— . S —— — Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Ednard Oftmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ceih und eſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 5————————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3 2— *—„ 3„—„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. eneei Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — — — — 5 — — Mrs. Pray's? Hiſtoriſche Romane. Fuͤnfter Band. Die Weißkappen. Zweiter Theil. In demſelben Verlage iſt ferner erſchienen: Bray, Mrs., de Foix; oder: franzoͤſiſches Leben im vierzehnten Jahrhundert. Ein Zeit⸗ und Sitten⸗Ge⸗ maͤlde. 3 Theile. 8. 4 Thlr. —— der Proteſtant. Ein Nachtſtuͤck aus der Re⸗ gierung der„blutigen“ Koͤnigin Maria. 8. 3 Theile. 4 Thlr. —— Fitz of Fitz⸗Ford. Eine Sage aus Suͤd⸗Eng⸗ land, aus den Zeiten der Koͤnigin Eliſabeth. 3 Theile. 8. 4 Thlr⸗ —— der Talba von Portugal; oder: Schickſale der Ines de Caſtro. Ein Bild aus der Maurenzeit. 3 Theile. 8. 4 Thlr. Ingemann, B. S., Koͤnig Erik und die Geaͤchteten. Ein Zeit⸗ und Sittengemaͤlde aus den letzten Tagen des dreizehnten Jahrhunderts. 3 Theile. 8. 2 Thlr. 16 Gr. Ritter, der finſtere; oder: Die Belagerung Kopen⸗ hagen's unter Friedrich dem Dritten. Ein hiſtori⸗ ſches Phantaſieſtuͤck aus der zweiten Hälfte des ſieb⸗ zehnten Jahrhunderts. 2 Theile. 8. 2 Thlr. Trollope, Mrs., Leben und Sitte in Nordamerika. Nach der vierten Auflage aus dem Engliſchen uͤber⸗ tragen. 3 Theile. Mit 24 Darſtellungen in Stein⸗ druck. 8. 3 Thlr. 16 Gr. Pistorische RBomane der e⸗ Mrs. Anna Eliza Brap. er ile.„Verweg'ner Krieg und trene Liebe Nr. Und ernſte Wahrheit in der Dichtung Schmuck.“ Gray. ng⸗ Nach der zweiten Auflage aus dem Engliſchen uͤbertragen. der 3 Nr. Fuͤnfter Band. gen sr. Die Weißkappen. en⸗ ri⸗ Zweiter Theil. ieb⸗ hlr. ika. er⸗ K iel⸗, in⸗ univerſitaͤts⸗Buchhandlung. 1835. Die Weisskappen; oder: Anna von Gent. Ein Niederlaͤndiſches Gemaͤlde von Mrs. Anna Eliza Pray. „So ſeyd denn tapfer; Euer Hauptmann iſt tapfer, und gelübdet Verbeſſerung.“ „Kein Geld ſoll ſeyn; Alle ſollen auf meine Koſten eſſen und trinken, und ich will ſie Alle in Eine Liverei kleiden, daß ſie einig ſeyn mögen wie Brüder, und mich als ihren Herrn verehren.“ Shakſpeare. Nach der zweiten Auflage aus dem Engliſchen uͤbertragen von Dr. G. N. Bärmann. Zweiter Theil. ——— i e univerſitats⸗Buchhandlung. 1835. Die Weißkappen. Die Weißkappen II. Erstes Capitel. Wir muͤſſen jetzt fur eine Zeit lang die liſtigen Anſtifter des Aufſtandes dem Nachgehen ihrer ſchmachvollen Raͤnke uͤberlaſſen und zu der liebens⸗ wuͤrdigen Tochter Jan Lyon's zuruͤckkehren, da der Verlauf unſerer Erzaͤhlung wohl ſchon laͤn⸗ ger, als der Leſer es vielleicht wuͤnſchen mogte, uns verhinderte, ihrer zu erwaͤhnen. Beſeelt von dem lebendigſten Gefuͤhle kind⸗ licher Pflicht, hatte Anna bisher vergebens ver⸗ ſucht, ihren Vater von ſeinen gefaͤhrlichen Ge⸗ noſſen abzubringen; und jetzt, nachdem ſie bei ihrem juͤngſten peinlichen Geſpraͤche mit ihm ſchier an einem gluͤcklichen Erfolge dieſer Ange⸗ legenheit verzweifelte, hatte ſie andaͤchtiglich der 1* ſich ihrer Seele der Gedanke an Hendrick van Caſſel auf; und mit dieſem Gedanken kam ihr Hoffnung; denn obwohl Hendrick geheimnißvoll in all ſeinem Thun, und wie ſie es ſich geſtehen mußte, auch in ſeinem Charakter war, ſo zeigte er doch ſo viele Freimuͤthigkeit und eine ſo innige Zuneigung in ſeinem Weſen und ſeinen Aus⸗ druͤcken, daß ſie nicht anders konnte, als ihn fur redlichen Herzens halten; ſo daß ſie glaubte, er koͤnnte unter des Himmels Leitung ein Werk⸗ zeug abgeben, ihrem Vater und ſo auch ihr bei⸗ zuſtehen, indem er denſelben den ihn umringen⸗ den Gefahren entriſſe. Das Bangen ihres Ge⸗ muͤths war zu dieſer Stunde ſo groß, daß ſie be⸗ ſchloß, ihren Herzensfreund Hendrick, ſo weit ſich ſolches mit ihrem Ehr- und Pflichtgefuͤhl vertrug, von ihren Angelegenheiten in Kenntniß zu ſetzen. Anna hatte bisher es nimmer gewagt, ihrem Vater ihre außerordentliche Verbindung mit Hen⸗ drick van Caſſel mitzutheilen; ſie war oft ent⸗ ſchloſſen geweſen, ihm die volle Wahrheit zu entdecken, allein ſo oft ſie den Verſuch machte, den Gegenſtand zur Sprache zu bringen, ward 7 ſie von Jan Lyon, der unaufhoͤrlich mit ſeinen gefaͤhrlichen Grubeleien beſchaͤftigt war, entweder fortgeſchickt, oder er befahl ihr auch, zu ſchwei⸗ gen, indem er bemerkte, daß er nicht Zeit hätte, muͤßigem Geſchwätze zuzuhoͤren. So ward das Vertrauen, welches ein ſchuldloſes und ver⸗ ſchaͤmtes Maͤdchen ſo gern in den Buſen eines theuren Verwandten niedergelegt haͤtte, entweder erkaͤltet oder zuruͤckgeſcheucht; und juͤngſther, ſeit ⸗ dem ſcheußlichen Auftritte in der Kammer mitter⸗ ⸗ naͤchtiger Berathung, hatte Anna beſchloſſen, ⸗ jene Mittheilung bis zu geeigneterer Zeit in der ⸗ Hoffnung aufzuſparen, in Hendrick einen Freund ⸗ zu beſitzen, der ihrem Vater in der Noth dienen W h mogte; da ſie fuͤhlte, wie moͤglicher Weiſe die , Stunde bald heranruͤcken wuͤrde, wo, Hendrick ausgenommen, ſelbſt um ihretwillen Keiner die n geringſte Unterſtuͤtzung einem Manne reichen ⸗ wuͤrde, der ſich mit Hochverrath befleckt hatte. ⸗ Bei ihrer letzten Unterredung mit Hendrick hatte u dieſer ſo vertraulich wie jemals davon geſprochen, , ſie ſpaͤterhin von ihrem Vater zur Ehe zu be⸗ gehren, und dennoch mied er fur jetzt noch ſorg⸗ faͤltig allen Umgang mit demſelben, als ob Jan Lyon ſein Todfeind waͤre. Unter dieſen Umſtaͤn⸗ den mag es auffallend ſeyn, daß Anna, welche ſo hohes Zartgefuͤhl beſaß, wuͤnſchen ſollte, mit Hendrick wieder zuſammenzutreffen. Sie wußte, daß ihr Betragen dabei ſich den Vorwurf der Unbeſonnenheit zuziehen duͤrfte, ſelbſt wenn man daſſelbe von der guͤnſtigſten Seite betrachtete; allein die trubſeligen Einzelnheiten ihrer Lage muͤſſen ihr zur Entſchuldigung gereichen. Sie hatte weder Freund noch Rathgeber; ihr Vater uͤber⸗ ließ ſie ihrem eigenen Heil, um ſich zu den Un⸗ wuͤrdigſten in Gent zu geſellenz und auf Hen⸗ drick blickte ſie als auf das einzige menſchliche Weſen, welches in dieſer Troſtloſigkeit ihr wenig⸗ ſtens Mitleid ſchenken koͤnnte. Sie dachte an ſeinen Rath, was zur Rettung ihres Vaters zu thun oder zu wagen ſeyn moͤgte, mit eben der verzweiflungsvollen Hoffnung, welche dem Er⸗ trinken nahe Menſchen fuͤhlen, wenn ſie einen einzigen duͤnnen, ihnen nahe befindlichen Zweig in dem eitlen Trachten erfaſſen, ihrem unver⸗ meidlichen Tode zu entfliehen. In dieſer Geiſtesſtimmung befand ſich Anna, als ſie bemerkte, daß ſie von Jemandem ver⸗ folgt wurde, der ſich, als wollte er nicht erkannt ſeyn, ſorgfaͤltig vermummt hatte; und da ſie kei⸗ nen Augenblick daran zweifelte, daß Hendrick es waͤre, ſchritt ſie langſamer, damit er Zeit ge⸗ winnen moͤgte, ſie einzuholen. Nach wenigen Secunden war Jacques, der getreue Diener ihres Geliebten, ihr zur Seite. Ehrfurchtsvoll richtete er ſeine Botſchaft an ſie mit wenigen Worten aus und beſchwor ſie, ſtatt nach Hauſe zu gehen, ihre Schritte zur Einſiedelei Sanct Johannis zu wenden, die in geringer Entfer⸗ nung von den Mauern der Stadt Gent ſtand; indem ſein Herr ihr Mittheilungen von der groͤßten Wichtigkeit zu machen haͤtte, welche keine Zoͤgerung geſtatteten. Anna verſprach augen⸗ blickliche Erfuͤllung und lenkte ihre Schritte zu dem bemerkten Orte, waͤhrend Jacques zu Hen⸗ drick van Caſſel eilte, um ihm zu melden, daß Anna ſeiner daſelbſt warten wuͤrde. Die Einſiedelei lag inmitten eines kleinen Gehoͤlzes, auf halbem Wege zwiſchen Gent und 10 Schloß Andrighien. Obgleich man die Baͤume des Haines wild wachſen ließ, ſo enthielt der⸗ ſelbe doch mehrere Gaͤnge, die man zu Gunſten der Einwohner, hinſichtlich deren Geſundheits⸗ pflege und Beluſtigung, darin angelegt hatte. Als Anna ſich mit ſchwerem und beſorgtem Her⸗ zen dem Bezirke naͤherte, konnte ſie nicht umhin zu bemerken, wie der Tag an ſich im Einklange mit dem Zuſtande ihres eigenen Gemuͤthes war. Alles ſchien duͤſter und ſchwermuͤthig zu ſeyn; die Wolken hingen ringsum geſenkt am Himmel und verdunkelten das Sonnenlicht, waͤhrend ſie mit dichtem Regenſchauer noch vor dem Unter⸗ gange des Tagsgeſtirns droheten. Kein Menſch begegnete ihr auf ihrem Wege; die Aufregung in der Stadt ſchien die Aufmerkſamkeit aller Bewohner derſelben in Anſpruch genommen zu haben; ſo daß, waͤhrend der zuͤgelloſe Poͤbel in den Gaſſen auf- und abzog, diejenigen, die zum Frieden geneigt waren, ſich auf ihre Wohnungen beſchraͤnkten. Als Anna den Weg einſchlug, der in das Innere des Gehoͤlzes leitete, pfiff und heulte der Wind in traurigen Toͤnen und beduͤnkte ihrer lebhaften Phantaſie die Stimme irgend eines Spukgeiſtes zu ſeyn, der die verlorenen Hoff⸗ nungen und das ungluͤckliche Geſchick bejammerte, wovon ſie ſich begleitet fuͤhlte. Anna naͤherte ſich der kleinen Einſiedelei, die dem heil. Jo⸗ hannes gewidmet war. Es war ein alterthuͤm⸗ liches, jetzt in Truͤmmer zerfallendes, gothiſches Gebaͤude, das oberhalb eines kleinen Quells er⸗ baut worden war, welcher aus einem Felſen her⸗ vorkam, an deſſen grauen und bemooſeten Ruͤcken er mit leiſem Murmeln herabrieſelte und in ein Gewaͤſſer floß, welches, durch ſeine gekruͤmmten Windungen den Hain entlang, bald den Blicken des Wanderers bei der Einſiedelei entſchwand. Dies Gewaͤſſer war von dem Aberglauben durch die Wunderkraft ſeiner Fluth heilig geſprochen worden, indem es hieß, daß dieſelbe alle Krank⸗ heiten heilte, ſobald man ſie mit Glauben und Gebet geziemend, und zumal am Vorabend des St. Johannistages heimſuchte. Vor Zeiten war ein Eremit Prieſter und Huͤter der Quelle ge⸗ weſen; allein waͤhrend der oͤffentlichen Ruhe⸗ ſtoͤrungen zur Zeit des verſtorbenen Jacob van Artaveld war die Zelle in Ruinen zerfallen, ſo daß von ihr nichts mehr als eine broͤckelnde Mauer und die mit Epheu bewachſenen Reſte eines Schwibbogens vorhanden waren. Allein das aus Polz geſchnittene Bildniß des Heiligen, des Schutzpatrons der Quelle, ſtand noch ober⸗ halb derſelben in einer Felshoͤhle und ſchien mit erhobener Hand und geſenktem Angeſichte noch immer die kraͤftig ſtroͤmende Quelle zu ſegnen. Als Anna ſich dieſer geweiheten Stätte naͤherte, die noch immer fuͤr den Schauplatz wunderthaͤtiger Wirkung galt, bemerkte ſie eine glaͤnzende Erſcheinung, wie die eines ſtrahlenden Koͤrpers, der auf der Quelle ſelbſt zu ruhen ſchien. Eine ploͤtzliche Furcht befiel ſie, und trotz aller ihrer Bemuͤhungen, dieſe ihre Em⸗ pfindung zu unterdruͤcken, beſchlich ſie dennoch ein Etwas, das wohl ein aberglaͤubiſches Ban⸗ gen genannt werden mogte. Jedoch als ſie naͤher hinzuging, ward dieſe Ahnung gänzlich vernich⸗ tet, denn Anna erkannte, daß die Erſcheinung von einer natuͤrlichen Urſache herruͤhrte. Die Maſſen dichten Nebels, welche bisher die Sonne verdunkelt hatten, waren theilweiſe durchbrochen worden und hinweggerollt, und ein blendend heller Sonnenſtrahl war ploͤtzlich hervorgeſchoſſen und hatte glaͤnzenden Widerſchein in den Waſſern gefunden, welche huͤpfend und ſpringend aus dem Felſen hervorkamen. Allein ehe noch Anna die Staͤtte ſelbſt erreichte, war der ſo fluchtige wie ſchoͤne Strahl ſchon wieder verſchwunden und der OQuellſtrom floß in ſchwermuͤthigem Halblichte unerleuchtet und eintoͤnig dahin. „Ach,“ ſagte Anna, da der Umſtand fuͤr ein Gemuͤth wie das ihrige ein Gegenſtand der Be⸗ trachtung war,„ach, ich fuͤrchte, jener fluͤchtige Strahl war nur ein Sinnbild meiner Hoffnun⸗ gen; ſie taͤuſchen mich fuͤr eine Weile und laſſen mich dann fuͤr immer den truͤben Gedanken mei⸗ nes eigenen Herzens zum Raube; denn mein Geſchick ſcheint ſo umwoͤlkt zu ſeyn, wie die gegenwaͤrtige Stunde es iſt.“ Sie ſeufzte ſchwer und nahm ihren Sitz auf einem Steingetruͤmmer, indem ſie mit beſorgtem Blicke den kleinen Fußpfad beobachtete, der durch 14 den Hain zum Quell fuͤhrte und jedem Wind⸗ ſtoße horchte, der in den Blaͤttern rauſchte, in⸗ dem ſie Hoffnung hegte, Tritte eines Kommen⸗ den zu vernehmen. Ihrer Erwartung geſchah endlich Genuͤge durch das Erſcheinen eines Mannes, der haſtig heranſchritt; und im naͤch⸗ ſten Augenblick fuͤhlte Anna ſich von den Armen Hendrick's umſchlungen. Er betrachtete ſie mit einem Geſichte, auf welchem ſich die innigſte Liebe mit banger Beſorgniß zu miſchen ſchien, und erſchuͤttert uͤber das blaſſe ſorgenvolle Antlitz Anna's, ſprach er im Tone leidenſchaftlicher Empfindung:„Theuerſte Liebe, das muß nicht ſeyn.— O laß mich Dich von Auftritten ent⸗ fernen, die, wie ich fuͤrchte, Deinen Herzens⸗ frieden vernichten!“ „Ach!“ verſetzte Anna,„mein Frieden wohnt bei meinem Vater, und ich fuͤrchte, ich darf ihn dennoch dort nicht ſuchen.“ „Er iſt eines ſolchen Kindes unwerth,“ rief Hendrick mit ziemlicher Lebhaftigkeit;„doch laß mich Dich retten, Anna.“ „Sprich nicht alſo von ihm,“ ſagte das un⸗ 15 gluckliche Maͤdchen;„ſprich nicht alſo zu mir; bedenke, er iſt mein Vater, und ſo lange ich Leben und Kraͤfte habe, will ich ihn nimmer verlaſſen. Und waͤhne nicht,“ fugte ſie auf eine Weiſe hinzu, durch welche ihre Gefuͤhle beſon⸗ ders deutlich ausgedruͤckt wurden—„waͤhne nicht, daß, weil ich eilte, Dich hier zu treffen, ich deswegen der Pflichten vergeſſen koͤnnte, die ich meinem Vater ſchuldig bin. Nein, Hendrick, vielleicht geſchah es nur ſeinetwillen, nur in der Hoffnung, Du koͤnnteſt ihm nutzlich werden, daß ich es wagte, in ſo fern die Klugheit hintanzu⸗ ſetzen, die ich zu beobachten habe, und jener jungfräulichen Zuruͤckhaltung nicht zu achten, die ſtets die Begleiterin der Unſchuld iſt. Der Abend bricht herein und ich muß heimeilen, be⸗ vor die Thore der Stadt geſchloſſen werden. Sage mir alſo in Kuͤrze, ich beſchwöre Dich, was es Wichtiges iſt, das Du mir mitzutheilen haſt. Bezieht es ſich auf meines Vaters Wohl⸗ fahrt?“ „Das thut es allerdings,“ entgegnete Hen⸗ drick,„allein ich fuͤrchte, Dich zu betruͤben. 16 Dennoch mußt Du es erfahren und zwar noch heute Abend, denn morgen wuͤrde es zu ſpät ſeyn. Von dieſer Nacht allein haͤngt Deines Vaters Heil und auch das Deinige ab. Ich habe die Macht, Euch Beide in Sicherheit zu bringen und ich moͤgte dieſe Macht anwenden.“ „Allgnaͤdiger Himmel!“ rief Anna,„ſprich, ſage mir, was ſich zugetragen hat. Ich fuͤrchtete etwas Entſetzliches, denn mein Vater iſt heute ungewoͤhnlich geſchaͤftig geweſen; dazu ſchien er immer tief in Gedanken zu ſeyn, und noch vor⸗ hin, als ich ihn verließ, war er in geheimer Unterredung mit du Bois eingeſchloſſen.“ „Vielleicht,“ ſagte Hendrick,„hat er einige Kunde von dem erlangt, was ich Dir mittheilen wollte; allein er kann keine Macht haben, ſich der Gefahr ſo ſicher zu entziehen, als ich ihn derſelben zu entreißen vermoͤgte, ſobald er es geſchehen laſſen will; und Deinetwillen wuͤrde ich das eigene Leben hingeben, um das Leben Deines Vaters zu erhalten.“ Bebend von Gemuͤthserſchuͤtterung und un⸗ geduldig, zu vernehmen, was Hendrick ihr ——„—— ——— Schlimmes mitzutheilen haͤtte, ſchlug Anna ihre Haͤnde in einander und flehete den Geliebten an, ihr Alles zu ſagen, ihr Nichts zu verbergen, in⸗ dem ſie ihm verſicherte, daß ſie die Erzählung, ſie moͤgte ſeyn, welche ſie wollte, ſtandhaft an⸗ hoͤren wuͤrde. „Als Philipp van Artaveld,“ ſagte Hendrick, „eine Unterredung mit dem Grafen von Flan⸗ dern hatte, benahm er ſich ſo edel, ſprach mit ſo hohem Muthe und ſolcher Gewandtheit und Maͤßigung, daß er von Ludwig de Male Zu⸗ ſagen erhielt, die dieſer keinem Andern geleiſtet haben wuͤrde. Als Entgegnung auf dieſe Zu⸗ ſagen verlangte der Graf, daß die rebelliſche Rotte die Waffen ſtrecken, ihre weißen Huͤte ab⸗ legen und ihre Haͤuptlinge ſeiner Barmherzigkeit uberliefern ſollte. Jedoch Philipp wollte die Partei, zu der er ſich geſchlagen hatte, nicht verrathen und willigte in dieſe Maaßregel nur, als Ludwig das Verſprechen gab, das Leben jener Ungluͤcklichen ſollte verſchont bleiben; kurz, daß ſie nach empfangener Ermahnung freigelaſſen wuͤrden. Zufrieden mit dieſer Zuſicherung, kehrte Die Weißkappen JI. 2 van Artaveld nach Gent zuruͤck. Allein kaum war er fort, ſo ſtellten die Graͤfin von Artois und Gilbert Mattheus, die die todtlichſten Feinde Deines Vaters ſind, dem Grafen vor, daß Jan Lyon und Peter du Bois in dieſen Vertrag nicht koͤnnten eingeſchloſſen werden, indem ſie abgefeimte Verraͤther waren, denen das Geſetz von Gent Gnade weigern muͤßte; ſo daß alſo das vorſchnell an van Artaveld gegebene Ver⸗ ſprechen, wenn es auch die uͤbrigen Haͤupter der Rebellen ſchutzte, doch nicht auf jene Beiden an⸗ gewendet werden koͤnnte. Und daß Dein Vater, nachdem Ludwigs Gunſt ſich ihm erſt kurzlich durch einen ihm ertheilten Freibrief darthat, den⸗ noch in ſeinen gefährlichen Complotten und ſei⸗ nem verraͤtheriſchen Aufruhr beharrete, ward ihm in ſtarken und bitteren Ausdruͤcken zur Laſt ge⸗ legt. Kurz, die Graͤfin und Gilbert bearbeiteten den Grafen ſo liſtig, daß morgen fruͤh der Ober⸗ ſchoͤffe von Gent, Robert d'Auterme, die Per⸗ ſonen Jan Lyon's und Peter du Bois auf oͤſ⸗ fentlichem Markte fordern und dieſelben als Hoch⸗ verraͤther aufrufen ſollz ſo alſo, meyn“ ich, bleibt r⸗ er 19 geringe Hoffnung, daß ſowohl Margarethe von Artois, wie Gilbert Mattheus jemals dem Gra⸗ fen eher Ruhe laſſen, als bis jene beiden un⸗ gluͤcklichen Maͤnner die Strafe des Geſetzes er⸗ litten haben werden.“ „O heilige Jungfrau!“ rief Anna,„was iſt zu thun? Rette ihn, rette nur meinen Vater, und meine Dankbarkeit, meine Liebe ſollen Dir ewig geweihet ſeyn.“ „In der Hoffnung, ihn zu retten, bin ich hier bei Dir, Anna,“ entgegnete Hendrick.„Erſt aber hoͤre Alles, was ich Dir ſagen will. Da van Artaveld ſonder Zweifel dieſe Maßregel als eine Verletzung des eingegangenen Tractates von Seiten des Grafen anſehen wird, ſo ſteht zu furchten, daß ein ſo muthiger Jungling zu den Waffen greifen und demnach ein allgemeiner Buͤrgerkrieg erfolgen wird. Laß mich alſo, Anna, Dich ebenfalls den Greuelſcenen dieſer Stadt entziehen. Sobald Dein Vater nur in die Flucht willigt, bevor es wieder tagt, ſollt Ihr Beide vor der Gewalt Eurer ſchlimmſten Feinde in Sicherheit gebracht werden; und bald nach ſol⸗ 2* 20 cher Flucht hoffe ich vor Deinem Vater zu er⸗ ſcheinen, und mich nicht laͤnger geheimnißvoll, ſondern als Euer offener und eifriger Freund zu zeigen.“ „Wie? Auf welchem Wege?“ fragte Anna haſtig;„ſprich, ſprich! ſage mir, wie Du mei⸗ nes Vaters Leben retten willſt!“ „Eile zuruͤck nach Gent,“ antwortete Hen⸗ drick;„ſage Deinem Vater Alles, was ich Dir mitgetheilt habe, und dringe in ihn, die Stadt zu verlaſſen, bevor die Thore derſelben zu Nacht geſchloſſen werden; ſage ihm, ſo geheim wie möglich und nur von Dir begleitet zu kommen. Komm hieher zu dieſer Quelle, wo ich um Mit⸗ ternacht mit einigen braven und bewaͤhrten Freun⸗ den, denen ich mein Vorhaben anvertrauen kann, eintreffen werde. Wir fuͤhren Dich dann ſo weit, wie bis Oſtende; dort erwartet ein Schiff meine Befehle, um in See zu gehen und Jeden an Bord zu nehmen, den ich will; denn ich habe auf den Schiffer ſolchen Einfluß, daß ich ſeines Gehorſams gewiß ſeyn kann. Er wird Dich und Deinen Vater nach einem hollaͤndi⸗ ſel vo da zu z na ei⸗ en⸗ ir adt cht wie dit⸗ un⸗ nn, ſo hiff den ich ich ird 21 ſchen Hafen bringen, wo Ihr ſicher vor jeder Gefahr ſo lange verweilen koͤnnt, bis die Zeit in dieſem Lande ſich beſſer geſtaltet. Ich werde Sorge tragen, Euch mit den Mitteln zu ver⸗ ſehen, daß Ihr durchaus nicht die Beſchwerden von Verbhannten zu tragen haben ſollt; und dann, Anna, wird der Tag kommen, an wel⸗ chem ich hoffen darf, Dich dem Frieden zuruͤck⸗ zugeben und Dich von Deinem Vater zur Ehe zu begehren—“ „Edler, großmuͤthiger, theuerſter Hendrick,“ ſagte Anna—„aber ich will Dir jetzt nicht danken, denn alle meine Dankesworte wuͤrden doch nur ſchwacher Ausdruck meiner Gefuͤhle ſeyn. Laß uns unterdeſſen keinen Augenblick in nichtigem Sinnen uͤber die Zukunft verlieren; ich will ſofort meinen Vater aufſuchen, ihm Alles ſagen, was Du mir geſagt haſt, Alles, was Du fuͤr ihn thun willſt; und o! Heinrich, meine Dankbarkeit— nein, warum ſollte ich hehlen, und in ſolchem Augenblicke? warum ſollt' ich erroͤthen, meinem Wohlthater zu ſagen, daß meine Liebe zu ihm erſt mit meinem Tode 22 aufhoͤren kann? Doch,“ fuhr Anna in einem veraͤnderten Tone fort, als bemeiſterte ſich ihrer Seele eine ploͤtzliche Unruhe—„doch fuͤrcht' ich—6— „Was, Anna?“ ſagte Hendrick;„ich habe Dir nichts verſprochen, was ich nicht auszu⸗ fuͤhren vermoͤgte.“ „Ach!“ verſetzte Anna mit einem Tone der Niedergeſchlagenheit—„ich fuͤrchte, mein Va⸗ ter wird nicht einwilligen— wird die ihm durch Dich uns gebotene Sicherheit nicht an⸗ nehmen wollen. Peter du Bois beherrſcht ihn mit unbegrenzter Gewalt; Beide waren geſtern ſo oft beiſammen; ſo viele von dieſen elenden Weißkappen waren verſtohlen in unſerem Hauſe, daß mir bangt, Hendrick, mein Vater moͤgte durch Peter du Bois verleitet werden, ſich auf eigene Hand durch irgend ein ſchreckliches Mittel Sicherheit zu verſchaffen. Ich darf Dich nicht taͤuſchen; vielleicht kommt mein Vater nicht zu dieſer Quelle, wie Du es wuͤnſcheſt.“ „Nun,“ antwortete Hendrick van Caſſel,„faßt er a⸗ m M hn rn ſe, te es rf in 23 er denn wirklich ſolchen verblendeten Entſchluß, ſo komm Du allein, und laß mich Dich den Greueln, den Gefahren entreißen, die Dich um⸗ lauern. Zu irgend einem Kloſter fern von Gent——“ „Nein,“ rief Anna,„nimmer! Nimmer werde ich meinen Vater verlaſſen; und obwohl ich ſeine Schuld nie theilen mag, ſo will ich ihn doch nicht ohne Freund, nicht ohne ehr⸗ lich gemeynten Rathſchlag laſſen, auch wenn er meiner nicht achtet. Ich will ihm nicht entfliehen, um mich davor zu ſchirmen, Theil an ſeiner Strafe oder an ſeinem Geſchick zu nehmen.“ „Guter Gott!“ rief Heinrich—„weißt Du, was Deiner wartet? Denk' an den Graͤfen Ludwig!“ Anna ſchwieg; Heinrich betrachtete ein Weil⸗ chen lang das Maͤdchen und fuͤgte dann mit von Bewegung zitternder Stimme hinzu:„Nun? Wos ſoll ich davon denken? O Anna— kann es einen anderen Grund zu dieſer Weigerung geben, als den einen? Gibt es keinen Grund, 24 der mir fremd waͤre? Koͤnnteſt Du ſo verblen⸗ det ſeyn? Guͤtiger Himmel!“ fuhr er fort, in⸗ dem er ſie wild anblickte,„Du trägſt noch ſein Liebeszeichen an Dir! O Anna, iſt dieſe Kette ein ſchicklicher Schmuck fuͤr einen Buſen, der ſeine Unſchuld bewahren will? Warnte ich Dich nicht gegen ſolches Zeichen der Schande und der Gefahr? Und jetzt— eben jetzt enthuͤllſt Du meinen Blicken dies fluchenswerthe, glaͤnzende Spielwerk?“ „Sey geduldig!“ antwortete Anna mit ſicht⸗ licher Verwirrung;„ich weiß, es iſt ein truͤb⸗ ſeliges Zeichen, doch— was vermogt' ich zu thun? Es iſt nichts; nichts, es—“ „Nichts?“ wiederholte Heinrich:„Iſt ein Liebeszeichen von Ludwig de Male Nichts? So getragen Nichts? Du willſt mich toll machen! Du willſt mich argwoͤhnen laſſen, die Seele in Dir, die ich einſt fur ſo rein und ſchuldlos hielt, ſey nichts beſſer, als der eitle Geiſt, der Tau⸗ ſende Deines Geſchlechtes zu Elend und Ver⸗ derben hinabreißt! Anna, ich mogte Dich lieber von meinem Herzen losreißen, Dich lieber todt zu 5 ein So n! elt, au⸗ er⸗ ber odt 25 zu meinen Fußen ſehen, als denken, daß Du mich ſo verrathen koͤnnteſt! Sage mir alſo aus Barmherzigkeit mit der Angſt, die ich in dieſem Augenblicke fuͤhle, warum dieſes Zeichen, das ich als Ludwigs Geſchenk erkenne, um Deinen Hals haͤngt?“ Anna, bis in ihr innerſtes Gemuͤth durch dieſen ungutigen Argwohn verletzt, und beſturzt uber Hendrick's Heftigkeit, blickte ihn mit einem Ausdrucke des Erſtaunens und der Bekuͤmmer⸗ niß auf ihrem Angeſichte an, und konnte ihm nur verſichern, daß er ihren Beweggrund grau⸗ ſam gemißdeutet und ihre Gefuͤhle durch grund⸗ loſen Verdacht beleidigt haͤtte. Doch ſchwieg ſie uͤber die goldene Kette; ſie konnte nicht leugnen, daß dieſelbe das Zeichen des Grafen war; ſie wurde verlegen, denn ſie fuͤhlte, daß ſowohl ihre Pflicht gegen ihren Vater(da dieſer ſie ge⸗ zwungen hatte, die Bewerbungen Ludwig's nicht gaͤnzlich zuruͤckzuweiſen), wie ihr gegebenes Wort, das Vorgefallene zu verſchweigen, es ihr unter⸗ ſagten, ſolches ſelbſt Hendrick van Caſſel zu entdecken. Und jetzt, mit jedem Wunſch im 26 Buſen, ihren Charakter vor einem jener ploͤtz⸗ lichen Angriffe der Eiferſucht, die ſich ſo heftig und ſo oft im Schooße wahrer Liebe erzeugen, zu ſchutzen, war ſie gezwungen, da zu ſchweigen, wo ein einziges Wort im Stande geweſen waͤre, ſie zu rechtfertigen. Anna wollte ſich zu Ausfluͤchten nicht herab⸗ laſſen, und voll Beſorgniß, einen ſo peinlichen Gegenſtand beruͤhrt zu ſehen, ſprach ſie noch⸗ mals von ihrem Vater, jedoch immer ſo, als zweifelte ſie an ſeiner Annahme der Huͤlfe, welche Hendrick van Caſſel geboten hatte. Der liebende Juͤngling, einigermaßen beſaͤnftigt durch die ernſte, obwohl zaudernde Weiſe, in welcher Anna ſich bemuͤht hatte, ſeinen Verdacht zu be⸗ ſchwichtigen, erfreute ſich an dem Gedanken, daß es vielleicht doch noch irgend einen ſchwachen Strahl von Hoffnung, eine Moͤglichkeit gaͤbe, ihr Vater moͤgte in ſeinen Vorſchlag willigen, wodurch er in den Stand geſetzt werden wuͤrde, Anna aus einem ihrem und ſeinem Frieden ſo gefahrlichen Lande zu entfernen; denn er glaubte weder Anna noch deren Vater ſicher, ſo lange —— — —+— — 27 ſie ſich im Bereiche der Macht des Grafen be⸗ fanden. Der Abend brach ſtark herein und die Lie⸗ benden ſchieden baldz und obgleich ſie dies ohne weitern Vorwurf gegen einander thaten, ſo blieb doch in der Bruſt Beider ein unbefriedigtes Sehnſuchtsgefuͤhl zuruͤck. Hendrick begleitete Anna, bis dieſe in die Nahe des Stadtthores gekom⸗ men war, und als er ſie verließ, erneuerte er feierlich das Verſprechen, ihrer an der Quclle zu harren, im Fall ihr Vater entſchloſſen ſeyn wuͤrde, dem Schickſale zu entgehen, wel⸗ ches ſich ihm bereitete. Anna ſeufzte, als ſie ſagte, daß ſie nur auf den Himmel hoffen koͤnnte, denn ſie furchtete, ihr Vater wuͤrde nicht kommen; wenn er jedoch komme, wuͤrde ſie ihn begleiten. Mit einem klopfenden Herzen und einem von Sorgen und widerſtreitenden Gefuͤhlen zerriſſenen Gemuͤthe eilte Anna durch die Straßen von Gent, um zu ihrem Vater zu gelangen. Wir werden nicht verſuchen, die Angſt zu beſchreiben, die ſie fuͤhlte, als ſie an ihre Wohnung kam und erfuhr, Jan Lyon habe das Haus mit Peter du Bois verlaſſen. Vergebens verſuchte ſie es, ihren Vater aufzufinden. Die verſchiede⸗ nen Thurmuhren von Gent verkuͤndeten die Stunde der Mitternacht, ohne daß Jan Lyon heimgekehrt war. Zweites Capitel. Durch die Thaͤtigkeit Jan Lyon's und deſſen Neffen war Alles zu Ausfuͤhrung ihrer Plaͤne angeordnet worden. Geld war da ausgetheilt worden, wo man es fuͤr noͤthig gefunden hatte; und alle Haͤupter der Weißkappen hatten die noͤthige Weiſung erhalten, daß ihnen, ſo wie Jan Lyon und Peter du Bois, das Leben nicht geſichert waͤre, ſobald ſie ſich nicht den Forde⸗ rungen widerſetzen wuͤrden, die der Graf von Flandern gemacht hatte. Am folgenden Morgen befand Jan Lyon ſich an der Spitze einer anſehnlichen Zahl von Re⸗ bellen, waͤhrend Peter du Bois mit einigen zu⸗ verlaͤſſigen Anhaͤngern, die mit im Geheimniſſe 30 waren, zu fruͤher Stunde auszog, um Herrn Simon van Bet zu treffen; veſt entſchloſſen, denſelben zu hindern, ſich, wie er es beabſich⸗ tigte, dem Volke zu zeigen, weil man noch immer ſeine vermeyntliche Gefangenſchaft als Vorwand zum Mißvergnuͤgen gegen den Grafen benutzen wollte. Herr Simon, der ſo eben ſeiner Haft ent⸗ laſſen worden war, trug deutlich an ſeiner ver⸗ wandelten Perſon die Spuren ſeiner Gefangen⸗ ſchaft, obwohl man ihn gut behandelt hatte. Der Gedanke an ſeine verletzte Wuͤrde, an den geringen Werth, den man auf ſeine Wichtigkeit legte, hatte ihm am Herzen genagt und ſeine Geſundheit angegriffen. Abgemagert und von wehvollem Aeußeren, konnte er einem wohlge⸗ futterten Hofhunde verglichen werden, der ſeinem Herrn geſtohlen worden und jetzt den Klauen des Diebes entronnen war, bei dem ſein Ruͤcken mit dem Stocke und ſein Magen mit dem Hun⸗ ger hatte genaue Bekanntſchaft machen muͤſſen. Ungeachtet des Mißgeſchickes, das Herr van Bet erlitten hatte, war weder die Gutherzigkeit, —— e — 31 noch die Wichtigthuerei des kleinen Goldſchmiedes von ihm gewichen, und er troͤſtete ſich uber die erlittene Unbill mit dem Gedanken an das Ge⸗ wuͤhl und Aufſehen bei ſeinem oͤffentlichen Ein⸗ zuge nach erlittener Kerkerhaſt. Das Geſchrei des Volkes, die Begruͤßungen der Freunde, ſeine Anrede an die Buͤrger, ſeine triumphirende Ruͤck⸗ kehr in ſein Haus— dies Alles und mehr noch waren Dinge von ſo hoher, bezuͤglicher Wichtig⸗ keit, daß die Erwartung derſelben beinahe alle die Leiden aufwog, die der wuͤrdige Buͤrger⸗ meiſter in ſeinem Verließe hatte erdulden muͤſſen. Mit einem komiſchen Ausdrucke von Nieder⸗ geſchlagenheit und Entzucken, die ſich mit ein⸗ ander miſchten, traf er alſo auf ſeinen Freund Peter du Bois, der verſprochen hatte, den Herrn Simon mit aller demſelben gebuͤhrenden Hoch⸗ ſchätzung auf den Markt in Gent zu geleiten. Der Goldſchmied beklagte ſich erſt uͤber erlittene Schmach, und verweilte dann wieder bei der Freude und der Bewegung, die durch ſeine Ruͤck⸗ kehr nach Gent ſtattfinden wuͤrden; dann kam er wieder auf ſeine Bedranger zuruͤck.„Nein, Peter,“ ſagte Herr Simon, als ſie den Thoren von Gent naͤher kamen,„nimmer noch ward ein Mann in meiner Stellung, der das Ruder eines ſolchen Handelsſchiffes, wie dieſe Stadt iſt, in Haͤnden hielt, ſchmählicher mißhandelt! In's Gefängniß geworfen, wie ein gemeiner Buͤrger, ohne Reſpect vor der Perſon, ohne alle Ruͤck⸗ ſicht! Und ich, der ich den Vorſitz im Stadt⸗ hauſe zu Gent inne hatte als Ritter, als Alt⸗ meiſter der Goldſchmiede und als Buͤrgermeiſter, und das ſeit laͤnger denn zwanzig Jahren— ich werde in meinen alten Tagen zwiſchen eiſern vergitterten Fenſtern und doppelt verſchloſſenen Thuͤren eingeſperrt! Iſt das nicht genug, mich toll zu machen, ſobald ich daran denke? Solch Ereigniß in dem Leben eines Mannes iſt eine groͤßere Verletzung, denn Alles, was mit den Creaturen in der Schoͤpfung vorgenommen wer⸗ den kann; aͤrger als wenn man Meſſingfeilſpäne mit reinem Golde im Schmelztiegel miſcht! Aber wie ſoll mein erſtes Erſcheinen vor den Buͤrgern beſchaffen ſeyn, Peter? Daran denket! Sinnt einen Weg aus, guter Freund, der etwas Auf⸗ ren ein nes in ns ger, ck⸗ dt⸗ Alt⸗ ter, ern nen ich lch ine den er⸗ ine ber ern mt uf⸗ 33 fallendes mit ſich fuͤhrt; ſo etwas, das zu mei⸗ nem Stande paßt und der Gelegenheit meiner Ruͤckkehr entſpricht; etwas, das nicht fehlen kann, dem ſinkenden Muthe dieſer Stadt auf⸗ zuhelfen.“ „Ich habe bereits daruͤber nachgedacht,“ ſagte du Bois;„Ihr muͤßt erſt in Geheim mit in mein Haus kommen und dann——“ „Und die Schufte, die Mattheus,“ fuhr Herr Simon fort,„der Gilbert und alle ſeine Bruͤder, ſie ſollen erfahren, wen ſie zu beleidi⸗ gen gewagt haben, und wer ich bin, und was ich bin! Nun, ſagt an, Peter! Mein öffentliches Erſcheinen— meine Rede! Daran laßt uns denken; laßt uns ſinnen, wie ſich das am beßten anſtellt. Kluͤgelt die uͤberraſchendſte Weiſe aus. Etwa:„„Vielwerthe Mitbuͤrger““— Nein, „„Vielwerthe Buͤrger““— denn ich rede die Nenge an, und„„Mitbuͤrger““ ſind eigentlich fuͤr mich nur die uͤbrigen Buͤrgermeiſter der Stadt.— Alſo„„Vielwerthe Buͤrger““—“ „Still!“ ſagte Peter du Bois,„die Wach⸗ ter auf der Stadtmauer hoͤren Euch ja und Die Weißkappen II. 3 Ihr muͤßt die Wirkung Eurer Rede nicht da⸗ durch, daß Ihr ſie zu fruh herſagt, ſchwaͤchen. Jetzt, Herr Simon, gebt Euch ruhig und hoͤrt mich. Ihr ſollt in Geheim, ſag' ich, in mein Haus gehen. Dort wartet Ihr ſo zuruͤckgezogen, wie moͤglich, bis ich zu ſchicklicher Zeit Euch abhole und Euch auf den Markt vor alle dort verſammelten Buͤrger fuͤhre, wo das Jubelge⸗ ſchrei, womit ſie Euch empfangen werden„die alten Stadtmauern ſoll erklingen laſſen. Jetzt aber zieht Eure Schirmkappe tief uber Euer Geſicht und ſeyd ſo viel wie moͤglich bemuͤht, zu ſchweigen; denn wir ſind im Begriff, durch das Thor zu ſchreiten, und der edle, ſo eben erſt von Ecelo zuruͤckgekehrte Gefangene darf nicht eher wahrgenommen werden, als bis er ſich in gehoͤrigem Staate vor Tauſenden zeigt, die ihn begruͤßen.“ Auf dieſe Weiſe und zu ſehr fruher Morgen⸗ ſtunde ward der einfaͤltige Herr Simon van Bet heimlich nach Gent zuruckgebracht. Und als er nun mit gehoͤriger Vorſicht von Seiten du Bois in deſſen Haus gefuͤhrt worden war, da⸗ en. oͤrt ein en, ort ge⸗ die etzt Uer s rſt cht hn n⸗ an nd en 35 leitete dieſer ihn in eins der abgelegenſten Ge⸗ maͤcher deſſelben, verließ es, ſchloß ab, ſtellte einen Waͤchter draußen vor die Thuͤr und machte ſich auf den Weg zu Jan Lyon und deſſen Schaar, waͤhrend Herr Simon ſich außer Athem ſchrie, manche Drohungen wegen dieſer neuen Verhaftung einfließen und uͤberlaute Beſchwoͤrun⸗ gen ihn auszulaſſen erſchallen ließ.— Und hier muͤſſen wir ihn ſeinen Unwillen wiederkaͤuen laſſen, waͤhrend wir uns zu den Weißkappen und den Begebenheiten dieſes denkwuͤrdigen Ta⸗ ges wenden. Es war etwa neun Uhr des Morgens, als Herr Robert d'Auterme, der Oberſchoͤffe von Gent, auf einem Kriegsroſſe, das Wappenpanier des Grafen von Flandern in der Hand, von Gilbert Mattheus, deſſen Bruͤdern und einer Schaar Geharniſchter begleitet, zu den Thoren von Gent einritt. Der Oberſchoͤffe lenkte ſeinen Gaul nach dem Kornmarkte, wo ſchon eine große Menge Volkes verſammelt war; hhier nahm er ſeinen Stand auf der Mitte des Platzes, hielt das Banner hoch empor und ließ 3* 36 durch die Trompeter die Kundmachung einleiten, die er vorzutragen hatte. Zwei Trompeter, die an ihrem Inſtrumente das Stadtwappen, den dunkeln Loͤwen mit gul⸗ dener Zunge, haͤngen hatten, ritten zu beiden Seiten des Oberſchoͤffen heran. Dreimal er⸗ ſcholl ihr langgehaltener Ruf; doch kein Freu⸗ dengeſchrei, kein Beifallklatſchen des Volkes be⸗ gruͤßte dieſe Ankuͤndigung, daß der Oberſchoffe gekommen waͤre, irgend einen Befehl des Re⸗ gierenden kund zu machen. Das Schweigen der umher befindlichen Menge ſchien eher auf Murr⸗ ſinn als auf Gehorſam zu deuten, und auf den Geſichtern aller Anweſenden malten Zweifel, Arg⸗ wohn und Beſorgniß ſich mit den deutlichſten Zuͤgen. Eine dumpfe Erwartung von etwas Schrecklichem, jedoch Entſchiedenem, ſchien das Gemuͤth jedes Einzelnen zu bewegen. Der Ober⸗ ſchoͤffe blickte voll Erſtaunen umher; das Ge⸗ ſicht der Bruͤder Mattheus laͤnge te ſich, wäh⸗ rend Gilbert mit der Hand unter den Mantel fuhr und ſie veſt an den Griff ſeines Dolches legte. 37 Stephan Mattheus nahte ſich dem Ober⸗ ſchoͤffen und fluſterte ihm zu:„Mir gefaͤllt heute fruh die Stimmung des gemeinen Volkes nicht; Alle ſehen uns ſo finſter an. Thaͤten wir nicht beſſer, heimzukehren und ſtärkere Mannſchaft mit⸗ zubringen, bevor wir in dieſem Geſchäfte weiter ſchreiten? Die Buͤrger haben uns kalt aufgenom⸗ men und ſehen mir gar nicht darnach aus, als ob unſer Thun ihnen gefallen werde. Laßt uns nach Andrighien zuruͤckkehren.“ „Nein,“ verſetzte Robert d'Auterme,„ich bin hier, um meine Pflicht zu thun, und ich will kein Haarbreit von ihr weichen. Laßt nochmals die Trompeten erſchallen; ich rufe dann die Kundmachung aus.“ Und nochmals erklangen die Trompeten, allein kaum hatten ſie aufgehoͤrt, ſo erhob ſich ein Murmeln unter dem Volke, das am andern Ende des Marktes in Bewegung war, und wie es ſchien, einem heranziehenden Trupp Raum gab. Robert d'Auterme bemerkte den Rumor, jedoch entſchloſſen zu Ausuͤbung ſeiner Pflicht, ſtreckte er ſeinen rechten Arm aus, erhob hoch 38 uͤber ſein Haupt das Panier des regierenden Grafen und rief mit gebietender Stimme:„Ihr Buͤrger und Mannen von Gent, ich bin hier, um die Perſon Eures Herrn und Gebieters vor⸗ zuſtellen. Meine Worte kuͤnden ſeinen Befehl; habt Acht alſo auf das Geheiß des Grafen von Flandern und gehorcht demſelben. Ludwig, Euer gnaͤdigſter Fuͤrſt, hat großmuͤthig all Euern Wuͤnſchen genuͤgt, Euer Mitbuͤrger iſt freige⸗ laſſen worden—“ „Das iſt falſch, grundfalſch!“ murrten meh⸗ rere Stimmen unter der Menge. Der Oberſchoͤffe gebot Stille, und zwar in jenem Tone der Veſtigkeit, der ſelten verfehlt, auf unentſchloſſene Volksſeelen Eindruck zu machen. Man ließ ihn fortfahren. „Ich wiederhol' es,“ ſprach Robert d'Au⸗ terme weiter,„daß Euer Herr großmuͤthig all⸗ Euren Forderungen willfahrte, daß Eure Frei⸗ heiten Euch zuruͤckgegeben werden ſollen und daß der Graf ſowohl der Freund, wie der Beherr⸗ ſcher ſeiner Buͤrger in ſeiner guten Stadt Gent iſt. Zu Vergeltung dieſer allergnadigſten Be⸗ — hr er, r⸗ ; on er rn e⸗ in lt, zu — 1 — — t 39 willigung verlangt er nur, daß Ihr zum Zeichen Eurer Liebe und Eures Gehorſams dieſe fluchens⸗ werthen weißen Kremphuͤte ablegt, indem die⸗ ſelben dem Zuſtande Flanderns nichts Gutes verheißen koͤnnen, weil ſie als Kennzeichen des Hochverrathes aufgeſetzt wurden. Des Ferneren iſt des Grafen Verlangen, daß ihm Jan Lyon und Peter du Bois, als Haͤupter und Uranſtif⸗ ter dieſer Empoͤrung, ausgeliefert werden, um ſie den Gerichten zu uͤberantworten. Im Namen des Grafen Ludwig de Male rufe ich dieſe Bei⸗ den als Hochverraͤther aus und werde ſie, kraft der Gewalt, die dieſes Banner als Zeichen mei⸗ nes Dienſtamtes mir geſtattet, in Verhaft neh⸗ men. Folgt mir, Ihr Maͤnner,“ ſagte der Ober⸗ ſchoͤffe zu ſeinen Geharniſchten,„folgt mir und thut Eure Pflicht.“ Waͤhrend Robert d'Auterme die letzteren Worte an die Mannſchaft richtete, die er be⸗ fehligte, ſchickte er ſich zum Vorruͤcken anz allein plotzlich brach unter demjenigen Theile des Vol⸗ kes, das am entgegengeſetzten Ende des Marktes ſtand, ein lautes Geſchrei aus; im naͤchſten Augenblicke vernahm man Waffengeklirr, und der Ruf:„Gent! Gent! Die Weißkappen! die Weißkappen!“ erſcholl aus tauſend Kehlen. Der Markt ward ein Schauplatz des Frevels, des Tumults und der Verwirrung. Waffen glaͤnzten ringsum, Schwerter wurden geſchwungen, Dolche wurden gezuͤckt. Etliche ſchrieen vor Angſt, An⸗ dere zum Laͤrm. Viele entflohen und Verſchie⸗ dene fielen im Gedraͤnge, in Folge ihrer eigenen Heftigkeit, womit ſie einen Zufluchtsort ſuchten. Jan Lyon aber und Peter du Bois, die den gunſtigen Augenblick wahrnahmen, ſtuͤrzten an der Spitze einer Rotte von vierhundert Weiß⸗ kappen vor, drangen bis zur Mitte des Platzes und ließen die Mauern der Stadt von dem Rufe erdroͤhnen:„Gent! Gent! Die Weißkappen! die Weißkappen. Nieder mit dem Banner! Schlagt die Mattheus todt! Reißt den Schoͤffen vom Gaule!“ Inmitten dieſer Verwirrung und ehe noch Jan Lyon mit ſeinen Begleitern die Mitte des Marktes hatte erreichen koͤnnen, erkannte Gilbert Mattheus, voll Unruhe und ohne alle Mittel 41 zum Widerſtande, daß Alles gegen ihn und ſeine Maßregeln im Aufruhr war. Er beſchloß des⸗ halb, den Oberſchoͤffen ſeinem Schickſale zu uͤber⸗ laſſen. Mit kaltblutiger Klugheit, die der Seele eines Feiglings wuͤrdig war, gab er ſeinen Bruͤdern ein Zeichen, worauf er mit dieſen unter der Bedeckung einiger Geharniſchten ſich hurtig aus dem Staube machte. Die Uebrigen der Reiter folgten dem ihnen gegebenen Beiſpiele und flohen nach allen Richtungen hin, indem ſie dem ritterlichen Robert d'Auterme es allein uberließen, dem Sturme zu trotzen. Der Oberſchoͤffe, der die ihn umringende Gefahr erkannte, jedoch Flucht wie Furcht fern von ſich hielt, ſtand veſt inmitten eines grimmen und grauſamen Volksgewuhls, ſchwenkte noch immer hoch das Banner Ludwig de Male's und weigerte ſich, daſſelbe herauszugeben, obwohl der Pobel ihm befahl, ſolches bei Gefahr ſeines Lebens zu thun. D'Auterme war jetzt voͤllig umringt. Etliche hielten ihre Schwerterſpitzen gegen ſeine Bruſt, als wollten ſie ihn augen⸗ licklich niederſtoßen. Der Oberſchoͤffe blickte ſie jedoch unwillig an und weigerte ſich fortwaͤhrend, das Panier ſeines Amtes zu ſenken. Waͤhrend d'Auterme ſo entſchloſſen und wehr⸗ los, mit eben ſo edlem, wie gebieteriſchem Antlitze daſtand und ſeinem Heldenmuthe einen Geſichts⸗ ausdruck entlehnte, der erhaben haͤtte genannt werden moͤgen, glich er dem koͤniglichen Loͤwen, der von den Jaͤgern umſtellt, von bellenden Hunden umringt, und tauſendfachen Tod auf ſich eindringen ſieht, dennoch furchtbar gegen ſeine Feinde anſtuͤrmt und, ſelbſt im Fallen noch majeſtaͤtiſch, ſein Leben nur zum Entſetzen ſeiner Bedraͤnger hingibt. So ſah der edle Robert d'Auterme aus, als er nochmals das Banner ſchwang, die ergrimmte Menge in's Auge faßte und ausrief:„Indem ich dies Panier halte, vertrete ich die Stelle Eures Herrn und Gebieters und deswegen heiſch' ich Gehorſam von Euch. Streckt Eure Waffen und Euch ſoll Gnade werden; und ſo Ihr eines Vermittlers bei dem Grafen beduͤrft, ſo folgt mir unbewaffnet. Ich will bei Ludwig fuͤr ſeine reuigen Buͤrger, nicht aber fuͤr offenkundige 43 Verraͤther das Wort fuͤhren. So kommt, ich fuhre Euch; folgt mir zu den Fuͤßen Eures Fuͤrſten!“ „Zu dem Fürſten der Hoͤlle!“ ſchrie du Bois, welcher, begleitet von etlichen der Raſend⸗ ſten unter dem Poͤbel, der die Schaar der Weißkappen bildete, hervorſturzte, Robert d'Au⸗ terme vom Pferde riß und ihm ohne weiteres Wort den Todesſtoß verſetzte. Der edle Geiſt des Schoͤffen war in die Welt der Geiſter ent⸗ flohen; ſein blutender Leichnam lag am Boden, hingeſtreckt von mehr denn zwanzig Wunden, die die Haͤnde der Rebellen ihm verſetzt hatten, und der Dolch Peter du Bois ſteckte noch in ſeinem Herzen, in dem Lebensſitze alles deſſen, was edel war und jetzt im Tode die Scheide einer Meuchlerwaffe abgeben mußte! Sogar die Moͤrder und deren Genoſſen ſchienen uͤber ihre eigene verwegene That von Schauder ergriffen zu ſeyn, und als wollten ſie die entſetzlichen Gefuͤhle, die ſie erregt hatten, in Verwirrung bringen, ſtießen ſie, indem ſie die von dem Blute des unſchuldigen Mannes dampfenden 44 Haͤnde emporſtreckten, mit wilden und ſtieren Blicken verworrenes Geſchrei aus, kreiſchten Worte der Luͤge und des Hochverrathes, und trachteten darnach, gleichen Grad von Grauſam⸗ keit und Raſerei in Denen zu erzeugen, die ſtumm vor Entſetzen gaffend umherſtanden. In dieſem Augenblicke hoͤrte man aus der Menge heraus ein fuͤrchterliches und widernatur⸗ liches Gekreiſch des Jubels, dem augenblicklich ein Gelaͤchter folgte— ſolch ein Gelaͤchter, wie man es ſich vom Satan vorſtellen mag, wenn er die vollfuͤhrte That eines Moͤrders bejauchzt. Urſula, mit Augen, die von Raſerei und teuf⸗ liſcher Bosheit blitzten, ſtuͤrzte hervor, beugte ſich uͤber den Leichnam des erſchlagenen Schoͤf⸗ fen, riß den Dolch aus der Herzenswunde deſ⸗ ſelben, ſchwang ihn hoch in der Hand, ergriff dann das Panier des Grafen, trat es zu Boden und rief:„So muͤſſen alle Feinde von Gent umkommen; ſo muß Ludwig fallen, mit Schande bedeckt, wie dies Banner ſeines verfluchten Hau⸗ ſes! So ſterbe jeder Tyrann! Das Panier iſt gefallen; die Weißkappen koͤnnen jubeln; das — Panier liegt zu meinen Fuͤßen, und mein Arm ſoll die Weißkappen zum Siege fuͤhren! Und dieſer Dolch,“ fuhr die ſcheußliche Zauber⸗ ſchweſter in dem herkoͤmmlichen ſchwaͤrmeriſchen Tone vermeynten Prophezeihens fort—„dieſer Dolch, der das erſte Blut Eurer Widerſacher fließen machte, ſoll fuͤr Tauſende ein Beiſpiel ſeyn! Folgt mir an's Werk; Buͤrger von Gent, ſchafft Euch Euer Recht! Laßt Tod und Gluth, Verderben und Sieg erlittene Schmach raͤchen und Eure Freiheit beſtaͤtigen! Ich bin es, die ſolches gebietet; ich bin es, die es aufruft! Und dieſem elenden Leichnam,“ ſetzte ſie hinzu, indem ſie den Körper des tapfern Robert dAuterme mit Fuͤßen ſtieß—„mag das Fleiſch von Hun⸗ den und Raben abgenagt werden, denn er iſt nicht werth, den Moderwuͤrmern zur Atzung zu dienen!