2 1 Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöfiſcher Literatur von Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und CCeſebedingungen. f 6 ſ 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. ⁵ 2 Pesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 6 jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Gaution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe e welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatret wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für entti 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 1 3„ 3„ 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verp flichtet. 7. 4nsleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird onters darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bicher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ —— ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. L ——————— 5 ——————————— —— S — Realiſten und Idealiſten. Socialer Roman von Jean Charles, Verfaſſer von„Die Erbſünde“,„Der Verſchwender“ ꝛc. Dritter Band. Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1867. 0 — Erſtes Kapitel. B t 5 e e ſfüi Karl brachte dieſe Nacht halb ſchlaflos zu und verfiel erſt gegen Tagesanbruch in einen erquickenden Schlummer. Es war in der zehnten Morgenſtunde, als er ſich zum Ausgehen anſchickte. Auf dem Flur mit dem Zimmerkellner zuſammen⸗ treffend, fragte er dieſen, ob Herr Claude L noch zu Hauſe ſei. „Nein, mein Herr“, entgegnete der ruhig Befragte halblaut und mit geheimnißvoller Miene,„dieſer Herr Sprachmeiſter oder wer er ſein mag, iſt nicht nur nicht auf ſeinem Zimmer, ſondern auch nicht mehr in Baden⸗ Baden.“ „Wie? Schon wieder abgereiſt?“ Jean Charles, Realiſten und Idealiſten. III. 1 —— ————————— 2 bereits vor fünf Stunden mit Extrapoſt, die er. noch geſtern Abend beſtellte, und wie Alles ver⸗ muthen läßt, iſt er noch rechtzeitig von hier fort.“ „Rechtzeitig? Wie meinen Sie das?“ „Er iſt um fünf Uhr abgereiſt, wohin, mögen die Götter wiſſen. Eine Stunde ſpäter erſchien hier unſer Polizeicommiſſar in Begleitung eines Franzoſen, der allem Anſchein nach auch ein Polizeicommiſſar oder Polizeiagent war, um Herrn Claude Latour einen Beſuch abzuſtatten, auf Deutſch, ihn abzuholen, denn beide äußerten ihren Ingrimm darüber, daß ihnen dieſer Fang entgangen, in ſo unzweideutiger Weiſe, daß ich auch ohne ihre weitern an mich gerichteten Fragen ſo ge⸗ urtheilt hätte; ſie nahmen ein kurzes Protokoll mit mir auf und entfernten ſich höchſt verdrießlich.“ „Seltſam!“ fagte Karl. „Mein Gott“, meinte der Zimmerkellner,„wir ſind da in einem großen luxuriöſen Kurorte, ſo gar ſeltſam iſt das hier nicht.“ Dieſer Tag war und blieb für unſern Poeten ein ſehr ernſter, ſchmerzlichen oder doch wehmüthigen Be⸗ trachtungen gewidmet. Natürlich, Vorkommniſſe ſolcher Art konnten auf ein Dichtergemüth nicht anders wirken. Dazu kam noch ein Brief von Max aus Paris, den Karl der Verabredung zufolge hier poste restante vorfand. Dieſer Brief enthielt zwar keine erſchütternde, aber auch keine beruhigende Nachricht. Robert war, da Poſitives gegen ihn nicht vorlag, e ſeiner Haft entlaſſen, aber, wie anzunehmen, unter polizeiliche Aufſicht geſtellt worden. Pauline Picard wurde gerichtlich verfolgt. Der Verdacht gegen ſie hielt ſich aufrecht, dies aber hauptſächlich nur durch ihr Verſchwinden. Andere Beweiſe, richtiger geſagt, wirkliche Beweiſe lagen auch gegen ſie nicht vor. Sie hatte, wie die Hausſuchung gezeigt, nur ihren Schmuck mitgenommen, und ſelbſt in Bezug darauf war es zweifelhaft, ob dieſe werthvollen Pretioſen nicht auf Koſten ihrer Ehre von irgendwem entwendet worden. Max ſelbſt, wie er ſchrieb, und Ernſt hielten ſich von Robert fern; der Chemiker wollte infolge einer Familiennachricht in kurzem Paris verlaſſen und nach Hauſe reiſen, während erſterer noch mehrere beſtellte Portraits zu malen, aber auch die Abſicht hatte, mög⸗ lichſt bald nach Deutſchland und zwar nach München zurückzukehren. Was Robert beſchließen werde, beſchließen müſſe, konnte er nicht mit Beſtimmtheit ſagen; wahrſcheinlich dürfte er bleiben, wo er war, ſo lange, bis die Sache 4 vor Gericht in der einen oder andern Weiſe vollſtän⸗ dig ausgetragen wäre, da eben in ſeinem Bleiben der wichtigſte Entlaſtungsgrund für ihn lag und er keinerlei Einſchreiten gegen ſich zu befürchten hatte. Dieſen Brief beantwortete Karl noch am ſelben Tage. Am Abende des nächſtfolgenden Tags traf er wie⸗ der mit dem Saiſonfreiſpieler vor dem Kurhauſe zu⸗ ſammen. Er iſt wieder da, er ſpielt wieder!“ rief ihm der kluge alte Herr zu. Karl erſchrak; er dachte an den jungen Unbekann⸗ ten, der, höchſt wahrſcheinlich nach falſchem Paſſe, den Namen Claude Latour führte. Es ſtellte ſich jedoch ſogleich heraus, daß dieſer Herr den großen Spieler von Trente et Quarante meinte. „Er war alſo inzwiſchen abgereiſt?“ „Allerdings, geſtern Abend, und zwar nach meiner Beobachtung und annähernden Berechnung mit einem Geſammtgewinnſte von etwa fünfundzwanzigtauſend Gulden. Damit hatte er ſich ſchweigſam, wie er ge⸗ kommen war, empfohlen und Baden⸗Baden verlaſſen, um, wie man mir erzählt, ſich nach Karlsruhe zu be⸗ geben, wo er als Geſchäftsreiſender Einiges zu be⸗ 5 ſorgen hatte. Er wollte nach Karlsruhe, allein es ſtand anders geſchrieben. Auf dem Wege dahin traf er, wie man mir ſagte, mit einem ſeiner Geſchäfts⸗ freunde zuſammen, der im Begriffe war, hierher zu fahren, um ſich da ein paar Tage zu amüſiren. Die⸗ ſem erzählte er von ſeinem Spielglücke und dieſer gute Freund beſtimmte ihn durch die launige Bemerkung, daß er doch wohl die Summe von dreißigtauſend Gulden hätte vollmachen ſollen, zur Umkehr, nur auf kurze Zeit, denn bei ſolchem Glücke wären, wie er meinte, zwei, drei Stündchen hinreichend, die noch fehlenden fünftauſend Gulden einzuſtreichen. Und der große Spieler kehrte wirklich um und ſetzte noch geſtern in ſpäter Abendzeit ſein brillantes Spiel fort.“ „Und gewann er wieder?“ „Geſtern nur etwa tauſend Gulden; eben jetzt be⸗ gann er von neuem, und wir wollen ihm zuſehen. Kommen Sie!“ Und ſie ſahen zu. Die Uhr zeigte die neunte Stunde. Der Tiſch war dicht beſetzt und umſtanden; Alles wollte das große Spiel mit anſehen. Der bis jetzt ebenſo glückliche als kühne Spieler hatte vor einer Viertelſtunde begonnen. Neben ihm ſtand ſeine mit Goldrollen gefüllte Caſſette. Er ſpielte wie Entſchluß, Baden-Baden noch am nächſten Tage 6 immer groß, gewann, ließ den Satz ſtehen, verlor und doublirte, wiederholte Letzteres zwei⸗, drei⸗ bis fünfmal und verlor, gewann hierauf nach ſeinen gewöhnlichen Einſätzen, ließ ſtehen, gewann wieder, ließ abermals ſtehen und verlor abermals. Da— man ſah es ſei⸗ ner Miene an— begann er auch ſeinen Muth, ſeinen Spielgeiſt, den Takt zu verlieren; er ſpielte unſicher, ohne Vertrauen auf das Glück, oder reizte dieſes zur Unzeit, genug, er verlor und verlor. Nach Verlauf zweier Stunden nahm er aus ſeiner Caſſette die letzte Goldrolle, ſetzte dieſe aber nicht wie bisher ganz, ſon⸗ dern zerbrach ſie in zwei Theile, verlor die eine Hälfte, theilte dann die andere wieder, verlor auch dieſe und ſetzte dann ſeinen letzten Louisdor auf ſein letztes Blatt. Er hatte ſeinen Gewinnſt von fünfundzwanzigtauſend Gulden wieder verſpielt und dazu noch von ſeinem Geſchäftsgelde zehntauſend Gulden. Sein Geſicht war leichenfahl geworden, doch blieb er, nachdem er Alles verloren hatte, noch eine Weile ſitzen, wie um das Spiel zu beobachten, und verließ dann mit der leeren Caſſette in einem und ſeinen ver⸗ hängnißvollen Freund am andern Arm die ſtrahlende Hölle. Karl entfernte ſich tief erſchüttert und mit dem 7 zu verlaſſen; er war des Lebens daſelbſt müde ge⸗ worden. Auf dem Wege nach Stuttgart, wohin die Ein⸗ ladung eines dortigen Verlagsbuchhändlers ihn führte, verweilte er einige Tage in Wildbad. Die Stille dieſes Kurorts, im Vergleiche zu Baden⸗ Baden wahre Einſamkeit, der tiefe Ernſt ſeiner Natur⸗ ſcenerie that ihm wohl, erquickte und ſtärkte ihn. Dieſe günſtige Wirkung auf Geiſt und Gemüth unter⸗ ſtützte noch ein für ihn höchſt intereſſanter Umſtand. Er lernte da einen von ihm hochverehrten, wie be⸗ reits ſeuropäiſch berühmten Schriftſteller und Staats⸗ mann perſönlich kennen, Rotteck, der, auf der Heimreiſe begriffen, im ruhigen Wildbad auch auf einige Tage Station hielt. Die Unterhaltung mit dieſem ausgezeichneten, im geiſtigen Verkehre ebenſo anregenden und erhebenden als in ſeiner Erſcheinung und ſeinem Benehmen ein⸗ fachen, im beſten Sinne des Wortes gemüthlichen Manne war ein köſtliches Labſal für ihn. Die Zeit von ſechzig und einigen Jahren, welche über das ehrwürdige Haupt des Gefeierten hingezogen, hatte demſelben noch keine Spur von Hinfälligkeit aufgeprägt; Rotteck hatte nicht gealtert, er genoß noch in vollem Maße des Männern von hoher Geiſtesbegabung eigenen ſchönen Vorrechts, 8 an der Grenze des Greiſenthums als ein Mann von Kraft zu erſcheinen, klaren Blicks die Welt zu über⸗ ſchauen und die Gaben des Lebens mit unverkümmerter Genußfähigkeit entgegen zu nehmen. Er war eben aus Wien gekommen und ſprach ſich gegen Karl in freundlichſt anerkennender Weiſe über all das Gute und Schöne der Kaiſerſtadt ſowie offen⸗ bar zufriedengeſtellt über den Empfang aus, der ihm daſelbſt zu Theil geworden, namentlich von ſeiten des Fürſten Metternich, der ihm mehrere Stunden gewidmet. Der öſterreichiſche Staatskanzler hatte ſich ihm da im Schlafrock gezeigt, will ſagen, individuell, wie er„für ſich ſelbſt“ geweſen, und dieſes ſein recht eigentliches Ich ſtach, wie Rotteck ſagte, gewaltig ab von dem Bilde, das, wie alle, beſonders die liberale Welt, ſo auch er ſich von ihm entworfen, ja ſo ſehr, daß es ein ganz verſchiedenes war und ihn feſſelte. Das lag eben im Weſen Metternich's. Was er den Völkern des von ihm beherrſchten Staates mit eiſerner Fauſt vorenthielt, die Freiheit, das bewahrte und genoß er für ſich, und mit der Kundgebung ſeines individuellen Seins feſſelte er im perſönlichen Verkehre dieſen und jenen. Rotteck ſprach ſich darüber unverhohlen aus und fügte ſogar hinzu: 9 „Ich würde Metternich's Anerbieten, in den öſter⸗ reichiſchen Staatsdienſt zu treten, angenommen haben, wenn er mir jene Conceſſionen hätte machen können, die meinen politiſchen und Rechtsanſchauungen ent⸗ ſprachen; auf dieſe konnte er nicht eingehen, und ſo konnte ich nicht zuſagen; doch ſchied ich von dieſem merkwürdigen Manne mit der Ueberzeugung, daß ſeine Geſchichte ſchwerer zu ſchreiben ſein werde, als man gemeinhin anzunehmen pflegt.“ Am nächſtfolgenden Tage hielt regneriſches Wetter, in Wildbad empfindlicherj als in offener gelegenen Bädern, die Geſellſchaft zwiſchen den vier Wänden. Karl nahm ſeine Zuflucht zur Feder und gab ſeinen momentanen Anſchauungen leichten flüchtigen Ausdruck in nachſtehenden Aphorismen über: Das Leben im Bade. Das Badeleben iſt eine Univerſalgeſchichte des Menſchenherzens in Taſchenformat. Im Bade erſcheint der Menſch mit allen ſeinen Gebrechen, ganz wie er iſt, und da offener mit den⸗ ſelben als anderswo, da ſeine phyſiſchen Uebelſtände ſo zu ſagen ihm einen Geleitsbrief geben für ſeine moraliſchen. Wenn die Menſchenkenntniß etwas ſo Schwieriges iſt, daß ſelbſt ein geübter Seelenforſcher mit einem Kinde —————— ——— 5 8 9 7 —————— ——— —— 10 zu thun hat, wenn er in kurzem über den Charakter deſſelben mit ſich im Reinen ſein will, ſo thut der Hiſtoriograph des Menſchenherzens wohl daran, bis⸗ weilen Badeorte zu beſuchen, denn hier lernt er in der⸗ ſelben Friſt einen Erwachſenen durch und durch kennen. Im Tode iſt Wahrheit. Krankheit iſt die unäſthe⸗ tiſche Vorſchule des Todes. Der Kranke macht weniger Umſtände mit ſeinem Ich als der Geſunde, ja er gäbe gern Jedem, der ſich nach ſeinem Leiden theilnehmend erkundigt, alle die Zettelkäſten ſeiner Biographie mit, gedrängt hierzu durch das geiſtige Bedürfniß, ſich über ſeinen äußern und innern Zuſtand mit der ganzen lieben Menſchheit in Rapport zu ſetzen. Man ſieht den Menſchen mit allen ſeinen geſelligen Tugenden und Untugenden am Badeorte in ganzer Nacktheit. Hier geſteht er der ganzen Welt— nämlich der Badewelt— Sünden, die er daheim nicht einmal ſeinem intimſten Freunde anvertraut, und es ſind ja eben die Sünden das, woran man ſich bei der Geſchichts⸗ forſchung des Menſchenherzens hauptſächlich zu halten hat. Wie krank ſich die Deutſchen fühlen, beweiſt ihre Sucht, Bäder zu beſuchen. Zum Glücke liegen die Bäder meiſt in ſchönen Gegenden; zum Glücke, ja, weil ſich die entſetzlichen 11 —— Diſſonanzen der Erfahrung, des Seelenſiechthums da auflöſen in der großen Harmonie der geſunden Natur. Was wollen die zahl⸗ und namenloſen Schwächen und Gebrechen, Lächerlichkeiten und Leiden ſagen gegenüber dem Hymnus des himmelanſtrebenden Gebirges mit den Naturlauten ſeiner Wälder! In manchem Badethale liegt gleichſam als Moſaik⸗ bild das ganze volle inhaltsſchwere Geheimniß des Menſchenlebens mit allen ſeinen Freuden und Leiden, Ausgangs⸗ und Culminationspunkten. Hoch oben auf der Alm der einfache Sohn der Natur in ſeiner von Zwergholz eingefriedeten Baude mit dem ſteinbeſchwerten Dache; eine Stufe weiter abwärts zeigt ſich als Cultur⸗ fortſchritt der Weiler, dann, ſich mehr und mehr aus⸗ dehnend und dem Thalgrunde nähernd, erſcheinen die Dörfer, der Uebergang zur ausgebildeten oder verbil⸗ deten Civiliſation, ſich darſtellend als Stadt. Und mitten darin, inmitten der Einfachheit und Mannich⸗ faltigkeit, der Badeort. Wie eine ſtumme Mahnung an die Kraft der Ver⸗ gangenheit erhebt ſich da und dort eine Burgruine. Die Gegenwart breitet ſich in der Fläche hin, krank⸗ haft; ihr Spiegelbild iſt das Bad. Endlich die Stadt, der Ausdruck der menſchlichen Bildung und leider auch der Unnatur. —— 2 ————— 12 Du ſonderbares Menſchenleben! Wer dich doch recht erfaßte und zeichnete nach der Natur! Zwar iſt das ſchon geſchehen und geſchieht fortgeſetzt, aber nicht immer wahr genug, nicht allgemein genug, nicht erſchöpfend, meiſt nur nach individueller, ſogar nur ſubjectiver Anſchauung, für Herzen, nicht für das Herz, für Geiſter, nicht für den Geiſt, und noch ſeltener ganz unabhängig vom Einfluſſe des Zeitgeiſtes. Man ſchreibt über das Leben mit zu viel Esprit und zu wenig Wahrheit, meiſt nur zu eigener Genugthung, nicht zur Befriedigung der Menſchheit. Das Leben im Bade iſt der avant la lettre-Abdruck des eigentlichen Lebens. Hier ſchwindet die Speculation; Thatſachen ffordern das Urtheil heraus, man hat den Menſchen vor ſich, wie er in Wahrheit iſt, nicht wie ihn Phantaſie im Guten wie im Böſen idealiſirt. Hier zeigt ſich, wie wenig Individuelles unter den Menſchen zu finden, wie man unter Tauſenden oft nicht einem Charakter begegnet und wie, was die Leute gewöhnlich unterſcheidet, nur die Verhältniſſe und Umſtändeh in denen ſie leben, oder gar nur die Kleider ſind, in welchen ſie ſtecken. Die Charaktere verſchwinden, es bleibt nur der allgemein menſchliche Charakter. Dieſer repräſentirt ſich im Bade durch Geſandte aus aller Herren Ländern, und dieſe tragen ihre Creditive auf 13 der Stirn, Rückſicht fordernd für die Anſprüche ihrer Kabinete. Man findet dies wohl auch in Städten, aber nicht ſo ungekünſtelt, nicht ſo ſcharf hervortretend, da der Kreis der Vereinigung dort ein größerer und der Ueberblick demnach ſchwieriger iſt. Im Bade ſtehen die Perſonen wie in einem Rahmen; mit dem dritten Glaſe des Geſundbrunnens ſchlürft man die Seele des Badefreundes in ſich, und es dreht ſich die Geſchichte der Menſchheit wie in einem Guckkaſten um den Muſik⸗ pavillon vor dem Kurhauſe. Was einem da noch ent⸗ geht, findet man an der table d'höte und den letzten Reſt auf dem Balle. Nach dieſer von Goethe empfohlenen und in Wahr⸗ heit nicht genug zu empfehlenden Uebung,„von den Erſcheinungen in ſich zurückzukehren“ ließ denn auch Karl, gleichwie im Niederſchreiben dieſer flüchtigen Gedanken über das Badeleben im Ganzen, ſo auch die bedeutendſten oder doch auffälligſten Perſonen, mit denen er dabei in Berührung gekommen, jetzt in der Stunde der Einſamkeit im Geiſte Revue paſſiren. Zu dieſen Perſonen zählte auch ein junger Mann von etwa zwei⸗ bis dreiundzwanzig Jahren, den er tags zuvor in Wildbad auf der Promenade geſehen. Es war das eine jener Erſcheinungen, die augen⸗ 14 blicklich intereſſiren und bei denen man ſich fofort ſagt, daß ſie beſonderer Theilnahme werth ſeien. Von einem Aufwärter des Kurhauſes erfuhr Karl, daß dieſer junge Mann erſt vor drei Tagen in Wild⸗ bad angekommen und willens ſei, bereits am folgenden Tage weiter und zwar nach Stuttgart zu reiſen, ſowie auch, daß er ſich in die Kurliſte als Ernſt von Berg eingeſchrieben habe. Der Umſtand, daß er ſeinen Weg nach Stuttgart nehmen wollte, ſteigerte noch Karl's Intereſſe für dieſen jungen Fremden, und er nahm ſich vor, mit demſelben womöglich die Reiſe dahin gemeinſchaftlich zu machen und dies noch am ſelben Abende einzuleiten. Es hatte gegen Sonnenuntergang der Himmel ſich gelichtet und man konnte wieder ins Freie. Dies benutzend begab ſich Karl nach dem Kurhauſe. Es promenirten vor demſelben nur wenige Perſonen, unter dieſen Ernſt von Berg, ein ſtattlicher Jüng⸗ ling, hoch und ſchlank gebaut, blond, blauäugig, von edler Haltung und ruhigem Blicke; doch trugen im Gegenſatze zu dieſer Ruhe die regelmäßigen Züge ſeines blaſſen Geſichts für einen ſchärfer blickenden Phyſiog⸗ nomen Spuren eines vielleicht vor kurzem erſt beendeten Kampfes zwiſchen Leidenſchaftlichkeit und Verſtand, in welchem letzterer Sieger geblieben; denn dieſer ſo junge 15 Mann lächelte nur noch, wo andere junge und ſelbſt ältere Männer lachten, und entſprach hierin ſeinem Vornamen vollſtändig. Karl fand Gelegenheit, ſich ihm zu nähern und ein Geſpräch einzuleiten, welches ihn allmälig überzeugte, daß er es mit einem Menſchen von unverdorbener Natur, großer Intelligenz und vielſeitiger Bildung zu thun habe. Auf das höfliche Anerbieten, mit ihm die Reiſe nach Stuttgart gemeinſchaftlich zu machen, entgegnete derſelbe, daß er willens ſei, den Weg bis Calw zu Fuß zurückzulegen, um die herrlichen Waldpartien mehr ge⸗ nießen zu können, und daß es ihm angenehm ſein würde, dabei von Karl begleitet zu werden. Dieſer ſtimmte freudig zu und ſie beſchloſſen, ihr Gepäck nach Stuttgart poste restante zu ſenden und mit Tagesanbruch die kleine Fußreiſe anzutreten, in der Vorausſetzung natürlich, daß die Witterung es zu⸗ ließe. Pies war nun der Fall, und die aufgehende Sonne des nächſtfolgenden Tages ſtrahlte unſern Wanderern ſchon in beträchtlicher Höhe, von Wildbad bereits eine gute Strecke entfernt, am Saume einer mächtigen pracht⸗ vollen Tannenwaldung mit ihrem belöbenden, begeiſtern⸗ den Morgengruß entgegen. 16 Die Verſtändigung der beiden jungen Männer war von ſeiten der Phantaſie und des Gemüths nahezu eine vollzogene zu nennen. Karl hatte aus ſeinem Leben— wovon ſpäter noch die Rede ſein wird— das Weſentlichſte mitgetheilt, und Ernſt von Berg, theils der beſcheiden geſtellten Bitte des Reiſegefährten, theils auch und vielleicht noch mehr eigenem Seelenbedürfniß entſprechend, ſprach nun auch von ſich. Wir wollen dieſe ſeine Erzählung objectiv im Zu⸗ ſammenhange hier folgen laſſen. Zweites Kapitel. Das Geheimniß der Aehnlichkeit. „Hüte Dich“, ſagte Herr von Berg unter Anderm zu ſeinem Sohne, als dieſer am Vorabende ſeiner Ab⸗ reiſe ſich mit ihm noch über Manches beſprach,„hüte Dich, mein lieber Ernſt, vor jedem Weibe, das zu große, und vor jedem Manne, der zu kleine Schritte macht.“ „Ich verſtehe Sie nicht, Vater“, entgegnete Ernſt, „wenn Sie das nicht auf die geiſtige Bewegung des Mannes im Gegenſatze zum Weibe bezogen wiſſen wollen.“ „Durchaus nicht“, eiferte Herr von Berg;„nimm, was ich Dir da ſage, in buchſtäblichem, in phyſiſchem Sinne; hüte Dich vor jedem Weibe, das zu große, vor jedem Manne, der zu kleine Schritte ſolche Jean Charles, Realiſten und Idealiſten. III. 2 —— 18 Schritte nämlich, die nicht in Srreeten Verhältniß zur Körperlänge ſtehen.“ Ernſt, gewohnt, aus dem Munde ſeines Vaters bis⸗ weilen ſehr ſeltſame Bemerkungen zu vernehmen, ſchwieg jetzt, indem er ſich, um auszuweichen, mit Ordnen von mitzunehmenden Büchern und andern Gegenſtänden be⸗ ſchäftigte. Als Herr von Berg, ein Mann von nahezu ſechzig Jahren, doch geiſtig wie körperlich rüſtig, dieſes Aus⸗ weichen bemerkte, durchſchritt er das Gemach lebhaft, zeitweiſe nach ſeinem Sohne blickend, der nun, mit dem Ordnen der Sachen fertig, auf ihn zutrat und ihn umarmend bewegten Tons ausrief: „Ich hoffe zu Gott, der uns, ſeit ich denke, geſegnet, Sie wiederzuſehen, mein theurer Vater, und ſo kräftig und glücklich, wie ich Sie verlaſſe.“ „Auch ich hoffe dies“, ſprach Herr von Berg ge⸗ rührt,„und Dein Glück wird das meinige ſein, wie der Gedanke an Deine Zukunft meine ganze Gegen⸗ wart ausfüllt. Meine Warnung in Betreff der zu großen und zu kleinen Schritte ſoll übrigens nicht allzu ſchwer auf Deinem Herzen laſten. Ich bin kein Kopfhänger. Weisheit iſt eine l heitere Sache, obgleich man ſie mit ſchwerem Golde, oft nur mit Perlen erkauft. 30 bin weit entfernt, Dir den Himmel der Jugend 3b— 19 trüben zu wollen, beſonders jetzt, da Du den erſten Ausflug in die Welt machſt. In einer halben Stunde nehmen wir das Abendbrod ein, bei welchem wir uns auf ein ganzes Jahr Lebewohl ſagen. Bei Tiſche wird Dich Deine gute Mutter in Anſpruch nehmen, und dann ſteigſt Du in den Wagen; dieſe wenigen Augen⸗ blicke hier auf Deinem Zimmer ſind es alſo, die Dei⸗ nem Vater noch gehören, der Dich liebt. Vernimm denn noch mein Wort. Die Leute nennen mich einen Sonderling. Warum? Weil ich lache, wo ſie ſich ärgern oder trauern, und weil ich ſtill werde, wo ſie jubeln. Du kennſt meine Vergangenheit nicht; ſie war eine ſehr ernſte. Ich bin kein Cyniker— meine Wohl⸗ habenheit, mein ſchönes Haus, meine Tafel, vor allem Deine ſorgfältige Erziehung conſtatiren das Gegentheil. Ich gehöre zu den Glücklichen der Erde und werde mich zu den Glücklichſten zählen, wenn ich meinen Zweck mit Dir erreiche. Dieſer beſteht wieder nur darin, Dich glücklich zu wiſſen. Du biſt einundzwanzig Jahre alt. Jetzt, nach vollendeter Studienzeit, reiſeſt Du ein, wenn es Dir beliebt, auch zwei Jahre, um mit eigenen Erfahrungen und erweiterten Kenntniſſen zurückzukommen und ein Leben zu beginnen, wie es Dir zuſagen mag. Auf Herrn Palmer, Deinen Be⸗ gleiter, kann ich mich verlaſſen. Er hat mich, wie Du 20 weißt, ſelbſt auf mehreren Reiſen begleitet und mir oft Beweiſe ſeiner Kenntniſſe wie ſeines Muthes ge⸗ geben; auch iſt er heiter und dabei beſonnen genug, um nicht zu luſtig zu werden; ſein Alter differirt gegen das Deinige nur um wenige Jahre und Ihr ſeid Euch gut. Ihr bereiſt Deutſchland, Frankreich und Italien; für England biſt Du noch zu jung, zu warm, zu idea⸗ liſtiſch. Schreibe mir nicht öfter, als es die Noth⸗ wendigkeit, nicht ſeltener, als es Dein Herz verlangt. Während Deiner Studienzeit haſt Du Dich mit Be⸗ lehrung unterhalten, jetzt belehre Dich durch Unter⸗ haltung. So, mein Sohn, mit Gott! Noch eins. Was Du unter den zu großen und zu kleinen Schritten zu verſtehen haſt, ſollſt Du aus einem Briefe erſehen, den ich Dir nach Paris zu ſchreiben gedenke. Für den Augenblick nur dies: Man kann ſich nicht genug hüten vor einem Menſchen, der einem ſolchen ſehr ähnlich iſt, vor welchem man ſich einmal zu wenig gehütet hatte. Und nun zur Mutter!“ Nach mehrmonatlichem Verweilen in den größern Städten Deutſchlands traf Ernſt von Berg mit ſeinem Mentor oder Reiſegeſellſchafter in Paris ein. Der junge Mann ſollte, der letzten Weiſung ſeines Vaters zufolge, ſich in der Hauptſtadt Frankreichs nur als Reiſender verhalten, keine Familienverbindungen 21 ſuchen, ſondern nur das öffentliche Leben, Wiſſenſchaft und Kunſt ins Auge faſſen, hierin geleitet von Pal⸗ mer, der Paris von früher her kannte. Und ſo hielten es denn auch die beiden Freunde. Palmer, ein Schweizer von Geburt, noch nicht ganz dreißig Jahre alt, ein Mann von angenehmer Perſön⸗ lichkeit, den Herr von Berg in München kennen gelernt und beſtimmt hatte, die Erziehung ſeines Sohnes zu vollenden, war dieſem Berufe ſeit vier Jahren mit beſtem Erfolge nachgekommen und erfreute ſich einer guten Stellung und, was die Hauptſache, der Freund⸗ ſchaft der Aeltern wie des Sohnes ſelbſt. Ernſt hing mit ganzer Seele an ihm. Palmer hatte in ſeinem Aeußern— er war ein nicht hoch, aber kräftig gebauter Mann von guter Haltung, glänzend ſchwarzem Haupt⸗ und Barthaar, ſcharfem Blicke aus anziehenden braunen Augen— wie in ſeinem Charakter jenes Etwas, das, ohne dar⸗ auf erſichtlich auszugehen, die Umgebung gewinnt und beherrſcht. Er ſchmeichelte nie, wenigſtens nie auf ge⸗ wöhnliche Art, aber er wußte den Menſchen Angeneh⸗ mes zu ſagen und ſich dieſelben zu verbinden; er war * bei all ſeiner mannhaften Selbſtbewußtheit und Zurück⸗ haltung geſchmeidig genug, um nicht ſchroff zu ſcheinen und für ſo ſtolz zu gelten, als er wirklich ſein mochte. 22 Aus den Verhältniſſen eines armen Candidaten der Theologie zu München, der, lange ſchon verwaiſt, ohne Unterſtützung von ſeiten ſeiner Verwandten paſſiv dahinlebte, durch Herrn von Berg's Gewogenheit, die er ſich zufällig erworben, plötzlich in die angenehmen Verhältniſſe einer der angeſehenſten Familien in Han⸗ nover geführt, in welcher ihn Gaſtfreundſchaft, Dank⸗ barkeit in Anerkennung ſeiner wirklichen Verdienſte um das Haus als Reiſegefährte und Secretär des Vaters, ſowie dann als Erzieher des Sohnes bald zu dem werden ließen, der er gegenwärtig war, konnte Palmer ſich gewiß behaglich fühlen, und ſein ganzes Weſen zeigte auch, daß er ſich ſo fühlte, nur daß ſeinem Auge bisweilen ein Blick entſchlüpfte, von dem man nicht ſagen konnte, ob ihm Hohn oder Gram zu Grunde lag. Im Uebrigen zeigte er ſich als ein Mann von bedeutender literariſcher und Weltbildung, die er in mehreren Sprachen auf liebenswürdige Weiſe geltend zu machen wußte. Ernſt, als der Sohn und das einzige Kind reicher, gebildeter Aeltern, hatte bei eigener Liebe zur Wiſſen⸗ ſchaft, wie unterſtützt durch regen Geiſt, ſich in Allem herangebildet, was einem Manne von Erziehung zu⸗ kommt; auch war er für geſellige Künſte kein ungeleh⸗ riger Schüler geblieben. Er konnte ſo zu ſagen für )2 28 einen Normalmenſchen gelten, in ſo glücklicher Miſchung zeigten ſich bei ihm Anlagen und Neigungen, Verlan⸗ gen und Willenskraft, Temperament und Verſtand; er glich einem ſtillen klaren Bergſee, der anſcheinend weder Zu⸗ noch Abfluß hat, den nur der Himmel ſpeiſt und der auch ſeinerſeits immer nur den Himmel in ſeiner ungetrübten Spiegelfläche abſtrahlt. Ernſt und Palmer hatten ſich gleich den Tag nach ihrer Ankunft in Paris eine wohleingerichtete Woh⸗ nung, gemiethet. Dieſe Wohnung im erſten Stockwerk eines Hauſes der Straße Richelieu beſtand aus zwei gleich großen Zimmern, die, durch eine Thür verbun⸗ den, durch eine zweite mit dem Flur communicirten. Sie fühlten ſich da bald heimiſch. Palmer hatte von Herrn von Berg einen Wechſel von großem Betrage zugeſchickt erhalten und ſo konnten ſie das Pariſer Leben nach Herzensluſt beginnen. Eins ſetzten ſie hierbei feſt: ſie wollten nie einzeln ausgehen, ſich überhaupt nie und nirgends trennen. So ſchwanden raſch genug einige Wochen dahin. Eines Abends üble Witterung hatte die beiden Freunde zu Hauſe gehalten— durchſchritten Ernſt und Palmer einander entgegen die Zimmer, ſo zwar, daß ſich ihre Wege in dem verhältnißmäßig beſchränkten Raum, beſonders an der offen ſtehenden Verbindungsthür ſelt⸗ 24 ſam kreuzten und ſie, der eine mit über der Bruſt ver⸗ ſchränkten, der andere mit hinter dem Rücken ſich ver⸗ ſchlingenden Armen, ein paarmal heftig an einander ſtießen, was dann zur Folge hatte, daß Ernſt, um nicht weiter zu ſtören, ſich in einen Lehnſtuhl warf und ſeinen Freund, der dies nicht zu bemerken und ſeinen Gedanken theilnahmlos für alles Uebrige ſich hinzugeben ſchien, auf ſeinem Gange durch beide Zimmer mit aufmerk⸗ ſamem Blicke betrachtete. Es hatte den ganzen Tag über geregnet und die Nacht war wenig anmuthend; noch immer heulte der Wind und trieb noch zeitweiſe Wolkenflut herbei. Findet ſich bei ſolchem Wetter ein etwas ernſter Grund zum Nachdenken oder gar zu Verdruß und Kummer ein, ſo darf man ſich gefaßt machen, einer totalen Seelenfinſterniß entgegenzuſehen. Dies war nun eben heute mit unſern Reiſenden der Fall. Ernſt hätte, wie er ſelbſt geſtand, ſchon gern wieder Paris im Rücken gehabt; auch hatte ihn nach ſo lan⸗ ger Abweſenheit vom Aelternhauſe ein leiſes Heimweh beſchlichen, genug, er fühlte ſich ungeachtet ſeiner Selbſtbeherrſchung verſtimmt. Er ſaß regungslos im Fauteuil, ſeinen Freund unabläſſig im Auge, der, ohne auf ihn zu achten, nicht müde wurde, die Gemächer zu Se 25 durchſchreiten. Palmer ſchien noch verſtimmter, wenig⸗ ſtens unruhiger als Ernſt. Da— wie es ja zu geſchehen pflegt, daß man in einer Stunde des Unmuths an ſeiner Umgebung dies und jenes bemerkt, was man in Jahren behaglichen Zuſammenſeins nicht beachtet— da fiel dem Jüngling etwas an Palmer auf, worüber er nahezu erſchrak; er bemerkte nämlich, ſeit Jahren an dieſem Abende zum erſten Mal, daß Palmer kleine, will ſagen, im Verhältniß zu ſeiner Körperlänge zu kleine Schritte machte. Dabei fuhr ihm die Warnung ſeines Vaters durch den Kopf, und jenes Wort, das er faſt belächelt hatte und das ihm aus dem Munde jedes Andern wie Unſinn geklungen haben dürfte, jenes Warnungswort durchzuckte ihn jetzt wie ein Blitz und zündete in ſeiner Einbildungskraft wie nichts früher im Leben. Die Entfernung von der Heimat, der düſtere Abend und das Schweigen Palmer's, Alles vereinigte ſich, Gefühle in ſeiner ſonſt ſo ruhigen Bruſt zu erwecken, für die er weder Gründe noch Namen wußte und die ihn eben deshalb um ſo mehr beunruhigten. Wer hat es nicht an ſich ſelbſt erfahren! In der Nacht wachſen Vorſtellungen plötzlich rieſig an, die uns zu erdrücken drohen; der eigene Athem wird, wenn ein⸗ mal die Geiſterſtunde in unſerer Phantaſie geſchlagen 26 hat, zum Geſpenſte und legt ſich wie ein eiſiger Kuß eines Grabentſtiegenen an unſere Wange an, daß wir entſetzt auffahren, während das Blut zum Herzen drängt, das Haar ſich ſträubt, das Leben ſtockt. In dieſer Lage befand ſich Ernſt. Der beſcheidene, milde, beſonnene junge Menſch war durch einen bei der Ruhe ſeines Weſens ganz unbe⸗ greiflich raſchen Gedankenzug in dieſem Augenblicke außer ſich. „Palmer!