— —— —— — Leihbiblivthel deutſcher, engliſcher franzö ſiſcher Literatur Eduard Olmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ——— 8 ſ „— cLeih- und Teſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ Ffngnoh und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rück abe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe —— hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für henlich 2 2 Pücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: N. Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 W. Pf. 5 5 77* 7 7. Auswärtige Kponnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung ner Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 3 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene def Se Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß d Ladenpreis erſetzt werden.— 3i das zerriſſene, beſchmutzte, S korene oder deferte Buch ein Theil eines größeren Wertes, ſo i iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders varauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem D ieni, weche eie⸗ ſen von mir dafür zu haben. „——————— N 5 v e von Jean Charles, Verfaſſer der Romane„Das Leben kein Traum“ und „Schoͤne Welt.“ Leipzig, Verlag von L. H. Böſenberg. 1 8 42. — III. W. VE VE VIII. IX. XI. XII. — nhalt. Seite Rüttehr in d t 1 Das vettende icht 11 Ein ſchöner Abend 16 Kritiſches Töte à töte 28 Hingebung 40 Erſte Sihe. 48 Eieſpen 65⁵ Ein Rith 91 öſun 95 Das Ende vom Liede 1¹4 eranher 118 Das ſeltſame Auge 145 Nicolaus 3 3 3 5 F 1 — XVI. XVII. XVIII. XIX. XXI. XII. Der enträthſelte Blick Dichterfreundſchaft Mutter und Tochter Trennung Kritiſche Revue Die neue Zeit Zwei Jahre ſpäter I. Rückkehr in die Welt. „Die Gegenwart mit truͤgeriſchem Koſen, Die zaub'riſch laͤchelnde, wer kann ſie flieh'n? Sie zieht ſo hold mit Banden uns von Roſen Zum hundertmal gefloh'nen Abgrund hin.“ Es iſt Winter. Der junge Schriftſteller Carl von** hat ſo eben ſein frugales Frühſtück genommen, den Brand im Kamine aufgeſriſcht und ſetzt ſich nun, ſeine Cigare behaglich ſchmauchend, an den Secretair. Er arbeitet emſig. Um ihn her ſieht es recht freundlich aus, das Gemach hat beinahe engliſches Comfort. Das Zimmer, im zweiten Stockwerke eines nicht ſehr großen aber neuen und wohlgebauten Hauſes in einer heitern Straße der, an ſolchen freien Straßen eben nicht ſehr reichen, Reſidenz, iſt geſchmackvoll meublirt und empfängt gutes Licht durch zwei hohe Fenſter. Reine, gefällig drapirte, weiße Vorhänge zieren es, wie mehrere gute Lithographien in ſchmalen Goldrahmen die, in pompejaniſchem Style gemalten, Dichterleben. 1 — Wände. Das Trumeau ſchmücken zwei ſchöne Gyps⸗ büſten: Gvethe und Shakeſpeare, dazwiſchen ſteht ₰ eine hetruriſche Vaſe aus Alabaſter. Zwei ſchmale Glasſchränke, aus Ahorn wie die übrigen Meubles, gegenüber dem Secretaire, enthalten die kleine aber wohlgeordnete Bibliothek dieſes Autors und er ſelbſt in ſeinem kurzen Hausrocke von ſchwarzem Sammet belebt das Ganze beinahe maleriſch. Er hat Bücher und Manuſeripte vor ſich und arbeitet ſehr angeſtrengt, ſo daß wir Muße haben, ihn uns— ein wenig näher zu betrachten. Er mag etwa ſechsundzwanzig Jahre zählen, iſt ziemlich hoch und ſchlank gebaut, aber, im Contraſte ₰ zu ſeinem ſo freundlichen Aufenthalte, von etwas lei⸗ dendem Ausſehen, das übrigens ſein Geſicht eher ver⸗ ſchönt als entſtellt, da die charaktervollen ſtrengen Züge durchaus keine Luſtigkeit, ſeine Wangen und ſchmalen Lippen kein hohes Roth und ſeine ſcharfgezogenen Brauen keinen ganz wolkenloſen Himmel auf der hohen, von dunklen Locken beſchatteten, Stirne zu vertragen ſcheinen. Er ſieht, mit einem Worte, etwas geſenkt aus, um nicht zu ſagen, gekränkt, gebeugt. Wer das Buch„Schöne Welt“ kennt, kennt auch ihn und weiß, daß er nicht wohl anders ausſehen ————————— 3 kann; für diejenigen der verehrlichen Leſer, denen es unbekannt, genügt Folgendes. Carl lebt in dieſer großen Reſidenz zurückgezogen, einſam, ausſchließend ſeiner Kunſt. Er iſt Dichter. Früh verwaiſt und verarmt, erwarb er ſich während ſeiner Studienzeit durch Unterricht, ſpäterhin als Er⸗ zieher in großen Häuſern ſeinen Unterhalt. Gegen⸗ wärtig, als Autor bereits mit Auszeichnung genannt, giebt er ſich, ohne Anſtellung, nur der Wiſſenſchaft und Poeſie hin, und fühlt ſich in dieſer Einſamkeit, wenn nicht glücklich, ruhig; denn er ſteht jetzt mit der Welt, die ihm ſchon ſo weh gethan, nur noch in rein geiſtigem Rapport. Erfahrung hat ihn zum Manne gereift, das Eis der Enttäuſchung ſeinen glühenden Buſen geſtählt. Wenigſtens glaubt er dies ſelbſt und allerdings ſpricht ſein augenblickliches Leben dafür. Er liebt die Ein⸗ ſamkeit und ſpricht ſeinen Schmerz in der Dichtung aus. Er denkt über das Empfundene und denkt es in Bildern, zur Belehrung, Erhebung und Beruhigung Anderer. Er ſitzt, wie ein reicher Juwelier vor ſeinen koſtbaren Steinen, am Pulte und gräbt Schachte in ſeine Vergangenheit und beutet ſie mit Beſonnenheit aus. Die Mühe wird ihm leicht; er braucht nichts zu erfinden, der Genius ſeines Daſeins erfand genug 4 für ihn, ja mebr als er in einem Menſchenalter ver⸗ arbeiten könnte. Sein Plan für das ganze Leben iſt fertig. Er fühlt ſich zum Dichter berufen und will es ausſchließend ſein, unabhängig von aller Convenienz, ungehemmt durch eine Anſtellung oder ſonſtige Ver⸗ pflichtung; er will im Roſenſtrauche ſeiner jungen Leiden bluten als Nachtigall und wie dieſe ſingen durch die Frühlingsnacht ſeines Daſeins. Mit Wonne ſtürzt er ſich offenen Herzens in die Dornen und ſchreibt mit ſeinem Blute von den Tagen früherer Seligkeit und früheren Jammers. Singt er von Liebe, ſo hat jedes Lied den Refrain: „Du haſt geliebt; die Sehnſucht und der Kummer Der Seele ſagen noch, wie ſehr; Du biſt erwacht vom Schlummer, Und nun nicht mehr!“ So iſt er innerlich und äußerlich geſtaltet und ſo ſitzt er heute an ſeinem Pulte, einem Gedichte hinge⸗ geben, ſich mit den Weſen beſchäftigend, die ihm die Phantaſie gebar und die Welt um ſich her ver⸗ geſſend. Dieſe aber hatte ſeiner nicht vergeſſen und ſendet eben einen Boten an ihn ab mit der Frage, ob es ihm nicht gefällig wäre, alle erlebten Freuden und Leiden noch einmal durchzumachen und mit den Horen ——————— — 5 der Gegenwart um die Leichenhügel der Vergangenheit ein Tänzchen zu eröffnen. Dieſer Bote ſteht vor ſeiner Thüre und klopft an. Carl ruft, ohne aufzublicken: Herein! Und hereintritt ein junger Mann von elegantem Ausſehen aber niedergeſchlagenem Weſen. Er iſt un⸗ gefähr ein Jahr älter als unſer Freund und der Sohn eines bedeutenden Beamten dieſer Reſidenz. Carl hat den Eintretenden im Spiegel erblickt und wendet ſich, die Feder weglegend, zu ihm mit dem Gruße: Guten Morgen, lieber Franz! Warum ſo traurig? Noch immer nichts beſſer, entgegnet dieſer, in⸗ dem er ſich ſetzt: mein Vater will von keiner Ausſöhung hören; er hat mir den Brief, den ich nach Deinem Rathe an ihn gerichtet, kalt und abweiſend beantwor⸗ tet und mir geradezu herausgeſagt, daß an eine Be⸗ ſänftigung meiner jungen Stiefmutter nicht zu denken ſei, die ich zu ſchwer gekränkt haben ſoll. Armer Franz!— Wie lange iſt er nun mit ihr verehlicht? Drei Jahre. Und wie lange iſt es her, daß Du aus dem Hauſe mußteſt? Faſt ein Jahr. — Ein Mann über die Fünfzig, ein ſonſt ſo ver⸗ ſtändiger Mann, wie mag er ſich nur von ſeiner zweiten Frau ſo beherrſchen laſſen! Eben weil ſie ſeine zweite Frau und ſo jung iſt, daß ſie ſeine Tochter ſein könnte. Sie iſt übrigens nun ſelbſt Mutter geworden und er vergißt über das ihm geſchenkte kleine Kind ſeines großen; ſo rächt ſie nun, indem ſie ihn thranniſirt, die Strenge, mit der er meine Mutter behandelt hat. Er verdient es übri⸗ gens nicht beſſer, da er ſich in dieſer ſelaviſchen Ab⸗ hängigkeit zu gefallen ſcheint. Wie kam es denn nur eigentlich zum Bruche zwiſchen euch? Du magſt mir dieſe Frage ſchon noch einmal erlauben, denn Du weißt, daß ich ein wenig zerſtreut bin; ich vergaß den Hergang. Ach, lieber Freund, es iſt die gewöhnliche Ge⸗ ſchichte eines Stiefſohnes, der ſich nicht darauf ver⸗ ſteht, des Vaters zweite Frau ſeine Mutter zu nennen und als ſolche zu reſpectiren! Ich that zwar mein Möglichſtes durch zwei Jahre; ſeufzte nur ſchweigend zu der Behandlung, die er und ich von dieſer Frau zu dulden hatten, und zog mich von ihr ſo viel wie möglich zurück. Dies ärgerte ſie; ich machte ihr nicht genug den Hof und ſie ließ es mich fühlbar entgel⸗ ten. Was litt ich nicht für Demüthigungen, ja ſelbſt ————————————— Entbehrungen! Als ſie endlich Mutter ward, geber⸗ dete ſie ſich wie eine Wahnſinnige; nichts mehr war ihr recht, am allerwenigſten ich; ihr Unmuth ward Verfolgung: ſie verleumdete mich ſogar beim Vater, bei allen unſern Freunden und Bekannten. Eines Ta⸗ ges ließ ich mich vom Unwillen über ihr Benehmen hinreißen und hielt ihr während der Abweſenheit mei⸗ nes Vaters daſſelbe in bitteren Worten vor. Als er nach Hauſe kam, fand er ſie in Krämpfen, die er mit nichts als dem Verſprechen ſtillen konnte, mich unge⸗ ſäumt zu entfernen und mir auf immer das väterliche Haus zu verbieten. Der ſchwache Mann gab nach und ich mußte fort. Damit noch nicht zufrieden, brachte ſie ihn während dieſes Jahres ſo weit, daß er mir faſt alle Unterſtützung entzog und mich bei mei⸗ ner geringen Beſoldung faſt darben ließ. Alle meine Vorſtellungen blieben und bleiben fruchtlos und ich hege keine Hoffnung mehr, ihn zur Mannheit und zu ſeiner Vaterpflicht zurück zu führen, nachdem er meinen letzten Brief voll der zärtlichſten Vorſtellungen und kindlichſten Bitten ſo hart von ſich gewieſen. Das iſt die ganze Geſchichte und Du ſiehſt, daß ich alle Ur⸗ ſache habe, traurig zu ſein. Dazu kommt noch, daß meine Gläubiger ungeſtüm werden und mir mit einer Klage drohen, die mich compromittiren muß.— 8 Armer Franz, und ich kann Dir weder helfen noch rathen! Vielleicht doch, mein Freund. Ich kam— die Noth macht erfinderiſch— auf einen Gedanken, auf ein letztes Mittel; ich glaube, Du kannſt mich retten. Ich? O rede! Wie vermag ich es? Höre denn. Uebermorgen begeht mein Vater ſein Geburtfeſt und bittet dazu, wie jedes Jahr, eine große Geſellſchaft. Sein Freund, der Hoſſchauſpie⸗ ler* iſt, wie jedesmal, dabei. Es wird viel Muſik gemacht und dieſer trägt inzwiſchen einige Declama⸗ tionſtücke vor. Ich habe mit ihm geſprochen und ihm meinen Plan mitgetheilt, den er gutheißt und zu deſ⸗ ſen Ausführung er ſich bereit erklärt. Und dieſer Plan? Faſt errathe ich ihn. Ich ſagte ihm, daß ich mit Dir ſehr gut ſtehe und Du meine Bitte gewiß erfüllen werdeſt. Natürlich; nur weiter! Nun ſieh, lieber Carl, Du verſtehſt es, die Her⸗ zen zu rühren. Wenn Du nun ein Gedicht ſchriebeſt, eine ppetiſche Erzählung, die eine zarte Alluſion auf mein trauriges Verhältniß zum väterlichen Hauſe, meine Leiden und allenfalls auch meine Reue über jene ₰ 9 durch Heftigkeit hervorgerufene Scene enthielte und ſchilderte, und dieſe Dichtung der Deelamator mit ge⸗ wohnter Meiſterſchaft vortrüge: wer weiß, welch ſchö⸗ nes Reſultat zu gewinnen wäre! Er iſt entzückt von dieſer Idee und ermuthigte mich, Dir dieſe Bitte vor⸗ zutragen. Und dieſe führte mich heute zu Dir.— Von Herzen gerne! Es iſt zwar mein erſtes ſo⸗ genanntes Gelegenheitgedicht, aber die Gelegenheit iſt gut und wird mich ſtimmen. Heute Abend ſollſt Du die Erzählung haben. Ich will mich ſogleich daran machen, denn in dieſem Augenblicke ſchon ſchwebt mir eine Idee vor. Wie ſoll ich Dir danken, lieber Carl! Dadurch, daß Du den Tag nach dem Feſte wie⸗ der in Gnaden an⸗ und aufgenommen wirſt. Jetzt aber geh und laß mich allein. Eins vergaß ich Dir zu ſagen. Der Schauſpieler will es auf ſeine Gefahr wagen, mich am Feſtabend mit ſich in's Haus zu ſchwärzen und in einem an den Salon ſtoßenden Gemache zu verbergen. Am Schluſſe Deiner Erzählung mun, die natürlich mit einer Ver⸗ ſöhnung endigen muß, will er die Thüre öffnen und auf mich, den Zerknirſchten, hinweiſen; davon ver⸗ ſpricht er ſich eine eclatante Wirkung. 10 Nun, theatraliſch wird ſie jedenfalls. Allons, ich will mein Beſtes thun! Sei ruhig, mir ahnt, die Sache geht gut. Hole mich um ſechs Uhr ab; da ſollſt Du das Gedicht haben und dann gehen wir ſoupiren. Nun mach fort! Franz umarmte ihn und ging. IHI. Das rettende Gedicht. Am Feſtabende ſaß Carl wieder an ſeinem Pulte, ſchrieb aber nicht, ſondern dachte über die mögliche Wirkung ſeines Gedichtes nach. Er rauchte eine Cigare und ſprach, wie er oft pflegte, laut vor ſich hin: Es geht nun an Mitternacht ſchon; jetzt muß es ſich bereits entſchieden haben. Wie ſchön wäre dies, wenn es einmal gelänge, durch Pveſie unmittelbar auf das proſaiſche Leben einzuwirken, dem Worte den geraden Weg zu dem Herzen zu bahnen! Einſt war es wohl immer und überall ſo; die Phantaſie ging Hand in Hand mit der Wirklichkeit und übte ihren Zauber unverkümmert aus: heute aber muß ſie der Aufforderung harren und dann erſt darf ſie dem Ge⸗ müthe auf weiten Umwegen nahen. Die Poeſie iſt eine Kunſt geworden und der Dichter ein Fremdling, 12 gegen den die Welt bei aller Achtung immer eine ge⸗ wiſſe Scheu hegt. Natürlich; er ſpricht nicht ihre Sprache ſondern die einer fernen Welt, erzählt von andren Sitten nnd reineren Leidenſchaften und tadelt wohl ſogar hie und da die angewöhnten, heimiſchen Gebräuche und Verhältniſſe. Es wird nicht eher beſſer werden hierin, als bis die Kunſt, mit der Natur wieder eins geworden, die Sprache des Augenblicks ſpricht oder vielmehr ihm die ihrige ſo geläufig macht, daß er in derſelben denken kann und ſie nicht erſt in ſeine überſetzen muß. Die Dichter haben ſich zu weit von der Natur entfernt, vor Allen Schiller; ein Schritt zurück iſt hier ein Vorſchritt. In dieſem Selbſtgeſpräche unterbrach ihn ein Ge⸗ räuſch vor dem Hauſe. Er vernahm Männerſtimmen und hörte die Thorglocke heftig ziehen. Es ward ge⸗ öffnet, haſtige Schritte erſchollen auf der Treppe und im nächſten Augenblicke ſtürzten zur Thüre herein und freudeſtrahlenden Blicks auf ihn zu Franz und der Hofſchauſpieler. Es iſt gelungen, rief dieſer, Carl's Hand ſchüttelnd, während ihm Franz weinend um den Hals fiel:„und Alles iſt gut! Ihr treffliches Gedicht, Herr von*, hat mehr als furore gemacht, es hat zu Thränen und die Herzen an einander hingeriſſen; —————— ſelbſt die Stiefmutter hat geweint und ſie war es, die unſren Franz in die Arme des Vaters geführt, der dabei ſchluchzte wie ein Kind. Die ganze Geſellſchaft war elektriſirt und wir mußten, von ihr aufgefordert, zu Ihnen, um Sie ſogleich hinzubringen, ſelbſt wenn Sie ſchon geſchlafen hätten. Man will Sie ſehen und Ihnen für den ſchönen, reinen Genuß danken. Gräfin Julie vor Allen; ſie iſt außer ſich vor Entzücken, obwohl ſie eine Franzöſin iſt und deutſch, wenn gleich ſehr gut, nur als erlernte Sprache ſpricht. Sie ſind noch in den Kleidern, deſto beſſer; kommen Sie denn, die Palme dieſes herrlichen Abends, den Sie ge⸗ ſchaffen, alsbald zu empfangen; nicht wahr, Sie folgen uns? Ja, Du mußt mit, Carl, rief Franz aus: komm, ich beſchwöre Dich! Nicht gerne, ſagte Carl verlegen; Du meinſt es gut, lieber Freund; aber Sie, mein Herr, müſſen fühlen, daß es nicht wohl angeht. Auch hat Franz den Erfolg wohl nur Ihrem meiſterlichen Vortrage zu danken— Gehorſamer Diener, verſetzte der Schauſpieler: 's iſt wahr, ich ſprach das Gedicht gerührt, be⸗ geiſtert; allein mich rührten und begeiſterten doch nur die ſchönen Gedanken und ergreifenden Wendungen; genug, Sie müſſen mit uns; gehen Sie nicht frei⸗ willig, ſo tragen wir Sie hin. Nun denn, ſagte Carl lächelnd, ſo will ich folgen; aber in dieſer Toilette? Ja, in dieſer; ich wollte, Sie gingen im Schlaf⸗ rocke hin! Uns Künſtler muß man nehmen, wie wir uns geben; wir brauchen keine Umſtände zu machen. O thun Sie mir den Gefallen und ziehen Sie Ihren Schlafrock an! Das nicht, dieſer Rock iſt ohnehin einfach genug und wird hinreichend abſtechen gegen die grande tenue der Geſellſchaft. Carl warf ſeinen Mantel um und ſie brachen auf. Im Hineilen durch die Straßen fragte er: Wer iſt denn dieſe Gräfin Julie? Erſtens, ſagte der Schauſpieler, iſt ſie ein Engel in der Geſtalt einer Franzöſin von beiläufig zwei⸗ undzwanzig Jahren; zweitens eine brave Tochter, die ihren emigrirten Vater unterſtützt und drittens Ge⸗ ſellſchaftsdame der Gräfin***, in deren Hauſe ſie bereits zwei Jahre durch ihren Geiſt und ihre Liebens⸗ würdigkeit Alles beglückt und entzückt, was Gelegen⸗ heit hat, in ihre Nähe zu kommen. Nehmen Sie ſich in acht, Julie iſt unwiderſtehlich! Glauben Sie? lächelte Carl. 15 Glauben? ich bin es überzeugt, verſetzte der launige Künſtler: glücklicherweiſe bin ich verehlicht und trage den Ehering als Amulet gegen alle zau⸗ beriſchen Einflüſſe, und dennoch kann ich Ihnen ver⸗ ſichern, das ich ſie charmant finde. Wenn Sie vollends mit ihr tanzen, ſo iſt Ihr Herz geliefert. Ich tanze nicht mehr. Warum nicht gar? Sie werden tanzen und noch dazu in dieſem Redingote und zwar mit Gräſin Julie. Später werden Sie von ihr gekrönt.— Er ſchritt lachend dem erleuchteten Hauſe zu. —— III. Ein ſchöner Abend. Für ein improviſirtes Vergnügen iſt die feine Welt immer dankbar, wenigſtens ſo lange daſſelbe währt; wer ihre angeſtammte und unverſöhnliche Feindin, die Langeweile, einen Augenblick glücklich bekämpft, wird von ihrem Beifallslächeln decorirt. Unſer junge Dichter war in dieſem Falle, und die glänzende Geſellſchaft empfing ihn mit lauten und zum Theile wirklich herzlichen Acclamationen. Die Herren drückten ihm die Hände, die Damen muſterten ihn wohlgefällig durch die Lorgnette; der Herr vom Hauſe umarmte ihn gerührt und ſelbſt die junge hübſche Stiefmutter ſagte ihm etwas Verbindliches. Man hatte mit dem Souper auf ihn gewartet und es ging nun zur Tafel. Carl kam neben der reizenden Gräfin Julie von? zu ſitzen, die ſich ihm bisher nicht genähert —————— 7— ſ 17 und ihn nur aus einer Ecke des Salons ſchweigend betrachtet hatte. Die allgemeine Stimmung, ohnedies ſchon eine ſehr heitere, erhöhte ſich ſchnell durch den Genuß der köſtlichen Speiſen und Weine und ſelbſt Carl fühlte ſich aufgeregt und ließ ſich von dem ſchönen Augenblicke lenken; er ſtreifte die ſchlichte Hülle ſeines Ernſtes von ſich ab und machte von den Mitteln, die ihm Geiſt und Phantaſie boten, ſo ſchönen Gebrauch, daß er bald die ganze Unterhaltung beherrſchte, ohne irgend je⸗ mand ſeine Ueberlegenheit fühlen zu laſſen: eine g ge⸗ ſellige Kunſt, die ſehr viel Natürlichkeit erfordert und ſo ſelten iſt wie dieſe. Bevor man ſich ſetzte, hatte ihn die Frau vom Hauſe der jungen Gräfin vorgeſtellt, neben der er nun ſaß, gegenüber dem Hofſchauſpieler, der ihm von Zeit und Zeit ein bedeutendes Lächeln zuſchickte. Es wurde Champagner ſervirt und die Geſundheit des Feſtgebers ausgebracht. Hierauf rief dieſer: Dem Dichter und nunmehrigen Freunde meines Hauſes! Mehrere Toaſte folgten und der flüchtige Geiſt die⸗ ſes magiſch wirkenden Weines belebte alles wunderſam. Carl fand Muße genug, die intereſſante junge Dame neben ſich aufmerkſam zu betrachten, deren Dichterleben. 2 Schweigſamkeit— ſie hatte nur wenige Worte an ihn adreſſirt— er mit dem Entzücken nicht reimen konnte, in das ſie, nach des Schauſpielers Aeußerung, ſein Gedicht verſetzt haben ſollte, ſo wenig als mit der, den Franzöſinnen ſonſt ſo eigenen, liebenswürdigen Redſeligkeit. Sie ſah, dies konnte er nicht leugnen, in der That reizend aus und war ohne Zweifel die Königin des Feſtes, obwohl er ſchönere Damen um ſich her erblickte. Julie war keine regelmäßige Schönheit, aber ihr ganzes Weſen war Grazie und eine unausſprechliche Anmuth lag über ſie ausgegoſſen; jenes gewiſſe Etwas, das beim erſten Blicke feſſelt und, wenn nicht ſogleich Liebe, jene ſtille Verehrung einflößt, die mehr anzieht als entfernt und vor Allem einem geübten Auge ſagt, daß hier ein Paradies ächter Weiblichkeit ver⸗ ſchloſſen ſei. Ein einfaches weißes Mouſſelin⸗Kleid ſchmiegte ſich ſanft an die vollendet ſchönen Formen ihres ſchlanken Leibes; in den Locken ihres glänzend ſchwarzen Haares lag eine Roſe, ihr einziger Schmuck, ihr ganzes Ge⸗ ſchmeide. Der raſche feurige Blick ihrer ſchwarzen Augen erhielt durch die ſanft fallenden Lider und ſchattigen Wimpern bisweilen einen ſchwärmeriſchen 19 n Ausdruck und das leiſe Incarnat auf Wangen und n Lippen wie die blendend weiße Stirne über den edel 3, gezogenen Brauen bekundeten ein Durchgeiſtetſein, ein it überaus thätiges Seelenleben. n Sie ſprach das Deutſch mit etwas fremdem Accente, aber rein und geläufig und mit einer Stimme, die eben ſo melodiös als jeder Steigerung und Beugung in fähig war und für jedes Wort gerade den Klang er fand, den— man möchte ſagen— die Natur ſelbſt dafür beſtimmt hatte. r Dies bemerkte Carl aus ihrem Geſpräche mit der he Geſellſchaft, denn an ihn ſelbſt hatte ſie, wie ſchon 8, geſagt, nur wenige Worte gerichtet. ch Er fühlte ſich durch ihr conſequentes Schweigen ht wie durch das malitiöſe Lächeln des Schauſpielers ein ge wenig piquirt und ſagte endlich zu ihr: r⸗ Von der Ouelle der großen Revolutivn, der Eneyklopädie, bis auf die der Champagne, aus der ch dieſes köſtliche Getränk fließt, wie viel Geiſt haben en wir nicht Ihrem ſchönen Vaterlande zu verdanken! es Julie wandte ſich zu ihm und verſetzte mit einem e⸗ ſcharfen Blicke halblaut: en Frankreich iſt nicht mein Vaterland; ich bin nd eine geborne Deutſche: F rankfurt iſt meine Ge⸗ en burtſtadt. 2* — — ——————— Sie ſind und bleiben denn doch eine Franzöſin. Was verſtehen Sie dann, mein Herr, unter Vaterland, wenn es nicht das Land iſt, worin wir ge⸗ boren und erzogen werden und des geſetzlichen Schutzes uns zu erfreuen haben? Ich denke, ein ſolches Land iſt unſer politiſches Vaterland, aber nicht unſer natürliches; dieſes be⸗ ſtimmen ein für allemal Blut, Sprache und Geſittung. Das Vaterland eines in Europa gebornen Regers iſt und bleibt Nigritien. Greifen Sie nur, Gräfin, an Ihr Herz, ſobald von Frankreich die Rede iſt und der Puls Ihres Buſens wird Ihnen unzweideutig ſagen, wo Ihr Vaterland. Alle Wohlthaten der Er⸗ ziehung und des geſelligen Verbandes bringen dieſe Stimme nicht zum Schweigen, denn es iſt die primitive der Natur, die ſich nie verleugnet. Erlauben Sie denn, ſchöne Gräfin, daß ich Sie für eine Franzöſin halte, ſo lange ich die Ehre habe mit Ihnen bekannt zu ſein. Sie entgegnete anmuthig lächelnd: Sie wollen mich alſo durchaus nicht als Ihre Landsmännin be⸗ trachten und bannen mich in die verlaſſenen Grenzen Frankreichs zurück? So iſt es, ſagte er: es ſind Ihre natürlichen Grenzen. Auch würde es Ihnen wenig helfen, ſich füͤr eine Deutſche geben zu wollen; jeder Blick, jede Geſte würde Sie verrathen. Aber ich ſpreche doch ſo ziemlich deutſch— Vortrefflich ſogar; vielleicht denken Sie ſelbſt deutſch: fühlen jedoch werden Sie immer franzöſiſch; denken kann man lernen, fühlen nicht. Sie ſind eine erotiſche Pflanze und bei uns im Treibhauſe; im Freien würden Sie bald abſterben. Aber die Sonne deutſcher Bildung iſt doch ſo mild— Ja; doch reicht ſie eben nur für unſer gemäßigtes Lebensprincip hin, um es zur Blüthe und Frucht zu bringen; für das Gemüth genügt unſere Sonne, aber— Nun, mein Herr, aber— Aber— nicht für das, was ich Geiſt nenne. Ei, Ihre Literatur iſt ſo überreich an Geiſt— Das iſt ſie, aber nicht unſer Leben. Der Geiſt hat ſich daraus nothgedrungen exilirt und in die Gren⸗ zen des Wortes geflüchtet; unſere Kleinſtädterei ver⸗ trieb ihn und wird ihn wohl immer zu dieſer Stellung zwingen. In Frankreich iſt es umgekehrt; da iſt mehr Geiſt im Leben als in der Literatur, wenigſtens ver⸗ hältnißmäßig mehr; die beſten Geiſter ſind da nur ein Refler der Geſammtheit, ein künſtliches Produkt 22 natürlicher Factoren, ein Maßſtab für die Allgemein⸗ heit, während man in Deutſchland ſehr irren würde, das Volk nach ſeinen geiſtigen Repräſentanten zu be⸗ urtheilen. Man beſuche nur die Heimath unſrer Genies, um ſich davon zu überzeugen, daß ſie wie Qaſen in einer Wüſte gegrünt und geblüht haben; die Menſchen, über die ſie den herrlichen Nimbus des Geiſtes, den Aether freier Weltanſchauung ausgegoſſen und ausge⸗ ſpannt, gehen noch, halbe Barbaren, ſo zu ſagen in Bärenfellen einher; die Tempel und coloſſalen Denk⸗ male der Ideen dieſer Männer ſtehen, wie die Antiken Rom's, zwiſchen armſeligen Hütten, womit ſich deutſche Spießbürgerlichkeit begnügt. Mit einem Worte, der Deutſche verſteht es nicht, wie der Franzoſe, den Geiſt zu verkörpern. Darum bleibt bei uns die Kunſt Außending und geht mur theilweiſe in's Blut über. Julie hatte ihn während dieſer Rede nicht aus dem Auge gelaſſen und eine ſeltſame Erregung ſpiegelte ſich in ihrem Antlitze ab. Sie verſetzte: Daß es der deutſche Geiſt vermag, ſich ſelbſt ſo ſtreng zu beurtheilen, adelt ihn und erhebt ihn über die Selbſtſucht des franzöſiſchen. Selbſtſucht? nahm er wieder das Wort: Menſch⸗ liches Selbſigefühl iſt nie ganz frei von Egvism M 23 und dieſes Selbſtgefühl erzeugt Nationalgefühl, ohne welches alle geiſtigen Beſtrebungen ziel⸗ und zwecklos ſind. Reiſen Sie durch Deutſchlands Gauen: einer feindet den andern an, macht ſein Eigenthümliches lächerlich oder verhaßt; nirgend eine Spur von Sympathie, von Centraliſation. Ich dächte doch! Der Befreiungkrieg? Nun, Gräfin, wenn das Dorf an allen Ecken brennt, ſo rennen die Bauern, die ſich eben erſt in der Amtsſtube gezankt oder in der Schenke geprügelt haben, freilich zuſammen und reichen ſich die Hände; iſt aber der Brand gelöſcht, ſo ſchneiden ſie ſich die⸗ ſelben Geſichter wie vorher. Ach, der Bauer ſchlägt uns immer in's Genick! Hier wurde er unterbrochen. Man erhob ſich und alsbald ertönte im Salon nebenan Muſik. Die Frau vom Hauſe forderte ihn zum Walzer auf. Da war nicht auszuweichen und er machte eine Tour mit ihr. Hierauf führte ſie ihn zu Julien und er tanzte auch mit dieſer. Während die Muſik pauſirte, ſchritt ſie mit ihm den Saal auf und nieder. Man fühlt es noch, Sie müſſen früher leiden⸗ ſchaftlich getanzt haben, bemerkte ſie lächelnd. 2¹ Ja, mein gnädiges Fräulein, entgegnete er, ſo iſt es; in meinem Naturell liegt es, Alles was ich eben thue, mit ganzer Hingebung, mit voller Seele zu thun; darin bin ich ganz Franzoſe. Wie ſo, mein Herr? Die Franzoſen bringen es in Allem, was ſie an⸗ greifen und unternehmen, darum ſo ſchnell zur Fertig⸗ keit, weil ihr Weſen ſo poſitiv iſt und ſie ſich auf den Augenblick mit ungetheilter Kraft werfen, die keine Halbheit zuläßt. Dies iſt der Grund ihrer rapiden Fortſchritte auf dem Felde des Krieges wie des Frie⸗ dens. Einmal des Zieles gewiß, ſchreiten ſie auf dasſelbe los, ohne Seiten- und Rückblick und gönnen ſich nicht eher Raſt als bis ſie es erreicht; der Deut⸗ ſche dagegen verfährt immer kritiſch, ſelbſt im Handeln, und macht, wie auf ſchlüpfrigem Boden, bei drei Schritten immer einen rückwärts. Nun, dann erinnert er an die Fabel von der Schnelllaufswette zwiſchen dem Haſen und der Schild⸗ 5 kröte, die, wie Sie wiſſen, dieſe gewonnen hat. 8 Ja ja, Gräfin; nur ſind nicht alle Haſen ſo ſorg⸗ ſc los, wie der Held dieſer Fabel. Es iſt wahr, der D Deutſche hat es nunmehr weit gebracht und iſt dem t Franzoſen in Manchem ſogar voraus; aber im Gan⸗ — ———-«8%——————————————— 25 * zen!— Seine Wiſſenſchaftlichkeit läßt die Thatſãch⸗ lichkeit nicht auftommen; er wird noch lange ſtammeln wie ein unmündiges Kind, wo Andere bereits reden als Männer. Noch einmal, Deutſchland fehlt es an Centraliſativn. Allein, getheilte Beſtrebungen haben doch den gro⸗ ßen Vortheil, daß ſie viele Wege beſchreiben und ſo vor Einſeitigkeit ſchützen, nicht wahr? Sie hätten recht, wenn dieſe Wege aus einander liefen, durch das Leben ercentriſch gingen; ſie bilden aber leider nur Kreisparallelen um den hohlen Kern der Kritik. Die graue Theorie iſt unſre Centraliſation, nicht der friſchgrünende Baum der Praris. Kann es etwas Unpraktiſcheres geben als die deutſche Selbſt⸗ verleugnung und filiſtröſe Beſcheidenheit, ach, und als die grauſame Verirrung, mit der wir in den Ein⸗ geweiden der täglich am Opferherde einer maßloſen Philoſophie hingeopferten poſitiven Gegenwart wühlen, um unſere Zukunft darin zu erforſchen?— Giebt es eine deutſche Nation? Nein, es giebt nur deut⸗ ſche Völker und dieſe kaum. Wer nennt ſich einen Deutſchen? Der Preuße will ein Preuße, der Sachſe ein Sachſe, der Baier ein Baier—: keiner will ein Deutſcher ſein. O glauben Sie mir, Gräfin, es ſteht ſchlimm um das praktiſche Leben Deutſchlands; es trägt den Keim der Zerſtörung in ſich.— Wie aber vermögen Sie es dann, wie vermag es der deutſche Dichter nur über ſich, im Schmerze dieſes Gefühls ſo ruhig zu wirken, ſo harmlos zu ſchaffen? Sehen Sie, die Kunſt bedarf eines gewiſſen Druckes von außen; vor Allem die Pveſie. Dieſe hat in ganz frei ausgebildeten Verhältniſſen nie und nirgend ge⸗ blůht. Ebenmaß tödtet ſie, der Contraſt fördert ſie. Die Stasl ſagte alſo mit recht: Das Genie iſt Schmerz? Ja, mit recht; die Kunſt iſt die bittere Alve, die nur nach hundert Schmerzen blüht. Herr von?, darf ich Sie nicht um eine Abſchrift des Gedichtes biten, das heute dieſe Scene hervorgerufen? Mit Vergnügen. Wollen Sie mir nicht auch einige andere Ihrer Dichtungen mittheilen? Ich werde mir die Ehre geben, Ihnen Einiges zu überſenden. —————————————— Wollen Sie mir das Manuſcript nicht ſelbſt überbringen? Ich möchte Sie gerne mit Gräfin*5, der geiſtreichen Dame meines Hauſes, bekannt machen. Zwar knüpfe ich ungerne Bekanntſchaften an; allein— um Sie wieder zu ſehen— Ich danke Ihnen im Namen Frankreichs für dieſe Artigkeit. Alſo Sie kommen. Und nun zur Galopade, die Muſik hat begonnen! Und er galopirte mit ihr dahin. IV. Rritiſches Tote-à-téte. Am dritten Tage nach dieſer Soirée begab ſich Carl in das gräfliche Hotel. Hatte er in der Zwiſchenzeit an Julie gedacht und wie?— Ja, er dachte an ſie, oft und warm, aber vielleicht nur, weil ſie keine Deutſche war, ihm neu und ihr offener Sinn ihm ge⸗ eignet erſchien, ſeinen Schmerz in ihm abzulagern. Er ſehnte ſich ſogar nach ihr, nach ihrem Geiſte näm⸗ lich; ihrer Liebenswürdigkeit gedachte er nicht in ſeinen Reflexivnen über ſie; er betrachtete ſie als ein Neues und ſeine Phantaſie, das Alte ſcheuend, zog ihn zu ihr, um aus der Quelle der ihrigen Vergeſſenheit des Er⸗ lebten zu ſchlürfen. Er fand die Damen allein. Nach einer Stunde des anziehendſten Geſprächs erhob ſich die Gräfin*** mit dem Bedauern, ausfahren zu müſſen und ließ ihn, nach wiederholter freundlicher Einladung, ihr Haus oft zu beſuchen, mit Julie allein. 33 jenem dringt ſich das zu Sagende, das Was früher auf als das Wie, weshalb ihn auch der kühle Hauch der Allegorie umweht, wogegen dieſer die Idee ſchon ſymboliſch empfängt und in lebenswarmer Form gibt; jenem leiht der Witz oder der Scharfſinn mir das Gleichniß, dieſem gebiert die Phantaſie das Bild. Die äußere Form, über welche allein der Sänger zu gebieten hat, umfaßt nur Logik, Raum⸗ und Zeitmaß, Euphonie und Eurhhthmie; die innere beſtimmt die Situation, Compoſitivn und Farbe. Der Dichter ſchafft immer objectiv, d. i. unabhängig von ſich ſelbſt; der Sänger hat es immer nur mit ſeinem Ich zu thun, wirkt immer nur ſubjectiv. Ich muß Ihnen hier bemerken, daß Objectivetät, als das ſicherſte Merkmal des Dichters, Charakter nicht ausſchließt, daß man dieſen aber wohl zu unterſcheiden habe von Sub⸗ jectivetät. Dieſe nämlich iſt die ſtete Bezugnahme aller Erſcheinungen auf ſich ſelbſt und umgekehrt, und erzeugt nur eine Weltanſicht; Charakter aber iſt das ſcharf abgeſonderte Gegenüberſtehen den Erſcheinungen, der hiſtoriſche Blick in's Leben, der eine freie Welt an⸗ ſchauung gewährt: Anſichten hat auch der Verſtand, Anſchauung nur die Phantaſie, und die Originalität derſelben entſpringt aus dem Genie.— Dieſe Erläuterung macht mir klar, warum ich mich Dichterleben. 3 3⁴ mit ſo manchem poetiſchen Producte nicht befreunden kann; es iſt vielleicht nur die Unfreiheit des Sängers, die mich genirt. Finden Sie nicht, daß die franzöſiſche Poeſie allzu ſubjectiv? Sie iſt es; überhaupt ihre Kunſt. So kann der franzöſiſche Hiſtorien⸗Maler durchaus nicht feſt genug charakteriſiren, ſeine Phyſiognomien ſind immer fran⸗ zöſiſche; von Selbſtverleugnung weiß man in Ihrem geiſtreichen Lande nicht viel, eben weil der Geiſt zu poſitiv in Alles eingreift: inzwiſchen finden ſich einige rühmliche Ausnahmen. Aber ſie ſind ſelten? Sehr ſelten. So wenig als ihre Hiſtorien⸗Malerei, taugt ihr Drama aus dieſem Grunde und ſo ausge⸗ zeichnet ſind darum ihre rein lyriſchen Dichtungen, wie z. B. Lamartine's Meditationen und Harmo⸗ nien, Hugo's Oden und Beranger's Lieder. Im Romane, der Objectivetät erheiſcht, ſtehen ſie den Engländern und uns weit nach. Der franzöſiſche Geiſt iſt zu flüchtig für epiſche Ruhe und dramatiſche Ab⸗ geſchloſſenheit. Wir Menſchen ſind nun ſchon ſo; nicht Alle können Alles. Halten Sie Byron für einen großen Dichter? Wenn der Dichter ein Künſtler, das Gedicht ein Kunſtproduet und an dieſem unerläßlich iſt, daß es als ein Schönes die Phantaſie frei mache, d. h. läutere und beruhige, ſo dürfte dieſer gefeierte Geiſt nicht nur kein großer, ſondern gar kein Dichter genannt werden, da er ſeine herzzermalmenden, das Ohr der Seele zerreißenden Diſſonanzen niemals auf⸗ löſt. Er iſt ein großes Talent, aber kein Genie; ein gewaltiger Sänger, aber kein Dichter. Genie iſt Styl; er aber hat nur Methode, und zwiſchen der Abſichtlichkeit dieſer und der Freiheit jenes liegt eine unausfüllbare Kluſt. Dasſelbe denke ich von Schiller und Uhland. Beide ſind edle Sänger, aber viel zu ſubjectiv, um Dichter zu heißen. Es wird noch lange dauern, bis man dieſen Unterſchied ganz begreifen wird; im Allgemeinen verwechſelt man Schwung mit Phantaſie, und darin liegt der Irrthum, der ſich noch lange nicht klären wird. Er ſtiftet viel Un⸗ heil. So hat Schiller durch ſeine Subjectivetät, durch den ercentriſchen Schwung ſeines Wortes, durch maßloſe Idealiſirung des Beſtehenden das deutſche Theater zu Grunde gerichtet: er hat den Geſchmack überreizt, ſo daß die einfache, nahrhafte Koſt der Natur nicht mehr mundet. Aber kann denn die Natur alleinherrſchendes Princip in der Kunſt ſein, da dieſe ihr Entgegen⸗ geſetztes iſt? 22 0 Wer ſetzte denn die Kunſt der Natur entgegen? Was iſt Natur anders als die Geſammtheit phyſiſcher und moraliſcher Erſcheinungen, und was iſt die Kunſt anders als ſchöne Einkleidung der Ideen in analoge Formen, als Darſtellung, Anſchaulichmachung der Ver⸗ hältniſſe zwiſchen der Körper⸗ und Geiſterwelt? Gleich⸗ wie aber das Leben des Geiſtes, hat auch das Leben des Körpers ſeine Geſchichte, gegen deren Wahrheit zu verſtoßen eine äſthetiſche Sünde iſt; was in der Natur⸗ wie in der Weltgeſchichte als unſchön erſcheint, braucht der Künſtler nicht zum Gegenſtande der Dar⸗ ſtellung zu wählen; was er aber wählt, darf er nicht bis zu dem Grade idealiſiren, daß es vom hiſtoriſchen Standpunkte verrückt wird. So durfte Schiller ben Don Carlos nicht zum dramatiſchen Vorwurfe wählen und, wenn ſchon, nicht ſo darſtellen, denn ſo, wie er iſt, hört er auf eine hiſtoriſche Perſon zu ſein und die Geſchichte um ihn her wird eine Mothe. Dasſelbe gilt von der Maria Stuart und Wal— lenſtein. Wie man geſchichtliche Stoffe zu behandeln habe, zeigte Shakeſpeare: Wahrheit, innere und äußere, iſt unerläßlich; die innere— nach der Cha⸗ rakteranlage, die äußere— nach hiſtoriſchen That⸗ ſachen. Durch das ſogenannte, immer mißverſtandene, Idealiſiren des Thatſächlichen bekommen wir nichts ——— ——.—.—.———— ——— — als vage Begriffe in ungreifbaren Formen; es fehlt ſolchen Geſtalten das Weſen, das Sein der Indivi⸗ dualität. — Wie weit darf denn alſo der Künſtler im Ideali⸗ ſiren gehen? Idealiſiren iſt das Durchgeiſtigen der Materie, die Darſtellung der geheimnißvollen Beziehungen der körperlichen zur geiſtigen Natur, des Cauſalnerus zwiſchen Form und Idee. Hierin muß der Künſtler die Grenzen der Wahrheit nie aus den Augen verlieren, denn— nur ein Schritt darüber hinaus— und er iſt im Un⸗ ſchönen. Idealiſiren iſt nichts als das Beleben des Lebloſen, das Unterlegen einer Idee, einer Freithätig⸗ keit dem Unfreithätigen, mit einem Worte, es iſt ein Durchgeiſtigen. Eine hiſtoriſche Leiche aber, wie den Don Carlos durchgeiſtigen wollen, iſt kein Ideali⸗ ſiren, ſondern ein Galvaniſiren.— Sie mögen bei ſo ſcharfen Anſichten, Herr von*, wohl ſchweren Stand mit Ihren Collegen haben? Ich hüte mich wohl, mein äſthetiſches Glaubens⸗ bekenntniß als Miſſionär den Ungläubigen vorzutragen; ich ſchweige und ſtrebe ſchweigend auf dem Wege vor⸗ wärts, der mir als der einzig richtige zur Kunſt er⸗ ſcheint. Das Studium der Natur iſt und bleibt mir das Höchſte, Naturwahrheit Aufgabe meines poetiſchen 38 Strebens. Was hätte auch das Menſchenleben ſonſt für einen Erſatz nach allen Enttäuſchungen, wenn nicht die täuſchungfreie Natur und ihre ſchöne Abſpiegelung in der Kunſt!— Sie mögen viel gelitten, manche Täuſchung erlebt haben— Lieben heißt Leiden, und— ich habe geliebt. O wie ſehr verlangt es mich, im Buche Ihres Lebens zu leſen! Wünſchen Sie das nicht, Gräfin; das grelle Licht 3 meiner Erfahrung würde die holden Traumbilder Ihres ſüßen Morgenſchlummers verſcheuchen. Was aber gibt Ihnen dann die Kraft zu dichten? Eben der Contraſt. Ich verſtehe Sie; man dichtet im Winter Früh⸗ lingslieder, im Kerker eine Ode an die Freiheit. Ja, ſo iſt es: der Contraſt iſt die Seele der Kunſt.— Julie erhob ſich und betrachtete ihn mit Rührung. Wie ſchön war ſie in dieſem Augenblicke! Ihr geiſt⸗ volles Auge ſchwamm in leiſen Thränen, um ihre feinen Lippen zitterte ein zarter Schmerz, ihre edle Geſtalt beugte ſich ſanft in der Umarmung der Wehmuth. So reichte ſie ihm, indem er gleichfalls aufſtand, ihre mild erbebende Rechte und ſagte: Auch ich habe geliebt, unglücklich geliebt und ver⸗ ſtehe das Unausgeſprochene, vielleicht Unausſprechliche Ihres Kummers. Sie werden mir ein Freund werden, wie ich bereits Ihre Freundin bin. Laſſen Sie meine Seele ſich ſonnen in Ihrem Geiſte, unſere Herzen ge⸗ meinſchaftlich ſich erwärmen am Veſta⸗Feuer der Kunſt und das materielle Leben in jener Weiſe idealiſiren, daß die Form eine Idee gewinnt, wie ſie die ſchaffende Natur mochte geahnt, gewollt oder wirklich hineingelegt haben. Kommen Sie recht oft. Ach, es ſind mir ja ohnehin nur wenige Wochen iehr gegönnt für den Umgang mit Ihnen; wir gehen bald auf's Land.— Auf das Land? fragte er, unwillkürlich zuſammen⸗ fahrend und ſie düſter anſtarrend: waren Sie ſchon viel auf dem Lande? Leider noch nie auf einen ganzen Sommer; ich ſehne mich danach. Aber, mein Gott, was iſt Ihnen? Sie zittern— Bei meinem nächſten Beſuche will ich Ihnen eine Geſchichte vom Lande erzählen; für heute genug. Mit dieſen Worten empfahl er ſich. Als er ſich entfernt hatte, ſank ſie wieder in das Fauteuil zurück und— weinte. Warum? Hingebung. Carl wiederholte ſeinen Beſuch nach wenigen Tagen und hatte diesmal Gelegenheit, mit Julien den gan⸗ zen Abend allein zuzubringen. Sie empfing ihn auf ihrem Zimmer. Die Einrichtung dieſes Gemachs ath⸗ mete, wie ihr ganzes Weſen, Geſchmack. Er fand ſie am Claviere. Als er eintrat, wollte ſie den Flügel verlaſſen, gab jedoch ſeiner dringenden Bitte, weiter zu ſpielen, nach und wiederholte das Lied, das ſie eben geſungen hatte. Es war eine franzöſiſche Ro⸗ manze,„Souvenir“ betitelt, eine weiche Compoſition von elegiſcher Stimmung, und ſie ſang die ſchönen Verſe mit ſo hinreißender Schwärmerei, mit ſo zarter Leidenſchaft, daß er wie bezaubert vor ihr ſtand und regunglos den Schmelz ihrer ſchönen Stimme in ſich ſog; ſie ſang und ſpielte, als dichtete und componirte ſie in dieſem Augenblicke ſelbſt; es war kein Wieder⸗ geben, es war ein Schaffen, ein Improviſiren. Daß ſie den Blick nicht auf den Noten, ſondern auf ihm ruhen oder emporſtreben und ſich verklären ließ, ver⸗ ſtärkte den magiſchen Eindruck. Ja, ſagte er ſich ſelbſt, in dieſer Seele lebt eine poetiſche Erinnerung; ſie hat geliebt und haucht ihre Sehnſucht nach den Tagen, die nicht mehr ſind, in die Gegenwart aus. Als ſie mit einer ſanften Cadenz ſchloß, ergriff er ihre Hand und drückte ſie an ſeine Lippen. Sie ent⸗ zog ſie ihm nicht und ſprach mit einem ſchönen Blicke nach ihm: Was wäre das Leben ohne Erinnerung? Ein Spiegelglas ohne Folie, durch welches wir immer nur die grauverhüllte Zukunft und das buntverworrene Gedränge der Gegenwart erblickten; uns ſelbſt ſähen wir nicht ohne das Silber des Erlebten, das die Licht⸗ ſtrahlen unſres Weſens aufnimmt und der Beſchauung wiedergibt. Ich blicke gerne in dieſen Spiegel und betrachte nachſinnend oft die Pfade, auf denen Freude und Schmerz gewandelt; träume mir die halb ver⸗ blichenen Roſen meiner Wangen in ihrer erſten Früh⸗ lingsfriſche zurück und folge den Thauperlen der Wehmuth, wie ſie aus dem Auge über ſie dahin⸗ gleiten.