11 . tete deutſcher, engliſcher kut franzöſiſcher Literatur Cdnard Oltmunn in Gießen, Schloßgaſ ſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Teſebedingungen. 6„ offensein der Bibliothek. Die thee ſteht zur Em⸗ j hn und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens ₰ 7 uhr bis Abends 8 Uhr offen. besepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt 5 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——— Pf—— auf Monat:——f. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3— ſ. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuri ſendung 6e. Bücher auf ihre S Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ . Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— das zerriſſene, beſchmutzte, ver lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der e um Erſatz des Ganzen verpflichtet et Dieſelbe iſt auf 14 Fah. feſtgeſetzt und wird beſonvers darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nie cht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſt ehen haben. ————5 Mrs. Pray's Hiſtoriſche Romane. Vierter Band. —— 7 Die Weißkappen. Erſter Theil. In demſelben Verlage iſt ferner erſchienen: Bray, Mrs., de Foir; oder: franzoͤſiſches Leben im vierzehnten Jahrhundert. Ein Zeit- und Sitten⸗Ge⸗ maͤlde. 3 Theile. 8. 4 Thlr. —— der Proteſtant. Ein Nachtſtuͤck aus der Re⸗ gierung der„blutigen“ Königin Maria. 8. 3 Theile. 4 Thlr. —— Fitz of Fitz⸗Ford. Eine Sage aus Suüd⸗Eng⸗ land, aus den Zeiten der Koͤnigin Eliſabeth. 3 Theile. 8. 4 Thlr. —— der Talba von Portugal; oder: Schickſale der Ines de Caſtro. Ein Bild aus der Maurenzeit. 3 Theile. 8. 4 Thlr. Ingemann, B. S., Koͤnig Erik und die Geaͤchteten. Ein Zeit⸗ und Sittengemaͤlde aus den letzten Tagen des dreizehnten Jahrhunderts. 3 Theile. 8. Thlr. 16 Gr. Ritter, der finſtere; oder: Die Belagerung Kopen⸗ hagen's unter Friedrich dem Dritten. Ein hiſtori⸗ ſches Phantaſieſtuͤck aus der zweiten Haͤlfte des ſieb⸗ zehnten Jahrhunderts. 2 Theile. 8. 2 Thlr. Trollope, Mrs., Leben und Sitte in Nordamerika. Rach der vierten Auflage aus dem Engliſchen uͤber⸗ tragen. 3 Theile. Mit 24 Darſtellungen in Stein⸗ druck 8. 3 Thlr. 16 Gr. Vistorische Romane der Mrs. Anna Eliza Prap. „Verweg'ner Krieg und treue Liebe Und ernſte Wahrheit in der Dichtung Schmuck.“ . Gray⸗. Nach der zweiten Auflage aus dem Engliſchen ubertragen. Vierter Band. Die Weißkappen. Erſter Theil. B i 4 univerſitats⸗Buchhandlung. 1 835. Die Weisskappen; oder: Anna von Gent. Ein Niederlaͤndiſches Gemälde von Mrs. Annu Elizu Bray. „So ſeyd denn tapfer; Euer Hauptmann iſt tapfer, und gelübdet Verbeſſerung.“ „Kein Geld ſoll ſeyn; Alle ſollen auf meine Koſten eſſen und trinken, und ich will ſie Alle in Eine Liverei kleiden, daß ſie einig ſeyn mögen wie Brüder, und mich als ihren Herrn verehren.“ Shakſpeare. Nach der zweiten Auflage aus dem Engliſchen uͤbertragen von Dr. G. H. Bärmann. Erſter Theil. R e, univerſitäts⸗Buchhandlung. 1835. Stimmen aus England uber die Schriften der Mrs. Bray. Die Weißkappen; oder: Anna von Gent. Ein niederlaͤndiſches Gemälde. Drei Theile. „Der Genius der Mrs. Bray hat bei dem be⸗ wundernden Publicum die gerechte Wuͤrdigung gefunden, und wir ſelbſt haben der ausgezeichneten Vortrefflichkeit ihres de Foir ſo unbedingt gehuldigt, daß es den Weißkappen zu nicht geringer Empfehlung gereichen mag, wenn wir bekennen, daß dieſe als hiſtoriſcher Ro⸗ man durch den Glanz der Ritterzeit, durch genaue Zeich⸗ nung alter Sitte in den verſchiedenſten Verhaͤltniſſen, durch eine intereſſante Erzaͤhlung und durch einen bluͤhen⸗ den, kraͤftigen und anmuthigen Styl nicht minder ſich auszeichnen.“— Literary Chronicle. „— Mit Vergnuͤgen begegnen wir einem neuen Er⸗ zeugniſſe der Verfaſſerin des de Foix.— Mrs. Bray VIII zeigt ſich hier im Beſitz nicht gewöhnlicher Talente. Die Geſchichte des Aufſtandes der Buͤrger von Gent ge⸗ gen den Grafen von Flandern, und ihrer Thaten, nach⸗ dem ſie ihre Partei durch weiße Kappen bezeichnet, iſt uͤberaus anziehend und merkwuͤrdig. Es verdient An⸗ erkennung, daß Mrs. Bray durch die lebenvolle faſt dramatiſche Darſtellung den hervorſtechendſten Scenen volle Gerechtigkeit hat widerfahren laſſen.— Einige dieſer Scenen beurkunden eine hochſt kräftige Phantaſie.— Im Allgemeinen iſt der Styl der Mrs. Bray fließend und klar, ſeltener ſtrebt ſie nach Zierlichkeit, die ihr jedoch immer gelingt, wenn ſie ſie nothig findet. Ihre ge⸗ lungenſte humoriſtiſche Schoͤpfung iſt Herr Simon van Bet, ein gutmuͤthiger, eitler Buͤrgermeiſter, eine in die⸗ ſem Romane haͤufig, aber immer zum großen Ergoͤtzen des Leſers wiederkehrende Erſcheinung.“— Monthly Review. „Die Erſcheinung der Weißkappen hat Mrs. Bray einem eben ſo unterhaltenden als geiſtreichen Ro⸗ mane zum Grunde gelegt. Sie hat ſich ſtreng an die Geſchichte und ſelbſt an kleinere Einzelnheiten wirklicher Thatſachen gehalten, die Sitten dieſer Zeit mit nicht geringer antiquariſcher Kenntniß und Genauigkeit geſchil⸗ dert, ihr Werk mit geſunden philoſophiſchen Betrachtun⸗ gen und lebendigen poetiſchen Bildern geſchmuͤckt, und im Laufe der Erzählung einen großen Reichthum an Charakteren aufgeſtellt, welche mit gleicher Naturwahr⸗ heit, ſcharfer Auffaſſung und Kenntniß des menſchlichen Herzens durchgefuͤhrt ſind. Das Ganze iſt das Reſultat einer lebhaften, gebildeten und wohlbeherrſchten Phanta⸗ ſie.“— Gentleman's Magazine. IX „Die Weißkappen behaupten einen hohen Rang in ihrer Gattung. Die Erzählung iſt hoͤchſt anziehend, die Zeichnung der Charaktere geiſtreich, die Schilderung jener Zeit uͤberhaupt hoͤchſt getreu.“— Literary Gazette. „De Foix und die Weißkappen duͤrfen als hoͤchſt getreue und hochſt unterhaltende Chroniken alter Zeit zu Rathe gezogen werden.“— Quarterly Review. De Foir; oder: franzoͤſiſches Leben im vierzehnten Jahrhundert. Ein Zeit⸗ und Sitten⸗Gemaͤlde. Drei Theile. „Mrs. Bray ſteht allein da unter unſern Roman⸗ ſchriftſtellerinnen; ſie hat ſich ein hohes Ziel geſteckt, und loͤſt ihre Aufgabe mit maͤnnlicher Energie.“— Atlas. „De Foix gibt ſich nur als hiſtoriſchen Roman, aber er iſt mehr: ein treues, lebenvolles Gemaͤlde des kriegeriſchen Charakters, der Sitten und Gebraͤuche jener ritterlichen Zeit des vierzehnten Jahrhunderts.— Sir Walter Scott wird den Leſern des de Foix ploͤtzlich wie⸗ der vor die Seele treten.— Die Begebenheiten in die⸗ ſem Werke laſſen ſich als den Faden betrachten, auf welchen Perlen von großem Werth und großer Schoͤn⸗ heit an einander gereiht und hinlaͤnglich mit einander verbunden ſind, um die Aufmerkſamkeit des Leſers zu feſſeln, wenn nicht die Reize der Darſtellung ihn ver⸗ leiten, das Werk eher als eine Sammlung einzelner Gemaͤlde zu betrachten, denn als ein einziges großes X Ganzes.— Mit Freuden werden wir der Verfaſſerin ferner auf dem Gebiete des hiſtoriſchen Romans begeg⸗ nen.— Mrs. Bray iſt eine hochbegabte Frau.“— Literary Chronicle. „Nichts moͤchte ſich beſſer zum Gegenſtande eines Romans eignen, als der Charakter Gaſton's Phoͤbus, Grafen de Foix.— Alle kleinere Einzelheiten, die Wohnungen und Sitten des Volks, unter dem dieſer Roman ſpielt, ſind mit nicht genug zu ruͤhmender Treue und Genauigkeit geſchildert. Unter allen neueren Wer⸗ ken dieſer Art iſt uns kein unterhaltenderes und befrie⸗ digenderes bekannt, als dieſer Roman der Mrs. Bray.“— PTimes. Der Proteſtant. Ein Nachtſtuͤck aus der Regierung der„blutigen“ Koͤnigin Maria. Drei Theile. „Der Proteſtant hat die ſchoͤnſten Anſpruͤche auf den Namen eines hiſtoriſchen Romans. Die Verfaſ⸗ ſerin hat nicht blos bekannte Namen und beglaubigte Ereigniſſe mit den Gebilden ihrer Erfindung zuſammen⸗ geworfen, ſondern den ſilbernen Faden ihrer Phantaſie durch ein feſtes Gewebe von auffallenden, anziehenden und wichtigen Thatſachen gezogen. Der Proteſtant enthaͤlt eine lebendige Darſtellung der Leiden eines wuͤr⸗ digen Geiſtlichen der reformirten Kirche, ſammt denen XI ſeiner Kinder und Angehoͤrigen, als die„blutige“ Koͤni⸗ gin Maria ſich dem Koͤnige Philipp II. von Spanien und dem heiligen Vater an die Seite ſtellte. Große dramatiſche Kraft iſt in der Anlage und Durchfuͤhrung der Charaktere entfaltet; der Styl iſt glaͤnzend, die Ver⸗ wickelung ſteigert die Spannung bis unmittelbar zum Schluſſe ſelbſt.— Die hiſtoriſchen Ueberlieferungen und alterthuͤmlichen Ueberbleibſeln entlehnten Einzelheiten ſind mit maͤchtiger Wirkung benutzt und enthalten nicht die geringſte Uebertreibung.“— Morning Journal. „— Dies Werk enthaͤlt mehrere unmittelbar der Natur abgelauſchte Zuͤge, welche den ſchoͤnſten Erzeug⸗ niſſen der Poeſie an die Seite geſtellt zu werden ver⸗ dienen. Wir erinnern nur an das Verhalten der prote⸗ ſtantiſchen Opfer auf dem Richtplatze, an die ſo herrlich gezeichnete Dorfwahrſagerin, an die mit zum Flammen⸗ tode verurtheilte alte Dienerin und den blinden Knaben; die ſchoͤne Einfachheit in ihren Antworten auf die Fra⸗ gen des Richters, ob irgend Etwas fuͤr ſie geſchehen koͤnne, iſt wahrhaft ergreifend.— Das groͤßte Verdienſt der Verfaſſerin iſt ſtrenge Zeichnung der Charaktere, die ſie mit gleichſam anatomiſcher Feinheit auseinanderlegt. Ganz vorzuͤglich gelingen ihr Schilderungen aus dem Volksleben. Der alte Abel und ſein Hund, Gammer Plaiſe, die Haushaͤlterin, und der blinde Knabe Tommy ſind von ſchlagender Schoͤnheit. Eben ſo wenig fehlt es an ſehr ſchoͤnen Beſchreibungen und Betrachtungen, z. B. uͤber Kirchhoͤfe, uͤber die Capelle der heiligen Dreieinig⸗ keit zu Canterbury. Die Tendenz des Romans iſt Dar⸗ legung der furchtbaren Wirkungen religioͤſer Unduldſam⸗ keit, welche die verwerflichſten Leidenſchaften erzeugt und XII den Menſchen bis zum Judas herabwuͤrdigen kann.“— Gentleman's Magazine. „Die Begebenheiten in dieſem Romane folgen ein⸗ ander mit faſt athemloſer Schnelle, ganz im Einklange mit der raſtloſen, ſchreckhaften Natur jener Zeiten. Die großen Männer der Bewegung, Bonner, Gardiner, Thornton, Harpsfield, Bruder Johann von Spanien und Andere, erſcheinen hier auf der Buͤhne, und bewun⸗ dernswuͤrdig gut ſchließen ſich die erfundenen Charaktere an die hiſtoriſchen. Die Heldin, Roſa, eine ſchoͤne Schoͤpfung, beſteht ihre zahlreichen Pruͤfungen mit ächt chriſtlicher Standhaftigkeit. Leider erlaubt der Raum hier nicht, einige der vielen ſchoͤnen Einzelheiten eines Werkes naͤher zu bezeichnen, welches, wenn uns nicht Alles trugt, ſowohl vermoͤge ſeines Stoffes, als der Be⸗ handlung deſſelben, großes Aufſehen erregen wird.“— New Monthly Magazine. Fitz of Fitz⸗Ford. Eine Sage aus Süd⸗ England, aus den Zeiten der Koͤnigin Eli⸗ ſabeth. Drei Theile. „Fitz of Fitz⸗Ford iſt einer der am beſten ent⸗ worfenen, am beſten ausgefuͤhrten und am meiſten fuͤr die engliſche Literatur gewinnenden Romane. Hiſtoriſche Thatſachen, welche in der alten, an ſeltſamen Schickſalen ſo reichen Familie der Fitz ſich zugetragen, liegen dieſer Erzahlung zum Grunde. Die Nachrichten über dieſe XIII Familie und uͤber ihr altes Schloß laſſen ſich nicht ohne das lebhafteſte Intereſſe leſen. Der Reiz dieſes Romans wirkt in allen ſeinen Theilen gleich maͤchtig, ſowohl wo man von Wundern zu Wundern ſich fortgeriſſen, als wo man bald durch das Intereſſe der Situation, bald durch die Schoͤnheit des Styls und den Reichthum des Colorits ſich gefeſſelt fuͤhlt. Dieſes neueſte Product der Mrs. Bray iſt ganz des Ruhmes wuͤrdig, den ſie be⸗ reits durch ihre trefflichen Romane: de Foix, die Weißkappen und der Proteſtant, ſich erworben.— Furet de Londres. „Mrs. Bray hat wieder einen Roman geliefert, welcher ihren durch ihre fruͤheren Leiſtungen gewonnenen Ruhm noch mehr beveſtigt und ihr einen Platz unter den erſten Schriftſtellerinnen unſerer Zeit anweiſt. Der Stoff ihres neueſten Werks iſt einer Legende aus der Ge⸗ gend, wo ſie lebt, der umgebung des Dartmoorgebirges, entnommen, und ſie hat die der Sage entlehnten Mo⸗ mente hoͤchſt genial zu einem uͤberaus anziehenden Ro⸗ man in einander verflochten.— Das tragiſche Intereſſe fuͤr den Helden und die Heldin wird durch einige humo⸗ riſtiſche Zuͤge gemildert, die uns zu den gluͤcklichſten die⸗ ſer Dichtung zu gehoren ſcheinen. Die Charaktere ſind kraftig gezeichnet, die Schilderungen überaus lieblich und maleriſch, und die Kenntniß engliſcher Alterthuͤmer hat die Verfaſſerin in den Stand geſetzt, den Einzelheiten ihrer Erzaählung ein Gepräge der Wahrheit und Wirk⸗ lichkeit aufzudruͤcken, welches ihren Werth nur noch mehr erhoͤht.“— Times. „Die Geſchichte Fitz of Fitz⸗Ford's iſt wohl an⸗ gelegt und durchgefuͤhrt, entfaltet eine reißend ſchnelle — 1XV Folge uͤberraſchender Begebenheiten, und bringt einen maͤchtigen, aͤcht dramatiſchen Effect hervor. Mrs. Bray iſt ausgezeichnet gluͤcklich in der Anlage und Entwicke⸗ lung ihrer Charaktere, wovon Levi, Sir Hugh Fitz, Barnabas und Andere als lebenvolle Beiſpiele dienen; ihre Ortſchilderungen bringen uns die Localitäten ſo ge⸗ nau, ſo lebhaft vor die Augen, als waͤren wir ſelbſt an Ort und Stelle.“— La belle Assemblée. „In der Behandlung dieſer Sage iſt haͤufig die Theilnahme hoͤchſt lebhaft aufgeregt und die Spannung auf das Aeußerſte geſteigert. Die Anlage iſt einfach, natuͤrlich, ohne der Wahrheit der Charaktere oder dem Gange der Geſchichte Gewalt anzuthun, die Entwickelung geſchickt verzoͤgert und dadurch das Intereſſe bis zum Schluſſe ſelbſt rege gehalten. Eine bedeutende Kenntniß der Gebraͤuche und Gewohnheiten jener Zeit verbreitet einen ſolchen Grad von Sicherheit und Wahrſcheinlichkeit uber die Schilderungen, daß wir nicht umhin koͤnnen, das Werk eben ſo gediegen als genial zu nennen.“— Atlas. „Dieſe Legende gewaͤhrt eine hoͤchſt angenehme Lectuͤre: die Hauptbegebenheiten ſind von grauſigem Intereſſe, die Charaktere mannichfaltig, natuͤrlich, wohl aufgefaßt und mit großer Kraft und Wirkung gezeichnet.“— Athenaeum. „Wir muͤſſen Mrs. Bray fuͤr eine unſerer erſten Schriftſtellerinnen, und das vorliegende Werk fuͤr ihrer wuͤrdig erklaͤren.“— New Monthly Magazine. „Fitz of Fitz⸗Ford iſt mit ausgezeichnetem Ta⸗ ent gearbeitet. Die Charaktere ſind mit großer Feinheit entwickelt, die Beſchreibungen hinreißend, das Intereſſe XV der Erzaͤhlung erhaͤlt ſich ſtets auf gleicher Hoͤhe. Die Kenntniſſe der Mrs. Bray ſind vielſeitiger und gruͤnd⸗ licher, als bei irgend einer andern Schriftſtellerin. Nie laͤßt ſie ſich einen Verſtoß zu Schulden kommen und iſt mit den Verſchwörungen, welche unter der Regierung der Koͤnigin Eliſabeth die Ruhe unterbrachen, eben ſo vertraut, als mit den Ergötzlichkeiten und Zeitvertreiben, oder der feineren Unterhaltung der hoͤheren Staͤnde, wie ſie zur Zeit ihrer Erzaͤhlung uͤblich waren. Sie verſteht es, ſowohl dem rauhen, ungeſtuͤmen Seemanne Form und Farbe zu geben und ihn uns leibhaftig vor Augen zu ſtellen, als den tapfern Soldaten, den gewandten Hoͤfling, den beſchraͤnkten Pedanten, den Gruͤhler nach verborgenen Dingen, den Sterndeuter,— nicht anders, als weihe ſie uns ein in die Geheimniſſe der Toilette, der Kuͤche, oder ſonſt einer dem ſchoͤnen Geſchlechte vor⸗ zugsweiſe eigenen Kunſt. Mrs. Bray gereicht ihrem Geſchlechte zur Ehre, und muß jenen beruͤhmten Frauen beigezählt werden, die durch Verbreitung nuͤtzlicher Kennt⸗ niſſe und durch Veredlung und Erheiterung des Gemuͤths zum Wohl ihres Vaterlandes, wie der geſammten Menſch⸗ heit thätig mitgewirkt haben.“— Family Magazine. „— Wir ſchließen, indem wir über Fitz of Fitz⸗ Ford unſern herzlichen Beifall ausſprechen, ſowohl we⸗ gen der geſunden, religioͤſen und moraliſchen Grundſätze, welche ſich in dieſem Romane bei jeder paßlichen Gele⸗ genheit ausſprechen, als wegen ſeiner lebenvollen Cha⸗ rakterſchilderungen und der Einfachheit ſeines Styls. Wir wagen die Behauptung, daß die Treue gegen ſchlichte Wahrheit und Natur die Romane der Mrs. Bray noch lange fortleben laſſen wird, wenn die zahl⸗ 1 reichen Schriften, welche die kleinen Intriguen und Thor⸗ heiten des Tages ſchildern, laͤngſt in Vergeſſenheit ſchlum⸗ mern.“— Gentleman's Magazine. Der Talba von Portugal; oder: Schickſale der Ines de Caſtro. Ein Bild aus der Maurenzeit. Drei Theile. „Mrs. Bray iſt wohl bekannt durch ihre hiſtori⸗ ſchen Romane, und verdient dennoch, es noch mehr zu werden.“— Quarterly Review. „Dieſer neue Roman erhoͤht in der That noch den Ruhm der geſchätzten Schriftſtellerin.“— Literary Gazette. „Es iſt nur Gerechtigkeit, zu geſtehen, daß die Werke unſerer erſten dramatiſchen und epiſchen Dichter ſehr wenige Schoͤnheiten enthalten, mit welchen Mrs. Bray nicht den gluͤcklichſten Wettkampf beſtanden haͤtte.“— Gentleman's Magazine. 6,——, Weißkappen. Die Weißkappen I. Erstes Capitel. Als Ludwig de Male Graf von Flandern war, und Karl der Fuͤnfte, beigenannt der Weiſe, den Thron von Frankreich inne hatte, von welchem der flandriſche Graf ſein Beſitzthum zu Lehen trug, befand das Land Flandern ſich auf der hoͤchſten Stufe des Gluͤckes und des Gedeihens, und mogte, was den Handel anlangte, wohl fuͤr den Stapelplatz der Welt erachtet werden. Seit laͤnger als einem Jahrhundert war die Be⸗ triebſamkeit Flanderns im Steigen geweſen, bis ſie endlich zu demjenigen Hoͤhenpunkte gelangte, auf welchem jegliche Nebenbuhlerſchaft aufhoͤrte, und die Niederlande als der Markt des Welt⸗ 4 handels und als die Niederlage der Reichthuͤmer der Erde angeſehen wurden. Zufolge der unvollkommenen Beſchaffenheit der Schifffahrt damaliger Zeit— der letzteren Haͤlfte des vierzehnten Jahrhunderts— konnte eine Reiſe vom Norden nach dem Mittelmeere nicht waͤhrend Einer Sommerzeit zu Stande ge⸗ bracht werden. Man fand es demnach gerathen, auf halbem Wege zwiſchen den Handelsſtädten des Nordens und denen des Suͤdens etliche c große Stadte als ungeheure Vorrathshaͤuſer an⸗. zuerkennen. Brugges und Gent(beſonders aber erſtere Stadt) wurden zu dieſem Zwecke auser⸗ n ſehen. Und zu einer fuͤr das Gedeihen des Lan⸗ v des ſo gluͤcklichen Wahl muß noch der ungeheure d Zuſammenfluß von Reichthuͤmern gezählt werden, ſi die zu dieſer Zeit ſich durch die Niederlande ſo t umfaſſend und ſo allgemein verbreiteten, daß b ſelbſt den niedrigſten Gliedern der Volksgemeinde n Alles, was Armuth heißt, faſt gänzlich unbekannt war. Die Beduͤrfniſſe der verſchiedenen Han⸗ n del treibenden Staͤdte des Nordens gingen durch die Haͤnde der flandriſchen Kaufherren, innt an⸗ igen 5 und es gab daher in jenen Tagen keinen Han⸗ delsort von einiger Bedeutung, der nicht ſeine beſondere Handelsgeſellſchaft und Niederlage ent⸗ weder in Gent oder in Brugges hatte. Die Kaufherren und vornehmſten Buͤrger der Niederlande lebten mit einem Glanze, der nicht nur mit dem der Fuͤrſten und Edlen von Frankreich wetteiferte, ſondern ſich ihm oft mit Gluͤck gleich ſtellte. Die niederlaͤndiſchen Kir⸗ chen, Kapellen, Stadthaͤuſer und andere oͤffent⸗ liche Gebaͤude waren von der herrlichſten Art. Zu aͤußerer und innerer Ausſchmuͤckung derſelben wurden keine Koſten geſpart, und die Straßen von Gent und Brugges zeigten vielfaltig an den Wohnhaͤuſern der Buͤrger eine Pracht gothi⸗ ſcher Baukunſt, deren Ueberreſte noch gegenwaͤr⸗ tig als Modelle von Schoͤnheit und Eleganz der buͤrgerlichen Bauart jener Zeitperiode angeſehen werden. Gegen den Glanz der Stadt Brugges konnte nichts aufkommen. Die Stadt wies nicht we⸗ niger als zwanzig Palaͤſte, die fuͤr die Conſuln oder Bevollmaͤchtigten der verſchiedenen Handels⸗ 6 länder erbaut worden waren; und die Buͤrger, ſammt deren Weibern und Kindern, pflegten ſo reiche Stoffe, ſo vieles Goldgeſchmeide und ſo viele Juwelen zu tragen, daß man gemein⸗ hin zu ſagen pflegte, ſie behingen ſich mit dem Werthe einer koͤniglichen Morgengabe. Eine wohlbekannte Anecdote beſtätigt zur Ge⸗ nuge dieſe Thatſache; denn ſchon als Johanna von Navarra, die Gemahlin Philipps des Schoͤnen, Brugges beſuchte, wurde ſie durch den Anzug der Damen in dieſer Stadt ſo uͤber⸗ raſcht, daß ſie ausrief:„Ich dachte, ich wuͤrde die einzige Koͤnigin in Brugges ſeynz nun aber ſehe ich, es gibt hier ſo viele Königinnen als Kaufmannsweiber!“ Ungeachtet des vielverzweigten Handels von Flandern ward derſelbe in gewiſſem Maaße durch die Eiferſuͤchteleien und Zaͤnkereien beein⸗ traͤchtigt, die zwiſchen den beiden Nebenbuhler⸗ ſtädten Gent und Brugges obwalteten. Dieſe Staͤdte, mißvergnuͤgt uͤber ihren gegenſeitigen Handelsverkehr, in einem Zuſtande von Wohl⸗ habenheit, deſſen ſich damals keine anderen —„++„„— —r ger, ten und ein⸗ em He⸗ ina des er⸗ rde ber als eſe 7 Staͤdte der Welt erfreuen konnten, waren in fortwaͤhrenden Mißverſtaͤndniſſen gegen einander und trachteten beſtaͤndig, es eine der anderen zuvorzuthun. Durch dergleichen Eiferſuchtelei und durch buͤrgerliche Zwietracht(denn die Flandrer waren vielfaͤltig in Hader mit ihren Oberherren) hatte ihr Reichthum waͤhrend der Lebenszeit des Vaters von Ludwig de Male, des verſtorbenen Grafen, etwas gelitten, bis ihr Handel und Gedeihen unter der weiſen Verwal⸗ tung Jacobs von Artaveld nochmals wieder emporkam. Allein Jacob war jetzt todt, und Ludwig blieb ungeſtoͤrter Beſitzer der Lehen von den Niederlanden. Abermals bluͤhte des Lan⸗ des Handel, und ſeine Buͤrger ſchwelgten im Stolze der Pracht und der unbegränzten Wohl⸗ habenheit. Die ſchoͤne Stadt Gent, die gleichwie Vene⸗ dig wohl eine Stadt der Fluthen genannt wer⸗ den mag, ſtand auf zweiundzwanzig Inſelchen am Zuſammenſtrom der Fluͤſſe Lys, Schelde, Maaß und Lieve, und war zertheilt und durch⸗ ſchnitten von kleineren Canalgewaͤſſern. Die ———————— 8 Straßen waren von ſtattlicher Bauart, und außer den Kirchen durch verſchiedene oͤffentliche Gebaͤude geſchmuͤckt. Das Schloß(in welchem die gute Königin Philippa von England ihren Sohn Johann zur Welt gebracht hatte, der ſei⸗ nen Beinamen von ſeiner Geburtsſtadt herlei⸗ tete) war ein großes und maſſives Gebaͤude aus dem dreizehnten Jahrhunderte. Innerhalb der Stadt ſtand es, geveſtigt durch manches eherne Thor und manchen trotzenden Thurm. Die Wohnhaͤuſer in Gent waren kuͤhn gebauet, und wieſen eben den Styl, der den gothiſchen Jahrhunderten ſo eigenthuͤmlich bleibt, und in welchem Geſchmack und Dauerhaftigkeit ſich ver⸗ einbaren. Das Material dazu beſtand gemeinig⸗ lich aus kleinen Brennſteinen von feinem Korne und von grauer Farbe, die ſo trefflich zuſam⸗ mengefuͤßgt und ſo wohl mit den mancherlei Verzierungen der Gebaͤude in Einklang gebracht waren, daß man kaum die untergeordnete Stein⸗ maſſe darin erkennen konnte. Die Kathedrale von St. Balduin, damals eben erſt vollendet, zeigte ſich in all' der Herr⸗ + 3„ —— und liche hem ren ſei⸗ lei⸗ ude alb hes rm. uet, hen in er⸗ ig⸗ rne m⸗ rlei cht in⸗ als 9 lichkeit, die durch Reichthum und Talent als Opfer dem Aberglauben der romiſchen Kirche je hat dargebracht werden koͤnnen, waͤhrend die Thuͤrme und grauen Mauern von St. Nicolaus noch ehrwuͤrdig aus ihrem Alterthume hervor⸗ blickten. Die Verbindung einer Stadtgaſſe mit der andern wurde durch eine Menge von Zug⸗ bruͤcken, Kaͤhnen und aͤhnlichen kleinen Fahrzeu⸗ gen erleichtert. Die Stadt war in ihrem ganzen weiten Umkreiſe von Mauern umgeben, und dieſe Schutzwehren waren ſo veſt, daß ſelbſt heutiges Tages die Ueberreſte jener Thuͤrme und Mauerwerke dem Beſchauer uneinnehmbar zu ſeyn ſcheinen. Alles war geſchaͤſtig— Alles in Bewegung. Jeglicher Gegenſtand zeugte von der ruͤhrigen Thaͤtigkeit Handel treibenden Wohlſtandes. Hier ſah man Schiffe Wolle von England, oder Nutz⸗ holz von Norwegen her ausladen; dort eine ſpaniſche Gallione, ſo ſchwer beladen, daß ihre Kanonenlage faſt unter Waſſer war, die reiche Weine aus Andaluſien und Goldſtangen und Silberbarren dem Weltmarkte zufuͤhrte. Die 10 luſtigen Wimpel der leichten italieniſchen Felukke flatterten in der Luft, waͤhrend der Pilot am Steuer ſtand und, ſo wie er die verſchiedenen Canaͤle von Gent entlang fuhr, in Erwaͤgung zog, um wie Vieles dieſe Gewaͤſſer wohl geringer ſeyn moͤgten, als die ſeiner Vaterſtadt, die ſich aus dem Schooße des adriatiſchen Meeres erhebt, wo, wenn der Doge ſich mit der Fluth wie mit einer Braut vermaͤhlt, die weißen und marmor⸗ nen Prachtgebaͤude an jenen Canaͤlen hin ſtolz hernieder blicken, als waͤren ſie Palaͤſte fuͤr Neptun und die Seenymphen in deſſen Gefolge aufgerichtet worden. Wenn nun der Venetianer dabei ſein munteres Liedchen traͤgerte, ſchwatzte, lachte und huͤpfte der Franzos auf dem Verdecke ſeines Schiffes, als ob ſein Muth, leicht, auf⸗ brauſend und ſchaͤumend, wie die Weine ſeines Geburtslandes, entweder Ausbruch finden muͤßte, oder, wenn nicht, durch ihn erregte Gaͤhrung berſten wuͤrde. Hier uͤberrechnete der ſchwerfal⸗ lige Hollaͤnder den Werth ſeiner Butter und ſei⸗ nes Kaͤſe und den Unterſchied im Courſe, ob er jetzt zu Gunſten der hollaͤndiſchen Gulden oder e+ 3— 8„ a Y di da th der flaͤmiſchen alten Kronthaler ſtäͤnde. Der Dane ſah ſauertoͤpfiſch aus und trank Brannt⸗ wein, indem er ſeine Vorraͤthe von gedoͤrrten Fiſchen, Fellen und von Pelzwerk loͤſſete; und der Englaͤnder ſchalt die Flamlaͤnder feige Schufte, die nimmer Geiſtes genug habhaft werden koͤnnten, um mit einem anderen Lande als ihrem eigenen zu hadern. In einer der Straßen von Gent, nahe dem Marktplatze, ſtand ein Haus, das in ſeiner Bau⸗ art mehr denn gewoͤhnliche Schönheit zeigte. Man ſtieg zu demſelben eine Stufenreihe hinan, die ſich unter einem gewoͤlbten Portal endigte, das zur Seite zwei Niſchen zeigte„ die mit go⸗ thiſcher Steinbildhauerarbeit reich verziert waren. Ueber der eichenen Thuͤr des Gebäudes ſtand in einer Vertiefung ein Bildniß der Mutter Gottes, aus Holz geſchnitzt, bemalt und vergoldet, das in der einen Hand ein Schiffsmodell hielt. Un⸗ ter dem Marienbilde ſtand zierlich eine aus guͤl⸗ denen Buchſtaben herausgearbeitete Inſchrift in flaͤmiſcher Sprache, folgenden Inhalts: „Herr Simon van Bet, Oberaͤlteſter der 12 höchſtachtbaren Zunft der Goldſchmiede und Buͤrgermeiſter von Gent, ließ mich fertigen, zu Ehren unſerer hochgelobten Lieben Frauen, zum Gedächtniß ihres ſegnenden Geleits ſeines guten Schiffes der Baſilisk, als daſſelbe mit Goldſtangen beladen und in großer Waſſers⸗ noth war; fuͤr welchen Gnadendienſt ich nur eines von den dreihundert Mutter⸗Gottes⸗ Bildern bin, die der ehrbare Herr Simon fertigen ließ, und von denen das aus maſſi⸗ vem Golde in der Kirche zur Heiligen Jung⸗ frauen dieſer Stadt aufgeſtellt ſteht.“ Das Haus dieſes„achtbaren Herrn Simon van Bet“ ſtand gegen uͤber einem jener durch— ſichtig klaren Canaͤle, die ſich durch die Stadt wanden— und hinter dieſem Canale erhoben ſich Gegenſtände, die zwar eben nicht maleriſch genug waren, als daß ein Zeichner nach ihnen haͤtte Verlangen getragen, die jedoch den anmu⸗ thigſten Anblick gewaͤhrten, den die Augen eines Goldſchmiedes ſich wuͤnſchen koͤnnten— das Amt⸗ haus, das Waarenlager und die Werkſtaͤtten ſei⸗ nes Gewerbes naͤmlich. Herr Simon wuͤrde — — hoͤchſt wahrſcheinlich dieſe Gegenſtande nicht ge⸗ gen die ſchoͤnſten in der Natur ausgetauſcht ha⸗ ben, und muthmaßlich iſt es, daß der Anblick des hohen Thurmes der Kirche zur Heiligen Jungfrau, den man uͤber die ſchraͤgen Daͤcher im Hintergrunde hervorragen ſah, ihm zuerſt den Gedanken an die fromme Kirchengabe er⸗ weckte, deren Geſchichte uͤber der Thuͤr ſeines Hauſes geſchrieben ſtand; eine Gabe, die er dar⸗ brachte, um dem Geluͤbde treu zu bleiben, das er geleiſtet hatte, als er uͤber die Sicherheit ſei⸗ nes Baſilisken in einige Beſorgniß verſetzt wor⸗ den war, indem er die Ladung jenes Schiffes gern niedergelegt gewußt hätte in den heiligen Schooß ſeines eigenen Waarenlagers, fern von den Gefahren derjenigen Gewaͤſſer, die gleich Verſchwendern und Praſſern, wie ſie ſind, ſich aus einer Schiffsladung Gold nicht mehr machen, als aus einem Haufen Ballaſt. Es war gegen das Ende eines Herbſttages, als die Arbeiter der verſchiedenen Gewerbe zu Gent ſich ſchon in ihre Wohnungen zuruckgezo⸗ gen hatten, und Alles ſich allmaͤlig in Schwei⸗ 14 gen und Ruhe verſenkte, wo die große Stadt⸗ glocke das Zeichen gab, daß alle Diejenigen, die Verlangen truͤgen, die Nacht innerhalb der Stadt zuzubringen, eilen moͤgten, die Mauern derſel⸗ ben zu erreichen, bevor die Thore geſchloſſen wuͤrden. Der Abend war mild und ſchoͤn; die Canaͤle, die nicht mehr durch das geſchaͤftige Hin⸗ und Herfahren der Laſtſchiffe(die während des Tages entweder ihre Vorraͤthe auf den Ka⸗ jen oder an den Waſſerdaͤmmen ausgeladen hat⸗ ten, oder beladen die Schelde hinabgefahren waren) beunruhigt wurden, blickten ſtill und klar, und ſpiegelten auf ihrer glatten Oberflaͤche manches gothiſche Gebaͤude zuruͤck, zuſammt den geſchnitzten Verzierungen und den ſchlanken Thuͤrmen der umherliegenden Kirchen und Kloͤſter. Um die genannte Zeit erblickte man ein Boot, in welchem außer dem Ruderer nur Ein Mann war, das ſanft einen jener Canaͤle herab glitt und den Stufen zuſteuerte, die der Wohnung des Herrn Simon van Bet gegenuͤber einen Lan⸗ dungsplatz abgaben. Der Paſſagier entließ das Boot, als er demſelben entſtiegen war, und — c——— t N W M —— 8 NN 5 —— MN 15 ſchritt langſam die Stufen hinan in die Gaſſe, in welcher er eine Zeit lang auf und ab wan⸗ delte. Er ſchien ein Mann von etwa funfzig Jahren und beſonderen Anſehens zu ſeyn, und ſeine Geſichtszuͤge ließen etwas Gedankenvolles und Bekuͤmmertes blicken. Seine Kleidung deu⸗ tete eher auf den Mann von Vermoͤgen, als von Ueberfluſſe; ſie war gut, anſtaͤndig, aber nicht prunkend. Er war in einem Anzuge von ſchwar⸗ zem Sammet. Der Mantel, der ihm eng an den Hals anſchloß und zwei ungeheure Aermel hatte, durch welche die Arme bis an den Eln⸗ bogen ſteckten(waͤhrend die Vorderaͤrmel faſt bis an den Boden herabhingen), war mit Schar⸗ lachbrokat beſetzt und mit Pelzwerk verbraͤmt. Das Wams oder Unterkleid war ſchlicht von ſchwarzem Sammet, und die Beuteltaſche, die zugleich als Geldboͤrſe diente, hing ihm auf der rechten Seite an einem einfachen Lederguͤrtel, der von einer guͤldenen Spange zuſammengehal⸗ ten ward. Auf ſeinem Kopfe trug er ein Ba⸗ rett, ebenfalls von ſchwarzem Sammet, und um ſeinen Nacken ſchlang ſich ein purpurnes 16 Band, an welches ein kleines goldenes Kreuz beveſtigt worden war. Sein Antlitz war bleich und ſeine Stirn, die uͤber einem Paar ſcharfblickender grauer Augen hoch hervorragte, wies einige Runzeln, die ihre gewohnte Heimat daſelbſt aufgeſchlagen zu haben ſchienen. Der Mund war groß und auffallend, um ſo mehr, da der Mann den Bart nur um den untern Theil des Kinnes und Ge⸗ ſichtes, gleichſam als eine Einfaſſung trug. Endlich ſtieg er die Stufen hinan, die zu Herrn Simon van Bet's Hauſe geleiteten. Mit ſeinem ebenholznen Stabe pochte er an die Pforte, und das Portal ward ihm von einem Knaben geoͤff⸗ net, der ſeiner vielfarbigen Kleidung, ſeinem lichten Haar und ſeiner weißen Geſichtsfarbe, auch ſeinem traͤgen Blicke und ſeiner offenbaren Unluſt zu irgend einer Regſamkeit nach zu ur⸗ theilen, ein flaͤmiſcher Diener von aͤchter Zucht war. Als der Klopfende die Frage abgegeben hatte, ob Herr Simon bereits nach Hauſe gekommen waͤre, ward ihm eine bejahende Antwort in den uz n, ter n, nd rt je⸗ 17 mit plumper Gleichguͤltigkeit hervorgeſtoßenen Worten:„Ja, myn Heer.“„So ſage ihm,“ fuhr der Mann in der Sammetkleidung fort, „daß Jan Lyon hier draußen ſtehe und mit ihm zu reden wuͤnſche.“ Der Diener brummte ein zweites„Ja, myn Heer,“ und ſchlich, um die Botſchaft auszurichten, ſo langſam fort, als ob er Kloͤtze an beiden Beinen haͤtte; und waͤhrend er hinſchlendert, um ſeinem Gebieter die Anwe⸗ ſenheit Jan Lyon's zu melden, den er auf der Vorflur hatte warten laſſen(denn es hielt gar ſchwer, bei dem achtbaren Herrn Simon vorge⸗ laſſen zu werden, der einer der Buͤrgermeiſter der Stadt war), wollen wir die Gelegenheit wahrnehmen, unſere Leſer mit dem Oberaͤlteſten des Goldſchmiedsamtes von Gent bekannt zu machen. Herr Simon van Bet war ein kleiner, dicker, ſchwerfaͤlliger Mann, deſſen ganze Perſon weder Winkel noch gerade Linie an ſich wahrnehmen ließ. Es war in der That ſolche Fuͤlle von Rundung an ihm, daß wir im ganzen Bezirk unſeres Gehirns keine andere ſchickliche Verglei⸗ Die Weißkappen J. 2 18 chung fur ihn finden koͤnnen, als daß wir ſagen, er glich einer jener Gebinde oder Viertelstonnen, in denen die Kaufherren von Amſterdam ihre Butter zu verſenden pflegen. Sein Geſicht war breit und roͤthlich, und zeigke zwei kleine helle Augen, die aus ihren Fettgruben heraus zwin⸗ kerten, wie die duͤnnen Dochte aus zweien von jenen ungeheuern Lichtern, die man als Weihzierde auf den Altaͤren katholiſcher Heili⸗ gen ſieht. Dabei ließ der kleine, faſt kugelrunde Gold⸗ ſchmied in Perſon und Weſen einen completen Geldſtolz blicken. Er ſchritt einher wie ein Mann, der das Seinige vor ſich gebracht hat, mit einem gewiſſen Strotzen, als truͤgen ſeine Beine eine Laſt von nicht geringer Erheblichkeit. Seine Schuhe knarrten und ſein Mantel rauſchte. Sel⸗ ten pflegte er vor irgend einem Menſchen das Barett zu ziehen, dabei ſprach er laut, und gab ſeine Meynungen im Bejahungstone ab, als waͤren ſie Orakel, gegen die keine Widerrede vor⸗ zubringen iſt. An der Handelsboͤrſe zu Gent ſah man ihn als einen Mann umhergehen, von — c„ n, hre ar lle in⸗ ien als d⸗ ten nn, em ine ine el⸗ das gab als oor⸗ jent von 19 deſſen Laͤcheln oder Murrblick das Schickſal der⸗ ſelben abhangen muͤßte; und wenn er einem an⸗ gehenden Haͤndler Credit verweigerte, ſo war das zuverlaͤſſig ein Signal, daß derſelbe, kauf⸗ maͤnniſcher Weiſe zu reden, kein guter Mann, oder kein Mann von Vermoͤgen ſey. Als Buͤrgermeiſter haͤtte Niemand ſich wich⸗ tiger machen koͤnnen. Nicht Solon, nicht Ly⸗ kurg haͤtten ſtrenger auf Beobachtung der von ihnen angeordneten Geſetze halten koͤnnen, als Herr Simon van Bet es that, wenn er im hochlehnigen Eichenholzſeſſel auf dem Rathhauſe zu Gent ſaß, wobei er die kurzen Beine bau⸗ meln ließ, weil ſie den Fußſchemel nicht errei— chen konnten, waͤhrend ihm zur Rechten ein Ge⸗ ſchworner mit einer ſilbernen Keule, zur Linken der Viertelsmeiſter mit den Stadtſchluͤſſeln, Platz genommen hatten. Herr Simon war ein gewaltiger Eiferer fuͤr die Gerechtſame ſeiner Geburtsſtadt, und jeglicher Vorſchlag in Geſtalt einer Neuerung, Umſchmel⸗ zung oder Verwandlung konnte ſicher ſeyn, ſei⸗ nen entſchiedenen Widerſpruch zu erfahren; es mogte derſelbe denn zuvor privatim ſeine Zuſtim⸗ mung ſich zu verſchaffen gewußt haben. Bei alledem litt der kleine Goldſchmied kei⸗ nen Mangel an Gutherzigkeit; denn in der. That mogte er lieber ein großer Mann ſcheinen, als wirklich einer ſeyn. Mit ſeinem Amtsrocke zog er gemeiniglich ſeine Wuͤrde an und legte ſie auch mit demſelben ab; und oft machte er es ſich ſelbſt unbequem, indem er ſich muͤhete, das An⸗ ſehen ſeines Amtes zu behaupten, daler doch lie⸗ ber den oͤffentlichen Prunk gegen ein behagliches Plaͤtzchen hinter dem Ofen und gegen die unge⸗ zwungene Genoſſenſchaft eines Freundeskreiſes bei einem Humpen Wein vertauſcht hätte. In der That konnte Herr Simon mit einem Manne verglichen werden, der ſich gewoͤhnt, die Straßen auf den Zehen blos deshalb entlang zu gehen, daß er laͤnger ausſehen moͤgte, als er iſt, der ſich jedoch darnach ſehnt, auf Sohle und Ferſe zu treten, wobei er freilich kleiner erſcheint, aber doch, gleichſam in der Behaglichkeit des Zuhauſe⸗ ſeyns, nach ſeinem Belieben einherſchreiten kann. So groß er nun auch war, ſo konnte er doch ——„8 ei⸗ at s me ßen en, der erſe ber uſe⸗ nn. — kein Machthaber genannt werden; denn es gab Leute(mindeſtens Einen Menſchen) auf der Welt, die den Buͤrgermeiſter eben ſo in der Scheide hielten, wie es Leute gab, die vor dem Buͤrger⸗ meiſter ſich nicht aufducken durften. Herr Simon van Bet war an dieſem Abend angethan mit einem reichen Gewande aus kar⸗ moſinfarbenem Sammet, das mit Rauchwerk ver⸗ bramt war. Seine runde Kappe hatte vorn eine Agraffe von Edelſteinen zum Schmuck. Dieſe Kappe hing, wenn ſie nicht auf ſeinen Kopf ge⸗ ſtulpt war, an einem langen Bande uͤber die Schulter hinab und war ebenfalls verbraͤmt. Die Schnalle, die ſeinen Mantel zuſammenhielt, war gleichfalls mit Edelſteinen beſetzt, und eine ſchwer⸗ guldene Kette, von der feinſten Antorfer Gold⸗ ſchmiedarbeit, hing um ſeinen Nacken. Seine Buͤgeltaſche und ſein langer Dolch hingen an einem mit Gold und Juwelen verzierten Guͤrtel; und obgleich der lange Dolch ihm bisweilen un⸗ bequem ward, weil er oft zwiſchen des Maͤnn⸗ chens kurze Beine gerieth, ſo daß der Buͤrger⸗ meiſter ſchier das Gleichgewicht hätte verlieren 22 moͤgen, ſo vergaß Herr Simon doch, da er Rit⸗ ter war, nimmer, durch dieſen Waffenſchmuck anzudeuten, zu welchem Stande er gehoͤrte. Das Gemach, in welchem er ſaß, war nie⸗ drig bedacht, doch geraumig; die Flur darin, aus Eichendielen gefuͤgt, wies ſich ſo blank ge⸗ bohnt oder polirt, daß ſie als Spiegel haͤtte dienen köͤnnen. Inmitten des Gemachs lag ein Stuͤck perſiſchen Teppichs ausgebreitet; denn ſelbſt ſchon zu jener Zeit fanden die Annehmlichkeiten und Seltenheiten morgenlaͤndiſcher Nation ihren Weg zu den ſchwerreichen Haͤndlern der Nieder⸗ lande. Ein wollenes, kuͤnſtlich durchwirktes und in Brugges gefertigtes Tuch von den lichteſten Farben bedeckte einen Tiſch und hing um denſel⸗ ben herum bis zum Boden. Die Stuͤhle und Seſſel waren aus geſchnitztem Ebenholze, zum Theil mit Elfenbein ausgelegt und trugen Sam⸗ metkiſſen mit Goldfranzen beſetzt. Ein Schenk⸗ tiſch ſtand am untern Ende des Gemaches, den Fenſtern gegenuͤber und war mit Gefaͤßen aus getriebenem Golde und Silber von der feinſten Gewerksarbeit angefuͤllt. e 8 23 Der Kamin, welcher groß genug war, meh⸗ rere Perſonen an ſeinen Seitenwaͤnden Platz fin⸗ den zu laſſen, war ganz und gar mit kleinen Ziegeln aus Töpferthon uͤberlegt, die allerlei Bilder und Inſchriften zeigten, welche groͤßten⸗ theils aus der heiligen Schrift entlehnt waren. Die Klammern, die zur Haltbarkeit und Ver⸗ zierung dienten, waren von Silber und liefen in einen Schild aus, der als Krone der Aus⸗ ſchmuͤckung das Wappen von Gent zeigte. Das Gemach war mit Tapetenwerk aus den beruͤhm⸗ ten Fabriken von Brugges behangen; dieß zeigte mehrere bibliſche Geſchichten in Abbildungen, un⸗ ter denen ſich vorzuͤglich die Geſchichte vom ver⸗ lorenen Sohne auszeichnete, der als hollaͤndiſcher Schiffer hoͤchſt zerlumpt gekleidet und dabei uͤber die Maaßen plump geformt zu ſehen war, wie er in Begleitung von einem Paar Ferkeln ſeinem hocherfreuten Vater zueilt. Der Vater, als Buͤrgermeiſter gekleidet, erſchien in dem Mo⸗ ment, wo er die Zurichtung des gemaſteten Kal⸗ bes befiehlt, womit er den Sohn innerhalb der Kuͤche einer flamlaͤndiſchen Herberge bewirthen 24 will, in der ſich alle Bequemlichkeit an Flaſchen, Glaͤſern, Kannen, metallenen Pfannen und zin⸗ nernen Plattſchuͤſſeln vorfand; die Freude des Himmels aber uͤber den bußfertigen Suͤnder war bildlicher Weiſe durch zwei kugelleibige Engel in flämiſchem Coſtum angedeutet, die auf der Stock⸗ fiedel und der Baßgeige ſpielten. Die Feuerſtaͤtte(ein Luxusgegenſtand, den Herr Simon durch ſeinen Reichthum ſtatt der in ſeinem Vaterlande uͤblichen Kacheloͤfen vorzugs⸗ weiſe eingefuͤhrt hatte) war noch mit einem Eichenbort verziert, auf welchem etliche von jenen aus Holz geſchnitzten Figuren ſtanden, die da⸗ mals, wie noch heut zu Tage, im Innern von Deutſchland gefertigt wurden, und in England gemeiniglich unter dem Namen„hollaͤndiſche Schnurrpfeifereien“ bekannt ſind. Die, welche den Bort des Goldſchmiedes ſchmuͤckten, waren theils frommer, theils merkantiliſcher Bedeutung. Heilige, Martyrer, Kaufleute, mit den Werk⸗ zeugen ihrer Martern oder den Sinnbildern ihres Gewerbes in der Hand; ſtanden ohne weitere Unterſcheidung neben einander, waͤhrend hie und ——„— 3„ 3„1 25 da ſich eine chineſiſche oder indiſche Figur als Pagode oder als Bild einer Hindugottheit da⸗ zwiſchen gefunden hatte. Ein dem Kamine ge⸗ genuberhangender venetianiſcher Spiegel erhoͤhte durch ſeinen Widerſchein die Verwirrung dieſer unter einander unvertraglichen Gegenſtaͤnde. Die ſchoͤnſte aber und auch die koſtbarſte Zierde des Gemaches war ein ſchoͤnes, ſeinem Inhalte nach ebenfalls aus der heiligen Schrift entlehntes Gemaͤlde von jenem großen, doch jetzt wenig bekannten Kuͤnſtler Jan Hemling, der nicht viele Jahre nach jener Periode ſeine Tage in Armuth im St. Johannisſpital zu Brugges endete. Eben zu jener Zeit hatten die Kuͤnſte angefangen, in Flandern zu bluͤhen; und was Nettigkeit des Colorits, Reichthum, feine Aus⸗ fuͤhrung und getreue Abbildung der Natur, ſo wie ſie dem Juͤnſtler vor Augen war(doch ohne daß derſelbe ihr aus eigener Idee Anmuth ver⸗ lieh), anlangt, ſo ſind die Arbeiten Jan Hem⸗ lings von keinem Meiſter, ſelbſt nicht in den Tagen des Papſtes Leo X., uͤbertroffen worden. Und um die Wahrheit dieſer Behauptung zu be⸗ 26 weiſen, moͤgten wir wuͤnſchen, daß alle unſere Leſer, die eine Reiſe nach Flandern machen, das St. Johannisſpital in Brugges beſuchen, wo ſie das Staunen erregende Erzeugniß ſeines Pinſels, die Enthauptung Johannis des Fi in Augenſchein nehmen koͤnnen. Kehren wir zu unſerer Erzaͤhlung zuruͤck! Herr Simon ſaß an dem Tiſche in dem eben beſchriebenen Gemache, beſchaͤftigt nach ſeiner Wiederkehr in ſein Haus eine Erfriſchung zu ſich zu nehmen, und waͤhrend er ſich ein Stuͤck von dem vor ihn hingeſtellten Capaun bediente und ſich einen Becher Wein einſchenkte, ſchienen ſeine Blicke ſich an dem reich ausgetriebenen Silber⸗ geraͤth auf der Tafel mit allem kritiſchen Scharf⸗ ſinn eines Goldſchmiedes zu weiden. Kaum hatte er den erſten Becher Wein geleert, ſo oͤffnete der Diener die Thuͤr und meldete die Ankunft des Herrn Jan Lyon. „Was,“ rief Herr Simon aus,„mein wer⸗ ther guter Freund, Jan Lyon, der Zunftmeiſter der Steuerleute! Warum laͤſſeſt Du ihn warten? Warum brachteſt Du ihn nicht gleich hieher?“ re as ſie 8, in 27 In dem gutherzigen Gefuͤhle, das durch die Meldung der Ankunft ſeines Freundes in ihm rege gemacht worden war, vergaß Herr Simon vielleicht ſeinen ausdruͤcklichen Befehl, keinen Menſchen eher vorzulaſſen, als nachdem derſelbe zuvor geziemend angemeldet worden waͤre. Der Diener, der ſowohl ſeine Pflicht, wie die Wuͤrde ſeines Gebieters kannte, antwortete nicht auf jene Fragen, ſondern eilte, den Zunft⸗ aͤlteſten der Steuerleute in das Zimmer zu fuͤh⸗ ren. Herr Simon blieb ſitzen, bis Herr Jan Lyon ſich auf einen der ſchweren Ebenholzſtuͤhle niedergelaſſen hatte, der mit einiger Muͤhe von dem Diener aus einer Ecke des Gemaches her⸗ geholt und dem Seſſel des Herrn Buͤrgermeiſters gegenuͤber hingeſtellt ward. Der Diener zog ſich alsdann zuruͤck, und ſobald die Thuͤr geſchloſſen war, und keine dritte Perſon Zeuge von ſeiner Herablaſſung ſeyn konnte, ſtand Herr Simon auf und ließ, vorwaͤrtsſchreitend, ſich von ſeinen kleinen runden Beinen hurtig zu Jan Lyon hin⸗ tragen, den er mit einem herzlichen Haͤndedrucke begruͤßte. — „Wie geht's, Zunftmeiſter?“ ſprach Herr Simon;„ſehr erfreut, Euch zu ſehen— hab' Euch nicht geſchaut, ſeit ich Gent verließ— bin ſo eben heimgekommen— viel Neues auf dem Wuͤrfel? Wie geht's?— erfreut, Euch zu ſe⸗ hen— nehmt einen Becher Wein— und wie geht's jetzt dem huͤbſchen Annchen, Eurem holden Toͤchterlein?“ Herr Simon hielt hier mit ſeiner Rede inne, als ob es ihm ploͤtzlich einfiele, daß er ſich allzu vertraulichem Benehmen hingab, nicht in Hin⸗ ſicht auf ſeinen Freund, ſondern in Betracht deſſen, wie er ſich als Stadtvorſtand eigentlich zu benehmen haben ſollte. Mit etwas gravitäti⸗ ſcherer Miene ſetzte er deshalb hinzu: „Wir haben etwas Wichtiges vor der Hand, lieber Jan Lyon, welches wir, die wir Buͤrger⸗ meiſter dieſer guten Stadt ſind, auf dem Rath⸗ hauſe zu verhandeln haben, wo Zeit, Ort und Umſtaͤnde der Wichtigkeit unſerer Perſonen und der Ehre, die den Gliedern des Magiſtrats ge⸗ buͤhrt, anpaſſender ſind.“ Jan Lyon antwortete nicht auf dieſe Rede, ℳ —— 29 die zur Abſicht hatte, eine erbauliche Einleitung zu irgend einer Mittheilung abzugeben, welche Herr Simon in Beziehung auf die Angelegen⸗ heiten der Stadt zu machen, Verlangen trug. Allein Jan fragte nicht weiter nach, ſondern ant⸗ wortete nur ſo obenhin, wie Leute zu thun pfle⸗ gen, wenn ſie fuͤhlen, daß ſie etwas auf eine Anrede entgegnen muͤſſen, die ihnen voͤllig gleich— guͤltig war. Herr Simon ward daruͤber ein wenig aͤrger⸗ lich und ſteckte ſeine Hand in ſeine Buͤgeltaſche, in welcher er mit den alten Kronthalern klap⸗ perte, deren er reichlich beſaß, und was in Au⸗ genblicken beſonderer Wuͤrdeanmaaßung ſo ſeine Gewohnheit war. Er ſchickte ſich zu einer noch hoͤher klingenden Rede an, als ſeine Augen, die von Selbſtgefuhl blinzelten, auf den Zunftmeiſter blickten und mit ſolcher Betroffenheit uͤber das Niedergeſchlagene in Jans Geſichtszugen ſich wie⸗ der abwendeten, daß ihr Beſitzer alle ſeine Rit⸗ ter⸗ und Oberalteſten⸗ und Buͤrgermeiſter⸗Wuͤrde vergaß, und zu einem innigen Mitgefuhle fur ſeinen alten Freund uͤberging. 30 „Wie?“ rief er unverzuglich aus:„Wie, Jan Lyon? Mann, was heißt das? Du ſiehſt ja ſo truͤb und troſtlos aus, als ob ein Schick⸗ ſal Dich befallen haͤtte. Ich hoffe, der huͤbſchen Jungfrau Anna iſt wohl; hoffe, daß ihre ſonſtige Schwermuth gaͤnzlich von ihr wich.“ „Ihr iſt wohl,“ verſetzte Jan Lyon. „Nun, was fehlt Dir denn, Mann?“ ſprach Herr Simon.„Warum ſeht Ihr aus, als ob die Schelde verrammelt waͤre, und als ob alle Steuerleute umhertrieben und ſonder Ruder ſchif⸗ fen muͤßten?“ „So ſteht's auch mit ihnen, wenigſtens in ſo fern es mich angeht,“ erwiderte der Zunftmeiſter; „und Eure Worte ſind nur allzu wahr. Fuͤr uns mindeſtens iſt die Schelde verrammelt. Ich bin,“ fuhr Jan Lyon mit Nachdruck fort, indem er ſich vom Stuhl erhob und das Gemach durchſchritt, „ich bin ein zu Grund gerichteter Mann.“ „Zu Grund gerichtet?“ rief Herr Simon; „Ihr, Jan Lyon, ein zu Grund gerichteter Mann? Ei, das iſt unbegreiflich; Ihr koͤnnt ſo Etwas nicht wirklich meynen.“ „—— — „Es iſt nur allzu wahr,“ antwortete Jan, „und um es Euch zu ſagen, ſuchte ich Euch auf.“ „So wollte ich lieber, Ihr hättet's mir nicht geſagt,“ ſprach der gutherzige Buͤrgermeiſter mit einem Ausdrucke unerheuchelter Theilnahme; „denn von dem Untergange meiner Freunde zu hoͤren, Zunftmeiſter, iſt die letzte Kunde, die mir Vergnuͤgen gewaͤhren kann. Da ich denn aber nunmehr das Aergſte weiß, ſo ſagt mir nur Al⸗ les heraus. Ich hoffe, die Sache ſteht nicht ſo ſchlimm, daß ihr nicht abzuhelfen waͤre. Ihr ein zu Grunde gerichteter Mann! und ſeyd doch Zunftmeiſter der Steuerleute, und ſteht hoch in Gunſt bei dem Grafen von Flandern, ſeyd ſein vertrauteſter Rathgeber und Freund!“ „Das Alles, was Ihr da hernennt, bin ich geweſen; aber ich bin es nicht mehr,“ verſetzte Jan. „Wie!“ rief abermals Herr Simon mit dem groͤßten Erſtaunen,„Ihr nicht Zunſftmeiſter der Steuerleute? Nicht des Grafen Guͤnſtling? Was, im Namen aller Heiligen, ſoll das ſcher Schurke, der mir in der Sache mit den 32 heißen? Ich werde immer irrer an Euch. Sagt an, was hat ſich in Gent zugetragen, ſeitdem ich abweſend in Amſterdam war? Erſt heut bin ich nach Hauſe zuruͤckgekehrt; ich weiß nichts von Allem. Aber ſo iſt's immer; kaum wende ich der Stadt den Ruͤcken, gleich iſt eine Veraͤnde⸗ rung, eine Verkehrtheit, ein Elend bei der Hand! Die Sachen gehen nimmer ihren guten Gang, ſobald ich nicht da bin. Fuͤrwahr, eine Stadt ohne ihr Haupt, oder ihren Oberherrſcher, iſt wie eine Kette, in der ein Glied zerbrach, ſie wird ſchier untauglich, faͤllt zu Boden und geht verloren oder wird unnuͤtz, und wenn ſie auch vom lauterſten Golde waͤre.“ „Sehr wahr, hochachtbarſter Herr,“ verſetzte Jan Lyon,„dennoch ſehe ich nicht ein, wie Euer Hierſeyn das haͤtte verhindern moͤgen, was mir begegnen mußte. Ich bin zu Grund gerich⸗ tet durch die Raͤnke jenes verfluchten Gilbert Mattheus.“ „Kenn' ihn, kenne den Schuft,“ ſagte Herr Simon van Bet,„iſt ein liſtiger, achſeltraͤgeri⸗ „„„— —„—„— 33 Goldſtangen und Dukaten ein Schnippchen ſchlug. Ohne ſeine Hinterliſt haͤtte man ſie von dem Commandeur von San Jago um zehn Kronthaler Procent billiger haben koͤnnen. Wie kann denn aber Gilbert Mattheus mit ſeiner geſammten Sippſchaft Euch ſchaͤdlich worden ſeyn?“ „Ich will's Euch ſagen,“ antwortete Jan Lyon,„denn ich kam nicht blos hieher, Euch meine Schmach zu erzaͤhlen, ſondern Raths mit Euch uͤber Gegenſtande zu pflegen, die uns Alle angehen. Unſere Stadtrechte werden uͤberfallen, erſchuͤttert, gefaͤhrdet.“ „Was?“ rief der kleine Buͤrgermeiſter, indem er von ſeinem Sitze auffuhr;„Ihr ſagt das mir, und ſagt es waͤhrend ich mein Amt habe in dieſer guten Stadt Gent? Nichts da! nicht ein einziges Stadtrecht ſoll angetaſtet werden, oder Wehe uͤber den Neuerer! Der ganzen Stadt Gent werd' ich zeigen, ja, der ganzen Welt werd' ich zeigen, wer und was ich bin.“ Herr Simon erhob ſein Haupt bei dieſen Worten, und drohte mit der rechten Hand, und „„ 3 3 Die Weißkappen I. —— ſchien, wenigſtens ſeiner eigenen Meynung nach, um etliche Zolle laͤnger zu ſeyn, als er wirklich war. Die Freiheiten der Stadt Gent mogten in dieſem Augenblicke vielleicht ſeine Gedanken nicht ſo ſehr ſchwellen, als das Gefuͤhl ſeiner eige⸗ nen Bedeutendheit; und obwohl er vor Kurzem noch das lebhafteſte Verlangen getragen hatte, zu erfahren, welches Mißgeſchick denn eigentlich ſeinem Freunde uͤberkommen war, ſo brannte er doch jetzt zunachſt, zu vernehmen, was fuͤr Neue⸗ rungen man vorhätte, die zu hintertreiben ſein perſoͤnlicher Einfluß in Anſpruch zu nehmen ſey. Jan Lyon, der durch und durch den Charakter des Goldſchmiedes kannte, gewahrte, daß er den Funken gezuͤndet hatte, der hoͤchſt wahrſcheinlich zur Flamme ausbrechen wuͤrde; und da er ent⸗ ſchloſſen war, gehoͤrt ſeyn zu wollen, unterbrach er etwas ſonder alle Umſtaͤnde ſeinen Freund in der Mitte von deſſen Rede uͤber den Werth der generellen, perſonellen und individuellen Freiheit, und bat ihn, ſich ruhig wieder hinzuſetzen, indem er nicht lange bei ihm verweilen koͤnnte. Herr Simon fuͤgte ſich, und Jan Lyon be⸗ er ſe te ur bi m die lic jed 35 gann nochmals.„Ich muß kurz ſeyn,“ ſprach er;„doch zuvor verſichert die Thuͤren, wir muͤſ⸗ ſen keine Lauſcher haben.“ „Lauſcher in meinem Hauſe?