— — S Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cdnard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ceih- und eſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Vuches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————————— auf 1 Monat: 1 M.— Ff N Wf 2— 5— 4 6 2 ð 7 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen miüt Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders varauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — 4 E f * * . 4 4 Jean Charles, Verfaſſer von„Die Erbſünde“,„Der Verſchwender“ ꝛc. Zweiter Band. Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1867. ————— Erſtes Kapitel. Des Malers Einſchreiten. Nach dieſem Rückblicke nehmen wir unſere Erzäh⸗ lung wieder da auf, wo wir ſie der nöthigen Einſchal⸗ tung wegen unterbrachen, nur noch bemerkend, daß Picard die zwei nächſtfolgenden Tage und Abende nach wie vor ſeinen Geſchäften und Vergnügungen in ge⸗ wohnter Weiſe nachging, ja an letztern ſeine Frau. mehr denn je zuvor Theil nehmen und ſomit die ge⸗ ſammte, in das Geheimniß mehr oder weniger einge⸗ weihte Nachbarſchaft in Zweifel ließ, ob ſie geträumt habe oder nicht, obgleich der Umſtand, daß von Pi⸗ card's Hausarzt nichts zu ſehen und zu hören war, zu Gunſten der Annahme ſprach, daß man nicht geträumt haben dürfte. Am Ende waren auch bereits darüber drei Tage ins Land gegangen, und man war in Paris, wenn⸗ 1 Jean Charles, Realiſten und Idealiſten. II. gleich in einem Quartier des Faubourg St.⸗Martin, es waren Pariſer und nicht eben gewohnt, von irgend einem Begebniß länger als einige Tage zu ſprechen; genug, die fragliche Angelegenheit hatte den Reiz der Neuheit eingebüßt und war ſchon halb vergeſſen, als— am Morgen des vierten Tages— das uns ſchon be⸗ kannte Ereigniß mit Doctor Robert die ganze Sippe dieſes Viertels von neuem und gewaltiger als vordem in Aufruhr brachte, dies um ſo mehr, als es dem Be⸗ dienten Louis gelungen war auszukundſchaften, daß man den Herrn Doctor als Irrſinnigen nach Paſſy transportirt habe. Der Unglückliche war, wenige Häuſer von denen der Kaufleute Picard und Bouché entfernt, ohnmächtig nie⸗ dergeſunken, in die nächſte Officin, von da in ſeine durch die Karte in der Brieftaſche bezeichnete Wohnung und aus dieſer in die maison de santé geſchafft wor⸗ den; Niemand jedoch hatte ihn vor dem Hinſinken auf das Pflaſter bemerkt, Niemand wußte zu ſagen, aus welcher Richtung er gekommen. Der Chirurg wurde förmlich belagert; dieſer ſolide Mann aber ſchwieg oder wich den läſtigen Fragen möglichſt aus; er wußte in der That nichts Beſtimmtes, als daß des armen Doctors Geiſt augenblicklich zer⸗ rüttet ſei. d z ² E — — WM M—— — — 0 Madame Bouché gerieth über dieſe Haltloſigkeit des Gegenſtandes halb außer ſich, und es wäre gewiß um ihren Verſtand geſchehen geweſen, wenn ſie einen zu verlieren gehabt hätte; ſo kam ihr armes Gehirn mit dem blauen Fleck davon, daß es ihrem Gemahle noch bornirter erſchien als in den ſchönſten Tagen ihres blühenden Unſinns. Es war gegen ein Uhr, als der Maler Max im Geſchäftslokale Picard's erſchien und anſcheinend eben⸗ ſo ruhig als formell thöflich nach dem Herrn Chef fragte. Man kannte ihn und wies ihn nach dem Comptoir. Max trat auch hier noch ruhig ein. Ebenſo ruhig ſaß Picard, der ſich allein befand, am Pulte mit Schreiben beſchäftigt. Er blickte beim Eintreten des Malers nur halb von der Arbeit auf, hieß dieſen aber ſogleich ganz herzlich willkommen, indem er ihm die Hand reichte und einen Sitz anbot. Wir wollen hier bemerken, daß Picard dieſen jun⸗ gen Mann ſowohl als Künſtler wie als Menſchen hoch⸗ ſchätzte und liebte. „Was verſchafft mir das Vergnügen, Sie endlich wiederzuſehen?“ ſagte er, die Feder weglegend, mit einem Ausdrucke von Offenheit und Gutherzigkeit, den zu er⸗ 1* 4 künſteln ſelbſt dem geübteſten Mimen kaum gelungen ſein dürfte. Marx hat ſich ein wenig zögernd ihm gegenüber vor dem Schreibtiſche niedergelaſſen und athmet jetzt erſt auf. Picard's Ton und Haltung haben ihm wohlgethan, obgleich er ſich noch nicht völlig beruhigt fühlt. „Ich ſtöre gewiß— zu ſo ungewohnter Stunde—“ „Offen geſtanden, mein ſehr lieber Freund, jeder Andere hätte mich eben jetzt geſtört; für Sie ſtehe ich immer zur Verfügung. Doch was haben Sie? Sie ſcheinen verſtimmt— was iſt es— natürlich, falls ich fragen darf? Sprechen Sie, ich bitte.“ „Herr Picard iſt ſo gütig gegen mich—“ „Parbleu, wer wird Ihnen nicht gut ſein!“ „Ich— ich bin in der That verſtimmt, verlegen—“ „Brauchen Sie Geld? Verfügen Sie über meine Kaſſe.“ „In Geldverlegenheit befinde ich mich nicht, denn ich bin, Dank Ihren Empfehlungen, viel beſchäftigt und gut bezahlt.“ „Vielleicht verliebt?“ „Nein. Gegen das Verliebtſein habe ich noch aus meinem Vaterlande ein Präſervativ, ein homöopa⸗ thiſches—“ „Das wäre?“ — 5 „Liebe. Ich liebe ein deutſches Mädchen, das mir bereits verlobt und meiner baldigen Rückkunft gewär⸗ tig iſt.“ „Schön, ſchön! Jetzt verſtehe ich: wer liebt, der verliebt ſich nicht.“ S „Was alſo, da Herz und Börſe bei Ihnen in Ord⸗ nung, was ſetzt Sie in Verlegenheit?“ „Die Freundſchaft, Herr Picard.“ Hier änderten ſich Miene und Ton beider und paßten ſich in nothwendiger Abwechslung und Steigerung dem Worte an. „Ich“ fügte Max, den Kaufmann aufmerkſamer ins Auge faſſend, mit einiger Anſtrengung hinzu,„gleich meinen Freunden, dem Schriftſteller Karl und dem Che⸗ miker Ernſt, bin beſorgt, beſſer geſagt, tief bekümmert um unſern gemeinſchaftlichen Freund, Ihren bisherigen Hausarzt Doctor Robert.“ Wir erinnern hier an das, was Picard an jenem verhängnißvollen Tage ſeiner Frau geſagt und zuge⸗ ſichert. Demnach feſt entſchloſſen, ihre Ehre gleich der ſeines Namens durch unverändertes Benehmen zu wah⸗ ren, das leider nicht unbegründete Gerede der Leute ſeinerſeits todtzuſchweigen, mußte er auch jetzt, obgleich er von Natur alle Unwahrheit haßte, gedrängt von 6 dieſem jungen Manne, den er, wie ſchon geſagt, achtete und liebte, ſeiner Natur entgegen handeln und, indem er ſich auf die äußerſte Reſerve zurückzog wie ſchwer es ihm auch ankommen mochte, allen Fragen über Ro⸗ bert möglichſt ausweichen. Uebrigens haben wir zu bemerken, daß Picard in dieſem Augenblicke noch nicht wußte, von welch furcht⸗ barem Geſchicke jener betroffen worden. So hielt er denn des Malers forſchenden Blick ruhig aus. „Was iſt's mit ihm?“ fragte er anſcheinend ganz gelaſſen. Dieſe Ruhe wirkte auf Max, dem es bei aller Schlichtheit und Gläubigkeit doch nicht an Menſchen⸗ kenntniß fehlte, mehr herausfordernd als beſchwichti⸗ gend, und es befeſtigte ſich ſein Entſchluß, Picard ſo oder ſo zu einer Erklärung des dunklen Sachverhalts zu bringen. „Sie haben“, entgegnete er in höflichem, doch ſehr beſtimmtem Tone,„ohne Zweifel erfahren, was dieſen Morgen Ihrem Hausarzt ganz in der Nähe begegnet.“ „Jaß meine Leute ſagten mir, daß er ſohnmächtig zu Boden geſunken, darauf in eine Officin und dann in ſeine Wohnung geſchafft worden ſei.“ „Robert's Ohnmacht war, wie ſpäter die Aerzte * 6 7 conſtatirten, die Folge gänzlicher Erſchöpfung; der Un⸗ glückliche war halb verſchmachtet.“ „Das iſt unbegreiflich, denn es hat ihm ſicher nicht an Mitteln gefehlt, ſich Speiſe und Trank zu ver⸗ ſchaffen.“ „An Geldmitteln, wie die bei ihm vorgefundene Baarſchaft bewies, allerdings nicht, möglicherweiſe aber an dem eigentlichen Mittel.“ „Das wäre?“ „An der dazu nöthigen Freiheit.“ „Sie meinen, daß er verhaftet geweſen ſei?“ „Oder einfach eingeſperrt.“ „Mein lieber Freund, man ſetzt einem Verhafteten oder, wie Sie ſagen, einfach Eingeſperrten, ſelbſt wenn er ein gemeiner Verbrecher, wenigſtens Brod und Waſ⸗ ſer vor, ſodaß von Verſchmachten nicht die Rede ſein kann.“ „Herr Picard, geſtatten Sie mir eine Frage.“ „Sprechen Sie.“ „Warum begaben Sie ſich, als man Ihnen Nach⸗ richt von dem Unfalle des Doctors gebracht, nicht un⸗ verweilt nach der Offiein?“ „Als ich dieſe Nachricht empfing, war er ſchon in ſeine Wohnung geſchafft.“ „Nun, warum nicht nach ſeiner Wohnung dann?“ „Ich habe Ihnen die Frage geſtattet und ſie auch halb beantwortet, die Nichtbeantwortung der andern Hälfte Ihrer Frage hat ihren guten Grund, den ich jedoch für mich behalte.“ Hier erhob ſich Picard. „Haben Sie“, fügte er gemeſſenen Tones bei,„mir noch ſonſt etwas mitzutheilen?“ „Nur eins noch“, entgegnete Max ebenſo, indem er ſich zum Fortgehen anſchickte.„Der Doctor iſt nach Paſſy in die dortige Privatirrenanſtalt gebracht worden, ſo⸗ wie es nach dem Ausſpruche der Aerzte unzweifelhaft iſt, daß an ſeiner Geiſteszerrüttung, wie das auch bei Schiffbrüchigen vorkommt, hauptſächlich die Aushunge⸗ rung ſchuld iſt.“ „In dieſem Falle“, ſagte Picard,„wird er ſich bei der ſorglichen Pflege zu Paſſy ſehr bald erholen und in kurzem wieder ſo verſtändig ſein wie vordem.“ Max verneigte ſich hier kalthöflich und verließ das Comptoir, während Herr Picard, der dieſe Verabſchie⸗ dung in gleicher Weiſe erwiderte, ſich ruhig wieder an ſeine Bücher machte. Ruhig? Nein, aber feſten Sinnes und nicht unzufrieden mit ſich ſelbſt. Er hatte die Wahrheit geſagt, nichts als Wahrheit, nur nicht die ganze Wahrheit. Nicht ſo zufrieden mit ſich oder vielmehr mit dem Erfolge ſeiner Sendung fühlte ſich Max. Im Hinſchreiten nach dem Boulevard und von da durch die Straße Rivienne nach dem Palais royal wiederholte er ſich, Dank ſeinem guten Gedächtniß, Wort für Wort, was Picard geſagt, dabei Blick, Aus⸗ druck und Haltung deſſelben ſich im Geiſte vergegen⸗ wärtigend, ohne jedoch zu einem andern als dem ziem⸗ lich haltloſen Schluſſe zu gelangen, daß Robert von Picard irgendwie zur Haft gebracht worden. In dieſer nichts weniger als befriedigenden Ueber⸗ zeugung oder behaglichen Stimmung traf Max im be⸗ zeichneten Café Reſtaurant ein, wo er zum Ueberfluſſe noch geraume Zeit auf ſeine Freunde zu warten hatte. Nach kurzem Diner den Garten durchſchreitend, theilte er ihnen ſeine Unterredung mit Picard nahezu wört⸗ lich mit. „Was iſt nun Eure Anſicht und was ſollen wir thun?“ fragte er dann. „Du biſt“ ſagte Ernſt,„ſo weit gegangen, als Freund⸗ ſchaft und Vorſicht geboten und riethen.“ „Und das Ergebniß Deines Beſuchs“, fiel Karl ein,„beſtätigt meine Anſicht.“ „Aber wie“ fragte der Chemiker,„wenn Picard ihn ſelbſt in Haft gebracht, in ſeinem eigenen Hauſe ſelbſt 10 eingeſperrt gehalten hat, wie gelangte dann Robert in jenem entſetzlichen Zuſtande der Geiſteszerrüttung aus dem Hauſe, nach der Straße?“ „Angenommen Erſteres“, bemerkte Max,„iſt Letzteres nicht unerklärlich. Picard's Haus, das ich genauer kenne, hat außer dem nach der Straße führenden Thore ein zweites, das, mit ſeinem Magazine in nächſter Ver⸗ bindung, nach einem Quergäßchen geht, durch welches er und benachbarte Kaufleute ihre Kiſten und Ballen auf ſchmalen Karren zugemittelt erhalten; dies alſo in Betracht gezogen, ward es Picard nicht eben ſchwer, den ohnedies halb Bewußtloſen auf dieſem Wege durch die Magazinthür an die Luft zu ſetzen, wonach dann der Unglückliche ſich eben auch nur halb inſtinctiv fortge⸗ ſchleppt haben mag nach der Straße und bis zu der Stelle, wo er zuſammenbrach. Dies dürfte außer aller Frage ſein, und es wäre nur noch zu ſagen, was jetzt unſererſeits in der Sache geſchehen ſoll.“ „Nach meinem Dafürhalten“, bemerkte Ernſt,„läßt ſich da nichts thun als abwarten, wie es ſich mit dem Geiſteszuſtand Robert's geſtaltet. „Dieſer Meinung bin auch ich“, ſagte Karl,„denn früheres Einſchreiten welcher Art immer von un⸗ ſerer Seite würde zu nichts führen; Beweiſe, that⸗ ſächliche Beweiſe liegen nicht vor, abgeſehen ſelbſt 8 11 — davon, daß dieſe Sache trotz meiner und nun auch Eurer Ueberzeugung ſich ganz anders verhalten kann. Warten wir denn ab. Tritt bei Robert, wie wir hof⸗ fen, Geiſtesgeneſung und ſomit volle Erinnerung ein, ſo wird er, falls er will, gegen Picard ſelbſt auftreten und wir können und werden ihn unterſtützen, während wir durch eigenmächtiges, haltloſes, immerhin verfrüh⸗ tes Einſchreiten gegen dieſen Mann auf privatem oder gerichtlichem Wege nichts erzielen könnten, von der Ge⸗ fahr zu ſchweigen, daß man uns in Betreff des Ange⸗ klagten der Ehrabſchneidung oder gar der Verleumdung zeihen könnte.“ „Das Alles iſt wahr“ ſagte Maxß„wie aber, wenn Robert's Zuſtand als unheilbar ſich erweiſt?“ „Dann“, meinte Ernſt,„iſt es noch immer Zeit, gegen Picard vorzugehen.“ „Dies kann jedoch Jahre währen“, fuhr Max leb⸗ haft fort,„und wie nun erſt, wenn Robert's Lebens⸗ kraft in dieſer Kur erliegt?“ „Wenn wir in dieſem Falle des Aeußerſten“, ent⸗ gegnete Karl,„nicht mächtigere Beweiſe gegen Picard haben als die unſerer Ueberzeugung, ſo können wir auch dann nichts unternehmen, als etwa ihn fordern.“ „Und möglicherweiſe“, fügte Ernſt hinzu,„einen Unſchuldigen tödten oder von ihm getödtet werden. 12 Uebrigens muß ich mir“, fuhr er nach kurzer Pauſe fort,„wie ſehr mir auch das Geſchick meines Freundes Robert zu Herzen geht, eine Bemerkung erlauben. Hat Picard gethan, was wir da annehmen als Thatſache, ſo that er es infolge der Entdeckung, daß Robert ſeine Ehre wie ſein Gefühl tödtlich verletzt hatte; eine Ent⸗ deckung, die ihm zwar nicht das Recht gegeben, gewiß aber ihn entſchuldigt haben würde, wenn er, ſelbſt⸗ verſtändlich prima furia, ſeine Frau ſammt ihrem Verführer getödtet hätte. Dies hat Picard nun nicht gethan, er hat ſich nicht von der Wuth über die ihm zugefügte Schmach zum Aeußerſten treiben laſſen—“ „Sondern“, unterbrach Max den Sprechenden eif⸗ rigſt,„er hat überlegterweiſe eine ganz abſcheuliche Rache genommen, und dieſes Ueberlegen, dieſe raffi⸗ nirte Rache bricht ihm den Hals; wie, oder ſollen wir als Robert's Freunde, als ſeine Landsleute, als Deutſche uns ſo etwas von einem Franzoſen gefallen laſſen?“ Ernſt erwiderte nichts hierauf. Karl aber ſagte: „Von unſerer Freundſchaft magſt Du immerhin ſpre⸗ chen, obwohl Freund Robert nahe genug daran war, mit mir einen Gang auf Tod und Leben zu machen; 13 nur, ich bitte Dich, unſere Landsmannſchaft, unſer Deutſchthum laß da aus dem Spiele, wo es ſich um einen Ehebruch handelt, begangen an einem frivolen Franzoſen von einem ſittigen Deutſchen.“ Max wollte, ziemlich aufgeregt, gegen Karl's Aeuße⸗ rung proteſtiren, Ernſt aber kam dem zuvor. Beiden den Arm reichend und ſie nach ſich ziehend ſagte er: „Ihr habt nicht übel Luſt, ſcheint es, hier im Her⸗ zen Frankreichs einiges Deutſchland darzuſtellen; kaum haben wir das Rencontre von St.⸗Cloud durch den tragiſchen Zwiſchenfall hinter uns, ſo eifert Ihr Euch in ein anderes hinein. Wollt Ihr durchaus den Pa⸗ riſern das Vergnügen machen, in den Journalen zu leſen, daß zwei hier verweilende moraliſche Deutſche ſich gegenſeitig die Hälſe gebrochen?“ Dieſe mit dem unſerm Chemiker eigenen Humor geſprochenen Worte verfehlten die freundſchaftlich beab⸗ ſichtigte Wirkung nicht. Max und Karl blickten ſich gleichzeitig an und ihre Blicke ſagten, daß Ernſt Recht habe. Es wurde nun auf Anregung des letztern der ge⸗ meinſchaftliche Beſchluß gefaßt, den Verlauf von Ro⸗ bert's Krankheit abzuwarten, ſich womöglich jeden Tag in Paſſy ſelbſt danach zu erkundigen und im Falle ſeiner Wiederherſtellung es ihm zu überlaſſen, was in 14 der Sache zu thun ſei; Picard ſollte dieſer Ueberein⸗ kunft zufolge vorläufig ganz unberührt bleiben, um ſo mehr, als Max, der einzige, der im Hauſe des Kauf⸗ manns Zutritt gehabt, dieſen durch ſeinen letzten Be⸗ ſuch ſo zu ſagen unmöglich gemacht hatte. Aber der Menſch denkt, und die Vorſehung lenkt. Es ſollte ganz anders kommen. Zweites Kapitel. Pauline. Als Pauline Picard in der von uns geſchilderten Scene nach der eindringlichen Anſprache ihres Gatten dieſem ſchluchzend zu Füßen geſunken war, hatte ſie ihrem augenblicklichen Gefühle, dem der bitterſten und aufrichtigſten Reue, Ausdruck gegeben; wir haben ſogar Grund anzunehmen, daß nicht allein ihre Schuld un⸗ verhüllt vor das Auge ihrer Seele getreten war, ſon⸗ dern daß ſie beim geiſtigen Aufblicke zu ihrem Gatten, der ſo maßvoll und liebreich zu ihr geſprochen, während er ſie hätte vernichten können, ſich geſagt haben mußte: „Das iſt ein Mann, ſo handelt ein Mann, und dieſen Mann haſt du in ſeinen heiligſten Gefühlen und Rechten gekränkt und geſchädigt, und um eines Menſchen willen, der, verglichen mit ihm, die Benennung Mann nicht verdient!“ 16 Und ſpäter, nachdem ihr Gatte ſie aus ihrem Schmerze, aus ihrer nahezu tödtlichen Verſunkenheit ſo mild aufgerichtet und— wenn auch nur als Bruder — ſie wieder angenommen hatte, ſetzte ſich in Augen⸗ blicken der Einſamkeit dieſe Selbſtſchau fort und ſie ſagte ſich weiter: „Du biſt vor der Welt rehabilitirt durch das groß⸗ herzige und verſtändige Benehmen deines Gatten, dieſes edlen Mannes; er tödtet durch ſeine Haltung das viel⸗ köpfige Ungeheuer Gerücht, und Niemand wird es nach⸗ mals wagen, ihm auch nur durch einen Blick zuzurufen: Du haſt gelogen, Du lügſt noch, Dein Benehmen gegen Deine Frau iſt nur Schein, iſt Lüge! Dies wird Nie⸗ mand wagen, auch Niemand vermögen, denn ſein auf dir ruhender Blick wird, wie zu Hauſe, auch in der Oeffentlichkeit das Gegentheil beſtätigen, und das Auge der Welt iſt bei aller ſonſtigen Schärfe doch zu blöde, um den Blick der Bruderliebe von dem der Gattenliebe zu unterſcheiden.“ So ſprach es in Paulinens Geiſte während der zwei erſten Tage nach jenem Ereigniß. In ihrem Geiſte, ja. Und in ihrem Herzen? Fühlte dieſes jetzt, nachdem ſie ihren Gatten als einen der edelſten Menſchen kennen gelernt, Liebe für ihn? 17 Liebe! Man nennt dich tauſendmal, wer kennt dich einmal? Wäre Liebe die nothwendige Folge von Achtung, von Verehrung, von Bewunderung, ſo hätte Pauline ihren Gatten jetzt aufs innigſte geliebt; Liebe jedoch, dieſes noch nie enthüllte Seelengeheimniß, iſt nicht identiſch mit Verehrung, mit moraliſch nothwendiger Anerkennung des Vortrefflichen; Liebe hat ihre Exiſtenz⸗ bedingung in ſich, Liebe geht ihren eigenen Weg, und dieſer Weg führt oft, um nicht zu ſagen meiſt, abſeits von dem geraden, offen daliegenden moraliſcher Bedin⸗ gung die phantaſtiſch verſchlungenen Pfade romantiſcher Anſchauung entlang entweder zu bezaubernden Aus⸗ ſichtspunkten oder zum Abgrunde; die Nachtigall ſchlägt eben nicht an der Heerſtraße, nicht an der Chauſſee iſt das Haus der Laune, genannt Liebe, ge⸗ legen, ſondern an blütenduftigen Nebenwegen; Liebe läßt ſich wohl finden, aber nicht lehren; denken kann man lernen, doch nicht fühlen; denken lernt ſich, aber nicht der Gedanke, und dem Gedanken, der von ſelbſt kommt, gleicht die Liebe: ſie kommt und geht, Niemand weiß, woher und wohin. Pauline fragte ſich in manchem Augenblicke ein⸗ ſamen Nachſinnens: Liebſt du deinen Gatten? Aber das Weib, welches dieſe Frage an ſich ſelbſt Jean Charles, Realiſten und Idealiſten. II. 2 18 richten muß, ja richten kann, liebt nicht, denn in ſolcher Frage liegt ſchon die Antwort, und dieſe lautet ver⸗ neinend; eine ſolche Frage gliche der vor einer duften⸗ den Blume, ob dieſe dufte? Die Blume duftet wohl, aber derjenige, deſſen Geruchsſinn augenblicklich krank⸗ haft afficirt iſt, empfindet ihren Duft nicht. Paulinens Gedanken durchzogen dann die Reihe der letzten Vorfälle. Picard hatte ihr geſagt, daß er Robert gezüchtigt wie einen Jungen, der ihn freventlich geſchädigt. Im Augenblicke jener Mittheilung ſelbſt, da ihr gekränkter Gatte vor ihr ſtand, hatte ſie dies nur mit halbem Ohre vernommen oder hatte ſich ihr wohl auch die Ueberzeugung aufgedrungen, daß der Beleidigte ſich in ſeinem Rechte befunden; den Zuſatz, das Wich⸗ tigſte ſeiner Rede, daß er Robert beſonders darum ge⸗ züchtigt, weil er nicht ſo ſehr ihn als ſie beleidigt, dieſen Zuſatz hatte die junge Frau nicht verſtanden, da es ihr zu ſolchem Verſtändniß an Herzensbildung fehlte; wir können ſogar ſagen, daß ihr jene Aeußerung ziem⸗ lich gemeinplätzig, wie ſchulmeiſternde Moral geklungen haben mag. Jetzt nun, nach zwei Tagen, nach vollendetem Hausfriedensſchluſſe, überdachte ſie dieſes Moment. Sie überdachte daſſelbe, ſtatt es durchzufühlen. K2— C——. ⸗* —,—— 6 19 Pauline fühlte nicht, ſie empfand nur; zum Fühlen mangelte es ihr an wahrer Religioſität. Und was empfand ſie bei dieſem Ueberdenken? Sie empfand Demüthigung, eine in der Perſon Robert's ihr ſelbſt zugefügte Demüthigung, gegen welche ſich, je mehr ſie darüber nachſann, ihre Eitelkeit um ſo mehr ſträubte, ja zuletzt empörte. „Picard hat ihn gezüchtigt, er hat alſo dich gezüch⸗ tigt“, ſagte ſie ſich,„anſtatt, wie es Männern von Erziehung, von Bildung, von gutem Ton, von chevale⸗ reskem Sinne zukommt, ſich mit Robert zu ſchlagen; er hat ſich an dem feinen, geiſtvollen jungen Mann vergriffen in plump bürgerlicher Weiſe und wird, falls ihn Robert nach ſo roher Behandlung gefordert hat oder noch fordern mag, ihm wieder mit der Fauſt ins Geſicht antworten.“ Einmal ſo weit in ihrer Betrachtung, ging das religiös haltloſe eitle junge Weib in raſchem Gedanken⸗ zuge noch weiter. „Was mag Robert jetzt leiden! Hat er gefehlt, ſo fehlte er aus Liebe, aus Leidenſchaft zu dir. Konnte er anders? Konnteſt du es? Die Welt verdammt ein ſolches Verhältniß, heißt es. Heuchelei und Lüge! Macht es die Welt anders? Liebteſt du, liebſt du Robert aus Abſicht? Mußteſt, mußt du ihn nicht 20 lieben? Iſt er nicht liebenswürdig? Müſſen ihn nicht alle Frauen lieben? Robert, der ſo viele Damen kennt, mit ſo vielen ſchönen, reichen, vornehmen Damen verkehrt, hat dich allen vorgezogen, dir ſein ganzes Herz geſchenkt, ſich ganz dir zu eigen gegeben, und darum ihn pöbelhaft züchtigen und durch ihn dich! O, das iſt abſcheulich, das iſt gemein! Je mehr ich darüber nachdenke“ fuhr die Verirrte in ihrem vagen Selbſtgeſpräche fort,„um ſo klarer wird es mir, daß Picard doch nur egviſtiſch gehandelt hat. Spießbürgerlich, wie er iſt, hat er bei dieſem Thun und Laſſen nur ſein liebes Ich, die ſogenannte Ehre des Mannes, des Hauſes im Auge gehabt; darum vermied er den Eclat eines Duells, darum hat er mich rehabilitirt, darum iſt Alles beim Alten geblieben, mit der einzigen Ausnahme, daß unſer Verhältniß jetzt ein nur freundſchaftliches iſt. Ich hätte, wer weiß, Picard vielleicht noch geliebt, wenn er gegen Robert ſich cavalier⸗ mäßig benommen, ſelbſt wenn er dieſen im Duelle ver⸗ wundet hätte oder verwundet worden wäre im ehr⸗ lichen Kampfe; ſein wirkliches Benehmen macht ihn mir, wie gewiß jeder Dame von gutem Ton, unmöglich. Uebrigens muß ich erfahren, was zwiſchen Picard und Robert ſich zugetragen, worin die Züchtigung beſtanden hat; ich muß es erfahren, um jeden Preis, 21 ich werde es erfahren! Robert kommt nicht, kommt nie mehr in dieſes Haus, das verſteht ſich von ſelbſt, er iſt ja hier beleidigt worden. Aber ich werde Mit⸗ tel finden, mit ihm mich zu verſtändigen. Muß ich denn nicht? Könnte er denn nicht auf den Gedan⸗ ken kommen, daß ich billige, was geſchehen? Ich, die keine Ahnung von dem hat, was ein derber Bürgers⸗ mann gegen einen Gentleman ins Werk geſetzt!“ Vom Punkte dieſes Gedankenabſatzes war nur noch ein kleiner Schritt bis zu dem Punkte, wo es ſich um den Enſchluß handelte, die Verbindung mit Robert wieder anzuknüpfen. Am nächſtfolgenden Tage ſtand ſie auf dieſem Punkte. Ein kleines, anſcheinend unbedeutendes Familien⸗ begegniß, das aber bedeutende Folgen haben ſollte, förderte dieſen ihren Entſchluß. Ein Brief aus Dijon, Paulinens Vaterſtadt, in der noch ihre Aeltern wohnten, kündigte Herrn und Frau Picard an, daß Madame Duval, Paulinens Couſine von mütterlicher Seite, die gleichfalls noch ſehr junge Gattin eines königlichen Beamten in jener Stadt, auf ein paar Wochen noch Paris kommen und, in An⸗ nahme freundlicher Zuſtimmung, bei Picards wohnen werde. 22 Dieſem Briefe zufolge konnte Madame Julie Duval ſchon unterwegs und binnen vierundzwanzig Stunden in Paris ſein. Wer wa da glücklicher als Pauline! Vielleicht Picard ſelbſt, der ſich innigſt freute, ſeiner Frau dieſe angenehme Nachricht mittheilen zu können; wußte er ja doch, daß die zwei jungen Frauen zu⸗ ſammen aufgewachſen, Schul⸗ und Jugendfreundinnen waren, und konnte er auch hoffen, jeden etwa noch nachwirkenden Niederſchlag im Gemüthe ſeiner geliebten Gattin neutraliſirt zu ſehen durch den harmloſen Ver⸗ kehr mit dieſer ihrer, wie er wußte, überaus heitern Freundin. In Wahrheit vergaß Pauline im Augenblicke Alles, was in dieſen Tagen geſchehen war, und gab ſich unter Freudeausbrüchen der Vorſtellung hin, ihre Freundin ſo bald umarmen, mit ihr unter einem Dache — denn Picard ſtimmte natürlich bei— längere Zeit weilen zu dürfen; ſie fühlte ſich hierin ſo glücklich, daß ſie ſelbſt ihrem Gatten herzlichſt dankte. Nun ging es an ein Schaffen im Hauſe, wie es ihrerſeits noch nie zuvor geübt worden: Beſtimmung des Gemaches, ſeine Einrichtung, Alles und Jedes nahm Pauline ſelbſt vor, ſelbſt in die Hand; die ihr offen⸗ ſtehende Kaſſe Picard's ward durch ſehr bedeutende 23 Beträge in Anſpruch genommen zu ſchleunigſter und geſchmackvollſter Ausſtattung des für die Freundin be⸗ ſtimmten, an ihr Boudoir ſtoßenden Zimmers; Tape⸗ zierer, Galanteriewaaren⸗ und Blumenhändler bekamen vollauf zu thun. Binnen vierundzwanzig Stunden war Alles in Ord⸗ nung, eine neue kleine Welt geſchaffen, Julie Duval brauchte nur zu kommen. Und ſie kam auch zur anberaumten Friſt. Welch ein Jubel der beiden Freundinnen! Dieſen nicht zu beeinträchtigen, zog ſich Picard nach dem erſten Willkommen auf ſein Comptoir zurück und überließ die Glücklichen ſich ſelbſt. Sein ernſter Blick aber ſchien zu ſagen: Wie glücklich wäre auch ich, wenn Pauline jemals auch nur halb ſo viel Aufmerkſamkeit mir erwieſen hätte wie ihrer Freundin! Picard theilte hierin das Loos ſo mancher wackern, ehrenwerthen und liebevollen Männer im Verkehr mit ihren Frauen; das Beſte, Aufopferndſte, was ſie für dieſelben thun mögen, wird kaum beachtet oder, wenn⸗ ſchon bemerkt, als etwas Selbſtverſtändliches, als eine Schuldigkeit hingenommen, und von herlicher Aner⸗ kennung iſt nicht die Rede. Es iſt eben nur Sache edler Gemüther, ein edles 24 Gemüth zu erkennen, ſowie es Sache des edlen Gatten bleibt, Liebe zu bieten, ohne das Maß der Gegenliebe dabei in Anſchlag zu bringen. Das Weib kennt noch weniger den Mann, als der Mann das Weib kennt, und das will viel ſagen. Doch kehren wir zu den zwei jungen jubelnden Frauen zurück. Drittes Kapitel. Jnlie. Nachdem der erſte Sturm der Freude ausgetobt hatte, begann das Staunen über dies und jenes in Ausrufen und Fragen, beſonders von ſeiten Juliens, ſich Luft zu machen. Sie hatte Paris früher nicht geſehen, ſich von dieſer Rieſenſtadt nur eine ſchwache Vorſtellung entworfen. Der Bewunderung alles deſſen, was ſie nun auf ihrer heutigen Fahrt von der Barrière bis zum Hauſe Picard's von der Rieſenſtadt zu Geſicht bekommen, galten ihre erſten Ausrufe. Dann folgten— Juliens Gedanken und Worte tanzten ſtes luſtig durcheinander, gleichwie ſie gehend zu tanzen und ſprechend zu ſingen pflegte, während ihre dunklen waſſerreichen Augen nie über eine Sekunde — 26 hinaus an einem und demſelben Gegenſtande haften blieben — Exclamationen über Paulinens Schönergewordenſein, die reizenden Blumen, das allerliebſte Zimmer, die ge⸗ ſchmackvolle Hausrobe ihrer Freundin und noch Sonſtiges. Ah“ ſagte ſie lachend,„mein theurer Gemahl ſoll gut reden haben von einem vierzehntägigen Aufent⸗ halte ſeiner ſchönen jungen Frau— bin ich das nicht? — in der erſten Stadt der Welt und im Hauſe der beſten, liebenswürdigſten Freundin, die jemals einen Pariſer Kaſchmir getragen und die faſt noch ſchöner iſt als Madame Duval— biſt Du das nicht? Vier⸗ zehn Tage! Die reichen kaum hin, Dir zu ſagen, daß ich Dich beneide, daß ich mich hier beſſer als zu Hauſe fühle in unſerm Dijon, obwohl ſeine reizende Gegend nichts und das Benehmen der Offiziere in dortiger Garniſon wenig zu wünſchen übrig läßt. Nach vierzehn Tagen werde ich mir eben ein Unpäßlichkeits⸗ zeugniß ausſtellen und dieſes an meinen ungeduldigen Herrn Gemahl gelangen laſſen. Nicht wahr, Pauline, und dieſen Gefallen erweiſt mir ſchon ein Doctor, viel⸗ leicht Euer Hausarzt? Doch was haſt Du, meine Liebe? Plötzlich zittert Deine Hand in der meinen, Du verfärbſt Dich— biſt doch nicht—“ Pauline hatte über der Freude, ihre Freundin wie⸗ der zu ſehen und zu hören, wirklich alles Andere ver⸗ ſo li he de S0 ge ei th 27 geſſen: die ſcherzhafte Bemerkung wegen des Krankheits⸗ zeugniſſes und noch mehr die Frage nach dem Haus⸗ arzte riß im Nu das ganze Freudengerüſte nieder; es war, als hätte man vor ihr eine Feuerwerksfronte abgebrannt und als ſei nun das Gebälke krachend zu⸗ ſammengeſtürzt und dem ſtrahlenden Bilde ringsum ſchwarze Nacht gefolgt. Sie war von Empfindung ſo überwältigt, daß ihre Augen ſich mit Thränen füllten und ſie einem hülfe⸗ ſuchenden Kinde gleich an die Bruſt ihrer Freundin ſank. „Aber, Himmel“ rief Julie ſie umarmend aus,„Du weinſt ja!