——— 4. — „——————————— — 8 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cdnard Okkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uihr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe Lines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Ent eines Buches, eine dem Werthe deſſelben . gegennahme entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 2 S 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich auf 1 Monat: 3 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: Mk f 1 Mt. 50 Pf. 2 Mi.— Pf. S„ 3„—„ 4 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Realiſten und Idealiſten. Sociaer Ro nan von Jean Charles, Verfaſſer von„Die Erbſünde“,„Der Verſchwender“ ꝛc. 5 Vierter Band. . Leirzig, Ernſt Julius Günther. 1867. — Erſtes Kapitel. Der 3 Es dürfte hier nicht am ungeeigneten Orte ſein, einen Blick in die Vergangenheit Paul's zu werfen, ehe wir dieſem ſo eigenthümlich gearteten jungen Manne, dem wir von ſeiten des geneigten Leſers jene innige Theilnahme wünſchen, die er uns ſelbſt durch das Un⸗ gewöhnliche ſeines Lebens wie ſeiner Erlebniſſe ein⸗ geflößt, zu den Schranken folgen, innerhalb welcher, nicht aus Neigung oder Ueberſchätzung ſeiner Kraft, ſondern aus Gehorſam und Achtung für die Anſichten ſeines Vaters und Führers, er den gefährlichen Kampf der Tugend gegen das Laſter beginnen und darin ſeine Stärke erproben ſoll für jenen, wenn nicht ſo unmittel⸗ bar gefahrvollen, doch ununterbrochenen und nicht ſelten mit dem Tode des Glaubens an die Menſchheit Jean Charles, Realiſten und Idealiſten. IV. 1 2 endenden Kampf, für den Kampf nämlich der Idealität gegen die Realität. Da es nach unſerer Ueberzeugung keinen beſſern und zugleich kürzern Weg zur wichtigſten aller Wiſſen⸗ ſchaften, zur einzig wahren Weisheit, das heißt zur Kenntniß ſeiner ſelbſt und Anderer im weiten Leben gibt als den, an ſeiner eigenen Geſchichte täglich zu forſchen und fremde zu unterſuchen, ſo möchte vielleicht das ſicherſte Mittel zur Erreichung des hohen Zweckes eine ſtrenge Abfaſſung ſeiner eigenen und aufmerkſame Leſung fremder Memoiren ſein; und da uns die erſten Blätter aus dem noch am Tage ſeiner Ankunft in Paris begonnenen Tagebuche Paul's vorliegen, worin er, freilich aphoriſtiſch genug, von dem ſpricht, was dem für ihn ſich Intereſſirenden vor allem zu wiſ⸗ ſen nöthig iſt, ſo wollen wir zunächſt dieſe Bruch⸗ ſtücke, deren Inhalt im Verlaufe unſerer Erzählung ſich von ſelbſt ergänzen und erklären wird, unverändert mittheilen. Aus Paul von Stromfeld's Tagebuch. Paris, am 18. April 1839. Es iſt mir zur Pflicht gemacht, die Aufgabe geſtellt worden, von heute an mehrere Jahre hindurch die Welt, die Geſammtheit der Erſcheinungen ſchärfer als bis zur Stunde ins Auge zu faſſen, will ſagen, ſie — S— 3 von meiner Seele ſich abſpiegeln und die Bilder vom Geiſte beurtheilen und ſchätzen zu laſſen, ſchätzen nicht nach dem Liebhaberwerthe der Jünglingsphantaſie, ſon⸗ dern nach dem Marktpreiſe männlicher Erfahrung. Aber iſt nicht der Spiegel meiner Seele getrübt und iſt nicht mein Geiſt noch allzu befangen, um rein kritiſch wirken zu können? Nun, ich will es verſuchen, und beinahe fühle ich ſelbſt ſchon das Bedürfniß, mich mit mir zu berathen, Rechnung zu halten mit der Vergangenheit, um zu erfahren, wie weit ich mich mit der Gegenwart und Zukunft in Speculationen einlaſſen kann, wie ich mit dem zu Gebote ſtehenden Vermögen idealer Wünſche zu gebaren haben werde. Die früheſte aller meiner Erinnerungen iſt zugleich meine ſchmerzlichſte. Noch nicht völlig fünf Jahre alt, verlor ich das mir damals und auch jetzt noch Theuerſte, meine Mutter. Aber wie? O Geott, welche furcht⸗ bare Antwort mag mir heute oder morgen auf die Frage werden! Jedes Atom meines Weſens fühlt Sehnſucht danach, und doch zittere ich davor. Meine Mutter! Wäre ſie todt, ſo ſchmerzlich dieſer Gedanke in das Herz des Kindes anch eingreift, ich fände in dieſem Schmerze ſelbſt noch Troſt, denn in jedem liegt ſein eigenes Heilmittel; aber ſie lebt, ich habe die in⸗ nere Gewißheit von ihrem Daſein, und ſie lebt— 1 ———— ₰ ———————— — 4 ünfzehn lange Jahre bereits— getrennt von uns, die Mutter von ihrem Kinde, die Gattin vom Gatten ge⸗ trennt! Und warum? „ Ich habe kein Gedenken von Allem, was zwiſchen meinem vierten und ſiebenten Jahre mit mir und um mich vorgegangen, als das von einer einzigen Nacht, und kein menſchliches Gebilde aus jener verhängniß⸗ vollen Zeit blieb in meiner Erinnerung haften als die himmliſche Geſtalt und das engelgleiche Antlitz meiner Mutter. Ich ſprach, ſoweit mein Gedächtniß zurück⸗ reicht, nie mit Jemand von dem Begebniſſe jener Nacht, auch nicht, als ich heranreifte. So ſehr ich meinen Vater verehrte, hielt mich doch immer eine gewiſſe Scheu und noch mehr ein unbeſchreiblicher Ausdruck von wehmüthiger Duldung in ſeinem edlen Antlitze ab, von meiner Mutter zu ſprechen, und es bildete ſich wie von ſelbſt zwiſchen uns eine Art Verſtändigung, der zufolge ich beſtimmt wußte, daß ſie noch lebe und daß ich Alles erfahren müſſe. In jener Nacht, einer ſchönen Sommernacht, war ich nicht in meinem Bettchen, ſondern auf dem Divan in einem reizenden Gartenpavillon entſchlummert. Es mochte etwas wie ein Familienfeſt gefeiert worden ſein, denn mir iſt, wiewohl nur ſehr ſchwach, erinnerlich, als — „ — wären der Garten, der Pavillon und die Gewächshäuſe ſtrahlend erleuchtet geweſen und als hätte ich, wenn ich anders nicht geträumt, Muſik vernommen. Wie lange ich dort geſchlummert, weiß ich nicht, aber noch fühle ich den Kuß, durch den ich plötzlich erweckt wurde, und— o der wunderbaren Kraft des Menſchengeiſtes!— noch fühle ich auch, daß in jenem Kuſſe etwas unend⸗ lich Schmerzliches, etwas herzzerreißend Qualvolles lag. Ach, es war meine Mutter, die mich in dieſer Weiſe geküßt! Zwiſchen jenem Momente und dem, womit zwei Jahre ſpäter meine ſyſtematiſche Erziehung be⸗ gann, liegt für meine Erinnerung undurchdringliches Geheimniß, ſchwarze Nacht. Ich war und blieb von meinem ſiebenten bis zu Ende meines ſiebzehnten Jahres im väterlichen Hauſe, ſtets unter liebevoller, wenngleich ernſter Ueberwachung meines Vaters und ſeines Freundes Werner, den ich in meinem zwölften Jahre zum Erzieher erhielt. Wir beſuchten nur ſehr ſelten dieſe oder jene Stadt und immer nur auf wenige Tage; in die Reſidenz ſelbſt kam ich im Jahre zweimal, um, da ich Privatunterricht genoß, mich den Semeſtralprüfungen zu unterziehen. Noch nicht völlig ſiebzehn Jahre alt, ward ich für —————.——— — ——— 6 fähig erklärt, die akademiſchen Studien zu beginnen, und ich verließ das Vaterhaus. Am 19. April. Wir traten heute unſere Wanderung durch Paris an und begannen die Beſichtigung ſeiner Merkwürdig⸗ keiten mit dem Beſuche des Friedhofs Pore Lachaiſe. Herr Werner ſagte:„Es iſt gut, vor dem Eintritte in das großartige Leben, das ſich Ihnen hier im Herzen Frankreichs erſchließt, deſſen zu gedenken, was man Tod nennt und das ſich in vielleicht noch ergreifenderer Großartigkeit auf dieſem Acker Gottes vor Ihnen aus⸗ breitet.“ Der Treffliche ahnte nicht, wie ſehr, wenn auch in anderm Sinne, ich darin mit ihm ſympathiſirte, wie innig ich mich hinſehnte zu den Denkmalen irdiſcher Vergänglichkeit, obgleich er weiß, was mir geſtorben, welchen Werth ein Grabſtein meiner Heimat für mich hat und haben wird bis ans Ende meiner Tage. Wenn eine Nation die Benennung der großen ver⸗ dient, ſo iſt es die franzöſiſche. Ihr Syſtem der Cen⸗ traliſation mag ſeine Nachtheile haben, aber nur durch daſſelbe iſt ſie groß geworden; denn was iſt Größe, wenn nicht concentriſches Wirken aller Fähigkeiten? Ein einziger Tag Anſchauung dieſer Stadt muß den gebildeten und zugleich unparteiiſchen Forſcher über⸗ — 3— 3 ——— 1 zeugen, daß er ſich im Mittelpunkte von Thätigkeiten, Urſachen und Wirkungen, Beſtrebungen und Reſultaten befinde, die, verglichen mit jenen aller übrigen Nationen der Erde, groß genannt zu werden verdienen. Es werden die Franzoſen in ſo Manchem von den Deut⸗ ſchen und Engländern übertroffen, aber im Ganzen, in ihrem Geſammtwirken nach innen wie nach außen ſind ſie noch immer das erſte aller Völker. So ſehr ich indeß hiervon überzeugt, ſo unruhig bin ich, ſo ſeltſam aufgeregt fühle ich mich inmitten dieſes ruheloſen, un⸗ ermeßlichen Gewühls. Iſt die Neuheit, der gewaltige Contraſt gegen meine kleine, friedliche Univerſitätsſtadt der Grund dieſer an Bangigkeit grenzenden Unruhe, oder erfüllt meine Seele die Ahnung eines außerordent⸗ lichen Begebniſſes, das meiner hier wartet und vielleicht entſcheidend auf mein ganzes Daſein einwirken kann? Am 20. April. Ich ſoll mich der Gegenwart mit Beſonnenheit hin⸗ geben, mit ungetheilter Kraft des Denkens und Füh⸗ lens, um den Zweck meiner Sendung in die Welt— den Friedensſchluß zwiſchen einſt und jetzt in mir— zu erfüllen; ach, und immer lenkt ſich das Auge mei⸗ nes Geiſtes durch die unwiderſtehliche Gewalt des Her⸗ zens von den Erſcheinungen des Tages, ſelbſt von den großartigſten und reizendſten unwillkürlich ab und der —————.— 8 Vergangenheit zu; mir iſt, als blickte ich aus dem Fenſter eines ungeheuren Ballſaals, umgaukelt von Tauſenden bunter, in tollſter Carnevalslaune ſich durcheinander drängender Masken, auf einen kleinen⸗ vom Lichte des Vollmonds verklärten Friedhof hinab und als wäre die ganze Geſchichte der Menſchheit in dem kurzen Epitaph eines völlig unſcheinbaren Grab⸗ ſteins enthalten, das ich ſelbſt von hier aus— ſo ſcharf iſt das Auge unglücklicher Liebe— deutlich zu leſen vermag und das einfach lautet:„Kaum im höch⸗ ſten Flor, und verblüht.“ So auch lautet die kurzgefaßte Geſchichte der Na⸗ tionen. Aber Religion und Naturkunde lehren, daß die Seele auferſteht und daß jedes Grab eine Wiege iſt. Mitternacht naht, mein Führer iſt zur Ruhe, Paris entſchlummert allmälig, ich wache und bete. Ewiger, Allwiſſender! Der Glaube an Dich, dieſer milde und doch ſo ſtarke Genius der Menſchenſeele, hatte mich eines Tages verlaſſen, von mir geſcheucht durch die Raſerei der erſten flammenſprühenden Leiden⸗ ſchaft, die der Bruſt des achtzehnjährigen Jünglings enttobte, ähnlich dem Ausbruche eines neuen Vulkans, deſſen Lavaſtröme und Aſchenregen die ſchöne Stadt 8 meiner Ideale, der Hoffnung und des Vertrauens auf Menſchen tief begruben. Ich ſuchte, heimatlos gewor⸗ den, eine Zufluchtsſtätte im weiten Gebiete der Wiſſen⸗ ſchaft, aber ich fand ſie nicht, denn mich leitete der höhnende Dämon Zweifel, und ich gerieth, mich immer weiter verirrend, an den Abgrund des Gedankens an Selbſtvernichtung. Ich hielt an, ſtarrte in die ſchwarze weſenloſe Tiefe und fühlte mich angezogen; mir ſchwand das Selbſtbewußtſein und ich fiel. Aber im Fallen hatte mich eine ſtarke Hand erfaßt und vom Abgrunde mit gigantiſcher Kraft zurückgeriſſen. Als ich aus jener furchtbaren Betäubung völlig erwacht um mich blickte, ſah ich mich inmitten der Freundſchaft, des Vaterliebe und des zurückgekehrten Glaubens. All⸗ gütiger, ich danke Dir! Und es wird Deinem Auge, Allſehender, die ſtille Trauer meiner Seele, das weh⸗ müthige Gedenken jenes Grabes nicht als Undank er⸗ ſcheinen; ich aber werde ringen nach der Palme des Friedens, der ein Theil iſt Deiner Weſenheit, Unend⸗ licher! Am 21. April. Ich fühle mich heute kräftiger, freier, beſſer. Der Wellenſchlag des rieſigen Menſchenſtroms von Paris wirkt wohlthätig auf meine Nerven; meine Bruſt hebt ſich leichter und ich hatte bereits Augenblicke, in denen 4 —————— — 10 — es mich angehaucht wie der Odem neuen Lebens⸗ frühlings. Meinem edlen Führer entgingen dieſe ſchönen Augenblicke meiner Wiedergeburt nicht und er ſprach: „Paul, Sie können ein Mann werden im beſten Sinne des Worts. Zwanzig Jahre alt, haben Sie nicht nur die akademiſchen Studien, ſondern auch die Schule der Leiden durchgemacht. Noch ein zartes Kind, hatten Sie einen tödtlichen Schmerz zu über⸗ winden, und ein Jüngling von achtzehn Jahren, er⸗ fuhren Sie Verrath in Freundſchaft und Liebe. Ihr Jugendfreund, für den Sie Ihr Leben geopfert hätten, war der Verräther an Ihrer erſten Liebe. Aber darin lag der Fingerzeig der Vorſehung für Sie, für Ihre beſſere männliche Beſtimmung; denn indem jener Un⸗ würdige Sie verrieth, ſich in das Herz des von Ihnen idealiſirten und angebeteten Mädchens ſchlich, rettete er Sie zugleich vor Selbſtbeſchämung und erſparte Ihnen die Qual, jenes Weſen als Ihrer unwürdig zu erken⸗ nen. Er verführte die Unglückliche und ein Fieber raffte ſie hin. War es ein Zufall, der mich gerade bei jener Kataſtrophe an Ihre Seite gebracht? Es gibt in einer vernünftigen Weltordnung keinen Zufall, und wer wollte aus der Ordnung dieſer unſerer Welt eine höchſte Vernunft wegleugnen! Ich fand Sie, 11 nachdem Ihr gutgeführter Stahl jenes Leichtſinnigen glattes Geſicht für ſein ganzes Leben furchtbar gezeich⸗ net hatte, gegen Mitternacht einſam in Ihrer Stube am Schreibtiſche, Briefe an Ihren Vater und mich vor Ihnen und eine Piſtole zur Hand. Sie werden ein Mann werden.“ ——————— Zweites Kapitel. Ein Morgenbeſuch. Am Morgen des dritten Mai begab ſich Paul, Herrn Werner's Wunſch zufolge und nicht ganz ohne geheimen Antrieb, den er, frei von aller Neugierde, ſich ſelbſt nicht völlig zu deuten vermochte, in die Wohnung des Grafen Luigi*** nahe bei der großen Oper, alſo nur einige Hundert Schritte vom Hotel des Princes. Es mochte in der elften Stunde ſein, als er dieſes verließ, und er konnte in der Annahme, daß der Graf jenes mauvais sujet ſei, als welches ihn ſein Erzieher bezeichnet hatte, ziemlich ſicher ſein, denſelben zu Hauſe, wenn nicht gar noch im Bette zu finden, das ſelbſt von weit ſolidern Perſonen aus den höhern Kreiſen der Pariſer Welt nicht vor dieſer Stunde verlaſſen zu werden pflegt. 2 13 Das Haus war bald gefunden und gehörte zu den anſehnlichern Gebäuden dieſer Straße. Es hatte vier Stockwerke, Erdgeſchoß und Mezzanine mit eingerechnet, eine Breite von ſechs Fenſtern, von denen die der Bel⸗ etage durch ihre Höhe und gute Zeichnung imponirten, und eine Tiefe, die etwa das Doppelte der Vorderſeite betrug und, wie ſich Paul auf den erſten Blick durch das offen ſtehende Thor überzeugte, einen lichten und reinlichen Hof bildete, in welchem ſich mehrere Kutſcher und Stallknechte mit der Säuberung ſehr eleganter Wagen und geſchmackvoller Pferdegeſchirre beſchäftigten. Da auf der Karte des abenteuerlichen Herrn, dem Paul ſeinen Morgenbeſuch zugedacht, nur die Straße und Nummer des Hauſes, nicht aber das Stockwerk ſelbſt angegeben war, ſo ſah ſich dieſer genöthigt, des⸗ halb in der Loge des Portiers anzufragen. Er wurde nicht ohne Höflichkeit von ſeiten des ein⸗ köpfigen Cerberus, gleichwie nicht ohne Erſtaunen ſei⸗ nerſeits nach der Mezzanine gewieſen, und er ſtieg nach einer artigen leichten Kopfneigung die flachen Stufen der breiten Haupttreppe hinan. Drei niedrige und ſchmale Flügelthüren gingen auf deren erſten Abſatz heraus, aber Paul konnte nicht fehlen, denn an der bronzenen Roſette der mittlern, mit der ewigen Chiffre T. l. b. s. v. P.(Tournez le ————————.——. — —. 14 bouton, si vous plait), war die Karte des Grafen mit Stiftchen befeſtigt. Er drehte die metallene Roſenknospe, während einen Augenblick ein Lächeln ſeinen ſchönen Mund umſpielte, deſſen Humor offenbar dem Entreſol und der ſo naiv angebrachten Adreſſe eines Conte di Terra firma galt. Es dauerte eine gute Minute— eine Minute, die noch Tugend und Laſter, einen Engel vielleicht von einem Teufel trennte, die ein Zwiſchenreich von milder Vernunftherrſchaft und dem Despotismus der Leiden⸗ ſchaft, die das Haar ſein konnte, an dem ſich der Gute vom Böſen faſſen läßt— und die Thür that ſich auf; Paul konnte, was immer auch nach jenem flüchtigen Lächeln in ſeiner Seele vorgegangen ſein mochte, nicht mehr zurücktreten, er ſtand dem Groom des Grafen gegenüber. Das Perſönchen, welches wir mit dieſem faſhionablen Ausdruck bezeichnen— eine Bezeichnung, die jedenfalls hübſcher als das derbe deutſche Wort Reitknecht klingt und deren Unbeſtimmtheit ſchon deshalb beſſer auf derlei niedliche Individuen paßt, als dieſelben oft nur nebenher als Roſſebändiger, hauptſächlich aber als Chargés d'affaires in Angelegenheiten der Liebe und des Haſſes con Damen und Gläubigern) fungiren— dieſer Homunculus oder Menſch in Taſchenformat, der mit unſerm jungen Freunde beinahe in gleichem Alter, aber um zwei Köpfe kleiner, übrigens ebenmäßig ge⸗ baut, feſt, ſehnig und von kecker Haltung war, befand ſich in dieſem Augenblicke in Betreff deſſen, was ſo ziemlich überall, vorzugsweiſe jedoch in Deutſchland Leute macht, will ſagen, in Bezug auf ſeine Klei⸗ dung beinahe noch ganz im Stande der Unſchuld, da bei ihm an die ſeit Adam unleugbar vorgeſchrittene Cultur nichts erinnerte als ein ſogenanntes Reiſehemd von blaugeſtreiftem Perkal und ein bereits etwas ab⸗ genutztes Exemplar graulederner Unausſprechlichen, die der Ergänzung durch Gamaſchen noch entgegenſahen. Was ſeinen innern Menſchen anlangte, ſo mochte der Geiſt dieſes ſchwarzäugigen und ſchwarzhaarigen Grooms ſo eben erſt das Land der Träume verlaſſen haben, denn zugleich mit der Thür that ſich ſein Mund weit gähnend auf, während ſich ſeine Augen beinahe völlig wieder ſchloſſen. Deſſenungeachtet mußte ihm die hohe Geſtalt und das gentlemanmäßige Ausſehen des jungen Mannes vor der Thür bei dieſem letzten unfreiwilligen Acte der Schläfrigkeit aufgefallen ſein, denn ſchon in den näch⸗ ſten Sekunden hatte er ſeine Kiefern wie ein T aſchen⸗ meſſer zugeſchnappt, ſeine Augen wieder offen und fragte, ſich mit ſo viel Domeſtikenanſtand verneigend, — — als ſeiner Livrée anarchiſche Verfaſſung geſtattete: „Mein Herr, Sie wünſchen?“ „Zum Herrn Grafen Luigi***, entgegnete Paul, deſſen heutige, mehr freie und beinahe muntere Stim⸗ mung durch die Erſcheinung dieſes Männleins ſo gut unterſtützt wurde, daß er einige Mühe hatte, ein Lächeln zu überwinden. „Ah, zu meinem Gebieter wünſchen Sie, mein Herrs“ „Das heißt, falls er zu Hauſe iſt.“ „Ei freilich,; um dieſe Stunde iſt er immer zu Hauſe.“ „Und auch zu ſprechen?“ „Gewiß, ſobald er wach ſein wird.“ „Er ſchläft alſo noch?“ „Noch, mein Herr? Er ging erſt früh um ſieben zu Bette.“ „Dann will ich ein andermal kommen.“ „Nicht doch, mein Herr. Belieben Sie nur immer einzutreten.“ „Der Burſche hält mich inſtinktmäßig für reich be⸗ laden und will ſeinem Herrn die gute Priſe nicht ent⸗ wiſchen laſſen“, dachte ſich Paul, indem er an dem Groom vorüberſchritt und das Mittelgemach betrat. Es war dieſes das Eintritts⸗ und gelegentliche te: ul, m⸗ ut ln in zu 2 17 Speiſezimmmer; wir ſagen, das gelegentliche, da der liebenswürdige Bewohner dieſer zwiſchen dem Himmel der Beletage und der Erde der Portiersloge mit ihrem Anhange von Domeſtikenbehauſung ſchwebenden Ge⸗ mächer nicht Menage hielt und nur ſehr ſelten einige ihm wahlverwandte Weſen bei ſich zu einem Gabel⸗ frühſtücke oder auch zu einem vollſtändigen Mahle und derlei Gaſtereien durch die Küche und das Service, eines benachbarten Reſtaurant beſtens beſorgt ſah. Er bewohnte hier drei Gemächer, von denen jedes zwei Fenſter auf die Straße und, wie ſchon bemerkt, eine Flügelthür nach dem Treppenabſatz oder vielmehr nach dem Flur hatte, während ſie innen durch Glas⸗ thüren in Verbindung ſtanden. Nicht über acht Fuß hoch und zwölf Schritte im Gevierte, hatte dieſe Wohnung etwas Kazütenartiges an ſich, was indeß den Inhaber derſelben nicht abhielt, das Zimmer rechts vom Entrée einen Salon und das zur Linken ſeine Bibliothek nennen zu laſſen. Als ſich Paul in dem höchſt beſcheiden möblirten Speiſezimmer, worin, nebenbei bemerkt, der Groom zu ſchlafen pflegte, deſſen Bett, zur Stunde noch offen, in einem eichenen Schrank verwahrt werden konnte, mit dem Diener allein und wie fragend nach beiden mit Jean Charles, Realiſten und Idealiſten. IV. 2 ———————— .— — 18 Vorhängen verkleideten Glasthüren ſah, ſagte letzterer, ſich wiederholt verneigend: „Der Herr Graf befindet ſich hier links in der Bibliothek.“ „Ei, Sie ſagten mir ja, er ſchlafe noch?“ „Sehr wohl, mein Herr; er ſchläft in der Biblio⸗ thek.“ „Das iſt etwas Anderes.“ „Gefällt es, mir Ihre Karte zu geben und mittler⸗ weile hier rechts in den Salon zu treten?“ „Mit Vergnügen. Hier iſt ſie.“ Jacot— ſo hieß der Groom, wenn ihn einer der übrigen Diener im Hauſe anredete, während ihn der zartere Theil des Geſindes Monſieur Jacques und ſein Gebieter endlich James nannte— ſchielte blitzſchnell nach dem Namen des Beſuchs und eilte, erſichtlich ganz zufrieden mit demſelben, nach einer abermaligen Ver⸗ beugung, barfuß wie er war, in die Bibliothek, um ihn zu melden. Der Beſuch ſelbſt aber begab ſich kopfſchüttelnd und lächelnd über dieſe ſeltſame Junggeſellenwirthſchaft in den Salon. In jeder Wohnung der guten Pariſer, deren In⸗ haber ſich nur einigermaßen über das Niveau nicht nur der Bürgerlichkeit, ſondern der Akmuth erheben, —— * 19 findet ſich ein Salon oder vielmehr ein Gemach, das man mit dieſem klangvollen Ausdrucke bezeichnet; ja, um gleich dieſe Seltſamkeit, um nicht zu ſagen Un⸗ 5 geheuerlichkeit, in ihrer weiteſten Ausdehnung zu zeigen, muß bemerkt werden, daß ſelbſt die Griſette, die eine Manſarde von zwei Abtheilungen bewohnt, eine derſel⸗ ben ihren Salon nennt. Unſer Freund alſo betrat lächelnd den Salon, deſſen Decke er beinahe mit der Hand erreichen konnte, und ſtellte hier Betrachtungen an, wozu ihm bei dem Um⸗ ſtande, daß der Herr Graf erſt geweckt und wenigſtens in Pantoffel und Schlafrock fahren mußte, jedenfalls „ ein paar Minuten gegönnt waren. Der Spieler von Profeſſion verräth ſich gewöhnlich ſchon durch die Art ſich zu kleiden, ſich zu halten und auszudrücken; ſo wird auch ſeine Wohnung, wenn er unverehelicht iſt, faſt immer das Gepräge von Ver⸗ ſtörtheit und ſelbſt bei allem Luxus der Einrichtung von abſchreckender Liederlichkeit haben. Graf Luigi, hatte ſich Herr Werner nicht in ſeiner Perſon getäuſcht und war er wirklich der Spieler von weitem Gewiſſen, machte von dieſer Regel ſowohl in Bezug auf ſeinen äußern Menſchen als auch auf ſeine Wohnung eine Ausnahme; denn wie ſeine Toilette nichts Verſchrobenes, ſeine Haltung und Sprache nichts 2* 4 ————————— — 20 Lauerndes, Ausholendes, ſondern im Gegentheile etwas ganz Cavalières, Heiteres, männlich Freies an ſich hatte, ſo erſchien auch ſeine Wohnung durchaus nicht abſchreckend. Der Salon war einfach, aber mit Ge⸗ ſchmack möblirt, rein gehalten und von ganz behag⸗ lichem Ausſehen. Es blieb alſo nur noch der Umſtand des ſehr nach⸗ läſſigen Weſens von Monſieur Jacques und des Zu⸗ bettegehens um ſieben Uhr früh nebſt der Bibliothek, worin ſein Gebieter ſchlief. So weit war Paul in ſeinen Betrachtungen ge⸗ kommen, als ſich die ſonore Stimme des Grafen in einem muntern Ausrufe vom Mittelzimmer vernehmen ließ und dieſer unmittelbar darauf, mehr mit einem Sprunge als Schritte durch die offen gelaſſene Salon⸗ thür, in Schlafrock und Pantoffeln von orientaliſchem Stoff und Schnitt vor ihm ſtand. „Entzückt, Sie zu ſehen, mein lieber Baron!“ rief er im Tone der herzlichſten Aufrichtigkeit aus, indem er Paul's Rechte mit beiden Händen umfaßte und ihn neben ſich auf die von mehreren Tabourets umgebene Ottomane niederzog. „Ein wenig früh, Herr Graf, allein Ihr Diener wollte mich durchaus melden“, entgegnete Paul freund⸗ „ 5 J 21 „Und er hatte Recht. Wie ſchön das von Ihnen, mein Herr!“ „Ihren Schlaf unterbrochen zu haben?“ „O nein doch! Iſt meine Miene ſchläfrig?“ „In Wahrheit ganz und gar nicht.“ Dies verhielt ſich auch wirklich ſo, wie Paul nicht ohne Staunen und rückkehrende Zweifel an Werner's Behauptung wahrnahm, denn auf dem ſchönen Geſichte des Grafen war auch nicht die leiſeſte Spur von geiſti⸗ ger oder körperlicher Erſchöpfung zu ſehen und ſein „ Benehmen war ſo ungezwungen wie gewöhnlich. „Sie machen mir doch das Vergnügen, mit mir zu frühſtücken?“ „Entſchuldigen Sie, ich fahre ſchon um zwölf mit Herrn Werner nach St.⸗Cloud.“ „Dagegen läßt ſich nichts ſagen. Aber dieſen Abend—“ „Bin ich frei.“ „Und, wenn ich bitten darf?“ „Ganz zu Ihrer Verfügung, da ich ſelbſt noch zu ſehr Neuling in Paris bin.“ Paul hatte bei dieſer Zuſage den Grafen ſcharf ins Auge gefaßt, aber ebenſo wenig als vorher irgend eine Veränderung in ſeiner Miene zu entdecken ver⸗ mocht. ———————— 22 „Schön, ſchön! Wir werden uns nicht langweilen. Aber hören Sie, mein lieber Baron, Ihr Herr Worner — Warner— wie heißt er?“ „Werner.“ „Ihr Herr Werner iſt ein Mann comme il faut.“ „Nicht wahr? Ja, er läßt leben.“ „Und lebt wohl auch ſelbſt noch ein bischen, he?“ „Was wollen Sie! Er iſt in den beſten Jahren. Inzwiſchen wird ſich ſeine ganze Debauche an dieſem Abende, den er mir völlig frei gegeben, auf einige Partien Schach im Café de la Régence beſchränken; er will ſich mit dem Fürſten dieſes edlen Spiels ſelbſt meſſen.“ „Mit Labourdonnais? Er iſt alſo ſehr ſtark?“ „In Allem.“ „Ich werde morgen, etwa um dieſe Stunde, mir die Ehre geben, ihm meinen Beſuch abzuſtatten.“ Paul verneigte ſich ſchweigend. „Wie denken Sie, Herr Graf, daß wir unſern Abend hinbringen ſollen?“ fragte er nach kurzer Pauſe leichthin. „Sie bedürfen, lieber Baron“ lautete die ebenſo leicht hingeworfene Antwort,„nach Allem, was Sie mich bis jetzt von Ihrem Gemüthszuſtand erkennen oder eigentlich nur vermuthen ließen, einer mehr aufregen⸗ 23 —* den Unterhaltung, als Theater und Cafés zu gewähren vermögen.“ „Ich kann Ihnen nicht Unrecht geben, allein die Frage iſt, welcher andern?“ „O, Paris bietet hundertfache Gelegenheit, ſich köſt⸗ lich und dabei höchſt anſtändig zu vergnügen, natürlich angenommen, daß man—“ „Die Mittel dazu beſitzt?“ „Ja, obgleich ſolche nicht eben die glänzendſten zu ſein brauchen. Ich zum Beiſpiel habe nur über ganz mäßige zu verfügen und lebe ſehr angenehm. Freilich bin ich unumſchränkter Herr deſſen, was ich beſitze, während Sie noch—“ „Unter väterlicher Gewalt, meinen Sie?“ „Da Sie noch nicht großjährig—“ „Das verhält ſich, wie Sie ſagen, und doch erfreue ich mich hierin einer gewiſſen Unabhängigkeit. Mein Vater iſt reich und ſeine Liberalität bezüglich meiner, geſtützt auf Liebe und Vertrauen zu mir, kommt ſeinem Reichthume gleich; ich habe von ihm carte blanche.“ „Ah, ich gratulire! Wohlan denn, dieſen Abend überlaſſen Sie ſich meiner Führung?“ „Mit Vergnügen; doch nur unter zwei Bedingungen.“ „Und dieſe ſind?“ —————„ 3 2 ————————— — ——— 24 „Die erſte, daß ich die Koſten der heutigen Unter⸗ haltung für uns beide ganz allein trage.“ „Das geht nicht wohl an.“ „Dann trete ich zurück.“ „Nun, ſo ſei es; doch auf Revanche!“ „Das wird ſich finden.“ „Und die zweite Bedingung?“ „Daß Sie mir Ihr Ehrenwort darauf geben, bei Gelegenheit einer etwaigen Intrigue, kleinen Galanterie oder dergleichen meinen Namen zu verſchweigen, ihn überhaupt nur jenen Perſonen zu nennen, die ich Ihnen ſelbſt bezeichnen werde.