— Glücklich iſt, entgegnete er, ihre Hand ſinken laſſend, 0 — wer in dieſem Spiegel nur erblaſſende Roſen erblickt und ſich ſelbſt nicht als Skelett; reich iſt, wer darin noch Perlen der Wehmuth zu zählen hat; beneidens⸗ werth iſt, wer noch trauern kann: Unglück, Armuth und Jammer fühlt man erſt, wenn man den Blick in die Vergangenheit nicht mehr wagt; ob aus eigener oder fremder Schuld, die Wirkung iſt gleich; und wer vermag dies zu unterſcheiden, den Zuſammenhang von Urſachen und Wirkungen ſich ſo klar zu machen, daß er ſich dabei vollkommen beruhigen könnte? Ich vermag es nicht; meine Phantaſie verfährt hierin mit ſo grauſamer Gewiſſenhaftigkeit, daß ſich meine Seele ſelbſt da noch anklagt, wo ſie die Jury aller zuſammen⸗ gerufenen Umſtände freiſpricht. Wer ſagt mir z. B., in wiefern ich bei der Geſchichte vom Lande, die ich Ihnen für heute verſprach, betheiligt, in welcher unmittelbaren Beziehung ich zur jammervollen, mehr als tragiſchen Kataſtrophe derſelben ſtehe? Ob ich es nicht bin, der ſie verſchuldete? Ob ich ſie nicht durch treue Hingebung und männliche Selbſtverleug⸗ nung unmöglich gemacht hätte? Wer, wer ſagt mir Wahrheit?— Ich, mein Freund, vermag es, wenn Sie mir Vertrauen ſchenken und Alles offenbaren wollen; mein Urtheil ſoll ſelbſt das hohe Intereſſe für Ihren Geiſt —————— 43 nicht beſtechen, ich werde nur mein Gefühl ſprechen laſſen und Sie ſo parteilos beurtheilen, als es einem Menſchen überhaupt möglich iſt. Kommen Sie, ſetzen wir uns dort unter die Bildniſſe Shakeſpeare's und Rouſſeau's, dieſer hellen Denker, und laſſen Sie uns koſen von dem, was vergangen; kommen Sie, mein Freund. Sie ſetzten ſich und er begann ſeine Erzählung mit Offenheit und aller Strenge gegen ſich ſelbſt. Nachdem er ihr eine Skizze ſeiner Jugendgeſchichte entworfen, ging er zur Sache über und erzählte ihr unumwunden Alles, was er in Roſenau erlebt, ſein Verhältniß zu Fanny, Adele und Emilie und die furchtbare Leidengeſchichte der letztren, vom Momente ſeiner erſten Trennung bis zu ihrem entſetzlichen Tode. Julie hatte ihn mit keinem Worte, keinem fra⸗ genden Blicke unterbrochen; mir Seufzer und einzelne Thränen ſtahlen ſich während ſeiner langen Mittheilung ihr aus der Bruſt und den geſenkten Augen. Er ſchloß ſeine erſchütternde Erzählung mit den Worten: Nun, Gräfin, wiſſen Sie Alles und mun ſprechen Sie mein Urtheil! Sie blickte auf, ihre Augen ſchwammen in Thränen und ſie ſagte, ihre Hand auf ſeine legend: Sie mußten thun, was Sie gethan; Sie ſind ſchuldlos. In Adelen lernten Sie die Leidenſchaft, in Emilien die irdiſche, in Fanny die ewige Liebe kennen; Sie mußten dieſer angehören, ſie war Ihr zweites Ich. Emilien hat ihr Vater zu Grunde gerichtet und ſie wäre auch ohne Sie verloren geweſen und wohl früher noch. Die Liebe dieſes Mannes hat den Keim des Verderbniſſes ſchon in das Herz des Kindes gepflanzt und dieſer mußte die Jungfrau zer⸗ ſtören. Sie ſtellte das Verhängniß als Führer auf den Weg dieſes unglücklichen Mädchens, aber zu ſpät; möglich, daß Sie es an dem drohenden Abgrunde hätten vorüber führen können, möglich, daß Sie die Stimme der Sünde in ſeinem Buſen würden zum Schweigen gebracht haben; möglich, jedoch nicht wahr⸗ ſcheinlich: ein ſo ſchnelles Sinken verräth, daß die Schwere des Ballaſts ſeiner Seele es früher oder ſpäter zum Fallen, zum Untergange gebracht hätte; beruhigen Sie ſich, mein Freund, Sie ſind an dieſem Unglücke ſchuldlos.— Sie ſprach dieſe Worte mit einer milden Begeiſte⸗ rung und dieſe ſank wie mit Frühlingsſonnenſtrahlen in ſeine eisumzogene Bruſt. Sie thaute auf und ſein Schmerz ſtrömte, nach ſo langer Zeit des ſtarrſten Grames, in warmen, ſanften Thränen hin. Er ſank — —,— * 45 vor ihr in die Kniee und barg ſein Antlitz in ihren Händen. Sie neigte ſich zu ihm, küßte leiſe ſeine glühende Stirne und ſagte: Meine Seele küßt Ihren leidenden Geiſt, auf daß er geſunde durch den Hauch der Freundſchaft. Ibr Unglück iſt mir heilig wie Ihr Vertrauen; und nehmen Sie als Beweis, wie ſehr ich Ihren reinen Schmerz ehre, die Geſchichte meines Herzens mit meinem gan⸗ zen Vertrauen hin. Habe ich auch gegen den blutigen Rubin Ihrer Erfahrung nur eine Perle wehmüthigen Andenkens einzuſetzen: nicht die Gabe, nur die Art des Gebens beſtimmt den Werth des Vertrauens, und ſo darf ich hoffen, Sie für das reiche Geſchenk des Ihrigen einigermaßen zu entſchädigen. Erheben Sie ſich und kommen Sie an mein Herz! Er ſchlug die naſſen Augen zu ihr auf und es war ihm, als öffnete ſich in ihrem verklärten Blicke ein noch ungekannter, ungeahnter Himmel und als zöge es ihn mit Engelsarmen hinein. Es waren aber ihre Arme, die ihn ſanft erhoben und in die er hineinſank, ein weinendes Kind. Sie umſchlang ihn weich und ihre Lippen begegneten und berührten ſich in einem Kuſſe, worin ſich ihre Seelen vermählten mit allen ihren Erinnerungen, allen Wonnen und Qualen. O des ſeltſamen Menſchenherzens! Es wandert, 46 wie von höherer Macht geführt, raſtlos von Schmerz zu Schmerz, von Genuß zu Genuß, unermüdlich in ſeiner Sehnſucht nach Glückſeligkeit, im Verlangen nach Liebe und Anerkennung, bis es bricht, bis es zu⸗ ſammenſinkt. Es vrientirt ſich in ſeiner Verirrung nie⸗ mals nach der Karte der Erfahrung, ſondern immer nur nach dem augenblicklichen Stande der Sonne oder der Sterne und, ſind dieſe himmliſchen Führer ver⸗ hüllt, nach dem Compaß ſeines ewigen Bedürfniſſes nach Verſchwiſterung, Verbindung, Vermählung. Das Tagebuch ſeiner Leiden iſt ihm eine unfruchtbare Lectüre; vielmehr tritt es mit ihm an die Bank des Lebens und zeigt es als eine carta bianca vor, deren unbe⸗ ſchränkte Forderungen es immer und überall reſpectirt wiſſen will. Wer ſtellte ſie ihm aus? Die Natur?— Hier ſehen wir wieder ein Beiſpiel für das eben Geſagte vor uns. Es verbünden ſich da zwei Herzen, die geliebt und gelitten, um wieder zu lieben und zu leiden; ſie fließen in einander wie zwei Thautropfen an einer umdornten Roſe; ſie umkreiſen die erſt geflohene Flamme, um von ihr angezogen und verzehrt zu wer⸗ den; ihr Schmerz, kaum eine Cypreſſe vor der Be⸗ haufung der Erinnerungen, wandelt ſich in eine Palme, die ſie beſchattet und wird im nächſten Augenblicke eine blühende Laube ſein, worin ſie beim Geflöte der Nachti⸗ 47 gallen ſich umſchlingen werden in neuer Begeiſterung, in neuer Liebe. Schon hat er den blutgefüllten Rubin ſeiner Erfahrung, den ihm die Wahrheit mit reinem Golde gefaßt und den er hatte tragen wollen als Ta⸗ lisman im Zauberlande der Täuſchungen, auf Juliens Stirne als Schmuck befeſtigt und ſie warf die koſtbare Perle der Wehmuth in den Becher des augenblicklichen Entzückens und ſchlürfte ſie mit dem ſüßen Liebestranke in ſich. Kein Wort von Liebe kommt über ihre Lippen, aber ſie lieben ſich bereits und halten ſich umſchlungen, als hätten ihre Herzen von Ewigkeit her an einander gepocht; die Blicke ihrer naſſen Augen fließen wie Sonnenſtrahlen durch Gewitterregen zuſammen und auf der Wolkennacht ihrer Vergangenheit ſchwebt die Iris der Verklärung. Carl— ſeufzt ſie auf, ſich ſanft aus ſeinen Armen entwindend,— wollen Sie mich nun hören? Er ſinkt in die Cauſeuſe zurück, bedeckt ſich mit beiden Händen das Geſicht und neigt ſchweigend das Haupt zur Bejahung. VI. Erſte Tiebe. Ich bin— begann Julie— mur zwei Jahre jünger als Sie unt in Frankfurt geboren, das einzige Kind meiner nicht glücklichen Eltern. Die Revolution nahm meinem Vater Alles und er ſah ſich als gänzlich verarmter Emigrant in Deutſchland genöthigt, ſich und ſeine liebevolle Gattin als Sprachmeiſter zu ernähren. Ich kannte meine gute Mutter nicht; meine Geburt war ihr Tod. Die Frau eines reichen Banquiers jener Stadt, in deſſen Hauſe mein Vater Unterricht ertheilte und hoher Achtung genoß, nahm mich vom Sterbelager meiner Mutter weg und bei ſich auf wie ihr eigenes Kind. Dieſer edelmüthigen Dame danke ich meine Erziehung, auf die ſie bedeutende Summen verwandte; ich ward nicht als die Tochter eines unbemittelten Leh⸗ rers, ſondern meinem Stande gemäß erzogen und lernte Alles, was für das Leben in der großen Welt er⸗ ——— —-——-— — 49 fordert wird. Mein lebhafter Geiſt, einiges Talent und dankbarer Fleiß unterſtützten die Bemühungen meiner lieben Meiſter und Meiſterinnen; ich war mit fünfzehn Jahren körperlich und geiſtig ausgebildet und befand mich im Beſitze eines großen Schatzes von Kenntniſſen, durch deren Anwendung ich, nach dem Plane jener Dame— die nun auch nicht mehr— meinem Vater eine ſorgenfreie Zukunft bereiten ſollte als Geſellſchafterin oder Erzieherin, falls mir nicht, wie ſie hoffte, das Glück würde, durch eine günſtige Heirath meine und meines Vaters Eriſtenz anſtändig zu ſichern. Der Treffliche hatte bis dahin ſeine be⸗ ſcheidene Lebensweiſe mit hoher Selbſtverleugnung fortgeſetzt und meine Erziehung liebevoll überwacht; er ſelbſt lehrte mich die Geſchichte Frankreichs, den Geiſt und die Literatur meiner Mutterſprache und las mit mir die ausgezeichnetſten Werke über Erziehung, Religion und Politit. Er impfte mir das monarchi⸗ ſche Lebensprincip ein, zu welchem mich ohnedies die Erfahrung meiner Eltern, mehr aber noch ein gewiſſer Schönheitſinn zog, ein poetiſches Gefühl führte: die Harfe, ſagten Sie ſelbſt, lieber Carl, lehnt ſich gerne an den Thron. Ich möchte hinzuſetzen: Das Frauen⸗ herz iſt eine Harfe, von ſo zarter Beſaitung, daß ſie ihre natürliche Stimmung nur in der milden Atmo⸗ Dichterleben. 4 50 ſphäre der Schönheit beibehält. Die Kunſt theilt das Loos des Frauenherzens, auch ſie iſt weiblicher Natur und der männliche Schrei nach Freiheit und Gleichheit verſtimmt ſie. In der Gleichheit findet ſie nichts Darſtellbares, denn nur im Contraſte liegt das Ma⸗ leriſche; die nordamerikaniſchen Freiſtaaten haben keine großen Künſtler aufzuweiſen und Shakeſpeare iſt ein Ariſtokrat.— Ich kehre zu mir zurück und bemerke nur noch hierüber, daß der ſchöne Glaube meines für alles Schöne empfänglichen Herzens bald zur Ueberzeugung erſtarkte, die mich durch alle ſpäteren Verhältniſſe be⸗ gleitete und noch heute all mein Denken und Thun beſeelt. Sechzehn Jahre alt, kam ich, durch Empfehlung meiner zweiten Mutter, nämlich der Banquiersfrau, zu der reichen ruſſiſchen Fürſtin*** als Geſellſchaf⸗ terin und machte bald darauf mit dieſer, damals un⸗ gefähr dreißig Jahre alten, ſo geiſtvollen als ſchönen Dame eine Reiſe durch Italien bis Sicilien. Mein Vater blieb in Frankfurt und ich hatte die Satisfar⸗ tion, ihn durch die Großmuth der Fürſtin recht be⸗ haglich geſtellt zu wiſſen, ſo daß es ihm möglich ward, ſeine ermüdenden Lectionen zu quittiren und ſich und ſeinen Erinnerungen allein leben zu können; in wel⸗ das tur heit chts Na⸗ eine iſt och lles ung be⸗ hun ung rau, af⸗ un⸗ nen ein fac⸗ be⸗ ard, und vel⸗ 51 cher Lage ich ſo glücklich war und bin, den Guten fortwährend zu erhalten. Die Trennung vom Hauſe meiner Wohlthäterin war mein erſter Schmerz; indem ich das wehmüthige Andenken an meine Mutter und den früheren Kummer über das Schickſal meines Vaters übergehe. Sie kennen, mein Freund, Italien, das Wun⸗ derland und mögen ſich den Eindruck denken, den ſein Himmel und ſeine Kunſt auf meine Phantaſie wie auf mein Herz ausgeübt; rechnen Sie dazu den ununterbrochenen Ideenaustauſch mit einer genialen Frau voll Feuer und Geſchmack und Sie werden die Summe ziehen aller meiner Genüſſe. Ich ſchwamm in einem Meer von Wonne und ſchluchzte oft vor Entzücken und Dankbarkeit gegen den Schöpfer aller dieſer Herrlichkeit. In Neapel grenzte meine Begei⸗ ſterung faſt an Wahnſinn und ich begreife heute noch nicht, wie ich dem Sturme meiner Empfindungen nicht erlegen bin.— Wir blieben faſt ein Jahr in dieſer paradieſiſchen Stadt, auf dieſem zur Erde ge⸗ fallenen Stück Himmel. Es war im Winter 182. Die Fürſtin hielt Salon und ſah die glänzendſten Erſcheinungen des Tages, faſt Alles, was durch Rang, Reichthum, Schönheit, Geiſt und Kunſt ausgezeichnet war, um ſich. Sie war, —————— — wie ich ſchon bemerkt, eine ſehr intereſſante und, ich muß hinzuſetzen, ſehr ſchöne Frau. Wittwe ſeit fünf Jahren, kinderlos, unabhängig, reich: lebte ſie aus⸗ ſchließend nach dem Bedürfniſſe ihres gebildeten Geiſtes und der jedesmaligen Eingebung ihres Herzens. Sie gefiel ſich in der Bewunderung, die man ihr allgemein zollte, und nahm die Huldigungen junger Männer zwar ohne Koketterie aber mit einem gewiſſen Selbſtgefühle hin, das jede zu große Vertraulichkeit unmöglich machte und ſelbſt die Ungeſtümſten in ehrerbietiger Ferne hielt. Nur gegen einen ihrer zahlreichen Verehrer war die Fürſtin minder zurückhaltend, minder ſtreng. Der ausgezeichnete Sänger Aleſſandro?““?, der in jenem Winter wahre Triumphe in San Carlo feierte und durch den Zauber ſeines himmliſchen Tenors, durch ſein herrliches Spiel wie durch ſeine außerordentliche Schönheit alles zum Entzücken, zur Bewunderung hin⸗ riß, imponirte ihr durch die edle Weiſe, in der ſeine Liebe— wie ſie glaubte— zu ihr ſich kundgab. Carl ließ bei dieſen Worten ſeine Hände vom Ge⸗ ſichte in den Schooß ſinken und ſagte, mit einem durch⸗ dringenden Blicke auf die ſchöne Erzählerin: Er liebte ſie alſo nicht? Vernehmen Sie, fuhr Julie fort, ich komme darauf. Aleſſandro, damals ungefähr fünfundzwanzig Jahre ———— 3— 53 alt, war in der That nicht nur der ſchönſte Mann unſeres Salons, ſondern vielleicht auch von ganz Nea⸗ pel. Ein geborner Römer, hatte er bei allem Feuer ſeines Weſens, etwas Antikes, Erhabenes, Heroen⸗ mäßiges; jede ſeiner Bewegungen zeugte von Seelen⸗ adel und der Ausdruck ſeiner Stimme von gewaltiger Empfindung: er ſah aus, als wollte er die Welt er⸗ obern oder vielmehr, als hätte er ſie ſchon erobert. Sein Kopf war wirklich das Schönſte, was man ſehen konnte: der ſchärfſte Blick eines Plaſtikers hätte keinen Zug davon unverträglich mit dem Principe der reinſten Schönheit gefunden. Die Damen vergötterten, ſelbſt die Herren bewunderten ihn.— Er näherte ſich der Fürſtin und huldigte ihr. Aber dieſe Huldigung war von der gewöhnlichen Courtviſie ſo weit entfernt und verhielt ſich zu dem Gemeinplatz⸗Ergießungen der Ca⸗ valiere wie die Glut der tropiſchen Sonne zu der von Deutſchland; ein Blick, ein Wort, ein Lied von ihm ſagte mehr als hundert Tiraden der übrigen Petit- maitre-Seelen. Nie ſprach er von Liebe mit ihr, ſo oft er auch mit ihr allein zu converſiren das Glück hatte: aber ſein ganzes Weſen war Liebe, primitives Gefühl, vom Herzen ausſtrömend und alle Herzen über⸗ fluthend. Alle?— fragte Carl: alſo auch Ihr Herz? ————————————— 54 Ja, verſetzte Julie ruhig: auch das meinige; ich liebte ihn vom erſten Augenblicke an. Und er? Hören Sie weiter. Aleſſandro galt für den be⸗ günſtigten Verehrer der Fürſtin; ganz Neapel ſprach davon. Ich litt dabei unſäglich; um ſo mehr, da ich niemand kannte, niemand hatte, dem ich mich anver⸗ trauen, mittheilen konnte. Ich verbarg mich mit mei— ner Leidenſchaft, meinem namenloſen Schmerze. Daß ihn die Fürſtin liebte, wußte ich; ach, ſie ſagte es mir ja ſelbſt, ſprach zu mir täglich, ſtündlich von ihm, von ſeiner Zärtlichkeit für ſie, von ihrem unbeſchreiblichen Glücke! Sie liebte ihn mit ſolcher Hingebung, daß ſie ſogar beſchloß, wie ſie mir ſelbſt vertraute, ihm ihre Hand zu reichen und mit ihm nach England zu reiſen, um der médisance zu entgehen. Nicht im Entfernteſten ahnte ſie meine Qual, die nagende Sehnſucht meines Herzens, die tiefe Troſtloſigkeit mei⸗ nes Geiſtes; ſie ſchrieb mein Erbleichen dem unge⸗ wohnten Klima—, mein Schweigen, mein Bedürfniß nach Einſamkeit nur der Erinnerung an meinen Vater zu. Zudem gab ſie mir verſchwenderiſche Beweiſe von Zärtlichteit für mich; ſie forderte täglich Wünſche von mir, nur um ſie mir zu befriedigen und mir eine Freude machen zu können: ſie behandelte mich wie ———————————————— eine Freundin, wie eine geliebte Tochter oder Schwe⸗ ſter. Ihre Güte, ihre Großmuth, ihr Glück entwaff⸗ neten meinen Schmerz allmählig und ich gewann nach und nach die Ueberzengung, daß ich Urſache habe mit mir zufrieden zu ſein und es mir unmöglich ſein würde, ihr hierin auch nur den kleinſten Schmerz zu bereiten. Ich zog mich noch tiefer in mich zurück und ſuchte Troſt und Ruhe in Arbeit und Gebet. So blieb es durch zwei Monate und ſo fand mich der Frühling; die aufblühende Natur ſah mich faſt verwelkend. Ach, was will alle geiſtige Anſtrengung ſagen gegen die Stimme eines ſo jungen zum erſten Male liebenden Herzens!— Mein Entſchluß war übrigens gefaßt; ich wollte die Fürſtin verlaſſen und zu meinem Vater nach Frankfurt eilen. Konnte ich denn die Glücklichen nach London begleiten? Es wäre Selbſtmord geweſen. Noch aber hatte ich nicht den Muth errungen, dieſen meinen Entſchluß der Für⸗ ſtin zu eröffnen. O daß ich gezögert!— Julie hielt hier inne, Thränen rieſelten ihr über die Wangen und ſie blickte nachdenkend vor ſich hin. Carl betrachtete ſie aufmerkſam, unterbrach aber ihr ſchmerzliches Schweigen nicht. Sie ſeufzte tief auf, drückte ihm wehmüthig lä⸗ chelnd die Hand und fuhr fort: 56 Laſſen Sie mich, mein Freund, den bittren Kelch der Erinnerung gänzlich leeren! Vertrauen gegen Vertrauen, und nun vernehmen Sie weiter!— Die Anſtalten zur gemeinſchaftlichen Abreiſe wur⸗ den getroffen und am letzten Abende unſres Aufent⸗ haltes in Neapel ſollte die Trauung der Fürſtin mit dem Sänger in aller Stille ſtattfinden. Noch immer hatte ich nicht geſprochen; eine ge— heimnißvolle Macht hielt mich zurück, feſſelte meine Zunge, lähmte meine Willenskraft. Es waren nur noch acht Tage bis zu dem für meine Phantaſie ent⸗ ſetzlichen Momente hin, da ein unauflösliches Band Aleſſandro an ſie, an meine Wohlthäterin knüpfen ſollte. Mein Zuſtand grenzte an Wahnſinn; ich war unfähig, einen klaren Gedanken zu denken, irgend einen Ausweg zu ſuchen, einen beſtimmten Entſchluß zu faſſen. So, zerrütteten Geiſtes und Herzens, lag ich ei⸗ nes Morgens in meiner Lieblingslaube, in Thränen gebadet und die Hände ringend wie nach Hilfe. Ich ſtarrte in das Meer, in das von Sonnenſtrahlen ver⸗ klärte, herrliche Meer und fragte mich, ob nicht in ſeiner Tiefe Ruhe zu finden ſei: mein Gott! ſtam⸗ melte ich ſchluchzend und dann rief ich, meiner ſelbſt wie der ganzen Welt um mich her vergeſſend und die 57 Arme in die Luft ausbreitend: Aleſſandro für mich verloren! Ein Geräuſch hinter mir ſchreckt mich auf, ich wende mich erbebend und— ihr ewigen Mächte! — Aleſſandro ſteht vor mir. Ich brach ſtöhnend zu⸗ ſammen und ſank in Ohnmacht. Als ich die Augen wieder aufſchlug, ſah ich mich in ſeinen Armen, an ſeinem Herzen, im Sonnenlichte ſeines Blickes, fühlte die Gluth ſeines Athems, ſeiner Küſſe und vernahm ſeinen begeiſterten Zuruf: Giulietta, du biſt mein und ich bin dein für ewig!— Aus meinem früheren Wahnſinn der Entſagung verſank ich nun in den des Entzückens. Die Fürſtin war im Bade, wie er mir ſagte, und wir blieben durch zwei Stunden ungeſtört. Er betheuerte mir mit dem ganzen Feuer ſeines Weſens, daß er mich vom erſten Augenblicke an geliebt und daß ihn nur Leiden⸗ ſchaft und Eitelkeit an die Fürſtin gezogen und bis jetzt gehalten; daß er ihr nie ſeine Hand gereicht und nie um ihrer willen ſeine Künſtlerlaufbahn verlaſſen hätte; er beſchwor mich, mit ihm zu fliehen, da an eine Zuſtimmung der Fürſtin nicht zu denken wäre, und mich vorher heimlich mit ihm trauen zu laſſen.— Ich verſchlang ſeine Worte wie ſeine Blicke und Küſſe und mein ganzes Bewußtſein löſte ſich in Se⸗ ligkeit auf und verſchwamm in dem einzigen Gefühle ihm angehören zu dürfen und, o Wonne! von ihm geliebt zu ſein. Ich war bezaubert und nicht mehr zurechnungfähig; ich ſchwur ihm zu, Alles zu thun, was er von mir verlangen würde. So feurig er war, ſo zart verhielt er ſich zu mir, ſo rein blieb unſer Glück durch mehrere Tage; meine Seele war berauſcht, aber dom reinſten Nektar der Himmliſchen, ohne allen irdiſchen Beigeſchmack: ich war ſo unausſprechlich glücklich durch Aleſſandro, wie Sie durch Fanny. Sein Kuß weckte die ſchlummern⸗ den Roſen meiner Lippen und Wangen, an der Flamme ſeines Blickes entwickelte ſich die Wärme meines Au⸗ ges, ſein Puls beflügelte den meinigen wieder; ich feierte meine Palingeneſie in ſeinen Armen nach weni⸗ gen Stunden.— Und die Fürſtin bemerkte, ahnte nichts? fragte Carl, vor ſich hinblickend. O wie ſchneidet Ihre Frage mir in's Herz, rief die Erzählerin aus, und wie ſtreng mögen Sie mich bereits gerichtet haben! Doch— ich bin am Schluſſe.— Die Fürſtin ließ mich rufen, ſpät, gegen Mitter⸗ nacht. Wir hatten dieſen Tag keine Geſellſchaft ge⸗ ſehen und ſelbſt Aleſſandro war nicht gekommen oder nicht vorgelaſſen worden, denn ſie klagte über Migräne und wollte, wie ſie mir und der Dienerſchaft auf das ————————————————————— 59 beſtimmteſte beſohlen, den ganzen Abend allein und ungeſtört ſein. Ich war auf meinem Zimmer geblie⸗ ben, beſchäftigt mit Träumen der Zukunft. Als ich gerufen ward, bebte ich unwillkürlich zuſammen; mir war, als ſollte ich vor meinen Richter treten. Ich glaubte die Fürſtin längſt zu Bette und begab mich erſchreckt und verwirrt in ihr Boudoir. Sie lag im Nachtkleide auf dem Ruhebette. Das gedämpfte Licht der Lampe vor ihr ließ mich beim Entritte nicht ſogleich den Ausdruck ihrer Züge wahrnehmen; aber ihrer Haltung nach— ſie hatte das Haupt in die linke Hand geſenkt und hielt in der rechten ihr Taſchentuch— ſchien ſie geweint zu haben. Kommen Sie, mein Kind, ſagte ſie leiſe und tief aufſeufzend, ſetzen Sie ſich zu mir. Ich trat näher und ſah nun die Veränderung, die mit ihrem ganzen Weſen vorgegangen. Ihre edle ſtolze Haltung war gewichen, tiefe Niedergeſchlagenheit, Trauer, Gram lag über ſie ausgegoſſen; ihre Augen waren noch feucht, ihr Antlitz bleich und entſtellt, ihre Lippen bebten vor innerer Bewegung. Ich liebte ſie wirklich; mir war als ſollte ich bei ihrem Anblicke vor ſchmerzlicher Theilnahme aufſchreien, aber ein ſtärkeres Gefühl, wohl nur das meines Un⸗ rechts gegen ſie, machte mich verſtummen und ich ließ 60 mich zitternd und ſchweigend vor ihr nieder oder ſank vielmehr in das Fauteuil zur Seite ihres Hauptes, den Blick ſcheu und ängſtlich auf ihre geſenkten Augen gerichtet und athemlos des Urtheils harrend, das wahrſcheinlich verdammend über mich ergehen ſollte. Eine Minute verging ſo; ſie ſchien mir eine Ewig⸗ keit: vielleicht wird die Ewigkeit auch nur eine ſolche Minute ſein. Endlich ſchlug ſie die Augen auf und ihr Blick traf den meinigen. Aber welch ein Blick! Kein Vor⸗ wurf, nicht der leiſeſte, lag in ihm, wenn es nicht die unausſprechliche Wehmuth war, die in ihrem Auge zitterte, wie die Perle auf einer geknickten weißen Roſe. Ich war auf Alles gefaßt, nur nicht auf dieſen Blick, auf dieſe Engelsmilde, und ich ſtürzte wie ver⸗ nichtet und laut aufſchluchzend vor ihr nieder und barg mein Geſicht in ihrem Schoße. Da ſprach ſie, und ihre milden Töne klangen über meinem Haupte wie die Poſaunen des Weltgerichts. Sie ſprach: Mein ſüßes Kind, meine theure Julie, wir beide ſind unglücklich, unglücklich durch Verrath. Wir beide ſind betrogen, ſchmählich hintergangen von ihm, deſſen Namen nie mehr meine Lippen beflecken ſoll. Er iſt meiner und Deiner Thränen unwürdig, ich habe den — Beweis zur Hand. Uns beiden hat er Liebe geheuchelt, er hat uns beide getäuſcht. An mich zog ihn, wie ich nun weiß, Eitelkeit; zu Dir, Julie, riß ihn Ueber⸗ raſchung, momentane Leidenſchaft hin; er iſt jener Liebe, wie ſie ein edles Frauenherz erheiſcht, unfähig. In dieſem Augenblicke ſchwelgt er in den Armen einer Dritten, einer Ballerine, einer aus der Bande von Gauklern, zu der auch er gehört. Ich erfuhr es durch einen treuen Diener. Er hat dieſes Mädchen zum Falle gebracht und lebt auf die ſchamloſeſte Weiſe mit der Geopferten. Durch Pietro weiß ich auch, daß er ſich Dir genähert, Dir von Liebe, von heimlicher Verbindung geſprochen. Du haſt ihn geliebt, du muß⸗ teſt ihn lieben, jedes Weib muß ihn lieben, das nur einmal in das Antlitz dieſes gefallenen Engels geblickt; Du haſt gerungen, gelitten um mich, und nun erkenne und ehre ich Dich darum; daß Du endlich unterlegen im Kampfe, kann ich Dir nicht zum Vorwurfe machen, da ich, die Aeltere, unterlag. Er hätte uns beide ge⸗ täuſcht, wir wären beide verloren geweſen. Und nun erhebe, beruhige Dich und komm an mein Herz! Ich erhob mich in meiner Zerknirſchung und ſank an ihre Bruſt, an ihren Mund. Sie umſchlang mich ſanft und fuhr beruhigter fort: Wir verlaſſen mit Tagesanbruch dieſe Stadt, dieſe — ——— 62 trügeriſche Quelle unſerer gemeinſchaftlichen Leiden und reiſen nach Paris; mein Banquier wird meine hie⸗ ſigen Angelegenheiten ordnen und in dieſem Augenblicke ſchon trifft Pietro Anſtalt zu unſerer Abreiſe. In drei Stunden erwarte ich Dich. Du gehſt doch gerne? O Fürſtin, o meine Wohlthäterin, rief ich hin⸗ geriſſen von heiligem Zorne und begeiſtertem Dankge⸗ fühle aus: mein ganzes Leben ſoll Ihnen beweiſen, wie tief ich mein Unrecht und die Verpflichtung fühle, daß Sie mich von dieſem Abgrunde als mein guter Engel zurückgezogen. Ich folge Ihnen, wohin es ſei: ſchon in dieſem Augenblicke verachte ich den Elenden! Geh nun auf Dein Gemach, ſchloß ſie, und ordne Deine Koffer. Mit dieſen Worten entließ ſie mich. Drei Stunden ſpäter waren wir auf dem Wege nach Rom. Hier, mein Freund, haben Sie die ſchmerzliche Geſchichte meiner erſten Liebe, meiner erſten Täuſchung und Ent⸗ täuſchung. Die Fürſtin erhob ihr Geiſt, mich mein Selbſtgefühl, meine Jugend; wir ſprachen nie mehr von ihm. Wir bereiſten ganz Frankreich und Deutſch⸗ land. Vor zwei Jahren kehrte ſie nach Rußland und zwar, wie ſie mir betheuerte, für immer zurück. Unſere Trennung, ich konnte meinen Vater nicht verlaſſen, war ſchmerzlich. Sie verſprach, mit mir in Correſpondenz zu bleiben und hielt Wort. Ihre ſchönen Briefe aus Peters⸗ burg gehören zu den edelſten Genüſſen meines einſamen Herzens. Die Fürſtin ſteht im Begriffe, ſich dort wieder zu vermählen; ſie iſt wieder ruhig, wieder glücklich.— Und Sie? fragte Carl. Und ich— entgegnete Julie— indem ſie ſeine Hand ergriff, hoffe es zu bleiben durch Ihre Freundſchaft. Der Menſch ſpielt mit Begriffen und Empfindungen wie das Kind mit Blumen, ohne ſie zu kennen. Freund⸗ ſchaft? Was iſt ſie? Beſteht ſie? Und wenn ſchon, beſteht ſie zwiſchen Mann und Weib, kann ſie beſtehen zwiſchen den freien Herzen des Jünglings und der Jungfrau? Begnügt ſich das jugendliche Haupt mit dem Kranze ihrer Immortellen? O es verlangt nach Roſen, nach immer friſchen Roſen, ob auch die Stirne noch blutet unter den zurückgebliebenen Dornen der verwelkten! Das Herz ſcheint nur eine Erinnerung an die Leiden der Liebe zu haben, hat aber in Wahrheit nur Gedächtniß für ihre Wonnen; es ſucht die Sonne durch alle Wolken, es harrt des Lucifers, wann der Heſperus entſchwunden; ſeine Sehnſucht nach Glück⸗ ſeligkeit macht aus dem Vergänglichen ein Ewiges, aus dem immer Sterbenden ein immer Lebendes, aus aller Vergangenheit eine Gegenwart. 6⁴ Was iſt erſte Liebe? Der Liebe Erſtes nur, die erſte Zeit der Liebe. Wir ſind mit unſichtbaren, unauflöslichen Fäden an das Schöne gebunden und die Freiheit der Wahl iſt nur eine holde Nothwen⸗ digkeit: wir müſſen lieben. Dieſe Wahrheit machte ſich bald bei Carl und Julien geltend; nur wenige Tage und ſie umſchlan⸗ gen ſich, hingeriſſen Herz an Herz durch die geheim⸗ nißvolle Anziehungkraft dieſes unſterblichen Gefühls. Sie waren glücklich. Ihr Blick in die Zukunft fiel auf kein Hemmniß. Sie hatte ſich in dieſer Fa⸗ milie nur auf unbeſtimmte Zeit verpflichtet und konnte dieſes Haus jeden Augenblick verlaſſen; ſie ſetzten ihre Verbindung auf den nächſten Herbſt feſt; dieſen Som⸗ mer wollten ſie die nöthigen Anſtalten hierzu treffen, er in der Stadt und ſie auf dem Lande, und dabei in ununterbrochenem Briefwechſel bleiben.— Wie verflogen die Tage! Der Frühling erſchien, eh ſie es gewahrten, und mit ihm die Stunde der Trennung. Als ſie ſchlug, erneuerten ſie das Bündniß ihrer reinen Liebe unter herzzerreißenden Thränen und ſchieden mit den heiligen Betheuerungen, nur ſich und ihrer nahen Zukunft leben zu wollen. ———————————————————— nit en en, VII. Correſpondenz. Mit friſchem Geiſte, neubelebter Phantaſie, erhöhtem Lebensſchwunge ging Carl nun wieder an ſein Tage⸗ werk und förderte aus dem reichen Schachte ſeines Gemüthes Wahrheit und Dichtung zu Tage. Er hatte nunmehr ein Ziel vor Augen, er wußte, was er wollte, wofür er ſtrebte; eine ſchöne Zukunft eröffnete ſich ſeinem ſtrebenden Blicke, ſeine Sehnſucht hatte einen Anhaltspunkt. Er konnte das Leben wieder lieben; die Erſcheinungen des Tages ſchrumpften nicht mehr zu Bildern einer camera obscura ein, ſie ſchwebten an ihm vorüber in natürlichen Verhältniſſen, in Größe und Farbe der Wahrheit. Sie alle aber ſchienen ihm nur die Staffage zu Juliens Bilde, worin ſich nun alle ſeine Gedanken und Gefühle concentrirten. So ſchrieb er bald nach ihrer Abreiſe eines ſchönen Morgens eine Epiſtel an ſie, worin folgende Stelle Dichterleben. 5 66 ſein feuriges Hinſtreben nach ihr lebendig genug aus⸗ ſprach: „Ich lebte kaum, ſtänd' nicht das Hoffen Mir wie ein ſchöner Garten offen, In dem ich mich ergehen kann: Die Hoffnung, Dich mir zu erleben, Mit Dir zu wandeln eine Bahn, Dich zu erreichen, hält mich wach; Macht mir die Gegenwart entſchwinden, Verleiht mir Kraft, die Zeit zu binden An mich, mit ihr empor zu beben, Auf ihrem Fittig allgemach Dem Ziele näher ſtets zu ſchweben Und näher; bis ich es erreicht, Und trunknen Blick's von ſeiner Höhe Auf die verlaſſ'ne Tiefe ſehe, Worin beſiegt mein Schickſal keucht, Vor meinem Willen bang erbleicht In ſeines Neides dumpfem Wehe!“ So gab er ſich jenem dichteriſchen Traumleben, woraus ihn vor Kurzem das grelle Licht der Wirklichkeit ſo ſchmerzlich erweckt, auf's Neue hin und, wie er Alles that, mit ganzer, mit ungetheilter Seele. Ihre Briefe trugen hierzu nicht wenig bei. Ihr heller Geiſt, die Schärfe ihrer Gedanken, die Klarheit und Anmuth ihres Ausdrucks, der Adel ihrer Geſin⸗ nung und die Weichheit ihrer Empfindungen rührten, begeiſterten, entzückten ihn: ſie ſchien ihm das vollen⸗ ——————— N 67 detſte Weib, das ihm bisher begegnet, und alle Eigen⸗ ſchaften in ſich zu vereinigen, einen Mann zu beglücken. War ſie nicht ſo ſchön wie Fanny, ſo überſtrahlte ſie dieſelbe durch Grazie; was in jener nur als Ah⸗ nung, als geheimnißvolle Sehergabe, als Intuition ſich ausgeſprochen, war in Juliens Geiſte ſchon zur Erkenntniß, zur Wahrheit, zur Thatſächlichkeit gereift: ſie verſtand den Dichter in ihm, und: „Der Mann wrill nicht geliebt allein, Der Mann will auch verſtanden ſein!“ Aber dieſe Klarheit, die ſie über den Ideenkreis ver⸗ breitete, worein ſie ſeine Briefe führten, verringerte den Nimbus der Idealität nicht, der um ſie ſchwamm; kaum, daß ſie ſich ihm näherte und ſeine leitende Hand erfaßte, um mit ihm das dunkle Labhrinth der Philo⸗ ſophie zu durchſchreiten, ſah er ſie wieder über ſich, getragen von den Sonnenſtrahlen reiner Begeiſterung, im Aether der Schönheit, ſchwebend über dem Gewölke der Wahrheit. Stand ſie jetzt vor ihm wie eine He⸗ roine ihres Geſchlechtes, die heiligen und ſo oft ver⸗ letzten Rechte deſſelben gegen das Hohnlächeln der Her⸗ ren der Schöpfung im kühnen Worte zu verfechten; ſo ſah er ſie im nächſten Augenblicke zu ſeinen Füßen knieen wie ein ſpielendes Kind, wie einen betenden Engel: nie aber überſchritt ſie die Grenzen der zarte⸗ 68 ſten Weiblichkeit, immer lag der Gürtel der Anmuth um ſie. Er liebte, er verehrte, er betete ſie an, und ſeine Briefe waren vielleicht das Wahrſte, Innigſte, was er jemals geſchrieben. Der Seelenaustauſch in ihrer Correſpondenz be⸗ ſchränkte ſich jedoch nicht auf ihre Geſchäftszuſtände, auf ihr Liebeleben allein; zwar bildete dies die Baſis aller Mittheilungen, aber ſie führten darüber Säulen⸗ gänge auf, in deren Schatten ſich ihre Geiſter mit dem Genius der Liebe ergingen wie die Schüler in den Akademien der Alten. Wir wollen hier einige dieſer Briefe mittheilen, die zwar eine Pauſe in die eigentliche Erzählung bringen, aber für jene Leſer vielleicht nicht ohne In⸗ tereſſe ſein werden, die ein inniges Seelenleben gerne nach allen Richtungen hin zu beobachten und die in einer Novelle mehr als trockene Thatſächlichkeit zu ſuchen gewohnt ſind. Dieſen— geben wir einige Auszüge. —————————— 69 Julie an Carl. So liegt denn nunmehr der Hellespont der äußeren Nothwendigkeit zwiſchen uns! Leanders Geiſt durch⸗ ſchwimmt ihn, um Hero's Seele zu küſſen. Deine Briefe werden mir Zeit und Raum entſchwinden, Ver⸗ gangenheit und Zukunft zur Gegenwart, Hoffnung zur ſchönen Wirklichkeit machen. Wenige Stunden reichten hin, mich hier einzubür⸗ gern; wohin ich blicke, wo ich mich anfrage, kommt mir liebevoll die Natur entgegen mit den freundlichſten Geſetzen, unter deren holdem Himmel ich die Zeit unſerer Trennung verleben ſoll. Trennun g? Man ſagt, Herzen trenne nichts. Iſt es ſo? Ach, wie bleich und kalt erſcheint dem Auge der Sehnſucht das Wort und wie viel mehr gilt ihm ein Blick, ein Kuß! Meine Fenſter führen in den Park und ein weiter Horizont liegt offen vor mir. Blumen duften zu mir empor, die Bäume rauſchen, Nachtigallen ſingen ihr Entzücken mir zu, Sonnenſtrahlen begeiſtern, Mond und Sterne verflären das ſüße Frühlingsdaſein um mich her, und dennoch füllt ſich mein Auge bisweilen mit Thränen. Ach, das Ganze erſcheint mir ja nur als ein koſtbarer Rahmen zu Deinem Bilde, das ihm fehlt! Die Thätigkeit meiner Phantaſie reicht nicht — ——— aus, das Verlangen des Herzens zu befriedigen; ſie vermag es nicht, Dich ihm ſo nahe zu bringen als es Dich will. Eine Minute, verlebt in Deinen Armen, wöge den ganzen Reichthum der Einbildungskraft auf! So aber ſind wir Menſchen nun ſchon; niemals leben wir dem Augenblicke, nie vermögen wir es, uns die Zeit als ein Ungetheiltes, Untheilbares zu denken, als ein Element der Ewigkeit; wir ſcheiden es chemiſch und gewinnen aus Wirklichkeiten nichts als Abſtrac⸗ tionen, für Empfindungen vage Begriffe, für Daſein Ahnung. O mein Freund, lehre mich glücklich ſein im Un⸗ glücke dieſer Wahrheit und gib Troſt Deiner troſtloſen Julie. Carl an Julie. O Julie, wie ſehr haſt Du recht! So iſt's: nie lebt der Menſch dem Jetzt. Der Reiz des Augenblicks vergeht, Die Sehnſucht iſt's, was ihm zuletzt Von allen Freuden übrig ſteht. Die Sehnſucht nach Erneuerung Des kaum verflog'nen Augenblicks; Der Wunſch, des halbgenoſſenen, 71 So eben ihm entſchwund'nen Glücks Geſtalten einmal noch zu ſeh'n; Noch einmal die Verwirklichung Des lieben Traumes zu erſchauen, Verfolgen ihn durch alle Zeit: Bis endlich, ach! der nahen Bahre Schmerz⸗ und verlangenloſe Jahre Die kargen Locken ihm ergrauen, Einſinkt ringsum die Wirklichkeit. Du hatteſt Recht. Was uns erfreut, Das aufgeblühte Blumenbeet, Die volle Roſe iſt es nicht; Was durch den Keim verborgen weht, Was aus der Knoſpe Hoffnung bricht, Das macht allein das Erdenglück, Das iſt's, wonach ſo lechzend ſpäht Der immer glüh'nde Menſchenblick.— So ſteht vor mir die Erinnerung an die ſchönen Tage, die nicht mehr ſind, als eine Sanduhr, an der ich die Stunden zähle bis zu kommenden Tagen; ich ſchmücke den todten Augenblick mit Blumen der Sehn⸗ ſucht. Ich habe nur einen Troſt, die That. Um dieſen bin ich glücklicher als Du; wie der Mann über⸗ haupt, durch Thatſächlichkeit, nie ſo unglücklich wird als das Weib. Euer Leben iſt zu einfach, zu iſolirt, zu werklos; man lehrt Euch in der Kindheit, wofür Euch in der Jugend kein Wirkungskeis angewieſen iſt, und die Jungfrau darf Gefühle nähren, wofür das 72 ſpätere Leben des Weibes kein Aequivalent hat. Das macht und das allein ſo viele Unglückliche unter Euch.— Man bietet dem weiblichen Herzen eine Nahrung, die es entweder nicht verdauen, oder, wenn ſchon, deren Kraft der weibliche Geiſt nicht in Ausübung bringen kann; man erzieht Euch zur Freiheit, und Selaverei iſt Euer Loos. Es beſteht zwiſchen Mann und Weib ein himmelſchreiendes Mißverhältniß, deſſen Ausglei⸗ chung aber vielleicht bald erfolgen wird; das mora⸗ liſche Gleichgewicht muß ſich herſtellen und das Leben muß Euch geiſtig emancipiren. Die Bildung ſchreitet vor, unaufhaltſam; ihr Licht wird Euere Erxiſtenz durch⸗ dringen und Euch die Pfade zu Eurer wahren Beſtim⸗ mung erhellen: Ihr werdet frei werden, im edelſten Sinne des Wortes! Nur eins darf hierbei nicht ge⸗ ſchehen: den Gürtel der Anmuth darf man Euch nicht löſen; er iſt die beſte Waffe gegen die rauhe Kraft und Gewalt des Mannes, gegenüber ſeinem eiſenſpal⸗ tenden Kreuzſchwerte, die haerſcharfe, gebogene orien⸗ taliſche Klinge, die tödten kann gleichſam ohne zu ver⸗ wunden. Du verſtehſt mich. Julie an Carl. Was wäre die Menſchenſeele ohne Hoffnung? Sie iſt die einzige Quelle, die nie verſikert; an ihr erquickt ſich das nach Glückſeligkeit lechzende Herz immer und immer wieder. Die ſelbſt der Kunſt reicht nicht für unſere Sehnſucht aus; wir haben Augenblicke, da wir, ermüdet von Allem, nichts verlangen als vor uns hin⸗ ſchauen zu dürfen in den Horizont der Hoffnung, in die grenzenloſe Ferne der Ahnung. In ſolchen Mo⸗ menten— in denen wir uns vielleicht am klarſten unſrer Unſterblichkeit bewußt werden— genügt der ſchwärmenden Seele von allen Künſten nur eine, die Muſik; ſelbſt das geflügelte Wort des Dichters hält nicht gleichen Schritt mit ihr. So ſitze ich denn bisweilen ſtundenlang am Cla⸗ viere und ſuche in Tönen Anklang für das Unaus ſprech⸗ liche, Undarſtellbare, Bild⸗ und Weſenloſe in mir. Meiſt finde ich ihn; dann glätten ſich allmählig unter dem heiligen Oele dieſer ſüßen Begeiſterung die Wogen des Gefühls und der Gedanke ſchwebt darüber wie ein Delphin mit dem Liedergotte. Wie konnte nur ein Leſſing, ein ſo ausgezeich⸗ neter Denker, ſo gering von dieſer idealen Kunſt denken und ſich ſo barbariſch über ſie ausſprechen! Ich glaube, 7 ½ in dieſem Geiſte kriſtalliſirten ſich alle Empfindungen zu Gedanken; und doch— wann ich wieder an ſeinen Laokvon denke— ach, mein Freund, löſe mir dieſes Räthſel; Du weißt gewiß Beſcheid für Dein oft ſo unbeſcheiden neugieriges Kind! Carl an Julie. — Dein Seufzer über Leſſing in Bezug auf Muſik macht Deinem Gefühle Ehre. Dieſer Philoſoph ging hierin zu weit, aber ſo ganz unrecht hat er nicht. Der große Aeſthetiker ſcheute vor dem Weſenloſen der Muſik— als Kunſt— zuruck. Du forderſt meine Anſicht; ich gebe ſie Dir. Muſik iſt keine Kunſt, ſondern eine Sprache. Die Kunſt hat es mit einer beſtimmten Form zu thun; ſie iſt die ſchöne Identität zwiſchen Gedanken, Gefühlen und Bildern. Muſik hat keine Form. Beim Anblicke einer Statue, eines Gemäldes, bei Anhörung eines Gedichtes muß man denken und empfinden, was der Künſtler dabei gedacht und empfunden; bei einem Muſikſtücke kann man fühlen und denken, was einem beliebt oder vielmehr was die augenblickliche Stimmung uns interpretirend eingibt: von tauſend Menſchen, die eine und dieſelbe Symphonie hören, werden nicht zwei ———— ——r—— —„— E zu n, m 8 as em em ng die 75 von einem und demſelben Gefühle durchdrungen ſein. Die Wirkung der Muſik iſt eine unbeſtimmte, ihre An⸗ wendung auf uns eine zufällige, keine moraliſch noth⸗ wendige. Zum wahren Kunſtwerke braucht man keine Stimmung mitzubringen; ein gutes Bild oder Gedicht verſetzt augenblicklich in dieſelbe und immer nur in eine und dieſelbe, da läßt ſich nicht ausweichen, an⸗ derswollen, andersſehen: wir müſſen fühlen, was der Bildner oder Dichter gefühlt. In der Muſik kommt dies nicht vor: die Naturlaute von Freude und Schmerz ausgenommen, hat ſie kein Mittel, ein beſonderes Gefühl auszudrücken; ſie wirkt immer nur unbeſtimmt, in's Allgemeine; kein Komponiſt kann z. B. die Empfindungen der Trennung, des Wiederſehens, der Erinnerung, der Liebe u. ſ. f. ſo geben, daß man dieſe und nur dieſe in ſich aufnähme; und hier habe ich nur ganz allgemeine Empfindungen genannt und von den zahlloſen Gemüthszuſtänden geſchwiegen, welche Meißel, Farbe und Wort zu ſchildern vermögen. Müſſen wir aber ſchon einmal zugeben, daß Muſik es mit keiner beſtimmten Form zu thun habe, ſo fällt der Begriff von Kunſt für ſie von ſelbſt hinweg und ſie erſcheint uns als eine Wiſſenſchaft des Un⸗ bewußten, als eine Sprache des Unaus ſprech⸗ lichen, als ein Sein zwiſchen Leben und Tod, zwi⸗ 76 ſchen Abſtractem und Concretem. Sie hat nur eine äußere, keine innere Form; nur die phyſiſche Nothwendigkeit der Technik, nicht die moraliſche der Anſchauung. Die ſogenannten muſikaliſchen Gedanken ſind nur vage Anſchauungen und haben mit der Logik nichts zu ſchaffen; woher es auch kom⸗ men mag, daß die beſten Componiſten ſchlechte, um nicht zu ſagen, halb irrſinnige Denker— und die Compoſitionen denkender Muſiker ungenießbare Mach⸗ werke ſind, die durch den bei den Haaren hingezo⸗ genen Verſtand nicht nur nicht entſchädigen für die unbeſtimmte Sprache des Gefühls, ſondern den Geiſt beleidigen. Dies gilt meiſt von den deutſchen Ton⸗ ſetzern; ihr ſogenanntes muſikaliſches Denken iſt haar⸗ ſträubend. Am widerlichſten zeigt ſich dies in der Oper und im durcheomponirten Liede. Hier ſpricht ſich die Un⸗ möglichkeit der Form am deutlichſten aus. Die größ⸗ ten Muſiker haben dies auch erkannt und ſich inſtinct⸗ mäßig vom Gebiete der Oper und des Liedes fern⸗ gehalten. Vor Allem der geniale Beethoven. Sein Fidelio, ſeine Adelaide ſind nur holde Verir⸗ rungen; er kehrte wieder zurück in das angeſtammte Bereich der Muſik, in das freie, grenzenloſe, von keiner Form abhängige Gebiet der Symphonie und der ———„——„——. —„—„———— ——„+—„—,— 77 ihr verwandten engern Tondichtungen. Da ſprach er die unſterbliche Sprache des Jenſeits; da vertrat er, ein freier Redner, die Intereſſen der Idealität in den Kammern des Menſchenherzens. Ja, Muſik iſt eine Sprache, deren Wörterbuch der Sternenhimmel; ſie iſt unüberſetzbar in die Sprachen der Erde und wir können in ihr nicht denken, ſondern nur fühlen. Darum wandte ſich der ſtrenge Denker Leſſing von ihr ab, wie der Mathematiker vom Poeten, wie der reife Mann vom ſchwärmenden Jünglinge; er fand kein irdiſches Geſetz in ihr und darum erklärte er ſie als hors de la loi. Nun, vogelfrei iſt die Muſik nicht; aber ſie iſt ein freier Vogel, der, um den Baum der Erkenntniß ſchwebend, vom verlornen Para⸗ dieſe ſingt.