“ „Vor— vor Freude“, ſtammelte Pauline, ohne ſich aufzurichten. Julie war nicht danach angethan, ſich mit einer ſolchen Erklärung abſpeiſen zu laſſen. „Wie“, fuhr die muntere Dijonerin, ihre Freundin liebkoſend, fort,„wie, Du weinſt vor Freude? Geleſen habe ich oft von Freudenthränen, vergoſſen habe ich deren noch nie, und ich— ich glaube gar nicht daran. Man weint vor Freude ebenſo wenig, als man aus Freude ſtirbt. Vor lauter Lachen habe ich wohl oft geweint, zum Beiſpiel in einer guten Komödie oder in einer ſchlechten Tragödie, das waren aber keine Freuden⸗ thränen, und auch Du, Pauline, weinſt in dieſem Augenblicke keine ſolchen, und im nächſten Augenblicke wirſt Du mir ſagen, von welcher Sorte die Deinigen ſind, wenn Du nicht willſt, daß ich meine Koffer und Schachteln unausgepackt und Paris und Euch alle hinter mir laſſe. Verſtehſt Du? Alſo das Köpfchen hübſch in die Höhe— ſo— die Augen abgetrocknet— ſo— Athem geſchöpft— aber nicht ſo, das iſt geſeufst, ſondern ſo— haha!— und nun friſch von der Leber weg begonnen und gebeichtet.“ „Nicht jetzt, nicht hier“ flüſterte Pauline, ſich in etwas ſammelnd,„dieſe Wände haben Ohren.“ „Haben ſie“, gab Julie ebenſo zurück,„haben ſie Ohren? Ei, ſieh da!“ Pauline blickte nach der Uhr. „In einer halben Stunde“, ſagte ſie,„werden wir frühſtücken; inzwiſchen wollen wir Toilette machen, um gleich nach dem Frühſtück, zu dem mein Mann kommen wird, eine Promenade durch die Stadt anzutreten; da werden wir bis zur Stunde des Diners Gelegenheit haben, Nöthiges ungeſtört zu beſprechen.“ Dieſes Programm einhaltend machten ſich denn auch ſogleich beide junge Frauen an ihre Toilette. Juliens Koffer und Schachteln wurden geöffnet. „Was ſagſt Du zu dieſem Hute?“ fragte Madame Duval lachend. S— 8 c— — b ſie ir m en eit me 29 „Er iſt“, entgegnete Pauline,„nur von hier bis zum nächſten Boulevard möglich.“ „Und zu dieſer Robe?“ „Sie paßt zu dem Hute.“ „Glücklicherweiſe habe ich meinem Manne ein hüb⸗ ſches Vermögen zugebracht und er läßt mich immer gern gewähren. Er und ganz Dijon ſoll mich bei meinem Wiedererſcheinen nicht mehr erkennen. Ah, man kommt nicht nach Paris, um es à la Dijon zu verlaſſen!“ „Wir werden, liebe Julie, unſern erſten Gang zu meiner Modiſtin machen; da wirſt Du alsbald keine Engländerin mehr ſein.“ „Zu dieſer Metamorphoſe fehlt es mir weder an Luſt noch an Geld. Was den Geſchmack betrifft, verlaſſe ich mich, Pauline, auf Dich.“ „Für den erſten Anlauf ja; doch der Geſchmack kommt in Paris ganz von ſelbſt, wie der Appetit während des Eſſens.“ „In Annahme, daß man nicht mit einem Roſtbeef beginnt.“ „Die Stoffe Deiner Dijoner Roben ſind ſehr gut.“ „Aber antiquirt, nicht wahr?“ „Das Datum dieſes Jahres haben ſie nicht.“ 30 „Wieviel dürfte es etwa koſten, bis ich ſo aus⸗ geſtattet bin, daß man mich für eine Pariſerin hält?“ „Weniger, als Du vielleicht denkſt.“ „Wirklich?“ „Ja, denn um wie eine Pariſerin auszuſehen, muß man vor allem ſehr einfach gekleidet ſein, aber—“ „Aber geſchmackvoll.“ „Darin liegt's. Die Damen aus der Provinz donnern ſich auf, und die Engländerinnen kleiden ſich wie etwa die Anſiedlerinnen am Miſſouri oder Miſſi⸗ ſippi.“ Unter ſolchem Geplauder wurde mit Hülfe des Stubenmädchens die Toilette unſerer zwei jungen Frauen rechtzeitig beendet; es erſchien Herr Picard, und man begab ſich zum Gabelfrühſtück. Picard machte, artig wie immer gegen Damen, den Vorſchlag zu einer Wagenpartie. Madame Duval aber bemerkte, ebenſo artig dankend: „Ihre Frau Gemahlin, meine vielgeliebte Freundin findet— und ſie hat Recht, es ſo zu finden— daß meine Toilette—“ „Welche ich reizend finde—“ „Die einer Buſchmännin iſt und einer radicalen Reform auf dem Boulevard bedarf, bevor ich es wagen kann, mich unter Menſchen, das heißt unter 18⸗ 2 inz ſich ſſi⸗ des len tan den nd: din daß len es 31 Pariſern ſehen zu laſſen, ohne das Aeußerſte zu ris⸗ kiren.“ „Wirklich, liebe Pauline?“ „Ja, wenigſtens annähernd. Heute wollen wir nur der Toilette uns widmen; morgen wird uns ein Aus⸗ flug viel Vergnügen machen.“ „Gut, meine Damen“, entgegnete Picard lächelnd, „ich füge mich Ihrem Willen, denn dies gehört in Ihren Reſſort; es ſchien mir nur—“ „Daß“, fiel Julie lachend ein,„eine ſchöne Dame in jeder Hülle ſchön ſei, nicht wahr?“ „Sie nehmen mir das Wort von den Lippen.“ „Damit ſind Sie auf dem beſten Wege, Ihre Frau eiferſüchtig zu machen.“ Pauline, hier flüchtig berührt von Picard's Blick, ſenkte den ihrigen. „Eiferſucht“ bemerkte er anſcheinend leichthin,„wirkt nicht immer unangenehm.“ „Das möchte ich meinem Manne nicht ſagen.“ „Herr Duval iſt alſo eiferſüchtig?“ „Wie Othello, aber ebenſo grundlos wie dieſer ab⸗ ſcheuliche Mohr, der übrigens, wie ich letzthin geleſen, kein Mohr war, ſondern nur Moro hieß.“ Hier erhob ſich Picard. „Ich habe mich denn“ ſagte er,„bis zum Diner 32 Ihrem freundlichen Gedenken zu empfehlen und thue dies hiermit ganz vertrauensvoll. Adieu, meine Damen!“ Er reichte ſeiner Frau die Hand und entfernte ſich. „Wie, Dein Mann küßt Dich nicht?“ „Nein, meine liebe Freundin.“ „Das ſollte ſich einmal mein Mann beikommen laſſen!“ „Ihr ſeid alſo noch immer im Honigmond, wie vor anderthalb Jahren?“ „Davon ſpäter, liebe Pauline. Brechen wir jetzt ab und auf.“ Und die beiden Damen brachen alsbald auf. Das Modemagazin, aus welchem Pauline ihre Hüte, Häubchen und ſonſtige Putzſachen bezog, befand ſich auf dem Boulevard des Capucins und war in kurzem erreicht. Um ſo länger länger währte die Beſichtigung und Auswahl der Gegenſtände für Madame Duval, die ſich an all den Herrlichkeiten nicht ſatt ſehen und äußerſt ſchwer dahin gebracht werden konnte, nur das für den Augenblick unumgänglich Nothwendige zu wählen. Als dies endlich geſchehen, ließ ſie das Gewählte und ſofort Bezahlte nach Picard's Hauſe ſchaffen, mit Ausnahme eines neuen Hutes, den ſie ſogleich an die Stelle ihres vorſündflutlichen Dijoners ſetzte. le . n 0r zt te, uf nd ich rſt lte nit 33 Als ſie ſich in dieſem neuen Kopfſchmucke zwiſchen den großen Doppelſpiegeln beſah und die Putzhändlerin ſowie Pauline ſich äußerſt günſtig darüber ausſprachen, kam ihr vielleicht zu Sinne, wie ſie in dieſem aller⸗ liebſten Hütchen ihrem Gatten, ganz gewiß aber, wie ſie darin den Offizieren der Dijoner Garniſon gefallen dürfte; wenigſtens machte ſie vor den Spiegeln ein paar Knickſe, als wolle ſie ſich für ſo eben empfan⸗ gene Complimente bedanken, wie ſich eine Dame weder einer Modiſtin noch einer Freundin oder gar ihrem Gatten gegenüber zu bedanken pflegt. Wieder auf dem Boulevard, ſagte ſie zu Paulinen: „Jetzt kann ich doch frei athmen und den Begeg⸗ nenden ins Geſicht blicken. Himmel, was für ein Leben das in einer Provinzſtadt iſt! Man vegetirt nur. Und dieſe Fülle von noblen Gedanken, die unter einem ſol⸗ chen Hute das Gehirn durchziehen! Mir iſt, als gehörte mir ganz Paris. Nun, wenigſtens gehöre ich jetzt Paris an, und es muß erſt noch geſchrieben werden, wann ich es wieder verlaſſe. Nun aber zu Dir, meine Freundin! Was beginnen wir jetzt? Wo werden wir plaudern?“ „Wir wollen“, entgegnete Pauline aufſeufzend,„in den Garten der Tuilerien; dort können wir uns un⸗ geſtört ausſprechen.“ Jean Charles, Realiſten und Idealiſten. II. 34 Geſagt, gethan. In einer der abgelegenern Alleen dieſes Parkes ließen ſie ſich nieder, und nach einem halben Stünd⸗ chen wußte Madame Dural Alles, was Madame Picard's Verhältniß zu ihrem Gatten und zu ihrem ehemaligen Hausarzte betraf. Viertes Kapitel. Ein Frauencomplot. Wir haben, um den Gang der Ereigniſſe nicht un⸗ gebührlich aufzuhalten, das vertrauliche Geſpräch der zwei jungen Frauen mitzutheilen vermieden; wir ſagen Geſpräch, da ſich Paulinens Erzählung durch viele Fra⸗ gen und Bemerkungen ihrer Freundin zu einem ſolchen geſtaltete; Aeußerungen, die Juliens Charakter ſcharf hervorhoben und deren Abgang ein Verluſt zu nennen wäre, wenn wir nicht Gelegenheit hätten, das Pau⸗ linens Mittheilung folgende weitere Geſpräch dieſer Damen zu vernehmen. „Das hätte ich mir von Deinem Manne nicht träu⸗ men laſſen“, nahm Julie nach kurzem beiderſeitigen Schweigen im Tone der Entrüſtung das Wort.„Das iſt ja ein Bär, ein Urwaldungeheuer trotz ſeiner ſo⸗ genannten Bruderliebe zu Dir und ſeiner ſchönen Re⸗ 3* densarten mir gegenüber! Einen Anbeter ſeiner Frau zu züchtigen, wahrſcheinlich zu maulſchelliren, ſtatt ſich mit ihm zu duelliren— 1ü donc! Einen Verehrer prü⸗ geln, ſo etwas kommt nicht einmal in Dijon vor;'s iſt unverzeihlich.“ „Ich werde es dieſem Manne auch nie verzeihen!“ rief Pauline aus.„Wozu räthſt Du mir nun?“ fragte ſie dann. Julie hatte ſich die Sache bereits überlegt. „Vor allem müſſen wir“ erwiderte ſie,„alsbald zu erfahren ſuchen, was zwiſchen Picard und dem Doctor eigentlich vorgefallen, wie das abſcheuliche Wort Züch⸗ tigung zu verſtehen iſt.“ „Wenn ich an Robert ſchriebe mit der Bemerkung, daß er mir unter angegebener Chiffre poſte reſtante antworte?“ „Schreiben? Nein. Schriftlich muß man keinem Manne ſagen, daß man ihn liebt, ſelbſt nicht, wenn man unverehelicht iſt; das geſchriebene Wort iſt, wie ein Wurf aus der Hand, des Teufels.“ „Ich kann doch nicht in ſeine Wohnung gehen!“ „Warum nicht? Iſt er nicht Arzt? Einen Arzt kann eine Dame ebenſo gut beſuchen wie einen Abbé. Uebrigens brauchſt Du nicht zu ihm zu gehen, dieſen Gang werde ich für Dich machen.“ „Wie? Du ſelbſt wollteſt—“ „Dir zeigen, was es heißt, Freundin ſein.“ „Ah, Du biſt ein Engel!“ „Alſo nicht blos in Dijon ſagt man: Du biſt oder Sie ſind ein Engel!“ „O hätte ich Deine Lückliche Laune, Deinen fri⸗ ſchen Geiſt!“ „Begleiten und zwar ſogleich kannſt Du mich bis an das Haus, in dem der Doctor wohnt; dann war⸗ teſt Du in der Näheß, etwa in einem Kaufladen, bis ich komme. Treffe ich ihn nicht, ſo gehe ich morgen wieder hin; einmal werde ich ihn denn doch finden, und dann wird er ſmir Alles ſagen oder doch wenig⸗ ſtens zu verſtehen geben. Ich kann nicht recht glau⸗ ben, daß Dein Mann mit dem Worte Züchtigung eine körperliche gemeint habe.“ „Was aber ſonſt, da ein Duell nicht ſtattgehabt?“ „Er hat den Doctor vielleicht mit Schimpfnamen belegt.“ „Dann hätte ihn dieſer gefaßt; Robert iſt muthig, iſt ein Deutſcher!“ „Er kann Deinem Manne eine Ausforderung ge⸗ ſchickt und dieſer ſie abgelehnt haben.“ „In dieſem Falle wäre Picard vor Robert's Reit⸗ gerte nicht ſicher.“ „Wie dem nun ſein möge, ich gehe zu dem Doctor.“ „Vor allem ſoll und muß Robert erfahren, daß ich, was immer auch geſchehen, Picard's Benehmen gegen ihn deteſtire und—“ „Daß Du nicht einen Augenblick aufgehört, ihn zu lieben—“ „Und daß ich ihn immet lieben werde—“ „Daß Ihr Euch folglich ſehen müßt—“ „Ja gewiß, aber wie? Picard's Argusauge—“ „Bah! Man iſt in Paris— und ſelbſt in Di⸗ jon—“ „Ich ſtelle Alles Dir, meine theure Julie, und Robert anheim.“ „Und daran thuſt Du gut. Nun aber laß uns gehen.“ Damit brachen unſere Damen auf. Der Verabredung gemäß begab ſich Madame Pi⸗ card in der Nähe von Robert's Wohnung in einen Conditorladen und ließ ſich da zu einer Limonade ga⸗ zeuſe nieder, während Madame Duval nach dem be⸗ zeichneten Hauſe ging und dieſes ſo unbefangen betrat, als hätte ſie den unſchuldigſten Gang von der Welt zu machen. Des Doctors Wohnung befand ſich im zweiten Stockwerke. 39 An einer der nach dem Flur führenden Thüren war ein emaillirtes Täfelchen befeſtigt, das ſeinen Namen zeigte. Er wohnte da, wie Julie von ihrer Freundin ge⸗ hört, in Aftermiethe. Ein lebhafter Zug am Glockenknopf, und die Neben⸗ thür that ſich auf; eine ältliche, anſtändig gekleidete Frau ſtand auf der Schwelle und erwiderte die Be⸗ grüßung von Madame Duval mit der artig betonten Frage, was die Dame wünſche. „Ich wünſche den Herrn Doctor zu ſprechen; iſt er zu Hauſe?“ „Nein, Madame, doch bitte ich einzutreten.“ Und Madame trat ein. Dreißig Minuten ſpäter trat ſie auch beim Con⸗ ditor ein, wo Pauline bereits in höchſter Aufregung ihrer harrte. Bei Juliens Anblick war ſie nahe daran, in Ohn⸗ macht zu ſinken. Das Ausſehen ihrer Freundin hatte ſich bis zur Unkenntlichkeit verändert: das Antlitz bleich, die Miene verſtört, die Haltung fieberiſch. „Komm, gehen wir!“ Dies war Alles, was ſie kaum vernehmlich zu flü⸗ ſtern vermochte. 40 Draußen vor dem Laden gaben ſich die Frauen den Arm, beſſer geſagt, hing ſich die eine an die andere, um ſich zu ſtützen. „Himmel, Julie, wie ſiehſt Du aus! Was iſt ge⸗ ſchehen?“ „Wir müſſen einen Fiaker nehmen, ich kann mich nicht auf den Beinen erhalten; doch fahren wir nicht ſogleich nach Hauſe. Komm, im Wagen ſollſt Du Alles hören.“ „Wenn ich nicht früher ſterbe“, ſeufzte Pauline. Ein Fiaker fand ſich ſchnell und fuhr, der ertheil⸗ ten Weiſung zufolge, nicht zu raſch mit den Damen den Boulevard des Italiens entlang. Ein paar Minuten vergingen, bevor Madame Du⸗ val ſo weit ſich geſammelt hatte, daß ſie ſprechen, den jammernden Ausrufen und drängenden Fragen ihrer Freundin entgegnen konnte. „Sprachſt Du ihn?“ „Nein, er war nicht zu Hauſe; aber ich ſprach—“ „Pi „Die Dame, bei der er gewohnt hat—“ „Und nicht mehr wohnt?“ „Nicht mehr. Robert wohnt jetzt in— in Paſſy.“ „Hat alſo eine Sommerwohnung bezogen.“ „Wenn Du willſt, ja.“ 41 „Mein Gott, wie ſoll ich das verſtehen! Du biſt ſo ſeltſam— Du tödteſt mich! Sage, was haſt Du bei dieſer Frau gehört, was iſt geſchehen? Sprich, ich beſchwöre Dich!“ „Pauline, mache Dich gefaßt, Schreckliches zu ver⸗ nehmen.“ „Himmel!“ „Der Doctor iſt, wie mir dieſe Frau in theil⸗ nehmendſter Weiſe erzählte, nach dreitägiger Abwe⸗ ſenheit von ſeiner Wohnung in dieſe zurückgebracht worden.“ „Zurückgebracht?“ „Ja, von Männern getragen, von einem Chirurg begleitet.“ „Alſo doch ein Duell!“ „Nein, wenigſtens liegt kein Beweis vor. Robert war nicht verwundet, nur zum Tode ermattet, in gänz⸗ licher Erſchöpfung.“ „Und jetzt— jetzt?“ „Befindet er ſich zu Paſſy in einer maison de Sante.“ „Maison de santé?“ „Sein Geiſt iſt zerrüttet.“ „Entſetzlich! Robert—“ „Iſt irrſinnig.“ 42 Hier trat eine Pauſe ein, ausgefüllt von Paulinens Schluchzen. Julie hatte ſich mittlerweile wieder ganz geſam⸗ melt und wenn auch nicht ihre Heiterkeit, denn dies war unmöglich, ſo doch die volle Freiheit des Denkens zurückgewonnen. Ihre Freundin ließ ſie noch gewähren, brach ſich doch der Sturm in dieſer Thränenflut; nach kurzer Pauſe aber nahm ſie wieder das Wort. „Panline“ ſagte ſie,„beruhige Dich nun, denn jetzt gilt es zu handeln.“ „Ich bin dazu nicht fähig“, ſeufzte Madame Picard, „der Schlag traf mich mitten ins Herz.“ Julie ſah auf ihre Uhr. „Wir haben noch eine Stunde bis zum Diner“, ſagte ſie,„und dieſe Friſt wird kaum hinreichen, Dich ſo zu beruhigen, wie Du zu Hauſe erſcheinen mußt. Für heute müſſen wir uns paſſiv verhalten. Schlägt Picard Promenade oder Theater vor, ſo entſchuldige ich mich mit irgend etwas, Müdigkeit von der Reiſe zum Beiſpiel. Wir werden dann auch allein ſein, denn er wird ſich zurückziehen. Morgen in aller Frühe, etwa um acht Uhr, gehen wir beide aus, Paris zu ſehen, Einkäufe zu machen, wie wir ihm ſagen, was wir aber nicht thun werden. Wir wollen nach Paſſy. Wie weit iſt es dahin?“ ich zer etzt rd, 2 ich ußt. ägt dige zum ner um äufe thun 43 „Eine halbe Stunde zu fahren.“ „Bagatelle! In Paſſy wirſt Du wieder in einem Conditorladen auf mich warten, und ich werde Dir Nachricht bringen über Robert's Befinden.“ „O wie ſoll ich Dir danken, Julie!“ „Wie? Dadurch, daß Du Dich möglichſt beruhigſt.“ „Hat Dir denn die Frau nicht geſagt, wodurch Ro⸗ bert in dieſem ſchrecklichen Zuſtand verſetzt worden, was da vorgefallen?“ „Nichts weiter, als daß man ihn auf der Straße ohnmächtig liegen gefunden und ſo in eine chirurgiſche Officin, dann in ſeine Wohnung geſchafft habe und von dort nach Paſſy. Die Götter mögen wiſſen, was da geſchehen.“ „Vielleicht weiß es bereits der Arzt, in deſſen An⸗ ſtalt der Arme ſich jetzt befindet.“ „Möglich, und dann werde auch ich es erfahren. Daß Dein Mann dabei im Spiele, iſt wahrſcheinlich.“ „Iſt gewiß, ſage ich Dir, Julie; er hat ihn miß⸗ handelt oder von Andern mißhandeln laſſen.“ „Nein, nein, Schläge hinterlaſſen unverkennbare Spu⸗ ren; bei Robert war, wie ſeine Hauswirthin ſagt, dies nicht der Fall; es war nur gänzliche Erſchöpfung, Schwäche und Geiſtesſtörung. Morgen ſind wir im Beſitze dieſes Geheimniſſes. Und nun wollen wir — zurück⸗, nach Hauſe fahren. Nimm Dich zuſammen! Dein Mann darf nicht das Mindeſte ahnen.“ An der Porte St.⸗Martin ſtiegen unſere abenteuern⸗ den Damen aus und legten den nicht ſehr langen Weg bis zu Picard's Hauſe zu Fuße zurück. Während des Diners, das alsbald ſervirt wurde, entfaltete die liebenswürdige Dijonerin eine Meiſter⸗ ſchaft der Darſtellungsgabe oder vielmehr Verſtellungs⸗ kunſt, über welche ſelbſt ihre Freundin ſtaunte. Was hatte ſie nicht Alles dem Herrn vom Hauſe zu erzählen, wie leicht und ſcherzend waren ihre Be⸗ merkungen und wie gewandt entzog ſie ſich ſchließlich ſeiner Einladung zur Abendpromenade! Sie ſchützte nicht einmal Ermüdung vor. „Dieſer Abend“, ſagte ſie mit graziöſem Lächeln, „gehört dem Paquet der Modiſtin; Monſieur Picard, obgleich erhaben über Damenſchwächen, werden dies annehmen und freundſchaftlich entſchuldigen; dafür ſollen Sie morgen Abend belohnt werden, denn Ma⸗ dame Duval aus Dijon wird Ihnen und Ihrer Frau Gemahlin zur Seite gleich dieſer reizend ſein und unterſchiedliche Löwen auf dem Boulevard oder ſonſtwo in gelinde Raſerei verſetzen.“ Picard äußerte in artigſter Weiſe ſein Bedauern, nicht ſchon heute dieſes Genuſſes theilhaftig werden zu kö br 45 können, und empfahl ſich, um den Abend allein zuzu⸗ bringen, ſich nämlich in ſein gewohntes Café zu be⸗ geben. Als er ſich entfernt hatte, flüſterte Julie ihrer Freundin zu: „Seien wir auf unſerer Hut, Monſieur iſt zu artig!“ Fünftes Kapitel. In der Irrenanſtalt. Am Morgen des nächſtfolgenden Tages verließen die beiden Frauen um die feſtgeſetzte Stunde das Haus, nicht aber ohne Herrn Picard in ſeinem Comptoir zu begrüßen, wobei Madame Duval im munterſten Tone allein die Koſten dieſer Aufmerkſamkeit trug. Der Kaufmann hatte eben heute große Geſchäfts⸗ erpedition, weshalb er auch um eine Stunde früher als gewöhnlich an die Arbeit gegangen, und entſchul⸗ digte ſich, die Damen nicht begleiten zu können. Dieſe, nichts weniger als ungehalten darüber, ent⸗ fernten ſich mit den Worten:„Auf Wiederſehen beim Gabelfrühſtück!“ und Picard ſetzte ſeine Arbeit fort. Angelangt auf dem Boulevard, nahmen die Freun⸗ dinnen den nächſtbeſten Fiaker in Anſpruch und befan⸗ den ſich eine halbe Stunde ſpäter in Paſſy. de C en 47 Hier ließen ſie am Eingange in das Wäldchen hal⸗ ten und ertheilten dem voraus und gut bezahlten Kutſcher die Weiſung, ſie daſelbſt zu erwarten. Darauf begaben ſie ſich nach den Anlagen, und es ward während der kurzen Promenade beſchloſſen, daß Pauline, welche zu dieſem Zwecke ein Buch mitgenom⸗ men hatte, ſtatt bei einem Conditor hier bleiben und auf einer Bank, wenigſtens ſcheinbar, leſend der Rück⸗ kunft der kühnen Freundin entgegenſehen ſolle. Dieſe begab ſich nun wieder nach Paſſy und trat in die maison de santé ein. Vom Portier nach ihrem Verlangen höflich befragt, ſagte Madame Duval, daß ſie den Herrn Doctor als den Chef dieſer Anſtalt zu ſprechen wünſche und daß ihre Angelegenheit eine dringende ſei. Ein zweiter Diener des Hauſes kam hinzu und bat die Dame, in den Sprechſaal nebenan einzutreten, mit dem Bemerken, daß er ſie ſogleich melden werde. Julie befand ſich nun in dem elegant ausgeſtatteten Salon allein. Wenige Minuten ſpäter ſtand der Arzt und Herr des Hauſes vor ihr. Beide ließen ſich nach artiger Begrüßung in einer Cauſeuſe nieder. Der Arzt, ein Mann in den beſten Jahren, mild⸗ 48 ernſt in Ton und Haltung, dabei von durchdringendem Blicke, kurz von jenem Weſen, das dem pſychiatriſchen Heilkünſtler eigen ſein muß, fragte nun ganz ruhig, was ihm die Ehre dieſes Beſuchs verſchaffe. „Herr Doctor“, entgegnete Julie, vollſtändig mit ſich im Reinen, ebenſo ruhig,„ich komme, mich nach dem Befinden eines Ihrer Pflegebefohlenen zu erkun⸗ digen.“ „Ich zähle deren im Augenblicke zehn— welchen meinen Madame?“ „Den Herrn Doctor Robert.“ „Ah, dieſen?“ „Ja, mein Herr.“ „Darf ich fragen, mit wem ich die Ehre habe?“ „Mein Name iſt Erneſtine Beauchamp; ich bin die Gattin eines Offiziers in franzöſiſchen Dienſten, der gegenwärtig in Algerien.“ „Kennen Madame den Doctor Robert perſön⸗ lich?“ „Nein, mein Herr.“ „Welches Intereſſe nehmen Sie an ihm?“ „Das meiner Freundin.“ „Die ihn liebt?“ „Es iſt der Fall. Das Unglück, das dieſen jungen Mann betroffen, macht die Arme troſtlos.“ en ig, 49 „Warum— geſtatten Sie mir die Frage— kommt ſie nicht ſelbſt, ſich nach ihm zu erkundigen?“ „Es fehlt ihr der Muth dazu.“ „Oder es ſind vielleicht ſonſtige Verhältniſſe da⸗ gegen?“ „Wenn Sie wollen, ja.“ „Die fragliche Dame— iſt ſie noch Fräulein?“ „Muß ich dies beantworten, Herr Doctor?“ „Madame haben es ſo eben beantwortet.“ „Sie ſind ſehr ſcharfſinnig.“ „Wohl kaum ſo ſehr, als es mein Beruf er⸗ fordert.“ „Nachdem ich alſo Ihre Frage bezüglich meiner Freundin, wie Sie ſagen, beantwortet, darf ich nun wohl auf meine Frage, die nach ſeinem Befinden, zu⸗ rückkommen?“ „Ja, Madame. Doctor Robert's Zuſtand iſt nicht gerade ein hoffnungsloſer zu nennen, doch zur Stunde noch ein problematiſcher, der all mein Können und Wiſſen in Athem erhält, obgleich ſein körperliches Be⸗ finden, was man ſo nennt, Dank der guten Luft und der ſorglichen Pflege, ſich zuſehends beſſert.“ „Sein Geiſt iſt alſo noch immer irre?“ „Noch immer; eigentlich noch mehr als im Mo⸗ mente, da man ihn zu mir gebracht.“ Jean Charles, Realiſten und Idealiſten. II. 4 „Könnte ich ihn wohl ſehen?“ „O ja, Madame! Sogar von einem dieſer Fenſter aus, die nach dem Garten führen, wo er, natürlich beaufſichtigt, faſt den ganzen Tag zubringt.“ „Womit, Herr Doctor?“ „Eigentlich mit nichts; er ſchreitet läſſig hin und her, bleibt ſtehen, blickt nach den Wolken, geht wieder weiter und lagert ſich dann irgendwo.“ „Zu Ihnen ſpricht er wohl?“ „Weder zu mir noch zu den Wärtern; doch vernimmt man zeitweiſe von ihm unzuſammenhängende Ausrufe in franzöſiſchen oder deutſchen Lauten, vorherrſchend darunter die Worte„Brod und Waſſer“. Damit be⸗ zeichnet er auch die Speiſen und Getränke, deren Ge⸗ nuß ich ihm geſtatte, wenn auch nicht in dem Maße, als er verlangt; er ißt wie vier.“ „Er wurde, wie mir ſeine Hauswirthin geſagt, in einem Zuſtande gänzlicher Erſchöpfung in dieſe Ihre Anſtalt gebracht.“. „So geſchah es. Was jenen Zuſtand hervorgerufen, iſt noch ein Räthſel, deſſen Löſung wohl nur dieſer Kranke ſelbſt heute oder morgen geben wird, wenn nicht etwa Madame oder Ihre Freundin.“ „Wir wiſſen nichts.“ Zugegeben; aber Sie dürften in N der Lage ſein, —— er ch cht in, 51 Andeutungen zu bieten, die für mich in Betreff ſeiner Heilung vielleicht von großem Werthe, für ſeine Rettung entſcheidend wären. Madame zögern— das begreift ſich; doch wollen Sie bedenken und dabei Beruhigung finden, daß Sie es mit einem Arzte zu thun haben und mit einem Manne von Ehre, der ein ſolches Vertrauen, wie ich es mir erbitte, heilig zu halten gewohnt iſt.“ „Um Namen, Herr Doctor, iſt es Ihnen nicht zu thun?“ „Nur um Thatſachen oder doch um ſichere Halt⸗ punkte.“ „Nun denn, ich will ſagen, was ich weiß.“ „Und Sie werden damit Gutes ſtiften.“ „In dieſer Erwartung ſei es! Doctor Robert un⸗ terhielt ein zärtliches Verhältniß mit meiner Freundin, welche, da es nun ſchon geſagt ſein muß oder ſchon geſagt wurde, die Gattin eines Andern iſt. Dieſer Andere, dem die Sache verrathen worden, fingirte eine Abreiſe und überraſchte, plötzlich wieder zu Hauſe, das Paar téte-téte. Meine Freundin ſank in Ohn⸗ macht, und als ſie daraus erwachte, ſtand ihr Gatte vor ihr und beſprach die Affaire, wie ein Mann von Welt es pflegt, ruhig, mit Takt, verzieh und gelobte ſelbſt, zu vergeſſen. Dabei aber— und das iſt das 4* 52 Wichtigſte— ſagte er daß er ihn, nämlich den Doctor, nach Gebühr gezüchtigt habe.“ „Gezüchtigt? Gebrauchte er, Madame, genau dieſen Ausdruck?“ „Ja, mein Herr.“ „Iſt das Alles, was Sie mir mitzutheilen haben?“ „Es iſt Alles.“ „Madame, ich danke Ihnen; Sie haben mir, das heißt der guten Sache, einen weſentlichen Dienſt ge⸗ leiſtet.“ Hier erhob ſich der Arzt und trat, gefolgt von Madame Duval, an eins der offenſtehenden, aber mit Jalouſien maskirten Fenſter, durch welche man Alles im anſtoßenden Gartentheile überblicken konnte, ohne von außen geſehen zu werden. Julie blickte denn auch auf einen Wink des Arztes hinaus. Zu beiden Seiten eines großen, von Rabatten und Gebüſchen eingerahmten Raſenplatzes ergingen ſich meh⸗ rere Perſonen, Patienten und Wärter, welch letztere ſich wohl zum Scheine nur mit Gartenarbeit be⸗ ſchäftigten. „Dieſer da iſt unſer Mann“ flüſterte der Arzt ihr zu, indem er nach einem Bosquet zur Rechten zeigte, aus welchem eben Robert langſam hervorſchritt. , hr te, Bekleidet mit leichtem, nicht ungefälligem Sommer⸗ anzuge, das etwas geſenkte Haupt mit einer Schirm⸗ kappe bedeckt, die Arme über der Bruſt verſchränkt, den Blick unſtät bald zur Erde, bald nach oben oder zur Seite gerichtet, ungewiſſen Schrittes einhergehend, hatte er faſt das Ausſehen eines in tiefes Nachdenken ver⸗ ſunkenen Gelehrten und durchaus nichts Beunruhigendes an ſich, nur daß die Wangen ſeines bleichen Geſichts und die Augen eingefallen waren. So kam er, in einiger Entfernung von einem Wärter gefolgt, gegen das Haus hergeſchritten und zwar an die Fenſter des Parterreſalons, in welchem ſich Madame Duval zur Seite des Doctors befand. Sie bebte zurück. „Hören Sie?