“ Die Wuth des Poͤbels war bis zum hoͤchſten Grade wahnſinniger Aufregung geſtiegen; und urſula, obwohl von Allen gehaßt, jedoch auch von Allen gefuͤrchtet, ſchien in dieſem Augen⸗ blicke wie unter unmittelbarer Eingebung ſatani⸗ —= ſcher Kraͤfte auf die erhitzte Einbildungskraft der Menge zu wirken. Das Volk eilte, ihren Be⸗ fehlen Folge zu leiſten, und Verwirrung, Frevel und Grauſamkeit waren von Neuem losgelaſſen, als die Menge dazu ſchritt, den Leichnam des ermordeten Oberſchoͤffen zu mißhandeln. Urſula ſchauete die Wirkungen ihrer hölliſchen Kunſt. Ein grinſendes Lacheln zuckte durch ihre duͤſtern und graͤßlichen Geſichtszuͤge. Sie zeigte mit ihrem Finger auf das zerriſſene Banner und entwich vom Platze. Kaum hatte ſie dies gethan, ſo ſchien ein zweiter Tumult ſich am Ende des Marktes zu erheben, und eine Schaar von Juͤnglingen, alle mit dem weißen Kremphute bedeckt, mit Philipp van Artaveld, dem Einzigen unter ihnen, der baarhaupt ging, an der Spitze, ſtuͤrzten, das Schwert in der Hand, der Stätte zu, wo die ſchauerliche Mordthat vor Kurzem begangen wor⸗ den war. Der erſte Gegenſtand, auf welchen Philipp's Blick fiel, war Jan Lyon, der ſtumm und regungslos, wie von Grauſen uͤbermannt und von den Foltern der Reue uͤber das Gelin⸗ gen ſeines Entwurfes gemartert, daſtand. Peter du Bois war nicht fern von ihm, und ſtarrte mit dem verhaͤrteten und unveraͤnderten Antlitz der Kuͤhnheit und Entſchloſſenheit den blutigen Auftritt an. Ein Weilchen lang betrachtete van Artaveld den lebloſen Koͤrper.„Barmherziger Gott!“ rief er dann,„was habt Ihr hier angerichtet? Ihr habt einen wackern Mann erſchlagen, den ihr in Ausuͤbung ſeiner Pflicht fandet, und miß⸗ handelt jetzt ſeine Leiche! Unterſtuͤtzt von der Schaar ſeiner Bogenmaͤnner, drang Philipp jetzt auf die Niedertraͤchtigen ein, die ſich des todten Koͤrpers bemaͤchtigt hatten und denſelben ſchmach⸗ voll bei den Ferſen uͤber das Gaſſenpflaſter des Marktes ſchleppten. „Legt den Leichnam hin,“ ſagte van Arta⸗ veld im Befehltone;„ich gebiete hier, und ſchwoͤre bei Allem, was der Himmel Heiliges hat, daß ich dem Erſten, der es wagen wird, mir unge⸗ horſam zu ſeyn,„dies Spen dunch die Bruſt ſtoße!“ Das Erſcheinen des riterlichen Philipp wirkte 48 wie mit Zaubergewalt auf die Keckheit dieſer Boͤſewichte. Schon der bloße Name van Arta⸗ veld ſtand im hoͤchſten Anſehen; er vermogte die roheſten Leidenſchaften in Gent zu baͤndigen; und Philipp, im Allgemeinen von den Buͤrgern geliebt, fand es leichte Muͤhe, die Zuͤgelloſen in Schranken zu weiſen, da er gewiß ſeyn konnte, von der groͤßeren Maſſe des Volkes in ſeinen Maßregeln unterſtutzt zu werden. So entſtand ſelbſt inmitten dieſes Aufruhrs von Tumult und Verbrechen eine augenblickliche Pauſe, ja ſogar eine augenblickliche Stille. Phi⸗ lipp deckte ſeinen eigenen Mantel uͤber den Leich⸗ nam, nachdem die Frevler, die denſelben miß⸗ handelt hatten, vor ſeinen Drohworten zuruͤck⸗ gewichen waren. Dann entſendete van Artaveld etliche von ſeiner Schaar, um den Beiſtand der Moͤnche des Minoritenkloſters zu Gent aufzu⸗ fordern, damit der Leichnam in geweiheten Bo⸗ den gelegt werden moͤgte. Als dieſer Befehl von ihm gegeben worden war, fragte er nochmals nach den Beweggruͤnden, die ſolche ſcheußliche und beklagenswerthe That herbeigefuͤhrt haͤtten. 49 Jan Lyon machte ihn mit den Hauptum⸗ ſtaͤnden bekannt, und ſtrich gewaltig den Trac⸗ tatbruch des Grafen heraus, weil dieſer ſein und Peter du Bois Leben verlangt haͤtte. Philipp hoͤrte aufmerkſam zu, allein kaum hatte er den letzteren Umſtand vernommen, ſo ergluͤhete er von ploͤtzlichem Verdruſſe, ſein Auge ſchien den Zorn und die Gluth ſeiner Seele auszuſpruͤhen, und ſeine Hand fuhr an ſeinen Schwertgriff; doch indem er auf den Leichnam niederblickte, ſagte er weiter nichts als:„Wir haͤtten uns Recht verſchaffen und uns doch dieſer Blutthat ent⸗ halten koͤnnen.“ Jan Lyon ſah ſeine Gelegenheit ab, und da er wuͤnſchte, eher als van Artaveld Gehoͤr zu erlangen, erhob er ſeine Stimme und ſprach zu denen, die um ihn herſtanden:„Ihr Buͤrger von Gent, Ihr ſeyd an dieſem Tage von dem Grafen von Flandern aufgeſordert worden, nicht nur das Leben Derer hinzugeben, die ſich zu Unterſtuͤtzung der oͤffentlichen Sache der groͤßten Gefahr ausſetzten, ſondern man hat Euch auch befohlen, Eure Weißhuͤte abzulegen und die Die Weißkappen JI. 4 50 Waffen zu ſtrecken. Wollt Ihr dies thun? Wollt Ihr ſo Euch ſelbſt verrathen? Setzt, wo Ihr findet, daß dieſe weißen Huͤte die Macht haben, Eure Privilegien zu ſchuͤtzen? Sie haben Euch beſſer gedient, als die rothen oder ſchwarzen oder ſonſtfarbigen Kappen und Barette es ver⸗ mogten, die Moͤnche oder gar Cardinaͤle fur Euch aufregen konnten. Der weiße Kremphut hat Schrecken in die Herzen Eurer Feinde ge⸗ jagt; um Eures Heiles willen, meine Mitbuͤrger, beſchwoͤr' ich Euch, legt dieſen Hut nicht ab, um deß Allen willen, was Euch theuer iſt, um der Liebe willen, die Ihr zu Euern Kindern und Euerm Vaterlande hegt, entſagt erſt mit Euerm Leben dieſem Hute, denn kaum werdet Ihr ihn abgelegt haben, werdet kaum Eure Waffen geſtreckt haben, ſo ſind auch alle Eure Stadtrechte fuͤr immer dahin! Was mich betrifft, ich legte meinen weißen Hut zur Aufrechterhal⸗ tung des Rechtes an, und werde ihn nimmer von mir thun, ſo lange mir noch ein Tropfen Blutes uͤbrig bleibt, um ihn in Eurer Sache zu vergießen.“ 51 „Wir wollen die Weißkappe nicht abthun! Nieder mit dem Grafen von Flandern! Nieder mit allen Tyrannen! Wir wollen Jan Lyon fol⸗ gen, wollen mit ihm ſterben! Jan Lyon ſoll unſer Fuͤhrer ſeyn! Laßt ihn die Stadt regieren! Wir folgen ihm in den Tod! Gent und Jan Lyon! Die Weißkappen und Gent!“ So ſcholl es rings aus der Menge durch einander, als Jan Lyon die oben mitgetheilte Rede geendet hatte. Er verſuchte nochmals zu reden, allein bevor er zu Worte kommen konnte, trat van Artaveld ihm vor und gebot Schweigen. Es waͤhrte einige Zeit, ehe das Volksgeſchrei ſich in ſo weit legte, daß Philipp im Stande war, die Buͤrger anzureden. Endlich ſagte er:„Meine Freunde, wenn ich Euch jetzt beſchwoͤre, nichts zu thun, was heftig oder vorſchnell genannt werden koͤnnte, ſo waͤhnt nicht, daß ſolches Anrathen von mei⸗ ner Seite aus Furcht vor unſern Feinden oder⸗ aus einem Wunſch entſteht, von Eurer Sache abzulaſſen. Der Vertrag, den man mit uns gemacht hatte, iſt durch das Verlangen, das Leben Eurer Fuͤhrer hinzugeben, gebrochen wor⸗ 32 den; und ich fuͤrchte, dies Verfahren zeigt uns nur allzu deutlich, daß wir hinfort, um Gerech⸗ tigkeit zu erlangen, nur unſeren Schwertern ver⸗ trauen muͤſſen. Dennoch iſt Graf Ludwig unſer natuͤrlicher Herr; er iſt edel an ſich, und ich bin uͤberzeugt, daß ſein gegenwärtiges Benehmen durch den Rath boͤſer Umgebung entſtanden iſt. Wir Alle kennen Ludwig de Male als einen braven Fuͤrſten, ich will ihn darum alſo nicht fuͤr einen verraͤtheriſchen Herrn halten. Laßt uns alſo nicht gegen unſer Landesoberhaupt, ſondern gegen deſſen verderbte Rathgeber Krieg fuͤhren, und hinfort unſere ehrenhafte Sache nicht durch einen Frevel, wie der heutige Tag ihn gebar— nicht durch Mord an einem wehr⸗ loſen Manne beflecken. Der Erſte unter Euch, der es wieder wagt, den Namen der Stadt Gent ſo zu entehren, dem ſoll der Weißhut von ſeinem Kopfe geriſſen werden, und meine eigene Hand ſoll das Richteramt an ihm verwalten!“ Leiſes Murren erhob ſich jetzt, waͤhrend etliche von den Halunken, die an der Ermor⸗ dung des Oberſchoͤffen Theil genommen hatten, W— M 5 53 Fluche gegen Gilbert Mattheus und deſſen Bruͤ⸗ der ausſtießen, indem ſie ſagten, dem Schoͤffen waͤre vielleicht nichts Leides geſchehen, wenn er nicht in ſo boͤſer Geſellſchaft auf den Markt ge⸗ kommen waͤre. „Waren Gilbert Mattheus und deſſen Bruͤ⸗ der bei dem Oberſchoͤffen, als dieſer die Procla⸗ mation zu verleſen kam?“ fragte van Artaveld. „Sie waren's,“ entgegnete Jan Lyon,„aber ſie entflohen und ließen den Oberſchoͤffen allein dem Sturme Trotz bieten.“ „Feige Hunde!“ rief van Artaveld.„Und nun, meine Mitbuͤrger,“ fuhr er zu dem Volke gewendet fort,„Krieg gegen dieſe boͤſen Rath⸗ geber; allein beruͤhrt nicht das Haupt Eures rechtmaͤßigen Oberherrn! Ich will nochmals den Grafen aufſuchen und auf Entfernung der Rotte von Boͤſewichten dringen, die ihn umſtellt halten, die das Land mißbrauchen und in des Fuͤrſten Namen Tyrannei uͤber uns ausuͤben. Schlaͤgt Bitten fehl, ſo muͤſſen wir die Widerſacher mit dem Schwerte auf die Seite ſchaffen; doch ruͤhrt nicht an das Leben, noch an das Amt Eures Landesfuͤrſten. Und jetzt erhebt Eure Stimmen und ruft mit mir:„Heil dem Grafen von Flan⸗ dern! Heil unſerem Landesherrn!“ Die Menge fing die Worte auf, und ange⸗ regt durch die edlen Geſinnungen und durch das ritterliche Weſen Philipps, ſchrie jetzt der Poͤbel in dem ihm eigenen Wankelmuthe:„Heil dem Grafen von Flandern!“ und zwar auf eben die geraͤuſchvolle Weiſe, wie kurz vorher der Ruf erſchollen war:„Nieder mit dem Grafen!“ Van Artaveld blickte, als nochmals Stille eingetreten war, trauernd auf die Leiche des Oberſchoͤffen von Gent.„Hier, meine Mitbuͤr⸗ ger,“ ſprach er,„hier liegen die ſterblichen Ueberreſte des Mannes, der ſo brav wie redlich war; haͤtten alle Amtsdiener unſers Grafen ihm geglichen, wuͤrde nimmer dieſer Tag des Greuels uͤber uns hereingebrochen ſeyn. Ihr habt einen Mann erſchlagen, der wahrlich ein wuͤrdiger Mann war; beweint Eure Unthat, aber beweint ſie nicht vergebens! Geſteht Euer Verbrechen ein und bittet dafuͤr ſo Gott wie Euern Landes⸗ herrn um Vergebung! Edelherzige Gemuͤther wer⸗ M — den bei kaltem Blute nimmer ſich weigern, die Strafbarkeit boͤſer, in Leidenſchaft begangener Handlungen anzuerkennen; zeigt Eure Reue da⸗ durch, daß Ihr dem Oberſchoͤffen von Gent ein ehrenvolles Zeugniß gebt. Er war zu redlich, um ſich in ſeinem Amte zu bereichern; tröſtet ſeine Wittwe und ſorgt fuͤr ſeine Waiſen; und moͤge Derjenige, bei dem allein Ihr Gnade fuͤr dieſe Unthat finden koͤnnt— moͤge Er ſie Euch in dem Maße gewaͤhren, wie Ihr Erbarmen gegen die Matrone, ſeine Wittib, und deren vaterloſe Kinder zeigt! Die Bruͤder Minoriten naͤhern ſich, den Leichnam von hinnen zu tragen. Ich will ihn in die Kirche begleiten; dann laßt Eure vornehmſten Buͤrger ſich auf dem Stadt⸗ ſaale verſammeln, wo ich mit ihnen zuſammen⸗ treffen will, damit wir Rath halten, welche Maß⸗ regeln wir zu ergreifen haben.“ Etliche Bruͤder vom heil. Orden, baarfuß und in ihren ſchwarzen Gewaͤndern, naͤherten ſich jetzt mit erſchreckten Mienen, entſetzt uͤber die hier begangene Gewaltthat und beunruhigt, ſich aufgefordert zu finden, den Leichnam des Er⸗ ſchlagenen unter den Augen der Moͤrder weg⸗ ſchaffen zu ſollen. Philipp ſah ihre Beſorgniß; doch die Verſicherung, die er ihnen gab, daß ſie nichts zu befurchten haͤtten, verlieh ihnen einige Beruhigung, ſo daß, gefuͤhrt vom ritterlichen van Artaveld und deſſen Freunden, ſie den Leich⸗ nam des Oberſchoͤffen aufhoben und in ihre Kloſterkirche trugen. Kaum hatte dieſe Proceſſion den Marktplatz verlaſſen, ſo redete Jan Lyon nochmals das Volk an.„Van Artaveld, meine Freunde,“ ſprach er, „verfährt mit mehr Großmuth, als Klugheitz er „Nichts da! Wir leben und ſterben fuͤr van Artaveld!“ ſcholl es aus der Menge. „Und auch ich lebe und ſterbe mit van Ar⸗ taveld!“ fuhr Jan Lyon mit lauter Stimme fort.„Ihr ſeht, wie van Artaveld die Ermor⸗ dung des Schoͤffen beklagt. Dieſer Mord, meine Freunde, wuͤrde ſich ohne jene verfluchten Bru⸗ der Mattheus, die Robert dAuterme mit ſich gebracht hatte, nimmer zugetragen haben. Ihre Gegenwart erhitzte die Gemuͤther des Volks, und der Grimm, den ſie erregt hatten, wälzte ſich gegen den Schoͤffen. Gilbert Mattheus iſt es, meine Mitbuͤrger, der dem Grafen boͤſe Rath⸗ ſchlaͤge ertheilt; Gilbert Mattheus iſt Schuld, daß Eure Freiheiten Euch geraubt wurden.“ Hier trat du Bois vor, und mit jenem Zucken ſarkaſtiſchen Ausdrucks in ſeinen Geſichts⸗ zugen, welches ſchier aͤußerte, als blickte er mit Hohn und Schadenfreude auf eben die Volks⸗ maſſe, die er anreden wollte, ſtand er mit einer Zuverſichtlichkeit, die man beiſpiellos haͤtte nen⸗ nen koͤnnen(denn ſeine Haͤnde und ſeine Klei⸗ der gaben noch„blutige Zeugen“ der That ab, die er juͤngſt begangen hatte), aufgerichtet, frech und unerroͤthend da, und ſprach folgendermaßen zu den Verſämmelten:„Hochehrenwerthe Mit⸗ buͤrger“— das Wort„Hochehrenwerthe“ ward mit einem auffallenden Tone der Jronie ge⸗ ſprochen—„Ihr ſeht, wie der edle und weiſe Juͤngling, ſeines Namens Philipp van Artaveld, den Tod des Oberſchoͤffen bejammert, welcher daher kam, mich und einen zweiten Eurer An⸗ fuͤhrer, Jan Lyon, an den Galgen zu liefern. 58 Ich moͤgte Euch darum vorſchlagen, ein dienſt⸗ fertiges Werk zu thun, woran van Artaveld ſich zu erfreuen haben moͤgte. Waͤhrend er den ehr⸗ wuͤrdigen Moͤnchen Beiſtand leiſtet, eine Seelen⸗ meſſe fuͤr den todten Schoͤffen abzuhalten, ſoll— ten wir uns damit beſchaͤftigen, deſſen Ermor⸗ dung zu raͤchen. Und da dieſe Ermordung einzig und allein durch die Anweſenheit des Gilbert und der uͤbrigen Bruͤder Mattheus veranlaßt ward, ſo ſchlage ich vor, daß wir keine Zeit verlieren, uns dieſer Bruͤder Mattheus zu be⸗ maͤchtigen. Iſt das geſchehen, ſo laßt uns von den Reichthuͤmern, welche ſie aus dem öoͤffent⸗ lichen Schatze geſtohlen haben, Beſitz nehmen und ihre Wohnungen einreißen und niederbrennen. Und nun, Ihr Freunde,“ ſchloß der freche du Bois—„wer folgt mir, den Tod des Ober⸗ ſchoͤffen zu raͤchen?“ Der Vorſchlag ward unter einſtimmiger Bil⸗ ligung angenommen; denn Jeder haßte die Mat⸗ theus.„Wir Alle! wir Alle!“ ſchrie der Poͤbel; „wir Alle mit Peter du Bois! Nieder mit den Mattheus! nieder mit ihren Haͤuſern! Haͤngt den Gilbert! Rache dem Schoͤffen! Fuͤhr' uns an, du Bois! Leben und Sterben mit du Bois!“ So bruͤllte die wankelmuͤthige Menge, als ſie den Schritten Peter's und Jan's folgten, von denen ſie wie eben ſo viele bellende, zur Hatz losgelaſſene Hunde gefuͤhrt wurden, die wild die Ebene entlang keuchen, um zu Be⸗ Zuſtigung und Nutzen ihres Herrn das Wild aufzujagen. Alles war jetzt eine einzige Scene des Fre⸗ vels, des Tumultes und Blutvergießens. Ueber⸗ all durch die ganze Stadt ward nach den Bruͤ⸗ dern Mattheus geſucht, jedoch hatten dieſe die Mauern von Gent laͤngſt im Ruͤcken. Die Weißkappen waren demnach gezwungen, ſich mit der Pluͤnderung ihrer Haͤuſer zu begnuͤgen. Nachdem der Raub vollfuͤhrt war, wurden die Gebaͤude bis auf den Grund niedergebrannt. Die ganze Stadt befand ſich nunmehr in der groͤßten Unordnung. Die Muͤßiggaͤnger, die Laſterhaften, Gattung hatten ſich nur allzubald zum Pluͤndern und Niederbrennen der Haͤuſer der Bruͤder Mat⸗ 59 die Gottloſen jeglicher Art und 60 theus zuſammengefunden, und Viele, die an dieſem Tage den Weißhut trugen und vorwen⸗ deten, ſie unterſtuͤtzten die Sache der Freiheit, hatten dabei nichts Anderes im Auge, als ge⸗ ſetzwidrige Frevelthat und ſchaͤndliche Bereiche⸗ rung ihrer ſelbſt. Viele von den aͤlteren und gemaͤßigteren Buͤr⸗ gern zogen ſich in ihre Haͤuſer zuruͤck und ver⸗ ſchloſſen dieſelben; manche unter ihnen fingen auch an zu murren und zu ſagen, Gent wuͤrde die Zaͤnkereien zwiſchen Gilbert Mattheus und Jan Lyon theuer zu zahlen haben, da nur die⸗ ſer Privatzwiſt erſte Veranlaſſung zu dem Auf⸗ ſtande geweſen waͤre. Nach dieſem ſchreckenvollen Tage kehrten Jan Lyon und Peter du Bois mitſammen in der Abenddaͤmmerung in die Wohnung des Erſteren zuruͤck, um einiger Erfriſchung und Ruhe zu ge⸗ nießen. Als ſie auf ihrem Wege uͤber den Markt⸗ platz gingen, auf welchem in der Fruͤhe des Tages der Schauerauftritt Statt gefunden hatte, hoͤrten ſie das Geſchrei eines Frauenzimmers, welches von mehreren bewaffneten Maͤnnern um⸗ 61 ringt war, welche trachteten, ſie fortzuſchleppen. Dieſen Umſtand beachtete Jan Lyon kaum, denn des Tages Frevel waren ſo groß geweſen, daß manches Frauenzimmer in Gent vergebens um Erbarmen gefleht hatte. Du Bois bemerkte das Gewuͤhl, jedoch ihm, erſtorben fuͤr jede Regung der Menſchlichkeit, entlockte es nur ein ſarkaſti⸗ ſches Laͤcheln, mit welchem er zu ſeinem Be⸗ gleiter ſagte:„Das Weibsbild ſchreit laut genug durch die Straßen, um die halbe Stadt aufzu⸗ ſchrecken; doch wird ſie bald Ruhe haben, wenn unſere Weißkappen ſich mit ihr zu ſchaffen machen.“ Oheim und Neffe ſetzten ihren Weg fort, in⸗ dem ſie ſich uͤber ihre gluͤcklich weiter geſponnene Empoͤrung unterhielten; allein wie groß war Beider Erſtaunen, als ſie, im Hauſe Jan Lyon's angekommen, die alte Katharine an Haͤnden und' Fuͤßen gebunden und faſt todt vor Angſt fanden, ſo daß dieſelbe ihnen kaum berichten konnte, wie ihre junge Gebieterin, die ungluͤckliche Anna, vor wenigen Minuten gewaltſam entfuͤhrt wor⸗ den ſey. „So war jenes huͤlferufende Maͤdchen mein Kind,“ ſagte der beaͤngſtigte Vater und ſank in einen Seſſel. Die vergeltende Gerechtigkeit des Himmels ſchien, in eben dieſem Augenblick, ihn heimzuſuchen, denn als Jan Lyon von dem Schickſale ſeines Kindes hoͤrte, fuͤhlte er eben ſo namenloſes Weh im Herzen, wie die Wittwe des beklagenswerthen Oberſchoͤffen fuͤhlte, als ihr die Kunde von der Ermordung ihres Gatten gebracht wurde. Drittes Capitel. Wir muͤſſen den Leſer nochmals nach Schloß Andrighien zuruͤckfuͤhren, wo am Tage nach der Ermordung Robert d'Auterme's in einem praͤchti⸗ gen Gemache die arme Anna ſaß und in melan⸗ choliſche Erwaͤgung ihres Geſchickes verſunken war. Sie war gewaltſam aus ihres Vaters Hauſe von einer Schaar Bewaffneter des Gra⸗ fen waͤhrend der allgemeinen Verwirrung wegge⸗ holt und nach Andrighien geſchleppt worden. Als das Volk eifrig bei'm Pluͤndern und Nie⸗ derbrennen der Haͤuſer der Bruͤder Mattheus be⸗ ſchaͤftigt war, hatte Ludwig dies ſein grauſames Verfahren in's Werk richten laſſen koͤnnen, ohne daß Jan Lyon oder deſſen Bande von Weiß⸗ 64 kappen ſeine Reiter daran hatten hindern moͤgen. Anna war jetzt wirklich in der Gewalt Ludwig de Male's, und ihre Wegholung war ſo wohl veranſtaltet und ſo ploͤtzlich in's Werk gerichtet worden, daß ſie wirklich nicht eher, als bis ſie ſich innerhalb der Mauern von Andrighien be⸗ fand, es ahnen konnte, die an ihr veruͤbte Ge⸗ walt ſey auf Befehl des Grafen geſchehen. Als Anna durch die Fenſter des Palaſtes blickte, die, gemaͤß der damals durch ganz Flan⸗ dern herrſchenden Gewohnheit, hinſichtlich aller unteren Gemaͤcher in einem Gebaͤude, mit Eiſen⸗ ſtaben verſehen waren, beneidete ſie jetzt ſogar die Voͤgel, die auf leichten Fittigen im Vollge⸗ nuß ihrer Freiheit durch die Luͤfte flatterten. Anna ſann alſo uͤber ihr Schickſal nach, da hoͤrte ſie das Schloß ihrer Gemachsthuͤr oͤffnen, und— hereintrat ein ſorgfaͤltig durch Mantel und Kremphut verhuͤllter Mann. Der Eingetretene trat auf das Maädchen zu, warf ſeine Verhuͤllung von ſich, und Anna er⸗ kannte ſofort den Grafen von Flandern. Es war eine Heſtigkeit, ein etwas Unerklärliches, 65— aber Erſchreckliches in ſeinem Ausſehen, ſo daß Annen der Muth ſank, als ſie dem Manne in's Angeſicht blickte. Bisher war Ludwig ihr ſtets mit heiterer und laͤchelnder Miene genahet; eine ſo offenbare Veraͤnderung alſo, verbunden mit der gewaltſamen Weiſe, auf welche das Madchen nach Andrighien geſchafft worden war, ließ nur das Schlimmſte, was ihre Einbildungskraſt ihr vorſpiegeln konnte, von dem Grafen befuͤrchten. Dieſer ſprach endlich.„Anna,“ ſagte er,„Du biſt ſo lange Zeit Gegenſtand meiner Liebe ge⸗ weſen, daß ich Deinem Geſuche ſogar das Leben eines Verraͤthers ſchenkte, der mir jetzt meine Gnade mit dem Verderben meines Landes be⸗ zahlen moͤgte.— Du kannſt Dich nicht wun⸗ dern, daß ich Dich zu meiner Gefangenen machte, oder daß ich von Dir irgend eine Suͤhne fuͤr die unzubeſchreibende Schmach begehre, die ich von Deinem Vater hinnehmen muß.“ „Herr,“ verſetzte das zitternde Mädchen,„ich bin in Eurer Gewalt; ich will d'rum nicht zu nichtigen Vorwuͤrfen Zuflucht nehmen. Ich habe nichts zu hoffen, als was Euer Erbarmen mir — Die Weißkappen II. 5 ee ———————————————.— — ſchenkt; ja, ich will hinzufugen, was Eure Ge⸗ rechtigkeit mir gewaͤhrt, da Ihr einſehen muͤßt, daß, wie ſehr ich das Thun meines mißleiteten Vaters beklage, ich doch auf keine Weiſe fur die Folgen deſſelben verantwortlich bin.“ „Dennoch biſt Du's, dennoch ſollſt Du's ſeyn!“ ſagte Ludwig finſter.„Hoͤre mich, Anna; ich liebte Dich mit einer Zaͤrtlichkeit, die mich meiner ſelbſt, die mich meiner Macht vergeſſen machte. Ich wuͤnſchte, Dich nur durch Deine Liebe fuͤr mich zu gewinnen. Um Deinetwillen lebte ich lange Zeit in Feindſchaft mit der Graͤ⸗ fin von Artois. Ich habe meine Geſchaͤfte ver⸗ nachläſſigt; ich haßte den Rang, der Dich daran hinderte, Theilnehmerin deſſelben zu ſeyn. Dei⸗ nem Vater ſchenkte ich das Leben auf Dein An⸗ ſuchen. Dir zu gefallen hielt ich ſelbſt in mei⸗ ner Liebesbewerbung inne.— Wie wird dies Alles mir vergolten? Dein Vater moͤgte mein Verderber werden, Du moͤgteſt mich dem Elende und dem Tode hingeben.“ „Nein, Herr Graf, ſo undankbar bin ich nicht,“ antwortete Anna.„Ich erinnere mich —— ch ich 67 deſſen wohl, daß Ihr meinem Vater das Leben ſchenktet. Meine Dankbarkeit kann niemals auf⸗ hoͤren. Ihr verſpracht mir, mich mindeſtens ſo lange mit Bewerbung zu verſchonen, bis—“ „Jetzt aber wiſſe,“ fuhr der Graf fort,„iſt mein Entſchluß veſtgeſtellt, obwohl ich mich ſo im Gefuͤhl, wie in anderen Dingen geaͤndert habe. Kann ich des Vergangenen gedenken, und nicht augenblicklich mein Recht, Rache zu uͤben, geltend machen wollen? Erſt geſtern erdolchte Dein Vater, der ein Undankbarer, ein Verräther, ein Meuchler iſt, meinen Oberſchoͤffen, trat mein Banner mit Fuͤßen, trotzte meinem Anſehen, wiegelte meine Buͤrger auf, pluͤnderte, verbrannte und verheerte Angeſichts meiner das Eigenthum meiner Dienſtmannen. Das Alles that Dein Vater, und Du kannſt Erbarmen von mir er⸗ watten? Ich erfuhr den ſchaudervollen Mord, der an Robert d'Auterme veruͤbt ward. Aus meinen Fenſtern ſah ich die Raubflammen auf⸗ ſteigen. Da, Anna, da gab ich den Befehl, wenigſtens Dich gefangen zu nehmen; und als ich die Flammen hoch uͤber die Mauern meiner 5* ————— S 8. guten Stadt auflodern ſah, wie ſie ihren rothen Schein auf die Fluthen der Schelde warfen— da, da that ich ein volles, vollſtaͤndiges und furchtbares Geluͤbde der Rache!“ „O mein Herr und Gebieter,“ ſagte Anna bebend, indem ſie ſich vor dem leidenſchaftlich aufgeregten Fuͤrſten knieend niederwarf—„ laßt dieſe Rache nicht auf mich fallen!“ Ludwig, der dieſes Flehensrufes kaum achtete, fuhr fort; Zorn ſprudelte die Worte mit der Hurtigkeit und dem Brauſen eines wilden Waſ⸗ ſerſturzes von ſeinen Lippen.„Ja,“ ſagte er, „ich that das ſchreckliche Rachegelubde, daß Feuer, Schwert, Unehre und Tod auf die Häup⸗ ter jener verfluchten Verraͤther und deren ganzes Geſchlecht fallen ſollten. Mein Geluͤbde ſteht in den Regiſtern der Hoͤlle eingezeichnet, wo die Teufel, die den Entwuͤrfen der Rache ihren Bei⸗ ſtand leihen, ſich erheben ſollen, um mir beizu⸗ ſtehen, bevor ich der Hoffnung entſagen will, meine Seele mit dem Elende von Euch Allen zu ſaͤttigen. Sprich alſo nicht zu mir, Dirne,“ fuhr er fort, als Anna nochmals nach Flehens⸗ 69 worten rang, um ihn zum Mitleid zu bewegen— „ſprich alſo nicht zu mir, Dirne; Dich ſelbſt, Deine Ehre, Deinen Frieden hinzuopfern, iſt nur eine That der Gerechtigkeit, der gerechten und feierlichen Wiedervergeltung.“ So ſprach Ludwig de Male, geleitet von der Heftigkeit eines Menſchen, der unter Anfallen uͤbermaͤßiger Leidenſchaft rang, denen er unter⸗ worfen war, und die jetzt durch den von ihm auf⸗ geregten Gedanken an eine furchtbar wiederver⸗ geltende Gerechtigkeit noch heftiger gemacht wur⸗ den. Unter allen Lockungen, die der Hoͤllengeiſt den Menſchenkindern hinhaͤlt, iſt keine ſo wirk⸗ ſam, keine gefaͤhrlicher als diejenige, welche die Seele des Sterblichen zu einer boͤſen That, zu welcher dieſer geneigt iſt, aufregt, indem ſie der⸗ ſelben den Schein gerechter Wiedervergeltung er⸗ littener wirklicher oder eingebildeter Beleidigun⸗ gen verleihet. Aus ſolchem Geſichtspunkte be⸗ trachtete Ludwig de Male ſein grauſames Thun an der ungluͤcklichen Dirne, die in ſeine Macht gegeben war. In der uͤberſpannten Anſicht der Leidenſchaft ſchmeichelte dieſes ſein Thun ſeinen 70 Laſtern, ohne daß ſein Stolz dadurch verletzt ward. Bisher hatte der Graf in Annens Naͤhe etwas der Ehrfurcht Aehnliches vor des Mad⸗ chens Unſchuld und Tugendwuͤrde empfunden; auch die Stimme ſeines Gewiſſens hatte ihr zu Gunſten geredet; ſo daß, zwiſchen Leidenſchaft und Gewiſſen, er ſich in ſo fern beſchraͤnkt hatte, wo moͤglich durch zartere Liebesbewerbung ihre Herzensregung fuͤr ſich zu gewinnen, ohne daß er jenen Gewiſſensregungen Gewalt anthat, die er nicht aufmuntern wollte, und doch nicht gaͤnz⸗ lich unterdruͤcken konnte. So hatte durch So⸗ phiſterei Ludwig de Male ſein Gemuͤth dem großen moraliſchen Grundſatze verſchloſſen, der da lehrt, daß wir unter keinem Vorwand, er ſey, welcher er wolle, unſerm Naͤchſten Leides zufugen ſollen. Die offene Empoͤrung Jan Lyon's hatte des Grafen ſchlimmſtes Gefuͤhl rege ge⸗ macht; es erhob ſich durch die Gelegenheit, und zwar ſo maͤchtig, daß von Seiten Ludwig's an keine Selbſtbeherrſchung mehr zu denken war, und daß das Fluͤſtern ſeines Gewiſſens, welches bisher zu Gunſten Anna's ſich geregt hatte, von dem Wirbelwinde ſeiner Leidenſchaft ver⸗ weht ward. Das ungluͤckliche, von dem heftigen Weſen ihres Bedraͤngers geſchreckte Maͤdchen, noch im⸗ mer zu den Fuͤßen deſſelben, ſchlug ihre Haͤnde in einander und blickte ſo mild, ſo flehend zu dem Grafen auf, daß es auch in der ernſteſten Bruſt haͤtte Mitleid erzeugen moͤgen. Kaum blieb Ludwig ſtandhaft gegen ihre Bitte, und wendete ſich ab, als fuͤrchtete er, zu einem beſ⸗ ſern Entſchluſſe erweicht zu werden; und um ſeine Rachegefuhle rege zu erhalten, verweilte er von neuem bei ihres Vaters Verbrechen und bei ſeinen eigenen Verkuͤndigungen von Wiederver⸗ geltung. „Mein hoher Herr,“ ſagte Anna,„meines Vaters Schuld iſt nicht die meinige. Ich flehe Euch nicht an, mich um ſeinetwillen zu verſcho⸗ nen, wohl aber flehe ich Euch um Eurer ſelbſt willen an, Erbarmen mit mir zu haben! Denkt, o denkt an die bittere Reue, die Ihr empfinden muͤſſet, wenn die Zeit, die auch die wildeſte Herrſchaft der Leidenſchaft bezwingt, Euch vor —² die Seele das arme Maͤdchen fuͤhrt, das durch Eure Grauſamkeit dem Verderben und dem Tode verfallen mußte! Aus Mitleid gegen Euch ſelbſt verſchont mich, o verſchont mich!“ „Warum ſollt' ich Dich verſchonen?“ ſagte der Graf, und als waͤre er bemuͤht, ſeine Seele durch eine beſondere Vernuͤnftelei noch mehr zu waffnen, fuͤgte er hinzu:„Und ich verſchone Dich, wenn ich Dich vor der Theilnahme an der Schuld und Strafe der Verraͤther bewahre;z wenn ich Dich in Schutz nehme, daß Du nicht mit den niedrigſten und gemeinſten Menſchen verkehreſt— mit Menſchen, die unter dem Na⸗ men einer Partei Deines Vaters, Dich durch die Schauplaͤtze buͤrgerlicher Zwietracht hetzen, und Dich zuletzt allen Greueln des Elendes und des Mangels uͤberlaſſen wuͤrden.“ „Heran mit dieſem Elende, dieſem Mangel!“ entgegnete Anna;„geduldig trag' ich das Eine, wie den Anderen. Willkommen, hoch willkom⸗ men ſey mir der niederſte Stand auf Erden, ſo ich unſchuldig in ihm lebe!“ „Unſchuldig?“ rief Ludwig hoͤhniſch.„Mit Verrathern verkehren, heißt das unſchuldig ſeyn?“ „Ich bin keine Verraͤtherin, mein hoher Herr,“ ſagte Annaz„ich bin Euch eine treu⸗ ergebene Unterthanin.“ „So beweiſe es!“ rief Ludwig;„durch Ge⸗ horſam beweiſe es, und zwar ſogleich. Dieſer Palaſt iſt weder fuͤr Dich noch fuͤr mich ein Ort der Sicherheit; er liegt zu nahe bei Gent. Alles iſt zu unſerer Abreiſe bereit, und ich be⸗ gehre, ja, ich befehle, daß Du mir folgeſt, wo⸗ hin ich Dich fuͤhre. Schweigend und unterwuͤrfig folge mir; jeglicher Widerſtand wird vergeblich ſeyn, da ich, wenn Du Dich weigerſt, Gewalt habe, Dich zu zwingen. Dennoch moͤgt' ich lieber, daß Du nachgibig einem Geſchicke folgeſt, dem Dich entgegenzuſtellen, es Dir an Mitteln gebricht. Komm, Anna,“ fuhr Ludwig fort, in⸗ dem er den Arm um das Madchen ſchlang, „aber komm mit einem freien Herzen, und ich verbanne jede unguͤtige Empfindung; Alles ſoll Liebe und Eintracht zwiſchen uns ſeyn.“ Bei dieſen Worten wollte Ludwig ſie an 74 ſeine Bruſt druͤcken, allein Anna entwand ſich ſeiner Umarmung; aufgerichtet ſtand ſie da, wäh⸗ rend Zornesroͤthe ihren Nacken uͤberflorte und ihre Wange umhuͤllte; und indem ſie den Grafen mit einer Miene anblickte, die eher befehlend, als bittend war, ſtieß ſie den Zuruf aus: „Laßt ab!“ und zwar that ſie das in einem Tone, der die Luͤſternheit Ludwig de Male's bis zur Ehrfurcht zuruͤckſcheuchte. Anna's Gemuͤth war gewoͤhnlich ſo mild, ſo leidend, daß Wenige ihr ſo viele Geiſtesſtaͤrke zugetraut haben wuͤrden. Vollig gleichgultig ge⸗ gen Geringfuͤgigkeiten, nahm ſie, wenn ihre Ge⸗ fuͤhle zuſammengedraͤngt wurden und ſie zur That aufriefen, einen Charakter der hoͤchſten Energie und Entſchloſſenheit an. Schwache See⸗ len erliegen dem Mißgeſchicke; es iſtEigenſchaft ſtarker Seelen, dem Ungluͤcke zu trotzen; ſie konnen erſchuͤttert, nicht uͤberwaͤltigt werden. So war es mit Anna. Sie konnte in Wahrheit einem edlen Schiffe verglichen werden, das fried⸗ lich auf unbewegten Wogen dahin gleitet, das aber auf ſtuͤrmiſchem Gewäſſer majeſtatiſch uͤber 75 den Fluthen ſchwebt, waͤhrend dieſe vergebens gegen des Schiffes ſtattliche Wand heulen und brauſen. Anna erkannte die Gefahr, in der ſie ſich be⸗ fand;z allein ihr redliches Bewußtſeyn verlieh ihr Kuͤhnheit. Von der zarteſten Milde ſchien ſie zum kraͤftigſten Muthe uͤbergegangen zu ſeyn. Zu Ludwig gewendet, ſprach ſie im veſteſten Tone:„Herr Graf, ich fordere Recht von Euch; nicht furcht' ich Eure Macht, ſondern ich for⸗ dere deren Anwendung, und zwar gegen Euch ſelbſt— gegen Euer boͤſes Vorhaben! Ich bin Eure Unterthanin und begehre von Euch den⸗ jenigen Schutz, den Ihr als Landesherr mir ſchuldig ſeyd. Meine Gefangennehmung iſt ge⸗ ſetzwidrig; Ihr koͤnnt keinen Vorwand zu irgend einer Klage gegen mich finden. Nicht an Lud⸗ wig de Male, ſondern an den Grafen von Flandern richte ich mein Flehen um Gerech⸗ tigkeit! Der Graf iſt durch ſeinen Eid verpflich⸗ tet, auch dem ſchlechteſten Vaſallen ſeiner Lehen Recht zu ſchaffen. Gebt mir alſo die Freiheit; und indem Ihr ſolches thut, werdet Ihr einen groͤßeren Sieg erfechten, als wenn Ihr Tauſende von Euern bewaffneten Feinden uͤberwunden haͤttet; denn Ihr werdet alsdann der Bezwinger Eurer ſelbſt, Eurer eigenen Leidenſchaften ſeyn— ein Sieg, der die Stirn eines Fuͤrſten ruhm⸗ voller kraͤnzen wird, als die Grafenkrone, mit der dieſelbe bedeckt iſt.“ Als Anna dieſe durch die Gewalt ihres Ge⸗ fuͤhles gekraͤftigte Rede an den Grafen hielt, ſtand ſie mit einer Gelaſſenheit und Wuͤrde vor ihm, durch die er in Erſtaunen verſetzt ward und die ſeine Bewunderung erregt haben wuͤrde, ſelbſt wenn Anna die Einfältigſte ihres Ge⸗ ſchlechtes geweſen waͤre. So jung, ſo ſchoͤn, ſo furchtlos wie Anna ſich wies, ſtarrte Ludwig auf ſie hin, wie auf ein hoͤheres Weſen; und indem er in leidenſchaftliche Ausrufungen der Liebe und des Lobes ausbrach, verſuchte er jeg⸗ liches Mittel, ſie zu gewinnen, ihren Verſtand zu bethoͤren, ihr Mitleid rege zu machen und ihre Seele zu Zärtlichkeit und Mitgefuhl zu er⸗ weichen. „O Anna,“ ſagte er,„befiehl mir nicht, 77 Dich aus meinem Herzen zu reißen; laß mich nur hoffen und bleibe die alleinige Beherrſcherin meiner Neigungen, die Lenkerin all meines Thuns, ſo wie Du der alleinige Gegenſtand all meiner Gedanken biſt! Ich will Alles thun, was Du wuͤnſcheſt— Alles— nur nicht von Dir ſcheiden— ohne Deine Naͤhe vermag ich nicht zu leben!“ „Wir muͤſſen ſcheiden, Herr Graf,“ ver⸗ ſetzte Anna mit Kaltbluͤtigkeit.„Der hochge⸗ borene Herr und die niedere Magd koͤnnen kein anderes Buͤndniß, als das des Beſchuͤtzens, der Ehrerbietung und der Pflichterfuͤllung ſchließen.“ „Mit nichten,“ ſagte Ludwig,„denn Dein Geiſt, Deine Seele wuͤrden ſelbſt einer Krone eher Glanz verleihen, als Glanz von derſelben empfangen. Anna, theile meine Macht, meine Reichthuͤmer, meine Liebe. Alles, was ich be⸗ ſitze, ſoll Dir zu Fuͤßen gelegt werden. Du ſollſt meine Palaͤſte bewohnen; die Schaͤtze ferner Himmelsſtriche ſollen Dir dargebracht werden, während unbeſchraͤnkter Reichthum Dir Mittel bieten ſoll, jeden Deiner Wuͤnſche zu befriedigen.“ „Alles das,“ verſetzte Anna,„koͤnnte mir nicht eine einzige von den gluͤcklichen Stunden erkaufen, die von der Bauerndirne in argloſer Muͤhwaltung verlebt werden. Reichthum ver⸗ mag nimmer die Roͤthe der Schaam zu ver⸗ ſtecken, waͤre ſein Mantel auch von glaͤnzendem Golde!“ „Aber Macht?“ fragte der Graf,„hat Macht keinen Zauber, um eine jugendliche Schoͤnheit zu feſſeln? Denke, wie gottergleich es iſt, zu thronen als Spenderin des Guten an Deine Freunde, und Deine Feinde unter die Fuͤße tre⸗ ten zu koͤnnen!“ „Gott allein iſt Spender des Guten und Schlimmen,“ entgegnete Anna,„und kein Thun kann vor ſeinem Angeſicht tugendhaft ſeyn, wenn Tugend nicht die Mittel zu deſſen Vollfuͤhrung herleihet. Die Geſichtszuͤge der Schande ſind wie die Verzierungen eines Gruftgewoͤlbes; ſie blitzen nach außen hin Stolz und Prunk, waͤhrend unter ihnen Grauſen und Moder liegen. Ich be⸗ gehre keines Reichthums und keiner Macht unter den Bedingungen, die Ihr ihnen ſtellen moͤgtet!“ — 79 „Aber Liebe,“ fuhr Ludwig fort,„wahre, treue, grenzenloſe Liebe— hat auch die keine Reize? Liebe, die uͤber Dich mit der Zaͤrtlichkeit endloſer Sorgfalt und gleich einer Mutter wachen wuͤrde, welche ihren Saͤugling an ihren Buſen druͤckt, und ſelbſt die Luft ſcheuchen und zuruͤck⸗ wehen wuͤrde, wenn ihr Hauch dem zarten Pflegling zu rauh waͤre; Liebe, die Dich ehren, anbeten—“ „Und mich ſo an Seele, wie an Leib ver⸗ derben wuͤrde,“ ſagte Anna in der groͤßten Be⸗ wegung.„Hinweg, Verſucher, hinweg! und er⸗ fahre, daß ich eine ſolche Liebe, wie Du ſie mir beutſt, verachte. Nenne Deine Wallungen nicht Liebe! denn wann wird wahre Herzensneigung ſuchen, den Gegenſtand ihres Sehnens zu ent⸗ ehren und elend zu machen? Nein, mein ge⸗ bietender Herr, Eure Liebe hat nur ein eigen⸗ ſuͤchtiges Ziel, nicht aber trachtet ſie nach meiner Gluͤckſeligkeit. Weshalb dringt Ihr ſo in mich? Es iſt unnuͤtz und fruchtlos. Ich flehe Euch an, ich beſchwoͤre Euch, ja, ich gebiete Euch im Namen Deſſen, dem auch Fuͤrſten gehorſamen —— muͤſſen, mir die Freiheit zu geben. Ich bin es, die hier beleidigt ward, nicht Ihr ſeyd es, mein Fuͤrſt; gebt mir jene Freiheit zuruͤck, die Ihr mir ſo ungerechter Weiſe raubtet, und ich will Euch Verzeihung fuͤr die Schmach ſchenken, die Ihr mir anthun ließet.“ „Verzeihung?“ rief der Graf, der, als er fand, daß alle von ihm verſuchten Verfuͤhrer⸗ kunſte vergeblich waren, ſich nochmals einem Sturme der Leidenſchaft hingab:„Verzeihung? und von Dir? Habe ich Dich nicht geehrt? Habe ich nicht verſucht, Dich zu erheben? Dich, die Du niedrig geboren und mit Verraͤthern im Buͤndniſſe biſt? Doch ein Fuͤrſt geraͤth in Zorn? und durch wen? Allgerechter Himmel! wer ſind wir denn? Bin ich nicht Dein Herrſcher? und biſt Du nicht eine ſchlichte Buͤrgerstochter?“ „Das bin ich,“ ſagte Anna mit Faſſung, „und die Buͤrgerstochter ſteht hoͤher als ein Fuͤrſt, ſobald ſie dieſen das lehren kann, was er vergeſſen hat— ſeine Pflicht!“ „Dieſe Frechheit iſt nicht zu ertragen,“ rief der Graf;„ich aber will Deiner ſtolzen Seele W ——— — 81 Demuth lehren. Ich will Dich in Wahrheit demuͤthigen, und hinterdrein ſollſt Du zu meinen Fuͤßen winſeln, kriechen und betteln, um meine Verzeihung, um meine Barmherzigkeit! Du ſollſt es, Du, die Du es gewagt haſt, alſo zu Deinem Herrn und Gebieter zu reden!“ Bei dieſen Worten faßte Ludwig mit Hef⸗ tigkeit Annens Arm und verſuchte es, das Maäd⸗ chen zu einer Seitenthuͤr zu zerren.„Du gehſt jetzt,“ fuͤgte er hinzu,„an einen Ort, wo alle Klage vergebens ſeyn wird, und wo ich nicht eher von Dir ſcheiden werde, als bis es mein Wille iſt, Dir Vergebung zu ſchenken.“ „O, mein gnaͤdigſter Herr!“ rief Anna, in⸗ dem ſie ſich dem Grafen zu Fuͤßen warf und deſſen Knie umklammerte,„ſo ich Unrechtes ſprach, ſo vergebt mir, aber ahndet es nicht auf ſolche Weiſe. Ich will im Staube mich vor Euch demuͤthigen. Willkommen ſey mir Kerker und Geißel; ich will Jegliches thun, ſo niedrig und kränkend es ſeyn mag, nur laßt mich ſchuld⸗ los bleiben; denn, o! ich koͤnnte nicht, fuͤrwahr ich koͤnnte nicht leben in Schande.“ Die Weißkappen lI. „Es iſt zu ſpaͤt zu Flehensworten,“ ent⸗ gegnete Ludwig;„alle Bitten ſind vergebens! Gewalt ſoll Dich von hinnen reißen und Dich zwingen, mein zu ſeyn!“ „O, ſprecht nicht alſo,“ ſchrie Anna heftig; „reißt mich in Stuͤcke; legt mich todt zu Euren Fuͤßen; ſchleppt mich mit wilden Roſſen von den Thoren Eures Palaſtes, aber zerrt mich nicht der Unehre zu. O, thut es nicht, thut es nicht, damit nicht Fluch auf Euer Haupt falle!“ „Umſonſt!“ ſchrie der Graf dagegen, warf ſeine Arme um das bebende Maͤdchen und zwang ſie der Seitenthuͤre zu.„Du biſt mein,“ fuhr Ludwig fort—„mein, ich ſchwoͤr's bei—“ „Horcht!“ ſagte Anna, die mit wilden Blik⸗ ken durch das Gemach ſtierte—„Horcht! welch Geſchrei!“ „Was— Geſchrei?“ rief Ludwig. „Horcht! Es kommt naͤher,“ ſagte Anna— „Das iſt Geſchrei des Tumults—“ Eine Trompete erklang draußen; ihrem Rufe folgte ein heftiges Krachen, und laut hoͤrte man erſchallen:„Gent und die Weißkappen! Die ——„— F — —83 Weißkappen und Gent!“ Bruͤllend erdroͤhnten wie aus tauſend Kehlen dieſe Worte. Der Graf erblaßte, Anna ſtand losgelaſſen von ihm, ſchlug ihre Haͤnde zuſammen, blickte gen Himmel und rief:„Gott ſey Dank! Gott ſey Dank!“ Die Thuͤr des Gemaches ward aufgeriſſen und herein ſtuͤrzte der vertraute Diener, der das Hauptwerkzeug bei des Grafen Plaͤnen auf Anna abgegeben hatte Mit gezogenem Schwerte, leichen⸗ bleich ſturzte der Knecht herein und ſtammelte: „Rettet Euch, mein Gebieter; rettet Euch! Die Weißkappen haben uns uͤberfallen, haben den Palaſt umzingelt, die Thore deſſelben erſtuͤrmt. Sie ziehen in ſolcher Streitmacht heran, daß jeglicher Widerſtand Raſerei ſeyn wuͤrde. Die Dirne hier mag ſicher ſeyn„ denn ihr Vater fuͤhrt die Schaar der Empoͤrer. Ihr aber, mein gnaͤdigſter Gebieter, rettet Euch; denn Eurer werden die Wuͤthigen nicht ſchonen. Entrinnet durch das Pfoͤrtchen, welches unterhalb des Gartens in den Wald leitet; noch konnt Ihr auf jenem Wege entfliehen, waͤhrend die Meuterer den Palaſt durchſuchen. Verliert kei⸗ 6* 84 nen Augenblick, Ihr ſeyd ſonſt ein Mann des Todes!“ Ludwig de Male erkannte die Gefahr, und mit Fluͤchen gegen ſein Geſchick enteilte er dem Gemache. Haſtig folgte ihm der Diener; und kaum war der Graf durch das Pfoͤrtchen am äußerſten Ende des Gartens entronnen, als die Weißkappen in die fuͤrſtliche Wohnung mit ſol⸗ cher Heftigkeit und Wuth eindrangen, daß ſie einer Fluth ergrimmter Wellen verglichen werden konnten, von denen eine nach der andern heu⸗ lend heranwogt, um ihre Vorlaͤuferin zu uͤber⸗ quillen. Durch alle Gemaͤcher ſuchten die Weißkappen nach dem Grafen. Es war ihre Abſicht, ſich ſeiner zu bemaͤchtigen, und ihn ſo lange veſtzu⸗ halten, bis ſie an mehreren ſeiner Raäthe und anderen Rittern und Edlen blutige Rache ge⸗ nommen haben wuͤrden. Dann wollten ſie neue Raͤthe einſetzen und ihm die noͤthigen Beding⸗ niſſe zu ſeiner Freilaſſung ſtellen. In dieſem Zwecke ſahen ſie ſich getaͤuſcht; allein Schloß Andrighien bot zu reiche Beute 7——,— — 65 85 dar, als daß es nicht in Verſuchung gefuͤhrt haͤtte. Hier hielt der Graf ſeine Kleiderkammer, ſein Silbergeraͤth, ſeine Juwelen verwahrt. Dieſe wurden gepluͤndert. Selbſt das Becken, uͤber welchem er getauft worden war, und das er an dieſen ſeinen Lieblingsort hatte ſchaffen laſſen, blieb nicht verſchont; es ward zerſchlagen und ſogar die ſchoͤne aus getriebenem Silber gefer⸗ tigte Wiege, in der er als Saͤugling gelegen hatte, ward eine Beute der Meuterer. Alles, was ir⸗ gend von Werth war und fortgeſchafft werden konnte, fiel den Weißkappen in die Haͤnde, die, ehe ſie dem Orte entwichen, Feuer in dieſes Schloß, das eines der reichſten gothiſchen Ge⸗ baͤude ſeiner Zeit war, ſchleuderten und es in einen Aſchenhaufen verwandelten. Anna war hingeſtreckt am Boden des Ge⸗ maches gefunden worden, in welchem der Graf ſie verlaſſen hatte. Ohnmaͤchtig fand man ſie, und in dieſem Zuſtande wurde ſie von ihrem Vater und Peter du Bois nach Gent zuruͤck⸗ gebracht. Piertes Capitel. Unmittelbat nach der Ermordung des Ober⸗ ſchoͤffen wurden die Gräfin von Artois, nebſt den erſten Damen und Edlen am Hofe, ſo uͤber ihren nahen Aufenthalt bei Gent beunruhigt, daß ſie mit aller moͤglichen Heimlichkeit und Eile ſich von Andrighien weg nach Schloß Male be⸗ gaben, wo Ludwig geboren worden war, und nach welchem er ſeinen Namen fuͤhrte. Dieſes Schloß ward, obwohl es nicht weit von An⸗ drighien lag, dennoch fuͤr ſicherer gehalten, in⸗ dem es ſtark beveſtigt war, ſo daß es zu gleicher Zeit einen Palaſt und eine Wehrveſte, eine Ver⸗ einbarung der Pracht und der Sicherheit abgab, wie man ſie zu jenen Zeiten haͤufig fand. Hie⸗ — her waren auch die Bruͤder Mattheus gefluchtet, nachdem ſie Robert d'Auterme ſo feigherzig ver⸗ laſſen hatten; und es iſt wahrſcheinlich, daß Graf Ludwig nicht zu Schloß Andrighien ge⸗ zögert haben wuͤrde, wie er es that, wenn er nicht gefuͤrchtet haͤtte, ſeine Plaͤne auf Anna ſchlugen fehl, ſobald er das Maͤdchen ſofort nach Male bringen ließe, wo deren neidiſche Feindin, ſeine Mutter, ſich jetzt aufhielt. Nach Male waren auch die Hoftavaliere und Diener des Landes berufen worden, um Rath zu halten, welche ſchleunige Maßregeln ergriffen werden koͤnnten, um die rebelliſche Parteiwuth der Weiß⸗ kappen zu erſticken. Schloß Male alſo iſt es, wohin wir den Leſer zu fuͤhren haben, wo in einem Gemache von duͤſterer Erhabenheit Margaretha von Ar⸗ tois unter einem Staatsbaldachin ſaß und be⸗ ſchaͤftigt war, mit großer Theilnahme mehrere Brieſſchaften und Papiere zu uͤberblicken, die vor ihr auf einem Tiſche lagen. Die Graͤfin, die der Leſer bereits als die Mutter des Grafen kennt, koͤnnte gewiſſermaßen 8 die Koͤnigin Eliſabeth ihrer Zeit genannt werden, nur daß ſie nicht Beherrſcherin eines Reiches wie England war. Wie bedeutend als Graf⸗ ſchaft oder Provinz ihr Beſitzthum von Artois auch ſeyn mogte, ſo reichte es zur Ausuͤbung ihres ehrſuͤchtigen Trachtens, ihrer Herrſchſucht und ihrer kraͤftigen und maͤnnlichen Geiſtesthatig⸗ keit doch keinesweges hin, ſo daß, weil ſie, wie ſie es that, einen außerordentlichen Einfluß auf ihren minder politiſch geſinnten Sohn behielt, das Land Flandern der Schauplatz ihres Ehr⸗ geizes und ihrer Macht ward. Gleichwie Eliſa⸗ beth, war ſie leidenſchaftlich von Gemuͤthsart, eiferſuchtig auf ihr Herrſcheranſehen, und beſaß dabei eine ungewoͤhnliche Charakterſtaͤrke; allein nicht ſuchte ſie, wie jene Koͤnigin der Briten, ein erhebendes Gefuͤhl, einen tugendhaften Stolz in der Wohlfahrt ihres Volkes. Die Abſichten der Graͤfin erzeugten und vollfuͤhrten ſich aus Eigennutz, und ihre Hoffart trachtete nach Ver⸗ groͤßerung ihres Hauſes, wobei ihr jedes Mittel, wie bedruͤckend es auch ſeyn mogte, gleich galt; und oft waͤhlte ſie ſehr ungerechte, ſobald die⸗ — 89 ſelben nur foͤrderlich waren. Obwohl ſie in ihrer Jugend ſchoͤn geweſen und noch von ſtattlicher Perſon war, ſo richtete ihre Eitelkeit(deren ſie in nicht geringem Maße beſaß) ſich doch mehr auf hoͤhere Auszeichnung des Geiſtes, als auf die der Schoͤnheit oder des aͤußeren Blendens. Sie war charakterveſt, hoffaͤrtig, kaltherzig; doch heftigen, rachſuͤchtigen und uͤberaus liſtigen Ge⸗ muͤthes. Waͤhrend die Graͤfin mit dem Durchſehen der vor ihr liegenden Papiere beſchaͤftigt war, trat ein Diener herein und meldete, wie Gilbert Mattheus, der Zunftaͤlteſte der Steuerleute, mit ihr zu reden wuͤnſchte. Er ward augenblicklich vorgelaſſen. Gilbert naͤherte ſich der Graͤfin mit einem Blicke der tiefſten Unterwuͤrfigkeit und Ehrerbietung; denn ſo frech wie er gegen ſeine Untergebenen, ja, ſogar gegen ſeines Gleichen war, ſo ſehr verſtand er es, ſeinen natuͤrlichen Hang zur Hochfahrendheit in Gegenwart Der⸗ jenigen zu unterdruͤcken, die mit ehrfurchtsvoller Ruͤckſicht zu behandeln in ſeinem Intereſſe lag; ſo daß man gemeinhin von ihm zu ſagen pflegte, er beſäße in ſeinem Charakter und in ſeiner Per⸗ ſon die Natur zweier ganz verſchiedenen Thiere vereinigt, und ließe wechſelsweiſe die Beſchaffen⸗ heit eines jeden derſelben durchblicken, indem er im Volke einen Wolf, am Hofe ein Lamm abgaͤbe. Die Graͤfin erwiederte die tiefe Verbeugung Gilbert's mit einem leichten Kopfnicken, allein ſie veraͤnderte dabei keineswegs ihre Stellung und wuͤrdigte ihn auch nicht des kleinſten Be⸗ gruͤßungswortes; denn Margaretha gehoͤrte zu Denen, die, in augenblickliches Geſchaͤft vertieft, niemals ihr Ziel aus dem Geſichte verlieren, und ſich auf fuͤr den Augenblick unerhebliche Dinge durchaus nicht einlaſſen.