7 und in allen Theilen vollkommner Wuchs machte ihn zu einem der ſtaͤrkſten Ritter ſeines Zeitalters und die Geſchichte er⸗ zaͤhlt ſogar, daß man ihn mehrere Male in voller Ruͤſtung gegen den Strom eines reißenden Fluſſes hätte ſchwimmen ſehen. Er genoß nur wenig, und ertrug dennoch die haͤrteſten Beſchwerlichkeiten ohne den geringſten Nachtheil fuͤr ſeine Geſundheit. Dieſe Eigenſchaften, von denen man es erwarten konnte, daß ſie weit eher Be⸗ wunderung als Liebe einfloöͤßen wuͤrden hinderten ihn jedoch keinesweges, liebens⸗ wuͤrdig zu ſeyn, und de mejeſtätiſche Sanftmuth in ſeiner Geſichtsbildung er⸗ warb ihm zu gleicher Zeit die Zärtlichkeit des ſchoͤnen Geſchlechts und die Achtung der Hofleute. In einem ſo wohlgeformten Koͤrper wohnte ein noch deu rungs⸗ wuͤrdigerer Geiſt; ein lebhafter und ſchnel⸗ ler Ueberblick, Seelengroͤße 6 Einſchraͤn⸗ kung, unerſchuͤtterliche Kuͤhnheit und an⸗ geerbte Froͤmmigkeit hatten die Gunſt des 8 Volks auf ihn uͤbertragen, welche ſich ſein Vater bei der Vertheidigung der Religion ſeiner Vorfahren auf Koſten ſeines Lebens erworben hatte. Weil ihn indeß das Be⸗ wußtſeyn ſeines eigenen hohen Werths mit einer ungezugelten Ehrſucht erfullte, ſo wurde er ſeinem Koͤnige verdaͤchtig und fand auf den Stufen des Throns, den er an ſich zu reißen beabſichtigte, ſeinen Tod. Die von der Koͤnigin Mutter aus Italien nach Frankreich berufenen Aſtrolo⸗ gen hatten durch ihre Vorherſagungen die Gemuͤther darauf vorbereitet, daß die Soͤhne derſelben in der Regierung auf einander folgen, aber ohne Nachkommen⸗ ſchaft verſterben wuͤrden; auf dieſe unge⸗ wiſſe Sage gruͤndete der Herzog von Guiſe ſeinen Plan, ſeinem Gluͤcke den Weg zu einer Krone zu bahnen, und von der Zeit an ließ er nichts unverſucht, was dem Gelingen ſeines Vorſatzes foͤrderlich ſeyn konnte. Von ſeinem Onkel, dem 0 Kardinal, hatte er den aͤußerlichen Eifer fuͤr die Religion, womit man ſo leicht das Wohlwollen der Völker feſſelt, und ihre Herzen beſtechen kann, angenommen; dabei huͤtete er ſich vor den Eindruͤcken der Liebe, in der er die Klippe betrachtete, an welcher oft das guͤnſtige Schickſal der groͤßten Sterblichen geſcheitert war. In einer ſolchen Stimmung befand ſich der junge Fuͤrſt, als der Hof in Bayonne anlangte, wo ſich die Koͤnigin von Spa⸗ nien und der Herzog von Alba zu jener beruͤhmten Zuſammenkunft eingefunden hatten, die fuͤr Frankreich weniger durch den Verdacht, den des Herzogs von Alba Rathſchlaͤge und ſeine Grauſamkeit den Hugenotten einflößen mußten, als viel⸗ mehr durch die gegenſeitige Neigung ver⸗ derblich wurde, welche zu jener Zeit in dem Herzen des Herzogs von Guiſe und Margarita von Frankreich, einer Prinzeſſin entzuͤndete, deren hohe Geburt nur als ein geringer Theil der glaͤnzenden Eigen⸗ ſchaften gerechnet werden konnte, die ihr mit vollem Rechte auf die Huldigungen der vornehmſten Fuͤrſten Europas An⸗ ſpruͤche verliehen⸗ Die Koͤnigin Mutter, welche gewoͤhn⸗ lich ihre Abſichten unter den Berauſchun⸗ gen glanzvoller Feſtlichkeiten verbarg, die ſie ihren Hofleuten gab, war bei dieſer Gelegenheit eifrig bemuͤht, ſich ſelbſt zu übertreffen, und die Herrn des Hofes wett⸗ eiſerten unter einander, mit einem Auf⸗ wande zu erſcheinen, der ſpaͤter von meh⸗ reren derſelben ewpfindlich gefuͤhlt