum Verraͤther ſtempeln, daß ich freiwillig von einer gerechten Sache ablaſſe. Wenn ich Unrecht beging, ſo vergebe Gott mir meinen Fehler, da dieſer aus meinem Kopfe, nicht aus meinem Herzen entſprang.“. Als dieſe Worte geſprochen worden waren, wollte Keinem ein Laͤcheln auf die Lippen kom⸗ men, und der Herzog von Burgund nahm das Wort:„Ein kuͤhner Mann, dieſer Goldſchmied,“ ſprach er,„der Eurer Majeſtat rund heraus ſeine rebelliſchen Geſinnungen erklaͤrt. Wuͤrde es, da er des Koͤnigs ehrenvollen Antrag zuruͤck⸗ weiſet, nicht gerathen ſeyn, ihn bis nach ge⸗ lieferter Schlacht in engen Gewahrſam zu le⸗ gen? Er koͤnnte waͤhrend des allgemeinen Tu⸗ multes entſchluͤpfen, und uͤber uns und unſere Streitkraͤfte wichtige Kunde zu den Empoͤrern bringen.“ Karl hoͤrte dieſes Dafuͤrhalten des Herzogs, allein er uͤberging es mit Schweigen, und wen⸗ —— 271 dete ſich wieder zu van Bet:„Angenommen, Ritter,“ ſprach der Koͤnig,„daß, anſtatt dem Rathe unſers Burgunder Ohms zu folgen, da Ihr Euch doch weigert, unſere Ehrenſtelle anzu⸗ nehmen, wir Euch frei zu Euren, fuͤr Gent be⸗ waffneten Buͤrgern zuruͤckkehren ließen— wie wuͤrdet Ihr dann handeln? Etwa ſo, wie unſer Ohm uns moͤgte von Euch fuͤrchten laſſen?“ „Eure Majeſtaͤt legt mir in der That Fra⸗ gen vor,“ war Simons Antwort,„die einen Beſſern als ich bin verlocken koͤnnten, gleißneri⸗ ſche Worte zu reden. Doch Fluch uͤber den, der die Jugend irreleiten und fruͤhzeitig einem Koͤ⸗ nige moͤgte Argwohn einfloͤßen! Ich will auf⸗ richtig reden. Wenn Ihr ein ſo weiſer Regent wie ein jugendlicher Koͤnig ſeyd, ſo werdet Ihr mich nicht aus der Haft laſſen; denn wenn ich einmal in Freiheit waͤre, wuͤrde ich Alles auf⸗ bieten, zu Gent's Wohlfahrt zu handeln und das Leben meiner Mitbuͤrger zu retten.“ „Ei,“ verſetzte der Koͤnig,„da duͤrfen wir nicht zu raſch verfahren. Wie aber wird Euer Thun beſchaffen ſeyn, wenn Ihr zu dieſer hoͤchſt 272 bedenklichen Friſt das bleibt, was Ihr ſeyd, naͤmlich unſer Gefangener auf Ehrenwort?“ „In ſolchem Falle,“ war van Bet's Ant⸗ wort,„muß ich mich der Nachſicht dadurch wuͤr⸗ dig zeigen, daß ich mich zu keiner Partei halte, weder meine eigene Sache verrathe, noch einen Kundſchafter und Zwiſchentraͤger zum Nachtheil Eurer Majeſtaͤt oder Eures erlauchten Vetters, des Grafen von Flandern, abgebe, dem ich nichts Boͤſes wuͤnſche, ſo er uns nur unſerer Stadt Rechte und Freiheiten wieder herſtellt.“ „Das heißt wie ein Ehrenmann geſprochen,“ ſagte der Koͤnig,„und auf Fuͤrſtenehre, ſo wir morgen obſiegen, und Gent unter unſere Obhut gelangt, ſoll einer der ehemaligen Buͤrgermeiſter jener Stadt gewiß nicht den Verräthern beige⸗ zaͤhlt werden. Geſchworen ſey's Euch, Herr Si⸗ mon van Bet, Ihr ſollt dann ein ehrenvolles Amt in Eurer Vaterſtadt bekleiden.“ Herr Simon verbeugte ſich, dankte jedoch nicht fuͤr dieſe Zuſage, weil der Gedanke, ein Amt in Gent, unter franzoͤſiſcher Obhut, wie ehrenvoll daſſelbe auch ſeyn mogte, zu ver⸗ —— S N N 273 walten, keinesweges mit den patriotiſchen Ge⸗ ſinnungen des wuͤrdigen Goldſchmiedes uͤberein⸗ ſtimmte. Allein obwohl Herr Simon keinen Dank fuͤr das aͤußerte, was er fuͤr keine Gunſt und Ehre hielt, ſo wollte er doch die Gewogen⸗ heit des Koͤnigs nuͤtzen, und um eine Gnade bei derſelben flehen. „Sprecht!“ ſagte Karl huldvoll,„und wenn es in unſerer Macht ſteht, ohne Nachtheil fuͤr unſern Staat und unſere Sache, Euer Geſuch zu gewaͤhren, ſo ſollt Ihr keinen Grund haben, uns des Mangels an frohherziger Gewaͤhrung zu beſchuldigen.“ „Mein gnaͤdigſter Koͤnig,“ ließ Herr Simon ſich nun vernehmen,„die Gnade, die ich von Euch erflehen moͤgte, betrifft nicht mich perſoͤn⸗ lich, obwohl ſie mir gar ſehr am Herzen liegt; denn was ich erbitten moͤgte, bezieht ſich auf ein Maͤgdlein, die ſchoͤn wie der Tag und eben ſo gut iſt, als ſie ſchoͤn iſt.“ Der Koͤnig laͤchelte, als er Herrn Simon, einen Mann, deſſen Perſoͤnlichkeit und Alter ihn eben nicht zum Liebling der Frauen machen konn⸗ Die Weißkappen III. 18 —— ten, ſich alſo zu Gunſten einer jungen Dirne verlautbaren hoͤrte.„Das iſt in der That ein ſeltſames Geſuch,“ ſagte Karl,„und wir moͤgten wohl wiſſen, welche huͤbſche Dirne in unſerem Lager— denn wir muͤſſen ſie wohl in der Nähe vermuthen— einen ſo ernſten und verſtaͤndigen Herrn, wie unſer van Bet iſt, dahin vermoͤgen kann, daß er alſo das Wort fuͤr ſie fuͤhrt.“ „Eure Majeſtaͤt wird mich anhoͤren, bevor Ihr mich verurtheilt,“ ſagte van Bet.„Ich er⸗ fuhr erſt heute, daß die in Rede ſtehende Dirne ſich im Lager, unter dem Schutze des erlauchten Grafen von Flandern und deſſen ritterlichen Nef⸗ fen befindet.“ Der Graf und Herr Walter wechſelten hier einen Blick mit einander. Es verdroß ſie inner⸗ lich, daß der Buͤrgermeiſter ſo oͤffentlich auf Anna anſpielte, deren Anweſenheit ſie ſorglich geheim gehalten hatten, und die ſich jetzt in Ge⸗ ſellſchaft einiger Buͤrgerfrauen befand, welche ihren Maͤnnern in das Lager nachgefolgt waren. „Es iſt hoͤchſt auffallend,“ ließ ſich der Koͤ⸗ nig vernehmen,„daß Ihr, Herr Simon, der —„———+——„— ₰„ S 275 Ihr ein Gefangener ſeyd, uns um eine Gunſt, in Beziehung auf ein Maͤdchen bittet, die unter dem Schutze unſers Vetters von Flandern ſteht. Allerdings haben wir gehoͤrt, daß eine edle Waiſe, deren Vormund der Graf Ludwig iſt, demſelben auf dieſem Fehdezuge folgte, und die wir, nach⸗ dem wir ſolche Wunſchesaͤußerung hinſichtlich ihrer vernahmen, bisher in beliebiger Zuruͤckgezogen⸗ heit leben ließen. Was kann jenes Maͤdchen Euch ſeyn, daß Ihr als ihr Vermittler auf⸗ tretet?“ „Sie iſt mir werth wie ein eigenes theures Kind,“ antwortete van Bet,„und mit des Herrn von Flandern Genehmhalten, ich bin ihr recht⸗ maͤßiger Vormund, indem ſie mir von ihrem ſterbenden Vater uͤberantwortet ward. Wie ſie in des Herrn Grafen Haͤnde kam, weiß ich nicht, doch zweifle ich nicht, daß ſie vor der Hand in guter Obhut iſt.“ „Warum verwendet Ihr Euch denn fuͤr ſie?“ fragte Karl.„Hier iſt ein Geheimniß, das ich wohl enthuͤllt wiſſen moͤgte.“ „Mit Eurer Majeſtaͤt Verlaub,“ entgegnete 18* 276 Herr Simon,—„ich bin ein kinderloſer Mann, doch meyn' ich, nach dem, was ich fuͤr jenes Maͤdchen fuͤhle, die aͤngſtliche Beſorgniß eines Vaters fuͤr ſein Kind verſtehen zu koͤnnen, und daß, wenn ein Sterbender mir ſeine Tochter zur Hut uͤbergibt, es in der Abſicht geſchah, daß ich allweg fuͤr des Kindes Ehr' und Sicherheit wache, und trachte, ihr gluͤcklich durch Bedraͤngniſſe und Gefahren zu helfen. Dies that ich, ſo lange meine Stellung als Buͤrgermeiſter der Stadt Gent mir dazu das Vermoͤgen herlieh; doch das Maͤdchen ward mir— es ſchmerzt mich, es ſa⸗ gen zu muͤſſen— durch die Niedertraͤchtigkeit eines Mannes von Eurer Partei entriſſen. Dem Himmel ſey Dank, daß ſie ſich jetzt in beſſeren Haͤnden befindet, und ich habe demnach nur zu bitten, daß Eure Majeſtat des Maͤdchens Sicherheit ſo lange im Auge behalten moͤge, bis der Ausgang der Schlacht entſchieden ſeyn wird.“ Als der Graf vernahm, wie ſo handgreiflich auf Anna gedeutet ward, hielt er es nicht laͤn⸗ ger fuͤr noͤthig, uͤber die Sache zu ſchweigen, 277 ſondern aͤußerte gegen den Koͤnig, daß das Maͤdchen zwar fruͤher unter der Obhut des Herrn van Bet geweſen waͤre, jetzt jedoch ſich unter des Grafen von Flandern Schutze befaͤnde, und durchaus nichts zu befahren haͤtte.“ „In Bezug auf Euch, allerdings, Herr Graf,“ entgegnete Herr Simon,„jedoch ein Feldlager iſt kein Ort der Sicherheit fuͤr eine unbeſcholtene, junge und huͤbſche Dirne. Soll⸗ ten die Maͤnner von Gent obſiegen, ſo duͤrfte eben der Umſtand, daß meine Pflegebefohlene unter Eurem Schutze ſtand, ihr ſchwerlich ein freudiges Schickſal bereiten, und darum moͤgte ich Koͤnigs Majeſtaͤt angefleht haben, mir mein Geſuch zu gewaͤhren, nämlich daß ein Geleit beordert werde, das Maͤdchen zu dem nicht ſehr fern von hier gelegenen Magdalenenſtift zu brin⸗ gen. Die Priorin deſſelben iſt eine Verwandte von mir, und bei ihr wird meine Pflegetochter vollkommen ſicher ſeyn, welchen Ausgang das Treffen auch nehmen moͤge. Ich bin uͤberzeugt, einen guten Vorſchlag gethan zu haben, und moͤgte nur noch die Bitte hinzufuͤgen, daß dem Herrn Walter d'Anghien der Befehl uͤber das Geleit uͤbertragen wuͤrde.“ Walter, der wirklich dieſen Plan der Aus⸗ fuͤhrung werth erachtete, unterſtutzte mit Waͤrme Herrn Simons Geſuch, und bat um die Erlaub⸗ niß, das Maͤdchen nach dem Magdalenenkloſter geleiten zu duͤrfen. Etliche waren dagegen, weil das Kloſter nahe einem Theile der Gegend lag, die von den Feinden beſetzt gehalten ward; doch drang dieſer Einwurf um ſo weniger durch, da eine ſichere Wache unter dem Schutze der Nacht das Maͤdchen noch eher zu dem Kloſter wuͤrde geleiten koͤnnen, als die Gegenpartei ſich zur Schlacht ruͤſten duͤrfte. Farl ertheilte die erbe⸗ tene Erlaubniß, und Herr Simon, dem geſtattet worden war, das Maͤdchen zu beſuchen, bevor ſie das Lager verließ, entwich ſofort aus des Koͤ⸗ nigs Naͤhe, und ging mit Herrn Walter d'An⸗ ghien, um Abſchied von Anna Lyon zu nehmen. Wir ſchildern hier nicht die kurze, jedoch herz⸗ liche Unterredung, die zwiſchen Herrn Simon und deſſen Pflegetochter ſtattfand. Anna war hocherfreut, ihren beßten Freund noch Einmal zu s 18⸗ me ter eil g, 279 ſehen. Mittlerweile waͤhlte Herr Walter etliche von ſeinen Tapfern, jedoch nur ſehr wenige, zum Geleit Anna's aus, damit ein allzu großer Haufe nicht die Aufmerkſamkeit des Feindes rege machen moͤgte. Anna bat um Simon's Segen, wie um den eines Vaters, und kuͤßte deſſen Hand, als der Wuͤrdige ſie an ſein Herz druͤckte und Thraͤ⸗ nen uͤber ſie weinte. Nach zaͤrtlichem Lebewohl, das Walter dem Maͤdchen in das Ohr fluͤſterte, ließ Anna ſich von dem Geliebten in die Saͤnfte heben, in welcher ſie gereiſſt war, ſeitdem der Graf zu dem franzoͤſiſchen Heere geſtoßen; und bald machte ſich die kleine Schaar auf, um auf einem Umwege ſich nach dem Magdalenenkloſter zu begeben. Wir verlaſſen ſie fuͤr den Augen⸗ blick, um in das Zelt des Koͤnigs von Frank⸗ reich zuruͤckzukehren. Bald nachdem Herr Walter d'Anghien daſſelbe verlaſſen hatte, wendete das Geſpraͤch ſich auf die herannahende Schlacht, auf die getroffenen oder noch zu treffenden Maßregeln, auf die Stellung der verſchiedenen Heerbanne, und auf Alles, was ſonſt noch noͤthig ſeyn mogte 280 zu„glorreicher Fehde Pracht und Stolz und Schimmer.“ Zufolge der von ſeinen OHehmen, beſonders von Burgund, erhaltenen geheimen Weiſung wendete Karl ſich nun zu dem Sire Olivier de Cliſſon, faßte die Hand dieſes ehrwuͤrdigen Krie⸗ gers, und ſprach zu demſelben:„Connetable, wir haben eine Bitte an Euch, die Ihr uns nicht verſagen duͤrft.“ 3„Eure Majeſtaͤt muß meiner Zuſtimmung ziemlich gewiß ſeyn,“ verſetzte Sire Olivier keck, „indem die Bitten der Fuͤrſten gemeiniglich Be⸗ 1 fehle in ſich faſſen.“ 1„Wir haben nur eine Bitte, keinen Befehl 1 an Euch,“ fuhr Karl fort.„Wir wollten, daß Ihr morgen fruͤh in unſere Haͤnde Euern Ober⸗ feldherrnſtab niederlegtet, den wir fuͤr den Tag dem jungen Grafen von Montmorenci vertrauen moͤgten, waͤhrend Ihr, Sire Olivier, in der Naͤhe unſerer Perſon zu bleiben habt.“ 1 Karl ſprach dieſe Bitte mit wankender Stim⸗ me, ungefaͤhr wie ein Schulknabe, der ſeine Lection mangelhaft herſagt. De Cliſſon, wohl —— 281 bekannt mit dem Weſen des jungen Koͤnigs und den Raͤnken des Hofes, durchſchaute es ſogleich, daß Karls Bitte auf Anſtiftung Anderer geaͤu⸗ ßert worden war. Er ſah ein, daß der Herzog von Burgund, neidiſch auf den Einfluß, den der Connetable auf den jungen Koͤnig, ſo wie auf die Liebe des franzoͤſiſchen Volkes hatte, Verlan⸗ gen trug, ihn in einer ſo wichtigen Kriſis von ſeinem ehrenvollen Poſten zu entfernen, um dem⸗ ſelben die Ehre und das Verdienſt des Tages der Schlacht zu rauben. In Folge deſſen wen⸗ dete de Cliſſon ſich ohne Weiteres zu Burgund und ſchoß ihm einen ſeiner ſtolzen und ausdrucks⸗ vollen Blicke entgegen, wie er ſie aus dem einen ihm gebliebenen Auge gegen ſeine Feinde zu ſchleudern pflegte, indem er fragte:„Muß ich hier dem Herzoge oder dem Koͤnig antworten?“ Es lag viel Spott und Hohn in dieſer Frage. „Ich bin es, der fragte,“ fiel der Koͤnig ein, denn er fuͤrchtete, hinterdrein von ſeinem Ohm geſcholten zu werden, wenn er den eigentlichen Hergang der Sache oͤffentlich aufdeckte. „Eure Majeſtaͤt iſt ein Knabe,“ verſetzte der 282 Connetable haſtig,„jedoch Euer koͤniglicher Vater, der mir nach dem Tode du Gueſclin's mein Amt verlieh, uͤberantwortete mir daſſelbe nicht wie ein Spielwerk, um damit zur Zeit des Friedens zu prunken, ſondern deſſelben zur Zeit des Krie⸗ ges zu warten. Schauet mich an, Karl, und wenn Ihr Eures koͤniglichen Vaters Namen und Krone tragt und deſſen Scepter fuͤhrt, ſo zeigt auch deſſen edlen Geiſt; handelt nach Gerechtig⸗ keit und nicht nach Einfluͤſterung Anderer.“ „Ei,“ verſetzte der junge Koͤnig,„wir hiel⸗ ten es nur fuͤr einen weiſen Rathſchlag, Euch in unſerer Naͤhe an dem Tage zu haben, an welchem wir zum erſtenmale auf ein wirkliches Kampfgefild blicken, wo um den Sieg geſpielt, und Leben gegen Leben eingeſetzt wird.“ „Ja, mein Fuͤrſt,“ ſagte de Cliſſon,„und wo nichts leichter verloren gehen kann, als die Ehre. Sollte Eure Majeſtaͤt in wirkliche Gefahr gerathen, ſo wuͤrde ich der Erſte und der Letzte ſeyn, der Euch zur Seite ſteht. Nicht aber, ich beſchwoͤre Euch, werft auf Euren und Eures Vaters treuen Diener die Schande, daß Ihr 283 ihm ein Amt nehmt, das mit eben ſo vieler Ehre wie Gefahr verbunden iſt. Um Eurer eigenen Ehre willen, thut es nicht. Der Vortrab Eures Heeres iſt dem alten Olivier durch manchen Tag der Beſchwerde und blutigen Kampfes gefolgt. Sollte er jetzt von demſelben weichen muͤſſen, ſollte ſein Panier bei der Nachhut wehen, ſtatt daß es uͤber jener Mannen ehernen Haͤuptern, Angeſichts des Feindes flattern muͤßte, ſo wuͤrden ſie entmuthigt, und ihre Reihen koͤnnten leicht durchbrochen werden. Verlangt nicht, ich bitte Euch, daß der Connetable von Frankreich auch nur fuͤr Einen Tag ſein Amt niederlege.“ Karl war bedeutend erſchuͤttert; er ſtutzte, als der Herzog von Burgund einen jener ernſten und beredten Blicke auf ihn heftete, durch welche junge Gemuͤther bisweilen etwa ſo bewaͤltigt wer⸗ den, wie es bei Raſenden durch den Blick ihrer Huͤter geſchehen ſoll. Karl wendete ſein Geſicht ab; er fuͤrchtete, den Augen ſeines Onkels zu begegnen, ſcheuete ſich, in das Angeſicht Olivier's zu ſehen, und ſagte zu Letzterem:„Connetable, wir wollen es ſo.“ 284 Der tief verletzte Sire Olivier blieb nun nicht laͤnger Herr ſeiner Empfindungen. Er warf ſich zu den Fuͤßen des Koͤnigs, ergriff deſſen Hand und rief, indem ihm Thraͤnen in die Augen ſchoſſen:„O Karl, mein Koͤnig, um Eu⸗ res Vaters, wenn nicht um meinetwillen, thut einem braven Manne nicht ſolche Schmach an! Ich habe mein Leben im Dienſte meines Mon⸗ archen hingegeben, muß ich nun mein Amt nie⸗ derlegen, ſo iſt mein Verderben gewiß. Muß ich es, ſo nehmt es hin; aber nicht blos fuͤr einen Tag,— nehmt es fuͤr immer, und die Schande, die mein graues Haupt mit Sorgen belaſtet, wird mich dem Grabe ſchneller zufuͤhren, als die Jahre es konnten, die mich alt machten.“ Karl, der zu jeder Zeit es lebhaft fuͤhlte, wenn er Anderen Kummer bereitete, war gaͤnz⸗ lich außer Stande, dieſe Anrede zu ertragen. Er ſtand uͤberwaͤltigt von Schmerz und Stau⸗ nen, als der kuͤhne, handveſte und wackere Greis ſeine Wan hielt und ſie mit Thraͤnen benetzte. Er dachte nicht mehr daran, ob ſein Ohm ihn ſchelten wuͤrde, hob den Connetable vom Boden 285 auf, warf ſich in deſſen Arme und rief:„Seyd, was Ihr ſtets geweſen ſeyd— Frankreichs theuer⸗ ſter Freund, Frankreichs Connetable. Denkt nicht mehr an das Vorgefallene. Thut, wie Euch beliebt; Ihr ſollt frei ſchalten koͤnnen, und Euer Wille ſoll der unſrige ſeyn.“ De Cliſſon erwiederte von Herzen des jungen Koͤnigs Umarmung, und uͤberwaͤltigt von ge⸗ miſchten Empfindungen des Kummers, der Freude und der Liebe zu ſeinem jugendlichen Gebieter, rief er, indem er die Haͤnde faltete:„Gott ſegne Euch! Sanct Dionys ſey geprieſen! Ihr ſeyd ein wuͤrdiger Sohn— werth Eures koͤniglichen Vaters.“ Der Herzog von Burgund, der auf ſolche Weiſe die Sache entſchieden ſah, und wußte, daß es nicht helfen wuͤrde, wenn er ſich weiter in dieſelbe miſchte, nahm die gleichguͤltigſte Miene von der Welt an, und ſchritt ein wenig bei Seite; allein indem er dies that, biß er ſich in die Lippe, fluchte im Herzen dem Connetable, und ſchwur, Sire Olivier ſolle ihm den neuen Zuwachs von Groll, den derſelbe gegen ihn ihm —.—————————— —— 286 in's Herz geworfen hatte, zuverlaͤſſig buͤßen. Die Hoͤflinge, die den Koͤnig zufrieden ſahen und des Herzogs geheime Gedanken nicht erra⸗ then konnten, ſtimmten in den Ton des Gebie⸗ ters ein, und das koͤnigliche Zelt erſcholl von dem Einklang ihrer Stimmen, wodurch der Conne⸗ table als der tauglichſte Heerfuͤhrer geprieſen ward. Nachdem ſolchergeſtalt die Eintracht herge⸗ ſtellt worden war, lenkte der Koͤnig abermals das Geſpraͤch auf die zur Eroͤffnung der Schlacht zu treffenden Vorkehrungen.„Eines iſt, meine Herren,“ ſagte der Koͤnig,„was uns ſchwer auf dem Herzen liegt, und woruͤber wir Euch gern zu Rathe ziehen moͤgten. Unſer tapferer Ritter, Sire Pierre de Villiers, traͤgt bei dieſem Zuge die Oriflamme vor uns her; nun iſt aber dies heilige Panier bisher nur entfaltet worden, wenn Frankreich gegen Unglaͤubige zu Felde zog, ſo daß es gegen unſer Gewiſſen ſtreiten will, wenn wir dieſe geweihete Fahne gegen ungluͤckliche Re⸗ bellen ſollen flattern laſſen, die, obwohl Verraͤ⸗ ther und Gottloſe, dennoch Getaufte ſind.“ Der junge Koͤnig bekreuzte ſich andaͤchtig die Bruſt, und blickte auf den Connetable, als er⸗ wartete er, deſſen Meynung zu hoͤren.„Ich bin in manchen Schlachten geweſen,“ ſagte Sire Olivier,„wo der Koͤnig, Euer hochſeliger Vater, das Heer in Perſon fuͤhrte, denn die Oriflamme wird nur vor dem Koͤnige hergetragen, doch nim⸗ mer ſah ich dieſelbe entfaltet, wenn es nicht ge⸗ gen ungetaufte Heiden oder Unglaͤubige ging. Gegen Flandern kann das heilige Banner wohl nicht getragen werden.“ Mehrere Hoͤflinge, die mit großer Aufmerk⸗ ſamkeit dieſem Geſpraͤche zuzuhoͤren ſchienen⸗ kopfnickten und gaben ihre Zuſtimmung dadurch zu erkennen, ja etliche wagten ſogar laut die Worte:„Sehr wahr“—„Sehr richtig“— „Die Genter ſind Rebellen, aber dennoch getaufte Chriſten,“ u. dgl. Der Herzog von Burgund, der vielleicht er⸗ freut war, eine Gelegenheit zu finden, ſeinen Groll gegen de Cliſſon durch Widerſpruch aus⸗ zulaſſen, trat nun keck auf die Seite der Gegen⸗ partei und ſagte:„Es iſt freilich wahr, daß, wie der edle Connetable bemerkte, die Oriflamme nicht gegen Chriſten entrollt werden darf; allein man wolle bedenken, daß dieſe Flamlaͤnder die Feinde des aͤchten Papſtes Clemens zu Avignon und offenkundige Anhaͤnger des Afterpontifer Ur⸗ ban zu Rom ſind. Dadurch haben ſie ſich der Ketzerei ſchuldig gemacht, und als Ketzer koͤnnen ſie nicht fuͤr Chriſten gehalten werden. Demnach mag mit vollem Rechte die Oriflamme gegen ſie entrollt werden.