— Julie an Carl. Nächſt der deutſchen Sprache intereſſirt mich die engliſche zumeiſt; ihr Reichthum, ihre Kraft, Gedrun⸗ genheit und philoſophiſche Tiefe imponiren mir immer mehr: ſie beſchäftigt Geiſt und Gemüth zugleich. Klingt die italieniſche für den Ausdruck der Liebe melodiſcher, iſt die franzöſiſche geſchmeidiger, graziöſer; ſo iſt ſie inniger, wahrer, ich möchte ſagen, nachhältiger. Für 78 die des Humors ſcheint ſie nun ganz eigentlich ge⸗ ſchaffen, und wie der Reim oft Ideen erzeugt, hat wohl auch England ſeinen unermeßlichen Reichthum an ächt humoriſtiſchen Werken nur ſeiner Sprache zu danken; ſie fordert faſt dazu auf. Was ich da bemerke, iſt mir freilich nicht ſo ganz klar, ſo wenig als das eigentliche Weſen des Humors, und es wäre ſehr lieb von meinem Carl, wenn er mir ergänzte, was als Bruchſtück vor mir ſchwebt. Vor allem vermag ich Satire und Humor nicht recht aus einander zu halten; ich weiß nichts, als daß mich jene oft, dieſer nie verletzt. Carl an Julie. Dein edles Herz, ſo reich an Liebe, wendet ſich inſtinctmäßig von der Satire ab und dem Humor zu; denn jene iſt zu negativ, um den Wünſchen eines poſitiven Charakters, einer warmen Weltanſchauung, die lieber bauen als niederreißen ſieht, zu genügen. Ach, freilich iſt das Menſchenleben im Ganzen reicher an Haß als an Liebe, ärmer an Humor als an Satire! Der Humor, deſſen Weſen durch und durch Liebe, bedient ſich wohl auch der Satire als Scheidemittel, — N tel, 79 um die Verbindung des Wahlverwandten zu bewirken, als vernichtenden Princips für das Materielle; Satire aber, an und für ſich, wenn ſie nicht Liebe— dieſe Weltſeele der Kunſt— belebt, kann wohl launig aber niemals humoriſtiſch werden. Laune, Witz, Scharfſinn und Tiefſinn ſind nur Beſtandtheile des Humors, dieſer aber noch nicht ſelbſt. Humor iſt— das Leben. Wie in dieſem die Wiege neben dem Sarge, Freude neben dem Jammer, Armuth neben Reichthum, der Aether über den Wol⸗ ken; ſo ſtellt auch er die Contraſte: geiſſelt er hier die Thorheit, verfolgt er das Schlechte, macht er lächer⸗ lich das Treiben der Mode, durchwandert er ſelbſt das niedrige Leben: ſo adelt er andrerſeits die beſcheidenen Tugenden des Herzens, weint mit den Weinenden, ſtellt die Phantaſie hin an das verlorene Paradies der Seele, rührt, erhebt, begeiſtert, beſeelt. Der Blick des Humors iſt immer und überall auf das Allgemeine gerichtet und er findet in jedem Momente ſogleich den Weg vom Individuellen zum Univerſalen auf, von der ärmſten Erſcheinung bis zum Brennpunkte alles Daſeins, mit einem Worte, vom Geſchöpfe bis zum Schöpfer; welche umermeßliche Bahn er mit der Schnelligkeit und der Helle des Blitzes zurücklegt. Sein Licht trifft da den dürftigen 80 Grashalm, wie die Ceder auf dem Libanon, den zarten Wieſenborn, den noch eine Blume im Gange hemmen kann, wie den Ocean, das Taufbecken, wie das blut⸗ dampfende Schlachtfeld. Ihm iſt nichts unbedeutend im weitem Reiche der Schöpfung, denn er liebt und das Auge der Liebe ruht theilnehmend auf Allem, was ſich ihm darbietet. So wirkt, ſo ſchafft der Humor. Ihm entgegen, arbeitet, kämpft die Satire in ſteter Verneinung. Ihre ſchärfſte Waffe iſt die Caricatur. Wie jener, in ſeiner Liebe, das Ideal des Lebens darſtellt; iſt dieſe, in ihrem Haſſe, das entſtellte Ideal. Wenn gleich ſchon bei den Alten vorkommend, (ich nenne hier nur Ariſtophanes und Lukian von Samoſata) iſt ſie doch, in ihrer gegenwärtigen Ausbildung, ein Product der Jetztzeit; die ſich, voll leidenſchaftlichen Regenerationseifers, bekanntlich mehr im Zerſtören als Aufbauen gefällt. Sie will Neues quand mème. Wo ſie nicht auf hiſtoriſch⸗kritiſchem Wege oder auf dem der wiſſenſchaftlichen Analyſe bei⸗ kommen kann, da dringt ſie auf dem des Spottes, der Verhöhnung vor und ſucht ſich ſo, wenn nicht das Recht, doch die Lacher auf ihre Seite zu ziehen. Zu dieſem Zwecke ſcheut ſie kein Mittel; jener, meint ſie, heilige dieſe. Was z. B. nicht den tiefſinnigſten P 8 n. nt n und geiſtreichſten Parlamentsrednern gelungen: irgend eine gewaltige Autorität zu ſtürzen, den Einfluß einer großen Capacität zu paraliſiren, das glückte einer witzigen Zeichnung, einer ſcharfen Caricatur. Ich ſah manches Album von ſolchen Bildern aus London und Paris, treffende Perſiflagen auf Perſonen, Handlun⸗ gen und Begebenheiten vom höchſten Range und größ⸗ ter Wichtigkeit, und muß geſtehen, daß ich, bei aller Achtung für die Würde, das Talent oder den Einfluß des Gegenſtandes ſolcher Zerrbilder, mich eines Lächelns nicht erwehren konnte. Aber ein ſolches Lächeln hat bitteren Nachgeſchmack; es erquickt nicht, es ſtumpft ab, thut weh. Wie weit entfernt iſt dieſes von dem herzlichen Lachen, das der geſunde, lebenskräftige Humor erweckt. Julie an Carl. Regentage machen das Landleben faſt unerträglich, denn ſie wandeln es zum Stadtleben um, ohne ihm die Reize deſſelben gewähren zu können. Man ſieht ſich nämlich in die vier Mauern conſignirt und, was noch ſchlimmer, in eine Geſellſchaft, der man nicht entrinnen kann. Dieſe macht dann Alles, was man in der Stadt macht, nur aber in ſo verjüngtem Maß⸗ Dichterleben. 6 N ——— ( — ſtabe, daß die Seele eines Mikroſtops bedürfte, um ein wenig Vergnügen darin zu erblicken. Nun regnet es ſchon durch drei Tage ununter⸗ prochen; ich ſehe nichts als Waſſer und ſehne mich wie ein Schiffbrüchiger nach Land. Ein junger Edelmann aus der Nachbarſchaft, Baron Heimberg, theilt ſeit dieſer deukaleoniſchen Fluth unſere Einſamkeit und Langeweile. Er iſt ein Freund des Grafen und ſcheint ihm unentbehrlich. Wenn dies ſo fort geht, ſo geht er nicht eher fort, als bis wir gehen. Mir macht er die Cur; aber in ſo ergetzlicher Weiſe, daß ich ihm nicht grollen kann. Er perſiflirt ſich nämlich ſelbſt immer und ſpricht von der Liebe ſo drollig, daß ich oft nicht umhin kann, ihn amüſant zu finden. Geſtern Abends las er uns folgenden Auf⸗ ſatz— ich bat mir ihn zum Copieren aus— über Erſte Liebe vor: „Die Natur ſchickt uns jährlich einen erſten April und eine erſte Liebe, und uns jährlich in beide zugleich. Es geſchieht dies um die Frühlings⸗ Tag⸗ und Nachtgleiche, zur Zeit der heftigſten Stürme im Meere und im Herzen. Ich weiß nicht, was g loſer, das Meer oder das Herz; aber ſie haben viel Aehnliches mit einander. rund⸗ er irt ſo int uf⸗ ber en in ⸗ rme ind⸗ viel 83 Das Meer nimmt zwei Drittel der Erdoberfläche ein und das Herz ſtellt zwei Kammern dem regieren⸗ den Verſtande entgegen. Das Meer, raſtlos unter⸗ ſtützt von Quellen, Bächen, Flüſſen und Strömen, iſt unerſchöpflich; das Herz, ruhlos bewegt von Ahnun⸗ gen, Empfindungen, Gefühlen und Leidenſchaften, iſt es auch. Das Meer umgrenzt Feſt⸗ und Eilande, das Herz die ſtarre Nothwendigkeit und die ſchwebende Hoffnung. Das Meer trägt Güter- und Kriegsſchiffe, nach Brot rudernde Kähne und nach Luſt gaukelnde Gondeln; es birgt in ſeinem tiefen Schooße verſunke⸗ nes Glück, das der Sturm vernichtet, Ungeheuer, aber auch Perlen und Korallen; das Herz durchziehen mit reicher Fracht die Erfahrungen und ſtarkgerüſtete, ſtreitluſtige Wünſche, kummertragende Gedanken und leichte Liebesträume; es birgt auch geſtorbenes Glück, das der Blitz der Wahrheit vernichtet, die Ungeheuer des Zweifels, aber auch Perlen der Wehmuth und Sehnſucht nach Liebe, wie Korallen des Glaubens, der hoffend ſeine Arme zum Himmel emporringt. In das Meer tragen ſich tauſend ſüße Ströme und es iſt dennoch bitter; der Grundgeſchmack des Herzens bleibt, nach tauſend ſüßen Genüſſen, Bitterkeit durch die Betrachtung der Vergänglichkeit. Noch iſt keine Straße gebahnt durch den eiſigen Norden des Meeres, und ich k ſtand, der nordwärts das Herz begrenzt.— Die ſo ann auf keinen Weg durch den eiſigen Ver⸗ genannte erſte Liebe iſt eine ſchöne Attrape der Natur, die ſich mit dem Menſchenherzen gerne Scherz erlaubt und neckt. Sie iſt eine Frage nach etwas, d as nicht exiſtirt und worüber man ſtatt aller Antwort hübſch ausgelacht wird. Sie iſt ein ſo komiſches Spiel mi t der Hoffnung, daß man ſich dabei zu Tode lachen und vor Lachen weinen könnte, wenn einem das Leb en Zeit dazu ließe. Es läßt aber nicht Zeit und weiß Rath zu ſchaffen. Es bringt nach dem erſten — Ayril einen erſten Mai und nach der erſten Liebe eine zweite, Ei, ei! die der erſten gleicht wie ein Ei dem andern. rufen die Damen, allein es iſt ſo. Hat der erſte April ſeine ſüßen Veilchen, ſo hat der erſte Mai die ſchönen Blüthen der Phantaſie, der erſte Juni die herrliche Hundertsblätterroſe des Gefühls, der erſte Juli Auguſt, Früchte die brotverheiſſende Kornblume des Gennſſes, September und October haben die labenden der Realität, der erſte November ſein ſtilles Allerſeelen ⸗Feſt verſtorbener Wünſche und der erſte Decemher ſchmückt unſer Fenſter mit der Kriſtallblume der Erinnerung; Jänner, Februar und März gehören der Kindheit. So habe ich mich denn glücklich durch den ganzen 85 Kalender geſchlagen; natürlich: ich kenne Herzen und trage ſelbſt ein ſolches in der Bruſt, die faſt alle Namen des Kalenders als ſolche kennen, welche ſie mit erſter Liebe geliebt. Unergründlich iſt das Menſchen⸗ herz, ausgleichend die Zeit, beſchwichtigend das Leben und allgewaltig der Augenblick; nichts iſt hienieden gewiſſer als Ungewißheit.“ Was ſagt mein Carl zu dieſer Rhapſodie? Wird er ſie Humor nennen? Mich hat ſie bewegt. Es liegt unter der Hülle ſeines Leichtſinnes ein edler Ernſt verborgen; ein Schmerz, der ſich lachend Luft machen will. Ein ſeltſamer junger Mann! Er iſt ſehr hübſch, man könnte ihn faſt ſchön nennen, und treibt alle möglichen Künſte und Wiſſenſchaften. Als Maler iſt er über den Dilettantism hinaus; ſeine Aquarell⸗Land⸗ ſchaften ſind tadellos und voll Geiſt und Geſchmack. Geſtern ſprachen wir auch über die gegenwärtig vorherrſchende Neigung für die Landſchaftmalerei; ich konnte mich aber mit ihm nicht vereinigen über die Gründe, welche dieſer den nunmehrigen Sieg über das hiſtoriſche Gemälde verſchafften, und möchte gar zu gerne die Deinigen vernehmen. 6 — —— —————— Carl an Julie. Nimm Dich in Acht vor Herrn von Heimberg; ſein Witz kann Dir gefährlich werden! Der Witzige hat immer recht und pabsent a toujours tort. Der Witz hat mehr Herzen erobert als irgend eine andere Macht; zudem— doch ich ſchweige und beantworte Dir Deine Frage, ſo gut ich kann. Unſere Zeit hat ſich mit entſchiedener Vorliebe der Landſchaftmalerei zugewandt; die Ausſtellungen aller großen Städte machen dies zur Thatſache. Die Gründe liegen nahe. Das hiſtoriſche Gemälde koſtet erſtens mehr als ſelbſt reiche Leute der poetiſchen Partie ihres Lebens zutheilen mögen, von denen übrigens die meiſten ſo bedeutende Summen lieber zum Ankauf eines alten Meiſters dieſer Kathegorie verwenden, deſſen Ruf ein unumſtößlicher; was noch dafür geſchieht, geht von den Höfen und Kunſtvereinen aus, die Magnaten thun im Verhältniſſe zu ihrem Reichthümern ſehr wenig. Zu dieſem materiellen Grunde, dem auch das Genre⸗Bild ſeine weitwurzelnde Eriſtenz verdankt; kommt in Bezug auf das hiſtoriſche Gemälde noch ein rationaler. 87 Zur vollen Würdigung eines geſchichtlichen Bildes finden ſich nur ſelten die unerläßlichen geiſtigen Mittel; oft iſt uns der Gegenſtand zu fremd, ſein Leben dem unſrigen zu heterogen, das Intereſſe, woraus das Moment der Darſtellung gegriffen, unſern Anſichten, Gefühlen oder Zuſtänden feindlich, und noch öfter iſt das Sujet geradezu ein ſolches, dem die Phantaſie gerne aus dem Wege geht. Hierzu iſt eine Abſtraetion, eine geiſtige Selbſtverleug⸗ nung erforderlich, die der Mehrzahl der Menſchen fehlt. Zur Landſchaft hingegen bringt jederman eben ſo viel Liebe als Kenntniß mit. Wir haben es dabei mit einer Natur zu thun, die Sehnſucht oder Erinnerung ſelbſt auf die Netzhaut unſerer Seele hin⸗ gemalt, deren Geheimniſſen und Wundern wir gele⸗ gentlich ſelbſt nachſpüren, die für uns Wiege iſt und Grab und die, in ihrem Zorne wie in ihrer Liebe, im Ungewitter wie im Sonnenſcheine, im Reichthum wie in der Armuth, unſere Wohnſtätte, unſer Himmel iſt. Kein Menſchenherz iſt ſo verwirrt, ſo arm an Erinnerungen, daß es beim Anblicke einer Landſchaft ſich nicht zurückträumte in irgend einen ſeligen Augen⸗ blick ſeiner Vergangenheit, ſo ohne alle Wünſche, daß es dabei nicht an eine ſchöne Minute der Zukunft dächte. Rechnen wir zu dieſer reichen Ausbeute für — die Phantaſie noch den Gewinnſt, daß dieſe vder jene Landſchaft eine uns bekannte Gegend darſtellt, ſo iſt das innige Intereſſe für dieſen Zweig der bildenden Kunſt vollſtändig erklärt.— Die Neigung zum Genre⸗Bilde, die mit die⸗ ſem heute rivaliſirt, hat ihren Grund leider nur in der Frivolität unſrer augenblicklichen Geſittung. Genre⸗Bilder verhalten ſich zu den hiſtoriſſchen, wie Vaudevilles zu höheren Dramen, und drohen, den Ernſt aus den Kunſttempeln und Salons zu ver⸗ drängen. Das Intereſſe für die inhaltſchweren Fragen des Seelenlebens, wie ſie das edlere Drama anregt, unterſtützt und löſt, ſchwächt ſich von Tag zu Tage mehr; man zieht, im Allgemeinen, vor, der darge⸗ ſtellten Löſung jener fleinen aber pikanten Fragen über das Alltagsleben, über die gegenwärtigen Verhältniſſe des Gefühls zum bon ton, der Sittlichkeit zum Lurus, des Herzens zur Convenienz u. ſ. w. beizuwohnen, als jenen ewigen, einfachen und erſchütternden Erör⸗ terungen über Verhängniß und Willensfreiheit, Noth⸗ wendigkeit und Ewigkeit. Dieſer Leichtſinn der Gegen⸗ wart iſt aber nichts als ein Lachen vor dem Weinen, als ein Bote naher Trauer; es war immer der Cha⸗ rakter einer ſchweren Zeit, da man den Scherz dem Ernſte vorzog.— 89 Deine Landsleute, liebe Julie, beſchenkten uns mit dem Vaudeville und dem Genre. Sie ge⸗ wannen dem ernſten Leben die komiſche oder heitere Seite ab und erfanden das Ridicule: ſie machten das Frivole intereſſant, indem ſie es pikant darſtellten. Wie ich ſchon ſagte, der Witz erobert mehr Herzen als die Weisheit. Um in ihren vagen Familienverhältniſſen nicht lächerlich zu erſcheinen, lachen die Pariſer ſelbſt darüber; ſie fechten ihre überreizten Lebensverhältniſſe ſelbſt an, um die Kritik der Tugend zu entwaffnen. Es iſt nicht zu leugnen, daß ſie hierin Geiſt entwickeln; auch muß man geſtehen, daß dieſe Taktik eine ſehr geſchickte: min⸗ deſtens haben ſie den Triumph davon, die Lacher auf ihre Seite zu ziehen und nicht blos daheim, ſondern auch in der Fremde, ja ſogar im guten Deutſchland, das ſich das ernſte ſittlichſtrenge, philoſophiſche nennt. Man ſieht auf allen deutſchen Bühnen— beſonders der Reſidenzen— für ſein Leben gerne Vaudevilles, ſelbſt in den matteſten Uebertragungen; dieſe lieben feinen glatten Dingerchen, die mit den größten Dingen der Humanität, z. B. mit häuslichem Glücke, Frauen⸗ würde, Liebe und Treue, wie Oberon's ſchalkhafter Puck, umſpringen. Der deutſche Geſchmack hat ſich ſchon ſo ſehr an dieſe würzigen ragouts fins ge⸗ wöhnt, daß die einfache und nahrhafte Hausmannskoſt des geſunden Menſchenverſtandes nicht mehr mun⸗ den will. Wie der Dichtkunſt, geht es heute auch der Malerei. Wie man ſich im Denken nicht ſehr anſtrengen will, mag man auch im Beſchauen ſich nicht ſonderlich geiſtig fatiguiren. So ein Genre⸗Bildchen iſt bald begriffen, wie es bald gemacht und bezahlt iſt. Letztrer unſtand iſt um ſo wichtiger, als die Civilliſte einer modernen, vornehmen Menage für derlei außerordent⸗ liche Dinge, wie Kunſt und Wiſſenſchaft, nur geringe Summen bewilligt hat.— VIMII. Ein Räthſel. Dieſer Briefwechſel, von dem wir nur das im Aus⸗ zuge gaben, was allgemeineres Intereſſe haben dürfte, und alle ſpeciellen Mittheilungen und Gefühlsergießun⸗ gen ausſchieden, ſetzte ſich durch mehrere Monate un⸗ unterbrochen fort und der Herbſt, die verheißene Zeit ihres Wiederſehens, rückte allmählig heran. Carl's liebevolle Ungeduld wuchs in demſelben Verhältniſſe, als die Tage abnahmen, kaum konnte er den Augen⸗ blick erwarten, da er ſeine Julie wieder umarmen ſollte. Seine Briefe wurden immer weniger doctrinär und immer glühender. Aber ſeltſam! Ihre Briefe zeigten das Gegentheil; ihre Sehnſucht ſprach ſich mit jedem Poſttage ſtiller, ruhiger aus. Er bemerkte dies nicht ſogleich oder ſchrieb es ihrem Unwohlſein, worüber ſie in letzterer Zeit wiederholt geklagt, und ihrer langeweilenden Umgebung zu. 92 Allein ſie war wieder geneſen und kräftig, wie ſie ſelbſt geſtand, und dennoch ward ſie, wie die Herbſt⸗ luft, mit jedem Morgen kühler und ernſter. Da ſtutzte er und mäßigte auch ſeinen Ton. Dies änderte nichts. Er machte ihr zärtliche Vorwürfe und— ſie ſchwieg. Er beſtürmte ſie, er zürnte, er drohte; ſie antwortete ausweichend und ſchwieg wieder auf mehrere ſeiner Briefe. Ihre Antwort auf ſein letztes Schreiben lau⸗ tete ſo: „Mich beherrſcht ein Verhängniß, das mich zwingt, unſere Correſpondenz abzubrechen und unſer Verhältniß aufzulöſen. Richte nicht, Carl; warte die Zeit ab, die Dir dies Räthſel löſen wird. Ich bin Deiner Achtung nicht unwürdig, aber unglücklich. Wir kehren nicht nach der Reſidenz zurück, ſondern werden dieſen Winter in P zubringen, wohin wir in wenigen Tagen abreiſen. Von dort erfährſt Du mehr, ja Alles. Schreibe mir nicht mehr. Wann wir uns wieder⸗ ſehen, weiß Gott; auch das Wie? ſteht in der Hand des Allmächtigen, dem ich Dich und mich empfehle. Sei Mann und füge Dich dem Unvermeidlichen; ich beuge mich meinem Schickſale. Julie“ Dieſer geheimnißvolle Brief erſchütterte den luftigen Bau ſeines Glückes bis in die Grundfeſten; er brach 3 5 M 93 donnernd zuſammen und er ſah ſich in ſeinen Trümmern wie wahnſinnbefallen nach der Antwort auf die Frage um, ob, was er eben erlebt, denn auch denkbar, auch möglich ſei? O Weiber, Weiber! rief er, den Brief in krampf⸗ haft geballter Fauſt zerdrückend, flammenden Blickes gegen Himmel aus: Wer ergründet die Tiefe eurer Herzen! Gäbe es für Gott Räthſel, ihr wäret ſie! O der grauſamen Wahrheit, daß Liebe eine holde Lüge! Reichen wenige Meilen, wenige Monden hin zur Ver⸗ nichtung deſſen, was über Zeit und Raum erhaben geſchienen? Iſt nichts an euch ewig als die Vergäng⸗ lichkeit, und hat der hohnlächelnde Witz recht, der aus⸗ ruft: Weib, dein Name iſt Gebrechlichkeit!? Soll das Leben der Liebe, was ich als Aufgabe alles vernünf⸗ tigen Seins erachtet, unmöglich ſein? Lebt nur in der Dichtung, was ich in der Wirklichkeit geſucht? Wozu dann alle Kunſt, wozu der ungeheure Aufwand von Gemüth und Phantaſie? Dann iſt der Aether über ein weites Leichenfeld, über ewige Verweſung ausgeſpannt: das Lächeln des Säuglings iſt ein wider⸗ liches Grinſen, Roſenduft iſt Moderqualm und Nach⸗ tigallen krächzen ein Sterbelied!— In den ſchönen Frühlingsgarten meiner Phantaſie ſtellt ſich nun die Erfahrung hin wie ein Scheuſal, alles Lebendige 9 ½ daraus zu verjagen. Froſt umlagert meine Bruſt auf's Neue und am gramgefüllten Buſen der hohläugigen Einſamkeit wird ſich meine Qual großziehen, bis ſie ſtark genug iſt, den Geiſt zu erdrücken. Im Schlummer werde ich das Wolfsgerippe des Wahnſinns an's ver⸗ rathene Herz preſſen und die geſpenſtige Entſagung wird mich wecken, und wieder einſingen. O Grab, Wiege der Ewigkeit, ſchaukle mein kummerſchweres Haupt! Unter Menſchen machte mich mein Herz zum Wurme, laß mein Herz unter Würmern menſchlich fühlen, von Liebe träumen! Ich hungere nach einem Mund voll Erde, der meine Seufzer erſticke; ich dürſte nach einem Tropfen Lethe; das, o Grab, will ich von dir!— 6 n h m ſte on IX. Das Leben einer großen Stadt beſchwichtigt, wenn es auch nicht beruhigt; es legt den Streit der Gefühle und Gedanken bei, indem es ihn durch hundert Zwiſchen⸗ fragen ſchwächt und in die Länge zieht. Dies erfuhr der leidende, tiefverletzte Dichter aber⸗ mals. Der Zuruf des Tages, die grelle Stimme der Wirklichkeit riß ihn nach und nach aus der Apathie wieder auf, in die ſeinen Geiſt dieſe neue traurige Erfahrung verſenkt hatte und er ſchloß ſich dem Augen⸗ blicke mit erneuter Thätigkeit an. Zwar ſeine Heiter⸗ keit war dahin, aber ſein Gemüth fand mindeſtens den Frieden, der den Fleiß und ein ſicheres Selbſt⸗ gefühl faſt immer zu begleiten pflegt. Er arbeitete raſtlos und ſtrebte dem ſchönen Ziele ſeines Kunſt⸗ lebens zu. So entſchwand ihm der Winter. — Von Julien hörte er nichts weiter; ihren Be⸗ kannten in der Reſidenz wich er mit ängſtlicher Scheu aus, wohl fürchtend, Dinge zu vernehmen, die ſeine ſo mühſam errungene Ruhe auf's Neue vernichten könn⸗ ten. Allein, es ſollte nicht ſo bleiben.— Eines Abends— es war bereits im März— fand er zu Hauſe unter mehreren Briefen auch ein kleines Billet, bei deſſen Berührung es ihn durchzuckte wie vom Schlage eines Zitteraals. Es trug die Aufſchrift an ihn von Juliens Hand. Er ſank damit in den Stuhl, im Innerſten erſchüttert und unfähig, es zu erbrechen. Er ſtarrte es an wie eine Erſcheinung: die Schatten der nächſten Vergangenheit ſtiegen aus ihren Gräbern vor ihm auf und ſchwebten an ihm vorüber.— Das Billet trug kein Poſtzeichen; ſie war alſo hier, Julie war ihm nahe, Julie!— Sein ſcheintodter Schmerz ſchlug bei dieſem Gedanken die Augen auf wie fragend, ob er ihn nun wieder anerkennen, wieder ſein nennen wollte. Lange, lange hielt er das ver⸗ hängnißvolle Blatt in der bebenden Hand; das Blut drang ihm zum Herzen, es war ihm, als müſſe er ſterben, vergehen. Endlich rafft er ſich empor aus ſich ſelbſt und öffnet, wie von heiligem Zorne, von gerechtem Unwillen ie en zu die en ier, ter auf der ver⸗ Blut fnet, illen — ergriffen und erhoben, mit ungeſtümer Haſt das Billet. Es enthält folgende Worte: „Carl, ich beſchwöre Sie beim Andenken an die erſten Tage unſerer Liebe, bei Ihrem Glauben an menſchliches Unglück, zu mir zu eilen, um mich zu überzeugen, daß Sie mich nicht verachten, und mich durch dieſe Ueberzengung, die ich in der Angſt meiner Seele aus Ihrem Blicke, ach! aus dem Blicke, worin einſt mein ganzer Himmel lag, zitternd leſen werde, der Selbſtvernichtung zu entreißen. Eilen Sie, eh es zu ſpät; kommen Sie und ſehen Sie mich zu Ihren Füßen in unaus ſprechlichem Jammer! Vor einer Vier⸗ telſtunde bin ich angekommen. Es erwartet in Ihnen ihren Richter über Leben und Tod Julie.“ (Im Gaſthofe***) Hier war nicht zu überlegen, nicht zu zögern; ſie konnte ſeiner Hilfe, ſeines Beiſtandes bedürfen und er eilte an den bezeichneten Ort. Vor ihrem Zimmer hielt er an, um Athem zu ſchöpfen und Faſſung zu gewinnen. Er pocht, öffnet die Thüre und— Julie ſtürzt aufſchreiend, wie vom Blitze getroffen, vor ihm zu Boden und umklammert ſchluchzend ſeine Knice, mit aufgelöſtem Haare, reizender, ſchöner als je. Dichterleben. 3 — —— 98 Ohne ein Wort zu ſprechen, ſchließt er die Thüre ab und zieht die Zerknirſchte empor und neben ſich auf das Ruhebett. Da, in einem Strome von Thrã⸗ nen, umſchlingt ſie ihn, bedeckt ihm die Hände, Lippen und Stirne mit glühenden Küſſen und ſinkt wieder vor ihm in die Kniee, den entzündeten Blick zu ihm flehend aufgeſchlagen. O— ſtammelt ſie endlich— o nur ein Wort, Carl, nur eine Shlbe des Troſtes, ehe ich in Jammer vergehe; Carl, mein Carl! Sprechen Sie, Gräfin, verſetzte er geſenkten Blicks mit männlicher Feſtigkeit; womit kann ich Ihnen dienen? Allmächtiger Gott, nicht ſo, wenn Du mich nicht tödten willſt! In mir raſt bereits die Hölle; o be⸗ ſchwöre, banne den böſen Geiſt nur durch ein einziges Wort der Liebe, oder, wenn dieſe ſchon todt in Dir, der— Menſchlichkeit, der Erinnerung!— Nun denn, ſo ſprich, Julie, was willſt Du? Barmherziger Himmel, Dein Ton ſchneidet wie ein Dolch durch meine Bruſt! Das iſt Strafe, Süh⸗ nung, Weltgericht!— Abermals erſticken hervorſtürzende Thränen ihre Stimme; abermals will er ſie zu ſich emporziehen, aber ſie klammert ſich trampfhaft an ſeine Kniee. Nein, nein! Loß mich zu Deinen Füßen, laß —— 99 mich als eine Büßerin hier, da iſt mein Platz! So— will ich— Aug' in Auge mit Dir, bekennen, was mir geſchehen, was ich gethan, ſagen, was ich gelitten und leide! Laß mich ſo und vernimm! O Carl, Carl, ſammle Dich in Deiner ganzen Mannheit, daß Dein Herz nicht breche unter der Rieſenwucht des Mitleids, des Entſetzens! Höre denn und vergehe nicht in Jammer über Deine arme, arme Julie!— Carl, ich liebe Dich grenzenlos, wie Dich noch kein Weib geliebt, kein Weib mehr lieben wird; meine Seele ward Dir nicht einen Augenblick untreu, mein ganzes Sein hat nicht eine Stunde aufgehört mit Deinem verſchmolzen zu ſein; dies iſt der einzige Troſt in meinem ungeheuren Unglücke, der einzige Licht⸗ blick in der Nacht meines Elends; ohne dieſe Ueber⸗ zeugung hätte längſt der kalte Strom mein glühendes Herz für immer gekühlt: ja ich liebe Dich, und die Gewalt dieſer Liebe gibt mir ein Recht darauf, daß Du mich vernehmeſt, ſie gibt mir auch den Muth, Dir Alles zu ſagen, ohne Rückhalt, ohne Schonung für mich! — So ſprich denn ruhig, Julie!— Ungefähr einen Monat vor Abbruch unſrer Cor⸗ reſpondenz kam ein Graf** aus* zum Beſuche auf unſer Schloß; ein junger, wildausſehender Mann, — S—— 2—— 2 —————— 100 bekannt als Wüſtling. Seine berühmte Familie, ſeine Verwandtſchaft mit meiner Gräfin, ſeine Stellung in der Welt machten ihn, trotz aller empörenden Eigen⸗ ſchaften, unabweislich. Er brachte den ganzen Herbſt bei uns zu. So ungeſtüm ſein Benehmen in den erſten Tagen, ſo geſchmeidig, ſo geordnet war es bald danach. Die Gräfin ſagte zu mir: Was nicht die Liebe noch für Wunder wirkt; wenige Stunden reichten hin, daß dieſes ſchöne Gefühl dieſen jungen Wilden in einen Mann comme il faut verwandelte. Die Liebe? fragte ich erſtaunt: wen liebt er denn? Sie liebt er, entgegnete ſie ernſt: er hat es mir geſtanden. Mich?— Entſetzen überlief mich und ich verſtummte. Sie fuhr fort: Daß er Ihnen noch nicht davon geſprochen, ja, daß Sie es noch nicht einmal bemerkt, beweiſt für die Aufrichtigkeit ſeiner Neigung. Julie, hören Sie mich, Ihre wahre Freundin. Ihr Glück, Ihr Wohl liegt mir am Herzen. Seine Familie, ſein Vermögen, ſeine Stellung ſicherten Ihnen jenen Platz in der Welt und Ihrem Vater eine Eriſtenz, wie Sie durch Geburt und Bildung verdienen. Wir wollen indeſſen nichts übereilen. Zeigt es ſich, daß ſeine Liebe wahr und keine flüchtige Leidenſchaft iſt: nun dann haben Sie zu beſchließen, ob ſie dieſen Mann glücklich 101 machen und ſeinen Charakter für das Leben retten wollen; es wäre übrigens nicht der erſte Fall, daß ein edles Weib einen halbverlornen Menſchen durch treue Liebe gerettet.— Ich weiß, Sie lieben den jungen Dichter; aber bedenken Sie alle Verhältniſſe und handeln Sie nach raison.— So ſprach die Gräfin zu mir und ließ mich allein. Ich ſank in einen Stuhl und brach in Thränen aus. Lag in ihnen die Ahnung des Unglücks, das mich treffen und ſo bald ereilen ſollte? Oder ſprach durch ſie meine glühende Sehnſucht nach Dir, von dem man mich trennen wollte? Der Gedanke, Dich zu verlie⸗ ren, erfüllte mich mit namenloſem Schmerze, die Vor⸗ ſtellung, dieſem verworfenen Menſchen anzugehören, mit Entſetzen. Dieſes Gefühls allein ward ich mir in jener Betäubung bewußt, keine dritte Empfindung geſellte ſich dazu, wenn nicht vielleicht die Furcht, die erſten Fäden des Verhängniſſes bereits um mich zu berühren, in deſſen Netz ich alsbald gerathen ſollte. Der Menſch erlebt Alles zweimal, wenn er ſo reizbar geſtimmt iſt, wie ich es bin; einmal in Ahnung und dann in Wahrheit, in ſchrecklicher Wirklichkeit.— Acht Tage vergingen ſo; nichts änderte ſich als der Ton in meinen Briefen an Dich. Ich war ver⸗ ſtimmt, gedrückt, lebensmatt; der Alp der Nothwen⸗ — digkeit laſtete auf meiner Bruſt. Ich beging nur einen großen Fehler, den, daß ich mich Dir nicht ſogleich entdeckt, Deinen Rath eingeholt habe, oder vielmehr, daß ich nicht Alles verließ und zu Dir, in Deine Arme floh, mein einziges Aſyl. Dies war meine Schuld; alles Spätere war nur die moraliſch noth⸗ wendige Folge dieſes Vergehens, für das ich ſo Gräß⸗ liches zu erleiden hatte und büßen werde, ſo lange ich athme. Nur Eins kann ich zu meiner Entſchuldigung, 5 wenn nicht zu meiner Rechtfertigung, anführen; was mich abhielt, Dir mich anzuvertrauen, war nicht ſowohl falſche Scham als der Stolz der Ueberzeugung, es allein mit dem Schickſale aufnehmen zu können: ich wollte, ich mußte durch meine eigene Kraft, ſollte ich Deiner würdig ſein, aus dieſem Kampfe mit den Umſtänden hervorgehen; hatte ich ja doch die ſchnei⸗ dende Waffe der Verachtung für dieſen Deinen Gegner zur Hand! Ach, ſo ſpielt der übermüthige Menſch mit den Verhältniſſen und gibt, ſo weit ausholend, ſich Blößen für das ſicher treffende Geſchick! Er ſchämt ſich zu fliehen, während hierin Flucht allein Stärke iſt.— Die Gräfin ward täglich beredter, ihr protégé täglich ernſter, melancholiſcher. Nicht aus Eitelkeit, dieſem Wüſtlinge wahre Neigung eingeflößt zu haben, 103 ſondern aus Achtung für die Menſchheit hielt ich ſeinen leidenden Gemüthszuſtand für ungeheuchelt; vielleicht war er es auch. Da traf mich der erſte Pfeil: ich empfand Mitleid mit ihm. Je mehr dieſes in mir anwuchs, deſto ängſtlicher zog ich mich zurück, vermied ich ihn. Schon war es ſo weit, daß die Gräfin verſtummte und man von ſeiner Rückkehr nach** ſprach. So ſtand es die nächſten acht Tage und ich begann freier zu athmen; noch eine Friſt von wenigen Stun⸗ den und ich war befreit. Aber— ein Schritt vom Ziele, ſagt Leſſing, und tauſende ſind daſſelbe und, ach! er hat nur zu recht. Mein Vater kam. Seine unerwartete Erſcheinung riß Alles ein und mich zu Boden, mich, die vermeinte Siegerin! Die Gräfin ſprach mit ihm und er mit dem Grafen. Dann legte er mir Fragen vor und zwar ſo zart und innig, daß ich ihm nur mit ſtummen Thränen ant⸗ worten konnte. Da verſtummte auch er, aber leidend, gekränkt, Carl, gekränkt durch mich, ſein Kind! Das ſchnitt mir durch die Seele, das anzuſehen— war mir unmöglich. Ich— gab ihm Hoffnung. Um jene Zeit ſchrieb ich Dir meinen letzten Brief: ich war bereit, mich für meinen Vater zu opfern, meine Liebe zu Dir, mein Glück, meinen Frieden, meinen Himmel preiszugeben. Graf*, als er von meiner Zuſtimmung erfuhr, war wie außer ſich vor Entzücken. Er ſchwur mir auf den Knieen, daß ſein ganzes Leben mir und nur mir geweiht ſein ſolle, betheuerte, daß er ohne mich rettungslos verloren geweſen, zurückgeſtürzt wäre in die kaum verlaſſene Hölle der Sünde, daß er mir ſeiner Seele Wiedergeburt und das Leben der Ewig⸗ keit verdanke. Mein Vater und die Gräfin überhäuften mich mit Zärtlichteit. Ich ließ ſie Alle gewähren und ergab mich, ein Opfer, dem Unvermeidlichen. Was ich hierbei litt, weiß nur Gott; das Leben hatte für mich jeden Reiz, jeden Anhaltspunkt verloren und nur in der Religion, im Glauben nämlich, etwas Gutes zu thun, fand ich eine ſchwache Stütze. Du aber warſt und bliebſt mein einziger Gedanke; die Erinnerung an Dich mußte mein Glück, mein Daſein ausmachen. Graf* benahm ſich mit einer Schonung gegen mich, die ich ſeinem leidenſchaftlichen Charakter nimmer zu⸗ getraut hätte: er ließ mich Tage lang allein und ſprach mich immer nur in Geſellſchaft meines Vaters. Die⸗ ſer reiſte bald nach meiner Erklärung ab, mir ſeinen Segen, ſeine Wünſche zurücklaſſend, mit der Zuſage 105 zu meiner Vermählung, die mit Anfang des Winters in* gefeiert werden ſollte, dahin zu kommen. Nach ſeiner Entfernung ſank ich in meinen Schmerz zurück; die ungeheure Größe meines Opfers trat wieder ge⸗ ſpenſtig vor mich hin und— ich faßte— von Ver⸗ zweiflung gepackt, den Entſchluß, eher mich ſelbſt zu tödten, als dieſem Manne meine Hand zu reichen. Ein⸗ mal dieſen Gedanken ergriffen, ward ich ruhiger, wenigſtens nach außen; ich blieb kalt und unzugängig. Graf* und meine Dame mochten ſich mit der Ge⸗ walt der Zeit tröſten; wenigſtens näherte man ſich mir nicht inniger und beſprach dieſe Angelegenheit mit keinem Worte. So kam der Spätherbſt und der Angenblick unſrer Abreiſe. Graf* fuhr acht Tage vor uns ab. Er ſchied von mir mit einem ehrerbietigen Handkuſſe und den Worten; Auf Wiederſehen in*; dort werden Sie mich näher kennen lernen. Ich verneigte mich ſtumm und er ging. Und warum, fragte Carl, ſchriebſt Du mir auch in dieſem Augenblicke nicht? Weil ich, entgegnete Julie, meine an Dir, an unſrem Bündniſſe auf Leben und Tod verübte Schuld, jene nämlich, meiner augenblicklichen Nachgiebigkeit und Schwäche für meinen Vater, eher ganz ſühnen wollte, ——. ———————— C —— — ——— S—— mich durch eigene Thatkraft aus dieſer Verwirrung ziehen mußte, ehe ich es, nach meinem Gefühle, wagen durfte, wieder an Dein Herz zu ſinken. Daß ich mir dieſe Kraft zugetraut, war mein Unglück; o warum wagt der Menſch allein, was er nur, von der Freund⸗ ſchaft unterſtützt, von der Liebe beſchirmt, auszuführen vermag! Vernimm weiter. Wir kamen in* an und man empfing mich in allen Häuſern, die wir beſuchten, als Braut des Gra⸗ fen*. Ich ſchwieg. Er näherte ſich allmählig be— ſtimmter, heißer. Da erklärte ich ihm eines Tages, daß es mir unmöglich ſei, ihn zu lieben. Nun kehrte der Heuchler ſeinen wahren Menſchen heraus. Zuerſt beſtürmte er mich mit der ganzen wahnſinnigen Wuth ſeiner Leidenſchaft und, da ich dieſer Kälte und Strenge entgegenſetzte, mit Drohungen aller Art, mit erlogenen Thränen, mit maßloſen Betheuerungen. Die Gräfin unterſtützte ihn auf alle Weiſe und mein Zuſtand ward unerträglich. Es mußte etwas geſchehen und— ich ergriff meinen Entſchluß. Flucht ſchien mir das ein⸗ zige Mittel zu meiner Rettung; ſie war es auch. Ich traf heimlich Anſtalt dazu, und vertraute mich nur meinem Kammermädchen. Aber dieſe Schlange ſtand bereits im Solde des Grafen und berichtete, ich darf nicht zweifeln, ihm von meinem Plane. Ich hatte 107 Alles geordnet. Ein von mir zurückgelaſſenes Schrei⸗ ben ſollte die Gräfin von der Sache unterrichten und ihr ſagen, was mich zu dieſem Schritte gezwungen. Der erſte Tag dieſes Jahres war zu meiner Flucht feſtgeſetzt; das Mädchen ſollte mich begleiten. Die Nacht dieſes Tages brach herein. Ich ſchützte Kopf⸗ weh vor und begab mich früh auf mein Gemach. Um Mitternacht verließen wir leiſe das Haus und trugen unſer weniges Gepäck unter unſern Mänteln fort bis in eine ziemlich entfernte Straße, wo ich, um alles Aufſehen zu vermeiden, den gemietheten Wagen warten ließ. Wir gelangten ohne Störung dahin und fuhren ab. Ich ſank dem Mädchen vor Freude ſchluchzend um den Hals und nannte die Verrätherin meinen Schutzengel. Die Pferde jagten dahin; wir hatten die Straße nach der Reſidenz: ich floh auf dem Wege zu Dir. In einer Stunde hatten wir die erſte Sta⸗ tion erreicht und in der nächſten ſchon die zweite. Da erklärte der Landkutſcher, daß er ſeinen Pferden für eine halbe Stunde Ruhe gönnen müſſe, uud ich ſah mich genöthigt zu halten. Die Kälte war grimmig, das Mädchen klagte über Schwindel und beſchwor mich, mit ihr in das Gaſthaus zu treten. Ich mußte nachgeben und wir ſtiegen aus. Man führte uns in ein Zimmer des erſten Stockwerks, das wir geheizt —— 108 fanden. Das Mädchen entfernte ſich, um, wie ſie ſagte, ſich ſelbſt eine Taſſe Thee zu bereiten und ließ mich allein. Eine außerordentliche Bangigkeit befiel mich, mir war, als ſollte ich in dieſem Hauſe etwas Unge⸗ heures erleben, als müſſe ich in dieſer Stube ſterben. Ich warf mich auf das Ruhebett und ſtierte in das matte Licht der Lampe auf dem Tiſche; mein Herz ſchlug, als wolle es mir die Bruſt zerſprengen; meine Stirne glühte und eiſiges Entſetzen überlief mich dabei. So— blieb es einige Minuten. O, daß ich nicht vergangen in dieſer Angſt! Endlich vernahm ich Tritte. Das Mädchen kommt zurück, ſeufzte ich auf, nun iſt Alles gut. Die Thüre ging auf und— allmächtiger Gott— ich ſtürzte aufſchreiend zurück, Graf* trat herein. Ich hatte die Beſinnung verloren. Als ich aus meiner Ohnmacht erwachte, ſah ich mich in den Armen meines Verfolgers. Ich ſtieß ihn wüthend zurück. Da entfernte er das Mädchen, das ſich mit mir beſchäftigt hatte, ſchloß die eine Thüre ab und zog eine Piſtole hervor. Tödte mich, Elender! rief ich, Du befreiſt mich nur von Deinem verhaßten Anblicke. Nein, entgegnete er ruhig: nicht Sie, Gräfin, will ich tödten, nur mich und zwar vor Ihren Augen. 109 Mögen Sie es vor Gott verantworten! Ich kann nicht leben ohne Sie. Ein umennbares Entſetzen überkam mich und ich ſprang auf und zu ihm hin. Halten Sie ein! Was wollen Sie, ſagte er höhniſch lächelnd, da es vorbei mit mir, da Sie mich zu Grunde gerichtet? Mein früheres Leben ekelt mich an, ſeit ich Sie, die Reinheit Ihres Lebens, die Möglichkeit eines edlen Daſeins kennen gelernt; wohin ſoll ich, was ſoll aus mir werden? Soll ich zurück in die Hölle, da Sie mich aus Ihrem Himmel verſtoßen?— Thränen erſtickten hier ſeine Stimme und er ſank vor mir nieder in die Kniee und umklammerte mich. Was ging da in mir vor? Ich konnte eine Seele von zweifachem Verderben retten: dieſer einzige Ge— danke iſt mir noch erinnerlich. Er blickte, flehend wie ein Kind, zu mir auf, Worte der Reue, ſo erſchütternd wie ſie nur jemals aus einem Munde kamen, ſchlugen an mein Ohr; das Bild meines Vaters trat vor mich hin, Alles, Alles war gegen mich, ach! und ich nahm die Piſtole aus ſeiner Hand und legte meine Rechte darein. Er ſprang auf und ſchloß mich jubelnd in ſeine Arme: ich ließ ihn betäubt gewähren. Da ging die — ——— — ———— ——— —————½—— andere Thüre auf und— ein Prieſter trat herein. Im nächſten Augenblicke waren wir verbunden.