— —— ——3 „ — ——— S——S S Leihbibriothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Seſebebingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher; jeden Tag vbn Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2 hesepreis. Bei ichſen eines gelie jedem Tag 5 Pf. bezahlt. den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, eines Buches, eine dem Werthe d hinterlegen, welche bei d henen Buches wird von Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ bei Entgegennah me deſſelben entſprchende Summe deſſen Furällect von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat:— Pf. 1 M. 50 Pf. 2 Mk. Pf. Auswürtige haben für Hin⸗ der Pin auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher bei ſolchen' mit Kupfern c.) muß der Ladenpreis erſetzt werd— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ orene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Fh feſtgeſetzt und wird beſohvere darauf aufmerkſche gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch vafür zu ſtehen haben. und Zurückſ ſendung t= — 8 Realiſten und Jealiſten. Socialer Roman von . Jean Charles, Verfaſſer von„Die Erbſünde“,„Der Verſchwender“ ꝛc. Fünfter Band. Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1867. Erſtes Kapitel. Die Freunde. Der Schriftſteller Karl traf am nächſtfolgenden . Tage in Roſtock ein. Herr Schmidt empfing ihn aufs freundlichſte und fuhr nach einem Stündchen ruhiger Converſation, an welcher auch ſeine Frau und Claudine, letztere mit einer gewiſſen Spannung, Theil nahmen, mit ihm zu Ernſt, ohne— er hatte ſich eines Andern beſonnen— den veränderten Gemüthszuſtand ſeines Schwagers auch nur leiſe zu berühren. Das Wiederſehen unſerer zwei Freunde war das herzlichſte, beſonders nachdem Herr Schmid ſich wieder entfernt hatte, was ſeinem richtigen Takte zufolge ſehr bald geſchah. „Nun, mein guter Alter“, rief Karl jetzt, da ſie Jean Charles, Realiſten und Idealiſten. V. 1 — allein waren, ſeinen Freund nochmals umarmend aus, mun wollen wir ein paar Wochen wie die Götter leben! Du kommſt, ſo oft Du kannſt, nach Dobberan, wo ſich meine vom Pegaſus müde gerüttelten Gliedmaßen am hochwogenden Buſen der See reſtauriren werden, und ich komme dazwiſchen zu Dir herein, und bevor ich ſcheide, kommt auch Max aus Dresden, und wir werden herrliche Stunden verleben.“ Ernſt fühlte ſich in ſeines Freundes Nähe ſo er⸗ friſcht, daß er für den Augenblick alles Andere vergaß. Das Geſchäftsverhältniß zu ſeinem Schwager war bald beſprochen. „Und habt Ihr“ fragte er dann,„nichts weiter von Robert gehört?“ „Einer letzten, möglicherweiſe ſichern Angabe zu⸗ folge“, ſagte Karl,„befindet er ſich in Amerika.“ „Und die unglückliche Pauline Picard?“ „Iſt verſchwunden, wahrſcheinlich nicht mehr unter den Lebenden.“ „Jenes unſelige Räthſel iſt alſo zur Stunde noch ungelöſt?“ „Wieder einer jener wenngleich ſeltenen Fälle, die beweiſen, daß doch manches Ereigniß, manches —— ₰ 2 grauenerregende Verbrechen unerklärt, unentdeckt, un⸗ gefühnt gegenüber der verletzten Menſchlichkeit, der Ge⸗ rechtigkeit fordernden Geſellſchaft bleibt.“ „Du nimmſt alſo noch immer an, daß der Kauf⸗ mann Picard ermordet worden?“ „Und daß dieſen Mord ſeine Frau an ihm ver⸗ übte.“ „Nun, Freund, verhält es ſich, wie Du annimmſt und auch ich anzunehmen mich leider gezwungen ſehe, und hat ſich die Unglückliche ſelbſt getödtet, ſo hat ſie auch gebüßt, und wir wollen nicht ſtrenger richten, als es von ſeiten einer höhern Fügung geſchehen.“ „Du haſt Recht, denn es heißt: Richtet nicht! Aber Pauline hat dieſes Verbrechen durch Selbſtentleibung nur gebüßt, nicht geſühnt, das Rechtsgefühl der Ge⸗ ſellſchaft nicht befriedigt.“ „Nicht befriedigt! Du wirſt doch nicht der Todes⸗ ſtrafe das Wort reden wollen, die heute, nach meiner Anſicht mit Grund, von ſeiten der Rechtsphiloſophie perhorrescirt, als menſchenunwürdig und auch als ganz zwecklos, da ſie ſelten oder gar nicht abſchreckt, zurüc gewieſen wird?“ „Ich rede der Todesſtrafe nicht das Wort, ich bin dagegen; ſolange ſie aber beſteht, ſteht ſie auch auf ein ſo furchtbares Verbrechen wie Gattenmord. Doch 1* — genug davon. Du ſprachſt von einer Angabe, der zu⸗ folge Robert ſich in Amerika befinden dürfte; worin beſteht dieſe Angabe?“ „Das, Freund, iſt eine ganze Geſchichte, die ich Dir in Dobberan gelegentlich mittheilen will. Für den Augenblick genüge Dir, was ich aus Dresden Dir ge⸗ ſchrieben und jetzt noch zu ſagen habe. Baron von Stromfeld, deſſen Bekanntſchaft ich im ſchönen Elb⸗ florenz machte, lud mich ein, ihn und ſeine Gattin, welcher die Aerzte das Seebad dringend gerathen, nach Dobberan zu begleiten, und ich, eben ein wenig arbeits⸗ müde, ſtimmte bei, um ſo mehr, als dieſer junge Ca⸗ valier ein vortrefflicher Menſch iſt, gar nicht zu ſprechen von dem für einen fahrenden Poeten, wie ich, durchaus nicht unmaßgeblichen Umſtande, daß ich Reiſe und See⸗ bad umſonſt genießen konnte und kann. Dieſer mein augenblicklicher Mäcen nun, der, nebenher bemerkt, hier im Mecklenburgiſchen, wo ihm Verwandte leben, ſich niederlaſſen will, hat nach Erlebniſſen der ſeltſam⸗ ſten Art in Paris ſeinerſeits, ich weiß nicht wo, die Bekanntſchaft eines andern jungen deutſchen Edel⸗ mnanns gemacht, der friſchweg aus Amerika und zwar aus Oregon, dem Gebiete der Shoſhonen, dem ſo⸗ genannten Schlangenindianerlande, kommt und der ſich gleichfalls hier anſiedeln will. Letzterer, noch ein Jüng⸗ 5 ling— ſein Name iſt Karl von Bergen— ſtammt auch aus Deutſchland und hat für ſeine Jugend mehr erlebt als tauſend gereifte Männer zuſammengenom⸗ men, an das Wunderbare Grenzendes, ſoweit es mir durch ihn ſelbſt bekannt geworden. Dieſer nun hat, wie er mir ſelbſt erzählte, auf ſeinem Heimwege nach Europa vor einigen Monaten erſt in Cadix einen nach Südamerika auswandernden Deutſchen kennen gelernt, der ihm zwar nicht ſeinen Namen genannt, deſſen Schilderung aber in Bezug auf Perſon und Charakter mich glauben läßt, daß es unſer unglücklicher Freund Robert ſein dürfte. Uebrigens wirſt Du ja in dieſen Tagen Herrn von Bergen ſelbſt in Dobberan ſprechen und Dich vergewiſſern, ob ich Recht habe oder nicht. Jetzt aber eine Frage an Dich, lieber Ernſt. Noch immer Hageſtolz?“ „Noch immer!“ entgegnete der durch dieſe ſo plötzlich abſpringende Frage Ueberraſchte geſenkten Blicks und mit halberſticktem Seufzer. „Aber Du wirſt Dich bei ſo großartigem Geſchäft auf die Länge kaum ohne Hausfrau behelfen können.“ „Vor der Hand geht es wohl noch.“ „Und Dein Herz? Iſt es noch immer ſo unzugäng⸗ lich für zartere Regungen wie in Paris?“ „Wie kommſt Du zu ſolcher Frage, Freund?“ 6 „Eben als Freund; doch breche ich ab davon, da „Zu verletzen ſcheint? Nein! Hier meine Hand darauf!“ „Höre, Ernſt, Du haſt Dich verändert.“ „Die Zeit ändert Alles.“ „Darf ich ſagen, was ich denke?“ „Sage es immerhin!“ „Ernſt, Du liebſt! Du liebſt nicht glücklich!“ Statt aller Antwort reichte Ernſt ſeinem Freunde die Hand. Dieſe zuckte leiſe, während ſeine Augen feucht wurden und eine Art Fieberröthe ſich über ſein Antlitz ergoß. „In Wahrheit“, ſagte Karl nach kurzer Pauſe wie zu ſich ſelbſt,„das Menſchenleben iſt uner⸗ ſchöpflich an Wandlungen, unergründlich in ſeinem in⸗ nerſten Weſen und vor allem die Liebe, wie Shakſpeare ſagt, ſo voll von Phantaſie, daß ſie allein nur hoch phantaſtiſch iſt.“ Dann Ernſt's Rechte mit beiden Händen umſchlie⸗ ßend und ihn mit innigſter Theilnahme betrachtend, fügte er hinzu: „Mein Ernſt, der ſonſt ſo unzugängliche Mann der exacten Wiſſenſchaft, der Liebe unterthan! Und ich ſage Dir, das entzückt mich, obgleich Du augenblicklich durch dieſes Himmelsgefühl zu leiden ſcheinſt; dieſer Seelenproceß in Dir iſt, mach meinem Gefühle, mehr werth als alle Deine chemiſchen Proceſſe um Dich her; das iſt, ſage ich Dir, Deine Menſchwerdung, denn bis zum Eintritte dieſes göttlichen Moments warſt Du nur ein Buch mit einem weißen Blatte als Anhang zu allen voran befindlichen gedruckten oder beſchrie⸗ benen, und jetzt, jetzt erſt iſt dieſes letzte, das Buch vollendende, würdig abſchließende leere Blatt vom Fin⸗ ger des Ewigen berührt und ausgefüllt; dieſe letzte Buchſeite gibt dem Werke Verſtändniß, Werth, rein menſchlichen Werth, und ich gratulire Dir von ganzem Herzen.“ „Und ich danke Dir“ entgegnete Ernſt,„daß Du mich nicht belächelſt. Haſt Du“, fragte er dann, „im Hauſe meines Schwagers die Gouvernante ſeiner Tochter geſehen?“ „Er ſtellte uns einander vor. Dieſe junge ſchöne Dame alſo—“ „Sie erſcheint Dir als ſchön?“ „In der That iſt ſie es auch, obgleich ſie äußerſt blaß und ihre Schönheit mehr intereſſant— die Fran⸗ zoſen würden ſagen pikant— als vom Typus künſt⸗ leriſcher Idealität iſt.“ „Mein Schwager, ein vortrefflicher, doch durch⸗ 8 aus praktiſcher Mann, wünſcht mich verehelicht zu ſehen.“ „Um ſo beſſer.“ „Nein, Freund, um ſo ſchlimmer, denn er wünſcht, daß ich eine ſogenannte gute Partie treffe.“ „Das heißt, Du ſollſt nicht eine antike Früchteträ⸗ gerin, ſondern eine moderne Geldſackträgerin in Hymen's Tempel führen.“ „Ja, das heißt es.“ „Das heißt nichts. Du liebſt alſo Mademoiſelle— wie heißt ſie?“ „Claudine Arnaud. Ja, ich liebe ſie.“ „Und Claudine?“ „Ahnt vielleicht, was ich für ſie fühle.“ „Ahnt? Ich meinerſeits hätte es ihr längſt ge⸗ ſagt.“ „Habe es wohl ſelbſt geſtanden, nur nicht eben mit Worten.“ „Und warum nicht mit Worten?“ „Weil ich fürchtete, daß ihr leidendes Weſen, ihre Zurückhaltung, ihre ſeltſame Scheu die Folge ſein könne einer unglücklichen Liebe, einer ſie verzehrenden Leiden⸗ ſchaft für einen Andern, ob dieſer Andere nun lebe oder ſchon todt ſei.“ „So alſo ſteht's?“ 9 „Dazu kommt noch, daß Schmid mein Gefühl für Claudine entdeckt, mit mir beſprochen und von mir die Zuſicherung erhalten hat—“ „Doch nicht, daß Du ihr Bild aus Deinem Herzen verdrängen willſt?“ „Du ſagſt es.“ „Wie kann man etwas zuſichern, deſſen man nicht gewiß iſt!“ „Du haſt Recht; aber es iſt nun geſchehen, ich habe einfach mein Manneswort— „Und zu leiden. Schöne Geſchichte das! Aber wie wenig praktiſch ich auch bin, ich ſage Dir doch, es kann ſich das Alles noch günſtig geſtal ten; Zeit gewonnen, Alles gewonnen, das klingt altklug, bewährt ſich aber ſehr oft. Die Zuſtimmung Deines Schwagers wird ſich finden, wenn er findet, daß Du mannhaft gegen die Neigung angekämpft, aber nicht den Sieg über ſie errungen haſt.“ „Und was ich Dir von Claudine ſagte?“ „Glaube ich vor der Hand nicht. Wahrſcheinlich theilt ſie Deine Neigung und zieht ſich in Anbetracht ihrer Armuth und ihrer Stellung zu der reichen Familie in die ſtarke Verſchanzung des Schweigens zurück.“ „Aber ſie war, wie meine Schweſter mir ſagte, ſchon lange vor meiner Ankunft ſo ſchweigſam und ſeelenleidend wie zur Stunde, und meine Annahme dürfte die allein richtige ſein; ſie liebt unglücklich.“ „Auch dies— nur zugegeben, nicht angenommen — kann ſich zu Deinen Gunſten wenden. Treten nicht ſelbſt edle Mädchen, nachdem ſie ſich bereits verlobt, mit einem andern Manne ſpäter in die Ehe? Ver⸗ ehelichen ſich nicht junge troſtloſe Wittwen aufs neuel?“ „Du kannſt noch ſcherzen!“ „Weil ich Dich heiter ſehen, weil ich Dich glücklich wiſſen will, weil ich gern, wie der erſte Napoleon, das Wort Unmöglichkeit aus dem großen Wörterbuche des Lebens geſtrichen haben möchte. Wie wäre es, wenn ich gelegentlich— und Gelegenheit wird ſich fin⸗ den— die junge Dame ſpräche? In Deiner Sache nämlich.“ „Das magſt Du immerhin verſuchen, wenn auch nur, um die Ueberzeugung zu gewinnen, daß ich Recht hatte.“ „Wir werden ſehen. Ich habe, und nicht ganz aus eigener Machtvollkommenheit, ſondern auch im Sinne der Herren Stromfeld und Bergen, Deinen Schwager und Deine liebe Schweſter ſammt Tochter und Gou⸗ vernante eingeladen, uns recht bald in Dobberan zu beſuchen, und man hat zugeſagt; machen doch die Ro⸗ ſtocker gewiß häufig Ausflüge nach dieſem ſchönen See⸗ 11 bade. Von der Partie wirſt auch Du ſein, und was mich betrifft, ſo werde ich ſehen, hören und recht⸗ zeitig ſprechen, und zwar auf gut Deutſch in ſchlechtem Franzöſiſch.“ „Mein lieber Karl, Du biſt ſo heiter, ſo geiſtig ge⸗ ſund, daß ich in Deiner Nähe jetzt mich ſelbſt freier, friſcher fühle.“ „Da geht es Dir wie dem Dichter Lenau, der mir einmal ſchrieb:„Seit ich Deinen Brief geleſen, iſt mir leichter ums Herz; Geſundheit iſt auch anſteckend.“ Laß mich nur gewähren, Ernſt, und ſorge dafür, daß Ihr bald zu uns hinauskommt. Heute haben wir Donnerstag; etwa Sonntag?“ „Will ſehen. Wann wird wohl Max hier ein⸗ treffen?“ „Kaum vor zwei, drei Wochen. Wir werden deren vier, vielleicht ſechs in Dobberan zubringen.“ Hier erhob ſich Karl und nahm für diesmal Ab⸗ ſchied von ſeinem Freunde mit den Worten: „Dieſe Revanche, daß Du, der Mann der Wiſſen⸗ ſchaft, der materialiſtiſche Philoſoph, der Skeptiker, der — der Atheiſt, unter der Botmäßigkeit Cupido's ſtehſt, dieſe moraliſche Satisfaction war mir der Welt⸗ geiſt ſchuldig, denn ich hatte in Paris mit Dir und Robert viel zu kämpfen über Dinge des Spiritualis⸗ 12 mus; jetzt habe ich Dich da, wohin ich Dich haben wollte, denn jetzt, da es Dir in der Werkſtätte der Seele, im Herzen, ſo gewaltig hämmert, jetzt wirſt Du kaum mehr das arme— reiche, das gute— ſchlimme Menſchenherz für nichts weiter als einen Fleiſch⸗ und Muskelklumpen halten. Muth denn, mein Freund, und komme bald!“ Damit ſchieden die Beiden für heute. Zweites Kapitel. Eine Auswanderungsgeſchichte. Am nächſtfolgenden Tage trat Regenwetter ein, das über dreimal vierundzwanzig Stunden anhielt und den von der Familie Schmid beſchloſſenen Ausflug nach Dobberan vereitelte, bis wieder zum Sonntage hinaus⸗ ſchob, da die Wochentage der Arbeit gehörten. Dafür kam an einem dieſer Werkeltage Karl nach Roſtock und brachte denſelben bei Ernſt und mit ihm auch großentheils bei Schmid zu, der ihn zum Mittags⸗ brode und zum Thee geladen hatte. Man verweilte bei wieder ganz herrlichem Wetter faſt die ganze Zeit über im Garten. Die Unterhaltung, an welcher auch Claudine ab und zu Theil nahm, wurde mit Gefühl und Geiſt geführt, beſonders da man auf das Thema vom Materialismus und Rationalismus kam. 14 „Ich habe da“ ſagte Karl,„einen merkwürdigen Be⸗ leg zu den oft furchtbaren Wirkungen dieſer Geiſtes⸗ richtung auf allen Gebieten, ſelbſt auf dem der Politik zur Hand, die von mir in jüngſter Zeit zuſammen⸗ geſtellte Geſchichte des ehemaligen Staatsmanns Frei⸗ herrn von Bergen, deſſen Sohn nun in Dobberan weilt; eine Auswanderungsgeſchichte der ergreifendſten, er⸗ ſchütterndſten Art—“ „Durch deren Mittheilung“, bemerkte Herr Schmid, „Sie uns ſehr verbinden würden.“ Karl verneigte ſich, zog ein Manuſcript aus der Taſche und las, oftmals durch Ausrufe des Staunens, der Rührung oder des Entſetzens unterbrochen, was wir nachſtehend im Zuſammenhange mitzutheilen noth⸗ wendigen Anlaß nehmen. Die Ankömmlinge. Das gewaltige Felſengebirge, das unter dem Namen der Rocky⸗Mountains bekannt und eine bis jetzt noch unermeſſene Ausläuferkette der gigantiſchen Cordilleren iſt, trennt Oregon, das äußerſte, an den großen Ocean grenzende Gebiet der nordamerikaniſchen Freiſtaaten, die weite Heimat der noch größtentheils im Urzu⸗ ſtande lebenden Shoſhonen oder Schlangenindianer, von dem dreimal größern und im gleichen Verhältniſſe 15 dehnung vom weſtlichen Binnenlande der Briten einer⸗ ſeits bis an den Miſſiſſippi und andererſeits bis Mexico mindeſtens den dritten Theil des Flächeninhalts von Europa einnimmt. Der majeſtätiſche Miſſouri, der von ſeinen, den Rocky⸗ Mountains öſtlich entſpringenden Quellen an bis zu ſeiner Mündung in den erſtgenannten Strom bei St.⸗Louis einen Weg von beinahe ſechshundert Meilen zurücklegt, durchfließt, unfern ſeines Urſprungs bereits ſchiffbar, mächtig gehoben durch die drei Arme Jeffer⸗ ſon, Madiſon und Galatin, nachdem er die unermeß⸗ lichen Hochebenen im Norden der ſchwarzen Berge be⸗ wäſſert, in allmäligen Krümmungen und dann in ſcharf ſüdlicher, wie zuletzt in ſüdöſtlicher Richtung ein faſt gänzlich unbewohntes Paradies, einen Raum, der aus⸗ reichte für viele Millionen nur halbwegs betriebſamer Menſchen, ein Land, geſegnet von der Hand der Natur, reich ergiebig, mild beſonnt, ſchön und geſund; weithin gedehnte Prairien, bekränzt von lachenden Auen und nie berührten Wäldern, ſanfte Thalgründe zwiſchen an⸗ muthigen Hügeln, einladend hier zur Erbauung von Hütten, dort, mächtige freie Buchten bildend, zur Grün⸗ dung von Städten. Es war an einem ſchönen Sommermorgen, al 0 am Saume eines unüberſehbaren Waldes, der ſich, etwa eine Stunde nur von den Rocky⸗Mountains entfernt, von Süd nach Nord hinzieht, drei Männer erſchienen und überraſcht anhielten; freudeſtrahlenden Blicks reich⸗ ten ſie ſich die Hände und blieben, in Anſchauung der herrlichen Landſchaft vor ihnen verſunken, einige Minuten lang ſchweigend ſtehen. Die Sonne, kaum am Horizonte aufgetaucht, warf über die weite Waldſtrecke, aus deren äußerſtem Vor⸗ ſprunge ſie eben getreten, an die großentheils ſenk⸗ recht himmelanſtrebenden Felsmaſſen, deren höchſte Kuppen wohl eine Höhe von acht⸗ bis zehntauſend Fuß erreichen, eine ſolche Flut von Strahlen, daß die ganze gewaltige Gebirgskette ſich einem Meere flüſſigen Goldes zu entringen ſchien, in deſſen himm⸗ liſchem Abglanze die Waſſer des Miſſouri ſchimmerten, der, hier kaum der Kindheit entſprungen, wie ein ſchöner, friſcher Knabe den weiten grünenden und blühenden Thalgrund nach allen Seiten durcheilte, holdſeliges Lächeln im noch ungetrübten Antlitze, zahlloſe Inſelchen voll maleriſcher Baumgruppen mit jugendlichem Un— geſtüm umarmend. „Hier laßt uns Hütten bauen!“ rief der Aelteſte in deutſcher Sprache aus, ein hochgebauter, ſtatt⸗ licher Mann von etwa fünfundvierzig Jahren, edlen ———„— — — h an ei Dl ge germaniſchen Zügen und kräftiger Haltung, gegen welche übrigens ein Ausdruck tiefen Seelenleidens ſeltſam abſtach. Er war, gleich den zwei Andern, nach europäiſcher Art und ſehr einfach gekleidet: ſie trugen kurze Röcke von grauem Tuche über Pantalons von leichtem Som⸗ merſtoffe, ſchwarze Halsbinden, breitkrämpige Stroh⸗ hüte; auf den Schultern viereckige Torniſter und darüber den zuſammengerollten Mantel; breite, mit Geld gefüllte Ledergürtel, von denen Hirſchfänger niederhingen, ſowie ſchön geformte Büchſen, auf welche geſtützt ſie jetzt betrachtend daſtanden. „Mein Sohn“ nahm der erſtgeſchilderte Mann nach einer kurzen Pauſe wieder und mit bewegter Stimme das Wort, indem er ſich auf ein Knie nieder⸗ ließ,„mein Sohn und Du, treubewährter Freund, fortan nicht mehr Diener, folgt meinem Beiſpiele, beugt Euch vor dem Unendlichen und erhebt gleich mir das Herz zu ihm!“ Der Sohn und der Diener, erſterer ein hoher blühender Jüngling von kaum zwanzig Jahren und an Geſtalt und Haltung dem Vater gleichend, letzterer ein kleiner, rüſtiger Mann noch im kräftigſten Alter, von ſehr biederem, muthigem Ausſehen, folgten ſchwei⸗ gend der Weiſung und ſanken in die Kniee. Jean Charles, Realiſten und Idealiſten. V. 2 18 „Herr des Alls! Ewiger! Unergründlicher Lenker der Geſchicke!“ ließ ſich jetzt der Vater feierlichen Tons vernehmen, indem er, ſich mit der Linken auf ſein Rohr ſtützend, die Rechte zum ſtrahlenden Himmel emporhob: „es iſt gut der Menſchenſeele, jedes Werk im Gedanken an Dich zu beginnen, fortzuführen und zu vollenden. Fern liegt mir und den beiden Lieben, die mir gefolgt, die theure Heimat, mir theuer bis zum letzten Athemzuge, ſo viel ſchweres Leid ich darin auch erfahren! Eine neue Heimat laß mich finden hier in dieſer großen heiligen Einſamkeit! Der Born der Thränen iſt in meiner Bruſt verſiegt, die glühende Sonne des Haſſes hat ihn ausgetrocknet; aber der Quell des Glaubens an Dich, des Vertrauens auf Dein ewig gerechtes Walten ſtrömt noch in meinem Herzen ein und aus und darauf ſchwebt mein Geiſt in an⸗ betender, dankbarer Liebe zu Dir empor! Ja, Herr über Leben und Tod, ich danke Dir für die erduldeten Leiden, ſie waren und ſind mir die Stufen zu Deinem ewigen Throne.“ Einige Min cen andächtigen Schweigens folgten dieſem Gebete des ernſten Mannes; dann erhob er ſich langſam und ſprach ſeinen Sohn und Diener, die ſich gleich ihm aufgerichtet hatten, feſten Tons alſo an: „Das Ziel unſerer langen Wanderung iſt erreicht; „— 8 r n ir 49 an die Quellen des Miſſouri wollte ich Euch führen, ſie glänzen vor uns in dieſem fruchtbaren reizenden Thale; wir bleiben hier. Mit Hülfe der Beileiſen, die wir mit uns nahmen, iſt in wenigen Tagen das zur Zimmerung eines Blockhauſes nöthige Holz gefällt, innerhalb einiger Wochen muß unſere Wohnung fertig ſein. Laßt uns nun den Platz dafür wählen; eine dieſer kleinen Inſeln da vor uns wird ſich am beſten dazu eignen. Wir ſtehen jetzt auf dem Gebiete der Shoſhonen und dürfen eines alsbaldigen Beſuchs von ihnen gewärtig ſein. Aber fern iſt uns die Furcht. Faſt ein Jahr nun ſchon hat uns die Vorſehung ge⸗ leitet und beſchützt, durch zahlloſe, ſchreckliche Gefahren ſicher geführt, wir leben auch hier unter ihrem all⸗ mächtigen Schutze. Auch ſind wir nicht als Bettler in dieſen Bereich der Schlangenindianer gekommen; ich werde dieſen Wilden, die übrigens nach Allem, was ich über ihr Leben erfahren, ebenſo großmüthig als tapfer, ebenſo bildungsfähig als kriegeriſch ſind, ein Stück Land abkaufen; ſie kennen durch ihren Verkehr mit den Amerikanern in Aſtoria den Wereh des Goldes und werden das meinige nicht mit Verachtung zurückweiſen. Der Urwald hier iſt, wie Ihr geſehen, überreich an Wild; dort auf dem Waſſer, auf den Inſeln er⸗ blickt Ihr zahlreiches, mannichfaltiges Geflügel; wir ſind 20 auf lange Zeit mit Pulver und Blei verſehen, und ſo wird es uns nicht an Nahrung fehlen; verſchaffen uns die Indianer aus Aſtoria Korn zur Ausſaat, und ich hoffe dies, ſo ſind wir völlig geborgen. Nun kommt, wir wollen ohne Zeitverluſt ans Werk und es im Vertrauen auf den Allgegenwärtigen mit Muth be⸗ ginnen; folgt mir!“ So ſprechend ſchritt der Vater dahin, gefolgt von Sohn und Diener, den ſanften Abhang vom Waldſaume hinunter dem Strome zu, deſſen äußerſte Ausbiegung zur Rechten kaum einige Hundert Schritte entfernt war. Ringsum üppiger Wieſengrund, deſſen blumenreiches Gras den Wanderern bis an die Kniee reichte; ge⸗ fällige Baumgruppen hier und da, aus deren dichten Kronen ihnen der Geſang unzähliger Vögel entgegen⸗ tönte; die Luft, von köſtlicher Friſche und von balſami⸗ ſchen Düften durchfloſſen, ſog nur allmälig die Sonnen⸗ ſtrahlen ein und blieb ſelbſt in der Niederung noch er⸗ quickend; ſoweit das Auge reichte, nicht ein Wölkchen zu erſchauen, nur daß um die höchſten Spitzen der Felſenwand im Hintergrunde dieſer zauberiſchen Ebene breite milchweiße Streifen ſchwebten, die, je höher die Sonne ſtieg, ſich mehr und mehr verdünnten und bald wie ſchöne Reſte golddurchwirkter Schleier im Spiele des friſchen Morgenwindes umherflatterten. Drittes Kapitel. Die Wanderer ſtanden nun am Miſſouri. Das Ufer war flach und die ganze weite Schlangenwindung entlang mit Schilf und niederem Geſträuch eingefaßt. Dieſer Arm des jugendlichen Stroms umſchlang mehrere Inſeln; die der Stelle, wo ſie anhielten, zunächſt ge⸗ legene und vom Ufer durch eine ſeichte, kryſtallhelle Furt von kaum fünfzig Schritten Breite getrennte war ungefähr tauſend Schritte lang und bildete ein von der Mitte nach allen Seiten ſanft abgedachtes, hügli⸗ ges Oval, aus deſſen weichem Sammtgrunde ſich von der Hand der Natur höchſt maleriſch geordnete Bos⸗ quets und kleine dichte Haine von ſchön vermiſchtem Laub⸗ und Nadelholz erhoben. „Eine entzückende Stelle!“ rief hier der ſchöne 22 Jüngling aus, indem ſeine an ſich ſanften, beinahe elegiſchen blauen Augen rührende Begeiſterung aus⸗ ſtrahlten.„Theurer Vater, wir können keinen an⸗ ziehendern Wohnort finden als dieſe Inſel.“ „Und keinen zweckmäßigern, mein lieber Karl“, entgegnete der Vater,„denn er bietet uns Bequemlich⸗ keit und Sicherheit zugleich, das nöthige Bauholz ſelbſt, ohne daß wir das freundliche Eiland ſeines ganzen natürlichen Schmucks zu berauben haben; die Verbin⸗ dung mit dem Walde iſt bequem durch dieſe Furt, die, allen Anzeichen am Ufer nach, niemals bedeutend an⸗ geſchwellt ſein mag; biſt Du nicht auch dieſer Mei⸗ nung, Konrad?“ „Ganz und gar, Herr Baron“, verſetzte klugen Blicks der Diener;„auch glaube ich, läßt ſich dieſe In⸗ ſel mit geringer Mühe durch natürliche Verzäunung recht gut befeſtigen, und ſie iſt, wie vom Ufer, ſo auch von den nächſten Inſeln weit genug entfernt, um mit⸗ tels unſerer Feuerrohre die Indianer in gehörigem Reſpect zu erhalten.“ Mein wackerer Freund“ ſagte lächelnd der Baron, „wenn uns mein bischen Gold nicht ſicherer ſtellte als unſere Munition und Dein ſehr lobenswerther Muth, ſo viele Proben Du mir auch davon gegeben, ſtände es doch immer mißlich um unſern Frieden, um unſer Da⸗ 23 ſein, denn zur Vertheidigung eines um die ganze In⸗ ſel gezogenen Hags wären mindeſtens ein halb Hun⸗ dert Schützen nöthig; wir wollen hoffen, daß wir unſer Pulver und Blei wie unſere Hirſchfänger nur zum Erlegen des Wildes nöthig haben werden. Uebri⸗ gens“, fuhr er nach einigem Schweigen, einen Seufzer unterdrückend und ſeinem Sohne wie dem Diener die Hand reichend, ernſten Tons fort,„was auch kommen möge, wir haben dem Tode wiederholt ins Auge ge⸗ blickt und werden als Männer zu ſterben wiſſen.“ „Gewiß! Bei Gott!“ riefen beide aus;„in jedem Augenblick, wann und wie es ſei!“ Nach dieſer Betheuerung traten ſie, neben einander ſchreitend, den Weg durch die ſanft gekräuſelte, brillan⸗ tenſchimmernde Furt an, deren Waſſer, dahinquellend über Kiesſand und leichtes Gerölle, ſelbſt an den tief⸗ ſten Stellen ihnen nicht bis an die Kniee reichte. Bald war ſie durchmeſſen und das bebuſchte Ufer der Inſel erſtiegen. Dieſe glich, wohin die Ankömmlinge blickten, einer geſchmackvollen engliſchen Anlage, deren ganze Schönheit ihnen erſt von ihrem höchſten Punkte, dem ſie ſchweigend zueilten, anſchaulich wurde. Es war dies ein etwa hundert Schritte im Ge⸗ vierte meſſendes Plateau, nicht mehr als zehn Klafter über dem Waſſerſpiegel des glänzenden Miſſouri, aus — 24 welchem zwiſchen anmuthig gruppirten Eſchen, Fichten o und Birken hier und da ſeltſam geſtaltete Felsblöcke 2 hervorragten, welche eine Lichtung unfriedigten, groß d genug, um ein weitläufigeres Wohngebäude zu faſſen, n als die Anſiedler zu erbauen im Sinne hatten. a Der Ausblick von dieſer Anhöhe über das weite L Flußgebiet war bezaubernd. Der ſtrahlende Waſſer⸗ ſpiegel, von unzählbaren größern und kleinern Eilan⸗ n den durchbrochen, glich in ſeiner nach Norden hin un⸗ überſehbaren Ausdehnung einem rieſigen Geſchmeide von in Brillanten gefaßten Smaragden; der dunkle, meilenweit oſtwärts ſich hinziehende Urwald ſtand zu dem leuchtenden Felsgebirge im Weſten, das ſeine gewaltigen Maſſen parallel mit ihm in das reine Aetherblau em⸗ porhob, in einem Contraſte, den kein Maler ſich impo⸗ ſanter, darſtellungswürdiger denken könnte; das ganze —„,„„ — herrliche Naturbild von einer zauberiſchen Ruhe durch⸗ ſ floſſen, wie ſie nur ein Homer und Claude Lorrain in 6 Wort und Farbe wiederzugeben vermochten; ein Hauch d ſeligen Friedens wehte über dieſe ſanften Gewäſſer ſ ¹ dahin, Alles lebte und webte in urſprünglicher Schöne, i mild bewegt vom Geiſte der Natur. 1 ſ Unſere Wanderer hatten ſich auf einem ganz frei⸗ i ſtehenden Felsblocke niedergelaſſen und von da aus das entzückende Gemälde betrachtet; ſie ſaßen einige Minuten, — 25 — ohne ihren Gefühlen Worte zu geben, verſunken in Anſchauung und in ſchmerzliche Erinnerungen zugleich; denn die ſchöne Natur liebt zur Geſellſchaft die Weh⸗ muth mehr als jeden andern Gefährten; Wehmuth aber iſt der Himmelsthau auf der Roſe der irdiſchen Liebe. Der Baron erhob ſich zuerſt und ſprach, ſich ge⸗ waltſam ermannend: „Hier alſo bleiben wir, ſolange es Gott gefällt. Ich nehme Beſitz von dieſem kleinen Paradieſe, nach⸗ dem ich die Hölle und das Fegefeuer durchwandert, Beſitz im Namen des Weltgeiſtes, der meinen Willen, meine Kraft dazu bevollmächtigt; ich nenne dieſes Eiland die Inſel der Erkenntniß. Nun kommt und laßt ſie uns beſichtigen.