“ „Mein Ehrenwort darauf, und zwar um ſo bereit⸗ williger, als ich das für mich ſelbſt immer ſo zu halten pflege. Welchen Namen wollen Sie dagegen annehmen?“ „Wallheim zum Beiſpiel.“ „Doch Baron von Wallheim?“ „Warum nicht?“ „Abgemacht! Wann und wo treffen wir uns dieſen Abend, wenn es beliebt?“ „Ich werde mich um die achte Stunde hier wieder einfinden, falls Ihnen das convenirt.“ „Vollkommen, denn es iſt in dieſem Hauſe, wo wir unſern erſten Abend in der liebenswürdigſten Geſell⸗ ſchaft von der Welt zubringen werden.“ 25 „Sieh da, in dieſem Hauſe!“ „In der Beletage, die eine der reizendſten und geiſt⸗ vollſten Damen von Paris bewohnt und deren Salon zu den geſuchteſten gehört.“ „Von ſeiten?“ „Solcher, die Geſchmack für Muſik, Geſang und heitere Converſation beſitzen.“ „Die Verhältniſſe dieſer Dame ſind Ihnen natür⸗ lich bekannt, Herr Graf?“ „Nicht ſo ganz; aber was ich davon weiß, ſollen auch Sie wiſſen, mein lieber Herr Baron von Wall⸗ heim.“ „Ich bewundere Ihr Namengedächtniß.“ „Sie ſind ſehr gütig!“ „Alſo die reizende und geiſtvolle Frau vom Hauſe—“ „Iſt etwa ſechsunddreißig Jahre alt, aber von voll⸗ endeter Schönheit und der Haltung einer Fürſtin.“ „Ohne jedoch Fürſtin, Marguiſe oder Vicomteſſe zu ſein?“ „Sie iſt von edler Familie und Wittwe eines bel⸗ giſchen Grafen, deſſen Namen ſie jedoch aus mir noch unbekannten Gründen nicht führt, obwohl ihr derſelbe ein bedeutendes Vermögen hinterlaſſen zu haben ſcheint.“ „Und wie nennt ſie ſich?“ „Ganz einfach Madame dArville. Schon über ein — 3 ——————— 26 Jahr in Paris, gilt ſie noch immer für eine der in⸗ tereſſanteſten Erſcheinungen in den Salons der volée financière, welche ſie— und das iſt ihr Geheimniß— jenen der haute volée vorzieht.“ „Hat ſie Kinder?“ „Nein, aber ſie ſpricht bisweilen und nie ohne tiefes Gefühl von ihrem Sohne, den ſie ſehr früh durch den Tod verloren.“ „Bei ihr alſo führen Sie mich heute ein?“ „Ja, denn es trifft ſich eben, daß ſie heute Geſell⸗ ſchaft empfängt.“ „Gut, ich werde um acht hier ſein.“ Damit erhob ſich Paul und verließ die Wohnung des Grafen, der ihn unter den lebhafteſten Betheuerun⸗ gen ſeiner Ergebenheit bis an die Treppe begleitete. Drittes Kapitel. Eine Spielgeſchichte. Eine Stunde ſpäter rollte der Fiaker, der unſere deutſchen Freunde nach St.⸗Cloud bringen ſollte, mit ihnen durch das Boulogner Wäldchen dahin. „Sie ſehen“, ſagte Herr Werner, nachdem ihm Paul über ſeinen Beſuch bei dem Grafen getreulich Bericht erſtattet,„daß ich mich im Charakter dieſes Herrn nicht getäuſcht; nun, ebenſo wenig irrte ich in ſeiner Perſon, denn mein Gedächtniß iſt gut, wie gering dieſer Aben⸗ teurer auch davon denken mag.“ „Sie nehmen alſo an, daß er Sie wiedererkannt hat?“ „Ja, und daß er nun, irregeleitet durch Ihr Ent⸗ gegenkommen, überzeugt ſein muß, ſeinerſeits nicht erkannt worden zu ſein. Es liegen allerdings fünf Jahre zwi⸗ — ——— ſchen meinem erſten und dieſem Zuſammentreffen mit ihm; aber noch einmal, mein Gedächtniß, beſonders für Phyſiognomien, iſt ſo ſtark als das Naturell dieſes Menſchen, deſſen Schönheit und Kraft trotz aller Auf⸗ regungen und Ausſchweifungen durchaus nicht gelitten haben.“ „Sie verſprachen, mir von jener erſten Begegnung zu erzählen.“ „Und ich komme meinem Verſprechen nach. Hören Sie! Es war im Spätſommer 1834, als mich, wie Sie ſich erinnern, eine Erbſchaftsangelegenheit nach Straßburg rief. Ihr Vater gab mir Urlaub auf einige Wochen. Innerhalb vierzehn Tagen hatte ich mein Geſchäft beendigt und die Rückreiſe angetreten. Ich beſuchte Baden⸗Baden, den reizendſten und zugleich ge⸗ fährlichſten Kurort Deutſchlands. Ich hatte ſo viel von dem natürlichen und künſtlichen Zauber dieſes Bade⸗ orts geleſen und gehört, daß ich mich nicht enthalten konnte, ihn auf einige Tage zu beſuchen und mich da⸗ ſelbſt, während ich, ganz unzugänglich für das Spiel, nichts als ein wenig Zeit verlor, an Welt⸗ und Menſchen⸗ kenntniß zu bereichern. Ich fand die Schilderungen ſowohl der Naturreize als auch des Lebens von Baden⸗ Baden nicht nur nicht übertrieben, ſondern ſogar noch hinter der Wirklichkeit zurückbleibend. Die Umgebung 29 der Stadt iſt wahrhaft maleriſch und die Saiſon ver⸗ einigt in ihr den höchſten Lurus, wie man ſolchen nur in London, Paris oder Wien anzuſtaunen Gelegenheit hat. Der Andrang zu den grünen Tiſchen der Con⸗ verſationsſäle war außerordentlich; im Trente et Qua- rante und ſelbſt an der Roulette wurden ungeheure Summen verloren. Ich betrachtete mir dies Alles zwei Tage hindurch ſehr aufmerkſam, wie auch Sie es ge⸗ legentlich ſehen ſollen, dieſes alle Fähigkeiten der Seele in Gährung bringende, ganz unbeſchreibliche Getreibe, dieſe Leidenſchaften und— o mein Paul!— dieſe entſetzliche Abſpannung und Verzweiflung. Doch zur Sache. Es war in der Mitternachtsſtunde des zweiten Tages, als ich den Kurſaal tief aufſeufzend verließ, um mich von allen den fürchterlichen Eindrücken, von dem Ueberreize dieſes aufs äußerſte raffinirten, nicht mehr Leben zu nennenden Seins am Buſen der göttlichen Natur zu erholen, und ich ſchritt die herrlichen Anlagen im Rücken des Converſationshauſes hinan, von deren Höhepunkten aus man eine köſtliche Rundſicht genießt. Der Vollmond ſchwebte im Zenith des wolkenloſen Himmels, kein Lüftchen regte ſich, es war eine Nacht zu entzückenden Träumereien oder zu den erhabenſten Betrachtungen. Ich hatte, meinen Gedanken hingegeben, das Plateau erreicht, ohne einem Menſchen begegnet 4 —— — — 30 zu ſein, als ich, um eine Baumgruppe biegend, mich plötzlich zur Seite eines jungen, anſtändig gekleideten Mannes ſah, der auf einer Birkenbank mehr lag als ſaß und vor ſein von mir abgewandtes, der Stadt zugekehrtes Geſicht beide Hände krampfhaft gepreßt hielt. Ich ſtutzte und blieb unwillkürlich ſtehen.“ „Wahrſcheinlich ein Opfer des Spiels!“ unterbrach Paul den Erzählenden. Dieſer nickte bejahend und fuhr fort:„Das war auch mein erſter Gedanke, und ich hatte mich nicht getäuſcht. Einige Sekunden lang hatte ich ſo als unfrei⸗ williger Zeuge des vielleicht ſchon der Verzweiflung nahen Seelenſchmerzes dieſes Unbekannten wie gebannt ganz regungslos dageſtanden, als er die Hände ſinken und mit einer halben Wendung mich ein Antlitz ſehen ließ, deſſen Ausdruck mich noch jetzt, nach fünf Jahren, mit Entſetzen erfüllt. Sein Hut lag neben ihm auf der Bank, und ſein volles, glänzend ſchwarzes Haar fiel verworren über die hohe, vom Mondlichte beinahe mit Tageshelle übergoſſene Stirn. Ihre Muskeln waren furchtbar zuſammengezogen, ebenſo die dunklen Brauen; ſein zum ſtrahlenden Himmel aufgeſchlagener Blick hatte nichts Menſchliches an ſich, es war der eines aus der Höhe göttlichen Bewußtſeins in den Abgrund der Ver⸗ zweiflung geſtürzten Engels, der eine Frage der wilde⸗ ſten Raſerei in die auf ewig verlorene Heimat zurück emporſchleudert, als grauenerregendes Wetterleuchten im Gegenſatze zu dem flammenden Blitze, der ihn nieder⸗ geſchmettert. Und er war, wie ich ſpäter ſah, ſo ſchön, dieſer junge Mann! „Schreckliches Verhängniß!“ ſtammelte er halblaut franzöſiſch vor ſich hin, während ſein zum Himmel ge⸗ richteter Blick ſich plötzlich ſenkte und in die Erde bohrte, wobei ſeine Bruſt wogte und ſeine Hände ſich convulſiviſch ballten.„In einer einzigen Stunde ein ganzes Daſein vernichtet, die Freude, die Hoffnung, die Ehre deiner Aeltern, dein bis jetzt ſo rein erhaltener Name mit Schmach bedeckt! Und du zögerſt, du fragſt Dich noch, du fragſt dich noch, was beginnen? Beginnen! Hier kann nur von enden die Rede ſein. Denn woher, mein Gott, ſollte mir noch Hülfe kommen?“ „Von ihm, den Sie ſo eben angerufen.“ Mit dieſen Worten trat ich vor den Ungluͤcklichen, der, wie von einer Kugel ins Herz getroffen, mit einem halberſtickten Schrei aufſprang und im ſelben Momente zuſammen⸗ brach.“ „Der Arme!“ ſeufzte Paul und fügte dann mit einem ſchönen Blicke auf ſeinen edlen Erzieher hinzu: „Sie wurden, ich fühle es, zum Mittler zwiſchen 4 2 —————————— 32 Verzweiflung und Vorſehung an dem Beklagens⸗ werthen.“ „Ich war die Hand, die ihn vom Abgrunde zurück⸗ riß“ entgegnete Herr Werner;„gerettet hat ihn Ihr Vater.“ „O mein guter, herrlicher Vater!“ „Ja, lieber Paul, er iſt Ihrer Verehrung würdig. Nun aber vernehmen Sie den fernern Verlauf dieſes meines Abenteuers in Baden⸗Baden. Worte des Gefühls, der Erfahrung, der Religion waren es, womit ich den Unglücklichen aufrichtete und dahin brachte, ſich mir ganz anzuvertrauen. Dieſer junge Mann, nach deſſen Namen mich mein wackerer Paul nicht fragen wird, war der Sohn bürgerlicher und wenig bemittelter Leute aus Rouen, die höchſte Freude ihres einfachen Lebens, die Hoffnung ihres Alters, die Stütze ſeiner noch un⸗ verſorgten Geſchwiſter. Bernard— ſo mag er für dieſe meine Mittheilung heißen— hatte, Dank den ihm von ſeinem Vater gebrachten Opfern, eine verhält⸗ nißmäßig ſehr gute Erziehung genoſſen und, kaum acht⸗ zehn Jahre alt, das Glück, durch Vermittelung eines einflußreichen und menſchenfreundlichen Mannes ſeiner Vaterſtadt in ein bedeutendes Fabrikgeſchäft von Lyon aufgenommen zu werden, wo er ſogleich für ſeine Dienſt⸗ leiſtungen— er wurde zur Correſpondenz verwendet— 33 Gehalt bezog, der ſich von Jahr zu Jahr ſteigerte und ihm es möchlich machte, ſeiner Familie den Tribut der Dankbarkeit abzutragen. So lebte Bernard fünf Jahre glücklich, geachtet und geliebt, heitern Blicks in die Zukunft ſchauend. Da ward ſein Wirkungskreis erweitert; ſein Chef ließ ihn im Intereſſe des Geſchäfts reiſen. Auch in dieſer Stellung zeigte er ſich ein Jahr hindurch brav und gewandt und gewann wie an Auszeichnung, ſo auch an Einkommen. In ſeiner Eigenſchaft als Reiſender kam er im Sommer 1834 nach Nancy und Straßburg. Er hatte ſeine Geſchäfte in dieſen beiden Städten bald aufs ſchnellſte und günſtigſte geordnet und dabei eine Summe von zehntauſend Francs in Baarem für ſein Haus ein⸗ kaſſirt. Da trat ihm der Verſucher entgegen; er wollte, er mußte nur einmal, nur ein einziges Mal ſich dem Zauber des großen Spiels hingeben, und das reiz⸗ volle Baden⸗Baden war ſo nahe! Auch hatte er über tauſend Franes ihm eigen gehöriges Geld bei ſich, und wenn er auch die Hälfte davon verlor, ſo war er ja bis⸗ her ſo ökonomiſch für ſich ſelbſt geweſen und dadurch ge⸗ wiß berechtigt, ſich einmal, nur einmal dieſen hohen Genuß zu verſchaffen, ja nur einmal, ſelbſt wenn ihm die Göttin des Glücks, wie bis zur Stunde, freundlich lächeln ſollte.“ „Das iſt“ bemerkte Paul,„die Sophiſtik Jean Charles, Realiſten und Idealiſten. IV. ——— ———— 34 der Leidenſchaft; der von ihr Verblendete hielt für Glück, was nur ein Ergebniß ſeines redlichen Strebens und ausdauernden Fleißes war.“ „Sie betrachten dies vom rechten Standpunkte“, ſagte Herr Werner und erzählte weiter: „Bernard war in Baden⸗Baden einen Tag vor mir angekommen und hatte ſich gleich den erſten Abend an der Roulette verſucht. Er gewann etwa hundert Francs. Am folgenden Morgen wollte er abreiſen;„aber“, ſagte er ſich erwachend,„habe ich denn auch das große Spiel geſehen? Alles ſpielte klein. Ich muß das PTrente et Quarante wenigſtens als Zuſchauer kennen lernen.“ Mittags ſchon ſah er zu, ruhig noch, aber gegen Abend ſaß er an jenem Tiſche von der gleißneriſchen Farbe der Hoffnung und ſpielte großes Spiel; ſein erſter Satz war ſein ganzer Gewinn vom vorigen Abende. Das Blatt gewann. Seine Phantaſie erglühte; vor ſeinem entflammten Auge ſchwebte nicht mehr das Grün der Hoffnung, ſondern blitzte die goldene Gewißheit. Als er gegen Mitternacht den Salon verließ, war er im Beſitze von fünftauſend Francs Gewinn. Und jene Nacht, ſagte er mir, war die erſte ſchlafloſe ſeines ganzen Lebens. Hielt ihn nicht ſein guter Engel wach, ehe er ihn auf lange, vielleicht auf immer verlaſſen ſollte? Der Tag brach an und Bernhard erhob ſich 35 unerquickt, unruhig, verſtört. So eilte er ins Freie. Er ſuchte ſich ſelbſt, doch er fand ſich nicht; die Natur ſogar hatte ſich für ihn verändert; ein zwei⸗ ter Midas, ſah er Alles um ſich her in Gold ver⸗ wandelt, die Luft, das Waſſer, Laub, Blumen und Gräſer waren golden. Nach ein paar Stunden halb wahnſinnigen Umherirrens durch Berge und Thäler fand er ſich, ohne zu wiſſen wie, vor dem Kurſaale. Die Zunge klebte ihm am Gaumen; er ließ ſich Wein geben und ſtürzte, er, der ſonſt ſo nüchterne, beſonnene junge Mann, einige Gläſer in nur allzu raſcher Folge hinab; eine Viertelſtunde, und die Flaſche war leer, wie ſein Kopf voll von glühenden Wünſchen, von hochfliegenden Gedanken. Da war es, wo ihm der Verſucher zum zweiten Mal nahte, und diesmal nicht als eine unkörperliche Macht, ſondern in der Perſon eines ſchönen Cavaliers voll jugendlicher Heiterkeit, der ſich höflich grüßend an ſein Tiſchchen ſetzte. Ein Ge⸗ ſpräch entſpann ſich; man nahm ein Gabelfrühſtück und trank Champagner. Der Fremde gab ſich für einen ſicilianiſchen Nobile und Seekapitän aus, der einen halb⸗ jährigen Urlaub zu gänzlicher Wiederherſtellung ſeiner Geſundheit erhalten. Er beſprach Bernard's ſchönes, ruhiges Spiel, das er tags vorher bewundert, und lud am Ende den bereits wenn nicht Trunkenen, ſo 3* ———————— — doch ſchon furchtbar Aufgeregten ein, mit ihm noch in derſelben Stunde einen geheim gehaltenen Club zu beſuchen, worin er, ohne ſelbſt zu ſpielen, Gelegenheit finden ſollte, wahrhaft großes Spiel zu ſehen, ein Spiel, gegen welches das im Kurſaale nur eine Klein⸗ krämerei zu nennen wäre.“ „Schändlich! Und der Franzoſe folgte ihm, dem Nichtswürdigen, der ſeine Unzurechnungsfähigkeit be⸗ nutzte, um ihn plündern zu laſſen?“ „Er folgte ihm, und dieſer nichtswürdige Kuppler der Verzweiflung war— „Doch nicht unſer Graf Luigi?“ „Derſelbe.“ „Sie haben ihn geſehen, geſprochen?“ „Ja, am Morgen nach jener ſchönen Mondnacht, in der ich Bernard vor Selbſtvernichtung bewahrt. In jenem Elub hatte der Betäubte nach anfänglich gün⸗ ſtigen Zügen innerhalb weniger Stunden nicht nur ſein Eigenthum und ſeinen Gewinn im Geſammtbetrage von ſechstauſend Franes, ſondern auch— und dies trieb ihn zur Verzweiflung— die ganze ihm anvertraute Geſchäftsſumme von zehntauſend Franes dazu verloren.“ „Entſetzlich! Aber was thaten Sie?“ „Ich? Nun, ich nahm den Unglücklichen in jener Nacht mit mir auf mein Zimmer. Wir ſchliefen nicht, 31 wir ſprachen, und als wir am Morgen das Haus ver⸗ ließen, war ich überzeugt, denſelben für immer von dieſer Leidenſchaft befreit, ſeine Seele wieder zu Gott erhoben und ihn der Geſellſchaft als ein fortan nütz⸗ liches Mitglied zurückgegeben zu haben. Es bewährte ſich auch, wie ich ſogleich hinzuſetzen kann; Bernard blieb ſeinem mir gegebenen Ehrenworte treu; Niemand von den Seinigen erfuhr etwas, er brachte ſeinem Chef die zehntauſend Francs und, was noch mehr, hat inner⸗ halb dieſer fünf Jahre Ihrem Vater heimgezahlt.“ „Alſo mein Vater war es—“ „Der ihm, auf einen einzigen Brief von mir, die ſeine Ehre rettende Summe ohne Zinſen und auf un⸗ beſtimmte Zeit lieh.“ „Und Sie ſprachen den Spieler?“ „An jenem Morgen, noch in ſeinem Bette, Bernard mir zur Seite. Die wenigen Worte, die ich zu dem Elenden, der ſich voll Beſtürzung halb aufrichtete, ſprach, waren folgende: „Dieſer junge Mann fiel geſtern in Ihre Hände, Sie ſchleppten ihn trunken in Ihre Spielhöhle und er verließ dieſe in Verzweiflung. Wenn Sie, mein Herr, und die Hauptinſaſſen Ihres ſogenannten Clubs morgen um dieſe Stunde noch in Baden⸗Baden anzutreffen ſein ſollten, ſo würde ich es der Behörde anheimſtellen, ————————— — ——— 38 gründlich zu beweiſen, daß dieſer junge Mann nicht durch Kunſt, ſondern durch den Zufall ausgeplündert worden.“ Auf dieſe Worte ſtammelte der Spieler, kreideweiß und am ganzen Leib erbebend, etwas Unverſtändliches, und wir entfernten uns, ohne ihn auch nur eines Blicks noch zu würdigen. Am folgenden Tage hatte er mit ſeinen Helfershelfern den Kurort verlaſſen. Sechs Tage ſpäter, in welcher Zwiſchenzeit ich meinen Schützling näher kennen und hochſchätzen lernte, kam Ihres Vaters Antwort auf meinen Brief mit einem Wechſel im Betrage von zehntauſend Francs und einer Banknote von fünfhundert Gulden, beſtimmt zu Bernard's Rückreiſe und Entſchädigung für ſeinen eigenen Verluſt. Ich begleitete ihn bis Straßburg, wo er, aufgelöſt in Thränen des Dankes und religiöſer Freude, von mir Abſchied nahm und von wo aus auch ich in Ihre Arme zurückeilte.“ Viertes Kapitel. Zwiſchenact. Der Tag entſchwand unſern Freunden ſchnell in geiſt⸗ und liebevollem Austauſche von Ideen und Ge⸗ fühlen, wiſſenſchaftlichen und gemüthlichen Erörterungen über Natur und Kunſt, Zeit⸗ und Weltgeſchichte, wozu ihnen ihr Verweilen in dem ebenſo ſchön gelegenen wie intereſſanten St.⸗Cloud, ihre Streifereien durch den Park und die bewaldeten Anhöhen, der Beſuch des Schloſſes wie endlich die Beſichtigung der großartigen Fabrik im nahen Sovres reichliche Gelegenheit boten. Sie trafen von dieſem reizenden Ausfluge gegen ſieben Uhr wieder in Paris ein, wo ſich Herr Werner am Hauptportale des Palais royal von Paul mit den Worten verabſchiedete: „Hier gegenüber iſt das Café de la Régence, wo .——,——————————— 40 ich einige Stunden zuznbringen gedenke, um dann un⸗ mittelbar in unſer Hotel zurückzukehren. Sie ſind hin⸗ reichend mit Geld verſehen; dieſer Abend wird für Sie kein verlorener ſein, und ich bin ſelbſt, wie ich geſtehen muß, ſehr geſpannt, das Ergebniß zu erfahren.“ „Was mich betrifft“, entgegnete Paul,„ſo hat zwar Ihre Erzählung von dem Vorfalle in Baden meine Seele mit Abſcheu gegen den Abenteurer, der mich er⸗ wartet, und mit einer gewiſſen Unruhe erfüllt, die ich mir nicht ganz erklären kann; andererſeits jedoch ergeht es mir wie Ihnen ſelbſt, ich ſehe dem Reſultate dieſes Abends mit Spannung entgegen.“ Sie trennten ſich herzlich, wie immer, und Paul begab ſich durch die ſehr gefüllten Arkaden des Palais royal nach dem Café de la Rotonde, wo er, ſeine Cigarre zu einer Taſſe Thee ſchmauchend und mehrere Journale durchſehend, noch eine halbe Stunde zu⸗ brachte. Er ſaß mit dem Geſichte gegen den Gartenplatz, deſſen Alleen von Promenirenden wimmelten. Als er, anfangs zerſtreut, allmälig mit ſchärferem Auge über das Blatt in ſeiner Hand hinweg in das bunte Getreibe vor ſich blickte, machte er eine Be⸗ merkung, deren Seltſamkeit die Pariſer ſelbſt ganz unberührt zu laſſen ſchien, für ihn jedoch, den Frem⸗ den, den ruhigen Deutſchen, eine Art Entdeckung war. Er ſah nämlich, wie eine nicht unbeträchtliche An⸗ zahl von meiſt jungen Männern in Blouſen und Kap⸗ pen, deren Ausſehen und Haltung theils etwas Wildes, theils auch etwas edel Freies an ſich hatte, an einer kleinen Boutique Exemplare von Zeitungen kauften und ſich, alsbald in deren Inhalt gierigen oder finſtern Blicks ſich vertiefend, damit an beleuchtete Pfeiler und Bäume lehnten. „Offenbar“— dies ſagte ſich Paul ſogleich—„ſind das Leute, welche ihre Armuth verhindert, die Zeitun⸗ gen im Café oder Gaſthauſe zu leſen.“ Hier aber ſtockte ſchon ſeine Betrachtung; denn war dieſe Annahme ihrer Dürftigkeit richtig— und ihre Erſcheinung ließ ihn nicht daran zweifeln— ſo fand er andererſeits den Umſtand unerklärlich, wie derartig Nothleidende ihre paar Sous, die vielleicht ihre letzten, wenigſtens für dieſen Abend waren, mit dem Ankaufe einer Zeitung verſchwenden konnten. Er hatte keine Ahnung von dem, was die Zeitun⸗ gen für dieſe Unglücklichen waren. Aber ein Herr, der neben ihm ſaß und dem er dieſe ſeine Bemerkung mitzutheilen ſich nicht enthalten konnte, gab ihm Aufſchluß darüber, indem er, im be⸗ — 42 haglichen Schlürfen ſeiner Chokolade eine Weile ein⸗ haltend, ganz ruhigen Tons ſagte: „Die Zeitung iſt für dieſe kleinen Unbekannten in Blouſe und Schirmkappe das Größte, was ſie beſitzen; ſie iſt für ſie die Hoffnung.“ „Die Hoffnung! Sie haben Recht, mein Herr“, ſprach Paul nicht ohne Verlegenheit, denn er ſchämte ſich, nicht von ſelbſt auf dieſen Gedanken gekommen zu ſein;„die Armen hoffen, daß ihnen dieſe oder jene Zeitung die Kunde irgend einer großartigen Maßregel zur Verbeſſerung ihrer Exiſtenz bringen werde.“ „Nein, das hoffen dieſe Leute nicht“, lautete die Gegenbemerkung des ſeltſam lächelnden Herrn. „Nicht? Was aber ſonſt?“ „Sie hoffen das Gegentheil.“ „Vergrößerung der allgemeinen Noth?“ „Sie ſagen es.“ „Die Hoffnung dieſer Menſchen iſt alſo—“ „Eine Emeute.“ „Aber das iſt ja ſchrecklich!“ „Und wahr zugleich.“ Paul verſtummte, grüßte den lakoniſchen Herrn höflich und verließ das Café und das Palais royal. Mit dem Glockenſchlage acht ſtand er vor dem Hauſe von Madame d'Arville und hielt einen Augenblick an. Es überkam ihn, als er zur hell erleuchteten Bel⸗ etage emporblickte, durch deren reich drapirte Vorhänge von lichter Seide er die Schattengebilde einiger Per⸗ ſonen in unbeſtimmten Contouren ſah und von wo aus Klänge eines mit großer Fertigkeit geſpielten Klaviers an ſein Ohr ſchlugen, plötzlich jenes an Bangigkeit grenzende Gefühl, das die Seele des Men⸗ ſchen zu beherrſchen pflegt, wenn er vor etwas Neuem, ganz Unbekanntem ſteht. Und dieſes Gefühl war nicht der einzige Vorgang in ſeinem Innern; es verdüſterte dieſes eine ſchwere, wenngleich ganz ſtoff⸗ und haltloſe Ahnung. Aus dieſer kurzen Selbſtverlorenheit riß ihn plötz⸗ lich die Stimme des Grafen— ſie durchdrang ihn wie ein Dolchſtoß— der an das eine offene Fenſter ſeiner Mezzanine geſprungen kam und ihn mit lautem Zurufe begrüßte. Da war weiter nichts zu thun, als in dieſes trotz ſeiner Offenheit und glänzenden Beleuchtung von außen und innen geheimnißvolle Haus einzutreten. Als er den Fuß über die Schwelle geſetzt und aus tiefſter Bruſt Athem geholt, war er ganz wieder er ſelbſt oder vielmehr derjenige junge Mann, der ſich be⸗ wußt war, der Löſung eines Problems entgegenzugehen, wozu er vor allem der Selbſtbeherrſchung bedurfte. — ——— „Treten Sie ein, mein theurer Baron Wallheim, wir haben noch einige Minuten vor uns. Ich bin entzückt, Sie zu begrüßen!“ Mit dieſen ſehr ſchnell geſprochenen Worten empfing der Conte di Terra firma Luigi***, wie wir den muth⸗ maßlichen Abenteurer noch immer nennen müſſen, ſeinen Beſuch an der Thür mit der Bronzeroſette, die der Groom in vollſtändigem Reitcoſtüm offen hielt. Paul, ſeiner ſelbſt nun ſchon Herr, ſchritt mit dem Grafen nach ſtummem, aber nicht unfreundlichem Gegen⸗ gruß an James leicht vorüber und, einem Fingerzeige ſeines Begleiters folgend, aus dem Mittelgemache, ſtatt in den Salon, durch die offen ſtehende Glasthür zur Linken in die mäßig erleuchtete Bibliothek. Bibliothek? Das Zimmer hätte ebenſo paſſend Schlafgemach oder Waffenkammer heißen können, denn ſchmückten auch die eine Wand etwa dreißig hübſche Bände auf einer mit ſeidenen Schnüren über einer Chaiſe longue befeſtigten Etagère, ſo füllten die an⸗ ſtoßenden zwei Schränke aus, deren einer das Bett, der andere Wäſche und Kleider in ſich ſchloß, während die Pfeilerwände der Fenſterſeite mit Degen und Piſto⸗ len, Rappieren, Fechthandſchuhen und Viſiren behangen waren. „Nur einen Augenblick, lieber Baron.“ „Mit Vergnügen.“ Sie ließen ſich auf das Ruhebette nieder. „Sie betrachteten ſich die Beletage—“ „Und fand ſie erleuchtet.“ „Die Geſellſchaft— ich habe Madame d'Arville darüber nach Ihrer Entfernung geſprochen— wird reizend ſein und dennoch Ihre mir auferlegte erſte Be⸗ dingung ganz überflüſſig machen.“ „Wie das?“ „Weil nicht ein Sou zu bezahlen ſein wird.“ „Nun, Herr Graf, ſo gilt jene Bedingung für un⸗ ſere erſte dieſem Abende gelegentlich nachfolgende De⸗ bauche. Und worin wird unſere heutige Unterhaltung beſtehen?“ „Ich glaubte es Ihnen ſchon geſagt zu haben: in Muſik, Geſang, Geplauder, einem nicht zu verachtenden Büffet—“ „Und in— ja, ja, ich erinnere mich, in einem Spielchen.“ „Das heißt, Baron, in einem erlaubten.“ „Natürlich. Aber noch eins! Weiß die Herrin des Hauſes, daß ich mir die Ehre geben werde—“ „Will ſagen, daß ein junger, liebenswürdiger deut⸗ ſcher Cavalier Namens Baron von Wallheim die Ge⸗ ſellſchaft durch ſeine Anweſenheit beehren und bezau⸗ bern wird.“ 46 „Ich habe Ihr Wort darauf, daß Sie meinen wahren Namen verſchweigen.“ „Mein Wort als das eines Cavaliers.“ „Es genügte mir hierin ſchon das einfache eines Mannes.“ „Ich verſtehe; und Sie haben Recht: man hält ſich in ſolchen Dingen an den Mann als Mann.“ „Sie ſchließen vortrefflich. Wäre es Ihnen nun gefällig?“ „Zu Ihren Dienſten! Kommen Sie, Herr Baron!“ „Von Wallheim.“ „Immer von Wallheim.