— Iſt es denn möglich, unterbrach ſie Carl, daß Sie das Gewebe dieſer Büberei nicht durchblickten? Sie ſchöpfte beklommen Athem und fuhr fort: Ich war betäubt, mehr weiß ich nicht.— Wir blieben die Nacht in dieſem Gaſthofe und fuhren morgens nach* zurück. Noch hatte man uns nicht vermißt; Graf* entdeckte Alles der Gräfin. Ich aber war nun zur Beſinnung gekommen, alle Täuſchung ſchwand; ich ſah klar, was ich nunmehr zu thun habe. Ich ſchrieb an den Chef der Polizei und detailirte ihm den ganzen Hergang mit der beſtimmten Erklärung, daß die Behörde dieſe Affaire ſogleich unterſuche und daß ich lieber mit Schmach bedeckt leben wolle als die Gattin dieſes Verruchten bleiben. Eine Stunde nach Abſendung meines Briefes kam dieſer würdige Beamte ſelbſt zu mir und beruhigte mich mit der Verſicherung, daß dieſe Ehe für ungiltig erklärt werden müſſe und ſolle, ehe noch der Tag verginge. Mich aber forderte er auf, des Skandals wegen* ſogleich zu verlaſſen, nach der Reſidenz zu eilen und ihm meine ganze Angelegenheit zu vertrauen⸗ Ich dankte ihm, nahm Abſchied von der Gräfin, die meine Entfernung ebenfalls billigte, und reiſte ab. 111 So bin ich nun hier, und nun, mein Carl, richte Deine arme Julie! Abermals brach ſie in Thränen aus und barg ihr Haupt in ſeinem Schooße. Nach einer ſchmerzlichen Pauſe fragte er ſie mild und leiſe: Und was gedenken Sie nun zu beginnen? Julie erhob ſich; er trocknete ihr die heißen Augen und Wangen und zog ſie ſanft an ſeine Seite. Was ich beginne? ſeufzte die Leidende: Mein Le⸗ ben iſt fortan ein Stückwerk ohne Deine Liebe, C arl; und daß ich dieſe verloren, ſagt mir mein eigenes Gefühl, ſo ſchuldlos ich auch bin. Ich bat Dich zu mir, um durch mein offenes Geſtändniß das zu ſühnen was ich allenfalls verſchuldet habe; über meine Zu⸗ kunft haſt Du zu entſcheiden. In wenigen Tagen er⸗ warte ich vom Gerichte zu“ die Ungiltigkeit⸗Er⸗ klärung dieſer fürchterlichen Verbindung und die Nach⸗ richt, daß man meinen Verfolger trotz ſeiner einfluß⸗ reichen Familie zur Rechenſchaft ziehen werde. Mein Vater iſt verreiſt und erfährt erſt bei ſeiner Rückkehr nach* das Geſchehene und meinen Aufenthalt. Ich will hier bleiben, in Deiner Nähe; werde ſuchen, eine Anſtellung zu erhalten: gelingt es mir nicht, ſo reicht, was ich beſitze, hin, mich in ſtiller Zurückgezogenheit beſcheiden zu ernähren; auch kann ich arbeiten. Müßte ich, gezwungen durch Deinen Willen, durch Deine Kälte, dieſe Stadt verlaſſen, ſo weiß der Himmel, was aus mir würde. Aber Du wirſt Deine unglück⸗ liche Julie nicht verſtoßen, wirſt ihr, wenn Deine Liebe geſtorben, das Leben der Freundſchaft erhalten; wirſt bedenken, daß ich nur Dich noch habe, an dem ich mich aufrecht halten kann, nachdem mir nunmehr ſelbſt mein Vater, als die eigentliche Urſache meines Unglücks, fremd geworden, um nicht zu ſagen, feind⸗ lich: dies, Carl, bedenke, eh Du ausſprichſt, was Du über mich beſchloſſen; laß mich in Deiner Nähe, ich beſchwöre Dich! Gönne mir, willſt Du mich nicht mehr ſehen und hören, mindeſtens ſchriftlichen Aus⸗ tauſch meines Schmerzes mit Deinem Geiſte, Deinem Rathe, Deinem Troſte! Er entgegnete: Daß nach dem, was Sie erlebt haben, an eine unauflösliche Verbindung nicht ferner zu denken, fühlen Sie gewiß mit mir. Was ich dieſe Zeit über gelitten und in dieſem Augenblicke um Sie leide und immer leiden werde, vergebe ich Ihnen; allein das Vergeſſen hängt nicht vom Willen des Menſchen ab: immer würde das Geſpenſt der Erinne⸗ rung zwiſchen uns treten und eine ungetheilte, unver⸗ tümmerte Vereinigung ummöglich machen. Eins aber iſt möglich und dies will ich thun. Ziehen Sie ſich für einige Zeit in Einſamkeit zurück. Schreiben Sie mir oft und viel; ich werde Ihnen immer antworten. Auch werde ich Ihnen eine Lectüre ordnen, die Ihren Geiſt wieder aufrichten ſoll. Von Zeit zu Zeit werde ich Sie beſuchen.— Mit dieſen Worten erhob er ſich, ſchloß die Ge⸗ beugte noch einmal— das letzte Mal— an ſein Herz, und ging. Dichterleben. X. Das Ende vom Tiede. Er hielt Wort und ſie that, wie er gerathen. Ihre Correſpondenz erneuerte ſich in ſchöner, aber weh⸗ müthiger Weiſe. Nach Verlauf zweier Wochen theilte ſie ihm das gerichtliche Seent der Ungiltigkeit⸗ Erklärung der Ehe mit Graf*, alſo das ihrer Freiheit mit. Einer ihrer nächſten Briefe zeigte ihm die Ankunft ihres Vaters an, ſeine Beſtürzung, ſeinen Schmerz und ihre Ausſöhnung mit dem tief erſchütterten Manne. In dem darauf folgenden ſagte ſie, daß ihr ein Antrag gemacht worden, über deſſen Annahme ſie ſich ſeinen Rath erböte. Die Gattin des reichen Banquiers“*“ ſuchte eine Erzieherin für ihre zwölfjährige Tochter unter glänzenden Bedingungen. Carl rieth ihr ſo⸗ gleich, dieſe Stelle anzunehmen. Nach vierzehn Tagen bezog ſie das prachtvolle Hotel des Banquiers. Ihr 11⁵5 Briefwechſel hatte nun ein Ende, ſo ſehr ſie ihn auch bat, ſich in dieſem Hauſe vorſtellen zu laſſen und da⸗ durch ihr freundſchaftliches Verhältniß zu ſanctioniren. Er blieb bei ſeinem Entſchluſſe, nahm ſchriftlich Abſchied von ihr und machte einen Ausflug durch Tyrol nach der Lombardie, womit er mehrere Monate zubrachte. Er kehrte im Sommer erquickt, an Leib und Seele geſtärkt, in die Reſidenz zurück. Die Erinnerung an Julie lag in ſeiner Phantaſie nur mehr wie das Gedenken eines ängſtlichen Traumes: er war erwacht. Eines ſchönen Juli⸗Abends machte er eine Prome⸗ nade durch den großen Park, das Stelldichein der eleganten Welt. Er lagerte ſich vor einem Caffeehauſe, ſich durch ein Glas Eis zu erfriſchen. Das Gedränge der Equipagen und Fußgänger war groß. Er rauchte gemächlich ſeine Cigare und blickte nachdenkend in das bunte Getriebe vor ſich. Da klopft es auf ſeine Schul⸗ ter; er wendet ſich, es iſt der Hofſchauſpieler, den wir zu Anfang dieſer Erzählung kennen gelernt haben. Nach herzlicher Begrüßung ſetzt ſich der joviale Künſtler zu unſrem Dichter. Sie waren in Italien? Nur in der Lombardie diesmal, mein Ziel waren die Borromäiſchen Inſeln. Finden Sie es heute nicht ſehr lebhaft hier? Allerdings, für dieſe Jahreszeit. Einige Feſtlichkeiten verzögerten heuer die Villeg- giatura. Aber, nicht wahr, ſolche Equipagen hat ſelbſt der berühmte Corſo von Mailand nicht aufzuweiſen? Wenigſtens in dieſer Menge nicht. O ſehen Sie, ſehen Sie! Was denn? Den Phaeton des Banquiers*. Er nannte den, in deſſen Hauſe Julie Gouver⸗ nante war. Carl blickte, die Farbe wechſelnd, hin und ſah Julien in glänzender Toilette und ſtrahlen⸗ den Ausſehens zur Seite ihrer Eleve vorüberſchweben. Ihr Anblick ſchnitt ihm durch die Seele und er wünſchte ſich in die Alpen in dieſem Augenblicke. Nicht wahr, ſie iſt ſchön? Die Equipage? Ja. Und Julie? Was wollen Sie damit ſagen? Daß unſere Gräfin ſchöner, reizender ausſieht als je. Was kümmert's mich! Herr von?, das weiß ich nicht; aber ich weiß etwas Anders, das Sie doch vielleicht nicht wiſſen, ſo gelehrt Sie auch ſind. Das mag wohl ſein. Z. B. was ſich die Stadt von der Gräfin ſagt— 117 Und was ich nicht hören mag.— Aber hören müſſen, ſo wahr ich Ihnen gut bin! So ſprechen Sie denn, weil Sie müſſen. Die Frau des Banquiers iſt auf den Tod krank, und nach ihrem, ſehr bald zu erfolgenden, Tode wird die Gräfin ſo gewiß die zweite Gattin des reichen Kaufherrn als— Als?— Als ſie bereits für ſeine Braut gilt. Nach einigen Monaten war Julie mit dem Ban⸗ quier vermählt. XI. „Blick in der Menge buntverworrnes Treiben Und nenne mir den Geiſt, der dieſes lenkt?“ „„Mußt vor der Hand bei der Erſcheinung bleiben, Das Volk genießt hier, ohne daß es denkt.““ Der erſte Tag des Volksfeſtes ging zu Ende und mit der einbrechenden Dämmerung der wilde Jubel an. Hatte man das Licht der Sonne geſcheut, oder wirkt der helle Tag überhaupt hemmend und ſtörend auf die Sinnlichkeit: genug, mit den letzten Strahlen der ſchönen Juniusſonne ſchwand auch die Rückſicht, und die, aus dem Luſtwalde auftauchende keuſche Diana blickte der Scheidenden wie verlegen nach, und wie leiſe erbebend, herab auf die ſeltſamen Jagdſcenen, die ſie nun mit ihrem Phosphor beleuchten ſollte; die mil⸗ den, ruhigen, ernſten Sterne traten zitternd aus dem tiefen Blau und ſahen gleich ihr mit himmliſcher Reſignation in das geſetzloſe, grellphantaſtiſche Treiben — der ungeheuren Menge nieder, die nur die Nacht erwartet zu haben ſchien, um ihr eigentliches Tagewerk zu beginnen, ihr gewaltiges Luſtfeuerwerk abzubrennen; denn kaum legten ſich die Schatten über die ausge⸗ dehnten Auen und Wieſen und den breiten Strom, innerhalb deren die Bühne dieſes Schauſpiels vom Umfange einer halben Meile aufgeſchlagen war, ſo flogen auch ſchon jauchzende Töne als Raketen in die Luft, Signale der ſich nun völlig bewußtwerdenden Leidenſchaft, flammende Blüthen der freigelaſſenen Sinne, die der giftige Thau der Nacht alsbald zu Früchten reifen ſollte, auf deren Genuß unmittelbar geiſtiger Tod erfolgt. Die nahe, große Reſidenz mußte in dieſem Augen⸗ blicke klein und arm ſich fühlen: klein, denn da außen hatte ſich eine unermeßliche Stadt aus Holz erhoben mit Tempeln, dem Wahnſinn und der Völlerei ge⸗ heiligt, mit Thürmen und Warten und Wällen, be⸗ ſetzt von unbändigen Streitern gegen Zucht und Maß; arm, denn die wohlhabende Sinnlichkeit war ausge⸗ wandert aus ihr und durchſtrömte Straßen und Gaſſen der vom tollſten Teufel der Luſt improviſirten Stadt, zu Fuß und zu Pferd, auf Karren, wie in glänzenden Equipagen; Alles vom hohnlachenden Zufall durch einander geſtoßen, in widerlicher Reibung, Arm und 120 Reich, Jung und Alt, Weisheit und Dummheit, Tu⸗ gend und Laſter. Weithin um dieſen Zauberkreis war Alles todt, das Leben hatte ſich auf dieſem Fleck concentrirt; dieſer Luſtwald war jetzt in der Wüſte alles übrigen Daſeins die große Qaſe, das Stelldichein aller Gedanken und Empfindungen; da allein ſprang die Quelle des Be⸗ wußtſeins und zahlloſe Kamele ſchlürften ſich die Bäuche voll, die ſpäter, im weiter Wandern durch die Wüſte, das Meſſer der Erinnerung aufſchlitzen ſollte, die wie⸗ der Lechzenden zu laben.— Zwei ſtattliche junge Männer ſchritten, nachläſſig Arm in Arm, durch dieſes Gewühl, ſcheinbar zerſtreut; in jener Zerſtreutheit nämlich, da der Geiſt die von allen Seiten zuſtrömenden Eindrücke abdämmt und, ehe ſie noch zerſtörend die Phantaſie überfluthen kön⸗ nen, im Beete des Verſtandes dem weiten Behälter der Vernunft zuleitet; man iſt nie geſammelter als in ſolcher Zerſtreuung. Beide waren in dieſem Falle; ihre Blicke ſchweiften über alle Erſcheinungen, hafteten hier und da und ſenkten ſich zeitweiſe, wie überfrachtet, ermüdet; begegneten ſie ſich bisweilen, ſo flog ſie ein leiſes, halb wehmüthiges Lächeln an und auf ihren ſeltſam vibrirenden Lippen lag etwas von ſchmerzlicher Ironie. Und ſie waren doch ſo jung und ihr Aeußeres 121 zeugte von ſo viel Lebenskraft und materiellem Wohl⸗ ergehen! Wir wollen ſie näher in's Auge faſſen. Der Jüngere, Alerander von***, aus einer eben ſo alten als berühmten Familie, ein hoher ſchöner Blondin von kaum vierundzwanzig Jahren, entſendet aus ſeinen großen blauen Augen Blicke voll ſichren Stolzes und kühner Schwärmerei; er entblößt bis⸗ weilen das Haupt und läßt die friſchbewegte Abend⸗ luft um ſeine hohe, freie Stirne und durch die hellen weichen Locken ſpielen, die den imponirenden Ausdruck ſeines Weſens dahin mildern, daß ſie ſeine ganze kräftige Erſcheinung zu der eines Künſtlers machen: er hat das Ausſehen eines Malers. Er iſt es auch, er, wie ſein Begleiter; beide ſind Maler, bildende Künſtler: Seelenmaler nämlich; Künſtler, die den Ge⸗ danken als Bild der Phantaſie überliefern und zu den Gebilden der Natur die Gedanken als Dolmetſcher des Weltgeiſtes bringen, mit einem Worte— Dichter. Auch dem Andern ſieht man dies an, wenn gleich nicht auf den erſten Blick. Dieſer äußert mehr von dem Weſen der großen Welt und eine gewiſſe Glätte der Erfahrung ſpiegelt in ſeinen etwas leidenden, übrigens edlen Zügen ein Seelenleben ab, worin lyriſche Subjectivetät ſchon auf⸗ gegangen und an ihrer Statt kräftige Beſonnenheit — 6 8 8 ——————— S— —„ 122 und Selbſtbeherrſchung entwickelt ſcheint. Er iſt etwa drei Jahre älter als ſein Begleiter, nicht ſo hoch, aber regelmäßiger gebaut und aus ſeiner gewogenen Hal⸗ tung ſpricht ein mächtiges Bewußtſein phyſiſcher und moraliſcher Kraft, wie aus ſeinen, von kühn gezogenen Brauen und langen Wimpern beſchatteten, jedoch ſanft gewölbten dunkelblauen Augen ein Ernſt, wie er bei ſolcher Jugend nur durch die heftigſten Erſchütterungen, durch die bitterſten Erfahrungen gewonnen werden kann, wenn er kein Ergebniß des Temperaments iſt. Daß er es an dieſem jungen Manne nicht iſt, ſondern eben nur die Ruhe nach einem zerſtörenden Erdbeben des Gemüthes, werden wir ſpäter noch Gelegenheit genug finden zu bemerken; aber ſchon jetzt, auch auf den erſten Blick in ſein blaſſes, von kurzen braunen Locken umdunkeltes Antlitz, dringen wir in die vulca⸗ niſche Werkſtätte ſeiner Seele und ſtutzen über die ge⸗ waltige Ader, die auf der blendend weißen Stirne wie eine Schlange manchmal emporſchießt, und über das unheimliche Wetterleuchten des Blickes durch die Trauer⸗ weiden der Lider.— Es iſt Carl. Nachdem wir nunmehr die oberflächliche Bekannt⸗ ſchaft der zwei jungen Männer gemacht, wollen wir ihnen weiter folgen. Sie ſcheinen dieſes Gewühles müde zu ſein, denn ſie lenken ihre Schritte dem hohen W —* 123 Damme zu, der den weiten Tummelplatz des Volks⸗ feſtes von dem Parke trennt, an welchen die Vorſtadt ſtößt. Sie werfen von dieſer Anhöhe noch einen Blick auf das wunderliche Leben ringsum. Die große Wieſe ſchimmert von tauſend Lichtern, wie mit Johannis⸗ würmchen beſäet und das Gelärme der Menge tönt wie das Rauſchen brandender Wogen. Von allen Seiten ſchwirrt Muſik darein, deren Klänge ſich wech⸗ ſelweiſe ſtören und zur widerlichſten Diſſonanz machen; dazwiſchen das heiſere Geſchrei der Victualienverkäufer, Jauchzen und Gläſergeklirre, wildes Gelächter, Dudel⸗ ſack und Drehorgel⸗Summen und Aechzen und das verworrene Gemurmel der dichten Schaaren, die noch immer aus dem großen Garten den Damm entlang dieſem Schauſpiele zueilen. Sie überblickten dieſes Chaos noch einmal und ſchritten ſchweigend weiter. In der Hauptſtraße der Vorſtadt angelangt, ſagte Alerander: Es iſt noch nicht zehn Uhr, die Nacht ſo warm und einladend, daß ich wohl Luſt hätte, noch ein Stündchen im Freien zuzubringen. Danach, verſetzte Carl, verlangt es auch mich; ich bin ſo angegriffen und ermüdet von dieſem Abende, daß ich mich nach einiger Erquickung ſehne. Dieſe finden wir, wenn Sie wollen, nahebei; jener Gaſt⸗ 124 hausgarten iſt, wie Sie ſehen, illuminirt: wir finden da, bei ganz guter Geſellſchaft, ein gutes Souper und gute Muſik; treten wir ein. Sie reiſen morgen oder übermorgen; wer weiß, wann und in welchen Verhältniſſen wir uns wieder begegnen, laſſen Sie uns dieſen herrlichen Abend darum noch recht innig zuſammen verleben. Mit Freuden, fiel Alerander ein; hab' ich Ihnen doch ſo Manches noch mitzutheilen und ſo gar Vieles auf dem Herzen, kommen Sie, laſſen wir uns da nieder! Der glänzend erleuchtete Salon, wie er geſchmack⸗ voll angelegte Garten um ihn her, war beinahe über⸗ füllt von ſchönen, heiteren, anſtändigen Leuten; reizen⸗ den Frauen und Mädchen, Jünglingen, Männern, Kindern und Greiſen, die alle ein und daſſelbe Ge⸗ fühl des Wohlbehagens zu beleben ſchien: das daß und trank, plauderte und lachte ſo glückſelig durch einander und die köſtliche Muſik ſtimmte ſo munter dazu, daß man gewaltigen Ernſt mitbringen mußte, um nicht gleich beim erſten Blicke in dieſes anmuthige öffent⸗ liche Geſellſchaftsleben auszurufen: Hier iſt gut ſein!— Unſere jungen Männer ließen ſich an einem noch unbeſetzten Tiſchchen unferne des Pavillons, worin das Orcheſter ſpielte, nieder und fanden ſich alsbald in —„—„—„— ——— 125 den allgemeinen Ton, d. h. ſie ließen ſich's munden und ſtreckten, nachdem ſie ſich erfriſcht hatten, wie alle Uebrigen ihre Glieder und gaben ſich der ſüßen Gewalt der Muſik hin, die auf ihre reizbaren Sinne nicht viel anders als Opium wirkte: ſie rauchten ge⸗ mächlich ihre feinduftenden Cigaren, ſchlürften feuri⸗ gen alten Wein dazu und beſchauten ſich halb träu⸗ mend die zauberiſchen Bilder der Fata Morgana, wie ſie auf opaliſirenden Strahlen und Tonwellen zitterten und ſchwebten. Fühlen Sie nicht— ſagte Alexander mit einem, ihm eigenen, ſarkaſtiſchen Lächeln um die vollen ſchö⸗ nen Lippen— die Nähe des geiſtigen Todes? Mir werden bereits die Extremitäten des Verſtandes ſtarr, kalt und blau; es iſt ein Zuſtand zum Schlagtreffen! Welcher Geiſt beherrſcht dieſe Leute? Kann über⸗ haupt ein Geiſt ſo Maſſenhaftes durchdringen? Blicken Sie nur in die Geſichter dieſer Menſchen! Liegt nicht die Behaglichkeit wie eine chineſiſche Mauer um das himmliſche Reich des Denkens? Ein Volk von ſo compacter Gegenwart hat keine Zukunft, die Wirk⸗ lichkeit conſumirt jede Hoffnung, im Heißhunger des Augenblicks verſchlingt es die Zeit und zehrt am Ca⸗ pitale des Ideals— Nicht aber, ſetzte Carl ernſt hinzu, an dem des 126 geſunden Menſchenverſtandes. Beati possidentes! Nur der Lebende hat recht. Und das nennen Sie Leben? Warum nicht? Was gewinnen denn wir, die wir uns die Miene geben, weiſer zu ſein als dieſe liebenswürdigen Empiriker, mit unſrem ununterbroche⸗ nen Seufzen der Sehnſucht nach Utopien?— Nichts, mein Freund, weil es beim Seufzen bleibt; aber es kann eine Zeit kommen, auch für dieſes genußbetäubte Volk, da die Seufzer ſeiner wahren Freunde zu Worten, die Worte zu Thaten werden. Darüber können wir ſehr alt werden. Alt? Möglich; jedoch beſſer ſpät als niemals. Dieſes gute Volk muß erzogen werden, muß einmal aus ſeiner kindiſchen Indifferenz heraustreten und zum Selbſtbewußtſein gelangen.— — Um? — Um ſich anzuſchließen den allgemeinen Fort⸗ ſchritten der Intelligenz— Und der Freiheit, nicht wahr? Intelligenz iſt Freiheit. Ueberlaſſen wir dies der Zeit, der Natur. Zeit und Natur beſtehen, ſind nur in der Er⸗ al m ſcheinung; man muß die Erſcheinung möglich machen, will man die Wirkung der Natur erfahren. Nun ich denke, lieber Alerander, eine Erſchei⸗ nung, die um einen guten Kopf über die Menge hervorragt, wird wohl bemerkt werden; bis dahin— wollen wir dichten, nicht denken. Ich ſehe hierin keinen Unterſchied: das allgemeine Leid wird in meiner Bruſt zum beſondern Liede; mein Denken regt mein Dichten an und ich dichte auch nur dann, ſobald ein großer allgemeiner Gedanke in die Rüſtkammer meiner Phantaſie ſtürzt, ſich daraus eine gewaltige Waffe zu holen. Sie haben alſo an dem rein Menſchlichen, das außerhalb aller Tendenzen, das durch Wiſſen und Können, Politik und Religion hinfließt wie ein Strom im Meere; an dem, was das Herz und die Einbil⸗ dungskraft uns täglich und ſtündlich bringen, was die humane Erfahrung uns auf den Glutfitigen des giftigen Samum oder auf Schmetterlingsſchwingen in den Buſen trägt, Sie haben daran nicht genug? Das weite Reich der menſchlichen Leidenſchaften, mit ſeinem unermeßlichen Reichthume an Schmerzen und ſüßen Täuſchungen, iſt zu eng für Ihren Geiſt und er wandert aus in das dürre Steppenland der Po⸗ litit? Ich fürchte, Sie ſind auf einem Abwege. ——————— 128 Nein, der Dichter iſt auf keinem Abwege, wo der Jammerſchrei oder das rohe Gelächter des Volkes an ſein Ohr ſchlägt und Mitleid über ſeine Verwahr⸗ loſung oder gerechte Entrüſtung über das ihm zuge⸗ fügte Unrecht wachruft, daß es aus ſeiner zürnenden Seele herausrollt als Donner! Dennoch, mein Freund, dennoch. Poeſie iſt Kunſt und Kunſt iſt Poſitives. So bald ein Gedicht kriti⸗ ſchen Charakter annimmt,— und jede Darſtellung politiſcher Zuſtände wird im lyriſchen Gedichte eine Kritik derſelben, nicht aber im Drama, weil die Sub⸗ jectivetät in der Handlung aufgeht— hört es auf ein Kunſtproduct zu ſein, ein ächtes, und wären ſeine Gedanken die glänzendſten, ſeine Form die fer⸗ tigſte; mit recht läßt die Aeſthetik nunmehr ſelbſt das didactiſche Gedicht fallen, aus keinem andern Grunde, als weil der Styl, das Höchſte der Form, immer naiv und niemals abſichtlich erſcheint und weil Styl und Kunſt eins und dasſelbe ſind. Der Sthl verträgt ſich nun und nimmer mit dem Geiſte der Verneinung; das Rühren aber an das Beſtehende— und geſchähe es noch ſo ſchön, noch ſo begeiſtert— iſt Negation und tödtet den Begriff von Kunſt: Politik gehört in das Parlament, der Dichter aber hat nur Sitz und Stimme in der großen Akademie der Natur, deren gebornes Mitglied er iß. er der giſe mit Hu rei es wã hiel auf ſich abe der ſob Mo nich wir der N— M M W— — —— ** 129 — Er wird darum noch nicht zum Politiker, wenn er über Unterdrückung des geiſtigen Lebens ſeiner Mitbürger klagt oder ſich einer idealen Anſchauung der Zukunft hingiebt, die ihn für die Gegenwart ele⸗ giſch ſtimmt; es iſt noch keine Negation, wenn man mit der ſcharfen Waffe des höheren Witzes, des Humors, das Heer von Lächerlichkeiten und Unge⸗ reimtheiten decimirt, denn es iſt damit etwas gethan, es iſt Poſitives. Ja, ja— ſagte Carl hierauf nach einer Pauſe, während welcher er das gefüllte Glas vor das Licht hielt und auf den Arm geſtützt nachdenkend in die aufſteigenden Perlen des goldenen Weines blickte—: 's iſt etwas an der Sache und ſo ganz und gar ſoll ſich der Dichter dem Volksweſen nicht abſchließen; aber ſein Herz ſei dabei nur die Aeolsharfe, durch die der Windſtoß der öffentlichen Klage als Mollton zieht: ſobald ér die Lyra als Schild und das Plektron als Morgenſtern oder Art gebrauchen will, zertrümmern nicht nur dieſe Gaben der Götter in ſeiner Hand, er wird dadurch ſelbſt— zur Caricatur. Bedenken Sie, was Sie da ſagen! fiel Aleran⸗ der ein, indem eine Flamme des Unmuths ſeine Wangen überflog. Dichterleben. 9 — 6 — ——— ———————————————————————— Carl leerte ruhig ſein Glas, ſpielte daran und fuhr lächelnd fort: Ich hab' es bedacht. Im Paradieſe der Dicht⸗ kunſt ſteht nur ein Baum, von deſſen Früchten ſein Bewohner nicht eſſen darf: das iſt der Baum der Politik, der politiſchen Erkenntniß: der Genuß davon bringt den Tod in ſein Leben und der Cherub der Phantaſie jagt ihn mit flammendem Schwerte aus Eden; dann wird er aus einem Majoratsherrn der Schöpfung ein Allodialbeſitzer, aus einem Freiherrn der Welt, vor dem ſich Mammuthe und Rieſenſchlan⸗ gen in Demuth beugten und krümmten, um deſſen Sinne ein ewiger Frühling ſpielt und in deſſen Lie⸗ der alle übrigen Weſen des Paradieſes mit Entzücken einſtimmten, ein Freibauer der Welt, der nicht ein⸗ mal mit den Maulwürfen und Heuſchrecken, die ſeine Aecker und Wieſen zerſtören, fertig wird, der mit Regenſchauer, Koth und Schnee zu kämpfen hat und deſſen dumpfes pater noster ſeine hungernden und zerlumpten Kinder nachlallen; er wird aus einem Hel— den, der, wie Phöbos Apollon, von ſeinem Bogen nur Sonnenſtrahlen abſchoß, ein Spießbürger, der aus einer Zeughausbüchſe feuert.— Aber— ſprechen wir von etwas Andrem. Es trat hier abermals eine Pauſe ein und zwar —— und icht⸗ ſein der avon der aus der errn lan⸗ eſſen Lie⸗ icken ein⸗ ſeine mit und und Hel⸗ ogen der chen war Gedicht lag preſſereif in ſeinem Pulte und er ſah ſich 131 eine ziemlich lange und peinliche. Die beiden jungen Männer waren an ihre Lebensfragen gerathen, ohne es zu wollen; ſie ſahen im Vorſchreiten nicht das Trennende, das, anfangs eine leiſe Spalte, ſich all⸗ mählich zum Graben, zum Hohlwege ausweitete und nun mit einmal als eine Schlucht zwiſchen ihnen lag, über welche der Verſtand keinen Sprung wagen, die Phantaſie keine fliegende Brücke werfen konnte: ihre Blicke wichen ſich aus, ſie waren geſchieden. Das Auge geſenkt, verfolgten ſie wohl in dieſem Momente im Geiſte den Weg, den ſie zu gehen hatten; der links, der rechts, weit ab von einander, in immer ausge⸗ dehnterem Abſtande; jeder Schritt vergrößerte die Kluft. Alerander, damals kaum erſt genannt als Ver⸗ faſſer eines Chklus erotiſcher Lieder, war durchglüht von Ehrgeiz und ſtrebte nach der Palme allgemeiner Anerkennung, noch großartiger Publicität. Er griff einen ſchönen Stoff aus der Geſchichte ſeines Vater⸗ landes auf und bearbeitete ihn mit Geiſt, Kraft und Geſchmack. Es wehte durch dieſe epiſch-lyriſche Dich⸗ tung bereits ein friſcher Hauch der Liebe zur Freiheit, der ahnen ließ, daß er zum Sturme werden könne, ſobald die glühende Sonne der Wirklichkeit um Mit⸗ tag die Luft in Wirbel treiben würde. Das ſchöne 6 ——————— 132 nach einem Verleger um. Carl, durch mehrere Schriften bereits bekannt und mit dem literariſchen Geſchäftsleben vertraut, rieth ihm. So lernten ſie ſich kennen. Einer achtete den andern hoch, aber keiner konnte den andern begreifen. Carl, durch frühe Verarmung, Verwaiſung und ſchmerzliche Enttäuſchung, vorzeitig zum ſtrengen Den⸗ ker gereift, ſchien ſeinem poetiſchen Freunde nur Ver⸗ ſtandesmenſch, wärend nie ein glühenderes Herz für alles Schöne, Gute und Wahre in eines jungen Mannes Bruſt geſchlagen, nie eine reizbarere Phan⸗ taſie den Geiſt beſtimmte, lenkte, nie ein Gefühl vom Principe der Schönheit inniger durchdrungen war. Es iſt wahr, es lag um ſeine Bruſt dreifaches Erz der Selbſtbeherrſchung und es war nicht leicht, ihn zu offener Mittheilung, zu freiem Seelenerguſſe zu vermögen; ja, ein Aufſchwung von Humor ließ ihn manchmal Sprünge machen, die jedes Urtheil über ſeine Richtung verrückten: aber, wem es gelang, ſein Vertrauen zu gewinnen oder wer ſeine Dichtungen, die auf den erſten Blick nur als leichtgefaßte Anläſſe oder Skizzen erſcheinen konnten, mit dem Auge der Seele durchdrang, der fand erſtaunt in ihm einen Schatz von Erfahrungen, einen unüberſehbaren Fried⸗ hof voll der merkwürdigſten Denkmäler über geſtorbe⸗ 133 nen Hoffnungen und Wünſchen, durchblüht von tau⸗ ſendfältigen Blumen und Gewächſen und darüber den tiefblauen Horizont der reinſten Vernunftreligion. In ſeinem Leben war er wie in ſeinen Schriften. Vor Allem charakteriſirte ihn ein, faſt mathematiſcher, Ordnungſinn und leidenſchaftliche Liebe zur Form, zur inneren und äußeren. Dabei ſtachelte ihn jedoch oft ein Geiſt des Widerſpruches auf, eine Neigung zur Satire und er vernichtete bisweilen durch einen einzigen Sarkasm, was er ſich durch ſein weiches Herz und ſeine überaus thätige Phantaſie an Erſchei⸗ nungen der Liebe erworben hatte. Dieſer ſeltſame Contraſt— eine natürliche Folge ſeiner Schickſale im Conflicte mit ſeinen Neigungen und Fähigkeiten— bildete ihn als Menſchen wie als Autor ſo eigenthüm⸗ lich aus, daß ihm ſelbſt ſeine Feinde intereſſante Ori⸗ ginalität nicht abſprechen konnten; wir aber, die wir ihn ſehr genau kennen, wiſſen für ſein Geſammtwe⸗ ſen ein vollkommen erſchöpfendes Wort: Humor. Carl war ein Humoriſt. Als dieſer umfaßte er das Leben, ſo weh es ihm auch bereits gethan hatte, mit heißer Liebe, die Natur mit Begeiſterung. Er um⸗ armte die Menſchen alle wie Geſchwiſter, aber— mit abgewandtem Antlitze, damit man in ſeinem bren⸗ nenden Auge nicht die Thräne der Erfahrung und der 13½ Ahnung neuen Verrathes gewahre. Sein äſthetiſcher Sinn, bereits zum Geſchmacke herangebildet, flößte ihm Reigung zu ariſtokratiſchen Verhältniſſen ein; er lehnte gerne die Harfe an eine ſtolze korinthiſche Säule, blickte gerne in Gold und Sammt und Seide, und ſprach dieſe Neigung unverhohlen aus, wie z. B. in folgenden Verſen: „Die Harfe lehnt ſich gerne, So gerne an den Thron, Wie wohl nach keinem Sterne Je geizt der Muſenſohn; Es blickt nur gern' in Seide, In Purpur und in Gold Und in Demantgeſchmeide Der arme Frauenhold. Da ſitzt der bleiche Mangel Am Lebensſtrome nicht Mit unbeglückter Angel Und ſtarrem Angeſicht'; Da gaukeln ſich Genüſſe Von Gaſt dahin zu Gaſt, Und Alles ſchlürft das ſüße Daſein in ſel'ger Haſt. Da tönt ſo rein die Harfe, So mild und zaubervoll; Nicht ſchwirrt hindurch der ſcharfe, Der rauhe Lebensgroll: — ſeir das unt telt wo der wo der dar En M nãl keit ohr ten di 135 Die Lieder, o wie ſchweben Sie ſelig da umher, Wie Sonnenſtrahlen beben Durch das entzückte Meer!“ So, durch Geſchmack Ariſtokrat und zugleich durch ſein richtiges Gefühl zum rein Menſchlichen hingezogen, das er im Leben des Volkes am naiveſten vorfand und am ſicherſten ſtudiren konnte, kam er wie vermit⸗ telnd zwiſchen beide Parteien zu ſtehen. Parteien aber wollen den Menſchen ganz und— da er ſich weder der einen noch der andern völlig hingeben konnte oder wollte— ſo kam es, daß er keiner diente und inmitten der beiden Häuſer ſich eine Eremitage baute und darin, in ſich ſelbſt gekehrt, in ſeinem Mikrokosmus Entſchädigung ſuchte und fand für den aufgegebenen Makrokosmus. Liebe jedoch, warme, treue Liebe nährte er in ſeiner Einſiedlerbruſt, und kein Jäger, tein Wanderer oder Verirrter ging unerquickt oder ohne freundliche Zurechtweiſung von ſeiner Klauſe fort.— In dieſem Sinne liebte er auch die dramatiſche Poeſie leidenſchaftlich; denn dieſe geſtattet nicht nur, ſie macht es ſelbſt zur Aufgabe, vom eigenen Weſen abzuſehen, das Leben objectiv zu erfaſſen und Geſtal⸗ ten, Gefühle und Marimen hinzuſtellen und zu äußern, die mit der Individualität des Dichters durch nichts als — . — die höhere Weltanſchauung zuſammenhängen, der Phan⸗ taſie alſo den weiteſten, freieſten Spielraum eröffnen. Alerander, aus hochadeliger, ja berühmter Fa⸗ milie, die noch in herrlicher Blüthe ſtand, während die Carl's ſich, wie der Rhein, allmälig in der weiten Fläche der Bürgerlichteit verbreitet hatte, war Ariſto⸗ krat durch Geburt, Erziehung und— wir fügen gleich das Wichtigſte bei— durch Charakter. Er war ſtolz, und benahm ſich nur jenen ſeiner Bekannten gegenüber etwas geſchmeidiger, deren Stellung, Charakter oder Geiſt imponirte. Jeder Widerſpruch war ihm ein Greuel und entflammte ſeinen Unmuth bis zum raſen⸗ den Zorne, worin er fähig war, alle Schranken der Convenienz zu zertrümmern und wobei ſein, im Gan⸗ zen edler, Ausdruck wie im Wahnſinn verwilderte, ſeine Sprache zum Toben wurde. Es iſt ſchwer zu begreifen, wie dieſer junge Mann, im praktiſchen Le⸗ ben ſo warmer Ariſtokrat, im idealen, wenn wir das geſchriebene, gedichtete ſo nennen wollen, wie er mit der Feder in der Hand, ſich ſo weit verleugnen konnte, daß er für die Sache des Volkes das Wort mit Begei⸗ ſterung ſpäter ergriff, daß er als Demokrat ſprach.— Wie nun dieſe ſcheinbar ſo unnatürliche Richtung ſeines Geiſtes erklären, dieſes pſychologiſche Räthſel löſen? Sollen wir die Löſung deſſelben der Zeit überlaſſen, die alle löſt, oder verſuchen wir aus Zu⸗ nächſtliegendem ſeine Deutung? Alerander, ſagten wir, war ehrgeizig, ja ehr⸗ ſüchtig. Auf dem Felde der indifferenten Lyrik, der reinpvetiſchen Subjectivetät, war die Palme feiernder Publicität nicht ſo leicht zu erringen, wie er an der Sammlung ſeiner erotiſchen Lieder erfuhr, die keinen bleibenden Eindruck hervorbrachten. Zur rein künſt⸗ leriſchen, objectiven Auffaſſung und Behandlung eines Stoffes in dramatiſcher oder epiſcher Form fühlte er ſich entweder noch zu jung, zu feurig ſubjectiv oder zu arm an eigentlicher, an realer Erkenntniß der Zu⸗ ſtände; was alſo ſonſt? Er griff— in dieſer Sturm⸗ und Drangperiode ſeiner Entwicklung— wie ſchon geſagt, nach einem romanesken Stoffe aus der Ge⸗ ſchichte ſeines Vaterlandes, der ihm Gelegenheit bot, dem hohen Schwunge ſeines lyriſch entflammten Ge⸗ nius zu folgen und zugleich ſeine— ob auf natür⸗ lichem oder künſtlichem Wege gewonnenen— idealen Wünſche für das Volk halbobjectiv auszuſprechen. Das that er denn und ſo haben wir ihn vor uns, ſeine auffallende Erſcheinung als eine Thatſache. So verſchieden nun die inneren Verhältniſſe dieſer zwei jungen Dichter, ſo ſcharf contraſtirend waren auch ihre äußeren Umſtände. 138 Carl war arm und lebte vom geringen Ertrage ſeiner Feder und vom Unterrichte; hatte ſeine ſchönſten Jahre als Erzieher— die zwei letzten in einem hoch⸗ adeligen Hauſe Norddeutſchlands— verlebt und ſah ſich nun ohne Anſtellung, die er entweder nicht ſuchte oder nicht fand, auf die ſchlichteſte Exiſtenz beſchränkt: wärend Alerander als der Erbe eines, wenn auch gerade nicht brillanten, doch immer ſtattlichen, Beſitz⸗ thums in der Provinz, der freien Eingebung ſeiner Muſe, wie den freieren Bedürfniſſen des Lebens ohne bedeutende Einſchränkung huldigen konnte. Innerlich und äußerlich ſo ſind die Beiden nun⸗ mehr unſrem augenblicklichen Urtheile überlaſſen. Wir haben zu ihrer Schilderung die lange, peinliche Pauſe benutzt, die nach den letzten Aeußerungen Carls ein⸗ getreten, und nehmen nun die Erzählung wieder auf, wo wir ſie ruhen ließen.— Am benachbarten Tiſche ſaßen, in Geſellſchaft eines ältlichen, eleganten Herrn, zwei Damen, Mutter und Tochter, wie es ſchien, in einfacher, aber geſchmack⸗ voller Toilette. Das Mädchen mochte etwa ſiebzehn Jahre zählen und war, wenn keine ſchöne, doch eine ſehr reizende Brünette. Prächtige ſchwarze Locken fielen — ſie hatte das Hütchen abgelegt— von der hohen, vortretenden, glänzenden Stirne, in pikanter Unord⸗ e — — c er ir d 139 nung auf den zartgewölbten Nacken und leichtverhüllten Buſen; ihre Lippen, beinahe zu üppig, glühten und zuckten halbgeöffnet über blendend weißen Zähnen; die Bläſſe der Wangen aber ſtach ſo ſeltſam zur Gagat⸗ ſchwärze des ſeideweichen Haares wie zum Purpur des Mundes ab, daß man ſie nur mit einer Art Unruhe betrachten konnte, die ſich durch den ſtechenden, brennen⸗ den Blick aus ihren großen ſchwarzen Augen bis zur Beklemmung ſteigerte. Carl empfand dies, als ſein zerſtreuter Blick, an Alerander vorbeiſtreifend, dem ihrigen begegnete, der, ohne daß er es ahnte, ſchon lange fixirend nach ihm gerichtet war. Er ſchrak zuſammen, ſenkte das Auge, wie von einem elektriſchen Schlage durchzuckt und— ſchlug es alsbald wieder auf, um abermals dieſem wunderlichen Blicke zu begegnen, der ihn un⸗ verwandt feſthielt und dem einer Nachtwandlerin glich, um nicht zu ſagen, der gewaltigen Schlange, die ihr Opfer mit den Strahlen des Auges anzieht, um es zu verſchlingen. Alexander rauchte nachläſſig ſeine Cigare, trank mäßig dazu und ſchien ſich ganz und gar den Ein⸗ drücken der Muſik zu überlaſſen, die in wollüſtigen Schwingungen um Geiſt und Herz der Hörer vibrirte und den ſtrengſten Stoiker aufzuregen geeignet war; — 140 ſo ſüß betäubend, ſo entnervend, ſo narkotiſch wirkte ſie auf den Verſtand und ſo liebkoſend, ſo bildergau⸗ kelnd und verführeriſch auf die Phantaſie. Der Beiden Geſpräch war in's Stocken gerathen und Carl hatte nun ebenfalls Muße, ſich dem zauberiſchen Augenblicke ungeſtört hinzugeben. Die Muſik brachte auf ſein überaus reizbares Weſen die eben geſchilderte Wirkung in ſo hohem Grade her⸗ vor, daß er, des gepflogenen Geſpräches völlig ver⸗ geſſend, nachgerade in den ſeltſamſten Traumzuſtand verfiel. Er ſah ſeinen Begleiter nicht mehr, nur das Mädchen hinter ihm, das, von gleicher Träumerei be⸗ fangen, ihn nur ſo zu betrachten ſchien, wie man, in Zerſtreuung, beſonders bei Muſik, oft einen Gegenſtand in's Auge faßt, ohne ihn wirklich zu ſehen, gleichſam nur als Stütz⸗, als Ruhepunkt, um den die entfeſſel⸗ ten Gedanken wie Schwalben um einen Thurm kreiſen. Hatte ſie— es war nicht unmöglich— der Bei— den Geſpräch mit angehört und an ſeinem merkwür— digen Inhalte Theil genommen? Dafür konnte ſie zu jung ſcheinen, wenn man den flammenden Blick nicht in Anſchlag brachte, der von einem bei ſo zarter Jugend außerordentlichem Seelenleben zeugte. Oder war es gewöhnliche Koketterie? Gewöhnliche in keinem Falle. Neugierde? Sie war ſo ernſt, beinahe feier⸗ li ſi 1¹¹ lich in ihrer Haltung. Und was ſagte die Mutter— ſie war es— zu dem ſo ſeltſamen Benehmen ihrer Tochter? Sie ſchien es nicht zu bemerken; wenigſtens ſprach ſie ganz gleichgiltig mit dem alten Herrn, der ſeinerſeits den Blick aus ſeinen courmüden, lorgnetti⸗ renden Augen auf dem Profile des abenteuerlichen Mädchens in einer Weiſe ausruhen ließ, die mehr noch als ſein vergelbtes, nichtsſagendes Geſicht unter ſpärlichen, aber wohl zuſammengehaltenen, halb blon⸗ den, halb grauen Haaren beſtätigte, daß es nicht ſeine Tochter war. O gib doch acht auf dieſen Walzer, Clary! rief jetzt die Mutter aus. Das galt einem Walzer, deſſen Wiederholung durch rings erſchallendes Händeklatſchen von Strauß verlangt wurde, der ſich nach dieſer ſo beifälligen Aufforderung anmuthig lächelnd verneigte und dem da capo Rufe ſogleich Folge leiſtete. Die Anrede der Mutter wie dieſer fröhliche Tum⸗ mult, der über eine Minute wie ein Erdbeben den ganzen Garten erſchütterte, riſſen das Mädchen und gleichzeitig auch Carl aus ihrer Traumverzückung und ihre erſt noch ſo feſt an einander gezogenen Blicke ſchoſſen, wie einem Signale folgend, im gleichen Mo⸗ mente von ſich empor in die Luft und dann umher über die Menge. 142 Mir iſt— redete Carl den zerſtreut um ſich ſehen⸗ den Dichter an, wahrſcheinlich weniger im Bedürfniſſe nach Mittheilung, als in Verlegenheit über ſeine un⸗ freie Haltung gegenüber dieſer auffallenden jungen Dame— mir iſt ſo eben etwas Seltſames begegnet. Er ſprach dies ſo leiſe, daß man es am andern Ziſche nicht wohl hören konnte, und Alerander erwiederte eben ſo, nur begleitet von ziemlich lautem Lachen: Nun Sie haben ſich eben wieder einmal verliebt, nicht ſo? Nein, ſagte Carl, etwas verletzt durch dieſen Ton, verliebt habe ich mich nicht, aber, wie ich glaube, ver⸗ ſehen. Ah, das iſt wohl ein Andres? Ich denke. Aber blicken Sie gelegentlich einmal um, ich hörte gerne Ihr Urtheil über dieſe junge Dame. Dame? In dieſem Garten? Sie ſcherzen. Warum nicht? Ich ſah manchen Abend Damen und Herren aus der haute volée hier; übrigens be⸗ diene ich mich gerne dieſer Bezeichnung, da ich den Ausdruck Frauenzimmer nicht wohl leiden mag. Alexrander hatte inzwiſchen in einer Wendung der beſten nonchalance nach der fraglichen jungen ) e— — — — —„— †—, 1— hen⸗ niſſe un⸗ gen net. ern der tem ebt, er⸗ nal me. ien en ng 14* Dame geblickt und wandte ſich zu Carl, ganz gleich⸗ giltig fortſchmauchend, mit den Worten: Dacht' ich's doch! Sie iſt vom Theater. Sie kennen ſie? fragte Carl überraſcht. Nein, verſetzte Alerander trocken und mit ſeinem gewöhnlichen wehthuenden Lächeln, ich kenne ſie nicht, aber ich kenne den Vogel an den Federn: glauben Sie mir, die iſt vom Ballet⸗ oder Opernchore, und der alte Stutzer iſt wahrſcheinlich befugt, ſie ſeine très chére amie zu nennen; ja ja, theuer mag ſie ihm wohl ſein. Carl verſtummte nach dieſen Worten und wir wollen nicht weiter unterſuchen, was in ihm vorging. Nach einer Pauſe begann er ein ziemlich gleichgiltiges Geſpräch, ohne auch nur den flüchtigſten Blick weiter nach der ſchönen Unbekannten zu wagen und ſchlug nach wenigen Minuten vor aufzubrechen. Sein Be⸗ gleiter war es zufrieden und erhob ſich und ſchritt an dem geſchilderten Tiſche vorüber, ohne die daran Sitzen⸗ den auch nur eines Blickes zu würdigen; Carl folgte, nachdem er bezahlt hatte, und grüßte die Damen im Weggehen indifferent aber anſtändig. Dabei begegnete noch einmal ſein Blick dem Clary's, die, wie me⸗ chaniſch dankend, ihn noch ſeltſamer und, wie es ihm ſchien, faſt ſchmerzlich fragend, in's Auge faßte.— Die jungen Männer ſchritten ſchweigend der Stadt zu. Innerhalb des Thores empfahl ſich Alerander von Carl mit den Worten: Ich reiſe wahrſcheinlich übermorgen; jedenfalls ſehe ich Sie noch. So ſchieden zwei junge Männer, die alle Urſache hatten, ihr geiſtiges Leben gegenſeitig hochzuachten und dieſe Worte waren die letzten, die ſie in freund⸗ ſchaftlichem Verkehre wechſelten. Wir wollen uns nicht fragen, was zwei ſo feurige Individualitäten in vereinter Kraft, nach einem Ziele ſtrebend, gleich⸗ ſam als eine Capacität, der Welt hätten nützen können; wir fragen auch nicht, welcher von ihnen an dieſem Abende die innere Trennung provocirte: wir beklagen nur, in die Zukunft Beider blickend, dieſes Scheiden als eine traurige Thatſache, der noch manche ſchmerz— lichere folgen ſollte. — ³) e—+— XII. Das ſeltſame Anuge. „Es blickte mich an ſo wunderbar; Drinn Himmel und Höoͤlle zu ſchauen war: Es zog mich an, es ſtieß mich ab, Wie ein warmes Herz, wie ein kaltes Grab.