“ Sohn und Diener folgten ihm nachſinnend. Sie ſtiegen den nördlichen Abhang hinunter durch liebliches Strauchwerk, ſtellenweiſe überragt von hohen Bäumen, der wellenförmigen Niederung zu, deren Boden, nur ſelten noch durch kahlen Steppengrund unterbrochen, immer milder ſich zeigte und zuletzt in eine weite, vom üppigſten Raſenſammt bedeckte Fläche auslief, die in ihrem Halbkreiſe nördlich ein mannshoher Hag friſch⸗ grünender und köſtlich duftender Stauden umgab. Die nächſte Inſel, einen Büchſenſchuß weit von dieſer, war 26 halb ſo groß, felſiger und dünner bewachſen; die fer⸗ nerliegenden glichen den beiden an Geſtalt und Aus⸗ dehnung; im Weſten aber erſtreckte ſich vom äußerſten Uferarme des Stroms bis an die Rocky⸗Mountains eine Prairie, ſodaß man zur Linken wie zur Rechten freien Ausblick hatte und jede Annäherung von Men⸗ ſchen gegen die nächſten Inſeln leicht beobachten konnte. Auf dem Rückwege zum felſigen Plateau, dem Mit⸗ telpunkte dieſes parkähnlichen Eilandes, wohin ſie ſich längs des niedern, ſanft gewundenen und dicht be⸗ buſchten weſtlichen Ufers begaben, ſtanden ſie, einige Hundert Schritte noch von der Anhöhe entfernt, in einem Bosquet plötzlich freudig überraſcht vor einem Bächlein, deſſen klares, behendes Waſſer ſich hier durch das Randgebüſche ſchlängelte. Sie tranken daraus, fanden es von köſtlicher Friſche und beeilten ſich, die Natur ihres Fundes genauer zu unterſuchen. Dieſe nicht ſehr tiefe und nur drei bis vier Schuh breite, aber raſchfließende Quelle, die ſich unweit vom Punkte der Entdeckung in den Strom ergoß und die von da aus abgedämmt und durch die Wieſenfläche hinabgelei⸗ tet werden konnte, war für die Anſiedler nicht nur in dieſer Beziehung eine Wohlthat, ſondern weit mehr noch dadurch, daß ſie ihnen zur Zeit, wenn das Waſſer des Miſſouri durch anhaltenden Regen oder Schneefall im 27 Gebirge ungenießbar würde, ein ungetrübtes Labſahl blieb. Alsbald ihren Lauf zum Urſprunge hin verfolgend, fanden ſie dieſen zwiſchen einer grottenartigen, von Fichten beſchatteten Felſenmaſſe am weſtlichen Abhange des Hügels; eine durch Geſtaltung des Geſteins wie der Pflanzen an ſich ſchon ſehr anmuthige, durch die freie Ausſicht aber nach dem Hochgebirge überaus rei⸗ zende Stelle, die Karl, der die Quelle bei ihrer Aus⸗ mündung und hier den Urſprung derſelben zuerſt er⸗ blickt hatte, ſogleich für ſeinen fernern Lieblingsplatz erklärte und mit Zuſtimmung ſeines wehmüthig lächeln⸗ den Vaters Karlſtein nannte. An dieſem lieblichen Orte ließen ſie ſich auf dem bemooſten, von hohem Farrenkraut und Schlinggewächſen umrankten Geſteine nieder, um auszuruhen und ſich durch einige Nahrung zu erquicken. Konrad öffnete den ledernen Proviantſack, den er quer unter ſeinem Torniſter befeſtigt hatte, und langte daraus den zu einer Mahlzeit für drei Männer völlig genügenden Reſt einer gebratenen Hirſchkeule hervor, die er ſogleich mit vieler Gewandtheit zerſchnitt und auf einem ſilber⸗ nen Teller, dem einzigen, den der treue Diener heim⸗ lich aufbewahrt hatte, mit einer Büchſe Salz ſeiner geliebten Herrſchaft ſehr geſchäftig präſentirte; dann 28 füllte er den gemeinſchaftlichen ledernen Trinkbecher an der Quelle und überreichte ihn dem Sohne mit den Worten:„Ungetrübt, wie dieſes Waſſer, ſei Ihre Zu⸗ kunft!“ Nachdem ſie ſich ſattſam gelabt, brachen ſie auf und verließen die Grotte, um nun auch die Südſeite der Inſel zu unterſuchen. Dieſem Zwecke zufolge ſtie⸗ gen ſie, ſtatt über das Plateau den Weg einzuſchlagen, die vorſpringenden Felsblöcke hinunter zum Ufer und bogen von da links in ein dichtes Gehölz ein, das von der Mitte des Hügels faſt der ganzen Breite der Juſel nach ſich bis zum ſüdlichen Strande erſtreckte und beinahe nur aus ſchönen hohen Fichten beſtand, theil⸗ weiſe durchwachſen von dichtem Geſträuche und niederem Laubholze; ein Hain, der ſelbſt nach Ausſchlagung der zum Baue des Blockhauſes nöthigen Stämme für ſeine Bewohner immer noch, beſonders zur Sommerszeit, ein durch ſeinen kühlen Schatten und würzigen Duft ſehr anziehender Aufenthalt bleiben mußte. Vor einer Lichtung deſſelben, ungefähr fünfzig Schritte im Kreiſe und bedeckt von hohem Graſe, hiel⸗ ten die Wanderer ſtutzend an und erhoben inſtinktmäßig ihre Büchſen, zum Schuſſe bereit; ein Geräuſch aus dem nahen dichten Unterwuchſe des Gehölzes war der Grund dieſer Ueberraſchung. Im nächſten Augenblicke— ſie 29 ſtanden noch hinter einigen Fichtenſtämmen— flog ein Rudel Hirſche aus dem Gebüſche über die Lichtung der Anhöhe zu, quer an ihnen, nur wenige Schritte ent⸗ fernt, in Gedankenſchnelle vorbei, aber nicht ſchnell ge⸗ nug, um in ſolcher Nähe den wohlgerichteten Schüſſen aus trefflichen Büchſen ganz ohne Verluſt entrinnen zu können. Der Baron hatte nicht geſchoſſen, Konrad einen mächtigen Zehnender geſtreift, den ſich Karl zu⸗ fällig auch zum Ziel erſehen und von deſſen Kugel tödtlich getroffen der Hirſch auch zuſammenbrach und augenblicklich verendete. Der Diener ſtieß einen Freu⸗ denſchrei aus; ſein Herr aber gebot ihm Schweigen und ſeinem Sohne, der vorſpringen wollte, Halt, in⸗ dem er raſch und ſtrengen Tons ſprach: „Ihr Unvorſichtigen! Iſt es denn ſchon ſo lange her, daß wir der Parforcejagd der Indianer entron⸗ nen? Augenblicklich ladet Eure Büchſen und gebt keinen Laut von Euch!“ Beide gehorchten ſchweigend und folgten ihm, nach⸗ dem ſie ſchleunigſt geladen hatten, geradehin über den offenen Platz durch das Gehölz dem öſtlichen Ufer zu, von wo aus man eine weite Strecke des großen Wal⸗ des überblicken konnte. Die Beſorgniß des Barons erwies ſich als eine nur zu wohl begründete. Gedeckt von ſtarken Baumſtämmen und hohem Strauchwerk⸗ £ N 30 erblickten ſie genau an der Stelle des Waldſaums, von wo ſie kaum vor zwei Stunden das ſchöne Strom⸗ gebiet überſchaut und bewundert hatten, einen ſtarken Trupp Indianer, bewaffnet mit Büchſen, Bogen und Tomahawks, und in nördlicher Richtung am Ufer hin eine Abtheilung derſelben in beflügeltem Lauf hinter dem Rudel Hirſche drein, das zwiſchen Waſſer und Wald über die Fläche dahinflog. „Hatte ich nicht Recht?“ ſprach der Baron leiſe und jetzt mit einer Ruhe, die er, ſeinem Sohne und Diener zur Seite, wirklicher Gefahr ſtets entgegenſetzte. „Die Indianer hatten unſere Spur im Walde gefunden und verfolgt; ſie haben nun auch Eure Schüſſe gehört und warten jetzt nur noch die Rückkunft der Jn ab, um uns aufzuſuchen. Es ſind deren, wie Ihr ſeht, an hundert; jeder Widerſtand wäre hier lächerlich, uns zu verbergen oder zu entfliehen iſt unmöglich; nichts bleibt übrig, als ihnen frei und mit dem Zeichen des Friedens ruhig entgegenzutreten; wahrſcheinlich ſind es Shoſhonen, die nach einem Kriegszuge gegen die nicht minder tapfern Sioux oder Oſagen in ihre Wig⸗ wams heimkehren; iſt dies der Fall, ſo dürfen wir un⸗ beſorgt ſein, immerhin aber folgt jetzt in Ruhe mei⸗ nem Beiſpiele.“ Nach dieſen Worten, während deren ſie wiederholte en ht, n8 e nd die ig⸗ n⸗ ei⸗ 1 Schüſſe aus der Ferne verrnahmen, eilte er, von ihnen gefolgt, der Anhöhe zu. Bald hatten ſie das Plateau erreicht. Hier legten ſie ihre Waffen auf ein Felsſtück, brachen drei große ſtarkbelaubte Zweige von einem Strauche und traten, dieſe hoch emporhaltend, auf den äußerſten gelichteten Punkt, von wo aus die Indianer ſie erblicken mußten, und ſchwangen da, die linke Hand ans Herz gelegt, ihre Friedenszeichen. Nach wenigen Sekunden ſchon hatte ſie der ſcharfe Blick der Wilden entdeckt; ein gellender Aufſchrei des Trupps am Walde wie der übrigen, die, mit Beute beladen, bereits zurückeilten, gab ihnen Gewißheit. Peentſetzlichen Schrei folgte alsbald ein dumpfes Gemurmel, und es formte ſich, nachdem alle zuſammen⸗ getreten waren, ein weiter Kreis wie zur Berathung. Während derſelben, die einige Minuten anhielt, blieben unſere Wanderer in unveränderter Stellung, die Zweige über ihren Häuptern ſchwingend, ſtill gewärtig des da Kommenden. Jetzt öffnete ſich der Kreis, und ein Indianer, um welchen er ſich gebildet hatte, vor allen übrigen aus⸗ gezeichnet durch hohen Wuchs und Schmuck, kam in Begleitung zweier andern feſten und nicht ſehr haſtigen Schrittes die ſanfte Abdachung gegen das Ufer zu gegangen, während die Zurückgebliebenen regungslos am Walde hielten. Angelangt an der Furt, blieben die Indianer ſtehen, und ihr Führer gab den auf dem Plateau Harrenden durch eine dreimal wiederholte edle Handbewegung ein Zeichen, von der Inſel herab zu ihnen zu kommen, ein Act der Vorſicht, die ſelbſt den tapferſten Wilden eigen iſt. Des Barons Winke zufolge gaben ſie durch drei⸗ maliges Senken des Hauptes auf die Bruſt und der Zweige zur Erde ihre Willfährigkeit zu erkennen und traten hiernach, mit Zurücklaſſung ihrer Waffen, den Weg auf Leben und Tod zu den Indianern an. Viertes Kapitel. Di e S h ſ en. In ruhiger, zugleich feſter und beſcheidener Haltung ſchritten ſie neben einander den Hügel hinab und ge⸗ langten ſo durch das Flußbett zum jenſeitigen Ufer, an deſſen Rande die drei Abgeordneten der wilden Krieger ihrer regungslos harrten. Einer von dieſen, derſelbe, um welchen ſich früher am Walde der Berathungskreis gebildet hatte, that nun einen Schritt auf die Ankömmlinge zu und gab dem Baron, der ihm zunächſt ſtand, ein Zeichen, er möge ſprechen. Es war dies ein ſchöner, ſtark gebauter Mann von etwa dreißig Jahren, über ſechs Fuß hoch und ſo voll⸗ kommen ebenmäßig gegliedert, daß er jedem Bildhauer hätte zum Modelle eines antiken Kriegers dienen kön⸗ Jean Charles, Realiſten und Idealiſten. V. 3 ——— 34 nen, eine Geſtalt, deren Kraft und Schönheit noch durch eine Haltung gehoben ward, aus welcher mächti⸗ ges Selbſtbewußtſein in weit mehr edler als wild ſtol⸗ zer Weiſe ſprach, ſodaß ſein Anblick die Gekommenen, die ihn mit Ueberraſchung und Bewunderung betrach⸗ teten, mit Vertrauen erfüllte. Die Züge ſeines nicht tätowirten Antlitzes von dunklem Oliventon, ebenſo rein und edel geformt wie ſeine Glieder, belebten ſich durch einen Blick aus großen, ſtarkbeſchatteten ſchwarzen Augen, der bei aller Gewalt, womit er den Gegenſtand erfaßte, doch etwas Weiches, Elegiſches an ſich hatte, das zur Mittheilung einlud. Seine Bekleidung war maleriſch ohne Bizarrerie. Um die Stirn, von der ſein ſchwarzes glänzendes Haar in dichten, ſanften Wellen auf den ſtarken Nacken gleich getheilt niederfloß, ſchlang ſich ein zollbreiter Reif von gelbem, hellpolirtem Metalle, woraus ſich ein hoher, kronenförmiger Federſchmuck erhob, deſſen bunte Farben von dem dunklen Teint des Geſichts ſcharf ab⸗ ſtachen. Hals und Bruſt trug er nackt, ohne allen Schmuck; die muskulöſen Arme, gleichfalls entblößt, waren dagegen mit Korallenſchnüren und goldenſchim⸗ mernden Metallſpangen umwunden, von denen eine über dem Gelenke der rechten Hand die Geſtalt einer Schlange hatte. Von den ſchlanken Hüften herab bis ti⸗ ol⸗ en, ch⸗ on wie en, alt, hes, d. erie. ndes cken eiter ein unte f ab⸗ allen lößt, chim⸗ eine einer 3 zu den Knieen fiel in reichen Falten ein Rock von purpurnem Wollſtoffe, durch einen handbreiten Leder⸗ gürtel befeſtigt, von dem mehrere Scalps niederhingen. Die nackten Beine waren oberhalb der Knöchel mit einem gelben Ringe verziert und die Füße mit künſtlich gearbeiteten Sandalen bekleidet. Als einzige Waffe trug er einen ungeheuren Tomahawk, ganz aus blan⸗ kem Stahl, auf den er ſtehend ſich ungebückt ſtützen konnte und welchen er in dem Augenblicke, da er den Fremdlingen entgegentrat, wie einen Rohrſtab erhob und wieder ſenkte. Seine zwei Gefährten, gleich ihm und dem Trupp am Walde nur um die Lenden bekleidet, waren vor⸗ gerückten Alters, von kräftigem, aber weit wilderem Ausſehen; auch die Gürtel dieſer trugen die entſetzlichen Trophäen der Indianer, und kurze Tomahawks, während ſie ſich auf langrohrige Flinten ſtützten; Geſicht und Bruſt, theilweiſe tätowirt, ließen als Hauptſymbol eine Schlange in ſchönem hellem Blau erblicken. Der Baron, mehrerer europäiſcher Sprachen mächtig, wollte jetzt, da er ſich mit den Indianern zu verſtän⸗ digen hatte, es zuerſt mit der engliſchen verſuchen, da ihm dieſe nächſt der deutſchen die geläufigſte und dann auch anzunehmen war, daß in dieſem zahlreichen Trupp Krieger wenigſtens einer der ältern ihn verſtehen 3* —=. 36 werde, der ihm ſonach als Dolmetſcher bei den Seinen dienen konnte. „Iſt einer unter Euch“— begann er ſanften, ruhigen Tons die wichtige Unterredung—„der eng⸗ liſch oder eine andere Sprache des weißen Mannes ſpricht?“ Auf dieſe Anrede, hauptſächlich an den ſchönen großen Indianer gerichtet, entgegnete derſelbe in engli⸗ ſcher Sprache, worin er ſich zu freudigem Erſtaunen der Ankömmlinge ſehr deutlich und geläufig auszu⸗ drücken verſtand: „Ich und mehrere der Meinigen verſtehen und ſprechen die Sprache der Bleichgeſichter; unſer Ohr hat ſich im mexicaniſchen Gebiete an das Spaniſche, in Hregon und am Miſſiſſippi an das Engliſche gewöhnt, wenngleich nicht unſer Herz; aber bangt darum nicht, Ihr Fremdlinge, und folgt mir getroſt in die Mitte meiner Krieger, auf daß ſie durch meinen Mund ver⸗ nehmen, was Ihr mir anvertrauen werdet; kommt!“ Nach dieſen Worten ſchwang der Indianer ſeinen ge⸗ waltigen Tomahawk über die Schulter, wandte ſich raſch und ſchritt mit hohem Anſtande dem Walde zu, gefolgt von den überraſchten Fremdlingen, denen die beiden andern Indianer dicht zur Seite blieben, ſodaß der Zug, der ſich ziemlich raſch gegen die Anhöhe ſich zu, die daß öhe bewegte, mehr einer Escorte von Gefangenen als einer Begleitung von Freunden glich. In wenigen Minuten war der Waldſaum erreicht, vor welchem ſich der Trupp Rothhäute in noch unver⸗ änderter Haltung befand. Es waren faſt durchgängig junge, ſtarke und wohl⸗ gebaute Männer von mehr kriegeriſch trotzigem als wildem Ausſehen, nicht unedler Geſichtsbildung, wenig tätowirt, bis auf den Lendenrock nackt, die Haare lang, von einem Stirnbande um die Schläfe gefeſſelt, die ſcharfbraune Hautfarbe durch mehr oder minder ſchim⸗ mernden Schmuck von bunten Federn, Ringen und Glasperlen gehoben, theils mit Flinten, theils mit Bogen und Köcher vekſehen, keiner jedoch ohne Beil und Scalpmeſſer im Gürtel. Jetzt begrüßte in nicht ſehr aufmunternder Weiſe die Ankömmlinge ein ſeltſames, dem dumpfen Brauſen der hohlgehenden See nicht unähnliches Getön, und letztere ſahen ſich plötzlich inmitten eines weiten, von den Kriegern gebildeten Kreiſes und aller Blicke, die indeß mehr Neugierde als Zorn ausſprachen, auf ſich gerichtet. Der Baron betrachtete ſie ruhig und wollte eben das Wort ergreifen, als er ſich mit ſeinem Sohne und Diener von einem zweiten, engern Kreiſe umringt ſah, den der ſchöne Indianer mit ſeinen zwei Begleitern und neun aus den Aelteſten der Schaar ebenſo raſch als geräuſchlos geformt hatte. Erſterer ſchwang ſeinen Stahltomahawk, ſenkte ihn, ſtützte ſich darauf und ſprach engliſch die Fremden an, indem er ſagte: „Bevor wir Euch die Friedenspfeife reichen und Euch dadurch, ſolange Ihr deſſen würdig bleiben werdet, unſern Schutz, den der Gaſtfreundſchaft anbie⸗ ten, entdeckt uns, wer Ihr ſeid, was Ihr wollt, wie Ihr in dieſes unſer angeſtammtes freies Gebiet gekom⸗ men. Redet die Wahrheit, denn der große Geiſt hört Euch, er haßt die Lüge; aber auch wir vernehmen Euer Wort und der Menſchengeiſt iſt zu täuſchen. Sprecht wahr zu mir, dem Häuptlinge eines mächti⸗ gen Zweigs vom Stamme der Shoſhonen den der Wille des Ewigen in dieſes herrliche Land gepflanzt und bisher noch ungeſchwächt, in voller Blüte und Frucht erhalten hat. An fünfhundert Krieger, deren Tapferkeit tauſend Stellen zwiſchen den zwei großen Strömen beſtätigen, gehorchen mirß dennoch ſpreche ich friedlich zu Euch, denn Eure Zweige haben die Zornes⸗ glut ermäßigt, die an den Schläfen des rothen Man⸗ nes beim Anblicke des weißen als Schlange empor⸗ züngelt und das Gehirn entflammt zu Gedanken der Gewalt. Noch einmal, ſprecht frei und wahr; drei 1d n ie n⸗ rt en N. er izt dieſer bejahrten Helden mir zur Seite verſtehen gleich mir Eure Sprache und, was noch mehr, ihr Blick iſt, wie der meinige, nicht zu täuſchen, er findet den Weg durchs Auge zum Herzen. Redet nun, ich habe ge⸗ ſprochen.“ Die Greiſe neigten mehrmals, wie zum Zeichen des Beifalls für die Worte ihres Häuptlings, die von lan⸗ gen grauen Haaren umwallten Häupter und gaben dem Baron durch eine ſanfte Handbewegung zu erken⸗ nen, daß ſie nunmehr ſeiner Rede gewärtig ſeien. Und dieſer, während ſein Sohn, der des Engliſchen gleich⸗ falls mächtig und von den Worten wie von dem gan⸗ zen heroiſchen Weſen des Häuptlings ſichtlich ergriffen war, denſelben mit immer ſteigender Bewunderung offen ins Auge faßte, nahm jetzt, ſeinen Zweig wie zum Gruße ſenkend, mit vollkommener Ruhe in Miene und Stimme das Wort und ſprach: „Das Reich des großen Geiſtes iſt ohne Grenzen und allüberall iſt Leben durch ihn und in ihm. Er kennt keinen Unterſchied der Farben, keinen der Spra⸗ chen; die Farben ſind für ihn nur Strahlenbrechung ſeines ewigen Lichts, die Sprachen nur das wechſelnde Lallen ſeiner Kinder; es lebt nur ein Gott und wir alle ſind durch ihn, den Einzigen!“ Die Greiſe blickten den Sprechenden mit Verwun⸗ 40 derung an, der Häuptling aber gab ihm einen flüchti⸗ gen Wink, inne zu halten, richtete ſich empor und theilte mit erhobener Stimme ſeinen Kriegern den Inhalt der eben vernommenen Anrede in ihrer Sprache wörtlich mit, worauf ein beifälliges Gemurmel durch den wei⸗ ten Kreis hin erfolgte. Dann begann der Baron von neuem und ſprach alſo weiter: „Die Erde iſt groß und ſchön, aber ungleich ver⸗ theilt ſind ihre Güter, und es iſt die Nothwendigkeit, die auszugleichen ſtrebt. Fern im Oſten von Euch, Ihr freien tapfern Söhne dieſes fruchtbaren Landes, leben Millionen auf einem Gebiete, das für Hunderte von Euch zu klein, zu beſchränkt erſchiene, denn Euer Schritt iſt raſch wie der des Edelwildes, das Ihr jagt, und Eure Bruſt iſt gewöhnt an den ungetrübten, rei⸗ nen Hauch Eurer unermeßlichen Ebenen und Wälder. Ihr kennt nicht die Noth, Ihr habt nie Thränen ge⸗ ſehen, wie ſie Armuth und Kummer den ſchlafloſen Augen einer Mutter, eines Vaters erpreſſen; aber Ihr habt davon gehört und ich bin nicht gekommen, Euch belehren zu wollen. Auch kam ich nicht hierher, vom Nahrungstriebe fortgeſtoßen; ich hätte mir, meinem Sohne und Diener, die Ihr an meiner Seite ſeht, durch das Gold, welches ich bei mir führe, in meiner Heimat fern im Oſten über dem Meere, ſowie unter ti⸗ lte der ich ei⸗ on 4 41 den Amerikanern in den ſogenannten freien Staaten guten Unterhalt verſchaffen können; aber es zog mich eine andere, tief in der Bruſt begründete Nothwendig⸗ keit aus den Städten und Dörfern der weißen Män⸗ ner fort und zu Euch, von deren edlem Sinne, wie er meiſt mit wahrer Tapferkeit vereint, ich gehört habe, um mit den Meinigen unter Eurem Schutze zu leben und zu ſterben.“ Hier hielt er inne, und der Häuptling, deſſen dunkel⸗ blickendes Auge bei des Redners letzten Worten ſelt⸗ ſam, jedoch nicht beunruhigend aufleuchtete von hefti⸗ ger Gemüthsbewegung, ſah jetzt wieder im Kreiſe umher und trug das Gehörte mit lauter, wohltönen⸗ der, gegen den Schluß hin gerührt erbebender Stimme vor. Karl und ſein Vater bemerkten den höchſt günſtigen Eindruck, den dieſe Mittheilung auf die Indianer her⸗ vorbrachte, hüteten ſich aber wohl, einen Blick der Zuverſicht zu wechſeln; ſie blieben regungslos ſtehen und vernahmen hoffnungbeſeelt das laute Beifalls⸗ murmeln der Schaar, welches erſt auf ein Zeichen des Führers in ehrerbietiges Schweigen überging, wonach derſelbe den Baron mit wenigen, ſehr freundlich be⸗ tonten Worten einlud, das noch zu Sagende vorzu⸗ tragen. Dieſer verneigte ſich und ſchloß ſeine Rede alſo: „Ich war in meiner Heimat kein Krieger, ſondern ein Mann des Friedens, aber ich war ein Streiter für die Wahrheit und meine Waffe war das Wort der Ueberzeugung. Der Schein beſiegte mich, ich unterlag und zog mich zurück, verfolgt von Hohn, erfüllt von Gram. Meine Feinde machten mir die geliebte Heimat zur Wüſte, und ich floh durch ſie dahin, halb ver⸗ ſchmachtend. Meine Gattin brach in Kummer zuſam⸗ men und ſtarb; dieſer Jüngling, mein einziger Sohn, und dieſer treue Diener folgten mir in die Fremde. Ich beſchloß, mit ihnen zu Euch zu fliehen. So über⸗ ſchifften wir den Ocean und gelangten nach vielem Ungemach bis zur Mündung des Miſſiſſippi. Hier be⸗ ſtiegen wir ein nach St.⸗Louis beſtimmtes Fahrzeug und erreichten auch wohlbehalten dieſen Ort. Die Fahrt von dort den Miſſouri aufwärts, unſer ferneres ein⸗ ſames Wandern durch Prairien und Wälder bis hier⸗ her in Euer Gebiet war ein faſt ununterbrochenes Ringen mit Mangel und Gefahren jeder Art; aber der große Geiſt hat uns beſchützt, und nunmehr haben wir das Ziel unſerer Wanderung erreicht, ſofern Ihr uns hier dulden werdet. Die kleine Inſel dort, wo Ihr uns gefunden, mit einem von Euch zu beſtimmenden kleinen Jagdgebiete, das hinreichend für die Bedürfniſſe dreier an Mäßigkeit gewöhnten Menſchen, und ein 43 ſ Land, um Getreide darauf zu bauen, dies ſt's, um was ich bitte und was ich Euch abkaufen zi berathet, beſchließt.“ Auch dieſen Schluß der Rede theilte der Häuptling der Menge mit und wandte ſich dann dem Baron mit den Worten zu: „Wir werden berathen, beſchließen; tretet indeß bei⸗ ſeite und lagert Euch dort im Schatten der Bäume; bald Ihr unſern Willen.“ ie Kreiſe öffneten ſich und ließen die Ftoſit an S unbewacht unter eine vorſpringende Baum gruppe treten, wo ſie ſich auch der empfangenen Wei⸗ ſung nach im Graſe lagerten. Hier reichte der Baron ſeinem Sohne die Hand, welche dieſer ans Herz drückte, indem er ihm tief ergriffen zuflüſterte:„Hoffe, mein theurer Vater!“ Konrad wechſelte nur mit beiden einen flüchtigen Blick der Zuverſicht und des Muthes. Jetzt veränderte ſich die Scene vor ihnen. Die Aelteſten der Indianer hatten ſich auf einer mäßigen Erderhöhung miedergelaſſen und die übrigen ſetzten ſich, einen dichten Halbkreis um ſie bildend. Der Häuptling, der allein inmitten deſſelben ſtehen geblieben war, redete nun die Verſammlung in der weichklingenden Sprache der Shoſhonen an und ſchien — während ſeines Vortrags ſehr bewegt. Dieſem folgte beifällige Zuſtimmung. Nachdem er ſich zwiſchen den Greiſen gelagert, erhob ſich einer der Indianer, die ihm zur Inſel gefolgt waren, ein Mann von harten, kalten Geſichtszügen, der alsbald ſeine Rede in ſtren⸗ gem Tone begann und beinahe eine Viertelſtunde ununterbrochen ſprach, wobei er wiederholt ziemlich heftig geſtikulirend auf die Fremdlinge hinwies und die er damit ſchloß, daß er, einige Worte mehr ſchreiend als ſprechend, mit der Linken ſeine Stirnhäute am Gürtel berührte, indeß ſeine ſtarke Rechte raſch nach dem Scalpmeſſer griff. Das Antlitz des Häuptlings verrieth während der Rede dieſes ſtarren, unbeugſam feindſeligen Kriegers, was in ſeiner Seele vorging; es erſchien dies als ein Gemiſch tiefen Schmerzes und Zorns, klugen Nach⸗ ſinnens und verletzten Stolzes, mehrmals maß er den Redner mit einem furchtbaren Blicke, ſenkte aber dann ſogleich das flammende Auge wieder und drückte den Tomahawk krampfhaft in den Boden. Als der wilde Sprecher geendet und ſeinen frühern Platz eingenommen hatte, erhob ſich der älteſte der In⸗ dianer, ein Greis von ehrwürdigem und zugleich noch ſehr rüſtigem Ausſehen. Dieſer ſprach nur wenig, aber die Wirkung ſeiner 45 Worte war eine entſcheidende, denn ein allgemeiner Ausruf beifälliger Zuſtimmung drang aus dem Kreiſe und der Häuptling ſprang auf und drückte ihm ſtrah⸗ lenden Blicks die Hand. Hierauf redete der ſchöne junge Führer ſeinen Trupp noch einmal an und rief ſodann den drei Harrenden engliſch zu, in den Kreis zu treten. Fünftes Kapitel. De r S äu inl Dieſe thaten, wie ihnen geheißen worden, und wie⸗ der bildete ſich ein Kreis um ſie. Als ſich alle gelagert hatten, ward die Friedenspfeiſe angebrannt und dem Greiſe gereicht, der zu Gunſten der Anſiedler geſprochen. Er that einen leiſen Zug daraus; die Aelteſten folgten ſeinem Beiſpiele. Der letzte von ihnen übergab ſie dem Häuptlinge, und dieſer, nachdem er ſie mit den Lippen berührt, reichte ſie dem Baron, der vor ihm ſaß, mit den Worten „Nimm die Friedenspfeife und führe ſie zum Munde; ein Gleiches mögen Dein Sohn und Diener thun.“ Es geſchah und hierauf ging die Pfeife im ganzen Kreiſe umher. Und der Häuptling nahm wieder das Wort und ſprach: ie⸗ ert em en. ten ab mit vor 47 „Nun biſt Du uns kein Fremdling mehr, ſondern ein Gaſtfrennd und als ſolcher mit den Deinen unſeres treuen Schutzes verſichert. Du haſt offen geſprochen und die ehrwürdigen Väter hier haben in Deinem Herzen Güte, in Deinem Geiſte Weisheit gefunden. Wir haben berathen und beſchloſſen; Deine Bitte iſt Dir gewährt: jene Inſel mit einem Stück Land den Strom entlang und einer Strecke Wald, die wir noch bezeichnen werden, iſt Dein; was Du dafür, nicht an mich, ſondern an die Aelteſten meines Stamms, von Deinem Golde hingibſt, bleibt Dir anheimgeſtellt. Unſere Wigwams ſtehen in den grünen, lachenden Thä⸗ lern der Rocky⸗Mountains; nur uns bekannte Engpäſſe führen dahin. Meine Krieger kehren zu ihren Squaws, Kindern und Geſchwiſtern zurück, um auszuruhen von einem mondenlangen Zuge voll Ruhm und Beute. Ich werde mit einigen von ihnen kurze Zeit noch hier ver⸗ weilen und Euch Eure Wohnung bauen helfen. Was Ihr an Korn zur Ausſaat, wie an Pulver und Blei bedürfen werdet, ſollt Ihr durch uns erhalten. Und nun erhebt Euch und ſagt Euren neuen Freunden Lebewohl!“ Alle erhoben ſich hier auf ſeinen Wink, und der Baron, nachdem er einige Worte des Dankes an den Häuptling und die Greiſe gerichtet hatte, nahm aus — 48 ſeinem Gürtel eine Rolle von hundert Guineen, öffnete dieſe und legte die funkelnden Goldſtücke vor den g Aelteſten auf den Raſen mit der herzlich ausgedrückten d Bitte nieder, ſeiner kleinen Anſiedelung den Schutz des e mächtigen Stamms nie entziehen zu wollen. e Mehr noch als die blanken Goldſtücke auf dem grünen Sammt blitzten die Augen der meiſten India⸗ m ner bei dieſem Anblicke, vor allen die desjenigen, der ſe ſo heftig gegen die Aufnahme der weißen Männer ge⸗ ſe ſprochen hatte und der, wie ſich noch zeigen wird, he ſeinen Beinamen„die Klapperſchlange“ mit vollem ve Rechte führte; ſein Blick aus tiefliegenden kleinen, wider⸗ H lich ſtechenden grünen Augen ſchoß giftig umher und ſp ſein ſcharfgezeichnetes Geſicht nahm einen Ausdruck von ſchaudererregendem Ingrimm an, in den ſich ein häß⸗ de licher Zug von Hohn und tiefbrütender Rache miſchte. ur Das Geld wurde von den Aelteſten in Empfang Il genommen und dann vom Häuptlinge, deſſen ſcharfem ſe Blicke das Benehmen ſeiner Leute, beſonders der Klap⸗ W perſchlange, nicht entgangen war, der ſich übrigens an⸗ kö ſcheinend ganz gleichgültig bei dieſer kurzen Scene ver⸗ halten hatte, der Befehl zum Aufbruche des Trupps me nach den Bergen ertheilt, dem man auch ſogleich Folge mi leiſtete. Alsbald hatten ſich die Indianer mit der Be ihnen eigenen geräuſchloſen Schnelligkeit zum Zuge an⸗ nete den kten des und von äß⸗ 49 geſchickt und folgten jetzt, nach einer letzten kurzen und leiſe geführten Unterredung zwiſchen dem Häuptlinge und den Aelteſten, dieſen hinab zum Ufer, die Furt ſchief entlang zur Inſel, hinter deren ſüdlichem Waldſaume endlich der ganze Trupp verſchwand. Der Häuptling, zubenannt„die Rieſenſchlange“, war mit fünf der jüngſten und kräftigſten Indianer, die er ſelbſt ausgewählt hatte, zurückgeblieben. Er ſchien in ſehr ernſtes Nachſinnen verſunken und tiefes Schweigen herrſchte, bis der Zug ſeiner Krieger hinter der Inſel verſchwunden war. Da fuhr er ſich mit der linken Hand über Stirn und Augen, holte tief Athem und ſprach den Baron abermals engliſch alſo an: „Meine Leute hier verſtehen dieſe Sprache nicht, in der ich fortan mit Euch reden werde. Sie lieben mich und werden Euch darum ehren. Mit ihrer Hülfe erbaut Ihr Eure Wohnung. Die Landſtrecke längs des Ufers, ſechsmal ſo groß als dieſe Eure Inſel, und ein Stück Wald, deſſen Unkreis Ihr in einem Tage beſchreiten könnt, gehören Euch; bedürft Ihr in Zukunft mehr, ſoll es Euch gleichfalls werden. In wenigen Tagen wird man Euch Getreide, Werkzeug und Schießbedarf bringen; mittlerweile wollen wir ungeſäumt auf der Inſel den Bau beginnen. Kommt nun!