wurde. Dos Feſt begann mit Bällen, wo die Junglinge auf's koſibarſte und geſchmack⸗ vollſte geſchmuͤckt vor den Augen der ſchoͤn⸗ ſten Weiber des Koͤnigreichs paradirten⸗ die ſich i Gefoige der Koͤnigin theils zur Vermehrung ihres Hoſſtaates, theils desvalb befander, um durch ſie in die Ge⸗ heimniſſe derjenigen einzudringen, die jene Schoͤnen mit den Banden der Liebe um⸗ IF „ fanden Turniere bei denen die Srte und 4 e uͤbertraf in e Maͤnner ſeines Lri ind die mit Aufme die Verdienſte derjenigen ſie die beſtimmten Preiſe austheiler empfing in Geheim und nicht ohne das Gefuͤhl verborgener Scham, die Eindruͤcke einer Liebe, die nur mit dem y Tode des Einen und der Andern erſtarb. 7 lle Obſchon man gewoͤhnlich den Gegen⸗ ſtand der Leidenſchaft des geprieſenen Hel— den mit den lebhafteſten und ſchoͤnſten Farben ausmalt, ſo kann man doch hier ohne Uebertreibung behaupten, daß Mar⸗ garita zu den ſchönſten Fuͤrſtinnen der Welt gezaͤhlt zu werden verdiente. Ihre regelmäßigen und reizenden Zuͤge, ihr ho⸗ her, majeſtätiſcher Wuchs und die Lebhaf⸗ 12 tigkeit ihrer Jugend, glanzvoller als der Schmuck von Edelſteinen, der ſie um⸗ ſtrahlte, verlieh bei dieſer Gelegenheit ihrer Schoͤnheit eine ſo unwiderſtehliche, anzie⸗ hende Kraft, daß der junge Fuͤrſt, der vor ihr kniete, um den Preis ſeines Sieges im Ringſtechen aus ihren Haͤnden zu em⸗ pfangen, davon geblendet wurde, und Beide einige Augenblicke in eine Art von Unempfindlichkeit verſanken. Doch der Herzog, welcher leichter Faſſung zu er⸗ zwingen verſtand, zog ſich, nachdem er der Fuͤrſtin mit Worten ſeine Huldigungen dargebracht hatte, die mit dem ſchoͤnen Feuer, das ſie in ſeinem Herzen entzuͤndete, im Einklange ſtanden, aus dem Gewuhle zuruͤck, und uͤberließ ſich den Betrachtun⸗ gen, wodurch die erſte Neigung der Art gewoͤhnlich ihre Wirkung aͤußert. Mit dem Vorſatze, der keimenden Liebe Widerſtand zu leiſten, rief er das Beiſpiel aller großen Maͤnner der Vorzeit, deren 15 zuſehen, verſcheuchte bald die Traumge⸗ ſtalten; es ſfiel ihm ein, daß Ball bei der Koͤnigin war, und er erſchoͤpfte ſich nun in Bemuͤhungen, dort mit alle den Vor⸗ zuͤgen eines verliebten Fuͤrſten zu erſchei⸗ nen, der einer Tochter Frankreichs zu ge⸗ allen ſtrebt. Bei ſeinem Eintritt tanzte ſie mit ihrem Bruder, dem Herzoge von Anjou; ungeachtet ihrer Bemuͤhungen, die Unruhe ihres Herzens zu verbergen, konnte ſie es doch nicht verhindern, daß ſie bei doch forderte ie Gewohnheit des Hofes allein den jun⸗ gen Leuten erwirbt, zum Tanze auf, und dieſer von den Gefuͤhlen der kaum entfal⸗ teten Liebe beſeelte Tanz ließ ſie in ſo lebhaften und angenehmen Geſtalten dahin ſchweben, daß ſich in der Verſammlung zum Lobe eines ſo vollkommen Paars, ein Gemurmel des Beifalls erhob. Die Gelegenheit zu einer Erklaͤrung findet ſich bei Prinzeſſinnen aͤußerſt ſelten, vaher entſchloß ſich der liſtige Herzog, dieſe nicht unbenutzt zu verlieren; er entfernte ſich, kehrte nach einer Weile umgeben von andern Masken, in der Kleidung eines Wahrſagers zuruͤck, benutzte einen guͤnſti⸗ gen Augenblick, wo die Fuͤrſtin weniger beobachtet wurde, kniete vor ihr nieder und erbot ſich, ihr Wahrheiten aus der Zukunft zu verkuͤndigen, die ihr nicht gleichgultig ſeyn koͤnnten; dann ergriff er ihre Hand, die er einige