“ Alexander war nach ſeinem Gute abgereiſt, um vielleicht dort— der Glückliche!— in einer der herr⸗ lichſten Gegenden des ſchönen Landes, von allen Wun⸗ dern der Natur umgeben, den Sommer hindurch ſeiner Kunſt zu leben; während Carl— der Arme!— vom Bedürfniſſe an die glühende Stadt gefeſſelt blieb. Den⸗ noch aber ſtrebte, arbeitete er, getragen von ſeinem Genius und kräftig unterſtützt von Fleiß und erquicken⸗ dem Selbſtgefühle, raſtlos weiter. Seine erſte Tra⸗ gödie, dem Buchhandel übergeben, hatte ihm bereits vor drei Jahren ehrenvolle Anerkennung von Seiten der Kritik erworben; hierzu kam der allgemeine Bei⸗ fall, den ſein zweites, mehr für die Darſtellung be⸗ rechnetes, Trauerſpiel auf einer Hofbühne Norddeutſch⸗ Dichterleben. 10 — 146— lands vor einem Jahre gefunden, und er ging nun⸗ mehr mit Kraft und Liebe an die Vollendung ſeiner dritten und bisher größten dramatiſchen Dichtung, einer hiſtoriſchen Tragödie in fünf Abtheilungen, deren wich⸗ tiges, ja weltgeſchichtliches Sujet ſein ganzes Weſen aufs leidenſchaftlichſte anregte und ſeinen Geiſt in vollen Anſpruch nahm. Die erſten Strahlen der Sonne zogen ihn an das Pult; die Nachmittagsſtunden ging er ſeinem Broterwerbe nach und erſt gegen Abend fand er Zeit, ſich ein wenig zu erholen. Da eilte er denn in's Freie oder, wurde ein gutes Drama gegeben, in's Hoftheater, das er übrigens minder um der Zer⸗ ſtreuung willen beſuchte, als vielmehr darin praktiſche Studien zu machen; um anzuſchauen nämlich, wie weit die Begeiſterung gehen dürfe, ohne das Sceniſche zu verletzen, und wo die Punkte ſeien, in denen das Dramatiſche zugleich theatraliſch wirkſam her⸗ vortrete. Er ſammelte da bedeutende Erfahrungen und gelangte zu der beruhigenden Ueberzeugung, daß er in ſeiner Dichterweiſe den richtigen Weg eingeſchla⸗ gen und darauf nur rüſtig fortzuſchreiten habe. Der momentane Beifall, der irgend einem neuen Stücke ward, freute ihn, wenn er denſelben für verdient er— achtete, ſchmerzte ihn aber tief, ſobald er ihm durch eitles Beiwerk arrogirt ſchien. Uebrigens bemerkte er 147 zu nicht geringer Satisfaction ſeines Geiſtes, daß im Ganzen und auf die Dauer nur jene Werke ver⸗ ſtorbener wie lebender Dichter gefielen, in denen Na⸗ turwahrheit herrſchte. Vor allen ſah er dies an den Schöpfungen Shakeſpeares und er ſagte ſich, daß es nur ihre Naturtreue, die ſichere Lebens⸗ und Menſchenkenntniß und die hieraus fließende con⸗ ſequente Charakteriſtik ſei, was ſie unſterblich mache, d. h. für Geiſt, Herz und Phantaſie immer gleich neu und intereſſant erhalte; mehr noch als die Gewalt der Rede, als die Schönheit der Sprache, als das bildende Princip im Ausdrucke. Welches Ziel jedoch ſein kühner Genius ſich geſteckt, geht aus folgen⸗ der Stelle eines dramaturgiſchen Aufſatzes hervor: „Ich meine— ſchrieb er— der wäre der höchſte Künſtler, der beſte Dramatiker, der mit der giganti⸗ ſchen Kraft und Divinationgabe Shakeſpeares den Seelenadel Schillers und Goethe's weiſe Em⸗ pirie verbände, und halte dafür, daß keiner von ihnen allein das Höchſte erreicht und man dieſes noch in Ausſicht habe: dann erſt wird es gewonnen ſein, wann ſich mit warmer und wahrer Naturanſchauung völlig⸗ freie Weltanſchauung harmoniſch verbinden wird; wann das praktiſche Element eines Gvethe in der edlen Subjectivetät eines Schiller und dieſe wieder 10* 148 in der FPlaſtik eines Shakeſpeares aufgeht, ſo, daß weder die kalte Lebensweiſe des Einen das Ge⸗ müth anfroſten, noch die allzuflüchtige Glut des Zweiten den Geiſt in's Vage treiben, noch des Drit⸗ ten allzubaare, allzunackte Natur den Geſchmack ver⸗ letzen kann. Wird aus dieſen Dreien Einer, dann haben wir das ächte Drama. Ganz nachgeahmt zu werden verdient keiner von ihnen; aber dem Ziele zunächſt ſteht Shakeſpeare, fern ab Schiller, inmitten Goethe.“ Wir führten dieſe Stelle an um zu zeigen, in welchem Sinne er ſeine theatraliſchen Studien betrieb und welcher ſchwindelnden Höhe der Kunſt dieſer junge Aar, das Ange ohne Zittern nach der Sonne der Wahrheit gerichtet, mit gewaltigem Flügelſchlage zuſchwebte.— Eines Abends jedoch— es waren etwa vierzehn Tage ſeit Aleranders Abreiſe verfloſſen— zwang ihn Zufall oder Schickſal, von ſeinem Nachdenken über die Wechſelwirkung von Ethos und Pathos auf der Bühne, über den oft ſo heftigen Kampf des rein Dramatiſchen und des ſceniſch Wirkſamen abzulaſſen und ſeinen Blick dem Leben, wie es gerade da, zu⸗ zuwenden. Er ſaß, wie gewöhnlich, im erſten Par⸗ terre des Hoftheaters, an die Breterwand gelehnt, ne hn ng ber der ein ſen zu⸗ ar⸗ 1¹9 die dasſelbe vom höheren zweiten Parterre trennte, deſſen erſte Bankreihe meiſt von Frauen beſetzt war. Als nach dem erſten Acte der Vorhang ſank und das Orcheſter ein Muſikſtück abzuleiern anfing, das eben ſo langweilig war als nicht paſſend für den Gang des Dramas, lehnte er das Haupt zurück auf den gepol⸗ ſterten Rand der Barriere, um mit geſchloſſenen Au⸗ gen ungeſtört ſeinen inneren Erſcheinungen zu folgen. Indem er ſich aber zurückbog, berührte er mit dem Scheitel eine Hand, die ſich dabei leiſe entfernte. Da wandte er ſich raſch, um ſich zu entſchuldigen. Er blickte auf und— ſah in den ſtarr glühenden Blick— Clary's. Sie war es, zur Seite ihrer Mutter. Röthe überflog ſein Geſicht und er ſtam⸗ melte verlegen, beſtürzt, einige entſchuldigende Worte. Das Mädchen regte ſich nicht, ſaß unbeweglich und ſah ihn ohne ein Wimpernzucken an; die Mutter ſagte, ſich verneigend: Il n'y à Ppas de quoi. Hier⸗ auf nahm Carl ſeine vorige Haltung wieder an, aber ohne wieder die Augen zu ſchließen. Er zitterte vor Ueberraſchung und ſein Kopf glühte. Warum? Hatte er Clary nicht ſchon vergeſſen? Nein; er dachte ihrer vielmehr in Angſt und Sorge: in Angſt, daß ſich Aleranders Meinung von ihr be⸗ ſtätigen könnte; in Sorge, daß er ſelbſt in ein Ver⸗ ————— — S——— Wn —— hältniß zu ihr gebracht werden dürfte, wodurch ſeine, ſo ſchwer, ſo langſam errungene und ihm jetzt ſo koſtbare Seelenruhe Gefahr lief, auf's neue vernichtet zu werden. So gedachte er dieſes ſeltſamen Mädchens und pries ſich glücklich, ihm nicht wieder begegnet zu ſein. Und nun war ſie wieder da, unmittelbar an ihm, er hatte ſogar ihre Hand berührt!— War es Liebe, was er für die reizende Unbekannte empfand? Wir glauben, nein; aber Ahnung war es, daß er mit ihr in irgend ein peinliches, vielleicht ge⸗ fährliches Seelenbündniß treten werde. Und dieſes Vorgefühl täuſchte ihn nicht.— Nachdem er nun, wie geſagt, in ſeine vorige Haltung zurückgeſunken, durchflog ihn im nächſten Augenblicke der Gedanke, daß es unſchicklich ſei, vor ihr ſitzen zu bleiben und er— ſtand auf und ſeellte ſich an den nahen Bogenpfeiler. Der zweite Act ſpielte—: aber, aber— mit ſeinen dramaturgiſchen Studien war es für dieſen Abend aus; er vermochte nicht zwei zuſammenhängende Gedanken zu denken. Sah er nach Clary? Ja, indeſſen nur ſcheu, nur flüchtig; jedesmal aber begegnete ſein Blick dem ihri⸗ gen, der, wie im Garten, unabläſſig, unverwandt, geſpenſtiſch auf ihm ruhte; es lag in ihrem Blicke 151 etwas Dämoniſches. Dies fühlte er. Warum ent⸗ zog er ſich ihm nicht durch Flucht, warum verließ er dieſe Stelle nicht, warum nicht das Theater ſelbſt? O er wäre ihr denn doch wieder begegnet, das ſagte ihm ſein banges Herz; da war an kein Fliehen, an tein Ausweichen mehr zu denken; er gehörte dieſem zauberiſchen Weſen, dieſem Wunderkinde bereits un⸗ widerruflich an. Dieſe unabweisliche Ueberzeugung hielt ihn feſt, bannte ihn an die Stelle, die er eingenommen hatte und an welcher er ſich in dieſem Augenblicke ſo un— heimlich und glücklich zugleich fühlte. Ich muß erfahren— ſagte er ſich ſelbſt— noch heute, wer ſie iſt und— ſei ſie auch eine Choriſtin— wie ſie iſt; wie ihr Geiſt, ihr Gemüth, ihre Bil⸗ dung, ihre Verhältniſſe, Alles muß ich wiſſen; für heute ihre Wohnung, ihren Namen und Stand; mor⸗ gen das Uebrige! Das Stück ſpielte lange, über Gebühr lange und erſchien ihm noch langweiliger als ſonſt; nie war ihm Don Carlos ſo hohl, ſo nihiliſtiſch vorgekommen wie heute; er konnte nicht begreifen, wie man einem ſolchen hiſtoriſchen Zerrbilde noch Geſchmack abge⸗ winnen mochte; niemals war ihm Schiller ſo als Schüler im Drama erſchienen, wie an dieſem Abende. —— —— 152 Er lechzte, denn ſein Buſen glühte„nach einem Tropfen Naturwahrheit in ſeine Seele, nach ei⸗ ner einzigen Scene voll Kraft und Geſundheit; aber das entflammte Auge ſeines Geiſtes ſtarrte in dieſer weiten Wüſte von Phraſen und überpuppten Begriffen vergebens nach einer Oaſe, nach einem erquickenden Raſenplatze für die erſchöpfte Phantaſie, nach einem friſch ſprudelnden Borne für den bis zur Ohnmacht ermatteten Verſtand. Er litt unſägliche Künſtlerleiden, aber— er blieb. Und endlich ging denn auch dieſe dramatiſche Tortur zu Ende und er athmete aus tiefſter Bruſt auf, als er den Vorhang zum letzten Male ſinken ſah, denn er hatte ſich in die Folterkammer der Inquiſition ge⸗ träumt und war jetzt nahe daran, ſich zu recken und zu ſtrecken, um ſich durch ſeine geraden Glieder zu überzeugen, daß es nur ein Traum geweſen. Das Geräuſch der aufbrechenden Geſellſchaft brachte ihn plötzlich zu ſich und er wurde ſich ſeiner augenblicklichen Beſtimmung bewußt. Er hatte hinaus zu eilen und in einiger Entfernung vom Eingange zum zweiten Parterre verborgen der Kommenden zu harren, nämlich Clary's und ihrer Mutter. Sie waren bereits aufgeſtanden. Er zog ſich in die hin⸗ ausſtrömende Menge, ohne noch einen Blick nach dem —————————— —— W —— —— W —— 1— N —————————— —— 153 Mädchen zu wagen, ohne alſo auch zu gewahren, daß es ihm traurig, niedergeſchlagen nachſtarrte. Er ſah ſie, gut verborgen hinter einem Pfeiler, aus dem Parterre in die Halle und von da in's Freie treten und folgte behutſam. Mutter und Tochter ſchritten, Arm in Arm, ohne umzublicken, ziemlich raſch dahin, mehrere Straßen entlang. Die Juliusnacht war ſternenhell und warm. Er konnte ſich ihnen ſehr fern halten, ſein ſcharfes Auge verlor ſie nicht. Plötzlich bogen ſie aber in eine Seitengaſſe ein und waren, als er an der Ecke an⸗ langte, verſchwunden. Er ſtand nun, umgeben von hohen ſchweigſamen Häuſern mit zum Theile beleuch⸗ teten Fenſtern und geſchloſſenen Thoren, unmuthig ſtill und verwünſchte ſeine allzugroße Delicateſſe, die ihn den Damen ſo ferne gehalten. Sie waren und blieben verſchwunden und er hatte die Ausſicht auf eine ſchlafloſe Nacht. Hochklopfenden Herzens durchflog er die ſchmale Gaſſe mehrmals hin und zu⸗ rück, nach allen Fenſtern ſchauend, ſeine Unbekannte an allen ſuchend, erwartend. Eine halbe Stunde ſchlich ſo vorüber; es ſchlug Eilf und er wollte ſich entfernen, nachdem ſein Auge ſich bisher vergeblich abgemüht und von den Beletagen bis zu den Man⸗ 154 ſarden umſonſt an allen Fenſtern nach der hohen ſchlanken Geſtalt Clary's geſpäht hatte; er ſeufzte tief auf und wollte eben fort aus dieſer Gaſſe, die ſie verſchlungen zu haben ſchien, als mit einmal ein Pianoforte erklang in ſtarken vollen Akkorden, die ſich raſch zu einer leidenſchaftlichen Paſſage entwickelten, der eine feurige und geiſtvolle Improviſation folgte. Die Töne bannten ihn und er horchte hoch auf und— ſah dabei auch hoch auf, denn ſie kamen aus einem offenen und erleuchteten Manſardenfenſterchen des vier Stockwerke hohen Eckhauſes. Das kommt von ihr! rief er ſich freudig über⸗ raſcht zu: an dieſem Hauſe verſchwand ſie, in dieſem Hauſe wohnt ſie; der Feuergeiſt, der aus ihrem Blicke ſprach, ſpricht nun auch aus dieſen Tönen zu mir; kein Zweifel, es iſt Clary! Und ſie war es auch. Nach einer Viertelſtunde endete das eben ſo kühne als künſtleriſche Spiel und es erſchien eine Geſtalt am Fenſter, in der er augen⸗ blicklich Clary erkannte. Sie blieb daſelbſt einige Minuten ſtehen, das Haupt an's Fenſterkreuz gelehnt und in den Sternenhimmel blickend. Er konnte dem Verlangen, ſich ihr kund zu geben, nicht widerſtehen. Hierzu wußte er nur ein Mittel: er intonirte eine ſchöne und beliebte Melodie aus einer der neueſten italieniſchen Opern in wohlklingendem Bariton und entfernte ſich dabei langſam, immer den Blick nach ihr. Hatte ſie ihn erkannt? Sie neigte ſich zum Fenſterchen heraus und drückte ihr Batiſttuch an die Stirne. Sein Schicklichkeitgefühl zog ihn fort; noch ein Blick und die Ecke trennte ihn von ihr. Er ſchritt, aufgeregt, haſtig ſeiner nicht ſehr fer⸗ nen Straße zu. Sie iſt alſo arm, ſagte er ſich, und ihre beſcheidene Wohnung ſpricht für ihre Tugend. Sollte ſie von der Oper ſein? Sie ſpielt für ihr Alter außerordentlich, aber ſie ſang nicht. Kaum ſiebzehn Jahr und welche Glut in ihrem ganzen Weſen, ja welcher Seelenſchmerz! Das Räthſel bleibt und morgen will ich mich an ſeine Löſung wagen.— In dieſen und ähnlichen Gedanken kam er auf ſein Zimmer und auf das Lager, wo er ſpät, erſt gegen Morgen entſchlief, um in einen ſeltſamen Traum zu gerathen, dem er, von den heißen Strah⸗ len der ſchon hohen Sonne geweckt, in folgenden Worten ein entſprechendes Bild fand: „An eines Waſſergrabens Rand, So träumte mir, ich ſpähend ſtand; Und in dem Waſſer, ſpiegelklar, Von Ungeheuern voll es war. ————— Die Ungeheuer, die ich ſah, Sie lagen wie ſich ſonnend da; Nie hatt' ich Gleiches noch geſeh'n, So grauenhaft und doch ſo ſchön! Halb Löwe und halb Fiſch und Roß Es ſeltſam in einander floß, Und immer ſah das Traumgethier Mit zauberhaftem Blick' nach mir. Es ſah nach mir, ich ſah nach ihm In Sehnſucht und zugleich in Grimm; Ich fühlte, daß darin mein Grab Und ſah— und ſah dennoch hinab. Und ſah hinein und ſank hinein; Es konnte ja nicht anders ſein; Die glüh'nden Augen zogen an, Ich ſank und— um mich war's gethan.“ Sein erſter Gang war natürlich in Clary's Straße. Damit aber nicht zufrieden, ging er auch in ihr Haus und erkundigte ſich geradezu bei der Frau des Portiers, die er glücklicherweiſe allein und ſehr geſprächig fand, nachdem er ihr mittels eines Silber⸗ ſtücks die Zunge gelöſt hatte, nach Namen, Stand und ſonſtigen Verhältniſſen der Bewohnerinnen des vierten Stockes. Er wäre dieſer gutmüthigen Frau vor Ungeduld gerne in die Rede gefallen, als ſie ihm dies Alles in größter Eilfertigkeit aus einander ſetzte und ihn durch einige Bemerkungen verlegen erröthen 157 und im Ganzen noch ungeduldiger machte, als viel⸗ leicht unſere Art zu erzählen den verehrlichen Leſer machen kann; allein ſie ließ ſich nicht ſtören. Madame**, ſagte ſie, iſt eine eben ſo brave als geſcheidte Frau und ſpricht beſſer franzöſiſch als deutſch, wiewohl ſie von hier geboren. Sie wohnt genau ſo lange in dieſem Hauſe als ſie Witwe iſt, nämlich drei Jahre. Ihr Mann war Militairarzt; geſchickt wie wenige, aber leider arm wie viele. Er hinterließ ihr außer Fräulein Clary, ihrem gemeinſchaftlichen und einzigen Kinde, nur ſehr wenig; aber mit viel macht man Haus, mit wenig kommt man auch aus: Ma⸗ dame** weiß ihr geringes Einkommen ſehr gut ein⸗ zutheilen und verdient ſich manchen ſchönen Gulden durch Unterricht im Franzöſiſchen. Sie leben zurück⸗ gezogen, einfach, aber gut, und ſehen nur ſelten Be⸗ kannte bei ſich. Ihre einzige Freude iſt das Theater und ſie beſuchen es mehrmals die Woche. Das hat aber auch ſeine guten Urſachen; Fräulein Clary wird ja Schauſpielerin und ſoll ſchon im nächſten Monate auftreten. O das iſt ein Mädchen, in der ganzen Stadt lebt nicht ſeinesgleichen! Die Mutter hat viel für ſie gethan; ſie iſt ſechzehn Jahre vorüber und pricht franzöſiſch wie gedruckt und ſpielt auf dem Flügel wie ein Clavierſtimmer! Von ihrer Schönheit 158 will ich gar nicht ſprechen; wenn ſie nicht ſchön wäre, ſo wären der gnädige Herr wohl auch nicht auf meiner Stube. Nun, das geht mich nichts an und ich gra⸗ tulire jedem Mann, der ſie heirathen will; aber von ihrer Declimation laſſen Sie ſich ſagen. Sie nimmt Unterricht bei der ehemaligen berühmten Schauſpie⸗ lerin*, die unſern ganzen erſten Stock bewohnt und ein Inſtitut für angehende junge Künſtlerinnen beſitzt, worin die Mädchen für's Theater abgerichtet werden; nämlich Rollen leſen und ſchreiben, gehen, ſtehen, erer⸗ eiren und tanzen, Geſichter machen und dazu mit den Händen agiren und laut, ſehr laut ſprechen lernen, ſo daß man's im ganzen Hauſe hören kann. Fräulein Clary iſt die Beſte von der ganzen Academie; ach, die ſollten Sie Comödie ſpielen ſehen, beſonders etwas Trauriges! Was das Mädchen für Augen machen kann! Es wird Einem ganz wunderlich dabei zu Muth; und weinen kann ſie beim Theaterſpielen, daß Einem das Herz im Leibe lacht. Nun, gnädiger Herr, das können und werden Sie ja Alles ſelbſt ſehen und hören; Sie dürfen ja nur Madame?*?, die Kunſt⸗ lehrerin im erſten Stock, einmal beſuchen; es kommen manchmal Herren, die ſich auf das Fach verſtehen, in die Academieſtunde zum Zuſchauen und jeder iſt noch mit Vergnügen wieder fortgegangen.— tiersfrau einen Damm dadurch, daß er ihr noch ein Geldſtück in die bereitwillige Rechte drückte und ſich ſchleunigſt entfernte. Alſo— dachte er— nicht vom Theater iſt ſie, aber für daſſelbe. Nun erklärt ſich mir Vieles, wenn nicht Alles. Der Grund ihres ercentriſchen Weſens liegt in ihrer Beſtimmung; das Uebrige mag Zer⸗ ſtreutheit, ſogar Koquetterie ſein, höchſtens Wißbegierde, geiſtiges Intereſſe, weiter nichts; kennſt du das Weib nicht genug? Alſo! Deine Neugierde iſt befriedigt, das ſei dir genug und nun kehre wieder zur Vernunft, in deine Einſamkeit zurück; dein Loos iſt, allein zu ſtehen im Leben, in dem des Geiſtes wie des Herzens, und es iſt ein Unrecht am Genius deines Daſeins, in andrer Weiſe glücklich ſein zu wollen als wie er es bedingt; du kennſt ſeine Forderung an dich, ſie lautet: Entſage!— Geſtern Abends fühlte er die Ueberzeugung, zu dieſem ſeltſamen Mädchen in irgend ein Verhältniß treten zu müſſen; er ſehnte ſich nach der Löſung deſſen, was an Clary räthſelhaft erſchienen, und nun, nachdem der Schleier halb gelüftet, läßt er ihn ſelbſt wieder auf ihr Bild ſinken und entfernt ſich davon mit einer Apoſtrofe an ſich ſelbſt, worin er von Ein⸗ ———— — 160 ſamkeit ſpricht und moraliſch nothwendiger Entſagung. Iſt das nicht ein gewaltiger lyriſcher Sprung? Ver⸗ räth das nicht Unſtättigkeit? Wie, oder hat ihn das Gewäſch der alten Frau abgekühlt und haben ihre Lobſprüche Elarh mehr geſchadet als genützt? Wir glauben, letztern Grund als den einzigen wahren an⸗ führen zu dürfen: nichts ſtimmt die Phantaſie mehr herab als proſaiſch nüchterne Erklärung, denn ſie will, beſonders in Dingen der Liebe, das Bild der Erwar⸗ tung durchaus nicht von der Wirklichkeit beleuchtet; woher es auch kommt, daß ſich Gatten oft ſo ſchnell gleichgiltig werden. Wie dem ſei; gewiß iſt, daß es für das Intereſſe des von erſter Liebe(wir ver⸗ ſtehen darunter die erſte Zeit der Liebe) befangenen Herzens keinen größeren Reiz gibt als ein, über den Charakter und die Verhältniſſe des Geliebten ausge⸗ goſſenes Helldunkel: die Nachtigall flötet nicht an der Heerſtraße und die Phantaſie des Liebenden legt ſich ihren Jdeengarten lieber in ſcheinbar regelloſem eng⸗ liſchem Style als in rechtwinkeligem und durchſichtigem, altfränkiſchem an. Paßt dieſe Bemerkung auf unſern jungen Dichter und hat Clary's Erſcheinung durch ſein Hinzutreten in ſo weit bei ihm verloren, daß er nun nicht mehr zu fürchten hat, durch ſie neuen Leiden entgegen en 161 geführt zu werden; ſo wünſchen wir ihm herzlich Glück dazu, denn wir wiſſen, was er bereits gelitten. Wer von den verehrlichen Leſern dieſes Buches nicht um ſeine früheren Schickſale weiß, kann dieſe mit großer Gewiſſenhaftigkeit geſchildert leſen in zwei Romanen von einem Autor, der ſich gleich uns Jean Charles nennt. Der erſte, in drei Bändchen, führt den Titel: „Das Leben kein Traum“ und erzählt die Aben⸗ teuer, Thaten und Meinungen dieſes Mannes bis zu ſeinem vierundzwanzigſten Jahre; der zweite, ebenfalls in drei Büchern, ſucht die Leſer durch Schilderung alles Weiteren zu rühren, zu erſchüttern, oder zu be⸗ geiſtern, was derſelbe Carl von*** in den folgen⸗ den drei Jahren erlebte und iſt betitelt:„Schöne Welt.“ Zwiſchen beiden Romanen liegt, von dem⸗ ſelben Verfaſſer über denſelben Poeten, eine Novelle, einfach„Komik“ überſchrieben, deren Sujet eine ent⸗ ſetzliche Epiſode aus ſeinem vielbewegten Leben bildet, von der wir aber noch nicht mit Gewißheit ſagen können, ob ſie unter dieſem einfachen Titel erſcheinen werde, da dies noch von den Göttern, nämlich von den Verlegern abhängt. Wir unſrerſeits griffen den Faden von Carls Lebensgeſchichte— denn etwas Anders ſind nun ein⸗ mal dieſe Romane oder Novellen nicht— genau da Dichterleben. 1 auf, wo ihn der genannte Verfaſſer auf der letzten Seite des Romans„Schöne Welt“ fallen ließ und ſind geſonnen, ihn ſo lange weiter zu ſpinnen, als es die Parze und das Intereſſe der Leſewelt, an dem uns Alles gelegen, zulaſſen werden.— Um wieder einzulenken, wiederholen wir den bio⸗ graphiſchen Stoßſeufzer und rufen noch einmal aus: Wir wünſchen es Dir von ganzem Herzen, daß Du von neuen Enttäuſchungen befreit bleiben mögeſt!— XIII. 5 „Sieh da den jungen ernſten Mann im Kreiſe Der Froͤhlichen! Wie ſchwer gedankenvoll Neigt ſich ſein Haupt! Wie ſchreitet er ſo leiſe! Ich weiß nicht, was von ihm ich halten ſoll. Krank iſt er nicht; es blickt ſein Aug' voll Feuer, Wenn ſich der Vorhang ſeines Lides hebt, Kuͤhn auf, ein Held, nach großem Abenteuer; Es iſt ein maͤcht'ger Geiſt, der ihn durchbebt.“ Carl gab dieſen ſchönen Morgen für poetiſche Pro⸗ duction verloren und ging vor die Stadt. Unmittelbar außerhalb des Thores, durch das er den Weg in's Freie nahm, dehnten ſich ſchattige Kaſtanien⸗ und Akazienalleen aus, mehrere Raſenplätze und Blumen⸗ parterres durchſchneidend, welche freundlichen Anlagen ein Sommerkaffeehaus— es ſtand nur vom Mai bis November offen— gar einladend umgrenzten. Die ſchöne Welt fand ſich da gerne ein und das weitläu⸗ fige Etabliſſement ſah vom früheſten Morgen bis Mit⸗ ternacht zahlreiche Gäſte. Es war das Stelldichein 164 für Galanterien; aber auch der ernſte Geſchäftsmann verſchmähte es nicht, ein Stündchen darin zuzubringen und ſich an dem bunten Getriebe zu zerſtreuen. Das Büffet bot, außer Bier und Wein— ein Umſtand, der die arbeitende Claſſe davon entfernte— alle mög⸗ lichen Erfriſchungen dar; überdies war damit eine Waſſercuranſtalt in Verbindung, deren natürliche Mi⸗ neralwaſſer man von fünf bis neun Uhr morgens trank. Aus dem kleinen Pavillon vor dem Hauſe— das übrigens, nur von Holz gebaut, mehr einer großen holländiſchen Waffelbude, als einem Café glich— er⸗ ſcholl den ganzen Tag, die heißen Mittagsſtunden kaum ausgenommen, Muſik; die einige Schritte davon ſich erhebende hölzerne Säutenrotonde war für ſogenannte Concerte beſtimmt, worin, wöchentlich wenigſtens ein⸗ mal, gegen geringes Entrée von einem beſſeren und größeren Orcheſter, unter Leitung eines beliebten Ca⸗ pellmeiſters, Opernſtücke, Märſche und Tänze aller Art, vom Redowak bis zur Cachucha, ſehr gut geſpielt wur⸗ den. Die Phyſiognomie dieſes Luſthaines änderte ſich den Tag über mehrmals ſo bedeutend, daß man Mühe hatte, ſich darin ſogleich wieder zu orientiren. Das ſolideſte Ausſehn hatte die Anſtalt in den erſten Mor⸗ genſtunden. Zwar tönte auch da ſchon Muſik, aber die Geſellſchaft war nicht ſo zahlreich und bunt wie ſpäter, beſonders am Abende, und die keuſche Pſyche der Morgenluft wies frivole Anforderungen mit himm⸗ liſcher Energie zurück. Herren und Damen, heiter gruppirt, tranken Brunnen und ergingen ſich in den kühlen, von tauſend kleinen Sängern belebten, Baum⸗ colonaden mit Anſtand und Anmuth; näher am Hauſe ſaßen da gewöhnlich nur einige junge Beamte und Studierende— Studenten im deutſchen Sinne oder vielmehr in deutſcher Form hatte dieſe Reſidenz nicht, wiewohl eine alte und berühmte Univerſität— und ſchmauchten ruhig und gemüthlich zu ihrem Kaffee. Zwiſchen Acht und Neun ging die erſte Wandlung vor ſich. Die Curgäſte, Beamten und Studenten, die nun zur Toilette, in die Büreaur und Hörſäle eilten, wurden von einem Heere nomadiſirender Kindermägde und Ammen remplacirt, die ohne alle Umſtände von ſämmtlichen leeren Bänken und Strohſtühlen Beſitz er⸗ griffen, während ſich die Nachzüglerinen mit ihren kleine⸗ ren und größeren Kindern, am Buſen, auf dem Arme, an der Hand oder in Wägelchen, genöthigt ſahen, ſich auf den Raſenplätzen zu lagern. Die Muſik ſpielte indeſſen auch da noch unermüdlich fort und— ſieh— nicht ohne Erfolg. Alte Herren, reiche Particuliers, müde Stuzer, entnervte Mädchenjäger ſchwanken und wackeln zum Thore heraus, nehmen Erfriſchungen 166 und eröffnen eine Art Liebesbörſe, wobei ſich oft ganz hübſche Geſchäfte machen. Sie wandeln durch die dichten Reihen der rothbackigen, leichtgeſchürzten und nicht ſchwergeſinnten, kichernden und coquettirenden Kindermägde, recognoſciren den Stand der Dinge und entwerfen, die Kühnern, ihren Operationsplan; die Timideren und Blaſirteren begnügen ſich am Anblick dieſer naiven Schönheiten oder ſchicken einer Auser⸗ wählten von weitem ein Lächeln zu, das ſich Nachmit⸗ tags zwiſchen drei und ſechs Uhr, um welche Zeit ſich dieſes Schauſpiel wiederholt, in Eis verwandeln kann, d. h. in ein Gläschen Süßeis, das ſie ihr durch den gewandten Marqueur zumitteln. Gegen Eilf verlor ſich auch dieſes Getriebe; die Weibsperſonen räumten ſeufzend den Platz und ſchleif⸗ ten unwillig die armen Kinder nach Hauſe. Auch die Muſik verſtummte und das Etabliſſement gewann das ſolideſte Ausſehen. Nur wenige Herren lagerten ſich nun daſelbſt; meiſt junge Künſtler und Gelehrte, die mit ihrem Tagewerke bereits im Reinen waren. Dies wußte Carl und es war um dieſe Stunde, da er gewöhnlich, und ſo auch heute, dieſen Ort be⸗ ſuchte. Er ließ ſich an einem unbeſetzten Tiſchchen unter einer Akazie nieder, nahm— er hatte noch nicht 167 gefrühſtückt— eine Taſſe Kaffee und rauchte dazu ſeine Cigare. Wir überlaſſen ihn noch für einen Au⸗ genblick ſeinen Meditationen und benützen dieſe Pauſe zur Schilderung des wichtigſten Moments aus der Tagesgeſchichte dieſes Platzes. Nach ſechs Uhr Abends ändert ſich ſeine Geſtalt auffallend. Aus dem Thore und den beiden Haupt⸗ alleen, die hierher führen, ſtrömen nun, nachdem ſich die Kinder und ihre lachenden Thranninen abermals entfernt, nicht enden wollende Schaaren eleganter oder mindeſtens geputzter Leute der nun wieder erklingenden Muſik zu und faſſen Poſto: Frauen und Mädchen, womöglich auf der erſten Reihe der Bänke und Stühle, die Herren neben oder hinter ihnen; was ſpäter kommt, ſetzt ſich in den Nebenpartieen, oder macht Promenade, ſieht und läßt ſich ſehen, bewundert und läßt ſich bewundern. Vor dem Büffet wimmelt es; alle Tiſche ſind nun beſetzt, kein Stuhl iſt mehr frei. Die Muſik, ſelbſt wenn kein Concert, ſpielt faſt un⸗ unterbrochen. Darüber entſchwindet das Tageslicht und das eigentliche Leben beginnt erſt. Die Alleen werden nun erleuchtet, auf allen Tiſchen flimmern und flackern Lichter in Glasglocken und— die Promenade zwiſchen den zum Erſticken an einander gedrückten Da⸗ men wird zum Gedränge, eine Redoute im Freien; —— b 2— ————.——————— bei der die geſchminkten Wangen und künſtlichen For⸗ men gar wohl für Maske und Larve gelten können. Gegen Zehn wird das Gewühl am dichteſten, bunte⸗ ſten; gegen Eilf lichtet es ſich etwas, wird aber um ſo galanter und erſt um Mitternacht entfernen ſich die letzten Paare. Und dies den ganzen Sommer alle Tage, an denen es nicht regnet oder zu heftig windet; in jeder Nacht daſſelbe phantaſtiſche Spiel, die gleiche optiſche Täuſchung durch Wangenroth, künſtliche Blicke und Wellenlinien, der nämliche Verrath unter einander, dieſelbe Summe von Lügen und Erfahrungen...... Nur wenige Tiſche um Carl waren beſetzt, unter dieſen aber einer von ihm bekannten jungen Männern, die ſich ſehr lebhaft unterhielten. Sie ſprachen, vier an der Zahl, laut und eifrig und lachten dazwiſchen ſo ungezwungen und herzlich unbefangen, wie man es nicht überall hört. Bisweilen grüßten und ſcherzten ſie zu ihm herüber, der übrigens zu ſehr mit ſeinen eigenen Gedanken beſchäftigt war, als daß er ihnen größere Aufmerkſamkeit widmen oder ſich ihnen bei⸗ geſellen konnte. Der Buffo der Geſellſchaft, die aus einem Maler, einem Luſtſpieldichter, einem Lyriker und einem Recenſenten beſtand, war der Künſtler, ein ſo berühmter als reicher Portraiter, der außer der ſchön⸗ ſten(will ſagen einer der ſchönſten) Frauen dieſer — Stadt auch noch den Ruf beſaß, die malitiöſeſte Zunge unter der Sonne zu führen. Und wahrſcheinlich war er eben mit dieſer ſcharfen Waffe gegen irgend eine Celebrität oder einen Stadtſcandal losgezogen; denn ſein, ſonſt männlich ſchönes, von dichten ſchwarzen Locken beſchattetes, Antlitz war ganz verzerrt von komiſchem Zorne, wenn es nicht wirklicher geweſen, in den ſein Pathos ſehr leicht überſchlug. Köſtlich unterſtützt wurde ſein, etwas derber, Humor durch die immerſprudelnde Witzquelle des Schauſpieldichters Eduard von**, der ſich ſchon damals als Mann von Geiſt herausge⸗ ſtellt und die erfreulichſten Hoffnungen rege gemacht hatte, welche ſich ſeitdem realiſirten. Der Recenſent ſchnitt Grimaſſen und nahm bei jedem Wortſpiele oder ſonſtigen Witzfunken, der an ihm vorbei ziſchte, eine Priſe und dampfte dazu aus einer langen türkiſchen Pfeife: er und der Lyriker waren und blieben in ihrem literariſchen Wirken nicht ganz unbedeutend und in Geſellſchaft traitabel. Die Unterhaltung dieſer Vier intereſſirte, wie ge⸗ ſagt, in dieſem Augenblicke unſern Freund wenig; nun aber änderte ſich die Scene durch das Auftreten einer neuen Perſon, die alsbald ſeine ganze Aufmerkſamkeit in Anſpruch nahm. Es kam zu jenem Tiſche aus der Allee ein junger Mann geſchritten, den die Literaten begrüßten, indem ſie ſeinen etwas fremd klingenden und damals nicht nur Carl ſondern der ganzen literariſchen Welt noch unbekannten Namen dem Maler nannten, der, ihm die Hand ſchüttelnd, ihn einlud, bei ihnen Platz zu nehmen. Er aber dankte, ſich mit freundlichem Lächeln entſchuldigend, und blieb, aus einer kurzen Meer⸗ ſchaumpfeife von ungariſchem Schnitt rauchend, am Tiſche ſtehen und richtete— nachdem er mit Eduard einige Worte leiſe gewechſelt— ſeinen Blick nach Carl herüber, der ſich gleichfalls von ſeiner Erſchei⸗ nung angezogen fühlte. Dieſe hatte allerdings etwas Auffallendes. Nico⸗ laus von***, damals etwa vierundzwanzig Jahre alt, war von kleiner, gedrungener Geſtalt und hielt ſich dabei noch ein wenig vorgeneigt, um nicht zu ſagen gebückt. Er ging ſehr langſam und machte ſeltſam kleine Schritte. Sein Geiſt ſollte in Kurzem um ſo größere machen, und es ſchien als drücke auf ihn die Wucht von Ideen, für die er noch nicht Zeit und Raum gefunden, um ſie in entſprechende Formen zu bringen, ſeine Gedanken zu modelliren. Das ſagte ſein forſchender, ſuchender, ſchwebender Blick aus den ſchönſten Augen, die je ein männliches Haupt belebten; es waren Adleraugen, dunkel, mild 171 aber mit einem Feuerkerne, von weichen hohen Lidern überwöbt und langen Wimpern beſchattet, die ſich edel erhoben und ſenkten. Sein Kopf, mit glatten, dunkeln, glänzenden Haaren, die nachläſſig ſchief über der hohen, weißen Stirne nach der rechten Schläfe zu lagen, war von rein antikem Schnitte und hatte, das weiche runde Kinn abgerechnet, Aehnlichkeit mit dem Napoleons. Seine Kleidung endlich war ein⸗ fach, aber ſehr anſtändig, ſorgfältig. Carl kannte ihn, ſeit einem Monate erſt aus Norddeutſchland, wo er drei Jahre zugebracht, wie ſchon bemerkt, noch nicht und fühlte ſich auf den er⸗ ſten Blick nach ihm von dem Wunſche beſeelt, ihn näher kennen zu lernen. Dieſer ſollte ſich ſogleich erfüllen. Nicolaus verließ den Tiſch und kam auf ihn zu. Erlauben Sie, ſagte er— in ſchönem, etwas fremd klingendem Accente, der durch das tiefe aber ſonore Organ ſehr angenehm tönte—, indem er ſich freundlich lächelnd ſetzte, erlauben Sie, Herr von***, daß ich Sie nach ihrer Rückkehr begrüße; wir haben hier oft und mit Vergnügen von ihnen geleſen und es theilen wohl Viele den Wunſch, daß Sie nun⸗ mehr bei uns bleiben mögen. 172 Mit wem habe ich die Ehre? unterbrach ihn Carl, ſich verneigend. Nicolaus nannte ſich ihm und ſetzte hinzu: Ich bin Mediciner und ſoll nun bald an das Rigo⸗ roſum. Ob es dazu noch kommt, weiß ich nicht; ich habe die Luſt zur Medicin verloren, wenn gleich nicht zu den Naturwiſſenſchaften, die mir das Wichtigſte ſind, was ich kenne. Sie haben recht, bemerkte Carl; Naturkunde iſt der Anfang und das Ende alles Wiſſens und Kön⸗ nens, in ihr geht Alles auf. Sie halten alſo auch, wie ich, dafür, daß man ohne gründliches Naturſtudium kein großer Dichter werden könne? So wenig als ein großer Arzt; aber Kenntniß der Natur allein macht noch nicht den Dichter, ſo wenig als das„Kenne dich ſelbſt“ die Moral; Na⸗ turwiſſenſchaft und Selbſtkenntniß ſind nur Elemente der Kunſt und Moralphiloſophie, das Weſen beider aber umfaßt noch mehr. Nämlich auch die Anwendung, nicht ſo?— So iſt es. Aus ihr allein entſpringt die An⸗ ſchauung, das apergu. Was den Arzt wie den Dichter groß macht, das iſt der Blick. Dieſer iſt das quod est ingenitum, das ingenium, das Genie; alles Andere läßt ſich erlernen; der Blick aber muß angeboren ſein. Jeder ächte Blick hat ſonach ſeine eigene Welt⸗ anſchauung? Ja— und dieſe eigenthümliche Auffaſſung und Darſtellung, die Originalität, iſt das Kriterium des Genies. Glauben Sie, daß es möglich ſei, im Lyriſchen noch Originelles zu ſchaffen? Sind nicht ſchon die darſtellbaren Zuſtände allzu ſehr verarbeitet und er⸗ ſchöpft? Noch lange nicht: „Es ſteht der Lyra weites Feld noch offen, Da ſchläft noch Manches, was zu wecken iſt; Noch mancher Keim, von keinem Thau getroffen, Von keinem Strahl der Sonne wachgeküßt.“ Die Zuſtände und die ihnen zu Grunde liegenden Ideeen können erſchöpft ſein— wiewohl es auch dieſe noch nicht ſind—, aber es bleibt immer das Wich⸗ tigſte der Kunſt noch übrig, die Form. Sie ſehen, daß ich von der inneren Form ſpreche, wiewohl auch die äußere, Rhythmik, Metrik und Euphonie nicht unweſentlich ſind. Gießen Sie eine hundertmal verarbeitete Idee in eine neue(innere) Form und — — das Kunſtproduct iſt Ihr freies Eigenthum und ein neues Geſchenk an die Welt. Nehmen ſie nur z. B. die Idee von Fauſt. Wie oft iſt dieſe ſchon erfaßt und eigenthümlich dargeſtellt worden! Und glauben Sie, daß ſie Gvethe erſchöpft und eine neue Ge⸗ ſtaltung derſelben für Alle nach ihm unmöglich ge⸗ macht hat? Jedenfalls dürfte es ſehr gewagt ſein— Eine llias post Homerum, ruft, ich weiß es, die beſchränkte Kritik und die ihr nachbetende Welt; daran aber kehrt ſich kein ächter Dichter. Sie ahnen wohl nicht, ſagte Nicolaus nach einer Pauſe, in der ſein ſchöner Blick an Carl hing, welchen Strom von Freude Sie mit dieſen Ihren Worten, mit dieſem friſchen Erguſſe Ihrer Ueberzeu⸗ gung in meine Bruſt geleitet; er ſchwellt mir die Seele, daß ſie aufjubeln möchte. Sie ſehen mich fragend an? Sie ſind Dichter. Ja, aber erſt von heute an, von dieſem Augen⸗ blick an; ich bin es, aber erſt, nachdem Sie mir es geſagt. Ich verſtehe Sie. Es ſind nur wenige Lieder, die ich bisher gedich⸗ tet; aber ich glaube nun, daß ich auf dem rechten Wege bin. Sie haben noch keines drucken laſſen? Noch keines. Können Sie mir eins aus dem Gedächtniß mit⸗ theilen, ſo bitte ich darum. Mit Vergnügen. Und Nicolaus recitirte ihm ein Gedicht„Der Lenz“ benannt. Beim Himmel, rief Carl entzückt am Schluſſe, Sie ſind auf dem rechten Wege! Das iſt Poeſie, das iſt Lyrik; das iſt der Blick in die Natur, der den Künſtler, den Dichter macht! Nicht wahr, Sie theilen mir gelegentlich alle Ihre Gedichte mit? Und dann hinaus in die Welt mit ihnen, hinein in die Oeffentlichkeit, denn dieſer thut wahrhaftig Ihre Er⸗ ſcheinung noth; man wird— lebt in Ihren übrigen Liedern dasſelbe bildende Princip— aus Ihrem Buche lernen, wie weit ab von Naturſchönheit ſelbſt die ge⸗ feiertſten Lyriker unſerer geſchwätzigen Zeit ſtehen; be⸗ ſonders die der ſogenannten ſchwäbiſchen Schule, die in ihrem Schiller'ſchen Idealism und ſentenziöſem Nihilism nachgerade unausſtehlich werden. O ſagen Sie mir nur noch ein Gedicht! Nicolaus kam ſeinem Wunſche nach. Schön! Schön! rief Carl abermals begeiſtert aus; mein Gott, wie konnten ſie nur ſo lange hin⸗ ter'm Berge bleiben mit dieſen Gedichten? Sie meinen alſo, daß ich es wagen darf? Daß Sie es wagen dürfen, wirkliche Gedichte in die Welt zu ſenden? So müßten die Sterne bei der Erde anfragen, ob ſie leuchten dürfen! Wir müſſen uns oft, ſehr oft ſprechen; ich muß alsbald alle Ihre Dichtungen kennen lernen. Ich würde Sie darum beneiden, wäre mein Alles die Lyrik; aber mein Ziel iſt das Drama. Nicolaus erhob ſich mit den Worten: Ich gehe von hier nach Hauſe. Haben Sie Zeit und Luſt, den weiten Weg mit mir in meine entlegene Vorſtadtwohnung zu machen, ſo theile ich Ihnen auf meiner kleinen Stube noch Einiges mit. Ich begleite Sie, antwortete Carl und folgte ihm. XIV. Das Um und Anf. „Da lag ſein ganzes Eigenthum, Es war mit einer Hand leicht zu verhuͤllen; Hand um, es ſchwebt daraus der Ruhm, Die Welt mit ſeinem Namen zu erfuͤllen.“ Nach einer guten halben Stunde Weges waren ſie an Ort und Stelle. Im zweiten Stockwerke eines ſchlichten Hauſes, das in einer noch ſchlichteren Gaſſe ſtand, erſchloß Nicolaus eine einfache Thüre und ſie traten ein. Das— ſagte er zu ſeinem Begleiter, der einen Blick voll Befremdung um ſich warf— das iſt meine Studir⸗ und Schlafſtube, mein pvetiſcher Fecht⸗- und Tanzboden und mein Salon zugleich. Mit dieſen Worten legte er ſeinen Hut ab, er⸗ griff eine auf dem Bette liegende Guitarre und er⸗ ſuchte Carl, ſich zu ſetzen. Dieſer ließ ſich denn auch auf einem ſehr compen⸗ diöſen, alten Sofa nieder und ſah betroffen bald die Dichterleben. 12 Stube bald ihren Bewohner an. Der aber kümmerte ſich nicht viel um ſeine Ueberraſchung, ſondern lehnte ſich, das Inſtrument im Arme, nachläſſig in die Brüſtung des einzigen Fenſters, griff, den Blick an die Decke geheftet, einige ernſte Akkorde und ſagte: Ich will Ihnen eines meiner Lieder ſingen. Carl nickte ihm frendig aber ſchweigend zu, und er begann. Tert und Melodie waren von gleich er⸗ greifender Wirkung; der Schmerz, der aus dieſem einfachen Liede ſprach, ſo ſchrankenlos, ſo unheilbar er ſich auch kundgab, war ein ſeliger und übte einen Zauber auf das Gemüth aus, wie ihn die höchſte Wonne nur zu bieten vermag: es klang wie eine Stimme aus Jenſeits. Der Sänger ſang es nicht nur, er dichtete es in dieſem Augenblicke von neuem; das ſah, das hörte, das fühlte ſich: ſein edles blaſſes Antlitz ward bleich, ſein herrlicher Blick umdüſterte ſich, Schatten ſchwebten über ſeine hohe Stirne und ſeine kräftige, ſonore Stimme rollte in den tieſſten Baßtönen zu den Blitzen ſeines Auges wie ferner Donner. Carl ſtarrte hingeriſſen nach ihm und zog mit unterdrücktem Athem dieſe wunderbaren Worte und Töne in ſeine lechzende Seele; Nicolaus wuchs vor dem verzückten Ange ſeiner Phantaſie zur idealen Sängergeſtalt empor in antiker Bekleidung, 9 die ſiebenſaitige Lyra zur Hand; die weißen kahlen Wände der engen, düſtern Stube mit dem wenigen und ärmlichen Geräthe dehnten ſich zu einer korinthi⸗ ſchen Säulenhalle aus, die vom Sange des Lieder⸗ gottes widertönte. Nicolaus hatte geendet und blickte, das Inſtru⸗ ment ſenkend, ernſt vor ſich hin; Carl aber ſprang auf und ergriff ſeine Rechte, die er bebend drückte. Beide ſchwiegen lange. Was nun— nahm nach dieſer wahrhaft feierlichen Pauſe Nicolaus, ohne ſeine Stellung zu ändern, das Wort— was nun mit mir? Heute bin ich in die Oeffentlichkeit getreten, Ihr Wort iſt mir eine, und ich kann nicht mehr zurück. Alſo vor! rief Carl begeiſtert aus. Vor? Ja; ich fühle, daß ich muß; Stillſtand iſt Rückſchritt und dieſer wäre für mein Weſen Tod. Vor— aber wie? Ich bin nicht unabhängig, lebe— meine Eltern ſind nicht mehr— mit zwei Schweſtern von der Liebe meiner Großmutter. Sie verſorgt, er⸗ hält mich. Ich muß— ſie will es— Arzt werden. Arzt und Dichter! Verneinung und Bejahung! Tod und Leben! Sie ſehen, das geht nicht. Abſolvire ich nicht, nehme ich nicht den gradum, ſo enterbt ſie mich, .