“ rief Herr Si⸗ mon;„nichts da! das Dienſtvolk darf nicht wei⸗ ter als bis an die Schwelle dieſes Gemaches, und das nur gerufen kommen, ſobald ich daheim bin. Sprecht ſonder Scheu, Zunftmeiſter; das heißt Zunftmeiſter, der Ihr geweſen ſeyd, denn mich duͤnkt, Ihr ſagtet, Ihr waͤret es nicht mehr; ja, ja, das war der Inhalt Eurer Rede.“ „Er war's,“ entgegnete Jan Lyon,„und ich muß die Sache dadurch in's Licht ſetzen, daß ich Euch erzaͤhle, wie ich meines Amtes entſetzt ward. Seit laͤngerer Zeit hat, wie Ihr wißt, eine verjaͤhrte Feindſchaft zwiſchen meiner Fami⸗ lie und der der Mattheus obgewaltet. Ich aber habe darnach getrachtet, mit ihnen in Frieden zu leben, bis Gilbert, vor etwa zwei Jahren, meine Tochter Anna zur Ehe begehrte, um dadurch die Zwietracht zwiſchen unſeren Familien zu fried⸗ lichem Ende zu bringen. Deß weigerte ich mich jedoch entſchieden, und zwar zu großem Herzens⸗ 3* troſt meiner Dirne, die den Gilbert nimmer lei⸗ den konnte. Solche Weigerung aber fachte die Gluth des alten Haſſes von neuem an, ſo daß von der Stunde an bis heute der Gilbert ge⸗ ſucht hat, mich allewege zu belaͤſtigen, und mich in der Gunſt bei'm Grafen zu ſchaͤdigen. Nun blies der Teufel, der nimmer ruht, ſondern um⸗ her ſchleicht, zu ſehen, wo er Unheil ſtiften koͤnne, es dem Gilbert Mattheus ein, dem Grafen von Flandern, zur Vermehrung der Einkuͤnfte deſſel⸗ ben, zu vermoͤgen, eine Abgabe auf die Schelde⸗ und Lys⸗Schifffahrt zu legen, und mich zum Werkzeug zu machen, dieſelbe als Zunftmeiſter der Steuerleute einzutreiben. Ich wußte, wie ſchwer dieſe Abgabe auf unſerer Schifffahrt laſten wuͤrde, und widerſetzte mich der Verordnung. Was that nun Gilbert? Mindeſtens uͤberredete er doch den Brafen, darauf zu beſtehen, daß ich wenigſtens den Verſuch in der Sache machen ſollte. Es hatte eine Zeit gegeben, wo der Graf ſolches mir nimmer zugemuthet haben wuͤrde, jedoch waren ſeit einiger Zeit etliche kleine Miß⸗ helligkeiten zwiſchen dem Herrn und mir vorge⸗ 38 ei⸗ el⸗ de⸗ m ter vie ten g. ete en raf de, iß⸗ ge⸗ 37 fallen, ſo daß mein Einfluß bei ihm ſich etwas verringert haben mogte.“ „Wirklich?“ ſagte Herr Simon,„und was fuͤr Mißhelligkeiten waren das? Meyn' ich doch, Scharfſinn genug zu haben, Meiſter Jan, dieſelben zu errathen. Doch will ich noch nichts weiter daruͤber ſagen, will abwarten, was Ihr mir fer⸗ ner mitzutheilen habt. Waͤre ich daheim in Gent geweſen, nimmer wuͤrde es Gilbert Mattheus gewagt haben, eine ſolche Abgabe ohne Zuſtim⸗ mung des Oberaͤlteſten und Buͤrgermeiſters die⸗ ſer Stadt in Vorſchlag zu bringen.“ „Ihr vergeßt,“ ſagte Jan Lyon,„wie ich Euch erzählte, daß er bei dem Grafen Unter⸗ ſtutzung in ſeinen Maaßregeln fand, und daß er ſelbſt mit ſeinen ſieben Bruͤdern, die Alle wohl⸗ habende Steuerleute ſind, leicht die Aermeren und Niederern vom Schifferſtande ubermeiſtern konnte. Ich ward endlich gezwungen, bei der Verſammlung unſerer Steuerleute die Abgabe in Vorſchlag zu bringen, worauf Gilbert Mattheus durch ſeine Raͤnke es dahin zu drehen wußte, daß jene ſeine Bruͤder und die Genoſſenſchaft 38 der Steuerleute einſtimmig ſich weigerten, auf eine Maaßregel einzugehen, die doch er ſelbſt zuerſt bei dem Grafen in Anregung gebracht hatte.“ „Das ſieht ihm ganz gleich, dieſem Gilbert!“ rief Herr Simon,„immer zweizuͤngig, immer ſich drehend und ſich wendend und immer mit doppeltem Geſichte, gleich den Antorfer Juden, die gemeinem Metalle die Farbe des Goldes zu verleihen wiſſen.“ „Nach jener Sitzung berichtete ich dem Gra⸗ fen die Weigerung der Steuerleute, ſich jeglichem Impoſt ſowohl auf ihre Genoſſenſchaft, wie auf auswaͤrtige Haͤndler zu fuͤgen, indem Eines wie das Andere der Scheldefahrt offenbaren Nachtheil zufuͤgen muͤßte. Der Graf ward ungehalten, und etliche Umſtaͤnde, die ſich hinterdrein in mei⸗ nem Privatverkehr mit ihm zutrugen, brachten es vollends dahin, daß ich meines Amtes entſetzt, und ſtatt meiner Gilbert Mattheus zum Zunft⸗ meiſter der Steuerleute ernannt ward.“ „Der hinterliſtige, raͤnkeſpinnende Gaudieb!“ ſagte Herr Simon;„allein wann geſchah das? uf bſt ht 0 er nit n, zu m uf ie eil n, ei⸗ st, 1 —— und was beſtimmte den Grafen, ihn zum Zunft⸗ meiſter zu machen?“ „Ich habe hinterher in Erfahrung gebracht,“ verſetzte Jan Lyon,„daß Gilbert dem Grafen begreiflich machte, das Mißlingen jenes Abgabe⸗ plans ſey durch meine eigenſinnige Handhabung der Sache herbeigefuͤhrt worden; und dabei hatte er ſeine Bruͤder ſo ſchlau zu ſtimmen gewußt, daß dieſe, als er kaum Zunftmeiſter worden war, es mit der Abgabe durchſetzten, indem ſeine Bruͤder den Einen der Genoſſenſchaft beſtachen, dem Andern ſchmeichelten, den Dritten und alle Uebrigen bedrohten, ſo daß ſie ſich der Maaß⸗ regel fuͤgten. Und mit dieſer Abgabe beginnt die erſte Neuerung in den alten Privilegien von Gent. Es heißt jetzt, es ſoll eine Taxe auf alle Metalle, vom feinſten Golde bis zum ſchlechte⸗ ſten Blei, gelegt werden.“ „Was?“ rief Herr Simon,„Impoſt auf das Gold! Das ſoll nimmer geſchehen, nimmer, ſo lange ich Simon van Bet, Ritter, Oberal⸗ teſter der Goldſchmiedezunft und einer der Buͤr⸗ germeiſter von Gent binz ſo lange ich eine 20 Stimme, mich dagegen zu erheben, eine Krone daran zu wenden, und eine Waffe dagegen zu ſchwingen habe, ſo lange ſoll Gent ſeine Bevor⸗ rechtungen behalten. Die Freiheit der Buͤrger, die ſich in meiner Perſon repraͤſentirt, ſoll ihren entſchloſſenen Vertreter in mir finden; und alle Welt ſoll ſehen, daß, waͤhrend Herr Simon van Bet in der Rathsverſammlung dieſer Stadt ſaß, weder Graf, noch Gilbert Mattheus, noch Ober⸗ herr, noch alle vereinten Maͤchte ihn vermoͤgen koͤnnen, auch nur um eines Skrupels Gewicht von jener Freiheit ſchwinden zu laſſen, die er hoͤher ſchaͤtzt, denn ſein Leben, und die er mit ſeinem Leben behaupten wird.“ Als Herr Simon dieſe Rede im Donnertone erſchallen ließ, ward ploͤtzlich auf dem Gange, der zu dem Gemache leitete, ein Geraͤuſch ver⸗ nommen. Jan Lyon achtete nicht weiter darauf, allein Herr Simon van Bet, der vollkommene Kunde davon zu haben ſchien, wodurch dies Ge⸗ raͤuſch entſtand, ſenkte ploͤtzlich ſeine Stimme, und obwohl er am Schluſſe ſeines Vortrages war, brachte er das Wort Freiheit doch nur mit 41 —— etwas wankendem Tone hervor. Jetzt naͤherten ſich Tritte der Thuͤr. Herr Simon verſenkte ſich ruhig in ſeinen Seſſel. Doch wer es war, ſo da kam, oder von welcher Art das Geraͤuſch war, welches alſo wie ein elektriſcher Schlag auf die Nerven des flamlaͤndiſchen Freiheitsrit⸗ ters erſtaunend und herabſtimmend wirkte— davon muß im naͤchſtfolgenden Capitel gehandelt werden. Zweites Capitel. Es iſt auffallend, zu welchem hohen Grade von Spuͤrkraft, bei Gewoͤhnung an Aufmerkſamkeit auf feine Klaͤnge, das Organ gelangen kann, welches die Toͤne der Seele zufuͤhrt; und wie es ſo trefflich dadurch lernt, den Unterſchied zwi⸗ ſchen den kleinſten oder am wenigſten verſchieden ſcheinenden Bewegungen, Klopfen, Fluͤſtern, Worten, Tritten, kurz allen nur denkbaren Lau⸗ ten gehoͤrig und ganz genau aufzufaſſen. So weiß die Dienerſchaft unſerer Zeit bei Leuten von Stande durch jedes Klopfen an die Thuͤr deut⸗ lich anzukuͤnden, fuͤr wen ihr Gebieter oder ihre Gebieterin zu Hauſe zu ſeyn hat oder nicht; das donnernde Anpoltern des Adeligen unter⸗ M —— M ſcheidet ſich leicht von dem minder imponirenden Klipklap des Mittelſtandes. Und Herr und Dame vom Hauſe verſtehen oft ſelbſt recht wohl die Verſchiedenheit des leiſen Anpochens eines ge⸗ ſchaͤftsſuchenden Haͤndlers und des vertrauens⸗ vollen„Hier bin ich“ eines zudringlichen und uberlaͤſtigen Mahners. Gleicherweiſe laſſen ſich die Klaͤnge unterſchei⸗ den, die von Lippen oder Fuͤßen hervorgebracht werden. Das„Nein“, unter welchem„Ja“ ver⸗ ſtanden werden ſoll, wird richtig von dem Ohre des Hörers verdolmetſcht, ſobald erſtere Einſylbe mit einem feinen, zuruͤckhaltenden Nachdruck ge⸗ ſprochen wird; es iſt dann eine Art von„Nein“, das auf der Lippe ſchwebt, als wolle es nur wi⸗ der Willen von derſelben herunter; und der ent⸗ ſchloſſene, geradaus dringende Tritt einer aͤrger⸗ lichen Perſon, die es verſchmaͤht, irgend einem Hinderniſſe, das ihr in den Weg kommt, auszu⸗ weichen, kann ſehr wohl von dem gelaſſenen Schritte des Leidenſchaftloſen, oder von dem leichten Huͤpfen des Froͤhlichen oder Wohlgelaun⸗ ten unterſchieden werden. Durch vieljaͤhrige Gewohnheit war Herk Si⸗ mon ein Adept in Unterſcheidung der Klaͤnge geworden, und das leiſeſte Wort, die geringſte Bewegung, die von ſeiner Hausehre, der Frau Judith, herruͤhrten, faßte er ſofort auf das deut⸗ lichſte, ſelbſt durch verſchloſſene Thuͤren und zugewirbelte Fenſter, mit einer Beſtimmtheit auf, als ob dergleichen Zwiſchenſchranken gar nicht vorhanden geweſen waͤren. Er erkannte ihre Stimmung aus ihrem Tritt; aus dem kleinſten Worte konnte er den Grad ihres Murrſinns ab⸗ nehmen, und die Gluthenhitze ihres Zornes oder den Gefrierpunkt ihrer Käͤlte nahm Herr Simon mittelſt einer untruͤglichen Bekanntſchaft mit etli⸗ chen kleinen, aber zuverlaͤſſigen Anzeichen ſo deut⸗ lich wahr, als waͤre er im Beſitze eines Ther⸗ mometers ihres Gemuͤthes. Nun trug es ſich zu, daß Frau Judith zu denjenigen Leutchen gehoͤrte, die im Gefuͤhle ihres eigenen ungewöhnlichen Werthes beſcheidentlich des Glaubens leben, alles Andere in der Welt um ſie her ſey fuͤr Keinen, als nur fuͤr ſie da, und alle Dinge muͤſſen ſich ihren Launen unter⸗ 45 worfen zeigen. Jedoch, ſo wie jeglichem irdiſchen Dinge, ſogar dem Dahinſauſen des Windes und dem Brauſen des Weltmeeres Schranken gezogen 1 ſind, daß es nicht weiter kommen kann, denn ſo weit, ſo ſind auch gluͤcklicherweiſe den tobenden Leidenſchaften Grenzen angewieſen, die ſie nicht zu uͤberſchreiten vermoͤgen. Nimmer noch hat man einen Tyrannen gekannt, der ſeine Tyran⸗ nei hätte uͤber die ganze Erde verbreiten koͤn⸗ nen; und eine Tyrannin im Alltagsleben kann, was immer ihr Begehr auch ſeyn mag, ſelten— 1 Gelegenheit finden, ihren Deſpotismus bis uber 4 die Grenzen ihres Hauſes auszudehnen. Allein wie aufgedaͤmmte Waſſer oft um ſo fuͤrchterlicher ſich weiſen, wenn ſie ihre Schranken durchbre⸗ chen, ſo öffnete auch Dame Judith, eben weil ſie nur ſo beengten Wirkungskreis hatte, die Schleuſen ihres Grimmes mit um ſo großerem Brauſeſturz gegen den ungluͤckſeligen, pantoffel⸗ bedruͤckten, kleinen Goldſchmied, ſobald ſie ein⸗ mal entſchloſſen war, der Laſt ihrer Meynung, ihrer Bedeutendheit oder ihrer uͤblen Laune ledig zu werden. Und gleich allen Leuten, die mit —— einer deſpotiſirenden Gemuͤthsart eine hohe Mey⸗ nung von ihren eigenen Vollkommenheiten und Eigenſchaften verbinden, konnte ſie es nicht er⸗ tragen, daß in ihrem Hauſe irgend Etwas vor⸗ ging, wovon ſie nicht als das Haupt anzuſehen war. Was auch geſchehen mogte, und wie gut es ſelbſt geſchehen mogte, konnte, ohne jene vorausgegangene Bedingung, ſicher ſeyn, ihrem entſchiedenen Mißfallen zu begegnen. Dame Judith war an Geſtalt fuͤr ein Frauen⸗ zimmer faſt um eben ſo viel zu lang, als Herr Simon fuͤr einen Mann zu kurz war. Ihr Haar und ihre Augen lagerten im Schatten des tiefſten Schwarz, welches, wie wir im Allgemei⸗ nen bemerkt zu haben glauben, ſichere Anzeichen von einer heftigen Gemuͤthsart ſind. Ihre Lip⸗ pen wieſen ſich duͤnn und bleich, waͤhrend ein mehr als gewoͤhnlicher Ueberfluß von Roth auf ihren Wangen gluͤhte und ſogar auf das Vor⸗ gebirg ihrer Naſe hinuͤberſpielte, die ſich, gleich⸗ ſam voll Hohnes uͤber die minder leuchtende und gemildertere Faͤrbung ihres Mundes, aufwaͤrts kruͤmmte. Zwei gute Reihen weißer Zaͤhne zier⸗ ten den letzteren, und da Frau Judith keines⸗ wegs unempfindlich gegen dieſe anmuthige Zu⸗ gabe zu den Reizen des menſchlichen Angeſichts war, ſo gefiel ſie ſich gar ſehr darin, dieſen ihren natuͤrlichen Schmuck zu weiſen, und hatte daher die fordernde Gewohnheit angenommen, den Mund weit offen zu halten, zu grinſen und die Unterlippe herabhangen zu laſſen, welches, wenn die Dame zornig war, einen ſolchen ver⸗ zerrten Geſichtsausdruck hervorbrachte, daß Frau Judith zu Zeiten einem knurrenden Hunde zu vergleichen war, der die Zaͤhne weiſet, bevor er beißt. Am Schluß unſers vorhergehenden Capitels haben wir bemerkt, daß irgend ein leiſer Klang oder ein feines Geraͤuſch vernehmbar ward, wel⸗ ches, obwohl es von dem Zunftmeiſter Jan Lyon unbeachtet blieb, doch vollkommen deutlich von Herrn Simon, ſo wie er es hoͤrte, dergeſtalt verſtanden ward, daß er ſich ruhig in ſeinen Seſſel verſenkte. Kaum hatte er dieſes gethan, ſo ward die Thuͤr des Gemaches aufgeriſſen, ſo weit ſolches irgend thunlich war, und herein trat Dame Judith, um ihrem Eheherrn zu ſeiner Heimkehr Gluͤck zu wuͤnſchen. Die Beſchaffen⸗ heit dieſes Willkommgrußes war ſchon zum Vor⸗ aus von dem kleinen Verfechter der Privilegien von Gent zur Genuͤge angedeutet worden, der, obſchon ein großer Mann außer Hauſe, doch innerhalb ſeiner Wohnung kaum zu ſagen wagte, daß ſeine Seele ſein eigen waͤre; mindeſtens wagte er es niemals im Beiſeyn ſeines Weibes. Als Dame Judith herein trat, ſchoß ſie hur⸗ tige Blicke nach allen Seiten hin. Ihr Gemahl und deſſen Freund ſaßen Beide; denn Letzterer hatte kaum Zeit aufzuſtehen, und Erſterer war viel zu uberraſcht und betroffen, als daß er hätte an Aufſtehen denken koͤnnen. Dies bemerkte die Dame, auch ſah ſie flugs den Kapaun und den Weinkrug nebſt dem Becher, und der Anblick des ſtattlichen Mahles leitete ihre hurtige Einbildung flugs auf den Gedanken, Herr Simon und deſ⸗ ſen Geſellſchafter haͤtten den Frevel begangen, ſich, ohne die Hausehre dabei zuzulaſſen, guͤtlich zu thun. Es gibt Gemuͤther, die durch ihre eigene Verderbtheit dermaßen erbittert ſind, daß ſie es ,—— 3„„N—— e——— ſ— —„——+— — — nicht aushalten koͤnnen, Zeugen davon zu ſeyn, wie Andere einer geſelligen Ruhe ſich erfreuen, die ihnen ſelber fremd iſt. Von ſolcher Gemuͤths⸗ art war die Ehehaͤlfte des Buͤrgermeiſters. Es ſchien, als ob der Argwohn, daß ihr Gemahl, der ſich in ihrer Gegenwart nimmer eine Stunde der Behaglichkeit erlaubte, dieſelbe in ihrer Ab⸗ weſenheit zu finden wagte, Oel in's Feuer ſchuͤt⸗ tete, und der erſte Ausruf von:„Seht, ſeht, Herr Simon, Ihr ſeyd bei Eurem Becher!“ der uber die Lippen der Gattin glitt, gab dem wuͤrdigen Beobachter der Klaͤnge, Worte und Zeichen ſattſame Kunde, wie der Dame Zorn bereits auf einer ziemlichen Hoͤhe brauſete, und mit vieler Wahrſcheinlichkeit verhieß, noch hoͤher aufgaͤhren zu wollen. „So alſo, Herr Simon,“ fuhr Dame Judith fort, während ſie durch ein leiſes Kopfnicken zu verſtehen gab, daß ſie die Anweſenheit Jan Lyons bemerkt haͤtte,„ſo alſo habt Ihr Euch ein Zeit⸗ vertreibchen gemacht, und ſeyd Euern albernen Speculationen in Amſterdam nachgezogen, und habt es mir uͤberlaſſen, Euch aus einem miß⸗ Die Weißkappen I. 4 —— lichen Handel herauszuziehen, in den Eure eigene Nachlaͤſſigkeit Euch verwickelt hat.“ „Was fuͤr ein mißlicher Handel, liebe Frau?“ ſagte Herr Simon,„ich— ich— ich weiß von keinem,“ fuͤgte er ſtammelnden Tones hinzu, als ob er fuͤrchtete, merken zu laſſen, daß er nicht einmal wuͤßte, was Unrechtes er begangen haͤtte. Jan Lyon war unterdeſſen aufgeſtanden, um der Frau vom Hauſe ſeinen Stuhl anzubieten. „Behaltet Euren Seſſel, Meiſter Jan Lyon,“ ſagte die Hocherzuͤrnte;„Ihr aber, Herr Simon, ſteht aufz das iſt mein Platz. Steht auf, und gebt mir das Fußkiſſen, denn ich bin muͤde.“ Vielleicht gibt es fur eine dritte Perſon keine unangenehmere Lage, als bei einem Gezaͤnke zwi⸗ ſchen Mann und Frau gegenwaͤrtig zu ſeyn; vollends wenn jedes von ihnen die dritte Perſon auffordert, ihre Meynung eben dann abzugeben, wo ſie ſich gern auf dem neutralen Gebiet der Nichteinmiſchung behaupten moͤgte; und wo ſie dann alſo nothwendigerweiſe einer der beiden Parteien zu nahe treten muß. Jan Lyon wußte dies und ſchickte ſich zum Weggehen an; allein e„—— 51 da er ernſtlich aufgefordert ward zu bleiben— beſonders that dies Herr Simon, der da fuͤhlte, daß ihm der Muth, den Zorn ſeines Weibes zu ertragen, noch mehr ſchwinden wuͤrde, wenn er ſich mit ſeiner Hausehre allein gelaſſen ſahe— ſo blieb Jan, beſchloß jedoch, unverbruͤchliches Schweigen zu beobachten, was fuͤr ein Auftritt auch erfolgen moͤgte, und zog ſich demnach, ſo nahe er es konnte, an das Fenſter zuruͤck, um wo moͤglich ſeine Aufmerkſamkeit auf Das zu richten, was draußen etwa vorging. Dame Judith hatte ſich in den Stuhl geſetzt, den ihr Gemahl hatte raͤumen muͤſſen, und die⸗ ſer war ſeitwaͤrts hin auf einen Seſſel, der etwas im Hintergrunde ſtand, geſchluͤpft, als truge er Verlangen, ſeiner theuren Haͤlfte ſo fern wie moͤg⸗ lich zu ſeyn. Die Dame hatte kaum Platz ge⸗ nommen, ſo fing ſie wieder an:„So habt Ihr denn eine ſchoͤne Bruͤhe eingeruͤhrt mit Eurer Dummheit und Nachlaͤſſigkeit, und ich habe dieſe drei Tage rennen muͤſſen hin und her in einem Geſchaͤfte, das die niedrigſte Frau in ganz Gent verdrießen wuͤrde, und das gaͤnzlich ungeziemend 4* ——— 52 ——————— der Wuͤrde iſt, die die Gemahlin einer der erſten Magiſtratsperſonen doch allwege blicken laſſen ſoll.“ Frau Judith, die nimmer an die Amtswuͤrde ihres Mannes dachte, außer wenn eine Vergroͤße⸗ rung ihrer eigenen Wichtigkeit davon abgeleitet werden konnte, ſprach die letztern Worte in uͤber⸗ aus hohem Tone; und die Ausdruͤcke„Wuͤrde“ und„Magiſtratsperſon“ beruͤhrten kaum das Ohr des Herrn Simon, als ſie gleichſam mecha⸗ niſch auf ihn wirkten, ſo daß er vom Sitze auf⸗ fuhr, naͤher herzu watſchelte, einen andern Stuhl dicht am Tiſche einnahm und ſagte:„Ich will hoffen, daß meine Hausehre ſich nimmer mit einer Sache befaßt, die ihrer oder meiner un⸗ wuͤrdig ſeyn kann; auch wuͤßte ich nicht, wo ſich Veranlaſſung dazu finden duͤrfte.“ „Ich aber weiß und hab' es gewußt,“ ant⸗ wortete die Frau,„denn was anders, als Deine Dummheit hat es zulaſſen koͤnnen, daß die ſchoͤnſte guͤldene Kette, die jemals zu Antorf ge⸗ werkt ward, und die der Graf von Flandern ausdrucklich fuͤr ſich ſelbſt bei Dir beſtellte, an jene verwegene und freche Italienerin Bianca die n 53 verkauft ward, die eine Liebſchaft Eures lockern jungen Buͤrgers Philipp von Artaveld iſt?“ „Ich,“ rief Herr Simon,„ich die Goldkette, die ich dem hoͤchſtedlen Grafen von Flandern zu⸗ ſagte, an die ſchoͤne italieniſche Fremde verkau⸗ fen? Nimmer that ich dergleichen, ich— „Schweig,“ rief Dame Judith gebieteriſch, „ſchweig, es waͤre beſſer, Du thaͤteſt das, als daß Du uͤber italieniſche Luſtdirnen ſchwatzeſt. Was weißt Du davon, ob ſie ſchoͤn iſt? He? Du ſollteſt doch die Augen zu Hauſe laſſen, meyn' ich, wenn Du nun einmal mit den Fuͤßen nicht daheim bleiben kannſt,“ fuhr die Keifende fort, indem ſie aufguckte und einen Blick in den venetianiſchen Spiegel fallen ließ, der gegenuͤber⸗ hing und das laͤngliche Bild der feingekleideten Dame zuruͤckwarf. „Ich bin uͤberzeugt, meine Beßte, entgegnete Herr Simon,„daß ich von dieſer Bianca nur ſo ſagte, weil die ganze Stadt von ihrer Schoͤn⸗ heit ſchwatzt. Kein Mann verehrt die Tugend beim zweiten Geſchlecht ſo ſehr, als ich es thue; und was die Schoͤnheit anbetrifft, ſo dachte ich nimmermehr an dergleichen Nichtigkeit, als ich Dich, werthe Judith, blos um Deines Tugend⸗ rufes willen zur Gattin waͤhlte.“ „Du biſt ein Narr,“ rief mit Haſtigkeit die Dame, die keineswegs Behagen an einem Com⸗ pliment fand, das ihrer Tugend auf Koſten ihrer Schoͤnheit gemacht worden war;„nochmals ſag' ich, halt' das Maul und laß mich reden. Hat doch dieſe Bianca mehr ſchoͤne Kleider und aller⸗ lei waͤlſchen Putz, womit ſie ſich herausſtaffirt, da⸗ mit ſie ſchoͤner ſcheine, als ſie iſt— das winzige Ding, das mir kaum bis an die Schulter reicht.“ „Bei alledem,“ fing Herr Simon wieder an, „ſo es wahr iſt, was ich daruͤber hoͤrte, ſoll die urſpruͤngliche Lage dieſer Bianca, wie tief ſie jetzt auch in Suͤnden verſunken ſeyn mag, hoͤchſt bemitleidenswerth geweſen ſeyn.“ „Wir brauchen nicht uͤber ſie zu ſchwatzen,“ verſetzte Judith,„denn ſie und Ihr, Herr Si⸗ mon, der Ihr nimmer etwas ohne meinen Rath thut, das nicht in Thorheit ausliefe, haͤttet uns Allen ein ſchoͤnes Bad bereitet; denn kaum warſt Du Deiner albernen Speculation in Amſterdam — 55 nachgegangen, ſo ſchickte der Graf einen Befehl. ihm ſoſort die guldene Kette behändigen zu laſ⸗ ſen, die er bei Dir beſtellte; er ſagte, ſie ſollte als ein beſonderes Gunſtgeſchenk Jemandem zu Theil werden. Die Kette war aber nicht zu fin⸗ den. Da ich nun erfuhr, die Sache betrafe einen ſo hohen Herrn, wie der Herr Graf von Flandern iſt, ſo ließ ich mich herab, mich um dieſelbe in Perſon zu bekuͤmmern. Ich fand nun, daß die Kette von Philipp von Artaveld fuͤr ſeine Beiſchlaͤferin gekauft, aber nicht bezahlt ward. Der Graf war unterdeſſen in gewaltigem Zorne, daß die Kette nicht auf ſein Geheiß erſchien. Bianca erklaͤrte, ſie gehoͤre ihr an; und Philipp von Artaveld, weit entfernt, dieſelbe zuruͤckgeben zu wollen, bot vielmehr die Bezahlung dafuͤr an. Der Graf drohte uns und beſonders Euch, Herr Simon, mit Eurem hochweiſen Benehmen in Sachen, bei denen Fuͤrſten und Herren mit im Spiele ſind, Euch drohte er ganz beſonders mit all der Zuͤchtigung, die Eure Thorheit ver⸗ dient hatte. So benutzte ich denn den vorgeſtri⸗ gen Tag, wo Philipp von Artaveld nicht anwe⸗ 56 ſend in Gent war, ſuchte die Wohnung der Gottloſen auf, und ließ mir, trotz aller Zuver⸗ ſicht von Seiten der Dame Bianca, von dieſer Italienerin die Kette herausgeben, und da iſt ſie!“ Und indem Frau Judith dieſelbe unter ihrem Gewande hervorholte und ſie auf den Tiſch warf, fuhr ſie fort:„Jetzt aber, Simon, ruf' den Diener; befiehl ihm, mir Waſſer zum Wa⸗ ſchen zu bringen, denn dieſe meine Haͤnde ſogar beduͤnken mich beſudelt zu ſeyn, weil ſie ein Ding anruͤhrten, das um den Nacken einer feilen Dirne gehangen hat— puh! mir ekelt vor mei⸗ nen eigenen Haͤnden;„„denn wer will da Pech angreifen, ohne ſich zu beſudeln?““ Ruf' den Diener, Simon, ſag' ich, und befiehl ihm, mir eine Schale mit Waſſer zu bringen.“ Herr Simon gehorchte, wie er es zu thun gewohnt war, und die Dame wuſch, unter man⸗ cherlei Lobpreiſungen ihrer eigenen Tugend und mancherlei Ruͤgen gegen alle Laſter und laſter⸗ hafte Perſonen, ihre Haͤnde, und geluͤbdete, die Kette nicht wieder anzuruͤhren, auch wenn der Graf von Flandern ſelbſt ſie ihr verehren wollte. 57 Dame Judith war eine von jenen uͤbermaͤßig tugendhaften Perſonen, die nimmer Ruͤhrung oder Mitleiden fuͤr einen Suͤnder fuͤhlen, und die, weil ſie entweder zu ſchroff oder zu unan⸗ ſehnlich waren, um jemals zu anderen Suͤnden haben verlockt werden zu koͤnnen, als zu denen, die aus ihrer eigenen giftigen Gemuͤthsart her⸗ vorgehen, ſich ſelbſt als Muſter der Trefflichkeit und als Wunder von Tugend anſehen, auf wel⸗ chem Doppelgrund ſie denn ihr Recht, alle uͤbri⸗ gen fehlerhaften Menſchen zu verlaͤſtern, zu ta⸗ deln und zu verdammen, begruͤndet wiſſen wollen. Herr Simon van Bet, der nichts ſo ſehr wuͤnſchte, als der Gegenwart ſeines Weibes ledig zu werden, haſchte nach guͤnſtiger Gelegenheit dazu, die ſich, wie er meynte, ihm eben jetzt darbot, indem er ſagte, er wollte ſonder Zeit⸗ verluſt durch ſichere Hand die Goldkette dem Grafen von Flandern nebſt der Erklaͤrung zuſen⸗ den, daß dieſelbe durch ein Mißverſtaͤndniß in andere Haͤnde geliefert geweſen waͤre, waͤhrend er ſich in Amſterdam befunden haͤtte. Damit erhob ſich der kleine Goldſchmied, und Jan Lyon 3 58 folgte ihm, nachdem er ſich bei der Frau Judith beurlaubt hatte. Kaum hatte Herr Simon die Zimmerthuͤr hinter ſich und ſeinem Freunde zugezogen, ſo fluſterte er dieſem zu, daß ſie den Abend im Monde, einer Herberge in Gent, zubringen woll⸗ ten, wo Fremde und Einheimiſche eine gaſtliche Stunde mit einander zu verleben pflegten. Drittes Capitel. — ————— Die Herberge, die in Gent unter der Benen⸗ nung des Gaſthofs„Zum Monde“ bekannt war, und dieſen Himmelskoͤrper als Aushaͤngſchild uͤber der Thuͤr eines alten gothiſchen Gebaͤudes hatte, welches die Inſchrift wies, daß d'rinnen Wein verkauft wuͤrde, ſtand am Markte der Stadt, und ward haͤufig ſo von Buͤrgern wie von Fremden beſucht. Die Gaſthaͤuſer zur Zeit unſerer Geſchichte wichen bedeutend von denen unſerer Tage ab, indem ſie ſich damals nicht, wie es jetzt geſchehen mag, nach poſitiver, com⸗ parativer und ſuperlativer Abſtufung beſtimmten. Sie waren Ruheplaͤtze fuͤr Reiſende, ſo hohen wie niederen Standes, und boten einen Krug 60 zum Trunk und eine Bank zum Sitzen, ſo dem Altbuͤrger, wie dem ſchlichten Handwerker, ohne ſonderliche Unterſcheidung dar. Das Gaſthaus„Zum Monde“ war eines der groͤßeſten und beſuchteſten in Gent, deſſen Wirth und Wirthin, Gerhard und Martha Dredger, beſondere Sorge trugen, daß der gute Ruf des Hauſes nicht durch Mangel an Auf⸗ merkſamkeit gegen die Gaͤſte leiden moͤgte. Frei⸗ lich pflegte der Wirth, nach Art der meiſten flamlaͤndiſchen Ehemaͤnner niederen Standes, ſei⸗ nem Weibe gern das Arbeitsruder zu uͤberlaſſen, waͤhrend er ſelbſt fuͤr ſein Geſchaͤft nicht viel mehr that, als den Wein, das Mehl und den Hafer einzuhandeln und den uͤbrigen Theil ſeiner Zeit damit hinzubringen, gleich einem Wirthe, der gute Kunde von ſeinem Berufe hat, ſeinen Gaͤſten ein gutes Beiſpiel zu geben, und ihnen die Guͤte ſeines Weines oder die Aechtheit ſeiner franzoͤſiſchen und hollaͤndiſchen gebrannten Waſ⸗ ſer dadurch zu beweiſen, daß er ſo viel und ſo lange davon trank, als er konnte; ja, Gerhard that dies nicht ſelten auf Koſten ſeiner Gäaſte, 61 indem dieſe durch Theilnehmenlaſſen an ihrem gefullten Kruge ihrem Wirthe deſſen Mittheilun⸗ gen aus dem Gebiete der Welthaͤndel und des Stadtgetraͤtſches vergalten. Frau Martha Dredger war an ſich ſelbſt die vollkommene Repraͤſentantin und das Mu⸗ ſterbild aller guten Herbergswirthinnen in Flan⸗ dern. Sie war ein kleines, derbes, wummeli⸗ ges Weib, an welcher kein Theil des Leibes we⸗ ſentlich von einem andern, ſo an Geſtalt wie an Umfange, unterſchieden war; denn Alles an ihr war kugelig und gedunſen. Sie zeigte an ſich nichts von Dem, was man heutiges Tages „die Taille“ nennt; nichts alſo von jenem Et⸗ was, das in ſeiner Umſpannung und in ſeinem Verhaͤltniß zu dem Daruͤber und Darunter uns die Koͤrpergeſtalten von vielen unſerer ſchoͤnen Landsmaͤnninnen heutiger Zeit mit jenem mißge⸗ ſtalteten Inſecte vergleichen laͤßt, das man„eine Weſpe“ nennt. Frau Martha erſetzte vollauf jeglichen Man⸗ gel, der durch ihren Mann im Hausweſen ver⸗ anlaßt werden mogte; ſie wuͤhlte aller Orten eeeenee darin umher, und raſtete nirgendwo. Die Gaͤſte konnten eines wohlbereiteten Mahles, eines gu⸗ ten Bettes, ſaubern Gerathes und ſchneeweißen Linnenzeuges in den Bequemlichkeiten ſicher ſeyn, die ihnen von der Mondwirthin dargeboten wurden. Und dieſe Wirthin war angethan mit einem Rocke von blauem Tuche und einem rothen, pelzverbraͤmten Bruſtlatze; dabei war ſie allzeit bereit, ſich jeglichem Gaſte zu zeigen, und ihr plumpſchoͤnes Geſicht guckte, blank von Seife und Lächeln, hoͤchſt anmuthig und uberaus hoͤf⸗ lich, unter einer milchweißen Linnenhaube her⸗ vor, deren Hauptverzierung in einer goldbroka⸗ tenen Kippmuͤtze beſtand, welche ihr die Stirn bedeckte, und zu beiden Seiten an den Schlaͤfen herablief. Ein Paar lange guͤldene Ohrgehaͤnge, die ihr bis auf den Buſen herabbaumelten, nebſt einem Kreuzchen von demſelben Metalle, welches ſie an einer Kuͤgelchenſchnur um den Hals haͤn⸗ gen hatte, zeigten ſattſam, daß in dieſem reich⸗ beguͤterten Lande jenes koſtbare Metall, das die Hoffnungen eines Jeden erregt und Manchen 63 raſend macht, allgemein, ſelbſt in den minder reichen Geſellſchaftsſtanden, als Schmuck getra⸗ gen ward. Ein ungeheures Bund Schluͤſſel, ein Roſenkranz und verſchiedene nützliche Aus⸗ helfdinge, als Scheere, Nadelkiſſen, Einſchlag⸗ meſſer und dergleichen, hingen ihr an dem Leder⸗ gurtel herab, welcher das einzige Anzeichen um und an der Frau Martha abgab, daß dieſelbe einen Theil an ihrem Leibe haben koͤnnte, den man„die Taille“ nennen moͤgte. Das Gemach, in welchem die Gaͤſte gemei⸗ niglich ihren Willkommen und ihre Bewirthung vorfanden, war die geraumige Kuͤche; ein von Pfeilern getragenes gewolbtes Zimmer, von ſo ausgedehntem Umfange, daß es zu allen Kuͤchen⸗ zwecken, ohne irgend ein Hinderniß, ſo groß oder klein dies auch haͤtte ſeyn moͤgen, diente, und dabei hinlaͤnglichen Raum zur Bequemlichkeit fur die Gaͤſte hatte, deren Geruchsnerven durch die gemiſchten Duͤfte, die aus Kaſſerolen, Toͤpfen und Pfannen aufſtiegen, eher ergotzt, als verletzt wurden; und Vielen von dem flamlaͤndiſchen oder hollaͤndiſchen Volke waren jene Duͤfte ſon⸗ 64 der Zweifel eben ſo annehmlich, als der erquick⸗ liche Geruch der Fleiſchtöpfe Camacho's fuͤr den hungrigen Sancho Panſa, aus denen dieſes wurdige Vorbild eines Schildknappen allet fah⸗ renden Ritter den Abfall von Gänſen und Ka⸗ paunen mit ſo hoher gaſtronomiſcher Behendig⸗ keit herausloͤffelte. Die Kuͤche der Dame Dredger bildete das Grundgebiet, die Sphaͤre und die Glorie jener geſchaͤftigen und denkwuͤrdigen Herbergswirthin. Unter den weißen Tiſchen und Boͤrtern ſah man in der muſterhafteſten Ordnung auf dem ziegel⸗ bedeckten Fußboden eine ganze Ruͤſtkammer von metallenen Pfannen, irdenen Toͤpfen und an⸗ deren Gefäßen aufgeſtellt, deren glanzende Ober⸗ flaͤche, mittelſt des haͤufigen Scheurens und Putzens der flaͤmiſchen Maͤgde, endlich die Rein⸗ heit und den Glanz von eben ſo vielen Spiegeln angenommen hatten. Auf einem von den ubri⸗ gen abgeſonderten Borte zeigten ſich etliche ſil— berne Becher und Flaſchen, zwiſchen denen meh⸗ rere Trinkglaͤſer von weißer und gruͤner Farbe ſtanden, und daneben ſah man die zinnernen — Geſchirre, die in ihrem Glanze ſogar mit den Gefaͤßen aus ſeltenerem Metalle wetteiferten. Eine ungeheure Menge von Wildpret, Doͤrr⸗ fiſchen, Schnuren von Zwiebeln und Oelflaͤſchchen hingen vom Täfelwerk nahe dem Eingange zur Kuͤche herab, und am anderen Ende befand ſich der Kochkamin, wo bei vier oder fuͤnf uber ein⸗ ander angebrachten Bratſpießen die Kuͤchenmaͤgde zu Bereitung des Abendeſſens geſchäͤftig waren. Ein Ofen von bedeutender Groͤße ſtand inmitten des Gemaches, um welchen herum bei kaltem Wetter die Gaͤſte ſich zu reihen pflegten. Eine korbgeflochtene Wiege in einem Winkel, nebſt einem Laufwaͤgelchen und einem niedrigen Stuͤhl⸗ chen, gaben kund, daß die achtbare Mondwir⸗ thin Mutter war. An dem Abend, an welchem unſere Erzaͤhlung begann, ſaßen der Mondwirth und etliche Ge⸗ werksleute von Gent in dieſer Kuͤchenſtube, und thaten ſich gutlich an einem Humpen guten Ge⸗ traͤnkes, waͤhrend ſie uͤber die politiſchen Zu⸗ ſtäͤnde der Stadt aburthelten; denn weil zu jener Zeit das Tabackrauchen, jenes machtige † Die Weißkappen I. 5 — Huͤlfsmittel, ſich durch die Mußeſtunden des Abends hindurchzuarbeiten, noch unbekannt in Europa war, ſo konnten Geſellſchaftsglieder ſich noch nicht mit Nichtsthun beſchaͤftigen, wenn der Nachbar ihnen nicht dabei half. Damals konnte man nicht paffen, und ſchweigend und inmitten einer ſich wegwaͤlzenden Rauchwolke da ſitzen, bis die Raucher wie ihre Ideen dunkel und nebelig wurden durch Getraͤnk und Taback. Waͤhrend Gerhard ſolchermaßen anmuthig beſchaͤftigt war, hoͤrte er das wohlbekannte Ge⸗ raſſel des großen Schluͤſſelbundes, das, gleich den Schellen an einem Frachtfuhrwerke, jedes⸗ mal die Annaͤherung ſeiner Hausehre verkuͤndigte. „Wie, Gerhard, Mann!“ ſagte die beſſere Haͤlfte des Mondwirthes, als ſie auf ihn zu watſchelte,„ſitzeſt Du hier und nippſt und kakelſt, waͤhrend ein Fremder an der Thuͤr iſt, der Jemandes bedarf, ihn hereinzuladen, und nach ſeinem Pferde zu ſehen? Mach' Dich auf, fuͤhre das Thier ſelbſt in den Stall, oder heiß' es den Jungen, waͤhrend ich fuͤr den Herrn ſorge.“ Indem die Wirthin dies ſagte, ſtriegelte ſie an ihrem Anzuge, und hielt, als ſie eben bei einem von den langen Kuͤchenboͤrtern voruͤber ging, ein Weilchen an, um einen Blick in einen daſelbſt befindlichen zerbrochenen Spiegel zu werfen. Wir muͤſſen glauben, daß der Blick be⸗ friedigend war, denn Dame Martha ſah unge⸗ mein behaglich aus, als ſie läͤchelte und knirte, und knixte und laͤchelte, indem ſie den Fremden in die Kuͤche oder den Geſellſchaftsſaal der Her⸗ berge fuͤhrte. „Willkommen in Gent, Herr! willkommen zum Monde!“ ſagte die Wirthin.„Bitte, ſetzt Euch, Herr. Wir haben gute Betten, um eilf Uhr Mittagstiſch, Stallraum, einen Ballſpiel⸗ hof, einen Bogenſchießplatz, und Alles, wie's einem vornehmen Herrn bequem und genehm ſeyn mag. Was iſt Euch gefällig, Herr? Einen Becher rheiniſchen? Oder ein Schluͤckchen Pi⸗ ment? Oder vielleicht moͤgtet Ihr unſere Amſter⸗ damer gebrannten Waſſer koſten? Wir haben friſche Zufuhr davon, klar wie Kryſtall, hell wie Gold— ſoll's Beßte ſeyn, was ein vornehmer 5* Herr nach langem Ritte zu ſich nehmen kann; und vielleicht kommt Ihr weit her, denn Eure Stiefeln und Euer Gaul ſind mit Staube bedeckt.“ Dieſe Begruͤßung der Mondwirthin ward ſo ſchnell abgegeben, daß der Fremde kein Wort der Erwiderung hervorzubringen vermogte; und wirklich ſchien er auch ſehr wortkarg zu ſeyn, als er antwortete und der Wirthin kurzweg erklaͤrte, er wuͤrde nicht lange bleiben, und wuͤnſchte, eine Kammer fuͤr ſich allein zu haben. Der Fremde war ein junger Mann von feiner Geſtalt und behendem Weſen, doch war ſein Anzug ziemlich einfach, indem derſelbe nur aus einem ſchlichten gruͤnen Reitrock und einer Schirmkappe ſtatt des Barettes beſtand. Der Herkoöͤmmlichkeit zuwider, zog der Reiſende die Kappe nicht ab, als er die Kuͤche betrat, ja er ſchien vielmehr es zu ſcheuen, ſein Geſicht ſehen zu laſſen, weshalb er die Schirmkappe unge⸗ woͤhnlich tief uͤber die Stirn gezogen trug. „ Ob nun dieſer letztere Umſtand, oder ob die huͤbſche ſchlanke Geſtalt und die adeligen Manie⸗ 69 ren des Fremden oder deſſen kurzabgebrochene Rede, oder ob dies Alles zuſammen genommen, verbunden mit jenem nicht geringen Antheile von Neugier, der, wie es heißt, ein Erbgut des zar⸗ teren Geſchlechtes ſeyn ſoll, im Buſen der Frau Martha ein Verlangen erregte, zu wiſſen, wer eigentlich dieſer ihr Gaſt ſeyn moͤgte, koͤnnen wir nicht entſcheiden; jedoch gewiß bleibt es, daß ſie alle ihre kleinen Kuͤnſte verſuchte, um auf dem Wege der Hoͤflichkeit etwas Naͤheres von ihm und uͤber ihn zu erfahren. Sie hoffte, er wuͤrde nicht ſehr muͤde ſeyn, obwohl die Wege, wenn er von Oudenaarde oder Courtrai gekommen waͤre, ſich nicht im beß⸗ ten Zuſtande befaͤnden. Der Fremde antwortete mit„Nein.“ Sie wunderte, ſich wie das Volk zu Brugges es kurzlich bei der ſtattgefundenen Duͤrre ange⸗ fangen haͤtte, da in jener Stadt weder Fluß noch Brunnen, ſondern nur ſolches Waſſer vorhanden waͤre, das durch Roͤhren fern hergeleitet wuͤrde*). *) Frau Martha hatte vollig Recht, denn der ſchone —— Der Fremde wußte nichts davon. Wiederum wunderte ſie ſich, daß das Volk von Lille den Grafen von Flandern ſo lieb haͤtte, da dieſer doch ſeit dem Abſterben ſeiner Gemah⸗ lin zu Gent wohnte, anſtatt wie ſonſt in Lille Hof zu halten. Der Fremde vermogte nicht, daruͤber zu ent⸗ ſcheiden. Dann haͤtte ſie gern wiſſen moͤgen, ob der verſtorbene Jacob van Artaveld zu Tournai ganz und gar vergeſſen waͤre, oder ob man dort von deſſen Sohn redete, der zu Gent lebte. Allein ſowohl Auskunft uͤber den zu Tour⸗ nai verſtorbenen Vater, wie uͤber den zu Gent lebenden Sohn war dem Fremden durchaus et⸗ was Fremdartiges. Kurz, nach mancherlei auf⸗ geſtellten Fallen und ausgeworfenem Koͤder von Seiten der Wirthin, ſo weit ſolches ſich mit der Hoͤflichkeit vertrug, um einigermaßen zu Canal, der jetzt von Gent nach Brugges fließt, und die⸗ ſer letzteren Stadt Waſſer zufuͤhrt, ward erſt im Jahre 1613 gebaut. Anm. der Verfaſſerin. 71 erfahren, wer ihr Gaſt waͤre, oder von wannen er kaͤme, ward ihre Neugier durch die Bitte niedergeſchlagen, daß ſie ihm doch eine eigene Kammer anweiſen moͤgte, wo er ein Bett fuͤr die Nacht haben koͤnnte, indem er erwartete, ſein Diener wuͤrde ihm bald mit einem zweiten Pferde und ſeinem Gepaͤcke folgen. Die Worte„Diener“ und„Gepaͤck“ fuͤhrten dem Geiſte der Mondwirthin eine noch hoͤhere Meynung von der Bedeutendheit ihres Gaſtes zu, ſo daß es ſie faſt beduͤnkte, ſie waͤre ein wenig allzu frei geweſen, und haͤtte etwas zu viel ge⸗ ſchwatzt; weshalb ſie denn ſofort ſeinem Befehle gehorſamte, ihn eine kreisformige Treppe hin⸗ auf fuͤhrte, die dicht neben der Kuͤche aufwaͤrts lief und zu einer vergitterten Gallerie leitete, uͤber oder durch welche man in das Kuͤchengemach hinunter ſehen konnte. Am Ende dieſer Galle⸗ rie oͤffnete ſie eine Thuͤr zu einem Gange, in den die verſchiedenen Schlafgemaͤcher der Her⸗ berge ausliefen. Eines dieſer Gemaͤcher ward dem Fremden angewieſen. Die Wirthin machte ſich nun allerlei Ge⸗ 72 ſchaͤfte, verſchiedene Kleinigkeiten im Gemache zurecht zu legen, welches ubrigens gar nicht noͤ⸗ thig geweſen waͤre; bis der Fremde, der ein mit weißen Blaͤttern angefulltes Taſchenbuch nebſt Schreibgeraͤth hervorzog, ſich an einen Tiſch wie zum Schreiben ſetzte und ſeine Wirthin hoͤf⸗ lich entließ. „Ein wunderlicher Kauz, der Fremde, der!“ murmelte Martha, als ſie die Treppe hinab ſtieg;„bei alldem ein niedlicher Junge, aber veſt wie Eichenholz, und nicht mehr zum Schwatzen geneigt, als mein Mann, wenn er ein Maaß oder ſo, zuviel zu ſich genommen hat. Doch der Diener ſoll ja bald kommen, und aus dem will ich ſchon etwas herausbringen.“ Kaum hatte Martha ihre Kuͤche wieder be⸗ treten, als ein ſchmucker, ruͤſtiger junger Menſch anlangte und nachfragte, ob ein Fremder in gruͤnem Reitrocke bereits eingetroffen waͤre. Die Wirthin bejahte und fuͤgte hinzu:„Und der Fremde im gruͤnen Rocke iſt wohl Euer Herr?“ „Sehr moͤglich!“ verſetzte der junge Menſch hingeworfenen Tones. —— ũ——ũ— 73 „Hm! ſehr moͤglich?“ murmelte Martha. „Verdrehte Antwort; ſo der Herr, ſo der Knecht, ſollt' ich meynen. Euer Herr ſcheint ermuͤdet von der Reiſe zu ſeyn, Freund; er iſt wohl weit hergekommen? He?“ ſetzte die forſchende Wirthin laut hinzu. „Genau ſo weit als ſeines Gaules Beine ihn trugen,“ ſagte der Diener.„Laßt's Euch gefallen, uns ein gutes Abendeſſen zuzurichten. Macht eine Bruͤhe von hollaͤndiſchen Auſtern uͤber Euren Kapaun und ſetzt einen Humpen rheiniſchen Wein auf den Tiſch; dann habt Acht, daß fuͤr unſere Pferde geſorgt wird, und waͤhrend ſolches geſchieht, zeigt mir den Weg zu dem Herrn im gruͤnen Reitrock.“ „Allerliebſte Weiſe, Einem zu befehlen, in der That!“ murmelte Dame Martha wieder,„und das noch dazu von einem Diener.— Ich bin kein Stallknecht,“ fuͤgte ſie dann laut hinzu, „uͤber Pferde und Rindvieh muͤßt Ihr mit mei⸗ nem Manne reden. Auch bin ich nicht gewohnt, Dienſtknechten aufzuwarten, als ob ſie Herren waͤren. Wollt Ihr Euern Herrn finden, ſo ———— ſteigt treppan, geht uͤber die Gallerie, ſo iſt die erſte Thuͤr links ſein Gemach.“ Die geſchaͤftige Wirthin hatte kaum dieſen zweiten unauszuhorchenden Fremden abgefertigt und das Abendeſſen angeordnet, ſo traten Gil⸗ bert Mattheus, der neue Zunftmeiſter der Steuer⸗ leute, deſſen Bruder Stephan, und deren Vet⸗ ter Peter in die Herberge. Die Wirthin, die in Folge der Neuigkeiten, welche ſich tagtaͤglich in ihrem Hauſe umſprachen, von der juͤngſt ſtatt⸗ gehabten Veraͤnderung recht wohl Kunde hatte und wußte, daß Jan Lyon ſeines eintraͤglichen Amtes als Zunftmeiſter entſetzt und Gilbert an deſſen Stelle gekommen war, machte ſich jetzt an den neuen Hofguͤnſtling und fuͤhrte ihn, in⸗ dem ſie jedes Wort des Willkommens und der Hoͤflichkeit mit einem Knix und einem Lacheln begleitete, ſofort zu dem großen hochlehnigen Seſſel, nahe dem Ofen, welcher Sitz in der Ge⸗ ſellſchaftsſtube fuͤr den ehrenvollſten galt. Mar⸗ tha war in der That doppelt geſchaͤftig in Be⸗ willkommnung dieſes ihres neuen Gaſtes, da ſie recht wohl wußte, welch ein glaͤnzendes Geſicht 75 das Geſchick deſſelben dermalen aufgeſetzt hatte. So macht vortheilhafte Stellung in der Welt, gleich der Sommerſonne, alle Gegenſtaͤnde um⸗ her laͤcheln, waͤhrend Mißgeſchick, gleich dem knickenden Froſte, oft nur ſtechende Blicke und beißende Jaͤlte erzeugt. Gilbert Mattheus, deſ⸗ ſen Bruder und deren Vetter tranken ihren Wein, ohne ſich um irgend Einen von den Anweſenden zu kuͤmmern, und ſchienen in ernſtem Geſpraͤch begriffen zu ſeyn, waͤhrend ſie etliche Papiere durchſahen, die Gilbert aus ſeiner Taſche gezo⸗ gen hatte. Gerhard, der Wirth, kehrte zu ſei⸗ nem Humpen und ſeinen Genoſſen zuruͤck, und Dame Martha hatte vollauf zu thun, indem ſie bald mit duͤnner, halb verdeckter Stimme, da⸗ mit ſie die Geſellſchaft nicht ſtoͤrte, ihre Maͤgde ſchalt, und bald Gilbert beobachtete, um wahr⸗ zunehmen, ob ſie ihm irgend einen Wirthſchafts⸗ dienſt leiſten koͤnnte. So war die Lage der Sachen beſchaffen, als die Thuͤr der Herberge mit einigem Geraͤuſch aufgeſtoßen ward, und der Buͤrgermeiſter, Herr Simon van Bet, in Be⸗ gleitung Jan Lyon's, in die Kuͤchenſtube trat. 76 Herr Simon, der daran gewohnt worden war, die allerausgezeichnetſte hoͤfliche Behand⸗ lung und Ruͤckſicht von Seiten des Wirthes und der Wirthin zu erfahren, war im gegen⸗ waͤrtigen Augenblicke eher ein ungelegener als wuͤnſchenswerther Beſuch; denn der Ehrenſeſſel, den der Buͤrgermeiſter in dieſem Hauſe ſeit un⸗ denklichen Tagen als ſeinen eigenen betrachtete, war jetzt ſchon von Gilbert Mattheus beſetzt, und die Wirthin, welche ganz genau wußte, was fuͤr Hoflichkeit und Aufmerkſamkeit ſie gegen Perſonen im Amte, und gegen Leute außer Amte zu beobachten hatte, war gar ſehr beſorgt, ſich Gilbert's Wohlwollen zu behalten, waͤhrend ſie jetzt ziemlich gleichgultig gegen Jan Lyon gewor⸗ den warz und daß Herr Simon einen Mann mit ſich gebracht hatte, dem alle verſtändige Leute nunmehr den Ruͤcken zukehrten(denn die meiſten in Ungnade gefallenen Hofguͤnſtlinge wer⸗ den gemeiniglich beſſer mit dem Ruͤcken, als mit dem Geſichte ihrer Sonnenſcheinsfreunde bekannt), war ein Umſtand, der den feinſten Tact des Be⸗ nehmens der wuͤrdigen Mondwirthin erforderte. Es war ihr wichtig, dem neuen Zunftmeiſter zu zeigen, wie ſie nicht den Werth einer metal⸗ lenen Bratpfanne darauf legte, ob Jan Lyon fuͤrderhin Wein in ihrem Hauſe traͤnke oder nicht; wohl aber wuͤnſchte ſie, ſich die Gunſt einer ſo wohlhabenden und wichtigen Perſon zu erhalten, wie Herr Simon war;z und den Freund und Genoſſen dieſes Letzteren ganz links liegen zu laſſen, war nicht der Weg dazu. Sie be⸗ ſchloß demnach, einen Mittelweg einzuſchlagen und beide Zwecke im Auge zu behalten. Da ſie jedoch nicht wagte, Gilbert Mattheus um ſeinen Sitz zu bringen, da dieſer ſich um die Juͤngſteingetretenen nicht kuͤmmerte, und ſie zu gleicher Zeit furchtete, Herrn Simon zu verletzen, wenn ſie ihm einen minder ehrenvollen Seſſel als den großen hochlehnigen am Ofen boͤte, ſo beſchloß ſie kluglich, es zu vergeſſen, ihm uͤber⸗ haupt einen Sitz zu bieten und es dem Ritter und Buͤrgermeiſter zu uͤberlaſſen, ſich ſelbſt einen zu waͤhlen. Indem ſie nun zu ihm hinwat⸗ ſchelte, verſicherte ſie ihm, erfreut zu ſeyn, daß ſie ihn ſo wohl ausſehend faͤnde, und fragte, 78 was zu ſeinem Befehl ſtaͤnde? womit ſie ihm dienen koͤnnte? Und da die politiſche Wirthin von Gilbert gehoͤrt werden konnte, beſchloß ſie, von der Anweſenheit Jan Lyon's nur in ſo fern Notiz zu nehmen, daß ſie verſicherte, Jeder, den mitzubringen in Herrn Simons Belieben ſtaͤnde, muͤßte ihrem Hauſe willkommen ſeyn, er moͤgte ſeyn, wer er wollte oder was er wollte; denn ſie waͤre uͤberzeugt, daß die Freunde des Herrn Simon um des Herrn Simon willen jegliche Artigkeit verdienten. „Ei, ſagt mir doch,“ rief der Ritter, der den Weg, den ſie einſchlug, ſo deutlich erkannte, wie der Bootsmann zu ſagen weiß, ob ein Schiff dermalen einen Seitenwind auffäͤngt oder nicht—„Ei, ſagt mir doch, Frau Martha, warum mag Meiſter Jan Lyon denn nicht um ſeiner ſelbſt willen hier eben ſo gute Auf⸗ nahme finden? Mich duͤnkt, er ſey kein ſo frem⸗ der Gaſt im Monde. Und Ihr, Gilbert Mat⸗ theus, muͤßt von früherher wiſſen, welcher Sitz hier dem Oberbuͤrgermeiſter von Gent gebuͤhrt. Beliebe es Euch, aufzuſtehen, junger Mann, es F* 6* 79 gibt Seſſel hier, die hoch und breit genug ſinb, die gruͤnen Ehren aufzunehmen, die ein Zweig⸗ lein aufzuweiſen haben mag, das ſo eben erſt in den Boden ſeines neuen Amtes eingeſenkt worden iſt.“ Herr Simon hatte ſich hoͤchlich verletzt ge⸗ fuͤhlt durch den Mangel derjenigen Ruͤckſicht, mit welcher er hier empfangen zu werden pflegte, und da er nicht der Mann war, einen Freund zu verlaſſen, weil dieſen das Gluͤck verlaſſen hatte, ſo war er ſehr erbittert gegen Gilbert, wegen deſſen Benehmen im Beiſeyn Jan Lyon's. Auch muß es eingeſtanden werden, daß, weil er erſt kuͤrzlich von ſeinem eigenen Seſſel daheim aufgejagt worden war, er jetzt um ſo hartnaͤcki⸗ ger ſein Anrecht und Vorrecht, Betreffs des hochlehnigen Stuhles im Monde geltend zu machen ſuchte; denn da er fuͤhlte, wie ſehr er durch die Rechthaberei ſeiner Ehehaͤlfte litt, pflegte er es als eine Art von Vergeltung ge⸗ gen ſeine Selbſtſchaͤtzung anzuſehen, wenn er außer Hauſe von Andern diejenige Fuͤgſamkeit und Geduld erzwang, die er daheim der Tyran⸗ nei des Pantoffelregimentes darzubringen genoͤ⸗ thigt war. Gilbert Mattheus, der zu einem anſehnlichen Vorrath von Liſt einen Geiſt der Unterwuͤrfigkeit gegen ſeine Vorgeſetzten, ſobald es ihm Nutzen bringen konnte, und uͤberhinlänglicher Frechheit gegen ſeine Untergebenen, ja ſelbſt gegen ſeines Gleichen geſellte, ſobald er nichts von ihnen zu fuchten hatte, ſah recht wohl ein, daß Herrn Simons Ruͤckſicht gegen Jan Lyon demſelben keinen Vortheil bei der Hofpartei dermaliger Zeit zuwege bringen wuͤrde, und trug daher kein Be⸗ denken, ſeinem frechen Sinne dadurch zu folgen, daß er gegen Herrn Simon ſelbſt Gering⸗ ſchaͤtzung aͤußerte. Dazu hatte ſeine neue Stel⸗ lung als Zunftmeiſter der Steuerleute ſeinen Stolz, der bisher in minder gunſtiger Lage ſich nur als aufblaͤhungsfaͤhig wies, vollends etwa eben ſo aufgeblaſen, wie ein plotzlicher Stoß⸗ wind die Segel eines Schiffes fullt und bläht, die, bis derſelbe ſich erhob, nur ſchwach vor der bewegten Luft geflattert hatten. Gilbert Mattheus blieb auf ſeinem Seſſel, — —— f†,„————„—„—. —* 81 ſchaute keck und unverwendet in Herrn Simons Angeſicht, als kennte er ihn kaum, koͤnnte ſich nicht deutlich des Namens deſſelben erinnern, (ſo gewiß iſt's, daß neugebackene Wuͤrden der Leute Namen vergeſſen!) und ſagte:„Herr Ti⸗ motheus Bett, ſeyd Ihr Buͤrgermeiſter in Gent oder nicht, mich kuͤmmert das nicht. Ich nahm dieſen Seſſel ein, bevor Ihr in's Gemach tra⸗ tet, und dieſen Seſſel werde ich beſetzt halten, bis ich von hinnen gehe; und die Stuͤhle, von denen Ihr ſprecht, moͤgen zur Laͤnge Eurer Beine beſſer, als zu der der meinigen paſſen.“ Nichts regt den Verdruß der Selbſtbedeutend⸗ heit mehr auf, als jegliche ſchielende Bemerkung uͤber Mißverhaͤltniſſe in der Koͤrpergeſtalt. Herr Simon ergluͤhte vor Zorn uͤber das Spottwort, welches mit Hinblick auf die winzige Beſchaffen⸗ heit der Stuͤtzen ſeiner Leibeswuͤrde ausgeſprochen worden war. Gleich einem Strome floſſen ihm die Worte von den Lippen, als er voll In⸗ grimms dem Zunftmeiſter Gilbert Mattheus nochmals befahl, aufzuſtehen, und ihm den Seſ⸗ ſel zu raͤumen. Gilbert dagegen antwortete mit Die Weißkappen I. 6 noch aͤrgerer Frechheit, und Jan Lyon, der nicht laͤnger an ſich zu halten vermogte, nahm die Partei ſeines beſchimpften Freundes:„Gilbert Mattheus,“ ſprach er,„wenn Ihr keine Hochach⸗ tung fuͤr den wuͤrdigen Herrn Simon van Bet hegt, den ganz Gent kennt und der ein guter Mann iſt—“ „Ja!“ ſchrie Herr Simon drein,„ein ſo guter und ſo wohlbemittelter Mann als Einer, der da umher geht an der Boͤrſe zu Gent oder Brugges und zu Antorf obendrein!“ „Gilbert,“ fuhr Jan Lyon fort,„raͤumt den Sitz, waͤre es auch nur aus Ruͤckſicht gegen den Buͤrgermeiſter. Und Euer Vetter dort, Peter Mattheus, thaͤte eben ſo wohl, wenn er ſeine Kappe abzoͤge; denn wann behielt ein Buͤrger, der da weiß, was gute Sitte heißt, in Gegen⸗ wart ſeiner Ortsobrigkeit die Muͤtze auf dem Kopfe?“ „Ich werde,“ entgegnete Peter, indem er die Hand erhob und auf den Deckel ſeiner Muͤtze ſchlug,„meine Kappe abnehmen oder aufbehal⸗ ten, vor wem es mir gefaͤllt, und wann und wo M — es mir gefaͤllt. Ihr thaͤtet beſſer, Jan Lyon, jenen beiden Fremden, die ſo eben die Treppe daherunter kommen und das Gemach verlaſſen, feine Sitte zu lehren. Der Eine im gruͤnen Reitrocke iſt, meyn' ich, ein Genoß von Euch.“ „Sie verſtehen ſich beſſer auf feine Sitte, als Ihr, Peter,“ antwortete Jan Lyon,„denn ſie verbeugten ſich vor der Geſellſchaft, obwohl ſie das Haupt nicht entbloͤßten, als ſie hinaus⸗ gingen.“ „So thaͤtet Ihr wohl, ſie zuruͤckzurufen und ſie Euren Sermon mit anhoͤren zu laſſen, Herr Zunftmeiſter von vorgeſtern,“ ſagte Peter im frechen Tone;„damit ſie, weil ſie doch Reiſende ſind, erfahren, wie Ihr jetzt ein Mann ſeyd, der Zeit uͤbrig und eigentlich nichts Anders zu thun hat, als Fremden Hoͤflichkeiten beizubringen; denn bei uns Buͤrgern moͤgtet Ihr darin ſchlechte Geſchaͤfte machen.“ Jan Lyon war, ſo wenig wie ſein Freund, ein Mann ohne Leidenſchaften, und ſo begann jetzt ein hitziger Wortſtreit zwiſchen allen Par⸗ teien, denn Stephan Mattheus hatte ſich nun⸗ 6* 84 mehr auch mit in den Zwiſt gemengt; bis Herr Simon völlig außer ſich gerieth, und einen ver⸗ zweifelten Angriff machte, um Gilbert aus dem Seſſel zu bringen, waͤhrend Jan Lyon verſuchte, dem Peter Mattheus die Kappe vom Kopfe zu reißen. Im Handgemenge ward der kleine Goldſchmied uͤber den Haufen geworfen. Wie eine Kugel rollte er einige Schritte fort, ſo daß ein Tiſch umgeſtoßen ward, auf dem, unter an⸗ dern Gegenſtaͤnden, auch ein Oelflaͤſchchen ſtand, deſſen Inhalt ſeinen Weg in das Angeſicht, in den Bart und uͤber die Bekleidung des achtba⸗ ren Buͤrgermeiſters fand. Waͤhrend Jan Lyon nun hinzuſprang, dem Gefallenen auf die Beine zu helfen, kam Peter hinter dem Exzunftmeiſter drein, und trat ihm dermaßen auf die Ferſen, daß derſelbe das Schickſal ſeines weggekollerten Freundes theilte. Kaum hatten Beide wieder veſten Fuß gefaßt, ſo vereinigten ſie ſich in dem Bemuͤhen, ihre Gegner zum Gemache hinauszu⸗ werfen, und riefen den Wirth und deſſen Ge⸗ ſellſchafter zum Beiſtande auf. Die Verwirrung ward jetzt allgemein. Et⸗ ———————— 85 liche kamen dem Herrn Simon zu Huͤlfe, An⸗ dere traten auf Gilberts Seite, und einige We⸗ nige blieben neutral, indem ſie in ſchweigender Verwunderung zuſchauten, wie die Sache ablau⸗ fen wuͤrde, waͤhrend die Wirthin ſich kreuzte und ſegnete, daß ſolch eine Pruͤgelei in ihrem Hauſe vorfallen mußte. Der Laͤrm hatte Ohren vor den Thuͤren gefunden, ſo daß Alles beſtuͤrzt herzueilte, und ein Gartenjunge, der unten im Keller zu thun hatte, zu welchem aus der Kuͤche durch eine Klappthuͤr eine ſteinerne Treppe hin⸗ abfuͤhrte, war ebenfalls um zu gaffen hervorge⸗ kommen, und hatte die Kellerthuͤr hinter ſich offen gelaſſen. „Hinaus mit ihnen!