“ Beide erhoben ſich gleichzeitig und verließen die Mezzanine, um ſich nach der Beletage zu begeben. ———— — —— Fünftes Kapitel. Im Salon von Madame d'Arville. Der Salon von Madame d'Arville verdiente dieſe Bezeichnung in jedem Betrachte. Er bildete ein regel⸗ mäßiges Parallelogramm in einer Ausdehnung von drei Fenſtern, welcher die Höhe vollkommen entſprach, und ſtand mit den übrigen Gemächern durch zwei Flügel⸗ thüren in Verbindung, die, einander gegenüber in den Seitenwänden angebracht, einerſeits in das Vorzimmer, andererſeits in einen kleinen, für Geſellſchaften in engerem Kreiſe beſtimmten Salon und aus dieſem end⸗ lich zum Boudoir der Herrin führten, an welches das Kabinet ihrer Kammerfrau mit einem Entrée nach der Hoftreppe ſtieß. Die Ausſtattung des Hauptſalons zeugte von Luxus und Geſchmack. Vier hohe, in den Ecken ſtehende Candelaber von vergoldeter Bronze, jeder zu ſechs Ker⸗ 48 zen, verbreiteten in Verbindung mit dem Lichte der an den koſtbaren Trumeaux der zwei Fenſterpfeiler ange⸗ brachten vier Girandolen Tageshelle. Zwei Porzellan⸗ vaſen von Sovres, gefüllt mit herrlichen Blumen, ſchmückten die Conſolen aus carrariſchem Marmor. Die Hauptwand gegenüber bedeckten mehrere ſymmetriſch geordnete größere und kleinere Gemälde von Künſtlern der neueſten Zeit in trefflich gearbeiteten Rahmen, deren Goldglanz ſich von der tief himmelblauen, mit ſilber⸗ nen Sternen beſäeten Tapete prachtvoll abhob, nebſt einem über ſechs Fuß breiten und halb ſo hohen Quer⸗ ſpiegel, unter welchem ſich der Divan, einen Halbkreis bildend, bis in die Mitte des Salons mit ſeinen üppig geſchwellten Kiſſen ausdehnte, indem er zur Linken ein freiſtehendes koſtbares Piano und zur Rechten einen großen runden Tiſch von bewundernswerther Holzmo⸗ ſaik berührte, auf welchem mehrere Albums und illuſtrirte Werke von jüngſter Ausgabe lagen. Was dem Ganzen endlich ein ebenſo reiches wie geſchmack⸗ volles und behagliches Ausſehen verlieh, war der das Parquet völlig bedeckende Gobelin, deſſen Blumen, von unübertrefflicher Zeichnung und Farbenpracht Iw Wirk⸗ lichkeit zu blühen und zu duften ſchienen. In dem freien Raume zwiſchen der Fenſterfronte und dem Divan ergingen ſich zwei Herren Arm in 49 Arm. Sie hatten bei aller Eleganz und Wohlanſtän⸗ digkeit ihrer Kleidung und Haltung jenes gewiſſe Etwas an ſich, das nur dem Spieler von Profeſſion eigen iſt, vor allem den plötzlichen Blick und die Feſtigkeit der Züge, die natürliche Folge ſteter Selbſtbeherrſchung und Benutzung des Moments. Es waren Männer in den Vierzigen, beide Pariſer, die am Tage an der Börſe und in der Nacht auf die Börſe ſpeculirten. Außer ihnen befanden ſich im Salon noch vier jün⸗ gere Herren von vierundzwanzig bis etwa ſechsund⸗ dreißig Jahren, deren Phyſiognomien zwar durchaus hübſch und ohne das verdächtige Gepräge der Spieler waren, dagegen aber Frivolität ausdrückten, ganz im Einklange mit ihrer Haltung und Sprechweiſe, welche ſie als aimables roués charakteriſirten. Sie ſaßen oder lagen vielmehr halb auf und in den orientaliſchen Kiſſen des Divans bei drei Damen, mit denen ſie ein ſehr lebhaftes und äußerſt heiteres, von glänzenden Blicken und munterem Lachen beglei⸗ tetes Geſpräch unterhielten, ohne auf die vierte Dame Rückſicht zu nehmen, welche dicht neben dieſer Gruppe am Klaviere ſaß und ſich mit Virtuoſität in einer Im⸗ proviſation über Motive aus der damals eben durch die Cantatrice Damoreau⸗Einti ſo beliebten Oper„Der ſchwarze Domino“ vernehmen ließ. Jean Charles, Realiſten und Idealiſten. IV. 4 Dieſe vier Damen, von denen die am Piano die anmuthigſte und jüngſte war— ſie mochte ihr acht⸗ zehntes Jahr zurückgelegt haben— während die übri⸗ gen in dem Alter von fünfundzwanzig bis neunund⸗ zwanzig Jahren ſtanden, gehörten jener nur in Paris zu findenden und in deutſche Begriffe kaum zu über⸗ tragenden Klaſſe des zarten Geſchlechts an, welche mit der Geſellſchaft zwar noch nicht völlig gebrochen, doch aber bereits einen Standpunkt eingenommen hat, wo ſich die gewohnten und ſchon zu Grundſätzen geworde⸗ nen Ideen von Frauenwürde beinahe wie Vorurtheile ausnehmen und das Relief des äußern Anſtandes als genügender Erſatz für die reine Charakterzeichnunz echter Weiblichkeit gilt. Was dieſen vier Damen an Schönheit fehlte, hatten Natur und Kunſt ſo günſtig und glücklich durch An⸗ muth und Toilette erſetzt, daß man in der That bei ihnen über den Mangel an klaſſiſchen Zügen und For⸗ men hinwegſehen konnte; ſie waren ſämmtlich geborene Pariſerinnen, hatten Paris nie länger als auf ein paar Monate verlaſſen und demnach nichts von jenem reizenden Etwas verloren, das die Frauen dieſer Haupt⸗ ſtadt des guten Tons von allen ihren Schweſtern auf dem weiten Erdenrunde auf ſo unübertreffliche, um nicht zu ſagen unnachahmliche Weiſe unterſcheidet. —— — 55 ſ 51 Dieſes nur den Franzöſinnen oder vielmehr nur den Pariſerinnen eigene gewiſſe Etwas iſt ebenſo un⸗ beſchreiblich als— in ſeiner Totalwirkung— unnach⸗ ahmlich. Sie haben ſich im Ganzen weder der reinen, rührenden oder entzückenden und impoſanten Schönheit der deutſchen, engliſchen oder italieniſchen und griechi⸗ ſchen Frauen zu erfreuen, noch ſind ſie von jener ſitt⸗ lichen Grazie belebt, die das irdiſch Schöne, beſonders im germaniſchen Stamme, als ideal erſcheinen läßt; aber es iſt dafür ein Element in ihrem Weſen— und dieſes findet ſich mit nur ſeltener Ausnahme nicht blos in der höhern Geſellſchaft, ſondern ſelbſt in den unter⸗ ſten Klaſſen von Paris— ein Element, ſagen wir, das ſich nirgends ſonſt vorfindet oder, wenn ſchon, ge⸗ wiß nicht ſo anziehend, begütigend, ausgleichend wirkt, das jedoch höchſt ſchwierig näher zu bezeichnen oder gar zu benennen iſt. Liegt daſſelbe in ihrem Geiſte, in der Plötzlichkeit, Gewandtheit und Elaſticität ihres Denkens, Thuns und Laſſens? Beruht es auf der Sicherheit ihres Taktes? Iſt es ihr Geſchmack, die tadelloſe, urſprüngliche, niemals kokett erſcheinende Ein⸗ fachheit und Gefälligkeit ihrer Toilette? Oder wäre es endlich nur eine Wirkung des Genius ihrer ſo har⸗ moniſchen und in ihrem Munde ſo melodiöſen, charakter⸗ vollen und doch geſchmeidigen Sprache? Wir wiſſen 4* ——————— — ———— es nicht, ſind aber geneigt anzunehmen, daß ſich für das zu Beſtimmende jenes unbekannten Etwas vielleicht das Produkt aus allen ſo eben genannten Factoren als Gleichung ergeben dürfte. Wie dem nun ſein möge, Paul iſt bereits mit dem Grafen eingetreten und ein Gegenſtand der allgemeinen Aufmerkſamkeit, ſo wenig beläſtigend ſich dieſe auch kund gibt. Man begrüßte ſich mit anmuthiger Leichtigkeit, aber ſchweigend; eine Vorſtellung findet nicht ſtatt, zudem läge dieſe auch der Herrin des Hauſes ob, welche noch fehlt. „Ach, Fräulein Deniſe, wo iſt Madame d'Arville, unſere liebenswürdige Wirthin?“ Mit dieſer ſehr lebhaft ausgeſprochenen Frage wen⸗ dete ſich Paul's Führer an die junge Dame am Flü⸗ gel, die im Augenblicke ihres Eintritts zu ſpielen auf⸗ gehört und ſich ruhig erhoben hatte. „Madame wird ſogleich erſcheinen“, entgegnete ſie mit einer ſanften Stimme, deren Weichheit mit dem milden Ausdrucke ihrer Geſichtszüge und den graziöſen Umriſſen ihrer feinen Geſtalt im Einklange ſtand. Dabei traf ihr Blick, der, obgleich aus großen brau⸗ nen, geſättigten Augen, nicht nur nicht das Unbefan⸗ gene, Sichere und Herausfordernde der drei andern er m h e, U⸗ n⸗ 53 Damen, ſondern vielmehr etwas jungfräulich Schüch⸗ ternes und zugleich Träumeriſches an ſich hatte, mit dem Blicke Paul's zuſammen, der mit dem unverkenn⸗ baren Ausdruck von Ueberraſchung dieſe holde, anmuth⸗ umfloſſene Erſcheinung betrachtete. Das Zuſammen⸗ treffen war die Sache einer Sekunde, dann verſchleierte ſich Deniſens Blick, indem ſich die weiche ſchwarze Seide ihrer langen, ſanft aufgebogenen Wimpern leiſe darüber ſenkte und ein flüchtiges Roth in ihre gewöhnlich blaſ⸗ ſen Wangen trat, während Paul mit einem unwillkür⸗ lichen halberſtickten Seufzer, der die Frage zu enthalten ſchien, wie ein ſolches Weſen in ſolcher Atmoſphäre zu athmen vermöge, ſein Auge von ihr ab und der Geſell⸗ ſchaft zuwendete, in deren Unterhaltung er ſich durch die den Pariſern eigene außerordentliche Leichtigkeit, ein Geſpräch zu eröffnen und fortzuſetzen, ſchon nach wenigen Minnten auf eine Art verflochten ſah, als be⸗ fände er ſich in einem Kreiſe von vieljährigen Bekann⸗ ten, um nicht zu ſagen Freunden. Der ſcharfſinnige junge Mann mußte ſich geſtehen, wie verführeriſch, ja wie unwiderſtehlich eine ſolche Ge⸗ ſellſchaft, deren Schlimmes, moraliſch Häßliches und Verderbliches in ſo gefälliger, Phantaſie und Geiſt auf⸗ regender Form und ſo reizender Umhüllung erſcheint, für einen ganz argloſen Jüngling und ſelbſt auch für 54 einen Mann ſein müſſe, deſſen Erfahrungen nicht Schwere genug haben, um die Schale voll ſolcher Sinnlichkeit em⸗ porſchnellen zu machen; und doch hatte er dieſe Damen nur erſt ſprechen, noch nicht eigentlich vertraut plaudern, noch nicht ſingen hören, o! und noch nicht tanzen ſehen; auch war er zur Zeit nur Blicken voll artiger Aufmerk⸗ ſamkeit begegnet, ohne von jenen berührt worden zu ſein die wie ein Abgrund locken, anziehen, verſchlingen. Das Geſpräch, wobei Fräulein Deniſe ſich ganz lei⸗ dend verhielt, wurde plötzlich durch einen freudigen Aus⸗ ruf des Grafen Luigi unterbrochen, welcher den Eintritt der Herrin vom Hauſe kund gab. Es war in der That Madame d'Arville, welche plötz⸗ lich an der geräuſchlos geöffneten Thür gegenüber dem Haupteingange ſtand und einen flüchtigen Blick auf die innerhalb des Divans gruppirte Geſellſchaft warf. Paul, der mit dem Rücken gegen dieſe Thür ſaß, erhob ſich gleich allen Uebrigen, aber mit einer weit raſchern Wendung als dieſelben, für welche Raſchheit der Umſtand, daß er zum erſten Mal im Hauſe dieſer Dame und ihr noch nicht vorgeſtellt war, als Erklä⸗ rung dienen konnte, die indeſſen ihren eigentlichen Crund in dem ihm ſelbſt räthſelhaften brennenden Ver⸗ langen hatte, eine Frau näher kennen zu lernen, deren Vergangenheit, falls er durch des Grafen Mittheilun⸗ 55 gen nicht myſtificirt worden, von Geheimniß umhüllt und deren Gegenwart einer Lebensweiſe hingegeben war, die ihm ſelbſt an einem Manne als heillos und faſt unbegreiflich erſchien. Paul alſo hatte ſich raſch, beinahe ungeſtüm er⸗ hoben und ſich vor einer hohen Frauengeſtalt verneigt, ohne die Züge derſelben, ſo ſeltſam bewegt und ver⸗ legen fühlte er ſich, bei ſeiner unwillkürlich ehrerbietigen Verbeugung noch ins Auge gefaßt zu haben. Indem er aber jetzt, da ihn der Graf mit lauter Stimme als Baron von Wallheim aus Deutſchland vorſtellte, ſein ſchönes Haupt empor und den ſchüchternen, beinahe ängſtlichen Blick nach dem Antlitze von Madame d'Arville richtete, ward ſeine Ueberraſchung zur Beſtürzung und er hatte Mühe, ſich aufrecht zu erhalten, während ſie ſelbſt, als ſich ihre Blicke kreuzten, ſichtlich erbebte und erbleichte. Die Geſellſchaft war wie elektriſirt; man ſtarrte ſich wechſelſeitig fragend an. Es währte dies nur ein paar Sekunden, und ſchon hatten ſämmtliche Zeugen dieſes auffallenden Begeb⸗ niſſes ſich daſſelbe erklärt; der Anblick des deutſchen Barons, ſagten ſie ſich, hat in Madame dArville, deren phantaſtiſche Geiſtesrichtung und Gemüthsreizbarkeit ihnen kein Geheimniß war, eine Jugenderinnezung voll Romantik wachgerufen und dadurch ihre Nerven erſchüttert; die Bewegtheit des jungen Mannes dagegen leiteten ſie ganz einfach von der Schönheit und impo⸗ ſanten Haltung ihrer Wirthin ab, deren Reize, trotz ihrer ſechsunddreißig Jahre, auf alle Männer und be⸗ ſonders auf jüngere, welche ſie zum erſten Mal ſahen, eine faſt magiſch zu nennende Wirkung hervorbrachten. Wir werden bald erfahren, ob dieſe Weltkinder richtig geſchloſſen oder nicht. Wahr iſt, daß man Madame d'Arville eine vollen⸗ dete Schönheit hätte nennen müſſen, wären ihre edlen Züge nicht unter der Herrſchaft des Geiſtes der Ruhe beraubt worden; tadellos dagegen erſchienen die For⸗ men ihrer junoniſchen Geſtalt, die Reinheit und Friſche ihres Teints, die zarte, weiche Gliederung ihrer Hände, prachtvoll das reiche Haar von glänzendem Kaſtanien⸗ braun, entzückend endlich wie der reine Frühſommer⸗ himmel das tiefe Blau ihrer großen mandelförmig ge⸗ ſchnittenen Augen in dem ihnen eigenen und vorherr⸗ ſchenden Ausdruck träumeriſchen Nachſinnens. Ebenſo wahr auch iſt, daß Paul noch nie eine ſchönere Frau geſehen hatte und augenblicklich von Bewunderung durchdrungen war; dieſem Staunen aber folgte im Nu ein Gefühl, das wir mit dem Worte Beſtürzung bezeichneten und zwar in Ermangelung eines den Zuſtand ſeiner Seele genauer beſtimmenden. 57 Denn was ging in dieſer vor? War es nur jener Schmerz, welcher den Edlen beim Anblicke der dem Böſen verfallenen Schönheit erfaßt? War es Schreck, Entſetzen, ſich in der Hölle zur Seite eines geſtürzten Engels zu wiſſen? Oder hatte auch ſie in ſeinem Geiſte, in ſeinem Herzen eine ihn mächtig ergreifende Erinnerung heraufbeſchworen? Nichts von dem Allem. Es war wie ein Blitz aus wolkenloſem Aether, was mit ihrem Blicke ſeine Bruſt durchzuckte, wie ein Mo⸗ ment des beginnenden oder plötzlich endenden Wahn⸗ ſinns; er fühlte ſich hingeriſſen und es war ihm, als geböte ihm der unwiderſtehliche Wille eines mächtigen Magnetiſeurs, zu den Füßen dieſer Frau auf ſeine Kniee hinzuſinken. Dieſer ganze ſeltſame Vorgang hatte, wie bemerkt, innerhalb einiger Sekunden ſtattgehabt; im nächſten Augenblicke war die Ordnung— wenn nicht die in⸗ nere, ſo doch die äußere— wiederhergeſtellt und ſelbſt in den noch eben ſo verſtörten Zügen von Madame d'Arville und Paul wenig mehr von der ungeheuren Aufregung, die über ſie hingeſtürmt, zu erblicken. Denn was immer auch die Seele dieſer Frau und dieſes jungen Mannes erſchüttert haben mochte, ſo war ſie doch als Weltdame und er durch ſein hohes Selbſt⸗ 58 bewußtſein ſtark genug, um ſich mit Aufwand aller Geiſteskraft ſo ſchnell zu ſammeln, als es die Umſtände erheiſchten, das heißt, als es die Anweſenheit von Menſchen, die das Leben von nichts weniger als poeti ſcher Seite aufzufaſſen gewohnt waren, nothwendig machte. Madame d'Arville ließ ſich zur Seite ihrer Geſell— ſchafterin— und dies war ſeit einem Jahre Fräulein Deniſe— Paul gegenüber auf dem Divan nieder und ſprach, nachdem ſie mit anmuthiger Handbewegung ihn wie die Uebrigen zum Sitzen eingeladen hatte, mit wohlklingender, wenngleich etwas zitternder Stimme, während ſie ihren Blick wie in Zerſtreuung über Per⸗ ſonen und Gegenſtände gleiten ließ: „Ihr Anblick, mein Herr Baron von Wallheim, überraſchte mich, denn Sie gleichen auffallend einem Jugendfreunde von mir, den ich durch— durch den Tod verlor und deſſen Verluſt ich noch immer tief be⸗ trauere.“ Paul hatte ſie zwar noch nicht aus den Augen ge⸗ laſſen, ja er betrachtete ſie mit einer geiſtigen Anſtren⸗ gung, die Niemand außer ihr ſelbſt entging; dennoch war er bereits wieder gefaßt. „Madame d'Arville“, entgegnete er milden Tons, indem er ſich leiſe verneigte,„ich weiß nicht, ob ich — 59 mich darüber freuen oder beklagen ſoll, dieſe Erinne⸗ rung ſo lebhaft hervorgerufen zu haben; gewiß aber iſt, daß ich mich in Ihrer Nähe ſo glücklich fühle, als hätten wir ſchon Jahre im ſeligen Austauſche ſchöner Gedanken und Empfindungen verlebt.“ Bei dieſen ſeinen Worten kreuzten ſich die Blicke der Damen und Herren, Madame dArville und Deniſe ausgenommen, welche beide zerſtreut vor ſich hinſahen; einige Köpfe näherten ſich einander und ein beifälliges Gemurmel wurde vernehmbar, durch welches ſich die indiscrete Stimme des Grafen Luigi deutlich zu machen beſtrebte, indem er ausrief: „Fürwahr, ein geborener Pariſer könnte ſich nicht artiger ausdrücken!“ Da traf den Vorlauten der zurückkehrende Blick der Hausfrau mit ſolcher Strenge, daß er ſich auf die Lippe biß und das Auge ſenkte; ſie aber ſagte, zu Paul ſich wendend: „Mein Herr, was uns beiden heute begegnet, ge⸗ hört in das Gebiet jener räthſelhaften Erſcheinungen, welche ſich weder wegleugnen noch erklären laſſen, die, obgleich Thatſachen, doch der Wirklichkeit des Alltags⸗ lebens gegenüber ſich wie Fata Morgana ausnehmen, wie Strahlenbrechungen, Luftſpiegelungen aus dem un⸗ körperlichen Lande der Phantaſie herein in dieſes unſer nur allzu materielles Daſein.“ 60 Indem ſie alſo ſprach, hatte Madame d'Arville, wie um ſich daran zu erkräftigen, Deniſens Hand ergriffen und feſt in die ihrige geſchloſſen. Dieſes holde Mädchen hatte ſie ſogleich verſtanden. Halb ihr, halb Paul zugewendet, nahm es das Wort und ſagte: „Geht es uns nicht auch ebenſo mit Büchern? Wie ſo mancher Idee und Perſönlichkeit begegnen wir nicht oft in Werken geiſtvoller Autoren, die wir als uns gehörig und als uns verwandt reclamiren möchten! Wir finden Menſchen geſchildert, mit denen wir ſchon ein ganzes Leben gelebt zu haben glauben.“ „Es iſt das eine Art Magnetismus“ unterbrach die Sprecherin einer der Herren. „Ja“, ergänzte dieſen eine Dame,„und zwar die einzige Art von Magnetismus, deren Möglichkeit mir annehmbar ſcheint.“ „Eine Annahme“ ſagte Paul, der nachgerade ſich zu fragen begann, ob er denn wirklich in einem Spiel⸗ hauſe ſich befinde,„welche zugleich ein Beweis für die Thatſächlichkeit des Magnetismus im ausgedehnteſten Sinne des Wortes ſein dürfte.“ „Wie das, mein Herr?“ „Wie? Sobald Sie die Wirkung von Verwandt⸗ ſchaft nur irgendwie zugeben, ſo müſſen Sie dieſelbe in 61 ihrer Allgemeinheit anerkennen; die Wirkungen aber werden gewiß ebenſo unbegrenzte ſein, als die Urſachen unberechenbar ſind, welche ſie bedingen.“ Das Geſpräch ſprang bald von dieſem ſubtilen Gegenſtande ab und verallgemeinte ſich, ohne daß jedoch Deniſe, Paul und Madame dArville mehr als mit flüchtigen Bemerkungen daran Theil nahmen. Letztere erhob ſich nach etwa einer halben Stunde Anweſenheit im Salon. Graf Luigi, durch einen blitzſchnellen Blick von ihr aufgefordert, hatte ſich gleichfalls erhoben. Sie ſchritten in dem freien Raume längs der Fen⸗ ſter, während die Andern auf ihren Sitzen blieben, an⸗ ſcheinend nachläſſig auf und nieder. Das von beiden ebenſo raſch als leiſe geführte Geſpräch aber war fol⸗ gendes: „Sie ſagten mir dieſen Mittag, daß Sie dieſen Abend einen jungen deutſchen Baron Namens Wallheim in meinem Hauſe einführen würden.“ „Und es iſt geſchehen, Frau Gräfin.“ „Madame d'Avville, wenn es beliebt. Es iſt alſo ein Baron Wallheim?“ „Gewiß iſt er das; ein reicher deutſcher Baron, ein höchſt beachtenswerther Erbe.“ „Der jedoch nicht in meinem Hauſe ſpielen wird.“ 62 „Nicht? Und wozu habe ich ihn eingeführt?“ „Um ein Geſpräch über Magnetismus zu ver⸗ anlaſſen.“ „Sie ſcherzen.“ „Nicht im mindeſten; es iſt mir im Gegentheil ſehr ernſt zu Muthe, ſo ernſt, daß überhaupt gar nicht mehr bei mir geſpielt werden dürfte.“ „Was ſagen Sie?“ „Die Wahrheit. Sie lieben die Wahrheit nicht ſehr?“ „Dieſe wenigſtens nicht ſonderlich.“ „Aber die Wahrheit im Ganzen?“ „Halte ich für ein ſehr feines Gift, das man der leidenden Menſchheit nicht in allopathiſchen Doſen, ſon⸗ dern nur in homöopathiſchen Decilliontheilchen beibrin⸗ gen darf.“ „Nun denn, ſo vernehmen Sie, daß ich durch den von Ihnen eingeführten jungen Mann bezüglich meiner krankhaften Inclination zum Spiele homöopathiſch be⸗ handelt und gleichzeitig davon auf magnetiſchem Wege geheilt worden bin.“ „Sie ſprechen in Räthſeln.“ „Die ſich in kurzem löſen werden.“ „Wir ſpielen alſo heute nicht?“ „Wir ſpielen niemals wieder.“ „Aber Ihr Salon!“ „Menſchen zerſtören, was Menſchen ſchaffen. Wir ſprechen noch hierüber. Ich fühle meine Migräne im Anzuge. Sagen Sie dies gefälligſt der Geſellſchaft, ſobald ich mich zurückgezogen haben werde. Schicken Sie dann Fräulein Deniſe zu mir. Somit für heute guten Abend.“ Madame d'Arville hatte ſich ſchon ein paar Schritte von dem verblüfften Italiener entfernt, als ſie raſch wieder zu ihm trat. „Apropos“ ſagte ſie ganz leicht hingeworfen, wobei ſie den Verlegenen jedoch aufs ſchärfſte fixirte,„wo wohnt Baron Wallheim?“ Wie aller Beſinnung und Selbſtſtändigkeit durch die Worte und den brennenden Blick dieſer Frau be⸗ raubt, antwortete er ganz mechaniſch:„Im Hotel des Princes.“ Sie nickte ihm leicht zu und ſchritt langſam durch den Salon zu der Thür hinaus, welche zu ihren Ge⸗ mächern führte. Wenige Augenblicke ſpäter hatte ſich auch Deniſe entfernt und wußte die Geſellſchaft, daß die Frau vom Hauſe von Migräne befallen worden. Es war dies eine Art Parole für den Abend, die nicht mißverſtanden werden konnte und von den In⸗ 64 tereſſenten auch ganz gut begriffen wurde, denn ſie brachen alsbald auf. „Wir ſehen Sie doch morgen um die beſtimmte Stunde bei uns?“ fragte Paul den Grafen, der, noch immer wie traumbefangen, an der Thür ſeiner Mezza⸗ nine ſich ſehr einſilbig von ihm verabſchiedete. Eine ſtumme Verbeugung war die Antwort. Sechstes Kapitel. Das entſchleierte Bild der Wahrheit. Es war nahe an zehn Uhr, als Paul in ſein Zimmer trat. Er hatte die halbe Stunde Zwiſchenzeit damit zu⸗ gebracht, daß er einige der minder belebten Straßen und Gaſſen durchſchritt und über das ſonderbare Er⸗ lebniß dieſes Abends nachſann. Immer die Geſtalten und Züge von Madame d'Arville und Deniſe vor Augen, die beide einen gleich mächtigen, wenn auch an ſich ganz verſchiedenen Ein⸗ druck in ſeiner Phantaſie wie in ſeinem Gemüthe her⸗ vorgebracht und, wie er ſich ſchon jetzt geſtehen mußte, wohl auf lange, wenn nicht für immer zurückgelaſſen hatten, ſuchte er dieſe außerordentliche Wirkung auf ihre Urſache zurückzuführen oder doch, falls ihm dies Jean Charles, Realiſten und Idealiſten. IV. 5 4 ——————————— 66 nicht gelingen ſollte, auf dem Wege der Analogie irgend einen Halt zu finden, an dem ſich ſeine regen Gedanken und Empfindungen ſammeln und zu einer Schluß⸗ folgerung kommen könnten. Aber wie ſehr ſich ſein Geiſt und ſeine Einbildungs⸗ kraft auch abmühten, es gelang ihm weder das Eine noch das Andere; nur fühlte er ſich von Sehnſucht durchdrungen, einer Sehnſucht jedoch, die nicht frei von Bangigkeit, von ſchmerzlicher Unruhe war. In dieſer Stimmung betrat er ſein Zimmer. Herr Werner war ſchon ſeit einer Stunde zu Hauſe, und Paul fand ihn am Tiſche ſitzend und ſehr ernſten Ausdrucks in einem Briefe leſend. Er gewahrte den Eintretenden nicht ſogleich, und als er bei Paul's mehr geſeufztem als geſprochenem „Guten Abend!“ vom Briefe aufblickte und ſeinen Lieb⸗ ling geſenkten Hauptes und mit gefurchter Stirn lang⸗ ſam auf ſich zuſchreiten ſah, überkam den ſonſt ſo ruhigen, feſten Mann plötzlich Angſt mit dem Gedanken, daß demſelben in des verruchten Italieners Geſellſchaft, in die er ihn leider ſelbſt geſchickt, ein Unglück oder doch etwas ſehr Widerwärtiges zugeſtoßen ſei. Der Brief entſank ſeiner Hand und er ſprang auf. „Mein Gott, Paul, was iſt Ihnen begegnet?“ rief er mit bebender Stimme, indem er ihn anſtarrte. 67 Paul hatte Hut und Handſchuhe abgelegt und trat zu ſeinem väterlichen Freunde. Sein Haupt erhob, ſeine Stirn glättete ſich, aber er lächelte wehmüthig, als er ihn umarmte, ſanft zu ſich auf das Sopha niederzog und dabei antwortete: „Mir iſt durchaus nichts Unangenehmes begegnet, wiewohl etwas höchſt Seltſames, Räthſelhaftes.“ „Das Sie mir mittheilen dürfen?“ „Gewiß.“ „Aber Ihre ungewöhnliche Erregtheit—“ „Iſt nur die Folge angeſtrengten und vergeblichen Nachdenkens und Nachempfindens.“ „So früh aus einer Spielgeſellſchaft! Sie waren doch dort?“ „Und es wurde geſpielt?“ „Man ſpielte nicht; es ward nur geſprochen und ich verließ ſchon nach etwa einer Stunde mit der ganzen Geſellſchaft den Salon von Madame d'Arville, die Migrüne bekam oder vorſchützte, um ſich zurück⸗ zuziehen; danach erging ich mich allein in den Straßen, und nun—“ „Sind Sie, Dank der Vorſehung, unverſehrt in meiner Nähe, wenngleich nicht unbefangen. Und welches Zuſammentreffen von Umſtänden! Ich fand einen Brief 5* —— —— — 68 Ihres Vaters an mich mit einem Beiſchluſſe an Sie vor, den unſer Diener dieſen Mittag von der Poſt ab⸗ geholt, und dieſer Brief—“ „O geben, geben Sie!“ „Sein Brief an mich ertheilt mir die Vollmacht, Sie nunmehr einzuweihen in das ernſte Geheimniß Ihres Hauſes.“ „Endlich, endlich! O was werde ich hören müſſen!“ „Eine furchtbare Geſchichte, lieber Paul, deren In⸗ halt Sie mit noch nie erlebtem Schmerz erfüllen und zugleich die Verehrung für Ihren Vater noch erhöhen wird. Hier iſt der Beiſchluß; leſen Sie.“ Paul ergriff mit zitternder Hand das ihm gereichte Blatt und verſchlang glühenden Blicks deſſen Inhalt, der nur aus folgenden wenigen Worten beſtand: „Mein theurer Sohn, mein heißgeliebtes, einziges Kind, alleinige Freude und Hoffnung meiner Gegen⸗ wart und Zukunft, wie Du der einzige irdiſche Troſt während meiner leidenreichen Vergangenheit warſt; mein guter, gemüth⸗ und geiſtvoller Paul, jetzt, indem Du, raſch zum Mann heranreifend, auf Jahre hin die Heimat im Rücken und die weite Welt vor Dir haſt will ich Deinem nur allzu gläubigen, allzu liebevollen Herzen durch alle die Täuſchungen hin, die ſeiner harren, einen Talisman mitgeben. Vernimm unſern Freund — — 69 Werner. Werde und bleibe Mann im edelſten Sinne des Wortes und trage als ſolcher mit mir an der Laſt der Erinnerung. Es ſegnet Dich Dein Vater.“ „O mein Vater!“ ſtammelte Paul, bis ins Mark erſchüttert, indem er das Blatt mit beiden Händen an ſeine bebenden Lippen preßte und ein paar große Thränen über ſeine Wangen rollten,„Du, der beſte der Menſchen, unglücklich!“ „Nicht mehr“, ſprach Werner mit Hoheit;„er iſt nicht mehr unglücklich; der Edle hat den Frieden ſeiner Seele wiedererlangt, und nur Seelenruhe iſt Glück.“ „Aber er war unglücklich, er, mein Vater!“ „Er war es.“ „O ſprechen Sie, ſagen Sie mir Alles, Alles!“ „Sie ſollen auch Alles vernehmen, nur nicht in dieſer Aufregung, nur nicht jetzt.“ „Ich beſchwöre Sie!“ „Noch heute?“ „Sogleich.“ „Und mein Paul hat mir noch nicht ſein Erlebniß von heute Abend mitgetheilt, was doch vielleicht mit wenigen Worten geſchehen kann.“ „Ja ſo, mein Erlebniß von heute Abend!“ „Sie ſinken in Ihre Träumerei zurück.“ „Ich ſuche eben nach entſprechenden Worten.“ 70 „Beginnen Sie ganz einfach damit, wie Sie mich am Palais royal verließen.“ „Wohlan denn, es ſei; hören Sie.“ Und Paul begann nach kurzer Pauſe und theilte Herrn Werner Alles mit, was wir im vorigen Ab⸗ ſchnitte ſo getreu als möglich darzuſtellen verſucht haben. Letzterer ſtutzte bei des Jünglings warmer Schil⸗ derung von Deniſens holdſeligem Weſen, erſchrak und erbleichte aber bei der darauf folgenden von Madame dArvilles Erſcheinung und der Wirkung, die ihr gegen⸗ ſeitiger Anblick auf beide geäußert, derart, daß Paul ſeine Erzählung mit dem Ausrufe unterbrach: „Himmel, was iſt Ihnen? Sie werden leichenblaß!“ Dieſer Aufſchrei gab dem beſtürzten Manne noch im ſelben Momente ſeine ganze Beſonnenheit und mit dieſer— ſo gewaltig herrſchte der Geiſt in ihm— ſogar die Ruhe des Körpers und ſein gewöhnliches Ausſehen zurück. „Nichts von Bedeutung“ ſagte er, indem er ſich mit der Hand über die Stirn fuhr und Paul mit wieder ganz ſicherem Blicke anſah,„nichts, das beunruhigend werden dürfte; es war die Nachwirkung vom Briefe Ihres Vaters und zunächſt meiner Theilnahme für Sie. Es iſt vorüber; ich bitte, fahren Sie fort, vollenden Sie.“ „Mir bleibt nur wenig noch zu ſagen“ ſprach Paul 71 nach einigem Schweigen, während deſſen er ſeinen würdigen Freund mit zärtlicher Beſorgniß betrachtet hatte,„und doch liegt in dieſem Wenigen etwas, das mich mit unerklärlicher Unruhe erfüllt.“ Und er ſchloß ſeinen Bericht mit Anführung aller Worte von Madame d'Arville, ſowie des durch Deniſe herbeigeführten Geſprächs, erwähnte noch des verlege⸗ nen Abſchiednehmens von ſeiten des Spielers und fügte aufſeufzend hinzu:„Sie werden dies Alles an mir ſehr knabenhaft finden, nicht wahr, Herr Werner?“ „Mein junger Freund“, lautete die ruhig aus⸗ geſprochene Antwort,„Sie ſollten nicht ſo von mir denken, da Ihnen bekannt iſt, wie ſehr wichtig mir oft anſcheinend zufällige Begebniſſe und jene Seelenzuſtände ſind, die man gemeinhin, bequem genug, ein Spiel der Phantaſie zu nennen pflegt. Uebrigens hat Sie eben die Myſtik dieſer Begegnung wohl vorbereitet auf die Mittheilung, nach der Sie ſchon ſeit vielen Jahren mit ganzer Seele verlangten und zu der ich erſt heute durch den Brief Ihres Vaters ermächtigt wurde. Ver⸗ nehmen Sie denn!“ Paul bebte bei den letzten Worten in ſich zuſam⸗ men und gab, unfähig zu ſprechen, durch eine ernſte Senkung des Hauptes zu verſtehen, daß er bereit ſei, mit ihm in die Vergangenheit zurückzukehren. 