5 — . 6 3 B —= S— ————=— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Cdnard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und Veſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag 7 uhr bis Abends 8 Uhr offen. hesepreis. Bei Rückgabe eines Leliehenen Buch jeden Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, eines Buches, eine dem Werth deſſelben hinterlegen, welche bei zur Em⸗ von Morgens es wird von Tages iſt zu 24 Stun⸗ bei E ntgegennahme entſprchende Summe deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———————— auf 1 Monat: Mk 55 P 2. „ 3— 4— 7 Auswärtige Wonnenten! haben für Hin⸗ und Zuräckſendung der Büt cher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersat?. 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Die Verbrüderten⸗ An einem ſchönen Maimorgen des Jahres 184. ſchritten in Paris vier junge Männer von wohlanſtän⸗ digem Ausſehen je zwei Arm in Arm über die Place de la Concorde den Champs Elyſées zu, welche ſich bereits, da es Sonntag war, ſehr bevölkert zeigten, dies ſelbſtverſtändlich von Leuten aus den mittlern und untern Schichten der Geſellſchaft, während mit nur wenigen Ausnahmen die Vertreter der ſogenannten beſſern Stände um jene Stunde, zwiſchen acht und neun, entweder noch halb todt waren, nämlich dem Halbbruder des Todes, dem Schlafe, in den Armen lagen, oder höchſtens ſich den Sand aus den Augen rieben, welchen ihnen bis Mitternacht und noch darüber hinaus der gute Ton in dieſelben geſtreut hatte. 1 Jean Charles, Realiſten und Idegliſten. I. 2 2 Unſere vier jungen Männer nun, obgleich ſie, wie ſchon ihre Haltung und einfach⸗ elegante Be⸗ kleidung zeigte und wie es ſich in Wahrheit auch ver⸗ hielt, zur Klaſſe der Gebildeten zählten, hatten durch⸗ aus nichts Schläfriges an ſich, obwohl die zwei äl⸗ tern von ihnen nicht ganz frei waren von jenem Geſichtsausdrucke, den man mit Blaſirtheit zu bezeich⸗ nen pflegt. Dieſe zwei hatten ein⸗ bis dreiunddreißig Sommer hinter ſich, während die zwei andern, um drei bis vier Jahre jünger, auch um Vieles friſcher, geweckter, lebensfreudiger erſchienen. Was indeß bei allen vier geneinſchaftlich ſich zeigte, das war der rein germaniſche Typus ihrer wohlgebil⸗ deten Geſichtszüge. Es waren auch in der That Deutſche, welche, noch vor wenigen Monaten erſt, in Paris ſich zuſammenge⸗ funden und gegenſeitig liebgewonnen hatten, nur daß die zwei ältern, bereits ein paar Jahre in der Haupt⸗ ſtadt Frankreichs ununterbrochen verweilend, von der Pariſer Civiliſation gehörig beleckt ſchienen und von ihren nur wenig angekränkelten jüngern Freunden ſich deutlich abhoben, wie etwa zwei Bären im Zwinger eines zoologiſchen Gartens gegen zwei Petze im freien Walde. — . Doch folgen wir den nicht eben haſtig, aber rüſtig Dahinſchreitenden. Sie haben Longchamps paſſirt und ſtehen vor dem prachtvollen Triumphbogen l'Etoile, den man, wenn man ihn auch hundertmal ſchon betrachtet, immer wie⸗ der von neuem bewundert, wie den hiſtoriſchen Glanz jenes Sterns über dem Haupte des erſten Napoleon. „Bei Allem, was an dieſen außerordentlichen Mann erinnert“, bemerkte der Jüngſte da, die Arme über der Bruſt kreuzend und wie zu ſich ſelbſt ſprechend,„kann ich mich der Ueberzeugung nicht verſchließen, daß der Begriff von Größe kein nothwendig relativer ſei, ſon dern daß es auch abſolute Größe gebe, denn Napoleon der Große war abſolut groß.“ „War er es, und ich ſtimme bei, daß er es war“ fiel der Aelteſte ein,„ſo iſt er es nur geworden, weil er Fa⸗ taliſt geweſen, denn nur der Glaube an Prädeſtination, nur das feſte Losgehen auf ein vom Geſchicke im vor⸗ aus geſtecktes, unausweichliches und demnach auch er⸗ reichbares Ziel läßt über alle gewöhnlichen Steine des Anſtoßes leicht hinwegſetzen, alles Banale, alles Angeſtammte und Anerzogene mit gebührender Gering⸗ ſchätzung beiſeite werfen; eine Wahrheit, die unſerm Freunde Karl nicht einleuchten will—“ „Und auch mir nicht“ unterbrach den Sprechenden, 1* 4 deſſen Ton etwas Herriſches hatte, der Zweitjüngere, „mir ſogar noch weniger, und nichts in der Welt wird mich ins Lager dieſer Deiner Ueberzeugung führen, mein ſonſt ſehr geſchätzter Freund Robert, deſſen na⸗ türliche Liebenswürdigkeit alle ſeine Marotten nicht zu untergraben vermögen.“ „Danke ſchön, lieber Max“ entgegnete der Anhän⸗ ger des Fatalismus mit eigenthümlichem Lächeln, das ſich wie matter Sounenſchimmer zwiſchen grauen Wet⸗ terwolken ausnahm, indem er, von den Uebrigen ge⸗ folgt, läſſig weiterſchritt;„danke beſtens, obgleich es Dir nie ſchwer fällt, etwas liebenswürdig zu finden, was den Malern ſchon ſo eigen iſt, beſonders den idea⸗ liſtiſchen.“ So ſprechend klopfte Robert dem an Jahren und, wie ſich zeigen wird, auch in der Lebensanſchauung ihm Zunächſtſtehenden auf die Schulter, indem er hin⸗ zufügte:„Unſer Freund Ernſt, der wackere Realiſt, fin⸗ det mich zwar nicht liebenswürdig, im Gegentheile, da⸗ für iſt er mit mir eine Seele.“ Karl lachte laut auf. „Seele!“ rief er aus.„Wie kommt der Materialiſt Robert zu dem Worte Seele?“ Robert biß ſich auf die Lippe. „Sprachgebrauch!“ bemerkte leichthin Ernſt. — 5 „Mediciner und Chemiker“, ſagte Karl,„pflegen doch von der Sprache nur exacten Gebrauch zu machen, während man es mit einem Maler oder Poeten nicht ſo genau nehmen darf.“ „Namentlich nicht mit einem Poeten“, ſiel Ernſt, der Chemiker, ein,„und ſonach ſei auch Dir, Karl, dieſe Interpellation verziehen.“ „Verziehen? Nein!“ nahm Robert wieder das Wort.„Strafe muß ſein, und er ſoll beſtraft werden in St⸗Cloud, in der Zwiſchenzeit von Dejeuner und Diner, denn ich, der Mediciner, werde ihm vor⸗ leſen, woran auch Ihr Theil nehmen könnt, eine Ge⸗ ſchichte vorleſen, die zwei große Vorzüge hat, erſtens den, daß ſie nicht erfunden, ſondern wahr iſt, und zweitens den, daß nicht ich ſie geſchrieben habe, ob⸗ gleich ich der durch dieſe merkwürdige Erzählung ſich hinziehenden fataliſtiſchen Idee zufolge ſie ganz füglich geſchrieben haben könnte.“ „Eine Krankengeſchichte wahrſcheinlich“ meinte Karl. „Nein und ja“ verſetzte Robert.„Sie iſt es nicht in mediciniſchem Sinne, wohl aber in philoſophiſchem, denn andere Geſchichten als Krankengeſchichten hat nun einmal die patiente Menſchheit nicht; die Weltgeſchichte iſt weiter nichts als ein ſyſtematiſch geordnetes Werk der Heilkunde, worin—“ ———— 6 „Der Krieg“ fiel Karl lächelnd ein,„die Ana⸗ tomie, Finanznoth, Hunger und Peſt die Pathologie, die Segnungen des Friedens die Therapie, Kunſt, Wiſſenſchaft und Induſtrie die Heilquellen und die Convalescenz vertreten.“ „Alſo eine ſchöne Geſchichte“, ſagte der Maler, „wird uns Freund Robert zum Beſten geben; darf man vielleicht fragen, wer ſie abgefaßt hat und ob ſie lang iſt?“ „Fragen dürft Ihr ſchon“, entgegnete der Medi⸗ ciner,„aber beantworten kann ich keine der beiden Fragen; den Verfaſſer, beſſer geſagt, den Erzähler dieſer wahrhaften Geſchichte kann ich nicht nennen, weil ich ſeinen Namen nicht weiß und ich von einem Bekannten das Manuſcript als das eines ihm ſelbſt Unbekannten nur auf ein paar Tage geliehen erhielt; ebenſo wenig kann ich ſagen, ob dieſe Geſchichte lang oder kurz iſt, da es ſehr kurze Hiſtorien gibt, die zu lang, und lange, die noch immer zu kurz ſind.“ „Verſtanden, und wir freuen uns darauf, ich we⸗ nigſtens“, ſagte Karl. „Auch wir“ ſtimmten die Andern ein. Das Geplauder unſerer vier nun ſchon Halbbe⸗ kannten richtete ſich auf andere Gegenſtände im Hin⸗ wandeln durch das Boulogner Wäldchen, welches in 7 jener Zeit noch viel Urwüchſiges hatte, während es heute, durch die von Napoleon III. ihm zugewendete beſondere Fürſorge, der Kunſt faſt mehr verdankt als der Natur. St.⸗Cloud war bald erreicht, und unſere Wanderer, obgleich ſich bei allen bereits der Appetit ziemlich leb⸗ haft eingeſtellt hatte, beſchloſſen doch nach kurzer De⸗ batte über Robert's Antrag, den Sauerſtoff aus der Vegetation des köſtlichen Parkes noch wenigſtens eine Stunde lang auf ſich einwirken und den Verbrennungs⸗ proceß vollſtändig austragen zu laſſen, ſowie nach Verwerfung des von dem Poeten geſtellten Amende⸗ ments, doch zum mindeſten ein Glas Wein zu trinken, vom Schloſſe aus den Berg hinanzuſteigen, von deſſen Plateau der reizenden Ausſicht über die weite, üppige, von der Seine wie von einem Silberbande durchzogene ſmaragdene Landſchaft zu genießen und dann durch den dichtbewaldeten Abhang hinabzuſteigen nach der großen Promenade⸗Allee, um ſich von da zu dem beſten Reſtaurant von St.⸗Cloud zum Gabelfrüh⸗ ſtücke zu verfügen. Und ſo ward es auch gehalten. Es war das in der That ein köſtlicher Genuß, beſonders für den Maler und für den Poeten, die auch ihrem Entzücken da und dort begeiſterten Ausdruck gaben. Am paſſivſten verhielt ſich dabei der Chemiker. Sein Blick verrieth, daß ſeine Gedanken irgendwo an— ders waren, vielleicht in ſeinem Laboratorium zu Paris, denn er ſah meiſt nach dieſer Richtung hin. „Wie ſeid Ihr Materialiſten doch zu beklagen!“ ſagte Karl unter Anderm.„All dieſer Zauber der Natur iſt für Euch ſo gut wie nicht da, Euch iſt der Far— benſinn der Natur, auf welchen Goethe hingewieſen, nichts weiter als eine zufällige und höchſt launenhafte Miſchung des Farbeſtoffs, der wunderbare Formen⸗ reichthum in der Pflanzenwelt nichts als eine Kryſtalli⸗ ſation; wahrhaftig, Ihr ſeid um Euer Wiſſen nicht zu beneiden.“ Ernſt zuckte mit den Achſeln. Robert aber blieb ihm die Antwort nicht ſchuldig. „Es gibt“, verſetzte er mit der ihm eigenen Schärfe,„wenn von der Philoſophie als einer Wiſſen⸗ ſchaft überhaupt die Rede ſein kann, worüber ich be⸗ ſcheidene Zweifel hege, nur eine menſchenwürdige, näm— lich die Philoſophie des Epikur; nur der echte Epikurärer iſt ein echter Menſch. Genuß des Daſeins, weiſer Ge⸗ nuß des Lebens, um ihn zu erhöhen und langdauernd zu machen; Genuß, ohne ſich nach dem Genuſſe mit brühheißen Gedanken darüber das Gehirn zu ver⸗ brennen, das iſt die wahre, die echte Philoſophie.— 9 Der Sauerſtoff macht guten Appetit, darum gehe ich gern im Wald und auf Wieſen ſpazieren; für mich, für meine Ueberzeugung iſt, was man Welt nennt, nur die unausgeſetzte Wechſelwirkung von Stoff und Kraft, das Leben, das phyſiſche wie das moraliſche, nichts als ewiger Stoffwechſel. Hört nur, ſetzte er nach kurzem Schweigen hinzu, „die Euch von mir verſprochene Geſchichte und ſagt mir ſchließlich, ob es Euch möglich, die in dieſer merk⸗ würdigen Begebenheit waltende Naturnothwendigkeit nicht anzuerkennen.“ „Nun, wir werden ja hören.“ Anderthalb Stunden ſpäter hatte man gut ge⸗ frühſtückt und ſich's in dem reſervirten Kabinet bei weiterem Bordeaur und Eigarrenſchmauchen bequem gemacht. Robert zog nun das Manuſeript hervor und las, zeitweiſe von verſchiedenen Fragen und Ausrufen der Zuhörer unterbrochen, Folgendes. Zweites Kapitel. Das Geheimniß der Abſtummung. Einleitende Geſchichte. Der Vicomte von R. galt für einen der eifrig⸗ ſten Legitimiſten, und ſein prachtvolles Hotel im Fau⸗ bourg St.⸗Germain ſtand in Wahrheit nur jenem Theile des hohen Adels offen, deſſen reines Blut vom Feuer deſſelben Princips durchfloſſen war. Dem Blutbeile der Schreckenszeit nur wie durch ein Wunder entronnen, das die Vorſehung an ihm, wie an ſo manchen andern Edlen jener furchtbaren Epoche, mit Hülfe eines treuen Dieners gewirkt hatte, war er ſo glücklich geweſen, ſich mit ſeiner ſchönen, ihm kurz vor dem Ausbruche der großen Revolution angetrauten Gattin und einem freilich nur geringen Theile ſeines bedeutenden Vermögens, der indeß doch 11 hinreichte, ihn und die geliebten Seinen vor Mangel zu ſchützen, nach Deutſchland zu flüchten; ein ſehr be⸗ ſcheidenes Loos zwar, deſſen aber viele ihm Gleich⸗ geſtellte ſich nicht zu erfreuen hatten, da es nur ſehr wenigen von ihnen geglückt, im entſetzlichen Sturm jener Tage mehr als das nackte Leben zu retten. Durch die Reſtauration wieder zum Beſitz aller ſeiner Güter im ſchönen Frankreich gelangt, war er mit ſeiner Gattin nach Paris zurückgekehrt und hatte da, im neuerdings geſicherten Genuſſe des ſo lange Entbehrten, das ihm durch Erziehung und Geſchmack Bedürfniß geworden, bald all die Leiden und Demü⸗ thigungen vergeſſen, die ihn vordem betroffen. Der Tod ſeines einzigen Sohnes war der größte Schmerz, den er und ſeine Gattin erlitten; aber auch dieſen hatte die Geburt einer Tochter im Jahre 1807 wenn nicht ganz getilgt, doch um Vieles gemildert; ſie übertrugen ihre Liebe mit ungetheilter Zärtlichkeit auf das ſüße, hold emporblühende Weſen, das ihnen um ſo theurer wurde, als die Kränklichkeit und Schwäche der Mutter, worüber ſie ſich ſelbſt keiner Täuſchung hingab, allmäliges Hinſiechen befürchten, demnach nicht hoffen ließ, daß ſie ihren Gatten noch mit einem Kinde zu beſchenken das Glück haben dürfte. Das Geſchick der edlen Dame erfüllte ſich auch 12 in dieſer von ihr ſelbſt geahnten und von ihrem Gemahle befürchteten Weiſe; ſie genoß die Freude, Glanz, Ehre, Sicherheit des Hauſes wiederhergeſtellt zu ſehen, nur ein Jahr lang und hauchte ihre reine Seele in den Armen des troſtloſen Vicomte und ihres engelgleichen Töchterchens, der zehnjährigen Antoinette, aus. Erſterer vermählte ſich nicht wieder und widmete ſich ganz der Erziehung ſeines einzigen Kindes. Im Jahre 1825, womit das hier zu Erzählende beginnt, überſtrahlte Antoinette bereits alle jungen Damen der hohen Ariſtokratie vom Faubourg St.⸗Ger⸗ main an Schönheit und Bildung. Eine hohe, zart⸗ geformte Blondine, von ſanftem Liebreize umfloſſen; der Blick aus großen blauen, von langen dunklen Wimpern und feinen, leichtgewölbten Brauen beſ ſchat⸗ teten Augen, voll des Ausdrucks innerer Harmonie, echt weiblicher Verſchmelzung aller Seelenthätigkeiten; jede Bewegung innerhalb der Wellenlinien reinſter Grazie; Stimme und Redeweiſe immer gleich melodiſch und leidenſchaftslos; den reichen Geiſt ſtets geleitet von Zartgefühl und nie über die Grenzen des Frauen⸗ gebiets ſchreitend— ſo erſchien, ſo war Antvinette, ein Gegenſtand der Bewunderung, um nicht zu ſagen des Neides, für alle Damen ihrer glänzenden Umgebung, ſowie ein hohes herrliches Ziel, würdig des feurigſten 13 Strebens, allen Männern, deren Geburt⸗ und Glücks⸗ verhältniſſe es geſtatteten, die Hoffnung auf den ein⸗ ſtigen Beſitz ihrer Hand zu nähren. Der Vicomte ſah das Alles und fühlte ſich da⸗ durch vollkommen befriedigt; die Huldigungen, Antoi⸗ nette gebracht, genügten ſeinem Stolze und thaten ſeinem Vaterherzen wohl. Noch aber hatte er bis jetzt nichts entſchieden, nichts mit ſeiner Tochter über ihre Zukunft beſprochen, nichts im entfernteſten ange⸗ deutet, um ſo weniger, als ſie mit aller Innigkeit an ihm hing, und er überzeugt war, daß ihre Seele noch nicht jenes Gefühl beſchlichen habe, deſſen für ihn ſchmerzliches Ergebniß doch nur die Trennung von der Theuren werden mußte, eine Vorſtellung, die ihn quälte, da er ſie nicht von ſich weiſen, ſondern ihre Nothwendigkeit nur hinausſchieben konnte. An einem ſchönen Frühlingsmorgen des Jahres 1826 erging ſich Antoinette in dem geſchmackvoll an⸗ gelegten Garten ihres Hotels. Ein faltiges Gewand von rehfarbener Seide, um die ſchlanken Hüften durch einen breiten blaßgrünen Gürtel zuſammengehalten, umfloß anmuthig ihre reizende Geſtalt, während ihr Haupt, ohne einen andern Schmuck als den ihres — 14 vollen, atlasweichen, in ſanften Scheiteln den leiſe ge⸗ rötheten Wangen ſich anſchmiegenden Haares, in glück⸗ licher Freiheit dem friſchen balſamiſchen Odem des Wonnemonats überlaſſen blieb, der ſie im Hinwandeln durch ihre geliebten Blumen, mehr noch als dieſe ſeine Lieblinge ſelbſt, mit Küſſen des Entzückens zu be⸗ decken ſchien. Keine Blume der Erde, vom beſcheiden verborge⸗ nen Veilchen bis zum wunderbaren Blütenkelche einer tropiſchen Rieſenpflanze, kommt dem ſfüßen Zauber weiblicher Schönheit gleich, und nie ſchwebte ein ſchö neres weibliches Weſen durch Blumen einher als Antoinette hier an dieſem reinen ſonnigen Morgen, da ſich der Himmel, wie im Geſtändniß erſter Liebe, an den Buſen der blühenden Erde ſchmiegte. Ein unbeſchreiblicher Ausdruck verklärte ihre Züge, ein unausſprechliches Etwas, wenn es nicht eben die Ahnungen von Liebe, dieſes großen öffentlichen Ge⸗ heimniſſes der Natur, das Vorgefühl des zweiten Le⸗ bens in dieſem war, ergoß ſich wie romantiſcher Zau⸗ ber über die antike Form ihres Antlitzes und ließ ſie, wenn dies möglich, noch holdſeliger erſcheinen als in ihrer gewöhnlichen ruhigen Haltung. Sie war allein, ungeſtört, unbelauſcht, ſich ſelbſt anvertraut, und dies inmitten eines kleinen irdiſchen 15 Himmels; was Wunder, daß ſie ſich ſelig fühlte? Sind doch im Leben der Mächtigen und ſogenannten Glück⸗ lichen dieſer Erde der Augenblicke ſo wenige, in denen ſie ſich ſelbſt leben, ausſchließend angehören und der Natur ſagen dürfen, daß ſie ſich ihrer freuen. Antoinette ſchwebte einher wie eine hohe zauber⸗ hafte Wanderblume, deren Kelch ſich heute zum erſten Male der auf Sonnenſtrahlen ihr zugeſandten Frage des Himmels über die holde Myſterie des Daſeins er⸗ ſchließen ſollte; ihr Buſen ſchwellte ſich und ihre Antwort entrang ſich ihm in leiſen Seufzern der Sehnſucht. In dieſem träumeriſchen Zuſtand durchmaß ihr Geiſt das Bereich der Gegenwart, und viele edle Ge⸗ ſtalten erſchienen ihm, aber keine derſelben, wie ſehr auch manche ihre Phantaſie anregen und angenehm beſchäftigen mochte, trat ihrem Herzen näher, und ſie ſah ſich, heimkehrend von dieſem Ideenausfluge zu ſich ſelbſt, frei und einſam, angewieſen auf die Liebe ihres Vaters, aber auch nur auf dieſe, welche ſie zwar wie ein Heiligthum verehrte, von der ſie jedoch heute und, nicht ohne zu erſchrecken, klarer und lebhafter denn je zuvor die Ueberzeugung gewann, daß ſie jene geheimnißvolle Sehnſucht unbefriedigt und das Him⸗ melsräthſel des Herzens ungelöſt laſſe. — 16 Den Bildern der Gegenwart, welche, wie geſagt, nur ihre Phantaſie und nicht ihr Herz berührten, reihten ſich in natürlicher Ideenfolge jene der Ver⸗ gangenheit an und zogen ihre Seele leiſe in das Ge⸗ biet des Traums; denn was iſt Erinnerung anders als ein Traumleben? Antoinette ließ ſich auf ihrem Lieblingsplätzchen, einem kleinen Raſenſitze unter einem blühenden Flie⸗ derſtrauche, nachſinnend nieder und den ſchwärme⸗ riſchen Blick durch das friſch grünende, blüten⸗ und blumenreiche, von hundert zarten Sängerkehlen mit ſfüßen Melodien erfüllte Paradies gleiten, ihn zeitweiſe in das reine Aetherblau wie im Gebet erhebend und dann wieder ſenkend auf die kleinen Blumenhügel vor ſich, die ihr wie blühende Gräber erſchienen. Das Bild ihrer früh verklärten theuern Mutter ſchwebte ihr jetzt vor, und ihr ſanftes Auge füllte ſich mit dem Himmelsthau der Wehmuth; ſo entrichtete ſie den Zoll der Dankbarkeit, und gewiß, das Leben hat keinen reichern, ſchönern zu bieten. Dann gedachte ſie ihrer Kindheit. Sie ſah ſich zur Seite ihrer geliebten Aeltern in dem kleinen freundlichen Garten am Rheine, vor dem niedlichen Hauſe, worin ſie wohnten, worin ſie ſelbſt das Licht der Welt erblickt und wo ſie jenes namen⸗ 17 loſe Glück genoſſen hatte, das eben nur die Zeit der Unſchuld, dieſer Vorfrühling des Menſchenherzens, zu gewähren vermag. Es war in Worms, wo der Vicomte ſich nieder⸗ gelaſſen und im Hauſe eines wahrhaften Biedermanns ein trauliches Aſyl gefunden hatte. Herr von Waldheim, ſo hieß jener edle Menſchen⸗ freund, obgleich nur im Beſitze eines ſehr mäßigen Einkommens, das ihm der vermiethete Theil ſeines Hauſes und eine damit verbundene kleine Oekonomie abwarf und deſſen Eintheilung ihm, als dem Haupte einer ziemlich zahlreichen Familie, nicht ganz leicht wurde, überließ dem Vicomte jenen Theil des Wohn⸗ gebäudes um einen verhältnißmäßig ſehr geringen Preis. Wohlthätiger aber als dieſer an ſich ſchon nicht unerhebliche Umſtand wirkte auf das Gemüth der lei⸗ denden Emigranten das liebevolle Benehmen des groß⸗ herzigen Wirthes und ſeiner Frau, die der Gattin des Vicomte bald eine Freundin im ſchönſten Sinne des Wortes wurde. Schon nach Verlauf weniger Monate bildeten beide Familien gleichſam nur eine. Noch inniger ge⸗ ſtaltete ſich dieſes Verhältniß nach der Geburt des Sohnes, den der Vicomte zum Gedächtniſſe ſeines un⸗ glücklichen Königs Ludwig taufen ließ; die arme Mutter Jean Charles, Realiſten und Idealiſten. I. 2 18 fand beim Tode dieſes Kindes in der rührenden Theil⸗ nahme der Frau von Waldheim vielleicht eine noch ergie⸗ bigere Quelle des Troſtes als in dem tiefen, wortkargen Schmerze ihres Gatten ſelbſt. Antoinettens Geburt, deren Namen aus eben der⸗ ſelben treuen Erinnerung gewählt wurde, bot neue Veranlaſſung zu Beweiſen echter Freundſchaft, und dieſe war zur Zeit, da der Wechſel der Dinge den Vicomte in ſeine Heimat zurückrief, eine ſo zärtliche geworden, daß die Trennung beiden Theilen die auf⸗ richtigſten Thränen koſtete, die jemals das Antlitz guter Menſchen benetzten. Der Vicomte und ſeine Gattin, die bis zu ihrem Tode in Correſpondenz mit Frau von Waldheim blieb, zeigten ſich auch dankbar für ſo viel Liebe und Auf⸗ opferung; ſie übermachte ihrer Freundin zur Erziehung und einſtigen Ausſtattung ihrer drei Töchter ein an⸗ ſehnliches Kapital, und er ließ den einzigen Sohn ſei⸗ nes Freundes, der zur Zeit ihrer Abreiſe als ein ſehr talentvoller Jüngling von ſiebzehn Jahren bereits im Begriffe ſtand, auf die Univerſität abzugehen, auf ſeine Koſten ſtudiren, mit der Zuſicherung, daß Rudolf, ſo hieß ſein Schützling, falls irgend etwas ihm die Exiſtenz in Deutſchland verleiden würde, ſich nach Pa⸗ ris und zwar unmittelbar an ihn ſelbſt wenden ſollte. 19 Aller dieſer Thatſachen, durch die Geſpräche der Aeltern und die wiederholten Erzählungen des treuen Dieners Meaubert in ihrem Gedächtniſſe aufgefriſcht, erinnerte ſich heute Antoinette lebhafter denn je, und ſeltſam, nie noch war die friſche, blühende Geſtalt Rudolf's, des holden Geſpielen ihrer Kindheit und ihres eifrigen Lehrers in der deutſchen Sprache, in der ſie ſich, Dank ſeiner liebevollen Bemühung wie ihrem eigenen ſpätern Fleiße, ebenſo rein als fertig aus⸗ zudrücken wußte, vor dem Auge ihrer Seele ſo lebendig erſchienen als an dieſem Morgen. Er war nun ein Mann von fünfundzwanzig Jah⸗ ren und war, wie ſie durch ihren Vater wußte, nach rühmlichſt beſtandenem Examen bereits in den Staats⸗ dienſt getreten, worin es ihm bei ſeinen reichen juridi⸗ ſchen und ſtaatswirthſchaftlichen Kenntniſſen nicht fehl⸗ ſchlagen konnte. Was aber— das fragte ſie ſich heute zum erſten Male— mochte ſonſt ſein Leben ſein? Wie mochte er jener Zeit gedenken? Seine Briefe an ihren Vater waren der Ausdruck von Dankbarkeit, allein natürlich in den Schranken unerlaßlicher Form. Wie gern hätte ſie jetzt in Rudolf's Seele geleſen! — 20 Antoinette blickte noch lange wie träumend vor ſich hin und gewahrte nicht, daß ſich ihr mittlerweile Jemand genähert hatte. Es war der alte wackere Meaubert, der treue Diener ſeines Herrn, der Retter ihrer Aeltern. Die Laſt von ſechzig Jahren, reich an Mühen, ge⸗ fahrvollen Wagniſſen und heftigen Erſchütterungen, ſchien den kräftigen Mann nur wenig gebeugt zu ha⸗ ben; ſeine nicht ſehr hohe, gedrungene Geſtalt war nur leiſe geſenkt, und der ſtarke, raſche Blick aus dunklen Augen, deren biederer Ausdruck von vollkommener Ge⸗ müthsruhe und Menſchenfreundlichkeit zeugte, ſtand in ſchönem Contraſt zu den ſpärlichen weißen Locken, die ſeine hohe kahle Stirn ſchmückten. Der Vicomte behandelte dieſen Mann nach Ver⸗ dienſt, das heißt, nicht als Diener, obwohl er ſich ſeine gewohnten Verrichtungen um den geliebten Gebieter nicht nehmen ließ, ſondern als einen erprobten Freund; in gleicher Weiſe war ihm Antoinette zugethan, die keine Gelegenheit verſäumte, dem trefflichen, um ihr Haus ſo hochverdienten Manne eine Freude zu berei⸗ ten, da er, wie ſie wußte, in ausſchließender Liebe zu ſeiner Herrſchaft unverehelicht geblieben und ohne allen Anhang von Verwandten oder ſonſtigen Freunden war. Seine Liebe zu ihr grenzte an Verehrung, ſie war, 21 wie früher ihre Mutter, eine Art Cultus für ihn, er hätte für ſie augenblicklich ſein Leben mit Freuden geopfert. Sie wußte dies und reichte ihm jetzt, da er vor ihr ſtand, wie jeden Tag ihre Lilienhand zum Mor⸗ gengruße, indem ſie ſich, einen leiſen Seufzer unter⸗ drückend, mit der Linken über Stirn und Augen ſtrich, wie um ſich aus dem Traume der Vergangenheit zu wecken und der Gegenwart zurückzugeben. Dabei war ihr der eigenthümlich belebte, ſeltſam freudige Ausdruck in den Zügen des braven Alten ent⸗ gangen, womit er die dargereichte liebe Hand an ſeine Lippen drückte. „Gut geſchlafen, lieber Meaubert?“ fragte ſie freundlich, ihre Hand in den Schooß ſinken laſſend und ihn aufmerkſam betrachtend. „O ſehr gut“ verſetzte er bewegt, indem er ſein ſchwarzes Sammtkäppchen mit einer gewiſſen Unruhe in den Händen hin und her ſchob,„ganz gut; Geſund⸗ heit, Thätigkeit, Friede von innen und außen, wer ſollte da nicht gut ſchlafen?“ „Aber Sie ſcheinen mir ſehr bewegt und angenehm, wie mich dünkt; gewiß der ſchöne Morgen?“ „Ich habe noch nicht viel ſchönere erlebt.“ „Sie kommen von meinem Vater?“ 22 „Ja, und der Herr Vicomte wird mir bald folgen; er gab mir den Auftrag, Ihnen zu ſagen, daß Sie ihn hier erwarten möchten.“ „Danke, lieber Meaubert! Ja, das Auge des„ Himmels blickt heute in wunderbarer Milde, und ſtille Seligkeit athmet Alles ringsum.“ „Sicher Alles; auch ich; mir iſt, als wäre der Himmel in meiner Bruſt. Aber das macht eine ſchöne Erinnerung, nicht wahr?“ „O gewiß; aber ich verſtehe Sie nicht ganz, guter Meaubert.“ „Nun, iſt denn der Frühlingshimmel nicht eine Art Spiegel der glücklichen Kindheit und erſten Jugend?“ fragte der Alte, Antoinette ſchärfer ins Auge faſſend. Dieſe Frage und ihre eigenthümliche Betonung überraſchte die junge Dame um ſo mehr, als dieſelbe ſo ganz mit der Stimmung zuſammentraf, in der ſie Meaubert gefunden, und ſie entgegnete nicht ohne Ver⸗ legenheit: „Das Glück der Kindheit iſt ſo reich, daß wir von ſeinem Kapitale das ganze Leben hindurch zehren, bis das Alter, dieſe zweite Kindheit des Menſchen, uns der 5 Grenze näher rückt, jenſeits welcher ein ewiger Früh⸗ ling blüht.“ „Schön, ſchön, meine theure Gebieterin!“ rief hier 23 Meaubert leuchtenden Blickes aus;„man kann das Leben nicht ſchöner anſehen als Sie. Aber“ fügte er, nachdem er wie fragend um ſich geſehen, noch be⸗ wegter hinzu,„ich muß fort, denn ſonſt plaudere ich aus, was Ihnen der Herr Vicomte zu ſagen kommen wird, obſchon er mir nicht geheißen darüber zu ſchweigen.