“ fragte der Arzt leiſe. Julie trat wieder vor. „Brod und Waſſer!“ murmelte Robert im Vorüber⸗ ſchreiten zu wiederholten Malen. „Das iſt grauenhaft!“ ſtammelte ſie zurück⸗ weichend. Der Doctor bot ihr Erfriſchungen an. Sie aber lehnte dankend ab und empfahl ſich dann mit den Worten: „Mein Herr, Sie haben mich und meine Freundin durch Ihr gefälliges Entgegenkommen verpflichtet und würden dieſe Verpflichtung noch ſteigern durch die Er⸗ laubniß, wiederholt nachfragen zu dürfen.“ „Sie werden durch Wiederholung Ihres Beſuchs mich verbinden“ war ſeine Antwort.„Um ſo mehr werden Sie es“, fügte er ſie hinausbegleitend mit Nach⸗* druck hinzu,„wenn Ihre Freundin Ihnen geſtattet, mir beim nächſten Beſuche wenigſtens ihren Vornamen zu nennen.“ Madame Duval hielt noch einen Augenblick nach⸗ ſinnend an. Sie begriff, wie förderlich dieſer Umſtand in der pſychiatriſchen Behandlung werden könne, und entſchloß ſich raſch. „Einem Manne von Ehre gegenüber“, erwiderte ſie mit einer Verbeugung,„nehme ich dies auf mich; der Vorname meiner Freundin iſt Pauline.“ „Meinen Dank, Madame.“ So ſchieden ſie. Obwohl heitern, leichten, um nicht zu ſagen fri⸗ volen Sinnes, wie die junge Beamtenfrau aus Dijon war, dieſen zu Gunſten ihrer Freundin Fgethanen Schritt fühlte ſie doch in ihrem ganzen Weſen ſo nachwirkend, daß ſie, aus dem verhängnißvollen Hauſe tretend, nicht ſogleich nach den Anlagen, ſondern, um ſich zu ſammeln, die Straße entlang ging und ſogar bei einem Conditor eintrat, um da, was ſie beim Doctor abgelehnt hatte, eine kleine Erfriſchung zu nehmen. Binnen wenigen Minuten war dies geſchehen und Kraft und Beſonnenheit wiedergewonnen. So geſtärkt eilte ſie nun dem Wäldchen zu. Sechstes Kapitel. Liſt um Liſt. Pauline hatte dieſe Zwiſchenzeit von etwa einer halben Stunde in einer nichts weniger als beneidens⸗ werthen Stimmung zugebracht. Die Lectüre, obgleich ſie einen Roman ganz nach ihrem Geſchmack zur Hand hatte, wollte ihre Phantaſie heute durchaus nicht gefangen nehmen, und die ſchöne Leſerin ließ bald, nachdem ſie zerſtreut in dem Buche hin und her geblättert, daſſelbe in den Schooß ſinken und ihren Blick da und dorthin ſchweifen, zumeiſt natürlich in der Richtung nach Paſſy, von wo Julie kommen mußte und ſo lange, lange nicht kam. Die Saiſon der Sommerfriſche hatte zwar bereits begonnen, doch war Paſſy verhältnißmäßig noch wenig von den Pariſern in Anſpruch genommen, und es zeigten 57 ſich nur einige Damen und Herren, welche ſich in den Anlagen ergingen oder lagerten. Pauline hatte, um ſich nicht auffällig zu machen, gleich nach Juliens Entfernung den Schleier zurück⸗ geſchlagen, und ſo ſaß ſie noch da, als ſie, nach dem Gehölze hinblickend, einen jungen Mann bemerkte, der, etwa fünfzig Schritte von ihrem Ruheplatze entfernt, ſie ins Auge zu faſſen und der auch ihr nicht unbekannt ſchien. Dies erſchreckte oder genirte ſie doch, und ihr erſter Gedanke war, den Schleier wieder vorzunehmen und ſo gegen Paſſy hinzugehen. Ebenſo ſchnell aber ſagte ſie ſich, daß ſie damit noch mehr riskiren dürfte, und ſie blieb, wo und wie ſie war. Inzwiſchen hatte ſich der von ihr beobachtete junge Mann ihr bis auf wenige Schritte genähert und ſie ihn zu ihrem nicht geringen Schrecken erkannt. Es war Max, der Maler. Paulinens Erſchrecken ſhatte ſeinen guten Grund. Dieſer junge Künſtler war ja der Freund Robert's, ſelbſt, wie ſie annehmen mußte, der Freund ihres Gatten, er hatte ſie beide portraitirt, und er wußte gewiß um Alles! Und jetzt ſtand dieſer mit ihren Verhältniſſen ver⸗ traute Mann vor ihr und begrüßte ſie, indem er noch 58 einen Blick nach dem Wäldchen zurückwarf, mit den Worten: „Entſchuldigen Sie Madame, falls ich Sie durch meine Begrüßung ſtöre, aber ich konnte auf meinem Wege nach Paſſy, ich wollte nicht da an Ihnen vor⸗ überſchreiten, ohne Ihnen guten Tag zu ſagen, obgleich Ihr Herr Gemahl meinem beabſichtigten Gruße in auf⸗ fälligſter Weiſe ausgewichen.“ Die Wirkung dieſer Anrede auf Paulinens Geiſt zu ſchildern wollen wir nicht verſuchen; ihr war in dieſem Momente, als ſtände das Räderwerk der ganzen Schöpfung plötzlich ſtill. Die beklagenswerthe junge Frau war wie gelähmt. Und, mindeſtens für den Augenblick, zu ihrem Glücke. Einen Schrei des Entſetzens in ſich erſtickend und ſelbſt ihren nach dem Wäldchen ſich unwillkürlich richtenden Blick mit einer gewaltigen Anſtrengung be⸗ herrſchend, fand ſie noch in der unerſchöpflichen Rüſt⸗ kammer des weiblichen Scharfſinns eine Waffe zu ihrem Schutze. Mit ihrem Batiſttuche ſich leicht über das Geſicht, das, ſie fühlte es, ſich verfärbt hatte, wie um ſich ab⸗ zukühlen wehend, erwiderte ſie „Es freut mich, Sie zu ſehen. Mein Mann alſo 59 ſchon hier? Er wollte uns, mir und meiner Freundin, die ich jeden Augenblick erwarte, erſt ſpäter folgen; er wird uns ſuchen. Wann und wo ſahen Sie ihn?“ Der gute Maler, der Geradſinn in Perſon, ſtutzte nicht einmal. „So eben“, ſagte er,„nicht hundert Schritte von hier in jenem Gehölze; doch ſchien es mir, als wolle Monſieur Picard die entgegengeſetzte Richtung ein⸗ ſchlagen. Wünſcht Madame, daß ich ihn aufſuche?“ „Gott ſei Dank“, rief hier Pauline aufſpringend aus,„meine Freundin kommt.“ Im nächſten Augenblicke umarmte ſie Julie wie nach einer jahrelangen Trennung, ihr in äußerſter Haſt zuflüſternd:„Dieſer junge Mann, Robert's Freund, bei uns eingeführt, ſagt mir, daß Picard in der Nähe iſt.“ Julie war in dieſem Momente groß. „Wirklich?“ rief ſie, von ihrer Freundin ſich los⸗ machend, ganz munter aus.„Monſieur Picard ſchon hier? Komm, laß uns eiligſt ihm entgegengehen!“ „Ich werde“, ſagte Max,„die Damen, wenn es beliebt, bis zu der Stelle begleiten, wo ich Herrn Picard zuletzt geſehen.“ „Incommodiren Sie ſich nicht“ entgegnete Julie raſch;„wir werden ihn finden oder er uns.“ 60 „Uebrigens habe ich“ bemerkte Max, ſich zum Abſchiede verneigend und mit einem vielſagenden Blicke nach Madame Picard,„einen wichtigen Beſuch in Paſſy ab⸗ zuſtatten, nämlich bei dem Leiter der Privatirrenanſtalt, in der ſich jetzt mein unglücklicher Freund Doctor Robert zur Heilung befindet.“ Damit empfahl ſich unſer Maler. „Welch ein Morgen!“ ſeufzte Pauline, dem raſch Hinſchreitenden nachblickend.„O, und welcher Scene werden wir nun entgegengehen!“ Julie nahm ſie an den Arm. „Einer Scene der Beſchämung für Deinen Herrn Gemahl“ ſagte ſie, ihre Freundin nach ſich ziehend, „einer Scene, die ich ihm bereiten werde, ich, deſſen kannſt Du verſichert ſein. Es iſt eines Mannes von Bildung unwürdig, ſeiner Frau ſpionirend zu folgen. Er ſoll büßen, verlaß Dich auf mich! Wo aber ihn finden?“ Pauline jbezeichnete den Saum des Gehölzes zur Rechten der Allee, durch welche ſie eben hinſchritten, als die Stelle, wo der Maler ihren Mann erblickt hatte. „Gut, dahin alſo; ſpäter, gelegentlich, von dem Patienten.“ „O nur ein Wort, Julie! Iſt Hoffnung?“ „ E — M x n, t 61 „Ja. Nun gefaßt, ſo ruhig wie nur immer möglich! Sprechen werde ich!“ Im Hinſchreiten nach dem Wäldchen ſagte Julie noch: „Monſieur Picard ſoll dieſen Morgenausflug um⸗ ſonſt gemacht haben; er wird nicht klüger nach Paris zurückkehren, als er herausgekommen. Er kann, da ihn der Maler während meines Beſuchs in der Anſtalt hier geſehen, nicht wiſſen, wo ich geweſen—“ „Doch kann er ſich's denken“ bemerkte Pauline. „Denken, mein liebes Kind, mag er ſich, was ihm beliebt. Aber es iſt da nichts von ihm zu ſehen. Findet er ſich nicht binnen fünf Minuten, ſo fahren wir zurück. Ueberhaupt wäre es kein übles Manöver, wenn wir ſogleich und ſchleunigſt nach Hauſe führen und den liebenswürdigen Spion in ſeinem Comptoir erwarteten, wo er große Expedition vorgeſchützt, um uns ſicher zu machen. Sagte ich Dir nicht geſtern: Seien wir auf unſerer Hut, Monſieur iſt zu artig?“ „Du hatteſt leider Recht, Julie; er wird mir eine Scene machen.“ „Im Gegentheil, wir werden ihm eine machen. Er iſt nicht da. Wie kommen wir dazu, ihn aufzuſuchen? Komm, laß uns zurückeilen zu unſerm Wagen und ſo nach Paris.“ Pauline fügte ſich, obgleich zögernd, und ſie ſchritten wieder nach Paſſy zu. Dreißig Minuten ſpäter, innerhalb deren Julie ihr Geſpräch mit dem Leiter der Heilanſtalt mitgetheilt hatte, hielt der Fiaker an Picard's Hauſe. Pauline und Julie— letztere hüpfend und kichernd — durcheilten den Thorgang bis zur Comptvirthür und traten, dieſe raſch öffnend, haſtig ein. Ebenſo plötzlich aber prallten beide zurück. Am Schreibepulte, ganz in ſeine Arbeit vertieft, ſaß Monſieur Picard ſo, wie ſie ihn verlaſſen hatten, angethan mit dem ſchlichten Comptoirrocke, ein großes Buch vor ſich, ſchreibend und ohne ſogleich aufzublicken. Nun aber that er Letzteres und zwar mit ſo un⸗ befangener Miene, die zudem freundliche Neugierde und angenehme Ueberraſchung zeigte, daß die beiden Damen mit einem raſch gewechſelten Blicke ſich ſagten, der Maler müſſe ſich getäuſcht haben. „Wie, ſchon zurück?“ ſagte Picard, indem er die Feder weglegte und ſich läſſig aufrichtete. Madame Duval, nur im erſten Augenblicke über⸗ raſcht und zweifelhaft, war im nächſten mit ſich im Reinen. Ein Händedruck von ihr bedeutete Pauline, vor⸗ ſichtig zu ſein. ¹d ir n, — n. 1d n er Zwiſchenfall noch ein paar Stunden hatten zubringen Sie ſelbſt war nicht nur vorſichtig, ſondern auch ſcharfſichtig. „Meine Annahme alſo war die richtige“, ſagte ſie vortretend und Picard die Hand reichend. „Welche Annahme?“ fragte dieſer mit noch deut⸗ licherem Ausdrucke von Neugier. „Daß jener Herr“ erwiderte ſie, Paulinen zugewendet, „ſich in der Perſon geirrt.“ „In welcher Perſon?“ „In der meines liebenswürdigen Hauswirthes, nämlich in der Ihrigen.“ „In meiner Perſon?“ Ich verſtehe nicht. „Das glaube ich. Nun, ein Herr—“ „Welcher Herr?“ Pauline hatte ſich auf einen Stuhl niedergelaſſen, um nicht zuſammenzuſinken. „Der Maler Max“ ſagte ſie halblaut, eigentlich kleinlaut. Picard's Miene zeigte geſteigerte Verwunderung. „Unſer Portraiteur? Aber die Damen ſprechen in Räthſeln!“ rief er aus.„Er will mich im Freien ge⸗ ſehen haben und wo das?“ Julie fixirte ihn mit durchdringendem Blicke. „Da, wo wir waren und ohne dieſen komiſchen 64 wollen, in dem Gehölze nächſt Paſſy. Er will Sie dort geſehen und ſogar im Vorübergehen begrüßt haben, ohne jedoch von Ihnen bemerkt oder, wenn das, be⸗ achtet worden zu ſein.“ „Ich pflege“, verſetzte Picard mit Anſtand,„nicht nur jeden Gruß geziemend zu erwidern, ſondern meinen Bekannten in der Begrüßung zuvorzukommen.“ „Dieſer Umſtand allein ſchon“ ſagte Julie,„beweiſt die Richtigkeit meiner Annahme, daß der Maler falſch geſehen. Uebrigens“ fügte ſie herzlich lachend hinzu, „iſt uns, namentlich mir, durch dieſes Quiproquo ein hübſcher Scherz vereitelt worden; denken Sie ſich, wenn mein Plan, verſteht ſich, nach jener Annahme, daß Monſieur Picard es geweſen, zur Ausführung gelangt wäre!“ „Welcher Plan?“ „Wir fuhren nicht, wir flogen von Paſſy herein; die Bezeichnung unſeres Wagens„Hirondelle“ recht⸗ fertigte ſich vollſtändig, wie denn die pariſer Fiaker darin Erſtaunliches leiſten, falls man ſie gut bezahlt. Nun, das iſt Ihnen nichts Neues. Mein Plan alſo war, Ihnen, Monſieur Picard, zuvorzukommen. Wäre uns dies gelungen, das heißt, wären in Paſſy ſtatt Ihres Doppelgängers Sie geweſen, ſo wäre ich da im Comptoir in Ihren Arbeitsrock hineingeſchlüpft, hätte 65 ie Ihrer Mütze auf meinem Köpfchen Platz gemacht und , mich, die Feder zur Hand, an das große Hauptbuch E geſetzt, während meine Freundin die Commis draußen ins Geheimniß gezogen oder ſonſt etwas vorgenommen ht haben würde. Und nun denken Sie ſich Ihre noble en Phyſiognomie, mein Freund, wenn Sie, haſtig ein⸗ tretend, mich da ſo ruhig hätten ſitzen ſehen, wie ich iſt Sie ſo eben ſah. Iſt's nicht jammerſchade um dieſen ſch Spaß?“ u,„Ich bedaure Sie wirklich darum“, entgegnete Picard in lachend welches Lachen aber einen Klang hatte, der un ſeine anſcheinend müde fund theilnahmlos daſitzende aß Frau erſchreckte, Julie dagegen in ihrer Ueberzeugung, gt daß der Maler nicht falſch geſehen, vollends beſtärkte und ihre Racheluſt ſteigerte. Sie ließ ſich dicht neben ihrer Freundin nieder, ſo⸗ daß ſie dieſelbe mit dem Arme berühren konnte, und ht⸗ auch Picard ſetzte ſich wieder. 5 ker„Aber“ warf Madame Duval leicht hin,„wir halten lt. Sie im Arbeiten auf.“ lſo Nicht doch“ entgegnete der Kaufmann ebenſo, ire„das Wichtigſte habe ich bereits abgemacht.“ att„Während unſerer kurzen Abweſenheit?“ im„Es iſt der Fall.“ tte Jean Charles, Realiſten und Idealiſten. II. 66 „Was thun wir jetzt weiter, liebe Pauline, mit dieſem zerſtückten Vormittag?“ Die Gefragte zuckte die Achſeln. Statt derſelben antwortete der Herr Gemahl. „Machen Sie ihn wieder ganz“ ſagte er,„fahren Sie nochmals aus.“ „Wieder nach Paſſy?“ „Und ins Boulogner Wäldchen; es iſt dort charmant.“ „Gewiß; nur ein Gegenſtand— es ziſt eben auf Erden nichts ohne Nachtſeite— wirkt ſtörend.“ „Im Bois de Boulogne?“ „Nein, in Paſſy.“ „Das wäre?“ „Die Aufſchrift eines gewiſſen Hauſes—“ „Maison de santé?“ „Sie ſagen es. Wirkt die nicht verſtimmend?“ „Dieſe Inſchrift, Madame, paßt auf gar viele Häu⸗ ſer in Paris.“ „Nur mit dem Unterſchiede, Monſieur Picard, daß man in jenen Häuſern Verrückte heilt, während man in den gar vielen Häuſern von Paris Verrückte macht.“ „Sie diſtinguiren treffend. Aber noch einmal auf Ihren durch mich ganz unſchuldig vereitelten Plan der Ueberraſchung zu kommen—“ nit ren äu⸗ daß nan ckte 67 „Nun? Warum halten Sie inne?“ „Es fiel mir dabei Ihr armer Herr Gemahl ein.“ „Mein armer?“ „Ja, der hinter ſeinen Acten ſich abmühende Beamte, der ſeine heißgeliebte geiſtvolle junge ſchöne Frau durch eine Ewigkeit von vierzehn Tagen bis drei oder vier Wochen, welche Sie uns freundlichſt ſchenken wollen, nicht ſehen, nicht hören, nicht bewundern ſoll.“ Juliens Arm berührte da den Arm Paulinens leb⸗ haft. „Ihrem Einfalle“, ſagte ſie,„fehlt der Schluß. Was fiel Ihnen weiter ein?“ „Mir kam zu Sinne“, fuhr Picard, ihren ſcharfen Blick ruhig aushaltend, leichten Tones fort,„welchen weit größern Spaß als den mir von Ihnen heute zu⸗ gedachten, oder beſſer geſagt, welch ſchönen und freu⸗ digen Ernſt Sie Ihrem Herrn Gemahle bereiten wür⸗ den, wenn Sie, natürlich ohne es ahnen zu laſſen, ſtatt nach zwei, drei oder vier Wochen, ihn ſchon nach zwei, drei oder vier Tagen eines ebenſo ſchönen Morgens wie der heutige in Dijon überraſchten.“ Madame Picard erbebte an allen Gliedern. Selbſt Madame Duval war überraſcht, doch nur überraſcht, nicht beſtürzt, und auch Erſteres nur einen Augenblick lang und blos deshalb, weil ſie ſich 0 16= ge 68 ſtehen mußte, daß ſie Picard's geiſtiges Weſen zu ge⸗ ring angeſchlagen hatte. Einmal darüber aufgeklärt, war ſie auch mit ſich ſelbſt ſofort wieder im Klaren. „Ihr Einfall“ entgegnete ſie lachend,„iſt allerliebſt, nur leider nicht ausführbar.“ „Und warum nicht? Allerdings in der leidigen Annahme, daß Sie ſo grauſam ſein könnten, Ihre ſo liebenswürdige Geſellſchaft uns nach einigen Tagen ſchon wieder zu entziehen.“ „Sie ſind ſehr gütig und artig, wie immer. Aber noch einmal, ich kann dieſen köſtlichen Ueberraſchungs⸗ ſpaß nicht ausführen. Mein guter Mann, ſehen Sie, hat, ohne Ihnen ein Compliment machen zu wollen, weder die Stärke Ihres Geiſtes noch viel weniger die Ihrer Nerven; Monſieur Duval würde, in dieſer Weiſe von mir überraſcht, eine Krankheit be⸗ kommen.“ „So zart iſt er?“ „So zart. Und dann die Frauen von Dijon! Mon⸗ ſieur Picard haben keine Ahnung von deren Geiſtes⸗ und Zungenſchärfe.“ „Wenn ſie Ihnen gleichen“, wollte er ſagen, doch ſchwieg er. Nach kurzer Pauſe fragte er leichthin: „ 69 „Wie kamen Madame zur Kenntniß der Irrenan⸗ ſtalt in Paſſy?“ „Auf zweifachem Wege“ erwiderte ſie ebenſo.„Erſtens, indem ich im Vorüberfahren die ominöſe Inſchrift „Maison de santé“ las, und dann ſpäter durch jenen Herrn, deſſen Kurzſichtigkeit, obgleich er Maler iſt, Sie mit einem andern Herrn verwechſeln ließ.“ „Er ſprach alſo von dieſer Anſtalt?“ „Ja, und er war, wie er ſagte, eigens nach Paſſy gekommen, um ſich in jenem traurigen Hauſe nach dem Befinden ſeines Freundes zu erkundigen, den das Miß⸗ geſchick betroffen, den Verſtand zu verlieren.“ Jetzt war es Pauline, die durch eine bebende Arm⸗ 5 bewegung ihre Freundin um Vorſicht oder vielmehr um Schonung zu bitten ſchien. Picard bemerkte dies, ohne ſich etwas merken zu laſſen. „Sein irrſinnig gewordener Freund“, ſagte er,„iſt ein Doctor der Medicin und war mein Hausarzt.“ „Was Sie ſagen!“ rief Julie aus. „Es iſt ſo; ich erfuhr es durch den Maler ſelbſt.“ „Nun, Sie werden dann gewiß auch den Unglück⸗ lichen beſuchen?“ „Meine Nerven ſind nicht 3 wie Madame vorhin im Vergleiche mit Ihrem Herrn Gemahle mein⸗ ten, vielleicht nicht einmal ſo 6 wie die Ihrigen, 9 3 „ 70 denn Sie wären, wie ich Sie zu kennen nun ſchon die Ehre habe, ſicher im Stande, eine Irrenanſtalt zu be⸗ ſuchen, ohne Nervenzufälle zu riskiren.“ „Ich bewundere“, entgegnete Julie lachend,„Ihre Menſchen⸗, reſpective Frauenkenntniß. Sie haben in der That Recht, indem Sie mir dieſen Muth und dieſe Nervenſtärke zutrauen, beſonders wenn es einen Fall von ſolchem Intereſſe, wie der in Rede ſtehende, betrifft; ſo fühle ich mich zum Beiſpiel gar nicht abgeneigt, an Ihrer Statt, Monſieur Picard, Ihren geiſteskranken ehemaligen Hausarzt zu beſuchen.“ „Thun Sie das, Madame.“ „Hat Ihnen der Maler keine Andeutung gegeben, was den Unglücklichen in dieſen Zuſtand verſetzt haben mag? Finden ſich gar keine Haltpunkte?“ „Er wußte mir nichts zu ſagen. Uebrigens, was wollen Sie? Man verliert den Verſtand, wie man nicht ſelten über Nacht ſeinen guten Namen oder ſein Vermögen verliert. Aſſecuranzen dagegen gibt es nicht.“ Hier richtete ſich Pauline auf. Einer Ohnmacht nahe, wie die Bläſſe ihres Geſichts, der Schweiß auf ihrer Stirn verriethen, konnte ſie nur in letzter Anſtrengung die Worte ſtammeln:„Auf nein Zimmer— ich erſticke!“ 71 Julie, raſch zur Hand, unterſtützte und führte ſie hinaus und die Treppe hinauf. Picard blieb vor ſeinem Hauptbuche ſitzen. In ſeinem Blicke aber lag etwas wie ein ſeltſa⸗ mes Gemiſch von Schmerz und Zorn. Die Folgen eines ſolchen Blicks— wer kann ſie ermeſſen? Siebentes Kapitel. Der Arzt. Der Leiter der Irrenheilanſtalt zu Paſſy, ein Mann, dem es nicht blos um das Geſchäft zu thun war, ſon⸗ dern dem auch, wie der Kopf, das Herz auf dem rech⸗ ten Flecke ſaß, hatte durch die Unterredung mit unſerer kühnen Dame jund noch mehr durch die unmittelbar darauf gefolgte mit dem Maler Max in Betreff ſeines neueſten Patienten höchſt wichtige, für die Behandlungs⸗ weiſe ſcharf beſtimmende Andeutungen kerhalten. Sie hatte ihm den Vornamen der Frau genannt, mit wel⸗ cher Robert in einem intimen Verhältniß geſtanden; von letzterem hatte er zwar nicht den Namen des Ehe⸗ mannes, jedoch etwas erfahren, das in dieſe dunkle An⸗ gelegenheit Licht zu bringen geeignet war, nämlich den Ausdruck der Ueberzeugtheit, daß Robert von dem 73 beleidigten Gatten der fraglichen Dame drei Tage hin⸗ durch irgendwie in Haft gehalten worden ſein müſſe, daß folglich nur darin die Züchtigung beſtanden haben könne, von welcher dieſer Mann ſelbſt geſprochen. Gleich nach des Malers Entfernung, der ſeine und ſeiner Freunde weitere Nachforſchung und Anfrage zu⸗ geſagt, begab ſich unſer Pſychiater nach dem Garten, wo er Robert in einer Laube ruhend fand. Auf einen Wink des Chefs zog ſich der Wärter zurück. Robert hatte ſich zurückgelehnt, die Arme über die Bruſt verſchränkt; den Blick voll unheimlichen Ausdrucks, ſtarrte er vor ſich hin. Der Arzt ließ ſich zur Seite der Ruhebank auf einem Stuhle nieder, ohne daß es der Kranke zu bemerken ſchien, nahm eine Orange aus der Taſche, ſchälte ſie und legte die in mehrere Stücke getheilte Frucht auf das Tiſchchen vor ihm hin. „Iſt es nicht gefällig, mein Freund?“ fragte er ſanften Tons. Da richtete ſich Robert's Blick nach ihm und nach dem Gebotenen, und dieſer Blick verlor ſogleich viel von ſeiner Starrheit, wenn auch nichts von dem allen Geiſteskranken eigenen Ausdrucke der Unſicherheit und innern Unruhe. Er ſtreckte ſeine abgemagerte Hand nach 74 einem der Hrangeſtückchen haſtig und zitternd aus und führte ſie ebenſo an ſeine bebenden Lippen. „Mundet es Ihnen?“ fragte der Arzt wieder, ob⸗ gleich er wußte, daß Robert dieſe Frucht beſonders liebte, weshalb er auch ſie ihm ſtets ſelbſt zubereitete und darreichte. Robert griff wie zuvor nach einem zweiten Stücke. Dieſes genoß er mit noch größerer Haſt. Dann, nach dem dritten Stücke langend, faßte er den Arzt ſcharf ſins Auge, dabei in einem Tone, der dieſem durch die Seele ging, ihm zumurmelnd: „Brod und Waſſer! Brod und Waſſer zugleich! Brod und Waſſer!“ Die Orange war alsbald verzehrt, und Robert's Blick irrte wie ſuchend nach einer zweiten umher. „Gedulden Sie ſich, mein Freund“ ſprach der Arzt mit Milde,„ich erhalte noch beſſere Orangen binnen einer Stunde.“ Dann den Krankend fixirend, fügte er gedehnten Tons hinzu: „Es wird mir und Ihnen noch viel ſüßere und ſaftigere Orangen, welche wie ein Kuß der Liebe mun⸗ den, eine ſchöne junge Dame bringen, und dieſe liebens⸗ würdige Dame— ihr Name iſt— Pauline.“ Bei Nennung dieſes Namens war es, als ob plötz⸗ 8 d — . 00 lich aus Robert ein inneres Licht nach außen dränge, die Nacht des Irrſinns mächtig verſcheuchend; ſeine Stirn, ſo eben noch vielfach durchfurcht, glättete ſich mit einem Male, ſein Blick ſtrahlte, ſein ganzer Körper richtete ſich aus ſeiner Verſunkenheit auf, er war ein neues, anderes Weſen. „Pauline!“ rief er mit ſtarker Stimme aus, wäh⸗ rend ſeinen nach allen Richtungen hin forſchenden Augen Funken entſprühten.„Wo iſt Pauline?“ „Genug für jetzt“, ſagte ſich der Arzt; zu ſeinem Kranken aber wendete er ſich mit den Worten:„In einer Stunde wird Pauline hier ſein. Laſſen Sie uns mittlerweile einen Spaziergang machen, oder wollen Sie ein Dejeuner einnehmen? Ganz nach Ihrem Be⸗ lieben.“ Die Glut in Robert's umherſchweifendem Blicke erloſch wieder ebenſo plötzlich, wie ſie aufgelodert, und der momentanen Klarheit folgte in der nächſten Se⸗ kunde die frühere Finſterniß des Geiſtes. „Brod und Waſſer!“ grollte er vor ſich hin. „Aber“ fuhr der Arzt, einer neuen Eingebung fol⸗ gend, mit beſonderer Betonung fort,„gutes Brod und gutes Waſſer, wie wir es gewohnt ſind, und hier in dem ſchönen Garten, unter dem ſchönen Himmel, hier im Freien.“ 76 Wieder, bei den Worten„hier im Freien“ fuhr ein Blitz der Erkenntniß, des Selbſtbewußtſeins durch das verſtörte Gehirn des Unglücklichen und drang flam⸗ mend aus ſeinem Auge. Er faßte krampfhaft des Arztes Rechte mit beiden Händen und blickte ihn an wie einen Freund, dem man erlittene Unbill anvertraut, indem er ausrief: „Im Freien, wie es recht, auf Leben und Tod, wie ich es ihm anbot, nicht im Finſtern, in unwürdiger Behandlung; ſo verfährt man nicht gegen unſereinen.“ „Gewiß ſnicht“, ergänzte der Doctor, ihm ſich an⸗ ſchmiegend;„er konnte ja wählen.“ tun ward das Geſpräch zum Geflüſter, won dem einen mit zller Hingebung, won dem andern mit äußerſter Aufmerkſamkeit geführt. „Wohl konnte er wählen— Piſtole bot es an.“ „Und er— er ſchlug es ausſ?“ „Er iſt ein Bandit!“ „Statt ſich als Mann, zu ſtellen, nahm er die Polizei zu Hülfe—“ „Er iſt ein Meuchler! Ich will aber jetzt hin zu ihm, ſogleich.“ „Nach einer Stunde erſt; wir haben zu warten auf ſie, auf Pauline.“ Degen— ich 70) — — e „Pauline! O, er wird ſie auch eingekerkert haben! „Möglich; nun aber iſt Pauline wieder frei, ſowie Sie ſelbſt es ſind, mein lieber Freund, und ſie wird kommen.“ „Wohin?“ „Hierher zu uns.“ „Wo bin ich denn? Wem gehört dieſer Garten?“ Mi „Ah,'s iſt wahr! Entſchuldigen Sie, ich war zer⸗ ſtreut.“ „Das iſt eine Folge Ihrer langen Einkerkerung.“ „Freilich, freilich! Denken Sie ſich nur, drei lange Jahre in einem finſtern Kerker bei Waſſer und Brod.“ „Die Vorſtellung davon iſt ſchrecklich. War wohl ein tiefer unterirdiſcher Kerker?“ „Sehr tief und voll häßlichen Ungethiers und furcht⸗ barer Erſcheinungen.“ „Und kam er, der Bandit, niemals, um nach Ihnen zu ſehen?“ „Nur ein einziges Mal, am letzten Tage des dritten Jahres. Da wollte ich ihn erwürgen; er aber, weit ſtärker als ich— denken Sie, ich habe dreiſJahre lang nicht gegeſſen, nicht getrunken— Brod und Waſſer wollte ich nicht— ich wollte ſterben vor Hunger und Durſt— der Bandit hat es nicht anders um mich verdient—“ 78 „Er kam da alſo in Ihren Kerker?“ „Ja, und da packte er mich mit eiſerner Fauſt, riß mich hinaus und ſtieß mich auf die Gaſſe.“ „Unmittelbar vor dem Kerker?“ „Ja, vor ſeinem Magazin. Ich war aber nicht in dem großen, ich war im daranſtoßenden kleinen Ma⸗ gazin eingeſchloſſen.“ „Das bricht dieſem Meuchler den Hals. Wenn ich nur ſeinen Namen wüßte—“ „Seinen Namen? Warten Sie— ah, mein Kop iſt ſo wüſt!“ „Fühlen Sie Kopfſchmerz?“ „Nein, die Orange hat mich erfriſcht.“ „Nun, ſie wird noch beſſere bringen, ſie— Pauline—“ „Pauline? Pauline Pi— Picard 2. „Picard, ja ja, Pauline Picard, die Gattin—“ „Dieſes Schurken von Kaufmann, Pauline Picard!“ Letzteres flüſterte nicht, ſondern ſchrie Robert, und es war Zeit einzulenken, um den Leidenden nicht in Wuth zu verſetzen und ihm Zwang anthun zu müſſen. Auch hatte der Seelenarzt bereits mehr erreicht, als er zu hoffen gewagt. Robert's ſtarres Hinbrüten, ähn⸗ lich körperlichem Starrkrampfe, war gebrochen; ſein Denken und Fühlen, wenngleich noch nicht geklärt und riß t in ich op d!