“ De Cliſſon, der mehr Kriegsmann als Got⸗ tesgelahrter war, konnte gegen dieſe ſpitzfindige Unterſcheidung nichts einwenden, die ſo trefflich mit den vom Papſte Clemens vorgeſchriebenen Grundſaͤtzen uͤbereinſtimmte; denn Seine Heilig⸗ keit hatte alle Verehrer Chriſti fuͤr Unglaͤubige erklärt, ſobald dieſelhen nicht an Clemens, den ächten Geſandten des Himmels und Sanct Pe⸗ ters auf Erden, glaubten. Wegen des Unglau⸗ bens, hinſichtlich ſeiner, waren die Flamlaͤnder von Clemens in den Bann gethan worden— wer alſo durfte es wagen, dieſe Flamlaͤnder fuͤr Chriſten zu halten? — „—„— — — N—— — 289— Sire Olivier ſchwieg, und der Koͤnig konnte nichts gegen die Unfehlbarkeit Seiner Heiligkeit zu Avignon vorbringen. Die Hoͤflinge ſchuͤttel⸗ ten demnach abermals die Koͤpfe, jedoch jetzt zu Gunſten der Gegenpartei, deren Haupt der Her⸗ zog von Burgund war, und machten abermals die Bemerkungen:„Sehr wahr!“„Sehr rich⸗ tig!“ und ſetzten hinzu:„Clemens iſt ein Papſt, Urban aber iſt kein Papſt; alſo koͤnnen Urbani⸗ ſten keine Chriſten ſeyn!“— und beſchloſſen ward, gegen die von Flandern ohne Weiteres die Oriflamme vor dem franzoͤſiſchen Koͤnige her⸗ tragen zu laſſen. „Und nun, werthe Herren,“ nahm der Koͤ⸗ nig das Wort,„moͤge jeder von Euch ſich in ſein Zelt zuruͤckziehen— trachte Jeder nach Ruhe, daß er morgen deſto beſſer im Stande ſey, die Beſchwerden des Tages zu ertragen, an welchem, wie ich nicht zweifle, Gott und Sanct Dionys unſere Waffen mit Sieg ſegnen werden. Sobald das Fruͤhroth anbricht, wollen wir einem feierlichen Hochamte beiwohnen, wozu wir Eure Gegenwart erbitten; ſo daß wir ge⸗ Die Weitkappen III. 19 290 meinſam, wie es Chriſten geziemt, im Schooße der Kirche ſiegen oder ſterben. Gute Nacht, Connetable; gebe der Himmel, daß wir morgen wieder mitſammen zu Nacht eſſen, und als Sie⸗ ger von Roſebecque uns begruͤßen; eine Sache, an der wir nicht zweifeln, weil Sire Olivier und unſere tapferen Edlen mit in die Schlacht ziehen. Ihr, Montmorenci, und Ihr, Saint Py, verweilt noch; ich habe in Geheim mit Euch zu reden.“ Als Karl mit den ebengenannten beiden jun⸗ gen Grafen allein gelaſſen worden war, kam es heraus, daß das„Geheime“ in nichts Anderem als in des Koͤnigs Wunſche beſtand, ſeine bei⸗ den Jugendgenoſſen zu Rathe zu ziehen, welche von den beiden ſchoͤnen, ihm neugefertigten Ruͤ⸗ ſtungen er morgen wohl anlegen moͤgte. Beide Harniſche waren ſo ſtattlich, daß der Koͤnig nicht zu waͤhlen wußte. Er legte jetzt eine, dann die andere an, ſchritt jedesmal im Zelte auf und ab und betrachtete ſich in dem zu dem Ende herbei⸗ gebrachten Spiegel. Welche Meynung Mont⸗ morenci und Saint Py auch uͤber die Sache abgeben mogten, dennoch legte ſich die Majeſtaͤt voͤllig unentſchloſſen auf ihr Feldbett. Und da die Wahrheit uns noͤthigt, unumwunden zu er⸗ zaͤhlen, ſo muͤſſen wir bekennen, daß der Koͤnig, im Beſtreben, zu einer Entſcheidungswahl zu gelangen, endlich veſt einſchlief, ohne ſich um die Rechte des Grafen von Flandern, um die Raͤnke ſeiner Oehme, um das mannliche Gefuͤhl Cliſ⸗ ſon's und um den Sieg bei Roſebecque, ſondern nur darum zu kuͤmmern, ob er die bordeauxer oder die mailaͤnder Ruͤſtung, von denen eine ſo ſchoͤn, wenn nicht ſchoͤner, als die andere war, morgen anlegen ſollte. Der Leſer wird hoffentlich dieſen Gedanken⸗ gang des franzoͤſiſchen Monarchen entſchuldigen, und uns die Bemerkung erlauben, daß ein Knabe wohl Koͤnig ſeyn kann, doch dabei immer als ein Knabe empfinden wird, und Koͤnig Karl der Sechste zaͤhlte erſt ſechszehn Jahre. Zehntes Capitel. Die Ordnung, die in unſerer Erzaͤhlung zu wal⸗ ten hat, noͤthigt uns, zu der ſchoͤnen Anna und deren ritterlichem Geliebten, Herrn Walter d'An⸗ ghien, zuruͤckzukehren, die unter dem Schutze der Nacht aus dem Lager der Verbuͤndeten weg, dem Sanct Magdalenenſtifte entgegen zogen. Walter, der mit Beſorgniß daran gedacht hatte, was aus dem Maͤdchen werden wuͤrde, im Fall er morgen in der Schlacht das Leben laſſen muͤßte, war mit Herrn Simon van Bet's Vorſchlag, die Jungfrau in Sicherheit zu bringen, voͤllig einverſtanden geweſen; und obgleich einige Ge⸗ fahr damit verbunden war, Anna zu geleiten, in⸗ dem das Kloſter den feindlichen Poſten nicht 293 allzu fern lag, ſo wollte man doch zwiſchen zweien Uebeln das kleinſte waͤhlen, indem man vorausſetzte, das heilige Gebaͤude Sanct Mag⸗ dalenens wuͤrde ſchon deswegen nicht angetaſtet werden, weil die Priorin deſſelben die Witwe eines ausgezeichneten genter Buͤrgers war. Unter dem tiefſſten Schweigen und mit der groͤßten Vorſicht ritten Herr Walter und deſſen wenige Begleiter neben der Saͤnfte her, in wel⸗ cher ſich Anna befand. Weder die ſchoͤne Waiſe, noch deren Fuͤhrer hatte ein Wort geſprochen, ſeitdem ſie das Lager verließen, allein Beider Gedanken waren inniglich auf einander gerichtet. Walter ließ an ſeinem Geiſte voruͤber gehen, wie lange er die Jungfrau geliebt hatte, wie oft er von ihr getrennt worden war, und wie oft das Geſchick ſie ihm in eben dem Augenblicke wieder zufuͤhrte, in welchem er glaubte, ſie fuͤr immer verloren zu haben. Hoffnung, jene Freundin des Kindes der Sorge, die den Menſchen umflattert, wenn alle andern Freunde von ihm abfallen, die die fernſte Ausſicht, welche Phantaſie der Seele eines Liebenden eroͤffnet, in Sonnenglanz kleidet und Finſterniß in Licht verwandelt, die jeden Gegenſtand in anderer Farbe als in deſſen eigenthuͤmlicher ſieht— Hoffnung erfullte ihm die Bruſt und umſchwebte ſeine Lebensbahn. Unter ihrer Obhut verſuchte er daher, die Blaͤt⸗ ter der Zukunft zu entziffern. Da las er denn von Dienſten, die er dem Grafen von Flandern noch leiſten und wofuͤr dieſer, ihm zum Lohne, die Schuld der Dankbarkeit, die er ſogar der Waiſe zu entrichten hatte, auch gegen ihn nicht außer Acht laſſen, ſondern ihn endlich durch die Hand der Geliebten begluͤcken wuͤrde. Dies waren die geſchaͤftigen Vorausſetzungen, von denen die Seele des jungen Edlen bewegt wurde. Anna's Gedanken waren von minder heiterer Art. Die Ungewißheit der Fehde, die muthmaßliche Gefahr, welcher d'Anghien ausge⸗ ſetzt war, und die Folgen derſelben, ihre eigenen langwierigen Bekuͤmmerniſſe; dies Alles ſchwaͤchte ihr gar ſehr jegliche Hoffnung, denn Hoffnung hatte zu oft mit Annens Gefuͤhlen ihr Spiel ge⸗ trieben, hatte, wie eine feile Betruͤgerin, das Maͤdchen eingelullt, um ſie deſto ſicherer zu einem 3 Opfer getauſchter Erwartungen zu machen. Mit einer Miſchung von Schaam und Kummer er⸗ innerte ſich Anna des Umſtandes, daß dieſer unna⸗ tuͤrliche und buͤrgerliche Krieg durch ihren Vater ſeinen Anfang genommen hatte. Die Zaͤnkereien zwiſchen Jan Lyon und Gilbert Mattheus hatten den Weg zu Blutvergießen und Elend gebahnt. Geringfugigkeiten gebaͤren oft Ungeheures! Gleich einem Bergſtrom, der aus einer unbedeutenden Oeffnung entquillt, dann ſchleichend weiter fließt, bis er mehr und mehr Bergwaſſer in ſich aufnimmt, und zuletzt brauſend uͤber Felsgekluͤft ſtuͤrzt, hatte ihres Vaters unſeliger Hader um weltliches Amt dieſe entſetzliche Fehde, die Tauſende und wieder Tauſende mit ſich fortriß, erzeugt. Die Niederge⸗ ſchlagenheit Annens verſtarkte dem Maͤdchen den Gedanken, daß vielleicht ſie, als der Gegenſtand gerechter Vergeltung der Miſſethaten ihres Er⸗ zeugers, ein Opfer der Folgen derſelben wuͤrde ſeyn muͤſſen; indem die Suͤnden der Vaͤter nur allzu oft an den Kindern derſelben heimgeſucht werden, als worauf in der Auslegung der goͤtt⸗ lichen Gebote um ſo ernſtlicher hingewieſen wird, 296 damit wir noch einen weſentlichen Grund mehr haben moͤgen, uns auf der Bahn gottgefaͤlliger Pflichtubung zu erhalten. Des Ferneren dachte Anna an den Tod ihres Vaters, und ein Schauer durchrieſelte bei dem Gedanken an den verhaͤng⸗ nißvollen Becher und daß dieſer ihm von der Hand ſeines Feindes, des Zunſftmeiſters Mat⸗ theus, eben jenes Gilbert Mattheus, gereicht wor⸗ den war, der es einſt gewagt hatte, die Jung⸗ frau zur Ehe zu begehren. Das waren Annens duͤſtere Gedanken, von denen einer dem andern hurtig in fuͤrchterlicher Zuruͤckſpiegelung folgte, bis ſie endlich in ihren Traͤumereien dadurch geſtoͤrt ward, daß ſie fuhlte, wie ihre Saͤnfte ſtill ſtand, und hoͤrte, wie Herr Walter und einer der Traͤger, der als Fuͤhrer diente, leiſe gegen einander anſprachen. Anna wagte jetzt, den Vorhang wegzuziehen und in der Abſicht hinauszuſehen, ſich nach der Urſache des Aufenthaltes zu erkundigen. Die Nacht war dunkel, denn der Mond ward, wie wir vorhin bemerkten, durch dunkle Wolken ver⸗ huͤllt, die vom Winde gejagt wurden. Bevor Anna noch ihre Frage ausſprechen konnte, ſprengte Herr Walter vor die Saͤnfte, und gebot einem ſich naͤhernden Manne anzuhalten, wenn er nicht ſein Leben laſſen wollte. Der Angeredete, der allein und zu Pferde war, ſchien Herrn Walter an deſſen Stimme zu erkennen, denn er verſetzte:„Seyd ohne Furcht, Herr d'Anghien, ich bin ein guter Freund. Ich ſuche Euern Ohm, den Grafen von Flandern, auf, fuͤr den ich wichtige Kunde habe, die ich nur ihm uͤberbringen darf. Laßt mich alſo ziehen, und hindert mich nicht an meiner Pflichterfuͤllung.“ Ohne es zu wollen, ließ Anna den Vorhang zufallen und ſank ſchaudernd in ihren Sitz zu⸗ ruͤck, denn der Gegner zu Pferde war kein An⸗ derer, als Gilbert Mattheus. Noch vor Kurzem hatten ihre Gedanken mit Schrecken bei ihm als dem mit Recht muthmaßlichen Moͤrder ihres Va⸗ ters verweilt, und der ſo ploͤtzlich und unerwar⸗ teter Weiſe und zu ſolcher Stunde erſchallende Ton ſeiner Stimme fuͤhrte ihrer Einbildungs⸗ kraft ſchauerliche Gebilde vor— die Stimme duͤnkte ihr Gekraͤchz des Nachtvogels, das fuͤr 298 Kranke und Sterbende als eine boͤsweiſſagende Vorbedeutung angeſehen wird. Walter d'Anghien hatte dieſen Mattheus nie leiden koͤnnen, denn er haßte deſſen ſchwankendes und hinterliſtiges Weſen; doch kannte er ihn als wohlbeſtallten Zunftmeiſter der Steuerleute, und uͤberdies als einen Lieblingsdiener der Grafin von Artois. Gleichermaßen war ihm der Auftrag wohl kund, den Ludwig de Male demſelben ge⸗ geben hatte, und leicht konnte er die Kunde muthmaßen, die Gilbert zu uͤberbringen hatte, und die allerdings fuͤr den Grafen hoͤchſt wichtig war, damit dieſer ſie eher erfuͤhre, als der Hof von Frankreich Kenntniß davon erlangte. Walter fuͤhrte demnach den Zunftmeiſter ein wenig bei Seite und ſagte zu ihm mit leiſer Stimme: „Gilbert, ich errathe die Botſchaft, die Ihr mei⸗ nem Oheim zu uͤberbringen habt. Die Graͤfin von Artvis iſt todt; iſt ſie's?“ „Sie iſt's,“ verſetzte Gilbert Mattheus. „Und die Art ihres Todes?“ fragte Walter. „War ſeltſam und unerklaͤrlich,“ entgegnete der Zunftmeiſter.„Keiner der Aerzte kennt die — 299 Krankheit, an welcher ſie ſtarb. Waͤhrend der⸗ ſelben ſprach die Graͤfin wenig— und nahm ein entſetzliches Ende,“ ſetzte Gilbert in noch lei⸗ ſeren Worten hinzu,„denn der Prieſter, der ihr die letzte Oelung geben wollte, verließ ſie, ohne ſein Amt zu verwalten. Sie achtete ſeiner nicht und wies ihm ein ſcheuslich verzerrtes Angeſicht, ohne ihm ein Wort zu aͤußern. Fuͤr jetzt kann ich Euch nicht mehr daruͤber ſagen, denn ich muß ſonder Verzug den Grafen aufſuchen, und ich fuͤrchte, den rechten Weg in das Lager ver⸗ fehlt zu haben. Schon zwei Stunden lang irre ich in der Dunkelheit umher. Koͤnnt Ihr einen Eurer Leute miſſen, daß er mir als Wegweiſer diene? Er ſoll ſofort zu Euch zuruͤckkehren, denn wenn ich laͤnger zoͤgere, kann es nachtheilige Folgen fuͤr den Grafen haben, dem ich Brief⸗ ſchaften vom Gouverneur von Artvis einhaͤndigen muß.“ „Ich habe nur Einen Mann bei mir, der die Gegend umher kennt,“ verſetzte Walter,„und wir ſelbſt haben einen wichtigen Ritt vor, der ſowohl Eile, wie Vorſicht verlangt. Doch wollen 300 wir langſam weiter ziehen, ſo daß der Mann Euch auf rechten Weg bringen und dann zu uns zuruͤckkehren mag. Wenn er Euch bis an den erſten Kreuzweg hinter uns geleitet haben wird, ſo entlaßt ihn hurtig, Ihr ſeyd dann auf rechtem Wege, und wir koͤnnen ohne den Fuͤh⸗ rer nicht weiter.“ „So ſey's,“ entgegnete Gilbert,„ich will Euch keinen Augenblick langer aufhalten, als es noͤthig iſt; kennt Ihr doch die Wichtigkeit mei⸗ ner Botſchaft!“ Wirklich kannte Walter dieſelbe, und war dabei nicht wenig aͤrgerlich uber den nothgedrun⸗ genen Aufenthalt auf ſeinem Zuge mit Annen zum Kloſter; allein er durfte nicht ungeziemend gegen ſeinen Oheim verfahren, und dies wuͤrde er gethan haben, wenn er unter dieſen Umſtaͤn⸗ den dem Zunftmeiſter nicht jeden ihm moͤglichen Vorſchub geleiſtet haͤtte. So ritt denn Mattheus mit dem Fuͤhrer dem naͤchſten Kreuzwege zu, waͤhrend Walter, der Anna von dem Vorfall unterrichtete, dem Kloſter langſam zuzog. Gilbert Mattheus war einer von denjenigen 01 Menſchen, die nimmer eine Sache an ſich vor⸗ uͤber laſſen, ohne ſo genau wie moͤglich die naͤ⸗ heren Umſtaͤnde derſelben in Erfahrung zu brin⸗ gen; es mag dieſelbe ſie angehen oder nicht. Dabei war er liſtiger und berechnender Natur, ſo daß er oft uͤber Dinge gruͤbelte, ob er nicht auf eine oder andere Weiſe irgend einen Vor⸗ theil fuͤr ſich ſelbſt daraus herleiten koͤnnte. Er hatte die Saͤnfte wahrgenommen, allein er hatte nicht erfahren, wer ſich in ihr befand. Bei alldem war er der Meinung, es muͤſſe eine bedeutende Perſon ſeyn, da Walter ſelbſt das Geleit derſelben anfuͤhrte. Dazu kamen die ün⸗ gewoͤhnliche Stunde der Nacht und der Vorabend der Schlacht— das duͤnkte ihn ſeltſam.„Es muß etwas Beſonderes dahinter ſtecken,“ dachte Gilbert,„und ich bin entſchloſſen, es ausfindig zu machen.“ Mit dieſem Vorhaben im Kopfe war er kaum dem Zuge mit der Saͤnfte aus dem Geſichte, als er vorwendete, ſein Pferd ſey er⸗ muͤdet, weshalb er langſam reiten muͤſſe. Dann bearbeitete er den Fuͤhrer mit Fragen und Anre⸗ den.„Ihr habt eine dunkle Nacht zur Reiſe,“ 302 fing er an.„Wenn Ihr nicht genau die Wege hier herum kennt, duͤrftet Ihr Euch leicht ver⸗ irren, und wer ſteht Euch dafuͤr, daß Ihr nicht dem Morgenlichte und den Weißkappen zugleich begegnet?“ „Ich kenne meinen Weg recht wohl,“ ver⸗ fetzte der Fuͤhrer,„aber ich weiß nicht, ob Herr Walter es billigt, wenn ich daruͤber ſchwatze.“ „Allerdings nicht mit Fremden,“ aͤußerte Gilbert;„jedoch Ihr habt geſehen, wie Herr Walter und ich uͤber die Sache ſprachen, und wie er mich eben deshalb bei Seite nahm. Ich weiß recht wohl, daß er mir ſagte, wie ſich eine bedeutende Perſon in jener Saͤnfte befinde— Ihr verſteht, was ich meyne.“ „Nun, es mag ſo ſeyn,“ entgegnete der Fuͤh⸗ rer, der ein wenig einfaͤltig war, und deſto leichter von Gilbert hintergangen werden konnte. „Die Perſon,“ fuhr er fort,„mag fuͤr Herrn Walter allerdings wichtig ſeyn, doch duͤnkt es mich eben nicht uͤberweiſe, am Abend vor einer Schlacht ſich um einer Dirne willen in Gefahr zu begeben.“ 2————— „ 303 „Haha! dahinter ſteckt noch mehr,“ dachte Gilbert, und fuhr liſtig zu dem Fuͤhrer fort: „Wohl, wohl, jedoch eine Dirne wie dieſe, da⸗ mit iſt es ganz anders, meynt Ihr das nicht auch?“ „Keineswegs,“ war die Antwort,„ich ſollte meynen, die Tochter eines ſolchen Erzverraͤthers, wie Jan Lyon, ſollte eben nicht von Herrn Wal⸗ ter, noch von dem Grafen in Schutz genommen werden. Aber der Segen des heiligen Benedict ſey mit ihnen! Große Herren haben auch ihre Schrullen; weiter ſag' ich nichts.“ „Und ich ſage auch nichts, und frage auch nach nichts,“ fuhr Gilbert fort;„nur bemerke ich, daß ich raſcher traben laſſen muß, damit ich in das franzoͤſiſche Lager gelange, und Ihr zu⸗ ruͤck zur Saͤnfte und bald nach— nach— nun wie hieß der Ort doch— kommt.“ „Nach dem Sanct Magdalenenkloſter,“ ſagte der Fuͤhrer, indem er die Luͤcke fuͤllte, die Gil⸗ bert durch erheuchelten Mangel an Gedaͤchtniß in ſeiner Rede gelaſſen hatte. „Richtig, nach dem Magdalenenkloſter,“ ſagte der pfiffige Zunftmeiſter,„und nun, Geſell,“ ſetzte er hinzu,„hier ſind drei Wege vor mir— welchen von ihnen habe ich einzuſchlagen, denn hier muͤßt Ihr mich verlaſſen, um ſpornſtreichs zu Herrn Walter zuruͤckzueilen. Da habt Ihr einen alten Kronthaler fuͤr Eure Muͤhe, und als einen Beweis der Anerkennung Eurer Klugheit und Vorſicht, womit Ihr von den Angelegenhei⸗ ten Eures Herrn geſprochen habt.“ „Dank Euch, edler Zunftmeiſter,“ ſagte der Fuͤhrer.„Zieht jetzt dieſe Ebene hinab,“ ſetzte er hinzu,„dort unten, wo das helle Wachfeuer brennt, iſt unſer Lager; reitet gerade darauf zu, und Ihr werdet nach einer halben Stunde es erreicht haben. Wendet Euch aber ja nicht rechts, denn dort hinuͤber geht's nach dem Lager des Feindes, unweit des Mont d'Or, wo Ihr leicht etlichen Spaͤhern in die Haͤnde fallen konntet; und ſomit gute Nacht, Herr Zunftmeiſter!““ Der Fuͤhrer wendete ſeinen Gaul, ſetzte ihr die Sporen ein und ſprengte der Saͤnfte m Gilbert aber ritt auf dem angewieſenen P weiter. Eine Zeit lang that dieſer ſolches, ohne eine —— 3„ —„ 5— 5„„——— Stoͤrung zu erfahren, ſo daß ſeine Gedanken ſich etwa in folgendem Selbſtgeſpraͤche kund gaben: „Denken wir nach. Wie ſteht die Rechnung? Ich habe Rache an Jan Lyon genommen. Ich habe den Grafen von Flandern in ein Vertrauen und eine Sicherheit ſo hinein geſchlaͤfert, daß er mich fuͤr den treueſten ſeiner Diener haͤlt. Ich meiſterte die Graͤfin von Artvis, trotz ihrer ſtol⸗ zen und frechen Sinnesart, ſo daß ſie meinen Anſchlaͤgen, meinem Willen nachgehen mußte. Ich habe die alte Urſula mir zum Nutzen ge⸗ braucht, wiewohl ſie ein Werkzeug der Weißkap⸗ pen und jenes vermaledeiten Peter du Bois iſt. Ich habe den Plan entworfen, dem Grafen durch Intriguen den Beſitz von Artvis kraft des Rech⸗ tes ſeiner Mutter, unabhaͤngig von Frankreich zu ſichern, und hoffe fuͤr dieſen Dienſt fruͤher oder ſpaͤter Anna zur Belohnung zu erhalten; eben jene Anna, jene hoffaͤrtige, geringſchaͤtzende Schoͤn⸗ heit, die ich einſt zur Vergeltung ihres Hohnes ums Leben zu bringen trachtete. Ueber dieſen Punct habe ich beſſer nachgedacht, und duͤrfte jetzt meiner Rache am beſten durch Befriedigung Die Weißkappen III. 20 306 meiner Leidenſchaft Genuͤge thun. Dies war die ſchoͤne Seite der Hergaͤnge. Wie haben ſich dieſe nunmehr gewendet? Bevor meine Hoffnun⸗ gen zu ihrer Reife gediehen, ſpukt irgend ein verfluchter Hoͤllengeiſt in der Seele der Graͤfin von Artois; ſie wird zum Tode wahnwitzig, oder, was ich eher vermuthen moͤgte, ſie ſtirbt an einem jener langſamen Gifte, die ſie Andern ſo gern beibrachte.