———— —— S—— ſie droht es mir täglich, und ich bin ein Bettler. Was alſo nun?— Carl ſchüttelte ſeufzend das Haupt. Die gute Frau— fuhr Nicolaus fort— hat teine Ahnung von der Qual, die mich verzehrt, ſo wenig als von einem Verſe in meinem Pulte; ſie will mich glücklich, d. h. in ihrer Sprache, durch ein Brotfach verſorgt wiſſen und dann gießt ſie ſterbend gerne das Füllhorn ihrer Wohlhabenheit in den Säkel meines Erwerbes. Sie iſt alt und hinfällig; aber auf ihren Tod zu warten und ſie in den paar Tagen ihres verſiegenden Daſeins noch zu belügen— ver⸗ mag ich nicht; es laſtet ſchon ſchwer auf mir, daß ich bisweilen ein Lied gemacht, von dem meine Wohl⸗ thäterin, meine zweite Mutter nichts wiſſen ſoll. Was nun demnach? Das hieße— ſtürmte Carl heraus— das Ge⸗ wiſſen verzärteln, ſtatt zart erhalten; zu dichten, iſt Ihrem Geiſte ein Bedürfniß, wie zu athmen Ihrer Bruſt; Sie haben, wenn es ſchon ein Unrecht gegen dieſe Dame genannt werden kann, zu wählen zwiſchen dieſem und einem Unrechte gegen die Welt; Sie ſind verpflichtet, zu wuchern mit dieſem göttlichen Pfunde und alle irdiſchen Intereſſen darüber preiszugeben. Uebri⸗ gens bin ich ſelbſt der Anſicht, daß Sie das Doctorat W — nehmen ſollen; es ſichert Ihre äußere Eriſtenz und, Sie wiſſen ja, der innere Menſch bedarf der Stütze des äußeren, um ſich aufrecht zu erhalten: wie ſoll man auch den weiten, gefährlichen Weg durch alle Abgründe hin zur ſonnigen Höhe des Ideals, zum himmeltragenden Atlas der Kunſt zurücklegen, wenn das Bleigewicht der Realität die Schritte hemmt und die Natur mit ihren gröbſten Forderungen als unge⸗ ſtümer Gläubiger hinter einem her iſt? Daran— bemerkte Nicolaus, ihn mit großem Blicke feſthaltend— daran mahnen Sie mich? Kenne ich nicht Ihre Jugendgeſchichte, die Verarmung Ihrer Familie, Ihre ununterbrochenen Kämpfe mit Sorgen aller Art?— Im vierzehnten Jahre verwaiſt, waren Sie im fünfzehnten unabhängig durch Fleiß und Talent, der Knabe war ein freier Mann, Ihre Arbeit machte Sie ſelbſtſtändig. Haben die drückenden Sorgen Ihren Geiſt erdrückt? Nein; ſie machten ihn nur um ſo ſtärker, Ihre Phantaſie um ſo intenſiver. Ich bin— aufgewachſen in Sicherheit— noch Student, nichts mehr; Sie, etwa drei Jahre nur älter, haben bereits einen Namen und ſingen in die Welt bereits das Lied, das Sie ſingen ſollen und um deſſenwillen das Schickſal den Käfig Ihrer erſten Jugend ſo dunkel verhüllt hat, wie Jean Paul ſagt. O thun Sie dem Leben und, ——— —————— S — vor Allem, thun Sie ſich ſelbſt nicht das Unrecht an, zu behaupten, daß äußere Verhältniſſe die innere Kraft demüthigen können! Nein, entgegnete Carl warm, das ſei nicht ge⸗ ſagt! Aber— nehmen Sie es als einen Beweis meiner Verehrung für Ihren Genius hin, daß ich den Wunſch ausſprach, ſeine Schwingen ganz ungehemmt ſich entfalten und Sie im raſchen Fluge da zu ſehen, wo ich bereits ſtehe, oder ſelbſt über mir, wenn es in der Kunſt überhaupt Rangſtufen gibt und nicht vielmehr den Weg zu ihr die Geiſter auf parallelen Pfaden zurücklegen. Nach einigem Schweigen fragte jener: Sie denken alſo nun für lange, wenn nicht für immer, im Vater⸗ lande zu bleiben? Das hängt nicht von mir ab, verſetzte dieſer: ich habe hier nur den Curs der Philoſophie, und ſelbſt dieſen nicht vollſtändig, durchgemacht und meine aka⸗ demiſchen Studien im Auslande ganz frei und will⸗ kürlich fortgeſetzt; kann ſonach hier keine, mir zuſagende, Anſtellung erwarten und ich ſehe mich, will ich bleiben, genöthigt, wieder Hofmeiſter zu werden oder mich auf freie Lectionen zu beſchränken. Beides aber bin ich müde; nichts ſtimmt die Phantaſie tiefer herab als das ewige Zurückkehren zur Faſſungkraft der 183 Kindheit. Gegenwärtig ſtehe ich in Geſchäftsverbin⸗ dung mit der Intendanz eines bedeutenden Theaters in einer Reſidenz Norddeutſchlands und habe Hoffnung, bei demſelben als Dramaturg angeſtellt zu werden; in einem Monate entſcheidet ſich's, ob ich bleibe oder gehe. Nicolaus hatte inzwiſchen aus ſeinem Pulte ein kleines, ſchlichtgebundenes Album hervorgeholt und ſagte, ſeine Rechte darauf legend: Sehen Sie, das iſt mein Um und Auf; meine Hand reicht hin, dies mein zweites, mein beſſeres Ich unſichtbar zu machen: ſie deckt meine ganze innere Welt mit Sonne, Mond und Sternen, mit allen Blüthen und Früchten; Früh⸗ lingslchheln wie Sturm liegt in dieſer kleinen papie⸗ renen Pandorabüchſe, die ſich bisher nur mir erſchloſſen; ich ſie, ſo fliegt Alles ſauſend durch die Welt Sem Grunde bleibt mir nichts zurück als die Hoff ing auf Anerkennung. Und dieſe— fiel Carl ein— muß und wird Ihnen werden; darum den Deckel auf und hinein in's Leben mit ihrem Inhalte! Nicolaus öffnete das Büchlein und las ihm mehrere Gedichte. Dieſer fand in allen zu ſeinem freudigen Erſtaunen dieſelbe Tiefe des Gefühls, die⸗ ſelbe edle Stimmung und warme Naturanſchauung, das⸗ ſelbe bildende Princip endlich, und er rief begeiſtert aus: — 18⁴ Fürwahr, Sie ſind ein Bildhauer der Gedanken, wie kein Lyriker vor—, wie auch vielleicht keiner nach Ihnen; Sie ſtehen auf dem Punkte der voll⸗ endeten Form: mehr— wäre Sünde gegen den Geſchmack, Ueberreiz, unſchön. Ihre Form iſt Styl: mehr— ſänke zur Methode herab. Ihre Intuition iſt naiv; man ſieht Ihrem Bilde nicht das Werden an, es tritt vor's Auge als ein Gewordenes, Fertiges; Sie denken ſchon bildlich und— das iſt Dichten. Nicolaus drückte ihm ſchweigend die Hand. Hiernach kamen ſie auf Alerander zu ſprechen. Carl theilte ihm das ſeltſame Abendgeſpräch mit und ſchloß mit den Worten: Die Poeſie ſoll frei von Tendenzen ſein, wie die Muſik unabhängig vom Worte ſich bewegen muß, will ſie eine ächte heißen. Unſere Zeit zieht, ich weiß es, auch die Kunſt in ihre Bewegung und will ſie als Mittel zum Zwecke gebrauchen; aber ich halte dies für ein himmelſchreiendes Unrecht gegen ihren Genius, der über allen Erſcheinungen ſchweben ſoll. Auch mir, ſagte Nicolaus ruhig, will alles äußerlich Bedingte in der Kunſt nicht gefallen; allein dieſes oder jenes Moment des politiſchen Lebens mag 185 denn doch in ſie herein gezogen und durch ſie erhoben oder geläutert werden. Immerhin, rief Carl feurig aus, ja, das ſei! Aber wer zieht da die Grenze? Wo ſtehen da die Herkulsſäulen, auf denen geſchrieben ſteht für die Phantaſie:„Non plus ultra! Da außerhalb wogt die hohe See des Verſtandes!“ Wer, frag' ich, zieht dieſe Schranke? Der Inſtinct, werden Sie mir ſagen; gut, aber gefahrvoll für das Weſen der Kunſt bleibt dieſe Fahrt denn doch und erſt das Bewußtſein macht den Inſtinct zum ſchöpferiſchen oder kritiſchen Vermögen.— — Sie haben recht; es iſt gefährlich. Sie trennten ſich mit dem gegenſeitigen Verſprechen, ſich ſo oft wie möglich zu ſehen. O wie thut es mir ſo wohl, rief Nicolaus noch an der Thüre, unter den Leuten dieſer Stadt einen Menſchen gefunden zu haben! Sie ſollen auch ſo leicht nicht wieder loskommen von meinem Herzen! Carl ſchüttelte ihm die Hand und ſagte lächelnd im Weggehen: Sie halten alſo Freundſchaft unter Dichtern für möglich—. Er entfernte ſich und der Zurückbleibende ſah ihm mit ſeltſamem Blicke nach. „So zart der Koͤrper und ſo ſtark der Geiſt: Wie er des Leibes Horizont durchkreiſt, Erſcheint er als ſeeraͤub'riſcher Comet Mehr als ein ſteuerpflichtiger Planet. Schoͤn iſt ſie nicht und doch muß ich geſteh'n, Ich habe nie ein ſchoͤnres Weib geſeh'n; Man liebt ſie nicht und ginge doch fuͤr ſie Gern' in den Tod: weiß nicht warum und wie.“ Wenige Tage nach dem ſchönen Zuſammentreffen mit Nicolaus ſaß Carl morgens am Secretaire, emſig arbeitend. Er war freudig bewegt. Ein Brief von Seite des Theaterintendanten, den er eben erhalten und deſſen Beantwortung er begonnen hatte, machte ſeine Anſtellung als Dramaturg für den kommenden Herbſt gewiß, und eröffnete ſeinem Feuergeiſte wie ſeiner Arbeitluſt ein ſchönes weites Feld. Dieſen Som⸗ mer hatte er noch für ſich; er konnte ſeine Dichtungen vollenden, ja, noch mehr, dieſe Gewißheit eines ehren⸗ vollen und dauernden Geſchäftes machte es ihm mög⸗ —187 lich, einen längſt gehegten Wunſch zu erfüllen, näm⸗ lich eine Reiſe auf einige Wochen nach Italien anzu⸗ treten, wozu ſein Erſpartes anſtändig ausreichte. Er kannte Italien ſchon zum Theil und wollte nun auf dieſer Reiſe nachholen, ergänzen, was ihm das erſte Mal entgangen oder unerreichbar war. Dieſe Vorſtellung war es, was ihn ſo eben freu⸗ dig bewegte. Ach, war ihm denn nicht, außer der Natur und Kunſt, faſt Alles ſchon eingeſunken und vermodert, was man Glück hienieden nennt?!— Er ſchrieb in froher Haſt. Da pocht es leiſe an die Thüre und auf ſein, halb unwilliges, Herein!— wobei er ſich raſch wendet— ſteht vor ihm eine Dame. Er ſtarrt ſie an: es iſt Clary's Mutter!— Seine Ueberraſchung, Beſtürzung iſt ſo groß, daß ihm die Feder aus der Hand fällt und er kaum im Stande iſt ſich zu erheben und ſie zu empfangen. Madame* verneigt ſich und macht ſeiner Ver⸗ legenheit ſogleich ein Ende, indem ſie, von ihm gebe⸗ ten, ſich auf dem Sofa nieder zu laſſen, ſich mit den Worten zu ihm ſetzt: Ich theile Ihre Ueberraſchung und unſer embarras fließt aus derſelben Quelle. Mein Beſuch gilt aller⸗ —— —— dings Ihnen, Herr von s; allein ich wußte nicht, daß der Dichter* und Sie eine und dieſelbe Perſon. Sie verſtehen mich. Wir ſahen uns nämlich zwei⸗ mal, wobei— ich bemerkte es— das etwas ſelt⸗ ſame Weſen meiner Tochter Ihre Aufmerkſamkeit in Anſpruch nahm; aber weder ich noch das Mädchen ahnte, daß Sie der Mann ſeien, der— ſtaunen Sie nicht, es iſt ſo— die Zukunft Clary's— ſo heißt meine Tochter— ihr und ſomit auch mein Glück be⸗ gründen kann. Ich vermöchte dies?— fragte er, ſich faſſend. Ja, mein Herr, entgegnete ſie ruhig. Sie nannte ihm ihren Namen, erzählte ihm, ziemlich weitläufig aber mit Verſtand und Gefühl, ihre Geſchichte, die wir bereits, ſo weit als ſie hier eingreift, kennen und darum unwiederholt laſſen, und ſchloß ihren Vortrag, indem ſie ſagte: Clary iſt die Sonne meines Daſeins, die mich noch im ſpäteſten Alter, ruft mich das Geſchick nicht früher ab, erwärmen und meine Gedanken über die⸗ ſes wunderliche Leben auf Erden erhellen ſoll; und Sie, mein Herr, ſind es, der ſie in die Sphäre ſtel⸗ len kann, worin ſie das für mich wird, was ich eben ausgeſprochen. 189 O reden Sie! Was kann ich thun? unterbrach ſie der noch immer Staunende. Ich habe Ihnen ſchon geſagt, fuhr ſie fort: daß ich meine Tochter für die Kunſt, für's Theater be⸗ ſtimmt und erzogen habe. Ihr Beruf dazu iſt be⸗ deutend und größer als ihre Neigung. Sie hat ſchöne Sprach- und andere Kenntniſſe, ſchreibt ſehr gut, und iſt— geſtatten Sie der Mutter dieſes lei⸗ denſchaftlich frohe Zeugniß— mit einem Geiſte be⸗ gabt, deſſen Schärfe und Klarheit nur dem Reich⸗ thume ihrer lebendigen Phantaſie verglichen werden kann; rechnen Sie hierzu— Sie haben Sie geſehen und erinnern ſich vielleicht noch ihrer Erſcheinung— ſchöne Geſtalt, eine ausdrucksvolle, alle Affecte über⸗ raſchend abſpiegelnde Phyſiognomie, volles und biegſa⸗ mes Organ und, was die Hauptſache, poetiſches Na⸗ turell, glühende Liebe zur Dichtkunſt, deren Meiſter⸗ werke ſie in deutſcher, franzöſiſcher, italieniſcher und engliſcher Sprache ſtudirt und durchdrungen hat, end⸗ lich— wie mich bedeutende Schauſpieler verſicherten — ein ſeltenes Darſtellungtalent: und Sie werden begreifen, daß ich nicht geringe Hoffnungen für ſie in dieſer Carriere hege, und daß ich kein Opfer ge⸗ ſcheut, Alles für ihre Vorbildung zu thun. Dieſe iſt nun vollendet und ich harre lechzend der Früchte, mich ———— — daran für alle Sorgen und— Entbehrungen zu er⸗ quicken. Meine Tochter ſoll ſo bald wie möglich die Bühne betreten. Und wo ſoll dies geſchehen? fragte Carl. Die Beantwortung dieſer wichtigen Frage, ver⸗ ſetzte ſie, führte mich zu Ihnen, nämlich— bemerkte ſie mit feinem Lächeln dabei— zu dem Schriftſtel⸗ ler***; wiewohl ich hoffe, daß Ihre Identität der Sache meines Kindes nicht ſchaden wird. Sie kön⸗ nen, Sie werden das Glück Clary's begründen. Sie ſtehen, wie mir einer der Regiſſeure des hieſigen Hoftheaters geſagt, mit einer Intendanz in Nord⸗ deutſchland in Geſchäftsverbindung und werden ſo⸗ gar ſelbſt die dramaturgiſche Leitung jener Bühne übernehmen; auch ſagte er mir, daß Sie für dieſelbe bereits taugliche Individuen engagiren und ſchon ei⸗ nige Contracte für Oper und Schauſpiel abgeſchloſſen haben. Sie errathen nunmehr die Bitte, die mich zu Ihnen geführt.— Sehr wohl, antwortete er, und ich fühle mich durch Ihr Vertrauen ſehr geehrt, dem ich nach Kräf⸗ ten entſprechen werde. O mein Herr— rief ſie, Thränen in den Augen, aus—: wie glücklich macht mein Mutterherz dieſe Ihre Zuſicherung! 191 Wie alt iſt das Fräulein? Noch nicht völlig ſiebzehn Jahre. Hat noch nicht öffentlich geſpielt? Nein. Thaten Sie bei dem hieſigen Theater keine Schritte? Man widerrieth es mir. Hier würde die Noth⸗ wendigkeit, lange Zeit in untergeordneten Rollen auf⸗ zutreten, den Geiſt des Mädchens demüthigen und ihr Talent entnerven. Im Auslande dagegen— alles Fremde gefällt weit eher als das Einheimiſche — würde ſie ſich bald herausbilden und könnte dann im Beſitze der nöthigen Routine, hierher zurückkehren, vielleicht unter den günſtigſten Bedingungen. Sie haben recht. Nun— ich will ſehen. Nehmen Sie, mein Herr, im Voraus meinen heißeſten Dank, den Dank einer armen Wittwe, einer beſorgten Mutter! Beehren Sie uns mit Ihrem Beſuche und prüfen Sie meine Tochter. Ich füge hier die Verſicherung hinzu, daß,— ſo ſehr ſchätze ich Ihr Urtheil— finden Sie das Talent Clary's unzureichend, ich augenblicklich von dieſer Idee, die freilich für meine Verhältniſſe ſchon zur Lebensfrage herangewachſen, abſtehen und über die Zukunft des Mädchens anders verfügen werde. ———— 192 Was, wenn ich fragen darf, würden Sie in dieſem Falle beginnen? Ich würde für Clary eine Stelle als Erzieherin ſuchen, ſo bitter auch dieſes Brot mundet, wie ich ſelbſt durch zehn Jahre erfahren. Noch einmal, ich will ſehen. Von Ihrer gütigen Einladung werde ich heute abermals Gebrauch machen und— da Sie mir nun ſchon das Urtheil anheim⸗ ſtellen— urtheilen. Ich bringe dazu Achtung für Ihre Verhältniſſe, Wünſche für Ihre Hoffnungen, Liebe zur Sache ſelbſt mit; aber— ich muß dies vorausſchicken— auch die Ueberzeugung hin, daß es in Dingen der Kunſt nichts Schrecklicheres als Mit⸗ telmäßigkeit giebt und daß es heilige Pflicht eines Sachkenners iſt, Eltern oder Angehörigen eines Kunſt⸗ neophiten Wahrheit, volle Wahrheit zu ſagen.— Madame* erhob und empfahl ſich hierauf mit den Worten: Kommen und prüfen Sie. Nachdem ſie fort, durcheilte er in gewaltigen Schritten das Zimmer nach allen Richtungen; wie dieſe, kreuzten ſich auch ſeine Gedanken und Empfin⸗ dungen. So lange die Dame noch zugegen, hielt der Anſtand den Ausbruch ſeines Gefühls zurück; nun aber ſtürmte es los und es blitzte und donnerte ihm M M 193 durch Kopf und Herz und ſchleuderte ihn wie ein Schiff auf entfeſſelter Fluth umher. Wenn ſie Talent hat— rief er aus— ſo iſt es vielleicht um meine Ruhe geſchehen! Ich muß ſie dann, dies will die Pflicht, der Mutter Vertrauen und meine Zuſage, engagiren, bei meinem Theater engagiren, und— ſie dann täglich ſehen, ſpielen ſehen, in einem Leben ſehen, das, ſobald der Vor⸗ hang aufrollt, Glanz und nach ſeinem Sinken phos⸗ phorescirender Moder iſt!— Aber warum nicht? Was iſt Dir Clary? Doch, was kann ſie dir wer⸗ den, wenn ſie dir nicht bereits ſehr viel iſt? Wenn ihr inneres Weſen dem äußeren gleicht, wenn ihr Geiſt ihrem wunderbaren Blicke entſpricht und ihr Gemüth dem Geiſte, was dann? Iſt es nicht wie ein Verhängnißact, daß ich in dieſem Augenblicke, da ich wieder frei und froh aufzuathmen, um mich zu ſchauen begonnen, und im Begriffe ſtehe, ein neues Daſein anzutreten, ein völlig abgeſchloſſenes, rein ob⸗ jectives Daſein—, nun wieder als Menſch angeregt werde, angefaßt vielleicht von den tauſend Polypen⸗ armen der Einbildungkraft, der Selbſttäuſchung?— Aber, ich kann nicht zurück! Nun denn, ich will ſehen. Arme Kunſtnovize, dein Talent hätte ſich keinen ſtren⸗ geren Beichtiger wählen können als mich! Ich werde Dichterleben. 13 —— .— —— 194 nicht durch die Finger der Herzenshand ſchauen, ſon⸗ dern durch die Lupe— der Selbſterhaltung: ich komme, aber ich hoffe, zu gehen, wie ich kam; ruhig.— Im Wetterleuchten dieſes Selbſtgeſprächs hatte ſich ſein Horizont ein wenig abgekühlt und er machte ſich wieder an die Arbeit. Dieſe aber ging ſäumig von Satten und er war froh, nur wenigſtens ſeine Briefe beendigt zu haben. Mit dieſen nun eilte er nach der Poſt. Dies be⸗ ſorgt— an Arbeiten war nicht weiter zu denken— ging er, um ſich zu zerſtreuen, auf das literariſche Kaffeehaus; ſo genannt von den Schriftſtellern aus allen Branchen der Kunſt und Wiſſenſchaft, die ſich hier täglich ſehr zahlreich einzufinden pflegten, um— Billard, Schach, Whiſt, Piquet oder auch nur Domino zu ſpielen, dabei Kaffee zu trinken und zu ſchmauchen und nebenher die— hier erlaubten— Journale und Zeitungen zu leſen oder ein wenig zu mediſiren, worin ſich heute die Herren der Schöpfung nicht minder ge⸗ fallen als die Blumenſeelen der Frauen, zumal, wenn ſie ſo glücklich oder unglücklich ſind, Literaten zu hei⸗ ßen oder wenigſtens ſich ſelbſt ſo zu nennen. Er traf hier Nicvlaus, den ein leidenſchaftlicher Hang zum noble jeu au billard täglich mehrere Stun⸗ den an dieſen Salon bannte und der eben ſpielte. —— ———— 1——— ¹ N 195 Nachdem die Parthie beendigt war, ſetzten ſie ſich an ein Fenſter und Carl theilte ihm die frohe Nachricht mit, daß ſeine Anſtellung nunmehr gewiß ſei. Sie ſprachen lange hierüber. Könnten Sie— warf Letztrer als leichtſcheinende Frage hin— wohl jemals eine Schauſpielerin lieben? Ich? verſetzte Nicolaus lächelnd, ich pflege gar nicht zu lieben. Wie? Sie hätten noch nie geliebt? Ich zweifle ſehr. Ah, Sie zweifeln! Sie ſind demnach Ihrer Sache nicht gewiß? Ganz nicht, wenn Sie von der Vergangenheit ſprechen; wohl aber bin ich's, ſobald von der Gegen⸗ wart oder Zukunft die Rede iſt. Und ihr ſchönes Gedicht von der todten Braut? Hat den Lyriker ſicher gemacht gegen jeden Stoff zu einem ähnlichen Gedichte. Was wollen Sie übri⸗ gens mit Ihrer Frage wegen einer Schauſpielerin? Wenn nun ich in Gefahr wäre, mich in eine junge, ſogenannte dramatiſche Künſtlerin zu verlieben? So könnte das eine ſehr draſtiſche Geſchichte geben, lachte Nicolaus gutmüthig heraus, Stoff zu einem kleinen Epos, Luſt⸗ oder Trauerſpiel, wenn nicht gar 43 — —. — ——————— 196 zu einem Schauſpiel, vulgo, Stadtſpectakel! Aber, zum Teufel, Sie werden doch nicht?— O gewiß nicht! ſeufzte Carl, verlegen in den Rauch ſeiner Cigare blickend. Was denn— gewiß nicht? Mich in eine Schauſpielerin verlieben! Und warum in eine ſolche nicht? Warum nicht? Weil mir bereits die Natur ſo entſetzliche Capitel über dieſes Thema dictirt hat, daß ich nicht die entfernteſte Neigung verſpüre, es auch noch mit der Kunſt hierin zu verſuchen. Ah bah! Wenn es Sie glücklich macht, dieſen holden Traum noch einmal durchzuträumen, die Sirene da capo ſingen zu laſſen, eine neue Variation dieſes alten Adamsliedes zu hören; immerhin! Sie könnten ſich alſo in eine Schauſpielerin ver⸗ lieben? Zwar, Sie haben recht; warum nicht? Es fehlt ja dem ganzen Geſchlechte nicht an enormem Dar⸗ ſtellungtalent, wovon die Eine da, die Andere dort Gebrauch macht.— Und— fiel Nicolaus luſtig ein— jene die mtndeſt Gefährliche iſt, die von ihrem Talente Pro⸗ feſſion auf der Bühne macht, der die Kunſt zur zwei⸗ ein Natur geworden iſt, wie man ſagt: eine Schau⸗ ſpielerin würde ich jeder andern Dame hierin gleich⸗ * ſtellen, wenn überhaupt die Liebe in mein Reſſort ſchlüge; aber— ſetzte er, das ſchöne Auge ſenkend, im tiefſten Baß hinzu— ich habe mich den Vormit⸗ tag meines Lebens zu lange auf dem anatomiſchen Theater und in der Klinik aufgehalten, als daß ich jetzt mittags großen Appetit nach ſolcher Herzensnah⸗ rung verſpüren könnte. Ich kenne zwar— ſagte Carl— die Geſchichte Ihres Herzens nicht; aber ich zweifle, daß Sie mehr am weiblichen Weſen herumgeſchnitten haben als ich: meine Dichtungen werden ſich einmal ausnehmen wie eine Sammlung Wachspräparate der menſchlichen, be⸗ ſonders der weiblichen Herzen, Nieren, Cellengewebe und Gehirnbäume. Um ſo weniger haben Sie bei einer Künſtlerin zu fürchten, faſſen Sie nur Muth, Ihr gutes Glück wird Sie auch ſicher über die weltbedeutenden Breter füh⸗ ren— bemerkte, wieder lächelnd, Nicolaus und fragte ihn, was ihm begegnet. Dieſer theilte ihm mit, was wir von Clary wiſſen. Eine intereſſante Kleine! murmelte kopfſchüttelnd jener, die groß zu werden verſpricht, wenn nicht ein Nachfroſt über ſie kommt oder ein dürrer Sommer. Die Sache iſt für Sie allerdings bedenklich; der feſteſte Mann kann ſich an einem ſolchen Stämmchen das Ge⸗ ———— — — —— —— 198 hirn einſtoßen, wenn er ſich nicht vorſieht. Sein Sie vorſichtig!— Ein hinzutretender Bekannter machte ihrem Ge⸗ ſpräch ein Ende. Sie gaben ſich für den nächſten Vormittag das Rendezvous wieder hier und trennten ſich; Carl ging nach Hauſe. Der Tag emſchwand ihm langſam, aber verging doch und der Abend dämmerte herein. Er machte ſich auf den Weg. Als er ſich dem verhängnißvollen Hauſe näherte, ſchlug ihm das Herz ſchülerhaft und er holte, wie nach einem Wettlaufe, tief Athem. So ſtieg er die vier Treppen hinan und ſo— zog er die Klingel. Eine Magd öffnete und er trat mit aller Faſſung, die er nur in ſeinem Kopfe auftreiben konnte, ein. Die Wohnung von Madame? beſtand aus zwei ziemlich geräumigen, nett gemalten, ſehr einfach aber nicht ohne Geſchmack tapezierten und meublirten Zim⸗ mern mit einem Cabinete, das Clary's Pianoforte und kleine Bibliothek nebſt ihrer Toilette enthielt. Die zwei größeren Gemächer, von denen das Beſuchs⸗ zimmer mit einigem Silber⸗ und Porcelaingeſchirre und mehreren guten Lithographieen in ſchmalen Gold⸗ rahmen geſchmückt war, trennte die kleine, mit hollän⸗ diſcher Reinlichkeit gehaltene, Kuͤche, die, wie in vielen 199 ſo mäßigen Appartements, zugleich das Entree bildete. Einfache, niedere Thüren, einander gegenüber, führten in die Zimmer; Clary's Cabinet hatte keinen be⸗ ſonderen Eingang, man kam dahin durch das Schlaf⸗ gemach von der Küche links; das Gemach rechts war der Salon. Wir bitten, ſich dieſe kleinen Details zu bewahren, da in Kurzem hier ein kleines Drama geſpielt werden wird, wobei genaue Lokalkenntniß nothwendig iſt, um die intereſſante Handlung richtig aufzufaſſen.— Unten in den engen, von thurmhohen Häuſern ge⸗ formten, Straßen herrſchte bereits tiefe Dämmerung; hier oben aber war es noch ganz hell: das Gute ge⸗ nießen die Armen in ihren Manſarden und Souterrains, ſie haben nicht ſo weit in den Himmel und in die Hölle, wie reiche Leute. Dieſe Betrachtung ſtellte er an, während das Dienſt⸗ mädchen ſeinen Namen zur Thüre links— alſo in das gewöhnliche oder Schlafgemach— hineintrug und ihn zwiſchen den blank geſcheuerten Töpfen, Schüſſeln und Lellern warten ließ. Alsbald aber erſchien mit der Magd zugleich Ma⸗ dame* in der Thüre und bat ihn einzutreten. Wir vergaßen zu bemerken, daß Carl ſchon auf der letzten Treppe und dann noch mehr in der Küche ——— —— 200 Claviertöne vernommen, die er ſogleich Clary zu⸗ ſchrieb. Als nun die Thüre zum Schlafzimmer auf⸗ ging, drang die Tonfluth noch ſtärker auf ihn ein und er ſah, daß er ſich nicht getäuſcht. Das Mädchen blieb zurück und er trat ein. Clary war nicht zu ſehen, wohl aber noch immer zu hören; aus ihrem Cabinete nämlich, deſſen Thüre geſchloſſen war und worin ſie ſpielte. Madame winkte ihm lächelnd zu ſchweigen und ſich ganz leiſe zu ihr auf den Divan zu ſetzen, wo ſie mit einer Stickerei beſchäftigt war, und liſpelte ihm zu, nachdem er ſich niedergelaſſen: Meine Tochter hörte weder klingeln noch ſprechen und hat keine Ahnung, daß Sie ſchon hier. Das iſt mir lieb; ſo hören Sie doch gleich, wie ſie ſpielt, da ſie ſonſt nicht ſo leicht zu bewegen iſt, vor Fremden zu ſpielen, in keinem Falle aber ſo mit ganzer Seele beim Inſtrumente ſein würde, wie eben jetzt. Sie hö⸗ ren, daß ſie phantaſirt. Er bejahte ſchweigend und überließ ſich, da auch die Mutter ſchwieg, ganz und gar dem Zauber dieſer Improviſation. Wie Clary ſelbſt, wirkte das Ton⸗ ſtück: ſeltſam, um nicht zu ſagen, unheimlich. Beet⸗ hoven hatte ſie ſtudirt, das hörte ſich leicht heraus; 201 aber es lag in dieſer überſtrömenden Fülle von Ge⸗ danken und Empfindungen etwas Fremdes, Eigenthüm⸗ liches, das nur ihr gehörte. Feſt muſikaliſch, griff ſie — während der zehn Minuten, da er jetzt lauſchte— die ſcheinbar ungleichartigſten Motive auf und ver⸗ arbeitete ſie ſo ſicher, ſo kühn und anmuthvoll zugleich, daß ſie als Einiges, als Ganzes heraustraten und die begonnenen Skizzen zuletzt als ſchönes Tongemälde wirk⸗ ten. Ein Zug von Wehmuth indeſſen ging durch daſ⸗ ſelbe hin, eine Stimmung, für die der Zuhörer keinen völlig genügenden Ausdruck ſinden konnte und die auch wir erſt ſpäter mit dem wahren Namen belegen dür⸗ fen, um, wie die Novelliſten zu ſagen pflegen, dem Gange der Ereigniſſe nicht vorzugreifen.— Sie ſchloß mit ſolcher Leidenſchaft, als ſtießen alle Akkorde zu⸗ gleich einen Schrei des Schmerzes aus und im näch⸗ ſten Augenblick ſtand ſie in der, von ihr heftig ge⸗ öffneten, Thüre. Carl, der, beiläufig geſagt, geneigt war, das Ge⸗ heimthun der Mutter und das Spiel der Tochter als eine erſte Proberolle ihres Talentes für die Comödie zu betrachten, erhob ſich raſch und— ſah an Clary's Blicke, der unbegreiflicher als je ſich in ſein bebendes Auge eingrub, an der plötzlichen Gluth, die ihr blaſſes Antlitz wie ein Nordlichtſtreif überflog, daß dieſe Scene teine einſtudirte war, ſo draſtiſch ſie auch auf ſeine Phantaſie wirkte. Die Mutter trat in's Mittel, ſtellte vor und man ſetzte ſich, er der Tochter gegenüber. Nun ſollte er doch endlich ihre Stimme auch ver⸗ nehmen, ihren Geiſt— wenigſtens im Vorübergehen — kennen lernen und erfahren, was ihren Blick dieſe todte Sprache gelehrt, die er in keine lebende zu über⸗ ſetzen vermochte, da er keinen Ton derſelben verſtand. Jetzt konnte ſie nicht ausweichen, ſie mußte ſprechen. Die Mutter leitete gewandt genug das Geſpräch ein und holte dabei ſo weit aus, daß er Zeit gewann, ſich zu ſammeln und auf ſein Regiſſeuramt vorzuberei⸗ ten. Nebenher fand er auch Muſe, Clary genauer zu betrachten. Sie war nicht ſchön; denn erſtens fehlte ihren Zügen die zur Schönheit unerläßliche Ruhe, die Ein⸗ tracht der Theile, und dann lag auf dieſem Antlitze eine Bläſſe, die zwar nichts Krankhaftes an ſich hatte, die jedoch, wenigſtens ihn, faſt ſchaudern machte; allein beim erſten Anſchauen erſchien ſie ſchön, und durch ihren geiſtſprühenden, phantaſirenden Blick wie durch das reiche glänzend ſchwarze Haar, das in üppigen Locken auf den weichen, weißen Nacken fiel, ſogar blendend. Sie war hoch und ſchlank, und beſonders —— vortheilhaft zeigte ſich heute ihre feine Geſtalt in der dunkelrothen Tunica, die, von einem ſchwarzen Gürtel aus gepreßtem Maroquin um die zarte Taille befeſtigt, Buſen und Hüften reichlich drapirend, über ein weißes Kleid bis zu den Knieen herabfloß. Dieſe Toilette verſtärkte den antiken Ausdruck ihrer Phyſiognomie, wovon wir gleich das erſte Mal geſprochen. So ſaß Clary vor ihm, ſchweigend, die hohen Lider geſenkt, den Nacken ſanft gebeugt, die Hände nachläſſig im Schooße, um die vollen, friſchen, leiſe geöffneten Lippen aber jenes unheimliche fieberiſche Zuk⸗ ten, das ihn ſchon bei ihrer erſten Erſcheinung ſo ſehr frappirt hatte. Die Mutter war nun mit der Einleitung ſo weit, daß ihm nichts übrig blieb als die Rede fortzuführen und er ſagte: Nehmen Sie, mein Fräulein, noch Unterricht bei Madame*2 Clary entgegnete, ohne aufzublicken, mit unter⸗ drückter Bewegung leiſe: Ja, aber ohne Zweck. Meine Tochter— ſiel die Mutter etwas verlegen ein— iſt mit dieſer Schauſpielerin nicht ſehr zufrie⸗ den; nennt ſie manierirt. 20 4 Sie iſt es auch, ſprach, wie erſt, das Mädchen; wenn ich mich nach ihr gebildet hätte, ſo wäre die aufgewandte Zeit eine verlorne. Warum, fragte er überraſcht, ſetzen Sie dann die⸗ ſen Unterricht fort? Um auf negative Weiſe zu ſtudiren, war Clary's Antwort: aus dem Contraſte lerne ich das Wahre, aus der Manier, die ich verachte, Achtung für das Natürliche. Geht es uns denn,— ſetzte ſie, Stirne und Blick zugleich erhebend, ſcharfen Tons hinzu— ſagen Sie, geht es uns im Leben nicht überhaupt ſo? Gibt man den kranken Menſchenherzen mehr als ein Decilliontel Wahrheit in einer Carafe voll Lügen⸗ waſſer? Ich mache es der guten Frau darum auch nie recht, ich ſpiele ihr nie zu Dank; ſie ſagt, ich ſpräche nur, ich deelamirte nicht, ich drückte mich ſo natürlich aus, wie es in der Kunſt nun und nimmer anginge. Carl lächelte und ſagte: Was Sie mir da be⸗ merkt, mein Fräulein, reichte eigentlich für ein Regie⸗ eramen hin; aber es wird mich doch ſehr freuen, von Ihnen eine kleine Scene geſpielt zu ſehen oder auch nur vorerſt eine Ballade vorgetragen zu hören. Wol⸗ len Sie mir dieſes Vergnügen machen? Sie verneigte ſich ſtumm, ſtand auf, ging langſam N M 205 in das Cabinet und kam ſogleich wieder mit einem Buche zurück. Es war ein Band Gedichte von Schil⸗ ler, den ſie ihm ſchweigend reichte. Er ſchlug die Ballade„Der Taucher“ auf und gab ihr ſo das Buch hin. Sie erhob ſich und ſprach das Gedicht auswendig, wiewohl das Buch zur Hand. Er ſah und hörte— ſtaunend und innerlich froh⸗ lockend. Sie hat— rief er ſich während ihres Vor⸗ trags wenigſtens zehnmal zu— auch nicht eine Spur von Talent für's Theater, nicht einmal für einfache Declamation! Aber es lebt ein wunderbarer Geiſt in dieſem Weſen, der mehr werth iſt als alle mimiſche Kunſt der Welt! Wir wollen nun verſuchen, Belege für dieſe ſeine ſtrenge Anſicht beizubringen. Clary erhob und ſtellte ſich, das Buch zur Hand, in edler Haltung vor ihm hin und begann. Aber— ſie deklamirte nicht nur nicht, ſondern ſie ſprach auch nicht, ſie dichtete, ſie improviſirte die Ballade und zwar wie ein Dichter, der dabei über Versbau und Reim in Angſtſchweiß ausbricht. Es traten auch in der That einige Perlen auf ihre hohe Stirne. Ihre Stimme— das Organ war geſund, metallreich und — —————— 206 von großem Umfange— klang wie Muſik, aber, aber in demſelben Akkorde von der erſten bis zu der letzten Zeile und ohne Einklang; ſo mochte Caſſandra, ſo mochte die Pythia geſprochen haben: es tönte wie aus der Bruſt einer Sterbenden oder einer halb Wahn⸗ ſinnigen. Und dazu, darein und darüber ihr Blick! Gleich bei den Worten:„Wer wagt es, Rittersmann oder Knapp'“, die ſich vernehmen ließen, als hätte ſie der Fürſt bei Abfaſſung ſeines Teſtamentes geſprochen, fuhr dieſer Blick aus den großen ſchwarzen Augen nach Carl wie ein Brander auf eine Fregatte los, um ſie in die Luft zu ſprengen; dann, bei den Ueber⸗ gängen, erhob er ſich und ſchwebte an der Decke wie der eines Menſchen, der mit dem nächſten Athemzuge ſeinen Geiſt aufgeben will, ſo daß man nur das Weiße des Auges ſehen konnte; alsbald jedoch ſtürzte er wie⸗ der herab wie ein Falke nach der Beute oder badete ſich in mächtigen Schwingungen einem Adler gleich im Aether. Und democh, ſo komiſch dies Alles auch an⸗ zuſehen und anzuhören war, wehte ein Geiſt hindurch, der Achtung, faſt Ehrfurcht gebietend die Wirkung des Drolligen wieder vernichtete: mit einem Worte, ſie ſprach die Ballade, wie ſie wahrſcheinlich Schiller ſelbſt geſprochen haben würde, der, wie bekannt, ſeine eigenen Dichtungen auf eine Weiſe vortrug, daß ſie 207 ſeine leidenſchaftlichſten Verehrer nicht wieder erkennen konnten. — Und nun hatte ſie geendet, ſich bereits ſchon geſetzt, in den Augen der Mutter glänzten ein paar Freudethränen und Carl, der beklagenswerthe Kunſt⸗ richter, ſollte jetzt ſein Urtheil abgeben, d. h. ſagen, daß ihm die Art des Vortrags gefallen habe, denn dies— mindeſtens— erwartete Madame*. Ob auch Clary, zweifeln wir; denn ſie ſah ihn, als ſie ſich ſetzte, for⸗ ſchend an und alsbald zu Boden; ſie hatte ihn durch⸗ blickt und erwartete mit Faſſung ihr Schickſal. Dieſes ließ auch nicht lange auf ſich warten; denn er antwortete auf die Frage der Mutter, ob er zu⸗ frieden ſei, ſchonend aber feſt: Ich muß das Fräulein in einer Scene hören und ſehen, eh ich ein Urtheil fällen kann; es war übereilt von mir, Sie zur Declamation eines Gedichtes ver⸗ anlaßt zu haben, tragen doch die beſten Schauſpieler Gedichte oft ganz fehlerhaft vor.— Clary ſaß, den Blick zu Boden, unbeweglich. Ihre Mutter jedoch, ein wenig piquirt, verſetzte: Nun auch dazu kann Rath werden; meine Tochter iſt auf⸗ gefordert worden, und auch von Sachkennern, die⸗ ſer Tage auf dem** ger Sommertheater zu ſpielen ———— 208 und ich habe zugeſagt. Wenn Sie ſich dahin bemühen wollen, ſo— So wird— rief Clary, ſich raſch erhebend und mit einem entſetzlichen Blicke auf ihre Mutter— Herr von*** mich nicht ſehen, weil ich— nicht ſpielen werde! Clary! ſchrie Madame?* mit hervorſtürzenden Thränen auf— Kind, habe ich das an Dir verdient? Das nicht, entgegnete das Mädchen mit einem Aus⸗ drucke, der Carl's Herz wie ein Dolch durchſchnitt, das nicht, Mutter, aber— davon ein andermal! So ſprechend, maß ſie die Stube mit großen Schrit⸗ ten, die Arme über die Bruſt gekreuzt und den Blick zu Boden; während die Mutter ſich ſchluchzend zu dem Beſtürzten mit dem Ausrufe wandte: O daß Sie in mein Haus gekommen! Sie haben mich und mein Kind unglückich gemacht! Er wollte eine Art Entſchuldigung ſtammeln; da aber blieb das Mädchen ſtehen und ſprach mit erſchüt⸗ terndem Tone, in dem ein Pathos lag, würdig der Tragödie: Nein, mein Herr, keine Wendung! Wahrheit ziemt dem Manne, Sie gaben mir dieſe! Sie ſind der erſte Mann, den ich achte; Ihr Urtheil tödtet eine Hoffnung, aber es iſt Wahnſinn, etwas zu hoffen, das man nicht 209 mit Recht erwarten darf; Sie nahmen mir die Liebe zur Kunſt, gaben mir aber dafür Liebe zur Wahrheit und Natur: ich danke Ihnen! Mein Gott, rief der Gequälte aus, indem er ſich erhob, ich ſuſpendirte ja doch nur mein Urtheil und dann, was liegt auch an der Meinung des Einzelnen! Kann ich nicht irren? Zudem— offen geſtanden— würden Sie ſo ſpielen, ſo Gedichtetes vortragen, wie Sie eben ſprachen, Ihr Herz, Ihre Ueberzeugung haben ſprechen laſſen, ſo natürlich und ergreifend, o dann hätte das Kunſtleben an Ihnen die herrlichſte Acquiſitivn gemacht! Das aber eben iſt das Unglück der meiſten Anfänger, daß ſie glauben, unterlegte Empfindungen und Gedanken anders als ihre eignen ausdrücken zu müſſen und dadurch die Kunſt, ſtatt zum Spiegelbilde, — zum Zerrbilde der Natur machen. Madame* war während ſeiner Worte wie ohn⸗ mächtig auf den Divan zurückgeſunken und nur ihr lautes Weinen verrieth, daß ſie bei halber Beſinnung; Clary dagegen hatte ſich dabei auffallend verändert. Ein leichtes Roth überflog ihr Geſicht, ihr Blick verlor das Starre, ihre Haltung das Schroffe und— was noch mehr— ſie trat zu ihm, ergriff mit ihrer glühen⸗ den Rechten die ſeinige und ſagte mild, wie ein ver⸗ ſtändiges Kind: Dichterleben. 14 ———— 210 Ich ſage Ihnen noch einmal Dank. Keine Macht der Welt, kein ferneres Urtheil würde mehr im Stande ſein, Ihr Urtheil umzuſtoßen: ich gehe nicht zum Theater! Es koſtet mich übrigens kein Opfer, meine Neigung dazu war nie groß; nur der Wunſch meiner Mutter, auch Schmeichelei zum Theil beſtimmte mich, auf dieſer Bahn zu bleiben. Beſſer der erſte als der zweite Erfahrungſchmerz. Auch habe ich Vorkennt⸗ niſſe genug, um bei fortgeſetztem, fleißigem Studium mich in kurzem zur Erzieherin zu befähigen; ich hoffe, meine Mutter wird Ihnen noch für dieſen Augenblick gleich mir— danken. Carl ſtarrte ſie ſprachlos an. War das ein Kind, ein reifes Weib? Oder Beides vereint? Sie fuhr nach einigem Schweigen ruhig fort: Wenn Sie können, ſo werden, ſo bleiben Sie mir ein Freund; ordnen, lenken Sie meine Studien, legen Sie mir in Kopf und Herz Ideen und Gefühle zurecht, denn— darinnen ſieht es chaotiſch aus— und ergänzen Sie das Mangelhafte, Fragmentariſche meines Wiſſens, Empfindens und Könnens. Hier— ſie nahm von einem Tiſchchen ein Heft Manuſcript und reichte es ihm,— hier empfangen und leſen Sie gelegentlich einige Aforismen von mir über mancherlei Zuſtände; es ſind darunter auch ein paar poetiſche Verſuche, Verſe, „ 211 Gedichte, wenn Sie wollen: Sie müſſen ja doch den Menſchen ein wenig kennen, der Ihnen ſeine Freund⸗ ſchaft anbietet. Letztres ſprach ſie mit ſo offnem, anmuthigem Lächeln, daß er noch tiefer in ſeine Verwirrung ſank und das Heft nur ſchweigend zu ſich nahm. Mit einem bedeutungvollen Blicke nach der Mutter ſagte ſie dann: Meine Mutter leidet bisweilen an Krämpfen, und Ruhe— iſt dann immer das Beſte. Carl verneigte ſich ſtumm und ging. ———— ——— ———————— XVI. Der enträthſelte Blick. „Das Baͤumchen ſieh vom Blitz getroffen! Es ſchoß empor ſo ſchlank und ſtark; Ein Fruͤhlingsſturm zerſchlug ſein Mark, Riß ihm vom Haupt' ſein bluͤh'ndes Hoffen: Nun ſchmiegt es ſich im jungen Gram An den zu ihm gepflanzten Stamm, Und ſeufzt entgegen neuem Lenze, Der nach dem Froſt es neu bekränze.“ Er eilte, Sturm in und Clary's Mamuſcript auf der Bruſt, nach Hauſe, um durch Leſung deſſelben das Ungewitter in ſich zu beſchwören. Er hoffte, mit dieſen Blättern den Schlüſſel zur Chiffernſchrift ihres Blickes, ihres ganzen räthſelvollen Weſens erhalten zu haben und endlich in dem Buche ihres Daſeins leſen zu können. Er fand ſich nicht getänſcht. Zwei Stunden verflogen ihm bei dieſer merkwür⸗ digen Lectüre und es waren doch nur wenige Blätter, die er in fünfzehn Minuten durchgeſeben hatte. Allein er ſtieß da auf neue, wenn gleich minder ſchwierige, 213 Räthſel, deren Deutung die Zeit im Fluge an ihm vorüberriß. Die Aforismen enthielten geiſtreiche Bemerkungen über Kunſt und Natur, Wiſſenſchaft und Leben; in⸗ tereſſante Reflerionen und viele gewagte Combinationen, parador ſcheinende Sätze voll kühner lyriſcher Sprünge. Nirgend ein Gemeinplatz; Alles war entweder ihr freies Eigenthum oder es gab ihr mindeſtens die neue Form das Recht der Nutznießung. Aus allen dieſen Sätzen aber ſprach ein zerriſſenes Gemüth. Ihre Welt⸗ anſchauung war eine düſtere und über die ſchönſten Gefühlsblüthen und Gedankenblumen zog der ſchneidend kalte Athem der Jronie dahin; auf manchen lag ſogar Reif und ſie erſchienen im Sonnenſtrahle der nächſten Betrachtung als rettunglos verloren. Er las dieſe Sätze mit durchdringender Aufmerk⸗ ſamkeit, allein er fand darin nichts— als ihren ſelt⸗ ſamen Blick in Worten; ihr ganzes Geheimniß war hier ein ausgeſprochenes, jedoch in einer Sprache, die nichts deuten, nichts ahnen ließ. Ein Anderes aber war es mit den Liedern, deren das Heft ſechs enthielt, und ſein Geiſt ſtürzte darauf wie ein Schatzgräber auf eine eiſerne Kiſte, auf die ſein Spaten nach lange vergeblichem, ermüdendem Her⸗ umwühlen unter Schädeln und Gebeinen endlich geſtoßen. ——,——————— —.— 24 Das umfangreichſte war an einen Mann gerichtet. Sie ſprach darin, in kurzen, ſchönen Verſen, ſchwung⸗ voll und ſelbſt bildlich, von dem wilden Schmerze, der ihre Bruſt um ihn zerreiſſe, von gemordeter Seelen⸗ ruhe, von Selbſtquälung und ewiger Trennung dieſſeit, und jenſeit von einer Hölle des Bewußtſeins, worin er, der ſchöne Teufel, herrſche und ihren Frieden mit den Flammen ſeines Blickes tödte und wieder belebe, um ihn wieder zu tödten.— Alſo— rief er aus— ſie hat geliebt, liebt noch! Aber ſie liebt unglücklich, ſie iſt von ihm durch Zeit und Raum oder durch ein Verhältniß getrennt!