Male zaͤrtlich druͤckte, zog ihr ohne Widerſtand den Handſchuh ab und fluͤſterte ihr zu: daß von allen Eroberungen, die ihr heute zu Theil geworden, ihm Eine bekannt ſey, die zwar nicht die glorreichſte, aber ſicher die treueſte ſeyn werde, daß ſie einen Sieger gekroͤnt habe, der das Geſtaͤndniß wagen duͤrfe, ihre Ketten zu tragen, die ihm aber theurer ſeyen, als ihre Krone. — Dabei ſtellte er ſich, als ob er die Li⸗ nien ihrer Hand ſorgfaͤltiger betrachten 77 wollte, naͤherte ſie unmerklich ſeinem Munde, und bedeckte ſie mehrere Male mit ſo heißen Kuͤſſen, daß auch das ru⸗ higſte Herz ein Raub der Verwirrung — werden mußte. Margarita in dem Be⸗ wußtſeyn ihres hohen Ranges entdeckte ſogleich, daß nur der Herzog von Guiſe allein eine ſolche Erklaͤrung wagen durfte; allein ihre eigene Neigung und die Kuͤhn⸗ t heit des Herzogs benahmen ihr die Kraft, r ſich ſeiner zu erwehren, ſie betrachtete ihn mit Zaärtlichkeit und verließ ihn erſt in dem Augenblicke, wo ſie der Koͤng zum u Tanze aufforderte. Der Herzog von Guiſe zog ſich, mit dieſem erſten Verſuche und , dem Erfolge zufrieden, in ſein Hotel zu⸗ r ruͤck, um ſich den Ueberreſt der Nacht un⸗ n geſtort den reizenden Betrachtungen zu ß uberlaſſen, mit denen eine gluͤckliche und e ruhmvolle Leidenſchaft die Phantaſie der 3 Liebenden blendet. „ n Während er ſich, von angenehmen Der ſchw. Bund, 2 18 Traumgebilden umgaukelt, dem Schlafe uͤberließ, bereitete das Verhaͤngniß ſeiner Liebe auch bereits Hinderniſſe, denn die Konigin, welche alle Federn der Polttik in Bewegung geſetzt hatte, um das Haus Lothringen und die Prinzen vom Geblut im Gleichgewicht der Volksgunſt zu erhal⸗ ten, und welche die Erſten des Hofes mit beſoldeten Spionen umgab, ward von der Verkleidung des Herzogs gleich nach der That unterrichtet; und da ſie ihr gewohn⸗ licher Scharfblick, von dem Verdachte un⸗ terſtuͤtzt, den ihr die wahrgenommene leb⸗ hafte Unterredung ihrer Tochter mit dem Aſtrologen eingeflößt hatte, überzeugte, daß der junge Furſt eine ſo guͤnſtige Gelegen⸗ heit, die Weagſchale nach ſeiner Seite yinzuneigen, nicht entſchluͤpfen laſſen wuͤrde, ſo beſchloß ſie, ſeinen Abſichten ohne wei⸗ tern Aufſchub Einhalt zu thun. Nach dem Bolle begab ſie ſich in Begleitung des Herzogs von Anjou in das Kabinet des Konigs, ſchilderte mit ubertriebenen Farben — B2 8 c— 9 die Folgen einer ſolchen Verbinbung, und vermochte den Koͤnig, den Kardinal von Lothringen zu ſich rufen zu laſſen, und ihm den Auftrag zu ertheilen, die Wuͤnſche ſeines Neffen in der Art zu maͤßigen, daß Se. Majeſtaͤt uͤber deſſen Betragen gegen die Prinzeſſin ohne Beſorgniß ſeyn koͤnnte. Der Kardinal hoͤrte den Befehl des Koͤ⸗ nigs ſtillſchweigend an, und durchſchauete mit einem Blicke den Verdacht der Koͤnigin und die Abſichten des Herzogs von Guiſe; da er aber bedachte, daß es noch nicht Zeit ſey den Hof zu erzuͤrnen, und daß, welche Vorſtellungen und Ermahnungen er auch an den jungen verliebten Prinzen ver⸗ ſchwenden moͤchte, dieſer doch Merkmale ſeiner Leidenſchaft unbedachtſamerweiſe blicken laſſen werde, die ihm den Unwillen des Koͤnigs zuziehen wuͤrden, ſo begab er ſich am andern Morgen in ſein Zimmer, ſagte ihm, daß ſeine Bemuͤhungen, ſich der Prinzeſſin angenehm zu machen, die Kö⸗ nigin beunruhigt