— Nun, ihr Tod kam mir etwas zu fruͤh, die Gnaͤdigſte haͤtte wenigſtens ſo lange leben ſollen, bis ſie mir genuͤgend als Werkzeug zu meiner Befoͤrderung gedient haben wuͤrde. Doch haͤtten ſich zu dem Allen noch Abhuͤlfe⸗ mittel finden laſſen, wenn ich nicht, ehe meine Plaͤne reif ſind, wahrnehmen muͤßte, daß die Liebwertheſte mir entſchluͤpft iſt, daß ſie ſich in der Gewalt eines Andern befindet, daß ihr der Schutz und die Obhut des Herrn Walter d'An⸗ ghien wird, der ſie wohlbehalten in das Mag⸗ dalenenſtift geleitet. Sanct Magdala mag wohl zuſehen, ihr anvertrautes Gut zu verwahren, denn wenn in ſolcher Kriſis Gilbert's Schlau⸗ heit nicht ganz und gar fehlſchlaͤgt, ſo wird er „ℳ— . —— c—„ —— — die geſegnete Fehdezeit ſich zu Nutzen machen, wird mit einer Schaar getreuer Knechte Sanct Magdalenen ihrer Laſt ſo entledigen, daß der Frevel davon einzig und allein auf die Weiß⸗ kappen faͤllt. Das gewaͤhrt denn zwiefache Rach⸗ luſt, denn es verdirbt wohl auch den gottloſen Anverwandten der ſchoͤnen Anna, den zehnmal verfluchten du Bois!“ Der wuͤrdige Zunftmeiſter war in dieſe Spe⸗ culationen ſo ſehr vertieft, daß er beſonders die letzteren Gedanken, die er hegte, laut in Wor⸗ ten ausſprach, als er etwas unbeſonnen, ohne des Ortes und der Zeitlaͤufte weiter zu gedenken, dahin trabte. Indem er jenen Fluch ausſprach, ritt er dicht an einem Gebuͤſch, hart am Heer⸗ wege; und wie groß war ſein Erſtaunen, als ſeine Verwuͤnſchung aus der Hecke heraus mit den Donnerworten:„du Bois wird ſich vielmehr an Dir raͤchen, Du vermaledeiter Halunke!“ beantwortet wurden. Der Rede aber folgte ein Hieb, der den Zunftmeiſter vom Gaule herunter und ihn ſammt ſeinen Entwuͤrfen in den Koth, als Beider wahres Element warf. 20* ————— Sofort hatten Peter du Bois und etliche ſei⸗ ner mit der flamlaͤndiſchen Keule wohl bewaffnete Geſellen, die aus dem Buſche hervorgeſprungen waren, den Zunftmeiſter umringt. Wiewohl ſie um ein edleres Wild einzufangen, im Hinterhalte gelegen hatten, war Gilbert ihnen doch willkom⸗ mene Beute. Einer der Spaͤher des du Bois hatte die Kunde uͤberbracht, Herr Walter d'An⸗ ghien und ein kleines Haͤuflein Bewaffneter haͤtten zu irgend einem geheimen Zuge das fran⸗ zoͤſiſche Lager verlaſſen und ſich links vom Mont d'Or auf den Weg gemacht. Als du Bois dies erfuhr, achtete er ferner nicht der außeror⸗ dentlichen Erſcheinungen auf jener Anhoͤhe, noch der Klaͤnge, die von dort herab uͤber die Ebene drangen, ſondern eilte, um ſich daſelbſt an den Weg zu lagern und die feindliche Partei zu uͤberfallen. Er kam zu Erreichung dieſes Zweckes zu ſpaͤt, denn Walter war ſchon wohlbehalten voruͤbergezogen; allein Gilbert Mattheus, Peters alter Feind, der Moͤrder Jan Lyon's, war naͤchſt Herrn Walter die beſte Beute, die man machen konnte. 309 Du Bois hob ſein Schwert, um den Nichts⸗ wuͤrdigen ſofort zu toͤdten, doch ließ er, als ob ihm ein beſſerer Gedanke gekommen waͤre, den Arm ſinken, wendete ſich zu einem ſeiner Beglei⸗ ter und ſagte;„Bindet den Boͤſewicht. Er ſoll hier nicht ſterben; geleitet ihn, ſo Euch Euer Leben lieb iſt, wohlbehalten in van Artaveld's Zelt. Wir koͤnnen von dieſem Schurken Kund⸗ ſchaft erpreſſen, die fuͤr unſere Sache von der groͤßten Wichtigkeit ſeyn duͤrfte. Verſucht er jedoch zu entfliehen, oder um Huͤlfe zu rufen, ſo ſchlagt ihm augenblicklich das Hirn ein.“ Kaum war dieſer Befehl ertheilt worden, ſo folgte auch die Ausfuͤhrung deſſelben, und der von dem erhaltenen Hiebe betaͤubte Zunftmeiſter kam erſt dann kaum zur Beſinnung, als er ſich umringt von du Bois und deſſen Leuten im Zelte Philipps befand. Peter forſchte nun nach van Artaveld, erfuhr jedoch, daß dieſer mit einer Streitmacht nach dem Mont d'Or zog, wie wir es im vorhergehenden Capitel berichteten. Du Bois aͤußerte ſeinen Verdruß uͤber Phi⸗ lipps Abweſenheit, und zu Gilbert Mattheus 310 gewendet, ſagte er im Tone verſtockter Gleich⸗ guͤltigkeit:„Ich will es ſchon auf mich nehmen, Dich haͤngen zu laſſen, Du Elender, ohne daß mein Mitbefehlshaber erſt den Segen dazu ſpricht. Dieſe Nacht ſoll den Mord Jan Lyon's raͤchen. Zuvor aber ſoll die Folter Dir das entpreſſen, was zu wiſſen uns von Nutzen ſeyn kann.“ Als du Bois dies geſprochen hatte, wendete er ſich zu einem wild ausſehenden Kerl, der neben ihm ſtand, und fluͤſterte ihm etwas in's Ohr. Der Wilde verließ das Zelt, als er dem erhaltenen Befehle. Bianca, welche in dem xngenblice in wel⸗ chem du Bois mit dem gefangenen Gilbert ein⸗ traf, das bereitſtehende Roß hatte beſteigen wol⸗ len, ward durch die entſetzlichen Drohungen, die du Bois gegen den Zunftmeiſter ausſtieß, erſchuͤttert und ſagte in ſanftem, jedoch veſtem Tone:„Du Bois, Grauſamkeit iſt nicht Gerechtigkeit; legt dieſen Elenden nicht auf die Folter, damit die Martern an ſeinem Leibe ihm nicht die Seele zerruͤtten; er koͤnnte ſonſt unbußfertig ſterben. Schont ſeiner, du Bois.“ ie zu „Ja, ich will ſeiner ſchonen,“ war die Ant⸗ wort,„ſo wie er unſeres ehemaligen Fuͤhrers und Hauptmannes ſchonte; er ſoll auch noch nicht daran, aber nachher ſoll's deſto ſchneller mit ihm gehen; denn die Prieſter lehren uns, daß ein plotzlicher Tod bisweilen auf um ſo kuͤr⸗ zerem Wege zum ewigen Elende leitet. Schicke Dich an,“ fuhr er gegen den entſetzten Gefan⸗ genen fort,„Bekenntniß und Ausſage allein ſollen Dir die Gnade gewaͤhren, gehaͤngt zu werden. Bekennſt Du aber nicht, ſo ſoll Dir die Folter an Deinen verfluchten Gliedern zwicken, ſoll Dir den Leib ſtuͤckweiſe zerfleiſchen, bis Todesangſt Dir Das abpreßt, was ich von Dir wiſſen will. Hier kommt mein Burſch, und die Marterwerkzeuge kommen mit ihm. Strecke die Hand aus, Zunſtmeiſter, und pruͤfe, wie dieſe Klemmeiſen ihr bekommen moͤgen.“ „Du Bois,“ ſagte Bianca, die ſich abermals in's Mittel legte,„ich verbiete dieſe Grauſamkeit. Im Namen Deines Mitbefehlshabers, im Na⸗ men van Artaveld's verbiete ich ſie Dir. Er will Gerechtigkeit an dem Schuldigen geuͤbt wiſſen, 312 doch wird er nimmer die Barbarei der Folter dulden.“ „Verlaßt uns, Weib,“ verſetzte du Bois, und fuͤgte in ſeinem gewohnten ſarkaſtiſchen Tone hinzu:„Ihr habt Euch ja ſeltſam verwandelt; Eure Natur, ſollt' ich meynen, aͤnderte ſich mit Eurem Anzuge. Doch erinnere ich mich, wie die zarte Bianca in Weibertracht Gefuͤhle zu theilen verſtand, die von Anderen ihres Ge⸗ ſchlechtes verwegen und barbariſch genannt wor⸗ den waͤren. Der neugebackene Page dagegen iſt weibiſch geworden.“ „Ich achte Eurer beißenden Reden nicht,“ ſagte Bianca,„oder vielmehr ich nehme ſie als wohlverdient hin; denn ach! diejenige, die fruͤher zu eigenem Ungluͤcke der Ehre vergaß, muß jetzt es dulden, von Andern als eine Ehrloſe betrach⸗ tet zu werden. Doch will ich nicht von dieſer Staͤtte weichen, ſo lange Ihr es mit Gilbert Mattheus zu thun habt.“ „Das werdet Ihr nicht,“ antwortete du Bois. „Wer hat Euch mir zur Aufſeherin beſtellt?“ „Mein eigener Entſchluß,“ verſetzte die Ita⸗ 1 — . — lienerin.„Ich will ſehen, was Ihr thut, und es an Philipp van Artaveld berichten.“ „So thut das,“ ſagte du Bois hoͤhniſch, „und beginnt Euren Bericht damit, daß Ihr ihm meldet, wie ich es wagte, dieſes Foltereiſen an die Hand des liſtigſten Boͤſewichts zu legen, der jemals eingefangen ward—“ Gilbert Mattheus, der von Natur feigherzig war, hatte bisher durchaus verdummt von Schrecken und Beſtuͤrzung da geſtanden, ohne nur zu ahnen, was mit ihm vorging. Leichenblaͤſſe bedeckte ſein Geſicht und jedes ſeiner Glieder bebte vor Furcht. Die Klemmung des Foltereiſens war fuͤrchterlich, und mit kreiſchender Stimme rief er, als man es ihm kaum angelegt hatte: „Laßt ab, laßt ab, hoͤrt auf, mich zu quaͤlen, und ich will Euch Alles, ja mehr ſagen, als Ihr wiſſen wollt. Schont meines Lebens; ſchenkt mir nur das Leben, und ich kann Euch etwas mittheilen, das Euch noch in dieſer Nacht foͤr⸗ derlich ſeyn wird.“ „Zwar verdienſt Du,“ ſagte du Bois,„es kaum, daß Dir, wie einem raͤudigen Hunde, ein 314 verſchlungener Strick werde, oder daß man Dir einen Stein an den Hals henke, um Dich deſto ſicherer und ſchneller zu erſaͤufen; dennoch will ich mit Dir unterhandeln. Bekenne— gib Alles an, womit man Deine Liſt und Schlauheit be⸗ auftragte, und ich will Dich mit der Folter verſchonen. Der Tod iſt eine bald bezahlte Schuld, die fruͤher oder ſpaͤter Jeder tilgen muß; der Deinige ſoll hurtig und leicht ſeyn.“ Gilbert, der eben ſo gottlos wie feig war, wuͤnſchte nichts ſo ſehr, als das Leben, und ſuchte nun ſich dieſes auf jede Bedingung zu ſichern. In einem Anfall abſoluter Verzweiflung warf er ſich jetzt zu den Fuͤßen des Weißkappen⸗ fuͤhrers, faßte den Mantel, der uͤber deſſen Ruͤ⸗ ſtung herabhing, und flehete ſclaviſch und in⸗ bruͤnſtig um ſein Leben, während ſein bisher bleich geweſenes Antlitz ſich durch die innere Angſt des Elenden roͤthete und Schweißtropfen hervorquel⸗ len ließ.„Edler du Bois,“ ſtoͤhnte er,„ſchenkt mir nur das Leben, nur das Leben unter jeglicher Be⸗ dingung. Ich will Alles verrathen, ich will den flandriſchen Grafen, will die Franzoſen verrathen, — M 315 will Euch dienen, mich zu Eurer Sache halten, Euch gehorſamen, Euer Werkzeug ſeyn. Macht mich zu Eurem Selaven, nur laßt mich am Leben!“ Waͤhrend der Elende ſo in den niedrigſten Ausdruͤcken des Bittens um ſein Leben rang, ſtand Peter du Bois mit unterſchlagenen Armen und unveraͤndertem Geſichte vor ihm; mit jenem Geſichte voll verſtockter Kaͤlte und Gleichguͤltig⸗ keit, aus welchem dem Zunftmeiſter kein einziger Hoffnungſtrahl, aber auch keine Beharrlichkeit der Rache des Gegners anblickte. Es ſchien, es wolle deſſen angeſtammte Bosheit ihn auf die fuͤrch⸗ terlichſte Folter, auf die des vergeblichen Bittens ſpannen. Der Verworfene fing wieder an zu flehen, allein du Bois blieb ſtarr. Da wendete Gilbert ſich an die Italienerin, daß dieſe ſich ſeiner in Worten annehmen moͤgte. Ein Blick des Unwillens ſchoß bei dieſer Zu⸗ muthung aus Bianca's Augen.„Nicht mich ruft zu dergleichen auf,“ ſprach ſie,—„denn koͤnnte irgend Etwas mich gegen Folter und Tod, von denen Ihr bedroht ſeyd, empfindunglos machen, ſo muͤßte es jener verworfene und ent⸗ hen! Ich will nichts von halben Bedingungen 316 wuͤrdigte Sinn ſeyn, der ſo niedertraͤchtig unter ſclaviſchen Bedingungen um die Erhaltung eines elenden Lebens fleht. Dennoch, du Bois, laßt dieſem Menſchen das Leben, das zuverlaͤſſig erbaͤrmlich genug iſt, um fuͤr ihn die entſetzlichſte Strafe zu ſeyn, die Ihr uͤber ihn verhaͤngen koͤnnt; denn er wird von aller Welt verachtet leben.“ „Nein,“ ſagte du Bois,„er bekenne, was er weiß, ſo verſchone ich ihn mit ber Folter. Aber ſterben ſoll er; ich will ihn ſo erbarmung⸗ los zertreten, als ob er ein Wurm waͤre, der unter meinen Fuͤßen kreucht.“ Gilbert ſah nun ein, daß fur ihn nichts zu hoffen war, und die Verzweiflung, die ſeiner liſti⸗ gen Seele zu Huͤlfe kam, verhalf ihm nun zu einem Auswege, den ſein maͤnnlicher Muth ihm nimmer gezeigt haben wuͤrde. Er ſtand ploͤtzlich auf, nahm einen Schielblick an, ſtreckte die Hand hin, als wollte er ſich das Klemmeiſen wieder anlegen laſſen, und rief:„Wohlan denn, muß ich ſterben, ſo ſoll es unter der Folter geſche⸗ es ßt te n et 1 — 31 hoͤren; ich will das Leben oder Nichts; und zu ſpaͤt moͤgt Ihr erfahren, du Bois, daß, wenn Ihr Gilbert's Leben erhalten haͤttet, Ihr jetzt Euern tapferſten und gluͤcklichſten, ja Euren ab⸗ geſagteſten Feind in Eurer Gewalt haben wuͤr— det. Eben dieſer Gilbert wuͤrde Euch jenen Wal⸗ ter d'Anghien und Eure verlaufene Baſe Anna obendrein gelieſert haben koͤnnen.“ „Was ſoll das heißen?“ fragte du Bois; „koͤnnteſt Du am Vorabend der Schlacht Wal⸗ ter d'Anghien in unſere Haͤnde liefern? Solche Beute duͤrfte den Ausſchlag geben, denn Walter iſt das eigentliche Herzblut der Sache des Gra⸗ fen. Ohne ihn ſind Ludwigs Mannen muthlos und feig. Die Verbuͤndung mit den Franzoſen wuͤrde dann nichtig werden; und eine ſolche Gei⸗ ßel in unſerer Hand woͤge ſchier eine verlorne Schlacht auf.— Welchen Beweis habt Ihr fuͤr die Wahrheit Eurer Rede?“ „Es bedarf keines Beweiſes,“ verſetzte Gil⸗ bert.„Ich kann keinen andern bieten, als mein Leben, das Ihr ſchon fuͤr verfallen erklaͤrtet. Mit meinem Leben moͤg' ich es buͤßen, ſo ich unwahr Euch berichte. Verſprecht Ihr dagegen, meines Lebens zu ſchonen, ſo ich wahr ſprach, ſoll keine Stunde vergehen, und Walter d'Anghien ſteht als Gefangener in eben dieſem Zelte vor Euch.“ Du Bois ſann einen Augenblick lang; er blickte ſtarr in Gilbert's Geſicht, der dieſem Blicke mit Frechheit begegnete; denn auch ein Feigling kann ſtandhaft ſeyn, ſobald ſein Leben davon abhaͤngt, und Gilbert Mattheus ſtand am Aeußer⸗ ſten aller ſeiner irdiſchen Hoffnungen. „Ja,“ ſagte du Bois,„es iſt des Verſuches werth. Elender, der Du biſt! obwohl ich Dich haſſe und verabſcheue, will ich Dich doch be⸗ nuͤtzen, ſo irgend etwas dem Nutzen Aehnliches aus Deiner Raͤnkeſucht und Niedertraͤchtigkeit hervorgehen kann. Ja, ich will verſprechen, Deines werthloſen, elenden, veraͤchtlichen Lebens zu ſchonen. Du ſollſt Freiheit haben, wie die Kroͤten die Luft einzuathmen, die von ihnen vergiftet wird. Wenn Deine Ausſage ſich beſtaͤ⸗ tigt, wenn durch Dein Anrathen Walter in die⸗ ſer Nacht mein Gefangener wird, ſo ſollſt Du leben; doch haſt Du mich getaͤuſcht, oder ſchlaͤgt n, ll ht er ke n — 6w 319 auch der Verſuch fehl, ſo ſollſt Du unter Fol⸗ terqualen, die aͤrger ſind, als deine bleiche Furcht ſie Dir je hat vormalen koͤnnen, elendiglich langſamen Todes ſterben.“ „So verliert keinen Augenblick,“ ſagte Gil⸗ bert Mattheus haſtig,„nehmt ſtarke Bedeckung zu Euch, entſchloſſene Maͤnner, eilt ſo ſchnell Ihr koͤnnt zum Sanct Magdalenenkloſter, um⸗ zingelt es; denn in demſelben befindet ſich Wal⸗ ter d'Anghien mit der Tochter Jan Lyon's, die er in jenes Heiligthum als an einen Ort der Sicherheit geleitete. Er hat nur wenige Mann⸗ ſchaft bei ſich, und ſo moͤgt Ihr ſie Alle ohne Schwertſtreich greifen. Nur zoͤgert nicht, ſonſt wird es zu ſpaͤt!“ Du Bois befolgte augenblicklich dieſe letztere Weiſung. Er berief eine auserleſene Rotte zu⸗ ſammen, ließ Gilbert unter ſtrenger Bewachung zwiſchen Leben und Tod, je nachdem der Zug guͤnſtig oder unguͤnſtig ausfallen wuͤrde, und ſprengte im Galopp dem Magdalenenkloſter zu, das allerdings ziemlich nahe lag. Er zweifelte nicht, daſſelbe eher zu erreichen, als Walter daſelbſt 320 * eintreffen wuͤrde, indem dieſer, um nicht Gefahr zu laufen, den Weißkappen in die Haͤnde zu fallen, einen bedeutenden Umweg eingeſchlagen hatte. Bianca verließ nun das Zelt, um ſich nach dem Waͤldchen auf dem Mont d'Or zu bege⸗ ben, wo ſie das Roß fuͤr van Artaveld bereit halten wollte, im Fall dieſer deſſelben am fol⸗ genden Tage beduͤrfen moͤgte. Als ſie davon reiten wollte, hoͤrte ſie fernhin Hufſchlaͤge, die ſich in dem Maße verloren, in welchem du Bois ſich auf ſeinem Fangzuge weiter von dem Lager der Weißkappen entfernte. Bianca zitterte, indem ſie der juͤngſt ſtatt⸗ gehabten Ereigniſſe gedachte; und obwohl ſie die Schmach noch immer fuͤhlte, welche ihr von Lud⸗ wig de Male, um ſeiner Liebe zu der ſchoͤnen Anna willen, angethan worden war, regte ſich inmitten ihrer bitteren Ruͤckerinnerungen doch Mitleid in ihr gegen die ſchuldloſe Tochter Jan Lyon's und deren Geſchick, das ſich ſo duͤſter wenden zu wollen ſchien. * — e———) „ — c—— — — Eilttes Capitel. Am Morgen jenes in der flandriſchen Geſchichte ſo denkwuͤrdigen Tages brach das Licht des Fruͤh⸗ roths ſchwach und matt durch dunkle Wolken⸗ maſſen. Ein ungeheurer Dunſtvorhang hing zu Haͤupten der einander gegenuͤberſtehenden Heere und barg grau und ſchwer die aufgegangene Sonne. Die Erwartung jeder wichtigen Lebens⸗ begebenheit ſtimmt uns ſeierlich, fobald die Men⸗ ſchenſeele, die ſolche Begebenheit angeht, nicht ganz und gar verhaͤrtet iſt. Wohl vermogte die obſchwebende Stunde ein ſolches feierliches Gefuͤhl Jedem einzufloͤßen, der ſich vom Ge⸗ ſchick auserſehen ſah, Theilnehmer an dem be⸗ vorſtehenden Treffen zu werden; und dies Ge⸗ Die Weißkappen III. 21 322 fühl ward durch das duͤſtere, melancholiſche Her⸗ annahen des Tages noch erhoͤht. Der Schau⸗ platz wies etwas Eintoͤniges, das von keinem erheiternden Vorfall unterbrochen werden wollte. Der Tod mit allen ſeinen Schrecken machte ſich bereit, ſeine Herrſchaft uͤber die Tanſende der ſchlagfertigen Streitmaſſen geltend zu machen, und ſo die Sieger wie die Beſiegten durch die ihm zugewieſenen Opfer heimzuſuchen. Durch das Lager der Verbuͤndeten erſcholl jetzt der Hall einer Glocke, welche zum Abhal⸗ ten der Meſſe vor der Schlacht aufrief. Haſtig begaben die Edlen, Hoͤflinge und Ritter ſich in das Zelt des Koͤnigs, wo ſie der heiligen Hand⸗ lung beizuwohnen hatten. In Ruͤſtung gehuͤllt, mit ernſter und gezie⸗ mender Miene und wegen der vorzunehmenden kirchlichen Feier entbloͤßten Hauptes, trat Koͤnig Karl dem in Eil in ſeinem Zelt errichteten Al⸗ tar nahe, wo er nach geleſener Meſſe demuͤthig ſeinem Kaplan beichtete, welchem Beiſpiele von denen, die ihn umgaben, gefolgt ward. Die Prie⸗ ſter, die mit dem Heere gezogen waren, hatten zu ———————————— di Sc§ 8 de de da be ſer un ka ort „C wi Vr es Ka 323 dieſer Friſt vollauf zu thun, und wuͤrden noch mehr zu thun gehabt haben, wenn die jungen Krieger nicht, im Verlangen nach Kampf, und mehr des Sieges als des Todes eingedenk, ſich in ihrer Beichte uͤberaus kurz gefaßt haͤtten. Die heilige Handlung ging zu Ende, und der junge Monarch empfing aus den Haͤnden des vor ihm knieenden Mundſchenken den ihm dargebotenen Becher. Er trank von dem darin befindlichen Weine, nachdem er ein„Segen un⸗ ſern Waffen“ den ihn Umſtehenden zugerufen hatte. Der Becher ging dann in der Runde umher; als derſelbe jedoch an Ludwig de Male kam, ſah man, wie dieſer ihn mit zitternder Hand faßte, und wie ſein Geſicht eine außer⸗ ordentliche innere Bewegung verrieth. „Vetter von Flandern,“ ſagte der Koͤnig, „Gott wolle verhuͤten, daß deine Stirn, duͤſter wie das Nebelwetter dieſes Morgens, unſerem Vorhaben boͤſe Weiſſagung verkuͤnde! Vetter, es iſt Eure Sache, um deretwillen wir zum Kampfe ziehen. Blickt alſo heiter und zuver⸗ ſichtlich auf Eure Mannen und auf unſere gutem Willen und an der Staͤrke ihrer Lanzen zu Euerm Wohlergehen.“ „Ich hege nicht den geringſten Zweifel,“ ent⸗ gegnete Ludwig;„doch moͤgte ich Eurer Majeſtät etwas, das mich tief ergriffen haͤlt, in Geheim vertrauen.“ „Ihr werthen Ritter und Herren,“ nahm der Koͤnig das Wort,„begebt Euch ein wenig zu⸗ ruͤck, daß wir von dieſem edlen Grafen die Ur⸗ ſache ſeines Kummers in der Hoffnung verneh⸗ men, ihm denſelben durch unſeren Rath, oder doch durch unſere Theilnahme zu lindern.