“ ſchrie er auf. „Nun?“ verſetzte der ſo heftig Angerufene im Tone des Unmuths, indem er anhielt und, wie erſt zu ſich kommend, milder hinzufügte: „Was wünſchen Sie?“ Die Stimme des Freundes wirkte beruhigend auf Ernſt. „Setzen Sie ſich doch auch“, ſagte er.„Sie durch⸗ eilen ja raſtlos die Zimmer, als liefen Sie den ent⸗ laufenden Sekunden nach, und zwar in Schritten, von denen mindeſtens ſieben ſtatt fünf auf zwei Klafter gehen!“ Palmer, pikirt durch dieſe Bemerkung, obgleich er Herrn von Berg's ſeltſame Warnung nicht kannte, alſo auch nicht in dieſem Sinne auf ſich bezog, entgegnete ziemlich barſch: 2 27 „Kein Schritt iſt zu klein, der zum Ziele führt, und jeder iſt zu groß, der es überſchreitet. Man iſt nicht immer Herr ſeiner Stimmung, und ich zum Beiſpiel kann eben jetzt meinem Blute nicht gebieten, ruhiger zu fließen.“ Nach dieſen Worten, die er im kurzen Anhalten ge⸗ ſprochen, ſetzte er ſeinen raſchen Gang fort, ohne Ernſt auch nur anzuſehen, der ſeinerſeits nicht wenig über⸗ raſcht durch Palmer's Benehmen in ſich verſank nnd ſo im Armſtuhle lehnend dieſen von neuem ſtarren Blicks betrachtete. Eine halbe Stunde, dem jungen Manne ein halbes Jahr, zog ſich ſo dahin. Endlich hielt Palmer wieder an und zwar dicht vor Ernſt. „Entſchuldigen Sie mich“, ſprach er tief aufath⸗ mend,„ich fühle mich leidend.“ „Und das“, ſagte Ernſt, indem er ſich raſch erhob und Palmer's Hand ergriff,„das laſſen Sie mich jetzt erſt wiſſen? Iſt das freundſchaftlich? Soll ich einen Arzt holen? Wollen Sie zu Bette?“ „Letzteres“, erwiderte Palmer,„dürfte das Zweck⸗ mäßigſte ſein.“ Ernſt hatte nunmehr, da er den Grund von Pal⸗ mer's Schweigſamkeit wußte, alles Andere ſchon wieder vergeſſen und entwickelte ſofort die herzlichſte Thätig⸗ — 28 keit, ſeinen leidenden Freund zur Ruhe zu bringen, in⸗ dem er ſich ſogar erbot, bei ihm zu wachen, was ſich jedoch dieſer aufs entſchiedenſte verbat. Palmer begab ſich nun unverweilt zu Bette, eine Stunde ſpäter Ernſt, nachdem er ſich der Nachtlampe in ſeinem, dem nach dem Flur hin erſten Zimmer ver⸗ ſichert hatte. Es nahte bereits Mitternacht. Die Aufregung während des ganzen Tages und das Rauſchen des Regens, den der Wind noch immer an die Fenſter ſchlug, ließen Ernſt bald entſchlummern, ſchneller, als er es wünſchte. Wunderliche Gebilde durchzogen den Geſichtskreis ſeines Geiſtes. Die peinliche Stimmung vom entſchwundenen Abende her ſetzte ſich fort und ſteigerte ſich wieder bis zur Angſt. Es war ihm, als ſchritte Palmer noch die Zimmer ent⸗ lang und er verfolge ihn wie früher mit ſtarrem Blicke. Genau die Scene wie vor zwei Stunden. Nun trat ſein Vater zur Thür herein, hob warnend die Hand und wies nach Palmer. Dieſer jedoch, erſchreckt durch die Erſcheinung des Herrn von Berg, war zu Bette gegangen. So blieb es eine Weile. Hierauf träumte ihm, es erhöbe ſich Palmer langſam von ſeinem Lager. Ernſt heftet den Blick auf ihn und beobachtet jede ſei⸗ 29 ner Bewegungen. Palmer gleitet geräuſchlos aus dem Bette, blickt um ſich, lauſcht, zögert einige Minuten und beginnt dann ſich anzukleiden. Damit bald fertig, geht er zum Schreibtiſch, öffnet dieſen behutſam, nimmt dar⸗ aus einige Papiere, die er in die Bruſfttaſche ſeines Paletots ſchiebt, ſchließt das Fach wieder genau und ſchreitet vorſichtig bis in die Mitte der Stube, wo er eine geraume Weile anhält, den Blick nach Ernſt's Lager gerichtet, und von wo aus er ſich zur Flurthür ſchleichend hinbewegt, die er geräuſchlos öffnet und— Damit, unter einem Aufſchrei des Entſetzens, war Ernſt erwacht. Die Lampe hinter ihrem grünen Schirme verbrei⸗ tete nur unheimliche Dämmerung durch das Gemach. Er fuhr auf, rieb ſich die Augen und horchte. Alles ſtill, Alles wie todt; die Windsbraut hatte zu klagen aufgehört, der Regen nachgelaſſen. Die Doppelthür zu Palmer's Zimmer ſtand offen, ſein Bett ihm gerade gegenüber. Ernſt lauſcht— kein Athemzug. Ein un⸗ ausſprechlich banges Gefühl überkommt ihn, eine nie empfundene Angſt, eine Geſpenſterfurcht. In dieſer ungeheuern Aufregung gehen einige Minuten hin; Schonung für ſeinen leidenden Freund, Beklemmung und eine Art Scheu halten ihn feſt. Alles— Alles ſtill! Nun aber reißt ihn die Angſt aus dem Bette . 30 und er ſtürzt mit dem wiederholten Schrei:„Palmer!“ nach dem andern Zimmer, nach dem andern Bette. Entſetzen Palmer's Bett iſt leer, dieſer verſchwunden. Ernſt ſpringt zur Eingangsthür; ſie iſt verſchloſſen und der Schlüſſel fehlt. Nun iſt er ſich plötzlich bewußt, daß er nicht ge⸗ träumt. Aber in eben dieſem Momente, wo vielleicht reifere, erfahrungsreichere Männer geſchaudert und die Beſin⸗ nung verloren hätten, zeigte ſich Ernſt als ein beſon⸗ nener, tüchtiger Menſch. Die Angſt wich mit einem Mal, ſie machte tem Zorne Platz⸗ Wie unklar ſeine Vorſtellungen auch ſein mochten, eins ſagte er ſich doch ſogleich:„Hier waltet Verrath, hier gilt es Entſchloſſenheit.“ Inſtinctiv griff er zum Richtigſten. Er brannte die Kerzen an, fuhr raſch in ſeine Klei⸗ der und ſuchte nach ſeinen Terzerolen. Dieſe fanden ſich.„Seltſam! Du biſt alſo nicht bedroht. Warum aber die Thür verſchloſſen? That es Palmer, ſich vor Verfolgung zu ſichern? Der Secretär ſtand offen, allein Palmer's Portefeuille und Papiere fehlten. Was ſoll das? Und der einzukaſſirende bedeutende Wechſel? O fort mit euch häßlichen Gedanken!“ 31 Vollſtändig angekleidet und entſchloſſen, mit Tages⸗ anbruch, falls Palmer nicht mittlerweile zurückkehre, Lärm zu machen und die Wohnung zu verlaſſen, um in der Stadt, etwa bei dem betreffenden Wechsler— immer wieder dieſer Gedanke!— Näheres zu erkunden, maß Ernſt das Zimmer mit haſtigen Schritten. An Pal⸗ mer, den er bisjetzt geachtet und geliebt, verzweifeln zu müſſen, war für ihn eine namenloſe Qual, und er ſuchte im Aufwande all ſeines Edelſinns ihrer ſich zu erwehren; er rief ſich Alles ins Gedächtniß, was zu Palmer's Gunſten ſprach, des Vaters Vertrauen zu demſelben, alle Vorkommniſſe der Vergangenheit, und Alles ſprach Nichtſchuldig! Dann in ſeinem Nachſinnen der kleinen Schritte Palmer's gedenkend, ſagte er ſich:„Wie konnte meinem Vater, der mir dieſe Warnung mitgegeben, die Bemer⸗ kung entgangen ſein, daß derſelbe zu kleine Schritte macht?“ Hier wurde Ernſt ſeinem Gedankenzuge entriſſen durch ein Geräuſch auf der Treppe; er trat raſch zur Hauptthür. Es ließen ſich Männerſtimmen vernehmen und dieſe kamen näher. S — Man pocht an die Thür. „Wer iſt da?“ ruft Ernſt mit ſtarker Betonung. 32 „Oeffnen Sie im Namen des Geſetzes!“ tönt es ebenſo zurück. „Wäre ich auch geneigt“ erwiderte er feſt,„mich zu ſo ungewöhnlicher Stunde dem Geſetze zu fügen, ſo iſt es mir doch unmöglich; ich kann nicht öffnen, denn mein Reiſegefährte hat ſich, während ich ſchlief, ent⸗ fernt und dieſe einzige zu unſerer Wohnung führende Thür hinter ſich abgeſchloſſen.“ „Dann, mein Herr“, rief es von außen,„wird der Schloſſer aushelfen.“ „Es ſteht Ihnen frei“, entgegnete Ernſt mit wieder⸗ gewonnener Ruhe. Nach etwa einer Viertelſtunde, während welcher man außen ſich leiſe beſprach, ward die Thür geöffnet, und herein trat, geführt von der Hauswirthin, die, im Nachtkleide und zitternd an allen Gliedern, ein Licht trug, ein Herr, der ſich ſofort als Polizeicommiſſar legitimirte, in Begleitung zweier bewaffneter Männer, die ſich an der Thür als Wache poſtirten. „Herr von Berg?“ fragte der Commiſſar, ſichzur Wirthin wendend, und trat dann nach ihrer Bejahung zu Ernſt. „Entſchuldigen Sie, mein Herr, dieſe Störung“ ſagte er höflich;„ich habe den Auftrag, Ihren Reiſe⸗ gefährten, Herrn Palmer, zu verhaften, Ihnen ſelbſt aber nichts in den Weg zu legen, Sie bleiben frei.“ 33 „Herrn Palmer verhaften?“ rief Ernſt beſtürzt aus. „Alſo entwiſcht“, ſagte der Commiſſar,„wenigſtens für den Augenblick, denn entgehen wird er uns nicht.“ Sich wieder an Ernſt wendend, fragte er, welche Gegenſtände dem Entflohenen gehörten. „Seine Papiere wie ſein Portefeuille“, entgegnete dieſer aufſeufzend,„nahm er mit ſich, wie ich mich ſelbſt ſchon überzeugt.“ „Wie kamen Sie, mein Herr, zu dieſer Ueberzeu⸗ gung?“ fragte der Beamte ruhig. Ernſt theilte ihm ſeinen Traum oder vielmehr ſeine Viſion mit. „Ich erſuche Sie, Herr Commiſſar“, ſagte er dann, indem er ihm ſeine eigene Brieftaſche überreichte,„zu meiner Genugthuung Alles aufs ſtrengſte zu unter⸗ ſuchen.“ Der Poliziſt, angenehm überraſcht von der loyalen Zuvorkommenheit des jungen Mannes, that nun ſeine Pflicht in voller Ausdehnung und empfahl ſich dann ſehr artig. Ernſt fühlte ſich von den ungeheuerlichen Vorgän⸗ gen dieſer Nacht ſo erſchüttert und von Theilnahme für Palmer ſo ergriffen, daß er in heiße Thränen ausbrach, die jedoch das Gute hatten, daß ſie ſeine Bruſt erleichterten und ſeine tief ſchmerzliche Stim⸗ 3 Jean Charles, Realiſten und Idealiſten. III. — 34 mung allmälig in eine religiöſe, gottergebene verwan⸗ delten. So fand ihn auch der Morgen, deſſen Sonnenſtrah⸗ len die Nebelmaſſen über Paris zertheilten und den heiterſten Tag hoffen ließen. Ernſt brach auf. Sein erſter Gang war zum Banquier. Der Wechſel war wenige Augenblicke zuvor von Herrn Palmer präſentirt, an der Kaſſe honorirt und der Empfang der namhaften Summe von demſelben beſtätigt worden. Im Uebrigen wußte der Banquier von Palmer nichts, erbot ſich aber freundſchaftlichſt, dem Sohne des Herrn von Berg bis auf nähere Weiſung von ſeiten des letztern in allen Wünſchen nach Möglichkeit zu willfah⸗ ren, wofür Ernſt jedoch mit der Verſicherung dankte, daß er Baarſchaft genug beſitze, um die Heimreiſe an⸗ treten zu können. In ſeine Wohnung zurückgekehrt, die glücklicherweiſe vorausbezahlt war, theilte er der Hauswirthin ſeine Abſicht mit, den nächſtfolgenden Tag abzureiſen, ordnete und übergab ihr ſein Gepäck zur Verwahrung und ent⸗ fernte ſich wieder, um das für die Abreiſe Nöthige zu beſorgen. Auf der Poſt fand er einen Brief ſeines Vaters. 35 Wehmüthig nahm er dieſen an ſich, unfähig, ihn ſogleich zu leſen. Er begab ſich zunächſt nach dem Bureau des Poli⸗ zeipräfecten, um hier möglicherweiſe den Grund von Palmer's Verhaftung zu erfahren. Bald vorgelaſſen, wurde er vom Präfecten, dem er ſeine Karte hatte übergeben laſſen, ſehr höflich empfangen. „Mein Herr“, redete ihn dieſer freundlich an, indem er ihm einen Sitz neben ſich anbot,„Sie ſind meinem Lunſche, Sie zzu ſprechen, zuvorgekommen, denn ich wollte Sie zu mir bitten laſſen. Sie kommen ohne Zweifel, um ſich Ihres Reiſegefährten wegen bei mir ſelbſt zu erkundigen?“ „Herr Präfect, es iſt der Fall“, erwiderte Ernſt. „Dieſes Verlangen“ fuhr erſterer ruhig fort,„iſt ein natürliches und macht Ihrem Gefühle nur Ehre. Indeß der Umſtand, daß ſich Herr Palmer der Ver⸗ haftung durch die Flucht entzogen, hindert mich für den Augenblick, Ihnen die gewünſchte Aufklärung zu geben; ich ſehe mich vielmehr genöthigt, an Sie einige Fragen zu richten, durch deren Inhalt Ihnen Manches klarer werden dürfte, beſonders wenn Sie, wie ich vorausſetze, dieſe Fragen unbefangen beantworten.“ „Ich werde antworten nach beſtem Wiſſen und Ge⸗ wiſſen“, ſagte Ernſt. 3* 36 „Nun denn, ſo wollen Sie mir ſagen, wie lange bereits Herr Palmer in Ihrem Hauſe lebt.“ „Nahezu fünf Jahre.“ „Ihr Herr Vater war voriges Jahr in Paris?“ „Ja, auch vor mehreren Jahren einmal.“ „Voriges Jahr in Begleitung des Herrn Palmer?“ „Als ſeines Secretärs.“ „Wo lernte ihn Herr von Berg kennen?“ „In München.“ „Als armen Candidaten der Theologie.“ „Palmer's Aeltern ſind nicht mehr am Leben?“ „Er ſagt es.“. „Sein Vater war Offizier in der franzöſiſchen Armee und zog ſich dann nach ſeiner Heimat, der Schweiz, zurück. Iſt Ihr Herr Vater ſchon lange in Hannover etablirt?“ „Seit ich denke; mein Geburtsort aber iſt Coblenz, wo meine Aeltern die erſten Jahre ihres Eheſtandes zubrachten.“ „Wie benahm ſich Palmer in Ihrem Hauſe? Ge⸗ ſellig?“ „Meiſt; doch liebt er die Einſamkeit.“ „Ich ermüde Sie wohl mit meinen Fragen.“ „Im Gegentheil, Herr Präfect; Sie ſpannen meine ———— 37 Neugierde dadurch, daß Ihre Fragen auch meine Fa⸗ milie berühren.“ „Wie meinen Sie das?“ „Wie ich es ſage, und ich füge bei: Schöpfen Sie, Herr Präfect, noch weiter aus der Quelle meines Wiſſens, denn ich fühle mich bei dieſer ſeltſamen An⸗ gelegenheit betheiligter, als Sie denken mögen, und ſehne mich nach Aufklärung, die mir eben nur durch das werden kann, was Sie ſagen. „Sie fühlen ſich betheiligt? Wie ſoll ich das ver⸗ ſtehen?“ „In— doch Sie werden dazu lächeln— philo⸗ ſophiſcher, will ſagen, in phyſiologiſch⸗pſychologiſcher Be⸗ ziehung. Geſtatten Sie, Herr Präfect, mich zu erklären.“ Hier theilte Ernſt mit, was er nach der Warnung ſeines Vaters an Palmer bemerkt hatte.“ Darauf ſagte der Präfect: „Bis jetzt glaubte ich, daß zu kleine Schritte einen Mann nur als drollig, nicht als gefährlich erſcheinen laſſen; aber man lernt eben nie aus, und ich bin Ihnen für die Mittheilung des Ausſpruchs Ihres Herrn Vaters zu Dank verpflichtet. Wie jedoch mag es ge⸗ kommen ſein, daß er nicht ſelbſt dieſe Gangweiſe an Palmer bemerkt hatte oder, wenn dies der Fall, nicht beſprechen mochte?“ 38 „Dies iſt mir eben unbegreiflich“, erwiderte Ernſt. „Halt“, fiel der Präfect ein,„ich hab's! Ihr Herr Vater hat ſeine traurige Erfahrung, deren Folge jener ſonderbare Ausſpruch war und iſt, gewiß erſt zu einer Zeit gemacht, als Palmer bereits zu feſt in ſeinem Vertrauen ſaß, als daß er auf denſelben nicht ſtatt der Regel die Ausnahme hätte anwenden oder auch deſſen Art zu gehen überhaupt beobachten ſollenß nicht ſo?“ „Der Herr Präfect ſchließen in der That ſehr gut.“ „Was wollen Sie! Das bringt mein Beruf mit ſich. Glauben Sie mir, junger Mann, die Polizei hat es manchmal mit ganz pvetiſchen Dingen zu thun, die ſich freilich gemeinhin ſo proſaiſch zerſetzen, daß nichts übrig bleibt als ein Straferkenntniß.“ Hier brach er die Unterredung ab und Ernſt em⸗ pfahl ſich. Er wußte wenig mehr in Bezug auf Palmer als vor dieſem Beſuche. Dieſes Wenige ſchien darauf hinzuweiſén, daß Pal⸗ mer politiſch gravirt ſei. Es kam ihm auch jetzt leb⸗ haft in Erinnerung, daß ſein Vater mit dieſem oftmals ſehr angelegentliche Geſpräche über die politiſche Lage von da und dort führte. „Fort von hier!“ ſprach Ernſt im Nachhauſeeilen ——— —— 39 vor ſich hin.„O wie verlangt es mich nach dem Frie⸗ den und der Ordnung daheim!“ Seine Wirthin kam ihm mit einem Billet entgegen, das ihr, wie ſie ſagte, ein Commiſſionär gebracht. Ernſt nahm das Billet an, deſſen Aufſchrift ihn Palmer's Hand erkennen ließ, eilte damit auf ſein Zimmer, erbrach es und las: „Mein Freund, wenn Sie Aufſchluß über mein Benehmen in verfloſſener Nacht wie über mein Schick⸗ ſal wünſchen, ſo finden Sie ſich heute Nacht punkt elf Uhr auf dem Pont neuf ein, wo ich Sie erwarten werde.“ „Nein“ rief er aus, indem er das Billet ſofort vernichtete,„ſo weit geht weder meine Pflicht noch meine Gläubigkeit und Freundſchaft, daß ich Dir auf Deinem nächtlichen Gange folge; nach Allem, was ich heute durch Dich und über Dich erfahren, thue ich genug, wenn ich Dich für keinen Verbrecher halte und ab⸗ warte, bis Du Dich am Tage rechtfertigen kannſt! Du haſt mich an einem fremden Orte um Mitternacht ein⸗ geſchloſſen, mir ſelbſt überlaſſen und eine Summe Gel⸗ des widerrechtlich an Dich gebracht, und ich habe Dich noch entſchuldigt; mir aber zuzumuthen, meinen ehr⸗ lichen Namen preiszugeben, mich dem Gerichte gegen⸗ über bloßzuſtellen, iſt von Dir unverzeihlich.“ 40 Ernſt durchſchritt wallenden Blutes die Zimmer und warf ſich dann müde und verſtimmt in den Lehn⸗ ſtuhl. Aufſeufzend griff er nach dem Briefe ſeines Vaters und hielt ihn eine Weile vor ſich hin, gleichſam als zage er, den Inhalt kennen zu lernen; hatte ja doch Herr von Berg ihm beim Abſchiede eine Mittheilung aus ſeinem Leben zugeſagt und jene Zuſage im letzten Schreiben dahin erneut, daß der nächſte, alſo dieſer Brief die Geſchichte ſeiner Jugend enthalten ſolle, eine ſchmerzliche Mittheilung jedenfalls, da ſie der an ihn gerichteten ſeltſamen Aeußerung über das Geheimniß der Aehnlichkeit zu Grunde lag. Mußte er nicht vor der Enthüllung zittern, vor der Kenntniß deſſen, was ſein geliebter Vater gelitten? Die Pflicht gebot aber zu leſen, und er las Folgendes: „Im Scheiden verſprach ich Dir, mein lieber Sohn, Dich aus der Ferne einen Blick in mein Herz thun zu laſſen, auf meine Vergangenheit hin, auf eine meiner ſchmerzlichſten Erfahrungen. Mein Vater, der, wie Du weißt, in Coblenz ein großes Handelshaus etablirt hatte, hinterließ mir als Univerſalerben ein ſehr bedeutendes Vermögen. Er hatte mich, meinen körperlichen und geiſtigen Eigen⸗ ſchaften entſprechend, für das Militär beſtimmt und meine Erziehung danach eingerichtet. Bei ſeinem Tode — meine Mutter war einige Jahre früher aus dem Leben geſchieden— zählte ich fünfundzwanzig Jahre. Das Militärleben, dem ich nur ein paar Jahre an⸗ gehörte, ſagte mir nicht recht zu und ich gab es auf, um Reiſen zu machen. Ich lernte vieler Herren Län⸗ der und Menſchen kennen. Von Sehnſucht nach Ruhe und häuslichem Glücke erfüllt, kehrte ich nach Coblenz zurück, wo ich mich noch weitläufiger ankaufte. Ich begann nun die Töchter des Landes ins Auge zu faſſen und erregte ſowohl durch meine Perſönlich⸗ keit— wie ich ſchon ſagen darf— als auch durch meine glänzende Lebensſtellung als reicher Particulier in der Frauenwelt große Aufmerkſamkeit. Bis dahin noch unbekannt mit der Macht des gewaltigſten aller menſchlichen Gefühle, der Liebe, überließ ich mich mehr meinem Auge als meinem Herzen. Mein Begleiter auf dieſer romanesken Irrfahrt, ſo zu ſagen mein Lootſe, der mich in den Hafen häus⸗ licher Glückſeligkeit ſteuern wollte, war ein gewiſſer Friedberg, ein hübſcher junger und gewandter Mann, der meinem Vater mit Eifer und Geſchick gedient und ſich auch mein ganzes Vertrauen, ja meine brüderliche Liebe erworben hatte. Ich überließ ihm die Verwaltung eines mir ſeit kurzem erſt angehörigen ſchönen Gutes 42 unweit der Stadt und nahm ihn, ſo oft es anging, in alle Geſellſchaften mit, die mir zugänglich waren. Dieſe Art Brautſchau ſetzte ſich einige Monate lang fort, und es gehört eine ſolche Erinnerung im⸗ merhin zu den heiterſten dieſes Lebens. Wie die Sonne am Morgen Alles vergoldet, wie der Schmetterling von Blume zu Blume, ſo eilt die Phantaſie des Jünglings von Herz zu Herz, von Luſt zu Luſt; daß die Sonne untergeht, daß Blumen welken, daß Herzen brechen können, wer denkt daran? Ich meinerſeits dachte nicht daran und glaubte vielmehr, daß ich mein Gefühl ſo ſicher anlegen könne wie meine Kapitalien. Endlich ſchlug meine Stunde— ich liebte. Der Gegenſtand meiner Neigung, die raſch in Leidenſchaft überging, war kein Mädchen, ſondern eine junge Offizierswittwe, deren Gatte, früher in franzöſiſchen Dienſten, ein Jahr vor unſerer Begegnung in Coblenz, wo er ſich nieder⸗ gelaſſen, geſtorben war, wo ſie in nahezu dürftiger Lage lebte. Dieſe Dame, eine geborene Gräfin, kaum zwanzig Jahre alt, eine reizende Brünette, nicht hoch gebaut, aber ſchön geformt, lebhaft und ſinnig, voll Beleſenheit und Talente, hatte ſich innerhalb weniger Wochen meines ganzen Herzens bemächtigt und ich ver⸗ langte von ihr, da ſie kinderlos war, zur Vollendung meines Glücks nichts als ihre Zuſtimmung zu unſerer — ehelichen Verbindung, mit welcher ſie jedoch zögerte, weil, wie ſie meinte, die Feſtigkeit meines Charakters noch zu erproben ſtand. Ich litt durch dieſe Verzöge⸗ rung nicht wenig und fand nur Troſt in meinem Freunde Friedberg, dem einzigen Vertrauten meiner bis dahin geheim gehaltenen Liebe. Wir drei verlebten da wonnige Stunden. Es kam der Frühling heran, und es rief mich ein Ankaufsgeſchäft nach Trier.„Dieſe Trennung auf ein paar Wochen“, ſagte Julie— ſo hieß die Dame— am Vorabende meiner Abreiſe in Friedberg's Gegen⸗ wart zu mir,„wird Sie über die Stärke Ihrer Nei⸗ gung zu mir belehren; lebt die Flamme noch bei Ihrer Rückkunft, nun ſo will und werde ich als die Ihrige ſie nähren bis zum letzten Hauche meiner Seele.“ So verließ ich Coblenz, während Friedberg in einer bedeutenden Geldangelegenheit, die er in Frank⸗ furt für mich zu ordnen hatte, am ſelben Tage nach dieſer Stadt abreiſen ſollte. Mein Geſchäft in Trier war infolge günſtiger Umſtände und meiner von Sehnſucht beflügelten Thä⸗ tigkeit ſchon nach drei Tagen glücklich beendigt und ich eilte nach Coblenz zurück. Merkwürdig! Je mehr ich mich dem Ziele meiner 44 Wünſche näherte, um ſo banger fühlte ich mich, und dieſe Bangigkeit ward zur Angſt, als ich Juliens Woh⸗ nung betrat. Hier, mein Sohn, wird es mir ſchwer, in meiner Mittheilung fortzufahren, denn noch heute, nach ſo vielen Jahren, überwältigt mich derſelbe Schmerz, der damals meine Bruſt zerriß, und ich finde nicht Worte für das Ungeheure jenes Erlebniſſes. Ich werde mich denn kurz faſſen. Die ſchöne junge Wittwe war fort, fort mit Fried⸗ berg, in deſſen Geſellſchaft die Verrätherin am Morgen meiner Abreiſe noch, wie ich aus verlaßlicher Quelle erfuhr, nach Frankfurt entfloh. Schmerz, Beſtürzung, Scham erdrückten mich faſt im erſten Augenblicke; dazu kam noch die Sorge wegen der großen Summe, die Friedberg mittels meiner Voll⸗ macht in Frankfurt für mich zu erheben hatte, und dieſe Vorſtellung riß mich gewaltſam aus meiner Ver⸗ ſunkenheit und ich eilte den Schändlichen nach. In Frankfurt angelangt, fand ich dieſe zwar nicht, wohl aber die leidige Beſtätigung deſſen, was ich in Betreff des Geldes beſorgt hatte; dieſes war von Friedberg vollſtändig eingezogen und er mit ſeiner Begleiterin auf und davon, ohne auch nur die geringſte Spur der von ihm eingeſchlagenen Richtung zu hinter⸗ laſſen. 45 In nicht zu ſchilderndem Gemüthszuſtande kehrte ich nach Coblenz heim. Ich hätte den Elenden, dieſen Doppelverräther, gerichtlich verfolgen laſſen können, doch unterließ ich es und begnügte mich damit, ihn und ſie zu verachten und ihre Züchtigung dem Geſchicke anheimzuſtellen. Ich ordnete meine Angelegenheiten in Coblenz, reiſte ab und durchſtreifte abermals die ſogenannte civiliſirte Welt in weiten Kreiſen. Was mir von Friedberg geraubt worden an Geld, erſetzte ſich durch glücklichen Betrieb meiner induſtriellen Unternehmun⸗ gen, mein Vermögen wuchs und ſtand unerſchütter⸗ lich feſt. Nunmehr, mein Sohn, weißt Du Alles bis auf die Nutzanwendung dieſer Geſchichte. Jenes ſchöne junge Weib, Julie, machte zu große, jener Mann, Friedberg, zu kleine Schritte, und ich habe ſpäter dieſelbe Wahr⸗ nehmung noch an vielen Perſonen gemacht, ohne daß ich mit ihnen in Verkehr geweſen; ich fand immer, daß ein Weib— Frau oder Mädchen— welches zu große, das iſt, im Verhältniß zum Wuchſe zu lange Schritte macht, zunächſt unweiblich, rechthaberiſch, unternehmend bis zur Keckheit, leidenſchaftlich, wollüſtig und treulos iſt, ſowie, daß ein Mann, deſſen Schritte im ſelben Sinne zu klein ſind, ſich nahezu ohne Ausnahme als 46 charakterlos, als unmännlich, eitel, falſch, neidiſch und ſinnlich erweiſt. Und ſo gab ich Dir damals dieſe Warnung mit auf den Weg in die Welt und heute die Deutung des Ausſpruchs, der Manchem als der eines Wahnſinnigen erſcheinen mag. Zehn Jahre ſpäter lernte ich in Hannover Deine Muter kennen, die mir Herz und Hand ſchenkte und in deren edlem Weſen und treuer Liebe ich Erſatz fand für alle jene Verluſte. Ihr zu Liebe ſiedelte ich nach Hannover über. Dich, Ernſt, gab mir ein gütiges Geſchenk zur Freude meines Alters; bleibe ſie!“ „Dies alſo, mein theurer Vater“, ſeufzte Ernſt, wehmüthig auf den Brief niederblickend,„der Grund Deiner ſo menſchenfeindlich klingenden Warnung! Dieſe Quelle iſt zwar nicht ganz rein, doch ehre ich Deinen Schmerz. Ach wenn Du noch wüßteſt, was mit Palmer mir begegnet! Nun, vielleicht findet ſich noch ein Anhaltspunkt, ihn zu entſchuldigen oder ſogar zu rechtfertigen.“ In dieſen und ähnlichen Betrachtungen ging ihm der Tag hin und es brach die letzte Nacht ſeines Auf⸗ enthalts in Paris herein. Das zur Reiſe Nöthige war beſorgt. Dem peinlichen Eindrucke ſeiner Wohnung zu ent⸗ 47 gehen, war Ernſt den ganzen Nachmittag außerhalb derſelben geblieben, und es hatte ſchon elf geſchlagen, als er nach Hauſe ging. Even an Palmer denkend, der ihn ſeinem Billet nach um dieſe Stunde auf dem Pont neuf erwartete, und im Begriffe, die Thorglocke in Bewegung zu ſetzen, ſah er einen Mann eilig auf ſich zukommen, den er ſofort als den Polizeicommiſſar erkannte, deſſen Er⸗ ſcheinen ihn vorige Nacht alarmirt. „Mein Herr“, redete den Ueberraſchten dieſer Be⸗ amte ebenſo höflich als haſtig an,„ich wollte ſo eben in Ihre Wohnung, um Ihnen in höherem Auftrage mitzutheilen, daß der ſogenannte Palmer verhaftet worden und ſomit nicht mehr im Stande iſt, Ihnen zu ſchaden.“ „Schaden? Mir?“ fragte Ernſt beſtürzt.„Und der ſogenannte Palmer?“ „Dieſer iſt“, entgegnete der Commiſſar raſch,„ein gefährlicherer Menſch, als Sie denken können. Dieſes Schreiben des Herrn Polizeipräfecten an Sie und be⸗ züglich an Ihren Herrn Vater wird Ihnen darüber Licht geben. Leben Sie wohl!“ Damit entfernte ſich der Beamte. Ernſt kam ganz betäubt von dieſem neuen Schlage auf ſein Zimmer. Das Schreiben des Präfecten lautete im Weſent⸗ lichen alſo: „Sie können ruhig heimreiſen. Ihr Geld wird demnächſt in den Händen Ihres Herrn Vaters ſein. Ihr verhafteter Reiſegefährte, verhaftet auf Grund ſichern Verdachts, daß er politiſche Zwecke der gefähr⸗ lichſten Art verfolge, heißt in Wahrheit nicht Palmer, ſondern Friedberg und iſt der Sohn eines ſeinerzeit gleichfalls ſtark gravirten politiſchen Abenteurers und Schwindlers, der vor einigen Jahren im Gefängniß ſein ſchmachvolles Leben beſchloſſen, nachdem noch wäh⸗ rend ſeines Aufenthalts in Amerika, wohin er mit einer unterſchlagenen Geldſumme entflohen, die Frau, mit welcher er im Concubinat gelebt, bei der Geburt ſeines Sohnes, der ſich dann den Namen Palmer bei⸗ legte, geſtorben war.“ Nach ſchlaflos zugebrachter Nacht verließ Ernſt ſeine Wohnung und eine Stunde ſpäter Paris. Von Straßburg aus kündigte er ſeinem Vater ſeine baldige Heimkunft an, ohne jedoch die Begebniſſe mit Palmer zu berühren, deren Mittheilung er ſich für zu Hauſe vorbehielt. Als Grund ſeiner ſo unerwartet baldigen Rückkehr gab er, ohne eben die Unwahrheit zu ſagen, Heim⸗ weh an. Drittes Kapitel. Ein Rückblick in Karl's Leben. Dieſe von uns im Zuſammenhange gegebene Er⸗ zählung hatte, verſtärkt durch den Vortrag des jungen Mannes wie durch die Gefühlsſpiegelungen auf ſeinem edlen Antlitze, im Geiſte und Gemüthe ſeines Zuhörers ſo bedeutende Wirkung hervorgebracht, daß er am Schluſſe derſelben, wie aus einem ſchweren phanta⸗ ſtiſchen Traume erwachend, tief aufathmend ausrief: „Ein Stück Leben furchtbarer Art!“ „Ja“ entgegnete Ernſt,„in der That furchtbar, und doch ſoll man das Leben lieben und ſeinen Gleich⸗ muth wie ſein Vertrauen zu den Menſchen bewahren.“ „Bei ſolcher Jugend eine ſolche Erfahrung!“ ſagte Karl, indem er Ernſt's Hand ergriff und ihn theil⸗ nahmevoll betrachtete.„Die Zukunft hat eine ſchwere Jean Charles, Realiſten und Idealiſten. III. 4 Aufgabe zu löſen, wenn ſie den Eindruck dieſer Ver⸗ gangenheit aus Ihrer Seele tilgen will. Und dennoch“ — fügte er wehmüthig lächelnd hinzu—„verſtändigt man ſich mit dem Leben, findet ſich ab mit ihm und erſchließt Kopf und Herz neuen Erſcheinungen, neuen Eindrücken; bin ja ſelbſt ein lebendiger Beleg dafür, habe ja ſelbſt Erfahrungen gemacht und Erinnerungen zu verwinden, deren Schreckliches und Schmerzliches kaum in Worte zu kleiden wäre—“ „Durch deren Mittheilung aber“ unterbrach ihn Ernſt milden Tons,„Sie, gleich mir, Ihre Bruſt erleichtern und mich zu Dank verpflichten würden, da ich Sie, das fühlen Sie wohl ſelbſt, liebgewonnen und Ihnen mein ganzes Herz erſchloſſen habe.