hätten, daß es nothwen⸗ dig ſey, ſie wieder zu beruhigen, und er ihm daher rathe, ſich während einiger Monate zu entfernen. Dieſer Rath war fuͤr Heinrich ein zermalmender Donnerſchlag. Der Kardinal, dem es nicht entging und der die Wirkung mäßigen wollte, ſetzte hinzu: daß er ſich uͤber die Widerwaͤrtigkeiten der Liebe mit der Gunſt des Gluͤckes troͤſten muͤſſe und da das Haus Lothringen das Geluͤbde ei⸗ ner unverletzbaren Anhaͤnglichkeit an das Intereſſe der katholiſchen Religion gethan habe, ſich gerade jetzt fuͤr ſeine Jugend eine guͤnſtige Gelegenheit zeigte, ſeinen Ei⸗ fer zu bewähren und ſich Ruhm zu erwer⸗ ben; daß die Tuͤrken Sigeth, eine der Haupt⸗ ſtaͤdte Ungarns, belagerten, weshalb er von dem Koͤnige die Erlaubniß erbitten muͤſſe, eine Zeitlang im Kaiſerlichen Heere zu dienen. Er wuͤrde, meinte der Kardinal, dann nur glorreicher und den Wuͤnſchen einer ſo ſchonen Prinzeſſin wurdiger zuruͤck⸗ 21 kehren, die Verbindung mit ihr, das Ziel ſeines heißen Strebens, welche in dieſem Augenblicke noch ein Eingriff in die Macht des Hofes zu ſeyn ſcheine, könne ſpaͤter ihre Geſtalt veraͤndern, und eine Noth⸗ wendigkeit des Staats werden; ja, mit einem Worte, er muͤſſe dahin ſtreben, ſich in eine Lage zu verſetzen, in der ihm Nie⸗ mand auf Frankreichs Boden etwas zu verweigern wagen duͤrfe. Alle Empfindungen von Ehrſucht ſchien die Liebe in dem Herzen des jungen Fuͤr⸗ ſten eingeſchläfert zu haben, dieſe letzten Worte erweckten ſie von Neuem, und Faͤrk⸗ ten ſeine Leidenſchaft mit verdoppelter Kraft; er erkannte jetzt, daß ſeine Abſich⸗ ten nur im Dunkel des Geheimniſſes ge⸗ lingen koͤnnten, und entſchloß ſich, dem Rothe ſeines Oheims Folge zu leiſten. Aber die Liebe konnte ihre Einwilligung nur unter der Bedingung einiger Linderung dazu geben; gern haͤtte er vor ſeiner Ent⸗ fernung eine Erklaͤrung mit der Prinzeſſin veranſtaltet; weil er indeß beſorgen mußte, von der Koͤnigin, deren Wachſamkeit un⸗ ermuͤdlich und deren Zorn verderblich war, um ſo leichter enideckt zu werden, als er noch keinen der Diener ſeiner Geliebten in ſein Intereſſe gezogen hatte, auch ihm zu dem Verſuche einer heimlichen Unter⸗ redung nur ſedr wenig Zeit uͤbrig blieb⸗ ſo beſchräͤnkte er ſich darauf, an ſie zu ſchreiben, und um ſich vor dem ungluͤck⸗ lichen Zufalle ſicher zu ſtellen, durch ſeine eigenen Schriftzuͤge in einem Briefe, der aufgefangen werden konnte, verrathen zu werden, oder ſein Geheimniß einer frem⸗ den Hand anzuvertrauen, die einen nach⸗ theiligen Gebrauch davon machen konnke, ſo ſchnitt er gedruckte Buchſtaben aus, und befeſtigte ſolche nach Maaßgabe, daß er derſelben, um ſich verſtaͤndlich zu machen, bedurfte, mit eigenen Haͤnden auf Papier. Nachdem dieſe Verlegenheit gehoben war, kam es darauf an, dieſen ſeltſamen Brief ve de der m⸗ ite, us, daß en, ier. ar, 23 ſicher in die Haͤnde der Prinzeſſin zu bringen; um nun ſelbſt Gewißheit daruͤber zu erlangen, begab er ſich in die Meſſe des Koͤnigs, folgte ihm zur Tafel und er⸗ bat ſich in Gegenwart des ganzen Hofe die Erlaubniß, in den Kaiſerlichen Truppen zu dienen, um darin fuͤr den Dienſt Sr. Majeſtaͤt die noͤthigen Faͤhigkeiten zu er⸗ werben. Der Koͤnig lobte einen ſo ſchoͤ⸗ nen Eifer und geſtattete dem Adel, den er beurlaubte, dem Herzoge zu folgen. Nachdem