“ Dem Befehl ward Folge geleiſtet, und eifrig aͤußerte der Graf dem jungen Koͤnige ſeine Be⸗ ſorgniß uͤber das unerklaͤrlich lange Ausbleiben ſeines Neffen Walter, zu einer Zeit, wo deſſen Anweſenheit ſo dringend erforderlich war.„Ich weiß nicht, was ich davon denken ſoll,“ ſagte Ludwig.„Wenn vor dem Angriffe die Abwe⸗ ſenheit meines Neffen allgemein kund wird, ſo werden meine Mannen muthlos; denn Walter d'Anghien iſt der Abgott ſeiner Reiſigen, die ſtattlichen Schaaren, und zweifelt nicht an Aller en t⸗ 325 er oft zum Siege fuͤhrte. Sollte aber gar ein falſches und boshaftes Geruͤcht ſich verbreiten, als waͤre er von meiner Sache abgefallen, ſo wuͤrden zuverlaͤſſig auf den Wahn hin, ich haͤtte in eben der Stunde, in welcher ich meines Nef⸗ fen am dringendſten bedarf, demſelben irgend ein Unrecht zugefuͤgt, Viele mich augenblicklich verlaſſen.“ „Es iſt allerdings auffallend, daß er noch nicht zuruͤckkehrte,“ entgegnete Karl.„Koͤnnt Ihr durchaus keine Urſache ſeines Fernbleibens muthmaßen?“ „Ich fuͤrchte“— ſagte Ludwig—„doch kann ich meine Furcht nur in das Ohr meines gnaͤdigſten Koͤnigs fluͤſtern— ich fuͤrchte, Walter d'Anghien iſt den Weißkappen in die Haͤnde ge⸗ fallen. Deshalb moͤgte ich Eure Majeſtaͤt be⸗ ſchwoͤren, nachzuſinnen, auf welchem Wege wir Kunde von meinem tapfern Neffen erhalten, ohne ſein Ausbleiben kund werden zu laſſen, damit ein paniſcher Schrecken unter meinen Strei⸗ tern verhuͤtet werde.“ Karl hatte aufmerkſam zugehoͤrt, ſann eine 326 Weile nach, und ſagte dann:„Wir muͤſſen uns ſelber tadeln. Wir haben unverſtaͤndig gehan⸗ delt, als wir es zugaben, daß Walter geſtern 1 Abend das Lager verließ, um eine unter Eurer Obhut ſtehende Dirne gen Sanct Magdalenen zu geleiten. Wir wollen thun, was ſich thun 11 laßt. Vielleicht iſt es ſchon zu ſpaͤt dazu, doch 1 wollen wir unſer Mittel verſuchen. Walter's Abweſenheit darf Euern Reiſigen nicht kund werden. Der Nebel, der ſo dick iſt, daß der eine Fluͤgel unſers Heers den andern nicht er⸗ kennen kann, mag die Taͤuſchung foͤrdern hel⸗ fen; ſo daß Jeder naͤmlich glaubt, Walter ſey am entgegengeſetzten Ende des Lagers geſchaͤftig. Mittlerweile will ich trachten, einen Plan aus⸗ zufuͤhren, den meine Ohme, wenn ſie denſelben kennten, nimmer billigen wuͤrden. Der Buͤr⸗ germeiſter jener Weißkappen, Simon van Bet, iſt unſer Gefangener. Ihm wollen wir kund machen, was ſich ereignet hat. Der Greis be⸗ ſitzt bohe Rechtſchaffenheit, meine Ohme moͤgen von ihm ſagen, was ſie wollen. Er ſoll in das Lager Derer von Gent gehen, nachdem er uns S— —2— ſein Wort gab, Herrn Walter daſelbſt aufzu⸗ ſuchen, im Fall dieſer den Gentern in die Haͤnde fiel, damit dieſe denſelben ſofort gegen Simon van Bet ausgewechſelt hierher zuruckſenden.“ „Ich fuͤrchte, du Bois wird nimmer in dieſe Auswechſelung willigen,“ entgegnete Ludwig. „Einen Gefangenen, wie Walter d'Anghien iſt, wird er nicht gegen funfzig Buͤrgermeiſter her⸗ ausgeben.“ „Ich gebe zu, daß es ein verzweifelter Ver⸗ ſuch iſt,“ meinte Karl,„doch ſehe ich keinen andern Ausweg. Hier, Graf Ludwig, zeigt dieſen Ring dem Waͤchter vor, dem Simon van Bet anvertraut iſt. Laßt den Buͤrgermeiſter ſofort aufſitzen, und gebt ihm freies Geleit bis uͤber unſere Vorhut hinaus. Kein Augenblick gehe verloren; nur laßt Alles, was ich eben an⸗ ordnete, verſchwiegen bleiben, ſonſt finden ſich Leute, die den Koͤnig von Frankreich eines An⸗ dern belehren moͤgten. Nehmt den Ring und geht!“ Ludwig de Male gehorchte ſonder Verzug der Weiſung des jugendlichen Monarchen. Herr 328 Simon vernahm des Grafen Mittheilung mit der lebhafteſten Theilnahme; und als er vollends erfuhr, daß ſein geliebtes Pflegekind Anna Lyon und deren getreuer Walter vermuthlich in die Haͤnde der Weißkappen gefallen ſeyn wuͤrden, rief er aus:„Wenn ſie in van Artaveld's Ge⸗ walt ſind, ſo iſt nichts fuͤr ſie zu fuͤrchten; iſt aber du Bois ihr Huͤter,—— um Gottes⸗ willen, laßt mich zu Pferde, ich will augen⸗ blicklich fort.“ Indem er dies ſagte, verließ er das Zelt, beſtieg einen Gaul den er kaum re⸗ gieren konnte, und machte ſich mit vier oder fuͤnf Reiſigen, die ihn bis zum feindlichen Lager geleiten ſollten, auf den Weg, indem er dem Grafen den Schwur ablegte, daß er ſeinen letz⸗ ten Blutstropfen daran wagen wollte, Waltern und Annen nach Kraͤften zu dienen. Somit ſprengte der kleine Buͤrgermeiſter dem Lager der Weißkappen zu. Kaum war Herr Simon davon geritten, ſo kehrte der Graf von Flandern in das Zelt des Koͤnigs zuruͤck. Er fand Karln völlig geruͤſtet und bereit, ſein Faͤhnlein zu Unterſtuͤtzung der 329 Vorhut anruͤcken zu laſſen, die an dieſem Tage unter dem Oberbefehl des Sire de Cliſſon ſtand, waͤhrend dem Grafen die Obhut uͤber den lin⸗ ken Fluͤgel uͤberantwortet worden war. Jedem ausgezeichneten Fuͤhrer war ein hervorgehobener Standpunct angewieſen worden, und Alle tru⸗ gen eifriges Verlangen nach dem Kampfe. Der Name des Herrn Walter d'Anghien ward jetzt aufgerufen und Ludwig zeigte an, daß ſein Neffe beſchaͤftigt waͤre, die graͤflichen Schaaren zu ord⸗ nen, wodurch er ſchlau die Abweſenheit ſeines Neffen verbarg, die, wie er nur mit allzuvielem Rechte fuͤrchtete, ſeiner Sache nachtheilig wer⸗ den koͤnnte. Alle Ritter und Hauptleute ſehnten ſich jetzt danach, das Zelt des Koͤnigs verlaſſen zu können und ihre verſchiedenen Standorte einzunehmen. Keiner war jedoch in dieſem Puncte ungeduldiger als Karl ſelbſt, der bald ſeinen Schild, bald ſein Schwert betrachtete, als truͤge er Verlangen, die⸗ ſelben Angeſichts des Tageslichtes und ſeiner Streiter zu zeigen. Seine Ohme und der Conne⸗ table, die darein gewilligt hatten, daß der Koͤnig 330 in ſeinem noch ſo zarten Alter mit zu Felde zoge, kamen jetzt dahin uͤberein, den jungen Monarchen ſo zu ſtellen und zu umringen, daß er ſo viel als moͤglich vor perſoͤnlicher Gefahr bewahrt wuͤrde. Abermals drang Karl in ſeinen Connetable, das Zelt zu verlaſſen; und indem er ſich zu dem jungen Grafen Pierre de Villiers wendete, der die Oriflamme bereit hielt, um ſie ſeinem Mon⸗ archen vorzutragen, ſprach er:„Edler de Vil⸗ liers, dieſes heilige Panier, das nur entrollt wird, wenn ein Koͤnig von Frankreich in eigener Perſon ſein Heer in das Treffen fuͤhrt, erſcheint hier nur als geſenkt. Wie verlangt mich danach, es im Gefilde ſich uͤber alle anderen Banner erheben zu ſehen, gleichwie der Monarch, deſſen Anweſenheit es kund giebt, ſich uͤber alle ſeine Mitkaͤmpfer zu erheben hat, ſobald er nicht der Krone unwuͤrdig ſein will, die er tragt. Sire Connetable, warum verweilen wir noch hier?“ Sire Olivier, entzuͤckt uͤber das ritterliche Benehmen des Koͤnigs, rief, indem er Karl umarmte, mit vaͤterlicher Ruͤhrung aus:„Gott —————————————— —— 331 beſchuͤtze Euch, mein gnaͤdigſter Gebieter! Frank⸗ reichs Blut ſprach aus Euch. Euer kronentra⸗ gend Haupt iſt zwar jugendlich, aber kraͤftig und kuͤhn. Moͤge Olivier de Cliſſon leben, um Euch ſchoͤnen Waffenruhm und den Sieg auf dieſem Schlachtfelde gewinnen zu ſehen! Froͤh⸗ lich will er dann in die Grube fahren zu Eurem edlen Vater. Eines aber iſt, was ein junger Menſch in Waffen, auch wenn er ein Fuͤrſt iſt, vonaͤltern Perſonen lernen muß— es heißt Beſonnenheit. Durch Haſtigkeit wird oft eine gute Sache ſchlimm gemacht. Wir wollen Alle an unſeren Standort; doch darf die Vorhut nicht amuͤcken, ſo lange dieſer dunkle Nebel waͤhrt. Unſere Feinde haben ſich ſtark poſtirt; wir wuͤrden nur die Unſeren verwirren, da dieſe nicht wie Jene die Umgegend kennen. Laßt uns alſo in der Stille den guͤnſtigen Augenblick erwarten. Sobald derſelbe eintritt, will ich das Zeichen zum Angriff geben.“ Sire Olivier theilte nun den Heerfuͤhrern ſei⸗ nen Angriffsplan mit, und hochachtungsvoll un⸗ terwarf jeder von ihnen ſich der anerkannten Geſchicklichkeit und Erfahrung des langgedienten Kriegers. Endlich verließen die Verſammelten das Zelt des Monarchen, und jeder nahm die ihm angewieſene Stellung ein. Waͤhrend dieſes im Lager des verbuͤndeten Heeres vorging, leitete Philipp van Artaveld, ungeduldig uͤber die Zoͤgerung und voll Ver⸗ langen nach Kampf, ſeine Schaaren, die Bluͤthe des Heeres der Weißkappen, kuͤhn vorwaͤrts. Obwohl Philipp im Treffen Mann gegen Mann der Gefahr zu begegnen wußte, ſo beſaß er doch weder die Erfahrung noch die Beſonnenheit de Cliſſon's bei'm Beginnen einer Schlacht; ſo begegnete es ihm, daß er die Abſichten ſeiner Feinde falſch deutete. Als er naͤmlich fand, daß die Franzoſen nicht vorruͤckten, welches er doch erwartet hatte, fing er an, geringachtend von ihnen zu denken, und beſchloß, ſofort vorwaͤrts zu dringen, Beſitz von der ganzen Anhoͤhe Mont d'Or zu nehmen, damit ſeine Mannſchaft den Vortheil haben moͤgte, den Huͤgel beſetzt zu halten, der zwiſchen ihr und den Feinden lag und von dem⸗ ſelben herab in die Ebene zum Kampfe zu eilen. — ——————— 333 Van Artaveld ging von Fluͤgel zu Flugel, ja faſt von Reihe zu Reihe, und ermunterte ſein Volk. Der Muth und die Beredtſamkeit, womit er ſprach, ſeine edle Miene, ſeine zuverſicht⸗ liche Haltung gewannen ihm Aller Herzen, waͤh⸗ rend er durch ſein Beiſpiel ein Gefuͤhl des Mu⸗ thes, dem ſeinigen gleich, verbreitete; ſo daß als er ſeinen Vorſchlag anzuruͤcken laut werden ließ, Tauſende von Stimmen den Ruf erſchal⸗ len ließen:„Fuͤhrt uns an, wir folgen nach dem Mont d'Orz wir folgen Euch, Artaveld, bis zum Tode! Gent und van Artaveld! Van Artaveld und Gent!“ Alles war vorbereitet; nach Philipps Be⸗ fehl lag das Geſchoß bereit, um entladen zu werden. Der muthbeſeelte Heerfuͤhrer ſchwang ſein Schwert, als er vorwaͤrts ſtuͤrzte und der Erſte war, der den Anweg zum Mont d'Or be⸗ ſchritt. Eine Baumgruppe umguͤrtete den Fuß der Anhöhe, an deſſen Ruͤcken ſie in der Rich⸗ tung nach Gent hin ſich ſogar hinan wendete. Hurtig eilte van Artaveld durch den Hain, und als er ſo zur Hoͤhe drang, gewahrten ſeine 334 Leute oben drei Maͤnner in Ruͤſtüng und wohl⸗ beritten, die mit geſchloſſenem Viſir die Bewe⸗ gungen der Weißkappen zu beobachten ſchienen. Einer von van Artaveld's Unterhaͤuptlingen fragte ihn jetzt:„Sollen wir die Drei da fan⸗ gen? Sie ſind in unſerem Bereich, und ſchei⸗ nen von des Grafen Partei zu ſeyn. Sicher wollen ſie uns auskundſchaften.“ „Nein,“ war Philipps Antwort,—laßt ſie auf uns blicken, denn wir ſind Maͤnner, die in gerechter Sache zu Felde zogen. Schont ihrer, waͤre es auch nur ihrer Keckheit willen. Das ſind keine Feiglinge, die ſich ſo kuͤhn der offen⸗ baren Gefahr ausſetzen; und nicht lange waͤhrt es, ſo treffen wir ſie im Kampfe. Je tapferer der Feind, deſto ehrenvoller der Sieg. Thut ihnen nichts zu Leide.“ Als van Artaveld die Hoͤhe von Mont d'Or erreicht hatte, gewahrte er unter einem der Baͤume des Gehoͤlzes ſeine ungluͤckliche Geliebte, die den Zuͤgel des edlen Thieres hielt, das nach ihrer Abſicht noͤthigenfalls die Flucht Philipp's erleichtern ſollte; denn van Artaveld hatte als 335 Heerfuͤhrer ſeiner Schaar beſchloſſen, diesmal mit derſelben zu Fuße zu fechten. Philipp konnte den Wunſch nicht unterdruͤcken, noch einmal mit der Italienerin zu ſprechen; er befahl ſeiner Mannſchaft, weiter zu ziehen, waͤhrend er ſeinem Pagen einige Befehle ertheilen wuͤrde, um ſo⸗ dann wieder zu ihnen zu ſtoßen. Er ſchritt nun dem Orte zu, wo Bianca ſich befand, und fuͤhrte ſie dann abſeits in das Gehoͤlz, um ihr ein letztes Lebewohl zu ſagen. Bianca's Geſicht wies ſich todtenbleich, und ſie blickte auf van Artaveld mit einem Ausdrucke, der zu ſagen ſchien:„So biſt Du doch zu dieſer verhaͤngnißvollen Staͤtte gedrungen,“ denn ihre Lippen bewegten ſich, aber ſie war unfaͤhig, zu ſprechen. „Bianca,“ nahm Philipp das Wort,„ich habe nur einen Augenblick Zeit, mit Dir zu reden. Meine Streiter ruͤcken vor, um den An⸗ griff zu beginnen, und ich darf ſie ſelbſt Deinet⸗ willen nicht verlaſſen. Vielleicht,“ fugte er hin⸗ zu,„ſehen wir uns hienieden nimmer wieder. Lebe wohl, Bianca! Gott ſegne Dich!“ —— 336 „Bleib, nur noch einen Augenblick verweile,“ rief das Maͤdchen.„O Philipp, ich weiß nicht, woher es kommt, aber mir will das Herz faſt brechen. Kaͤmpfe nicht auf dem Mont d'Or. Kehre mit Deinem Volke zu der veſten Stellung zuruͤck, die Du heute fruͤh am Fuße des Hu⸗ gels inne hatteſt, und erwarte dort den Angriff.“ „Wie!“ entgegnete van Artaveld,„zuruckzie⸗ hen ſoll ich? Willſt Du, daß man ſage, ich haͤtte mich auf einen gefaͤhrlichen Standpunct gewagt, aber nicht den Muth gehabt, ihn zu behaupten? Nimmermehr, Bianca! Lieber wollt' ich tauſendfachen Todes ſterben, als mein Leben durch die That eines Feigherzigen retten. Ich muß kurz ſeyn; hoͤre mich! Das Thier, das Du als Mittel zu meiner Flucht hieher brach⸗ teſt, mag zu beſſerem Zwecke dienen; denn wiſſe, Bianca, ich muß heute ſiegen oder meine Leiche auf dem Kampfplatze laſſen. Ich kann, ich will nicht entfliehen. Sollte jedoch unſeren Waffen Sieg werden und unſern Feinden Flucht noͤthig ſeyn— dann, Bianca, beſteige Dein ſtattlich Roß und fuͤhre es hurtig zu mir. Wil⸗ — ——„— 337 lig werden meine Leute meinem Pagen Raum geben; und ich will dann das edle Thier ge⸗ brauchen, um meine fliehenden Feinde zu ver⸗ folgen. Dies, Bianca, iſt der alleinige Nutzen, den ich aus Deinem Liebesdienſte zu ziehen ver⸗ mag.“ Bianca blickte in van Artaveld's Antlitz und wollte reden.„Nein,“ fuhr Philipp fort,„un⸗ terlaß jede Bitte, denn ſelbſt Du wirſt nicht vermoͤgen, meinen Entſchluß zu erſchuͤttern. Ich werde nie vor meinen Feinden fliehen. Jetzt muß ich fort. Ich traue mir nicht Kraft zu, Zeuge der Empfindungen eines Weibes in Au⸗ genblicken wie der jetzige iſt, zu ſeyn. Nochmals, lebe wohl! Halte Dich in dieſem Hain verbor⸗ gen, und Du wirſt ſicher ſeyn, bis das Treffen voruͤber iſt. Der Himmel beſchirme Dich!“ „Nur noch Ein Wort,“ ſagte die Italiene⸗ rin;„es iſt von Wichtigkeit, obwohl es nicht mich betrifft, und kann vielleicht dergeſtalt auf Dich wirken, daß Du beſchließeſt, dieſen boͤs⸗ weiſſagenden Ort zu verlaſſen. Gilbert Mat⸗ theus ward, nachdem Du das Lager gemieden Die Weißkappen III. 2 hatteſt, von du Bois gefangen. Er verrieth Walter d'Anghien, um das eigene Leben zu retten. Auch du Bois iſt jetzt nicht im Lager, ſondern ſucht Waltern und die Waiſe Jan Lyon's, die mit demſelben iſt, zu greifen. Ich fuͤrchte, daß du Bois gottlos mit Beiden verfaͤhrt, wenn Du nicht umkehrſt und es verhinderſt; denn Du weißt, daß in Deiner Abweſenheit du Bois den alleinigen Oberbefehl fuͤhrt.“ Van Artaveld ſchien hoͤchlich beſtuͤrzt uͤber das zu ſeyn, was er von der Italienerin vernahm. „Waͤre Walter,“ ſagte er,„in der Schlacht un⸗ ſer Gefangener geworden, ſo wuͤrde ich mich daruͤber freuen; doch beklage ich es, daß ein ſo edles Gemuͤth durch Verrath in's Ungluͤck kommt, und eben ſo ſehr beklage ich es, daß der tapferſte Feind, dem ich haͤtte begegnen koͤn⸗ nen, nicht auf dem Schlachtfelde anzutreffen iſt. Ich kann jetzt nicht umkehren, um ihn zu retten; ich wuͤrde Verraͤther an meinen eigenen Schaa⸗ ren werden, wenn ich ſie in der obwaltenden Kriſis verließe. Auch wird du Bois nicht un⸗ redlich gegen ſolchen Gefangenen verfahren. Nach 339 der Schlacht will ich ihn aufſuchen. Gehab Dich wohl, Bianca.“ „Mußt Du fort?“ fragte Bianca.„Gott ſey Dank, ſo iſt dies meine letzte bange Stunde. Hinfort wird mir Alles oͤde ſeyn.“ „Lebe wohl, Bianca,“ wiederholte van Arta⸗ veld.—„Noch Einen Kuß, den letzten!— Keine Thraͤnen; es wuͤrde mich unmaͤnnlich machen. Ich muß fort. Hoͤrſt Du die Drom⸗ mete? Sie ruft mich. Wie ſchrillend iſt der Ton, der zu Kampf und Tod ruft! Einſt, ſo lehrt uns unſer Glaube, wird ſolch dumpfer Ton die Todten zum juͤngſten Gericht erwecken.— O, Bianca, ſollten wir bis dahin uns nicht wie⸗ derſehen, ſo moͤge Gott uns Beiden Barmher⸗ zigkeit ſchenken, denn wir haben Beide ge⸗ ſuͤndigt.“ Van Artaveld druͤckte mit Innigkeit das Maͤdchen an ſeine Bruſt, kuͤßte nochmals ihre bleichen Lippen und ſtuͤrzte fort. Etliche Minu⸗ ten lang weilte Bianca regungslos auf der Stelle, wo van Artaveld von ihr geſchieden war, waͤhrend ihr ſtarrer Blick ihn ſo lange 225 340 verfolgte, bis er ihren Augen verſchwand. Kaum hatte ſie ihn aus dem Geſichte verloren, ſo brach ſie in einen Strom von Thraͤnen aus, waͤhrend ein ſchmerzliches Bewußtſeyn ihrer troſt⸗ loſen Lage ſich ihrer Seele aufzwang. Als ſie Theilnehmerin ſeiner geſetzwidrigen Liebe ge⸗ weſen war, hatte ſie ihren Einfluß auf ihn dazu angewendet, ihn zu einem Rebellen zu machen; ſie war es, die ihn in die Gefahr ſtuͤrzte. Jetzt, in dieſen Momenten der Aufregung, ſah ſie ihr eigenes Thun in greller Farbe vor ſich, ſo daß ſie nicht anders dachte, als ſie haͤtte Philipp's Tod herbeigefuͤhrt, im Fall er heute im Treffen das Leben wuͤrde laſſen muͤſſen. So wird oft dem Suͤnder das Gelingen ſeiner eigenen Miſſethat zur Qual; denn nur allzu⸗ wohl fuͤhlte die Italienerin, daß es ihr ge⸗ lungen war, aus Philipp einen Empoͤrer zu ſchaffen; und in dieſer Stunde der Angſt und Furcht und Beſorgniß gebrach es ihr an jener gluͤckſeligen Ruhe des Gewiſſens, wodurch die Seele gewaffnet wird, daß ſie das Mißgeſchick des Lebens mit gelaſſener Entſchloſſenheit und W d r e k d 341 inbruͤnſtiger Hoffnung ertraͤgt. überzeugt, daß ſie in Philipp jetzt ihren einzigen Freund auf Erden verloren hatte, ward er ihr wirklich theuer, ſo daß ſie fuͤr ihn eine Zaͤrtlichkeit fuͤhlte, wie ſie ſie nie zuvor empfunden hatte. So wahr iſt die uralte und allgemeine Bemerkung, daß wir oft Das, was wir einſt beſaßen, mehr als jemals ſchaͤtzen, nachdem es uns verloren ging. Da Bianca unter den Wipfeln des Gehoͤlzes keine Spur mehr von van Artaveld wahrnehmen konnte, band ſie ihr Roß an einen der Baͤume, verließ ihren Schlupfwinkel und begab ſich auf einen Erdhuͤgel unfern des Gipfels vom Mont d'Or, von wo aus man einen vollſtaͤndigen Ueberblick jener gedehnten Ebene hat, welche der Feind beſetzt hielt. Wegen der dichten Morgen⸗ daͤmmerung ſah Bianca anfaͤnglich nur mangel⸗ haft die gegen einander ſtehenden Heere; uͤber⸗ zeugt jedoch, daß, ſobald es hell werden wuͤrde, ſie von ihrem Standorte aus einen deutlichen Ueberblick der Schlacht haben koͤnnte, beſchloß ſie, den Ausgang daſelbſt abzuwarten. Eine Zeit lang ruͤckten beide Heere in der tiefſten Stille gegen einander, denn noch immer verhinderte der Nebel ſie am Treffen. Die Chroniſten jener Zeit erzaͤhlen, daß der Nebel ſo dicht und ſchwer war, daß man kaum einige Schritte weit vor ſich ſehen konnte; daß jedoch, als die Oriflamme entrollt ward, die Himmels⸗ duͤnſte ſich ploͤtzlich theilten, die Bleifarbe der Wolken in ein flockiges Weiß uͤberging, und ein glaͤnzendes Sonnenlicht den ganzen Schauplatz erhellte. Kein Windhauch beunruhigte das azurne Firmament, waͤhrend eine weiße Taube zu dreien Malen uͤber den Mannen des koͤniglichen Heer⸗ bannes im Kreiſe flog und ſodann ſich auf den Lanzenſchaft der Oriflamme ſetzte.