72 „Ihr edler Vater“, begann Werner gemeſſenen Tons,„war der einzige Sohn und Univerſalerbe des Generals Freiherrn von Stromfeld, eines ausgezeich⸗ neten Mannes, in deſſen Weſen eine dem Militär nicht eben eigene Romantik lag, eine Neigung zu allem Außerordentlichen, welche leider in noch höherem Grade auf Ihren Vater überging. Eine zwar durch keine Handlung des Leichtſinns bezeichnete, aber doch ſehr phantaſtiſch und abenteuerlich verlebte Jugend war das Ergebniß jenes durch die Sinnesart des Generals er⸗ zeugten und genährten Hanges, und Ihr Vater war, als derſelbe beiläufig ein Jahr nach dem Tode ſeiner Gattin ſtarb, obwohl bereits im achtundzwanzigſten Jahre, weit eher noch ein Jüngling zu nennen als Sie, Paul, jetzt im einundzwanzigſten. Er hatte gleich Ihnen mit Auszeichnung ſtudirt und war noch einige Jahre vor dem Hinſcheiden ſeines Vaters in den Staatsdienſt getreten, welchen er als Legationsſecretär am Hofe von*** begann, eine Lauf⸗ bahn, wozu ihn ſeine liebenswürdige Perſönlichkeit, ver⸗ bunden mit vielen Sprach⸗ und andern Kenntniſſen, Adel und ſehr anſehnlichem Vermögen, vorzugsweiſe zu befähigen ſchien, ſage ſchien, da alle dieſe glänzenden Eigenſchaften dem werdenden Diplomaten wenig förder⸗ lich find, ſobald ihm, wie es bei Ihrem Vater der Fall 73 war, jenes Talent der Intrigue fehlt, das man politi⸗ ſchen Takt zu nennen pflegt und das in der Menſchen ſeiner Art unerreichbaren Kunſtfertigkeit beſteht, mit den Ohren zu ſprechen, mit den Augen zu hören, redend zu ſchweigen und ſchweigend zu reden. Er war, wie er noch iſt, gerade, offen, ohne Rückhalt, aber auch ohne allen Servilismus; er fühlte ſich ſelbſt und er⸗ achtete es für unwürdig, die Wahrheit mehr zu beein⸗ trächtigen, als dies durch unſere ſocialen Verhältniſſe leider ohnehin ſchon geboten iſt. Wie dem Allem aber auch ſein mochte, Ihr Vater ſah ſich dennoch ſo raſch befördert, daß er ſchon im zweiten Jahre als Legations⸗ rath in*** fungirte. Was die zartern Neigungen ſeines Herzens betraf, ſo hatte er, obgleich ein leiden⸗ ſchaftlicher Verehrer der Frauen, bis dahin noch nie wirklich geliebt, jene wahre, die ganze Seele ausfüllende Liebe nicht kennen gelernt, aber auch noch nicht, trotz ſeiner vielen jugendlichen Galanterien, die dazu nöthige Schwungkraft der Phantaſie und die Urſprünglichkeit des Gefühls für das Schöne und Gute eingebüßt; ein Mann von dreißig Jahren, war er in dieſer Beziehung noch ein Jüngling, jedes derartigen Eindrucks wie aller Aufopferung ſeiner ſelbſt nur allzu fähig.“ „Ich kann ihn mir ſo klar vorſtellen, wie er geweſen ſein muß, mein guter lieber Vater!“ ſprach Paul vor ſich hin. 74 „Wir waren, wie Ihnen bekannt“ fuhr der Erzähler fort,„Univerſitätsfreunde und übertrugen dieſe Freund⸗ ſchaft in das reale Leben aus dem idealen der Poeſie und Wiſſenſchaft. Es fügte ſich, daß ich, zwei Jahre jünger, aber um zehn Jahre ernſter und ruhiger als Ihr Vater, wie er damals ſich zeigte, in derſelben Re⸗ ſidenz, wohin er als Legationsrath geſendet worden, als Erzieher im Hauſe des Grafen*** lebte, deſſen Salon einen der erſten und beliebteſten Vereinigungs⸗ punkte für das diplomatiſche Corps bildete und Alles, was in der Hauptſtadt durch Rang, Reichthum, Talent und Schönheit hervorragte, in ſich concentrirte. Ihr Vater war in jenem Kreiſe hochgeachtet und er ſah ſich ſelbſt gern darin. O daß er ihm fern ge⸗ blieben wäre! Aber es ſollte kommen, wie es kam. Sie blicken mich ängſtlich fragend an, lieber Paul? Faſſen Sie ſich und vernehmen Sie weiter! Es war im Carneval deſſelben Jahres, als ſich das Herzensgeſchick Ihres Vaters erfüllte. Eines Tages beſuchte er mich und geſtand mir mit einer Leidenſchaftlichkeit, die mich erſchreckte, daß er liebe, zum erſten Male in ſeinem Leben wahrhaft liebe, in dieſer Liebe ſelig und, da er ſich wieder geliebt wiſſe, entſchloſſen ſei, ſich mit der Angebeteten unauf⸗ löslich zu verbinden. 0— M M 0 7 Seine Leidenſchaftlichkeit, ſagte ich, erfüllte mich mit Angſt, denn ich wußte aus Erfahrung, wenn auch nicht aus eigener, daß eine ſolche Leidenſchaft weit größere Gefahren für einen Mann in ſeinen Jahren als für einen Jüngling nach ſich ziehen könne, für einen Mann zu⸗ mal, der, wie Baron Stromfeld, den Schatz ſeiner Empſfindungen noch in der Bruſt verſchloſſen und der vom Leben, beſonders von dem der Liebe, ſo roman⸗ tiſche Ideen, ſo ſanguiniſche Hoffnungen in ſich nährte, dies in ganz natürlicher Folge des Contraſtes, in wel⸗ chem zu den frühern Gegenſtänden ſeiner mehr oder weniger flüchtigen Neigungen dies weibliche Weſen als endlich gefundenes und gewonnenes Ideal zu ſtehen ſchien. Denn wie ungeheuer muß der Schmerz der Enttäuſchuug für einen Mann von dieſem Charakter ſein, das Entſetzen, ſich eines Morgens beraubt, das Herz dem bitterſten Mangel preisgegeben zu ſehen! Die Jugend hofft, den Jüngling richtet faſt immer wieder die ſo ſchöne als ſtarke Hoffnung auf; was aber erhebt den Mann, der im wonnigen Gefühle, an der äußerſten Mark ſeines Hoffens das irdiſch Höchſte erreicht zu haben, plötzlich vom Wetterſtrahle der furcht⸗ barſten Enttäuſchung niedergeſchmettert wird?“ „Und dieſes entſetzliche Loos“ fragte Paul mit zitternder Stimme,„traf meinen Vater?“ 76 „Entnehmen Sie die Antwort“ verſetzte Werner, „der Mittheilung, die ich Ihnen zu machen habe. Es war zu Anfang jenes Carnevals“, fuhr er nach kurzem Schweigen fort,„daß im Hauſe meines Grafen eine junge, ihm fern verwandte Dame, eine Waiſe von altadliger, aber in ihrem Vermögen ſehr herabgekommener Familie, aufgenommen und in die große Welt eingeführt wurde. Ich ſagte, eine junge Dame, hätte aber ſagen ſollen, ein weibliches Wunder⸗ gebilde, ein geiſtig wie körperlich ganz außerordent⸗ liches Weſen, wie ſolches vielleicht in einem Jahrhun⸗ dert nur einmal erſcheint, um an die unverſiegbare Schöpfungskraft der Natur zu erinnern und alle Geiſter und Herzen mit Bewunderung und Entzücken zu er⸗ füllen. Sie blicken mich ſtaunend an, mein Freund, und ſcheinen ſich erklären zu wollen, wie ich, der ernſte Mann, noch mit ſolcher Begeiſterung von einem Weibe ſprechen könne; und doch werden Sie ſelbſt nach mei⸗ nem ſchwachen Verſuche, Ihnen jene Erſcheinung zu ſchildern, ſich ſelbſt geſtehen müſſen, daß Sie mein wie Ihres Vaters Entzücken über dieſelbe theilen.“ „Sie alſo war es, die mein Vater liebte?“ „Die er verehrte, anbetete. Und dieſe junge Dame war noch ein halbes Kind, noch nicht ſechzehn Jahre alt. Aber von welchem Geiſte, von welchem Körper! 66 Denken Sie ſich eine hohe, edle, ſchwebende, anmuth⸗ umfloſſene Geſtalt von zarten, aber bereits vollkommen ausgebildeten Formen; ein Antlitz, auf deſſen Lilien⸗ ſchnee der Unſchuld nur erſt leiſe die Roſen der jung⸗ fräulichen Ahnung von Liebe ſich zu entfalten began⸗ nen, während über ſeine rein antiken Züge ſchon die Sonne des Geiſtes ihre blitzenden, blendenden Auf⸗ gangsſtrahlen hinzittern ließ; ein Angeſicht, ſage ich, worin der mythiſche Zauber der Pſyche mit dem chriſt⸗ lich⸗romantiſchen der Engelſchönheit in Eins verſchmolz; denken Sie ſich hierzu die Haltung und das huldſtrah⸗ lende Weſen einer jungen, zum erſten Mal die Stufen des Throns mit ebenſo viel Hoheit als Grazie be⸗ ſchreitenden Königin, und Sie haben ein nur flüchtiges Abbild dieſer wahrhaft idealen Erſcheinung, nur ein ſkizzirtes, denn Worte reichen nicht aus, das Rührende, Hinreißende und Feſſelnde wiederzugeben, das in ihrem unſchuldigen und doch ſo tiefen Blicke, im ſeelenvollen Tone ihrer Stimme, in der unbewußten Anmuth jeder ihrer Bewegungen und endlich in der ſtaunenerregenden Weiſe lag, in welcher ſie im Geſpräche mit den geiſt⸗ vollſten wie kenntnißreichſten Männern Erörterungen über wichtige Lebensfragen und Gegenſtände der Kunſt und Wiſſenſchaft ebenſo beſcheiden als ideenentwickelnd zu folgen wußte.“ 78 „Fürwahr, ein weibliches Ideal“, rief Paul unwill⸗ kürlich aus,„ein Weſen, wie es mir nur in der Phan⸗ taſie des Dichters zu leben ſchien.“ „Und dieſes Weſen ward wenige Monate nach ihrem Eintritte in das Haus des Grafen die Gattin Ihres Vaters, den ſie noch im erſten Jahre ihrer glücklichen, allbeneideten Verbindung durch die Geburt eines holden Knaben beſeligte. Dieſes Kind, die einzige Frucht ihrer fünf Jahre hindurch durch nichts getrübten Ehe ſind Sie. „Dieſes herrliche Weſen meine Mutter! Ja, es war eine Engelsgeſtalt, die ſich in jener Nacht über mich, den von ihrem Kuſſe Erwachenden, geneigt hatte. O meine Mutter, meine Mutter!“ „Jener Kuß war der letzte, den dieſe Mutter von einundzwanzig Jahren ihrem einzigen Kinde gab; er war der letzte Hauch ihres Tugend⸗ und Pflichtgefühls.“ „Himmel, was ſagen Sie!“ „Die Wahrheit, mein armer, theurer Paul; denn jene Nacht war zugleich die letzte für das häusliche Glück Ihres Vaters; er ſah ſeine angebetete Gattin ſeit jener Nacht niemals wieder.“ „Allmächtiger Gott!“ „Ein Freund, ein Buſenfreund Ihres Vaters, nur daß er zehn Jahre jünger, feuriger und gewandter 79 war, hatte deſſen mehrmonatliche Abweſenheit in einer diplomatiſchen Sendung dazu benutzt, das freundſchaft⸗ liche Wohlwollen, die rein ſchweſterliche Neigung Ihrer Mutter für ihn bis zur Liebe, bis zur allgewaltigen, jede Schranke durchbrechenden Leidenſchaft zu ſteigern, und die endlich Verführte dahin gebracht, mit ihm zu entfliehen.“ „Schrecklich! Entſetzlich! Ein ſolches Weib!“ „Sie floh in jener Nacht, in welcher Ihr Vater zurückgekehrt und die von ſeinem Buſenfreunde zu einem Feſte für ihn beſtimmt war. Sie floh mit dem Verräther und hinterließ einen Brief, worin ſie— noch war der gute Genius nicht ganz von ihr gewichen— ihren Fall in ſchmerzathmenden Worten geſtand und den daniedergeſchmetterten Gatten anflehte, ihr nicht zu fluchen und ſeinem Sohne dies Begebniß nicht vor deſſen Eintritt in das Mannesalter zu enthüllen.“ „Und mein Vater— wie mag er gelitten haben!“ „Sein erſtes Gefühl nach dem ungeheuren, beinahe tödtlichen Schmerze über den Verluſt ſeiner Gattin, der ihn auf das Krankenlager warf, war Sehnſucht nach Rache an ihrem Verführer. Ich flößte ihm ein beſſe⸗ res ein, das der Verachtung. Halb geneſen, zog er ſich von den Staatsgeſchäften wie von aller Geſellſchaft zurück auf das Land. Da, freilich nur ſehr langſam, 80 erholte ſich ſein Geiſt und in ſeiner Liebe zu Ihnen auch ſein edles Herz. Jetzt iſt er ruhig.“ „Und wohin flüchtete die Beweinenswerthe?“ „Soviel ſich aus den uns zugekommenen unbeſtimm⸗ ten Nachrichten von einigen Bekannten Ihres Vaters entnehmen ließ, anfangs nach Italien; ein paar Jahre ſpäter verweilte ſie einige Zeit in Madrid, dann in London, bis ſich endlich ihre Spur wieder verlor.“ „Und er, der Nichtswürdige, wo blieb er und wer iſt es?“ „Sein Name muß Ihnen nach dem Willen Ihres Vaters immerdar ein Geheimniß bleiben. Gewiß aber iſt, daß ſich Ihre Mutter von ihm getrennt hat und zwar ſchon im zweiten Jahre nach ihrer Flucht.“ „Und es iſt auch Gewißheit, daß ſie lebt?“ „Für mich, allein noch nicht für Ihren Vater und für Sie.“ „Wie das? Herr Werner, ich beſchwöre Sie—“ „Wie? Für mich durch die Nachricht eines mir be⸗ freundeten Mannes von hier, der um dieſes Geheimniß weiß; für Sie, Paul, durch zwei Gemälde.“ „Durch zwei Gemälde?“ „Die Ihre Mutter zum Gegenſtande haben und deren erſtes ein halbes Jahr vor ihrer Flucht gemalt worden, ein Miniaturbild, das Baron Stromfeld mir 81 beim Abſchiede mit der Weiſung übergab, es Ihnen hier mit ſeinem Briefe zugleich einzuhändigen.“ „O geben Sie! Wo iſt es?“ rief Paul aufſprin⸗ gend, mit leuchtenden Augen, die Hände vorgeſtreckt, in frommer Leidenſchaft aus. „Hier“ ſprach Werner feierlichen Tons, indem er ſich zugleich erhob und ein Maroquinetui aus ſeiner Bruſttaſche zog. Paul erbebt, reißt es an ſich, öffnet es, ſein flam⸗ mender Blick verſchlingt das Bildniß, und Leichenbläſſe bedeckt plötzlich ſein Angeſicht, ſeine Glieder werden zu Stein. „Was iſt das?“ ſtöhnt er aus tiefer Bruſt. Werner legt ſeine Rechte auf die Schulter des Er⸗ ſtarrten. „Das iſt“, ſagt er mit feſter Stimme,„das erſte Abbild Ihrer Mutter; das zweite entwarfen Sie ſelbſt in Ihrer Schilderung von Madame d'Arville.“ Das Herz des Jünglings durchfuhr es wie glühen⸗ des Eiſen; ſeine Augen ſchloſſen ſich krampfhaft, die Kniee brachen ihm ein und er ſank, von ſeines Er⸗ ziehers ſtarkem Arme noch erhalten, lautlos auf das Sopha hin. Jean Charles, Realiſten und Idealiſten. IV. ————— — Siebentes Kapitel. Madame d'Arville. Kaum hatte ſich die uns nur oberflächlich bekannt gewordene Geſellſchaft aus dem Salon wie aus dem Hauſe von Madame d'Arville entfernt und der ſo⸗ genannte Conte di Terra firma Luigi*** nach ſeinem verlegenen, ſtummen Abſchiede von Paul ſich in die Mezzanine zurückgezogen, um daſelbſt in ſeiner Biblio⸗ thek ſich von der Verblüfftheit loszumachen, worein ihn die ſo unerwartete und räthſelhafte Unterbrechung der Soirée verſetzt, als ihn auch ſchon die Herrin des Hauſes durch einen Diener auf einen Augenblick zu ſich bitten ließ. „Ah, das iſt gut“ ſprach er zu ſich ſelbſt, indem er ſich langſamen Schrittes dahin begab, von wo er ſo eben gekommen war, und im Emporſteigen zugleich die des er i die 83 läſtige Hülle der Verlegenheit von ſich abzuſchütteln beſtens bemüht war,„das iſt ſehr gut! Dieſer von Ma⸗ dame erbetene Augenblick wird ein halbes Stündchen währen und in ſich eine Erklärung und ein Examen ſchließen, erſtere bezüglich der Migräne, letzteres in Be⸗ treff meines jungen deutſchen Barons, der ſich ſo artig auszudrücken verſteht. Dieſe Unterredung überhebt mich des einſamen Nachdenkens, das, ſobald es ein morali⸗ ſches Begebniß zum Gegenſtande hat, für mich immer nur das iſt, was Caviar für das Volk. Wir wollen ſehen; vorwärts!“ Damit trat er, der Weiſung des Dieners folgend, in das Boudoir von Madame d'Arville. Er fand ſie hier allein, ruhend in einer Bergere, das ſchöne Haupt auf die nicht minder ſchöne Hand geneigt und den reizenden Arm, deſſen ſchneeiges Weiß ſich von den ihn weich umfließenden ſchwarzen Seiden⸗ blonden faſt blendend abhob, auf den purpurnen Da⸗ maſt der Lehne geſtützt und, wie ſein ſcharfer Blick ſo⸗ gleich wahrnahm, wirklich leidenden Ausſehens, das zudem mehr die Folge geiſtigen als körperlichen Schmerzes ſchien. Gerade dieſe Bemerkung aber war für ihn ein Motiv, ſo unbefangen als möglich ſich zu geben, und er ließ ſich auch auf einen raſchen ernſten Wink von 6* 84 ihr auf einem Tabouret, zwei Schritte von ihrem Sitze, mit der heiterſten Miene von der Welt nieder. „Madame haben gewünſcht, und ich bin entzückt, Ihrem Befehle nachkommen zu dürfen.“ „Keine Redensarten, wenn es beliebt, mein Herr. Ich habe Sie um Einiges zu erſuchen.“ „Ohne Umſtände denn; ſprechen Madame, ich höre.“ „Sie wünſchen die Löſung des Räthſels von dieſem Abend—“ „Ein nur natürlicher Wunſch.“ „Sie ſoll Ihnen werden, ſobald Sie ſelbſt ſich als wahr erweiſen.“ „Laſſen Sie hören.“ „Wie heißt der junge deutſche Baron?“ „Ah, wie Sie das betonen und mich anblicken!“ „Noch einmal, wie heißt er?“ „Sie vergaßen alſo den Namen—“ „Unter welchem Sie ihn eingeführt, nein; Sie nann⸗ ten ihn Wallheim.“ „Madame, ich kann Ihnen bei Allem, was Sie wollen, betheuern, daß er ſich ſelbſt ſo genannt.“ „Das heißt, ſich ſo genannt wiſſen wollte.“ „Möglich.“ „Möglich? Ich ſage Ihnen, es iſt wahr.“ „Wenn Sie es ſagen, wird es ſich wohl auch ſoverhalten.“ 0 85 . „Sie pariren gut; aber vergeſſen Sie nicht, mein Herr, daß Sie ſich jetzt in Paris und nicht in Neapel befinden; daß Sie nicht mehr Fechtmeiſter ſind, und daß Sie Ihren angeſtammten wahren Familiennamen aus nur Ihnen bekannten, aber gewiß triftigen Gründen wiederholt nach Zeit⸗ und Ortsverhältniſſen abgeändert haben.“ „Ich befinde mich diesfalls ganz in der Lage von Madame.“ „Immer noch Fechtmeiſter; dieſer Stoß traf mein Herz. Sie können nicht zweifeln, blicken Sie mich an.“ Er blickte auf und ſah Thränen in ihren Augen. Ein ſo frivoler Abenteurer, um nicht zu ſagen, hart⸗ geſottener Sünder dieſer Mann auch war, ſo verfehlten dennoch Thränen, von einem ſchönen Weibe geweint und um ihn oder durch ihn vergoſſen, niemals einer gewiſſen Wirkung, wenn nicht unmittelbar auf ſein Herz, ſo doch auf ſeine Phantaſie; denn wie immer auch das Leben dieſes ebenſo ſchönen als geiſtvollen Menſchen durch eine Reihe von Jahren bereits ſich ge⸗ ſtaltet haben mochte, ſo ſtammte er doch aus einer ehrenwerthen Familie von altem italieniſchen Adel und hatte eine ſehr gute Erziehung genoſſen, deren Reich⸗ thum an ſchönen Eindrücken noch nicht völlig von ihm vergeudet war. 86 „Madame“ ſtotterte er betroffen und mit einem nicht erkünſtelten Ausdrucke von Rührung,„verzeihen Sie mir; aber auch Sie berührten eine Saite in mei⸗ ner Bruſt, die beim Himmel noch ſehr melancholiſch tönt.“ Madame d'Arville reichte ihm die Hand, die er ehr⸗ erbietig küßte, und ſprach: „Es ſind nunmehr ſchon zehn Jahre, daß wir uns kennen. Kennen? Nein, daß wir uns geſehen, ge⸗ ſprochen. Sie mochten fünfundzwanzig Jahre zählen, als wir uns in Neapel zum erſten Mal ſahen. Sie hielten einen Fechtſalon, mein damaliger Begleiter wurde Ihr Schüler. Ich weiß ſo wenig von Ihren Verhältniſſen als Sie von den meinigen; es iſt uns daraus nur eins gewiß, nämlich daß wir beide ſehr früh unglücklich geworden. Von dort an begegneten wir uns nach größern und kleinern Intervallen wie Accord und Einklang des Mißgeſchicks in mehreren Hauptſtädten Europas und in wechſelnden Verhält⸗ niſſen; ſo endlich auch hier vor einem halben Jahre unter abermals veränderten Namen. Wir hatten beide Urſache, wenn auch verſchiedene, über uns ſelbſt zu ſchweigen, und wir ſchwiegen. Heute aber iſt der Augenblick gekommen zu ſprechen, und ich will ſprechen. Wollen Sie mich hören?“ 87 „Ich bin gefaßt, reden Sie.“ „Der fragliche junge Mann iſt nicht ein Baron Wallheim, ſondern ein Baron Stromfeld. Verhält es ſich ſo?“ Madame d'Avville hatte dieſe Worte mit einer von innerem Beben zitternden, einen ungeheuren Schmerz nachtönenden Stimme und mit einem Blicke geſprochen, worin ſich Entzücken und Entſetzen in einer Weiſe miſchten, daß der Gefragte inſtinktmäßig das Auge ſenkte, indem er gedämpften Tons erwiderte: „Es verhält ſich in Wahrheit ſo, er iſt ein Baron von Stromfeld.“ „Paul von Stromfeld?“ „Paul von Stromfeld.“ „O mein Sohn! Mein theurer Sohn! Mein einziges Kind!“ Mit dieſem von Schluchzen halb erſtickten Ausrufe ſank die unglückliche Mutter Paul's, dieſes ebenſo ſchöne als beklagenswerthe Weib der großen Welt und Opfer der Verführung, mit dem Haupte auf die Lehne zurück und preßte mit beiden Händen ihr Batiſttuch an die zuckenden Lippen, während ihren emporgerichteten Augen ein Strom von Thränen entſtürzte. „Dachte dergleichen“, murmelte der Italiener vor ſich hin; dabei überlief es ihn wie Fieberfroſt. 88 Eine Minute lang ſchwiegen beide. Welch fürchterliche Pauſe! Für ihn war dieſer Minute Vorgang eine Ingui⸗ ſition mit der peinlichen Frage, für ſie das Welt⸗ gericht. Ein ungeheurer Blitz hatte das mächtige Gewölke rings über ihr plötzlich nach allen Himmelsgegenden zerriſſen und ſie ſtarrte mit dem Blicke der Verzweif⸗ lung in die den raumloſen Aether durchſtrahlende und doch nicht gleich der zeitlichen Sonne blendende Glorie der ewigen Wahrheit, unter welcher, nach einem die Grundveſten der Erde erſchütternden Donnerſchlage, alle Gräber ſich aufthaten; und ſie vernahm eine Stimme, mild wie der Ton einer Flöte und doch durch die weit⸗ hin dröhnenden Poſaunen nur allzu deutlich hörbar, und dieſe Stimme, von der ein jeder Laut ihre Seele mit nie gefühltem Schmerze durchdrang, einer Empfin⸗ dung, die nichts Irdiſches an ſich hatte, dieſe ſo himm⸗ liſch tönende und doch vernichtende Stimme rief ihr zu:„Du warſt ſchön und rein an Leib und Seele, und Du haſt Schönheit und Reinheit dem Böſen preis⸗ gegeben und befleckt! Du warſt geachtet und geliebt, und Du haſt das Urtheil der Menſchen verachtet und das Dich liebende Herz mit Gram erfüllt! Du haſt das reinſte Erdenglück genoſſen, das einem Weibe 69 werden kann, indem Du Mutter eines holden Kindes wurdeſt, und Du haſt dieſes Kind verlaſſen! Du ver⸗ nahmſt dann wiederholt die Stimme des Gewiſſens, und Du wandteſt Dich doch nicht ab vom Pfade des Böſen! Aber Dein Herz, indem es beim Wiederſehen Deines Kindes brach, empfand Reue, und Deine heißen Thränen, dieſe Quellen des Guten, nimmt der klare Strom der Erkenntniß auf, und dieſer mündet in das Meer meiner Gnade! Todt für die Zeit, gehöre der Ewigkeit!“ Dieſe Minute war entſchwunden, und Paul's Mutter erhob ſich ernſt, feierlich, mit dem Ausdrucke eines hohen Entſchluſſes auf dem noch thränenfeuchten Antlitze. In dem auf ſie gerichteten Blicke des Spielers lag ſcheues Erſtaunen. Er ſtand ſchweigend auf. Mein Herr“ redete ſie ihn ruhigen, aber feſten Tons an,„Sie ſind ein Mann von guter Familie, von Kenmniſſen und von Muth.“ Er verneigte ſich ſtumm, ſie aber ſprach weiter: „Ich ſah meinen Sohn und durch ihn fand ich mich ſelbt wieder. Dazu genügt ein Moment; das Menſchen⸗ leben datirt nur nach Augenblicken. Es iſt nie zu ſpät, in ſich zu gehen; wohl aber dem, der ſich noch zur Zeit ſeiner Kraft zurecht findet. Sie, mein Herr, ſind noch 90 ſtark an Geiſt und Körper. Wollen Sie meinem Bei⸗ ſpiele folgen und ſich gleich mir von dieſem entſcheiden⸗ den Augenblicke an wieder dem allein Guten, Rechten und Schönen zuwenden?“ „Wenn ich auch“, lautete des ſichtlich Ergriffe⸗ nen zögernde Antwort,„die Kraft hierzu, wie Sie ſagen, beſitze, ſo fehlt es mir doch zur Erreichung eines ſolchen Zwecks, wie Sie ſelbſt wiſſen, an äußern Mitteln.“ „Aber falls Ihnen dieſe Mittel geboten würden?“ „Madame, es iſt Ihnen nicht unbekannt, daß ich ohne Freunde bin.“ „Geſetzt jedoch, Sie hätten für den Anfang eincr neuen, redlichen, vorwurfsfreien Exiſtenz über eine kleine Summe, etwa im Betrage von fünftauſend Francs, nach Willkür zu verfügen, was würden Sie beginnen?“ „Madame—“ „Sprechen Sie.“ „Was ich beginnen würde?“ „Ja, mein Herr, und Ihr funkelnder Blick ſagt mir beinahe, daß Sie Ihre Wahl getroffen. Es fehlt Ihnen an Freunden; nun denn, eine aus der Welt ſchei⸗ dende Freundin, die ſich zur Stunde noch Madame d'Arville nennt, bietet Ihnen dieſe geringe, aber, wie —— —— S ich zu Gott hoffe, noch rechtzeitige Hülfe. Und nicht wahr, Sie weiſen ſie nicht zurück?“ „Madame, Ihre Worte ſind glühende Strahlen; ich weiß nicht, was in mir vorgeht, Scham vernichtet mich.“ „Scham? Das iſt die Morgenröthe der Sonne der Vernunft nach der Gewitternacht der Leidenſchaften. Was, o was, ſprechen Sie, wird nun Ihr Beginnen ſein?“ „Nehme ich Ihre Hülfe an, ſo gehe ich gegen Sie, Madame, eine Verpflichtung ein, die mir heilig bleiben wird, um ſo heiliger, als dieſe einem Manne von einer Frau auferlegt worden.“ „Ich war immer von Ihnen überzeugt, daß in Ihrer Seele das Gefühl für Ehre nicht erſtorben, ſon⸗ dern nur ſcheintodt ſei. Welchen Weg alſo werden Sie einſchlagen?“ „Welchen? Ich ſehe nur einen vor mir offen.“ „Und dieſer iſt?“ „Der nach Algerien.“ „Sehr gut. Und wann wollen Sie ihn betreten?“ „Morgen.“ „Wohl, mein Herr. Dieſer Entſchluß gereicht Ihnen zur Ehre, mir zum Troſte. Uebrigens war ich im voraus davon überzeugt; hier der Beweis.“ 92 Mit dieſen Worten nahm ſie ein Papierpäckchen vom Tiſche und reichte es ihm; ſein Erröthen dabei, das Zittern ſeiner Hand, das Beben ſeines Mundes, indem er faſt unhörbar Dank ſtammelte, bezeugten mehr, als es die lebhafteſten Aeußerungen vermocht hätten, daß der Strahl der Erkenntniß ſeine vom drei⸗ fachen Erze der Nothwendigkeit, des Leichtſinns und der Gewohnheit umpanzerte Bruſt durchdrungen, daß er ſein ihm ſelbſt ſchon fremd gewordenes beſſeres Ich wiedergefunden und erkannt habe. Sie betrachtete den Zerknirſchten mit gerührtem Blicke und fragte ihn tief aufſeufzend um die nähern Umſtände ſeines Zuſammentreffens mit ihrem Sohne. Er theilte ihr Alles mit, was er von demſelben wußte. Bei Nennung des Namens Werner überlief Todtenbläſſe ihr Antlitz; war dieſer Mann doch Zeuge ihrer erſten durch Sittlichkeit, Geiſt und Schönheit er⸗ rungenen Triumphe, ihrer erſten Liebe und häuslichen Glückſeligkeit, o und auch der ihrer erſten Sünde! „Wir ſehen uns morgen früh noch einmal“, ſprach die Leidende mit Anſtrengung und ſank, nachdem ſich der Italiener mit einer ſtummen, ehrfurchtsvollen Ver⸗ beugung empfohlen und entfernt hatte, ſich das Geſicht mit beiden Händen bedeckend, lautlos in die Bergoͤre zurück. Betete ſie? Eine Viertelſtunde ſpäter ließ ſie Deniſe zu ſich kommen. Das Ergebniß ihrer Unterredung wird ſich bald herausſtellen. Dieſes holde Mädchen zog ſich nach einer Stunde weinend zurück, aber es waren Thränen wehmüthiger Theilnahme, religiöſen Mitgefühls und der Dankbar⸗ keit, die es vergoß. Paul's Mutter war nun und blieb allein. Der anbrechende Tag fand ſie noch am Schreibe⸗ pulte; ſie hatte die ganze Nacht geſchrieben: Briefe an ihren Gatten, an Paul, an Werner und an ihren Advocaten. Achtes Kapitel. Der Sohn. Auch Paul hatte dieſe Nacht ſchlaf⸗ und ruhelos hingebracht; denn auf die nur wenige Minuten an⸗ dauernde Betäubung war ein Zuſtand gefolgt, deſſen Symptome nur zu deutlich die ungeheure Erſchütterung ſeines ganzen Weſens kund gaben und, was Herrn Werner mit Angſt erfüllte, den Ausbruch eines Nervenfiebers befürchten ließen, eine Befürchtung, die in Betracht der Gereiztheit, an der Geiſt und Phantaſie dieſes Jüng⸗ lings lange ſchon gelitten, eine leider ſehr wohlbe⸗ gründete war. „Meine Mutter!“ ſeufzte er, in das traurigſte Selbſt⸗ bewußtſein zurückgerufen, und ſtierte halb irren Blicks dabei wie ſuchend um ſich; dann verſank er in ein Schweigen, aus welchem ihn ſelbſt die liebevollſten und eindringlichſten Worte ſeines väterlichen Freundes nicht 95 emporzurichten vermochten. Auch gelang es dieſem erſt um Mitternacht und nur nach vollem Aufwande aller denkbaren Vernunft⸗ und Troſtgründe, ihn dahin zu bringen, daß er ſich zu Bette begab. Der vorſorgliche Mann blieb im erſten Gemache, durch deſſen offengelaſſene Thür er den Leidenden be⸗ obachten konnte, unentkleidet am Tiſche ſitzen und las. Paul regte ſich nicht, er ſchien zu ſchlummern, während er in Wahrheit wachend dalag; ſein körper⸗ liches Auge war geſchloſſen, aber vor dem ſeines Geiſtes tauchte Geſtalt nach Geſtalt empor, wie aus einem weiten, ſchauerlich gähnenden Grabe, und jede rief ihm mit Hohngrinſen und geſpenſtiſch klangloſer Stimme zu: „Erblicke in mir die Wirklichkeit, ſieh in mir die An⸗ muth, die Schönheit, die Liebe und Treue!“ Werner hatte ſich bis zum Anbruch der Dämmerung wach erhalten und während dieſer langſam hinſchwin⸗ denden Stunden zu wiederholten Malen an ſeines Zög⸗ lings Lager geſchlichen, denſelben immer in dieſem an⸗ ſcheinenden Schlummer gefunden und ſich allmälig über ſeinen Zuſtand beruhigt; dieſe Ueberzeugung, die durch keinen Laut unterbrochene Stille um ihn her und die eigene Erſchöpfung, die bereits ſchwer auf ihm laſtete, bewirkten, daß er gegen das erſte Tagesgrauen hin, von Mattigkeit übermannt, in Schlaf verfiel. 96 Als er daraus erwachte, ſtand die Sonne ſchon hoch am Himmel und er ſah mit an Beſtürzung grenzendem Erſtaunen vor ſich Paul völlig angekleidet am Tiſche ſitzen, die Arme über die Bruſt gekreuzt, die Augen ein⸗ gefallen, aber entflammten Blickes und, während er wie vom Froſte geſchüttelt erzitterte, auf Stirn und Wangen flüchtiges Roth, das unverkennbare Anzeichen des Fiebers. Der Mann der Selbſtbeherrſchung ſtieß bei dieſem Anblicke einen Schrei aus, ſprang auf und ſchloß den Jüngling in ſeine Arme. „Paul“ rief er mit vor Schreck und liebevoller Angſt bebender Stimme,„Paul, Sie ſind krank, und ich— ich habe dies herbeigeführt!