Guiſe das Koͤnigliche Gemach verlaſſen hatte, beurlaubte er ſich von den Koͤniginnen; nun verbreitete ſich die Nach⸗ richt von ſeiner Abreiſe uͤberall, gelangte bis zu den Ohren der Prinzeſſin, und er⸗ fuͤllte ſie mit Erſtaunen und Wehmuth. Sie vermochte es nicht zu erklären, daß ein Mann, der im Begriff war, ſie zu ver⸗ laſſen, ihr das Geſtaͤndniß ſeiner Liebe ablegen konnte, und ihre Verwunderung verſchwand erſt da, als ſie aus den Haͤn⸗ den des Herzogs, der ihr ſeine Abreiſe 24 der Etikette gemaͤß anzeigte, den bewußten Brief erhielt. Er hatte abſichtlich die Erfullung dieſer Pflicht bis zum Abende verſchoben und einem ſeiner Pagen anbe⸗ fohlen, waͤhrend er ſich von der Prinzeſſin in Gegenwart ihrer Edeldamen und Frau von Curton, ihrer Hofmeiſterin, beurlaubte, mit einer Fackel, die er in der Hand hielt, anſcheinend aus Unvorſichtigkeit, den Vor⸗ hang an der Thuͤr ihres Vorzimmers an⸗ zuzuͤnden. Als nun ſämmtliche Anweſende zum Löſchen hinzueilten und ſich der Her⸗ zog mit der Prinzeſſin allein ſah, zeigte er ihr den Brief und ſprach:„Prinzeſſin, dieſes hier erklaͤrt die Urſache meiner Ab⸗ reiſe und die Empfindungen, mit denen ich mich von Ihnen entferne.“ Margarita zoͤgerte, doch der darauf vorbereitete Herzog ſetzte entſchloſſen hinzu: „Bedenken Sie, Prinzeſſin, daß dieſes uf ſen 5 der einzige Augenblick iſt, der fuͤr uns uͤbrig bleibt und daß ich morgen ohne Aufſchub und ohne ein anderes Mittel fin⸗ den zu koͤnnen, Sie von den Gruͤnden einer dem Anſcheine nach ſo ſeltſamen Auffuͤhrung zu unterrichten, von hier abreiſe.“ Nun nahm Sie das Billet mit Er⸗ roͤthen an, und ſobald der Herzog wahr⸗ genommen, daß ſie es in den Falten ihres Aermels verborgen hatte, begab er ſich hinweg und drohete ſeinen Pagen, im Weggehen, daß er ihn ſeiner Unvorſichtig⸗ keit halber wuͤrde beſtrafen laſſen. Kaum hatte er das Ende der Treppe erreicht, ſo ſchuͤtzte auch die Prinzeſſin ſchon eine leichte Unpaͤßlichkeit vor, begab ſich zu Bette, ließ ſich einige Augenblicke ſpäter unter dem Vorwande, nicht ſchlafen zu koͤnnen, in Buch und Lichter bringen, zog, als ſie allein war, den Brief unter dem Kopfkiſ⸗ ſen hervor und las: 26 „„ „Der Argwohn der Koͤnigin hat in meinem Herzen geleſen; ſie weiß, daß ich Sie anbete, und fuͤrchtet, daß ich ſo gluͤck⸗ lich werden moͤchte, Ihr Herz zu ruͤhren. Warum iſt ihre Beſorgniß nicht gegrun⸗ det?— Möchte ſie mir auch Verderben bereiten, Sie allein koͤnnen mich davon unterrichten. Die Angſt der Koͤnigin muß veruhigt werden, deshalb reiſe ich morgen ab, mir in Ungarn Ruhm zu erwerben, da mir das Gluͤck verſagt iſt, in Ihrer Naͤhe zu bleiben. Ich werde bald zuruͤck⸗ kehren, werde dann vielleicht wuͤrdiger ſeyn, Ihnen meine Dienſte anzubieten; wenigſtens will ich darnach trachten, den Ruf zu noͤthigen, daß er Sie zuweilen von meinen Thaten unterhalten koͤnne.— Wenn es nur gekroͤnten Häuptern geſtattet iſt, nach dem Beſitze Ihrer Hand zu ſtre⸗ ben, ſo muß es dem Verdienſte und der Liebe unverwehrt ſeyn, Ihrem Herzen ſanfte Gefuͤhle einzuflößen. Dieſe Leiden⸗ ſchaft, die Quelle ſo vieler Schwachheiten, tet re⸗ 27 beſeelt meinen Muth mit neuem Feuer⸗ und wenn menſchliche Kraͤfte hinreichend ſeyn moͤchten, diejenige Entfernung auszu⸗ fuͤhen, wodurch das feindlich geſinnte Ver⸗ haͤngniß uns von einander getrennt hat, ſo kann ich mich der begluͤckenden Hoff⸗ nung uͤberlaſſen, Sie einſt zu beſitzen. Sie koͤnnen ſo ſchoͤne, ſo erhabene Gefuͤhle unmoͤglich mißbilligen, Sie allein ſind dazu geſchaffen, ſolche einzufloͤßen, und ich allein halte mich wuͤrdig ſie zu em⸗ pfinden.