“ „Was Sie mir alſo ſchon ſagen dürfen und werden, wenn ich darum bitte.“ „Sie bitten? O mein Gott, mit Freuden!“ „Nun, lieber Meaubert, ſprechen Sie, was iſt es?“ „Was es iſt? Wohlan denn! Es ſteht in dieſem Augenblicke vor dem Herrn Vicomte in ſeinem Arbeits⸗ kabinet ein junger Mann, der für uns ein ſchöner Theil Vergangenheit, ſo, nach Ihren Worten, ein Stück Frühlingshimmel iſt.“ „Rudolf von Waldheim?“ rief Antvinette ſich ſelbſt vergeſſend und wie mechaniſch emporgehoben aus, in⸗ dem ein hohes Roth ihr Antlitz überflog. Im nächſten Augenblicke glitt ſie erblaſſend auf den Sitz zurück, denn ſie hatte ihren Vater geſehen, der ſo eben durch das Gitterthor in den Garten getreten war. Meaubert erblickte ihn nun auch und entfernte ſich nach einer ehrfurchtsvollen Verbeugung. Antvinette hatte in dieſer Minute ſich ſo weit ge⸗ 24 ſammelt, daß ſie ſich, wenngleich ein wenig ſchwan⸗ kend, wieder erheben und ihrem Vater mit einiger Faſſung entgegengehen konnte. Der Vicomte, zu jener Zeit noch ein ſchöner Mann von etwa fünfundfünfzig Jahren, ſtattlicher Geſtalt und einer Haltung, der alle Leiden der Vergangenheit ihr Edles und Feines, Imponirendes und zugleich Ge⸗ winnendes nicht hatten nehmen können, kam in ſeinem geſchmackvoll⸗einfachem Morgencoſtüm, beſtehend aus einem Schlafrocke von koſtbarem dunkelrothem Kaſch⸗ mir, der, über der Bruſt geſchloſſen, ihn vom Halſe bis zu den Pantoffeln von gelbem Saffian bedeckte, den ſchönen Kopf, deſſen einſt ſo volles wie glänzendes kaſtanienbraunes Haar bereits ſehr gelichtet und ge⸗ bleicht war, unter einem kleinen Barett von violettem Sammt, ziemlich lebhaften Schrittes auf ſeine Tochter zu und ſagte, ihr den Arm reichend und ſie etwas langſamer dahinführend, in ſeinem ihr gegenüber ſtets gleich milden, liebevollen Tone, indem er übrigens gerade vor ſich hinblickte: „Meaubert wird Dir ſchon mitgetheilt haben?“ Antoinette, die ſich von der durch des Alten ſelt⸗ ſame Rede im Einklange mit ihrer träumeriſchen 25 Stimmung hervorgebrachten Beſtürzung beinahe ganz erholt hatte, entgegnete ſanft: „Daß ich Sie erwarten ſollte.“ „Sonſt nichts?“ „Sonſt nichts, mein theurer Vater; den Umſtand ausgenommen, daß Sie eben einen Herrn zum Beſuche hatten—“ „Nannte er ihn Dir, meine Tochter?“ „Ich glaube, er wollte ihn mir nennen, gerade als wir Sie in den Garten treten ſahen.“ „Gut, es freut mich, daß der brave, aber ein wenig geſchwätzige alte Knabe mir das Vergnügen gelaſſen hat, Dich zuerſt von der Ankunft eines uns ſehr werthen Bekannten zu unterrichten. Du erräthſt wohl, wen ich meine?“ „Nicht doch, mein Vater.“ „Wirklich nicht?“ „Sollte vielleicht Herr von Waldheim?“ „Er, kein Anderer, das heißt, der Sohn; ſein Vater, mein edler Freund, ſtarb leider vor kurzem, und Rudolf brachte mir die letzten Grüße des Scheidenden. Wie ſchmerzlich mich dieſe Nachricht ergriffen, darf ich Dir wohl nicht erſt betheuern, mein Kind. Die Mutter lebt unter ihren Töchtern, die bereits alle verehelicht ſind, und der Sohn iſt nun hier.“ 26 Antoinette hatte ſich während dieſer kurzen Mit⸗ theilung vollkommen gefaßt. „Herr von Waldheim wird Paris kennen lernen wollend“ fragte ſie ohne beſtimmte Haltung. „So iſt es“ war des Vicomte Antwort;„er hatte, wie Du weißt, bereits den Staatsdienſt angetreten. Darin gefiel es ihm nicht, denn er iſt auch Literat, Autor. Es kam ihm eine ſonderbare Idee, die er in Frankreich, in Paris zu realiſiren gedenkt. Er ſpricht das Franzöſiſche ſehr gut und will es nun ver⸗ ſuchen, in dieſer Sprache auch zu ſchreiben und ſich ſonach in unſerm Vaterlande zu nationaliſiren. Was ſagſt Du dazu?“ „Dieſe Idee ſcheint mir ſehr ſeltſam, wenngleich nicht unausführbar.“ „Daß er hierin auf meine Unterſtützung zählte, freut mich; es iſt auch ſchon zwiſchen uns ein Abkom⸗ men getroffen. Er bot mir ſeine Dienſte als Secretär an. Daß ich vom Sohne meines Wohlthäters keine Dienſte annehmen könne, wollte er lange nicht be⸗ greifen; endlich überzeugte ich ihn und er ging darauf ein, uns nur als Freund zu beſuchen; als dieſen werden wir ihn heute beim Diner ſehen und ich bin überzeugt, meine Tochter wird ihn mit ſchweſterlicher Liebe empfangen.“ 27 „Gewiß, mein Vater!“ „Sage mir, Antoinette“, nahm nach einer beträcht⸗ lichen Pauſe, während welcher ſie ſtillſtanden und ſich ins Auge faßten, der Vicomte wieder das Wort,„ſage mir ganz offen, wie Du immer zu ſein pflegſt, wie gefällt Dir der junge Marquis von M.?“ „Sein Benehmen, lieber Vater, iſt tadellos.“ „Und ſein ſonſtiges Weſen?“ „Er iſt nicht ohne Geiſt.“ „Die Damen ſind entzückt von ſeiner wahrhaft chevaleresken Tournüre wie von ſeiner männlichen Schöne.“ „Ich weiß es, mein Vater.“ „Und was iſt das Réſumé Deiner Gedanken über ihn?“ „Ich habe nie über ihn nachgedacht.“ „Deſto mehr dachte der Marquis über Dich, denn er hat dieſen Morgen bei mir brieflich um Dich ge⸗ worben, das heißt, die Frage an mich gerichtet, ob er die Hoffnung hegen dürfe, jemals zum Beſitze Deines Herzens und Deiner Hand gelangen zu können.“ Mit dieſen Worten reichte der Vicomte Antoinette wieder den Arm und wandelte mit ihr zögernden Schrittes dahin. Offenbar befand er ſich ſelbſt nicht in ganz freier —tb 28 Stimmung; dies verrieth der unſichere Ton ſeiner Stimme und die Scheu, ſeine Tochter anzublicken. Hätte er ſie angeſehen, ſo würde es ihn gereut haben, auf dieſen Gegenſtand eingegangen zu ſein, denn aus ihren zarten Zügen ſprachen nur zu deutlich Schmerz und Beſtürzung. „Du weißt“ fuhr er nach einigem Schweigen fort, „wie unendlich ſchwer mir die Trennung von Dir fallen wird und wie ich gehofft, dieſe womöglich noch ein paar Jahre hinauszuſchieben; indeſſen der An⸗ trag des Marquis, der, ſelbſt abgeſehen von ſeinem Reichthum, einer der älteſten und ausgezeichnetſten Familien Frankreichs angehört und ein Mann iſt, deſſen„ perſönliche Eigenſchaften nichts zu wünſchen übrig laſſen, 1 ſchien mir ein ſo ehrenvoller, daß ich keinesfalls einen Refus geben konnte, ohne Dich vorher in Kenntniß geſetzt zu haben; übrigens kennſt Du mein Herz, meine Liebe zu Dir, Antoinette, und bedarfſt keiner Verſiche⸗ rung meinerſeits, daß die Entſcheidung in dieſer wichti⸗ gen Angelegenheit einzig und allein von Dir abhängt.“ „Mein lieber Vater“ entgegnete ſie mit kaum ver⸗ nehmlicher Stimme, deren leiſes Beben ſeinem Ohre nicht entging,„das Glück, Ihrem liebevollen Herzen ſo nahe zu ſtehen, läßt mir jedes andere, das nur auf Glanz und Weltfreuden gegründet iſt, werthlos erſchei⸗ 29 nen, ja als eine traurige Nothwendigkeit, der ich mich ſo ſpät wie möglich fügen möchte. Was den Marquis betrifft, ſo erkenne ich gleich Ihnen das Verdienſtliche ſeiner Eigenſchaften wie die Ehre ſeines Antrags, allein ich fühle nicht die geringſte Neigung zu ihm und bin überzeugt, ihm niemals werden zu können, was meine Mutter Ihnen geweſen iſt und—“ „Dieſe Erklärung genügt“, unterbrach ſie der Vi⸗ comte mit Wärme und männlicher Beſtimmtheit;„meine gute Tochter hat nichts weiter hinzuzufügen; ich werde ihm ſchreiben, was Du mir eben geſagt, in der nöthi⸗ gen Form zwar, aber auch in ganzer Wahrheit, die immer das Beſte.“ Er küßte ſie nach dieſen Worten auf die Stirn und ſie ſprach, ſich an ſeine Bruſt ſchmiegend: „Die Verklärte blickt auf uns herab und ſegnet Sie und mich.“ „Bleibe immer, wie Du biſt, mein theures Kind“, ſchloß der Vicomte dieſe Unterredung gerührt,„und des Himmels Schutz wie meine Liebe iſt Dir gewiß.“ Damit verließ er ſie und begab ſich in das Haus zurück. 30 Das Buch des Lebens hat, wie faſt jedes geſchrie⸗ bene, ſeine Abſchnitte oder Kapitel, und die Erfahrung iſt nichts als das am Schluſſe angefügte Inhalts⸗ verzeichniß. Der eben geſchilderte Morgen machte im Buche von Antoinette's Daſein einen ſolchen Abſchnitt, und es begann damit für ſie ein neues wichtiges Kapitel. Das Geſchick hatte ihr heute zwei bedeutende Fra⸗ gen vorgelegt, eine an ihr Herz, die andere an ihre Vernunft. Letztere hatte ſie bereits beantwortet in der dem Vater gegebenen Erklärung; erſtere dagegen lag noch als ungelöſtes Räthſel in ihrer Bruſt, und ihre Seele lauſchte in ſüßer Beklommenheit den Deu⸗ tungen, die um ſie her die entzückenden Stimmen des Frühlings, ſeine milden Sonnenſtrahlen, ſeine durch das friſche Grün der Hoffnung in das reine Aether⸗ blau des Glaubens Liebe duftende Blüten und Blumen in ſo himmliſcher Weiſe verſuchten., Nur das Herz verſteht dieſe geheimnißvolle Sprache der Natur, nur im Gefühle liegt der Schlüſſel zur Chiffreſchrift des Ewigen, worin er ſich dem Zeitlichen kundgibt, und die Ahnung, dieſes ſchwanke Luft⸗ gebilde der Seele, dieſes Schlafwachen des Geiſtes, 1 kommt hierin oft der Wahrheit näher als alle menſch⸗ liche Weisheit. 31 Dieſe Ahnung von Liebe hatte an dieſem ſchönen Morgen Antvinette's Herz beſchlichen; ſie fühlte die Nähe dieſer ihr bis heute unbekannt gebliebenen gött⸗ lichen Macht, und ſie bebte von ſeligem Schauer durch⸗ floſſen in ſich zuſammen. Aber dieſes Vorgefühl ward in ihr, je ſchärfer ſie ihren Blick nach innen richtete, um ſo beunruhigender und ſteigerte ſich bis zur Angſth als ſie gewahrte, daß jenes Luftgebilde der Ahnung allmälig beſtimmte Form gewann und endlich die Geſtalt des ſchönen Jünglings annahm, des Geſpielen ihrer Kindheit, der jetzt, als Mann, in den Kreis ihres Lebens einzutreten im Begriffe ſtand. Sie rang vergebens, ihre wirren Vorſtellungen zu ordnen und den Geiſt zur Klarheit durchzuführen, allen Gedanken vor und nach ſchwebte Rudolf's Bild, und ihre Seele theilte ſich in Furcht und Sehnſucht, ihm zu begegnen. Und heute noch ſollte ſie ihn ſehen. Sie flüchtete aus dem Garten nach ihren Zim⸗ mern, ſie verſuchte zu leſen, zu arbeiten, zu beten, um dem Gedanken an ihm zu entfliehen; Alles umſonſt, immer wieder ſtand er vor ihr, wie in der Stunde des Abſchieds, da er ſie mit Thränen in den lieben ſchönen Augen umarmte und ihr ſagte, daß er ſie nie ver⸗ geſſen werde. 6 32 Das hatte er dem Kinde geſagt, und er war nun vielleicht gekommen, der dem Leben zugereiften Jungfrau zu betheuern, daß er ſie nicht vergeſſen. Solchen Vorſtellungen preisgegeben, brachte ſie die übrigen Stunden des Morgens und Mittags wie im Traume hin; und als die fünfte Stunde ſchlug, die ſeines Kommens, und die Glocke zum Diner erklang, durchbebte ſie der Schall wie Grabgeläute. Konnte ſie denn anders erbeben? Wenn ſie durch die Begegnung mit ihrem Jugendfreunde die innere Gewißheit erlangte, daß ſie ihn, daß er ſie liebe, welche Hoffnung blieb ihr da noch für das Glück des Lebens? Keine. Antoinette kannte ihren Vater zu genau, um nicht überzeugt zu ſein, daß er ſie, trotz ſeiner in⸗ nigen Liebe zu ihr, lieber auf dem Sterbebette als am Altare mit einem ſchlichten ausländiſchen Edelmann ſehen würde. Das wußte oder befürchtete ſie viel⸗ mehr, aber es lag in dieſer Furcht ein Reiz, eine geheimnißvolle Anziehungskraft, ähnlich der eines ſchwindelerregenden Abgrunds, in welchen man nach dem erſten darein gewagten Blicke unwillkürlich zu ſtarren ſich gedrungen fühlt. Darum klang ihr die trauliche Hausglocke ſo ſchauerlich. 33 Nachdem ſie ausgetönt, trat Frau von Leonville, jetzt ihre Geſellſchaftsdame, wie früher ihre Erzieherin, aus dem anſtoßenden Gemache, um ſie zum Diner abzuholen. Dieſes ward heute, da Herr von Waldheim als der einzige Gaſt dabei erſchien, in einem kleinen, für den engern Familienkreis beſtimmten Salon ſervirt, und die Damen, von Meaubert geführt, deſſen Ge⸗ baren die freudigſte Aufregung verrieth, verfügten ſich langſam dahin. Ein eigener Umſtand war es, daß Antoinette, welche in ihrer ſeltſamen Zerſtreuung an dieſem Morgen und mittags die Wahl der Toilette ihrer Kammerfrau überlaſſen hatte, in einem Kleide von ſchwarzem Sei⸗ denſtoffe und mit einem Gagatſchmucke in den Haaren erſchien. Sie trat, gefolgt von ihrer Dame, innerlich er⸗ zitternd, aber mit möglichſter Faſſung ein und ſah ſich, den ſchüchtern geſenkten Blick ſanft erhebend, vor ihrem Vater, zur Seite eines ſchönen, wiewohl ſehr blaſſen jungen Mannes in tiefer Trauer, den ihr der Vicomte als Herrn von Waldheim vorſtellte. Jean Charles, Realiſten und Idealiſten. I. 3 34 Antoinette ſollte ihn, nach ihres Vaters aus⸗ geſprochenem Wunſche, mit ſchweſterlicher Liebe empfangen, und ſie hatte kaum den Muth, ihm offen ins Auge zu blicken; Alles, was ſie über ſich vermochte, waren einige Worte herzlicher Begrüßung, die ſie in deutſcher Sprache an ihn richtete und auf welche er, ſich mit freiem, edlem Anſtande verneigend, franzöſiſch antwortete. Der Vicomte machte dieſer kurzen, aber etwas peinlichen Scene dadurch ein Ende, daß er Herrn von Waldheim durch eine anmuthige Handbewegung ſeinen Platz an der runden Tafel zwiſchen ſich und ſeiner Tochter anwies. Die Gegenwart von Domeſtiken bei Tiſche, ſo läſtig ſie in mancher Beziehung, hat doch oft auch ihr Gutes. Man iſt durch ſie genöthigt, dem Geſpräche, wenn man nicht geradezu ſchweigen will, ſolche Stoffe zu bieten, deren Verhandlung dem Geiſte wie dem Herzen noch Spielraum genug für jene Gedanken und Empfindungen läßt, die nicht zu Tage gefördert wer⸗ den dürfen. Auch dieſes Tiſchgeſpräch war von ſolcher Art. Der Vergangenheit ward mit keinem Worte gedacht, ebenſo wenig der Zukunft, und ſelbſt von dem, was der Vicomte, der faſt ausſchließend die Koſten der Un⸗ 35 terhaltung trug, über die Gegenwart äußerte, blieb das reichhaltige, aber ſchwierige Thema über politiſche und ſociale Zuſtände ausgeſchieden, ſodaß ſich die Converſation zwiſchen ihm, ſeinem Gaſte und Frau von Leonville, da Antoinette faſt noch weniger ſprach, als es überhaupt in ihrer echt weiblichen Beſcheidenheit und gewohnten Schweigſamkeit lag, beinahe nur um die gute Stadt Paris als Stadt und um ihr vielbe⸗ wegtes Leben in Kunſt und Wiſſenſchaft, Induſtrie und Vergnügungen bewegte. Dieſe Unterhaltung geſtattet inzwiſchen ein paar Worte über den Ankömmling und die Geſellſchaftsdame zu ſagen. Rudolf von Waldheim war wirklich ein ſchöner junger Mann zu nennen, obwohl die raſtloſe Thätig⸗ keit ſeines Geiſtes, immer heiß genährt durch eine feu⸗ rige Phantaſie und ein an ſich zwar ſanftes, aber überaus reizbares Gemüth, ſeinen edlen, rein germani⸗ ſchen Zügen jene der echten Schönheit unerlaßliche antike Ruhe benahm und dafür einen Ausdruck gab, der, ſeine Seelenzuſtände aufs getreueſte abſpiegelnd, ihn bei lebhaften Anläſſen mehr intereſſant als ſchön erſcheinen ließ. Seine Geſtalt, hoch und von vollen⸗ detem Ebenmaß, kräftig und ſchlank zugleich, trug daſ⸗ ſelbe durchgeiſtete Gepräge wie ſein Antlitz, deſſen Bläſſe 3 5 36 der bald getragene, bald durchdringend plötzliche Blick aus dunklen Augen, ſowie der Glanz der reichen braunen Locken auffallend machten; denn hielt er ſich jetzt aufrecht gleich einem Triumphator im bekränzten Siegeswagen, ſo ſenkte ſich vielleicht ſchon im nächſten Augenblicke ſein Haupt, wie unter der Atlaslaſt eines Gedankens, oder wie niedergezogen auf den Grabes⸗ hügel einer geſtorbenen Hoffnung. So im Aeußern. Geſättigt von Wiſſenſchaft, glühend für Kunſt, ein Freund der Menſchheit, gab er ſich mit Leidenſchaft ſeinen gewonnenen Ideen für Wahrheit, Schönheit und Freiheit hin, allen mit gleicher Liebe und Begeiſterung zugethan, da er ſie mit Recht als untheilbar erachtete und ihre ewige Wechſelwirkung, für die er ſich aus der Geſchichte tauſend Belege ge⸗ zogen, als geſetzgebend mit ganzer Seele verehrte. Was aber führte ihn nach Frankreich? Darüber konnte er ſich ſelbſt nicht volle Rechen⸗ ſchaft geben. Sehnſucht nach äußerer Unabhängigkeit hieß ihn nicht den Staatsdienſt verlaſſen; warum jedoch kam er nach Paris? Wollte er wirklich ſeinem Vaterlande untreu und ſelbſt ſeiner herrlichen, alle andern Sprachen der Erde an Fülle und Kraft des Ausdrucks übertreffenden 37 Mutterſprache abtrünnig und im Worte wie in der That Franzoſe werden? Hatte er daheim eine Kränkung erlebt, die einen ſolchen Schritt, wenn auch nicht rechtfertigen, doch mindeſtens entſchuldigen konnte? Oder war er durch ſeine Philoſophie in ſo weitem Sinne des Wortes Weltbürger geworden und für die große Idee einer Weltliteratur ſo enthuſiaſtiſch ge⸗ ſtimmt, daß es ihm gleichgültig erſchien, in welchem Lande er zu Hauſe und welche Zunge es ſei, worin er zur Menſchheit ſpreche? Wir wiſſen nicht, wie er ſich ſelbſt alle dieſe Fragen und noch manches daraus Fließende beantwortete; obwohl fünfundzwanzig Jahre alt, ſchien er der ſogenannten Sturm⸗ und Drangperiode noch nicht entwachſen. Gewiß nur iſt, daß er den Wunſch, ſich in Frank⸗ reich zu nationaliſiren, gegen den Vicomte, wie bereits erwähnt, ausgeſprochen und zu dieſem ſonderbaren Entſchluſſe keins jener Motive hatte, die ſo manchen andern Deutſchen nach Paris geführt; denn weder als politiſcher Flüchtling, noch als ein an innern oder äußern Gütern Verarmter, noch endlich als ein un⸗ glücklich Liebender war er hierher gekommen; er hatte nichts von dem Allem erlebt, war daheim geachtet, nicht ohne Exiſtenzmittel und ohne irgend ein näheres Ver⸗ unauslöſchlichen Haß gegen allen Liberalismus. nr 38 hältniß zu einem weiblichen Weſen; genug, kein dieſen wichtigen Schritt erklärender Grund war vorhanden, und der talent⸗ und hoffnungsvolle, edelgeſinnte, ſchöne junge Mann war da, wie von der Hand des Ge⸗ ſchicks unmittelbar in den Kreis von Menſchen geſtellt, in deren Leben das ſeinige ſo mächtig, ja ſo entſchei⸗ dend für ihre ganze Zukunft eingreifen ſollte. Frau von Leonville war in jeder Beziehung des achtungsvollen Vertrauens würdig, das der Vicomte in ſie ſetzte; eine Dame von ſtreng ſittlichem Charakter, ohne Prüderie, ſelbſtbewußt und doch menſchenfreund⸗ lich duldend, von vielen Kenntniſſen, ohne geiſtige Prunkſucht und, was gewiß der ſchönſte Zug ihres Weſens, in der Erinnerung an eine glückliche, bei⸗ nahe glänzende Vergangenheit mit ihrer gegenwärtigen Lage, die doch immer eine abhängige blieb, zufrieden, ja ſogar für das Glücke Anderer voll ungeheuchelt freudiger Theilnahme. Sie mochte zweiundfünfzig Jahre zählen; Züge und Geſtalt zeigten noch Spuren früherer Schönheit. Ihr Gatte war als ein Opfer ſeiner Treue und glück⸗ lichen Verhältniſſe unter dem Mordeiſen der großen Revolution gefallen. Dieſe entſetzliche Erfahrung ließ keinen andern Schatten in ihrer Seele zurück als einen 39 Daß ſich Antoinette dieſem zuneigte und dies ſo⸗ gar ihrem Vater gegenüber, der freilich nur dazu lächelte, offen ausſprach, kränkte ſie allerdings; aber ihr Zögling entſchädigte ſie für dieſen zeitweiligen Schmerz durch ſo viele andere herrliche Eigenſchaften und Liebe, daß ſie ihr deshalb unmöglich gram wer⸗ den konnte. So wenig, wie ſchon bemerkt, während dieſes Di⸗ ners die Rede von Politik war, ſo reichten doch einige Bemerkungen Herrn von Waldheim's über das gegen⸗ wärtige Verhältniß der Wiſſenſchaft zur Oeffentlichkeit hin, die ſcharfſinnige Dame ſtutzen zu machen, und dies um ſo mehr, als ſie die zuſtimmende Miene Antoinette's gewahrte; ein Umſtand, der, verbunden mit jener faſt allen Frauen eigenen Sagacität in Beurtheilung keimender Verſtändniſſe, ſie insgeheim aufforderte, den jungen Mann hinfort ſo ſcharf wie möglich ins Auge zu faſſen. Man hatte ſich erhoben und in den anſtoßenden größern Salon begeben, um hier den Kaffee einzu⸗ nehmen; Meaubert war von allen Dienern allein zu⸗ rückgeblieben, und der Geiſt ſchien ſich augenblick⸗ lich der Befreiung aus den betreßten Schranken be⸗ wußt zu werden. Rudolf wenigſtens— wie wir Herrn von Waldheim der Kürze wegen fürder nennen wollen— 40 nahm ſogleich freier athmend das Wort und ſagte: „Es iſt das ein ſcharfer Schlagſchatten Ihres glän⸗ zenden Lebensgebäudes, Herr Vicomte, ſelbſt in Ihrem Familienkreiſe nicht ungenirt zu ſein, nicht unbewacht von ſpionirenden, nicht unangegähnt von herz⸗ und kopfloſen Leuten zu bleiben, die Sie dafür noch be⸗ zahlen müſſen. Sehen Sie doch, wie mir der brave Meaubert zulächelt.“ Frau von Leonville biß ſich in die Lippe, Antoi⸗ nette blickte in den Garten hinaus, und der Vicomte erwiderte freundlich: „Denken Sie doch an das Haus des Ariſtides! Uebrigens iſt ein Diner ſo kurz und der Tag ſo lang.“ „Geht dies der deutſchen großen Welt hierin beſſer?“ warf Frau von Leonville leicht hin. „Gewiß“ entgegnete Rudolf ſich verneigend;„denn der deutſche Adel unterhält ſich in Gegenwart von Domeſtiken in franzöſiſcher oder engliſcher Sprache.“ Mit dieſer Abfertigung zog ſich die Dame zurück und entfernte ſich alsbald mit Antoinette, deren Blick beim ſtummen Abſchiede von Rudolf ebenſo mild als jener ihrer ſtrengen Freundin unmuthig war. „Wenn ſich“ ſagte dieſe draußen in ziemlich ſcharfem Tone,„die gebildeten Deutſchen ſolche Bemerkungen in 41 einem ſolchen Hauſe erlauben, wie cyniſch mögen da die Andern ſein!“ Damit verließ ſie Antoinette und dieſe begab ſich, ohne ihr zu antworten, auf ihr Gemach. Rudolf hatte das Haus des Vicomte in nichts weniger als ruhiger Stimmung verlaſſen und war ziemlich mißmuthig nach dem Boulevard des Italiens gelangt, wo er ſich dieſen Morgen eine kleine, artig eingerichtete Wohnung gemiethet, deren größter Reiz darin beſtand, daß zwei Fenſter derſelben, obwohl vom dritten Stockwerke aus, nach der Promenade lagen. Die Pariſer laſſen ſo ſchöne Abende, wie dieſer war, nicht ungenoſſen; ſie wogten zu Tauſenden von der Madeleine bis zur Porte St.⸗Denis und noch weiter hin und her, an den zahlloſen Gruppen vor den eleganten Cafés vorüber, eine unüberſehbare rauſchende Menſchenflut, in deren Strömung man ſich unwillkür⸗ lich hineingezogen fühlt. Auch Rudolf erging es ſo. Bald vom Strome er⸗ griffen, ſchwamm er mit ihm dahin und beſah ſich rechts und links die bunten, lachenden Ufer, an denen ſich der glänzendſte Luxus angeſiedelt. Das Gefühl der Einſamkeit, das den Menſchen von knmmr 42 Geiſt in dieſer ungeheuern Menge überkommt, iſt kein drückendes, es wirkt im Gegentheil erhebend auf die Phantaſie; ſie wird ſich der Menſchheit als eines gro⸗ ßen Ganzen bewußt, und der Verſtand wird geneigt, ſein individuelles Intereſſe gegenüber einer ſo gewal⸗ tigen Lebensäußerung beinahe mitleidig zu belächeln. Rudolf, deſſen weltbürgerlicher Sinn ohnedies alle Erſcheinungen in ihrer Totalität aufzufaſſen gewohnt war, empfand hier ſogleich dieſe Wirkung großartiger Einſamkeit; ſein Mißmuth ſchwand und ſein Auge blickte frei umher. Wodurch aber war er verſtimmt worden? Nun, er hatte ſich den Empfang beim Vicomte ganz anders gedacht, als er ihm zu Theil geworden; man war ihm ſehr artig, aber ceremoniös entgegengekommen, und er hatte jene herzlichen Freunde wiederzufinden gehofft, von denen er ſich vor acht Jahren getrennt. Der Vicomte war nicht mehr der ſtille, in ſich ge⸗ kehrte, beſcheidene Emigrant, ſondern bei aller Freund⸗ lichkeit der ſelbſtbewußte hochgeſtellte Mann, dem die Zeit ſeine großen Rechte wieder eingeräumt, der durch die traurige Vergangenheit nichts gelernt und nichts vergeſſen hat. Antoinette, die ihn als zartes, holdes, weinendes Kind verlaſſen, war zur Dame von vollendeter Schön⸗ 43 heit und Haltung herangeblüht, herangereift, und es war ihm nur bei einem einzigen Blicke ihres ſeelen⸗ vollen Auges gelungen, eine raſche Frage an ihr Herz zu richten; aber ach, die Antwort war für ſein Zart⸗ gefühl demüthigend genug, denn ſie lautete: Du ſiehſt, wie ſich Alles verändert hat und daß ich Dir nicht mehr ſo nahen darf wie einſt; meine Aeltern haben die goldene Treue der Deinigen mit Gold aufgewogen, auch erinnern wir uns noch dankbar all der Liebe, die Ihr uns erwieſen, nur ſind wir verlegen, dieſen Dank abzutragen, und Du ſcheinſt einen andern erwartet zu haben, als den uns die Verhältniſſe geſtatten; ich be⸗ ſonders bin zum Schweigen verurheilt, und ich muß Dir wehe thun, ohne daß ich es zu hindern vermag. Dies ungefähr las er aus Antoinette's Seele heraus. Und wie wirkte ihre Erſcheinung auf ihn? So überwältigend, daß er augenblicklich den Ent⸗ ſchluß faßte, ihren Anblick zu meiden, ihr Haus nur dann wieder zu betreten, wenn es das Geſetz der Schicklichkeit unumgänglich gebieten würde. Wir wiſſen, daß er gehofft hatte, ſich dem Vicomte in irgend einer Weiſe nützlich machen und ſonach auf die Unterſtützung deſſelben im Falle der Noth, denn ſeine Subſiſtenzmittel waren nur allzu beſcheidene, ohne innere Demüthigung rechnen zu können; dieſe Hoffnung 44 jedoch ſcheiterte an der übel angebrachten Delicateſſe des Vicomte, der ſich vom Sohne ſeines Wohlthäters, wie er ſagte, keine Dienſte erweiſen laſſen wollte, und Rudolf ſah ſich dadurch gegen ſeine Erwartung in die ſchwierige Lage verſetzt, entweder Paris in kurzem wie⸗ der verlaſſen zu müſſen, oder, wollte er bleiben, ſich aufs äußerſte einzuſchränken, bis es ihm vielleicht gelänge, ſich einem literariſchen Inſtitute anzuſchließen oder eine ſeinen Fähigkeiten und Wünſchen entſpre⸗ chende Anſtellung zu erlangen. Dieſe nicht ſonderlich erbauenden Gedanken be⸗ ſchäftigten ihn den Abend hindurch mehr als aus⸗ reichend, und die Nacht verfehlte nicht, ihr in ſolchen Stimmungen immer gültiges Traumrecht an ihm aus⸗ zuüben; er ſah Antoinette weinen, in Thränen um ihn, ihr Engelsblick glitt durch ſein Innerſtes, er fühlte ihren roſigen Athem und ſeine Lippen begegneten den ihrigen zum Vereinigungskuſſe der Seelen; aber in dem⸗ ſelben Momente ſtieg eine ernſte Geſtalt, ein drohendes Schattenbild zwiſchen ihnen empor und trennte ſie; Antoinette wich weinend zurück, das Auge flehend nach 5 ½ ihm gerichtet und er— mit dem Aufſchrei:„Ich folge 4 Dir bis in den Tod!“— erwachte. Die Morgenſonne zog ihn vom Lager empor, und er ſchickte ſich an, ſein neues Daſein zu beginnen. 45 Das Herz noch glühend vom heißen Traume ſeiner erſten Liebe— ja, Rudolf liebte zum erſten Male und ſeine Liebe zu Antoinette war ebenſo heftig als plötz⸗ lich und hoffnungslos— ſuchte er ſich möglichſt zu ſam⸗ meln und einen Entſchluß zu faſſen, einen den Um⸗ ſtänden entſprechenden Lebensplan zu entwerfen, durch den er zwei der wichtigſten Güter des Daſeins ge⸗ winnen ſollte, äußere Sicherheit nämlich und innere Ruhe. Er ſann und ſann; ſchon ſchlug es zehn, er hatte bereits gefrühſtückt und ſich angekeidet, um auszugehen, aber noch wußte er nicht, wohin; hundert Gedanken durſchwärmten ihm den Kopf, aber alle concentrirten ſich in dem an Antoinette, und ganz Paris ſchien ihm im Faubourg St.