“ nd in zu 8 n⸗ in 79 normal, ließ erwarten, daß es bald in ſeinem Geiſte tagen werde; noch lagen Nebelgebilde um ihn, doch zeigte ſich ſchon am Horizonte ein Lichtſtreifen, und der Son⸗ nenaufgang des vollen Bewußtſeins konnte, menſchlich zu ſprechen, nur noch eine Frage der Zeit und zwar einer ſehr kurzen ſein. Die vom Leiter dieſer Heilanſtalt gleich anfangs über Robert geſtellte Diognoſe, daß die Geiſteszerrüt⸗ tung deſſelben hauptſächlich, wenn nicht ausſchließlich eine Folge ſeiner körperlichen Erſchlaffung und demnach bei ſorglicher Pflege und rationeller Behandlung ſeine baldige Wiederherſtellung zu hoffen ſei, erwies ſich nun als wohlbegründet; die Mittel waren nunmehr an⸗ gezeigt und zur Hand, der Arzt wußte jetzt um das Geheimniß, obwohl nur aus dem Munde des Irren ſelbſt; die Thatſache lag klar zu Tage: der Kaufmann Picard, Gattin der jungen Dame, mit welcher Robert ein ſträfliches Verhältniß unterhalten, hatte dieſen ſei⸗ nen Beleidiger dafür, wie er ſelbſt geſagt, gezüchtigt, und dies, indem er ihn gewaltſam in ſeinem Hauſe in einem dunklen Magazine eingeſperrt und drei Tage hindurch bei Waſſer und Brod hatte darben laſſen, eigentlich halb verhungern, da Robert in begreiflichem Ingrimm und verzeihlichem Stolze nichts davon ge⸗ —— noſſen haben mochte. Hierüber mit ſich im Klaren, ſah der Arzt den Weg weiterer Behandlung deutlich vorgezeichnet. Zunächſt galt es, den Aufgeregten möglichſt zu beruhigen. „Kommen Sie jetzt, mein lieber Freund“, ſagte er, indem er ſich erhob,„wir wollen einen Gang durch den Garten machen; dabeitdürfen wir aber wenig oder gar nicht ſprechen, da meine übrigen Freunde und Gäſte, die uns begegnen und begrüßen werden, nichts zu wiſſen brauchen von dem, was Sie mir mitgetheilt; verlaſſen Sie ſich ganz auf mich, es ſoll Ihnen volle Satis⸗ faction werden.“ „Gut“ entgegnete Robert, ſich gleichfalls aufrichtend; „wenn Sie mir dies verſprechen—“ Der Arzt gab ihm den Arm. „Mein Ehrenwort darauf und auch das Wort der Freundſchaft“, ſagte er. Hiermit traten ſie aus der Laube und ſchritten langſam dahin. —————„ ſi Achtes Kapitel. Geheimer Briefwechſel. Der Kampfſcene zwiſchen dem Kaufmann Picard und Madame Duval folgte eine Art Waffenſtillſtand; er blieb bis zum Dejeuner und dann wieder bis zum Diner im Comptoir, wonach er ſich für den Abend in ſein Café begab. Die Unterhaltung während des zwei⸗ maligen Zuſammenſeins war ſelbſtverſtändlich eine ge⸗ ſpannte; man wich Allem aus, was verletzen oder reizen konnte. Die zwei Frauen hatten die Stunde zwiſchen den Mahlzeiten theils zu Hauſe, theils mit Promeniren durch die Stadt zugebracht. Im Hauſe ſelbſt verhielten ſie ſich ſchweigſam, aus Furcht, behorcht zu werden; um ſo Sh ſprachen ſie ſich fern davon aus. Jean Charles, Realiſten und Idealiſten. II. Es war dies zuerſt in den Champs Elyſées. Julie zeigte ſich da in höchſtem Grade pikirt. Mir die Thür zu weiſen“ ſagte ſie,„mir, einer Frau von guter Familie, mir, der Gattin eines könig⸗ lichen Beamten, mir, einer Dame von Bildung! Denn daß er mir die Thür gewieſen, ſteht feſt. Aber nur Geduld! Sie ſollen erfahren, mein Herr Grobian, mit wem Sie es zu thun haben!“ „Und was“ ſeufzte Pauline, was ſoll aus mir werden, wenn Du fort biſt? Jetzt, nachdem er ſich überzeugt hat, daß ich mich für Robert noch intereſſire? Er wird mich tödten, wenn nicht phyſiſch, ſo doch moraliſch— durch ſein Wort, durch ſeinen Blick; dies halte ich nicht aus!“ „Sei ruhig, ich werde Dich nicht verlaſſen, ich werde ſogar länger bei Dir bleiben, als beſtimmt war.“ „Und dann? Nach vierzehn Tagen, nach drei, vier Wochen, was dann? Er wird dieſe Zeit über an ſich halten, uns ruhig gewähren laſſen, aber dieſe ſeine Ruhe wird die Windſtille ſein vor dem Sturm, und dieſer Sturm wird über mein unbeſchütztes Haupt her⸗ einbrechen und es zerſchmettern.“ „Vergiß nicht, daß er Kaufmann, daß er ein Pfahl⸗ bürger iſt, dem an ſeiner mit der Elle zugemeſſenen Namensehre mehr gelegen als an allem Uebrigen; er E wird ganz einfach ſchweigen, damit die liebe Nachbar⸗ ſchaft ſchweige, und zum böſen Spiele gute Miene machen, um den Herrn Gewürzkrämer und den Herrn Bäcker und Fleiſcher an ſein häusliches Glück glauben zu machen.“ „Aber dieſe Häuslichkeit wird mich krank machen, vielleicht wahnſinnig, wie Robert, denn ſie wird für mich eine Hölle ſein; ich kann nicht länger mit dieſem Menſchen leben, ich haſſe, ich verabſcheue ihn!“ Julie ſchwieg eine Weile. Wie leichten Sinnes ſie auch war, ſo mußte ihr dieſer Sachverhalt doch als ein ſehr bedenklicher er⸗ ſcheinen. Was in der That ſollte, konnte da geſchehen? Wie ihre Freundin beruhigen, wie ihr helfen? Tren⸗ nung von ihrem Gatten vorſchlagen? Paulinens Aeltern waren arm. Zu dieſen zurückzukehren war in jedem Betracht eine Unmöglichkeit. In Paris bleiben? Wo⸗ mit ihre Exiſtenz ſichern? Selbſt zugegeben, daß ihr Picard eine Rente ausſetzte, würde Pauline dieſe nicht mit Entrüſtung zurückweiſen? Auch das ging nicht an. Von Arbeit leben? In einen Dienſt treten? Zu Beidem eignete ſich Paulinens ganzes Weſen nicht. Was aber ſonſt? Es gab da für einen Kopf wie der von Madame Duval nur noch einen Gedanken, den gewagteſten 6 — und verwerflichſten gewiß, aber nur den einen: an Robert. Er— in Annahme ſeiner möglichſt baldigen und vollſtändigen Wiederherſtellung— er, der Mann ihres Herzens, der Urheber ihres Zerwürfniſſes mit Picard und demzufolge ihrer Vereinſamung und Verarmung, Robert konnte und mußte ſie retten vor Verzweiflung, ſie aufrichten und glücklich machen. Dieſer Gedanke durchzuckte Juliens Gehirn wie ein Blitz, und dieſem Blitze folgte nicht der Donner des Gewiſſens mit dem erſchütternden Gedanken an Gott, an die Heiligkeit der Ehe, an die Würde der Frauen. Sie ſchmiegte ſich an ihre troſtloſe Freundin und flüſterte ihr zu: „Pauline, ich werde ſo lange Dir zur Seite bleiben, bis Robert geneſen iſt; der Arzt gab Hoffnung, und mir ſagt es eine innere Stimme, daß dieſe Geneſung bald, ſehr bald eintreten wird. Dann, mein Kind, iſt Alles gut; dann kannſt Du Picard's Haus für immer verlaſſen, denn Robert wird Dich nicht verlaſſen, und Du wirſt glücklich ſein und er wird es ſein mit Dir.“ Pauline erbebte, diesmal aber nicht in Schmerz, ſondern in Hoffnung, in Wonne, und ihr Haupt, noch eben gramgebeugt, richtete ſich auf wie ein nach ſchwerem Gewitterregen von friſchem Luftzuge gehobener Halm. 85 „Julie“, ſtammelte ſie,„Du läßt mich in einen Himmel blicken! Du glaubſt alſo, daß Robert bald ge⸗ neſen und daß er mich immer lieben wird?“ „Ich bin feſt davon überzeugt.“ „O dann werde, dann kann ich noch dieſe Zwiſchen⸗ zeit in dieſem entſetzlichen Hauſe verbleiben, doch ſelbſt dann nicht ohne Dich!“ „Ich bleibe Dir zur Seite. Monſieur Picard ſoll mir büßen! Mir die Thür zu weiſen, mir, nach deren Umgange die ſganze gebildete Männerwelt von Dijon geizt und auch die von Paris ſich drängen würde, wenn man mich kennte, wie ich wohl behaupten darf, ohne mich ſelbſt zu überſchätzen; ich fühle mich ganz einfach, wie Jeder von Qualité ſich fühlen muß, iſt er nicht ein Schwachkopf.“ Nun einmal dieſer Gedanke an Robert ausgeſprochen und als unabweisbar angenommen war, lichtete es ſich um Pauline raſch, und die noch übrigen Stunden dieſes Tages brachten ſich angenehm zu. Hatte ja doch die Unterhaltung der zwei jungen Frauen jetzt ein unerſchöpfliches Thema, welches ſogar Gegenſtände der Moden, des Putzes und dergleichen nicht ausſchloß. In Betreff Robert's erklärte ſich Julie bereit, da ſie bei allem perſönlichen Muthe oder Uebermuthe es 86 doch nicht wagen wollte, aus Rückſicht für Pauline nicht wagen konnte, ſich wiederholt nach der maison de santé von Paſſy zu begeben, an den Leiter der Anſtalt unter ihrem fingirten Namen zu ſchreiben und ſich unter Zuſicherung dankbarſter Erkenntlichkeit von demſelben briefliche Nachrichten poste restante zu er⸗ bitten. Und dies that Madame Duval noch am Morgen des nächſten Tages. Gegen Abend begab ſie ſich mit ihrer Freundin, da deren Gemahl keinen Vorſchlag für Theater oder Pro⸗ menade gemacht, ſich überhaupt ganz paſſiv, wenngleich nicht unhöflich verhalten hatte, nach dem Boulevard und von da zur Poſt, nicht aber, ohne zeitweiſe ſcharfen Umblick zu halten. In der That die erſte Antwort aus Paffy! Und dieſe Antwort, von den ſchönen Augen gierig verſchlungen, lautete günſtig, wenngleich nur in unbe⸗ ſtimmten kurzen Ausdrücken. Genug, ſie teichte hin, Hoffnung zu nähren, zu ſtärken! So ſchwanden auch die zwei nächſtfolgenden Tage raſch dahin. Beide brachten wieder Nachrichten, und die letzte ſprach ſich ſogar dahin aus, daß Doctor Robert, falls kein Zwiſchenfall, der nicht vorher zu ſehen, ſtörend eintrete, ſchon in kurzem, nach etwa acht Tagen den 87 Aufenthalt in der Anſtalt mit dem an einem Badeorte oder auf dem Lande, nur nicht in nächſter Nähe von Paris, vertauſchen könne. Wer war glücklicher als Pauline! Dem Jubel ihrer Seele aber ſetzte Julie einen Dämpfer auf, indem ſie ſpäter auf der Promenade ſich alſo vernehmen ließ: „Wir haben noch gegen Monſieur Picard auf unſerer Hut zu ſein. Er ſcheint über etwas zu brüten; ſeine Schweigſamkeit und gemeſſene Höflichkeit gefällt mir nicht, ſie macht mich ſtutzen; indeß laß Dich das nicht beunruhigen, ich bin ja zur Stelle, ich!“ Tags darauf, da Madame Duval eben wieder nach Paſſy geſchrieben und auch ihre Toilette zum Ausgehen beendet hatte, trat Madame Picard mit einem Brief in der Hand bei ihr ein. „Aus Dijon“, ſagte ſie, ihr den Brief reichend. Julie nahm und erbrach ihn lachend. „Endlich, mein brieffauler Herr Gemahl, endlich!“ rief ſie heiter aus. Aber— ſie konnte kaum drei Zeilen geleſen haben — der Ausdruck dieſer Heiterkeit wich plötzlich dem des Staunens, der peinlichſten Ueberraſchung und dem, nachdem ſie den ganzen Brief geleſen hatte, des un⸗ bändigſten Zorns. . 88 „Schändlich! Nichtswürdig! Infam!“ ſchrie ſie auf, das Papier in ihrer kleinen Hand zerknitternd und zuſ ammenballend. Pauline, beſtürzt, beſchwört ſie um Aufklärung. Julie wirft Blicke um ſich, wie eine angeſchoſſene Tigerin nach dem verborgenen Schützen. Wehe dieſem, wenn er ſich zeigt, er wird zerfleiſcht! „Himmel, Julie, was gibt es?“ „Komm, nimm Hut und Fächer, ſo wie ich. Fort, ich erſticke ſonſt!“ Beide verließen ſofort das Haus. Hundert Schritte weit davon raunte Julie ihrer noch immer beſtürzten Freundin zu: „Einen ähnlichen Verrath hat die Welt noch nicht erlebt!“ „Aber laß mich doch wiſſen, was geſchehen, was man Dir geſchrieben!“ „Nun, ſo vernimm! Mein Mann ſchreibt mir da und in nichts weniger als dem ihm ſonſt eigenen herz⸗ lichen, ja zärtlichen Tone, daß ich— o ſchändlich, ſchändlich!— daß ich nach Empfang dieſes Briefes ſofort Paris verlaſſen und nach Dijon zurückeilen ſolle, da ein wichtiges Begebniß meine unverweilte Rückkunft dringend erheiſche.“ „Das iſt ſchmerzlich, meine theure Julie, aber mehr 89 für mich als für Dich. Dein Mann würde Dich hierzu nicht aufgefordert haben, wenn nicht etwas Bedeutendes vorgefallen wäre.“ „Allerdings iſt etwas Bedeutendes vorgefallen, aber nicht in Dijon, ſondern hier, in Eurem Hauſe.“ „Ich verſtehe Dich nicht.“ „Nicht? Und lebſt ſchon ſo lange in Paris! So will ich denn deutlicher ſprechen. Dieſes Schreiben meines Mannes erklärt mir das Schweigen des Deinigen dieſe Tage über. Ah, Mon⸗ ſieur Picard, wenn ich Sie nicht als einen Schändlichen bezeichnen müßte, ich würde Sie witzig nennen! Ob Sie übrigens meinem Witze gewachſen, muß ſich noch zeigen.“ „Aber— liebe Julie—“ „Ja ſo! Nun, gib Acht. Monſieur Picard hat, unmittelbar nach unſerm Beſuche in Paſſy, an Monſieur Duval geſchrieben—“ „Steht dies in ſeinem Briefe?“ „Jah, aber zwiſchen densZeilen. Dein Mann hat alſo an meinen geſchrieben und ihm, natürlich unter dem Siegel der ſtrengſten Verſchwiegenheit, ſein häus⸗ liches Mißgeſchich, wenigſtens ſein momentanes Zer⸗ würfniß mit Dir'anvertraut, mit der dringenden Bitte, mich, Madame Duval, unter irgendwelchem 90 Vorwande von hier ab und nach Hauſe zu berufen, da ich zu intim, zu gütig mit Dir und demnach ihm viel zu hinderlich ſei, ihm, Deinem überaus witzigen Mann.“ „Dies aber ſteht Alles nicht eigentlich in Duval's Briefe?“ „Recht eigentlich, nur eben nicht geſchrieben.“ „O mein Gott, dann bin ich doch verloren!“ „Dann? Beachte ich denn dieſen Brief? Verlaſſe ich denn Paris?“ „Wie— Julie— Du wollteſt—“ „Ja, ich will! Ich will vor allem ſehen, wie Monſieur Picard ſich als Grimaſſenmacher ausnehmen wird. Dann wollen wir weiter ſehen.“ „Aber es könnte ſich ja doch ſo verhalten, wie Dein Mann ſchreibt.“ „Dann hätte er nicht einen ſo kategoriſchen Ton angeſchlagen; verlaſſe Dich darauf, daß ich hierin Recht habe.“ „Um ſo ſchlimmer.“ „Für beide Herren; beide ſollen dieſe Perfidie be⸗ reuen.“ Das Dejeuner vereinte auch heute um die gewöhn⸗ liche Stunde die feindlichen Parteien, und in Picard's Miene und Benehmen zeigte ſich keine Veränderung. vo ge w. un be Pr jet die na ind Ge wi Ko zur i, in on in n⸗ B 91 Seine Frau hatte den ominöſen Brief aus Dijon vom Stubenmädchen erhalten, welchem er im Vorüber⸗ gehen vom Comptoir aus für Madame Duval zugeſtellt worden war; Picard mußte alſo um denſelben wiſſen, und wußte er darum, ſo war ihm auch deſſen Inhalt bekannt, in der Annahme, daß Duval auf ſein geheimes Project eingegangen; in dieſem Falle war demnach ſeine jetzige ganz gleichgültige Haltung ein neuer Beweis für die Feſtigkeit ſeines Charakters. Dieſe Feſtigkeit ſollte aber auf eine noch härtere Probe geſtellt werden. Die Frühſtückenden befanden ſich ohne Zeugen, wenigſtens ohne ſichtbare. Julie zog nun den Brief unter ihrem Batiſttuche hervor und legte ihn gelaſſen vor Picard hin., „Bitte zu leſen“, ſagte ſie ruhig,„was mir mein Mann da ſchreibt.“ Picard legte ebenſo ruhig Meſſer und Gabel weg, nahm und las den arg zerknitterten Brieff mit ſo indifferentem Geſichtsausdrucke, wie er etwa einen Geſchäftsbrief unbedeutenden Belanges geleſen haben würde. Mit derſelben Miene und einer leichten kalthöflichen Kopfneigung gab er den Brief an Madame Duval zurück, nicht aber ohne mit einem Blicke ſeine Frau 92 flüchtig zu ſtreifen, die, ein Bild der Verlegenheit und peinlichen Erwartung, auf ihren Teller niederſah. „Es iſt eigen“ bemerkte er leichthin,„daß Ihr Herr Gemahl nicht ſchreibt, was vorgefallen, daß er Madame unnöthigerweiſe beunruhigt, während es ſich wahr⸗ ſcheinlich um ganz Geringfügiges handelt, was ich mindeſtens wünſche.“ Julie hatte ihn nicht aus den Augen gelaſſen, und ſeine Ruhe, die jede andere Perſon irregemacht hätte, beſtärkte ſie nur in ihrer Annahme, daß dieſe Heim⸗ berufung ein Werk ſeiner Intrigue ſei. „Sie ſind ſehr gütig“, entgegnete ſie mit ſtaunens⸗ werther Heiterkeit,„und ich danke Ihnen für die freund⸗ ſchaftliche Abſicht, mich zu beruhigen; doch bedarf es deſſen nicht, icht fühle mich durch dieſen Brief ſo wenig beunruhigt, daß ich feſt enſchloſſen bin, demſelben keine Folge zu geben, ſondern Ihre liebenswürdige Gaſt⸗ freundſchaft noch purch einige Wochen in Anſpruch zu nehmen.“ Das war, angenommen, daß Picard dieſes Schreiben Duval's veranlaßt hatte, gewiß eine harte Probe für ihn; ſeine Miene aber verrieth nichts davon, nicht das leiſeſte Wimpernzucken war zu bemerken. Madame Duval, immer noch an ihrer Ueberzeugung feſthaltend und ihn fixirend, empfand, ſelbſt Meiſter in der Ma nich Sta zum zu 3 und gnü nur Gen ſchäf weil abre mit Gen was wir dabe ſamr könn Dijo Duv artig und Herr ame ahr⸗ ich und ätte, eim⸗ ens⸗ und⸗ enmi keine Gaſt⸗ ch zu eiben e für gung er in 93 der Verſtellungskunſt, eine Art Achtung für dieſen Mann, welche Achtung, die freilich den bitterſten Haß nicht ausſchloß, im nächſten Augenblicke zu hohem Staunen, zur Bewunderung ſich ſteigerte, als Picard, zum Entſetzen für ſeine Frau, ſich, ohne eine Sekunde zu zögern, im artigſten Tone alſo vernehmen ließ: „Das, Madame, iſt ſelbſtverſtändlich Ihre Sache, und es wäre mir ebenſo natürlich ein großes Ver⸗ gnügen, Ihre Geſellſchaft noch länger zu genießen; nur muß ich leider, wenigſtens für jetzt, auf dieſen Genuß werzichten, da auch ich einen wichtigen Ge⸗ ſchäftsbrief aus Genf erhalten habe, der mich unver⸗ weilt dahin ruft und wohin ich denn auch noch morgen abreiſen werde, und zwar in Begleitung meiner Frau, mit welcher ich nach beendigtem Geſchäfte in dem ſchönen Genf eine Reiſe durch die ganze Schweiz machen will, was meine Pauline gewiß um ſo mehr freuen wird, als wir ſeit unſerm Honigmond keine Reiſe unternommen; dabei trifft es ſich gewiß recht hübſch, daß wir zu⸗ ſammen die Fahrt ſbis Dijon gemeinſchaftlich machen können, da die Route von Paris nach Genf gerade über Dijon führt.“ „Das iſt ein wahrer Teufel!“ ſagte ſich Madame Duval, indem ſie, ein Glas Waſſer trinkend und ſich artig verneigend, erwiderte: 94 „Sie gießen damit ein wenig Balſam auf die Wunde der Trennung.“ Gleich dem Charakter ihres Gegners hatte auch der ihrige in dieſem Momente glänzend die Feuerprobe beſtanden. Nicht ſo der von Madame Picard. Ihrem Weſen war das Alles zu gewaltig; kalter Schweiß ſtand in großen Perlen auf ihrer Stirn, ſie ſtöhnte nur einmal auf und ſank in die Lehne des Fauteuils halb bewußt⸗ los zurück. Picard und Julie ſprangen eiligſt herzu und führ⸗ ten ſie auf ihr anſtoßendes Gemach. „Ich muß ihr das Kleid lüften“, ſagte Julie mit einem gebieteriſchen Blicke nach Picard, und dann, in⸗ dem er ſich zurückzog, raunte ſie ihm noch zu:„Mit ſolchen Nerven kann man nicht reiſen.“ „Orts⸗ und Luftveränderung dürften ihr gut thun“, erwiderte er laut und verließ das Boudoir. Nach einigen Minuten hatte Pauline ſich erholt, nur daß ihr Blick mit einem Ausdrucke von Hoffnungs⸗ loſigkeit auf ihrer Freundin ruhte. Dieſe, nachdem ſie ſich durch den Augenſchein über⸗ zeugt, daß Picard die Fortſetzung des Frühſtücks auf⸗ gegeben und ſich entfernt hatte, ließ ſich ihr zur Seite nieder. 95 „Noch bin ich nicht“ ſagte ſie,„aus dem Felde geſchlagen, und die halbe Ohnmacht, wenngleich zu⸗ fällig oder natürlich, war eine ganz treffliche Diverſion zu Gunſten meines Schlachtplans; das Mittel iſt ge⸗ funden, Du bleibſt von heute an acht Tage lang un⸗ wohl, und ich— ich bleibe bei Dir. Monſieur Picard, dem Genie eines Weibes iſt das Ihrige nicht gewachſen!“ Neuntes Kapitel. Mannesſinn und Frauenherz. ——— In der Zwiſchenzeit von Dejeuner und Diner, die Picard wie gewöhnlich in ſeinem Geſchäfte zubrachte, ließ er ſich zu wiederholten Malen nach dem Befinden ſeiner Frau erkundigen. Pauline hütete das Bett. Und dies in der That nicht aus Verſtellung; ſie fühlte ſich ſehr angegriffen, ſie war wirklich leidend. Julie leiſtete ihr Geſellſchaft. Picard kam kurz vor dem Diner, ſelbſt nach ſeiner Frau zu ſehen. Dieſe ſchlummerte und er zog ſich ſogleich wieder zurück. Julie begleitete ihn hinaus. „Entſchuldigen Sie mich für heute, wenn ich Sie allein ſpeiſen laſſe“, ſagte ſie ganz ruhig. — — 87 „Wollten Madame noch vor dem Diner mir einen Augenblick Gehör ſchenken?“ fragte er ebenſo. Julie ſtutzte ein wenig, doch nur eine Sekunde lang. „Ich bin bereit“, erwiderte ſie. „Folgen Sie mir gefälligſt in den Salon.“ Der Salon war durch mehrere Zimmer vom Bou⸗ doir Paulinens getrennt. Dieſe wurden ſchweigend durchſchritten und Picard ließ ſich Madame Duval gegenüber in einem Fauteuil nieder. „Was kann er nur wollen?“ dachte ſie ſich, indem ſie ihn unabläſſig ſcharf im Auge hielt. Dieſe geheime Frage hatte um ſo größere Berech⸗ tigung, als Picard in Ausſehen und Haltung ſich auf⸗ fallend verändert zeigte; er ſah bei weitem nicht ſo ruhig aus, er hielt ſich nicht ſo ſtramm wie gewöhn⸗ lich, auch die ſonſtige Feſtigkeit ſeines Blicks war einer Art Unſicherheit gewichen, die etwas wie Wehmuth an ſich hatte. „Madame“, begann er nach kurzer Pauſe ſchwer aufathmend und in einem Tone offener Zutraulichkeit, der keinen Gedanken an Verſtellung in ſeiner verwun⸗ derten Zuhörerin aufkommen ließ,„geſtatten Sie einem Unglücklichen ein Wort vertrauensvollſter Hin⸗ gebung.“ Jean Charles, Realiſten und Idealiſten. II. ein Wort zu ſagen. 98 Julie ſtimmte durch eine leiſe Neigung des Haup⸗ tes bei. „Ich bin“ fuhr er mit unſicherer, faſt bebender Stimme halblaut fort,„wiewohl geſegnet mit den reichen Früchten des Gewerbfleißes, mit zeitlichen Glücksgütern, ein Unglücklicher und als ſolcher wende ich mich heute, jetzt an Sie, nicht an Ihren Geiſt, der dem meinigen überlegen iſt, ſondern an Ihr Herz, an Ihr Gefühl. Glich unſer Verfahren gegen einander dieſe Tage her einem Spiele mit gedeckten Karten, ſo laſſen Sie uns heute die Karten aufdecken, offenes Spiel halten, ein Spiel ſchmerzlichſten Ernſtes. Ich bin, glauben Sie mir, von Natur nicht danach an⸗ gethan, Intriguen einzuleiten und durchzuführen; habe ich Derartiges in letzter Zeit verſucht, ſo war es ein Act der Nothwehr und, was ich erſann, nichts weiter als ein Beweis für das Volkswort: Die Noth macht erfinderiſch. All dergleichen widerſtrebt aber meinem eigenſten Weſen, iſt mir in der Seele verhaßt. Ich fühle mich in Wahrheit ſehr unglücklich, denn, o Ma⸗ dume Hier verſagte ihm die Stimme und er ſenkte die Augenlider, um ſeine Thränen zu verbergen. Julie hörte und ſah dies und war unfähig, ihm 99 Wie das Weib einerſeits am Manne nichts höher anſchlägt und nichts mehr liebt als den Ausdruck der Kraft, denn nur in der Kraft beſteht die männliche Schönheit, woraus ſich auch die Vorliebe des zarten Geſchlechts für den Stand des Kriegers erklärt, weil dieſer wenigſtens die Abzeichen der Kraft, Waffen, an ſich trägt; gleichwie, ſagen wir, die Kraft, geiſtige oder körperliche, dem Weibe Liebe und Bewunderung ein⸗ flößt, ſo fühlt ſich andererſeits das Frauenherz durch nichts heftiger erſchüttert und zur Theilnahme beſtimmt, als wenn es ſich einem Manne von Kraft gegenüber ſieht, der leidet; Thränen in den Augen eines ſtarken Mannes, der untrügliche Beweiſe von Geiſteskraft und Muth gegeben, ſind von erſchütternder Wirkung auf jedes menſchliche, noch nicht entmenſchte Gemüth, denn weint ein ſolcher Mann, ſo weint ſelbſt der Himmel mit und die Hölle ſtutzt. Julie, das ſchöne junge Weib, war leichten Sinnes, ein verhätſcheltes Kind, zu Intriguen geneigt und auch, wie wir geſehen, befähigt, kurz eine reizende Unart, aber ihr Gemüth war trotz aller Leichtfertigkeit ihres Sinnes, dem es an religiöſem Halt gebrach, nicht böſer Art, im Gegentheile leicht empfänglich für Freuden und Leiden Anderer. Sie war zu dem Kampfe gegen den Gatten ihrer Freundin durch vielerlei Umſtände engagirt — 3 100 worden, und dieſer Kampf hatte, indem er ihren Geiſt ins Feld führte, ſie aufgeregt und bis zur Stunde in Waffen gehalten; in dieſem Momente jedoch, da ſie ihren Gegner vor ſich leidend, in ſeinen Augen Thrãä⸗ nen ſah, fühlte ſie ſich entwaffnet und räumte, noch bevor er Alles zu ihrer Bezwingung verſucht hatte, ſchweigend das Feld. Picard blickte nicht auf, indem er mit unverkenn⸗ barer Anſtrengung ſich ſammelnd alſo weiter ſprach: „Ich liebe Pauline mehr als mein Leben, nicht einen Augenblick würde ich anſtehen, mein Leben für ſie zu opfern; ſie liebt mich nicht, ſie, o mein Gott! Pauline haßt mich wohl gar. Ich hatte bisher gehofft, durch meine liebevolle und unverbrüchlich treue Hingebung ihr Herz zu gewinnen, ihre Achtung, deren ich doch nicht unwürdig war, in Neigung zu verwandeln, wenn auch nicht in jene Liebe, die ich für ſie fühlte und im⸗ mer fühlen werde, wie wehe ſie auch meinem Herzen thun mag. Und das, ſehen Sie, macht mich unglück⸗ lich. Sie faßte Neigung zu einem Manne, der, an mir und meinem Hauſe ein Verräther, ihre durch romaneske Verkehrtheit genährte Neigung kbis zur Leidenſchaft, zum Verbrechen ſteigerte. Nun, dieſen Verräther, dieſen gewiſſenloſen Verletzer des Heiligſten, das die Geſell⸗ ſchaft beſitzt, des Familienthums, des häuslichen Friedens, ————„ W— W — M 101 der bürgerlichen Ehre, des von Gottes Hand geſchlun⸗ genen Bandes, dieſen Elenden habe ich gezüchtigt und die ewige Gerechtigkeit hat fortgeſetzt und vollendet, was ich gegen ihn zeitlich begonnen, ſie hat ſeinen Geiſt, als unwürdig des Erkenntnißlichts, mit Nacht umhüllt, wenn auch nicht für immer. Er wird, ich habe mich erkundigt, geneſen. Dann wird er mir wahr⸗ ſcheinlich ein Cartel ſchicken, und ich werde es an⸗ nehmen. Tödtet er mich, um ſo beſſer; Pauline wird dann vielleicht dem um ſie Geſtorbenen widmen, was ſie dem Lebenden verſagte, ein liebevolles Gedenken. Ihnen, Madame, habe ich, weit entfernt von allen Vyrwürfen, da Sie eben nur als Freundin Paulinens gehandelt, nur noch zwei Worte zu ſagen. Darf ich?“ „Ich bitte Sie darum“ ſtammelte Julie, nun auch ihrerſeits mit Thränen im Auge. „Sie werden“, ſagte Picard,„bei Ihrem Herrn Ge⸗ mahl den Brief leſen, welchen ich an ihn geſchrieben, und finden, daß ich die äußerſte Delicateſſe beobachtet habe. Das iſt eins. Mein zweites Wort iſt eine nothgedrungene inſtändige Bitte an Sie, Madame; die Bitte, noch morgen meiner Frau zu ſagen, daß Sie einen zweiten Brief aus Dijon erhalten hätten, deſſen Inhalt Ihre Abreiſe unaufſchiebbar mache; es iſt das allerdings eine Unwahrheit, aber gewiß keine 102 Gott mißfällige, weil eine moraliſch nothwendige und möglicherweiſe nützliche.“ Picard ſchwieg. Julie erhob ſich und reichte ihm die zitternde Hand mit den Worten:„Ich werde handeln nach Ihrem Wunſche; werden, können Sie mir verzeihen?“ Picard berührte dieſe Hand mit ſeinen bebenden Lippen. „Gott ſegne Sie dafür!“ flüſterte er. „Und er ſei mit Ihnen!“ entgegnete Julie. So ſchieden ſie für den Augenblick. Madame Duval ließ ſich zum Diner etwas Weniges auf ihr Zimmer bringen, berührte aber ſelbſt dieſes Wenige nicht und ſchickte ſich bald danach an, einen Ausgang zu machen. Es war ihr bereits innerſte Nothwendigkeit ge⸗ worden, einem Geſpräche mit Paulinen auszuweichen, was ſie um ſo leichter bewerkſtelligen konnte, da dieſe infolge der furchtbaren Aufregung ermattet, wenn auch nur halb ſchlafend, dalag. Als Julie gegen Abend zurückkam, fand ſie ihre Freundin zwar noch zu Bette, aber doch in ruhigerem Zuſtande. Trotzdem war es ihr unmöglich, einem Geſpräche ſich auszuſetzen, das vorausſichtlich um den ihr jetzt 103 peinlichen Gegenſtand ſich drehen mußte, und ſie ſchützte nun ihrerſeits Migräne vor und zog ſich nach Aus⸗ tauſch weniger indifferenter Worte auf ihr Zimmer zurück. Am nächſtfolgenden Morgen war es Pauline, die zuerſt bei ihrer Freundin eintrat. „Himmel, was machſt Du?“ rief ſie noch unter der Thür aus. Julie wendete ſich von ihrem Koffer, mit deſſen Packen ſie eben beſchäftigt war, der Ueberraſchten mit dem unerkünſtelten Ausdruck hohen Ernſtes zu und reichte ihr aufſeufzend die Hand. „Guten Tag, meine liebe Pauline“ ſagte ſie,„Zuten Tag und guten Muth. Ich muß abreiſen, muß nach Hauſe. Komm, ſetze Dich, beruhige Dich.“ „Aber wie ſoll ich mir Deine plötzliche Sinnes⸗ änderung erklären?“ fragte, noch immer höchſt erſtaunt oder vielmehr erſchreckt, Madame Picard, indem ſie neben ihrer Freundin in die Cauſeuſe ſank. „Ich habe“ entgegnete dieſe nicht ohne einiges Zögern,„noch geſtern Abend einen zweiten Brief aus Dijon erhalten; wir hatten Deinem Manne Unrecht gethan, es liegen in der That wichtige Gründe vor zu meiner unverweilten Rückkehr; ich reiſe noch dieſen Vormittag ab.“ 104 „Und ich, Pauline, was ſoll ich, o mein Gott, ich!“ „Du? Nun, Du wirſt, wenn auch ſpäter, nach der Schweiz reiſen.“ „Ich mit ihm? Nimmermehr! Aber das weißt Du ja, Du fühlſt ja, daß mir dies unmöglich iſt. O Himmel!“ „Noch einmal, beruhige Dich, Pauline. Für den Augenblick läßt ſich nichts Anderes thun. Du wirſt mir ſchreiben, ich werde Dir antworten, und ich denke, ich hoffe, es wird Alles gut werden.