“ Disſer Brief ſchien Margariten geiſt⸗ reich und zartlich, ſie konnte nicht davon ablaſſen, ihn zu uͤberleſen, und ihre Thraͤ⸗ nen floſſen rheils vor Entzuͤcken, eine ſo ſchoͤne Leidenſchaft eingefloͤßt zu hahen, theils vor Wehmuth uͤber die Abreiſe ihres Geliebten. Zwiſchen beiden Gefuͤhlen ge⸗ theitt, durchwachte ſie die Nacht, es be⸗ hagte ihr, ſich ſtatt des geiſtloſen Genuſſes, den der Schlaf gewaͤhrt, der zaͤrtlichſten Beſorgniß zu uͤberloſſen; kaum aber grauete der Morgen, ſo trieb ſie ihre Unruhe aus dem Bette; die Friſche des Morgens zu genießen, oͤffnete ſie ein Fenſter und er⸗ blickte den Herzog von Guiſe, der an der Spitze von fünfhundert Edelleuten, theils Vaſallen ſeines Hauſes, theils eignen be⸗ ſoldeten Dienern von dannen zog. Ach! ihre Augen folgten ſeiner Spur, als er in der Ferne laͤngſt ſchon ihren naſſen Blicken entruͤckt war. Schnell durchzog der Herzog Deutſch⸗ land und langte in Ungarn, zwei Stun⸗ den von Sigeth gegen Ende des Monats Auguſt an. Seine unerwartete Abreiſe und ſein raſtloſer Marſch benahmen dem Feinde die Kenntniß von ſeiner Ankunft. Hier verſtattete er ſeinem Trupp nur ei⸗ nen Tag Ruhe, wäͤhrend ſich einer feiner Stallmeiſter, der als Bauer gekleidet war, und Lebensmittel im Tüͤrkiſchen Lager ver⸗ kaufte, mit der Abenddämmerung in die ner var, ver⸗ gegriffenen Laufgraͤben zu verſchuͤtten und 29 Stadt ſchlich und dem Gouverneur von dem zur gelegenen Zeit eingetroffenen Huͤlfscorps Nachricht gab. Die Garniſon that hierauf am andern Morgen vor Ta⸗ gesanbruch einen Ausfall; zu gleicher Zeit ließ der Fuͤrſt die feindlichen Linien auf derſelben Seite von der Hälfte ſeiner Krieger, die er hatte abſitzen laſſen, an⸗ greifen und trieb Alles was Widerſtand leiſten wollte, in die Flucht. Dieſer An⸗ fang von Gluͤck ſchien ihn zur weitern Verfolgung ſeines Sieges einzuladen, al⸗ lein aus zweierlei Gruͤnden ſtand er davon ab; er war mit dem Vorſatze angekom⸗ men, ſich in Sigeth hineinzuwerfen und es mußte ihm zuigen ſeine Abſicht er⸗ reicht zu haben; und dann 2 er ſich das ganze Ottomaniſche Heer auf den Hals ziehen, ohne davon, was die Bela⸗ gerten zu ſeiner Unterſtuͤtzung zu unter⸗ nehmen im Stande waren, unterrichtet zu ſeyn. Er begnuͤgte ſich daher, die an⸗ 30 als Sieger in die Feſtung einzuziehen. Er wurde mit allen Ehrenbezeugungen, die das Haus Guiſe von der Chriſtenheit verlangen konnte, empfangen, und ſeine perſönlichen Verdienſte, verbunden mit dem Anſehen ſeines Namens, erwarben ihm ſo daß in kurzer allgemeine Huldigungen, geit der Gouverneur der Feſtung keine Macht weiter beſaß, außer derjenigen, die ihm die Beſcheidenheit ubrig laſſen wollte. Aber der junge Held, in deſſen Kopfe ſich ſchon damals die ſpaͤterhin ausgefuͤhrten, ernehmungen kreuzten, war ent⸗ großen Unt ohne Neid zu ſchloſſen Ruhm zu ernten, erregen. Deshalb uͤbernahm er die ſchwie⸗ rigſten und nach Maasgabe ſeines hohen Ranges am wenigſten ehrenvollen Auf⸗ traͤge; denn da er an der Mauer, wo dieſe von der