“ „Nicht Sie, ſondern die Vorſehung“, ſprach Paul mit Anſtrengung. „Und Sie verließen das Bett—“ „Schon vor zwei Stunden.“ „Ohne mich zu wecken!“ „Sie ruhten.“ „Aber mein Gott, ich ſpreche, ſtatt nach einem Arzte zu ſenden!“ Hier erhob ſich Paul, von Werner unterſtützt, legte einen Arm um ſeinen Nacken, blickte ihn bittend an und ſagte mit matter Stimme: „Sie werden etwas Beſſeres thun.“ 97 „Und was, was, mein Theurer?“ „Sie werden mich zu meiner Mutter bringen.“ Dieſer ſo rührend einfach ausgeſprochene Gedanke war ein Blitz in den noch durch Schmerz und Furcht umnachteten Geiſt Werner's; hell und ſchnell wie ein ſolcher Strahl durchzuckte ihn die Ueberzeugung, daß Paul's inſtinktartiges Gefühl hierin das Beſte gewählt, und er entgegnete mit einer an ihm höchſt ſeltenen und demnach das Außerordentliche dieſes Falles wie ſeiner Stimmung bezeichnenden Haſt: „Ja, mein Freund, zu Ihrer Mutter; dieſer Ge⸗ danke kam Ihnen von Gott! Bald war das Nöthigſte geordnet, ein Wagen be⸗ ſorgt und ſie verließen das Hotel. Während der kurzen Fahrt von da bis zu dem Hauſe, deſſen Beſitzerin ſich Madame d'Arville nannte, ſchwiegen beide, Werner in ungewöhnlicher Aufregung durch den gewaltigen Gedanken, nach wenigen Augen⸗ blicken ſchon der Gattin ſeines Freundes und Mutter ſeines Zöglings gegenüber zu ſtehen, dieſer durch ihr Geſchick wie durch die Leiden, welche ſie verurſacht, ſo ſchmerzlich intereſſanten Frau, die er im höchſten Lieb⸗ reiz von Unſchuld, Jugend und Schönheit gekannt und gleich allen, die ihr nahten, bewundert, verehrt hatte, Paul dagegen in halber Unbewußtheit 6 ſelbſt, in Jean Charles, Realiſten und Idealiſten. IV. 98 unbeſtimmtem, geheimnißvollem Seelendrange, völlig unter der Macht eines alleinherrſchenden Gefühls, dem ſich alle ſeine Gedanken und Empfindungen widerſtands⸗ unfähig unterordneten. Als ſich ihr Wagen— ein geſchloſſener Fiaker— dem in Rede ſtehenden Hauſe näherte, kam ihnen aus demſelben eine mit zwei Poſtpferden beſpannte und mit einem Reiſekoffer bepackte offene Chaiſe entgegen. Paul in ſeinem Hinbrüten bemerkte nichts, Werner's feſter Blick jedoch erfaßte den Gegenſtand raſch. Dieſer Reiſewagen führte den reumüthigen Sünder Signor Luigi*** und ſein Glück. Er verließ zur Stunde Paris, um dem Schauplatze ſeiner neuen, von ihm ſelbſt gewählten Beſtimmung entgegen zu eilen. Der Fiaker hielt am Thore, unter welchem der Portier ſtand; unſere deutſchen Freunde ſtiegen aus. „Madame d'Arville iſt wohl zu Hauſe?“ fragte Werner. „Ja, mein Herr“, war des Portiers Antwort, der ihn und noch mehr ſeinen ihm ſchon bekannten jungen Begleiter, der wie träumend neben ihm ſtand, nicht ohne Verwunderung betrachtete,„Madame iſt zu Hauſe, aber ich weiß nicht, ob“— „Ob ſie auch zu ſprechen ſein wird?“ „Das iſt es, mein Herr.“ 99 „Nun, wir werden im Vorzimmer anfragen.“ Der Portier trat nach einer etwas ſteifen Ver⸗ neigung zur Seite, und Werner ſchritt, Paul's Arm in den ſeinen legend, mit leichtem Gruße an ihm vorüber. Sie ſtiegen die Haupttreppe langſam hinan, und als ſie den erſten Abſatz vor den Thüren der Mezza⸗ nine erreicht hatten, ſah ſich Werner genöthigt an⸗ zuhalten, denn Paul, der hier erſt an der Wohnung des Spielers aus ſeiner Apathie erwachte, ſchrak ſo heftig zuſammen, daß er ihn kaum aufrecht zu erhalten vermochte. „O mein Gott!“ ſtammelte der unglückliche Sohn der beklagenswertheſten der Mütter, indem er ſich, am ganzen Leibe zitternd, an Werner klammerte. „Faſſung! Faſſung!“ flüſterte ihm dieſer zu, indem er ſeine Hüfte umſchlang und ihn die noch übrigen wenigen Stufen mehr hinauf trug als führte. In demſelben Augenblicke kam Deniſe den Corridor entlang, Briefe in der Hand, die ſie auf Befehl ihrer Herrin einem der Diener überbringen ſollte. Sie wußte bereits um Alles, und der Ausdruck ihrer ſanften Züge wie ihre Haltung zeugten deut⸗ lich von dem Schmerze, von dem ſie infolge jener Mit⸗ theilung durchdrungen war. Beim Anblicke Paul's, der, eine Beute furchtbarer ————————— —. — — 100 geiſtiger und körperlicher Qualen, das Antlitz erglüht von der Flamme des ſchon in ihm tobenden Fiebers, ſich bebend auf die Treppenbrüſtung ſtützte, während ihn ſein Führer noch feſt umſchlungen hielt, bei dieſem Anblicke, der allerdings nur erſchütternd auf ſie wirken konnte, ſtieß Deniſe einen Schrei aus und wankte zurück; im nächſten Momente war ſie verſchwunden. Werner hatte ſie kommen und enteilen ſehen, letzteres durch eine einfache Thür, welche, wie er an⸗ nahm und wie es ſich auch verhielt, in das Vorzimmer der weiblichen Dienerſchaft führte. Dahin nun brachte er langſam, Schritt für Schritt innehaltend, den Leidenden. Die Thür ging auf, Deniſe, Thränen in den Augen, unfähig zu ſprechen, bedeutete durch eine zitternde Hand⸗ bewegung einzutreten, und zeigte, als ſie über der Schwelle des Vorgemachs waren, auf eine mit grünſeidenen Vor⸗ hängen verkleidete Glasthür, deren einer Flügel halb offen ſtand. Es war die Hauptthür zum Boudoir der Frau vom Hauſe, und daraus drang ein krampfhaftes, ſchmerz⸗ liches Schluchzen. Dies gab dem Jünglinge, wenngleich nur für einige Augenblicke, Bewußtſein und Kraft zurück. „Mutter! Mutter! Meine Mutter!“ 101 Mit dieſem Schrei reißt er ſich aus Werner's Armen und ſtürzt, von dieſem gefolgt, während Deniſe laut weinend aus dem Vorzimmer nach dem Corridor ſchwankt, in das Gemach ſeiner Mutter. Dieſe liegt halb ohnmächtig auf der Bergére, das von Thränen überflutete Geſicht der Glasthür zuge⸗ wendet, die Hände convulſiviſch zitternd vor ſich hin⸗ geſtreckt, den Blick ſtarr wie in Wahnſinn. Sie hat den Aufſchrei ihres Sohnes mit einem Ge⸗ fühle von Entzücken und Entſetzen vernommen, und nun, während Werner in der Thür mit vernichtender Ruhe ſtehen bleibt, ſieht ſie Paul zu ihren Füßen, fühlt die Glut ſeiner Stirn, Wangen und Lippen auf ihren Hän⸗ den und hört ihn wiederholt das füße, heilige, ach! und ſie verdammende Wort„Mutter“ ſtammeln. Allein in dieſem Augenbicke klang es nicht anklagend, verurtheilend, ſondern beſeligend durch ihren Buſen, und mit dem Ausrufe:„Mein Sohn! Mein lieber, lieber Paul!“ umſchlang ſie den Knieenden mit beiden Armen, um ihn emporzurichten und an ihr Herz zu ziehen; aber in der maßloſen Aufregung dieſes Mo⸗ ments hatte ſich die letzte Geiſtes⸗ und Körperkraft des ſchon Fiebernden erſchöpft und er ſank, nachdem er ſich mit aller Anſtrengung kaum halb erhoben hatte, ihr zur Seite auf den Teppich hin. Neuntes Kapitel. Die Mutter. Es iſt in der Nacht des dritten auf das eben ge⸗ ſchilderte Begebniß gefolgten Tages. Wir ſind in der Baronin Schlafgemach, welches ½ auf der dem Vorzimmer gegenüberliegenden Seite an ihr Boudvir ſtößt und mit demſelben durch eine Tape⸗ tenthür in Verbindung ſteht. Die Einrichtung dieſes Gemaches von geringem Umfange iſt geſchmackvoll einfach; ſeine Hauptzierde i bildet ein ſchöner Gobelin; die Mitte deſſelben nimmt das Bett ein, von halb antiker Form, muſiviſcher Ar⸗ beit, ruhend auf vier bronzenen Sphinxen und umfloſ⸗ ſen von grüner Seide, die, in reichem Faltenwurfe vom Plafond niederwallend, einen Baldachin darüber bildet. ——— 103 Eine Lampe von mattgeſchliffenem Kryſtall, deren Licht durch einen polygoniſchen, mit Alabaſterfiguren ausgelegten Schirm noch ermäßigt wird, verbreitet von einem Tiſchchen aus, das an der Wand, gegenüber dem einzigen Fenſter, vor einer Ottomane ſteht, milde Dämmerung durch dieſes Gemach, worin ſich, nach des Ewigen unergründlichen wie unverbrüchlichen Geſetzen, das Geſchick der Hauptperſonen dieſes Dramas in ſelt⸗ ſamer und doch Geiſt und Herz beruhigender Weiſe erfüllen ſollte. Auf der Ottomane ſitzt, umwallt von einer falten⸗ reichen weißen Muſſelin⸗Nachtrobe, das volle glänzende Haar halb gelöſt, das Haupt matt auf das hohe Kiſſen zurückgelehnt, die thränenfeuchten Augen mit einem un⸗ beſchreiblichen Ausdrucke von Zerknirſchung und In⸗ brunſt aufgeſchlagen und die Hände wie zum Gebete im Schoße gefaltet, Paul's Mutter. So raſch auch die moraliſche Revolution in dieſer un⸗ glücklichen Frau vor ſich gegangen, ihre phyſiſche Um⸗ geſtaltung iſt noch auffallender. Drei Tage nur ſeit der erſchütternden Scene, da ihr Sohn bewußtlos zu ihren Füßen hingeſunken, und wir erkennen ſie kaum wieder. Ihre Stirn, noch vor wenigen Tagen ein Thron des ſtrahlendſten Geiſtes, iſt verdüſtert und durch die 104 vom Seelenſchmerze wie zum Himmel flehend empor⸗ gerichteten Brauen gefurcht; ihr Blick, ehedem der Sonne im reinſten Azur gleich, erſcheint jetzt wie der von zer⸗ riſſenem Sturmgewölke überflogene Mond. So iſt ſie gegenwärtig in ihrer regungsloſen Haltung, die gram⸗ verſtörten Züge mit Leichenbläſſe bedeckt, wie ein weißes Marmorbild der Reue anzuſchauen. An der ihr zugekehrten Breitſeite des Himmelbettes ſind die Vorhänge zurückgeſchlagen; und indem ſich ihr Blick jetzt ſenkt und mit einem herzzerreißenden Aus⸗ drucke mütterlicher Angſt und wehmuthsvoller Zärtlich⸗ keit darauf hinwendet, hebt ſich ihr Buſen von Seuf⸗ zern geſchwellt. Es iſt dieſes Bett ſeit drei Tagen das Krankenlager ihres Sohnes. Paul liegt, das von Fieberglut übergoſſene Antlitz ihr zugewandt, in jenem unruhigen und ſchmerzvollen Halbſchlafe, der dem vollen Ausbruch des Typhus vor⸗ anzugehen pflegt. Dieſen hatte der noch an jenem Morgen herbeige⸗ rufene Arzt, einer der berühmteſten von Paris, als unvermeidlich angekündigt, und es wurde ſeine Anſicht wie ſein Verfahren durch ein Conſilium beſtätigt und gebilligt. Die troſtloſe Mutter übernahm trotz aller Einreden von ſeiten der Aerzte das Amt einer Krankenwärterin 105 und war, nur wenige Stunden abgerechnet, während welcher Deniſe den Leidenden bewachte, durch dieſe drei Tage und zwei Nächte nicht von ſeinem Lager gewichen. Auch Werner hat den größten Theil dieſer Zeit in ihrer Wohnung zugebracht und befindet ſich in dieſem Augenblicke im nahen kleinern Salon; denn er weiß aus eigener Einſicht, wie auch durch den Arzt, der den Kranken noch vor einer Stunde beſucht und ſcharf be⸗ obachtet, daß in dieſer Nacht der noch halb apathiſche Zuſtand Paul's in den des Deliriums übergehen und wahrſcheinlich ſchon am darauffolgenden Tage ſeinen typhöſen Charakter entwickeln wird. Wir wollen nicht verſuchen, den Schmerz dieſes Mannes zu ſchildern. Er hat vor zwei Tagen eine lange Unterredung mit der Gattin ſeines Freundes gehabt und dieſem un⸗ mittelbar danach geſchrieben. Der Brief umfaßte Alles, was wir in Betreff Paul's und ſeiner Mutter bereits wiſſen: ſeinen verhängniß⸗ villen Eintritt in ihr Haus, ſeine Erkrankung, die er ohre Rückhalt als eine lebensgefährliche bezeichnete, ſo⸗ wie ihren Schmerz und ihre Reue; auch ſchloß er die⸗ ſem Schreiben ihre eigenen Briefe an ihn, den Baron Stromfeld und an ſeinen Sohn bei. Es genügt, zum Verſtändniſſe über das Leben 106 dieſer des innigſten Mitleids nicht unwürdigen Frau einige Punkte hervorzuheben, die ſie in ihrer Unter⸗ redung mit Werner berührt hatte. Unmittelbar nach ihrer Flucht fühlte ſie ſich von Scham, Schmerz und Reue ergriffen, allein es wirkte dagegen noch der entfeſſelte Dämon der Leidenſchaft, und dieſer hielt ſie an die Seite ihres Verführers ge⸗ bannt. Zwei Jahre brachte ſie mit ihm ſo hin, betäubt, ruhelos, eine Beute des Widerſpruchs in ihrem Denken und Fühlen, in verzehrender Sehnſucht nach ihrem Kinde, in tödtlicher Angſt bei der Vorſtellung ihres ſo tief gekränkten Gatten. „Nur eins hielt mich noch“, ſprach die reuige An⸗ klägerin ihrer ſelbſt zu Werner, der ihre Bekenntniſſe mit ebenſo großer Aufmerkſamkeit als Schonung ent⸗ gegennahm,„vom Abgrundsrande der Verzweiflung zurück; dies Eine war der Glaube an die heiße und ausſchließende Liebe meines Verführers. Das Ver hängniß ſollte mich bald erreichen. Eines Tages, am Schluſſe des zweiten Jahres nach meiner Flucht, ent⸗ deckte ich, daß dieſer mein Verführer auch an mir zum Verräther geworden. Der Schändliche hatte ſich ein neues Opfer auserſehen und gewonnen. Dieſe Entdeckung riß mich aus der Ohnmacht der ———·ů—— 107 Leidenſchaft empor; ich fühlte mein beſſeres Selbſt. Meine ganze Rache an dem Nichtswürdigen beſtand darin, daß ich ihn noch am ſelben Tage verließ, ohne ihm in meinem hinterlaſſenen Briefe mehr zu ſagen, als daß ich bereue und ihn verachte, und ohne etwas mit mir zu nehmen, als was mir eigen gehörte. Dies mein Eigenthum beſtand jedoch in ſo Wenigem, daß ich durch Veräußerung des Entbehrlichſten davon mein Daſein ſelbſt in ganz beſcheidener Weiſe kaum ein Jahr zu friſten vermochte. Was beginnen? Zurückkehren in mein Vaterland? Lieber tauſendmal ſterben. Mich überkam der Gedanke an Selbſtvernichtung; religiöſe Scheu rang dagegen einige Zeit, ward aber von ihm erdrückt, und ich eilte ihm zu gehorchen. Es war ein Jahr ſeit meiner Trennung von dem Doppelverräther hingeſchwunden, und ich befand mich in London, bereits dem Mangel preisgegeben. Da, in einer ſchönen Som⸗ mernacht“, fuhr die Unglückliche in ihrer Mittheilung mit bebender Stimme fort,„in einer Nacht, deren Zau⸗ ber mich an jene meiner erſten Sünde nur zu gewaltig erinnerte, eilte ich der Themſe zu und gelangte athem⸗ los, beſinnunglos an den Mond und Sterne abſpiegeln⸗ den Strom. Wie lange ich am Ufer geſtanden und wie ich in die Flut ſtürzte, iſt meinem Gedächtniſſe entſchwunden. Als ich mein Bewußtſein wiedererlangt 108 hatte, ſah ich mich in einem hellerleuchteten glänzenden Gemache auf einem Ruhebette und mir zu Füßen einen ſchönen jungen Mann, der ſeine Freude, mich neu be⸗ lebt zu ſehen— denn er war es, der mich den Wellen entriſſen— in den feurigſten Ausdrücken kund gab.“ Dieſer junge Mann— um das Weſentlichſte aus der Selbſtanklage der Baronin nun kurz zuſammenzu⸗ faſſen— dieſer Gentleman, der in London das faſhio⸗ nableſte Leben führte, war ein Spieler von Profeſſion, deſſen Virtuoſität in Ecarté und Whiſt nicht gerade verrufen, aber auch nicht von der Reinheit des friſch⸗ gefallenen Schnees war. Das Geſchick der Verlaſſenen und neuerdings Betäubten kettete ſich allmälig an das ſeinige. War er nicht ihr Lebensretter, der Retter ihrer Seele? O, und liebte er ſie nicht bis zur Raſerei? Dies war der Fall, wie auch, daß ſie ſein Spiel nur für ein glückliches und nicht für ein künſtliches hielt. Sie folgte ihm durch halb Europa. Aber auch dieſes Verhältniß ſollte, wenngleich um Vieles ſpäter, unglücklich für ſie enden. Eines Mor⸗ gens— nach ſieben Jahren ununterbrochenen Zuſam⸗ menlebens— brachte man ihren Freund ſterbend nach Hauſe; er war infolge einer Spielpartie gefordert und im Duell tödtlich verwundet worden. ₰ 109 Der Tod dieſes Mannes, dem ſie aufrichtig zuge⸗ than geblieben, erſchütterte ſie tief, und ſie zog ſich aus der Welt in die Einſamkeit zurück. Es war an einem der herrlichen lombardiſchen Seen, wo ſie, nur in Geſellſchaft einer Kammerfrau, durch drei volle Jahre ſich ſelbſt lebte, ihren ſo mannichfaltigen, ſeltſamen und meiſt ſchmerzlichen Erinnerungen hinge⸗ geben, für welche ſie in der ſchönen Natur weit mehr Nahrung als Linderung fand, ſodaß ſie endlich ſchwer erkrankte. Wieder geneſen, aber bereits irre an ſich ſelbſt und ohne Halt, kehrte ſie in die große Welt zurück. Ohne eine engere Verbindung einzugehen, umgab ſie ſich von neuem mit Geſellſchaft, wozu es ihr durch die ziemlich beträchtliche Verlaſſenſchaft ihres Freundes nicht an Mitteln gebrach. Uebrigens fühlte ſie ſich wie von unſichtbarer Hand unter die Menſchen zurückgezogen. Mechaniſch folgend gelangte ſie endlich, ein Jahr vor der Ankunft ihres Sohnes, nach Paris, wo ſich jener uns leichthin bekannt gegebene Kreis von intriguanten Leuten um ſie bildete, in welchen Paul das ewig wal⸗ tende Verhängniß führte. So viel oder, eigentlich zu ſprechen, ſo wenig aus dem Leben und über den Charakter dieſer Frau, einer moder⸗ nen Maria Magdalena, einer Märtyrerin ihrer Schönheit. 110 Was immer auch ſie verſchuldet, jetzt iſt ſie wahr⸗ haft unglücklich, jetzt haben wir ſie nur als reuige Sünderin in der furchtbarſten Qual der Selbſtanklage vor Augen und ſchleudern keinen Stein gegen ſie. Den ſtarren Blick auf das von Fieberröthe über⸗ goſſene Antlitz ihres Sohnes geheftet, erhebt ſie die zitternden, gefalteten Hände, preßt ſie krampfhaft an ihre ſchmerzgebleichten Lippen und verſucht zu beten. Bei Seelenzuſtänden ſolcher Art iſt der Verſuch zu beten, das ſcheue, ängſtliche Verlangen, den Geiſt zu Gott zu erheben, ſchon ein Gebet. Zehntes Kapitel. Sohn, Mutter, Vater. Die Vorausſetzung des Arztes beſtätigte ſich. An dem auf dieſe peinliche Nacht folgenden Morgen lag Paul, nach einem kurzen Zwiſchenreiche des Bewußt⸗ ſeins aller Denkkraft beraubt, wie in einem Flammen⸗ pfuhle da, in den wildeſten Phantaſien delirirend, durch welche ſich von Zeit zu Zeit die beklommenen Ausrufe:„Meine Mutter! O mein Vater! O Deniſe!“ vernehmen ließen. Es wurde die genaueſte Ueberwachung des ſo ſchrecklich Leidenden in dieſer nur von wenigen Augen⸗ blicken der Abſpannung unterbrochenen Raſerei noth⸗ wendig, und Werner, der ſtarke Mann, fühlte während dieſes Tages mehrmals ſeine ganze Kraft in Anſpruch ge⸗ nommen, um den Tobenden auf ſeinem Lager zu erhalten. 112 Es bleibe unbeſprochen, weil Worte nicht ausreichen, was die Mutter litt; bemerken aber müſſen wir, daß Deniſens Leiden, obgleich von reinern Motiven bedingt, die Qualen dieſer armen Frau noch überwogen. Sie verließ das Krankenzimmer nur, ſolange der Arzt anweſend war, und ſie hörte zu wiederholten Malen aus des Phantaſirenden Munde ihren Namen, und Deniſe hatte bis zu dem Augenblicke ihrer Be⸗ gegnung mit Paul nie geliebt. Es iſt nicht der Ort, mehr hierüber zu ſagen; wir überlaſſen dies der Zeit, der alles ausgleichenden. Die Nacht vom ſechsten auf den ſiebenten Tag ſeit Paul's Erkrankung war durch einſtimmigen Aus⸗ ſpruch des erneuerten ärztlichen Conſiliums als die über Leben und Tod des Jünglings entſcheidende be⸗ zeichnet. Dieſe Nacht— eine durch die Emeute Barbeès' für Paris ſehr ſtürmiſche— brach herein; der ordinirende Arzt blieb. Er drang darauf, daß ſich die Damen in das Neben⸗ gemach zurückzögen; die Baronin gehorchte halb bewußt⸗ los, Deniſe ſtill weinend. 113 Nachdem beide ſich entfernt, ſprach Werner mit bebender Stimme halblaut zu dem Arzte: „Mein Herr, wir ſind allein, ſagen Sie mir ganz offen, was—“ Der Schmerz erſtickte die Worte in ſeiner Bruſt. „Was ich hoffe oder befürchte, wollten Sie fragen, nicht wahr?“ entgegnete letzterer gleichfalls gedämpften Tons, den ſcharf forſchenden Blick auf den Kranken gerichtet. Werner, unfähig zu ſprechen, nickte bejahend, indem er den Arzt mit mehr Angſt als Hoffnung ins Auge faßte. Dieſer ſagte nach kurzen Schweigen, ohne ſeine Haltung zu verändern: „Wir haben noch zwei Stunden bis Mitternacht; tritt bis dahin nicht der kritiſche Schweiß ein, ſo iſt der junge Mann verloren.“ „Und dieſe Kriſis?“ ſtammelte Werner. Statt unmittelbar zu antworten, trat der Arzt dicht zum Bette, nahm Paul's herabhängende Linke ſanft auf, befühlte den Puls eine Minute lang mit größter Aufmerkſamkeit, ließ die Hand auf die Decke behutſam niedergleiten, machte, ſich wendend, ein paar Schritte vom Lager weg und ſagte: Ich kann mich täuſchen und darf darum der Mutter noch nicht Hoffnung geben, aber—“ Jean Charles, Realiſten und Idealiſten. IV. 8 114 „Aber Sie hoffen? Nicht ſo, mein Herr?“ „Ich hoffe den Eintritt der Kriſis nicht, ich er⸗ warte ihn.“ „Wirklich? Und damit ſeine Rettung?“ „Und damit ſeine Rettung.“ Werner ſank, die Augen plötzlich voll Thränen, dem Arzte an die Bruſt und umſchlang ihn mit beiden Armen. Es fügte ſich, wie dieſer geſagt. Beinahe mit dem Schlag zwölf begann der gewal⸗ tige Umſchwung der Natur; einzelne kleine Perlen warmen Thaus ſickerten allmälig von der hohen Stirn des Kranken, deſſen Athem gleichzeitig im ſelben Ver⸗ hältniſſe freier wurde, als die Feuchtigkeit der Haut zunahm, über die noch ſo eben ſtarren Wangen nieder, und es ward hiernach ſelbſt dem Auge des Laien er⸗ ſichtlich, daß der einem Starrkrampf ähnliche Zuſtand in den eines wohlthätigen Schlafes übergegangen war. Dieſe Zwiſchenzeit von zwei Stunden hatten die Baronin und Deniſe im Nebenzimmer ſchweigend in einer Aufregung zugebracht, die jedes Wort des Troſtes, ja jeden Gedanken daran im Keime erſtickte, in einer Angſt, weit qualvoller als das Gefühl einer Todesfurcht, nur daß Deniſe, wenn auch nicht zu ſprechen, doch in manchem Augenblicke im Stillen zu beten und zu weinen 115 vermochte, während die Mutter, allen beſtimmten Den⸗ kens und Fühlens unfähig, lautlos, ohne Veränderung in den Zügen, mit verglaſten Augen nach der Thür ſtierend, das Haupt wie zum Horchen vorgeneigt, jetzt mehr einer Statue der Verzweiflung oder des Irrſinns als der Reue gleich. Plötzich öffnet ſich dieſe Thür; Werner und der Arzt treten raſch, das Geſicht von Freude ſtrahlend, heraus. „Er iſt gerettet!“ Bei dieſem Zurufe beider Männer ſpringt ſie, einen unartikulirten Schrei ausſtoßend, auf und bricht ohn⸗ mächtig zuſammen. Abermals überſpringen wir einen Zeitraum von drei Tagen. Innerhalb dieſer kurzen Friſt hat die Natur in ihrer ganzen Macht gewaltet und den Stand der Dinge höchſt auffallend und doch nur folgerecht verändert. Paul befindet ſich bereits nicht blos ganz außer Gefahr, ſondern er hat auch, obgleich noch matt, ſchon ſein volles Bewußtſein wiedererlangt, während ſeine unglückliche Mutter daſſelbe Fieber, das ihn verlaſſen, in der furchtbarſten Weiſe gepackt hält. 8* 3 7 — — Blütezeit des Daſeins und vom Himmelsodem der 116 Ihr Schmerzenslager iſt in dem von ihrem Schlaf⸗ gemache, das Paul noch immer inne hat, durch das Vorzimmer getrennten kleinern Salon. Der Geneſende, der ab und zu vom Arzte beſucht, ſowie von Deniſe und Werner gepflegt wird, weiß nichts von ihren entſetzlichen Leiden und allem dem, was jetzt in dieſem Salon vorgeht; er vernimmt nur, daß ſeine Mutter, durch Angſt und Nachtwachen erſchöpft, nunmehr, da er auf dem Wege der Beſſerung ſich befinde, ungeſtörter Ruhe bedürfe, eine Erklärung ihrer Abweſen⸗ heit, die ſein wahrhaft kindliches Herz mehr mit Dank⸗ barkeit und Rührung als mit Beſorgniß erfüllt, da er vom eigentlichen Charakter ſeiner Krankheit keine Ahnung und auch keine Erinnerung ſeiner eigenen Leiden hat. Wir überlaſſen den Jüngling allen ſeinen Gefühlen und Gedanken, die bei dem der ungeheuren Nervener⸗ ſchütterung nothwendig folgenden Zuſtande von Schwäche oder vielmehr wohlthuender Ohnmacht, Gewaltiges zu empfinden und zu denken, durchaus nicht beunruhigen⸗ der, aufregender Art ſein konnten, während ſeiner Phantaſie ein holdes Bild vorſchwebte und ihn zudem noch jene namenloſe ſelige Empfindung zu durchdringen begann, welche den nach ſchwerer Krankheit Geneſenden zu erfüllen pflegt, zumal wenn dieſer noch in der 117 Liebe zugleich mit dem des äußern Frühlings ange⸗ haucht iſt; wir überlaſſen alſo Paul ſeinen ſanften, halb ſchwermüthigen, halb beſeligenden Träumereien, worin der Gedanke an ſeine Mutter ſowie Deniſens wiederholtes Erſcheinen ihn erhält, um einer Scene von weit ergreifenderer Wirkung beizuwohnen. Es iſt acht Uhr morgens, und die milden Strahlen der Maiſonne überſtrömen das große Paris mit einer erquickenden, neu belebenden Flut von Licht und Wärme; aber dieſe dringt nicht in das Gemach, in dem wir jetzt uns befinden. Durch doppelte Gardinen gebrochen, verbreitet ſie ſich darin nur als ſanfte Dämmerung, in richtigem Verhältniſſe zu den ſchmerzlichen Zuſtänden der Perſonen, welche wir da erblicken. In einem freiſtehenden Bette ohne Vorhänge liegt Paul's Mutter bewußtlos da; ihr zu Füßen ſitzt eine graue Schweſter von mittlerem Alter, feſtem Gliederbau und ruhigem, beſonnenem Weſen, den ſichern Blick aus großen, klaren, leidenſchaftsloſen Augen unverwandt auf das glühende Antlitz der Kranken gerichtet. Aber mit wie ganz anderm Blicke betrachtet dieſes von der purpurnen Flut des Fieberſturms überſtrömte und trotzdem noch ſo ſchöne Angeſicht der Mann, welcher ihr zu Häupten ſteht, ſeine gekreuzten Hände an den krampfhaft zuckenden Mund gepreßt! 118 Es iſt ein Blick voll unausſprechlicher Klage ob der Vergangenheit und zugleich der liebevollſten, zärt⸗ lichſten Angſt um die Gegenwart, ein Blick, daraus eines ganzen Daſeins Vernichtung und doch auch wie⸗ der Sehnſucht und verzeihende Hingebung ſpricht. Das hier Geſagte genügt, in dieſem Manne, deſſen hohe, edle Geſtalt ſich halb über die Kranke vorneigt, den Baron Stromfeld, ihren durch ſie ſo unglücklich ge⸗ wordenen Gatten zu erkennen.. Er iſt die Nacht zuvor in Paris angekommen und im Hotel des Princes abgeſtiegen. Da hat er durch Werner Alles erfahren, was ſich ſeit ſeinem letzten Schreiben mit Paul und mit ihr be⸗ geben, und nun iſt er mit dem treuen Freunde ſeit Tagesanbruch bei den Seinen, bei ſeinem ihm ſo theuren Sohne, bei ſeiner von ihm fünfzehn Jahre lang ge⸗ trennten, ſchuldigen und doch immer noch heißgeliebten Gattin, ohne jenen ſehen zu dürfen und ohne dieſe ſprechen, den ſüßen Ton ihrer Stimme vernehmen zu können. Erſteres unterſagte der Arzt, der ſich faſt gleichzeitig mit ihm und Werner hier eingefunden. Der Ausſpruch des Conſiliums vom vorigen Abende erklärte ein Aufkommen der Baronin für höchſt unwahr⸗ ſcheinlich, um nicht zu ſagen für unmöglich. Ihr Ner⸗ 119 venſyſtem war völlig zerrüttet ſchon in dem Augen⸗ blicke, als ſie die Nachricht von der Rettung ihres Sohnes niederſchmetterte. Ihr Gatte weiß darum. Er ſoll ihr Auge vielleicht nur noch im Momente des Brechens ſich erſchließen ſehen, dieſes Auge, das für ihn ein reiner, ſtrahlender Frühlingshimmel ge⸗ weſen. Wer wagte es, dem Schmerze dieſes Mannes Worte zu geben? Und doch liegt eine Art Wonne darin, ſich in ſolche Seelenzuſtände tief hineinzudenken und den Geiſt aus ſo geheimnißvoller Nacht des Gefühls ſiegreich mit dem befreiten Worte zurückkehren zu ſehen. Der Arzt, durch Werner ſchon vor einigen Tagen in Kenntniß vom Weſentlichſten alles Geſchehenen ge⸗ ſetzt, hat dieſem ſowie auch dem Baron ſelbſt die äußerſte Vorſicht in Betreff Paul's anempfohlen; demzufolge iſt auch Deniſen Schweigen auferlegt worden, obwohl es bei ihrem Zartgefühle nicht erſt einer ſolchen Weiſung bedurfte, um ſie verſtummen zu machen. Werner, der in einiger Entfernung vom Bette langſam, geräuſchloſen Schrittes, die Arme über der Bruſt verſchränkt, den ernſten Blick vor ſich hingerichtet, eine Weile auf und ab gegangen, nähert ſich jetzt ——————————— —— 2 120 ſeinem Freunde, der noch immer regungslos am Lager der ohne Bewußtſein hinſchmachtenden Kranken ſteht, und berührt ihn ſanft. „Stromfeld“ redet er ihn halblaut und in deutſcher Sprache an,„ergib Dich nicht ſo dem Schmerze; be⸗ kämpfe ihn männlich, gedenke Deines Sohnes, bleibe auch eingedenk Deiner ſelbſt!