“ „Gut werden ſo Schlimmes? Derart Schlimm⸗ gewordenes kann ſich nur verſchlimmern!“ „Da ſei Gott vor!“ „Gott? Er verläßt mich, indem Du mich ver⸗ läßt.“ „Pauline, ich kann nicht anders.“ „Und auch ich nicht, Julie, auch ich nicht!“ „Wie Du nur ſo ſprechen kannſt! Sei doch vernünftig!“ „Mich gähnt ein Abgrund an—“ „So wende Dich ab davon mit einem Blicke in Dein Inneres.“ „Da eben iſt der Abgrund.“ „Nun denn, ſo blicke auf zu Gott!“ „Das ſagſt Du mir, Du, Julie?“ „Ja, und Du haſt mir zu verzeihen, da ich ſelbſt x —————————— — 105 es mir nicht verzeihen kann, daß ich Dir dies nicht ſchon früher geſagt.“ „Aber bin denn ich, ſind denn wir beide über Nacht wahnſinnig geworden? Deine Sprache wenigſtens klingt wie die des Wahnſinns.“ „Sie mag ſo klingen, ſie iſt es aber nicht.“ „Nicht? Und was wir noch geſtern beſprochen und beſchloſſen?“ „Das war wahnſinnig.“ „Und dies ſagſt Du mir ſo rundweg?“ „Jedes Scheiden iſt eine Art Sterben und im Tode iſt Wahrheit.“ „Im Tode? Ja, Du haſt Recht, denn Du tödteſt mich durch Deinen ſo plötzlichen, ſo unbegreiflichen Ab⸗ fall.“ „Nicht ſo, liebe Pauline; ich bleibe Dir eine Freundin, treu und wahr.“ „Aber ich beſchwöre Dich, was iſt denn nur ge⸗ ſchehen? Du biſt ja nicht mehr dieſelbe! Was fiel denn nur vor?“ „Nichts, mein Kind, ich habe blos nachgedacht.“ „Nachgedacht? Und was haſt Du da gefunden?“ „Daß es beſſer wäre, wenn Du Dich mit Deinem Manne verſöhnteſt.“ „Nimmermehr! Aber eine ſolche Sinnesänderung 106 wie die Deinige binnen wenigen Stunden, von geſtern auf heute iſt ja eine Unmöglichkeit!“ „Oft reichen wenige Minuten dazu hin.“ „Dies kann ja doch nur durch den Brief Deines Mannes veranlaßt worden ſein.“ „Oder durch eigenes Nachdenken. Pauline, ich meine es gut mit Dir.“ „Dies Dein letztes Wort?“ „In dieſer Angelegenheit und für diesmal ja.“ „Nun denn“, ſprach Pauline mit einem Ausdrucke, der nichts Weibliches mehr an ſich hatte, indem ſie ſich erhob,„ſo vernimm auch mein letztes Wort! Dein Ver⸗ rath an mir iſt der ſtärkſte Schlag, der mich getroffen. Du ſagſt Dich von mir los, Du überläßt mich mir allein und ich werde auch allein handeln, ich fühle in dieſem Augenblicke in mir die Kraft dazu, und dieſe Kraft, deß ſei gewiß, wird mich nicht verlaſſen!“ „Aber, Pauline, nimm doch Vernunft an!“ flehte Julie, die außer ſich Gebrachte mit ihren Armen um⸗ ſchlingend. Dieſe riß ſich los. Kein Wort weiter!“ rief ſie funkelnden Blickes aus und verließ raſch das Gemach. Eine Stunde ſpäter, nachdem das Gepäck beſorgt und auch der Wagen ſchon vorgefahren war, der 107 n Madame Duval nach der Meſſagerie royal zu bringen hatte, nahm die nun tief betrübte junge Frau Abſchied von Picard, der ihr noch einmal mit einem nur ihr 8 verſtändlichen Blicke dankte, und begab ſich dann allein 1 nach Paulinens Zimmer. h„Madame iſt ausgegangen“ ſagte das Dienſtmädchen. Julie entfernte ſich ſchweren Herzens und verließ das verhängnißvolle Haus und bald darauf auch das ſchöne und doch ſo ſchreckliche Paris. Zehntes Kapitel. Standpunkte. Unſere Bekannten, der Schriftſteller Karl, der Ma⸗ ler Max und Ernſt der Chemiker, hatten ſich in dieſer Zeit jeden Tag in gewohnter Weiſe zuſammengefunden und freundſchaftlich beſprochen, was über Robert und das unglückliche Ehepaar Picard in Erfahrung gebracht worden. Letzteres war nicht von Belang, da der Maler als der Einzige, der in Picard's Hauſe Zutritt gehabt, die⸗ ſen eingebüßt hatte. Was man trotzdem über das Fa⸗ milienleben des Kaufmanns erfuhr, beſchränkte ſich auf das indiscrete Geſchwätz von deſſen Nachbarn, die Max in dem von Picard frequentirten Café ein paarmal zu hören Gelegenheit ſuchte und auch fand. Dieſen freund⸗ nachbarlichen Aeußerungen zufolge war das nach außen u n 109 hin als ganz geordnet und ſchön dargeſtellte Verhältniß von Monſienr und Madame Picard nichts als eitel Schein und Trug, das Zerwürfniß beider ein unheil⸗ bares. Beſſer und genauer lautete, was man über Robert's Zuſtand vernahm. Max war zu wiederholten Malen in der Heilanſtalt geweſen und hatte den Leiter derſelben angelegentlichſt geſprochen. Robert hatte ſein volles Bewußtſein wiedererlangt und ſollte nach der Weiſung ſeines Arztes demnächſt ſeinen Aufenthalt, und zwar für den ganzen Sommer, in Verſailles nehmen, wo die ſchöne Natur im Verein mit den zahlreichen Werken der Kunſt die gänzliche Wiederherſtellung zweifellos bewirken mußte. Von der Art jener Züchtigung, die Robert's Irr⸗ ſinn verurſacht hatte, ſprach der Arzt nicht; dies blieb ſeinen Freunden nach wie vor ein Geheimniß, falls ſie nicht des Malers Behauptung, daß ihn Picard ſelbſt in Haft gehalten, gelten laſſen wollten. Auch ertheilte der Arzt den Rath, Robert erſt nach Verlauf einiger Zeit in Verſailles zu beſuchen, wohin er ſelbſt aber wenigſtens einmal in der Woche zu kommen verſprach, um nach ſeinem Pflegebefohlenen zu ſehen. Karl wollte bereits Paris verlaſſen, um nach 3 „Was meinſt Dud Welches Andere?“ fragten die Freunde. „Max wird mich vielleicht nicht, aber Du, Ernſt, ſicher belächeln, wenn ich ſage, was in mir vorgeht.“ Ernſt reichte ihm die Hand. „Sprich Dich aus!“ ſagte er ruhig. „Nun denn“ nahm Karl nach kurzem Schweigen wie⸗ der das Wort,„ich will es ſagen. Betrachte ich mir im Geiſte von meinem Standpunkt, dem des Spiritualis⸗ mus, dieſe Vorgänge in letzter Zeit, und es drängt mich unausgeſetzt zu dieſer Betrachtung, ſo überläuft es mich eiskalt, während mir die Stirn erglüht und mein Blut wallt; ich habe die innere Gewißheit, daß uns, als moraliſch nothwendige Folge dieſer gottloſen Anfänge und Fortſetzung, zum Abſchluß etwas Unge⸗ heuerliches bevorſteht, ein Schluß dieſes unſeligen Familiendramas, an dem wir drei halb als Zuſchauer, halb als Mitſpieler Theil genommen haben, der ein anderer als ein tragiſcher nicht ſein kann; und dieſer furchtbaren Kataſtrophe, obſchon ich von ihrer Geſtal⸗ tung zur Stunde keine Ahnung habe, wollte ich aus dem Wege gehen; nun Ihr es aber wünſcht, daß ich noch verweile, bleibe ich und theile mich mit Euch in das Unvermeidliche.“ „Ich kann“ ſagte Ernſt,„ſolche Vorgefühle nicht 110 Deutſchland zurückzukehren; die Freunde drangen jedoch ſo ſehr in ihn, noch einige Zeit bei ihnen zu bleiben, daß er nicht anders als nachgeben konnte und min⸗ deſtens noch eine Woche weitern Verweilens zuſagen mußte. „Daß ich mich“, ſagte er hierbei,„ungern von Euch trenne, bedarf wohl nicht erſt meiner Betheuerung, ſowie auch Paris an ſich des Großartigen und Intereſſanten genug bietet, um auf mich Anziehungskraft zu äußern; dennoch würde letzteres mich feſtzuhalten nicht vermögen und ich gebe dieſe acht Tage nur aus Liebe zu Euch zu, ſowie mich dann beim Scheiden nur die Hoffnung auf Wiederſehen da oder dort beruhigen wird.“ „Daß die Vorgänge mit Robert“, bemerkte Ernſt, „Dir den Pariſer Aufenthalt verleiden mußten, iſt er⸗ klärlich, doch hat ſich darin Vieles geändert, und ich bin gewiß, daß er Dir wie uns in freundſchaftlichſter Weiſe entgegenkommen wird.“ „Dieſer Ueberzeugung“, ſagte der Maler,„bin auch ich.“ „Das iſt es auch nicht“, entgegnete Karl ſehr ern⸗ ſten Tons,„was mich verſtimmt oder beſorgt macht; ich habe das Rencontre mit Robert ſo gut wie ver⸗ geſſen, aber es iſt etwas Anderes da, deſſen Einwirkung auf mich eine ſehr peinliche iſt.“ „—,——— — —, 112 belächeln, obwohl ich als Materialiſt mir dieſelben auf meinem Standpunkte bequem zurechtlege und erkläre. Es bedarf hierbei nach meiner Ueberzeugung, die Du, Freund Karl, wenn auch nicht theilen, ſo doch berück⸗ ſichtigen wirſt, des Spiritualismus nicht, derartiges Ahnen, Vorfühlen zu erklären, denn dieſes iſt mir ein Proceß der Sinne unter Einwirkung des Nervengeiſtes; ich ſage der Sinne, deren alte Zahl fünf, gleich der alten Zahl vier der Elemente, der neuen Wiſſenſchaft nach auf hundert angewachſen, weil eben jede unſerer hundert Empfindungen einen eigenen Sinn bedingt, vor⸗ ausſetzt. Hat man nun ein ſolches Vorgefühl, wie eben Du es im gegebenen Falle haſt, ſo hat daſſelbe aller⸗ dings ſeinen Grund, dieſer aber iſt der Wiſſenſchaft kein moraliſcher, ſondern ein phyſiſcher; wie es denn auch im Volksſpruche ganz richtig heißt: Es liegt in der Luft.“ Karl zuckte die Achſel. „Wir wollen“, entgegnete er ruhig,„dieſen Kampf nicht erneuen; auch will ich Dir nicht das ſo oft ge⸗ brauchte und wohl auch mißbrauchte alte Wort des großen Briten ins Gedächtniß rufen: Es gibt viele Dinge zwiſchen Himmel und Erde—“ „Schon darum nicht“, fiel der Chemiker lächelnd ein, „weil es ein Zwiſchen Himmel und Erde nicht gibt.“ —————— ————— 113 „Aber eins“, fuhr Karl ungeſtört durch dieſe Bemer⸗ kung fort, will und muß ich Dir ſagen. Das Volks⸗ wort: Es liegt in der Luft und Euer wiſſenſchaftlicher Nervengeiſt verhalten ſich in Betreff des Ahnens oder Vorfühlens von Ereigniſſen zu dem, was ich darunter verſtehe, wie Spiritus zum Geiſte, wie Müſſen zum Wollen, wie Sklaverei zur Freiheit, wie Empfinden zum Denken, wie phyſiſche Nothwendigkeit zur moraliſchen. Doch genug, wir werden ja ſehen.“ „Sehend Was werden wir da zu ſehen haben? Was kann geſchehen? Höchſtens, daß mich Robert mit einem Cartel gelegentlich zu Picard ſchickt—“ „Und daß“ unterbrach ihn Max,„der eine oder der andere oder gar beide auf dem Platze bleiben; in der That, Karl's Schwarzſehen hat viel für ſich.“ „Ah bah! Erſtens iſt es noch ſehr die Frage, ob Picard, der wackere Schnittwaarenhändler, Geſchmack für die noble Paſſion des Duells hat, und dann laufen unter hundert Duellen wenigſtens neunzig ohne Tragik, die meiſten ſogar halb komiſch ab; übrigens ſelbſt an⸗ genommen, daß der eine oder der andere fällt, ſo iſt das fürs Sterben abgerechnet, und Sterben iſt wahr⸗ lich nichts Außerordentliches, man ſtirbt eben; ob am Fieber oder an Alterſchwäche, in der Schlacht oder auf der Menſur, vom Blitz erſchlagen oder von dem Jean Charles, Idealiſten und Realiſten. II. 8 114 Beleidiger niedergeſtreckt, das bleibt ſich am Ende gleich.“ „Das iſt einmal wieder exact wiſſenſchaftlich!“ lachte Max. „Und zugleich tröſtlich“ fügte Ernſt in ſeinem un⸗ erſchütterlichen Gleichmuth bei,„für Euch nämlich, da ich für meinen Theil keinen Troſt brauche. Sieh doch nicht ſo finſter drein, Karl! Wir ſind noch junge Män⸗ ner, uns ſteht noch die ganze Welt offen.“ „Deine Welt ohne Gott!“ murmelte Karl unwill⸗ kürlich vor ſich hin. Man trennte ſich bald nach dieſem Geſpräche und zwar nicht ohne alle Verſtimmung, die ſelbſt bei den Zuſammenkünften in den nächſtfolgenden Tagen nicht ganz ſchwinden wollte. So verſtrich die Woche, welche Karl ſich noch für Paris hatte freundſchaftlich octroyiren laſſen. Der Tag vor ſeiner Abreiſe war zur Fahrt nach Verſailles, zum Beſuch bei Robert beſtimmt worden. Das Wetter war günſtig und ſie brachen frühzeitig dahin auf. Machen wir während ihrer Fahrt einen Gang zu⸗ rück in die entſchwundene Woche und zwar nach dem Hauſe des Kaufmanns Picard. — 115 Seine Frau hatte ſich vor ihrer Freundin, als dieſe von ihr Abſchied zu nehmen in das Boudoir getreten war, nicht verleugnen laſſen, ſondern war in der That ausgegangen und erſt um die Zeit des Frühſtücks, gegen ein Uhr, nach Hauſe gekommen. Wo mochte ſie ſo lange geweſen ſein? Dieſe ſtumme Frage ihres Gatten laſſen wir un⸗ beantwortet. Paulinens Ausſehen und Benehmen, als ſie beim Frühſtück erſchien, hatte übrigens nichts Befremdendes, ſie zeigte ſich im Gegentheile ruhig, wenn auch nicht heiter, und beantwortete ſogar einige Fragen Picard's mit freundlicher Zuſtimmung, ſo zum Beiſpiel die, ob ſie den Abend mit ihm in der Oper zubringen wolle. Der Abreiſe Juliens ward keine Erwähnung ge⸗ than, ebenſo wenig der vorgeblich nothwendigen Ge⸗ ſchäftsreiſe nach Genf. Auf letztere kam jedoch Pauline ſelbſt beim Diner zu ſprechen, indem ſie leichthin fragte, wie er es nun damit zu halten gedenke. Picard ſtutzte zwar ein wenig bei dieſer Frage, da in ihr eine ſchmerzliche Wiederholung des in letzter Zeit Erlebten lag und er, wie innig er auch ſeine Gattin liebte, nichts weniger als liebeblind war, erwiderte er ziemlich ruhigen Tons: 8* 116 „Die Nothwendigkeit dieſer Reiſe liegt, Gott ſei Dank, nicht mehr vor.“ So ſprechend reichte er ihr die Hand. Pauline berührte ſie leiſe zitternd, den Blick ge⸗ ſenkt, und bemerkte hierüber nichts weiter. Wie dieſer verging auch der nächſtfolgende Tag. Die Morgenſtunden des dritten Tages brachte Pau⸗ line wieder außer dem Hauſe zu; ihr Erſcheinen und Benehmen zu Hauſe blieb daſſelbe wie in den letzten Tagen, nicht heiter, aber auch nicht unfreundlich. Picard athmete wieder auf, er begann zu hoffen. Dazu boten ſich Haltpunkte. Er ſagte ſich:„Juliens Abreiſe und noch mehr ihre ernſte Sprache gegen ſie in den letzten Augenblicken, wovon du dich überzeugt, hat ſie zur Erkenntniß ihrer ſelbſt gebracht und zu dem edlen Entſchluſſe, ihre Pflicht zu erfüllen; noch mag ſie zeitweiſe mit ſich zu kämpfen haben, der Wille jedoch iſt da und es ſteht zu hoffen, daß es ihr auch an der nöthigen Kraft nicht fehlen wird; ſchenke ihr volles Vertrauen und nähere dich ihr nur freundſchaftlich; Erſteres wird ihr Selbſtachtung einflößen, Letzteres ſie beſtimmen, ſich ſelbſt wieder zu nähern.“ So den Stand der Dinge betrachtend, ließ Picard ſeine Frau gewähren, und es ward ihm in der That ———— 117 die Genugthuung, ſein zartes Benehmen gegen ſie an⸗ erkannt und auch belohnt zu ſehen. Pauline ward all⸗ mälig heiterer und nahm jeden ſeiner Vorſchläge in Betreff der ihr zugedachten Vergnügungen unbedingt und mit dem Ausdrucke von Dankbarkeit an. So verließ ſie zwei, drei Abende nach einander ihm zur Seite entweder Arm in Arm oder zu Wagen das Haus, um eine Promenade zu machen oder ein Theater zu beſuchen, alles dies zu nicht geringem Aerger der lieben Nachbarſchaft, die noch immer nicht müde ge⸗ worden, die Beiden im Auge und noch mehr im Munde zu behalten. Die Zeit von Mittag bis Mitternacht— ſo lautete der Refrain des freundnachbarlichen Liedes, das man dieſem Aergerniß gebenden Ehepaare ſang— die eine Tageshälfte, widmet ſie allerdings ihrem Manne, wie aber bringt ſie die andere Hälfte zu? Sie geht täglich frühmorgens aus und kommt erſt um die Mittags⸗ ſtunde nach Hauſe. Man müßte mit Blindheit ge⸗ ſchlagen ſein, wie es Monſieur Picard iſt, um nicht zu ſehen, daß dahinter etwas ſteckt. Freilich wiſſen wir ebenſo wenig wie er, was dahinter ſteckt, denn unſere ihr nachgeſchickten Kundſchafter ſehen ſie immer nur am Boulevard in einen Wagen ſteigen und fortfahren, aber nicht, wohin. Nun, nur Geduld! Nichts iſt ſo 118 fein geſponnen, es kommt an die Sonnen, und es wird nicht allzu viel Waſſer die Seine dahintragen, bevor wir mit dieſer trüben Geſchichte im Klaren ſind. Mit den geheimnißvollen Morgenpromenaden von Madame Picard hatte es allerdings ſeine Richtigkeit* und auch ihr Gatte wußte darum, ohne eben mehr zu wiſſen als ſeine ſcharfſinnigen und ſcharfzüngigen Nach⸗ barn. Es wäre ihm ein Leichtes geweſen, ihr zu fol⸗ gen; allein er wollte ihr Beweiſe ſeines vollen Ver⸗ trauens geben und that es nicht. Elftes Kapitel. Leidenſchaft und Blaſirtheit. Wir unſererſeits ſind verpflichtet, von dieſen Aus⸗ flügen zu ſprechen⸗ Pauline hatte ihrer ſcheidenden Freundin mit Er⸗ bitterung und Entſchloſſenheit zugerufen:„Nun bin ich auf meine eigene Kraft angewieſen, und dieſe wird mich nicht gleich Dir verlaſſen!“ Und ſo kam es auch. Noch am Morgen von Madame Duval's Abreiſe war ſie nach Paſſy gefahren und ohne alle Beſorgniß, von irgendwem verfolgt und beobachtet zu ſein, in die maison de santé eingetreten. Hier ſprach ſie den Leiter der Heilanſtalt, indem ſie den fingirten Namen ihrer Freundin, die abgereiſt ſei, und ihren eigenen Vornamen nannte. Sie vernahm, —————— 120 daß Robert ſich auf dem Wege der Beſſerung befinde und alsbald ſeinen weitern Landaufenthalt in Verſailles nehmen ſolle. Sie ſah den Geneſenden ſelbſt, aber nur, wie früher ihre Freundin ihn geſehen, im Garten durch die Jalouſieſpalten der Salonfenſter. Der Arzt richtete keine indiscrete Frage an ſie; ihr Name war Pauline, kein anderer; alles Uebrige kümmerte ihn, da er eben Arzt und noch dazu ein Pariſer war, nur inſofern, als es ſich um den Geſundheitszuſtand ſeines Pflegebefoh⸗ lenen handelte, worüber er, und ſelbſt da noch, ſich nur in Andeutungen der delicateſten Art einließ. Sie erſchien noch einmal bei ihm. Am darauffol⸗ genden Tage war Robert nach Verſailles übergeſiedelt und zwar in eine von ſeinem Arzte ſelbſt für ihn aus⸗ gemittelte freundliche Gartenwohnung, deren Adreſſe letz⸗ terer Paulinen übergab, ein Umſtand, der ihr die Frage erſparte, ob ſie Robert dort ſehen und ſprechen dürfe. Sie ſah und ſprach ihn auch dort ſchon am näch⸗ ſten Vormittage. Dieſes Wiederſehen geſtaltete ſich, dem Charakter der Perſonen und den Nachwirkungen der furchtbaren Trennungsſcene gemäß, von Paulinens Seite leiden⸗ ſchaftlich, von ſeiten Robert's ernſt, um nicht zu ſagen kalt. Das Gefühl dieſer Frau für dieſen Mann war nie 121 Liebe geweſen, Liebe in idealer Bedeutung, ſondern nur Leidenſchaft, wenngleich als ſolche mehr geiſtiger als phyſiſcher Natur. Robert's feines Weſen, verbunden mit männlicher Energie, hatte dem von ihrer Phantaſie entworfenen Bilde eines Mannes comme il faut ge⸗ glichen und der Muth, mit dem er ſich um ihretwillen in den Kampf gegen die Verhältniſſe gewagt, ſie mit Bewunderung für ihn erfüllt; dazu hatte ſich zwar nicht ſeine Leidenſchaft für ſie, wohl aber ſeine Leiden⸗ ſchaftlichkeit überhaupt und für das weibliche Geſchlecht insbeſondere geſellt, und ſo mußte es kommen, daß ſie ſich ihm mit Leib und Seele ergab; Robert dagegen, der Egoismus in Perſon, in religiöſer Beziehung Skep⸗ tiker erſter Sorte, in geſellſchaftlicher Cyniker, fern vom Gefühle wahrer Liebe, obgleich immer verliebt, hatte ſich für Pauline intereſſirt, wie man etwa für die erſte Darſtellung eines Ballets, einer Operette oder eines Luſtſpiels ſich intereſſirt, nur um ſich oder An⸗ dern ſagen zu können, daß man die— ob nun gute oder ſchlechte— Frucht ſolchen Genuſſes friſchweg vom Baume gepflückt habe. Die Ereigniſſe zwiſchen dieſer Trennung und dieſem Wiederſehen mußten nach den Naturbedingungen auch verſchieden auf beide wirken. Vor Paulinens verblendetem Geiſtesauge erſchien 122 Robert in einer Art Glorie ſeines um ſie beſtandenen Martyriums, wie denn ein von heftiger Leidenſchaft für einen Mann erfaßtes Weib dieſem, ſelbſt wenn er eines entehrenden Verbrechens ſich ſchuldig macht, mit ganzer Seele zugethan bleibt und ihm bis zum Schaf⸗ fot folgt. Robert's immer ſcharfem, durch die unfreiwillige Ruhe und durch das ſich aufdrängende Nachdenken in letzter Zeit noch mehr geſchärftem eigenliebigem Blicke gegenüber war Pauline bereits nichts weiter als die allerdings reizend verkörperte Urſache einer erlittenen beiſpielloſen Schmach, welche er noch zu rächen hatte, nichts mehr ſchon als die Gattin deſſen, an welchem er Rache nehmen mußte. Unter dem Eindruck ſolcher diametral entgegenge⸗ ſetzter Empfindungen und Gedanken fand dieſes Wie⸗ derſehen des ehebrecheriſchen Paares ſtatt; Pauline ſtürzte ihm athemlos, lautlos an die Bruſt, während er ſie mit einem„Guten Tag!“ begrüßte und zur Otto⸗ mane führte, wie etwa eine durch ihren Beſuch nicht ganz angenehm überraſchende Baſe. Pauline bemerkte dies nicht. Hätte ſie es auch bemerkt, ſie würde es ſeinem lei⸗ denden Zuſtande— ſah er doch gegen früher noch lei⸗ dend aus— oder dem erklärlichen Gefühle der Erbit— 123 terung gegen ihren Gatten zugeſchrieben, nimmermehr aber an die Abnahmes ſeiner Liebe zu ihr gedacht haben. Dies bewieſen ihre erſten Ausrufe. „O mein theurer Robert, wenn Du wüßteſt, was ich um Dich gelitten, vor allem durch die Vorſtellung Deiner Leiden um mich, deren Spuren noch Dein ſchö⸗ nes Antlitz zeigt, von denen noch Dein Auge ſpricht! Aber ich ſehe Dich doch wieder, fühle wieder den ſüßen Hauch Deiner Nähe und bin, wenigſtens in dieſem Augenblicke, wieder glücklich!“ Die Verlegenheit, in der Robert ſich befand, min⸗ derte ſich in etwas durch Paulinens Worte, denn dieſe gaben ihm die Weiſung für ſein momentanes Be⸗ nehmen. Sie fand ihn noch leidend, ſie ſchrieb ſeinen Ernſt der Erinnerung lan ihren Gatten zu; genug für einen Mann ſeiner Art, und dann war es doch immer eine Dame, mit der er zu thun hatte, und er war Gentle⸗ man genug, um nicht wenigſtens höflich zu ſein, wo er nicht mehr in Leidenſchaft war, und hatte lange genug mit den Franzoſen verkehrt, um ihr„Honneur aux dames“ auswendig zu wiſſen und zu benutzen. „Ja“, ſagte er, indem er ſeine Rechte in ihren Hän⸗ den ließ, dabei aber nicht in ihr mit zärtlichſtem Aus⸗ 12 druck an ſeinen Zügen hängendes Auge, ſondern ſtarr vor ſich hinblickte,„ja, ich fühle mich noch leidend und zugleich empört bei dem Gedanken an ihn, und es wird, ſobald ich mich ganz erholt, mein Erſtes ſein, von ihm Genugthuung zu fordern.“ Pauline erbebte. „Wie“ rief ſie aus,„Du wollteſt Dich mit ihm ſchlagen?“ „Ja, das will, das werde ich, vorausgeſetzt, daß er ſich nicht weigert; im letztern Falle werde ich ihn an⸗ derswie faſſen.“ „Aber, mein Gott, er kann Dich tödten oder doch verwunden!“ „Sowie ich ihn.“ „Nein, Robert, nimmermehr! Mich tödtet halb ſchon der Gedanke; dies darf nicht geſchehen, dies wirſt Du nicht thun, wenn Du mich liebſt!“ „Müßteſt Du mich nicht verachten, wenn ich nicht Genugthuung von ihm verlangte?“ „O Himmel, ich— ich weiß nicht, was ich ſagen ſoll! Es iſt ja doch eigentlich unter Deiner Würde, Dich mit ihm zu ſchlagen.“ „In Dingen der Ehre ſteht nur dies Eine feſt, und es iſt nicht zu umgehen.“ „Nicht? In keiner— keiner Weiſe? O mein 125 armer Kopf! Du ſagſt, es ſei nicht zu vermeiden, nicht zu umgehen?“ „Ich wiederhole es, das muß ſein.“ Hätte Robert in dieſem Momente Pauline ange⸗ blickt, er wäre trotz ſeiner Blaſirtheit erſchrocken; ihre Augen ſchienen aus den Höhlen zu treten und es lo⸗ derte unheimliche Glut in ihnen. Was ging in ihr vor? Sie ſchwieg eine Weile. „Und wann“, fragte ſie jetzt mit bebender, kaum vernehmlicher Stimme,„da es ſein muß, wann ſoll dies geſchehen?“ „Sobald es meine Körperkräfte zulaſſen; ich denke, ſchon nach wenigen Tagen.“ „Aber, mein Robert, ich darf, ich werde Dich in⸗ zwiſchen doch ſehen?“ „Dürfen? Welche Frage! Nur wäre es vielleicht gerathener, wenn wir uns erſt nach Beendigung dieſer Angelegenheit wiederſähen.“ „O nein, o nein! Ich beſchwöre Dich, mir noch einen Tag, eine Stunde, ein paar Minuten vorher zu gönnen.“ „Nun denn, ſo ſei es.“ Hier erhob ſich Pauline, deren Blicke gleich denen einer Irrſinnigen umherſchweiften, mit ſichtbarer An⸗ 126 ſtrengung und umarmte Robert, der die ſeltſame Ver⸗ änderung in ihrem Weſen nicht zu bemerken ſchien, mit den haſtig und unſicher geſprochenen Worten: „Alſo auf Wiederſehen, mein Robert; ich habe Dein Wort. Zwei, drei Tage, und ich bin wieder hier— dann— alſo auf Wiederſehen!“ Damit entferte ſich Pauline. Robert blickte ihr achzelzuckend nach. Auch den Abend dieſes Tages brachte Pauline an der Seite ihres Gatten im Theater zu; nur am Nach⸗ mittag hatte ſie einen Ausgang von etwa zwei Stun⸗ den Dauer gemacht. Am Morgen des nächſtfolgenden Tages ſah ſich Picard, noch bevor er in das Comptoir hinabging, höchſt überraſcht. Pauline kam ihm mit einem herrlichen Blumen⸗ ſtrauße, den ſie nebſt andern Kleinigkeiten am Tage zuvor gekauft, ſchüchtern grüßend entgegen und reichte ihm das köſtlich duftende Bouquet. „Aber das iſt ja entzückend ſchön, viel zu ſchön für mich!“ rief er mit freudigem Erſtaunen aus, indem er Paulinens zitternde Hand faßte und einen Kuß auf ihre Stirn hauchte.„Das mir?“ „Zu Ihrem Geburtsfeſte“, entgegnete ſie geſenkten Blicks. 127 Picard's Augen wurden feucht. „Heute? Wahrhaftig! Ich hätte nicht daran gedacht, und meine theure Pauline hat es gethan! O wie glücklich macht mich dies!“ Die Stunden dieſes Morgens brachte Pauline zu Hauſe und zwar mit der Anordnung und theilweiſe mit Selbſtbeſorgung einiger Lieblingsgerichte Picard's für das Gabelfrühſtück und Mittagseſſen zu; auch ſchmückte ſie eigenhändig den Tiſch und auch ſich ſelbſt aufs ſinnigſte und geſchmackvollſte. Kein Erdenbewohner war glücklicher dieſen Tag über als Picard. Pauline hatte nichts vergeſſen, was er, ein wenig Feinſchmecker, bisweilen ſelbſt für die Tafel anzugeben pflegte; es war das Auserleſenſte beſorgt: Forellen, Crevettes, Rheinlachs, Ragout en coquille, Brathuhn und vor allem die ihm ſtets erwünſchte Delicateſſe, eine Straßburger Gänſeleberpaſtete mit ſelbſtverſtänd⸗ lich obligatem Champagner; letzteres Gericht erſt beim Diner. Picard ſchwelgte, jedoch, zu ſeiner Ehre geſagt, weit mehr in beſeligenden Empfindungen des Herzens als in den ſeinem Gaumen gebotenen Genüſſen. 128 Das Deſſert ließ ebenſo wenig etwas zu wünſchen übrig. Beide waren jetzt allein. Picard füllte nun die zwei Kryſtallſchalen mit dem perlenden, überſchäumenden Nektar Frankreichs und rief, ſeine Schale hoch erhebend, ſtrahlenden Blicks aus: „Pauline, ich bringe dies nicht einer beſſern Zukunft, ſondern der Gegenwart, denn dieſer Tag iſt der ſchönſte meines Lebens!“ Damit leerte er ſeine Schale, und Pauline that ihm Beſcheid. Nochmals nahm er dann, obwohl er bereits ziemlich viel davon genoſſen hatte, ein Stück Gänſeleberpaſtete und ließ ihm noch ein paar Schalen Champagner folgen; dies Alles unter fortwährenden jubelnden Betheuerungen ſeines Glückes, ſeiner Seligkeit. Dies ſetzte ſich etwa eine Viertelſtunde lang fort. Da, nachdem Picard abermals ein Glas Cham⸗ pagner hinabgeſtürzt, geſtaltete ſich ſein Ausſehen mit einem Male furchtbar: das Geſicht, noch eben geröthet, ward plötzlich erdfahl und im nächſten Momente blau, während ſeine Augen aus ihren Höhlen traten, ſeine Stirn mit Schweiß, ſeine erbleichten Lippen mit Schaum ſich bedeckten und dieſen ein unartikulirter Laut ſich entrang. he n 129 Dieſer Laut war ſein letzter. Der Unglückliche brach in ſich zuſammen und war eine Leiche. „Zu Hülfe! Zu Hülfe!“ Auf dieſen gellenden Schrei Paulinens, die gleich⸗ zeitig zur Thür flog, kam das Stubenmädchen herbei⸗ geeilt. „Mein Gott, Madame, was iſt geſchehen?“ „Da— da— ſieh hin!“ „Himmel, den Herrn hat der Schlag getroffen!“ „Schnell, ſchnell den Chirurgen! Vielleicht iſt er noch zu retten durch einen Aderlaß! Eile, eile!“ Pauline kommt, während das Mädchen hinausfliegt und durch ihr Schreien das ganze Haus alarmirt, den herbeilenden Commis händeringend entgegen und ſo auch dem nach wenigen Minuten erſcheinenden Chirurgen. Dieſer beſchaut, unterſucht. „Zu ſpät“, lautet ſein Ausſpruch,„er iſt todt, es hat ihn der Schlag getroffen.