„Ihr habt Ge⸗ ſchafte bei mir, Herr Zunftmeiſter,“ ſprach die Graͤfin;„ſagt Euer Begehr.“ „Hochedle Frau,“ verſetzte Gilbert,„ich nahm mir die Freiheit, dieſe Unterredung nachzuſuchen, da es im Bereiche meiner Pflicht liegt, Eurem Urtheil und Eurer weiſen Pruͤfung Dinge von Wichtigkeit vorzutragen, die meinen Gebieter, den Grafen, angehen, deſſen Regierung, unterſtutzt 91 von den Rathſchlaͤgen einer ſo ſchoͤnen und ver⸗ ſtaͤndigen Dame, wie Ihr——“ „Zur Sache!“ ſagte die Graͤfin, indem ſie ihn unterbrach;„zur Sache! Laßt die huͤbſchen Redensarten weg; wir entrathen ihrer gern, da wir in dem Zunftmeiſter unſerer Steuerleute nicht nach Feiertagsworten eines Hofdieners ſuchen— und Ihr ſeyd zu niedrig geboren, Meiſter Gilbert Mattheus, um Artigkeiten ſagen zu koͤnnen, die mir gefallen duͤrften. Zur Sache alſo!“ „Hochgnaͤdige Frau,“ verſetzte Gilbert, etwas betroffen uͤber die kalte und hoffaͤrtige Weiſe, auf welche ſeine Schmeichelrede hingenommen worden war,„der Staatsrath iſt verſammelt, um Philipp van Artaveld und die zwoͤlf Buͤrger von Gent anzuhoͤren, die gekommen ſind, um des Grafen Gnade wegen der Ermordung des Oberſchoͤffen zu erflehen; doch mein hoher Herr, der Graf, iſt noch nicht zu Male eingetroffen. So bittet der Staatsrath denn um Euer Ein⸗ ſchreiten, ob Ihr naͤmlich wollt, daß er unter Eurem Vorſitz die Buͤrger anhoͤren, oder ſie mit der Weiſung nach Gent zuruͤckſenden ſoll, mor⸗ gen um Gehoͤr nachzuſuchen?“ „Ihnen muß heute Gehoͤr werden,“ ant⸗ wortete die Graͤfin,„und ich will dabei den Platz meines Sohnes einnehmen. Wie aber kommt es, daß Ludwig zoͤgert? So geht's im⸗ mer. Seine Angelegenheiten werden vernach⸗ läſſigt und koͤnnten mir ſelbſt zum Verderben gereichen. Zu ſolcher Zeit fern zu ſeyn, bringt unſerer Sache den Tod, beſonders da dieſe Weiß⸗ kappen uns in allen Stuͤcken zuwiderſtreben.“ „Gnaͤdigſte,“ verſetzte Gilbert,„furchtet nichts von den Weißkappen; denn ſobald es meinem Herrn gefaͤllt, ſeine ganze Macht gegen dieſelben anzuwenden, ſo behaͤlt kein Mann von ihnen ſeinen Kopf, um den weißen Kremphut darauf zu ſtulpen.“ „Ich werde die geeigneten Mittel verfugen, um ſie zu zermalmen,“ ſagte die Graͤfin,„ſobald wir den Buͤrgern Gehoͤr verliehen haben wer⸗ den. Aber dieſer Graf, dieſer Fuͤrſt, der im Blute, aber nicht im Geiſte mein Sohn iſt— wo kann er ſo lange weilen?“ Gilbert laͤchelte, und mit einem Heuchelweſen von Geheimthun und Mitwiſſenſchaft, als waͤre ihm mehr kund, denn er zu ſagen wuͤnſchte, blickte er ſchweigend vor ſich hin. „Ha!“ rief die Graͤfin, die ihn ſcharf in's Auge faßte,„Du weißt Etwas, haſt Kunde von etwas mir Verborgenem. Sprich es aus, und zwar ſogleich!“ fuhr Margaretha fort, in⸗ dem ſie mit der Hand heftig auf den Tiſch ſchlug;„ſprich's aus oder bei meiner graflichen Krone, ich reiße Dir das Abzeichen Deines Amtes, jenen Anker, vom Nacken, und mache meinen niedrigſten Hundewaͤrter ſtatt Deiner zum Zunftmeiſter!“ „Hochedle Graͤfin,“ verſetzte Gilbert,„ich fuͤrchte, Euch zu beleidigen, ſo ich die Wahrheit ſpreche; und doch, wenn ich ſie unterdruͤcke— Ihr habt ſo ſcharfen Verſtand— ſo ploͤtzliche Er⸗ forſchungsgabe, daß ein einziger Blick aus jenen ſtrahlenden Augen mich durchſchauen wuͤrde.“ „Hoͤrt auf mit dergleichen Reden, ſag' ich Euch nochmals; hoͤrt auf damit!“ ſprach die Graͤfin.„Die Augen der Graͤfin von Artois 94 durfen von Einem, wie Ihr ſeyd, nur angeblickt werden, wenn ſie ihm Schrecken einfloßen ſollen. Bringt Eure Schmeichelreden bei Eures Gleichen an, Zunftmeiſter, doch wagt nicht dergleichen Vertraulichkeiten gegen mich.“ Gilbert war abermals aus dem Felde ge⸗ ſchlagen. Zweimal hatte er die Graͤfin durch ſeine ſuͤßen Redensarten beleidigt, welche allem Vermuthen nach faſt jeder anderen Fuͤrſtin ſeiner Zeit hoͤchſt anmuthig geklungen haben wuͤrden; und er hatte die Beleidigung wirklich abſichtslos begangen. Das Eigentliche der Sache war, daß Gilbert am Hofe, wo eine Silberzunge ihm ſchon ſo viele Vortheile verſchafft hatte, ſtets zu ſchmeicheln pflegte; ſo daß er innerhalb der Grundgebiete von Andrighien und Male kaum reden konnte, ohne eine Artigkeit zu ſagen, die natuͤrlich eben ſo aus ihm herauskam, wie lugen⸗ hafte Worte aus einem gleißneriſchen Herzen. Die Gräfin befahl ihm nochmals, zu er⸗ klaͤren, was er wuͤßte oder vermuthete, wodurch des Grafen Abweſenheit von Male zu einer Zeit bewirkt werden koͤnnte, wo ſie ſelbſt, des Lan⸗ ——„—— N M 95 desherrn Mutter, und der geſammte Hof nebſt der Dienerſchaft, der Ankunft deſſelben harreten. Dieſen Befehl hatte Gilbert gewuͤnſcht. Er nahm nunmehr, als Reſultat einer ausgelernten Schlau⸗ heit, eine Miene an, welche vollkommenen Ge⸗ horſam gegen die Herrin, jedoch zugleich eine Abneigung, offen uͤber den Gegenſtand zu reden, ausdrucken ſollte. Gilbert verbeugte ſich, ſeufzte leiſe, hob ein wenig die Hand, die er wieder fallen ließ, und ſagte:„Ach, Vielgnädigſte, es iſt nur allzu erſichtlich, daß, eine einzige hohe Perſon ausgenommen, die hochgeborenen Fuͤrſten des Landes ihre Schwaͤchen und ihre Irrthuͤmer haben.“ „So,“ verſetzte die Graͤfin in einem ver⸗ ächtlichen Tone;„Ihr moͤgtet mir ſagen, daß Furſten immerdar Menſchen ſind; dergleichen unnuͤtzer Berichte kann ich entrathen, Herr Zunft⸗ meiſter. Erzahlt Eure Geſchichte, ich werde ſie ohne Mithuͤlfe Eurer Philoſophei ſchon zu com⸗ mentiren wiſſen.“ „Es iſt Euch bekannt, hohe Frau,“ fuhr Gilbert Mattheus fort,„daß Jan Lyon eine 96 ſchoͤne Tochter hat, die Eurem Sohne von dem Vater gleichſam angetragen ward.“ „Ha! Was iſt's mit der?“ rief die Graͤfin, und eine Roͤthe des Zornes und der Beunruhi⸗ gung uͤberflog ihre Wangen. Doch faßte ſie ſich augenblicklich und fugte hinzu:„Nicht ſagt mir, was ich ſchon weiß, ſondern was ich erſt er⸗ fahren ſoll. Ich habe es nicht vergeſſen, wie ohne meine Dazwiſchenkunft der Graf von Flan⸗ dern ſeine edle Geburt, ja ſelbſt ſeine Graſſchaft dadurch verſcherzt haben wuͤrde, eine Dirne zu ehe⸗ lichen, die zu niederer Herkunft iſt, als daß ſie hätte Kammermagd an unſerem Hofe werden koͤnnen. Sagt mir, was Ihr zu ſagen habt, aber in Kuͤrze!“ „Dieſes Maͤdchen ward darauf vom Hoſe entfernt,“ ſagte Gilbert,„doch geſchah es, wie ich fuͤrchte, nicht durch den Grafen.“ „Wie!“ rief die Graͤfin,„hat Jan Lyon es gewagt, noch fernerhin den Koͤder auszuwerfen, um meinen verblendeten Sohn zu angeln? Hat Anna ahnen koͤnnen— doch es kann nicht ſeyn; ich will nicht glauben, daß ſie es wagen koͤnnte, meinem Grimme zu trotzen.“ ———— „— em 97 „Der Vater hat Alles gewagt, was Verrath und Frevel in's Werk zu richten vermoͤgen,“ ant⸗ wortete Gilbert,„und ſeine Tochter haͤlt noch immer durch Raͤnke und anſcheinende Unſchuld den Grafen in ihren Banden, weiß jedoch ſeine Leidenſchaft in Schranken zu halten, und hofft ihn zu verderben, indem ſie ihn fruͤher oder ſpaͤ⸗ ter zu uͤberreden gedenkt, ſie zum Weibe zu nehmen. Dieſer Kunſtgriff kann nur ihr Werk ſeyn; denn Jan Lyon hat, da er zum Verraͤther geworden iſt, nichts zu erwarten, es waͤre denn, daß, im Fall ſeine Weißkappen unterliegen muͤß⸗ ten, er mindeſtens ſeinen Hals durch den Ein⸗ fluß ſeines Kindes, die Geliebte ſeines ſchwer beleidigten Fuͤrſten, zu retten gedaͤchte.“ Waͤhrend Gilbert dieſe liſtige Rede vorbrachte, ſaß die Graͤfin regungslos mit duͤſterer Stirn da. Jetzt ſprang ſie ploͤtzlich von ihrem Sitze auf und rief:„Genug! ſo es im Bereich der Erde Mittel gibt, um die Abſichten dieſer liſti⸗ gen Dirne zu vereiteln, ſo mache ich ſie aus⸗ findig. Zuvor aber, Gilbert, gebt mir einen Beweis, daß Eure Mittheilung wahr iſt; denn Die Weißkappen II. 7 98 ſo ich nicht irre, ſeyd Ihr ein abgewieſener An⸗ beter Anna's, ſeyd dabei nicht ſonder Bosheit noch Gottloſigkeit, ſobald Ihr dadurch zu gewin⸗ nen vermeynt. Ich will nichts unnuͤtz thun. Muß ein Opfer gebracht werden, ſo geſchehe es aus dringend nothwendiger Urſache. Welchen Beweis alſo, frag' ich Euch nochmals, habt Ihr fuͤr die Wahrheit Eurer Behauptungen?“ „Das Zeugniß meiner eigenen Augen, viel⸗ gnädigſte Herrin,“ antwortete Gilbert.„Das Frauenzimmer, welches unter einem Vorwande, Almoſen von dem Grafen am Eingange zur St. Balduinkirche erbat, und in jenem ihrem Vorhaben geſtoͤrt ward, war Anna; ſie wollte einen Brief in die Haͤnde Eures erlauchten Soh⸗ nes befoͤrdern. Ich ſah ſie, als ſie ſich ſo ploͤtz⸗ lich, aus Furcht erkannt zu werden, zuruͤckzog; im Gewuͤhl ward ihr fuͤr einen Augenblick der Schleier vom Geſichte geriſſen, ſo daß ich ſie ſofort erkannte. An demſelben Tage hatte ſie eine geheime Zuſammenkunft mit meinem Herrn zu Andrighien, und zwar in deſſen Gartenhaͤus⸗ chen. Fruͤher als erwartet ward, war ich aus us 99 Gent zuruͤckgekehrt. Der Huͤter wehrte mir, den Weg nach dem Luſthauſe einzuſchlagen; dies er⸗ regte Verdacht bei mir. Auf einem Umweg durch das Gartengehoͤlz gelangte ich zu dem Ge⸗ buͤſche unfern des Haͤuschens und blieb dort auf der Lauer. Bald nachher trat der Graf von Flandern in den Garten. Er trug zu derſelben Stunde eine merkwuͤrdig ſchoͤne guͤldene Kette um den Hals, die aber nicht mehr an ihm ge⸗ ſehen ward, als er den Garten wieder verließ; und nach kurzer Weile entſtahl Anna Lyon ſich dem Luſthauſe, indem ſie eben jene Goldkette um den Nacken hatte. Wahrſcheinlich iſt ihr dieſelbe als ein Beweis der Zuneigung von dem Grafen geworden; und jetzt fuͤrchte ich, Euer edler Sohn weilt noch zu Andrighien um Anna's willen, denn von einem der Diener des Grafen erfuhr ich, daß am Tage, wo der Schoͤff' er⸗ mordet ward, ein Frauenzimmer ganz in Geheim nach Andrighien gebracht worden iſt, und auf beſonderen Befehl meines gnaͤdigſten Herrn ſorg⸗ faͤltig verſteckt gehalten wird.“ „Genug!“ rief die Graͤfin;„mehr als genug 7* 100 der Beweiſe, und ich weiß, daß Ihr es nicht wagen wuͤrdet, mir Luͤgen vorzubringen, da eine einzige aufgedeckte Luͤge Euren Untergang bereitet haben wuͤrde. Ich werde auf Mittel ſinnen, wie in dieſer Sache zu verfahren iſt. Alsdann ſollt Ihr vernehmen, wie ich Euch dabei zu be⸗ ſchaͤftigen gedenke; mittlerweile jedoch athmet Ihr keine Sylbe gegen irgend eine lebende Creatur uͤber Das aus, was Ihr mir ſo eben mitgetheilt habt. Wir muͤſſen ſcheinen, als wuͤßten wir nichts von dem Allen, ſelbſt dem Grafen muͤſſen wir fur jetzt ſo ſcheinen. Ich werde allen Dir⸗ nen, die da den Gedanken wagen moͤgten, durch Liſt und Raͤnke und huͤbſches Angeſicht ſich mit Fuͤrſtenſoͤhnen zu bemengen, eine ſchauerliche Lehre geben. Beobachtet die groͤßte Vorſicht!“ „Vielgnaͤdigſte,“ verſetzte Gilbert Mattheus, „Ihr moͤgt Euch auf mich verlaſſen und habt nicht zu fuͤrchten, von dem Vertrauten Eurer Anſchlaͤge und Maßregeln verrathen zu werden.“ „Aendert jene Benennung, Herr Zunftmei⸗ ſter,“ ſagte die hochfahrende Graͤfin,„Ihr ſeyd mein Werkzeug, nicht aber der Vertraute der — ht ne tet n, nn e⸗ hr ur ilt ir ir⸗ nit he — bt er 4 ei⸗ yd 101 Gräfin Margaretha von Artois. Ich habe Euch mir zum Nutzen erkauft; Ihr habt mein Ver⸗ trauen, ſo fern es noͤthig iſt; geht keinen Schritt daruͤber hinaus! Ich wiederhole es Euch, ich habe Euch fuͤr meinen Dienſt erhandelt, ſo wie ich jedes andere Ding fuͤr Geld eintauſchen koͤnnte; Ihr ſeyd gaͤnzlich in meiner Machtz ich machte Euch durch Kauf, nicht aus Ruͤckſicht zu dem, was Ihr ſeyd.“ „Ihr habt mich in der That uͤber all meine Hoffnung reich und ſogar bedeutend gemacht,“ entgegnete Gilbert Mattheus,„und zu Euch allein blick' ich auf, daß ich in der Gunſt mei⸗ nes Herrn bleiben moͤge. Ihr habt nichts von mir zu fuͤrchten, gnaͤdigſte Frau.“ „Ich furcht' Euch nicht, Mann; ich kuͤmmere mich nicht um Euch,“ ſagte die Graͤfin;„ein Wort von mir wuͤrde Euch zermalmen! Eure Sicherheit liegt in Eurem Schweigen und Eu⸗ rem Gehorſam; denn obwohl ich zugeſtehe, daß Ihr mir nuͤtzlich ſeyd, ſo halte ich Euch den⸗ noch nur ſo, wie ich die Feder hier in mei⸗ ner Hand halte; ſie ſchreibt als ein Werkzeug 102 meines Willens nur diejenigen Schriftzuͤge, die ich ihr anbefehle.“ „Und ich gehorche auf gleiche Weiſe in allen Stuͤcken,“ antwortete der ſpeichelleckende Zunft⸗ aͤlteſte.„Ich habe jetzt noch Nachrichten von der groͤßten Wichtigkeit Euch mitzutheilen, und Euch allein, vielgnaͤdige Herrin. Der geheime Bote, den ich, um Euch zu dienen, gen Paris ſandte, iſt heute heimgekehrt.“ „Und welche Botſchaft bringt er?“ fragte Margaretha haſtig.„Iſt Karl der Fuͤnfte noch immer ungehalten gegen den Grafen von Flan⸗ dern, weil dieſer dem Herzoge von Bretagne, als er ein in Ungnade gefallener Fluͤchtling war, Schutz an ſeinem Hofe verlieh? Waͤre ich zu jener Zeit in Gent geweſen, nimmer haͤtte ich, durch dergleichen Schutzverleihung an den Her⸗ zog, das Mißfallen des franzoͤſiſchen Koͤnigs gegen uns rege gemacht.“ „Der Koͤnig iſt fortwaͤhrend entruͤſtet gegen den Grafen, und zwar um eben jener Schutz⸗ verleihung willen,“ antwortete Gilbert.„Doch Seiner Majeſtaͤt Mißfallen iſt dermalen von ge⸗ 103 ringer Erheblichkeit. Der Koͤnig von Frankreich liegt im Sterben, und binnen Kurzem wird ſein jugendlicher Sohn ihm als Karl der Sechste auf dem Throne folgen.“ „Das iſt in der That eine Neuigkeit,“ rief die Graͤfin,„und Ihr habt mir da einen wuͤr⸗ digen Dienſt geleiſtet. Ich will ihn anſehnlich belohnen. Solche ſo fruͤh erlangte Nachricht mag uns, vor dem Hinſcheiden des Koͤnigs, allerdings Nutzen ſchaffen. Es darf keine Zeit verloren gehen; wir wollen zu jener aufgehenden Sonne aufblicken und unſere Fruͤchte in ihren Strahlen reifen laſſen. Frankreich ſoll wieder unſer Bundesgenoß werden; wir werden ſeines Beiſtandes beduͤrfen. Unſere Maßregeln muͤſſen hurtig und entſcheidend ſeyn. Laßt mich einen Augenblick nachdenken.— Olivier de Cliſſon iſt jetzt Connetable von Frankreich—“ „Er iſt's,“ fiel Gilbert ein,„und nach dem Zeugniſſe der Welt zeigt er ſich als hoͤchſt tapfe⸗ rer Krieger und weiſer Staatsmann.“ „Das iſt gut, das trifft ſich gluͤcklich,“ fuhr die Graͤfin fort.„Hoͤrt mich, Gilbert, Ihr ſollt 104 mir in dieſer Sache beiſtehen. Ich ernenne Euch hiemit zu meinem Geheimſchreiber, und Euer erſter Amtsdienſt ſoll der ſeyn, Briefe, ſo wie ich ſie dictire, an den Connetable zu richtenz denn es iſt hoͤchſt wahrſcheinlich, daß Olivier de Cliſſon den knabenhaften Koͤnig nach ſeinem Willen lenken wird.“ „So ſagt man in Paris, Vielgnaädigſte,“ entgegnete Gilbert;„auch fluͤſtert man, daß der Connetable ſchon mehr Einfluß auf den Kron⸗ prinzen hat, als einer von deſſen Oehmen, den Herzoͤgen von Berry und Burgund. Dieſe Letz⸗ teren haben eifrig die Freundſchaft und die Gunſt Olivier's nachgeſucht, ſeitdem die Geſundheit des alten Koͤnigs ſich ſo ſehr verſchlimmerte.“ „Und die meinige ſollen ſie ebenfalls nach⸗ ſuchen,“ ſagte die Graͤfin,„obwohl Burgund dies ſchon gethan hat; denn er verdankt mir ſein Ehebuͤndniß mit meiner Enkelin, der Erbin von Flandern. Auch kenne ich eines jeden Ge⸗ muͤthsart bis in die kleinſte Schwaͤche. Schreibt dem Connetable meinen Gruß, verſichert ihn meines Wohlwollens; aͤußert nicht, als wuͤßten VM ————— N 105 wir etwas von der Lebensgefahr des Koͤnigs; laßt Alles ganz abſichtslos erſcheinen, und ſagt ihm, daß das Schloß in Artois, welches er von mir kaufen wollte, ſo lange er lebt, koſtenfrei das ſeinige ſeyn ſoll; daß ich ihm nicht fruͤher dieſen Beweis der Freundſchaft habe geben koͤn⸗ nen, weil die Angelegenheiten meiner Grafſchaft ſeit dem Tode meines Gemahls jetzt erſt in Ord⸗ nung gebracht worden ſind. Ich kenne dieſen Olivier. Er wird in ſeiner Einfalt an dieſen Koͤder beißen. Er iſt ein ruͤſtiger Kriegsmann, allein es ſteckt nicht mehr Staatsklugheit in ihm, als in dem knabenhaften Koͤnig, den er ſpäter⸗ hin zu beherrſchen gedenkt. Dabei meynt er, Frauen haben wenig Scharfſinn— koͤnnen wenig ausrichten, weil ſie es nicht verſtehen, eine Lanze zu ſchwingen. Erhaltet ihn in dieſem Wahne— um ſo weniger ahnet er meine Maßregeln.“ „Ich werde dieſe Briefe ſofort abfaſſen, wie Ihr befohlen habt, gnaͤdige Graͤfin,“ ſagte Gil⸗ bert Mattheus. „Dem thut ſo,“ fuhr Margaretha von Ar⸗ tois fort.„Herr Olivier de Cliſſon wird den 106 jungen Koͤnig von Frankreich beherrſchen. Ich werde Herrn de Cliſſon fuͤr meine Zwecke ge⸗ winnen, und dann wird der Connetable von Frankreich thun, wie ich es haben will. So ſoll Frankreich trotz all ſeiner vormaligen Eifer⸗ ſuchteleien mit uns in ein Buͤndniß treten. Wird das nicht Staatsklugheit heißen?“ „Zuverlaͤſſig iſt's, daß dieſe Maßregel nicht fehlſchlagen kann,“ meynte Gilbert.„Aber wuͤrde es nicht zu dieſer Zeit eben ſo gerathen ſeyn, den koͤniglichen Hehmen ein Wort zu ſagen, Vielgnaͤdige?“ „Ei allerdings gedenk' ich ſolches zu thun,“ antwortete Margaretha von Artois.„Beide ſind neidiſch auf den Connetable; ſie haſſen ihn, ob⸗ wohl ſie jetzt um ſeine Freundſchaft buhlen. Nur um ihren Einfluß bei dem jugendlichen Koͤnig zu vergroͤßern, ſchmeicheln ſie dem Olivier. Schreibt an Beide, aber vorſichtig; ſpiegelt vor, aber ſagt nichts mit Beſtimmtheit zu. Deutet von fern darauf hin, daß es Flanderns Wunſch, beſonders der meinige iſt, ſo bewanderte Staats⸗ maͤnner in ihrem eigentlichen Wirkungskreiſe zu 2—— „——— 107 ſehen; ſo daß, falls es dem Himmel gefallen ſollte, den gegenwaͤrtigen Koͤnig abzurufen, ich wohl moͤgte, daß ſie die Vormundſchaft uͤber die Minderjaͤhrigkeit des jungen Kronprinzen ver⸗ walteten. Deutet auch darauf hin, wie es etliche Perſonen geben duͤrfte, die ihren Einfluß bei Olivier gebrauchen koͤnnten, ſo daß dieſer dahin gebracht werden moͤgte, Gleiches zu wuͤnſchen und den Plan zu befoͤrdern. Daß fuͤr jetzt die Klugheit mich noͤthige, nur unklar darauf hin⸗ zuwinken, doch daß die Zeit kommen wird, wo ich ihnen Beiden in einem ſo weſentlichen Punkte dienen kann. Ihr moͤgt in dieſen Briefen ein Wort zum Lobe der jungen Herzogin von Berry, und ein anderes zum Preiſe von Burgund's Ge⸗ ſchicklichkeit im Lanzenbrechen einfließen laſſen, ſo habt Ihr Beider Herz und Hand.“ „Ich will noch dieſen Abend die Briefe alſo anfertigen,“ ſagte Gilbert,„ſo daß ſie morgen fruͤh fuͤr Euch bereit liegen, damit Ihr Euer Signet darunter ſetzen moͤgt.“ „Gut ſo,“ antwortete die Graͤfin;„ich muß jetzt in den Staatsrath, wo ich die Verſamm⸗ 108 lung anzureden gedenke. Ich werde hoͤchlich die Abweſenheit meines Sohnes beklagen, und den⸗ noch darthun, daß wir ſeine Ruͤckkehr zur Be⸗ rathſchlagung nicht abwarten koͤnnen. Erinnert Euch, Gilbert, daß Ihr, falls Ludwig de Male eher hier eintrifft, als ich es moͤgte, Euren Bru⸗ der Stephan ſtimmt, wo moͤglich eine Liſt an⸗ zuwenden, um den Grafen wenigſtens ſo lange aus dem Staatsrathe fern zu halten, bis ich die Buͤrger abgefertigt habe. Ludwig hat mehr Gemuͤthswallung als Staatsklugheit. Er iſt der Sclav ſeiner Leidenſchaften, iſt ſehr ſchwach, und thut, gleich allen ſchwachen Seelen, ſich ſelber großen Schaden. Und ich ſage von ihm Euch dies, Herr Zunftmeiſter, nicht um Euch um Euretwillen irgend ein Vertrauen zu zeigen, ſon⸗ dern damit Ihr unter Kenntniß des wahren Cha⸗ rakters Eures graͤflichen Gebieters beſſer abſehen koͤnnt, wie Ihr ihn zu behandeln habt, um meine Zwecke erfuͤllen zu helfen.“ Gilbert verbeugte ſich, und die Graͤfin fuhr fort:„Hier, Herr Zunftmeiſter, ſind Briefe, die ich mit eigener Hand ſchrieb, und die Ihr ſofort +——„++„„ 2— +—„—+„—+ 8——— 109 durch einen ſichern Boten an die Herzogin von Brabant zu befoͤrdern habt. Nehmt die uͤbrigen Papiere hier und tragt ſie in mein Gemach, und dann folgt mir in den Staatsrath. Doch halt! erſt nehmt dieſen Ring; es iſt ein koſtbarer De⸗ mant. Nehmt ihn als eine Belohnung fuͤr die juͤngſt bewieſene Dienſtfaͤhigkeit. Der Knecht, der meine Befehle ausrichtet, ſoll nimmer ſeines Lohnes gebrechen.“ Die Graͤfin erhob ſich und verließ das Ge⸗ mach. Gilbert Mattheus ſtand eine Weile ſtill und blickte bald der Hinweggegangenen nach und bald auf den von ihr erhaltenen Ring. Dann brach er halb murmelnd, halb gedaͤmpften Tones in folgendes Selbſtgeſpraͤch aus:„Der Knecht, der meine Befehle ausrichtet, ſoll ſeines Lohnes nicht gebrechen!“— Stolzes, freches Weib! Der Lohn iſt noch nicht genuͤgend gezahlt wor⸗ den, vielgnaͤdige Graͤfin, aber er ſoll es;“ fuhr Gilbert fort, indem er mit Haſtigkeit den Hand⸗ ſchuh anzog;„und das mit Zins von Zins oben⸗ drein. Ich will eine Zahlung eintreiben, von der Ihr Euch wenig traͤumen laßt, hochfahrende Margaretha. Kein Vertrauter— ſeht doch! Ein Werkzeug— ein Geraͤth— wie die Feder in ihrer Hand! Ja, ja, aber dieſe Feder ſoll Dich mit all Deiner Weisheit zu Schanden ſchreiben; Dich, die Du ein Weib und einfaͤltig biſt bei allen Deinen Raͤnken; und Gilbert Mattheus wird Dein Gebieter ſeyn!— Ja, ich werde an de Cliſſon ſchreiben; ja, ja, und an Burgund und den von Berry, aber Alle ſollen wiſſen, wem ſie der Frau Graͤfin Briefe zu danken haben, und daß, wenn durch eines Koͤ⸗ nigs Krankheit Schloͤſſer ohne einen Heller Zah⸗ lung erlangt werden, Gilbert Mattheus dafuͤr ſeinen Senſalzins empfangen und mindeſtens mit Ehren der Vogt ſolchen Schloſſes werden muß, der franzoſiſche Koͤnig mag nun leben oder ſter⸗ ben, wiewohl Letzteres hoͤchſt wahrſcheinlich iſt. Und jetzt, Jan Lyon, ſollſt Du ſammt Deiner ſo hohnvollen wie huͤbſchen Tochter die Rache Gilbert's fuͤhlen, waͤhrend er ſie von einer Gra⸗ fin vollfuͤhren läßt.“ Dies waren die Betrachtungen des Zunft⸗ meiſters, als er ſich anſchickte, die Befehle der in ter me S ha fin int ric die hef Ne ſich keit un wa lich gec vat zw Graͤfin von Artois auszurichten und ihr in den Staatsrath zu folgen. Als Gilbert Mattheus in den Saal trat, wo die Verſammlung gehal⸗ ten ward, uͤberblickte er mit der groͤßten Auf⸗ merkſamkeit die Scene, die ſich ihm darſtellte. Sorglich pruͤfte er die Geſichter der in der Ver⸗ handlung begriffenen Hauptperſonen. Die Graͤ⸗ fin von Artvis ſaß unter einem Staatsbaldachin, indem ſie ihre glorwuͤrdige Geſtalt hoch aufge⸗ richtet trug, waͤhrend ihre gerunzelte Stirn und die tiefe Roͤthe auf ihren Wangen Kunde von heſtigem, uͤbel verhehltem Zorngefuͤhl gaben. Neben ihr ſtand Herr Walter d'Anghien, der Neffe des Grafen von Flandern. Sein Ge⸗ ſichtsausdruck zeugte von gelaſſener Aufmerkſam⸗ keit, waͤhrend aus einer leiſen Lippenbewegung und der Regſamkeit ſeiner Blicke abzunehmen war, daß er des Vortheils harrte, eine ſchick⸗ liche Gelegenheit zum Reden finden zu koͤnnen. Am unteren Ende der Tafel, und gerade gegenuͤber der Dame von Artois, ſtand Philipp van Artaveld als Sprecher und Vorſtand der zwoͤlf Buͤrger von Gent, die ihn als Mitabge⸗ 112 ordnete begleiteten. Sein Antlitz druͤckte die leidenſchaftlichſten Gefuͤhle aus, und er blickte auf die Graͤfin mit einer Miene, die von einem Geiſte zeugte, der eben ſo ſtolz und hochfahrend, als der ihrige war; waͤhrend in dem Augen⸗ blicke, in welchem Gilbert in den Saal trat, ihm folgende Worte vom Munde ſprudelten: „Nicht um ſolchen Zweckes willen bin ich hier,“ ſprach Philipp van Artaveld.„Ich will nicht Verraͤther an der Sache werden, fur die ich mich erklaͤrte, und die eine Sache der Gerechtigkeit iſt. Ich erſcheine vor dem Staatsrathe, um dem Grafen Ludwig zu erklaͤren, daß der Mord, der an ſeinem Oberſchoͤffen veruͤbt ward, eine vor⸗ ſchnelle und grauſame That, aber doch nur die That eines aufgeregten Poͤbels war— eine That, die von den beßten und beſſeren Buͤrgern Gents fuͤr ſchmachvoll erklaͤrt wird, und fuͤr welche ſie keinesweges zur Rechenſchaft zu ziehen ſind. Soll dafuͤr Suͤhne geſchafft werden, ſo falle die Rache auf die Schuldigen— auf die einzelnen Schuldigen, die den Mord begingen; allein nicht laſſet unſere edlen Freiheiten darunter leiden! —————. — 5„—— — T ie ts he ie en ht So lange ich ein Leben habe, um dieſe zu be⸗ ſchuͤtzen, ſollen ſie nimmer als ein Opfer oder als eine Suͤhne fuͤr eine gottloſe That angeboten werden, die von einem wuͤthend gemachten Volks⸗ haufen begangen ward.“ „Ihr kommt, Philipp van Artaveld,“ ent⸗ gegnete die Graͤfin,„auf eine gar ſeltſame Weiſe in dieſe Verſammlung; Ihr kommt, vorzuſchrei⸗ ben, nicht aber, Euch unterwuͤrfig zu zeigen. Moͤgtet Ihr genuͤgende Entſchuldigung wegen des durch Eure Partei veruͤbten Greuels an dem Oberſchoͤffen von Gent beibringen, ſo ſolltet Ihr es mindeſtens in Demuth thun. Auch koͤnnt Ihr von uns nicht die Geſtattung derienigen Gerechtſame heiſchen, die Euch vor der Vollfuh⸗ rung jener Blutthat zugeſagt wurden.“ „Nicht an Euch, Frau Grafin,“ entgegnete Philipp,„wollte ich meine Rede gerichtet wiſſen, ſondern an den Grafen, Euern Sohn. Ich bin hier, ihn um Vergebung fuͤr die Unthat zu bit⸗ ten, und einen Frieden mit ihm abzuhandeln, naͤmlich ſolchen Frieden, aus dem die Wieder⸗ herſtellung unſerer ſaͤmmtlichen Freiheitsrechte Die Weißkappen II. 8 114 und die Gutmachung der von uns erlittenen Unbill hervorgehen kann. Mein Geſchaͤft iſt an Ludwig de Male gerichtet und zu ihm werd' ich ſpaͤterhin reden. Er iſt es, der als Haupt des Staatsrathes von Flandern hier den Vorſitz haͤtte einnehmen ſollen.“ „Nun aber nehme ich dieſen Vorſitz ein,“ ſagte Margaretha mit Heftigkeit.„Mein Rang als Wittib des verſtorbenen Grafen von Flan⸗ dern, als alleinige Beherrſcherin von Artois, gibt mir das Recht, Theilnehmerin an dieſem Staatsrathe zu ſeyn, und in Abweſenheit mei⸗ nes Sohnes iſt nicht meines Gleichen in dem⸗ ſelben. Sprecht alſo zu mir, junger Mann, er⸗ flehet meine Vergebung, oder,“ fugte ſie hinzu, indem ſie umblickte und Einem aus ihrem Ge⸗ folge winkte,„oder bei dem Werth meines Lan⸗ des, ich will Andere mit Euch reden laſſen, und Ihr ſollt erfahren, daß ich eben ſowohl Macht habe, Euch dem Caſtellan von Schloß Male zu uͤberantworten, als den Vorſitz in dieſem Rathe zu fuhren. Ihr habt unſere Nachſicht gemiß⸗ braucht, unſere Zuſagen geringgeachtet, und habt —„„—— ſ——„—— c— 115 nach jeglicher Geſtattung von unſerer Seite den Tractat gebrochen. Was koͤnnt Ihr jetzt Anderes erwarten, als daß von nun an unſer Wille die⸗ jenigen Rechte vorſchreibt, welche Euer bleiben ſollen?“ „Das iſt grundfalſch!“ rief van Artaveld; „durch Euer eigenes Thun ward der Vertrag gebrochen; die Perſonen all' unſerer Fuͤhrer ſoll⸗ ten in den Generalpardon eingeſchloſſen ſeyn; da zog der Oberſchoͤff auf den Markt, um, Na⸗ mens der hoͤchſten Gewalt, das Leben Peter du Bois und Jan Lyon's zu fordern. Da lag der Friedensbruch; und mit keinem Scheine des Rechtes kann daher der Tadel, den Vertrag ge⸗ brochen zu haben, auf uns gewaͤlzt werden.“ Die Graͤfin wollte antworten, als Herr Walter d'Anghien auf eine Weiſe, die Hochach⸗ tung mit Veſtigkeit des Entſchluſſes gepaart zeigte, vortrat, und den Staatsrath folgender⸗ maßen anredete:„Ihr Herren, und Ihr, edle Dame, goͤnnt mir das Wort; ich fordere es als das Vorrecht, welches mir als Mitglied dieſes Rathes zuſteht. Der Graf von Flandern iſt 8* — 116 nicht anweſend, und wie erzuͤrnt er uͤber die Ermordung Robert d Auterme's auch ſeyn moge, ſo kann er doch nicht die Buͤrger derſelben an⸗ klagen, ohne eine Ungerechtigkeit zu begehen; auch ſollte deren Geſandtſchaft nicht eher ent⸗ laſſen werden, als bis Herr Ludwig dieſelbe in eigener Perſon gehoͤrt hat. Laßt uns nicht vor⸗ ſchnell entſcheiden; laßt den Abgeordneten Zeit, um Art und Weiſe ihrer erlittenen Unbill ge⸗ hoͤrig darzulegen; wenn dieſes geſchehen ſeyn wird, liegt es unſerm gnaͤdigen Grafen ob, die gebotenen Friedensbedingungen anzunehmen oder zuruͤckzuweiſen. Und wenn wir denn endlich doch in die Greuel eines Buͤrgerkrieges verwickelt wer⸗ den, ſo laßt uns mit ihnen nicht in dem Saale unſeres Staatsrathes dadurch beginnen, daß wir Beleidigung oder Schmach dem edlen, obwohl mißleiteten Geiſte Philipps van Artaveld zufugen. Philipp van Artaveld iſt ehrenwerth, laßt ihm freien Spielraum haben.“ „Herr Walter,“ ſagte die Graͤfin,„Ihr ſeyd ein junger Mann, der in jeglichem Staatsge⸗ ſchäfte noch gruͤn iſt. Euer bisheriges Leben die ge, In⸗ ; nt⸗ or⸗ — ward auf jene Studien verwendet, die den Ge⸗ lehrten ſchmuͤcken, die aber in einem Staatsrathe von geringem Nutzen ſind; und obwohl Ihr jetzt Eure Pergamente und Sprachbuͤcher zuruͤckgelegt habt, um Euch zum Kriegsmanne zu machen, ſo mangelt es Euch doch noch an Erfahrung, um einen brauchbaren Rathgeber in Euch darzuſtellen.“ „Dame von Artois!“ verſetzte Herr Walter, „ich weiß, daß ich noch unerfahren in den Bahnen der Staatsklugheit bin; doch wuͤrden meine Studien gaͤnzlich unnuͤtz ſeyn, ſo ich aus ihnen nicht die Grundſaͤtze der Gerechtigkeit her⸗ zuleiten wuͤßte.“ „Herr Walter, meine vielgnaͤdige Frau Gra⸗ fin,“ ſagte der ſchlaue Gilbert Mattheus,„hat aus ſeinen Buͤchern Grundſätze gewonnen, deren Anwendung er von Euch zu erlernen haben moͤgte; denn es gibt ein Wiſſen in der Theorie, das in der Praxis unbrauchbar wird. Duͤrfte ich eine Maßregel anrathen, ſo waͤre es die, daß die Buͤrger, ehe irgend von Bedingniſſen Rede wird, Geiſeln zu Sicherung ihres ferneren guten Be⸗ tragens ſtellten.“ 118 „Schweigt, Gilbert,“ ſagte die Graͤfin,„wir beduͤrfen keiner Anrathungen von Euch; gefalle es Euch, zu bedenken, daß Ihr Zunftmeiſter unſerer Steuerleute, nicht unſer Rathgeber ſeyd.“ „Herr Walter d'Anghien,“ nahm Philipp van Artaveld das Wort,„Ihr habt verſtaͤndig und ehrenwerth geſprochen, und leid ſollte es mir thun, durch die verſchiedenen Parteien, deren wir uns annehmen, Euer Feind werden zu muͤſſen, wenn es zum Aeußerſten kommen ſollte; doch auf dem Kampfplatze Euch treffen, heißt einen edlen Gegner finden. Ich beklage die Er⸗ mordung des Oberſchoͤffen, und betheure bei Ehr' und Leben, daß weder ich, noch Einer der Buͤrger, die Ihr hier vor Euch ſehet, auf irgend eine Weiſe Theil daran nahm; und daß ich glaube, es ſey weiter nichts Beleidigendes gegen die Gewalt des Grafen von Flandern unter⸗ nommen.“ Noch ehe van Artaveld dieſe Rede hatte voͤl⸗ lig zu Ende bringen koͤnnen, ward plotzlich die Saalthuͤr aufgeriſſen, und athemlos von Zorn und Erſchoͤpfung, mit gluthblitzenden Augen, in ℳ—„—— 3 5—— ———— M der Hand das entblößte Schwert, ſtuͤrzte Lud⸗ wig de Male mit etlichen Begleitern herein. In einem von Leidenſchaſt ſchier unverſtaͤndlichem Tone rief er:„Verſchließt die Ausgaͤnge; be⸗ waffnet Euch, meine Freunde! Verhaftet jene Maͤnner von Gent und die Verraͤther, welche ſie mit ſich fuͤhren. Kaum habe ich von An⸗ drighien her das Leben gerettet; die fluchens⸗ werthen Weißkappen haben meinen Palaſt zu Aſche verbrannt.“ Ein allgemeiner Ausbruch von Unwillen ward in der Verſammlung laut, und van Artaveld und die Buͤrger blickten einander mit Beſtuͤr⸗ zung, Verdruß und Beſchaͤmung an. „Das alſo ſind Eure Friedensbedingungen?“ fragte die Graͤfin;„dies die Mittel zu Wieder⸗ erlangung Eurer Stadtvorrechte?“ „Wir mindeſtens ſind ſchuldlos an dieſer That,“ verſetzte van Artaveld;„laßt uns alſo nicht leiden; laßt nicht Gent das Verderben leiden, das nur auf die Schuldigen fallen ſollte.“ „Schuldig!“ rief der Graf;„bei'm Himmel! 120 Ihr Alle ſeyd ſchuldig. Verhaftet ſie, ſag' ich; augenblicklich verhaftet ſie!“ „Mit nichten, Gebieter; mit nichten!“ ſagte Herr Walter d'Anghien,„laßt uns nicht Hand an die geheiligten Perſonen einer Geſandtſchaft legen!“ „Wahr, wahr,“ entgegnete Ludwig,„unſere Ehre darf um dieſer elenden Weißkappen willen nicht befleckt werden. Sie ſollen unſern Grimm fuͤhlen. Sie ſollen bis auf den letzten Mann umkommen.“ „Mein Herr und Gebieter,“ ſprach van Ar⸗ taveld, als er ſich anſchickte, den Grafen ehr⸗ erbietig anzureden,„ich bitte Euch, hoͤrt mich; ich kam hieher, um mich mit Euch zum Frieden zu beſprechen.“ „Ich will nichts hoͤren von Frieden, nichts von Bedingniſſen,“ verſetzte der Grafz„nicht ein Wort will ich eher davon hoͤren, als bis Rache an dieſer niedertraͤchtigen Meutererrotte genommen ward! Geht— hinweg! Enthebt Euch aus meiner Naͤhe; Ihr, van Artaveld und Eure ganze Geſandtſchaft— kein Wort ſollt Ihr ; te d ft mehr ſagen, denn ich ſchwoͤre bei der Seele meines Vaters, daß, waͤre nicht meine Ehre in Eurer dermaligen Sicherheit begriffen, ich Euch Allen zur Stunde den Tod geben wuͤrde, daß Eure Haͤupter der Raben Atzung wuͤrden auf den Mauern der Stadt! Verlaßt mich, und ſagt Denen, die Euch ſchickten, daß, ſobald ſie zu unſeren Fuͤßen jenen Jan Lyon und all deſſen Genoſſen ſchleppen, wir mit ihnen von Friedens⸗ bedingniſſen reden wollen, waͤhrend der Nach⸗ richter ſein Amt verwaltet. Jetzt keine Bitte, kein Geſuch, kein Bedingniß! Nichts mit Euch, bevor jene Elenden nicht den Gerichten anheim⸗ fielen; und welche Geſandtſchaft uns, ehe jene Miſſethaͤter ausgeliefert wurden, nahen moͤgte, ſo geſchieht es auf ihre Gefahr, denn um ihrer Anmaßung willen wird ihr Leben verwirkt ſeyn, ſo lange mein Verlangen nicht erfullt wird.“ „Dann, fuͤrcht' ich, iſt Alles zu Ende!“ ſagte van Artaveld, als er ſich wendete, um fort⸗ zugehen;„wir koͤnnen unſere Haͤupter nicht zum Tode verrathen und ſo den Schuldigen mit dem Unſchuldigen vermengen.“ — 122 Die entmuthigten Buͤrger verließen mit Phi⸗ lipp van Artaveld den Saal und kehrten ſofort nach Gent zuruͤck, indem ihre Blicke und ihr niedergeſchlagenes Weſen genugſam von dem Mißlingen ihrer Sendung zeugten. Dieſe Maͤn⸗ ner waren hoͤchſt bemitleidenswerth, da ſie durch Philipp van Artaveld als die ehrenwertheſten Mannen der Stadt ausgewaͤhlt worden, und in den redlichſten Vorſätzen ſowohl gegen den Grafen wie gegen Gent nach Male gegangen waren. Nachdem ſie den Saal verlaſſen hatten, fuhr die Verſammlung fort, ſich uber die beßten Mit⸗ tel zu berathen, die zu Daͤmpfung des Aufruhrs und zu Beſtrafung der Weißkappen verhelfen moͤgten. Endlich kam man uͤberein, daß Lud⸗ wig de Male augenblicklich nach Lille abreiſen ſollte, und dort den Beiſtand ſeiner vorzuglich⸗ ſten Edlen und Verbuͤndeten aufruſen mogte. Margaretha von Artois, begleitet von Walter d'Anghien, und Gilbert Mattheus in ihrem Ge⸗ folge, ſollte ſich nach Brugges begeben, um durch ihre Anweſenheit jene Stadt fuͤr die Sache des Grafen gewonnen zu erhalten, damit die⸗ 123 ſelbe ſich nicht mit den Buͤrgern von Gent, ihren ſonſtigen Nebenbuhlern, verbuͤnden moͤgten, im Fall die Genter ihnen Handelsvortheile unter der Bedingung anboͤten, daß die von Brugges Theil an dem Aufruhre naͤhmen. Walter d'Anghien widerſetzte ſich lebhaft die⸗ ſem letzteren Schritte. Er behauptete, daß es unvorſichtig waͤre, die Graͤfin von Artois der Treue eines Volkes eher anzuvertrauen, als bis man hinlaͤngliche Mannſchaft beiſammen hatte, um die von Brugges in Gehorſam zu erhalten. Die Graäͤfin verwarf jedoch dieſe Einwendung Walters, und zwar hauptſaͤchlich, weil dieſelbe gegen ihre Meynung gemacht worden war. Es ward demnach beſchloſſen, daß ſie mit Waltern, Gilbert und einem kleinen Gefolge, ſobald ſie mit Bequemlichkeit Schloß Male wuͤrde verlaſſen koͤnnen, nach Brugges abgehen ſollte. Dieſe Maßregel ward ſchnell getroffen und ausgefuͤhrt, und in wiefern ſie rathſam war, ſoll in unſerm naͤchſten Capitel erzaͤhlt werden. Fünttes Capitel. Wir werden uns nicht auf einen Gegenſtand einlaſſen, der eigentlich dem regelrechten Ge⸗ ſchichtsſchreiber zur Behandlung zukommt; wer⸗ den alſo nicht die verſchiedenen Umſtaͤnde einzeln aufzaͤhlen, durch welche es ſich fugte, daß die Staͤrke derjenigen Volkspartei, der man den Beinamen„die Weißkappen“ gegeben hatte, im⸗ mer mehr zunahm, oder wie die Gruͤnde hießen, durch welche der Unwille des Grafen von Flan⸗ dern mehr und mehr geſteigert ward. Es genuͤge, zu ſagen, daß nach Verlauf kurzer Zeit Jan Lyon an der Spitze von zehntauſend Weißkap⸗ pen ſtand, waͤhrend Philipp van Artaveld und die beſſer geſinnten Buͤrger bemuͤht waren, durch ehrenvolle Mittel dasjenige von der Stadt ge⸗ wuͤnſchte Reſultat hervorzubringen, welches An⸗ dere durch Gewaltthat, Frevel und Raͤubereien zu dem Zwecke zu Stande zu bringen trachteten, daß ſie, durch Umwaͤlzung des Beſtehenden, auf dem Untergange ihres Landes ihr eigenes Herr⸗ ſchergebaͤude begruͤndet wiſſen moͤgten. Zu dieſer Zeit, wo Jan Lyon zehntauſend Weißkappen befehligte, nehmen wir den Faden unſerer Erzaͤhlung wieder auf, und fuͤhren ſofort den Leſer auf eine weit ſich dehnende Ebene zwiſchen Gent und Brugges, wo Jan Lyon und etliche Tauſende ſeiner Schaaren Halt gemacht hatten, um ſich nach zuruͤckgelegtem Marſche zu erfriſchen. In geringer Entfernung von der Hauptmacht lagerte als abgeſonderte Rotte der Vortrab. Im Ruͤcken des Mittelheeres ſah man Kriegswagen, Roſſe, Waffenvorraͤthe und Ge⸗ paͤcke mancher Art. In Eil hatte man etliche Zelte zur Bequemlichkeit der Hauptfuͤhrer und deren Weiber und Kinder(denn viele von dieſen waren aus Gent mit dem Heere gezogen), die mit auf dem Marſche waren, aufgerichtet. In 126 einem dieſer zum Vortrabe gehoͤrenden Zelte ſaß unſer alter Bekannter, Herr Simon van Bet, mit Jan Lyon und Peter du Bois, mit denen er ſich an einem Mahle nach der Beſchwerde des Tagesmarſches erfriſchte. Ein Weilchen beobachteten die drei ſo eben von uns genannten Perſonen ein tiefes Schwei⸗ gen, bis Herr Simon, der der Schweigſamkeit niemals ſonderlich zugethan geweſen war, außer wenn er von ſeiner Ehehaͤlſte zu Grund und Boden gezankt ward, das Eis brach, indem er aus einer Flaſche, die auf dem Feldtiſche ſtand, ſich den Becher fullte und alſo ſprach:„Dieſer Euer Marſch nach Brugges, Jan Lyon, iſt ſo ploͤtzlich, ſo unerwartet vorgenommen worden, daß uͤber Anlegung meiner neuen Ruͤſtung, die, wie ich Euch verſichern kann, mir ſo neu iſt, daß ich ſie kaum zu tragen vermag, und über die beßte Vorkehrung, die ich nach ſo ploͤtzlich er⸗ haltenem Aufrufe zum Marſche zu treffen hatte, um ſo zu erſcheinen, wie ich erſcheine, nicht zu erwaͤhnen, daß ich Ritter, Oberälteſter der Gold⸗ ſchmiedezunft und Buͤrgermeiſter von Gent bin, „e„— ——— ce— — S — e 3 ich noch nicht Muße habe finden koͤnnen, zu fragen, Herr Lyon, warum wir eigentlich gen Brugges ziehen?“ „Eine hoͤchſt weiſe Frage, das!“ ſagte Peter du Bois hoͤhniſch,„und ganz Eurer wuͤrdig, Herr Simon van Bet. Dieſen Morgen willig⸗ tet Ihr in den Zug gen Brugges, waret der Erſte, der geruͤſtet dazu erſchien, und fragt nun erſt nach der Abſicht des Zuges. Solch Ver⸗ fahren iſt voͤllig geeignet,“ fuhr du Bois mit wiederholtem ſarkaſtiſchen Grinſen fort,„und ich folgere daraus, daß Ihr die Weisheit und die Nuͤtzlichkeit deſſelben erlerntet, als Ihr Recht und Urthel auf dem Stadthauſe zu Gent ſprachet.“ „YMeter du Bois,“ entgegnete Herr Simon, „Ihr ſeyd etwas allzu frei in Euren Bemerkun⸗ gen, und erinnert mich an jene ſtoͤrriſchen Hunde, die dem eigenen Herrn, der ſie fuͤttert, die Zahne fletſchen. Ich bin Euer Genoß(weggedacht den Unterſchied unſerer Stellungen im Leben) zur Aufrechterhaltung der edlen Privilegien meiner Stadt; allein ich meyne, ſolche Vergeſellſchaftung hebe keineswegs jene Markſteine der Hochachtung — 128— auf, die durch meine Verhaͤltniſſe, meinen Rang und meine Stellung zwiſchen uns gelegt worden ſind. Ihr habt Euch uͤberdies meiner Geldboͤrſe bedient, und das ſollte Euch Dank⸗ barkeit einfloͤßen, wenn meine Perſon es nicht vermag, Euch zu geziemender Ruͤckſichtsnahme anzuhalten.“ Hier warf Herr Simon einen verſtohlenen Blick auf ſeine kleine fette Geſtalt, die da leuchtete von dem Glanze des Bruſt⸗ harniſches und der Arm- und Bein⸗Schienen, in welche Herr Simon an dieſem Morgen ſich ſo ploͤtzlich geſteckt hatte. Dieſe Bekleidung paßte fuͤr den Traͤger derſelben ſo wenig, daß Herr Simon, einer der friedliebendſten Buͤrger ſeiner Zeit, alſo in Ruͤſtung gehuͤllt, einem Buͤr⸗ ger unſerer Tage verglichen werden mag, der in einem ihm ſo fremden Anzuge einen Masken⸗ ball beſucht, daß Jeder, der ihn darin ſieht, augenblicklich bemerkt, daß, wenn auch der Mas⸗ kenanzug richtig iſt, doch Bewegungen, Geberden und Reden jenes Vermummten an ganz anderen Ort und in ganz anderen Kittel gehoͤren. „Bei meiner Seele,“ ſetzte Herr van Bet 129 nach einer kurzen Pauſe hinzu,„ich begreife nicht, was uͤberhaupt mich vermogte, mit Euch zu ziehen, beſonders nachdem Ihr mir jenen gott⸗ loſen Streich zu einer Zeit ſpieltet, wo ich auf dem Markte zu Gent meine oͤffentliche Anrede an die Buͤrger haͤtte halten moͤgen. Und Alles wohl erwogen, bin ich des Grafen von Flandern ganz guter Freund; ich wuͤnſche ihm nichts Lei⸗ des, ſo er nur jenen ſchuftigen Gilbert Mattheus wollte aufknuͤpfen laſſen und den widergeſetzlichen Impoſt auf das Gold aufheben. Da waͤr' ich vollkommen mit ihm zufrieden. Wie aber dieſe Zwecke durch unſeren ploͤtzlichen Marſch gen Brugges erreicht werden ſollen, das moͤgte ich jetzt erfahren; und obwohl ich keinesweges abge⸗ neigt bin, der Stadt Freiheiten aufrecht zu er⸗ halten und ihnen die Unterſtuͤtung meines An⸗ ſehens zufließen zu laſſen, und obwohl mir dieſe meine Ruͤſtung gar wohl ſteht und ſich fuͤr mei⸗ nen Rang als Ritter eignet, ſo muß ich doch ſagen, daß ich ſtets ein Mann war, der wohl das Schwert der Gerechtigkeit auf dem Richt⸗ ſtuhl im Stadthausſaale fuͤhrte, nicht aber das Die Weißkappen II. 9 130 Schwert des Krieges im offenen Felde ſchwang. Deshalb gefalle es Euch, Herr Jan Lyon, uns zu ſagen, woruͤber wir jetzt aus ſind.“ „Ich will Euch in Kuͤrze die Urſache dieſes ploͤtzlichen Zuges gen Brugges erklaͤren,“ ent⸗ gegnete Jan Lyon.„Der Graf von Flandern iſt mit Zuſammenziehung ſeiner Streitkraͤfte zu Lille und mit Beſetzung von Oudenaarde und Brugges in einem ſo unbewachten Zuſtande ge⸗ laſſen hat, daß wir durch einen Ueberfall die Buͤrger zwingen koͤnnen, unſerer Sache beizu⸗ treten, moͤgen ſie es nun aus eigenem Antriebe oder durch unſere Einſchuͤchterung thun. Wir haben bisher Brugges in Ruhe gelaſſen, ſo daß, durch anſcheinende Sicherheit eingeſchlaͤfert, die Graͤfin von Artois, Herr Walter d'Anghien und Gilbert Mattheus ſich noch in Brugges befinden. Nun kennt Ihr meinen Plan, Herr Simon, und entweder gutwillig oder durch Gewalt eſſen wir heute in Brugges zu Nacht.“ „Und ſo Ihr zur Gewalt ſchreiten zu muͤſſen glaubt, als worunter ich das Fechten verſtehe,“ S —— 131 aͤußerte Herr Simon,„ſo moͤgte ich fragen, Jan Lyon, was Euch bewegt, auf dieſem Zuge das liebe Geſchoͤpf, Eure huͤbſche Tochter, mit⸗ zunehmen?“ „Nachdem es ſich zutrug, daß man ſie mir rauben wollte,“ verſetzte Jan Lyon,„werde ich ſie nimmer wieder ohne meine Aufſicht laſſenz ich will lieber, daß ſie da, wo ich ihr Beiſtand leiſten kann, die Gefahr mit mir theile, als daß ich ſie da, wo ich fern ſeyn muß, unerwartetem Unheil bloßſtelle. Ueberdies bin ich nicht der Einzige, der einen Theil ſeiner Familienglieder mit in's Feldlager nahmz viele von unſern Buͤr⸗ gern haben ihre Weiber und Toͤchter bei ſich. Die Weiber befinden ſich bei der Nachhut und dem Gepaͤcke, und ſind alſo keinesweges ohne Gefaͤhrtinnen.“ „Ja, und es gibt Gefährtinnen auf dieſem Marſche,“ meynte Herr Simon,„die ich weit weg wuͤnſchen moͤgte, denn ich ſah, wie die alte Hexe, die Urſula, unter ihnen iſt, welche ich nur aus Furcht vor unſeren Weißkappen in Ehren halte; denn ohne dieſe haͤtt' ich ſie längſt 9* 132 einer Theertonne und einem Haufen Brennholz uberantwortet. Dem Himmel ſey Dank, meine Ehefrau iſt in Gent gut aufgehoben; ſo bin ich fuͤr jetzt ein freier Mann— das heißt,“ fuhr Herr Simon fort, indem er ſich verbeſſerte,„ich bin frei von aller Unbequemlichkeit, die ſich um ſie herum lagert, und kann jetzt thun, was mir behagt.