“ Ernſt hatte Recht, dies zu ſagen; Karl fühlte ſeine Zuneigung und erwiderte ſie; auch gebot das von ſeiten des jungen Mannes ihm geſchenkte Vertrauen, dem⸗ ſelben in gleicher Weiſe zu entſprechen, wozu noch das eigene Bedürfniß nach Mittheilung kam, dem ſich gefühl⸗ volle Menſchen nie ganz verſchließen können. „Ich zähle“, erwiderte er,„nur wenige Jahre mehr als Sie, bin aber, Ihnen gegenüber, ſelbſt nach dieſer Ihrer entſetzlichen Erfahrung, in Betreff des an mir und an Andern Erlebten ein Greis zu nennen, obgleich mein Haar noch ungebleicht, mein Auge offen, mein 51 Herz voll Liebe, mein ganzes Weſen Hingebung iſt; von mir ſollte nach dem gewöhnlichen Gange der Natur nicht ein Stäubchen Aſche mehr übrig ſein, ſo viel habe ich bereits gelitten, ſo viele Stürme ſind über mich hingebrauſt. Sie wiſſen von mir“ fuhr er nach kurzem Schwei— gen fort,„nur das Wenige, was ich Ihnen ſelbſt geſagt und das allenfalls auf einer Viſitenkarte ſtehen kann oder in einem Reiſepaß: Namen, Alter, Heimat, Beſchäf⸗ tigung und Zweck der Reiſe; es gleicht eine ſo ober⸗ flächliche Bekanntgebung der Perſönlichkeit einer Eti⸗ kette auf Flaſchen, gefüllt mit dieſer oder jener Flüſſig⸗ keit, oder auf einem Paquet Manufacturwaare und beſagt nichts von alledem, was ſich vom Tage der Weinleſe an bis zur Veräußerung des auf Flaſchen gezogenen Rebenſaftes, oder von der Gewinnung des Rohſtoffs bis zur Darlegung des Fabrikats auf dem Markte begeben, wie viele Thränen wohl, wie manche lacrimae Christi ſich mit der nun herzſtärkenden Flüſ⸗ ſigkeit gemengt, wie viele Tage halbtödtlicher Selbſt— verleugnung, wie viele kummervolle und ſchlafloſe Nächte der Arbeiter hinzubringen hatte; Dinge, die der Welt, die eben nur das Natur⸗ oder Kunſtprodukt fertig will, ganz gleichgültig und nur für Organiſationen unſerer Art von Intereſſe ſind.“ 52 Ernſt drückte ihm die Hand und ein ſchöner Blick ſagte, daß er ihn verſtand und bereit war, ſeine Mit⸗ theilung offenen Herzens entgegenzunehmen. Beide ſchritten nun, nur eine Wegſtunde noch von Calw entfernt, eine Weile ſchweigend durch den herr⸗ lichen Hochwald dahin; dann und nicht ohne eine ge⸗ wiſſe Anſtrengung, nicht ohne erſichtlichen Ausdruck eines kurzen, aber heftigen innern Kampfes nahm Karl ſchwer aufathmend das Wort und gab, ſo zu ſagen in Lapidarſtil, den Index ſeines Lebensbuchs an, indem er, zu nicht geringem Erſtaunen ſeines Begleiters, wie zu ſich ſelbſt redend eintönig vor ſich hinſprach: „In meinen Armen ſtarb meine Mutter und meine Gattin, dieſe mehrere Jahre nach dem entſetzlichen Tode meiner erſten Braut, deren eiſige Schläfe meine Hand auf der Bahre berührt; vom Knabenalter bis heute auf mich allein geſtellt, hatte ich, nach Kennt⸗ niſſen und Bildung ſtrebend, mit dem Mangel zu ringen; treuloſe Freunde verwundeten mein Vertrauen in Men⸗ ſchen auf den Tod; Feinde verfolgten und vertrieben mich aus der Heimat; meine Ueberzeugungen wurden verhöhnt und verdächtigt, und noch zur Stunde nenne ich nichts Anderes mein eigen und habe kein anderes Baterland als die Erzeugniſſe meines Geiſtes und die in der Fremde mir gewordene Anerkennung.“ ——————— 53 Hierauf den Ton ſteigernd bis zu feurigem Aus⸗ drucke, fuhr er alſo fort: „Inmitten des hier Bezeichneten liegt eine Welt von Erſcheinungen und Erfahrungen entzückender und entſetzender Art, zu deren Darſtellung, ſo jung ich bin, nicht zehn Bücher genügen würden, und dennoch bin ich, Dank dem Gotte über mir und in mir, wie in den ſchönen Tagen meiner erſten Jugend gläubig, ver⸗ trauend und liebend, ſtrebe noch meinem Ideale nach in der Kunſt, hänge noch an der Natur wie ein Kind an der Mutterbruſt und erfreue mich noch eines weiten Blicks über das Leben; Arbeit iſt mir Luſt, ich achte die Arbeit Anderer, mein Herz iſt unverbittert, mein Geiſt klärt ſich mehr und mehr, ich vermag mich zu objectiviren, ich denke und ſchaffe frei. Dies— in ſcharfen Umriſſen— das Bild meines Daſeins, eigent⸗ lich nur die Umrahmung von den Bildern meines Lebens. Ich will, wenn es Sie intereſſirt, eine Epiſode—“ „O ich bitte Sie darum!“ unterbrach ihn ſein Ge⸗ fährte. „Nur eine Epiſode für jetzt“, ſagte Karl,„da ich mich für überzeugt halte, daß wir uns gelegentlich auf längere Zeit angehören werden; ein Zwiſchenſpiel, das im Ausgangspunkte ſo zu ſagen lyriſch war, dann ins Epiſche überging und ſich weiterhin dramatiſch geſtaltete, 4 —— 3 . 54 und zwar tragiſcher Art, um humoriſtiſch zu enden, wenngleich in jenem Humor, der mit Thränen im Auge lacht. Es fand dieſes Zwiſchenſpiel in einer Zeit ſtatt, als ich die ſchreckliche Kataſtrophe mit meiner erſten Braut bereits erlebt, halb verwunden und mich ganz vom Verkehre mit der Geſellſchaft abgewendet hatte, um ausſchließend meinen Studien und Arbeiten mich hinzugeben. Ich zählte noch nicht völlig dreiundzwanzig Jahre, als ich jenes Einſiedlerleben begann, wobei ich alsbald die Erfahrung machen ſollte, daß der Geiſt des Menſchendaſeins ſolche Abgeſchloſſenheit nicht duldet und den paſſiven Widerſtand beſtraft.“ Nach kurzer Pauſe nahm Karl wieder das Wort und erzählte Folgendes. „Ein mir befreundeter junger Mann hatte das Un⸗ glück, mit ſeinem Vater oder vielmehr mit deſſen zweiter Frau, die eine harte Stiefmutter war, ſich zu über⸗ werfen. Franz— ſo hieß der junge Mann— mußte das Vaterhaus verlaſſen und ſogar Noth leiden. Ein uns beiden gleichfalls befreundeter Hofſchauſpieler nahm ſich ſeiner an und ging mit dem Plane um, ihn mit ſeinen Aeltern auszuſöhnen. Er wollte dieſelben nebſt einigen andern Perſonen bei ſich zu einem Thé dansant ſehen und ich meinerſeits ſollte zu dieſem Zwecke ein erzählendes Gedicht verfaſſen, das ein ähnliches Zer⸗ —————— —————— 55 würfniß zwiſchen Vater und Sohn zum Gegenſtande hätte und deſſen Zweck, die endliche Wiedervereinigung dieſer, eben durch den Inhalt des Gedichts, das er, der Schauſpieler, ſelbſt vortrüge, zu erreichen wäre. Da man mir geſtattete, der beabſichtigten Soirée fern zu bleiben, ſchrieb und übergab ich das Gedicht ſchon am nächſten Tage. Am Feſtabende ſelbſt ſaß ich an meinem Schreib⸗ tiſche und ſann, ausruhend, über die mögliche Wirkung meines Gedichts nach. Wie ſchön, ſagte ich mir, wäre es doch, wenn es gelänge, durch Poeſie unmittelbar auf das reale Leben einzuwirken, wie es gewiß einſt der Fall geweſen, während heute die Poeſie eine Kunſt geworden und der Poet ein Fremdling in der Geſell⸗ ſchaft, die vor ihm bei aller Achtung ſelbſt eine gewiſſe Scheu empfindet, da er nicht ihre Sprache ſpricht, an⸗ ders denkt und fühlt. In dieſem über manches dahin Einſchlagende ſich verbreitenden Selbſtgeſpräche unterbrach mich ein Ge⸗ räuſch auf der Treppe, ich vernahm Männerſtimmen, und im nächſten Momente ſtürzten zur Thür herein und ſtrahlenden Blicks auf mich zu mein Freund Franz und der Schauſpieler. „Es iſt gelungen“, rief letzterer, mir die Hand reichend, während Franz mich umarmte,„und Alles wieder in 56 Ordnung; Ihr Gedicht hat zu Thränen und die Herzen zu einander hingeriſſen; ſogar die Stiefmutter hat ge⸗ weint und ſie ſelbſt führte unſern Franz, den ich am Schluß des Vortrags aus ſeinem Verſtecke hervortreten ließ, in die Arme des Vaters, der dabei ſchluchzte wie ein Kind. Die Geſellſchaft, elektriſirt, forderte uns auf Sie zu holen, und wäre es aus dem Bette; kurz, Sie werden gerufen und müſſen aus den Couliſſen heraus; man will den Verfaſſer ſehen, vor allen Gräfin Julie, die von dem Gedichte ganz entzückt iſt. Sie ſind noch im Coſtüm, alſo kommen Sie!“ „Nicht gern“, entgegnete ich;„auch iſt dieſer glück⸗ liche Erfolg wohl nur Ihrem meiſterhaften Vortrage zu danken.“ „Gehorſamer Diener!“ rief der Mime lachend aus; „aber wie dem immer ſei, Sie müſſen mit uns; gehen Sie nicht, ſo tragen wir Sie.“ „Doch nicht ſo, in meinem Hausrocke?“ „Noch beſſer im Schlafrock, wenn Sie einen haben. Uns Künſtler muß man nehmen, wie wir uns geben; o thun Sie mir den Gefallen und fahren Sie in Ihren Schlafrock hinein!“ Wir brachen denn auf. Im Hineilen durch die Straße fragte ich, wer die erwähnte Gräfin Julie ſei. 57 „Erſtens“, ſagte der Schauſpieler,„iſt dieſe zwanzig⸗ jährige Comteſſe ein Engel in Geſtalt einer Franzöſin, die vortrefflich deutſch ſpricht und ſchreibt; zweitens eine excellente Tochter, die ihren Vater, einen ver⸗ armten Emigranten, und ihr Brüderchen ernährt, und drittens Geſellſchaftsdame der Gräfin**s, in deren Salons ſie bereits ſeit zwei Jahren durch Liebens⸗ würdigkeit und Geiſt Alles entzückt, wie Sie an ſich ſelbſt erfahren werden.“ „Ich an mir?“ „Ja, mein Freund. Ich meinerſeits bin glücklicher⸗ weiſe verehelicht und trage den Ehering als Talisman gegen ſolche magiſche Einflüſſe; dennoch muß ich Ihnen ſagen, daß ich die Comteſſe charmant finde. Wenn Sie vollends mit ihr tanzen, ſo iſt Ihr Herz geliefert.“ „Ich— ich tanze nicht mehr.“ „Warum nicht gar! Sie werden tanzen, wie Sie da ſind, im Paletot, und zwar mit Gräfin Julie. Spä⸗ ter werden Sie von ihr gekrönt.“ „Geſundheit“— ſchrieb eines Tages Lenau an mich—„iſt auch anſteckend“; ich fühlte die Wahrheit in dieſem Augenblicke; das muntere Weſen des Künſt⸗ lers wirkte auf mich erfriſchend wie Waldluft. Ich betrat in gehobener Stimmung ſeinen Salon. Die Geſellſchaft, immer dankbar für ein improvi⸗ 58 ſirtes Vergnügen, empfing und fetirte mich in einer Weiſe, die mich in Verlegenheit brachte. Wohl that mir dabei die Zurückhaltung der Com⸗ teſſe Julie. Ich kam beim Souper, das gegen Mitternacht ſer⸗ virt wurde, neben ſie zu ſitzen und hatte Gelegenheit, ihren Geiſt kennen zu lernen. Dieſer vereinigte in ſich deutſche Gründlichkeit mit franzöſiſchem Esprit. Auch ihre Perſon zeigte dieſe Doppelnatur. Nicht regelmäßig ſchön von Geſicht, war ſie es doch von Geſtalt; die Formen ihres ſchlanken Leibes, zart umhüllt von einfachem weißen Muſſelinkleide, waren vollendet ſchön zu nennen; in den Locken ihres glän⸗ zend ſchwarzen Haars lag, ihr einziger Schmuck, eine Roſe; ihr feuriger Blick aus dunklen Augen erhielt durch die ſanft bewegten Lider und langen Wimpern bisweilen einen ſchwärmeriſchen Ausdruck; überhaupt lag in ihrem ganzen Weſen jenes gewiſſe Etwas, das beim erſten Blick feſſelt und, wenn auch nicht Liebe als Leidenſchaft, ſo doch eine ſtille Verehrung erzeugt. Julie war in Deutſchland geboren und auch da er⸗ zogen worden. Ihr Wiſſen umfaßte neben dem Verſtändniß mo⸗ derner Sprachen viele Kenntniſſe und ſie machte daſ⸗ ſelbe im Geſpräche echt weiblich geltend, ohne alles Zurſchautragen, aber auch ohne Ziererei; ſie gab ſich beſcheiden, doch offen und mit Beſtimmtheit. Nach dem Souper wurde getanzt. Die Frau vom Hauſe bot mir die Hand; da war nicht auszuweichen. Nach beendeter Tour führte ſie mich zu Comteſſe Julie, und ich tanzte auch mit ihr und öfter, als räthlich geweſen wäre. Sie ſagte beim Abſchiede— die Geſellſchaft verließ das Haus erſt gegen Morgen— freundlich zu mir:„Es wird meine Dame, Gräfin**s, freuen, Sie gelegent⸗ lich in ihrem Salon zu ſehen.“ Am dritten Tage nach dieſer Soirée begab ich mich in das gräfliche Hotel. Ich traf die Damen allein und blieb, artig em⸗ pfangen, über eine Stunde. Die Unterhaltung bewegte ſich um Gegenſtände der Kunſt und Literatur, wobei natürlich das Gemüth nicht leer ausging. Die Frau vom Hauſe, eine geiſt- und gefühlvolle Dame, war ſo gütig, mir, als ich mich empfahl, zu ſagen, daß ihr die Fortſetzung meiner Beſuche ange⸗ nehm ſein werde. Da dieſe Einladung auch mir angenehm war, ſo ſetzte ich ſie auch fort. War mein Herz dabei bethei⸗ 60 ligt? Wenn ſchon, nur ſehr leiſe; weit mehr ſtellte ſich das Intereſſe als ein rein geiſtiges heraus, ſelbſt nachdem ich mehrmals mit Comteſſe Julie die Abend⸗ ſtunden allein zugebracht hatte, da ihre Dame biswei⸗ len an Migräne litt und auf ihrem Boudoir verblieb. So verfloſſen Wochen, ja Monate, und der Früh⸗ ling nahte; mit ihm die Zeit des Aufbruchs nach dem Lande. Die Gräfin reiſte mit Julien ab. Mein Ver⸗ hältniß zu letzterer war und blieb ein im vollen Sinne des oft mißbrauchten oder belächelten Wortes plato⸗ niſches, eine ſehr innige, aber durchaus nur geiſtige Verſchmelzung, eine Freundſchaft, welche, ich weiß es, die Welt für unmöglich hält und darum auch belächelt. Ich blieb mit Julien in brieflicher Verbindung, und dieſe Correſpondenz wirkte, ich geſtehe es offen, auf mich vielfach anregend und fördernd; iſt der männliche Geiſt dem Diamante zu vergleichen, ſo weiß man ja, daß der Diamant nur durch Diamantbrod zu ſchleifen und daß dieſes der Geiſt des Weibes iſt. Beim Scheiden hatte Julie ihre Mundtaſſe mir zum Andenken hinterlaſſen, und ich erwähne dieſes Umſtan⸗ des nur, weil ſich ſpäter daran ein höchſt ſeltſames Begebniß knüpfte. Das Herz dieſer jungen Dame war, wie ſie mir offen bekannt, ſchon in Liebe, in leidenſchaftlicher Liebe 61 entbrannt geweſen und ſchmerzlichſt enttäuſcht worden; um ſo erquickender war ihr unſere Geſchwiſterliebe, wenn an dieſem freundſchaftlichen Verkehre überhaupt Liebe Antheil hatte, was ſchwer zu ſagen, weil ſchwer zu unterſcheiden. Der Menſch ſpielt mit Begriffen und Empfindungen, wie das Kind mit Blumen, ohne ſie zu kennen. Was iſt Freundſchaft? Beſteht ſie? Und wenn ſchon, kann ſie beſtehen zwiſchen Mann und Weib, zwiſchen den Herzen des Jünglings und der Jung⸗ frau? Begnügt ſich das jugendliche Haupt mit dem Kranze ihrer Imortellen? O dieſes glühende Haupt verlangt nach Roſen, nach immer friſchen Roſen, ob auch die Stirn noch blutet unter den zurückgebliebenen Dornen der verblichenen! Wahr iſt, ich ging nach Juliens Abreiſe an mein Tagewerk mit friſchem Geiſte, neubelebter Phantaſie, erhöhtem Lebensſchwunge, aber doch ſehnte ich mich nach ihren Briefen, doch fand ich den größten Genuß im Schreiben an ſie. So iſt nun ſchon der Menſch; ſein Herz ſättigt hienieden eben nichts als endlich die Handvoll Erde des Grabes. Genug, dieſe Correſpon⸗ denz war damals meine Freude, und ich gab mich ihr hin mit ganzer Seele. Aber ſie ſollte mir vergällt werden. Unſer Briefwechſel ſetzte ſich in den Sommermona⸗ ten fort, und es rückte der Herbſt, die Zeit des Wie⸗ derſehens, allmälig heran. Juliens Briefe wurden, im Gegenſatze zu den meinigen, mit jeder Poſt zurückhal⸗ tender, ihre Sehnſucht nach Wiederſehen ſprach ſich im⸗ mer ſchwächer aus. Da ſtutzte ich doch und mäßigte auch meinen Ton. In die Correſpondenz kamen Lücken; ihre Antwort auf mein letztes nicht ganz von Vorwür⸗ fen freies Schreiben lautete etwa ſo:„Mich beherrſcht ein Verhängniß, das mich zwingt, unſere Correſpondenz abzubrechen und unſer Verhältniß ſelbſt aufzulöſen. Richten Sie nicht! Warten Sie die Zeit ab, die Ihnen dieſes Räthſel löſen wird. Wir kehren jetzt nicht nach der Reſidenz zurück, ſondern werden dieſen Winter in*** zubringen, wohin wir dieſer Tage abreiſen. Von dort aus ſchreibe ich Ihnen wieder und Alles.“ Dieſer räthſelhafte Brief erſchütterte den Ideenbau meines Seelenfriedens in ſeinen Grundfeſten, und ich verſank in wüſten Schutt der Unzufriedenheit mit mir ſelbſt wie mit der ganzen Menſchheit. Ich litt, und es währte lange, bis ich auch nur zu der noth⸗ wendigſten Arbeit Kraft und Luſt wiedergewann. In⸗ deß das Leben, beſonders das einer Großſtadt, be⸗ ſchwichtigt; es legt den Streit zwiſchen Gedanken und Gefühlen bei, indem es Geiſt und Gemüth durch hun⸗ dert Zwiſchenfragen und Erſcheinungen beſchäftigt. Arbeit iſt der beſte Balſam für ein ſo verwundetes Herz. Ich vertiefte mich in Studien, arbeitete raſtlos und ſtrebte meinem Geiſtesziele nach. So entſchwand mir wie im Fluge jener Winter. Von Julien nicht ein Lebenszeichen; auch ich dachte an ſie nur wehmüthig theilnehmend. Eines Morgens, im Februar, bereitete ich mir mit⸗ tels meiner kleinen Maſchine Kaffee und wollte eben die von Julien mir zum Andenken hinterlaſſene und von mir in der letzten Zeit nicht mehr berührte Mund⸗ taſſe vom Pultaufſatze herabnehmen, als dieſelbe, noch bevor meine Hand ſie erreicht hatte, mit einem Tone, der einem halberſtickten Seufzer, einem leiſen Schmer⸗ zensrufe glich, von oben nach unten zerſprang und in mehrere Stücke auseinanderfiel. Ich erbebte und es überkam mich wie Geſpenſter⸗ furcht.. Nach wenigen Sekunden hatte ich mich allerdings wieder ermannt und belächelte mich ſogar ſelbſt; doch wollte den ganzen Tag über der Gedanke an pieſe eigenthümliche Begebniß mir nicht aus dem Sinne, und ich merkte mir in meinem Notizbuche die Zeit deſſelben an. Die Vorſtellung, daß Julie irgendetwas Verhäng⸗ nißvolles betroffen haben möchte, ward ich trotz aller Einwendungen des Verſtandes nicht los. Es ſchwanden darüber einige Wochen hin. —————————— Eines Abends fand ich zu Hauſe unter mehreren für mich eingegangenen Buchhändlerpaqueten und Brie⸗ fen auch ein kleines Billet, bei deſſen Berührung es mich durchzuckte wie vom Schlage eines Zitteraals. Die Aufſchrift war von Juliens Hand, das Billet trug kein Poſtzeichen, ein Commiſſionär hatte es gebracht. Ich fühlte mich augenblicklich unfähig, es zu öffnen, zu leſen. Endlich gewann ich die Kraft dazu. Das Bil⸗ let lautete: „Ich beſchwöre Sie beim Andenken an die erſten ſchönen Stunden unſerer geiſtigen Verbindung, zu mir zu eilen. Ich bin vor einer halben Stunde hier ange⸗ kommen. Es erwartet in Ihnen ihren Richter über Leben und Tod Da war nicht zu überlegen, nicht zu zögern; ſie konnte meiner Hülfe bedürfen, es hatte Eile, und ich eilte nach dem bezeichneten Gaſthofe. Vor der Thür ihres Zimmers hielt ich an, Athem, Faſſung zu gewinnen. Nun poche ich an, öffne langſam die Thür und habe dieſe kaum hinter mir zugezogen, als Julie mit einem Aufſchrei wie vom Blitze hingeſchmettert mir zu Füßen liegt und ſchluchzend meine Kniee umklammert. Ohne noch eines Wortes mächtig zu ſein, ſchließe ich die Thür ab, richte die Leidende, deren Ausſehen übrigens blühender als je, ſanft empor und führe ſie zur Ottomane, wo ich ihr zur Seite mich niederlaſſe. Da, in einem Strome von Thränen, das ſchöne Haar gelöſt, umſchlingt ſie mit beiden Händen zitternd meine Rechte und ſinkt, ohne daß ich es zu hindern vermag, wieder vor mir in die Kniee, die Augen mit einem unbeſchreiblichen Ausdrucke zu mir aufgeſchlagen. „O“, ruft ſie in markerſchütterndem Tone aus,„0 nur ein Wort, nur ein Hauch des Troſtes aus Ihrem Munde, Karl, bevor ich in Jammer vergehe!“ „Sprechen Sie, Gräfin.“ „Nicht ſo, nicht ſo, wenn Sie mich nicht tödten wollen! Es tobt in mir eine Hölle! Bannen Sie den böſen Geiſt durch ein einziges Wort, wenn nicht der Liebe, ſo doch der Menſchlichkeit!“ „Nun denn, ſo ſprich, Julie.“ „O dieſer eiſige Ton, er ſchneidet wie ein Dolch durch die Bruſt!“ Abermals erſticken Thränen ihre Stimme, abermals vill ich ſie aufrichten, ſie aber klammert ſich krampf⸗ haft an meine Kniee. „Laß mich, laß mich“, ſtöhnt ſie,„laß mich zu Dei⸗ nen Füßen, da iſt mein Platz, die Stelle der Büßerin!“ Dann, durch mein Zureden und die Milde meines Jean Charles, Realiſten und Idealiſten. III. 5 66 meines Ausdrucks allmälig geſammelter, fährt ſie fort: „So, Aug' in Aug' mit Dir, will ich bekennen und ſagen, was ich verſchuldet und was ich gelitten! Du aber faſſe Dich, daß Dein Herz nicht breche unter dem gigantiſchen Drucke des Mitleids oder des Entſetzens. Meine Seele ward Dir nicht einen Augenblick untreu. Das iſt der einzige Lichtblick in der Nacht meines Elends, ohne dieſes Selbſtbewußtſein hätte ſchon längſt der kalte Strom da oder dort mein glühendes Herz für immer gekühlt. Ja, ich habe nicht aufgehört Dich zu lieben, ich liebe Dich mehr denn je, und die Stärke und Reinheit dieſes Gefühls geben mir ein Recht, zu fordern, daß Du mich hörſt, ſowie auch den Muth, Dir Alles zu entdecken, ohne Rückhalt, ohne die min⸗ deſte Schonung meiner ſelbſt!“ Und nach kurzem beiderſeitigen Schweigen erzählte Julie Folgendes. Viertes Kapitel. Ein Stück Leben aus der vornehmen Welt. „Ungefähr einen Monat vor Abbruch unſerer Cor⸗ reſpondenz kam ein Graf** aus*** zu Beſuch in unſer Schloß; ein junger, körperlich wohlgebildeter, doch verwildert ausſehender, als Wüſtling verrufener Cava⸗ lier aus berühmter Familie, verwandt mit der meiner Dame, alſo trotz ſeines ſchlechten Renommés unab⸗ weislich. Er brachte auch in der That, viel mit der Jagd ſich beſchäftigend, faſt den ganzen Herbſt bei uns zu. So ungeſtüm ſein Auftreten in den erſten Tagen, ſo fügſam und geordnet zeigte ſich ſein Weſen danach. Eines Morgens ſagte meine Gräfin zu mir:„Welche Wunder doch die Liebe wirkt! Wenige Tage reichten ß duch dieſe ſchöe Gefühl dieſer junge —— 4 „ 5 68 Wilde in einen Mann comme il faut verwandelt wurde.“ „Die Liebe?“ fragte ich erſtaunt.„Wen liebt er denn?“ „Sie liebt er“, entgegnete die Gräfin ernſt;„er ſelbſt hat es mir geſagt.“ „Mich?“ rief ich aus im Tone des Entſetzens, das mich erfaßte. „Daß er Ihnen“, fuhr meine Dame fort,„noch nichts von ſeinem Gefühle für Sie mitgetheilt, zengt von der Aufrichtigkeit deſſelben. Julie, Sie wiſſen, daß ich Ihre wahre Freundin bin, hören Sie denn. Seine Familie, ſein Vermögen und ſeine künftige Le⸗ bensſtellung würden Ihnen jenen Platz in der Geſell⸗ ſchaft ſichern, welchen Sie durch Geburt und Bildung einzunehmen verdienen, auch würde durch dieſe Ver⸗ bindung die Exiſtenz Ihres Vaters und Bruders ſich freundlicher geſtalten. Indeß wir wollen nichts über⸗ eilen. Zeigt es ſich, daß, wie ich meinerſeits glaube, ſeine Neigung zu Ihnen mehr als flüchtige Leidenſchaft iſt, nun, dann haben Sie ſelbſt zu entſcheiden, ob Sie den jungen Wilden für das Leben der Geſellſchaft ge⸗ winnen und ihn glücklich machen wollen; es wäre ja nicht der erſte Fall, daß ein halbverlorener Menſch durch ein edles Frauenweſen gerettet würde. Ich weiß 69 allerdings, daß Ihr Herz an dem jungen Dichter hängt, allein bedenken Sie alle Verhältniſſe, haben Sie be⸗ ſonders Ihren Vater vor Augen und handeln Sie mit Raiſon.“ So ſprach die würdige Dame zu mir und ließ mich allein. Ich ſank zuſammen und brach in Thränen aus. Lag in ihnen die Ahnung des Verhängniſſes, das mich ereilen ſollte? Oder waren ſie nur der Erguß meiner Sehnſucht nach Dir, Karl? Wohl Beides zugleich. Menſchen ſo reizbarer Organiſation wie ich erleben Wichtiges zweimal, einmal in Ahnung des Kommen⸗ den, dann in Wahrheit, Wirklichkeit. Acht Tage gingen ſo hin; es änderte ſich nichts als der Ton in meinen Briefen an Dich. Er wurde unſicher wie ich ſelbſt; es laſtete ein Alp auf meiner Bruſt. Ich beging nur den einen großen Fehler, daß ich mich nicht ſogleich Dir entdeckte, Deinen Rath nicht einholte, oder vielmehr daß ich nicht ſofort meine Stellung im Hauſe der Gräfin aufgab, um zu Dir mich zu flüchten, an Dein Herz, mein Aſyl. Darin beſtand meine Schuld, und alles Folgende war nur das moraliſch Nothwendige, das dieſe Schuld hervor⸗ rufen mußte. Ich traute mir die Kraft zu, den Kampf mit den Verhältniſſen allein beſtehen zu können. So ſpielt der Menſch in ſeinem Wahne, in ſeiner Selbſt⸗ 70 überſchätzung mit den Umſtänden, fordert tollkühn das Verhängniß heraus und gibt, weit ausholend, ſich Blößen für das ſicher treffende Geſchick; er ſchämt ſich zu fliehen, wo Flucht allein wahrer Muth zu nen⸗ nen iſt. Meine Dame ward täglich für ihren Protégé be⸗ redter, er ſelbſt mit jedem Tage ernſter, ja ernſt bis zur Melancholie. Ich hielt, nicht aus Eitelkeit, dieſem Wüſtlinge wahre Neigung eingeflößt zu haben, ſondern aus Achtung für die Menſchheit, die Darlegung ſeines Gemüthsleidens für ungeheuchelt; vielleicht war ſie es auch. Dies war der erſte Pfeil, der mich traf; ich empfand Mitleid mit ihm. Je mehr ſich dieſes ſtei⸗ gerte, um ſo ängſtlicher zog ich mich zurück, und es war ſchon ſo weit gekommen, daß die Gräfin von ſeiner baldigen Abreiſe ſprach, ohne ſeiner Liebe zu erwäh⸗ nen; ſie achtete meine Haltung, ſie übte Schonung. Ich begann freier zu athmen; noch einige Tage, und Alles wäre wie ehedem geweſen. Da trat das Ver⸗ hängniß in der Perſon meines Vaters ein. Seine ganz unerwartete Ankunft riß meinen Hoffnungsbau ein und warf mich zu Boden in meiner Siegestrunkenheit! Die Gräfin ſprach ihn und er den jungen Grafen. Dann legte er mir Fragen vor, ſo väterlich liebe⸗ volle und zarte, daß ich ihm nur mit ſtummen Thrä⸗ —— 71 nen antworten konnte. Da verſtummte auch er, aber ich fühlte, ich ſah es, leidend, ein durch ſein Kind leidender edler, unglücklicher alter Mann! Dies zu ver⸗ winden, ging über meine Kräfte. Ich gab meinem Vater Hoffnung. Um jene Zeit ſchrieb ich Dir meinen letzten Brief. Ich war bereit, mich für meinen armen Vater zu opfern. Der junge Graf, als er davon vernahm, war wie außer ſich vor Freude. Er ſchwur mir, daß ſein gan⸗ zes Leben nur mir gewidmet ſein ſolle, ſowie daß er ohne mich rettungslos geweſen, zurückgeſtürzt wäre in die kaum verlaſſene Hölle des Laſters, daß er mir ſeiner Seele Wiedergeburt zu verdanken habe. Die Gräfin und mein Vater überhäuften mich mit Zärtlichkeit. Ich ließ ſie alle gewähren und ergab mich ſchweigend dem Unvermeidlichen, nur an dem religiöſen Gedanken mich aufrecht haltend, etwas Gutes zu thun mit dieſem Acte kindlicher Dankbarkeit. Mein Vater reiſte bald wieder ab, mich ſegnend und mit der Zuſage, meiner Vermählung, die mit Wintersanfang in*** ſtattfinden ſollte, beizuwohnen. Einige Tage ſpäter verließ auch der junge Graf das Schloß. Angekommen endlich in*** ward ich in allen Häu⸗ ſern, die wir beſuchten, als Verlobte dieſes Cavaliers 7. empfangen. Ich ſchwieg dazu. Er ſelbſt trat nunmehr auch beſtimmter auf und näherte ſich mir in einer Weiſe, die mir höchlichſt mißfiel und die ich aufs ſtrengſte, entſchiedenſte ablehnte. War es dieſes mein ernſtes Benehmen, der Widerſtand, der gebieteriſche Ton der Frauenwürde, was ſeine Leidenſchaft ſteigerte, oder war es nur der Ausbruch ſeines eigentlichſten, bis dahin maskirten ganz brutalen Weſens, genug, er wurde immer zudringlicher und mir ſonach verhaßter. Es reifte in mir der Gedanke zum Entſchluß, trotz meiner ihm, dem Vater und der Gräfin gemachten Zu⸗ ſage dieſer mir moraliſch unmöglichen Verbindung mich durch die Flucht zu entziehen. Ich traf heimlich Anſtalten dazu, mich nur meinem Kammermädchen anvertrauend. Aber dieſe Verrätherin ſtand bereits, ich kann es nicht bezweifeln, im Solde des Grafen. Ich hatte Alles geordnet. Ein von mir zurückgelaſſenes Schreiben ſollte meine Dame und durch ſie meinen Vater von meinem Schritte in Kenntniß ſetzen. Die zur Flucht beſtimmte Nacht brach herein. Ich ſchützte Migräne vor und zog mich auf mein Ge⸗ mach zurück. Um Mitternacht verließ ich mit dem Kammermädchen, das mich begleiten ſollte und wollte, unbemerkt das Haus, unſer weniges Gepäck unter un⸗ ſern Mänteln verbergend, und wir eilten einer ziemlich entfernten Straße zu, wohin ich den gemietheten Wa⸗ gen beſtellt hatte. Wir gelangten auch ohne Hemmniß dahin und fuhren unverweilt ab. Die Pferde jagten durch die Stadt; in einer Stunde hatten wir die erſte Poſtſtation erreicht, in ebenſo kurzer Friſt die zweite. Da erklärte der Landkutſcher, daß er ſeinen Pferden einige Ruhe gönnen müſſe, und ich ſah mich genöthigt zu halten, wollte ich nicht Poſtpferde nehmen, was ich aber ſcheute, um jeder Nachforſchung zu entgehen. Die Kälte war ſtreng, das Mädchen klagte über Schwindel und bat mich, mit ihr in das Gaſthaus einzutreten. Ich mußte nachgeben und wir ſtiegen aus. Man führte uns in ein Zimmer des obern Stockwerks, das erwärmt und anſtändig eingerichtet war. Das Mädchen ent⸗ fernte ſich, um für uns beide Thee zu bereiten. Ich war kaum allein, als mich entſetzliche Bangigkeit befiel; mir war, als ſollte ich in dieſem Hauſe etwas Un⸗ geheures erleben. Ich warf mich auf das Ruhebett und ſtierte in das matte Licht der Lampe auf dem Tiſche; mein Herz ſchlug, als wollte es mir die Bruſt zerſprengen, meine Stirn glühte und dabei überlief es mich eiskalt. So vergingen einige Minuten. O daß ich nicht mit ihnen vergangen! Endlich vernehme ich Tritte. Das Mädchen, ſage ich mir etwas beruhigter, kommt zurück, nun iſt Alles gut. Da öffnet ſich die 74 Thür und— ewiger Gott!— der Mann, dem ich mich durch Flucht entronnen wähnte, tritt über die Schwelle. Ich weiß nichts mehr, als daß ich, vom Entſetzen emporgeriſſen, einen Hülfeſchrei ausſtieß und ohnmächtig zuſammenbrach. Als ſich mein Bewußtſein wiederfand, ſah ich mich in den Armen dieſes Schänd⸗ lichen. Ich ſtieß ihn wüthend von mir und ſprang auf. Er aber kam mir zuvor, ſchloß die Thür ab und zog eine Piſtole hervor. „Tödte mich, Elender“, rief ich aus;„ich werde es Dir ſterbend danken, daß Du mich von Deinem ver⸗ haßten Anblick befreiſt!“ „Nein“, entgegnete er mit einer Ruhe, die mich er⸗ ſtaunen machte,„nein, nicht Sie will ich tödten, ſon⸗ dern mich und zwar vor Ihren Augen, jetzt, und Sie, ohne die ich nicht leben will, nicht leben kann, Sie mögen es vor Gott verantworten!“ Ein ganz unſagliches Gefühl durchdrang mich. „Halten Sie ein!