— Dieſes Gedicht erklärt mir nur halb ihr inneres Lei⸗ den; weiter! Und er las das zweite. Es war ein Lied von drei kleinen Strofen. Glich das erſtre einem aufge⸗ riſſenen Grabhügel, ſo war dieſes ein Falter, der um denſelben in leiſem Fluge ſchwebte, als Simbol der Auf⸗ erſtehung, einſtiger Entſühnung. Der Inhalt dieſes, ganz für den Geſang geſchaf⸗ fenen, Liedchens war die zarteſte Elegie auf den Tod ihrer— Unſchuld; ſie klagte darin mit dem leiſeſten Hauche den ſchönen, kühnen Lenzſturm an, an deſſen Himmelsbruſt ihre Erdenblüthe zerſtäubte.— Gefallen alſo! ſeufzte er auf, das Blatt an ſeine 15 glühende Stirne preſſend, zerſtört!— Der Schleier vom Bilde zu Sais ſchien ſich lüften zu wollen.— Das dritte Gedicht war eine geiſtig harte, ſtarre Apoſtrofe an ein Weib, das ſie in männlicher Faſ⸗ ſung vor die Gerichtsſchranken ihrer Phantaſie fordert, um ihr Rede zu ſtehen. Sie klagt daſſelbe eines Meuchelmordes an. Dieſes, das dunkelſte auf den erſten Blick, gab ihm das meiſte Licht. Das iſt die Mutter! ſchrie er auf und durchſtürmte es von neuem. Jo, ſie iſt's und— ſie hat ihr Kind gemordet, meuchlings die Seele ihres Kindes hingewürgt! Die drei andern Gedichte waren unbeſtimmte, etwas zerfloſſene, Naturanſchauungen mit ſtärkerem und ſchwä⸗ cherem Bezuge auf ihr Seelenleben, das ſich auch hierin als ein untergegangenes Glück ausſprach, als ein geſchloſſenes Paradies, als eine verſunkene Stadt voll einſtiger Herrlichkeit. Er hatte geleſen und wußte nun genug, ſo wenig er auch wußte. Sie iſt gefallen, ſprach er vor ſich hin, aber ihr Geiſt wird ſie wieder aufrichten. Wer ſo unumwun⸗ den von ſeiner Schuld ſpricht, iſt in der Reue thätig und darf eine Auferſtehung aus dem Schmerze hoffen; ſie hat ſich noch nicht ſelbſt aus dem Auge verloren 16 und ihr ſicherer Blick muß, wird ſie auf den rechten Weg zurück und darauf weiter führen durch das ganze Daſein. Aus dem Grabhügel ihrer Unſchuld wuchs die Blume der Poeſie: Schauſpielerin wird ſie nicht, aber Dichterin iſt ſie bereits; der Blitz, den der Lenz⸗ ſturm in ihre Seele warf, entzündete das Göttliche in ihrer Bruſt und ſie lodert nun auf in ſchöner Ent⸗ rüſtung. Armes Kind! Aber deine Verarmung wird ſich in Reichthum wandeln, wann dein Geiſt gebaut haben wird auf dieſe Erfahrung des Herzens: du wirſt dann aus den dunklen Schachten deines Gemü⸗ thes Schätze zu Tage fördern. Erſcheinſt du dir nur erſt ſelbſt als Mifrokosmus, bringſt du nur erſt die Natur in ſchöne Beziehung zu dir, ſo baut ſich aus den Trümmern deiner eingeſunkenen Unſchuld der Polaſt der Tugend auf, wenn auch nur im einfachen doriſchen Style der Entſagung, aber um ſo feſter, dauerhafter, daß ihn kein Erdbeben der Leidenſchaft ſo leicht erſchüttern wird! Ich aber, was ſoll ich dir? Die Hand bieten zu ſeinem Aufbaue? Wird auch die Heliotropie deiner heißen Seele der herbſtlichen Sonne der Freundſchaft zugekehrt bleiben wie der glühenden der Liebe? Ich zweifle; du biſt zu jung für dieſes ernſte Gefühl und deine Bruſt wird ſich bald in neuer Liebe an die des 7— — Freundes ſchmiegen wollen. Dieſer aber kann dir nur Mitgefühl in deinem Schmerze, teine Liebe bieten; denn dieſe neue Erfahrung riß die Sargdeckel von allen ſeinen todten Hoffnungen wieder auf und der Anblick dieſer Leichen läßt ihn das Antlitz dem Leben nicht mehr in Liebe zukehren, wenigſtens in jener Liebe nicht mehr, wie ſie das Herz des Weibes, ſelbſt des un⸗ glücklichen, erwartet: Freundſchaft bringe ich dir zu, armes, leidendes Kind, und die Poeſie ſoll deine zweite Leidenſchaft werden! Nach dieſem Selbſtgeſpräche legte er die inhalt⸗ ſchweren Blätter zuſammen und begab ſich zur Ruhe. Zur Ruhe?— Ja. Ctary's Blick war für ihn kein Räthſel mehr, ihr Weſen konnte ihn nicht mehr beunruhigen: er entſchlummerte mit Wünſchen für ſie, nicht für ſich, und erwachte auch ſo am nächſten Mor⸗ gen. Er hatte wieder Kraft und Luſt zur Arbeit und ſchrieb ununterbrochen bis gegen Mittag. Da eilte er aufs Café zu ſeinem Nicolaus. Ja, dieſer herrliche Dichter war ihm bereits ein gei⸗ ſtiges Bedürfniß geworden, ſeine Nähe ſchon war ihm ein Labſal. Er fand ihn und ſie ſetzten ſich wieder in die Fen⸗ ſterbrüſtung und rauchten traulich ihre Cigaren. ————————. XVII. Dichterfreundſchaft. „Zwei Himmelskoͤrper koͤnnten ſich beruͤhren Und, trotzend ihren ewigen Geſetzen, Fortrollen unverletzt die alte Bahn; Wir Beide aber koͤnnen's nicht, wir nicht: Beruͤhren unſre Atmoſphären ſich, So brennt die Welt!—“ Graf Julian. Der gedachte Menſch iſt beſſer als der denkende; der denkende beſſer als der ſchreibende; der ſchreibende beſſer als der ſprechende; der ſprechende beſſer als der han⸗ delnde: in dieſem ungeheuren Abſtande vom Ideale ſteht die Wirklichkeit; und doch iſt der wirkliche Menſch in aller Mangelhaftigkeit intereſſanter als ein erfunde⸗ ner, und um ſo viel intereſſanter iſt die wahre, wenn noch ſo ſchlichte, Begebenheit als eine gedichtete, wenn noch ſo mannichfaltige. Die Wahrheit dieſes Satzes gibt uns den Muth, in dieſer Erzählung ruhig fortzufahren. Sie iſt ein⸗ 219 fach, aber wahr und wird darum das Intereſſe an⸗ regen und feſthalten. Der ſchöne Stoff des Kleides, das uns ſchmückt, verliert nicht nur nichts, ſondern gewinnt an Werth für uns, wenn wir einmal die Fabrik beſucht und die Manipulation kennen gelernt haben, woraus derſelbe hervorgegangen. Der Menſchengeiſt ſchmückt ſich mit dem himmliſchen Stoffe der Kunſt; wird dieſer an Werth für uns verlieren, wenn wir die Werkſtätte der Seele beſuchen und beobachten, auf welchem weiten Wege derſelbe aus der Hand der Natur in unſere ge⸗ langt? Wir werden dabei vielleicht auf manches Hand⸗ werkmäßige ſtoßen; das empfindliche Auge der Seele können die auf den Marmorblock herabhängenden Fäden, die den rohen Umriß des zu ſchaffenden Standbildes beſtimmen, im Atelier des gefeierten plaſtikers, wie in dem des geprieſenen Malers das Reiben und Bereiten der Farben und die als Modelle umher liegenden Arme und Beine verletzen; doch, iſt der erſte widerliche Eindruck verwunden, ſo fühlt ſich auch der große Ge⸗ winnſt heraus, der unſtem Geiſte aus dem Verſtänd⸗ niſſe erwächſt, und wir decken leicht das Deficit der Phantaſie durch die gewonnene Erfahrung. Am gefährlichſten für Alle— wir geben es zu— iſt ein Beſuch in der Werkſtätte der Dichterſeele; denn — ———— —.— vom Dichter ſähe es die Welt gar zu gerne, daß er nur mit Aetherblau, Blättergrün und Morgenroth malte, ſich nur von Nektar und Ambroſia nährte und blos mit Sonnenpurpur und Sternenſilber bekleidete und ſchmückte: allein um Verſtändniß iſt es überall zu thun und ſie muß auch im Dichterleben intereſſiren.— Wir wenden uns nun wieder unſern beiden jungen Dichtern zu, die wir in der Fenſterbrüſtung des Kaffee⸗ hauſes verlaſſen haben. Sie beſprachen anfangs literariſche Gegenſtände des Tages. Nach einer Pauſe, die hierauf eintrat, nahm Carl das Wort und ſagte: Daß doch der Hauch zweier Männerſeelen nicht ſo Eins werden kann wie der Rauch unſrer Cigaren; ſehen Sie doch, wie ein⸗ trächtig die Wölkchen ſich zuſammen wirbeln und als eine Säule emporſteigen, worein die Sonne ihre Strah⸗ leninſchrift flüchtig meiſelt! Und das ſollte Männern unmöglich ſein? fragte Nicolaus nachdenkend vor ſich hin. Wenigſtens— ſeufzte jener— Männern von dem⸗ ſelben Berufe, zumal Künſtlern, Dichtern; dieſen ſei es genug, Freundſchaft zu erkennen, zu wollen: die Möglichkeit liegt außer dem Bereiche ihrer Naturen, die Realität tödtet das Ideale dieſes Gefühls. In mir aber, entgegnete, das Auge wie ein vom —*— — N*— —— 6 N W 221 —— Schlummer aufgeſcheuchter Adler erhebend, Nicolaus, in mir frohlockt die Ueberzeugung, zwei Künſtler kön⸗ nen Freunde ſein; ja, ein Künſtler könne nur einen ſolchen zum Freunde haben. Ein Ziel! aber nicht ein Weg dahin. Zu ſehen, wie der Freund ſich Bahn macht, wo noch Keiner gegangen; wie Felſen, die einen Andern in die Tiefe ſchleuderten, ihm dienſtbar ſind und ſeine Sohle liebkoſen; wie Abgründe ſo zahm um ſeine Pfade herumliegen und ſich fürchten, ihre Schrecken vor dem zu zeigen, der ſie hinweglächelt in ſeiner männ⸗ lichen Sicherheit; zu ſehen, wie er ſo weiter ſchreitet immer dem Ziele zu: iſt das nicht gerade die höchſte Freude der Freundſchaft?— Kamn ein Dichter einen Menſchen zum Freunde haben, den er gerade in den ſchönſten Stunden ſeines Lebens, in den Stunden der Weihe, nicht mitnehmen kann in die ſelige Heimath hinauf, ſondern zurücklaſſen muß auf der Erde und als Ballaſt über Bord werfen? Seinem Imnerſten kann ein ſolcher Menſch nie nahe kommen, als ein Fremder muß er ihm erſcheinen, der eine ganz andere Sprache ſpricht und die ſeinige nicht verſteht!— O mein Theurer, ſagte Carl, wie beneide ich Sie um dieſen ſüßen Frühlingsglauben! Mich hat das Leben eines Andern, nicht eines Beſſern, belehrt. Ge⸗ rade hierin, wo für Sie die höchſte Freude, die Blume ——— —— 222 ——— der Freundſchaft aufgeht, erblicke ich ihren Tod. Be⸗ lauſchen Sie zwei Maler, die zuſammen eine Galerie beſchauen. Ein Ziel und zwei Wege, ſagen Sie. Wie aber, wenn dem Künſtler ſchon der Weg als Ziel, das Mittel als Zweck erſcheint? Wird, muß ihm der Pfad des Andern nicht als ein irriger, das Medium deſſelben nicht als ein Hinderniß des ſeinigen erſcheinen? Fol⸗ gen Sie nur aufmerkſam den Blicken Beider durch die Bilderreihe: der ſucht dieſen, der jenen Meiſter, der achtet dieſe, der jene Schule und im Austauſche hier⸗ über wird die unausfüllbare Kluft ſichtbar, die beide trennt. Ich ſpreche hier von Künſtlern desſelben Faches; von zwei Hiſtorikern oder Landſchaftern, von zwei Dramatikern, zwei Lyrikern: müſſen dieſe nicht zuſammenſtoßen und ſich bekämpfen? Nein, verſetzte Nicolaus: Colliſionen können unter Künſtlerfreunden nicht entſtehen, denn gewiß, zwei wahrhaft originelle Menſchen werden ſich nie auf den Fuß treten; die Sterne ſtoßen nicht zuſammen, die Vögel der Luft fliegen ſich nicht in den Weg; in den Weg kann man ſich nur treten; nur die Heerde, die das Leben durch ſeine engen Straßen treibt, ſtößt und reibt ſich. Wenn Seneca ſagt:„Non arietant, nisi in eodem ambulantes“— ſo hat man das ambulan- tes nicht ſo ſtreng zu nehmen; das iſt mehr das Drän⸗ —„—„— 223 gen und Treiben der arbeitenden Menſchen als das freie Luſtwandeln des künſtleriſchen Lebens. Frei⸗ lich müſſen die wie zwei Böcke an einander fahren, wenn ſie ſich auf einem Pätzchen begegnen, wo beide zugleich den Fuß ihres Eigennutzes aufzuſetzen begie⸗ rig ſind. Alſo glauben Sie, fragte Carl bitter lächelnd, daß Reibungen nur auf dem Wege, worauf die Kunſt nach Brot geht, vorkommen können? Mir aber ſcheint, fuhr er fort, daß der höhere Egoism dem niederen an Heißhunger nichts nachgibt und daß in der menſch⸗ lichen Natur kein Gefühl, kein Bedürfniß ſo tief wur⸗ zelt und ſo grell nach Befriedigung ſchreit wie die Neigung zur Alleinherrſchaft und zum Widerſpruche. Gerade der bedeutende Kopf iſt darin am unverträg⸗ lichſten; von dem, was ihm beſte Einſicht und Anſicht, laßt er nicht haarbreit ab und kommt es zu keinen Colliſionen zwiſchen einem ſolchen und einem ihm ähn⸗ lichen, ſo liegt es nicht ſowohl in der achtungzollenden Rückſicht auf die fremde oder befreundete Beſtrebung, als vielmehr in der Indifferenz oder Geringſchätzung für dieſelbe. Und es liegt hierin nicht einmal etwas Unedles, Unwürdiges; im Gegentheile kann ich nur jenes Talent achten, das mit der feſten Ueberzeugung, auf dem richtigen Wege zu ſein, auf das Ziel losgeht; —,—. — 22⁴ keinesfalls dürfte das beſcheidene ſich Zurechtweiſenlaſſen ein Zeichen des Genies ſein: Edle freuen ſich der That, ſagt Goethe, und mit Grund. Nicolaus fragte, ihn firirend: So greifen Sie denn in Ihre eigene Bruſt und ſagen Sie mir, ob ſich darin etwas von dieſem höheren Egoism vorfindet? Und wenn nicht, fiel dieſer ein, wer ſteht Ihnen, wer mir dafür, daß dieſe Toleranz, die in mir lebt— ſie lebt in mir—, in deren ruhigem, glattem Strome ſich alle Erſcheinungen am Kunſtufer abſpiegeln, nicht im Urſprunge ein reißender Gießbach geweſen, daß meine Anlage zur Freundſchaft nicht die Wirkung des ungemeſſenſten Stolzes ſei, der es vielleicht ſo wenig der Mühe werth findet, etwas zu beneiden und anzu⸗ feinden, als mein Herz, etwas zu lieben? Nicolaus entgegnete, tief Athem holend: Sie laſſen mich da in einen Abgrund des menſchlichen Weſens blicken, deſſen Rand mit Epheu und lieblichen Blumen aller Art ſo überwachſen iſt, daß man ſeiner nicht eher gewahr wird als bis man in Gefahr, darein zu ſtürzen; ich muß geſtehen, daß mich dieſe Ihre Aeußerung im Innerſten frappirt.— Freundſchaft— fuhr dieſer erhitzt fort— iſt überhaupt nur ein Filial der Liebe, und wozu jene ſuchen, wo man dieſer gewiß ſein kann? Wozu das — „ 2 e h 1 — 225 einzige noch nicht geſchiedene Element des Menſchen⸗ lebens ſeines Ranges als Urſtoff berauben, die Liebe zerſetzen, zerlegen, ſcheiden wollen in Freundſchaft, Neigung, Eltern⸗, Geſchwiſter⸗-, Verwandten⸗ und Gattenliebe? Wie es nur eine Zeit gibt, die man mit Unrecht in Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft zertheilt, gibt es auch nur eine Liebe, und Freund⸗ ſchaft iſt an dieſem herrlichen mächtigen Baue voll Blätter, Blüthen und Früchte nicht viel mehr als die Rinde, die von den Abfällen des Lebensſaftes ſich an⸗ ſetzt und abſtößt. Wenn aber Alles Liebe iſt, nahm jener das Wort, und wenn ich Alles lieben muß, was mir als liebens⸗ werth erſcheint, folglich alles Schöne, Gute und Rechte, wird es mir dann nicht Pflicht und ſelbſt Bedürſniß, für das, was mir der Freund von dieſem Herrlichen bietet, Liebe hinzugeben, muß ich ihn nicht um ſeiner Schöpfung willen lieben? Ja, ſagte Carl, wenn Ihnen ſein Gutes als gut, ſein Schönes als ſchön erſcheint; ehe Sie aber zu dieſer freien Anſchauung gelangen, müſſen Sie ſich von Ihrem Ich frei machen und Ihre eigene Ueber⸗ zeugung preisgeben; denn— es gibt nur eine äſthe⸗ tiſche Wahrheit. In runder Summe: des Menſchen Dichterleben. 15 6 erſte Pflicht iſt geiſtige Selbſterhaltung; Freundſchaft aber iſt geiſtige Selbſtvernichtung. Wir alſo z. B.— bemerkte Nicolaus lächelnd— wir Beiden könnten nicht Freunde werden oder piel⸗ mehr bleiben, da wir es vielleicht ſchon ſind? Durchaus nicht! verſetzte ganz ernſthaft Carl, wie⸗ wohl meine eigentliche Lebensaufgabe die Lyrik nicht iſt und uns ſonach eine Colliſion ziemlich ferne liegt. Ohne davon zu ſprechen, daß wir Beide zugleich ein⸗ mal denſelben Stoff aufgreifen könnten, wobei ich Störung des Burgfriedens für unvermeidlich halte, laſſen Sie uns nur eines Tages recht wahr gegen einander ſein und Sie ſollen mit Staunen ſehen, wie raſch das Band der Freundſchaft zerriſſen, zerfetzt in alle Lüfte fliegt! Ich könnte Sie ſogar augenblicklich von dieſer traurigen Wahrheit überzeugen, wenn— mir der Genuß ihres Umganges nicht bereits ein liebes Bedürfniß geworden wäre.— Nicolaus ſtutzte und ſagte, indem ein leichtes Roth über ſeine ſchönen Züge flog und ſeine Brauen ſich ein wenig zuſammen zogen: Laſſen wir es doch auf die Probe ankommen! Sprechen Sie. Dieſer ſprach: Sie ließen mich aus der Quelle Ihrer Poeſie trinken und ich reichte Ihnen dafür den überſchäumenden Becher meines Entzückens. Legen Sie 227 nun, nachdem Sie ihn geleert, noch einmal die Lippen daran und heben Sie ihn, daß die letzten Tropfen in Sie fließen; dieſe wenigen Tropfen werden bitter mun⸗ den, denn auf dem Grunde des Bechers liegt die Hefe des Tadels. Jener lächelte verlegen und bat ihn fortzufahren. Er that es und ſagte weiter: Ich kenne nun alle Ihre Gedichte, und fühle mich noch ſo hingeriſſen wie vom erſten. Aber— ſehen Sie, dieſe entſetzlichen Aber ſind die Klippen für das Schiff der Freundſchaft— aber Ihre Gedichte leiden an einem großen, vielleicht unheilbaren Gebrechen, das ich erſt jetzt, nachdem ich ihre Totalität in mir aufge⸗ nommen, nicht ohne zu erſchrecken entdeckte. Und dieſes unheilbare Gebrechen heißt? fragte, ſeine innere Bewegung nur mühſam niederkämpfend, der Dichter. Es heißt— ſagte Carl feſt— Monotonie. Ich verſtehe Sie nicht, entgegnete Nicolaus mit bebender Stimme. Sein Kritiker fuhr fort: Es iſt vielleicht ein Un⸗ recht gegen einen Maler oder FPlaſtiker, ſeine Kunſt⸗ gebilde mit einander zu vergleichen und ihn wegen der Familienähnlichkeit unter ſich zu tadeln; dieſer Tadel aber, gegen den Dichter gekehrt, iſt ein gerechter. 15 ———————— —— 228 Und dieſer trifft— durch Sie nämlich— meine Gedichte? Ja.— Wollen Sie nicht ein wenig deutlicher werden? Ich thue nichts gerne halb. Die ſchöne, edle Stim⸗ mung, die mich im erſten, zweiten, dritten Ihrer Ge— dichte ſo ſehr anſprach, ſo innigſt erwärmte, wehte mich in den ſpäteren, da ſie dieſelbe blieb, kühler und froſtete mich am Ende an. Das iſt Eins. Die Form, die innere verſteht ſich, das bildende Princip, wie Sie es rultiviren, machen einige Ihrer Dichtungen zu Meiſterwerken, und alle wären es, ohne dieſe Stimmung, die in vielen den Ideenflug hemmt. In dieſer Stimmung führen Sie an die Staffelei, während Sie noch an Ihrem Bilde malen, ſtatt erſt das fertige Bild zu zeigen. Dieſe zwei Eigenthümlichkeiten ſind Ihr großer Fehler; er wird— denn ich halte ihn für unheilbar, da er ſo ganz aus Ihrem Weſen, wie ich es jetzt genauer kenne, hervorgeht— Sie nicht nur immer vom Gebiete des Dramas und des Romans ausſchließen, fondern Sie ſogar in der Lyrik als eine, zwar höchſt intereſſante, aber zu eng begrenzte Indivi⸗ dualität erſcheinen laſſen und Sie werden niemals zu einer Populärität gelangen, deren ſich viel weniger begabte Dichter zu erfrepen haben, die nichts von Ihrem 229 herrlichen Kunſtvermögen, dafür jedoch die Gabe, die Ih⸗ nen fehlt, beſitzen, die Seele zu ergreifen und hinzureißen. Nicolaus ſagte, ſich eine friſche Cigare ruhig anbrennend: Und dennoch ſind Sie ſo ſehr dafür, daß ich mit der Herausgabe meiner Gedichte eile; wie kommt das? Weil Ihre Gedichte, entgegnete Carl, trotz dieſes großen Fehlers, Schöpfungen eines Genius und wahre Muſter für die formloſen Dichter der Gegenwart ſind, die kaum den Namen Sänger verdienen; Ihre Er⸗ ſcheinung wird mit einem allgemeinen Freudenrufe be⸗ grüßt und Ihr Haupt wird für immer bekränzt wer⸗ den: dieſes Bändchen Gedichte reiht Sie für immer den gefeiertſten Lhrikern an.— Auch heute— und diesmal ſehr à propos— wurde ihr Geſpräch durch hinzutretende Bekannte unterbrochen. Dieſe machten die Unterhaltung allgemein und einer aus ihnen lud gleich darauf Nicolaus zu einer Par⸗ tie Billard, die er auch annahm. Er ſtand auf, drückte Carl's Hand, und ſagte freundlich und halblaut zu ihm: Ein andermal mehr über dieſes Thema. Dieſer blickte ihm, als er ſich in den Billardſaal begab, wehmüthig lächelnd nach und— nahm ein Zeitungblatt. ———————. — XVIII. Mutter und Tochter. „Sag an, du grauenhaftes Weib, Entſproß dies Maͤdchen deinem Leib'! So rein und wahr ſind ſeine Zuͤge, Und deine ſind voll Schuld und Luͤge!“ Einige Tage vergingen, ohne das unſere Dichter ſich wieder getroffen. Carl war nämlich durch mancher⸗ lei Geſchäfte im Auftrage ſeiner Theaterintendanz in Anſpruch genommen und hatte das Cafe nicht wieder beſucht, war überhaupt den größten Theil des Fa ges zu Hauſe geblieben. So ſaß er eines Morgens denn auch am Schreib⸗ uſche, fleißig arbeitend, als ihm die Magd eine Dame meldete. Es war Clary's Mutter, die eintrat. Ihre Erſcheinung ließ ihn nicht viel Angenehmes erwarten, allein er empfing ſie mit größter Zuvor⸗ kommenheit. 231 Madame* ließ ſich ſehr ernſten Blickes auf dem Sopha neben ihm nieder und begann: Sie haben uns, beſonders mich, im Schmerze verlaſſen und ſeitdem nicht wieder beſucht. Er entſchuldigte ſich mit dringenden Geſchäften und ſie fuhr in ſtrengem Tone fort: Jener Schmerz, der inzwiſchen ſich nicht gemildert ſondern verſtärkt hat, iſt, mein Herr, Ihr Werk. Ich weiß es, entgegnete er ruhig. Sie wiſſen es, ſagte ſie mit boshaftem Lächeln weiter, und kümmern ſich wahrſcheinlich ſehr wenig um das durch Sie zerrüttete Lebensglück zweier Men⸗ ſchen, einer verlaſſenen Wittwe und ihres armen Kindes. Seinen auflodernden Unmuth raſch dämpfend, ver⸗ ſetzte er kalt: Madame, Sie kamen zu mir und erſuchten mich, Ihre Tochter zu ſehen und zu hören und mein Ur⸗ theil über ihr Talent abzugeben. Sie erwartetse dabei ohne Zweifel Wahrheit aus dem Munde eines Mannes, und dieſe haben Sie vernommen: ſpielt das Fräulein nach dem Maßſtabe der Declamation, ſo fehlt es durchaus an Talent für die Bühne. Sie ſagen das ſo trocken, ſo herzlos, mein Herr, ———— 232 als wüßten Sie nicht, daß dieſes Urtheil den Tod über meine ſchönſte Hoffnung verhängt. Ernſt iſt nicht Herzloſigkeit; beſſer, ich ſage es Ihnen, als die Welt belehre Sie darüber durch Hohn, Clarh verdient nicht, öffentlich ausgelacht zu werden. Würden Sie früher einen redlichen Sachkenner ge— fragt haben, ſo hätten Sie ſich dieſen Schmerz wie Zeit und Geld erſpart: ich that nur, was mir Pflicht ſchien. Und was ſoll meine Tochter jetzt? Was Sie mir neulich geſagt und was für Clary weit heilſamer: ſie wird Erzieherin. Mit einem zerriſſenen Herzen? Und wer zerriß es, Madame? Sie, mein Herr!— Er lachte wild auf. Ja— rief ſie— lachen Sie, das war ja im⸗ mer das Triumphgeſchrei der Männer nach einem Siege über das ſchwache Frauenherz! So ſtehen auch Sie an meinem niedergeſchmetterten Kinde und hohnlachen über ſein beſiegtes Herz. Ich verſtehe Sie nicht, erwiderte er kaltblütig, und muß Sie erſuchen, mir zu ſagen, was Sie von mir wünſchen. 233 Geben Sie mir mein Kind zurück, ſchrie ſie mit aus⸗ brechenden Thränen, mein theures, unglückliches Kind! Er ſprang auf, riß Clary's Manuſcript aus dem Schranke, trat vor das entſetzliche Weib hin und fragte mit durchdringendem Blicke und Tone: Dieſes? Sie verſtand oder wollte ihn nicht verſtehen und ſchluchzte: Mein Kind, geben Sie mir mein Kind zu⸗ rück! Clary iſt außer ſich ſeit jenem Abende; ſie ſpricht, ſie träumt, ſie raſtt von Ihnen, nur von Ih⸗ nen; Ihr Name iſt es, den ſie hundertmal des Ta⸗ ges ruft in unerhörter Leidenſchaft, die Sie ihr ein⸗ geflößt; ſie iſt rettunglos verloren, wenn Sie ſich zurückziehen, ſie kann nicht ſein, nicht leben ohne Sie!— Kupplerin!— wollte er herausdonnern, aber er warf das Thor der Seele zu und ſah ſie ſtarr und bebend an. Sie fuhr, etwas geſammelter, fort: Ja, Herr von***, ſo ſteht es um Clary jetzt und ihre troſt⸗ loſe Mutter fragt Sie nun, was Sie beginnen werden. Ich werde kommen, entgegnete er mit verbiſſenem Grimme. Nicht wahr, noch heute? Noch heute. —————— — —-—.—— 234 Madame* erhob ſich hier und ſagte, ſich die Augen trocknend: Zürnen Sie mir nicht, daß ich mich vom Schmerze um mein Kind ſo hinreißen ließ; Clary's Thränen machen mich halb wahnſinnig. Kommen Sie denn und— handeln Sie nach Ihrem Herzen. Er verneigte ſich ſtumm und ſie ging. Da— ſchrie er auf, nachdem ſie fort, in Zorn, in Wuth—, da blitzt es ja nunmehr herein das Verhängniß, deſſen dunkle Wetterwolken ich an ihrem Blicke aufſteigen ſah; es ließ mir kaum Zeit, ſo viel Athem zu holen, um nicht gleich beim erſten An⸗ prall des Orkans zu erſticken! Aber— meine Bruſt iſt an Stürme gewöhnt, ich ſchritt ganz anderen ent⸗ gegen! Die Elende! Welch' eine Mutter! Mutter 2 — Nachdem ſie die Seele ihres Kindes verkauft, will ſie nun auch den Leib los werden, ſogar um ein Billiges, ein Dichter iſt ihr gut genug! Nun denn, ich komme auf den Markt; aber, ſchändliche Seelen⸗ verkäuferin, mit einer Münzſorte, die in deiner Hand brennen ſoll wie eben ausgeworfene Lava; nimm deine welke Hand in acht, das flüſſige Gold kommt aus dem Vulcane meiner Bruſt, deſſen Krater du nicht ſiehſt, den du für zahmes Ackerland hälſt! In der hier ausgeſprochenen Stimmung ging er Abends hin. Madame“ war in Viſite, Clary allein. 235 Sie empfing ihn am Claviere und bat ihn, die eben begonnene Sonate von Hummel zu Ende ſpie⸗ len zu dürfen. Er äußerte ſeine Freude darüber und ſie ſpielte weiter. O wie ganz anders ſah Clary da aus! Der Genius der Muſik erhob und trug ſie auf ſeinen luftigen Schwingen: nur ihre zarte Hülle war am In⸗ ſtrumente, ihre Seele, ihr Blick ſchwebte darüber wie nach entſprechenden Himmelsideen für dieſe irdiſchen Töne ſuchend. Ja, ſie dichtet, ſprach er zu ſich ſelbſt, ſie iſt durchdrungen von Poeſie! Die Lerchen ihres Ent⸗ zůckens ſteigen aus der vom Verhängnißblitze zerriſſe⸗ nen Scholle der Bruſt empor in den Aether der Selbſt⸗ beſchauung und jubeln die ſchöne Gewißheit aus, daß ſie ſich noch nicht ſelbſt verloren! Welt, laſſe ſie dichten, ſtöre ſie nicht; der Traum dieſes holden Wahnſinns entſchädige ſie für den Jammer der Wirk⸗ lichkeit, das milde Licht der Sterne für den grellen Glanz der Wahrheit, deren tropiſche Sonnenglut ihren Blick entzündet hat!— Sie ſpielte hinreißend. Nachdem ſie geendet, er⸗ griff er ihre Hand und ſagte: Es gibt noch Glück für Sie, hohes Glück! Mit dieſem Reichthume an ſchönen Empfindungen können 236 ——— und werden Sie ſich im Leben noch beneidenswerth anbauen und Tauſende von Armen erquicken an der Schwelle Ihres Geiſtes. Hoffen Sie auf dieſen, er wird Ihre Hoffnung nicht lügenſtrafen! Sie ſind der Auserwählten eine und werden viele Berufene über⸗ ſtrahlen! Frühes Unglück verheißt, wie ein Gewitter am Morgen, einen ſchönen Tag. Ihr Geiſt reicht über die Grenzen Ihres Alters weit hinaus; folgt ihm Ihr Gemüth, hält Ihr Gefühl gleichen Schritt fortan mit ihm, ſo können Sie einen großen Weg zurücklegen; Sie werden in kurzer Zeit die ganze be⸗ kannte Welt umkreiſt und Schätze von Erfahrungen geſammelt haben, werthvoll ſelbſt für die berühmteſten Muſeen Ihrer Zeit. Mit dieſem Gruſſe empfange ich Sie am Markſteine des Augenblicks; betrachten Sie dieſen als Grabſtein Ihrer Vergangenheit und ſchrei⸗ ten Sie, geſtützt auf meinen Arm, kühn herein in die Gegenwart! Er nahm ihr Manuſeript von der Bruſt und reichte es ihr mit den Worten: Dank für Ihr Vertrauen! Sie führten mich an den Obelisk Ihres Schmerzes und ließen mich die Hieroglyphen daran entziffern: es iſt ein königliches Grab, worin er ruht. Was ich geleſen, will ich mir nicht wiederholen und Sie dürfen es mir nicht — M 237 ſagen; was ich weiß, genügt, wo nicht, ſo leſe ich das Fehlende in der Mutterſprache Ihrer Thränen. Clary war bei dieſen letztern Worten vom Stuhle in die Kniee geſunken und preßte weinend ihr glühen⸗ des Geſicht in ſeine Hände. Eine Pauſe trat ein, lang genug für einen Blick über das ganze Menſchenleben und ſelbſt lang genug für das Weltgericht. Eine Minute lag die Arme ſo vor ihm, und als er ſie erhob, ſank ſie halb ohnmächtig in ſeine Arme. Er umſchlang ſie ſanft, ſtrich ihr die ſchönen Locken von der brennenden Stirne und ſagte: Ich werde Sie nicht verlaſſen, Clary; Ihr Un⸗ glück iſt mir heilig, ich will dafür ſorgen, daß es nicht entheiligt werde. Aber— richten Sie ſich auf, ſammeln Sie alle Ihre Kräfte und beginnen Sie auf's neue! Arbeiten Sie und angeſtrengt. Vor Allem, Sie müſſen ſuchen— und ich werde Sie dabei unter⸗ ſtützen— aus dem Bereiche dieſes entſetzlichen Wei— bes, das ſich Ihre Mutter nennt, ſo bald wie mög— lich zu kommen; Sie müſſen in ein fremdes Haus, beſſer noch in ein fremdes Land; Ihre ſchönen Ta⸗ lente reichen hin, Ihnen eine ehrenvolle Exiſtenz zu ſichern. Werden Sie Erzieherin. In Ihren Muße⸗ ſtunden werden Sie den Kuß der Muſe fühlen und ———— S 238 Ihre kranke Seele wird davon geſunden. Aber eilen, eilen Sie!— Inzwiſchen werde ich kommen, oft kom⸗ men. Iſt es ſo recht? Clary ſchlug das Auge zu ihm auf. Er erkannte es faſt nicht mehr, der ſtarre, fürchterliche Blick war zerbrochen, ſie ſah mild wie ein leidendes Kind; ſie hatte nichts Geheimnißvolles mehr an ſich, ihr Weſen lag offen vor ihm wie eine vom Sturm' erſchloſſene Roſenknospe. Sie ſah ihn ſchweigend an, und er drückte leiſe ihre Hand und— ging. Er ging, aber ſeine Seele blieb zurück; er ent⸗ fernte ſich im Kampfe mit einem namenloſen Gefühle, das ihn ergriff und verfolgte. Das zu allgemeine Wort Schmerz paßt nicht für ſeine Stimmung, Mit⸗ leid eben ſo wenig und Liebe war es nicht; jene Liebe wenigſtens nicht, die beſeligt, die ſelbſt im Leiden noch beglückt. Lag ſie nicht in ſeinen Armen, an ſei⸗ nem Herzen? Noch mehr, wußte er nicht, daß er von ihr geliebt werde? Denn, log die Mutter auch, da ſie von aufflammender Leidenſchaft des Mädchens ſprach, Clary ſelbſt gab ihm den Beweis dafür: ge⸗ wiß, ſie liebte ihn; vielleicht nicht ſo heiß, ſo glühend wie den räthſelhaften Mann ihres Liedes, aber ſie liebte ihn: ſo liebt man den ſchönen Ernſt der Philo⸗ ſophie noch nach den höchſten Genüſſen der Poeſie, die 239 friſche, erquickende Bergluft, zu der man ſich aus einem zauberhaften Thale emporgerungen. So— das fühlte er— liebte ihn das unglückliche Mädchen, und er mußte ſich unwillkürlich fragen, als ſie mit dem ſtum⸗ men Geſtändniſſe dieſer reinen, wahren Neigung an ſeinem Halſe hing: Liebſt du ſie?— Nein, antwortete es in ihm; aber dieſes Nein klang faſt wie ein Ja, und wir ſtehen nicht einen Augenblick an zu behaupten, daß er ſie wirklich geliebt und daß es nur ſein Solz geweſen, der ihn mit dieſem Nein myſtificirte. Stolz, nichts ſonſt; uns, die wir uns auf dies Alles ſehr gut verſtehen, iſt das nicht entgangen; wir haben ein Wörterbuch für alle die hundert Zungen, in denen die Selbſttäuſchung zu uns ſpricht und nebenbei eine No⸗ menclatur von allen denkbaren Synonimen, deren ſich die menſchliche, namentlich männliche, Eitelkeit bedient, um ſich ſelbſt zu beſchönigen, zu tröſten oder zu erheben. Bewaffnet mit ſolchen Hilfemitteln, ſagen wir es denn auch ganz unumwunden, daß nur Stolz ihn verhin⸗ derte, einen Blick in ſein Herz zu thun: er war zu ſtolz, ſich durch die Liebe eines Mädchens glücklich zu fühlen, das— ſchon geliebt hatte. Iſt das nicht Narrheit?— Wenn ſie es iſt, dieſe Empfindung, dann hat man eben nicht nöthig, dafür neue Narrenhäuſer zu bauen; die vorräthigen reichen aus, denn ſolcher 240 Narren gibt es nicht viele. Er aber war einer davon, und er hätte verdient, daß ſich die große Reſidenz über ihn zum Rarrenthurme gewölbt hätte; denn, wo fand er in ihr, Kinder bis zum zehnten Jahre vielleicht abgerechnet, ein Mädchen, das nicht ſchon geliebt hätte, ſobald es einem Manne erſte Liebe geſtand?— Der Thor! Er hielt das Frauenherz für einen Diamanten, der ſich ſchon in der erſten ſtarken Glut verkohle; hielt dafür, daß man die weibliche Seele nicht türkiſch genug vermauern und verſchleiern könne und nannte Mädchen, die zum zweiten Male liebten, moraliſche Witwen, denen die phyſiſchen bei weitem vorzuziehen ſeien, da man bei dieſen doch wüßte, woran man wäre.— Der Thor!— XIX. „Kaum entknoſpet, ſchon verbluͤht; Kaum entglommen, ſchon vergluͤht; Kaum gefunden, ſchon verloren; Schon geſtorben, kaum geboren!“ Carl ſetzte ſeine Beſuche bei Clary fort und viele Tage verfloſſen ohne bedeutendes Zwiſchenſpiel. Die Mutter wich ihm entweder aus oder verhielt ſich in ſeiner Gegenwart ſo paſſiv, als ignorire ſie ſein Da⸗ ſein oder vielmehr als betrachte ſie daſſelbe wie etwas, das ſich von ſelbſt verſtehe: eine Taktik, deren Folgen wir bald kennen lernen werden. Sie blieb im Schlaf⸗ zimmer, während er, oft zwei, drei Abendſtunden, mit Clary am Claviere oder an ihrem Schreibtiſche ver⸗ weilte, ihre Arbeiten durchſah und ſie unterrichtete. Er lehrte ſie nämlich, indem er mit ihr das weite Ge⸗ biet der Aeſthetik betrat, zugleich Poetik und machte ſie, unterſtützt von ihrem Scharfſinne und Gedächtniſſe, mit allen Geſetzen und Regeln des Rhythums und der Dichterleben. 16 Metrik raſch bekannt. Sie arbeitete hierin raſtlos und hatte alsbald die Technik in ihrer Gewalt. Im Ue⸗ brigen war ſie ſtill, in ſich gekehrt und harrte mit Sehnſucht dem Augenblicke entgegen, der ihr neues Daſein eröffnen ſollte. Ihre Zärtlichkeit gegen Carl war die einer Schweſter und ſie war ſeiner Bruder— liebe gewiß. Von ſeiner nahen Reiſe nach Italien wußte ſie nichts. Am 1. September wollte er auf⸗ brechen und dahin waren nur noch acht Tage. Wegen ihrer Anſtellung als Erzieherin waren alle thunlichen Anſtalten getroffen und er ſcheute darin weder Zeit noch Mühe. Außerdem hatte er der Mutter, die ihm eines Tages ihre Geldverlegenheit klagte, eine kleine Summe übergeben, die hinreichend war, die Bedürf⸗ niſſe des Hauſes für längere Zeit zu decken. Clary wußte hiervon nichts, wenigſtens nichts durch ihn; ihre Geſpräche waren Unterricht⸗Geben und Empfangen, nichts mehr, nichts weniger. Madame* jedoch ſah hierin mehr, wollte darin mehr ſehen und richtete ſich danach ein. Sie ging ſo weit, ihn da und dort als Bräutigam ihrer Tochter zu nennen. Anfangs— es ward ihm mitgetheilt— lächelte er dazu; als ſich aber das Geſpräch verſtärkte, ſtellte er dieſe intriguante Frau darüber ſehr ernſt zur Rede. Es geſchah dies in Clary's Abweſenheit. 243 d Madame*, durch ſeine ſcharfe Anrede nichts we⸗ ⸗ niger als außer Faſſung gebracht, entgegnete ihm mit it boshaftem Lächeln: 8 Was wollen Sie mit dem geſunden Menſchenver⸗ ſtande der Welt anfangen? Die Leute ſchließen ganz ⸗ richtig, wenn ſie annehmen, daß ein junger Mann, n der den halben Tag ſeiner koſtbaren Zeit einem Mäd⸗ ⸗ chen widmet, daſſelbe unterrichtet und bildet, ernſte n Abſichten habe. n Wohl habe ich mit Clary ernſte Abſichten, ſagte it er, ſehr ernſte, ſo ernſt als lächerlich dieſe Bemerkung 1 n der Leute. e Eh bien, näſelte ſie, unter ernſter Abſicht verſteht ⸗ die Welt eine Heirath und ich muß es Ihnen ſchon „ rund heraus ſagen, daß ich darunter auch nichts an⸗ e deres verſtehe. n, Es iſt gut— fiel er ein—, daß Sie ſich einmal ausgeſprochen; heute bin ich das letzte Mal in Ihrem n Hauſe und nun können die Leute ſagen— ſo Daß— ergänzte ſie mit heimtückiſcher Ruhe— r Sie meine Tochter plantirt haben. — Madame! das iſt unverſchämt— rief er aus, e, nach ſeinem Hute greifend. r Sieh doch, fuhr ſie, ununterbrochen ſtrickend, fort, es bringt Sie in Wuth, daß man Sie mit meiner Toch⸗ ter Bräutigam ſagt! Wenn Ihre Clary wüßte, wie unartig Sie ſind! Meine Clary?— Ganz gewiß! Sie werden mir doch nicht, Herr von“, den Glauben aufbürden wollen, den Märchen⸗ glauben, daß Sie in den vielen Abendſtunden, die Sie mit meiner Tochter allein zugebracht, nichts als Ethik und Aeſthetik getrieben, ein ſo ſtarker Moraliſt und Literat wie Sie auch ſein mögen?— Er wollte antworten, aber dieſe ihre Frechheit ſchnürte ihm das Herz zu; er war keines Wortes fähig und ſtarrte ſtumm dieſes weibliche Ungeheuer an. Dieſe Geſchichte— ſagte ſie weiter— iſt nun ein⸗ mal zum Stadtgeſpräche herangewachſen und Sie kön⸗ nen es einer Mutter nicht verübeln, mir wenigſtens nicht, daß ich mich daran halte; ja, ja, Sie ſind der Bräutigam meiner Clary und haben das Mädchen, wenn Sie ſich zurückziehen, ſitzen laſſen. Ei, Sie beben ja vor Zorn? Nun, das iſt für meine Tochter nicht eben ſehr ſchmeichelhaft; allein das findet ſich. Sie haben ſie aus ihrer beſtimmten Carriere geriſſen und ihr eine neue Bahn vorgeſteckt: auf dieſem Wege gelangt ſie mit Ihnen zum Altare, oder— Sie ſind in den Augen der Welt der undankbare Verführer mei⸗ nes Kindes. 245 Weib! ſchrie er auf, hingeriſſen von Wuth, elende Seelenverkäuferin! Ohne eine Miene zu verziehen, fuhr ſie fort: See⸗ len verkauft man nicht, denn niemand kauft dergleichen; aber der Kluge nützt den Augenblick und dieſer befiehlt mir, meiner Tochter Glück zu ſichern: Sie können und Sie werden ſie glücklich machen! Clary's Vormund iſt von Allem unterrichtet und er wird Sie beſuchen; mit ihm mögen Sie dann das Nöthige beſprechen. Ach, es klingelt! Clary kommt nach Hauſe und mich ruft eine Viſite fort. Sein Sie fein artig mit dem armen Kinde und laſſen Sie es meine Zärtlichkeit nicht ent⸗ gelten. Adieu, Herr von*!— Mit dieſen Worten ging ſie hinüber in das Beſuchs⸗ zimmer, um ſich anzukleiden und ließ ihn ſtehen in der fürchterlichſten Aufregung ſeines ganzen Weſens. Er zitterte an allen Gliedern vor Zorn, als Clary eintrat. Was iſt geſchehen? fragte ſie erſtaunt. Nicht viel, entgegnete er, ſich faſſend und ſeinen Hut wieder ablegend; aber genug, um einen Menſchen wahnwitzig zu machen. Mein Gott! rief ſie aus, ſoll mein Herz denn nicht einen Augenblick ruhig ſein? Sprechen Sie!— ——————— 246 Sobald Ihre Mutter fort, ſagte er und warf ſich in einen Stuhl. Clary legte Hut und Shawl ab, ging dann hin⸗ aus und kam alsbald wieder. Die Mutter iſt mit der Magd fort, ſagte ſie und ſetzte ſich ihm zur Seite. Sprechen Sie nun, wir ſind allein.— Lange ſaß er ſprachlos und ſtierte ſie mit einem Blicke an, worin eben ſo viel Theilnahme als bitterer Unmuth lag. Endlich, wiederholt von ihr aufgefordert zu ſpre⸗ chen, fand er Worte und er theilte ihr, ſo ſchonend wie möglich aber voll genügender Entrüſtung, den In⸗ halt des eben gepflogenen Geſpräches mit. Sie ſchlug ſich die Hände vor's Geſicht laut auf⸗ ſchluchzend. Beruhigen Sie ſich, Clary, ſetzte er ſanft hinzu: Sie fühlen die Nothwendigkeit unſrer äußeren Tren⸗ nung; heute ſcheide ich von Ihnen, dieſer Abend iſt der letzte, den ich in Ihrer Nähe verlebe. Sie ſtürzte aufſchreiend an ſeine Bruſt und um⸗ ſchlang ihn krampfhaft. Meine gute, liebe Clary! rief er, hingeriſſen von ihrem Schmerze, aus und legte weich ſeinen Arm um ſie. Ein grelles Gelächter riß ihn plötzlich empor; er 247 und Clary fuhren entſetzt auf und blickten nach der Thüre, woher es kam. Die Mutter ſtand da. Sie war es, und ſie ſah, mit nachläſſig verſchränk⸗ ten Armen, dämoniſches Lächeln auf den hohnverzerrten Lippen und um die halbgeſchloſſenen Augen, bewegung⸗ los nach ihnen. Clary ſchlug, wie vom Blitz getroffen, zu Boden und Carl, aufgeſprungen, war, von Schauder und Wuth ergriffen, wie gelähmt. Das fürchterliche Weib ſchien ſich an ſeiner Beſtür⸗ zung weiden zu wollen und blieb unbeweglich, ein wahres Höllenbild. Wer malte dieſe Gruppe?— Noch einmal lachte ſie jetzt auf und ſagte, nach einem Schranke zeigend: Dort iſt eau de Cologne für Ihre ohnmächtige Braut! und ſchlug die Thüre zu. Mit ihr zugleich entſchwand ſeine Betäubung. Er hob die Ohnmächtige auf und legte ſie auf das Sopha. Sie erholte ſich alsbald und fragte mit matter Stimme, was geſchehen? Es iſt vorüber, ſagte er, ein böſer Traum war's, weiter nichts. Daß er aber ſich nicht erneuere, laſſen Sie uns nun ſcheiden. Clary, machen Sie meiner Ueberzeugung wie Ihrem Selbſtgefühle Ehre und han⸗ — —— 248 deln Sie! In wenigen Tagen reiſe ich ab; ich gehe nach Italien und kehre im Spätherbſte hierher nur zurück, um meine Angelegenheiten zu ordnen und meine Berufsreiſe nach Norddeuſchland anzutreten. Schreiben Sie mir und theilen Sie mir Alles mit, was Sie für das Leben thun werden und das Leben für Sie. Ich bleibe Ihr Freund und hoffe als dieſer, Sie in beſſerer Stimmung und in Verhältniſſen wiederzuſehen, wenn auch erſt nach Jahren, die Ihrem edlen Geiſte, Ihrem unverderbten Herzen freien, ſchönen Spielraum gewäh⸗ ren; vergeſſen Sie keine meiner Warnungen und— leben Sie wohl! Wir wollen dieſe ſchmerzliche Scheideſcene nicht weiter verfolgen. Er riß ſich endlich aus ihren Armen und— ging. An der Thüre noch einmal zurückſehend nach ihr, ſah er, was ihn mit Entſetzen erfüllte: Clary's Blick war wieder ſo ſtarr und brennend wie vor kurzem. Er verhüllte ſich das Geſicht und ſtürzte hinaus. Ihr Blick jagte ihn ruhelos durch Straßen und Gaſſen, in's Freie und wieder zurück in die Stadt, wieder an ihrem Hauſe vorüber und wieder fort hinaus in's Freie, durch die ſchweigend theilnehmende Nacht. Er über⸗ ließ ſich ohne Widerſtand dem Tumulte in ſeiner Bruſt; ohne Klage, ohne Trotz, er gab ſich hin und kämpfte dagegen wie im Traume. 249 Spät erſt gelangte er nach Hauſe, noch ſpäter zur Ruhe. Am Morgen erhielt er von Clary ein Billet fol⸗ genden Inhalts: „Sie reiſen; ſehen fremde Gegenden und fremde Menſchen: ich bleibe in demſelben Elende, unter dem⸗ ſelben Jammer. Aber, will's Gott, nur noch kurze Zeit; ſo eben erhalte ich ein Schreiben, worin mir ein Platz als Gouvernante geboten wird. Es iſt weit von hier, ſehr weit. Kommt die Sache zu Stande, erfahren Sie das Nähere. Die Mutter wird Sie nicht mehr beunruhigen; ich erklärte ihr, daß nach dem geringſten Verdruſſe, den ſie Ihnen irgend⸗ wie bereiten würde, ich ſie augenblicklich zu verlaſſen entſchloſſen ſei; worauf ſie mir das Wort gab, dieſe Angelegenheit auf ſich beruhen und Sie ungeſtört zu laſſen. Wenn Sie zurückkehren, bin ich— ach und nach meinem eigenen Wunſche!