“ Dieſe milden Worte brachten eine der gehofften ganz entgegengeſetzte Wirkung auf den Angeredeten hervor; wie ein Nachtwandler beim Zurufe ſeines Namens erbebt und zuſammenbricht, ſo im Innerſten erſchüttert fühlte ſich plötzlich der Baron. Zum erſten Male in ſeinem Leben verließ ihn alle Beſonnenheit, zum erſten Male auch ſeit fünfzehn Jahren entſtrömten Thränen ſeinen Augen wieder, und er ſtürzte, im Aufruhr aller ſeiner Gefühle, Alles um ſich her vergeſſend, vor dem Bette in die Kniee und preßte ſein heißes, bethräntes Geſicht an die herabhängende Hand ſeiner Gattin mit dem Ausrufe: „O mein Weib, o meine Pauline!“ Hatte das der Kranken vom Arzte vor mehreren Stunden eingeflößte Opiat bereits den Endpunkt ſeiner Wirkſamkeit erreicht, oder lag in dieſem Schmerzes⸗ ſchrei ihres Gatten, in dem herzze rreißenden Tone, wo⸗ mit er ihren Namen ausrief, eine unwiderſtehliche 121 magnetiſche Gewalt— ſie erzittert am ganzen Leibe und ſchlägt die Augen auf. Die Arme! Sie iſt erwacht und hat, wenn auch nur für wenige Minuten, ihr volles Bewußtſein. Sie ſtarrt den Knieenden an; dieſer, durch ihr Er⸗ beben aus ſeinem Schmerze aufgerüttelt, erhebt das Haupt, ihre Blicke treffen ſich mit einem unausſprech⸗ lichen Ausdrucke und im nächſten Momente halten ſich die unglücklichen Gatten feſt wie für die Ewigkeit um⸗ ſchlungen. Veider Lippen glühen, beider Thränen ſtrömen in ein ander. „Verzeihung— auf daß ich— nicht in Ver⸗ zweiflung ſterbe!“ ſtammelt ſie jetzt kaum vernehmlich, indem ſie ſich in ſeinen Armen halb aufrichtet. „Alles, Alles, nur lebe, lebe, meine theure Pauline!“ Dieſe Verſicherung aus dem Munde des ſo tief durch ſie gekränkten Mannes umweht ſie wie der Hauch eines Engels und es ſinkt mit plötzlich ſich verklärendem Antlitze ihr Haupt an ſeine Bruſt. Sie iſt ohn⸗ mächtig. Dieſer ſchöne Augenblick war der letzte ihres Be⸗ wußtſeins; die darin ſo raſch wechſelnden Eindrücke von Scham, Reue, Rührung und Liebe ſollten das Werk der Zerſtörung an dieſem Körper voll idealer Herrlichkeit beſchleunigen helfen. 122 Seit dem Tode der beweinenswerthen Baronin Stromfeld, der wenige Tage nach dem ſchmerzlich⸗ freudigen Momente der Wiedervereinigung mit ihrem troſtloſen Gatten erfolgt war, ſind zwei Jahre ver⸗ floſſen, und wir ſehen zwei andere der durch ihre Lei⸗ den und Reue Geſühnten und Verklärten einſt ſo theure Leben an einander emporblühen in irdiſcher Seligkeit, zwei reine, makelloſe Herzen, eins geworden durch Liebe und gegenſeitige Verehrung, verbunden im zweifachen Segen eines Prieſters und eines in ihrem Glücke ſich wieder glücklich fühlenden Vaters. Es ſind Paul und Deniſe. Baron Stromfeld hatte noch während ſeines Aufent⸗ halts in Paris, wo er die vollſtändige Wiederherſtellung ſeines Sohnes, die ſich durch die endlich nothwendig gewordene Mittheilung vom Tode der Mutter um einige Wochen verzögerte, ſelbſt abwarten wollte, dieſe ebenſo gefühlvolle als gebildete holde Waiſe näher kennen und achten gelernt; auch war es ihm nicht ſchwer geworden, ſich von der innigen Neigung zu überzeugen, die Paul und Deniſe für einander beſeelte. Dies und die Mit⸗ theilung Werner's über den ſo ſehnlich ausgedrückten Wunſch der Verewigten, dieſes engelreine Mädchen für das Leben würdig geborgen zu wiſſen, beſtimmte ihn, Deniſe mit ſich nach Deutſchland zu nehmen und ſie 123 bis zur Rückkehr ſeines Sohnes, für den jetzt mehr denn je größere Reiſen als nöthig ſich erwieſen, in ſeiner Nähe und zwar im Hauſe einer ihm verwandten, höchſt acht⸗ baren und geiſtvollen Dame, vor welcher er kein Ge⸗ heimniß hatte, aufs anſtändigſte unterzubringen. Innerhalb dieſer zwei Jahre haben die Liebenden ihre Seelen in einer faſt ununterbrochenen Reihe von Briefen ausgetauſcht, deren Inhalt ebenſo deutlich von dem wachſenden Reichthum ihrer Ideen und Kenntniſſe als von der ſich immer ſteigernden Sehnſucht nach ihrer endlichen Vereinigung ſprach. Und dieſe Vereinigung iſt erfolgt. Baron Stromfeld, der Vater, überlebte ſie nur ein Jahr. Werner weiß ſeinen geliebten Zögling glücklich und iſt beruhigt. Elftes Kapitel. Die Familie Schmid. Eines ſchönen Sommermorgens herrſchte im Hauſe des reichen Seidenfabrikanten Schmid zu Roſtock unge⸗ wöhnliche Rührigkeit; wir ſagen ungewöhnliche, da es an einem Sonntage war, deſſen Sabbathſtille ſonſt immer mit einer gewiſſen Strenge eingehalten und von der Familie dieſes in jeder Beziehung ordnungsliebenden und darum auch allgemein geachteten Mannes in nichts geſtört wurde, um ſo weniger, als ſein Fabrikgeſchäft außerhalb dieſes ihm gehörigen, auf dem Blücher⸗ platze gelegenen anſehnlichen Hauſes ſich befand. Herr Schmid, ein ſtattlicher Mann von vierzig und einigen Jahren, freundlichem Weſen, großer Intelligenz und einer über ſeinen Beruf weit hinausreichenden 125 Bildung, hatte ſich eines ſehr glücklichen Hausſtandes zu erfreuen. Die Liebe ſeiner von ihm hochgeehrten Gattin, die zehn Jahre weniger zählte als er, wie ſeines einzigen Kindes, eines holden Mädchens von zwölf Jahren, ließ ihm keinen andern Wunſch übrig als den in Anbetracht der Hinfälligkeit alles Menſchlichen ver⸗ zeihlichen Wunſch, daß dieſes ſtille Glück eben andauern, weder durch Krankheit noch durch andere Zwiſchenfälle geſtört oder gar zerſtört werden möge. Ebenſo verzeihlich oder doch begreiflich war die bis zur Aengſtlichkeit geſteigerte liebevolle Sorge, die Herr und Frau Schmid ihrem einzigen Kinde widmeten; um ſo erklärlicher, als Minna, ſo hieß das Töchterchen, bei etwas allzu raſchem Aufwachſen, von ſehr zartem Kör⸗ per und gleichzeitig ganz außergewöhnlich regem Geiſte war, der, im Vereine mit ſchönen Anlagen, beſonders für Muſik, Befriedigung erheiſchte. Für dieſe mit ſteter Rückſichtnahme auf ihre körper⸗ liche Entwickelung zu leitende Geiſtesbefriedigung hatte Herr Schmid entſprechend Sorge getragen. Er war, vor nicht ganz einem Jahre bereits, ſo glücklich geweſen, in einer noch jugendlichen Franzöſin, Namens Claudine Arnaud, die Perſon zu finden, welcher er einestheils auf Grund einer warmen Empfehlung, anderntheils infolge ſeiner und ſeiner Gattin alsbald 126 ſelbſtgewonnenen Ueberzeugung das geiſtige und leib⸗ liche Wohl ſeines Kindes anvertrauen konnte. Die Herrn Schmid zugekommene ſehr günſtige Empfehlung dieſer Gouvernante datirte aus einer ihm befreundeten, in Hannover anſäſſigen Familie, bei welcher Claudine in gleicher Eigenſchaft ein halbes Jahr hindurch gewirkt und welche Stelle ſie nur aufgegeben hatte, weil das ihrer Leitung anvertraute Kind nach jener kurzen Friſt geſtorben war. An dem oben erwähnten ſchönen Sonntagsmorgen nun herrſchte, wie ſchon geſagt, im Schmid'ſchen Hauſe ungewöhnliche Thätigkeit. Es galt dieſe dem Empfange eines geliebten lang⸗ erſehnten Verwandten, der mehrere Jahre fern von da geweilt und vor kurzem von Paris aus ſeine Rück⸗ kehr angekündigt und dieſen Tag als den ſeines Ein⸗ treffens in Roſtock bezeichnet hatte. Man erwartete ihn zu Mittag. Zu dieſem kleinen Familienfeſte war, um jede auch noch ſo geringe Störung zu vermeiden, von ſeiten des Herrn Schmid Niemand geladen worden; Letzteres konnte und ſollte einige Tage ſpäter einmal geſchehen, dieſer Tag eben nur im engſten Kreiſe verlebt werden, da man nach ſo langem Getrenntſein ſich ja ſo viel zu ſagen hatte. 127 Die an ſich ſchon ſehr freundliche Wohnung, nicht gerade luxuriös, aber geſchmackvoll und mit allem Com⸗ fort ausgeſtattet, gewann heute noch bedeutend durch eine Fülle herrlicher, köſtlich duftender Blumen, bei deren Anordnung Fräulein Claudine ebenſo viel feinen Sinn als ihre Pflegebefohlene Freude kund gab; Minna war ganz glücklich, bei dieſem anmuthigen Geſchäfte helfen zu dürfen, beſonders bei Ausſchmückung des für den Erwarteten beſtimmten Zimmers. War derſelbe ja doch ihr Onkel, der einzige Bruder ihrer lieben Mutter, deſſen ſie ſich nur dunkel noch er⸗ innerte. Frau Schmid ihrerſeits, noch von jener vortrefflichen Art Frauen, denen das Hausweſen ſo zu ſagen heilig iſt und das ſie mit liebevoller Hingebung leiten, hatte bis zur Stunde des Mittagsmahls vollauf zu ſchaffen. In der Zwiſchenzeit, die ihr Gatte am Schreibtiſche zubrachte, war Minna mit der Gouvernante zur Kirche gegangen. Der Umſtand, daß die Familie Schmid der evange⸗ liſchen Kirche, die Gouvernante dagegen der katholiſchen angehörte, brachte in dieſer Hinſicht keinerlei Störung hervor; denn die junge Franzöſin bethätigte hierin viel Takt und Elaſticität, auch bekannte ſie offen, daß ſie von den Predigten in der proteſtantiſchen Kirche, obgleich 128 ſie der deutſchen Sprache nur wenig kundig war, ſtets erbaut werde. Es ging auf elf. Zwei Stunden ſpäter konnte der Erwartete ein⸗ treffen. Frau Schmid begab ſich, da in der Küche Alles wie am Schnürchen ging, auf ihr Zimmer, um ein wenig Toilette zu machen; denn war der Erſehnte auch ihr Bruder und war ſie auch nichts weniger als putz⸗ ſüchtig, ſo blieb der Beſuch doch immer ein männlicher und ſie blieb ein weibliches Weſen und hegte demnach den gewiß verzeihlichen Wunſch, in den Augen des geliebten Bruders, von dem ſie Jahre hindurch ge⸗ trennt geweſen, nicht um ebenſo viele Jahre älter zu erſcheinen. „Mein Gott“ ſagte ſie ſich vor ihrem Toiletten⸗ ſpiegel,„wenn mich Ernſt nicht wiedererkennen würde!“ Aber dieſen Schmerz ſollte die treffliche Frau nicht erleben; wenigſtens verſicherte ſie deſſen ihr braver Mann, als ſie in einfach geſchmackvoller Haustoilette bei ihm eintrat, um ſein Urtheil darüber zu ver⸗ nehmen. „Ei, ſieht mein Frauchen heute reizend aus!“ Damit begrüßte er ſie, indem er ſich vom Schreib⸗ tiſche raſch erhob und die noch immer holde, durch dieſe 129 Anerkennung ſichtlich angenehm berührte Frau zärtlich umarmte. „Du glaubſt alſo, lieber Auguſt“ fragte ſie lächelnd, wobei eine leichte Röthe ihre Wangen überhauchte,„daß mein Bruder mich nicht zu gealtert finden, daß er mich überhaupt wiedererkennen werde?“. „Aber, liebes Jettchen, was ſprichſt Du da!“ rief Herr Schmid mit dem Ausdrucke ungekünſtelten Eifers und Staunens, während er ſie liebevollen Blicks be⸗ trachtete.„Mein Schwager müßte ja im chemiſchen Laboratorium zu Paris ſein Augenlicht gänzlich ein⸗ gebüßt haben, falls er Dich nicht auf den erſten Blick wiederkennen ſollte; biſt Du doch in dieſen vier Jahren Zwiſchenzeit vielmehr um vier Jahre jünger als älter geworden; das muß ich wiſſen, ich!“ „Mein guter Auguſt“ entgegnete ſie mit aller In⸗ nigkeit,„ſieht aber durch die Roſabrille ſeiner freund⸗ lichen Seele.“ Die ſo herzlich verbundenen Gatten beſprachen nun, Arm in Arm das Gemach durchſchreitend, die Empfangs⸗ vorbereitungen; dann nahm nach kurzem beiderſeitigen Schweigen Herr Schmid in etwas ernſterem, doch nicht ſtrengem Tone das Wort, indem er ſagte: „Der Entſchluß Deines Bruders, in oder bei Roſtock eine Chemikalienniederlage zu etabliren und auch eine Jean Charles, Realiſten und Idealiſten. IV. 8 ——— 74 5£ ———— 130 Schönfärberei zu begründen, hat, wie ich Dir ſchon ge⸗ ſagt, meinen ganzen Beifall und, wie ich die hieſigen Verhältniſſe kenne, auch alle Ausſicht auf Beſtand, ſo⸗ gar auf ſehr günſtige Ergebniſſe, ſodaß ich meinerſeits nicht einen Augenblick anſtehe, ſein Talent und ſeine Kenntniſſe durch einen beträchtlichen Theil meines Ver⸗ mögens zu unterſtützen, will ſagen, das Geſchäft mit ihm in Compagnie zu betreiben, da es mit meinem eigenen Hand in Hand geht. Vorläufig“ fuhr er nach abermaliger Pauſe wie zu ſich ſelbſt ſprechend fort, „bis nämlich alle die nöthigen Einleitungen getroffen ſind, wird mein Schwager bei uns wohnen und kann ſich auch ſogar mittlerweile unter den Töchtern des Landes nach einer Braut umſehen; iſt er doch gerade noch in den Jahren, da einen das Freien freut, und kann ich mir auch in praktiſcher Hinſicht ein großes Geſchäfts⸗ und Hausweſen gar nicht loben ohne eine tüchtige Hausfrau. Was zum Beiſpiel wäre ich ohne meine brave Frau!“ „Mein theurer Auguſt!“ flüſterte Frau Schmid. „Iſt ja wahr“, ſprach er weiter.„Ein Mann, be⸗ ſonders ein Geſchäftsmann, ohne Frau, ohne eine liebe⸗ voll ſorgliche und tüchtige Frau iſt nur ein halber Menſch. Ernſt muß heirathen, er mag nun wollen oder nicht.“ 131 „Aber, beſter Mann, wenn er ein ſolches Weſen nicht findet?“ „Nicht findet! Man findet nur, wenn man gehörig ſucht; auch findet ſich dergleichen nicht ſelten ungeſucht; gar nicht davon zu reden, daß die Ehen im Himmel geſchloſſen werden; Ernſt wird eine brave und auch vermögende Frau bekommen.“ „Warum denn eine vermögende, Auguſt? Ich brachte Dir faſt nichts zu, und wir ſind doch glücklich.“ „Ja Du! Mädchen, wie Du geweſen, Frauen Dei⸗ ner Art wachſen heutzutage nicht wild. Auch haben ſich die Lebensverhältniſſe bedeutend geändert. Geld iſt gegenwärtig der wichtigſte Geſellſchaftsfactor.“ „Aber da Du ihm Kapitalien als Einlage zukom⸗ men läßt—“ „Willſt Du, daß Ernſt unbeweibt bleibe?“ „Nein, nur daß er gelegentlich, nach Neigung hei⸗ rathe.“ „Als ob eine ſtattliche Mitgift die Neigung unmög⸗ lich machte! Iſt ein Mädchen brav und liebenswürdig, ſo verliert es doch wahrhaftig nicht durch den Um⸗ ſtand, daß es auch Vermögen beſitzt.“ „Gewiß nicht, lieber Mann, nur trifft ſich ein ſol⸗ cher Verein eben ſelten.“ „Dein Bruder iſt auch kein gewöhnlicher Menſch, 9* 132 und Gleich und Gleich geſellt ſich gut. Uebrigens werde ich ihn nicht hofmeiſtern, er iſt Mann, iſt Herr ſeines Willens; ich meinte nur ſo.“ „Und Deine Meinung, Auguſt, iſt immer gut.“ Damit wurde dies Thema verlaſſen, und beide ſchwiegen eine Weile. Dann ſagte Herr Schmid, nur ganz leicht hin⸗ geworfen: „Du biſt, wie ich denke, noch immer gleich zufrieden mit Mademoiſelle Claudine.“ „Ja“, entgegnete ſeine Frau ruhig im Tone voller Ueberzeugtheit,„ſie läßt mir nichts zu wünſchen übrig.“ „Gar nichts, Jettchen?“ „In Bezug auf ihre Befähigung zum Unterrichte im Franzöſiſchen und in der Muſik gleichwie auf ihre Sittlichkeit und liebevolle Behandlung unſeres Kindes nicht das Mindeſte; bliebe etwas zu wünſchen, ſo—“ „Nun, ſo wäre es?“ „Das Fräulein etwas heiterer zu ſehen.“ „Siehſt Du, Jettchen, das iſt der Caſus.“ „Minna leidet aber dadurch nicht, denn dem lieben Kinde gegenüber iſt Claudine ſtets herzlich und auch viel heiterer als in unſerm Beiſein oder gar, wenn wir Geſellſchaft bei uns ſehen. Für Geſelligkeit ſcheint ſie keinen Sinn zu haben.“ 133 „Sprach ſie, Dir allein gegenüber, ſich noch immer nicht näher über ihre Familien⸗ und ſonſtigen Verhält⸗ niſſe aus?“ „Noch immer nicht; ich berühre dieſen Punkt nie und Claudine ſcheint es dankbar zu fühlen, daß ich es unterlaſſe.“ „Thuſt gut daran, mein Herz. Mein Gott, es wird eben die alte ewig neue Geſchichte von einer unglück⸗ lichen Liebe ſein!“ „Ich denke ſo. Die Arme! Früh verwaiſt, wie ſie uns ſagte, früh dem Mangel preisgegeben und früh vielleicht auch um ihre einzige Habe, nämlich um das Glück ihres Herzens betrogen, um das Vertrauen ge⸗ bracht, lebt ſie nun ſchweigſam dahin, ihrer Pflicht emſig nachkommend, wobei ſie wenigſtens Ruhe findet und Achtung.“ „Joa, ſie iſt eine ganz achtenswerthe Perſon.“ „Und wie ſchön ſie iſt!“ „Auch dies, nur daß eben ein verborgenes tief⸗ nagendes Leiden ihren an ſich ſchönen Geſichtszügen ein Etwas aufgeprägt hat, das der Schönheit Eintrag thut; ſo leidet auch ihre ſchöne Geſtalt durch die bis⸗ weilen auffallend geſenkte Haltung, beſonders wenn ſie ſich unbemerkt glaubt. Nun, wie dem ſein möge, ſie iſt ſehr religiös, ohne eben bigott zu ſein, artig ohne 134 Zudringlichkeit, ſittig und, was die Hauptſache, unſerm Kinde ſehr zugethan; dies genügt, und die gute Per⸗ ſon, bleibt ſie noch einige Jahre zu Minna's Ausbil⸗ dung bei uns, ſoll es nicht bereuen, meinem Hauſe ſich gewidmet zu haben; ich werde für ſie thun, was ich kann.“ Frau Schmid dankte für dieſe Zuſicherung ihrem Manne mit einem ſchönen Blicke und begab ſich wieder in die Küche, während Herr Schmid ſich wieder an ſeine Geſchäftsbücher machte. Bald darauf kamen Claudine und Minna aus der Kirche. Letztere begrüßte den Vater. „Nun wirſt Du Onkelchen bald ſehen“, ſagte dieſer, „und das wird eine große Freude für Dich ſein, nicht wahr?“ „Ach ja, gewiß, lieber Vater!“ Herr Schmid faßte ſie bei dieſen mehr geſeufzten als freudig betonten Worten ſchärfer ins Auge. „Ei, was haſt Du denn, Minna? Du biſt ja nicht ſo munter wie vor dem Kirchengange! Was iſt Dir?“ „Ich— ich bin traurig, Vater.“ „Und warum das, mein Kind?“ „Weil ſie geweint hat.“ 135 „Weil wer geweint hat?“ „Mademvoiſelle Claudine.“ „Hat geweint?“ „Ja, Vater, in der Kirche, zwar nur leiſe in das Buch hinein, aber ich habe es doch bemerkt, und das hat mich traurig gemacht.“ „Und jetzt, wie iſt Mademvoiſelle jetzt?“ „Wieder ſo wie gewöhnlich, ruhig, nur ſpricht ſie wenig.“ „Hat ſie während des Geſangs geweint?“ „Nein, Vater, während der Predigt.“ „Wovon handelte dieſe?“ „Der Herr Paſtor ſprach über das Gewiſſen.“ „Du kannſt mir wohl Einiges aus dieſer Rede ſagen?“ „Ich denke, lieber Vater.“ „Nun, theile mir mit, was Dir erinnerlich.“ „Der Herr Paſtor ſagte, daß die Menſchen wohl gern Muſik lernen und gute Muſik von ſchlechter zu unterſcheiden wiſſen, und daß ſelbſt nicht muſikaliſch gebildete Menſchen oft ſehr feines Gehör beſitzen und von falſchen Tönen unangenehm berührt werden, daß aber dieſelben Menſchen nicht ſelten taub bleiben für die Stimme des Gewiſſens. Und dann ſagte er, der Menſch könne ſich nicht früh genug daran gewöhnen, 136 auf jeden Mißton zu achten, der aus dem Herzen kommt, weil dieſer Mißton die warnende oder zürnende Stimme des Richters iſt, der ſein Tribunal im Men⸗ ſchenherzen hat, und daß dieſe Stimme, wenn man nicht genug auf ſie achtet, allmälig ſchwächer und dann ganz unvernehmlich wird, und daß man ſie nicht mehr hört bis zu dem Augenblicke, wo entweder der Zuruf des Todesengels ertönt oder ein furchtbarer Donner⸗ ſchlag des rächenden Geſchicks. Und bei dieſen Worten des Herrn Paſtors begann Mademoiſelle zu weinen.“ Herr Schmid hatte ſeine Tochter aufmerkſam an⸗ gehört. Er belobte ſie über ihre richtige Auffaſſung und Wiederholung des Vernommenen und ſagte dann: „Du weißt, mein gutes Kind, daß Mademoiſelle ihre Aeltern und auch ſonſt Alles, was zum Lebens⸗ glücke gehört, frühzeitig verloren hat; dabei mag ſie ſich denn auch erinnern, daß ihre Aeltern eben durch gewiſſenloſe Menſchen viel gelitten haben, und die Er⸗ innerung ſtimmt ſie traurig.“ „Ach, Vater, könnte ich doch die Gute tröſten, ich habe ſie ſo lieb!“ ſeufzte das holde Mädchen, dem Vater die Hand küſſend. „Das wird“, ſprach er gerührt,„die Zeit thun, und auch wir wollen dazu beitragen.“ Er hatte dies kaum geſagt, als ſich vom anſtoßen⸗ 437 den Corridor her Stimmen vernehmen ließen, im nächſten Augenblick ſich raſch die Thür aufthat und Hand in Hand mit Frau Schmid der Erwartete ein⸗ trat und ihn umarmte. Da war denn die Freude groß. „Nicht wahr, lieber Schwager, Deine Schweſter hat ſich verjüngt?“ rief Herr Schmid jubelnd aus. „Wenigſtens“, ſagte ſeine liebe Frau ſanft erröthend, „hat mich der Bruder ſogleich erkannt.“ Und wir unſererſeits erkennen in dem Angekomme⸗ nen einen der vier Freunde, deren Bekanntſchaft wir in Paris gemacht; es iſt unſer Chemiker Ernſt. 4 —————————————— ——— 2————— — Zwölftes Kapitel. Am Meere. Das bis zum Beginne der Mahlzeit noch übrige Stündchen ſchwand unter vielen Fragen und Antwor⸗ ten raſch dahin. Ernſt, der, wie uns erinnerlich, in ſeinem Weſen ſchlicht und ruhig war, zudem während ſeines mehr⸗ jährigen Aufenthalts in der Metropole des verfeinerten Lebens, der Gewandtheit und des Geſchmacks manche ihm früher eigene Schroffheit verloren, dagegen, ohne Beeinträchtigung ſeines echt deutſchen Charakters, an freundlicher Verkehrsweiſe gewonnen hatte, machte auf Herrn Schmid den günſtigſten Eindruck, was ſeine Gattin natürlich wahrnehmen und ſie innigſt erfreuen mußte. Kurz bevor man ſich zu Tiſche begab, erſchien auch 139 die Gouvernante, von welcher mittlerweile geſprochen worden war. Ernſt begrüßte die Eintretende in ihrer Mutter⸗ ſprache, worauf ſie, obgleich ſchüchtern und langſam, doch in wohlgeordneten Worten deutſch entgegnete, in delicater Berückſichtigung des Umſtandes, daß die Frau vom Hauſe der franzöſiſchen Sprache noch weniger kundig war als ihr Gemahl. Claudine war eine intereſſante Erſcheinung. Ihre ſchöne Geſtalt, deren nicht üppige, aber rei⸗ zende Formen eine blouſenartige, um die geſchmeidige Hüfte mittels eines Gürtels aus gepreßtem Corduan zuſammengehaltene faltenreiche Robe aus dunkelfarbigem Neſſeltuch ſehr gefällig und dabei ohne alle Koketterie drapirte, zeigte ſich zwar, wie früher geſagt worden, leiſe geſenkt, doch waren ihre Bewegungen von jener Grazie, die ſich nicht aneignen läßt, die eben angeboren ſein muß. Das Antlitz dieſer jungen Dame, deren Alter, im erſten Momente nicht gut beſtimmbar, drei bis vierund⸗ zwanzig Sommer kaum überſchritten haben mochte, wäre ſchön zu nennen geweſen, hätte nicht ein gewiſſes Etwas die Harmonie der Geſichtszüge beeinträchtigt, welches Etwas Geiſt an und für ſich oder auch ſchwer bekämpftes Seelenleiden, Kummer, Gram ſein konnte. 140 So lag auf der edel gebildeten, von dunklen Locken umrahmten Stirn ein Düſter, dem der elegiſche, um nicht zu ſagen melancholiſche Blick aus ebenſo dunklen Augen beredten Ausdruck gab, gleichſam flehend um ſchonendes Schweigen; einem Kranken ähnlich, der durch das Zimmer eilende Perſonen mit um Ruhe bit⸗ tenden Blicken verfolgt. Gleiches bekundete ſich im Tone ihrer Stimme. Sie ſprach nur halblaut und, ob nun franzöſiſch oder deutſch, zwar wohlklingend, doch wähleriſch, als überlege ſie Werth und Wirkung der Worte noch im Zuſammenfügen. Die Unterhaltung bei Tiſche, durchgehends deutſch geführt, geſtaltete ſich, Dank all den Dingen, die man ſich zu ſagen hatte, angenehm lebhaft, und ſelbſtver⸗ ſtändlich war es Ernſt, der den größten Koſtentheil daran zu tragen hatte. Herr und Frau Schmid kannten Paris nur aus Büchern und vom Hörenſagen; ſo war denn Alles, was der liebe Gaſt von der Hauptſtadt der Civiliſation mit⸗ zutheilen wußte und für gut fand— die Anweſenheit des Töchterchens zog hierin gewiſſe Schranken— von großem 3 Intereſſe für ſeine Zuhörer, Mademoiſelle Claudine nicht ausgenommen, die ſeine gleich anfangs an ſie ge⸗ richtete Frage, ob ſie in Paris geweſen, verneint hatte, 141 beifügend, daß ſie zwar von urſprünglich franzöſiſcher Familie abſtamme, aber in Genf geboren und erzogen worden ſei, von welcher Stadt auch ihr Reiſepaß aus⸗ geſtellt war. Als das Diner zu Ende war, deſſen Vortrefflichkeit von ſeiten des Gaſtes wiederholt belobende und werkthä⸗ tige Anerkennung fand, erhob ſich Frau Schmid und verließ mit Minna und der Gouvernante das Speiſe⸗ zimmer. Die Herren, nun ſich ſelbſt überlaſſen, machten ſich etwas lebhafter an den Wein, und dieſer, von beſter Rheinſorte, äußerte bald ſeine ſtandesgemäße Wirkung auf Kopf und Herz, anregend und, mäßig genoſſen, er⸗ munternd, erfreuend. Herr Schmid legte ſeinen Geſchäftsplan in Betreff ſeines Schwagers dar, und dieſer ging, wenigſtens in der Hauptſache, dankbar darauf ein. Demzufolge ſollten die nächſten Tage zu Beſuchen bei Geſchäftsfreunden und einigen andern Bekannten wie zur Ausmittelung einer dem Chemiker zuſagenden Lokalität, die noch übrigen Stunden dieſes'ſchönen Sonntags zu gemeinſchaftlichem Ausfluge nach Warne⸗ münde, dem Hafen der Stadt an der zwei Meilen ent⸗ fernten Mündung der Warnow in die Oſtſee, verwen⸗ det werden. 142 Nicht in gleichem Maße einverſtanden zeigte ſich Ernſt mit ſeines wackern Schwagers Anſpielung auf gelegentliches, ſogar möglichſt baldiges Eintreten in den Stand der Ehe. „Was man Liebe nennt“, ſagte Ernſt,„habe ich nie kennen gelernt; das heilige Gefühl für meine ver⸗ ewigte Mutter und die innige Zuneigung für Euch ausgenommen, iſt die ſogenannte, möglicherweiſe eigent⸗ liche Liebe mir eine terra incognita, eine Sage der Vorzeit geblieben, obwohl ich, da mir Dein Glück mit meiner guten Schweſter bekannt und lieb iſt, an der Wirklichkeit dieſes beſeligenden Zuſtandes nicht zweifeln kann; es ſcheint, daß ich während meiner Studien und Arbeiten die rechte Zeit dazu verſäumt und daß ich das Herz dafür nicht mehr habe.“ „Das ſcheint Dir eben nur“ erwiderte Herr Schmid lächelnd;„Dein Stündchen kann und wird ſchon noch ſchlagen. Uebrigens“, fügte er faſt in geſchäftlichem Tone hinzu,„heirathet man auch aus Vernunft, und gerade Vernunftheirathen laſſen ſich oft beſſer an als jene aus Liebe; man möchte ſagen, die eheliche Liebe ſei eine Pflanze, die, aus der freien Natur in das Treibhaus des Familienlebens übertragen, erſt da, erſt zu Hauſe recht gedeiht.“ „Aber der ſüße Duft der Naturliebe, von dem die 143 e Poeten ſo viel Schönes zn ſagen wiſſen, die Primula veris der erſten Liebe, wie iſt's damit, guter Schwager, bei der Vernunftheirath?“ bemerkte Ernſt lachend. „Höre, lieber Freund“, verſetzte Herr Schmid auch ganz munter,„die Blume, das Bouquet des Weins, wie zum Beiſpiel dieſes, den wir da trinken, duftet auch nicht übel, und ein durch Vernunftheirath gefüllter Keller davon dürfte vorzuziehen ſein einer jener klein⸗ ſten Hütten, worin ein glücklich liebend Paar Raum hat bei Waſſer und Brod. Stoß an“, rief er fröhlich aus,„auf das Wohl Deiner Zukünftigen, die höchſt wahrſcheinlich ſchon in Roſtock gegenwärtig iſt; ſie ſoll leben mit Dir!“ Ernſt ſtieß an, und beide leerten ihre Gläſer. „Ich werde“, ſagte dann der Chemiker,„meinem Schickſal ſo wenig entgehen wie irgendwer vor und nach mir; aber wehren will ich mich, ſoviel ich kann.“ Dieſem muntern Geſpräche machte das Wiederer⸗ ſcheinen der Frau Schmid ein Ende, die höchſt eigen⸗ händig den ſchwarzen Kaffee zu ſerviren kam. Auch meldete ſie, daß der Wagen bereit ſtehe. Zehn Minuten ſpäter ſaßen in Herrn Schmid's ge⸗ ſchmackvoller Equipage er zur Seite ſeiner Frau mit Minna im Fond, ihnen gegenüber Ernſt mit Made⸗ moiſelle Claudine, und raſch ging es dahin durch die 144 Straßen und Gaſſen der freundlichen Stadt ins Freie hinaus, dem herrlichen Meere zu. Dem Meere zu! Einem Bilde, deſſen Anſchauung nie ermüdet, wäh⸗ rend der Eindruck einer Landſchaft, und wäre ſie die reizendſte oder erhabenſte, ſich durch täglichen Anblick abſchwächt, ſelbſt bei allem Wechſel der Beleuchtung durch Sonne, Mond und Sterne, Sturmesdüſter und Aetherblau. Ernſt fühlte ſich ganz glücklich bei dieſem Wieder⸗ ſehen ſeines geliebten Meeres, und er lieh auch dieſer glücklichen Stimmung beredten Ausdruck. Angelangt in der fünften Stunde, wollten ſie bis zum Einbruch der Dämmerung in Warnemünde blei⸗ ben, den Aufgang des Mondes abwarten und dann nach Roſtock zurackfahren; ſo hatte man denn ein paar Stunden vor ſich, Zeit genug zu geiſtigem Genuſſe, zum Austauſche ſchöner Gedanken und Gefühle. Herr Schmid freilich, ein zwar nicht eben ſentimen⸗ taler, aber auch nicht ganz trockener Geſchäftsmann, hatte da ſeine größte Freude nicht am Meere an ſich, ſondern weil es ihm als mächtiges Verkehrsmittel er⸗ ſchien, als rieſiger Träger alles deſſen, was aus der Hand der Natur wie aus der des Fleißes, der In⸗ duſtrie hervorgeht, und ſein klares Auge ruhte mit 145 einem Blicke innigſter Befriedigung auf den zahlreichen Handelsſchiffen im Hafen wie auf der Rhede, mit berech⸗ tigtem Stolze ſogar; trug doch ſo manches dieſer Schiffe ſchon die Erzeugniſſe ſeines Fleißes und Talents. Die kleine Geſellſchaft hatte ſich gleich nach ihrer Ankunft im Hafenorte ein wenig erfriſcht und machte ſich nun auf den Weg an dem Geſtade hin, das ſich heute zwar nicht geſchäftlich lebhaft, doch durch viele Beſucher anmuthig ſtaffirt zeigte. So wandelte man eine Weile, nur eine Gruppe bil⸗ dend, gemächlich dahin. „Die Anſicht eines meiner Freunde vom Weſen des Meeres“, ſagte Ernſt,„finde ich jetzt, a ich es ſelbſt wieder vor Augen habe, nicht mehr ſo ſeltſam wie da⸗ mals in Paris, wo ſie mir nahezu barock vorkam.