“ ſchrie Herr van Bet, indem er mit ſeinen kleinen derben Faͤuſten einige tuͤchtige Stoͤße um ſich herum verſetzte. „Hinaus mit ihnen— hinaus mit deu Schuften!“ widerhallte Jan Lyon,„ich will meinen Freund nicht durch die uͤbermuͤthigſten Aufſchoͤßlinge in ganz Gent beſchimpft ſehn.“ „Ruft die Wachrunde,“ kreiſchte die Wir⸗ thin;„die Stadtwache herbei, ſonſt geſchieht ein Mord unter ihnen! Geh fort, Junge, lauf, rufe die Wache, ſie muß in der Naͤhe ſeyn um dieſe Zeit; laufe, ſag' ich!“ „Reſpect dem Buͤrgermeiſter— ſchlagt nicht nach einer Obrigkeitsperſon, Gilbert!“ ſagte der Wirth. „Er hat nicht Ehre genug, um irgend Einem Reſpect zu geben,“ rief Jan Lyon, der jetzt verſuchte, den Goldſchmied von den Faͤuſten Peters frei zu machen, der ſeinem Vetter Gilbert beiſtand. „Schwatzt von Eurer eigenen Ehre, Jan Lyon,“ entgegnete Peter,„meyn' ich doch, daß Ihr ſie zum Unterpfand fuͤr einen Sack mit al⸗ ten Kronthalern hingabt, als Ihr Eurer Toch⸗ ter Ehre dem Grafen von Flandern verkauftet!“ „Niedertraͤchtiger Boͤſewicht!“ rief Jan Lyon;„ich meiner Tochter Ehre verkaufen und die meinige? Das iſt eine ſo ſchmutzige Luge, ſo garſtig, wie der Mund, der ſie ſprach; ſagt das Wort noch Einmal, und ich will Euch hin⸗ ſtrecken, ſolltet Ihr unter dem Streiche auch das Leben laſſen.“ 87 „Ich ſag's nochmals, und weiß, daß es wahr iſt!“ ſchrie Peter. „So nimm das denn!“ ſagte Jan Lyon, und hieb maͤchtig uͤber Peters Schaͤdel. Peter, der in dieſem Augenblicke ungluͤcklicherweiſe ne⸗ ben der offen gebliebenen Kellerthuͤr ſtand, wankte und taumelte auf Herrn Simon van Bet. Dieſer, der das fuͤr einen abſichtlichen Stoß hielt, ſchluͤpfte vor Petern weg, ſo daß Letzterer, ehe er noch das Gleichgewicht wieder erlangen konnte, ruͤcklings die ſteinernen Trep⸗ penſtufen hinabſtuͤrzte. Dem Getoͤſe, das durch ſeinen ploͤtzlichen und fuͤrchterlichen Fall verur⸗ ſacht ward, folgte ein dumpfes Stoͤhnen, wel⸗ ches Schrecken in das Ohr der wuͤthenden Zaͤnker heulte, deren Zorn durch dieſe ſcheusliche und unerwartete Beendigung ihres Zwiſtes mit einem Male und gänzlich geſtillt ward, ſo daß ſie wie auf Verabredung gemeinſam die Treppe hinab eilten, um zu ſehen, ob Peter lebendig oder todt waͤre. Was nun folgte, laͤßt ſich in Kuͤrze erzaͤh⸗ len. Nach wenigen Minuten ward Peter in das Kuͤchengemach heraufgetragen, und nach vielen vergeblich angeſtellten Verſuchen, ihn in's Leben zuruͤckzurufen, ſah man die Unmoͤglichkeit ein; der Lebensfunke in ihm war gaͤnzlich erloſchen, indem der ungluͤckliche Mann, bei ſeinem Fall ruͤcklingsuͤber, das Nackenbein gebrochen hatte. Um dieſe Zeit war die Stadtwache herbeige⸗ kommen. Jan Lyon und Simon van Bet, welche den verhaͤngnißvollen Ausgang des Haders innig bedauerten, und ſich freilich unſchuldig an dem abſichtlichen Todſchlage ihres Gegners wußten, fuͤrchteten dennoch zu gleicher Zeit, daß Leuten wie Gilbert und Stephan Mattheus ge⸗ genuͤber, die Folgen des Zankes hoͤchſt nachtheilig fuͤr ſie werden duͤrften. Jan Lyon, der das un⸗ gluͤckliche Werkzeug zu dieſer traurigen Kataſtrophe geweſen war, fluͤſterte demnach ſeinem Freunde zu, daß er ſuchen wollte, ſich davon zu machen, um entweder in der nahen St. Nicolauskirche, oder bei einem Freunde Schutz zu finden; und Herr Simon, der bei aller ſeiner Wichtigthuerei doch die Schweigſamkeit fuͤr den beſſeren Theil des Muthes hielt, beſchloß, dem Beiſpiele Jan 89 Lyons zu folgen und ſich ſo bald er konnte fort⸗ zuſtehlen, und ſeine kuͤnftige und voͤllige Losſpre⸗ chung in dieſer Sache ſowohl ſeiner Unſchuld, wie ſeinem Rufe und ſeiner Bedeutendheit in der Stadt zu uͤberlaſſen. Der Leichnam ward nunmehr in eine an⸗ ſtoßende Kammer getragen, wo ein Chirurg, den man herbeigerufen hatte, der Meynung lebte, ein kleiner Verſuch, dem Verungluͤckten das Leben wieder zu ſchenken, koͤnne um ſo weniger hier ſchaden, da er wuͤßte, daß ſolches dem Todten nicht weh thun und obendrein einen Kronthaler mehr fuͤr gehabte Bemuͤhung abwerfen wuͤrde. Waͤhrend dies vor ſich ging, ſchluͤpfte Jan Lyon ſtill zum Hauſe hinaus, als eben die Wache in daſſelbe hineinſtuͤrzte, und verſchwand in der Straße. Als aber Herr Simon van Bet dieſem Beiſpiele folgen wollte und durch ſeine koͤrper⸗ liche Unbeholfenheit gehindert ward, eine guͤn⸗ ſtige Gelegenheit dazu zu benutzen, ſah er ſich, ehe er noch bis zur Schwelle gelangte, von Gil⸗ bert Mattheus erſpaͤht, der in die Kuͤche zuruͤck⸗ gekehrt war, den Buͤrgermeiſter jetzt bei'm Kra⸗ gen packte, und ihn zuruͤckholte, waͤhrend er ihn laut als einen von den Moͤrdern ſeines Vetters verklagte. „Ich ein Moͤrder Eures Vetters? Ich?“ rief Herr Simon, der zwiſchen der Furcht vor ſeiner dermaligen Lage und dem Unwillen, den er empfand, allen perſoͤnlichen Reſpect gegen ſich aus den Augen geſetzt zu ſehen, in ſeiner Perſon die laͤcherlichſte Miſchung von Furcht und Wich⸗ tigthuerei blicken ließ.„Ich bin unſchuldig wie ein neugebornes Kind,“ fuhr er fort,„aus Barmherzigkeit, laßt mich gehen, oder Ihr ſollt wiſſen, wer und was ich bin.“ „Das wiſſen wir ſchon,“ ſagte Gilbert, „denn Ihr ſeyd Theilnehmer, ja Anſtifter des Mordes, der an meinem Vetter veruͤbt ward; Ihr ſeyd mein Gefangener, und ſeyd es auf meine Anklage. Wer von dieſen Maͤnnern be⸗ fehligt die Stadtwache?“ „Das thu' ich,“ ſagte Timotheus Vanderblaſt, ein Glasfabrikant von Gent, der jetzt vorſchritt, „das thu' ich; was iſt Euer Begehr?“ „Daß Ihr den Gefangenen in Eure Obhut 91 nehmt, und meine kurze Darlegung der Sache anhoͤrt.“ Timotheus Vanderblaſt, der den Buͤrgermei⸗ ſter gar wohl kannte, auch bisweilen vor dem⸗ ſelben auf dem Stadthauſe erſchienen war, und wo derſelbe ihn, den Glasblaͤſer, nicht ſelten ſo geringſchaͤtzend angeblickt hatte, wie der Graf von Flandern ſelbſt es irgend haͤtte thun koͤnnen, ſchien durch und durch verſteint uͤber die an ihn erlaſſene Anrede zu ſeyn; und indem er ſich zu Gilbert Mattheus wendete, fragte er nochmals, „was deſſen Begehr ſey?“ „Daß Ihr Eure Pflicht thut,“ verſetzte Gil⸗ bert,„und denſelben auf meine Klage als einen Moͤrder verhaftet.“ „Was!“ ſagte der Stadtwacht⸗Comman⸗ dant—„Verhaften? Den hochachtbaren Herrn Simon van Bet? Den Buͤrgermeiſter von Gent? Das wollen die Heiligen verhuͤten! Ich bin nicht ſo viele Jahre lang in dieſem meinem Amte geweſen, daß ich wiſſen koͤnnte, es ſey ſolches thunlich.“ „Als Wache iſt es Eure Pflicht,“ verſetzte Gilbert,„alle Diejenigen zu verhaften, die ſich eines Verbrechens ſchuldig machten.“ „Iſt das geſetzlich?“ fragte der Wirth. „Es iſt geſetzlich!“ antwortete Gilbert. „Freilich, freilich,“ fiel Timotheus ein,„bei Spitzbuben und verwieſenen Uebelthaͤtern; aber nicht geſetzlich iſt es, meyn' ich, Hand an die Obrigkeit zu legen. Ich danke Euch, Mei⸗ ſter Gilbert, daß Ihr mich in meinem Amte belehrtet.“ „Kerl,“ rief Gilbert,„thut Eure Pflicht, oder der Graf ſoll erfahren, was fuͤr einen Dienſt⸗ mann er an Euch hat!“ „Kerl? Ei, ſeht doch!“ entgegnete Vander⸗ blaſt, der ſich durch die Winke und billigenden Elnbogenſtoͤße, die ihm Herr Simon, welcher dicht neben ihm ſtand, von Zeit zu Zeit zukommen ließ, ermuntert fuͤhlte;„nicht mehr Kerl, als Ihr, Meiſter Mattheus; wohl aber ein ſo nuͤch⸗ terner und rechtſchaffener Mann, als einer ſei⸗ nes Gewerbes in ganz Gent; und kein Mann, der ſich von Euch befehlen laͤßt, Meiſter Gilbert, und der ſich auch nicht irre machen laͤßt durch 93 den Puff, den Ihr ſeinem ehrlichen Namen ver⸗ ſetzen moͤgtet. Der Graf von Flandern? Seht mir doch! Des Grafen Dienſtmann, ſollt Ihr wiſſen, weiß gar wohl Leute zu ſpectiren, die ſo gut wie der Graf ſelbſt ſind.“ „Ihr ſeyd ein Narr!“ ſagte Gilbert,„ich aber beſtehe darauf, und rufe jeden hier Anwe⸗ ſenden zum Zeugen, wie ich darauf beſtehe, daß Ihr meine Depoſition in Empfang nehmt.“ „Und die meinige,“ ſagte Stephan,„oder Ihr ſollt aus Euerm Dienſtamt gepeitſcht wer⸗ den, weil Ihr, der Gerechtigkeit zuwider, Vor⸗ ſchub leiſtet.“ „Das verhuͤte Gott!“ entgegnete Vanderblaſt, „daß Vorſchub und Gerechtigkeit ſich beide in meiner Perſon darſtellen ſollten, indem beide Dinge dem Geſetze angehoͤren, und zwar erſtere dem Richter und letztere dem Nachrichter zuſteht. Doch will ich all Eure Diſpoſitionen in Empfang nehmen, und das um der Gerechtig⸗ keit willen.“ Demnach nahm Timotheus Vanderblaſt Platz in dem hochlehnigen Seſſel, der urſpruͤnglich den — 94 Hader veranlaßt hatte, welcher ein ſo tragiſches Ende nahm, wies ſich als Dienſtmann im Amte und ſprach:„Wohlan denn, Herr Simon, ſeyd denn ſo gutig und erzählt Eure Geſchichte, denn der Vorſchub muß bei Euch als dem Ortsrich⸗ ter ſeyn.“ „Was?“ ſchrie Gilbert,„den Gefangenen wollt Ihr zuerſt hoͤren? Er iſt die angeklagte Perſon— mich muͤßt Ihr reden laſſen.“ „Still!“ ſagte Vanderblaſt,„ſtill! Ich weiß, was einem Richter zukommt— er muß die Par⸗ teien ſpectiren. Perſonen zu ſpectiren macht einen Theil des Geſetzes aus. Da Herr Simon Eure Obrigkeit iſt, ſoll er zuerſt reden, Gefangener oder nicht Gefangener; und wahrend er ſeine Ausſage thut, gefalle es Euch, Meiſter Gilbert, in das andere Gemach zu gehen, denn das Geſetz ſondert die Parteien um ſeiner Jurisprudenz willen; derohalben muß Klaͤger von Beklagtem getrennt werden und der Be⸗ klagte ſoll zuerſt reden, waͤre es auch nur, um der Liebe zur Gerechtigkeit willen, ſintemal es hart iſt, einen Gefallenen noch tiefer niederzu⸗ treten, vollends und ganz beſonders, wenn der⸗ ſelbe ein Ritter und ein Mann der Obrig⸗ keit iſt.“ Gilbert Mattheus, der die Thorheit dieſes Verfahrens einſah und erkannte, daß es verge⸗ bens war, gegen Unwiſſenheit und Hartnaͤckigkeit im Vereine zu ſtreiten, fluͤſterte jetzt ſeinem Bru⸗ der Stephan etwas in's Ohr, worauf dieſer ſo⸗ fort die Herberge verließ, und ehe noch Timo⸗ theus Vanderblaſt die Behauptungen anhoͤren konnte, die Herr Simon von ſeiner vollkomme⸗ nen Unſchuld in der ganzen Sache niederlegte, mit dem Oberbefehlshaber der Stadtwache zu⸗ ruckkehrte. Die Sache ward jetzt hurtig abgemacht, und ungeachtet aller Anſtrengung des Herrn Simon, ſich als ſchuldlos aus dem Handel zu ziehen, oder ein Innehalten mit den Maaßregeln bis zum folgenden Morgen zu bewirken, indem er verſprach, Buͤrgſchaft fuͤr ſein ſothaniges Erſchei⸗ nen vor ſeinen Amtsbruͤdern auf dem Stadthauſe zu leiſten, ward derſelbe dennoch fortgefuͤhrt, und auf Antrag des neuen Zunſtmeiſters, der 96 als jugendlicher Hofguͤnſtling großen Einfluß auf den Oberbefehlshaber der Wache hatte, in die Gefaͤngniſſe des Grafen von Flandern ge⸗ ſteckt. So mannichfaltig und verſchieden ſind die Schlingen, die das Schickſal legt, um den Stolz der Reichen zu demuͤthigen, und den Unſchuldi⸗ gen mit dem Schuldigen zu vermengen! Piertes Capitel. Nachdem wir geſehen haben, wie der ungluͤck⸗ liche kleine Buͤrgermeiſter, Herr Simon van Bet, in den Kerker des Grafen von Flandern gelie⸗ fert ward, und wie Jan Lyon ſich vorlaͤufig gegen die Rache des neuen Zunftmeiſters Gilbert Mattheus und deſſen Bruͤder durch die Flucht zu ſichern gewußt hatte, werden wir ſie fuͤr ein Weilchen verlaſſen, um den Leſer bei Anna, der einzigen Tochter Jan Lyon's, einzufuͤhren, indem es Zeit wird, uns mit derſelben bekannt zu machen. Anna war etwa neunzehn Jahre alt und, obwohl in Gent geboren, in Frankreich unter der Obhut einer Muhme erzogen worden, die Die Weißkappen I. 2 — E 3 ———————— ————— . ſich ihrer muͤtterlich angenommen hatte, nachdem ihre Nichte ſich durch den Tod fruͤhzeitig der Mutter beraubt ſah. Dieſe wuͤrdige Verwandte, die wohl beſſer als jede andere Perſon, ſich dieſer Pflicht hatte unterziehen koͤnnen, wohnte etwa zwei Stunden Weges von St. Omer, wo ſie ihre Nichte in der ſtrengſten Abgeſchiedenheit auferzog; denn außer dem Geiſtlichen, der das Maͤdchen im Le⸗ ſen und Schreiben unterrichtete, und einem alten Minneſaͤnger, dem man geſtattet hatte, ihr das Spinett und die Laute ſpielen zu lehren, hatte Anna waͤhrend mehrerer Jahre kein lebendes We⸗ ſen zu Geſichte bekommen, ihre Muhme, deren wenige Dienſtboten und eine einzige Freundin derſelben ausgenommen; es moͤgte denn zu Zei⸗ ten ein Bauer aus dem benachbarten Dorfe zu ihnen gekommen ſeyn, oder ein Armer an ihrer Thuͤr um ein Almoſen gebeten haben. Seit den letzteren zwei Jahren hatte Jan Lyon, der die Erziehung ſeiner Tochter nunmehr vollendet glaubte, wiewohl ſolches ein wenig fruͤhzeitig war, den Troſt ihrer Geſellſchaft er⸗ ——— 99 ſehnt und ſie deshalb zuruͤck nach Gent genom⸗ men; und da er Verlangen trug, ſie moͤgte etwas von derjenigen Welt kennen lernen, die ihr bisher fremd geblieben war, hatte er ſie mit allem Stolz eines Vaters bei den vielen Fami⸗ lien der angeſehenſten Bewohner zu Gent, ja ſogar am Hofe des Grafen von Flandern, ſo wie bei deſſen Mutter, Margarethen, der Graͤfin von Artois, eingefuͤhrt; denn zur Zeit unſerer Erzaͤhlung hatten die vornehmſten Buͤrger der Niederlande, vermoͤge ihres Reichthums und ihres gewichtigen Handels, durch welchen ſie eine we⸗ ſentliche Stuͤtze des Landes abgaben, ſo gut wie die Adeligen Zutritt am Hofe ihrer Landesherren. Anna ward aller Orten mit ausgezeichneter Hochachtung, ja mit Bewunderung aufgenom⸗ men. Ihre ungewoͤhnliche Koͤrperſchoͤne, ihre wenigen, aber ſeltenen Talente, verbunden mit einer Leutſeligkeit des Gemuͤthes und der ſchmuck⸗ loſeſten Einfachheit im Weſen, erwarben ihr ſo viele Ruͤckſicht und Zuneigung, daß ſie für viele edler geborene, aber minder edel begabte junge adelige Fraͤulein ein Gegenſtand des Neides und 7* der Eiferſucht ward. Anna war von ſchlanker und zarter Geſtalt und ihr Koͤrperbau wies das vollkommenſte Ebenmaaß. Gleich ihren Lands⸗ maͤnninnen im Allgemeinen war ihr Haar vom lichteſten Braun und ihre Hautfarbe vom blen⸗ dendſten Weiß, und durch das regelmäßige Le⸗ ben, welches ſie bisher auf dem Lande gefuͤhrt hatte, war nicht nur ihre Geſundheit geveſtigt, ſondern ihrem ſchoͤnen Geſichte auch jene Bluͤthe und Friſche gegeben worden, die durch nichts Anderes ſo wohl verliehen werden kann. Ihre Zuͤge waren fein und regelmaͤßig; ihre tiefblauen Augen druͤckten den Charakter ihres zarten Ge⸗ muͤthes aus, und allemal wenn ſie laͤchelte, zeig⸗ ten ihre Wangen ſo liebliche Gruͤbchen, daß, wenn wir uns darauf verſtaͤnden uns poetiſch auszudruͤcken, wir ſagen wuͤrden, es ſah aus, als ob Gott Amor mit dem eigenen Finger ſie eingepraͤgt haͤtte, um das Maͤdchen als eine ſeiner ſchoͤnſten Juͤngerinnen zu bezeichnen. Das war die Huͤlle, in welche den Juwel ihrer Seele zu legen dem Himmel gefallen hatte. Anna war von Natur gut, offenherzig und zart, 101 und mit einem mehr als gewoͤhnlichen Antheil von Schuͤchternheit begabt, die ſich durch die ab⸗ geſonderte Erziehung, die ſie genoß, nur noch vergroͤßert hatte. Doch was fuͤr die meiſten jungen Maͤdchen ſo angeſehen wird, als gereiche es ihnen zum Vortheil, naͤmlich ſtrenge Abge⸗ ſchiedenheit, war fuͤr Anna vielleicht nachtheilig geworden; indem ihr dadurch nicht blos erhoͤhte Schuͤchternheit, ſondern eine ungewoͤhnlich ein⸗ bilderiſche Geiſtesrichtung verliehen ward; und da alle mit zarteren Eigenſchaften der Seele be⸗ gabte Perſonen ohne Ausnahme ſich dem Ro⸗ mantiſchen oder dem ſchoͤnen Ideal der Dinge hinneigen, war Annens Einbildungskraft, unge⸗ regelt durch Verkehr mit der Welt(der vielleicht das ſicherſte Mittel gegen die bezaubernde Traͤume der Imagination iſt), dahin geleitet worden, zu erwarten, das menſchliche Leben und deſſen Er⸗ gebniſſe wuͤrden ſich nach derjenigen Weiſe ihr darſtellen, die ſie in ihrer lebhaften Auffaſſung ſich davon vorgeſtellt hatte; ſo daß, ihren roman⸗ tiſchen Ideen nach, Alles um ſie her ſonnig, ſchoͤn und ſchuldlos ſeyn muͤßte. In keinem 102 Menſchen argwohnte ſie Taͤuſchung, keinen Men⸗ ſchen hielt ſie der Verraͤtherei faͤhig, und faſt ohne den Beweggrund davon zu ahnen, beſchloß ſie, auf die Welt und die Dinge in derſelben ſo hinzublicken, wie ihre entzuckte Phantaſie ihr die Bilder davon entworfen hatte. So war Anna zur Zeit, wo ſie in ihres Va⸗ ters Haus zu Gent zuruͤckkehrte. Die erſte Kränkung, welche ſie erfuhr und die einigermaßen ihren traͤumeriſchen Plaͤnen von Gluͤckſeligkeit entgegenſtrebte, war der Umſtand, den Charakter ihres Vaters ganz anders zu erblicken, als ſie ſich denſelben gedacht hatte. Sie war des Glau⸗ bens geweſen, zwiſchen Vater und Tochter ge⸗ genſeitige Zaͤrtlichkeit, offenes Vertrauen und bei⸗ derſeitige edle und uneigennuͤtzige Gefuͤhle ſo vor⸗ zufinden, daß Erſterer eitel Herablaſſung und Guͤte, Letztere nur Froͤmmigkeit und kindlichen Gehorſam blicken laſſen wuͤrde. Wie tief ward Anna daher ergriffen, als ſie fand, daß ihr Va⸗ ter ſtolz auf ſie, jedoch in ſolcher Weiſe ſtolz auf ſie war, daß er ſie als Mittel zu Foͤrderung ſeines ehrgeizigen und kuͤhnen Strebens angeſe⸗ hen wiſſen wollte, ohne dabei in irgend einer andern Hinſicht ſonderliche Zaͤrtlichkeit fuͤr ſie zu hegen; als ſie fand, daß er ihr ganz und gar ſein Vertrauen entzog, geheimnißvoll in ſeinem Weſen war, und alle jene zartern Vorſtellungen und Empfindungen ihrer Seele, die fuͤr ſie des Lebens Leben waren, als Narrheiten, als Traͤu⸗ me behandelte, die nichts weiter, als des Aus⸗ lachens eines verſtaͤndigen Mannes werth waͤren. Das war ein Todesſtreich fuͤr Anna's tieffuͤhlen⸗ des Gemuͤth. Durch Guͤte wuͤrde ihr Herz ſich geoͤffnet haben, wie das Auge des Morgens, um die erſten Strahlen der Sonne zu begruͤßen und widerzuſtrahlen; allein Kaͤlte und Hohn regten die Schuͤchternheit ihres Charakters auf, erkalte⸗ ten und bannten ihr Vertrauen; und da ſie fand, daß ſie Gefuͤhle hegte, welche mißverſtanden wurden, ließ der Stolz der menſchlichen Natur, der auch in dem beßten Herzen waltet, ſie tief in ihrem Buſen diejenigen Gedanken verſchloſſen halten, denen nur mit Geringſchaͤtzung begegnet ward. Anna liebte und verehrte Jan Lyon als ihren Vater, allein die Rauhheit und Strenge 104 in ſeinem Weſen ſchuͤchterten ſie allzu ſehr ein, als daß ſie ihn zu ihrem Freunde haͤtte machen koͤnnen. An jenem ergebnißreichen Abend, von dem bisher in den vorhergehenden Capiteln die Rede war, ſaß Anna in einem Gemache ihres Vater⸗ hauſes zu Gent, welches Jan Lyon ausſchließ⸗ lich fuͤr ſeine Tochter hatte einrichten laſſen, und welches, gemaͤß dieſer Einrichtung, heut zu Tage von einem jungen Maͤdchen ihr„boudoir“ ge⸗ nannt we den duͤrſte. Ihre Laute lag auf dem Tiſche, ihr Spinett ſtand an der Wand und ein Seitentiſchchen trug einige geſchriebene Heſte, die ihre Bibliothek ausmachten und in einem ſchoͤnen Kaͤſtchen von indiſcher Fabrik lagen. Dieſe Hefte enthielten die Lebensbeſchreibungen etlicher der vornehmſten katholiſchen Heiligen, ein Sangbuch, das Liedchen und Troubadourro⸗ manzen in ſich faßte, ein Weniges von den ita⸗ liſchen Dichtern, denn Anna war nicht unwiſ⸗ ſend in der Sprache derſelben, und ein bunt ausgemaltes Buͤchlein, welches ſie hoͤher denn all die uͤbrigen Hefte ſchaͤtzte, indem es Liedlein 105 und Saͤnge eines Freundes aufbewahrte, der die⸗ ſelben abgeſchrieben und dafuͤr geſorgt hatte, daß ſie, um die Gabe zu erhoͤhen, fein bunt verziert wurden. Ein Cruzifix, mit einem unter demſel⸗ ben liegenden Gebetbuche, nahm eine in dem Gemache befindliche kleine Niſche ein, und ein Rahmen mit einer Wirkarbeit, an welcher der Geſchmack und der Fleiß Annens bereits ge⸗ ſchaͤftig geweſen waren, ſtand unfern des vergit⸗ terten Fenſters. Die liebliche Herrin des Gemaches ſaß in gedankenvoller Stellung, indem ſie mit dem einen auf den Tiſch gelehnten Arm ihren Kopf ſtuͤtzte, und in ihrer Hand ein Briefchen hielt, welches ſie ſo eben mit Aufmerkſamkeit geleſen hatte. Anna trug ein ſchwarzſammtenes, mit Gold⸗ ſtickerei verziertes Kleid, das jedoch von einfachem Schnitte war. Es wies nur Aermel, die eng unten uͤber der Hand anſchloſſen, ohne das Schwerfaͤllige jener langen aufgeſchlitzten Haͤng⸗ aͤrmel zu zeigen, welche den Frauen jener Zeit bisweilen eben ſo wohl als Taſche, wie als Kleidverzierung dienten. Das Kleid, welches dicht an ihrem Koͤrper anlag, und bis uͤber den Buſen hinaufreichte, ließ ihr den Nacken bloß, deſſen lichtes, durchſichtiges Weiß in gar ſchoͤnem Gegenſatze zu dem tiefen und reichen Schwarz des Sammet ſtand. Ihr vor der Stirn geſchei⸗ teltes, aufgeflochtenes und auf dem Hintertheil des Kopfes(der durch dieſe Tracht vollkommen hervorgehoben ward) zuſammengehaltenes Haar ward durch einen duͤnnen Schleier aus Silber⸗ ſtoff bedeckt, und von einem Perlennetzchen oder Perlenmuͤtzchen bekroͤnt. Anna las nochmals das Briefchen. Sie ſann nach, fuhr ein Weilchen nachher von ihrem Sitze auf, und ſchien, zu lauſchen, als wuͤnſchte ſie Jemanden kommen zu hoͤren, den ſie ſehn⸗ ſuͤchtig erwartete. Als ſie ſich in dieſer Erwar⸗ tung getaͤuſcht fuͤhlte, ſeufzte ſie und kehrte zu ihrer ſitzenden Stellung zuruͤck; doch verharrte ſie nicht lange in derſelben, ſondern ſchritt bald wieder ruhelos und wie geaͤngſtet auf und ab im Gemache, war bald am Fenſter, bald lau⸗ ſchend an der Thuͤr. Endlich rief ſie aus:„Ja, ich irre mich nicht; jetzt hoͤre ich Fußtritte— 107 ſie kommen— er iſt es!“ Ihre Haͤnde, die ſie in einander geſchlagen hatte, bebten, als ſie dieſe Worte ſprach, und kaum faͤhig, ſich aufrecht zu erhalten, lehnte ſie ſich an den Stuhl, von wel⸗ chem ſie vorhin aufgeſtanden war, als die Thuͤr ihres Gemaches ſich oͤffnete, und ein ſchlanker, huͤbſcher, junger Mann in gruͤnem Reitrocke her⸗ ein trat. „Hendrick!“ rief Anna mit ſchwacher Stim⸗ me;„Hendrick, warum ſuchſt Du mich dennoch auf, da Du weißt—“ Ihre Erſchuͤtterung war zu heftig, als daß ſie ihre Rede haͤtte voll⸗ enden koͤnnen, ſo daß ſie nur die Worte„mein Vater“ hinzufuͤgte. „Ich weiß,“ verſetzte Hendrick,„ich weiß Al⸗ les, was Du einwenden moͤgteſt, weiß, daß ich ohne Deines Vaters Zuſtimmung nichts von Dir zu hoffen habe; auch begehre ich nichts von Dir, als Dich ſehen zu duͤrfen. Vor einer Stunde erſt langte ich in Gent an, und ſchrieb Dir aus der Herberge dieſes Briefchen, damit mein Kommen Dich nicht allzu ſehr uͤberraſchen moͤgte. Jacques hat es mit aller erforderlichen Vorſicht beſtellt. Du haſt mir dieſe Zuſammen⸗ kunft gewaͤhrt; alſo hoͤre mich, ich beſchwoͤre Dich!“ „Ich furchte,“ verſetzte Anna niedergeſchlagen, „ich habe ſchon zu viel gehoͤrt. Verlaſſe mich, Hendrick; verlaſſe mich, ich flehe Dich an!“ „Nimmer,“ verſetzte der Juͤngling, zu dem ſie redete,„nimmer verlaſſe ich Dich, bevor ich nicht einige Gewißheit habe, daß zwei Jahre Abweſenheit, die fuͤr mich Jahre des Elends ge⸗ weſen ſind, nicht gaͤnzlich bei Dir die Erinne⸗ rung an jene entzuͤckenden Stunden verwiſch⸗ ten, die wir mit einander im Waͤldchen bei St. Omer zubrachten, wo Abends unter der ſtein⸗ alten Eiche Anna mir ſo guͤtig, ſo unſchuldig, ſo herzlich—“ „O, nicht der Vergangenheit gedenke!“ ſagte Anna ihn unterbrechend;„Alles hat jetzt eine andere Geſtalt. Damals kannte ich nichts von der Welt; ich traf Dich zufaͤllig im Forſte, als ich noch eine unerfahrene Dirne war. Du wuß⸗ teſt Dir Zutritt bei meiner Muhme zu verſchaf⸗ fen; Du ſtudirteſt in St. Omer, und die Muhme liebte Dich wegen Deines Wiſſens; und liebreich und ſchlicht verſtaͤndig, wie ſie war, glaubte ſie, Deine Geſellſchaft koͤnnte mir nuͤtzlich werden, allein ſie wußte nicht, wie gefaͤhrlich fuͤr kuͤnftige Herzensruhe dergleichen Zuſammenkuͤnfte und Freundſchaftsbuͤndniſſe ſind, ſonſt wuͤrde ſie Dich nimmer ſo bei ſich aufgenommen haben, wie ſie Dich aufnahm. Und mein Vater jetzt—“ „Hat Dich heim berufen, Annaz und Du weigerſt Dich, mich zu hoͤren, bevor ich nicht ſeine Zuſtimmung dazu habe? Iſt⸗dem nicht ſo?“ „So iſt's wirklich, Hendrick; ich kann Dir die Wahrheit nicht verhehlen. Haͤtteſt Du ſeine Zuſtimmung, ſo weißt Du, daß Dir die meinige nicht fehlt; aber niemals haſt Du meinen Va⸗ ter auſgeſucht, Du biſt fuͤr ihn ſo unbekannt, wie Du fuͤr mich geheimnißvoll bleibſt.“ „Auch darf ich Deinen Vater vor der Hand noch nicht ſehen,“ verſetzte der Liebende;„es walten Umſtaͤnde ob, die ich Dir nicht ausein⸗ ander ſetzen kann, die es um ſeinetwillen, um Deinetwillen, um meinetwillen nothwendig ma⸗ chen, daß ich, wie Du es nur allzu richtig be⸗ —— ——— nennſt, mein geheimnißvolles Weſen beibehalte. Ich meyne es aufrichtig mit Dir, und warte nur Zeit und guͤnſtige Gelegenheit ab, jene Um⸗ ſtaͤnde zu beſeitigen, um alsdann frei und of⸗ fen von Deinem Vater Dich mir zum Weibe zu erbitten, ja zu fordern.“ „Wie mag ich Dir trauen,“ ſagte Anna, „wenn Du mir, zu der Du das innigſte Ver⸗ trauen hegen ſollteſt, die ſchlichte, offene Wahr⸗ heit verhehlſt; ja, nicht einmal mir jene ihrer Natur nach gewiß hoͤchſt gefaͤhrlichen Umſtaͤnde kund machſt? Als ich noch zu St. Omer war, kannte ich Dich nur als Hendrick van Caſſel, den Studirenden zu St. Omer. Als ſolcher kamſt Du in meiner Muhme Haus, aber auch damals ſchon vorſichtig und mit geheimnißvollem Weſen. Dein einziger Begleiter war Dein Die⸗ ner, und außer Deinem Namen wußten wir nichts von Deiner Herkunfſt. Ich war jung, und meine Muhme war zu einfach, um Ver⸗ dacht gegen Dich zu hegen; bis ich, ehe ich die Muhme verließ, Dich bat, daß, weil ich zu meinem Vater zuruͤckkehrte, Du mich von ihm ———— —„—— ù„— 111 erbitten moͤgteſt, indem ich wuͤnſchte, daß ſein Segen auf unſerer Verbindung ruhte. Du ſag⸗ teſt, daß Du das damals noch nicht duͤrfteſt, daß Deine Familie der ſeinigen nicht be⸗ kannt ſeyn duͤrfte, und dann ſprachſt Du von einſtmals, ſo wie Du jetzt davon redeſt. Seit⸗ dem mein Vater mich an den Hof gefuͤhrt hat, lernte ich die Welt etwas naͤher kennen— alle Hoͤflinge fand ich geheimnißvoll, und habe dem⸗ nach keine Urſache, ſie um deßwillen fuͤr die beß⸗ ten Leute zu halten. Ich wuͤrde meinem Vater die Wahrheit geſagt haben, wenn ich ihn nicht ſo ſehr fuͤrchtete, daß jedesmal, wenn ich mit ihm reden wollte, ich nicht Deinen Namen herauszubringen vermogte. Und mein Vater auch——“ „Was iſt's mit ihm?“ fragte haſtig der Lie⸗ bende, welcher uͤber den Ton, womit ſie die letz⸗ ten Worte geſprochen hatte, beunruhigt ward; denn Liebende erſchrecken wie Feiglinge vor einem Schatten. „Nichts, Hendrick,“ ſagte Anna,„laß mich meine Geheimniſſe eben ſo gut haben, wie Du 112 die Deinigen haſt; und Du kannſt kein Ver⸗ trauen von mir erwarten, wenn Du mir das Deinige verweigerſt. Nur Das wiſſe— ich habe Urſache, zu meynen, daß mein Vater ſeine Einwilligung nicht geben wuͤrde, ſelbſt wenn Du, wie Du es zu thun denkſt, ihn eines Ta⸗ ges darum bitteſt. Deswegen taͤuſche Dich nicht ſelbſt, und mache nicht ſo mich zwiefach un⸗ gluͤcklich, indem Du nichtige Hoffnungen naͤhrſt. Seit wir uns trennten, habe ich einſehen lernen, was eine traͤumende Einbildungskraft iſt, und ich fange jetzt an zu denken, daß die Hoffnung nichts anders als eine Schmeichlerin iſt, die uns zu unſerem Verderben taͤuſcht.“ „Sage mir, ich bitte Dich,“ ſprach Hendrick, „ſage mir, was hat ſich begeben? Martere mich nicht mit dieſer Zuruͤckhaltung; ſage mir Alles und vor Allem nenne mir die Urſache Deiner Veraͤnderung.“ „Ich bin nicht veraͤndert gegen Dich,“ ver⸗ ſetzte Anna,„allein ich bin es gegen mich ſelbſt. Ich fange an zu argwoͤhnen, daß dieſe Welt nicht voͤllig ſo glucklich, nicht ganzlich ſo gut iſt, als —*— 1 ich ſie mir einſt dachte. Ich habe kein Geheim⸗ niß gegen Dich, Hendrick, uͤber mich oder uͤber das, was mich betrifft; allein ich darf ſelbſt Dir nicht Das enthuͤllen, was in Bezug auf An⸗ gelegenheiten, die meinen Vater angehen, als ver⸗ raͤtheriſch erſcheinen koͤnnte. So beſchraͤnkt mei⸗ nes Vaters Zutrauen zu mir auch iſt, ſo will ich es doch nimmer verrathen, obgleich es mich zu der Anſicht leitet, daß Du wenig oder nichts von meinem Vater zu hoffen haſt.“ „Dennoch will ich ſo lange hoffen, Anna, bis ich uͤberzeugt ſeyn werde, daß Du nicht läͤnger Theilnahme fuͤr mein Geſchick hegſt. Hoͤre mich! Umſtaͤnde von der dringendſten Be⸗ ſchaffenheit ſind obwaltend, die es fuͤr jetzt un⸗ moͤglich machen, mich unumwunden, ſelbſt ge⸗ gen Dich, zu erklaͤren. Ich will ſie beſeitigen, oder in dem Verſuche dazu untergehen. Deines Vaters Gluͤckstag iſt voruͤber; er iſt bei dem Grafen von Flandern in Ungnade gefallen, ich weiß es gewiß. Die Raͤnke ſeines Feindes Gil⸗ bert Mattheus haben ihn geſturzt; doch durfte es in meiner Macht ſtehen, Deinem Vater nuͤtz⸗ Die Weißkappen I. 8 lich zu werden und ihn zu retten, denn Gil⸗ bert's Bosheit wird nicht bei dem ſtehen bleiben, was ihr bisher gelang; und die Graͤfin von Ar⸗ tois, die ihren Sohn, den Grafen, mit eben ſo vieler Strenge beherrſcht, als ob er noch ein Knabe waͤre, iſt weder die Freundin Deines Vaters, noch die Deinige.“ „Gerechter Himmel! Wie?“ rief Anna— „wer biſt Du? Von wannen kommſt Du? Du kennſt all' unſere Angelegenheiten, und doch iſt es zwei Jahre her, daß wir einander nicht ſahen; dazu biſt Du ſo eben erſt in Gent angelangt. Was bedeutet das? Du beunruhigſt mich.“ „Sey ruhig; es bedeutet nichts weiter, meine holde Anna, als daß, obwohl ich gezwungen ward, bis zu dieſer Zeit in St. Omer zu blei⸗ ben, ich doch nicht unachtſam gegen Das geblie⸗ ben bin, was in Gent vorfiel, ſeitdem dieſe Stadt den groͤßten Schatz in ſich faßt, den ich beſitze. Bekannte, die ich hier zahle, haben mich von etlichen Umſtaͤnden unterrichtet, die ſelbſt Dir unbekannt geblieben ſind. Denn meynſt Du, daß ein Geizhals, wenn er von ſeinem M ————— 115 Schatze, waͤre es auch nur fuͤr ein Weilchen, ſcheidet, nicht eine Wache neben denſelben ſtellt, daß dieſe ihm Kunde davon gebe, ſobald Gefahr ſich nahen moͤgte? Nein, ich bin nicht gleichgul⸗ tig gegen Das geweſen, was Dich oder Deinen Vater betrifft. Ich hoͤrte von ſeiner Ungnade, und bin hieher gekommen, ihm zu dienen, wenn ſolches auch nicht oͤffentlich geſchehen kann. Und ungeachtet Du Dich ſo verſchwiegen gibſt, liebe Anna, ſo iſt es mir nicht unbekannt, daß die Gräfin von Artois hoͤchlich entruſtet gegen Jan Lyon und aufgebracht gegen Dich iſt, weil die Welt ſich in die Ohren fluͤſtert, der Dame Sohn, der Graf von Flandern, betrachte ſeine Grafenkrone als eine Laſt, weil ſie ihm hinder⸗ lich wird, ſeine Hand der Tochter eines Buͤrgers von Gent— einem kleinen Geſchoͤpfe zu reichen, das ſo die Herzen der Fuͤrſten, wie der Studen⸗ ten zu gewinnen weiß.“ Anna erroͤthete und blickte zu Boden, allein ſie antwortete nicht. „Ich fuͤrchte mich nun eben nicht vor der Nebenbuhlerſchaft des Grafen von Flandern,“ 8* ereeeereee fuͤgte Hendrick hinzu,„denn er koͤnnte Dich nicht wohl ehelichen, liebſte Anna, ohne Gefahr zu laufen, ſeiner Lehen verluſtig zu gehen, und Du beſitzeſt, ſowohl wie Dein Vater, zu hohes Ehrgefuͤhl, als daß Du einer geſetzwidrigen Be⸗ werbung Gehoͤr geben koͤnnteſt, und wirklich habe ich gehoͤrt, daß Deines Vaters Ungnade—— doch reden wir nicht mehr davon. Wann ſoll ich Dich wiederſehen? Und wo? Hier darf ich nicht lange mehr bleiben. Mein Jacques ver⸗ treibt Deiner alten Beſchließerin die Zeit; ſie haͤlt mich fuͤr einen Abgeſandten Deiner Muhme zu St. Omer, doch muß ich von hier fort, ehe Dein Vater nach Hauſe kommt. Wann ſoll ich Dich wiederſehen?“ „Niemals!“ verſetzte Anna;„Du weigerſt Dich immer noch, mich von meinem Vater zu begehren, und ich will nicht in die Schande ver⸗ ſtohlener Zuſammenkuͤnfte willigen. Ich war nur noch ein Kind, als wir mitſammen im Wald⸗ chen bei St. Omer umherſchlenderten; jetzt hat die Zeit mir manches Herzweh zugewendet, und unter andern Erfahrungslehren iſt mir auch die geworden daß es gefaͤhrlich bleibt, unſern Em⸗ pfindungen zu vertrauen.“ „Ei,“ entgegnete Hendrick,„es iſt nutzlos, Dich mir ſo zu verleugnen; ich werde nicht fern von Gent ſeyn, und Dich wider Deinen Willen ſehen. Ich habe nichts Anderes im Sinne, als Dir Ehre zu erweiſen, und es wird eine Zeit kommen, wo ich Dich von Deinem Vater for⸗ dern und erhalten werde. Warum ſollte ich denn unnoͤthiger Weiſe waͤhrend dieſer Zwiſchenzeit leiden muͤſſen? Ueberdies duͤrfte Deines Vaters Sicherheit es erfordern, daß wir uns bisweilen ſprechen. Schlage es mir nicht ab.“ „Meines Vaters Sicherheit,“ ſagte Anna, „kann nimmer durch ſeiner Tochter Ungehorſam gefoͤrdert werden. Verlaſſe mich, ich bitte Dich; er wird bald nach Hauſe kommen. Dein Brieſ hatte mich uͤberraſcht— mir nicht Zeit zum Er⸗ waͤgen gelaſſen.— Zu haſtig habe ich dieſe Zu⸗ ſammenkunft bewilligt, bevor er heimkehren konnte; allein hier und jetzt muß dieſelbe enden.“ „So ſoll es denn enden, fuͤrwahr!“ rief Hendrick, der ſich durch das entſchloſſene Weſen, womit Anna ihn entließ, hoͤchlich verletzt fuͤhlte: „Ich ſehe, wie es iſt; Du biſt umgewandelt; Zeit, andere Gegenſtaͤnde, vielleicht auch der Hof haben Dich gelehrt, gleichgültig gegen mich zu ſeyn. Und dies alſo, Anna, iſt das Ende aller Deiner Geluͤbde— aller Deiner Zuſagen gegen⸗ ſeitiger und getreuer Liebe? O, wie verſchieden ſind Deine Gefuͤhle von den meinigen! Ich bin bereit, jeder Gefahr zu trotzen, jedem Hinderniſſe zu begegnen, nur um Dich zu ſehen, und um nicht abermals die Pein, das Elend gänzlicher Trennung von Dir erdulden zu muͤſſen. Und kannſt Du ſo leichthin von mir ſcheiden? ſchei⸗ den auf unbeſtimmte Zeitfriſt? Das iſt nicht Pflichtubung, das iſt Kaͤlte. Ja, ja, ich ſehe, wie es iſt; mit falſchen Hoffnungen habe ich mir geſchmeichelt, indem ich Deine Liebe nach der meinigen maß.“ Anna erroͤthete, ſtockte, allein ihre Einbil⸗ dungskraft malte ihr jetzt nur die Leiden der Trennung, und unfaͤhig, ihre Thranen zuruͤckzu⸗ halten, weinte ſie bitterlich, und verſicherte dem Liebenden abermals, daß er unguͤtig uͤber ſie ur⸗ 119 theilte, indem ihr Herz gaͤnzlich ſein Eigenthum waͤre. Entzuͤckt, als er dieſe erneuerte Zuſiche⸗ rung von Annens Liebe empfing, dankte er ihr herzlich dafuͤr, und mit all der ploͤtzlichen Auf⸗ wallung der Empfindungen, welche in Einem, Augenblicke bittere Vorwuͤrfe erzeugen kann, ſo⸗ bald das Herz ſich auch nur leiſe und oft nur abſichtslos verletzt fuͤhlt, waͤhrend ſie ſich im andern Augenblicke an dem ſchwaͤchſten Schim⸗ mer von Hoffnung erfreut, drang Hendrick aber⸗ mals darauf, Anna moͤgte ihm Erlaubniß geben, ſie bisweilen zu ſprechen, ſollte es auch nur fuͤr etliche Minuten und gleichviel, an welchem Orte ſeyn. Anna aber fuhr fort, ihre Einwilligung dazu zu verſagen; doch that ſie es mit erſichtli⸗ cher Abneigung, und auf minder ſtandhafte und entſchloſſene Weiſe. Die Rechtſchaffenheit ihrer Grundſaͤtze lehrte ihr, daß es unrecht ſeyn wuͤrde, ohne die Zuſtimmung ihres Vaters in etwas der Art zu willigen; allein wenn ſie auf die betruͤbende Lage Hendrick's blickte und ſein maͤnnlich Angeſicht von Thraͤnen benetzt ſah, in⸗ dem er, um ihren ſtrengen Entſchluß fuͤr die Folgezeit zu mildern, von dem Sehnſuchtsleiden ſprach, das er erduldet hatte, ſo konnte ſie kaum es uͤber ihr Herz bringen, ihm eine entſchieden verneinende Antwort zu geben. „Anna,“ ſagte Hendrick,„ich habe die Wochen und Tage gezaͤhlt, ſeit wir uns das letzte Mal ſahen, und zu jeder Zeit und an allen Orten hat nur ein einziger Gedanke mich beſchäftigt. Ich habe nur an Dich gedacht; ich habe die Sonne beobachtet, wenn ſie im Weſten hinab⸗ ſank, und mich der Zeit erinnert, wo wir Beide das zu derſelben Stunde thaten, daß unſere Ge⸗ danken ſich im Einklange zuſammen finden moͤg⸗ ten. Ich habe die Stätten umſchwaͤrmt, an de⸗ nen wir ſo oft Stunden lang im Walde bei St. Omer weilten, und habe immer und immer an Dich! gedacht und uͤber Dich nachgeſonnen, ja ich habe ſogar zu den ſinnloſen Baͤumen von meiner Anna geredet. Und wie oft hat Dein Bild meinen Schlummer geſtoͤrt! Wie oſt er⸗ wachte ich fieberiſch und unerquickt, um einen neuen Tag bangen Ahnens und zweifelsvoller Beſorgniß zu beginnen! Gib mich— kannſt Du— kannſt Du es denn wirklich uͤber Dein Herz bringen— kannſt Du es wirklich?— gib mich nicht abermals ſolchem beklagenswer⸗ then Zuſtande hin! ich beſchwoͤre Dich!“ So betrieb Hendrick, voll der aufrichtigſten Zaͤrtlichkeit, ſein Geſuch bei Annen, und dieſe zweifelsvoll und ſchwankend zwiſchen Liebe und Pflichtgefuͤhl, hoͤrte bald auf das Anrathen ihrer Vernunft, und gab ſich bald wieder der Gewalt ihrer Neigung hin; ſo daß ſie kaum wußte, was ſie antwortete, und weder Entſchloſſenheit genug zum Verweigern, noch zum Gewaͤhren der Bitte des Geliebten hatte. Waͤhrend dieſe Unterredung zwiſchen den Lie⸗ benden vorfiel, war Jacques, der Diener Hen⸗ drick's van Caſſel, bemuͤht, der alten Katharine, der Beſchließerin Jan Lyons, die Zeit zu ver⸗ kuͤrzen. Jacques war ein leichtes franzoͤſiſches Gemuͤth von der glaͤnzendſten Beſchaffenheit, deſſen Witz uͤberdies durch Armuth und Be⸗ draͤngniß geſchaͤrft und durch eine weit uͤber ſei⸗ nen Stand hinausreichende Erziehung verfeinert worden war. Sein Gebieter hatte es fuͤr noth⸗ ————— wendig erachtet, Jemandem das Geheimniß ſei⸗ ner Liebe zu der ſchoͤnen Anna zu vertrauen, und indem er auf die Treue ſeines Dieners, von deſſen Gewandtheit er uͤberdies eine hohe Mey⸗ nung hegte, mit Zuverſicht baute, ſo ward Jac⸗ ques der vertraute und nutzliche Freund ſeines Herrn in einer Angelegenheit, wo ein Treubruch allen in die Sache Verwickelten hoͤchſt verhäng⸗ nißvoll haͤtte werden koͤnnen. Jacques war lange genug der Vertraute in einem Liebeshandel ge⸗ weſen, um wiſſen zu koͤnnen, daß eine Zuſam⸗ menkunft zwiſchen Liebenden, die ſeit geraumer Zeit einander nicht geſprochen hatten, ſo kurz ſcheint, daß, wenn ſie auch einen ganzen Abend hindurch waͤhrte, ſie ihnen doch„ein fluͤchtiger Traum“ duͤnken wuͤrde. Die betagte Katharine ſchwatzte von der Heimkunft ihres Herrn, Jas⸗ ques fuͤrchtete dieſelbe und trug Verlangen da⸗ nach, den Liebenden einen Wink zu geben, daß es Zeit waͤre, ſich Lebewohl zu ſagen; allein da er dieſe Unbehaglichkeit der alten Katharine nicht zu entdecken wagte, war er genoͤthigt, ſtill zu ſitzen und innerlich ſeine eigene Ungeduld wieder⸗ 123 zukaͤuen. Da Jacques jedoch zu denjenigen Leu⸗ ten gehoͤrte, welche ungeachtet eines heitern Ge⸗ muͤthes, ihren geziemenden Vorrath geſunden Menſchenverſtandes bei ſich fuͤhren, ſo ſah er deutlich ein, daß jetzt, wo ſein Gebieter nach Gent zuruͤckgekehrt war, ſeine Thätigkeit nicht ſchlummern duͤrfte; und deswegen hielt er es fuͤr gerathen, die ſich bietende Gelegenheit zu benutzen und, zur Erleichterung ſeiner ferneren Geſchaͤfte, eine Art von Bekanntſchaft mit der alten Be⸗ ſchließerin anzuknuͤpfen. In ſeiner Sphaͤre kannte Jacques recht wohl die Welt, und Keiner konnte im Herzen einer Beſchließerin den ſchwaͤchſten und in dem Herzen einer Koͤchin den verwundbarſten Theil beſſer kennen, als er. Freilich hatte ſeine Er⸗ fahrung bisher ſich hauptſaͤchlich vom juͤngeren Theile des weiblichen Geſchlechtes hergeleitet, doch da er ein großer Meiſter in der Kunſt war, ſo verſchmaͤhte er es nicht, ſeine Geſchicklichkeit auch bei aͤlteren Perſonen zu zeigen. Jacques wußte recht wohl, daß die Menſchen im Allge⸗ meinen, ſo Maͤnnlein wie Fraͤulein, irgend einen — See— ne— 124 Hauptzug im Charakter haben, der, wenn er einmal ausgefunden ward, die Mittel an die Hand gibt, das Gemuͤth zu ſäͤnftigen oder aufzuregen. Auch wußte er, daß des Menſchen Eitelkeit allwege empfäͤnglich fur die Schmeichelei bleibt, und daß es ſelbſt bei der eitelſten Perſon nichts weiter bedarf, als die Doſis ſo zu reichen, daß ſie auf den jedesmaligen Fall gehoͤrig paßt. So begruͤßte er ein bejahrtes Frauenzim⸗ mer niemals wegen ihrer Schoͤnheit, damit die Abgeſchmacktheit der Schmeichelrede nicht die Wir⸗ kung derſelben verfehlte. Bei einem jungen Frauenzimmer hingegen, mogte ihr Geſicht auch nach einer Form gemodelt ſeyn, wie die Natur in einer wilden Laune ſie wohl erzeugt, wenn ſie ſich einen Spaß machen moͤgte, hatte er jeder⸗ zeit allerliebſte Redensarten uͤber deren Schoͤnheit zur Hand, waͤhrend er alte Frauenzimmer durch Lobpreiſung ihres Verſtandes bei der Naſe her⸗ umfuͤhrte. Jacques war in der That ſo an das Liſtige des Schmeichelredens gewoͤhnt, daß er wirklich ſogar ſich ſelber ſchmeichelte, und ſeine Frechheit in dieſer Kunſt, die eben, weil ſie ſo N 125 und nicht anders war, Gluͤck machte, fuͤr Witz von der erſten Qualitaͤt hielt. „So alſo, junger Mann,“ ſagte die alte Katharine zu dieſem geſchaͤftigen Diener, als dieſer im Verfolgen ſeines Planes ihr ämſig dazu half, das erloſchene Kuͤchenfeuer wieder anzubla— ſen—„So alſo kommt Ihr mit Botſchaft von der Muhme unſers Fraͤuleins? Es iſt Schade, daß Ihr gekommen ſeyd, waͤhrend Herr Jan Lyon nicht daheim war; denn Euer Herr da droben ſcheint eine wunderſam lange Botſchaft auszurichten zu haben. Sagt doch, Freund, wißt Ihr nicht, wovon es ſich handelt?“ „Nicht ſo eigentlich,“ verſetzte Jacques,„wie⸗ wohl ich glaube, pfiffig genug zu ſeyn, es zu er⸗ rathen. Allein Ihr wißt, Dienſtleute muͤſſen die Geheimniſſe ihrer Herrſchaft zu bewahren wiſſen; es wäre denn, daß ein junger Mann hoffen koͤnnte, zum Beßten ſeines Vorgeſetzten einen guten Rath zu bekommen, wenn er das Geheim⸗ niß einer ſo verſtaͤndigen und verſchwiegenen Perſon, wie Ihr ſeyd, anvertraute.“ „Ihr ſeyd ein gar hoͤflicher und verſtändiger ——— 5. junger Mann,“ ſagte die alte Katharine,„und ſcheint genauer mit Eurer Pflicht bekannt zu ſeyn, als ich es jemals an einem Diener wahr⸗ nahm. Thut mir die Liebe und trinkt einen Becher Wein. Es ſchwatzt ſich ſchlecht mit trockener Kehle und kann leicht dahin bringen, daß man die Schwindſucht bekommt. Ich mei⸗ nes Theils plaudere nie beſſer, als wenn ich einen Becher Wuͤrzwein ausgeleert habe.“ Sonach war die Beſchließerin geſchaͤftig, eine Erfriſchung fuͤr Jacques aufzutiſchen, der nun⸗ mehr ihr ein muͤßiges Maͤhrchen und obendrein ſo viele Luͤgen und Verbindlichkeiten hinwarf, als er aufbringen konnte. Waͤhrend Katharine auf ſolche Weiſe in die Schlingen gerieth, die der ſchlaue Knecht ſeines Herrn ihr gelegt hatte, ward ein Pochen an der Hausthuͤr gehoͤrt, welches das Nachſehen der Alten erheiſchte, die vald zuruͤckkehrte und erzaͤhlte, wie ein Menſch, der ſehr erhitzt und eilfertig ausſaͤhe, jedoch kei⸗ neswegs einem Diener gliche, einen Brief haͤtte, den er alſofort in ihrer jungen Gebieterin eigene Haͤnde abliefern moͤgte. ei⸗ te, ne „Den Ihr jedoch ſelber abliefern werdet,“ ſagte Jacques, der nicht wollte, daß ſein Herr durch die Anweſenheit eines Fremden ploͤtzlich unterbrochen wuͤrde;„Ihr werdet jenen Men⸗ ſchen doch nicht hinauflaſſen, daß er Eure Ge⸗ bieterin ſtoͤrt, wenn ſie Nachrichten von ihrer Muhme empfaͤngt? Gewiß wird Eure Einſicht ſolches nimmer zulaſſen.“ „Wahrhaftig nicht,“ verſetzte die alte Katha⸗ rine,„und ſo will ich darauf beſtehen, daß der Brief mir ausgehaͤndigt werde.“ „Und da meine Beine ziemlich juͤnger, als die Eurigen ſind,“ meynte Jacques,„will ich Euch die Muͤhe erſparen, das Schreiben hinauf zu Eurer Herrin zu tragen, waͤhrend Ihr lieber einen zweiten Becher Wuͤrzwein bereitet und dar⸗ uber nachdenkt, welcher Belohnung wohl einer ſo verſtaͤndigen, Ruͤckſicht nehmenden Perſon, wie Ihr ſeyd, fuͤr die Muͤhe gebuͤhrt, die wir Euch an dieſem Abend gemacht haben.“ So geringe Doſis Scharfſinn die ehrliche Alte auch von der Natur bekommen haben mogte, ſo war dieſer letzte Wink ihr doch gar wohl — FYFÜFYÜ 128 verſtaͤndlich, und gänzlich verloren in Nachſinnen uͤber die Beſchaffenheit unerwarteter klingender Verguͤtung, gab ſie den von dem Fremden er⸗ haltenen Brief an Jacques, der flugs treppan zu ſeinem Herrn ſprang, das Schreiben an das Fraͤulein Anna abgab, und ſeinen Gebieter be⸗ ſchwor, keine Zeit mehr zu verlieren, ſondern un⸗ verzuͤglich das Haus zu verlaſſen. Hendrick van Caſſel verſprach, ſolches nach wenigen Minuten zu thun; worauf Jacques wieder hinunter ſprang, um mit der Beſchließerin flink noch einen zwei⸗ ten Becher auszuſchluͤrfen. Kaum hatte er das Gemach verlaſſen, ſo oͤffnete Anna das Schrei⸗ ben. Mit der groͤßten Beſturzung las ſie den Inhalt deſſelben und rief aus:„Allguͤtiger Him⸗ mel! Was ſoll das heißen?“ „Sprich,“ rief Hendrick;„ich kann es nicht ertragen, Dich ſo beunruhigt zu ſehen; was enthalt dies Papier?“ „Mein Vater ſchreibt mir,“ verſetzte Anna, „ſofort meinen Mantel umzunehmen und mich, ſo gut ich es kann, zu verhuͤllen, keine Frage zu thun, ſondern dem Ueberbringer dieſes Schrei⸗ a, h, zu ei⸗ 129 bens zu folgen, der mich geraden Weges zu meinem Vater fuͤhren werde, indem dieſer nicht ſelbſt zu mir kommen kann, und doch in wich⸗ tiger Angelegenheit mich ſprechen muß. Was kann das zu bedeuten haben?“ Hendrick van Caſſel war uͤber ſolche Zu⸗ ſchrift nicht wenig betroffen und beunruhigt, doch ſtehtuanzunehmen, daß er uͤber die Veranlaſſung zu dieſem Schreiben eben ſo unwiſſend wie Anna war. Das Maͤdchen aber, voll Erſtaunens und Beſorgniß, und in Furcht, ohne zu wiſſen wes⸗ halb, eilte ihres Vaters Gebot zu erfuͤllen, ſchluͤpfte unter ihren Mantel, zog ihre Kappe uͤber ihr Geſicht, ſagte dem Geliebten ein haſti⸗ ges Lebewohl und verließ das Haus, um den Schritten des Fremden zu folgen. Die Weißkappen I. Fünftes Capitel. Wir muͤſſen jetzt zu Jan Lyon zuruͤckkehren, der, wie wir vorhin bemerkten, ſich aus der Her⸗ berge, ohne Hinderniß zu finden, nach dem ver⸗ haͤngnißvollen Zwiſte wegbegeben, und auf ſolche Weiſe dem Zorne des neuen Zunftmeiſters Gil⸗ bert Mattheus, ſo wie der Einkerkerung entgan⸗ gen war, welcher der gutherzige und wichtige kleine Buͤrgermeiſter, Herr Simon van Bet, anheimfiel. Unter der Huͤlle der Nacht, die jeden Augen⸗ blick finſterer ward, ſetzte Jan Lyon, ohne Auf⸗ ſeher zu erregen, ſeinen Weg durch manche Kreuz⸗ und Querſtraßen der Stadt fort. Er kannte dieſe recht wohl und nachdem er uͤber mehrere n⸗ f⸗ z⸗ te ere 131 Canaͤle gelangt war, wendete er ſich endlich einem alten gothiſchen Gebaͤude zu, welches vereinzelt, jedoch noch innerhalb der Mauern von Gent ſtand. Dieſes von einem kleinen Garten umgebene Haus ward auf allen Seiten ſo von Canalen umfloſſen, daß es dadurch als beſonders einge⸗ zaͤunt erſchien, obwohl es ſich inmitten einer Handelsſtadt befand. Jan ſchritt uͤber eine kleine Zugbrucke, welche zum Eingange des Gebaͤudes fuͤhrte, und klopfte, wiewohl nicht ſehr laut, an ein ungeheures Fluͤgelthor, das in einen innern Hof leitete. Auf das Anklopfen antwortete ein alter Diener, der mit anſcheinender Vorſicht die Riegel eines Pfoͤrtchens in dem Flügelthore öffnete und Jan Lyon, der den Alten als den Pfoͤrtner des Hauſes gar wohl kannte, hindurchließ. Wäh⸗ rend dies geſchah, beobachtete ſowohl Jan Lyon wie der Diener das tieſſte Schweigen, ausge⸗ nommen, daß Erſterer vor dem Hindurchſchluͤpfen mit leiſer Stimme ſeinen Namen genannt hatte; auch brach keiner von Beiden eher das Schwei⸗ gen, als bis das Pfoͤrtchen ſorgfaͤltig wieder 9* 132 verriegelt war. Dann erſt wagte Jan im ern⸗ ſten Tone zu fragen, ob Peter du Bois zu ſprechen waͤre? „Ei wohl,“ ſagte der Alte,„hat er Euch doch ſchon ſeit laͤnger als einer Stunde erwar⸗ tet. Es iſt gut, daß Ihr hier ſeyd, er ware ſonſt wahrſcheinlich ausgegangen, Euch aufzuſu⸗ chen. Doch wartet, wir gehen nicht durch die große Thuͤr in's Haus; kommt hinten herum. Es ſind einige Leute bei ihm, und vielleicht,“ fuͤgte der Diener mit leiſerer Stimme hinzu, „moͤgtet Ihr ihn zuvor allein ſprechen wollen.“ „Das eben iſt durchaus nothwendig,“ ſagte Jan Lyon,„und ich muß ihn unverzuͤglich ſprechen.“ „Will's ſchon machen,“ verſetzte der Fuͤhrer mit bedeutendem Blick.„Er kennt das Zeichen, und wird mich verſtehen, daß Ihr hier ſeyd, auch wenn ich kein Wort rede. Tretet in dies Gemach, und wartet ſeines Kommens; ich will Euch die Lampe hier laſſen.“ Indem der Alte dies ſagte, oͤffnete er eine Thuͤr und fuͤhrte Jan Lyon in ein Gemach, das ill ne mit Eichenholz ſeit ſo langer Zeit ausgetäfelt war, daß die Lampe mit ihrem langen Strahle doch nicht vermogte, durch das Dunkelſchwarz des Gemaches hindurchzudringen, und daß man nichts deutlich erkennen konnte, als ein Glitzern gegen das Ende der Stube, welches durch einen Wiederſchein von irgend einem polirten Gegen⸗ ſtande, auf den das Lampenlicht fallen mogte, herzuruͤhren ſchien. Der Diener hatte ſich entfernt und die Thuͤr hinter ſich angelehnt, und als Jan Lyon nun umher blickte, wollte das duͤſtere Ausſehen des Ortes ihn ſchier wie ein Sinnbild ſeines eigenen Geſchicks beduͤnken, und kam es ihm vor, er be⸗ faͤnde ſich ſchon in dem Kerker, in welchen die Anſtrengungen Gilbert's ihn zu ſchaffen trachte⸗ ten. Waͤhrend er mit dieſen truͤben Gedanken beſchaͤftigt war, indem er uͤber die beßten Mit⸗ tel nachſann, ſeine Losſprechung, ſeine Flucht oder ſeine Sicherſtellung zu bewirken, und dabei jeglichen Plan, der ſich ſeiner Einbildungskraft darbot, als unzureichend verwarf, oͤffnete ſich das Gemach, und herein trat ein junger Mann, 134 deſſen Zuge beſondere Aehnlichkeit mit denen Jan Lyon's wieſen, nur daß deſſen Geſicht mehr Keckeres, ein helleres Blitzen der Augen, und einen mehr energiſchen Ausdruck zeigte. Ueber⸗ dies lag auf dem Antlitze des Juͤnglings ein Anflug von Spottlaͤcheln, das beſonders um den Mund herum ſpielte, und mit einem unerklaͤr⸗ baren Etwas, das ſich uͤber das ganze Geſicht verbreitete, wohl geeignet war, in einem ſchuͤch⸗ ternen Gemuͤthe einen hohen Grad von Furcht zu erregen. „Endlich ſeyd Ihr denn da,“ ſagte der junge Mann;„ich habe Euch ſehnſuͤchtig erwartet. Aber Ihr ſeyd allein— ganz allein? Mißlang es Euch? Ich hatte gehofft, Ihr wuͤrdet—“ „Rede jetzt nicht davon,“ verſetzte Jan Lyon; „andere und wichtigere Dinge ſind jetzt—“ „Andere Dinge moͤgt Ihr vorhaben, Ohm,“ ſagte der Juͤngling,„jedoch wichtigere koͤnnt Ihr nicht haben. Doch Ihr ſeht ſeltſam be⸗ wegt aus, und um Euch herum zeigt ſich viel Unordentliche s; Euer Mantel iſt zerriſſen, und Eure Wange iſt blutig. Was hat ſich zugetragen?