⸗Germain zu verſchmelzen. „Ueberlaſſe dich“, rief er endlich, haſtig auf und nie⸗ der ſchreitend, nach einem tiefen Seufzer aus,„durch einige Tage dem Zufalle; lerne Paris und die Pariſer kennen, vielleicht—“ In dieſem Selbſtgeſpräche unterbrach ihn ein Pochen an die Thür, und auf ſein etwas barſches„Entrez!“ trat der gute alte Meaubert ein. Inſtinktmäßig flog Rudolf auf ihn zu und ſie hiel⸗ ten ſich eine Minute lang feſt umſchlungen, ohne auch nur einen Laut von ſich zu geben. „Glauben Sie etwa“, rief der biedere Alte, ſich halb losmachend und ſeinem ehemaligen Lieblinge die Hand ſchüttelnd, wonach ihn dieſer zu ſich auf das Sopha niederzog, gutmüthig ſchmollenden Tones aus,„daß ich mich mit einem: Seien Sie mir gegrüßt, Herr Meau⸗ bert! begnügen würde von ſeiten eines Mannes, der mir als Knabe und Jüngling Gutes gethan; oder den⸗ ken Sie, daß ich vergeſſen, wie oft Sie mir damals von Ihrem geringen Taſchengelde Allerlei in die Hände ſpielten, wie Wein, Kanaſter und dergleichen Spezereien?“ „Aber, mein Lieber, wie fanden Sie meine Woh⸗ nung?“ „Nun, mit dieſer Ihrer Karte.“ „Ich gab ſie geſtern dem Herrn Vicomte—“ „Und er gab ſie heute mir.“ „Mit einem Auftrage an mich?“ „Mit dieſem Briefe. Aber den mögen Sie leſen, ſobald ich fort bin. Sie glauben mir wohl, daß ich Sie auch ohne dieſen Auftrag geſucht und ohne Adreſſe gefunden hätte?“ „Gewiß, mein braver Freund.“ Alſo Ihr trefflicher Vater— ſprechen Sie nicht, aber ſehen Sie dieſe paar Thränen; wir vergeſſen ihn beide nicht. Schönere Augen haben ihn hier ſchon beweint, noch geſtern; Sie verſtehen, welche ich meine.“ 47 „In Wahrheit, Herr Meaubert?“ „Ja, Antoinette vergoß bittere Thränen; ah, und wie freudig war ihre Ueberraſchung geſtern früh im Garten, als ich ſie Ihre Ankunft errathen ließ; ſie rief mit Entzücken Ihren Namen aus.“ „Wirklich? Und doch— beim Diner—“ „Ließ ſie das Köpfchen hängen, nicht wahr?“ „So that ſie allerdings.“ „Nicht ſie, das that die Etikette. O mein Herr, wie oft dieſe Jahre her mußte ich ihr aus jenen Ta⸗ gen und beſonders von Ihnen erzählen.“ „Von mir?“ „Ein Geſpräch dieſer Art zog ſie jedem andern Vergnügen vor.“ „Erwartet der Vicomte Antwort auf dieſen Brief?“ „Er ſagte nichts davon.“ „Daß er gerade Sie damit an mich geſchickt, war eine zarte Aufmerkſamkeit ſeinerſeits, was auch immer der Inhalt des Briefes ſein möge. Seine Tochter iſt eine ſchöne Dame geworden.“ „Nicht wahr? Und dabei iſt ſie ſo gut, ſo kindlich geblieben, wie ſie in Ihrem Hauſe war.“ „Es werden ſich viele der glänzendſten Partien für ſie finden.“ „Sie hat bereits einem brillanten Cavalier erſt 48 geſtern— wie ich zufällig erfuhr— einen Korb ge⸗ geben.“ „Geſtern?“ „Hielt derſelbe ſchriftlich beim Herrn Vicomte um ſie an und ſie ſagte zum Vater nein.“ „Es werden der Freier noch viele kommen—“ „Gewiß, aber alle das Schickſal dieſes erſten haben.“ „Verſtehe ich Sie recht, ſo glauben Sie, daß An⸗ toinette's Herz nicht mehr frei ſei?“ „Das glaube ich nicht blos, ich bin davon über⸗ zeugt.“ „Sie liebt alſo?“ „Das iſt der Fall.“ „Weiß ihr Vater darum?“ „Ich denke, er ahnt es.“ „Da er ihr aber noch geſtern jenen Antrag mit⸗ getheilt—“ „So ahnt er vielleicht erſt ſeit geſtern, was im Herzen ſeiner Tochter vorgeht.“ „Sie ſcheint ſich demnach einer hoffnungsloſen Nei⸗ gung hinzugeben?“ „Hoffnungslos? Das iſt ein häßliches Wort. Wa⸗ rum ſoll ſie nicht hoffen, das Herz ihres Vaters, dem ſie über Alles geht, der nichts als das Glück ſeines 49 Kindes will, durch ſtille Ausdauer, durch treues Feſt⸗ halten an dem Geliebten endlich zu rühren und zur Einwilligung zu bewegen? Hoffnungslos? Wer hofft nicht, ſolange er lebt? Hofften wir nicht auch in Worms auf Paris? Ebenſo gut kann Antoinette von Paris aus auf Worms hoffen.“ „Herr Meaubert!“ „Nun, Herr von Waldheim?“ „Was Sie da ſagten, beraubt mich faſt aller Be⸗ ſinnung.“ „Es ſoll Sie im Gegentheile zur Beſinnung bringen.“ „Sie laſſen mich in einen Himmel blicken!“ „In den Frühlingshimmel der Hoffnung. Aber ge⸗ nug für heute, ich muß nun wieder nach Hauſe.“ „Und wann ſehe ich Sie wieder hier?“ „Das werden die Umſtände beſtimmen.“ Hier erhob ſich Meaubert mit Rudolf zugleich, der aus ſeiner Bruſttaſche ein zuſammengelegtes Blatt Papier nahm, dieſes öffnete und ihm mit der Frage, was er wohl meine, daß es bedeute, ſchüchtern hinhielt. „Nun“ ſagte jener,„das iſt ein Sträußchen Im⸗ mergrün.“ „Und woher denken Sie, daß es kommt, lieber Meaubert?“ „Woher? O Sie denken wohl, daß einem alten Jean Charles, Realiſten und Idealiſten. I. 4 iutltwst 50 Menſchen das Herz einſchrumpfe wie das Geſicht? Dieſes Sträußchen wuchs auf dem Grabe von meines Herrn Erſtgeborenem zu Worms, von Antvinette's Bru⸗ der. Adieu für heute, Herr von Waldheim, auf Wie⸗ derſehen!“ Letztere Worte mit von Thränen halberſtickter Stimme ſtammelnd, hatte der gute Alte das Immer⸗ grün ſorgfältig wieder in das Papier eingeſchlagen, dieſes zu ſich geſteckt, und er verließ nun das Gemach, indem er vor ſich hinmurmelte: „Ohne Hoffnung! Ei ſieh mal, wie unchriſtlich, wie gottlos! Ohne Hoffnung? Wir wollen ſehen.“ In welcher Bewegung Rudolf den alten Mann ſcheiden ſah und dann das Zimmer durchmaß, läßt ſich mit Worten nicht ausdrücken, die Muſik allein ver⸗ möchte dieſe Seelenſtimmung wiederzugeben. Himmliſche Hoffnung unmittelbar nach düſterem Entſagen, Gewiß⸗ heit, einen wahren Freund zu beſitzen, nach dem drücken⸗ den Gefühle der Einſamkeit, des Verlaſſenſeins, ein blühendes Herz, plötzlich erſtanden aus dem Froſte der Selbſtverleugnung— dies waren die Grundtöne ſeiner Empfindungen. Mit einem Male aber riß ihn der Gedanke an den 51 Brief des Vicomte aus dieſem ſeligen Traume und er nahm ihn aufſeufzend vom Tiſche und erbrach ihn zögernd. Der Inhalt dieſes Schreibens warf ihn zurück in ſeine Hoffnungsloſigkeit, denn er lautete alſo: „Mein theurer Herr von Waldheim! Die Gründe, die mich abhalten, das gütige Aner⸗ bieten Ihrer Talente wie Ihrer koſtbaren Zeit zu meinen Gunſten in der von Ihnen gewünſchten Form anzunehmen, kennen und reſpectiren Sie gewiß; der Sohn meines Freundes, meines Wohlthäters darf nicht, wenngleich in der delicateſten Weiſe, mir, der jene große Schuld niemals ganz abtragen kann, Dienſte leiſten; er darf mein Freund heißen und ſein. Als dieſen betrachte ich Sie und dieſem biete ich meine Hand, die er nicht zurückweiſen wird. Mein Haus ſteht Ihnen offen, Sie werden uns immer willkommen ſein. Für die Dauer Ihres Aufenthalts in Paris bis zu dem Augenblicke, da Sie Ihre Exiſtenz werden be⸗ gründet haben, verfügen Sie über beifolgenden Credit⸗ brief an meinen hieſigen Banquier. Ihre Weigerung würde wehe thun, das dürfen Sie glauben, Ihrem u. ſ. w.“ Es gab bei Rudolf's klarer, männlicher und wahr⸗ haft edler Denkweiſe nur eine mögliche Antwort, und ttie 52 dieſe empfing der Vicomte noch am ſelben Tage; er 4 las, und nicht ohne freudiges Staunen über des jun⸗ gen Mannes Charakterfeſtigkeit, Folgendes: „Herr Vicomte! Ihr großmüthiges Herz führte Sie bezüglich mei⸗ ner in eine kleine Inconſequenz. Sie weiſen wiederholt, aus edlem Grunde, mein Dienſtanerbieten zurück und erwarten zugleich von mir, daß ich Ihre Unterſtützung annehmen werde, deren ich mich durch nichts würdig gemacht. Empfangen Sie, Herr Vicomte, über dem friſchen Grabe meines Vaters, deſſen Andenken mir heilig, mit meinem wärmſten Danke das überſandte Papier zurück und genehmigen Sie u. ſ. w.“ Die ganze Wirkung dieſes Schreibens auf das Ver⸗ hältniß zwiſchen dem Vicomte und Rudolf abwartend, kehren wir zu letzterem zurück, um ihm auf ſeinem beabſichtigten Ausfluge durch Paris zu folgen. Die Abfaſſung ſeiner Antwort hatte ſein Gefühl wieder in etwas erhoben, ſeiner Lebensthätigkeit neuen Schwung gegeben; zudem, war er nicht jung und, was nicht unweſentlich, lachendes Frühlingswetter? Zwei Stunden ſchon war er durch Straßen und Gaſſen umhergeirrt, als ihm das Gewühl doch läſtig zu werden anfing und er ſich ins Freie ſehnte. Nachdem er ſich bei einem Reſtaurant ein wenig 53 erfriſcht, nahm er einen Fiaker und fuhr— ins Bois de Boulogne?— nein, ſondern nach dem intereſſante⸗ ſten aller Höfe der Erde, nach dem Friedhofe Poère Lachaiſe; die Erinnerung an ſeinen Vater, das Gefühl ſeiner Vereinſamung und der Gedanke an Antoinette führten ihn zu dieſer ernſten Stätte. Auch der Gedanke an die Geliebte; denn erſte Liebe, ja echte Liebe überhaupt denkt gern an den Tod und wandelt gern zwiſchen Denkmälern der Sterblichkeit, ohne Scheu jedenfalls, da die Menſchen⸗ ſeele in keiner Stimmung ihrer Unſterblichkeit ſich ſo hold und ſicher bewußt wird, als wenn ſie liebt. Es war in der Mittagsſtunde, als er vor dem Friedhofe anlangte. Er bezahlte und ſchickte den Fiaker zurück, da er noch nicht wußte, wie lange er hier ver⸗ weilen, auch was er ſpäter thun wollte. Das Sinnige, zart Symboliſche, ſüß Melancholiſche, das jeder freie Begräbnißort im Frühling durch fri⸗ ſches Grün, Blüten und Blumen bei mildem Sonnen⸗ ſchein gewinnt, übt im Friedhofe Poère Lachaiſe auf empfängliche Seelen eine Gewalt, einen poetiſchen Zauber aus, wie ihn nur die erhabenſte Poeſie ſelbſt zu wirken vermag. Rudolf trat mit ehrfurchtsvollem Staunen in die Grenzen dieſes Staates im Staate ein, und ſeine Be⸗ iMitt 54 wunderung mehrte ſich mit jedem Blicke hin durch dieſen unüberſehbaren Acker Gottes, dieſe gewaltige Roma des Todes mit ihren zahlloſen Paläſten, Prunk⸗ 1 malen, Säulen, Pyramiden und armen Hütten. „So bin ich denn wirklich“, ſprach er, von heiligem Schauer durchfloſſen, im Hinſchreiten zu ſich ſelbſt,„in dieſer mächtigen Metropole der Vergänglichkeit, wo Tauſende von hiſtoriſchen Geiſtern nach unermeßlicher Thätigkeit ruhen, in dem ungeheuern Parlamente der Geſchichte, worin alle Intereſſen der Menſchheit im unabweislichen Lapidarſtile der Wahrheit vertreten werden; ich weile“ an der heiligen Stätte, wo allein die Pariſer zu ſchweigen, zu ruhen vermögen, wo ſie nicht mehr revolutioniren; dieſe Steinmaſſen ſind die einzigen Forts, die ihren unbändigen Geiſt in Schran⸗ ken halten.“ Nur auf wenige Beſuchende traf ſein Auge und er konnte ſich ganz ungeſtört der Beſchauung und ſeinen Betrachtungen dabei hingeben. Ueber eine Stunde ſchon, die ihm wie eine Minute der Andacht hingeſchwunden, war er durch dieſes La⸗ byrinth gewandelt, als er plötzlich, wie ſelbſt zur Säule * erſtarrt, anhielt, den Blick an eine Erſcheinung gebannt, 1 die ſein Blut ſtocken machte, ihn des Athems beraubte: wenige Schritte von ihm, an den Stufen eines gro⸗ 55 ßen, von einer Trauerweide beſchatteten, mit Immer⸗ grün und Immortellen eingefaßten Würfels aus carra⸗ riſchem Marmor lag, von ſchwarzem Gewande umfloſſen, auf den Knieen, das unverhüllte Antlitz auf die zum Gebete gefalteten Hände geſenkt— Antoinette. Sie war es, er täuſchte ſich nicht. Auch ſie hatte dieſen Morgen die Sehnſucht nach der geheiligten Stätte des Friedens, nach dem Grabe ihrer Mutter überkommen und ſie war dieſem Gefühle gefolgt, ohne zu ahnen, daß Rudolf eine gleiche Stim⸗ mung dahin lenken würde, obwohl er es war, der die ernſte, feierliche Bewegung in ihrer Seele hervorge⸗ rufen; ſie hatte durch Meaubert das Sträußchen vom Grabe ihres Bruders erhalten, daſſelbe mit ihren Thrä⸗ nen benetzt, und ſie wollte dieſe rührende Gabe der Erinnerung, die ihr holder dünkte und koſtbarer er⸗ ſchien als all ihr köſtliches Geſchmeide, am Denkſtein der Verklärten weihen für ihre ganze Zukunft; war dieſe ja doch für ſie eine ſo düſter verhüllte und die⸗ ſes Immergrün vielleicht das Einzige, worin ſich ihre und Rudolf's Seele begegnen durften. In dem Anblick der Betenden verloren, ſtand er eine Weile regungslos; dann erhob ſich ſein Auge mit Blitzesſchnelle und forſchte in der nächſten Umgebung nach Antoinette's Begleiterin. Dieſe ſtand, etwa hun⸗ nei Ntuhl 56 dert Schritte von da, an einem Grabmale, deſſen Epi⸗ taph ſie zu leſen ſchien; aber es war nicht Frau von Leonville, ſondern die Kammerfrau der Damen. Er wußte nicht, was beginnen; Staunen über dieſe ſeltſame Begegnung, Liebe und Rührung feſſelten ihn an die Stelle, während ihn eine gewiſſe heilige Scheu ſich entfernen hieß. Letzteres Gefühl ſiegte auch in dieſem kurzen Kampfe und er wollte ſich raſch zurückziehen; allein es war zu ſpät, denn gleichzeitig erhob ſich Antoinette und ſie ſtanden ſich gegenüber, Aug' in Auge. Sie blickten ſich beſtürzt an, und die holde Röthe der Schüchternheit, die der erſten Liebe vorangeht, wie das Morgenroth der Sonne, überflog beider Antlitz. Rudolf verneigte ſich ehrerbietig und ſprach, den Blick ſenkend: „Ein wunderbarer Zufall, wenn man in einer vernünftigen Weltordnung einen Zufall annehmen darf, ließ uns zum Beſuche dieſes ernſten Ortes eine und dieſelbe Stunde wählen, ja noch mehr, er leitete mich in dieſelbe Straße dieſer Todesreſidenz, wohin Sie eine große Erinnerung geführt; denn ich ſehe nun, an welchem Grabe Sie gebetet; ſo eben wollte ich mich, von Ihnen unbemerkt, wieder entfernen, als Sie mich erblickten.“ ————— 57 Rudolf hatte ſie unwillkürlich deutſch angeredet und ſie entgegnete in derſelben Sprache, das Auge an die Erde geheftet, während ſein Blick ſich erhob und auf ihr ruhte, mit leiſer, bebender Stimme: „Sie haben mir vom Grabe meines Bruders dieſes Immergrün gebracht“— er ſah jetzt mit freudigem Staunen das Sträußchen in ihrer Hand—„und ich eilte damit an das Grab meiner Mutter; wenn es keinen Zufall gibt, ſo war mir dieſes Zuſammentreffen beſtimmt, Ihnen eher, als ich hoffen durfte, für dieſes Geſchenk zu danken, das mich nie verlaſſen ſoll, ſo⸗ lange ich lebe.“ „Und ich“, ſagte Rudolf, kaum ſeiner Bewegung Herr,„betheure Ihnen hier, auf dem heiligen Grunde, worin die irdiſche Hülle Ihrer Mutter geborgen, deren Geiſt uns gewiß umſchwebt, daß ich Sie, auch ohne ein körperliches Zeichen der Erinnerung, nie vergeſſen, ſondern als ein Abbild des Höchſten verehren werde, das mich, ſolange ich athme, für alles Gute und Schöne im Leben begeiſtern ſoll!“ Die Kammerfrau näherte ſich hier ein wenig, blieb jedoch, da ſie wahrſcheinlich Rudolf, den ſie geſtern geſehen, wiedererkannt hatte, noch immer in einiger Entfernung ſtehen, die es ihr unmöglich machte, das Geſprochene noch zu vernehmen. — turi 58 Antoinette ſchrak bei Rudolf's ſo feierlichen und doch ſo leidenſchaftlichen Worten ſichtlich zuſammen und erblaßte; kaum vernehmlichen, beklommenen Tones flüſterte ſie: „Das war doch kein Scheidegruß?“ „Vielleicht für immer!“ entgegnete er, düſter vor ſich hinblickend. „Und die Gründe?“ „Wird Ihnen der Herr Vicomte nennen.“ „Aber mein Vater achtet Sie hoch—“ „Und mahnt mich dadurch an Selbſtachtung.“ „Sie wollen alſo unſer Haus meiden?“ „Das ich nie hätte betreten ſollen.“ „Was hat Ihnen mein Vater, was habe ich Ihnen zu Leide gethan, daß Sie uns durch Ihre Zurück⸗ ziehung kränken?“ „Sie kennen meine Verhältniſſe und werden meinen Schritt billigen müſſen.“ „Niemals werde ich dies! Ich werde nie die Härte, womit Sie meinen Vater der Möglichkeit berauben, ſich Ihnen dankbar zu erweiſen, ich kann dieſe Strenge Ihrer Grundſätze niemals gut heißen.“ „Sagte Ihnen der Herr Vicomte von ſeinem heu⸗ tigen Briefe an mich?“ „Ich las ihn ſelbſt wie Ihre Antwort darauf.“ 59 „Und Sie tadeln mich darum?“ „Ja, denn ich kenne das Herz meines Vaters.“ „Mein Herz aber kennen Sie nicht.“ „Nicht? Und dieſer Zweig in meiner Hand?“ „Antoinette!“ „Gehen Sie denn und genießen Sie in Einſamkeit die Früchte Ihres Stolzes, uns dem demüthigenden Ge⸗ fühle überlaſſend, Sie verletzt zu haben.“ „Antoinette, bedenken Sie!“ „Daß der männliche Sinn keiner Selbſtverleugnung, keiner großen Aufopferung fähig?“ „Aber welchen Opfers! Ich ſoll Sie ſehen, Sie, An⸗ toinette, die herrlichſte Blume Ihres Geſchlechts, um⸗ ſchwärmt von den glänzenden Faltern des Glücks; ich— ich ſoll Sie, vielleicht in kurzem, als—“ „Enden Sie nicht, mein Vater wird mich nie zwin⸗ gen, gegen mein Gefühl, gegen meine Ueberzeugung zu handeln. Nun verlaſſe ich Sie; handeln auch Sie nach Ihrem Gefühle, nach Ihrer Ueberzeugung und— leben Sie wohl!“ „O nur ein Wort gönnen Sie mir!“ „Nicht an mich; was Sie mir noch zu ſagen haben, vertrauen Sie es hier dieſem Grabe.“ Antoinette verneigte ſich und ſchritt, nach einem Blicke, der Rudolf's Seele mit niegeahnter Himmelsluſt =n⸗hhienwb 60 durchdrang, langſam ihrer Kammerfrau zu, mit der ſie auch alsbald zwiſchen den Gräbern verſchwand. Wer je den Duft der Roſe, Liebe genannt, in ſich geſogen, den ſtillen Zauber der Centifolie bewundert und im Lenze des Gefühls dieſem heißen Jenſeits⸗ geheimniſſe träumeriſch nachgehangen hat, wird auch Rudolf's Traumleben verſtehen, das mit dieſem ſchönen Augenblicke begann. Er legte ſeine Rechte, wie zum Schwure, auf den Marmorwürfel, die Linke ans Herz und blieb ſo, den Blick zum Himmel gerichtet, eine Weile regungslos ſtehen; dann pflückte er ſich eine Immortelle an den Stufen des Denkmals, berührte den Stein damit und ſeine Lippen und verließ den Friedhof. Seine Stimmung war zu feierlich für die Stadt, er ſehnte ſich nach der freien Natur und eilte die⸗ ſer zu. Er fuhr nach dem anmuthig gelegenen Paſſy, durchwandelte das liebliche Boulogner Wäldchen und ruhte erſt auf der Anhöhe bei St.⸗Cloud aus, wo er ſich, auf den Raſen des Plateaus gelagert, den trunkenen Blick über die weite Landſchaft ſchweifen laſſend, ſeinem Gefühle ungeſtört hingab. 61 Er fühlte ſich unausſprechlich glücklich, denn er wußte ſich geliebt, geliebt von einem der vollendetſten Weſen, die je hienieden die Schöpferkraft des Unend⸗ lichen verherrlicht; er konnte Antoinette's Gegenliebe nicht bezweifeln, und dieſe innere Ueberzeugung durch⸗ drang ihn mit einer Wonne, für die alle Poeſie der Erde keinen Ausdruck hat. Er kehrte erſt ſpät am Abende nach Paris zurück und betrat ſeine Wohnung kurz vor Mitternacht. Seine Wirthin händigte ihm eine Karte ein; er bebte zuſammen, es war die des Vicomte. Die Nacht ſchlich ihm bleiern dahin, der Schlaf floh ſein Auge, die Gedanken jagten ſich wild in ſei⸗ nem glühenden Haupte, er konnte keinen Anhaltspunkt in ſich finden, keine Vorſtellung, ſeinen Geiſt zu erhellen, ſein Gemüth zu beruhigen. „Was wollte“— fragte er ſich hundertmal—„der Vicomte bei dir? Sein Anerbieten wiederholen? Oder geht er auf deinen Wunſch ein und beſchäftigt dich? Oder hat er das Herz ſeiner Tochter durchblickt, ihr Geheimniß entdeckt und will dich darüber zur Rede ſtellen? Aber du biſt ja ſchuldlos. Weiß er vielleicht um dein Zuſammentreffen mit Antoinette und glaubt, daß du ihr abſichtlich gefolgt? Das wäre ſchrecklich, denn dieſer Verdacht riſſe eine Kluft zwiſchen uns auf, —.—ternA . 62 die keine Zukunft mehr ausfüllte. Zukunft? Du hoffſt alſo doch? Meaubert's kindiſche Worte klingen noch in deinem nicht minder kindiſchen Herzen nach; aber bedenke, daß du Mann biſt und daß dein Selbſtgefühl dein ganzer Reichthum, deine Ehre, deine Macht iſt.“ Mit dieſen und ähnlichen Gedanken ſich abquälend, begrüßte er die Morgendämmerung mit einem tiefen Seufzer und erhob ſich vom Lager. Gegen zehn Uhr deſſelben Morgens lud der Vi⸗ comte ſeine Tochter zu einer Promenade durch den Hausgarten ein und begab ſich mit ihr dahin. „Ich befinde mich“, nahm er, Arm in Arm mit Antoinette die Anlagen durchſchreitend, nach einigen indifferenten Bemerkungen, ernſten aber nicht unfreund⸗ lichen Tones das Wort,„Herrn von Waldheim gegen⸗ über in einer ziemlichen Verlegenheit, worüber ich zu Dir ſprechen will; denn ich achte in ſolchen Dingen das meiſt richtige Gefühl der Frauen ſehr hoch und appellire, wie ſo oft an das Deiner trefflichen Mutter, jetzt an das Deinige.“ „Sprechen Sie, mein Vater“ entgegnete Antoinette, im Bewußtſein ihrer Unſchuld gefaßt. „Ich wollte ihn geſtern“ fuhr der Vicomte ruhig fort,„beſuchen, fand ihn aber nicht zu Hauſe und hinterließ meine Karte. Ich kann dieſen Beſuch 63 nicht gut wiederholen, wenn er nicht inzwiſchen uns beſucht.“ „Darf ich nach der Abſicht Ihres Beſuchs fra⸗ gen?“ „Hältſt Du mich für ſo ſtolz, ihm ſeinen Beſuch unerwidert zu laſſen?“ „Mein Vater, Sie appelliren an mein Gefühl!“ „Nun?“ „Iſt Herrn von Waldheim's Eintritt in unſer Haus eine Viſite geweſen? Iſt er nicht, verzeihen Sie, mein theurer Vater, was Sie waren, als Sie das Haus ſeiner Aeltern betraten, ein Emigrant?“ „Deine Bemerkung iſt ſcharf, aber es iſt Wahrheit darin. Wie dem aber ſei, ich beſuchte ihn, um mein ſchriftliches Anerbieten zu erneuern.“ „Er wird nicht darauf eingehen.“ „So wird er vielleicht auch mein Haus nicht wie⸗ der betreten.“ „Ich theile Ihre Anſicht.“ „Aber dies iſt es eben, was mir wehthut; dieſer junge Mann hat, ſo wenig ich ihn noch kenne und ſelbſt abgeſehen von meiner Freundſchaft zu ſeinem Vater, einen Ehrenplatz in meinem Herzen; ich glaube, ich könnte ihn lieben.“ Antoinette zitterte im Innerſten bei dieſen Wor⸗ 64 ten und ſie vermochte nicht einen Laut von ſich zu geben. „Was wäre nun Dein Rath, meine Tochter?“ fragte der Vicomte nach einer Pauſe. „Dieſe Angelegenheit“ war ihre zögernde Antwort, „überſchreitet das beſcheidene Gebiet des Frauengefühls und ich weiß Ihnen nichts zu rathen, lieber Vater, als daß Sie hierin ausſchließend Ihrer edlen Ueber⸗ zeugung folgen mögen.“ „Das iſt eben die Schwierigkeit, mein gutes Kind.“ „Seinem Wunſche, durch Sie beſchäftigt zu werden, wollen Sie nicht nachkommen.“ „Wollte ich es auch jetzt, wird er es noch wollen?“ „Es iſt der Verſuch zu machen.“ „Du biſt alſo dafür?“ „Ich bin für nichts, als meinen geliebten Vater zufrieden zu wiſſen.“ „Und Du biſt das Ziel all meines Strebens, An⸗ toinette, der Ausgangspunkt aller meiner Wünſche iſt das Glück Deiner Zukunft. Gott hat mir meinen Sohn genommen; mein theures Weib folgte ihm bald und ſo trug ſich alle meine Liebe auf Dich über; Dich glücklich an der Seite eines edlen Gatten zu ſehen, iſt nunmehr Alles, was ich noch vom Himmel erflehe.“ „O mein Vater!“ rief hier Antoinette unter hervor⸗ 65 ſtürzenden Thränen aus, indem ſie ihr Haupt an ſeine Bruſt legte und ihn mit beiden Armen unmſchlang, „ich werde Sie nie verlaſſen, nie einem Manne als Gattin folgen, nie, nie!“ Der Vicomte hielt die halb Ohnmächtige beſtürzt aufrecht und ſuchte ſie zu beruhigen; er ſelbſt aber fühlte jetzt eine Unruhe, die er nur ſehr ſchwer ver⸗ barg. Er führte ſie, nachdem der Sturm des Gefühls ſich durch die Flut ihrer Thränen in etwas beſänftigt hatte, in das Haus zurück und auf ihr Gemach, wo ſie vor dem Bildniſſe ihrer Mutter in die Kniee ſank und, ihr Tuch mit beiden Händen an die glü⸗ henden Augen preſſend, mehr zu beten als zu weinen ſchien. Der Vicomte fühlte ſich, wie ſchon geſagt, zu er⸗ ſchüttert, als daß er ſie nicht hätte gewähren laſſen ſollen; er ſchien nach einem Entſchluſſe zu ringen und ſchritt tiefernſten Blickes und die Arme über der Bruſt verſchränkt lebhaft auf und nieder. Jetzt erhob ſich Antoinette, trocknete ihr ſchmerz⸗ bewegtes Antlitz und blieb, ſich auf die Lehne des Divans ſtützend, geſenkten Hauptes ſtehen, gleichwie eines Urtheilsſpruchs gewärtig. Der Richter war ihr Vater, Vater im ſchönſten, Jane Charles, Realiſten und Idealiſten. I. 5 66 edelſten Sinne des Wortes, das wußte ſie, das ſollte ſie jetzt neuerdings beſtätigt finden. Antoinette fühlte, daß er ihr Herz durchblickt hatte, und war auf Alles gefaßt. Er wandte ſich ihr, kaum daß ſie ſich erhoben, etwas zögernd zu, zog ſie ſanft neben ſich auf den Divan nieder und ſprach: „Meine Tochter, Du fühlſt gewiß die Wichtigkeit dieſer Stunde; es hängt an ihr der Erfolg von Jah⸗ ren. Unterbrich mich nicht, ich weiß Alles, was Du ſagen willſt und kannſt. Du haſt mir Dein Vertrauen nie entzogen, auch heute noch nicht, denn Deine Thränen haben geſprochen und beredter, als es Worte vermögen. Antoinette, Du liebſt—“ „Mein Vater!“ „Noch einmal, unterbrich mich nicht, rede nicht für Dich, denn Du bedarfſt der Selbſtvertheidigung nicht, da Du den beſten Anwalt an dem Herzen Deines Vaters haſt. Du liebſt einen Mann von tadelloſem, ja von höchſt achtbarem Charakter, die Wahl Deines Herzens iſt ein ehrendes Denkmal für Deine Er⸗ ziehung; allein Du weißt auch, mein Kind, daß ſelbſt ein ſolcher Charakter wie der, von welchem wir ſprechen, ohne das Beiwerk von Namen, Rang und Vermögen in der Welt, in den Kreiſen, will ich ſagen, 67 die unſere Welt ausmachen, nur wenig beachtet wird. Herr von Waldheim, denn er iſt es, den Du liebſt, ſo räthſelhaft ſchnell mir auch dieſer Vorgang in Deiner Seele ſcheinen mag, iſt ein junger Mann von ſeltenen Eigenſchaften, aller Achtung und Liebe würdig, aber, aber— doch nun rede Du.“ Antoinette, die, ſo gefaßt ſie ſich auch geglaubt, dieſen Worten ihres Vaters, aus denen ebenſo viel Liebe als Vernunft ſprach, in einem Aufruhr aller ihrer Empfindungen und Gedanken gelauſcht hatte, rief hingeriſſen aus: „Ich habe keine Antwort, mein Vater, als: ich werde Sie nie verlaſſen!“ „Du wirſt mich nie verlaſſen?“ „Niemals!“ „Aber, mir zur Seite, von Gram verzehrt, hin⸗ ſiechen wie eine vom giftigen Thau getroffene Roſe; bei mir bleiben, aber, ein lebendiger Vorwurf für mich, mit erbleichenden Wangen, umflorten Augen, halbirrem Geiſte; mich nicht verlaſſen, ſolange Du lebſt, gewiß, aber ich, ſchon ein Greis, werde Dich überleben, Dir die Augen zudrücken und dann zurückſinken in die Arme eines Dieners, um an fremder Bruſt den letzten Athemzug zu thun.“ „O mein Vater, mein theurer Vater!“ 5* * 68 „Mich nie verlaſſen! Ich aber will Dich nicht verlaſſen und Dich, trotz Welt und meiner eigenen Ueberzeugung, ja, ja, gegen meine Anſicht von den Weltdingen, glücklich wiſſen, glücklich machen.