— Man kann ſich denken, daß dieſer Umſtand von den Franzoͤſiſchen als eine ſegenbringende Vorbedeu⸗ tung fuͤr ihre Waffen angeſehen ward. Die Scene, die ſich jetzt vor den bangen Blicken der Italienerin darlegte, als der ſchwin⸗ dende Nebel ihr geſtattete, die weite Ebene zu uͤberſchauen, war uͤberreich an Pracht und Feier⸗ lichkeit. Die verbuͤndeten Heere, die aus den erſten Adeligen Frankreich's, aus der Bluͤthe der —— v 1 343 flamlaͤndiſchen Ritterſchaft und deren erleſenen Geharniſchten beſtanden, zogen mit flatternden Bannern daher; hell glaͤnzten im Sonnenlicht ihre blanken Ruͤſtungen und Stahlhauben. Et⸗ liche, die mit der Lanze bewaffnet waren, ſah man auf dem reich geſchmuͤckten und geruͤſteten Streitroſſe; Andere zu Fuß fuͤhrten den Schieß⸗ bogen oder die gewichtige Kampfart, waͤhrend Alle, wegen der Geſchloſſenheit ihrer Reihen, einem einzigen veſten, undurchdringlichen und unbezwinglichen, ſich vorwaͤrts waͤlzenden Koͤr⸗ per glichen. Die Herolde in koſtlich aufgeputzten Mantelroͤcken, hoch zu Roſſe, blieſen ſchrillend die Drommeten, die zum Angriffe aufriefen. Van Artaveld hoͤrte den Ruf, und ordnete ſofort ſeine Schaaren unter dem Befehl, vorzu⸗ dringen. Der Anblick ſeiner ihm ſo nahe ge⸗ kommenen Feinde, ihre ernſten Vorbereitungen zur Gegenwehr, ihre große Anzahl und Waf⸗ fenſtaͤrke erregten den hoͤchſten Grad von Enthu⸗ ſiasmus in der Bruſt des tapfern Philipps. Ihm ſchwoll das Herz, und jegliches andere Gefuhl, als das der unerſchrockenen Entſchloſſenheit, 344 war mit jedem anderen Gedanken, als dem, große Thaten zu vollfuͤhren, gaͤnzlich aus ſeiner Seele verſchwunden. Sein Zeichen war gegeben, ſeine Drommeten ließen einen einzigen Kreiſchton hoͤ⸗ ren, und mit einemmale entluden mehr denn hundert Donnerbuͤchſen ſich gegen den Feind. Als dieſes geſchehen war, ſtuͤrzte van Artaveld ſich mit geſchwungenem Schwerte gegen die An⸗ ruͤckenden, um dieſelben noch eher anzugreifen, als ſie ſich von dem Schrecken erholen konnten, den die Geſchuͤtzentladung unter ihnen hatte her⸗ vorbringen muͤſſen. Er befahl, daß der Angriff Mann gegen Mann ſtattfinden ſollte. De Cliſſon ſah dieſe Kriſis, und bemerkte, daß van Artaveld durch ſeine vorſchnelle Be⸗ wegung den Vortheil des Hoͤhengrundes einge⸗ buͤßt hatte. Er ertheilte ſofort den Befehl, Al⸗ les anzuwenden, um dieſe verzweifelten Angreifer zu umzingeln. Nach kurzer Friſt ſchwenkte ſich der linke Fluͤgel unter dem Grafen von Flandern, ſo wie der rechte unter Montmorenci, waͤhrend de Cliſſon Vortrab und Ritteltreffen zum An⸗ griff fuͤhrte. Der Kampf, der nun erfolgte, war — V * 345 kurz, verzweiflungsvoll und entſcheidend; denn die von allen Seiten her bedraͤngten Flamlaͤnder wurden unfaͤhig, wirkſam zu ſtreiten; ihre kur⸗ zen und ſchweren Kolben konnten den ſcharfen Speeren ihrer Gegner nicht die Spitze bieten. In der Verwirrung des Handgemenges ringsum gehemmt, waren ſie bald zuſammengehauen; ſo daß Viele von ihnen durch die Todten und Ver⸗ wundeten, die auf ſie fielen, erſtickt wurden. Van Artaveld ſah zu ſpaͤt ſeinen Fehler ein, und umringt von etlichen wenigen entſchloſſenen Maͤnnern, brach er mit faſt uͤbernatuͤrlicher An⸗ ſtrengung durch die Reihen des Feindes, ver⸗ breitete Tod um ſich her und ſtuͤrzte fort, um ſeine vorherige Stellung auf der Hoͤhe des Mont d'Or, wenn moͤglich, wieder einzunehmen. Er war uͤberzeugt von der Unabwendbarkeit ſeines Geſchickes, jedoch auch entſchloſſen, ſich bis zum letzten Lebensaugenblicke zu wehren. Philipp ward ſchnell genug von einer feindlichen Schaar verfolgt; ſeine Begleiter wurden niedergemacht, kein Einziger entrann, und endlich ſank auch Philipp van Artaveld mit Wunden bedeckt ohne 346 Leben zu Boden. Zufrieden mit dieſem gluͤck⸗ lichen Erfolge, verließen ſeine Gegner die Leiche, und eilten in's Getuͤmmel der Schlacht zuruͤck. Bianca ſah Philipp's Fall; ſie ſtuͤrzte der Staͤtte zu, um dem Geſunkenen jeden ihr moͤg⸗ lichen Beiſtand zu leiſten. Sie knieete neben ihm, ſie legte ſein Haupt in ihre Arme, ſie riß ihm den Helm ab, der nur allzudeutliche Spuren der erhaltenen Hiebe wies— dies Alles war das Werk eines Augenblickes. Allein kaum erblickte ſie das erdfahle Antlitz, die ſtarren Au⸗ gen und die regungsloſen Lippen van Artaveld's, ſo ließ ſie unwillkuͤhrlich das Haupt deſſelben, das ſie an ihren Buſen gelehnt hatte, ſinken, ſchlug ihre Haͤnde ineinander und rief:„Großer Gott, er iſt todt!“ Kein anderes Wort kam uͤber ihre Zunge. Kalter Schauer durchrieſelte ſie, und etliche Minuten lang ſchien ſie wie erſtarrt zu ſeyn von der Ueberzeugung dieſes ploͤtz⸗ lichen und entſetzlichen Ereigniſſes. Die Italienerin ſchien ſich zu ſammeln. Sie loͤſete die Ruͤſtung von dem Erſchlagenen ab, rieb ihm die Handgelenke, die Stirn und . e 347 die Bruſt, aber die Pulſe hatten aufgehoͤrt zu ſchlagen, das Blut floß nicht mehr. Waͤhrend Bianca vergebens ſich abmuͤdete, das entflohene Leben Philipp's zuruͤckzurufen, hoͤrte ſie Leute herankommen.„Sie ſuchen ſeinen Leichnam,“ ſchrie ſie wie außer ſich,„aber ſie ſollen nicht uͤber den Todten triumphiren, denn todt— ach! todt iſt er wirklich. Ich will verſuchen, ihn von hier fortzubringen; ich will meinen Mantel uͤber ſein Geſicht werfen, um ihn, wenn moͤglich, ihrer Wahrnehmung zu entziehen.“ Haſtig bedeckte die Italienerin das Haupt des Verblichenen und verſuchte dieſen nach dem Erdhuͤgel zu ſchleppen, auf welchem ſie dem Kampfe zugeſehen hatte. Als ſie ſich alſo buckte, ziſchte es durch die Luft, und Bianca fiel auf den Leichnam. Ein Pfeil, vielleicht ein aus dem Treffen verirrter Pfeil, war ihr durch die Bruſt gedrungen, denn la Nuitse war mit einer Schaar herangezogen, um van Artaveld zu unterſtuͤtzen. Zu ſpaͤt traf dieſe Huͤlfe ein, um den hochherzigen Fuͤhrer zu retten, doch nicht zu ſpaͤt, um den Sieg der Verbuͤndeten zwei⸗ 5 348 felhaft zu machen. Die Schlacht war jetzt auf der Ebene zuſammengedraͤngt, und von einer Scharmuͤtzelpartei mußte der Pfeil abgeirrt ſeyn, der das Herzblut der Italienerin fließen machte. Dieſe Partei drang jedoch ſogleich hinab in die Ebene, ſo daß auf dem Mont dOr kein menſch⸗ liches Weſen ſichtbar war, als die Todten oder die Sterbenden. Als die ungluͤckſelige Bianca aͤchzend da lag, waäͤhrend das Blut aus ihrer Wunde ſchoß, näherte ſich endlich der Hoͤhe eine Gruppe der elenden Nachzuͤgler des Rebellenheeres. Es wa⸗ ren groͤßtentheils Weiber der niedrigſten Klaſſe aus Gent, die mit langen ſcharfen Meſſern bewaffnet waren, um das begonnene Kriegs⸗ werk zu vollenden, die verwundeten Feinde voll⸗ ends abzuſchlachten, und den Todten Das, was dieſelben an Gold oder Koſtbarkeiten an ſich tragen mogten, abzuſtreifen. Unter dieſer wilden Rotte befand ſich auch Urſula, die Hexe, die in Greueln Entzuͤcken fand, und deshalb nach dem Mont dOr geeilt war, um die ſcheußliche Metzelei der zerlumpten Weiber von Gent zu leiten. Die reiche Kleidung der beklagenswerthen Italienerin zog bald die Aufmerkſamkeit der Wuͤrgerinnen auf ſich, und Urſula, die ſofort das Opfer ihrer Habgier und verfluchten Raͤnke erkannte, ſtuͤrzte vor, beugte ſich uͤber die Ver⸗ wundete, ſchwang mit draͤuender Geberde ihr Meſſer, und rief wie in raſender Verzuͤckung: „Sieh da, wie meine Weiſſagung ſich erfuͤllt! Dein Herzliebſter liegt als Leiche neben Dir, und Deiner eigenen Bruſt entquillt in rother Stroͤmung das warme Leben. Die Hoͤllengeiſter umtanzen Dich, die ſcheidende Seele von hinnen zu fuͤhren, und Urſula's Fluch donnert Dir nach!“ „Grauſames, ſcheußliches Weibsbild!“ ſtoͤhnte Bianca,„biſt Du gekommen, meine letzten Le⸗ bensaugenblicke zu beunruhigen? Waͤre doch ohne Dich mein Leben ſchuldlos geblieben! Hebe Dich weg! Du kannſt mir nicht jene Unſchuld zu⸗ ruͤckgeben, die ich durch Deine Verlockungen hin⸗ gab; beraube mich alſo nicht der wenigen Se⸗ cunden, die mir zur Buße bleiben. Laß mich zu Gott beten.“ RA 350 „Nein,“ ſagte Urſula,„Du ſollſt ſterben wie Du gelebt haſt— in Schmach! Deine Gebete ſollen Dir zu nichts fruchten, ſo lange ich hier ſtehe und Dir fluche und Dich an ewigem Er⸗ barmen verzweifeln laſſe. Bianca, Du hoͤhnteſt und ſchalteſt mich, als wir uns vor der Schlacht ſahen; jetzt iſt an mir die Reihe. Und hauch⸗ teſt Du jetzt auch den letzten Lebensſeufzer aus, ſo wuͤrde ich dennoch meine Rache nehmen, und Dir dieſen Augenblick ſchrecklich und martervoll machen.“ „Dein Anblick iſt mir in Wahrheit ſchrecklich und martervoll,“ entgegnete die Italienerin.„Laß ab von mir, Weib, oder ſo Du das nicht willſt, ſenke Dein Meſſer in mein Herz, nimm hurtig den Reſt meines Lebens hin und errette mich von der Qual, Dich zu ſehen.“ Urſula lachte.„Das iſt die einzige Bitte von Dir, der ich Gehoͤr verleihen maz. Sie ſoll Dir erfuͤllt werden. Stirb, ſtirb und verdirb allewiglich!“ Als bei dieſen Worten das raſende und gottloſe Zauberweib ihr Meſſer mit beiden Haͤnden packte, um es in den Buſen ihres be⸗ — 351 jammernswerthen Opfers zu ſenken, wurden plotzlich und kraͤftig ihre beiden Arme von Je⸗ mandem gepackt, der ſich unbemerkt hinter ſie geſchlichen hatte, wäͤhrend ihre Blutgenoſſen in einiger Entfernung beſchaͤftigt waren, die umher⸗ liegenden Leichname zu pluͤndern. Vor Schreck entfiel ihr das Meſſer, und als ſie hinter ſich blickte, gewahrte ſie Herrn Simon van Bet, den Buͤrgermeiſter von Gent, der, von etlichen Reiſigen begleitet, noch zeitig genug voruͤber gekommen war, um die letzten Lebensmomente der Italienerin vor der Wuth des Scheuſals zu retten. Herr Simon, der die Nothwendigkeit einſah, der ſchwerverwundeten Bianca Huͤlfe zu leiſten, hatte wenig Zeit uͤbrig, ſich mit der grauſamen Feindin derſelben zu befaſſen. Er ſagte blos: „Du ſcheußlichſte aller Hexen, jetzt hab' ich Dich. Wollteſt Du jenes arme, dem Tode nahe Ge⸗ ſchoͤpf moͤrderiſch abthun, um ihr die Kleinode zu rauben, die ſie an ſich traͤgt? Hollah!“ fuhr er zu ſeinen Begleitern fort,„bindet ſie, ſchafft ſie in das franzoͤſiſche Lager, nennt dort 352 blos ihren Namen, und der Tod, den ſie tau⸗ ſendmal verdient hat, wird ihr unverzuglich wer⸗ den. Hat doch auf eine oder andere Weiſe der Herzog von Burgund all ihre Raͤnke wegen der Bruͤcke zu Commines erfahren, und noch an dieſem Morgen Kunde erhalten, wie die Graͤfin von Artois an ſeltſamer Krankheit verſchied, die hoͤchſt wahrſcheinlich Folge eines Traͤnkchens war, welches ihr von dieſer Wahnwitzigen beigebracht ward. Hinweg mit ihr; eine Theertonne und ein Feuerbrand werden ihr willig zuerkannt werden!“ urſula ſchoß einen Tollblick auf Herrn Si⸗ mon. Sie wollte ſprechen, allein der wuͤrdige Buͤrgermeiſter, im Verlangen, der Italienerin irgend ihm moͤglichen Beiſtand zu leiſten, winkte ſeinen Begleitern, und dieſe ſchleppten die Here fort, die die Luft mit Fluͤchen erfuͤllte, welche bald nicht mehr das Ohr Derer erreichten, gegen die ſie gerichtet waren. Mit Hulfe etlicher ſeiner Begleiter erhob Herr⸗ Simon das verwundete Maͤdchen, und verſuchte, das Blut zu ſtillen, das ihrer Bruſtwunde ent⸗ Sc ——„—— „— r—„——„„ e—— , c— — 8 8 — 3 4 353 quoll. Bianca's Blick haftete an dem braven Manne und ſchien Dank fuͤr deſſen Milde aus⸗ zuſprechen.„Doch iſt Alles zu ſpaͤt,“ aͤchzte ſie; „ich fuͤhle mein Leben hinſchwinden; nach we⸗ nigen Minuten wird es mit mir voruͤber ſeyn. Bemuͤht Euch alſo nicht länger mit mir, die ich Eurer geringſten Sorgfalt unwerth bin. Ihr habt ein mitleidvolles Herz; betet fuͤr mich zu Gott, fleht ihn um Erbarmen fuͤr mich an, denn ich vermag es kaum mehr.“ „O Du armes Geſchoͤpf!“ klagte Herr Si⸗ mon,„wohl iſt es truͤbſelig, alſo zu ſterben in einer Dir nicht geziemenden Tracht, auf wildem Huͤgel, inmitten einer Schlacht, wo Keiner iſt, Dich zu troͤſten, außer einem Greiſe, der in ſeiner Schwaͤche nichts fuͤr Dich thun kann.“ Er wiſchte ſich eine Zaͤhre aus den Augen.„Viel⸗ leicht,“ ſetzte er hinzu,„kann Euch doch noch das Leben erhalten werden. Geſtattet meinen Leuten, Euch von hinnen zu tragen, daß Euch geiſtlicher Beiſtand werde, bevor Ihr den Geiſt aufgebt.“ „O laßt! o laßt!“ ſtoͤhnte Bianca.„Ich Die Weißkappen III. 354 fuͤhle den Augenblick herannahen, der mich vor Gott fuͤhrt; die geringſte Bewegung wuͤrde ſo⸗ fort mich toͤdten, und jeder Moment iſt koſtbar. O ihr Heiligen und ihr Engel alle,“ ſtammelte ſie, den matten, ſchwimmenden Blick zum Him⸗ mel gerichtet,„wie ſoll ich dem Auge des All⸗ gerechten nahen, da ich mein Leben mit der übertretung ſeiner heiligen Gebote ausfullte?“ „Nahe Ihm,“ ſagte Herr Simon in einem feierlichen, jedoch auch herzlichen Tone;„nahe Ihm wie ein Kind ſich dem von ihm beleidigten Vater nahet. Bekenne Deine Suͤnde und hoffe auf ſeine Liebe und Barmherzigkeit. Und ich, der ich neben Dir ſtehe als Dein Mitbruder in der Ge⸗ meinde der Menſchheit und der Suͤnde, ich will es wagen, Dich, ungluͤckſeliges Weib, in Deinen Augenblicken des Sterbens durch die Zuſichernug zu troͤſten, daß der Vater unſer Aller ſeine reuigen Kinder um ſich verſammelt, wie der Hirt die verirrten Schafe wieder zu ihrer Heerde zuruͤck⸗ bringt.“ Herr Simon warf ſich auf ſeine Kniee, als er ſo redete. Er hob Bianca in ſeine Arme, — ————* — ließ ihr Haupt an ſeiner Bruſt ruhen, legte ihre beiden Haͤnde in die ſeinigen und flehte in andaͤchtigem Gebete den Himmel um Gnade und Erbarmen fuͤr die Sterbende an. Die Ita⸗ lienerin bewegte die Lippen, als vereinigte ſie ihr Flehen mit dem des wuͤrdigen Greiſes. Als er ſein Gebet ſchloß, ſenkte ſich das Haupt Bianca's. Simon blickte ihr in das Geſicht. Die Zuͤge deſſelben waren noch immer ſchoͤn, allein kein Ausdruck war mehr in ihnen; die Seele hatte ihre Huͤlle verlaſſen. Nach einer Weile legte Herr Simon die Leiche ſanft auf den Boden hin. Kopfſchuͤttelnd und ſich die Augen trocknend ſagte er betruͤbt: „Armes Ding! Jetzt iſt's zu Ende mit Dir. Dein Leben war freilich ſuͤndenvoll, jedoch Dein Sterben war wie unſer Aller Sterben ſeyn ſollte, demuͤthig und reuig. Und wer, der da ſein Inneres erforſcht, darf den Stein gegen ſeinen Mitſuͤnder aufheben? Ich will doch nachher Sorge tragen, armes Maͤdchen, daß Deine Gebeine in geweihte Erde gelegt werden; und kann ich Dir dieſen ſchuldigen Dienſt leiſten, ſo ſoll 2 3 3 356 Dir kein Spott in Deine letzte Wohnung nach⸗ folgen.“ Der Buͤrgermeiſter wendete ſich zu ſeinen Begleitern.„Schließt ihr die Augen,“ ſprach er,„und deckt jenen Mantel uͤber ihr Geſicht. Ich muß ſogleich den jungen Koͤnig von Frank⸗ reich aufſuchen. Mein Anliegen an ihn iſt ſo hochwichtig, daß nichts, als ein Auftritt wie vie⸗ ſer, mich auf dem Wege dahin hat zuruͤckhalten koͤnnen. Merkt Euch wohl die Staͤtte, und kehrt hierher zuruͤck, um die Leiche fortzuſchaffen. Aber, heilige Jungfrau! was habt Ihr ent⸗ huͤllt? Was ſeh' ich? Van Artaveld todt neben Bianca! O, das iſt ein trauriger, jammervoller Anblick! Mein wackerer, theurer, ritterlicher Mitbuͤrger! ſo biſt Du gefallen, jung und edel, wie Du warſt, und ich muß leben, um ſolches zu ſehen? Das iſt fuͤrwahr eine ſchauerliche Stunde. O Stadt Gent! Stadt Gent! jetzt iſt Alles fuͤr Dich verloren, denn van Artaveld ward erſchlagen; o van Artaveld!“ Herr Simon brach in Thraͤnen aus, die er eine Weile, uͤber die Leiche gebuͤckt, fließen ließ. 357 Endlich ſchien er ſich zu ſammeln und befahl einem von ſeinen Leuten, bei den Leichen Phi⸗ lipps und der Italienerin zu wachen, bis er wiederkehren wuͤrde.„Ich darf nicht laͤnger ſaͤu⸗ men,“ ſagte er,„ſonſt faͤllt noch ein edles Ge⸗ muͤth als Opfer dieſes grauſenvollen Tages. Ich muß den Koͤnig finden. Laßt uns fuͤrbaß gehen, wir werden bald dieſen Huͤgel hinter uns haben koͤnnen.“ Herr Simon erreichte die Ebene, wo er das Kampfgewuͤhl dadurch vermied, daß er auf ei⸗ nem Umwege zu der Nachhut des Heeres eilte, bei welcher Karl an der Spitze ſeines Heerban⸗ nes ſtand. In dem Augenblicke, in welchem Herr Simon herankam, ſprach der Koͤnig mit den Edlen von Montmorenci und Saint Py, in welche er zu dringen ſchien, mit ihm aus dieſer zuruͤckgewieſenen Stellung zu weichen und Theil an dem Treffen zu nehmen. Der Buͤrgermeiſter ſtand bald neben dem jungen Monarchen, den er bei Seite zog und heimlich einige Worte mit ihm ſprach, indem er ihm den zu Vollfuͤhrung ſeines Auftrages erhal⸗ 358 tenen Ring zuruͤckgab. Was Herr Simon dem ritterlichen Koͤnige ſagte, wird dem Leſer ſpaͤ⸗ terhin kund werden. Welche Worte es auch ſeyn mogten, ſie machten einen gewaltigen Eindruck auf den Monarchen; denn man ſah, wie er ſofort ſeine beiden ihm vertrauten Ritter zu ſich winkte und heftig mit ihnen redete. Als das Geſpraͤch zu Ende war, wagte Karl es, ſeinen Oehmen ungehorſam zu werden, die ihn an dieſen geſicherten Ort zuruͤckgewieſen hat⸗ ten. Er befahl, vorzuruͤcken, und fuͤhrte dann, umgeben von Montmorenci, Saint Py und dem ehrlichen Buͤrgermeiſter von Gent, ſeine Schaar zu einem Verſuche, von dem bald des Umſtaͤnd⸗ lichen geredet werden ſoll. Zwölftes Capitel. Das Unternehmen des Weißkappenhaͤuptlings, Peter du Bois, war nur allzuwohl gelungen. Er fuͤhrte Anna und Herrn Walter d'Anghien gefangen in ſein Lager, nachdem er ſie und de⸗ ren Begleiter noch eher uͤberfallen hatte, als ſie das Magdalenenſtift erreichten. Jetzt ſah man in ſeinem Zelte Herrn Walter entwaffnet und gleich einem gemeinen Miſſethaͤter gebunden. Walters Außeres war wuͤrdevoll, und ſein Ge⸗ ſicht wies jenen ſtarken Ausdruck, den tiefver⸗ haltener Unwille zu erzeugen pflegt; einen Un⸗ willen, den er dennoch, ſo ſehr er darnach rang, nicht ſo ganz verhehlen konnte, daß die Leiden 360 ſeiner geliebten Anna dadurch nicht noch ver⸗ mehrt worden waͤren. Die Waiſe ſtand neben ihm. Ihre Kleidung war unter der Gewalt, mit der man ſie von Waltern getrennt hatte, zerriſſen und beſudelt worden; und umſonſt war des Geliebten Be⸗ muͤhen geweſen, ſich und ſie, die ſich bang an ſeinen Buſen geklammert hatte, zu befreien. Anna's todtenbleiches Geſicht zeugte von dem Schrecken, der uͤber ſie gekommen war, als man ſie und Walter gefangen nahm. Nur Ein Ge⸗ danke erfuͤllte ihre ganze Seele— der entſetz⸗ liche Gedanke, daß ihr Geliebter ſich in der Gewalt Peter's, ſeines grimmigſten Feindes, be⸗ fand. In dieſem Gedanken ging ihr jegliche Hoffnung unter. Anna ſtand ſtumm und bebend, angſtvolle Erwartung ſprach aus jedem Zuge ihres aus⸗ drucksvollen Geſichts. In dieſen entſetzlichen Augenblicken haͤtte ſie mit dem Seemanne ver⸗ glichen werden koͤnnen, deſſen Schiff, auf eine Klippe geſtoßen, von heulenden Wellen umringt wird, und der nur um ſich blicken kann, um 361 mit Zittern und Zagen zu erkunden, welche von den tobenden Wogen die erſte ſeyn wird, die ihn und ſeine Hoffnungen fuͤr immer ver⸗ ſchlingt. Du Bois war der Einzige im Zelte, welcher ſaß. In ſeinem Weſen lag etwas Triumphi⸗ rendes, das, mit ſeinem ihm eigenthuͤmlichen boshaften und ſarkaſtiſchen Geſichtsausdrucke ver⸗ eint, eine Freude anzudeuten ſchien, wie wohl ein boͤſer Geiſt ſie uͤber die Gewinnung einer Menſchenſeele empfinden mag. Grauſam von Natur, fand er ein wolluͤſtiges Entzuͤcken darin, die Martern Derer zu verlaͤngern, die in die Klauen ſeines Haſſes und ſeiner Gewalt ge⸗ riethen. Endlich ſprach er in ſeinem gewohnten iro⸗ niſchen Tone zu Herrn Walter:„Es ſcheint, unuͤberwindlicher d'Anghien, daß jene Hand, die ſich geubt genug im Lanzenſchwingen waͤhnte, um ſich keck gegen das Leben der Buͤrger von Gent zu erheben, die kalten Eiſenfeſſeln mit eben ſo gutem Anſtande traͤgt, wie irgend ein Miſſethaͤter in den Kerkern Deines Oheims, 362 unſers allergnaͤdigſten Grafen von Flandern, es kann.