“ 135 „Mord,“ antwortete Jan Lyon, und als er dies Wort ausſprach, ſchlug er in heſtiger Be⸗ wegung ſich mit der Hand vor die Stirn. „Gott ſey Dank dafuͤr,“ ſagte der Neffe, „ſo iſt endlich Hoffnung da, daß wir ſowohl zur That, wie zur Drohung ſchreiten muͤſſen. Aber ſagt an, was fuͤr ein Mord? Weſſen Blut iſt Handgivd Eures Stahles worden? O moͤgte es bald in ſolchen Stroͤmen durch dieſe elende Stadt fließen, daß unſere Canaͤle keiner andern Fluth beduͤrfen, als des Lebensblutes, das den Leichen entquoll, die auf deren Oberfläche treiben! Wen habt Ihr mit dieſer guten Hand getroffen?“ „Keinen, Peter du Bois!“ ſagte des Juͤng⸗ lings Oheim. „Keinen? Spracht Ihr nicht ſo eben von Mord?“ „Wohl that ich's,“ antwortete Jan Lyon, „und mein Leben ſteht in dieſem Augenblicke vor dem Geſetze in der groͤßten Gefahr. Du mußt mich verbergen, ſo gut Du es irgend vermagſt, bis ich entweder Mittel finde, zu entrinnen, oder zu— ———————— „Entrinnen?“ rief Peter du Bois:„Entrin⸗ nen? Ihr uns verlaſſen, und das zu ſolcher Zeit? in ſolcher Kriſis? Nimmer, nimmerz es wuͤrde das Verderben unſers Vorhabens ſeyn. Philipp van Artaveld iſt unſerem Unternehmen noch nicht gewonnen worden, und wenn Ihr uns fehlt, bevor Alles reift, ſo geht Alles zu Grunde. Nein, lieber mögte ich meine Thore oͤffnen und Euch den Gerichten uͤberliefern, als Euch nur darum Schutz zu verleihen ſuchen, daß Ihr unſerer Sache abtruͤnnig werden moͤgtet.“ „Du biſt zu raſch, zu hitzig, Neffe,“ ſagte Jan Lyon.„Laß mich erzählen und dann richte uͤber mich. Du ſollſt Alles wiſſen.“ Peter du Bois verrieth bedeutende Ungeduld, doch des Oheims Anforderung war offenbar zu vernuͤnftig, um zuruͤckgewieſen werden zu koͤnnen. Demnach hoͤrte er mit großer Anſtrengung zu, bis Jan Lyon die Erzählung der Begebenheiten des Abends vollendet hatte. Als der Oheim uͤber Peter Mattheus' Tod und den ſich daran knupfen⸗ den Folgen abgeſprochen hatte, ſchien ſein Neffe hoͤchſt aͤrgerlich und beunruhigt zu ſeyn, doch außerte er nicht die mindeſte Theilnahme hin⸗ ſichtlich der vor der Hand liegenden Gefahr. Du Bois ſchritt ungeduldig im Gemache auf und ab, und warf ſich endlich in einen Seſ⸗ ſel, wo er auf eine Weiſe ſprach, von der es ſchwer haͤlt, zu ſagen, ob ſeine Rede eigentlich gegen ſeinen Oheim oder gegen ſich ſelbſt gerich⸗ tet war. „Das iſt fuͤrwahr hoͤchſt ungluͤckſelig,“ ſagte Peter.„Zu einer Zeit, wo wir der thaͤtigſten Anregung noͤthig haben, duͤrft Ihr Euch draußen nicht blicken laſſen. Philipp von Artaveld muß gewonnen werden; und des alten Narren, des Simon van Bet, beduͤrfen wir ebenfalls, denn er hat Gold— hat Vorrath von erfreulichen Stangen. Ich wollte, wir koͤnnten ſeine quabb⸗ lichen Seiten in Thalerſtuͤcke ausprägen. Und der ſitzt gefangen? Gold muͤſſen wir haben; wir ſind noch nicht reif zur That, und vorwärts zu ſchreiten, bevor all' unſ're Maſchinen im Gange ſind, hieße unſere geſammte Maſchinerie zertrummern. Was iſt zu thun? Wir muͤſſen unſere Maßregeln noch verſchieben.“ 138 Hier hielt Peter du Bois inne, ſtand mit zuruͤckgelehntem Kopfe, die Hand vor die Stirn gedruͤckt, und ſtarrte einen Augenblick lang hin⸗ aus; als ob er dann aus ſeiner Traͤumerei durch irgend einen elektriſchen Schlag erwachte, rief er plotzlich aus:„Ich hab' es, ich hab' es! Eben dieſer Euer Zwiſt, obwohl er auch den Aus⸗ bruch unſers Vorhabens hemmt, ſoll doch zu Verſtaͤrkung unſerer Sache dienen— ſoll dazu wirken, dieſe ſchlaͤferigen Buͤrger aufzuſtören. Hoͤrt mich, Ohm! Ihr muͤßt frei, Ihr muͤßt ſicher ſeyn; geſchehe, was da wolle, denn die Steuerleute werden ſich nicht erheben, ſobald ihr alter Zunftmeiſter nicht an ihrer Spitze ſteht. Und dieſer van Bet, dies goldene Kalb, das gerade Weisheit genug beſitzt, zu wiſſen, wie all ſeine Wuͤrdigkeit in dem Werthe ſeines Me⸗ talles ſteckt, mag im Kerker des Grafen liegen bleiben, wenn er einmal darin iſt; nichts muß gethan werden, um ihn daraus zu befreien. Seine Veſtnahme will ich zu einem Feuerbrande machen, um die ertoͤdteten Kohlen des Grimmes in jenen formellen, alten Buͤrgern von Gent zu — mm— „„— entzuͤnden; indem ich es ihnen in's Gehirn treibe, daß einen ihrer Buͤrgermeiſter in den Kerker zu legen, nichts Anderes als eine ſchwere Verletzung ihrer Privilegien iſt, da keine ober⸗ keitliche Perſon anders als durch ihres Gleichen verhaftet werden kann. Sie werden dadurch aufgeregt werden; ſie werden ſo weit gehen, mit dem Grafen Hader anzufangen, und dann zu ihrer Sicherheit, und aus Furcht vor dem, was ſie bereits thaten, ſich mit uns vereinigen. Ihr aber, Oheim, ich wiederhol' es, Ihr muͤßt frei ſeyn— muͤßt ſicher ſeyn, muͤßt des Grafen Zu⸗ ſicherung Euerer Verzeihung erhalten; das wird ihn ſicher machen, er wird keinen Argwohn he⸗ gen, denn Alles haͤngt ſo von unſeren erſten Maßregeln ab, daß ſie den Grafen unvorberei⸗ tet finden. Ihr und Ludwig de Male werdet wieder gute Freunde werden; ja, ja, das muß geſchehen.“ „Das iſt unmoͤglich,“ ſagte Jan Lyon,„Du kennſt nur allzuwohl den erſten Grund, der mich der Gunſt des Grafen entfremdete. Und Gil⸗ bert Mattheus ergriff nur allzu behende eine ſei⸗ —————— nen Zwecken ſo guͤnſtige Gelegenheit, um das Verderben herbei zu fuͤhren, das jetzt uͤber mich gekommen iſt.“ „Ich weiß das Alles,“ verſetzte Peter,„allein aus den Truͤmmern der tyranniſchen Regierung des Grafen werdet Ihr Euer zuſammengeſturz⸗ tes Gebaͤude wieder aufrichten. Es ſoll ſo ſeyn — aber wir muͤſſen ihn in Sicherheit einſchlaͤ— fern; und eben die Urſache, die ſeine Entfrem⸗ dung gegen Euch erzeugte, muß jetzt, wenigſtens gewiſſermaßen, Euch wieder in ſeine Gunſt bringen.“ „Was meynſt Du?“ ſagte Jan Lyon in heftiger Bewegung:„Es kann nicht ſeyn. Du kennſt meine Geſinnung; worauf zielſt Du?“ „Auf Eure Tochter,“ antwortete du Bois gelaſſen. „Meine Tochter?“ rief Jan Lyon, indem er einen erzurnten Blick gegen ſeinen Neffen ſchoß. „Meiner Tochter Ruf iſt rein und unbefleckt, wie ihr ſchuldloſes Weſen ſelbſt es iſt; und nimmer ſoll derſelbe um meinetwillen oder un⸗ ſerer Sache wegen verunehrt werden.“ S 8 SS 8 — W „Er ſoll es auch nicht, Oheim; nimmer, ſo lange ich ein Schwert trage,“ entgegnete Pe⸗ ter,„doch duͤnkt mich, iſt in einer Sache, wie die unſere, ein Aushelfmittel, eine Liſt, keine Unehre.“ „Hoͤre mich, Neffe,“ ſagte Jan Lyon in einem veſten und gebieteriſchen Tone:„Kein Mann in Gent iſt von dem Grafen ſo ſchwer beleidigt worden, als ich es bin. Ich habe ge⸗ ſchworen, das erlittene Unrecht zu raͤchen; ich habe mich der oͤffentlichen Sache geweiht. Un⸗ ſere verletzten Freiheiten, unſere geſchmaͤlerten Rechte wieder herzuſtellen, will ich mit Gefahr meines Lebens, und bei Verluſt aller meiner Habe Euch beiſtehen; doch mein Kind ſoll, ſo Verderben uns befaͤllt, dies Verderben nicht theilen.“ „Ihr koͤnnt ſie nicht retten, es komme wie es wolle,“ entgegnete Peter;„meynt Ihr, wenn unſere Anſchlaͤge entdeckt ſind, wenn unſer Un⸗ ternehmen mißlingt, wenn unſere Koͤpfe in der Sonne bleichen, während ſie den Raubvoͤgeln zum Fraße aufgepflanzt ſtecken auf unſern alten 142 Stadtmauern, daß irgend ein Menſch einen Schritt vorwaͤrts wagen werde, um die huͤbſche Anna, die Tochter eines Rebellen, vor der Ge⸗ walt des Grafen zu ſchuͤtzen? Ihre Sicherheit wohnt in dem Gelingen unſers Planes.“ „Freilich iſt dem ſo,“ ſagte Jan Lyon nie⸗ dergeſchlagen.„Was begehrſt Du, daß ich thun ſoll? Doch ſprich mir nicht von meiner Tochter; ich vermag es nicht, ſie nochmals einem Fuͤrſten gegenuͤber zu ſtellen, deſſen ruchloſe Leidenſchaft ihr verderblich werden kann.“ „Ihr waret nicht jederzeit ſo verſtaͤndig, Ohm,“ ſagte Peter mit einem ſarkaſtiſchen La⸗ cheln.„Es gab eine Zeit, wo die Liebe des Grafen von Flandern, des muntern, verwittwe⸗ ten Ludwig de Male's, in Euren Augen keine ſo ruchloſe Leidenſchaft zu ſeyn ſchien. Als jene Liebe ſich die Tochter des Guͤnſtlings Ludwigs, eines ſchlichten Buͤrgers von Gent, zum Gegen⸗ ſtand auserſah, ward meinem huͤbſchen Bäschen Anna doch geſtattet, die Muße eines Fuͤrſten zu erheitern.“ Jan Lyon hoͤrte dieſe ſpoͤttiſche Rede ſeines ——— 143 Neffen mit einem ernſten Grollblick an.„Was?“ rief er:„Mir das? Zu mir ſprichſt Du auf ſo freche Weiſe? Doch Du magſt's wagen, denn ich bin in Deiner Gewalt, und Du mißbrauchſt dieſelbe denn auch nach Herzensluſt. Aber hoͤre mich, und erfahre mehr, als ich jemals Dir oder einem Andern mittheilte. Um mit Einem⸗ male dieſen frechen Verdacht gegen meine Ehre zu nichte zu machen, will ich Dir mehr ſagen, als Du jemals gewagt haſt zu denken. Ich wußte von des Grafen Bewerbung um meine Tochter— ich ermunterte ſie— foͤrderte ſie— verſchaffte ihr Gelegenheit; doch nicht, wie Du es gern deuten moͤgteſt, um ſie zur Luſtdirne eines Fuͤrſten zu machen. Der Graf wuͤrde Anna geehelicht haben, wenn nicht—“ „O, daß er ſie geehelicht haͤtte!“ rief Peter du Bois,„ganz Flandern wuͤrde laut darob gemurrt und vielleicht ſich empoͤrt haben. Frank⸗ reich wuͤrde ſich eines verhaßten Lehnsmannes entledigt, und die Beherrſchung von Gent ſich läͤngſt nach unſerem Willen umgeſtaltet haben. Wie aber kam der Graf dazu, der Ehre ver⸗ 144 luſtig zu gehen, der Eidam des Zunſtmeiſters ſeiner Steuerleute zu werden?“ Abermals runzelte Jan Lyon uͤber die hoͤhni⸗ ſche Frechheit ſeines Neffen die Stirn, als er verſetzte:„Die Graͤfin von Artois, die herrſch⸗ ſuchtige Mutter, die den Grafen uͤbermeiſtert, als wuͤrde er noch vom Gaͤngelbande gefeſſelt, kam hinter die Sache, und zwar, wie ich ver⸗ muthe, durch Gilbert Mattheus. Sie ſpielte ihre gewoͤhnliche Rolle, beherrſchte den Grafen durch ihr Anſehen, und machte, daß ihre Parteien ihm mit einem Bruche mit Frankreich droheten, in⸗ dem ſie zu gleicher Zeit aͤußerte, ſie wuͤrde, wenn er beharrte, ihn ſeines Erbrechtes an ihre Grafſchaft Artois verluſtig erklaͤren. So ward er vermogt, ſeinen Plan zu aͤndern, ſo ward er aus einem ehrenwerthen, ein geſetzwidriger Be⸗ werber um meine Tochter. Durch meine eigenen Geſinnungen angeregt, meines Kindes Unſchuld zu bewahren, und durch die Bitten meiner Toch⸗ ter um ſo mehr dazu vermogt, zog ich Anna vom Hofe zuruͤck und hielt ſie ſeitdem ſchier wie eine Gefangene in meinem Hauſe zu Gemt. —„———* — —„—— Anna liebte niemals den Graſen, ſelbſt dann nicht, als ich hoffte, ſie zu ſeiner rechtmaͤßigen Gemahlin zu machen; nur Furcht fuͤr mein Le⸗ ben beſtimmte ſie, ihn anzuhoͤren, ſo lange er ſich redlich um ſie bewarb.“ „Und Furcht fuͤr Euer Leben muß ſie jetzt beſtimmen, Eure Verzeihung bei dem Graſen nachzuſuchen. Sie muß ihn bitten,“ ſagte du Bois,„und das wird Euch vor der Hand Si⸗ cherheit gewaͤhren, und uns Zeit zur That ge⸗ winnen laſſen. Schickt augenblicklich nach Eurer Tochter.“ „Nein,“ entgegnete Jan Lyonz„ich habe feierlich geſchworen, mich, ob erlittener Schmach, durch den Fall Ludwig de Male's fuͤr die Be⸗ leidigung zu raͤchen, die er meiner Ehre durch ſeine unkeuſche Bewerbung um meine Tochter zufuͤgte; und ich will weder mein Leben ſeiner Gnade verdanken, noch ſoll Anna eine fuͤr ſie und mich ehrenruͤhrige Handlung begehen.“ „Wenn das Eure Entſchließungen ſind, ſo hoͤrt auch die meinigen,“ ſagte du Bois:„Ich werde Euch nicht ſchuͤtzen, um alle Wuth der Die Weißkappen I. 10 146 Rache des neuen Zunftmeiſters, ehe wir nicht ge⸗ gen ſie geruͤſtet ſind, auf uns zu ziehen; auch will ich nicht ſchaafmuͤthig meinen Hals in die Schlinge ſtecken oder unter das Henkerbeil le⸗ gen; ich will einen Verzweiflungsſchritt thun. In einem Falle, wie der unſerige iſt, kann man leicht ungluͤcklich ſeyn; doch wollen wir minde— ſtens tapfer ſterben, in der Hand das Schwert! und wenn wir dann dahin ſind, ſo wird Anna unbeſchuͤtzt der Gewalt des frohlichen Grafen anheim fallen, der eine huͤbſche Dirne verſcho⸗ nen wird, obwohl ſie die Tochter eines Rebel⸗ len iſt, weil ſie holde Augen und Roſenwan⸗ gen hat.“ Du Bois unterſtutzte dieſe Rede durch die liſtigſten Gruͤnde, um ſeinen Ohm zu der Er⸗ laubniß zu vermoͤgen, daß Anna bei dem Grafen ihres Vaters Vergebung erbaͤte und ſchiene, als unterſtuͤtzte ſie eine Zeit lang die Frevelbewerbung Ludwig de Male's. Während du Bois alſo ſeinen Oheim bearbeitete, ſchritt dieſer im Ge⸗ mache, hoͤchſt bewegt, auf und ab, bis er, durch allerlei Vorſtellungen bewaͤltigt, weder Entſchloſ⸗ —,„——— die le⸗ un. an de⸗ rt! na fen o⸗ el⸗ n⸗ die Er⸗ — — en 18 ng lſo ze⸗ ch oſ⸗ 147 ſenheit noch Muth zum Widerſtande finden konnte, endlich in den Vorſchlag willigte und den vorerwaͤhnten Aufforderungsbrief an ſeine Lochter ſchrieb, welchen der Neffe ſofort durch einen ſeiner Leute befoͤrdern ließ. Der Leſer weiß bereits, daß Anna bei Em⸗ pfang des Schreibens eilte, dem Befehle ihres Vaters zu gehorchen. Mit klopfendem Herzen folgte ſie dem Boten.— Ihre beſorgte Seele fuhlte ſich gequält durch tauſend ſchwankende Ahnungen, Betreffs ihres Vaters; wiewohl ihr, nimmer das ahnete, was ſie eigentlich zu fuͤrch⸗ ten gehabt haͤtte, denn niemals, auch nicht auf die entfernteſte Weiſe, theilte Jan Lyon ſeiner Tochter die verzweifelten Entwuͤrfe mit, denen er ſich ſeit einiger Zeit in Gemeinſchaft mit eben ſo verzweifelten Leuten hingegeben hatte. Wohl wußte Anna jedoch von der Feindſchaft zwiſchen ihrem Vater und Gilbert Mattheus; ſo wie auch von dem Verluſte ſeines eintraͤglichen Am⸗ tes als Zunftmeiſter der Steuerleute. Ueberdies bemerkte ſie ihres Vaters ſchweigſames und zer⸗ ſtreutes Weſen, wenn er mit ihr allein war, 10* —— ferner ſeine haͤufige Abweſenheit vom Hauſe zu ungewohnlichen Stunden, bisweilen tief in die Nacht hinein; dann daß er ſich oft mit Peter du Bois einſchloß, und daß dann und wann ſeltſam und ſchurkiſch ausſehende Boten bei ihm einſprachen. Anna hatte etliche Male ge⸗ wagt, ihren Vater auf dieſe Umſtaͤnde aufmerk⸗ ſam zu machen, allein die Strenge, womit er ihr vorwarf, daß ſie ihn in Dingen belauſchte, die er geheim gehalten wiſſen wollte— das Ge⸗ heimnißvolle ſeines Charakters— hatte ſie fuͤr immer uͤber dieſe Gegenſtände zum Schweigen gebracht. Es laͤßt ſich leicht vermuthen, daß ihr Geiſt jetzt dies Alles an ſich voruͤber gehen ließ, und daß ſie nicht umhin konnte, es mit der eben an ſie ergangenen Aufforderung und ihrer Beſorg⸗ niß fuͤr ihres Vaters Wohlſeyn zuſammenzuſtel⸗ len. Doch gehorſam ſeinen Anordnungen, un⸗ terließ ſie es, ihrem Fuͤhrer Fragen vorzulegen, und folgte dieſem getroſt durch manche Gaſſen und Nebengaͤßchen zum Hauſe Peter's du Bois, von welchem hier, zu dem, was ſchon daruͤber 149 geſagt ward, noch hinzugefuͤgt werden mag, daß es ein altes, abgelegenes Gebaͤude war, das ſeit vielen Jahren vernachlaͤſſigt ward, und aus Mangel an Ausbeſſerung leer geſtanden hatte; welches Peter jedoch, bei'm Beginn ſeiner ver⸗ zweiſelten Anſchlaͤge in der Abſicht an ſich brachte, ſeine Plaͤne daſelbſt um ſo eher der oͤffentlichen Beobachtung zu verbergen. Ueber⸗ dies gewaͤhrte das Haus mancherlei Sicherungs⸗ gelegenheit im Fall einer Verfolgung, indem es mehr als Einen geheimen Gang, mehr als Ein verborgenes Gemach hatte; denn es war zu einer Zeit erbauet worden, wo Flandern durch einen Buͤrgerkrieg beunruhigt ward, und wurde dem⸗ nach zur Sicherung perſoͤnlichen Eigenthums eingerichtet. Als Anna ihrem Fuͤhrer in den innern Hof folgte und hoͤrte, wie die ſchweren Riegel wie⸗ der hinter ihr zugeſchoben wurden, durchrieſelte ſie ein unwillkuͤrlicher Schauder; ſie konnte nicht umhin, zu denken, daß die Thuͤr hinter ihr ſich wie zu ihrem Verderben ſchloß, und daß ſie ſich jetzt im Bezirke von irgend etwas Furchtbarem ſeyn ſchien. 3 150 befaͤnde, deſſen Macht zu widerſtehen, es ihr an Kraſt gebraͤche. Ihre Furcht war vielleicht um ſo groͤßer, weil ſie keine erwieſene Urſache zu derſelben hatte; denn ihre zu allen Zeiten leb⸗ hafte Einbildungskraft fuhrte ihr in dieſem Augen⸗ blicke tauſend Schreckensbilder vor die Seele, um dieſelben mit ihrem und ihres Vaters Ge⸗ ſchick in Verbindung zu bringen. Als Anna in das vorerwaͤhnte Gemach ge⸗ fuhrt ward, ſtieß ſie bei ihrem Eintritt in daſ⸗ ſelbe einen ſchwachen Schrei aus, denn der erſte Gegenſtand, der ihren Blick traf, war ihr Va⸗ ter, welcher in einem Seſſel am Tiſche ſaß. Die Lampe ſtand vor ihm; ſie ließ ihr ganzes Licht auf ſein Geſicht fallen und zeigte daſſelbe bleich, hager und blutbeſpruͤtzt; ſeine Kleidung war zerfetzt und beſudelt, während Peter du Bois wild und zornig ausſah, welches durch ſeine Heftigkeit im Reden bewirkt worden zu Anna ſturzte bleich, und faſt hinſinkend von banger Ahnung, ihrem Vater entgegen, und rief: „Heilige Jungfrau, was iſt geſchehen? Seyd 151 Ihr verletzt, mein Vater, mein theuerſter Va⸗ ter?“ Unfaͤhig, noch ein Wort hervorzubringen, brach ſie in Thraͤnen aus und ſank ſchier leblos in Jan Lyon's Arme. Noch ehe ſich das Maͤd⸗ chen ganz wieder erholt hatte, erfuhr ſie, daß ihr Vater nicht weſentlich verletzt ward, und daß das Blut auf der Wange nur von einer Schramme herruͤhrte, die er bei einer Schlaͤgerei bekommen hatte. Peter du Bois beſchloß, das Eiſen zu ſchmie⸗ den, waͤhrend es gluͤhte. Er ſah Annens Zart⸗ gefuͤhl und heftige Bewegung; er ſah, daß dies ein guͤnſtiger Augenblick war, auf ihren Geiſt zu wirken und ſie zu vermoͤgen, darein zu willi⸗ gen, den Grafen um ihres Vaters Leben anzu⸗ flehen, da ſie ſo eben noch ſo aͤngſtlich fuͤr die Erhaltung deſſelben beſorgt geweſen war. Peter beſchwor daher ſeine Baſe, ſich zu beruhigen und anzuhoͤren, was er ihr uͤber eine Angelegenheit zu ſagen hätte, von der ihres Vaters Sicherheit, ja deſſen Leben abhinge. Anna bedurfte keines andern Beweggrundes, um ihre Empfindungen rege zu erhalten, und ihre Erſchuͤtterung war ſo gewaltig, daß ſie den Vetter bat, fortzufah⸗ ren und ihm verſicherte, ſie wolle ſich alle Muͤhe geben, ihn ruhig anzuhoͤren; allein ihre blaſſen Wangen und ihre zitternden Haͤnde ſchienen, als ſie ihre ſorglichen Blicke auf den Sprecher heftete, ihrer Zuſage voͤllig zu wider⸗ ſprechen. Peter du Bois erzaͤhlte nun den Hergang des Streites zwiſchen Jan Lyon und den Bruͤ⸗ dern Mattheus und ſetzte hinzu, daß, weil es außer Zweifel waͤre, Simon van Bet befaͤnde ſich im Gefängniſſe, ſo wuͤrden die Widerſacher nicht raſten, bis auch Jan Lyon im Kerker ſchmachtete; und daß ſie ſich leicht denken koͤnnte, wie nichts Geringeres, als des Vaters Leben der Rache Gilbert's genuͤgen wuͤrde. Anna, deren Verſtand eben ſo rege als ihre Einbildungskraft war, brauchte nichts weiter zu hoͤren. In einem einzigen Augenblicke erkannte ſie die ganze Gefahr, welche ihrem Vater drohte, und ſah ein, auf welche Weiſe man ſie ſelbſt benutzen wollte, um das Unheil abzuwenden. Erſchreckt und bewaͤltigt durch die fuͤrchterliche re zu te e, n. Ausſicht, entweder ihren Vater todt, oder ſich dem Verderben hingegeben zu ſehen, ſchlug ſie in ihrer Seelenangſt ihre Hände krampfhaft in einander, blickte auf und rief:„O Himmel, rette und beſchirme mich in dieſer entſetzlichen Pruͤ⸗ fung! O, mein Vater! mein armer Vater!“ In dieſem Augenblicke flog die Thuͤr des Ge⸗ maches auf, und der Alte, der den Pfoͤrtner gemacht hatte, ſturzte herein und ſagte haſtig: „Rettet Euch; ſucht Schutz, ſo gut Ihr ihn finden koͤnnt; die Stadtwache ſteht vor dem Hausthore; ſie beſteht darauf, das Haus durch⸗ ſuchen zu wollen, um Jan Lyon zu finden, der des Mordes angeklagt iſt, und von dem vermu⸗ thet wird, er habe ſich hieher gefluͤchtet.“ Die Verwirrung und Betruͤbniß aller An⸗ weſenden in dem Augenblicke, wo ſie dieſe Bot⸗ ſchaft vernahmen, kann man ſich leicht vorſtellen. Anna fuhr auf, ergriff ihres Vetters Arm und rief außer ſich:„O rette ihn, rette ihn! Iſt kein Ausweg da, ihn zu retten? Ich will Alles thun, was Ihr wollt— Alles; nur daß mein Vater gerettet werde!“ — 1 + 5 „Ich kann, ich will ihn retten,“ ſagte du Bois.„Folge mir augenblicklich, doch ſo Dei⸗ nes Vaters Leben Dir lieb iſt, ſo ſchweige. Ich muß Dich an einen Ort fuͤhren, wo Du etwas ſehen wirſt, was wohl im Stande iſt, ein Weib zu erſchrecken. Sieh Dich alſo vor. So Du nur Ein Wort, nur Einen Schrei hoͤren läſſeſt, ſo haͤngt, noch ehe es Morgen wird, Deines Va⸗ ters Leichnam am Galgen und iſt der Raben Speiſe. Folge ſchweigend— kein Augenblick iſt zu verlieren. Hier Burſch,“ ſetzte er hinzu, in⸗ dem er ſich zu dem Diener wendete,„nimm die Lampe und leuchte voran. Du weißt, was Du zu thun haſt. Ohm, unterſtuͤtzt Eure Tochter, laßt ſie ſich in ihren Mantel verhuͤllen; wir muͤſſen in die Verſammlung.“ „Muß meine Tochter dorthin gehen?“ fragte Jan.„Ich will Dir folgen; die Wache wird ihr nichts Leides thun, laß ſie hier bleiben.“ „Wie?“ rief du Bois:„Hier bleiben? und uns Alle verderben? Nimmer! wenn ſie das junge Voͤglein finden, werden ſie bald genug meynen, der Alte hecke dicht neben an im Bu⸗ ei⸗ ch as eib Du ſt, en in⸗ die u er, ir te rd d 5 155 ſche. Geſchehe was da wolle, ſie muß mit uns hinunter. Fuͤrchte nichts, ſchoͤne Baſe; nur ſey ſtil. Deines Vaters Leben, Dein eigenes Leben ſteht auf dem Spiele; denn ich muß Dich an einen Ort fuͤhren, wo Leute ſind, deren Dolche dem leiſeſten Verdachte folgen. Hoͤre, was ich ſage: Was Du auch ſehen und hoͤren wirſt, es muß ſein Grab in Deiner Bruſt finden. Ge⸗ denke Deines Vaters Leben!“ „Nichts mehr, nichts mehr!“ rief Anna hef⸗ tig;„ich will ſo geduldig folgen, wie das Opfer zum Altar, nur rette ihn. Doch o! laß uns eilen; ich hoͤre Geraͤuſch— ſie ſchlagen ſicher an das Thor—“ „Sie thun es wirklich,“ ſagte du Bois; „eilen wir, ſonſt ſind wir verloren.“ Indem er ſo ſprach, ſchritt er haſtig eine ſchwarze, ſtei⸗ nerne Treppe hinab, in ein unteres und verfal⸗ lenes Gemach. Zum Theil mit Holzſcheiten, zum Theil mit Stroh und leeren Kiſten ange⸗ fullt, ſchien es nicht viel mehr, als eine Geruͤm⸗ pelkammer zu ſeyn. „Mach' hurtig,“ ſagte Peter zu dem Diener raͤume jenes Holz weg und ſaͤume nicht, es wieder hinzulegen, ſobald wir hinunterſtiegen; dann laß die Thuͤr dieſes Gemaches offen, daß es nicht den Schein eines Verſteckortes habe, und eile zuruͤck und fuͤhre die Wache in Haus und Garten durch jeden Winkel. Fragen ſie nach mir, ſo ſage, ich ſey noch nicht von Brugges zuruͤckgekehrt. So, jetzt hinunter! Gib mir die Lampe. Deine Hand, Baſe; ich will Dich hin⸗ unter geleiten.“ Waͤhrend Peters Rede hatte der Diener einen Holzhaufen weggeraͤumt und eine Fallthuͤr auf⸗ gehoben, die durch daſſelbe verdeckt geweſen war. Dieſe Thuͤr fuͤhrte zu dem, was ſich als eine dunkle Grube oder unterirdiſche Kluft wies; als jedoch du Bois die Lampe hoch hielt, indem er wieder etliche Stufen hinabſtieg, ſah Anna mit Zittern, daß noch eine zweite Wendeltreppe hin⸗ abzuſteigen war. Sie gab ihrem Vetter die Hand und folgte ihm ſchweigend, indem ſie alle ihr zu Gebote ſtehende Faſſung zuſammenraffte. Jan Lyon blieb einen Augenblick zuruͤck und ſchloß die Fallthuͤr hinter ſich zu; Anna, welche di iht ge ob ter de en; daß und und ach ges die in⸗ nen auf⸗ var. eine als er mit hin⸗ die alle ffte. und dies bemerkte, folgerte daraus ganz richtig, daß ihr Vater dieſen Weg ſchon mehreremale gegan⸗ gen ſeyn muͤßte. Sie hoͤrte, wie der Diener oben das Holz wieder uͤber die Klappe pol⸗ terte; dann verſchwanden ſeine Fußtritte in der Ferne. „Stalpert iſt ein Schurke,“ ſagte du Bois leiſe,„aber er iſt gerieben, liſtig und treu. Er wird mit der Wache ſchon fertig werden; doch folge mir, wir ſind bald unten.“ Anna gab ihm abermals die Hand, denn ſie hatte ihn einen Augenblick losgelaſſen, um nach ihrem Vater zuruͤckzublicken. Du Bois fuͤhrte Tochter und Vater endlich durch einen engen Gang, der ſich mit einer Thuͤr endigte. Hier hielt Peter ein Weilchen anz dann hob er die Lampe ſo in die Hoͤhe, daß das Licht derſelben auf Annens Geſicht fiel. „Du biſt ſehr blaß, mein huͤbſches Baͤschen,“ ſagte er, indem er ſie ſtarr anblickte;„zieh Dei⸗ nen Mantel weiter uͤber die Stirn; der Augen⸗ blick Deiner Pruͤfung iſt da. Nimm Deines Vaters Arm und tritt durch jene Thuͤr, ſobald 158 ich Dir's ſage; doch bedenke, daß ein einziges Wort der Furcht, ein einziger Laut des Miß⸗ trauens, des Zweifels, ja ſelbſt der Neugier, Dir das Leben koſten kann. Weile hier etliche Minuten lang; ich muß erſt vorbereiten—“ „Nein, du Bois,“ ſagte Jan Lyon,„laß ſie nicht in jenes Gemach eintreten. Ich will mit Dir gehen; laß mein Kind hier zu⸗ ruckbleiben.“ „Ich darf's nicht,“ entgegnete Peter,„wuͤrde es kund, daß ich Jemanden ihnen ſo nahe brachte, ſogar verſteckt hielt; wahrlich, das Madchen muͤßte dann das Leben laſſen. Fuͤrchtet nichts, ich gehe erſt hinein, und Ihr, Ohm, kommt mit ihr, ſobald ich rufe.“ Indem Peter du Bois dies ſagte, gab er ſeinem Oheim die Lampe, ſchritt hinab den Gang zu der Thuͤr und ſchloß dieſelbe hinter ſich, nach⸗ dem er durch ſie eingetreten war. Anna ver⸗ nahm ein wirres Gemurmel drinnen; doch nach Peter's Eintritt ward daſſelbe ſchwächer und loͤſte ſich endlich in Stillſchweigen auf. Waͤhrend dieſer Zwiſchenzeit ſchien Jan Lyon vollig geiſtes⸗ abweſend zu ſeyn; er blickte auf ſeine Tochter mit einem Geſichte, auf welchem der Ausdruck eines ruhigen, beſtimmten und ernſten Entſchluſ⸗ ſes lagerte, aber er ſagte kein einziges Wort. Endlich kehrte ſein Neffe zuruͤck und gab ihm mit der Hand ein Zeichen, ihm in das anſtoßende Gemach zu folgen. ————— —————————— ——————————— ——.—..—————————————— Wahrend des ihr juͤngſtbegegneten Auſftrittes fuͤhlte Anna ſich uͤberzeugt, daß ihr Vater ſich in irgend ein geheimnißvolles und, wie ſie fuͤrch⸗ tete, furchtbares Unternehmen eingelaſſen hatte, woruͤber ſie bisher in Unwiſſenheit geblieben war. Sie dachte jetzt, daß dies fuͤr ihn vielleicht eben ſo nachtheilige Folgen wie der gehabte Streit in der Herberge, durch den er als Moͤrder ver⸗ ſchrieen ward, haben koͤnnte. Deswegen rief ſie alle ihre Entſchloſſenheit zu Huͤlfe. Ihre Un⸗ ſchuld gab ihr einen gewiſſen Grad von Muth; und im Bewußtſeyn, daß ein Verlangen, ihren Vater wo moͤglich von den Gefahren zu retten, die ihn umringen, vor den Augen des Himmels —— —„—„—„—— ttes ſich rch⸗ tte, var. ben reit ver⸗ ſie Un⸗ th; ren ten, els ein frommes Vorhaben iſt, beſchloß ſie, Alles, was vorgehen moͤgte, zu beobachten, den ihr gemachten Einſchaͤrfungen, weder Furcht noch Neugier zu verrathen, zu gehorſamen, und hoffte dadurch eine vollſtaͤndigere Kenntniß von dieſem dunkeln Treiben in der Abſicht zu er⸗ langen, endlich ihrem Vater nuͤtzlich werden zu koͤnnen. Anna hatte von Gluͤck zu ſagen, daß ihr dieſe Zwiſchenzeit geworden war, durch welche ſie in den Stand geſetzt ward, mittelſt einiger Minuten Ueberlegung, ihre Entſchluͤſſe auszu⸗ bilden, bevor ſie ihrem Vetter in das Gemach mitternaͤchtiger Berathung folgte, ſonſt moͤgte ihr Muth ſie verlaſſen haben; denn Erſtaunen, ja faſt Ohnmacht ergriff ſie bei dem erſten Blick, den ſie in jenes Gemach fallen ließ. Dieſes Gemach war ein gewoͤlbter, kellerar⸗ tiger, durchaus von Steinen gebauter Raum, mit Mauern von maſſiver Dicke; die Thuͤr war von Eiſen, und es fehlte zur Sicherung derſel⸗ ben nicht an Riegeln und Ketten, denn der Ort hatte, wie geſagt, waͤhrend der Zeit eines Buͤr⸗ Die Weißkappen I. 11 ——————— 162 gerkrieges zum Verſteck fuͤr Menſchen und Schaͤtze gedient. Ein langer Eichentiſch ſtand in der Mitte; eine Bank und etliche alte Stuͤhle umringten denſelben. Aus einer Woͤlbung uͤber der Tafel hing eine hellflammende, eiſerne Lampe herab, die auf die Gegenſtaͤnde rings umher einen gluͤhrothen Schein warf. Als Peter du Bois mit Jan Lyon und deſ⸗ ſen Tochter hereintrat, herrſchte die tieſſte Stille unter den Inſaſſen dieſes unterirdiſchen Ge⸗ maches, denn Keiner wagte zu reden, ſo lange man wußte, daß die Wache oben das Haus durchſuchte, damit nicht etwa, wenn auch nur ein leiſer Laut dieſen Schlupfwinkel verrathen mogte. Anna warf erſchreckt einen fluchtigen Blick umher, und wie uͤberwaltigt durch die furchterlichen Gegenſtände, die ſie wahrnahm, ſchloß ſie fuͤr einen Augenblick ihre Augen und ließ den Kopf auf ihres Vaters Arm ſinken. Wirklich hatte eine ſolche und ſo zuſammenge⸗ ſtellte Gruppe ſich nie zuvor einem jungen Madchen gezeigt, deren fruheres Leben in laͤnd⸗ licher Abgeſchiedenheit, und jungſt noch in den en en 163 Kreiſen eines Fuͤrſtenhofes, oder doch inmitten einer wohlhabenden Stadt, verfloſſen war. Zu oberſt der Eichentafel ſaß ein Mann, deſſen Aeußeres einen Ausdruck ſeiner Geſin⸗ nungen wies; ſein Geſicht blickte Raub und Mord. Neben ihm ſaß eine hagere in Schwarz gekleidete Geſtalt, deren Gebeine durch eine duͤrre und runzelige Haut hindurchſchienen— das leibhaftige Bild von Armuth und Hunger. An⸗ dere von den Verſammelten ſahen keck, kuͤhn und wild aus; Zwei oder Drei waren ſelbſt in dieſer Kluft des Verſteckens in Mäntel ge⸗ huͤllt, als furchteten ſie ſogar den Blick ihrer Genoſſen. Etliche Andere mußte man, ihrem elenden Anzuge nach zu urtheilen, fur gaͤnzlich herabgekommen an Gluͤcksguͤtern halten; aber Alle trugen mehr denn Eine Waffe, welche, ſeit⸗ dem du Bois ihnen die Kunde von der Haus⸗ durchſuchung gebracht hatte, von Etlichen unter ihnen der Scheide entnommen war, als ſollte es ſchon Gegenwehr gelten. Auf dem Tiſche lagen verſchiedene Papiere, und unter den Verſam⸗ melten erblickte man auch einen Moͤnch, der⸗ 4 164 weil Dinte und Federn vor ihm befindlich waren, vermuthlich die Rolle eines Schreibers in dieſem Geheimrathe ſpielte. „Guter Gott!“ dachte Anna, als ſie ihr Haupt wieder erhob und nochmals verſtohlen umherblickte,„kann mein Vater ein Genoß ſolcher Elenden ſeyn? Und ſogar ein Moͤnch iſt unter ihnen! O Himmel! Kann ein Geiſtlicher ſich unter Menſchen mengen, die wie mitternaͤch⸗ tige Meuchler ausſehen?“ In dem finſtern und buͤbiſchen Ausſehen der Maͤnner, die um die Tafel herum ſaßen, malte ſich eine aufmerkſam lauſchende Beſorgniß— Keiner ſprach— Keiner regte ſich; ſie ſchienen ſogar das Athemholen zu unterdruͤcken. Dies Schweigen erhoͤhte noch das Grauſenhafte der Scene, denn es geſtattete der Einbildungskraft wenig Muße, die Leere durch die Stimme aus⸗ zufuͤllen, die nimmer ſtaͤrker iſt, als wenn ſie in Momenten der Furcht zu der Seele redet. Jan Lyon und deſſen Tochter blieben in ihrer Stellung nahe der Thuͤr, und Peter du Bois ſtand nicht fern von ihnen, indem er mit einer 165 Miſchung von Zweifel und Beſorgniß bald auf die Verſammlung, bald auf Anna blickte. Anna meynte, er fuͤrchtete, ſie hätte ſeine Einſchaͤrfun⸗ gen vergeſſen, und um ihn des Gegentheils zu verſichern, ſtellte ſie ſich ſo aufgerichtet und ſo veſt hin, als ihr bebender Koͤrper es irgend zuließ. Dieſe tiefe Stille waͤhrte laͤnger als eine halbe Stunde, waͤhrend welcher Zeit ſogar in dieſer tief unten befindlichen Kluft das Getoͤſe von Leuten, welche oben wie im Tumult hin und her ſchritten, deutlich vernommen werden konnte. Endlich hoͤrte es nach und nach auf, und Alles war wieder ſtill; dennoch ſprach noch Keiner: Alles war ſchweigſam und ruhig; der erſchreckten Anna aber ſchien dieſe tiefe Grabes⸗ ſtille eine ſolche zu ſeyn, welche einem nahen Sturm voranzugehen pflegt, und endlich durch den fernen dumpfen Donner unterbrochen wird, der ſich verſtaͤrkt, ſo wie er naͤher rollt, bis er zuletzt in all ſeiner aufgehaͤuſten Wuth ausbricht. Und ſo war es auch jetzt, denn kaum hatte eine kreiſchende Pfeife zu Haͤupten der Verſammelten 166 ſich hoͤren laſſen(welches ein Zeichen von dem vertrauten Stalpert war, daß die Wachen ſich entfernt haͤtten, und Alles ſicher waͤre), ſo brachen Alle in tobende Ausrufungen des Aergers und Verdruſſes'gegen Peter du Bois aus. „Wie iſt das?“ ſagte der Verſchworene, der zu Haͤupten der Tafel ſaß:„Iſt das Eure ver⸗ fluchte Klugheit, daß Ihr ein Weibsbild in un⸗ ſere Verſammlung bringt, damit all unſere Koͤpfe durch einen einzigen Zungenſchlag von ihr dem Nachrichter anheim fallen koͤnnen? Ihr habt uns verrathen, du Bois!“ Peter trat vor, um zu ſprechen, als Jan Lyon auf eine beſonders gebieteriſche Weiſe ihm den Weg verrannte und die Verſammlung mit folgenden Worten anredete:„Nein, meine Freunde, du Bois hat Euch nicht verrathen, auch ſeyd Ihr nicht in der mindeſten Gefahr durch die Naͤhe dieſes einfachen Maͤdchens. Du Bois, meyn' ich, hat Euch geſagt, in welcher Be⸗ draͤngniß ich mich befinde. Ich werde verfolgt. Haͤtten die Wachen mein Kind, die Tochter Eures Vorſitzenden, in dieſem Hauſe gefunden, ſo wuͤrde die Entdeckung Aller eine unausbleib⸗ liche Folge davon geweſen ſeyn;z um ſich zu uͤber⸗ 3 zeugen, ob ich nicht in der Naͤhe meines Kindes 1 verſteckt ſey, wuͤrden ſie eine ſtarke Mannſchaft im Hauſe zuruͤckgelaſſen haben. Es gab keinen an⸗ dern Ausweg, als ſie hier herunter zu bringen. Euch zu retten, nicht Euch zu verrathen iſt ſie hier, und jetzt, da das Sicherheitszeichen gege⸗ ben worden iſt, ſoll ſie ſich Euch nicht laͤnger aufdringen.“ „Die Hoͤllengeiſter ſollen ſie eher hier zuruͤck⸗ halten,“ rief der Mann, der zuvor geſprochen hatte,„ehe ſie von hinnen geht und erzählt, was ſie geſehen hat. Nein, nein, Jan Lyon; Euch wollen wir wohl trauen, nicht aber einer plappernden Dirne, obgleich ſie Eure Toch⸗ ter iſt.“ Jan Lyon, der gern die murrende Verſamm⸗ lung beſchwichtigen wollte, verſetzte:„Freunde, ich hafte Euch mit meinem Leben fuͤr meiner Tochter Schweigen. Feierlich gebe ich Euch mein Wort, daß ſie Nichts von Euern Anſchlaͤgen 168 Nichts von den meinigen weiß; habt alſo Acht, daß Ihr Euch nicht verrathet— laßt das Maͤdchen zuruͤckkehren.“ „Das ſoll ſie nicht,“ ſagte der Sprecher, „bei allen Heiligen des Himmels, bei allen Teufeln aus der Hoͤlle ſchwoͤr' ich, ſie ſoll nicht von hinnen, um uns zu verrathen. Ihr habt ſie hieher gebracht, und hier ſoll ſie bleiben, bis wir in Thaͤtigkeit und Sicherheit ſind.“ „Nein, nicht von hinnen ſoll ſie!“ rief ein junger Mann, der mit im Rathe ſaß;„ein Weib ſoll uns unſer Werk nicht verderben durch ihr neugierig Aug' und durch ihre geſchaͤftige Zunge. Ihr kommt hier nicht fort, Fraͤulein; es ſey denn durch meines Dolches Spitze.“ Und mit dieſen Worten ſtellte er ſich zwiſchen Anna und die Thuͤr, und faßte das Madchen ſo hef⸗ tig an den Arm, daß im Ringen ihr der Man⸗ tel entfiel, und die ganze Verſammlung ihr bleiches, erſchrecktes, aber ſchoͤnes Angeſicht er⸗ blickte. „'n huͤbſches Maͤdchen, die da, Deine Toch⸗ ter, Jan,“ fuhr der junge Menſch fort, der VN——— 169 ſich zur Wache an die Thuͤr geſtellt hatte,„und wenn ſie hier gefangen gehalten werden ſoll, will ich ſchon den Waͤchter bei ihr abgeben.“ „Elender!“ rief Jan Lyon, indem er ſchnell die Tochter von der Hand des Gegners los⸗ machte,„laß ab von meinem Kinde— Und Ihr, gebt ihr entweder ſofort die Freiheit, oder ich ſage mich los fuͤr immer von Euch und Eurer Sache; komme dann uͤber Euer Haupt die Gefahr!“ Der junge Menſch, der in dieſen Worten zunaͤchſt angeredet worden war, beantwortete die⸗ ſelben mit hoͤhniſchem Lachen, indem er ſagte: „Was kannſt Du thun, Jan Lyon? Laß ab von uns, wenn Du's willſt; gehe hin und rege die Stadt auf, belle von Verrath und Verraͤthern in das Ohr Ludwig's ſelbſt— er wird Dir nur den Vorrang im Aufhaͤngen goͤnnen, wenn wir Dich blos hier zur Thuͤr hinauswerfen. Ich ſag's und beſchwoͤr's, Deine Tochter iſt eine ſo huͤbſche Dirne, wie irgend Einer ſie ſich wuͤn⸗ ſchen kann, um Troſt in einem Loche zu finden, wie dies verfluchte dumpfige Gewoͤlbe es iſt; drum ſoll ſie hier bleiben, und noch dazu unter meiner Hut.“ Bei dieſer Rede verlor Jan Lyon die Geduld und war bemuͤht, den frechen Verſchworenen mit Heftigkeit anzugreifen, als Peter du Bois ſich in's Mittel legte, um ihn daran zu hin⸗ dern. Die Verwirrung ward jetzt allgemein; leiſe bat Anna um Mitleid und Erbarmen, und gelobte Verſchwiegenheit. Du Bois verſuchte ſeinen Oheim zu beſchwichtigen; Alle ſprachen, Keiner hoͤrte, bis der betagte Elende, der wie ein eben dem Grabe entſtiegenes Bild des To⸗ des ausſah, ſich von ſeinem Sitze erhob, ſeine knochige Hand ausſtreckte, und mit einer Stim⸗ me, deren ſchrillender Ton das Ohr zerriß, das davon ergriffen ward, ausrief:„Hoͤrt mich! Hoͤrt mich!“ Die Verſchwornen blickten nach ihm hin.„Hoͤrt mich!“ wiederholte das lebende Geſpenſt.„Laßt Jan Lyon tauſend Goldgulden erlegen, laßt ihn dazu den Perlenſchmuck legen, der ſich um die Locken der Dirne windet, und was ſie ſonſt an guͤldenen Habſeligkeiten um und an ſich hat, laßt ſie auf das Kreuz, das vVM— B 171 allerſegensreichſte heilige Kreuz, ſchwoͤren, ver⸗ ſchwiegen zu ſeyn; und dann moͤge ſie gehen. Gold, Perlen und Eidſchwuͤre knuͤpfen ſich an heilige Dinge und gewaͤhren groͤßere Sicher⸗ heit, als ihres Vaters Verſprechungen, und wir werden der Muͤhe uͤberhoben ſeyn, eine Dirne zu huͤten und zu fuͤttern, die viel zu erſchrocken ausſieht, um plauderhaft zu ſeyn.“ „O, nehmt Alles was ich habe,“ ſagte Anna;„nehmt, nehmt Perlen, Gold und Al⸗ les— nur laßt mich fort.“ „Auf die Thuͤr!“ rief Jan Lyon,„laßt uns hinaus, oder bei dem lebendigen Gott ſchwoͤr' ich's, daß der Erſte, der ſich widerſetzt, die Beſchaffenheit dieſes Stahles ſchmecken ſoll!“ Er zog einen Dolch und fuhr fort:„Meine Tochter ſoll Nichts geben; mein Wort buͤrgt fuͤr ihre Verſchwiegenheit, und wer wagt's, daſ⸗ ſelbe zu bezweifeln? Ihr etwa, Arnold le Clerc, oder Ihr, la Nuitée?“ Die Verſchwornen ſahen ein Weilchen lang einander an, als fuͤhlten ſie ſich niedergedonnert durch den gebieteriſchen Ton und durch das 172 ernſte Weſen ihres Chefs. Jan Lyon ſtand jetzt nahe der Thuͤr, indem er mit der einen Hand ſein faſt ohnmaͤchtiges Kind hielt, waͤh⸗ rend er in der andern Fauſt den Dolch ſchwang. Keiner hatte Luſt, der Erſte zu ſeyn, wider den Stachel dieſer Waffe zu lecken, und Alle kann⸗ ten Jan's Entſchloſſenheit. So herrſchte eines Augenblickes Stille. Jetzt trat der Moͤnch vor. „Jan Lyon,“ ſagte er,„hoͤrt mich; ich moͤgte mit Euch und jenem Mädchen ein Woͤrtchen al⸗ lein reden, und mein heiliges Amt duͤrfte mir dieſes Vorrecht wohl verſchaffen.“ „Dein heiliges Amt?“ ſagte der junge Mann, Arnold le Clerc:„Ei, wer wollte daran zweifeln? Du haſt verirrte Seelen dem Hauſe Deines Meiſters zuzufuͤhren, und die mehrſten von ihnen werden ihren Weg durch eine feurige Straße finden, ſobald ſie Dir folgen. Aber hier ſollen Weiber und Pfaffen ſich nicht aus⸗ ſondern. Darum, Meiſter Secretarius von Kutte und Unterrock, tritt zuruͤck, und laß die ganze Verſammlung hoͤren, was Du zu ſa⸗ gen haſt.“ „— 173 Der Moͤnch ſchoß einen grollenden Blick auf Arnold le Clerc, aber er antwortete demſel⸗ ben nichts.„Ich kenne dies Maͤdchen wohl,“ ſagte er;„ich habe ſie oft in der Meſſe geſehen; ſie iſt fromm und inbruͤnſtig in ihrem Gebete, und ich weiß, wie ich ihr Stillſchweigen zu er⸗ langen habe; es bedarf hier keiner Drohungen. Hier, Maͤgdlein,“ fuhr er zu Anna gewendet fort,„ſchwoͤrt auf dieſes Kreuz(und Euer Le⸗ ben ſey, wie das Eures Vaters, Unterpfand, daß Ihr Euren Schwur halten werdet), ſchwoͤrt, daß, was Ihr dieſen Abend in dieſem Gemache gehoͤrt und geſehen habt, nimmer gegen irgend ein lebendes Weſen uͤber Eure Lippen kommen ſoll, ſchwoͤrt es bei der heiligen Jungfrau, und kuͤßt dieſes Kreuz!“ „Schwoͤre, ſchwoͤre!“ wiederholte du Bois heftig, jedoch mit leiſer Stimme zu Annen ge⸗ wendet;„ſchwoͤre ein Dutzend Eide, wenn es noͤthig iſt, und wir ſind um den Preis eines Hauches in Sicherheit.“ Wider Willen ſchauderte Anna bei dieſem Gedanken. Sie bebte davor zuruͤck, eine ge⸗ 174 ſchworene Mitwiſſerin ſolcher Bande von Boſe⸗ wichten zu ſeyn; jedoch bewaͤltigt von Furcht, und kaum fähig, ein Wort hervorzubringen, warf ſie einen ſcheuen Blick auf ihren Vater— dieſer Blick genuͤgte.„Ja,“ dachte ſie,„wenn ich frei bin, kann ich ihn vielleicht retten;“ und indem ſie haſtig das ihr hingehaltene Kreuz kuͤßte, wiederholte ſie faſt bewußtlos den Eid, den der Moͤnch ihr vorſagte. Jan Lyon durfte ſich nun mit ſeiner Toch⸗ ter wegbegeben. Peter du Bois fuͤhrte ſie zu⸗ ruͤck in das ſchwarze Gemach und befahl dem Diener Stalpert, ihnen die nöthige Bequemlich⸗ keit fur die Nacht zu beſorgen. Dann eilte er zuruͤck zu der Verſammlung, der er, wie er ſagte, noch beizuwohnen haätte, ehe ſie aufbräche; denn er wollte Jan Lyon vollends mit derſelben ausſoͤhnen. Kaum war Peter fort, ſo warf Anna ſich ihrem Vater zu Fuͤßen, umklammerte deſſen Kniee und ſchluchzte laut; dann erhob ſie, mit ausgeſtreckten Haͤnden, den Blick zu ihm und beſchwor ihn in den zarteſten und ruͤhrendſten ſc n di ge ich ru el be 175 Worten, die gefaͤhrliche, die furchterliche Genoſ⸗ ſenſchaft dieſer elenden und gottvergeſſenen Leute zu meiden. „Anna,“ ſagte ihr Vater,„ich darf nicht mit Dir von ihnen reden; gedenke Deines Eides. Sie ſind nicht Das, wofuͤr Du ſie haͤltſt. Ob⸗ wohl ſie ſich nicht zur Genoſſenſchaft fuͤr Frauen⸗ zimmer eignen, ſo ſind ſie doch hochherzige Ge⸗ muͤther, die fuͤr Freiheit und Ehre ihr Leben wagen wuͤrden.“ „Lieber ſage, fuͤr Raub und Mord,“ verſetzte Anna.„O, mein Vater! kann Ehre bei Men⸗ ſchen wohnen, die eben noch(mich ſchaudert noch, daß ich Dich ſo nennen hoͤrte!) gegen ihren Chef den Dolch zuͤckten? Und welchen Werth kann Freiheit fuͤr Diejenigen haben, welche dieſelbe nur zu Fluch und Hader unter einander gebrauchen? O, mein Vater! mein Leben wuͤrde ich daran wagen, Dir zu helfen. Laß uns zu⸗ ruͤcklaſſen, was unſer iſt, und laß uns aus dieſer elenden Stadt entfliehen! Ich kann fuͤr Dich ar⸗ beiten; ja, ich bin nicht ſo ſtolz, daß ich nicht fuͤr Dich betteln koͤnnte, ſo lange wir ſchuldlos —176— ſind. Sieh, Vater, dieſe Haͤnde ſollen Dir Dein taͤglich Brot erarbeitenz nur ſey gerettet an Seele und an Koͤrper! Verlaſſe dieſen ver⸗ hängnißvollen Ort; wir wollen augenblicklich fliehen— laß mich Dich retten!“ „Du kannſt, Du ſollſt mich retten,“ entgeg⸗ nete Jan Lyon, der von ſeiner Tochter liebe⸗ voller und leidenſchaftlicher Anrede innig geruͤhrt zu ſeyn ſchien.„Flucht jedoch wuͤrde Raſerei ſeyn, Gilbert's Rache wird mir keinen Sicher⸗ heitsort laſſen; man wird mich entdecken, ein⸗ kerkern und zum Tode fuͤhren. Fuͤr dieſe Nacht bin ich vielleicht dadurch ſicher, daß ich von den Wachen, die dieſes Haus durchſuchten, nicht gefunden ward; allein morgen und ſpaͤter, weiß ich, ſo der Himmel mir nicht hilft, keine Stunde ſicher zu ſeyn, wenn nicht——“ „Was, mein Vater?“ rief Annaz„ſprich, o ſprich; foltere mich nicht durch dieſe Zuruͤck⸗ haltung!“ Jan Lyon naͤherte ſich ſeiner Tochter, ergriff ihre Hand und verſuchte zu reden; doch ließ er ſie ploͤtzlich wieder los, ſchritt im Gemache hin nu ne do iſt ir tet er⸗ 6⸗ e⸗ rt rei r⸗ — und her, und ſchien heftig bewegt zu ſeyn, wäh⸗ rend ſeine geſenkten Blicke einen Ausdruck von Schaam zeigten. Er fuͤhlte ſich Angeſichts ſei⸗ nes Kindes gebeugt, bei dem Gedanken an Das, was er zu ſagen hatte. Endlich ſtrengte er ſich an, dieſe letzten Kaͤmpfe eines beſſeren Gefuhles zu uͤbermeiſtern; und mit einem Blicke voll Ver⸗ zweiflung, der ſeinen Zuͤgen etwas Fuͤrchterliches verlieh, fragte er Anna:„ob ſie etwas thun wollte, um ihn vom Tode zu erretten?“ „Etwas?“ entgegnete Anna;„o Alles! Alles! Sage nur, was es ſeyn ſoll; mit Gefahr mei⸗ nes Lebens— denn Du gabſt mir ja das Le⸗ ben— ſoll es vollzogen werden! Ich fuͤrchte Nichts. Von Gott empfing ich meine Seelez ihm befehle ich ſie.“ „Mein Kind,“ ſagte Jan Lyon,„es gibt nur Einen Ausweg und den kann ich Dir nicht nennen. Du wirſt ihn fuͤr entehrend halten und doch iſt er es nicht— iſt es nicht wirklich— iſt nur—— Kurz, der Graf von Flandern moͤgte durch Deine Vermittelung— das heißt, durch Deine Bitte— geneigt gemacht werden, Die Weißkappen J. 12 mir volles Verzeihen angedeihen zu laſſen, wenn— „Wenn ich ſeinen frevelhaften Bewerbungen Gehoͤr gaͤbe,“ vollendete Anna.„Nein, mein Vater; ich kann mit Dir ſterben, aber nimmer, nimmer werde ich eine That thun, die Euern Leib zwar rettet, durch die jedoch Eure Seele in ewiges Verderben gerathen muͤßte! Ihr wer⸗ det Euer Kind nicht der Schande preisgeben wollen.“ „Das will ich nicht— das meyn' ich nicht;“ antwortete Jan Lyon heftig:„Ich will nur von Dir erbeten haben, Anna, daß Du um meinet⸗ willen den Grafen bitteſt— daß Du ſeine Lie⸗ besaͤußerungen nicht ſo ſtarrſinnig zuruͤckweiſeſt— kurz, daß Du geduldig anhoͤrſt, was Ludwig zu Gunſten ſeiner Bewerbungen ſagen moͤgte; denn ich fuͤrchte, unter andern Bedingungen ge⸗ währt er mir ſeine Verzeihung nicht.“ nt „Wie?“ ſagte Anna,„zur Heuchlerin wollt Ihr mich machen? Scheinen ſoll ich, als mun⸗ terte ich eine Leidenſchaft auf, die ich in meiner tiefſten Seele verabſcheue? O, mein Vater! nicht — 179— ſteht es geſchrieben im Buche des Lebens, daß der Menſch Boͤſes ſaͤen ſoll, damit ihm Gutes aufgehe! Wie alſo koͤnnte ich ſolchen Betrug ſpielen? Wie kann ich Hoffnung geben, nieder⸗ traͤchtig werden zu koͤnnen, ohne Gefahr zu lau⸗ fen, in eben die Schlinge zu gerathen, die ich tuͤckiſch einem Andern legen moͤgte? Nein! Das kann nimmermehr geſchehen. Doch will ich den Grafen aufſuchen; will kuͤhn mich ihm zu Fußen werfen. Um Euretwillen wuͤrde ich mich in den tiefſten Staub vor ihm beugen. Ich will bei ihm um Gnade fuͤr meinen Vater flehen und ihm verſprechen, daß die Gebete, die Segens⸗ wuͤnſche eines armen Maͤdchens, als einzige Ver⸗ geltung, die ſie fuͤr eines Vaters geſchenktes Le⸗ ben bieten kann, ihm nicht fehlen ſollen.“ „Das wuͤrde fruchtlos ſeyn,“ ſagte Jan Lyonz„ich kenne den Grafen; Du wirſt ihn nur anflehen, um eine verneinende Antwort zu erhalten. Lebe wohl, Anna— Alles iſt vor⸗ bei— es iſt unnuͤtz, fernerhin einen Verſteckort zu ſuchen. Lebe wohl auf immer! Wenn Du die Todtenglocke wirſt beiern hoͤren, die zu Dei⸗ 12* 180 nes Vaters Hinrichtung laͤutet, ſo magſt Du bekummert ſeyn, magſt es bewehklagen, daß es Dir nur an ein wenig Geduld fehlte, um eine Reihe galanter Redensarten anzuhoͤren, die Dei⸗ nem Maͤdchenthume weiter kein Leides gethan haben wuͤrden. Es iſt nun einmal ſo. Gehab' Dich wohl!“ „Bleib, Vater, bleib!“ rief Anna in Be⸗ ſtuͤzung.„Wohin, o, wohin gehſt Du?“ „Mich den Gerichten zu uͤberliefern,“ entgeg⸗ nete Jan.„Vielleicht rettet mich das vom Rade; das Beil gibt ſchaͤrferen, aber minder ſchmer⸗ zensvollen Tod.“ „Bleib', geh' nicht!“ rief Anna;„— Beil— Rad— o Gott! Bleib', ſag' ich!“ Und ihre Stimme ſcholl laut und kreiſchend von der Angſt, die ſie fuhlte, als ſie vorwaͤrts ſtuͤrzte und ihres Vaters Mantel veſthielt.„Nein,“ fuhr ſie fort, „ich will Dein Blut nicht vergießen, ich will nicht die Moͤrderin meines Vaters werden. Ich will Alles thun, was Du wuͤnſcheſt— ja, ich will mich vor dem Grafen niederwerfen und ihn bitten, daß er mich toͤdte— aus Barmherzigkeit 181 toͤdte. Ich will anhoͤren, was er mir von Liebe ſpricht; Alles, Alles, um Dich zu retten.“ Jan Lyon ſchloß ſeine Tochter in ſeine Arme, waͤhrend eine Thraͤne der vaͤterlichen Ruͤhrung ſeine Wange bethaute.— So widerſprechend ſind die Empfindungen und die Wuͤnſche der Men⸗ ſchenſeele, daß er in dieſem Moment faſt die Wendungen und die erſchreckenden Gruͤnde be⸗ reute, die er vorgebracht hatte, um ſeinem Kinde eine Zuſage zu ſeiner Errettung abzuringen, die von der Jungfrau reinem Gemuͤthe verabſcheut ward. Die Stimme der Natur redete laut in Jan Lyon's Bruſt; aber dieſe Bruſt war zu kalt, zu eigenſuͤchtig, um ſofort und unbedingt jener Stimme Gehoͤr zu geben. Es war Jan Lyon gelungen, die Seele Annens nach ſeinen Wuͤnſchen umzuſtimmen; und er war jetzt be⸗ muͤht, ſich durch die Hoffnung zu troͤſten, daß kein gaͤnzliches Verderben uͤber ſeine Tochter kom⸗ men wuͤrde, und damit glaubte er denn auch ſein Gewiſſen beſchwichtigt zu haben.„Alles wohl erwogen,“ dachte er,„geſchieht's ja nur, den Grafen durch etliche ſchmeichelhafte Hoffnun⸗ gen hinzuhalten— mein Leben wird gerettet ſeyn, bis wir reif zur That ſind, und dann will ich an Ludwig de Male ſolche Rache nehmen, daß er nimmer in Gent noch in Flandern herrſchen ſoll; jedoch will ich, wenn jene Stunde herein⸗ bricht, ſeines Lebens ſchonen, ſo er jetzt des meinigen ſchont.