“ Dieſes Fernſeyn ſeiner Ehehalfte war aller⸗ dings eine große Veranlaſſung zur Freude fuͤr unſern kleinen Ritter. Seine Freunde, Jan Lyon und Peter du Bois, hatten tauſend Raͤnke angewendet, um ihn zu verleiten, ſich zu ihnen zu geſellen, und mehr aus Schwaͤche als aus boͤſer Abſicht war Herr Simon ihr Spießgeſell geworden, oder vielmehr, er hatte den Schein eines Empoͤrers angenommen, waͤhrend er im Herzen eifrig wuͤnſchte, den Grafen in ruhigem Beſitze ſeiner Herrſchaft zu ſehen. Etliche thoͤ⸗ rige Anſichten von ſeiner eigenen Wichtigkeit (dies war ſein ſchwächſter Punct), ſein Haß gegen Gilbert Mattheus und der verletzende Im⸗ poſt, der auf dem Golde lag, hatten mit ein⸗ W M 133 ander Theil an ſeiner Parteigaͤngerei; und uberdies ſind wir, obwohl Herr Simon es uns niemals eingeſtand, ſehr geneigt, zu glau⸗ ben, daß das unaufhoͤrliche Keifen der Frau Buͤrgermeiſterin Haupturſache fuͤr dieſen war, ſo haſtigen Antheil an dem Zuge nach Brugges zu nehmen. Bald nach dieſer Unterredung ſetzten die Empoͤrer ihren Marſch fort, und ehe der Abend hereinbrach, ſtanden ſie Angeſichts der ſchoͤnen Stadt Brugges, wo mehr denn hundert Thuͤrme uber die maſſiven Mauern hervorragten, und un⸗ ter denen ſich der Thurm des Stadthauſes, da⸗ mals das ſtolzeſte Gebaäude in Europa, weit uͤber die anderen hervorhob, und gleichſam ein Gebaͤude von ſchier uͤbermenſchlicher Zuſammen⸗ fuͤgung zu ſeyn ſchien. Jan Lyon ſaß zu Roß, eine Streitart in der Hand. Er fuͤhrte die Vorhut, welche, außer du Bois, ſeine kuͤhnſten und zuverlaͤſſigſten An⸗ haͤnger in ſich faßte. Sie ſtellten ſich in gedraͤngte Reihen auf, und beſchloſſen, auf dieſe Weiſe ſo vorſichtig, wie moͤglich, und in der Hoffnung, die 134 Wächter zu uͤberfallen, gegen die Stadtthore vor⸗ zuruͤcken. Als der Vortrab ſich bis auf Bogenſchuß⸗ weite der Stadt Brugges genaͤhert hatte, hielt Herr Simon das kleine Pferd, auf welchem er neben Jan Lyon hingetrabt war, an, und er⸗ klaͤrte dieſem Fuͤhrer, wie nur die dringendſte Nothwendigkeit ihn vermoͤgen koͤnnte, eine Waffe gegen die Lehensunterthanen ſeines Herrn; des Grafen von Flandern, zu erheben„und daß es ihm daher geſtattet werden moͤgte, ſich zur Nach⸗ hut zu begeben, wo ſich die Weiber und das Gepaͤcke befaͤnden, und allwo er der Gefaͤhrte, Beſchuͤtzer und Ritter der huͤbſchen Anna werden wollte, fuͤr die er eine abſonderliche und ſchier unbegraͤnzte Bewunderung und Verehrung hegte. Jan Lyon willigte in dies Geſuch, indem er wohl wußte, daß Herr Simon van Bet zwar ein Ritter, doch ein ſchlechter Reiter und ein eben ſo gutherziger Bürger, wie gefaͤlliger Da⸗ menknecht war, ſobald er nicht der Zwangherr⸗ ſchaft und den Eiferſuͤchteleien ſeiner Hausehre ſich untergeordnet wußte. Unverzuͤglich begab Herr Simon ſich alſo zum Nachtrabe, bei wel⸗ chem ſich die wenigen Weiber und Mädchen be⸗ fanden, die entweder freiwillig oder gezwungen dem Zuge folgten. Als er unter dieſen nun nach ſeiner Pflegebefohlenen umher ſtoͤberte, fand er bald Anna Lyon, der er mit der vollkommenſten Schlichtheit und der heiterſten Laune von der Welt verſicherte, daß er derjenige Ritter wäre, der ſeine Dienſtleiſtungen ausſchließlich zu ihrem Wohlergehen und ihrer Bequemlichkeit in dieſes Feldlager braͤchte. So laſſen wir ihn vorlaufig denn bei Anna, und wenden uns zu anderen Gegenſtaͤnden, die mit unſerer Geſchichte ver⸗ knuͤpft ſind. Jan Lyon und ſeine Genoſſen, vom Zwie⸗ lichte, das ſich ſtark herabſenkte, unterſtützt, ruͤck⸗ ten ſo behutſam gegen die Stadtthore vor, daß ſie beinahe die aͤußerſten Schlagbaͤume erreicht hatten, ehe ſie von einem einzigen der Einwoh⸗ ner wahrgenommen wurden. Als die Mauer⸗ waͤchter eine Schaar Gewappneter erblickten und auf den Koͤpfen derſelben das furchtbare Ab⸗ zeichen der Empoͤrung gewahrten; entflohen ſie, 136 und rannten Larm ſchreiend durch die Haupt⸗ ſtraßen von Brugges bis auf den großen Markt hin, indem ſie riefen:„Die Weißkappen uͤber uns! Die Weißkappen!“ Auf ihrer Flucht ge⸗ ſellten Andere ſich zu ihnen, welche, da ſie nichts von der Sache wußten, jedoch das Geſchrei hoͤr⸗ ten, nicht anders meynten, als die Weißkappen wären ſchon durch die Thore gedrungen, und durch die Wächter irrgefuhrt wurden, fortrennend mit dieſen das naͤmliche Geſchrei erhoben. Zwei von den Buͤrgermeiſtern der Stadt, deren Tagspflicht es war, fuͤr Sicherheit und Ordnung in Brugges zu wachen(die Buͤrger⸗ meiſter wechſelten naͤmlich in dieſer Amtödienſt⸗ leiſtung), kamen jetzt in aller Eil' auf einen der Flankenthuͤrme des Thores, um mit dem Feinde zu parlamentiren; denn der Ueberfall der Weiß⸗ kappen war ſo plotzlich vor ſich gegangen, daß die feigen Mauerwaͤchter geflohen waren, ohne auch nur zu verſuchen, die Zugbruͤcke aufzuziehen, die in das Thor leitete. Jan Lyon, der ſeine gewichtige Axt ſchwang und von ſeinen getreuen Genoſſen unterſtuͤtzt ————— —————— ———. t⸗ 137 ward, hatte bereits den Angriff begonnen, und faſt war es ihm gelungen, die Thore aufzuſpren⸗ gen, indem er den Einwohnern Rache ſchwur, ſo ſie ſich weigerten, die Weißkappen in die Stadt zu laſſen, oder wohl gar ſich dem Ein⸗ zuge derſelben widerſetzten. Allein wie arg ſie auch drohen mogten, ſo waren feindſelige Maß⸗ regeln nicht der Zweck der Empoͤrer; ſie wuͤnſch⸗ ten die Maͤnner von Brugges dahin zu ver⸗ moͤgen, ſich gutwillig und ſonder Murren mit ihnen zu vereinigen. Recht gern hielt man des⸗ wegen Ruͤckſprache vor dem Thore. Jan Lyon redete die Buͤrger uͤberaus eindringlich an, deu⸗ tete auf ſeine Streitmacht und auf den Wider⸗ willen hin, den er hegte, gegen ſeine guten Freunde und Nachbarn zu Brugges die Waffen zu erheben. Die beiden Buͤrgermeiſter wurden endlich Eines Sinnes und verſprachen, alle Weißkappen in die Stadt zu laſſen und auf deren Beding⸗ niſſe einzugehen, ſobald das Verſprechen gegeben und gehalten wuͤrde, daß Perſonen und Eigen⸗ thum in Brugges unangetaſtet blieben, vor 138 Allem, daß die Graͤfin von Artvis(die an eben dieſem Abend zu Ehren einiger angeſehenen Buͤr⸗ ger der Stadt ein großes Bankett geben wuͤrde) zwei Tage Friſt zu ihrer Abreiſe mit ihrem Ge⸗ folge ungekränkt erhielte, damit ſie, ſo es ihr belieben moͤgte, ſich nach Lille zum Grafen von Flandern begeben koͤnnte.„Sagt uns dieſe Be⸗ dingungen zu,“ ſprach der Aeltere der Buͤrger⸗ meiſter,„gebt uns Euer Mannswort und ſchwoͤtt auf das heilige Kreuz, dem Allen getreulich nachzukommen, ſo werde ich hinabſteigen von dieſem Thurme und Euch das Thor öffnen; und morgen moͤgt Ihr auf unſerem Stadthausſaale mit unſeren Buͤrgern Raths pflegen, und uͤber die geeigneteſten Mittel Euch beſtimmen. Ihr habt uns uͤberraſcht, und ich ſehe keinen anderen Ausweg ab, Blutvergießen zu vermeiden; denn die Mannen von Brugges werden nie darein willigen, die edle Graͤfin von Artvis oder einen aus deren Gefolge verraͤtheriſch in Eure Häͤnde zu liefern. Sie haben uns gut behandelt, und die Frau Gräfin gibt uns zu Nacht ein Feſt im gräflichen Palaſt dieſer Stadt.“ 139 „Wobei es uͤberdies,“ ſagte der andere Buͤr⸗ germeiſter, der ſich mit auf dem Thurme befand, „allerliebſtes Maskenſpiel und Mummenſchanz und die Vorſtellung eines Myſteriums gibt, in welcher ich den Adam repraͤſentiren werde.“ „Und wir wollen Dein Paradies nicht ſtören,“ verſetzte Jan Lyon.„Gewiß, hochwerther Herr Buͤrgermeiſter, wir werden nicht den Teufel der Zwietracht hier einfuͤhren, bevor es Zeit dazu wird. Ich nehme die Bedingniſſe an. Die Graͤfin von Artois mit all ihrem Gefolge ſoll Erlaubniß haben, binnen zweien Tagen abzu⸗ ziehen. Sch ſchwoͤr' es Euch zu auf den Griff meines Dolches, der die Form eines Kreuzes hat. Quartiert unſere Mannſchaft und bewirthet ſie geziemend, ſo ſoll Jeder nach Eurem Markt⸗ preiſe bezahlen, was er begehrt. Und nun offnet Euer Thor, wir haben ein zahlreiches Gefolge hinter uns.“ „Und bringt der Dame Graͤfin von Artois,“ ſagte der verwegene und freche du Bois,„mei⸗ nen Gruß, und ſagt ihr, daß ich und Jan Lyon mit den erſten unſerer Hauptleute nebſt etlichen 140 Dämchen, die wir mit uns gen Brugges fuͤhr⸗ ten, dieſen Abend ihre Gaſtfreundſchaft in An⸗ ſpruch zu nehmen gedenken. Und obgleich wir als ſelbſtgeladene Gaͤſte zu ihrem Bankette kom⸗ men, wollen wir demſelben doch alle Ehr' er⸗ weiſen. Falls es ihr aber an einem Mummen⸗ ſchanz fehlt, um den Part des Satans in ihrem Myſterium zu ſpielen, ſo iſt Peter du Bois ihr Mann.“ Die Buͤrgermeiſter ſtiegen von dem Thurme herab und oͤffneten Jan Lyon und all deſſen Begleitern das Thor. Auf ſolche Weiſe zogen die Weißkappen, durch eine kecke und entſchei⸗ dende Maßregel, ohne eines einzigen Menſchen Leben dadurch zu verlieren, in weniger als einer halben Stunde in Brugges ein— von welcher Stadt ſie, wie man wohl ſagen kann, Herren waren, denn ihre Streitmacht wies ſich ſo be⸗ deutend, daß, wenn es ihnen nicht von beſon⸗ derem Nutzen geweſen waͤre, die Buͤrger durch freundliche Mittel(gleichſam um dadurch noch andere Staͤdte fuͤr ſich zu gewinnen) zu ihren Bundesgenoſſen zu machen, ſie ſtark genug ge⸗ 141 weſen ſeyn wuͤrden, ganz Brugges uͤber die Klinge ſpringen zu laſſen. Jan Lyon kannte recht wohl ſeinen Vortheil; und welche Gefuͤhle er auch gegen das Volk von Brugges hegen mogte, ſo faßte er doch den Vorſatz, getreulich ſein gegebenes Wort zu hal⸗ ten. Zu ſernerer Verſicherung ſeiner Freundlich⸗ keit hing er demnach ſeine gewichtige Streitart an ſeinen Sattelknopf, ließ ſich von einem Be⸗ gleiter ſeinen weißen Commandoſtab reichen, und ritt zwiſchen den beiden Buͤrgermeiſtern in Brug⸗ ges ein, indem er mit dem Einen von den Han⸗ delsverhaͤltniſſen der Stadt redete, und von Zeit zu Zeit hinhoͤrte, wenn der Andere ihn mit den mancherlei Herrlichkeiten und Spaͤßchen bekannt machte, die er zu Luſt und Unterhaltung der Frau Graͤfin erſonnen hatte, und ſich endlich entſchuldigte, daß er ihn verlaſſen mußte, ehe man das Rathhaus erreichte, um einige Anord⸗ nungen wegen des Blaͤtteranzuges zu ertheilen, in welchem er bald in der Rolle des Adam zu erſcheinen gedachte. Peter du Bois, deſſen Frechheit um Weriges 142 geringer war als die, welche der finſteren Per⸗ ſon zugeſchrieben wird, die darzuſtellen er ſich angeboten hatte, horte kaum dieſe letzte Rede, als er ſich ſelber einladete, den Buͤrgermeiſter zu begleiten, der durch ſeine Leidenſchaft fur Darſtellung von Myſterien fur nichts Anderes Sinn zu haben ſchien. Es iſt unnuͤtz, zu ſagen, daß ein Anfuͤhrer der Weißkappen an dieſem Abend in Brugges thun konnte, was ihm be⸗ liebte. Peter's Anerbieten alſo, den flaͤmiſchen Repraͤſentanten des Vaters aller Menſchen zu begleiten, ward augenblicklich angenommen; und da er demſelben zu deſſen Hauſe gefolgt war, fand er es ſo huͤbſch und mit ſo gutem Weine und allen ſolchen guten Dingen verſehen, die Peter naͤchſt dem Gelde am meiſten liebte, daß er ſeine Abſicht aͤußerte, in ſolchem Paradieſe Quartier zu nehmen, waͤhrend ſeine Genoſſen ſich in der Stadt ſo gut ſie es konnten Woh⸗ nung ſuchten. Dem Adam blieb nichts uͤbrig, als ſich be⸗ jahend zu verbeugen; jedoch mißfielen ihm die Blicke ſeines neuen Gaſtes dermaßen, daß er d 143 ſelber ſich beeilte, einige goldene Loͤffel, die auf dem Tiſche lagen, in die eigene Taſche zu ſchie⸗ ben, damit der Anblick derſelben nicht den beab⸗ ſichtigten Verſucher der Menſchheit verſuchen moͤgte; denn Peter war ſo beharrlich bei ſei⸗ nem Vorſatze, die Rolle Satans in dem er⸗ wähnten Myſterium zu ſpielen, daß der Buͤr⸗ germeiſter ihm Schweif und Hoͤrner und ſonſtige Dinge zuſagte, die dazu noͤthig ſeyn moͤgten, indem er fuͤr den geſammten Mummenſchanz von Brugges hinlaͤngliche Anzuge beſaͤße; des Ferne⸗ ren verſprach er, es ſo einzuleiten, daß es ihm, naͤmlich Petern, geſtattet wuͤrde, die von dem⸗ ſelben gewuͤnſchte Rolle zu ſpielen, wobei er Petern dadurch ein Compliment machte, daß er zu ihm ſagte, er waͤre ſonder Zweifel ſchon hin⸗ laͤnglich darauf einſtudirt, ohne erſt einer Probe zu beduͤrfen. Peter laͤchelte uͤber dieſe artige Nede, als entzuͤckte ihn das Bewußtſeyn, die⸗ ſelbe im buchſtaͤblichen Sinne des Wortes ver⸗ dient zu haben. Adam und der Teufel ſchritten nun in bruͤ⸗ derlicher Eintracht zur Vollfuͤhrung ihres Planes, 144 indem die Graͤfin von Artois, obwohl erſtaunt und hoͤchlich entruͤſtet uͤber die Frechheit du Bois und Jan Lyon's, nicht gewagt hatte, es zu ver⸗ weigern, daß dieſe Fuͤhrer nebſt den vorzuͤg⸗ licheren Hauptleuten der Weißkappen bei ihrem Bankett zugegen ſeyn moͤgten. Waͤre durch Wei⸗ gerung nicht ihr Leben in Gefahr geweſen, ſo wuͤrde ſie nimmer die Entwuͤrdigung ertragen haben, daß die ſchandbarſten Verraͤther von ganz Gent ſich bei ihrem Prunkfeſte als Gäſte auf⸗ draͤngten. Der Leſer wird ſich erinnern, wie abgeneigt Herr Walter d'Anghien ſich der Maßregel ge⸗ zeigt hatte, durch welche ſeine Sicherheit und die der Graͤfin von Artois in die Hut des Vol⸗ kes zu Brugges gegeben ward. Er hatte die Gefahr, die jetzt auf ſie eingedrungen war, vor⸗ hergeſehen; und ſo tapfer er auch war, ſo ver⸗ mogte er doch auf keine Weiſe dieſelbe abzuwen⸗ den, indem es durchaus keine Kriegsmannſchaft in Brugges gab, weil Ludwig de Male alle Streitkraͤfte nach Lille berief. Herr Walter hatte in dieſem Augenblicke kaum ein Dutzend Bogen⸗ „e„— —„— c W W M 145 ſchutzen unter ſeinem Befehle; wie alſo konnte er den Weißkappen, die zu Hunderten und Tau⸗ ſenden in die Stadt gedrungen waren, Wider⸗ ſtand leiſten? Getaͤuſcht und gekränkt, ſich ſo hulflos und von allen Seiten bedraͤngt wiſſen zu muͤſſen, ſah Walter ſich gezwungen, den umſtaͤnden nachzugeben, ſo daß ihm nichts uͤbrig blieb, als der Gräfin den Rath zu ertheilen, mit des naͤchſten Morgens Fruͤhe ſich unter ſei⸗ ner Begleitung nach Lille zu begeben. Mit Denen von Brugges ſich zu verbuͤnden und den beabſichtigten Canalbau zu verhindern, waren Gegenſtaͤnde der groͤßten Wichtigkeit für die Empoͤrer. So thaten Jan Lyon und Peter du Bois denn Alles, was in ihren Kraͤften ſtand, um ſich mit den Buͤrgern von Brugges auf freundſchaftlichen Fuß zu ſetzen. Sie ließen durch die ganze Stadt ausrufen, daß Jeder von den Weißkappen, der den geringſten Frevel in Brugges begehen wuͤrde, auf der Stelle den Tod zu erleiden haͤtte. Die Maͤnner wurden rotten⸗ weiſe in verſchiedenen Bezirken der Stadt ein⸗ quartiert, und dieſe ganze Angelegenheit war ſo Die Weißkappen 1I. 10 146 wohl angeordnet worden, daß auch nicht eine einzige Unordnung durch die Empoͤrer in jener denkwuͤrdigen Nacht entſtand. Mittlerweile aͤußerte die Graͤfin(denn ſie fuͤhlte, daß ſie es thun muͤßte) ihren Dank gegen Jan Lyon fuͤr deſſen Erlaubniß zu ihrer ungehinderten Abreiſe binnen zweien Tagen. Sie erklaͤrte dabei ihre Bereitwilligkeit, ihn und ſeine Tochter, nebſt du Bois und etlichen anderen Haͤuptlingen, als Gaͤſte bei ihrer Feſtlichkeit auf⸗ zunehmen, um ſo der Selbſteinladung entgegen⸗ zukommen, welche Peter du Bois durch den Buͤrgermeiſter hatte an ſie ergehen laſſen. Als ſie nun auf ihr Begehren von ihrem aufdring⸗ lichen Kaͤmmerer Peter du Bois ein Namens⸗ verzeichniß aller der Weißkappen eingehaͤndigt er⸗ hielt, die bei'm Bankette zugegen ſeyn wuͤrden, betrachtete ſie daſſelbe genau, und beſchied den Zunftmeiſter Gilbert Mattheus in ihr Gemach zu einer geheimen Berathung. Serhstes Capitel. Gilbert Mattheus hatte nur wenige Minuten der Graͤfin geharrt, als dieſe in ihr Gemach trat. Das Erſte, was ſie that, war, die Thuͤr zu verſchließen; dann ſchritt ſie gerade auf den Wartenden zu. Sogar Gilbert erſchrak, als er die Dame anblickte. Ihr Geſicht, das durch das Vermoͤgen, jegliches ihrer Gefuͤhle auszu⸗ druͤcken, ſchon an und fuͤr ſich merkwuͤrdig war, zeigte in dieſem Augenblick einen ſo heftigen, leidenſchaftlichen Ausdruck, daß ſie von einem jener boͤſen Geiſter beſeſſen zu ſeyn ſchien, denen es vor Zeiten geſtattet war, in den Suͤnder zu fahren und ſich deſſelben zu bemächtigen. Zuwider ihrem ſonſtigen hochfahrenden Weſen, 10* 148 ergriff die Graͤfin vertraulich Gilbert's Arm und ſprach mit außerordentlichem Nachdrucke:„Nur dieſe Nacht, Gilbert, dient mir, und bei allen Mächten, bei denen ein Menſch zu ſchworen ver— mag, ſchwoͤr' ich Euch, daß ich Euch zum erſten Staatsdiener Flanderns mache. Wollt Ihr? wollt Ihr mir dienen?“ „Ihr moͤgt mir befehlen, Euerm Willen in allen Stuͤcken zu gehorſamen,“ verſetzte Gilbert. „Und mein Wille ſoll Dich in der innerſten Seele entzuͤcken,“ ſagte die Gräfin wie im Triumphe. Beſonnener fuhr ſie fort:„Merket auf meine Worte, und faſſet deren Bedeutung wohl!“ „Ich will horchen, um zu gehorchen,“ ver⸗ ſetzte der unterthaͤuige Zunftmeiſter: „Wohlan,“ ſprach die Gräfin,„dieſe Nacht ſollen Eure Wuͤnſche und auch die meinigen ge⸗ krönt werden. Wir halten es fur eine unertraͤg⸗ liche Schmach, genöthigt zu ſeyn, dieſe Weiß⸗ kappen zu bewirthen; dennoch wollen wir der⸗ ſelben Heil zurufen. Wir wollen das Bankett glorreich machen, Gilbert; win wollen es ſo nd en er⸗ Ut r⸗ 149 herausputzen, daß die Maͤchte der Finſterniß ſich daran ergoͤtzen ſollen, und der Tod ſoll ſeinen ſchauerlichen Vorſitz dabei fuͤhren. Dieſe Nacht ſoll eine Nacht der Rache werden,“ fuͤgte die Dame von Artvis in einem dumpfen und ſelbſt⸗ gefaͤlligen Tone hinzu.„Jan Lyon und deſſen Tochter ſind unſere Gäſte.“ „Ich weiß es,“ ſagte Gilbert Mattheus „doch erwaäͤgt, meine Gnädige, bevor Ihr be⸗ ſchließt. Ihr ſeyd umringt von Hunderten von Weißkappenz auf das leiſeſte Wort aus dem Munde eines ihrer Fuͤhrer wuͤrden ſie ſich er⸗ heben und uns Alle dem Schwerte liefern; nicht nur jedes lebende Weſen in dieſem Palaſte, ſon⸗ dern auch in ganz Brugges wurde es zu bußen haben.“ „Ich begreife das,“ verſetzte die Gräfin,„doch haben wir in dieſem Betrachte nichts zu fuͤrch⸗ ten. Mit Anbruche des Tages verlaſſe ich die Stadt und werde bald außer dem Bereiche die⸗ ſer Meuterer ſeyn. Walter d'Anghien hat alle Vorkehrungen zur Erleichterung meines Ruͤck⸗ zuges getroffen. Deswegen laßt uns nur von 150 unſerem gegenwaͤrtigen Vorhaben ſprechen; und zuverlaͤſſig iſt es, wenn ich mich nicht gaͤnzlich irre, von ſolcher Beſchaffenheit, daß es Dich entzuͤcken muß.“ „Dem widerſpreche ich nicht,“ antwortete Gilbert,„ſobald ein Mittel ausfindig zu machen iſt, durch welches, ohne uns ſelber zu gefäͤhr⸗ den, unſere Rache geſaͤttigt werden kann.“ „Solch ein Mittel kann ich ausfindig machen,“ ſagte die Dame in entſchloſſenem Tone,„ſobald Ihr es nur anwenden wollt. Bedenkt, Gilbert, gegen wen unſer Thun jetzt gerichtet iſt. Jon Lyon, Dein alter Feind, Dein Nebenbuhler, Dein Verlaͤſterer, Einer, der zu tauſend Malen Dir nach dem Leben trachtete, der Deinen Vet⸗ ter mordete, Deine Wohnung niederbrannte, und Einer, der vor zwei Jahren Dich ſchmaͤhlich ab⸗ wies, als Du um ſeine Tochter freieteſt— gegen ihn ſoll unſer Thun ſich richten. Gedenke auch an Anna's Hohn; ſagte ſie nicht, ſie wolle lieber den Stadthenker ehelichen, als Dich? Und muß Erinnerung an alles dieſes Dich nicht aufreizen?“ d 151 „Es muß, es thut's!“ verſetzte Gilbert, „und ich will keine Gelegenheit vorbeigehen laſ⸗ ſen, ohne Empfangenes zu vergelten, ſollte da⸗ bei auch Gefahr mir auf den Ferſen folgen!“ „Jan Lyon und Anna,“ fuhr die Gräfin fort,„ſind Beide in Deiner Gewalt; gehorche mir, und dieſe Nacht ſoll die lange Schuld all Deiner erlittenen Beleidigungen tilgen.“ „Was muß ich thun?“ rief Gilbert;„ſprecht hurtig, gnaͤdigſte Frau, denn als ich hieher kam, verſammelten ſich ſchon die Gäſte im Prunk⸗ ſaale, und wenn Eure Abweſenheit daſelbſt noch lange währt, ſo moͤgte ſie auffallend, ja wohl gar verdächtig werden. Faßt Euch alſo kurz, ich beſchwoͤr' Euch!“ jsun „Wir wollen keine Worte verſchwenden,“ ſagte die Dame,„wir wollen unſere That thun, und nimmer davon ſchwatzen. Urſula iſt in Brugges.“ „Urſula in Brugges?“ rief Gilbert Mat⸗ theus.—„Was ſoll das? Bei ihr werdet Ihr, Vielgnaͤdige, doch nicht Rache gegen die Weiß⸗ kappen ſuchen, mit denen ſie im Buͤndniß iſt; ia, da man fluͤſtert, daß auf Anſtiften jenes Peter du Bois ſie es vorzuglich war, die das Volk von Gent zur Empoͤrung reizte?“ „Gleichviel,“ entgegnete die Graͤfin;„nur aus Hang zum Unheilſtiften geſellte ſie ſich zu den Weißkappen. Es wird eine Zeit kommen, wo ich ihr den Lohn bereite, den ſie vollauf verdient; fuͤr jetzt aber beduͤrfen wir ihrer. Sie ſoll unſerem Vorhaben dienſtlich ſeyn, ohne zu wiſſen, gegen wen daſſelbe gerichtet iſt. So Ihr klug verfahrt, wird ſie das nicht verweigern, was ich von ihr haben will. Hier, nehmt meine Boͤrſe und erkauft das Weib zu jedem Preiſe,“ „Wie aber,“ ſagte Gilbert,„wenn ſie ſich doch weigert, inſofern ſie muthmaßen kann, ich komme von Euch, weil 6 zu Euerm Haus⸗ halte gehoͤre?“ „Sie wird das nicht, ſobald Ihr ie Sache ſo behandelt, daß Ihr ihrer verruchten Ein⸗ bildung hinſichtlich ihrer Prophezeihungsgabe ſchmeichelt,“ verſetzte die Grafin—„und ich zweifle, daß ſie ſich irgend einer Miſſethat wei⸗ gert, es geſchehe dieſe nun fuͤr den Grafen oder —— ————+„— C ——————— 153 fuͤr den weißen Kremphut— ſie lebt, um Scheußlichkeiten zu veruͤben, und ſo dieſe nur vollzogen werden, kummert es ſie wenig, gegen wen dieſelben ſich richten. Ueberdies handelt ſie mit Dem, deſſen ich bedarf, und ich wiederhol' es, ſie wird uns damit verſorgen, ohne zu wiſ⸗ ſen, fuͤr wen es beſtimmt iſt.“ „Wohlan,“ ſagte Gilbert,„ich will ſie augen⸗ blicklich aufſuchen; erſt aber, edle Herrin, ſagt mir in deutlichen Ausdruͤcken, was geſchehen ſoll, damit ich in meinem Auftrage nichts verſehe; ſagt mir, was ich fuͤr dieſe Boͤrſe mit Gold von der Hexe einhandeln ſoll.“ „Schau't mich an, Gilbert,“ ſagte die Grä⸗ fin,„wir wollen einander verſtehen, obwohl wir nur in dunkeln Worten reden. Urſula iſt liſtig, wo es Unheil gilt; ſie verſteht es, ohne Schwert oder Dolch dem Grabe zu ſeiner Beute zu ver⸗ helfen. Sie hat Mittel, dem Bankett Todes⸗ opfer zu bieten, die an einer Krankheit erblaſſen, welche kein Arzt zu heilen vermag, und die kei⸗ nen Namen, als den hat, den die Hoͤllengeiſter ihr beilegen moͤgen; und die Vollſtrecker der 154 Rache ſollen dieſe Nacht jenen Namen innerhalb der Mauern unſeres Palaſtes fluͤſtern. Verſteht mich— in der Stille, aber mit Sicherheit— ohne aͤußere Gewaltthat— und dennoch voll⸗ kommene Leichen! Habt Ihr mich verſtanden?“ ſetzte die Graͤfin hinzu, indem ſie einen finſteren und forſchenden Blick auf Gilbert Mattheus hef⸗ tete;„wollt Ihr thun, was ich Euch heiße?“ „Ich hab' Euch verſtanden, und will,“ ant⸗ wortete Gilbert;„dieſe Nacht alſo—“ „Ich rede weiter mit Euch, wenn Ihr bei der Zauberſchweſter war't,“ ſagte die Grafin.„Wenige Worte werden genuͤgen. Merkt's Euch wohl, gebt das Gold jenem Satan von Weibe; es wird ihren Beiſtand erkaufen, und dann folge ſchnelle, vorſichtige, jedoch zuverlaͤſſige Ausfuͤhrung.“ „Und ſiegreiche!“ ſagte Gilbert mit einem bitteren Lächeln boshafter Freude.„Morgen ſoll das Grab ſeine Beute ſo an dem Loͤwen wie an ſeiner Jungen haben. Wo treff' ich Euch, Vielgnaͤdige, bei meiner Wiederkehr?“ „In meinem Betſtuͤbchen,“ antwortete die Graͤfin. —— —— 8 155 „Wie? vor dem Kreuze?“ fragte Gilbert Mattheus im Tone der Jronie. „Ja, eben vor dem Kreuze,“ verſetzte die Dame von Artois;„und wenn es etwas von unſerem Thun ausſchwatzt, ſo will ich's wie ein Kanzelmann anbeten, und es in eben ſolcher An⸗ dacht wie ein bekutteter Moͤnch wunderthaätig nennen. Wir aber, Gilbert, wir glauben nicht an die nichtigen Traͤume einfaͤltigen Prieſter⸗ thums.“ „Und fuͤrchten ſie auch nicht,“ ſagte Gilbert finſter. Mit dieſen Worten verbeugte ſich der Zunft⸗ meiſter vor der Graͤfin und verließ das Gemach. Wir muͤſſen jetzt den Leſer zu dem Bankett der Beherrſcherin von Artois fuͤhren. Der Prunk⸗ ſaal war praͤchtig geſchmuͤckt, und die mit Lecker⸗ biſſen aller Art beſetzten Tafeln blendeten ſchier das Auge durch die Menge herrlicher goldener und ſilberner Gefaͤße, waͤhrend tauſend Lichter⸗ flammen den hellſten Schein verbreiteten und zahlloſe Vaſen mit Blumen und duftenden Spe⸗ cereien ihren koͤſtlichen Hauch verſendeten. 156 Der Saal war von allen vornehmeren Buͤr⸗ gern der Stadt, von dem Gefolge der Graͤfin und den Fuͤhrern und Hauptleuten der Weiß⸗ kappen angefuͤllt. Die Erſteren erſchienen in praͤchtigen Gewaͤndern aus Seidenſtoffen, die reich gewirkt und dick mit Edelſteinen beſetzt waren; die Letzteren waren zum Theil bewaffnet, welches nur zu deutlich auf die Mittel hinwies, durch welche ſie die Sitze erlangt hatten, die ſie an der Tafel einnahmen, und daß Beſitz der Macht auf der einen, und Furcht vor Anwen⸗ dung derſelben auf der andern Seite es waren, die in dieſer Nacht eine ſo ſeltſame und wider⸗ natuͤrliche Zuſammenwuͤrfelung von Leuten bei dem Gaſtmahl einer Furſtin bewirkt hatten, die ſolchergeſtalt zu einer und derſelben Stunde ihre getreuen Unterthanen und freche Empoͤrer be⸗ wirthete. Die Graͤfin, in hermelinbeſetztem Sammt⸗ kleide, von Juwelen funkelnd, und von Kaͤmmer⸗ lingen mit brennenden Fackeln hereingeleuchtet, trat in den Saal, wo die Minneſaͤnger die An⸗ kunft derſelben durch lautes harmoniſches Er⸗ N —— ——— M —— klingen ihrer Harfen begruͤßten. Die Dame ver⸗ neigte ſich gegen die Verſammlung und nahm ihren Sitz unter einem Baldachin am oberen Ende der Tafel ein. Margaretha laͤchelte Allen zu, und indem ſie mit ihrem gewohnten hoffaͤr⸗ tigen Weſen das Wort fuͤhrte, behauptete ſie die Wuͤrde ihres Standes mit Leichtigkeit und Eigen⸗ thuͤmlichkeit. Ihr Lacheln war huldvoll; allein nichts deſto weniger ſaß ihr ein Lauerteufel im Blicke, und uͤber ihr Antlitz breitete ſich eine Blaͤſſe, welche mehr dem blutloſen Weiß einer Leiche, als der Geſichtsfarbe koͤrperlicher Schwaͤche glich. Abſichtlich hatte ſie den Fuͤhrern der Weiß⸗ kappen Plätze in ihrer Naͤhe anweiſen laſſen; ausgenommen Jan Lyon, der nach ihrer beſon⸗ deren Verordnung ſeinen Sitz ihr gegenuͤber am unteren Ende der Tafel hatte nehmen muͤſſen. Anna ſaß neben der Graͤfin; das Maͤdchen ſah niedergeſchlagen aus und ſchien die Unziemlich⸗ keit zu fuͤhlen, die darin lag, daß ihr Vater, du Bois und auch ſie ſelbſt bei ſolcher Feſtlich⸗ keit zugegen waren, nachdem ſie auf eine dem 158 Grafen von Flandern ſo feindſelige Weiſe in Brugges ihren Einzug gehalten hatten. Allein diejenige Perſon, die, wie man an⸗ nehmen moͤgte, am meiſten dieſe Unziemlichkeit hatte fuhlen ſollen, ſchien dieſelbe am wenigſten zu ſpuͤren. Margaretha von Artois war ſogar verſchwenderiſch in ihren Aufmerkſamkeiten gegen die Fuͤhrer der Weißkappen. Die Mehrzahl der⸗ ſelben war nie zuvor in ihre Naͤhe gekommenz die Leutſeligkeit, die ſie alſo jetzt in ihrem Weſen zeigte, konnte ihnen nicht auffallen, da es ihnen unmoͤglich war, dieſelbe mit dem fruͤher ſo hof⸗ faärtigen, ja ſchier frechen Benehmen der Dame zu vergleichen; allein diejenigen aus ihrem eige⸗ nen Gefolge, die die Gemuͤthsart der Graͤfin kannten, konnten ſehen, wie hohl und unauftich⸗ tig dieſe aͤußeren Hoͤflichkeitsbezeugungen an ihr waren, und daß nichts als irgend ein gewichti⸗ ger Beweggrund die Gebieterin fuͤr den Augen⸗ blick dahin vermoͤgen koͤnnte, ſich zu beugen, ſich herabzulaſſen, und ihren inwohnenden Hochmuth durch erheuchelte Freundlichkeit verſteckt zu hal⸗ ten. Deutlich erkannte man, daß die Dame —— —. — —„ — c— — 159 irgend einen bedeutenden Hauptzweck, was fuͤr einer derſelbe auch ſeyn mogte, im Auge hatte. Doch waren ihre Hoͤflichkeiten uͤberſpannt, waren nicht gleich den leichten Artigkeiten einer Perſon, die da Verlangen traͤgt, die Rolle einer Wirthin gegen. ihre Gäſte mit Wohlwollen durchzufuͤhrenz im Gegentheile, das Weſen der Gräfin zeugte von einer ſich vorgeſetzten Anſtrengung— von einem Entſchluſſe, ſich keine Gelegenheit, die ihr zum Vortheile gereichen koͤnnte, entſchluͤpfen zu laſſen. Jeder von den an der Tafel befindlichen Gaͤſten ward durch Margaretha von Artois mit irgend einem individuellen Beweiſe von Aufmerk⸗ ſamkeit beehrt, und ſie begruͤßte die Fuͤhrer der Weißkappen beſonders dadurch, indem ſie in die⸗ ſelben drang, von einer Schuͤſſel zu koſten, die als Zwiſchengericht aufgetragen ward, und den großten Leckerbiſſen, nämlich einen Pfauhahn zeigte, der, nachdem er zubereitet war, nicht nur mit dem vollen Geſieder ſeines ausgebreiteten Schweifes, ſondern auch mit einer ſchoͤnen gul⸗ denen Kette geſchmuͤckt aller Augen feſſelte. So⸗ 169 gar Anna ward von der Graͤfin gebeten, ſich von dieſer Hoͤflichkeitsſchuͤſſel zu bedienen, allein das Maͤdchen lehnte es ab. Anna ſaß an der Tafel, welche durch der Jungfrau beſcheidene Schoͤnheit und wuͤrdevolle Einfachheit im Be⸗ nehmen eine noch hoͤhere Zierde gewann, duͤſter blickend und wortkarg da. Jan Lyon, erſtaunt uͤber die Herablaſſung der Graͤfin, die ſo ſehr ſeinen Erwartungen widerſprach, bemuͤhete ſich, ſeinerſeits dieſelbe dadurch anzuerkennen, daß er ihr einen Grad von Ruͤckſicht und Ehrerbietung zeigte, wie er zeither gegen keinen Menſchen hatte blicken laſſen. Herr Simon van Bet, der ſich ſo nahe wie moͤglich zu Anna geſetzt hatte, befand ſich in Folge deſſen nicht weit von der Graͤfin von Ar⸗ tois, und ließ an ſich eine hoͤchſt komiſche Mi⸗ ſchung von froher Laune, Wichtigthuerei und t linkiſcher Hoͤflichkeit wahrnehmen. Herr Simon t gehoͤrte allerdings zu Denen, die nicht hoch ge⸗ boren wurden, die es aber uͤber ſich hatten er⸗ ſ ——„— — +„—„— en,++„, gehen laſſen, hoch geſtellt zu werden. Denn ob⸗ wohl zur Zeitfriſt unſerer Erzaͤhlung die Ritter⸗ 161 wuͤrde ſehr ſelten erlangt ward, außer wenn ſie als Anerkennung kriegeriſchen Verdienſtes ver⸗ liehen wurde, ſo hatte Herr Simon dieſelbe doch von hoher Hand her, wiewohl aus ganz ver⸗ ſchiedenen Urſachen erlangt. Die Sache war die, daß er durch ehrlichen Fleiß in ſeinem Gewerbe ein großes Vermoͤgen zuſammengebracht, und dem verſtorbenen Grafen von Flandern eine be⸗ deutende Geldſumme geliehen hatte. Der Graf, unfaͤhig, die Anleihe mit baarem Gelde zu til⸗ gen, benutzte die ſchwaͤchſte Seite des kleinen Goldſchmiedes, ſchmeichelte der Eitelkeit deſſel⸗ ben, und ſtopfte ihm fuͤr immer den Mund, in⸗ dem er ihm einen Schwertſchlag auf den Ruͤcken verſetzte, und ihm auf ſolche Weiſe Befugniß gab, ſich einen Ritter ſchelten zu laſſen. Allein die Wuͤrden des Herrn Simon kleide⸗ ten den Herrn Simon nicht wohl; er dachte zu viel an dieſelben, und prunkte mit ihnen etwa wie ein Lakei, der in ſeines Herrn Kleidern ſteckt, nachdem denſelben einer jener Gluͤcksfaͤlle betroffen hat, durch welche der Niedere zu ſtei⸗ gen, der Hohe zu ſinken pflegt. In ſeinen Die Weißkappen II. 24 162 fruͤheren Lebenstagen war Herr Simon nicht einmal an die Geſellſchaft der hoͤheren Buͤrger⸗. claſſe, wie viel weniger aber noch an Umgang mit Hofleuten gewoͤhnt worden; ſo daß, obgleich er unter den Buͤrgern und Buͤrgerinnen von Gent die Rolle eines großen Mannes mit all der Wichtigthuerei, die ſeine kleine Perſon zuließ und die ſein ſchwaches Hirn erſinnen konnte, ge⸗ ſpielt hatte, er ſich doch verlegen fuͤhlte und linkiſch gab, als er ſich nun zum erſtenmale in ſeinem Leben in der Naͤhe der Graͤfin von Ar⸗ tois und inmitten des Hoſſtaates derſelben befand. So verlegen ſich Herr Simon auch fuͤhlte, ſo war er doch nicht der Mann, der ſich durch die Hoheit Anderer bewaͤltigen ließ. Nach etlicher Anſtrengung, ſeine ſchafmuͤthigen Empfin⸗ dungen zu bemeiſtern, wagte er es, ſeinen An⸗ theil an der Geſpraͤchsunterhaltung geltend zu machen, und ſogar darin ſeine Bedeutendheit zu zeigen, daß er ſonderliche amtliche Aufmerkſam⸗ keiten erwies, und zwar mit einer wichtigen Miene, die er lieber haͤtte weglaſſen ſollen. Als er erſt das Eis durchbrochen hatte, gewann er — 163 NMuth, ſtaͤrkte denſelben durch mehrere Becher Wein, und ſchwatzte endlich eben ſo reichlich, als er zu thun pflegte, wenn er zur Erbauung der Buͤrger von Gent den Praͤſidialſitz in der Herberge„zum Monde“ eingenommen hatte. Die Graͤfin von Artois, deren Zweck es in dieſer Nacht war,„die goldenen Meynungen aller Arten von Leuten einzuaͤrnten,“ munterte die Laune des ſchwatzenden Herrn Simon wacker auf und hoͤrte, indem ſie ihn huldvoll anlaͤchelte, geduldig den langausgeſchweiften Reden zu, welche die Summirung ſeiner Wuͤrden enthielten, und ließ ſich mit der großten Herablaſſung ſeine Ar⸗ tigkeiten gefallen. Das Bankett hatte eine Zeit lang fortge⸗ dauert, als die Graͤfin bemerkte, daß etliche von ihren Gaͤſten fehlten. Sie fragte nach denſelben bei Gilbert Mattheus, der ihr zur Seite ſtand, ſeitdem er in den Geſellſchaftsſaal getreten war. „Wo iſt der und der Ritter?“ fragte Dame Mar⸗ garetha, indem ſie die Namen derſelben nannte; „und wo iſt der Buͤrgermeiſter Giſebert, und wo iſt unſer verehrter Gaſt Herr Peter du Bois?“ 14 „Vielgnadige Frau Graͤfin,“ verſetzte Gilbert, „die ehrenwerthen Perſonen, deren Ihr erwaͤhnt habt, haben jeder einen Part in irgend einem Mummenſpiele auszufuͤhren, und ſind mit den Zuruͤſtungen dazu ſo beſchaͤftigt, daß ſie nicht eher in den Saal kommen werden, als bis der Mummenſchanz ſeinen Anfang nimmt.“ „Ich hatte den Theil unſerer naͤchtlichen Be⸗ luſtigungen vergeſſen, Meiſter Gilbert,“ entgeg⸗ nete die Graͤfin,„indeſſen gebt Befehl, daß auch fuͤr die abweſenden Gaͤſte geſorgt und ſie wohl bedient werden; es ſoll hier Keinem an irgend etwas fehlen, was ihm Vergnuͤgen ge⸗ waͤhren kann.“ Die Graͤfin erneuerte nunmehr ihre Artig⸗ keiten gegen die Tafelrunde, waͤhrend eine Bande Minneſaͤnger, froͤhlich herausgeputzt, auf ihren Roͤcken den aus Seide gewirkten dunkeln Loͤwen mit goldener Zunge, ſo luſtig auf ihren Inſtru⸗ menten ſpielten, daß das Gewoͤlbe des alten Saales von der„Harmonie ſuͤßer Klaͤnge“ wider⸗ hallte. Das Mahl war beinahe zu Ende, als die Flugelthuͤren ſich aufthaten und eine zweite — u M 165 Bande Minneſänger und Harfenſchlaͤger aus einem anſtoßenden Gemache hoͤrbar ward. Sodann traten ſechs Maͤnner in haarigen Kitteln, mit Epheu behangen, in den Saal; ſie trugen Larven und tanzten nach der Muſik, welche die Minneſaͤnger machten. Nächſt ihnen erſchien der ſtattliche Burgermeiſter, der den Ur⸗ vater der Menſchheit vorzuſtellen hatte. Er trug ſein Amtsgewand, allein um daſſelbe herum hin⸗ gen ihm Gewinde von Feigenblättern aus gruͤner Seide. In der einen Hand trug er ein Acker⸗ geraͤth und in der andern einen ungeheure Kohl⸗ kopf, beide als wohlgeeignete Sinnbilder, die da andeuten ſollten, daß die erſte Beſchäftigung, die der Menſch kennen lernte, die Gaͤrtnerei war⸗ Seine Ehehalfte, welche die Heva darſtellte, war ein Weiblein, ſo dick wie langz ſie blitzte von Juwelen und Seidenwirkerei, und hatte ein Paar Haͤngeaͤrmel, vollkommen weit genug, um alle die Aepfel zu faſſen, die ſie heute Nacht zur Verlockung Adams im Verlaufe des Mum⸗ menſpiels hätte wegmauſen moͤgen; waͤhrend Peter du Bois, der den Teufel darſtellte, hinter 166 einer Maske ſteckte, die einem Schlangenkopf mit einem Paar rothen Hoͤrnern aͤhnelte. Der Satan wedelte mit dem Schwanze und zeigte ſeine geſpaltenen Klauen mit einer Geberde, die volle Verheißung gab, daß Peter in ſeiner Rolle vollkommen zu Hauſe war. Mehrere Perſonen in flamlaͤndiſcher Kleidung folgten, doch hatten ſie an ihren Schultern ein gewaltiges Fluͤgelpaar, um zu zeigen, daß ſie Engel vorſtellten. Der Cherub des Paradieſes mit dem flammenden Schwerte war keineswegs vergeſſen worden; und ſelbſt der Teufel hatte ſeine anglikaniſche Dienerſchaft mitgebracht, die ſich vor den himmliſchen Engeln durch ihre ge⸗ woͤhnlichen Abzeichen, naͤmlich durch Schwanz und Hoͤrner, auszeichnete. Die Auffuͤhrung des Myſteriums begann nun mit einem Chor, der nach der Dichtungsweiſe jener Zeit den Inhalt des Stuͤckes angab und von Pfeifern und Harfenſchlaͤgern begleitet ward, ſo daß dieſe Einleitungsrede eher eine Art von Recitativ, als eine eigentliche Declamation war. Adam begann hierauf den erſten Auftritt mit er te ie le 167 einem Selbſtgeſpräͤch, in welchem er ſich uber die Beſchaffenheit des weiblichen Geſchlechtes ausließ(obwohl anzunehmen ſtand, daß das Weib damals noch nicht geſchaffen war), und außerte ſein Verlangen, ſich ſchlafen zu legen, um die Erſchaffung Heva's zu erleichtern. Der Buͤrgermeiſter Giſebert, der dieſen Part zu ſpielen hatte, beſaß keinesweges ein Gedaͤcht⸗ niß, das dem Eifer geglichen haͤtte, mit wel⸗ chem er fuͤr die Auffuͤhrung des Maskenſpiels ſtrebte; ſo daß er vielfäͤltig in ſeiner Rede ſtecken blieb und der Teufel oft den Zublaͤſer abgab, der uͤberhaupt Alles aufbot, um dem huͤlfloſen Adam geziemend durchzuhelfen. Nach Vollendung des erſten Theils traten die „wilden Maͤnner“ wieder auf und tanzten zu hoͤchlicher Beluſtigung der Geſellſchaft, waͤhrend die Minneſaͤnger aufſpielten und der Chor dazu ſang. Nach dieſem Tanze ward eine ungeheure Maſchine in den Saal gerollt. Sie ſtellte einen Garten voll dick mit Fruͤchten behangener Apfel⸗ baͤume vorz indem der Raub vom verbotenen Baume und der Fall des erſten Menſchen, durch 168 die Einfluͤſterung des Hööllengeiſtes, der Stoff des zweiten Theils der Vorſtellung war. Dieſe Vorrichtungen wurden ſehr plump ge⸗ handhabt und nahmen mehr als die ſonſt wohl dazu noͤthige Zeit weg, weil der beruͤhmte Ver⸗ faſſer des Mummenſpiels, Herr Buͤngermeiſter Giſebert, nicht ſo erfahren in Handhabung des dabei noͤthigen Maſchinenweſens war, wie die Minneſaͤnger und Gaukler, denen dies Geſchaft ſonſt oblag. Ungeachtet aller Anſtrengung wollte der Apfelbaum, unter welchem Heva verſucht werden ſollte, ſich nicht zum Stehen bringen laſſen, ſo daß, wenn auch hier der Teufel dem ehrlichen Adam nicht huͤlfreiche Hand geleiſtet haͤtte, das Ding nimmer veſten Fuß gefaßt haben wurde. Jedoch was auch vorgehen mogte, ſo war die Graͤfin entſchloſſen, damit zufrieden zu ſeyn, ſo daß ſie nicht die geringſte Klage er⸗ hob, ſondern bis zur Fortſetzung des verzogerten Myſteriums ihre anderweitigen Aufmerkſamkeiten gegen ihre Gäſte nochmals vornahm. Waͤhrend dieſer Zwiſchenzeit hatte einer der Maskirten, deſſen Rolle eben nicht ſehr hervor⸗ 169 ſtach, weil ſie die eines ſtummen Engels war, ſich ſo nahe zu Anna geſtellt, daß er, ohne von einem aus der Geſellſchaft gehoͤrt zu werden, mit ihr reden konnte; indem die Tochter Jan Lyon's gleich nach aufgehobener Tafel ſich etwas abſeits geſetzt hatte und nun truͤb' und gedan⸗ kenvoll vor ſich hinblickte, waͤhrend alle Uebrige ſich der Luſtbarkeit der Nacht hingaben. Der vermummte Engel wagte es jetzt, ſie anzureden. Als ſeine ihr wohlbekannte Stimme Annens Ohr beruͤhrte, fuhr ſie auf und rief im Tone des Erſtaunens:„Guͤtiger Himmel, das iſt die Stimme Hendrick's van—“ „Still, ſtill,“ ſagte die Maske,„ich be⸗ ſchwoͤre Dich, ſchweig! Gleichviel wer ich bin, ſo ich nur dieſe Nacht ein Schutzengel ſeyn kann, der uͤber Dich wacht. Hoͤre mich, denn ich muß kurz ſeyn. Ich habe Urſache, zu vermuthen, daß Du und Dein Vater ſich in irgend einer Ge⸗ fahr befinden. Die Graͤfin und Gilbert Mat⸗ theus hatten vor dem Anfange des Mahles eine geheime Unterredung, ſie gingen dicht neben mir voruͤber, als ſie das Betzimmer der Erſteren 170 verlaſſen hatten. Ohne von ihnen wahrgenom⸗ men zu werden, hoͤrte ich ſie Deinen und Dei⸗ nes Vaters Namen in einem ſo fluͤſternden und geheimnißvollen Tone ausſprechen, daß es mich zittern macht, wenn ich daran denke. Folge meinem Rathe; ergreife die erſte Gelegenheit, Deinen Vater vom Bankett zu entfernen. Es moͤge ſich ereignen, was da wolle, ſo aͤußere kein Erſtaunen, laß auch auf keine Weiſe mer⸗ ken, daß ich Dir bekannt bin, und in keinem Falle laß es wieder dahin kommen, daß dieſer Palaſt Dich oder Deinen Vater eher wieder in ſich ſchließt, als bis die Grafin nach Lille abge⸗ reiſet iſt. Ich kann nichts weiter fuͤr Dich thun, als Dich vor irgend einer lauernden Gefahr warnen. Uebrigens benimmt Deines Vaters of⸗ fene Empoͤrung gegen den Grafen von Flandern mir alle Moͤglichkeit, ihm uͤber die gegenwaͤrtige Stunde hinaus durch irgend Etwas zu dienen.“ „Heilige Maria!“ rief Anna,„wie koͤnnen wir denn in Gefahr ſeyn, wo Alles umher ſo friedlich und froͤhlich erſcheint? Ich meynte, es ſey nur ein einziges betruͤbtes Herz in dieſer —* W — — ———— 171 ganzen luſtigen Geſellſchaft!“ fugte ſie mit einem Seufzer hinzu.„Sage mir mehr, wenn Du mehr weißt; ich bitte Dich! Du haſt meine Furcht rege gemacht, jedoch ohne derſelben irgend eine zuverlaͤſſige Richtung zu geben.“ „Sey bemuͤht, Deinen Vater vom Bankett zu entfernen, doch thu' es mit Vorſicht; warte lieber eine guͤnſtige Gelegenheit dazu ab, allein veranlaſſe keine dazu. Ich weiß nichts mehr, als was ich Dir geſagt habe. Ich muß Dich verlaſſen, denn die Grafin ſieht ſcharf hieher. Mogen alle Heilige des Himmels Dich ſchutzen und bewahren!“ Die Maske zog ſich ſofort etwas von Anna zuruͤck und ſtellte ſich in eine Fenſterbruͤſtung, von wo aus ſie Alles beobachten konnte, was im Gemache vorging. In dieſem Augenblicke erſcholl die Stimme des Herrn Simon van Bet vor allen anderen Stimmen an der Tafel hervor, denn Herrz Simon hielt auf eine ungemein frohliche Weiſe eine Dankrede, die er an die Graͤfin richtete:„Nehmt unſern Dank,“ ſprach er;„Eure hochgraͤfliche Gnaden hat uns dieſe 172 Nacht uͤberaus ſtattlich bewirthet; und bei dem Worte eines aͤchten Mannes, obwohl ich einen weißen Kremphut trage, ſo wuͤnſche ich weder Euch, noch dem Grafen von Flandern, Eurem edlen Sohne, das mindeſte Boͤſe, und moͤgen dieſe Zwiſtigkeiten bald enden, ſag' ich. Seyd ſo gutig, Vielgnaͤdige, dem Grafen meinen Gruß zu uͤberliefern, und moͤge es Euch gefallen, ihm zu ſagen, daß, wenn er nur ein ganz klein wenig nachdenken, jenen verwuͤnſchten Impoſt auf das Gold aufheben und einige Geringfuͤgig⸗ keiten, die da Verdruß erregten, abſtellen will, und alsdann etlichen von ſeinen Staatsdienern, die ich aus Hochachtung vor Euer Graflichkeit nicht namhaft mache, anbefiehlt, ein wenig hoͤf⸗ licher gegen ihre Vorgeſetzten zu ſeyn, ſo zweifle ich nicht, daß wir bald in gluͤcklichem und er⸗ wuͤnſchtem Frieden mit einander ſeyn werden. So mit Eurer Erlaubniß, edle Frau Grafin, trage ich darauf an, daß ein Becher des Dankes fuͤr Euer Mahl auf das Wohlſeyn des ritter⸗ lichen Grafen von Flandern die Runde um die Tafel mache.“ 173 „Ihr ſeyd ſo edelgeſinnt wie artig, Herr van Bet,“ ſagte die Graͤfin,„und ich hoffe, daß keiner von meinen hier anweſenden Gäſten, ſie mögen uͤber Staatsangelegenheiten denken, wie ſie wollen, ſich weigern werde, ihrer Wir⸗ thin Beſcheid zu thun, wenn ſie auf das Wohl ihres Sohnes trinkt. Gilbert, Ihr moͤgt den Becher umherkredenzen. Kommt, Gilbert, reicht uns von dem auserleſenſten Hippokras, von eben dem Weine, den wir gern als Nachttrunk zu nehmen pflegen.“ Gilbert Mattheus nahete ſich nunmehr dem Schenktiſche, der nahe dem oberen Ende der Tafel ſtand, und ſchenkte Wein in zwei große guͤldene Becher. Dann hielt er einen Augenblick inne, oͤffnete eine Wuͤrzlade und ſchien beſchaf⸗ tigt zu ſeyn, den Wein nach der Sitte damali⸗ ger Zeit mit allerlei Specereien zu wuͤrzen. „Soll ich Euch helfen, Gilbert?“ ſagte die Maske, die mit Anna geſprochen hatte und jetzt zum Schenktiſche trat. „Nein,“ antwortete Gilbert kurz,„ich bedarf beiner Huͤlfe zu Ausuͤbung meiner Pflicht.“ 174 „Soll ich Euch helfen die Becher umher⸗ kredenzen?“ fragte die Maske weiter;„oder ſoll ich dieſen Becher,“ ſetzte er hinzu, indem er auf den zeigte, den Gilbert zuletzt gewuͤrzt hatte, „der Frau Graͤfin hinreichen?“ „Nein, nein,“ ſagte Gilbert haſtig,„ſtellt den Becher nur wieder hin. Wer ſeyd Ihr denn, der Ihr Euch ſo geſchäftig gebt, wo man Eurer nicht begehrt?“ „Gleichviel wer ich bin, Gilbert,“ antwortete die Maske,„es iſt von geringer Bedeutung, da Ihr meine Huͤlfe zuruckweiſet.“ „Dennoch danke ich Euch fuͤr Euer Anerbie⸗ ten,“ entgegnete Gilbert;„allein die Graäfin hat mich zum Becherſpender ernannt, und den Be⸗ fehlen der Herrin muß ich gehorchen.“ Die Maske ließ Gilbert allein, indem ſie wieder durch das Zimmer ſchritt und Platz in der Fenſterbruͤſtung nahm. Gilbert Mattheus nahete ſich dem Baldachin, beugte ein Knie vor der Graͤfin und reichte ihr den Becher. Die Dame hielt denſelben einen Augenblick lang in der Hand, ſprach den Namen des Grafen aus, —— M — 175 trank von dem Weine und gab ſodann den Becher an Gilbert zuruͤck, der ihn nunmehr dem Herrn van Bet und all den Perſonen reichte, die der Dame von Artois zunaͤchſt ſtanden. Gilbert trat jetzt zu Jan Lyon, um auch ihm zu kredenzen, doch ploͤtzlich, als ob ihm etwas auffiele, ſagte er laut, indem er zum Schenktiſch ging:„Der Becher iſt faſt leer; un⸗ ſere Gaͤſte muͤſſen mit vollem Maße auf die Ge⸗ ſundheit des Grafen von Flandern beehrt wer⸗ den.“ Er fuͤllte nun den Becher von neuem aus der Flaſche. Die Maske aber, die unver⸗ wendeten Blickes auf ihn hinſchauete, bemerkte, daß Gilbert mit gewandter Hand die beiden Becher verwechſelte, den eben gefullten ſtehen ließ, und ſtatt deſſen den vorhin gewuͤrzten in die Hand nahm. Gilbert Mattheus näherte ſich nunmehr Jan Lyon, die Maske aber folgte dem liſtigen Zunſtmeiſter und ſagte zu ihm, ehe noch Jan Lyon den Becher hinnehmen konnte:„Gilbert, laßt mich trinken, denn einer von den himmliſchen Heerſchaaren mag wohl bei'm Becherkreiſen den Vorrang vor jenem und 176 jedem Gaſte haben, der nur ein bloßer Sterb⸗ licher iſt.