“ Hier ſank ihm Antvinette halb ohnmächtig in die Arme. Der Vicomte war bei aller Strenge ſeiner ariſto⸗ kratiſchen Grundſätze und manchen damit verbundenen Vorurtheilen, welche, wie ſchon früher bemerkt, ſelbſt der gewaltige Umſchwung zu Ende des vorigen Jahr⸗ hunderts und die ſchmerzlichen Erfahrungen durch eine lange Reihe von Jahren nicht ganz zu paralyſiren ver⸗ mochten, doch ein Mann von vielem Geiſte, der ſich in allen der Politik fern liegenden Dingen in ſchöner Klarheit geltend machte, durchdrungen von wahrer Humanität und endlich, was hier das Wichtigſte und freudig zu wiederholen iſt, ein ſo liebevoller Vater, wie jemals einer gelebt, was ſchon die einzige Thatſache bewies, daß er nach dem Tode ſeiner Gattin, noch ein ſchöner Mann in der vollen Kraft ſeines in jeder Beziehung makelloſen Lebens, ſich nur aus zärtlicher Rückſicht für ſeine Tochter nicht wieder verehelicht und ſomit der Hoffnung entſagt hatte, ſei⸗ nen Namen und Reichthum direct vererbt zu ſehen. Es war demnach keine freundliche Redensart aus ſeinem Munde, als er Antoinette ſeiner ausſchließenden Liebe verſicherte und ihr betheuerte, daß er keinen höhern Wunſch hege als die Begründung ihres Glückes an der Seite eines edlen Gatten. Daß er den Ausdruck„edel“ in zweifacher Bedeutung genommen und ſich ſeinen Eidam in einer der erſten Familien Frankreichs gedacht habe, iſt ebenſo gewiß als verzeihlich; nährt doch ſelbſt ſo mancher Bürger den ſeltſamen Stolz, den Tochtermann in ſeinem Ge⸗ werke zu ſuchen, wobei ich der immer allgemeiner werdenden Anſicht, daß die Blutsariſtokratie nicht die ſchlimmſte der Ariſtokratien ſei, nur nebenher ge⸗ denken will. Die Ueberzeugung, daß Antoinette Herrn von Waldheim liebe, machte ihn allerdings beſtürzt, denn ſie lief ja ſeinem Plane für ihre Zukunft gerade entgegen; aber alsbald vertrat ſie ſein Herz und die Erinnerung gab den Ausſchlag zu ihren Gunſten. Seine Gattin nämlich ſtammte aus einer zwar alten hochadligen, aber verarmten Familie, und ſeine Liebe zu ihr war eine ſo geheimnißvoll plötzliche wie die Neigung ſeiner Tochter zu dieſem jungen Manne. Und derſelbe war— hier unterſtützten ſich zwei der ſchönſten Erinnerungen aus ſeinem Leben— der 70 Sohn eines Mannes, der ihm ein wahrer Freund ge⸗ weſen, und dieſer Sohn hatte in wenigen Augenblicken eine Charakterſtärke vor ihm entfaltet, die ihm geeignet ſcheinen mußte, eine Gattin in allen Wechſelfällen der Zeit männlich zu leiten und beſtens zu ſchirmen. Was die Welt zu dieſer Verbindung ſagen würde, erwog er zwar nicht ohne Mißmuth; die Liebe zu ſei⸗ nem Kinde jedoch zerſtreute, eine milde Sonne, dieſes Gewölk auf ſeiner Stirn bald und ſein Entſchluß war gefaßt. Wie er dieſen zu verwirklichen dachte, werden wir alsbald ſehen. Rudolf hatte dieſen Nachmittag ſeine Wohnung nicht verlaſſen, ſondern ſich, um ſeinen wirren Ge⸗ danken eine beſtimmte Richtung zu geben, an eine Arbeit gemacht, von deren Erfolg er die erſte Ent⸗ ſcheidung über die Möglichkeit ſeines Bleibens in Paris erwartete. Er ſchrieb an einem franzöſiſchen Artikel größern Umfangs für eine der Revuen oder auch für eins der bedeutendern Feuilletons: Ueber das Ver⸗ hältniß der deutſchen Publiciſtik zur franzöſiſchen in neueſter Zeit. Gegen ein Uhr zur Hälfte mit dieſer ſchwierigen Auseinanderſetzung im Reinen, ſchloß er das Manuſcript im Pulte ein und ſchickte ſich eben an, das Zimmer zu verlaſſen, als es an die Thür pochte und zu ſeiner nicht geringen Ueberraſchung der Vicomte eintrat. „Der Herr Vicomte hatten mir ſchon geſtern die Ehre Ihres Beſuchs zugedacht.“ „Sie ſind im Begriffe auszugehen, Herr von Wald⸗ heim?“ „Es ruft mich kein beſtimmter Zweck nach außen; ich bin zu Ihren Dienſten.“ „Auf ein halbes Stündchen?“ „Solange es Ihnen belieben wird.“ „Setzen wir uns denn. So— und nun gleich ganz offen, wie es Männern ziemt, zur Sache.“ „Sprechen Sie, Herr Vicomte.“ „Sie wieſen mein väterlich gemeintes Anerbieten zurück.“ „Nicht ohne ſein Edles zu fühlen und nicht ohne Angabe meiner Gründe.“ „Ich weiß dieſe zu reſpectiren. Was ſind Sie nun zu thun geſonnen?“ „Zu arbeiten— ich ſchrieb bereits dieſen ganzen Morgen— und zu verſuchen, ob ich mir dadurch mei⸗ nen Unterhalt ſichern kann.“ „Und wenn es Ihnen nicht gelingt?“ „So habe ich Paris inzwiſchen kennen gelernt und kehre nach Deutſchland zurück, wo es mir nicht an —— 72 Stützpunkten fehlt, ſelbſt wenn ich nicht wieder in den Staatsdienſt trete.“ „Sehr gut. Wenn ich mich aber mittlerweile eines Andern beſonnen und nun nichts mehr dagegen einzu⸗ wenden hätte, daß Sie ſich mir, durch Arrangement meiner nicht unanſehnlichen Bibiothek oder in welcher Weiſe Sie ſonſt wünſchen mögen, verdienſtlich er⸗ zeigen—“ „Dies, Herr Vicomte, würde mich noch am geſtri⸗ gen Morgen ganz glücklich gemacht haben; heute jedoch ſehe ich mich veranlaßt, darauf dankbar zu verzichten.“ „Darf ich um Ihre Gründe fragen, Herr von Waldheim?“ „Warum nicht? Sie ſelbſt machten ja männliche Offenheit zur Grundbedingung unſerer Unterredung.“ „Wohlan denn, warum können Sie heute nicht mehr eingehen, was Ihnen noch geſtern noch wün⸗ ſchenswerth erſchien?“ „Hat Ihnen, Herr Vicomte, Ihre Tochter von dem merkwürdigen Zufalle— ein ſolcher war es, auf mein Ehrenwort— der mich geſtern auf dem Pere Lachaiſe mit ihr zuſammenführte, Mittheilung gemacht?“ „Sie hat mir davon geſagt.“ „Nun, Herr Vicomte, dieſe Begegnung macht es mir zur Pflicht, Ihr Haus nicht wieder zu betreten, denn dieſer Augenblick überzeugte mich, daß ich Ihre Tochter liebe.“ „Hier meine Hand, Herr von Waldheim, für die edle Offenheit dieſes Geſtändniſſes; Sie ſind ein Mann von Ehre. Dieſer Umſtand ändert allerdings die Sache. Eine Frage: Entdeckten Sie ſich meiner Tochter?“ „Nicht durch Worte, Herr Vicomte, nicht durch eine unmittelbare Aeußerung.“ „Die Sprache der Liebe bedarf nur ſelten der Worte.“ „Sie haben Recht, Herr Vicomte, und das ſteigert meine Verpflichtung, Ihre Tochter nicht wieder zu ſprechen, denn ſie kann mein Gefühl errathen haben.“ „Sie hat es errathen.“ „Herr Vicomte!“ „Sie hat mir Alles geſagt.“ „Alles? Wie ſoll ich das verſtehen? Ich ver⸗ ſchwieg Ihnen nichts—“ „Was Sie betrifft; was Antoinette's Gefühl an⸗ langt, ſo konnte natürlich nur ſie mir darüber Aus⸗ kunft geben.“ „Und dieſe gab ſie?“ „Ja, Herr von Waldheim, und das Reſultat der⸗ ſelben war es, was mich zu Ihnen geführt. Sie ſind überraſcht? Ich will Ihnen an Offenheit nicht nach⸗ ſtehen. Sie lieben alſo mein Kind?“ 74 „Von ganzer Seele!“ „Nun denn, Antoinette erwidert Ihre Liebe.“ „Dieſe Verſicherung aus Ihrem Munde, Herr Vi⸗ cömnte „Mehrt Ihre Ueberraſchung?“ „Sie verwirrt mich ſo, daß ich zu träumen glaube, und dieſer Traum iſt ein ſo ſeliger, daß ich das Er⸗ wachen fürchte.“ „Man geht aus der träumeriſchen Nacht der Liebe in den hellen Tag der Ehe über; ſo werden auch Sie erwachen.“ „Sie ſcherzen bitter.“ „Ich ſpreche im Ernſte.“ „So thun Sie mir um ſo weher.“ „Mein lieber Herr von Waldheim, die Angelegen⸗ heit, die wir zu beſprechen haben, iſt eine zu wichtige, als daß die geringſte Zweideutigkeit obwalten dürfte; darum einfach, klar, bündig: meine Tochter erwidert Ihre Neigung; fühlen Sie Muth und Kraft in ſich, ſie mit der ganzen heiligen Würde eines Gatten durch das Leben zu führen?“ „Ja, Herr Vicomte, ich fühle mich ſtark genug dazu; aber warum mich in ein Paradies blicken laſſen, da ich der Erde angehören ſoll? Ich bin weder reich noch von hohem Adel.“ 75 „Ein junger Mann von Ihren Eigenſchaften und Talenten iſt reich, ſehr reich, denn ſein Vermögen kann nicht confiscirt werden; und was Ihren Adel betrifft, ſo ſteigert ihn meine Achtung für Sie um die nöthigen Grade. Uebrigens noch einmal auf Ihre Vermögens⸗ umſtände zu kommen, ſo muß ich Ihnen eine Mittheilung machen. Ein reicher Cavalier Frankreichs, den ſich Ihr edler Vater durch Wohlthun verpflichtete, erkrankte vor einem Jahre ſo gefährlich, daß die Aerzte ſchon an ſeinem Aufkommen zweifelten. Vor dem Eintritt der Kriſis machte er ein rechtskräftiges Teſtament, worin unter Andern auch Sie, als der Sohn ſeines Freundes, bedacht wurden; er vermachte Ihnen eins ſeiner klei⸗ nern Güter, etwa zwanzig Lieues von hier, das un⸗ gefähr fünfzehntauſend Franes Renten abwirft, als ganz freies Eigenthum.“ „Mein Gott, ein ſo großes Vermögen mir?“ „Ja, das that er; leider jedoch ſtarb er nicht, ſon⸗ dern genas trotz Kriſis und Aerzten und ſchmeichelt ſich mit der Hoffnung, daß Sie ihn lieber lebend als todt wiſſen werden, denn jener Teſtator iſt Niemand anders als Antoinette's Vater.“ „Herr Vicomte!“ „Sie werden, Herr von Waldheim, den Willen eines Sterbenden, den ich Ihnen ſchon geſtern mit⸗ 76 theilen wollte, ehren und demnächſt in den Beſitz die⸗ ſes Gutes treten. Es hat außer ſeiner reizenden Lage auch noch das Angenehme, daß es an eine Herrſchaft grenzt, die meine Tochter von meiner vor einigen Jahren geſtorbenen Schweſter geerbt.“ Rudolf, ſeiner nicht mehr mächtig, preßte die Hand des Vicomte an ſeine bebenden Lippen und ſank ihm, Thränen in den Augen, lautlos an die Bruſt. Dieſer legte den Arm um ihn und ſprach in tiefer Bewegung: „Ich lege das Glück des mir auf Erden theuerſten Weſens vertrauensvoll an Ihr Herz, das bleibe das Palladium meiner Tochter. Der Himmel hat es ſo gefügt und ich komme ſeinem ewigen Willen mit Freu⸗ den nach. Sie ſind ein Mann von Ehre und Zart⸗ gefühl; das Schickſal meines Kindes, ſoweit dies von Ihrer Leitung abhängt, kann kein zweifelhaftes ſein— genug, ich erwarte Sie heute bei Tiſche und verlaſſe Sie jetzt.“ Damit küßte er Rudolf auf die Stirn und erhob ſich; dann zog er dieſen, den die wonnige Beſtürzung faſt des Bewußtſeins beraubt hatte, noch einmal in ſeine Arme, blickte wie betend empor und verließ das Gemach. — 77 Der Morgen des Jahres 1830 war ſchön und der holde Lenz durchzog mit ſeinem blühenden Gefolge die herrlichen Gauen Frankreichs unter Sang und Klang; wer in aller Welt hätte gedacht, daß ſeine duftigen Blüten ſo ſchwere, blutgefüllte Früchte tragen würden? Am wenigſten beſchlich eine Ahnung davon das Herz des Vicomte von R., dieſes treuen Legitimiſten. Wir finden ihn jetzt bei ſeinen nun ſchon ſeit vier Jahren durch Prieſterhand verbundenen glücklichen Kindern, ſelbſt über allen Ausdruck glücklich, einen ſchönen dreijährigen Knaben, ſeinen Enkel, im Schvoße und ihm zur Seite Antoinette und Rudolf, aus deren Blicken eine Seligkeit ſpricht, wie ſie nur ſelten das Geſchick einem Erdenbewohner gönnt; ihr Lächeln iſt das eines ſüßen Seelenfriedens, der ſchon zur Frucht gediehenen Himmelsblüte ihrer Liebe. Gleich nach ihrer ganz im Stillen gefeierten Ver⸗ mählung, wenige Wochen nach jenem Geſpräche zwi⸗ ſchen dem Vicomte und Rudolf, war dieſer mit ſeiner Gattin nach Worms gereiſt, wo ſie einen Monat zu⸗ brachten. Mittlerweile war jenes an Rudolf abgetretene ſchöne Gut zu ihrer Aufnahme in geſchmackvoller Weiſe ein⸗ gerichtet worden und der Vater ſelbſt empfing die Glücklichen, um bei ihnen den Sommer zuzubringen. 78 Den erſten Winter kamen ſie auf kurze Zeit zu ihm nach Paris und im darauffolgenden Frühſommer drückte er ſeinen holden Enkel Rudolf ans Herz. Antoinette blieb ſich in ihrer Engelsmilde gleich und Rudolf entſprach in ſeiner edlen Haltung der von ihrem Vater gehegten Erwartung; er beſchäftigte ſich einen großen Theil des Tages mit Verbeſſerung und Verſchönerung beider Güter und arbeitete nebenbei an einem Werke in deutſcher Sprache, das zwar nicht für ſeine Gattin, denn er theilte ihr Vieles dar⸗ aus mit, wohl aber für den Vicomte ein Geheimniß bleiben ſollte; es war nämlich eine auf mehrere Bände berechnete und ſchon bis zum dritten gediehene Ge⸗ ſchichte der Revolutionen vom Beginne der chriſtlichen Zeitrechnung bis auf die Gegenwart. Nach Paris waren ſie in jedem Winter, jedoch ſtets nur auf einige Wochen gekommen; der Vicomte hatte dagegen jeden Sommer bei ihnen zugebracht, und ſo ſehen wir ihn auch jetzt kurz nach ſeiner Ankunft in den letzten Tagen des Mai bei ſeinen Lieben. Es hatten die Glücklichen reichhaltigen ſchönen Stoff zu traulichen Geſprächen in ſich ſelbſt, im un⸗ getrübten Genuſſe ihrer Häuslichkeit; und iſt für einen ſchon dem Greiſenalter ſich Zuneigenden das Spiel mit einem blühenden Enkel nicht der ſeligſte aller Erden⸗ 19 genüſſe, angenommen, daß er zartfühlend wie der Vicomte und dies bei ſo lachenden äußern Verhält⸗ niſſen iſt? tur wenige Stunden des Tages vergingen, in denen dieſer den geliebten Kleinen von ſich ließ, und dennoch gab es einen Menſchen, der das holde Kind noch inniger liebte als Großvater, Vater und Mutter deſſelben, ſo namenlos auch ihre Zärtlichkeit war und dieſer Menſch hieß Meaubert. Er kam jedesmal mit ſeinem Herrn von Paris und verjüngte ſich ſo zu ſagen jeden Sommer oder holte ſich da, wie er ſagte, Herzensnahrung für den ganzen langen Winter, da, wie er ſich gleichfalls äußerte, der Aufenthalt ſeiner jungen Herrſchaft in der Stadt durch ein paar Wochen eher eine Qual als eine Freude ſei. Frau von Leonville hatte ſich gleich nach der Ver⸗ mählung mit guter Penſion in die Provinz zurück⸗ gezogen und genoß dieſelbe in beſter Geſundheit. Antoinette's Glück wäre vollkommen geweſen ohne einen räthſelhaften Umſtand im Leben ihres Gatten, den ſie ſo unausſprechlich liebte. Er ſtand, wie ſie durch ihn ſelbſt wußte, ſchon ſeit zwei Jahren mit mehreren Gelehrten und Schriftſtellern von Paris in Correſpondenz, ihrer Meinung nach, die —————— 80 er nie widerlegte, über Gegenſtände von rein litera⸗ riſchem Intereſſe. Daß er alle dieſe Briefe— die Mittheilung einzelner geiſtreicher oder auf eine Er⸗ ſcheinung im Gebiete der Wiſſenſchaft und Kunſt ſich beziehenden Stellen ausgenommen— vor ihr geheim, nämlich immer ſorgſam verſchloſſen hielt, verletzte ſie nicht; aber es beunruhigte ſie die Wirkung mancher dieſer geheimnißvollen Briefe auf ſein Gemüth, beſon⸗ ders in jüngſter Zeit, denn ihrem liebegeſchärften Blicke entging es nicht, wie ſehr er ſich oft bemühte und wie ſchwer es ihm fiel, heiter, ſorglos, offen zu erſcheinen. Spielte er vielleicht in Staatspapieren oder Actien und erlitt er zeitweiſe Verluſte? Wozu aber an die Vergrößerung eines Vermögens denken, das auf natür⸗ lichem Wege anwuchs, der Zukunft nicht einmal zu erwähnen, da ſeiner Gattin das ganze Beſitzthum des reichen Vaters zufallen mußte? Das konnte es nicht ſein, was ſeine Stirn trübte; was aber ſonſt? Er hatte mehrere publiciſtiſche Artikel für ein Pariſer Organ der Oppoſition geſchrieben; ſollte eine daraus entſtandene Fehde ihm Verdruß bereitet haben? Allein er hätte in der Feſtigkeit ſeiner Anſichten wie in der Macht ſeiner Feder nur dazu gelächelt oder ſieg⸗ haft dagegen gearbeitet, ihr es jedenfalls anvertraut, 81 wie er ihr jene Arbeiten mitgetheilt. blieb, aber es ſollte ſich in kurzem löſen. Er bezog mehrere Pariſer Zeitungen, die er ſtets mit großer Aufmerkſamkeit las. Mit dem Vorſchreiten des Sommers mehrte ſich dieſe ſeine Aufmerkſamkeit und ſteigerte ſich zu einer Unruhe, die Antoinette's Herz beklemmte und ſie ver⸗ anlaßte, ihn eines Tages darüber zu befragen. Es war gegen das Ende des verhängnißvollen Monats Juli, als ſie, eines ſchönen Morgens mit ihm den Garten durchwandelnd, auf dieſen Gegenſtand zu ſprechen kam und ihm unverhohlen ihre ſchon ſo lange gehegten Beſorgniſſe entdeckte. Rudolf wollte ausweichen, aber konnte er dies lange gegenüber einem ſo liebevollen Herzen? „Es bereitet ſich“, erklärte er nach einigem Zögern der ängſtlich Aufhorchenden,„in Paris etwas Wichti⸗ ges vor, das ich jedoch nicht zu durchſchauen vermag. Die Luft der öffentlichen Stimmung iſt dumpf wie vor dem Ausbruch eines ſchweren Ungewitters; es iſt eine Kataſtrophe zu befürchten.“ „Was denkt mein Vater davon?“ „Er ahnt nichts, ja ich habe alle Urſache, zu be⸗ fürchten, daß der neue Frankreich und vielleicht ganz Europa bedrohende Sturm durch die legitimiſtiſche Jean Charles, Realiſten und Idealiſten. J. 6 Das Räthſel 82 Partei, durch das Organ von Polignac, heraufbeſchwo⸗ ren ſei.“ „Sie ſcheint Dir alſo, mein Rudolf, groß und nahe?“ „Ja, geliebtes Weib, ſo nahe und ſo bedeutend, daß, nimmt der Ton der Preſſe nicht in wenigen Tagen einen Umſchwung, ich ſelbſt nach Paris will, um mich ſchnell und ſicher zu orientiren und—“ „Wie, Rudolf, Du wollteſt mich verlaſſen?“ „Nur auf einige Tage; es führt mich ja nur die Sorge für unſere Exiſtenz dahin.“ Nach dieſem Geſpräche, das Antoinette's Herz nur inſofern beruhigte, als es ihr das volle Vertrauen ihres Gatten bewies, wurde die Sache nicht weiter berührt. Aber dieſe anſcheinende Ruhe währte nur zwei Tage; am Morgen des dritten las Rudolf die ver⸗ hängnißvollen Ordonnanzen im Moniteur und am nächſten die Nachrichten von dem fuürchtbaren Aus⸗ bruche des Meinungsſturms in der Hauptſtadt. Er theilte unverweilt dieſe Blätter ſeiner Gattin und dem Vicomte mit und dieſer, beſtürzt, entſetzt über dieſe ihm ſo unerwartete Zeitung, unterſtützte nun ſelbſt Rudolf's Entſchluß, ſogleich nach Paris zu eilen, um jeder möglichen Gefahr durch unmittelbare Kennt⸗ 83 nißnahme vom Stande der Angelegenheiten rechtzeitig vorbeugen zu können. Der Abſchied Rudolf's von ſeinen Lieben war kurz, aber ſchmerzlich, und Antoinette bedurfte aller Kraft ihres religiöſen Sinnes, um ſich aufrecht zu erhalten. Der Allgeliebte war nun fort und der Tag ſeines Scheidens ſchwand den Zurückgebliebenen in ſtiller Trauer langſam dahin. Welche Zeitung wird der kommende Morgen brin⸗ gen? Mit bangem Vorgefühl fragte ſich Antoinette hundertmal ſo während der ſchlaflos hingebrachten Nacht. Der Morgen kam und mit ihm in allen Blättern die Schreckensnachricht von dem ausgebrochenen Kampfe, von Blutvergießen und Vernichtung. Die Arme brach, ein Journal in der Hand, im Ge⸗ mache ihres Vaters ohnmächtig zuſammen. Nach langem fruchtloſen Bemühen um die Leidende drang ſie, von ungeheurer Angſt getrieben, darauf, ihrem Gatten den treuen Meaubert ungeſäumt nach⸗ zuſenden mit einigen Zeilen von ihr, worin ſie ihn zur ſchleunigſten Rückkehr beſchwor bei Allem, was ihm theuer und heilig hier und jenſeits. 6* 84 Eine Stunde ſpäter flog der Wagen mit dem grei⸗ ſen, aber noch immer rüſtigen Diener dahin. Vergeblich wäre der Verſuch, die Gemüthsſtimmung Antoinette's und ihres Vaters dieſen Tag über zu ſchildern; ſie wandelten in ihrem paradieſiſchen Aufent⸗ halte wie Schatten umher. Wie aber erſt den Eindruck beſchreiben, den die Zeitungen des folgenden Morgens auf ſie hervor⸗ brachten! Der Vicomte erſtarrte; das war keine Emeute mehr, was Paris erſchütterte, es war eine Revolution von unüberſehbaren, nicht zu berechnenden Folgen. Gegen Mittag traf Rudolf's Brief mittels einer Stafette bei ihnen ein; es war ein Lichtſtrahl durch die Nacht ihrer Seelen, denn er beruhigte ſie mit der Verſicherung, daß, ſoviel Blut auch bereits gefloſſen, dennoch zu hoffen ſei, das Ergebniß dieſer Revolution werde mit jenem der großen nichts gemein, ſondern für Frankreich eine nur günſtige wünſchenswerthe Nachwirkung haben; auch ſchrieb er, daß er ſeinem Briefe ſchon nach wenigen Tagen folgen werde. Dieſe Nachricht goß friſches Oel in die beinahe erſtorbene Lebensflamme ſeiner Lieben und ihre von Hoff⸗ nung neubelebten Herzen ergoſſen ſich in ſtummen, aber heißen Dankgebeten zum Herrn über Leben und Tod. 85 Wieder verſchwand ein Tag; der Kampf in Paris war beendet, eine neue Ordnung der Dinge begann⸗ das Reſultat ſchien ſich in Wahrheit nach Rudolf's geäußerter Anſicht friedlich und günſtig geſtalten zu wollen. Den hierauf folgenden Tag ſchon erwartete An⸗ toinette mit der ganzen Ungeduld der liebevollſten Sehnſucht ihren Gatten; allein er kam nicht, auch kein Brief von ihm oder von Meaubert. „Beide ſind“, tröſtete ſie der Vicomte,„zuſammen unterwegs und morgen früh vielleicht ſchon treffen ſie hier ein.“ Er hatte Recht, ſie befanden ſich ſchon unterwegs und trafen den folgenden Morgen, als der Tag graute, auf dem Landgute ein. Meaubert begab ſich in das Schlafgemach ſeines Herrn, den er bereits angekleidet fand. Der Vicomte fuhr beim Anblicke ſeines Dieners entſetzt zurück, denn dieſer blieb an der Schwelle ſtehen, geſenkten Hauptes, bleich, verſtört, zitternd an allen Gliedern. „Meaubert“, ſchrie der Vicomte auf,„um des Himmels Barmherzigkeit willen, was iſt geſchehen? Du ſiehſt aus wie ein Unglücksbote.“ Dieſer Zuruf weckte den alten Mann aus ſeiner 86 Betäubung und er ſank unter hervorſtürzenden Thrä⸗ nen zu ſeines Gebieters Füßen hin. „O mein theurer Herr“ ſchluchzte er, ſeine Kniee krampfhaft umklammernd,„daß ich ſo lange leben mußte, um dies zu erleben! Der Ueberbringer von ſo etwas zu ſein als ſchwacher alter Mann!“ „Ihr ſeid entſetzlich, Meaubert!“ rief der Vicomte halb bewußtlos vor Schreck über das Gebaren und die Worte des Knieenden, indem er ihn mühſam auf⸗ richtete.„Redet, ſagt Alles, eh' mich die Angſt tödtet! Wo iſt Herr von Waldheim, mein Sohn, wo, wo iſt er?“ „Wo der Treffliche, wo der Brave iſt, ſoll ich ſagen?“ „Nun, beim Himmel, wo weilt er?“ „Herr Vicomte—“ „Meaubert, ſprecht!“ „Sein edler Geiſt, Herr Vicomte, iſt jenſeits, ſeine Hülle hier.“ „Ewiger Gott! Mein Rudolf todt?“ „Er ſtarb in meinen Armen zu Paris; die Seele des Tapfern hatte nicht große Mühe, den ſchönen Leib zu verlaſſen, denn drei Kugeln bahnten ihr den Weg durch die Bruſt; ich brachte ſeine Leiche mit mir, im Hofe hält der Wagen mit dem Sarge.“ 87 „Schrecklich! Entſetzlich! O meine arme Tochter, o ſein liebes Kind! Aber wie, Meaubert, wie geſchah das Furchtbare?“ „Sehr einfach, Herr Vicomte. Als ich nach Paris kam— ſehen Sie, ich bin ein alter Mann und meine Grundſätze kennen Sie auch— als ich mich von dem ungeheuern Sturme umtobt fühlte, da, Herr, weiß ich nicht zu ſagen, wie mir ums Herz wurde. Jugendfeuer durchſtrömte mich und es fehlte nicht viel, ſo hätte ich mich in den blutigen Kampf geſtürzt. Die Stimme der Pflicht brachte mich zu mir ſelbſt, ich eilte in unſer Hotel, wo Herr von Waldheim abgeſtiegen Ich fand ihn nicht. Er war einige Stunden zuvor ſagte mir der Portier, mit unſerm Diener, dem jungen hitzigen Lambert, ausgegangen. Der Nachmittag und der Abend gingen hin, ſie kamen nicht. Gegen Mitter⸗ nacht— ich wollte mich eben zu Bette begeben— brachte man— auf zwei Bahren— Herrn von Wald⸗ heim ſterbend und Lambert ſchwer verwundet; Ihr edler Schwiegerſohn, Herr Vicomte, hauchte an meiner Bruſt ſein Leben mit den Worten aus:„Sagen Sie meiner Gattin und ihrem Vater, daß ich that, wozu mich die Ueberzeugung trieb; ich kämpfte und ſterbe für die Sache des Volks; bringen Sie ihnen mein Lebewohl, meinem Kinde den Segen ſeines Vaters.““ 88 Hier ſchwieg Meaubert. „Friede dem Todten!“ ſeufzte der Vicomte.„Gott möge ihm den Schmerz verzeihen, den er uns durch dieſes Scheiden bereitet. Wie, o Himmel, dieſe Nach⸗ richt meiner Tochter mittheilen?“ „Ich denke“, ſagte Meaubert wie zu ſich ſelbſt,„das Beſte wäre, damit nicht zu zögern, denn die Folgen, erführe ſie es unvorbereitet, könnten ſchrecklich ſein.“ Die Wahrheit dieſer Bemerkung drang ſich dem Vicomte auf und der unglückliche Vater ſchickte ſich zitternd, wie von Fieberfroſt geſchüttelt, an, zu ſeiner Tochter zu gehen. Beide verließen das Gemach, den Schmerzensgang vereint anzutreten. Inzwiſchen hatte ſich der öſtliche Himmel ſchon ge⸗ röthet und die aufgehende Sonne ſandte ihre einzelnen Strahlen bereits über die Hügel; es verſprach ein ſchöner Morgen zu werden. Antoinette war nicht in ihren Zimmern, aber ihr holdes Kind ſchlummerte noch ſüß dahin. Die Kammerfrau ſagte dem Vicomte, daß ihre Dame ſchon vor einer halben Stunde in den Garten gegangen, um ſich nach der ſchlaflos hingebrachten Nacht in der friſchen Morgenluft ein wenig zu kräftigen. 89 Die Männer eilten ihr beſorgt in den Garten nach, aber auch hier war ihr Suchen vergebens. Ihren Namen mit bebender Stimme wiederholt ausrufend, kehrte der Vicomte, von Meaubert gefolgt, nach dem Hof zurück und öffnete, von namenloſer Angſt getrieben, mit Ungeſtüm das in denſelben füh⸗ rende Thor. Allmächtiger Gott, welch ein Anblick! Zwiſchen den zwei Reiſewagen, in deren einem Meaubert angekommen mit der Leiche Rudolf's in dem andern, ſtand ein Sarg, von Dienern um⸗ ringt, die ihn erſt kurz zuvor auf Befehl von Je⸗ mand aus dem Wagen gehoben und geöffnet zu haben ſchienen. Sie alle ſtarrten regungslos in das bleiche, edle Antlitz des Todten nieder, deſſen Haupt ein ſchönes junges, obſchon nicht minder bleiches Weib in weißem Nachtgewande ſanft erhoben hielt. Es war Antoinette. Sie hatte gewacht und die Wagen langſam an das Haus rollen hören; die grauenhafte Gewißheit des Geſchehenen trat ſo plötzlich vor ihren Geiſt, daß ſie ihn augenblicklich verwirrte. In halbem Wahnſinn küßte ſie ihr ſchlafendes Kind, ſagte der Kammerfrau, daß ſie in den Garten 90 gehen wolle und ſchwankte, während Meaubert zu ihrem Vater ging, in den Hof. Hier beſah ſie ſich die Wagen, holte Dienerſchaft herbei und auf ihren Befehl ward der Sarg heraus⸗ gehoben und geöffnet. Die Annäherung ihres Vaters rief ſie nicht ins Bewußtſein zurück, ihre Sinne waren bereits zerrüttet. Als ſie der Vicomte unter heißen Thränen um⸗ armte und beſchwor, ihm ins Haus zu folgen, flüſterte ſie:„Ja, ja, wir wollen ihn noch ſchlafen laſſen!“ hauchte leiſe über das Antlitz des Todten und er⸗ hob ſich. Man führte ſie an das Lager ihres Kindes. Es war ſchon erwacht, aber weder Anblick noch Stimme deſſelben machte einen Eindruck auf die unglückliche Mutter, ſie ſchien es nicht mehr zu erkennen. Der herbeigerufene Arzt ſchüttelte bedenklich das Haupt, verordnete indeſſen die geeignetſten Mittel und verwies mit ſeinem Troſte auf die Zeit. Allein dieſe große, faſt allmächtige Tröſterin erwies ſich an der Armen als machtlos; ſie kam und ging, aber ſie vermochte nicht ihr das Bewußtſein zurück⸗ zugeben. Nur einmal ſchien ein ſchwacher Strahl deſſelben für einen Augenblick durch die Nacht ihres Geiſtes zu zucken; 91 es geſchah, als der troſtloſe Vicomte einige Tage nach Beſtattung der Leiche, die an einer Trauerweide im Garten beigeſetzt wurde, zu ihr von Paris und von ſeiner Abſicht ſprach, mit ihr dahin abzureiſen; ſie bebte zuſammen und machte eine abwehrende Bewegung mit der zitternden Hand. Sie blieb den ganzen Tag auf ihrem Zimmer, ſaß meiſt regungslos da und ließ mit ſich gewähren wie ein krankes hülfloſes Kind; nur äußerte ſie gegen alle Arzneimittel Abſcheu und genoß faſt nichts als Waſſer. Ihre Kräfte ſchwanden raſch dahin, ihr Leben hing ſchon nach einer Woche nur noch an den zarteſten Fäden. Am Morgen des zehnten Tages bei Aufgang der Sonne ging die ihres Erdendaſeins unter. Der Tod gab ihr auf wenige Minuten das Be⸗ wußtſein zurück; ſie tröſtete ihren Vater, ſegnete ihr Kind, ſprach von Gott und Jenſeits und hauchte betend ihre reine Seele aus. So ſtarb Antoinette. Die Leiden des Vicomte, wer wollte ihnen Worte geben? Was aber hielt ihn noch immer aufrecht? 