“ Dies waren die Betrachtungen Jan Lyon's, als er langſam im Gemache auf und ab ſchritt. Anna, erſchoͤpft von den Auftritten, denen ſie juͤngſther beigewohnt hatte, und hingenommen vom Kampfe heftiger und widerſtreitender Empfindungen, war auf einen Seſſel geſunken, auf welchem ſie einer Bildſaͤule des Kummers ähnlich, ſtill und ſtumm und regungslos da ſaß. Der Kampf ihrer Gefuͤhle war jetzt voruͤber— ſie hatte beſchloſſen, ſich zu fuͤgen, und ein tiefes Gefuͤhl der Schwermuth, das auf ihren gefaß⸗ ten Entſchluß gefolgt war, hatte jetzt den Platz ihrer fruͤheren Herzensbewegungen eingenommen. Endlich kehrte Peter du Bois zuruͤck, und Anna, die es nicht ertragen konnte, uͤber das Vorhaben zu reden, das ſie am folgenden Tage 183 ausfuͤhren ſollte, war erfreut, in eine Kammer gelangen zu koͤnnen, wo ſie hoffte, einiger Ruhe genießen zu koͤnnen. Sie verabſchiedete ſich von ihrem Vater und von ihrem Vetter fuͤr die Nacht, empfing die Segnung des Erſteren, und uͤberließ, indem ſie ſich zuruͤckzog, Beide ihren geheimen Beſprechungen. Siebentes Capitel. ——— Als Anna in dem ihr im Hauſe ihres Vetters du Bois angewieſenen Schlafgemache angelangt war, warf ſie ſich auf ihre Knieen und betete inbruͤnſtig zum Himmel, daß dieſer ihr Beiſtand und Stuͤtze, die ihr in dieſer peinvollen Zeit der Unruhe und des Jammers ſo nothwendig war, werden moͤgte. Die Innigkeit ihrer Andacht gab ihr, waͤhrend ſie ihr das Vertrauen zur goͤttli⸗ chen Fuͤrſehung ſtaͤrkte, und ihre Empfindungen uͤber die Beſorgniſſe dieſer Erdenwelt erhob, Muth und Geduld, die Schwierigkeiten zu unter⸗ nehmen und zu ertragen, die ſich ihr in ihrer dermaligen Lage entgegenſtellten. Sie erhob ſich von ihrem Gebete mit ruhigerem und ent⸗ — — 4————„———„—— „—„—— — 185 ſchloſſenerem Gemuͤthe, als ſie waͤhrend der Schreckensergebniſſe dieſes Tages hatte haben koͤnnen, und beſchloß, ehe ſie ſich zu Bette be⸗ gab, zu erwaͤgen, auf welche Weiſe ſie es am beßten einzurichten haͤtte, ihren Plan, vom Gra⸗ fen von Flandern Verzeihung fuͤr ihren Vater auszuwirken, mit Erfolg durchzufuͤhren. Sie wußte recht wohl, wie heftig Ludwig de Male's Leidenſchaft ſich gegen ſie geaͤußert hatte, ſo daß er, wenn nicht Staatsverhaͤltniſſe ihn gehindert haͤtten, ſie geehelicht haben wuͤrde; da dies Letztere jedoch ſich mit dem Fuͤrſtenrange nicht vertrug, hatte er dennoch ſeine Liebesbe⸗ werbung fortgeſetzt. Auch wußte ſie, daß ihres Vaters Verwerfung dieſer unzuͤchtigen Huldigun⸗ gen der Hauptgrund zu der Ungnade deſſelben geworden war, und daß Gilbert Mattheus nur eine ſo guͤnſtige Gelegenheit abgewartet hatte, um ſeine Zwecke zu erreichen. Gilbert war ein abgeſagter Feind ſowohl Jan Lyon's, wie An⸗ nens, weil er ebenfalls ein abgewieſener Freyer war, und Anna glaubte mit Recht, Gilbert haͤtte in ſofern das Gemuͤth der Graͤfin von 186 Artois vergiftet, als er dieſelbe glauben machte, daß Anna der Leidenſchaft Ludwigs, des Soh⸗ nes der Graͤfin, Gehoͤr ſchenkte, und zwar in der Hoffnung, ihren Einfluß auf den Grafen ſo zu ſteigern, daß dieſer, durch Liebe geblendet, ſie ehelichen wuͤrde. Dieſer Argwohn war ſo irrig, wie er peinlich war. Anna ſah daher ein, daß, wie ſchuldlos ſie ſeyn mogte, wenn ſie eine Verbindung mit dem Grafen erneuerte, blos um ihres Vaters Vergebung auszuwirken, man ſol⸗ ches Thun doch auf hoͤchſt grauſame Weiſe mißdeuten wuͤrde; vollends daß dieſes von der Graͤfin von Artois geſchehen duͤrfte, und daß Gilbert ſolche Gelegenheit mit Freuden ergreifen wuͤrde, um ihren Ruf zu ſchwaͤrzen und ihr Verderben herbeizufuͤhren. Der Graf von Flander war, wie ſie ſich gern uͤberreden wollte, Derjenige am Hofe, den ſie am mindeſten zu fuͤrchten haͤtte; denn obwohl ein regierender Fuͤrſt, der gleich den meiſten Fuͤrſten ſeiner Zeit ſich der Gottloſigkeit geſetzwi⸗ driger Vergnuͤgungen hinab, hatte er doch, wie Anna wußte, viel Ritterliches in ſeiner Ge⸗ —————— 187 muͤthsart. Deſſen ungeachtet, daß Ludwig aller⸗ lei Mittel angewendet hatte, ſie zu verfuͤhren, hatte er doch ſtets ein brennendes Verlangen ge⸗ zeigt, dieſen Zweck eher dadurch zu erreichen, daß er trachtete, Annens Liebe zu erwerben, als daß er niedere Raͤnke oder gar Gewalt ver⸗ ſucht hätte; ja, Ludwig wuͤrde Anna, wenn ſie blos ſeine Buhldirne geweſen waͤre, nicht ge⸗ ſchaͤtzt haben, ſobald er nicht gefuͤhlt haͤtte, daß nur Liebe ſie zu einer ſolchen herabwuͤrdigte. Ferner war Anna gewiß, daß der Graf noch immer entruͤſtet uͤber ihres Vaters Einmiſchung in dieſe Angelegenheit war, und nimmer konnte ſie ihre Seele durch die Erwartung taͤuſchen oder ſich mit der Hoffnung ſchmeicheln, Ludwig wuͤrde ohne alle Ruͤckſicht eine Vergebung ge⸗ waͤhren, ſobald ihm nicht die Hoffnung ent⸗ ſtaͤnde, endlich ſeine Leidenſchaft ſiegend zu wiſſen. Das waren traurige und ſchreckliche Betrach⸗ tungen fuͤr Anna, denn ſie erinnerte ſich jetzt, wie ſie gehoͤrt hatte, der Graf waͤre noch aus⸗ ſchweifender in ſeinem Wandel geworden, und 188 es war aus alldem, was vorging, erſichtlich, daß kein zuruͤckgebliebenes Mitleidsgefuͤhl gegen ſie den Grafen abgehalten hatte, ihren Vater wo moͤglich in's Verderben zu ſtuͤrzen. Was alſo konnte Anna erwarten?— Und Hoffnungen zu bieten, daß eine Zeit, wie fern dieſelbe auch ſeyn mogte, kommen wuͤrde, wo ſie geneigt ſeyn koͤnnte, ſich der entehrenden Leidenſchaft des Prinzen hinzugeben, war eine Betrugshand⸗ lung, wogegen ihre ganze Seele ſich empoͤrte. Doch ihres Vaters Leben ſtand auf dem Spiele! Tod, der Tod des Verbrechers drohte ihrem Vater; und dazu geſellte ſich Annens Hoffnung, daß, wenn es ihr gelaͤnge, ihres Va⸗ ters Vergebung auszuwirken, ſie im Stande ſeyn wuͤrde dieſen Letzteten von dem Um⸗ gange mit jenen Elenden abzubringen, mit de⸗ ren Vergeſellſchaftung, wie ſie wohl einſah, Ge⸗ fahr und Schmach und Verderben Hand in Hand gingen. Dieſer letzte Gedanke wirkte maͤchtig auf ihr Gemuͤth, und ſie beſchloß, was es ihrem Gefuͤhl auch koſten moͤgte, Alles zu verſuchen, um den Vater aus den Schlingen S e e 8 S* ß ſie vo lſo zu yn es 189 der Bosheit zu befreien; denn wie wenig Anna die Welt auch kannte, ſo hatte ſie doch ſchon an dieſem Abend genug geſehen und gehoͤrt, um uͤberzeugt ſeyn zu koͤnnen, daß jene verzweifelten Maͤnner in dem unterirdiſchen Gewoͤlbe nur mit boͤſen Anſchlaͤgen gegen das Vaterland und deſſen beſtehende Regierung umgehen konnten. Ihre Seele, ſo duͤſteren Betrachtungen hin⸗ gegeben, geſtattete ihr nicht, ihren Wunſch nach einigen Stunden Schlafes erfuͤllt zu ſehen. Sie ging an das Fenſter, riß einen Fluͤgel deſſelben auf und hoffte durch die friſche Nachtluft ihre angegriffenen Nerven zu ſtaͤrken. Es war jetzt nach Mitternacht. Der Mond ſchwebte hoch am Himmel und zog ſeine friedliche Bahn dahin durch tauſend leuchtende Sterne, und die Milch⸗ ſtraße blitzte wie ein lichter Silberſchleier auf dem tiefblauen Aether. Alles war ſtill und ſchweigſam, und die ſchlanken Thurmſpitzen der Kirchen und Kloͤſter in Gent ſtanden, glaͤnzend erleuchtet von dem Schimmer, der auf ſie herab⸗ ſtroͤmte, wie aus dem feinſten weißen Marmor geformt da. 190 Anna, deren Gemuͤth uͤberaus empfaͤnglich fuͤr die poetiſchen und religiöſen Empfindungen war, die durch den Anblick der Natur ſo leicht eingefloͤßt werden, fuͤhlte in dieſem Augenblicke die ganze Wirkung eines ſolchen Anblickes. Ihr Herz begegnete der Harmonie, die draußen wal⸗ tete, denn ihr Herz war ſchuldlos; keine ſtraf⸗ bare Handlung, keine niedrige Regung hemmte der Jungfrau ſtille Erhebung zu Gott und ſei⸗ nen himmliſchen Werkenz eine Erhebung, die wohl nimmerdar aufkommt in einer Bruſt, in welcher fleiſchliche Luͤſte und entartete Gefuhle ihre Herrſchaft geltend machen. Anna warf ihre Blicke in die Wolken und gedachte Deſſen, der durch ſein Wort dieſe Welt aus dem Nichts hervorrief.„Und Gott ſprach: es werde Licht, und es ward Licht!“ betete Anna.„O barmherziger, erhabener und gnaͤdi⸗ ger Schoͤpfer des Guten, wie wundervoll ſind Deine Werke! wie unerforſchlich ſind Deine Wege! Du biſt es, Du nur allein, der da den Menſchen ſicher leiten kann; denn ſo er ſeine eigenen Wege wandelt und Deine Pfade ver⸗ 70 i9 i9 3 8 irt let leſ ſch ve die der 191 laͤſſet, ſo wird ſeine Bahn zweifelhaft und ge⸗ faͤhrlich, wie die des Wanderers, der durch die Wuͤſte ſtreift, wenn jene Lichter des Himmels, die Dein Wort erſchuf und erhaͤlt, ſich in Wol⸗ ken und dichte Finſterniß huͤllten. Deiner Fuͤh⸗ rung alſo will ich in allen Dingen mich unter⸗ . werfen. Ich will nichts Boͤſes wollen, nichts e Boͤſes thun; ich will auf Dich vertrauen, und Dein Licht ſoll meines Fußes Leuchte ſeyn, und e Dein Stecken und Stab mich unterſtuͤtzen. Zu Deiner Ehre betrachte ich jetzt Deine Werke, e aber ich thue es nicht wie nur allzu viele irrende Menſchen es thun, die nur zu jenen hel⸗ 1 len Sternen aufblicken, um mit Anmaßung den t Gang ihres kuͤnftigen Erdengeſchickes in ihnen zu leſen, als ob Du, der Schoͤpfer, es den Ge⸗ ſchoͤpfen habeſt geſtatten wollen, dem Menſchen Dasjenige zu enthuͤllen, was Deine Weisheit verborgen gehalten wiſſen will, indem Du ihm die Zukunft gut oder ſchlimm bereiteſt, je nach⸗ dem ſein Thun es verdient.“ Anna zog ſich vom Fenſter zuruͤck, ſchloß es und ſchickte ſich an, den Schlaf zu ſuchen; je⸗ *„— MN *** —— 2— W doch ſo wie ſie ſich langſam entkleidete und ihre Haarflechten loͤſete, fuhr ihre Seele fort, uͤber denjenigen Gegenſtand zu ſinnen, der ihrem Herzen am naͤchſten war: mehr als Einmal dachte ſie an Hendrick van Caſſel. Was wird wohl Er von ihr denken? Sollte ihm auch aus ihrem Thun ſich der Verdacht entheben, daß ſie um anderer, um unwuͤrdiger Urſachen willen den Grafen aufſuchte? Allein ſchnell wies ſie Ge⸗ danken dieſer Art als geſchaͤftige Aufdringler von ſich, die ſehr leicht ihrem Entſchluß zu Dem, was ſie fuͤr ihre Pflicht erachtete, hinderlich werden koͤnnten. Immer voll Verlangen, ihrem Vater zu die⸗ nen, und dennoch, ſo ſehr es ihr moͤglich war, die angeborene Aufrichtigkeit ihres Charakters beizubehalten, kam ihr ploͤtzlich ein Gedanke, von welchem ſie hoffte, daß er ſich den tugendhaſften Geſinnungen guͤnſtig zeigen wuͤrde, mit denen ſie ihres Vaters Losſprechung zu erbitten dachte. „Ja,“ ſagte Anna,„ich will den Grafen bit⸗ tend angehen, wenn er ſich nach der Cathedrale begibt, um der Meſſe beizuwohnen; das wird „—„— S„ 0 70— 8——— — — — hre ber em nal ird us ein guͤnſtiger Zeitpunkt zum Flehen um eines Vaters Leben ſeyn, denn wie ausſchweifend Ludwig auch ſeyn moͤge, ſo wird die Hei⸗ ligkeit des Ortes, die feierliche Handlung, zu welcher er hinwandelt, ihn doch mit irgend einer reinen, irgend einer geheiligten Empfindung er⸗ fuͤllen. Er kann, er darf dann nicht unwuͤrdig von mir denken; ja, an ſolchem Orte kann ſeine ſtrafbare Leidenſchaft ſich mir nicht aufdringen. Ja, in der Cathedrale will ich ihm begegnen. Doch muß ich vorſichtig ſeyn; oft begleitet die Graͤfin von Artois ihren Sohn in die Meſſe, und ſollte ſie, oder ſollte Gilbert Mattheus mich erkennen, ſo wuͤrde Alles vergebens ſeyn. Wie habe ich es alſo anzuſtellen?“ Anna ſann ein Weilchen nach. Sie ſtand bewegungslos und hielt eine ihrer langen ſchoͤnen Haarflechten in der Hand, waͤhrend gaͤnzliche Zerſtreuung ſie in ihrem Auskleiden unterbrochen hielt. Endlich fuhr ſie fort—„Ja, es gibt Einen Weg: ich will mich in meinen Mantel huͤllen und einen Schleier uͤberwerfen; ich will mich unter den Bettrhaufen miſchen, der ſich Die Weißkappen I. 13 ——————————————.——————— 194 an der Kirchenthuͤr einzufinden pflegt, um die Almoſen des Grafen bei deſſen Eintritt in die Cathedrale zu empfangen; und wenn er die Hand ausſtreckt, mir eine Gabe zu reichen, will ich ihm eine Schrift uͤberreichen, die ihn bewe⸗ gen ſoll, mir meines Vaters Leben zu ſchenken. Hinweg dann jegliches Gefuͤhl von Stolz! Moöge ich fuͤr eine Bettlerin gelten! Kann jene niedere Verhuͤllung mir meine Ehre bewahren, ſo moͤgte ich lieber eine wirkliche Bettlerin all mein Le⸗ belang ſeyn, als ohne Tugend leben, auch wenn ich auf einem Throne ſitzen koͤnnte. Und eines Vaters Leben, und“— ſetzte ſie, faſt ohne ſich deſſen deutlich bewußt zu ſeyn, hinzu—„und Hendrick's gute Meynung von mir zu bewahren, ſoll kein aͤußerer Schein mir zu demuͤthigend oder zu niedrig ſeyn. So ſoll es ſeyn; ich will die Schrift auſſetzen, bevor ich mich zur Ruhe lege. Ich ſehe, hier iſt Schreibzeug, denn du Bois bewohnt gewoͤhnlich dies Gemach— alſo erſt die Schrift, dann vielleicht der Schlaf!“ Anna legte einen Theil der Kleider, die ſie ausgezogen hatte, wieder an, ſetzte ſich und ve te ur ur ur die die die ill ok⸗ ge 195 ſchritt zum Werke. Sie ſchrieb langſam, denn obwohl ſie fuͤr ihre Zeit gut erzogen war, ſo verſtand ſie ſich auf dergleichen Bittſchriften kei⸗ neswegs beſſer, als hoͤchſtens eine mittelmaͤßige Verfaſſerin derſelben abzugeben. Zwei, drei Bogen zerriß ſie wieder; dann erſt beſchloß ſie, ſo zu ſchreiben, wie ſie fuͤhlte.„Denn Alles erwogen,“ dachte Anna,„bleibt die Natur doch die beßte Vertreterin, und man braucht keine Schriftgelehrte zu ſeyn, um zu erkennen und auszudruͤcken, was man fuͤhlt.“ Nachdem die Jungfrau zu dieſem Entſchluſſe gekommen war, verfaßte ſie eine kurze Bittſtellung an den Gra⸗ fen, in welcher ſie die Wahrheit darlegte, daß ihr Vater nicht abſichtlich den Tod des Vet⸗ ters Gilbert's veranlaßte. Sie bat daher den Grafen mit aller Kraft kindlicher Froͤmmigkeit und mit aller Beredtſamkeit chriſtlichen Gefuͤhls um einen Vergebungsbrief fuͤr ihren Vater. In gewiſſem Grade uͤber ihre Plaͤne und Abſichten beruhigt, legte Anna ſich zu Bett, und ungeachtet des Bangens in ihrem Gemuͤth, fand ſie nach der Erſchoͤpfung, die durch des 13* 196 Tages Unruhen und Bedraͤngniſſe wohl hatte uͤber ſie kommen müſſen, jenen ruhigen Schlummer, der die beſondere Segnung der Geſundheit und Unſchuld iſt— jenen Frieden, der alle Verſtaͤndigkeit weit hinter ſich laßt, und den die Welt weder zu geben, noch zu neh⸗ men vermag. Arhtes Capitel. Als Anna am folgenden Morgen auſſtand, be⸗ reitete ſie ſich mit bekuͤmmertem Herzen, ihr Vor⸗ haben auszufuͤhren; und nachdem ſie es ihrem Vater nur theilweiſe hatte wiſſen laſſen, damit er ſich nicht einem Plane widerſetzen moͤgte, von deſſen Gelingen ſie die ſchmeichelhafteſten Hoff⸗ nungen hegte, ſagte ſie ihm Lebewohl, verbarg ihre Perſon ſo gut ſie konnte, dadurch, daß ſie ihren ſchwarzſeidenen Mantel veſt um ſich wickelte, einen weißen Schleier uͤber ihr Geſicht warf, und machte ſich auf den Weg nach St. Balduin, um ſich an die Thuͤr der Cathedrale zu ſtellen, da⸗ mit ſie dem Grafen nahe ſeyn mögte, wenn er in die Meſſe ginge. Es wuͤrde nutzlos ſeyn, zu 198 ſagen, mit welcher Aengſtlichkeit, mit welcher Hoffnung und Furcht auf Seiten Annens der Zwiſchenraum zwiſchen dem Moment, wo ſie an der Thuͤr Platz nahm und dem, der den Grafen herfuͤhrte, ausgefuͤllt ward. Endlich hoͤrte ſie das Harfenſpiel der Mei⸗ ſterſaͤnger und das Gewuͤhl der Menge, die bei Ludwig's Hingang zur Kirche nimmer fehlte, ſich zu verſammeln, wodurch ſie uͤberzeugt ward, daß er wirklich zur Cathedrale kam. Anna zog ſich jetzt ſo nahe ſie konnte bis zu den Wachen, die den Eintritt des Grafen freihielten, und war bemuͤht, es zu verhindern, durch die Bettler zu⸗ ruͤckgedraͤngt zu werden, welche darnach trachte⸗ ten, den Blick des Grafen auf ſich zu ziehen, um ein Almoſen zu erlangen. Etliche dieſer Leute waren wirklich Gegenſtaͤnde des Mitleidens, waͤh⸗ rend Andere die Armuth nur zum Deckmantel des Müßigganges und Laſters benutzten. Die Kuͤhnſten und Zudringlichſten hielten in ihren Haͤnden eine kleine metallene Buͤchſe, die oben einen Einſchnitt hatte, um in ihr die Gabe der Barmherzigkeit aufzunehmen. Dabei hatten ſie cher der an fen Nei⸗ bei ſich daß ſich die var zu⸗ te⸗ en, ute tel ie en en er 199 die Gewohnheit, mit dieſen Buͤchſen zu raſſeln und zu klappern, um die Mildthaͤtigkeit der Vor⸗ uͤbergehenden in Anſpruch zu nehmen; bisweilen auch begleiteten ſie dieſes mit einem Gebet oder einer Segensſprechung, auch wohl mit einem bloßen Winke, etwas in die Buͤchſe zu ſtecken, welches noch heut zu Tage Gebrauch bei etlichen flamlaͤndiſchen Bettlern iſt. Die Muſik kam immer naͤher und die Minne⸗ ſaͤnger, welche dem Grafen mit Mehreren ſeines Haushaltes voranzogen, gingen ohne Weiteres in die Cathedrale, in welcher die Erſteren fort⸗ fuhren, ihre begeiſterten Lieder zu ſingen, ob⸗ wohl ſie ſich innerhalb des heiligen Gebaͤudes befanden. Der Graf naͤherte ſich jetzt, und Anna war betruͤbt, als ſie gewahrte, daß ſeine Mutter, Margarethe, die Graͤfin von Artvis, ſich auf ſeinen Arm ſtuͤtzte, und das noch dazu an der Seite, an welcher Anna Platz genommen hatte. Auch ſah ſie, wie Gilbert Mattheus dem Zuge folgte, und wie neben ihm ein Mann ging, der kein Barett, ſondern einen breiten Hut trug, 200 der ſein Geſicht verdeckte. Wer dieſer Mann war, konnte Anna nicht erkennen; allein da er ſo dicht neben Gilbert einherſchritt, meynte Anna, er waͤre einer von Gilbert's Bruͤdern; denn die Familie der Mattheus hielt, ſo oͤffentlich wie in Geheim, eng zuſammen. Herr Robert d'Au⸗ terme, der Oberſchultheiß von Gent, war, wie ſein Neffe Oliver und Jean de Faucille, mit im Gefolge. Als Anna, indem ſie ſich langſam naherte, ihren Blick auf den Grafen fallen ließ, ſtahl ſich die ſchmeichelnde Hoffnung in ihren Buſen, daß ihr der Zweck ihrer Bittſchrift gelingen wuͤrde; denn das Angeſicht Ludwig's von Flan⸗ dern zeigte, wie man wohl ſagen darf, jederzeit einen Ausdruck, der jedem Bittenden Hoffnung einfloͤßte, indem die Wuͤrde Ludwig's ſich mit einer Miene voll Guͤte und Leutſeligkeit miſchte. Vielleicht auch, daß Annens brunſtiges Verlangen, in ihm alles Das zu finden, was ſie wuͤnſchen mußte, das guͤnſtige Aeußere erhoͤhte, in welchem er ihr erſchien. Sein Schritt war ungezwungen, vbwohl 201 nn langſam und majeſtätiſch, und er erwiderte die er Gruͤße der Menge mit maͤnnlicher Verbeugung. 1a, Seine ſtattliche und edle Geſtalt, angethan mit die blauem, goldverziertem Sammet, den reicher in Juwelenſchmuck erhoͤhte, und der durch einen u⸗ mit Hermelin verbraͤmten Mantel vollſtaͤndig ie gemacht ward, zog die Bewunderung aller Be⸗ it ſchauer auf ſich. Die Gräͤfin lehnte ſich auf den Arm ihres e, Sohnes, ihre Zuͤge wieſen aͤhnliche huͤbſche Um⸗ l riſſe und leiteten von ihrer Regelmaͤßigkeit einige , Schoͤnheit her; doch war in ihrem Weſen etwas n Hochfahrendes und Zuruͤckſchreckendes, wodurch 2 die guͤnſtige Wirkung wieder vernichtet ward, die it ſie durch ihr hoͤfliches Benehmen zu erregen g wußte. Sie ließ ſich herab, die ehrerbietigen t Begruͤßungen des Volkes zu erwidern; jedoch ² indem ſie das that, zeigte ihr Geſichtsausdruck, daß ſie fuͤhlte, es ſey eine Herablaſſung, und . weder der Anblick der Armuth, noch des Gebre⸗ chens, noch der Unſchuld konnte ihre Stirn ſaͤnf⸗ tigen, oder ihr einen einzigen guͤtigen Blick des Erbarmens oder des Mitgefuͤhls entlocken. Ihre 202 Almoſen ertheilte ſie wie eine Gabe, auf die ſie ſelbſt keinen Werth legte, und es ſchien ihr gleichgultig zu ſeyn, ob ſie dadurch eine Wohl⸗ that erzeigte oder nicht. Faltbluͤtig ſtreute ſie die Muͤnzen aus, indem ſie gleichgultig in die Buͤgeltaſche langte, die ihr am Guͤrtel hing; etwa wie Kinder eine Handvoll Steine wegwer⸗ fen, aus denen ſie ſich nichts machen. Ihr großes und ausdrucksvolles Auge blickte im Kreiſe umher, doch haftete es nirgendwo mit Theil⸗ nahme. Ihr Anzug war prächtig und blitzte von Juwelen und koͤſtlicher Wirkerei; die Haͤngarmel ihres Kleides fielen faſt auf den Boden, waͤh⸗ rend die Schleppe des karmoſinfarbenen Sam⸗ metmantels ihr von einem jungen Pagen nach⸗ getragen ward. Ihre ſanfte und weiße Stirn war von einem kronenartigen Juwelen⸗ und Perlen⸗Geflecht umgeben, uber welches herab ſich ein koſtbarer Schleier von dem feinſten Sil⸗ berſtoff ſenkte. Als der Graf den Raum tiong ſchritt, den die Kammerlinge und Marſchalke vor ihm frei gemacht hatten, hielt er dann und wann an, um, gewiß mit mehr Huld und Mildherzigkeit, als von ſeiner Mutter geaͤußert ward, etlichen betagten oder preßhaften Armen ein Almoſen zu ertheilen; eine fur die Fuͤrſten herkoͤmmliche Sitte, der ſie nachlebten, wenn ſie dem oͤffentlichen Gottesdienſte beizuwohnen gingen. „Er kommt naͤher,“ dachte Anna.„O, wenn ſein Blick nur auf mich fallen wollte! Ich will „Barmherzigkeit“ rufen— und dann will ich, wenn er mir ein Almoſen reicht, meine Schrift in ſeine Hand ſchluͤpfen laſſen. Aber er ſieht mich nicht; o, daß ich ſeinen Blick auffangen koͤnnte! Ich will es wagen, einen Schritt vor die Linie zu treten; thue ich es nur ein wenig, ſo muß er mich ſehen.“ Sie that dies, und der hurtige Blick des Grafen ward augenblicklich gewendet und ruhete ſofort auf ihr. Ihre Kleidung, die zwar ein⸗ fach, ja ſogar gering war, wies ſich dennoch nicht als die Kleidung einer Bettlerin; und ob⸗ wohl ihr Mantel veſt um ſie gewickelt war, auch der Schleier ihr Geſicht bedeckte, ſo war doch in Annens Geſtalt eine Anmuth, die gleich ————— — 24— der in den Modellen der Schoͤnheit in den Bild⸗ ſäulen des Alterthums, ſich dennoch zeigte, von welchem Gewandwurf ſie auch bedeckt ſeyn mogte. Auch war der Arm, den ſie ausſtreckte, um das bereitgehaltene Blatt zu uͤberreichen, fein gerundet und von zartem Weiß. Dieſe Wahr⸗ nehmungen mußten einen im Schoͤnen ſo kritiſch erfahrenen Blick, wie Ludwig de Male's Blick war, allerdings auf ſich ziehen. Seine Neugier war rege gemacht; es war etwas beſonders Auffallendes in dem ganzen Umſtande. „Dies,“ ſagte der Graf, als er ſich zu Gil⸗ bert Mattheus wendete, der jetzt dicht hinter ihm war—„dies iſt die ſeltſamſte und, wie ich wetten moͤgte, die ſchoͤnſte Bettlerin, welche je⸗ mals um ein Almoſen bat. Auch mag ſie wohl die ungluͤcklichſte der Bettlerinnen, vielleicht eine verarmte Adelige ſeyn— ich will ihr Gold geben.“ „Oder vielleicht,“ verſetzte Gilbert,„iſt ſie eine ſchlaue Luſtdirne, die ihre weiße Hand und einen Anſtandsmantel zeigt, um die Neugier rege zu machen, und eine neue Art von Theilnahme 1————— 205 zu erwecken; denn Lumpen, die eigenthuͤmliche Bekleidung der Almoſenſammler, ſind zu allgemein worden, um beſonderes Mitleiden zu erregen.“ „Sey ſie, wer ſie wolle,“ ſagte der Graf, „ſie ſoll mir ihren huͤbſchen Arm nicht verge⸗ bens entgegen ſtrecken; ja, ich will mit ihr reden.“ Als Ludwig einige Schritte vorwaͤrts ging, um ſolches zu thun, glaͤnzte die fuͤr Anna be⸗ ſtimmte Goldmuͤnze in ſeiner Hand, und in demſelben Augenblicke, wo er die Jungfrau an⸗ reden wollte, ſtuͤrzte ein altes Weib, mit hage⸗ rem und widerlichem Angeſichte, auf welchem ein Ausdruck von Wahnwitz mit dem der Bos⸗ heit um den Vorrang zu ſtreiten ſchien, vor Anna hin, um ſich dem Grafen bemerkbarer als jene zu machen. In dem Anzug der Alten war nichts Auffallendes, außer daß ihre Kopf⸗ bedeckung ein weißer, einer großen Schirm⸗ kappe aͤhnlicher Kremphut war. Indem das Weib die Jungfrau zuruckſtieß, ſchrie ſie dem Grafen entgegen:„Mir, mir das Gold, nicht dieſer vermummten Schleicherin!“ Die erſchreckte Anna wich unter die Menge 206 zuruͤck, und der Graf, erzurnt uber die herbeige⸗ fuͤhrte Wahrſcheinlichkeit, die ihm intereſſant ge⸗ wordene Bettlerin aus dem Geſichte zu verlieren, ſtieß die Alte mit einiger Heftigkeit zuruͤck, in⸗ dem er ausrief:„Hinweg mit Dir, vermaledeite Weißkappe, was unterſtehſt Du Dich?“ „Fluche nicht der Weißkappe, fluche ihr nicht, ſtolzer Graf,“ verſetzte das alte Weib mit der groͤßten Frechheit;„ſieh Dich vor, Ludwig, ſieh Dich vor! Kein Menſch, er ſey Fuͤrſt oder Bettler, wird mich unvergolten zuruͤckſtoßen. Hoͤre, hoͤre! Dein Fluch wird auf Dich zuruͤck⸗ fallen! Und merke meine Worte,“ fuhr ſie fort, als ſie ihren duͤrren und runzeligen Arm aus⸗ ſtreckte, und mit dem Finger nach ihrem eigenen Hute wies:„die weiße Kappe, die Du an die⸗ ſem Tage verflucht haſt, ſoll Schrecken und Ent⸗ ſetzen uͤber Dich bringen. Gedenke deſſen, was ich ſagte, und— lebe wohl!“ „Mein Sohn,“ ſprach die Graͤfin von Artois zu Ludwig mit leiſer, aber aufgeregter Stimme: „Mein Sohn, gib ihr Gold. Es iſt urſula, gib ihr Gold!“ — 207 „Ihr Gold geben?“ entgegnete der Graf; „dem garſtigen alten Weibe?— Ich will ihr nichts geben, es ſey denn der Belferſtuhl oder die Fußbloͤcke; ihre Raͤnke haben uͤber mich keine Gewalt.“ „So halte man ſie auf,“ rief ein junger Mann in Ludwig's Gefolge;„man halte ſie auf;z ſie hat oͤffentlich unſern Fuͤrſten geſchmaͤht.“ „Sie iſt irgend eine Tollhaͤuslerin,“ bemerkte Gilbert Mattheus.„Beſſer iſt's, man laͤßt ſie laufen; ſie iſt keiner Beruͤckſichtigung werth.“ „Es iſt Urſula,“ wiederholte nochmals die Graͤfin von Artois.„Ich wollte, mein Sohn, Du haͤtteſt ihr Gold gegeben; ihre Fluͤche fallen nie vergebens— ſie iſt hoͤchſt maͤchtig— ſie iſt eine Zauberin.“ „Sagt lieber eine Betruͤgerin, Mutter,“ ver⸗ ſetzte der Graf.„Sie ſcheint zu jener frechen Bettlerklaſſe zu gehoͤren, die einem Almoſenver⸗ theiler die ganze Boͤrſe dadurch leeren moͤgte, daß ſie ſucht, ihm Schrecken zu erregen. Unge⸗ achtet des Edictes von Gent hauſen hier doch noch viele ſolcher Weiber und Hexen. Fluch —208— uͤber ihre Zunge, ſie hat die arme Dirne hin⸗ weggeſcheucht! Ich hätte ſie gern gegen die alte Weißkaͤpplerin in Schutz genommen, nun aber ſehe ich ſie nicht mehr unter der Menge. Habt Ihr bemerkt, welchen Weges ſie ging, Gilbert?“ „Nein, gnaͤdigſter Herr,“ antwortete der neue Zunftmeiſter der Steuerleute;„ich ſah ſie nur zuruͤckweichen, als das alte Weib ſich vor⸗ drängte. Die Dirne ſchien erſchrocken zu ſeyn, und iſt vermuthlich fortgegangen.“ „Sehr wahrſcheinlich,“ ſagte der Graf. „Laßt uns in die Meſſe gehen.“ Waͤhrend dieſe kurze Unterredung vorfiel, hatte das Weib mit dem weißen Kremphute ſich muͤrriſch durch die Menge zuruͤckgezogen. Als ſie fortſchritt, wagte Niemand ſie aufzuhal⸗ ten; ja, Alles machte ihr Platz, wie wenn ſie ein Weſen waͤre, dem Niemand hinderlich wer⸗ den mag, indem ſie bei der Menge wirklich fuͤr eine Creatur galt, die mehr als menſchliche Kraͤfte und menſchliches Wiſſen beſaß. Anna war ebenfalls zuruͤckgewichen, denn als ſie ſich von der Alten eine„vermummte Schleicherin“ T 209 nennen hoͤrte, fuͤhlte ſie ſich ſo beunruhigt durch den Gedanken, entdeckt zu werden, daß ſie von ihrem Vorhaben, dem Grafen ihre Schrift an der Kirchenthuͤr zu uberreichen, abließ, und ver⸗ ſuchte, ſich einen Ruͤckweg durch das Gewuͤhl zu bahnen; doch konnte ihr Entrinnen nicht ſo ſchnell bewirkt werden, als das der alten Ur⸗ ſula, indem Keiner ſich vor Annen fuͤrchtete, alſo Keiner ihr Raum gab. Als ſie ſich nun durch die Menge hindurchdraͤngte, blieb ihr Schleier hangen und ward ihr vom Geſicht ge⸗ riſſen. Sie erlangte ihn zwar ſofort wieder und verhuͤllte ſich damit, doch geſchah das nicht eher, als bis mancher Blick Gelegenheit gehabt hatte, auf ſie zu fallen und ihr eine brennende Roͤthe in's Geſicht zu jagen. Nach dieſem kleinen Unfall trachtete Anna nur noch eifriger hinwegzukommen; und als ſie eben die Menge hinter ſich hatte, fuͤhlte ſie, wie eine Hand ſich leiſe auf ihre Schulter legte, und eine Stimme ihr zufluͤſterte:„Nimm keine Ruͤck⸗ ſicht auf mich— um Alles in der Welt, ſieh Dich jetzt nicht um— geh' in die Liebfrauen⸗ Die Weißkappen I. 14 Capelle— warte dort, bis ich komme. Ich helfe Dir.“ Dem Erſtaunen Annens glich nur ihre hef⸗ tige Bewegung; denn ſie kannte nur zu wohl die leiſeſten Accente der Stimme Hendrick's van Caſſel, um noch in Zweifel ſeyn zu koͤnnen, ob die eben ihr erſchollenen Worte von ihm her⸗ ruͤhrten. Annens Muth war jetzt durch eine Reihe von beunruhigenden Vorſtellungen ſo herabge⸗ bracht worden, daß die geringfugigſte Kleinigkeit ihr bange Ahnungen aufſteigen ließ. Sogar Hendrick's ploͤtzliches Erſcheinen machte ſie zittern, doch gehorchte ſie ihm und unterließ es, hinter ſich zu blicken; allein ſie konnte es nicht vermeiden, ſich einzubilden, daß hinter ihr die Menge, nach der Bewegung derſelben zu urtheilen, dieſem Hendrick bereitwillig Raum gab, da man doch vor ihr keinen Zoll breit gewichen war. Sie wartete nun ein Weilchen, und zwar faſt ohne ſich von der Stelle zu bewegen, auf welcher Hendrick ſie ſo geheimnißvoll angeredet hatte. Da ſie endlich bemerkte, daß der Pöbel ſich nach Eſ⸗ hl an ob er⸗ 211 allen Richtungen hin zerſtreute, wagte ſie es, ſich durch eine von den Seitenthuͤren in die Cathedrale zu ſchleichen und ſich dort in die Liebfrauen⸗Capelle zu begeben. Die Liebfrauen⸗Capelle war ein kleines Sei⸗ tengebaͤude, das der Jungfrau Maria geheiligt und mit einer Fuͤlle von gothiſchem Schnitzwerk, von Bildern und Wandinſchriften geziert war, waͤhrend der Hochaltar darin ſich reichbedeckt mit den Opferſpenden der Andaͤchtigen wies. Anna knieete demuͤthiglich vor dem Bilde der heiligen Jungfrau nieder, das in ſeiner Sculp⸗ turpracht und in ſeinem Juwelenſchmucke in einer Niſche uͤber dem Altare ſtand; und nach⸗ dem ſie ihr Ave Maria gebetet hatte, neigte ſie ſich auf ein Kiſſen, um Hendrick's Ankunſt zu erwartenz jedoch wie er ihr moͤglicher Weiſe hel⸗ fen, ja nur wiſſen konnte, daß ſie der Huͤlfe bedurfte, ſchienen ihr undurchdringliche Geheim⸗ niſſe zu ſeyn. Nicht lange ward ſie in dieſer Bedenklichkeit gelaſſen, denn Hendrick erſchien bald, und nach⸗ dem er bei ſeinem Eintreten in die kleine Ca⸗ 14* 212 pelle die Thuͤr derſelben hinter ſich zugezogen hatte, eilte er auf Anna zu und begruͤßte ſie mit der innigſten Herzlichkeit— ja, er ſchien gar nicht zu bedenken, zu welchem Zwecke er hieher gekommen war, und vergaß die Erinne⸗ rung an alles Andere um ihn her. Anna heftete einen Flehensblick auf ihn und beſchwor ihn, keine Zeit zu verlieren, ihr die verheißene Huͤlfe zu gewaͤhren;„denn ich ver⸗ muthe,“ fuͤgte ſie hinzu,„daß Du etwas von Dem weißt, was jetzt ſo ſehr meine Seele be⸗ druͤckt; wie haͤtteſt Du mir ſonſt Huͤlfe anbieten koͤnnen?“ „Ich habe allerdings viel erfahren, Anna,“ entgegnete Hendrick,„ſeitdem ich Dich geſtern Abend ſah; denn bei meiner Ruͤckkehr in das Gaſthaus zum Monde erfuhr ich daſelbſt die boͤſen Folgen des Zwiſtes mit den Bruͤdern Mattheus, und daß Deines Vaters Leben hoͤch⸗ lich gefährdet waͤre. Heute erkannte ich Dich, ungeachtet Deines Mantels und Schleiers; denn erinnere Dich nur, Anna, wie oft Du dieſe ein⸗ fache Kleidung in dem Walde bei St. Omer —— ——ͤ N en ſie en er⸗ on e⸗ en 213 trugſt. Auch gewahrte ich in Deiner Hand eine Schrift; keines Menſchen Auge war ſo veſt auf Dich geheftet, als das meinige, denn kein Herz ſchlaͤgt ſo warm fuͤr Dich, als das meinige. Es ſchien mir muthmaßlich, daß Du wuͤnſchteſt, dem Grafen von Flandern jene Schrift zu uͤberrei⸗ chen, und leicht konnte ich vermuthen, welch banger Gegenſtand Dich zur Behaͤndigung einer Bittſchrift aufrief, da ich erfuhr, daß die Ge⸗ rechtigkeit ihren Arm gegen das Leben Deines Vaters waffnet.“ „Und wo warſt Du denn?“ fragte Anna. „Ich ſah Dich nicht. Aber, Heilige Jungfrau! Wie veraͤndert iſt Dein Anzug, Hendrick! Biſt Du auch vom Hofe?“ „Ich war heute dort,“ verſetzte Hendrick, „und folgte dem Grafen in deſſen Zuge nach der Cathedrale. Doch laß uns von Deiner Ange⸗ legenheit ſprechen, das iſt wichtiger— und ich darf hier nicht bleiben. Sage mir, ob Du bei dem Grafen Deines Vaters Verzeihung erbitten willſt?“ „Es iſt der lebhafteſte Wunſch meiner Seele,“ 214 ſagte Anna,„allein mein Plan ward mir ge⸗ ſtort; und ſollte die Graͤfin von Artois, oder Gilbert Mattheus mich im Palaſte bemerken, ehe ich den Grafen ſprechen konnte, wuͤrden ſie mir Alles vereiteln, wuͤrden mich mit Hohn von dannen treiben.“ „Sie ſollen weder das Eine, noch das An⸗ dere thun,“ antwortete Hendrick.„Ich kann und will Dir dienen. Du ſollſt den Grafen ungeſtort ſprechen. Allein,“ fuͤgte er mit bedeu⸗ tender Bewegung hinzu,„allein, ich kenne nur allzuwohl des Grafen fruͤhere unwuͤrdige Lei⸗ denſchaft fuͤr Dich, um dieſe Zuſammenkunft nicht zu fuͤrchten. O Anna, Deiner Tugend mag ich wohl vertrauen, nicht aber Deiner Er⸗ fahrung Du kennſt nicht die Raͤnke der Men⸗ ſchen, wenn ſie um der Ausſchweifung willen von jeglichem Grundſatz ablaſſen. Du— jung, ſchoͤn und unſchuldig, vertrauensvoll gegen Je⸗ den, ſo wie Du ſelbſt eines Jeden Vertrauen verdienſt— ich zittere, wenn ich bedenke, in welche Gefahr, in welche Schlingen des Be⸗ truges, ja der Verfuͤhrung Du gerathen kannſt. W— W M— —— 215 Ludwig de Male iſt heftig in allen ſeinen Em⸗ pfindungen; ich fuͤrchte, daß Dein Erſcheinen vor ihm ſeine ſchlummernde Leidenſchaft erweckt; allein ich beſchwoͤre Dich, laß ſelbſt Deines Va⸗ ters Sicherheit Dich nicht verleiten, den Liebes⸗ ſchwüren des Grafen Gehoͤr zu geben!“ „Gewiß nicht,“ ſagte Anna,„gewiß nicht; ich will ihn nicht darin aufmuntern.“ „Du mußt ſie gar nicht anhoͤren,“ entgeg⸗ nete Heinrich;„wenn Du ſeiner Zuſagen nur im mindeſten achteſt, wird er hoffen, Dich ſpaͤterhin auf ſeine Bedingungen zu gewinnen, und ſollte er Das thun, ſo ſey ſicher, daß Elend und Verderben uͤber Dich und mich kommen. Ludwig's Rache wuͤrde eben ſo furchterlich ſeyn, wie ſeine Macht gewaltig iſt. Nimm kein Lie⸗ beszeichen von ihm an, verſprich ihm nichts, mindeſtens weiter nichts, als Dankbarkeit fuͤr Deines Vaters geſchenktes Leben. Gedenke mei⸗ ner Worte. Gott ſegne Dich!“ Anna war von dem Inhalte dieſer Anrede, der gleichen Schritt mit ihrer Furcht hielt, ſo erſchuttert worden, daß ſie nur leiſe zu antwor⸗ 216 ten vermogte:„ſie wuͤrde verſtaͤndig ſeyn“; denn den Auſtritt in voriger Nacht, der ſo auf ihre Empfindungen wirkte, daß ſie beſchloß, un⸗ ter jeglicher Gefahr ihres Vaters Verzeihung auszumitteln, damit ſie dieſen ſeiner gefaͤhrlichen Genoſſenſchaft entreißen moͤgte, mußte ſie ja ihres geleiſteten Eides zufolge verſchweigen. Hendrick zog einen Ring von ſeinem Finger und ſteckte ihn an einen der ihrigen, und gab ihr dann die Weiſung, ſich nach dem Palaſt Andrighien zu begeben, ſobald die Meſſe zu Ende ſeyn wuͤrde.„Geh,“ ſagte er,„zu dem ſuͤdlichen Garteneingange; der Pfoͤrtner daſelbſt iſt mir wohl bekannt, ja gewiſſermaßen mir verpflichtet. Zeige ihm dieſen Ring, er wird ihn fuͤr den meinigen erkennen; und ſag' ihm, Dich an einen Ort zu fuͤhren, wo Du geheimes Ge⸗ hoͤr bei dem Grafen erlangen koͤnnteſt. Eine Stunde nach der Meſſe ſey dort; thue ſchlicht⸗ hin, wie ich es Dir geſagt habe, allein halte nicht Zwieſprach mit dem Pfoͤrtner. Zeige ihm nur den Ring; mittlerweile will ich bemuͤht ſeyn, ihm Dein Kommen wiſſen zu laſſen, und —— 217 ihn in dem unterrichten, was er zu thun hat. Lebe wohl, meine geliebte Anna! Ich muß Dich verlaſſen. Gedenke meines Rathes— eine Stunde nach der Meſſe. Gott befohlen! Ich werde Dich wiederſehen, wann Du es am wenig⸗ ſten erwarteſt.“ Anna verſprach, allen ſeinen Weiſungen Folge zu leiſten, ſagte dem Geliebten Lebewohl und nahm ihre knieende Stellung wieder vor dem Altare ein, indem ſie es fuͤr gerathener hielt, ſo lange in der Capelle zu verweilen, bis die Meſſe voruͤber waͤre, weil man alsdann, nach⸗ dem das Volk ſich gaͤnzlich zerſtreut haben wuͤrde, ſie auf ihrem Wege nach Andrighien minder bemerken moͤgte. Renntes Capitel. Als die große Glocke von St. Balduin die Stunde anſchlug, die als Zeichen diente, daß Anna ſich auf den Weg nach dem Palaſte Andrighien zu machen haͤtte, fuhr ſie von ihrem Kiſſen auf, richtete noch ein kurzes Gebet zur Heiligen des Ortes, um Gelingen ihres Vor⸗ habens zu erflehen, verließ die Liebfrauen⸗Ca⸗ pelle und eilte fort, indem ſie, ſo viel ſie konnte, es vermied, die beſuchteſten Straßen von Gent zu betreten; ſo daß ſie bald, ohne eine Stoͤrung gehabt zu haben, das Stadtthor erreichte. Der neue und ſchoͤne Palaſt von Andrighien, den Ludwig de Male mit ungeheuern Koſten hatte erbauen laſſen, ſtand etwa eine halbe —„ —— 219 Stunde Weges von den Mauern Gent's, inmit⸗ ten einer fruchtbaren, jedoch niedrigen Ebene, und war von entzuͤckenden Luſtwaͤldchen und Gärten umgeben. Seit dem Tode ſeiner Ge⸗ mahlin hatte hauptſaͤchlich hier der Graf ſeine Reſidenz, und hier ward er haͤufig von ſeiner Mutter, der Graͤfin von Artois, beſucht, deren uͤberlegene Geiſteskraͤfte, in Bezug auf Staats⸗ angelegenheiten und Staatsintriguen, ſie verlei⸗ teten, ein ſchlaues Auge auf ihrem minder poli⸗ tiſch geſinnten Sohn haften zu laſſen, uͤber den ſie fortwaͤhrend eine Macht und Herrſchaft aus⸗ ubte, die abzuſchuͤtteln Ludwig ſich vergebens be⸗ muht hatte; denn die Weisheit ihrer Rathſchlaͤge und das Entſchiedene in ihrem Benehmen wa⸗ ren in Momenten von Bedraͤngniß dem Grafen wirklich von außerordentlichem Nutzen geweſen. Dazu kam, daß die Dame regierende Graͤfin von Artois war und das Vorrecht beſaß, nach ihrem Tode dieſe Graſſchaft auf wen ſie wollte, zu vererben. Sie hatte bedeutenden Einfluß am Hofe von Frankreich, und konnte dem Herzoge von Burgund faſt in jeder Angelegenheit, bei 220 welcher ihres oder ihres Sohnes Intereſſe mit im Spiele war, die Spitze bieten; indem durch ihre Vermittelung der Burgunderherzog die mut⸗ terloſe Tochter Ludwig's de Male, ein kaum funfzehnjaͤhriges Maͤdchen, geehelicht hatte. Der Graf von Flandern war unter Staats⸗ ruͤckſichten ſo fruͤhzeitig vermaͤhlt worden, daß er Wittwer und ſeine einzige Tochter Gattin war, als er kaum ſechsunddreißig Jahre zählte. Anna gehorchte unbedingt den von Hendrick van Caſſel erhaltenen Weiſungen, und richtete ihre Schritte dem Suͤdeingange des Palaſtgartens zu, wo ein Thurm mit einem zinnenartigen Theile von der Gartenmauer ſtand, der von dem Pförtner bewohnt ward, deſſen Hendrick erwaͤhnt hatte. Als Anna dem Pfoͤrtner den Ring zeigte, erhielt ſie ſofort Einlaß, und auf ihr Verlangen die Zuſage, daß ſie den Grafen bald wuͤrde ſprechen köͤnnen. Als Anna dies Verlangen aͤußerte, erroͤthete ſie, beſchaͤmt, einem Diener ein Geſuch zu erkennen zu geben, das ſo hoͤchſt grauſamer Mißdeutung faͤhig war. Der Pfoͤrtner behandelte ſie jedoch mit der ——— e)— — 221 ausgezeichnetſten Hochachtung, ſobald er den Ring ſah, und ſagte, daß der Graf gewoͤhnlich um die Mittagszeit im Garten ſpazierte, daß ſie alſo, wenn ſie in einem kleinen gothiſch gebau⸗ ten Luſthaͤuschen, nahe dem Thurme, harren wollte, hoͤchſt wahrſcheinlich Gelegenheit haben wuͤrde, den Grafen anzureden. Ludwig de Male, der, wie wir es dem Leſer bekannt zu machen ſchuldig ſind, ſowohl ein Beſchuͤtzer, als ein Freund der Gelehrſamkeit war, brachte taͤg⸗ lich etliche Stunden im Garten zu, wo er ſei⸗ nen Privatſtudien nachhing. „Aber,“ ſagte Anna mit Schuͤchternheit, wird nicht die Gräfin, oder Gilbert Mattheus, mit ihm kommen?“ „Nein,“ verſetzte der Pfoͤrtner,„heute Mor⸗ gen nicht, da weder Graͤfin noch Gilbert von der Stadt zuruͤck ſindz und ich ſah den gnaͤdi⸗ gen Herrn noch vor Kurzem allein, nachdem ſich ſein Neffe, Herr Walter d'Anghien, bei ihm be⸗ urlaubte. Ueberdies,“ fuhr der Pfoͤrtner fort, „will ich, wenn der Graf an meinem Poſten voruͤber geht, ihm ſagen, daß eine ſchoͤne junge 222 Dame ſeiner im Luſthaͤuschen harrt, und ſobald er dies hoͤrt, wird er nicht ſaͤumen, zu Euch zu kommen.“ Anna erroͤthete abermals, that jedoch weiter keine Frage, denn ſie erinnerte ſich der Einſchaͤr⸗ fung Hendrick's, kein Geſpraͤch mit dem Pfoͤrt⸗ ner zu fuͤhren; auch ſchien dieſer eben ſo wenig geneigt, mit ihr zu verkehren, nachdem er Das, was unumgaͤnglich noͤthig war, geſagt hatte. Schweigend folgte ſie daher dem Manne in das Luſthaͤuschen, wo der Graf gern ſeine einſamen Stunden zubrachte und wo er gelegentlich Ta⸗ lente ausbildete, die ohne ſeine ausſchweifende Lebensweiſe den Glanz der Gelehrſamkeit auf ſein Vaterland zuruͤckgeſtrahlt haben wuͤrden. Das Luſthaͤuschen eignete ſich ganz beſon⸗ ders zu einem Studircabinet, denn es ſtand eingehaͤgt, von Baͤumen umgeben, die ein vor⸗ beifließender Quellbach traͤnkte, deſſen leiſes Murmeln ganz geſchickt war, den Geiſt zu ſaͤnf⸗ tigen und zu ſammeln. In dem Gemache, in welches Anna gefuͤhrt worden war, ſah ſie ver⸗ ſchiedene Handſchriften, ſo auch Schreibgeraͤthe 223 und einzelne Pergamente und Papiere, die in⸗ mitten des Raumes auf einem Tiſche lagen. Ein blauer, mit Hermelin verbraͤmter Sam⸗ metmantel war auf einen Seſſel hingeworfen worden, woraus abzunehmen ſtand, daß der Graf heute ſchon hier geweſen und jenen Prunk⸗ mantel, den er auf ſeinem Wege zur Meſſe ge⸗ tragen, abgelegt hatte, weil der Tag ſchwuͤl war. Anna ſann nach, auf welche Weiſe ſie den Gebieter wohl anzureden haͤtte, und als ſie mit dieſem Gedanken beſchaͤftigt war, zog ſie aus ihrem Buſen das Papier hervor, das ſie ihm vor der Cathedrale hatte geben wollen, und uͤber⸗ las nochmals den Inhalt deſſelben, worauf ſie es fuͤr am beßten hielt, dem Grafen das Blatt ſoſort hinzureichen und ſich ſo die Bekuͤmmer⸗ niß zu erſparen, die Sache erſt in Worte zu faſſen. Wahrend Anna ſo in Gedanken vertieft, die Augen auf die Bittſchrift geheftet, daſtand, oͤff⸗ nete Jemand die Thuͤr, und Ludwig de Male ſtand vor ihr. Beſchaͤmt, uͤberraſcht, erſchreckt, verlor die Jungfrau ihre Geiſtesgegenwart und 224 ſchlug, waͤhrend ſie das Blatt fallen ließ, ihre Haͤnde in einander. Ihr wilder und zerſtoͤrter Blick fiel auf den Grafen; jedoch zu ſehr er⸗ ſchuͤttert um reden zu koͤnnen, ſank ſie auf ihre Knieen vor dem Machthaber und vermogte nichts, als mit bittender Geberde ihm in die Augen zu ſchauen. „Anna,“ ſagte Ludwig,„ſchoͤnſte Anna, ſteht auf, ich bitte Euch, und ſagt mir, welches Ungefaͤhr die Tochter Jan Lyon's hieher fuͤhrt.“ „Sie iſt hier, Euch anzuflehn, fernerhin noch Tochter ſeyn zu koͤnnen,“ verſetzte Anna bebend, „und nicht die hinterlaſſene Waiſe eines gelieb⸗ ten Vaters zu werden. O, gnaͤdigſter Herr, ſo Ihr jemals hofft, Erdenfriedens oder der Selig⸗ keit des Himmels theilhaftig zu werden, ſo le⸗ ſet dieſes Blatt.“ Dabei reichte ſie ihm die Schrift vom Boden her.„Ich— ich beſchrieb es, aber ich bin jetzt allzu bewegt, um das Ge⸗ ſchriebene, obwohl es meine eigene Sache betrifft, durch Worte unterſtutzen zu koͤnnen; leſet alſo— leſ't dieſe Schrift!“ Es war eine ſolche Kraͤftigkeit in der Art, „ e— hre ter er⸗ hre ts, t.“ die ieb 225 womit Anna dieſes Geſuch vorbrachte, auf ihrem Angeſichte malte ſich ſolche Angſt, daß Ludwig ihr die Bitte nicht verweigern konnte. Er nahm das Papier aus des Madchens Hand und uber⸗ las es ſchweigend und mit Aufmerkſamkeit. „Iſt dem wirklich ſo?“ fragte er:„War Jan Lyon denn nur das unfreiwillige Werkzeug zu jenes Mannes Tode? Mir ward anders be⸗ richtet.“ „O, man hat Euch falſch, grundfalſch be⸗ richtet, wer es auch that,“ verſetzte Anna: „Mein Vater iſt unſchuldig, Ihr koͤnnt— Ihr werdet— o, Ihr werdet ſein Leben retten.“ „Und wie, Anna,“ antwortete der Graf,„wie kann ich einen Mann retten, der mich auf das Empfindlichſte beleidigte, der meinem Hofe den Schatz, die Freude meines Lebens entzog, der Euch, Anna, vor meinen Blicken verbarg?“ „Gnaͤdigſter Herr,“ ſagte das zitternde Maͤdchen, indem ſie hoch errothete,„ſcheltet mei⸗ nen Vater nicht. Alles, was er that, geſchah auf meine Bitte; und o! vergebt mir, wenn ich ſage, daß, dem Rechte nach, Ihr ihn nicht ta⸗ Die Weißkappen I. 15 ————————————— 226 deln koͤnnt; er wich nur von Eurem Befthle, von dem eines weltlichen Herrn ab, um den Geboten des hoͤchſten Herrſchers zu gehorchen.“ „Und was,“ fragte der Graf,„was habe ich zu hoffen, wenn ich ihm Verzeihung ange⸗ deihen laſſe?“ „Die Gebete Derjenigen,“ antwortete Anna, „die Ihr vor der Bekuͤmmerniß, vaterlos ſeyn zu muͤſſen, bewahrt habt— Gebete, die nim⸗ mer vergebens an die Pforte des Himmels klopfen. Die Dankbarkeit, die tiefgefuhlte Dank⸗ barkeit eines Maͤdchens, welche taͤglich Euern Namen ſegnen wird, und die, waͤhrend ſie des Himmels reichſte Gaben auf Euer Haupt herab⸗ fleht, an ihren Fuͤrſten, wie an den Huͤter und Vater ſeines Volkes denken wird.“ „Und die dieſe Dankbarkeit,“ entgegnete Ludwig,„dadurch bewahren wird, daß ſie die Naͤhe eines Fuͤrſten flieht, der ſie anbetet, eben ſo flieht, wie ſie den Umgang des niedrigſten und unwuͤrdigſten ſeiner Vaſallen fliehen wuͤrde. Nein, Anna, Euer Vater hat mich Einmal hin⸗ tergangen, allein er ſoll es nicht mehr thun. le, den abe ge⸗ na, eyn im⸗ tels nk⸗ ern des rab⸗ und nete die ben ſten rde. hin⸗ un. 2227 Wenn meine Leidenſchaft Euch verhaßt iſt, ſo verdankt Ihr Euerm Vater das Entſtehen der⸗ ſelben. Euer Vater war es, der Euch zuerſt mir zufuͤhrte; Euer Vater war es, der die ſchwache Flamme des Hoffens in mir anblies; er that es, um einem nichtigen Ehrgeize zu ge⸗ nuͤgen, und mag jetzt leiden, oder Ihr muͤßt fuͤr die Folgen einſtehen.“ „Gibt es keinen andern Weg?“ ſagte Anna, hoͤchſt betruͤbt. Indem ſie abermals auf ihre Knieen ſank, ergriff ſie des Grafen Hand, und mit einer Miſchung von Kuͤhnheit und Zartge⸗ fuhl in ihrem Weſen, ſprach ſie zu ihm, nicht in der Entfernung einer Unterthanin von einem Fuͤrſten, ſondern in einem Tone, als riefe ſie das Mitleiden eines Nebenchriſten auf.„O mein gnaͤdigſter Herr, ſprecht nicht ſo,“ ſagte Anna,„entweihet nicht die kindliche Froͤmmig⸗ keit einer Tochter, indem Ihr ein ſo ſchuldlo⸗ ſes Geſchöpf zu einem Werkzeuge der Suͤnde macht, daß die Vergeltung dafur nicht ſchwer auf Euer Haupt falle! Ihr ſelbſt ſeyd Vater, denkt daran, und die Natur, die nimmer verge⸗ 45* 228 bens laut wird, wird zu Eurem Herzen reden und Euch ſagen, daß, wie menſchliche Gebrech⸗ lichkeit auch irren moͤge, um das Heil eines Kindes zu ſuchen, doch ſolcher Irrthum mit Barmherzigkeit wird angeblickt werden. Bedenkt, daß ein Kind, deſſen huͤlfloſe Tage auf den Ar⸗ men eines Vaters verlebt wurden, dieſem Vater uͤber Alles theuer iſt, und daß, um einer Toch⸗ ter Unſchuld zu erretten, ein Vater jeder Gefahr, ſelbſt dem Tode trotzen wuͤrde.“ „Euer Vater hat den Tod verdient,“ ſagte der Graf,„denn er hat mich hintergangen; doch um Euretwillen, Anna, koͤnnte ich Viel thun, koͤnnte ich Alles thun, was ein Mann fuͤr eines Maͤdchens Liebe zu thun vermag; ich wuͤrde Euch geehelicht haben, wenn der Fluch nicht waltete, daß Fuͤrſten ſich nach Staatsgruͤnden vermaͤhlen muͤſſen.“ „Gnaͤdigſter Herr,“ ſagte Anna beſcheiden, „ſolches Ehebuͤndniß wuͤrde uͤber mein Trachten, wie uͤber meinen Stand gehen. Der Kranz hoch⸗ geborner Ehren wuͤrde auf der Stirn der armen Buͤrgerstochter eben ſo unpaſſend ſeyn, wie es ut ei en ch⸗ nes mit kt, Ar⸗ hr, 229 unter der Hohheit eines Furſten ſeyn wuͤrde, ein ſolches Maͤdchen ſein Weib zu nennen. Al⸗ les ſucht ſeines Gleichen, und lebt mit demſelben. Der Löwe, der Gebieter in den Forſten, durch die er hinzieht, gattet ſich nicht mit der Huͤndin; und der Adler koͤnnte nicht auf der Felshoͤhe horſten und nicht mehr in die Sonne blicken, wenn er ſich mit dem kleinern Waldgeflugel paaren wollte. Ich haͤtte nimmer Eures Glei⸗ chen ſeyn koͤnnen, gnadigſter Herr, wie ver⸗ moͤgte ich denn Euer Weib zu ſeyn? Ich wuͤrde den Fuͤrſtenmantel durch meine niedere Tracht nur entwuͤrdigen.“ „Ihr wuͤrdet ihn durch Eure Schoͤnheit und Euern Werth geehrt haben,“ verſetzte der Graf;z „doch das kann nicht ſeyn. Hoͤrt mich, Annaz als Furſt und als Richter habe ich das Leben Eu⸗ res Vaters in meiner Gewalt. Auch Ihr ſeyd in meiner Gewalt; denn beduͤrfte ich eines Vor⸗ wandes, um Euch gefangen zu halten, ſo wuͤrden die Geſetze von Gent ihn herleihen— ich koͤnnte ihn finden, indem ich Euch als die naͤchſte Ver⸗ wandte eines ſo verklagten, ſo verdaͤchtigen 230 Mannes betrachten ließe. Allein wißt es, ich will mich nicht zur Gewalt erniedrigen; Euer Herz, Euer Geiſt iſt es, was ich in Euch ſchätze— in Eurem Herzen moͤgte ich mein Plaͤtzchen finden, moͤgte durch Euren eigenen freien Willen begluͤckt werden. Ohne Euer Herz wuͤrde die Darreichung Eurer Hand eine Gabe von geringem Werthe fuͤr Ludwig ſeyn.“ „Und noch geringer mit demſelben,“ erwie⸗ derte Anna,„ſobald dieſes Herz verderbt wäre. O mein Fuͤrſt, entadelt nicht ſo ſehr Eure Na⸗ tur, daß Ihr die Macht, die hier auf Erden Euch als einem Statthalter Gottes verliehen ward, dazu anwendet, ein einfaches Madchen zu mißbrauchen. Hier,“ fuͤgte Anna hinzu, in⸗ dem ſie zum Tiſche ging und ein Blatt weißes Papier von demſelben aufnahm,„hier, mein Herr und Gebieter, uͤbt eine That der Barm⸗ herzigkeit— ſchreibt eine Verzeihung fuͤr mei⸗ nen Vater, und jedes Wort derſelben wird im Buche des Himmels Euch zum Segen aufge⸗ zeichnet werden. Ja, ich kann ſelbſt die Ver⸗ zeihung ſchreiben, ſo Ihr ſie nur unterzeichnet— — 231 ſetzet nur Eure Namen auf dies Papier, ſo wird mein Vater leben, und ich werde dieſen Namen täͤglich in mein von Engeln erlauſchtes Gebet hauchen.“ Der Graf zauderte— er ging zum Tiſche, und legte die Hand auf das weiße Blatt. Anna, die durch dieſe Bewegung Ludwigs entzuͤckende Hoffnung faßte, druͤckte, wahrend ihre Wangen ſich roͤtheten, ihre Haͤnde an ihre voll banger Erwartung faſt athemloſe Bruſt, und ſtand ſtumm und regungslos da. Der Graf blickte die Jungfrau an, und ergriffen von der unvergleich⸗ lichen Schoͤnheit ihres Angeſichts, das eben jetzt durch die innigſten Herzensempfindungen, die ihr Schickſal ihr einfloßte, noch ſeelenvoller erſchien, konnte er dem Augenblicke der Verſuchung nicht widerſtehen. „Nein, Anna,“ rief er,„nein! Unter Einer Bedingung will ich Dir die Verzeihung gewaäh⸗ ren. Du ſollſt mich ſehen— mich hoͤren— mich hoffen laſſen, daß Du einſt meine innige Liebe erwidern werdeſt. Thue dieſes— gib mir nur die leiſeſte Hoffnung, und Dein Vater lebt. 232 Und daß es Dir Ernſt damit iſt, ſo nimm ein Liebeszeichen von mir an.— Hier,“ fuͤgte Lud⸗ wig hinzu, indem er ſich eine praͤchtige guͤldene Kette vom Halſe nahm— die naͤmliche, die der Altmeiſter der Goldſchmiede, Herr van Bet, ge⸗ fertigt hatte—„trage dies, liebſte Anna; es war zu einem Geſchenke fuͤr einen theuern Ver⸗ wandten, fuͤr Walter d'Anghien, beſtimmt, doch Keiner kann mir ſo theuer ſeyn, wie Du es biſt. Trage dieſe Kette und laß mich hoffen.“ Anna, die wie am Rande eines Abgrundes ſtand, voll Furcht, vorwaͤrts wie ruͤckwaͤrts zu ſchreiten, fuͤrchtete durch heftigen Widerſtand den Grafen zu reizen, und doch konnte ſie nicht Zu⸗ ſtimmung zu dem Vorſchlage deſſelben erheucheln. Die Gabe annehmen, hieß Ludwig's Hoffnun⸗ gen beſtaͤrken; deswegen war ſie bemuͤht, und in ihrer Lage war dies eine verzeihliche Aus⸗ flucht, den ganzen Vorſchlag in's Schwanken zu bringen.„Gnaͤdigſter Herr,“ ſagte ſie,„ich darf dies Zeichen nicht tragen; bedenkt, welche nachtheilige Folgen es haben koͤnnte, wenn die Frau Graͤfin von Artois Euer Geſchenk an mir „——— 233 ſahe. Eine ſo koſtbare Kette— ſo wuͤrde ſie gewiß folgern— konnte nur von Euch kommen.“ Selbſt der Graf ſchien fur einen Augenblick verlegen durch dieſen Einwurf zu ſeyn, denn er fuͤchtete wirklich ſeine Mutter.„Sie braucht Nichts davon zu wiſſen,“ verſetzte er,„Ihr könnt ſagen, die Kette wurde Euch von der al⸗ ten reichen franzoͤſiſchen Baronin, die Euch ſo lieb hatte, und die unſern Hof verließ, um ihre Tage als Nonne zu enden, geſchenkt.“ „Nein, gnädigſter Herr,“ entgegnete Anna, „ich kann nicht ſo heucheln; und glaubt mir, die Wahrheit wird meine Seele mehr ſchmuͤcken, als dieſe Kette meinen Leib, ſobald ich dieſelbe an einer Luge um meinen Hals haͤngen muß. Ich kann das Zeichen nicht annehmen, denn ſo ich es thaͤte, wurde die Welt wiſſen, daß es von Euch kam.“ „Ihr ſollt es aber nehmen,“ ſprach der Graf, „ich will keine Mutter weder um Euretwillen noch meinetwegen furchten. Ich will frei han⸗ deln, trotz der Gräfin von Artois. Verſteht mich, Annaz ich will jetzt nicht in Euch drin⸗ c gen, alles Das zu ſagen, was ich gern hoͤren moͤgte. Nur ſchweigt, und ich will mir einbil⸗ den, dies Schweigen ſelbſt ſey meinem Hoffen guͤnſtig. Tragt dieſes Zeichen, und ſo lange es um Euern Nacken haͤngt, will ich fortfahren, auf die Zukunft zu hoffen; es ſoll ein Sinnbild eines Vertrages zwiſchen uns ſeyn, und ich fer⸗ tige Euch den Freibrief aus.“ „Nein, mein Fuͤrſt, nein!“ rief Anna leb⸗ haft;„ich kann nicht; auch nicht einmal ſchwei⸗ gend will ich meine Schande eingeſtehen; nimmer will ich das thun; behaltet Euer Geſchenk und laſſet mich ſchuldlos.“ „Ja, und vaterlos,“ verſetzte der ſchlaue Ludwig.„Lebt wohl, Anna, unſer Geſpraͤch iſt zu Ende. Der Gerichtspfleger hat ſchon Befehl, Eures Vaters Tod zu verfuͤgen, in dem Augen⸗ blicke, wo man Jan Lyon einfaͤngt. Gilbert Mattheus empfing geſtern dieſen Befehl, noch ehe man Euern Vater aufſuchte.“ Der Graf wendete ſich, um zu gehen. Anna warf ſich zwiſchen ihn und die Thuͤr, und in⸗ dem ihr Antlitz aſchenfarbig erblaßte, faßte ſie 235 ihn am Wams und rief in furchtbarer Angſt: „Bleibt, bleibt; gewaͤhrt mir den Freibrief und — ich will das Zeichen tragen.