“ ſchrie ich auf. „Was wollen Sie noch“, ſprach er bitter lächelnd weiter,„da es vorbei mit mir, da Sie mich zu Grunde gerichtet? Was ſoll ich noch im Leben? Mein bisheri⸗ ges Sein ekelt mich an, ich verabſcheue es, ſeit ich Sie, die Reinheit Ihrer Seele, die Ueberzeugung von der Wirklichkeit edlen Seins in mich aufgenommen; ſoll ich duin 75 zurück in die Hölle, da Sie mich aus Ihrem Himmel verſtoßen?“ Thränen erſtickten ſeine Stimme und ſeine kräftige Geſtalt zitterte. Was ging hierbei in mir vor? Du retteſt eine Seele vom Verderben! Dies die einzige klare Vorſtellung, deren ich mich erinnere. Dann ſah ich ihn zu meinen Füßen, emporblickend zu mir mit bethränten Augen; Worte der Reue, Be⸗ theuerungen der heiligſten Art ſchlugen an mein Ohr; das Bild meines Vaters, das Gedenken meiner edlen Wohlthäterin, mein gegebenes Wort— Alles, Alles war gegen mich, ach, und ich— ich nahm die Piſtole aus ſeiner Hand und legte meine Rechte darein! Er ſprang auf, ſchloß mich entzückt in ſeine Arme und ich, halb bewußtlos, ließ ihn gewähren. Im ſel⸗ ben Momente ging die Seitenthür auf und ein Prieſter trat ein, gefolgt von einem Diener und meinem Kam⸗ mermädchen. Wenige Minuten, und ich war dem Grafen an⸗ getraut. Dein Blick, Karl, ruht mit Erſtaunen auf mir; er fragt mich, wie es denn nur möglich geweſen, daß ich das Gewebe ſolcher Schurkerei nicht durchſchaut, nicht 76 ſogleich das Unzuläſſige, Unhaltbare jener Art Trauung erkannt und zurückgewieſen habe. Ich weiß hierauf nichts zu antworten, als daß ich betäubt, wie von Wahnſinn befallen geweſen; ſonſt hätte ich mir, wie ſchon am nächſtfolgenden Morgen, ſogleich ſagen müſſen, daß ein in ſolcher Weiſe geſchloſſener Vermählungsact illegal ſei, ſelbſt angenommen, daß jener Mann, der ſich dabei als Prieſter gerirte, nicht ein verkappter Helfershelfer, ein Diener des Grafen war; kurz, ich befand mich in einer Art Bann und dieſer löſte ſich erſt mit Tagesanbruch, wo es auch in meinem Geiſte hell zu werden, furchtbar zu tagen begann. Es war die Rückreiſe mittels Poſt beſchloſſen; der Graf wollte vorauseilen, ich ſollte mit dem Kammer⸗ mädchen folgen, zu meiner Dame vorerſt zurückkehren. Ich, ſchon Böſes ahnend, ſtimmte anſcheinend ruhig bei. Der Graf fuhr davon, nachdem er eine Poſtchaiſe für mich und meine Dienerin beſorgt hatte. Wo aber war dieſe? Fort mit dem Grafen, wie mir die Haus⸗ leute ſagten. Der Verzweiflung nahe, fand ich doch im Aufblicke zum ewigen Richter wie im Bewußtſein, Gutes gewollt zu haben, Haltung, wenn auch nicht Ruhe. So fuhr ich allein nach der Stadt zurück und traf in unſerm Hauſe ein, noch bevor die Gräfin, welche ——————— 77 meiſt erſt gegen Mittag ihr Schlafgemach zu verlaſſen pflegte, mich vermißt hatte. Ich eilte zu ihr und entdeckte ihr Alles. Groß war die Beſtürzung, größer noch der Zorn der edlen, ſonſt ſo ruhigen Dame. Sie ſchickte ſofort nach der Wohnung des Grafen, ihn zu ſich zu bitten. Er war nicht zu finden, abends zuvor nicht nach Hauſe gekommen, auch ſein Diener fehlte. Da entfaltete die Gräfin eine Thätigkeit, deren Energie ich bewundern und dankbarſt anerkennen mußte. Sie fuhr mit mir zum Chef der Polizeibehörde und theilte ihm den ruchloſen Vorgang mit. Der würdige Beamte, empört gleich uns, rieth und ver⸗ fügte ſogleich das Zweckdienlichſte. Ich ſollte, dem Gerede auszuweichen, das irgendwie hervorgerufen werden konnte, abreiſen und die Führung der ganzen Angelegenheit ihm überlaſſen, nachdem ich vor ihm die Erklärung abgegeben hatte, daß ich lieber mit Schmach bedeckt leben, als die Gattin dieſes Elenden bleiben wolle. „Dieſe Verbindung“ ſagte er,„iſt keine, wie ſich von ſelbſt verſteht; der Act aber iſt ein hoch ſtrafbarer und die Strafe wird den Grafen ganz gewiß treffen, 78 wie mächtig und berühmt auch ſeine Familie iſt. Rei⸗ ſen Sie nach der Reſidenz, dort werden Sie auf die Ungültigkeitserklärung dieſer Verbindung nicht lange zu warten haben.“ Ich dankte ihm, nahm Abſchied von meiner Wohl⸗ thäterin und reiſte ab. Fünftes Kapitel. Das Ende vom Liede. „Die Arme“, fuhr Karl in ſeiner Erzählung fort, „brach abermals in Thränen aus und preßte ihr Ant⸗ litz an meine Kniee. „Und was gedenken Sie nun zu beginnen?“ fragte ich ſie mild, indem ich ſie aufrichtete und an meine Seite zog. „Was beginnen“ ſeufzte Julie,„nachdem ich, wie ſchuldlos ich mich auch fühle, Ihre Liebe, wohl auch Ihre Achtung eingebüßt. Ich habe“— ſprach ſie dann mit Faſſung weiter—„Sie zu mir ge⸗ beten, um ein offenes Geſtändniß abzulegen. Mein armer Vater wird bei ſeiner Rückkehr nach jener Stadt das Geſchehene erfahren und auch meinen jetzi⸗ gen Aufenthalt. Ich werde hier bleiben und wieder 80 eine Stelle ſuchen als Geſellſchafterin oder Erzieherin. Sie, Karl, werden mir ein Freund bleiben und mit mir— wenigſtens brieflich— in Verkehr, bedenkend, wie nöthig dies meinem zerriſſenen Herzen iſt.“ „Daß nach dem“, entgegnete ich ſchonend,„was Sie erlebt haben, an einen andern als ſchriftlichen Verkehr zwiſchen uns fortan nicht zu denken iſt, müſſen Sie ſelbſt fühlen; immer würde das Phantom der Erinne⸗ rung ſich zeigen und jede andere Vereinigung unmög⸗ lich machen. Schreiben Sie mir; ich werde jeden Ihrer Briefe beantworten, ſowie ich Ihnen unverweilt eine paſſende Wohnung und auch eine Stelle in gutem Hauſe ſichern will.“ So ſprechend erhob ich mich, reichte der Gebeugten zum Abſchiede die Hand und ging. Ich bemerke Ihnen, Herr von Berg, daß jenes Zerſpringen von Juliens Mundtaſſe, dem von mir no⸗ tirten Datum nach, genau zur Zeit ihres verhängniß⸗ vollen Zuſammentreffens mit dem gräflichen Wüſtlinge im Stationsgaſthauſe ſtattgehabt.“ „Ja“, ſagte Ernſt,„es gibt ſolche Dinge und mein Vater weiß von dergleichen aus ſeinem Leben, aus ſeiner eigenen Erfahrung zu erzählen; es ſind das Begebniſſe, für deren Erklärung ſich ſelten natürliche Anhaltspunkte bieten und die man eben hinnehmen muß, wie ſie erſcheinen, oder unbedingt zurückweiſen; ich meinerſeits neige zu dem Glauben an das Wunderbare, obgleich nicht zu leugnen, daß manches wunderbar Schei⸗ nende ſich natürlich erklären laſſen dürfte. Doch ent⸗ ſchuldigen Sie dieſe Unterbrechung und theilen Sie mir noch gütigſt mit, wie das fernere Schickſal der jungen Gräfin ſich geſtaltete.“ „Höchſt ſeltſam“ entgegnete Karl;„ſo eigenthümlich hat es ſich geſtaltet, daß es Ihren ganzen Glauben an meine Wahrhaftigkeit herausfordern wird. Es gelang mir“, erzählte er weiter,„ſchon nach Verlauf weniger Tage, Julie in eine ſehr geachtete Familie zu bringen, bei der ſie gute Aufnahme fand. Ich blieb mit ihr in Briefverkehr und hatte die Genugthuung, wahrzunehmen, daß ſie ihre Gemüths⸗ ruhe wiederfand und ſich beſchäftigte. Nach einigen Wochen war ſie im Beſitze des Docu⸗ ments, das die Annullirung ihrer ſo ſchmachvoll im⸗ proviſirten ehelichen Verbindung mit jenem abenteuer⸗ lichen Grafen, der übrigens mittlerweile das Weite geſucht hatte, und ſomit die Erklärung ihrer Freiheit enthielt. Einer ihrer nächſtfolgenden Briefe zeigte mir die Ankunft ihres Vaters an, ſeine Beſtürzung ſchildernd, ſeinen Schmerz und zugleich ſeine endliche Beruhigung; 6 Jean Charles, Realiſten und Idealiſten. III. 82 auch theilte ſie mir mit, daß die Gattin eines reichen Banguiers in dieſer Reſidenz eine Erzieherin für ihre zwölfjährige Tochter ſuche und daß ſie, Julie, ſich um dieſe Stelle bewerben wolle, falls ich damit einverſtan⸗ den ſei. Ich rieth ihr dazu und ſie wurde angenommen. Da brach ich die Correſpondenz mit ihr ab, trotz aller Einwürfe ihrerſeits, und machte einen Ausflug durch Tirol nach der Lombardei, auf dem ich einige Monate zubrachte. Ich kehrte im Sommer erquickt, an Leib und Seele geſtärkt in die Reſidenz zurück. Die Erinnerung an Julie durchzog meine Phantaſie nur noch wie das Gedenken eines verworrenen Traums; ich war er⸗ wacht. Eines ſchönen Abends promenirte ich durch den großen Park, der das Stelldichein der eleganten Welt bildete, die ich zwar nicht ſuchte, aber auch nicht floh⸗ da man auch von ihr lernen kann und ſogar ſehr viel. Ich lagerte mich unter der ſchönen Baumgruppe eines Cafés und rauchte meine Cigarre. Es war, obgleich die Saison morte bereits begon⸗ nen hatte, das Gewoge von Equipagen, Reitern und Fußgängern noch ſehr groß, und ich blickte, Unbeſtimm⸗ tes ſinnend, in das bunte Getreibe vor mir. Da klopft 83 es mir auf die Schulter; ich wende mich— es iſt der Hofſchauſpieler, in deſſen Hauſe ich, wie erzählt, Com⸗ teſſe Julie kennen gelernt. Der joviale Künſtler ſetzte ſich nach herzlichſter Be⸗ grüßung zu mir. „Sie waren alſo in Italien?“ „Nur in der Lombardei, mein diesmaliges Ziel waren die Borromeiſchen Inſeln.“ „Ach ja, die Iſola bella ließe ich mir ſchon gefallen, wenn nur nicht dabei die Iſola Madre in Ausſicht wäre, von der Iſola dei Piscatori gar nicht zu ſprechen, von dem Fiſchen im Trüben nämlich.“ „Es freut mich, Sie immer noch ſo gut gelaunt zu finden.“ „Was wollen Sie! Wer nicht in die Welt hinein lacht, den lacht die Welt aus. Sehen Sie nur, welch lebhafte, muntere Welt da vor uns!“ „Allerdings, und in ſo vorgerückter Jahreszeit.“ „Mehrere Feſtlichkeiten hielten diesmal die Reichen und Vornehmen zurück. Aber nicht wahr, ſolche Equi⸗ pagen hat ſelbſt der berühmte Corſo von Mailand nicht aufzuweiſen?“ „Nicht in dieſer Fülle.“ „Sehen Sie zum Beiſpiel dieſen Phaöton!“ „Welchen?“ 6 84 „Den blauen da des Banquiers*.“ Er nannte den, in deſſen Hauſe Julie Gouver⸗ nante war. Ich blickte ſchärfer hin und das Blut ſtieg mir zu Kopf. In dieſem Phaston ſaß Julie in glänzender Toilette zur Seite ihrer Pflegebefohlenen, ſtrahlend von Glück, reizender denn je. Dieſer Anblick ſchnitt mir durchs Herz, ich wünſchte mich weit weg in meine Alpen. „Nicht wahr, ſie iſt ſchön?“ „Die Equipage? Ja.“ „Und Comteſſe Julie?“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Daß unſere Gräfin ſchöner iſt als jemals.“ „Was kümmert's mich!“ „Das weiß ich nicht; doch weiß ich etwas Anderes, das Sie vielleicht nicht wiſſen, obgleich Sie ein Gelehr⸗ ter ſind.“ „Das mag wohl ſein.“ „Zum Beiſpiel, was ſich die Stadt von Comteſſe Julie erzählt.“ „Und was ich nicht hören mag.“ „Aber hören müſſen, ſo wahr ich Ihnen gut bin.“ „So ſprechen Sie denn, wenn es ſein muß.“ Bo 85 „Die Frau dieſes Banquiers iſt krank, ſo krank, daß die Aerzte ſie bereits aufgegeben haben, und nach ihrem bald zu erwartenden Tode wird Comteſſe Julie die zweite Gattin dieſes Kröſus.“ Der Schauſpieler hatte wahr geſprochen; im dar⸗ auf folgenden Winter war Julie mit dem Banquier vermählt.“ „Es iſt doch“, ſprach Ernſt nach kurzer Pauſe vor ſich hin,„eine furchtbare Gewalt, die das Geld aus⸗ übt, ſelbſt auf jene menſchlichen Organiſationen, denen man weder Anlage noch Streben zu Beſſerem ab⸗ ſprechen kann; denn war es auch nicht das Geld an ſich, was dieſe junge Dame von ſo zarter, edler Natur bewog, die Gattin eines Mannes zu werden, der den Jahren nach ihr Vater ſein konnte, ſo waren es doch die durch und nur durch Geld zu erlangenden eitlen Weltdinge, als da ſind ſchönes Hausweſen, Verkehr mit der vornehmen Geſellſchaft, glänzendes Aeußeres, raffi⸗ nirte Genüſſe.“ „Vergeſſen Sie nicht“ bemerkte Karl mit einer ge⸗ wiſſen Wärme,„daß Julie für ihren Vater und Bruder zu ſorgen hatte.“ „Es macht“ entgegnete der junge Mann,„Ihrem Gefühle Ehre, daß Sie dieſe Sorge der Gräfin als Hauptbeweggrund annehmen; ich meinerſeits, deſſen 86 Herz hierbei nicht betheiligt iſt, bin der Ueberzeugung, daß Julie auch ohne dieſes Motiv dem Banquier ihre Hand gereicht hätte; ich denke, daß im Weſen dieſer Dame Phantaſie und Geiſt das Gemüth und die Ver⸗ nunft bei weitem überwogen.“ „In Bezug auf Letzteres haben Sie Recht“ ſagte Karl,„und ich muß Ihnen um ſo mehr beiſtimmen, als ich es Schwarz auf Weiß von dieſer Dame ſelbſt habe, nämlich in der von ihr niedergeſchriebenen nnd mir mitgetheilten Geſchichte ihrer erſten Liebe.“ „Ihrer erſten Liebe?“ fragte ſein Begleiter ganz erſtaunt.„Waren nicht Sie der Gegenſtand ihrer erſten Liebe?“ „Ich war es nicht, wie Sie ſich überzeugen werden. Ich will in Calw, wo wir doch Sieſta halten, Ihnen dieſe merkwürdige Geſchichte mittheilen, falls Sie ſich dafür noch intereſſiren.“ „Gewiß“, erwiderte jener,„obgleich ich geſtehen muß, daß dieſe Verheirathung—“ „Von der ich allerdings zuletzt erſt hätte ſprechen ſollen— „O nicht doch! Im Gegentheile intereſſirt es mich den Quellen einer ſo mächtigen Lebensſtrömung nach⸗ zuforſchen; ich wollte nur ſagen, daß die Proſa dieſer letzten Verbindung—“ 87 „Den poetiſchen Reiz beeinträchtigt?“ „Ja, das meinte ich.“ „Dann dürfen Sie wenige Dramen und wenige Erzählungen realiſtiſcher Natur, wie ſolche immer mehr ſich geltend machen, bis zum Schluſſe ſehen oder leſen, denn das Ende vom Liede der Gegenwart tönt pro⸗ ſaiſch aus; die ſogenannte Göttin der Vernunft— die Göttin des Lebens— thront heute auf dem Tinten⸗ faß.“ „Und vergällt uns das Leben“ fügte Ernſt ſeufzend hinzu. Sechstes Kapitel. Abenteuerliche Geſchichte einer erſten Liebe. (Aus Juliens Briefen an Karl.) Die große franzöſiſche Revolution hatte meinem Vater ſein ganzes Vermögen geraubt. Er flüchtete ſich mit ſeiner Gattin nach Deutſchland, wo er als Sprach⸗ lehrer beſcheidene Exiſtenz gewann. Ich wurde zu Frank⸗ furt am Main geboren; meine Geburt war meiner Mut⸗ ter Tod. Einige Jahre ſpäter verehelichte ſich mein Vater zum zweiten Mal; aber auch dieſe Frau, die ihm einen Sohn gebar, ſtarb bald, und nun widmete ſich mein Vater ausſchließlich unſerer Erziehung. Die Gattin eines reichen Kaufherrn von Frankfurt, in deſſen Hauſe er hohe Achtung genoß, ward mir eine Mutter im beſten Sinne des Wortes. Sie verwendete viel auf meine Ausbildung; ich lernte Alles, was für das Leben in der guten Geſellſchaft gefordert wird, — und war im Alter von fünfzehn Jahren im Beſitze vieler Kenntniſſe und Fähigkeiten, durch deren Ver⸗ werthung als Erzieherin oder Geſellſchafterin ich nach dem Plane jener edelmüthigen Dame, falls ſich nicht, wie ſie hoffte, eine paſſende Partie für mich fände, für meinen Vater ſorgen könnte. Als ich das ſechzehnte Jahr vollendet hatte, kam ich zu einer ſehr reichen ruſſiſchen Fürſtin als Geſell⸗ ſchafterin und trat bald darauf mit dieſer damals etwa dreißigjährigen, ebenſo geiſtvollen als ſchönen Dame eine Reiſe an. Mein Vater blieb in Frankfurt und ich hatte die Freude, ihn durch die Großmuth der Fürſtin behaglich geſtellt zu wiſſen. Wir bereiſten Italien. Der Eindruck dieſes Wunderlandes, ſeines Himmels, ſeiner Kunſt, ſeiner ſchönen Menſchen auf meine Phantaſie wie auf meinen Geiſt war ein mächtiger, noch verſtärkt durch unausgeſetzten Verkehr mit einer genialen Frau voll Feuer und Schönheitsſinn. Ich ſchwamm in einem Meere von Wonne und ſchluchzte oft vor Entzücken. In Neapel grenzte meine Begeiſterung nahezu an Wahn⸗ ſinn, ſodaß ich heute noch nicht begreife, wie ich im Sturme meiner Empfindungen mich aufrecht erhalten konnte.„ Wir verweilten ein volles Jahr in Neapel ſelbſt. 90 Die Fürſtin machte ein großes Haus und ſah die glänzendſten Erſcheinungen des Tages, faſt Alles, was durch Rang, Reichthum, Schönheit, Geiſt und Kunſt ausgezeichnet war, in ihren Salons. Dieſe höchſt intereſſante ſchöne Dame, Wittwe, kinder⸗ los, unabhängig, reich, lebte ganz nach den Bedürf⸗ niſſen ihres Geiſtes und Geſchmacks ſowie nach den zeitweiligen Eingebungen ihres Herzens. Sie gefiel ſich in der Bewunderung, die man ihr zollte, und nahm die Huldigungen junger Männer mit jenem Selbſtgefühle hin, das, ohne alle Koketterie, zu große Vertraulichkeit unmöglich macht und bei aller Anziehungskraft ſelbſt die Ungeſtümſten in ehrerbietiger Ferne hält. Nur gegen einen ihrer zahlreichen Verehrer verhielt ſich die Fürſtin minder zurückweiſend. Es war dies der ausgezeichnete Sänger Aleſſandro***, der in jenem Winter Triumphe in der Oper San⸗Carlo feierte und durch den Zauber ſeiner Stimme wie durch ſein herr⸗ liches Spiel und durch ſeine außerordentliche Schönheit Alles in Entzücken verſetzte. Dieſer junge Mann imponirte der Fürſtin durch die edle Weiſe, in welcher ſeine Liebe zu ihr— wie ſie glaubte— ſich kund gab. Aleſſandro, der kaum vierundzwanzig Jahre zählen mochte, ein Römer, hatte bei allem Feuer ſeines Weſens ———— 94 in ſeiner Haltung etwas Antikes, Erhabenes, Herven⸗ mäßiges; er ſah aus, als wollte er eine Welt erobern, oder vielmehr, als hätte er ſie ſchon erobert. Die Damen vergötterten, die Herren bewunderten oder beneideten ihn. Die Huldigung, die Aleſſandro der Fürſtin dar⸗ brachte, verhielt ſich zu den gemeinplätzigen Herzens⸗ ergießungen der übrigen Cavaliere wie die Glut der tropiſchen Sonne zu der von Italien; ein Lied, ein Wort, ja nur ein Blick von ihm überwog weitaus alle die Tiraden der Kleinmeiſterſeelen. So oft er ſich auch mit der Fürſtin allein zu unter⸗ halten das Glück hatte, niemals ſprach er von ſeiner Liebe zu ihr; aber ſein ganzes Weſen war Liebe, pri⸗ mitives Gefühl, vom Herzen ausſtrömend und alle ihm nahen Herzen überflutend. Alle, demnach auch das meinige? Ja; ich liebte ihn vom erſten Augenblick an. Aleſſandro galt in Neapels großer Welt für— was er nicht war— den begünſtigten Verehrer einer Fürſtin. Ich litt dabei unausſprechlich, um ſo mehr, als ich Niemand hatte, dem ich mich mittheilen durfte. Ich verbarg mich mit meiner Leidenſchaft, mit meinem aus⸗ drucksloſen Schmerze. Daß ihn die Fürſtin liebte, wußte 92 ich; ſagte ſie es mir ja doch ſelbſt, ſprach mir täglich von ſeiner Liebe, von ihrem Glücke. Sie liebte ihn ſo grenzenlos, daß ſie mir gegenüber den Entſchluß kund gab, ihm ihre Hand zu reichen und mit ihm nach Eng⸗ land zu reiſen, um dem Gerede in Neapel zu entgehen. Sie hatte keine Ahnung von meiner Qual, ſchrieb mein Verbleichen dem Klima, mein Schweigen, meine Zurück⸗ haltung dem Heimweh zu; dabei verdoppelte ſie die Beweiſe ihrer Güte gegen mich, ſchob mir allerlei Wünſche unter, die ich nicht nährte, nur um dieſe zu befriedigen, nur um mir, wie ſie wähnte, Freude zu machen. Dieſe Seelengüte entwaffnete allmälig meinen Schmerz, ſodaß ich mit meiner Selbſtverleugung zufrie⸗ den und dadurch ruhiger wurde; ich ſuchte Troſt in der Arbeit und im Gebete, und dieſer Troſt ward mir zu Theil. So blieb es bis zum Frühling. Die aufblühende Natur ſah mich faſt verwelkt. Ach, was will alles Ringen des Geiſtes ſagen gegen die Stimme eines jungen, von erſter Liebe erfüllten Herzens! Ich faßte meinen Entſchluß. Ich wollte die Fürſtin verlaſſen und nach Frank⸗ furt zurückkehren, denn ſie mit ihm nach England zu begleiten wäre Selbſtmord geweſen. Noch aber hatte 93 — ich nicht den Muth gewonnen, dies meiner Dame zu ſagen. O daß ich gezögert! Die Anſtalten zur Abreiſe wurden getroffen und am letzten Abende unſeres Aufenthalts in Neapel ſollte in aller Stille die Trauung der Fürſtin mit Aleſſandro ſtattfinden. Und ich hatte noch immer nicht geſprochen! Eine geheime Macht hielt mich ab, lähmte meine Willens⸗ kraft. Mein Zuſtand grenzte an Wahnſinn. So— es waren nur noch wenige Tage hin, da dieſe mich ent⸗ ſetzende Vermählung vor ſich gehen ſollte— lag ich eines Morgens in meiner Gartenlaube, in Thränen gebadet, die Hände ringend wie nach Hülfe. Ich ſtarrte nach dem Meere, in das von Sonnenſtrahlen verklärte herrliche Meer, und fragte mich, ob ich nicht Ruhe in ſeiner Tiefe ſuchen ſolle.„O mein Gott!“ ſtammelte ich ſchluchzend und rief dann, mich ſelbſt wie die ganze Welt um mich her vergeſſend und die Arme ausbreitend:„Aleſſandro für mich verloren“ Da— in dieſem Momente— ſchreckte mich ein Geräuſch an der Laube auf, ich wendete mich erbebend und— o ewige Mächte!— vor mir ſtand Aleſſandro. Ich brach halb ohnmächtig zuſammen. Und als ich die Augen aufſchlug, ſah ich mich in ſeinen Armen, an ſeinem Herzen, im Sonnenglanze 9 — — ſeines Blicks, fühlte die Glut ſeiner Küſſe und ver⸗ nahm die entzückenden Worte:„Giulietta, Du biſt mein, ich bin Dein!“ Aus meinem Schmerzeswahnſinn geſchleudert in den Wahnſinn des Glücks, war ich eines klaren Ge⸗ dankens unfähig und vernahm Aleſſandro's Worte nur wie im Schlafe. Die Fürſtin ſei im Bade, hörte ich ihn ſagen, und wir hätten zwei Stunden für uns; daß er mich von der erſten Begegnung an geliebt und daß ihn zur Fürſtin nur Eitelkeit hingezogen, daß er ihr nie ſeine Hand gereicht, um ihretwillen nie ſeine Künſtlerlaufbahn verlaſſen hätte, und er beſchwöre mich, da an eine Zuſtimmung dieſer Dame nicht zu denken ſei, mit ihm zu fliehen und mich vorher insgeheim mit ihm trauen zu laſſen. Ich verſchlang dieſe ſeine Worte wie ſeine Blicke und Küſſe, mein ganzes Sein war Seligkeit. Von Aleſſandro geliebt! Sein fürs ganze Leben! O der Wonne! Ich war bezaubert, nicht mehr zurechnungsfähig, und ſo gelobte ich ihm denn, Alles zu thun, was er verlange. So feurig er war, ſo rein erhielt ſich mein Liebes⸗ glück an ſeiner Seite; ich erblühte von neuem binnen wenigen Tagen. Im ſelben Verhältniß veränderte ſich das Ausſehen der Fürſtin zu ihrem Nachtheile. 95 Am Vorabende des zu unſerer Flucht beſtimmten Tages ließ ſie mich rufen. Es nahte bereits Mitternacht. Wir hatten dieſen Tag über keine Geſellſchaft ge⸗ ſehen und ſelbſt Aleſſandro war nicht erſchienen oder nicht empfangen worden, denn die Fürſtin klagte über Migräne und wollte, wie ſie mir und der Dienerſchaft bedeutete, ungeſtört ſein. Als ich, ſo ſpät noch, zu ihr gerufen wurde, erſchrak ich; mir war, als ſollte ich vor meinen Richter treten. Ich eilte ganz verwirrt nach ihrem Boudoir. Die Fürſtin lag im Nachtkleide auf dem Ruhebette. Das gedämpfte Licht der Lampe vor ihr ließ mich beim Eintreten nicht ſogleich ihre Miene wahrnehmen; aber ihrer Haltung nach— ſie hatte das Haupt in die linke Hand geſtützt und hielt in der rechten ihr Batiſttuch— ſchien ſie geweint zu haben. „Kommen Sie, mein Kind“ ſprach ſie tiefaufſeufzend mit leiſe bebender Stimme,„ſetzen Sie ſich zu mir.“ Ich trat näher und ſah nun die Veränderung, die mit ihrem ganzen Weſen vorgegangen. Die ſonſtige Hoheit ihrer Haltung war dahin, es lag Trauer, Schmerz, Niedergeſchlagenheit über ſie ausgegoſſen; ihre Augen waren noch bethränt, ihr Antlitz bleich, die Züge verſtört, die Lippen zitterten. Ich hätte— denn ich liebte ſie wirklich— bei dieſem Anblicke aufſchreien müſſen, hätte nicht ein ſtär⸗ keres Gefühl, wohl nur das meines an ihr begangenen Unrechts, mich verſtummen gemacht, und ſo ließ ich mich denn innerlich erbebend und ſchweigend in dem Fauteuil zur Seite ihres Hauptes nieder, den Blick ſcheu auf ihre geſenkten Augen gerichtet und athemlos des Urtheils harrend, das über mich ergehen ſollte. Eine Minute ging ſo hin. Sie ſchien mir eine Ewigkeit; vielleicht wird die Ewigkeit auch nur eine ſolche Minute ſein. Endlich ſchlug ſie die Augen auf und ihr Blick traf den meinigen. Aber welch ein Blick! Kein Vorwurf, nicht der leiſeſte, lag in ihm, wenn es nicht die unausſprechliche Wehmuth war, die in ihrem Auge zitterte wie die Thauperle auf einer vom Sturme geknickten weißen Roſe. Ich war auf Alles gefaßt, nur nicht auf einen ſolchen Blick, auf ſolche Engelsmilde, und ich ſank ver⸗ nichtet und ſchluchzend vor ihr auf die Kniee und preßte mein Geſicht in beide Hände. Da vernahm ich— und ihre milden Töne klangen mir wie Poſaunen— die Worte über mein ſchuld⸗ belaſtetes Haupt hin: 97 „Mein ſüßes Kind, meine theure Julie, wir beide ſind unglücklich, unglücklich durch ſchändlichen Verrath betrogen beide, ſchmählich hintergangen von ihm, deſſen Name nie mehr unſere Lippen beflecken ſoll, wie auch dieſe unſere Thränen die letzten ſein ſollen, erpreßt von ihm. Er iſt ihrer unwürdig, ich habe den Beweis zur Hand. Er hat uns beiden Liebe ge⸗ heuchelt und uns beide verrathen. Zu mir zog ihn, wie ich nun weiß, nur die Eitelkeit; zu Dir, Julie, riß ihn momentane Leidenſchaft hin; jener Liebe, wie ſie ein edles Frauenherz will, iſt dieſer Menſch un⸗ fähig. Während ich zu Dir jetzt ſpreche, ſchwelgt er zur Seite einer Dritten, einer feilen Tänzerin von San⸗Carlo. Ich erfuhr dies aus verlaßlichſter Quelle, von meinem treuen Diener Paul. Durch dieſen weiß ich auch, wie er ſich Dir ge⸗ genähert, was er Dir inſinuirt hat. Du haſt ihn ge⸗ liebt, Du mußteſt ihn lieben, wie ich gemußt, wie jedes Weib ihn lieben muß, das nur einmal das Un⸗ glück gehabt, in das Antlitz dieſes gefallenen Engels zu blicken, ſeine himmliſche Stimme zu vernehmen; Du haſt gerungen, haſt um meinetwillen Dich lange bekämpft, und ich ehre Dich darum; daß Du endlich, von ihm überraſcht, überliſtet, in dieſem Kampf er⸗ legen biſt, kann und werde ich Dir nie zum Vorwurfe Jean Charles, Realiſten und Idealiſten. MI. 7 98 machen, da ich ſelbſt unterlag, ich, die Aeltere. Und nun beruhige Dich, mein Kind, und komm an mein Herz!“ Ich erhob mich und ſank in ihre Arme, ſie um⸗ ſchlang mich liebevoll und ſprach alſo weiter: „Wir verlaſſen in einigen Stunden Neapel und reiſen nach Paris. Die Beſorgung meiner Angelegen⸗ heiten hat ein hieſiger Banquier übernommen; die Anſtalten zur Abreiſe ſind getroffen; ordne nun auch Du ſchleunigſt Dein Gepäck, vorausgeſetzt, daß Du Dich nicht von mir trennen willſt.“ „O mein ganzes Leben“— rief ich hingeriſſen aus —„ſoll Ihnen beweiſen, wie tief ich mein Unrecht fühle mit der Dankbarkeit dafür, daß Sie, Fürſtin, als mein guter Engel von dieſem Abgrunde mich zurückgezogen! Ich folge Ihnen, wohin es ſei.“ Ich eilte auf mein Zimmer. Drei Stunden ſpäter befanden wir uns auf dem Wege nach Rom. Wir bereiſten den größten Theil von Frankreich und Deutſchland. Nie mehr ſprachen wir von ihm. Die Fürſtin erhob ihr Geiſt, mich mein Selbſt⸗ gefühl, wohl auch Jugendkraft. Wir wurden ruhig, ſogar heiter. 99 Familienangelegenheiten riefen die Fürſtin nach Rußland zurück und zwar für immer. Meine Trennung von ihr, da ich meinen Vater nicht verlaſſen wollte, war eine ſehr ſchmerzliche. Sie verſprach, mit mir in Correſpondenz zu bleiben, und hielt Wort. Ihre ſchönen Briefe aus Petersburg ge⸗ hören zu den köſtlichſten Genüſſen meines Herzens. Sie hat ſich wieder vermählt und iſt glücklich. Dies die S meiner erſten Liebe. „Ich finde“— ſagte Ernſt zu Karl, nachdem dieſer zu leſen aufgehört—„meine zuvor gegen Sie aus⸗ geſprochene Anſicht über das Weſen dieſer intereſſanten Dame durch die eigene Erzählung ihres erſten Liebes⸗ verhältniſſes beſtätigt. Phantaſie und Geiſt herrſchen in ihr vor, wenngleich ihr Gefühl lauter, ihr Gemüth reizbar ſich erweiſt; ihre Natur hat viel von der eines Künſtlers, es iſt poetiſcher Anſatz darin, doch überwiegt dieſes Poetiſche, das auch mehr angeeignet als an⸗ geboren ſein dürfte, ein gewiſſer ariſtokratiſcher Hang, ein angeſtammter, nach ſchöner Aeußerlichkeit, vorneh⸗ mem Sein, eine Neigung, die mir feindlich ſcheint gegen echte Weiblichkeit.“ „Sie haben Recht“ fügte Karl hinzu. Siebentes Kapitel. Ein Heldenleben. In Stuttgart trennten ſich die zwei neuen Freunde. Sie waren in der That Freunde geworden und ſollten es auch für die Zukunft bleiben. Ernſt, den es drängte, ſeine lieben Aeltern wieder⸗ zuſehen, um, wie er betheuerte, ſie nicht mehr zu ver⸗ laſſen, lud Karl zu Beſuch und längerem Aufenthalt in Hannover ein und reiſte dahin ab⸗ Karl, den eines Buchhändlers Anerbieten nach Stuttgart geführt hatte, miethete ſich hier, nach kurzem Verweilen im Gaſthofe, eine Privatwohnung und machte ſich ſofort an die von ſeinem Verleger ihm geſtellte Aufgabe, an einen Roman, deſſen Stoff er ſelbſt wäh⸗ len ſollte. Er hatte bis jetzt mit epiſchen Darſtellungen, einige kleinere Novellen ausgenommen, ſich nicht befaßt. 101 Die Wahl des Stoffes beſchäftigte, beunruhigte ihn ſogar mehrere Tage hindurch. Endlich hatte er ſich zurecht gefunden. „Wozu“, ſagte er ſich,„eine Geſchichte fingiren oder in der Außenwelt ſuchen, wenn Wahrheit, in⸗ tereſſante Wirklichkeit ſich zur Darſtellung bietet? Iſt die Wirklichkeit nicht erfinderiſcher als die Phantaſie? Trägſt du nicht in dir ſelbſt einen Schatz von Erleb⸗ niſſen und Erfahrungen der merkwürdigſten Art? Müſ⸗ ſen dieſe, gut dargeſtellt, nicht Geiſt und Gefühl der Leſer in regſten Anſpruch nehmen, nicht erfreuen, er⸗ heben, begeiſtern oder erſchüttern, tragiſch wirken? Erzähle denn aus deinem eigenen Leben, muthe ener⸗ giſch ein auf die, Gott weiß es, unerſchöpfliche Fund⸗ grube deiner Erfahrungen und fördere daraus zu Tage, was der Menſchheit frommen mag.