“ Herr Walter, der den Frechen kaum einer Antwort wuͤrdigen mogte, blickte ihn veraͤchtlich an und ſagte blos:„Niedriggeborener, der Du biſt, und noch niedriger an Geiſt und Gemuͤth als an Herkunft, ich rede nicht mit Dir.“ „Nicht?“ verſetzte du Bois;„nun, ſo nie⸗ driger Herkunft ich auch ſeyn mag, ſo haͤttet Ihr mir doch gern die Ehre gegoͤnnt, mein Gebluͤt mit dem Eurigen zu vermengen; denn ich bin verwandt mit jener Dirne, die Ihr von mir, ihrem natuͤrlichen Beſchuͤtzer, auf luͤſterne Weiſe abwendig machtet.“ Walter, entruͤſtet uͤber die gegen Anna aus⸗ geſtoßene Schmaͤhung, ſchwieg nicht laͤnger, ſon⸗ dern entgegnete haſtig:„Das luͤgt Ihr, und ſeyd mehr als frech, wenn Ihr dieſes Geſchoͤpf, das rein iſt wie die Geiſter des Lichtes, als Eure Verwandte bezeichnet.“ „Meynt Ihr?“ antwortete du Bois, der noch immer trachtete, die Martern der Gefan⸗ genen auszuſpinnen;„doch kann ich Euch min⸗ 363 deſtens Einen Beweis geben, daß ich Verwand⸗ tenrechte an ihr habe, denn ich kann ſie Ange⸗ ſichts Eurer Dem zur Belohnung geben, der mir half, den Helden von Flandern, den unbe⸗ zwinglichen d'Anghien, in Feſſeln zu ſchlagen.“ Anna fand Entſchloſſenheit genug, um reden zu koͤnnen.„Ihr habt kein Recht, du Bois,“ ſprach ſie veſt, wiewohl geſenkten Tones,„uͤber mich zu verfuͤgen. Mein Vater bevollmaͤchtigte Euch nicht dazu, als er ſtarb, und ich bin weder ſo freundlos, noch ſo von aller Huͤlfe verlaſſen, daß ich mich freiwillig der Tyrannei unterwuͤrfe.“ „Still, ſtill, mein zartes eingefangenes Voͤ⸗ gelein,“ entgegnete du Bois,„die Fluͤgel ſind Dir gebunden, wir ſtulpen Dir jetzt die Kappe uͤber und ſetzen Dich auf die Stange, bis es uns beliebt, Dich flattern zu laſſen; darum zerrupfe Dir das Gefieder nicht, denn es wuͤrde doch zu nichts helfen. Jedoch ehe wir uͤber Dich verfuͤgten, haben wir dieſem Ritter von der ge⸗ bundenen Hand einen Vorſchlag zu thun.“ „Du Bois,“ nahm Anna wieder das Wort, „wenn Ihr ſo niedrig und verworfen mit Euch 364 ſelbſt umgeht, ſo laßt Euch mindeſtens um der Ehre des Blutes willen, mit dem Ihr verwandt ſeyd, laßt Euch um meines hingeſchiedenen Va⸗ ters willen erbitten, mit dieſer Barbarei gegen Diejenigen inne zu halten, die in Eurer Gewalt ſind. Schaͤmt Euch, daß Ihr der Gefallenen ſpottet!“ „Schaͤmen?“ verſetzte du Bois.—„Ich ſchaͤme mich, daran denken zu muͤſſen, jetzt von Herrn Walter eine Gunſt zu erbitten; ja eine Gunſt, an ſich ſelber zu veruͤben, und mir den Kummer zu erſparen, zu Gerichte zu ſitzen und einen ſo Unuͤberwindlichen zum Tode zu ver⸗ dammen. D'Anghien,“ fugte er in ernſterem Tone hinzu,„wenn Ihr auch ein Held ſeyd, ſo bleibt Ihr doch Menſch und als ſolcher, ſollt' ich meynen, ſey das Leben Euch lieb. Wollt Ihr die Bedingungen hoͤren, unter denen allein es Euch erhalten werden kann?“ „Wenn mein Leben blos ein Geſchenk von Euch iſt,“ entgegnete Herr Walter,„ſo werde ich mich nicht herablaſſen, es von Euch an⸗ zunehmen, ſollte es mich auch nur ein ein— 365 ziges Wort koſten. Ich will nichts von Euch hoͤren.“ Anna faltete die Haͤnde und rief haſtig:„O ſage nicht ſo; laß' ihn reden! Bring' ihn nicht auf! Lebe, o lebe! Verlaß mich nicht fuͤr immer!“ „So habe ich doch mindeſtens ihre Erlaub⸗ niß, zu reden,“ fuhr du Bois fort,„und ich will ſie dreiſt benutzen. Herr Walter d'Anghien, antwortet getreulich auf Alles, was ich jetzt fra⸗ gen werde, und Euer Leben bleibt verſchont. Ja, und wenn Ihr verſtaͤndig in der Sache verfahrt, ſo weiß ich nicht, ob ich nicht nach geendeter Schlacht, zu Belohnung des Dienſtes, den Ihr unſerer Sache leiſtetet, Euch mit dieſem niedlichen Voͤgelchen hier frei fortflattern laſſe, ſo daß Ihr Euch Beide auf eine und dieſelbe Neſtſtange ſetzen moͤgt.— Hoͤrt und beantwor⸗ tet meine Fragen!“ „Fragt mich nicht,“ verſetzte Herr Walter, „denn ich werde weder Eure Fragen beantwor⸗ ten, noch die Gewalt anerkennen, mit welcher Ihr mich gefangen haltet. Ihr ſeyd nur der Zweite im Oberbefehl Eurer ungluͤcklichen An⸗ 366 haͤnger. Ich fordere, vor van Artaveld gefuͤhrt zu werden. Obgleich Rebell, iſt er doch der Einzige unter Euch, der nach Grundſaͤtzen der Ehre handelt, wie irrig dieſelben auch ſeyn moͤ⸗ gen. Laßt mich vor ihn fuͤhren.“ „Wer befiehlt das?“ entgegnete du Bois hoffaͤrtig.„Ich habe gleiche Macht mit van Artaveld, bin weder ſein Edelknecht, noch ſein Leibdiener. Aber wißt, daß, wenn ich Euch auch vor ihn fuͤhren laſſen wollte, ſolches doch nicht in meiner Macht ſteht. Philipp iſt ſchon läͤngſt Eurer vereinigten Streiterſchaar entgegen gezogen, la Nuitée folgte zu ſeiner Verſtaͤrkung; und du Bois blieb hier und hat hier den Ober⸗ befehl. Hoͤchſt wahrſcheinlich kaͤmpft van Arta⸗ veld jetzt auf dem Mont d'Or.“ „Und ich bin hier!“ war Walter's ſchmerz⸗ licher Ausruf, indem der ritterliche Juͤngling al⸗ les Andere, nur nicht den Unwillen vergaß, den er fuͤhlte, daß er auf ſo hinterliſtige Weiſe von ſeinen Feinden aufgegriffen worden war.„Grau⸗ ſamer, fluchenswerther du Bois, Du haſt an mir wie ein Feigling, wie ein niedertraͤchtiger 367 Sclav gehandelt, haſt mich hinterrucks uͤberfal⸗ len, gefangen und gefeſſelt, mich unthaͤtig, un⸗ nuͤtz fuͤr meine braven Genoſſen und verächtlich in meinen eigenen Augen gemacht! Nimm Dein Schwert, ſtoß' es mir in's Herz, ſo haſt Du die einzige Barmherzigkeit erwieſen, die Du je⸗ mals an einem menſchlichen Weſen uͤbteſt.“ Du Bois antwortete nicht, denn er konnte kalt ſeyn in ſeiner Bosheit, ſondern zog lang⸗ ſam ſein Kurzſchwert aus deſſen Scheide. Anna flog zu ihrem gottloſen Verwandten, legte ihre Haͤnde auf ſeinen Arm und ſagte in bittendem Tone:„O, achte ſeiner nicht; d'Ang⸗ hien ſpricht im Wahnwitz. Du haſt ihn toll gemacht; o, ſchone ſeiner, ſchone ſeiner!“ „Laß ihn die Bedingungen anhoͤren, die ich ihm zu ſtellen habe,“ verſetzte der Fuͤhrer der Weißkappen,„und ich ſchwoͤre bei der Sache, der ich anhange, ſchwoͤre bei meines Vaters Grabe, ſchwoͤre bei Allem, wobei Du willſt, daß ich ſchwoͤ⸗ ren ſoll, ihm, ſo er ſich meinem Verlangen fuͤgt, kein Haar zu kruͤmmen. Rede Du mit ihm, wenn Du ihn verſchont wiſſen willſt.“ Anna wendete ſich jetzt zu dem Geliebten, der hoch aufgerichtet daſtand, voll des tieſſten Selbſtgefuͤhls, in jedem Zuge ſeines Geſichtes den Ausdruck ruhiger Erwartung des Todes, der ihm durch den Spruch ſeines kaltherzigen Feindes werden ſollte. Anna umfaßte ihn, blickte ihm in's Auge und beſchwor ihn in Worten holder Zartheit und herzlicher Bekuͤmmerniß, den Antraͤgen ihres grauſamen Verwandten Gehoͤr zu geben.„Thu' es um meinetwillen, nur um meinetwillen,“ ſagte ſie;„bedenke, wie viele Muͤhe Du Dir gabſt, um mich zu gewinnen, wie innig ich Dich liebte und liebe; bedenke, daß mir außer Dir kein Freund mehr auf Erden nahe iſt, und wenn es ein Mittel gibt, Dich mir zu erhalten, ſo verwirf es nicht. Laß mich arme Waiſe nicht allein in dieſer Welt zuruͤck— hoͤre, was du Bois ſpricht.“ Herr Walter druͤckte das Maͤdchen an ſich, ſo gut ſeine gefeſſelten Haͤnde es ihm geſtatteten, — eine zuckende Bewegung durchfuhr ſein gan⸗ zes Weſen— er blickte veſt und zaͤrtlich auf die Geliebte, kuͤßte ihre Wange und wendete 369 ſich dann zu du Bois mit den Worten:„Sagt mir, was Ihr wollt.“ „Die Bedingungen moͤgen hart ſcheinen,“ entgegnete der Fuͤhrer der Weißkappen,„jedoch ich habe keine anderen zu ſtellen; auch will ich nicht von Euch fordern, die Waffen gegen Eu⸗ ren Ohm, den Grafen von Flandern, zu erheben.“ „Das duͤrft Ihr auch nicht!“ rief Walter voll Unwillen. „Still, ſtill!“ beguͤtigte Anna,„ereifre Dich nicht gegen ihn.“ Du Bois fuhr fort:„Ich moͤgte nur, Herr Walter d'Anghien, daß Ihr auf Euch vorzule⸗ gende Fragen getreulich Antwort gebt. Zuerſt: wie ſtark iſt das gegen uns anruͤckende franzoͤ⸗ ſiſche Heer?“ „Stark genug, um Rebellen zu zuͤchtigen,“ war Walters Antwort. Anna ſah bittend zu dem Geliebten auf. „Antwortet mir unumwunden,“ ſagte du Bois,„und nicht mit ausweichender Frechheit. Ich laſſe nicht mit mir ſpielen. Nochmals wie ſtark iſt die Anzahl unſerer Feinde? Sind ſie Die Weißkappen III. 24 370 Alle in jener Ebene verſammelt, oder haben ſie noch Verſtaͤrkung zu erwarten?“ „Ich will nichts weiter hoͤren,“ antwortete der Juͤngling.„Wofur haltet Ihr mich? Waͤhnt Ihr, daß ich Fragen beantworten werde, die mich zum Verraͤther machen? Wiſſe, daß ich Dich wie Deine Spitzfindigkeit verachte. Frei⸗ lich verlangt man hier nicht von mir, die Waf⸗ fen gegen meinen Fuͤrſten zu erheben, doch be⸗ gehrt man von mir, ihn mit meiner Zunge zu verrathen! Fuͤrwahr, eine feine Unterſcheidung — wuͤrdig der Liſt eines Schurken und des Muthes eines Feindes!“ „So verwerft Ihr die Bedingungen, die ich ſtelle?“ fragte der Fuͤhrer der Weißkappen. „Wie ich alles Niedertraͤchtige verwerfe,“ war Walter's Antwort. „So bereitet Euch zum Tode!“ rief du Bois, indem er dem Ausgange des Zeltes zuſchritt. Anna warf ſich ihm in den Weg, ſtuͤrzte zu ſeinen Fuͤßen, klammerte ſich an ihn und bat flehentlich um Schonung gegen Walter d'Anghien; allein du Bois, den nichts zu ruͤhren vermogte, mächte ſich von der Bittenden los und drang zu dem Ausgange. Verzweiflung trieb jetzt Anna zu dem Aeußerſten, wodurch ſie vielleicht den grauſamen Feind Walter's umzuſtimmen ver⸗ moͤgte. „Du Bois,“ ſprach ſie, indem ſie ſich an⸗ ſtrengte, gefaßt zu ſeyn,„wenn es Euch denn an Mitleidgefuͤhl fuͤr jeden Andern fehlt, ſo habt wenigſtens Erbarmen mit Euch ſelbſt. Der Aus⸗ gang der Schlacht iſt noch unentſchieden. Es iſt doch moͤglich, daß Ihr beſiegt und ſo herabge⸗ bracht werdet, entweder fliehen oder Euch von den Verbuͤndeten Bedingungen ſtellen laſſen zu muͤſſen. Bedenkt alſo, welchen Vortheil es Euch bringen kann, wenn d'Anghien bis dahin als Euer Gefangener lebt! Sein Leben wird fuͤr ſo hoch gehalten, daß der Graf, um daſſelbe zu retten, kein Opfer ſcheuen wird. Bedenkt dies, und handelt nicht ſo, daß es Euch gereuen moͤgte, es nicht bedacht zu haben.“ So verſtockt du Bois auch war, ſo ſchien er doch uͤber dieſen Einwurf betroffen zu ſeyn. Es lag etwas hoͤchſt Verſtaͤndiges in demſelben. 24* 372 Anna hatte ihn als das Letzte gewagt, worauf ſie noch eine Hoffnung begruͤnden konnte. Sie ſah, daß ihr Vetter ſchwankte, denn er ſtand ſinnend und ſchweigend. Sie blickte ihn mit banger Erwartung an, waͤhrend Walter, der, obwohl er Tod einem ſchimpflichen Leben vorgezo⸗ gen haͤtte, nicht gleichguͤltig dabei ſeyn konnte, daß es einen Ausweg gaͤbe, ſich der Geliebten zu erhalten, ohne ſeinen Oheim und Fuͤrſten zu verrathen. Du Bois ſchien reden zu wollen, als Einer von ſeinen Leuten hereinſtuͤrzte und ausrief: „Van Artaveld iſt todt! Ein Spaͤher brachte die Nachricht, daß er auf dem Mont d'Or und, wie man glaubt, von der Hand Ludwigs von Flandern fiel.“ Sogar du Bois ward durch dieſe Botſchaft erſchuͤttert. Der edelherzige Vorkaͤmpfer fuͤr die Freiheiten der Stadt Gent war gefallen!„Van Artaveld erſchlagen?“ rief er:„und von der Hand Ludwig's? So will ich denn vollgenuͤgende Rache nehmen— Blut fuͤr Blut! Das minde⸗ ſtens iſt Gerechtigkeit. Ha, Ludwig, Dein 373 Triumph ſoll von kurzer Dauer ſeyn! Eben das Klaggeſchrei, das in der von Dir geſchmäheten Stadt Gent uͤber den Fall van Artaveld's er⸗ ſchallt, ſoll Deinen eigenen Kummer widerhal⸗ len, und den Tod d'Anghien's verkuͤnden! Und obwohl in dieſer Stunde zehntauſend Feinde ge⸗ gen mich ſind und es faſt gewiß iſt, daß ich die naͤchſte nicht uͤberlebe, will ich dennoch Rache nehmen. Herr Walter, Euer Urthel iſt geſpro⸗ chen; van Artaveld's Schickſal hat es gefaͤllt.“ „Ich bin bereit zu ſterben,“ ſagte der ritter⸗ liche Juͤngling.„Der Tod auf dem Felde der Ehre, wie van Artaveld ihn fand und der jedem Tapfern wuͤnſchenswerth ſeyn muß, iſt jetzt fuͤr mich ein Gegenſtand des Beneidens, da mein Fall nur Folge Deiner Niedertraͤchtigkeit und Deines Verrathes iſt.“ „Gelogen!“ rief du Bois.„Die Falle, in die Du gerietheſt, ward Dir von Deines Oheims Guͤnſtling, von Gilbert Mattheus, gelegt. Er verrieth Dich mir.“ „Ha! ſchnellte der Pfeil von dem Bogen ab?“ ſagte d'Anghien;„kein Wunder denn, wenn 374 er vergiftet iſt! O, Anna! meine Ehre verloren, vernichtet, verrathen; ich ſelbſt durch die Hin⸗ terliſt des veraͤchtlichſten Sclaven dem Tode uͤber⸗ antwortet— was kann ich Aergeres noch erlei⸗ den? Und dennoch iſt mir Ein Schmerz aufbe⸗ halten, der der bitterſte aller Schmerzen iſt— ich muß von Dir, ach! von Dir ſcheiden.“ „Nein, nein!“ rief Anna,„ich kann, ich will nicht ſo von Dir ſcheiden. Du Bois wird ſich erweichen laſſen. Ich will vor ihm knieen, und er ſoll mich eher unter ſeine Fuͤße treten, als ich ihn einen Schritt thun laſſe, Dich zu verderben!“ Und mit dem Ausdrucke beredtſamer Verzweiflung im Angeſichte, wendete ſie ſich zu ihrem Vetter und ſagte:„Du Bois, wenn in Eurem Herzen nur Ein Funke menſchlichen Ge⸗ fuͤhles glimmt, ſo thut nicht wie ein Barbar an dem Unſchuldigen. Herr Walter d'Anghien erhob das Schwert nur zur Vertheidigung der Sache ſeines Ohms, ſo wie van Artaveld das Naͤmliche fuͤr Gent that. Des Krieges Gluͤck und Mißgeſchick iſt wandelbar! Nimmer wuͤrde van Artaveld zur Suͤhnung ſeines Falles eine ——*— r r 5 k e e 375 grauſame Handlung fordern. Zeigt Euch alſo barmherzig; ich bitt' Euch, zeigt Euch barm⸗ herzig!“ „Ihr hoͤrt ſie,“ ſagte du Bois zu Herrn Walter;„ſie bittet dringend. Was habt Ihr vorzuſchlagen, um Euer Leben zu retten?“ „Nur was mir ziemt!“ verſetzte d'Anghien. „Schau't mich an, du Bois— Ihr ſeht in mir den naͤchſten Blutsverwandten des Grafen von Flandern. Ich ſtehe als Unterregent meines Oheimes vor Euch und erklaͤre in deſſen Na⸗ men Euch fuͤr einen Verraͤther. Streckt die Waffen, loͤſet Eure rebelliſchen Rotten auf, und flehet mich um Barmherzigkeit an. Seht da meine Vorſchlaͤge; die einzigen, die ich machen kann.“ „Ich erwaͤge eben,“ entgegnete du Bois mit eiſiger Kaͤlte,„was mehr in Euch vorherrſchend iſt, der Raſende oder der Narr. Ihr gleicht einem albernen Wanderer, der einen Raͤuber bittet, ſeines Lebens zu ſchonen, indem er ihm die Verſicherung gibt, dafuͤr die naͤchſte Gelegen⸗ heit, ihn haͤngen zu laſſen, bei'm Schopfe zu 376 ergreifen. Ihr ſeyd kuͤhn, haltet denn aus da⸗ mit bis zum Aeußerſten; und obwohl Ihr mein Feind ſeyd, ſo gefaͤllt mir doch dieſer Euer Toll⸗ ſinn. Bei alldem will ich Euch eine unerbetene Gnade gewaͤhren— Ihr ſollt wie ein Mann ſterben, und nicht wie ein Hund gehenkt wer⸗ den. Meine Leute ſollen dies ſtolze Herz mit ihren Pfeilen durchſchießen. Meine Bogenſchuͤtzen ſollen Eure Henker ſeyn.“ Abermals warf Anna ſich zu den Fuͤßen des Entſetzlichen; abermals flehete ſie in ſchaurigen, verzweiflungsvollen Worten:„Ihr werdet ihn nicht toͤdten,“ ſagte ſie;„wenn nichts als Blut Euerem grauſamen Herzen genuͤgen kann, ſo nehmt mein Leben fuͤr das ſeinige. Legt mich auf die Folter, oder gebt mir den Tod, nur ſchonet Walter's! O, denkt an Euer eigenes Ende! Die Zeit wird kommen, daß Ihr ſelber ſterben muͤſſet; macht Euch jene Stunde nicht fuͤrchterlich durch Erinnerung an begangenen Mord.“ „Laß ab von mir, Dirne!“ ſagte du Bois, indem er ſie veraͤchtlich von ſich losmachte;„laß ab von mir! Ich werde nimmer meinen Vorſatz aͤndern, es moͤgte van Artaveld denn lebendig vom Schlachtfelde zuruͤckkehren.“ Anna weinte; ſie rang ihre Haͤnde und blickte mit einem Ausdrucke in ihres Vetters Ge⸗ ſicht, daß es ein Herz von Stahl haͤtte erwei⸗ chen moͤgen.„Denkt an mich, du Bois,“ ſagte ſie,„denkt an mich! Ich bin eine Waiſe, bin die Tochter Eures naͤchſten Verwandten, Eures ehemaligen Freundes. Als Ihr ein Knabe wa⸗ ret, war mein Vater Euch ein Vater; er nahm Euch in ſein Haus auf, er ernaͤhrte Euch und gab Euch nimmer Anlaß zu einer Bekuͤmmer⸗ niß. In ſeinem Namen, bei ſeinem abgeſchiede⸗ nen Geiſte, der gar wohl auf dieſe Erde herab⸗ blicken mag, beſchwoͤr' ich Euch feierlich, abzu⸗ laſſen von einem Thun, durch welches Ihr Eu⸗ res Wohlthaͤters Milde mit dem Elende bezahlt, das Ihr uͤber ſein Kind bringt; ja, zittert, nur an ſolches Thun zu denken, denn indem Ihr es nur denkt, haͤuft Ihr ſchon Schmach und Jammer auf Euer eigenes Haupt.“ „Redet den Wind an, wenn er ſtuͤrmiſch da⸗ 318 her ſauſet und gebietet ihm Ruhe,“ entgegnete der Weißkappenfuͤhrer—„wenn das Euch ge⸗ gluͤckt ſeyn wird, ſo will ich meinen Vorſatz aͤndern. Herr Walter d'Anghien, ich verlaſſe Euch. Betrachtet jene Sanduhr; bis ſie ausge⸗ laufen ſeyn wird, gebe ich Euch Friſt— dann muͤßt Ihr ſterben. Ihr wißt Eure Zeit— ſeyd bereit, Ihr entgegen zu treten.“ Du Bois verließ das Zelt, um die Befehle zur Hinrichtung zu geben. Ein Pfahl ward in die Erde getrieben und ſechs auserleſene Bo⸗ genſchuͤtzen traten froͤhlich hervor, um einen Mord zu begehen, den ihr Hauptmann ihnen als eine gerechte Rache fuͤr den Fall ihres geliebten van Artaveld vorgeſpiegelt hatte. Waͤhrend dieſe Vorkehrungen getroffen wur⸗ den, blieb Anna allein bei Herrn Walter; denn du Bois, voll Eifers, ſeinen Gefangenen zu ver⸗ derben, hatte des Maͤdchens weiter nicht geach⸗ tet; auch konnte ſie ihm nicht entſchluͤpfen, da das Zelt ringsum bewacht ward. Den Jammer Walter's und Annens zu ſchildern, wuͤrde un⸗ moͤglich ſeyn. Sie weinten, ſie umhalſeten ſich, ſie ſchwiegen und blickten einander ſo innig an, als wollten ſie die Empfindungen von Jahren in einen einzigen Blick zuſammenfaſſen. Endlich bemuͤhete Walter ſich, um der Geliebten willen Faſſung zu gewinnen und ihren gebrochenen Muth durch Troſtgruͤnde aufzurichten. Anna achtete deß nicht und antwortete nur in Ausdruͤcken des Schmerzes und der Verzweif⸗ lung. Ihre Zaͤrtlichkeit uͤberwog bei ihr jedes andere Gefuͤhl, als Walter wiederholt zu ihr ſagte:„Anna, weine nicht um mich; gedenke mein, aber ohne Bitterkeit; gedenke mein mit jenem unterdruͤckten Schmerze, den wir fur einen Freund fuͤhlen, von dem wir ſchieden, um ihn ſpaͤter wieder zu ſehen. Wir werden uns wie⸗ derſehen, Anna, ich fuͤhl' es, wir werden! Daran denke, und zerſtoͤre, ich beſchwoͤre Dich, dieſe letzte Hoffnung, welche mir in der Sterbe⸗ ſtunde Troſt in's Herz ſenkt, nicht durch Mur⸗ ren gegen den Willen des Himmels.