“ Gilbert, der ſich von der Maske bedraͤngt ſah, ſchritt raſch an derſelben voruͤber, und uͤber⸗ reichte dem Jan Lyon eifrig den Becher, indem er dabei zuruͤckblickte, den verlarvten Engel an⸗ ſchaute und zu demſelben ſagte:„Mit nichten; unſere Gaͤſte muͤſſen heut Nacht zuerſt bedient werden, ſollte auch ſtatt Deiner der Erzengel Michael ſelbſt den Vorrang begehren.“ Waͤhrend Gilbert dieſes ſagte, ſprach Jan Lyon leiſe den Namen des Grafen aus, denn er konnte nicht aus gutem Herzen auf das Wohl Ludwig de Male's trinken, und indem er den Becher erhob, trank er von dem Inhalte deſſel⸗ ben, und nahm alsdann ſeinen Sitz wieder ein. Als dieſes vorfiel, ſchritten etliche von den„wil⸗ den Maͤnnern“ wieder durch den Saal in der Richtung nach Anna zu, um ihren zweiten Tanz zu vollfuͤhren, ſo daß Anna weder ſah, daß die Maske neben ihrem Vater ſtand, noch daß die⸗ ſer aus dem Becher trank. „Und jetzt, ſagte Gilbert, indem er ſich Mm ⸗ ——— M Annen naͤherte,„jetzt, huldreiche Tochter Jan Lyon's, werdet Ihr Euch nicht weigern, eben⸗ falls auf das Wohl des edeln Grafen von Flan⸗ dern zu trinken.“ „Das werd' ich recht gern thun,“ ſagte Annaz„des Grafen Geſundheit zu trinken iſt Pflicht eines jeden ſeiner Unterthanen.“ Somit ſtreckte ſie ihre Hand nach dem Becher aus. Indem ſie dies that, fiel ihr Blick auf Gilbert's Angeſicht; es war bleich, während Schrecken und Verwirrung ſich auf jeden Zug deſſelben gelagert zu haben ſchienen; dabei ſenkte Gilbert den Blick zu Boden; er wagte nicht, in Annens Augen zu ſchauen, als ſeine bebenden Haͤnde und ſein kurzes Athemholen von einem maͤchtigen Kampf zeugen mogten, den ſein Ge⸗ wiſſen und irgend ein boͤſer Vorſatz in ihm aus⸗ zufechten ſich anſtrengten. Anna ward durch Gil⸗ bert's Weſen erſchreckt und nahm mit Wider⸗ ſtreben den Becher aus ſeiner Hand. Sie blickte nun zur Graͤfin hinuͤber und gewahrte, daß die Dame von Artois regungslos wie eine Bild⸗ ſaͤule, den Blick veſt auf Anna geheftet, da ſtand, Die Weißkappen lI. 12 178 waͤhrend ſie dem Scheine nach den Worten des Herrn Simon van Bet zuzuhoͤren ſchien. Anna erhob den Becher und wollte ihn ihren Lippen naͤhern, als die Maske, die wieder zu ihr hin⸗ geſchluͤpft war, nachdem die wilden Maͤnner ſich zum Tanz aufgeſtellt hatten, haſtig an ihr voruͤberſchritt und mit leiſer, jedoch deutlicher Stimme ſagte:„Trinke nicht aus dieſem Becher!“ Betroffen uͤber dieſe Warnung, gedachte Anna um ſo lebhafter der fruͤher von der Maske er⸗ haltenen Weiſung. Ein Schauer durchrieſelte das Madchen, ſo daß ſie blos mit den Lippen den Rand des Bechers beruͤhrte, ohne einen Tropfen von dem Inhalte deſſelben zu genießen, und alsdann in Gilbert's Hand das Gefäß zu⸗ ruͤckgab, das dieſer zitternd und mit noch immer geſenktem Blicke hinnahm. Gilbert zog ſich zum Schenktiſche zuruͤck, wo er den Becher hinſtellte. Anna ward jetzt ernſt⸗ lich beſorgt fuͤr ihren Vater; indem ſie alles Anderen, nur nicht ihrer Furcht ſeinetwegen ver⸗ gaß, eilte ſie zu ihm und beſchwor ihn auf das Angelegentlichſte, ſich vom Bankett zuruͤckzuziehen. W 179 Jan Lyon konnte dem zudringlichen Weſen ſeiner Tochter nicht widerſtehen.„Ich will mich mit Dir wegbegeben,“ ſagte er zu Anna,„allein weshalb dringſt Du ſo in mich, liebes Kind? Ich muß doch erſt der Graͤfin von Artois Lebewohl ſagen, da ſie uns mit mehr Ehrenbezeigung und Ar⸗ tigkeit, als wir von ihr erwarten konnten, an ihrer Tafel bewirthete.“ „O weile nicht um leerer Hoͤflichkeit willen, mein Vater!“ ſagte Anna,„ſondern geh' ohne Zeitverluſt von hinnen. Laͤngeres Hierbleiben koͤnnte Gefahr bringen.“ „Doch muß ich erſt unſerer Wirthin Lebe⸗ wohl ſagen,“ antwortete Annens Vater.„Auch wird die friſche Luft mir wohlthun, denn ich weiß nicht, wie es kommt, aber ich fuͤhle mich außerordentlich beklommen und der Kopf iſt mir ſo eingenommen.“ „Um ſo mehr laß uns eilen,“ entgegnete Anna;„ſage, Du ſeyeſt krank, ſolche Entſchul⸗ digung genuͤgt; ſage was Du willſt, nur ver⸗ laſſe dies Gemach.“ „Ich bin wirklich krank, mein Kind,“ ver⸗ * ———— 180 ſetzte Jan Lyon,„mir ſchwindelt und ich fuͤhle mich ſo heiß—“ „Allgnaͤdiger Himmel!“ rief das Maͤdchen. „Du ſiehſt ſo blaß aus, Vater! O, laß uns augenblicklich fortgehen.“ „Fuͤhre mich,“ ſagte Jan Lyon;„ich will Dir folgen.“ „Sagt der Graͤſin von Artvis,“ ſprach Anna zu einem naheſtehenden Diener,„daß mein Va⸗ ter von ploͤtzlichem Unwohlſeyn ergriffen ward, ſo daß er ſich nicht erſt bei der gnaͤdigen Frau beurlauben kann, wie er ſonſt wohl geziemend gethan haben wuͤrde.— Und nun, Vater, lehne Dich auf meinen Arm, denn Du ſcheinſt ſolcher Huͤlfe beduͤrftig zu ſeyn.“ Unterſtutzt von ſeiner Tochter verließ Jan Lyon ſofort den Prunkſaal und begab ſich in ſeine nicht weit entlegene Herberge zu Brugges, wo mehrere von den Hauptleuten der Weißkap⸗ pen ihr Quartier hatten. Jan Lyon wankte fort, ohne mit ſeiner Tochter ein einziges Wort zu reden; Anna aber bemerkte, daß er mit Muͤhe athmete, und unfähig, ihre Furcht laͤnger ſtumm — zu laſſen, fragte ſie ihn tief erſchuͤttert:„O, mein Vater, haſt Du von dem Kredenzbecher getrunken?“ „Nun ja doch,“ lallte Jan Lyon,„aber,“ ſetzte er hoͤchſt beunruhigt hinzu,„wozu fragſt Du alſo?“ „Ich ward gewarnt, nicht aus dem Becher zu trinken,“ ſagte Anna. „Gott ſey Dank!“ rief Jan Lyon ſtammelnd, ohne weiter etwas zu aͤußern. Vater und Tochter erreichten bald die Her⸗ berge, wo Anna ſofort nach Beiſtand rief, um ihren Vater in ſein Gemach zu fuͤhren, indem er nur mit der groͤßten Anſtrengung ſo weit ge⸗ gangen warz kaum aber war er durch die Thuͤr der Kammer getreten, ſo ſtieß er einen lauten Schrei aus und ſank beſinnungslos zu des Maͤd⸗ chens Fuͤßen. Das Huͤlferufen der ungluͤcklichen Anna trieb bald das ganze Haus herbei, und die groͤßte Beſtuͤrzung waltete ob. Jan Lyon ward auf ein Bett gelegt; ein angeſehener Arzt, der nicht fern wohnte, ward geholt, waͤhrend Anna, die 182 kaum wußte, was ſie that, den Wirth des Hauſes anflehete, ſich in den graͤflichen Palaſt zu begeben und die Freunde ihres Vaters, Simon van Bet und Peter du Bois, mit dem beklagens⸗ werthen Zuſtande deſſelben bekannt zu machen. Wir werden nicht lange bei der ſchauervollen Scene, die nun folgte, verweilen. Der Arzt kam und erklaͤrte ſogleich, daß er nichts thun koͤnnte, um das Leben des Leidenden zu retten, doch hoffe er, im Stande zu ſeyn, die Todes⸗ kraͤmpfe in etwas zu mildern. Anna erkannte, daß die irdiſche Lebensbahn ihres Vaters ihr Ende erreichte. Mit der zaͤrt⸗ lichſten Sorgfalt war ſie daher bemuͤht, die Schauer ſeiner Sterbeſtunde zu ſaͤnftigen. Sie verſchaffte ihm einen Moͤnch, der mit ihm und uͤber ihm betete; und während ihr Angeſicht, weiß wie Marmor, ihr ſtarrer Blick und ihre von bangen Gefuͤhlen heftig pochende Bruſt von der Angſt ihres Herzens zeugten, entſchluͤpfte dennoch kein Laut des Bangens ihrem Munde, um nicht die letzten Minuten ihres Vaters zu ſtoͤren. W — 8—— Die Seelenfoltern, die Jan Lyon, als das Gift in ſeinen Eingeweiden wuͤthete, erlitt, waren zu furchterlich, als daß ſie zu beſchreiben waͤren. Seine Augen ſchienen aus ihren Hoͤhlen quillen zu wollen, ſein Leib ſchwoll an, ſein Geſicht ward gelb und blau; ſein Stoͤhnen war ſo herz⸗ zerſchneidend, daß es ſchier ſeiner Moͤrder Her⸗ zen erſchuͤttert haben wuͤrde; waͤhrend ſein ſchuld⸗ loſes Kind, Anna, die nicht vom Platze weichen wollte, ſo lange noch ein Lebensfunken in Jan Lyon glimmte, ſich mit gefaltenen Haͤnden neben dem Sterbelager auf ihre Kniee warf und mit geſchloſſenen Lippen aus tiefem Herzen den Him⸗ mel um gnaͤdige Aufloͤſung ihres bejammerns⸗ werthen Vaters anflehete. Endlich hoͤrten alle Schmerzen des Vergif⸗ teten auf. Jan Lyon ſchien noch einmal all ſeine Geiſteskräfte wieder erlangt zu haben, ob⸗ wohl ſein waͤſſeriges Auge, ſeine regungsloſen Glieder und ſeine kaltfeuchte Hand nur zu deut⸗ lich darthaten, daß dieſe Symptome die Zeichen ſeines baldigen Verſcheidens waren. Er ſprach vernehmlich, wiewohl leiſe, und bat, daß ihn 184 Alle, bis auf Anna, den Moͤnch und Simon van Bet, verlaſſen moͤgten. Dem wurde Folge geleiſtet. Der ſterbende Mann ward jetzt in ſeinem Bett aufgerichtet, und indem er einen letzten ſchwimmenden Blick auf ſeine Tochter heftete, bat er dieſe, ihm alle ſeine Schroffheit gegen ſie und alle die Irrthuͤmer, in denen er, ungeachtet ihrer Bemuͤhungen, ihn davon zuruͤck⸗ zubringen, beharrt hatte, zu vergeben. „O mein Vater,“ ſagte Anna,„ſprecht nicht alſo; nicht fordert Vergebung von mir, da ich dieſelbe vielmehr von Euch erbitten ſollte! Ver⸗ zeiht Eurem Kinde, ich bitt' Euch, mein theurer Vater, wenn ſie Euch ſagt, daß ohne Eure Segnung ſie ihr Herz einem Manne ſchenkte, der da verſprach, Euer Kind von Euch zu er⸗ bitten, der unter einer der Masken dieſer Nacht durch eine zeitige Warnung mich rettete, nicht aus dem verhaͤngnißvollen Becher zu trinken, der Euch ſo ſchmaͤhlich daniederwarf.“ Als Jan Lyon dieſe Worte hoͤrte, hob er ſeine brechenden Augen gen Himmel und ſegnete dann mit immer ſchwaͤcher werdender Stimme ſein Kind, indem er Gott anflehete, daß Anna begluckt ſeyn moͤgte in der Wahl ihres Herzens. Zu Herrn Simon van Bet, mit einem Blick auf ſeine Tochter gewendet, ſagte der Sterbende dann: „Ich hinterlaſſe nichts fuͤr mein armes Kind, als meinen Segen; Anna wird eine ausgeſtoßene, freundloſe Waiſe ſeyn. Moͤgen alle Heilige des Himmels Barmherzigkeit mit ihr haben, und ſie, die Unſchuldige, nicht heimſuchen wegen der Suͤnden ihres ungluͤcklichen Vaters!“ Herr Simon, der neben dem Bette, die Wangen mit Thraͤnen benetzt, ſtand, hatte meh⸗ reremale verſucht zu reden; allein das Weh ſei⸗ nes Herzens ließ ihn kaum vernehmliche Worte hervorbringen. Er entrang jetzt ſeine Hand der des ſterbenden Freundes, wendete ſich haſtig zu Anna, ſchloß ſie mit Leidenſchaftlichkeit in ſeine Arme und ſprach:„Ich will ihr Vater ſeyn, und ſo moͤge der Herr mir helfen, wie ich ihr ein guter Vater ſeyn will! Ich will ſie ſchutzen und pflegen und an mein Herz legen, wie das Kind meines Herzens und wie die Waiſe mei⸗ nes Freundes!“ 186 Offenbar war es, daß der ſterbende Vater dieſe Worte hoͤrte. Ueberzeugt von dem kuͤnfti⸗ gen Troſt und Schutz ſeines Kindes, zog ihm ein Strahl von Freude uͤber ſeine bleichen Ge⸗ ſichtszuͤge und verlieh ſeinem Auge noch einen Moment des Lebensblickes. Wie von Dankge⸗ fuͤhl durchdrungen ſchaute er aufwaͤrts und haſchte nach der Hand des ehrlichen Goldſchmiedes; allein die Freude, die er fuͤhlte und ſein Aus⸗ druck derſelben waren mit einander voruͤbereilend. Die Beſorgniß des Vaters in ihm war gehoben worden; Jan Lyon hatte nichts mehr mit dem Erdenleben zu ſchaffen; er ſank zuruͤck auf ſein Lager; der Schweiß des Todes lagerte ſich auf ſeine Stirn; er roͤchelte, ſein Auge brach, ſeine Haͤnde haſchten nach dem Linnen des Bettes und waren dann ploͤtzlich bewegungslos, bis die letzten Zuckungen einen Kampf mit der Natur andeuteten, als ob Geiſt und Leib gewaltſam von einander ſchieden. Undeutlich ſtammelte er: „Erbarmen— ſuͤndiger Menſch— ſegne— mein Kind— gottloſes Leben, aber dies— Er⸗ barmen— Erbarmen!“ Das letzte Wort war 187 kaum ausgeſprochen, ſo ergriffen ſcheußliche Kraͤmpfe den Ungluͤcklichen und verzerrten in der Angſt des Todes ſeine Zuͤge. Herr Simon ſah es, und voll des Verlangens, Anna einem ſo traurigen Schauſpiele zu entziehen, ohne ſie jedoch eher von dem Vater zu entfernen, als bis Alles voruͤber ſeyn wuͤrde, ſchloß er mit einem inwohnenden Gefuͤhle von Gutherzigkeit, das ſich oft am meiſten Denen verleihet, die am wenigſten ausgebildeten Geiſtes ſind, das weinende Maͤdchen in ſeine Arme und ſenkte ihren Kopf an ſeine Bruſt, waͤhrend er ſich uͤber ſie beugte, ſo daß ſie nicht umblicken konnte, um die letzten Momente ihres ſterbenden Vaters zu beobachten. Bald war Alles vorbei— Jan Lyon war eine Leiche. Tiefe Stille herrſchte in der Kam⸗ mer des Todes, und fuͤr eine Zeit lang kam Niemand herein. Herr Simon war der Erſte, der das Wort nahm, als er noch immer Anna in ſeinen Armen hielt, und als ſeine Gefuͤhle endlich es vermogten, ſich Luft zu machen. Herr Simon nahm ein gefaßtes Weſen an und ſprach in ſanftem jedoch nachdruͤcklichem Tone:„Mein liebes Kind, laß uns Troſt bei Dem ſuchen, der der Spender alles Troſtes iſt. Laß unſere Ge⸗ bete aufſteigen, waͤhrend wir uns bemuͤhen, un⸗ ſere Gedanken von dem todten Koͤrper ab und auf die unſterbliche Seele zu richten. Kniee mit mir nieder, mein Kind.“ Mit dieſen Worten fuͤhrte er Anna von dem Sterbelager weg, faßte ihre Haͤnde zwiſchen die ſeinigen, blickte dann betend auf, waͤhrend der Moͤnch zu dem Leichen⸗ bette trat und die Todtenmeſſe las. Anna weinte fortwaͤhrend bitterlich, konnte jedoch nicht reden, nur daß ſie dann und wann leidenſchaftliche, unzuſammenhangende Worte ausſtieß, die von ihrem Herzensweh zeugten. Herr Simon beſaß zu viel Tiefgefuͤhl, als daß er in ſolchen Augen⸗ blicken einen leidigen Troͤſter haͤtte abgeben kön⸗ nen. Er bemuͤhete ſich daher, die betruͤbte Waiſe dadurch zu troͤſten, daß er ihre Gedanken auf eine beſſere Welt richtete und ihr jene freundliche Auf⸗ merkſamkeit erwies, die ſich mehr durch Thun als durch Reden kund gibt, und wodurch das Mäd⸗ chen fuͤhlen mußte, daß ſie zwar vaterlos, doch nicht freundlos war. M 189 Auf dieſe Weiſe entfernte er ſie zart aus der Sterbekammer, empfahl ſie der Obhut und Pflege der in der Herberge befindlichen Frauenzimmer, indem er anordnete, daß man ſie zu Bette legen, nicht aber ſie mit nichtigen Troſtworten belaſti⸗ gen moͤgte, und aͤußerte die Hoffnung, daß die erſchoͤpfte Natur des Maͤdchens ihr endlich Ruhe und Erholung von ihrem Kummer und ihrer Erinnerung an die juͤngſt ſtattgehabte Schauer⸗ ſcene gewaͤhren wuͤrde. Die erſte Perſon, auf welche Herr Simon van Bet jetzt traf, war Peter du Bois, welcher den Wunſch außerte, in Geheim mit ihm zu reden. Der Goldſchmied war ſogleich bereit⸗ willig dazu.„Ja, Peter,“ ſagte Herr Simon, als Beide allein waren,„ich war nimmer ein Mann des Fechtens, waͤhrend ihr Euch wie biſſige Hunde im Kampfe gefielet. Jedoch bei einem Falle, wie dieſer, ſchwoͤr' ich vor allen Heiligen, daß, wenn Ihr jetzt Euer Schwert ziehen wollt, ſo ſoll die Sonne nicht eher auf⸗ gehen, als bis ich jenem grauſamen, glattzungi⸗ gen Weibe und dem fluchenswerthen, kaltbluͤti⸗ 190 gen Satan Gilbert Mattheus fuͤr die Ermor⸗ dung Jan Lyon's genug gethan habe. Auf, folgt mir und zeigt Euch wie ein Mann. Wir wol⸗ len die Weißkappen aufrufen.“ „Halt!“ rief Peter.„Ihr werdet zu ſolchem Vorhaben nicht aus dieſem Gemache gehen. Seyd Ihr raſend? oder wollt Ihr ploͤtzlich tapfer werden, um uns Alle zu verderben? Ich ſage Euch, daß, wenn Ihr in dieſer Nacht ein Schwert gegen Margaretha von Artois erhebt, oder mit Gilbert Mattheus anbindet, ſo ſitzt ganz Brugges uns auf dem Nacken. Ich weiß, unſere Weißkappen wuͤrden nicht ſaͤumen, Jan Lyon's Tod zu raͤchen, wir aber wuͤrden dadurch das beßte Buͤndniß, das wir fuͤr unſere Sache ſchloſſen, wieder zerreißen; denn wir gewannen die Buͤrger von Brugges fuͤr unſere Zwecke. Dennoch will ich meinen Ohm eben ſo gut raͤchen, wie Ihr es moͤgtet, allein es ſoll nicht dadurch geſchehen, daß wir uns, ſondern daß wir wirklich die Graͤfin, deren Sohn und das ganze Geſchlecht der Mattheus verderben.“ Durch ſolche Gruͤnde verhinderte Peter du „ ———— 191 Bois fuͤr diesmal den Herrn van Bet an Aus⸗ ubung unmittelbarer Rache wegen des Todes ſeines alten Freundes. Peter du Bois hand⸗ habte das Gemuͤth des ſchlichten, aber ehrlichen Ritters ſo ſchlau, daß dieſer endlich verſprach, dem Geruͤchte nicht zu widerſprechen, welches Peter du Bois ausbrachte, naͤmlich, daß Jan Lyon ploͤtzlich von Kraͤmpfen ergriffen worden war, die deſſen Tod herbeigefuͤhrt hatten. Durch reiche Beſtechung brachte Peter den Arzt dahin, gleiche Ausſage zu thun. Der Moͤnch war ein Greis, liebte den Frieden und war demnach ſchon durch ſich ſelbſt geneigt, den Vorfall lieber zu unterdruͤcken, als durch Ausplaudern deſſelben die Stadt in Aufruhr zu bringen. Die Nachricht von Jan Lyon's Hinſcheiden verbreitete Kummer und Zagen unter den Weiß⸗ kappen, denn der Verſtorbene war der be⸗ liebteſte Fuͤhrer derſelben geweſen. Die Haupt⸗ leute dieſer Meutererſchaaren beſchloſſen nun, daß ihre geſammte Streitmacht am folgenden Morgen nach Gent zuruͤckkehren ſollte, um die Leiche Jan Lyon's mit der groͤßten Pracht — 192— in der Kirche des heiligen Nicolaus beizu⸗ ſetzen*). Das von Peter du Bois ausgebrachte Maͤr⸗ chen, Jan Lyon ſey an Kraͤmpfen verſtorben, ward allgemein geglaubt. Fuͤr Viele war dies Ereigniß Veranlaſſung zu Freude und Entzuͤcken. Und als der Graf Kunde des Vorgefallenen er⸗ hielt, ward er gleich allen Uebrigen getaͤuſcht; denn obwohl Ludwig de Male der Feind des rebelliſchen Heerfuͤhrers war und den Tod deſſel⸗ ben wuͤnſchte, ſo wuͤrde er denſelben doch nie anders, als durch Mittel der Gerechtigkeit nach⸗ geſucht haben; und obwohl er ſeine Mutter als eine liſtige und rachſuͤchtige Frau kannte, ſo ließ er ſich's doch nimmer traͤumen, bis zu welchem Grade ſie durch Mithuͤlfe des Zunſtmeiſters Gil⸗ bert Mattheus ihre Gewalt ausgedehnt hatte. Im Bewußtſeyn, daß nach dem, was vor⸗ gefallen war, Brugges kein Ort der Sicherheit *) Es ward ein koſtbarer Grabſtein zum Gedaͤchtniſſe Jan Lyon's aufgerichtet, der während der großen fran⸗ zoͤſiſchen Revolution zerſtort wurde. Anmerk. d. Verf. W— M W 193— mehr fuͤr ſie ſeyn konnte, reiſete Margaretha von Artois in Begleitung Gilbert's und etlicher Wenigen aus ihrem Gefolge von jener Stadt ganz in Geheim ab, ſobald der heraufdaͤmmernde Tag ihr Licht genug gewaͤhrte, ihren Weg nach Lille einzuſchlagen. Am folgenden Morgen nach dem Tode Jan Lyon's befand Herr Simon van Bet ſich in beſſerer Stimmung, als er ſelber es erwartet hatte. Er war ein Mann von herzlichen Em⸗ pfindungen, einer, der nie auf eine Scene des Kummers blicken konnte, ohne ihr ſeine Mit⸗ leidsthraͤne zu ſchenken. Doch waren ſeine Em⸗ pfindungen zwar ſtark, aber nicht anhaltend. Bekuͤmmerniſſe, die ſchwer auf der Seele laſten, ſich an dieſelbe klammern und oft des Menſchen Lebenskraͤfte zerſtoͤren, waren Herrn Simon fremd; von einem Grame ſolcher Art hatte er aus eige⸗ ner Erfahrung auch nicht die geringſte Kenntniß. Aus dieſem Grunde begriff er denn auch nicht leicht die Empfindungen Anderer zur Zeit bit⸗ terer Betruͤbniß. Jan Lyon war todt; fuͤr die⸗ ſen konnte nichts mehr gethan werden, und ihn Die Weißkappen II.— 43 194 zu bewehklagen war nutzlos. Anna aber war noch am Leben, und fuͤr Anna konnte Vieles gethan werden, und der wuͤrdige Buͤrgermeiſter beſchloß, Vieles fuͤr das Mädchen zu thun; „denn,“ dachte Herr van Bet,„ſie iſt ein liebes, holdes Geſchoͤpf, und Jammer und Schade wuͤrde es ſeyn, wenn ihre Tage ihr in Kummer und Mangel hinſchlichen. Ich will ihr Vater ſeyn, und Dame Judith mag dazu ſagen, was ſie will. Gibt's Donnerwetter wegen des Mäd⸗ chens, und es kommt zum Schlimmſten, ſo kann ich deſto oͤfter in das Gaſthaus„zum Monde“ gehen. Aber ich denke, meine Frau wird nicht daruͤber zanken. Ich will zu der armen Waiſe gehen, und dieſer Anblick wird mich lehren, mit noch mehr Geduld mein Hauskreuz daheim zu tragen.“ In dieſer gutherzigen Abſicht wollte Herr Simon ſein Gemach verlaſſen, als Peter du Bois zu ihm hereintrat, das Geſpraͤch auf ſeine verlaſſene Muhme wendete und keck verlangte, Anna ſollte ihm, als dem nachſten Verwandten derſelben, ausgeliefert werden. Herr Simon fiel ſe it zu err du ine te, ten ihm bald in die Rede, denn es fehlte ihm nicht an Muth und Entſchloſſenheit in einer Sache, wo es die Ausuͤbung der Gerechtigkeit oder der Menſchenliebe galt.„Seht, Meiſter Peter du Bois,“ ſagte Herr van Bet,„der ſterbende Mann vertrauete mir die Obhut uͤber ſeine Tochter, und ich werde ſeinen Willen vollfuͤhren. Obwohl Ihr ein guter Kriegsmann ſeyd, Peter, ſo trage ich doch kein Bedenken, Euch zu ſagen, daß Eure Sitten und freche Redeweiſe Euch weder zu einem geeigneten, noch zu einem wuͤn⸗ ſchenswerthen Manne machen, um der Huͤter einer ſchuldloſen Dirne zu ſeyn. Somit gebt Euch zufrieden, Freund Peter; das Mägdlein bekommt Ihr nicht. Und wenn ich Annens ab⸗ ſonderliche Gaben und gute Eigenſchaften nach Verdienſt erwaͤge, ſo muß ich ſagen, daß ich, der ich Ritter, Oberaͤlteſter der Goldſchmiedezunft und Buͤrgermeiſter von Gent bin, deswegen und allewege der geeignetſte Mann in der ganzen Stadt ſeyn duͤrfte, ein ſo zartes Maͤdchen, wie dieſe Waiſe iſt, zu beſchuͤtzen und in die Welt zu fuͤhren.“ 196 Herr Simon ſtulpte ſeine Muͤtze auf, nahm ſeinen Stecken in die Hand, ſchritt keck an Peter du Bois voruͤber und ließ dieſen ſinnend uͤber die ſo eben ausgedruͤckten Meynungen und An⸗ ſichten, indem er ſich zu ſeiner Pflegebefohlenen begab. Der gute van Bet fand Anna tief betruͤbt, doch gefaßter, als ſie es vorige Nacht geweſen war. Er hatte die Waiſe aufgeſucht, um ihr an dieſem Morgen einige Troſtesworte zu ſagen, wie wohl von Freunden bei Denjenigen zu ge⸗ ſchehen pflegt, die an der Wunde leiden, welche ihnen durch den Tod eines ihnen theuren Weſens geſchlagen ward. Allein wir wiſſen nicht, wie es kam, der ehrliche Ritter konnte kaum durch ſeinen erſten Redeſatz hindurch kommen. Als er in das ſchoͤne, aber traurig blickende Angeſicht Anna's ſchauete, brach er in Thraͤnen aus, weinte wie ein Kind, und vergaß alle ſeine Troſtgruͤnde, nur nicht die, welche aus dem warmen Mitgefuͤhl eines treumeynenden Herzens kommen. Endlich war Herr van Bet genoͤthigt, Anna f. f. 197 zu verlaſſen, damit ſie ſich vorbereiten moͤgte, nach Gent zuruͤckzukehren. „Ich will wiederkommen und Dich dann nach unſerer Stadt fuͤhren, mein Kind,“ ſagte Herr Simon.—„Gott ſegne Dich— weine nicht— ſo, ſo, jetzt ſey getroͤſtet, und Du ſollſt mein lieb Toͤchterchen ſeyn— und wir wollen einander lieb haben— und ich will ſelbſt mit Dir in die Begräbnißmeſſe gehen— und ich will Dich troͤſten ſo gut ich es vermag— und ich will Dir eine gute Morgengabe geben— dann wollen wir die Maske ausfindig machen— und wenn ein guter Junge hinter ihr ſteckt, und er Deiner werth iſt, ſo ſollſt Du gluͤcklich mit ihm ſeyn— und dem Andenken Deines Vaters ſoll alle Ehre werden. So, jetzt richte Dich auf, und ich ſorge fuͤr Dich— ich will dem Leichenzuge Deines armen Vaters ſelbſt folgen, angethan mit meinem Buͤrgermeiſterornat, und die beiden ſilbernen Keulen ſollen vor mir her⸗ getragen werden. Und nun gehab' Dich wohl!“ Siebentes Capitel. Anna Lyon, die in Folge der juͤngſt ſtattge⸗ habten ſchmerzlichen Ereigniſſe wirklich krank an Seele und Koͤrper war, ward am folgenden Tage von Herrn Simon vermogt, ihr Gemach nicht eher zu verlaſſen, als bis die Leiche ihres Vaters aus der Kammer, in welcher derſelbe ge⸗ ſtorben war, fortgeſchafft ſeyn wuͤrde. Da nun der Anblick eines durch die ſcheußlichen Wirkun⸗ gen des Giftes gänzlich entſtellten Angeſichtes Annens Gemuͤth nur mit Abſcheu erfuͤllt haben wuͤrde, ſo ließ das Maͤdchen ſich dazu bereden, die Leiche nicht wieder zu ſehen. Herr Simon, der alles Moͤgliche aufbot, fuͤr ſie zu ſorgen, ſchaffte eine Saͤnfte an und ließ Anna unter Bedeckung etlicher ſeiner Leute nach Gent brin⸗ gen, indem der brave Goldſchmied beſchloſſen hatte, Anna ſollte eine Genoſſin ſeines Hauſes werden. Anna verließ Brugges, ohne irgend einem Menſchen daſelbſt Lebewohl zu ſagen, ausgenom⸗ men einer armen Wittwe, die herzugerufen wor⸗ den war, um dem Verſtorbenen die letzten Dienſte zu erweiſen, und die nachher waͤhrend des uͤbri⸗ gen Theils der Nacht mit herzlicher Menſchen⸗ freundlichkeit an Annens Bett gewacht hatte. Anna erfragte die Wohnung der armen Wittwe in Brugges, ſchenkte dem Muͤtterchen ein Gold⸗ ſtuͤck und verſprach ihr, ſpäterhin, ſo ſie es ver⸗ moͤgen wuͤrde, mehr fuͤr ſie zu thun; denn die Wittwe hatte geaͤußert, daß ſie fuͤr ihre vater⸗ loſen Waiſen ſich gar ſehr zu kümmern hätte. An dem nämlichen Morgen, an welchem Anna die Stadt Brugges verließ, machten alle Weißkappen ſich auf, um dem Leichnam ihres verſtorbenen Fuͤhrers, Jan Lyon's, zu folgen. Der Begraͤbnißzug bewegte ſich gen Gent mit einem Grade von Feierlichkeit und Ordnung, 200 der faſt unvertraͤglich mit dem Charakter der Empoͤrer zu ſeyn ſchien. Die traurige Veran⸗ laſſung zur Ruͤckkehr des Heeres der Weißkappen war bereits unter den Buͤrgern von Gent zur oͤffentlichen Kunde gekommen. Ganz Gent zog, in Begleitung einer Proceſſion von ſingenden Moͤnchen, der Leiche entgegen. Die Buͤrger, die bis vor die Mauern ihrer Stadt gegangen waren, kehrten nun mit der Leiche in dieſelbe zuruͤck und begaben ſich in das Schiff der alten St. Nicolauskirche, die ſich noch heut zu Tage auf dem Kornmarkt in Gent erhebt. Obgleich Jan Lyon verarmt ſtarb, weil er ſeine geſammte Habe an die Unterſtuͤtzung der Sache gewendet hatte, fuͤr welche er ſich ſo un— gluͤcklich erklaͤrte, ward er doch prachtvoll und unter Feierlichkeiten beſtattet, die eher ſich zu der Beerdigung eines Fuͤrſten, als zu der eines Rebellenhaͤuptlings geſchickt haͤtten. Der Leichnam, der mit der Buͤrgerkleidung des Verſtorbenen angethan war, lag auf einer Bahre; doch in Folge der anſtoͤßigen Veraͤnde⸗ rung, die mit dem Geſichte Jan Lyon's in deſſen 201 widernatuͤrlichem Sterben vorgegangen war, hatte man gegen die herrſchende Sitte der Zeit den⸗ ſelben mit einem Leilach bedeckt. Die Bahre, die von Peter du Bois und fuͤnf anderen Haͤupt⸗ lingen der Weißkappen getragen wurde, zog in die Stadt ein, begleitet von den zahlreichen Schaaren der Weißkappen, alle kriegeriſch ge⸗ ruͤſtet. Faſt Tauſend unter ihnen trugen bren⸗ nende Fackeln, die ſie mit in die Kirche des heil. Nicolaus nahmen. Das Innere dieſes Gottes⸗ hauſes war ſchon durch eine Menge Wachsker⸗ zen, die auf den darin befindlichen Altaͤren der Heiligen brannten, glaͤnzend erleuchtet, und die ausgeſtellten Mutter⸗Gottes⸗Bilder erglaͤnzten in all ihrem Schmuck von gediegenem Golde und blitzenden Edelſteinen. Schwert, Helm und Ruͤſtung Jan Lyon's, zuſammt dem Banner von Gent, wurden auf den verſchiedenen Altaͤren zum Gedaͤchtniß nieder⸗ gelegt, und das reichgezaͤumte Streitroß des Verſtorbenen, das ebenfalls in die Kirche gefuͤhrt worden war, wurde am Hochaltare als Opfer dargebracht. Sobald dieſe Ceremonien ſtattge⸗ funden hatten, ward der Leichnam, in Grab⸗ tuͤcher gewickelt, in einen bleiernen Sarg gelegt, und ſodann in die Gruft geſenkt, um welche die Weißkappen ſich draͤngten, damit ſie ihrem hin⸗ geſchiedenen Heerfuͤhrer den letzten Scheideblick weiheten. Die Orgel ſummte in tiefen Feier⸗ toͤnen, als der Sarg unter dem„Requiescat in pace der Moͤnche hinabgleitete. Und nicht nur in der Kirche des heil. Nicolaus, ſondern in jeder Kirche und jedem Kloſter zu Gent wurden an dieſem Tage Seelen- und Todtenmeſſen fuͤr Jan Lyon geleſen. Nach den Begraͤbnißfeierlichkeiten nahm Herr Simon van Bet die verwaiſete Anna mit der Zaͤrtlichkeit und Liebe eines Vaters in ſein Haus auf. Selbſt Dame Judith war vor der Hand etwas geſaͤnftigt in ihrem Weſen gegen die tief⸗ betrubte Waiſe; denn Anna ſchien ſo krank zu ſeyn, daß die Frau Buͤrgermeiſterin es gar nicht fuͤr unwahrſcheinlich hielt, ihr Herr Gemahl wuͤrde dieſer Pflegebefohlenen bald ledig werden. Hierin irrte Dame Judith ſich jedoch, denn die Guͤte, die Aufmerkſamkeit und ſtete Sorgfalt des Herrn Simon's, unterſtuͤtzt von des armen Maͤdchens dankbaren Bemuͤhungen, ihr Gemuͤth zu beſchwichtigen, brachten mit einander eine ſo gluͤckliche Wirkung hervor, daß nach Verlauf etlicher Wochen Annens Geſundheit ſich allmaͤlig beſſerte und endlich voͤllig wiederhergeſtellt ward. Die Friedſamkeit ihrer Gemuͤthsart, die ſtille Unterwuͤrfigkeit in ihrem Weſen und das Be⸗ ſtreben, der Familie, in welcher ſie lebte, nuͤtz⸗ lich zu werden, erweichten in hohem Maße den harten Sinn der Dame Judith gegen den Gat⸗ ten, wegen deſſen angenommenen Kindes; ſo daß die Frau Buͤrgermeiſterin es ihrem Manne (außer bei außerordentlichen Gelegenheiten) nicht mehr vorwarf, daß er ohne Zuſtimmung ſeiner Hausehre das Maͤdchen zu ſich genommen hatte. Auch gab es noch einen Grund, der zu Gunſten Anna's obwaltete, indem Frau Judith fuͤhlte, daß, vermoͤge des Charakters einer Beſchuͤtzerin, ſie ein Recht hatte, uͤber Anna zu gebieten, ein Recht, welches ihr gar zu lieb war, und bei deſſen Ausuͤbung ſie es ſich geſtehen mußte, ſchwerlich ein Weſen außer Anna finden zu koͤn⸗ 204 nen, das ſich ſo geduldig und demuͤthig ihrer Herrſcherlaune haͤtte fuͤgen moͤgen. Wir muͤſſen jetzt Anna unter der Obhut des Herrn Simon van Bet laſſen, und uns zu den oͤffentlichen Angelegenheiten der Stadt Gent zu⸗ ruͤckwenden. Nach dem Tode Jan Lyon's nahm die Starke ſo wie das Waffengluͤck der Weißkappen taͤglich zu, ſo daß binnen Kurzem man ihre Anzahl auf nicht weniger als Einhunderttau⸗ ſend ſchätzte. Die Maßregeln des Grafen von Flandern, um ſich den Empoͤrern zu widerſetzen, waren kraͤftig, obgleich er nicht ſchnell genug eine Kriegsſchaar zuſammenbringen konnte, um die Gegner zu verhindern, von den Staͤdten Courtrai, Grammont, Damm, Ypern u. a. Beſitz zu nehmen. Ludwig de Male hatte die Stadt Oudenaarde mit vielen tapfern Rittern und Reiſigen ſtark beſetzt. Dieſe, von Herrn Walter d'Anghien befehligt, leiſteten den feind⸗ lichen Empoͤrerſchaaren, welche die Stadt ſo gaͤnzlich umzingelt hatten, daß ihr alle Lebens⸗ mittel, außer denen, die ſich innerhalb der Stadt 205 befanden, abgeſchnitten waren, tapfern Wider⸗ ſtand. Die Weißkappen aber beſchloſſen, daß, wenn Gewalt den Platz nicht zwingen koͤnnte, der Hunger denſelben endlich noͤthigen ſollte, ſich ihnen zu ergeben. Viele und verzweifelte Aus⸗ faͤlle wurden von den Belagerten gemacht, heftig war das Andringen der Belagerer, hartnaͤckig das Zuruͤcktreiben, das dieſelben erfuhren, bis die Vorraͤthe von Oudenaarde ſo weit erſchoͤpft waren, daß Ludwig de Male mit ernſtlichem Bangen die Wahrſcheinlichkeit erkannte, es wurde die Stadt ſich dem Feinde ergeben, und ſo der Wuth einer ergrimmten Menge alle die edlen und wackern Ritter preisgeben, die ſich innerhalb der Mauern von Oudenaarde befanden. Ludwig war deswegen um ſo mehr zum Frieden geneigt, weil die Weißkappen uͤberdies in ihren Maß⸗ regeln ſo weit vorgeſchritten waren, daß Peter du Bois und einer von deſſen Mithauptleuten, Jan Prineaux, bereits einen Angriff auf Dendre⸗ mond gemacht hatten, wo der Graß ſelbſt ſein Quartier hatte. In dieſer mißlichen Lage leiſteten ihm die 206 Talente ſeiner Mutter, der Graͤfin von Artois, die weſentlichſten Dienſte; denn dieſe hatte ihre Intriguen am franzoͤſiſchen Hofe ſo trefflich wei⸗ ter geſponnen, daß ungeachtet des Mißfallens, welches Karl der Fuͤnfte von Frankreich, der noch am Leben war, an Ludwig de Male hatte, ſie doch den Herzog von Burgund vermogte, nach Tournai zu kommen, und dort Maßregeln zu ergreifen, um einen Frieden mit den Rebellen zu bewirken. Bei ſeiner Ankunft entſendete der Herzog den Abt des St. Martinskloſters an die Haͤuptlinge der Weißkappen, die mit der Belagerung von Oudenaarde beſchaͤftigt waren, um ſie zu Frie⸗ densbedingungen zu vermoͤgen. Die Zuſammenkunft lief in ſoweit gluͤcklich ab, daß vorlaͤufig ein hohler Friede zu Stande kam, der mindeſtens die Eine gute Wirkung hatte, daß er die Ritter und Mannen aus ihrer gefahrvollen Lage in Oudenaarde befreiete. Die Weißkappen hatten ſich unter Anderem ausbe⸗ dingen wollen, daß die Veſtungswerke von Ou⸗ denaarde geſchleift werden ſollten; allein hierein 207 wollte der Herzog von Burgund nicht willigen, ſo daß es allgemein hieß, der Friede wuͤrde nur dazu dienen, der mißvergnuͤgten Partei Zeit und Ruhe zu gewaͤhren, ihre Streitkraͤfte zu ſam⸗ meln, um den Krieg von neuem anzufangen. Die Freunde des Grafen von Flandern tru⸗ gen jetzt Verlangen, daß dieſer nach Gent zu⸗ ruͤckkehren und, indem er unter den Buͤrgern dieſer Stadt wohnte, bemuͤht ſeyn moͤgte, ſich mit denſelben auszuſoͤhnen. Ludwig willigte un⸗ gern in dieſen Vorſchlag, obwohl er ſeinen oͤf⸗ fentlichen Einzug in Gent mit der groͤßten Pracht und Herrlichkeit hielt. Fruͤh am Morgen ver⸗ ließ er ſeinen Palaſt, um auf dem Markte das Volk anzureden. Als er durch die Straßen zog, bemerkte er, daß ungeachtet des juͤngſt geſchloſſe⸗ nen Vertrages, die Maͤnner keck mit dem Ab⸗ zeichen der Empoͤrung auf dem Kopfe einher⸗ ſchritten. Der Graf, der vom Pferde ſtieg, be⸗ gab ſich auf den Balkon eines am Markte lie⸗ genden, dazu auserſehenen Hauſes, um von dort herab das Volk mit Veſtigkeit und Herrſcher⸗ nachdruck anzureden. Ludwig de Male beſaß ſo ziemlich die Gabe der Beredtſamkeit. Auf hoͤchſt lebhafte Weiſe legte er dem Volke ſeine Liebe zu demſelben in Worten dar, ſchilderte die Siege, die er fuͤr das Vaterland errungen hatte, und die Verbeſſerun⸗ gen, die unter ſeiner Regierung der Handel von Gent erfuhr. Dann beruͤhrte er mit Empfin⸗ dung die Undankbarkeit, womit ſolche Dienſt⸗ leiſtungen belohnt worden waren, und ſchloß mit der Zuſage allgemeiner Vergebung fur Alle, wenn ſie, als Beweis von der Ruͤckkehr zu Vaſallen⸗ pflicht und Unterthanentreue, augenblicklich von ihren Koͤpfen den weißen Kremphut ablegen wollten, der ihm einen ſo widerwaͤrtigen Anblick gewaͤhrte. Die Rede ward mit der groͤßten Aufmerk⸗ ſamkeit angehoͤrt, bis die letztere Aufforderung in derſelben ringsum ein lautes Murren er⸗ zeugte. Hoͤchlich entruſtet verließ Ludwig den Balkon; ihn verdroſſen dieſe offenkundigen Be⸗ weiſe von hartnaͤckigem Mißvergnuͤgen. Als er, um heimzukehren, wieder uͤber den Markt ritt, blickten die Weißkappen ihn finſter an und wuͤr⸗ — „ 3„+ — — — MN —— M M —5—— — 209 digten ihn, ihren Landesherrn, nicht einmal ſo viel, daß ſie, um ihn zu gruͤßen, ihren Kremp⸗ hut anruͤhrten. Als der Graf dieſe Stimmung wahrnahm, wollte er ſich den genter Buͤrgern nicht mehr anvertrauen, ſo daß er nach wenigen Tagen heimlich wieder nach Lille abreiſete. Peter du Bois und Andere, denen es dar⸗ um zu thun war, daß Verwirrung die Oberhand behalten moͤgte, ſprengten bald das Geruͤcht aus, daß der Graf ſeine Genter auf Anrathen Gil⸗ bert's verlaſſen haͤtte, der jetzt mit Ludwig de Male auf Mittel bedacht waͤre, die Buͤrger zu bedruͤcken. Auch trug ſich noch ein Umſtand zu, der ein Gefuͤhl allgemeinen Unwillens erregte. Herr Olivier dAuterme, ein Neffe des ermorde⸗ ten Oberſchoͤffen, welcher geluͤbdet hatte, den Tod ſeines Ohms an den erſten Maͤnnern von Gent zu raͤchen, die ihm in die Haͤnde fallen wuͤrden, gewahrte zufaͤllig etliche Schiffs leute, welche in Kaͤhnen, mit Korn beladen, die Schelde herabfuhren. Olivier befand ſich mit ſtarker Mannſchaft am Ufer, bemaͤchtigte ſich der ungluͤcklichen Maͤnner in dem Augenblicke, wo Die Weißkappen II. 14 dieſelben landeten, ließ ſie blenden, und ſchickte ſie in dieſem bejammernswerthen Zuſtande zu. 2 ihren Mitbuͤrgern nach Gent zuruck. 3 Peter du Bois benutzte dieſen Vorfall, um auf die ohnehin ſchon erhitzten Gemuͤther des Volkes ſo zu wirken, daß dieſes augenblicklich darein willigte, die Fehde zu erneuern, und ſie damit zu beginnen, daß ſie die Mauern von Oudenaarde niederriſſen und die Haͤuſer aller Adeligen in jener Stadt pluͤnderten und in Aſche legten. So wuͤthete denn der Krieg aͤrger noch als zuvor. Der Graf von Flandern verdoppelte ſeine Thaͤtigkeit, und berief alle ſeine Edlen, ſeine Ritter und Verbuͤndete zu ſich. Manche Siege erfocht er von Zeit zu Zeit uͤber die Weißkappen; doch bedurfte es jetzt weit entſchei⸗ denderer Maßregeln, um die Meuterer gaͤnzlich zu bezwingen. Die Stadt Brugges, die, wie der Leſer weiß, von Jan Lyon am Abende vor deſſen Vergiftung uͤberrumpelt worden war, hatte un⸗ geachtet der Bemuͤhungen Peter's, ſie bei ſeinem Intereſſe beharren zu laſſen, ſich nochmals fuͤr ei⸗ ich 211 die Sache des Grafen erklaͤrt, ſo daß zu dieſer Zeit ein furchtbarer Buͤrgerkrieg durch ganz Flandern raſete. Die Beſchaffenheit unſerer Erzaͤhlung will keine weitere Ausmalung der einzelnen Umſtaͤnde, noch der mancherlei Siege der einen, wie der anderen in dieſem unnatuͤrlichen Kriege begriffe⸗ nen Partei geſtatten. Endlich beſchloß der Graf, die Stadt Gent von allen Seiten zu belagern und dieſe Belagerung ſo weit zu treiben, daß Hungersnoth endlich die Einwohner derſelben zur Unterwuͤrfigkeit zwingen ſollte. Dies war ein ſchwieriges Unternehmen, denn die Veſtungs⸗ werke der Stadt waren uneinnehmbar; dazu kam, daß es in Gent nicht an Wein und allen noͤthi⸗ gen Lebensmitteln fehlte; und ungeachtet deſſen, daß der Graf durch ſeinen Einfluß auf die be⸗ nachbarten Staaten dieſelben vermogt hette, ihren Einwohnern zu unterſagen, den Gen⸗ tern Vorraͤthe zuzufuͤhren, ſo fuhren doch die hollaͤndiſchen Brabanter und die Luͤt⸗ ticher unter großem Wagniß fort, Lebensmit⸗ tel die Schelde waͤhrend der Nacht hinaufzu⸗ 14* 212 fahren und bei guter Gelegenheit nach Gent hineinzuſchmuggeln. Langwierig und beharrlich war die Belage⸗ rung, und faſt taglich fiel ein fuͤrchterliches Ge⸗ fecht außerhalb der Stadtmauern vor, oder aber es gab einen vergeblichen Verſuch, Gent mit Sturm zu nehmen. Philipp van Artaveld lei⸗ tete oft kuhn, tapfer und verwegen einen Aus⸗ fall, oder drang mit den Weißkappen bis dicht vor die Schlachtreihen des Feindes. Von Sei⸗ ten des Grafen ward unter Walter d'Anghien, der Oberfeldherr war, oſt die Stadt mit einem Muth und einer Entſchloſſenheit angegriffen, daß ſelbſt die Feinde das Verzweiflungsvolle darin anerkannten. Walter leitete auch oft die Thatig⸗ keit jener Maſchinen, die ungeheure Steinklum⸗ pen, große Holzklotze und mit Pulver gefuͤllte Wurfkugeln auf die Stadt Gent ſchleuderten, unter denen die Wurfkugeln, die man ſeit der Schlacht bei Crecy fuͤr uͤberaus wirkſam gefun⸗ den hatte, den meiſten Schaden anrichteten. Auch warf man haͤufig durch Handgranaten Schießpulver auf die Stadt, wodurch mehrere 213 Haͤuſer bis auf den Grund niedergebrannt wur⸗ den, ſo daß nur durch die groͤßte Wachſamkeit, Vorſicht und Behendigkeit bei'm Loͤſchen, die Stadt davor bewahrt ward, gaͤnzlich in Aſche gelegt zu werden. Gluͤcklicherweiſe boten die Kanaͤle willkommenes Mittel zu Abwendung all⸗ gemeiner Feuersbrunſt dar. Endlich wurden die Belagerer ſo wachſam, daß Diejenigen, welche bisher Lebensmittel nach Gent geſchmuggelt hatten, in dieſer Muͤhwaltung nachließen und ſelten noch Vorraͤthe heranbrach⸗ ten, obwohl ihnen dieſe mit dem zehnfachen Werthpreiſe bezahlt wurden. So ging denn nunmehr allgemein die Rede, die Maͤnner von Gent wuͤrden ſich durch Hunger ergeben muͤſſen, da man von ihnen, als den am meiſten kriege⸗ riſch geſinnten Buͤrgern der Niederlande, wohl wußte, daß ſie der bloßen Gewalt des Schwer⸗ tes nimmer weichen wuͤrden. Um dieſe Zeit waren die Armen dem Ban⸗ nertraͤger Philipp van Artaveld hoch verpflichtet, indem ſie durch ihn vielfaͤltig davor geſchuͤtzt wurden, auf offener Straße Hungers zu ſterben; —— denn Philipp befahl, daß alle Einwohner Gents gleichen Antheil an den vorhandenen Lebensmit⸗ teln und die Armen dieſelben zu geringeren Preiſen haben ſollten. Die Kornmagazine der Kloͤſter und der Stadt mußten unter gleichen Bedingungen verkaufen, und Wein durfte, bei ſchwerer Strafe im Fall der Uebertretung, von Jedem nur Einmal des Tages getrunken werden. Dieſe Maßregeln hielten fuͤr ein Weilchen das Elend noch zuruͤck, ſo daß die Einwohner von Gent zwar durch ſtrenge Enthaltſamkeit, jedoch nicht durch wirkliche Hungersnoth litten. Der altere und minder ſtreitbare Theil der Einwohner erſehnte den Frieden, und erhielt end⸗ lich von van Artaveld Erlaubniß, eine Geſandt⸗ ſchaft an den Grafen abzuſenden, als dieſer zu Harlebek Rath hielt, um dort ehrenwerthe Be⸗ dingniſſe zu Gunſten beider Parteien auszumit⸗ teln. Da jedoch zu dieſem Ende kein Waffen⸗ ſtillſtand bewilligt ward, ſo ſah die Geſandt⸗ ſchaft ſich genoͤthigt, Gent in Geheim zu ver⸗ laſſen, nachdem Herr Walter d'Anghien in ſei⸗ ner gewohnten Großmuth verſprochen hatte, es 8— W 215 nicht ſehen zu wollen, wenn die Abgeordneten durch ſeine Kriegerreihen hinziehen wuͤrden. Herr Simon van Bet und Herr Giſebert Grodo waren die Fuͤhrer dieſer Geſandtſchaft und Beide von einem aufrichtigen Verlangen be⸗ wegt, ihre Vaterſtadt vom Verderben zu retten; obwohl, wie man geſtehen muß, Erſterer mit einigem Wohlbehagen der Wichtigkeit gedachte, die dadurch auf ihn fiel, daß er das Haupt einer ſo erheblichen Geſandtſchaft ward. Allein nur allzubald nach ſeiner Abreiſe wollten die Weißkappen, die es erprobt hatten, wie frucht⸗ los alle dergleichen Sendungen blieben, die Ruͤck⸗ kehr der Abgeordneten nicht abwarten, ſondern fingen ihre ſchon herkoͤmmlich gewordenen Aus⸗ faͤlle auf die Belagerer wieder an. Bei einem dieſer Ausfaͤlle wurde eine Schaar von Weißkappen von den Feinden umringt und gerieth in Gefahr, gaͤnzlich abgeſchnitten zu wer⸗ den. Von den Wachtthuͤrmen Gents konnten die Waͤchter den Kampf ſehen, und als Philipp van Artaveld den Umſtand erfuhr, ſchritt er ſo— fort zur Befreiung ſeiner Leute. Wuͤthend und 216 blutig war der Streit. Der Feldruf der Weiß⸗ kappen war:„Gent! Gent! Die heil'ge Mutter fuͤr van Artaveld!“ und die Belagerer riefen: „Flandern fuͤr den Loͤwen! Die heil'ge Mutter fuͤr d'Anghien!“ Herr Walter war an dieſem Tage perſoͤnlich auf dem Kampfplatze, und da er ſich darnach ſehnte, den Hauptanfuͤhrer ſeiner Gegner zu tref⸗ fen, ſtieß er ſeinem Gaul die Sporen ein und ſprengte unvorſichtig, ja tollkuͤhn, in die dickſten Haufen der Weißkappen, waͤhrend ſeine Mannen von ihres Feindes Vortrab noch zuruͤckgedraͤngt bleiben mußten. In dieſer Lage ſah Herr Wal⸗ ter ſich ſofort umringt, ſah hundert Schwerter gegen ſich erhoben, jedes derſelben bereit, ihn niederzuhauen, als van Artaveld herzueilte und mit einem Tone des Schreckens rief:„Ruͤhrt ihn nicht an, Ihr Maͤnnerz der Erſte unter Euch, der noch einen einzigen Streich auf Herrn Walter d'Anghien fuͤhrt, ſoll von meiner Hand fallen. Herr Walter ſoll nicht durch die Vielzahl ſterben, ihm ſoll ehrlicher Zweikampf werden!“ Art und Weſen und Zuruf van Artaveld's ———— 211 thaten dem Streite Einhalt; Keiner unterſtand ſich, die Waffe noch gegen Walter zu erheben, und Philipp, der ſich zu dieſem wendete, ſagte: „D'Anghien, von allen unſern Feinden, mit denen wir Gefecht haben, biſt Du der Tapferſte und Edelſte, obwohl Du es biſt, der unſerer Stadt am meiſten weh that; denn durch Dich ſind un⸗ ſere Haͤuſer in Aſche gelegt, unſere Buͤrger dem Hungertode nahe gebracht worden. Du biſt der Mann, mit dem zu kaͤmpfen ich laͤngſt erſehnte; und ſo es Gott und den Heiligen gefaͤllt, wol⸗ len wir heute nicht ſcheiden, bevor einer von uns eine Leiche ward!“ „Ich nehm's an,“ ſagte Herr Walter,„ob⸗ wohl Ihr mich ſo wacker gegen einen Rudel Eurer Weißkappen in Schutz nahmt, daß ich kaum weiß, ob Pflicht der Dankbarkeit es mir geſtattet, mich geziemend zur Wehr zu ſtellen.“ „Mach' Dich fertig!“ rief van Artaveld; und mit dieſen Worten griff er ſeinen Gegner wuͤthend an. Der Kampf war furchterlich. Beide Streiter ſaßen zu Roß. Ihre Lanzen trafen mit ſolcher Gewalt auf den Helm des Gegners, daß —218 die Funken herausfuhren und die Waffe bei'm erſten Anlauf zerbrach. Jetzt griffen die Kaͤmpfer nach ihrer Streitart, die am Sattelknopfe hing, und mit einem einzigen Hiebe hatte van Arta⸗ veld von ſeines Feindes Helme das Viſir her⸗ untergeſchlagen. D'Anghien, welcher den Gegner mit den Haͤnden packte, um einem zweiten Apt⸗ ſtreiche zu entgehen, der gegen ſeinen Kopf ge⸗ fuhrt ward, kam nun mit van Artaveld in ſo nahe Beruͤhrung, daß Beide entſetzlich gegen ein⸗ ander rangen; jeder, achtlos auf ſich ſelbſt, voll Trachtens, den Feind zu Boden zu werfen. So kam es(da keiner von Beiden loslaſſen wollte, damit der Widerſacher nicht etwa dadurch die Oberhand gewaͤnne), daß Beide vom Sattel her⸗ unter mußten und am Boden hinrollten, waͤhrend Philipp's Mannen umherſtanden, um dem merk⸗ wuͤrdigen Zweikampfe dieſer Ritter zuzuſchauen, als waͤren ſie Beſchauer eines Turniers geweſen. Herr Walter, welcher blutete und ſchier ge⸗ blendet war, denn der Axthieb hatte ihm die Stirn verletzt, ſo daß ihm das Blut uͤber die Augen quoll, fuhr vom Boden auf, warf die 219 Axt von ſich und zog ſein Schwert; van Arta⸗ veld that das Naämliche; er wollte ſich gleicher Waffe bedienen, denn er verſchmaͤhete es, an⸗ ders als ſein Gegner gewappnet zu ſeyn, und ehe er noch den Kampf erneuerte, rief er laut: „Gib Dich, Walter, gib Dich!