“ Hierüber mit ſich im Klaren, begann er auch ſofort ſein ſelbſtgewähltes Tagewerk und förderte es raſch, um ſo raſcher, als es für ihn den Reiz der Neuheit hatte und zugleich die Vergangenheit aus dem Grabe der Zeit heraufbeſchwor mit allen ihren Freuden und Leiden, ſüßen Illuſionen und bittern Enttäuſchungen. Dieſes fleißige Arbeiten hinderte indeß nicht, daß Karl auch dem Leben des Augenblicks ſich hingab und dabei den Charakter ſeines dermaligen Aufenthalts 102 kennen zu lernen ſuchte. Iſt die reizend gelegene Hauptſtadt Würtembergs, der herrlichen Heimat Schil⸗ ler's und anderer großen Dichter und Denker, doch ſo reich an Schönem und Gutem, an Erſcheinungen, die Geiſt, Phantaſie und Gefühl in Thätigkeit verſetzen. Nie ſchwindet die Zeit raſcher hin als bei gleich⸗ mäßiger Beſchäftigung, feſt eingehaltener Tagesordnung, während, in ſcharfem Gegenſatze, bei ſich überſtürzenden Erſcheinungen, beſonders auf Reiſen, der Tag ſo zu ſagen nicht enden will und uns eine Woche, reiſend zuge⸗ bracht, die Dauer eines Monats, eines Jahres gehabt zu haben ſcheint und das Hausleben, wenn wir nach ſo kurzem Fernſein zu ihm zurückkehren, als etwas lange nicht Geſehenes entgegentritt. So ſchwanden denn auch bei immer gleichem Thun dem Schriftſteller die Monate des Sommers und Herbſtes hin, ohne daß er die Flucht der Zeit wahrnahm, und der Winter war da, ehe er es ſich verſah. Und auch ſein Roman, ſein erſter Verſuch auf die⸗ ſem Kunſtgebiete, war zum Abſchluß gebracht und, da er dem Verleger zuſagte, in die Druckerei gewandert, aus welcher er möglichſt bald hervorgehen ſollte, um ſich der Doppelprüfung der Kritik und des Publikums zu unterziehen. Dieſe Prüfung fiel ſo günſtig aus, daß dem Ver⸗ ————— 103 faſſer neue Verlagseinladung zuging und er mit er⸗ ſtarktem Selbſtvertrauen ſich an die Fortſetzung ſeiner denn dies war ſein erſter Roman— Autobiographie in einem zweiten, doch anders betitelten unverweilt machte und denſelben auch noch in Stuttgart vollendete. Mit dieſem Manuſeripte aber verließ er beim Her⸗ annahen des Frühlings die ihm liebgewordene Stadt, um ſich, einer Einladung folgend, nach Leipzig zu begeben, zur Buchhändleroſtermeſſe, und von da nach Dresden, wo er auf noch nicht zu beſtimmende Dauer ſeinen Aufenthalt nehmen wollte. Das ihm liebgewordene Stuttgart, ſagten wir. Ja wohl, liebgeworden! Hatte doch Karl im vori⸗ gen Herbſte, beim ſchönen Volksfeſte, ein Mädchen ken⸗ nen gelernt, ein Bürgermädchen, eine Waiſe, deren An⸗ muth und Seelenreinheit ihn feſſelten, in Roſenbande ſchlugen, ſein, wie er gewähnt, für Liebe abgeſtorbenes Herz neu belebten, aus dem Scheintode zu neuem, friſch blühendem Daſein erweckten. Anteros trat hinzu, und der Seelenbund war ge⸗ ſchloſſen. Amalie— ſo hieß die holde Waiſe— ſollte ſo lange zu ihrer Ausbildung in einer Penſion in Stutt⸗ gart bleiben, bis ſeine Verhältniſſe ihm geſtatten würden, ſich wieder mit ihr und zwar für immer zu vereinigen. 104 Noch vor ſeiner Abreiſe hatte er aus Paris Briefe von ſeinen Freunden Max und Ernſt erhalten. Die Angelegenheit Robert's war zu einem zeitwei⸗ ligen Abſchluſſe gekommen und demſelben von ſeiten der Behörde geſtattet worden, ſeinen Aufenthalt nach Be⸗ lieben zu verändern, demzufolge er auch bald Paris verlaſſen hatte, um, wie er den Freunden ſagte, nach Deutſchland zurückzukehren, wohin ihm dieſe, der Maler und der Chemiker, in kurzem folgen wollten. Von letzterem erhielt Karl auch die Einladung, ihn gelegentlich zu beſuchen; auch Max ſprach die Hoffnung auf baldiges Wiederſehen aus. Dieſen Mittheilungen zufolge hatte die Pariſer Po⸗ lizei trotz aller ihrer Thätigkeit über die verſchwundene Pauline Picard nichts Sicheres feſtſtellen können, ob⸗ gleich es anfangs geſchienen, als wäre man auf ihrer Spur geweſen und zwar über Frankreichs Grenzen hinaus, auf deutſchem Boden; dieſe Spur ſchrieb man, habe ſich wieder verloren und über das ganze geheim⸗ nißvolle Ereigniß nichts weiter verlautet. Die Unglück⸗ liche war und blieb verſchwunden, ja ſelbſt ihre Schuld unerwieſen, die Aufhellung dieſer dunklen Angelegenheit demnach der Zeit anheimgeſtellt und jener höhern Macht, die nicht ſelten, ja faſt immer ohne Zuhülfe⸗ nahme irdiſcher Rechtsmittel plötzlich eingreift und den 105 Schuldigen erfaßt, um ihn entweder dem Arme der weltlichen Gerechtigkeit zur öffentlichen Genugthuung zu überliefern oder ſelbſt, oft erſt am Rande des Gra⸗ bes, ihn an ſich die Sühne vollziehen zu laſſen. Auch von ſeinem neuen Freunde Berg und deſſen Vater hatte Karl in der Zwiſchenzeit Briefe mit der herzlichſt ausgeſprochenen Einladung erhalten, gelegent⸗ lich zu ihnen nach Hannover zu kommen, und ſo fand er ſich denn vielſeitig angeregt und in jener glücklichen freien Stimmung, die neben dem Talente ſelbſt zur Hervorbringung eines Werkes unerlaßlich iſt, das höhern Kunſtanforderungen entſprechen ſoll. tach kurzem Verweilen in Leipzig, deſſen kräftig pulſirendes Leben ihm zwar Achtung einflößte und ſehr gefiel, zum Produciren jedoch, eben ſeiner außerordent⸗ lichen Bewegtheit halber, weniger günſtig ſchien, begab er ſich nach Dresden, das er von früherem Beſuche her genau kannte und deſſen Ruhe, dem Leipziger Verkehre gegenüber wahre Sabbathſtille zu nennen, im Vereine mit der Naturſchönheit und dem Reichthume an Werken der alten und neuen Kunſt, ſeinem Weſen mehr zuſagte und in Wahrheit ſich weit mehr zum Aufenthalte jener eignet, deren Streben hauptſächlich von Gefühl und Phantaſie bedingt iſt. Hier kam er bald mit Männern von hervorragender 106 Stellung auf dem Gebiete der Literatur und Kunſt in freundliche, fördernde Berührung, namentlich mit dem Altmeiſter der romantiſchen Schule, Ludwig Tieck, deſſen Haus allen durch Bildung und Lebensſtellung dazu Berechtigten offen ſtand und das, Dank ſeiner geiſtigen Leitung wie ſeiner herrlichen Begabung für dramatiſchen Vortrag, jedem Empfänglichen Genüſſe der lauterſten Art bot und das Gedenken der bei ihm durchlebten Stunden unauslöſchlich einprägte. Das Vorleſen dramatiſcher Werke war nicht ſowohl Tieck's Steckenpferd als vielmehr das Flügelroß, das er trefflich zu lenken verſtand, ſo vorzüglich, daß man in der ganzen Kennerwelt mit Entzücken davon ſprach, beſonders wenn er ſich auf dem Gebiete des Humors bewegte, wie etwa in Shakſpeare's Komödien, oder auf dem einer ſcharfen Dialektik, wie zum Beiſpiel in Goethe's„Clavigo“. In einer dieſer unvergeßlichen Soiréen ſah Karl einen jungen Mann, deſſen Aeußeres ihn frappirte. Es war derſelbe ein hoch und ſchlank gebauter Blondin von etwas gebeugter Haltung, deſſen edel geformte Geſichtszüge faſt weiblichen, wenn⸗ gleich nicht weichlichen Ausdruck hatten, während ſein Blick aus ſchönen blauen Augen bald Melan⸗ cholie, bald den ihm innewohnenden und wohl nicht ————— 107 ohne gewaltige Selbſtbeherrſchung unterdrückten Feuer⸗ geiſt verrieth. Dieſer ſchöne junge Mann war, wie Karl am nächſtfolgenden Tage erfuhr, ein polniſcher Cavalier, der unter Dwernicki's unmittelbarem Commando die Kataſtrophe ſeines Vaterlandes erlebt und nach Be⸗ endigung jenes furchtbaren Kampfes und der Verſpren⸗ gung des Corps, in welchem er gedient, ſich nach Deutſchland begeben und gleich mehreren andern pol⸗ niſchen Emigranten aus bedeutenden Familien Dresden zu ſeinem Aufenthalte gewählt hatte, wo er ſeiner Stellung und Bildung nach in den beſten Kreiſen Zu⸗ tritt fand und im ſtillen Verkehre mit Kunſtfreunden und Gelehrten ſeine Zeit angenehm hinbrachte. „Ich werde Sie“, ſagte Tieck,„mit dieſem jungen Mann bekannt machen; es lohnt der Mühe, den Grafen O. näher kennen zu lernen; er wird Sie einladen, ihn zu beſuchen, und Sie werden da von ihm ganz Un⸗ glaubliches und doch buchſtäblich Wahres aus ſeinem Leben hören und ſehen; ja auch ſehen, was ich ſelbſt bereits ſah und was mich ſtaunen machte mehr als irgendetwas in meinem ganzen Leben.“ Die Einleitung und Einladung erfolgte ſchon nach wenigen Tagen und Karl fand ſich eines Morgens in des Grafen O. Wohnung ein. 108 Es beſtand dieſe aus zwei anſtändig eingerichteten Zimmern. Der Graf empfing ſeinen Beſuch aufs freundlichſte und bald nahm die Unterhaltung beider den Ton wahrer Herzlichkeit an. Im Gange des Geſprächs ſpielte Karl auf Tieck's Bemerkung an, daß er höchſt Seltſames hören und ſehen ſolle. Der Graf lächelte wehmüthig. „Der Herr Hofrath“ ſagte er,„iſt eben Dichter, iſt vor allem Romantiker, und als ſolcher findet er es ſeltſam oder ſogar poetiſch, phantaſtiſch mindeſtens, daß ein Menſch zweimal getödtet worden und doch noch am Leben ſein kann.“ „Und dieſer Menſch“, fragte Karl verwundert, „wären Sie, Herr Graf?“ „Ja, dieſer Menſch bin ich“, entgegnete er ruhig, indem er ſich erhob, von der Wand über ſeinem Bette einen Säbel herabnahm, aus der Scheide zog und quer vor ſich hinhielt.„Da, mein Säbel!“ ſagte er. „Aber das iſt ja, Herr Graf, eher eine Säge als ein Säbel zu nennen!“ rief Karl aus. „Die ruſſiſchen Klingen haben ihn mir zur Säge gemacht.“ „In dem letzten Kampfe an der galiziſchen Grenze?“ 109 „Ja, mein Herr.“ „Und Ihr zweimaliger Tod?“ „Fand in jener Gegend ſtatt.“ „O ich bitte Sie, falls Ihnen dieſe Erinnerung nicht zu peinlich—“ „Das iſt nicht der Fall. Hören Sie denn! Ich trat“, begann Graf O. ruhigen Tons zu er⸗ zählen,„als Ulanenoffizier in das Corps Dwernicki's ein. Dieſer energiſche Führer hatte die Organiſation der Cavallerie mit einer Raſchheit betrieben, daß er bereits Anfang Februar mit zehn Schwadronen, gefolgt von drei Bataillonen Infanterie, operiren konnte. In den erſten Tagen des folgenden Monats begann er ſeine Expedition nach Volhynien und führte uns am 11. April bei Reglow üher den Bug, machte aber eine Schwenkung längs der galiziſchen Grenze hin, um nach Podolien zu gelangen, wo er mächtigern Anhang zu finden hoffte als in Volhynien. Aber der ruſſiſche General Rüdiger, nicht, wie man uns berichtet hatte, nur ſieben⸗, ſondern über vierzehntauſend Mann ſtark, wollte uns, die wir kaum viertauſend zählten, bei Be⸗ resleczko den Uebergang über den Styr wehren, ſodaß Dwernicki ſich gezwungen ſah, eine feſte Stellung bei Boremel zu nehmen. Dort traf Rüdiger's Corps am 18. April ein. Am darauffolgenden Tage griffen wir 110 es an, warfen es und erbeuteten fünf Kanonen, worauf wir unbehindert den Styr paſſirten. Ich hatte bis dahin“, fuhr nach kurzem Schweigen der Graf in ſeiner Erzählung tief aufathmend fort, „Polens Panier nur im ſtrahlenden Glanze des Ruhms geſehen; nun aber ſollte es anders kommen. Noch war ich, obwohl bereits mehrmals im Gefecht, unver⸗ wundet, und Sie werden es verzeihlich finden, daß ich nach der glücklichen Affaire bei Boremel mich mit mei⸗ nen Kameraden der Siegesfreudigkeit hingab, welche das ganze Corps beſeelte, obgleich Dwernicki, um der Uebermacht der nachdringenden Ruſſen ſich zu ent⸗ ziehen, den Befehl zu Eilmärſchen gegeben hatte. Es war ſpät abends, noch am 19. April, als wir, zwei Schwadronen Ulanen, einen großen ſchönen Edelſitz erreichten. Der Beſitzer deſſelben, ein eifriger Patriot, empfing uns Offiziere aufs herzlichſte und bewirthete uns wie auch die Mannſchaft reichlichſt. Wir ſollten, obgleich Alles, Menſchen und Pferde, übermäßig angeſtrengt geweſen, nicht über eine Stunde Raſt halten; aber es war noch keine halbe Stunde hingeſchwunden, und ſchon lag die Hälfte der Mann⸗ ſchaft theils infolge der Anſtrengung, ſtheils auch be⸗ täubt von geiſtigen Getränken, beſinnungslos da, wäh⸗ 111 rend wir Offiziere oben im Schloßſaale mindeſtens erhitzter waren, als ſich dem Commandirenden gegen⸗ über hätte rechtfertigen laſſen. Die gegönnte Raſtſtunde war verfloſſen und— es ſchlug unſere Stunde. Eben brachte ein Offizier ſeinen Toaſt auf das Wohl des patriotiſchen Gutsbeſitzers aus, als ſeine Stimme plötzlich von einem furchtbaren Hurrahgeſchrei übertönt wurde und im nächſten Momente Schüſſe fielen und Alarmſignale die Luft durchſchmetterten. „Die Ruſſen! Die Ruſſen! Zu den Waffen! Auf, auf!“ ſo tönte es wild durcheinander im Saale, und wir ſtürzten, manche taumelnd, mit hochgeſchwungenen Säbeln hinaus und hinunter in den Vorhof des Schloſſes. Da fand bereits mörderiſches Gemetzel ſtatt, zu Pferd, zu Fuß, ſchon grell beleuchtet durch die aus den nahen in Brand geſteckten Nebengebäuden auflodernden Flammen; eine furchtbare, ſelbſt alten Soldaten grauen⸗ erregende Scene! Ich war ſo glücklich, den nahen Stall zu erreichen und mein mir zuwieherndes Pferd frei zu machen. Ein⸗ mal beritten, den Säbel in der Rechten, meine Piſtolen vor mir, ſchloß ich mich im Nu einem Trupp der Mannſchaft an, der es gleichfalls gelungen war, ſich 112 beritten zu machen, und wir ſtürzten uns in das Kampfgewühl. Der Schreck betäubt, allein er macht auch den Trunkenen nüchtern. Ein Drittel unſerer Soldaten lag bereits todt oder verwundet am Boden, die übri⸗ gen jedoch ſchlugen ſich mit an Raſerei grenzender Bravour gegen den an Zahl weit überlegenen Feind, drängten ihn aus dem Schloßhof auf die Straße und warfen ihn ſogar in die nächſten Felder zurück. Da geſtaltete ſich im Dämmerlichte der Sternen⸗ nacht, nur theilweiſe geſchärft durch den Brand des Gehöftes, der Kampf regelmäßiger; er war aber ein zu ungleicher und unſere Niederlage, da immer neue 3 Schwärme Koſaken auf uns anſprengten, in Zeit von einer Viertelſtunde entſchieden; nur wenige unſerer Tapfern entrannen dem Blutbade, die andern, ſammt den Offizieren, blieben todt oder verwundet auf dem Platze. Was mich ſelbſt betrifft, ſo iſt mir nur erinnerlich, daß ich, nachdem ich mehrere Koſaken vor mir hin⸗ geſtreckt, einen Pikenſtich in die Lenden erhielt, rück⸗ lings vom Pferde ſtürzte und, noch am Boden liegend, Säbelhiebe, Kolbenſtöße und Stiche empfing, bis mir die Sinne ſchwanden, das heißt, bis man mich für todt hielt, was man auch ganz füglich annehmen konnte. 113 Ich mochte in dieſer todähnlichen Ohnmacht etwa eine Stunde gelegen haben, denn als mein Bewußtſein zurückkehrte und ich matten Blicks um mich ſchaute, war der in ſeiner letzten Phaſe ſtehende Mond am Himmel, der die ganze Scene weithin magiſch über⸗ ſtrahlte. Und welche Scene! Rings um mich Leichen von Menſchen und Pferden, der unferne Edelſitz noch theil⸗ weiſe in Flammen mit gewaltig aufwirbelndem Qualm. Wohin ich blickte, Alles ſtumm, Alles todt! Bereits in vollem Bewußtſein deſſen, was geſchehen, verſuchte ich nun mich aufzurichten, und es gelang mir nach wieder⸗ holten Verſuchen. Ich fühlte brennenden Durſt. Noch blutend aus mehreren Wunden, gewann ich doch, ge⸗ ſtützt auf meinen, dieſen meinen Säbel da, den ich in krampfhaft geſchloſſener Fauſt mir erhalten hatte, die Ueberzeugung, daß mein rechter Arm nicht bedeutend verletzt, auch nicht die Freiheit der Bewegung gehemmt war, obgleich ich infolge des ſtarken Blutverluſtes ſchon beim erſten Schritte in Ohnmacht zurückzuſinken ver⸗ meinte. Aber wie mächtig der menſchliche Geiſt, wie ſouverän die Gewalt des Willens ſein kann, erfuhr ich da zum erſten Mal an mir ſelbſt; ich dachte an di Möglichkeit der Rettung, ich wollte ſie, und dieſes ſtarke Wollen hielt mich aufrecht. Jean Charles, Realiſten und Idealiſten. III. 00 das Pferd, wie ich mich dann überzeugte, eines unſerer 114 So wankte ich einem Gebüſche zu, in der Hoffnung, daſelbſt Waſſer oder doch bethautes Laub und Gras zu finden. Ich erreichte es mit Aufwand meiner letzten Kräfte und fand wirklich eine Quelle. O mein Herr, welches Labſal! Und auch welches Glück im ſelben Momente! Jenes Gebüſch begrenzte von einer Seite einen ſanft anſteigenden Wieſengrund, und da, nur wenige Schritte von mir entfernt, weidete ein Pferd, Offiziere. Es gelang mir, es zu erreichen und auch, wiewohl ſchwer genug, es zu beſteigen, und ſo war mir, hielten nur meine Kräfte aus, die Möglichkeit ge⸗ boten, nach dem Edelſitze zu gelangen. Ich klammerte mich mehr an das Thier, als daß ich es lenkte, und ließ es im Schritte gehen. Aber es hatte nur wenige Schritte gemacht, als ich, wie ſchwach mein Blick auch war, am entgegengeſetzten Rande der Wieſe drei Reiter gewahrte, die ich, mein Auge aufs äußerſte anſtrengend, als Koſaken erkannte. Du biſt verloren! ſprach es da in mir. Und doch ließ ſich eine zweite Stimme vernehmen, die Stimme der Hoffnung. Dabei regte ſich auch Zorngefühl und ich beſchloß, mein ſchon halb vernichtetes Leben ſo theuer wie möglich zu verkaufen. In einer der Halftern ſtak eine Piſtole; ich unterſuchte ſie, mein Pferd an⸗ 5 haltend, haſtig und fand ſie geladen; ich faßte ſie mit der Linken, den Säbel in der Rechten. So hielt ich ein paar Minuten regungslos an. Die drei Koſaken, die entweder zum Nachtrabe jener gehörten, von denen wir im Schloſſe überfallen wor⸗ den, oder Vorpoſten eines andern Pulks waren, ver⸗ hielten ſich gleichzeitig ebenſo ruhig, obwohl ich nicht zweifeln konnte, daß ſie mich erblickt hatten. Nach Verlauf dieſer wenigen Minuten ritten ſie im Schritte, ihre Piken eingelegt, gegen mich heran, während ich unbeweglich blieb. Auf Piſtolenſchußweite noch von mir, rief mich der eine von ihnen ruſſiſch an, mich zu ergeben. Ich antwortete nicht, ich rührte mich nicht. Die Aufforderung ward noch zweimal wiederholt. Ich hatte meine Seele bereits Gott befohlen und blieb, wie ich war. Da ertönte gleichzeitig dreifacher Hurrahſchrei und die Koſaken flogen auf mich zu. Ich nahm den Führer aufs Korn, mein Schuß glückte, er ſank vom Pferde. Im ſelben Augenblicke parirte ich den Piſtolenſchuß des zweiten, wobei ich ihn auch verwundete; der dritte aber hatte mich gleich⸗ zeitig von der Seite angefallen und ſeine Pike nur zu 8* 116 gut getroffen; ich ſtürzte vom Pferde und wurde von dem Wüthenden noch einmal todt gemacht.“ „Tieck hatte Recht“, ſtammelte Karl aus gepreßter Bruſt,„daß ich von Ihnen an Wunder Grenzendes vernehmen würde.“ „Als ich trotz alledem“ ſchloß der Graf ſeine Mit⸗ theilung,„wieder zu Bewußtſein gelangte, ſah ich mich in einem ſchönen Gemache, umgeben von edlen, liebe⸗ vollſt beſorgten Menſchen, den Bewohnern des Schloſſes, in welchem uns das Geſchick ſo ſchwer heimgeſucht hatte. Ich genas da von allen meinen Wunden, von denen mehrere tödtlich waren, wie Sie ſich ſelbſt aus den Stellen und Narben überzeugen mögen.“ Und Karl überzeugte ſich wirklich davon. Das Vorderhaupt des Grafen trug eine von den Haaren tief bedeckte Narbe von einem furchtbaren Säbelhiebe; die zweite von dem letzten Pikenſtoß in die Lende war handbreit; ſeine Bruſt, wie ſeine Arme und Schenkel waren mit Narben wie beſäet. Und dieſen zweimal Getödteten ſah Karl nach eini⸗ ger Zeit in einer Aſſemblée zu Dresden tanzen! Achtes Kapitel. Eine Erinnerung an Goethe.. Tieck erwies ſich jungen Talenten ſtets liebevoll förderlich und half mit Rath und That aufs bereit⸗ willigſte nach. Auch Karl fand an ihm einen Führer und Freund. Er verlebte ſchöne Stunden in ungeſtörtem geiſti⸗ gen Verkehr mit dem edlen Dichter. „Sie haben alſo Goethe auch perſönlich kennen ge⸗ lernt. Wann, wo und wie geſchah dies?“ fragte ihn Tieck eines Tages, da er ſich mit ihm allein befand. „Es war“ ſagte Karl,„im Hochſommer 1824. Ich war in jenem Sommer zu Beſuch auf einem Rittergut in Böhmen und nahm da von der mir befreundeten Familie eines ſchönen Morgens Abſchied, wie ich glaubte, 118 für immer, da ich den Entſchluß gefaßt hatte, in Deutſch⸗ land zu bleiben. Mein Blick war nach Weimar gerichtet; ich mollte es verſuchen, Goethe zu ſprechen, mich ſo zu ſagen einer Prüfung durch ihn zu unterziehen, ihm meine Mappe vorzulegen, die eine Sammlung lyriſcher Gedichte, Aphorismen über ſeinen„Fauſt“ und ein paar dramatiſche Verſuche von mir enthielt; ging ich aus dieſer Prüfung nach Wunſch hervor, ſagte er ja, ſo mochte die ganze übrige Welt nein ſagen, ich war dann gefeit, geweiht.“ Von Tieck aufgefordert, ihm alles hierauf Bezügliche mitzutheilen, fuhr Karl von dieſer ſeiner Römerfahrt zu erzählen alſo fort: „In Eger angelangt, bezog ich im Gaſthof zur Sonne eine Stube und zwar auf mehrere Tage, da ich dieſe hiſtoriſch intereſſante Stadt genau kennen lernen wollte. Aber noch am erſten Abende fragte mich der neugierige Wirth, wohin ich zu reiſen gedächte, und ich ſagte:„Zu Goethe nach Weimar.“—„Ei“, rief er aus, „das trifft ſich gut; Sie brauchen nicht ſo weit zu reiſen, der Herr Geheimrath Goethe befindet ſich eben in Marienbad, und da können Sie gleich meinen Wagen benutzen, denn ich muß ihm morgen Egerer Lagerbier ſchicken, das er ſo gern trinkt und immer nur von mir bezieht.“ 119 Poetiſch klang mir das allerdings nicht, es ſchien mir eine etwas ſtarke Zumuthung, einen fahrenden Poeten zum Bierſpediteur zu machen; allein es war doch immerhin eine Gelegenheit, mich bei Gvethe, der nicht eben leicht zugänglich war, zu introduciren, viel⸗ leicht ſelbſt zu inſinuiren, und ich erklärte mich bereit zum Flaſchentransport. Frühmorgens am nächſtfolgenden Tage— die ganze Nacht über hatte ich infolge der Aufregung durch den Gedanken an Gvethe's Nähe und wohl auch durch den Genuß des ſtarken Lagerbieres mit Fauſt, mit Mephiſto und dem Blocksberg viel zu thun gehabt— ſaß ich neben dem Kutſcher auf dem Bock eines netten leichten Landwagens, hinter mir die auf Flaſchen gezogene kaſtaliſche Quelle, vor mir die Ausſicht in eine ideale Zukunft, über mir einen heitern Himmel, und fort ging es in die ſchöne Gotteswelt hinein, die ich mit Blicken maß, als wollte ich fragen, was ſie koſte, obſchon meine Baarſchaft, die gleichzeitig mein ganzes Vermögen aus⸗ machte, nicht über hundert Gulden betrug. In Marienbad angekommen und im Hotel Klinger mit Wagen und Pferd eingekehrt, machte ich ſofort ein wenig Toilette und begab mich auf den Weg. Ich ſtieg wallenden Blutes die Höhe— gradus ad Par- nassum— hinan, wo Goethe thronte, wie überall, wo 120 er wohnte. Von meinen Werken hatte ich nur mein Tage⸗ buch mitgenommen, ein Heft von etwa zwölf Bogen, deſſen Hälfte meine ſeltſame Autobiographie enthielt, während das Uebrige aus den Aphorismen über Goethe's„Fauſt“ beſtand. Dieſes Tagebuch ſollte mir als Viſitenkarte dienen. Und ſo geſchah es auch. Ich trat mit heiliger Scheu in das kleine, von dem großen Mann bewohnte Haus ein und präſentirte mich ſeinem Secretär. Dieſer ließ mich höflich an, nahm mein Tagebuch— ohne zu lächeln— entgegen, beſtellte mich auf den nächſtfolgenden Tag um dieſelbe, die zwölfte Stunde und wünſchte mir guten Morgen. Einen guten Morgen! So etwas iſt bald geſagt, aber nicht bald erreicht, wenn man zweiundzwanzig Jahre und zweimalhunderttauſend Gedanken zählt, von den Gefühlen gar nicht zu ſprechen. Wie ich jenen Tag verlebte, weiß ich nicht recht; im Kurorte ſelbſt blieb ich nicht, ſondern flüchtete mich in die„böhmiſchen Wälder“ mit meinen ruheräuberiſchen Ideen; ich wollte Goethe nicht eher ſehen, als bis ich ihn zugleich reden hören könnte und zwar zu mir ſelbſt. Als die Nacht hereinbrach, ließ auch ich mich aus meiner Höhe zu der leidenden Menſchheit wieder herab, aß, vom Marien⸗ bader Waldſauerſtoff halb verzehrt, comme quatre und ſchlief darauf bis in den hellen Tag. 121 Punkt zwölf ſtand ich im Vorzimmer von Goethe's Wohnung. „Der Herr Secretär“, ſagte mir ein Diener,„werden ſogleich erſcheinen.“ Ich betrachtete mir mittlerweile— mich zerſtreuend, um mich zu ſammeln— die Mineralien auf den Geſtellen umher, welche der Dichter ſelbſt eingeheimſt hatte. Es war mir ſeltſam zu Muthe. Ich fühlte nicht Beklommen⸗ heit, aber ich kam mir vor wie ein Stück Eiſen, an⸗ gezogen von einem koloſſalen Magnete, dann wieder als Nachtwandler, der im Vollmondlichte auf einem thurmhohen Firſte ſteht. Mehrere Minuten ſchwanden ſo hin, als der Secretär eintrat und mich artigſt mit den Worten begrüßte: „Wollen Sie ſich in den Salon hier begeben, der Herr Geheimrath wünſcht Sie zu ſprechen.“ Da begegnen ſich zwei ſchöne Geiſter, dachte ich mir, verneigte mich aber ſchweigend und trat in das anſtoßende Empfangszimmer. Hier wiederholte ich meine Verbeugung, nur um ein Bedeutendes tiefer, und richtete dann langſam den Kopf empor, um glühenden Blicks— denn mein Ge⸗ hirn flammte— den Dichter ins Auge zu faſſen. Dieſer jedoch war zu meiner größten Verwunderung noch gar nicht zugegen, und ich hatte, wie ich in dem 122 Spiegel gegenüber ſah, mich vor mir ſelbſt verneigt oder auch vor der Luft, die er da einzuathmen pflegte. Merkwürdiger Ideenſprung! Ich, noch eben am ganzen Leibe bebend vor innerer Erregung und Be⸗ geiſterung, mußte über meinen ſchlecht angebrachten Bückling lächeln, und nach dieſem Lächeln fühlte ich mich plötzlich ſo erſtarkt und gefaßt, daß ich es mit allen großen Dichtern der Welt zugleich hätte auf⸗ nehmen können. Und im Momente dieſer freien Stimmung that ſich die Seitenthür auf und ich befand mich, nur ein paar Schritte entfernt, vor dem leibhaftigen Jupiter olym- picus in einem weißflanellenen Schlafrock, vor Gvethe, beſſer geſagt, er vor mir. Goethe im Schlafrock! Nicht figürlich genommen, nicht metaphoriſch, nein, in buchſtäblichem Schlafrock und zwar in einem, der, man ſah es ihm an, ſchon unzählige Buchſtaben mitgemacht hatte. In jenem Augenblicke aber war mir das nicht die banale Hülle eines Civiliſationsmenſchen, Goethe erſchien mir da, indem er eine Sekunde lang auf der Schwelle anhielt und ſein Auge auf mir ruhen ließ, wie ein Standbild des Zeus aus pariſchem oder carrariſchem Marmor. Dieſes Haupt! Dieſe Geſtalt! Dieſe Haltung! Ein Greis bereits von fünfundſiebzig Jahren, das 123 um den mächtigen Nacken wallende Haar weiß wie friſchgefallener Schnee, die edlen geiſtvollen Züge noch feſt, die Muskeln noch ſtramm, die hochgewölbte Stirn glatt wie Alabaſter, die Miene voll Würde und Milde zugleich, das Kraft kündende ſtarke Kinn noch ungeſenkt, und endlich dieſe Augen, dieſe reinen himmelabſpiegeln⸗ den blauen Bergſeen! Wie preis ich mich da glücklich, ein homo novus, ein noch nicht zählender Menſch zu ſein; wußte ich ja doch, daß er ganz fertigen, ja ſelbſt ſehr bedeutenden Männern den Zutritt bisweilen verweigerte, und ſah ich ja ſchon an ſeinem Negligée, daß er bei mir eine Ausnahme oder mit mir wenig Umſtände machte—“ „Während ich“, unterbrach den Erzähler Tieck mit dem ihm eigenen feinen Lächeln,„Sie bereits in mei⸗ nem ſchwarzſammtnen Hausrock empfing; doch fahren Sie fort, Ihre Wärme thut mir wohl.“ Karl verneigte ſich. „Goethe“, erzählte er in gleich erhobenem Tone weiter,„faßte mich ins Auge wie die Königsſchlange eine Gazelle, nur zermalmte er mich nicht, ſondern ſchritt langſam dem Divan zu, der mich an ſeinen „weſtöſtlichen“ erinnerte, mich mit ſanfter Handbewe⸗ gung einladend, ihn zu folgen und dann— o der Wonne!— an ſeiner Seite mich niederzulaſſen. Ich 124 that es in gemiſchter Stimmung:„tief am Stamm vom Nord erkältet, hoch im Laub vom Süd entflammt“ wie Graf Oerindur, jedoch, dem Müllner'ſchen Fatum Dank, ohne„Schuld“. Und nun, an ſeiner, an Goethe's Seite, vernahm ich, immer noch halb träumend, mit einem Male kräftige und zugleich melodiſche Orgeltöne. Er eröffnete mildernſt das Geſpräch, und dabei empfand ich durch alle Glieder einen wohlthätig erſchütternden elektriſchen Schlag, der davon herührte, daß der herrliche Dichter⸗ greis meine Hand ſanft erfaßte und mit ſeinen beiden Händen weich umrahmte, wobei er, den Blick auf mir ruhend laſſend, alſo ſprach: „Ich habe Ihr Tagebuch durchblättert und werde noch bis zu Ihrer Abreiſe von Marienbad darin weiter leſen. Ich fand des Annehmlichen und Zukunftver⸗ heißenden bereits manches. Ihren da und dort aus⸗ geſprochenen Vorſatz, Ihre Heimat zu verlaſſen, will ich nicht gutheißen. Sie haben ein ſchönes großes Heimatland, wo ſich viel des Fördernden für Phantaſie und Gemüth findet, Vieles, das, richtig geſchätzt und mit Eifer und Geſchick verwendet, zu erfreulichem Ge⸗ deihen, zu allſeitig Wünſchenswerthem zu führen ver⸗ mag. Die ſcharfe Denkerluft Deutſchlands dürfte, wenigſtens in Ihrer jetzigen Blütezeit, auf Ihr reiz⸗ 125 bares Weſen nachtheilig wirken, Verſprechendes im Ent⸗ ſtehen vernichten. Und ſo meine ich denn, mein junger Freund, Sie bleiben in Ihrer Heimat, nehmen Begon⸗ nenes mit Liebe und Beſonnenheit wieder auf, ſetzen fort und ſtreben Jugendliches zu Mannhaftem zu ſtei⸗ gern, ſich in ſich ſelbſt ergänzend. Haben Sie dann das eine oder andere Werk zum Abſchluß gebracht, ſo ſenden Sie es mir.“ So ſprach Gvethe. Mir waren dabei die Augen feucht geworden, und nun begann ich, mir ein Herz faſſend, meinen Entſchluß zu motiviren. Er hörte mich ruhig an, ohne mich zu unterbrechen, immer meinen Blick und meine Hand feſthaltend; dann aber ergriff er noch einmal das Wort, und ſeine Rede ward zu einem Strome flüſſigen Gol⸗ des der Wahrheit. Ich preßte, hingeriſſen, meine bebenden Lippen auf ſeine Rechte, erhob mich und ſchied von dem Herrlichen mit der feierlichen Verſiche⸗ rung, ihm Folge zu leiſten.“ „Und haben Sie Wort gehalten?“ fragte Tieck. „Ja“ entgegnete Karl und fügte dann noch hin⸗ zu:„Einige Jahre ſpäter ließ Goethe mir nach Ein⸗ ſendung eines meiner Dramen ſeine Medaille zukom⸗ men mit einem Schreiben, in welchem er jener in Marienbad mit dem Verfaſſer verlebten Stunde zu 126 gedenken die Liebe hatte. Ich ſprach und ſah ihn nicht wieder. Es war dies gut. Das Große ſoll man nur einmal auf ſich wirken laſſen, ein wiederholter Gang zum Niagara oder Himalaya ſchadet der Phantaſie; Größe erhebt nur einmal, dann ſtumpft ſie ab, obgleich dies, nach meiner Anſicht, von Goethe weniger galt als von andern großen Männern.“ „Sie haben Recht“, ſagte Tieck;„die Größe Goethe's äußerte nicht die Wirkung des Plötzlichen, weil ſie ſich durch Uebergänge vermittelte, ſowie der Chimboraſſo durch die Hochebene der Cordilleren, und ſelbſt ſein noch mächtig Emporragendes zeigte ſich nicht ſchroff, ſondern gemildert durch Harmonie, durch Schönheit der Form. Wie verſtand er ſich nicht zum Beiſpiel auf das elegiſche Versmaß! Wie reizend ſind nicht ſeine römiſchen Elegien!