“ „Mein Leiden wird kurz ſeyn,“ ſagte Anna; „ich fuͤhl' es, ich werde Dich nicht lange uͤber⸗ leben. Der Gedanke, daß Du ermordet wardſt, 380 wird mein Haupt bald in die Grube legen. Er⸗ 1 mordet! Sind ſie,“ fuͤgte ſie mit Wildheit hin⸗( zu—„ſind ſie daruͤber aus, Dich zu ermorden? c Nein, nein! ſie ſollen es nicht thun, ich will. mich vor Dich ſtellen, um Dich zu ſchirmen, oder von einem und demſelben Pfeile mit Dir ſ zu ſterben. Nimmer ſollen ſie ihr grauſames Vorhaben vollfuͤhren!“ „Es iſt nicht ihr Vorhaben, Anna,“ entgeg⸗ nete der Juͤngling;„ſie koͤnnen nichts ohne die Zulaſſung des Himmels. Sie ſind nur Werk⸗. zeuge in einer geheimnißvollen und allwaltenden Hand, welche die Schickſale der Sterblichen bis⸗ weilen in furchtbaren, jedoch ſtets in gerechten Schriftzuͤgen niederſchreibt. Dem Menſchen wird keine Gewalt als nur von Gott.“ „Ach!“ rief Anna wie im Irrſinn,„kann. Gott den Menſchen Gewalt geben, alſo ihre Mitgeſchoͤpfe zu opfern? Nein, nein; irgend ein boͤſer Geiſt treibt ſie an zu Mordthat und Greueln!“ „O, ſprich nicht ſo,“ entgegnete d'Anghien, „bezweifle nicht alſo den Willen des Himmels, und ſchreibe die ſtrenge, Ehrfurcht gebietende Gerechtigkeit des Allmaͤchtigen nicht einer fremd⸗ artigen Urſache zu. Anna, ſey ſtandhaft. Hoͤre mich. Moͤgteſt Du, daß wir uns wiederſehen?“ Anna weinte.„Wie kannſt Du das fragen?“ ſagte ſie.„Haͤtte ich im Himmel oder auf Erden eine Hoffnung, die ich mit Dir nicht theilte?“ „Nun dann,“ verſetzte Walter, indem er das Maͤdchen mit Innigkeit umfaßte,„ſo ſey ſtand⸗ haft. Vertraue auf Gott, und wir werden den⸗ noch glucklich ſeyn. Laß uns die kurze Friſt, die mir noch bleibt, dazu anwenden, die goͤttliche Gnade zu erflehen. Es gibt ein Leben jenſeits des Grabes, und die Hoffnung auf daſſelbe ſollte dieſe Stunde des Schmerzes in eine Stunde der Freude verwandeln. Weine nicht um mich, Anna; richte mich auf durch Dein Beiſpiel, und ich werde ſtandhaft und in Frieden ſterben.“ Anna ſchluchzte laut, indem ſie gleich einer welkenden Blume, in Thraͤnen gebadet, an Wal⸗ ter's Bruſt lag. Endlich als ihre zum Himmel gerichteten Gebete ihr Ende erreichten, ſchien das Maͤdchen gefaßter zu ſeyn, und bemuͤhete ſich, 382 beſchwichtigt zu erſcheinen. Doch oft und zu wiederholten Malen blickte ſie nach dem Sande in der Uhr, und als ſie nun ſehen mußte, wie dieſer immer tiefer und tiefer ſank— da ſank ihr auch das Herz, und ihre Wangen wurden bleicher; allein dennoch vermogte ſie es nicht, in Worten auszuſprechen, daß die gegebene Zeitfriſt bald, ach! nur zu bald verronnen ſeyn wuͤrde. Walter's Blick folgte dem ihrigen; er gewahrte die wenigen Koͤrner eines nach dem andern her⸗ abfließen, als wollten ſie des Lebens fluchtige Momente bezeichnen. Er ſchloß die Geliebte in ſeine Arme, er druͤckte ſie krampfhaft an ſeine Bruſt, als wollte er ſeine Seele da aushauchen, wo ſie im Leben mit Entzuͤcken weilte.„Lebe wohl, Anna,“ ſprach er;„moͤge Er, der ein Vater der Vaterloſen iſt, Dich troͤſten und ſegnen!“ Anna konnte nur mit ihren Thraͤnen ant⸗ worten. „Meine Zeit verrinnt,“ fuhr Walter fort; „ich hoͤre Geraͤuſch draußen— ſie kommen, um mich zu holen. Wenige Momente nur ſind noch mein.— So wird auch das laͤngſte Leben dahin ſchwinden, denn die Zeit iſt nichts als eine An⸗ haͤufung von Momenten; doch ſoll die Zeit ſelbſt in die Ewigkeit verſinken, in der Gott unſere Ruhe bereitet hat. Anna, moͤge dies Dein Troſt ſeyn! Sieh da, das letzte Sandkorn verrinnt. — Fahr' wohl fuͤr immer! Ich habe jetzt nichts mehr zu leiden; des Todes Bitterkeit ging be⸗ reits an mir voruͤber, denn ich ſchied von Dir. Gott beſchirme Dich allewiglich; er ſegne und ſtaͤrke Dich im Leben und im Tode!“ „Bleib, o bleib!“ rief Anna;„laſſe mich nicht hier zuruͤck. Ich folge Dir— ich will— ich will ſtandhaft ſeyn. Scheuche mich nicht weg von Deinem Angeſichte, ſo lange das Leben noch dauert. So lange Du mich noch anblicken kannſt, will ich nicht von Dir weichen; nicht Gewalt, nicht Bitte ſoll mich fern von Dir treiben.“ „Theuerſte Anna,“ ſagte Walter, als er ſich wendete, um das Zelt mit den Wachen zu ver⸗ laſſen, die ſeiner harrten, um ihn zum Richtplatze zu fuhren,„ich bitte Dich, folge mir nicht. Ich moͤgte gern ruhig ſterben, daß meinen Feinden nicht der Triumph wird, meine Seele ſo leiden zu ſehen, wie ſie Leid meinem Koͤrper bereiten — ich aber bin nur ein Menſch, und ein ſchwa⸗ cher Menſch. Ich fuͤrchte, ich kann nicht ſtand⸗ haft ſeyn, wenn ich Deine Zerruͤttung ſehe. Um meinetwillen bitt' ich, folge mir nicht; es iſt meine letzte Bitte.“ Anna hing ſich an ſeinen Arm, ſie blickte ihm wie verwildert in's Antlitz, jedoch ohne zu ſcheinen, als verſtehe ſie ſeine Worte. Dann be⸗ trachtete ſie die Maͤnner, welche ſie von Waltern wegreißen wollten, und fragte heftig, was ſie begehrten. Allein ehe die Wachen noch ihre Frage beantworten konnten, rief ſie ſchon:„Ich weiß es! ich weiß es! Ihr ſeyd ſeine Moͤrder!“ Die Maͤnner riſſen den Juͤngling mit ſich aus dem Zelte. Anna folgte mit einem Antlitze, auf welchem der Wahnſinn jetzt mit dem Kum⸗ mer uͤber ihren Verluſt zu ringen ſchien. Du Bois ſtand nahe dem verhaͤngnißvollen Pfahle⸗ an welchen Walter ſogleich gebunden ward. Die Bogenſchutzen hielten ſich bereit— ihre Waffe war geſpannt, der Pfeil ruhete in ihrer Hand. ——— 385 Nochmals verſuchte Anna, ſich vor Walter zu werfen, um ihn mit ihrem Koͤrper zu decken; allein du Bois riß ſie mit Gewalt von ihm, packte ſie bei beiden Armen und rief:„Schweig, wahnwitzige Dirne; ſchweig, oder die Drom⸗ mete, die ſeinen Augenblick des Todes ankuͤn⸗ det, ſoll ſofort ſich ſchmetternd hoͤren laſſen.— Schuͤtzen, macht Euch fertig.“ Die Henker legten ihre Pfeile auf den Bo⸗ gen, den ſie nur anzulegen und das Ziel neh⸗ men zu laſſen brauchten.„Herr Walter d'An⸗ ghien,“ fuhr der Fuͤhrer der Weißkappen fort, „betrachtet jene Maͤnner, welche noch nie ohne zu treffen einen Pfeil verſchoſſen. Ihr ſchauet dem Tod' in's Auge— nochmals: wollt Ihr Gnade unter den Euch gebotenen Bedingungen?“ Anna begriff dieſe Worte, deren Gewicht ihr ſchwer auf das Herz fiel; doch kannte ſie Wal⸗ ter's Heldenſinn nur zu wohl, und wußte, daß er unfaͤhig war, ſeinen Oheim zu verrathen. Durchdrungen von dieſer Ueberzeugung, ſtieß ſie einen Schrei des Entſetzens aus, rief:„So iſt Alles vorbei!“ und ſank bewußtlos hin. Die Weißkappen III. 25 386 Du Bois fing die Ohnmaͤchtige in ſeine Arme auf. Herr Walter blickte einen Augenblick lang auf Anna, wendete ſich dann gegen ſeinen Feind und antwortete ihm:„Nimmer werd' ich zum Verraͤther werden, vollends nie, um mein Leben zu retten. Habt, ich bitt' Euch, Erbarmen mit dem ungluͤcklichen Maͤdchen, das ſinnlos in Eu⸗ ren Armen liegt; um ihres Vaters willen habt Erbarmen mit ihr, er war Euer Freund.“ Du Bois ſchien nicht ganz unempfindlich gegen dieſe letzte Vorſtellung zu ſeyn, und wen⸗ dete ſich, um ſie in das Zelt zu tragen und ſie in gute Obhut zu bringen. Dies veranlaßte eine Verzoͤgerung der Hinrichtung; bald jedoch ſtand er wieder auf dem Platze und ſagte: „D'Anghien, ſprich Dein letztes Gebet, ich werde dann das Zeichen geben.“ „Es ſoll mir willkommen wie ein Sieges⸗ zeichen ſeyn,“ entgegnete Walter, und blickte mit andaͤchtigem Geſichte zum Himmel. Du Bois wendete ſich, um den Trompeter aufzurufen, den Todesruf zu blaſen, als, ehe er noch das Wort ſprechen konnte, von der Vorhut des Heeres heruͤber ein kreiſchender Drommetenton zu ſeinem Gehoͤr drang, waͤhrend von tauſend durcheinan⸗ der ſchallenden Stimmen in wilder Verwirrung der Feldruf vernehmbar ward. Breizehntes Capitel. ———————— 5 Ein Herold! ein Herold!“ rief einer von den Bogenſchuͤtzen der Weißkappen;„es muß ein Herold von dem Feinde ſeyn.“ Allein ehe man noch die Urſache von der Bewegung un⸗ ter der Vorwacht erforſchen konnte, wuͤhlte ein abermaliger Tumult durch das ganze Lager; es ſcholl das Geſchrei:„Frankreich und Sanct Dio⸗ nys!“„Koͤnig Karl zur Aushuͤlfe!“„Gott mit dem Koͤnig!“ Darein mengte ſich Waffengeklirr und Pferdetrott und das Rufen und Schreien der Menge.—„Ueberfall! Ueberfall!“ ſcholl es dann—„Der Feind iſt da! der Feind!“ riefen die Bogenſchuͤtzen. „La Nuitée muß geſchlagen worden ſeyn, gleichwie van Artaveld getoͤdtet ward,“ aͤußerte 389 du Bois.„Folgt mir Alle,“ fuhr er gegen ſeine Mannſchaft gewendet fort.„Bringt mir ein Pferd, ich will ſogleich zur Vorhut— mir nach! mir nach!“ Du Bois ſaß flugs im Sattel und ſprengte von dannen; ihm nach zog die ganze Schaar; Walter, veſt an den Pfahl gebunden, blieb allein an der Staͤtte zuruͤck. Der Tumult im Lager der Weißkappen ward immer groͤßer und bald raſete ringsum der Kampf. Die Grafen de Montmorenci und de Saint Py fochten neben dem jungen Koͤnige; denn Farl war es, der herbeieilte zur Aushuͤlfe und zur Rettung Walter's. Der Koͤnig hatte von Herrn Simon van Bet erfahren, wie d'Anghien allerdings Gefan⸗ gener der Weißkappen waͤre; denn des Buͤrger⸗ meiſters Sendung gelang nur inſofern, daß die⸗ ſer vorn an in das Lager der Rebellen drang, und dort erfuhr, Herr Walter ſey dem Tode nahe. Mit dieſer Schreckenspoſt war van Bet zu dem jugendlichen Monarchen zuruͤckgeeilt, der keinen Augenblick mit dem Verſuche zoͤgerte, die 390 Weißkappen in ihrem Lager in der Hoffnung zu uberfallen, d'Anghien noch zu retten, wäh⸗ rend de Cliſſon im offenen Felde gegen la Nuitée kaͤmpfte. Obſchon noch Knabe den Jahren nach, han⸗ delte Karl in dieſem Falle wie ein Mann, und wie ein tapferer Mann obendrein. Unterſtuͤtzt von ſeinen wackeren Freunden, wies er ſich an dieſem Tage des Ordens der Ritterſchaft wuͤr⸗ dig, in welchen er ſeiner Krone zu Ehren aufge⸗ nommen worden war. Die Schaar des Koͤnigs war gering von Anzahl gegen die Sttreitkraͤfte der Weißkappen, die, von du Bois befehligt, nachdrucklich den Verſuch Karl's, ihr Lager zu erſtuͤrmen, zuruͤckwieſen. Endlich jedoch drangen die Angreifer durch und machten ſich Bahn zu der Staͤtte, an welcher Walter ſich befand. Herr Simon, der, obwohl er d'Anghien zu retten und du Bois zu demuͤthigen wuͤnſchte, ſich nimmer auf perſoͤnliches Gefecht gegen einen Mann von Gent einlaſſen wollte, war dennoch der Nachhut des Koͤnigs, freilich ohne ſein Schwert zu ziehen, geſolgt. Und obgleich, indem er dieſem ſeinen Ent⸗ ſchluſſe nachging, ſein Leben um ſo mehr noch dem Zufalle preisgegeben blieb, wollte er doch nicht zuruͤckbleiben, indem er hoffte, den Ort ausfindig zu machen, wo du Bois die Tochter Jan Lyon's, die er als Gefangene im Lager der Weißkappen wußte, hingebracht haben moͤgte, und die er wieder unter ſeinen eigenen Vater⸗ ſchutz zuruͤck erſehnte. Waͤhrend Die des Koͤnigs gegen du Bois und deſſen Mannſchaft kaͤmpften, um in das Herz des Lagers der Weißkappen zu dringen, nahm Herr Simon ſeine Gelegenheit wahr, wendete ſeinen Gaul und wand ſich durch das ihn um⸗ ringende Gewuͤhl; ſo gluͤckte es ihm, zu dem Pfahle zu gelangen, an welchem Walter gebun⸗ den ſtand, ungeachtet daß mehr als Ein Pfeil, von den Weißkappen ihm nachgeſchickt, neben ihm hinſchwirrte. Er ſprang vom Pferde, zog jetzt zum erſtenmale ſein Schwert und befreite Herrn d'Anghien, indem er deſſen Bande zerſchnitt. Walter wollte ſich in heiße Dankesworte er⸗ gießen, allein ſein Befreier fiel ihm in's Wort, ———— 392 indem er ſagte:„Nichts da! Es iſt jetzt nicht Zeit zu Geſpraͤchen; rettet Euch ſo hurtig Ihr koͤnnt. Beſteigt meinen Gaul und— da! nehmt mein Schwert, denn Ihr ſeyd unbewaffnet. Wehrt Euch ſo gut Ihr koͤnnt, und eilt, zu den Koͤniglichen zu kommen, ſonſt moͤgtet Ihr leicht⸗ lich von einem der Weißkappen getroffen werden, die ſo eben mir etliche Spitzbolzen nachſchickten. Erſt aber ſagt mir aus Erbarmen, ob Ihr wißt, wo der ſchurkiſche du Bois die arme Waiſe ließ. Wo iſt Anna Lyon?“ „So eben,“ war Walter's Antwort,„ward ſie beſinnungslos von hier weg in jenes Zelt ge⸗ tragen, als du Bois ſeine Mordſchuͤſſe gegen mich richten wollte. Da gab es Laͤrm im La⸗ ger, und ich ward durch unſere Tapfern gerettet. Ich will zu ihnen. Eilt Ihr zu Anna und ſagt ihr, daß Walter d'Anghien noch lebt, und nur fuͤr ſie lebt.“ Herr van Bet eilte dem Zelte zu, das von der Wache verlaſſen worden war, als die Ver⸗ wirrung durch den Angriff der Franzoſen allge⸗ mein ward. Sonder Hinderniß und Verzug trat 393 er ein, waͤhrend Herr Walter derjenigen Gegend des Lagers zuſprengte, wo Mann gegen Mann gefochten ward. Fuͤr eine Zeit lang ſchwankte der Sieg; denn wenn du Bois auch vermoͤge ſeiner Niedertraͤch⸗ tigkeit nicht den Namen eines Tapfern verdienen konnte, ſo beſaß er doch hinreichende thieriſche Wildheit und genug rohe Fuͤhlloſigkeit, um im Treffen kuͤhn und furchtlos in Gefahr zu ſeyn; ſo daß er jetzt beſchloß, bis auf das Aeußerſte Stand zu halten. Endlich wurde des Koͤnigs Heerbann durch die Reiſigen des Grafen von Flandern verſtaͤrkt, denn als Ludwig de Male von einem Knappen des koͤniglichen Haushaltes erfahren hatte, zu welchem Zwecke Koͤnig Karl ſeine ſichere SteMung in der Ebene verlaſſen hätte, eilte er an der Spitze ſeiner eigenen Mannſchaft dem jungen Monarchen zu Huͤlfe. In dem Augenblicke, in welchem Ludwig ein⸗ traf, war Walter d'Anghien in heſtigem Zwei⸗ kampf mit du Bois begriffen. Sie ſchienen ein⸗ ander in Staͤrke und Gewandtheit nichts nachzu⸗ geben, waͤhrend der Entſchluß eines Jeden, ſeinen Die Weißkappen III. 26 394 Gegner zu Boden zu ſtrecken, und die Gewalt ihres gegenſeitigen Haſſes ſie eher wie Teufel, als wie Menſchen kaͤmpfen ließ. Du Bois war in ſofern im Vortheil, daß er in vollſtaͤndiger Ruͤſtung ſteckte, waͤhrend d'Anghiens alleinige Wehr in einem Schilde be⸗ ſtand, den er vom Arme eines Sterbenden ge⸗ riſſen hatte, und wozu ſich das vom Buͤrger⸗ meiſter erhaltene Schwert geſellte. Als der Fuͤh⸗ rer der Weißkappen fand, daß er mit dem Schwerte nichts gegen Walter ausrichten konnte, warf er daſſelbe von ſich und griff eine ihm am Boden nahe liegende Keule auf. Walter war barhaupt. Du Bois beſchloß demnach, den Augenblick wahrzunehmen und ſeinem Gegner mit der gewichtigen Waffe das Hirn auszuſchla⸗ gen. In dieſer Kriſis kam der Graf von Flan⸗ dern herzu, und der ungleiche Kampf, in wel⸗ chem ſein Neffe begriffen war, ließ ihn ſeinem Roſſe die Sporen geben und mit ſeiner Lanze aus gutem Bordeaurſtahl gegen du Bois ren⸗ nen. Ein tuͤchtiger Stoß gegen den Arm des Letzteren zwang dieſen, die Keule fallen zu laſſen. —————— 395 Du Bois, der ſich jetzt entwaffnet ſah, dachte nur auf Selbſterhaltung. Er ſaß auf einem der fluchtigſten Roſſe, das jemals geritten ward, und indem er nunmehr auf dieſes Thier ſeine allei⸗ nige Hoffnung ſetzen mußte, bohrte er tief in deſſen Weichen die Sporen ein, daß das Blut danach quoll, ſprengte uͤber die Ebene und entfloh auf dem Heerwege nach Gent, waͤhrend ein Hagel von Pfeilen ihm nachflog, von denen jedoch kein einziger ihn traf*). Verlaſſen von ihrem Fuͤhrer, mußten die Schaa⸗ ren der Weißkaͤppler weichen, und bald ſielen ſie entmuthigt ihren Feinden zum Opfer. Die Verbuͤndeten blieben Sieger bei Roſebecque. De Cliſſon hatte auf der Ebene la Nuitée mit den Seinigen uͤberwunden, waͤhrend Karl der Sechste und Ludwig von Flandern nebſt dem ritterlichen ¹ Es mag dem Leſer zu einiger Genugthuung ge⸗ reichen, wenn er erfaͤhrt, daß dieſer Fuͤhrer der Weiß⸗ kappen nicht lange die Schlacht bei Roſebecque uͤberlebte; er ward bald nachher in einem Verſuche, die ehemaligen Parteigänger wieder auf die Beine zu bringen, erſchlagen. Anm. d. Verf. 26 — Walter d'Anghien ſich zu Herren des feindlichen Lagers und alles Deſſen machten, was daſſelbe enthielt. Die um Pardon fleheten, erhielten den⸗ ſelben, ſo daß Tauſende von Gefangenen den Triumph der Sieger verherrlichten, waͤhrend die Leiber der Verwundeten und Erſchlagenen hau⸗ fenweiſe das Schlachtgefild bedeckten. Nach vollendetem Kampfe umringten Edle und Hoͤflinge den jungen Koͤnig, um ihm ihren Gluͤck⸗ wunſch zu dem Siege und zu ſeiner tapfern, perſoͤnlichen Miterringung deſſelben darzubringen. Es mogten manche Uebertreibungen dabei mit⸗ unterlaufen. De Cliſſon blickte verdrießlich auf die Schmeichler, als er enthelmt da ſtand neben dem Koͤnig und ſich den Schweiß abtrocknete, waͤhrend er in dreiſtem Tone ſagte:„Seine Hoheit hat genug fuͤr ſeine Jahre gethan und dadurch das Verſprechen abgelegt, kuͤnftig mehr thun zu wollen. Erfullt alſo, edle Herren, Sei⸗ ner Majeſtaͤt Kopf nicht mit dem Gedanken, als ſey Koͤnig Karl der Sechste bereits ein vollkom⸗ mener Ritter, denn manches theuer zu erkau⸗ fende Schlachtfeld, manche Erfahrung muͤſſen gewonnen, und mancher tuͤchtige Hieb muß da⸗ von getragen werden, ehe irgend ein Mann, und waͤre er zehnmal ein Koͤnig, ſich mit Wahrheit einen ganz vollkommenen Ritter nennen kann.“ „Was aber unſer Connetable iſt,“ ſagte Karl in der heiterſten Laune von der Welt,„und ihm ſtatten wir unſeren Dank dafuͤr ab, daß wir heut im Stande geweſen ſind, dieſer Weißkappen Frechheit zu erſticken, und den Herrn Ludwig de Male wieder in ſeine Graſſchaft Flandern ein⸗ zuſetzen. Was uns ſelbſt betrifft, ſo haben wir wenig gethan; und Alles wohl erwogen, iſt wohl geringe Ehre dabei, Schelme in den Sand zu ſtrecken.“ „Eure Majeſtaͤt wolle glauben,“ ſagte Herr Simon van Bet, der ſich dem Kreiſe genaͤhert hatte, von welchem der Koͤnig umgeben ward, „daß mindeſtens Ein ritterliches Gemuͤth unter jenen Weißkappen war, welches zu behaupten ich auf meine eigene Ritterehre nehmen will. Van Artaveld, der im Treffen fiel, war ein tapferer Mann.“ „Haben unſere Herolde ſeinen Leichnam un⸗ ter den Todten gefunden?“ fragte Karl.„Wir moͤgten gern in das Antlitz deſſen blicken, der, obwohl Verraͤther und Haͤuptling der Boͤſewich⸗ ter, doch entſchloſſen fuͤr die Sache aushar⸗ rete, der er ſich gewidmet hatte. Hundert Gold⸗ ſtuͤcke Jedem, der uns die Leiche des Erzrebellen ſchafft.