“ „Nimmermehr!“ antwortete d'Anghien;„dies fuͤr den Loͤwen!“ und waͤhrend er den Schild erhob, um ſich das Haupt zu decken, griff er mit hochgeſchwungenem Schwerte ſeinen Gegner an. Ein abermaliger hartnaͤckiger Kampf be⸗ gann; allein er war jetzt ungleich, denn Herr Walter, durch ſein fließendes Blut wirklich ge⸗ blendet, wurde bald entwaffnet und bezwungen. Mit einem ſchweren Seufzer ſank er zu Boden; unverzuͤglich ſetzte van Artaveld ihm den Fuß auf die Bruſt, hielt ihm die Spitze ſeines Schwertes auf die Gurgel und rief laut:„Gebt Euch, Herr Walter, oder ſterbt!“ „Nimmermehr!“ war d'Anghien's wiederholte Antwort;„ſtoß zu und ende meine Schmach!“ „Toͤdt' ihn! toͤdt' ihn!“ riefen einſtimmig die Weißkappen. 220 „Nein,“ ſprach van Artaveld;„ich will Dein Leben nicht, denn Du biſt der Tapferſte der Feinde, die ich je uͤberwand. Bringt Herrn Walter in Sicherheit,“ ſetzte er zu ſeinen Man⸗ nen gewendet hinzu.„Tragt ihn augenblicklich in die Stadt und in meine Wohnung. Aber ſorgt, daß man nicht gleich erfahre, wer mein Gefangener iſt. Ehe ich ſelbſt es kund mache, muß ich die Gefangennahme dieſes ritterlichen Feindes dem Rathe zu wiſſen thun. Es wird das eine freudenvolle Mittheilung ſeyn. Dieſer Sieg wird Ludwig's Innerſtes zerreißen.“ Herr Walter, der in Folge des Blutverluſtes ohnmächtig da lag, ward in van Artaveld's Wohnung, und zwar auf die Weiſe geſchafft, die Philipp angeordnet hatte. Dort angelangt, befahl Philipp, dem verwundeten Gefangenen jegliche Huͤlfe und Pflege angedeihen zu laſ⸗ ſen, die ſein Haus zu bieten vermoͤgte; dann ging van Artaveld fort, um den genter Büͤr⸗ gerrath von dem fuͤr die Stadt ſo wichtigen Zweikampf dieſes Tages in Kenntniß zu ſetzen. *8 Achtes Capitel. Wir muͤſſen jetzt einiger, vor der Gefangen⸗ nehmung Walter's d'Anghien ſtattgefundener Vorfaͤlle erwaͤhnen, die mit denjenigen Ergeb⸗ niſſen in Verbindung ſtehen, welche wir dem Leſer in Kuͤrze darzulegen haben. Es iſt ſchon erinnert worden, daß wenige Tage nach der Ab⸗ reiſe der genter Geſandtſchaft an den Grafen, die Belagerer, da kein Waffenſtillſtand bewilligt worden war, fortfuhren, die Stadt wie gewoͤhn⸗ lich zu bedraͤngen. Ungluͤcklicher Weiſe ward waͤhrend des Angriffs einer der feindlichen Wurf⸗ maſchinen, die der Stadt ſo vielen Schaden zu⸗ fuͤgten, das Haus, welches neben der Wohnung des Herrn Simon van Bet ſtand, in Flammen 222 geſchoſſen, ſo daß auch das Haus des Buͤrger⸗ meiſters(obwohl es vor Einaſcherung bewahrt wurde) dergeſtalt litt, daß weder Frau Judith, noch Anna die Ruͤckkehr des Herrn Simon's in der beſchaͤdigten Wohnung abwarten konnten. Philipp van Artaveld, der den ehrenwerthen Buͤrgermeiſter ehrte, hatte Mitleiden mit deſſen Gattin und that ihr den Vorſchlag, ſie moͤgte mit Anna waͤhrend der Abweſenheit ihres natuͤr⸗ lichen Beſchutzers in ſeine Wohnung ziehen; be⸗ ſonders da Frau Judith durch einen Feuerbrand verletzt worden war, als ſie, ehe ſie das bren⸗ nende Haus verließ, ein Kaͤſtchen mit Juwelen gerettet hatte. Ungeachtet des Abſcheu's, den Dame Judith fuͤhlte, als ſie in einem Hauſe wohnen ſollte, in welchem Philipp van Artaveld (deſſen ſittlicher Wandel keinesweges mit ſeinem Muthe auf gleicher Hoͤhe ſtand) mit Bianca, ſeiner Beiſchlaͤferin, lebte, mußte ſie doch der Nothwendigkeit weichen; denn die Frau Buͤrger⸗ meiſterin wußte im eigentlichen Sinne des Wor⸗ tes nicht wohin. Krieg, Hungersnoth und Ver⸗ wirrung drohten taͤglich der Stadt Gent immer 223 mehr mit den ſchlimmſten Folgen, und viele von Dame Judith's Freundinnen und Gevat⸗ terinnen, die erfreut genug geweſen waren, in gluͤcklicheren Tagen Theil an den Feſtlichkeiten und Beluſtigungen im van Bet'ſchen Hauſe zu nehmen, konnten jetzt ihr Mitleiden, wie ge⸗ ſchwaͤtzig ſie ſolches auch in Worten aͤußerten, nicht ſo weit zur That gelangen laſſen, daß es ihnen ſelbſt die geringſte Unbequemlichkeit verur⸗ ſacht haͤtte. Keiner außer Philipp bot der Buͤr⸗ germeiſterin einen Zufluchtsort an, der ihr doch hochnoͤthig war, indem die erhaltene Verletzung ſie noch Wochen lang im Gemache hielt. Die erwaͤhnten Gevatterinnen miſchten, da mitleidige Seelen von jeher gern uͤber Angele⸗ genheiten und Widrigkeiten ihrer Bekannten ſaal— baderten, unter ihr Mitleiden gewiſſe gutherzige und ſonder Zweifel ſehr treffende Bemerkungen uͤber den Ungluͤcksfall, der die Dame Judith be⸗ troffen hatte; ſo z. B.„Hochmuth geht vor dem Falle her,“ und„der die Leute ſchilt, dem das Geſchick vergilt,“ und daß,„wenn gewiſſe Leute erwarteten, daß gewiſſe Leute fuͤr ſie empfinden 224 ſollten, ſo haͤtten gewiſſe Leute ihre Zunge beſſer uͤber gewiſſe Leute im Zuͤgel halten ſollen,“ und allendlich,„waͤr's doch Schade um das Haus des Buͤrgermeiſters, denn es waͤre doch eines der ſtattlichſten in Gent, und wie wuͤrde Herr Simon es wieder aufbauen koͤnnen, da er ſo viel Geld in Bewirthung ſeiner Gaͤſte habe d'rauf gehen laſſen.“ Waͤhrend die Haͤlfte der klugen Frauen von Gent ſich mit dergleichen Gewaͤſch uͤber das Mißgeſchick ihrer Frau Ge⸗ vatterin unterhielt, war Anna die Einzige, die am Krankenbette derſelben die groͤßte Geduld, Zaͤrtlichkeit und Menſchenfreundlichkeit ausuͤbte. Dazu war Anna gar wohl in der Heilkunde er⸗ fahren und uͤbte ſie zu großer Srleihtenw der Frau Judith aus. Zur Zeit, wo unſere Geſchichte ſich zutrug, waren die Jungfrauen gewoͤhnlich der Kraͤuter⸗ kunde und Arzneiwiſſenſchaft befliſſen, und wur⸗ den dadurch ihren Befreundeten, zumal aber der Armuth nuͤtzlich; ja es war in jenen Tagen der Ritterſchaft durchaus nicht ſelten, daß bei ver⸗ wundeten Kriegern eine Jungfrau das Amt des 2——„„— e⸗ 9, r⸗ er er †. 225 Arztes verwaltete. Anna's Geſchicklichkeit in der Heilkunde war durch deren Muhme, bei welcher ſie unweit Saint-Omer gelebt hatte, ſo aufge⸗ muntert, daß die Bauernſchaft in der Umgegend Annens ſchneller, liebreicher und oft recht wirk⸗ ſamer Huͤlfe theilhaftig worden war. Im Krankengemache mit Frau Judith's Pflege beſchaͤftigt, ſah Anna nur ſelten ihre ſtolze Fein⸗ din und Nebenbuhlerin, die Italienerin Bianca, welche jetzt, wo Anna ſo fern von dem Grafen war, obwohl ſie noch immer Haß gegen das Maͤdchen hegte, keine Nothwendigkeit abſah, feind⸗ lich gegen dieſelbe zu verfahren, und da Anna uͤberdies auf eindringlichen Befehl van Arta⸗ veld's in das Haus gefuͤhrt worden war, ſo konnte Bianca nicht wohl offenbar beleidigend gegen das Maͤdchen werden. So begnuͤgte die Italienerin ſich, wenn ſie der jungen Hausge⸗ noſſin begegnete, dieſelbe mit kalter und fern⸗ bleibender Hoͤflichkeit zu behandeln, und die Waiſe war hoch erfreut, der ſtolzen Auslaͤnderin dadurch ausweichen zu koͤnnen, daß ſie ſich der Pflege der Gattin ihres Wohlthäters widmete. Die Weißkappen II. 45 226 Auf dieſe Weiſe waren etliche Tage vergan⸗ gen, als Anna, die mit Bereitung eines Heil⸗ mittels fuͤr ihre Kranke beſchaͤftigt geweſen war, durch die Gallerie in van Artaveld's Hauſe ging, um wieder zu Frau Judith zu gelangen, ein Geraͤuſch hoͤrte, das von etlichen Kriegsmaͤnnern der Weißkappen verurſacht ward, die einen ver⸗ wundeten Gefangenen hereintrugen. Anna zog ſich in einen der dunkeln Winkel des Ganges zuruͤck, von wo aus ſie uͤberblicken konnte, was vorging. „Hier, Martin,“ ſagte einer der Weißkappen zu ſeinem Cameraden,„ruͤhr' Dich und hole die Schluͤſſel zu dem veſten Gemache, wo wir den Gefangenen gut verwahren koͤnnen. Doch halt! zuvor ſchaff' etwas Waſſer, daß wir ihm das Blut vom Geſichte waſchen, ſonſt moͤgte er kaum im Stande ſeyn, zu athmen, und wir ſind ver⸗ pflichtet, fuͤr ihn zu ſorgen. Bei eines braven Mannes Ehrlichkeit! er iſt tapfer, wie ein Teu⸗ fel, und wenn's nach mir gegangen waͤr', haͤtte ich ſeine Seele heimgeſchickt, daß ſie Veſper mit dem Satan ſingen moͤgte, ſtatt ihn zu verſcho⸗ b n — nen, damit er hinterdrein uns die Gurgeln ab⸗ ſchneide. Aber van Artaveld hilft immer den Gefallenen auf, und betruͤgt die Hoͤllengeiſter um ihren Zoll und Tribut.“ „Komm an,“ verſetzte Martin,„und lern' ein Biſſel Barmherzigkeit, Bruder Horkop; moͤgt'ſt ſie eines Tages ſelber noͤthig haben. Ich will das Waſſer holen und dann bei'm Ge⸗ fang'nen Wacht halten; denn Du ſiehſt mir nicht darnach aus, daß Du ihn ſo pflegen wirſt, wie's Deine Pflicht waͤr' und wie van Artaveld es uns befohlen hat.“ „Nun dann,“ antwortete Horkop,„ſo nimm den Käfigvogel, ſo Du's durchaus willſt, unter Deine Obhut, aber ich ſteh' Dir dafuͤr, er ſingt eine verteufelte Melodei, ſobald er wieder aus⸗ fliegt.“ Das Waſſer ward gebracht und das Blut von dem Geſichte des Gefangenen abgewaſchen, welcher Zeichen wiederkehrenden Lebens gab. Martin hatte ſeine Dienſtleiſtungen beendet, und brauchte ſich nun nicht mehr uͤber den Gefange⸗ nen hinzubeugen. Er erhob ſich, und Anna, die — 2²8— nun das Antlitz des Verwundeten erblickte, ſtieß einen leiſen Schrei aus und ſank zu Boden. Martin hoͤrte den Schrei, uͤberließ den Gefan⸗ genen den uͤbrigen Waͤchtern, lief zu dem Maͤd⸗ chen, richtete ſie auf und ſprengte dienſtfertig ihr von dem Waſſer in's Geſicht, das mit dem Blute Walter d'Anghien's roth gefaͤrbt worden war. Anna erholte ſich, blickte auf, aber der Ge⸗ fangene war nicht mehr da; waͤhrend Martin ihr Beiſtand leiſtete, hatten die Weißkappen ihn in das Riegelgemach getragen. Ihr Blick fiel jetzt auf ihren eigenen Guͤrtel, der mit dem Waſſer beſudelt worden war, das Martin ihr ſo geradezu in's Geſicht geſprengt hatte. Sie ſchauderte und ſtieß einen unwillkuhrlichen Schrei des Entſetzens aus.„Ja,“ ſprach Martin,„ich weiß, es war der Anblick des Blutes an dem jungen Manne, der Euch ohnmaͤchtig machte. Junge Dirnen ſind an dergleichen nicht gewoͤhnt; waͤret Ihr's, ſo wuͤrde dergleichen Euch ſo viel, wie nichts ſeyn. Ich wußte aber nicht, Jungfer Anna, daß Ihr hier waret, ſonſt—“ 229 „Sage mir,“ ſprach Anna, die ſich Faſſung anzwang,„wer iſt jener Gefangene?“ „Herr Walter d'Anghien,“ verſetzte Martin; „doch ich vergaß,“ fuͤgte er raſch hinzu,„ich ſollt's Niemanden ſagen; aber Ihr werdet mich ja wohl nicht verrathen.“ Anna verſicherte ihn ihrer Verſchwiegenheit. Martin erzaͤhlte ihr nun die naͤheren Umſtaͤnde, mit denen der Leſer ſchon bekannt iſt, und ver⸗ ließ die Jungfrau bald nachher, um die Wache bei dem Gefangenen zu uͤbernehmen. Herr Wal⸗ ter war wieder zur Beſinnung gekommen, und ſeine Wunde ſchien nicht gefaͤhrlich zu ſeyn; denn wirklich war nur heftiger Blutverluſt an ſeiner Ohnmacht Schuld geweſen. Martin pflegte ſeiner waͤhrend des Tages mit der groͤßten Sorg⸗ falt und bewies an dem Gefangenen eine Her⸗ zensguͤte, wie man ſie nur ſelten unter den Weißkappen fand. Es war gegen Abend, und die Sonne hing noch in dunkelrothem Gluͤhen am Horizont und rang mit der Melancholie des Zwielichtes, als Martin die Thuͤr des Riegelgemaches oͤffnete, 230 nach dem Befinden des Gefangenen fragte und vor denſelben auf den Tiſch eine brennende Am⸗ pel ſetzte. Der Gefangene ſagte, daß ſeine Wunde ihn nur unbedeutend ſchmerzte, daß er 1 weniger an ſie, als an ſeine Kerkerhaft daͤchte, und dankte Martin fuͤr die Menſchenfreundlich⸗ keit und Sorgfalt, womit er ihm allen noͤthigen Beiſtand geleiſtet hatte. Bald nachher zog der 1 Wächter ſich mit der Bemerkung zuruͤck, daß er bis Mitternacht draußen Wacht hielte, daß der Gefangene ihm alſo zurufen koͤnnte, im Fall er 1 etwas beduͤrfte. Martin war wirklich ein gutherziger Geſell; er hatte ſich zu den Weißkappen begeben, weil 1 ſein Brotherr es that, aber er war weder roh, noch wild, und achtete den wackern jungen Ritter hoch, der jetzt durch das Geſchick, oder, wie die Franzoſen es nennen, durch das„Gluͤck“ des Krieges ſeiner Wacht anvertraut war. Mar⸗ tin ſchritt mit der Partiſane draußen in der Gallerie auf und ab; da hoͤrte er leiſe Tritte naͤher kommen und erblickte nach wenigen Mi⸗ nuten Anna neben ſich ſtehen, die ihre Hand 231 leiſe auf ſeinen Arm legte und flüͤſternd fragte „Martin, fuͤrchteſt Du Gott?“ „Ei freilich, Jungfrau,“ ſagte Martin;„ſo hoffe ich; das heißt, ich thue, was mir befohlen wird, und weiche nimmer von meinem Poſten.“ „Ja, aber,“ verſetzte Anna—„aber das iſt es nicht, was ich meyne. Glaubſt Du, daß Gott Dir befiehlt, barmherzig zu ſeyn und Mit⸗ leid mit dem Gefallenen zu haben?“ „So glaub' ich, Jungfer Anna,“ antwortete Martin,„ich helfe den Gefallenen jederzeit von ſeinem Schmerz, indem ich ihm's Schwert durch den Leib renne oder ihm's Hirn einſchlage; und wenn das nicht heißt barmherzig ſeyn, ſo weiß ich es nicht.“ „Aber,“ ſagte Anna zaudernd, denn unge⸗ woͤhnt, auf die Empfindungen eines Menſchen aus niedererm Stande zu wirken, wußte ſie kaum, wie ſie den Mann anreden ſollte—„aber wurdeſt Du wohl einem Anderen thun, wie Du moͤgteſt, daß man Dir thaͤte, wenn Du in Bedraͤngniß waͤreſt?“ „So wuͤrd' ich, Jungfer,“ antwortete der 232 Mann,„ſonſt ſehe ich nicht ab, warum ich im Chriſtenthum geboren und auferzogen worden bin.“ „Nun,“ entgegnete Anna,„das Chriſtenthum befiehlt, barmherzig mit den Leidenden zu ſeyn.“ „So thut's, ſo thut's!“ ſagte Martin. „So ſey's gegen mich,“ ſprach das huͤbſche Maädchen, indem ſie die rauhe Hand des Kriegs⸗ knechtes ergriff,„denn ich leide gar ſehr.“ Martin blickte auf Anna, deutete dann nach der Thuͤr des Riegelgemaches, vor welchem er Schildwacht ſtand, laͤchelte verſchmitzt, aber nicht roh, und ſagte:„Ich ſeh' ſchon, wo Ihr hin⸗ aus wollt, Jungfer. Ihr moͤgtet zu meinem Gefangenen hineinſchau'n, und ich weiß, Ihr verſteht Euch auf die Heilkunde. Nun, ich will keine Fragen weiter thun; koͤnnt Ihr doch dem Gefangenen nicht zur Flucht verhelfen, ſo lange ich die Riegel ſeines Gemaches huͤte. So will ich denn einem aͤchten Liebeswerke nicht hinderlich werden, wuͤrd's auch am Fuße des Galgens geubt, von dem, wie ich meyne, der Gefangene nicht mehr fern iſt. So geht denn, —— ———— n n 233 ſprecht leiſe mit ihm und bleibt hoͤchſtens ein halb Stuͤndchen drin, denn van Artaveld moͤgte heim kommen. Nittlerweile will ich mir Eins pfeifen und nichts weiter von der Sache wiſſen.“ Der gutherzige Martin offnete nun leiſe die Thuͤr der Kerkerkammer, ſchob Anna hurtig hin⸗ ein und riegelte zweimal wieder hinter ihr zu. Anna hatte ihren Zweck erreicht; allein ſie fuhlte ſich ſo heftig bewegt, als ſie ſich nun in einem und demſelben Gemache mit dem verwundeten Gefangenen wußte, daß ſie nicht Macht hatte, ein Wort hervorzubringen. Mit den Haͤnden vor den Augen ſank ſie an die Wand des Ge⸗ maches. Der Gefangene fuhr in die Hoͤhe. „Allgutiger Himmel! Anna!“ rief er aufblickend. „O Hendrick!“ ſagte das Mädchen,„treffen wir ſo wieder zuſammen? Und Du biſt wirklich Herr Walter d'Anghien?“ „Ich bin Dein, bin derſelbe, der ich ſtets war,“ antwortete Walter,„und täuſchte Dich nur um Deiner eigenen Wohlfahrt willen. Waͤre es kund worden, daß ich, der Neffe des Grafen von Flandern, in Liebe Dir zugethan bin, ſo 234 wuͤrde Dein Untergang wie der meinige unver⸗ meidlich geweſen ſeyn, denn ich bin noch minder⸗ jaͤhrig und ſtehe unter der Vormundſchaft Lud⸗ wig de Male's. Ich wartete nur den Zeitpunct meiner Muͤndigkeit ab, um Dich zur Gattin be⸗ gehren und ohne Gefahr ehelichen zu konnen. Zu dieſem Ende legte ich mir einen anderen Namen bei, als ich Dich zuerſt kennen lernte, denn ich ſcheute mich, Deiner Muhme ein Ge⸗ heimniß zu offenbaren, welches, wenn es ent⸗ deckt wuͤrde, uns das Leben koſten koͤnnte.“ „Dir danke ich mein Leben,“ ſagte Anna, „Du retteteſt mich von dem verhaͤngnißvollen Giftbecher, der meinen Vater todtete, und indem ich Dich jetzt in der Stunde Deiner Bedraͤngniß aufſuche, vollziehe ich nur eine Handlung der Dankbarkeit, die ich an dem Schlechteſten im Volke veruͤben wuͤrde.“ „Und muß ich es nicht fuͤr noch mehr hal⸗ ten?“ entgegnete Walter.„O, Anna, wenn die Kunde, daß ich hoͤher geboren bin, als der arme Student zu Saint⸗Omer, dem Du Dein jugend⸗ liches Herz hingabſt, je die Liebe in Dir in r⸗ r⸗ 235 bloße Dankbarkeit umwandeln koͤnnte, ſo wollte ich lieber, ich wäre als Hendrick van Caſſel ge⸗ ſtorben, denn daß ich jetzt als Herr von Anghien lebe.“ „Ich bin nicht verwandelt,“ ſagte Anna,„aber ich werde aus Deiner Liebe zu mir nimmer Vor⸗ theil ziehen wollen, um Dich dadurch in Schmach und Verderben zu bringen. Vergiß das Ver⸗ gangene; Du ſtehſt ſo hoch uber mir, daß ich unvermoͤgend ſeyn muß, Dein Geſchick zu thei⸗ len. Laß mich Deiner als meines Wohlthaͤters gedenken, und mich meine uͤbrigen Lebenstage hindurch das Gefuͤhl hegen, etwas fuͤr meinen Erhalter gethan zu haben. Ich komme, Dich zu retten.“ „Anna,“ rief Walter,„ſo lange ich lebe, werd' ich nicht der Hoffnung entſagen, Dich einſt die Meinige zu wiſſen. Ich vermag es nicht, Dich zu vergeſſen, auch wenn ich es wollte. Du biſt mir mein Theuerſtes auf der Erde; ohne Dich wuͤrde das Leben mir oͤde ſeyn— und vergebens wuͤrde ich nach Erquik⸗ kung ſuchen.“ 236 „Sprich nicht alſo,“ antwortete Anna,„ſon⸗ dern hoͤre mich. Ach, Hendrick, ich kann mein Gefuhl nicht verhehlen; der Schrecken hat mich 2 zu Dir gefuͤhrt. Ich habe kurzlich ſo entſetzliche ſi Kunde vernommen, daß, wenn Du meinem n Rathe nicht folgeſt, Du mich nur in dieſer Welt zuruͤcklaſſen wirſt, damit ich Deinen fruͤhzeitigen Tod beweine.“„ „Was meynſt Du damit?“ fragte eifrig Herr Walter d'Anghien. e „Ich will mich kurz faſſen,“ ſagte Anna, „van Artaveld iſt edel. Ich habe vernommen, t daß er, als er Dich hieher ſchaffen ließ, Dich am Leben verſchont wiſſen und nur eng ver⸗ wahrt halten wollte. Ungluͤcklicher Weiſe aber haben Deine eigenen Leute, in der Meynung, Du ſeyſt getoͤdtet worden, eine fuͤrchterliche Rache dadurch genommen, daß ſie etliche von den in ihrer Haft befindlichen Weißkappen ermordeten. In Folge deſſen haben Peter du Bois und Arnold le Clerc ſo auf den Buͤrgerrath von Gent gewirkt, daß dieſer Deinen Tod beſchloſſen hat, ſobald Du nicht—“ —24— „Was?“ rief Walter. „Sobald Du nicht ſchwoͤren willſt,“ verſetzte Anna,„mur zu den Deinigen zuruckzukehren, um ſie vor unſeren Stadtmauern wegzufuͤhren, und nimmer mehr die Waffen fuͤr den Grafen von Flandern zu tragen.“ „Ich ſollte das?“ rief Walter d'Anghien. „Nicht, wenn ich tauſend Leben zu erretten hätte, wuͤrde ich ſo zu gleicher Zeit ein Feigling und ein Verraͤther werden! Ich will dem Tode ent⸗ gegengehen, weil es ſeyn muß; aber nie mich zu Meineid und Schande entwuͤrdigen.“ Walter ſprach dieſe letzteren Worte in ſo ruhigem, jedoch auch ſo entſcheidendem Tone, daß Anna, deren Empfindungen von der in⸗ bruͤnſtigſten Natur waren, denſelben unterlag. Der Schmerz, den ſie fuͤhlte, ward zwiefach ge⸗ ſchaͤrft durch die Lebhaftigkeit ihrer Einbildungs⸗ kraft. Sie ſah in dieſem Augenblicke nichts als das ſchreckliche Bild, das durch Walter's ob⸗ ſchwebendes Schickſal ihr vor die Seele gefuͤhrt ward. Sie vergaß alle ihre Selbſtbeherrſchung und brach in Thraͤnen aus. Ihre Empfindun⸗ 238 gen konnten einem Waldſtrom verglichen werden, der Kraft gewinnt, ſo wie er dahin rauſcht, und durch die Gewalt ſeines Laufes jede Schranke niederreißt, die man gegen ſeine Stroͤmung auf— richten moͤgte. „O rede nicht alſo,“ ſagte das ungluͤckliche Maͤdchen,„denke nach, o denke nach, und er⸗ rette Dich vor dem Tode!“ „Ich kann nicht,“ verſetzte Herr Walter;„ver⸗ laß mich, Anna, ich bitte Dich; wolle nicht—“ „Nein, ich will Dich nimmer verlaſſen,“ ſagte Anna;„hier will ich Dich anflehen, bis ich hin⸗ ſinke; Dich anflehen, Erbarmen mit Dir ſelber zu haben.“ „Ich darf, ich werde mein Vaterland, werde meinen Fuͤrſten nicht verrathen!“ entgegnete d'Anghien. „Nein, Du wirſt Beide retten,“ rief Anna. „Gent iſt Dein Vaterland. Denk' an unſere Buͤrger— bedenke, wie weit Du uns herabge⸗ bracht haſt. Hungersnoth iſt innerhalb unſerer Mauern. Tod, furchterlicher, langſamer Tod er⸗ wartet die bejammernswerthen Bewohner dieſer 239 Stadt. Verſchone uns, rette uns; und indem Du dieſe That der Barmherzigkeit ubſt, wirſt Du Dich ſelber retten. Zieh Dein Volk nur vor unſern Mauern zuruck und Alles wird wohlgethan ſeyn.“ „Ich kann nicht, Anna,“ ſagte d'Anghien, „kann nicht meine Ehre verrathen.“ „Es gibt keine Ehre im Buͤrgerkriege,“ ver⸗ ſetzte die Jungfrau,„keine Ehre da, wo der Menſch, der die Chriſtenliebe in Ehren haͤlt, ſeine Beute von ſeinem leiblichen Bruder nimmt, wo Vaͤter gegen ihre Soͤhne ſtreiten und wo die Kinder Schmach und Tod uͤber das Silber⸗ haupt ihrer Aeltern bringen. Kannſt Du nun wohl gegen Deine Mitbuͤrger kaͤmpfen? Zieh Dein Volk zuruͤck. Du thuſt es? Ja? und Gent iſt gerettet! Bedenke, wie viele Gebete fuͤr Dich gen Himmel ſteigen werden. Wenn Mut⸗ ter auf ihre Saͤuglinge blicken und den huͤlfloſen Zuſtand der Kleinen bewachen, werden ſie Dich ſegnen, Dich, der Du ſie vor den Bekuͤmmer⸗ niſſen des Wittwenſtandes bewahrteſt!“ „Anna,“ ſagte Herr Walter,„aus Erbarmen gegen meine Gefuͤhle, verſuche mich nicht, eine 240 That zu thun, die mich ſpaͤterhin denken laſſen muß, ſie, die ich wie mein beſſeres Selbſt liebte, leitete mich zu Schande und Hochverrath, und das blos um ein elendes Leben, wie das meinige iſt, zu retten—“ „Nein, nicht blos Dein Leben zu retten,“ fiel Anna ihm in's Wort.„Wenn das Elend Gents kein Mitleid in Deinem Herzen rege machen kann, ſo gedenke meiner. Denke an das ungluͤckliche Maͤdchen, deren Liebe Du durch die innigſten Schwuͤre unverbruͤchlicher Treue er— rangſt; kannſt Du, willſt Du ſie dem Elende und dem Mangel hinwerfen? Bedenke, was ſie wird leiden muͤſſen, wenn ſie hoͤrt, wie die Glocke Dich zum letzten furchtbaren Gange ruft; wenn ſie Dich hinſchleppen ſieht zu der Schauer⸗ ſtaͤtte, an der Du wie ein Miſſethaͤter umkom⸗ men ſollſt. Und o! bedenke, daß, wenn ſie jene Stunde uͤberlebt, Du ſie der Wuth des Siegers preisgibſt, oder aber ſie durch des Hungers ſchleichende Qualen auf der Straße verſchmach⸗ ten läſſeſt. Wenn Du kein Erbarmen gegen Dich haſt, ſo rette wenigſtens mich.“ ſen te, nd ige nd e as die er⸗ de ſie ft. r⸗ 241 „Anna, ich beſchwoͤre Dich, verlaß mich,“ ſagte Walter,„laß meinen Mantel los! Blicke mir nicht ſo in's Geſicht; ich Jann's, ich kann's nicht ertragen!“ Herr Walter brach in eine Fluth von Thraͤnen aus, und indem er in einen Stuhl neben dem Tiſche ſank, ſtuͤtzte er ſich auf ſeine Arme und verſenkte ſein Geſicht in ſeine Hände. In dieſem Augenblicke ward die Thuͤr aufgeriſſen und herein ſtuͤrzte Martin mit einem Geſichte, auf welchem ſich die groͤßte Unruhe wies:„Verlaßt das Gemach,“ rief er,„verlaßt es augenblicklich. Es trat Jemand in die Gal⸗ lerie und lenkt den Schritt hieher. Wenn man Euch hier entdeckt, Jungfer, ſo moͤgte ich es mit dem Leben bezahlen muͤſſen; d'rum fort! Zaudert nicht! Keine Worte mehr!“ Damit er⸗ griff er Anna bei'm Arme und ſchob ſie zur Thuͤr hinaus, ehe das Maͤdchen noch dem un⸗ gluͤcklichen Gefangenen hatte Lebewohl ſagen koͤn⸗ nen. Doch bevor noch Martin die Thuͤr des Riegelkerkers wieder verſchloſſen hatte, kam die Italienerin, Bianca, haſtigen Schrittes und zor⸗ nigen Blickes die Gallerie herab und befahl, Die Weißkappen II. 16 242 ohne des erſchreckten Waͤchters, der bleich vor Beſturzung daſtand, weiter zu achten, in gebieteri⸗ ſchem Tone dem Maͤdchen, ihr zu folgen. Anna gehorchte faſt mechaniſch, indem ihr aufgeregtes Gefuhl ſie ſchier unfaͤhig machte, auch nur eini⸗ germaßen uͤber Bianca's Gebot nachzudenken. Die Italienerin fuͤhrte Anna in ihr Gemach, ſchloß hinter ſich zu und heftete einen ſo durch⸗ dringenden und ſo ernſten Blick auf die Jung⸗ frau, daß dieſe davor haͤtte erbeben moͤgen. „Ihr ſeyd die Tochter meines alten Feindes,“ ſagte Bianca,„allein Ihr ſteht im Rufe einer unerſchutterlichen Wahrheitsliebe. Fuͤrchtet alſo Nichts, aber redet mir die Wahrheit, und ich thue vielleicht in dieſem Augenblicke Das fuͤr Euch, was ganz Gent nicht fuͤr Euch in's Werk zu richten vermag.“ Anna verſuchte zu antworten, allein ihre Gemuͤthsbewegung war ſo heftig, daß ſie keine zuſammenhangenden Worte hervorbringen konnte. „Ich weiß, daß Ihr bei dem Gefangenen waret,“ fuhr Bianca fort.„Sagt mir, werdet Ihr von Walter d'Anghien geliebt?“ ———— uͤr erk hre ine te. en det 243 Anna verſuchte nochmals zu ſprechen, wäh⸗ rend Bianca abermals mit ſo forſchendem Blicke an ihr haftete, daß neue Verwirrung uͤber das Maͤdchen kam. Anna erroͤthete. Anſpruchslos von Natur, uͤberraſcht und gaͤnzlich unvorbereitet auf Bianca's Fragen, erwiderte ſie, indem ſie in Thraͤnen ausbrach:„Fuͤrwahr, als ich Herrn Walter zuerſt kennen lernte, kannte ich ſeine hoͤhere Abkunft nicht— und er gewann meine Liebe, indem er mir die ſeinige ſchenkte.“ „Genug,“ ſagte Bianca;„Dein Blick burgt mir fuͤr die Wahrheit Deiner Worte. Du ſuch⸗ teſt alſo nicht das Herz des Grafen von Flan⸗ dern zu gewinnen; doch warum ſchenkteſt Du Ludwig de Male Gehoͤr?“ „In der Hoffnung, meinem Vater das Leben zu retten,“ verſetzte Anna.„Der Graf gab mir einen Freibrief fuͤr meinen Vater.“ „Ich ſehe jetzt Alles ein,“ ſagte Bianca. „Du biſt unſchuldig, mindeſtens warſt Du es nicht, die ſich bei'm Grafen gegen ſeine Liebe zu mir verſchworz; doch weißt Du es recht gut, daß ich um Deinetwillen verſtoßen ward. Du 16* ſollſt mir helfen, mich zu raͤchen. Moͤgſt Du leben, um die Gattin Walter d'Anghien's zu ſeyn— groͤßere Strafe kann ich dem Grafen nicht auferlegen, denn er wird dann die Qualen der Eiferſucht, die Martern verſchmaͤhter Liebe, den Neid uͤber das Gluͤck eines Nebenbuhlers empfinden. Hoͤre mich, Anna, und ich will Dir beiſtehen. Walter d'Anghien ſoll morgen ſeinen Todesſpruch empfangen. Vergebens hat van Ar⸗ taveld getrachtet, ihm das Leben zu ſichern. Nur Einen Weg gibt es zu ſeiner Rettung. Herr Simon van Bet iſt zuruͤckgekehrt und wird in Abweſenheit van Artaveld's die Hut des Ge⸗ fangenen haben. Du mußt Deinen Pflegevater vermoͤgen, Walter'n in Freiheit zu ſetzen, und ich will dieſen mit dem Anzuge eines Dienſt⸗ mannes verſehen, ſo daß er voͤllig verkleidet er⸗ ſcheinen kann. So mag er fruͤh am Morgen in Begleitung etlicher Brabanter entrinnen, die ſich mit Gefahr des Lebens in unſere Stadt ſtahlen, um ihr Lebensmittel zuzubringen. Es iſt ein Plan entworfen, jene Maͤnner die Schelde hinabzugeleiten. Zieht Walter mit ihnen, ſo 245 kann er bald in Sicherheit ſeyn, und durch ſeine Gegenwart werden die Brabanter vor den Man⸗ nen des Grafen ſich geſichert wiſſen.“ Es wuͤrde uͤberfluͤſſig ſeyn, dem Leſer zu er⸗ zaͤhlen, mit welcher Freude, mit welchen Dank⸗ ſagungen Anna dieſen Vorſchlag annahm. Ohne Verzug forſchte die Jungfrau nach Herrn Simon. Als ſie ſeine Wohnung ausgekundſchaftet hatte, trat ſie in ſein Vorgemach, um ſich eine Unter⸗ redung mit ihm zu ſichern, ſobald er das Zim⸗ mer ſeiner Gattin verlaſſen wuͤrde. Der ehrliche Ritter war nach ſeiner Heimkunft ſofort zu Dame Judith geeilt, um ihr ſeine Ergebenheit zu bezeigen; und von dieſer erfuhr er denn auch die naͤheren Umſtaͤnde der Vorfaͤlle, die waͤhrend ſeiner Abweſenheit ſtattgefunden hatten.— Doch dieſes erfordert ein anderes Capitel. Uenntes Capitel. Von allen Gefuͤhlen, durch welche die menſch⸗ liche Seele angeregt wird, iſt keines von ſo hartnaͤckigem Charakter, als das der Neubegier, da die meiſten ſonſtigen heftigen Leidenſchaften mit der Zeit ausraſen, oder durch volle Befrie⸗ digung geſaͤttigt werden; Neubegier aber hat nimmer genug, und da ihr Feld grenzenlos iſt, ſo iſt es auch ihr Verlangen. Sobald dieſe Leidenſchaft ſich auf ihren eigentlichen Gegen⸗ ſtand, naͤmlich auf Bereicherung unſerer Kennt⸗ niſſe zum Nutzen Anderer richtet, ſo iſt ſie ſo loͤblich wie edel. Aber jener raſtloſe Geiſt des Fragens, der ſich in keinem anderen Elemente, als in der Bosheit, dem Muͤßiggange oder der —„——„— ſch⸗ ſo ier, ften rie⸗ hat iſt, ieſe en⸗ int⸗ ſo des nte, 247 ungeſchliffenheit bewegt, iſt eine eben ſo niedrige wie beleidigende Eigenſchaft, iſt die Folge der unwiſſenheit und ein ſicheres Zeichen von einer kleinen Seele. Herr Simon litt in dieſem Augenblicke a dem Elende ſolcher Gemuͤthsart in der Perſon ſeiner Ehehaͤlfte, die, nachdem ſie all' ihre er⸗ littenen Unruhen geſchildert hatte, mit der Frag in ihn drang, wie denn die Geſandtſchaft bei dem Grafen von Flandern ausgegangen waͤre? Dame Judith kummerte ſich eigentlich ſo wenig um öͤffentliche Angelegenheiten, daß, wenn ſie nicht perſoͤnlich durch dieſelben haͤtte leiden muͤſ⸗ ſen, die Wohlfahrt, ſo wie der Sturz von Gent wenig oder gar kein Intereſſe fuͤr ſie gehabt haben wuͤrde. Jegliche Antwort deshalb wuͤrde ihre Frage befriedigt haben; nur that es diejenige Antwort nicht, die ihr zu geben Herr Simon ungluͤcklich genug war; denn Herr Simon er⸗ klärte das Reſultat der Geſandtſchaft an den Grafen fuͤr— ein Geheimniß. Kaum hatte die Hausehre unſers kleinen Buͤrgermeiſters dies gehoͤrt, ſo ward ihre Neu⸗ ——— 248 gier maͤchtig aufgeregt und all' ihre Gleichgul⸗ tigkeit verwandelte ſich in das lebhafte Verlan⸗ gen, dieſen Gegenſtand voͤllig zu durchſchauen. Gleichwie ein alter Jaͤger, der trage den Wald⸗ weg in der vollkommenſten Gleichguͤltigkeit dahin ſchlendert, ploͤtzlich aber die Hunde anſchlagen hoͤrt und hinter einem Wilde her hetzen ſieht, hatte Dame Judith das Wort„Geheimniß“ kaum vernommen, als ſie auch ihre Jagd be⸗ gann. Frage folgte nach Frage, ſo daß es dem armen Goldſchmied unmoͤglich blieb, auf jede derſelben zu antworten. „Liebwerthe,“ ſagte Herr Simon in Entgeg⸗ nung auf dieſe marternde Zudringlichkeit,„es nutzt zu nichts, mir dieſe Fragen vorzulegen, da mir von dem Grafen von Flandern befohlen ward, unter keinem Verhaͤltniſſe die Bedingun⸗ gen kund zu machen, mittelſt welcher er uns Frieden gewaͤhren will. Nur dem Buͤrgercon⸗ vente darf ich ſie eroͤffnen, der zu dieſem Ende zuſammenberufen werden wird.“ „Das mag Alles recht gut ſeyn,“ verſetzte Frau Judith,„aber was fuͤr Bedingniſſe koͤnnen ul⸗ an⸗ d⸗ hin en ht., ß“ be⸗ ede eg⸗ „es len In⸗ ns on⸗ de tzte 249 das ſeyn, die nicht eher genannt werden duͤrfen, als bis der Buͤrgerrath ſich verſammelt? Die muͤſſen ſeltſamer Art ſeyn, und eben deshalb moͤgte ich ſie wiſſen.“ „Die Sache iſt ein Geheimniß, Weib,“ wie⸗ derholte Herr Simon;„alſo nichts mehr davon.“ „Nun dann, ſo will ich weiter nichts ſagen,“ entgegnete Dame Judith,„als daß ſie kein Ge⸗ heimniß mehr ſeyn wird, ſobald ſie dem Buͤr⸗ gerconvente mitgetheilt ward, denn die meiſten Nitglieder des Conventes ſind verheirathet. Und wenig Nachtheil kann es bringen, eine das Bett huͤtende kranke Frau in ſolches Geheimniß ein⸗ zuweihen. Ich werde die ganze Nacht daruber nicht ſchlafen koͤnnen. Und wohl koͤnnteſt Du mir, Deinem ehelichen Weibe, es ſagen, wenn Du Mitleid mit mir hätteſt, da ich ſo leiden muß, wie ich leide. Aber Du haſt ein Herz wie ein wildes Thier, Simon; Du haſt gar kein Herz!“ Dies ward in einem zwiſchen Wimmern und Schelten ſchwebenden Tone geſprochen. Herr Simon verſuchte darzuthun, daß er allerdings 230 Anſpruch auf den Beſitz eines ſo weſentlichen Organs haͤtte, wie ein Menſchenherz iſt, allein ſeine Gattin fuhr wieder uͤber ihn her, etwa wie eine Katze, die, wenn ſie ein armes Maͤuschen lange genug angeſtarrt und aus einem Winkel in den andern geſcheucht hat, bis ſie ſie veſt in eine Ecke bannte, ploͤtzlich auf ihre Beute los⸗ ſchießt und uͤber ihrem Opfer knurrt, waͤhrend ſie daſſelbe doppelte Qual unter ihren Pfoten und ihrer Schnauze erdulden läßt. Herr Simon konnte dem Redeſtrom, der auf ihn eindrang, keinen Damm entgegenſetzen und in der Meynung, daß eben nicht zu fuͤrchten ſtaͤnde, eine Frau, die genothigt war, das Bett zu huͤten, moͤgte ein ihr anvertrautes Geheimniß verrathen, gab er ſich unbeſonnen genug, der Dame Judith zu erzaͤhlen, daß der Graf von Flandern Willens ſey, der Stadt Gent den Frie⸗ den zu gewaͤhren, wenn ihm zweihundert von den Weißkappen, die er namentlich aufgeben will, ausgeliefert werden, damit er ſie in fernes Land verbanne, um ſo durch Entfernung der Unruhigſten und Kuͤhnſten die Ruhe daheim zu „——„„—— ——— 251 ſichern. Da der Graf jedoch furchtet, ein ſchwan⸗ kendes Geruͤcht koͤnnte ſeiner Abſicht eine boͤſe Deutung geben, ſo beſchloß er, dieſer Vorſchlag ſollte ſo lange geheim bleiben, bis er dem Buͤr⸗ gerconvente mitgetheilt ſeyn wuͤrde. Dies war die Auskunft, die Herr Simon gab und die nun, eingeſchachtelt und eingepfercht in dem Buſen der Frau Judith, daſelbſt gleich einer verhaltenen Gluth glimmte und brannte und darnach rang, ſich Luft zu machen und in lichten Flammen uͤber die Zunge weg in die Ohren Anderer zu lodern. Nun traf es ſich, daß am Abend deſſelben Tages etliche Freundinnen bei der Dame Judith einſprachen, um nach dem Befinden der Kran⸗ ken ſich zu erkundigen, bei dieſer Gelegenheit ein Gläschen Suͤßwein zu ſchlurfen(denn der Troſt des Theetrinkens, dieſe Panacee der Frau Gevatterinnen, war zu jener Zeit noch unbekannt in Europa) und nebenher etliche Kraͤuter und Specereien zu verordnen, die mittelſt eines Scharlachtuches auf die Wunden und Quet⸗ ſchungen gelegt, unter gewiſſen ruͤckwaͤrts her⸗ 252 zuſagenden Gebetsformeln, zuverläſſig gute Wir⸗ kung haben wuͤrden. d „So iſt denn,“ fing eine der Klatſchſchweſtern hierauf an,„Herr Simon mit der Geſandtſchaft 2 zuruͤckgekehrt; aber kein Menſch weiß, wie es e damit auslief, denn kein Menſch, heißt es, ſey v gut genug, daß ihm das Geheimniß anvertraut d werden koͤnnte.“ „Dann,“ antwortete Dame Judith,„ſagt man v mehr als wahr iſt, denn es gibt gewiſſe Perſonen, die von Herrn Simon fuͤr werth gehalten wer⸗ t den, Mitwiſſerinnen des Geheimniſſes zu werden, ja, die er ſogar in der Sache gebuͤhrend zu 8 Rathe zieht.“ „Sieh, ſieh! und wer moͤgten ſolche Perſo⸗ nen ſeyn?“ meynte eine der Gevatterinnen.. „Ja, wer moͤgten die ſeyn?“ rief eine Andere. „Nun, wer koͤnnte es eher ſeyn,“ entgegnete Dame Judith,„als Herrn Simon's eigne Frau? Iſt die Frau nicht die geeignetſte Perſon, der ein Mann ſeine Geheimniſſe anvertraut?“ „So ſeyd Ihr naͤher von der Sache unter⸗ richtet?“ fragte die Eine. 253 „Geſchwind, her mit dem Geheimniß,“ ſchrie die Andere. „Es iſt kein alltaͤgliches Geheimniß, werthe Nachbarinnen, das kann ich Euch verſichern,“ entgegnete Dame Judith mit einem bedeutungs⸗ vollen Blicke.„Es iſt gerade ſo viel werth, als das Leben von dreihundert Menſchen in Gent.“ „Dreihundert!“ wiederholte die Erſte der Ge⸗ vatterinnen. „Und was ſoll mit den Dreihundert wer⸗ den?“ forſchte die Zweite. „Ich koönnte Euch mehr daruͤber ſagen, als Ihr Euch traͤumen laſſet,“ ſagte Dame Judith, „ja und mehr als ein Weißkappenhauptmann oder ein Bürgermeiſter in dieſer Stadt davon weiß, Herrn Simon und meine Wenigkeit aus⸗ genommen; das heißt, ich koͤnnte es etlichen Freundinnen entdecken, wenn ſie klug ſeyn und reinen Mund halten wollten.“ „Aus mir ſoll's nimmer wieder herauskom⸗ men,“ ſagte Frau Gevatterin Nummer Eins. „Ueber meine Lippen kommt keine Sylbe, rief Frau Gevatterin Nummer Zwei. 23 „Nun dann,“ eroͤffnete Dame Judith,„es iſt hoͤchſt anſtoͤßig, es ſich nur zu denken, und noch anſtoßiger, es zu ſagen, daß der Graf der Stadt Gent den Frieden nur unter der Bedin⸗ gung geben will, daß dreihundert von den Weiß⸗ kappen in ſeine Haͤnde geliefert werden. Was weiter folgt, liebe Nachbarinnen, könnt Ihr Euch ſelber ſagen, denn der Graf wird ſie zuverläſſig mit einander aufknuͤpfen laſſen.“ Die Gevatterinnen verdrehten die Augen und ſchlugen die Haͤnde zuſammen, verſchluckten die Neige des Wuͤrzweins, legten hurtig die an⸗ empfohlene Kraͤuterſalbe auf Frau Judith's Wun⸗ den und Schrammen, blieben jedoch nicht lange genug, daß ſie die erforderlichen ruͤckwaͤrts zu ſprechenden Gebete haͤtte herſagen konnen, ſteck⸗ ten die Wimpelmuͤtzen veſt, häkelten die Regen⸗ maͤntel um und machten ſich fort auf die Beine, um das Geheimniß durch ganz Gent laufen zu laſſen, ſo daß lange Zeit, bevor der ungluͤckliche Simon den Buͤrgerconvent auf den Stadtſaal berufen konnte, die Geſchichte durch alle Gaſſen und Haͤuſer lief, und von maͤnniglich geglaubt de p —„— — 6 d M M S— 6b M W—— — ⁸ vN—— 255 ward, daß Herr Simon darein gewilligt haͤtte, dem Grafen von Flandern vierhundert Weißkap⸗ penmänner auszuliefern, die mit einander ſonder Barmherzigkeit gehaͤngt werden ſollten. Waͤhrend am Abend des Tages, an welchem Herr Simon heimgekehrt war, die Gevatterinnen ihr mitgetheiltes Gewäſch hielten, war Anna, die den Buͤrgermeiſter aufgeſucht hatte, in ganz verſchiedenem Geſpräche mit ihrem Wohlthäter begriffen. Der wuͤrdige Goldſchmied ſprach ſein Entzucken aus, die Pflegebefohlene wiederzuſehen, kuͤßte ihr die Stirn und klopfte ihr die Wan⸗ gen, wie er einem fuͤnfjährigen Kinde gethan haben wuͤrde, anempfahl ihr, ein gutes Mädchen zu bleiben, und Gott wolle ſie ſegnen, und er ſelber wuͤrde ihr Freund ſeyn, ſo lange der laͤngſte Tag ſeines Lebens waͤhrte. „Lieber Herr Simon,“ ſagte Anna,„ich weiß, Ihr ſeyd allzeit der Freund der Ungluͤck⸗ lichen, und das iſt's, weshalb ich mit Euch reden moͤgte. Ich habe Euch eine traurige Ge⸗ ſchichte zu erzahlen, und mir iſt ſo wenig Zeit dazu geſtattet, daß Ihr mir verzeihen muͤßt, — 2⁵6 wenn ich minder umſtaͤndlich und Ruͤckſicht neh⸗ mend bin, als ich ſeyn ſollte.“ „Da, mein liebes Kind,“ entgegnete Herr Simon,„nimm meine Boͤrſe und ich will Deine Geſchichte als erzaͤhlt anſehen. Ich kenne das Elend in Gent; irgend eine arme Creatur, die keinen Heller hat, fleht um ein Almoſen—“ „Nein, Herr,“ verſetzte Anna;„ich bedarf keines Geldes zu ſolchem oder anderem Zwecke. Seyd bedankt fuͤr Eure Milde. Das Elend, worauf ich deute, knuͤpft ſich an den ungluͤck⸗ lichen jungen Prinzen, der in Abweſenheit Phi⸗ lipp van Artaveld's Euer Gefangener iſt.“ „Wie?“ rief Herr Simon.„Du ſprichſt von Herrn Walter dAnghien? Ach, mein liebes Kind, wie kann ich einem Manne helfen, uͤber den— mich jammert es, indem ich es ſage— üͤber den der Buͤrgerconvent den Tod verhaͤngt hat? Und wenn, was ich hoͤrte, wahr iſt, ſo hat er ihn nur allzu wohl verdient. Dennoch thut es mir leid, obwohl Herr Walter die Bombarden gegen unſere Stadt richtete, die mein Haus ſo ſchwer beſchaͤdigten; und obwohl— 7 ( rr ne as ie 257 ich ſag's frei heraus,— kein beſſeres, noch hubſcheres Buͤrgerhaus in Gent war, als das meinige, ganz wie es ſich ſchickte fuͤr einen Rit⸗ ter, fuͤr den Oberaͤlteſten der Goldſchmiedezunft und fuͤr——“ „Ach, Herr,“ unterbrach ihn Anna, indem ihr die Thraͤnen aus den Augen ſchoſſen,„wenn Ihr irgend Mitleid fuͤr— fuͤr mich habt, ſo er⸗ haltet dem Unglucklichen das Leben! Herr Walter d'Anghien und die Maske, die mir zu Brugges das Leben rettete, ſind eine und dieſelbe Perſon.“ „Der Dich rettete, mein Kind?“ ſagte Herr Simon;„ich wuͤnſchte, Du hätteſt mir das nicht geſagt, wuͤnſchte, ich waͤre nicht ſein Huͤter.“ Und Herr Simon wendete ſich trubſelig ab, als er dies ſagte. „Sprecht nicht ſo, mein theuerſter Vater,“ entgegnete Anna—(„denn ich weiß, Ihr habt es gern, wenn ich Euch Vater nenne), ſondern freuet Euch vielmehr, daß Ihr ſein Huͤter ſeyd, und alſo Mittel in Händen habt, einen wak⸗ kern Mann vom Tode und mich vom Elende zu erretten.“ Die Weißkappen II. 17 —————————— 258 Herr Simon ſchob ſeine Haͤnde in ſeine Taſchen, ſchritt etliche Male im Gemache auf und ab, ſtand dann ploͤtzlich ſtill und blickte auf die Jungfrau. Anna's Geſicht druͤckte mehr aus, als ſie in Worte faſſen konnte; ihr Pflegevater ſchloß ſie in ſeine Arme und ſagte:„Blicke mich nicht ſo an, ich kann's nicht aushalten. Ich weiß, ich habe verſprochen, Dein Vater zu ſeyn, und Vater ſollen trachten, ihre Kinder gluͤck⸗ lich zu machen. Was begehrſt Du, daß ich thue?“ Anna faßte liebreich ſeine Hand und ſagte in ſanftem Tone:„Ich wollte, Ihr ließt mich fuͤr ihn eben das thun, was er in Brugges fuͤr mich that; einen Menſchen von grauſamem Tode retten.— Setzt ihn in Freiheit!“ „Heilige Mutter Gottes!“ ſagte Herr Simon, „weißt Du, was Du verlangſt? Mein Leben kann es vielleicht koſten, wenn ich Deine Bitte erfulle; jedoch Herr Walter iſt brav, wenn auch ein Feind. Er rettete Dich, mein Kind, und ſolche That darf nicht vergeſſen werden, denn Dein Leben iſt hundertmal mehr werth, als meine noch uͤbrigen alten Tage— und ich hab' Her ſein ich Tre ich dur er wit wo gli ind der haͤ He ge ine auf auf us, ter icke ten. zu ck⸗ 627 gte ich fuͤr ode on, ben itte uch ind nn als —2⁵9— Dich lieb, Anna— ſo wahr ich lebe!“ fuhr Herr Simon fort, indem er ſich mit dem Ruͤcken ſeiner Hand die Augen wiſchte.„Ich glaub', ich koͤnnte eher ſterben, als Deinen Blick in Trauer ſchwimmen ſehen; und obgleich Herr Walter mein Haus in Brand ſchleuderte, ſo bin ich doch kein Mann, der Rache da uͤbt, wo er durch Verzeihen beſſer thun kann.“ Anna umſchlang ihren Wohlthaͤter, als waͤre er wirklich ihr Vater, waͤhrend Herr Simon, wie erſchreckt, an das zu denken, was er thun wollte, und doch voll Verlangens, das Maͤdchen gluͤcklich zu wiſſen, ſich haſtig von ihr losmachte, indem er ſagte, daß er nicht bleiben koͤnnte, ſon⸗ dern die Sitzung des Buͤrgerconvents anzuordnen haͤtte. Damit ſuchte er die Thuͤr zu erreichen. „Aber was ſoll denn werden?“ ſprach Anna, „er muß dieſe Nacht noch gerettet ſeyn; morgen iſt es zu ſpaͤt.“ „Du biſt eine kleine Naͤrrin,“ entgegnete Herr Simon,„daß Du mich nach ſolchen Din⸗ gen fragſt. Waͤnde, ſagt man, haben Ohren— da— kannſt's begreifen?— Ich bin ſo eilig 172 260 ————— ausgegangen, daß ich an nichts denken konnte— daß ich die Schluͤſſel zur Riegelkammer zuruͤck⸗ ließ. Martin ſteht Wache, und muß Martin nicht Zeit haben zu eſſen, ſein Schluckchen zu trinken, obſchon er ein Waͤchter iſt, und vollends wenn ich ihn abrufe? Jetzt frage mich nicht weiter.“ Herr Simon verließ das Haus. Anna hatte die Schluͤſſel, mit denen ſie zu der Italienerin flog, weil ſie ohne deren Beiſtand nichts ver⸗ mogte. Die ſtolze Bianca machte gern ihr An⸗ I ſehen geltend und fand Vergnuͤgen darin, ſelbſt au Die zu martern, denen ſie diente. Sie verwies Cl Anna in ihre Kammer, und befahl ihr, daſelbſt der ſo lange zu harren, bis ſie ſie wuͤrde rufen laſ⸗ ver ſen. Anna mußte gehorchen, und nach mancher He angſtvollen Stunde ward ihr von der Italienerin zu die freudenreiche Nachricht, daß Herr Walter wi d'Anghien mit den Maͤnnern entwiſchte, welche gr in Geheim Kornvorraͤthe nach Gent gebracht iht hatten, und daß er in dieſem Augenblick, aller Wahrſcheinlichkeit nach, wohlbehalten uͤber das ge Weichbild der Stadt hinaus waͤre. al ih Zehntes Capitel. In eben der Nacht, in welcher Walter d Anghien aus Gent entſchluͤpfen durfte, hatten Arnold le Clerc, Peter la Nuitse und andere Haͤuptlinge der Weißkappen, ſich wie ſie haͤufig thaten, verſammelt, um neue Plaͤne zu gewaltthatigen Handlungen oder Verderben bringenden Raͤnken zu verabreden. Sie hatten diesmal eine ſo lang⸗ wierige Sitzung gehalten, daß der Tag ſchon graute, als die Lampe ausgeloͤſcht ward, die zu ihren naͤchtlichen Orgien geleuchtet hatte. Nichts verleihet dem menſchlichen Weſen ein geſpenſtiſcheres und widerwärtigeres Ausſehen, als das Tageslicht, das auf ſie nach einer von ihnen durchſchwelgten Nacht fallt, wenn ſie, dem Komus gleich, die zur Ruhe beſtimmten Stun⸗ den in wilder Luſt bei Spiel und Trunk ver⸗ brachten. Schon der Jugend und Unſchuld iſt naͤchtliches Wachen ſchaͤdlich; wie viel ſchaͤd⸗ licher muß es der Laſterhaftigkeit und Unmaͤßig⸗ keit ſeyn! Das Morgenlicht, welches ſich durch die hoch mit Epheu bewachſenen Fenſter im Hauſe Arnold le Clerc's ſtahl, ließ die ſchwache Flamme der Lampe als eine erloͤſchende Kohle erſcheinen, die von der„ſuͤßen Fruͤhſtunde“ erſtickt ward. Das Licht Aurorens zeigte die Geſichter der Auf⸗ ruͤhrer hager aus Mangel an Ruhe, dampfend und ungewaſchen, waͤhrend die ſchwerfaͤllige Be⸗ wegung ihrer Gliedmaßen, ein dummes Hinſtar⸗ ren der Augen und eine gluͤhrothe Wange von vielen unter ihnen das Zeugniß ablegten, daß ſie ſich noch unter dem Einfluſſe ihrer juͤngſt ſtatt⸗ gehabten Schwelgerei befanden. So ſaßen ſie da im Gemache, in welchem die Unordnung ihren Sitz aufgeſchlagen hatte. Leere Kruͤge, umgeworfene Seſſel, Brocken Bro⸗ tes und Knochen, die ſo abgenagt waren, daß a la g c 8S„ 705 —„— 263— tun⸗ auch nicht eine verhungernde Katze ſich in dieſem ver⸗ Hauſe des Unheils d'ran haͤtte erholen moͤgen, iſt lagen umher. Endlich ward die Geſellſchaft d⸗ durch den plötzlich eintretenden Peter du Bois ßig⸗ geſtort, der ſeiner Sinne voͤllig maͤchtig war. Sofort warf er ihnen die Voͤllerei vor, deren die Spuren er an mehreren von ihnen wahrnahm, auſe und das zu einer Zeit, wo das Elend der Hun⸗ ne gersnoth uͤber Gent ſchwebte. Ren⸗„Was, Ihr Herten,“ ſagte du Bois,„iſt ard. dies eine Zeit zu Nachtſchwaͤrmereien, wo der uf⸗ Mangel durch unſere Thore zog? Vergeudet ihr fend bei mitternaͤchtlichem Schwelgen Das, was Euch Be⸗ in der Noth des Hungers haͤtte Rettung werden tar⸗ moͤgen? Aber ich habe Nachrichten fuͤr Euch— von Nachrichten, die Euch aufſchutteln werden, wenn ſie Nichts Euch mehr auſſchutteln kann. Wer iſt att⸗ derjenige unter Euch, der ſich auf Befehl des Grafen moͤgte haͤngen laſſen, wie einen alten hem Hund, dem das Gebiß ausfiel?