“ Und die Anſiedler folgten ihm und den jungen Jean Charles, Idealiſten und Realiſten. V. 4 Kriegern, noch wie betäubt von all dieſen Vorgängen und von Staunen erfüllt über das außerordentliche Weſen des edlen Häuptlings. Angelangt auf dem Plateau der Inſel, nahmen ſie ihre Büchſen und Hirſchfänger an ſich und folgten dem Beiſpiele ihres Beſchützers, der ſich auf einem Felsſtück niederließ, während die andern Indianer, wie ſeines Befehls gewärtig, ſtehen blieben. Alsbald auch er⸗ theilte ihn derſelbe und er lautete dahin, das zu einer Hütte nöthige Holz zu fällen, welche den Ankömmlingen bis zur Vollendung eines Blockhauſes genügte, ſodann im nahen Walde ein Stück Wild zur Bereitung eines gemeinſchaftlichen Mahls aufzuſuchen. „Für letzteres“ ſagte Karl lächelnd,„habe ich ſchon vor Eurer Ankunft, obgleich ein wenig vorlaut, wie mein guter Vater meinte, geſorgt.“ „Wie ſo das?“ fragte der Häuptling, den offenen, blühenden Jüngling mit ſichtlichem Wohlgefallen, ja mit einem Ausdrucke von Rührung betrachtend.„Die Feuerwaffe kleidet meinen jungen Bruder gut, aber weiß er ſie auch ſchon ſicher zu führen?“ „Das will ich meinen!“ rief der Gefragte mit Wärme aus und ſetzte dann, den Ton beſcheiden herab⸗ ſtimmend, gemüthlich hinzu:„Ihr habt wohl, als Ihr dieſen Morgen aus dem Walde tratet, die zwei raſch Ni Li lio „V ih der the ha zut Wi ma Uun hei ten, ja Die ber mit rab⸗ Ihr 51 auf einander gefallenen Schüſſe gehört, nicht wahr? Nun gut. Als wir da unten im Gehölze an eine Lichtung kamen, flog ein Rudel ſchöner Hirſche an uns vorüber. Mein beſonnener Vater ſchoß nicht, ich aber drückte ab und erſchoß den Anführer dieſer flüchtigen Geſellſchaft, den Freund Konrad hier nur geſtreift hatte, einen tüchtigen Zehnender, der noch unten im Gehölze liegen und uns für mehrere Tage köſtlichen Braten geben wird, falls Ihr nämlich damit einverſtanden.“ „Ohne Zweifel“, entgegnete der Häuptling freund⸗ lich, indem er Karl's Hand ergriff und herzlich drückte, „ollkommen einverſtanden, wackerer Schütze.“ Dann wandte er ſich den Indianern zu und befahl ihnen, das erlegte Wild an der bezeichneten Stelle der Inſel aufzuſuchen und zu zerlegen, um nach ge⸗ thaner Arbeit einen Theil davon zum Mahle bereit zu halten. Die Indianer entfernten ſich, ſeinem Befehle nach⸗ zukommen, und er nahm nach einer kurzen Pauſe das Wort wieder, indem er ſagte: „Laßt uns nun bis zur Rückkehr meiner jungen Krieger von dem ſprechen, was Euch angenehm ſein mag. Die Hütte ſoll noch vor Sonnenuntergang fertig und inzwiſchen das Stück Hirſch gebraten ſein; für heute mögt Ihr ausruhen und Euch erlaben, mit dem 4* 52 kommenden Morgen beginnt dann Euer neues Daſein, getheilt in Arbeit und gedankenvolle Einſamkeit. Wie aber nenne ich Euch fernerhin, meine weißen Brüder?“ ſetzte er, die hohen Lider ſenkend, hinzu. „Nennt mich“, ſprach der Baron bewegt,„fortan einfach Gotthold, denn ſo heiße ich; wollt Ihr mich Vater Gotthold nennen, um ſo beſſer, mir um ſo wohltönender; denn Ihr, mein großherziger Beſchützer, habt bereits mein ganzes Herz gewonnen und ich werde mich glücklich fühlen, Euch als meinen zweiten Sohn betrachten zu dürfen.“ Bei dieſen Worten ſtreckte er dem Häuptling ſeine Rechte entgegen; letzterer aber, ſtatt ſie zu erfaſſen, ſprang auf, warf ſeinen Tomahawk von ſich und ſtürzte in die Arme des Barons, der ſich ebenſo raſch erhoben hatte, mit dem bebenden Ausrufe:„Vater! O ja, mein Vater!“ „Vergiß Deines weißen Bruders nicht“ rief der Sohn des Ueberraſchten, wonnig Beſtürzten, indem er um beide ſeinen Arm ſchlang,„Deines Bruders Karl, der Dich nicht minder lieben wird als Vater Gotthold!“ „Mein lieber Bruder Karl!“ ſtammelte der Häupt⸗ ling, in deſſen ſchönem Auge eine Thräne glänzte, Vater und Sohn umarmend.„Es iſt das ein ſchöner Tag für mich; Dank und Preis dafür dem großen Geiſte!“ ſein, Wie rtan mich n ſo ützer, ich eiten ſeine ſſen, ürzte 0en mein Sohn um der d!“ äupt⸗ Vater gfür 53 „Und was bin denn ich?“ ſtotterte Konrad in ge⸗ brochenem Engliſch, das er um Vieles beſſer verſtand als ſprach, indem er zu der innig verſchlungenen Gruppe trat. Darf ich denn nicht auch den edlen rothen Mann lieben?“ „Wer Du biſt?“ rief Herr Gotthold, ihm raſch zu⸗ gekehrt, mit liebevollem Eifer ſich aus der Umarmung halb losmachend.„Der treue Diener ſeines Herrn, der hingebendſte Freund biſt Du, und dieſer edle Mann wird Deine Liebe nicht geringer ſchätzen als ich.“ „Treue“, ſagte der Häuptling wie zu ſich ſelbſt, indem er melancholiſch lächelnd zu Boden blickte,„iſt ein ſchönes, aber ſeltenes Gut.“ Dann richtete er, gleichſam aus einem Traume auf⸗ geſchreckt, das Haupt raſch empor und wandte ſich dem Diener mit den Worten zu:„Bleibe treu; der große Geiſt belohnt treue Liebe, die Blitze ſeines Zorns treffen früher oder ſpäter den Verrath.“ Vater und Sohn wechſelten einen fragenden Blick; beide fühlten, daß hier eine Saite in des Indianers Bruſt berührt worden, die eine für ihn ſchmerzliche Erinnerung anklang; ſie ſchwiegen und überließen es ihm, die Stimmung des Augenblicks feſtzuhalten oder zu verändern. Er aber bat ſie, ſich ihm zur Seite zu ſetzen, und ſprach, nachdem dies geſchehen: „Vater, kannſt und darfſt Du Deinem angenommenen Sohne aus Deiner Vergangenheit erzählen, ſo thue es jetzt; Zeit und Ort ſind günſtig und mein Herz iſt offen.“ „Ich will es“, entgegnete Herr Gotthold mit einem Blicke zum Himmel;„mein Sohn und Konrad kennen bereits zum Theile die Geſchichte meines Lebens und dürfen das ihnen noch Unbekannte hören.“ Nach dieſen Worten legten ſie Gepäck und Waffen ab, und er theilte dem Häuptlinge mit, was folgt. enen te es ffen.“ inem nnen und affen Sechstes Kapitel. Herr von Bergen. „Mein Name“— begann er nach einigem Schwei⸗ gen ruhigen, würdevollen Tons— Kiſt Gotthold von Bergen, und ich ſtamme aus einer alten freiherrlichen Familie Deutſchlands. Aber hat mein edler Sohn jemals von dieſem Lande gehört?“ „Nicht allein von Deinem Vaterlande“ lautete die Antwort,„ſondern von allen Ländern Europas und der übrigen Erdtheile; ich habe mir, ſchon vor Jahren, wie jetzt Deine Freundſchaft, die eines edlen Spaniers im mexikaniſchen Gebiete und durch ihn viele Kennt⸗ niſſe erworben; ich weiß um die Verhältniſſe der Staaten zu einander, kenne, wie die Natur und Geſtalt, ſo auch die Geſchichte der ganzen Erde. Darum fahre fort in Deiner Erzählung, mein Geiſt iſt wie mein Herz em⸗ pfänglich für Alles, was Du ſagen wirſt.“ Bei dieſer Aeußerung des Häuptlings konnte ſich Herr von Bergen nicht länger enthalten, ſeinem Staunen Worte zu geben, und er ſprach tiefbewegt: „Vom erſten bis zu dieſem Augenblicke hat mich Dein Weſen und Thun, wie mit Dankbarkeit, ſo mit Bewunderung erfüllt; das Glück, einen Freund Deiner Art gefunden zu haben, erſcheint mir als ein vom Ge⸗ ſchick endlich gegönnter Erſatz für das namenloſe Leid, ſo ich durch einen Feind in meiner Heimat erlitten.“ „Das Menſchenherz“— unterbrach ihn der Shoſhone ernſten Tons—„iſt geneigter zum Haſſe als zur Liebe. Auch ich habe gehaßt, tödtlich! Da ſandte der große Geiſt einen Strahl aus der Sonne ſeiner All⸗ weisheit in meine finſtere Bruſt und meine Seele er⸗ wachte im ſchönen Morgenlichte der Bildung. Ich war böſe und bin gut geworden, mein Geiſt war krank und genas an der Quelle des Wiſſens; ohne Bildung ſteht der Menſch dem Thiere gleich, oft unter ihm. Nun aber ſprich weiter, ich höre.“ Und Herr von Bergen fuhr alſo zu erzählen fort: „Meine Familie war reich und ich der einzige Erbe meines Vaters, eines ausgezeichneten Staatsmanns, den ich leider zu früh verlor, denn ich zählte bei ſeinem Tode kaum neunzehn Jahre. Meine Mutter folgte ihm ſchon nach wenigen Monden ins Grab, und ich ſtand ſich nen nd un 57 allein zu einer Zeit, da ich eines Führers zumeiſt be⸗ durfte, um die Frühlings⸗Tag⸗ und Nachtgleiche des Herzens, da die heftigſten Stürme der Leidenſchaften zu raſen pflegen. Ich ſtudirte, aber den günſtigen Er⸗ folg meiner Studien dankte ich mehr meiner Faſſungs⸗ kraft als dem Fleiße, denn ich erlernte Alles nur ſo in flüchtigem Raube, alte und neue Sprachen, Geſchichte und mehrere Wiſſenſchaften, von denen mich die des Rechts im ganzen weiten Sinne des Worts am meiſten anzog. Aus dem durchſtürmten Meere der erſten Jugend lief ich, noch nicht vierundzwanzig Jahre alt, in den Hafen ſtiller Häuslichkeit ein; ich war gerettet durch ein edles Weib. Mein Vater hatte den Wunſch gehegt, daß ich mich gleich ihm dem Staatsdienſte widmen ſollte; ich aber zog es vor, meinen eigenen Acker zu beſtellen, und blieb Landmann, glücklich, ſelig an der Seite meiner ebenſo trefflichen als ſchönen Gattin, die mich noch im erſten Jahre mit einer holden Tochter beſchenkte und mir im folgenden dieſen meinen Sohn gebar. Aber was unterliegt nicht dem wandelbaren Geſchickte! Ich ſollte ſeine Launen kennen lernen. Nach fünf wonnevoll durchlebten Jahren ſtarb meine Gattin. Ich litt un⸗ ausſprechlich, und nur die Liebe zu meinen beiden Kin⸗ dern erhielt mich aufrecht. Die Einförmigkeit des — 58 Landlebens, mir bis dahin ſo ſüß, gab meinem Grame um die theure Hingeſchiedene zu viel Nahrung, auch erheiſchte bereits die Erziehung meiner Kinder zu große Sorgfalt, als daß ich mich noch länger hätte von der Stadt fern halten können; ich kehrte mit den Meinen in die Reſidenz zurück. Hier nahm ich meine Lieblings⸗ ſtudien wieder auf und theilte meine Zeit und Kraft in geiſtige Arbeit und die Pflege meiner Kinder, die beide geſund an Leib und Seele emporblühten, mir zur Freude. Mit der Wiederaufnahme der Studien kam mir auch der Wille meines Vaters wieder zu Sinne und ich beſchäftigte mich mehr und mehr ſeinem Plane gemäß, mich dem Staatsdienſte zu widmen. Name, Vermögen, Sprachkenntniſſe und innigſte Vertrautheit mit den politiſchen Verhältniſſen machten mich zumeiſt für die umfaſſendſte, aber auch zugleich gefahrvollſte Thätigkeit, für die Diplomatie geſchickt. Es ſind nun zehn Jahre her, daß ich in den Staats⸗ dienſt trat. Um jene Zeit, kurz nach der neuen Ge⸗ ſtaltung der Dinge in Frankreich, durchdrang der Geiſt der Julirevolution faſt alle Länder Europas. Auch der Fürſt meines Landes ſah ſich in die Nothwendig⸗ keit verſetzt, eine freiere Verfaſſung einzuführen; es bildete ſich alsbald, und anſcheinend zur Befriedigung der Geſammtheit, eine klare, redliche Conſtitution aus, rame auch roße tder einen ings⸗ Kraft rzur kam und mäß, ögen, den rdie gkeit, aats⸗ Ge⸗ Geiſt Auch ndig⸗ s gung aus, 5 mit deren Entwurfe ich und ein Staatsdiener bürger⸗ licher Abkunft, Namens Müller, ein Mann von außer⸗ ordentlichem Wiſſen, durchdringendem Scharfblicke, aber höchſt ehrſüchtig und intriguant, beauftragt worden waren. Beide faſt in gleichem Alter— ich zählte damals fünfunddreißig Jahre— waren wir und blieben in allem Uebrigen ſo entſchiedene Gegner, daß an ein harmoniſches Zuſammenwirken unſerer Kräfte nicht zu denken war. Sein Streben ging dahin, Miniſter zu werden, und er ſetzte alle ihm zu Gebote ſtehenden Hebel in Bewegung, ſich auf dieſen Poſten zu ſchwingen. Er war Advocat, gehörte zur äußerſten liberalen Partei und wurde von dieſer als Kammermitglied ge⸗ wählt, während ich als Vertreter des conſervativen Princips dem Throne feſt zur Seite blieb und die Re⸗ gierung ſtützte. Ein neues Miniſterium mußte geſchaffen werden. Es geſchah und zwar im Sinne der Freunde gemäßig⸗ ten Fortſchritts, loyaler Staatsentwicklung. Advocat Müller fiel bei jener Wahl durch, indeß mir der Fürſt eins der bedeutendſten Aemter nach dem Wunſche der Majorität anvertraute. Dies entflammte den Haß meines Gegners bis zu verzehrender Glut; er trat in der Kammer als mein entſchiedener Feind auf und 60 ſchwur mir ohne Rückhalt den Untergang. Ich nahm den Kampf an und bot alle meine Kräfte auf zur Er⸗ haltung deſſen, was mir aus gereifter Ueberzeugung als unantaſtbar und aus angeborener Liebe als heilig erſchien. Dieſer Kampf der Ideen, mit wechſelndem Glücke geführt, währte fünf Jahre hindurch und endete mit meinem Sturze; die Oppoſition hatte geſiegt, Advocat Müller kam auf meinen Poſten. Ich reichte tief verletzt meine Entlaſſung ein; ſie ward angenom⸗ men, und ich zog mich abermals in die Einſamkeit des Landlebens zurück, an ſchmerzlichen Erfahrungen reicher, die ich um den Preis von fünf Jahren unermüdlicher Thätigkeit erkauft hatte. Mir folgte das Hohngelächter der Sieger, dem ich unverbrüchliches Schweigen ent⸗ gegenſetzte; mit ihrem Triumphe nicht zufrieden, ergoſſen ſie ſich, durch meine ruhige Haltung gereizt, in Schmä⸗ hungen, zuletzt ſogar in Verleumdungen über mich; die⸗ ſen ſchenkte man keinen Glauben und gegen jene war ich gewappnet mit dem guten Stahle des Selbſtbewußt⸗ ſeins; ich ließ die Elenden gewähren und gab mich, wenngleich leidend, an die treue Natur und an meine geliebten Kinder hin, deren Erziehung ich durch eine ſehr gebildete Genferin und einen trefflichen jungen Mann aus meiner Vaterſtadt leiten ließ und die ich, da beide ihren Aufenthalt in meinem Hauſe hm Er⸗ ung ilig em ete egt, hte om⸗ des 61 hatten, ſelbſt zu überwachen Gelegenheit hatte. Meine Tochter—“ Hier bebte die Stimme des Erzählers und er drückte ſich beide Hände krampfhaft ans Geſicht. „Vater, lieber Vater“ rief Karl aus, indem er ſich ihm anſchmiegte, während Konrad's Augen ſich mit Thränen füllten,„warum dieſen ungeheuren Schmerz in Deinem Herzen wachrufen? Genügt es nicht, unſerm edlen Freunde hier zu ſagen, daß Du Dein Kind durch das Walten eines unbegreiflichen Geſchicks verloren und nur noch Deinen Sohn haſt, der freudig in den Tod ginge, könnte er Dir dadurch die Verlorene er⸗ ſetzen?“ Der Häuptling, der bisher mit ungetheilter Auf⸗ merkſamkeit zugehört hatte, betrachtete bei den liebevollen Worten des Jünglings dieſen und den Vater mit dem Ausdrucke innigſter Theilnahme; dann legte er auf des letztern Schulter ſeine Rechte und ſprach: „Folge dem Rathe Deines Sohnes und verſchließe Deinen Schmerz in der Bruſt, wenigſtens für heute der große Geiſt gönnt uns für Alles Zeit.“ „Nein“, verſetzte Herr von Bergen, indem er die Hände in den Schooß ſinken ließ und ſeinen Sohn wie ſeine Freunde gerührt anblickte,„nein; der erwachte Schmerz will ſich frei ergehen gleich der erweckten Luſt. — Mein Sohn, erſt hier, jetzt erſt, geſchieden und wahr⸗ ſcheinlich für immer von der ſogenannten civiliſirten Welt, ſollſt Du erfahren, auf welche Weiſe ich meine Tochter, Du Deine gute Schweſter verloren; ein Ge⸗ heimniß, um welches bis jetzt nur ich und Konrad wußten und das ich nunmehr Dir und Deinem edlen Bruder mittheilen will, entdecken muß, ſoll es mir nicht die Bruſt zerſprengen. Vernehmt mich denn und er⸗ wägt, was ich gelitten und noch leide!“ Nach einer Pauſe bangen Schweigens, während welcher ſich die Gemüther auf das Kommende vorzube⸗ reiten ſchienen, erzählte er weiter: „Meine Tochter hatte noch nicht ihr ſechzehntes Jahr vollendet, als ſie ſchon in allen Familien der mir benachbarten und theilweiſe ſehr freundſchaftlich zugethanen Gutsbeſitzer durch ihre faſt ideale Schön⸗ heit, engelgleiche Milde und echt weibliche Bildung ein Gegenſtand allgemeiner Verehrung war; ſanft ſtrahlend wie der Stern der Liebe ging ſie auf und unter, immer der Sonne der Wahrheit nahe, in ſtets gleicher friedlicher Schöne das ewige Licht abſtrahlend zu ſtillem Entzücken aller, die ſie ſahen. Eines Tages machte mich ihre Erzieherin aufmerk⸗ ſam, daß ſie die bis dahin ſo ruhige Gemüthsſtimmung ihres Zöglings ſeit kurzem ſeltſam verändert finde, und nd k⸗ g 63 drang in mich, meine Tochter zu beobachten, denn ſie gebe ſich, ſobald ſie unbemerkt zu ſein glaube, ſchwär⸗ meriſchem Nachſinnen hin, ſei zerſtreut und betrachte das Bildniß ihrer Mutter mit bethränten Augen, gleich als wollte ſie ſagen: Ach, warum lebſt Du nicht mehr? Dir hätte ich mich ohne Scheu vertraut. So ſprach die Gouvernante und fügte hinzu, daß ſie keimende Liebe für den Grund dieſer auffallenden Umwandlung im Weſen meiner Tochter halte. Ich war bei dieſer Mittheilung beſtürzt, dankte übrigens der jungen Dame mit der Verſicherung, ihren Rath befolgen zu wollen, und überlegte dann ernſtlich, was in dieſer wichtigen Angelegenheit zu thun ſei. Offenes Entgegenkommen ſchien mir das Beſte; nur galt es, das Mädchen ſelbſt in dieſer Stimmung zu finden. Die Gelegenheit hierzu ließ nicht lange auf ſich warten. Noch denſelben Tag bei Sonnenuntergang— es war ein herrlicher Sommerabend— ſah ich meine Tochter in den Garten gehen und folgte ihr von weitem. Sie erging ſich darin träumeriſch, das Köpf⸗ chen geſenkt, pflückte einige Blumen, die ſie allmälig wieder, was ſie ſonſt nie gethan, zerpflückte und vor ſich hin ſtreute, und blieb bisweilen mit gefalteten Händen wie betend ſtehen. In dieſer Stellung über⸗ raſchte ich ſie, indem ich, aus einem Bosquet ihr zur —— 64 Seite tretend, plötzlich vor ihr ſtand und ſie ſchmerz⸗ lichen Blicks betrachtete. Sie ſah mich, bebte in ſich zuſammen und ſank mir mit dem von Thränen halberſtickten Ausrufe:„Mein theurer Vater!“ in die ihr entgegengebreiteten Arme. Ich führte die halb Ohnmächtige in eine nahe Laube, ließ mich da mit ihr nieder, hielt ſie umſchlungen und ſprach: „Meine gute Tochter leidet und kränkt ihren be⸗ kümmerten Vater durch Schweigen, durch Mangel an Vertrauen.“ „O nein, nein!“ ſtammelte ſie, ihr glühendes Ant⸗ litz an meine Bruſt drückend und leiſe erzitternd;„nicht Mangel an Vertrauen iſt es—“ „Alſo Scheu vor mir, mein Kind?“ fragte ich ſanft. Sie verſtummte, am ganzen Leibe bebend. „Und wenn ich die Quelle Deines Leidens kennte, ohne daß Du mir ſie gezeigt?“ ſprach ich nach einigem Schweigen noch milder und die Beklommene inniger umſchlingend. 3 „Mein Vater“, flüſterte ſie kaum hörbar, ſich wie zum Schutze vor ſich ſelbſt an mein Herz preſſend, „Verzeihung—“ „Nur die Schuld bedarf des Verzeihens, und meine Tochter kann nicht ſchuldig ſein, außer darin, daß ſie ſchwieg und noch immer ſchweigt.“ icht nft. nte, zem ger wie end, eine ſie 65 „Vater, ich— ich liebe.“ „Ich wußte es, mein Kind, ſowie ich auch über⸗ zeugt bin, daß der Mann Deines Herzens meiner wie Deiner Achtung würdig ſein wird. Ich kenne ihn nicht; darum richte Dich auf und ſprich zu mir, da Deine Mutter nicht mehr iſt, ſage mir Alles; Dein wahres Glück im Auge, werde ich nichts überſehen und nach dem Gebote meiner Liebe wie meiner Pflicht urtheilen und danach handeln.“ Und ſie erhob das liebe, von goldigen Locken um⸗ wallte Haupt, trocknete ſich die ſchönen, ſanftblauen Augen, in denen noch ein Himmel von Unſchuld lag, und ſprach halblaut alſo zu mir: „Ich brachte vor drei Wochen mit Deiner Erlaub⸗ niß einige Tage bei meiner Freundin Hermine auf der ſchönen Villa ihrer Aeltern zu. Es wurde, wie Du weißt, am erſten jener Tage das Geburtsfeſt der Frau vom Hauſe gefeiert und ſie ſah dabei, wie immer, zahl⸗ reiche Geſellſchaft um ſich. Darunter befanden ſich mehrere Cavaliere aus der Nachbarſchaft, ſelbſt aus der Reſidenz. Einer von dieſen, ein junger venetia⸗ niſcher Conte, erwies mir ſehr viel Aufmerkſamkeit, aber in ſo anſtandsvoller, beſcheidener Weiſe, daß ich, ſo verlegen es mich auch machte, ihm doch nicht ab⸗ ſtoßend begegnen konnte. Als er mit den übrigen Jean Charles, Realiſten und Idealiſten. V. 5 66 Herren ſpät am Abend ſich empfahl, ſagte er leiſe zu mir:„Sie bleiben mir unvergeßlich; im Hauſe Ihres Vaters ſehe ich Sie wieder.“ „Aber“, unterbrach ich die bang Erzählende in unwillkürlich ſtrengerem Tone, als ich eigentlich wollte, „dieſer junge Mann hat Dich doch nicht innerhalb dieſer drei Wochen in meinem Hauſe geſehen, wenig⸗ ſtens nicht geſprochen?“ „Nein, mein Vater“, entgegnete die Aermſte unter Thränen mit rührender Unſchuld;„er iſt nicht gekom⸗ men und darum eben weine, darüber gräme ich mich.“ „Du liebſt ihn alſo, mein Kind?“ „Ja, mein Vater!“ „Und wenn er Dich bereits vergeſſen hätte?“ „Das iſt unmöglich, denn er betheuerte das Gegen⸗ theil und ich halte ihn für einen Mann von Ehre.“ „Wenn es aber dennoch der Fall wäre?“ „So würde ich ihn doch nie vergeſſen, wenn Du mich auch nie mehr um ihn weinen ſehen würdeſt.“ Dieſe Wahrheit, Kindlichkeit und Offenheit rührten mich zu Thränen und in tiefſter Seele bewegt ſprach ich zu ihr: „Ich werde nie Deinem Herzen Gewalt anthun, aber nie auch wirſt Du außer Acht laſſen, was Du Dir ſelbſt, der Würde der Frauen und mir ſchuldig 67 ſe zu biſt. Waren ſeine Worte nur die Sprache übel an⸗ hres gebrachter Artigkeit, ſiehſt Du ihn nicht wieder, ſo findeſt Du in Deinem Selbſtgefühle Troſt und Er⸗ e in hebung; beſucht er uns, bewirbt er ſich um Dich und olte, iſt er, wenn auch arm, wirklich der Mann von Ehre, rhalb wie Du glaubſt und ich hoffen will, ſo vereinigt Euch eni⸗ mein Segen.“ Bei dieſen Worten hauchte ich meiner ſelig lächelnden Angelika einen Kuß auf die Stirn unter und—“ ekom⸗„Angelika!“ ſchrie der Häuptling auf, deſſen ſonſt mich.“ ſo edel ruhige Züge ſchon bei Erwähnung des venetia⸗ niſchen Conte ſich ſeltſam entſtellt und immer mehr einen Ausdruck furchtbaren Zorns angenommen hatten, indem er jetzt ſein entſetzlich verändertes Antlitz dem egen⸗ beſtürzten Erzähler in plötzlicher Wendung zukehrte und re.“ die Hand deſſelben faſt zermalmend drückte.„Angelika hieß Deine Tochter und ein italieniſcher Edelmann hat in Du ſie Dir entführt?“ ſt.“„Allmächtiger Gott!“ rief der unglückliche Vater aus ührten und ſank bewußtlos in die Arme ſeines Sohnes. ach ich mthun, as Du chuldig Siebentes Kapitel. Die Rieſenſchlange im Kampfe. Konrad hatte beim Anblicke ſeines ohnmächtig hin⸗ ſinkenden Herrn ſeinen Torniſter aufgeriſſen, daraus eine mit geiſtiger Flüſſigkeit gefüllte Feldflaſche gezogen, einige Tropfen davon in die hohle Hand gegoſſen und rieb ihm damit Stirn und Schläfe ein, während Karl, ſelbſt bis zum Erſtarren betäubt, den Bewußtloſen krampfhaft umklammert hielt und der Häuptling noch unbeweglich, ſtieren Blicks auf die Gruppe, wie eine Statue des Schreckens daſtand. Die Obſorge des treuen Dieners belohnte ſich ſchnell, denn noch war keine Minute verfloſſen, als ſein ge⸗ liebter Herr die Augen aufſchlug und wie ängſtlich fragend oder vielmehr ſuchend um ſich blickte. Im ſelben Momente fiel in der Richtung nach dem hin⸗ araus oen, und Karl, tloſen noch eine ſchnell, in ge⸗ igſtlich ch dem 69 Hochgebirge hin, aber in einer bei der Reinheit der Luft nicht genau zu beſtimmenden Entfernung ein Schuß, dem unmittelbar darauf ein zweiter und dritter folgte. Dies wirkte elektriſch auf die Rieſenſchlange. Der gewaltige Shoſhonenführer erbebte wie eine vom Blitz getroffene Eiche, aber dies war nur die Sache einer Sekunde; in der nächſten ſtieß er einen gellenden Schrei aus, dem ein ähnlicher der fünf unten im Ge⸗ hölz beſchäftigten Indianer antwortete; dann ſchwang er ſeinen Tomahawk und rief mit donnernder Stimme: „Meine Shoſhonen ſind in Gefahr, ein Hinterhalt un⸗ ſerer Feinde bedroht ſie, ich muß fort zur Hülfe, zur Rache! Bleibt hier, verhaltet Euch ruhig, bald bin ich zurück!“ In dieſem Augenblicke kamen die fünf jungen In⸗ dianer mit flammenden Augen und ſchrecklichem Geheul die Anhöhe heraufgeſtürmt und ſtreckten mehr kampf⸗ luſtig als beſorgt die ſtarken Arme nach den Rocky⸗ Mountains aus, in betäubendem Gemenge wüthender Ausrufungen. „Mir nach!“ rief der Häuptling, nahm mit einem bedeutſamen Blicke Abſchied von Vater und Sohn und flog den Hügel hinab gegen die Quelle hin, gefolgt von den Seinigen unter demſelben ununterbrochenen Kampfgeheul. 70 Dieſer ſo plötzliche Umſchwung der Dinge, die augenblicklich ihn und ſeine Lieben bedrohende Gefahr, da ſich ja der Kampf bis zur Inſel ziehen konnte, gab dem Baron ſein volles Bewußtſein und der Gedanke, der Häuptling, wie nicht zu bezweifeln ſchien, wiſſe um das Geſchick Angelika's, ſeine frühere Kraft zurück; er richtete ſich raſch empor und rief:„Konrad, meine Waffen! Rüſtet Euch mit mir, unſern Freunden beizu⸗ ſtehen, wenn ihnen Gefahr droht; folgt mir zum Ufer, da man von dort nach Weſten hin die Ebene frei über⸗ blicken kann.“ Und ſie eilten der Quelle zu. Ein großartiges Schauſpiel bot ſich hier ihren Blicken dar. Das Feuern hatte ſeit dem zuerſt vernommenen Schuſſe nicht nur angehalten, ſondern war ſogar noch weit lebhafter geworden und zugleich der Inſel un⸗ ſerer Anſiedler bedeutend näher gerückt, jetzt aber, als dieſe die höchſten Felsblöcke, welche, wie ſchon bemerkt, um den Urſprung des Bächleins eine Art Grotte bildeten, die Büchſen zur Hand, beſtiegen, er⸗ ſtarb das Feuern, und ſie ſahen, kaum fünfhundert Schritte vom jenſeitigen Uferrande entfernt, einen Kampf von mehr als zweihundert Wilden vor ſich worin Mann gegen Mann mit unbeſchreiblicher Er⸗ bitterung, Kraft und Gewandtheit auf Leben und die ahr, gab nke, um er eine izu⸗ fer, ber⸗ 71 Tod, hier mit furchtbaren Waffen, dort Bruſt an Bruſt mit nackten Armen, rang. „Die Shoſhonen“ rief der Baron,„ſind wahrſchein⸗ lich am Gebirge von Oſagen oder Sioux, die ihnen den Rückweg abſchnitten, überfallen und von dort bis an den Strom zurückgedrängt worden.“ „Sieh, Vater!“ fiel Karl glühend ein,„ſieh dort unſern herrlichen Freund, den edlen Häuptling! Ein Blitz zuckt er dahin! Nun hat er mit ſeinen fünf Ge⸗ fährten die erſten Gruppen erreicht; ha, ſein Tomahawk fliegt wie eine leichte Damescenerklinge im Kreiſe um ſein Haupt und ſchmettert Alles vor ihm nieder! Welch ungeheure Kraft! Hört Ihr das Freudengeſchrei der Seinigen? Ihr Häuptling iſt ja unter ihnen, den Kampf zu wenden.“ In der That verbreitete derſelbe unter ſeinen Feinden Tod und Verderben; jeder Schlag ſeiner Stahl⸗ axt traf vernichtend, und der Rieſenkraft, womit er ſie um ſich ſchmetterte, entſprach die Gewandtheit, der Schwung ſeines Körpers ſo vollkommen, daß er in⸗ mitten dieſer Mordſcene mehr einem akademiſchen Dar⸗ ſteller antiken Kampfes als einem Führer wuthent⸗ brannter Wilden glich. Uebrigens verhielt es ſich ge⸗ nau ſo, wie Herr von Bergen bemerkt hatte. Die heimkehrenden Shoſhonen waren an einer Ausmündung des Engpaſſes, durch welchen ſie in das Felsgebirge ziehen wollten, von einer ihnen um mehr als die Hälfte überlegenen Anzahl Oſagen und Siour überfallen und in die Ebene zurückgedrängt worden. Der Kampf hatte ſich in großer Haſt bis in die Nähe des Stroms gezogen, wobei Angriff und Rückzug bald die Sache der einen, bald der andern Partei wurde; wohl an fünfzig Todte und Verwundete, beiden Par⸗ teien angehörig, bedeckten bereits die Prairie. Die Erſcheinung des Häuptlings, der den Feinden wohl⸗ bekannten Rieſenſchlange, entſchied raſch den Ausgang dieſes blutigen Schauſpiels; die Oſagen flohen zuerſt und ihnen folgten, ihre Flucht deckend, die tapfern Sioux unter unausgeſetztem Kampfe und wüthendem Geheule. Aber die Schlangenindianer, jetzt neubeſeelt, ſchienen ſie nicht entrinnen laſſen, ſondern ganz ver⸗ nichten zu wollen. Sie theilten ſich im Fluge in drei Schaaren; die der Mitte, an Zahl die kleinſte, aber vom Häuptling ge⸗ führt, drängte unaufhaltſam den Feind gegen das Ufer; die beiden andern flogen in weitem Halbkreiſe den fliehenden Oſagen in den Strom nach, um ihnen die BSeſetzung der Inſel, der ſie zueilten und auf der ſie einen ſtarken Halt gewinnen konnten, unmöglich zu machen. 