9² Wenn nicht die Kraft der Religion, die Sorge für ſeinen geliebten Enkel, nunmehr ſeines Herzens einziges Gut, ſeines Lebens einziger Zweck, ſo vielleicht der gigantiſche Arm des Geſchicks, der ihn noch härter treffen und den im! Leiden ſtarken Mann, den viel⸗ geprüften, mit dem fürchterlichſten Schlage nieder⸗ ſchmettern ſollte. Seine Tochter ruhte an der Seite ihres Gatten und ein einfacher Marmorwürfel ſchmückte beider Grab. Von dieſem ſich zu trennen, war dem Vicomte unmöglich; er blieb und brachte die meiſten Stunden des Tags an dieſer ihm heiligen Schmerzensſtelle zu. Um ihn ſpielte ſein Enkel, und der nunmehr ſehr ſchweigſam gewordene treue Meaubert half dem Kna⸗ ben im Pflücken der Blumen, womit er, vom Groß⸗ vater belehrt, täglich den Grabſtein ſeiner Aeltern ſchmückte. In dieſer ernſten Weiſe war der Sommer hin⸗ gegangen und der Herbſt gekommen. Es ſchien noch ungewiß, ob der Vicomte den Winter in Paris zu⸗ bringen würde, denn er hatte ſich zur Zeit noch nicht darüber ausgeſprochen. An einem freundlichen, wenngleich ſchon etwas kühlen Morgen begab er ſich ſpäter als gewöhnlich in den — 93 Garten, um ſeinen Liebling, den überaus muntern und friſch blühenden Rudolf aufzuſuchen, der, wie ihm Meaubert ſagte, ſchon vor einer Weile hinausgeſprun⸗ gen war, um heute ganz allein das Grab mit Georgi⸗ nen und Aſtern zu zieren. Beide traten durch das Gitterthor in den Garten. Sie ſchritten vorüber an dem Gärtner, der, nahe am Eingange beſchäftigt, auf ſeine Frage nach dem Knaben ſagte, daß er ihn noch vor einigen Minuten am Monumente erblickt habe, dieſem nunmehr zu wobei ſie eine engliſche Anlage von ungefähr zwei⸗ hundert Schritten zu durchmeſſen hatten. „Ich hoffe“ bemerkte der Vicomte, deſſen ungewöhn⸗ lich haſtiger Gang und Ton eine gewiſſe Unruhe verriethen, gegen Meaubert, der ſein Auge anſtrengte, um die Gegenſtände an der fernen Trauerweide, die man über ein großes Bowlinggreen und zerſtreute Blumengruppen hin ſchon vom Thore aus ſehen konnte, zu beobachten,„ich hoffe, daß die Bonne dem Kinde nachgefolgt iſt, und erwarte, daß man es nie wieder ohne Aufſicht in den Garten laſſe, obwohl im⸗ mer Arbeitsleute hier und die Hecken am Bache dicht genug ſind, um—“ Ein ferner Schrei machte ſie verſtummen, erſtarren; es war die Stimme eines Kindes, das nach Hülfe 94 rief; ſie konnten nicht zweifeln, es war Rudolf's Stimme. Mit einem Ausrufe des Entſetzens ſtürzten nun beide mit angſtbeflügelten Schritten dem Denkmal zu. Der Stein war mit Blumen belegt, aber der Knabe nicht dabei zu ſehen. Inſtinktmäßig eilen ſie zur nahen Hecke unter dem jammernden Ausruf„Rudolf!“ und laſſen ihre Blicke voll Schreck darüber den Bach entlang gleiten. Umſonſt, das Kind iſt nicht zu ſehen. Der Gärtner kommt gelaufen und es wird ihm der Befehl, den ganzen Garten aufs genaueſte zu durch⸗ ſuchen, der Vicomte aber ſtürzt der unfern dieſer Stelle in der Hecke angebrachten Thür zu. O des Unglücks! Sie iſt offen und der Knabe — wie konnte er noch länger zweifeln— durch ſie hinaus an den vorüberfließenden Bach und in die⸗ ſen geſtürzt; ſein Hülfeſchrei iſt nun in ſchrecklichſter Weiſe erklärt. Von dieſer Pforte aus überſprang ein Birkenſteg den hier etwa acht Fuß breiten und gerade da ziemlich tiefen raſchen Bach; über dieſen Steg eilten der Vicomte und ſein Diener dem Laufe des Waſſers nach. Der Bach war in ſeiner ganzen Krümmung um dieſe Seite der Anlagen mit einer Doppelreihe Zwerg⸗ 95 weiden beſetzt, durch welche ein anmuthiger ſchmaler Pfad ſich nach dem kaum fünfzehn Minuten fernen Dorfe, das zu dieſem Landgute gehörte, in der Art hinwand, daß man, die Schwarzdornhecken des Gartens zur Linken und ſanftgeſchwelltes Ackerland zur Rechten, vor ſich ſtets nur wenige Schritte unüberſehbaren Raums von dieſem Baumgange hatte, der bis zu einer Mühle in einem Erlengehölze führte, woran die erſten Häuſer des Dorfes ſtießen. Die Mühle war im Gange, die ihr Zueilenden hörten das ſonſt ſo gern vernommene Rauſchen des Waſſerſturzes in der Schleuße wie das Klappern innerhalb des ihnen nun ſchon ſichtbaren ſehr male⸗ riſchen Gebäudes aus halbverwittertem dunklen Holze diesmal mit erklärlicher Angſt; denn war das Kind in den Bach gefallen, ſo hatte es bereits das Rad zerſchmettert, und es blieb ihnen kein anderer Troſt als die fürchterliche Gewißheit deſſen, was mit ihm ge⸗ ſchehen. Allein auch dieſes entſetzlichen Troſtes, die zer⸗ ſtückte Leiche des Kindes außzufinden, ſollten ſie ent⸗ behren; es zeigte ſich hier bei genaueſter Nachſuchung keine Spur des Verlorenen. Der Jammerruf des Vicomte durch das Dorf, der alle, die ſich jetzt darin befanden, um ihn verſammelte, 96 hatte keinen beſſern Erfolg; Niemand wollte den Kna⸗ ben geſehen haben, er war und blieb verſchwunden. Nun wurde der Befehl ertheilt oder vielmehr die Bitte, unter Zuſicherung reichlichen Lohns, ausge⸗ ſprochen, den Bach an allen tiefen Stellen und die ganze Gegend ringsum zu durchſuchen; dann eilten die Beiden nach dem Garten zurück. Die Nachſuchung darin durch den Gärtner war ebenſo fruchtlos geblieben wie ihr Gang in das Dorf. Man denke ſich die Beſtürzung aller, vom Vicomte, deſſen Schmerz an Verzweiflung grenzte, bis zum ge⸗ ringſten Diener herab; es hatten ja alle das gute holde Kind ſo lieb und ſie wußten ja, daß es die einzige Freude ihres verehrten unglücklichen Herrn geweſen. Trotz dieſes allgemeinen Jammerns wurde doch nichts verſäumt, was zur Entdeckung des Verlorenen führen konnte; die Gerichtsbarkeit viele Meilen in der Runde ward durch herrſchaftliche Amtsſchreiber in Kenntniß von dem Vorfall geſetzt, Belohnungen öffent⸗ lich zugeſichert, kurz Alles aufgeboten, was möglich war. In ſo ſtürmiſcher Bewegung verſchwand der erſte Tag. Was aber vom nächſten und folgenden ſagen? 97 Keine Nachricht, keine von nah und fern, keine, auch nicht die leiſeſte Spur von dem Kinde. Wir wollen nicht länger bei dieſer Scene verweilen, auch die Frage, ob dieſer Schlag auf das Haupt des unglücklichen Vicomte der früher angedeutete des Ge⸗ ſchicks ſei, wodurch es ihn gänzlich niederſchmettern wollte, vorerſt noch unbeantwortet und die Zeit ein⸗ treten laſſen, die Alles ausgleichende, Alles ſühnende. Tage, Wochen, Monde floſſen hin, der Verlorene war nicht gefunden, das Verſchwinden des Kindes noch daſſelbe ſchreckliche Räthſel. Sein beklagenswerther Großvater ſank erſchöpft zuſammen und blieb den ganzen Winter über an das Krankenlager gefeſſelt; mit dem neuen Frühling erholte er ſich zwar, aber ſeine beſte Kraft war gebrochen und ſein Haar weiß geworden. Was kann nicht Alles ein Menſch erleben und überleben, welche wunderbare Kraft zieht ſich nicht durch manches Daſein, wie unerklärbar ausdauernd kämpft die Natur manches Sterblichen gegen alle Schreckniſſe des Schickſals, alle Mühen und Gefahren der Zeit an! Acht Jahre hat ihr Strom dahingetragen in das Jean Charles, Realiſten und Idealiſten. I. 7 98 Meer der Ewigkeit, und wir ſehen den Vicomte, dieſen Mann des Unglücks, wieder in ſeinem Hotel zu Paris. Er iſt ein ſchöner Greis nunmehr, und der einſt ſo wilde Schmerz iſt aus ſeinen edlen Zügen ent⸗ ſchwunden, nur ein Ausdruck ſtiller Melancholie iſt darin zurückgeblieben, ähnlich dem des noch nicht ganz entwölkten Abendhimmels nach einem Gewitter; ein⸗ zelne Thränen zittern noch auf die durch die Luft ge⸗ knickten, entblätterten Blumen nieder, aber das ſchei⸗ dende Tagesgeſtirn verklärt mit ſeinen letzten Strahlen das Schlachtfeld der Elemente und beſtattet beim herz⸗ erhebenden Choral der Lerchen und Nachtigallen die gefallenen Pflanzen. Auch der treue, würdige Meaubert lebt noch und trägt rüſtig die ſchwere Laſt von Jahren und Leiden. Sie hatten beide jeden Sommer auf Waldheim's Gute zugebracht, an den Gräbern ihrer Lieben. Wo aber war das Grab des Enkels? Dieſe Frage richteten die beiden Greiſe nur noch ſchweigend und mit gottergebenem Blick zum Himmel bisweilen an einander. Ihr Leben war ein ſehr einfaches geworden. Unzugänglich jedem Beſuche aus der großen Velt ſtand das Haus des Vicomte ſeit jener Kataſtrophe nur den hülfeſuchenden Armen offen; er las, fuhr mit 99 Meaubert ins Freie und brachte die übrigen Stunden des Tags mit ſeinen Erinnerungen hin. Regelmäßig gegen Ende Mai verließen ſie Paris und begaben ſich nach dem Landgut; des Frühlings Erwachen genoſſen ſie in dem ſchönen Garten am Hotel. Es war in den letzten Apriltagen des Jahres 1839, als ſich an einem ſonnigen duftigen Morgen der Vicomte in dieſem Garten erging, durch friſches Grün, neues Blättergetriebe, zarte Blüten und jubelnden Vogel⸗ geſang ſanft erquickt. Unter den Arbeitern, mit denen er ſich mehr in freundlicher Weiſe zu unterhalten als ihnen nachzuſehen pflegte, bemerkte er heute zum erſten Male einen Jüng⸗ ling von ſehr ſtarkem Wuchſe, deſſen knabenhafte Züge in auffallendem Contraſt zu ſeiner überſchnellen Leibes⸗ entwicklung ihn frappirten. Es grub derſelbe in einiger Entfernung von den übrigen Leuten ein Blumenbeet emſig um und ſchien des Vicomte nicht ſonderlich zu achten, der ihn eine Weile ſehr aufmerkſam betrachtete. Der Burſche arbeitete fleißig fort und ſummte dabei eine Melodie für ſich hin. Eine ſchon ziemlich ab⸗ getragene blaue Blouſe umhüllte nicht ſehr vortheilhaft ſeine Geſtalt; dagegen war ſein Haupt unbedeckt und 7 100 das frei herabwallende dunkelblonde Lockenhaar fiel um ein Antlitz, das, obwohl etwas ſtark von der Luft gebräunt, man ſchön nennen mußte. Der Vicomte, auf den, wie bemerkt, die Züge die⸗ ſes knabenhaften und doch ſo eifrigen Arbeiters einen ſeltſamen, ihm ſelbſt unerklärlichen Eindruck hervor⸗ gebracht hatten, trat ihm unwillkürlich näher. „Guten Tag, mein Lieber“, redete er ihn nicht ohne Verlegenheit an;„Du biſt ja recht fleißig.“ „Wie ſollte ich nicht?“ verſetzte jener mit heller, wohlklingender Stimme, aber ohne aufzublicken.„Ich werde ja dafür bezahlt.“ „Wie lange arbeiteſt Du ſchon in meinem Garten?“ „Ah, Sie ſind alſo der Herr Vicomte?“ „Der bin ich.“ „Zu Ihren Dienſten“, ſagte der Knabe ziemlich trocken und mit einer kurzen, etwas linkiſchen Ver⸗ beugung,„ich bin heute erſt engagirt worden.“ „Vom Gärtner?“ „Das iſt gewiß.“ „Du lernſt alſo die Gärtnerei?“. „Ich weiß es nicht. Er gibt mir für den Tag zwanzig Sous und die Koſt, das genügt.“ „Wie heißeſt Du?“ „Charles Dubois.“ 101 „Wer ſind und wo leben Deine Aeltern?“ „Sie ſind, was ich anfange zu ſein, Tagelöhner und wohnen im Quartier Latin.“ „Aber Du haſt doch eine Schule beſucht?“ „Niemals.“ „Du kannſt jedoch leſen und ſchreiben?“ „Nein.“ „Mein Gott, Du biſt ja ſchon mindeſtens fünfzehn Jahre alt!“ „Nicht wahr?“ rief Charles leuchtenden Blickes aus, indem er den Spaten kräftig in die Erde ſtieß und ſich, offenbar geſchmeichelt durch dieſe Bemerkung, ſchüttelte und ſtreckte.„Wenigſtens fünfzehn Jahre! Und mein Vater behauptet, daß ich noch nicht vierzehn ſei. Welche Albernheit!“ „Das muß ja doch“, ſagte der Vicomte, ihn mit immer größerem Staunen betrachtend,„Dein Tauf⸗ ſchein ausweiſen.“ „Taufſchein, was iſt das?“ „Gerechter Himmel, wo und wie biſt Du gewachſen** „Wie? Gerade. Wo? In Paris.“ „Und was machteſt Du bis jetzt?“ „Ich, Monſeigneur? Ich machte nichts.“ „Warſt alſo bis jetzt ein Gamin?“ auf⸗ 102 „Bis heute, und ich ſtehe nicht dafür, daß ich es morgen nicht wieder ſein werde.“ Bei dieſen Worten trat der Vicomte innerlich er⸗ bebend zurück, nahm jedoch nach einer kleinen Pauſe wieder das Wort und ſagte, indem er ein Goldſtück hervorzog und es ihm reichte: „Bringe das Deinem Vater und ſage ihm, daß ich ihn bitten laſſe, mich morgen zu beſuchen; auch hoffe ich Dich morgen im Garten wieder arbeiten zu ſehen, obwohl Du wenig Luſt dazu verräthſt.“ „Dieſes Geld“, ſagte Charles mit ziemlich trotziger Miene und einer harten Verneigung,„kann ich nicht annehmen, da es für meinen Vater iſt; was mich be⸗ trifft, ſo würde ich es wahrſcheinlich ausſchlagen; das aber ſoll Monſeigneur nicht beleidigen, denn im Gegen⸗ theil, Sie haben etwas in Ihrer Miene, dem ich recht gut ſein könnte, weiß Gott!“ „Wirklich?“ ſtotterte der Greis.„Nun denn, ſo komme morgen wieder. O Knabe, wüßteſt Du, was ich gelitten! Adieu auf morgen!“ „Auf morgen!“ erwiderte Charles gedehnten Tons und blickte dem fortſchwankenden Vicomte kopfſchüt⸗ telnd nach. 103 Der Vicomte und Meaubert befanden ſich dieſen Tag über in der größten Aufregung, ihre nur lang⸗ ſam und mühſam errungene Gemüthsruhe hatte einen gewaltigen Stoß erlitten. Der greiſe Diener war nach dem Wunſche ſeines Herrn, den er mit Staunen und einiger Beſorgniß tief bewegt, um nicht zu ſagen beſtürzt, in das Haus zu⸗ rückkommen ſah, in den Garten gegangen, um den jungen Arbeiter zu ſehen und zu ſprechen, und nun ſteht er im Gemache des Vicomte vor dieſem, deſſen Auge forſchend auf ihm ruht, geſenkten Hauptes und lautpochenden Herzens. Eine lange Pauſe ſchmerzlichen Erwartens. „Haben Sie ihn geſehen?“ „Und geſprochen, Herr Vicomte.“ „Was ſagen Sie dazu?“ „Der Anblick dieſes jungen Menſchen mußte Sie erſchüttern, mein theurer Herr, denn—“ „Nicht wahr? Seine auffallende Aehnlichkeit mit—“ „O ich beſchwöre Sie, hängen Sie dieſem Gedanken nicht nach, ſeine Wirkung auf Ihre Geſundheit könnte die nachtheiligſte ſein! Aber es iſt immerhin ein ſelt⸗ ſames Spiel des Zufalls.“ „Meaubert, wenn— o mein Gott!“ „Noch einmal, ich bitte, beruhigen Sie ſich.“ 104 „Und ſind denn Sie ruhig, mein alter Freund? Zittern nicht auch in Ihren Augen Thränen?“ „Die Erinnerung—“ „An meine Tochter, nicht wahr, und an ihren Gatten, deren verſchmolzene Züge Sie im Antlitz die⸗ ſes Jünglings gleich mir gefunden und angeſtaunt haben, nicht wahr?“ „Ich kann es nicht leugnen.“ „Und das Zuſammentreffen der Jahre, Meau⸗ bert!“ „Er ſcheint älter.“ „Scheint nur, iſt es aber nicht; er ſelbſt ſagte mir, daß ihn der Mann, den er Vater nennt, für nicht älter als vierzehn Jahre hält; denn bedenken Sie, das rohe, wildfreie Leben, worin er aufgewachſen, konnte, mußte es ihn nicht überſchnell entwickeln, ſeinen Körper nämlich auf Koſten ſeines Geiſtes, deſſen furchtbare Wild⸗ heit mich entſetzt?“ „Herr Vicomte, es iſt höchſt unwahrſcheinlich—“ „Aber, mein guter Meaubert, nicht unmöglich; derlei iſt ſchon geſchehen und wird ſich noch oft wie⸗ derholen.“ „Ich will ſogleich zu ſeinen Aeltern fahren.“ „Sie wiſſen ihre Adreſſe?“ „Der Knabe ſagte ſie mir.“ 105 „O thun Sie das, eilen Sie. Ich kann Sie nicht begleiten, denn ich bin zu angegriffen.“ „Aber, mein theurer Herr, keine Illuſionen in⸗ deſſen, Sie werden ſehen, daß es auf ein Spiel des Zufalls hinausläuft.“ „Was immer der Erfolg Ihrer Nachforſchungen ſein möge, nur Gewißheit, Entſcheidung; denn die Un⸗ ruhe, in der ich mich befinde, iſt eine unerträgliche Qual; darum eilen Sie, gehen Sie mit Gott!“ Meaubert entfernte ſich. Nach Verlauf von zwei Stunden, die ſein unglücklicher Herr in ſchmerzlichſter Aufregung und Erwartung hingebracht, trat er wieder bei ihm ein; ſeine Miene, ſein ganzes Weſen verrieth trotz aller Anſtrengung gegen ſich ſelbſt große Unruhe, die erſterem nicht entging. „Welche Nachricht werden Sie mir geben!“ Mit dieſem angſtbeklommenen Ausruf ſchwankte ihm der edle Greis entgegen. „Herr Vicomte, ich weiß nicht, wie ich beginnen ſoll— aber laſſen Sie ſich nieder. Sie zittern— kommen Sie— ſo, ſo; und nun hören Sie mir ruhig zu.“ „Ruhig? Ich!“ „Gefaßt, lieber Herr—“ „Nun ja, ich bin es, und nun ſprechen Sie.“ 106 „Ich fand den Mann—“ „Und er iſt der Vater dieſes Knaben?“ „Hören Sie, Herr Vicomte. Erinnern Sie ſich eines jungen Menſchen, Namens Benvit, der zur Zeit der Vermählung Ihrer Kinder jetwa ein Jahr als Bedienter hier im Hauſe lebte?“ „Benoit? Das iſt wohl— ja, ich entſinne mich der traurigen Geſchichte— derſelbe Unglückliche, der einen Schmuck meiner Tochter entwendete und trotz meines Wunſches, die Sache zu unterdrücken, durch Angabe eines andern Domeſtiken dem Gerichte überliefert wurde.“ „Derſelbe.“ „Und was ſoll es mit ihm?“ „Benvit's Strafe ward durch Ihre Verwendung, aber ohne daß er von Ihrer Güte Kenntniß erhalten zu haben ſcheint, vom Spruche auf die Galeere zu dreijähriger Detention ermäßigt.“ „Aber noch einmal, wie kommt dieſer Unglückliche hier in Rede?“ „Er iſt der Vater dieſes Knaben.“ „Benvit?“ „Der ſeit jener Freilaſſung, wie er mir ſelbſt ſagte, ſich Dubvis nennt.“ „Und das iſt Alles? Nein, Meaubert! Sie täuſchen 107 mich nicht; Ihre Bewegung zeugt von einem Ge⸗ heimniß—“ „Das ich Ihnen entdecken werde, ſobald Sie ſich ſtark genug fühlen, etwas ganz Außerordentliches zu vernehmen.“ „Ich fühle die Kraft in mir und Gott wird mich unterſtützen, wie ſchon ſo oft. Sprechen Sie.“ „Nun denn, Herr Vicomte, dieſer Benvit erfuhr, wie ich aus ſeinen eigenen Worten entnahm, nie etwas von Ihrer Nachſicht und Verwendung für ihn, ja er hielt Sie für den Angeber, für den Urheber ſeines Un⸗ glücks.“ „Sie belehrten ihn doch?“ „Der Wahrheit gemäß, und dieſe erſchütterte ihn ſo tief, daß, o mein theurer Herr—“ „Sie tödten mich, Meaubert, wenn Sie zögern.“ „Benoit geſtand mir, zerknirſcht durch meine einfache Darlegung der Wahrheit, Alles, Alles. Kaum frei⸗ gelaſſen, ſann er darauf, ſeinen gegen Sie durch drei Jahre gefühlten brennenden Rachedurſt zu kühlen. Und er hat ihn geſtillt aus der Quelle Ihrer letzten Freude.“ „O Himmel, es tagt grauenvoll!“ „Muth, mein edler Herr! Der Unglückliche begab ſich zu jener trauervollen Zeit, da Sie Ihre Kinder 108 beſtatteten, nach Waldheim's Gute und hielt ſich da in einem Hauſe des Dorfes bei einer jungen Wittwe, die er aus frühern Tagen kannte und nachmals heirathete, verborgen.“ „Weiter, weiter, obwohl ich nun ſchon Alles durch⸗ blicke.“ „Sie ahnen die Wahrheit. Benoit wollte Ihnen das Herz brechen und raubte Ihren Enkel.“ „Und der Knabe im Garten iſt mein Rudolf?“ „Er iſt es.“ „Allmächtiger Gott!“ Mit dieſem Schmerzensſchrei, in dem Alles lag, was bei dieſer Entdeckung Unausſprechliches durch die Seele des unglücklichen Greiſes bebte, ſank er zurück und ſtarrte lange wie leblos vor ſich nieder; dann aber— das Vatergefühl ſiegte über jedes andere— erhob er ſich zitternd und bat ſeinen treuen Diener, zu vollenden, ehe er ſeinen Enkel ſelbſt in die Arme ſchließe. „Benoit“ fuhr Meaubert fort,„hielt den Knaben jenen Tag über eingeſchloſſen und flüchtete mit ihm noch in derſelben Nacht. In Paris angekommen, ver⸗ band er ſich bald mit jener Frau, die ihm nach Ver⸗ kauf ihres Grundſtücks mit dem baaren Gelde hierher gefolgt. Ihre Ehe blieb kinderlos, ihr kleines Ver⸗ 109 mögen war bald durchgebracht und ſie lebten nun fortan ein Leben voll Elend, Zwietracht, geiſtiger Ent⸗ würdigung. Er hielt ſein Weib nur durch die fürchter⸗ lichſten Drohungen und wirkliche Mißhandlungen ab, zu Ihnen zu eilen und Alles zu entdecken; er blieb dabei, den Knaben in völliger Verwahrloſung auf⸗ wachſen zu laſſen und Ihnen ſolchergeſtalt eines Tags unter die Augen zu bringen. So führte er ihn zu Ihrem Gärtner und ſo fanden Sie Ihren armen Enkel. Jetzt aber, da er die Wahrheit kennt, iſt Benoit wunderbar verwandelt; nachdem er mir Alles geſtanden, unterwirft er ſich freiwillig Ihrem Richter⸗ ſpruch. Er harrt unten im Garten Ihrer Befehle. Darf er kommen?“ „Er komme!“ ſeufzte der Vicomte und bedeckte ſich mit beiden Händen das bethränte Antlitz. Nachdem er eine Weile ſo wie betend ſtehen geblieben, gab er Meaubert ein Zeichen, demzufolge dieſer in den Gar⸗ ten ging. Einige Minuten ſpäter trat er wieder ein, gefolgt von Benoit und Rudolf. Der Anblick beider wirkte erſchütternd auf den ohnedies ſchon erſchöpften Greis; Thränen entſtürzten ſeinen Augen und er ſank halb ohnmächtig in den Arm⸗ ſtuhl, von dem er ſich eben aufgerichtet, wieder zurück. 110 Wie vom Donner des Weltgerichts niedergeſchmet⸗ tert, ſchlug Benoit zu ſeinen Füßen auf das Antlitz hin, während Meaubert laut ſchluchzend den ſtaunen⸗ den Rudolf, der, ohne die mindeſte Kenntniß vom Zu⸗ ſammenhange, mit einem Ausdruck flüchtiger Rührung den Vicomte und ſeinen vermeintlichen Vater in großer Verwunderung betrachtete, mit beiden Armen um⸗ ſchlang. „Gnade! Gnade!“ ſtammelte Benoit, ohne das Haupt zu erheben.„Ich will büßen, aber nur Ver⸗ zeihung, damit ich ruhig ſterben kann! Nur dieſe Gnade!“ Noch ſchwieg der Vicomte, das umflorte Auge auf Rudolf gerichtet mit einem Blick voll unausſprechlichen Schmerzes, ſodaß dieſer, lebhaft davon zergriffen, ſich von dem Diener losriß und zu ſeinem Herrn hin⸗ ſprang, indem er ausrief: „Aber was ſoll denn das Alles? Weinen Sie doch nicht, guter alter Herr, es thut mir in der Seele weh! Und was iſt denn, mein Vater? Ich begreife nichts von dem Allem.“ Bei dieſem Ausrufe, während deſſen der Vicomte die Hände ſeines Enkels zitternd ergriffen, hatte ſich Benoit erhoben und ſprach jetzt, bald den überraſchten Jüngling, bald ſeinen ehemaligen Herrn mit flehenden, 111 reuevollen Blicken betrachtend, mit bebender Stimme, indem er ein Päckchen unter ſeiner Blouſe hervorzog: „Hiermit, Herr Vicomte, übergebe ich Ihnen die Beweiſe meiner Schuld, die zugleich jene der Thatſache ſind, daß Rudolf Ihr Enkel; dieſes Paquet enthält das Hemdchen und das Medaillon mit dem Bildniſſe ſeiner Mutter, die das Kind, wie ich es raubte, an ſich trug. Ich habe mein Verbrechen bekannt und unterwerfe mich reuig dem, was Sie über mich verhängen mögen.“ „Wie? Ich wäre—“ ſtotterte Rudolf bewegt, an deſſen Bruſt der Vicomte ſein ſchmerzmüdes Haupt lehnte. „Ja“, unterbrach ihn Benoit, indem er ſich ver⸗ neigte, das Päckchen öffnete und ihm das Medaillon überreichte,„ja, Sie ſind der Tochterſohn des Herrn Vicomte, ſo gewiß als ich der Mörder Ihrer Blüte⸗ zeit, der Räuber Ihrer Jugendfreuden und der böſe Dämon bin, der das Alter ſeines Herrn und Wohl⸗ thäters durch Gram vergiftet hat.“ „Dieſer Engel meine Mutter?“ rief hier Rudolf, indem er das Portrait mit den freudeſtrahlenden Blicken eines jungen Wilden betrachtete.„Iſt ſie, ach, mein Gott, iſt ſie wirklich meine Mutter?“ „Sie war es!“ ſprach der Vicomte. 112 Der großherzige Greis erhob ſich hier, wie von neuer Lebenskraft durchdrungen— es war die der Religion— und nahm nach einer Pauſe feierlichen Tons das Wort, indem er ſich zu Benoit wandte, deſſen Auge mit der ganzen Gedrücktheit ſchuldigen Bewußtſeins an ihm hing. „Die Reue führt zu Gott, und kein Menſch hemme den andern auf dieſem Wege. Mann, was Du mir zugefügt, ich ſtelle es der unendlichen Gnade des Ewi⸗ gen anheim und verzeihe Dir. Wende ihm Dein Herz zu, ſolange noch die Reue darin glüht, und daß Du es mit ganzer Hingebung thun mögeſt, will ich die Wucht des Elends, die auf Deinem häuslichen Leben laſtet, von Dir nehmen; ich ſetze Dir eine Penſion aus, die Deine Zukunft ſorgenfrei macht. Gehe, ſuche den Weg zum offenen Himmel und verlaſſe ihn nie⸗ mals wieder!“ Ein unterdrücktes Schluchzen war Benoit's ganze Antwort und er entfernte ſich, ſeine Rechte wie zum Schwur erhebend, mit einem letzten Blicke voll Reue nach Rudolf, langſam und gebeugt. Auf dieſen hatten die Worte des Vicomte eine nicht minder bedeutende Wirkung hervorgebracht; dieſe einfachen Worte wahrer Religioſität, er hatte ſie ja nie vernommen, eine Handlung wie dieſe gegen einen 113 Verbrecher mußte ſein zwar ungebildetes, aber unver⸗ dorbenes Gemüth mit Ehrfurcht erfüllen. Und ſo war es auch; er faßte ſeines Großvaters Hand und drückte ſie an ſeine Augen, denen zum erſten Mal Thränen der Rührung entquollen. Noch am ſelben Tage war er durch des Vicomte und Meaubert's Mittheilungen in die ganze leiden⸗ reiche Geſchichte der Familie eingeweiht, als deren Glied er ſich nun zu betrachten, zu verhalten hatte. Während dieſer Erzählungen, die ſeine innigſte Theilnahme erregten, tauchte zu ſchmerzlich froher Ge⸗ nugthuung der beiden Greiſe in Rudolf's Seele die ihm immer, wie er ſagte, gleich einem Traumgebilde wieder⸗ gekehrte Erinnerung an das Grabmal ſeiner Aeltern, das er ſo oft mit ſchönen Blumen beſtreut, lebhafter denn je empor, ja er begann jetzt ſogar ſich des Mo⸗ ments zu entſinnen, wie er, vom Grabe ſeiner Mutter nach dem offenen Pförtchen am Bache ſpringend, dort von einem Manne ergriffen und fortgetragen worden. Bei Tiſche, wo ſich diesmal ein dem Vicomte ſeit vielen Jahren ſchon befreundeter Abbé einfand, wel⸗ chem würdigen und gebildeten Manne die Erziehung Rudolf's anvertraut werden ſollte, erſchien dieſer be⸗ reits in anſtändiger Kleidung, wodurch ſeine Familien⸗ ähnlichkeit noch deutlicher hervortrat. Jean Charles, Realiſten und Idealiſten. I. 8 114 Er verhielt ſich, einem richtigen Gefühle ge⸗ horchend, ſehr ſchweigſam und beſcheiden, nur daß bisweilen wie in Zerſtreuung, was dem aufmerkſamen Abbé nicht entging, ſeinen Augen kurze flammende Blicke entfuhren, Blitzen gleich, die als Nachzügler eines Ungewitters an die ſchwarze Wolkenwand die Drohung zu ziehen ſcheinen, daß der jetzt vorübergebrauſte Sturm wiederkehren könne. Dies beunruhigende Wahr⸗ zeichen bemerkte der Abbé an ihm beſonders, als die Rede auf die Julirevolution und den Tod ſeines Vaters kam; er hütete ſich deshalb wohl, dieſes Thema zu berühren. Mit dem nächſten Morgen begann der Unterricht vorſichtig leicht, wie es dem denkenden Lehrer noth⸗ wendig ſchien, um ſeinem Schüler jede innere De⸗ müthigung zu erſparen; und dieſer ließ ſich auch ſehr geduldig und empfänglich dabei an, wenngleich nicht ohne eine gewiſſe Traurigkeit, die ſeinem Gefühle nur Ehre machte. Tage und Wochen ſchwanden hin. Rudolf hatte in dieſer kurzen Friſt bedeutende Fortſchritte gemacht und, was noch mehr, ſich bereits mit ſolcher Zärtlichkeit an ſeinen Großvater angeſchloſſen, daß dieſer noch einmal auflebte, das Daſein mit neuer Liebe betrachtete, ſo zu ſagen ein neues Leben begann. 