“ „Nun, was meinte Dein Freund?“ fragte Herr Schmid. „Dieſer, mein Freund“, fuhr erſterer lächelnd fort, „ſeines Zeichens Schriftſteller, Dichter, bekam einſt in einer aus Damen und Herren beſtehenden Abendgeſell⸗ ſchaft bei einem jeu d'esprit die Frage zu beantwor⸗ ten, was er wählen würde, wenn er wählen müßte für die ganze Dauer ſeines Lebens, welchen Aufenthalt, welche Nahrung, welches Buch, das heißt, immer den⸗ ſelben Ort, dieſelbe Nahrung, ein und daſſelbe Buch.“ Jean Charles, Realiſten und Idealiſten. IW. 10 — x 146 „Die Aufgabe iſt ſchwierig“ meinte Herr Schmid. „Aber ſehr intereſſant“, bemerkte ſeine Frau. Mademoiſelle Claudine ſchwieg. „Er löſte“, ſagte Ernſt,„dieſe ebenſo intereſſante als ſchwierige Aufgabe in ganz ſeltſamer Weiſe. Als immerwährende Nahrung wählte er ſich die Kartoffel.“ „Du ſcherzeſt, Schwager.“ „Nein. Er wollte die Kartoffel haben und moti⸗ virte ſeine Wahl damit, daß die Kartoffel die weitaus mannichfaltigſte Zubereitung möglich mache, während ſie nur mäßig nähre und alſo nicht beläſtige oder über⸗ reize.“ „Nicht übel, in der That!“ lachte Herr Schmid. „Und welches Buch?“ fragte ſeine Frau. „Die Bibel“ entgegnete Ernſt. Wie Herr Schmid mit ſeiner Frau, ging Ernſt mit Claudine Arm in Arm, während Minna eine kleine Strecke munter voranſchritt. Bei dem Worte„Bibel“ fühlte Ernſt Claudinens Arm leiſe zucken, und er blickte ſie unwillkürlich an. Claudinens Augenlider waren geſenkt, ihr Geſicht bleich. „Mademoiſelle fühlen ſich doch nicht unwohl?“ fragte er beſorgt. „Nein, mein Herr“, erwiderte ſie halblaut, wie 147 immer, indem ſie ſich in Blick und Haltung mit er⸗ ſichtlicher Anſtrengung ſammelte;„was Sie da ſagen, intereſſirt mich ſehr.“ Herr und Frau Schmid, ſchon vertraut mit dieſen zeitweiligen Erſcheinungen in Claudinens Weſen, beach⸗ teten letztere Phaſe nicht allzuſehr. „Und nun, lieber Schwager, den Aufenthalt! Wel⸗ chen wählte der drollige Kauz? Drollig nur in Be⸗ treff der Kartoffel, denn ich, ich hätte mir Rinderbraten for ever ausbedungen. Alſo welchen Aufenthalt?“ „Ein Gemach hoch oben in einem Leuchtthurm“, ſagte Ernſt. „Das paßt wirklich“, lachte erſterer,„zu Bibel und Kartoffel.“ „Und wie begründete er dieſe Wahl?“ fragte Frau Schmid. „Seltſam eben“, entgegnete ihr Bruder.„Nämlich ſo: Das Meer, anſcheinend einfach, bietet in Wahrheit die größte Mannichfaltigkeit; ſeine drei Haupterſchei⸗ nungen, Windſtille, leichtbewegte See und Sturm, thei⸗ len ſich in zahlloſe Wandlungen ab, hervorgebracht durch darauf befindliche Fahrzeuge wie an ſich ſelbſt durch Flut und Ebbe, wachſenden und fallenden Wellen⸗ ſchlag, Brandung und Hohlgang; dazu die ſo häufig wechſelnde Beleuchtung, das nie völlig gleiche Farben⸗ 10* — 148 ſpiel bei Sonnen⸗Auf⸗ und Niedergang, im Lichte des Mondes und der Sterne; endlich ſeine Stimme, die da tönt wie Sphärengeſang, wie eine Mahnung an das Jenſeits. So ſprach mein poetiſcher Freund, und die Geſellſchaft war mit ſeiner Darlegung zufrieden.“ „In Letzterem namentlich hat er Recht“ ſagte Frau Schmid mit ſchöner Wärme,„denn das Brauſen des Meeres tönt wirklich wie ein Zuruf aus dem Jenſeits, und dieſe gewaltige Stimme muß auf ein ſchuldbelaſte⸗ tes Gewiſſen entſetzlich, ja tödtlich wirken.“ Wie früher ein flüchtiges krampfhaftes Zucken, fühlte bei dieſen Worten Ernſt an ſeinem rechten Arme plötzlich eine Schwere, die ihn abermals zwang, ſeine Dame genauer ins Auge zu faſſen. Die Geſichtsbläſſe von vorher war nahezu er⸗ ſchreckend geworden. „Es iſt vorübergehend“ flüſterte ihm Claudine franzöſiſch zu;„machen Sie keine Bemerkung, ich bitte Sie, mein Herr.“ Die Gewährung dieſer Bitte erleichterte der Um⸗ ſtand, daß im ſelben Momente Herr und Frau Schmid von einer ihnen mit Minna entgegenkommenden Familie ihrer Bekanntſchaft begrüßt und in ein kurzes Geſpräch gezogen wurden, wobei natürlich auch die Vorſtellung Ernſt's wie andererſeits der Gekommenen ſtattfand. 149 Auch wirkte dieſe Unterbrechung offenbar günſtig auf das Befinden der Gouvernante, deren Ausſehen und Haltung bald wieder normal wurden, inſofern die Bezeichnung„normal“ ſich überhaupt auf ihr auch ſonſt eigenthümliches leidendes Weſen anwenden ließ. Noch mehr, ſie ſelbſt beſprach, nachdem man ſich von den Begegnenden wieder getrennt und die Prome⸗ nade fortgeſetzt hatte, dieſes für Ernſt, den mit ihrem Weſen noch nicht Vertrauten, ſo auffällige Zwiſchen⸗ ſpiel, indem ſie, in einiger Entfernung hinter Herrn und Frau Schmid weiterſchreitend, zu ihm ſagte: „Die ungewohnte ſtarke Bewegung in dieſer ſchar⸗ fen Luft verurſachte mir heftigen Blutandrang; dieſes Unwohlſein aber pflegt ebenſo ſchnell, als es eintritt, zu ſchwinden, und ich habe nichts zu beklagen, als daß ich durch ſolche Erſcheinungen meiner Umgebung läſtig falle.“ Claudine hatte dieſe Erklärung an ihren Begleiter franzöſiſch gerichtet, in welcher Sprache ſich dann auch die Unterhaltung zwiſchen ihnen noch eine Weile fort⸗ ſetzte, während welcher Ernſt halb unwillkürlich eine gewiſſe Entfernung von ſeiner Schweſter und ihrem mit Minna plaudernden Manne einhielt. „Von Läſtigwerden“, gab er ihr in herzlichſtem Tone auf ihre mit bebender Stimme geflüſterte Bemer⸗ 150 kung zur Antwort,„kann bei Menſchen, wie meine Schweſter und ihr Mann, wohl nicht die Rede ſein, und was mich betrifft, ſo nehmen Sie die Verſicherung innigſter Theilnahme hin.“ „Wie verdiene ich dieſe, mein Herr? Sie kennen mich ja nicht.“ „Doch; was dieſe meine Verwandten von Ihnen geſagt, reicht hin, Sie hochzuachten.“ „Es ſind das in der That edle Naturen; ich ver⸗ ehre ſie und liebe ihr Kind von ganzer Seele.“ „Was Sie, Mademoiſelle, für meine Nichte thun, macht Sie zu einem Gliede der Familie, und die Ach⸗ tung, die Liebe dieſer Familie mag Ihnen, wenigſtens theilweiſe, Erſatz leiſten für Verluſte und Leiden in Ihrer eigenen.“ „Sie ſind ſo überaus gütig, mein Herr— „Ich ſpreche nie anders, als ich fühle; darf ich, wie es ja bisweilen die Verhältniſſe und Umſtände gebieten, das nicht ausſprechen, was in mir vorgeht, ſo ſage ich auch nichts Anderes, ich ſchweige einfach. Und ſo ſage ich Ihnen denn“, fuhr Ernſt nach kur⸗ zem Schweigen noch mildern Tones fort,„es hat ſich durch mich die Zahl Ihrer Freunde vermehrt, und ich werde mich glücklich ſchätzen, Ihnen davon Beweiſe geben zu können.“ 151 Claudine entgegnete kein Wort, aber ihr Blick, der jetzt ſein offenes, ſeelenvolles Auge traf, ein Blick voll Rührung und Dankbarkeit, war genügende Antwort. Die Voranſchreitenden waren ſtehen geblieben und man vereinigte ſich wieder. Bald danach trat man den Rückweg zum Hafen an, wo ein kleines Mahl eingenommen wurde. Zwei Stunden ſpäter befand ſich unſere Geſellſchaft wieder in Roſtock. — —— Dreizehntes Kapitel. Freie Phantaſie. Die nächſtfolgenden Tage ſchwanden raſch dahin, ganz nach dem von Herrn Schmid entworfenen Pro⸗ gramme, mit Beſichtigung nämlich ſeines Fabrik⸗ etabliſſements, auch der Stadt ſelbſt und einiger zu Ernſt's Unternehmen ſich mehr oder weniger eignenden Lokalitäten, dazwiſchen mit Beſuchen, die freundlichſt erwidert wurden, endlich mit dem Abſchließen eines Contracts, welcher Herrn Schmid zum ſtillen Geſell⸗ ſchafter ſeines Schwagers machte und letzterem eine aus⸗ ſichtsvolle und zugleich unabhängige Stellung gab. „Ich werde“ ſagte eines Abends am Theetiſche Ernſt zu ſeiner Schweſter,„mich in meiner eigenen Wohnung ſchwer zurecht finden, denn Du haſt mir den proviſo⸗ riſchen Aufenthalt in Deinem Hauſe ſo lieb gemacht, 183 100 daß mir das Scheiden daraus nicht leicht werden kann; es wird mir immer meine ſo freundlich ausgeſtattete Stube vor Augen ſchweben—“ „Die“, fiel Minna ein,„ich und Mademoiſelle auf⸗ putzt haben.“ Ernſt ſah die ihm gegenüberſitzende Gouvernante an, die ihrerſeits verlegen niederblickte. „Und dies erfahre ich jetzt erſt?“ ſagte er, der holden Nichte die Hand reichend. „Ja“, rief das muntere Mädchen mit reizender Ko⸗ ketterie aus,„ja, Onkelchen, man hat auch ſeine Meriten, man beſitzt bon sens, man verſteht ſich auf Arran⸗ gements—“ „Beſonders franzöſiſcher Brocken“, unterbrach ſie Herr Schmid lachend. Die Kleine war nicht ſo leicht aus dem Felde zu ſchlagen. „Ei, ſieh da“, verſetzte ſie, ihr ſchönes Lockenköpfchen ſchüttelnd,„Väterchen moquirt ſich über meine Anwen⸗ dung von Fremdwörtern! Wenn der Herr Onkel mich gewürdigt hätte, in Deiner Gegenwart ein ganz fran⸗ zöſiſches Geſpräch zu führen, ſo hätte man ſich über⸗ zeugt, daß Mademvoiſelle aus der kleinen Schmid bereits eine große Franzöſin gemacht.“ Aeltern und Onkel lachten, ſelbſt die Gouvernante lächelte. 154 Eh bien, ma chère nièce, arrangez votre grand jeu de langue!“ rief Ernſt munter aus. „Commencez, mon chöère oncle, et vous allez voir—“ entgegnete Minna, und die franzöſiſche Con⸗ verſation hob an und ſetzte ſich ſo raſch und unge⸗ zwungen fort, daß die Aeltern der allerliebſten Schwätze⸗ rin, obwohl ſie das Geſprochene nur theilweiſe ver⸗ ſtanden, mit Freudenthränen in den nach ihr gerichteten Augen zuhörten und der Gouvernante die Hände reichten, während unſer Herr Onkel ſein Nichtchen zu wieder⸗ holten Malen küßte. Dann bat letzterer, wie faſt jeden Abend, Claudine, etwas zu ſpielen, und dieſe kam dem Wunſche nach, indem ſie ihrem Zögling winkte. Die Piöce, zu vier Händen, ließ an Correctheit des Vortrags nichts zu wünſchen übrig. Minna, allſeitig belobt, erhob ſich nun und nahm ihren frühern Platz am Theetiſche wieder ein, während ihre Lehrerin auf Ernſt's wiederholte Bitte ſich an⸗ ſchickte, etwas Selbſtſtändiges vorzutragen, eine Impro⸗ viſation, eigentlich in freier Phantaſie ihrem Gefühle Ausdruck zu geben. Dies geſchah nun und in einer Weiſe, daß ihre laut⸗ und regungsloſen Zuhörer bald tief ergriffen, bald erhoben, ja entzückt dem ſeelenvollen Spiele, dem 155 Wechſel von Ideen und Empfindungen lauſchten und nach dem Abſchluſſe deſſelben, einem zarten Verhauchen der Töne, noch eine Weile ſtumm blieben— der ſchönſte Beifall, der einem Künſtler werden kann. Claudine machte zwar nicht Anſpruch auf eigentliche Künſtlerſchaft oder auf Virtuoſität im leidigen modernen Sinne; das Schöne ihres Spiels, obgleich auch ihre Technik bedeutend war, lag eben in der Tiefe ihres Gefühls, in dem ſeeliſchen Ausdrucke; ihr Spiel war Geſang. Man bat ſie ſelbſtverſtändlich nicht, noch etwas vorzutragen, da eine derartige Phantaſie Alles erſchöpft. Minna und ihre Mutter küßten ſie, die Herren reichten ihr die Hände, und ſie nahm, allen mit einem ſchönen Blicke dankend, ebenfalls ihren Platz am Thee⸗ tiſche wieder ein. Ernſt ſprach ſich über das Weſen der Muſik als Mann von Geſchmack und Kenner aus und erwähnte dabei der Anſichten ſeines Freundes, des Schriftſtellers Karl, deſſelben, der nach jenem Geiſtesſpiele das Meer oder eigentlich den Leuchtthurm am Meere zum beſtändigen Aufenthalte gewählt haben würde. „Bei einer unſerer Unterhaltungen über Muſik“, fuhr Ernſt nachſinnend fort,„Ha ich dieſem meinem Freunde bemerkte, daß der Muſiker den Vortheil der —————————— 156 freien Phantaſie gegenüber dem Dichter habe, nahm er ſtatt aller Antwort ſeine Brieftaſche heraus und ſchrieb eine freie Phantaſie. „Was Du ſagſt! Wie iſt das zu verſtehen?“ fragte Herr Schmid. „Ich habe“, entgegnete Ernſt, indem er ein kleines Papierheft hervorzog,„dieſe ſeine freie Phantaſie zur Hand—“ „Und biſt ſo freundlich, ſie uns vorzutragen“ meinte ſeine Schweſter. „Ich wollte dies ſchon mehrmals“ verſetzte er;„alſo — bitte um geneigtes Gehör.“ Und Ernſt las mit Verſtändniß, Gefühl und gutem Ausdruck Folgendes: „Wer wollte nicht den Muſiker beneiden! Kann ſchmerzverfolgt zum Inſtrumente fliehen, Ausſeufzen da melodiſch ſeine Leiden, Eh' ſie zu Gram, zu tödtlichem, gediehen! Und ſo auch ſinkt in des Entzückens Stunde Er in den Nachen, darf durch's Tonmeer ziehen, Ausjubelnd ſeines innern Glückes Kunde, Eh' noch der Flammenſtrom der Wonn' ihn tödtet. Und ſo mit jenem Geiſt in ſchönem Bunde, Der hier der holden Roſe Wange röthet, Wenn ſie des Frühlings erſten Kuß genoſſen, Der dort als Nachtigall ſehnſüchtig flötet, Schwebt er dahin gleichwie von Traum umfloſſen, Von ſeiner Töne Fittigen getragen, In eine Welt, die ihm allein erſchloſſen. 157 Nur ihm? Wie, darf's nicht auch der Dichter wagen, Ans Inſtrument der Seele ſich zu ſetzen Und ſeiner Stimmung Grundton anzuſchlagen, In freier Phantaſie ihn zu umnetzen? Ich rüſtete bereits, ein kühner Rheder, Und oftmals zu des Krämergeiſt's Entſetzen, 1 So manch Ideeenſchiff; denn was ein Jeder Vermag, erfreut mich nicht; ſo ſetzt' ich eben Zu meinem Inſtrumente mich, zur Feder; Will abſichtslos der Stimmung Worte geben, Ganz frei die Phantaſie mir walten laſſen Und über mir, vom Geiſt getragen, ſchweben. Den Zauber fühl' ich leiſe mich erfaſſen, Melodiſch wallt er durch des Verſes Schranken; So zieht der Mond entlang die Sternenſtraßen; Es wehen um die Schläfe mir Gedanken Als niegeſeh'ne Blumen; eine Biene Schwärmt honigſuchend durch die bunten Ranken Die emſige, ſanft ſchwebende Terzine. 1 O Luſt, die nicht mit Worten zu ermeſſen, Zu träumen ſo, entbunden faſt der Sinne, In holdem Wahnſinn ſeiner zu vergeſſen! Hinſchwimmend auf des Wohlklangs klaren Wellen, Die mir die heiße Bruſt erquickend näſſen, Schau' ich den Himmel nur, den reinen, hellen, Und denke nicht ans Land der falſchen Töne, Nur Aether laß ich meine Pulſe ſchwellen. O dolce far niente der Kamöne! Sich zwecklos ſo zu ſchaukeln auf der Skale, Der ſonnigen, geſtützt allein aufs Schöne; Zu ſchweben alſo über'm Erdenthale, Aus Zeitlichem ins Ewige zu gleiten, Aus Wirklichkeit ins Reich der Ideale, Ins endloſe Geſetz aus dem der Zeiten! 158 1 Nur Harmonie iſt menſchenwürd'ges Leben, Der Töne Löſung, die ſich hier beſtreiten, Und ſie mit Melodieen zu durchweben, Erblüht die Kunſt. Ich folge deinen Schritten, Du Geiſt des Einklangs! Meines Daſeins Streben Sei, ſchön zu künden, was ich trüb erlitten. Erlitten? Nein, nur träumeriſch erfahren, Dem Widerſpruche wachend abgeſtritten. Wahr iſt, mein junges Herz kam früh zu Jahren, Dem Schmerz hat manche Freude wohl geglichen; Ich könnte düſtre Wahrheit offenbaren, Im Buche der Empfindung ſchon geſtrichen; Ich könnte ew'ge Augenblicke nennen, Und Ewigkeiten, augenblicks verblichen; Ich könnte wie der Phönix mich verbrennen In meinen koſtbaren Erinnerungen, Vom Leben wär' ich dennoch nicht zu trennen, Es ſpräche ſelbſt für mich mit tauſend Zungen; Doch nennen will ich alles dies nicht Leiden, Nur Lieder, die mein Lebensgeiſt geſungen, Daran des Mannes Herz ſich möge weiden. So lauſch' ich jetzt, Erinn'rung, deiner Lieder Und ſcheine mir, ſo ſinnend, zu beneiden; Denn Veilchen duften rings und ſüßer Flieder, Im neuergrünten Dornenſtrauch voll Roſen Ertönt des Sproſſers Sang von Liebe wieder, Daß ſelbſt auf Thränenweiden Vöglein koſen Und Fiſchchen lüſtern blicken aus den Wellen, Deu blumenküſſenden und feſſelloſen; Die Sonne von der erſten Liebe hellen, Nur allzu ſchnellen Paradieſesſtunden Geht wieder auf, den Buſen fühl' ich ſchwellen, Wie in der erſten Mondnacht ich empfunden, 159 Da ich von Liebe ſprach zum erſten Male, Entzückensperlen ſich dem Aug' entwunden; Am Erlenbache ſeh' ich mich im Thale Einſam mit ihr hinwallend durch die Bäume, Verkläret von des Himmelsauges Strahle, Ich träume neu den erſten meiner Träume, Worin noch Geiſt und Herz, die Fitt'ge paarend, Die Zeit kühn überflügeln und die Räume, Das Leben anpocht, hold ſich offenbarend, Am glüh'nden Buſen, drin es wonnig zittert, In ſich die Welt und um ſich nichts gewahrend. O ſüßer Traum von Glück, durch nichts verbittert! Durch nichts? Durch nichts. Was will der Jammer ſagen, Als bald darauf im Thal' es ungewittert, Die Erde ſtürzte hin, vom Blitz erſchlagen, Der Sproſſer ſchwieg, anhielt erſchreckt die Welle, Und in die Sterne flogen meine Klagen! Es fließt kein ew'ges Glück aus ird'ſcher Quelle, Die Erde iſt die Heimat nicht der Dauer, Der Schmerz liegt an der Freude Blütenſchwelle, Und mit der Wonne ſchlürft ſich ein die Trauer.“ Dem Vortrage Ernſt's folgte eine kurze Pauſe, während welcher er flüchtige Rundſchau über die Mie⸗ nen ſeines kleinen Auditoriums hielt und die lohnende Wahrnehmung machte, daß Jedes nach eigener Art die Wirkung des Vorgetragenen im Geſichte abſpiegelte. Der Ausdruck in dem ſeines Schwagers, deſſen Bildung, wie früher ſchon geſagt worden, weit über ſeinen Beruf hinausreichte, war der einer ſoliden Be⸗ friedigung, eines männlichen Wohlgefallens, das er 1 1 160 dann auch ausſprach; das Antlitz ſeiner Schweſter ver⸗ klärte eine milde, elegiſche Seelenausſtrahlung; Minna, das verſtändige Mädchen, blickte wie ſtolz um ſich, wahr⸗ ſcheinlich, weil man ſie wie eine Große behandelt, näm⸗ lich gewürdigt hatte, der Vorleſung beiwohnen zu dürfen. Und Claudine? Es wäre ſchwer, die Abſpiegelung der Vorgänge in ihrem Innern auf dem ſchönen blaſſen Antlitze mit Worten zu bezeichnen, denn dieſes Spiegelbild, das ſich während des Leſens bei jeder Wendung des Gedanken⸗ zugs verändert hatte, zeigte ſich nun nach dem Schluſſe verſchleiert, das Auge geſenkt, die Nachwirkung durch die Kraft des Willens, der Selbſtbeherrſchung undeut⸗ lich, wie in einem nachgedunkelten Portraitgemälde. „Dein poetiſcher Freund“, ſagte Herr Schmid,„hat ſich da gut aus der Affaire gezogen; es wechſeln in dieſer Rhapſodie wirklich wie in einer muſikaliſchen Improviſation oder Phantaſie Gedanken und Empfin⸗ dungen, ohne alle gewaltſame Fügung, ſo recht eins aus dem andern ſich entwickelnd.“ „Ich bin“, entgegnete Ernſt,„wie Du weißt, nicht gerade ſehr romantiſcher Complexion oder poetiſcher Natur; dieſes Stück freier Poeſie aber iſt mir, auch abgeſehen davon, daß es mein Freund hervorgebracht, überaus lieb und werth.“ 161 „Und mir“ ſagte ſeine Schweſter, ihm die Hand reichend,„würdeſt Du große Freude machen, wenn ich eine Abſchrift bekäme.“ „Ich empfehle hierzu Onkelchen meine Handſchrift“, erklärte Minna. „Hier haſt Du das Original“, ſagte Ernſt, ihr das Manuſcript reichend. „Und, Mademoiſelle“, fragte er dann, an Claudine ſich wendend,„wie finden Sie dieſe freie Dichtung?“ Die junge Dame hatte im Gefühle der Nothwendig⸗ keit, auch darüber ſprechen zu müſſen, ſich mittlerweile wenigſtens ſo weit geſammelt, daß ſie den Blick er⸗ heben und ſcheinbar ruhig antworten konnte. „Was ich davon verſtand“ ſprach ſie zögernd,„hat mich nur bedauern laſſen, daß meine oberflächliche Kennt⸗ niß der deutſchen Sprache mich verhindert, das Ganze zu verſtehen und ſeinem Werthe nach zu würdigen.“ „Wenn Sie“ entgegnete Ernſt,„mir geſtatten, dieſes Stück deutſcher Poeſie in franzöſiſche Proſa zu über⸗ tragen, denn Verſe kann ich nicht machen, ſo verbinden Sie mich dadurch ſehr angenehm.“ „Ich bitte Sie darum“ ſagte Claudine ſich verneigend. „Iſt der Verfaſſer dieſes Gedichts“, fragte Herr Schmid,„außerdem daß er Poet iſt, auch noch etwas Anderes?“ Jean Charles, Realiſten und Idealiſten. IV. 11 162 „Ein braver, herzensguter Menſch, ſonſt nichts“, verſetzte Ernſt. „Beſitzt vielleicht Privatvermögen?“ fragte jener weiter. Ernſt lachte. „Einen Rock und einen Gott“ ſagte er. „Aber, lieber Schwager, wenn ſo ein armer Teufel krank wird—“ „So bringt man ihn ins Spital.“ „Das iſt eine ſehr traurige Exiſtenz—“ „Von der ſich unſere geſchäftsmänniſche Philoſophie freilich nichts träumen läßt, die ich aber trotzdem nicht als traurig bezeichnen möchte.“ „Nicht traurig? Von Nektar und Ambroſia kann man nicht vierundzwanzig Stunden leben, nicht eine Minute lang.“ „O er ißt und trinkt wie wir, nur nicht ſo gut!“ „Wie alt iſt er?“ „Etwa in meinen Jahren.“ „Natürlich unverheirathet?“ „Zufällig weiß ich es nicht einmal, wohl aber, daß er ſchon verehelicht geweſen.“ „Wo hält er ſich jetzt auf?“ „Seinem letzten Briefe nach, den ich noch in Paris erhielt, war er in Dresden.“ 163 „Ich möchte den Mann wohl perſönlich kennen lernen“, ſagte Frau Schmid. „Das kann geſchehen“, erwiderte Ernſt,„denn er reiſt gern, und für ſein Inſtrument wie für ſein Ge⸗ päck braucht er nicht Ueberfracht zu zahlen; möglich, daß er mich beſucht; meinen jetzigen Aufenthalt weiß er, und ich ſehe bald einem Schreiben von ihm ent⸗ gegen. Kommt er, ſo dürfte dies in Begleitung meines zweiten Freundes, der auch der ſeinige, eines deutſchen Malers ſein, von dem Ihr, meine Lieben, Euch por⸗ trätiren laſſen könnt.“ „Deine Freunde“, ſagte Herr Schmid,„werden auch die unſerigen ſein; mein Haus ſteht ihnen offen, be⸗ ſonders dem Poeten; ich bringe den armen Teufel gar nicht aus dem Kopfe.“ „Mach' ihn zu Deinem Spinnmeiſter!“ lachte Ernſt heraus. „Das würde ein ſchönes Geſpinnſt geben“ verſetzte ſein Schwager gleichfalls lachend;„der brächte mir durch ſeine lyriſchen Sprünge alle Rädchen und Spin⸗ deln zum Tanzen! Nein“, fügte der biedere Mann ruhig hinzu,„er ſoll ſein und bleiben, wie und was er iſt, frei oder unfrei phantaſiren in meinem Garten oder am Meeresſtrande, und kann bleiben mein Haus⸗ freund, ſo lange es ihm gefällt.“ 11* 164 Frau Schmid drückte dem alſo Sprechenden ge⸗ rührt die Hand. Ernſt küßte ihn dafür. Minna aber rief ſtrahlenden Blicks aus:„Onkel⸗ chen, ſieh zu, daß der Herr ſo bald wie möglich kommt, denn ich möchte gar zu gern einmal einen Dichter ſehen! Wie ſieht denn eigentlich ein Dichter aus?“ „Ganz ſo wie andere Menſchen, nur ganz anders, liebe Minna“ verſetzte Ernſt lachend. „Da, beſtes Onkelchen, weiß ich ſo viel wie zuvor; ganz ſo wie Andere und doch ganz anders! Was ſoll denn das heißen?“ ſchmollte ſie. „Was das heißen ſoll? Mein Nichtchen würde mich nicht verſtehen, da ich es kaum verſtehe. Aber ver⸗ ſuchen will ich die Erklärung. Stelle Dir alſo einen Menſchen vor, der zunächſt ausſieht wie faſt alle Men⸗ ſchen, aber nicht zu aller Zeit. Jetzt zum Beiſpiel ſchreitet er einher wie einer, der die Welt erobern zu können glaubt, oder gar wie einer, der ſie ſchon erobert hat, und im Handumdrehen geht er gebückt, als trage er eine gewaltige Laſt, heftet den Blick an den Boden, als zähle er die Steine, und richtet ihn im nächſten Momente wieder himmelwärts, als müßte er mit dem Blicke zugleich durch alle Wolken in Sonne, Mond oder Sterne fahren. Er lacht oft, wo Andere weinen, zum 165 Beiſpiel bei Leichenbegängniſſen, und er weint nicht ſelten, wenn Andere voll Jubel ſind, zum Beiſpiel bei Hochzeiten.“ „Aber, Onkelchen“, unterbrach ihn Minna halb außer ſich,„da iſt ja ein Dichter ein verrückter Menſch!“ Alle lachten, mit Ausnahme der Gouvernante. „Nicht ſowohl verrückt als entrückt“ entgegnete Ernſt und ſetzte nach kurzem Schweigen hinzu:„Der Dichter, liebes Kind, iſt, wie ich ſchon ſagte, allen Menſchen in Allem gleich und doch wieder in Allem entgegen; er erwirbt ſich wie andere Geld, hat aber keinen Sinn dafür, der Gedanke an Geld fällt ihm erſt ein, wenn es ihm daran fehlt; er blickt gern auf Sammt und Seide und koſtbares Geſchmeide, kleidet ſich aber ſelbſt ſehr einfach, auch wenn er ſich reich kleiden könnte; er liebt die Menſchen, ſelbſt diejenigen, welche ihm weh⸗ thun, und ſucht ſie zu belehren durch den Ausdruck ſeines Geiſtes, zu veredeln durch ſein an den Him⸗ mel mahnendes Gefühl und ſtrebt ihnen Freude zu be⸗ reiten durch ſeine ſchönen Lieder, dieſe Gottesgabe, die er verſchwenderiſch mit ihnen theilt.“ Minna ſprang hier auf und fiel ihrem Onkel um den Hals. „Danke“, ſtammelte ſie;„jetzt weiß ich, was ein Dichter iſt!“ 166 Herr Schmid reichte ihm mit thränenfeuchten Augen die Hand. „Und Sie, mein Herr“ ſagte Claudine,„Sie nannten ſich einen Proſaiker!“ Ernſt küßte ſeine Nichte und entgegnete, ſich zu letzterer wendend: „Eigentlich proſaiſch war und bin ich nicht, proſaiſch iſt ſelbſt mein Beruf, meine Wiſſenſchaft, die Chemie nicht; denn in der Chemie ruht, als in einem noch bei weitem nicht erforſchten Grunde, eine unermeßliche Fülle von Poeſie, obgleich die Männer der exacten Wiſſen⸗ ſchaft dieſen Schatz nicht ſo nennen wollen; und ich ſage Ihnen, wie weit auch die Wege der Wiſſenſchaft und der Poeſie auseinander zu liegen ſcheinen, die darauf Wandelnden begegnen ſich immer und überall.“ Vierzehntes Kapitel. Gewiſſe Verſtimmung. ———— Innerhalb des kurzen Zeitraums von vierzehn Tagen, welche unſer Freund Chemiker noch im Hauſe ſeines Schwagers zubrachte, trafen die beiden Herren alle nöthigen, auf ihr gemeinſchaftliches Unternehmen bezüglichen Einleitungen und Einrichtungen, ſodaß Ernſt nach Ablauf der genannten Friſt ſeine eigene Wohnung beziehen konnte. Am Vorabende des Tages, an welchem dieſes kleine Familienereigniß ſtattfinden ſollte, hatte, wie be⸗ reits an manchem ſchönen Abende der letzten Tage⸗ Frau Schmid den Thee in ihrem freundlichen Haus⸗ garten angeordnet und hatten ſich zu dieſem Zwecke Minna und die Gouvernante ſchon vor einer Stunde hinabbegeben. 168 Man erwartete nur noch Ernſt's Nachhauſekunft. Herr Schmid, der nie gern Müßige, ſaß noch am Schreibtiſch. „Ich denke, lieber Auguſt,“ ſagte ſeine Frau, indem ſie ſich von ihrem Arbeitstiſchchen am Fenſter erhob, „wir gehen nun auch in den Garten hinab, der Bruder wird wohl bald da ſein.“ Herr Schmid ſchob ſeine Papiere zurück, ſtand auf und ſchritt, die Arme über der Bruſt verſchränkt, den Blick zu Boden gerichtet, ein paarmal im Zimmer auf und ab, ohne ein Wort zu ſprechen. Frau Schmid ließ ihn eine Weile gewähren; ihre Miene jedoch verrieth weit mehr Beſorgniß als Neu⸗ gierde, als ſie ihn ſo betrachtete. Uebrigens war ihr ſchon mehrmals in den letzten Tagen dieſes zerſtreute oder nachdenkliche Weſen an ihrem Manne aufgefallen und ſie hatte ſich vorge⸗ nommen, gelegentlich darüber eine Frage an ihn zu richten. Dieſe Gelegenheit war nun da, ſie befanden ſich allein. Sie näherte ſich ihm mit beinahe mädchenhafter Schüchternheit, legte ſanft ihre Rechte auf ſeine Schulter und ſprach in dem ihr eigenen milden Tone echter Weiblichkeit: „Auguſt, Du machſt mich beſorgt um Dich.