“ Jean Charles, Realiſten und Idealiſten. II. Zwölftes Kopitel. Eine Kataſtrophe. Es war an einem Sonntagsmorgen in der zehnten Stunde, als die drei Freunde Robert's bei letzterem eintrafen. Er befand ſich in dem Garten des kleinen Hauſes, das er mit einem Diener aus Paſſy und einem alten Ehepaare bewohnte, welches größtentheils von der Sommermiethe dieſes beſcheidenen Beſitzthums lebte und dem jeweiligen Inſaſſen entſprechende Handreichungen leiſtete, ohne denſelben im geringſten zu beläſtigen. Robert ſaß in einer Laube, mit Leſen beſchäftigt, als ſeine Freunde in den Garten traten. Er ſah ſie kommen und ſchritt ihnen langſam ent⸗ gegen. Seine Miene zeugte von Verlegenheit wie die der t⸗ er 131 Kommenden, nur daß letztere gleichzeitig Freude über das Wiederſehen in Blick und Ton kundgaben, indem ſie, Karl nicht ausgenommen, ihn umarmten. Sie ſchritten zur Laube zurück und ließen ſich auf den Ruheſitzen in derſelben nieder. Robert, dem die Freunde mit richtigem Takte die Initiative der Converſation überließen, eröffnete dieſe auch ſofort als Mann von Geiſt, der er war, mit den ruhig betonten Worten: „Es wird ſich Zeit und Gelegenheit finden, die Pauſe in unſerm freundſchaftlichen Verkehr durch die Erinne⸗ rung auszufüllen; für heute, für jetzt exiſtirt dieſe Pauſe nicht, die Harmonie wirkt ohne Unterbrechung fort. Nun, was macht, wie lebt Ihr?“ Ernſt nahm nach ihm zuerſt das Wort. „Ich meinerſeits“, ſprach er in ſeiner launigen Weiſe, „laborire wie immer in und zugleich an meinem Labo⸗ ratorium, das ſchon ein Heidengeld verſchlungen hat, ohne daß es mir noch gelungen, den Stein der Weiſen, das Elixir des Lebens zu finden; finden aber muß ich dies, bevor ich die Hauptſtadt der Civiliſation verlaſſe, denn meine Fabrik daheim erwartet, daß ich hier meine Schuldigkeit thue, das heißt, Virtuoſe in der Schön⸗ färberei werde und als ſolcher wenigſtens eine Million im Kopfe nach Hauſe bringe, eine um ſo keckere Zu⸗ 9* 132 muthung, als meine Familienrimeſſen kaum zum Eſſen hinreichen.“ „Ich“ fiel Max heiter ein,„laborire auch an Far⸗ bengebung und hege große Zweifel darüber, ob ich gut daran gethan, ein Van Dyck oder Tizian werden zu wollen anſtatt Coloriſt in einer Shawlfabrik.“ „Bleibt nur noch unſer Poet Karl“, ſagte Robert, indem er dieſem freundlich die Hand reichte;„was macht er?“ „Nun, was mich betrifft“ entgegnete Karl, den all⸗ gemein muntern Ton feſthaltend,„ſo mache ich noch täglich Verſe, gereimte und bisweilen auch ungereimte, wie es eben die Gehirnſaiſon mit ſich bringt; übrigens iſt der heutige Tag der letzte meines Verweilens im Herzen Frankreichs, denn ich ſehne mich ſchon—“ „An das Herz von Mama Germania zurück“, unter⸗ brach ihn Ernſt,„an Germania's Mutterbruſt, obgleich derſelben oft die Milch ausgeht zur Ernährung ihrer poetiſchen Säuglinge, ſodaß dieſe bei Waſſer aufgezogen werden müſſen.“ „Auch ich“ ſagte Mar lachend,„werde meinen Farben⸗ kaſten packen und mein normalgewichtliches Bündel ſchnüren, ſobald ich die bei mir beſtellten und theil⸗ weiſe ſchon voraus honorirten Philiſterphyſiognomien durch meinen Pinſel werde verewigt haben.“ 133 „Wenigſtens“, bemerkte Ernſt ebenſo munter,„auf ſo lange hinaus verewigt, bis die Bilder nachdunkeln, was wohl nicht allzu lange auf ſich warten laſſen wird.“ „Aber, meine Freunde“, nahm jetzt Robert wieder das Wort,„mit Eurer Bewirthung bei mir wird es mißlich ausſehen und Ihr werdet frühſtücken wollen.“ „Comme quatre“, ſagte der Chemiker,„aber nicht bei Dir; Verſailles läßt keinen Pariſer verhungern, ſelbſt wenn dieſer ein Deutſcher iſt, vorausgeſetzt, daß er Geld hat. Wir verlaſſen Dich jetzt und kommen nach einer oder zwei Stunden wieder, falls dieſe Friſt hinreicht, unſere knurrenden Inteſtina zum Schweigen zu bringen, und falls es Dir genehm, uns heute noch einmal hier zu ſehen.“ „Das verſteht ſich von ſelbſt“, entgegnete Robert. Seine Freunde brachen dann ſofort auf. „Sans adieu!“ ſagte Ernſt. „Au revoir!“ fügte Robert bei. Im nächſten Augenblicke befand er ſich wieder allein. Als die Freunde aus dem Hauſe traten, ſahen ſie auf dieſes nur wenige Schritte vor ſich einen Fiaker zurollen. An dieſem vorüberſchreitend und halb unwillkürlich 134 zurückblickend, ſahen ſie den Wagen an Robert's Woh⸗ nung halten und ſogleich eine verſchleierte Dame haſtig ausſteigen und in das Haus eilen. „Das iſt ſie!“ rief Max aus. „Wen meinſt Du? Wer iſt das?“ „Madame Picard!“ „Wirklich?“ „Sie iſt es!“ Die drei Freunde ſchritten kopfſchüttelnd, ernſt nach⸗ ſinnend weiter. Robert wollte, um ſeine nicht eben ſehr angenehme Gedankenverbindung zu unterbrechen, die Lectüre wie⸗ der aufnehmen; er hatte jedoch kaum ein paar Zeilen geleſen, als er aus der nach dem Garten führenden Thür Pauline treten und raſchen Schrittes auf ſich zukommen ſah. War es Folge der Schwäche, die ihn noch immer zeitweiſe befiel, oder eine Art Vorempfindung von etwas Ungeheuerlichem, die ſich bei ihrem Anblick ſei⸗ ner bemächtigte, genug, es überlief ihn wie Fieber⸗ ſchauer, und er mußte ſeine ganze Selbſtbeherrſchungs⸗ kraft aufbieten, um ſich aufrecht zu erhalten und mög⸗ lichſt unüberraſcht zu ſcheinen. Ueberraſcht aber war er in hohem Grade, um nicht zu ſagen erſchreckt, theils durch das ihm äußerſt un⸗ 135 angenehme Zuſammentreffen dieſes Beſuchs mit dem ſeiner Freunde, die kaum das Haus verlaſſen und die wenngleich dicht verſchleierte junge Frau geſehen und erkannt haben mußten, theils aber auch durch den Zu⸗ ſtand der Aufregung ſelbſt, in welchem ſich Pauline zeigte, indem ſie, den Schleier zurückwerfend, ihm zur Begrüßung die zitternde Hand entgegenſtreckte und nach Athem ringend ſich ihm zur Seite niederließ. Dann langte ſie nach der auf dem Tiſche vor ihm ſtehenden Waſſerflaſche, füllte ſich ein Glas und trank es haſtig aus. Noch einige Sekunden, und beide hatten ſich ſo weit erholt, daß er zu fragen und ſie zu antworten ver⸗ mochte. „Biſt Du unwohl?“ „Erhitzt, weiter nichts. Noch ein Glas Waſſer!“ Robert reichte ihr das Gewünſchte. Dabei ſuchte er ihren Blick feſtzuhalten, dieſer jedoch wich dem ſeinigen aus und richtete ſich unſtät bald da⸗, bald dorthin. Ebenſo unſicher war ihre Stimme, ſo unruhig ihre Haltung während des folgenden Geſprächs. „Du wirſt, mein theurer Robert, mich nicht ſo bald erwartet haben?“ „In der That, nein.“ 136 „Ich hatte auch erſt nach einigen Tagen kommen wollen, aber ich mußte ſchon heute zu Dir eilen.“ „Warum eilen?“ „Ein ſeltſames Ereigniß—“ „Was iſt vorgefallen?“ „Du erinnerſt Dich, Robert, mir vor einiger Zeit ein höchſt merkwürdiges Begebniß, einen, wie Ihr Herren Aerzte es nennt, intereſſanten mediciniſchen Fall mitgetheilt zu haben, der in Wien, während Du die dortige Klinik frequentirteſt, ſich ereignet und großes Aufſehen erregt hatte. Ein reicher Herr, noch in den beſten Jahren, Garcon, frühſtückte wie gewöhnlich in einer Delicateſſenhandlung; am Tage jenes Ereigniſſes ſein Lieblingsgericht, Straßburger Gänſeleberpaſtete, und trank dazu Champagner. Er hatte noch nicht den dritten Becher geleert, als er plötzlich vom Stuhle auf den Boden hinſtürzte; es hatte ihn der Schlag ge⸗ troffen, er war eine Leiche.“ Robert betrachtete die alſo Sprechende mit wachſen⸗ dem Erſtaunen, während ihr Blick noch immer mit einem unbeſchreiblichen Ausdrucke ſtarr vor ſich hin gerichtet blieb. „Allerdings“, entgegnete er gedehnten Tons,„er⸗ innere ich mich, von dieſem intereſſanten Fall geſpro⸗ chen zu haben, aber—“ en it n 137 „Weiter erzählteſt Du“, fuhr Pauline ihn raſch unterbrechend fort,„daß der Sectionsbefund auf Ver⸗ giftung gelautet habe, auf Vergiftung durch— durch Blauſäure, daß dem Manne aber dieſelbe nicht ſpeci⸗ fiſch beigebracht, ſondern daß dieſes ſchnelltödtende Gift durch die Kohlenſäure des Champagners aus der, wie die Unterſuchung gezeigt, alten und ſchlechtgewordenen Gänſeleber der Paſtete entwickelt worden ſei.“ „Richtig“, ſagte Robert,„aber wie kommt dieſer Fall hier zur Sprache?“ „Nun, weil ein ganz gleicher Fall ſich geſtern er⸗ eignet hat.“ „Wo?“ „In— in unſerm Hauſe.“ „In Eurem Hauſe? An wem?“ „An— an meinem Manne.“ Hier trat eine Pauſe ein, deren Ausfüllung wir dem Leſer überlaſſen. Dieſe für beide gleich furchtbare und entſcheidende Pauſe währte indeß nicht lange. „Es war geſtern“, ſprach Pauline mit gedämpfter Stimme und ohne ſich zu regen weiter,„der Geburts⸗ tag Picard's und er genoß beim Diner von einer Straßburger Paſtete und trank dazu einige Glas Champagner; plötzlich verfärbte er ſich und ſank zu⸗ 138 ſammen; es hatte ihn der Schlag getroffen, der herbei⸗ gerufene Arzt fand ihn als Leiche. Heute, wohl in dieſer Stunde ſchon, findet auf Verlangen ſeiner Schweſter, die ſofort benachrichtigt worden und erſchie⸗ nen iſt, die Section ſtatt, deren Befund wahrſcheinlich gleichlautend mit jenem in Wien ſein wird.“ Robert hatte ſich bereits geſammelt und befand ſich wieder im vollen Beſitze ſeiner Begabung, ſich zu objectiviren, ſeine Subjectivität, all ſein perſönliches Denken und Empfinden in dem Gegenſtande aufgehen zu laſſen. „Das“, ſprach er ohne alle innere Erregtheit, indem er Pauline dabei ſcharf ins Auge faßte,„das iſt mir unangenehm.“ Pauline— dies ſah er gut— erbebte bei dem Worte„unangenehm“ und es entrang ſich ihren zucken⸗ den Lippen die erſte Silbe dieſes Wortes. Ihr halb erſticktes Herz hatte ſich Luft machen wollen mit dem Aufſchrei:„Unangenehm?“ In Wahrheit, ein ſchrecklicheres Wort konnte die⸗ ſem unglücklichen jungen Weibe in dieſem Momente nicht geſagt werden. „Unangenehm“— tönte es durch ihre gemarterte Seele fort—„iſt Dir die Nachricht meiner Befreiung aus den Banden, die mich an Deinen Gegner gefeſſelt ur di fü w ſie ſie ve 8 ru ho da Ue — W — 139 und die nun die Hand des Todes gelöſt? Unangenehm die Gewißheit, daß ich Dir nunmehr angehören kann für das ganze Leben, ohne daß Welt und Geſetz Ein⸗ wendungen zu machen vermögen? Ungeheuer!“ hätte ſie aufſchreien mögen und auch vielleicht ſollen, doch ſie war wie gelähmt und nur ſtammelnd und kaum vernehmlich entrang ſich ihr die Schmerzensfrage: „Unangenehm?“ „Wie denn anders?“ entgegnete Robert kalt.„War mir Picard doch Revanche ſchuldig.“ Hier erhob und richtete ſich Paulinens Blick nach ihm mit einem Ausdrucke, der ihn trotz ſeiner Selbſt⸗ verleugnung erſchütterte; es war ein Blitz, der einen ſchauerlichen Abgrund plötzlich erhellte. Dieſem furcht⸗ baren Blicke entſprach auch Paulinens Haltung. Sie ſtand auf und ſtellte ſich vor das Tiſchchen, das ihn von ihr trennte, immer mit den Flammen ihres Auges ihn verſengend, indem ſie in einem Tone, der dieſen Blitzen wie Donner folgte, ſich alſo vernehmen ließ: „Unwürdigſter der Männer auf dem weiten Erden⸗ rund, Du haſt kein menſchliches Herz in Dir, eine wilde Beſtie hat beſſeres Gefühl als Du! Mein Vertrauen haſt Du erſchlichen und ſchändlich mißbraucht, ſowie das des nun Todten, der Dir ein Freund und der, verglichen mit Dir, ein Engel geweſen!“ 140 Dieſer Ausbruch gerechten Zorns wirkte auf Ro⸗ bert, wie er auf einen Mann ſolcher Art wirken mußte, beruhigend, weil herausfordernd; er liebte Kampf, und dieſen hatte er jetzt zu beſtehen. „Madame“— warf er leicht hin—„ſind ſo echauf⸗ firt, daß Sie deliriren, wenn dies nicht Folge des Schmerzes über den Verluſt Ihres engelhaften Herrn Gemahls iſt.“ Pauline biß ſich die Lippe blutig. „Delirire ich“, entgegnete ſie feſt,„ſo erklärt ſich dies durch die Schwäche meines Geſchlechts, und zwar um ſo leichter, als Sie, der Sie doch dem ſtarken Ge⸗ ſchlechte angehören, nach der von ſeiten meines Herrn Gemahls Ihnen nach Gebühr zugefügten Züchtigung und Beſchimpfung verrückt geworden ſind.“ Robert, auf dieſen Angriff nicht gefaßt, fuhr auf wie von einer Schlange gebiſſen, ſank aber ebenſo plötzlich auf die Bank zurück und zwar ohne eines Wortes mächtig zu ſein. Pauline ſchlug eine Lache auf, deren entſetzlicher Ton ihm Mark und Bein durchdrang. „Warten Sie, mein Herr“ rief ſie dann aus, in⸗ dem ſie, ihm einen Blick der Verachtung über die Achſel zuſchleudernd, ſich aus der Laube entfernte, „warten Sie, bis Ihre phyſiſche Kraft der Ihres ve wi de ha ho S 141 h⸗ verrätheriſchen Geiſtes wieder gleichgekommen ſein wird!“ auf⸗ Eine Stunde nach dieſer grauenhaften Scene fan⸗ des den ſich die Freunde Robert's wieder in deſſen Be⸗ hauſung ein. Hier trat ihnen der Diener mit dem Bedeuten ent⸗ gegen, daß der Herr Doctor unwohl geworden ſei und ſich ſich für heute entſchuldigen laſſe. S Sie gaben ihre Empfehlung ab und verließen das Se Haus. „Da ſcheint etwas ganz Beſonderes vorgefallen zu ung ſein“, ſagte Ernſt. „Madame Picard“, bemerkte Max hierauf,„mag 3 eben nicht die ihrer Liebe günſtigſte Zeitung gebracht nſo haben, was ich übrigens vielleicht noch heute heraus⸗ bringen werde, denn ich will dieſen Abend in Picard's Café gehen und hören, was zu hören iſt. Zwiſchen her neun und zehn treffen wir uns im Palais royal und ich theile Euch mit, was ich erfahren.“ ſi⸗ Augelangt in Paris, trennten ſie ſich. die Karl eilte nach ſeiner Wohnung, um deaſelbſt ſein 3 Bündel zu ſchnüren, nachdem er bereits am Tage zu⸗ vor ſeinen Reiſepaß von der Polizeipräfectur abgeholt hatte. 142 nennen könnte. zu verhalten. Es drängte ihn, Paris zu verlaſſen, der Boden brannte ihm ſchon unter den Füßen; am liebſten wäre er ſogleich abgereiſt. Wie Gewitterſchwüle drückte es auf ihn, ihm war, als müßte ſich noch ein furchtbarer 1 Sturm über ſeinem Haupte entladen, als hätte er in dem modernen Babel noch etwas Entſetzliches zu er⸗ 1 leben. Seine Organiſation war eben eine poetiſch reizbare, und jene Divinationsgabe, die den Dichter ſo oft zum Seher macht, wirkte auch in ihm vor jedem bedeutenden, ihn ſelbſt mehr oder weniger berührenden Ereigniſſe ſo lange aufregend und beunruhigend, bis ein ſolches eintrat und ſein Vorgefühl thatſächlich be⸗ ſtätigte— Zuſtände, die man Geburtswehen der Seele Um neun Uhr begab er ſich nach dem Palais royal. Im Café Foy traf er mit Ernſt zuſammen. Der gute Chemiker ſaß da ganz behaglich ſeine Cigarre ſchmauchend zwiſchen zwei Stühlen, die er ſich um einige Sous gemiethet und deren einen er zum Sitz gebrauchte, während der andere ihm als Schemel diente; ſein Ausſehen war ruhig wie immer; der Nervengeiſt, dem er, wie wir wiſſen, nach ſeiner ma⸗ terialiſtiſchen Theorie bei Vorgefühlen oder Ahnungen die Hauptrolle zuſchrieb, ſchien ſich bei ihm ganz paſſiv oden väre e arer rin er⸗ tiſch ſo dem l. ine 143 Karl ließ ſich ihm zur Seite nieder. Durch die glänzenden, taghell erleuchteten Ar⸗ kaden wie auch im weiten Gartenraume wogte ein gewaltiger Menſchenſtrom, immer noch anſchwellend, Leute aus aller Herren Ländern, aus allen Ständen, allen Altersklaſſen, ſtrahlend von Glück und Ge⸗ nuß oder mit ernſten, ſelbſt verdüſterten, unheimlichen Mienen. Das Geſpräch unſerer zwei Freunde drehte ſich zu⸗ nächſt um die für den Morgen des nächſten Tages beſtimmte Abreiſe Karl's. „Ich will“ ſagte dieſer,„die Tour über Chalons, Nancy und Straßburg einhalten und Baden⸗Baden beſuchen, das ich noch nicht geſehen.“ „Da kommſt Du“ bemerkte ihm Ernſt mit ſeinem gewiſſen Lächeln,„vom Regen in die Traufe.“ „Wie ſo?“ „Nun, weil Dir Baden⸗Baden in der Potenz bieten wird, was Dir Paris verleidet; dieſer reizende Kurort, den ich leider nur zu gut kennen gelernt.“ „Haſt wohl dort geſpielt?“ „Ja und ſelbſtverſtändlich zuletzt Alles verloren, beinahe auch den Verſtand; ich ſage Dir, Baden⸗Baden iſt das paradieſiſch eingerahmte Becken, in welches alle menſchlichen Verkehrtheiten und Laſter einmünden und 144 deſſen Atmoſphäre gleich jener um den Upasbaum auf Java vergiftend wirkt.“ „Vielleicht auch ſo fabelhaft wie die Sage von dieſem Giftbaum.“ „Nicht ſo, falls Letzteres ſchon ein Märchen. Alſo erſtens das Spiel! Nachdem die Julirevolution den Spielteufel aus Frankreich glücklich ausgetrieben, hat ſich derſelbe nach dem ſittigen Deutſchland geflüchtet und da allerliebſte Höllen etablirt. Das iſt eins. Zweitens findeſt Du in Baden⸗Baden Exiſtenzen, dunkle und glän⸗ zende, die ſelbſt in Paris zu Unmöglichkeiten geworden ſind.“ „Ei, man betrachtet ſie eben nur flüchtig.“ „Glaubſt Du? Sieh, da gibt es noch einen andern Teufel, weil ich mich nun ſchon in die Dämonologie verrannt, den Eitelkeitsteufel.“ „Der ſficht mich nicht an.“ „Dann einen dritten, den Liebesteufel.“ „Auch dieſen fürchte ich nicht.“ „Ferner den Politikteufel.“ „Ebenſo wenig.“ „Kurz, Teufeleien von allen Sorten— doch kommt dort nicht unſer Max?“ „Ja, er iſt es, und ſehr eilig.“ Karl ging ihm ein paar Schritte entgegen, und Ernſt folgte ziemlich träge. W 145 „Kommt, kommt,“ flüſterte Mar ihnen zu, indem er ſich mit ſeinem Taſchentuche die Stirn abzutrocknen ſchien, in Wahrheit aber nur ſein Ausſehen, ſeine ver⸗ ſtörte Miene im erſten Augenblicke maskiren wollte, was ihm jedoch nicht völlig gelang. Karl und Ernſt ſahen ſich fragend an und ſchritten zur Seite des Freundes der verhältnißmäßig mindeſt beſuchten Partie des Gartenplatzes zu, wo ſie ſich auf einer Bank niederließen, auf welche Max eigentlich hin⸗ ſank, wie zum Sterben ermüdet. Er hatte den Hut abgenommen und die Hände matt in den Schooß gleiten laſſen. Wie abſeits auch dieſe Gartenpartie, erhellt war ſie doch genug, um deutlich ſehen zu können, welche ſchreckliche Veränderung in den ſonſt ebenſo milden, ruhigen als ſchönen Geſichtszügen des jungen Künſtlers vor ſich gegangen; er ſchien um viele Jahre älter ge⸗ worden zu ſein und alle Spannkraft und Elaſticität, die ihn ſonſt auszeichneten, verloren zu haben. „Mein Gott, Max, was iſt Dir begegnet?“ fragte Karl voll Angſt. „Rede! Rede!“ fügte Ernſt, faſt nicht minder ge⸗ ängſtigt, hinzu. „Macht Euch“, ſprach tief aufathmend der ſo dringend Befragte,„auf Furchtbares, auf Entſetzliches gefaßt.“ Jean Charles, Realiſten und Idealiſten. II. 10 146 Nach kurzer Pauſe und von den Freunden wieder⸗ holt gedrängt fuhr Max mit mehr durch Aufregung ſchwacher als abſichtlich gedämpfter Stimme fort: „Ich war in dem von Picard frequentirten Café und komme ſo eben aus ſeinem eigenen Hauſe; an bei⸗ den Orten Schreck und Verwirrung wie in der ganzen Nachbarſchaft: Picard iſt todt!“ „Picard todt?“ „Geſtern, gegen ſechs Uhr abends, hat ihn beim Diner, das er wie gewöhnlich mit ſeiner Frau allein eingenommen, der Schlag getroffen. Das nun, das Sterben an und für ſich, werdet Ihr ſagen und ſage auch ich, iſt wohl traurig, aber nichts Furchtbares, nichts Entſetzliches. Dieſes aber ergab ſich aus den anfangs geheimnißvollen, jetzt leider ſchon nicht mehr mit Geheimniß umhüllten Momenten bei und nach dem Tode dieſes noch geſtern vollkommen geſunden, kräftigen Mannes. Picard's herbeigerufene Schweſter, eine ſchon bejahrte Wittwe, drang nach vollzogener Todtenbeſchau auf das Seciren der Leiche. Der Befund der Section, die heute, während Madame Picard und wir in Ver⸗ ſailles bei Robert waren, ſtattgehabt, lautet auf Ver⸗ giftung.“ „Ewiger Gott!“ „Vergiftung?“ di —— ,—„—— M 4 14 „Ja, auf Vergiftung durch Blauſäure, wie gleich die erſte chemiſche Analyſe zeigte.“ „Das iſt wahrhaft entſetzlich!“ „Und ſie— Madame Picard?“ „Entfernte ſich dieſen Morgen aus dem Hauſe mit dem Bemerken gegen ihre Schwägerin und die Dienerin, daß ſie ihre Trauerkleider zu beſorgen gehe, und iſt zur Stunde noch nicht zurückgekehrt.“ „Und Du warſt in dem verhängnißvollen Hauſe?“ „Ja, und ich ſprach die alte Dame wie früher die Nachbarn im Café und ſelbſt auf der Straße.“ „Und was ſagen dieſe alle?“ „Daß Picard von ſeiner Frau vergiftet worden, ſagt man laut. „Daß Robert“ ſagte Karl,„falls es ſich mit dieſer unglückſeligen jungen Frau ſo verhalten ſollte, die Hand in dem ſchrecklichen Spiele nicht gehabt, bin ich feſ überzeugt, wie es gewiß auch Ihr ſeid.“ „Ich bin es wie Du“, ſprach Ernſt mit feſtem Ausdruck. „Und auch ich“ fügte Mar hinzu;„leider jedoch hindert dieſe unſere Ueberzeugtheit von Robert's Nicht⸗ betheiligung an der grauenerregenden That keineswegs, daß er in Unterſuchung gezogen wird. Die ganze Nachbarſchaft weiß um das intime Verhältniß, in 10* 148 welchem er zur Gattin des Ermordeten geſtanden, man weiß auch bereits, daß er von Picard mißhandelt und darüber irrſinnig geworden; was iſt da natürlicher als die Annahme, daß Robert, an deſſen fortgeſetztem Ver⸗ kehre mit Madame Picard Niemand zweifelt, in Gemein⸗ ſchaft mit dieſer einen Act der Rache vollzogen habe? Es iſt auch ſchon, wie mir Picard's Schweſter ſelbſt geſagt, von ihr die Sache bei der Behörde anhängig gemacht worden mit Bezugnahme auf die vorliegenden Verdachtsgründe, deren gravirendſter das Verſchwinden von Madame Picard.“ „Ich will“, ſagte Ernſt nach kurzer Pauſe,„morgen mit Tagesanbruch zu Robert—“ „Wenn“ unterbrach ihn Max kopfſchüttelnd,„wenn er noch in Verſailles iſt.“ „So raſch“, bemerkte Karl,„ſo draſtiſch ſchreitet die Behörde nicht ein, man verhaftet nicht Jemand auf ein bloßes Gerücht hin; übrigens dürfte der Polizei Robert's derzeitiger Aufenthalt kaum bekannt ſein.“ „Ich hatte auch nicht ſeine ſofortige Verhaftung gemeint“ entgegnete Max,„wiewohl dieſe bereits er⸗ folgt ſein kann, denn die Pariſer Polizei iſt nahezu allwiſſend; ich befürchte etwas Anderes.“ „Was meinſt Du?“ „Robert kann ſich von der jungen Frau haben tan ind als er⸗ in⸗ lbſt den den gen enn die ein t's ing ezu 149 beſtimmen laſſen, ſeinen Aufenthalt ſofort zu verändern oder wohl gar mit ihr aus Frankreich zu fliehen.“ „Dagegen ſpricht Vieles“ ſagte Ernſt;„zunächſt Robert's Charakter, der wohl danach angethan iſt, eine galante Intrigue kurze Zeit zu führen, vor aller eigent⸗ lichen Romantik aber einen wahren Abſcheu zeigt. Wie es ſich aber auch verhalten möge, ich fahre morgen früh hinaus, während Du, lieber Max, neue Erkun⸗ digungen einziehſt; um die Mittagsſtunde treffen wir uns dann wieder hier. Und Du, Karl, gibſt wohl auch noch einen Tag zu, nicht wahr?“ „Ja“ ſprach Karl ſeufzend,„Euch zu Liebe, wenn⸗ gleich mit ſchwerem Herzen; ich bringe damit, offen ſtanden, ein großes Opfer der Freundſchaft.“ „Abgemacht!“ ſchloß Ernſt dieſe ſchmerzliche Unter⸗ redung. Sie verließen nun das Palais royal und begaben ſich nach Hauſe. ge Gegen ein Uhr des nächſtfolgenden Tages trafen die drei Freunde ſich faſt gleichzeitig im Garten des Palais royal „Ich habe“ begann Ernſt mit ſeinem Berichte, Robert geſprochen;„er iſt noch, wo und wie er war. 150 Meine Mittheilung überraſchte ihn nur wenig, er ſcheint gefaßt auf die unausbleibliche Unterſuchung. Zumeiſt machte ihn das Verſchwinden der Frau Picard ſtutzig; er nimmt an, daß ſie ſich den Tod gegeben. Auf meine Frage, was ſie ihm geſtern mitgetheilt, antwortete er ausweichend; beſtimmt aber ſprach er ſeine Ueberzeugung aus, daß ſie dieſe That nicht verübt, daß es damit vielleicht dieſelbe natürliche Bewandtniß habe wie mit einem ihm bekannten Falle, der vor Jahren in Wien vorgekommen, wo ein Mann nach dem Genuſſe einer ſchlechten Trüffelpaſtete mit Champagner plötzlich vom Schlage tödtlich getroffen worden, und zwar, wie ſich aus dem Sectionsbefunde ergeben, infolge von Ver—⸗ giftung durch Blauſäure, die ſich durch Zutritt der Kohlenſäure des Champagners aus der Gänſeleber entwickelt hatte; das Gleiche, meint er, ſei mit Picard geſchehen, der auch, wie ſeine Frau ihm geſtern mit⸗ getheilt, daſſelbe genoſſen. Dieſe aber könne ſich, nach ſeiner Anſicht, aus Verzweiflung über die Folgen des auf ihr laſtenden Verdachts und auch darüber, daß er, Robert, ihr geſtern feſt erklärt, jeden weitern Verkehr mit ihr zu meiden, ſich ſelbſt getödtet haben. Er wartet nun zu und ſcheint, wie geſagt, auf das Aeu⸗ ßerſte gefaßt. Das iſt Alles. Nun, Max, was weißt Du?“ ach es Er — U⸗ 151 „Madame Picard“ ſagte dieſer,„iſt verſchwunden, der Verdacht darum gegen ſie verſtärkt; dies um ſo mehr, als, wie ich von ihrer Schwägerin gehört, bei der heute früh vorgenommenen polizeilichen Hausdurch⸗ ſuchung ſich, nach Ausſage der Köchin, von allen bei dem verhängnißvollen Diner aufgetragenen Speiſen Reſte vorgefunden haben mit alleiniger Ausnahme der Paſtete, die übrigens ſo groß geweſen, daß ſie unmög⸗ lich von Picard ganz verzehrt worden ſein konnte, von Picard allein, da ſeine Frau, die ſie ihm zu ſeinem Geburtsfeſte als ſein Lieblingsgericht ſelbſt gekauft, dieſe Speiſe, wie man im Hauſe wußte, niemals be⸗ rührte. Die Leute aus der Nachbarſchaft ſchreien nach Rache. Mehrere Perſonen haben bereits perſönlich und ſchriftlich ſich zur Zeugenſchaft gegen Madame Picard erboten, und die Polizei iſt in voller Thätigkeit, eine Spur der Verſchwundenen aufzufinden. Wahrſcheinlich wird auch noch heute Robert zu Protokoll vernommen werden. An eine Selbſttödtung der Entſchwundenen glaubt, wie ich hörte, die Polizei nicht, da die junge Frau ihren ganzen, ſehr werthvollen Schmuck mit ſich genommen.“ „Wenn dieſer“ bemerkte Karl, micht inzwiſchen entwendet worden.“ 152 „Sehr möglich“ ſetzte Ernſt hinzu;„man kann dar⸗ auf geſündigt haben.“ „Wie dem nun ſei“ ſchloß Max ſeine Mittheilung, „die Sache iſt und bleibt heillos.“ Am Abende deſſelben Tages erhielten die drei Freunde noch die Schreckensnachricht von Robert's Verhaftung. Am darauffolgenden Morgen reiſte Karl ab. Dreizehntes Kapitel. Ein franzöſiſcher Deutſcher. Frau von Stabl nannte das Reiſen ein trauriges Vergnügen. Auf ihrem Standpunkte, dem ihres Ge⸗ ſchlechts, hatte ſie Recht, auf dem ihres Berufs aber, des ſchriftſtelleriſchen, Unrecht. Es gibt für einen Menſchen von Geiſt und Gefühl, Beobachtungs⸗ und Darſtellungsvermögen nichts Anregenderes und Er⸗ hebenderes als das Reiſen, ſelbſt bei beſchränkten Mit⸗ teln, um nicht zu ſagen beſonders, weil dieſe Be⸗ merkung ebenſo gewagt erſcheinen dürfte, als ſie auf Wahrheit beruht, ja auf Wahrheit, denn der Reiche wird mehr gereiſt, als er ſelbſt reiſt; ihn trägt der Strom ſeines Goldes, alle Hemmniſſe ebnend, gemäch⸗ lich dahin, er braucht nicht eigentlich zu ſchwimmen; läſſig auf dem Rücken liegend, die Hände an den 154 Seitentaſche nals Floſſen benutzend, den Kopf ſtets über der Flut, eine Cigarre im Munde, kommt er weiter ohne alle Anſtrengung, natürlich aber auch ohne alle die Hochgenüſſe, welche das Gefühl begünſtigter An⸗ ſtrengung, glücklicher Beſiegung aller Hinderniſſe und Mühſale mit ſich bringt. Dieſes Gefühl iſt der Reichthum des Armen, und davon war auch der arme deutſche Dichter, wie auf ſeinen frühern Reiſen, ſo jetzt auch auf der von Paris nach Straßburg durchdrungen. Er machte ſie mit der Schnellpoſt. Nun, dieſes Reiſen in einem Rumpelkaſten der franzöſiſchen Messagerie générale, dieſes raſende Hinjagen in faſt ununterbrochenem Galopp auf⸗ und abwärts über das ſchlechte Steinpflaſter der Chauſſee, dieſes jeden Augenblick Umſturz drohende Hin⸗ und Hertaumeln des knarrenden Wagenkaſtens, ſo geartetes Reiſen konnte wohl an jenen Ausſpruch der berühmten Frau erinnern; und doch war dies bei Karl nicht der Fall, es hatte daſſelbe für ihn ſogar einen gewiſſen Reiz, während es gleichzeitig, beſonders anfangs, zu der Unruhe ſeiner Gedanken und Empfindungen paßte und gleichſam homöopathiſch wirkte. Es war da eben all ſein Sinnen nach Paris noch gerichtet, wo er ſeine Freunde in einem furchtbaren — ** 2 n —— 155 Conflicte wußte und wo er ſelbſt in ſeiner Theilnahme und bei ſeinem Weſen viel erlitten. Er ſaß außen in dem kleinen Coupé zur Seite des Conducteurs, eines wettergebräunten, kräftigen und muntern Mannes von etwa vierzig Jahren, der, ein Elſaſſer, faſt noch ſchlechter deutſch als franzöſiſch ſprach und die Worte, aus beiden Idiomen mit un⸗ begreiflicher Schnelligkeit geholt, ebenſo Umſturz dro⸗ hend, wie der Poſtwagen ſeine Räder durch die Quader⸗ klippen des Straßenpflaſters, über ſeine wulſtigen Lippen kollern ließ, wobei er aus einer kurzen, ehemals weißen, nun gleichfalls ſchon gebräunten Thonpfeife einen Tabak rauchte, deſſen Stickqualm, hätte er bei Entſtehung von Dante's„Divina connnedia“ ſchon die Luft verpeſtet, vom Dichter gewiß in das„Inferno“ verſetzt worden wäre, und zeitweiſe aus ſeiner Feldflaſche einen tüch⸗ tigen Schluck Cognac nahm, davon jedesmal ſeinem Paſſagiere höflich anbietend, der jedoch ebenſo höflich dankend das gut gemeinte Anerbieten ablehnte. In der Nähe von Chalons ſur Marne ließ ſich der Conducteur— wir wollen es verſuchen, eine ſchwache Probe ſeines ſtarken Jargons zu liefern— gegen ſeinen Nachbar alſo vernehmen: „Da, Monsieur, à Chalons, ſchon en vue, werde vous nir gebe ein refus mein offrir von bouteille 6 156 wie bei Cognac, vous werde gouſtire und nous deux werde trinquer comme quatre d'une sorte de vin, was nixmal vous habe getrinkt de sa vie.