73 Dies war der Stand der Dinge, als Herr von Bergen, den, wie ſeinen Sohn und Diener, das zwi⸗ ſchen den Felsblöcken aufſtrebende Gebüſch den Blicken der Heraneilenden verbarg, der mittlerweile unter ihnen getroffenen Verabredung gemäß das Zeichen gab, daß der entſcheidende Augenblick gekommen ſei. Schon be⸗ fanden ſich nämlich ſämmtliche Indianer im Strome und eilten fliehend und verfolgend, da kämpfend, dort in flüchtigen Sätzen, angeſchoſſenen Hirſchen gleich, der In⸗ ſel zu, von deren bebuſchtem Uferrande die vorderſten der Flüchtlinge, etwa zwanzig Oſagen, gedrängt zu beiden Seiten von ungefähr ebenſo vielen Shoſhonen, kaum fünfzig Schritte noch entfernt waren. Nachdem das Zeichen gegeben, ſtießen die muthigen Anſiedler ein dem der Shoſhonen beſtmöglich nachgeahmtes Schlachtgeſchrei aus. Die unmittelbare Folge dieſer Kriegsliſt war eine plötzliche Erſtarrung aller India⸗ ner; im nächſten Augenblick ſchoſſen der Baron und Konrad ihre Büchſen ab, und zwei Oſagen ſtürzten. Nun ergriff deren Gefährten Verzweiflung und ſelbſt die Sioux bebten zurück. Ein Schrei der Rieſenſchlange machte die Luft erdröhnen und dieſem folgte jetzt eine grauenvolle Scene. Die Shoſhonen hatten ihre Feinde völlig ein⸗ geſchloſſen und ſtürzten ſich auf ſie mit raſendem Ge⸗ 74 heule; da war nicht mehr an Flucht zu denken, es galt das Leben in fürchterlichſter Weiſe. Schon bildeten die Maſſen einen unauflöslich ſcheinenden Knäuel, um den die ſchäumende Flut weithin mit Blut ſich färbte; nun riß er wieder und das Morden ward deutlicher in ein⸗ zelnen Gruppen. Der Stahl des Häuptlings blitzte im Sonnenglanze bald da, bald dort, immer tödtend oder zu Tode verwun⸗ dend, ſein Donnerruf verſtummte nicht und immer gleich gewaltig blieb der Schwung ſeines gigantiſchen Arms. Jetzt drang, kaum fünfzig Schritte von der Inſel, ein rieſig gebauter Siouxhäuptling mit hoch geſchwun⸗ genem Steinbeile auf ihn ein; ſo ſtoßen zwei wüthende Büffel zuſammen. Beide Tomahawks treffen in un⸗ geheurem Schwunge an einander und der des Siour fällt zerſchmettert in den Strom; ihm nach ſinkt er ſelbſt, von einem mit Gedankenſchnelle wiederholten Schlage auf das Haupt getroffen, und ſchon ſieht ſich die Rieſenſchlange nach einem neuen Opfer um. Aber da hat einer der Sioux, den Fall ihres Führers zu rächen, nur zehn Schritte entfernt, einen langen Pfeil auf ſeinen Bogen gelegt und erhebt dieſen jetzt, um nach ihm zu zielen. Karl hat dies geſehen; ſeine Büchſe knallt und der Indianer ſtürzt im ſelben Augen⸗ blicke, durch die Bruſt geſchoſſen, nieder. 6 — „Brav, mein Sohn!“ rief Herr von Bergen, der gleichwie Konrad inzwiſchen wieder geladen hatte, wäh⸗ rend der Shoſhonenhäuptling, deſſen ſcharfes Auge ſo⸗ gleich die Urſache dieſes Schuſſes wahrgenommen hatte, nach einer grüßenden Handbewegung gegen die Grotte ſich mit neuem Ungeſtüm in das noch immer wüthende Mordgewühl ſtürzte. Unſere Freunde, obwohl ſie auf ihrer langen Wan⸗ derung durch das Miſſourigebiet manchen Kampf zwi⸗ ſchen den ſich befehdenden Stämmen der Chippewäs und Sioux im Verborgenen mit anzuſchauen genöthigt wor⸗ den, blickten dennoch mit Entſetzen auf das Blutbad, das ſich jetzt im buchſtäblichen Sinne des Wortes vor ihnen grauenerregend geſtaltete. Die Shoſhonen hatten bereits zwei Drittel ihrer Gegner vernichtet, aber auch von ihnen waren be⸗ reits viele gefallen; Todte und Verwundete lagen in ſchrecklichen Gruppen um die noch Kämpfenden her, und das Waſſer, hier noch ſeichter als auf der Oſtſeite der Inſel, war rings um ſie wie um die Gefallenen zu dampfendem und ſchäumendem Blute geworden. Die Oſagen waren nicht mehr und auch der Reſt der Siour erlag trotz der raſendſten Gegenwehr der Uebermacht. Ein allgemeines, betäubendes Freudengeſchrei der Shoſhonen verkündete die Vollſtändigkeit des Siegs und es wurden, wo es nicht ſchon im unmittelbaren Kampfe geſchehen, mit raſender Gier die Scalps ge⸗ nommen, ein Schauſpiel, das eben beendete an Gräß⸗ lichkeit noch überbietend, wobei jedoch der Häuptling müßiger, ja ſogar ſeiner Haltung nach trauernder Zu⸗ ſchauer blieb; er begnügte ſich mit einer einzigen Tro⸗ phäe, mit der Stirnhaut nämlich des Siourhäuptlings, den er noch im Kampfgewühle ſelbſt ſcalpirt hatte. Dieſer blutigen Handlung folgte eine Pauſe all⸗ gemeinen Stillſtandes und Schweigens; dann, nachdem die Sieger ihre Todten und Verwundeten gezählt hat⸗ ten— es waren deren an dreißig— ſtießen ſie ein langanhaltendes Klagegeheul aus, das ſich dreimal wiederholte— ein furchtbarer Chor am Schluſſe dieſer Tragödie. Nun aber veränderte ſich Alles raſch. Schon quoll das Waſſer wieder rein durch ſie und über die Ge⸗ fallenen dahin, und man ſchickte ſich an, aus dieſen zuerſt die verwundeten Shoſhonen an das jenſeitige Ufer zu ſchaffen. Nach dieſen, denen einige der ältern Krieger ſogleich Hülfe leiſteten, wurden ihre Todten dahin getragen und in einiger Entfernung von jenen derart in eine Gruppe gebracht, daß ſie mit dem Rücken an einander gelehnt in einer Reihe zu ſitzen kamen, wobei diejenigen Todten, denen der Scalp nicht ge⸗ 77 nommen war, wie zur Belohnung oder Auszeichnung mit dem Antlitze gegen das Felsgebirge ihrer Heimat gekehrt wurden. tachdem dies geſchehen, gab der Häuptling Befehl, auch alle die gefallenen Feinde nach der Prairie zu ſchaffen und den noch lebenden, deren nur wenige mehr ſich vor⸗ fanden, beizuſtehen; gleichzeitig ſandte er einen Trupp von zwanzig Mann mit dem Auftrage ab, die weiter⸗ hin bis zu den Rocky⸗Mountains Gefallenen zur all⸗ gemeinen Trauer- und Siegesfeier herbeizubringen. Unmittelbar hierauf ſchritt der Häuptling durch die Furt der Inſel zu, reinigte ſich am Ufer von den zahlreichen ſchrecklichen Blutſpuren und ſtieg dann zur Grotte empor, von wo ihm die Anſiedler tiefbewegt entgegenkamen. Achtes Kapitel. Si S ie eer Der Mann, welcher innerhalb dieſer kurzen Zwiſchen⸗ zeit von kaum einer Stunde ſo viele ſeiner Feinde mit eigener Hand getödtet und der während dieſer Würgſcene mehr einem Dämon als einem menſchlichen Weſen geglichen hatte, wie wunderbar verändert ſtand er jetzt ſeinen neuen Freunden gegenüber! Sein Blick war verglüht und voll Schwermuth, ſeine Haltung beſcheiden, faſt geſenkt, und man hätte bei ſeiner Erſcheinung das eben Erlebte für einen fieber⸗ haften Traum halten können, wären nicht die ſchreck⸗ lichen Zeugen des Vorgefallenen, lebende und todte, noch im Strome geweſen und hätte nicht der blutige Scalp des Siouxhäuptlings an ſeinem Gürtel ge⸗ hangen. Tiefernſten Tons, das umflorte Auge ſchüch⸗ tern aufſchlagend, redete er Karl, indem er ihm — 0 79 die Hand reichte, welche dieſer mit Zittern erfaßte, alſo an: „Mein junger Bruder hat mir das Leben gerettet und ich danke ihm, obſchon ich heute den Tod geſucht; dies nur zu Euch geſagt, denn die Meinen dürfen da⸗ von nichts hören. Ich bin Dein Schuldner, ſolange ich athme. Vielleicht kann ich Dir ſo dankbar ſein, wie ich es wünſche; Du kannſt auf mich zählen bis zum Tode.“ Hierauf ſprach er zu Karl's Vater, deſſen ſchmerz⸗ bewegte Züge die ganze Unruhe ſeines Gemüths, deſſen flehende Blicke vor allem die Sehnſucht oder vielmehr die bange Ungeduld, die Hoffnung und Angſt, durch dieſen räthſelhaften Mann Kunde von dem Schick⸗ ſale ſeiner verlorenen Tochter zu erhalten, deutlicher ausdrückten, als es alle Worte vermocht hätten: „Vater meines Lebensretters, Deiner Kriegsliſt ver⸗ danken die Shoſhonen die raſche Entſcheidung des Kampfes, ja ſogar nach meiner Ueberzeugung den Sieg; dieſer wäre, hätten die Feinde dieſe Inſel beſetzt, zweifelhaft geworden. Du haſt Dich zweifach unter uns eingebürgert, durch Gold und durch Geiſt; dieſen Abend noch, wenn meine Krieger ruhen, werde ich einen Theil meines Dankes an Dich abtragen: Du wirſt durch mich von Deiner Tochter hören.“ 80 Herr von Bergen, bei dieſen Worten erbebend und erbleichend, vermochte nichts als die Frage zu ſtammeln: „Lebt meine Angelika?“ „Sie lebt“, entgegnete der Häuptling mild;„noch mehr, ſie lebt ein würdiges Daſein; der große Geiſt hat ſie beſchützt und ſie lebt nur ihm fortan.“ „O nur dies noch, ſoll ich nicht in ſchmerzlicher Ungeduld vergehen: wo lebt mein heißgeliebtes Kind und in welcher Lage?“ „Zu Mexico in einem Kloſter.“ Es folgte dieſer Mittheilung eine kurze Pauſe, aber eine ganze Welt von Empfindungen lag in ihr. Dann nahm der Häuptling wieder das Wort, indem er ſagte: „Meine Freunde, begebt Euch nunmehr in die Lichtung des Gehölzes und bereitet Euch da, Ihr be⸗ dürft deſſen, Euer Mahl. Ich muß zurück, das Ganze zu ordnen; auf zwei Scheiterhaufen, wozu man Stämme von einer andern Inſel holen wird, verbrennen wir die Leichen der Unſern und der vernichteten Feinde; ihre Seelen ſchweben bereits verſöhnt um ihre Hüllen. Die Nacht werde ich mit den erſten meiner Krieger hier bei Euch zubringen, die Uebrigen bleiben am jenſeitigen Ufer. Lebt wohl für jetzt, bald ſehen wir uns wieder.“ Er entfernte ſich und kehrte zu den raſtlos arbeiten⸗ den Indianern zurück. Die Anſiedler aber thaten nach 81 ſeinem Willen und begaben ſich ſchweigend, jeder ſeinem Gefühle hingegeben, nach der Lichtung. Hier fanden ſie eine von den fünf jungen Shoſhonen leichtgefügte zeltförmige Hütte vor, die nur noch einer kleinen Nachhülfe bedurfte, um zu einer ziemlich be⸗ quemen Lagerſtätte für kurze Zeit zu dienen. In dieſer Hütte legten ſie nun Gepäck und Waffen ab, wonach Konrad das Wildpret aufzuſuchen ging, das er auch alsbald, bereits geſchickt zerlegt, in einem ſchattigen friſchen Dickicht fand und wovon er gleich ein Stück auslas, um es ungeſäumt zu braten. Die Sonne hatte ſchon den Scheitelpunkt erreicht und ihre Strahlen, durch kein Wölkchen unterbrochen, glühten auf der Inſel; nur in dieſem Gehölze auf der Südſeite war die Hitze durch die dichtverſchlungenen Kronen der Bäume ermäßigt und die Luft in der Hütte ſogar von erquickender Friſche. Dieſer Umſtand, verbunden mit der Anſtrengung in den letzten Tagen der Reiſe, wie mit den erſchüttern⸗ den Gemüthsbewegungen an dieſem Tage, hatte zur Folge, daß Herr von Bergen, kaum daß er ſeinen Mantel über den feuchten Raſen des Zeltes gebreitet und ſich darauf hingeſtreckt, in einen ohnmachtähnlichen S verſank, der jedoch keine beunruhigenden Jean Charles, Realiſten und Idealiſten. V. 6 82 Symptome zeigte und den auch demnach ſein Sohn, der ſich ihm zur Seite gelagert hatte, ungeſtört ließ. Nach einer halbſtündigen Ruhe erhob ſich Karl leiſe, verließ geräuſchlos die Hütte und ging zu Konrad, den er in voller Beſchäftigung fand. „Mein Vater ſchläft“, ſprach er,„und wir wollen ihn ja nicht wecken; ach, er hat ſo viel gelitten, und die Nachricht von meiner armen Schweſter hat ihn mehr erſchüttert, als er zeigte; ich fürchte ſehr, daß ihn die weitere Mittheilung des Häuptlings noch ſchmerzlicher berühren wird.“ „Auch ich beſorge dies“, antwortete Konrad mit ernſter Miene;„wir find hier von ſeltſamen Menſchen und Ereigniſſen umgeben. Was halten Sie“ fragte er nach einigem Schweigen,„von dem Shoſhonen⸗ häuptling?“ „Er iſt mir ein Räthſel“ entgegnete Karl, zerſtreut vor ſich hinblickend,„ein Geheimniß, vor deſſen gänz⸗ licher Enthüllung mir beinahe graut. Dieſer wunder⸗ bare Menſch, deſſen Weſen mich bald anzieht, bald ab⸗ ſtößt, wird, mir ahnt es, noch gewaltſam auf unſer Leben einwirken; ob gut oder ſchlimm, müſſen wir ab⸗ warten. Seine Kraft iſt entſetzlich, und dennoch ſcheue ich ſeine Ruhe faſt noch mehr als den Ausbruch ſeiner 83 Leidenſchaft, denn in jener erſcheint er mir wie ein Vulkan, in deſſen Innerem ſich die Vernichtung vor⸗ bereitet, obwohl Cypreſſen und Oliven friedlich um ihn grünen und reines Himmelsblau ſich über ihm aus⸗ ſpannt; noch iſt die Höllenglut in ihm verſchloſſen, aber ſie kann verheerend ausbrechen, ehe man ſich's ver⸗ ſieht.“ „Auch mir“ ſagte Konrad,„bangt vor ihm, obgleich er uns bis jetzt nur Gutes erwieſen, beſonders nach⸗ dem ich ihn im Kampfe geſehen; es iſt das eine über⸗ e 5 menſchliche Gewalt, die ich nicht zu faſſen vermag; 5 Gott aber wird uns ſchützen!“ it„Hoffen wir das“, ſchloß Karl dieſe kurze bange Unterredung, tief aufathmend,„und bleiben wir n . männlich gefaßt. Mich dürſtet, ich will zur Grotte; bald bin ich wieder hier.“ Und er ſchritt langſam, in Nachſinnen verloren, den 1 5 Hügel hinan. Er hatte ſich an dem köſtlichen Born erlabt und blickte nun, auf einem bemooſten Felsſtücke 3 gelagert, über den Strom nach dem Ufer hin. 6 Da war Alles in großer Thätigkeit, ein ſchweig⸗ ſames, rieſiges Ameiſengewimmel. Hier ſchleppte man ⸗ Bäume, da trug man Leichen herbei; die zwei Scheiter⸗ e haufen, in einiger Entfernung von einander, inmitten er deren ſich die Reihe der todten Shoſhonen hinzog, 6* 84 ſchichteten ſich allmälig auf; die Waffen der arbeitenden Indianer waren nach Art der europäiſchen Krieger pyramidaliſch zuſammengeſtellt und nur einige der älte⸗ ſten gingen, Befehle ertheilend, bewaffnet hin und wieder, während die Rieſenſchlange unbeweglich ſtehen blieb und das ganze, mehr Grauen als Trauer erregende Werk nur mit dem Blicke zu beherrſchen ſchien. Dieſes entfaltete ſich raſch mit einer unheimlichen Geräuſchloſigkeit. Aber Karl, deſſen körperliche Kräfte, wiewohl für ſeine Jugend auffallend genug, doch denen ſeines regen Geiſtes nicht gleichkamen und dieſen Morgen über auf ſo ergreifende Weiſe in Anſpruch genommen worden, fühlte, wie ſein Vater in der Hütte, hier an der kühlen Grotte bald die freundliche Gewalt der Natur und ſank, während ſich ſeine Phantaſie noch mit dem Schauerbilde auf der Prairie abmühte, in die weichen Arme des Genius, der den Sterblichen täglich an den Tod, ſeinen ernſtern Bruder, erinnert. Der ſchöne Jüngling ſchlummerte ſüß; mächtiger als jedes Erlebniß iſt Herzensreinheit, Frieden der Seele, und er war rein und mild wie der Hauch des Lenzes, der die Blumen erweckt. Mehrere Stunden hatte er ſo in füßer Betäubung gelegen, als er, von einem gräßlichen Geheul erweckt, auffuhr und entſetzt um ſich ſtarrte. 85 Ihm zur Seite ſtanden ſein Vater und Konrad, und erſterer ſprach, ihn ſanft umſchlingend: „Beruhige Dich, mein Sohn, wir ſind in Sicherheit. Die Indianer begehen die Todtenfeier und ihr Klage⸗ geheul hat Dich aufgeſchreckt. Fühlſt Du Dich geſtärkt?“ „Ja, vollkommen, lieber Vater“, rief Karl, ſich ganz aufrichtend, indem er nach der Ebene hinblickte. Da loderten bereits beide Scheiterhaufen in gewaltigen Flammen, und die Shoſhonen, mit Ausnahme des Häupt⸗ lings und zweier Greiſe, umtanzten den einen, jenen nämlich, deſſen Glut die Leichen der Ihrigen verzehrte, unter unausgeſetztem, dem von Wölfen nicht unähnlichen Geheule des ſogenannten Trauergeſangs. „Alles an dieſen Söhnen der Natur“ ſagte Herr von Bergen,„iſt gewaltig, wie es jedes Urſprüngliche iſt; erſt innerhalb der Grenzen der Kunſt, gezogen um Geiſt und Gefühl durch Sitte, moraliſche Nothwendig⸗ keit und Geſchmack, hört die menſchliche Natur auf, entſetzenerregend zu ſein; ſo wie die Wilden heulen die Säuglinge der civiliſirten Menſchen, und noch grauen⸗ voller als ihr Schlachtgeſchrei tönt die Stimme der die Schranken des Beſtehenden, der Ordnung durch⸗ brechenden Völker, die furchtbare Stimme der Revolution. So berühren ſich die Extreme: ſublimirteſte Verfeinerung und roheſte Kraft, Seelenmattigkeit und Alles vern ichtende 86 Gewalt, Verderbniß und Wiedergeburt; was dieſe Men⸗ ſchen da ſind und thun, das ſind und thun, nur in noch ſchrecklicherer Weiſe, jene in den palaſtgeſchmückten Städten; wir wollen fortan unter dieſen bleiben, denn hier ſtehen wir der Wahrheit des Lebens, wie ſchrecklich ſie auch iſt, näher als dort, und wahr zu ſein iſt die Aufgabe des Menſchen, deſſen Geiſt ſich gottdurch⸗ drungen weiß und deſſen Herz moraliſch nothwendige Unſterblichkeit fühlt.“ Neuntes Kapitel. Fernandez Carvalhv. Nachdem Herr von Bergen alſo geſprochen, betrach⸗ teten ſie das wilde Schauſpiel noch einige Minuten ſchweigend und ſuchten dann die ſchattigſte Stelle zwi⸗ ſchen den Felſen auf, um ſich daſelbſt zu ihrem Mahle niederzulaſſen. Sie hatten ſich erlabt und gingen nun an die Vol⸗ lendung der Hütte. Darüber waren mehrere Stunden verfloſſen, ohne daß ſich einer der Indianer zeigte; auch vernahmen ſie nichts mehr von ihrem Trauer⸗ und Siegesgeſange. Schon neigte ſich die Sonne dem Fels⸗ gebirge zu und ein friſcher Luftzug brachte die Gipfel der Bäume in Schwingung, als ſie, eben fertig gewor⸗ den mit ihrem kleinen Baue, den Häuptling von der Grotte her auf ſich zukommen ſahen. Er trug ſeinen 88 Tomahawk über der Schulter, Gang und Miene zeigten von ernſter Stimmung. Herr von Bergen erbebte innerlich beim Anblicke dieſes Mannes; durch ihn ja ſollte ihm die ſo lange ſchmerzlich erſehnte Kunde von ſeiner unglücklichen Tochter werden und zwar an dieſem Tage noch, viel⸗ leicht ſchon in wenigen Augenblicken. So ergriffen er ſich auch fühlte, trat er dem Kom⸗ menden doch feſten Schritts entgegen und hieß ihn willkommen. Der Häuptling legte zum Gruße die Hand ans Herz und ſprach: „Meine Krieger haben ſich, nach Beendigung der großen Feier des Todes und Sieges, nunmehr am jen⸗ ſeitigen Ufer gelagert, um von Kampf und Leid ſich zu erholen und dieſe Nacht über zu erkräftigen zur Rück⸗ kehr in die Berge. Ich werde ſie zu ihren Wigwams führen und dann wieder zu Euch kommen. Inzwiſchen ſollen die fünf jungen Krieger, die ich zu Eurem Dienſte auserleſen, hier bleiben und Euch unterſtützen. Mit dem früheſten Morgen werden ſie auf dieſer Inſel und die Uebrigen bereits verſchwunden ſein. Nun aber folgt mir zur Anhöhe.“ So ſprechend ſchritt er langſam dahin und die An⸗ ſiedler ſchloſſen ſich ihm ſchweigend an. Sie betraten 89 das Plateau und ließen ſich auf dem Geſtein nieder, diesmal ſo, daß der Häuptling ihnen gegenüber zu ſitzen kam und ſie die Ausſicht nach den im Glanze des Abendroths herrlich prangenden Rocky⸗Mountains hatten. Nach einer Pauſe von mehreren Minuten, während welcher der furchtbare Shoſhonenführer geſenkten Blicks, geſtützt auf ſeine Streitaxt, tief nachſinnend regungslos dageſeſſen, erhob er, einen Seufzer unterdrückend, das ſchwermuthumfloſſene Auge zu dem nicht minder düſtern des Barons, das ängſtlich fragend ſich an ſeine Züge heftete, und begann mit milder Stimme, die bisweilen leiſe bebte, die bang erwartete Mittheilung, indem er ſagte: „Es iſt der Augenblick günſtig zum Austauſche un⸗ ſerer Gedanken und Gefühle; Weisheit iſt, die Zeit nicht unbenutzt entrinnen zu laſſen; ich bin bereit, mein Herz zu erſchließen, den Geiſt in mir frei walten zu laſſen; will mich mein Vater vernehmen?“ „Ich flehe Dich an, o ſprich!“ ſtammelte Herr von Bergen, und der Häuptling fuhr alſo fort: „Mann des Schmerzes, ſei auf Schmerzliches ge⸗ faßt! Dein Sohn, wie jung und blühend auch, iſt Mann, er darf, er ſoll ſogar hören, was ich zu ſagen habe; Deinen Diener nannteſt Du Freund, ſo iſt er 90 es mir nicht minder. Oeffnet denn Eure Herzen und vernehmt. Ich habe Euch bereits geſagt“ begann er nach kur⸗ zem Schweigen ſeine Erzählung,„daß ich mich im me⸗ xicaniſchen Gebiete aufgehalten. Ich war in der großen üppigen Hauptſtadt ſelbſt, in Mexico. Das erſte Mal vor fünf Jahren; es war in der heißen Jahreszeit. Da lernte ich einen jungen Mann kennen, der mir an Alter, Geſtalt und innerem Weſen ſo vollkommen glich, daß Ihr Alles, was Ihr durch mich von ihm hören werdet, füglich mit dem vergleichen und erklären könnt, was Euch an mir bemerkenswerth erſchienen. Es war ein Portugieſe und ſein Name Fernandez Carvalho. Kaum fünfundzwanzig Jahre alt, hatte er bereits die Erfahrung eines Greiſes. Eine leidenſchaft⸗ lich verlebte Jugend hinter ſich, aber ausgerüſtet von der Natur mit außergewöhnlicher Kraft, den Geiſt mit ſchönen Kenntniſſen geſchmückt, unbeugſamen Willens und von einem an Tollkühnheit grenzenden Muthe, hatte er damals einen Plan für ſeine Zukunft entwor⸗ fen, der, noch abenteuerlicher als ſeine Vergangenheit, mich ſelbſt erſtaunen machte; er wollte, denkt Euch, die Hülle der Civiliſation von ſich werfen, den freien wil⸗ den Söhnen der Natur ſich zugeſellen, und der tapfere Stamm der Schlangenindianer war es, den er ſich 91 auserleſen und dem er nicht, wie Ihr, als Gaſtfreund nur, ſondern als verbindendes Glied der großen Kette angehören zu wollen den verwegenen Gedanken hatte. Er war der Sohn eines bemittelten Kaufmanns von Oporto, verlor jedoch faſt gleichzeitig Aeltern und Vermögen. Noch ein Jüngling und ſchon ſein eigener Herr, glühend für alles Schöne und Edle, zeigte er ſich, nach ſeinem eigenen Bekenntniſſe, ebenſo unbändig leidenſchaftlich gegen Alles und Jedes, das ihm lügne⸗ riſch oder häßlich erſchien. So geartet, gerieth er na⸗ türlich in manche Verlegenheit. Noch nicht vierund⸗ zwanzig Jahre alt, hatte er zu Liſſabon einen Cavalier aus einer ebenſo reichen als mächtigen Familie Portu⸗ gals im Duelle getödtet und war aus Europa ent⸗ flohen. Auf einem Handelsſchiffe die Dienſte eines Schreibers verrichtend, gelangte er ohne Entgelt von Cadix nach Veracruz und Mexico. Von ſeinem ſelt⸗ ſamen Plane habe ich geſprochen; ich billigte ihn und zeigte ihm den Weg zum Ziele. Bevor er jedoch die⸗ ſen einſchlug, hatte Fernandez eine ſchwere Prüfung von ſeiten ſeines Herzens zu beſtehen, denn er lernte, zum erſten Male in ſeinem vielbewegten Leben, die unwiderſtehliche Macht wahrer Liebe kennen. Das un⸗ vergleichliche Weſen, zu dem er in Liebe entbrannte, war Eure Tochter Angelika.“ 92 „Ewige Vorſicht! Zu meinem Kinde!“ ſchrie Herr von Bergen auf. „Zu Eurem Kinde Vater“, entgegnete der Häupt⸗ ling ernſt und erzählte weiter: „Eines Abends ſah ich ſie, ſchön, wie Ihr ſie ge⸗ ſchildert, aber traurig, niedergedrückt von innerem Leide, am Arme eines jungen ſchönen Mannes, von dem mir Fernandez ſagte, daß er ein venetianiſcher Conte und wahrſcheinlich der Verführer der jungen Dame ſei, die er für ſeine Gattin ausgab und mit der er, vor kur⸗ zem erſt in Mexico angekommen, in einer Villa nahe bei der Stadt lebte, ohne daß irgend Jemand ergründen konnte, durch welche Mittel und zu welchem Ende. Bezähme Deine Ungeduld, Vater, und höre weiter Das Auge der Liebe blickt ſcharf, und Fernandez liebte Eure Tochter— zweifelt nicht, daß ſie es war und iſt— mit der ganzen Hingebung erſter Liebe und in der vollen Glut ſeines Vaterlandes, mit all der ihm eigenen verzehrenden Leidenſchaft, und dies— ſolche Wunder wirkt der große Geiſt— vom erſten Momente an, da er Angelika erblickte. Alles Ungeſtüm ſeines Weſens aber war beherrſcht von Rechtsgefühl; man hielt ſie für des Italieners Gattin, und er litt ſchweigend, kaum mir ſich vertrauend, mehrere Wo⸗ chen lang. Eines Tages jedoch war er zornentbrannt, halb raſend. Er hatte Gelegenheit geſucht und gefun⸗ den, die vertraute Dienerin der Dame, eine Creolin, für ſich zu gewinnen, und durch dieſe das wahre Ver⸗ hältniß ihrer ſchönen Gebieterin zu dem Conte erfah⸗ ren, nämlich, daß ſie dieſer unter der Zuſicherung, ſich mit ihr in ſeiner Vaterſtadt Venedig trauen zu laſſen, aus dem älterlichen Hauſe gelockt und bis nach Mexico, wo ihm ein reicher Verwandter lebte, geführt habe; ferner, daß ſie die einzige Tochter eines deutſchen Ba⸗ rons ſei, deſſen Namen ſie aus kindlicher Schonung verſchwieg und von dem ſie nur ſagte, daß er, obgleich der beſte, liebevollſte aller Väter, ſich gegen ihre Ver⸗ bindung mit dem Conte entſchieden erklärt und ſie, da⸗ mals vom Wahne, dieſen Menſchen wirklich zu lieben und ihn achten zu müſſen, zur Verzweiflung getrieben, dahin gebracht habe, mit demſelben die Flucht zu er⸗ greifen. Die Creolin hing mit ganzer Seele an ihrer Herrin, die den ganzen Umfang ihres Unglücks zu er⸗ meſſen und alle Qualen der Scham und Reue, der bit⸗ terſten Selbſterkenntniß wie der verzehrenden Sehnſucht nach der Heimat mit jedem Tage um ſo ſchrecklicher zu fühlen begann, als ihr ſchändlicher Entführer nicht mit einem Worte mehr der ehelichen Verbindung gedachte und die Arme, die ungeachtet jenes erſten Schrittes und trotz der verwegenſten Annäherung ſeinerſeits 94 während der ganzen langen Reiſe bis zur Stunde noch ihre Unſchuld bewahrt hatte, nunmehr auf die empörendſte Weiſe behandelte und ſich ſonach in ſeiner wahren Geſtalt zeigte. Dies Alles hatte Fernandez durch die treue Diene— rin Eurer unglücklichen Tochter erfahren, und es war mehr als genug, ſeinen Zorn gegen jenen Elenden zu entflammen, wie auch ſeiner Liebe zu Angelika einen noch höhern Schwung zu geben. Er faßte den Entſchluß, ſich ihr durch Vermittelung der Dienerin zu entdecken. Seine Leidenſchaft ließ ihn hoffen, daß ſie Gegenliebe fühlen, ſeine Hand annehmen und mit ihm in das Land der Shoſhonen ziehen werde. Ach, was hofft der Jüngling nicht, zumal der von Liebe begeiſterte! Der Conte gab ſich dem großen, wollüſtigen Leben der Hauptſtadt hin und brachte faſt jede Nacht außer⸗ halb ſeiner Villa zu, in die er gewöhnlich des Morgens erſchöpft zurückkehrte, um den Tag darin zu verſchlafen und durch Trägheit ſich zu neuen Ausſchweifungen vor⸗ zubereiten. Welchen Plan er mit Angelika hatte, ließ ſich halb errathen; wahrſcheinlich hoffte er von der Zeit die Krönung ſeiner frevelhaften Wünſche, in der Annahme, daß Eure edle Tochter ermüden und dem⸗ nach zuletzt ſeinem Verlangen willfahren werde. Mitt⸗ lerweile lebte er, wie ſich nun Fernandez überzeugte, — 1 G7 6 auf die leichtſinnigſte Weiſe hin, zum Theil von den Geldzuflüſſen ſeines reichen Verwandten, größtentheils aber vom Spiele. So ſtanden die Sachen, als Fernandez eines Abends, von der Creolin zugelaſſen, in den Garten der Villa trat, worin ſich ihre Gebieterin trauernd erging. Er näherte ſich ihr beſcheiden, dennoch ſchrak ſie heftig zu⸗ ſammen; ſein Benehmen aber und die Anweſenheit ihrer verlaßlichen Dienerin beruhigten ſie. Er ſprach offen und heiß, nicht von ſeiner Liebe ſowohl als von ihrem Unglücke; ſie ſah, daß er Alles wußte, und ver⸗ nahm nicht ohne Rührung den von ihm gefaßten ſelt⸗ ſamen Plan zu ihrer Befreiung aus den Banden des Erbärmlichen. „Geſtatteten es meine Verhältniſſe“, fügte er ſeinem geäußerten Entſchluſſe mit hoher Wärme bei,„Euch in Eure Heimat, in die Arme Eures Vaters zurückzu⸗ führen, ich würde es mit Entzücken thun; dort wollte ich mir ſeine Achtung und Eure Neigung erwerben und Euch mein ganzes Daſein weihen; allein ich bin arm und gelangte ſelbſt hierher als ein vom Geſchicke Ver⸗ folgter.“ So ſprach er, und Eure Tochter entgegnete unter Thränen: „Ich fühle innig das Edle Eurer Abſicht, aber auch 96 ich habe meinen Plan für die Zukunft entworfen und hoffe ihn mit der Hülfe des Allmächtigen ausführen zu können. Wäre mir auch die Verzeihung meines ſo tief gekränkten Vaters gewiß, ich ſelbſt könnte mir das Geſchehene nie vergeben und ich würde mich in Gram verzehren, ohne etwas gut gemacht zu haben. Mein Entſchluß iſt gefaßt; ich verberge mich mit meiner Schmach in den Mauern eines Kloſters, und von da aus erſt will ich meinem Vater Kunde geben; könnt Ihr mir bei dieſem Unternehmen behülflich ſein, ſo werde ich Euch zeitlebens als meinen Wohlthäter ehren und für Euch beten in heiliger Einſamkeit.““ „D meine gute, liebe Tochter!