“ „Ich war“ ſagte Karl,„von dieſen Elegien ſo ent⸗ zückt, daß ich meinem Gefühle dabei Ausdruck gab und zwar verſuchsweiſe ebenfalls in Diſtichen.“ „Wollen Sie mir dieſelben mittheilen?“ „Ich habe allerdings nur die Schlußverſe im Ge⸗ dächtniß.“ „Laſſen Sie hören.“ „Ich nannte das Diſtichon in Bezug auf ihn eine luftige Biga, ein ſchwebendes Doppelgeſpann: 127 Wie ſo gefällig darinnen ſetzte ſich Goethe zurecht nicht! Kaum in der Römerin Arm lag er behaglicher hin. Wärſt du nicht ſchon geweſen, er hätte dich wahrlich erfunden, Liebliches Diſtichon, ſich rhythmiſch zu ſchwingen in dir. Warſt ihm eine Cauſeuſe noch mehr als ſchwebende Biga, Mit der Muſe darin ſchwatzt' er ſo gerne ſich aus Ueber dieſes und jenes, ſo Manches, das ihm begegnet, Was er gefühlt und gedacht, wie er geliebt und gelebt, Und das Leben erſchien ihm herrlich und immer zu preiſen Als ein endliches Lehn von des Unendlichen Thron.“ „Theilen Sie mir gelegentlich das Ganze mit“, ſagte Tieck. Neuntes Kapitel. Romantik. Romantiker par excellence, blieb Tieck bis in die ſpäteſten Tage ſeines poeſievollen Lebens dieſer ſeiner erſten Liebe treu, obgleich er ſich den Strebungen der Neuzeit nicht verſchloß, ja ſogar, wie mit„Vittoria Accorombona“ zeigte, daß er auch Realiſtiſches zu ſchaf⸗ fen vermochte; immer jedoch herrſchte in ſeinem Weſen das Romantiſche vor und er nahm alles dahin Ein⸗ ſchlagende mit Liebe in ſich auf. Erzählungen phan⸗ taſtiſchen Inhalts, ſeltſame Tagesbegebniſſe, Geſpräche über geheimnißvolles Seelenleben, über Magnetismus, Ahnungen, das„Hereinragen der Geiſterwelt in die ſublunariſche“ und Aehnliches intereſſirten ihn ſtets und er ging darauf mit jenem feinen Verſtänd⸗ niß ein, das eben nur ſo feinen Organiſationen, 129 wie die ſeinige war und bis zum letzten Hauche blieb, eigen iſt. In einem derartigen Geſpräche, das ſich eines Abends in kleinerem Kreiſe um ihn entwickelte, nahm auch Karl, deſſen Geiſtes⸗ und Gefühlsrichtung gleich⸗ falls zur Romantik neigte, Anlaß, über dieſen Gegen⸗ ſtand ſich zu äußern. „Eine Begebenheit wunderbarer Art“ ſagte er,„bei der ich Augen⸗ und Ohrenzeuge, wenngleich nur als Knabe in zartem Alter, war und die ſich als unbeſtreit⸗ bare Thatſache herausſtellte, überragt Alles, was ich in dieſer Richtung jemals vernommen oder ſelbſt erlebt.“ * Aufgefordert, dieſe Begebenheit zu ſchildern, erzählte er Folgendes: „Es war im Vorfrühling des Jahres 1809. Mein Vater befand ſich auf einer Geſchäftsreiſe und wir harrten ſeiner Heimkehr bereits mit großer Sehnſucht. Der leidige Krieg, das unaufhaltſame Vorrücken der Franzoſen gegen Wien ſteigerte dieſe Sehnſucht zu ängſtlicher Beſorgniß. Wir— meine Mutter nämlich und meine Ge⸗ ſchwiſter— wohnten in einer Vorſtadt von Wien. Die Mutter, eine ſehr religiöſe Frau, hielt auch mich, ihr einziges Kind— Bruder Anton und Schweſter Jean Charles, Realiſten und Idealiſten. III. 9 130 Fanny waren aus des Vaters erſter Ehe— und dieſe ihr gleich lieben Kinder ſo; jeden Morgen und Abend verrichteten wir mit ihr unſere Andacht, in jenen Tagen der Gefahr und der Ungewißheit über des Vaters Geſchick inbrünſtiger denn je. Wir beteten ſtets gemeinſchaftlich und immer vor einem Madonnenbilde, einem ziemlich großen Oel⸗ gemälde, das im Beſuchszimmer hing. Eines Abends, nachdem wir unſer Gebet beendet hatten, blieb mein Bruder, ein geſunder kräftiger Knabe von elf Jahren, ſtatt mit uns zurück in das anſtoßende Zimmer zum Abendeſſen zu gehen, vor dem Bilde ſtehen, den Blick ſtarr nach demſelben emporgerichtet, lautlos, regungslos. Es war bereits dunkel geworden. „Kommt, Kinder“, flüſterte die Mutter mir und der Schweſter zu;„laſſen wir Anton allein, er will noch beten.“ Und wir folgten der Mutter zum Abendeſſen. Es ſchwanden etwa zehn Minuten hin, der Bruder kam nicht. Da erhob ſich die Mutter, nachdem ſie die Tiſch⸗ lampe angezündet und ſeinen Namen zweimal vergeb⸗ lich gerufen, um nach Anton zu ſehen, und ich ſchlich ihr nach, während meine Schweſter, ein verſtändiges Mädchen von dreizehn Jahren, ruhig am Tiſche blieb. Die Mutter öffnete leiſe die Thür zum Beſuchs⸗ 131 zimmer und ein Lichtſtreif von der Tiſchlampe erhellte dieſes ſo weit, daß ich das Bild und meinen Bruder davor deutlich ſah. Er kniete nicht mehr, ſondern ſtand aufrecht, die gefalteten Hände emporgehoben, das Haupt zurückgebeugt, wie verzückt, wie in Ekſtaſe. Anton war, wie ich nochmals bemerken muß, ein kräftiger Knabe und, wenigſtens dem Anſcheine nach, ganz normaler Natur, dabei mehr praktiſchen als idealen Sinnes und ſonſt immer munter und guter Dinge. Meine Mutter war, obgleich von hoher Frömmig⸗ keit, vom Anblick des Verzückten ſo überraſcht, daß ſie mit dem Ausruf„Anton!“ zurückprallte. Dieſer Aufſchrei wirkte ſeltſam auf meinen Bruder; er bebte, als habe ihn ein heftiger elektriſcher Schlag getroffen, in ſich zuſammen und ſtürzte auf ſeine Kniee, ſich das Antlitz mit beiden Händen verhüllend und am ganzen Leibe zitternd. Die Mutter trug ihn mehr, als ſie ihn führte, nach dem Speiſezimmer. Hier ließ er ſich am Tiſche nieder, bleich, doch nicht verſtört, ſondern, wie es mir vorkam, begeiſtert und dabei viel älter, ernſter und verſtändiger ausſehend. „Aber, lieber Anton, ſprich, was iſt Dir?“ ſtain⸗ melte die Mutter. „Das kann ich nicht ſagen“, entgegnete er mit 132 ſchwacher Stimme,„aber ich will es zeichnen. Gib mir Papier und Bleiſtift.“ „Zeichnen? Was willſt Du denn zeichnen?“ „Was ich geſehen habe.“ „Wo geſehen?“ „Auf dem Muttergottesbild!“ Letzteres rief Anton lebhaft aus und ſeine Augen funkelten. Man denke ſich das Staunen der Mutter, der Schweſter und mein Entſetzen, der ich in Geſpenſter⸗ furcht meinesgleichen ſuchte! Der Bruder, kaum in Beſitz von Papier und Stift, begann nun raſch zu zeichnen, obwohl er ſpäter erſt Unterricht im Zeichnen erhielt, während wir Andern uns in nicht zu ſchildernder Verfaſſung befanden; eine Situation, die über eine Viertelſtunde anhielt und die damit endete, daß Anton, der Mutter das Blatt reichend, ausrief: „So, dies habe ich geſehen!“ Wir hefteten die Blicke auf das Blatt. Die von ihm flüchtig, doch, wie ich nachmals mich überzeugte, nicht incorrect hingeworfene Zeichnung ſtellte eine Landſchaft mit ſeltſamer Staffage dar. „Und was ſoll das bedeuten?“ fragte die Mutter, deren ſchöne Augen ein wenig geſchwächt waren. 133 „Ich habe alſo undeutlich gezeichnet“, verſetzte mein Bruder, deſſen ſonſtige Ruhe und Beſonnenheit zurück⸗ gekehrt war. „Du weißt ja, Anton, daß ich nicht gut ſehe.“ „Nun denn, liebe Mutter, die Straße von dem Berg da herunter kam die offene Poſtchaiſe gerollt, die hier unten an die ſteinerne Statue des heiligen Jo⸗ hannes von Nepomuk vor der Brücke nahe beim Stadt⸗ thor im Fluge angeprallt und halb zertrümmert iſt; die Pferde ſind hingeſtürzt ſammt dem Poſtillon; einer von den zwei Herren, die ſich in der Chaiſe befanden, blieb gefaßt darin ſitzen und ganz unverſehrt, während der andere bald nach dem Wildwerden der Pferde einen Sprung aus dem Wagen that und ſich arg verletzte; der unbeſchädigt gebliebene Herr aber iſt, betrachten Sie ihn nur recht genau, der Bater.“ „Großer Gott!“ ſtöhnte meine Mutter.„Und das Alles haſt Du—“ „Habe ich“, ſiel Anton mit nahezu männlicher Feſtigkeit ein,„auf dem Marienbilde geſehen, das heißt da, wo das Bild hängt, denn dieſes konnte ich nicht ſehen, weil es im Zimmer ganz dunkel war; ich habe dies Alles ſehr deutlich geſehen, in kleinen blendend⸗ weißen Figuren und ſolchen Umriſſen; ich habe den Vater augenblicklich erkannt; er hat, als die Pferde, etwa in der 134 halben Höhe der Bergſtraße, plötzlich ſcheuten und wie raſend mit dem Wagen hinabjagten, die Hände über der Bruſt kreuzend ſich in die Ecke gelehnt, während ſein Begleiter faſt gleichzeitig herausſprang und in den Straßengraben ſtürzte; dies Alles habe ich ſehr deut⸗ lich geſehen.“ Jetzt erhob ſich meine Mutter, deren milde Züge von religiöſer Begeiſterung ſtrahlten, nahm Anton bei der Hand und verließ mit ihm das Zimmer. Nach etwa zehn Minuten, die mir in meiner Angſt zehn Stunden dünkten, traten beide wieder ein und die Mutter hieß uns zu Bette gehen, indem ſie hinzu⸗ fügte:„Kinder, ſagt keinem Menſchen ein Wort von dem, was Ihr da gehört und geſehen. Gute Nacht!“ Am Abende des nächſtfolgenden Tages hielten wir wieder wie gewöhnlich die Andachtsübung vor dem Marienbilde, ich meinerſeits mit feſt geſchloſſenen Augen, aus Furcht, etwas Unheimliches zu erblicken. Nach beendetem Gebete faßte die Mutter meine Hand, winkte der Schweſter und wir drei verließen das Gemach geräuſchlos, während der Bruder, auf dem Betſchemel knieend, zurückblieb. Für diesmal hatte die Mutter das Abendeſſen etwas ſpäter angeordnet und wir ſetzten uns an den Tiſch, Mutter und Schweſter zu ihren Arbeiten, ich zu mei⸗ 135 nem Buche, zeitweiſe darüber weg nach der Thür ſchielend zu dem mir entſetzlichen Beſuchszimmer. So brachten wir wohl eine halbe Stunde zu, in einer Stimmung, in einer Spannung, für die ich keine Worte finde. Endlich that ſich die Thür langſam auf und über die Schwelle ſchritt mein Bruder halbgeſchloſſenen Blicks wie ein Nachtwandler auf uns zu, ließ ſich zur Seite der Mutter nieder und flüſterte abermals die Bitte um Papier und Bleifeder. Nachdem er das Erbetene erhalten, begann er ſo⸗ fort wieder zu zeichnen. Fünfzehn Minuten ſpäter reichte er ſchweigend das Blatt der Mutter und neigte ihr ſich zu, während ich und die Schweſter uns hinter ſie ſtellten, um das Ge⸗ zeichnete zu betrachten. Dieſe Zeichnung, um Vieles beſſer ausgeführt als die erſte, ſtellte zwei an einander ſtoßende, durch eine Thür verbundene Zimmer dar. In dem einen ſaß ein Mann am Tiſche, mit Schreiben beſchäftigt; im andern befand ſich ein Mann zu Bette. Die Aehnlichkeit des Schreibenden mit unſerm Vater war augenfällig. Auf die Ausrufe unſeres gemeinſchaftlichen Stau⸗ nens, beſſer geſagt Schreckens, ließ ſich Anton alſo ver⸗ nehmen: 136 „Heute ſah ich Alles noch deutlicher als geſtern und nicht ganz weiß, ſondern etwas farbig; ich werde morgen die Zeichnung illuminiren, genau nach dem, was ich geſehen.“ „Und bewegen ſich die Figuren, während Du ſie erblickſt?“ fragte die Mutter höchſt erregt. „Ja“ ſagte Anton,„ſie bewegen ſich. Der Vater richtete mehrmals ſeinen Blick vom Papier empor und faßte mich ins Auge; er ſah mich an, als wollte er mich beruhigen; dann wendete er ſich und blickte durch die offen ſtehende Thür nach ſeinem kranken Freunde; es war dieſer, ich erkannte ihn ſogleich wieder, derſelbe Mann, den ich geſtern hatte aus dem Reiſewagen ſpringen und hinſtürzen ſehen. Die Figuren waren heute auch etwas größer. Wir werden, glaube ich, vom Vater bald einen Brief erhalten.“ Und es geſchah ſo, drei Tage danach. Des Vaters Brief— mir bebt noch heute, indem ich nach ſo langer, langer Zeit davon ſpreche, das Herz in namenloſem Gefühl— enthielt die Schilde⸗ rung eines Unfalls, der auf der Fahrt mit der Extra⸗ poſt ihn oder vielmehr ſeinen Begleiter betroffen, der beim Herausſpringen ſich den Fuß gebrochen während er, der Vater, gefaßt ſitzen geblieben; auch die Schilderung der Hertlichkeit traf genau mit Anton's Entwurf zuſammen. 137 In der Zwiſchenzeit der vorerwähnten drei Tage hatte mein Bruder jeden Abend eine gute Weile vor dem Marienbilde gekniet und ſeine Geſichte, welche, wie er ſagte, immer lebhafter und farbiger geworden waren, gezeichnet, colorirt und jedes Blatt mit dem Datum verſehen. Dieſe letztern Viſionen Anton's hatten für uns wenig Bedeutung; ſeine Zeichnungen ſtellten Gruppen und Reihen von Soldaten vor, die er bunt, meiſt blau und roth, colorirte; darunter ſchrieb er: Der Feind! Eines Abends— etwa eine Woche ſpäter— trat er haſtig aus dem Beſuchszimmer und rief uns ſtrah⸗ lenden Blicks zu:„Der Vater iſt in Wien angekommen!“ Eine Viertelſtunde ſpäter umarmte uns der Vater. Am darauffolgenden Tage theilte ihm die Mutter mit, was ſich mit Anton begeben. Er befragte den Bruder dann ſelbſt und ließ ſich die Blätter zeigen. Des Vaters Aufmerkſamkeit ſchienen beſonders die Truppen⸗ und Schlachtenzeichnungen zu erregen. Am 18. Mai fuhr er mit Anton nach Gerasdorf. Bei dieſem Orte hatte, zwiſchen dem Biſamberg und dem Rußbache, der öſterreichiſche Feldherr Erzherzog Karl ſeine Stellung genommen, dieſe nach ſeinem küh⸗ nen, genialen Plane, einen Theil des feindlichen Heeres, 138 das aus hunderttauſend Mann beſtand, die Donau un⸗ behindert paſſiren zu laſſen und ihn dann ſo anzu⸗ greifen, daß derſelbe in den Strom zurückgeworfen würde. Drei Tage ſpäter ward die für Oeſterreichs Waffen ſo glorreiche Schlacht bei Aspern geſchlagen. Der viſionäre Zuſtand meines Bruders“— ſchloß Karl dieſe Erzählung—„verſchwand allmälig; doch blieb ihm bis in die Mannesjahre ein ſeltſames Ahnungsvermögen eigen, das ihn oft plötzlich überkam und niederdrückte oder entzückte.“ Zehntes Kapitel. Komik und TDragike. Die Wirkungen des Geldes geſtalten ſich im lieben Menſchenleben oft ebenſo komiſch oder lächerlich als tragiſch oder doch ſehr ernſt. Von erſtern ſollte Karl in jener Zeit eine merk⸗ würdige Probe erhalten. Er pflegte in den Winterabenden, bevor er ſich in das Theater oder in eine Geſellſchaft begab, in der Delicateſſenhandlung eines Italieners ein Stündchen zuzubringen und ſich daſelbſt im Verkehre mit den Habitués dieſes kleinen, aber durch die Güte der Speiſen und Getränke, beſonders des Grogs ausgezeichneten Etabliſſements freundlichſt zu unterhalten und beſtens zu erlaben. Der treueſte und dem Inhaber dieſes Geſchäfts auch 140 theuerſte, weil reichſte und leckerſte der Stammgäſte war ein Baron, nicht Baron von Geburt, ſondern durch Ankauf eines großen freiherrlichen Gutes; ein Mann von fünfzig und einigen Jahren, glücklicher, wenngleich kinderloſer Gatte, der den Sommer in Bädern und auf ſeinem Gute, den Winter in Dresden und da jeden Abend ein paar Stunden bei dem erwähnten Italiener, der übrigens ein Sachſe war, im Genuß unterſchied⸗ licher Delicateſſen, vorzüglich jedoch einiger Gläſer ganz ſteifen Grogs, wie im Geplauder mit den Andern über dies und jenes, vor allem über Politik und Theater, wovon er weit mehr ſprach als verſtand, ganz ange⸗ nehm hinbrachte. Der gute Baron, nicht gerade ſchön von Geſicht und Geſtalt oder einnehmend durch gefällige Manieren, da letztere ebenſo ſpießbürgerlich wie erſtere gedunſen waren, hatte nur einen Fehler, nämlich zu viel Geld, und dieſes Zuviel machte ihn zwar nicht unglücklich, aber, was allerdings auch ein Unglück zu nennen, lächerlich; er war eine Art Urbild von Molière's „Le malade imaginaire“ und„Le bourgeois-gentil- homme“ zugleich; klagte, obgleich ſtrotzend von Geſund⸗ heit, über alle denkbaren körperlichen Gebrechen und gehabte ſich dabei form⸗ und taktlos wie jenes unſterb⸗ lichen Dichters geadelter Bürger. 141 Er hielt einen gut bezahlten Hausarzt, der ihn täglich früh beſuchen und, bei Gefahr, augenblicklich ent⸗ laſſen zu werden, ihm irgend etwas, wenn auch nur Zuckerwaſſer oder Brauſepulver, für den Tag verord⸗ nen mußte, an deſſen Abend er regelmäßig bei dem ſächſiſchen Italiener, zu welchem er, obgleich er nicht weit davon entfernt wohnte, ſelbſt bei gutem Wetter oft gefahren kam, ſeufzend und wie zerſchlagen eintrat und im Vorüberhumpeln am Büffet ſich dieſen oder jenen Leckerbiſſen auswählte, wonach er neben ſeinem ſofort bereiteten und vom Kaufmann eigenhändig vor⸗ geſetzten ſtereotypen Grog ſtöhnend in den Fauteuil ſank, ſich reckte und ſtreckte und, die Begrüßung der Bekannten mit bitterſüßem Lächeln erwidernd, über ſeine Leibesbeſchwerden zu klagen anhob, beſonders über ſeine totale Magenverfinſterung, da er zum Gabel⸗ frühſtück nichts als ein paar Cotelettes zu einer Flaſche Bordeaux und zu Mittag von den gewöhnlichen ſechs Gerichten kaum vier mit entſprechendem Appetite zu⸗ geſprochen, und daß ihm ſein Arzt allen Ernſtes zu Gemüthe geführt habe, falls er ja noch den laufenden Winter überleben ſollte, was ſehr zu bezweifeln ſtehe, mit der erſten ſchönen Sonne des nächſten Frühlings eine Reiſe nach Oſtende oder in ein anderes Seebad zu machen, vorausgeſetzt natürlich, daß ſeine Hin⸗ 142 fälligkeit eine ſolche Reiſe geſtatte; worauf die Andern jedesmal mit wahren Leichenbittermienen einige Worte der Theilnahme in den Bart murmelten, um dem guten Baron ſeine Marotte nicht zu verleiden und um den Lachkrampf zu unterdrücken. Eines Abends nun ſollte Karl in unzweideutigſter Weiſe die Erfahrung machen, wie gewagt es ſei, Jemand von ſeiner Marotte abbringen, ihn ad absurdum führen zu wollen. Später als gewöhnlich bei dem Italiener eintretend, fand er bereits den Baron in Geſellſchaft mehrerer Herren an ſeinem Tiſchchen mit Caviar, Grog und Cigarre vollauf beſchäftigt und beſſer ausſehend denn je. Da geſchah es, daß Karl, theils in Zerſtreutheit, theils auch aus Malice, nach allgemeiner Begrüßung und noch bevor er ſelbſt ſich niederließ, dem Baron näher trat mit dem Ausrufe: „Ihrem Ausſehen nach, Herr Baron, befinden Sie ſich heute vortrefflich!“ Dieſem Ausrufe folgte eine Scene, die ſich kaum ſchildern läßt. Vor allem richteten ſich die Blicke der Anweſenden auf den kühnen Sprecher mit einem Ausdruck, in dem ſich Erſtaunen, Lachluſt und Bosheit miſchten; in gleichem Momente fuhren aus den Augen des Barons Blitze 143 nach ihm und den Donnerſchlag repräſentirte das von dem alſo Angeredeten auf den Tiſch niedergeſtoßene halbvolle Grogglas mit einem Gekrach des Fauteuils, indem derſelbe wie von der Tarantel geſtochen auffuhr und nach einer halben Pirouette in den Sitz zurück⸗ ſank, wobei ihm die Cigarre aus der Hand fiel und ſein übervolles Antlitz ſich verfärbte, nämlich aus leb⸗ haftem Kupferroth in dunkles Violett hinüberſpielte. „Sind Sie des Teufels“, kreiſchte jetzt der ein⸗ gebildete Kranke, mit ſeinem Foulard ſich den Schweiß von der Stirn wiſchend,„mir ſo etwas zu ſagen?“ „Daß Sie vortrefflich ausſehen?“ fragte Karl mit möglichſter, halb natürlicher, halb künſtlicher Unbe⸗ fangenheit. „Nun wiederholt er es auch noch!“ polterte der Baron vor Wuth.„Ich bitte Sie, meine Herren, kann man Jemand größern Affront anthun, als dieſer Herr mir? Ich vortrefflich ausſehen, ich, der ich noch heute, wenn wir nicht gerade Winter hätten, nach Helgoland abreiſen würde, ich, dem kaum der Hausarzt noch etwas Vernünftiges zu verordnen weiß, ich, der ich innerhalb vierundzwanzig Stunden nicht zwei Pfund Fleiſch ver⸗ zehre, ich, deſſen ganzes körperliches Daſein nichts als eine Kette iſt von appetitloſem Eſſen, ſchwachem Trin⸗ ken, noch ſchwächerem Verdauen, Rheuma und fluxuöſer 144 Gicht, Congeſtion und Indigeſtion, Leberinflammation und Abſorption! Herr, es gehört eine ſtarke Doſis— will nicht bezeichnen, was— dazu, einem Mann wie mir ſo etwas ins Geſicht zu ſagen, und entweder mich oder Sie wird man hier nicht wiederſehen. Verſtehen Sie 2“ Karl hatte ſich mittlerweile geſammelt und, gleich der ganzen Zuhörerſchaft, die Lachluſt tapfer bekämpft; allein ſein Fleiſch war ſtärker als ſein Geiſt, die Natur behauptete trotz allen Ankämpfens den Platz, ſein Lachen platzte los und ihm folgte ein homeriſches Gelächter aller bis auf den Baron, der raſch bezahlte und drohenden Blicks ſich halb taumelnd entfernte, um den nächſten Abend wiederzukommen. Kurze Zeit darauf fanden zwei Ereigniſſe ſtatt, welche die Wirkung des Geldes, entgegen der eben geſchilderten komiſchen, von wahrhaft tragiſcher Seite zeigten und, wie alle gefühlvollen und gebildeten Be⸗ wohner Dresdens, auch Karl erſchütterten, dies um ſo mehr, als er die dabei betheiligten Perſonen gekannt, zu einer derſelben ſogar in freundſchaftlicher Beziehung geſtanden. Es war dies ein noch ſehr junger Offizier, der zweitgeborene Sohn eines hohen und reichbegüterten Cavaliers, welcher einen großen Theil des Jahres im 145 ſchönen Elbflorenz zuzubringen pflegte und ſich viel, ſogar ſelbſtſtändig ſchaffend mit Kunſt und Literatur befaßte. Sein Sohn nun, die Herzensgüte und Liebens⸗ würdigkeit ſelbſt, gerieth durch ſeine Leichtlebigkeit in Schulden, und ſein guter Vater hatte ihn wiederholt den Verlegenheiten entzogen, welche ſolcher Unüberlegtheit folgen und den Verſchuldeten, zumal den Offizier, in ſeiner Exiſtenz bedrohen. Bei der letzten ſeinem Sohne gewährten Aushülfe hatte jedoch der Vater ihm in bündigſter Weiſe erklärt, daß es wirklich die letzte ſein ſolle. Es verſtrich auch geraume Zeit und keiner der Briefe des jungen Offi⸗ ziers an ſeinen Vater, den er innigſt verehrte und liebte, enthielt eine Klage oder Bitte. Da plötzlich empfing letzterer eines Morgens die Nachricht, daß ſein Sohn infolge einer Drohung von ſeiten eines Gläubigers, beim Regimentscommando gegen ihn klagend aufzutreten, der Verzweiflung verfallen, ſich erſchoſſen habe. Dieſe entſetzliche Nachricht, noch mehr der letzte Brief des Unglücklichen, den man neben ſeiner Leiche gefunden und dem Vater zugeſendet hatte, ein Schreiben, das Reue, Liebe und Dankbarkeit ſowie unendlichen Schmerz athmete, traf letztern wie ein Donnerſchlag Jean Charles, Realiſten und Idealiſten. II. 10 146 aus heiterem Himmel und warf ihn danieder. Lang⸗ ſam nur erholte ſich der edle Mann, doch nicht mehr zu der ihm ſonſt eigen geweſenen Geiſtesthätigkeit und Theilnahme an allem Schönen und Guten; er ſiechte allmälig dahin und folgte bald ſeinem heißgeliebten Sohne in das Grab. Verhängnißvoller noch geſtaltete ſich das zweite Begebniß. Bei der Scontrirung einer öffentlichen Kaſſe ergab ſich ein Deſicit von mehreren Tauſend Thalern. Da der Kaſſirer ſeit einigen Monaten bereits als krank auf Urlaub und nach ſeiner Abreiſe ſcontrirt und Alles in Ordnung befunden worden war, ſo hatte man ſich ſelbſtverſtändlich an den zeitweiligen Stellvertreter des Kaſſirers, den Controleur zu halten. Dieſer nun, ein Mann in vorgerücktem Alter, im Dienſte ergraut, als Beamter wie als Familienvater von ſeiner Behörde und von aller Welt geachtet und geliebt, war bei der gemachten Entdeckung ohnmächtig zuſammengebrochen und nach ſeiner Wohnung geſchafft worden. Man wieder⸗ holte die Reviſion der Bücher, das Ergebniß blieb daſ⸗ ſelbe; die Summe fehlte in der Kaſſe, zu welcher nur der Controleur die Schlüſſel hatte. Sonach mußte gegen dieſen die Unterſuchung eingeleitet worden, was auch geſchah. Schon am zweiten Tage nach der wiederholten 147 Scontrirung wurde der Controleur mittels behördlicher Zuſtellung vorgeladen. Dieſe traf ihn nicht zu Hauſe; er hatte ſich am ſelben Tage frühmorgens entfernt und war nicht wieder⸗ gekommen, auch nicht am nächſtfolgenden Tage; er war verſchwunden, ſeine Familie troſtlos. Es wurde nun bei ihm Hausſuchung gehalten, aber es fand ſich nichts vor, was auch nur entfernt auf eine Defraudation hingewieſen hätte; wie in ſeiner viel⸗ jährigen Amtirung, zeigte der Vermißte auch in ſeinem Hausweſen ſich ordnungsliebend, faſt pedantiſch genau. Das Räthſel löſte ſich auf dieſe Weiſe nicht, doch ſollte es ſich löſen— nach Verlauf von etwa acht Tagen— ſchrecklich, markerſchütternd: die Fluten der Elbe ſpülten des Verſchwundenen Leiche ans Ufer, während man tags zuvor bei einer dritten Reviſion der Kaſſenbücher einen Rechnungsfehler entdeckte, deſſen Correctur das Deficit aufhob. Der Unglückliche hatte den auf ihm laſtenden, ſeine Ehre brandmarkenden Verdacht nicht zu ertragen ver⸗ mocht und den freiwilligen Tod einem moraliſch todten Daſein vorgezogen. In ſeiner Brieftaſche fand ſich ein mit Bleiſtift beſchriebenes Blatt, deſſen wenige Zeilen alſo lauteten: „Ich bin unſchuldig, kann aber meine Schuldloſig⸗ 10* 148 keit nicht beweiſen. Dies vermag nur Gott, und ihm empfehle ich, wie meine Seele, auch meine Ehren⸗ rettung und den Schutz meiner lieben armen Familie. Ich kann nicht anders!“ Der Beweinenswerthe! Hätte er nur die Kraft in ſich gefunden, acht Tage hindurch das Nothwendige über ſich ergehen zu laſſen, ſo würde er ſeiner Familie namenloſen Schmerz erſpart, ſich ſelbſt wie im Triumphe wieder eingeſetzt geſehen haben in alle ſeine wohl⸗ verdienten Rechte; aber allerdings hätte man auch den Rechnungsfehler nicht ſo bald, vielleicht erſt nach langer, langer Zeit, möglicherweiſe auch niemals herausfinden können, und die menſchliche Gerechtigkeit wäre ihren Gang in beſter Form gegangen und hätte den Aermſten moraliſch getödtet. Es war dies eben eins jener Ereigniſſe, die man verhängnißvoll zu nennen pflegt und bei welchen der mit Geiſt und Gefühl Betrachtende ſeinen Blick fragend zu dem erhebt, der allein eine ſolche Frage beantworten kann und beantworten wird. Elftes Kapitel. Ein Duell. Auch in Karl's Leben trat um jene Zeit ein Ereig⸗ niß ein, das nahezu einen tragiſchen Abſchluß hätte herbeiführen können. Eines Morgens, im Monat März, da er eben, wie gewöhnlich in den Vormittagsſtunden emſig, arbeitete, erſchien bei ihm ein Herr von vornehmen Ausſehen und kaltem, gemeſſenem Weſen. „Mit wem habe ich die Ehre?“ fragte Karl, indem er ſich erhob und durch eine Handbewegung den Un⸗ bekannten einlud, Platz zu nehmen. Dieſer jedoch lehnte mit ernſter Miene und kur⸗ zem Danke die Einladung ab und überreichte dem Er⸗ ſtaunten einen verſiegelten Brief, der Karl's Adreſſe trug. 150 „Das iſt eine Herausforderung, dieſer Herr iſt der Cartelträger“ ſagte ſich Karl. Und es verhielt ſich ſo. Er öffnete und durchlas das Schreiben ruhig. „Es wird, was man von mir wünſcht, geſchehen“, ſagte er dann, ſich vor dem Fremden kalthöflich ver⸗ neigend, wonach dieſer ſich ebenſo entfernte. Wieder allein, durchlas Karl das nicht ſehr weit⸗ läufige Schreiben nochmals und erhob den Blick. Aus dieſem Blicke ſtrahlte es wie Freude, wie be⸗ geiſterter Dank. Ja, er dankte inbrünſtig der Vorſehung für das, was ihm durch das empfangene Schreiben geboten worden, für die Gelegenheit nämlich, einen Makel von ſich zu entfernen, der ſeit mehreren Jahren bereits an ihm gehaftet und der ſeinen Urſprung in einer ſeltſa⸗ men Verkettung von Umſtänden, Orts⸗ und Zeitver⸗ hältniſſen gehabt hatte. Er war, wie eben geſagt, vor einigen Jahren in⸗ folge eines literariſchen Zwiſtes mit einem berühmten deutſchen Autor von dieſem zum Zweikampfe gefordert worden und hatte dieſe Herausforderung, ohne ſie be⸗ ſtimmt abzulehnen, auf ſpätere, ihm günſtigere Zeit verſchoben, da es ihm leidige Familienverhältniſſe, Krankheit und andere mißliche Umſtände nachgerade 151 unmöglich machten, das Rendezvous in der von ſeinem Gegner anberaumten Friſt an dem bezeichneten fernen Orte einzuhalten. Dieſes von der ſchmerzlichſten Nothwendigkeit ge⸗ botene Verzögern des Duells genügte, Karl in der öffentlichen Meinung zu ſchädigen und ihm den Makel der Feigheit anzuheften. Er ſchwieg und litt ganz unausſprechlich. Wohin ſein Fuß ihn trug, überall trat ihm der Schein, dieſer unermüdliche, unvermeidliche Feind, ent⸗ gegen, und immer tönte der ſo leicht erregte Verdam⸗ mungsruf der öffentlichen Meinung in das Ohr ſeiner Seele; ja ſelbſt da, wo er durch ſein unmittelbares Leben und geiſtiges Streben im Verkehre mit hochge⸗ bildeten und ſelbſt hochgeſtellten Männern ſich Achtung und Freundſchaft erwarb, ſchwand jener Makel nie ganz an ihm, und es bedurfte ſeinerſeits der feſteſten Haltung, um das Auge der Welt— der Welt, die eben nur der Schein in ihrem Urtheile beſtimmt— von demſelben ab und auf ſein beſſeres Ich zu lenken. So war es bis zur Stunde geblieben, und ſo er⸗ klärt ſich auch die freudige Stimmung, in welche dieſe zweite Herausforderung ihn verſetzte; gab ſie ihm ja Gelegenheit, von jenem Makel ſich zu reinigen, der öffentlichen Meinung gerecht zu werden und, indem er 152 ſeinem Gegner Genugthuung gab, ſich ſelbſt Genug⸗ thuung zu verſchaffen. Seinem Gegner! Der Gedanke an dieſen war das Einzige was in ſeine lichte Stimmung Schatten warf, denn er liebte dieſen Gegner innigſt, wie er von demſelben vor Jah⸗ ren geliebt worden. Es war ein noch jugendlicher Mann aus einer hochadligen Familie, die ſich durch eine Epiſode in Karl's zweitem Romane verletzt gefühlt und beſchloſſen hatte, den Verfaſſer auf dieſem Wege zur Rechenſchaft zu ziehen. Der Zweikampf ſollte dem Cartel zufolge am drit⸗ ten Tage nach Zuſtellung deſſelben bei einem darin bezeichneten Orte an der preußiſchen Grenze ſtattfinden Eine Stelle in dieſem Herausforderungsſchreiben war hinreichend, Karl's Stimmung freizumachen und bis zu dem nöthigen Grade ſelbſtbewußten Handelns zu ſteigern, denn dieſe ihn tief ſchmerzende Stelle lautete: „Ich hoffe, daß Sie mir nicht verweigern werden, was Sie K. verweigert haben.“ „O gewiß nicht!“ rief Karl aus;„ſo wenig ich es auch jenem verweigert hätte, wenn Verhältniſſe und Umſtände mir damals nur halb ſo günſtig ge⸗ 153 weſen wären, wie ſie es heute ſind; wir werden uns finden!