“ Ludwig half ihr eifrig vom Boden auf, ſchloß ſie in ſeine Arme und warf ihr die guldene Kette um den Hals.„Aber o!“ fuhr Anna fort, als ſie die Kette betrachtete—„wie freudig wollte ich dieſe guldenen Gelenke mit den ſchwerſten Ketten von Eiſen vertauſchen, wollte im tiefſten Kerker ſchmachten, ſo ich dadurch meinen Vater retten koͤnnte, ohne—“ „Still, Anna, ſtill!“ rief der Graf,„rufe meinen Groll nicht wieder auf; erinnere Dich des Vertrags; ja, es iſt ein Vertrag. Hier,“ fuhr er fort, indem er haſtig das Blatt be⸗ ſchrieb—„hier iſt Deines Vaters Verzeihung; doch bedenke wohl! ſobald Du dieſe Kette frei⸗ willig ablegſt, Dich weigerſt, mich zu ſehen oder mir Hoffnung zu geben, ſo blicke zum Himmel⸗ als zu Deinem einzigen Vater auf; denn ich ſchwoͤre bei alldem, was ich auf Erden glaube⸗ und bei alldem, was ich nach dieſem Leben hoſ⸗ fen oder fuͤrchten mag, daß von ſolchem Augen⸗ ——— 236 blicke an, Jan Lyon ſterben muß. Ich verlaſſe Dich, daß Du daruͤber nachdenken moͤgeſt. Le⸗ be wohl.“ Der Graf ging erfreut uͤber den Sieg, den er erlangt hatte, daß Anna die Goldkette als ein Liebeszeichen um den Hals wuͤrde tragen muͤſſen; denn ungeachtet ſeiner uͤberlegeneren Ta⸗ lente und ſeines ſchaͤrferen Verſtandes, war Lud⸗ wig dem Aberglauben ſeiner Zeit zugethan, wel⸗ cher waͤhnte, daß, ſo lange ein ſolches Zeichen mit Bewilligung des Traͤgers getragen wuͤrde, es als ein Zauber wirkte, den geliebten Gegen⸗ ſtand an den Geber ſolches Pfandes zu knuͤpfen. Sorgfaͤltig verwahrte Anna den Freibrief in ihrem Buſen und eilte, das Luſthaͤuschen zu ver⸗ laſſen. Als ſie von dem kleinen Fußwege ab⸗ ging, der ſich zwiſchen den Baͤumen hinwand, die das Haͤuschen umſtanden, hoͤrte ſie ein Raſſeln in den Gebuͤſchen, und gewahrte, als ſie einen hurtigen Blick nach der Richtung warf, in welcher das Geraͤuſch zu ihr drang, die Ge⸗ ſtalt eines Mannes, der auf der Lauer zu ſtehen ſchien. Beunruhigt hieruͤber und voll des Wun⸗ ——— 1 N 237 ſches, unbemerkt zu bleiben, beſchleunigte ſie ihre Schritte, eilte dem Thurme zu, durch welchen ſie hereingekommen war, und machte ſich hur⸗ tig davon, ſo daß ſie ſich bald wohlbehalten auf der Straße nach Gent befand. Und jetzt, wo ihr Zweck erreicht war, jetzt, wo ſie keine Beſorgniß mehr fuͤr ihres Vaters Leben fuͤhlte, laſtete die Schwierigkeit ihrer Lage, die unfreiwillige Rolle, die ſie nach des Grafen Verlangen zu ſpielen hatte, ſchwer auf ihrer Seele. Das innere Toben banger Erwartung und ſchwankender Hoffnung hatte aufgehoͤrt, da⸗ gegen war an deſſen Stelle eine tiefe, ſchwer⸗ muͤthige Ahnung herannahenden Uebels getreten; und die ſcheußliche Scene, der ſie in voriger Nacht beigewohnt hatte, die Scene, die zu ver⸗ heimlichen ſie geſchworen hatte, ließ ihr Be⸗ ſorgniſſe aufſteigen, die ſie zu dem Gedanken leiteten, der Freibrief, den ſie jetzt bei ſich trug, moͤgte nur allzubald widerrufen werden, oder ſich doch fuͤr ihren Vater von geringem Nutzen erweiſen. Dergleichen Betrachtungen draͤngten ſich 238 Annen raſch eine nach der andern auf, als ſie ihre Schritte gen Gent richtete. Endlich nach mancher Anſtrengung brachte ſie ihr Gemuͤth zu dem frommen Entſchluß, ſich zu bemuͤhen, vor der Hand jegliche Furcht ihretwegen zu verban⸗ nen, wo moͤglich ſich ſelbſt zu vergeſſen, und Alles anzuwenden, ihren Vater von ſeinen ver⸗ zweifelten Genoſſen zu entfernen. Anna trat ohne alle Unterbrechung durch das Thor von Gent ein, und voll Eifers, dem Va⸗ ter den guten Ausgang ihres Vorhabens zu be⸗ richten, ſchlug ſie den naͤchſten Weg nach Jan Lyon's Wohnung ein. Sie ging eine huͤbſche Straße hart am Walle der Stadt hinab, wo wenige Haͤuſer ſtanden, die etlichen wohlhabenden Kaufleuten oder ſonſtigen reichen Buͤrgern von Gent gehoͤrten, und vor ihren Eingängen kleine eingehaͤgte Gaͤrten hatten. Allein kaum war Anna in dieſe Straße ein⸗ getreten, als lautes und tumultvolles Geſchrei zu ihr herdrang, und ſie bemerkte, daß eine Menge Menſchen, wie in Prozeſſion die Straße heranzogen, und von einem Poͤbelhaufen und 239 einer Rotte Gaſſenbuben begleitet wurden. Hoͤch⸗ lich beunruhigt und in der Furcht, ein aͤhnlicher Unfall, wie in voriger Nacht, koͤnnte ihr den Verluſt des erhaltenen Freibriefes, obwohl ſie dieſen ſorgfaͤltig im Buſen verwahrt hielt, zu⸗ wege bringen, war ſie einen Augenblick lang un⸗ ſchluſſig, was ſie thun ſollte. Sie konnte nicht hoffen, ihren Weg durch das Gedraͤnge zu finden und ſah deutlich ein, daß daſſelbe keineswegs eine religiöſe Prozeſſion war. Sie mogte vor⸗ waͤrts gehen oder ſich zuruͤckwenden, ſo mußte ſie fuͤrchten, unter das Gewuͤhl zu gerathen— geſtoßen— gemißhandelt zu werden. Sie wußte nicht, was ſie thun ſollte und ſtand des⸗ wegen ein Weilchen unentſchloſſen ſtill. In dieſer Bedraͤngniß hoͤrte ſie, wie ein Buͤrger, der die Straße hinabblickte, zu einem neben ihm Stehenden ſagte:„Das ſind ſie, das iſt die Deputation. Sie gehen nach Andrighien, um von dem Grafen den Buͤrgermeiſter Simon van Bet zu fordern; denn Ludwig hat dieſen in ſeine Kerker zu Ecclo ſperren laſſen, welches eine That iſt, die er bei aller ſeiner Macht nicht geſetzlich vertreten kann, ſobald ihm dazu kein ruͤ Aufruf von den uͤbrigen Magiſtratsperſonen der ſte Stadt geworden iſt. Es iſt dies ein Eingriff G in ihre Rechte, der dem Grafen eine Welt voll da Unruhe bereiten kann, ſobald er nicht auf ihre de Anforderung den Buͤrgermeiſter Simon van Bet E in Freiheit ſetzt.“ er Dieſe Worte erklaͤrten Annen mit Einem⸗ male die Beſchaffenheit des Volkszuges und die F laͤrmende Begleitung des Poͤbels. Beinahe ſah E Anna ſich von der heranziehenden Menge um⸗ ge ringt und gegen eine der Pforten vor den Gärt⸗ v chen gedraͤngt. Durch ihre Furcht kuͤhn gemacht, d nahm ſie nicht laͤnger Anſtand, durch eine dieſer C Pforten zu gehen, um Schutz zu ſuchen. Wirk⸗ ih lich war dies noͤthig, denn ihr Mantel, den ſie A ſorgfaͤltig umgenommen hatte, als ſie den Pa⸗ d laſt verließ, ward ihr ſo heftig abgeriſſen, daß ſi die Schnalle daran wich und zerbrach, und ihre d Kleidung unter demſelben, nebſt der guͤldenen ſi Kette um ihren Hals, aller Welt ſichtbar wer⸗ ſ den mußte. Sie zog ſich alſo in den kleinen Garten zu⸗ re et ie ah — It⸗ rt⸗ t, ſer 1 ſie ⸗ aß re er⸗ 241 ruͤck, und da ſie in der Hausthur eine Dame ſtehen ſah, die, wie es ſchien, den Laͤrm in der Gaſſe beaugenſcheinigte, ſo zweifelte Anna nicht, daß dieſelbe die Herrin des Hauſes waͤre, ging demnach auf dieſelbe zu, um die Urſache ihres Eintretens zu entſchuldigen und um Schutz zu erbitten. Die Dame, welche ſie anredete, war ein Frauenzimmer von blendender Schoͤnheit; ihre Geſtalt wies ſich von mittlerer Groͤße und zart geformt. Ihre Augen waren, wie ihr Haar, von dunkler Faͤrbung, ihr Blick ſtrahlte aus⸗ drucksvoll. Ihre, wenn auch etwas gebraͤunte Geſichtsfarbe war klar und durchſichtig, und ihre Lippen vom lebhafteſten Incarnat haͤtten in Anmuth und Ebenmaß mit der ſchoͤnſten Statue des Alterthums wetteifern moͤgen. Dabei zeigte ſie eine ſo edle Miene und ſo reiche Kleidung, daß, wenn Anna ſie in Andrighien geſehen haͤtte, ſie die ſchoͤne Fremde fuͤr eine Dame vom hoͤch⸗ ſten Range gehalten haben wuͤrde. Jedoch der Schnitt ihrer Bekleidung war nicht, wie Anna ihn gewählt haͤtte; er war etwas zu frei, ja Die Weißkappen I. 16 ———— uͤppig, indem er die Perſon, die denſelben trug, allzuſehr hervorhob, welche, ſo ſchoͤn ſie auch war, doch anmuthigeren Reiz gezeigt haben wuͤrde, wenn Keuſchheit einen Schleier uber Schoͤnheiten gebreitet haͤtte, welche von Selbſtbewußtſeyn zeugten, aber auch auf die Unzartheit, hinſicht⸗ lich der Wirkung, die ſie erregen ſollten, hin⸗ deuteten. Wahrend die Fremde mit ſo ſcharfer Auf⸗ merkſamkeit auf Anna blickte, daß das ver⸗ ſchaͤmte Maͤdchen faſt drob erzitterte, ſchien ſich ein Schatten von Verdruß uͤber die duͤſtre und ſchoͤne Stirn der Dame zu ziehen. Obwohl ſie fließend und ſchnell ſprach, hoͤrte man ihrer Rede doch die Auslaͤnderin an. Sie erwiderte Annens Entſchuldigung wegen deren Aufdring⸗ lichkeit mit der oberflaͤchlichen Verſicherung, ſie moͤgte gern bleiben, wo ſie waͤre, um abzuwarten, bis das Gewuͤhl voruber ſeyn wurde, und fuͤgte mit einem ſarkaſtiſchen Laͤcheln hinzu:„Auch werdet Ihr wohlthun, ehe Ihr weggehet, Euern Mantel zu ordnen, da ich vermuthe, daß Ihr nicht gern mit einer ſolchen Kette, wie Ihr ſie ———— 8 * 243 um den Hals habt, Euch in den Straßen zeigt, und aller Welt ſehen laſſet, wie Ihr die golde⸗ nen Feſſeln eines Fuͤrſten tragt, um die Buͤrgers⸗ tochter dadurch herauszuputzen.“ Anna, durch dieſe Rede uͤberraſcht, betroffen und verlegen, wußte nicht, was ſie darauf ent⸗ gegnen, noch davon denken ſollte. Mit einem Geſichte, auf welchem Roͤthe mit Blaͤſſe wech⸗ ſelte, ſtand ſie durchaus ſtumm von Erſtaunen da. Sie war ſo eben erſt von Andrighien zu⸗ ruͤckgekehrt— Niemand war ihr gefolgt— Kei⸗ ner war gegenwaͤrtig geweſen, als ſie ſich von dem Grafen jene Kette hatte umhaͤngen laſſen muͤſſen, und Keiner hatte dieſelbe wahrſcheinlicher Weiſe eher an ihr ſehen koͤnnen, als in dem Augenblicke, wo ſie durch die Gartenpforte trat, vor welcher ihr der Mantel abgeriſſen wurde. Anna war nicht aberglaͤubiſch, das heißt, ſie war es nicht fuͤr das Jahrhundert, in welchem ſie lebte, wo Aberglaube einen Theil der Reli⸗ gion ausmachte. Ein Glaube alſo an die Wirk⸗ ſamkeit von Spukgeiſtern, an Zauberei und Bann⸗ ſpruͤche und ein dunkles und anmaßendes Spaͤ⸗ 16* —————— 244 hen in die Zukunſt, welches Alles Charakterzuge ihrer Zeit waren, dies Alles ward von Annen ganzlich gering geachtet. Sie ſetzte demnach kei⸗ nesweges voraus, die Fremde verdankte ſolchen Mitteln die außerordentliche Kenntniß von Um⸗ ſtaͤnden, die ſich mit der Kette verknuͤpften, und fuͤhlte ſich eben deswegen um ſo beunruhigter, indem jedes Maͤdchen in Gent, außer ihr, den umſtand einer Hexerei zugeſchrieben haben wuͤrde. Anna war zu ſchuldlos, um Unwahrheiten vorzubringen, und war ſelbſt in Entſchuldigun⸗ gen ungeuͤbt. Sie wußte nicht, was ſie der Fremden antworten ſollte, dennoch fuͤhlte ſie, daß dieſe kein Recht hatte, ſich in ihre Angele⸗ genheiten zu miſchen. In Folge deſſen erwiderte ſie Nichts, ordnete jedoch voll Verwirrung und Verlegenheit ihren Mantel. Die Fremde aber ſchien fortwaͤhrend ihre Gedanken auf die Kette gerichtet zu haben. „Ich kenne ſie wohl,“ ſagte ſie,„ſie iſt nicht von gewoͤhnlicher Fertigung. Doch ich will nicht forſchen. Ich habe kein Recht, Euch zu fragen. Kommt, ich will Euch den Mantel beveſtigen— c c* — 8 — ——— 45 Eure Hand zittert, ſo daß Ihr es kaum ſelbſt vermogt. Wartet ein wenig— ſo— veſter— zieht ihn veſter zu, um jene guͤldenen Gelenke zu verſtecken. So, Maͤdchen, ſo wird's gehen, und ſo wie ſie jetzt unter Deiner Kleidung dem Auge der Welt verborgen ſind, ſo wird eines Tages der Kummer, wird das Bangen der Reue in eben dem Buſen toben, welcher ſich jetzt mit dieſer Kette ſchmuͤckt. Hab' Acht— die Ge⸗ ſchenke der Fuͤrſten an junge Dirnen ſind, gleich den Netzen der Vogelſteller, lockend und ſchlau ausgeſpannt, daß das arme Gefluͤgel hinein flat⸗ tert, aber nicht eher wieder herauskommt, als bis ſein Federſchmuck zerrupft, ſein Leben da⸗ hin iſt.“ Die Fremde hielt einen Augenblick inne, blickte finſter auf Anna und fugte dann verdrieß⸗ lichen Tones hinzu:„So mag es mit Dir werden; denn wie ſollt' ich es auch anders wuͤn⸗ ſchen? Du wirſt den Schlingen nicht entgehen, die Ludwig de Male Dir legt. Und nun mache, daß Du fortkommſt— die Volksmenge hat ſich verlaufen— enthebe Dich aus meiner 246 Naͤhe— nur allzu lange haſt Du hier ſchon geweilt.“ Die Fremde ſprach in ſolchem Tone des Mißfallens, und mit einer ſolchen gebietenden Miene, als ſie die letzteren Worte redete, daß Anna, welche nicht wußte, was ſie ſagen ſollte, und hoͤchlich beunruhigt war, keines andern Auf⸗ rufes bedurfte, um ſich von hinnen zu begeben. Sie machte eine Kopfverbeugung gegen die un⸗ zarte Dame und ging ſo ſchnell von dannen, als ihre Erſchuͤtterung es geſtatten wollte, ge⸗ langte wieder auf die Straße, und war nach kurzer Friſt ſo gluͤcklich, an dem Halſe ihres Va⸗ ters zu hangen, vor Freude zu ſchluchzen und den erhaltenen Freiheitsbrief in deſſen Haͤnde zu legen. uf⸗ en. un⸗ en, ge⸗ ach Va⸗ und zu Zehntes Capitel. ———————— Wir müſſen jetzt Anna der Herzensfreude uͤber⸗ laſſen, die ſie zuverlaͤſſig daruͤber empfand, ihrem Vater die Freiheit ausgewirkt zu haben; auch koͤnnen wir es nicht mit anhoͤren, wie ſie frucht⸗ los es verſucht, ihn von ſeiner gefaͤhrlichen Ge⸗ noſſenſchaft abzubringen, indem wir dem Leſer etwas von der Dame zu erzaͤhlen haben, in de⸗ ren Garten Anna einen voruͤbergehenden Schutz fand und von der ſie ſo unfreundlich entlaſſen wurde. Der Leſer wird ſich vermuthlich des Vorfal⸗ les mit der guͤldenen Kette erinnern, deſſen im zweiten Capitel dieſer Erzahlung Erwaͤhnung ge⸗ ſchah, wie naͤmlich die Kette auf ausdruͤcklichen 248 Befehl des Grafen von Flandern von Herrn Simon van Bet gefertigt, allein waͤhrend deſſen Abweſenheit irrthuͤmlich an Philipp van Arta⸗ veld verkauft ward, der ſie ſeiner Geliebten, der ſchoͤnen Italienerin Bianca, geſchenkt hatte. Auch wird der Leſer noch wiſſen, wie nach wahrge⸗ nommenem Irrthum die zankſuͤchtige Ehegattin des Herrn Simon wieder zum Beſitze der Kette gelangte, welche endlich in die Haͤnde Desjeni⸗ gen geliefert ward, der ſie beſtellte, naͤmlich des Grafen von Flandern. So alſo kann leicht ermeſſen werden, wie es kam, daß die auslaͤndiſche Dame, die keine Andere als Bianca ſelbſt war, ſo ſchnell die Kette erkannte und es errathen konnte, von wem ſie der Tochter Jan Lyon's gegeben wor⸗ den war. 1 Bianca hatte Annen fruͤher wohl geſehen und kannte ſie, obwohl Letztere Nichts davon wußte, auch die Italienerin niemals irgendwo erblickte. So konnten die Bemerkungen Bian⸗ ca's der Tochter Jan Lyon's allerdings geheim⸗ nißvoll beduͤnken. Uebrigens war Ludwig's Be⸗ tte i⸗ ie ne ie n T 249 wunderung fuͤr Anna und deren Entfernung vom Hofe im Munde aller Hoͤflinge und deren Frau Gevatterinnen geweſen, von denen jeder und jede die Sache aus beliebigem Geſichtspunkte be⸗ trachtete und beſchwatzte, bis. dieſelbe vergeſſen ward, ſobald neue Geſchichten in Umlauf kamen. Aller jener Geruͤchte erinnerte ſich Bianca, aber der Anblick jener beſondern Kette um An⸗ nens Hals erregte in ihrem Buſen Empfindun⸗ gen, durch welche ſie, ſobald Anna fortgegan⸗ gen war, veranlaßt ward, einen unmittelbaren Beſuch bei keiner geringern Perſon, als der be⸗ ruͤchtigten Zauberſchweſter Urſula abzuſtatten, die ſo frech an der Kirchenthuͤr ein Almoſen begehrte und den Grafen von Flandern verfluchte. Zur Zeit, in welcher unſere Geſchichte ſpielt, war der Glaube an Zauberei, Hexerei und Ho⸗ roſkopſtellen ſo allgemein durch ganz Europa verbreitet, daß ungeachtet der ſchweren Geſetz⸗ verfugungen, welche gegen Leute erlaſſen worden waren, die dergleichen Kuͤnſte treiben moͤgten, es doch weder Land, noch Stadt, noch Flecken gab, worin ſich nicht wenigſtens Eine Perſon aufge⸗ 250 halten haͤtte, die in dem Rufe ſtand, uͤbernatuͤr⸗ liche Kraͤfte zu beſitzen; und das Studium der Magie ward in jenen Tagen fuͤr eben ſo wich⸗ tig gehalten, wie es gegenwaͤrtig der Fall mit der Mathematik iſt. Obwohl die anerkannten Ausuͤbenden der ſchwarzen Kunſt bisweilen durch das Geſetz die ſchwerſten Strafen fuͤr ihre wirk⸗ lichen oder vermeynten Unthaten erleiden muß⸗ ten, ſo wurden ſie doch von eben denjenigen Leuten, denen es Pflicht geweſen waͤre, derglei⸗ chen Unfug zu unterdruͤcken, nicht ſelten aufge⸗ muntert, ja ſogar benutzt. Fuͤr dieſe nachſichtige Duldung waren Diejenigen, die die ſogenannte ſchwarze Kunſt trieben, ſonder Zweifel zu den vermeynten Dienſten verpflichtet, welche ſie ge⸗ legentlich den Duldern ſelbſt erwieſen, indem ſie ihnen den Schleier der Zukunft luͤfteten; gaben auch bisweilen ein willkommenes Werkzeug ab, um einem Feinde Uebels zuzufuͤgen, ohne dabei Gefahr zu laufen, entdeckt zu werden. Die Chroniken fruͤherer Zeit bieten viele Beiſpiele der Art dar, und beſonders finden ſich dieſelben in Flandern, wo kein Complott gemacht, kein —— MN N——— — * i e e n n 251 boͤſes Vorhaben zur Ausſuͤhrung gebracht wurde, ohne daß der Rath, ja die Mitwirkung irgend einer verrufenen Hexe oder eines beruchtigten Magikers mit dabei im Spiele geweſen waͤre*). Man kann leicht ermeſſen, daß ein Gewerbe, welches ein gemiſchtes Gefuͤhl von Furcht und Ehrfurcht einfloßte, welches uberdies ſehr ein⸗ traͤglich war und durch das Geheimnißvolle ſei⸗ *) Froiſſart erzählt eine ſeltſame Geſchichte von einem Beſchwoͤrer, welcher dem Herzoge von Anjou ver⸗ ſprach, er wollte durch ſeine Kunſt es dahin bringen, daß die Veſte eines Feindes des Grafen ſich dieſem erge⸗ ben ſollte.„Ich kann,“ ſagte der Zauberer,„die Luft uͤber dem Meere ſo verdicken, daß die, ſo in der Veſte ſind, glauben ſollen, es ſey eine große Brucke, uͤber welche zehn Mann im Gliede marſchiren koͤnnen; und ſo⸗ bald ſie dieſe Bruͤcke ſehen, werden ſie ſo erſchrocken ſeyn, daß ſie Euch die Veſte uͤbergeben werden, vollends wenn Ihr Miene macht, ſie erſtuͤrmen zu wollen.“ Der Herzog von Anjou erſtaunte uͤber das Geſagte, rief ſeine Ritter zuſammen, und erzaͤhlte ihnen, was der Be⸗ ſchworer ihm ſo eben geäußert hatte. Die Ritter waren freilich hoͤchlich verwundert, ſchienen jedoch nicht im min⸗ deſten abgeneigt zu ſeyn, der Sache volligen Glauben beizumeſſen. M. ſ.„Johnes's Froissart,“ vol. VI. p. 41. Anmerk. der Verfaſſerin. nes Charakters einen trefflichen Deckmantel fuͤr Betrug und Hinterliſt abgab, weder an Mei⸗ ſtern, noch an Schuͤlern, weder an Narren, die daran glaubten, noch an Schelmen, die darin unterrichteten, Mangel leiden konnte. Daher kam es, daß, wo ein Taugenichts oder ein Landſtreicher hinlaͤngliche Liſt und Geſchicklichkeit beſaß, einfältigere Mitmenſchen dadurch zu taͤu⸗ ſchen, daß er geheimnißvolle Dinge zu treiben wußte, die darauf berechnet waren, die Sinne zu umnebeln, ſich dem Gewerbe des Aſtrologen oder Magiers, oder der Hexerei hingab; ſo daß dergleichen Betruͤger eine Sprache annahmen, die durch ihre Doppelſinnigkeit der vielfaltigſten Deutung faͤhig war; waͤhrend ihre geheimniß⸗ vollen Vorverkuͤndigungen von den ſchwachkoͤpfi⸗ gen Sterblichen, denen ſie ſie eroͤffneten, ſo auf⸗ gefaßt wurden, als paßten ſie auf deren beſon⸗ dere Verhaͤltniſſe; wo ſie dann allerdings oft buchſtablich eintreffen mußten, und demnach im⸗ mer mehr Glauben unter den Unwiſſenden fanden. Es iſt keineswegs unwahrſcheinlich, daß Viele von dieſen Handhabern der ſchwarzen — 253 Kunſt damit anfingen, Andere zu täuſchen, und damit aufhoͤrten, ſelbſt getaͤuſcht zu ſeyn; indem ſie durch fortwaͤhrende Auftegung der Einbil⸗ dungskraft ſich in eine Art von Raſerei verſetz⸗ ten, bis ſie zuletzt glaubten, ſie waͤren wirklich mit den Kraͤften begabt, die ſie ſich anfaͤnglich angedichtet hatten. Weil ſie unaufhoͤrlich bei einer und derſelben Idee beharrten, immer von ubernaturlichen Dingen, Begabungen, Zauber⸗ kraͤften, Todtenbeſchworungen und ſataniſchem Beiſtande fabelten, wurden ſie allendlich ihrer eigenen Natur nach ſo gottlos, wie die Teufel es nur ſeyn konnen, von denen ſie ſich einbilde⸗ ten, daß ihnen dieſelben dienſtbar waͤren. Nachdem wir dieſe beilaͤufigen Bemerkungen uͤber das Hexenweſen damaliger Zeit und uber den Volksglauben daran gemacht haben, muͤſſen wir den Leſer bei jener Hexe von Gent einfuͤh⸗ ren, die gleich vielen ihres Gelichters ſowohl von Bosheit, wie von Wahn beſeſſen war. Sie betrachtete ſich wie ein elementariſches We⸗ ſen und behauptete, obſchon ſie eine Bewohne⸗ rin der Erde waͤre, in Beruͤhrung mit den 254 Geiſtern der Tiefe und den Kraͤften der Luft zu ſtehen. Urſula war eine Italienerin von Geburt und bewohnte gegenwaͤrtig ein Haͤuschen in einer der dunklen Gaſſen von Gent, in der Naͤhe des großen Marktes, wo ſie zu ihrem alltaͤglichen Treiben von furchtbarer Wichtigkeit, als Aus⸗ legerin der Sterne, einige Geſchicklichkeit in der Kraͤuterkunde, in Verfertigung von allgemeinen Heilmitteln und endlich auch eine Kenntniß von den Giften hinzufuͤgte; eine Kenntniß, durch welche ſo viele ihrer Landsmaͤnninnen beruͤhmt waren, daß von ihnen geſagt wird, ſie verſtan⸗ den es, das Gift auf ſo mannichfaltige Weiſe zuzubereiten, daß es erſt nach Verlauf einer be⸗ ſtimmten Zeit, von der Stunde an, in welcher es beigebracht ward, wirkte, auch daß es bald ſchnelleren, bald langſameren Tod, ganz nach dem Wunſche Deſſen, der es reichen ließ, ver⸗ urſachte— welches Eigenſchaften ſind, die be⸗ ſonders an demjenigen Gifte wahrgenommen wurden, das den Namen„Aqua⸗Tofana“ fuͤhrt. Zu der Wohnung dieſes Weibes richtete ——— —— 255 Bianca jetzt ihre Schritte, nachdem ſie ein ſo zufalliges Zuſammentreffen mit der unſchuldigen und friedliebenden Anna Lyon gehabt hatte. Das Gemach, in welches Bianca bei der Zau⸗ berſchweſter eintrat, war ganz der Beſchaͤftigung der Inhaberin deſſelben entſprechend, und wies eine Zuſammenſtellung von ſolchen Gegenſtaͤn⸗ den, die darauf hinwirken, dem Poͤbel Ehrer⸗ bietung einzufloͤßen, und in ſchwachen oder furchtſamen Seelen Schrecken zu erregen. Bian⸗ ca war weder ſchwach noch furchtſam und be⸗ trat die Hoͤhle ihrer vormaligen Landsmaͤnnin mit veſtem Schritte und einer ſtolzen, wiewohl etwas verzogenen Miene. Dennoch war der Schauplatz, den ſie er⸗ blickte, wirklich geeignet, wenn nicht Unruhe, doch Ekel in dem Buſen eines Weibes zu er⸗ zeugen, das minder als Bianca mit eigenen ſtuͤrmiſchen Empfindungen zu ringen hatte. Das Gemach, in welchem Urſula ihre gewohnten Orgien abhielt, empfing, obwohl geraͤumig ge⸗ nug, ſein Licht durch ein einziges Fenſter, welches uberdies noch mit Epheu und Jelaͤngerjelieber uͤberwachſen war; ſo daß ſelbſt um Mittagszeit das Dunkel des Abends die Gegenſtaͤnde im Gemache zwar ſehen ließ, aber nicht deutlich ſichtbar machte; es herrſchte darin eine Daͤmme⸗ rung, in welcher die Einbildungskraft leicht Ge⸗ ſtalten und Dinge ſich ſo vorſtellen konnte, wie die Stimmung des Schreckens es ſollte, in welche die Hexe Diejenigen, die ihr Gemach be⸗ traten, verſetzt wiſſen wollte. Ueber dem alten eichenen Kamin ſaß eine Eule, die, befreundet mit ihrer Gebieterin, oft den Kopf zu derſelben herunter beugte, waͤhrend ſie ſich oben anklammerte und ihre großen Augen durch die Dunkelheit des Ortes leuchten ließ. Neben dieſem Kamin hing eine Samm⸗ lung von Gebeinen, waͤhrend eine Mannichfal⸗ tigkeit von Menſchenſchaͤdeln, ein vollſtändiges menſchliches Gerippe und ein Strang von voͤl— lig ausgedoͤrrten Menſchenherzen, ferner ein in ein Leichentuch gehuͤllter Arm mit ſeiner Hand, und andere ſeltſame Dinge und Zuſammenſtel⸗ lungen Platz im Gemache fanden, um das Er⸗ ſtaunen und die Ehrfurcht derjenigen ungluͤck⸗ 257 lichen oder ſchwachſinnigen Menſchen zu erregen, die die Hexe in ihrem ſataniſchen Heiligthume aufſuchten. Auch befand ſich hier eine ſich widerſpre⸗ chende Miſchung, eine unnatuͤrliche Vereinbarung von lebendigen Geſchoͤpfen. Der Wolfhund lag hingeſtreckt am Heerde und knurrte und fletſchte die weißen Fangzaͤhne, ſo wie er ſeinen zottigen Kopf erhob und die Fremde angrinſte, und als ob er bereit geweſen waͤre, ihr an die Kehle zu fahren, ſobald Urſula ihm das Zeichen dazu ge⸗ geben haben wuͤrde. Eine Ratze, die dazu er⸗ zogen worden war, furchtlos vor einer großen und grimmigen ſchwarzen Katze zu ſeyn, welche vertraulich mit ihr umging, kroch im Gemache umher; ein Affe ſprang und ſchnatterte auf und ab, waͤhrend ein Rabe verdrießlich mit den Flugeln ſchlug und Verlangen trug, die Kette zu zerbrechen, an die er gefeſſelt war, um ſich an der Eintretenden zu raͤchen. Zur Stunde, in welcher Bianca bei der Zauberſchweſter eintraf, ſchien dieſe bei einer ihrer myſtiſchen Verkehrtheiten thaͤtig geweſen zu Die Weißkappen I. 17 ſeyn, denn der Zauberkreis war in der Mitte des Gemaches zu ſehen. Dieſer Kreis beſtand aus einer rothen Linie, die auf der Flur gezeich⸗ net lag, auf welcher nichts befindlich war, als ein kleiner Glaskaſten, in welchem ſich mehrere lebendige Nattern befanden, die ein ʒiſchendes Getoͤſe machten, indem ſie in ihrem engen Ker⸗ ker wuͤhlten und krochen. In dem Mittelpunkte dieſes Kreiſes ſah man einen uralten ſteinernen Sarg, wahrſcheinlich die Ausbeute irgend einer verfallenen oder gepluͤnderten Kirche, da bei fruͤheren Unruhen in Gent manche Graͤber ge⸗ furſteter Aebte und anderer hohen Geiſtlichen aufgeriſſen wurden, um deren modernde Gebeine des goldenen Schmucks oder der Juwelen an den Gewaͤndern, die mit ihnen begraben wurden, zu berauben. Eine Fackel brannte neben dieſem Sarge, auf welchem ein weißer Kremphut und der Zweig von einem Eibenbaume lagen. Die betagte Prieſterin dieſer unheiligen Zelle ſtand, mit einem wilden und boshaften Ausdrucke auf ihrem Geſichte, in dem Momente, in welchem Bianca eintrat, mit einem Buch in — er⸗ kte rer bei en ine en, em ind gen ften nte, — 259 der einen und einem Zauberſtab in der andern Hand, den gewoͤhnlichen Attributen ihres Ge⸗ werbes, mitten im Kreiſe. Der Zauberſtab war mit der Haut einer Schlange umwickelt und lief in das Horn eines Widders aus. Ihr Gewand war von ſchwarzem Wollzeuge, und an ihrem Guͤrtel hing eine Buͤgeltaſche. Auch wies dieſer Guͤrtel, wie in ihm ein Meſſer ſteckte, das an Form und Geſtalt einem Opfermeſſer der Vor⸗ zeit glich. Das duͤnne und graue Haar der Hexe hing unordentlich und zottig uͤber ihren Ruͤcken hinab und ihr dunkles, gelbbraunes, duͤr⸗ res und welkes Geſicht ließ Zuͤge blicken, die nicht von dieſer Erde, ſondern aus der unteren Welt der Suͤnde und des Entſetzens zu ſeyn ſchienen. Als Bianca in dieſes Gemach des Geſchickes und des Todes trat, heftete die Hexe ihr Auge auf ſie mit dem Blicke wilden Entzuͤckens, in⸗ dem ſie in ſchrillendem Mißtone ſprach:„Will⸗ kommen, Tochter, zur Stunde der furchtbaren Beſchwoͤrung!“ „Und furchtlos iſt meine Seele vorbereitet, 260 ihr zu begegnen,“ verſetzte Bianca.„Iſt Dein Zauber vollfuhrt, oder muß ich warten, bis Du Muße haſt?“ „Der Zauber iſt vollfuͤhrt,“ ſprach die Here; „aber der weiße Hut muß auf dem Sarge des Todten ruhen, bis die Fackel ausgebrannt iſt; dann iſt Alles voruͤber. Was willſt Du von mir?“ „Ich komme nicht,“ ſagte Bianca,„Dir Vorwuͤrfe zu machen, denn ich weiß, es wuͤrde unnuͤtz ſeyn. Du wuͤrdeſt auf mein Zuͤrnen ach⸗ ten, wie der Fels auf das Wogen des Welt⸗ meers achtet, das an ſeine Grundlage ſchlaͤgt. Nein, ich komme nicht, Dir Vorwuͤrfe zu ma⸗ chen, elendes Weib, aber ich komme, Dir zu ſa⸗ gen, daß ich Dich nicht furchte, und deshalb will ich reden.“ „Deine Worte ſind dunkel, Bianca,“ ſagte die Beſchwörerin;„ſprich deutlich, denn die Mutter des geheimnißvollen Zaubers, die Mo⸗ narchin der Geiſter und der Elemente, vergeudet nicht die Augenblicke der Zeit in fruchtloſem Wortwechſel mit einem ſterblichen Geſchoͤpfe.“ „Du haſt mir nicht Wort gehalten,“ entgeg⸗ 261 nete Bianca, indem ihre Stirn ſich runzelte, und duͤſtere Empfindungen ihren Buſen zu ſchwellen ſchienen;„Du verſprachſt mir Rache, volle, genuͤgende Rache fuͤr all mein erlittenes Unrecht. Du verſprachſt mir, es ſollte Unheil und Verderben uͤber die Urſache kommen, und daß ein toͤdtlicher Haß der Liebe folgen ſollte, welche Graf Ludwig fuͤr die Tochter Jan Lyon's hegt; aber Du haſt nicht Wort gehalten.“ „Gelogen!“ ſchrie Urſula,„ſchmählich gelo⸗ gen! Häaͤtte der boͤſe Geiſt, der mir dient, mich alſo verklagt, ſo wuͤrde ich ihn in gedoppelten Qualen gebannt halten. Ja, ich,wuͤrde ihn da⸗ durch martern, daß ich ihn verhinderte, Unheil zu ſtiften. Deine Rache und mein Trachten nach allgemeinem Elend ſchlaͤgt Bluͤthen und ſetzt Fruͤchte an, und bald wird die reife Aernte des Verderbens uͤber alle elenden Kinder der Suͤnde und des Staubes kommen, die dieſe ver⸗ abſcheuungswuͤrdige Stadt bewohnen. Vater und Tochter ſollen Beide mir zum Opfer fallen.“ „Es kann nicht ſeyn,“ entgegnete Bianca. 262 „Der Graf macht abermals Jagd auf Anna— auf die haſſenswerthe Dirne, um derentwillen Ludwig mich verſtieß. Ich ſah ſie noch heute, und um ihren Nacken trug ſie eines von jenen Liebeszeichen, die der Graf ſeinen Geliebten um⸗ zuhaͤngen pflegt— eine guͤldene Kette. Ich weiß, daß es die ſeinige war. Mogen die bo⸗ ſeſten Plagen, die je das Herz eines Weibes zernagten, daran haften! Ludwig liebt Anna— er ſucht ſie; ſie hat ihn angenommenz es iſt klar, es muß ſo ſeyn, und alle meine theuer erkauften Hoffnungen der Rache ſind vernichtet. Ich werde leben, um zu ſehen, wie ſie zu der⸗ jenigen Hoͤhe in ſeiner Gunſt gelangt, auf der ſich einſt die leichtglaͤubige und jetzt verſtoßene Bianca befand.“ Die Hexe begegnete dieſer Klage mit einem ſchauerlichen Grinſen, und ſagte:„Geduld, Tochter; Geduld— das Werk iſt noch nicht vollbracht.“ „Geduld?“ rief Bianca mit wuͤthendem Blicke gegen die Zauberſchweſter gewendet:„Biſt Du es, Urſula, Du, die mit mir, mit mir von —— K Sw Geduld zu ſprechen wagt? Dir verdanke ich mein Verderben. Ich war eine einfaͤltige Dirne, als Du in unſer Kloſter kamſt, um die Arznei⸗ kunde zu lehren. Und was thateſt Du weiter, als das Mißvergnugen der armen Novize zu ſtacheln, die ſich darnach ſehnte, die Welt zu ſehen, die fuͤr ſie verſchloſſen war? Du ver⸗ ſprachſt ihr goldene Traͤume des Stolzes und des Gluͤckes; ſchwatzteſt ihr von ihrer Schoͤnheit vor, durch die ſie zu Rang und Ehren koͤnnte erhoben werden, und uberredeteſt ſie, dem Klo⸗ ſter zu entfliehen und mit Dir von dannen zu eilen.“ „Und ward der goldene Traum des Stolzes nicht erfuͤllt?“ fragte Urſula. Bianca achtete des Einwurfes nicht, ſondern fuhr in ihrer Klagerede fort:„Und was thateſt Du nun? Aus Furcht, entdeckt zu werden, ent⸗ fuͤhrteſt Du mich meinem Mutterlande, brach⸗ teſt mich in den Schlangenkreis der Verſuchung und gabſt mich der Thorheit und dem Laſter zur Beute. Du, urſula, Du thateſt Dies; Du verkaufteſt mich an den Grafen von Flandern.“ 264 „Ich häͤtt's nicht thun koͤnnen,“ kreiſchte Urſula,„wenn Dein eigner Wille nicht den Vertrag beſiegelt haͤtte.“ „Da eben liegt's,“ ſagte Bianca,„ich liebte Ludwig; ich gab ihm Alles, was ich zu geben hatte— Herz, Treue, Ruf und Liebe— Alles ward ſein; um ſeinetwillen lud ich auf mich die Schmaͤhung der Menſchen, den Strafzorn des Himmels; allein ſo lange er mich liebte, konnt' ich's tragen. Er aber— er verließ, er ver⸗ ſtieß mich um einer Andern willen, um Annens Liebe willen! Und meynſt Du jetzt, elendes Weib, daß ich, die ich Dich haſſe, verabſcheue und verfluche, als die garſtige Urheberin all meines Elendes— meynſt Du, daß ich mit Dir um etwas Andern willen verkehre, als meine Rache zu befriedigen? Nein; ich will Dich anſpornen zu Deinen hoͤlliſchen Thatenz ich moͤgte meinen Dolch in Deine Bruſt ſenken und Dich als heulendes, ablaßloſes und reuloſes Mißgeſchoͤpf hinabſchicken zu ihm, deſſen Dienſte Du auf Erden vollfuͤhrſt! Ich wuͤrde dies thun, wenn ich nicht wuͤßte, daß Deine Seele, die ſchwarz W —— 7 f f 265 wie das Grab und boshaft wie die Seele Deß iſt, der den erſten Mord erſann, ſich am Unheil erquickt, mit Wohlgefallen auf eine boͤſe That blickt, und dieſe That um ihrer ſelbſt willen mit Entzucken thut. Und darum ſchon' ich Deiner, darum gebrauche ich Dich, darum laß ich mich herab, mich zu einer ſo ekelhaften Creatur zu geſellen, wie Du biſt!“ „Seyd Ihr fertig,“ fragte die Here,„oder wollt Ihr mich noch laͤnger ſchmaͤhen? Ich achte Eurer Worte nicht, denn Ihr ſeyd mein Opfer worden. Und die Qualen, die Ihr täglich lei⸗ det, Qualen, die ſtuͤndlich Euch am Herzen nagen und zwicken, bis ſie das Lebensblut ver⸗ zehrt haben werden— ſie moͤgen Euch ſelbſt zum Fluche gegen mich berechtigen. Ich kann den Wortſchwall eines ſchwachen Weibes mit Gleichguͤltigkeit anhoͤren. Dennoch verdankt Ihr mir Etwas; ſeht nur auf Euern Anzug! ſolche Seide mag eine Graͤfin kleiden; wer gab's Euch anders als Euer nunmehriger Liebſter? Und wer machte Euch ihm kund, dieſem van Artaveld, als Ludwig Euch verſtieß? Urſula that es. Van Artaveld liebt und beſchuͤtzt Euch, ſonſt waret Ihr verfault in dieſen Straßen von Gent, wie ein werthloſes Rohr, das ſeinem Uferbette ent⸗ riſſen und auf den Weg geworfen ward, daß jeder Voruͤbergehende es mit den Fuͤßen treten moͤge.“ „Es iſt wahr,“ verſetzte Bianca;„aber kein Dank ſey Dir dafuͤr; wohl haͤtte ich ohne den edelmuͤthigen van Artaveld umkommen, oder die Verworfenſte meines Geſchlechts werden muͤſſen. Philipp rettete mich vom Mangel, er iſt mir in Liebe zugethan, und haͤtte ich ihm nur Unſchuld zur Morgengabe bringen koͤnnen, ſo wuͤrde er mich geehelicht haben. Ich kann van Artaveld nicht lieben, wie ich meinen fuͤrſtlichen Verfuͤh⸗ rer liebte, aber ich kann ihm dienen und ihn ehren; meine Dankbarkeit gehoͤrt ihm. Ha! lache nicht, elendes Geſchoͤpf; es iſt, wie ich ſage; aber Dankbarkeit iſt eine Tugend, die in einer Bruſt, wie die Deinige iſt, nimmer Raum finden kann.“ „Ich lache, daß ich Euch uͤberhaupt von ir⸗ gend einer Tugend ſchwatzen hoͤre,“ ſagte Urſula, —„ 267 „Euch, die Ihr nach Blut und Elend duͤrſtet. Laßt ſo nichtiges Gewaͤſch, und ſo Ihr Eure Wuͤnſche erfullt haben, ſo Ihr Euer Herz mit Rache ſaͤttigen, Euren Leib in die rothe Fluth des Menſchenlebens bis an Eure Ohren hinauf tunken wollt, ſo hoͤrt mich und merkt auf meine Worte; denn Ihr muͤßt helfen zu dem Werke Eures Willens.“ „So ſprich,“ ſagte Bianca,„ich will nicht wanken, zu hoͤren noch zu thun. Gewaͤhre mir nur vollgultige Rache fuͤr mein erlittenes Un⸗ recht, und ich will Dir Deinen Antheil an mei⸗ nem Verderben verzeihen, und Dir dann gebieten, Dein Meſſer zu ziehen, das nimmer vergebens von Dir gezogen ward, und es mir in's Herz zu tauchen; denn ſo die Rache erſt befriedigt ward, haben das Leben und ich Nichts mehr mit ein⸗ ander zu ſchaffen. Ich werde weiter kein Werk auf Erden zu thun haben.“ „Das iſt der aͤchte Geiſt, der zu meinen Zwecken erforderlich iſt!“ rief Urſula jauchzend. „Hoͤre mich denn! In dieſer Stadt gibt es eine Rotte gottloſer Maͤnner, die verzweifelnd am — eigenen Gluͤcke und Hoffen das gegenwaͤrtige Regiment des Landes ſtuͤrzen, ihre Mitbuͤrger in Blut⸗ und Gewaltthat verwirren, ihre eigene Bahn ziehen, und ihre ehrſuͤchtigen Erwartungen bis zum Beutemachen bei allgemeinem Verder⸗ ben ſteigern moͤgten. Sie haben ein Complott gemacht, wodurch Tauſende von lebenden Seelen dem Verderben, dem Elende, dem Tode anheim fallen muͤſſen. Schon habe ich den Boden ge⸗ pflaſtert, wo ihre hingeſchlachteten Leiber bleichen und den Raben und Wuͤrmern zur Atzung die⸗ nen ſollen. Ich habe auf die Erde getreten, die bereit iſt, ihr Grab herzuleihen; und im Vor⸗ ausblick auf jene Zeit wittere ich ſchon den Blutgeruch, der mich umqualmen ſoll.“ „Und was hab' ich damit zu ſchaffen?“ fragte Bianca.„Zu welchem neuen Unheile hab' ich mitzuwirken?“ „Dies Complott,“ ſagte Urſula,„wird, ſo es ſeinen Fortgang hat, das Werk Deiner Rache an Jan Lyon, an ſeiner vermaledeiten Tochter und an Ludwig, den Verräther, vollfuͤhren. Wird Dich das nicht ergoͤtzen?“ W—— S M— 1— 1— MN . 269 1 „Nicht Ludwig's Tod begehr ich,“ ſagte Bianca traurig;„nicht ſein Leben moͤgt' ich ſchaͤdigen; denn obwohl er mich mißbrauchte und verſtieß, ſo koͤnnte ich ihn doch nicht als Leiche ſehen. Aber Seelenqual moͤgte ich, daß er litte, ſo wie ich ſie leide; moͤgte ihn ſehen, wie er den zerfetzten Leichnam ſeiner neuen Lieb⸗ ſten zu ſeinen Fuͤßen erblickt; moͤgte ihn ſehen, herabgeriſſen von ſeiner ſtolzen Hoͤhe, und ihn der Dunkelheit und der Sorge, einem zertruͤm⸗ merten Gluͤcke und einem vernichteten Ruhme hingegeben wiſſen.“ „Deine Rache iſt wohl erſonnen, ſtolzes Weib!“ ſagte Urſula,„ſie iſt ſo beſchaffen, wie Teufel ſie ausklügeln, und woruber ſie triumphi⸗ ren, wenn ſie vollfuͤhrt ward. Sie verſchont das Leben fuͤr eine Zeit lang, ſie foltert die Seele mit namenloſer Angſt, gleich dem Henker, der dem Miſſethaͤter auf dem Rade Glied nach Glied zermalmt, ehe er ihm den Gnadenſtoß des Todes verſetzt. Dein Zweck ſoll erreicht werden. Jetzt hoͤre, welche Rolle Du bei die⸗ ſem großen Werke zu ſpielen haſt. Die Maͤn⸗ 270 ner, von denen ich ſprach, beduͤrfen eines Ober⸗ hauptes, deſſen Namen, deſſen Faͤhigkeiten, deſ⸗ ſen Anſehen auf die beſſeren Buͤrger der Stadt wirken koͤnnen, um dieſe fuͤr die duͤſteren Plaͤne der Aufwiegler zu gewinnen. Philipp van Ar⸗ taveld iſt der Mann, auf den ſich Aller Blicke richten; ſchon ſein Name iſt ein Zauber, denn ſein Vater, Jacob van Artaveld, herrſchte gleich einem Koͤnige in Gent, hob die Wohlhabendheit der Stadt, beſtaͤtigte die Freiheiten Gent's, und machte durch ſeine Weisheit und ſeinen Muth Flandern geehrt, geliebt und gefuͤrchtet, ſo daß ſelbſt der hochfahrende Monarch Edward der Dritte von England deſſen Buͤndniß und Freundſchaft ſuchte.“ „Und die undankbaren Buͤrger von Gent,“ entgegnete Bianca,„belohnten Jacob fuͤr ſeine Muhen, wie Du es gern geſehen haben magſt; denn in einem Augenblicke des Tumults und des Mißvergnugens erſchlugen ſie ihn; und die⸗ ſer grauſenvolle Umſtand hat Philipp, den Sohn, vorſichtig gegen dies Volk gemacht, ſo daß er bis jetzt einem oͤffentlichen Amte auswich.“ „So iſt's,“ ſagte Urſula;„aber Philipp hat einen hohen, ſtolzen und unternehmenden Sinn, und koͤnnte man ihm nur die Hoffnung beibrin⸗ gen, daß er zu der Hoͤhe hinankommen moͤgte, auf welcher ſein Vater dem Lande diente, ſo wuͤrde er ſich nicht weigern, Hand an ſolche Sache zu legen. Ich kenne die Abſicht dieſer Verſchwoͤrer; ſie werden bemuͤht ſeyn, ihn fuͤr ihre Plaͤne zu gewinnen. Wirke Du unterdeſ⸗ ſen auf ſein Gemuͤth mit allen Deinen Kuͤnſten, leite ihn dazu hin, daß er die Krone des Ge⸗ lingens ſeines Ehrgeizes zu erringen hofft, blaſe die ihm in der Aſche ſchlummernden Kohlen ſei⸗ ner Bruſt zu einer helllodernden Flamme an, und Alles wird ſich guͤnſtig weiſen. Iſt van Artaveld einmal gewonnen, ſo werden ſeinem Beiſpiele Tauſende von den Buͤrgern folgen und ſich ſofort erheben; denn Ludwig iſt wenig beliebt.“ „Ich will's, ich will's,“ entgegnete Bianca; „ich will jegliches Mittel, jeglichen Grund an⸗ wenden, ſo dazu helfen kann; ich kenne ſeine Gemuͤthsart. Er iſt auffahrend und kuͤhn, ſo 272 wie er edelmuͤthig und tapfer iſt. Wir wollen ſiegen oder verderben.“ „Mittlerweile,“ ſagte Urſula,„werde ich mit jenen Maͤnnern geſchaͤftig ſeyn; denn ſie Alle werden, der Eine mehr, der Andere minder, mich ſuchen. Etliche, daß ich ihnen die Zukunft weiſſage, Andere, daß ich ihnen in dem Werke beiſtehe. Auch iſt Urſula es, die durch die Macht ihres Zaubers ihnen die Panzerhemden hiebveſt macht gegen Schwert oder Streitart; Urſula iſt es, die den harten Stahl ihrer Dolchſpitze mit Gifte ſchwaͤngert, daß peinvoller Tod auch der kleinſten Wunde folgt, die ſie beibringen. Aus verſchiedenen Urſachen ſuchen Alle mich, die Mei⸗ ſten aber thun es aus Furcht; denn ohne meine Zuſtimmung zu ihrem Plane, ohne daß ich ihn weihe, wuͤrde er mißlingen; denn gefuͤrchtet und gehaͤtſchelt werd' ich von der niedrigen Maſſe, ſo wie weltliche Furſten es werden; und gleich den Großen der Erde kann ich nach meinem Gefallen dieſe Erbarmlichen erheben und ſturzen.“ „Und welchen Plan haſt Du jetzt vor?“ fragte Bianca. —+ 5„— S ——+ 8— it le r, ft ke ht ſt ſt it 15 i⸗ „Du ſollſt ſeiner Zeit Alles wiſſen,“ antwor⸗ tete Urſula,„denn ich werde Deiner beduͤrfen. Ich habe einen Anſchlag vor, der dieſe Maͤnner bis zur Raſerei ſtacheln wird, und der Fluch, den der Graf uͤber mich auszuſtoßen wagte, ſoll in fuͤrchterlicher Wiedervergeltung auf ſein Haupt zuruckfallen. Jetzt geh', folge meinen Weiſun⸗ gen; ſey nur geduldig, und das Wetter wird, obwohl es ſich langſam zuſammenzieht, furchter⸗ lich ausbrechen. Verlaß mich fur jetzt, denn ich habe Etwas zu thun, was meine groͤßte Sorg⸗ falt erfordert. Geh', ſag' ich, und moͤge der boͤſe Geiſt der Zwietracht Deinen Schritten fol⸗ gen und Deine Zwecke foͤrdern. Schau!“ rief Urſula jauchzend:„Horch! Er hoͤrt mich, er harrt mein! Die Fackel verloͤſcht— der Zau⸗ ber iſt erfuͤllt— der weiße Hut, der weiße Hut wird ſein Werk und das meinige vollbringen.“ Die Weißkappen I. ——— ——————— ů——— Eilttes Capitel. Der Faden unſerer Erzaͤhlung leitet uns jetzt zu den Angelegenheiten von Gent und zu den⸗ jenigen Complotten, welche ſo geheim und ſo liſtig von Peter du Bois, Jan Lyon, Arnold le Clere und anderen Mißvergnuͤgten angelegt waren. Alle dieſe Maͤnner wurden von ihren Privatanſichten und Leidenſchaften angetrieben und hofften ihre Rache zu befriedigen, ihrer Ehrſucht zu genuͤgen, oder ihr Geſchick zu beſſern, indem ſie den beſtehenden Regierungszuſtand des Lan⸗ des ſtuͤrzten. Ein ehrſamer Chroniſt der Zeit legt uns eine ausfuͤhrliche Schilderung jener Angelegenheiten dar. Hier jedoch wuͤrde es unnoͤthig ſeyn, ver⸗ — — ——„——„—„— etzt en⸗ ſo old egt ren ind cht em an⸗ ine ten er⸗ ſuchen zu wollen, einen umſtaͤndlichen Bericht davon zu erſtatten, da man dieſelben in aller Weitſchweifigkeit, wiewohl auf unterhaltende Weiſe, bei jenem Autor vorfinden kann. Den⸗ noch iſt es noͤthig, einen Ueberblick im Allgemei⸗ nen davon zu geben, damit der Leſer, wenn ihm jener umſtaͤndliche Geſchichtſchreiber unbe⸗ kannt iſt, im Stande ſeyn moͤge, die Schritte wahrzunehmen, durch welche jene wichtige Re⸗ ſtultate erzeugt wurden, von denen weiterhin in dieſen Blaͤttern die Rede ſeyn wird. Fur eine Zeit lang hatten die Verſchworenen ihre Sitzungen mit der groͤßten Heimlichkeit und der ſorglichſten Vorſicht gehalten; als jedoch ihre Partei ſich verſtarkte, wurden ſie minder ruͤck⸗ ſichtsvoll und verſammelten ſich öffentlich in ihren Haͤuſern, indem jetzt ein Mißvergnuͤgen ſelbſt unter den achtbarſten und wohlhabendſten Buͤrgern von Gent vorherrſchend ward. Der Graf war unpolitiſch und geſtattete, ohne ſelbſt die Abſicht zu haben, ſeiner„guten Stadt Gent“ nachtheilig werden zu wollen, ſeinen Beamten und Dienſtmannen zu viele Gewalt, ſo daß 18* —276 dieſe Jegliches mißbrauchten und den Groll der Buͤrger deshalb auf den Grafen zuruckfallen ließen. Die Deputation, die von Ludwig die Freilaſ⸗ ſung des Buͤrgermeiſters Simon van Bet gefor⸗ dert hatte, war unguͤnſtig aufgenommen worden, und die Veſthaltung des Mannes blieb ein we⸗ ſentlicher Eingriff in diejenigen Rechte, die von den Buͤrgern ſtets als Sicherung ihrer allgemei⸗ nen und perſoͤnlichen Freiheiten angeſehen wur⸗ den; denn der Graf, ſtatt die Geſchaͤfte mit eigener Hand zu leiten, begnuͤgte ſich, die Depu⸗ tation an ſeinen Obervogt oder Schultheiß von Gent, Robert d Auterme, zu verweiſen. So ward denn dem Obervogt die Bitte um die Freilaſſung des Herrn Simon vorgetragen; allein dieſer amt⸗ wortete blos:„So mein Gefangener zehnmal reicher waͤre, als der Eine, den ich jetzt im Ge⸗ wahrſam halte, wuͤrde ich doch ihn ohne Be⸗ fehl vom Grafen nimmer herausgeben. Ich habe Befugniß veſtzunehmen, aber nicht Befugniß loszulaſſen.“ Dieſe Antwort, die in der That der Wahrheit gemaͤß lautete, lief geſchaͤftig durch Gent, und ßen. ilaſ⸗ for⸗ den, we⸗ von mei⸗ ur⸗ mit pu⸗ von ard ung nt⸗ nal Ge⸗ Be⸗ abe niß eit die Verſchwornen gaben ihr ſo boͤſe Deutung, daß Viele der angeſehenſten Buͤrger anfingen zu murren und zu ſprechen, es waͤre dieſes eine Verletzung ihrer Freiheiten, die nicht geduldet werden muͤßte; und wenn ſolches Thun frei durchginge, ſo wuͤrden bald alle edlen Privile⸗ gien von Gent verloren gegangen ſeyn. Dazu geſellte ſich um dieſe Zeit ein Umſtand, der den Abſichten der Mißvergnuͤgten ſehr foͤr⸗ derlich war und die Stadt zu aufruͤhreriſchen Bewegungen bringen mogte. Gent und Brugges hatten ſeit laͤngerer Zeit ſich in Neid und Eifer⸗ ſucht angefeindet, ſo daß der kleinſte Vortheil, der der einen dieſer beiden Staͤdte gewaͤhrt ward, von der andern mit gehaͤſſigen und argwoͤhni⸗ ſchen Blicken angeſchaut wurde; und dieſe An⸗ feindung war zu ſolcher Hoͤhe geſtiegen, daß die Staͤdte einander eher als erklaͤrte Widerſacher, denn als Volk eines und deſſelben Landes unter gemeinſamer Regierung betrachteten. Brugges war zu hoher Wohlhabendheit geſtiegen; dennoch waltete ein Vorzug ob, der ihr ungeachtet alles ihres Reichthumes es der Stadt Gent nicht gleich⸗ 278 thun ließ. Dies war, daß Brugges weder einen Fluß noch Canäle zu Erleichterung ſeines Han⸗ dels hatte, waͤhrend Gent ſich der Wohlthat vieler Canaͤle und der Fluͤſſe Schelde und Lys erfreute. Einen Canal zu bauen, der der Stadt den Vorzug geben moͤgte, den etwa die Schelde ge⸗ währte, war ſeit laͤngerer Zeit Abſicht der Be⸗ wohner von Brugges geweſen; Alle trachteten eifrig darnach und wuͤrden gern die dazu erfor⸗ derlichen Geldſummen hergeſchoſſen haben, um das Werk mit Schnelligkeit und Wirkſamkeit herzuſchaffen, wenn ſie nur die Erlaubniß zu ſolchem Unternehmen haͤtten von dem Grafen ſo erlangen koͤnnen, daß der Bau ungeſtoͤrt durch den Neid der Genter ſeinen Anfang und Fort⸗ gang gefunden hatte. Allein die Buͤrger von Gent waren eine kecke und kriegsſuchtige Mannſchaft. Ludwig fuͤrchtete ſie; denn nur zu wohl gedachte er der Zeit, in welcher Jacob van Artaveld die Machtgewalt eines rechtmaͤßigen Fuͤrſten von Flandern an ſich gebracht hatte. Er blieb deswegen unentſchloſſen, ——„— nen an⸗ hat ys den ge⸗ Be⸗ ten or⸗ um eit ſo rch rt⸗ 279 bis endlich Die von Brugges die erforderliche Zuſtimmung zu ihrem Canalbau erhielten. Die ganze Angelegenheit war mit groͤßter Geheimhal⸗ tung und Vorſicht betrieben worden; doch wur⸗ den ſchwanke Geruͤchte daruͤber in Umlauf ge⸗ bracht und gaben Veranlaſſung zu vervielfaͤltig⸗ ter Klage der Mißvergnuͤgten, die nach Nichts ſo ernſtlich trachteten, als die Stadt Gent mit dem Grafen und Denen von Brugges in Hader zu verwickeln, ſo daß ein allgemeiner Auſſtand der Genter die Folge davon ſeyn moͤgte. Noch eine Haupturſache zur Unzufriedenheit enthob ſich der Machtgewalt des Gilbert Mat⸗ theus und deſſen Bruͤder, die, wie man laut und oͤffentlich ſagte, nach ihnen beliebigen Mey⸗ nungen und zu ihnen genehmen Preiſen die Aem⸗ ter im Staate verkauften und ſich erſt den Saͤckel ſpicken ließen, bevor ſie einem Geſuche bei dem Grafen Zugang gewaͤhrten. Die Abgabe, die auf die Steuerleute und auswaͤrtigen Handeltreibenden gelegt worden war, fand man ſo druͤckend, daß Viele von den Letz⸗ teren davon redeten, ihren Verkehr mit Gent aufgeben zu wollen— ein Vorhaben, das den Untergang der Stadt hätte herbeifuͤhren muͤſſen; ſo daß es jetzt klar am Tage lag, wie jegliche Freiheit der Stadt Nichts mehr ſeyn wuͤrde, ſo⸗ bald nicht Einer kuͤhnen Schrittes auftraͤte, um die Vorrechte von Gent in Schutz zu nehmen. Dergleichen Anſichten wurden von den Mißver⸗ gnuͤgten im Volke durch die ganze Stadt ver⸗ breitet, welches zu großer Freude der Rebellen gereichte, deren geringſter Wunſch es uͤbrigens war, jenen Mißbraͤuchen abgeholfen zu ſehen;z indem daraus Friede, nicht aber Aufruhr her⸗ vorgehen wuͤrde. Der Graf, der bisweilen Brugges und Lille beſuchte, ward liſtig in Unwiſſenheit uͤber Vieles gehalten, was Gegenſtand der Klage geworden war, und obwohl er hoͤrte, daß eine mißver⸗ gnugte Partei wirklich in Gent vorhanden waͤre, ſo ward er doch uͤber die Zahl und den Umfang derſelben getaͤuſcht; ſo daß man ihn glauben machte, dieſelbe koͤnnte ſeiner Zeit leicht vernich⸗ tet werden, ſobald eine ernſthafte Urſache ihm Veranlaſſung geben würde, ſeine Machtgewalt —.—— in Anwendung zu bringen. Aus der Reihefolge von Ergebniſſen, die ſich zutrugen, erhellt, daß der Graf wirklich der Verletzte war, obgleich er dem Vorwurfe nicht entgehen kann, gleich bei'm erſten Vorfalle nachlaͤſſig geweſen zu ſeyn; auch ſchritt er erſt dann zu heftigen Maßregeln, als das Verfahren des Volkes von Gent ihn dazu gezwungen hatte. Dies war der Zuſtand der Dinge zu jener Zeit. Wir faſſen jetzt den Faden unſerer Erzaͤh⸗ lung wieder auf. Die Fuͤhrer der Mißvergnuͤg⸗ ten trachteten nach dem Beiſtande aller Perſonen aus der wohlhabenden Klaſſe, und das um ſo mehr, weil ihre geſchworenen Anhaͤnger aus den Werthloſeſten im Volke beſtanden. Peter du Bois, deſſen Umſicht und Liſt ihn uͤber die Grenze der Gegenwart hinausblicken ließen, hegte brennendes Verlangen, an ſein Intereſſe etliche Buͤrger zu feſſeln, die als Haͤupter des Auf⸗ ruhrs verfahren moͤgten, deren Einfluß auf die Genoſſen maͤchtig waͤre, und auf die du Bois den Haß gegen alle diejenigen Maßregeln werfen koͤnnte, die hinterher mißlingen duͤrften, ohne 282 Gefahr zu laufen, daß Peter ſelbſt in der Mey⸗ nung ſeiner Partei ſaͤnke; denn ſobald er der Zweite, nicht der Oberſte in der Sache waͤre, wuͤrde die Verantwortlichkeit nicht auf ihm, ſon⸗ dern auf einem Andern laſten. Geleitet durch dieſe ſchlaue Politik, beſchloß er, einen kuͤhnen Verſuch zu machen, Philipp van Artaveld fuͤr die Verſchwörung zu gewinnen. Durch ſeine Agentin Urſula wußte er, daß Phi⸗ lipp's Gemuͤth von Bianca geſtimmt worden war, und daß es nur eines ploͤtzlichen, ſchlagen⸗ den Umſtandes bedurfte, um den argloſen, jedoch kuͤhnen van Artaveld dahin zu bringen, daß er ſich fuͤr die Partei der Empoͤrer erklaͤrte.„Ich muß ihn ſofort gewinnen,“ ſagte du Bois zu Urſula,„es muß ihm nicht Zeit zum Nachſinnen gelaſſen werden; und wenn Du Deinen Plan mit Geſchicklichkeit ausfuͤhrſt, ſo wird er der Unſrige ſeyn, ohne daß es ihm moͤglich bleibt, wieder ruͤckgaͤngig zu werden.