“ tte.„Was ſchwatzt Ihr, Peter,“ ſagte Arnold le Zro⸗ Clerc,„vom Haͤngen und vom Grafen? Wenn der Plan gluͤckt, den ich vorhabe, und nur fri⸗ — 264 ſcher Kornvorrath in die Stadt geſchafft werden kann, ſo mag der Graf von Flandern ſich, wenn er will, an ſeinem eigenen Kniebande aufhaͤngen, denn wir wollen ein Teufelsſpiel mit ſeinem Volke treiben.“ „Ihr werdet einige Zweifel hegen, wenn Ihr hoͤrt, was ich Euch zu ſagen habe,“ entgegnete du Bois;„es waͤre denn, daß Ihr meinem Ra⸗ the folgtet, und ſofort zu kuͤhner That ſchrittet, wie es Maͤnnern ziemt, die durch die Noth zur Verzweiflung gebracht wurden.“ Alle Weißkappen, die zugegen waren, draͤng⸗ ten ſich um du Bois, und verlangten ſeine Mittheilung zu hoͤren. „Van Artaveld,“ fuhr Peter fort,„hat einen kuͤhnen Ausfall gemacht, um zu verſuchen, das benachbarte Caſtell einzunehmen, in welchem hof⸗ fentlich etliche Lebensmittel fuͤr unſere elenden Buͤrger zu finden ſeyn werden. Es iſt ihm ge⸗ gluͤckt, die Kampflinie der Belagerer zu umgehen, ſo koͤnnen wir alſo nicht Tage lang ſeine Ruck⸗ kehr erwarten, um uns aus der Noth zu helfen. Wir muſſen ſelbſt dazu thun.“ W— — W 265 „Von welcher Noth iſt die Rede?“ fragte Arnold le Clerc ungeduldig. „Von nichts Geringerem,“ ſagte du Bois, „als daß wir durch den Schuft, den alten Si⸗ mon van Bet, verrathen worden ſind. Soeben erfahre ich, daß er mit dem Grafen von Flan⸗ dern uͤberein kam, ihm die Thore von Gent zu oͤffnen und uns Heerfuͤhrer mit vierhundert von unſern Leuten auszuliefern, daß wir an die Mauern unſerer eigenen Stadt gehaͤngt werden.“ „Das ſoll nimmer geſchehen! Wir wollen dieſen Simon todtſchlagen; wir wollen geraͤcht ſeyn, ihn erdolchen, wollen ihn ſelber haͤngen; die Weißkappen ſollen ſich erheben und ihn zermalmen!“ Solche und aͤhnliche Worte brau⸗ ſten zu gleicher Zeit von den Lippen der Partei⸗ ganger. „Haltet, Ihr Herren ſagte Peter,„Ihr ſeyd zu haſtig. Erſt hoͤrt einen noch buͤndigeren Beweis des Verrathes Simon van Bet's an. Van Artaveld ließ ſeinen Gefangenen, Walter d'Anghien unter der Hut Simon's; dieſer aber ließ Walter'n in dieſer Nacht entfliehen.“ 266 „Rache! Augenblickliche Rache! Reißt den Simon in Stuͤcke! Ich ſtoß' ihm zuerſt den Dolch in's Herz!“ ſchrieen die Meuterer durch⸗ einander. Peter fuhr fort:„Folgt meinem Rathe, und dieſe ſchmachvollen Unterhandlungen haben fuͤr immer ein Ende. Unnuͤtz wurde es ſeyn, einen einzigen Verräther zu vernichten, wir muͤſſen alle uͤbrigen in Schrecken ſetzen; denn Simon hat auch den Giſebert Grote mit in ſeinen Verrath gezogen. Wählt die Kuͤhnſten und Entſchloſſen⸗ ſten unter Euch aus, Ihr Herren; geht in Waf⸗ fen hin, und nehmt als Fuͤhrer der Weißkappen Theil an dem Buͤrgerconvente. Ich will mit Arnold le Clerc es ſo einrichten, daß wir in den Saal treten, wenn Simon die verratheriſchen Bedingniſſe kund machen will. Dann wollen wir Verrath ſchreien; Ihr verſchließt dann die Thuͤren und ſtoßt den Simon und den Giſebert nieder, ehe ſie noch Gnade rufen koͤnnen. Hinter⸗ her decke ich ihr geheimes Treiben dem Convent auf, und lege dar, daß Simon ſchon durch die Freilaſſung Walter d'Anghien's den Tod verdiente.“ 961 Dieſer Plan fand allgemeinen Beifall, und die Meuterer gingen, halb nuͤchtern, halb be⸗ rauſcht, von hinnen, um die Genoſſen aufzurufen. Peter du Bois und Arnold le Clerc blieben al⸗ lein im Gemache zuruͤck. „Und nun ſagt mir, Peter,“ ſprach Arnold „wie lange ſoll ich die Rolle des Bären ſpielen, den Ihr an der Kette habt und dem Ihr einen Maulkorb anlegt, ſo daß ich tanzen muß, ſobald Ihr den Knittel gegen mich erhebt? Wie lange, frage ich, waͤhrt es, ehe ich die mir von Euch. verheißene Belohnung erhalte?“ „Ihr ſeyd ein Narr, Arnold,“ antwortete Peter.„Seht Ihr denn nicht ein, daß, ſobald wir dieſem alten Simon, ſo er ein Hirn hat, das Hirn einſchlagen, mir das Huteramt uber meine huͤbſche Baſe anheim fällt, da ich ihr naͤchſter Verwandter bin? Geht auf meinen Plan ein, ſo koͤnnt Ihr die Dirne haben, ſobald es Euch beliebt.“ „Habe ich nicht alle Bedingungen erfullt?“ entgegnete Arnold le Clerc.„Sagte ich nicht zu van Artaveld, ja, ſchwur ich es ihm nicht, es 268 ———— waͤren meine Leute geweſen, nicht aber Ihr, n durch deren Hand der Oberſchoͤffe fiel? Habe e ich nicht das ſchmutzigſte Thun auf mich geladen, um Euch zu ſchuͤtzen? Sobald eine Kehle abzu⸗ ſchneiden oder eine Kirche zu pluͤndern iſt, wer vollfuͤhrt's? Arnold le Clerc; und wer gewinnt dadurch? Peter du Bois. Soll ein Complott geſchmiedet, eine Luͤge ausgeſprengt werden, wer nimmt die Gefahr auf ſich, und erſinnt den Trug? Arnold le Clerc; und wer hat das Alles angezettelt? Peter du Bois. Und wie? wer muß jetzt fuͤr den Anſtifter Eures tollen Planes gegen die Abtei gelten? Wieder Arnold le Clerc, und wozu? wofuͤr? Blos um in der Hoffnung leben zu koͤnnen, eine huͤbſche Dirne, die mir die Ge⸗ danken einnimmt, in meine Gewalt zu bekommen; als ob's eine Gutherzigkeit von Euch wäre, und doch muß ſchwere Arbeit dafuͤr gethan werden, weil die Dirne zufaͤllig Eure Baſe iſt.“ „Ihr werdet frech, Meiſter Arnold le Clerc,“ ſagte du Bois;„aber hoͤrt, wenn Peter du Bois nun ſein Baͤschen fuͤr ſich behielte, indem er nicht Willens iſt, ſie zum Suͤndenlohn zu 269 machenz wie wolltet Ihr da das Mädchen wohl etlangen? He? Indeſſen ſo Ihr Alles thun wollt, was ich begehre, will ich als chrlicher Mann Euch Anna geben; Ihr heirathet dann aber die Dirne, oder mein Schwert ſoll Euch zeigen, wie ich uͤber die Ehre meines Blutes denke.“ „Nun, ja denn, ja denn,“ verſetzte Arnold, „laßt es ſo ſeyn. Der Prieſter mag's bemur⸗ meln, und ich will Amen dazu ſagen. So wird Anna das Weib eines Weißkaͤpplers, und Alles iſt abgemacht.“ „Halt, nicht eher als bis die Abtei unſer iſt, Arnold,“ ſagte du Bois.„Der Kornvorrath und der Weinkeller jenes Gebaudes gibt Erleich⸗ terung fur unſer Volt ab. Die Abtei iſt ſtark und wohl beveſtigt, obgleich nicht ſonderlich be⸗ mannt. Wir können ſpaͤter ſie zu einem Wart⸗ thurme gegen den Feind einrichten, der unauf⸗ hoͤrlich von Brugges herdringt. Noch heut Abend muß der Angriff gemacht werden; und wenn Ihr die Abtei einnehmt(enn Ihr koͤnnt verwegen ſeyn, wenn Ihr wollt), ſollt Ihr mor⸗ —— gen das Maͤdchen haben, und eine von den pfaffiſchen Drohnen ſoll die Trauung vollziehen.“ „So will ich denn mein Beßtes thun, die Abtei einzunehmen,“ verſetzte Arnold;„allein ich traue Euren Worten nicht; Ihr habt mir eine Schlinge gelegt. Junge und unerfahrene Brut läßt ſich freilich einfangen, aber den alten Vo⸗ gel pfeift man nicht in's Garn. Ich will Anna ſicher und als die Meinige verwahrt wiſſen, ſonſt nehme ich keine Abtei ein. Simon ſtirbt heut morgen. Bemaͤchtigt Euch der Dirne kraft Eures Verwandtſchaftsrechtes; laßt ſie mit im Zuge gegen die Abtei ſeyn, und ich thue das Aeußerſte fuͤr die Einnahme des Neſtes. Sobald Erſteres aber nicht geſchieht, will ich mein Leben nicht an einen gefaährlichen Ausfall auf Gent um eines Unternehmens willen wagen, das man erſt hinter der feindlichen Linie in's Werk richten kann.“ „Wohl, ich geb's zu,“ ſagte Peter,„laßt uns jetzt eilen, unſer erſtes Geſchäft abzuthun; dann zur Abtei, und nieder mit den Kapuzen, den Meßbuͤchern und Pfaffen!“ ku ur ſch 271 Als die beiden Weißkäppler dieſe Ueberein⸗ kunft getroffen hatten, verließen ſie das Haus, um den Angriff auf den ungluͤcklichen Gold⸗ ſchmied einzuleiten. Nicht in den Sinn kam dem kleinen Buͤr⸗ germeiſter, als er ſein Amtskleid angelegt hatte und in den Stadtſaal trat, indem er die beiden ſilbernen Keulen vor ſich hertragen ließ, welches Elend ſeine Hausehre ihm durch ihre Schwatz⸗ haftigkeit bereitet hatte. Als der wuͤrdige Ritter dazu ſchritt, die Angelegenheit, die er mitzutheilen hatte, mit einer Miene der ſtattlichſten Wurde und Wichtigkeit zu eroffnen, trat der ſchaͤndliche Peter du Bois mit ſeinem Genoſſen Arnold le Clerc in den Verſammlungsſaal des Buͤrgercon⸗ ventes. Herr Simon befand ſich in ſtehender Stellung, und wollte reden, als Peter ploͤtzlich „Verräͤtherei! Verrätherei!“ ſchrie. Die Rebel⸗ len wiederhallten den Ausruf, und waͤhrend Ar⸗ nold le Clerc dem Burgermeiſter Giſebert Grote den Dolch in's Herz ſenkte, bohrte du Bois ſein Eiſen in den Leib des wuͤrdigen und gutmuͤthi⸗ gen Goldſchmiedes, welcher niederſank und blu⸗ tend und regungslos liegen blieb, waͤhrend Pe⸗ ter dem erſchreckten Convente die Beweggruͤnde auseinander ſetzte, die er hatte, dieſe beiden Rit⸗ ter, und namentlich Simon van Bet aus der Welt zu ſchaffen, der nicht nur ſchmählichen Vertrag mit dem Grafen von Flandern ſchloß, ſondern auch den gefangenen Walter d'Anghien hatte entfliehen laſſen. Der Convent beſtand hauptſaͤchlich aus den aͤltern Buͤrgern der Stadt. Eine That ſo ver⸗ wegener Grauſamkeit erregte ein einmuͤthiges Gefuͤhl des Abſcheues und Ekels. Allein die Maͤnner durften ihre Meynung nicht laut werden laſſen. Die Thuͤren des Saales waren verſchloſ⸗ ſen worden, und vor denſelben ſtanden die Weiß⸗ kappen mit gezuͤcktem Dolche;— die Waffen Arnolds und Peters dampften vom Blute der Ermordeten. Die Sicherheit der Conventsmit⸗ glieder, und dieſe drohende Stellung der Weiß⸗ kappen, zwangen zum Schweigen, obwohl der Maͤnner Blicke deutlich von dem Kummer und dem Schrecken zeugten, von welchem ſie ſich er⸗ griffen fuͤhlten. es 273 Nach wenigen Minuten hatte du Bois ſeine Rede beendigt, und Arnold le Clerc fluͤſterte ihm Etwas in's Ohr. Wahrſcheinlich war dies eine Anforderung, ſich jetzt hurtig Anna's zu bemaͤch⸗ tigen, ehe noch das Geruͤcht von Simon's Tode wuͤrde zu ihr dringen koͤnnen. Gewiß iſt es, daß bald nach dem eben im Convente ſtattgefun⸗ denen Auftritte die ungluckliche Anna aus dem Hauſe ihres Huͤters durch einen verkappten Bo⸗ ten unter dem Vorwande weggelockt ward, ihr Pflegevater habe Dringendes mit ihr auf dem Stadthauſe zu ſprechen. Stets bemuͤht, ihrem gutherzigen Beſchuͤtzer zu gehorchen, ſolgte Anna, ohne den mindeſten Trug zu ahnen, dem Boten, der verabredeter⸗ maßen das Maͤdchen in eine abgelegene Straße der Stadt lockte, wo Arnold le Clerc und ſeine Geſellen ſie ergriffen, in Hut und Mantel ſteck⸗ ten, ſie hinter einem der Weißkaͤppler auf das Pferd banden, und ſie mit zur Stadt hinaus⸗ ſchleppten, ehe ſie vor Schrecken und Erſtaunen zu ſich ſelbſt kommen konnte. Die Belagerer wurden uͤberfallen, ſo daß Arnold hinter ihre Die Weißkappen II. 18 Linien drang, und zwar mit leichterer Muͤhe, als er es ſich vorgeſtellt hatte, und nach dieſem kuͤh⸗ nen Ausfalle eilte man, ſich der Abtei zu be⸗ maͤchtigen, in welcher man einen reichen Vor⸗ rath von Gold, Getreide und Wein zu fin⸗ den hoffte. Mittlerweile hatten du Bois und deſſen An⸗ haͤnger den Stadtſaal verlaſſen. Die beunruhig⸗ ten Buͤrgeraͤlteſten unterſuchten nun ſofort den Zuſtand der beiden erdolchten Mitglieder. Giſe⸗ bert Grote war ſtarr und todt; Simon athmete noch. Dieſer letztere Umſtand gereichte Allen zur Freude, denn Simon war bei ſeinen Mit⸗ buͤrgern wohlbeliebt. Um ihn wo moͤglich zu retten, ſchafften ſie ihn alsbald in das naͤchſte Buͤrgerhaus und ſprengten aus, er ſey todt, um ihn vor fernerer Bosheit Peter's zu ſchutzen. Ein Wundarzt, dem man trauen konnte, ward gerufen, der denn auch auf wundaͤrztliche Weiſe ſeine Pflicht that, indem er Alles that, was er konnte, und behauptete, daß er weit mehr thaͤte, als er koͤnnte. Herr Simon ward verbunden, zu Bett gelegt, und gab endlich erfreuliche Lebenszeichen. Le lic de ard ine te, er ett 275 Der Arzt jedoch, das Verdienſt ſeiner Heilung zu erhoͤhen, falls der Kranke geneſen, und alle Schuld auf die Natur zu ſchieben, wenn etwa der Verwundete d'rauf gehen wuͤrde, ſah finſter aus, ſprach geheimnißvoll und ſchuͤttelte den Kopf. Das Kopfſchuͤtteln hatte zum Zweck, den Umſtehenden eine Idee von des Arztes Gedanken, Anſichten und Meynungen einzufloͤßen, die ſich endlich dahin vereinbarten, daß der Fall hoͤchſt mißlich waͤre und daß Herr Simon gleich allen uͤbrigen menſchlichen Weſen moͤglicher Weiſe am Leben bleiben, oder moͤglicher Weiſe auch ſterben koͤnnte. Dieſe geheimnißvollen Winke gereichten zu großer Beunruhigung der alten Buͤrger, die das Bett ihres ehrlichen Freundes umringten. Einer von ihnen, der mehr an das Heil der Seele, als an die Wohlfahrt des Leibes unſers kleinen Buͤrgermeiſters dachte, wollte alle aͤrzt⸗ liche Huͤlfe verſchoben wiſſen, bis ein Geiſtlicher den Verwundeten haͤtte beichten laſſen. Die Gravitaͤt des Arztes und die Zudringlichkeit jenes Buͤrgers, daß Herr Simon ſich erſt bekehren und dann kuriren laſſen ſollte, waren Umſtaͤnde, 276 die der Gefahr, in welcher der Verletzte ſich be⸗ fand, eine ſchlimme Wendung haͤtten geben koͤn⸗ nen, indem man mittelſt der Seele auf den Koͤrper wirken wollte; und Herr Simon ſelbſt ward dadurch ſo beunruhigt, daß er mit einiger Heftigkeit fragte,„wie lange er wohl noch zu leben haͤtte?“ „Das haͤngt von Umſtaͤnden ab,“ ſagte der Wundarzt,„und dieſe ſind die Beſchaffenheit der Wunde und der anzuwendenden Heilmittel. Ich werde Euch uͤberdies noch eine Buͤchſe voll von dieſem koͤſtlichen Balſam geben, den ich ſelbſt waͤhrend der juͤngſten Vollmondzeit bereitete. Die Conjunction der Geſtirne war dabei uͤberaus guͤnſtig, ſo daß, wenn wir nur das Fieber aus dem Wege haben, im Ganzen einige Hoffnung fuͤr Euch da ſeyn mag; dennoch iſt die Gefahr groß, ſobald das Fieber—“ „Jeden Falles,“ fing jener Buͤrger wieder an,„werdet Ihr wohl thun, wenn Ihr beichtet; benutzt die kurze Friſt, die Euch zur Rettung Eurer Seele noch uͤbrig iſt.“ „Nein,“ rief Herr Simon mit einem ziem⸗ fer un ſte 277 lich viel Gutes verheißenden Ausſehen und einer Stimme, die fuͤr einen Sterbenden wohl allzuveſt war;z„nein, wenn mein Lebensziel ſo nahe iſt, ſo will ich die mir noch vergoͤnnte Zeit ſo kraͤf⸗ tig wie moͤglich auskaufen. Ruft einen Gerichts⸗ ſchreiber, der meinen letzten Willen auſſetze, da⸗ mit ich fuͤr ein vaterloſes Kind ſorge; ſo wird Gott das fuͤr eben ſo gute That anſehen, als wenn ich beichte, um meine Suͤnden wegzu⸗ waſchen.“ Der Buͤrger ließ das Maul haͤngen, wider⸗ ſprach jedoch nicht. Der Wundarzt anempfahl eine zweite Buͤchſe mit Balſam, Herr Simon aber beſtand darauf, ihm ſollte ein Gerichts⸗ ſchreiber geholt werden.— Wir aber verlaſſen den Schauplatz, auf welchem der ehrenwerthe Goldſchmied ſein Teſtament machte, und wenden uns zu ganz anderen Ergebniſſen. Die Abtei des heil. Johannes, die anzugrei⸗ fen Abſicht Arnold le Clerc's war, lag in jener weitgedehnten Ebene, die man zwiſchen Gent und Brugges gewahrt, und war eine der reich⸗ ſten Abteien in Flandern. Bei dem truͤbſeligen Zuſtande, in welchem ſich Gent befand, hatten ſi die Weißkappen laͤngſt auf Eroberung jenes Klo⸗ v ſtergebaͤudes geſonnen, ſowohl ſich der darin be⸗ f findlichen Schaͤtze und Vorraͤthe von Lebensmit⸗ f teln zu bemaͤchtigen, als das Gebaͤude ſelbſt zu d einer Art von Veſte umzugeſtalten, von welcher fi aus man den einzelnen Haufen von Streitkräf⸗ ſi ten, die taͤglich zu Verſtaͤrkung des Belage⸗ 3 rungsheeres vor Gent herbeizogen, Schaden 9 zuzufuͤgen gedachte. Doch lag dieſe Abtei der n Stadt Brugges ſo nahe und konnte ſo leicht e von Brugges aus Verſtaͤrkung erhalten, daß man das Unternehmen nicht blos fur gefahrvoll, ſi ſondern fuͤr verzweifelt gehalten hatte. Dieſes 2 Bedenken ward jedoch kein Hinderniß fuͤr Peter d du Bois, der die Ausfuͤhrung dem Arnold le ſi Clerc aufbuͤrdete, damit, wenn die Sache fehl⸗ d ſchluge, aller Schaden und Vorwurf auf Letzte⸗ C ren fallen moͤgte. In wiefern Peter dieſen Ar⸗ 2 nold le Clerc dadurch zu gewinnen wußte, daß h 1 er dieſem ſeine Baſe Anna dafuͤr zuſagte, iſt 8 dem Leſer bereits bekannt. b Arnold le Clerc zog nunmehr in Gemein⸗ u tten Klo⸗ be⸗ mit⸗ 279 ſchaft mit Jan Launoy und einer ſtarken Rotte von Weißkappen gegen die Abtei, indem er Be⸗ fehl gegeben hatte, Anna mit im Zuge, doch fern von jeglicher Gefahr, zu behalten, bis man das Kloſter eingenommen haben wuͤrde. Er fuͤhlte, wie ihm der Muth ſich hob und alle ſeine Lebensgeiſter ſich ſtaͤrkten. Er hielt die Abtei ſchon fuͤr gewonnen und aͤnderte den ge⸗ gebenen Befehl dahin ab, daß Anna ſofort ihm nach in die Abtei gebracht werden ſollte, ſobald er dieſelbe inne haben wuͤrde; denn er rechnete darauf, daß du Bois zu ihm ſtoßen und ihm ſeiner Baſe Hand geben muͤßte. Wenn du Bois auch, obſchon er es verſprochen hatte, als⸗ dann nicht kaͤme, ſo hatte er die Dirne doch in ſeiner Gewalt, und Arnold le Clerc war nicht der Mann, der eine anſehnliche Beute um einer Geringfugigkeit willen wieder herausgab. Gegen Abend des Tages, an welchem er Gent verlaſſen hatte, griff Arnold le Clerc die Abtei des heil. Johannes an. Der Angriff war heftig und blutig, denn die Moͤnche leiſteten Widerſtand und vertheidigten ihr Eigenthum von ihren 280 Thuͤrmen und Mauern herab mit einem Muthe, der nur im aͤußerſten Nothfall geneigt zu ſeyn ſchien, ſich zu ergeben. Die Schranken unſerer Blatter geſtatten uns keinen Raum zu ausfuͤhr⸗ licher Mittheilung; es genuge, zu ſagen, daß die Weißkappen Sieger blieben, und daß faſt alle die beklagenswerthen Inſaſſen des Kloſters uber die Klinge ſpringen mußten. Ganz wie Arnold es angeordnet hatte, ward Anna nach Einnahme der Abtei in dieſelbe ge⸗ bracht und, in Erwaͤgung der Perſonen, von denen ſie ſich umringt ſehen mußte, mit einiger Hochachtung behandelt, indem man ihr ſogar eine Kammer fuͤr ſich allein einraͤumte, und Ar⸗ nold, der naͤchſten Tages die Ankunft Peter's erwartete, nicht einmal verſuchte, das Maͤdchen nach erfochtenem Siege vor dem Eintreffen ihres Verwandten zu ſehen. Es wuͤrde ſchwer halten, den Gemuͤthszu⸗ ſtand der Jungfrau waͤhrend dieſer Schreckens⸗ zeit zu ſchildern. In dem Augenblicke, wo ſie entdeckte, daß man ſie in Arnold's Haͤnde ge⸗ liefert hatte, ahnete ſie nur zu wohl, zu welchem „——— — er 281 Zwecke ſolches geſchehen war, und ſeine Ver⸗ traulichkeit mit Peter du Bois, und ſeine Ab⸗ haͤngigkeit von ihm, leitete ſie zu dem Glauben, daß ſie nimmer als nur durch Mitwirkung ihres unwuͤrdigen Vetters ſo hatte umgarnt werden koͤnnen. Das kleine Gemach, in welches man Anna zur Nachtruhe gefuͤhrt hatte, war zeither von einem Laienbruder des Kloſters bewohnt geweſen, der das Amt eines Pfoͤrtners verwaltet hatte⸗ Es lag in einem der Seitenthuͤrme des großen Abteithores, und hatte eine Ausſicht auf die Ebene nach Brugges. Der Waͤchter aus der Schaar der Weißkappen, der zum Huͤter uͤber ſie geſetzt worden war, hatte ihr Speiſe und Wein und auch eine brennende Lampe gebracht, und verſchloß, als er das Gemach verließ, die Thuͤr deſſelben. Als Anna ihn die Wendeltreppe hinabſteigen hoͤrte, ſank ihr das Herz. Ihre Seelenangſt geſtattete ihr nicht, ſich zum Schlafe zu legen, auch verſuchte ſie nicht, den Schlummer zu ſuchen. In einem an Geiſtes⸗ abweſenheit grenzenden Zuſtande ſchritt ſie im 282 Gemache auf und ab; endlich ſank ſie auf einen Seſſel. Regungslos und verdutzt ſaß ſie ein Weil⸗ chen da— bejammerte ihr Geſchick durch Seuf⸗ zen und Stoͤhnen, das ſich unfreiwillig ihrem Buſen enthob. Das waren die erſten Aus⸗ bruͤche ihrer Empfindungen; aber Anna beſaß einen Charakter, den ſelbſt das aͤußerſte Elend nie ganz bewaͤltigen konnte. Ueberdies war ſie ſchuldlos, und es iſt der Unſchuld beſonderes Vorrecht, Troſt in Gott zu ſuchen. Nur der Gottloſe verzagt; ausgeſtoßen aus dem beſchir⸗ menden Gnadenreiche des Himmels, iſt er der Finſterniß der eigenen Nacht ſeiner Suͤnde dahin gegeben. Selbſt in dieſer ſchrecklichen Stunde fuͤhlte Anna ſich aufgerichtet durch die leiſe Stimme ihres Gewiſſens; eine Stimme, die in einem Kerker und im Momente des Sterbens, eben weil ſie ſelten vergebens ſpricht, einer Seele Troſt zuzuſprechen vermag. Dieſe Stimme rief ihr zu, ihr Vertrauen auf Gott zu ſetzen. Anna gedachte des Troſtſpruches:„Ich will Dich nim⸗ mer verlaſſen,“ und indem ſie ſich auf ihre Knieen warf, flehete ſie inbrunſtig den Himmel —— —— N M — — M — S W 283 nicht nur um Staͤrkung im Leiden, ſondern auch um Errettung aus dieſen Drangſalen an. Und wer will da ſagen, daß die Gebete eines auf⸗ richtigen Gemuͤthes eitel ſind, wenn ſie ſich emporſchwingen zu dem ewigen Erbarmer, der da erhoͤren will, und dem Betruͤbten hel⸗ fen kann, welcher in Glauben und in Hoff⸗ nung und in Liebe zu allen Mitmenſchen zu ihm flehet? Geſtaͤrkt in ihrem Vertrauen auf die Fuͤr⸗ ſehung, erhob Anna ſich von ihrem Gebete. Im⸗ mer auf Mittel zu ihrer Befreiung in dem ganz richtigen Gedanken bedacht, daß, wenn Gott dem Menſchen die Gabe der Vernunft verlieh, es deswegen geſchehen ſey, daß er dieſelbe in allen und jeden Lebensverhaͤltniſſen anwende, beſchloß ſie, jede Gelegenheit wahrzunehmen, die auch nur einen Schatten von Hoffnung zur Flucht dar⸗ bieten moͤgte; nicht aber die ihr noch gebliebene Kraſt durch nutzloſes Jammern oder leidenſchaft⸗ liche Ausrufungen zu erſchoͤpfen, ſondern einer hoͤheren Macht zu vertrauen. Sie naͤherte ſich jetzt dem kleinen ſchmalen Fenſter, durch welches man uͤber die Ebene blickte. Die Nacht war ſtuͤrmiſch, waͤhrend die. helle Scheibe des Mondes dann und wann durch die vom Winde gejagten Wolken verdunkelt ward. Die Thuͤrme von Brugges konnten kaum als Schattengeſtalten von Anna erkannt werden, und nur etliche hie und dort flackernde Lichter deuteten auf die Naͤhe einer großen und volkrei⸗ chen Stadt. Anna uͤberblickte den Schauplatz, jedoch nicht mit ihren gewohnten Empfindungen. In ruhigeren Momenten war ſie, gleich den meiſten Menſchen, denen eine lebhafte Einbil⸗ dungskraft zu Theil ward, beſonders fuͤr Na⸗ tureindruͤcke empfaͤnglich. Es erhob ihr die Seele, wenn die Elemente in maͤchtigem Kampfe be⸗ griffen waren; doch behagte ihr mehr das Schweigen und die Heiterkeit mondbeleuchteter Stunden, wo es ihr ſchier ſcheinen wollte, als ſchwebten Geiſter einer beſſern Welt herab und verſchoͤnerten die Landſchaft. Jetzt jedoch blickte ſie theilnahmlos in die Nacht hinaus, und faſt ohne einen Beweggrund dazu zu haben. Dennoch blickte ſie hin, und be⸗ — 285 merkte endlich Das, was eine dunkle, ſich auf der Ebene vorwaͤrts bewegende Maſſe zu ſeyn ſchien. Es war ihr, als hoͤrte ſie Geraͤuſch in derſelben Richtung her, welches hoͤrbarer ward, ſo wie die Windſtoͤße inne hielten, oder erſtar⸗ ben. Sie lauſchte. Die Sinne der Ungluͤckli⸗ chen ſind beſonders ſcharf. Sie uberzeugte ſich nochmals, Getöſe zu unterſcheiden, das, uͤber die Ebene heruͤber, ſich der Abtei naͤherte. Das Getoͤſe ward lauter— die Maſſe wälzte ſich näher— jetzt horte ſie Pferdetritte und Waffen⸗ geklirr.„Gerechter Himmel!“ rief Annaz„Du haſt mein Flehen erhoͤrt, Du haſt mir einen Retter geſendet.“ Das Schmettern der Drommete mengte ſich jetzt mit dem Feldrufe:„Flandern fuͤr den Lo⸗ wen! Die heil. Jungfrau fuͤr dAnghien!“ Einen Augenblick darauf aͤchzten die maſſiven und gewichtigen Pforten der Abtei, als wuͤr⸗ den ſie mit Gewalt zerſchmettert, und vor⸗ warts drangen dieſe neuen Angreifer, um das jungſt verlorene Kloſtergebaͤude wieder zu er⸗ ſtuͤrmen. 286 Die Urſache dieſes ploͤtzlichen und ſchnellen Angriffs hatte ſich aus folgendem Umſtande ergeben: Als der Abt von St. Johannis fand, daß die Weißkappen heranzogen, die Abtei mit Gewalt zu nehmen, entſendete er ſofort einen reitenden Boten gen Brugges, der geſtreckten Galopps hinſprengte und im Namen des Abtes den Grafen von Flandern anflehte, unmittel⸗ bare Verſtaͤrkungs⸗ und Entſatzmannſchaft zu ſchicken. Herr Walter d'Anghien, der ſo eben erſt, nach ſeiner gefahrvollen Flucht aus Gent, in Brugges angekommen war, begehrte, obwohl er ſich noch ſchwach durch ſeine juͤngſt erhaltene Wunde fuͤhlte, dennoch ſo ernſtlich, zum Entſatz der Abtei ausziehen zu duͤrfen, daß der Graf es ihm geſtattete, ſich zu dieſem Ende an die Spitze einer auserleſenen Kaͤmpferſchaar zu ſtel— len. Unverzuͤglich verließ Walter mit ſeinen Streitern die Stadt Brugges; allein es war zu ſpät, die Moͤnche zu retten; nur Rache konnte fuͤr ihre Ermordung genommen werden. Die Weißkappen, die ſich vollkommen ſicher — 287 in der Abtei waͤhnten, hatten keine ſonderlichen Vorſichtsmaßregeln ergriffen, ſondern beſchäftig⸗ ten ſich nach ihrem Siege mit Pluͤnderung des vorgefundenen Weinkellers, um ein naͤchtliches Zechgelag zu halten. So wurden ſie denn vollig uͤberrumpelt; viele von ihnen wurden erſchlagen und andere gefangen genommen, ohne daß ſo eigentlich ein Schwertſtreich ge⸗ fuͤhrt ward. Jan Launoy jedoch drang mit einer verzwei⸗ felten Schaar in die Abteikirche, die ſie verram⸗ melten und vertheidigten, ſo daß der Verſuch, ſie zu bezwingen, ohne Verſtarkung ſchier hoff⸗ nungslos ſchien. Aufgebracht uͤber die Ermor⸗ dung des Abtes und der Moͤnche, ſchwuren Walter's Schaaren, eine verzweifelte Rache zu nehmen, holten alles im Kloſter befindliche Brennholz zuſammen, pflanzten es um die Kirche herum auf, und ſteckten es in Brand. Walter d'Anghien, der beſchaͤftigt war, ſich in Beſitz eines andern Theiles der Abtei zu ſetzen, erfuhr von dieſem Verfahren erſt dann den Hergang⸗ als es voruͤber war, und konnte demnach der — 288 Wuth ſeiner Mannſchaft nicht Einhalt thun. Die elenden Eingeſperrten ſtiegen jetzt in den Thurm hinauf, jedoch vergebens; denn die Flam⸗ men loderten hoch uͤber das Kirchendach hinauf, das mit einem fuͤrchterlichen Krachen einſtuͤrzte und einem Vulkane gleich ſolche Gluth ausbrau⸗ ſete, daß auch der Thurm von dem Feuer er⸗ griffen ward, und fuͤr die darin Befindlichen keine Hoffnung zum Entrinnen uͤbrig blieb. Etliche ſchrieen, ſie wollten ſich löͤſen, Andere fleheten um Barmherzigkeit; Einer bot ſeinen Mantel, der mit dem Golde des Abts gefuͤllt war, zum Preiſe ſeiner Freiheit, und ſchrie um Rettung. Allein die wuͤthend gemachten Angrei⸗ fer ſagten ihm, er ſolle die Goldmuͤnzen nur behalten, um eine Meſſe fuͤr die Moͤnche leſen zu laſſen, die er erwuͤrgt und deren Seelen er in das Fegefeuer gejagt hatte. Zur Verzweiflung getrieben, ſprang dieſer Mann aus dem Fenſter des Thurmes; da fin⸗ gen ihn die Schwerter und Spieße der Unten⸗ ſtehenden auf! Er war auf der Stelle todt, und die Menge, die ſogar ſeinen Leichnam , S. — i⸗ 11 n er 289 verwuͤnſchte, warf denſelben in die Flammen zuruͤck. u Während dieſe Schauerſcene vorging, hatten d'Anghien und ſeine Begleiter einen verzweifelten Angriff von Arnold le Clerc und deſſen Bande abzuhalten. Letztere behaupteten ihren Poſten im inneren Hofraume der Abtei mit einem Muth und einer Entſchloſſenheit, wofuͤr ſie, wenn ſie eine beſſere Sache verfochten haͤtten, hohes Lob ver⸗ dient haben wuͤrden; auch wichen ſie nicht eher, als bis ein langwieriger und hartnaͤckiger Kampf ſich zu ihrem Verderben endigte. Arnold's Streiter waren gefallen; er ſelbſt entfloh jetzt, doch die Thore waren beſetzt, und indem er kaum wußte, was er that, verſuchte er ſich da⸗ durch zu ſchuͤtzen, daß er in eben den Thurm ſich fluͤchtete, in welchem Anna eingeſperrt war. Er hatte den Fuß der Wendeltreppe erreicht, als Walter ihn einholte. Beide fochten; Arnold ent⸗ rann und fand gluͤcklich einen Ausweg aus der Abtei, mittenhin durch die Verwirrung. D'Anghien, der durch die Dunkelheit ver⸗ hindert ward, ſeinem Gegner nachzuſetzen, wollte Die Weißkappen II. 290 ſich durch den Gang, der in das Innere des Thurmes fuͤhrte, zuruͤckziehen, als ein Schrei in ſein Ohr drangz es war Huͤlferuf einer weiblichen Stimme. Walter ſtuͤrzte die Treppe hinan, eine Thuͤr oͤffnete ſich ihm, und Anna Lyon ſank ohnmaͤchtig in ſeine Arme. Eilttes Capitel. Wahrend Herr Walter d'Anghien mit ſeinen Mannen beſchaͤftigt war, den Weißkappen die Abtei des heil. Johannes wieder abzujagen, weilte der Graf von Flandern zu Brugges in der groͤß⸗ ten Beſorgniß wegen ſeines Neffen und deſſen Wohlfahrt. Herr Walter fuͤhlte ſich noch ge⸗ ſchwaͤcht in Folge der erlittenen Verwundung, und obwohl ſein Muth von Natur jegliche Ge⸗ fahr verachtete, ſo hatte der Graf doch bei dem dermaligen Geſundheitszuſtande ſeines Neffen zu fuͤrchten, es moͤgte Walter jetzt leichter als zu jeder anderen Zeit zu uͤberwinden ſeyn, und alſo in ihm einer der tapferſten Ritter Flanderns, ſo wie einer der eifrigſten und treuſten Vaſallen 19* und Verwandten Ludwig de Male's verloren gehen. li Umhergetrieben von dergleichen Befuͤrchtun⸗ gen, forſchte der Graf zu wiederholten Malen d i nach Kunde von Walter d'Anghien. Boten nach a Boten wurden den Ausgezogenen nachgeſchickt, v die denn endlich die Nachricht brachten, daß Herr 8 1 Walter die Weißkappen gaͤnzlich aus der Abtei d vertrieben haͤtte und nunmehr mit verſchiedenen E Gefangenen nach Brugges zuruͤckkehrte. Bald t nachher traf er ein. Als der tapfere Juͤngling 2 in das Gemach des Oheims trat, eilte dieſer e auf ihn zu, umarmte ihn mit einem gemiſchten§ Gefuͤhl von Freude und Zaͤrtlichkeit, und geluͤb⸗ dete in dem Uebermaß ſeines Entzuͤckens feier⸗ h lich, daß er Jegliches gewaͤhren wuͤrde, um d welches Herr Walter ihn bitten moͤgte. li „Mein Gebieter,“ ſprach Herr Walter,„Ihr ſe habt ein haſtiges Geluͤbde gethan, doch ward es ie in das Buch des Himmels eingezeichnet und kann nicht zuruͤckgenommen werden. Ja, lieber ſe Ohm, obwohl ich nimmer eine Gunſt, und noch E 7 weniger eine Belohnung von Euch erbat, ſo be⸗ en d ſer b⸗ r⸗ m ꝙ 293 gehre ich doch jetzt die Erfuͤllung Eures freiwil⸗ ligen Geluͤbdes, und zwar gleich.“ „Thue das,“ verſetzte Ludwig,„denn ich danke Dir die Sicherung meiner Lande. Du allein biſt vermoͤgend geweſen, der Gewalt dieſer vermaledeiten Weißkappen Widerſtand zu' leiſten. Du haſt Gent belagert, und durch Dich ſehe ich der gaͤnzlichen Bezwingung jener aufruͤhreriſchen Stadt entgegen. Was ſollte ich fuͤr Den nicht thun, dem ich ſo viel verdanke? Was begehrſt Du? Mein Geluͤbde iſt gethan und es ſoll ſtreng erfullt werden; ich ſchwoͤr' es als Fuͤrſt und bei Ritterehre!“ „Mein gnaͤdigſter Herr,“ ſagte Walter,„ich habe einen Gefangenen mitgebracht, den ich in der Abtei des heil. Johannes aus einer unſaͤg⸗ lichen Gefahr errettete und den ich uͤberaus hoch ſchaͤtze. Meine Pflicht ruft mich von hinnen und ich habe keine Macht, dieſen Gefangenen vor den Raͤnken des Zunftmeiſters Gilbert Mattheus zu ſchirmen, der der geſchworene Feind meines Schuͤtzlings iſt.“ „Und ſo moͤgteſt Du mich bitten,“ ent⸗ 294 gegnete Ludwig,„dieſe Perſon in ehrenvollen Schutz zu nehmen?“ „So moͤgt' ich, Herr!“ antwortete Walter. „Und das iſt Alles,“ rief der Graf,„was Du von mir begehrſt? Waͤre Dein Gefangener mein Todfeind, ſo ſollten ſeine Ehre und Sicher⸗ heit mir dennoch heilig wie meine eigene ſeyn. Bringe mir Deinen Gefangenen, damit ich Dir beweiſe, welch eifriges Verlangen ich trage, Dir mein Geluͤbde zu erfuͤllen.“ Herr Walter verbeugte ſich, ging und kehrte bald mit einem in einen Mantel und Kremphut verhuͤllten Frauenzimmer zuruͤck. Unſere Leſer werden leicht errathen, daß dies die ſchoͤne und ungluͤckliche Anna war.„Ei,“ ſagte der Graf läͤchelnd zu dem Neffen,„haͤtte ich mir's doch nicht traͤumen laſſen, daß der ehrliche Abt von St. Johannis dergleichen Gefangene in ſeinen Zellen hielt; denn die Weißkappen fuͤhren auf ihren wilden Fehdezuͤgen ſchwerlich ſo ſchlanke Dirnen mit. Allein ſey ſie, wer ſie wolle, ich habe gelernt, wie maͤchtig die Reize der Schoͤn⸗ heit ſind, und kann in dieſem Puncte leicht Dein —— e„—„—„8 c en er 5 ir ir 295 Vertheidiger werden. Schoͤne Dame,“ fuhr der Graf fort,„ich habe meinem Neffen gelubdet, Euch in allen Ehren zu ſchuͤtzen, und will mit Freuden meinen Schwur erfuͤllen. Gefall es Euch, dieſe Huͤllen abzulegen, durch welche Eure Schoͤnheit, gleich wie die Sonne durch Wolken, verdunkelt wird.“ Anna wagte nicht, ungehorſam zu ſeynz zuchtig niederblickend ließ ſie Hut und Mantel fallen. Aber wer beſchreibt das Erſtaunen und die Wuth des Grafen, als dieſer die Jungfrau erblickte? Ludwig de Male ſtand regungslos; ſeine Augen blitzten Grimm, ſeine Lippen zuck⸗ ten krampfhaft. Er blickte auf Walter, dann wieder auf Anna. Endlich ſtampfte er heftig mit dem Fuß auf den Boden, als er ausrief: „Was! Soll mein Geluͤbde, Dir einen Wunſch zu gewaͤhren, mir zum Fallſtrick werden? Wagſt Du ſolches Spiel mit mir? Herr Walter,“ fuhr er gegen den Neffen gewendet fort,„Ihr unter⸗ ſteht Euch ſolches Angeſichts meiner? in meinem eigenen Palaſt? Aber Ihr ſollt mir's ſchwer buͤßen!“ 296 Herr Walter verſuchte zu reden, aber Lud⸗ wig's Leidenſchaften waren von zu heftiger Natur, und obgleich er nicht die kalte Liſt ſeiner Mutter beſaß, ſo nannte er doch alle Heftigkeit derſelben ſein. Er ließ den Neffen kein Wort der Ent⸗ ſchuldigung vorbringen, ſondern fuhr fort:„Ich ſag's nochmals, Du haſt mir eine Schlinge ge⸗ legt, in die ich durch die verwegenſte Zweizuͤngig⸗ keit und durch die Raͤnke dieſer Dirne mich um ſo tiefer verwickelt ſehe; doch will ich einen Weg ausfindig machen, Euch Beiden mit dem Maße zu meſſen, womit Ihr mir meſſen wolltet. Meine Ehrfurcht vor dem Wort eines Fuͤrſten und vor der Heiligkeit eines Eidſchwurs wird mich fuͤr dieſes Weib alles Das thun laſſen, was ich verſprach. Sie ſoll in Sicherheit leben, ſoll geſchuͤtzt ſeyn vor den Raͤnken Gilbert's und vor dem bitteren Groll der Graͤfin, meiner Mut⸗ ter. So wird ſich mein Geluͤbde erfuͤllen. Al⸗ lein in allen anderen Stuͤcken bin ich ihr Feind, ſo wie der Deinige. Du haſt gewagt, einen hohen Werth auf ſie zu legen, und aus all' Dem, was Du ſprachſt, all Dem, was Du —„„„„———.„—— „„„——— 297 thatſt, kann ich mir das Uebrige deuten. Du liebſt ſie— fahre nicht aufz Du liebſt ſie. Und Ihr, Juͤngferchen, habt mir augenblicklich ohne allen Umſchweif zu antworten, ſo Euch das Leben dieſes falſchen Juͤnglings werth iſt, ob Ihr ihn nicht wieder liebt? Seyd Ihr einander in Liebesbuͤndniß zugeſagt, oder nicht?“ Anna erroͤthete, ſtockte, ihre Lippen regten ſich und ſie ſprach etliche Worte ſo undeutlich aus, daß Ludwig ſie nicht verſtehen konnte. Er redete ſie wiederholt an:„Es bedarf keines Ge⸗ ſtaͤndniſſes; dieſe Verwirrung, dieſer Blick, alles Das ſpricht Wahrheit, fluchenswerthe Wahrheit. Jetzt hoͤrt mich, Jungfer! Herr Walter d'Anghien iſt mein Neffe, und ich bin ihm Vormund wie Oheim; er iſt alſo gaͤnzlich in meiner Macht, kann mit keiner Dirne eher ein Eheverlöbniß ohne meine Zuſtimmung eingehen, als bis er das Alter der Muͤndigkeit erreichte; und dieſen Augen⸗ blick ſteht er in Gefahr, ſein Leben und ſeine Guͤter zu verwirken. Ihr habt ihn durch Eure Kuͤnſte verlockt. Ihr Beide habt mich hinter⸗ gangen. Deswegen erklaͤre ich feierlich, und der Himmel trage den Schwur in ſeine Regiſter ein, daß, ſo wie er Euch ehelicht, ich in der Stunde darauf ſeinen Nacken unter das Henkerbeil legen laſſe.“ „Hoher Herr,“ ſagte Walter,„ich hegte nie die Abſicht, Euch ungehorſam zu ſeyn. Nimmer entdeckte ich dem Maͤdchen meinen Stand, noch meinen Namen, als ich ihre Liebe waͤhrend mei⸗ nes Aufenthaltes zu Saint⸗Omer gewann. Nie hegte ich die Abſicht, mich ihr eher zu entdecken, oder ſie eher zu ehelichen, als bis ich Herr mei⸗ ner Handlungen und Verwalter meines Erbes ſeyn wuͤrde. Nichts als die dringende Noth, und Furcht vor den Nachſtellungen Gilbert's gegen Annens Leben, ließ mich den ſich mir bie⸗ tenden Vortheil, ſie unter Euren Schutz bringen zu koͤnnen, ergreifen; da in dieſen Zeiten oͤffent⸗ licher Gefahr und geheimer Grauſamkeit ich nicht Macht genug habe, ſie ſelber zu beſchuͤtzen.“ „Gut, ganz gut,“ ſagte der Graf in einem Tone bitterer Jronie,„ſo gab es denn keinen Anderen, der in die Falle gelockt und herumge⸗ holt werden konnte, um Deinem Liebchen Schutz —— — W W —— M ich alſo nicht Gefahr liefe, mein Geluͤbde zu zu gewinnen, als Dein Landesherr! Aber waͤhne nicht, er werde es jemals zugeben, daß Du die Tochter eines gemeinen Buͤrgers, eines Empoͤ⸗ rers, eines Miſſethaͤters ehelicheſt!“ „O Gott!“ ſagte Anna,„mein Vater iſt todt. Er fehlte, aber— ich bitt' Euch— ſchont ſeines Gedaͤchtniſſes; er ſtarb reumuͤthig und buͤßend.“ „Und Du ſollſt ſo leben,“ entgegnete Lud⸗ wig;„ja, ich will mein Geluͤbde halten; ich will dieſer Dirne ehrenwerthen Schutz verleihen. Doch wenn die oͤffentliche Ruhe wiederhergeſtellt, die Erfuͤllung meines Geluͤbdes alſo nicht laͤnger noͤthig ſeyn wird, dann ſoll ein Kloſter Deinen Starrſinn demuͤthigen und Dich lehren, wie man mit Fuͤrſten umzugehen hat.“ Herr Walter d'Anghien wollte reden, allein Ludwig unterbrach ihn abermals:„Kein Wort,“ rief der Graf,„kein Wort mehr zu Deiner Ent⸗ ſchuldigung, denn ſchon jetzt moͤgt' ich ſie heili⸗ gen Mauern uͤberantworten; ja, ich wuͤrde es thun, wenn die Kloͤſter noch ſicher wären und 300 brechen. Du aber, Walter, bedenke! Heirathe die Dirne und der Tod ſoll Dir Kraͤnze flech⸗ ten, um Dir das Brautlager zu ſchmuͤcken.“ Anna, entſetzt uͤber dieſe heftigen Drohun⸗ gen und voll Trachtens, d'Anghien zu retten, trat jetzt einen Schritt naͤher, warf ſich dem Grafen zu Fuͤßen und ſagte:„O, mein Gebie⸗ ter, bedraͤuet nicht alſo Euren Neffen, hegt kei⸗ nen Groll gegen ihn; ich will Buͤrgſchaft fuͤr ſeinen Gehorſam leiſten, will gern das Opfer ſeyn, um ihn zu retten. Hier ſchwoͤre ich im Angeſichte Gottes und der Menſchen, daß ich nimmer Walter's Weib ſeyn will, wenn Ihr ſelber nicht mich ihm zufuͤhrt.“ Herr Walter konnte hiezu nicht ſchweigen. „O Anna,“ rief er,„dieſes raſche Gelubde bringt mir Verderben. Ohne Dich iſt mir das Leben nichts, und ich habe jetzt keinen Wunſch als den, mein Leben und mit demſelben das Bewußtſeyn, daß ich elend bin, zu verlieren. Doch,“ fuͤgte er hinzu, indem es ſchien, als ob plotzlich ihm ein Gedanke durch die Seele fuhrz „doch ohne meine Huͤlfe moͤgte der Graf kaum ——„„——— c—* ——— —„„„— ———— 1—) 301 im Stande ſeyn, dieſen verwegenen Empoͤrern zu widerſtehen. Mein Oheim und Gebieter; ich will Euch nicht laͤnger durch Worte beſchwerlich fallen. Beſchuͤtzt dieſes Maͤdchen in allen Ehren, wie Ihr geſchworen habt, es thun zu wollen. Ich will in Eurer Sache umkommen, oder aber,“ fuhr er in begeiſtertem Tone fort,„oder aber, bei Flandern ſchwoͤr' ich's, ich will eine That thun, die den ſtolzen Grafen zwingen ſoll, mei⸗ nen Wuͤnſchen nachzugeben.“ „Thue, was Du wrillſt,“ ſagte der Graf, „dieſe Dirne wird nimmer Dein ſeyn.“ „Lebt wohl, mein Herr und Gebieter,“ ver⸗ ſetzte Walter;„ich will von meiner Pflicht nicht ablaſſen, obwohl ich ſo ubel dafuͤr belohnt werde. Ich gehe, um Euch zu dienen. Lebe wohl, Anna, und moͤge der Vater der Gnade Deine Unſchuld behuͤten und Dich vor jeder Gefahr beſchirmen! Moͤgeſt Du gluͤcklicher ſeyn, als ich es bin! Ge⸗ denke mein und bete fuͤr mich, denn ich bin wahrhaft elend. Nicht mir, Graf, aber Gott ſeyd Ihr fuͤr die Erfuͤllung Eures Geluͤbdes verantwortlich.“ 02 Herr Walter verbeugte ſich und verließ das Gemach. Ludwig, jetzt mit Annen allein gelaſſen, ſchien unſchluͤſſig, auf welche Weiſe er das Maͤdchen anreden ſollte. Seine Leidenſchaften waren jeder⸗ zeit von der heftigſten Natur; allein in Fallen, wo er ſein Wort gegeben hatte, ward ſeine Ehre ſelbſt nicht durch ſeine Leidenſchaften erſchuͤttert, ſo groß war ſein Gefuͤhl fuͤr Ritterlichkeit und Fuͤrſtenpflicht. Aus dieſem Grunde wollte er ſich nicht allein bei dem Maͤdchen wiſſen; er ſcheuete ſich, ſie anzublicken, aus Furcht, ſein Geluͤbde zu verletzen und ſeinen Charakter durch irgend ein Thun zu beflecken, welches, indem es ihm die Ehre beleidigte, ihn in ſeinen eigenen Augen veraͤchtlich gemacht haben wuͤrde. So war es eher Stolz als Grundſatz, wo⸗ durch Anna ſich ſo geſichert ſah, wie ſie es un⸗ ter anderen Umſtaͤnden nimmer von dem Grafen haͤtte erwarten koͤnnen. Er vertraute jetzt das Geheimniß, daß Anna ſich im Palaſt befand, ſeiner alten Pflegemutter, einer ehrenwerthen Perſon, die im graͤflichen Haushalt mehr fuͤr —„—.