“ 169 Herr Schmid blieb ſtehen. „Beſorgt? Warum, Jettchen?“ fragte er, ſie liebe⸗ voll anblickend, wenngleich nicht ohne eine gewiſſe Un⸗ ruhe in ſeiner ganzen Haltung. „Du ſcheinſt mir ſchon einige Tage verſtimmt.“ „Geſchäftsſachen ſind es nicht, die mich verſtimmten.“ „Neugierde— Du kennſt mich— iſt mir fremd, und doch bitte ich Dich, wenn es ſein kann, mir den Grund Deiner Verſtimmung zu nennen.“ „Du ſollteſt dieſen Grund wiſſen, meinte ich.“ „Ich weiß ihn nicht, Auguſt.“ „Dann fehlt der Grund, und ich habe mich einfach getäuſcht.“ „Worin getäuſcht?“ „In— in Deinem Bruder.“ „In meinem Bruder?“ „Ja, Kind. Iſt Dir in letzter Zeit an Ernſt nichts aufgefallen?“ Dieſe Frage, von einem durchdringenden Blicke, machte die gute Frau ſtutzen. „Du meinſt doch nicht“ entgegnete ſie zögernd,„daß Ernſt—“ „Daß Ernſt“, unterbrach er ſie ſchwer athmend, „allen Ernſtes ſich in die Gouvernante verliebt hat; ja, Frau, das meine ich.“ 170 „Und dies verſtimmt Dich?“ „Wie ſollte es nicht!“ „Freilich— allerdings—“ „Es iſt Dir alſo dieſe Veränderung in ſeinem Weſen auch nicht entgangen, und doch ſchwiegſt Du darüber.“ „Konnte ich mich nicht getäuſcht haben? Können wir beide uns nicht hierin täuſchen?“ „Weder Du noch ich. Es verhält ſich ſo. Daran zu zweifeln wäre Thorheit, ſowie es ſeinerſeits die größte Thorheit iſt, in die er verfallen konnte.“ „Wenn es ſich ſo verhält, Auguſt, ſo bin ich doch feſt überzeugt, daß mein Bruder noch keine Silbe von ſeiner Neigung zu ihr geſprochen.“ „Du nimmſt dies an— warum?“ „Eben weil er ſich im Benehmen, im Weſen ver⸗ ändert hat und ſie nicht; Ernſt iſt nur das geworden, was Claudine immer ſchon war, träumeriſch.“ „Ich hätte nicht übel Luſt, ihm den Kopf zurecht zu ſetzen, trotzdem oder vielmehr, weil er mein Schwa⸗ ger iſt. „Nur iſt er auch Mann, lieber Auguſt—“ „Man kann, man ſoll auch einem Manne die Wahr⸗ heit ſagen, wenn man ſein Freund und wenn er nahe daran iſt, einen dummen Streich zu begehen. Du 1 blickſt mich erſtaunt fragend an. Nun, wäre das nicht ein dummer Streich, wenn er— wenn— ach, ich mag es gar nicht ſagen!“ „Wenn er ihr ſeine Hand anböte, meinſt Du?“ „Ja, das meine ich. Wenn er ſich ſo ſeine ganze Carrière verſchlüge.“ „Was hätte dieſe Heirath mit ſeiner Carrière zu thun?“ „Wenn Ernſt heirathet, und er kann es und ſoll es, und ich ſelbſt bin dafür, wie Du weißt, wenn er alſo heirathet, ſo ſoll er eine gute Partie machen und nicht in den Eheſtand hineinſpringen aus freier Phantaſie.“ Frau Schmid entgegnete nichts hierauf, denn ſie kannte ihren Mann, der wie ſie wußte, bei aller Her⸗ zensgüte, Uneigennützigkeit und Selbſtverleugnung doch in gewiſſen Dingen, beſonders ſolchen, die ins Geſchäft⸗ liche hineinragten, unerſchütterlich feſte Grundſätze hatte, und ſie achtete, wie jede brave und wahrhaft gebildete Frau ſoll, den Stand, das Geſchäft, den Beruf ihres Gatten. Dieſer Achtung von ſeiten ſeiner Frau gewiß, um deren willen er ſie aufs innigſte liebte, fuhr er denn nach kurzem Schweigen im ſelben Tone herzlichſten Verdruſſes, freundſchaftlichſten Aergers fort, indem er, 172 einmal über dieſen Gegenſtand zum Sprechen gebracht, ſich mit einer Art Leidenſchaft in denſelben hinein⸗ redete. „Mademoiſelle Claudine“, ſagte er,„iſt nicht nur keine paſſende Partie für meinen Schwager, ſie paßt auch für keinen andern Mann, das fühlſt Du, Jettchen, ſo gut wie ich; denn wie vortreffliche Eigenſchaften ſie auch hat als Erzieherin, zur Frau iſt ſie nicht ge⸗ ſchaffen, mich wenigſtens könnte ein Weſen wie das ihrige nur ſtören und unglücklich machen. Du ſiehſt, daß ich auch ſein Herzensglück dabei in Anſchlag bringe, nicht blos den Geldpunkt, der übrigens heutzutage gar ſehr ins Auge gefaßt ſein will. Ernſt, ein ebenſo ſtattlicher als gebildeter und geſchäftstüchtiger Mann, würde unter den Töchtern des Landes, ſelbſt aus den angeſehenſten Familien, ſo zu ſagen nur wählen dürfen;z und nun— es iſt mir ein Räthſel, es iſt, als wäre ein Liebestrank dabei im Spiele— nun verliebt er ſich, er, der ſcheinbar geborene Hageſtolz, im Handum⸗ drehen in eine zwar ſehr achtenswerthe und, wenn man will, ſchöne, aber wildfremde, geheimnißumhüllte und mehr zu einer barmherzigen Schweſter als zu einer Ehefrau ſich eignende Perſon; das— das— nimm mir's nicht übel, Jettchen, das ärgert mich von Deinem Bruder ganz gewaltig. Und ſprechen mit ihm darüber? —————————————— ———— 173 Das wäre, wie immer bei Liebenden, Oel ins Feuer. Bei ihm mehr als bei andern jungen Männern, eben weil er ſchon über das Jünglingsweſen hinaus iſt. Ich kenne mein Geſchlecht. Ein Mann von Deines Bruders Weſen und ſeinen Jahren, faßt er endlich Neigung zum Weibe, ſo liebt er bis zur Schwäche oder bis zur Raſerei; will ſagen, im erſtern Falle heirathet er die Geliebte, wer ſie auch immer ſei, wenn ſie nur einſtimmt, im entgegengeſetzten Falle, wenn ſie ſeine Gattin nicht werden will, zündet er womöglich eine Stadt an allen vier Ecken an oder ſpedirt ſich eigen⸗ händig ins Jenſeits.“ „Doch, lieber Auguſt“ wagte Frau Schmid hier zu bemerken,„doch dürfte ein Wort von Dir zu Ernſt hierüber gerathen ſein; es iſt vielleicht noch Zeit, ihn andern Sinnes zu machen.“ „Und wenn er auf mein Wort nicht hört?“ „Er achtet Dich hoch.“ „Ein Verliebter hochachten den, der ihm ſagt, daß er ein Narr iſt!“ „Das wirſt Du ihm nicht ſagen.“ „So gerade heraus freilich nicht, das Reſultat aber wird daſſelbe ſein. Doch genug für jetzt, ich höre ihn kommen.“ Es war in der That Ernſt, der im nächſten Augen⸗ blick eintrat. ——— ℳ — — 174 Herr und Frau Schmid ſahen ihn und ſofort ſich ſelbſt erſtaunt an. War das noch der Träumer von wenigen Stunden zuvor? Sein Antlitz zeigte ſich geklärt, aus ſeinen Augen ſtrahlte Freude, der Ton ſeiner Stimme, indem er guten Abend bot, war frei und wohlklingend wie am Tage ſeiner Ankunft. Frau Schmid hatte ſich, um ihren Mann mit ihm allein zu laſſen, ſogleich in den Garten hinabbegeben wollen, blieb jedoch, durch dieſe ſo plötzliche wie erfreu⸗ liche Veränderung im Weſen ihres geliebten Bruders überraſcht und gebannt. „Denkt Euch“, rief dieſer leuchtenden Blicks aus, „mein Freund trifft ſchon in wenigen Tagen hier ein und wird einige Wochen da zubringen.“ „Der Schriftſteller?“ fragte Herr Schmid, ihn noch immer ganz verwundert betrachtend. „Ja, Karl“ entgegnete erſterer.„Ich fand dieſen ſeinen Brief an mich poste restante vor. Wie mich das glücklich macht!“ „Nun, er ſoll auch mir willkommen ſein“ ſagte ſein Schwager;„er kann bei mir oder bei Dir wohnen.“ „Das nicht, lieber Schwager, obgleich er uns beſuchen wird.“ 175 „Und warum nicht?“ „Er reiſt in Geſellſchaft eines Barons Paul von Stromfeld und deſſen Gattin nicht unmittelbar hierher, ſondern nach dem allerdings ganz nahen Dobberan, wo letztere das Seebad gebrauchen wollen. Seinem Briefe nach können ſie ſchon übermorgen daſelbſt ein⸗ treffen.“ „Und der Maler, wie iſt's mit dem?“ „Der bleibt noch einige Zeit in Dresden.“ „Deines pvetiſchen Freundes Ankunft freut Dich alſo ſehr?“ „Innigſt.“ „Auch mich“ ſagte Frau Schmid, ihrem Bruder die Hand reichend.„Kommt bald hinab zum Thee“, fügte ſie, mit ihrem Manne einen Blick der Verſtändigung wechſelnd, ſanft hinzu und entfernte ſich. Ein flüchtiges Roth zog bei dieſen Worten über Ernſt's Antlitz. Herrn Schmid entging dies nicht. „Bleiben wir noch einen Augenblick“, ſagte er. Ernſt ſchien nun auch ſeinerſeits zu bemerken, daß ſein Schwager etwas auf dem Herzen habe. „Wie es Dir genehm iſt“, antwortete er ziemlich befangen. „Was Du uns von dieſem Deinem Freunde mit⸗ 176 getheilt“, nahm Herr Schmid nach kurzem beiderſeitigen Schweigen das Wort, indem er mit Ernſt im Zimmer auf und ab ging,„hat mein Intereſſe für ihn erregt, und ich freue mich in der That, ihn perſönlich kennen zu lernen; noch mehr aber freut mich ſein Kommen um Deinetwillen, lieber Schwager.“ Die ſcharfe Betonung der Worte„um Deinetwillen“ machte Ernſt ſtutzig, beſſer geſagt verlegen. „Ja, Deinetwegen“, fuhr erſterer nicht eben ſtren⸗ gen, doch eindringlichen Tons fort,„denn der Umſtand, daß ſchon die Nachricht ſeiner Ankunft Dich ſo er⸗ friſchte, wie ich mit Vergnügen gewahre, läßt mich hoffen, daß infolge ſeines Aufenthalts und Verkehrs mit Dir Deine frühere ſo offene Stimmung wieder Platz greifen werde.“ Ernſt fühlte ſich getroffen. Den Blick ſenkend, erwiderte er kaum vernehmlich: „Ich habe mich alſo ſehr verändert?“ „So ſehr, daß Du kaum mehr zu erkennen biſt.“ „Nach ſo wenigen Tagen?“ „Ja, nach ſo wenigen Tagen. In ſolcher Stim⸗ mung ein großes Geſchäft zu beginnen, ins eigentliche Leben zu treten, mit praktiſchen Leuten zu verkehren, Geld, Natur⸗ und Kunſtprodukte zweckmäßig zu be⸗ handeln, iſt eine Unmöglichkeit. Nun, dieſe Stimmung, 177 eigentlich Verſtimmung, ſcheint, Gott ſei Dank, ober⸗ flächlicher, als ich gefürchtet.“ Bei letzterer Bemerkung hielt Herr Schmid im Gehen an, ergriff Ernſt's Hand und fügte mit Wärme hinzu: „Wie ſehr wir Dich achten und lieben, weißt Du, Schwager; Dein Glück wird das unſerige nur erhöhen, wie wir zu Deinem Glücke beitragen wollen, was wir vermögen; alles Andere überlaſſen Deine gute Schweſter und ich Dir ſelbſt, Deinem geſunden Menſchenverſtande, Deinem gebildeten Geiſte, Deiner Weltkenntniß. Damit für heute, ich hoffe ſogar für immer, über dieſe mo⸗ mentane Verſtimmung genug! Und nun wollen wir zum Thee.“ Ernſt umarmte ſeinen Schwager und hielt ihn eine Weile ſchweigend umſchlungen. „Du ſollſt mit mir zufrieden ſein!“ ſprach er dann halblaut und folgte ihm hinab in den Garten. Jean Charles, Realiften und Idealiſten. IV. Fünfzehntes Kopitel. Gefühlsſtudien. Ein Gemüthszuſtand wie der, in welchem Ernſt die letztere Zeit über ſich befunden hatte, gleicht dem Somnambulismus. Ob nun durch den Magnetiſeur oder durch die Natur ſelbſt in Wachſchlaf verſetzt, ſpricht oder wandelt der Somnambule in dieſem ſogenannten Schlafe, der eigentlich erhöhtes, nach innen wirken⸗ des Wachen iſt, mit erſtaunenerregender Klarheit und Sicherheit über vorgelegte Fragen wie über Dächer, ohne zu irren, ohne ſchwindlig zu werden, aber nur ſo lange klar und ſicher, als ihn kein ſcharfer Gegen⸗ ſtrich trifft und aufrüttelt oder er nicht den Zuruf ſeines Namens vernimmt; bei erſterem ſchrickt er empor, bei letzterem bricht er zuſammen und ſtürzt in die Tiefe. 179 Ernſt erfuhr das Erſtere an ſich; der ſcharfe Gegen⸗ ſtrich— denn ſeines Schwagers Wort an ihn war ein ſolcher— hatte ihn mit einem Male dem Wachſchlaf entriſſen und zur Beſinnung gebracht. Die letzte Nacht in Schmid's Hauſe wurde für Ernſt eine ſchlafloſe. Er hatte noch vor dem Thee, bei welchem man ſich mit Ausnahme der muntern Minna ziemlich ſchweigſam verhielt, ſeinem Schwager zugeſagt, daß dieſer Urſache haben ſolle, mit ihm zufrieden zu ſein, und nun war ihm, hingeſtreckt auf ſein vom Schlummer geflohenes Lager, genügende Muße geboten, über ſich, über die Möglichkeit der zugeſicherten Zufriedenſtellung nachzu⸗ denken. „Du haſt dich alſo verändert“, ſagte er ſich,„und deine Verwandten haben dieſe Veränderung bemerkt. Mußte dieſe Wandlung deines Weſens“— fuhr er in ſolcher Selbſtſchau ſich und Alles um ihn her prüfend fort—„nicht auch ihr auffallen? Es iſt wahr, du haſt an Claudine nicht ein Wort gerichtet, das ihr dein Seelengeheimniß hätte enthüllen können, aber bedarf es denn hierbei immer nur des Wortes? Reicht nicht ein Blick, ein plötzliches Stocken des Athems hin, einem ſo fein fühlenden weiblichen Weſen ein ſolches Geheimniß zu verrathen? Und dies, dies iſt geſchehen, 180 und es unterliegt keinem Zweifel, daß Claudine dein Innerſtes durchſchaut. Und glich ſie nicht in ſolchen Momenten des plötzlichen Verſtummens von deiner Seite oder der Wirkung, die ihr herrliches Klavierſpiel auf dich hervorbrachte, glich dieſes räthſelhafte junge Weib nicht der Sinnpflande, die ſich bei der leiſeſten Berührung ſchließt? Kein Blick, kein Athemzug ihrer⸗ ſeits hat dir Hoffnung auf Gegenliebe gegeben. Gegen⸗ liebe! Du liebſt alſo? Ja, du liebſt! Du kennſt nun dieſes dir ſo lange unbekannt gebliebene Gefühl und es wird aus deiner Bruſt niemals ſchwinden, nie! Aber du wirſt Mann ſein, du wirſt deinen Ver⸗ wandten, was ſie an dir gethan und noch thun, nicht mit Undank lohnen dadurch, daß du dich dieſem Ge⸗ fühle hingibſt bis zur Schwäche, dich ihm widerſtands⸗ los überläßt bis zu vernichtender Leidenſchaft, oder gar bis du gegenüber der ganzen Geſchäftswelt hier, deren Blicke dich fixiren, zum Spotte wirſt. Arbeit, Arbeit allein kann und wird dich aufrichten und er⸗ halten! Hinweg darum von der Betrachtung dieſes zauberhaften Bildes! Die Stimme deines Freundes war vielleicht die deines guten Engels. Wer ſagt dir, daß Claudine jemals deine Neigung, deine Leidenſchaft theilen wird? Roch mehr, biſt du denn gewiß, daß Claudinens ſeltſames Inſichverſinken, ihr träumeriſches 181 Weſen nicht die Wirkung unglücklicher Liebe iſt, daß ſie mit ganzer Seele liebt, einen Andern liebt? O dieſer Vorſtellung! Selbſt wenn dieſer von ihr geliebte Mann fern oder todt wäre! Genug, daß ſie den Fer⸗ nen oder ſelbſt den Todten ſo, ſo innig, ſo ſich ſelbſt verzehrend liebt! Dieſer Gedanke— und er iſt wohl der einzig richtige— muß dich zum Rücktritt zwin⸗ gen, auch wenn ihn weder Dankbarkeit gegen deine Familie noch Scheu vor der argusäugigen Welt ge⸗ böte. Arbeit! Arbeit! Zur Arbeit! Wie dein Freund Karl— o daß er ſchon hier wäre!— der ſonſt doch in Allem ideale Poet ſo wahr geſungen: Auf, auf, mein Geiſt, ſei friſch und ſtark Und ſchüttle ab den Traum! Zur Arbeit gab Natur das Mark. Erwäge Zeit und Raum Und ſchwärme nicht und halte dich Ans Körperliche feſtiglich Und bänd'g' es in den Schranken Der rüſtigen Gedanken! Es iſt die Welt kein Hospital Fürs kranke Herz, darum Erhalte dich geſund zumal Und thu' dich wacker um, Und rühre dich und übe dich Zum Kampf auf Hiebe und auf Stich; Den Fleiß nimm zum Geleite Als Knappen in dem Streite!“ Die Sonne ſtand ſchon ziemlich hoch, als Ernſt, der gegen Tagesanbruch erſt entſchlummert war, ſein Lager und nach raſch beſorgter Toilette, wobei ihn das friſche Waſſer weit mehr erquickte, als es durch den kurzen, unruhigen Schlaf geſchehen, ſein ihm bis geſtern noch ſo liebes, jetzt aber verleidetes, ihm faſt unheimlich ſcheinendes Zimmer verließ, um ſich zur Familie zum Frühſtück und zum Abſchiede zu begeben, da er noch dieſen Morgen in ſeine neue Behauſung überſiedeln wollte, mußte. Die Familie befand ſich im Garten. Ernſt's Morgengruß entſprach ſeinem in dieſer Nacht gefaßten mannhaften Vorſatze; Haltung, Miene und Worte ließen, wie Herr und Frau Schmid nicht ohne innerſte Genugthuung bemerkten, kaum etwas zu wün⸗ ſchen übrig. Heiter erſchien er allerdings nicht, denn einer Verſtellung war er unfähig, auch lag ja in dem Momente dieſes zeitweiligen Scheidens nichts Erhei⸗ terndes; ruhig aber zeigte er ſich und ſo männlich ſelbſtbewußt, daß er nach eingenommenem Frühſtück, indem er mit ſeinem Schwager zum Fortgehen ſich an⸗ ſchickte, Schweſter und Nichte umarmte, auch an Clau⸗ dine ein paar freundliche, doch dem Sinne nach ganz indifferente Worte des Abſchieds richtete. Und Claudine? 183 War auch in dieſem Momente ein undurchdring⸗ liches Geheimniß. Sie erhob ſich ruhig von ihrem Sitze und erwiderte den Gruß des Scheidenden als eine Dame von Bildung einfach, in Blick und Ton weder Wärme noch Kälte. Als die beiden Männer Garten und Haus hinter ſich hatten, drückte Herr Schmid ſeinem Schwager die Hand. Das war Alles, was über dieſen Punkt zwiſchen ihnen gewechſelt wurde. Nun ging es an Geſchäftliches. Darüber ſchwanden die Stunden des Vormittags hin. Der frühere Beſchluß, daß Ernſt noch durch einige Zeit, wenn nicht für immer, den Mittag und Abend bei den Verwandten zubringen ſolle, fand ſelbſtverſtändlich unter ſchweigendem Uebereinkommen die Abänderung, daß er nur komme, wenn es ihm gut dünke, und daß ſein Erſcheinen im Hauſe des Schwagers kein auffallend ſeltenes werde. Dies war Sache des Taktes. Beſprechen ließ ſich dieſer Umſtand übrigens täglich, da beide in täglichem Geſchäftsverkehr blieben, ja in der erſten Zeit immer gemeinſchaftlich zu arbeiten hatten. Die neue, wohl eingerichtete Wohnung Ernſt's, in unmittelbarer Verbindung mit dem chemiſchen Labora⸗ torium und der Schönfärberei wie mit ſeines Schwa⸗ gers Seidenzeugfabrik, befand ſich in beträchtlicher Ent⸗ fernung vom Blücherplatze, ſodaß Herr Schmid ſich meiſt ſeiner Equipage, aber mehr der Zeiterſparniß wegen als aus Bequemlichkeit bediente. Als letzterer zum Mittagstiſche nach Hauſe kam, beſprach er ſich noch vor demſelben mit ſeiner Frau. „Dein Bruder iſt ein Mann, wie er ſein ſoll“ ſagte er;„mein einfaches Wort an ihn hat gefruchtet. Wie benahm ſich Mademoiſelle?“ „Gut, lieber Auguſt.“ „Du willſt ſagen, ſchweigſam, verſchloſſen, wie immer.“ „Nein, im Gegentheile, ſie war dieſen Morgen ge⸗ ſprächiger.“ „Dich, Jettchen, ausgenommen, mag aus den Wei⸗ bern der Kukuk klug werden! Daß ſie eben heute mehr ſprach als gewöhnlich, will mir nicht gefallen.“ „Ich verſtehe Dich; Du meinſt, daß ſie verbergen will, was in ihr vorgeht.“ „Ja, das meine ich, wie ich auch meine, daß ihr Ernſt nicht gleichgültig iſt.“ „Nun, das wäre auch ebenſo verzeihlich als be⸗ greiflich; mein Bruder iſt ein intereſſanter Mann.“ „Habe auch im Grunde nichts dagegen, jetzt um ſo 185 weniger, als ich, menſchlich zu ſprechen, mich auf die Charakterſtärke meines Schwagers verlaſſen darf. Wenn nur der Freiphantaſirende, ſein poetiſcher Freund, mir nicht einen Strich durch meine Rechnung macht, obgleich mir derſelbe ein verſtändiger Menſch zu ſein ſcheint. Uebrigens kann ich dieſen Herrn, da er zuerſt bei uns erſcheinen wird, wenn Ernſt nicht zufällig eben hier wäre, ins Mitleid ziehen, will ſagen, ihn ein wenig vorbereiten und ſeinen freundſchaftlichen Einfluß in Anſpruch nehmen; bei einem Patienten von meines guten Schwagers Art, wenn er auch bereits ein Re⸗ convalescent iſt, kann man nicht vorſichtig genug ſein.“ Frau Schmid lächelte mild, um nicht zu ſagen weh⸗ müthig, zu letzterer Bemerkung. Sie ſchmiegte ſich an ihren Gatten an und flüſterte: „Auguſt, Du wirſt gegen meinen Bruder nicht ſtren⸗ ger ſein, als es eben nothwendig iſt, nicht wahr?“ „Ich werde“, entgegnete Herr Schmid, ſeine Frau zärtlich umarmend,„meiner ſelbſt eingedenk bleiben, werde mich erinnern, wie mir zu Muthe geweſen wäre, wenn Jemand gegen meine erſte Liebe zu Dir ange⸗ kämpft hätte; noch mehr, liebes Weib, ich gebe Dir die Verſicherung, daß wenn Deines Bruders Neigung ſich als unaustilgbar erweiſt, ich ſofort von meiner Anſicht abgehen, ihm nichts weiter in den Weg legen, ja daß ich ſelbſt dieſe Angelegenheit, die Verbindung nämlich, möglichſt gut ordnen werde. Biſt Du nun beruhigt, zufrieden mit mir?“ „O ich wußte es wohl“ ſagte Frau Schmid, indem Thränen der Rührung, der Freude in ihre noch immer ſchönen, ſanftblickenden Augen traten;„ich kenne ja Dein Herz, dieſes Herz in ſeiner unerſchöpflichen Menſchenfreundlichkeit!“ Nach Beendigung des Mittagsmahls, das man auch heute, wie bei guter Witterung immer, in dem freund⸗ lichen Kiosk des Hausgartens eingenommen hatte, machte Herr Schmid ſeiner Gewohnheit gemäß eine kleine Pro⸗ menade zwiſchen den Rabatten und Sträuchern, ſeine Cigarre ſchmauchend, dies und jenes bedenkend, über⸗ legend oder vorbereitend. Seine Frau war noch im Kiosk, wo ſie mit Minna ſich unterhielt, die ihr eine eben beendete ſchöne Stickerei zeigte, um ſich dafür das mütterliche Lob zu holen. Claudine ſchien den Garten verlaſſen zu wollen. Nahe dem Gitterthore kam ihr Herr Schmid in den Weg. „Mademoiſelle wollen auf Ihr Zimmer?“ fragte er freundlich. „Um Minna bei Mama allein zu laſſen“, entgeg⸗ nete ſie ſanft. „Gönnen Sie mir das Vergnügen Ihrer Geſellſchaft 187 auf einige Augenblicke, zur Beſichtigung unſerer Blu⸗ men, die ſich Ihrer eigenhändigen Pflege, Mademoiſelle, zu erfreuen haben, ſage, zu erfreuen, weil man ſo zu ſagen pflegt, obgleich die Blumen ſelbſt von der Freude nichts verſpüren, die ſie uns Menſchen bereiten.“ So ſprechend, hatte Herr Schmid ſchon einige Schritte vom Gitterthore weg nach den Rabatten zurückgemacht, und Claudine war, auf ſeine Einladung hin ſich artig verneigend, gefolgt. Ihre Miene war ruhig. Sie ſchritten langſam dahin, ſtets in möglichſter Entfernung vom Kiosk, aus welchem ihnen die Blicke der Hausfrau zeitweiſe folgten, obgleich ſie mit ihrem Töchterchen ſich angelegentlichſt zu beſchäftigen ſchien. Unſere Promenirenden hielten da und dort bei beſon⸗ ders gut entwickelten Blumen und ſonſtigen Pflanzen an. Auf Herrn Schmid's letztere Bemerkung aber ent⸗ gegnete Claudine: „Ich, mein Herr, kann mir die Blumen nicht un⸗ empfindlich denken, denn es kommt mir bisweilen vor, beſonders wenn ich ſie etwas ſpäter als gewöhnlich begieße und ordne, als blickten ſie mich verlangend oder dankend oder ſogar ein wenig ſchmollend an.“ „Nun, Mademoiſelle, da ſpielt Ihnen eben Ihre Phantaſie einen kleinen Streich.“ 188 „Weiß nicht, mein Herr. Warum ſchließen ſich viele Blumen des Abends und öffnen ſich des Morgens, gleichſam die Augen aufſchlagend?“ „Das dürfte wohl nur die Wirkung von Licht und Dunkelheit, von Wärme und Kälte, alſo nur ein Pro⸗ ceß der Elektricität, ihrer Verminderung oder Vermeh⸗ rung ſein.“ „Die Wiſſenſchaft verfährt manchmal recht grauſam mit dem menſchlichen Gefühle.“ „Ja, ſie unterſucht eben, um die Geſetze aufzufin⸗ den, und ſelbſt derjenige Mann der Wiſſenſchaft dürfte Beachtung verdienen, welcher ſogar das Gefühl der Liebe als einen elektriſchen Proceß bezeichnet; pflegen die Menſchen doch zu ſagen: ſein oder ihr Blick traf wie ein Blitz. Da haben Sie gleich die Entladung überhäufter Elektricität.“ Clandine ſchwieg zu dieſer Bemerkung, nach welcher Herr Schmid alſo fortfuhr: „Sehen Sie, Mademoiſelle, ich, kein Philoſoph von Profeſſion, kein ſtudirter Mann, vor allem durchaus kein Anhänger gewiſſer moderner Lehren, will ſagen, der materialiſtiſchen Weltanſchauung, welcher zufolge, wie Ihnen bekannt, das ganze liebe Sein nichts weiter als eine ſtete Wechſelwirkung von Stoff und Kraft, der bisher ſo genannte Geiſt auch nichts Anderes als Ma⸗ 189 terie, demnach vergänglich, und Gott ebenſo wenig wirklich iſt als eine Seele und ihre Unſterblichkeit; ich, ein fürs praktiſche Leben erzogener, leidlich unterrich⸗ teter Menſch, der ſeinen mit der Muttermilch eingeſo⸗ genen Glauben an eine ewige Vorſehung, an eine per⸗ ſönliche Fortdauer, an eine vom Körper unabhängig wirkende Geiſteskraft nie verleugnet hat, nie aufgeben wird: ich nun, gläubig und religiös, wie ich bin, muß doch ſelbſt Manches im Menſchenleben, das man idea⸗ liſtiſcher Weltanſchauung nach für rein geiſtig halten ſollte, als realiſtiſch anerkennen, das eben nur auf Ge⸗ ſetzen der Phyſik beruht und ſich dieſen zufolge als eine unabänderlich Nothwendigkeit herausſtellt, anſtatt als ein Act der Freithätigkeit, wie zum Beiſpiel eben das Gefühl der Liebe, und ich denke, man liebt das, was man lieben muß, wie auch ſchon das Volks⸗ wort beſagt: Zum Lieben und Beten läßt ſich nicht nöthen, nämlich nicht moraliſch.“ „Aber dann, mein Herr“, erwiderte Claudine nach kurzem Schweigen zögernd und mit unſicherer Stimme, „dann ſollte das Recht— ich meine das Geſetz— mit dem Menſchen in manchen Fällen nicht ſo ſtreng ver⸗ fahren, wie es geſchieht; denn wie kann man ihm im⸗ putiren, was er in Aufrichtigkeit gethan, was er dem Naturgeſetze nach hat thun müſſen?“ 190 „Das freilich“, ſagte Herr Schmid,„ſpielt auf ein Gebiet hinüber, das früher oder ſpäter von der Geſetz⸗ gebung zu betreten ſein wird, will ſie der Menſchlich⸗ keit gerecht werden; die gerichtliche Medicin wird da viel zu thun bekommen.“ „Vor der Hand, mein Herr, bleibt dem armen ſün⸗ digen Menſchen nur jener Troſt, welcher in des Erlöſers Ausſpruche liegt: Gott wird Jeden nach dem Geſetze richten, das er ihm ins Herz geſchrie⸗ ben hat.“ „Gewiß, Mademvoiſelle, iſt das ein erhabenes Wort, ein erhebender Troſt; nur kann daſſelbe, wie eben alles an ſich Gute und Wahre, in der Anwendung mißbraucht werden; keinesfalls kann auf jenes große Wort die Geſellſchaft, der Staat Rückſicht nehmen; da heißt es einfach: bei Gott iſt Gnade, bei Menſchen herrſcht der Buchſtabe oder doch der Geiſt des Geſetzes. Aber um wieder auf das ſchöne Blumenleben und das nicht minder ſchöne der Liebe zu kommen, ich denke, erſteres verliert nicht an Reiz durch die Annahme ſeiner abſolut phyſiſchen Exiſtenz, und auch letzteres nicht, wenn man es als einen elektriſchen Proceß betrachtet, oder, wie vielleicht mein Schwager, der Chemiker, als einen chemi⸗ ſchen; hat dieſes doch der große deutſche Dichter Goethe in ſeinem Roman„Wahlverwandtſchaften“ gethan.“ 191 „Es fehlt auch in der franzöſiſchen Literatur nicht an Schriften ähnlicher Tendenz.“ „Und Ihre Anſicht davon, Mademoiſelle?“ „Ich— ich neige— natürlich nur für mich, nicht als Gouvernante— zum Principe der Nothwendigkeit; wie Alles muß, ſo muß auch der Menſch.“ „Der idealſte deutſche Dichter, Schiller, ſagt:„Der Menſch iſt frei geſchaffen, iſt frei, und wär' er in Ketten geboren.““ „Ich denke, mein Herr, man könnte dieſen Satz um⸗ kehren und ſagen: Der Menſch ſchleppt ſich in Ketten dahin, ſelbſt wo er zu ſpringen oder zu ſchweben wähnt.“ „Mademoiſelle ſind alſo Materialiſtin.“ „Als Erzieherin— nein, als Weib— ja, ſelbſt auf die Gefahr hin geſagt, daß ich dadurch Ihr Mißfallen errege.“ „Mein Mißfallen? Wohin denken Sie! Ich achte den Menſchen, der das Rechte thut, ohne ſeine Beweg⸗ gründe zu unterſuchen; man hat vielleicht einen Men⸗ ſchen, der ohne Glauben an einen jenſeitigen Lohn dieſſeits am Rechtthun feſthält, noch höher zu achten als den gläubigen Ausüber des Rechts; und ich danke Ihnen, Mademoiſelle, für die Unumwundenheit, womit Sie ſich hierüber ausſprachen, obgleich ich ſelbſtverſtänd⸗ lich nur wünſchen kann, daß meine Tochter niemals 192 durch Studien oder ſchmerzliche Erlebniſſe dahin ge⸗ langt, dieſer materialiſtiſchen Weltanſchauung ſich hin⸗ zugeben. Verzeihen Sie mir übrigens“ fügte Herr Schmid nach kurzer Pauſe hinzu,„wenn ich da eine Saite berührte, die—“ „Die verſtimmt iſt“, unterbrach ihn Claudine weh⸗ müthig lächelnd. „Ja, Mademoiſelle, die aber ein gütiges Geſchick, jedenfalls die Alles ausgleichende Hand der Zeit in nor⸗ male Stimmung bringen kann.“ „Nie, mein Herr, wird dies geſchehen.“ „Sie können noch ſehr glücklich werden.“ „An der Seite eines würdigen Mannes, eines edlen, liebevollen Gatten.“ „Ich— ich werde mich nie verehelichen.“ „Sie haſſen alſo die Männer?“ „Nein; ich kann ſie nur nicht lieben.“ In dieſem Augenblicke kam Minna herbei, und das ſeltſame Geſpräch wurde abgebrochen. Ende des vierten Bandes. Druck von Bär 4 Hermann in Leipzig. —