“ Urſula verſicherte dagegen, daß ſie vorbereitet waͤre und nur die geeignete Stunde zur That abwartete, wo nicht nur van Artaveld, ſondern Tauſende von den N —— 283 Mißvergnuͤgten, wie ſie nicht zweifelte, in offene Empoͤrung ausbrechen wuͤrden. Die Unzuftiedenen hatten es ſo angeordnet, daß alles Erforderliche bereit ſeyn ſollte, um ſie in den Stand zu ſetzen, ihr Vorhaben am Tage der herannahenden Feſtlichkeit des Bogenſchießens offentlich zu erklaͤren. Dieſes Schießen ward jahrlich in der Nähe von Gent abgehalten, in⸗ dem keine Stadt Europa's ſo beruͤhmt wegen der Geſchicklichkeit ihrer Bogenſchuͤtzen, als Gent warz und lange Zeit hatte man vorhergeſehen, daß jene Feſtlichkeit den Mißvergnugten eine willkommene Gelegenheit darbieten wuͤrde, ſich in bewaffneten Schaaren unter dem Vorwande zu ſammeln, ſich durch ſcherzhaftes Waffenſpiel zu beluſtigen. Alles war jetzt vorgeordnet, jedoch war dies mit ſo vieler Vorſicht und ſo in der Stille ge⸗ ſchehen, daß die gefährlichen Complotte, die mit dem Verderben des Grafen und deſſen Anhaͤnger drohten, einer verborgenen Mine von Schießpul⸗ ver haͤtte verglichen werden können, die zwar ſtill, aber bereit— unverdaͤchtig, aber unfehlbar daliegt, und die, ſobald der kleinſte Funke ſie beruͤhrt, mit entſetzlicher Erſchuͤtterung in die Luft fliegt. Man kann ſagen, Peter du Bois hatte dieſe Mine angelegt, und Urſula hielt die Lunte in der Hand, um ſich als Peters ſchmach⸗ volle Agentin und Mitſchuldige kund zu geben. Auf welche Weiſe ſie das glimmende Brandwerk⸗ zeug gebrauchte, wird ſpaͤterhin kund werden. Durch vorerwaͤhnte Beweggruͤnde angeregt, ging Peter du Bois am Morgen der Feſtlichkeit zu Philipp van Artaveld, um den letzten und kuͤhnen, ſo lange ſchon beſchloſſen gehabten Ver⸗ ſuch zu wagen, nachdem er vorher mit Bianca in der Wohnung urſula's Ruͤckſprache gehalten und vernommen hatte, daß Alles vorbereitet war. Philipp trat in das Vorgemach, wo du Bois ihn erwartete, indem er einen langen Schieß⸗ bogen, den er in der Hand hielt, betrachtete, und wohlgemuth eine Stanze einer alten flam⸗ laͤndiſchen Ballade ſang, die folgendermaßen lautete: „Es ſpannt der Schuͤtz den Bogenſtrang, Und zielt, der Kunſt vertrau't; Hin fliegt der Pfeil gerad' entlang, Volksjubel ſchallet laut! Er traf das Ziel, gewann den Preis, Das Schwarze ward durchrennt; Geruͤhmt ſey Schuͤtzens Kunſt und Fleiß, Mein munt'res Volk von Gent!“ Philipp van Artaveld, der dies alte Lied mit einem ſo leichten Herzen traͤllerte, als jemals eines in der Bruſt eines ſorgloſen Juͤnglings ſchlug, war von ſchlankem und ſtattlichem Koͤr⸗ perbau. Sein freies, offenes Geſicht, das von einer froͤhlichen und munteren Gemuͤthsart zeugte, ſprach nicht minder fuͤr ſeines Beſitzers geiſtige Ausbildung. Die Stirn war hoch, die Augen⸗ knochen waren hervorragend und die Augen blitz⸗ ten, ſobald ſeine Gefuͤhle durch ein hochherziges Vorhaben oder Geſpraͤch aufgeregt wurden. Phi⸗ lipp gruͤßte Peter du Bois, ſo wie ein junger Mann den andern begruͤßt, mit dem er auf vertrautem Fuße ſteht, ohne Zwang und Ziererei, und fing ſogleich an, von dem Vorſatze des Ta⸗ ges, vom Schießfeſte zu ſprechen. —— . 3 286 „Wir werden weidlich uns beluſtigen,“ ſagte van Artaveld.„Die Ritter des heiligen Seba⸗ ſtian gegen die Ritter St. Georgs; Gent gegen ganz Flandern; nicht ein Mann unter ihnen, der's Werk nicht verſtaͤnde und nicht ſeinen Vo⸗ gel runtergeſchoſſen hätte!“ „Es gibt ein anderes und wuͤrdigeres Wild⸗ pret,“ verſetzte du Bois,„fuͤr Maͤnner Eures Schlages, van Artaveld. Bevor Ihr auf's Blachfeld geht, moͤgt' ich ernſtlich mit Euch reden.“ „Was? Heute?“ ſagte Philipp.„Traun, nimmer noch war ich minder fuͤr etwas Anderes geſtimmt, als fuͤr den Flug des gefiederten Pfeils. Schau' nur hinaus, du Bois! Seht, was fuͤr Wetter wir haben! nicht ein Hauch iſt in der Luft, der auch nur um ein Haarbreit den Pfeil von ſeinem Ziele abblaſen koͤnnte. Und ſeht den Koͤcher, den ich habe, ſo recht von achter Art. Die Pfeile alle von Eſchenholz, fein, zierlich und rein coniſch; die Spitzen auf ein Haar geſchaͤrft, und jede Feder genau die zweite aus auserleſenen Fluͤgeln. Von allen Pfeilſchnitzern bleibt doch 287 Hans van Ech der auserleſenſte; der macht Euch eine Spitze, die auf vierhundert Ellen ihr Ziel trifft. Ich habe,“ fuhr der muntere Philipp fort, indem er mit einer Miene ungewoͤhnlicher Theilnahme und Behaglichkeit du Bois ſeinen Bogen zeigte,„ich habe dazu auch einen ſo ſchoͤ⸗ nen Langbogen, wie ein englaͤndiſcher Schuͤtz ihn ſich nur wuͤnſchen koͤnnte; ja, und dazu eine Armbruſt, deren ein genueſiſcher Graf ſich nicht zu ſchaͤmen brauchte. Die Preiſe ſind heute eine guͤldene Denkmuͤnze, ein ſilberngetriebener Pokal aus Antwerpen und ein Pfeil aus gleichem Me⸗ tall mit guͤldener Spitze. Und ſo ein Falkenaug' und eine geuͤbte und veſte Hand einen Preis er⸗ ringen koͤnnen, um ihn Dir, Bianca, zu geben, ſo wird van Artaveld ihn heute ſein nennen.“ „Ich zweifle nicht an Eurer Geſchicklichkeit,“ ſagte Bianca,„einen Preis zu gewinnen, den Ihr des Verſuches dazu werth haltet, waͤre die⸗ ſer Preis auch der hoͤchſte.“ „Du biſt eine kleine Schmeichlerin,“ ſagte Philipp laͤchelnd, indem er wohlgefaͤllig auf Bianca blickte;„aber ich will mein Beßtes thun. — Haltet Ihr's mit der Luſt, du Bois, oder ge⸗ denkt Ihr an dieſem gemuͤthlichen Tage da zu ſitzen, wie Einer, der Buße thut, waͤhrend Ihr doch junge Tapfere, herrliche Schießbogen, ein offenes Gefild und ſchoͤne Augen, die Euer Rin⸗ gen nach dem Preiſe mit anſehen, vor Euch habt?“ „Ich bin fuͤr das Gefild,“ verſetzte du Bois, „aber nicht fuͤr Luſt, wie die Eurige, Philipp. Aber ich bitte Euch, gewaͤhrt mir kurzes Gehoͤr, bevor Ihr hinauszieht; ich habe Wichtiges fuͤr Euer Ohr.“ „Ganz ſicher,“ ſagte van Artaveld,„einen von Euern hirntollen Plaͤnen, alte Unbill auszu⸗ reuten, um neue zu pflanzen? Doch ich will Euch hoͤren.— Wie kleidet mich dies Wams, Bianca? Es iſt nach dem aͤchten Schnitt, den die St. Sebaſtians⸗Ritter tragen— ein licht⸗ gruͤn Kleid, knappanſchließend, dabei den Koͤcher zierlich uͤber den Ruͤcken gehaͤngt, daß die Ge⸗ lahrten dabei des Kupid erinnerlich werden moͤg⸗ ten. Die Kappe verwegen und frohgelaunt auf⸗ geſetzt, dabei den Guͤrtel recht geſchnallt und — f c——„—— — —— 3 u hr R⸗ 289 jegliche Troddel fein zierliches Gebaumel. Sind die——2“ „Ich beſchwoͤr' Euch, Philipp, laßt dieſe nutzloſe Laune fahren,“ ſagte Peter,„und hoͤrt mich; reden wir wie Maͤnner!“ „Ei, ſo thun wir ja,“ verſetzte van Artaveld, „wenn wir von Heldenthun ſchwatzen, woran vorzuͤglich die Weibſen ſich ergoͤtzen. Euer Bogen⸗ ſchuͤtz iſt nichts nutz, ſo Ihr ihn nicht vollauf ſo herausſtaffirt, daß er ein leuchtend Aug' auf ſich zieht, um ein zart Herz zu gewinnen. Der Bo⸗ gen kruͤmmt ſich gar ſchoͤn,“ fuhr er fort, indem er ſeine Wehr nochmals beaͤugelte,„und der Strang von doppelt gedrehter Seide, und der Schnitz in jedem Pfeil mit gleicher Seide um⸗ wunden—“ Und damit legte van Artaveld den Bogen hoch an, und ließ die Schnur zier⸗ lich abſchnellen und ſang wieder: „Er traf das Ziel, gewann den Preis“ u. ſ. w. „Bianca, Schoͤnſte,“ fuͤgte er hinzu,„Du wirſt auf dem Schießfelde ſeyn, und mein Bogen ſoll Dich zur Koͤnigin der Feſtlichkeiten machen, Die Weißkappen JI. 19 denn ich bin veſt entſchloſſen, Dir einen Preis zu gewinnen.“ „Ha! und ein hoher Preis ſoll das ſeyn!“ antwortete Bianca.„Philipp, ich beſchwoͤre Euch, ſeyd ernſthaft und hoͤrt, was du Bois Euch ſagen will; die Zeit draͤngt und Ihr muͤßt fort. Ihr wißt, was ich ſchon zu Euch redete; hoͤrt alſo auf du Bois, ich bitt' Euch!“ „Ich will, Bianca, ich will!“ verſetzte van Artaveld,„ſobald Peter nur das abſcheuliche, hoͤhniſche, grinſende Laͤcheln laſſen will und ſo⸗ bald er wie ein zierlicher Damenjunker und nicht ſo kraͤchzend ſpricht, wie ein magenkranker Moͤnch, der ſeinen Herrn, den Abt, anfleht, waͤhrend der Faſten Butter eſſen zu duͤrfen, weil nach dem Oel ihm uͤbel wird.“ „Ei, hoͤr' ihn ernſthaft,“ ſagte Bianca,„Du weißt nicht, von welcher Wichtigkeit dieſe Eine Stunde ſeyn kann.“ „So will ich ihn denn mit aller Gravität anhoͤren,“ verſetzte Philipp,„Dir zu Gefallen, Suͤße; ehe eine ſo duͤſtere Falte ſich auf die — —„ )—„— — ſchoͤne Stirn meiner Bianca lagert, will ich lie⸗ ber ernſthaft wie der Tod ſeyn.“ „Wohl, Ihr ſprecht vom Tode,“ nahm du oͤre Bois das Wort—„vom Tode unſerer Freiheit. ois Der heutige Tag ſoll das Verderben unſerer Ihr Privilegien beſiegeln. Ihr wißt, was bereits zu geſchehen iſt; und um die Moͤglichkeit, daß die itt' Buͤrger ſich ihre alten Rechte bewahren, zu ver⸗ hindern, ſoll das heutige Schießen das letzte an fuͤr unſere Bogenmaͤnner ſeyn; denn hinfort ſoll che, es Keinem in Gent geſtattet bleiben, ohne be⸗ ſo⸗ ſondere Erlaubniß vom Hofe, Waffen zu tragen. 1 nd Man muthmaßt mit vieler Wahrſcheinlichkeit, daß 1 ker Gilbert Mattheus dieſe Maßregel einfaͤdelte.“ eht, Bei dieſen Worten fuhr van Artaveld, wie veil aus einem Traume, auf; alle Munterkeit ſchwand 1 ſofort aus ſeinem Angeſichte und er ſchien ein Du anderer Menſch geworden zu ſeyn; denn ſeine ine Thorheiten waren Geburten ſeines Temperaments, ſie hatten nichts mit ſeinem Verſtande zu ſchaf⸗ itaͤt fen. Sein Geiſt, durch Erziehung und durch len, ſelbſtthaͤtiges Denken(welches ihm ungeachtet die ſeines leichten Sinnes wirklich eigen war) gebil⸗ 19* det, verhieß in ihm einen Charakter, der weit uber den gewoͤhnlichen Menſchen hinausreichte, und einen Mann, der die Energie ſeines be⸗ ruͤhmten und verſtorbenen Vaters geerbt hatte. „Das wuͤrde fuͤrwahr der Tod der Freiheit ſeyn,“ antwortete van Artaveld,„und eine ſo ſchaamloſe Abſtellung unſerer theuerſten Buͤrger⸗ rechte, daß jeder Mann, ja jeder Knabe in Gent, der eine Bogenſehne ſpannen kann, einen Pfeil moͤgte fliegen laſſen und das mit einem Fluche gegen die Stirn dieſes Gilbert, ehe er ſich ſolcher Unehre fuͤgte. Was? ſind wir Sclaven? ſind wir Zuchtvieh? Sollen wir uns die Klauen ab⸗ hacken laſſen, daß wir unſere Herren nicht kratzen, die uns mißhandeln, uns bedruͤcken, uns zerfleiſchen? Und das Alles aus Uebermuth? Ich bin bei Euch!“ „Wie Ihr nun uͤberhaſtig ſeyd!“ ſagte du Bois.„Hoͤrt erſt, was ich ſagen wollte, und dann ſchlagt Euern eigenen Weg ein. Wir, die ſchwerverletzten Buͤrger von Gent, beduͤrfen in dieſem Augenblicke eines Hauptes— eines Mannes, deſſen Name Aller Herzen anregt, ihm — ————— veit hte, be⸗ heit ſo ger⸗ ent, feil che cher ind ab⸗ icht uns Ich ind ir, fen nes 293 zu folgen; und Euer Name, Philipp, iſt der Name van Artaveld! Eures Vaters Geiſt wird maͤchtig in Euch wirken. Er wird die ſchlum⸗ mernden Kraͤfte dieſer Stadt aufruͤtteln— er wird unſere aͤchten Vaterlandsſoͤhne zum Wider⸗ ſtande entflammen, ſo Ihr uns das Banner vor⸗ tragt und Alle Maͤnner aufruft, ihr ſinkendes Vaterland zu retten.“ „Ich will,“ rief van Artaveld mit Enthu⸗ ſiasmus,„ich will ſchwoͤren, es zu thun. Gent, mein Geburtsort, die Wiege der Ehre meines Vaters und trauriger Zeuge ſeiner Ermordung— Gent ſoll finden, daß Jacob van Artaveld's Sohn lebt, um des Vaters Tod zu raͤchen. Was wollt Ihr mehr, du Bois? Ihr ſeht aus, als waͤr't Ihr noch immer mißvergnuͤgt. Ruft mich auf zu etwas Tuͤchtigem— zu einer edlen That— oͤffentliches Wohl ſey unſer Ziel, ohne daß duͤſtere Leidenſchaften und eigenſuͤchtige Abſichten daſſelbe entwuͤrdigen— ruft mich dazu auf und ſagt, daß, wenn Philipp nicht freimuͤthig ſein Leben fuͤr die Sache opfert, er nicht des Namens van Artaveld werth iſt.“ —— „Ihr werdet einen noch groͤßeren Ruhm mit dieſem Namen verbinden,“ entgegnete Peter, „und ich bin zufrieden. Ich habe erzahlen ho⸗ ren, wie Ihr, als Ihr Saͤugling waret, in die St. Peterskirche in Gent getragen wurdet, um getauft zu werden, die gute Koͤnigin Philippa, Gemahlin Edward's von England, Eure Tauf⸗ zeugin war, und wie Ihr nach ihr den Namen Philipp erhieltet. Auch habe ich erzaͤhlen hoͤren, daß Ihr, als die koͤnigliche Frau Euch auf ihren Armen hielt, vor dem Anblicke des Prie⸗ ſters weintet; als aber Sir Walter Woodland, um Euch nach Soldatenweiſe zu beſchwichtigen, den Griff ſeines blanken Schwertes Euch vor⸗ hielt: da griffet Ihr darnach und lachtet, und König Edward ſchwor:„„Bei'm Himmel, der Knabe wird ein ruͤſt'ger Kriegsmann werden.““— Ihr werdet die koͤnigliche Weiſſagung erfullen— Ihr werdet unſer Oberhaupt ſeyn. Das Ge⸗ werbe eines Chefs wird bald erlernt, ſo Ihr nur meinen Rathſchlägen Gehoͤr gebt.“ „Ich bedarf deren nicht,“ ſagte Philipp un⸗ geduldig.„Ich uͤberſehe den ganzen Plan— ter, die um pa, uf⸗ nen ren, auf rie⸗ nd, en, wor⸗ ind der He⸗ Ihr un⸗ wir bleiben ſo lange unter Waffen, bis wir Suͤhnung fuͤr unſere Unbilden, Wiederherſtellung unſerer verletzten Rechte empfingen. Und wei⸗ gert man uns ſolches, ſo wollen wir bis zum Tode Trotz bieten. Dann gilt's, von unſerm Herrn, dem Grafen von Flandern, alle boͤſen Rathgeber und unwuͤrdige Guͤnſtlinge zu entfer⸗ nen, und ihm mit einer Reihe neuer Raͤthe eine Lehre zu geben, wie er in Zukunft ſich gegen die Buͤrger ſeiner Stadt zu verhalten habe.“ „Das iſt noch nicht Alles,“ entgegnete du Bois;„Ihr muͤßt lernen die niedere Menge zu zuͤgeln, die Ihr zum Werke fuͤhren wollt. Keine Leichtfertigkeit— keine Thorheit! Alles an Euch muß ernſt und erbarmungslos ſeyn. Der Poͤbel muß durch Furcht regiert werden; koͤnnt Ihr ſtolz und grauſam ſeyn? denn Ihr werdet mit Geſchoͤpfen zu thun haben, die dem Laſtvieh gleich, mit dem Stachelſtecken getrieben werden muͤſſen. Die vernunftloſe Rotte gelehrig zu machen, muͤßt Ihr ihr Gebieter ſowohl, wie ihr Fuͤhrer ſeyn; muͤßt Euch oft in Grauſamkeit kund geben, aber nimmer Euch der Schwaͤchz 296 verdächtig machen, der Schwaͤche naͤmlich, die die Menſchen Barmherzigkeit nennen. So wol⸗ len unſere flaͤmiſchen Schweine getrieben werden; und eines Menſchen Leben darf nicht hoͤher ge⸗ ſchaͤtzt werden, als die Schwalbe oder die Lerche, die wir fuͤr die Bratpfanne toͤdten.“ „Meiner Treu,“ antwortete Philipp,„ſollt' ich eines Vormundes bedurfen, ſo wuͤrdet Ihr, Peter du Bois, mich mit gar großer Beredt⸗ ſamkeit in der Kunſt zu herrſchen unterweiſen koͤnnen. Bei alldem wird Alles gut gehen; ich will's dieſem buͤbiſchen Poͤbel ſchon beibringen, meinen Ferſen zu folgen, wie Hunde es ihrem Herrn thun, oder ich will peitſchen, haͤngen und umbringen laſſen, nach Deines Herzens Geluͤſten. O haͤtte ich nur Dein Angeſicht, Peter du Bois, zu dieſem meinen neuen Gewerbe„ich wuͤrde den Jahrlohn eines Henkers erſparen und die Geſel⸗ len durch das Gift meines ſchurkiſchen Ausſehens tödten! Komm, wir wollen auf den Schießplatz. Ich weiß, Deine Freunde, Peter, werden dort ſeyn. Ich bin geruͤſtet. Gent ſoll. ſeine Frei⸗ heit wieder haben, oder ich will mein Grab fin⸗ den.— Leb' wohl, Bianca; Du wirſt doch un⸗ ſerm Schießen beiwohnen? Halt, Peter, ich habe meinen neuen gruͤnen Mantel vergeſſen; er iſt merkwuͤrdig genau nach neueſter franzoͤſiſcher Mode geſchnitten und wirft anmuthige Falten, wenn ich einen Pfeil abſchnelle.“ So in ſeltſam gemiſchter Stimmung von Leichtſinn und ernſtem Vorhaben, ſchritt van Artaveld mit du Bois von dannen, um ſich zu den Bogenſchuͤtzen zu geſellen. Bianca, die ſeit ihrer Unterredung mit Urſula daran gearbeitet hatte, Philipp's Seele zum Aufruhre zu vermoͤ⸗ gen, eilte jetzt zu der Zauberſchweſter, um dieſer zu berichten, in wiefern ihr Werk ihr gelang. urſula beſchloß, daß der alſo angezuͤndete Brand nicht wieder erloͤſchen ſollte. — 8 —— Zwölftes Capitel. Als Philipp van Artaveld und Peter du Bois die Wohnung des Erſteren verließen, um ſich zu den Bogenmaͤnnern zu begeben, welche ſich an⸗ ſchickten, hinaus in das Gefilde zu ziehen, wo das Schießfeſt gefeiert ward, fanden ſie die ganze Stadt in Bewegung, indem alles Volk ſich mit derjenigen Froͤhlichkeit aufgemacht hatte, die bei oͤffentlichen Feſten der Art gewoͤhnlich wahrgenommen wird. Der zum Erproben der Geſchicklichkeit im Langbogen⸗ und Armbruſt⸗ Schießen uͤbliche Platz war eine große Ebene unweit Gent, von welcher aus man einen vollen Anblick der Stadt hatte, wie ſie umringt von ihren maſſiven Mauern mit ihren zahlreichen Thuͤrmen und Thurmſpitzen daſtand. Die Fuſſe Schelde und Lys rollten ſchweigſam dahin, indem ſie in ihren klaren Waſſern die ziehende Wolke ſpiegelten, oder hie und da von der ſtattlichen Fahrt eines Laſtſchif⸗ fes, oder von dem leichten Rudergeplaͤtſcher eines Kahnes bewegt wurden, der geſchaͤftig dahin glitt, um ſeine froͤhlichen und geputzten Paſſa⸗ giere an den Ort ihrer Beſtimmung zu liefern. Der gewohnliche Tumult einer großen Han⸗ del treibenden Stadt ſchien an dieſem Tage in Ruhe verſunken zu ſeyn, waͤhrend die Thore von Gent einen Strom von Einwohnern durch ſich hin der Schießebene zu fluthen ließen. Alle Vergeſellſchaftungen, alle Zunfte ſchritten, mit ihren Aelteſten an der Spitze, im Zuge hinaus; und Gilbert Mattheus und deſſen Bruͤder, die ſich fruhzeitig an verſchiedene Punkte poſtirt hat⸗ ten, um zu beobachten, was vorgehen moͤgte, ſahen mit Bangen, wie faſt alle dieſe Maͤnner bewaffnet waren— welches um ſo auffallender war, da die Gewerksleute von Gent ſelten in Waffen auszuziehen pflegten. Gilbert berichtete 300 uͤber dieſen Umſtand ſofort an Ludwig de Male, und bat ihn, ſich nicht bei dem Feſte zu zeigen, indem dieſe Symptome einer Zuruͤſtung zum Angriffe leicht ſeiner Perſon gefaäͤhrlich werden koͤnnten; denn da Gilbert's Gluͤcksfortdauer ein⸗ zig und allein von der Machtgewalt des Grafen abhing, ſo war dieſer Zunftmeiſter allerdings ſo vorſichtig wie moͤglich, um jede Gefahr von dem Grafen von Flandern fern zu halten. Ein Erdhuͤgel, auf welchem eine Art von hoͤlzerner Plateforme erbaut worden war, ſtand inmitten der Ebene; und dieſe Plateforme trug eine mit Stricken und Schnuͤren zierlich ſenkrecht erhaltene Stange von der Hoͤhe des Thurmes der Cathedrale von Gentz auf der Spitze dieſer Stange aber ſteckte ein aus Holz geſchnitzter Vogel, den an der Stelle des Herzens zu durch⸗ bohren, den Hauptpreis des Tages gewinnen hieß. Auf dem Hugel ragten noch andere nie⸗ drigere Stangen hervor, von denen jede ebenfalls ihren Vogel trug, auf deren gehoͤriges Treffen jedoch geringere Preiſe geſetzt waren. Am entgegengeſetzten Ende der Ebene, nahe 391 der Stelle, wo die Bogenſchuͤtzen ſich aufſtellten, ſtanden drei Zelte von karmoſinfarbener Seide, mit Goldſtickerei und guͤldenem Troddelwerk verziert, die das Wappen von Flandern(einen duͤſtern Loͤwen mit goldener Zunge) reich geſtickt auf blau und ſilbernem Felde trugen. Im mitt⸗ leren Zelte waren unter einem Baldachin die Hauptpreiſe des Schießens aufgeſtellt— eine goldene Denkmuͤnze, ein ſilberner Pokal von ge⸗ triebener Arbeit und ein ſilberner goldgeſpitzter Pfeil. Das Zelt war nach vorn zu geoͤffnet, damit die Preiſe von dem Volke geſehen werden konnten. Die andern beiden Zelte enthielten die geringeren Preiſe, als kleinere Schaumuͤnzen, Schießbogen, Pfeile und dergleichen. Alle dieſe Zelte waren zum Gebrauche des Grafen von Flandern, deſſen vorzuglichere Die⸗ ner und des Hofes eingerichtet; allein in Folge des von Gilbert Mattheus eingeſchickten Berichts erſchien diesmal weder der Graf noch einer aus deſſen naͤchſter Umgebung, welcher Umſtand das allgemeine Mißvergnuͤgen der verletzten Partei noch erhoͤhte; indem dieſe, geneigt, aus jedem 302 Ereigniß neue Urſache zum Verdruſſe herzuleiten, ſolches fuͤr Mißtrauen gegen ihre Vaſallentreue hielt, und es als Aeußerung der Gleichgultigkeit gegen ihre Waffengeſchicklichkeit und ihre Be⸗ luſtigungen anſah. Nahe den Zelten waren geraͤumige Gallerieen aufgerichtet worden. Dieſe wieſen ſich reich mit den koͤſtlichſten Teppichen behangen, denn flan⸗ driſche Tapeten blieben zur Zeit, in der ſich un⸗ ſere Geſchichte bewegt, an Schoͤnheit und Treff⸗ lichkeit in ihrer Fertigung unuͤbertroffen. Unter⸗ halb der Gallerieen hatten die Herolde, die Minneſänger, die Trompeter und Spielleute ihren Sitz. In Zwiſchenmomenten ſangen die Minneſaͤnger froͤhliche Lieder zur Harfe— dann wieder verkuͤndete Drommetenruf das Erſcheinen eines neuen Preisbewerbers, oder ſchmetterte Triumphgetoͤn durch die Luft, wenn einer der Schuͤtzen irgend das Ziel getroffen hatte. Die Gallerieen waren mit Damen angefuͤllt, die alle in prunkendem und koſtbarem Anzuge, als Frauen und Toͤchter der wohlhabenden Buͤr⸗ ger von Gent, an der allgemeinen Luſt Theil —503— nahmen. Juwelen und guͤldene Kleinodien ſchmuͤckten ihnen Haar und Nacken und Arme, ſo wie Eiszapfen an einem Wintermorgen die Aeſte der Baͤume zu zieren pflegen. Die hinte⸗ ren Sitzreihen auf den Gallerieen waren fuͤr diejenigen Buͤrger beſtimmt, welche durch Alter oder Unvermoͤgen zu kriegeriſchen Spielen ver⸗ hindert wurden, thaͤtigen Antheil an der Luſt⸗ barkeit in der Ebene zu nehmen. Dieſe Buͤrger gaben jetzt bloße Zuſchauer ab, und waͤhrend ſie auf die froͤhliche juͤngere Mannſchaft hinabſchau⸗ ten, warfen ſie manchen Blick auf das Ban⸗ ner der Stadt, das auf Seide gewirkt und reich mit Golde und Perlenſchmuck verziert war, uͤber ihren Haͤuptern aufgeſteckt, auf breiter Fahne in der Luft flatterte. Fuͤr die Verſchworenen bezeichnete ſich dieſer Tag als Tag von furchtbarer Wichtigkeit. Sie waren in Anordnung ihrer Plaͤne unermuͤdlich geweſen. Tag und Nacht hatten ihre Haͤupter ſich den eifrigſten Anſtrengungen hingegeben und eine allgemeine Uebereinkunft war getroffen wor⸗ den, daß ſie am Tage dieſes Schießfeſtes den Streich fuͤhren, alle Herzen aufregen, alle Ge⸗ fuͤhle erwecken wollten, um Abſtellung der Un⸗ bilden und Umwaͤlzung des dermaligen Zuſtan⸗ des der Dinge zu erlangen; ſo daß Viele, die bisher noch theilnahmlos geblieben waren, oder noch zwiſchen Unterwerfung und Empoͤrung ſchwankten, wider ihren Willen zu irgend einer thaͤtigen Theilnahme gezwungen wurden. So ſtand es um das Complott an ſich, doch war noch ferner vorbeſtimmt, daß an dieſem Tage wo moͤglich kein Blut fließen ſollte; ein Waffenkampf ſollte dann erſt vor ſich gehen, wenn Einſchuͤchterung ſich als wirkungslos er⸗ wieſe, oder wenn die wohlhabenderen Buͤrger ſich ſo in das Thun der Mißvergnuͤgten miſch⸗ ten, daß ſie ſich genoͤthigt ſehen wuͤrden, zu ihrer eigenen Sicherheit gewaltthaͤtige Maßregeln zu ergreifen. Alle Inſurgentenhaͤupter hatten dieſe Plaͤne um ſo eher gebilligt, da man es fuͤr klug hielt, bei dem erſten Anlaufe nicht gleich die Gefuͤhle der Gemaͤßigteren und Nach⸗ ſichtsvolleren allzu ſehr zu erſchuͤttern. Jan Lyon, Peter du Bois, Arnold le Clerc 305 la Nuitce und andere Haͤupter der Verſchwor⸗ nen hatten ihre Parteien, zu Hunderten und zu Funſzigen, bewaffnet auf die Schießebene be⸗ ſtellt. Alle Handwerker von verſchiedenen Gat⸗ tungen, die irgend Theil an dem allgemeinen Mißvergnuͤgen nahmen, hatten in der Stille die Weiſung bekommen, gewaffnet auf dem Platze unter dem Vorwande zu erſcheinen, an den Spielen des Tages Theil zu nehmen; jedoch bei weitem die groͤßere Anzahl der Maͤnner trugen, entſchloſſen, ihren alten Rechten nachzugehen, Waffen, um im Nothfalle ſich, wann und wo es auch ſeyn moͤgte, zu vertheidigen. Dieſen Weiſungen war puͤnktlich Folge ge⸗ leiſtet worden; und obwohl Gilbert Mattheus und deſſen Bruͤder von dem Vorhandenſeyn einer mißvergnuͤgten Partei unterrichtet waren, ſo hatten ſie doch noch keinen Begriff von dem Umfange derſelben. Jetzt aber, wo ſo Viele ſich oͤffentlich, Ernſt und Entſchloſſenheit auf den Geſichtern, in Waffen zeigten, ward dem Zunft⸗ meiſter der Steuerleute und deſſen Freunden die⸗ ſes Verſtaͤndniß hinlaͤnglich zu ihrer großen Die Weißkappen I. 20 — 306 Beunruhigung eroͤffnet. Die Bruͤder ſahen ein⸗ ander mit Niedergeſchlagenheit an, jedoch uͤber⸗ zeugt, daß, wenn irgend ein Unheil gegen ſie beſonders gerichtet waͤre, Flucht unmoͤglich ſeyn wuͤrde, indem das Gefild rings von ſo bedenk⸗ lichen Leuten bedeckt war, beſchloſſen ſie, allen Schein des Argwohns zu meiden, und ſich in ſolcher Freimuͤthigkeit zu zeigen, als verließen ſie ſich auf die Wohlgeſinntheit ihrer Nachbarn; indem ſie zu gleicher Zeit hofften, es wuͤrde weder der Graf noch deſſen Hof ſich unvorbereitet auf einen Schauplatz begeben, der mit ſo augenſcheinlicher Gefahr drohte. Das Dunkle und Geheimniß⸗ volle, wovon ſie ſich wirklich umringt ſahen, konnte wohl einer Maſſe ſchwarzer und ſchwerer Wetterwolken verglichen werden, welche, ob⸗ wohl ſie keinen Regentropfen fallen, keinen Laut hoͤren laſſen, der die Stille der Luft unterbricht, dennoch drohen, ſich im naͤchſten Augenblicke furchtbar zu entladen. Dies war die Lage der Dinge, als die jun⸗ gen Maͤnner, welche die beiden auserleſenen Schuͤtzencompagnieen, die die Ehrenbeinamen — ——„— e— ——— — e——(——„— —— in⸗ er⸗ „Ritter des heiligen Georg“ und„Ritter des heiligen Sebaſtian“ fuͤhrten, uͤber die Ebene her⸗ gezogen kamen, um ſich reihenmaͤßig zu beiden Seiten der Zelte aufzuſtellen. Die Ritter des heiligen Georg, die dieſen Namen nach dem des Schutzheiligen von England, zu Ehren Ed⸗ ward's des Dritten erhielten, als dieſer Gent beſuchte, waren munter angethan mit heller Scharlachkleidung, eine weiße Schwungfeder an der Schuͤtzenkappe, und um den Hals eine guͤl⸗ dene Kette, woran eine Denkmuͤnze hing, welche in hocherhabener Arbeit das Bild des Heiligen wies, wie er den Drachen erlegt. Ihre mit geſtickter Seide uͤberzogenen Koͤcher hingen ſtatt⸗ lich uͤber ihren Schultern, und Jeder von ihnen trug eine Armbruſt, als diejenige Waffe, womit er ſeine Geuͤbtheit in Handhabung derſelben zu zeigen hatte. Der Herold dieſer Schaar ſchritt mit dem flatternden Banner derſelben vor ihr her, waͤhrend Minneſaͤnger und Drommetenblaͤ⸗ ſer, die ihm folgten, die Luͤfte von Liedern und Geſchmetter ertoͤnen ließen. Die Ritter vom heiligen Sebaſtian waren —— gruͤn gekleidet und trugen ebenfalls eine guͤldene Kette mit einer Schaumuͤnze, auf welcher ſich das Bild ihres Schutzheiligen befand, wie der⸗ ſelbe von Pfeilen durchbohrt liegt. Der Anfuh⸗ rer dieſer Schaar war Philipp van Artaveld, deſſen hoher und kriegeriſcher Geiſt und vorherr⸗ ſchende Trefflichkeit als Bogenſchutz ihn bei al⸗ len Juͤnglingen von Gent uͤberaus beliebt ge⸗ macht hatten. Es laͤßt ſich wohl denken, daß das Erſchei⸗ nen zweier Schaaren von Bogenmaͤnnern, die Alle auserleſene Geſchicklichkeit und Gewandtheit beſaßen, und die wahrhaftige Bluͤthe der maͤnn⸗ lichen Jugend von Gent ausmachten, ganz wohl im Stande war, ein Gefuͤhl allgemeiner Theilnahme zu erregen, als ſie nach dem Tacte der Muſik mit Blicken heranzogen, die von der Inbrunſt der Hoffnung und des Wetteifers be⸗ ſeelt wurden. Allein bei der diesmaligen Gelegenheit hatte ſich ein ſo allgemeiner Kaltſinn, ein ſolches Ge⸗ fühl allgemeinen Intereſſes von ungleich regſa⸗ merer Art, eine ſolche Empfindung von zuruck⸗ —— c—+„— en en— +„—— ſich der⸗ fuͤh⸗ eld, E hei⸗ die heit nn⸗ anz ner cte der be⸗ gehaltener Erwartung des Buſens eines Jeden durch den Anblick der fuͤrchterlichen bewaffneten Schaaren bemaͤchtigt, die von den Haͤuptern der Verſchwoͤrung auf den Platz gefuͤhrt wurden, daß die Beluſtigung des Tages kaum mehr be⸗ ruckſichtigt ward; ſo daß die Bewillkommnungs⸗ gruͤße, die zu jeder anderen Periode das Ge⸗ woͤlbe des Himmels erſchuͤttert haben wuͤrden, als jene tapferen Bogenmaͤnner heranruͤckten, heute nur theilweiſe und gedämpft hoͤrbar wur⸗ den und bald bis zu leiſem Murmeln erſtarben. „Allerdings muß es ſo ſeyn,“ ſagte Peter du Bois zu van Artaveld, als dieſer den Man⸗ gel des gewoͤhnlichen Jubelrufes ruͤgte.„Da dies das letzte Schießfeſt ſeyn, da unſern Spielen ein Ende gemacht werden ſoll, bis es dem Hofe beliebt, uns Verlaub zu geben, wieder einmal einen Bogen zu ſpannen, ſo duͤrfen wir nicht Freuden⸗ und Jubel⸗Ruf uͤber unſere verſchei⸗ dende Ehre erwarten; und ſo iſt denn dieſer Tag als Todestag unſerer Schießfeſte bezeichnet.“ „Erſt ſoll er als mein Todestag bezeichnet werden,“ verſetzte Philipp fluͤſternd.„Ich kann — 310 als Buͤrger Vieles ertragen, ehe ich dazu ſchreite, die oͤffentliche Ruhe zu ſtören; doch gibt es einen Punkt, uͤber den hinaus kein Mann laͤnger an ſich halten muß. Wir wollen nimmer ſchafmuͤ⸗ thig Zeugen von dem Tode unſerer Freiheiten ſeyn, wollen nicht eine derſelben nach der an⸗ dern einbuͤßen, bis wir keine mehr zu verlieren haben und zum Sclavenſtande erniedrigt worden ſind. Aber kommt! Unſere Mannen bereiten ſich zum Schießen; und ſoll's heute zum letzten Male ſeyn, daß ſie uns den Vogel zum Raube unſerer Pfeile und Bolzen geben, ſo ſollen ſie mindeſtens an uns erkennen, daß wir ſicher tref⸗ ſen und uns noch ein ganz anderes Ziel zu ſu⸗ chen wiſſen.“ Die Jüuͤnglinge traten nun nach und nach vor, um ihre Geſchicklichkeit in der Kunſt, den Bogen zu fuͤhren, darzulegen. Dieſe beſtanden hauptſaͤchlich aus den Rittern des heiligen Georg und des heiligen Sebaſtian, aber auch Anderen, die nicht zu jenen gehoͤrten, war es geſtattet, Theil an dem Spiele zu nehmen und einen Pfeil oder Bolzen abzuſchnellen, wiewohl wenige ite, en m⸗ ten n⸗ 311 ſich dieſer Erlaubniß bedienten, indem die Kunſt⸗ faͤhigſten ſich der einen oder der andern jener Ritterſchaaren hatten einverleiben laſſen; ſo daß man ſelten wahrnahm, wie ein Juͤngling die Verwegenheit oder auch die Geſchicklichkeit hatte, ſich als Nebenbuhler ſo auserleſener Bogenmaͤn⸗ ner hervorzuthun. Wirklich war die Geuͤbtheit dieſer Ritter ſo groß, daß kaum ein Einziger unter ihnen war, der nicht das Ziel auf den niedrigeren Stangen getroffen haͤtte; denn der Vogel auf der mittleren hoͤheren Stange war noch nicht beſchoſſen worden, und obgleich gern Alle einen Pfeil zu demſelben hinaufgeſchnellt und wo moͤglich den Hauptpreis errungen haͤt⸗ ten, ſo hielt doch Furcht vor dem Mißlingen eines ſolchen Verſuches Viele davon ab, ſo daß dieſer Wettkampf etlichen Wenigen von den Kunſtgeuͤbteſten vorbehalten zu ſeyn ſchien. Das hohe Hauptziel zu treffen war eine Ehre, die dem Gluͤcklichen, der ſolchen Meiſter⸗ ſchuß that, den Rang eines Koͤnigs der Feſtlich⸗ keit beilegte; er ward dann mit der Hochachtung, die einem Sieger gebuͤhrt, waͤhrend des uͤbrigen —— 312 Theils des Tages behandelt, fuͤhrte Abends den Zug der Schuͤtzen zur Stadt zuruͤck, wo er vor dem Hochaltar von St. Balduin durch Meſſe⸗ hoͤren, begleitet von allen ſeinen Cameraden, oͤf⸗ fentlich ſeinen Dank fuͤr errungenen Sieg abſtat⸗ tete und alsdann ſich auf das Stadthaus be⸗ gab, wo ihm öoͤffentlich der Preis gereicht ward. Dann folgten bis in die Nacht hinein allerlei glaͤnzende und muntere Feierlichkeiten. Durch alles Dieſes ward Trieb zum Wett⸗ und Nach⸗ Eifer in jegliche jugendliche Bruſt gehaucht, und daher war jene Trefflichkeit im Bogenſchießen entſtanden, durch welche die Juͤnglinge von Gent ſich ſo ſehr auszeichneten. Peter du Bois nahm jetzt ſeine Stellung, um nach dem erſten Preiſe zu ringen, und Trompeten erklangen, als er ſich zum Schuſſe bereitete. Langſam und bedaͤchtig zielte Peter, hielt den Pfeil eine Weile in der Hand, ehe er ihn an den Kopf zog und ließ ihn auf dem Bogenſtrang liegen, bevor er ihn durch die Luft entſendete. Der Pfeil traf den Vogel nicht, flog jedoch nur etliche Zoll weit neben dem Ziele el 313 hin. Keine Drommete erſcholl, denn Peter du Bois hatte gefehlt. „Kommt,“ ſagte van Artaveld,„raͤumt jetzt mir Euern Platz ein. Ihr fehltet, weil Ihr auf die Spitze des Pfeiles anſtatt auf das Ziel blicktet, als Ihr anlegtet. Ich will's Euch beſ⸗ ſer zeigen, Peter.“ „Haltet, Philipp van Artaveld,“ rief ein Buͤrger, der als Marſchalk der Bogenmaͤnner fungirte.„Ihr duͤrft jetzt nicht ſchießen, indem unſere Oberen auf der Ebene anlangten. Hier iſt Herr Walter d'Anghien mit noch etlichen Herren vom Hofe; ſie trafen eben ein und wol⸗ len ihr Gluͤck verſuchen. Laßt ſie erſt ſchießen.“ „Das werden ſie nicht, bei'm heiligen Se⸗ baſtian, deſſen Ehrenkette ich trage!“ rief der Juͤngling mit großer Lebhaftigkeit.„Sie ſind nach uns gekommen, und haͤtten beſſer gethan, gar nicht zu kommen, da ihr Herr, der Graf von Flandern, uns und unſere Spiele gering⸗ achtet. Er beſucht die Schießebene nicht, wozu ſoll denn einer von ſeinen Hofherren hier nutzen, und meynen, uns, die wir Buͤrger ſind, und 314 von ihnen verachtet werden, den Preis wegzu⸗ ſchnappen? Die Reihe zu ſchießen iſt an mir, und bei allen Heiligen des Himmels ſchwör' ich's, ſo's Einer wagt, in meine Rechte zu grei⸗ fen, ſo ſoll dem Pfeile hier ein anderes Ziel werden, als jener Vogel da droben.“ Indem van Artaveld alſo ſprach, verlor er keinen Augenblick, ſein Recht geltend zu machen; ſonder Verzug ſchritt er auf den Standpunkt, ſtellte ſich veſt und aufgerichtet hin, erhob den Bogen, legte den Pfeil auf, zog den Bogen⸗ ſtrang bis zu ſeinem Ohre an, blickte einen Augenblick lang unverwendet auf das Ziel und ließ, indem er die Finger zuruͤckzog, zierlich den Pfeil entſchwirren, der mit ſolcher Schnelligkeit durch die Luft flog, daß das Auge kaum Schritt mit dem Fluge deſſelben halten konnte. Der Pfeil traf und blieb im Zielpunkte ſtecken. In demſelben Momente erdroͤhnten die Drommeten und verkuͤndeten in wiederholten Klaͤngen und unter dem Jubelrufe der Ritter des heiligen Se⸗ baſtian den errungenen Sieg. Herr Walter dAnghien, ein huͤbſcher junger zu⸗ ir, oͤr' ei⸗ iel er 315 Mann, der ein Neffe und Muͤndel des Grafen von Flandern war, trat jetzt in dem Verlangen vor, Theil an den Spielen zu nehmen und einen Pfeil abzuſchwirren. Allein Gemurmel er⸗ hob ſich ringsum, ſo wie er auftrat; nicht aus perſoͤnlicher Feindſchaft gegen ihn ſelbſt, denn das Volk von Gent kannte ihn kaum, ſondern um des Umſtandes willen, daß er zum Hofe ge⸗ hoͤrte und ein naher Verwandter des Grafen war, ward er in dieſem Augenblicke dem Volke gehaͤſ⸗ ſig, welches, in der Freude, eine Gelegenheit zu haben, darzuthun, wie tief es die vermeynte Be⸗ leidigung Ludwig's, nicht als Theilnehmer an den Spielen erſchienen zu ſeyn, empfand, jetzt einſtimmig darnach trachtete, Einen vom Hauſe des Grafen und vom Hofe verächtlich zu be⸗ handeln. Die Haͤupter der mißvergnugten Schaaren gewahrten dieſes mit heimlichem Entzuͤcken, und begruͤßten das Murren der Geringſchaͤtzung, das gegen Herrn Walter d'Anghien laut ward, als das ſich wohlſchickende Zeichen, ihre beabſichtigten Unruhen beginnen zu laſſen. Peter du Bois — eilte zu Jan Lyon's Standort und fluͤſterte: „Jetzt, jetzt laßt uns das Werk foͤrdern— Al⸗ les iſt bereit— unſere Mannen werden in das Geſchrei einſtimmen, und dies Gefilde der Luſt werde eine Ebene der Verwirrung! Gedenkt der Klage, die wir gegen den Hof zu fuͤhren haben;z Walter iſt hier— waͤlzen wir die Fluth des Grimmes zunaͤchſt gegen ihn!“ „Vorwärts denn!“ antwortete Jan Lyon; „freilich iſt Alles bereitet und unſere Maßregeln werden bis zum Ueberraſchen ſchnell auf einan⸗ der folgen; denn nach Dem, was angelegt ward, muß jetzt bis zum Aeußerſten geſchritten werden. Friede, auch noch ſo veſt verbrieft, wuͤrde weder Eures noch meines Kopfes ſchonen, Peter; dazu haben wir es bereits zu weit ge⸗ trieben.“ „Drauf denn, in des Tuels Namen!“ ſagte du Bois und fuhr zu ſeiner Schaar ge⸗ wendet fort:„Folgt mir, Ihr Maͤnner, denn Ihr Alle wißt, daß ich Euch eine Bahn fuͤhre, auf welcher Gerechtigkeit zu erlangen iſt.“ Ohne weiter Worte zu machen, griff er nach ———————„— einem Jaͤgerhorne, das ihm vor der Bruſt hing, blies dreimal einen ſchrillenden Ton heraus und gab ſo das Zeichen, das auf gleiche Weiſe von den Hoͤrnern aller Hauptleute der Rebellen beant⸗ wortet ward. Alle Schaaren ſtuͤrzten nunmehr vorwaͤrts.„Ergreift ſie, ergreift Walter d'An⸗ ghien und die Bruͤder Mattheus!“ rief du Bois;„ſie kommen, meine Mitbuͤrger, geſen⸗ det vom Grafen von Flandern, unſere uralten Spiele zunicht zu machen— zu verkuͤnden, daß fortan kein Mann von Gent mehr Waffen tragen ſoll, nicht einmal zu ſeinem Schutze, es ſey denn, er bekomme vom Hofe beſondere Befugniß dazu. Wollt Ihr das leiden? Wollt Ihr ſo, wie Laͤmmer geduldig, Euch Stadtrecht nach Stadtrecht nehmen laſſen, bis all' Eure Freihei⸗ ten fuͤr immer verloren gingen?“ „Nimmer— nimmer wollen wir's!“ ſchrieen tauſend Stimmen zugleich—„Wir wollen un⸗ ſere Freiheiten— unſere Rechte!“—„Nieder mit den Mattheus!“—„Keine Neuerungen!“— „Gebt unſern Buͤrgermeiſter heraus; wir wollen ihn aus des Grafen Gefaͤngniß heraushaben!“— 318 „Wir wollen unſere Rechte!“—„Rache! Rache!“ Ein ſolches tauſendfältiges Geſchrei er⸗ ſcholl ſofort von allen Seiten her. Die Haͤupter der Empoͤrer redeten jeder ſeine ihm zugethane Schaar von Buͤrgern auf verſchiedenen Punkten der Ebene an, um die Gemuͤther zu Gewaltthat zu erhitzen. Walter d'Anghien mit ſeinen Begleitern und den Bru⸗ dern Mattheus wurden ploͤtzlich von Peters Ge⸗ noſſen uͤberfallen, und da ſie ſahen, wie nichtig jeder Widerſtand gegen ſolche Ueberzahl ſeyn wuͤrde, blieb ihnen Nichts uͤbrig, als ſich ſchwei⸗ gend zu unterwerfen. Mittlerweile eilten Jan Lyon, Arnold le Clerc und Andere von Ort zu Ort auf dem Blachfelde, und boten jeglichen Beweggrund auf, das Volk zu entflammen; wobei ſie beſon⸗ ders die erlittenen Freiheitsverletzungen in's Licht ſtellten, namentlich aber es ruͤgten, daß der Graf den Buͤrgermeiſter Simon van Bet wider⸗ rechtlich in Kerkerhaft hielt. Die ruchbar ge⸗ wordene Unterdruͤckung der Tagsfeſtlichkeit fuͤr die Folge, die Abgabe, die den Steuerleuten und — ——„„ ——— „— e r⸗ er 319 der Scheldeſchifffahrt auferlegt worden war, und eine Menge anderer wirklicher oder vermeynter Freiheitsverletzungen wurden laut geruͤgt, um die Menge in tumultuariſchen Gang zu bringen und zu offener Empoͤrung zu leiten. Die Mine war ſeit langer Zeit angelegt wor⸗ den, und jetzt, wo die Lunte ihr nahe lag, rann der Gluthfaden durch alle Reihen und zuͤndete einen heftigen und allgemeinen Brand an. Der liſtige du Bois hatte Alles auf das Trefflichſte vorbereitet. Die Buͤrger ſchrieen nach Genug⸗ thuung, ſie begruͤßten die Haͤupter der Rebellen aus Herz und Seele; Etliche ſchuͤttelten ihnen die Hand; Andere riefen ſie als die Befreier des Vaterlandes aus; Alle waren einmuͤthig bereit, die gemeinſame Sache zu unterſtuͤtzen. Der Poͤ⸗ bel ſtimmte in das allgemeine Geſchrei ein. Die verſchiedenen Gewerkszuͤnfte ſammelten ſich um ihre Paniere und erklaͤrten, als ſie dieſelben hoch in den Luͤften geſchwenkt erblicken ließen, ihre Bereitwilligkeit, unter ihrer Fahne zu ſterben oder ihre uralten Rechte wieder zu erlangen. Die Seeleute und Steuerer bejubelten ihren vorma⸗ 320 ligen Zunftmeiſter, erklaͤrten ſich von Neuem fuͤr Jan Lyon, und ſchwuren, keinen Impoſt ferner an Gilbert Mattheus und deſſen Bruͤder zu zahlen. Es wuͤrde unmoͤglich ſeyn, den Tumult zu beſchreiben, der in dieſem Augenblicke laut ward und ſich uͤber eine Ebene verbreitete, auf der ſich Tauſende von ſtreitbaren Maͤnnern befanden. Der Laͤrm war jetzt ſo hoch geſtiegen, daß Alle ſprachen oder ſchrieen, waͤhrend kein Einziger hoͤrte; und ein gemiſchtes Getoͤſe von Klaͤngen, das einem Chaos von Toͤnen, von erhitzten Ge⸗ muͤthern hervorgebracht, glich, brach hervor aus den Tiefen des Verderbens, wo jeder ſich um die Oberherrſchaft, gehoͤrt zu werden, ſtritt, ſo daß zur Genuͤge angedeutet ward, wie die Empoͤ⸗ rung allgemein geworden war. Vergebens waren die Anfuͤhrer bemuͤht, ſich Stille zu verſchaffen, um das Volk anzureden, bis Peter du Bois, der bald um Aufmerkſam⸗ keit gebeten, bald ſie geboten und ſich ſchier hei⸗ ſer geſchrieen hatte, allendlich ſo weit die Ruhe herſtellte, daß er den Buͤrgern und Rebellen begreiflich machen konnte, wie es, welche Maß⸗ ſie nu de eir —321 regeln ſie auch ergreifen moͤgten, vor allen Din⸗ gen noͤthig waͤre, ſich ein Oberhaupt zu waͤh⸗ len, welches ihnen ein muthiger und weisheits⸗ voller Fuͤhrer werden moͤgte, ihre Rechte wieder zu erlangen und ihre Freiheiten neu zu be⸗ gruͤnden. Kaum hatte er die hiezu noͤthig geweſene Rede vorgebracht, als eine von Leidenſchaft auf⸗ geregte Stimme in lautem, ſchrillendem Tone aus der Menge hervorrief:„Ja, ja, ein Ober⸗ haupt! Euer ehemaliges Oberhaupt, van Arta⸗ veld! Sein Geiſt lebt, regt ſich und athmet in ſeinem Sohne— van Artaveld! van Arta⸗ veld!“ In dieſem Augenblicke drang ein hageres Weib hervor; hoch in der einen Hand hielt ſie einen weißen Kremphut, in der andern ſchwang ſie ein großes Meſſer.— Urſula war es, die Angeſichts der Menge daſtand. Tauſende blickten auf dieſe ploͤtzliche Erſchei⸗ nung, und der prophetiſche Ton, in welchem ſie den Namen van Artaveld ausſprach, erklang wie eine Verkuͤndigung von oben, wie ein Zuruf des waltenden Geſchickes. Auf die niederen Claſſen Die Weißkappen I. 24 e— 322— des Volks hatte Urſula einen beſonderen Ein⸗ fluß; der gemeine Mann blickte dies Weib mit Furcht, allein mit ſolcher Furcht an, daß dieſe zu gleicher Zeit vollig unbedingten Glauben an die uͤbernatuͤrlichen Kraͤfte der Hexe und gaͤnz⸗ liche Unterwerfung gegen den Willen derſelben mit ſich fuͤhrte. Die Haͤupter der Rebellen, die vorher gemuthmaßt hatten und nun erkannten, welche maͤchtige Wirkung die Zauberſchweſter ihrer Sache beilegte, ermunterten den Eindruck, den dieſelbe auf die Menge gemacht hatte und ſchie⸗ nen, indem ſie die Miene der vollkommenſten Aufmerkſamkeit annahmen, bereit, ihrem Macht⸗ gebote zu gehorchen. Urſula hatte ſich in dieſem Augenblicke auf jene Plateforme geſtellt, die unfern der Zelte den Bogenmaͤnnern zum Schießſtandpunkte ge⸗ dient hatte. Philipp van Artaveld ſtand noch auf dem Flecke, von welchem aus er das Ziel getroffen hatte. Urſula richtete ſich auf in veſter Stellung; ihr Haar ſtroͤmte vor'm Winde; ihre Blicke waren wild, unſtat und wie verzuͤckt; waͤhrend ihr Auge in die leeren Raͤume hinauf⸗ it ſtierte, als betrachtete ſie etwas Weſenloſes, das nicht in den Geſichtskreis gemeiner Sterblichen tritt, erhob ſie den Arm, hielt den weißen Kremphut vor Aller Blicken hin und begann in dumpfem Tone ihre prophetiſche Rede:„Zu Dir, zu Dir, o Philipp van Artaveld, ſchwebt der Geiſt Deines Vaters hernieder; er ruft Dich auf, ſeinen Fußſtapfen nachzugehen; ruft Dich auf, das Vaterland zu befreien. Und ſey dies,“ ſagte ſie, indem ſie den weißen Hut auf das Haupt van Artaveld's druͤckte—„ſey dies das Merkzeichen Eurer Sache! Die Weißkappe, die verflucht ward, ſoll Fluch bringen dem Fuͤrſten, der ſie verhoͤhnte! Laßt keinen Eurer Mannen nach ſeinem Dolch oder ſeinem Schwert greifen, bevor der weiße Kremphut nicht ſeine Stirn be⸗ ſchattet! Denn Urſula iſt es, die Prophetin— Urſula, die Beherrſcherin der Elemente, die Ge⸗ bieterin der Geiſter— ſie, die auf der Fluth dahinſchweben und durch die Luͤfte ſegeln kann— Urſula, die da weiß aufzuthun das Buch des Verhaͤngniſſes, obwohl es verborgen liegt in den unterſten Kluͤften der Hoͤlle— ſie oͤffnet jetzt 324 ————— jenes dunkle und entſetzliche Buch, um Euch zu ſagen, daß die Weißkappen die Oberhand behal⸗ ten werden— die Weißkappen werden die Wie⸗ derherſteller Eurer Freiheiten ſeyn, und dieſe werden ſo rein und weiß ſeyn, wie es die Licht⸗ farbe dieſes Kremphutes iſt, waͤhrend die Haͤupter Eurer Bedruͤcker von ihrem eigenen Blute trie⸗ fen muͤſſen! Ihr Maͤnner von Gent, erhebt alſo Eure Stimmen und ruft aus in einmuͤthigem Tone: van Artaveld! Die Weißkappen fuͤr die Freiheit! Die Weißkappen fuͤr Gent!“ Augenblicklich faßte die Menge den Schwaͤr⸗ mereifer auf, den die wilde Beredtſamkeit der Zauberſchweſter ausgehaucht hatte; und von Munde zu Munde, von Schaar zu Schaar, rings um und von allen Enden der Ebene er⸗ ſcholl:„Die Weißkappen fuͤr van Artaveld! Die Weißkappen fur die Freiheiten von Gent!“ Waͤhrend Urſula die Menge anredete und waͤhrend ihr donnernder Zuruf noch von den Lippen Tauſender wiederhallte, waren mehrere dazu Beſtellte herbeigekommen, und wie in einem Momente ſah man mehrere Hunderte von weißen — —— N — * 325 Kremphuͤten unter die Schaaren der Hauptan⸗ fuͤhrer der Rebellen und unter andere Mißver⸗ gnugte, die ſich zu jenen jetzt oͤffentlich geſellten, austheilen. Dieſes ploͤtzliche Austheilen galt be⸗ ſonders fuͤr ein Wunder, das durch die uͤberna⸗ tuͤrliche Macht Urſula's herbeigefuͤhrt worden waͤre. Doch der liſtige Plan der Hexe, die mit ihrem Helfer du Bois unter Einer Decke ſpielte, erklaͤrt dies Wunder mit den Weißkappen hin⸗ laͤnglich. Es war Peter's Abſicht geweſen, daß die Anhaͤnger der Rebellion an einem beſondern Abzeichen kenntlich ſeyn ſollten, damit ihre Per⸗ ſonen auf ſolche Weiſe offenkundig und gleich erkennbar gemacht wuͤrden, und es ihnen ſo un⸗ moͤglich gemacht werden ſollte, ſich wieder ruck⸗ gaͤngig zu weiſen. Die ganze Vorkehrung mit der wunderſamen Austheilung der weißen Kremp⸗ huͤte war alſo unter nicht geringen Koſten und mit der groͤßten Hurtigkeit und Heimlichkeit vor⸗ her angelegt worden. Als der Tumult einigermaßen von ſeinem anfaͤnglichen Toſen nachgelaſſen hatte, begruͤßten die Ritter des heiligen Sebaſtian, die entzuckt 326 waren, daß die Wahl eines Oberhauptes auf ihren eigenen Hauptmann Philipp van Artaveld fiel, dieſen als ihren Fuͤhrer in der oͤffentlichen Sache, und gelobten mit unerheuchelter Freude, ihm zu jeder Zeit und durch jegliche Gefahr hin⸗ durch getreulich zu folgen. Philipp verſuchte jetzt zu reden, allein es waͤhrte eine Zeit lang, bevor er Gehoͤr erlangen konnte, denn der Jubel und der Zuruf der Menge dauerte fort, während die Rebellenſchaa⸗ ren, gleich den ruheloſen Wogen des Weltmee⸗ res, ſich vorwaͤrts und ruͤckwaͤrts in unaufhoͤr⸗ licher Aufregung bewegten, ſo wie der Eifer des Parteigeiſtes ſich ſteigerte oder ſenkte. Endlich gluͤckte es dem neuerwaͤhlten Ober⸗ haupte der Volksunruhen, Aufmerkſamkeit zu er⸗ halten; und nachdem er mit großer Beſonnen⸗ heit den Edlen von Harzelle, der ein hohes Staatsamt in Gent bekleidete, und Jean de Faucille, einen einſichtsvollen und reichbemittel⸗ ten genter Buͤrger, ſich zur Seite gerufen hatte, redete er das Volk folgendermaßen an:„Ihr Buͤrger von Gent, Ihr habt mich dahier um 327 der Ehre und Liebe willen, worin Ihr meines Vaters gedenkt, zum Oberhaupt erwaͤhlt; mei⸗ nes Vaters, der, wie Ihr Alle einmuͤthig einge⸗ ſtehen muͤßt, ſich dem Wohl Eurer Stadt weihte, Euren Reichthum vermehrte, Eure Freiheiten be⸗ ſtätigte. Ihr erwartet Viel von mir, meine Mitbuͤrger, von mir, der ich weder meines Vaters Einſicht, noch deſſen Erfahrung beſitze, um das Fahrzeug des oͤffentlichen Wohles durch eine ſo aufgewuͤhlte See zu ſteuern, wie die un⸗ ſerer ſtuͤrmiſchen Zeit es iſt. Mein Vater erret⸗ tete Euch Alle vor der Gefahr, in den Abgrund des Ungerechten zu ſinken, und Ihr vergaltet ihm dadurch, daß Ihr ihn erſchlugt! Wo werde ich alſo Sicherheit finden, wenn ich die Herrſchaft annehme, die Ihr mir bietet? Soll meines Vaters Schickſal auch das mei⸗ nige werden, ſo wird das eine elende Vergel⸗ tung ſeyn.“ „Nein, nein! Ihr ſeyd ſicher— Ihr ſeyd geſchutzt— Euer Vater war im Buͤndniſſe mit England. Er gab unſere Stadteinkunfte dem Konig Edward hin; Ihr werdet dergleichen nicht ———— 6„ — thun. Euer Vater ward von einer Partei um⸗ gebracht; ein Verräther erſchlug ihn.“ Dieſe Entgegnungen wurden von Verſchiede⸗ nen gemacht, die nicht fern von van Artaveld ſtanden. Dieſer nahm wieder das Wort:„Ich nehme die Wahl an. Ihr habt mich zum Volks⸗ manne, zu Euerm Oberhaupt, ernannt— ich nehme es an, aber ich thue es nicht aus perſoͤn⸗ licher Ruͤckſicht, nicht in dem Verlangen, mich hochgeſtellt zu wiſſen; ich nehme es an aus Liebe zu meiner Vaterſtadt und mit dem Wunſche, daß die Wohlhabendheit und die Freiheiten, die mein Vater der Stadt Gent ſicherte, fuͤr die er raſtlos ſtrebte, und die er mit ſeinem Tode be⸗ ſiegelte, nicht darum verloren gehen moͤgen, weil es an einem Fuͤhrer mangelt, der Eure Rechte in Kraft ſetze. Allein ich verlange einen Buͤr⸗ gerrath, der mit mir zuſammenhalte.“ „Ihr ſollt einen Buͤrgerrath haben,“ ſagte Peter du Bois;„einen Rath, der aus den Haͤuptern der Volkspartei und den erſten Bur⸗ gern von Gent gebildet iſt; und Ihr ſollt die erſte Maßregel in Vorſchlag bringen.“ —˙—— „ 2——— * „— ——„—„„—„— ùòà„— M W—* nc 5* M— 329 „Laßt es eine Maßregel der Vernunft, der Gerechtigkeit und der Maäßigung ſeyn,“ ſagte van Artaveld;„laßt—“ „Wer ſpricht von Maͤßigung?“ rief Urſula, die ſich nochmals dem ganzen Anblick der Menge darſtellte:„Thut Ihr das, van Artaveld? Wenn dieſe Augen in meinem Kopfe noch geſtern den verfluchteſten Anblick hatten, der ihnen jemals werden konnte— wenn ſie Das ſahen, was den gaͤnzlichen Untergang von Gent androht, wollt Ihr von Maͤßigung reden? Sah ich doch geſtern, wie Die zu Brugges an den Werken arbeiten, durch welche der Lauf des Lysfluſſes von der guten Stadt Gent zum Verderben ihres Handels abgeleitet und den neuen Canaͤlen von Brugges zugefuͤhrt werden ſoll!“ Dieſe Kunde, daß der Canalbau zu Brugges wirklich ſeinen Anfang genommen haͤtte, verbrei⸗ tete ſich wie ein Lauffeuer und erhitzte nochmals die Gemuͤther des Volks bis zur Raſerei. Man begehrte augenblickliche Genugthuung. Man wollte gegen Die von Brugges ziehen, und die erſte Handlung der Weißkappen ſollte die ſeyn, 330 die Werke derſelben zu zerſtoͤren; muͤßte es auch durch Todtſchlag an den Arbeitern vollzogen werden.„ Philipp van Artaveld redete nochmals die Menge an:„Meine Mitbuͤrger,“ rief er,„ich bin erwahlt worden, Euer Oberhaupt zu ſeyn, und Euch zum Vortheile will ich in Gemeinſinn mit Euern Fuͤhrern verfahren. Ich bin bereit, Alles zu thun, was noͤthig iſt und was gewagt werden muß, Genugthuung fur Euch zugefugtes Unrecht zu erlangen; doch laßt mich Euch Rath ertheilen, bevor Ihr zu Gewaltmaßregeln ſchrei⸗ tet, bevor Ihr das Blut Derer vergießt, die mit Euch in demſelben Lande geboren wurden, von demſelben Fuͤrſten beherrſcht werden. Be⸗ vor Ihr eine blutige Fehde gegen Euer eigenes Land beginnt, beſchwoͤr' ich Euch, meinem Vor⸗ ſchlage Gehor zu geben! Laßt eine aus achtba⸗ ren Perſonen, die Ihr dazu ernennen moͤgt, be⸗ ſtehende Geſandtſchaft dem Grafen ſich vorſtel⸗ len; laßt unſere Rechtsverſtändigen, unſere beß⸗ ten Buͤrger dieſe Geſandtſchaft unterſtutzen; laßt ſie dem Grafen alle unſere Klagen vorlegen und 331 Abſtellung des Unrechtes erbitten. Und als Un⸗ terpfand von Ludwig de Male's guter Geſin⸗ nung gegen Gent, moͤge er es ſich gefallen laſ⸗ ſen, den Buͤrgermeiſter Simon van Bet in Freiheit zu ſetzen, der im Kerker zu Ecclo ge⸗ fangen liegt.“ „Van Artaveld hat wohl geſprochen; ſo wol⸗ len wir's! Er moͤge die Geſandtſchaft anfuͤhren. Der Graf ſoll uns unſern Buͤrger herausgeben, wir wollen ihn in Freiheit wiſſen!“ Dieſe und viele andere Ausrufungen erſchollen aus der um⸗ ſtehenden Menge. „Mittlerweile, meine Freunde,“ fuhr van Artaveld fort,„befehle ich, als Euer Oberhaupt, daß Herr Walter d'Anghien und deſſen Beglei⸗ ter, gegen die wir keine Klage zu fuͤhren haben, in Freiheit geſetzt werden. Herr Walter that uns nichts Leides und kann vernuͤnftiger Weiſe nicht fuͤr das Thun ſeines Ohms verantwortlich gemacht werden; auch habt Ihr kein Recht dazu, ihn eher als Geiſel zu behalten, denn Ihr durch Verweigerung der Genugthuung zu offenem Streite getrieben worden ſeyd.