—+„— c ℳ— ————— — M — — 303 ein Familienglied als fuͤr eine Dienerin galt. Auch ward der Jungfrau ein getreuer Diener zugeſellt, der ſie zu geleiten hatte, wenn ſie (durch Hut und Mantel den Blicken der Zu⸗ dringlichkeit entzogen) waͤhrend ihres Aufenthal⸗ tes in Brugges ausgehen mogte. Fern von den Gemaͤchern der Graͤfin von Artois ward ihr ein Gemach angewieſen, das noch dazu in einem Theile des Palaſtes lag, in welchen Gilbert Mattheus ſelten oder nie zu kommen pflegte. In dieſer entlegenen Klauſe fand Anna Zu⸗ flucht und Verborgenheit; nie ging ſie aus, als dann und wann in die Meſſe, bei welcher Ge⸗ legenheit ſie dann wohl einen fluͤchtigen Beſuch bei jener armen Wittwe abſtattete, von welcher ſie ſo menſchenfreundlichen Beiſtand in der Nacht erfahren hatte, in welcher ihr Vater ſtarb. So unerwartet, ſo außerordentlich wechſeln die Begebenheiten im Menſchenleben, daß Lud⸗ wig de Male, der fruͤher Anna, um ſie zu ent⸗ ehren, vor ſeiner Mutter und vor Gilbert Mat⸗ theus verbarg, ſie jetzt verſteckte, um ſie vor Schmach und Grauſamkeit zu bewahren. Groͤßere 304 Strafe konnte dieſem leidenſchaftlichen Fuͤrſten kaum werden, als die, daß eben das liebliche Geſchoͤpf, welches er auf jegliche Art verfolgte, um es in ſeine Gewalt zu bekommen, jetzt durch ſein vorſchnelles und freiwilliges Geluͤbde von ihm vor jeglicher Unbill gehuͤtet werden mußte. So zuͤchtigt der Himmel nicht ſelten den Suͤn⸗ der durch deſſen eigene Suͤnde, und boͤſe Nei⸗ gungen werden die Geißel in der gerechten, wenn auch zoͤgernden Strafhand des Ewigen! Indem wir Anna nunmehr an ihrem jetzigen Zufluchtsorte laſſen, werden wir von dem Gange unſerer Erzaͤhlung genoͤthigt, zu den Angelegen⸗ heiten von Gent, jener ungluͤckſeligen Stadt, zu⸗ ruͤckzukehren, welche Walter d'Anghien belagert hielt; eine Belagerung, die, wenn auch der Rit⸗ ter fuͤr den Augenblick nicht perſoͤnlich dabei zu⸗ gegen war, doch mit dem groͤßten Eifer fortge⸗ fuͤhrt ward. Das Elend der Genter war bis zur entſetz⸗ lichſten Hoͤhe geſtiegen; Hungersnoth ſtierte den ungluͤcklichen Einwohnern der Stadt in's Ange⸗ ſicht, und maͤnniglich kund war es unter ihnen, —„——₰— —— 305 daß binnen einer Friſt von funfzehn Tagen ihre duͤrftigen Vorraͤthe rein aufgezehrt ſeyn wuͤrden, und durch die ganze Stadt kein Tropfen Wein, kein Koͤrnchen Getreide mehr zu finden ſeyn koͤnnte. In dieſer verzweiflungsvollen Lage ſuchte Philipp van Artaveld nochmals mit Ludwig de Male zu unterhandeln, und reiſete zu dieſem Ende zu einer Ruͤckſprache mit dem Staatsrathe des Grafen ab, der ſeine Sitzungen in Tournai hielt, wohin auch die Herzogin von Brabant und Herzog Albert von Holland ihre Abgeord⸗ neten geſchickt hatten. Allein ehe van Artaveld noch zuruͤckkehren konnte, verbreitete ſich ſchon Krankheit, die Ge⸗ faͤhrtin des Elendes und die Tochter des Man⸗ gels, mit furchtbarer Gewalt durch die Stadt. Viele ſtarben an bloßer Erſchoͤpfung; Andere ſtuͤrzten ploͤtzlich von Kraͤmpfen ergriffen hin, die eine Folge der Koͤrperſchwaͤche waren. Täglich boten die Straßen von Gent Scenen des Jam⸗ mers und des Verſcheidens dar; Scenen, die auch das verhaͤrtetſte Herz mit Mitleiden durch⸗ drungen haben wuͤrden. Haufenweiſe lagen die Die Weißkappen 1I. 20 306. Armen beiſammen und wurden oft todt vor den Thuͤren gefunden, wenn man dieſe des Morgens öffnete. Wenn in den Buden der Kornhaͤndler Brot gebacken ward, mußten ſtarke Wachen von den Weißkappen um dieſelben geſtellt werden, weil ſonſt die Baͤcker von dem hungernden Poͤ— bel in Stuͤcke zerriſſen worden ſeyn wuͤrden; und nur durch die weiſen Anordnungen und ſtren⸗ gen Geſetze van Artaveld's waren die Vorraths⸗ haͤuſer der Rebellen(aus denen nur ſpaͤrliche Austheilungen gemacht wurden) im Stande, die Bewohner vor fruͤherem Hungertode zu erretten. Betagte Buͤrger, die nicht mehr an Kampf und Anſtrengung Theil nehmen konnten, erlang⸗ ten nur durch Vermittelung ihrer Kinder oder Freunde einige Unterſtuͤtzung an Speiſe und Trank, waͤhrend Muͤttet mit ihren kraͤnklichen und ſchwachen Kindern auf dem Arme, ſelbſt vor Hunger dem Tode oder doch der Ohnmacht nahe, fuͤr die Kleinen Etwas erbettelten, und ſo gleichſam ihr und ihrer Wuͤrmer Leben der Barm⸗ herzigkeit des Gebers anheimſtellten. Und ſelbſt in dieſem Zuſtande allgemeiner Noth fehlte es 307 nicht an Elenden, an Teufeln in menſchlicher Geſtalt, die aus eben dieſer allgemeinen Be⸗ draͤngniß Vortheil fur ſich zu gewinnen trachte⸗ ten. Einer von dieſen war Bernhard Goldſieb, der, ſobald er ſah, daß der wachſende Mangel ihm ein ergiebiges Aerntefeld bot, von ſeinem Zins⸗ wucher abließ und allerlei ſinnreiche Plaͤne entwarf, große Vorräthe von Korn und Wein einzutau⸗ ſchen. Der Niedertraͤchtige verhoͤkerte dieſe Be⸗ durfniſſe zu ungeheuern Preiſen an Privatkau⸗ fer, um einer ſtrengen Behandlung von Seiten der Geſetze Artaveld's auszuweichen, die jede Erpreſſung unterſagten. Um ſeinen Goldſchatz zu vergroͤßern, unterwarf er ſich ſelber einem freiwilligen Zuſtande des Abdarbens, indem er nicht mehr Speiſe zu ſich nahm, als mit genauer Noth zur Friſtung ſeines Lebens erforderlich war. Wir koͤnnen nicht unterlaſſen, wenigſtens Einen Vorfall aus ſeinem gottvergeſſenen Trei⸗ ben mitzutheilen. Eine arme Frau„ auf dem Arme ihren kraͤnkelnden Saͤugling, waͤhrend drei andere Kinder ihr hungernd daheim weilten, hatte nur noch zwei Geldſtuͤcke, ihr ganzes baares 20* 308 Vermoͤgen auf dieſer Welt, und trachtete ver⸗ gebens, in einen der Bäckerladen von Gent zu dringen und etwas Brot zu kaufen, damit ſie von ſich und ihren Kleinen mindeſtens noch Einen Tag lang das Elend des Verhungerns fern halten moͤgte. Allein die Bude war ſo von Wachen umſtellt und ward vom Volke ſo um⸗ draͤngt, daß, ehe die Frau noch hinzu gelangen konnte, der ganze Brotvorrath verſilbert war, ſo daß der Pöbel jetzt von Thuͤr zu Thuͤr fech⸗ tend ging, um durch Liſt oder auch durch Ge⸗ walt Anderen das abzujagen, was ihm fehlte. Die arme Frau, die zu ſolchem Verſuche weder Kraͤfte noch Neigung hatte, erinnerte ſich, wie ſie hatte fluſtern hoͤren, daß Bernhard Gold⸗ ſieb unter der Hand Jedem Brot verkaufte, der ihm zehnfach den Preis zahlte, den van Arta⸗ veld's Verordnung auf daſſelbe geſetzt hatte. Noth, ſagt man, kennt kein Gebot; kein Wun⸗ der alſo, wenn van Artaveld's Gebot oft um⸗ gangen oder gaͤnzlich geringgeachtet ward. Die Frau ſuchte daher den Wucherer auf, der ſelbſt im hoͤchſten Grade verhungert ausſah. Tief in —— —„——,„——„—„ — —— 9 309 ihre Höhlen waren ihm die Augen geſunken, und Schlaͤfen⸗- und Wangen-Knochen traten ihm ſo hervor, als ob weder Fleiſch noch Muskeln, ſon⸗ dern nichts als ein duͤrres, welkes Fell daruͤber hingezogen waͤre. Sein Schritt wankte, ſeine Stimme lallte. Es lag am Tage, daß der Schmachhandel, den Goldſieb trieb, wohl ſeinem Beutel, aber nicht ſeinem Magen zu Gute ge⸗ kommen war, und daß der eisgraue Suͤnder ſich die nothduͤrftigſte Nahrung entzogen hatte, um ſeine Geldgier zu ſättigen. Bernhard hatte zwei Broͤte und ein Kaͤnn⸗ chen Wein an die arme Frau fuͤr eines ihrer Geldſtuͤcke verhandelt, als ſein Blick auf das zweite(das letzte Baare, was ſie, wie geſagt, auf dieſer Welt hatte) gierig fiel. Sofort ſtreckte er die duͤrren Arme uͤber die verkauften Lebens⸗ mittel hin und ſchwur dem Weibe, ſie wuͤrde dieſelben nicht eher bekommen, als bis ſie ihm auch die zweite Muͤnze dafuͤr gäbe. Die Frau machte Vorſtellungen dagegen, jedoch umſonſt. Sie dachte an ihre hungernden Kleinen daheim und gab endlich auch das letzte Geldſtuͤck hin.„Ich 310 will mein Beßtes,“ dachte ſie,„fuͤr meine Wuͤrmchen thun, ſo ſterben wir doch erſt dann, wenn dies hier verzehrt iſt.“ Sorgfaͤltig wickelte ſie nun das Doppeltge⸗ kaufte in ihren Mantel. Goldſieb's hageres Ge⸗ ſicht verzog ſich in triumphirendem Grinſen. Er hatte die Hand ausgeſtreckt, um die beiden Sil⸗ berſtuͤcke hinzunehmen; er hielt ſie in ſeiner Hand, als ploͤtzlich die Farbe des Todes uͤber ſein Angeſicht wallte; unter Zuckungen ſank er zuſammen und ſtuͤrzte, eine ſtarre Leiche, zu den Fuͤßen der Erſchreckten, welche der Gegenſtand ſeiner erbarmungsloſen Erpreſſung geweſen war. Der Hunger hatte ſein grauſenvolles Werk voll⸗ bracht und der Geiz hielt ſeine Beute veſt; denn die Geldſtuͤcke waren dem Harpax ſo veſt in die Hand geklemmt, daß, ohne das Glied zu ver⸗ ſtuͤmmeln, ſie nicht haͤtten herausgebracht werden koͤnnen; und mit den Suͤndenpfennigen in der Klaue ward Bernhard Goldſieb in die Gruft gelegt! Als die Frau ſich aus der Wohnung des todten Geizhalſes entfernte, bemerkte ſie einen ne in, ze⸗ 311 jungen Mann von edlem, aber niedergeſchlage⸗ nem Weſen, wie er langſam zu Roß dem Markt⸗ platze zutrabte. Sie trat ihm in den Weg, bat um ein Almoſen und erzaͤhlte ihm die Schauer⸗ geſchichte, die ſie juͤngſt erlebt hatte. Van Ar⸗ taveld, denn dies war der Juͤngling, ließ nim⸗ mer vom Ungluͤck ſich vergebens bitten; ihn ſeg⸗ nend ging die Frau heim zu ihren lechzenden Kindern. Eine Menge Volks war unſerm van Artaveld nachgezogen; man trug brennendes Ver⸗ langen, zu erfahren, welche Bedingungen ihm von dem Grafen von Flandern geſtellt worden waren, und ob man Hoffnung zum Frieden haͤtte. Du Bois und andere Fuͤhrer der Weißkappen umringten Philipp van Artaveld. Als Letzterer auf dem Markt einen paſſenden Standplatz ein⸗ genommen hatte, ward Stille geboten, und mit ſorgenvoller, wiewohl gelaſſener und entſchloſſener Miene redete Philipp folgendermaßen zum Volke: „Meine Freunde und Mitbuͤrger! Die Leiden dieſer heimgeſuchten Stadt verwunden mich tiefer als ich es zu ſagen vermag; doch ſteht nicht zu hoffen, daß wir ſie durch Klagen lindern. Ich 312 rede Euch jetzt zum letzten Male an, und wenn meine Rede zu Ende ſeyn wird, will ich der Erſte ſeyn, der dem Tode in jeglicher Geſtalt begegnet, ſo es Euch retten kann. Unſere Lage iſt verzweiflungsvoll, indem Ludwig unter keiner Bedingung uns Frieden gewaͤhren will, ſo nicht Alles, was in Gent eine Waffe tragen kann, vom Knaben bis zum Greiſe, baarhaupt und wehrlos dieſe Stadt verlaͤßt, und in ſolchem be⸗ klagenswerthen Aufzug ſich auf der naheliegenden Ebene einfindet, allwo der Graf Dieſenigen aus⸗ waͤhlen will, die dem Tode verfallen ſollen, da⸗ mit den Uebrigen Gnade zu Theil werden koͤnne.“ Aechzen, Schreien und Jammern brachen nun unter der verſammelten Menge aus, und laut und ſtuͤrmiſch riefen Alle zu van Artaveld um Huͤlfe und Rath. „Es gibt nur Einen Ausweg fuͤr uns,“ ſagte van Artaveld,„denn ich habe ſchon dem Grafen von Flandern meinen Kopf dargeboten, im Fall ſolches den Grimm loͤſchen koͤnnte, der gegen Gent in ihm lodert. Doch mein Leben iſt dem bocherzuͤrnten Gebieter unzureichend. Hoͤrt mich 313 alſo, meine Mitbuͤrger! wenn Ihr nicht ent⸗ ſchloſſen ſeyd, in das Verlangen des Grafen zu willigen, ſo laßt uns in dem Schooße der Kirche ſterben, denn ſterben muͤſſen wir, ent⸗ weder durch den Hunger oder durch das Schwert. Beichtet vor Gott Eure Suͤnden, zieht Euch in die heiligen Gebaͤude der Stadt zuruͤck und er⸗ wartet dort Eures Lebens Ende durch Hunger. Gott erbarme ſich unſerer Seelen! Wollt Ihr das?“ „Nein! nein!“ rief es aus der Menge. „Sinnt auf anderen Ausweg! Sinnt auf Ret⸗ tung! Erhaltet Gent— ſeyd unſer Freund. Wir wollen Euch gehorchen— wir folgen van Artaveld, wir wollen ſterben, aber nicht durch Hunger!“ „Ich danke Gott, daß Ihr Willens ſeyd, mir zu folgen,“ rief Philipp,„denn er wird unſere Schritte zum Siege leiten. Hoͤrt meinen Plan; es iſt der Entſchluß eines verzweifelnden Mannes, den die Bedraͤngniß zu Allem fähig macht. Wir wollen uns nicht wie Memmen und Sclaven ergeben. Muͤſſen wir umkommen, ſo 314 wollen wir als tapfere Maͤnner im Kampfe fuͤr unſeren Hader umkommen. Der Graf von Flan⸗ dern befindet ſich zu Brugges, umſtanden von ſeinen Rittern und den Buͤrgern jener Stadt. Laßt uns nicht laͤnger innerhalb unſerer Mauern zoͤgern, um wie hungernde Hunde zu verenden. Laßt uns, ehe morgen die Sonne den Mittag hat erreichen koͤnnen, hinausziehen und den Gra— fen im Herzen von Brugges angreifen. Viel⸗ leicht ſiegen wir; und ſollte Euch das Unterneh⸗ men allzu kuͤhn beduͤnken, meine Freunde, ſo blickt auf Eure Vaͤter, Eure Weiber, Eure Kin⸗ der; ſchaut hin, wie ſie von Tage zu Tage im⸗ mer zahlreicher durch Hunger und Elend hin⸗ ſinken, und dann fragt Euch, was Ihr thun duͤrft! Ich ziehe dies Schwert fuͤr Gent, und nimmer will ich es wieder in ſeine Scheide ſen⸗ ken, als bis die Stadt erloͤſet iſt von ihrer Noth und befreiet iſt von ihrer Unterdruͤckung! Wer alſo leben will, um Gent gerettet zu ſehen, oder wer ſterben will, es retten zu helfen, der folge mir!“ Van Artaveld ſchwieg und entwich vom 315 Markte unter dem Geſchrei der aufgeregten Menge, welche einmuͤthig ſchwur, ihm zu folgen und mit ihm zu fallen. Der Plan war bald geordnet; kein Augenblick ward bei den Zu⸗ ruͤſtungen verloren. Fuͤnftauſend waffentuͤchtige Maͤnner ſtanden ſofort bereit, am folgenden Mor⸗ gen gen Brugges zu ziehen; und ſo groß war das Elend in Gent, daß, obwohl dieſe verzwei⸗ ſelnden Empoͤrer zweihundert Wagen mit Ge⸗ ſchoß und Kriegsgeraͤth beluden, ſie doch nur fuͤr einen einzigen Tag mit Lebensmitteln ver⸗ ſorgt werden konnten. Als die Stunde des Abzuges ſchlug, war die Angſt und Bekuͤmmerniß Derer, die zuruck⸗ bleiben mußten, uͤber alle Beſchreibung. Wei⸗ ber, Greiſe und Kinder hingen am Halſe ihres naͤchſten Verwandten oder Freundes und flehten ihn an, nicht zuruͤckzukehren, ſo nicht Huͤlfe und Rettung mit ihm einzoͤge; und in der Verzweif⸗ lung jener bangen Stunde der Pruͤfung gelub⸗ deten ſie, daß, wenn die Weißkappen unterliegen muͤßten, ſie die Thore von Gent verrammeln, die Stadt in Brand ſtecken und in den Flam⸗ 316 men umkommen wollten, ſo daß ein ſchwatzer Aſchenhaufen Alles ſeyn ſollte, was uͤbrig bliebe, um dem Lande Flandern zu zeigen, wo einſt die edle Stadt Gent geſtanden hatte. Vollſtaͤndig geruͤſtet zogen die Weißkappen nun von dannen, und gefuͤhrt von van Arta⸗ veld, unter den Flehensgebeten, den gluͤhenden Wuͤnſchen und dem Jammergeſtoͤhn der ungluͤck⸗ lichen Daheimbleibenden, ließen ſie die Thore von Gent hinter ſich, um entweder als Sieger durch dieſelben wieder einzuziehen, oder dieſelben nimmer wiederzuſehen. Zwölftes Capitel. Als am Tage nach demjenigen, an welchem man Gent verlaſſen hatte, Philipp van Artaveld in die Naͤhe von Brugges gelangt war, ſorgte er zunaͤchſt dafuͤr, einen zweckmaͤßigen Ort zu waͤhlen, an welchem ſeine Mannſchaft die Nacht in Sicherheit wuͤrde zubringen koͤnnen. Da es erſt Mittagszeit war, ſo erwog er, daß Zeit ge⸗ nug blieb, ſeinen Vorſatz auszufuͤhren; indem keine Wahrſcheinlichkeit obwaltete, daß noch an dieſem Tage ein allgemeines Treffen ſtattfinden wuͤrde. Er machte mit ſeinem kleinen Heere an einer ſanften Anhoͤhe Halt, an deren Fuße (der Stadt Brugges gegenuͤber) ein Moraſt be⸗ findlich war, waͤhrend daſſelbe im Ruͤcken durch 318 die eigenen Gepaͤckwagen gedeckt ward. Soge⸗ nannte ſpaniſche Reiter, das ſind kreutzweis durch einander geſteckte, mit Eiſenſpitzen ver⸗ ſehene Staͤbe, durch welche beſonders die feind⸗ liche Reiterei abgehalten werden konnte, umſtan⸗ den das Lager. Als dieſe Sicherungsmaßregeln getroffen wor⸗ den waren, befahl Philipp van Artaveld, daß Meſſe geleſen ward, welches Amt durch verſchie— dene im Zuge befindliche Moͤnche verrichtet ward, welche hierauf die Maͤnner von Gent ermahnten, auf Gott und die heil. Jungfrau, ſo wie auf ihre urſpruͤnglich gerechte Sache zu vertrauen. Sodann ſchilderte Philipp in einer feurigen Rede die Groͤße der von ihnen erlittenen Schmach, wie oft ſie um chrenvollen Frieden nachgeſucht hatten, und wie verzweiflungsvoll ihre nunmeh— rige Lage war. Er ſchloß damit, daß er Alle und Jeden beſchwor, ſich des Namens eines genter Buͤrgers wuͤrdig zu zeigen, und indem er auf die kargen Vorraͤthe von Lebensmit⸗ teln hindeutete, die ihnen noch geblieben waren, ſagte er:„Dies, meine Freunde, iſt unſere letzte —,—+r 3 1— S 319 Mahlzeit; denn nach derſelben muͤßt Ihr, wenn Ihr Euch vom Hungertode retten wollt, entwe⸗ der Speiſe durch Sieg erringen, oder im Ver⸗ ſuche umkommen.“ Die Maͤnner erhielten nun die Weiſung, ihr durftiges Mahl zu ſich zu nehmen, und ſich als⸗ dann auf Jegliches, was vorfallen moͤgte, geſaßt zu machen. Durch ſtrenge Mannszucht, die van Artaveld hielt, wenn er in Perſon befehligte, brachte er in ſeinem Heere jene Ordnung, Regel⸗ mäßigkeit und Unterwuͤrfigkeit hervor, die zur Erreichung eines Zweckes, der ſowohl Klugheit wie Wachſamkeit und Muth erheiſcht, durchaus unerlaͤßlich ſind. Waͤhrend dieſes im Lager der Rebellen vor⸗ ging, war ganz Brugges mit haſtigen Zuruͤſtun⸗ gen beſchaͤftigt, um dieſen„zerlumpten Feinden“ die Spitze zu bieten; denn man hielt die Genter fur ſo veraͤchtlich, daß man nur die Tollheit be⸗ lachte, mit der ein Haͤuflein von Fuͤnftauſend, die ſchon halb verhungert waren, ſich heraus zum Kampfe mit wenigſtens Vierzigtauſend wagten, welche bereit ſtanden, die Gegner zu ———— empfangen! Der groͤßere Theil dieſer Streit⸗ macht beſtand jedoch aus Kaufleuten und Hand⸗ werkern von Brugges, denn die Lanzenknechte und Reiſigen, die der Graf zur Zeit bei ſich hatte, beliefen ſich in Allem auf nicht mehr als Achthundert; dieſe Letzteren ſtellten ſich vor dem Palaſte Ludwig de Male's auf, bereit, ihrem Fuͤrſten in allen Stucken zu gehorchen, indeß die verſchiedenen Schaaren der Einwohner aus allen Stadtvierteln hereilten, um zu den Reiſigen zu ſtoßen, waͤhrend das Geſchrei des Poͤbels, das Laͤuten aller Kirchen⸗ und Kloſter-Glocken von Brugges, und das Schmettern der Trompeten alle Streitbaren zuſammenberiefen. Die Maͤnner von Brugges, die nie ſo kriegs⸗ ſuͤchtig wie ihre Nachbarn von Gent waren, er⸗, freuten ſich der Gelegenheit, die ſich ihnen jetzt darbot, zu ſo wohlfeilem Preiſe ſich Sieg und Ehre erkaufen zu koͤnnen.„Was koͤnnen denn,“ meynten ſie,„fuͤnftauſend Halbverhun⸗ gerte gegen vierzigtauſend wohl verſorgte, be⸗ waffnete und entſchloſſene Maͤnner, die ihren eigenen Herd vertheidigen, wohl ausrichten?“ Sie —„— 1 N — 2— v——— —— W *. 321 genoſſen ſchon im Voraus ihres Triumphes, und machten Scherzreden auf die Niederlage ihrer Feinde, welche, wie ſie ſagten, ihre Ohren her⸗ gebracht haͤtten, daß ſie ihnen unter den Mauern von Brugges abgeſchnitten wuͤrden. Dieſe Stimmung der Buͤrger ward dem Grafen bald kund, waͤhrend dieſer ſeine Ritter und Reiſigen um ſich verſammelte. Herr Wal— ter dAnghien, welcher haſtig von einer nahge⸗ legenen Veſte, die er vertheidigte, hergerufen worden war, langte in dieſem Augenblicke im Palaſte an. Wie gereizt auch ſeine Privatem⸗ pfindungen ſeyn mogten, ſo mengte er dieſe doch nimmer in ſeine oͤffentliche Pflicht, und bat jetzt den Grafen ernſtlich, er mögte wo moͤglich die „Buͤrger hindern, noch an dieſem Abend einen Ausfall zu machen, um dem Feind ein Treffen zu bieten.„Ich halte ſolche Maßregeln fuͤr gefähr⸗ lich,“ ſagte Herr Walter;„unſere Feinde haben ſich ein vortheilhaftes Lager aufgeſchlagen, die Sonne iſt dem Untergange nahe, und dunkel wird es um uns her ſeyn, ehe wir eine NRieder⸗ lage unſerer Gegner bewirken koͤnnen; und wenn Die Weißkappen II. 21 322 unſere Buͤrger auch vierzigtauſend an der Zahl ſind, ſo halte ich doch Eintauſend ſolcher ver⸗ zweifelter Maͤnner, wie die Genter ſind, beſon⸗ ders wenn ſie von van Artaveld befehligt wer⸗ den, fuͤr hinreichend, dem Feinde ſchwer zu ſchaf⸗ fen zu machen. Die Maͤnner von Gent ſind tapfer und kriegliebend; in Brugges traͤgt man die Tapferkeit auf der Zunge. Morgen werden wir den Tag vor uns haben, und da es heißt, unſere Feinde verzehrten ihr letztes Mahl, ſo wird bis zu jener Friſt der Hunger ihre Kraͤſte be⸗ deutend geſchwaͤcht haben, ſo daß ſie genoͤthigt ſeyn werden, ihre gegenwaͤrtige Stellung zu ver⸗ laſſen, wo ſie dann leichter zu beſiegen ſeyn duͤrften. Auf unſerer Seite wird der Vortheil ſeyn, wenn wir morgen fechten; auf des Fein⸗ des Seite aber, wenn es heute noch ein Tref⸗ fen giebt.“ Der Graf billigte den klugen Rath Walter's und war bemuͤht, demſelben Nachdruck zu ver⸗ leihen. Allein ſo groß waren der Wahn und die Anmaßung der Buͤrger von Brugges, daß, ehe Ludwig noch Befehl ertheilen konnte, den —,„—— — „— W W —— M b W* W —323— Kampf morgen zu beſtehen, mehrere Hunderte von Einwohnern ſchon ausruͤckten, um ohne Ordnung und Plan zum Gefechte zu ſchreiten, wobei ſie diejenigen Geſchutzſtuͤcke mitnahmen, die auf den Mauern, wo ſie bisher geſtanden hatten, ungleich weſentlichere Dienſte geleiſtet haben wuͤrden. Die Befehle Ludwig's de Male wurden ſo⸗ gar veraͤchtlich behandelt, und viele von den Buͤrgern, die die Anfuͤhrer abgaben, gingen ſo weit, daß ſie außerten, der Graf und deſſen Ritter moͤgten, wenn ſie Luſt dazu verſpuͤrten, ſich zu Bett legen und es den Mannern von Brugges überlaſſen, mit dem Feinde fertig zu werden. Bei dieſem unordentlichen Zuſtande der Dinge hielten Ludwig de Male und Walter dAnghien es fuͤr das Gerathenſte, ihre Ritter und Lanzen zur Schlachtordnung zu ſtellen; al⸗ lein dieſe und aͤhnliche kluge Vorſichtsmaßregeln wurden nicht nur geſtört, ſondern durch die ubermaͤßige Thorheit der Buͤrger voͤllig unnuͤtz gemacht. Unter den Thoͤrigen befand ſich auch der Buͤrgermeiſter, der im Myſterium die Rolle 242 324 des Adam geſpielt hatte; in ſeiner augenfaͤlligen Verblendung warf er ſich auch hier wieder zur Hauptperſon auf, indem er den Fuͤhrer der zu⸗ erſt ausruͤckenden Buͤrgerſchaar abgab. Das naͤchſte Thun dieſes eitlen und thoͤrigen Mannes war, daß er ſeinen Unwillen uͤber die Zögerung ausdruͤckte, die durch die Maßregel Herrn Walter's verurſacht wuͤrde, indem dieſer einige Kundſchafter ausgeſchickt hatte, und deren Ruͤckkehr erwartet werden ſollte. Sodann ſchritt er dazu, keine Ruͤckſicht auf dieſe Maßregel zu nehmen, ſondern ſofort mit ſeiner Schaar vor⸗ zudringen, indem er dieſe mit folgenden Worten anredete:„Vorwaͤrts, Jungen; laßt uns unſern Muth ſofort zeigen; wenn Niemand ſolches will, ſo laßt uns das Beiſpiel dazu geben. Wollen der Graf und Herr Walter lieber bei Tage fech⸗ ten, ſo moͤgen ſie es thun, wir aber wollen von ſolcher feigherzigen Zoͤgerung nichts wiſſen. Ich aber trage ganz abſonderliches Verlangen, mit dieſen Schuften von Gent mich zu meſſen, ſinte⸗ mal Einer von ihnen mir mit der beßten Teu⸗ felsmaſke davon kief, die ich in meinem Vorrath — — 8 8* 8 325⁵ hatte und die ich ihm bei jenem Mummenſchanz lieh. Nun, was ſagt Ihr Herren? Sollen wir eine Lunte an dieſe Kugelſchlange legen und dem Feind druͤben auf dem Huͤgel einen Abend⸗ gruß zuſchicken? He?“ „Freilich, freilich!“ antwortete ein ſchnippi⸗ ſcher Schneidergeſell, der zu der ehrſamen Ge⸗ noſſenſchaft der Geſchuͤtzmaͤnner gehoͤrte;„gebt mir die Lunte, und im Namen der Teufels⸗ maſke brenn' ich los!“ Indem er ſo faſelte, that er wie er ſagte, und der Schuß, der den Uebri⸗ gen fuͤr ein Zeichen zum Beginn der Feindſelig⸗ keiten gelten mogte, regte ſofort zum Abbrennen anderer Geſchuͤtzſtuͤcke an; da aber Keiner die Stuͤcke gehoͤrig zu richten verſtand, ſo ſtreiften die abgeſchoſſenen Kugeln nur den Raſen am Fuß des Huͤgels, auf welchem die Maͤnner von Gent ihr Lager hatten. Van Artaveld erkannte die Thorheit ſeiner Gegner und verſtand es, den Augenblick zu ſeinem Vortheil zu nuͤtzen. Indem er das Ban⸗ ner von Gent entfalten ließ, gab er ſein Zeichen, und dreihundert Feldſchlangen, die man wohl 326 gerichtet hatte, entluden ſich mit Einemmale und maͤheten ganze Reihen Derer von Brugges nieder. Van Artaveld ſaͤumte keinen Augenblick, den Moment des paniſchen Schreckens zu be⸗ nutzen, der unter den Feinden erregt worden war. Mit dem Feldgeſchrei:„Gent und die Weißkappen! Die Weißkappen und Gent!“ ſtuͤrzte er mit ſeinen Mannen vorwaͤrts gen Brugges. Die Buͤrger warfen ihre Waffen hin und flohen nach allen Seiten, taumelten dabei Einer uͤber den Andern und krochen, im eigent⸗ lichen Sinne des Wortes, gleich Hunden vor ihren Angreifern herum, oder aber konnten mit Dorfkoͤtern verglichen werden, die aus der Ferne belfern, allein den Schwanz haͤngen laſſen und davon laufen, wenn man ihnen auf den Pelz ruͤckt. Den Aerger und das Erſtaunen des Grafen und Herrn Walter's uͤber dies tollſinnige Ver⸗ fahren der Maͤnner von Brugges beſchreiben zu wollen, wuͤrde vergebliche Muͤhe ſeyn. Beide beſchloſſen, ihren Stand zu nehmen und ent⸗ weder das Andringen der Genter zu hemmen, ——— oder in dem Verſuche dazu ruͤhmlich zu fallen. Nochmals ſtellten ſie ihre Reiter und Lanzen⸗ knechte in dichtgeſchaarten Reihen auf, um van Artaveld mit ſeinen Streitern zuruͤckzutreiben; doch auch dieſe Maßregel ward durch die ſich heimwaͤrts wendenden Fluͤchtlinge zunicht ge⸗ macht, indem ſie die Mannen des Grafen ſo umdraͤngten, daß dieſe erſt haͤtten Die von Brugges niedermachen muͤſſen, um an die Gen⸗ ter kommen zu koͤnnen. So eingeengt vermog⸗ ten ſie nichts; und außer dem Grafen, Herrn Walter und deren Rittern, flohen auch Diejenigen, die ſich bisher zu Ludwig de Male gehalten hatten, indem ſie an der allgemeinen Verwir⸗ rung Theil nahmen. Walter d'Anghien bemerkte jetzt, daß, bedroht von einer Schaar wilder Anſtuͤrmer, fernere Ge⸗ genwehr vergeblich ſeyn wuͤrde; er beſchloß da⸗ her, das Leben des Grafen zu retten. Ludwig de Male ſchwebte jetzt wirklich in Gefahr. D'Anghien vergaß alle Beleidigung, die er von ſeinem Oheim erlitten hatte, beſchwor dieſen, zum Palaſte zuruͤckzukehren und wo moͤglich zu ver⸗ 328 ſuchen, die Stadtthore zu verſchließen. Der Graf, der das Verzweiflungsvolle ſeiner Lage einſah, gab ſeinem Gaule die Sporen und zog ſich haſtig in den Palaſt zuruͤck. D'Anghien wollte die Thore verrammeln; allein die einfaͤl⸗ tigen Buͤrger hatten ihrer eigenen Sicherheit ſo geringgeachtet, daß eines der Hauptthore von ihnen nicht nur aus den Angeln gehoben, ſon⸗ dern theilweiſe unbrauchbar gemacht worden war. So drangen die Weißkappen ohne große Schwie⸗ rigkeit in die Stadt, in welcher ſie Tod und Verwirrung verbreiteten. Waͤhrend dieſe Ergebniſſe vorfielen, hatte Gilbert Mattheus in Erfahrung gebracht, wel⸗ chen Ausgang das Treffen, aller Wahrſcheinlich⸗ keit nach, nehmen wuͤrde, und in Sorge fuͤr die Erhaltung ſeines Lebens(denn Er konnte von den Weißkappen keine Gnade erwarten), uͤber⸗ redete er die Graͤfin von Artois, ein Pferd zu beſteigen und, von ihm und etlichen Wenigen aus ihrem Gefolge begleitet, durch eines der Thore zu entfliehen, das von Brugges nach Lille leitet; indem er ihr verſicherte, daß ſie in 329 — Lille ihrem Sohne beſſer nuͤtzen koͤnnte, als wenn ſie in Brugges zur Gefangenen gemacht wuͤrde. Die Graͤfin floh, in der Hoffnung, Beiſtand fuͤr Ludwig aufzutreiben; Gilbert Mattheus ent⸗ lief, wie alle Memmen thun, aus keinem ande⸗ ren Grunde, als ein nutzloſes Leben zu bewah⸗ ren. Sie waren auf und davon, noch ehe der Graf den Palaſt hatte erreichen koͤnnen. Bei ſolcher allgemeinen Verwirrung war Annen durch ihre alte Dienerin der Rath gege⸗ ben worden, Heil in der Flucht zu ſuchen. Dieſe Frau hatte fur ihre junge Pflegebefohlene eine herzliche Zuneigung gefaßt, denn Anna be⸗ freundete ſich jeder redlichen Menſchenbruſt. Die Waͤrterin hatte uͤbertriebene Berichte uͤber das Treffen erhalten und das Geruͤcht vernommen, daß Alles, was man im Palaſte finden wuͤrde, uͤber die Klinge ſpringen ſollte. Zu betagt, um ſelbſt entfliehen zu koͤnnen, beſchloß ſie, wo moͤg⸗ lich Anna zu retten und dieſelbe zu vermoͤgen, ſofort einen Ort zu verlaſſen, an welchem zu bleiben, mit ſo augenſcheinlicher Gefahr ver⸗ knuͤpft war. ——— —— —— ———— Als Anna dies hoͤrte, dachte ſie nicht mehr an ſich ſelbſt, oder wenn ſie es that, meynte ſie doch, ihr Leben ſey in keiner Gefahr unter den Weißkappen, da ſie bei den meiſten Fuͤh⸗ rern derſelben als die Tochter des verſtorbenen Lyon bekannt war. Allein ſie fuͤrchtete fuͤr Wal⸗ ter d'Anghien. Sie hatte von ſeiner Ruͤckkehr nach Brugges gehoͤrt und vernommen, daß alle ſeine Bemuͤhungen, die Stadt zu retten, vergeb⸗ lich geweſen waren. Er, vielleicht, konnte den Tod finden; der bloße Gedanke daran erfuͤllte ſie mit Schrecken und Beſtuͤrzung. Auch be⸗ ſorgte ſie Unheil fuͤr Ludwig de Male; denn un⸗ geachtet ſeines widerrechtlichen und grauſamen Verfahrens gegen ſie, hatte er doch unverbruͤch⸗ lich ſein Geluͤbde gehalten und ihr ehrenvollen Schutz verliehen; ſo daß,„Herzensguͤte, die ſtets edler als Rache iſt,“ das Wort fuͤr den Grafen bei Anna fuͤhrte. Sie dachte, wenn ſie ein Werkzeug abgeben koͤnnte, ſo den Grafen wie ihren Geliebten zu retten, ſo wuͤrde ſolches eine hochherzige That ſeyn. Anna beſchloß, den Ver⸗ ſuch dazu zu machen. — e 331 Eine große Seele in Gefahr mag gar wohl einer Eiche im Sturmwinde verglichen werden. Schwaͤchere Körper beugen ſich demſelbenz die Eiche aber ſteht veſt und widerſtrebt dem Brau⸗ ſen; ſie trotzt dem Kampfe der Elemente, und gruͤnt entweder unverletzt fort, nachdem die Winde ſich legten, oder faͤllt, um nimmer ſich wieder zu erheben. Anna's Gemuͤth war von dieſem Charakter. Sie ſammelte all' ihre Gei— ſtesveſtigkeit; und in der Hoffnung, daß ſie van Artaveld, den ſie als edelherzig kannte, auffinden wuͤrde, dachte ſie, denſelben zu vermogen, das Leben Walter's, ſo wie das des Grafen, zu ſcho⸗ nen. So beſchloß ſie, ungeachtet aller damit verbundenen Gefahr und trotz dem Schrecken der Nacht, van Artaveld außzuſuchen. Ihr Entſchluß mogte verzweiflungsvoll ſchei⸗ nen; allein die Gefahr, durch welche derſelbe er⸗ zeugt ward, duͤnkte ihr unvermeidlich, und Anna war ſtets Schwaͤrmerin in einer edeln Sache. Sie beſaß das Gefuͤhl edelmuͤthiger Selbſtauf⸗ opferung— jenen Heldenſinn und aͤchten Muth, der in Augenblicken der Gefahr die Seele eines 332 Weibes weit uͤber die vorausgeſetzte Schwaͤche und kleinliche Furcht des Geſchlechtes erhebt. Anna huͤllte ſich in ihren großen ſchwarzen Mantel, nahm einen zweiten, der zur Hand lag, mit, im Falle er fuͤr Walter dienen koͤnnte, und verließ, das Herz voll von Beſorgniß, doch ent⸗ ſchloſſen, gelaſſen und geſammelt, mit haſtigen Schritten ihr Gemach. Durch eine geheime Thuͤr kam ſie aus dem Palaſte und ſuchte ihren Weg nach den beſuchteren Straßen der Stadt. Die Nacht war voͤllig dunkel und die Ge⸗ genſtaͤnde umher konnten nur mittelſt der weni⸗ gen Fackeln wahrgenommen werden, die hie und da aufgeſteckt waren und irgend einen Anblick des Schreckens, entweder verzerrte Geſichter von Sterbenden, oder Haufen von hingeſtreckten Leichnamen, beleuchteten. Das Geſchrei der Sieger, das Geklirr der Waffen, das Stoͤhnen der Verwundeten, das Kreiſchen des Entſetzens vereinigten ſich in furchtbaren, weithin hallenden Mißtoͤnen. Derjenige Theil der Stadt, der von den Weißkappen in Brand geſteckt worden war, 333 wies urploͤtzlich alle Greuel einer Feuersbrunſt, durch welche die ganze Stadt bedroht ward, in einen Aſchenhaufen verwandelt zu werden. Hoch flackerten die Flammen zu den Wolken hinan und verſendeten eine rothe Gluth, wodurch eine Zeit lang auf eine Strecke weit die Dunkelheit erhellt ward; doch beleuchtete dieſes Schauerlicht nur um ſo entſetzlicher die Scenen des Greuels und des Jammers. Der weiße Kremphut, das wohlbekannte Ab⸗ zeichen der Rebellen, zog bald Anna's Aufmerk⸗ ſamkeit auf ſich, und ſie beſchloß, ſich einer Schaar Weißkappen zu naͤhern und zu begehren, ſofort vor den Heerfuͤhrer derſelben geſuͤhrt zu werden. Wohl kannte ſie die Gewalt des Na⸗ mens van Artaveld, deſſen bloße Nennung einem Zauber gleich auch auf den Roheſten un⸗ ter den Weißkappen wirkte. Sich fuͤr eine Freundin van Artaveld's zu erklaͤren, die einſt unter deſſen Schutze gelebt hatte, hielt ſie fuͤr hinreichend, ihre Bitte erfuͤllt zu ſehen; und wußte ſie ſich erſt unter Philipp's Augen, ſo hatte ſie nichts mehr zu fuͤrchten, ja, ſo konnte 334 ſie hoffen, Die zu retten, zu deren Rettung ſie ſich aufgemacht hatte. In dieſer Abſicht machte ſie ſich Bahn durch das Gewuͤhl, und hatte beinahe die Stelle er⸗ reicht, wo ſie die Weißkappen anzureden ge⸗ dachte, als merkwuͤrdige Worte von Einem un⸗ ter ihnen ihr Ohr beruͤhrten, ſo daß ſie ein Weilchen ſtill ſtand und lauſchte. „Ich ſag's,“ ſprach der Eine von den Ge⸗ noſſen;„es gibt nimmer Ruhe und Friede fuͤr Gent, ſo lange Ludwig lebt. Van Artaveld moͤgte ihn gern gefangen nehmen und ſeines Le⸗ bens ſchonen, allein ich und Peter du Bois moͤgten ſeiner gern fuͤr immer ledig ſeyn; auch iſt dies der ſicherere, folglich der beßte Weg. D'rum folgt mir, Freunde, denn ich hoͤre, der Graf hat ſich in den Palaſt zuruͤckbegeben, und ſteht im Begriff, ihn wieder zu verlaſſen, um die 8 Buͤrger aufzurufen und mit ihnen ſich uns von neuem entgegen zu werfen. Das iſt gute Zeit fuͤr uns. Wir wollen vorſichtig zu Werke gehen. Laßt uns die Straßen beſetzen, ſo daß er vom Palaſte aus durch keine einzige derſelben ent⸗ — õ—— 4—„— ————— 335 kommen kann; dann fangen wir ihn und todten ihn nach unſerm Verlangen; denn wenn van Ar⸗ taveld auch Befehl erließ, daß der Graf und Walter am Leben geſchont werden ſollen, ſo ſteht ſolchem Befehle doch nicht im Dunkeln zu gehorchen; denn wie wollen wir den Grafen von einem andern Manne unterſcheiden? Ludwig iſt beritten. Toͤdtet Jeden, der zu Pferde ſitzt, ſo ſeyd Ihr ſicher, den Grafen aus der Welt geſchafft zu haben.“ „Wohl geſprochen,“ ſagte ein Anderer von der Rotte,„und du Bois wird uns ſchon durch⸗ helfen, wenn wir's vollfuͤhrten. Jeder an ſei⸗ nen Poſten! Ich will mich an dieſe Straßenecke ſtellen. Merkt auf, Freunde, wen wir zu Pferd ſehen, der wird ohne Barmherzigkeit erſchlagen!“ Anna hatte genug gehoͤrt, ihr ſchwarzer Mantel hatte ſie wirkſam genug verhuͤllt, um nicht wahrgenommen zu werden, und augenblick⸗ lich kehrte ſie zum Palaſte zuruͤck. Faſt athem⸗ los erreichte ſie den Vorhof deſſelben. Von Fackeln erhellt war dieſer Hof, auf welchem der Graf, von ſeinen Leuten umringt, zu Pferde ſaß 336 und ſich, ehe er fortritt, noch nach ſeinem Nef⸗ fen erkundigte. Man ſagte ihm, daß Walter zu van Artaveld gegangen ſey, um in perſoͤnlicher Unterredung mit demſelben wo moͤglich eine Uebereinkunft, mindeſtens einen Stillſtand zu be⸗ wirken, daß dem Blutvergießen und den Schreck⸗ niſſen der Stunde Einhalt gethan werden moͤgte. Mit Herzensdank vernahm Anna die Kunde, daß Walter in Sicherheit war; ſie dachte jetzt nur darauf, den Grafen zu retten, damit nicht boͤſes Schickſal ihn ereile, ehe noch Walter d'Anghien bei van Artaveld irgend Sicherheits⸗ maßregeln ausgemittelt haben wuͤrde. Ohne einen Augenblick zu verlieren, ſturzte ſie vor, fiel dem Pferde des Grafen in den Zuͤgel, in dem Mo⸗ mente, in welchem der Graf das Thier ſpornen wollte, um fortzureiten, und rief:„O, mein gnädigſter Herr, ſteigt ab, ſteigt ab und rettet Euch! Mehrere Hunderte von Weißkappen lauern Euch auf, ja, dringen wohl gar zum Palaſte, um Euch zu ermorden. Sie haben an den Aus⸗ gang aller Straßen, die hieher fuͤhren, Wachen geſtellt— es iſt unmöglich, daß Ihr ihnen ſo ——, ——„— —„ er—— 337 entrinnt— es iſt Raſerei, ſich ihnen zu wider⸗ ſetzen! Steigt ab und rettet Euch! Ich habe ihren ganzen Plan belauſcht. Verſucht die Fuͤr⸗ ſehung nicht durch ſinnloſes Widerſtreben; ſitzt ab und rettet Euch!“ „Was ſagſt Du mir, Maͤdchen?“ fragte der Graf;„und wie haſt Du, die ich ſicher im Palaſte waͤhnte, Kunde von ſo naher Gefahr erlangen koͤnnen?“ „Nicht Zeit zum Reden iſt jetzt,“ verſetzte Anna;„die geringſte Zoͤgerung kann Euch das Leben koſten. Glaubt mir, ich ſpreche die Wahrheit. Von den Weißkappen ſelbſt habe ich deren furchterliche Abſichten erlauſcht, und be⸗ ſchwoͤre Euch nochmals, daß Ihr vom Pferde ſteigen und Euch retten möget!“ Betroffen uͤber Annens Haſtigkeit, gehorchte der Graf und ſprang vom Gaule. Kaum hatte er dies gethan, ſo rannte einer ſeiner Edelkna⸗ ben bleich und verſtort herbei und rief:„O gna⸗ digſter Herr! rettet Euch; Ihr ſeyd verrathen. Eine Schaar Weißkappen dringt zum Palaſte heran, ſie kommen, Euch das Leben zu nehmen.“ Die Weißkappen II. 22 338 Als Ludwig dieſe Worte vernahm, befahl er, alle Fackeln auszuloͤſchen, welches augenblicklich geſchah. Dann gebot er ſeiner kleinen, um ihn verſammelten Schaar, ſich zu zerſtreuen und ſich nach beßten Kraͤften zu retten. Ihm nahe zu ſeyn, fuͤrchtete er, moͤgte ihr Verderben herbei⸗ fuͤhren. Zu Anna gewendet, ſagte er dann: „Wer aber wird Dich beſchuͤtzen?“ „Fuͤrchtet nichts fuͤr mich, mein Gebieter,“ entgegnete Annaz;„mein Leben iſt in keiner Ge⸗ fahr, da ich die Tochter eines der Weißkappen bin. Denkt nur auf Eure Rettung.“ „Mein Leben iſt ſeinem Ende nahe,“ ver⸗ ſetzte Ludwig,„denn ſo mir Gott helfen moͤge, ich weiß in dieſem Augenblicke nicht, wo ich eine ſichere Zufluchtsſtaͤtte finden ſoll.“ „Seyd Ihr ſo freundlos, ſo aller Huͤlfe baar?“ ſagte Annaz„dann folgt mir, mein Ge⸗ bieter, und ich will Eure Rettung verſuchen. Hier,“ fuhr ſie fort,„werft Euer Gewand ab, huͤllt Euch in dieſen Mantel, ſchweigt und folgt meinen Schritten. Moͤge Gott ſie zu Eurer Sicherheit lenken!“ Ueberwaͤltigt von ihren Em⸗ — —— M pfindungen, konnte Anna weiter kein Wort her⸗ vorbringen; ſie faltete ihre Haͤnde, blickte einen Augenblick lang gen Himmel und ſchritt dann haſtig vorwaͤrts; der Graf folgte ihr. Nach wenigen Secunden hatten ſie den Vorhof des Palaſtes hinter ſich. Mechaniſch ſchritt der Graf hinter dem Maͤd⸗ chen her. So heftig hatten ihr Weſen, ſo ploͤtz⸗ lich die Ausfuͤhrung ihres Vorhabens ſich gewie⸗ ſen, daß Ludwig blos dem Impulſe des Mo⸗ mentes ohne alle Abſicht, ja, faſt ohne alle Hoff⸗ nung gefolgt war. Im Mantel und unter brei— tem Hute ſchritt der Graf ſeiner ſchoͤnen Fuͤh⸗ rerin nach, indem er nicht im mindeſten an ihrem aufrichtigen Verlangen, ihn retten zu wol⸗ len, zweifelte; doch wie ihr dies wuͤrde gelingen koͤnnen, lag außer dem Bereiche ſeiner Muth⸗ maßung. Fragen durfte er nicht, denn das lei⸗ ſeſte von ihm geſprochene Wort haͤtte ihn als den Grafen verrathen koͤnnen, weil der Weg jetzt durch eine Menge von Volk fuͤhrte, das ſich dem Palaſte zuwaͤlzte. Das Geſchrei der vordringenden Weißkappen kam immer naͤher, * 340 und als Anna ſich eine ſchmale Gaſſe entlang wendete, ward ſie ploͤtzlich von einem der Re⸗ bellen angehalten, der ſie fragte, wer ſie ware, und wohin ſie wollte.„Niemand kommt hier ohne meine Zulaſſung durch,“ ſagte der Mann;z „ſomit, Jungfer, laßt mich wiſſen, wer Ihr ſeyd, und wer der Geſell iſt, der ſich an Euerm Mantel veſthaͤlt, als ob er daran gebunden waͤre. Ich ſtehe hier Wache, und es gilt mei⸗ nen Kopf, wenn ich Euch durchlaſſe, ohne daß Ihr mir geſagt habt, wer Ihr ſeyd.“ „Ei, Martin,“ ſagte Anna, die ſich der Stimme des gutherzigen Waͤchters unter dem weißen Kremphute gar wohl erinnerte—„i, Martin, Du kennſt mich ja und weißt, daß ich im Hauſe van Artaveld's war, bevor ich dem Schutze Simon van Bet's entlockt wurde.“ „Sieh da, Jungfer!“ antwortete Martin; „wohl kenn' ich Euch jetzt, da ich Euch ſprechen hoͤre, und mag Euch gern durchlaſſen,“ fuhr er mit leiſerer Stimme fort,„wie ich's damals that, als Ihr das Voͤglein aus dem Kaͤfig ſchlupfen ließet. Ich ſehe ſchon, wie die Sachen ſtehen— nun, nun! Die Heiligen haben Euch ⸗. lieb, ſeyd Ihr doch das holdeſte Maägdlein— nun, nun! weiter ſag' ich nichts. Ich ſtoͤre r kein frommes Liebeswerk, ſo— wend' ich den Ruͤcken, und waͤhrend ich das thue, moͤgt Ihr r mit Eurem vermummten Liebſten durchſchluͤpfen, und ich will mit keinem Worte fragen, wer er iſt.“ So erleichterte Martin durch ſeine rauhe Gutmuͤthigkeit die Flucht des Grafen von Flan⸗ dern zu einer Zeit, wo die geringſte Zoͤgerung dieſem das Leben hätte koſten muͤſſen, indem eine Rotte Weißkappen zum Palaſte drang, und waͤhrend ſie dies thaten, der beiden Vermumm⸗ — ten in dem Gäßchen gewahrten, in welchem Martin Wache hielt. Sie uͤberlegten einen Au⸗ genblick, ob ſie ihnen nachſetzen wollten, beharr⸗ ten jedoch bei ihrem Zweifel. Anna bemerkte ihr Zoͤgern und ging um ſo ſchneller furbaß. Nach wenigen Minuten ſtand ſie vor der Thuͤr eines niedrigen Hauſes am Ende des Gäßchens. Leiſe klopfte ſie an; eine arme, aber ehrlich aus⸗ ſehende Frau oͤffnete und fragte im Tone der Be⸗ 5 „—— ſorgniß,„was ſie zu ſo ſpaͤter Stunde be⸗ gehre?“ „Nehmt uns auf, gutige Freundin, ich flehe Euch an!“ ſagte Anna.„Erinnert Ihr Euch nicht des ungluͤcklichen Maͤdchens, bei deren Va⸗ ter Ihr in deſſen Sterbeſtunde helſende Hand leiſtetet?“ „Wie?“ ſagte die Frau,„die Tochter Jan Lyon's? und in der Nacht? zu ſolcher Schrek⸗ kenszeit? Wohl kann ich Eurer, edle Jungfrau, nimmer vergeſſen. Ich bete oft fuͤr Euch, wie fuͤr meine eigenen Kinder; weiß ich doch, daß Ihr vaterlos ſeyd!“ „Ihr habt ein gutes Herz,“ verſetzte Anna, „und ſchwere Wittwenſorgen lehrten Euch Mit⸗ gefuͤhl fuͤr die Leiden Anderer. Ich beſchwoͤre Euch, dieſen Mann zu verbergen. Er iſt aus dem Palaſte, und die Weißkappen, welche Her⸗ ren der Stadt ſind, trachten nach ſeinem Leben. Verbergt ihn nur fuͤr dieſe Nacht. Ich weiß keinen andern Ort, an welchen ich ihn fuͤhren, keinen andern Menſchen als Euch, dem ich ihn anvertrauen koͤnnte!“ 6 „Frau,“ ſagte Ludwig, der den breiten Hut, welchen er trug, zuruͤckſchlug,„ſeht mich an. Ich bin Dein Herr, der Graf von Flandern; mein Leben iſt in Deiner Gewalt.“ „Heilige Jungfrau!“ rief die Wittwe mit er⸗ hobenen Haͤnden und emporgerichtetem Blicke. „Wohl kenne ich Euch; Ihr ſeyd der Landes⸗ fuͤrſt. Doch wie kann ich Euch beſchuͤtzen? Alt und arm in elender Wohnung— wie kann ich Euch beſchuͤtzen? Doch will ich mein Beßtes thun; hab' ich doch oft Almoſen an Euren Tho⸗ ren erhalten, und Eure Guͤte gegen Wittwen und Waiſen ſoll nicht durch Undank vergolten wer⸗ den. Hier, edler Herr,“ fuͤgte ſie hinzu,„ſteigt dieſe Leiter hinan; meine Kinder ſchlafen oben; verbergt Euch ſo gut Ihr koͤnnt unter dem Bette derſelben. Eilt! ſeyd hurtig! denn ſchon hoͤr' ich Tumult in der Straße— ja, ja— es kommt naͤher.— Hinauf! ich folg' Euch und will mein Beßtes thun, Euch zu verſtecken.“ Der Graf von Flandern ſaͤumte keinen Au⸗ genblick, den ihm ertheilten Rath zu befolgen. Er ſtieg die Leiter hinan und kroch haſtig unter 344 das elende Bett. Die ehrliche Wittwe verſteckte ihn hinter Vorhaͤngen und Laken, ſo gut die Ortsgelegenheit es geſtattete, und kehrte alsdann zu Anna zuruͤck, welche unten in ihren Mantel gewickelt am Kachelofen ſaß. Die Wittwe nahm nun ihr juͤngſtes Kind aus der Wiege auf den Arm, ſetzte ſich Annen gegenuber und war bald eifrig beſchaͤftigt, die Kleine wieder einzulullen, die durch den Ein⸗ tritt der Fremden aus ihrem Schlummer aufge⸗ ſchreckt worden war. Nach kurzer Friſt ward des Tumultes im Gaͤßchen immer mehr, dann ward die Thuͤr des Haͤuschens haſtig aufgeriſſen. Verſchiedene Weiß⸗ kappen, welche Waffen trugen, ſtuͤrzten herein und begehrten von der Wittwe, ihnen den Mann zu zeigen, der kurz vorher in deren Wohnung getreten war. „Ach!“ ſagte ſie,„welchen Mann mogt Ihr hier ſuchen? und was kommt Ihr mit Heftig⸗ keit und Drohungen zu einer armen Wittib mit fuf huͤlfloſen Kindern?“ „Es ging hier vor kurzem ein Mann in's 345 Haus,“ entgegnete der Rebell;„wir ſahen ihn. Gebt ihn heraus, ſonſt geht's Euch uͤbel!“ „Ich ſelbſt trat vor einem Weilchen in's Haus, und dies junge Frauenzimmer mit mir,“ verſetzte die Wittwe.„Seht Euch um im Ge⸗ mache; es iſt klein und ärmlich genug, Gott weiß es! Wer koͤnnte hier verborgen ſeyn?“ „Hier iſt aber eine Leiter,“ ſagte ein Anderer von den Weißkappen,„wir wollen bald ſehen, wohin die fuͤhrt. Der Graf von Flandern iſt aus ſeinem Palaſte entflohen, und ein Mann im Mamtel verlor ſich in dieſes Haus oder in die umgegend deſſelben. Wir vermuthen, daß es der Graf war. Gebt die Lampe her, Weib— ich will hinaufſteigen.“ „Thut's nicht,“ rief die Frau,„meine Kin⸗ der ſchlafen oben.“ „Nicht?“ ſiel der Weißkaͤppler ein; zei wenn das Eure Bitte iſt, ſo muß ich ja hinauf⸗ ſteigen, denn Kinder kann man doch nicht fur Maͤnner anſehen. So habt Ihr fur Eure Wuͤr⸗ mer nichts zu fuͤrchten.“ Anna ſah die Thorheit der armen Frau ein, und wie leicht dadurch der Graf verrathen wer⸗ den konnte. Deswegen ſtand ſie auf, ergriff die Lampe, und ſagte zu dem Rebellen gewendet: „Folgt mir, Freund, Ihr ſollt zufrieden geſtellt werden. Die ehrliche Wittwe furchtet, Ihr moͤg⸗ tet ihr die Kinder im Schlafe ſtoͤren.“ Mit veſter Hand hielt Anna die Lampe und ſtieg die Leiter hinan; der Mann folgte ihr, waͤhrend die Uebrigen von der Rotte unten mit gezuͤckter Waffe blieben, um bereit zu ſeyn, den Todes⸗ ſtoß zu verſetzen, im Fall der Graf entdeckt wer⸗ den wuͤrde. „Seht Euch um,“ ſagte Anna zu dem Ge⸗ ſellen, der mit ihr gegangen war.„Was findet Ihr hier?“ und indem ſie dem Bette zuſchritt, hielt ſie die Lampe uͤber die ſchlafenden Kinder, damit die Strahlen wo moͤglich nicht unter das Bett fielen.„Schau't her, da liegen die Schaͤtze und die Sorgen der armen Frau, geſchirmt in ihrem Schlummer durch ihn, der ein Vater der Waiſen iſt. Seyd Ihr zufrieden?“ „Hier iſt nichts,“ ſagte der Mann muͤrriſch, und wendete ſich, um wieder hinabzuſteigen. 1„ ———— ——+„N— 547 „Der Teufel hat den Ludwig vor der Zeit ge⸗ holt, denn ich moͤgte darauf ſchwoͤren, ich hätte ſo eben einen Mann im Reitermantel in's Haus gehen ſehen.“ „Das war ich,“ entgegnete Anna,„denn meinen ſchlechten Mantel moͤgt Ihr wohl ſo nennen. Laßt uns hinunterſteigen.“ „Ja,“ verſetzte der Rebell,„erſt aber, mit Eurer Erlaubniß, will ich Euch ohne Euern Mantel ſehen, d'rum, Frau oder Jungfer, her⸗ unter damit, daß man ſieht, ob Ihr darnach ausſeht, als koͤnne man, ohne ſich daruͤber zu aͤrgern, Euch beſchauen.“ „Steigt hinab,“ ſagte Anna,„und ich will unten meinen Mantel ablegen. Eure Camera⸗ den erwarten Euch.“ Indem ſie dies ſagte, ſtieg ſie hinab, wobei ſie ſorglich die Lampe ſo zu halten ſuchte, daß der Schein derſelben von einem Theile ihrer Bekleidung aufgefangen ward. Der Geſell ſtand auf der Leiter ſtill.„Haltet die Lampe hoch,“ ſchrie er,„ſoll ein Beſuch meiner Art hier den Hals brechen?“ Anna zitterte, als ſie dieſe Worte hoͤrte; ihr Die Weißkappen II. 23 —— 348— bangte, der Strahl des Lichtes moͤgte unter das Bett fallen; dennoch mußte ſie gehorchen. End⸗ lich ſtieg der Rebell ohne Argwohn die Leiter hinab.„Und jetzt, Jungfer, laßt uns Euer Ge⸗ ſicht ſehen,“ ſprach er;„wer ſeyd Ihr?“ „Eine von den Eurigen,“ ſagte Anna dreiſt; „ein Maͤdchen, welches unter van Artaveld's Schutz ſtand, wie Euer Camerad dort, der ehr⸗ liche Martin, bezeugen kann. Und ſomit bitt' ich Euch, daß Ihr mich ſo verſteckt laßt, wie ich es zu ſeyn wuͤnſche. Van Artaveld wuͤrde es ſchwer ahnen, wenn Ihr mir Leides zu⸗ fuͤgtet.“ Martin, der mit dem Troß, der dem Gra⸗ fen nachſtellte, hatte fuͤrbaß ziehen muͤſſen, und der wirklich muthmaßte, Anna habe auf eine oder andere Weiſe Herrn Walter d'Anghien ver⸗ ſteckt(denn daß ſie den Grafen ſelbſt gerettet hatte, fiel ihm im Traume nicht ein), trat jetzt vor und ſagte, daß er die Jungfrau gar wohl kenne, wie ſie von van Artaveld beſchuͤtzt wor⸗ den waͤre, und wie er gewiß wuͤßte, daß der Feldherr große Stuͤcke auf ſie hielte, weshalb 3⁴9— ſie demſelben denn auch wohl nach Brugges ge⸗ folgt waͤre. Die Weißkappen lachten uͤber Martin's Er⸗ zaͤhlung und warfen ein paar Spaͤßchen uͤber die Sache hin. Endlich mahnte Einer zum Fortgehen.„Kommt,“ ſagte er,„wir muͤſſen weiter ſuchen, hier verlieren wir nur Zeit. Lud⸗ wig darf nicht mit dem Leben davon kommen; und was van Artaveld betrifft, ſo iſt er ein tapferer Hauptmann, und mag demnach ſo viele Dirnen haben, wie er will; auch weiß man, daß er ein huͤbſches Weibſen eben ſo lieb hat, wie ſeinen Bogenſtrang und eine Schlacht.“ Mit dieſen Worten zog die Rotte ab. Anna und die Wittwe waren froh, ihrer ledig zu ſeyn. Die Letztere eilte zu dem Grafen, um mit ihm auf Maßregeln fuͤr ſeine Sicherheit zu ſinnen, da es unumgaͤnglich noͤthig war, daß er ſich mit dem Fruͤheſten aus Brugges fortmachte, in⸗ dem, ſo Aange er in dieſer Stadt weilte, ſein Leben in der groͤßten Gefahr war. ————————— * ——— 4——— ——— ——— * „ 1„ — 7*— . 3 3 ———