145 Meaubert, der Treue, theilte ſein Glück. So kamen die erſten Tage des Wonnemonds heran. Dieſe brachten für Paris und ganz Frankreich wenig Freude. Die Regierung des Landes war in dieſer Zeit, da der König mit der Bildung eines neuen Miniſteriums zögerte, eine proviſoriſche und dieſer Stand der Dinge brachte im Geſchäftsleben Störungen hervor, die den Ruin vieler Handelshäuſer und Fabrikanten nach ſich zogen und durch eine Un⸗ zahl brodlos gewordener Menſchen die öffentliche Sicherheit, ja ſogar den Staatsfrieden zu bedrohen anfingen. Die Preſſe drang ungeſtüm auf die Nothwendig⸗ keit, dem Lande Miniſter nach dem Wunſche der Nation zu geben; Louis Philipp ging noch immer nicht darauf ein. Da brach— wenngleich, wie der Erfolg zeigte, dieſelbe von dem wohlgeſinnten Theile der Pariſer Bevölkerung gänzlich mißbilligt wurde— eine Emeute aus, eine Art Parodie auf die Julirevolution, wie ſie mit Recht genannt wurde, die Emeute Barbes, welche, ſo lächerlich man ſie auch machte, doch Bürgerblut koſtete. Es war am 11. Mai 1839, einem kalten Sonn⸗ tage, als einige Hundert Menſchen losſchlugen. Die 8* 116 Unruhe, der, nebenbei bemerkt, ſogleich ein neues Miniſterium folgte, währte drei Tage lang; ſie hatte gegen vier Uhr nachmittags am Sonntage be⸗ gonnen. Als ſich am ſelben Tage der Vicomte mit dem Abbé um fünf zu Tiſche begab, fehlte Rudolf; er war vor einigen Stunden ausgegangen und nicht zurückgekehrt. Man wartete und harrte vergebens, er kam nicht. Sie wagten kaum ſich anzuſehen, vielweniger ihrer Bekümmerniß Worte zu geben; daß man ſich in Paris ſchlug, wußten ſie bereits. Stunden vergingen, das Mahl blieb unberührt, und nun begann ſich ihre Angſt in troſtloſen Aeuße⸗ rungen Luft zu machen. Nach dem Jünglinge ausſenden? Wohin? Rings umher Verwirrung, Gefahr, nirgends ein Anhalts⸗ punkt! So durchwachten ſie die Nacht. Welch eine Nacht für den Vicomte! So ſahen ſie die Sonne des nächſten Tages; o was konnte ihr Himmelslicht ihm enthüllen! Was? Die Leiche ſeines Enkels im Hospitale. Da fand ſie, wie vom Inſtinkt geleitet, Meaubert und brachte ſie von da in das Haus ſeines Herrn. Rudolf's Bruſt war wie die ſeines Vaters von Kugeln durchbohrt. Dies war der letzte Schlag des Geſchicks, und von ihm niedergeſchmettert, brach der edle Greis an der Leiche ſeines Enkels zuſammen. Sie wurden an einem Tage beerdigt. Drittes Kapitel. Nächſte Wirkungen. Schon gegen den Schluß der Erzählung hin, die Robert in zwar kunſtloſer, doch immerhin annehmbarer Weiſe vorgetragen hatte, waren ſeine Zuhörer ganz ſchweigſam geworden und es trat jetzt nach Beendigung derſelben eine Pauſe von mehreren Minuten ein, wie zur nöthigen Beruhigung und Feſtſtellung der Gefühle und Gedanken; dies wenigſtens won ſeiten des kleinen Auditoriums, da Robert ſelbſt dieſe Pauſe damit aus⸗ füllte, daß er raſch nach einander ein paar Becher leerte und ſich eine friſche Cigarre anbrannte. Auch war er es, deſſen Wort ſich wieder zuerſt vernehmen ließ. Zurückgelehnt in ſeinen Seſſel und feſten Blicks über ſeine Freunde hin rief er in einem Ton vollen Siegesbewußtſeins aus: 119 „Nun habt Ihr den Beleg für das Walten von Stoff und Kraft!“ Sein Geiſtespartner Ernſt trat ſofort für ihn ein. „Es war das“ warf er trocken hin,„ein chemiſcher Proceß wie irgend einer, weiter nichts.“ „Und was ſagt Ihr dazu?“ fragte Robert. Karl und Max fuhren bei dieſem ſcharfbetonten Zurufe aus ihrer Verſunkenheit wie nach einem elektri⸗ ſchen Schlage auf, Haupt und Blick ſtolz und frei emporrichtend und, wie ſich alsbald zeigen ſollte, nicht minder ſelbſtbewußt als dèér Fragende. „Mich hat dieſe Geſchichte“, entgegnete der gefühl⸗ volle Maler,„gerührt, ergriffen und erſchüttert wie eine Tragödie—“ „Und zwar“ fiel Robert ein,„wie eine fataliſtiſche—“ „Nein“, unterbrach ihn Karl, micht wie ein Schick⸗ ſalstrauerſpiel à la„Schuld“ oder der ſo und ſo vielte„Februar“ ſondern wie das wahrhaft Tragiſche, deſſen Grundweſen tiefer wurzelt als in dem hand⸗ hohen Humus des Stoffes.“ „Hm“, bemerkte Robert übermüthig lächelnd,„unſer Poet fühlt alſo in dieſen Begebenheiten nicht den Stoß innerer Nothwendigkeit?“ „Wohl fühle ich ihn“ entgegnete Karl energiſch „denn es drängt ſich die Anerkennung innerer Noth⸗ 120 wendigkeit unabweislich auf, mir aber nur die der moraliſchen Nothwendigkeit, nicht die der phyſiſchen.“ „Der Beweis dafür“, meinte Ernſt,„dürfte Dir ſchwer werden.“ „Ich möchte aber doch um dieſen bitten“ höhnte Robert. „Sollſt ihn auch haben“ verſetzte Karl ruhig, mit dem Ausdruck jener Ruhe wenigſtens, die ſtets eine Folge innerſter Ueberzeugtheit iſt und die deshalb auch faſt immer und überall imponirt. „Das Tragiſche“ fuhr er gemeſſenen Tons fort, „bedingt eine Schuld; der tragiſche Held muß, wenn auch nur in rein Menſchlichem, ſich irgend eines Ver⸗ ſtoßes gegen die gegebenen Verhältniſſe und Umſtände ſchuldig gemacht haben, und nur in ſeinem dann ver⸗ geblichen Kampfe gegen die Macht der Verhältniſſe ſowie in ſeinem endlichen Untergange liegt das Tra⸗ giſche, das nur darum Trauer erzeugt, weil wir uns ſagen müſſen, daß wir in ſeinem Falle vielleicht ganz wie er gehandelt und die furchtbaren Folgen gleich ihm erlebt haben würden, das aber trotzdem auf un⸗ ſern Geiſt und auf unſer Gemüth nicht demoraliſirend wirkt, weil in der Peripetie die Läuterung des Gefühls eintritt und wir gezwungen werden zum Aufblick nach jener ewigen Macht, welche die Alten Fatum nannten 121 und welche der chriſtliche Philoſoph moraliſche Noth⸗ wendigkeit nennt, nach jener ewig unergründlichen Macht, welche den Menſchen erhebt, indem ſie den Menſchen zermalmt, will ſagen, das Zeitliche des Seins zertrümmert, um ſein ewiges zu ſichern. Ein ſolch tra⸗ giſcher Held war der Eidam des Vicomte; er machte ſich der Rückſichtsloſigkeit gegen ſeinen Wohlthäter, gegen Weib und Kind dadurch ſchuldig, daß er ſich von politiſchem Eifer in einen Kampf treiben ließ, und er büßte die Schuld durch den Tod.“ Robert blies eine Rauchwolke vor ſich hin und ſagte: „Sehr gut deducirt, ſoviel ich mich noch aus der holden Zeit der Jugend erinnere, da auch ich Aeſthetik als Schulſtudium betrieb; die liebe Aeſthetik, die einem haarſcharf beweiſt, daß nichts gefallen darf, was un⸗ ſchön iſt, ohne daß ſie ſich wiſſenſchaftlich anſtrengt zu beweiſen, worin eigentlich das Weſen des Schönen beſtehe.“ „Dein Spott“, entgegnete Karl hierauf,„benimmt der Aeſthetik den Anſpruch auf Wiſſenſchaft nicht, ebenſo wenig als meiner Erörterung an Beweiskraft dafür, daß in der von Dir mitgetheilten Begebenheit von einer andern als moraliſchen Nothwendigkeit die Rede nicht ſein kann.“ 122 „Zugegeben“, nahm hier der Chemiker ganz in der ihm eigenen phlegmatiſchen Weiſe das Wort,„zu⸗ gegeben allenfalls, Freund Karl, daß Deine moraliſch⸗ äſthetiſche Deduction auf den Eidam des Vicomte voll⸗ ſtändig paſſe, ſein Untergang ein tragiſcher, ethiſch bedingter zu nennen ſei, wie willſt Du den ſeines Sohnes damit in nothwendigen Zuſammenhang brin⸗ gen, wenn nicht auf phyſiſchem Wege? Ich frage.“ „Und ich“, fügte der Mediciner hinzu,„ich will dieſe Frage präciſiren und zwar ſo: welchem Anſtoße zu⸗ folge ſtürzte ſich der Sohn in den politiſchen Kampf?“ „Dem Anſtoße moraliſcher Rothwendigkeit zufolge“, antwortete Karl ſofort. „Ich dagegen ſage Dir“, rief Robert aus,„daß es der Anſtoß der Raſſe war und kein anderer, der Natur⸗ trieb, übertragen vom Vater auf den Sohn, eine Ueber⸗ tragung wie jede andere phyſiſche, gleich der eines ſchielenden Auges, eines gekrümmten Beins oder auch eines normalen Habitus; genug, Nachwirkung eines Naturgeſetzes im Organismus des Vaters auf den des Sohnes, eine Wahrheit, die ſchon daraus erhellt, daß bei dem noch halbwilden Jüngling, der von politi⸗ ſchen Verhältniſſen keine Ahnung hatte, von einem moraliſchen Impulſe nimmermehr die Rede ſein konnte und daß er an der Emeute Barbos Theil nahm, wie er 123 etwa an einer gewöhnlichen Schlägerei unter ſeines⸗ gleichen, unter Gamins oder Handwerksburſchen und Tagelöhnern Theil genommen hätte; er folgte dem an⸗ geborenen Raufſinne, der ſo gut ſein beſonderes Organ hat wie der Sinn für irgend eine andere hervor⸗ ſtechende Thätigkeit des Menſchen. Eine andere Noth⸗ wendigkeit hier anzunehmen, wäre—“ „Wäre— fiel Karl erhobenen Tons ein—„Auf⸗ gabe eines ſchärfern Denkens, als im ganzen Apparat der materialiſtiſchen Philoſophie zu finden iſt.“ „Echauffirt Euch doch nicht“, ſagte Ernſt,„um eines Gegenſtandes willen, der von ſeiten der Wiſſenſchaft ſeine Erledigung längſt gefunden hat.“ „Wiſſenſchaftlicher Anmaßung, hätteſt Du ſagen ſollen“, erwiderte Karl und fuhr ſteigenden Tons in ſeiner Entgegnung alſo fort: „Den Jüngling hat, wie Robert behauptet, einfach der Raufſinn getrieben, weiter nichts, und dieſer Sinn, bedingt durch Uebertragung von Vater auf Sohn, war im Organismus begründet. Hiernach wird man Dich⸗ ter, Bildner, Architekt, Redner, Staatsmann, Feldherr u. ſ. w. nur infolge dieſes oder jenes Organs. Dieſe Annahme hat keinen andern Fehler, als daß ſie grund⸗ falſch iſt. Nicht das Organ bildet den Sinn für dies oder jenes aus, ſondern der Sinn iſt es, der das 124 Organ ausbildet. Dichter haben alle dieſelbe Geſichts⸗ bildung, Bereiter und Stallmeiſter bekommen alle lange Geſichter, Mathematiker alle viereckige Schädel, ſowie bildende Künſtler und Schauſpieler auf den erſten Blick als ſolche zu erkennen ſind, von Geiſtlichen und vielen andern Berufstypen gar nicht zu ſprechen. Der Beruf und ſeine Uebung ſetzt nach und nach das Or⸗ gan am Schädel an und bedingt die immer gleiche Ge⸗ ſichtsbildung, mit einem Worte, es iſt die Seele, welche ſich ihr Gehäuſe bildet, und es iſt nicht das Haus, wodurch der Charakter des Hausbeſitzers bedingt wird.“ „Nun iſt es“ ſagte Robert achſelzuckend,„endlich heraus das Wort oder vielmehr die darin ausgeſpro⸗ chene Idee; unſer Freund ſpricht von einer Seele, kennzeichnend hiermit ſeinen von der modernen Wiſſen⸗ ſchaft längſt überwundenen Standpunkt.“ „Ach die liebe moderne Wiſſenſchaft!“ verſetzte Karl mit demſelben Ausdruck der Geringſchätzung;„ſie vin⸗ dicirt nur der Erde ſelbſt eine Seele, aber negirt ſie am Herrn der Erde, am Menſchen; dieſer iſt nach ihrer Annahme nichts weiter als ein Rädchen, eine Schraube, ein Stift in der großen Maſchine des Erdenlebens, ein unfrei thätiges, nur durch das Ganze bedingtes Theilchen des Mechanismus, ein Stück Stoff, das die Kraft be⸗ arbeitet im gegebenen Verhältniß zur ganzen Stoff⸗ 125 maſſe, freilich ohne zu ſagen, zu erklären, woher der Stoff rühre, welcher Maſchiniſt die Maſchine eingerich⸗ tet habe und was unter Kraft zu verſtehen ſei; für⸗ wahr eine Wiſſenſchaft, der gegenüber der ſimpelſte Köhlerglaube Weisheit zu nennen iſt.“ „Ich“, fiel Max mit Wärme ein,„würde unter dem Eindruck dieſer modernen Wiſſenſchaft nicht im Stande ſein, eine Blume zu malen, vielweniger das ſeelenvolle Antlitz eines Menſchen.“ „Und doch“, warf Ernſt gelaſſen hin,„hat Goethe, der größte deutſche Dichter, gerade unter dem Eindruck dieſer Wiſſenſchaft ein Werk geſchaffen, worin das Ge⸗ ſetz der Naturnothwendigkeit ſeine volle Anwendung findet.“ „Du ſprichſt“, ſagte Karl,„als Chemiker von ſeinen „Wahlverwandtſchaften“, einem Buche, das, wie meiſter⸗ haft es auch geſchrieben, er doch beſſer ungeſchrieben hätte laſſen können, da die Grundidee deſſelben doch nichts weiter war als eine Marotte, die er aus ſeinem chemiſchen Laboratorium in ſeine Schreibſtube verſchleppt hatte.“ Robert hatte noch nicht ſein letztes Wort ge⸗ ſprochen. tach Karl's letzter ſegt⸗ er: „In der Wiſſenſchaft von heute— 126 „Ja wohl, von heute!“ unterbrach ihn der Poet. „In der heutigen Wiſſenſchaft“, fuhr der Mediciner ſtark accentuirend fort,„kann weder von einer Seele noch von einem Gotte in Eurem Sinn die Rede ſein; was Euch als Seele erſcheint, iſt uns eine Wirkung, während Ihr ſie für eine Urſache haltet; was Ihr Gott nennt, nennen wir Kraft; im Leben der Erde wie in dem jedes andern Planeten und auch jeden Sterns iſt individuelle Freithätigkeit undenkbar; die ſogenannte Seele iſt in allen ihren ſcheinbar freien Aeußerungen nichts als ein Produkt phyſiſcher Facto⸗ ren, nichts als eine Darſtellung deſſen, was die der ganzen Erde in allen übrigen Planeten und Sternen innewohnende Naturnothwendigkeit in Bezug auf das Geſammtleben dargeſtellt haben will oder vielmehr dar⸗ ſtellen muß nach dem ewig gleich wirkenden Geſetze der Kraft; Seele an ſich, ſonach Seelenfreithätigkeit iſt der Wiſſenſchaft ein Unding, und die Zeit dürfte nicht mehr fern ſein, wo die gerichtliche Medicin, will ſagen, der Ausſpruch der Mediciner über die Zurechnungs⸗ fähigkeit dieſes oder jenes Verbrechers nicht blos eine große Rolle ſpielen, ſondern im Ganzen auch maß⸗ gebend ſein wird.“ Dieſe Auslaſſung, noch mehr der Ton, in welchem ſie vorgebracht worden, empörte unſern Idealiſten in 127 einer Weiſe, daß er länger an ſich zu halten für ein Unrecht gegen ſeine heiligſten Ueberzeugungen und zu⸗ gleich für Feigheit hätte ſelbſt erklären müſſen, um ſo mehr, als Robert bei allen frühern Debatten ähnlicher Art ſolches Negiren und ſolchen Ton vermieden hatte und es diesmal wirklich darauf angelegt zu haben ſchien, einen Freundſchaftsbruch hervorzurufen. Empört alſo, doch ſelbſt jetzt noch Herr über ſich, entgegnete Karl mehr feſt als ſcharf: „Zuziehung der gerichtlichen Medicin wird keine Neuerung ſein, denn ſie findet heute ſchon ſtatt bei allen civiliſirten Völkern in zweifelhaften Fällen; nun und nimmer aber werden Geſetzgeber und Richter den Tempel der Juſtiz auf Grundlage der Naturwiſſenſchaft erbauen, ſondern, deß mögen die Herren Materialiſten verſichert ſein, die freie Selbſtbeſtimmung des Menſchen als unabweislich annehmen und hiernach Geſetz wie Urtheil geben und fällen. Ein Körper ohne Seele, eine Welt ohne Gott wird von jedem Civiliſirten, das heißt, von jedem klardenkenden und gefühlvollen Menſchen für unmöglich und jeder Bekenner, Vertreter ſolcher Lehre von ihm der gerichtlichen Medicin ver⸗ fallen erklärt werden.“ „Alſo auch ich?“ fragte drohenden Blicks Robert, indem er ſich raſch erhob. 128 „Auch Sie, Herr Doctor!“ erwiderte Karl gefaßt, indem er ſich gleichfalls aufrichtete. Auch Ernſt und Max hatten ſich erhoben. „Nimm doch Vernunft an“, ſagte der Chemiker zu Karl. Dieſen aber nahm Max in den Arm mit dem mild⸗ betonten Worte:„Begreife nicht, wie man in ſo ſchö⸗ ner Natur an ſo ſchönem Tage ſo häßlich ſtreiten kann; laßt uns lieber noch vor dem Diner einen Gang durch den Park machen.“ „Ja“, ſagte Karl, den noch immer drohenden Blick Robert's feſthaltend,„Du haſt Recht, wir wollen ins Freie, denn in dieſer Stube athmet ſich's wie in einem Noſokomium oder Laboratorium. Bezahlen und gehen wir.“ Damit ſetzte er den Glockenzug in Bewegung und nahm Hut und Stock an ſich, darin von Max gefolgt. Das Eintreten des Aufwärters machte dieſer pein⸗ lichen Scene ein Ende. Nachdem jene ihre Schuld berichtigt, entfernte ſich letzterer wieder. „Wir ſprechen uns weiter in Paris!“ rief Robert dem mit Max ſich entfernenden Pveten nach. „Wie es beliebt“, gab dieſer mit nur halber Wen⸗ dung des Kopfes zurück.„Die beſten Argumente der 129 materialiſtiſchen Philoſophie ſind ja ſelbſtverſtändlich materielle.“ Karl und Max hatten die Thür hinter ſich und innerhalb deren zwei Feinde jener erbitterten Art, wie ſie gerade aus jenen Menſchen zu werden pflegen, die ſich früher Freund geweſen. Jean Charles, Realiſten und Idealiſten. 16 Viertes Kapitel. Max über Robert. „Daß wir von ſo heiterem Ausgangspunkte zu ſolchem Ernſt gelangen mußten!“ ſeufzte Max, indem er zur Seite Karl's läſſig dahinſchritt. „Es geſchah“, bemerkte dieſer,„auch nur infolge innerer moraliſcher Nothwendigkeit und wäre, ſei über⸗ zeugt, wenn nicht heute, doch ein andermal geſchehen.“ „Aber wir haben doch wiederholt ſolche Geſpräche geführt und es iſt nie zu ſolchem Extreme gekommen.“ „Robert iſt in ſeinen frühern Auslaſſungen auch nie ſo weit gegangen. Es hat dies aber ſein Gutes, wenigſtens fühle ich mich ruhig, viel ruhiger, als wenn ich aus welchem Grunde immer meine heiligſten Ueber⸗ zeugungen, das Um und Auf meiner Exiſtenz, meines geiſtigen Seins im Stich gelaſſen hätte.“ ——— „Dafür haſt Du es jetzt in phyſiſchen Stich ge⸗ bracht.“ „Oder in Schuß, wie es nun kommen mag.“ „Nun, ich denke, Robert wird ſich's zweimal über⸗ legen.“ „Das iſt ſeine Sache.“ Die beiden Freunde waren ſo ſprechend an den Eingang des Parks gelangt. „Es iſt nahe vier Uhr“, ſagte Max,„ich ſpüre trotz allen Aergers Appetit.“ „Wir wollen ihn nicht hier, ſondern, falls es Dir recht, in Paris befriedigen“, ſagte Karl. „Gut, in Annahme, daß wir zurückfahren und nicht gehen“ erwiderte Max. „Abgemacht.“ An den erſten Häuſern von Boulogne fand ſich ein netter einſpänniger Lohnwagen und dieſer rollte nun raſch genug mit den zwei jungen Männern dahin. Nachdem ſie das ſtattgehabte Rencontre noch ein⸗ mal durchgeſprochen hatten, bemerkte Max: „Wie ich Robert zu kennen glaube— und ich kenne ihn mehrere Wochen länger als Du— ſo ſcheint mir ſeine Weltanſchauung weit mehr aus ſeinen Verhält⸗ niſſen, welche Dir vielleicht ganz unbekannt ſind, als 9* 132 aus ſeinen Studien hervorgegangen, obgleich die meiſten Mediciner, da ſie es faſt immer nur mit dem phyſiſchen Jammer der Menſchheit zu thun haben, folgerecht zum Materialismus neigen.“ „Verhältniſſe“, entgegnete Karl,„beſtimmen aller⸗ dings den Menſchen, aber daß ſie ihn bis zum Atheis⸗ mus drängen ſollen! Uebrigens kenne ich, wie Du ſagſt, Robert's Verhältniſſe gar nicht, wie ich mich denn im Ganzen nie um ſolche Aeußerlichkeiten bei Perſonen zu kümmern pflege, mit denen ich irgendwie in Rapport verſetzt werde; was mich am Menſchen intereſſirt, iſt das rein Menſchliche, und es iſt mir ſchon geſchehen, daß ich beziehungsweiſe lange Zeit mit Männern ver⸗ kehrt, zum Beiſpiel wochenlang täglich mit ihnen bei Tiſche zuſammengetroffen bin und mich beſtens unterhalten habe, ohne ihre Verhältniſſe zu kennen, ja ohne ihren Namen zu wiſſen.“ „Dies paſſirt auch mir“, ſagte Max;„es iſt aber mehr künſtleriſch und poetiſch als klug; man ſollte es hierin ganz wie die Engländer halten, nämlich mit Niemand in geiſtigen Verkehr treten, deſſen Verhält⸗ niſſe man nicht genau kennt; die Alten hatten nicht Un⸗ recht, zu ſagen: man müſſe zuvor einen Scheffel Salz mit Jemand verzehrt haben, ehe man ihn Freund nenne.“ —— 133 Karl zuckte die Achſeln. „Da käme man in der Menſchenkenntniß wenig vorwärts“ ſagte er. „Langſamer gewiß“, verſetzte Max,„aber ſicherer. Im gegebenen Falle“ fuhr er nach kurzem Schwei⸗ gen tief aufathmend und in einem ſeiner Künſtlernatur ſonſt nicht eigenen Tone ſchmerzlichen Ernſtes fort, „wirſt Du mir beiſtimmen und, daß ich es nur gleich ſage, mir ſogar verzeihen müſſen, daß ich Dir von Robert's äußern Verhältniſſen bis zur Stunde nicht mitgetheilt, was ich ſchon länger weiß und was, wie ich zuvor geſagt, nicht wenig Einfluß auf ſeine Geiſtes⸗ richtung ausgeübt haben mag Jetzt ſollſt, jetzt mußt Du es wiſſen.“ „Es iſt das allerdings ein Freundſchaftsdienſt, der mich Dir verpflichtet“ ſagte Karlßz„ich weiß von ihm nichts, als daß er ein Norddeutſcher und ſeit ein paar Jahren hier jiſt, um ſeine ärztlichen Kenntniſſe zu er⸗ weitern und wohl auch, was ganz begreiflich, ſeinem Ich bei ſpäterer Berufsausübung in der Heimat durch dieſe franzöſiſche Praxis ein gewiſſes Relief zu geben; mehr weiß ich nicht.“ „Was mir von ihm bekannt“, nahm Max wieder das Wort,„habe ich theils von Ernſt, größtentheils jedoch von— lächle nicht— einer Dame, will —— 134 ſagen, von einer Pariſer Bürgersfrau, deren Portrait ich gemalt.“ „O, darüber iſt nicht zu lächeln.“ „Alſo höre.“ „Gut denn, ſprich.“ „Ernſt, der Chemiker, iſt ein ſehr einfacher Charak⸗ ter, ein Mann der exacten Wiſſenſchaft, durch und durch praktiſch, und er benutzt ſeinen Aufenthalt in Frankreich, das er übrigens bald zu verlaſſen gedenkt, einzig zur Erweiterung techniſcher Kenntniſſe, beſonders in der hier zu Lande ſo florirenden Schönfärberei, um dieſelben daheim in einem ſeiner Familie gehörigen Fabriketabliſſement zu verwerthen. Ernſt iſt mit Robert am Rhein bekannt worden, von wo aus ſie die Reiſe nach Frankreich über Belgien machten. Ro⸗ bert, das einzige Kind bürgerlicher, wenig bemittelter Leute, die ſeit mehreren Jahren ſchon verſtorben, hat frühzeitig Schmerz, Entbehrung und Demüthigung, wie ſolche nun einmal der Arme zu dulden gezwungen iſt, kennen, gleichzeitig aber auch ſeine eigene Kraft im Kampfe gegen das Mißgeſchick ſchätzen gelernt; kein Wunder denn, daß der Jüngling, vom Erfolge ſei⸗ ner großen Anſtrengungen begünſtigt, wie Prometheus ſtolz auf ſeiner Hände Werk, ſpäter in der ihm zu⸗ ſagenden Richtung ſeiner Studien, wie endlich, nach⸗ 135 dem er die Doctorwürde erlangt, in Ausübung ſeines Berufs Materialiſt, Atheiſt wurde. Soviel über Robert nach Ernſt's Mittheilung. Was nun meine andere Quelle, die friſchſprudelnde aus dem Munde der er⸗ wähnten Pariſerin, anbetrifft, ſo führt dieſelbe Dinge mit ſich, welche ich ohne Deinen heutigen Conflict mit Robert nicht berührt haben würde, nun aber meinem freundſchaftlichen Pflichtgefühle nach beſprechen muß, da es darauf ankommt, Dich in Kenntniß über den wahren Charakter eines Mannes zu ſetzen, mit welchem Du aller Wahrſcheinlichkeit nach Dich wirſt ſchlagen ſollen, und bemerke zugleich, daß ich mich bereits ſeit acht Tagen, ſo lange iſt es her, daß ich um dieſe ge⸗ wiſſen Dinge weiß, mit dem Gedanken beſchäftige, Robert's Umgang zu meiden.“ „Er hat Dir, wie Du mir ſagteſt“ unterbrach ihn Karl,„ein paar Portraitkunden verſchafft.“ „Ja“, ſagte Max,„und auch im Hauſe dieſer Frau hat er mich eingeführt. Es iſt dieſe noch jugendliche und ſchöne Frau die Gattin eines ſehr wohlhabenden um nicht zu ſagen reichen Bürgers, eines Schnitt⸗ waarenhändlers, der, ein ſtattlicher Mann von etwa vierzig Jahren, ſehr gern lebt und auch leben läßt, ganz leichten Sinnes, wenn nicht ſogar leichtſinnig. Mit dieſer reizenden Frau erſt ſeit einem Jahre ver⸗ 136 ehelicht, hat der gute Mann noch vor anderthalb Jah⸗ ren ſehr ſtark an der Flechte gelitten, einer Krankheit, welche in keiner Stadt der Welt ſo kbösartig lund ſo verbreitet iſt wie in Paris, Zeugniß deſſen die zahl⸗ loſen Straßenplacate und Journalinſerate mit den im⸗ mer neuen Ankündigungen und Verſicherungen der „uérison profonde et infaillible des dartres“. Die⸗ ſem Kaufmann wurde für ſein Leiden ein junger deut⸗ ſcher Arzt— unſer Robert— von mehreren Perſonen empfohlen, die er wirklich in verhältnißmäßig kurzer Zeit von dieſem Uebel*efreit hatte; in Wahrheit ge⸗ noß Robert eben hierin bereits eines bedeutenden Rufs und er verdiente ſich ein ſchönes Stück Geld, nur daß dieſes bei ihm keine bleibende Stätte, in ſeiner Taſche kaum auf ein paar Tage hin Obdach fand, ſodaß ſeine Paſſiva die Activa immer überſteigen und er zeitweiſe hungern müßte, wenn er nicht Credit und das hätte, wovon ich nun leider zu ſprechen habe. Es war ihm geglückt, den Schnittwaarenhändler faſt vollſtändig zu heilen, bevor dieſer ſich verehelichte. Herr Picard— ſo heißt er— ganz glücklich, belohnte ihn höchſt anſtändig, ja noch mehr' er machte Robert mit einem ſehr bedeutenden jährlichen Honorar zu ſeinem Hausarzt, und ſo kam denn dieſer conſequent ins Haus. 137 Es wurde mir die Aufgabe, den Herrn und die ſchöne Frau vom Hauſe in einem Bilde und zwar lebensgroß darzuſtellen. Ich unterzog mich dieſer Auf⸗ gabe mit allem Eifer, und das Bild, ich darf es ſchon ſagen, da es ſelbſt Robert ſagte, der nicht gern lobt, fiel gut cus und machte dem Ehepaare große Freude. Während der Sitzungen von Madame— Pauline iſt ihr Vorname— denen ihr durch Geſchäfte und Gänge ſehr in Anſpruch genommener Gatte niemals beiwohnte, hatte ich Gelegenheit, den Charakter der jungen Frau zu ſtudiren. Sie zählt noch nicht völlig zwanzig Jahre. Ihre Erziehung— ſie iſt aus der Provinz— hat ſich auf das Einfachſte beſchränkt; ihre ganze Bildung bezieht ſich auf das Weſen der Häuslichkeit, und das wäre nur lobenswerth, wenn ihr eigenes Weſen damit überein⸗ ſtimmte. Dies iſt aber nicht der Fall, und viel ſchuld daran mag ihr Gatte ſein, denn er überſchüttet ſie mit Liebesgaben und ſteigert ihre Eitelkeit durch Alles, was ihm in den Sinn kommt und was ihr zu bieten ſeine günſtigen Verhältniſſe geſtatten. Zu entſchuldigen dürfte er vielleicht durch den Umſtand ſein, daß ſeine Gattin ſich noch nicht in intereſſanten Umſtänden be⸗ findet und daß er glauben mag, dieſen bisherigen 138 Ausfall an häuslichem Glück durch allerlei Dinge der Aeußerlichkeit zu decken.“ „Ein ſehr gewagtes Experiment!“ bemerkte Karl. „Ja wohl“, ſagte Max,„iſt es das bei einer ſo jungen und ſchönen Frau. Kokett“, fuhr er in ſeiner Mittheilung fort,„iſt Pauline nicht, auch böte ſich bei ihr, wenn ſie es wäre, dazu wenig Gelegenheit, denn ihr Mann empfängt nie Geſellſchaft, obwohl er ſonſt ſehr freigebig iſt und ſeine Frau durch Theaterbeſuch und Promenade dafür zu entſchädigen ſucht. Kokett, ſage ich, iſt Pauline nicht, und ich ſage das aus Ueberzeugung, aber ſie ſcheint mir dagegen an etwas zu laboriren, das ihrem häus⸗ lichen Weſen weit gefährlicher werden kann als Ko⸗ ketterie, nämlich an jener gewiſſen Sentimentalität, welche jungen Mädchen der Provinz theils angeboren, theils auf dem Wege der Halbbildung, beſonders durch wenig oder gar nicht überwachte Lectüre von Romanen und Gedichten angeeignet wird.“ „Sie äußert ſich alſo in dieſer Richtung?“ „Ja, bei jedem nur halbwegs einſchlägigen An⸗ laſſe.“ „Das iſt allerdings gefährlich.“ „Gewiß iſt es das. Gleich in der erſten Sitzung, da ich die junge Dame erſuchte zu ſprechen, wie ich ₰ 139 dies beim Portraitiren ſtets zu halten pflege, um Leben in die Geſichtszüge zu bringen, alles Starre zu ver⸗ meiden, gleich in der erſten Stunde ließ ſich Pauline in ſehr ſentimentaler Weiſe über gewiſſe Gefühls⸗ momente aus und verfehlte in ihrer Naivetät nicht zu geſtehen, daß ſie für ihren Gatten Achtung, aber nicht Liebe hege und daß ihr Liebe als etwas Ideales er⸗ ſcheine, dem man im gewöhnlichen Leben ſelten, äußerſt ſelten begegne. „Mein Mann“ ſetzte ſie halb verloren hinzu,„weiß das auch, denn ich habe es ihm ſelbſt geſagt; ich achte ihn, mehr vermag ich nicht.“ Hierauf begann ſie von ihrem Hausarzt, von Robert, anfangs nur wie ganz zufällig, nur ſo nebenher zu ſprechen; ich aber fing an aufmerkſam zu werden, um ſo mehr, als Pauline einige Fragen über ihn an mich richtete, die mich auf ein ganz beſonderes Intereſſe ſchließen ließen, das ihr unſer Freund einflößte.“ „Sie fragte Dich wahrſcheinlich, wie es um ſeine Herzensangelegenheiten ſtehe.