— Herr Walter, Ihr und Eure edlen Freunde haben die Freiheit, nach Andrighien zuruͤckzukehren, und ſo Ihr freien Geleites beduͤrftig ſeyd, ſollen unſere Rit⸗ ter des heiligen Sebaſtian Euch dahin fuͤhren. Was Euch, Gilbert Mattheus, nebſt Euren Bruͤ⸗ dern betrifft, ſo haben unſere genter Buͤrger zu gehoͤriger Zeit und am geziemenden Orte ſchwere Klage gegen Euch zu erheben, dennoch muͤßt auch Ihr losgelaſſen werden. Van Arta⸗ veld wird nimmer zugeben, daß unbewehrte Maͤnner gefangen genommen werden; es moͤgte denn von Denen ſeyn, die mit uns offene Fehde zu fuͤhren haben, wenn all unſere Bemuͤhungen, Genugthuung zu erlangen, fehlſchlagen ſollten.“ Dieſer Vorſchlag ward lebhaft von Jean de Faucille, von dem Edlen von Harzelle und von mehreren andern ehrenwerthen Buͤrgern unter⸗ ſtuͤtzt. Selbſt die ſchlauen Parteihaͤupter konnten keinen genuͤgenden Vorwand finden, ſich dagegen aufzulehnen. Van Artaveld ward nunmehr zum Anfuͤhrer der Geſandtſchaft an den Grafen er⸗ nannt. Peter du Bois und Jan Lyon, die jede Gelegenheit erhaſchten, die Bruͤder Mattheus zu de 3 ,8(S — — it, hr it⸗ n. e. er te a⸗ rte te de demuͤthigen und in Nißlichkeiten zu verſetzen, brachten jetzt liſtig den Antrag vor, daß, da Gilbert Mattheus und deſſen Bruder Stephan, Beide geborne Genter wären, ſie Theil an der Geſandtſchaft nehmen ſollten. Wohl wußte du Bois, daß ſie in ihrer dermaligen Lage ſich deſ⸗ ſen nicht wuͤrden weigern koͤnnen; und er trug in der Abſicht darauf an, daß, im Falle der Graf eine beleidigende Antwort ertheilte, er die Gelegenheit benutzen koͤnnte, den Tadel uͤber ſchlechte Betreibung der Angelegenheit auf Gil⸗ bert Mattheus zu wälzen— ein Umſtand, der aller Wahrſcheinlichkeit nach den neuen Zunft⸗ meiſter ſo ſeinem Herrn wie dem Volke gehaͤſſig darſtellen wuͤrde. Alles war jetzt angeordnet und Philipp van Artaveld, ſtatt als Sieger an der Spitze ſeiner Bogenſchuͤtzen nach Gent zu⸗ ruͤckzukehren, machte ſich mit der Geſandtſchaft auf den Weg, um dem Grafen von Flandern zu Andrighien aufzuwarten. Jan Lyon und Peter du Bois, die Verlan⸗ gen trugen, ſich geheim mit einander zu beſpre⸗ chen, kehrten mit ihren Schaaren nach Gent zu⸗ 334 ruͤck. Der Poͤbel fing jetzt an, ſich zu verlaufen, und die ernſtere und aͤltere Buͤrgerclaſſe wan⸗ delte, beunruhigt und mißvergnuͤgt, ihren Woh⸗ nungen zu, waͤhrend die verſchiedenen Haͤupt⸗ linge der Weißkappen, nachdem ſie von du Bois ihre geheimen Befehle erhalten hatten, ihren Mannen die Weiſung gaben, ſich in ſolcher Be⸗ reitſchaft zu halten, daß ſie, bei dem erſten Auf⸗ rufe dazu, zu jeglicher nothwendigen That ſchrei⸗ ten koͤnnten. Nach wenigen Stunden war die Ebene von dem Gewuͤhle gaͤnzlich geſaͤubert; nur etliche Nachzuͤgler ſtreiften noch umher und ſehnten ſich nach der Ruͤckkehr der Geſandtſchaft. Die Straßen von Gent, welche im Allgemeinen Volksgruppen geſchaͤftig im Handelsverkehr wie⸗ ſen, wie ſie ſich durch und neben einander hin⸗ draͤngten, oder wie der Einzelne nur perſoͤnlicher Pflicht und Angelegenheit gedachte, boten jetzt einen ganz verſchiedenen Anblick dar. Bald ſah man Maͤnner mit Waffen in der Hand auf⸗ und abgehen, ernſte Erwartung auf dem Geſichte eines Jeden. Zu Zeiten ſprachen etliche von 335 ihnen auf ernſte, jedoch auch geheimnißvolle Weiſe mit einander. An einem andern Punkte nahm man Buͤrger in kleinen Haufen wahr, unter denen etliche heftig redeten, waͤhrend die Umſtehenden ſich mit Zuhoͤren begnuͤgten, auch wohl ſchweigend die Achſeln zuckten. Sogar die ſonſt Maͤßigen waren jetzt in Bewegung, wie⸗ wohl zum Unheil; und ſelbſt Weiber geſellten ſich zu dem Poͤbel, ſagten ſich los von aller Scheu und Schaam, und ſchrieen lauter als die Maͤnner uͤber die Zeiten und halfen mit, den Aufruhr rege zu machen. Die Werkbuden der Pfeilſchnitzer und Waf⸗ fenſchmiede waren gedraͤngt voll von Perſonen, die ſich mit Waffen verſehen wollten, um ent⸗ weder der Empoͤrung beizutreten, oder ihr Ei⸗ genthum gegen heſtige Wirkungen derſelben zu ſchuͤtzen. Etliche Haͤuſer waren verſchloſſen, waͤhrend andere geoͤffnet ſtanden; und jedes Gaſthaus in Gent war mit Leuten angefuͤllt, welche kamen, um Neuigkeiten zu hoͤren, zu er⸗ fahren, was vorgefallen wäre, oder Vorgefalle⸗ nes zu beſprechen, kurz: Jeder ſprach von ———— Staatsangelegenheiten und zwar kecker, als er es juͤngſther gewagt hatte zu thun, und urthelte nach ſeiner Weiſe uͤber Volksangelegenheiten ab. Man kann ſich vorſtellen, welche geſchaͤftige Zeit dies fuͤr Frau Martha und deren Gatten, Herrn Gerhard, den Wirthſchaftshaltern„Zum Monde“, war. Bis zum Ueberfluthen gefullt war „der Mond“ von Großbuͤrgern, Gewerbsleuten und Handwerkern jeglicher Gattung, wozu ſich auch verſchiedene wichtige Mitglieder der ſchlecht⸗ hin ſo genannten„Weißkappen“ geſellten. „Hier,“ rief der Wirth Gerhard,„hier ein Krug vom beßten Biere fuͤr Peter la Nuitée, den Hauptmann der ehrſamen Zunft der Gla⸗ ſer.— Einen Schemel her zum Sitzen fuͤr ſei⸗ nen Bannertraͤger, den Meiſter Vanderblaſt.— Und hoͤre, Weib, bring' einen Holzteller und ein Meſſer fuͤr Meiſter David Horkop, den Fleiſcher, einen der maͤchtigſten Hebel unſerer Freiheit, der Einen vom Hofe wie ein Kalb ab⸗ ſtechen wird, ſobald es dem Einen einfallen ſollte, auch nur die Spitze des Hornes an einem Stadtvorrecht zu betaſten.— Wuͤrdige Buͤr⸗ —„— e 337 ger!“ fuhr der Wirth fort, der gleich den mei⸗ ſten Maͤnnern ſeines Berufes fortwaͤhrend auf die vorherrſchende Stimmung ſeiner Gaͤſte einging— „wurdige Bürger! ich trinke dieſen Becher leer auf das Gedeihen der Weißkappen von Gent! Fullt Ihr die Eurigen bis zum Rande, und thut mir Beſcheid!“ Dieſem Aufrufe ward von den Gäſten eifrig Folge geleiſtet, und„Gedeihen den Weißkappen von Gent!“ widerhallte durch das Schenkgemach. Gerhard verlor keine Zeit, die Kruͤge und Becher anzukreiden, durch deren Mithuͤlfe die Kehlen gewaſchen worden waren, und beſchloß, die Le⸗ bensgeiſter ſeiner Gäſte nicht dadurch ſinken zu laſſen, daß er es dem Brande an Material feh⸗ len ließ; er war hie und war dort, und ſchenkte ein, waͤhrend ſeine beſonderen Weiſungen fuͤr das Ohr ſeiner nicht minder geſchaͤftigen Haus⸗ ehre aufbehalten blieben.„Hier, Weib! hier, Martha!“ rief er,„renne hinunter in den Kel⸗ ler und ſage dem Jungen, daß er alle Duͤnn⸗ bierfäſſer anzapft. Die Buͤrger werden warm und Vanderblaſt haͤlt ihnen eine Rede. Sie Die Weißkappen I. 22 ———— ſind Alle ſo hitzkoͤpfig und maultrocken, daß ſchlechtes Bier ſo gut wie das beßte hinunter⸗ rollt, und wir werden's auf ſolche Weiſe los. Schuͤtt' auch vom ſauren Wein zum Claret— heute merken ſie's nicht. Sie ſchwatzen ſo viel uͤber die Suͤßigkeiten der Freiheit, daß es ſelt⸗ ſam ſeyn muͤßte, wenn ſie das Suͤße nicht auch aus dem Halbſauren im Becher herausſchmeckten Flink, flink, ſag' ich; geh' und thu', wie ich Dir befehle; ich hab' hier vollauf zu ſchaffen.— Helft uns, Ihr Heiligen alle! wie legt der Van⸗ derblaſt los; er ſchwatzt wie ein Richter auf der Spruchbank und ſprudelt Redensarten von ſich, wie ein Eſel, der gegen das Regenwetter an⸗ ſchreit! Nun, das ſind merkwuͤrdige Zeiten; aber Jeder thue das Seinige— ich will dem Meinigen ſchon Genuͤge leiſten.“ Vanderblaſt, den unſere Leſer ſchon als je⸗ nen Glasblaͤſermeiſter kennen, dem es Obliegen⸗ heit geweſen war, den Herrn Simon van Bet zu verhaften, ſtrengte wirklich in dieſem Augen⸗ blicke alle Kraͤfte an, um mit der groͤßten Be⸗ redtſamkeit, die er aufbringen konnte, das Ge⸗ ℳ———„—„—— ſetz zu erklaͤren und die Rechtmaͤßigkeit der Sache auseinander zu ſetzen, fuͤr die er ſo warme Theilnahme an den Tag legte. Timotheus Vanderblaſt war ſeit laͤngerer Zeit das Orakel der Bierbank„Zum Monde“ geweſen, und ge⸗ ſellte zu einer hochſt unertraglichen hohen Mey⸗ nung von ſeiner eigenen Weisheit ein Hinanſtre⸗ ben zu einem Redeſtyl, der weit uͤber ſeinen Stand hinausreichte, welches ein Stuͤck An⸗ maßung war, zu welchem er urſpruͤnglich da⸗ durch gelangte, daß er als Junge den Brat⸗ ſpieß in der Kuͤche des Stadtlyceums zu Luttich drehte, bevor er zu einem Glasblaͤſer zu Gent in die Lehre gegeben ward, mit welcher Befoͤr⸗ derung er das ehrenwerthe Amt im Dienſte der Lyceumsgelahrtheit vertauſchte. Aber Timotheus brachte alle die gelehrten Brocken, die er bei der Dienerſchaft und den Studenten zu Luͤttich hatte aufleſen koͤnnen, mit nach Gent, wo ihm denn ſein Mißbrauch hochtrabender Worte und ſeine ihm anklebende Gewohnheit, von Dingen zu ſchwatzen, von denen er Nichts verſtand, ihm die Ehrenſtelle auf der Bierbank verſchafft hatten. 99* —— ——— —— Bei der diesmaligen Gelegenheit hatte ſeine duͤn⸗ kelvolle Weisheit ſich in eine Rede ergoſſen, die von ſeiner aus Handwerksgeſellen und Lehrjun⸗ gen beſtehenden Zuhoͤrerſchaft in ſchweigendem Staunen und mit offenem Maule hingenommen ward. Endlich gab David Horkop, der Fleiſcher, dem Redner einen herzlichen Schlag auf den Ruͤcken und verlautbarte ſich folgendermaßen: „Bei'm ſegensreichen heiligen Nicolaus! Du heſt, lieber Bruder Timotheus, eine ſo gute Rede ge⸗ halten, wie der Graf von Flandern ſelbſt es ge⸗ than haben moͤgte, wenn er Rebell worden ware, um ſeine eigene Regierung umzuſtoßen; und ich ſage, Meiſter Vanderblaſt ſoll zum Sprecher der Geſellſchaft ausgerufen werden, denn er hat eine Kehle, wie ein Bull und ein Herz wie ein ehr⸗ liches Rindvieh!“ „Und Hirn wie ein Falb,“ ſagte Wirth Gerhard mit Kichern; denn Gerhard haͤngte gern einen Witzzopf an die Geſprachsperuͤcke ſei⸗ ner Gäaͤſte. „Dank Euch, Nachbar,“ ſprach Vanderblaſt 3 zu Horkop;„Dank Euch fuͤr Euern guten Wil⸗ len. Es beliebt Euch alſo von mir zu reden, und ich ſelbſt glaube, daß ich von der hohen Schule was mit wegbrachte; denn ich kann meinen Namen ſchreiben, und bin ein Glasblä⸗ ſer, wie irgend einer in Gent iſt. Und was die Wiſſenſchaften betrifft, ſo pflegte meine Mutter, als ich noch Knabe war, ſchon zu ſagen, ich ſoͤge ſie mit der Muttermilch ein; denn ich konnte bis vier Stiege zahlen, ehe ich noch vier⸗ zehn Jahre alt war, ſo daß ich vor der ge⸗ wohnlichen Zeit fr einen Juͤngling galt.“*) „Ja, ja,“ ſagte Jeremias van Stitſchen, ein Wamsfabrikant von Gent,„ich ſag's, und kuͤm⸗ mere mich nicht d'rum, ob Einer es weiß, Mei⸗ ſter Vanderblaſt kann's mit einem Prieſter im Deutlichmachen aufnehmen. Und da ich, um ein getreuer Nachbar und guter Buͤrger zu ſeyn, ) Wenn der Sohn eines Buͤrgers vor ſeinem funf⸗ zehnten Jahre bis viermalzwanzig zählen konnte, hielt man ihn alt genug fuͤr einen Juͤngling und zu jedem Gewerksgeſchäft tuͤchtig. Anmerk. der Verfaſſerin. 342 meine Mitbuͤrger nicht verlaſſen, ſondern auf friedlichem Wege an der Rebellion Theil nehmen moͤgte, ſo wollte ich wohl es deutlich gemacht hoͤren, warum wir eigentlich fechten ſollten, und deswegen, weil ich hoͤre, es geſchehe, um die Freiheiten und Prifelgegen von Gent auf⸗ recht zu erhalten, ſo ſeyd ſo gut, Meiſter Van⸗ derblaſt, und erklaͤrt uns aus den Wiſſenſchaften, von welchen Prifelgegen denn die Rede iſt.“ „Ich verſtehe Euch ſchon,“ verſetzte Vander⸗ blaſt, mit einem deutungsvollen Zeichen der Zu⸗ friedenheit,„Ihr moͤgtet wiſſen, was das Wort bedeutet, von dem die Freiheiten herkommen, oder wie wir von der Schule her zu ſagen pfle⸗ gen, Ihr moͤgtet die Kronologie des Wortes Freiheiten und des Wortes Prifelgegen wiſſen!“ „Juſt ſo,“ antwortete der Wamsmacher, „und zwar recht deutlich.“ Vanderblaſt machte ein altkluges Geſicht, hielt die Naſe in die Hoͤhe, raͤuſperte ſich und ließ mit hoͤchſt auffordernder, belehrender Miene ſich alſo vernehmen:„Eine Freiheit, Meiſter Je⸗ W* 1—— 343 remies van Stitſchen, iſt ein Ding, das ſonder⸗ lich zum Geſetz gehoͤrt und von dieſem fuͤr uns Buͤrger aufrecht erhalten wird, ſo zum Wohle fuͤr uns, wie fuͤr unſere Vorahnen, bis zur ſpaͤteſten Genertion. Die Freiheit iſt der gute Name, der Stolz und Inſtinction des Buͤr⸗ gers. Kurz, die Freiheit iſt die Freiheit, und man verſteht darunter einen Zwang, alles Das thun zu koͤnnen, was mit dem Geſetze uͤberein⸗ ſtimmt, und worauf wir unſern Grund zur Re⸗ bellion ſtutzen. Eine Freiheit oder Prifelgegen geſtattet uns, auf eigene Hand Gerechtigkeit nachzuſuchen, ohne daß wir durch betrugeriſche Avkaten uns dazu verhelfen laſſen. Ein Pri⸗ felgegen gibt uns die Freiheit, wenn's im Lande unrichtig hergeht, den Einen in die Hoͤhe, den Andern herunterzubringen, und alle die Ade⸗ ligen aufzuhaͤngen, die nicht beſſer ſind, als ſie ſeyn ſollten. Ein Prifelgegen putzt Alles aus, was zum Nutzen leuchtet, und zerſchmeißt Grafen, Regierungen und Fuͤrſten mit einer Leichtigkeit, als wären ſie von Blaſeglas gemacht. Das iſt die Bedeutung der Woͤrter„Freiheit“ 34. und„Prifelgegen,“ und fuͤr dieſe wollen wir leben und ſterben, wie getreue Rebellen und hochherzige Verſchworene.“ „Das wollen wir,“ ſagte Horkop,„und ehe wir den Tyrannen und der Tyrannei einen Damm ſetzen, wollen wir dieſe Stadt in ein Schlachterhaus der Gerechtigkeit verwandeln, und jegliches Beeſt von ihnen ohne Gnade und An⸗ ſehen der Perſon abſtechen oder niederſchlagen!“ „Woran ich nur am meiſten denke,“ ſagte ein Schelde⸗Bootsmann,„iſt, wie bei'm Tl die alte Hexe es anſtellte, heute ſo viele weiße Kremphuͤte mit Einemmale fliegen zu laſ⸗ ſen. Sie wirbelten uns um die Ohren herum, wie Meerſchwalben, die kurz vor'm Sturme zu Strande jagen. Die Alte hielt ſie mit ſo vieler Leichtigkeit in die Hoͤhe, wie unſer Einer die Eine eigene Kappe kaum halten kann.“ „Sie hielt ſie mit mehr Leichtigkeit in die Hoͤhe,“ ſagte der Wirth,„als ſie ſie wieder hinwerfen koͤnnte, ſo lange man uns einen Kopf laͤßt, um eine Weißkappe d'raufzuſtulpen.“ „Was, Kerl! Du ſchwatzeſt davon, einen —— „—————— N weißen Kremphut zu tragen?“ ſprach Horkop zum Wirthe,„und Dein Haus ſteht doch in ſo ſonderer Gunſt bei des Grafen rechter Hand, dem Gilbert Mattheus? Deine Ohren werden dafuͤr buͤßen muͤſſen.“ „Mit nichten,“ antwortete Gerhard,„denn meine Ohren ſtehen jedem Gaſte offen, und meine Zunge regt ſich fuͤr jeden Gaſt. Wir vom oͤffentlichen Berufe, Meiſter Horkop, muͤſſen fuͤr die Leute leben, ſo wie wir von den Leu⸗ ten leben; und obwohl ich jedem Weißkaͤppler alles Gute wuͤnſche, ſo fuͤhr' ich doch nichts Arges gegen unſern Herrn noch gegen deſſen Volk im Schilde; denn ſie ſind alleſammt gute Freunde des Bratſpießes, wie des Kruges„im Monde“, und der Menſch muß es mit ſeinen Freunden halten. So ſehe ich nichts Unrechtes darin, wenn ich dieſen Becher leere und dazu ſpreche: Der Himmel ſegne unſern gnaͤdigen Grafen und die Weißkappen darneben!“ Dieſe drollige Miſchung von Vaſallentreu und Hochverrath, die von dem einfaͤltig-ſchlauen Wirth ſo oͤffentlich dargelegt ward, erzeugte 346 mehr Luſt als Verdruß, und die ganze Geſell⸗ ſchaft ſchritt wieder zum Politiſiren, und wuͤrzte jede Verhandlung mit einem friſchen Trunke aus dem Keller des Wirthes, ſo daß es uns im Vertrauen geſteckt ward, Frau Martha habe, als ſie der naͤchſten Meſſe beiwohnte und eine brennende Kerze auf den Altar ihres Lieblings⸗ heiligen zum Opfer ſtellte, ihrem Gebete die Bitte einverleibt, die Empoͤrung der Weißkap⸗ pen moͤgte noch lange, und beſonders deshalb fortdauern, daß ſie ferner zum Wohle des Gaſt⸗ hauſes„Zum Monde“ gereiche. Dreizehntes Capitel. Am Abend nach dem denkwuͤrdigen Tage, deſ⸗ ſen Ergebniſſe Gegenſtand des vorhergegangenen Capitels waren, hatten Jan Lyon und Peter du Bois zu ernſter Ruͤckſprache ſich eingeſchloſſen. Der Letztere, der liſtigſte aller Verſchworenen, wußte auf das ſchwache Gemuͤth ſeines Oheims dergeſtalt zu wirken, daß Jan Lyon nicht viel mehr als bloßes Werkzeug in Peter's Hand war. Beide hatten zwar oͤffentlich erklaͤrt, ihr einziger Beweggrund zum Aufruhr waͤre das Verlangen, ihren Mitbuͤrgern zu dienen; doch muß es dem Leſer ſchon bekannt ſeyn, daß Jan beſonders von giftigem Groll gegen Gilbert Mattheus ge⸗ leitet ward, daß bei Peter du Bois aber liſtige, 348 ſelbſtſuͤchtige und ehrgeizige Gemuͤthsart, verbun⸗ den mit der Hoffnung, ſeinen zerrutteten Ver⸗ moͤgensumſtaͤnden wieder aufzuhelfen, die eigent⸗ lichen Triebfedern ſeines Thuns abgaben. Ein genuͤgender Friede zwiſchen dem Grafen und deſſen Volke von Gent war demnach das Letzte, was von Oheim und Neffen gewuͤnſcht ward, da ſolcher weder die Rache des Einen befriedigt, noch den bankrotten Zuſtand des Andern gebeſ⸗ ſert haben wuͤrde. Bei alldem war weder Jan Lyon noch Pe⸗ ter du Bois ſo tief geſunken, daß ſie zu jegli⸗ chem boͤſen Thun faͤhig geweſen waͤren. Sie hegten die Hoffnung, ihren Zweck zu erreichen, ohne wirkliche Grauſamkeit an Andern zu ver⸗ uben. In wiefern ſie ſpäter an verbrecheriſcher Natur zunahmen, als ihre boͤſen Neigungen durch die Nachſicht, die ſie denſelben gewaͤhrten, Stärke gewannen, werden wir in der Folge ſehen. Als Jan Lyon bei ſeinem Neffen eintrat, ſchien er gedankenvoll und muͤrriſch zu ſeyn, und in ſeinem Weſen war eine Kaͤlte, woruͤber —————„. ⸗ Peter betroffen ward.„Ihr ſeyd uͤbler Laune heut Abend, Ohm,“ ſagte du Bois:„darf ich fragen, ob etwas vorfiel, was Euch ſo um⸗ ſtimmte?“ „Die Wahrheit zu ſagen,“ verſetzte Jan Lyon,„die ernſten Vorſtellungen, die meine Tochter mir heute gemacht hat, erſchuͤttern mich noch. Anna furchtet, unſere Plaͤne mögten ein ſchlimmes Ende nehmen und ſo ſcheu ſie ſonſt gegen mich zu ſeyn pflegte, hat ſie doch jetzt alle Schuͤchternheit abgelegt, und laͤßt ſich im Reden beinahe ſo keck vernehmen, wie wir ſelber es thun. Sie hat die Verwegenheit gehabt— kurz, ſie hat mir gerade heraus erklaͤrt, ich ſey nichts Beſſeres, als ein Verraͤther gegen meinen Lan⸗ desfurſten, der doch erſt juͤngſt meines Lebens ſchonte, als meine Partei nicht Macht genug be⸗ ſaß, mich gegen das Geſetz in Schutz zu neh⸗ men. Sie drohte mir des Himmels Rache an, wenn ich beharrte, und beſchwor mich dann mit einer Fluth von Thraͤnen und mit der liebevoll⸗ ſten Dreiſtigkeit, von meinen falſchen Freunden, wie ſie ſie nannte, abzulaſſen; ſo daß ich bei⸗ nahe in meinem Vorhaben erſchuͤttert und wan⸗ kend gemacht ward. Endlich gelang es mir je⸗ doch, ihrer Aufdringlichkeit ledig zu werden, in⸗ dem ich ſie, daß ſie fuͤr mich beten moͤgte, in die Veſper von Nicolaus ſchickte.“ „Und kann dergleichen einen Mann anfech⸗ ten, der in eine Verſchwoͤrung gleich der unſeri⸗ gen verwickelt ward?“ fragte du Bois hoͤhniſch und ſetzte hinzu:„Wenn dergleichen Gerede auf Euch wirkt, Oheim, ſo haͤttet Ihr Euch nicht auf Dinge von ſo hoher Wichtigkeit einlaſſen ſollen. Meine huͤbſche Baſe meynt es gut; al⸗ lein ſie weiß Nichts von unſern Angelegenheiten und ſoll auch Nichts von ihnen wiſſen. Weiber haben das Haus zu huͤten, bei ihrem Taͤndel⸗ werk und ihrem Gebetbuͤchlein zu bleiben, nicht aber ſich in Dinge zu mengen, die uͤber ihren Verſtand gehen; auch ſollte das Flennen einer huͤbſchen Dirne den Muth eines Mannes nicht erſchuͤttern, der darauf ausgeht, in einem Lande das Unterſte nach oben zu kehren. Pfui! pfui! dergleichen iſt Eurer unwerth. Aber ich habe Nachrichten, die unſere groͤßte Behutſamkeit in Anſpruch nehmen, um unſere Sache vor boͤſen Folgen zu bewahren. Wir muſſen dieſe Nacht noch wirken, ſonſt iſt Alles vergebens.“ „Was meynſt Du, Peter?“ rief Jan Lyon, „das muͤſſen ja wohl wichtige Nachrichten ſeyn?“ „Ja, und Nachrichten,“ antwortete du Bois, „wie wir ſie ſchwerlich vermutheten. Haͤtte ich vorherſehen koͤnnen, was ſich zutrug, ſo wuͤrde ich eher den Teufel als Philipp van Artaveld zum Oberhaupt gewaͤhlt haben. Koͤnnt Ihr's den⸗ ken, er redete dermaßen den Grafen von Flandern an, daß dieſer ihn einen wackern Mann nannte, ihn mit Huldworten uͤberhaͤufte, und ihm verſprach, die Taxe auf die Scheldefahrt aufzuheben, dem Canalbau in Brugges Einhalt zu thun, und zur Buͤrgſchaft ſeiner ferneren guten Geſinnung gegen Gent ſein Wort gab, den Simon van Bet in Freiheit zu ſetzen. Nun denkt der naͤr⸗ riſche alte Goldſchmied morgen ſeiner laͤcherlichen Prunkliebe guͤtlich zu thun und einen oͤffentlichen Einzug in die Stadt zu halten. Und was meynt Ihr, iſt die fuͤr uns veſtgeſetzte Bedingung zur Vergeltung dieſer Herablaſſung des Grafen?“ „Vielleicht ſollen wir aus eigenem Säckel eine halbe Jahresſteuer erlegen,“ meynte Jan Lyon. „Nichts da,“ verſetzte du Bois,„wir ſind aufgefordert, unſere weißen Kremphuͤte abzulegen, die Waffen zu ſtrecken, und Euer Kopf und der meinige ſollen, da wir die Anſtifter des Tu⸗ multes ſind, der Barmherzigkeit des Gra⸗ fen anheim geſtellt werden.“ „Das iſt eben ſo viel geſagt,“ ſprach Pe⸗ ter's Oheim,„als die Koͤpfe ſollen uns abge⸗ hackt werden, ſobald Gilbert Mattheus dem Nachrichter einen Wink gibt, das Beil dazu zu erheben; und Gilbert wird nicht ſaͤumen zu winken.“ „So wird das Ende ſeyn,“ entgegnete du Bois,„obwohl van Artaveld ausdruͤcklich be⸗ hauptet, veſtgeſetzt zu haben, daß unſeren Haͤup⸗ tern keine Gefahr drohen ſoll, und daß der Graf, der Macht dazu hat, uns mit einem Ver⸗ weiſe entlaſſe.“ „Dem moͤgte ich doch nicht trauen,“ meynte Jan Lyon;„Etwas muß augenblicklich gethan — —„(„—— — — 353 werden; wir muͤſſen alle unſere Parteien, alle verſchiedenen Zuͤnfte dazu vermoͤgen, daß ſie beſchließen, die weißen Huͤte nicht abzulegen; ſie muͤſſen verſprechen, uns beizuſtehen und unſere Sache aufrecht zu erhalten, ehe noch meines alten Freundes Simon van Bet's Frei⸗ laſſung ihnen kund werden kann. Erſcheint der als Unterpfand der Zuſagen Ludwig de Ma⸗ le's, eher, als das Volk gewonnen— ganz auf unſerer Seite iſt, ſo iſt wahrhaftig Alles verloren.“ „Laßt mich mit Herrn Simon nur machen,“ ſagte du Bois,„ich habe eine Falle bereit, in welche ich den alten Fuchs wohl fangen will; er ſoll nicht frei ſeyn, um uns Unheil zu bereiten. Er laͤßt mich wiſſen, der Graf habe ihm aller⸗ gnadigſt mitgetheilt, wie er beabſichtige, ihn in Freiheit zu ſetzen; und darum wuͤnſcht nun der Buͤrgermeiſter, mich außerhalb der Stadt zu ſprechen, damit ich ihn zum Marktplatz geleite, allwo er die Buͤrger mit einer Anrede uͤber ſeine Gefangenhaltung und Wiederfreilaſſung, wie ſie ſie noch nimmer gehoͤrt haben, uͤberra⸗ Die Weißkappen I. 23 ſchen will. Seht, hier iſt Herrn Simon's Zuſchrift, und der alte Goldſchmied laͤßt ſich mit einer Gewichtigkeit vernehmen, als ob die Welt ihren Stillſtand genommen hätte, ſeit er einge⸗ ſperrt ward, und als ob ſie nicht anders wieder in Gang kommen koͤnnte, als wenn man ihn wieder freilaͤßt.“ „Sein Weib, Dame Judith, hoͤrte ich,“ ſagte Jan Lyon,„ſoll wegen ſeiner Veſtnehmung ſich ſchwer bei den uͤbrigen Buͤrgermeiſtern beklagt haben.“ „Das hat ſie allerdings,“ entgegnete du Bois.„Die Zänkerin vermißte ihren Mann viel zu ſehr, als daß ſie lange ohne ihn haͤtte ſeyn koͤnnen; ſie bedurfte des Herrn Simon, um ihre Zunge in Uebung zu erhalten, ihren gewoͤhnli⸗ chen Gegenſtand ihrer Zornauslaſſung vor Augen zu haben. Sonder Zweifel hat die Ehrendame einen großen Vorrath von Zank ihrem Manne zur Bewillkommnung aufgeſpart, ſo daß dieſer jetzt dem Gefaͤngniſſe entrinnt, um in ſein noch ärgeres altes Joch zu gerathen. Die Knechte und Mägde des Hauſes werden jedoch froh ſeyn, raͤt ſch thi Au 355 denn die Portion Zank, die ſonſt dem Eheherrn zufiel, iſt ſeit deſſen Einſperrung uͤber ihre Koͤpfe gekommen.“ Waͤhrend du Bois dieſe Bemerkungen machte, und dabei ſeinen gewoͤhnlichen ſarkaſtiſchen Ton hoͤren ließ, ging Jan Lyon langſam am obern Ende des Gemaches auf und ab, ſtand dann ploͤtzlich ſtill, wendete ſich und ſagte zu du Bois: „Neffe, ich habe einen Plan erſonnen, der zu unſerer Rettung ausgefuͤhrt werden kann. Doch muͤſſen wir van Artaveld nicht mit allen unſeren Maßregeln bekannt machen. Er iſt freilich jung, tapfer und edelmuͤthig; auch iſt es gut, daß wir ihn zum Oberhaupte waͤhlten, denn er hat einen unbegraͤnzten Einfluß bei unſern beſonneneren Mitbuͤrgern, und ſein Name wirkt, gleichwie Urſula's Zauberruf, das Volk anzufeuern und aufzuregen; allein obwohl ich dies Alles ein⸗ raͤume, ſo iſt Philipp weder politiſch noch ver⸗ ſchwiegen. Er wird Alles im offenen Tageslicht thun, und wie kuͤhn und heilſam er auch zu Ausfuͤhrung unſerer Plaͤne wirken moͤge, ſo wird er doch vorſchnell in ſeinem Verfahren ſeyn; 23 1 wir ſelbſt ſind vielleicht vorſchnell geweſen, V litten werden, daß Simon van Bet das Volk anrede; deſſen Freilaſſung muß durchaus Ge⸗ heimniß bleiben. Sehen die Buͤrger Eines der 1 weil wir ihn gewaͤhlt haben. Dennoch ſind ſi wir die Haͤupter unſerer Schaaren; wir koͤn⸗ b nen ihnen ohne ſeine Mitwiſſenſchaft befehlen. 9 Zuerſt ſage mir, wann ſollen nach des Gra⸗ ſe fen von Flandern Willen die Weißkappen ihre 5 Huͤte ablegen, und wann ſollen Dein Kopf fe und der meinige ſeiner Barmherzigkeit uͤberliefert werden?“ „Ich habe nicht genau die Zeit erfahren,“ 1 antwortete du Bois;„allein es heißt, es wird t morgen auf dem Markte die Proclamation aus⸗ gerufen werden.“ t „So will ich noch in dieſer Nacht geſchaͤftig 5 ſeyn,“ ſagte Jan Lyon.„Laß all' unſere Man⸗ il nen, jeden bewaffnet und im weißen Hute, mor⸗ gen fruͤhzeitig verſammelt ſeyn. Wir wollen im ſ Trupp alsdann nach dem Markte. Es gebricht ſ mir jetzt an Zeit, Dir meinen Plan weiter mit⸗ t zutheilen. Auf jeden Fall aber muß es nicht ge⸗ 9 ra⸗ Verſprechen des Grafen erfuͤllt, ſo moͤgten ſie ſich in ſofern auf die uͤbrigen Zuſagen deſſel⸗ ben verlaſſen, daß ſie unter leidlichen Bedingun⸗ gen einen Frieden mit Ludwig abſchließen. Dies ſoll aber nicht geſchehen, und wir muͤſſen ſie zwingen, Etwas zu thun, wodurch Friede ge⸗ faͤhrlicher als Krieg gemacht wird.“ „Eure Befehle ſollen puͤnktlich vollzogen werden,“ verſetzte du Bois.„Seht da, Ohm, jetzt ſeyd Ihr wieder Ihr ſelbſt, und ſprecht und thut wie ein Mann. Weg alſo mit Weibern und Thorheit! Denkt nicht mehr an Eure Toch⸗ ter und verlaßt das Haus, ohne ihr Lebewohl zu ſagen; ſonſt dreht Ihr Euch wieder nach ihrer Rede Hauch, wie der Wetterhahn auf dem Kirchthurme. Arnold le Clerc ſoll unſere Leute ſchaaren und ſie hinfuͤhren, wo Ihr zu uns ſtoßen wollt. Und was Simon van Bet be⸗ trifft, ſo will ich mit etlichen auserleſenen Freunden ihn, noch ehe es Morgen wird, be⸗ gruͤßen; denn er verlaͤßt noch dieſe Nacht ſein Gefaͤngniß. Ich ſtehe Euch dafuͤr, daß er keine öffentlichen Reden halten ſoll. Eines iſt aber 358 nothwendig— Geld! Den letzten unſerer Beutel mit Kronthalern theilte ich am Morgen des Schießfeſtes unter unſere Kerle aus. Wir ha⸗ ben noch keine öffentliche Gewalt veruͤbt, keine Feindſeligkeiten haben bis jetzt begonnen, ſo daß wir nicht aus den Beuteln Anderer herausneh⸗ men koͤnnen; dennoch muͤſſen unſere Mannen Geld haben, damit ſie unſer bleiben. Ihr Ver⸗ langen nach dem Metall, ffuͤr welches ſie Leib und Seele an den Meiſtgebenden verkaufen wuͤr⸗ den, muß befriedigt werden.“ „Das iſt ein harter Punkt,“ ſagte Jan Lyon; „ich habe wenig uͤbrig. Gilbert Mattheus be⸗ raubte mich meines Amtes, und ſeitdem iſt Grundſtuͤck, Gold und Koſtbarkeit— Alles, was ich hatte— zu Foͤrderung unſerer Sache hinge⸗ geben worden. Meine Vermoͤgensumſtaͤnde ſind faſt eben ſo zerruͤttet, wie die Deinigen. Wenn wir nicht bald zur That ſchreiten, werde ich we⸗ nig mehr als ein Bettler ſeyn.“ „Wenn es denn ſo verzweifelt um Euch ſteht, ſo muͤſſen wir anderswo nach Golde um⸗ ſchauen,“ verſetzte Peter;„denn Gold muͤſſen tel es a⸗ ve⸗ ch — — 359 wir haben, und das noch in dieſer Nacht. Laßt mich ſehen, was gethan werden kann. Von Philipp van Artaveld duͤrfen wir Nichts fordern, denn der darf von unſern Plaͤnen Nichts wiſſen. Aber ich kenne Einen, der Mittel hat, und den will ich wo moͤglich durch gute Worte gewinnen; wo nicht——“ Du Bois hielt inne und ſchlug heftig an den Griff ſeines Schwertes, das er alsdann halb aus der Scheide zog. „Von wem ſprichſt Du?“ fragte Jan Lyon, der auf die Bewegung Peter's nicht achten wollte, obſchon er ſie bemerkte. „Von dem elenden alten Flachkopf, dem Bernhard Goldſieb,“ antwortete du Bois,„dem Antorfer Wucherer, der ſich zu uns geſellte, weil er einen Groll gegen den Grafen hegt. Ich will den alten Goldſieb ſehen. Der Kerl hat Ueber⸗ fluß an Schätzen, dennoch kargt er ſich, aus Furcht in Mangel zu gerathen, dem Jammer⸗ tode entgegen, waͤhrend Alter und Elend ihn durch verlaͤngerte Marter dem Grabe zufuͤhren, in das ſein duͤrrer Leib bald hinabſtuͤrzen muß— er iſt ein bloßes Gerippe, an welchem kaum ein einziger Wurm ſich maͤſten kann.“ „Du wirſt nimmer einen einzigen Krontha⸗ ler von ihm erlangen,“ ſagte Jan Lyon,„es mögte denn die Sicherheit, die Du ihm dagegen anbieteſt, ſo zuverlaͤſſig wie die eines läͤnderrei⸗ chen Fuͤrſten ſeyn.“ „Will's dennoch verſuchen,“ ſagte du Bois. „Mittlerweile bereitet Alles zu morgen vor; ich ſehe Euch noch vor Schlafengehen, jedoch nicht hier. In meinem Hauſe wollen wir in der Nacht noch eine Zuſammenkunft in unſerem ge⸗ woͤhnlichen Verſammlungsgewoͤlbe mit Arnold le Clerc halten.“ „Um Mitternacht werd' ich dort ſeyn,“ ſagte Jan Lyon;„bis dahin leb' wohl.“ Mit dieſer Uebereinkunft ſchieden Oheim und Neffe von einander. Jan Lyon verlor keine Zeit, ſeinen Schaaren der Weißkappen die noͤthi⸗ gen Weiſungen zu geben, und Peter du Bois ging zu Bernhard Goldſieb, der ſich jetzt in Gent aufhielt, und in welchem der Leſer eines der Mitglieder des Conclave erkennen mag, ———, — 80 M — —— N — 361— durch welches Anna im Hauſe ihres Vetters ſo gewaltig erſchuͤttert ward. Als du Bois in die Wohnung des elenden Wucherers trat, zeigte man ihn in ein inneres Gemach, wo jeglicher Gegenſtand den Geiſt und die Lebensweiſe ſeines Eigners auszuſprechen ſchien. Das Gemach war groß, duͤſter und al⸗ terthuͤmlich; die Fenſter in dem Getäfel waren, gleichwie ein Gefaͤngniß, mit Eiſenſtangen ver⸗ wahrt; und nicht nur entbehrte alles Geräth das Anſehn, welches durch Wohlhabendheit ver⸗ liehen wird, ſondern ein Schein von Armuth und Niedrigkeit ſchien ſorglich angenommen wor⸗ den zu ſeyn; denn Bequemlichkeit oder Zweck⸗ maͤßigkeit waren Dinge, die ſich nimmer in der Behauſung des alten Goldſieb gefunden hatten. Die von der Zeit und von altersdickem Staube geſchwaͤrzten Waͤnde des Gemaches dunſteten; nichts ſchien hier zu gedeihen, als die Spinnen, die von ungeheurer Groͤße und in zahlloſer Menge ihre Gewebe von Winkel zu Winkel in ungeſtoͤrter Sicherheit als hangende Gewinde be⸗ veſtigt hatten. 362 In der einen Ecke des Gemaches ſtand ein großer Kachelofen; in der Mitte befand ſich ein rauh gezimmerter Eichentiſch, und daneben ein uͤberaus alterthuͤmlicher Stuhl, hochſt wahrſchein⸗ lich deutſchen Machwerks, indem drei Beine deſ⸗ ſelben in rohem Schnitzwerke deutſche Waldthiere vorſtellten; das vierte Bein war ein bloßes Holzſcheit, eine Ausbeſſerung, die der alte Filz daran hatte vornehmen laſſen. In einer Niſche hing ein Crucifir und unfern deſſelben ſtand ein zweiter Tiſch, der ungeheure Stapel gebraunter Papiere und ſtaubiger Pergamente, nebſt einer Menge von mannichfaltigen Gegenſtänden ent⸗ hielt, die ohne irgend einen Zweck der Nutzlich⸗ keit zuſammengeleſen worden waren. Allem Vermuthen nach waren dieſelben von dem Geizi⸗ gen aus dem Kehrig ſeiner minder ſparſamen Bekannten geſammelt worden; denn„Nichts muß verloren gehen, denn Nichts iſt nutzlos,“ war eine Maxime, welche Goldſieb all ſein Lebelang Goldſieb war ein gewaltiger Sammler, das heißt, von Dingen, die ihm befolgt hatte. Nichts koſteten; ſo hatte er gleich andern Samm⸗ — 8 8 W lern große Vorräthe von Reliquien, nur mit dem Unterſchiede, daß die ſeinigen Nichts werth waren, und deren einziges Intereſſe vielleicht ihr Alter ſeyn mogte. Das Gemach war mit Tapeten aus der al⸗ ten flamlaͤndiſchen Schule ausgeſchlagen, welche die Ueberſpannungen verſchiedener beruͤhmter Hei— ligen im Bilde zeigten; Etliche geißelten ihren Ruͤcken zu Ehren der Kirche, waͤhrend Andere, wehvolle Bilder der Enthaltſamkeit und des Aberglaubens, faſt ſo knochig wie das Gerippe ausſahen, das als Sinnbild des Todes ihnen zu Fuͤßen lag. Es war keineswegs unwahrſchein⸗ lich, daß dieſe Abbildungen, die beſtandig vor den Augen des Geizhalſes waren, auf die Seele deſſelben wie Gegenſtaͤnde der Ermunterung und der Erbauung wirkten und ihn in der Selbſt⸗ verleugnung beſtärkten; denn armſelige Koſt hatte jede Muskel Goldſieb's ausgedoͤrrt und ihn bis auf Haut und Knochen verzehrt. Seine Augen lagen eingeſunken in ihren Hoͤhlen, und ſchienen doch in Folge des Contraſtes mit ſeinen einge⸗ fallenen Wangen aus einem Kopfe hervorzu⸗ 364 dringen, welches ihm ein ſo geſpenſtiſches An⸗ ſehen verlieh, daß, wenn einem Maler eine Studie noͤthig geweſen waͤre, die Idee des Hungers zu verbildlichen, Bernhard Goldſieb ihm als das trefflichſte Modell haätte dienen moͤgen. Die Thuͤr war unſerm du Bois durch ein etwa zwoͤlfjahriges Maͤdchen geoͤffnet worden, deren Geſicht hager und kraͤnklich ausſah. Da das Kind das Ungluͤck hatte, die verwaiſete Nichte des alten Bernhard zu ſeyn, war ſie Eins in Allem ſeine Geſellſchafterin, ſeine Pflegerin und Haushaͤlterin, der in ihren haͤuslichen Ob⸗ liegenheiten gelegentliche Beihuͤlfe durch einen alten Mann ward, welcher mehr aus Ge⸗ wohnheit als aus Dankbarkeit dem alten Wuche⸗ rer einige Dienſte leiſtete, weil dieſer ihm ein kuͤmmerliches Almoſen unter dem Namen Wohl⸗ that hinwarf. Peter ſagte dem Kinde, daß er wichtige Ge⸗ ſchaͤfte mit Herrn Goldſieb haͤtte, und dringend wuͤnſchte, ihn zu ſprechen; allein die Kleine er⸗ klaͤrte, daß ihr Oheim nicht daheim ſey, auf eine Weiſe, welche du Bois uͤberzeugte, daß ſie die Wahrheit ſagte. „Und wohin iſt er gegangen, mein zartes Maͤuschen?“ fragte Peter,„und wann wird er heimkommen?“ „Er iſt, wie ich glaube, auf den Markt ge⸗ gangen,“ verſetzte das Kind,„denn uns hun⸗ gert, und der Oheim kauft immer nur des Abends Fleiſch, weil er dann das Nachgebliebene billiger erhaͤlt, als er es am Morgen bekommen haben wuͤrde, und weil er mich nicht hingehen läßt, aus Furcht, ich moͤgte gleich ſo viel hin⸗ geben, wie die Leute fordern. Ich moͤgte wohl, daß er heimkaͤme, denn mich verlangt gar ſehr nach etwas Abendbrote.“ „Elender Filz!“ murmelte du Bois;„doch muß er uns helfen; ich verlaſſe das Haus nicht eher, als bis er es that.“ Peter ſagte nun dem Maͤdchen, daß er ſo lange warten wollte, bis ihr Oheim zuruͤckkehren wuͤrde, da ſein Geſchaͤft keinen Aufſchub litte; und indem die Kleine ihn bat, in dem Zimmer zu weilen, wo er ſich befaͤnde, ging ſie fort, um —56⁵ nach ihrer Gewohnheit in der Kuͤche ihr Weſen zu treiben. Du Bois warf ſich in den alten Stuhl, und ſeine Gedanken gewaͤhrten ihm fuͤr ein Weilchen hinlaͤngliche Beſchaͤftigung. Endlich ward er ungeduldig und dachte ſchon daran, ſich fur jetzt zuruͤckzuziehen und eine Stunde ſpäter wieder vorzuſprechen, als er ein ſeltſames Ge⸗ raͤuſch unter dem Fußboden am aͤußerſten Ende des Gemaches vernahm. Er lauſchte; das Ge⸗ räuſch wiederholte ſich. Peter ſaß ganz ruhig, entſchloſſen, die Urſache davon zu ergrunden. Seine eigene Perſon war dabei ziemlich durch die Dunkelheit des Abends, die ſchon bedeutend hereingebrochen war, verſteckt. Du Bois heftete den Blick auf die Stelle, von der das Geraͤuſch herzukommen ſchien, und ſah endlich ploͤtzlich eine Fallthur ſich niederſen⸗ ken. In der naͤchſten Minute ſtieg langſam und vorſichtig die Geſtalt Goldſieb's herauf. Die Augen des Geizigen flimmerten, wie von innerer Zufriedenheit, da eine Lampe, die er in ſeiner Hand hielt, deutlich die ausgemergelten und ge⸗ ſpi bli au un V ne al 367 ſpenſtiſchen Zuͤge ſeines Angeſichtes erblicken ließ. Bernhard ſetzte die Lampe auf den Fußboden und verſchloß dann die Fallthuͤr, die zu dem Goͤtzen ſeiner Anbetung, zu dem Goͤtzen ſeines Fuͤrchtens und ſeines Hoffens— zu ſeinem Golde fuͤhrte. Als er die Fallthuͤr mittelſt einer geheimen Feder verſchloſſen hatte, nahm er die Lampe wieder zur Hand, richtete ſich auf und ſchritt zum Tiſche. Der erſte Gegenſtand, den er er⸗ blickte, war— Peter du Bois, welcher ruhig auf dem alten Seſſel ſaß und die Augen auf⸗ merkſam auf ihn geheftet hatte! Allein, welche Worte koͤnnen ſeine Betroffenheit uͤber ſolch einen unerwarteten Anblick beſchreiben? Schrecken und Verzweiflung ſchienen um die Herrſchaft in ſei⸗ nem Geſichtsausdrucke ſich zu ſtreiten; waͤhrend alt, ſchwach und huͤlflos, wie er war, er durch eine ſo ploͤtzlich auf ihn eindringende Beun⸗ ruhigung ſchier zu Boden hätte ſinken moͤgen. Es ſchien, als verließe ihn ſein Verſtand; min⸗ deſtens verließ ihn die Klugheit, obwohl nicht die Liſt, indem er mit dem Gekreiſch der Be⸗ ——— 368 ſorgniß ausrief:„Ich bin verrathen! zu Grund gerichtet! beraubt! ermordet!— aber ich habe kein Gold da unten,“— hier zeigte er auf die Fallthuͤr—„es iſt da nur ein Ort, den ich als Buͤßender, zur Kaſteiung fuͤr meine Suͤnden beſuche.“ „Iſt's ſo, alter Bernhard?“ ſagte du Bois ſarkaſtiſch, indem er ſeinen Sitz verließ.„Ich haͤtte geglaubt, Ihr ſtieget dort hinab, um Reich⸗ thum zu betrachten, der Euch bequemes Leben verſchaffen koͤnnte, während Ihr täglich im Elend immer jaͤmmerlicher zuſammenſchrumpft. Doch mich braucht Ihr nicht zu fuͤrchten. Ich habe Euer Geheimniß entdeckt—“ Bernhard kopfſchuͤttelte; du Bois fuhr fort: „Ja, Ihr wißt, daß ich es entdeckt habe, und das durch Eure eigene Thorheit! Das Kind glaubte Euch außer Hauſe und bat mich, hier zu warten.“ „Ja, ja!“ entgegnete der Geizige in einem von Alter und Koͤrperſchwaͤche bebenden Tone; jedoch aus gewohntem Argwohn vorſichtig, fuͤgte er mit bedeutendem Blicke hinzu:„Maädchen ſind e 369 achtlos; Maͤdchen plappern gern; darum laß' ich meiner Nichte niemals etwas davon wiſſen, wenn ich aus dem Lichte des Tages hinabſteige, um in den Eingeweiden der Erde meine Bußuͤbun⸗ gen abzuhalten. Ich ſage ihr, daß ich ausgehen will, und ſchicke ſie fort an ihre Hausarbeit. Wie's aber kam, daß ich heute es vergaß, dieſe Gemachthuͤr zu verſchließen, daß Niemand die Stunde meiner Andachtsuͤbung ſtoͤren moͤge, wundert mich.“ „Ei, das war nun ſo Wille des Schickſals,“ ſagte Peter,„damit ich hereinkommen konnte. Laß Dich das nicht irren, Mann; Du biſt ſicher, denn ich bin weder ein Raͤuber noch ein Moͤr⸗ der. Doch dieſe Redensarten fruchten hier nicht. Meynt Ihr, ich haͤtte Euch nicht durchſchau't, Goldſieb? Du und Bußuͤbungen? Ja, Deine Augen an Geldſaͤcken, an Stangenkiſten und Juwelenkaͤſtchen zu letzen; das ſind Deine Uebungen da drunten in der Hoͤhle der Feindſe⸗ ligkeit, wo das Stoͤhnen der Gequaͤlten, denen Ihr den letzten Morgen Landes abgewuchert habt, Euch nimmer zu Ohren dringt; wo Witt⸗ Die Weißkappen I. 24 wenthraͤnen und Waiſenſeufzer nimmer hindrin⸗ gen, um Handſchriften auszuloͤſchen, oder das letzte Pfand der dringenden Noth wegzuhauchen; wo Dein Nachdenken uͤber den erſten beſten Vergeuder ſinnt, der da eilt unter Deiner Ob⸗ hut ſeinen Untergang zu vervollſtaͤndigen; und wo Du die Schelme und Narren ſummiren kannſt, die Alle zu Dir um Huͤlfe ſchreien, und Dich verfluchen, indem ſie ſie annehmen.“ „Holla, Peter!“ ſagte der Alte, indem er von Furcht erbebte, wobei ſein Auge mit Er⸗ ſtaunen und Argwohn auf du Bois blickte. „Was heißt das?“ und mit einem ſeltſamen Ausruf, der unfreiwillig vom Schrecken erzeugt ward, und den der Geizhals zuruͤckdraͤngte und in ein Lachen guter Genoſſenſchaft verwandeln wollte, fuͤgte er hinzu:„Wir muͤſſen einander nicht aufziehen, wir ſind ja Cameraden!“ Peter erkannte den ungewoͤhnlichen Vortheil, den er dadurch gewonnen hatte, das Geheimniß Bernhard's entdeckt zu haben; und da er wußte, denſelben benutzen zu koͤnnen, ſobald er die Furcht des feigen Filzes rege machte, der vor ihm ſtand, ſprach er wieder in rauhem und ent⸗ ſcheidendem Tone:„Ich weiß, Ihr habt Reich⸗ thuͤmer, Bernhard, und weiß, wo Ihr ſie ver⸗ borgen haltet; Reichthuͤmer, die nutzlos ſind, wie ihr Beſitzer es iſt. Doch koͤnnen ſie viel Gutes ſtiften, ſobald ſie gehoͤrig in Umlauf ge⸗ ſetzt welden. Iſt es Dir jemals eingefallen, Goldſieb, daß Deine Schaͤtze da unten liegen bleiben ſollen, ohne hervorgeholt zu werden, ehe nicht die Maͤnner kommen, die Deinen elenden Leichnam in einem Sarge zur Gruft tragen? Iſt Dir das jemals eingefallen?“ „Nun, nun— hm! hm!“ antwortete Gold⸗ ſieb hoͤchlich erſchreckt;„ich denke zu Zeiten daran, wenn ich meine Suͤnden bereue; doch noch bin ich nicht todt, Peter, und nimmer hatte ich viel mit den Aerzten zu ſchaffen; und ſo hoffe ich, es zu erleben, Dich als einen ſo großen Mann zu ſehen, wie Du einer zu werden hoffſt.“ „Und meinetwegen moͤgt Ihr leben,“ ſagte du Bois;„was aber meine Groͤße betrifft, ſo muͤßt Ihr mir dazu verhelfen, muͤßt mir dienen.“ 24* 372 „Ei freilich,“ verſetzte Goldſieb,„allewege ſo weit ſich's thun laͤßt, ſo weit meine Kraͤfte und meine Mittel reichen. Ich wuͤrde Euch die⸗ nen, wie ich meinem beßten Freunde irgend die⸗ nen kann,“ ſchloß der alte Schurke, der jetzt glaubte, du Bois waͤre in beſſere Laune ge⸗ rathen. „Das moͤgt' ich nicht,“ entgegnete du Bois, „denn ich trage kein Verlangen danach, des Ta⸗ geslichtes zu entbehren, wie Deine Silberbeutel und Goldſtangen es muͤſſen. Dein Dienſt muß mit einer Freilaſſung beginnen.“ „Recht gern,“ ſagte der Wucherer, der jetzt zu dem Tiſche mit den Pergamenten hinſchau⸗ felte, in der Meynung, du Bois wolle Geld bei ihm aufnehmen;„aber Alles in der Ord⸗ nung, und ſo weit ein armer alter Mann, wie ich bin, es ohne Gewiſſensverletzung thun kann.“ „Gewiſſen!“ rief Peter lachend.—„Nein, nein! Dein Gewiſſen ſollſt Du nicht verletzen, indem ich Dich zwinge, Geld ohne Zins zu verleihen. Alles, was ich verlange, iſt ein Ge⸗ ſchenk— ein freies, edelmuͤthiges Geſchenk, um 378 unſre Sache durch etliche Deiner Kronthaler zu foͤrdern.“ Wenn der Leſer jemals Gelegenheit gehabt hat, ein Menſchengebild zu ſehen, deſſen ganze Seele, ja auch deſſen Leib ploͤtzlich den heſtigſten Uebergang von Freude zu Jammer, von Hoff⸗ nung zu Verzweiflung erleiden mußte, ſo kann er ſich einen Begriff von dem Blick und dem Weſen des alten Bernhard in dieſem Augenblicke machen; doch ſchwer wuͤrde es halten, eine Be⸗ ſchreibung davon abzugeben, ſo uͤber die Maßen erſtaunt, ſo ganz verdummt ſtand der Geizhals da, als ihm ein„Geſchenk“ abgefordert ward; ſo daß er ſchweigend die Kuͤhnheit Peter's an⸗ ſtarrte, indem er beide Haͤnde erhob und wieder erſchlafft ſinken ließ. Endlich gewannen Geiz und Unwille die Oberhand ſelbſt uͤber die Furcht, und Goldſieb fand den Gebrauch ſeiner Zunge wieder, um Fluͤche uͤber Peter's freche Forde⸗ rung— Fluͤche herauszuſprudeln, die zu ſcheuß⸗ lich waren, als daß ſie wiederholt werden koͤnnten. Eine Zeit lang ließ du Bois den Sturm wuͤthen, dann ſprach er hochſt gelaſſen:„Bern⸗ hard, ich laſſe Euch eine ehrliche Warnung zu⸗ kommen. Mir liegt nichts daran, das Geheim⸗ niß von dem Eingang zu Eurer Goldhoͤhle zu bewahren, und unſere Weißkappen haben fur ed⸗ les Metall einen ſo ſcharfen Blick, wie Ihr ihn habt, und erfreuen ſich dabei ſtaͤrkerer Arme und juͤngerer Fuͤße, als Ihr; unſere Weißkappen ſol⸗ len Euch einen Beſuch abſtatten.“ „Die? Die?“ entgegnete Goldſieb.„Die koͤnnen das nicht, die thun mir nichts Leides. Ich bin ihr Genoß, bin eines ihrer Haupter.“ „Und deswegen werden ſie mit Euch theilen wollen,“ ſagte du Bois.„Doch fuͤgt es ſich ſo, daß der Augenblick hoͤchſt gefaͤhrlich fuͤr Euch iſt, der Ihr Euch eines der Haͤupter der Weiß⸗ kappen nennt; denn wenn Ihr nicht vor mor⸗ gen fruͤh meine Bitte erfuͤllt, ſo wird, eben weil Ihr ein Haupt ſeyd, Euer Haupt morgen durch den Oberſchultheiß dem Nachrichter anheim fal— len. Der Graf hat eingewilligt, alle Privilegien wieder herzuſtellen, ſobald jeder Anfuͤhrer der Weißkappen den Gerichten geſtellt wird. Euer Tod iſt demnach ſo gewiß, wie der meinige, ſo⸗ — 375 bald wir nicht noch in dieſer Nacht Gold finden koͤnnen; ja, Gold, alter Bernhard! um unſere Leute zu bewegen, daß ſie ihre Weißkappen nicht ablegen, ſondern ihren Haͤuptern beiſtehen, damit unſere Haͤupter uns nicht vom Rumpfe getrennt werden.“ „Und muß ich, muß ich,“ ſagte der Geiz⸗ hals in einem Tone, der von der unſäglichen Angſt ſeiner Seele zeugte—„muß ich von all⸗ dem ſcheiden, was mir das Theuerſte auf Erden iſt? Iſt es darum,“ fuhr er fort, indem er die Haͤnde rang—„iſt es darum Tag und Nacht mein muͤhſeliges Trachten geweſen; mir alle Pflege und alle Ruhe zu verſagen? Bin ich darum all mein Lebelang gehaßt und vermaledeit worden, daß ich jetzt in meinem hohen Alter an böſem Herzweh ſterben ſoll, daß ich—— ich kann's nicht, ich kann nichts hergeben! Der Graf iſt barmherzig; der Schoͤffe kann nichts ohne des Grafen Zuſtimmung— es wird ſich geben! Sinnt auf einen andern Ausweg.“ „Es gibt keinen andern Weg, der Euch ret⸗ ten koͤnnte,“ ſagte du Bois,„denn Ihr ſeyd 376 dem Gilbert Mattheus beſonders verhaßt, und er hat geſchworen, bei der erſten Gelegenheit Rache an Euch zu nehmen. Ihr weigertet ihm tauſend Kronthaler, deren er bedurfte, ehe er zu ſeinem neuen Amte kam, und koͤnnt Ihr jetzt hoffen, ſobald unſere Weißkappen nicht von uns unterſtutzt werden, damit ſie uns wieder unterſtutzen— koͤnnt Ihr jetzt hoffen, ſag' ich, dieſen Euern Kopf noch laͤnger zwiſchen den Schultern zu behalten, hoͤchſtwuͤrdiger Bern⸗ hard? Wohlan! nehmt Euch zuſammen! denkt, es ſey, um Euer Leben zu retten; oͤffnet Eure Beutel und ſetzt die Muͤnzen in Freiheit. In der Gruft da unten koͤnnen ſie Euch keinen Troſt gewaͤhren; denn bedenkt, ſo wie Euer al— leiniges Entzuͤcken es iſt, ſie zu betrachten, ſo gewiß werden Eure Augen ſich von morgen an im Dunkeln wiſſen, bis der Nachrichter Euch abfertigt.“ Mit ſolchen Gruͤnden und Drohungen drang Peter du Bois auf die Seele des Wucherers ein, der endlich, durch die uͤbertriebenen Rede⸗ bilder Peter's dazu vermogt, darein willigte 1 377 eine Summe Geldes aus ſeiner geheimen Vor⸗ rathskammer herzuſchießen. Nachdem Goldſieb mit unſaͤglichem Widerwillen dieſe Zuſage ge⸗ leiſtet hatte, ſchickte er ſich an, allein in ſeine Hoͤhle hinabzukriechen; doch dies wollte Peter nicht geſtatten. „Nein, nein, Bernhard,“ ſagte du Bois, „ich gehe mit Euch. Der beſondere Werth, den ich auf Euern Kopf lege, laͤßt es mir nicht zu, es Euerm Gewiſſen zu uͤberlaſſen, die Summe abzuzaͤhlen, die zu unſerer Rettung verwendet werden muß. Das Gold darf nicht geſchont werden, wenn es gilt, den Eigner der Geldſäcke aufzuknuͤpfen oder zu koͤpfen. Nur voran, ich folg' Euch! Oeffnet die Fallthuͤr und gebt mir die Lampe.“ Mit dem groͤßten Widerwillen fuͤgte ſich Goldſieb. Waͤre er die Stufen zu dem Kerker hinabgeſtiegen, mit welchem du Bois ihm ge⸗ droht hatte, er wuͤrde es kaum mit langſamerem Schritte, mit geſpenſtiſcherem Geſichtsausdrucke haben thun koͤnnen. In ihm wuͤhlte es furchter⸗ lich und gab ſich durch beſonderes Seußsen, durch ein eigenthuͤmliches Stöhnen zu erkennen, welches das Klirren der Schluͤſſel begleitete, als er eine der Eiſenkiſten aufſchloß. „Kommt,“ ſagte du Bois,„laßt mich Euch das peinvolle Amt erſparen, dieſen Gefangenen die Freiheit zu geben. Ich will ſie herausneh⸗ men, und bei dieſem Beutel, dieſem großen le⸗ dernen Beutel anfangen.“ „Nein, nein; den nicht!“ rief der Geizhals; „den nicht, darin ſind Gulden, alle vom rein⸗ ſten Golde, die nicht einen Gran am Gewicht ermangeln. Pier, nehmt funfzig Kronthaler flä⸗ miſch Geld!“ „Funfzig Kronthaler!“ rief du Bois— „das iſt nichts. Was ſind funfzig Kronthaler unter unſerer Bande? Seyd Ihr toll, daß Ihr die anbietet? Gebt Gold her, gutes Gold, jedes Muͤnzſtuͤck vollwichtig gerundet, ſchwer und mit einem Bilde beſtempelt, das den Te ſelbſt beſtechen moͤgte, daß er es anbetet! Ueberdies laßt ſich in Golde leichter als in Silber eine anſehnliche Summe forttragen.“ „Nein, nein! funßzig Kronthaler genuͤgen, müſſen genuͤgen!“ entgegnete Bernhard ſtoh⸗ nend.„Ich kann's nicht uͤber's Herz bringen, Goldgulden zu ſolchem Zwecke wegzugeben.“ „Aber der Nachrichter wird's uͤber's Herz bringen, Dir an die Gurgel zu greifen, alter Filz!“ ſagte du Bois,„und da mir einfällt, daß er unter gewiſſen Umſtaͤnden ſich von Mit⸗ leid beſchleichen laͤßt, ſo denkſt Du vielleicht, dieſe Goldgulden zu behalten, um ihn damit zu beſtechen, daß er Dir vorher die Kehle flink zu⸗ ſchnuͤrt, ehe er Dir den erſten Stoß mit dem Rade verſetzt.“ „So nehmt denn funfzig Goldgulden,“ ſchrie der ſchwergeaͤngſtete Geizhals, als er mit furch⸗ terlich von Entſetzen verzerrtem Geſichte alle ſeine Verzweiflungskraft aufbot, um ſeinen Geiz in ſo weit zu unterdruͤcken, daß er funßzig Gold⸗ gulden aufzaͤhlen wollte. „Nicht doch,“ entgegnete Peter,„wir verlie⸗ ren nur koſtbare Augenblicke, wenn wir uns erſt an's Zaͤhlen machen; gebt nur den ganzen Beu⸗ tel her.“ „Ich kann nicht— ich will nicht!“ ſchrie 380 der Wucherer:„Fluch uͤber Dich, du Bois! Soll ich mir das Herz ausreißen„ um es Dir hin⸗ zugeben?“ „Nein,“ antwortete Peter,„nur das Gold ſollt Ihr hergeben. Der Nachrichter, Goldſieb— denkt nur an den Nachrichter!“ „Nehmt hundert Stuͤcke, aber nehmt nicht Alles,“ ſtoͤhnte Bernhard. „Hängen oder Kopf ab!“ fuhr Peter fort— „der Nachrichter, Goldſieb! der Nachrichter!“ „So nehmt denn den Beutel! und moͤge der Fluch von Gehaſi darauf haften!“ rief der Wucherer, indem er den Beutel auf den Boden warf, ploͤtzlich die Klappe des Kaſtens verſchloß, und ſich oben auf den letzteren ſetzte.„Und nun, du Bois,“ fugte der Elende hinzu,„nun ſeyd zufrieden; denn ich gebe keinen Gulden mehr her, ſollte es auch Leib und Seele zu ret⸗ ten gelten. Ihr mögt eher Eure Haͤnde in mein Blut tauchen und mich mit Euern Fuͤßen zerſtampfen, ehe Ihr wieder Blick und Griff in dieſe Kiſte thut.“ „Gut, gut!“ ſagte du Bois,„fuͤr diesmal will ich mich begnuͤgen. Und was Dein Blut betrifft, ſo moͤgte ich die blanke Klinge eines guten Schwertes nicht mit ſolchem Abſchaum be⸗ ſudeln. Auch wuͤrde das ein viel zu ehrenvoller Tod fuͤr Dich ſeyn, alter Goldſieb; denn Du wurdeſt zuverläſſig geboren, um mit Deinen Ratten zu verhungern und mit ihnen zu krepi⸗ ren, wenn Du keinen Sprung vom Baume des Henkers machen mußt.“ Du Bois, der wohl zufrieden mit der Summe war, die er erlangt hatte, enthub ſich, indem er den Geizhals ſich ſelber und ſeinem Jammer uͤber den erlittenen Verluſt uͤberließ, und eilte, nach einer Unterredung mit Ur⸗ ſula, zu den Haͤuptlingen ſeiner Schaaren, die in dem Keller der mitternaͤchtigen Berathung verſammelt waren, wo Jan Lyon noch erwartet wurde, damit unter ſeinem Vorſitze jeder ver⸗ zweifelte Plan voͤllig veſtgeſetzt wuͤrde, den man am folgenden Morgen auszufuͤhren gedachte. ———xxz———— ————————— — * . She—. ——— * „ . * 3 „ 5