“ rief hier mit beben⸗ der Stimme Herr von Bergen aus, indem er ſeine ge⸗ falteten Hände an den Mund preßte und zugleich das Haupt gegen die Bruſt ſenkte, während Karl's ſonſt ſo ruhiges, mildes Auge mit durchdringendem Blicke an dem offen aufgeſchlagenen und faſt ſchwärmeriſch blickenden des Erzählers haftete, der ſeinerſeits den Aus⸗ ruf des Vaters und das ſcharfe Forſchen des Jünglings ebenſo wenig wie die Thränen auf Konrad's durch⸗ furchten Wangen zu beachten ſchien und in ſeiner Mit⸗ theilung alſo fortfuhr: „Fernandez liebte die himmliſche Angelika, und die Liebe hofft. Er ſchwieg und bat nur bei jenem erſten 97 Abſchiede, ſie noch einmal in Gegenwart der Creolin ſehen und ſprechen zu dürfen. Dies wurde ihm zu⸗ geſagt und er entfernte ſich, unnennbare Qual in der Bruſt. Ein ſolches Weſen ſich lebendig eingemauert zu denken, eine ſo holde Frühlingsblume von Eis um⸗ ſtarrt, ein Bild zum Entzücken inmitten von Geſtalten des Todes! Ich weiß nicht, was er litt. Keines Sterb⸗ lichen Herz vermag mehr zu leiden. Nach acht Tagen erſt fand ſich Carvalho wieder bei ſeiner angebeteten Angelika ein. Es war an einem jener herrlichen Abende, wie die Natur ſie eben in den Tropenländern nur hervorzau⸗ bert, da er, durch die Vertraute der Abweſenheit des Conte verſichert und eingeführt, in den Garten trat. Was ſagt das Wort Garten! Ich habe ihn geſehen, dieſen kleinen Hain, angelegt und gepflegt nicht von einem Künſtler, ſondern unmtttelbar vom Gotte der Liebe, und durchfloſſen, gleich einer Inſel der Seligen, von paradieſiſchen Düften voll eines unausſprechlich ſüßen Etwas, das ſelbſt die Seelen der Verklärten mit namenloſem Entzücken, mit auflöſend träumeriſcher Wolluſt durchdrungen hätte. Der Sonnenball lag auf dem Horizonte, und von Weſten her ergoß ſich die un⸗ ermeßliche Strahlenflut über die von Zephyren ge⸗ wiegten Wipfel und Kronen der Cypreſſen, Orangen, Jean Charles, Realiſten und Idealiſten. V. 7 98 Palmen und babyloniſchen Weiden; über wunderbar geſtaltete Blumen hin ſchwebten und flatterten Hunderte von Vögeln und Schmetterlingen, mit Liedern voll Wonne und in allen Farben des Regenbogens; die Quellen murmelten in geheimnißvoller Luſt und aus einer Granitfelſengrotte rauſchte ein mächtiger Waſſer⸗ ſtrahl mit dem ganzen Ungeſtüm jugendlichen Freiheits⸗ triebes durch das mooſige Gerölle hin, aufſchäumend vor unwiderſtehlichem Verlangen. Und an dieſer Grotte fand Fernandez die überirdiſch ſchöne Angelika. Sie ſaß an einer Cypreſſe, das Haupt auf den zarten Arm geneigt, den ſie auf das Geſtein ſtützte; ein feines weißes Kleid umfloß ſie ebenſo keuſch als reizend, ſie ſchien aus Aether gebildet und auf den Strahlen der ſcheidenden Sonne, die durch das Gehölz drangen und ihre unbeſchreibliche Geſtalt mit einer Glorie umgaben, in das Bereich ewigen Friedens ent⸗ ſchweben zu wollen. Hingeriſſen vom Zauber dieſes Bildes, ſank Fernandez zu Angelika's Füßen und rief unter heißen Thränen der Liebe, Sehnſucht und Angſt, die Herrliche zu verlieren, aus:„Was immer auch folge, nimm hin das Bekenntniß, Du Unvergleichliche, daß ich Dich anbete, daß es für mich kein Glück mehr ohne Dich auf dieſer Erde gibt! Aber wiſſe Alles: in dieſen acht Tagen habe ich Dir die gewünſchte heilige 99 Zufluchtsſtätte bereitet, ein Wort von Dir und die Mauern eines Kloſters umſchließen Dich. Ich fand Freunde, ich handelte für Dich. Noch aber haſt Du dieſes Wort nicht ausgeſprochen, das fürchterliche Wort, das zwei Leben mit einem Male verarmen, grauſam in ſich erſterben macht, Dein und mein Leben! Du ahnſt die Größe meiner Liebe nicht; meine Selbſtopferung, indem ich nach Deinem entſetzlichen Willen handelte, reicht nicht hin als Maßſtab; aber, Du Engelmilde, erſchrick nicht vor der Glut meiner Seele; eine Thräne Deines Grams um Vater und Vaterland vermag ſie zu tödten. Es iſt wahr“, fuhr Fernandez in ſeiner Begeiſterung mit hoher Leidenſchaft fort,„ich biete Dir nur ein Herz und ein Leben voll Mühe, aber dieſes Herz wird nicht aufhören für Dich zu ſchlagen, und dieſes Leben, nur reich an Arbeit und Sorge, wird Dich ein begangenes Unrecht vergeſſen machen; ſei ſtärker als Dein Gram und gib Dich, an meiner Bruſt erwachend zu neuem Daſein, durch meine Kraft geſtützt, beſeligender Hoffnung für die Zukunft hin; Dein Vater— wir können ihm Nachricht von uns zukommen laſſen— wird Dir verzeihen, Du kannſt ihn ſelbſt wiederſehen!“ Dieſem Erguſſe des entzückten, begeiſterten, zu jedem Wagniſſe entſchloſſenen Jünglings entgegnete 7* 100 Angelika, gleichfalls mit Thränen im Auge, alſo ſprechend: „Was Ihr da ſagtet, erfüllt mein Herz mit Dank⸗ barkeit gegen Gott und Euch. Ihr ſeid ein edler Mann und der Liebe des beſten Weibes würdig. Nie werde ich Eurer vergeſſen. Aber noch einmal, mein Entſchluß ſteht feſt, ich nehme den Schleier. Zürnt mir nicht und reicht mir die Hand, mich auf dieſem Gange aus dem ſogenannten Leben in den ſogenann⸗ ten Tod zu geleiten; wollt Ihr?“ Bei dieſen Worten erhob ſich Fernandez mit Würde, reichte ihr ſeine Rechte und ſprach: „Es geſchehe denn nach Eurem Willen. Ich habe Alles vorbereitet, ſchon mit dem nächſten Morgen werden ſich Euch die Pforten des heiligen Hauſes öffnen.“ „Dank! Dank!“ ſtammelte Angelika und ſank ihm halb ohnmächtig in die Arme. Er hielt die an allen Gliedern Erbebende ſanft umſchlungen, hauchte einen leiſen Kuß auf ihre Stirn und war in dieſem Momente der Vereinigung und Trennung eine Sekunde hindurch ſelig, als ein Auf⸗ ſchrei der in der Nähe an einem Bosquet harrenden Creolin, dem unmittelbar ein Schuß folgte, beide plötz⸗ lich ſo erſtarren machte, daß ſie ſich krampfhaft um⸗ 101 faßten, um wie inſtinktartig gemeinſchaftlich der un⸗ bekannten Gefahr zu begegnen. Fernandez hatte die Kugel dicht an ſeinem Haupte vorbeipfeifen hören, und im nächſten Augenblicke ſah er den Conte mit hochgeſchwungenem Dolche aus dem Bosquet hervor auf ſich zuſtürzen. Aber auch die muthige und treue Creolin war herbeigeflogen, um ihre geliebte Herrin wie eine Mutter ihr Kind zu verthei⸗ digen. Der Portugieſe ließ die Bewußtloſe in ihre Arme gleiten und ſtellte ſich, beide mit ſeinem Körper deckend, dem Italiener entgegen, der, eine gräßliche Läſterung gegen Angelika ausſtoßend, mit dem blitzen⸗ den Dolche auf ihn eindrang. Carvalho war un⸗ bewaffnet, aber, wie ich ſchon geſagt, mit rieſiger Kraft begabt und dem mehr zierlich als ſtark gebauten Conte weit überlegen. „Zurück, Meuchelmörder, ſo wahr Dir Dein Leben lieb iſt, zurück“ donnerte er dem Wüthenden entgegen. Dieſer jedoch, blind vor Raſerei, die Züge furcht⸗ bar verzerrt, mit herausgetretenen Augen und Schaum vor dem Munde, war ſchon in einem wilden Satze an 1 ihm und führte einen Stoß gegen ſeine Bruſt. Fer⸗ nandez, ebenſo gewandt als ſtark, entrann der unfehl⸗ bar tödtlichen Waffe durch eine blitzſchnelle Wen⸗ dung, umklammerte den entſetzlich Fluchenden mit ſei⸗ 102 nen eiſernen Armen ſo gewaltig, daß ſein furchtbares Geſchrei augenblicklich zu einem dumpfen Brüllen und Röcheln eines halb Erſtickten wurde, und rief ihm, während er ihm auch nicht eine Sekunde Luft ließ, zu: „Verführer, Verräther, Meuchler! Schwöre, dieſes edle, engelreine Mädchen, das Du unglücklich gemacht, augenblicklich mit mir aus Deinem Hauſe ungeſchmäht und unangetaſtet ziehen zu laſſen, oder ich erſticke Dich in meinen Armen.“ „Nein, Verfluchter!“ ſtöhnte der Elende und ſuchte in letzter ohnmächtiger Anſtrengung den Dolch in ſei⸗ nes Gegners Seite zu bohren; ein neuer, furchtbarer Druck von dieſem, und die Waffe fiel unſchädlich zur Erde. „Schwöre, Bandit, ſchwöre, ſonſt zermalme ich Dich!“ wiederholte Fernandez empört. „Es ſei, ich— ich ſchwöre!“ ächzte kaum vernehm⸗ bar der Conte, und er fühlte ſich aus der Boaumſchlin⸗ gung befreit; der Druck jedoch war ſo ungeheuer ge⸗ weſen, daß er gleich einem Geräderten ſchlapp zu⸗ ſammenbrach und anſcheinend leblos auf ſeiner Mord⸗ waffe lag. Fernandez, ſeiner nicht weiter achtend, wandte ſich jetzt Eurer Tochter zu, die der Schreck ſo ſehr betäubt 103 hatte, daß es ihr unmöglich war, ſich aufzurichten und ihm zu folgen. „Hier iſt kein Bleiben für Euch!“ rief er aus.„Ge⸗ ſtattet, daß ich Euch aus dieſem unſeligen Gefängniſſe hinwegtrage.“ „Nicht lebendig!“ ſchrie es hinter ihm und der Italiener ſtürzte ſich mit gezücktem Dolche auf Angelika. Gewaltiger und raſcher, Jals der Löwe im Sprung ſeine Beute, hatte ihn Fernandez im Nacken gefaßt, zurück an ſich geriſſen, mit gigantiſcher Kraft aufgeho⸗ ben und an die vorſpringenden Felsſtücke der Grotte geſchleudert, von denen er abprallte und mit zerſchmet⸗ tertem Haupte in das Becken ſank.“ Aeußerungen des Schauders von ſeiten ſeiner tief ergriffenen Zuhörer verurſachten eine kurze Pauſe, wo⸗ nach der Häuptling in allmälig ſich herabſtimmendem Tone alſo ſchloß: „Dies war das fürchterliche Ende von Angelika's Verführer. Sie flüchtete, von Fernandez beſchützt, noch denſelben Abend in das durch ihn ausgemittelte Kloſter. Sein Abſchied von ihr war kurz, aber herzzerreißend, eine grauſame Trennung für das ganze Leben. Ich rieth ihm, Mexico augenblicklich zu verlaſſen, und er that es. Von einigen Freunden mit einer kleinen Summe unterſtützt, durchzog er das weite Reich gegen 104 Norden und gelangte nach zahlloſen Anſtrengungen und Gefahren endlich in das Gebiet Hregon und von da in die Rocky⸗Mountains. Hier ſtieß er bald auf einen großen, eben auf einem Zuge gegen mehrere feindliche Stämme begriffenen Trupp Shoſhonen und theilte ihrem Häuptlinge ſeinen Entſchluß mit, unter ihnen zu leben und zu ſterben. Die Offenheit, womit er ſich ausſprach, noch mehr aber ſeine Perſönlichkeit, die er⸗ ſichtliche Kraft und Gewandtheit gefielen den India⸗ nern und ſie nahmen ihn auf. Er vertheilte ſeine Kleider und alles Mitgebrachte unter die Erſten des Stamms und war dem Aeußern nach in wenigen Stunden zum Shoſhonen umgewandelt. Innerhalb eines Jahres hatte er ihre Sprache erlernt und ihre Achtung ge⸗ wonnen, denn es war ihm geglückt, ſich in mehreren blutigen Kämpfen auszuzeichnen, und ſein Wigwam war mit vielen Scalps geſchmückt. Da ereignete es ſich— es war gegen die Mitte des zweiten Jahres, das Fernandez Carvalho unter den Schlangenindianern verlebt hatte— daß in einem mörderiſchen Kampfe gegen die Oſagen ihr Häuptling fiel. Fernandez rächte ſeinen Tod durch beinahe gänz⸗ liche Vernichtung der Feinde, deren Niederlage ſo groß war, daß ſie ſich bis zum heutigen Tage nicht wieder an das Felsgebirge hingewagt. Die Shoſhonen, dank⸗ 105 bar für dieſe That, erhoben ihn faſt einſtimmig zu ihrem Häuptlinge und—“ „Gaben ihm den Beinamen„die Rieſenſchlange“!“ rief Karl begeiſtert aus, indem er aufſprang und den Erzähler leidenſchaftlich umarmte, während auch Herr von Bergen, erſchüttert durch all das Vernommene, ſich ſchwankend erhob und ihm die zitternde Hand reichte, auf welche dieſer, den Jüngling feſt umſchloſſen hal⸗ tend, ſeine glühenden Lippen preßte, während ihm große Thränen über die Wangen rollten. Eine Minute feierlichen Schweigens, heiligen Schmer⸗ zes, für den es keine Worte gibt, war verfloſſen, als ſich der Häuptling erhob und ſprach: „Ja, ich bin Fernandez Carvalho und begrüße in Euch mit wehmüthigem Entzücken Vater und Bruder meiner angebeteten Angelika, der irdiſch Verklärten, des Weibes meiner erſten Liebe!“ „Allwaltende Vorſehung, wie ſeltſam verſchlungen ſind die Pfade, auf denen Du die Menſchen führſt!“ rief Herr von Bergen, den Blick zum Himmel gerichtet, aus. Zehntes Kapitel. Die Klapperſchlange. Nach einer abermaligen Pauſe fuhr Herr von Bergen ſchmerzlich aufſeufzend fort:„Meine Tochter hat mir keine Nachricht geſandt oder dieſe iſt nicht zu mir gelangt, und durch vier unendliche Jahre hat mich ihr Schwei⸗ gen unausſprechliche Qualen dulden laſſen. Jener un⸗ ſelige Menſch, den die ewige Gerechtigkeit durch Euren Arm ſo furchtbar getroffen, war wirklich bald nach Angelika's Geſtändniſſe in mein Haus gekommen und hatte um ihre Hand bei mir angehalten; aber das Er⸗ gebniß der Erkundigungen, die ich über ſeinen Charakter wie über ſeine Verhältniſſe eingezogen, beſtimmten mich, jede Verbindung mit ihm abzubrechen, ihm den Zutritt auf das entſchiedenſte zu unterſagen. Er blieb aus; allein der Verräther ſuchte und fand Mittel, wie ich, 107 leider zu ſpät, aus mehreren ſeiner in den hinterlaſſenen Papieren meiner Tochter befindlichen Briefe erſah, die Unglückliche an ſeine Liebe und Rechtlichkeit glauben zu machen, ja ſogar die Verblendete endlich zur Flucht zu beſtimmen. Alle meine Reiſen und Nachforſchungen waren vergeblich, ſie blieb mir verloren; die Natur grünte und welkte viermal, aber nicht Frühling, nicht Winter brachte Kunde von ihr. Und wie, mein Freund“, ſchloß der trauernde Vater dieſe ergänzende Mitthei⸗ lung über die Vergangenheit,„wie konntet Ihr mit Beſtimmtheit ſagen, daß mein Kind noch am Leben ſei?“ „Ich habe Euch bemerkt“, entgegnete Fernandez, „daß ich zu wiederholten Malen in Mexico geweſen. Ich ſah und ſprach Angelika dreimal in ihrem Kloſter, worin ſie noch im erſten Jahre mit dem Schleier be⸗ kleidet worden, am Gitter des Sprechzimmers; ein Freund, der mich nach jener tragiſchen Kataſtrophe mit Geld zur Reiſe unterſtützt hatte, verſorgte mich zu die⸗ ſem Zwecke mit Kleidern, übrigens führten mich auch diplomatiſche Gründe, von denen ich ſpäter noch ſprechen werde, in die Hauptſtadt des uns benachbarten Reichs. Vor drei Monaten ſprach ich Eure Tochter das letzte Mal; was uns die herrlichen Gebilde eines Murillo oder Rafael zu Anſchauung bringen, vollendete weib⸗ 108 liche Idealität, das ſpiegelte ihr ganzes Weſen ab; nicht blühend, aber auch nicht leidend, ſchien ſie aus dem reinen Borne der Religion Troſt für das Ver⸗ gangene und milde Kraft für das Kommende geſchöpft zu haben, mit der Menſchheit verſöhnt zu ſein, ohne ihr anzugehören, und bereits als Himmelsbürgerin dem Jenſeits ihren Tribut zu zollen, während ſie noch auf Erden war. O nie, nie werde ich den heiligen Aus⸗ druck ihrer engelgleichen Züge, den elegiſchen Ton ihrer Stimme vergeſſen, womit ſie die letzten Worte an mich richtete, indem ſie ſprach: „Glück und Unglück iſt der Blutlauf von und zu dem Herzen der Gottheit; wer da fühlt, daß die Seele des Ewigen in ihm pulſirt, kann nie den Tod des Geiſtes ſterben; denke, Freund, der Unendlichkeit und dulde das Vergängliche.“ So ſprach ſie und ich ſchied von ihr wie vom Anſchauen eines Sonnenuntergangs. „Und gedachte ſie meiner mit keinem Worte?“ fragte Herr von Bergen mit bebender Stimme, indem er die Hände faltete und das Haupt anf die Bruſt ſinken ließ. „Wie ſehr Angelika Euer Andenken geehrt“, entgeg⸗ nete Fernandez mild,„beweiſt ihr jetziges Sein; daß ſie Euch Nachricht gegeben, bezweifle ich nicht, hätte ſie es 109 aber auch unterlaſſen, ſo ſpräche eben dieſer Umſtand von der Reinheit ihres Gefühls, indem ſie für ihre Schuld büßen und für ſchuldiger gelten wollte, als ſie in der That geweſen. Ich las in ihrer Seele und be⸗ rührte dieſen Punkt mit keiner Silbe. Genug, mein theurer Varer, wenn ich Euch fernerhin ſo nennen darf, glaubt mir, nie war und wird ein menſchliches Weſen der Liebe und Verehrung edler Herzen würdiger ſein als Angelika.“ „Vater“, rief hier Karl aus,„erhebe dich aus Dei⸗ nem Schmerz durch die ſchöne Ueberzeugung, daß uns die Theure nicht verloren iſt, wie durch die Hoffnung, ſie vielleicht wiederzuſehen.“ Herr von Bergen ſank ſeinem Sohne weinend in die Arme, und dieſer fuhr in ſeiner offenen, biedern Weiſe fort, indem er ihn umſchlang: „Sieh, guter Vater, Du haſt den Quell Deiner Thränen für immer verſiegt geglaubt, und nun erlabt ſich Dein Herz wieder an dieſem Himmelsborne; Du haſt Dich den Feinden der Heimat entzogen, und weit über dem Meere fandeſt Du einen Freund; Deine Tochter haſt Du als geſunken, als verloren betrauert, und ſie hat ſich aufrecht erhalten, und ſie wiederzuſehen iſt keine Unmöglichkeit.“ Dieſem herzlichen Erguſſe folgte eine kleine Pauſe 110 allſeitigen feierlichen Schweigens; dann richtete ſich Herr von Bergen auf und ſprach in allmälig ruhigerem, feſterem Tone: „Ich habe den Zoll der Menſchlichkeit an die Natur mit dieſen Thränen entrichtet, und der Sterbliche hat ſich ihrer nicht zu ſchämen. Wir haben uns nun⸗ mehr verſtändigt, ſind ohne Geheimniß vor einander und wollen fürderhin arbeiten und hoffen.“ „Es bricht die Nacht herein“, ſagte Fernandez,„und bald werden zwei der älteſten Krieger erſcheinen, um ſich mit mir neben Euch zu lagern. Laſſet weder dieſe noch ſpäter einen andern der Indianer wiſſen, daß ich mich Euch entdeckt; ich habe Gründe dazu und Ihr ahnt ſie wol. Es ſind einige unter ihnen, die mich, den Fremdling, noch immer ſcheelen Blicks betrachten, denen nur mein Kriegsruhm und die Achtung der Mehrzahl Schranken zieht, ohne welche ſie über mich herfallen und mich vernichten würden. Vor allen iſt jener der beiden Shoſhonen, die mit mir am Ufer erſchienen, um Euch anzuhören, der ſpäter in der Berathung ſo leidenſchaftlich gegen Eure Aufnahme ge⸗ ſprochen, mein entſchiedener Feind; er heißt Hiarouk und führt den Beinamen„die Klapperſchlange“, iſt tapfer, aber bei weitem mehr boshaft und hinterliſtig als offenbar muthig. Vor dieſem unbändigen Wilden warne ich Euch beſonders; denn obwohl ich ſtets dafür ſorgen werde, daß er Eurer Anſiedlung fern bleibe, ein Indianer ſucht und findet immer Gelegenheit, ſeine Rachegelüſte zu befriedigen; übrigens ſoll dieſe Bemer⸗ kung Euch nicht ängſtlich, ſondern nur vorſichtig machen. Begebt Euch jetzt hinab zur Hütte; bald bin ich mit den zwei Kriegern an Eurer Seite. Ihr bedürft der Ruhe; lagert Euch ſogleich unbekümmert, ich werde wachen. Gute Nacht, Vater, Bruder, Freund, gute Nacht!“ Mit dieſen Worten reichte Fernandez Jedem die Hand und entfernte ſich raſch. Die Anſiedler ſtiegen zur Lichtung hinab. Kaum war das Plateau von ihnen geräumt, als aus dem dichteſten Geſträuche zwiſchen den Felsblöcken drei ſcheußliche Köpfe ſich emporſtreckten, deren flam⸗ mende Augen nach allen Richtungen hin die Dämme⸗ rung durchblitzten. Einige Sekunden ſpäter wanden ſich, Schlangen gleich ſich zuſammenziehend und aus⸗ dehnend, drei bis auf den Lendengurt nackte Geſtalten geräuſchlos aus dem hohen Farrenkraut hervor und xich⸗ teten ſich, ohne zu athmen, auf. Es war Hiarouk, die meuchleriſche Klapperſchlange, mit zwei rieſigen Shoſhonen von wildeſtem Ausſehen. Eine Weile ſtanden ſie regungslos ſtill, und nur ihre 112 fürchterlichen Blicke, die gleich denen der Salamander das Dunkel geſpenſtiſch durchzuckten, bezeugten in grauen⸗ erregender Weiſe, daß ſie lebten. Hiarouk winkt, und alle drei ziehen aus dem Gebüſche ihre wuchtigen Tomahawks hervor. Wieder halten ſie, ohne zu athmen, an und horchen. Es regt ſich nichts in weiter Runde; die Vögel ſind entſchlummert und ſelbſt das Abend⸗ lüftchen weht nicht mehr, das um Sonnenuntergang um die Wipfel der Bäume geſpielt. Jetzt beginnt die Klapperſchlage zu ziſchen, unheim⸗ lich leiſe, nur den lauſchenden Indianern vernehmbar: „Dank dem großen Geiſte, der mich die Sprache der Blaßgeſichter gelehrt! Die Rieſenſchlange brütet Ver⸗ derben über uns, ſie will uns erdrücken. Sie iſt trotz ihrer Farbe eine Weißgeburt und ihr Herz iſt gegen uns. Dieſe Ankömmlinge ſind ſeine Freunde; Ihr ſaht, mit welcher Liebe ſie ſich umfingen, und Ihr ſeid, ohne daß Ihr verſtanden, was ſie geſagt, überzeugt, ſie ſinnen Verrath gegen uns. Ich, der ich jedes ihrer Worte gehört und verſtanden, ſage Euch, es iſt ſo; die Rieſenſchlange brütet Verrath, darum Verderben über ſie und ihren Anhang. Der Geiſt gebot mir, und ich führte Euch unbemerkt hierher. Dieſe Nacht, die erſte der Fremdlinge auf unſerer angeſtammten Erde, ſei auch ihre letzte; ſie ſterben durch uns und er mit ihnen.“ 113 „Sie ſterben durch uns und er mit ihnen!“ wieder⸗ holten ingrimmig grinſend halblaut die Indianer. „Sie werden ruhig ſchlafen, die Fremden“, fuhr nach einigem Schweigen Hiarouk ziſchend fort,„und nur der Verräther von Häuptling wird wachen; ihn trifft mein Tomahawk, die Ankömmlinge überlaſſe ich Euch; die zwei alten Krieger mögen leben, ſie ſind un⸗ ſchädlich. Bald werden ſie hier ſein, wir aber wollen uns verborgen halten, bis die Nacht weit vorgerückt und Alles, vielleicht ſelbſt die Rieſenſchlange, vom Schlafe bewältigt iſt. Nun kommt, ich weiß eine von ſtarkem Geſträuch verſteckte Höhlung hinter der Grotte da unten, die uns bis zum Augenblicke der Rache be⸗ quemen und ſichern Aufenthalt bietet; folgt mir.“ Der Schreckliche glitt in das Dickicht zurück und ſeine Verbündeten folgten ihm geräuſchlos, wie ſie ge⸗ kommen. Während dieſer kurzen Friſt, in der ein Werk der Finſterniß berathen wurde, hatten ſich unſere Freunde bereits angeſchickt, ihr Lager zu bereiten. Dies war bald geſchehen, und ſie ſtreckten ihre ermüdeten Glieder darauf hin, nahe beiſammen, alle drei mit dem Ant⸗ litze der ſchmalen Oeffnung der Hütte zugekehrt, jeder ſeine Büchſe zur Linken und den entblößten Hirſch⸗ fänger zur Rechten. An Leib und Seele gleich ange⸗ Jean Charles, Realiſten und Idealiſten. E 114 griffen, fühlten ſie das Bedürfniß zu ſchweigen, zu ruhen; nur die Ankunft des Häuptlings mit ſeinen Gefährten wollten ſie noch abwarten, ehe ſie ſich dem Schlummer überließen. Es lag, obgleich die Nacht ſternhell und der beinahe ganz volle Mond bereits am Horizonte aufgetaucht war, tiefes Halbdunkel um ſie her, nur daß ein matter Lichtſtreifen ſich am Ein⸗ gange vorüberzog. In dieſem erſchienen, nachdem ſie kaum eine Viertelſtunde ſchweigend dagelegen, drei Geſtalten. Fernandez— denn er war es mit den alten Krie⸗ gern— ließ ſie nicht einen Augenblick in Ungewißheit über dieſe Erſcheinung, indem er ſogleich näher trat und ihnen mit der Verſicherung, daß ſie ſich vollkom⸗ mener Ruhe hingeben könnten, widerholt gute Nacht ſagte, was ſie in gleich herzlicher Weiſe zurückgaben. Und die müden Wanderer überließen ſich der ſüßen Ge⸗ walt des Schlafes, dem milden, immer und überall wohl⸗ thätigen Zauber der Natur. Die beiden Gefährten des Häuptlings lagerten ſich unweit der Hütte, er ſelbſt ſetzte ſich an den Eingang, mit dem Rücken an einen Pfoſten gelehnt, eine wollene Decke um ſich geſchlagen und auf ſeinen Tomahawk ge⸗ ſtützt. „Unſere neuen Brüder ſchlummern in Frieden“, 115 ſprach einer der alten Krieger, und der andere ſetzte hinzu:„Der große Geiſt wacht über uns allen.“ „Der große Geiſt iſt immer wach“ ſagte Fernandez ruhig. Tiefe Stille folgte dieſen letzten einfachen Worten der Shoſhonen, und wenige Minuten ſpäter ſchliefen alle, die an Kraft unerſchöpfliche Rieſenſchlange aus⸗ genommen. Fernandez Carvalho, einer jener ſeltenen Menſchen, in denen ſich die Natur zu gefallen ſcheint, indem ſie ihnen eine weit über das gewöhnliche Maß der Sterb⸗ lichen hinausreichende Gewalt des Geiſtes und Kör⸗ pers, große Willenskraft und entſprechende Ausdauer verleiht, um in denſelben gleichſam ſich zu ſpiegeln, im edelſten ihrer Erdengeſchöpfe ihre eigene Macht und Herrlichkeit anzuſchauen; der ſchöne junge Mann, wie noch kein Künſtler einen ſchönern Gott des Kriegs gebildet, war und blieb trotz ſeiner ungeheuren Kraft⸗ äußerung im furchtbaren Mordgewühle dieſes Tages und, was vielleicht noch mehr, nach der heftigen Ge⸗ müthserſchütterung, die er ſelbſt hervorgerufen, wach, ſtark und ſelbſtbewußt. So ſaß er, nachſinnend der Vergangenheit, erwägend in ſeinem klaren Geiſte das ſeltſame Geſchick der Menſchen, ruhig, beſonnen, ernſt, ein ſchönes Bild 8* 116 ſtarker, wachſamer Freundſchaft an der Schwelle un⸗ verſchuldeten Leidens, edler Selbſtverleugnung zum Heile Anderer. Der Mond ſchwebte bereits hoch über dem Urwalde im Oſten und goß ſein magiſches Licht nun, wie über das ganze Stromgebiet, ſo auch, nicht durch den leiſeſten Nebelſtreif getrübt, über die Inſel der ſchlafenden Anſiedler aus; der friſche Wieſengrund der Lichtung, leicht bethaut, blitzte, von ihm beſtrahlt, gleich einem mit unzähligen Diamanten und Perlen geſtickten Tep⸗ piche von grünem Sammt, während die Stämme, Kronen und Wipfel der Bäume ringsum bei dieſer Lichtbrechung phantaſtiſche Gebilde erzeugten, bald lieb⸗ lich, bald ſchauerlich, hier menſchliche Form annehmend, dort ſchemenhaft auswuchernd in maßloſe Verhältniſſe. Fernandez ſah dieſem Spiele des Mondlichts lange nachdenkend zu.„Dir gleicht“ ſagte er ſich,„die Meinung dieſer Welt; ſie zeigt die Menſchen je nach der Brechung des Lichts, in das ſie vom Geſchicke geſtellt werden.“ Mitternacht nahte heran, und ſein Denken war all⸗ mälig unbeſtimmtes, träumeriſches Sinnen geworden, worin ſich ſeine Phantaſie, deren Glut und Zauberkraft durch dieſe fünf Jahre voll Leiden und Kämpfe nichts von ihrer Urſprünglichkeit verloren hatten, jetzt nur 117 einem einzigen Bilde hingab, dem verklärungumſtrahlten Bilde Angelika's, und dies in jener außerordentlichen, wunderbaren Weiſe, worin die Seele den Körper ver⸗ laſſen und den trennenden Raum in geheimnißvollem Fluge durchmeſſen zu haben ſcheint. Er war in Me⸗ xico, im Kloſter; er ſtand in ihrer Zelle. Angelika hatte noch nicht ihr Lager geſucht, ſie kniete, in Andacht ver⸗ ſunken, auf ihrem Betſchemel vor dem Bilde des Hei⸗ lands, die zarten Lilienhände gekreuzt und das edle Antlitz erhoben. Er ſah die Betende mit nie gefühltem reinen Entzücken und betrachtete ihre rührende Geſtalt lange regungslos, faſt ohne zu athmen; es war ihm, als ſollte er an ihrer Seite in die Kniee ſinken und ſein Gebet mit dem ihrigen verſchmelzen, aber heilige Scheu hielt ihn feſtgebannt und er vermochte nichts als die Gottgeweihte in ſeligſtiller Verehrung anzu⸗ ſchauen. Nun öffneten ſich ihre Lippen und ſie betete laut, inbrünſtig, mit ganzer Seele hin ſich gebend der ewigen Gnade; o, und der Wonne, die ihn durchſtrömte, ſie betete für ihren Vater und Bruder und für ihn, in⸗ dem ſie das Gebet mit den Worten ſchloß:„Wache und bete, Fernandez!“ Hier bebte die Seele in den verlaſſenen Körper zurück und er fuhr, wie von einem elektriſchen Schlage durchſchüttert, empor; noch einmal rief es:„Fernandez“; ————— 118 und dieſer Ruf drang aus der Hütte, es war Karl's Stimme, die er vernahm; der Jüngling rief ihn im Traume. Im ſelben Augenblicke, da er, die Hülle von ſich werfend, haſtig aufgeſprungen war und athemlos um ſich ſtierte, rauſchte es ihm zur Linken im Gehölze. Pfeilſchnell den Tomahawk ſchwingend, fing er ſchon in der nächſten Sekunde den ſchmetternden Schlag von dem Steinbeile Hiarouk's auf, der ſich mit zwei India⸗ nern in ſtummer, aber um ſo entſetzlicherer Wuth ihm entgegenſtürzte. Fernandez, zwiſchen beiden Thürpfoſten der Hütte ſich feſtſtellend, beſchrieb nun, einen Alarm⸗ ſchrei ausſtoßend, der im Nu alle Schläfer emporriß, nachdem er den erſten Hieb vereitelt hatte, mit ſeiner Stahlaxt in Gedankenſchnelle einen weiten Kreis um ſein Haupt und ließ ſie mit zermalmender Wucht auf die Meuchler von der Rechten zur Linken niederſauſen, die der furchtbaren Waffe ihre Tomahawks zwar mit aller Kraft, aber dennoch vergeblich entgegenwarfen; wie mächtig auch der Gegendruck von den Beilen der zwei Wilden, dieſem Schlage konnten ſie nicht wider⸗ ſtehen, ſie entſanken in Stücken ihren gelähmten Händen und die Schneide des Stahls fuhr in die linke Schulter Hiarouk's, der mit einem gräßlichen Schrei in das Ge⸗ hölz zurücktaumelte. Dieſer gewaltige Schwung verſetzte jedoch Fernandez in den Nachtheil, daß er, halb aus 9 dem Gleichgewichte gebracht, nicht ſo ſchnell wieder von ſeiner ſchweren Waffe Gebrauch machen konnte, als es das Ungeſtüm ſeiner Gegner forderte, die ſich, noch ehe er dieſelbe wieder zu ſchwingen vermochte, wie raſend auf ihn ſtürzten. Dies erſehend, ließ er ſeinen Tomahawk fallen und ſchmetterte beiden ſeine Fäuſte mit ſolcher Gewalt und Schnelligkeit gegen Kopf und Bruſt, daß ſie ſtöhnend zurückprallten, nicht aber, ohne neuerdings feſten Fuß zu faſſen, um jetzt mit den raſch gezückten Meſſern über ihn herzufallen. Allein in die⸗ ſem Augenblicke knallten zwei Büchſen aus der Hütte und beide Indianer wälzten ſich in ihrem Blute. Elftes Kapitel. Die Flucht. Alles dies, Ueberfall, Kampf, Verwundung und Tödtung, war ſo ſchnell geſchehen, daß die beiden ältern Shoſhonen, wie raſch ſie ſich auch erhoben hatten, jetzt, indem ſie zur Seite ihres Häuptlings ſtanden, nichts vom Zuſammenhange der Dinge begriffen und ſtreng fragenden Blicks ihn und die Getödteten be⸗ trachteten, welche ſie, wie der Ausdruck von Schmerz und Staunen in ihren Zügen nicht bezweifeln ließ, ſo⸗ gleich erkannt hatten. Im ſelben Augenblicke waren auch die Anſiedler bewaffnet aus der Hütte getreten und ſchauten, wie mehrerer Feinde gewärtig, muthvoll ſpähend nach allen Seiten aus. Fernandez, deſſen Miene ſich ſchnell wie der Ge⸗ danke verwandelt hatte und nach ſo furchtbarer Auf⸗ 121 regung vom höchſten Zorne plötzlich zu unbegreiflicher Ruhe übergegangen war, nahm mit Würde das Wort und ſprach: „Meine Brüder und Freunde, beruhigt Euch, die Gefahr iſt vorüber. Hiarouk, die falſche Klapper⸗ ſchlange, hatte Verderben gegen mich und Euch ge⸗ brütet. Er glaubte mich unbeſorgt und überfiel mich mit jenen zweien meuchlings. Ihn traf mein Stahl, ſeine Verbündeten—“ „Fielen“ unterbrach ihn der älteſte der Krieger, die Anſiedler mit ſtrengem Blicke meſſend,„durch die Feuer⸗ waffen der Bleichgeſichter.