“ „So war es. Sie fragte allerdings anſcheinend leichthin, aus Neugierde, ohne jegliche Beziehung, allein dies ſtimmte wenig zu ihren ſonſtigen Aeußerungen über ihn, die mir die Gewißheit gaben, daß Pauline in Robert die Verwirklichung ihres romantiſchen Ideals 140 erblickte und, wenn ſie ihn nicht bereits liebte, ſo doch auf dem beſten Wege dazu ſei. Ihre Freude darüber, daß ich ihr betheuerte, Robert lebe ausſchließlich ſeinem Berufe und ſtehe in keinem Verhältniß zu irgendeinem weiblichen Weſen, war ſo auffällig, daß man ſich über den Grund nicht täuſchen konnte. In jenem Ge⸗ ſpräche machte ich aber auch eine Wahrnehmung be⸗ züglich Robert's, die mich ſehr unangenehm berührte. Pauline, einmal über ihn der Rede hingegeben, ſagte unter Anderm:„Wie doch gewiſſe Männer Alles und Jedes nobler machen als die Alltagsleute; der Herr Doctor zum Beiſpiel— nun, Sie ſind ja ſein Freund und kennen ſeine feinen Manieren, die Nobleſſe ſei ner Tournüre), ſeine füperbe Art zu ſprechen, ob⸗ gleich er nicht viel und ſtets mit einer großen Zu⸗ rückhaltung ſpricht— der Herr Doctor alſo pflegt mit meinem Manne mehrmals die Woche bei uns Piquet zu ſpielen. Ich ſage Ihnen, die Art, mit der er dies thut, läßt ſich mit Worten nicht bezeichnen; dieſe noble Ruhe, dieſe Sicherheit oder Gleichgültigkeit und dann ſchließlich der Ausdruck ſouveräner Verach⸗ tung, mit welchem er den Gewinnſt einzieht— ich ſage Ihnen, das iſt Alles anders als bei Andern, ja ſelbſt das Glück ſpricht zu ſeinen Gunſten, denn er gewinnt faſt immer, gegen meinen Mann wenigſtens, ob⸗ 141 wohl dieſer ſehr gut ſpielt und ſonſt ſehr ſelten ver⸗ liert.“ Auf meine Zwiſchenfrage, ob die zwei Herren im⸗ mer nur Piquet ſpielten, erwiderte Pauline mit einem ganz unbefangenen Ja und fügte dann hinzu:„Stellen Sie ſich vor, mein Herr, der Doctor ſpielt mit ſo durchdringendem Blicke und mit ſo gewaltiger Sicher⸗ heit, daß mein Mann eines Abends, nachdem er wieder wie gewöhnlich mit dem Doctor geſpielt und ſeine paar Napoleons verloren und letzterer ſich entfernt hatte, laut lachend ausrief:„Wenn Monſieur nicht ein Meiſter im Volteſchlagen iſt, ſo bin ich der größte Stümper im Piquet, ich, der in dieſem Spiele bis jetzt ſeines⸗ gleichen nicht gefunden hat. Was ſagen Sie dazu?““ „Ja, was ſagteſt Du dazu?“ „Ich? Ich ſchwieg.“ „Und was ſagſt Du jetzt dazu?“ „Daß ich nicht weiß, was ich ſagen ſoll. Doch höre weiter, Freund, meine Mittheilung umfaßt noch Wichtigeres. Die Fragen der jungen Frau nach Robert's Herzensangelegenheiten nahmen in den fol⸗ genden Sitzungen in einer Weiſe zu, daß ſich an ihrer Leidenſchaft für denſelben nicht länger zweifeln konnte und demnach froh war, als ich das Gemälde vollendet hatte. Ihr Gatte honorirte meine Arbeit ſehr 142 anſtändig und gab mir ein paar Adreſſen ſeiner Geſchäftsfreunde, die denn auch mein Talent für ſich in Anſpruch nahmen, ſodaß ich auf einige Mo⸗ nate zu thun haben werde. Dies danke ich Robert, und es thut mir in der Seele weh, von ihm übel denken und ſprechen zu müſſen. Seit acht Tagen habe ich die Ueberzeugung, daß er mit Paulinen ein ver— trautes Verhältniß eingegangen.“ „Wie kamſt Du zu dieſer Ueberzeugung?“ „Ich traf ihn eines ſchönen Morgens mit ihr im Garten des Palais Luxembourg, oder, beſſer geſagt, überraſchte ſie, von ihnen unbemerkt, in einem Bosquet Arm in Arm und ein Geſpräch führend, von welchem ſelbſt die wenigen mir flüchtig zugegangenen Worte genügten, mich vom Beſtande eines bereits intimen Verhältniſſes der Beiden zu überzeugen.“ „Nun, Freund, vergiß nicht, daß wir in Paris ſind.“ „Wohl wahr, Karl, aber dieſe junge Frau hat ſich kaum der Provinzpuppe entrungen und Robert iſt unſer Landsmann.“ „Zwei⸗ bis dreijähriger Aufenthalt in dieſer Stadt! Indeß zu rechtfertigen iſt ſo etwas nicht, kaum zu ent⸗ ſchuldigen, höchſtens nur zu erklären.“ „Welch Unheil kann dies nach ſich ziehen! Ihr — 143 Gatte, wenngleich Lebemann, oder vielmehr als ſolcher, wird nach Entdeckung dieſer Perfidie— und dergleichen entdeckt ſich faſt immer ſehr bald— wüthend ſein und, wie ich ihn bezüglich ſeines Denkens über dieſen Ehren⸗ punkt zu kennen glaube, ſeine Frau ohne weiteres ihren Aeltern zurückſchicken, jedenfalls von ihr ſich trennen. Was er gegen ſeinen Hausarzt unternehmen mag, läßt ſich ſchwerer ſagen.“ Karl ſchwieg eine Weile nach dieſer Mittheilung. „Letztere Angelegenheit“ ſagte er dann,„wie häß⸗ lich und verdammenswerth ſie auch immer iſt, ſtört mich in meiner augenblicklichen Beziehung zu Robert doch weniger als der Spielpunkt, denn iſt ſein Be⸗ nehmen gegen den Kaufmann, der ihm ſo viel Gutes er⸗ wieſen, voll Leichtſinn und Undankbarkeit, ſo involvirt es doch, wenigſtens nach franzöſiſcher, nach der Auf⸗ faſſung der Pariſer, nicht den Begriff der Unehren⸗ haftigkeit und gäbe mir keinen Grund, ſeine Ausforde⸗ rung zurückzuweiſen; ein Anderes jedoch wäre es eben mit dem Spielpunkt, und davon ſich volle Ueberzeugung zu verſchaffen, dürfte ſchwer, wenn nicht ganz unmöglich ſein. Selbſt wenn es anginge, daß wir ihn vorher zu einer Partie Piquet veranlaßten, dürften wir nichts entdecken, denn uns verhältnißmäßig armen Teufeln gegenüber wird er nicht Volte ſchlagen.“ 144 „Nun, mein Freund“, bemerkte Max,„ich hielt es für meine Pflicht, Dir Alles zu ſagen, was ich von Robert weiß.“ „Und ich danke Dir herzlichſt dafür“, ſchloß Karl dieſe Unterredung. Der Wagen hielt an der Place de la Concorde, und ſie ſtiegen aus. Fünftes Kapitel. Am nächſtfolgenden Tage fand ſich um die gewöhn⸗ liche Stunde— vier Uhr— Karl bei Max ein. Sie hatten die Gewohnheit, um dieſe Stunde ſich zu einem Reſtaurant im Palais royal zu begeben, wo ſie bis jetzt mit Robert und Ernſt gemeinſchaftlich di⸗ nirten und wonach ſie ebenſo die weitere Abendzeit in dieſer oder jener Weiſe verbrachten. Max befand ſich noch vor ſeiner Staffelei, als Karl bei ihm eintrat. „Nun, wie iſt es?“ fragte der Maler, Palette und Pinſel weglegend und ſeine Blouſe mit einem leichten Paletot vertauſchend.„Hat Robert von ſich hören laſſen?“ „Weder mündlich noch ſchriftlich“, war Karl's ruhige Antwort. Jean Charles, Realiſten und Idealiſten. I. 10 146 „Dachte mir's doch“, ſagte Max,„daß er ſich's zwei⸗ mal überlegen werde.— Meine Toilette iſt gemacht. Wie aber nun? Gehen wir ins Palais royal zu unſerm gewöhnlichen Tiſche? Denn dies hängt ſelbſtverſtändlich von Dir ab, Karl. Willſt Du hin?“ „Gewiß will ich das und zwar aus zwei Gründen. Erſtens ſehe ich nicht ein, warum wir beide durch den geſtrigen Zwiſchenfall uns vom Gewohnten abbringen laſſen ſollen, und dann könnte unſer oder doch mein Wegbleiben einen Schein auf mich werfen, den ich ver⸗ meiden muß und will. Kommen Robert und Ernſt nicht dahin, ſo iſt das ihre Sache; ich gehe hin.“ „Und ich folge Dir“, ſchloß der Maler wohlgemuth die kurze Beſprechung. So verließen die zwei Freunde die Wohnung und legten den kurzen Weg vom Boulevard des Italiens durch die Straße Richelieu nach dem Palais royal harmlos plaudernd in wenigen Minuten zurück. Sie fanden die Salons des Café Reſtaurant— im ehemaligen Café Mille Colonnes— bereits ziem⸗ lich ſtark beſetzt, doch ſahen ſie ſich vergebens nach Ernſt und Robert um. Sie ließen ſich an ihrem gewöhnlichen, nur mit vier Couverts belegten Tiſche nieder und begannen zu ſpeiſen. 147 „Alſo nicht da“, bemerkte der Maler lächelnd. „Können noch kommen“, verſetzte Karl gleichgültig. „Ich zweifle, doch gleichviel; wir, wir laſſen es uns munden. Die Auſtern ſind ſehr friſch.“ „Ausnahmsweiſe.“ „Man lebt doch eigentlich ſehr billig in Paris; das Couvert da zu drei Francs mit vier Gerichten nach eigener Wahl; ſtatt eines Gerichts, wenn es beliebt, ein Dutzend Auſtern und du pain à discretion, die Speiſen köſtlich zubereitet— Herz, was willſt du mehr? Und da ſpreche ich nicht einmal von der reizenden dame du comptoir, deren Anblick man gratis ge⸗ nießt—“ „Und von dem tollen Sprachdurcheinander der Gäſte, das man auch umſonſt zu verdauen bekommt, freilich unter der gefälligen Bezeichnung causerie. Dieſen großen Vortheil haben nun einmal die Fran⸗ zoſen namentlich uns Deutſchen gegenüber, daß in ihrer Sprache Alles ſo anmuthig klingt, wie zum Beiſpiel eben das Wort causerie gegen unſer„Geplauder“ oder gar„Gewäſche“. Und die Franzoſen waſchen doch ge⸗ hörig.“ „s iſt auch mit ihrem Malen ſo. Auf den Vortrag verſtehen Sie ſich; ſie declamiren immer; ob ſie nun vor dem Suuffleurkaſten oder auf der Rednerbühne 10* 148 oder vor der Staffelei ſtehen, ohne Declamation geht's nicht ab. Da lobe ich mir denn doch die Engländer und uns Deutſche.“ „O ja, auch uns, vielleicht mit Recht uns vor allen, wenn wir andererſeits nur nicht gar zu ſehr die äußere Form, den Geſchmack, den Vortrag, wie Du ſagſt, ver⸗ nachläſſigten; uns Deutſchen ſchlägt noch immer ein wenig der Bauer ins Genick, was man durch wenn⸗ gleich nur kurzes Verweilen in Paris kennen zu ler⸗ nen in mitunter höchſt empfindlicher Weiſe veranlaßt wird.“ „Wie lange gedenkſt Du noch hier zu bleiben?“ „Nur ein paar Wochen noch.“ „Im Großen und Ganzen biſt Du doch mit Deinem Aufenthalte in Paris zufrieden?“ „Gewiß, von Einzelnem ſogar entzückt. Und dann, welche Schule des Lebens hier! So kurz mein Aufent⸗ halt, ich habe da mehr gelernt als innerhalb mehrerer Jahre zuvor. Muß man Neapel geſehen haben, um dann mit Vergnügen zu ſterben, ſo muß man in Paris geweſen ſein, um zu wiſſen, was Leben heißt. Doch ſieh, tritt nicht Ernſt dort ein?“ Max blickte nach dem Vorſaale. „Wahrhaftig, er iſt es und er kommt auf uns zu.“ 149 Im nächſten Augenblicke ſaß ihnen der Chemiker gegenüber und reichte beiden zum Gruße die Hand⸗ Dann, nach einem forſchenden Blicke durch den Speiſe⸗ ſaal, fragte er und zwar, indem er ſein Couvert zu⸗ recht machte, in ſo unbefangenem Tone, als ob geſtern nicht das Geringſte vorgefallen wäre, ob ſie Robert nicht geſehen. Karl ſchwieg, während Max verneinende Ant⸗ wort gab. „Seltſam“, ſagte Ernſt;„auch hier nicht.“ „War wohl auch kaum zu erwarten“, bemerkte da Karl. „Warum nicht?“ entgegnete Ernſt, dieſen ruhig ins Auge faſſend.„Doch nicht des Pourparler von geſtern wegen? Wäre nicht übel, wenn Freunde um eines ſcharfen Wortes willen, das man, aufgeregt durch Wein und lebhafte Debatte, ohne viel Ueberlegung und ohne alle Abſicht zu verletzen hinwirft, ſich auf Leben und Tod entzweiten. Ich habe gleich, nachdem Ihr geſtern uns ſo haſtig und, wie ich meine, ſo grundlos ver⸗ laſſen, Robert eingehendſt zur Rede geſtellt und mit wenigen Worten dahin gebracht, ſich ſelbſt auszulachen, wonach er mir verſprach, noch dieſen Morgen an Dich, Karl, zu ſchreiben, mit Dir ſich freundſchaft⸗ lich zu verſtändigen; ein Vorſatz, um ſo löblicher, 150 als eigentlich Du es warſt, der das letzte etwas ſcharfe Wort geſprochen. Hat er Dir geſchrieben?“ „Nein.“ „Wir blieben“, fuhr Ernſt, nachdem er ein Glas Chablis getrunken und ſich gleichfalls an ſein Dutzend Auſtern gemacht, wiederholt nach dem Vorſaale blickend fort,„geſtern noch zum Diner in St.⸗Cloud und kehr⸗ ten ziemlich ſpät nach Paris zurück. Hier beſuchten wir noch ein Café und trennten uns gegen Mitternacht unter der Verabredung, daß Robert, wie ſchon geſagt, Dir heute früh ein Billet ſenden und ich ihn gegen zwölf in ſeiner Wohnung abholen ſolle. Nun, Dir hat er nicht geſchrieben und ich habe ihn nicht zu Hauſe getroffen, obwohl ich von zwölf bis zur Stunde dreimal bei ihm geweſen. Monſieur, ſagten mir ſeine Hausleute, ſei dieſen Morgen ſchon mit den Hühnern aufgeſtanden und nach vollendeter Toi⸗ lette ausgegangen, ohne irgend eine Weiſung hinter⸗ laſſen oder ſeitdem das Haus wieder betreten zu haben.“ Max und Karl, denen hierbei Robert's Morgen⸗ promenade im Garten des Palais Luxembourg in den Sinn kam, wechſelten einen ebenſo vielſagenden als raſchen Blick, ohne ſich jedoch eine Bemerkung gegen Ernſt zu geſtatten, der noch immer nach dem Eingange 151 ſah, als müßte er den in Rede Stehenden durch die Kraft des Auges herbeiziehen. Vergebens! Robert erſchien nicht. Nach beendeter Mahlzeit begaben ſich die drei Herren hinab und ließen ſich nach kurzer Promenade durch den Gartenplatz am Café Fay zu einer Taſſe Mokka nieder. So viele Hunderte da auch kamen und gingen und wieder kamen, Robert war nicht unter ihnen. Eine Stunde ſpäter trennten ſich Karl und Mar von Ernſt, der noch einmal in Robert's Behauſung Nachfrage halten wollte, um ſich dann mit ihnen ſpä⸗ ter im Palais royal wieder zuſammenzufinden. Wir unſererſeits überlaſſen dieſe Herren ſich ſelbſt, um uns nach Robert umzuſehen, von dem wir eben gehört, daß er nach ſorgfältiger Morgentoilette ſeine Wohnung in der Straße Rivoli verlaſſen. Auch der Himmel über Paris hat ſich heute ganz beſonders herausgeputzt, wie er es die Frühlings⸗ und Sommerzeit über höchſtens ein paar Dutzend Male zu thun pflegt; ſein Ausſehen iſt frei und heiter, ſonniges Lächeln umſpielt ſeinen Mund und dieſer ſpricht zu den nach ihm emporblickenden Menſchen von Roſen und von Liebe durch das ihm unterſtehende Organ der 152 kleinen befiederten Sänger, der muntern Finken, der im Aether ſich badenden Lerchen und der melodiſchen Droſ⸗ ſeln ſowie des polyglotten Spottvogels, der es hauptſäch⸗ lich auf die Nachtigall abgeſehen hat, welche den Tag über ruht. Robert, diesmal angethan mit einem neuen faſhio⸗ nablen Ridingcvat, langer Weſte über ſchwarz und weiß carrirten Inexpreſſibles, glacirten Schuhen, die ſeine wohlgeformten Füße noch kleiner erſcheinen laſſen, als ſie wirklich ſind, um den Hals eine nachläſſig ge⸗ ſchlungene leichte Seidenbinde, den ſtolz ſich tragenden, von nicht eben üppigem, doch ſchönem und wohlgeord⸗ netem Haar gefällig umfloſſenen Kopf mit einem Bi⸗ ſamcylinder bedeckt, die Hände in gants de Bruxelles, die eine ſpielend an den geſchmackvollen Breloques ſeiner Uhrkette, die andere ein Stöckchen balancirend, erſchien ſolchergeſtalt im Hinſchreiten über den Boulevard weit mehr als ein engliſcher Dandy oder auch als Pariſer Incroyable denn als ein deutſcher Gelehrter, der es vorzugsweiſe mit der Schattenſeite der Natur, mit der phyſiſchen Miſere der Menſchheit zu thun hat. Heute freilich, wie wir alsbald ſehen werden, hat es Robert nicht mit dieſer, ſondern mit ihrem ſchönen Gegentheile zu thun. Er ſteht nun am Palais Luxembourg und hält da 153 eine Minute lang an, ſich die etwas feucht gewordene Stirn mit einem echten Foulard abtrocknend und auch ſeine Schuhe abſtäubend. Nun iſt er, wie er ſein ſoll, und ſo tritt er durch das Gartenportal ein. Der Garten iſt noch wenig beſucht, zumeiſt von Studirenden, denen man, da ſie die Naſe in das Buch vor ſich ſtecken, ausweichen muß, um nicht mit ihnen zu caramboliren; hier und da zeigt ſich wohl auch ein Pärchen, dem die liebe Liebe den Weg hierher gezeigt hat. Der Park ſelbſt, trotz ſeines Alters, athmet heute nur Liebe. O wie das duftet von Jasmin, Levkoien und Roſen! Und das trauliche Geflüſter des vom leichten Morgenwinde bewegten Buſchwerks, das graziöſe Schau⸗ keln der zarten Espen⸗ und Platanenzweige und das magnetiſch einwirkende Geplätſcher der nach kräftigem Aufſprunge in das Baſſin zurückfallenden blitzenden Waſſerſtrahlen! Unfern dieſes Baſſins befindet ſich ein anmuthiges Bosquet und darin eine von Jasmin und Geißblatt dicht umfriedete Laube mit einem Sitz aus Birken⸗ zweigen. Auf dieſem Sitz ruht wie hingegoſſen eine jugend⸗ 154 liche, reizumfloſſene Frauengeſtalt in leichter eleganter Morgenrobe aus zart geblümtem weißen Muſſelin, den Kaſchmir nur halb um den herrlich modellirten Nacken, ein Buch zur Hand, den Blick jedoch aus ſchö⸗ nen ſchwärmeriſchen Augen über das Buch hinweg nach dem Eingang zur Laube gerichtet. „Endlich!“ Mit dieſem Ausruf befriedigter Sehnſucht reicht Pauline— denn ſie iſt es— dem in die Laube Tre⸗ tenden beide Hände und im ſelben Augenblick ſitzt Ro⸗ bert ihr zur Seite und die Lippen beider glühen an einander, lange bevor es zu Worten kommt, zu dem Geſpräche, das wir leider uns genöthigt ſehen mitzu⸗ theilen. „Ich werde“, begann Pauline, ſtrahlend vor Wonne, „nicht nur dieſen Morgen, ich werde den ganzen Tag über glücklich ſein, denn Du, Theurer, wirſt dieſen Tag mir zur Seite bleiben, unausgeſetzt, ungeſtört. Picard hat noch geſtern nachmittags einen Brief er⸗ halten, der ihn eines wichtigen Geſchäfts wegen, das er in Perſon zu vertreten hat, von hier abrief. Er reiſte geſtern Abend ab und wird mehrere Tage fern ſein; jedenfalls gehört uns der heutige, meinem un⸗ ausſprechlichen Glücke, denn Du, mein Robert, wirſt bei mir ſein, wir werden zuſammen ſpeiſen und pro⸗ 155 meniren. O, ich bin die Glücklichſte von der Welt! Und Du, mein Theurer?“ Robert, über deſſen Stirn eine flüchtige Wolke ge⸗ zogen war, erhob das Haupt mit dem ihm eigenen Stolze. „Ich?“ entgegnete er wieder ruhig.„Ich fühle mich nicht weniger glücklich.“ „Hatteſt aber doch, ſcheint es, einen Nebengedanken.“ „Ich kann es nicht leugnen.“ „Sprich ihn aus!“ „Nun, es fiel mir ein, daß Ehemänner, irgendwie in Argwohn und Eiferſucht verſetzt, ſich des allerdings ſchon ſtark verbrauchten Mittels bedienen, eine plötzlich nothwendige Reiſe vorzuſchützen, um dann die ſicher gemachten Unvorſichtigen zu überraſchen.“ „O Robert, da kennſt Du Picard ſchlecht! An der⸗ lei denkt er nicht.“ „Es war auch nur ſo ein flüchtiger Gedanke von mir, und nun nichts mehr davon.“ Eine Viertelſtunde ſpäter verließen beide den Garten. Sechstes Kapitel. Mittelalterlich und doch neu. Das vorerwähnte flüchtige Wölkchen auf Robert's Stirn hatte offenbar ſein guter Genius hingehaucht, wenn nicht, ſo konnte es von ſeinem Kakodämon her⸗ gerührt haben; immer jedoch glich daſſelbe jenem Wol⸗ kenſtreifen am ſonſt ganz freien Horizonte, welchem ein Orkan zu folgen pflegt und zwar, wie man ſagt, be⸗ vor man die Hand umdreht. Monſieur Picard, der leichtlebige Kaufmann, hatte, wie alle guten Menſchen, ſich auch guter Freunde zu erfreuen. Und man weiß, was es heißt, gute Freunde zu haben. Ein guter Freund iſt zum Beiſpiel ſtets beſorgt, daß wir Alles erfahren, was man Uebles von uns denkt oder ſpricht. 157 Iſt man verehelicht, ſo kann man ſich auf den guten Freund unbedingt darin verlaſſen, daß er unſere Ehehälfte beſſer kennt als wir ſelbſt. Der beſte von Picard's guten Freunden war ſein Nachbar, der Spezereihändler Bouché, und dieſer theilte ihm, natürlich in ſchonendſter Weiſe, wenngleich in aller Haſt, im Kaffeehauſe mit, was er über Madame Pi⸗ card von ſeiner Frau hatte, die es ihrerſeits wieder von der eigenen Magd hatte, welch letztere es von ihrem Vetter hatte, der hinwiederum Picard's Köchin zur Geliebten hatte; eine weitverzweigte Mittheilung, die aber nur ein Object betraf, nämlich das geheime intime Verhältniß von Madame Picard zu Monſieur Picard's wohlbeſtalltem Hausarzte. „Ihnen, Herr Nachbar“, ſagte hierauf Picard mit glücklich erkünſtelter Faſſung,„danke ich vorläufig für Ihren guten Dienſt oder doch für den guten Willen, mir einen Dienſt zu leiſten; Ihre Frau laſſe ich dabei aus dem Spiele, ich werde mich blos an Ihre Magd, deren Vetter und an meine Magd halten, beziehungs⸗ weiſe an die weitreichenden Ohren dieſer ehrenwerthen Perſonen—“ „Sie zweifeln doch nicht an der Wahrheit des Mitgetheilten?“ unterbrach ihn Bouché übereilt. Picard erhob ſich da, maß den Spezereihänd⸗ 158 ler vom Scheitel bis zur Sohle und entfernte ſich ſchweigend. Der„gute Freund“ blickte ihm zwar ein wenig verdutzt nach, rieb ſich aber dann doch ganz vergnügt die Hände, indem er vor ſich hinmurmelte:„Der Stachel ſitzt und es geſchieht ihm ſchon recht, warum iſt er auch ſo unverſchämt wohlhabend, glücklich und zufrie⸗ den. Der Teufel laſſe ſich ſolchen Nachbar gefallen!“ Nun, der Stachel ſaß wirklich in Picard's Herzen, denn wie leichtſinnig er auch ſonſt geweſen ſein mochte oder in der That noch zur Stunde war, ſeine Gattin liebte er wahrhaft und vielleicht gerade um ſo inniger, als er ihrer Gegenliebe ſich nicht zu erfreuen hatte. Und dann iſt man Franzoſe! Man hat ſeinen point d'honneur!„Ah, mein Herr Doctor, ſolche mit Manierenzucker verſüßte Pillen ſchluckt Monſieur Pi⸗ card nicht ſo leicht hinunter! Wir wollen ſehen! Diantre!“ Und Monſieur Picard ſah denn auch und hörte ſogar. Er hatte ſich des alten, ſtets aber neu ſich bewäh⸗ renden Mittels bedient, eine unerlaßliche Reiſe vorzu⸗ ſchützen, und die Nacht von geſtern auf heute in einem Hotel garni unfern ſeiner Behauſung zugebracht. Vom früheſten Morgen an ſtand er denn heute 159 auf der Lauer und folgte ſeiner Frau in genügender Entfernung. So auch war er ihr in den Garten nachgeſchlichen und hatte ſich neben der Laube im Dickicht verborgen gehalten. Da hatte er denn geſehen und gehört, was einen Ehemann raſend machen kann, ſelbſt wenn dieſer kein leichtentzündlicher Franzoſe iſt. Mit bewundernswerther Kaltblütigkeit ließ er das verrätheriſche Paar aus dem Garten ab⸗ und nach ſei⸗ ner Wohnung ziehen. Was dachte, was fühlte, was beſchloß er da? Wir werden ſehen. Es iſt ein Uhr Mittag. Unſer Pärchen befindet ſich bei Tiſche. Ein köſtliches Gabelfrühſtück iſt halb beendet, ſchon aber hat der Champagner begonnen ſeine magiſche Wirkung zu äußern; Pauline und Robert haben be⸗ reits die ganze Welt außer ſich vergeſſen und über⸗ laſſen ſich dem Taumel der entfeſſelten Phantaſie. Plötzlich erſtarren beider Blicke: vor ihnen ſteht, wie aus dem Boden geſtiegen, regungslos, die Arme über der Bruſt verſchränkt, bleich zum Entſetzen, die Lippen krampfig zuſammengepreßt, mit wetterleuchtenden Augen Picard. 160 Ein geller Aufſchrei, und Pauline ſinkt ohnmächtig auf den Divan zurück. Im ſelben Momente hat ſich Robert erhoben, mann⸗ haft gefaßt auf das Aeußerſte, beinahe ſtolz in Blick und Haltung. „Mein Herr“ ſagt er eiſig kalt,„ich ſtehe zu Ihrer Verfügung.“ Picard, deſſen Krampf ſich gebrochen, entgegnet ebenſo: „Ich habe dies erwartet. Folgen Sie mir!“ So ſprechend wendet ſich Picard der Thür zu, ruft die Dienerin herein, befiehlt ihr Sorge für Madame zu tragen und winkt dann ſeinem Hausarzt, ihm zu folgen. Robert nimmt Hut, Handſchuhe und Stöckchen an ſich und folgt in ſchwer zu bezeichnender Stimmung dem von ihm Beleidigten aus dem Boudoir ſeiner Gattin durch zwei Zimmer in den Corridor und von da über die Treppe ein Stockwerk hinab, ohne daß hierbei der langſam vor ihm hinſchreitende Kaufmann auch nur ein einziges Mal nach ihm zurückblickt. In der ebenerdigen Flur, einem ſchmalen Gange, der einerſeits zum Thore, andererſeits zu dem nicht ſehr ausgedehnten Hofe des Herrn Picard gehörigen Hauſes führt, hält dieſer, gleich Robert mit dem Hute auf dem Kopfe, nunmehr an und wendet 161 ſich ihm mit den halblaut und ruhig geſprochenen Worten zu: „Ich halte Sie für einen Mann von Muth.“ „Und Sie haben Recht“ entgegnet Robert ebenſo. „Was wir zu beſprechen haben“ ſagt Picard wei⸗ ter, verträgt keine Zeugenſchaft.“ „Selbſtverſtändlich“, erwidert Robert. „Kommen Sie denn“, fügt der Kaufmann hinzu und tritt durch eine der Thüren, die in ſeine Waaren⸗ niederlage führen, von Robert gefolgt, in das Comptoir ein, das eine Glaswand von dem Verkaufslokal trennte, in welchem mehrere Commis und andere Perſonen be⸗ ſchäftigt waren. Hier nun, dachte ſich Robert, wird dir der gute Mann Zeit und Ort beſtimmen, wann und wo Du mit ihm dieſe Angelegenheit ausgleichen ſollſt; gut, dar⸗ auf mußteſt du früher oder ſpäter gefaßt ſein; vor⸗ wärts alſo! Herr Picard aber ſagte, indem er nach dem Ver⸗ kaufslokale zeigte:„Hier ſind wir nicht ungeſtört, es kann jeden Augenblick einer meiner Commis da ein⸗ treten; kommen Sie!“ So ſprechend, erſchloß er eine Seitenthür und trat, wieder von Robert gefolgt, obgleich dieſer bereits Un⸗ geduld verrieth, in ein ziemlich weites Gelaß ein, das Jean Charles, Realiſten und Idealiſten. I. 162 ſich, gefüllt mit unterſchiedlichen Waarenballen und ſonſtigen Geſchäftsgegenſtänden, als Magazin darſtellte. Auch dieſen gewölbten, von zwei vergitterten Fen⸗ ſtern genügend erhellten Raum durchſchreitend, öffnete der Kaufmann im Fond deſſelben wieder eine Thür, und Robert, dicht hinter ſeinem Führer, ſah da vor ſich ein weit kleineres Gewölbe, das ſein Licht haupt⸗ ſächlich durch die geöffnete Verbindungsthür des größern empfing, da es ſelbſt nur ein Fenſter hatte und dieſes mit einem eiſernen Laden geſchloſſen war, durch deſſen zuoberſt angebrachte Luke ein nur ſehr ſchmaler Licht⸗ ſtreifen einfiel. „Ich bin mit meiner Geduld zu Ende“ ließ ſich nun Robert feſten Tons vernehmen;„was ſoll das Alles?“ „Mit Ihrem Muthe iſt es alſo nicht ſo weit her, als ich annahm?“ fragte Picard gelaſſen, indem er ein paar Schritte in das Gewölbe vorwärts machte, worin ſich nur ein großer Waarenballen und einige andere unſcheinbare Gegenſtände befanden. Robert, durch dieſe Worte gereizt, folgt ihm raſch. „Wir werden die Sache doch nicht hier abmachen ſollen?“ ruft er aus. Picard, eine ebenſo raſche Wendung machend, ſteht jetzt zwiſchen Robert und der noch offenen Thür. 163 „Und warum nicht hier?“ fragt er achſelzuckend. „Ohne Zeugen, ohne Vorbereitung, ohne wundärzt⸗ lichen Beiſtand? Nimmermehr!“ entgegnet Robert und will zur Thür hinaus. Picard, ein ſtarkgebauter ſehr kräftiger Mann, um einen halben Kopf höher als Robert, faßt dieſen am Gelenke der rechten Hand und hält ſie feſt wie in einem Schraubſtock. „Man hat mich alſo in einen Hinterhalt gelockt?“ „Warum nicht? Verrath gegen Verrath!“ Robert, außer ſich vor Wuth, ſtrengt all ſeine Kraft an, der Umklammerung ſich zu entreißen. Umſonſt! Picard's Hand iſt Eiſen. „Schurke! Bandit!“ Mit dieſem Schrei und mit Wuthſchaum auf den Lippen ſchlägt Robert mit ſeiner noch freien Linken dem Kaufmann ins Geſicht; aber im ſelben Momente liegt er auch, von dieſem mit herkuliſcher Kraft in die Mitte des Gewölbes zurückgeſchleudert, halb bewußtlos auf den Waarenballen hingeſtreckt. „Feiger Schuft!“ ſtöhnt er halbvernehmlich und ſucht ſich von neuem aufzuraffen, um Picard wieder anzufallen. Es gelingt ihm theilweiſe auch, da ihn dieſer nicht unmittelbar daran verhindert, ſondern ein paar 164 Schritte von ihm entfernt haltend an ſich kommen läßt. „Halt!“ donnert er ihm entgegen, und der noch halb Betäubte hält wirklich an, wie gebannt. Auch ſolcher Art vernimmt er was Picard ihm zuruft: „Noch einen Angriff auf mich, und ich zermalme Dich! Nun aber höre, zu welchem Zwecke ich Dich hier⸗ her geführt und was ich überhaupt Dir zu ſagen habe. Daß ich ein Feiger nicht bin, habe ich im Juli 1830 in den Straßen von Paris bewieſen. Ich hätte Dich, Verräther, an der Seite der Verrätherin im Garten Luxembourg oder oben auf ihrem Zimmer erwürgen können und ſie mit Dir zugleich tödten, ohne Gefahr zu laufen, von ſeiten der Aſſiſen das Verdict„Schul⸗ dig“ auf mein Haupt zu beſchwören. Die Verrätherin ſoll von meiner Hand nicht ſterben, keine Züchtigung erhalten, und auch Du, Verräther, ſollſt es nicht. Mich mit Dir ſchlagen? Man ſchlägt ſich nur mit einem Mann von Ehre! O zucke nur, Schlange, und krümme Dich unter dem moraliſchen Fußtritte eines von Dir ſchmählich hintergangenen und beleidigten ehrlichen Mannes. Du wirſt nicht von meiner Hand ſterben, auch ſonſt keinen Schaden ſollſt Du durch mich erleiden. Alles, was ich Dir zugedacht, beſteht in einem Nach⸗ 165 denken über den an mir und meinem Hauſe verübten Frevel, zu welchem Nachdenken dreimal vierundzwanzig Stunden bei Waſſer und Brod, das Du dort in der Ecke findeſt, ich dieſes Gewölbe Dir beſtimmt habe.