Artillerie der Belagerer heftig be⸗ ſchoſſen wurde, eine Stelle fand, die ſchwächer als die ubrigen war, ſo uber⸗ nahm er es, eine Terraſſe hinter derſelben aufzufuͤhren, und um die Seinigen noch m el n ſc tr en. en, eit ine em rzer ine die Ute. ſich ten, ent⸗ zu wie⸗ ohen Auf⸗ dieſe be⸗ die aber⸗ elben noch 3¹ mehr zur Arbeit dabei aufzumuntern, trug er eine geraume Zeit ſelbſt den Korb, und noͤthigte einen ſeiner Pagen, denſelben mit Erde anzufuͤllen, ohne ſich dabei von dem geringſten der Soldaten zu unterſcheiden. Kaum hatte er dieſe beſchwerliche Arbeit vollendet, ſo ſtellte er ſich den groͤßten Gefahren mit einer Kaltbluͤtigkeit entge⸗ gen, die man fuͤr Einfalt hätte halten koͤnnen, wenn ſeine eben ſo geiſtreiche als einnehmende Unterhaltung nicht Jedermann ſopleich vom Gegentheile uͤberzeugt hätte. lls nun ſeine Gegenwart den Muth der Belagerten von neuem angefriſcht hatte, wurde in einem Kriegsrathe be⸗ ſchloſſen, ein Außenwerk wieder zu erobern, deſſen ſich die Feinde einige Tage zuvvr bemaͤchtigt hatten. Drei Offiziere erhiel⸗ ten den Befehl, es von eben ſo viel ver⸗ ſchiedenen Seiten zu erſtuͤrmen, und der Herzog, der mit einem der Angriffe beauf⸗ tragt worden, entſchloß ſich Beweiſe ſeiner Tapferkeit abzulegen, wie er ſeine Aus⸗ dauer und Beſcheidenheit gezeigt hatte. die beiden erſten Angriffe zuruͤck⸗ geſchlagen waren, erſchien er auf der Se vermittelſt welcher die Belagerer 4 das Werk genommen hatten, ließ von der Haͤlfte ſeines n den Tuͤrken, die ihn im Ruͤcken angriffen, Widerſtand leiſten, warf vor ſich Uues ſt bahnte ſich ei⸗ nen Weg durch die Mitte der Feinde und durchzog das Werk von einem Ende zum andern. Dann erſtieg er die der Stadt gegenuͤber befindliche Bruſtwehr, und nach⸗ dem er durch Rufen und Zeichen die Gar⸗ niſon aufgefordert hatte, ihm Huͤlfe zu ſenden, ſo wandte er ſich zu den Seinigen zuruͤck, erſtaunte aber, als er ſich allein ſahz; denn die Tuͤ rken, welche inzwiſchen die Breſche wieder aufgeräumt hatten, ſturmten Alle auf ihn ein. Demungeach⸗ tet vertheidigte er ſich eine Zeitlang, als er indeß fuͤhlte, daß ſeine Kraͤfte zu ſchwin⸗ den anfingen, ſprang er beherzt in den Graben hinab, und behielt ungeachtet der Betaͤubung von dem harten Falle und des Kugelhagels, der auf ihn herabregnete, Gegenwart des Geiſtes genug, ſeine Sol⸗ daten, die ihn an der Stadtmauer unter dem Schutze der auf den Wällen liegenden Kanonen erwarteten, zu erreichen. Waͤhrend der Abweſenheit des Her⸗ zogs von Guiſe gerieth die Prinzeſſin, welche am Hofe nichts fand, das ihrer Aufmerkſamkeit wuͤrdig war, auf den Ein⸗ fall, ihre Mußeſtunden dem Studium zu widmen. Die Entſtehung einer neuen Religion hatte gegen Anfang des Jahr⸗ hunderts die Wiſſenſchaften in Frankreich wieder in Aufnahme gebracht. Die Ge⸗ ſchichte war vorzuͤglich nach Margaritens Geſchmacke, ſie fing daher mit der Grund⸗ lage derſelben, der Erd⸗ und Laͤnderkunde an. Der Abbe von Brantome war ihr Lehrer, und Ungarn der erſte Gegenſtand ihrer Wißbegierde. Sigeths Umgebungen Der ſchw. Bund, 3 34 und bald die Stadt ſelbſt enthielten kein Gebuͤſch, keine Quelle und kein Gebaͤude, mit denen Margarita nicht ſo vertraut ge⸗ weſen waͤre, als mit den Alleen der Tuil⸗ lerien. Die mit den heroiſchen Thaten des Herzogs von Guiſe