— fern von Ihnen. Wann und wie— werden wir uns wiederſehen?“ Das arme Mädchen konnte ihm keinen beſſeren Beweis von Liebe geben als dadurch, daß es die Mutter zur Vernunft brachte. Er drückte gerührt das Blatt an ſeine Lippen. O daß dein Geſchick, rief er, ſich bewegen ließe durch meine Wünſche! Lebe wohl!— weit auseinander laufen unſere Pfade, wir bleiben ge⸗ — k 250 trennt; aber die Blume deines Schmerzes wird in meiner Erinnerung nie verwelken: lebe wohl!— Gegen Mittag beſuchte er das literariſche Kaffe⸗ haus. Nicolaus begrüßte ihn nicht kalt aber et⸗ was zurückhaltend. Wir haben uns lange nicht geſehen, redete er ihn an; ich glaube, ſetzte er lächelnd hinzu, wir ſahen uns nicht ſeit Ihrer kritiſchen Abhandlung über meine Gedichte. Carl wollte ausweichen und ſagte, daß ihn man⸗ cherlei Arbeiten und Verhältniſſe verhindert hätten, das Cafe zu beſuchen und daß er ſchon in wenigen Tagen ſeine kleine Reiſe nach Italien anzutreten geſonnen ſei. Nicolaus, von Humor geſtachelt, entgegnete: Dies Alles ſoll Sie nicht abhalten, Ihre Kritik unter Dach und mich zur Ueberzeugung zu bringen, daß zwei Dichter nicht Freunde ſein oder vielmehr bleiben können; bauen Sie denn weiter am Gerüſte Ihrer Hipotheſe, aber ohne ſich zu verſteigen und laſſen Sie uns dann den friſchen jungen Baum der Erkenntniß darauf pflanzen mit einem hübſchen Lehrſpruche. Sie hätten wohl ſelbſt inzwiſchen, meinte Carl, etwas frappirt durch dieſen Ton, das Haus decken und ein paar Verſe an den Baum hängen können zur Nutzanwendung für die Bewohner. n Es wäre auch dazu gekommen, verſetzte muthwil⸗ lig Nicolaus, hätte ich nicht gefürchtet, Ihren gan⸗ zen Spaß durch meine Stimmung zu verderben. Nun denn, fiel Carl ein,'s iſt noch nichts ver⸗ loren; hängen Sie dieſes unſer Geſpräch oben auf, und alle Welt wird leſen, was haec fabula docet. Nein, Sie haben unrecht, ſagte Nicolaus, plötz⸗ lich wieder in ſeinen gewöhnlichen Ernſt zurückkehrend, wenn Sie glauben, daß mich Ihre Bemerkung über meine Gedichte Ihnen zu entfremden vermöchte: Sie haben mich nicht überzeugt, aber eben ſo wenig ver⸗ letzt und ich denke, wir rücken einander im Leben wohl noch näher, wenn wir gleich Poeten ſind. Das wünſche ich von ganzer Seele, rief Carl und trat zum Billard. Laſſen Sie uns eine Parthie machen! Gerne. Und ſie ſpielten bis zur ſpäten Mittagsſtunde. Und ſo ſchieden ſie. Sie trennten ſich im Spiele; möglich, daß ſie ſich im Ernſte wiederſehen. Drei Tage hierauf reiſte Carl nach Italien ab. Als der Eilwagen— es war früh am Tage— aus dem Poſtgebäude rollte, glaubte er am Thorpfeiler Clary zu erblicken, die ſich da verbarg. War ſie es?— ——— XX. Rritiſche Revnr. „O ſchwer mißbrauchtes ſchoͤnes Wort„Gedicht“, Leichtſinnig hingegebner Dichterruhm! Die Preisvertheiler ſeh'n im Lorbeer nicht Der Menſchheit unantaſtbar Eigenthum; Wie, ach, das Majorat des Genius Sich in Talentbeſitz zerſtuͤckeln muß!“ Im Herbſte 183* kehrte Carl aus Italien zurück. Nicolaus war in's Gebirge gezogen und Clary mit ihrer Mutter fort, kein Menſch wußte ihm zu ſagen, wohin. Wahrſcheinlich hatte ſie die Stelle als Erzieherin angenommen und die Reiſe nach ihrem neuen, wie ſie ihm damals geſchrieben, fernen Be⸗ ſtimmungorte angetreten. Er ſandte ihr im Geiſte die heißeſten Wünſche nach, nicht frei von Beſorgniß um ihr Wohl, da er die Mutter bei ihr glaubte.— Die Reſidenz, obſchon ſie ſich wieder zu beleben anfing, ſchien ihm wie ausgeſtorben und er ſehnte ſich 253 aus ihr fort. Die Briefe, die er von der Theater⸗ intendanz vorfand, beſtimmten ihn noch mehr, ſeinen diesmaligen Aufenthalt in dieſer großen Hauptſtadt abzukürzen. Seine Angelegenheiten waren bald ge⸗ ordnet und er brach auf und verließ den geräuſchvol⸗ len Schauplatz ſeiner jungen Leiden und Freuden— vielleicht für immer. Wie viele Schiſſe, mit herrli— chen Hoffnungen befrachtet, hatte er nicht aus dieſem Hafen nach allen Zonen auslaufen laſſen, ach, und wie wenige kehrten zurück, wie ungeheuer waren ſeine Verluſte! Als er im Coupé des Eilwagens ſaß, und dieſer ſpät in der Nacht aus den Thoren der Stadt rollte, überblickte er die tauſend Lichter derſelben, die ihm auf eben ſo vielen Gräbern geſtorbener Wünſche zu ſchimmern ſchienen; dann aber hob ſich ſein Auge und ſein Seufzer ſtieg in den klaren Himmel, und ſein Gemüth ward ruhiger beim Anblicke der millio⸗ nen beleuchteten Schiffe in dem ſturmſichern Hafen der Ewigkeit.— Wir überſpringen nunmehr einen Zeitraum von drei Monaten. Carl hatte ſich in dieſer Friſt vollkommen in ſein mühevolles Amt als Dramaturg eingearbeitet und in alle Verhältniſſe ſeines neuen Aufenthaltes eingelebt. Die Geſchäfte, ſo überhäuft und verwor⸗ ren er ſie auch vorgefunden, ordneten und ermäßig⸗ 254— ten ſich bald unter ſeinem Scharfblicke und Fleiße, und wir haben ihn bereits ſo frei wieder vor uns wie früher: er findet Zeit für Wiſſenſchaft und Kunſt, und füllt die freien Stunden gewiſſenhaft aus. Er blickt täglich morgens ſeiner Muſe in's Auge und ſeine Phantaſie entzündet ſich am Himmelsſtrahle ih⸗ res Blicks. In ſolchen Momenten der Weihe gedenkt er— warum es nicht ſagen?— mit Sehnſucht der ſchönen Heimath, der Bilder ſeiner erſten Träume wie der letzten. Sein Herz ſchlägt jetzt frei, unabhängig; das weite Reich der Liebe liegt ferne ab von den Gren⸗ zen ſeines Herzens und er fühlt— das erſte Mal — das Bedürfniß nach Freundſchaft. Aber, wir kennen ſeine Anſichten von Freundſchaft und hegen keine Hoffnung, daß er des Glückes, einen Freund zu beſitzen oder vielmehr an einen ſolchen zu glauben, jemals genießen dürfte. Ein junger Mann wie er, der im Stande iſt, über Freundſchaft ſo ſchneidend kalt zu raiſonniren— ein Raiſonnement, das in fol⸗ gendem Gedichte klar genug ein Spiegelbild ſeines Denkens und Fühlens gibt,— läßt dies durchaus nicht erwarten. Er ſchrieb an Nicolaus; ſchilderte ihm ſeine jetzige Eriſtenz und ſchloß den Brief mit dieſen Verſen: N S „Durch der Wolken Kerkergitter Strahlt des Mondes Ampelſchein, Alſo blickt in das Gewitter Einer Bruſt der Freund hinein. Ob der Golf die ſchwarzen Wogen Schleudert an's Geſtade hin, Noch in majeſtät'ſchen Bogen D'rüber ſegelt der Delfin. Aus der Lava, die das Leben Eingeſargt in glüh'nder Gruft, Keimen hier die goldnen Reben, Athmet dort des Oelbaums Duft. Wo ich immer hin mag ſchauen, Liebe, Freundſchaft überall, Wechſelſtreben und Vertrauen; Nur in mir— des Argwohns Qual!“ Vierzehn Tage hierauf erhielt er von Nicolaus folgendes Schreiben: „Lieber, ich hatte eine große Freude darüber, daß Sie meiner gedachten, und ſo warm, ſo freundſchaft⸗ lich gedachten. Ein Gedicht iſt kein Glaubensbekennt⸗ niß, ſagt Elogius Schneider in ſeiner Vorrede, dieſer alte Eſel; er hat aber recht. Was mein“ von ſeinem Argwohn im Gedichte ſagt, kam auch nicht vom Herzen; gerade der iſt einer von den Wenigen, denen Freundſchaft eine Thatſache.— Alſo, Sie ſind ſtarken und guten Muths. Das iſt recht und iſt, was mich an Ihnen immer erfreut hat. Hätte ich nur auch dieſe herrliche Zuverſicht, die⸗ ſes Selbſtvertrauen, wodurch Sie Ihre Umgebung immer beherrſchen werden. Sie ſind ein ſehr tüchti⸗ ger Menſch; ich achte Sie wahrhaftig. Sie treten kühn unter den wühlenden, polternden, ſchweißtriefenden Menſchenhaufen und rufen mit ſtarker Stimme: Hal⸗ tet ein! Wiſcht euch die Stirne ab, ich werd' euch ein Lied ſingen, das euch erquicken ſoll und laben, horchet!— Der Schwarm ſteht ſtill, lauſcht, und iſt beglüͤckt durch die Gabe des Sängers. Dieſer Stolz, der zuverſichtliche, mit dem Sie ſagen: Meine Lieder müſſen gefallen! iſt eben ein Bürge dafür, daß Ihre Lieder von oben ſind, daß Sie, von Weihe durch⸗ drungen, ſich als den Geſchäftsträger der allerhöchſten Majeſtät, des Liedergottes, fühlen, daß Sie es als einen zufälligen Umſtand betrachten, warum er ge⸗ rade Sie zu ſeinem Geſandten erkoren und Ihnen das Creditiv geſchrieben hat auf Herz und Stirne: Sie reden im Namen Ihres Herrn; darum ſo kek, darum aber auch ſo ſchön. Ich lebe auch; bin auch geſund und, ſeit ich Ih⸗ ren Brief erhalten, geſünder als zuvor. Geſundheit iſt auch anſteckend. Hier überſende ich Ihnen ein Ge⸗ 257 dicht, mit der Bitte, es baldigſt drucken zu laſſen; das wo— Ihnen zu beſtimmen.— Meine Samm⸗ lung wünſche ich herauszugeben unter einem pseudo- nom. Wiſſen Sie mir keinen Verleger? Sie ſind der einzige Menſch, in deſſen Hände ich meine Ge⸗ dichte, mein Um und Auf dieſes Lebens vertrauen möchte. Schreiben Sie mir darüber. Wenn Sie im Mai noch in* ſind, ſehen wir uns vielleicht; ich habe nämlich einen Abſtecher nach“ vor. Ich möchte Sie in Ihrer dermaligen Thätigkeit gar ſo gerne be⸗ lauſchen, wie Sie durch die vielartigen Geſchäfte mit ruhiger Fauſt hindurchſteuern. Sie freuen und ſehnen ſich nach der Heimath zurück. Ja das Land! Das Land iſt göttlich, noch göttlicher durch den Contraſt der Menſchen. Mögen hier Gebirge ragen, Bergſtroͤme ſtürzen, Lawinen donnern: das geſchwächte Herz des Menſchen zuckt im Staube und kann an den kühnen Felſen nicht hin⸗ anklettern zu hohen Gedanken und Empfindungen. Einſt waren die Menſchen hier gewiß anders; aber was uns an jene Zeiten erinnert, ſchmerzt uns: jede Burgruine kommt mir in dieſem Lande vor wie eine verſteinerte, bittere Lache der Zeit, die vom grauen Geſtein herabgrinſt in das entartete Herz.— In dem Gedichte, das Sie mir geſchickt, herrſcht Dichterleben. 17 258 eine beſonnene Begeiſterung, wie ſolche vielleicht nur Ihnen eigenthümlich iſt. Auch den Wogen Ihres Buſens, wie den Wogen des Lebens, rufen Sie ein gebieteriſches: Quos ego! zu.—“ Carl kam ſeinem Wunſche nach in Betreff der Gedichte, ließ das überſandte in dem geachtetſten Jour⸗ nale der Stadt abdrucken und nannte ihm in ſeiner Antwort einen bedeutenden Verleger in Süddeutſch⸗ land, an den er ſich unmittelbar adreſſiren ſollte. Das abgedruckte Gedicht— das erſte der Oeffentlich⸗ keit übergebene— erregte Senſation und beſtätigte zur Genüge, was Carl vorausgeſagt; man ſtaunte allgemein über die hohe Bildnergabe des Dichters wie über die Tiefe der Empfindung, die ſich darin ausſprach. „Sie ſind— ſchrieb er an Nicolaus— ein wahrer Bildhauer der Gedanken; Ihre Gebilde ſind jedoch keine Statuen des Dädalus, ſondern recht eigentlich prometheiſche, beſeelt durch himmliſches Feuer. Sie denken ſchon bildlich, beleben das ſonſt Lebloſe und umkleiden das Leben mit dem Stoffe der Natur. Ihr Denken geht immer in Anſchauung auf; die Fühl⸗ fäden Ihres Geiſtes taſten ſo lange nach allen Rich⸗ tungen hin, bis ſie auf die zuſagende Materie ſtoßen. Ich ſehe Sie vor mir, indem Sie ſchaffen. In Be⸗ W trachtung alles deſſen verſenkt, was erſcheint, vor dem Auge der Phantaſie die Lupe der Naturkunde, nehmen Sie die Gegenſtände wahr und ordnen Sie — nicht in Jean Paul'ſchen Zettelkäſten des Ver⸗ ſtandes— ſondern als Naturforſcher und Maler zu⸗ gleich, der ſeine Auffindungen im Bilde feſthält, deſſen Combinationen ſogleich zum anſchaulichen Syſteme wer⸗ den. Dieſes unausgeſetzte Durchbilden der Ideen iſt Ihre Originalität und dieſe unterſcheidet Sie zu Ih⸗ rem Vortheile von allen jetzt lebenden Lyrikern. Uhland iſt ein edler Sänger, aber nur Sänger, kein Dichter. Das Bild iſt ihm, wie den Meiſten, eine terra incognita; es kommt bei ihm, wie bei Schiller und Andren, höchſtens zum Gleichniſſe, aus dem uns der kalte Hauch der Allegorie anweht; von der Gabe, ſchon im Bilde zu denken und die Idee in der Form aufgehen zu laſſen, haben dieſe Männer nichts. Sie wirken dagegen durch Schwung, Gefühl, Stimmung. Schiller reißt durch die Kraft des, obgleich nicht ſelten halb verſtandesloſen, Aus⸗ drucks dahin; Uhland hält feſt und erregt dauern⸗ des Intereſſe durch frappante Situation, überraſchende Empfindung, edles, ſtarkes Wort. Daſſelbe Princip wirkt in Goethe, dem Lyriker; er hat keine Gedichte, aber ſchöne Geſänge, treffliche Lieder, köſtliche See⸗ 1 260 lenanläſſe und Geiſtesſpiele. Mein Urtheil über Rü⸗ ckert kennen Sie. Er hat Phantaſie, aber nur weib⸗ liche, reproduecirende, alſo eigentlich nur Ein⸗ bildungkraft. Eigenthümliches iſt nichts an ihm als das widerwärtige Streben nach orientaliſcher Nai⸗ vetät, die mit der voccidentaliſchen Selbſtbewußtheit verſchmolzen nur eine Caricatur geben kann, bald eine ſchreckliche, bald eine lächerliche. Einzelne Lieder von ihm, in denen ſich ſein Geiſt ganz frei erging, ſagen, wie bedeutend er hätte werden können, wär' er fein zu Hauſe geblieben und hätte ſeinen Genius redlich genährt in der Heimath. Nunmehr überkommt ihn auch die Geſchwätzigkeit der Orientalen— das Naive iſt immer ſehr redſelig— und er wird Deutſchland in Kurzem mit einer Fluth von Nachbildungen voll der abſtoßendſten Affectation heimſuchen; ſeine Lie⸗ der werden eine Heuſchreckenplage unſrer Poeſie wer⸗ den.— Chamiſſo hat nicht nur unſere Sprache ſich an⸗ gelernt, ſondern auch unſer ſogenanntes Dichten. Er denkt gut, ſeine Geſinnung iſt edel, ſeine Stimmung oft poetiſch; aber Gedanke, Anſicht und Stimmung machen noch ſo wenig den Dichter, als Laune, Witz und Beobachtunggeiſt den Humoriſten; dieſer bedarf der Combination-, jener der Divinationgabe. Beide Gaben fehlen Chamiſſo; auch iſt an ihm viel Ge⸗ machtes, ſogar Forcirtes, wenig von der Leber weg, noch weniger vom Herzen. Platen's Geiſt kleidete ſich gut, benahm ſich comme il faut; er war der erſte Gentleman des poetiſchen Reiches. Ihm gleicht Zedliz. Meiſter der äußeren Form, voll Schwung und reich an glänzenden Gedanken, muß er Jeden bezaubern, dem der Schein für Sein gilt; mich läßt er kalt. Seine geprieſenen Todtenkränze ſind von beſter Methode, aber nicht im Style; ihr Abſichtli⸗ ches läßt die Phantaſie nicht warm werden. Sein „Nächtliche Heerſchau“ iſt trivial. Alerander? wird ſeinen Weg machen; er kommt meinem Nicolaus ſehr nahe. Ueberflügeln aber wird er Sie nicht, zumal nicht, ſo lange auf den Schwingen ſeines Genius das Blei der Politik laſtet. Heine's ſcharfer, zerſetzender Geiſt ſtiftet viel Gu⸗ tes auf negativem Wege; aber zum Dichter fehlt es ihm an aller Poſitivetät. Er iſt, wie Börne, nur weniger, reinkritiſcher Natur: keiner von Beiden wird etwas ſchaffen, ein Kunſtproduct erzeugen; es ſind ariſtoteliſche Talente, gemacht, ein Werk richtig zu beurtheilen, aber nicht, eins hervorzubringen. J. G. Seidl und Leitner ſind ſehr liebens⸗ würdige Sänger, die, Bienen gleich, überall Honig und Wachs ſuchen zur Aufhellung und Erquickung der Geiſter und Herzen. Grillparzer's Gedichte ſind noch in Ausſicht; was ich Lyriſches von ihm kenne, hat Höhe und Tiefe nur— keine Mitte, keinen Kern. Er weiß das am beſten ſelbſt und hält mit ſeiner Sammlung Lieder zurück. Die ſogenannte ſchwäbiſche Schule bietet we⸗ nig Erfreuliches; Großes, außer Uhland, ihrem unfreiwilligen Gründer, nichts. Juſtinus Kerner und Carl Meyer ſingen ſchöne gemüthliche Lieder und zeichnen niedliche Naturſtizzen; bedeutende Com⸗ poſitionen fehlen. Guſtav Schwab ſpinnt, wie die Seeleute ſa⸗ gen, ſeine Geſchichten— ſogenannte Balladen und Romanzen— recht behaglich ab und ſie werden in der poetiſchen Kinderſtube immer willkommene Ammen⸗ märchen ſein. Im Weſten lebt ein Mann, der um einen guten Kopf aus der Menge hervorgukt, Immermann; ihm fehlt zum Dichter nichts als die Fähigkeit, alles Andere aber hat er reichlich: Verſtand, Witz, Geiſt, Beobachtungſinn und Gewalt des Ausdrucks; macht er ſich einmal an den Roman, ſo wird er— zwar kalt laſſen das Herz wie in ſeinen dramatiſchen Ver⸗ 263 ſuchen— aber eine Lectüre bieten voll Belehrung und geiſtreicher Luſtigkeit. Als Vyriker iſt er ſteif, pretiös.— Ueberblicke ich ſo im Ganzen die deutſche Lyrik, lauſche ich ſo in den deutſchen Dichterwald hinein, den Uhland's liebevolle Aufwallung mit zahlloſen Sän⸗ gern bevölkert hat, ergreift es mich wehmüthig; deſto freudiger aber regt mich Ihre Erſcheinung an, Nico⸗ laus: Sie werden Gutes ſtiften. Auch von unſrem Landsmanne Alexander ſteht Bedeutendes zu er⸗ warten; ſein Aufſchwung wird ein gewaltiger ſein: mögen ſich die Schwingen dieſes jungen Aars nicht abmüden in der dumpfen Atmoſphäre der Politik oder der Negation, ſondern dem freien Aethermeere zuſteuern erhabener Weltanſchauung!— Was wiſſen, was hören Sie von ihm?“ XXI. Die nene Zeit. „Klagt nicht um geſtorb'ne Meiſter; Klagt Ihr denn um einen Mai? Denkt vielmehr, daß Jener Geiſter Geiſt auch noch der unſre ſei!“ Das Leben iſt kurz, die Erdenzeit drängt, man hat ſo viel vor ſich, kein Augenblick iſt zu verlieren, und — wir eilen zum Schluſſe unſrer Erzählung. Carl war nunmehr ungefähr ein Jahr ſeinem ſchwierigen Amte vorgeſtanden und— ſah ſich in allen von ihm dafür gehegten Erwartungen getäuſcht. Er hatte keinen künſtleriſchen Großhandel, wie er ge⸗ hofft, zu leiten, ſondern eine kleinliche Krämerei. Dies ermüdete ihn; ſeine gekränkte Phantaſie erhob ſich und ſchrie nach Freiheit. Er quittirte ſeine Stelle und ging. Sein Herz zog ihn zur Heimath. Es war Frühling, da er zurückkehrte und er ſah ſeinen geliebten Nicolaus unter einem blühenden Baume wieder, aber nur, um ſich abermals von ihm 265 zu trennen. Es hatte ſich dieſer nämlich wegen Her⸗ ausgabe ſeiner Gedichte an den, ihm von Carl vor⸗ geſchlagenen, Verleger im Auslande gewendet und der Buchhändler war auf dieſes Unternehmen eingegan⸗ gen, wenn gleich unter nichts weniger als brillanten Bedingungen. Indeſſen, dem Dichter war es ja auch nicht um Honorar zu thun; er konnte darüber wegſe⸗ hen, zumal in ſeiner jetzigen Lage. Seine greiſe Großmutter war in dieſer Zwiſchen⸗ zeit geſtorben und es kam auf ihn ein hübſches Erb⸗ theil. Dieſes günſtige Erreigniß beſtimmte ihn, das, noch nicht gemachte, Doetorat gänzlich aufzugeben und zu reiſen, denn er war bis jetzt noch nicht über die heimathlichen Grenzen hinausgekommen und ſehnte ſich, fremde Eindrücke in ſeiner Phantaſie aufzuneh⸗ men; auch rief ihn die Herausgabe ſeiner Gedichte, deren Correctur er ſelbſt leiten wollte, an den fernen Verlagsort, und ſo verließ er denn die Reſidenz, die Geburtſtadt ſeines Genius, obſchon nicht ſeine Vaterſtadt. Wir werden uns, ſagte er zu Carl im Scheiden, nicht ſo bald wiederſehen; dichten Sie und gedenken Sie meiner. Ich werde Sie nicht vergeſſen; ging doch von Ihnen der mächtigſte Impuls aus, der mich in die Publicität drängte. ——————— MMkMe 266 Gott mit uns! rief ihm dieſer nach. Der Sommer kam und der Herbſt. Nicolaus' Gedichte waren nunmehr im Buchhandel und erreg⸗ ten, wie Carl vorausgeſehen und geſagt, große Sen⸗ ſation. Alles war überraſcht, bezaubert; ſeine hohe Bildnergabe machte ſtaunen, ganz Deutſchland accla⸗ mirte ihm entzückt und ſchmückte ſein Haupt mit dem wohlverdienten Kranze. So ausgerüſtet, verließ der Gefeierte Deutſch⸗ land und Europa, und— ging nach America: nie⸗ mand wußte, ob nur auf einige Zeit, ob für immer. Inzwiſchen lebte Carl einſam dahin und dichtete. Clary war und blieb verſchwunden; er hörte nichts von ihr. Aber ſein Schickſal wollte ihn nicht länger einſam laſſen. Er lernte im Spätherbſte ein braves, ſchönes, bürgerliches Mädchen, die ſehr gebildete Tochter ei⸗ nes Beamten, kennen und fühlte ſich bald von dem edlen, ruhigen Weſen Maria's, wenn nicht leiden⸗ ſchaftlich, doch ſo innig angezogen, daß der Wunſch in ſeiner Seele rege ward, ſie nicht mehr zu ver⸗ laſſen. Sie war nach wenigen Wochen ſeine Gattin. Er wollte zwar, da er kein Vermögen beſaß und das Erträgniß ſeiner literariſchen Arbeiten eben nur hin⸗ — M — W reichte, ſeine Bedürfniſſe zu decken, die Verbindung bis zu dem Augenblicke verſchieben, da ihm eine An⸗ ſtellung würde; Maria's Vater jedoch, ein wohl⸗ habender Mann, erbot ſich, für die Menage bis da⸗ hin zu ſorgen und— ſo traten ſie denn zum Altare. Sie richteten ſich mäßig aber anſtändig ein und lebten ſehr glücklich. Der hohe Verſtand, der milde Ernſt ſeiner Gattin wirkte wohlthätig auf ſein leiden⸗ des Gemüth; es genas allmählig und ſelige Heiter⸗ keit goß ſich über ſeinen Geiſt aus. So entſchwand ein Jahr. Maria wurde Mut⸗ ter und der Anblick des Kindes, eines ſüßen holden Maädchens, verſcheuchte die letzten Wolkennachzügler vom Schlachtfelde ſeiner zerkämpften Stirne. Eine Anſtellung hatte er immer noch nicht gefun⸗ den; man ließ ihn, den Schwiegerſohn eines Man⸗ nes, der noch für wohlhabender galt als er wirklich war, zuwarten. Dieſer Umſtand trübte aber ſein Leben nicht; er war ſehr fleißig und erwarb ſich viel: genug, er war glücklich. So fand ihn, im zweiten Jahre ſeiner ſchönen Ehe, der aus America zurückgekehrte Dichter, Nico⸗ laus, und Carl empfing ihn, ſeine liebliche Wali auf dem Schooße und hatte die unausſprechliche 268 Freude, ihn am eigenen Herde begrüßen und be⸗ wirthen zu können. Nicolaus kam oft. Er hatte ſich äußerlich ſehr verändert, zu ſeinen Gunſten: der trübe Ernſt, der früher auf ſeine hochgewölbten Lider drückte, war einem ſchönen Ausdrucke edlen Selbſtgefühls, eines reinen, ſtolzen Bewußtſeins gewichen; er ſprach min⸗ der phantaſtiſch und gab ſich offener, milder, anzie⸗ hender.— Eines Tages ſprachen ſie von Alexander. Den, ſagte Nicolaus, haben Sie nun für's ganze Leben zum Feinde. Ich weiß es, entgegnete Carl, aber ich bin nicht ſchuld daran. Meine politiſchen Grundſätze kennen Sie; ich bin für Ordnung, ſelbſt für das Beſtehende im engeren Sinne, ſo lange ich nicht abſehe, wie das Außer⸗ ordentliche, das Neue, auf einem Wege gewonnen werden kann, wo ſich verderbliche Reibungen vermeiden laſſen; dieſer Weg aber iſt nach meiner Ueberzeugung kein anderer als der breite der legalen Entwicklung, auf dem man zwar ſpät, aber ſicher zum Ziele gelangt. Jedes Volk macht einmal ſeine große Revolution, aber das Revolutioniren im Kleinen iſt mir in der Seele zuwider, beſonders das der Dichter und vor — e—„—— W 269 Allem das Aleranders. Ich griff übrigens nicht ihn, ſondern nur ſeine politiſchen Gedichte an, von denen weder ich noch ſonſt jemand durch lange Zeit wußte, daß ſie von ihm verfaßt; er war der letzte, auf den man dabei verfiel, denn man verglich ſie na⸗ türlich mit ſeinem ſonſtigen Weſen, das weniger radical als ariſtokratiſch, und fand den geiſtigen Zuſammen⸗ hang nicht heraus. Mag er mich darum anfeinden, daß ich geſagt, er verſtehe wenig oder gar nichts von der Politik, indem er von dieſem unſerm Lande Preßfreiheit u. dergl. verlange— Dinge, deren Beſtand ſelbſt in Frankreich und England ſehr ſchwan⸗ tend ſei— und die Welt mir noch nicht empfänglich und, wenn ſchon, noch nicht reif genug erſcheine; mag ganz Deutſchland mir darum ſeine Gunſt entziehen: ich weiche nicht haarbreit von meiner Ueberzeugung. Aendert ſich dieſe heute oder morgen in mir, werde ich die neue mit gleichem Feuereifer ausſprechen, be⸗ thatigen; vor der Hand jedoch bin ich, zwar nicht ari⸗ ſtokratiſch und noch weniger abſolutiſch geſinnt, aber gut conſervativ. Daß ich kein Knecht, kein Speichel— lecker und Wohldiener bin, beweiſen meine zahlreichen Schriften; ich habe keines meiner vielen Bücher irgend jemand dedicirt, habe nicht einmal einen Fürſten be⸗ ſungen und, beim Himmel, man begeht ein blutiges Unrecht an einem Schriftſteller, mit einem leicht aus ſeiner Feder geworfenen Correſpondenzartikel alle ſeine Werke verdunkeln zu wollen, aus denen glühende Liebe für echte Freiheit leuchtet!— Ich weiß, daß Aleran⸗ der gegen mich aufgebracht und daß man ſo wahn⸗ ſinnig iſt, mich als eine erkaufte Feder zu verleumden; o mein Freund, ich weiß das gut! Aber weder Sie, noch dieſe Menſchen, die mich verläſtern, ahnen, wie weit meine Seele von Beſtechlichkeit entfernt und— wie meine Lage iſt: ich würde hungern, ohne meine raſtloſe Thätigkeit in rein künſtleriſchem, objectivem Wir⸗ ken und ohne die Unterſtützung meiner Schwiegereltern; nicht einmal das iſt mir geworden, wozu mich meine Arbeiten und Kenntniſſe befähigen, eine wiſſenſchaftliche Anſtellung. Doch, genug über dieſes Capitel; ich müßte bitter werden und— meine Gegner mögen ſehen, daß ich dazu lächle: laſſen wir die Alles ſichtende Zeit wirken; ſie wird erklären und deuten und ausſprechen, was an Alerander wie an mir räthſelhaft, dunkel und— verſchwiegen iſt.— Ich habe nie an der Aufrichtigkeit Ihres Wortes gezweifelt, ſagte Nicolaus ruhig; nur hätte ich immer gewünſcht, daß Sie allen Parteien fern geblieben wären. — Es wird ja vorübergehen.— Ich zweifle, verſetzte Carl lächelnd, und bin auf * Ob M 271 das Schlimmſte gefaßt.— Arbeiten Sie gegenwärtig an einem größeren Werke? Ja; ich habe die Fauſt⸗Idee aufgenommen und will es verſuchen, ihr eine neue Form zu geben. Ich theile Ihnen, ſobald ich wiederkomme, die erſten Bruch⸗ ſtücke davon mit. Auch mich verlangt es gewaltig, dieſen coloſſalen Stoff einmal zu ergreifen und zu bewältigen; jedenfalls in dramatiſcher Form. Ich denke, ihn theils lyriſch, theils epiſch und dra⸗ matiſch zu behandeln, und mir ſo den größtmöglichen Spielraum zu ſichern. Beginnen Sie immerhin; wir wollen uns von Zeit zu Zeit das Geſchaffene beſchauen und unſere Gedanken darüber austauſchen: ein Ziel und zwei Wege dahin; wir werden uns nicht reiben. Auf fauſtiſches Wiederſehen alſo!— Und beide Dichter ſchrieben ihren Fauſt, und beide Werke erſchienen gleichzeitig, ein Jahr nach dieſem Geſpräche, worin ſie den Grundſtein dazu gelegt hatten. Beide Dichtungen machten Senſation. Nicolaus nannte die ſeinige, wie Gvethe, ein Fragment. Sie war es auch. Man bewunderte ihre lyriſche Schönheit, überhaupt die glänzende Form, wollte jedoch, in der Auffaſſung der Idee ſelbſt, eine 272 Nachahmung Goethe's ſehen. Darin that man dem Dichter unrecht; er ahmte nicht—, er bildete nach. Carl's Fauſt wurde ein handlungreiches, phan⸗ taſtiſches, lebenvolles Drama. Eine umfaſſende Kritik der revue des deux mondes ſagte bezüglich der Grund⸗ idee, wie er ſie aufgefaßt und durchgeführt, das er es gewagt, ſich Goethe ſcharf gegenüber zu ſtellen; die⸗ ſes Dichters Idee zu ſtürzen und daß es ihm zum Ruhme gereiche, in dieſem großen Kampfe ge⸗ ſiegt zu haben. Es drängt ſich uns bei dieſem Umſtande eine ſchmerz⸗ liche Betrachtung auf, die nur im Blicke auf das All⸗ gemeine, auf das Geſammtreſultat aller geiſtigen Be⸗ ſtrebungen etwas von ihrer Peinlichkeit verliert, nicht Alles. Wir haben da einen jungen Dichter vor uns, der es gewagt, mit dem größten Dichter ſeiner Zeit in die Schranken zu treten. Das bedeutendſte Werk Gvethe's, den Gegenſtand der Bewunderung für die ganze ge⸗ vildete Welt, Fauſt, hat dieſer junge Autor in Idee und Form neu erfaßt und geſtaltet, den alten Meiſter darin erreicht, ja, nach dem Urtheile des geachtetſten kritiſchen Organs von Frankreich übertroffen, und — wer fragt in Deutſchland danach? Er hat nicht einmal einen Verleger dazu gefunden und mußte auf — B eigene Koſten ſein Werk drucken laſſen. O ja, es fanden ſich wohl deutſche Stimmen, die es lobten; aber wie vorübergehend war der Eindruck! Hätte ein engli⸗ ſcher oder franzöſiſcher Schriftſteller ein ähnliches Werk geſchaffen, man würde ſeinen Namen ausgeru⸗ fen haben durch ganz Europa; während er, der arme deutſche Dichter, ſich mit den Broſen des Lobes be⸗ gnügen mußte, die vom Tiſche des Ruhmes fielen, und mit ſeinem Bewußtſein. Wann wird einmal Deutſchland beginnen, gerecht gegen ſeine Zeitge⸗ noſſen zu ſein, und aufhören, mit abgöttiſcher Ver⸗ ehrung an den hingegangenen Geiſtern zu hängen? Da hört man täglich und ſtündlich Klagen über Kla⸗ gen, daß die goldene Zeit der deutſchen Literatur entſchwunden ſei, und der Buchhandel beutet dieſen Wahnſinn aus und lebt wiederkauend von den ununterbrochen aufgefriſchten Ausgaben der Verſtor⸗ benen. Und wie verhalten ſich dieſe großen Todten zur Jetztzeit? Hatten ſie ein Gefühl, ja nur eine Ahnung von der Schönheit und tiefen Naturkenntniß, die in den lyriſchen Dichtungen eines Lenau, Ana⸗ ſtaſius Grün, Moſen, Carl Beck u. m. A. lebt?— Sind die Gedichte Schiller's und Goe⸗ the's nicht baare Proſa dagegen?— Nun gut; den genannten jungen Dichtern ließ man Gerechtigkeit wider⸗ Dichterleben 18 274 fahren: allein wie ſteht es um das Uebrige? Ha⸗ ben dieſe großen Todten ein Drama, einen Ro⸗ man, eine Novelle hervorgebracht, die nachgeahmt, nachgebildet, mit einem Worte muſterhaft ge⸗ nannt zu werden verdienten? Der geprieſene Leſſing war ein guter Kritiker, aber ſeine Dramen ſind nichts weiter als Abhandlungen in dramatiſcher Form; Schiller's Stücke widern an durch ihre maßloſe Subjectivetät, denn ſeine Perſonen ſind immer nur er, nur lyriſch oder novelliſtiſch bekleidete Begriffe oder Ideen und er dringt die Reflerion auf, ſtatt dieſe in der rein abgeſchloſſenen Handlung aufgehen zu laſſen; Gvethe iſt zwar objectiv genug in ſeinen Dramen, aber der kalte Hauch des überwiegenden Verſtandes ertödtet alle Blumen des Gefühls und das Herz kann ſich nicht erwärmen an der Sonne ſeines Geiſtes, die nicht über, ſondern nur um den Ho⸗ rizont des Gemüthes geht. Zacharias Werner war ein Genie, aber ein verrücktes, das im Irrenhauſe des Myſticism endete. Den bedeutendſten Dramatiker dieſer Vergangenheit, Heinrich von Kleiſt, hat Deutſchland darben, zu Grunde gehen laſſen; und dann— bereicherten ſich die Theaterkaſſen durch ſeine, noch immer nicht genug gewürdigten, Werke. 275 Noch übler als in der lyriſchen und dramatiſchen Poeſie dieſer Gefeierten, dieſer Herven aus der gol⸗ denen Zeit unſerer Literatur, ſieht es im Romane aus. Schiller leiſtete darin bekanntlich nichts; ſein Geiſterſeher iſt ein hohles Machwerk. Goethe's Wilhelm Meiſter iſt reich an Schönheiten der Cha⸗ rakteriſtik und der Darſtellung, aber kein Ganzes, we⸗ der Roman noch Novelle; ſeine Wahlverwandt⸗ ſchaften wie ſeinen Werther wird, ſo glatt und glänzend auch beide, wohl niemand gerne zweimal le⸗ ſen wollen. Wo alſo iſt das Große dieſer Großen? In ihren Werken iſt es nicht zu finden; wo alſo zu ſuchen, wie ſich die unermeßliche Wirkung derſelben erklären? Wir können es mit einem Worte ausſpre⸗ chen: dieſe Wirkung ging aus ihrer Totalität her⸗ vor; die Maſſe bewältigt man nur durch Maſſen und wer täglich kommt und lange lebt, der wird am Ende auch gehört, erhört. Hier ſprechen wir nicht einmal davon, in welche bornirte Zeit die Wirk⸗ ſamkeit dieſer Männer fiel und wie breit der Strom jener Geſchmackloſigkeit noch in die Gegenwart herein⸗ gemündet.— So ſteht es; aber die Zeit der Aner⸗ fennung für das Neue iſt nicht mehr fern; die Pa⸗ lingeneſie ſchreitet vor und mit dem Ableben derer, die Zeitgenoſſen der genannten Todten und ihres An⸗ 276 hangs waren, wird der Genius der neuen Kunſt ſein ſtrahlendes Gefieder ausbreiten zum Fluge durch das weite Reich geläuterter Erkenntniß; darum Geduld, ihr jetzt Lebenden, jetzt noch unerkannt Schaffenden, eure Zeit ſchlägt auch und, wie geſagt, bald: „Noch iſt nicht die Zeit gekommen, Daß die Kunſt ſpricht: Welt, ich bin! Doch die Gluth iſt angeglommen, Bald legt ſich der Phönix hin: Und in ſeinen theuren Flammen Schmilzt, was ſonſt die Welt erſah, Und die Aſche bricht zuſammen Und die neue Kunſt iſt da! Ja, ſchon wuchern reich die Keime, Die geſät Vergangenheit: Der Antike Götterträume, Der Romantik Wirklichkeit— Einen werden ſie die Strahlen Bald zum Jrisbogen, der Auf den Höh'n und in den Thalen Zeigt, daß keine Sündfluth mehr. Kurze Nacht noch, und mit tauſend Flammenaugen blickt der Tag, Und vor ihm ſchließt, dumpf erbrauſend, Sich der Jetztzeit Sarkophag! Ja, Geduld, ihr Neuen, Ausdauer, es wird ſich loh⸗ nen! Schon habt Ihr echte Lyrik und ſchon er⸗ faßt Ihr das Leben, die Wahrheit, die Natur in ihren ewig unveräußerlichen Rechten und ſtellt nach klarer Intuition ſcharf gewogenen Tones die Reſultate modernen Wiſſens, unſrer Erkenntniß auf im ſocia⸗ len wie im geſchichtlichen Romane und durch⸗ dringt die geiſtigen Intereſſen in der Novelle, die der ſeelentödtenden Empirie der Erzählung für im⸗ mer ein Ende machen muß, da ſie ſich zu ihr wie Geſchichte zur Chronik verhält; auch im Drama rückt Ihr wieder der Natur näher, und iſt es Euch erſt gelungen— es wird gelingen!— der ſcheinba⸗ ren Proſa des Tages das Poetiſche abzugewinnen, aus den Schachten unſrer Verhältniſſe das edle Me⸗ tall der Ethik zu Tage zu fördern, ſo werden die neuen Herzen und Geiſter ſich daran erheben und be⸗ reichern. Dieſer Blick in's Allgemeine entſchädigt für den Gram über das Einzle unſrer Zeit, und mit dieſem Blicke beſchaute ſich Carl die Gegenwart, denn ſie entmuthigte ihn nicht nur nicht, ſondern er— hielt ihn raſtlos thätig, entflammte ihn zum Schaffen. XXII. ZBwei Jahre ſpäter. — „Die Blumen weinen. Oder glänzen Nur Zaͤhren auf den ſchoͤnen Kraͤnzen, Die ihm um's Haupt die Zeit geſchlungen, Und die der Sturm ihm jetzt entrungen?“ Es iſt im Juli. Ein prachtvolles Morgengewitter hat die glühende Stirne des Himmels gekühlt und die Blumen der Erde weinen Freudethränen. Selbſt die von der Nachliebe gepflanzten und gepflegten des großen Friedhofs, durch deſſen weite Straßen, gebil⸗ det von vielen tauſend Denkmälern, ein junger Mann, matt und abgehärmt, einherſchreitet. Dieſe große Re⸗ ſidenz des Todes hat viel Aehnliches mit der großen lebenvollen Hauptſtadt, an deren äußerſter Barriere ſie ſich ausdehnt; auch in ihren Gaſſen wechſeln Pa⸗ läſte mit armſeligen Häuſern in raſchem Contraſte und die Natur, die keinen Unterſchied zwiſchen Leben und Tod kennt und macht, durchzieht und verherrlicht ſie mit Lanb und Blumen, Sonnen-, Mond⸗ und Ster⸗ ———— —————— 279 nenſchein, nud erquickt und erſchüttert ſie durch Regen und Donner.— Der bleiche junge Mann, ein holdſeliges kleines Mädchen an der Hand, ſchreitet geſenkten Hauptes langſam durch die geſchmückten Gräber einher und ſcheint eines zu ſuchen, deſſen Inhalt in ſeiner Seele den ganzen unermeßlichen Reichthum aller übrigen aufwägen mag. Nun hat er es gefunden und— ſinkt darauf hin. Es iſt ein einfaches weißes Kreuz auf einem So⸗ tel von friſch gerichteter Erde, geſchmückt mit ſchönen Blumen und eingefriedigt von Immergrün; die ovale Platte auf dem Kreuze trägt die Inſchrift: „Todt mein Lieb, mein Leben, ach, Todt du Engelgleiche! O mein ganzes Daſein brach Ein an deiner Leiche!“ Und darunter iſt zu leſen Geburt- und Sterbetag um den Namen„Maria“. Ja, Leſer, hier ruht die gute Mutter dieſes lieben Kindes, das, ſeine Händchen zum Gebete faltend, ne⸗ ben dem Vater niederkniet, und dieſer iſt der arme Dichter Carl von***. Vater und Tochter knieen regunglos, lautlos. Nichts ſtört ſie. Heiliges, ehrfurchtgebietendes Schweigen 280 ringsum, nur ſchwach unterbrochen vom Rauſchen der Spaten, die in der Ferne Erde aufwerfen, worunter Fragmente von Schädeln und Knochen, deren Bürger⸗ recht ſich hier bereits verjährt hatte; arme Reſte, die der Fluch der Armuth ſelbſt noch im Grabe verfolgt und aller und jeder Ruhe beraubt. Um das Häuschen fern am Hauptthore des Fried⸗ hofs hat ſich der Todtengräber einen ſchönen Blumen⸗ garten gezogen und er arbeitet ſo eben darin, unter⸗ ſtützt von einem lächelnden jungen Weibe, ſeiner Gat⸗ tin, und mehreren blühenden Kindern, womit ſie ihn beſchenkt. Sonſt— es iſt noch früh am Tage— weilt nie⸗ mand hier. Doch, ſeht nur! Da ruht— wenn es nicht eine Bildſäule iſt— an einem Marmorwürfel, nur wenige Gräber weit von dem Maria's, eine weibliche Geſtalt. Es iſt keine Statue, ſie regt ſich, erhebt das tief geſenkte Haupt und wir blicken in ein edles aber gramgebleichtes Antlitz, deſſen dunkle, thränenbethauete Augen einen Blick voll unausſprechlicher Wehmuth nach Carl und ſeinem Kinde richten. Wir ſollen dieſe hohe Geſtalt, dieſe ſchönen ſchmerzdurchgeiſteten Züge kennen, und dieſer Blick iſt uns nicht unbekannt; wer iſt das junge Weib?— 281 Es iſt die junge Dichterin, deren Gedichte und Novellen gegenwärtig in dieſer Stadt ſo viel Aufſe⸗ hen erregen und deren Name einſt ganz Deutſchland durchtönen wird. Aus ihren Dichtungen, deren Form nichts zu wünſchen übrig läßt, ſpricht ein herzzerrei⸗ ßender Schmerz, der dem des Selbſtquälers Byron gleicht; daraus erhebt ſie ſich aber immer wieder mit einem Ideenſchwunge, wie man ſolchen nur an den beſten Dichtern zu bewundern hat. Vor einem Jahre kam ſie hier aus einem fernen Lande an und lebt zu⸗ rückgezogen und einſam. Niemand kennt ihre Lebens⸗ geſchichte, ihre Verhältniſſe; ſie ſchreibt unter einem angenommenen Namen und hält ſich jeder Berührung fern. Nur ein Menſch unter den Hunderttauſenden dieſer großen Stadt kennt die Quelle, aus der ihr edler Geiſt dieſe Begeiſterung, dieſen großen Lebens⸗ ſchmerz geſchöpft und dieſer Eine weiß nichts von ih⸗ rem Daſein, denn er lieſt ſeit dem Tode Maria's, alſo bereits über ein Jahr, nur weniges, nur ſtreng Wiſſenſchaftliches; die Poeſie ſcheint in ſeiner Seele geſtorben und er hält ſich an nichts mehr als an— das Wiſſen. Ja, Carl kennt dieſe Dichterin, obwohl ſein verdüſtertes Auge ſie vielleicht nicht erkennen würde, wenn es ſich jetzt von der Grabſtätte erhöbe und ih⸗ rem ſchönen, reichen Blicke begegnete. Es iſt Clary. O welch einen Blick ſendet ſie dem Geliebten zu! Ihre und ſeine Lebensgeſchichte ſpricht daraus und wir leſen deutlich, was er ſpricht, denn es ſteht auch auf ihrer hohen Stirne wie mit Sonnenſtereotypen geſchrieben. Sie ruft von ihrem Grabe zu ſeinem herüber:„O du Warner, Lehrer, Freund meiner Jugend, du hat⸗ teſt im wichtigſten Augenblicke deines Lebens keinen 1 Warner, keinen Lehrer, keinen Freund! Nachdem du die erſte ſchöne Kraft deines Geiſtes der Kunſt ge⸗ 1 weiht, zur Ehre deines Vaterlandes, wagteſt du dich auch mit der Kraft des Mannes in den Kampf um ſeine Sicherheit; du ſtritteſt für Ordnung, Maß, Ge⸗ ſetz; aber du hatteſt keinen Freund zur Seite, der mit ſeiner Fackel den Rumpf der abgeſchlagenen Köpfe ver⸗ ſengt hätte, und ſie wuchſen und ſchoſſen wieder em⸗ por und gegen dich und wüthender denn zuvor. Du wollteſt ein bleibendes Denkmal der vaterländiſchen Poeſie errichten und du bauteſt es auf; das aber wurde der Grabſtein deines Glückes. Denn— noch lagſt du, wie in dieſem Augenblicke, am Grabhügel der Mutter deines Kindes, und warſt geiſtig und körperlich krank und matt, als das Leben des Tages mit ſeiner entſcheidenden Frage vor dich hintrat; das friſche, kräftige, reiche Leben zu dir, dem Müden, Ge⸗ ſchwächten, Verarmten, hintrat und dir den Handſchuh hohnlachend vor die Füße warf: du wollteſt ihn auf⸗ nehmen, aber du vermochteſt es nicht, und bliebſt in Ohnmacht liegen an deinem Grabhügel und ein ſchwerer Schlaf ſenkte ſich auf deine verbrannten Augenlider. Wäh⸗ rend dieſes Schlafes ſtiegen Wetterwolken auf und das Ungewitter ſtürzte auf dich herein; der Donner des Zorns rollte, Blitze des Hohnes ziſchten als wilde, giftige Schlan⸗ gen über dich hin und die Erde bebte unter dir. Und als du die Augen wieder aufſchlugſt, war rings um dich dein Glück verwüſtet vom Orkane und du ſahſt von all' deiner ſchönen, reichen Habe nichts als den Grabſtein und dein Kind. Warner, Lehrer, Freund meiner Jugend, du hatteſt keinen Warner, keinen Lehrer, keinen Freund!“ Sie ſenkt abermals die hohe Stirne, von der wir dieſes laſen und ſcheint zu beten. Er aber richtet ſich empor, faßt die Hand ſeines Kindes und ſchreitet wieder, gebeugten Hauptes wie er gekommen, durch die Gräber dahin und zum Por⸗ tale hinaus.— Gehe nur dahin, du Leidender! Da außen iſt das Leben, es harret deiner, denn es bedarf einer Kraft, wie deine. Sie iſt nur ſcheintodt; ein ſchöner Mor⸗ gen wird ſie erwecken. Du haſt dich in einen zu un⸗ 28¹ gleichen Kampf gewagt, und biſt erlegen. Aber ein Moment wird deinen Geiſt aus der Gefangenſchaft befreien, worin er jetzt noch ſchmachtet. Bald, bald wird er ſeine Wiedergeburt feiern und man wird, wie einſt, mit Liebe auf dich blicken. Dein Genius— ſchreite nur zu— wird dir die Richtung zeigen, in der du deinen Weg vorfolgen ſollſt!— Wir ſehen uns wieder auf andrem Wege! Druck von C. P. Melzer in Leipzig. ——.————————— — . „ 9 2——— S * 8 — S * — — .— 3 S ₰ — — 7 „—* 2— S S.—