“ War es die Gewalt des Gewiſſens oder eine andere geiſtige Macht außer Furcht, die Robert nicht kannte, was ihn während dieſer Anſprache abhielt, ſich wieder⸗ holt auf den Kaufmann zu ſtürzen oder ſonſt eine De⸗ monſtration zu machen, genug, er hat ihn angehört, weil er mußte; nun aber das Wort geſprochen und vernom⸗ men, nun beginnt es in ihm von neuem zu ſieden und es brauſt auf in dem Schrei: „Das mir, mir etwas, das man einem Schulknaben, einem Lehrjungen dictirt?“ „Zum Lernen iſt es nie zu ſpät“, entgegnet Picard trocken. „Aber ich werde“ kreiſcht Robert, halb dem Wahn⸗ ſinn nah,„an Fenſterladen und Thür ſtürmen und man muß, man wird mich hören!“ „Das Fenſter geht nach einem ſchmalen Raume zwiſchen zwei Feuermauern, den nie Jemand betritt, und das Poltern an dieſer Thür wird Niemand ver⸗ nehmen, denn ich werde das große Magazin nebenan abſchließen und es drei Tage lang von Niemand be⸗ treten laſſen“ war Picard's Antwort. 166 „Du biſt alſo“, ſtammelt Robert verzweifelnd, wenn nicht ein Feiger, wenn nicht ein Bandit, ein Teufel?“ „Ein Teufel? Nein; allenfalls ein armer Teufel von Hahnrei, der auf ſeine Weiſe Revanche nimmt“ ent⸗ gegnet der Kaufmann bitter lächelnd. „Und wenn ich mir an der Wand dieſes Gewölbes das Gehirn zerſchmettere?“ „So iſt das Sache freien Beliebens.“ „Unerhört!“ „Jawohl, unerhörte Perfidie!“ „Aber das iſt ja unmöglich—“ „Daß es möglich, wird ſich zeigen.“ Robert, aufs Aeußerſte gebracht, ſo zu ſagen außer ſich und weder ſeines Gegners rieſige Kraft noch ſonſt etwas bedenkend, ſtürzt ſich mit einem Schrei, der nichts Menſchliches an ſich hat, in voller Wuth auf dieſen. „Elender!“ Mit dem Zuruf packt und ſchleudert Picard den Raſenden zum zweiten Mal auf den Waarenballen hin, verläßt das kleine Gewölbe, ſchließt es ab und thut daſſelbe mit dem Magazin, wonach er ſich tief aufſeuf⸗ zend hinauf zu ſeiner Frau begibt. Siebentes Kapitel. Eine furchtbare Erſcheinung. Es ſind drei Tage vergangen. Die Freunde Robert's haben ſich täglich zu wieder⸗ holten Malen geſehen und geſprochen, ohne jedoch von dem Verſchwundenen eine Spur entdeckt zu haben. Sie ſind, Karl nicht ausgenommen, hierüber beun⸗ ruhigt, ja beſtürzt. Der Chemiker hat jeden dieſer Tage mehrmals in Robert's Wohnung Nachfrage gehalten; ſtets vergebens; der Herr Doctor war, wie man ihm da ſagte, nicht wieder erſchienen. Ernſt faßte den Entſchluß, den er auch den Freun⸗ den mittheilte und von ihnen gebilligt fand, der Po⸗ lizeibehörde den Vorfall anzuzeigen, und man wollte zu dieſem Ende nur noch den Morgen des vierten 168 Tages abwarten; war von Robert auch da nichts zu ſehen und zu hören, ſo ſollte die Anzeige gemacht werden. Ernſt unterzog ſich dieſer Aufgabe, und die Freunde verabredeten ihre Zuſammenkunft für den nächſtfolgen⸗ den Tag um die zwölfte Stunde im Palais royal. Karl und Max haben ſich bereits gegen elf Uhr dieſes Morgens zuſammengefunden und nach dem bezeichneten Orte des Stelldicheins begeben. Sie ſchreiten Arm in Arm den ſchönen Gartenraum hin und wieder, unbekümmert um die unter den Ar⸗ kaden wogende Menſchenmaſſe, ganz ihren Gedanken ſich überlaſſend. Max gibt den ſeinigen Ausdruck. „Ich bin überzeugt“ ſagt er,„daß Robert's plötz⸗ liches Verſchwinden irgendwie durch ſein unſeliges Ver⸗ hältniß zu Madame Picard bedingt iſt, damit in un⸗ mittelbarem Zuſammenhange ſteht, und bin auch dem⸗ zufolge willens, falls Ernſt wieder ohne beſtimmte Auskunft über Robert's Exiſtenz erſcheint, das zu thun, was ich eigentlich ſogleich hätte thun ſollen und wovon mich nur eine gewiſſe, wohl auch verzeihliche Scheu abgehalten, nämlich zu dem Kaufmann Picard zu gehen.“ „Ich kann dieſen Schritt nicht billigen“, bemerkte 169 Karl,„es handelt ſich da um eine Sache der delicateſten Art. Allerdings“ fügte er nach kurzem Schweigen hinzu, „ſteht es Dir frei, Picard einen Beſuch abzuſtatten, allein ich bezweifle, daß Du die nöthige Ruhe mit⸗ bringen wirſt; ich wenigſtens hätte ſie nicht.“ „Es ſind in dieſem Falle“, ſagte Max,„in dieſer Annahme, daß Herr Picard das ſträfliche Verhältniß ſeiner Frau zu Robert entdeckt habe, zwei Chancen denkbar: entweder hat Robert Pauline entführt oder er hat ſich mit ihrem Gatten geſchlagen und iſt ſchwer verwundet oder todt.“ Karl ſchüttelte den Kopf. „So groß Paris iſt“, bemerkte er,„ein derartiger Vorfall wäre irgendwie zur öffentlichen Kenntniß ge⸗ langt, wir hätten davon gehört wie von jedem Duelle.“ „Aber die erſtere Annahme—“ „Der Entführung? Sie iſt denkbar, jedoch unwahr⸗ ſcheinlich; Robert hat nicht die Geldmittel dazu und auch in ſeinem ganzen Weſen nicht den für ſo etwas nöthigen Phantaſie⸗Apparat. Sein Verhältniß zu Ma⸗ dame Picard ſcheint mir in Anbetracht ſeines Charakters mehr eine Caprice, eine flüchtige Laune als ein Ergebniß von Liebe oder gar von Leidenſchaft zu ſein; Skeptiker ſei⸗ ner Art find aller Romantik feind. Doch ſieh, dort iſt Ernſt.“ 170 „Er hat uns erblickt, er kommt raſch herbei; aber, mein Gott, wie verſtört!“ „Alſo doch ein Unglück!“ Mit dieſen Ausrufen eilen Mar und Karl dem Freunde entgegen. Dieſer ſieht ſich in Wahrheit kaum noch ähnlich. Er iſt athemlos, ſein Blick unruhig, ſein Antlitz bleich. „Himmel, wie ſiehſt Du aus! Was iſt geſchehen?“ „Kommt, kommt“ ſtottert Ernſt, der ſonſt ſo geord⸗ nete, ruhige Mann der Wiſſenſchaft,„hier ſind zu viel Leute, wir wollen hinüber in den Garten der Tuilerien. Kommt!“ Wenige Minuten ſpäter ſind die drei Freunde in einer abgelegenen Partie des Schloßparks auf einer Bank gelagert und Ernſt, noch immer ſchwer athmend, beginnt: „Meine Freunde, es iſt etwas Furchtbares mit Ro⸗ bert geſchehen, ohne daß ich gleichzeitig die Urſache dieſes entſetzlichen Ereigniſſes anzugeben weiß, denn ich kenne nur die Wirkung.“ „Und dieſe iſt?“ fragen Karl und Mar in höchſter Aufregung. Ernſt erbebt, wie von eiſigem Fieberſchauer durch⸗ ſchüttert. 17¹ „Irrſinn“ ſtammelt er kaum vernehmlich.„Ro⸗ bert's Geiſt iſt zerrüttet, vielleicht auf immer!“ „Gräßlich! Himmel, was ging da vor?“ Nach dieſem Schreckens⸗ und Mitleids⸗Zwiſchenrufe der Freunde nimmt mit erſichtlich äußerſter Anſtren⸗ gung Ernſt wieder das Wort und läßt ſich, mehrmals von beiden durch Fragen und Kundgebungen ſchmerz⸗ licher Theilnahme unterbrochen, im Ganzen alſo ver⸗ nehmen: „Ich war gegen neun Uhr bereits zum zweiten Mal in Robert's Wohnung. Noch immer nicht ge⸗ kommen, noch nichts von ſich hören laſſen. Ich ſetzte mich in ſeinem Arbeitskabinet an den Schreibtiſch. Wie drängte es mich, dieſen öffnen zu laſſen, um mög⸗ licherweiſe einen Brief oder ſonſt etwas darin zu fin⸗ den, wodurch ſein myſteriöſes Verſchwinden ſich ent⸗ räthſelte. Das aber wagte ich denn doch nicht. Ich mochte ſo in meinem Hinbrüten eine halbe Stunde da zugebracht haben, als mich plötzlich von außen her Geräuſch und Durcheinander von Männer⸗ und Weiber⸗ ſtimmen aus meiner Selbſtvergeſſenheit aufſchreckten, emporriſſen. Ich ſtürze in das anſtoßende größere Zim⸗ mer. O welche Scene! Welch ein Anblick! Die Haupt⸗ thür nach dem Corridor zu offen und durch dieſe herein⸗ mehr getragen als geführt von zwei Männern, denen 172 die jammernden Hausleute folgten, Robert in zwar elegantem, aber gewaltſam zerfetztem und beſchmuztem Anzuge, den man ſo auf den Divan legt. Ich ſage Robert, obgleich ich ihn nur ſchwer erkannte, obgleich er es kaum halb mehr war und iſt: das Haar wie Furienſchlangen um das Haupt, das Geſicht mit Leichen⸗ bläſſe bedeckt, die Wangen eingeſunken, die bewußtlos um ſich ſtarrenden Augen tief in ihren dunklen Höhlen und um die zuſammengepreßten Lippen Schaum wie bei einem Epileptiſchen. Der eine der zwei Fremden, die ihn gebracht, zeigte ſich, mir, dem vor Entſetzen Stummgewordenen, nur ein paar unzuſammenhängende Worte zuraunend, ſofort als Chirurg äußerſt thätig, während er zugleich den Auftrag gab, den nächſt⸗ wohnenden Doctor der Medicin möglichſt ſchnell her⸗ beizurufen, was auch geſchah. Mittlerweile, da Robert entkleidet wurde, erzählte mir der Chirurg, was ge⸗ ſchehen, das heißt, was er ſelbſt von dem Geſchehenen wußte. Robert war vor etwa einer Stunde unfern ſeiner Officin ohnmächtig zu Boden geſunken und im Zuſtande der Bewußtloſigkeit, worin er noch immer, von Vorübergehenden in ſein Geſchäftslokal geſchafft worden. Der Chirurg, auf den erſten Blick der Meinung, daß er es mit einem Fallſüchtigen zu thun habe, erkannte bei näherer Unterſuchung, daß es ſich 173 hier weder um Epilepſie noch auch um einen Schlaganfall handle und daß ein Aderlaß nicht geboten ſei, daß im Gegentheile der Leidende, wie ſehr auch ſeine wenn⸗ gleich übel zugerichtete Bekleidung und die in ſeinem Rocke befindliche Baarſchaft und Karte dawider ſprachen, infolge gänzlicher Entkräftung, völliger Erſchöpfung ohnmächtig zuſammengebrochen war, denn ſein Puls zeigte ſich beinahe gleich Null und auch ſein Geſichts⸗ ausdruck war der eines Verſchmachtenden. Dies feſt⸗ geſtellt, galt es, dem Bewußtloſen in vorſichtigſter Weiſe Erquickung beizubringen. Aber die Zähne des Armen waren wie zuſammengeſchmiedet, untd man hätte einen derſelben ausbrechen müſſen, um ihm etwas ein⸗ zuflößen. Der Chirurg, ein tüchtiger Praktiker, ver⸗ ordnete ſchleunigſte Beſorgung eines ſtärkenden Bades. Inzwiſchen erſchien der gerufene Doctor. Er kannte Robert und erſchrak nicht wenig über deſſen Zuſtand; dies aber nicht ſowohl wegen der Erſchöpfung der phyſiſchen als— und das iſt das Grauenhafte— weit mehr wegen der Zerrüttung der geiſtigen Kräfte, wovon er ſich alsbald überzeugt hatte.„Hier“ ſagte er, mich und den Chirurg beiſeite nehmend,„hat die Pſy⸗ chiatrie einzuſchreiten, wenngleich gegen das ſtärkende Bad vorerſt nichts einzuwenden iſt. Unmittelbar nach dem Bade werde ich ſelbſt den Patienten in meinem Wagen 174 nach Paſſy in die Privatirrenanſtalt— maison de Santé meines Freundes bringen. Nach einer hal⸗ ben Stunde bin ich wieder hier.“ Und eine halbe Stunde ſpäter“ ſo ſchloß Ernſt tief aufathmend ſeine Schreckensmittheilung,„führte man Robert als Irr⸗ ſinnigen aus Paris.“ Karl und Max fanden nicht Worte, ihren Gefühlen Ausdruck zu geben; ſie blickten ſtarr vor ſich hin wie nach einem Abgrunde oder wie nach einer noch qual⸗ menden Brandſtätte, in welche ein noch kurz zuvor ſtolzer Prachtbau durch einen Blitz verwandelt worden. Die Stignme Ernſt's rüttelte ſie aus dieſem düſtern Hinbrüten auf. „Es iſt das“ ſprach er mit tiefſter Bewegung,„ein Begebniß, um ſelbſt darüber wahnſinnig zu werden. Was iſt mit Robert vorgegangen? Was mag da ge⸗ ſchehen ſein? Wißt Ihr einen Anhaltspunkt, ſo nennt ihn mir.“ „Einen entfernten und ſchwachen Stützpunkt weiß ich wohl“, entgegnete Max, während Karl ſich ſchweig⸗ ſam verhielt,„und ich halte es für meine Pflicht, ihn zu bezeichnen.“ Von Ernſt dringend dazu aufgefordert, beſprach nun der Maler Robert's Verhältniß zu Madame Pi⸗ card und äußerte, wie früher gegen Karl, ſeine feſte 175 Ueberzeugung, daß dieſes ſchreckliche Ereigniß irgend⸗ wie mit jenem unſeligen Verhältniß in Zuſammenhang ſtehe. „Allein“, ſügte er ſchließlich hinzu,„auch bei dieſer begründeten Annahme bleibt noch das Räthſel un⸗ gelöſt.“ „Wahr, wahr“, rief Ernſt aus,„denn ſelbſt ein Rencontre mit dem Kaufmann zugegeben, wie kommt Robert in dieſen Zuſtand? Er iſt nach dem Aus⸗ ſpruche der beiden Aerzte infolge körperlicher Er⸗ ſchöpfung halb verſchmachtet auf der Straße zuſammen⸗ gebrochen, und ſeine Geiſteszerrüttung mußte darum auch dieſer phyſiſchen Erſchlaffung vorhergegangen ſein, denn es hat ihm ja nicht an Mitteln gefehlt, ſich Nah⸗ rung zu verſchaffen.“ Karl richtete ſich da auf. „An Mitteln nicht“, bemerkte er wie zu ſich ſelbſt redend,„das heißt an Geld nicht, möglicherweiſe aber an Gelegenheit.“ „Wie meinſt Du das? Was willſt Du damit ſa⸗ gen?“ fragten ſeine Freunde gleichzeitig. „Robert kann“, fuhr Karl nachſinnend fort,„ver⸗ hindert geweſen ſein, ſich Nahrung zu verſchaffen.“ „Alſo eingeſperrt?“ 176 „Aber wie? Von wem?“ „Möglicherweiſe vom Kaufmann.“ „Das klingt ja aber ſelbſt wie wahnſinnig“, ſchrie Ernſt auf. „Und doch, doch iſt es möglich“, fiel Max ein, in⸗ dem er ſich haſtig erhob,„und ich, ich werde dem Ge⸗ heimniß nachſpüren, noch heute, ja ſogleich!“ „Was willſt Du beginnen?“ „Ich will zu Picard, ich will ihn zur Rede ſtellen und meinem Blicke wird er nichts verbergen können, falls er etwas zu verbergen hat. Kommt um vier Uhr in das Café zu Tiſche, bis dahin verhaltet Euch paſſiv. Karl's Gedanke iſt für jetzt der einzige Halt⸗ punkt in dieſem grauenhaften Wirrniß und ich, ich ſtütze mich auf dieſen.“ Die drei Freunde verließen den Garten der Tui⸗ lerien und trennten ſich dann in der Straße Rivoli. „Vorſicht! Aeußerſte Vorſicht!“ mahnte noch Ernſt. „Sei ruhig“, entgegnete Max,„Ihr könnt Euch auf mich verlaſſen.“ ——————— Achtes Kapitel. Picard. Es iſt noch eine Scene zu ſchildern, die im Hauſe des Kaufmanns Picard drei Tage früher ſtattgefun⸗ den hat. Derſelbe hatte ſich, wie wir wiſſen, nach Voll⸗ ſtreckung der mittelalterlichen Procedur gegen ſeinen Beleidiger ſeufzend aus dem Comptoir entfernt und ſich wieder hinaufbegeben in ſeine Wohnung, zu ſei⸗ ner Frau. Er fand dieſe in ihrem Boudoir hingeſtreckt auf den Divan, in der Obhut der Dienerin, der Ohnmacht bereits entzogen, aber noch matt und bleich. Bei ſeinem Eintreten richtete ſich das unglückliche junge Weib halb auf, während das Dienſtmädchen auf einen Wink ihres Herrn das Gemach verließ. Jean Charles, Realiſten und Idealiſten, I. 12 Pauline erbebte; ihr Blick, nur eine Sekunde lang nach dem gekränkten Gatten gerichtet, ſenkte ſich, um⸗ nachtet von finſtern Gedanken, all ihr Blut drängte ſich zum Herzen und ſie ſagte ſich:„Das iſt der Tod; ſo kann es nur im Sterben ſein.“ Hätte ſie die Miene Picard's genauer ins Auge gefaßt, ſie würde ſich, wenn nicht beruhigter, doch in in ihrem Denken geordneter gefühlt haben, denn ſeine Miene verrieth nicht Zorn, nur Schmerz. Dies bezeugte auch der Ton ſeiner Stimme, da er ſie, getrennt von ihr durch ein Tiſchchen, ſtehend, faſt regungslos, alſo anſprach: „Ich komme, mit Ihnen das Nothwendiggewordene zu beſprechen; wollen, können Sie mich jetzt vernehmen oder ſoll ich ſpäter wiederkommen?“ Pauline, vielleicht bereits auf das Aeußerſte gefaßt, fühlte ſich durch dieſe ſo tiefernſt und doch zugleich ſo mild betonten Worte wie gelähmt; ſie hatte kaum noch Kraft genug, ihren Thränen zu gebieten. „Das Nothwendiggewordene!“ ſeufzte ſie in ſich. „Das, das iſt die Trennung.“ Als Antwort auf ſeine Frage aber ſtammelte ſie, die Augenlider ſenkend, nur ſchwach vernehmlich: „Sprechen Sie.“ Und Picard, immer in gleicher Haltung vor ihr —————— —— 179 und im ſelben Tone ſchmerzlicher Reſignation, ſprach alſo weiter: „Erwarten Sie von mir keine Vorwürfe weder in dieſem noch im letzten Augenblicke meines Lebens, doch erwarten Sie, daß ich ſagen werde, wie mir ums Herz iſt und was nun geſchehen muß, um, was geſchehen und was ungeſchehen zu machen unmöglich iſt, wenig⸗ ſtens in ſeiner Wirkung auf die Welt abzuſchwächen. Ich, ich leide, denn ich liebte Sie, ich liebe Sie noch aufs innigſte; ein wie leichtlebender Menſch ich immer auch geweſen, von der Minute an, da ich Sie zum erſten Mal geſehen, lebte ich nur für Sie und ich habe, ſeit wir verbunden, ein anderes Gefühl nicht gehabt als die Sehnſucht, Sie glücklich zu wiſſen. Dieſe Sehnſucht befriedigte ſich nur halb, denn Sie liebten mich nicht und Sie waren redlich genug, dies mir zu ſagen. Ich nun begnügte mich, wenngleich ſchmerzlich genug, mit Ihrer Achtung, immer hoffend, da man eben immer hofft, daß es mit der Zeit meiner liebevollen Hingebung gelingen dürfte, ſich durch Gegen⸗ liebe belohnt zu finden. Alles denn, Alles, was ich von Ihrer Seite empfing, beſtand in der, ich darf es wohl ſagen, mir gebührenden Achtung. Noch einmal, Sie ſollen keinen Vorwurf hören. Es gilt nur zu be⸗ ſprechen, was nun zu geſchehen hat, um der Welt, der 12 180 böszüngigen Welt gegenüber dieſe mir gebührende Achtung aufrecht zu erhalten. Dieſe häßliche Welt war es, die mich in Kenntniß ſetzte von dem, was ge⸗ ſchehen. Ich aber werde dieſer Welt beweiſen, ver⸗ ſtehen Sie, beweiſen, daß ſie falſch gehört, daß ſie ſchlecht geſehen, daß man gelogen und verleumdet hat, mit einem Worte, daß nichts geſchehen. Das werde ich den Leuten beweiſen, denn ich werde, wenngleich ich auch fortan nur als Freund, als Bruder an Ihrer Seite weilen werde, mich nicht von Ihnen trennen, ſo⸗ lange Sie nicht ſelbſt die Trennung begehren, ich werde vor aller Welt Ihr vertrauensvoller Gatte ſein. Dieſen Muth werde ich haben aus Liebe zu Ihnen, aus Achtung für Ihren braven Vater, aus Verehrung für Ihre Mutter, dieſes edle Vorbild aller Haus⸗ frauen!“ Pauline zuckte bei dieſen Worten, bei der Erinne⸗ rung an Ihre Mutter krampfhaft in ſich zuſammen und ihr Blick aus thränenfeuchten Augen erhob ſich zu dem Sprechenden mit einem Ausdrucke, der dieſen in tiefſter Seele rührte und auch ihm Thränen gab, wenn⸗ gleich nur Thränen der Stimme, indem er hingeriſſen von Empfindung fortfuhr: „Ich, nur ich habe gefehlt, denn Sie ſind noch ein Kind, ja dieſer Welt gegenüber nichts als ein Kind, — —— * — 181 und an mir wäre es geweſen, Sie, mein geliebtes Kind, mit jener Sicherheit zu führen, welche Ihre Aeltern, als dieſelben Sie mir fürs ganze Leben an⸗ vertrauten, von mir als dem weltkundigen Manne er⸗ wartet hatten; ich habe gefehlt, denn ich habe Sie nach dieſer Richtung hin allein gehen laſſen, und Sie ſind geſtrauchelt. Nun, ich ſchritt noch rechtzeitig ein. Den Un⸗ würdigen, der ſich in mein Vertrauen ſtahl und es mißbrauchte, habe ich gezüchtigt, wie er es verdient hat, ja ich habe ihn gezüchtigt, nicht ſowohl aber, weil er mich hinterging, ſondern vielmehr darum, weil er Sie beleidigt, denn eine ärgere Beleidigung kann von ſeiten eines Mannes einer ehrbaren Dame nicht zugefügt werden als durch die Zumuthung, daß ſie um ſeinetwillen im Stande ſein könne, zu vergeſſen, was ſie ihrer Ehre ſowie der ihrer Familie ſchuldig, von Gott, von Religion gar nicht zu ſprechen; deshalb habe ich dieſen Menſchen, deſſen Name in meinem Hauſe nicht mehr genannt werden ſoll, gezüchtigt wie einen Lehrjungen, der ſeine Pflicht freventlich verletzte. Das“— ſo ſchloß Picard ſeine einfache, aber eben durch ihre lautere Einfachheit überzeugende und ergrei⸗ fende Rede—„das war, das iſt Alles, was ich Ihnen zu ſagen hatte und habe; ich— ich werde Ihnen fortan 182 ein Bruder, Sie werden mir eine Schweſter ſein und Alles wird gut werden.“ Hier brach ihm die Stimme, denn es drohte ihm das Herz zu brechen, und er bedeckte ſich das Antlitz mit beiden Händen, um die hellen Zeugen ſeines See⸗ lenſchmerzes zu verbergen. In dieſem Moment vernimmt er lautes Schluchzen und fühlt ſeine Kniee von zitternden Händen um— klammert. Er erbebt, blickt nieder; zu ſeinen Füßen liegt, der Reue ſchönes Bild, Pauline. Noch am Abend deſſelben Tages, nachdem Herr und Frau Picard ihr Diner wie immer gemeinſchaftlich gehal⸗ ten hatten, nur mit dem Unterſchiede, daß ſie faſt nichts genoſſen, begaben ſich beide Arm in Arm aus dem Hauſe und ſchritten, ſeinerſeits abſichtlich, langſam an dem Laden des„guten Freundes“, des mittheilſamen Gewürzkrämers Bouché, vorüber, der nicht umhin konnte, unter die Thür zu treten und dem dahinwan⸗ delnden Paare mit Verwunderung, eigentlich mit ſchlecht verhehltem Aerger ſo lange nachzublicken, bis es in der Maſſe der Promenirenden ſeinem Auge ſich entzog. Noch mehr als Monſieur ärgerte ſich hierüber Ma⸗ dame Bouché, die ſich gleichfalls im Laden befand. —— 183 Sie eilte ſofort zu ihrer verlaßlichen Quelle, näm⸗ lich zu ihrer Köchin, um den gewaltigen Aerger auszu⸗ ſchütten, den ihr die Bornirtheit des Nachbars Picard verurſacht hatte. Von ihrer Herrin dazu aufgefordert, eilte die Magd ſofort zu ihrem Vetter, der in der Nachbarſchaft bei einem alten Junggeſellen in Dienſt ſtand, und theilte ihm den„Skandal“ mit, ihn ihrerſeits nun auffordernd, zu ſeiner Geliebten, Picard's Köchin, zu eilen, um ſoviel wie möglich zu erfahren und dann zu Bouchés zu kom⸗ men, um Rapport zu erſtatten und das„Weitere“ zu beſprechen. Eine Stunde ſpäter ſtand dieſer gedungene Spion, vulgo Bedienter, im Toilettenzimmer von Madame Bouché vor dieſer und vor ſeiner Muhme wie in einem Verhöre vor dem Zuchtpolizeigerichte und rapportirte, vielfach durch Fragen unterbrochen, wie folgt: „Monſieur Picard war geſtern plötzlich abgereiſt, das heißt, er war nicht abgereiſt, ſondern nur abgegangen, er hatte ſich nur entfernt, das heißt, auch nicht eigent⸗ lich entfernt, wenigſtens nicht ſehr weit, denn er war heute früh ſehr zeitig wieder zu Hauſe, kurz nachdem ſeine Frau von ihrer Morgenpromenade zurückgekehrt. Dieſes Zurückkehren von der myſteriöſen Promenade 184 bildet den Knotenpunkt der eigentlichen Hiſtorie, das heißt, wie ich dieſe von meiner Geliebten habe; denn dieſes Zurückkehren von Madame Picard fand nicht allein ſtatt, das heißt, ſie kam nicht, wie ſie ausgegan⸗ gen, allein nach Hauſe, ſondern in Begleitung des délit, das heißt, des corpus delicti, nämlich des Herrn Doctors, um welchen ſich die ganze Geſchichte dreht. Mit dieſem nahm Madame Picard das Gabelfrühſtück gemeinſchaftlich ein, das heißt, téte-Atéte, welches meine Geliebte in ihrer Eigenſchaft als Speiſen⸗ und Weinträgerin, hauptſächlich Champagnerlieferantin nur wenig, das heißt, nur anfangs unterbrach, da man ſie alsbald amovirte, das heißt, ihr ſagte, daß es gut ſei und daß ſie gehen könne. Und meine Geliebte ging denn auch natürlich hinaus aus dem Boudoir, das heißt, ſie zog die Thür hinter ſich zu und legte ſich mit Aug' und Ohr an das Schlüſſelloch. Da ſah und hörte ſie nun allerliebſte Dinge, das heißt, ſie ſagte mir nicht, weil ſie eine zu ſchüchterne Seele iſt, was ſie geſehen und gehört, ſondern gab mir nur zu verſtehen, was eigentlich von ſelbſt ſich verſteht, das heißt, wenn von einem zärtlichen téte-Atéte die Rede. Während ſo das brave Mädchen obſervirte, fühlte es ſich, ſtellen Sie ſich vor, am Kragen, das heißt, an ihrem ſehr ſchlanken Halſe von einer furchtbaren Fauſt „ 4 — — S 2 185 gepackt und etwa ein halbes Dutzend Schritte weit zu⸗ rückgeſchleudert, das heißt, von der Thür des Boudoirs bis zur entgegenſtehenden Eingangsthür des Mittel⸗ zimmers. Von dieſem Punkt aus, wo meine Geliebte alsbald wieder ihren Aplomb gewann, das heißt, Beſin⸗ nung und Gleichgewicht oder umgekehrt, ſah ſie Mon⸗ ſieur Picard, denn er war es, der dieſes Halbattentat an ihr verübt, plötzlich verſchwinden, das heißt, hinter der Boudoirthür. Sie, das heißt, nicht die Boudoirthür, ſondern meine Geliebte, blieb wie vom Donner gerührt regungs⸗ los ſtehen und horchte. Dies währte nicht zwei Se⸗ kunden, da ſchlug ein Schrei an ihr Ohr. Der Schrei kam von ihr, das heißt, von Madame Picard, und als⸗ bald danach trat aus dem Boudoir Monſieur Picard, gefolgt von ſeinem Hausarzte, der da ſeiner Frau die Cour gemacht. Meine Geliebte will fliehen, aber Blick und Handbewegung ihres Herrn gebieten ihr, zu ihrer Herrin zu eilen, während er und der Doctor ſich ent⸗ fernen. Madame Picard lag in Ohnmacht, und es dauerte ziemlich lange, bis es meiner Geliebten mittels Vierräubereſſig gelang, das ihr, das heißt, ihrer Herrin geraubte Bewußtſein zurückzugeben. Dies war kaum geſchehen, als ihr Gemahl, das heißt Herr Picard, wieder eintrat und ſie auch wieder fortſchickte, nämlich 186 meine Geliebte. Das, Madame, iſt Alles, was ich er⸗ fahren habe.“ „Und das iſt auch Alles ſehr ſchön und gut“ be⸗ merkte die Spezereihändlerin,„aber noch wiſſen wir nicht, wie Picard ſich mit dem Doctor auseinandergeſetzt und was ſeine Frau zu ihrer Rechtfertigung vorgebracht haben mag, da ſie ihn dahin gebracht, zum Skandal für uns Andere mit ihr Arm in Arm durch die Straße zu ſpazieren, als wäre das Alles gar nicht der Rede werth.“ „Binnen drei Tagen werde ich auch das heraus⸗ gekriegt haben“ ſagte Louis, der Bediente, und empfahl ſich für den Augenblick. Nun wurde Monſieur Bouché von Madame Bouché in Kenntniß geſetzt von dem, was ſie ſo eben über Mon⸗ ſieur und Madame Picard vernommen, und dann war⸗ tete man bis zum Ladenſchluß zehn Uhr— auf des vielbeſprochenen Paares Nachhauſekunft, aber ver⸗ gebens. „Picard wird doch nicht etwa ſeine treuloſe Frau — verdient hätte ſie's allerdings— in die Seine ge⸗ ſtoßen haben?“ bemerkte Madame Bouché gegen ihren Mann. „Dummes Zeug!“ entgegnete dieſer verdrießlich. „Ins Theater hat er ſie geführt, ich wette eine Tonne 187 Heringe gegen Deine Nadelbüchſe, oder zu einem feinen Reſtaurant, nur um uns zu ärgern.“ .„Ja, aber das können wir doch nicht ſo hingehen laſſen, mein Gemahl.“ „Sondern, meine Gemahlin?“ „Bei ſo offenkundiger, augenfälliger Schande—“ „Nun, wenn Picard ſeine beſten Freunde, wenn er ſelbſt mich nicht hört?“ „Man muß es ihm wieder und ſo lange wieder ſagen—“ „Bis er eins von uns auf den Mund ſchlägt?“ „Wohlan, wenn Ihr ſtarken Männer Euch zu ſchwach fühlt zur Ausübung eines ſo chriſtlichen und freundnachbarlichen Werkes, ſo werde ich mit einigen andern Vertreterinnen des zarten Geſchlechts hier in unſerm Viertel es thun, und uns, dafür ſtehe ich Dir, mein Gemahl, wird Monſieur Picard— bald hätte ich geſagt le cocu— nicht auf den Mund ſchlagen, we⸗ nigſtens wird er Reſpect haben vor der embouchure von Madame Bouché.“ „Wenn er“ verſetzte Monſieur Bouche, eine ſtarke Priſe nehmend,„nur halb ſo viel Reſpect davor hat als ich, ſo wird meine Gemahlin den Zahnarzt nicht nöthig haben.“ Hiermit brach der Gewürzkrämer das Geſpräch ab und verfügte ſich noch auf ein Stündchen in ſeine ge⸗ wohnte Weinſchenke, um ſeinen Aerger hinabzuſpülen, während ſeine liebenswürdige Lebensgefährtin oben bei ſich das Tagesereigniß mit der Köchin noch des Langen und Breiten mit bewundernswerther Zungen⸗ fertigkeit durchnahm. 3 . „ Ende des erſten Bandes. Druck von Bär 4 Hermann in Leipzig. — 2 „