“ „Ich kann den Ort nachweiſen, wo der Ge⸗ fallene liegt,“ ſagte Herr Simon;„er befindet ſich auf einem Erdraſen auf dem Mont d'Or. Doch moͤgte ich Eure Majeſtaͤt anflehen, mit dem Andenken van Artaveld's nicht ſo harte Schmaͤ⸗ hung zu verbinden. Was derſelbe that, wiewohl ich nicht ſage, daß er Gerechtes vollfuͤhrte, will ich doch es mit meinem Leben vertreten„ daß er es nicht aus Selbſtſucht, ſondern einzig und allein um der Wohlfahrt Gent's willen that. Er ſtarb in Erfuͤllung deſſen, was er fuͤr ſeine Pflicht hielt; und weil er dies that, moͤgt' ich Euch angefleht haben, wenn Ihr die That ver⸗ dammt, nicht den Beweggrund derſelben zu ſchmaͤ⸗ hen. Der Todte kann keine gegen ihn geſpro⸗ chene Verleumdung widerlegen, und dies ſollte 399 die Lebenden aufſordern, gemaͤßigt in ihrem Tadel uͤber Verſtorbene zu ſeyn.“ „Ihr habt die Dreiſtigkeit Eurer Rede durch heilige Wahrheit gerechtfertigt, rechtſchaffe⸗ ner Mann,“ ſagte der jugendliche Koͤnig;„und ich wuͤnſche, daß Alle, die die Thaten der Herr⸗ ſcher aufzeichnen, einer ſo wackern Richtſchnur folgen moͤgen. Ihr ſeyd ſonder Zweifel van Ar⸗ taveld's Freund—“ „Ich war ſein Mitbuͤrger,“ entgegnete Herr Simon,„und als Buͤrgermeiſter von Gent ge⸗ wiſſermaßen ſein Oberherr; und, mit Eurer Ma⸗ jeſtaͤt Wohlnehmen, als ſolcher mußte ich billig der Freund aller rechtſchaffenen Buͤrger ſeyn, die unter meiner Obhut ſtanden; denn Koͤnige und Ortsvorſteher ſind die Vaͤter ihrer Unterge⸗ benen. Ein Streben, Allen wohlzuthun, ſollte ihres Thuns erſter Grundſatz ſeyn. Und indem ich dies ſage, erinnert es mich daran, Eure Majeſtaͤt als hohen Lehnsherrn dieſes Landes um eine Gnade anzuflehen.“ „Die wir mit Freuden hoͤren wollen,“ ver⸗ ſetzte Karl,„und von der wir glauben, ſie ge⸗ 400 waͤhren zu koͤnnen, da Ihr es ſeyd, der um dieſelbe nachſucht. Mittlerweile ſollen unſere Leute den Leichnam van Artaveld's herbeiſchaffen. Nun, Herr Simon, was iſt Euer Begehr?“ „Gefalle es Eurer Hoheit, mich allein zu ver⸗ nehmen,“ war des Buͤrgermeiſters Antwort, „denn ich habe etwas zu ſagen, was ausſchließ⸗ lich fuͤr das Ohr Eurer Majeſtaͤt beſtimmt iſt.“ Der Koͤnig ſprach eine Zeit lang abſeits mit Herrn Simon, der bald darauf ſich von hinnen begab, jedoch nach kurzer Friſt mit Anna Lyon zuruͤckkehrte, welche ſich mit einem langen ſchwar⸗ zen Schleier verhuͤllt hatte, um in ihrem hol⸗ den Gefuͤhl der Schaam und Beſcheidenheit ſich zu verbergen, als ſie hoͤrte, daß ſie im Bei⸗ ſeyn zahlreichen Gefolges vor den Koͤnig gefuͤhrt werden ſollte. Als Herr Simon ſich dem Mon⸗ archen naͤherte, um demſelben ſeine Pflegetochter vorzuſtellen, vernahm man die Toͤne einer Trauer⸗ muſik, waͤhrend die gedaͤmpfte Heerdrommete ſchaurig darein klang, und Herolde und Gehar⸗ niſchte auf ihren Schilden den Leichnam van Artaveld's daher trugen. Der Leichenzug ward 401 von Walter d'Anghien gefuͤhrt, der, ehe noch der Koͤnig Befehl dazu gegeben hatte, ſich maͤch⸗ tig angeregt fuͤhlte, dem edlen Todten die letzte kriegeriſche Ehre zu erweiſen. Als die Traͤger gemeſſenen Schrittes und ſtummen Mundes, wie der, den ſie trugen, heran⸗ geſchritten waren, ſchien es, als ob die Gerech⸗ tigkeit dieſer frommen Handlung Aller Herzen erſchuͤtterte. Keiner im Lager der Verbuͤndeten dachte daran, daß der Todte ein Feind von ihnen geweſen war. Man erinnerte ſich nur ſeines ritterlichen Muthes, und daß er jetzt leblos da lag. Alle Anweſenden wendeten ſich dem Zuge zu; Aller Augen waren beredt, obwohl Keines Zunge ſprach, und das ringsum herrſchende tiefe Schwei⸗ gen ward nur durch die langgehaltenen Toͤne der Trauermuſik unterbrochen, die zu Ehren des edlen, gefallenen van Artaveld erklang. Karl trat dem Zuge nahe und umarmte Herrn Walter d'Anghien, ſobald er dieſen an der Spitze der Traͤger erblickte. Walter begruͤßte ehrerbietig den jungen Koͤnig und befahl, die Leiche hinzuſtellen. Der Koͤnig, umſtanden von 402 den Anweſenden, beugte ſich uͤber den Todten hin und blickte eine Weile veſt und ſchweigend in deſſen Geſicht; endlich ſprach er:„Das iſt ein trauriger Anblick; Du, ſo brav und ſo edel einſt, wie die Leute ſagen, mußteſt dahinſinken in der Bluͤthe Deiner Tage! Haͤtteſt Du nur die Haͤlfte Deiner glorreichen Eigenſchaften einer beſſeren Sache gewidmet— fuͤrwahr! die Welt wuͤrde Dich hochverehrt haben! Doch ſo wie Du jetzt da liegſt, koͤnnen wir nur wuͤnſchen, daß Du Dein Andenken nicht mit dem Namen eines Verraͤthers befleckt haben moͤgteſt.“ „Nicht alſo, gnaͤdigſter Koͤnig,“ ſagte Herr Simon, der es nochmals wagte, das Andenken ſeines gefallenen Freundes in Schutz zu nehmen. „Van Artaveld verdient einen beſſeren Namen, denn er trachtete niemals danach, ſein Vater⸗ land zu verrathen. Waͤren Andere gleich ihm geweſen, ſo wuͤrde unſer gnaͤdiger Graf von Flandern laͤngſt die gekraͤnkten Buͤrger von Gent befriedigt und in Frieden regiert haben; denn hauptſaͤchlich um der boͤſen Rathſchlaͤge des hin⸗ terliſtigen Gilbert Mattheus willen waren die Genter gegen ihren Landesherrn aufgebracht. Und ſeht, wie dieſer Gilbert das Vertrauen des edlen Grafen belohnte! Bei der erſten Gefahr, die ihm ſelber drohete, verrieth er Herrn Wal⸗ ter d'Anghien in die Haͤnde des gotteslaͤſterlichen du Bois. Ich erfuhr das Alles von dieſer mei⸗ ner Pflegetochter.“ „Wie?“ rief Ludwig de Male,„war Gil⸗ bert Mattheus es, durch den mein Neffe in ſo große Gefahr gerieth?“ „Er war es wirklich,“ lautete Walter's Be⸗ kraͤftigung der Ausſage Simon's,„und ohne die Anſtrengungen des wackern Buͤrgermeiſters und des ritterlichen Koͤnigs, der durch Herrn Simon meine Bedraͤngniß erfuhr, wuͤrde ich der Grau⸗ ſamkeit jenes ſchaͤndlichen du Bois haben erlie⸗ gen muͤſſen.“ „O, mein huldvoller Monarch!“ rief Ludwig de Male, indem er ſein Knie vor dem Koͤnige beugte,„wie ſoll ich Euch danken? Ihr habt mir an dieſem Tage nicht nur meine Rechte an Flandern, ſondern, was mir theurer iſt, auch den Freund zuruͤckgegeben, der mit mir durch Bande des Blutes und der Dankbarkeit verknuͤpft iſt. Unſere Buͤrger von Gent,“ ſetzte er hinzu, indem er ſich erhob,„haben ſeit laͤngſt harte Beſchwer uͤber Gilbert Mattheus gefuͤhrt und gegen die Mißbraͤuche gemurrt, deren er ſich als Zunft⸗ meiſter der Steuerleute ſchuldig machte. So will ich denn an Gilbert Mattheus eine That der Gerechtigkeit uͤben, wodurch ſowohl Gent befrie⸗ digt, wie die Schmach geraͤcht wird, die er uͤber Walter, meinen theuren Neffen, brachte. Das verfluchte Werkzeug der Raͤnke und Suͤnden des entflohenen du Bois, die Hexe Urſula ward be⸗ reits verurtheilt— Gilbert Mattheus ſoll einem Hunde gleich mit der Zauberſchweſter an einen und denſelben Baum gehenkt werden.“ „Das iſt ein vollgerechter Spruch,“ ſagte der Herzog von Burgund;„ich will ſelbſt nach⸗ ſehen, daß er augenblicklich vollzogen werde; denn es wuͤrde Schade ſeyn, den Lauf der Ge⸗ rechtigkeit zu verzoͤgern.“ Burgund verließ ohne weitere Umſtaͤnde den Schauplatz. Gilbert Mattheus war ſowohl ſein Werkzeug, wie das der verſtorbenen Graͤfin von Artois geweſen, und der Herzog, in Beſorgniß, der Zunftmeiſter moͤgte etwas von Beider Raͤnken verrathen, eilte, um ſo bald wie moͤglich ſeinen Liebling zum ewigen Schweigen gebracht zu ſehen. Gilbert ward zu dem in Eile zugerichteten Galgen gefuͤhrt, und unter dem Vorwande ſei⸗ nes Abſcheues vor Gilbert's Verrath an d'An⸗ ghien, wollte der Herr Herzog von Burgund den Verurtheilten keinen Augenblick lang vor deſſen Hinrichtung ſehen und ſprechen, wie fle⸗ hentlich der Zunftmeiſter auch um dieſe Gnade bat. Gilbert Mattheus und Urſula, die Hexe von Gent, wurden gemeinſam an dem Holze ſchmachvollen Todes aufgeknuͤpft. So verenden niedere Werkzeuge der Hinter⸗ liſt und Bosheit, oft als ein Opfer Derer, denen ſie nuͤtzen mußten, und muͤſſen ſich zum ewigen Verſtummen bringen laſſen, ſobald Diejenigen, denen ſie dienten, ihrer ledig ſeyn wollen, waͤh⸗ rend ihre Goͤnner unter der Huͤlle der Gerech— tigkeit auf ſolche Weiſe einen Doppelverrath be⸗ gehen, und zwar erſtens, weil ſie ihre Werkzeuge zu Verbrechern reifen, und zweitens, weil ſie 406 dieſelben hinterdrein verurtheilen laſſen. Im vor⸗ liegenden Falle hatten jedoch auch ohne Burgund und Artois die beiden Hingerichteten den ihnen zuerkannten Tod in Fuͤlle verdient. Als der Burgunderherzog aus der Naͤhe des Koͤnigs entwich, um das gefaͤllte Strafurthel an Gilbert Mattheus und der Hexe Urſula voll⸗ ziehen zu laſſen, ließ er den Monarchen und deſſen Gefolge bei der Leiche van Artaveld's in ſinnender Betrachtung zuruͤck. Olivier de Cliſſon ſchuͤttelte ſein graues Haupt, ein Seufzer ent⸗ ſtahl ſich ſeiner ernſten Mannesbruſt, und er ſagte:„Haͤtte ich doch nimmer gedacht, daß ich jemals einen Feind ſo betrauern wuͤrde! Allein ein edler Sinn und ein muthiges Herz erhei⸗ ſchen Hochachtung, und traͤfe man ſie auch in einem Heiden an. Fahre wohl, Du tapferer, mißverſtandener Mann! Manchen Todten hat de Cliſſon im Felde geſehen; doch keinen unter ſeinen Feinden hat er jemals ſo beklagt wie Dich. — Entfernt den Leichnam,“ fuͤgte der Conne⸗ table hinzu;„denn der Koͤnig iſt erſchuͤttert, und wie edelherzig er ſich auch darin zeigt, und 5, wie wohl ſolches auch ſeiner Jugend ſteht, ſo duͤrfen wir doch die Gerechtigkeit unſerer Sache nicht ſo ſehr aus den Augen ſetzen, daß wir einen Tag des Sieges durch Leidtragen in einen Tag der Bekuͤmmerniß verwandeln.“ „Van Artaveld ſoll ehrenvoll in Gent beſtat⸗ tet werden,“ ſagte Ludwig de Male;„ich grolle ſeinem Andenken nicht.“ „Das heißt wie ein Graf von Flandern ge⸗ ſprochen,“ ließ Herr Simon ſich vernehmen, der ſich die Zaͤhren trocknete, indem er von dem Leichnam ſeines liebſten Buͤrgers wegblickte,„und ich moͤgte bitten, ſo ich es wagen darf, daß, da ich doch ſeit vielen Jahren Oberbuͤrgermei⸗ ſter, auch Zunftaͤlteſter der Goldſchmiede und kein Mann geringen Standes von Gent bin, ich die Beſtattung des Ehrenmannes zu beſorgen haͤtte. Habe ich doch van Artaveld im Leben geliebt, ſo moͤgte ich auch der Vertreter ſeines wackern Rufes nach ſeinem Hinſcheiden ſeyn, und ihn zu der Staͤtte geleiten laſſen, nach welcher ich als ein Greis von Jahren, mich bald fur mich ſelbſt umzuſehen haben werde.“ 408 „Moͤg' Eure Bitte Euch gewaͤhrt ſeyn, wer⸗ ther Herr Simon,“ ſagte der Koͤnig.„Tragt den Leichnam hinweg. Wir aber wollen die⸗ ſen Gedanken der Trauer Valet geben, und bei unſerm Streben, den Todten Ehre zu er⸗ weiſen, nicht unſere Pflicht gegen die Lebenden vergeſſen. Herr Simon, wir gedenken deß, was Ihr uns vorhin ſagtet, und ſehnen uns, das Antlitz der ſchoͤnen Jungfrau zu ſehen, die Ihr um ihrer Tugend willen als Euer eigenes Kind liebt und ſchaͤtzt.“ „Und ſie ſoll mein eigenes und geliebtes Kind ſeyn,“ ſagte Herr Simon,„ſo Annahme an Kindesſtatt und Sorgfalt und Zaͤrtlichkeit ſie dazu zu machen vermoͤgen. Tritt her, Anna, und luͤfte Deinen Schleier.“ Anna naͤherte ſich, zoͤgerte jedoch beſcheident⸗ lich, vor den Koͤnig zu treten. „Nun, nun,“ ſagte Karl, indem er ſelbſt des Maͤdchens Schleier zuruͤckwarf,„fuͤrchtet nichts, ſchoͤne Jungfrau. Schuldloſe moͤgen gar wohl dreiſt weltlichen Koͤnigen nahen, da ſie ſtets unter den Augen des Koͤnigs aller Koͤnige und des Herrn aller Herren wandeln. Wir haben von Euren ſeltenen Verdienſten gehoͤrt. Dieſer Ehrenmann hat uns Alles erzaͤhlt, und uns ver⸗ langt darnach, Euch drob wuͤrdig zu ehren. Auf aͤchtes Ritterwort, Herr Simon!“ fuͤgte der Koͤnig laͤchelnd hinzu:„Ihr verſteht Euch gar fein auf Schoͤnheit der Frauen. Waͤret Ihr nur Ein Jahr juͤnger als Ihr ſeyd, und waͤren wir mehr an die Lanze aus Ernſt gewoͤhnt, Ihr muͤß⸗ tet eine mit mir brechen, um zu erproben, wer von uns ein Angedenken von der Hand der ſchoͤ⸗ nen Anna zu erhalten haͤtte. Doch fuͤrchten wir,“ fuhr der jugendliche Herrſcher fort,„wir wuͤrden, auch wenn wir es gewaͤnnen, doch nicht lange in der Erinnerung dieſer jungen Dame bleiben, da hier Einer zugegen iſt, der das ganze Herz der ſchoͤnen Anna erfuͤllt.“ „Ganz recht, ſo iſt's,“ ſagte Herr van Bet, „und der Eine bin ich.“ Die Hoͤflinge kicherten. „Nun, Ihr Edlen und Ritter,“ meynte Herr Simon,„lacht nur nicht zu zeitig,“ und damit heftete er einen ſtechenden Blick auf B jungen Die Weißkappen III. 410 Geſellen—„mißverſteht nicht einen Greis und deſſen Beweggruͤnde, wenn er offen bekennt, daß er eine junge, ſchoͤne und freundloſe Waiſe von Herzen liebt. Anna, mein Kind, ich habe durch die Natur kein Weſen, das mich Vater nennt, und Du biſt mein Alles. Ich beſitze Reichthuͤmer, das heißt, wenn ſie mir nicht ab⸗ geſprochen werden, weil ich meine Vaterſtadt liebte— und eine noch groͤßere Verlaſſenſchaft ſoll Dir von mir nach dem Hinſcheiden meines betagten Weibes werden; denn dieſer muß es zeitlich wohl gehen, ſo lange ſie lebt, wiewohl ſie nicht von der freundlichſten Gemuͤthsart iſt.— Dann ſoll Dir all mein Eigenthum werden, ſo daß mein gnaͤdiger Graf von Flandern nur dar⸗ ein zu willigen hat, daß Du die Gattin des Herrn Walter d'Anghien werdeſt, um ihm ein Kleinod zu ſeyn, ſo ſtrahlend wie der ſchoͤnſte Demant in einer Koͤnigs⸗ oder Grafenkrone.“ Anna ſtand ſchon laͤngſt tieferroͤthend da. Sie heftete ihren Blick an den Boden, und war ſowohl durch die Wallung ihres Herzens, wie durch die Keckheit ihres Pflegevaters viel zu ſehr —————— —,—— 1ð— v— *——2— N VN———* erſchuͤttert, als daß ſie nur ein einziges Wort haͤtte hervorbringen koͤnnen. „Nun, Herr Graf Ludwig?“ fragte der Koͤ⸗ nig:„Was meynt Ihr? wollen wir an dieſen Sieg ein begluͤckendes Buͤndniß knuͤpfen, und da die Haͤnde vereinigen, wo die Herzen laͤngſt verbuͤndet ſind?“ Ludwig de Male zoͤgerte einen Augenblick, doch nur Einen Augenblick lang; dann naͤherte er ſich Anna Lyon, ergriff ihre Hand, und legte ſie in die ſeines Neffen. „Ich verdanke Eurer Majeſtaͤt,“ ſprach der Graf,„die Wiedergewinnung meines Flanderns, allein dieſem edlen Maͤdchen verdanke ich mehr. Ihr Muth, ihre Beharrlichkeit, ihre Entſchloſſen⸗ heit erhielten mir das Leben. Und was ich ihr hier auch geben moͤgte, es wuͤrde nie mein Dankgefuͤhl aufwaͤgen; drum ſey es zu gerech⸗ ter Wuͤrdigung ihres Verdienſtes geſagt, ihre Schoͤnheit und Tugend ſind uͤberreiche Morgen⸗ gabe fuͤr ſie. Maͤdchen gewoͤhnlichen Schlages beduͤrfen eines Heirathgutes, um empfohlen zu ſeyn; wahres Verdienſt iſt uͤber dergleichen erha⸗ 2* 412 ben. Nimm ſie, Walter, wie ſie iſt, und trachte darnach, ſie zu verdienen.“ Walter d'Anghien, von ſeinen Empfindun⸗ gen bewaͤltigt uͤber die Welt voll Wonnen, die in ſein Herz drang, konnte weder dem Einen, noch dem Andern ſeinen Dank ausſprechen; er blickte nur auf Anna, deren Hand er mit In⸗ nigkeit in der ſeinigen hielt. Wahre Liebe iſt ſtets zart, und Herr Walter liebte zu wahrhaft, um es ertragen zu koͤnnen, Zeugen des Aus⸗ drucks ſeiner theuerſten Herzensempfindung zu haben. Deswegen war er bemuͤht, ſich zu ſam⸗ meln, und ſagte nur mit einer von ſtarker, jedoch entzuͤckender Empfindung bewegten Stimme:„Wie ſollte es mir jemals moͤglich ſeyn, die Dankbar⸗ keit auszuſprechen, die ſo fuͤr Euch, mein gnaͤ⸗ digſter Koͤnig, wie fuͤr Euch, mein edler Oheim, mir die Seele erfuͤllt? Ihr habt mir in dieſer holdeſten aller Jungfrauen das groͤßte Erdengluͤck geſchenkt, und freudiger empfange ich ſie ohne alle Morgengabe, als ich ohne ſie eine Welt von Schaͤtzen empfangen wuͤrde.“ „Ihr ſollt ſie aber nicht ohne Morgengabe ———— —,— 413 empfangen,“ ſagte van Bet.„Nimmer ſoll es heißen, daß das angenommene Kind des Buͤr⸗ germeiſters von Gent pfenniglos vermaͤhlt ward, auch wenn ihr Gatte der Neffe eines Grafen iſt. Ein Kind wie Anna verdient mehr, als Alles, was ich fuͤr ſie thun kann. Der Himmel ſey geprieſen, der mich dieſe Stunde hat erleben laſſen! Ich werde mein armes, verwaiſetes Maͤd⸗ chen an der Hand eines Gatten ſehen, von dem ſie zaͤrtlich geliebt wird— ich kann zufrieden ſterben, denn was bliebe mir noch in der Welt zu thun uͤbrig?“ „Einer Eurer Wuͤnſche ſoll mindeſtens ſofort in Erfuͤllung gehen,“ ſprach der jugendliche Koͤ⸗ nig,„denn wir wollen ſelbſt dieſe ſchoͤne Jung⸗ frau unter das Portal der Kirche leiten, und ſie dort dem ritterlichen Walter d'Anghien zur Ge⸗ mahlin geben*). Was ſagt Ihr dazu, Anna? Redet; geſtattet Ihr's, daß Frankreich Euch zur Trauung fuͤhrt?“ *) Die kirchliche Vermaͤhlungs-Ceremonie ward zur Zeit unſerer Erzaͤhlung unter dem Portal der Kirche voll⸗ zogen. Anm. d. Verf. 414 „Eure Majeſtaͤt,“ verſetzte die Jungfrau,„ehrt mich uͤber mein Verdienſt, denn die Tochter eines ſchlichten genter Buͤrgers darf ſich nicht alſo von einem Monarchen hervorgehoben ſehen. Ich bin Eurer Huld in Demuth unterthaͤnig; allein es gibt zartere und innigere Bande— die der Dankbarkeit. Herr Simon van Bet be⸗ ſchuͤtzte mich, ſorgte fuͤr mich, und ließ mich das Kind ſeines Herzens ſeyn, als ich eine freund⸗ loſe Waiſe war. Er war mir wahrhaftig Va⸗ ter! Meine Dankbarkeit fuͤr ihn kann nur mit meinem Leben enden; und nur von ſeiner Hand moͤgte ich einem Manne uͤbergeben werden. O mein Vater,“ fuhr ſie fort, indem ſie ſich an Herrn Simon wendete,„denn Ihr habt es mich fuͤhlen laſſen, Euch ſo nennen zu muͤſſen— ſeg⸗ net mich vor dem Altare Gottes, wenn ich vor demſelben das heiligſte meiner Geluͤbde ab⸗ lege, indem ich dieſe meine geringe Hand dem Herrn Walter reiche; ſo zweifle ich nicht, daß der Himmel mein Flehen erhoͤren und uns ſo glucklich machen werde, als Euer edles Herz es wuͤnſcht.“ 415 „Dich ſegnen, mein Kind?“ ſagte Herr Si⸗ mon;„ei, ich ſegne Dich in jeder Stunde mei⸗ nes Lebens, denn Du haſt mich, ſo alt ich bin, fuͤhlen laſſen, daß ich noch etwas werth bin, da ich im Stande war, einem ſo holden Geſchoͤpfe, wie Du biſt, Gutes zu erweiſen. Wolle der Himmel mit allen ſeinen Heiligen Dich ſegnen! und ſo uns des gnadigen Koͤnigs Genehmhal⸗ tung wird, will ich ſofort das Amt verwalten, das Seine Majeſtaͤt fuͤr mich hat uͤbernehmen wollen, und Dich von ganzem Herzen zur Kirche geleiten.“ „Mit Freuden werden wir der Feierlichkeit beiwohnen,“ ſagte Koͤnig Karl;„und jetzt, meine Freunde, kommt in mein Zelt, daß wir der Er⸗ friſchung genießen, deren wir nach dieſes Ta⸗ ges Muͤhen beduͤrfen. Wir wollen dort auf das Wohl des jungen Paares den Rundbecher leeren. Herr Walter, ſchreitet voran mit Eurer Verlobten!“ — Groß war die Wonne des Herrn Simon van Bet, als er wenige Tage nach dem Siege bei Roſebecque als Pflegevater Anna zum Portal 416 der Kirche geleitete, um ſie mit dem Herrn Wal⸗ ter d'Anghien vermaͤhlt zu ſehen; allein groͤßer noch war die Wonne des ehrlichen Greiſes, als er etwa nach Jahresfriſt, zwei unter ſeiner be⸗ ſondern Oberauſſicht koſtbar in reichgetriebener Arbeit verfertigte guͤldene Loͤffel, mit der In⸗ ſchrift:„von Simon van Bet, Ritter, Zunftaͤl⸗ teſten der Goldſchmiede und Buͤrgermeiſter von Gent,“ als Pathe des Soͤhnchens und Erben Herrn Walter d'Anghien und deſſen ſchoͤner Ge⸗ mahlin, Anna von Gent, uͤberreichte. ————— S 5 8„ 3 8 — ——