“ „Und es ſind Shoſhonen“, ſetzte der andere nicht minder drohend hinzu. „Ihr hättet alſo“, ſagte Fernandez bitter lächelnd, „mich lieber von den feigen Verräthern gemordet ge⸗ ſehen?“ „Die Rieſenſchlange würde ſie erwürgt haben“, entgegnete einer der Krieger. „Sie ſind gefallen von der Hand weißer Männer“, rief der andere aus,„und alle unſere Brüder werden es vernehmen und es wird darüber berathen werden.“ „Berathen? Wohl, das geſchehe!“ fiel Fernandez gebieteriſchen Tons ein;„gehet hin und berichtet, was geſchehen. Sprecht, wie ich, die Wahrheit. Hiarouk 122 war gegen die Aufnahme dieſer Fremdlinge, aber Eure Weisheit hat ihn zum Schweigen gebracht. Dieſe Schuldloſen haben ſich redlich in unſerm Gebiete an⸗ gekauft, die Friedenspfeife mit uns geraucht, ſie ſind unſere Gaſtfreunde geworden, und Ihr beide ſelbſt habt heute mit mir zu ihrem Schutze wachen ſollen. Während Ihr Euch dem Schlafe überlaſſen, wollte man mich und unſere Schützlinge morden, ſie, die heute im Kampfe mein Leben, das Leben Eures Häuptlings, ja durch ihre Kriegsliſt, wie Ihr vernommen, vielleicht das Leben aller meiner Shoſhonen gerettet. Dies ſagt ihnen, denn Ihr ſprecht die Wahrheit, wie ich ſie geſprochen.“ Die Anſiedler, die von dieſer in der Shoſhonen⸗ ſprache gepflogenen Unterredung nichts verſtanden, blick⸗ ten ſich und Fernandez unruhig fragend an; der ältere ſeiner Gefährten aber ſagte, indem er dem andern ein Zeichen zum Aufbruche gab: „Der große Geiſt allein weiß Alles, der Menſch urtheilt nach dem, was er ſieht und hört. Ich ſah meine Brüder fallen von der Hand der Weißen. Keiner von uns hat ein Feuergewehr, die Schüſſe kamen aus der Hütte. Eine allgemeine Berathung iſt nothwendig. Ich habe geſprochen.“ Mit dieſen Worten entfernte ſich der Shoſhone und 123 folgte ſeinem Gefährten, der bereits im Gehölze ver⸗ ſchwunden war. „Mein Gott!“ rief jetzt Herr von Bergen beküm⸗ mert aus, da er Fernandez geſenkten Hauptes, ernſt nachſinnend, regungslos ſtehen ſah;„was iſt geſchehen was zu fürchten?“ Letzterer ſchrak, wie aus einem ſchweren Traume geweckt, heftig empor und fuhr ſich mit der Hand raſch über das verſtörte Antlitz. Dann, nachdem er mit wenigen Worten den Erſtaunten und Erſchreckten er⸗ klärt hatte, was vorgefallen war und nunmehr zu be⸗ fürchten ſei, reichte er ihnen die Hand und ſagte: „Ihr habt mir zum zweiten Mal das Leben geret⸗ tet, jetzt aber gilt es, Euch zu retten! An Euer Hier⸗ bleiben iſt nicht zu denken, Eure Anſiedlung iſt unmög⸗ lich. Die Indianer werden Euch dieſe That, ſo natür⸗ lich ſie auch war, ſo verzeihlich ſie auch iſt, da Ihr nicht wußtet, daß Ihr auf Shoſhonen geſchoſſen, nie, nie verzeihen und Ihr würdet, ſelbſt wenn ich noch dieſen Sturm beſchwören könnte, immer und zwar im buchſtäblichen Sinne unter dem Beile ſtehen und dieſes dürfte in einem unbewachten Augenblicke auf Eure Häupter niederſchmettern. Ihr müßt fort!“ „Fort!“ rief Herr von Bergen beſtürzt aus.„Fort und wohin?“ 124 Fernandez umarmte ihn und ſeinen Sohn mit der liebevollen Haſt einer bekümmerten Mutter und entgegnete, ſich nach allen Seiten umblickend, ebenſo ſchnell als leiſe: „Rafft Euer Gepäck zuſammen und folgt mir. Hiarouk iſt nur verwundet worden und kann uns be⸗ lauſchen, er iſt dieſer Sprache kundig; eilt, eilt, alles Andere unterwegs!“ Innerhalb weniger Minuten hatten ſich die armen Anſiedler zur Flucht gerüſtet und ſtanden, wie am Morgen dieſes verhängnißvollen Tages vor dem Walde, belaſtet und gewaffnet zur Seite des Häuptlings. Die⸗ ſer hatte inzwiſchen das Gehölz zur Linken der Hütte, wo Hiarouk verwundet hingeſunken war, durchſucht, aber keine Spur der Klapperſchlange auffinden können; jetzt winkte er ſeinen Freunden, ihm ſchweigend zu fol⸗ gen, und ſchritt, den Tomahawk über der Schulter, raſch durch die Lichtung hin, dem öſtlichen Ufer der Inſel zu. Bald hatten ſie mehr laufend als gehend, dieſe und die Furt hinter ſich. Da wurden nach kurzer Raſt und Beſprechung die Büchſen geladen, und nun ging es wieder vorwärts, die Anhöhe hinauf dem Walde zu, in deſſen Schatten ſie abermals anhielten. „Nun haben wir“ ſagte Fernandez,„wenigſtens den Verrath des Mondlichts nicht mehr zu fürchten. Hat 125 uns Hiarouk nicht belauſcht, ſo ahnt wohl keiner der Shoſhonen, daß wir die Inſel verlaſſen; allein der Verräther wird ſich blutend und heulend zu ihnen ge⸗ ſchlichen, irgend eine ſchändliche Lüge erſonnen und die Gemüther gegen uns erbittert haben; dazu kommen noch die zwei alten Krieger mit der Schreckensnachricht von der Tödtung ihrer jungen Brüder durch Euch, und die Berathung wird alsbald in raſende Empörung gegen mich ausgebrochen ſein. Das Geſchehene iſt nicht zu ändern, das Geſchick hat mein Loos mit dem Eurigen verſchmolzen, wir ſterben entweder oder retten uns gemeinſchaftlich. Bald“, ſchloß Fernandez dieſe ſeine haſtige Anrede,„bald werden die Indianer auf der Inſel und über unſere Flucht wüthend ſein, um ſo mehr, da ich im Beſitze des Goldes bin, das Ihr in die Hände der Aelteſten niedergelegt und das mir dieſe während des Kampfes anvertraut; hier nehmt Euer Eigenthum zurück, mein Vaterz und nun ſagt, ob Ihr nach Oſten oder nach Süden hin meiner Leitung fol⸗ gen wollt.“ „Könnt Ihr noch fragen, Fernandez?“ entgegnete Herr von Bergen tief ergriffen. „Nach Mexico denn!“ „Zu meinem Kinde!“ Kaum hatten ſie dieſe Worte ausgerufen, als ſich 126 von der Prairie herüber dumpfes Geſchrei gleich fern⸗ rollendem Donner vernehmen ließ. „Die Empörung iſt ausgebrochen“ ſagte Fernandez, „in wenig Augenblicken werden ſie nach der Inſel ſtürmen; wir haben einen guten Vorſprung, laßt uns ihn nützen. Fort, folgt mir!“ Und er eilte durch das Helldunkel der äußern Baumgruppen mit ihnen dem finſtern Dickicht zu, in ſüdöſtlicher Richtung, deren Zweck er in flüchtigem Fortſchreiten ſeinen Begleitern erklärte, indem er ihnen zuflüſterte: „Sie werden zuvörderſt die ganze Inſel, vielleicht auch die nächſtgelegene nach uns durchſuchen und dann erſt in den Wald eilen; aber ſie werden nicht ahnen, daß ich Euch dem Laufe des Fluſſes entgegen, längs ſeiner Krümmungen hin, immer vom Walde ge⸗ deckt, durch ihr eigenes Gebiet führe; denn dies will ich; wir ziehen von hier an ununterbrochen ſüdwärts, den Quellen des Miſſouri vorüber, dem Schneegebirge zu, das, nicht über zwanzig Meilen von hier, das Land der Shoſhonen vom mexicaniſchen Staate trennt; ein⸗ mal innerhalb ſeiner Grenzen, ſind wir ſicher.“ Und wieder lautlos ging es in angeſtrengteſtem Schritte fort durch den dichten, hohen und düſtern Wald, den nur an wenigen Stellen die Strahlen des 127 Mondes durchblitzten; zeitweiſe nur hielten ſie einige Sekunden an, um Athem zu ſchöpfen, und da vernah⸗ men ſie, nicht ohne Grauen, von den ihnen nun ſchon im Rücken gelegenen Inſeln wiederholtes Gebrülle wie von aufgeſtörten Löwen, dazwiſchen manchen gellenden Aufſchrei, den wilden Ausbruch getäuſchter Rachgier, entzügelter grimmiger Mordluſt. Fernandez mahnte, raſch dahinſchreitend, ohne ein Wort zu ſprechen, durch ſein Beiſpiel wie durch ſorg⸗ liche Blicke, die er wiederholt auf ſeine Begleiter zu⸗ rückwarf, dieſe zu möglichſter Eile. Allmälig dumpfer ward das Geſchrei der Indianer und in gleichem Maße die Hoffnung der Fliehenden auf ein glückliches Entkommen belebter. Der Waldgrund, den ſie jetzt durcheilten, zog ſich in faſt ganz paralleler Richtung mit dem nur wenige Hundert Schritte entfernten Fluſſe in wellenförmiger Abdachung dahin; immer nahe dem Saume ſich hal⸗ tend, hatten ſie den Vortheil, das Uferland zu ihrer Rechten überblicken zu können, ohne ſelbſt geſehen zu werden, da ſie fortgeſetzt eine klafterbreite Baumreihe zwiſchen ſich und der Freiung ließen. Eine volle Stunde ſchon waren ſie ſo ohne Raſt wie ohne alle Unterbrechung pahingeflohen und die Stimmen der Shoſhonen ſchon längſt in der Ferne 128 erſtorben, als Fernandez plötzlich anhielt, einige Sekun⸗ den ſpähte und lauſchte, und dann, nachdem ringsum Alles lautlos geblieben, ſeinen Freunden raſch zu⸗ flüſterte: „Hier müſſen wir den Wald verlaſſen, denn er biegt von da ſcharf nach Oſten ab, während unſer Weg nach Süden führt. Hier, ſelbſt im dunkelſten Dickicht, den Reſt der Nacht hinzubringen, iſt gefährlich, denn Hiarouk, falls er noch lebt, wird gewiß den Wald nach allen Richtungen durchſpähen laſſen, und dem feinen Sinne der Indianer würde unſer Zufluchtsort nicht verborgen bleiben. Noch haben wir einen be⸗ trächtlichen Vorſprung zu Gunſten unſerer Flucht, und wir können, reichen Eure Kräfte aus, mit Tagesan⸗ bruch vielleicht ſchon außer aller Gefahr ſein. Vom Fluſſe her, ſelbſt wenn ſich noch einige von ihnen an der Inſel aufhielten, erblicken ſie uns nicht, und wir eilen, während ſie uns im Walde ſuchen, durch ihr eigenes Flachland über die große Prairie ſicher dahin; aber Alles kommt darauf an, daß Ihr, mein Vater, Euch ſtark genug fühlt zudieſem'anſtrengenden Marſche.“ „Ich glaube“, entgegnete Herr von Bergen ruhig, „daß ich Euch zu folgen vermag; das Vertrauen auf Gott gibt Kraft, ſein allmächtiger Arm wird uns auch im freien Felde beſchützen. Vorwärts!“ ——— ⁵— 129 „Nun denn, ſo kommt!“ ſprach Fernandez und ſchritt zum Walde hinaus. Noch einmal hielten ſie an, um zu forſchen. Tages⸗ helle lag über die weite Landſchaft ausgegoſſen, und die Waſſer des Miſſouri glänzten wie flüſſiges Silber. Tiefe, heilige Stille ringsum; nicht der leiſeſte Luftzug in den friſchen Wipfeln der Bäume, nur das Zittern der Sterne verrieth noch Leben, herrliche Traumbilder der ſüßſchlummernden Natur. Nach Süden hin brei⸗ tete ſich eine unüberſehbare Prairie aus, deren hohes zartbethautes Gras gleich der grünen See ſchimmerte, wenn elektriſches Leuchten über ſie dahinzuckt; rechts verlor ſich der Miſſouri in immer weicherer Strahlen⸗ brechung und zur Linken dehnte ſich die unermeßliche Wand des Urwaldes hin, den die Wanderer tags zuvor mit neuer Lebenshoffnung und jetzt in Todesgefahr verlaſſen hatten. Lange konnten ſie ſich der Anſchauung dieſes ent⸗ zückenden Gemäldes nicht hingeben; dies duldete weder die Vorſicht, noch auch die ſchmerzliche Stimmung ihrer Gemüther, die der Gedanke an den ſchrecklichen Gegen⸗ ſatz der blutgierigen Wilden zu dem Paradieſe um ſie her nothwendig hervorrufen mußte; nach wenigen Mi⸗ nuten ſchon mahnte Fernandez zum Aufbruche, indem er ſagte: Jean Charles, Realiſten und Idealiſten. V. 6 130 „Wie ſcharf auch mein Auge und Ohr ich ſehe und höre nichts, was uns beunruhigen könnte; noch ſchei⸗ nen die Indianer weit ab von uns, ſelbſt wenn ſie unſere Spur gefunden, und wir wollen nun hinein in das hohe Gras der Prairie. Kommt, kommt!“ Kaum hatte er dies geſprochen und eine raſche Bewegung vorwärts gemacht, als in einer Entfer⸗ nung von etwa hundert Schritten zwei Schüſſe ſchnell näch einander aus dem Walde fielen, deren Kugeln haarſcharf an ihren Köpfen vorüberpfiffen, und ſich zu⸗ gleich ſeitwärts der Waldecke, welche ſie ſo eben ver⸗ laſſen, jenes ihnen zwar ſchon genugſam bekannte, aber dennoch immer neu entſetzende Geſchrei der Roth⸗ häute vernehmen ließ. Die Flüchtlinge erbebten einen Augenblick, aber ſchon in der nächſten Sekunde hatten ſie gegen den Wald Fronte gemacht und ihre Büchſen angelegt. „Laßt uns ſterben mit den Waffen in der Hand!“ rief Fernandez feurig aus, indem er einige Schritte weit vorſprang und ſeinen Tomahawk erhob.„Mir nach in den Wald, dieſen Teufeln entgegen, denn hier ſind wir unbedeckt!“ Einige gewaltige Sätze, und er war mit hochge⸗ ſchwungener Axt am Waldſaume, während ihm ſeine Be⸗ gleiter in möglichſter Schnelligkeit ſchußfertig folgten. 131 Abermals fielen zwei Schüſſe, doch ebenſo wirkungs⸗ los wie die erſten, abermals durchſchnitt die Luft gel⸗ lendes Geſchrei, und noch war der Feind nicht ſicht⸗ bar geworden; jetzt aber, da ſich die Auswanderer um ihren Führer unter den äußerſten Bäumen gruppirt hatten und zwar ſo, daß jeden ein mächtiger Stamm deckte, gewahrten ſie, kaum fünfzig Schritte vor ſich, zwiſchen den vom Mondlichte zweifelhaft erhellten Fich⸗ ten und Tannen mehrere Geſtalten, die daſſelbe Manö⸗ ver machten, nämlich von Baum zu Baum hyuſchten, ohne ſich auch nur eine Sekunde lang bloßzuſtellen. „Bleibt ruhig“, flüſterte Fernandez haſtig;„es ſind ihrer nicht viele, ſonſt wären ſie ſchon auf uns losge⸗ ſtürzt; wahrſcheinlich iſt es Hiarouk; zielt ſcharf, wenn gute Gelegenheit dazu, ſonſt ſpart Eure Schüſſe. Ich ſehe drei von ihnen laden; nehmt Euch in Acht. Haben ſie geſchoſſen, dann ſtürmen wir gegen ſie hin und vernichten die Elenden; gelingt uns dies, ſo dürfte unſere Flucht nicht weiter gefährdet ſein, da die Uebri⸗ gen ohne Nachricht durch ſie bleiben. Feſt an die Bäume, ſie zielen; ich will mir eine Blöße geben, um ſie zum Schuſſe zu locken.“ Noch ehe Herr von Bergen ſeine Warnung davor ausſprechen konnte, knallte es aus drei Flinten zugleich. „Mir nach!“ ſchrie Fernandez, unverwundet aus 9* 132 ſeinem Verſteck hervor⸗ und gleich den Indianern von Baum zu Baum ſpringend,„mir nach und auf ſie los!“ Wuthgeheul antwortete ihm, und im nächſten Augen⸗ blicke drang Hiarouk mit fünf Indianern auf ihn ein. Das war die bemerkte günſtige Gelegenheit für ſeine Begleiter; Herr von Bergen, Karl und Konrad gaben raſch nach einander Feuer und ſtürzten ſich, nachdem ſie zwei Shoſhonen fallen geſehen, mit ihren blitzſchnell entblößten Hirſchfängern gegen die übrigen vier. Aber dieſe hatten, noch ehe ſie dieſelben erreichten, bereits die unwiderſtehliche Gewalt ihres Häuptlings neuer⸗ dings gefühlt und waren den Wetterſtreichen ſeines furchtbaren Tomahawks erlegen, die Klapperſchlange ausgenommen. „Laßt ihn mir allein!“ rief Fernandez ſeinen Freun⸗ den zu, die augenblicklich anhielten und den ſich jetzt entſpinnenden Kampf mit Grauen beobachteten, um im Nothfalle einzuſchreiten. Beide Gegner hatten ihre Tomahawks fallen laſſen und ſich im Nu krampfhaft umſchlungen; ſie ſchienen ein Körper, eine ungeheure Schlange mit vier flam⸗ menſprühenden Augen; dumpfes Stöhnen war Alles, was man vernahm. Eine Weile blieben ſie wie in den Boden gewurzelt; da, mit einem Mal, nach einer eben⸗ 133 ſo ſchnellen als gewaltigen Bewegung, ſchwebte Hiarouk faſt horizontal über Fernandez' Haupte und lag eine Sekunde ſpäter, hingeſchmettert wie von einem Blitz⸗ ſtrahle, ohne jedes Lebenszeichen am Boden. „Allmächtiger!“ rief Herr von Bergen tief erſchüt⸗ tert aus,„kaum wagt mein Herz Dir zu danken nach ſo theuer erkaufter Befreiung.“ Eine Pauſe allgemeinen ſchmerzlichen Schweigens folgte dieſen ſeinen Worten, dann wandte ſich Fernan⸗ dez ihm zu und ſagte: „Es iſt geſchehen nach dem Willen des Ewigen! ⸗ Der Trieb geiſtiger Selbſterhaltung hat Euch und mich zu dieſen wilden Söhnen der Freiheit geführt, die e Pflicht körperlicher Selbſterhaltung riß uns aus die⸗ ſem unnatürlichen Verbande. Die Natur macht und duldet keine Sprünge; zwiſchen dem Weſen dieſer Wil⸗ 3t den und der Civiliſation liegt ein Abgrund von Jahr⸗ m tauſenden.“ Nach dieſer Rede nahm er ſeinen Tomahawk auf, en legte denſelben ſammt den Stirnhäuten, die er am en Gürtel getragen, und dem Scalpmeſſer zwiſchen den Leichen nieder und ſprach feierlichen Tons: ,„Ich gebe der Natur ihre Schrecken zurück und en mich der angeborenen Ordnung der Dinge; ich wollte Euch allmälig ſänftigen und bilden, aber mein Stre⸗ 134 ben war fruchtlos. Die Zeit wird vollenden. Und nun“, ſetzte er nach einigem Schweigen hinzu, indem er ſich ſeinen Freunden zukehrte,„nun laßt uns fort⸗ eilen von dieſem Schauplatze unnatürlichen Greuels und dem Ziele nachſtreben, das uns das ewige Schick⸗ ſal geſteckt. Folgt mir!“ Und ſie eilten ſchweigend zum Walde hinaus. Zwölftes Kapitel. Die Wanderer am Ziele. Mehrere Wochen ſind dahingefloſſen, und wieder glänzt der volle Mond am reinen azurnen Himmels⸗ gewölbe, alle Geſtirne weit um ſich verdunkelnd, den Stern der Liebe ausgenommen, gleichwie es im Leben der Menſchen auch nur die Liebe iſt, deren göttliches Licht im Strahlenglanze aller irdiſchen Hoheit, der Macht, des Ruhms und Reichthums, nicht erbleicht und das der Sonne der Wahrheit als klarer Bote vorangeht und bei ihrem Scheiden noch als Verkünder des Friedens über allen erſterbenden Erſcheinungen des Tages in veſtaliſcher Reinheit leuchtet. Diesmal iſt es nicht ein Urwald, nicht eine weit⸗ gedehnte Prairie, noch ein inſelbeſäetes Stromgebiet, was wir im verklärenden Lichte des Vollmonds erblicken, 136 ſondern eine mächtige, hundertthürmige, paläſtegeſchmückte Stadt, deren reiches, gewaltiges Leben beim Herannahen der Nacht, die das Sein in der freien Natur ſo feier⸗ lich ſchweigſam geſtaltet, ſtärker zu pulſiren beginnt und die geiſtbeſchwingenden Adern mit nicht zu berechnender Kraft durch ihren Rieſenkörper ſchwellt; es iſt das ſchöne, große Mexico mit ſeinen auf kriſtallenem Waſſer⸗ ſpiegel ſchwebenden Gärten, ſeinen Tauſenden von Terraſſen, auf denen bei Lautenſpiel und Geſang Herzen in Liebe erbeben, ſeinen breiten, luxuriöſen Straßen, durchwogt von einem bunten Strome ge⸗ ſchäftiger wie müßiger Menſchen, mit ſeinen zahlreichen Alleen und Gebüſchen endlich, dem Stelldichein für die entgegengeſetzteſten Gedanken und Empfindungen, für Gefühle und Pläne zärtlicher Neigung wie rachebrüten⸗ den Haſſes, berechnender Habſucht und Ehrbegierde, wie ſich aufopfernder Freundſchaft und beſcheidener Humanität. Fern von dieſen geräuſchvollen Tummelplätzen großſtädtiſcher Luſt und Betriebſamkeit, wirklichen und eingebildeten Glücks erhebt ſich gegen das öſtliche Ge⸗ ſtade dieſes Häuſermeeres hin aus einer freundlichen Gartenvaſe das Frauenkloſter, in welchem Angelika ihre Ruheſtätte geſucht und gefunden hatte. Die Unglückliche leidet nicht mehr. Das Hauptſchiff der Kirche iſt erleuchtet, aber es iſt das mehr eine melancholiſche Dämmerung als feſt⸗ liche Tageshelle. Mit dieſem ſchwermüthigen Halbdunkel im Ein⸗ klange, ertönt der ernſte feierliche Geſang der Nonnen vom dichtvergitterten Chore herab auf einen inmitten der Kirche aufgerichteten Katafalk, umſtellt von hohen ſchwarzen Candelabern mit brennenden Kerzen, die das darauf angebrachte Emblem gottgeweihter Jungfräulich⸗ keit, ein mit weißen Roſen bekränztes Crucifix erhellen. Unter der hochgewölbten Chorhalle ſtehen geſenkten Hauptes und die Hände gefaltet, mehr in Schmerz auf⸗ gelöſt als der Andacht hingegeben, regungslos, Stand⸗ bildern des Grams ähnlicher als betenden Menſchen, vier Männer: der Vater und Bruder der Verklärten mit Fernandez und dem treuen Diener. Vor drei Tagen— nach einer Wanderung voll Gefahren und Mühen— in Mexico angelangt, fanden ſie Angelika bereits der Auflöſung nahe. Aber ihr edler Geiſt war noch empfänglich für dieſe ihr nach ſo langem Leiden von der Vorſehung aufbewahrte reine Freude des Wiederſehens derer, die ihr das Theuerſte auf Erden; ſie erlabte ſich noch einmal am Anblicke ihrer Lieben und hauchte ihre befriedigte Seele in den Armen des Vaters aus, geſtärkt zum Uebergange 138 in das Jenſeits durch ſeine Verzeihung und ſeinen Segen. „Ich fühle das Bedürfniß“, ſprach Herr von Bergen am Morgen nach Angelika's Beſtattung zu ſeinem Sohne und Freunde,„meine Tage in der Nähe der heiligen Stätte, die mein geliebtes Kind um⸗ friedigt, in Einſamkeit zu beſchließen; ich werde mich in der Nähe der Stadt ankaufen und mit Dir, Karl, ſolange es dem Geiſte über uns und dem in Dir ge⸗ fallen wird, mein Stück Land bebauen; Euch, Carvalho, der Ihr ohne Gefahr für Eure Sicherheit in Mexico nicht verweilen könnt, biete ich die Mittel zur Reiſe nach Europa an; Ihr könnt und werdet der Menſch⸗ heit durch die Euch inwohnende hohe Thatkraft noch nützen; Konrad verläßt mich wohl nicht mehr.“ Nach einer Pauſe allgemeinen ſchmerzlichen Schwei⸗ gens nahm Fernandez tief ergriffen das Wort, indem er ſagte:„Ich muß Euch verlaſſen, um Eure Ruhe nicht zu gefährden; aber glaubt nicht, daß mein Leben ſich noch einmal umſchwingen und mich in der von Euch erwarteten Weiſe neuerdings wird thätig laſſen werden; das Grab Angelika's iſt, ich fühle dies am Beben meines Herzens, die Mark, an der jener wilde Geiſt, jene bis jetzt ungebändigte Kraft mich für immer verläßt. Euer Anerbieten lehne ich dankbar ab; der 139 Freund, von dem ich Euch ſagte, daß er mir damals zur Flucht die Mittel geboten, lebt noch hier und wird in kurzem, wie ich geſtern erfahren, eine Reiſe nach Spanien machen; in ſeinem Hauſe finde ich bis dahin ein Aſyl und dann ſage ich Euch Lebewohl für immer.“ Die Freunde umarmten ſich nach dieſen ſeinen Worten mit unterdrückten Seufzern, und Fernandez ſchied mit der Bitte, ihn im Hauſe ſeines Beſchützers aufzuſuchen. Dies geſchah von ſeiten des Herrn von Bergen nur einmal. Acht Tage nach Beerdigung ſeiner Tochter ſank er aufs Krankenlager, das er nicht mehr verließ; zwei Wochen ſpäter ſtarb er in den Armen ſeines troſt⸗ loſen Sohnes. Wenige Tage hierauf reiſte Karl von Bergen in Konrad's Begleitung nach Veracruz, wo Fernandez ſeiner bereits harrte. Die Ueberfahrt nach Spanien fand ohne Unfall ſtatt und ſie gelangten bei fortgeſetzt günſtigem Winde in verhältnißmäßig kurzer Zeit nach Cadiz. Zufolge des zwiſchen den Freunden während der Reiſe beſprochenen Plans wollten ſie hier nur wenige Tage verweilen, um ſich dann— wohl für immer— zu trennen. Fernandez gedachte ſich unmittelbar nach 140 Paris zu begeben und dort die Empfehlungsbriefe ſeines mexicaniſchen Freundes für ſich geltend zu machen; Karl war willens, mit Konrad nach Deutſchland zurückzu⸗ kehren, ohne jedoch für ſeine Zukunft etwas Beſtimmtes entworfen zu haben; das geiſtige Auge beider war noch zu ſehr umdüſtert, als daß ſie das Leben ſichern Blicks hätten überſchauen und ſich ein gewiſſes Ziel auserſehen können; ſie gaben ſich, nach ſo furchtbarer Zerſtörung ihres idealiſirten Daſeins, der Wirklichkeit mehr inſtinkt⸗ mäßig als freithätig hin, unbekümmert um das Er⸗ gebniß ihrer Einleitungen, nichts Beſonderes hoffend oder befürchtend und auf Alles gefaßt. Auf Alles? Ja, was der kurzſichtige Menſch an ſeinem Horizonte wahrzunehmen vermag; aber es gefällt dem, was wir Schickſal zu nennen pflegen, dieſer ebenſo unbegreiflichen als unwiderſtehlichen Macht, deren Einwirkung von außen wir fühlen, während ſie ihr Tribunal vielleicht in unſerm Buſen, dem geheim⸗ nißvollen Sitze der Leidenſchaften, aufgeſchlagen hält; es beliebt, ſage ich, dem ſogenannten Schickſale, oftmals urplötzlich dieſen Geſichtskreis zu verengen oder zu er⸗ weitern und in demſelben unerwartete, ungeahnte Gegen⸗ ſtände auftauchen zu laſſen, deren Erſcheinung unſer ganzes Denken und Fühlen wie durch einen Zauber⸗ ſchlag umwandelt, die Scene um uns her zum Paradieſe 141 oder zur Hölle, uns ſelbſt zu Engeln oder Dämonen macht. Der Mexicaner war noch am ſelben Tage nach Liſſabon abgereiſt, wohin wichtige Handelsgeſchäfte ihn riefen, und hatte von Fernandez mit der Verſicherung, ihm auch in Zukunft ein zuverläſſiger Freund bleiben zu wollen, herzlichen Abſchied genommen. Sonach waren denn beide junge Männer ſich ſelbſt überlaſſen. Die kurze Friſt, die ſie in Cadiz zu verweilen be⸗ ſchloſſen hatten, brachten ſie mit ziemlich theilnahmloſer Beſichtigung des Intereſſanteſten dieſer reizend gelegenen wichtigen Handelsſtadt gemeinſchaftlich hin, und ſo kam der Vorabend des Tages heran, da ſie ſich trennen wollten. Fernandez gedachte ſeine Reiſe nach Paris auf directem Wege durch Spanien zu machen, während Karl den Seeweg nach Italien zur Rückkehr in das Vaterland einzuſchlagen geſonnen war. Beide hatten ſich dieſen Tag über ſehr ſchweigſam gegen einander verhalten; Fernandez' Stimmung war vom Morgen an, wie in Nachwirkung eines ſchweren beängſtigenden Traums, eine ſo tiefernſte geblieben, daß Karl ungeachtet des regſten Mitgefühls für den ſtillen, verzehrenden Schmerz ſeines Freundes doch den Muth oder vielmehr den rechten Ton, daſſelbe 142 zu äußern, nicht finden konnte und ihn ſchweigend ge⸗ währen ließ. Dieſer aber brach bei Einbruch der Dämmerung das peinliche Schweigen ſelbſt, indem er, ſeinen leichten kurzen Mantel um ſich werfend und den Hut ergreifend, mit folgenden Worten ſich an Karl wendete, der, ſeinen trüben Erinnerungen hingegeben, am Fenſter ſtand und ſchwermüthigen Blicks zum ſchönen Abendhimmel emporſah: „Mein theurer Freund, ich will, ich muß auf eine Stunde ins Freie und zwar allein; es iſt eine Laſt auf meine Bruſt gewälzt, deren ich mich nur in der Einſamkeit entledigen kann. Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart, unſere nothwendige ſchmerzliche Trennung, Alles, Alles drückt auf meine Seele und lähmt ihre Stahlkraft; der Schwung meiner Phantaſie, der Stolz meines Geiſtes, die Wärme meines Herzens ſind gehemmt, gebrochen, dahin; zürne mir nicht, mein Bruder, daß ich ſelbſt dieſe letzten Augenblicke unſeres Zuſammenſeins verringere, indem ich mich auf kurze Zeit von Dir entferne.“ Karl hatte dem Sprechenden ſogleich ſein ſchwer⸗ muthumflortes Antlitz zugekehrt und er entgegnete jetzt, indem er ihm die Hand reichte, mit bebender Stimme: „Folge dem Geiſte in Dir, lieber Bruder; ich kenne 143 dies Gefühl auch, ſo jung ich bin; geh und kehre ge⸗ ſtärkt zurück; ſuche einen großen leitenden Gedanken, Du wirſt ihn finden; ich will ein Gleiches thun“ Fernandez, keines Wortes weiter mächtig, zog den edlen Jüngling an ſeine Bruſt und hielt ihn lange feſt umſchlungen; dann riß er ſich faſt gewaltſam aus ſeinen Armen und eilte ſchweigend aus dem Gemache. Den Gaſthof hinter ſich, ſchritt er haſtig dahin, mehrere enge, von ſehr hohen Häuſern gebildete Gaſſen entlang, ohne aufzublicken, dicht in den Mantel gehüllt, nicht dem Ufer, nicht einem der großen Plätze zu. Wohin? Wollteſt du nicht, Gramgepeinigter, die freie balſa⸗ miſche Abendluft einſchlürfen zur Kühlung der brennen⸗ den Qual in deiner Bruſt? Wollteſt du nicht deine ſchmerzeingegebenen Fragen an die rings am Firma⸗ mente aufget auchten Sterne richten? Wollteſt du nicht einſam ſein? Wohin? „Ha!