“ Auf Karl's Bemerkung daß man in Chalons doch wahrſcheinlich nur Champagner oder doch zumeiſt trinke und er ſelbſtverſtändlich dieſen Wein bereits kenne, fuhr der luſtige Conducteur geheimnißvoll ſchmunzelnd fort: „Oui, Monsieur, du Champagne, haber was vor eine! Vous könne vous nikſen imagire, was nous krieg vor sorte, attention, Monsieur! Auk werde nous da en passant maken une pause de Halt zehn minutes, offrirt cotelettes en papillote, jambon und du pain blanc, Alles à merveille und bome chère, ein bagatelle von àpeu-preès trois francs; haber ik ſage nix d'avantage, car d'ailleurs wär' votre surprise futſch!“ Karl dankte für den guten Willen, ihm eine Ueber— raſchung zuzudenken, aufrichtig und recht herzlich, wie⸗ wohl ihm nicht danach war; dann, um ſeinen eigenen Gedanken eine andere Richtung zu geben, erſuchte er den redſeligen Mann, ihm von ſich zu erzählen, was, und vor allem, wenn es ihm beliebte. Das aber war Waſſer auf die Mühle der Sprach⸗ werkzeuge des wackern Conducteurs, der auch ohne alle 157 Aufforderung von ſich erzählt hätte, und er füllte den Zeitraum eines halben Stündchens, der ſie noch von Chalons trennte, mit einer Skizze ſeiner Biographie aus, von welcher Skizze wir ſelbſt nur ein Fragment geben wollen, ohne uns dabei ſeiner Redeweiſe zu be⸗ dienen, nicht aber, ohne einige Bemerkungen anzufüh⸗ ren, welche Karl ſich einzuſchalten erlaubte. „Ich war“ begann er,„Soldat von 1822 bis in den Sommer 1830, wo es in Paris faſt ebenſo heiß her⸗ ging als in Algerien. Ich hätte weiter gedient, wäre Soldat geblieben, aber die verdammten Hunde von Ungläubigen hatten mich unglaublich zugerichtet. Dies geſchah am 19. Juni 1830, da wir Franzoſen— ich bin nämlich ein Nationalfranzoſe, geboren bei Straß⸗ burg, und heiße Frangois Liebermann—“ „Dem Namen nach ſcheint Ihre Familie, Herr Conducteur, aus Deutſchland zu ſtammen.“ „Aus Deutſchland? Gott bewahre! Nein, nein, un⸗ ſere Familie iſt aus dem Elſaß, da entſprungen und immer da anſäſſig geweſen.“ „Nun, Elſaß iſt ja ein deutſches Land geweſen.“ „Geweſen! Für das, was geweſen, gibt der Jude keinen Centime. Es war mein Urgroßvater bereits ein eroberter Deutſcher, folglich ein Franzoſe, und ich, ſein Urenkel, habe funter Bourmont, eigentlich 158 unter General Berthezne, der die Avantgarde com⸗ mandirte, nach der Landung in der Bai von Torre Chica, unweit Algier, das feindliche Lager erobern helfen; das war am 14. Juni; fünf Tage ſpäter ſchlugen wir den 40,000 Mann ſtarken Feind, und dabei ward ich nahezu tödtlich verwundet. Halbwegs wieder reparirt, kam ich in meine Heimat Frankreich zurück und zwar mit ſo gutem Abſchiede, daß ich, Dank dem zu Hauſe genoſſenen Unterrichte, gute Bedienſtung fand; ſeit drei Jahren bekleide ich den Poſten als Conducteur und lebe wie Gott in Frank⸗ reich. Woher mag wohl dieſer Ausdruck rühren? Wiſſen Sie, mein Herr, vielleicht ſeinen Urſprung?“ „Nein, mein lieber Herr Liebermann, ich weiß ihn nicht, doch kann ich mir ihn beiläufig erklären.“ „Und wie das, wenn es beliebt?“ „Nun, ich meine, weil die leichtlebigen Franzoſen den lieben Gott wenig mit Bitten und Klagen beläſti⸗ gen und ihm ſoviel wie möglich aus dem Wege gehen, ſo führt der gute Gott im guten Frankreich ein gutes Leben.“ „Hahaha, mir gefällt dieſe Erklärung, ſie iſt ſo ſpaßig. Hahaha!“ „Wie kommt es, Herr Conducteur, daß Sie deutſch lachen?“ 159 „Ich deutſch lachen? Ein zweiter Spaß. Ha⸗ haha!“ „Und ſo ernſt gemeint wie der erſte. National⸗ franzoſen lachen ohne h, immer a— a— a oder e——e, niemals hahaha oder hehehe! Doch von etwas Ver— nünftigerem. Sind Sie verehelicht, Herr Conduc⸗ teur?“ „Ha, ha, ha— a— a— a— wollte ich lachen. Sie ſagen, von etwas Vernünftigerem, als ob Heirathen etwas Vernünftiges wäre. E—e—e!“ „Sind demnach nicht verheirathet?“ „Den Göttern Dank, nein.“ „Aber wenn Ihr Vater auch ſo gedacht hätte?“ „Da hätte es eben einen tapfern Soldaten und nachmaligen tüchtigen Conducteur weniger gegeben.“ „Und wenn alle Männer ſo dächten?“ „Alle? Da freilich ſähe es ſchlimm aus. Sind Monſieur ſchon beweibt?“ „Noch nicht, Herr Liebermann.“ „Incliniren aber dazu?“ „Die Ehe iſt Pflicht für jeden Staatsbürger.“ „Auch für den armen?“ „Auch für dieſen. Napoleon ſelbſt erleichterte das Heirathen möglichſt, wie Sie wiſſen.“ „Allerdings, aber nur, weil er Soldaten brauchte.“ 160 „Die wird man noch lange brauchen.“ „Warum ſagen Sie nicht: immer?“ „Weil möglicherweiſe die Menſchen doch einſtens ſo vernünftig werden dürften, Krieg für etwas Barba— riſches zu halten, ihn zu vermeiden und endlich ganz unmöglich zu machen.“ „Dies glauben Sie?“ „Ich bin davon feſt überzeugt.“ „Nun, bei meinen Landsleuten, den Franzoſen, mag das noch hübſch lange auf ſich warten laſſen.“ „Auch bei meinen Landsleuten, den Deutſchen; dieſe werden wahrſcheinlich noch? vor Beginn des tauſend⸗ jährigen Friedensreichs einen großen Krieg mit Ihren Landsleuten, den Franzoſen, um Elſaß und Lothringen führen und dieſe zu Deutſchland gehörigen Länder zu⸗ rückerobern.“ „Ohne die Lothringer und Elſaſſer zu fragen, ob ſie aufhören wollen, Franzoſen zu ſein?“ „Zu heißen, wollen Sie ſagen, denn beide ſind und bleiben trotz ſihrer Vermiſchung mit franzö ſiſchen Elementen ihrer eigentlichſten Natur nach Deutſche.“ „Es iſt gut, Monſieur, daß nur ich Sie ſo ſprechen höre.“ „Wie, Herr Conducteur, dürfte man in Frank⸗ 161 reich nicht die Wahrheit ausſprechen? Doch brechen wir ab davon.“ „Und zwar a tempo, denn da ſind wir ſchon in Chalons.“ Ein paar Minuten ſpäter hielt der Poſtwagen vor einem Gaſthauſe, aus welchem ſofort Aufwärter mit kalten und warmen Speiſen herbeigeſprungen kamen, da man eben nur Halt machte, um die Pferde zu wechſeln und ſich Erfriſchungen zu kaufen, die man ſonach im Weiterfahren nach Belieben genießen mochte. Karl ſtieg nicht ab; er kaufte Einiges von der kalten Küche und erwartete den Conducteur, der ſo⸗ gleich in das Gaſthaus geeilt war und auch bald wie⸗ der mit zwei Flaſchen in der Hand zurückkam. Acht Minuten ſpäter ging es im ſelben Fluge weiter. „Sie haben alſo von dem gewiſſen ungewiſſen Weine“, ſagte Karl, indem er dem Conducteur Schin⸗ ken, kalten Braten und Weißbrod artig vorlegte. „Ja, Monſieur“ entgegnete dieſer dankend und zu⸗ langend,„zwei Flaſchen, deren Inhalt uns wohl be⸗ kommen wird.“ Die Flaſchen waren nur einfach verpfropft, ohne Lack oder Folie und ohne Draht, wie ſonſt die Cham⸗ pagnerbvuteillen, und doch enthielten ſie, wovon ſich Karl bald überzeugte, Champagner. Jean Charles, Realiſten und Idealiſten. M. 11 162 Der Conducteur hatte ſeinen Reiſebecher damit ge⸗ füllt und reichte ihm denſelben mit einer gewiſſen Prä⸗ tenſion. „Monſieur, koſten Sie gefälligſt!“ Karl beſah ſich den Wein in dem Kryſtallbecher. Derſelbe hatte eine grünlichgelbe Farbe und warf Perlen auf, aber ohne zu ſchäumen; ſein Geſchmack war der des gewöhnlichen echten Champagners, nur weniger ſüß. Karl leerte den Becher auf einen Zug. „Das iſt in der That ein köſtliches Getränk, Herr Conducteur“, ſagte er. „Nicht wahr?“ verſetzte der Deutſchfranzoſe fun⸗ kelnden Blicks, indem er ſich den Becher füllte, aus⸗ trank und wieder füllte.„Nicht wahr, füperb und Ihnen neu?“ „Gewiß, und doch iſt's Champagner.“ „Ja, aber unzubereiteter, wie ihn Gott hat wachſen laſſen, friſch vom Faß.“ Damit war das Räthſel gelöſt, das ſüße Geheimniß enthüllt. Champagner vom Zapfen! Das war für unſern Freund in der That etwas Neues und dieſes Neue war zugleich auch etwas Gutes. — ck R — M 163 Champagner, wie ihn die Natur gegeben, in ſeinem natürlichen Charakter, leicht mouſſirend, mit vorherr⸗ ſchendem Beerengeſchmacke, mehr kühlend als erhitzend, aber dabei anregend, geiſterheiternd. Und die Bouteille, wie Karl nun mit Staunen er⸗ fuhr, zu nicht mehr als einem Franc! „Ah, mein Herr Conducteur“, rief er aus,„Sie haben mich wirklich überraſcht und ſehr angenehm dazu, ich danke Ihnen! Uebrigens ſprechen wir noch darüber in Straßburg; vorläufig bin ich Ihr Schuldner.“ Der Genuß dieſes Weins wirkte ſehr günſtig auf Karl's Stimmung; ſie ward eine freie, wenn auch nicht eben freudige, und dieſe erhielt ſich bis ſpät in die Nacht, wo er endlich in Schlaf verſank, aus welchem er in etwas überraſchender Weiſe geweckt werden ſollte. Vierzehntes Kapitel. Ein blinder Paſſagier. Der Poſtwagen hielt in der Hauptſtadt des Maas⸗ departements, dem freundlichen Bar⸗le⸗Duc, aber nur auf die kurze Friſt des Pferdewechſels. Ein mit ſolcher Fahrgelegenheit Reiſender pflegt, falls ihn ja das Wagengeraſſel einſchlafen läßt, aus dem Schlafe zu erwachen, ſobald das Gepolter auf⸗ hört, gleichwie der Müller erwacht, wenn das Geklap⸗ per der Mühle unterbrochen wird, oder ein Parlaments⸗ mitglied, ſobald Keiner mehr im Saale ſpricht; ſo er⸗ ging es auch unſerm ſchlafenden und träumenden Poe⸗ ten, er zuckte heftig in ſich zuſammen und war erwacht. Ueber das Erwachen ſelbſt hatte er nicht Urſache ungehalten zu ſein, denn ſein Traum war kein ange⸗ nehmer geweſen. 165 Es hatte ſeine aufgeregte Phantaſie das ganze Schauergemälde der jüngſten Zeit in Paris reproducirt und ihn dabei vor allem Paulinens Geſtalt, obgleich er dieſe in Verſailles an Robert's Hauſe nur verſchleiert und wie im Fluge erblickt, anhaltend verfolgt und bald erſchreckt, bald mit ſchmerzlichſter Theilnahme erfüllt; auch war es unter dem Eindrucke letztern Gefühls, daß er, plötzlich erwachend, in einem Tone voll Wehmuth ihren Namen ausrief und noch ganz verwirrt in das Halbdunkel um ſich ſtarrte. Im ſelben Augenblicke— die Pferde wurden eben ausgeſpannt— erhob ſich der Kopf des Conducteurs, der abgeſtiegen war, aus dem ſchwach erhellten Grunde zu ihm und er vernahm die halb geflüſterten Worte: „Wir haben hier Zuwachs erhalten, einen Herrn⸗ der ſchwache Nerven zu haben ſcheint, weil er mich bat, ihm meinen Platz neben Ihnen abzutreten, da er der friſchen Luft bedürfe, was ich ihm denn auch nicht gut verweigern konnte; übrigens fährt er nur bis Nancy, dann bin ich wieder an Ihrer Seite.“ Karl hatte ſich mittlerweile ganz geſammelt. „Es hat nichts auf ſich“, entgegnete er. Noch eine Minute Verzug und das Raſſeln hob wieder an. Der neue Paſſagier, der wohl ein ſogenannter blin⸗ 166 der Paſſagier geweſen ſein mochte, drückte ſich, ohne irgendwie zu grüßen, in die Ecke des Coupés und ſchien den Raum und die Zeit zwiſchen Bar⸗le⸗Duc und Nancy verſchlafen zu wollen. Mit Karl's Schlafe jedoch war es für dieſe Nacht vorbei. Sein Nachbar incommodirte ihn nicht. Schlief oder ſtellte er ſich nur ſchlafend, er regte ſich nicht; die Arme über der Bruſt verſchränkt, den breiten Schirm ſeiner Kappe über den Obertheil des Geſichts herab⸗ gezogen, ließ er von dieſem nur die wohlgeformte un⸗ tere Hälfte ſehen, ein feingeſchnittenes Oval, Lippen und Kinn bedeckt von leichtem Barte; ſeine Bekleidung war einfach, aber anſtändig. Karl hatte nur einen Blick auf ihn geworfen, dann ſich wieder zurückgelehnt, ohne ſich zurückzuſehnen nach den Bildern ſeines eben entſchwundenen Traums. Allein man träumt bisweilen auch wachend, ſowie es auch geſchieht, daß der Verſtand fortſetzt und er⸗ gänzt, was die Phantaſie begonnen hatte, nur daß die Klarheit des Denkens an die Stelle träumeriſchen Sin⸗ nens tritt, wie der offen blickende junge Tag an die der zurückweichenden Nacht; eine Wahrnehmung, die man nicht ſelten auf der Reiſe an ſich machen kann, beſonders wenn, wie es hier der Fall war, auch die — 167 natürliche Morgendämmerung anbricht, ein fahler Schim⸗ mer bereits den öſtlichen Horizont umſäumt, der, in raſchem Anwachſen, ſehr bald weiß, dann grüngolden, endlich zum Purpur wird für die in aller Herrlichkeit ſich erhebende Majeſtät des Sonnengottes. Die Fahrt ging in öſtlicher Richtung dahin und Karl's Blick hielt den Lichtſtreifen am Horizonte feſt, wie Kant, der Philoſoph, bei ſeinen Meditationen den glänzenden Knauf am Thurmhelme der benachbarten Kirche im Auge behielt, ohne es zu wiſſen. Mit dem Denken der Poeten hat es übrigens eine eigenthümliche Bewandtniß. Wie das dichteriſche Schaf⸗ fen an ſich, iſt auch des Dichters Denken von dem gei⸗ ſtigen Wirken des Philoſophen, des Verſtandesmenſchen im Allgemeinen himmelweit verſchieden, ja himmelweit, denn dazwiſchen liegt eben der Himmel der Phantaſie mit ſeinen Sonnen⸗Auf⸗ und Untergängen, mit ſeinem Aetherblau und ſeinen Sternen, wie mit ſeinen befruch⸗ tenden Gewittern oder verheerenden Orkanen; und dann iſt auch das Denken des Dichters wie das Dichten ſelbſt immer ein halb unbewußtes, bis zu jenem Grade un⸗ bewußt, wo, innerer Nothwendigkeit zufolge, die Be⸗ ſonnenheit eintreten muß, wenn das poetiſche Schaffen ein Kunſtwerk hervorbringen ſoll, ein Werk, das den bereits beſtehenden Geſetzen der Kunſt entſpricht oder 168 auch durch Neuheit der Weltanſchauung und Formge⸗ bung geſetzgebend für ſpätere poetiſche Schöpfungen wird. Auf dieſem Grade, wo die zur Sichtung und An⸗ ordnung des Materials nothwendige Beſonnenheit ein⸗ tritt, befand ſich jetzt Karl, indem er, Gefühl und Phantaſie möglichſt beherrſchend, den Gedanken feſthielt, dieſen Zügel am ſchwer zu bemeiſternden Flügelroſſe, dem himmeldurcheilenden Hippogryph der Bildungskraft. Er überdachte die letzten Ereigniſſe bei ſeinen Freunden in Paris. Seine Ueberzeugtheit von Robert's Unſchuld an dem Morde blieb unerſchüttert. „Am Morde ſelbſt“, ſagte er ſich in dieſem Nach⸗ denken,„an der That hat er ſich nicht betheiligt, weder perſönlich noch durch Zuſtimmung oder Mitwiſſen; iſt er darum aber weniger die Urſache des Geſchehenen? Er hat es, ohne es zu wollen, hervorgerufen. Sein mit Leichtſinn eingegangen es Verhältniß zur Gattin des Kaufmanns Picard legte den Grund. Das iſt tragiſch! Robert wird, es kann nicht anders kommen, aus Man⸗ gel an Beweiſen gegen ihn entweder alsbald ſeiner Haft entlaſſen oder im ſtrengſten Falle vor dem Schwurgerichte mit dem Wahrſpruch„Nichtſchuldig“ rehabilitirt werden; ſeines Bleibens aber in Paris wird dennoch nicht ſein und er wird, wo immer fürder⸗ 169 hin er weilen mag, iſt ſein Leichtſinn nicht bodenlos, ſich unglücklich fühlen müſſen. Und ſie, Pauline, das tief beklagenswerthe junge Weib, hat ſie ſich den Tod gegeben? Vieles ſpricht dafür, Manches dagegen. Hat ſie ſich getödtet, ſo hat ſie gebüßt und, menſchlich zu ſprechen, ſich entſühnt; lebt ſie noch und will ſie leben, bis die Natur ſie abruft von hier, wie kann das Leben der Unglücklichen dann anders als grenzenlos elend ſein! Aber“ fuhr Karl in ſeinem Selbſtgeſpräche und auch in ſeiner Selbſtvergeſſenheit fort, da er jetzt halblaut zu denken, dieſes oder jenes Wort halbvernehmlich zu äußern begann,„ſteht es denn unumſtößlich feſt, daß Pauline ihren Gatten gemordet? Kann nicht Picard's Vergiftung in jener Weiſe, von der Robert geſprochen, erfolgt ſein? Und kann— um den erſchwerendſten Verdachtsgrund gegen Pauline zu entkräften, den ihres Verſchwindens— kann ſie, angenommen, daß ſie noch am Leben, nicht die Flucht ergriffen haben aus Furcht vor langer und peinlicher Unterſuchungshaft, aus wel⸗ cher ſie im beſten Falle aus Mangel an rechtlichen Be⸗ weiſen entlaſſen worden wäre, ohne die Sache vor die Aſſiſen zu bringen, deren Verdict immerhin ein tödtliches hätte werden können? Armes Weib dann der Welt gegenüber, um nicht viel weniger arm wie 170 als Verbrecherin, als Mörderin, die man tödtet und vergißt, während man Dich leben läßt in Acht und Bann, Du das Licht ſcheuen mußt und nur der Hoff⸗ nung leben kannſt, früher oder ſpäter durch ein halbes Wunder das Brandmal von Deiner Stirn ſchwinden zu ſehen. Arme Pauline!“ Hier unterbrach ſein mit den letzten Worten lauter gehaltenes Selbſtgeſpräch ein ſchwerer, wenngleich halb⸗ erſtickter Seufzer oder vielmehr ein gewaltſam unter⸗ drücktes Stöhnen, das bei dieſem ſeinem Gedanken⸗ gange und in dem Düſter der allmälig ſchwindenden Nacht umher auf ihn nicht anders als unheimlich wir⸗ ken konnte. „Was war das?“ fragte er ſich zuſammenſchauernd. Doch ſchon im nächſten Momente ward ihm Antwort und Erklärung; ein raſcher Seitenblick auf ſeinen Nach⸗ bar ſagte ihm, daß dieſer von einem Traume gequält ſein mußte, denn er zuckte ein paarmal krampfhaft und auch das ſchmerzliche Geſtöhn wiederholte ſich. Karl hielt es für gerathen, den im Traume offen⸗ bar Leidenden zu wecken, und er that es auch, ohne ihn zu berühren, mit den mild betonten Worten: „Mein Herr, Sie ſcheinen ſchwer geträumt zu haben; es dürfte gut ſein, wenn Sie ſich eine Weile wach zu erhalten verſuchten.“ —— — 0 W 17¹ Bei dieſer in franzöſiſcher Sprache gehaltenen herz⸗ lichen Anrede erbebte der Unbekannte heftiger als zu⸗ vor und ſtammelte ein halbvernehmliches„Danke!“, in⸗ dem er ſich wie von Froſt durchſchauert noch ſorgfäl⸗ tiger in ſeinen Plaid hüllte. In der That war auch die Morgenluft ſcharf geworden und bei der Schnelligkeit des Fahrens in dem offenen Coupé um ſo empfindlicher. Dieſer kurzen Unterbrechung folgte, ſoweit dies Karl und ſeinen Reiſegefährten betraf, lautloſe Stille; letzterer regte ſich nicht, obgleich es ungewiß blieb, ob er wachte oder ſchlummerte. Dies ſelbſt beim nächſten Pferdewechſel. Nun begann die Landſchaft Geſtalt zu gewinnen, die Umriſſe aller vorüberfliegenden Gegenſtände wur⸗ den beſtimmter, der Horizont lichter, der Tag, ein ſchö⸗ ner Vorſommertag, brach an, hier und da bereits ver⸗ kündet durch Hahnenruf und jubelnd begrüßt von himmelan wirbelnden Lerchen. Man befand ſich ſchon im Departement der Meurthe, dieſer reizenden Landſchaft an den ſanften Abhängen der Vogeſen, und hielt jetzt in Toul an der Moſel weinſeligen Gedenkens, um daſelbſt bei einem Aufent⸗ halte von zwanzig Minuten das Frühſtück einzunehmen. Dieſe einem Reiſenden ſelten unwillkommene Mit⸗ 172 theilung machte der Conducteur mit lauter Stimme und fragte dann zum Coupé tretend, ob Meſſieurs gut geſchlafen. „Ich ſchlafe wenig im Wagen“ entgegnete Karl im Abſteigen;„übrigens thut Frankreich viel dafür, daß man wenig ſchläft.“ „Wir werden uns noch ſchlagen, Monſieur“, ſagte Liebermann lachend und wendete ſich dann ſeinem blin⸗ den Paſſagier mit der höflichen Frage zu, ob es ihm nicht auch beliebe abzuſteigen. „Erſt in Nancy“, erwiderte dieſer, ſich noch feſter in ſeinen Plaid hüllend. Im Poſthauſe war das Frühſtück bereits vorgerich⸗ tet und auch bald eingenommen. Karl ſaß neben dem Conducteur. „Wiſſen Sie“, fragte er leiſe,„wer dieſer Herr im Coupé iſt?“ „Nein“, entgegnete erſterer ebenſo.„Was wollen Sie! Man incommodirt Reiſende nicht gern, zumal wenn man ſie nur auf einige Stationen bei ſich hat; von Bar⸗le⸗Duc bis Nancy— wer wird da ſkrupulös ſein! Man ſteigt ein: Bon jour! man ſteigt aus: Adieu!“ „Ein noch ganz junger Mann, wenigſtens der Ge⸗ ſtalt nach, denn das Geſicht verhüllt er.“ 1e t 173 „Im Poſthauſe zu Bar⸗le⸗Duc ſah ich es; ein hüb⸗ ſcher junger Menſch von etwa zwanzig und einigen Jahren; ſcheint guter Aeltern Kind.“ Das hier vom Conducteur Geſagte fand Karl ſpä⸗ ter in Nancy mehr als beſtätigt, denn der Unbekannte, der ſich auch bis zu dieſer Station nicht geregt hatte, daſelbſt aber gezwungen war, ſein Geſicht ganz unver⸗ hüllt zu zeigen, war nicht nur ein hübſcher, ſondern ein auffallend ſchöner junger Mann, obgleich ſeine Ge⸗ ſichtszüge das Gepräge tiefen Ernſtes, um nicht zu ſa⸗ gen Schmerzes an ſich trugen, mit welchem Ausdrucke auch ſeine Haltung ſtimmte. Er trat, eine kleine Reiſetaſche in der Hand, mit dem Conducteur beiſeite und empfahl ſich dann, nach⸗ dem er demſelben etwas eingehändigt hatte, von Karl mit einer ſtummen, doch ſehr anſtändigen, faſt ehrer⸗ bietigen Verbeugung, wonach er, langſam dahinſchrei⸗ tend, an der nächſten Straßenecke verſchwand. Karl blickte ihm träumeriſch nach. Wieder im Coupé zur Seite des Conducteurs, ſagte er: „Dieſer junge Mann ſcheint auch eins von jenen Lebensräthſeln, die man bisweilen auf der Reiſe zn löſen bekommt, ohne ſie eben löſen zu können; es ſind das Erſcheinungen, ähnlich den Kometen, die oft plötz⸗ 174 lich am Himmel ſtehen, man weiß nicht wie, woher, und ebenſo raſch weiter ziehen, wer weiß wohin und, und auf wie lange; Letzteres allerdings nur bis zu ihrem Wiedererſcheinen, da man ihre Exiſtenz zu fixi⸗ ren ihre Bahn zu berechnen vermag.“ „Ah, Monſieur“ verſetzte der Conducteur munter „Sie ſollten nur ein Jahr lang meine Stelle einneh⸗ men! Parbleu, in einem Poſtwagen wimmelt's von Kometen, wie Sie ſagen! Heute ein liebendes Pär⸗ chen, das eine Excurſion macht, kein Menſch weiß, ob mit oder ohne Erlaubniß des Herrn Vaters oder Vor⸗ mundes; morgen einer, der zehnmal in der Minute zum Wagenſchlag hinaus und nach rückwärts ſchaut, verſteht ſich, um zu ſehen, ob ihm nicht ſeine Gläubiger auf der Ferſe ſind, oder einer, der ſeinen Buſenfreund im Duelle getödtet und nun das Weite zu ſuchen hat, oder auch einer, der ſich erſt ſchlagen will an der Grenze; übermorgen ein Menſch, dem es im Geſichte geſchrieben ſteht, daß er mit einer Kaſſe unerlaubte Bekanntſchaft gemacht; dann ein anderer, deſſen Phy⸗ ſiognomie auffallende Aehnlichkeit mit der Roulette hat und der im Schlafe vor ſich hinmurmelt:„Rouge gaigne, Noir perd.“ Ah, Monſieur, man muß Conducteur ſein, um ſich über keinen Kometen in der Welt mehr zu wundern.“ — 175 „Sie ſind alſo Menſchenkenner“, ſagte Karl, ſchon etwas freier geſtimmt;„nun denn, Herr Conducteur, was halten Sie von mir?“ „Von Monſieur? Sie meinen, von Ihrem Stande?“ „Ja, überhaupt, im Ganzen.“ Der Conducteur betrachtete ſich nun ſeinen Mann ziemlich ſcharfen Blicks eine gute Weile, nahm hierauf einen tüchtigen Schluck Cognac zu ſich und erwiderte: „In meinem Poſtregiſter ſteht Ihr Name, dabei heißt es: Private. Sie ſind ein Deutſcher, kommen aus Paris und reiſen nach Straßburg. Soviel habe ich Schwarz auf Weiß. Das iſt wenig, eigentlich gar nichts. Private! Mein Gott, das Private iſt eine große Butte, dahinein geht gar viel. Das iſt alſo nichts, man kann ſich nicht daran halten.“ „Alſo, Herr Conducteur, welchem Stande mag ich angehören?“ „Hm, hm! Stand? Berufsgeſchäft? Hm, hil! Wer zum Teufel können Sie ſein? Aber halt, ich hab's!“ „Nun?“ „Monſieur ſind ein Sprachlehrer.“ „Bravo! Nahezu gerathen!“ „Alſo nicht ganz gerathen?“ „Nicht ganz. Ich bin eine Art Sprachlehrer, 176 nicht in Ihrem Sinne; ich lehre nämlich eine Sprache, die ich ſelbſt noch täglich lerne und die man im Großen und Ganzen heutzutage nicht mehr recht ver⸗ ſteht.“ „Was mag dies für eine Sprache ſein?“ „Es iſt, Herr Liebermann, die Sprache zunächſt des Herzens, dann die der Phantaſie und des Geiſtes, mit einem Worte, die poetiſche.“ „Ah, Monſieur iſt Poet! Das iſt ſchön!“ „Schön allerdings, angenommen, daß ich es bin.“ „O wie liebe ich die Chanſons meines Landsmanns Beranger!“ „Kennen Sie die alemanniſchen Lieder Ihres deut⸗ ſchen Landsmanns Hebel?“ „Vom Hörenſagen. Iſt was dran?“ „Ein kleiner Himmel, abſpiegelnd den großen.“ „Das Dichten mag wohl recht ſchwer ſein.“ „Nichts leichter als das.“ „Wirklich?“ „Ja, es braucht einem blos einzufallen.“ „Ah, Monſieur, iſt das ein Einfall!“ „In der That, Herr Conducteur. Des Poeten Kopf treibt aus dem Stamme ſeines Herzens Gefühle und Ideen, wie die Krone des Baums aus dem Stamme Blüten und Früchte treibt; es bedarf bei dieſem wie 177 ß bei jenem keiner andern Mithülfe, als welche guter . Boden, Sonnenſchein und Regen, mitunter auch ein Donnerwetter bieten; nur muß man ſelbſtverſtändlich den Baum in ſeiner Kindheit und Jugendzeit vor Windbruch bewahren, ihn fleißig abraupen und ſeine Waſſertriebe ſtutzen; alles Uebrige kommt als Gottes⸗ gabe ganz von ſelbſt.“ „Was Sie mir da ſagen, iſt ſchon ein Chanſon.“ „Man könnte allenfalls ein Lied daraus machen.“ „Waren Monſieur lange in Frankreich?“ „Nur ein paar Monate.“ „Wie gefiel es Ihnen bei uns?“ „Ich kam aus der Bewunderung und Verwunde⸗ rung gar nicht heraus.“ „Das freut mich zu hören. Und nun werden Sie in Ihrer Heimat bleiben und dort—“ „Chanſons treiben.“ „Wird das— entſchuldigen Monſieur— in Ihrem Vaterlande gut bezahlt?“ „O ja, es wird mancher deutſche Poet tüchtig aus⸗ gezahlt; im Ganzen nährt die deutſche Poeſie ihren Mann, vorausgeſetzt, daß er nicht Gourmand iſt; es gibt bei uns ſogar Poeten, die ſich verheirathen können.“ „Und bekommen wohl auch Decorationen?“ Jean Charles, Realiſten und Idealiſten. II. 12 178 „Ja, zu den Theaterſtücken, welche ſie ſchreiben.“ „Monſieur, nach alledem, was und wie Sie es ſa⸗ gen, kommt es mir vor, als wäre ich in meiner Poſi⸗ tion beſſer daran—“ „Als ein deutſcher Poet?“ „Ich denke, ich calculire ſo.“ „Und Ihr Calcül, Herr Conducteur, iſt kein fal⸗ ſcher.“ Fünfzehutes Kapitel. lſ Baden⸗Baden. In Straßburg, wo Karl von dem muntern und klugen Conducteur aufs herzlichſte Abſchied nahm, ver⸗ weilte er zwei Tage; am dritten reiſte er nach Baden⸗ Baden. Nennt man Neapel mit poetiſchem Rechte ein zur Erde gefallenes Stück Himmel, ſo kann man mit glei⸗ chem Rechte den Kurort Baden⸗Baden ein aus dem Tibetaniſchen ins Deutſche übertragenes Eden nennen, nur daß die Beſucher deſſelben nicht ſo billig daran ſind, wie es die erſten Bewohner der Erde moſaiſch⸗ genetiſchen Gedenkens geweſen ſein ſollen. Das Contingent zu dieſem ſüdweſtdeutſchen Para⸗ dieſe ſtellen drei Welten: die große Welt, die Halbwelt und die Künſtlerwelt, letztere mit Einſchluß von Dichtern und Gelehrten. 