“ Und ſie fanden ſich auch in der Theat. Die Einhaltung dieſes Rendezvous war indeß mit Eigenthümlichkeiten und Hinderniſſen zu Stande ge⸗ kommen, die als höchſt ſeltene erzählt zu werden ver⸗ dienen. Karl machte ſich gleich nach Empfang des Cartels auf, einen Secundanten zu ſuchen, der ſich ſofort mit dem im Briefe bezeichneten Secundanten ſeines Geg⸗ ners über die Modalitäten des Duells zu verſtändigen hatte. Dieſer Freund fand ſich in der Perſon eines ihm wohlgeneigten jungen Edelmanns. Noch im Laufe deſſelben Tages waren die Kampf⸗ bedingungen feſtgeſtellt: auf Piſtolen, fünf Schritte Bar⸗ ridre und ſo viele Kugeln, bis der eine oder der andere oder auch beide zugleich getroffen, da, wie bekannt, beim Schießen auf Barrière nach gegebenem Zeichen die Kämpfenden einzeln oder gleichzeitig, vorſchreitend oder ſtehen bleibend, aber ohne zu zielen, ſondern nur leicht hinhaltend, feuern können; mit der Bedingung, daß, wenn beide nicht gleichzeitig ſchießen, die Schüſſe ſich doch raſch folgen müſſen und daß, wenn einer von beiden vor ſeinem Schuſſe avancirt, er nach demſelben 154 auf dem Punkte, wo er abgefeuert, ſtehen zu bleiben und der andere, ob nun getroffen oder nicht, das Recht hat, bis zur Barrière vorzuſchreiten, ja ſelbſt, ſchwer verwundet, von ſeinem Sekundanten ſich hinführen zu laſſen und auf ſeinen Gegner in der geringen Entfer⸗ nung weniger Schritte zu ſchießen. Nachdem dieſes Arrangement getroffen worden, ord⸗ nete Karl ſeine perſönlichen Angelegenheiten für den unter ſolchen Bedingungen faſt gewiſſen Fall eines ſchlimmen Ausgangs, und der Vorabend des Tages, eines Sonntags, an welchem das Duell ſtattfinden ſollte, brach herein. Karl und ſein Freund langten gegen Mitternacht am bezeichneten Grenzorte an und ſtiegen in dem ein⸗ zigen Gaſthofe deſſelben ab. Kurz zuvor war ſein Gegner mit zwei Begleitern daſelbſt abgeſtiegen, deren einer als ſein Secundant, der andere, der Cartelträger, als Schiedsrichter bei dem Kampfe fungiren ſollte. Die Zimmer, in denen ſich beide Parteien befanden, ſtießen an einander und hatten ſo ſchwache Zwiſchen⸗ wand, daß man nur halblaut ſprechen mußte, um nicht ganz gehört zu werden. Die Secundanten und der unparteiiſche Zuſchauer nahmen ſofort in einem dritten Gemache Rückſprache 155 und verſuchten, wie dies üblich, um nicht zu ſagen ge⸗ ſetzlich iſt, einen Ausgleich herbeizuführen. Dawider legten die beiden Gegner Proteſt ein; die Sache, nun ſchon ſo weit gekommen, ſollte ihren Lauf nehmen, was auch immer das Ende wäre, und der Kampf ſelbſt unweit des Ortes an einer Friedhofs⸗ mauer ſtattfinden. Es war nach dieſer endgültigen Feſtſtellung nur noch eine Schwierigkeit zu heben, nämlich die Aſſiſtenz des Wundarztes aus dieſem Orte zu erhalten, da Karl's Gegner die Unvorſichtigkeit begangen hatten, nicht von Dresden aus einen Arzt mitzunehmen, eine Schwierig⸗ keit, die am nächſtfolgenden Morgen mit Tagesanbruch beſeitigt werden ſollte. Hierauf begab man ſich zur Ruhe, ſofern unter ſolchen Umſtänden von Ruhe die Rede ſein kann. Als Karl aus ſeinem Schlummer erwachte, ward er von ſeinem Freunde, der bereits vor einer halben Stunde mit dem Secundanten ſeines Gegners ausge⸗ gangen, um den Arzt zu engagiren, durch eine Mit⸗ theilung überraſcht, die ſehr peinlich auf ihn einwirkte. Der Arzt, der einzige dieſes Ortes, war ſelbſt ſchon ſeit einigen Tagen krank und ganz unfähig, das Zim⸗ mer zu verlaſſen. Ein Duell ohne Zuziehung eines Wundarztes iſt unzuläſſig. Es blieb demnach nichts —— 2 156 übrig, als nach einem andern Orte zu fahren, wo ein ſolcher Beiſtand ſich fände. Während Karl ſeine Toilette raſch beſorgte, ward von den andern Herren der Beſchluß gefaßt, nach Dres⸗ den zurückzukehren, wo man ſicher war, einen Arzt zu finden, und das Duell am Morgen des nächſten Tages in einem Gehölze unweit der Stadt vor ſich gehen zu laſſen. Die Situation war nicht nur peinlich, ſondern nahm auch einen gefährlichen Charakter an. Der Wirth verſtändigte die Herren, daß man im Orte über die geheimnißvolle Zuſammenkunft derſelben, falls ſie auch nur eine Stunde noch hier verweilten, Gloſſen machen und die Gensdarmerie in Kenntniß davon ſetzen dürfte. Die Wagen— Privatequipagen— fuhren denn alsbald vor, und dahin ging es im Fluge der eine Fahrſtunde weit entlegenen nächſten Eiſenbahnſtation zu, wo ſie auch noch rechtzeitig eintrafen, um ſofort nach Dresden zu gelangen. Bei dieſer Fahrt begab ſich der für Karl noch peinlichere Fall, daß er in einem Waggon zweiter Klaſſe ſeinem ſo innig geliebten jungen Freunde und derzeitigen Feinde auf Leben und Tod gerade gegen⸗ über zu ſitzen kam. 157 Sie wechſelten da mehrmals Blicke, aus denen namenloſe Gefühle ſprachen: Erinnerungen ſchöner Tage, ſonniger Frühlingshimmel fern, und nun ein bedrohlich aufſteigendes Gewitter, aus deſſen ſchwarzen Wolkenmaſſen Blitze zuckten, gefolgt von dumpfem Donner. In den Händen beider, die ehedem ſo oft mit der Wärme der Liebe ſich umfaßt und noch zur Stunde ſich ſo gern berührt hätten, ſollte demnächſt die tödtliche Waffe liegen, aufgenöthigt durch Verhält⸗ niſſe, durch die Meinung, eigentlich nur durch den Schein, durch die unbegründete Annahme, daß der Schriftſteller in ſeiner Erzählung jene edle Familie habe beleidigen wollen, was weder in ſeiner Art noch in der Darſtellung lag. Genug, der Beſchluß war gefaßt und die Angelegen⸗ heit bereits ſo weit betrieben worden, daß ſie nicht mehr rückgängig gemacht werden konnte; nach Verlauf von vierundzwanzig Stunden ſollte ſie beendet ſein. In Dresden angelangt, trennten ſich die Parteien; Zeit und Ort für das Rendezvous waren fixirt und alsbald auch ein Wundarzt engagirt. Am darauffolgenden Morgen fuhr Karl mit ſeinem Secundanten aus der Altſtadt über die Brücke und durch die Neuſtadt hinaus nach dem Gehölze; doch ſtiegen beide der Verabredung gemäß, um alles Auf⸗ 158 ſehen zu vermeiden, bei dem letzten Wirthshauſe zur Rechten der Straße aus und ließen da, wie es auch die etwas früher angelangten Gegner gethan, den Wagen halten, worauf ſie gemächlich dem Walde zu⸗ ſchritten. Es war ein ſchöner, aber ſehr kalter Morgen und der vor einigen Tagen gefallene Schnee feſt gefroren. Das Gehölz war bald erreicht und auch der nicht ſehr breite Durchſchlag, in welchem das Duell ſtatt⸗ finden ſollte. Dieſen entlang ſchritten bereits in ihre Mäntel gehüllt Karl's Gegner und ſeine Begleiter. In gehöriger Entfernung von der Landſtraße wurde Halt gemacht und, während die Duellanten ſelbſt paſſiv blieben und der Wundarzt ſeinen Apparat ſich zurecht legte, von den Secundanten der Kampſplatz abgegan⸗ gen und mittels einiger Baumzweige die Barrière ab⸗ geſteckt, dieſe, wie geſagt, fünf Schritte meſſend und von ihr weg für jeden Kämpfer wieder fünf, im Gan⸗ zen alſo fünfzehn Schritte anfänglicher Entfernung, da es den Kämpfenden frei ſtand, auf das zum Abfeuern gegebene Zeichen bis zur Barrière zu avanciren oder ſogleich vom erſten Standpunkt aus zu ſchießen. Die Piſtolen wurden vom Schiedsrichter unterſucht, gut befunden und ſofort von den Secundanten geladen. 159 Erſterer richtete noch ein letztes Wort an die beiden Gegner; dieſe ſchwiegen und warfen ihre Mäntel ab. Man reichte ihnen die Waffen, der Arzt ſetzte ſich zu ſeinem Etui, ihm zur Seite blieb der Unparteiiſche, die Secundanten nahmen zu beiden Seiten der Barriéère ſelbſt, die Gegner an den Endpunkten ihre Stellung, die dunkelfarbigen Röcke bis zum Halſe zugeknöpft. Ein Augenblick unheimlicher Ruhe, gleich der Wind⸗ ſtille vor einem Sturme, trat ein, und der Kampfrichter ließ ſich in ernſtem, faſt feierlichem Tone alſo ver⸗ nehmen: „Meine Herren, auf das Commando Drei! haben Sie entweder ſtehen bleibend oder avancirend, wenn nicht gleichzeitig, doch raſch nach einander abzufeuern, ohne zu zielen. Eins! Zwei! Drei!“ Es fielen in raſcher Folge die Schüſſe beider. Karl war ſtehen geblieben, ſein Gegner einige Schritte avancirt; dieſer hatte zuerſt geſchoſſen und ſeine Kugel Karl's Hut geſtreift, während die des letztern ſpurlos entflogen war. Sein Secundant, ge⸗ folgt vom Arzte, ſprang herbei, da ſie ihn getroffen glaubten. Es war nicht der Fall, doch hätte, nur einen Zoll tiefer gehalten, die Kugel ihn ſchwer verwundet, wenn nicht getödtet. 160 Wieder nahm jetzt der Kampfrichter das Wort, es diesmal an Karl's Gegner allein richtend. „Ich habe“ ſprach er mit Nachdruck,„bevor die Piſtolen von neuem geladen werden, die Frage an Sie zu richten, ob Sie mit dem Ergebniß dieſes erſten Kugelwechſels ſich begnügen können und wollen.“ „Ich begnüge mich damit“ lautete die Antwort, „aber nur, wenn mein Gegner erklärt, daß er nicht abſichtlich fehlgeſchoſſen.“ „Dieſe Erklärung“ erwiderte erſterer,„haben wir, ich und die Herren Secundanten, zu gebenz ich meinerſeits habe geſehen, daß Ihr Herr Gegner gehörig, ſoweit er es, ohne ſcharf zu zielen, thun konnte, auf Sie angeſchlagen.“ Dieſelbe Erklärung gaben die Secundanten, und nun erfolgte eine Scene herzergreifender Art. Der junge Cavalier eilte auf Karl zu und umfaßte die ihm entgegengeſtreckte Rechte ſeines um zehn Jahre ältern Freundes, in deſſen Augen Thränen der Rüh⸗ rung traten, mit beiden Händen. „Daß mich nicht“ ſprach er mit hoher Wärme, „perſönlicher Haß, ſondern nur die moraliſche Noth⸗ wendigkeit zu dieſem Schritte brachte, davon find Sie wohl im Innerſten überzeugt, wie gewiß auch davon, daß ich troſtlos geweſen wäre, wenn ich Sie getödtet oder ſchwer verwundet hätte.“ 161 „Nehmen Sie auch“ entgegnete Karl, ſeinen jungen Freund umarmend,„die aufrichtige Verſicherung hin, daß es nie in meiner Abſicht gelegen, der Ehre Ihrer hohen Familie zu nahe zu treten, was öffentlich zu erklären ich nicht anſtehe.“ Nun traten auch die andern Herren zu den Ver⸗ ſöhnten, um ihrer Genugthuung über den glücklichen Ausgang dieſes Kampfes Worte zu geben, der für Karl hätte verhängnißvoll werden können, wie ſein Secundant hierbei zu bemerken ſich erlaubte. Die Geſellſchaft beſchloß, das Gehölz auf ver⸗ ſchiedenen Wegen zu verlaſſen und auch getrennt nach der Stadt zurückzufahren, um ſich daſelbſt in einem bezeichneten Gaſthauſe wiederzufinden und die Aus⸗ ſöhnung feſtlich zu begehen. Und ſo geſchah es. Einige Stunden ſchwanden raſch in herzlichem Aus⸗ tauſche hin und der Champagner übte ſeine ſüße Gewalt über alle aus. „Aber ſage mir nur“ rief der Secundant des jungen Cavaliers dieſem lachend zu,„warum haſt Du denn, da Du Deinen alten Freund weder tödten noch ſchwer verwunden wollteſt, über drei Schritte vorwärts gemacht und auf ſeinen Verſe bergenden Kopf angeſchlagen, ſtatt auf ſeine Beine?“ Jean Charles, Realiſten und Idealiſten. III. 11 162 „Was willſt Du!“ entgegnete der Gefragte heiter und zu allgemeiner Heiterkeit.„Ich hatte wohl ſchon Flinten abgefeuert, aber nie zuvor eine Piſtole, und als ich das Commando Drei! vernahm, ging die in meiner Hand mit mir durch und los; meinen Gegner habe ich gar nicht geſehen.“ Das Geſpräch kam dann auf den Muth und die verſchiedenen Aeußerungen deſſelben. „Von allen Arten des Duells“ ſagte einer der Herren,„erfordert wohl das auf Kugeln, beſonders im Barridrekampfe, den ſtärkſten moraliſchen Muth, da die Bravour darauf beruht, ohne Wimpernzucken in die Piſtolenmündung des Gegners zu blicken und regungs⸗ los auf ſich ſchießen zu laſſen wie auf eine Scheibe; während man beim Duelle auf Stich oder Hieb, die blitzende Waffe zur Hand, ganz Eifer und Feuer wird und Gelegenheit zur Auszeichnung wie zur Löſchung der Zornesflammen hat.“ „Wahr“ bemerkte ein Anderer,„doch bleibt noch das ſogenannte amerikaniſche Duell; dazu gehört noch weit mehr Selbſtbeherrſchung und moraliſcher Muth.“ „Das iſt“, meinte der Schiedsrichter,„wohl nur der Muth der Verzweiflung, wie ſolcher jedem Selbſt⸗ mörder innewohnt.“ „Jedenfalls“ ſagte Karl,„hatte Napoleon Recht 163 mit ſeinem Ausſpruche:„Der Muthigſte iſt der, welcher die Furcht vor dem Tode am beſten verbirgt.““ „Intereſſant“ ließ ſich Karl's Secundant vernehmen, „iſt die ganz ſeltſame Erſcheinung, daß manche Mili⸗ tärs, deren Bravour eine unangezweifelte, durch mächtige Waffenthaten beſtätigte iſt, auf der Menſur, gegenüber einer Piſtolenmündung, nicht denſelben hohen Muth äußern, womit ſie in die Kartätſchen ſprühenden Ka⸗ nonenmündungen geblickt, im Kugelregen geſtanden, in die feindlichen Bajonette ſich geſtürzt, Wälle erklettert, Batterien geſtürmt haben.“ „Es dürfte ſich“, ſagte Karl,„dieſe Erſcheinung rein menſchlich erklären laſſen, ihren Grund, wie ich meine, eben in dem Unterſchiede von phyſiſchem und morali⸗ ſchem Muthe finden. In der ungeheuren Aufregung einer Schlacht, eines Treffens entwickelt ſich, ſobald der erſte Fieberſchauer vorüber, die Furcht vor dem Tode, vor Verwundung, Verſtümmelung verwunden, gleichzeitig mit dem Zorne gegen die Angreifenden das Gefühl der Selbſterhaltung, und dieſes Naturgefühl macht, eben weil es nicht ein anerzogenes, nicht ein moraliſches Moment iſt, muthig und ſtark; wogegen zum Duelle, beſonders auf Kugeln, nur Kaltblut, nur Beſonnenheit, alſo nur moraliſcher Muth gehört, der im Ganzen ein Produkt der Erziehung, der geiſtigen Bildung iſt, ein 11* Muth, der um ſo höher anzuſchlagen iſt, je mehr Phantaſie der Duellant beſitzt, weil die Phantaſie nicht ſelten dem Verſtande Streiche ſpielt, die Kaltblütigkeit oft unmöglich macht, wozu noch kommt, daß man vor einem Zweikampfe auf Leben und Tod ſeine Angelegen⸗ heiten zu ordnen und mitunter die ſchwierigſten Um⸗ ſtände zu beſeitigen hat, was Alles auf das Gemüth peinlich einwirkt und das Unvermeidliche des Duells als etwas ganz Ungeheuerliches erſcheinen läßt.“ „Sie haben Recht“ ſagte der Arzt.„Ich fand dies ſelbſt mehrmals beſtätigt, denn ich aſſiſtirte mehreren Duellen; ſo hat auch ein Schriftſteller, deſſen Namen ich nicht weiß, über das Kapitel vom Muthe eine an⸗ ſcheinend ſcherzhafte Bemerkung gemacht, deren Kern aber Wahrheit enthält; er ſagte nämlich:„Ein Soldat mit einer Thereſia im Herzen wird ſelten ein Thereſien⸗ ordensritter werden.““ „Ein curioſer Kauz, dieſer Schriftſteller“ lachte der Secundant des jungen Cavaliers,„aber es iſt nicht ganz ohne.“ „Eine weitere Bemerkung“ fuhr der Arzt fort,„von demſelben Autor war die:„Soldaten mit kurzen, ge⸗ drungenen oder gar aufgeſtülpten Naſen, wie zum Bei⸗ ſpiel die Polen, ſind die phyſiſch muthigſten, natürlich tapferſten, in ſcharfem Contraſte zu den Soldaten mit 165 langen, geſattelten Naſen, weil die lange Naſe Phan⸗ taſie verräth, und man wird unter hundert mit Tapfer⸗ keitsmedaillen Decorirten kaum zehn finden, die nicht kurze Naſen haben.““ Dieſes Citat erregte große Heiterkeit, die ſich aufs höchſte ſteigerte, als Karl ſich zur Autorſchaft deſſelben bekannte. Man trennte ſich in beſter Stimmung und unter herzlichſtem Angelöbniß dauernder Freundſchaft. Zwölftes Kapitel. Ein Wiederſehen. Der Frühling ſprang ins Land herein und klopfte an tauſend Herzen mit ſeinen Himmelsfragen an, wo⸗ nach dieſes oder jenes ſich ſehne, was es hoffe, welcher Wunſcherfüllung es entgegenſchlage, Fragen, von him⸗ melan jubelnden Lerchen, von liebebrünſtigen Nachti⸗ gallen des Morgens und des Abends in entzückenden Klängen durch die Luft geſchmettert, die von köſtlichen Blütendüften erfüllte Luft. Auch Karl's Seele durchdrangen dieſe Fragen, auch ſeine Bruſt ſchwellte ſüßes Hoffen. Es war zu Anfang Mai, als er eines Morgens von einem Beſuche überraſcht wurde, der ihm in Betreff der Perſönlichkeit des Beſuchers höchſt will⸗ kommen war, obgleich derſelbe Erinnerungen der ſchmerz⸗ 167 lichſten, ja peinlichſten Art in ihm wachzurufen nicht verfehlen konnte. Der Maler Max ſtand vor ihm oder lag vielmehr in ſeinen Armen. Geraume Zeit war verſtrichen, ohne daß Karl von ihm, von Ernſt und von dem unglücklichen Robert Nach⸗ richt aus Paris erhalten hatte; nun war der von den Freunden ihm liebſte da und dies Wiederſehen beglückte beide. Was gab es da nicht Alles beiderſeits zu fragen und zu ſagen! Der Maler ſah vortrefflich aus und war heitern Sinnes, eine glückliche Organiſation, eine Künſtlernatur in des Wortes ſchönſter Bedeutung. Auf Karl's Frage, ob er ſich zufrieden fühle, ent⸗ gegnete Max ſtrahlenden Blicks: „Warum ſollte ich nicht, beſonders jetzt, da ich wieder heimatliche Luft einathme und den Boden unter mir fühle, in welchem, wie der Dichter ſagt, mein eigentlichſtes Weſen wurzelt? Habe ja Alles, was ich brauche, Kraft und Luſt zur Arbeit, die herrliche Natur als Vorbild zu meinen Bildern und in denen meiner großen Vorgänger und Zeitgenoſſen verlaßliche Führer durch das unermeßliche Gebiet der Kunſt. Mein Hab und Gut trage ich leicht durch die weite Welt, Farben⸗ 168 kaſten, Pinſel und Palette. Ihr Poeten“ fügte er lachend hinzu,„ſeid freilich noch beſſer daran, denn Ihr braucht gar nichts als Schreibzeug, und ſelbſt ſolches nicht, da Ihr improviſiren oder dictiren könnt, wie es zum Bei⸗ ſpiel Homer und Oſſian gemacht, die weder leſen noch ſchreiben konnten.“ Was Karl von ſich mitzutheilen hatte, wiſſen wir bereits, hören wir alſo Max über ſich und ſeine Freunde in Paris. „Ich war von uns derjenige“ ſagte der muntere Künſtler,„der in der Seineſtadt am längſten aushielt, aber auch nur aus dem Grunde, weil man mich viel beſchäftigte und gut bezahlte; übrigens, um nicht un⸗ dankbar und nicht ungerecht zu ſein, geſtehe ich offen, daß ich von den Franzoſen viel gelernt und mit Glück in mich aufgenommen habe; auf den Vortrag verſtehen ſie ſich, das muß man ihnen laſſen. Mit dem in Paris verdienten Gelde werde ich zwar bald fertig ſein, aber mit dem dort Erlernten kann ich nicht ſo bald fertig werden, daraus läßt ſich anderswo noch Kapital ſchlagen. Auch hatte ich inzwiſchen poſitives Glück, wovon ich noch ſprechen will. Von Robert weiß ich, wie ſchon geſagt, leider nichts, als daß er verſchollen iſt, ſeit der Zeit nämlich, und dies iſt nahezu ein Jahr, daß ihm von der Pariſer Polizei erklärt worden, ſeiner Entfer⸗ 169 nung aus Frankreich ſtehe nichts im Wege. Da ver⸗ ſchwand er sans adieu. Ebenſo verſchollen und ver⸗ ſchwunden iſt Pauline Picard, wenn nicht Zeit und Geſchick ſich vorbehalten haben, den Schleier über dieſem Doppelgeheimniß zu lüften und das Lebensgemälde dieſer zwei merkwürdigen Perſonen zu enthüllen, eine Annahme, die in mir ſo zu ſagen als Ueberzeugung feſtſteht, wie gewiß auch in Dir, mein Freund.“ „Das iſt der Fall“, entgegnete Karl aufſeufzend. „Ich kann mir nicht denken, daß ein ſo gewaltiger Wurf in die Flut der Verhältniſſe ohne weithin reichenden Wellenſchlag bleibe, und es iſt mir immer, ſo oft ſich jenes Ereigniß mir vor die Seele drängt, als müſſe ſich noch Mächtiges daraus ergeben, um, ich möchte ſagen, den Anforderungen der Humanität gerecht zu werden, obgleich allerdings— die Geſchichte der Menſch⸗ heit beweiſt es auf vielen Seiten ihres großen Buchs— Fälle vorgekommen ſind, die den Charakter des Räthſel⸗ haften für immer bewahrt, niemals einen offenkundigen Abſchluß gefunden haben.“ „Ich gehe noch weiter hierin“ ſagte Max.„Es wirkt auf mich wie ſtarker Luftdruck die Vorſtellung, eigentlich die innere Gewißheit, daß wir, ich meine Dich und mich und Ernſt, nicht nur überhaupt von den zwei Unglücklichen noch hören werden, ſondern berufen ſind, 170 der Forſetzung und dem Schluſſe dieſes Dramas, das in Paris begonnen, da oder dort in ganz kurzer Zeit beizuwohnen, wenn nicht ſogar ſelbſt darin Rollen zu übernehmen. Unſer guter Chemiker“ unterbrach ſich Max nicht ohne Abſichtlichkeit,„iſt nun ſchon ſeit mehreren Monaten von Paris abgereiſt und wahr⸗ ſcheinlich bereits in ſeiner Heimat.“ „Und was gedenkſt Du“ fragte nach kurzer Pauſe Karl, jetzt zu thun? Wo wirſt Du vor der Hand Deinen Aufenthalt nehmen?“ „Ich will einige Zeit“, erwiderte Max,„hier im ſchönen Elbflorenz zubringen, nicht ſowohl aber, um zu malen, das heißt, gegen Honorar zu malen, ſondern weit mehr, um meine Studien fortzuſetzen und ſoviel wie möglich zu ergänzen, dies hauptſächlich durch den Vergleich der hieſigen weltberühmten Gallerie, welche ich noch nicht kenne, mit der des Louvre in Betreff der klaſſiſchen Gemälde wie auch der Werke aus der neuen deutſchen Schule mit den modernen der franzöſiſchen; ich denke auch Einiges hier zu copiren.“ „Dies dürfte Dich wohl den ganzen Sommer über in Anſpruch nehmen.“ „Ohne Zweifel.“ „Und dann, lieber Max?“ „Dann? Nun dann trete ich meine Beſtallung an.“ — 171 „Ah, Du haſt eine Beſtallung!“ „Ja, und das iſt es, wovon ich Dir noch zu ſagen, vieles höchſt Seltſame zu erzählen habe. Vorläufig nur ſo viel: ich bin engagirt, meinen Aufenthalt von dieſem Herbſt an für ſo lange, als es mir gefallen wird, auf den Gütern eines reichen Freiherrn in einer reizenden Gegend Norddeutſchlands zu nehmen, daſelbſt für ihn oder für mich ſelbſt zu malen, was mir beliebt, Portraits, Landſchaften, Veduten, Thierſtücke, Blumen, Genre, Hiſtorie, in der Annahme, daß ich Luſt habe, meine Vielſeitigkeit, beſſer geſagt, mein vagabondirendes Künſtlerthum zu erproben, und dabei wie das Kind vom Hauſe zu leben, nach Neigung zu ſchalten und zu wal⸗ ten, auch gar nichts zu thun oder höchſtens der noblen Paſſion des Sports mich zu ergeben, zu reiten, zu fahren, zu jagen und zu fiſchen, nur nicht im Trüben. Ach, bin ich leichtſinnig!“ fügte Max tiefaufathmend und plötzlich Miene und Ton verändernd hinzu.„Kann noch ſcherzen bei ſo hohem, überwältigendem Lebens⸗ ernſte, den ich eben durch dieſen Mäcen, der mich auf⸗ nehmen will, kennen gelernt!“ „Das iſt es wohl auch“ ſagte Karl,„was Du mir erzählen willſt?“ „Ja, das iſt's“, entgegnete Max,„aber dazu bedarf es der Sammlung, deren ich augenblicklich noch ermangle. 172 Innerhalb einiger Tage ſollſt Du Alles wiſſen, während ich Dir jetzt nur ſagen kann, daß Alles, was Du, ich und vielleicht Tauſende von Menſchen zuſammengenommen erlebt haben, an das, was dieſer Mann, mein Gönner, ſelbſt erfahren, nicht reicht.“ „Dann“ bemerkte Karl ſchmerzlich lächelnd,„muß dieſer Mann ſehr alt ſein.“ „Alt? Erzählt nicht mehr als fünfundzwanzig Jahre.“ „Du machſt mich ſtaunen, denn, wie ich Dich kenne, iſt Uebertreibung nicht Deine Sache.“ „Ich übertreibe auch nicht; dieſer junge Mann, Gatte einer liebreizenden Frau von etwa zweiund⸗ zwanzig Jahren und Vater eines engelſchönen Kind⸗ chens von achtzehn Monaten— ich habe alle drei porträtirt— iſt, obgleich geſund, kräftig und von ſel⸗ tener Schönheit, ein Greis an Erfahrung und dabei mild wie ein Lamm und huldvoll wie eine gute Stunde.“ „In der That, Du machſt mich begierig nach Deiner Mittheilung, und ich bedaure nur, daß ich dieſen merk⸗ würdigen Mann nicht perſönlich kennen lernen kann.“ „Das kannſt, das wirſt Du, denn Du mußt und wirſt mich dort beſuchen.“ „Falls es mir möglich, gewiß.“ „Uebrigens wirſt Du einen kaum minder inter⸗ eſſanten Mann kennen lernen, und zwar hier, noch 173 morgen, der im innigſten Verbande mit dem Baron Stromfeld— ſo heißt mein jugendlicher Mäcen— ſeit vielen Jahren ſteht, der nämlich ſein Erzieher war und Zeuge der außerordentlichen Erlebniſſe, von denen Du noch hören ſollſt; der Mann, ein Fünfziger, Namens Werner, iſt hier, mit mir geſtern Abend angekommen und bleibt auch einige Tage da. Alſo, Freund, mache Dich gefaßt auf Ungewöhnliches und ſage nun, wo und wie wir uns drei noch heute oder doch doch morgen zuſammenfinden ſollen.“ „Wenn Ihr mich nicht zu einer beſtimmten Stunde hier abholen wollt, ſo bezeichne Zeit und Ort, wann und wo Ihr mich zu erwarten willens wäret.“ „Du biſt heute Abend frei?“ „Ganz zur Verfügung.“ „Gut; ich werde mit Herrn Werner gegen ſieben hier ſein. Keine Vorbereitung; wir werden im Gaſt⸗ hof ſoupiren und Du wirſt unſer lieber Gaſt ſein.“ Hiermit umarmten ſich die Freunde. Den Abend von ſieben bis gegen Mitternacht brachte Karl mit Max und Herrn Werner, die Stunden da⸗ nach bis zum Morgen wohl im Bette, aber ſchlaflos zu; das von beiden über die Familie Stromfeld ihm Mitgetheilte, obgleich nur fragmentariſch, erſchütterte ihn bis ins Mark. 174 Unſere gefühlvollen Leſer mögen ſelbſt urtheilen, denn wir wollen, ja wir müſſen ihnen ebenfalls und zwar im Zuſammenhange das Mitgetheilte kund geben, da es geſchrieben ſtand, daß unſer in Frankreichs Haupt⸗ ſtadt begonnenes Drama ſeinen Abſchluß in Deutſch⸗ land und zwar im Kreiſe des Freiherrn von Stromfeld finden ſollte. Dreizehntes Kapitel. Die Familie von Stromfeld.— Ein Jüngling und zwei Männer. Der erſte Tag des Wonnemonats im Jahre 1839 endete für die Pariſer ebenſo geräuſchvoll, als er be⸗ gonnen hatte, denn ſchon rückte die Mitternacht, ſonſt ſelbſt in dieſer ungeheuren Metropole ſchweigſam und feierlich, allmälig heran, und noch wogte ein Strom von Hunderttauſenden zwiſchen Equipagen, Reitern, Militär und Bürgergarden aus den Champs Elyſées, den Tuilerien, dem Palais royal, wie aus mehr denn zwanzig Schauſpielhäuſern, welche am Abende dieſes dem Namensfeſte des Bürgerkönigs ausſchließlich ge⸗ widmeten Tages Vorſtellungen gegeben, über die Boule⸗ vards, Quais und Plätze, durch Straßen und Gaſſen in beinahe tagheller Beleuchtung, entſtrahlend unzähl⸗ baren Gasflammen aus den zwiſchen den Bäumen 176 ſchwebenden Reverboren, ſowie jenen der noch offenen glänzenden Kaufläden, Cafés, Eſtaminets und Re⸗ ſtaurants. Die mächtigſte Strömung dieſer unüberſehbaren WMaſſen ging von der herrlichen Place de la Concorde einerſeits an den Tuilerien und dem Louvre längs der Seine, wie zur Linken durch die Rue de Rivoli in die Rue St.⸗Honoré am Palais royal vorüber, andererſeits dem Vendömeplatze und dem koſtbaren Tempel St⸗ Madeleine zu; von hier in breitern Fluten über die Boulevards des Capucins, Italiens, Montmartre, Poiſſonières u. ſ. w. nach dem des Temple, nicht aber ohne in die bedeutendern Straßen Richelieu, Vivienne, St.⸗Martin, St.