“ ſpricht der Unglückliche zu ſich ſelbſt, indem er dieſes düſtere Häuſerlabyrinth flüchtigen Schrittes durcheilt,„ha, die Luft hat keinen Balſam für die Wunden meiner Bruſt, die Sterne geben keine Antwort auf meine Fragen, die Einſamkeit hat ſich mir am Miſſouri als Todfeindin erklärt; aber ich habe, woran mich ſelbſt ein Knabe erinnerte, einen großen leitenden Gedanken gefunden, der mich lenken, retten, dem Leben 144 wiedergeben ſoll oder— baldigem Tode! Ich hatte mich ſelbſt verleugnet und war, obſchon glühend für alle Reize des ſchönen Lebens, in die Wildniß geflohen, wo mein Geiſt, meine Einbildungskraft und mein Ge⸗ müth darbten; dennoch hätte ich mich glücklich geſchätzt, in ihr immer verweilen und als ein adoptirter Sohn der freien Natur leben und ſterben zu dürfen; aber ſie hat mich von ſich geſtoßen und zurückgejagt in mein angeſtammtes Bereich. Es war nicht mein Wille; nun ich aber hier, will ich wirklich leben, leben im herrlich⸗ ſten Sinne des Wortes, oder an der Schwelle zum Tempel irdiſcher Schönheit mit einem Mal vernichtet zu— ſammenbrechen; dieſen Tempel öffnet nur ein goldener Schlüſſel. Wohlan denn, ich ſuche Gold!“ Alſo ſein Innerſtes entflammend, durchſtürmte Fernandez Straßen und Gaſſen und hielt endlich, mehr als eine halbe Stunde Wegs von ſeinem Gaſthofe ent⸗ fernt, auf einem kleinen Platze am Oſtende der Stadt an. Was will er hier? Eins der anſehnlichern Ge⸗ bäude, welche dieſen Platz bilden, iſt heller als die übrigen erleuchtet. Nach dieſem richtet ſich ſein funkeln⸗ des Auge, indem er tief Athem holend ſtehen bleibt und ſeine Rechte krampfhaft ans Herz preßt. Aber dieſes Haus, hinter deſſen ſtrahlenden Fenſtern in der Beletage ſich männliche Geſtalten hin und her bewegen, N) N— cen— —— 145 kann nicht die von ihm geſuchte Schwelle zum Tempel irdiſcher Glückſeligkeit ſein, denn es iſt ein Stück Hölle, voll finſtern Verderbens und ſchwarzer Ruch⸗ loſigkeit, um eine glänzend erhellte Tafel in der Farbe der Hoffnung, die ſie lügt; es iſt ein Spielhaus! Unglücklicher, welcher Dämon gab Dir dieſen Ge⸗ danken ein? „Ich fand ihn ſelbſt“, antwortete ſein leidenſchaftlich entzündeter Blick;„er iſt groß, er iſt leitend! Spiel! Vor dieſem Worte bebt ſpießbürgerliche Ehrbarkeit, tugendhafte Simplicität zurück; und was iſt im Leben nicht Spiel, Hazardſpiel im ganzen Sinne dieſes ge⸗ fürchteten Wortes? Ehre vielleicht? Aber gerade der edlere Menſch ſetzt ſeinen Ruf, gilt es Wichtiges, gegen die Meinung der Welt aufs Spiel und wagt ihn auf einen einzigen Wurf. Oder Macht? Haben nicht alle Machthaber mit ihrer Gewalt großes Spiel gewagt? Oder Liebe? Iſt der Glaube an Treue nicht das verwegenſte aller Hazardſpiele auf Erden? Wie viele Menſchenherzen brachen nicht an dieſer grünen Tafel der Hoffnung verzweifelnd zuſammen! Wiſſen⸗ ſchaft? Entſetzliches Wagniß, Gott aufs Spiel zu ſetzen! Oder Kunſt? Man ſetzt ein Menſchenleben gegen ein Lorbeerreis! Ha, was wäre, was iſt nicht hienieden Spiel! Wir ſpielen im Leben um Ipdeale, Jean Charles, Realiſten und Idealiſten. V. 146 die wir gegen Thatſachen einſetzen, wir wagen das Leben gegen den Tod, der Bank hält mit ſeinem un⸗ ſchöpflichen Reichthum. Spiel, großes Spiel in einem einzigen Satze, das allein erſcheint mir noch als ein Gedanke, würdig, von mir gedacht und ausgeführt zu ſein!“ So lautet ſeines wetterleuchtenden Blickes Antwort und ſchon ſteht er am grünen, goldbeſäeten Tiſche. Kaum fünf Minuten gönnt er ſich, die Wechſelfälle des Glücks zu beobachten. Er iſt entſchloſſen, das ganze ihm von ſeinem mericaniſchen Freunde zur Reiſe nach Paris überlaſſene Geld— hundert Louisdor— auf eine einzige Karte zu ſetzen; dem Entſchluſſe folgt die That, zum Erſtaunen Vieler um ihn her, während er ſelbſt mit einem Ausdrucke imponirender Ruhe oder vielmehr Lebensgleichgültigkeit nach dem Banquier blickt, der ſeinerſeits, den ſo großartig Debütirenden nur flüchtig meſſend, das Spiel mit Anſtand taillirt. Fer⸗ nandez Blatt gewinnt, der Croupier ſchiebt ihm die Rollen zu. Er behält daſſelbe Blatt und läßt das Gold darauf liegen. Derſelbe Blick des Bankhalters, dieſelbe Taille; mechaniſch rückt ihm die Krücke den zweiten Gewinnſt zu. Und nochmals legt er Alles auf dieſelbe Karte und dieſe— ein Murmeln der Ueberraſchung tönt durch den Saal— gewinnt zum dritten Mal⸗ ng 147 Fernandez iſt im Beſitze von achthundert Louisdor und noch ſind nicht fünf Minuten über ſein Spiel ver⸗ floſſen. Aber was ſind dieſe wenigen Goldrollen für ihn! Leiſe Wellenſchläge am Geſtade ſeiner Wünſche, und es verlangt das Schiff ſeiner Phantaſie nach hoher Flut. Verwegener, dieſe naht, ſieh dich vor! Vergeblich mahnt ihn Klugheit; er ſpielt, ſpielt weiter, ſchon mit wechſelndem Blatte und wechſelndem Glücke, ja er ſpielt bereits mit dem Spiele; er beginnt, überreizt durch die Gunſtbezeigungen der Glücksgöttin, dieſen Launenhaftigkeit entgegenzuſetzen, nicht bedenkend, daß dieſes Weib volle Hingebung, unbedingtes, blindes Vertrauen, eine ganze Seele will. Er hat ſie verletzt durch einen wenn auch nur augenblicklichen Zweifel; gleichviel, ſie wendet ſich raſch von ihm ab, während ihm ein Dämon zuflüſtert:„Alles oder nichts!“ Und ſchon im Beſitze von zehntauſend Louisdor — etwa den gleichen Betrag beſaß noch der bereits halb conſternirte Banquier— ruft er, dieſem Höllen⸗ geiſte folgend, feurigen Tons aus:„Va banque!“ Rings athemloſe Stille; eine Minute nur währt der Kampf zwiſchen Roth und Schwarz; er iſt aus⸗ gekämpft und der Sieg auf Seite der Bank. 148 Ein greller Blitz aus Fernandez' dunklen Augen iſt Alles, was der Unglückliche an ſich gewahren läßt; dann erhebt er ſich ruhig, grüßt die Verſammlung ſchweigend und entfernt ſich mit hohem Anſtand. Wer vermöchte getreu zu ſchildern, was auf dem Rückwege zum Gaſthofe in der Seele dieſes ge⸗ waltigen Menſchen vorging! Daß er dahin zurückgekehrt, iſt allein gewiß. Er ſchrieb daſelbſt in einem Gemache des Erdgeſchoſſes einige Minuten lang, übergab dann dem Aufwärter ein verſiegeltes Billet mit der Weiſung, es alsbald ſeinem Reiſegefährten Herrn Karl von Bergen einzuhändigen, und verließ hierauf den Gaſthof wieder, ohne irgend etwas weiter anzuordnen oder zu bemerken. Fernandez Carvalho verſchwand, einem glänzenden Meteore gleich, ohne eine Spur von ſich zu hinter⸗ laſſen. Das Billet an ſeinen jungen Freund, das dieſer mit innerſtem Erbeben las, enthielt nur folgende Worte: „Mein Bruder und Leidensgenoſſe! Ich ſuchte eine große leitende Idee und habe ſie gefunden. Mein Ziel, mir gezeigt durch Dich, iſt fern, aber ſchön, und des Entſchluſſes werth, es zu erreichen. Ob wir uns wiederſehen? Man vermag dies nicht bei der kleinſten Entfernung mit Gewißheit zu beſtimmen, wie nun erſt 149 bei einer großen Reiſe! Du biſt Mann, obgleich ein Jüngling noch, und wirſt billigen, daß ich ſo ſchlichten Abſchied nehme. Lebe wohl, mein Bruder, lebe wohl! Fernandez.“ Karl und der treue theilnehmende Konrad verſtan⸗ den den Inhalt dieſes Schreibens vollkommen; ihre Augen füllten ſich mit Thränen, und dieſen folgten tief ſchmerzliche Betrachtungen während der ſchlafloſen Nacht. Der Morgen kam, Fernandez nicht. So peinlich hiernach der Aufenthalt in Cadiz für Karl auch immer ſein mochte, er verweilte, einem ſchönen Gefühle für den Verlorenen gehorchend, daſelbſt noch drei Tage. Keine, keine Kunde kam von ihm! Fernandez war und blieb verſchwunden. ———*5 Dreizehntes Kapitel. Herr und Frau Schmid. Nachdem Karl ſeine Vorleſung beendet hatte, trat eine Pauſe ein, nothwendig für alle; Phantaſie, Geiſt und Gefühl waren aufgeregt, die See der Gedanken und Empfindungen ging hoch, es war, als verlangte es alle nach einer leitenden Idee, nach einem Lootſen gleichſam, der das vom Sturm in einen früher noch nicht befahrenen Archipel getriebene Schiff durch Riffe und Untiefen mit ſicherer Hand ſteuere. Herr Schmid war der erſte, der dieſen Verſuch machte. „Wie glücklich zu preiſen“ ſagte er,„iſt doch der Menſch auf der Mittelſtraße des Lebens, in einfachen Verhältniſſen, in ſeiner gleichmäßigen Thã⸗ tigkeit, in bürgerlicher Schlichtheit, im Gegenſatze zu t ſt n te n ch fe 151 ſo außergewöhnlichen Naturen und Verhältniſſen wie die eben geſchilderten!“ „Sie haben Recht“ bemerkte Karl,„im Ganzen voll⸗ kommen Recht, nur finden ſelbſt innerhalb der einfach⸗ ſten Lebensverhältniſſe und nicht eben ſelten Ereigniſſe ſtatt, die den von mir mitgetheilten an Ungeheuer⸗ lichkeit, wenngleich in anderer Richtung, nicht nachſtehen; die Wirklichkeit iſt ſo zu ſagen erfinderiſcher als die Phantaſie des Poeten und es kommen Erlebniſſe ſelbſt im einfach bürg rlichen Verkehre, unter anſcheinend ganz gewöhnlichen Menſchen vor, deren wahrheitsgetreue Erzählung nicht geglaubt, ſondern für Erfindung ge⸗ halten wird; das Menſchenherz iſt und bleibt eben ein Räthſel und glücklich zu preiſen nur derjenige, welcher die Löſung dieſes Räthſels nicht auf dem Wege des Wiſſens, ſondern des Vertrauens ſucht, des unverbrüch⸗ lichen Vertrauens auf den, der Herzen und Nieren prüft.“ Herr Schmid reichte ihm die Hand. „Das iſt ein Wort“, ſprach er mit hoher Wärme; „Sie ſind mein Mann; es freut mich, Sie kennen ge⸗ lernt zu haben.“ „Und Sie werden“ ſagte Karl,„nächſten Sonn⸗ tag mir und meinen neuen Freunden in Dobberan die Freude machen, Sie und Ihre lieben Angehörigen begrüßen zu dürfen, nicht wahr?“ 152 „Gewiß, wir werden kommen“, entgegnete Herr Schmid. „Ich muß geſtehen“ fügte ſeine Frau hinzu,„daß es mich in hohem Grade intereſſirt, den jungen Helden perſönlich kennen zu lernen.“ „Und Mademoiſelle?“ fragte Karl, ſich an Claudine wendend. Claudine, die ſich während der Vorleſung zwar ſchweigſam wie gewöhnlich verhalten, aber, was Karl und Ernſt bemerkten, die Vorgänge in ihrem Innern in Miene und Haltung als ſehr mächtige verrathen hatte, richtete wie aus einem Traume aufgeſchreckt das geſenkte Haupt empor und blickte ihrerſeits den Frager wie fragend an. „Und ich“ ſtammelte ſie—„was wollten Sie ſagen, mein Herr?“ „Ob es auch Sie“ entgegnete Karl,„intereſſirt, meinen abenteuerlichen Freund zu ſehen und zu ſprechen.“ Claudine hatte ſich ſchon geſammelt. „Gewiß, mein Herr“ ſprach ſie gelaſſen;„es iſt dieſer junge Mann in der That eine intereſſante Per⸗ ſönlichkeit.“ Der Abend war bereits ziemlich weit vorgerückt, und Karl ſchickte ſich zum Aufbruch an. Der Abſchied war ein ſehr herzlicher. 153 Auch Ernſt ſagte der Familie gute Nacht und ent⸗ fernte ſich mit Karl. Der arme Ernſt! Er hatte den ganzen Abend über viel gelitten. Ihr— ihr gegenüber— ihr ſo nah und doch ſo ſfern— kaum wagend, den Blick nach ihr zu richten, da er den Blick ſeines Schwagers fürchtete, wie tief⸗ ſchmerzlich mußte er ſich nicht bewegt fühlen, beſonders bei der Schilderung des Liebesverhältniſſes von Fer⸗ nandez Carvalho zu Herrn von Bergen's Tochter. Er ſchritt mit Karl eine Weile ſchweigend dahin. Dann ergriff letzterer das Wort. „Claudine liebt Dich“, ſagte er. Ernſt erbebte. „Bedenke, was Du ſagſt!“ flüſterte er. „Ich habe es bedacht; ich habe ſie während meines Vortrags beobachtet, ich ſage Dir, ſie liebt Dich und Du darfſt hoffen.“ „Aber, ſelbſt wenn Du Dich nicht täuſchteſt, wenn Dich Deine Theilnahme für mich nicht irre geführt, bedenke meinen Schwager, mein ihm gegebenes Wort.“ „Dies kann und wird er Dir gelegentlich zurück⸗ geben, denn er iſt, wie ich ihn nun ſchon kenne, ein nobler Charakter.“ „Ja, das iſt er.“ 154 „Und das genügt, um Dich glücklich zu machen.“ „Du läßt mich da in einen Himmel blicken—“ „Deſſen durchſonntes Aetherblau reiner iſt und ſchöner als der ganze blaue Dunſt in Deinem chemi— ſchen Laboratorium, nicht wahr?“ „O mein Freund!“ „So, jetzt beſteige ich meinen Einſpänner. Alſo Muth, Ernſt, und Sonntag mehr hierüber.“ Sie umarmten ſich und zogen ihres Weges. Nach dem Abſchiede der zwei jungen Männer und nachdem bald darauf auch Minna und die Gouver⸗ nante ſich entfernt, ergingen ſich Herr und Frau Schmid noch in dem duftigen Garten, den der nahezu volle Mond mit ſeiner Strahlenflut übergoß. Sie beſprachen dort die Lectüre dieſes Abends, auch die beſchloſſene Sonntagsfahrt nach dem Seebade. „Dein Bruder“, ſagte dann Herr Schmid,„benimmt ſich mannhaft.“ „Ach, lieber Auguſt!“ ſeufzte ſeine Frau. „Was ſoll das, Jettchen? Warum ſeufzeſt Du?“ „Weil mir ſchwer ums Herz iſt.“ „Deines Bruders wegen?“ „Ja, mein Theurer!“ „Aber ich ſagte ja eben, daß er ſich mannhaft be⸗ nimmt.“ 155 „Nun, damit iſt auch geſagt, daß er leidet. Hierzu kommt noch, daß auch ſie leidet.“ „Die Gouvernante?“ „Ja, Claudine.“ „Du nimmſt an, daß ſie ſeine Neigung erwidert?“ „Ich bin davon überzeugt.“ „Ueberzeugt?“ „Ja, Auguſt, wie eben in ſolchen Fällen Frauen ſich überzeugen.“ „Nämlich?“ „Nur indirect, aber dennoch genau.“ „Daß Du die Sache mit ihr nicht beſprochen, nicht direct beſprochen, nehme ich an; wie alſo kamſt Du in⸗ direct zu dieſer Ueberzeugung?“ „Durch einfaches Beobachten, das eben nur uns Frauen möglich und Euch Männern ganz unmöglich iſt.“ „Und was fandeſt Du?“ „Daß Claudinens Schwermuth ſeit meines Bruders Ueberſiedelung zugenommen hat. Gleich ihm, deſſen Benehmen Du mannhaft nennſt, wie es in Wahrheit auch zu nennen iſt, kämpft auch ſie gegen ſich ſelbſt an, und ſie leidet demnach gleich ihm.“ Herr Schmid ſchwieg eine Weile. „Sie zu entfernen“, ſprach er dann vor ſich hin, „wäre da wohl das Klügſte.“ — — 155 „Möglich“ entgegnete ſie milden Tons,„das Beſte aber ſchwerlich.“ „Doch was ſonſt, mein Kind? Sage, was wäre da beſſer?“ „Alles der Zeit, der Vorſehung anheimzuſtellen, wäre beſſer.“ „Ich reſpectire immer Deinen Rath, Jettchen, ich achte Deinen Verſtand und Dein religiöſes Weſen iſt mir heilig, allein im gegebenen Falle weiß ich nicht—“ „O laß nur Dein Herz ſprechen, Auguſt, Dein ſo edles Herz!“ „Nun ja, Frau, es thut mir auch weh, Deinen Bruder, den ich achte und liebe, leidend zu wiſſen, ob⸗ gleich er ſich wacker wehrt, und auch Claudine flößt mir jetzt höhere Theilnahme ein, aber—“ „Aber das Materielle, meinſt Du—“ „Allerdings meine ich das! Ernſt beſitzt außer ſei⸗ nem Schatz von Kenntniſſen wenig, Claudine außer ihren Talenten gar nichts. Wären beide, eins wie das Andere, um drei, vier Jahre jünger, ſo ließe ſich allenfalls ſagen, ſie können warten; in dieſen ihren Jahren aber wartet ſich's nicht, da ſpringt man kopf⸗ über in die Ehe hinein, das heißt, man verliert den Kopf, das Herz geht mit dem Verſtande durch. Laß uns, Jettchen“, fügte Herr Schmid nach kurzem 157 Schweigen hinzu,„ieſe ſchwierige Angelegenheit noch einige Zeit bedenken; eine Verſicherung jedoch gebe ich Dir, liebes Kind, ſchon heute, in dieſem Augenblicke ſchon, und zwar dieſe: wenn Ernſt, dem, wie ich ſehe, an ſeinem mir verpfändeten Mannesworte, ſich beherr⸗ ſchen zu wollen, Alles gelegen und der meinem Herzen ſo theuer iſt, wenn er, ſage ich, mir auf meine Frage, ob er ſich ruhig fühle, mit nein antwortet, da Aus⸗ weichen nicht ſeine Sache iſt, ſo—“ „So ſagſt Du ja?“ „Ja, ja, ſo ſage ich ja!“ „O mein guter lieber Auguſt!“ „Dieſe Frage, wenn ich ſie mir nicht etwa ſelbſt am Sonntag in Dobberan beantworte, werde ich am Montag hier ihm vorlegen. Dann aber, Frau, müſſen wir uns nach einer andern Gouvernante umſehen.“ „Ich denke nicht; denn abgeſehen ſelbſt davon, daß Minna noch lange in Verkehr mit Claudine—“ „Mit Deiner Schwägerin, mußt Du ſagen.“ „Alſo mit meiner Schwägerin bleiben und den Unterricht durch ſie in Muſik und im Franzöſiſchen fortgenießen kann, haben wir ja auch eine gute Töchter⸗ ſchule hier.“ „Für eine andere Gouvernante wärſt Du demnach nicht?“ 158 „Nein, Auguſt.“ „Haſt ja doch keinen zweiten Bruder mehr, oder fürchteſt Du für mich?“ „So, lieber Mann, ſehe ich Dich gern; ſo heiter warſt Du lange nicht.“ „Wenn dieſer flüchtigen Heiterkeit nur nicht der Schmerz als hinkender Bote folgt!“ „Laß uns hoffen, Auguſt, daß es nicht der Fall ſein werde.“ „Und laß uns, Jettchen, ſtark ſein, wenn es der Fall!“ ——— Vierzehntes Kapitel. In Dobberan. Von den ſechzehn Seebädern Deutſchlands, die alle an der Oſtſee und Nordſee liegen, iſt Dobberan das erſte, weil beſuchteſte, während man Helgoland als das eigenthümlichſte und kräftigſte bezeichnen muß. Der ſtarke Beſuch, deſſen das erſtgenannte ſich zu erfreuen hat, der es aber auch vertheuert, beſonders durch den Aufenthalt des Großherzogs von Mecklen⸗ burg mit dem Hofſtaat in ſeinem Schloſſe daſelbſt, ſo⸗ wie vieler hochgeſtellten und reichen Leute, findet auch ſeine Erklärung in dem günſtigen Umſtande, daß Dob⸗ beran neben der herrlichen Wirkung des Seebades ſo⸗ wohl im Freien wie in Wannen Mineralquellen beſitzt, demnach, ſelbſt abgeſehen von Mode und Luxus, zwiefache Zugkraft ausübt. 160 Als Ort an ſich ſehr freundlich und durch die ver⸗ hältnißmäßig beträchtliche Zahl von etwa viertauſend Einwohnern, wozu durchſchnittlich noch fünfzehnhundert Badegäſte kommen, ſehr belebt, bietet Dobberan nebſt den unerlaßlichen Attributen eines Kurorts, wie Theater, Concertſaal, Converſations⸗ und Spielſäle, Promenadenanlagen, Logirhaus, noch manches Anzie⸗ hende: den nahen Park, die ſchöne gothiſche Kirche mit den Gräbern der alten Herzoge von Mecklenburg und anderer berühmter Perſonen, den Jungfernberg mit ſeinen Anlagen und der reizenden Ausſicht auf die weite, von Schiffen durchkreuzte See, wie landeinwärts bis Roſtock, dann der Büchenberg, die Bademühle, die Althofermühle, etwas entfernter Dietrichshagen auf einem der bedeutendſten Höhenpunkte dieſes Landes, von welchem aus man den größten Theil Mecklenburgs, die Oſtſee mit mehreren Inſeln bis nach Holſtein hin überſchaut, weiter Warnemünde und den Koventer Landſee mit dem Vergnügen der Jagd auf Schwäne. Den eigenthümlichſten Reiz jedoch, ein Unicum ſeiner Art, beſitzt Dobberan in ſeinem ſogenannten heiligen Damm. Ein merkwürdiges Naturſpiel: ein über ſechzehn Fuß hoher und hundert Fuß breiter, eine halbe Meile in die Oſtſee ſich hinausziehender Wall aus wunderbar 161 gefärbten, von der Natur ſo zu ſagen künſtlich geformten Steinen, welche der Sage nach das Meer, vielleicht durch ein Erdbeben, in einer Nacht aufgeworfen; ein Lido, eine Art natürlicher Murazzi, jedenfalls ein bewundernswerther Gegenſtand und in der Beleuchtung von Morgen⸗ und Abendroth wie im Mondſchein be⸗ zaubernd. Auf dieſem Damme, unter Hunderten von Bade⸗ gäſten und Beſuchern aus der Umgebung von Dobberan luſtwandelnd, ſehen wir nun gegen Einbruch der Abend⸗ dämmerung des zu dieſem Ausfluge beſtimmten und, da der Himmel dem Unternehmen günſtig war, auch treulich eingehaltenen Sonntags die Geſellſchaft von Menſchen, deren perſönliche oder geiſtige Bekanntſchaft unſere geneigten Leſer gemacht: Herrn und Frau Schmid mit Minna und Claudine, unſere alten jungen Freunde Karl und Ernſt, Herrn von Bergen und Paul von Stromfeld mit ſeiner holden jugendlichen Gattin. Man war aus Roſtock gegen zwölf Uhr in Dobberan eingetroffen und bei Stromfeld abgeſtiegen. Die Begegnung hatte all jenes Schöne, Erfreuliche, das ſich im Verkehre ſo gebildeter und zugleich gefühl⸗ voller Menſchen herauszuſtellen pflegt, wozu noch man⸗ ches beſondere Intereſſe geiſtiger Natur, manche ſeeliſche Beziehung kam, wie die hohe Theilnahme für den jun⸗ Jean Charles, Realiſten und Idealiſten. V. gen Helden aus Amerika und der geheime Rapport zwiſchen Ernſt und Claudine, welche letztere heute um Vieles ruhiger, wir könnten ſagen heiterer ſich gab, was ihre eigenthümliche Schönheit nicht beeinträchtigte. Die Damen hatten ſich, wie das ſo Frauenart, alsbald in einander gefunden und plauderten bereits nach einem Stündchen Zuſammenſein, als hätten ſie ſich von Kind⸗ heit an gekannt; die Herren blieben hierin nicht ſehr lange zurück, und der Wein beim Gabelfrühſtück ergänzte das etwa noch Fehlende. Die Zeit zwiſchen Frühſtück und Mittagsmahl — von zwei bis fünf Uhr— brachte man mit Er⸗ zählen und Spaziergängen zu, deren letzter, über den heiligen Damm, für den Abend vorbehalten blieb, für welchen man eine Dauer von zwei Stunden veran⸗ ſchlagte, um die Wirkung des Vollmondlichts daſelbſt zu genießen, ſodaß unſere Roſtocker Freunde noch recht⸗ zeitig nach Hauſe kommen konnten. Den Damm läſſig entlang wandelnd, bildete dieſe unſere Geſellſchaft abwechſelnd bald eine, bald mehrere Gruppen; Letzteres fand beſonders ſtatt, als man nahezu die Mitte des Damms erreicht hatte. Da ſchritt zum Beiſpiel Ernſt zur Seite Clau⸗ dinens eine gute Strecke den Uebrigen voran, nach⸗ dem er bis zu dieſem Augenblicke ſich ihr nur dann ge⸗ 163 nähert hatte, wenn es die Umſtände zuließen oder ſelbſt geboten. Es mochte wohl auf ſein wie auf ihr Gemüth der herrliche Anblick des Meeres mächtig eingewirkt haben. Wer auch wollte ſich ſolchem Eindrucke verſchließen, wer vermöchte es! Das Rauſchen der am Damme brandenden, auf⸗ ſchäumenden Wogen, einer der gewaltigſten Natur⸗ laute, der Feuerball der untergehenden Sonne an dem einen, der des Mondes an dem andern Rande des Horizonts, das Hervorzittern einzelner Sterne aus der tiefblauen Aetherkuppel, das geiſterhafte Hingleiten der Schiffe auf den von friſcher Briſe leicht gehobenen, da golden, dort ſilbern erglänzenden, fernhin mit dem Luftmeere in eins ſich verſchmelzenden Wellen: alles dies, dem Auge der Seele zur Anſchauung gebracht, erfüllt ſie mit Ahnung oder Begeiſterung, mit Sehn⸗ ſucht oder Wonne, je nach der Seelenſtimmung des Betrachtenden. In Ernſt's Seele kam da Alles zur Sprache, was er die letzte Zeit über, nach außen hin zum Schweigen gezwungen, in ſie zurückgedrängt, in ſeiner Mannes⸗ bruſt verſchloſſen hatte; doch dieſe Sprache beſtand nicht aus Worten, die ſich auch nicht gefunden hätten, ſie 11* 164 gab ſein Blick, ſein auf Claudinens Antlitze ruhender Blick, den ſie einmal, nur einmal, aber in einer Weiſe erwiderte, die ihn beſeligte und zugleich erſchütterte, denn dieſer Blick ſagte: Ich fühle, daß Du mich liebſt, und dieſe innerſte Ueberzeugung, von einem edlen Meu⸗ ſchen geliebt zu ſein, macht mich glücklich, ja glücklich, doch nur inſofern, als ich überhaupt glücklich zu ſein vermag; ich liebe auch Dich, aber auch nur, wie mein Herz eben noch lieben kann, mein gramerfülltes, halb⸗ gebrochenes Herz! In dieſem Wechſelblicke beſtand das ganze Ge⸗ ſpräch. Mit der nächſten Minute kam die Wirklichkeit wie⸗ der zu ihrem Rechte. Der Zuruf ſeines Schwagers entriß Ernſt ſeinem Traume. Herr Schmid mahnte zur Umkehr, und die Geſellſchaft, wieder nur eine Gruppe bildend, trat den Rückweg an. Ein Stündchen ſpäter trennte man ſich mit der herzlichen Zuſage, ſich gegenſeitig ſo oft als möglich zu beſuchen. In Roſtock angelangt, lud Herr Schmid ſeinen Schwager ein, den Thee bei ihm zu nehmen, und letzterer, obgleich er ſich nach Einſamkeit ſehnte, ging darauf ein. Nach dem Thee, als Frau Schmid, Minna und die 165 Gouvernante ſich verabſchiedet und zur Ruhe begeben hatten, machten die beiden Herren noch einen Gang durch den faſt taghellen Garten. Ernſt fühlte inſtinctiv, daß ſein Schwager ihm eine wichtige Mittheilung zu machen im Begriffe ſei. Sie ſchritten eine Weile ſchweigend dahin. Dann ergriff Herr Schmid und, wie der Ton ſeiner Stimme verrieth, nicht ohne tiefe Bewegung das Wort. „Bruder“, ſagte er,„Du haſt mir etwas zu ver⸗ zeihen.“ Ernſt erbebte bei dieſer Anſprache, aber freudig. „Ich Dir etwas zu verzeihen?“ fragte er ge⸗ ſpannt. „Ja, Bruder, denn ich war hart gegen Dich.“ „Hart? Nein, das warſt Du nicht, das kannſt Du nicht ſein.“ „Auf die Länge nicht, das iſt wahr. Laß uns offen ſprechen. Du liebſt Claudine und mehr denn je. Unterbrich mich nicht. Was ich Dir in Bezug auf dieſe Neigung geſagt, was ich Dir über Deinen künfti⸗ gen Hausſtand gerathen, war Sache der Freundſchaft und der Weltkenntniß; was Du mir zu verzeihen haſt, iſt, daß ich meinen Verſtand allein ſprechen ließ. Deine gute Schweſter aber hat für Dich zu mir das Herz 166 reden laſſen, und das meinige verſchloß ſich dieſer Sprache nicht. Mehr aber noch als das liebevolle Wort meiner Frau hat Deine Haltung in letzter Zeit auf mich gewirkt; Du haſt Dich brav gehalten, warſt ein Mann in vollem Sinne, Du haſt wacker gekämpft, obgleich Du nicht geſiegt.“ Ernſt reichte dem alſo Sprechenden die leiſe zitternde Hand, ohne etwas zu erwidern. „Ich habe mir“, fuhr letzterer fort,„die Sache zu⸗ rechtgelegt und meine nun ſo. Speiſe morgen bei uns, dann wirſt Du Gelegenheit finden, Claudine allein zu ſprechen. Vor allem mußt Du, müſſen wir wiſſen, wie es um ihr Herz überhaupt ſteht, obſchon meine Frau die Ueberzeugung ausſpricht, daß Claudine Deine Neigung erwidert. Ich nun, ich zweifle nicht eben daran, nur liebe ich als Mann in allen Dingen Gewißheit, Ordnung. Iſt mit ihrem Herzen Alles in Ordnung, will ſagen, liebt ſie Dich wirklich, dann in Gottes Namen mit Euch zweien zum Altar!“ „Mein theurer Bruder!“ ſtammelte Ernſt. „Nur eins noch“, ſagte Herr Schmid,„eigentlich das Wichtigſte. Es iſt möglich, daß Claudine, da ſie lange vor Deiner Ankunft ſchon ſo ernſt und traurig war, Dich, wie ſie als eine Perſon von Geiſt und Gefühl nicht anders kann, hochachtet, aber — — 167 nicht liebt, ſondern einen Andern, ob nun einen Leben⸗ den oder Todten. Was dann?“ „Dann, mein Freund“ entgegnete Ernſt in einem Tone mannhafter Sicherheit,„dann wirſt Du nicht Urſache haben, mit mir unzufrieden zu ſein.“ „Ueberſchätzeſt Du nicht Deine Kraft?“ „Nein. In dieſem Falle, einer ſolchen Thatſache gegenüber wird ſie ſich als genügend erweiſen; Un⸗ terſtützung gewährt da auch ein gewiſſes Selbſtgefühl; habe ich doch niemals ſo recht begreifen können, wie Liebe ohne Gegenliebe zu beſtehen vermag, eine Flamme ohne Brennſtoff.“ „Da haben wir den Chemiker wieder!“ verſetzte Herr Schmid ganz munter.„Aber ſo iſt's recht, Bru⸗ der“ fuhr er fort,„lieben— ja, ohne Gegenliebe — nein. Morgen alſo wirſt Du, werden wir darüber im Klaren ſein. Muth denn, friſch vom Herzen weg geſprochen und die Antwort hinnehmen als ein Mann! Man kann mit den Weibern nicht vorſichtig genug ſein. Meine Frau ausgenommen, iſt mir das ganze weibliche Geſchlecht zwar nicht zuwider, aber Reſpect einflößend, zu Deutſch— ein Räthſel. So, für heute Alles in Ordnung. Gute Nacht, guten Traum!“ „Auch wenn er ſich nicht erfüllt. Gute Nacht, Auguſt Fünfzehntes Kapitel. Zwei Briefe. Der nächſtfolgende Tag, der für Ernſt die Entſchei, dung über eine der wichtigſten Angelegenheiten ſeines Lebens bringen ſollte, ließ ſich eigenthümlich genug an, nämlich mit einem zwar kurzen, aber heftigen Morgen⸗ gewitter, und es beſchlich dabei die Seele des Erwar⸗ tenden eine düſtere Ahnung, ein drückendes Gefühl, das er, wiewohl vergeblich, phyſikaliſch zu erklären ſich bemühte. Kaum hatte die Sonne die Wolkenmaſſen ſiegreich zerſtreut, als ihm der Poſtbote mit mehreren andern Briefen auch einen aus Dresden überbrachte. „Von Max!“ rief er aus, indem er das Couvert haſtig öffnete. Dieſes umſchloß zwei Briefe: eten von ſeinem =——————— 169 Freunde, dem Maler Max, und einen an dieſen ge⸗ richteten, von Cadiz datirten, mit der Unterſchrift „Robert“. Ein Schreiben von Robert, dem Unglücklichen, den ſich Ernſt bereits in Amerika oder doch auf dem Wege dahin gedacht! Er durchflog zuerſt den Brief von Max. Der Inhalt lautete: „Es drängt mich, lieber Ernſt, zu Dir und zu un⸗ ſerm Freunde Karl unwiderſtehlich; einige Tage nach Empfang dieſes Schreibens ſiehſt Du mich in Roſtock. Ich bedarf Luftveränderung, ich halte es nicht aus allein, ich bin wie außer mir, obgleich mir ſelbſt nichts Schlimmes widerfahren und mein Künſtlerzeug in beſter Ordnung iſt. Ich hoffe, in Eurer Nähe und dann am Meere, an dem Schönſten, was ein Menſchenauge ſehen kann, mich zu erholen von dem furchtbaren Schlage, der mich, obwohl nicht unmittelbar, ſo eben ans Herz getroffen und nun auch durch beiliegenden Brief Eure Herzen treffen muß. Leſt denn! Und Du, Ernſt, lies ihn beſonders auf⸗ merkſam. Es ſcheint mir das ein Stück Weltgericht, obgleich oder auch weil es im Zeitlichen vorging, eine grauenerregende Folge von Handlungen und Unter⸗ laſſungen, deren Motive eben nur in jener corrupten 170 Weltanſchauung lagen und immer liegen werden, die der Unglückſelige ſo conſequent vertrat, bis ihn eine höhere Macht faßte, die ihn zu Boden ſchmetterte und wie einen Wurm zertrat; lies, ſage ich Dir, aufmerk⸗ ſam, denn auch Du— nur mit dem Unterſchiede, daß Du moraliſch makellos bliebſt und ſtets bleiben wirſt— auch Du neigteſt zur Philoſophie des Gerichteten, der übrigens ruhe in Frieden.