12 180 Die große Welt iſt durch Blut⸗ und Geldadel aus allen Zonen vertreten, die Halbwelt hauptſächlich durch pikante Perſönlichkeiten aus Paris, als der Heimat der Demi⸗Monde, die Künſtler- und Gelehrtenwelt durch laborirende oder lucubrirende Profeſſoren, Tou⸗ riſten und fahrende Poeten. Zwiſchen dieſen bald blendenden, bald nur ſanft anziehenden, meiſt aber intereſſanten Erſcheinungen tauchen zeitweiſe Geſtalten auf, die keiner der genannten drei Welten angehören, ſondern recht eigentlich heimatlos ſind. Woher die Berechtigung, Baden⸗Baden ein Paradies zu nennen? Ein Blick darüber hin und in ſein Leben hinein erklärt ſie. Ein üppiges Tempe, mild umſchloſſen von mäßig hohen, wohlbebauten, anſtändig bebarteten Bergen, deren Haupt, Bruſt und Hände Ruinen⸗Cameen, Villen⸗Nadeln und Promenaden⸗Brillantringe ſchmücken, zu deren Füßen der friedlich koſende Quellbach Hos, ein anmuthiges Gewäſſer, beim nahen Kloſter Lichtenthal von einem gußeiſernen Irisbogen überſprungen. Das Auge ſchwelgt in der Beſchauung der Anlagen rings um die nette Stadt, des Schloßgartens und der übrigen Parks, des Mercuriusbergs mit ſeinem antiken Handelsgottbilde und hohen Thurme, dann des Schloſſes auf einem der 181 nächſten Hügel, das ſo häufig von der Badewelt beſucht und angeſtaunt wird wegenſ ſeiner ſeltſamen unter⸗ irdiſchen Gänge, von denen man heute noch nicht weiß, ob ſie zur Sicherung und Rettung von Perſonen und Habſeligkeiten oder zu Verſammlungen der heiligen Vehme heilloſen Andenkens gedient haben. Das Intereſſanteſte an Baden⸗Badens Romantik iſt ihr Gegenſatz, die Claſſicität; denn kommt das Stamm⸗ ſchloß Baden, deſſen Ruinen eine Wegſtunde von der Stadt hoch über ihr und ihrem jüngern Schloß ſich auf⸗ thümen, auch ſchon im Jahre 1046 urkundlich vor, ſo will dies doch gar nichts ſagen, da Baden bereits von römiſchen Autoren vielfach erwähnt und Hadrian und Antonin als ſeine Erbauer genannt werden und es der hiſtoriſchen Auszeichnung genoß, im Jahre 234 nach Chriſtus von den Alemannen verwüſtet zu werden, eine Unbill, welche bald danach Probus durch rechtſchaffene Wiedererbauung ausglich. Wie großherzig die Natur für dieſen Ort auch ge⸗ ſorgt, die Menſchen haben faſt noch mehr dafür gethan, indem ſie die natürlichen Reize durch Kunſt erhöhten; es athmet da Alles, bei Luxus und Raffinirtheit, Geſchmack, dieſen ſogar oder, beſſer geſagt, zumeiſt in der ſtrahlenden, wahrhaft blendenden, bezaubernden Teufels⸗ grotte, genannt Kurhaus, mit der heißmachenden Hölle des Spiels, des Hazardſpiels, dem man in Deutſchland ein Aſyl bot, nachdem die Franzoſen im Jahre 1830 in einer Anwandlung von Solidität daſſelbe aus den Grenzen ihres Reichs verbannt hatten. Dieſer Gold⸗ und Silberpeſt ſind zur Behandlung mehrere Abtheilungen des prachtvollen Kurhauſes ein⸗ geräumt, wenn man nicht, ein wenig galant, ſagen ſoll: den Myſterien der Glücksgöttin, mit denen ſich hier täglich von Mittag bis Mitternacht Herren und Damen, mehrfache Millionäre und einfache Hunger⸗ leider, Greiſe dicht am Grabesrande und Jünglinge voll Lebenskraft vertraut machen auf dem grünen Teppich— nicht der Natur— der Hoffnung, in die wollüſtige Umarmung der reizenden Göttin zu ſinken, darinnen wonnig zu träumen und, für Hingebung an den Opferdienſt und für alle Glut der Liebe reich be⸗ lohnt, daraus zu erwachen. Die Monotonie der grünen Flächen zeigt ſich unter⸗ brochen durch Hügel von goldenen und ſilbernen Münzen, welche die Krücken der Croupiers bald erhöhen, bald abtragen; die Kugel der Roulette, hervorſchießend aus ihrem Verſtecke, raſt über die Nummern im Kreiſe, bis ſie matt hintaumelnd auf irgend einer liegen bleibt; auf der Kartenwieſe vernimmt man den Kukuksruf: „Le jeu est fait; faites votre jeu!“ 183 Und nun dieſe immergrünen Matten, die ſo viel⸗ farbigen Menſchenblumen aus allen Klimaten mit ihren von individueller Stimmung oder momentaner Auf⸗ regung klatſchroſenrothen, narcißgelben, aurikelblauen, piſtaziengrünen oder lilienbleichen Geſichtern, und dann nebenan im großen, von blendendem Lichte durch⸗ ſtrahlten, fürſtlich ausgeſtatteten Saale die glänzende Redoute, in welcher Schminke oder Verſtellung die Larven erſetzt und der Schein bis zu völliger Unkennt⸗ lichkeit maskirt; draußen endlich, im Freien, bei ob⸗ ligater Muſik, in phantaſtiſchem Halbdunkel durch die Bosquets dahin das ſüße Gekoſe jener, die, ſtatt um Gold, nur um Herzen, um Glauben, Hoffnung und Liebe ſpielen! Karl fand die Saiſon dieſes eleganteſten aller deutſchen Kurorte in vollem Gange: blendenden Luxus, bezaubernde Erſcheinungen, hinreißendes Spiel, gründ⸗ liche Geldverachtung, freieſten Ton, Intriguen und Scenen für einen Boccaccio oder Leſage zu einem neuen „Decameron“ oder„Hinkenden Teufel“. Gleich am erſten Morgen, unter herrlichem Sommer⸗ himmel, lernte er etwas kennen, deſſen Ungeheuerlichkeit ſelbſt den an Außerordentliches gewöhnten Großſtädter überraſchen mußte. —— —— ——— Er war aus ſeinem Gaſthofe nach dem Kurhauſe — 184 gekommen, um vor demſelben angeſichts des Muſik⸗ pavillons und der zahlreich um ihn Promenirenden ſein Frühſtück einzunehmen. Dann brannte er ſich eine köſtlich duftende Havanna⸗ cigarre an, deren Parfüm, beſonders in Erinnerung an die grauenerregenden Pariſer ECigarren, ihm Hochgenuß, nahezu Hallucinationen bereitete. Für eine ſolche Phantaſieverzückung hielt er nach⸗ gerade auch eine Erſcheinung in ſeiner Nähe. Es ſaß da an einem Tiſche oder lag vielmehr hin⸗ geſtreckt auf zwei Stühlen ein Jüngling von etwa zweiundzwanzig Jahren in feiner Morgentoilette eines Gentleman. Derſelbe war aber weder ein britiſcher noch ſonſtiger Gentleman, was Karl alsbald erfah⸗ ren ſollte und zwar aus dem Munde eines ältlichen, vornehm ausſehenden Herrn, der ſich an ſeinem Tiſche höflich grüßend niedergelaſſen hatte und der zu den vieljährigen Habitués von Baden⸗Baden zählte. Karl blickte mit dem Ausdrucke höchſter Verwun⸗ derung nach jenem Jünglinge. Er hatte nie einen ſo ſchönen jungen Mann geſehen. Hoch und herrlich ge⸗ 1 baut, ſchien derſelbe dem Poeten der erneute Mythus eines Endymion oder Narciß; man konnte keine edlere Geſtalt, keine idealern Geſichtszüge, kein ſeelenvolleres Auge ſehen, nur daß ſein Blick umflort ſich zeigte. 185 „Sie bewundern, ſcheint es, dieſen ſchönen jungen Mann“, ſagte eigenthümlich lächelnd der Habitué zu Karl. „Ja, mein Herr, ich muß es geſtehen. Kennen Sie ihn?“ „Seit einigen Tagen erſt, denn länger iſt er noch nicht hier, während ich bereits ſeit zwei Wochen an⸗ weſend bin.“ „Warum dieſer Gentleman mur ſo melancholiſch blicken mag?“ „Erſtens iſt dieſer junge Menſch kein Gentleman und pann iſt ſeine Augenverdüſterung nicht Me⸗ lancholie.“ „Sondern?“ „Sondern dieſer Menſch war, wie ich aus verlaß⸗ licher Quelle weiß, noch vor kurzem Commis in einem Damenputzgeſchäfte zu Nancy und iſt ſeit etwa einem Monate verheirathet.“ „Was Sie ſagen!“ „Eigentlich geheirathet, noch beſſer geſagt, zum Ehe⸗ mann gepreßt; dies von einer ſteinreichen, über fünfzig Sommer zählenden hagern, verlebten und doch liebe⸗ und eiferſüchtigen Engländerin, die bei einem Einkaufe in Nancy dieſen Burſchen kennen lernte und einige Tage ſpäter zu ihrem Manne machte.“ 186 „Ich falle aus den Wolken.“ „Sie ſehen zwei geleerte Weinflaſchen auf ſeinem Tiſche, ſo eben bringt man ihm eine dritte. Das mag Ihnen die Melancholie in ſeinem Blick erklären. Er iſt täglich ſchon zu dieſer frühen Stunde halb betrun⸗ ken. Seinen erſten Tagesrauſch ſchläft er hier aus, den zweiten, noch vor dem Diner, im Gaſthofe, den dritten endlich in der Nacht. Er badet förmlich in Champagner. Der iſt ſeine Lethe, daraus trinkt er Vergeſſenheit. Aber ſeine holde Gattin rüttelt ihn un⸗ ſanft genug aus dieſer Selbſtvergeſſenheit, wie Sie mein Herr, vielleicht ſehr bald ſehen werden.“ Karl hatte ſich noch nicht vom Staunen über das Vernommene ganz erholt, als ihm ſein Nachbar zu⸗ flüſterte: „Schon da! Geben Sie nun Acht, wir werden eine köſtliche Scene ſehen! Sie kommt, Mylady naht, dort — aus dem Bosquet am Pavillon— die lange, när⸗ riſch⸗luxuriös geputzte neue Macmarilis— in Rieſen⸗ ſchritten heran, auf ihn zu, um ihn zu holen!“ „Wie? Dieſes ſchreckliche Weib iſt doch nicht die Gattin dieſes Adonis?“ „Sie iſt es, wie Sie ſogleich ſehen werden.“ Im nächſten Augenblicke ſtand die weiß, roth und ſchwarz geſchminkte Unholdin vor dem Holden, der ſo —„ eben wieder einen Becher geleert und, die Cigarre im Munde, die Augen geſchloſſen hatte, rüttelte ihn heftig am Arme, riß ihn, einige„Danmed“ ausſtoßend, empor und zog ihn mit ſich in das Bosquet zurück wie eine hungrige Wölfin ein von der Weide geraubtes Lamm, gefolgt vom Hohngelächter faſt aller, die das ſahen, während Karl mit einem Ausdrucke tiefſten Grauens ihnen nachblickte. „Iſt dieſer Burſche“ ſagte der alte Herr gleichfalls auflachend,„nicht Goldes werth? Sie vergoldet ihn aber auch und das buchſtäblich. Von der bedeutenden Ankaufsſumme gar nicht zu ſprechen, womit ſie ihn aus allen ſeinen Schuld- und ſonſtigen Verhältniſſen gelöſt, bezahlt ſie ihm Alles, was er ihr zu Liebe öffentlich thut, fürſtlich: eine Ausfahrt ſihr zur Seite im offenen Wagen mit fünf Pfund Sterling, eine Promenade Arm in Arm oder einen Concertbeſuch mit zehn, einen Tag im Kurſaale mit zwanzig Pfund, und ſo fort. Sie ſtaunen, aber es iſt wahr.“ „Er ſpielt wohl auch?“ „Der ſpielen! Kann ja kaum bis fünf zählen. Uebri⸗ gens wird dieſes liebenswürdige Ehepärchen Baden⸗ Baden bald verlaſſen müſſen, denn es hat bereits ſo viel Skandal gemacht und Aergerniß gegeben, daß die Polizei einſchreiten mußte. Sind Sie ein Freund vom Spiele?“ 188 „Ich würde es werden, darum bin ich es nicht. Spielen Sie, mein Herr?“ „Ja. Ich beſuche ſchon über zehn Jahre Ba⸗ den⸗Baden und verliere nicht nur nichts, ſondern gewinne in jeder Saiſon ſo viel) daß durch meinen Gewinnſt mindeſtens die Koſten der Reiſe und des Aufenthalts vollſtändig gedeckt werden.“ „So glücklich ſpielen Sie?“ „So ruhig ſpiele ich.“ „Ich verſtehe Sie nicht, mein Herr, wenigſtens nicht ganz.“ „Das werden Sie ſoogleich. Reiſe und Aufenthalt koſten mich durchſchnittlich fünfhundert Thaler. Drei Monate dauert mein hieſiger Aufenthalt, folglich muß ich täglich fünf Thaler gewinnen. Dieſe gewinne ſich war nicht täglich, aber im Durchſchnitte mit aller Sicherheit auf folgende Weiſe. Ich ſtecke fünfzehn Thaler zu mir und beginne mit kaltem Blute und feſtem Calcül zu ſpielen. Verliere ich dieſe fünfzehn Thaler, ſo entferne ich mich, ohne daran zu denken, dieſen Verluſt noch am ſelben Tage wieder hereinbrin⸗ gen zu wollen; dies geſchieht übrigens ſelten, denn in der Regel gewinne ich täglich fünf bis zehn Thaler. Habe ich mit meinen fünfzehn Thalern dreißig gewon⸗ nen, ſo entferne ich mich ebenſo ruhig, ſelbſt bei der 5 189 innerſten Ueberzeugung, daß ich an einem ſolchen Glückstage noch drei⸗, viermal ſo viel gewinnen würde. Hätte ich nun unter den neunzig Tagen meines Ver⸗ weilens zwanzig ſolcher Tage, ſo gäbe dies einen Ge⸗ winnſt von ſechshundert Thalern, wobei etwa zwanzig Unglückstage mit dem Geſammtverluſt von dreihundert Thalern in Rechnung zu ſtellen wären, ſodaß ich alſo nur die Summe von dreihundert Thalern gewonnen hätte; hierzu aber kommen die gewöhnlichen Gewinnſte von fünfzehn auf den Tag, und dieſe ergänzen, wenn ſie ihn nicht überſteigen, ſchließlich den von mir an⸗ geſtrebten Betrag von fünfhundert Thalern; dies ſteht feſt, hat noch kein Jahr fehlgeſchlagen.“ „Ja, mein Herr, wer Ihr kaltes Blut beſäße!“ ſagte Karl. „Dies iſt in der That ſelten“ entgegnete der ebenſo redſelige als ruhige Mann,„und es dürfte nur für ſehr Wenige gerathen ſein, in ähnlicher Weiſe ſich das Vergnügen an einem Spielorte verſchaffen zu wollen; ein Heißblütiger, kaum daß er ſich auf dem grünen Felde bewegt, beginnt, um die kokett vor ihm hintan⸗ zende ſchöne Fortuna, welche, wie er geleſen oder gehört hat, die Kühnen liebt, zu feſſeln, alsbald kühne Sprünge zu machen, das Springen entzündet und trübt das Auge der Berechnung, er fängt an zu wanken und ſein 190 Sturz iſt faſt immer unausbleiblich. Guten Tag, mein Herr! Auf das Vergnügen, Sie wiederzuſehen, guten Tag!“ Damit entfernte ſich der freundliche Lebemann, um wie gewöhnlich im cabinet de lecture die Journale ſeiner Farbe zu leſen. Karl benutzte das herrliche Wetter zu einem Aus⸗ flug nach den Höhen um Baden⸗Baden und brachte den ganzen ſchönen Tag im Freien zu. In gehobener Stimmung zurückkommend, begab er ſich noch auf ein Stündchen nach dem bereits ſtrahlend erleuchteten Kurhauſe, um das Treiben der Welt ſich da mit anzuſehen. Er ſah mehr, als für eine ruhige Nacht gut war. Sechzehntes Kapitel. Großes Spiel. Im großen Saale wogte eine glänzende Menſchen⸗ flut auf und nieder. Die dem Spiele gewidmeten Salons waren gleich⸗ falls dicht beſetzt. Das ſtärkſte Gedränge fand Karl an der Roulette. Natürlich, es iſt die Roulette ein Spiel, das Jeder⸗ mann zu verſtehen glaubt, in Wahrheit aber ebenſo wenig kennt als irgend ein anderes Hazardſpiel, das ſo unergründlich bleibt wie die Zahlenlotterie und trügeriſch gleich dieſem, trügend dadurch, daß es jede Berechnung unmöglich macht, jene ausgenommen, welche mit dem Zero der Bankhalter für ſich hat und womit er den Ausfall deckt, der ſich beim Kartenſpiel ſehr oft zu großem Nachtheile für ſeine Kaſſe ergibt. 192 3 Um die große Tafel der Roulette drängen ſich demnach Menſchen aus allen Ständen, arme und Ja, auch reiche. An jenem Abende zum Beiſpiel ſah Karl mit nicht geringem Erſtaunen den regierenden Fürſten von*** am Opfertiſche der Roulette. Dieſer Fürſt, ein leidenſchaftlicher Spieler, erregte großes Aufſehen, bei Denkenden auch großes Aergerniß. Er beſäete förmlich die Tafel mit Goldſtücken und gewann im Verlaufe von zwanzig Minuten über zehn⸗ tauſend Francs. Und doch, wie Karl in den nächſten Tagen ſah und hörte, war dieſer Fürſt der beſte Kunde des Herrn Benazet, denn er verlor in jeder Saiſon durch⸗ ſchnittlich fünfzigtauſend Francs. Nun, dies machte dem guten Fürſten Spaß, alſo— Der hohe Herr hatte ſich ſo eben mit ſeinem zeit⸗ weiligen Gewinnſte in der Caſſette vergnügt lächelnd entfernt, als ein hochſtämmiger, ſteifer, drollig⸗elegant gekleideter Engländer, eine Dame am Arme, ganz ernſten, eigentlich phlegmatiſchen Ausſehens an die Tafel trat, einige Guineen aus der Taſche zog und dieſe auf das gefächerte grüne Tuch mehr hin⸗ warf als legte. 6 te iß. nd n⸗ 193 Der Croupier fragte ihn, welche Nummer oder Nummern er damit belegen wolle. „Mir ganz gleich“, entgegnete der ſtolze Brite mür⸗ riſchen Tons. Der Croupier ſchob nun lächelnd die Goldſtücke auf zwei Nummern. Eine derſelben kam.„Stehen laſſen!“ murmelte der Gentleman. Die Nummer ge⸗ wann wieder. Jetzt ſtrich er den Gewinnſt langſam ein und entfernte ſich mit ſeiner Dame ſo apathiſch, wie er gekommen. Der hätte die Bank der Roulette ſprengen können, dachte Karl und ging in den Salon, wo man PTrente et Quarante ſpielte. Auch hier war die Tafel ſtark beſetzt. Zunächſt empörte ihn der Anblick der ſpielenden Damen, worunter ſogar jugendliche ſchöne Erſcheinun⸗ gen, nur daß die Mienen derſelben noch leidenſchaft⸗ lichere Aufregung verriethen als jene der ſpielenden Männer. Das Laſter macht den Mann ſchrecklich, das Weib abſcheulich; ein Weib, beſonders ein ſchönes junges Weib, beim öffentlichen Hazardſpiel iſt grauener⸗ regend. Und was dabei das Häßlichſte, dieſe ſpielenden Damen gehören nicht immer der Halbwelt an. Jean Charles, Realiſten und Idealiſten. II. 13 194 Karl entfernte ſich bald, der Eindruck war zu widerwärtig. Als er das Kurhaus verließ, klopfte ihm Jemand auf die Schulter. Es war ſein Geſellſchafter von dieſem Morgen. „Auch ſchon nach Hauſe?“ fragte der alte Herr freundlich. „Ja, ich bin müde. Haben Sie geſpielt?“ „Geſpielt und gewonnen; ich hatte meinen glück⸗ lichen Tag heute, genau die gewiſſen dreißig Thaler; dachte mir's auch ſchon heute früh, als ich das Ver⸗ gnügen hatte, Ihre angenehme Bekanntſchaft zu machen; ſo etwas, ſehen Sie, deutet immer auf Glück. Sie ſollten ſpielen; bin feſt überzeugt, Sie würden viel gewinnen. Frühſtücken Sie morgen wieder hier?“ „Kann es nicht beſtimmen; wenn es der Fall, nur Ihnen zu Liebe.“ „Das heißt, zu Gunſten meiner Kaſſe. Nun, recht gute Nacht!“ „Gute Nacht, mein Herr.“ Es war in der elften Stunde, als Karl in ſeinen Gaſthof zurückkehrte. Er hatte eben den Thorweg betreten, als ein zweiſpänniger Wagen, dem Ausſehen nach der eines Landkutſchers, vor dem Hotel anhielt und der Portier — „————— ſofort das Glockenzeichen für die Dienerſchaft gab, wo⸗ rauf er ſelbſt den Wagenſchlag öffnete. Es ſtieg nur eine Perſon aus, und dieſe war zu Karl's nicht geringer Ueberraſchung Niemand anders als ſein Coupeégeſellſchafter auf dem Wege von Bar⸗ le⸗Duc bis Nancy, nur daß derſelbe jetzt außer ſeiner Reiſetaſche, die er trug, noch einen Koffer mit ſich brachte, der alsbald vom Wagen genommen und ihm nachgetragen wurde, während der Landkutſcher wieder abfuhr. Der ſchöne junge Mann ſchritt ſichtlich ermüdet dem Aufwärter langſam nach. Als er an Karl vorüberging, der, von den La⸗ ternen des Thorwegs ſcharf beleuchtet, wie gebannt anhielt und ihn unwillkürlich, doch ſchweigend begrüßte, lüftete auch er ſein Käppchen mit einem flüchtigen Blicke, aus dem zwar Freundlichkeit, aber auch Ver⸗ legenheit ſprach. In Nachdenken über dieſes ſo baldige wie unver⸗ muthete Wiederſehen verſunken, brachte Karl noch eine Stunde auf ſeinem Zimmer wachend zu, und ſelbſt auf ſeinem Lager wollte ſich lange nicht der Schlaf einfinden. Er verließ es auch ſchon bei Sonnenaufgang. Sein Erſtes war, den Zimmerkellner zu berufen 13* und zu befragen, wie dieſer junge Mann ſich im Frem⸗ denbuche eingeſchrieben habe. Die Antwort lautete: „Claude Latour, Sprachmeiſter aus Genf, begriffen auf der Reiſe nach Hamburg, nur auf ein paar Tage in Baden⸗Baden verweilend.“ „Ich werde alſo“— ſagte ſich Karl—„wahrſchein⸗ lich die nähere Bekanntſchaft dieſes ſeltſamen jungen Mannes machen. Aber warum ſeltſam? Wozu ihn näher kennen lernen? Er iſt vielleicht trotz ſeines eigenthümlich beredten Blicks ein ganz gewöhnlicher junger Menſch, der, möglicherweiſe arm oder ein ver⸗ hätſcheltes Mutterſöhnchen, vor der Fremde Scheu hat, die ihn aufnehmen und Brod finden laſſen ſoll. Du ſiehſt eben faſt in Allem etwas Poetiſches, wenigſtens Phantaſtiſches; nach vierundzwanzig Stunden wirſt Du wahrſcheinlich über dieſen Menſchen ſo nüchtern weg⸗ blicken wie der kälteſte Proſaiſt. Flüchte dich vor der Hand wieder nach den waldbekränzten Höhen, in die herrliche Natur und ſenke dich dann aus dem Aether auf die Scholle nieder, nachdem die Lerche in dir aus⸗ gejubelt.“ So mit ſich im Klaren, verließ er den Gaſthof und ſchritt rüſtig den Weg dahin, der nach der Waldpartie unfern des hochgelegenen alten Schloſſes führte. O wie köſtlich war es in dieſem Walde! Nur ſtellenweiſe blitzten Sonnenſtrahlen durch die Baumkronen, auch aus den Wohnungen der Menſchen ließen ſich nur ſchwache Töne vernehmen; Karl em⸗ pfand, langſam hinſchreitend, ſo recht innig die Luſt der Waldeinſamkeit und den heiligen Schauer vor dem Weltgeiſte, der da zu ſeiner Seele nur in harmoniſchen Naturlauten ſprach. In ſolchem unbeſtimmten träumeriſchen Sinnen wird der Menſch von Gefühl und Phantaſie ſeiner Aufgabe, ſeiner irdiſchen Miſſion ſich bewußter als im höchſten philoſophiſchen Denken; es iſt das Menſchenleben zwar ebenſo wenig ein Traum als der Traum ein Leben, aber es überkommt in ſolchen Momenten den Geiſt ein Ahnen, in welchem mehr Klarheit und Wahrheit ent⸗ halten als in aller Philoſophie. Eine Viertelſtunde mochte Karl ſin dieſer beſeligen⸗ den Stimmung die erhabenen Baumhallen durchwandelt haben, als er, einer Lichtung zuſchreitend, die zur Schloßruine führte, ſeinem träumeriſchen Sinnen plötz⸗ lich auf gewaltſame Weiſe entriſſen wurde; es fiel ein Schuß, dem unmittelbar ein gellender Aufſchrei folgte und deſſen Schall das Echo der Berge mehrfach wiedergab. Der Gedanke, daß da ein Unglück geſchehen, durch⸗ zuckte ihn und er flog der Ruine zu, von woher Schall und Schrei gekommen. Er hatte ſich nicht getäuſcht. Einige Schritte von der hoch emporſtrebenden Schloßmauer entfernt, um⸗ ſtanden ſchreiend und händeringend mehrere Perſonen, der Ruinenaufſeher nämlich mit ſeinen Leuten, einen am Fuße eines mächtigen Baums liegenden wohlge⸗ kleideten jungen Mann, der ſich ſo eben mittels eines Piſtolenſchuſſes entleibt hatte; die Kugel war durch die Bruſt gedrungen und hatte ihn augenblicklich getödtet. Karl hatte den Unglücklichen geſtern Abend am grü⸗ nen Tiſche beim Kartenſpiel geſehen und eine Weile beobachtet; als derſelbe nach einem Verluſte von meh⸗ reren Tauſend Gulden den Saal verließ, ſagte einer der Zuſchauer zu Karl:„Schade um dieſen jungen Mann! Ich kenne ihn; er iſt der einzige Sohn eines Gutsbe⸗ ſitzers bei Straßburg, ein Menſch voll Geiſt und Kennt⸗ niß; ſein Blick weiſſagt nichts Gutes.“ Unten in der Stadt, wohin Karl ſofort zurückkehrte, erregte die raſch verbreitete Kunde von dieſem tragiſchen Begebniſſe kaum mehr Theilnahme, als ſich bequem durch ein Achſelzucken oder durch eine gemeinplätzige Bemerkung ausdrücken läßt; um Mittag ſchon war der Vorfall ſo gut wie vergeſſen und die Spieltiſche zeigten ſich nach wie vor umlagert; über die grünen Felder 199 hin wurde mit derſelben Leidenſchaftlichkeit nach Gold⸗ füchſen gejagt, und wer nicht ſelbſt Jäger war, ergötzte ſich wenigſtens als Zuſchauer oder auch als Treiber. Es befinden ſich im Hauſe des Spielpachters zwei⸗ fellos feuerfeſte Kaſſen zur Aufbewahrung des Geldes, nur muß man ſich wundern, daß dieſe Kaſſen nicht vom Blutroſte zerfreſſen werden, da faſt in jeder Sai⸗ ſon an jedem Spielorte ein Menſchenleben, wenn nicht mehrere, dem Dämon Hazard zum Opfer fällt. Gegen Abend traf Karl vor dem Kurhauſe mit dem rationellen Spieler, dem ältlichen Herrn, wieder zu⸗ ſammen. „Kommen Sie“, ſagte dieſer,„hinein zum Trente et Quarante; Sie werden da einen höchſt intereſſanten Spieler ſehen. Er iſt gegen Mittag erſt angekommen und hat ſogleich zu ſpielen begonnen; innerhalb zweier Stunden war er im Beſitze eines namhaften Gewinn⸗ ſtes; er ſpielt großartig, man ſpricht bereits nur von dieſem Fremden, der, ein Mann von etwa dreißig Jah⸗ ren, das Ausſehen eines Geſchäftsreiſenden hat.“ „Es verlangt mich wenig danach“, entgegnete Karl, „denn das ſchreckliche Ereigniß von heute früh—“ „Ah bah, wer wird ſich an dergleichen ſtoßen! Tödten ſich Leute nur nach einem Spielverluſte? Nein, nein, dieſen Spieler müſſen Sie ſehen, denn wahrhaft großes Spiel zu ſehen hat man ſelten Gele⸗ genheit. Kommen Sie alſo!“ Karl folgte, zwar nicht eben gern, doch auch nicht ohne eine Anwandlung von geiſtigem Intereſſe, das alles Außerordentliche ihm einflößte. Und in Wahrheit, es war der Mühe werth, dieſem Spieler zuzuſehen. Es war ein wohlgebauter, anſtändig gekleideter Mann von ernſten Geſichtszügen und feſter Haltung. Er ſetzte auf ſein Blatt nie weniger als zehn Louisdor, ließ zu wiederholten Malen den Gewinnſt darauf ſtehen oder doublirte zwei⸗ auch dreimal den Verluſt im Einſatze, machte ſtets nur kurze Pauſen, verrieth durch kein Wimpernzucken Vergnügen oder Ver⸗ druß, beachtete ſeine Nachbarſchaft nicht im mindeſten und ſetzte ſein Spiel diesmal eine gute Stunde lang fort; in dieſer Friſt hatte er ſeinen frühern Gewinnſt um beiläufig fünftauſend Gulden vermehrt. Karl konnte nicht umhin, dieſen Mann zu bewun⸗ dern; ein ſo ſeltener Verein von Kühnheit und Kalt⸗ blütigkeit, Wagniß und Berechnung imponirte ihm wie den beſten Kennern des Spiels, und er äußerte das auch gegen ſeinen Begleiter. „Nun werde auch ich mir“ ſagte dieſer lächelnd,„meine paar Thaler holen“, und ließ ſich an der Tafel nieder — —„———— S— Unſer Poet begab ſich von da in den Salon der Roulette. Großes Gedränge wie immer, diesmal wohl noch größer. Er tratthinzu, um den Grund davon kennen zu lernen. „Himmel!“ rief er unwillkürlich aus, während ſein Blick nach einem Gegenſtande hinſtarrte, der, wie er alsbald ſah, dieſen großen Andrang von BZuſchauern verurſachte. Wie kurz zuvor beim Kartenſpiele der kühne Fremde, hatte hier, wie Karl vernahm und ſich ſelbſt nun über⸗ zeugte, ein Zweiter ſtaunenerregendes Glück und in ſeiner Kaſſette neben ſich bereits einen Gewinnſt von mindeſtens zehntauſend Gulden, während er mit glei⸗ chem Kaltblute, ja mit einer Art Geringſchätzung ſeines Glückes noch weiter ſpielte und mit nur wenigen Aus⸗ nahmen auch noch weiter gewann. Und dieſer ebenſo glückliche als anſcheinend in⸗ differente Spieler war— und daher Karl's Ausruf— Niemand anders als der ſchöne junge Unbekannte von Bar⸗le⸗Duc. Wie von einer geheimen Macht getrieben, drängte er ſich an deſſen Seite und flüſterte ihm, auch nur in⸗ ſtinctiv, ein Wort zu, das Wort:„Genug!“ Der junge Mann, ihn erblickend und das Wort vernehmend, zuckte leiſe in ſich zuſammen, nickte ihm dann wie beiſtimmend zu, machte noch ein paar Sätze und zog ſich mit ſeiner Kaſſette unterm Arm, gefolgt von ſeinem Mahner wie von bewundernden und auch neidiſchen Blicken der Zuſchauer, aus dem Gedränge zu⸗ rück, um ſofort das Kurhaus zu verlaſſen. Auf dem Wege zu ihrem gemeinſchaftlichen Gaſt⸗ hofe läſſig dahinſchreitend, verhielten ſich beide eine kurze Weile ſchweigend. Karl, die Nothwendigkeit fühlend, ſein Benehmen gegen den Unbekannten zu erklären, nahm nun das Wort. „Sie entſchuldigen wohl“, ſagte er,„daß ich Sie im Spiele, im offenbaren Glücke geſtört und durch eine Warnung veranlaßt, es abzubrechen; aber das ſchreck⸗ liche Ereigniß von heute Morgen, die Selbſtvernichtung eines jungen Mannes infolge unglücklichen Spiels—“ „Hat Sie beſorgt um mich gemacht“, unterbrach ihn der Unbekannte in einem Tone, der von Zerſtreutheit zeugte. „Allerdings“ fuhr Karl mit Wärme fort;„ich kenne Sie zwar nicht näher als, wie Sie vielleicht ſich erin⸗ nern, von unſerer ſchweigſamen Fahrt zwiſchen Bar⸗le⸗ Duc und Nancy—“ „Und doch wenden Sie mir ſo freundliche Aufmerk⸗ ſamkeit zu?“ — n,——— 203 n„Aus Beſorgniß, ich geſtehe es. Sie ſind ſo jung—“ e„Und ſchon ſo begünſtigt vom Glücke, nicht wahr?“ 1„Im Spiele wenigſtens; aber— aber— der grüne 6 Tiſch iſt ein mit friſchem Gezweig und Laubwerk über⸗ ⸗ deckter Abgrund—“ „Und der Abgrund lockt, wollen Sie ſagen.“ ⸗„Ja, ſo denke ich.“ e„Und darum flüſterten Sie mir zu: Genug?“ „Ja, nur darum.“ „Nun, ich begnüge mich auch mit dieſem Gewinnſte; . noch mehr, er ſoll mein letzter ſein, wie er mein erſter n war, ſchon deshalb war, weil ich nie zuvor ein Hazard⸗ e ſpiel verſucht, auch nicht die geringſte Kenntniß von ⸗ den Chancen deſſelben habe. Doch wir ſind zur Stelle. Gute Nacht, mein Herr.“ „Ich hoffe, Sie morgen zu ſehen.“ „Immerhin möglich. Gute Nacht!“ t e Ende des zweiten Bandes. Druck von Bär& Hermann in Leipzig. —— 2— — Verlag von Ernſt Julius Günther in Leipzig. Der Hohn des Fnthaupteten. 5 Roman von Jules Boulabert. Aus dem Franzöſiſchen. 3 Bände. 8. Geheftet. Preis 1 Thlr. 15 Ngr. cin Hünder wider Villen. Roman von Etienne Enault. Aus dem Franzöſiſchen. 2 Bände. 8. Geheftet. Preis 1 Thlr. M— M— — 1 1 . 3 3 8 —