⸗Denis und andere großentheils ſich zu ergießen. Einer der geeignetſten Punkte, dieſes impoſante Schauſpiel ungeſtört und in aller Behaglichkeit zu be⸗ trachten, war der Balkon des Café des Italiens auf dem Boulevard gleichen Namens, und in der That zeigte er ſich auch noch zu dieſer ſpäten Stunde und trotz der etwas ſcharfen, wenngleich unbewegten Luft ganz beſetzt. Es gehörte dieſes Etabliſſement in jener Zeit zu den beſuchteſten, war jedoch weit ſchöner gelegen als eingerichtet und hatte als Café Eſtaminet, als ſolches ch 1 5 — 5 177 nämlich, in welchem Billard geſpielt, geraucht und ſo⸗ gar Bier— Straßburger in Bouteillen— geſchenkt wurde, nicht gerade der auserleſenſten Geſellſchaft ſich zu erfreuen, obſchon es immerhin zu den anſtändigern ſeiner Kategorie gezählt werden konnte. An einem Tiſchchen in der rechten Ecke des Balkons ſaßen zwei junge, ſehr anſtändig und mit Geſchmack gekleidete Männer, die ſich bei ihren Cigarren, deren köſtlichem Dufte der des Punſches vor ihnen keinen Eintrag that, recht behaglich zu fühlen und ſehr angelegentlich, wenn auch nicht eben vertraulich, zu unterhalten ſchienen; wir ſagten, zwei junge Männer, obwol der eine kaum die Frühlingsgrenze von zwanzig Jahren zurückgelegt hatte, während der andere bereits im Sommer des Mannesalters ſtand, nämlich minde⸗ ſtens fünfunddreißig zählte. Dieſer nicht unbedeutende Unterſchied von Jahren erſchien indeſſen an den Beiden minder auffallend, als ein ſolcher Abſtand ſonſt wohl zu wirken pflegt, und dies infolge des beiderſeitigen ſcharf ausgeprägten Charakters, der den Jüngling durch den hohen ſittlichen, wiewohl nicht unfreundlichen Ernſt in ſeinen Zügen und die edle, von Selbſtbewußtſein zeu⸗ gende Haltung ſeines vollkommen ausgebildeten Kör⸗ pers um wenigſtens fünf Jahre älter und den Mann im Gegenſatze durch außergewöhnliches, nicht erkünſteltes Jean Charles, Realiſten und Idealiſten. III. 12 178 Feuer und immer noch wahrhaft jugendliches, an⸗ muthiges Benehmen, noch mehr aber durch Belebtheit und Geſchmeidigkeit des Antlitzes und der Geſtalt um ebenſo viel jünger erſcheinen, ſonach zwiſchen ihnen nur das geringfügige Intervall von etwa fünf Jahren augen⸗ fällig werden ließ. Sie unterhielten ſich in franzöſiſcher Sprache, worin ſich beide ebenſo geläufig als gewählt ausdrückten ob⸗ gleich Accent und gelegentliche Wortſtellung verriethen, daß ſie eine erlernte und nicht angeborene Sprache redeten; ſie fühlten nicht und dachten nicht urſprüng⸗ lich in ihr, ſondern ſie überſetzten— dies hörte ſich heraus— der ältere aus dem Italieniſchen, der jün⸗ gere aus dem Deutſchen, immerhin richtig und ge⸗ wandt, in das Idiom, welches vor allen andern der Erde wohl das geeignetſte ſein dürfte, Talleyrand's Maxime zu unterſtützen, daß dem Menſchen die Sprache verliehen worden ſei, um ſeine Gedanken und Empfin⸗ dungen zu verbergen. Noch deutlicher als durch ihre Redeweiſe charakteri⸗ ſirte ſich die Nationalität durch ihre Geſichtsbildung, Geſtalt und Haltung. Das Antlitz des Jünglings, das gleich dem ſeines Geſellſchafters in dem beinahe blendenden Gaslichte des Balkons dem Blicke des Beobachters ſich bis in die 179 kleinſten Details offen zeigte, dies um ſo mehr, als beide trotz der etwas ſcharfen Nachtluft unbedeckten Hauptes daſaßen, war von der reinſten Zeichnung nach echt germaniſchem Typus und hätte vollkommen ſchön genannt werden können ohne ein gewiſſes Etwas, das die Harmonie ſeiner edlen Züge zeitweiſe, wenn nicht gänzlich zerſtörte, ſo doch auffallend unterbrach, nicht unähnlich jenen flüchtigen Schatten, die, von einzelnen mächtigen, ſcharf ziehenden Wolken auf eine ſonnige Frühlingslandſchaft geworfen, derſelben, ob auch nur für einen Augenblick, Düſterheit und Unruhe aufprä⸗ gen, gleich als wollte der Himmel die Erde im Gefühle ihrer Schönheit und Ruhe an vergangene und künftige Stürme mahnen. Wir können jenes gewiſſe Etwas, welches den Ein⸗ druck von Schönheit ſo mancher an ſich ganz regel⸗ mäßigen, reinen Phyſiognomien beeinträchtigt, mit einem einzigen Worte bezeichnen; es heißt Geiſt. Die raſchen Bewegungen des Geiſtes, ſeine Offenbarungen auf dem Angeſichte in flammenden Blitzen und Wetter⸗ leuchten des Blicks, in der plötzlichen melancholiſchen Verdunkelung der ſonſt freien, heitern Züge, im ſchmerz⸗ lichen Lächeln um den bebenden Mund, im zürnenden Zuſammenziehen der Stirnmuskeln und Brauen, alle dieſe und noch viele andere nicht zu beſchreibende 12* 180 Aeußerungen des Geiſtes, dieſes Tyrannen im Reiche der Seele, vernichten oder ſtören mindeſtens das himm⸗ liſche Attribut irdiſcher Schönheit, die Ruhe, in einer Weiſe, die es unmöglich macht, einen geiſtvollen Men⸗ ſchen ſchön und einen ſchönen Menſchen geiſtvoll zu finden, denn der Geiſt charakteriſirt, und das wahrhaft Schöne iſt ohne Charakter. Es war aber ein außerordentlicher Charakter, der ſich in den von Natur ſo regelrechten, reinen Zügen dieſes Jünglings kund gab. Seine hohe, kühn gewölbte Stirn mit den breiten Schläfen von blendender Weiße, glatt wie die See bei gänzlicher Windſtille, konnte ſich plötzlich und ſchreckenerregend furchen, ſein Haupt, in holder, aufrechter Jugendlichkeit, umwallt von ſeidowei⸗ chem, vollem, ſanftgewelltem braunen Haare, ſich drohend zurückwerfen und die Locken ſchütteln gleich einem ge⸗ reizten jungen Löwen, der ſchöne Mund, den noch eben ein beinahe jungfräulich zu nennendes, bezauberndes Lächeln umſchwebte, preßte ſich plötzlich zuſammen, als wollte er die Perlen, die er in ſich verſchloß, mit einem einzigen Drucke zermalmen, während endlich ſein Blick aus den anſcheinend ſanfteſten blauen Augen der Welt, der ſogar etwas Träumeriſches an ſich hatte, urplötz⸗ lich feſt, bannend, durchbohrend zu werden und Wetter⸗ ſtrahlen zu ſchleudern vermochte. Seine Geſtalt ent⸗ 181 ſprach vollkommen dieſem im Ganzen mehr energiſchen als jugendlich phantaſtiſchen Weſen; die Mittelgröße überragend und von tadelloſem Ebenmaße, verrieth ſie eine für dieſe Jahre ungewöhnliche Kraft, die ſich jedoch durch Elaſticität in allen ſeinen Bewegungen als eine mit dem Geiſte harmonirende zeigte und ſonach jeden Eindruck von Rauhheit unmöglich machte. Einen auffallenden Gegenſatz zu ihm bildete geiſtig wie körperlich ſein Geſellſchafter. Um einen halben Kopf kleiner und von gedrungener, obgleich wohlge⸗ gliederter Geſtalt, hatte derſelbe zwar nicht die edel⸗ ſtolze Haltung des Jünglings, dagegen aber etwas vor⸗ nehm Freies, großſtädtiſch Ungezwungenes, das erſterem, wenn nicht ganz fehlte, doch in geringerem Grade eigen war, jenen Schliff nämlich, den nur vieljähriger un⸗ mittelbarer Verkehr mit der großen Welt gibt, oder vielmehr jenes unnachahmliche, ſelbſt durch ſteten Um⸗ gang mit den Großen der Erde nicht zu erlangende Etwas, das im Weſen und Benehmen des hohen Adels liegt. Erſchien jener wie ein Geiſt und Gefühl aus⸗ ſtrömendes Gedicht, ſo glich dieſer einem intereſſanten Stücke vollendeter, ganz geglätteter Proſa. Dieſe ſprach auch deutlich genug aus dem ebenſo ſichern und gewinnenden als leichtfertigen und über ſpringenden Blicke aus den ſchwärzeſten und feurigſten 182 Augen, die jemals in einem Menſchenhaupte geglüht, Augen, wie man ſie an einem Panther bewundert; nicht minder aus der Beweglichkeit ſeiner Genußluſt verrathenden üppigen Lippen, die, faſt unausgeſetzt eine Doppelreihe ſtarker, aber ſchneeweißer Zähne zur Schau ſtellend, köſtlich contraſtirten mit dem dichten, krauſen, ſchwarzen Barte, der zwei Drittheile ſeines olivenfar⸗ bigen Geſichts einhüllte, ſowie endlich aus der nicht ſehr hohen, jedoch ſchön geformten, glatten, glänzenden Stirn, die, umſchattet von pechſchwarzem, natürlich ge⸗ locktem, aber feſt niedergekämmtem, ſchief geſcheiteltem Haare, einem bronzenen, von ſchwarzem Sammt über⸗ hangenen Throne des Leichtſinns glich; während ſeine Sprache endlich, die man ein ununterbrochenes Lachen nennen konnte, ſo munter und ſchallend kamen die Worte ſich überſtürzend heraus, ſein Weſen als das eines frivolen Weltmenſchen entſcheidend bezeichnete. Das Geſpräch der hiermit mehr äußerlich geſchil⸗ derten jungen Männer war, wie ſchon bemerkt, ein mehr angelegentliches als vertrauliches geweſen; ſie hatten darin manches Intereſſante mit großer Lebhaf⸗ tigkeit verhandelt: den Feſttag der Pariſer ſelbſt, die kritiſche Lage der Staatsgewalt, Frankreichs mögliche und wahrſcheinliche Zukunft, den augenblicklichen Stand von Kunſt, Wiſſenſchaft und Induſtrie einerſeits, wie 183 andererſeits das öffentliche und häusliche Leben in der Hauptſtadt der Civiliſation, ihren Luxus und Geſchmack, ihre momentanen Berühmtheiten, die große Oper wie die komiſche und dergleichen mehr; jenes angeregt durch den Wiſſensdurſt und Bildungstrieb des deutſchen Jüng⸗ lings, dieſes aufgefaßt und mehr oder weniger gewalt⸗ ſam dazwiſchen geworfen von dem genußſüchtigen Ita⸗ liener, einem Conte di Terra firma, wie er ſelbſt ſich dem jungen Manne bei ſeinem erſten Zuſammentreffen mit demſelben im Parquet der königlichen Akademie der Muſik vorſtellte, Namens Luigi***, wogegen ihm ſich jener als einziger Sohn eines deutſchen Freiherrn zu erkennen gab und Paul von Stromfeld nannte. Es waren zwiſchen jenem Abende der erſten Begeg⸗ nung und dieſem nur wenige Tage verfloſſen, und es hatte ſich heute ihre Bekanntſchaft, die ſich im Theater nicht ohne eine gewiſſe gegenſeitige Wärme angelaſſen, nſcheinend ganz zufällig erneuert; ſagen wir anſchei⸗ nend, da ſich Paul noch vor dem Schluſſe ihres Ge⸗ ſprächs erinnerte, dem Grafen auf ſeine Frage, welche Cafés und Reſtaurants er beſuche, geantwortet zu haben, daß er, kaum erſt vierzehn Tage in Paris und von dem natürlichen Wunſche geleitet, das Leben und Trei⸗ ben der Bewohner nach allen Richtungen hin in mög⸗ lichſt kurzer Friſt kennen zu lernen, ſich an kein 184 Etabliſſement bis jetzt gebunden, dennoch aber das Café des Italiens wegen ſeiner ſo angenehmen Lage ſchon zu wiederholten Malen beſucht habe. Dieſen Um⸗ ſtand indeſſen auf ſich beruhen laſſend, wollen wir den Schluß ihres Geſprächs anhören und dem daraus ſich Ergebenden folgen. „Sie werden alſo die große Tour machen, mein lieber Baron, und alle Hauptſtädte Europas ſehen?“ „Ja, Herr Graf.“ „Das wird in zwei Jahren abgemacht ſein.“ „Es iſt möglich, daß mich mein Vater noch zwei weitere Jahre reiſen läßt, bis zu meiner Großjährig⸗ keit nämlich.“ „Ah, Sie ſind erſt zwanzig Jahre alt?“ „Ich ſcheine älter, man hat es mir oft geſagt.“ „Es iſt der Fall, in Wahrheit; gewiß hat Ihr Geiſt, ohne Complimente, eine männliche Reife, die—“ „Dem ſehr erklärlich wird, der die Geſchichte meiner Kindheit und erſten Jugend kennt.“ „Verzeihung, wenn ich da mißtönende Saiten be⸗ rührte.“ „O, es hat durchaus nichts auf ſich.“ „Ich ließ mich in meiner Munterkeit ſo rückſichts⸗ los gehen—“ „Man müßte ein Dach über einen Friedhof ſpan⸗ 185 nen, fände man es unpaſſend, daß die heitere Sonne Gräber beſcheint. Zudem bin ich jetzt in Paris.“ Hier trat eine kleine Pauſe ein, während welcher beide auf das ſich allmälig lichtende Gedränge längs des Boulevards zerſtreut hinabblickten. Paul war es, der zuerſt wieder das Wort ergriff, indem er, ſich eine neue Cigarre anbrennend, leicht hin⸗ geworfen ſagte:„Schon lange in Paris, Herr Graf?“ „Diesmal bereits über ſechs Monate; aber ich war ſchon öfter und länger hier. Wie viel Zeit haben Sie für Paris beſtimmt, wenn es beliebt?“ „Bis zum Eintritt des Sommers. Aber ich hänge darin nicht allein von mir ab.“ „Natürlich; es kann ja Ihr Herr Vater—“ „Oder auch mein Begleiter—“ „Ah, Sie reiſen in Geſellſchaft?“ „Eines ausgezeichneten Mannes, der ein langjäh⸗ riger Freund unſeres Hauſes und mir ein verlaßlicher Führer iſt.“ „Ein Mentor, ſo zu ſagen.“ „Wenn Sie wollen, ja.“ „Das iſt ſehr gut, denn Sie ſind noch ſehr jung—“ „Und unerfahren trotz einer gewiſſen Reife, die Sie, Herr Graf, an mir zu bemerken die Artigkeit hatten, nicht wahr?“ 186 Der Graf, deſſen munterer, beinahe überluſtiger Ton ſich während des hier mitgetheilten Geſprächs allgemach herabgeſtimmt hatte, biß ſich bei dieſer Be⸗ merkung Paul's auf die Lippe; aber es war das nur die Sache einer Sekunde, und ſchon in der nächſten war er wieder ganz er ſelbſt, lachte laut auf und ſagte: „Was wollen Sie, man kann ſehr viel Geiſt und dabei doch bisweilen einen Mentor nöthig haben.“ „Beſonders in Paris, nicht ſo?“ „Gewiß; und ich hätte Ihnen bei näherer Bekannt⸗ ſchaft und in Ermangelung Ihres officiöſen Begleiters meine eigene Erfahrung für die Dauer Ihres Aufent⸗ halts in dieſer verführeriſchen Stadt mit Vergnügen angeboten.“ „Sie ſind ſehr gütig, Herr Graf.“ „Ohne Scherz; und zum Beweiſe iſt hier meine Karte. Es wird mich glücklich machen, Ihnen irgend⸗ wie gefällig ſein zu können. Und Sie wohnen?“ „Im Hotel des Princes.“ „Mit Ihrem—“ „Mit meinem officiöſen Begleiter.“ „Aber wo war derſelbe bei unſerer erſten Begegnung?“ Zu Hauſe; er hatte zu ſchreiben.“ „Und wo, wenn ich fragen darf, befindet er ſich jetzt?“ ů 187 „Hier; nur durch das Fenſter des Salons von uns getrennt.“ Der Graf, der mit dem Rücken gegen das bezeich⸗ nete Fenſter ſaß, drehte ſich haſtig um und warf einen forſchenden Blick in den Salon, wo Billard, Domino und Schach geſpielt wurde, letzteres dicht hinter dieſem geſchloſſenen Fenſter. „Ihr Freund iſt—“ „Der Sie eben anblickt.“ „Ein ſtattlicher Mann von vielem Ernſt.“ Damit drehte ſich der Graf langſam wieder um. „Die Güte ſeines Herzens gleicht die Strenge ſeiner Grundſätze aus, und ſeine Phantaſie, obwohl er bereits vierzig und einige Jahre zählt, iſt die eines jugend⸗ lichen Künſtlers.“ „Das ſähe man ihm nicht an; es liegt im Gegen⸗ theile etwas Stoiſches oder vielmehr Aſcetiſches in ſei⸗ ner Miene, ſodaß es mich wundert, ihn ſpielen zu ſehen.“ „Er ſpielt nur Schach.“ „Sein Name, wenn es erlaubt, zu fragen?“ „Iſt einfach Werner, ſein Beruf Wiſſenſchaft, vor⸗ zugsweiſe Naturkuude. Unverehelicht und im Genuſſe zweier Penſionen, die er ſich als Erzieher erworben, ganz unabbängig, lebt er ausſchließlich ſeinen Studien und der Freundſchaft meines Vaters, mit dem er faſt 188 ganz gleichen Alters; eine Freundſchaft, die von ihren Univerſitätsjahren datirt, in unverbrüchlicher Treue fortbeſtand und gewiß auch nur im Tode enden wird.“ „Er war auch Ihr Erzieher?“ „Ja; und nunmehr opfert er mir einen großen Theil ſeiner koſtbaren Zeit, indem er mich, da ich die Rechtsſtudien bereits abſolvirt, auf meiner Wanderung durch die weite Welt begleitet.“ „Aber Sie hätten, lieber Baron, nach meiner An⸗ ſicht, Ihre Länder⸗, Städte⸗ und Menſchenforſchung mit Paris beſchließen ſtatt beginnen ſollen.“ „Ich war anfangs derſelben Meinung und auch mein Vater neigte ſich ihr zu; Herr Werner belehrte uns eines Beſſern.“ „Wie das?“ „Er ſagte:„Wir wollen den Zauber des Luxus, den Reiz der höchſten Civiliſation und zugleich das Schaudererregende der tiefſten Depravation, wie dies Alles eben nur in Paris durcheinander wirbelt, zuerſt auf Paul's Phantaſie und Herz einwirken laſſen, um ihm ſogleich einen Maßſtab für die Culturzuſtände an⸗ derer Länder an die Hand zu geben; zum Beſchluſſe ſeiner Reiſen mag er dann Paris wiederſehen, dann aber mit den Augen des geklärten Verſtandes, und rückwärts vergleichen.““ 189 „Ah, das iſt ſehr ſcharfſinnig!“ „Sie werden Herrn Werner in Allem ſo finden.“ „Er ſpricht franzöſiſch?“ „Vortrefflich; ebenſo engliſch und italieniſch.“ „Iſt auch gereiſt?“ „Ja, mit ſeinem erſten Zöglinge, dem Sohne eines reichen Grafen; er kennt ganz Europa.“ Hier erhob ſich Graf Luigi*** in ſeiner raſchen Weiſe und nahm von Paul mit folgenden, ſehr herz⸗ lich betonten Worten Abſchied: „Mein lieber Baron, laſſen Sie es nicht blos den Zufall ſein, der uns zuſammenführt; Sie intereſſiren mich wahrhaftig und ich wiederhole, daß es mich un⸗ endlich freuen wird, Ihnen angenehm zu ſein.“ Paul hatte ſich gleichzeitig erhoben und entgegnete ſich verneigend: „Ich und Herr Werner werden Sie willkommen heißen.“ „Auf Wiederſehen denn!“ „Gute Nacht!“ Der Graf entfernte ſich; Paul ſah ihm durch das Fenſter nach. Eben auch war die Schachpartie ſeines Begleiters beendigt und dieſer, ein hoch und kräftig gebauter Mann von feſten, ruhigen Zügen, aufgeſtan⸗ den. Er blickte gleichfalls dem Grafen nach, und es war etwas in dieſem Blicke, das Paul ſtutzen machte. Vierzehntes Kapitel. Der Mentor. Es war Herrn Werner's Grundprincip der Er⸗ ziehung, ſeinen Zöglingen Grundſätze nicht aufzudringen, ſondern dieſe aus ihrem Fühlen und Denken ſich ſelbſt entwickeln zu laſſen und demnach ſeinerſeits nur für Gelegenheiten zu ſorgen, die der Durchbildung von Herz und Kopf förderlich ſein konnten. Wenn dieſes Princip bei dem der Kindheit und erſten Jugend ſo auffallend eigenen Widerſpruchsgeiſte meiſt weit günſtigere moraliſche Ergebniſſe hervorruft als abſolutes Gebieten und Verbieten, ſo wird die Wirkung deſſelben um ſo ſicherer auf Jünglinge ſein, die ſich dem Mannesalter nähern, deren Gefühl und Ver⸗ ſtand durch die Phantaſie bereits zum Gemüthe und Geiſte ſich zu ſteigern beginnt und die in dem ihnen 191 beigegebenen Führer nicht ſowohl den Erzieher als vielmehr den Freund zu ſehen geneigt ſind. Dies war der Fall bei Paul; er ehrte und liebte Herrn Werner, obgleich dieſer bereits im Alter ſeines Vaters ſtand, als einen Freund, von deſſen reiner Humanität und Hochherzigkeit er ſich oft ſchon über⸗ zeugt hatte. Auch fühlte er ſich von dieſem Biedermann wahr⸗ haft geliebt, und welcher edle Jüngling bliebe uner⸗ kenntlich gegen ſo warme, treue Zuneigung! Werner wollte, daß Paul, der ſeine Studien ſo frühzeitig als glänzend vollendet und dabei bereits einige Erfahrungen gemacht hatte, die ſeinem Weſen das Gepräge von Frühreife gaben und in ſeinem Her⸗ zen, das an ſich mild, liebevoll und aufopferungsfähig war, eine gewiſſe Bitterkeit zurückließen, Alles möglichſt durch und aus ſich ſelbſt erkennen, den Werth der Dinge durch eigene Prüfung ſchätzen und im unmittel⸗ baren Leben ſeinen ſo früh geſtörten Lebensfrieden her⸗ ſtellen lerne; lenkte er ihn ſchon hierin— und in Wahrheit, er ließ ihn nicht aus dem Auge, das heißt, aus dem des Geiſtes— ſo geſchah dies in ſo natur⸗ gemäßer und ſo einfach überzeugender Weiſe, daß nur ein roher Sinn ſich dagegen hätte ſträuben können; er verfuhr wie ein denkender Arzt; er half der Natur nach, wo ſie ſich zu leidend verhielt, und gab Gegen⸗ mittel, wenn ſie in überreizter Thätigkeit ſich aufzu⸗ reiben drohte. Nur eins hatte er Paul zur Pflicht gemacht, näm⸗ lich während der ganzen Dauer ihrer Reiſen ſich über alles Erlebte täglich Rechenſchaft abzulegen in einem Tagebuche, ohne ihm oder irgend einem andern Men⸗ ſchen, ſeinen Vater nicht ausgenommen, vom Inhalte deſſelben etwas mitzutheilen, auf daß kein fremdes oder verwandtes Element hemmend oder fördernd auf ſeinen Bildungsproceß einwirke, er allein in ungeſtörter Frei⸗ thätigkeit mit den Erſcheinungen verkehre und in ſei⸗ ner Phantaſie wie in ſeinem Geiſte das Leben ab⸗ ſpiegele. Paul kam dieſer von ihm mit kindlicher Bereit⸗ willigkeit eingegangenen Verpflichtung um ſo genauer nach, als ihm nach ſeinen frühzeitigen ſchmerzlichen Erfahrungen, von welchen noch die Rede ſein wird, die Reflexion bereits zum Seelenbedürfniſſe und der Ver⸗ kehr mit Menſchen leider ſchon zum Gegenſtande phi⸗ loſophiſcher Unterſuchungen geworden war; denn er hatte ſich nur eines kurzen Vorfrühlings zu erfreuen gehabt und empfand jetzt, im eigentlichen Lenze noch, auf ſeiner Denkerſtirn ſchon die glühenden Sonnenſtrah⸗ len männlicher Reife, ſommerlicher Erkenntniß. 193 Gewohnt, früh ſein Lager zu verlaſſen und die erſten Morgenſtunden mit geiſtiger Arbeit hinzubringen, hatte dieſer ſeltſame junge Mann auch an dem auf das geräuſchvolle Feſt des Bürgerkönigs folgenden Tage ſich mit der Sonne erhoben uud bereits zwei Stunden hindurch faſt ununterbrochen geſchrieben, als ſein treuer Führer und Freund Werner aus dem anſtoßenden Ge⸗ mache in das von Paul bewohnte trat und ihm mit den Worten die Hand ſchüttelte: „Fleißig wie immer; es freut mich. Fleiß iſt, wenn auch nicht ſtets wirkliche Geſundheit der Seele, ſo doch allezeit etwas Geiſtberuhigendes; jedenfalls bleibt eine Stunde, des Morgens mit nützlicher Arbeit zuge⸗ bracht, mehr werth als zwei Stunden mit Nachtgebet. Uebrigens“ fügte er in herzlichem Tone hinzu, wäh⸗ rend Paul ſeine Papiere in die Reiſemappe legte und dieſe im Schreibepulte einſchloß,„iſt es genug, mein Theurer, und wir wollen, wenn es Ihnen nicht unlieb, ſogleich ins Freie, da unſere Toilette ſchon beendet und der Morgen ſo heiter iſt.“ „Sie wiſſen“, ſagte Paul, indem er Hut und Hand⸗ ſchuhe nahm,„wie viel Vergnügen es mir gewährt, mit Ihnen im Freien mich zu ergehen, die Natur mit Ihren Augen anzuſchauen, denen nichts entgeht, was an ihr ſchön und gut iſt. Kommen Sie!“ Jean Charles, Idealiſten und Realiſten. III. 1 194 Eine halbe Stunde ſpäter befanden ſich beide im Garten der Tuilerien, der an dieſem Morgen, nachdem ihn abends zuvor Tauſende von Menſchen überſchwemmt, die gewaltigen und furchtbaren Klänge der Pariſienne und Marſeillaiſe ſeine balſamiſche Luft erdröhnen ge⸗ macht hatten, einem weiten blühenden Friedhofe um das rieſige Denkmal der zu Grabe getragenen Dy⸗ naſtie der Bourbonen glich, während darin die Natur noch in ihrer angeſtammten Macht und Schönheit wie im höchſten Flore des entthronten Königsgeſchlechts herrſchte. Aehnliche Betrachtungen über die Wandelbarkeit menſchlicher Geſchicke, betreffend Individuen wie ganze Nationen, ſtellten die ſich ruhig Ergehenden an— wo drängten ſich auch derlei Gedanken mit größerer Gewalt dem Geiſte auf als in Paris!— und ſchritten dann eine Weile ſchweigend neben einander dahin, jeder mit ſeinen eigenen Ideen und Gefühlen beſchäftigt. Nach einigen Minuten nahm Werner das Geſpräch wieder auf, indem er, ſeinen Arm in den von Paul legend, im Tone des ihm eigenen milden Ernſtes ſagte: „Sie haben in dieſen zwei Wochen bereits viel von Frankreichs Hauptſtadt geſehen, aber bei weitem mehr 195 noch davon kennen zu lernen, wenngleich das modern Intereſſanteſte, das für das Studium der Tagesgeſchichte Wichtigſte, weil Beziehungsreichſte, ich meine das Paris vor allen Hauptſtädten der Erde eigenthümlichſt zu⸗ kommende und auf das höchſte und ſeltſamſte geſteigerte und verwickelte Salonleben, beſſer für Ihren zweiten Beſuch vorbehalten bleibt; welcher Anſicht Sie übrigens ſelbſt waren und wohl noch ſind. Wir wollen uns für diesmal mit dem Leben nach außen, mit der Geſammt⸗ wirkung alles deſſen begnügen, was Frankreich hier auf ſeinem ungeheuren Centralſtapelplatze dem Genuſſe des Denkers darbietet.“ „Ich pflichte dieſer Anſicht noch unbedingt bei“, be⸗ merkte Paul ruhig, als Werner, wie ſeiner Aeußerung gewärtig, innehielt. „Gut, mein Freund“ fuhr letzterer mehr wie in einem Selbſtgeſpräche, als an ſeinen Begleiter das Wort richtend, fort,„Sie ſind immer beſonnen, be⸗ ſcheiden. Den liebevollen Plan, den Ihr trefflicher Vater rückſichtlich Ihrer Zukunft entworfen, kennen Sie; demzufolge iſt Ihnen bis zum Abſchluſſe Ihres vierundzwanzigſten Jahres Zeit und Gelegenheit ge⸗ geben, die Welt und in ihr ſich ſelbſt kennen zu ler⸗ nen, wonach Sie ſich dann in völlig freier Wahl für einen Beruf entſcheiden mögen. Ihr Vater liebt Sie 13* — 196 und vertraut Ihnen ohne Beſchränkung; er iſt reich und Sie ſind ſein einziges Kind. Wollen Sie ſich dann dem Staatsdienſte widmen, den er ſelbſt ſchon vor fünfzehn Jahren aus Gründen, die Ihnen gelegent⸗ lich mitgetheilt werden ſollen, verließ, um ſich auf ſeine Güter zurückzuziehen und in der argloſen, nie täuſchen⸗ den Natur das einzig wahre Glück des Menſchen, Seelenfrieden zu gewinnen, ſo wird ſich Ihnen die Bahn dazu leicht eröffnen, gleichwie Ihnen die Arme Ihres Vaters offen ſtehen werden, falls Sie unmittel⸗ bar ſeinen Pfad einſchlagen wollen. Sie werden mit einem Worte frei ſein, mein lieber Paul, ſo frei, als ein Erdbewohner nur immer zu ſein vermag; ein ſchö⸗ nes, beneidenswerthes Loos, wofür Sie— ich kenne Ihr Herz— der Vorſehung und Ihrem Vater dankbar bleiben werden.“ „Und von ſich ſelbſt ſprechen Sie nicht“, unterbrach ihn Paul mit vor Rührung bebender Stimme,„Sie, mein Wohlthäter, mein Retter, meine irdiſche Vor⸗ ſehung, Sie, der mich vom Abgrunde der Ver⸗ zweiflung zurückgezogen und zu Gott geführt!“ „Still, ſtill davon, mein Freund“ murmelte Werner vor ſich hin, während er in innerſter Bewegung den Arm ſeines Zöglings an ſich drückte und das Antlitz abwandte, um die Thräne zu verbergen, welche die ſo plötzlich heraufbeſchworene Erinnerung in ſein Auge drängte,„ſtill, laſſen wir die Vergangenheit.“ „Ach, lehrten Sie mich nicht ſelbſt, daß nichts ver⸗ gehe, daß Alles, was geſchehe, ewig fortwirke?“ „Gewiß; doch in anderm Sinne müſſen und wollen wir das Vergangene nehmen, denn auch der Augenblick hat ſein Recht.“ „Sie verſprachen mir, mich eines Tages— „Einzuweihen in die Myſterien Ihres Hauſes.“ „Und wann— ſchon durch Jahre lechzt meine Seele nach dieſer Erquickung— wann werde ich hören, wo und unter welchen Verhältniſſen meine Mutter— bedenken Sie, meine Mutter— lebt? Denn daß ſie noch lebt, obgleich Sie und mein Vater mich noch bis zur Stunde darüber in Ungewißheit ließen, daß ich ſie wiederſehen werde, ſie, deren Bild mit unvergänglichen Zügen meiner Seele eingeprägt iſt, wiewohl ich kaum fünf Jahre zählte, als ſie meinem Blicke entſchwand, daß ich ſie noch nicht als eine hingeſtorbene, unwieder⸗ bringliche Vergangenheit zu betrauern habe, das ſagt mir mein Herz, wenn ich auch der endlichen Enthüllung dieſes Familiengeheimniſſes nicht ohne ein banges Vor⸗ gefühl entgegenſehe.“ „Dieſe Enthüllung findet vielleicht ſtatt, noch ehe wir Paris verlaſſen.“ —— „O Himmel, wirklich?“ „Der nächſte Brief Ihres Vaters wird hierüber entſcheiden; auch kann, was man leichtfertig genug Zu⸗ fall nennt, dieſelbe herbeiführen, ſelbſt gegen den Wil⸗ len Ihres Vaters. Aber genug hiervon für den Augen⸗ blick“, ſetzte er, einen Seufzer unterdrückend und ſich mit einiger Anſtrengung aus der Laſt ſeiner Gedanken emporrichtend, allmälig feſtern Tons hinzu;„genug für jetzt, mein theurer Paul, über dieſe Angelegenheit, in der ich ſelbſt nicht unabhängig ſchalten kann, und nun zu etwas Anderm.“ „Sprechen Sie, mein väterlicher Freund!“ „Wie gefällt Ihnen der italieniſche Graf, deſſen Karte Sie mir geſtern noch im Café des Italiens ge⸗ zeigt und—“ „Den Sie mit einem ſo ſeltſamen Blicke begleiteten, ohne ſich über ihn auszuſprechen?“ „Ja, derſelbe.“ „Er iſt nicht ohne Geiſt und Kenntniſſe, nur ſcheint er materiellen Genüſſen allzu ſehr zu fröhnen.“ „Erſcheint Ihnen Ihr geſtriges Zuſammentreffen als ein zufälliges?“ „Dem Sprachgebrauche nach, ja.“ „Und Ihrer innern Ueberzeugung nach?“ „Ich vernahm darüber ihre Stimme noch nicht, —— 199 wahrſcheinlich weil mir dieſer Mann nicht wichtig ge⸗ nug vorkam.“ „Als Sie mich ihm durch das Salonfenſtrr zeigten, gab er durch Wort oder Miene zu verſtehen, daß er mich erkannte?“ „Wie, Sie kennen ſich?“ „Ich kenne ihn, und er hat mich— es liegen aber einige Jahre dazwiſchen— geſehen und gehört.“ „Er blickte, indem er ſich vom Fenſter ab und mir zuwandte, allerdings ein paar Sekunden lang fragend, nachſinnend vor ſich nieder; doch ſcheint mir, es ſei nicht anzunehmen, daß er Sie wiedererkannte, da er beim Abſchiede die Hoffnung baldigen Wiederſehens in herzlichſter Weiſe ausſprach, was er wohl unterlaſſen haben dürfte, wenn—“ „Wenn ſich an mein Zuſammentreffen mit ihm etwas für ihn Unangenehmes knüpfte, meinen Sie?“ „Ich denke ſo.“ „Seine Karte gab er Ihnen, noch bevor er mich geſehen, nicht wahr?“ „Ja.“ „Nun denn, für den Augenblick hätte er nichts Klügeres thun können, als von baldigem Wiederſehen zu ſprechen.“ „Ich ſagte ihm unſere Adreſſe.“ 200 „Er wird ſie nicht benutzen, wohl aber werden wir die ſeinige nicht unbenutzt laſſen.“ „Ich verſtehe Sie nicht.“ „Wenige Worte, und Sie werden mich begreifen. Dieſer Herr, deſſen Karte nun ſeinen wahren Namen enthalten mag oder nicht, denn vor fünf Jahren führte er einen andern, iſt ein Spieler von Profeſſion.“ „Wirklich?“ „Ein Spieler von weiteſtem Gewiſſen.“ „Abſcheulich! Und er hat die Stirn—“ „Sich einem jungen Fremden zu nähern, der Mittel beſitzt, im Hotel des Princes abzuſteigen.“ „Sie nehmen an—“ „Daß ein Spieler ſämmtliche Portiers der größern Hotels zu guten Freunden hat.“ „Aber die Julirevolution zerſtörte doch alle Spiel⸗ höhlen in ganz Frankreich durch das Geſetz?“ „Ja, ſoweit dies menſchenmöglich; das Geſetz könnte das Hazardſpiel wie den Zweikampf mit Todesſtrafe belegen, und doch würde man ſpielen und ſich duelliren. Uebrigens weiß der Witz dieſer induſtriöſen Herren das Geſetz ſehr geſchickt zu umgehen; ſie treiben das Hazard⸗ ſpiel nicht direct, ſondern indirect, ſie wetten blos und Wetten ſind nicht verpönt. Sie ſchließen ſich ſehr artig und gaſtfreundlich bemittelten Fremden, beſonders jun⸗ — ——,—— 2 ——,— 201 gen Erben, ſelbſt ſolchen aus der Provinz ihres eigenen Landes an, ſuchen ſich ihnen angenehm, ja ſogar un⸗ entbehrlich zu machen und führen ſie in allerliebſte Geſellſchaften ein, wo eine höchſt anſtändige Frau die Honneurs macht, wo man im Kreiſe von ſehr gentilen Herren und ſehr decenten und ſehr liebenswürdigen jungen Damen Süßeis, Muſik und Geſang genießt, äußerſt angenehm über die neueſten Romane und Theaterſtücke plaudert und am Ende eins der unſchul— digſten Kartenſpiele von der Welt vornimmt, um dem eingeführten Fremden Gelegenheit zu bieten, ſich gegen die eine oder andere der anweſenden Damen galant zu erweiſen, die ihn durch ein unwiderſtehliches Lächeln einladet, auf ihr Blatt zu wetten. Aber dies iſt kein Hazardſpiel und der Eingeladene verliert ſein Geld ganz geſetzmäßig.“ „Und zu ſolcher Infamie kann ein weibliches Weſen, ſogar aus der gebildeten Klaſſe, die Hand bieten?“ „Sie werden es ſehen.“ „Ich?“ „Ja, Sie, mein Theurer, und zwar durch Vermitte⸗ lung des italieniſchen Grafen.“ „Sie ſcherzen!“ „Gewiß nicht; es iſt mein wie Ihres Vaters Wunſch—“ 202 „Daß ich auf ſo niederträchtige Weiſe Geld verliere und meine Seele ſich dabei mit Ekel erfülle?“ „Letzteres beſonders.“ „Ah, ich verſtehe! Sie und mein Vater halten mich alſo nicht für ſtark genug, das Spiel um ſeiner ſelbſt willen zu verabſcheuen; Sie wollen jede etwaige Nei⸗ gung dazu in meiner Phantaſie durch autoptiſche Ueber⸗ zeugung ertödten.“ „Und können Sie einen ſo liebevollen Wunſch miß⸗ billigen?“ „Mißbilligen nicht, aber ihn überflüſſig finden.“ „O, mein Freund, eigene Erfahrung iſt mehr werth, weit nachhaltiger als alle Theorie und glücklich zu preiſen derjenige, dem, wie hier Ihnen, die Mittel zu Gebote ſtehen, ſie gefahrlos zu machen! Eben weil wir Sie für ſtark erachten, machen wir Ihnen dieſen Vorſchlag. Beſuchen Sie morgen den Grafen und mit ihm, falls er Sie einladet, eine der bezeichneten Geſellſchaften.“ „Aber wie werde ich mich in ſolcher Weiſe verſtellen können, daß dieſer Menſch nicht Argwohn ſchöpft?“ „Es gilt hier nur einem Melodrama beizuwohnen, deſſen Gang und Kataſtrophe Sie von vornherein ken⸗ nen; nehmen Sie daſſelbe mehr von der lächerlichen als phantaſieſtörenden Seite; das Entrée mag hundert Louisdor betragen.“ —.—— . 8i * 203 „Sie machen mich, ſo ernſt ich auch geſtimmt bin, beinahe lächeln. Wie aber, wenn man mich den erſten Abend gewinnen läßt?“ „Um ſo beſſer; dann verlieren Sie am nächſten Ihren Gewinnſt und haben das Schauſpiel unentgelt⸗ lich genoſſen, denn von einem dritten Beſuche dispen⸗ ſire ich Sie.“ „Und der Graf?“ „Wird infolge Ihres Rückzugs von jener Geſellſchaft ausgelacht, wenn nicht gar ausgeſchloſſen werden. Alſo Sie beſuchen ihn?“ „Ihre Wünſche achte ich noch immer als Befehle.“ „Mein braver, guter Paul!“ Damit ſchloß dieſe ſeltſame Unterredung zwiſchen Mentor und Zögling. Nach längerem Schweigen be⸗ ſprachen ſie die Eintheilung ihres Tages und verließen die Tuilerien. Ende des dritten Bandes. Druck von Bär& Hermann in Leipzig. Verlag von Ernſt Julius Günther in Leipzig. Ravenshoe Oder: Der falſche Erbe. Roman Henry Kingsley. Aus dem cöngliſchen von Marie Scott. Autoriſirte Ausgabe. 4 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. Der Dolmetſcher. Eine Kriegsgeſchichte. G. J. Whyte Melville. Aus dem cẽngliſchen von Marie Scott. 3 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. ———