“ Es braucht nicht geſagt zu werden, in welcher Stimmung unter dem Eindrucke dieſes Briefes Ernſt an die Leſung des beigefügten Schreibens ging, auch nicht, was er nach der Einſichtnahme empfand; Letzteres ergibt ſich für jeden Menſchen von Kopf und Herz, Religion und Sittlichkeitsgefühl von ſelbſt. „Wenn Ihr“— ſo lautete Robert's Brief— „lieben Leutchen, die ſich ehedem meine Freunde nann⸗ ten oder auch möglicherweiſe waren, dieſe Zeilen zu Geſicht bekommt, iſt mein auf Sicht lautender Stoff⸗ wechſel eingelöſt und habe ich einen Schluck gethan, nicht bitterer als alle Dummheiten und Niederträchtig⸗ keiten des menſchlichen Lebens, die ich bisher verſchluckt; ein Schluck Blauſäure und mein ſaures Geſicht wird zur ſüßen Liebesfratze. Warum ich Euch dies ſchreibe? Erſtens, weil ich Narr genug war, in der neuen 171 Welt— in Amerika— ein neues Leben führen zu wollen, was Ihr hättet erfahren und mitleidig be⸗ lächeln können, wenn nicht belachen; dann auch, um mich nochmals gehörig zu expectoriren, beſonders der idealen Weltanſchauung gegenüber; und ſo ſage ich Euch denn nicht Lebewohl, denn das Wohlleben iſt Sache der Individualität, ſondern einfach gute Nacht. Gute Nacht! Fühllos zu werden wie ein Stein, das iſt gute Nacht; alles Empfinden, Denken, überhaupt Wachen iſt dümmer als die Nacht der Fühlloſigkeit. Wenn es einen weſentlichen Unterſchied zwiſchen Menſch und Thier gibt, ſo beſteht er nur darin, daß der Menſch ſich ſelbſt tödten, daß er ſterben kann, ſobald es ihm beliebt, und das Thier nur verendet, wann und wie es eben muß. Fort denn, fort!“ Den Sturm in Ernſt's für Freundſchaft ſo empfäng⸗ lichem Herzen nach wiederholter Leſung dieſer Briefe zu ſchildern, wäre, wenn nicht unmöglich, doch, wie ſchon geſagt, für denkende und gefühlvolle Menſchen überflüſſig; nur wollen wir bemerken, daß die erſte tiefſchmerzliche Empfindung unſerrs Freundes über Ro⸗ bert's gewaltſames Lebensende bei wiederholtem Leſen dieſer ſo cyniſch abgefaßten Kundgebung deſſelben ſich in Grauen verwandelte. 172 Ihm war, als ſtarrte er in einen nachtumhüll⸗ ten Abgrund, in ein Chaos, in eine ewige Leere, in ein Nichts, rings umfloſſen von tauſend Quellen und tauſendfältig Blüten und Früchten ſcheinbaren Daſeins, und ſeine Hand, dieſen entſetzlichen Brief fallen laſſend, legte ſich, wie von einer andern unſichtbaren Hand ge⸗ lenkt, an ſein Herz, das eben an dieſem Morgen ſo erwartungsvoll geſchlagen hatte, wie um zu prüfen, ob es noch ſchlage, ob es nicht gebrochen ſei. Es ſchlug noch ſo voll und warm wie immer, und ſein Blick richtete ſich himmelwärts; es lag in dieſem Blicke ein unausſprechliches Etwas, ein tiefinniges Gottgedenken; ſein eigentliches Ich, der Genius ſeines Weſens, hob ſich ſo zu ſagen aus ihm empor, ſchwebte über ihm und zwang ihn zum Aufblicke. Da klärte es ſich in ihm; das Sturmgewölk, gleich jenem des Morgengewitters, wich den mächtigen Son⸗ nenſtrahlen des Geiſtes, läuternder Betrachtung, reli⸗ giöſer Erhebung; er wurde ruhig, ſicher, ſtark. So geſtimmt ſetzte er ſich hin und ſchrieb an ſeinen Schwager, daß er nicht kommen werde, heute nicht kom⸗ men könne; zur Erklärung ſchloß er die Briefe von Max und Robert bei. Eine Stunde ſpäter war Herr Schmid bei ihm. „Ich begreife“, ſagte dieſer,„daß es Dir heute un⸗ 173 möglich, Claudine zu ſprechen; nach einem ſolchen Be⸗ gebniß ſammelt man ſich nicht ſo leicht. Das iſt oder vielmehr war alſo jener Doctor Robert, der dritte Deiner Pariſer Freunde, über deſſen ſeltſame Geſchicke Du mir in Deinen letzten Briefen von dort einige ganz flüchtige Andeutungen gemacht?“ „Derſelbe“, entgegnete Ernſt tief aufathmend,„und ich will Dir nun jene furchtbaren Ereigniſſe in aller Kürze mittheilen.“ Und Ernſt erzählte, was wir wiſſen. Trotz aller Charakterſtärke, die ſeinem Zuhörer eigen war, unterbrach ihn dieſer doch zu wiederholten Malen durch Ausrufe des Entſetzens. „Es unterliegt“, rief er am Schluſſe der Erzählung aus,„meiner Anſicht nach keinem Zweifel, daß die Picard ihren Mann vergiftet, wie auch, daß ſie ſich ſelbſt getödtet hat.“ „Letzteres“ ſagte Ernſt,„ſcheint mir gewiſſer als Erſteres; ich vermag es nicht, an dieſen Mord zu glau⸗ ben, mir ein ſo ſchönes und junges weibliches Weſen als Mörderin, als Gattenmörderin zu denken.“ „Bei Deiner Menſchenkenntniß, Ernſt, begreife ich nicht, wie Du noch zweifeln kannſt. Oder hat auch Dich die Schönheit dieſer jungen Frau beſtochen?“ „Dies ſchon darum nicht, weil ich ebenſo wenig als 174 mein Freund, der Schriftſteller Karl, Pauline Picard von Geſicht geſehen; denn jenes einzige Mal, da wir beide, wie ich Dir erzählte, ſie an Robert's Wohnung erblickten, war ſie dicht verſchleiert; geſehen hat ſie nur der Maler Max, denn er hat ſie porträtirt.“ „Und was ſagte Euch dieſer von ihren Geſichts⸗ zügen?“ „Er fand ſie ſchön, obgleich, wie er meinte, noch geiſtvoller als regelmäßig ſchön.“ „Geiſtvoll! Ja, ja! Das iſt es eben. Der leidige Geiſt!“ Der Eintritt eines Geſchäftsmannes unterbrach die⸗ ſes Geſpräch. Man ging an das Tagewerk und trennte ſich gegen Mittag. Ernſt verſprach ſeinem Schwager, zu ihm zu kom⸗ men, ſobald es ihm ſeine Gemüthsverfaſſung geſtatten würde. Dazu aber kam es auch am nächſtfolgenden Tage noch nicht; der ungeheuren Aufregung war entſprechende Abſpannung gefolgt, dem Schmerze Wehmuth, dem Grauen eine Art Mitleid. Er wollte Claudine nicht eher ſprechen, als bis er ſich von dem letztern Eindrucke ganz frei und ſonach ſtark genug fühlte, dieſen wichtigen Schritt zu thun —..— 175 übrigens ſah er auch der Ankunft ſeines Freundes Max entgegen, den er gern zu Rathe ziehen wollte. Karl's Zuſtimmung war ihm ſchon gewiß. Ernſt beſuchte ihn und theilte ihm die Briefe von Max und Robert mit. Karl war nicht ſo überraſcht wie ſein Freund oder deſſen Schwager. „Ich ſah dies im Geiſte kommen“ ſagte er,„und mich wundert nur, daß dieſe Kataſtrophe nicht früher erfolgte, ſowie ich dabei nur beklage, daß er ſich in ſo brutaler Weiſe verabſchiedet. Dieſe ſeine letzten Worte an uns rechtfertigen meine längſt feſtgeſtellte Ueber⸗ zeugung in Bezug auf ſein Weſen wie auf das Weſen aller derjenigen, welche in der Geiſtesrichtung dieſes Unglücklichen ihren Weg durchs Leben machen: Halt gibt dieſen Menſchen nur der Beſitz zeitlichen Gutes, nur der Genuß des Materiellen; wird ihnen dieſer Beſitz entzogen, dieſer Genuß unmöglich gemacht oder auch nur verleidet, ſo fällt der Halt und ſie brechen zu⸗ ſammen. So hätte ſich nun“ fügte er dann ſeufzend hinzu,„jenes bürgerliche Drama von Paris in tragiſcher Weiſe abgeſpielt: ein braver Mann durch ſeine von einem Hausfreunde verführte jugendliche Gattin ver⸗ giftet, die Mörderin und ihr Verführer büßend durch Selbſtmord!“ 176 Beide beſprachen hierauf die erfreuliche Nachricht von des Malers mit jeder Stunde zu erwartendem Eintreffen, ſowie den günſtigen Umſchwung in dem Verhältniſſe Ernſt's zu ſeinem Schwager und zu Clau— dine; auch zu ihr, angenommen, daß ſie Ernſt's Nei⸗ gung theilte. „Dein Schwager“, bemerkte Karl noch,„hat uns brieflich für morgen zu Tiſche geladen und wir werden recht zeitig hinüberkommen; nächſten Sonntag müßt Ihr, falls nicht ſchlecht Wetter, abermals zu uns, und wenn nicht früher, findeſt Du da auf dem heiligen Damme die herrlichſte Gelegenheit von der Welt, Elau⸗ dine in Dein Herz blicken zu laſſen, wie in die offene See; ich an Deiner Stelle würde ſogar gefliſſentlich dieſe Zeit abwarten, um eben an dieſem Orte von Liebe zu ſprechen.“ „Ich will das auch thun“ ſagte Ernſt;„zudem möchte ich unſeres Freundes Ankunft dabei berückſichti⸗ gen, die hoffentlich noch vor Sonntag erfolgt.“ „Trifft er nicht vor Sonntag in Roſtock ein, ſo hinterlaßt bei Euren Hausleuten für ihn die Weiſung, ſogleich hierher zu fahren; auch werde ich mittlerweile für ihn Quartier machen.“ Ernſt begrüßte noch die Dobberaner Freunde und kehrte nach Roſtock zurück. Sechzehntes Kapitel. Ernſt und Claudine. Die Vorbereitungen zum würdigen Empfange ihrer Gäſte nahmen am folgenden Tage alle weiblichen Kräfte im Hauſe des Herrn Schmid vollauf in Anſpruch, wäh⸗ rend er ſelbſt zu ſeinem Schwager fuhr, um einige Stunden dem Geſchäfte zu widmen und dann mit ihm noch rechtzeitig nach Hauſe zu kommen. Nachdem alles Nöthige beſorgt, machten ſich Frau Schmid, Minna und Claudine an ihre Toilette. Letztere wählte heute ausnahmsweiſe ein weißes Kleid, das die Bläſſe ihres Geſichts minder auffällig erſcheinen ließ; auch zeigten ſich ihre Züge heute be⸗ lebter als gewöhnlich, um nicht zu ſagen aufgeregter Ihr ganzer Schmuck beſtand in einer Purpurroſe, halb verborgen in der Fülle ihrer dunklen Locken. Jean Charles, Realiſten und Idealiſten. V. 12 178 „Mademoiſelle ſind heute ſehr ſchön“, ſagte Minna zu ihr. Ein faſt wehmüthiges Lächeln war Claudinens Ant⸗ wort. Gegen zehn Uhr kam Herr Schmid, gefolgt von ſeinem Schwager. Ernſt theilte offenbar die Meinung ſeiner Nichte über Claudinens heutiges Ausſehen, eine Meinung, die er zwar nicht ausſprach, die ſich jedoch aus ſeinem Blicke kund gab, indem er die intereſſante junge Dame begrüßte. Eine Stunde ſpäter trafen die Gäſte ein und man begab ſich nach kurzem Verweilen im Salon hinunter in den Garten zum Dejeuner, das bereits im Kiosk ſervirt war. Die Unterhaltung geſtaltete ſich bald aufs beſte und herzlichſte. Deniſe von Stromfeld hielt ſich dabei viel zu Claudine; zwei reizende Erſcheinungen, wenngleich ſcharfen Gegenſatz bildend: die jugendliche Baronin das perſonificirte Liebesglück, die klarſte, durchſichtigſte Seelenfreudigkeit und milde Wahrheit, umfloſſen vom Zauber natürlicher Anmuth und Grazie; Claudine nicht minder ſchön, aber eine ernſte Schönheit mit ele⸗ giſchem Ausdrucke, ſchwermüthiger Erinnerung an ent⸗ 179 ſchwundenes Glück oder tief verborgener Sehnſucht nach künftigem, ſtrenge Contouren, bisweilen ſcharf ſich abhebend von dem dunklen Grunde des ſie umhüllen⸗ den Geheimniſſes. Ernſt's Blick fand dieſen Contraſt der beiden jun⸗ gen Damen heraus, aber— und dies eben iſt Sache der Liebe— zu Claudinens Gunſten; ſie erſchien ihm gerade in dieſer fortgeſetzten Vergleichung ſchöner, ide⸗ aler als Deniſe. Herr Schmid machte ſeinen Gäſten den Vorſchlag, die Zeit zwiſchen Dejeuner und Diner mit einer Tour in die Umgebung der Stadt, auch mit Beſichtigung einiger ihrer Sehenswürdigkeiten auszufüllen, und die Geſellſchaft ſtimmte ihm dankbar zu. Man brach auf. „Du biſt doch auch von der Partie?“ ſagte Karl zu Ernſt. „Nein, ich bleibe zurück“, entgegnete dieſer leiſe. „Alſo nicht erſt auf dem heiligen Damm?“ „Quäle mich nicht, Freund!“ Die Geſellſchaft hatte ſich entfernt; zu Hauſe blie⸗ ben Frau Schmid, Claudine und Ernſt; letztere im Garten, die Hausfrau in. der Küche. Sie wollte ihren Bruder mit Claudine allein laſ⸗ ſen; wußte ſie ja doch, was in ſeinem Herzen vorging, 12* 180 und war ſie ja durch die nun geſicherte Zuſtimmung ihres Gatten ſo voll Hoffen auf ihres geliebten Bruders Glück. „Sie ſchenken mir wohl ein Viertelſtündchen, Made⸗ moiſelle?“ Mit dieſer ſchüchtern betonten Frage wendete ſich Ernſt an Claudine, da dieſe der Frau vom Hauſe fol⸗ gen zu wollen ſchien, während die Dienerſchaft im Kiosk aufräumte. „Ich ſollte zwar meiner Dame helfen—“ entgegnete Claudine ebenſo befangen. „Aber Sie machen mir doch die Freude, nicht wahr?“ Sie erwiderte nichts, entfernte ſich aber auch nicht und folgte dem langſam Dahinſchreitenden wie me⸗ chaniſch. „Ich habe mich nach dieſem Augenblicke, dem, Sie allein zu ſprechen, geſehnt.“ „Sprechen Sie, mein Herr.“ „Würden Sie Ihren Blick, ſtatt ihn zu ſenken, nach meinen Augen richten, ſo— ſo bedürfte es nicht der Worte, um Ihnen zu ſagen, was ich zu ſagen— zu fragen habe.“ Claudine blickte nicht auf. „Sie haben mich um etwas zu fragen?“ flüſterte ſie zitternd. 181 „Ja, Mademoiſelle. Und wie kühn auch dieſe meine Frage, ich hoffe, daß ſie von Ihrer Seite, wenn auch nicht ganz befriedigende, doch milde Antwort finden werde.“ „Nun denn, mein Herr, ſprechen Sie.“ „Claudine! O, indem ich Sie jetzt ſo anſpreche— Claudine— habe ich wohl Alles geſagt!“ „Und Ihre Frage?“ „Dieſe betrifft Ihr Herz. Iſt, Claudine, Ihr Herz frei? Darf ich hoffen, daß es, wenn auch nur in ge⸗ ringem Maße, das Gefühl meines Herzens für Sie, jenes der innigſten, hingebungsvollſten Liebe theile, daß, Claudine, Sie Ihre Hand mir reichen würden zum Gange durch das Leben?“ Elaudine erbebte, doch erhob ſie den Blick und die⸗ ſer traf das Auge des Fragenden wie ſelbſt eine Frage, eine unausſprechlich ſchmerzliche. „Sieh und gib Dir ſelbſt die Antwort!“ ſchien die⸗ ſer Blick ſagen zu wollen. Verſtand ihn Ernſt? Wir ſagen nein, denn er liebte ja, er glaubte und hoffte. So wartete er denn einige Sekunden, und dann vernahm er Claudinens wirkliche Antwort. Dieſe lautete: 182 „Das Gefühl, von einem ſo edlen Manne ſich ge⸗ liebt zu wiſſen, iſt ein beſeligendes und mir vollgül⸗ tiger Erſatz für das, was ich verloren und erlitten. Ich bin durch dieſes Gefühl im Augenblicke rehabilitirt. Ich reiche Ihnen, mein Freund, dankbar für dieſen eine ganze ſchwere Vergangenheit aufwiegenden Seelenge⸗ nuß, die Hand im Geiſte, da ich ſie in der That zum Gange durch das Leben, wie Sie ſagen, zu reichen nicht vermag; ich werde mich nie vermählen; vermöchte ich dies über mich, ſo würde ich Ihnen ohne Bedenken zum Altare folgen, denn ich achte Sie hoch, ja noch mehr, ich— ich theile das Gefühl, das Sie für mich nähren, ich— ich liebe Sie!“ „Claudine!“ ſtammelte Ernſt, ihre Hand erfaſſend, was ſie geſchehen ließ,„das iſt Leben und Tod mit einem Athemzuge; warum?“ Sie befanden ſich in einem dichten, ſchattigen Bosquet zur Seite des Kiosk, jedem Späherauge entrückt. „Warum?“ entgegnete Claudine, indem ſie anhielt und ſeinen Blick in ihrem bethränten Auge aufnahm. „Warum? Dieſe Frage richte ich ſelbſt an das Ge⸗ ſchick, das unerbittliche, unverſöhnliche. Ja, mein theu⸗ rer Freund, warum, warum?“ „Was aber, Claudine“, rief er aus,„wenn Sie * * „ — 183 mein Gefühl theilen, was kann da ſo unbezwingbar Feindliches zwiſchen uns ſich ſtellen? O ſprechen Sie, ich beſchwöre Sie darum!“ „Das iſt unmöglich.“ Es feſſeln Sie dann Bande an—“ „An keinen Menſchen.“ „Was alſo macht unſere Vereinigung unmög⸗ lich?“ „Innere Nothwendigkeit.“ „Ein Gelübde alſo?“ „Ja! „Aber Gelübde laſſen ſich löſen.“ „Ein derartiges nicht.“ „Claudine! O es iſt, um wahnſinnig zu werden! Hätten Sie zu mir geſagt: Ich achte Sie, doch liebe ich Sie nicht, ſo wäre ich zurückgetreten, wenn auch leidenden Herzens; aber nun, nun, da ich weiß, daß Sie mein Gefühl theilen, nun, nachdem ich in ein Paradies geblickt, wieder hinſinken müſſen in meine troſtloſe Einſamkeit— 0 Claudine!“ „Wenn mein edler Freund eines Troſtes bedarf, ſo liegt dieſer vielleicht, wie ich meine, in der Ueberzeugung, daß die von ihm geliebte Aermſte, wie ſeine Liebe, auch ſeinen Schmerz theilt. Und edel, wie er iſt“, fügte Claudine nach kurzem beiderſeitigen Schweigen hinzu, 184 „wird er dieſes gemeinſchaftliche Gefühl nie mehr auch nur mit einem Worte beſprechen, ſondern, wie vor der Welt, auch mir gegenüber ſchweigen. Und ſo reiche ich dem edlen Manne, der, ich hoffe es, mir ein Freund im reinſten Sinne bleiben wird, heute, jetzt die Hand zum Abſchiede für immer.“ „Ich beuge mich der Macht, welche Sie beherrſcht,“ entgegnete Ernſt kaum vernehmbar,„denn es wäre Frevel, gegen dieſe anzukämpfen.“ „So, mein Freund, iſt es recht, denn ſo will es Gott!“ Damit endete dieſe von Ernſt ſo heißerſehnte Unter⸗ redung. Er geleitete Claudine ſchweigend in das Haus und verließ es auf der Stelle. Die Zwiſchenzeit bis zum Diner brachte er in ſeiner Wohnung zu. In welcher Stimmung! Er nahm, nach längerem Hinbrüten, ſeine Zuflucht zur Feder. Es drängte ihn, ſich darüber auszuſprechen, und er that es in Briefen an ſeine Schweſter und ihren Gatten. Sie mußten wiſſen, wie es ſtand; ſagen aber hätte er es nicht können, mündlich nicht, das hätte ihn überwältigt. Auch ließ ſich das Alles in Bezug auf Claudine ſelbſt ſchriftlich zarter, ausweichender 185 behandeln als im Geſpräche. Und ſo ſchrieb er denn die zwei Briefe, die er beiden noch am ſelben Tage, nach Entfernung der Geſellſchaft, zuzuſtellen be⸗ ſchloß. Die Geſellſchaft! Das war noch eine ſchwierige Aufgabe, bei Tiſche unbefangen zu erſcheinen, in den gewiß heitern Ton einzuſtimmen. Sich durch Unwohlſein entſchuldigen? Es ging nicht an; auch wäre dann Karl gekommen, deſſen ſcharfem Blicke Alles ſofort klar hätte werden können. Nun, die Mahlzeit ging endlich auch vorüber, und man trennte ſich unter der Zuſage, nöchſten Sonntag ſich in Dobberan wieder zuſammenzufinden. Herr Schmid und ſeine Frau waren von Ernſt's brieflicher Mittheilung nicht wenig überraſcht, ſie ſchmerzlich, er bis zur Erbitterung gegen Claudine. Sie befanden ſich allein. „Ich wußte und ſagte es voraus“, begann Herr Schmid ſeinem Aerger Luft zu machen,„ſie iſt eine Kopfhängerin, eine Schwärmerin, die zur Ehe ſo wenig taugt als ich zum Seiltänzer; träumt wahrſcheinlich von ihrem fernen Verehrer und ſtößt da einen Mann wie meinen Schwager von ſich.“ „Dies zwar nicht“, wagte Frau Schmid einzuwenden, „wenigſtens nicht nach dem, was Ernſt mir ge⸗ ſchrieben.“ Ihr Mann nahm dieſen Brief. „Kommt ganz auf daſſelbe hinaus“ ſagte er, das Blatt weglegend;„Korb bleibt Korb, er mag noch ſo ſchön geflochten ſein; ich denke nicht, Frau, daß Du Deinem Bruder Hoffnung geben wirſt.“ „Ich werde das nicht thun, Auguſt.“ „Uebrigens iſt es gut, daß die Sache ausgetragen worden; beſſer, eine bittere Pille raſch hinabgeſchluckt als langſam; mir iſt um Ernſt nicht bange, er wird ſich ſchon zurecht finden, keinesfalls uns Vorwürfe machen, denn wir haben dabei mehr gethan, als ſich eigentlich vor dem geſunden Menſchenverſtande recht⸗ fertigen läßt. Morgen früh ſpreche ich ihn. Er mag bis Sonntag ſich fern halten. Ich vertraue ihm, er iſt ein tüchtiger Mann. Was Mademoiſelle betrifft, ſo thun wir am beſten, nicht ein Wort darüber an ſie zu richten.“ „Die Arme verdient Schonung, lieber Auguſt.“ „Schonung? Mag ſein, muß man doch alle Geiſteskranken ſchonend behandeln. Ich meinerſeits werde es ſie nicht entgelten, ja nicht einmal merken laſſen, daß ich mich ärgerte. Solange ſie ſonſt ihrer Verpflichtung zu meiner Zufriedenheit nachkommt, werde 187 ich ſie reſpectiren, wie bisher; geht mich im Grunde auch gar nichts an, daß ſie nicht heirathen will.“ „Es wäre vielleicht gut, lieber Auguſt, wenn Du noch heute meinen Bruder beſuchteſt.“ „Meinſt Du? Gut, ich will zu ihm.“ Und Herr Schmid begab ſich zu Ernſt. Siebzehntes Kapitel. Des Räthſels Löſung. Der zum Ausfluge nach Dobberan beſtimmte Sonn⸗ tag kam heran und zwar mit dem ſchönſten Himmel. Die Zwiſchenzeit hatte nichts Störendes gebracht. Ernſt hielt ſich dem Hauſe ſeines Schwagers fern, und dieſer war mit ſeinem Weſen und Benehmen zu⸗ frieden. Der Maler Max ließ noch immer auf ſich warten, doch ſah man ſeinem baldigſten Eintreffen um ſo gewiſſer entgegen, als er inzwiſchen nicht geſchrieben hatte. Es hätte Ernſt dieſer Sonntagspartie gern entſagt, allein das Geſetz der Höflichkeit war nicht leicht zu um⸗ gehen, auch fand er die Anſicht ſeines Schwagers richtig, der da meinte, daß es beſſer wäre für ihn, den — 189 freundſchaftlichen Verkehr mit Claudine nicht abzubrechen, da ſie ihn ja ſelbſt um ſeine Freundſchaft gebeten. Und ſo— wenngleich mit ſchwerem Herzen— nahm Ernſt Theil an dem projectirten Vergnügen. Clandine erwiderte ſeine ruhige, achtungsvolle Be⸗ grüßung in gleicher Weiſe. Sie trug heute ein ſchwarzes Kleid ohne allen Schmuck und ſah blaſſer als jemals aus, obgleich ſie ſich ruhig und in guter Haltung zeigte. Herr und Frau Schmid waren ganz zufrieden mit der Art dieſes erſten Wiederſehens von Ernſt und Claudine; die Munterkeit des Töchterchens ließ nichts zu wünſchen übrig, und ſo gelangte man denn in möglichſt guter Stimmung nach Dobberan. Die Aufnahme von ſeiten der dortigen Geſellfchaft war noch herzlicher als die erſte, und es verflogen Stunden gleich Minuten. Wieder hielt ſich die Baronin Stromfeld viel zu Claudine, theils aus Sympathie, theils auch der Sprache wegen, da beide junge Damen des Deutſchen nicht ſehr mächtig waren. Es wurden abermals kleine Ausflüge noch vor dem Diner gemacht, wobei man ſich beliebig gruppirte. Eine gute Weile hielten ſich Ernſt und Karl aus⸗ ſchließlich an einander. 190 „Nun biſt Du alſo im Klaren mit ihr“ ſagte Karl, nachdem ihm Ernſt jenes Geſpräch mit Claudine wört⸗ lich— das Gedächtniß des Schmerzes iſt ſcharf— und männlich gefaßt mitgetheilt,„und Klarheit iſt immer gut.“ „Du nennſt Klarheit“, bemerkte Ernſt,„was eigent⸗ lich nur ein weiteres Räthſel iſt.“ „Wohl wahr, mein Freund, aber Du weißt nun doch, daß—“ „Daß alle Hoffnung entſchwunden, ja, das weiß ich.“ „Wegen Max haſt Du doch zu Hauſe hinterlaſſen?“ „Bei mir wie bei Schmid; kommt er inzwiſchen, ſo weiß er, wo er uns trifft, und er wird herauseilen, falls er nicht zu müde iſt.“ „Herr von Bergen hat ſchon etwas Annehmbares gefunden, eine kleine Beſitzung unweit von hier.“ „Und Baron Stromfeld?“ „Wird ſich am ſchönen Rhein niederlaſſen. Alles treffliche, herrliche Menſchen!“ „Und Du, Karl?“ „Ich bleibe bei Stromfeld hier, ſolange er bleibt, und denke dann einige Zeit in Süddeutſchland zuzu⸗ bringen.“ „Biſt eigentlich zu beneiden, ſowie Max, um dieſes ſtete Zugvogelleben.“ 191 „Zugvogel! Iſt der Menſch überhaupt etwas Ande⸗ res als ein Wandervogel? Er wandert immer, wenn auch nur von Gaſſe zu Gaſſe, und wird es ihm endlich, in der Nähe des Grabes, zu kalt, ſo zieht er mit den mächtigen Schwingen des Glaubens hinüber in das verheißene Land voll ewigen Frühlings.“ „Von deſſen Grenzen aber noch kein Wanderer zu⸗ rückgekehrt, mein Freund!“ „Wäre auch thöricht von ihm, da es dort ſo un⸗ endlich ſchön.“ „Ich preiſe Dich glücklich um Deines Glaubens willen.“ „Und ich beklage Jeden, dem der Glaube nicht die Blume des Daſeins, nicht, dem Wiſſen gegenüber, das iſt, was Muſik dem Worte, die Fortſetzung, Steigerung, Ergänzung des Denkens, mit einem Worte— das Un⸗ vergängliche.“ „Wie kann man ſtoffumhüllt, ſtoffbedingt von Un⸗ vergänglichem ſprechen! Wo wir ein— oder austreten, bedingt, hemmt, hält uns der Stoff. Und dieſer wan⸗ delt ſich jedenfalls, wenn er auch nicht vergänglich iſt.“ „Und was bewegt, was läutert, was beſiegt ihn ſelbſt, mein Freund? Der Geiſt, nur der Geiſt! Der Geiſt belebt den Stoff, ſowie er ihn auch vernichten kann, in moraliſchem Sinne. Das hohe Intereſſe, 192 welches uns tragiſche Kataſtrophen einflößen, gründet ſich auf das Bewußtſein, daß nach dem Zuſammenbrechen alles Materiellen, des ganzen Stofflebens der Geiſt übrig bleibt und in ſeine ewige Heimat wieder eintritt, aus welcher er ſich zufolge gewiſſer Naturgeſetze zeit⸗ weilig expatriirt hatte; auf das Bewußtſein, daß der Geiſt in ſeine angeſtammten unveräußerlichen Rechte wieder eingeſetzt werden muß, ob er auch während ſeines telluriſchen Exils an Allem Mangel gelitten, was göttlich heißt.“ Ernſt reichte ſeinem begeiſterten Freunde tief auf⸗ ſeufzend die Hand und ſagte:„Mir iſt heute recht ſelt⸗ ſam zu Muthe, ſo, als ſollte etwas ganz Abſonder⸗ liches ſich ereignen, etwas für mich ſelbſt ſehr Bedeu⸗ tungsvolles, und doch läßt ſich Alles ſo friedlich und freundlich an, und ſogar mein Gefühl in Bezug auf Claudine beginnt ſich zu klären; ich liebe ſie und werde nie aufhören ſie zu lieben, aber dieſe Liebe, von ihr ſtill erwidert, hat nichts Quälendes mehr, ſie hat ſich potenziirt zu idealer Freundſchaft; ich möchte Claudine glücklich wiſſen, das iſt Alles; und doch, doch drückt es auf mich wie eine Luftmaſſe vor dem Ausbruche eines Orkans.“ Karl wollte etwas ihn Beruhigendes entgegnen, doch machte dies die Annäherung der Uebrigen augen⸗ blicklich unmöglich. 193 In der ſechsten Stunde erhob ſich die Geſellſchaft vom Diner, um die Promenade nach dem heiligen Damm anzutreten. Im Hinwandeln auf demſelben, der ſich heute min⸗ der beſucht zeigte, geſtaltete es ſich wie zufällig, daß Ernſt an Claudinens Seite und mit ihr, wie das erſte Mal, der Geſellſchaft eine gute Strecke vorauskam. Sie hatte, des ſcharfen Luftzugs wegen, wie ſie ſagte, den Halbſchleier von ihrem Strohhütchen nieder⸗ gelaſſen, der jedoch ſo dicht war, daß man ihre Ge⸗ ſichtszüge nicht wahrnehmen konnte. Sie waren jetzt jener Stelle nahe, an welcher vor acht Tagen Ernſt mit ihr geſtanden; damals noch hoffend! Dieſe Erinnerung überkam und überwältigte ihn nun derart, daß er wie im Selbſtgeſpräch, aber doch vernehmlich genug vor ſich hinſeufzte:„Claudine, muß es denn ſo ſein?“ Sie hatte dies vernommen. „Das Geſchick will es ſo!“ entgegnete ſie mit be⸗ bender Stimme. Im ſelben Momente hörte Ernſt ſeinen Namen ru⸗ fen und ſah, ſich raſch wendend, Karl, der ihm eben zugerufen, mit einem andern jungen Manne Hand in Hand auf ſich zueilen. Jean Charles, Realiſten und Idealiſten. V. 13 194 fernung be⸗ reund Mar Dieſer andere junge Mann— die Ent trug nicht über fünfzig Schritte— war F mit hochgeſchwungenem Hute. „Mein Max!“ „Mein Ernſt!“ Mit dieſen lauten herzlichen Ausrufen eilten beide auf einander zu, während Herr und Frau Schmid, ihre Tochter mit der Baronin, ſowie die Herren von Strom⸗ feld und Bergen ſich raſch näherten. Kaum aber hatten die beiden Freunde ſich umarmt, als der gellende Aufſchrei:„Verloren!“ an ihr Ohr ſchlug und ſie auseinanderriß. Dieſer wilde Aufſchrei, der die ganze Geſellſchaft wie ein Donnerſchlag erſchütterte, kam von der Stelle her, wo noch eben Ernſt mit Claudine geſtanden. Aller Blicke ſchoſſen voll Entſetzen nach jener Rich⸗ tung hin. Ewiger Gott! Man ſieht Claudine mit hoch er⸗ hobenen Händen wanken, ſtürzen— oder ſich ſtürzen — den Damm hinunter und ſie von der brandenden Flut erfaſſen und verſchlingen. Ernſt, mit einem nicht minder entſetzlichen Auf⸗ ſchrei, fliegt wie eine Kugel aus dem Rohre nach jener Unglücksſtelle hin und ſtürzt ſich der Untergeſunkenen nach in die Brandung, gefolgt in Sturmesſchnelle von —— * 195 Karl und den andern Herren, wie von einigen Schiffs⸗ leuten, die ſofort in Boote ſpringen und vom Damme abſtoßen. Dies Alles war das Werk weniger Minuten. Gott ſei gelobt! In einer Entfernung von etwa zehn Klaftern nur taucht Ernſt, ein tüchtiger Schwimmer, auf mit Clau⸗ dine, die ſein linker Arm umſchließt. Er blickt um ſich, ſchon gänzlicher Erſchöpfung nahe. Aber näher ſind ſeine Retter; im nächſten Augen⸗ blicke zieht man ihn und Claudine in eins der Boote, und dieſes landet. Unſere Freunde und viele andere Perſonen drängen ſich zur Stelle. Noch verhüllt der Schleier Claudinens Antlitz. Nun aber, während Ernſt vor Erſchöpfung nur ſehr ſchwach ſieht und hört und nicht zu ſprechen vermag, ſchlägt man dieſen Schleier zurück und— „Pauline Picard!“ ſchreit es auf. Dieſen Schrei ſtieß der Maler Max aus. Ernſt brach ohnmächtig zuſammen. Nur ſein Schwager und Karl verſtanden außer ihm, was dieſer Ausruf ſagen wollte. Alle Belebungsverſuche an der Unglücklichen erwie⸗ ſen ſich erfolglos; ſie war eine Leiche. Die Beklagenswerthe hatte den auf dem Damme 13* ſich nähernden Maler erkannt und— verfiel dem Tode. Ernſt erholte ſich ſchon nach wenigen Minuten, ſo⸗„ daß er in Herrn von Stromfeld's Wohnung gebracht und bald darauf auch nach Roſtock gefahren werden konnte. Sein Bewußtſein aber war und blieb getrübt, und acht Tage nach Beerdigung des unglücklichen jungen Weibes war auch er eine Leiche. Druck von Bär& Hermann in Leipzig. S— — ——— ₰