angefullten Be⸗ richte, wurden täglich geleſen und auf das genaueſte mit der Charte verglichen, weil ſie auf derſelben jede Stelle, wo der Fuͤrſt ſein Leben wagte, um ſich ihrer wuͤr⸗ diger zu zeigen, erkennen wollte. In der alten und neuern Geſchichte fand ſich keine Schilderung einer ſchoͤnen Leiden⸗ ſchaft, in der die Prinzeſſin nicht ihr Aben⸗ theuer wieder zu finden glaubte, und keinen Held, der nicht ihrem Geliebten hätte nachſtehen muͤſſen. Endlich kam der Win⸗ ter und Sigeths Widerſtand, verbunden mit den Unbequemlichkeiten der Jahrszeit, nöthigte das Turkiſche Heer, die Belage⸗ rung aufzuheben. Der Herzog von Guiſe, deſſen Durſt ne fr ſei in ſei fat ren ger an ver unt die Krt koͤn feſt meſ zu ihm ligie in de, ge. il⸗ ten Be⸗ as eil der uͤr⸗ der nach Thaten in Ungarn nun keine Be⸗ friedigungen mehr fand, dachte an ſeine Ruͤckkehr nach Hofe, als er Briefe von ſeinem Oheim, dem Kardinal, erhielt, wor⸗ in ihm dieſer den Rath ertheile, vor ſeiner Ruͤckkehr Rom zu beſuchen. Dort fand er bald Geſchmack an den eitlen Eh⸗ renbezeugungen, womit die Roͤmiſche Kirche gewöhnlich denjenigen zu ſchmeicheln, und an ſich zu ziehen pflegt, welche ſie dazu vermögen will, ihren Schutz anzuſprechen; und, da die Unruhen in Frankreich fur ſie die ernſtliche Drohung enthielten, daß jene Krone ſich ihrer Oberherrſchaft entziehen koͤnnte, ſobald der Calvinismus ſich daſelbſt feſtſetzte, ſo fand es der Paͤpſtliche Stuhl ange⸗ meſſen, die Stimmung des jungen Fuͤrſten zu erforſchen, ob er geneigt dazu ſey, mit ihm zur Aufrechthaltung der Katholiſchen Re⸗ ligion in Frankreich ein Buͤndniß einzugehen. Um dieſe Intrigue beſſer zu verſtehen, muß man zuvor von dem Verfahren der 36 Calviniſten unterrichtet ſeyn. Dieſe hatten naͤmlich das Geruͤcht verbreitet, daß Carl IK. nur Ehrenhalber Krieg mit den Hu⸗ gonotten fuͤhre, daß ſogar muthmaßliche Erben des Thrones verhanden waͤren, die bereits ihre Irrthuͤmer erkannt hätten, und daß der Haß des Hauſes Guiſe ge⸗ gen die Familie Coligni und Montmorench⸗ durch ſein Anſehen und ſeine Anhaͤnger zur Fortſetzung des Krieges mehr beitrage, als die Neigung des Hofes. Dieſe Gruͤnde hatten den Papſt dazu vermocht, ſeine Angelegenheiten in ernſtliche Erwaͤ⸗ gung zu ziehen und in jener Zeit bauete er auf dieſe Prinzipien den Grund zu der bekannten und beruͤchtigten Ligue, die den Muth des Herzogs von Guiſe dergeſtalt aufſchwellte, daß er, ſeine Hand zum Nachtheile der rechtmaͤßigen Erben, nach der Krone auszuſtrecken wagte. Die tru⸗ geriſche Hoffnung, er konne ſein Ziel un⸗ geachtet ſo mancher Hinderniſſe dennoch erreichen, trieb ihn bis zur verwegenſten — S — S— 8 —— 8 e— ten arl Hu⸗ iche die ten, ge⸗ ncy⸗ nger rage⸗ Dieſe ocht, rwaͤ⸗ auete u der e den eſtalt zum nach e tru⸗ el un⸗ ennoch enſten 37 * Kuͤhnheit, und unterwarf ihn dafuͤr der gerechten Strafe. Dort in Rom ließ er ſich die gefaͤhrlichen Grundſaͤtze einimpſfen, nach denen man ſich dem, den Koͤnigen ſchuldigen Gehorſam entziehen kann, ſobald dieſe ſich ſelbſt der Kirchlichen Oberherr⸗ ſchaft entzogen haben, und nahm die Ue⸗ berzeugung mit ſich, daß der Eifer zur Vergroͤßerung jener Oberherrſchaft ſogar die groͤßten Verbrechen rechtfertigt. Als nun der Roͤmiſche Hof den jungen Fuͤr⸗ ſten mit allen Lobeserhebungen, welche die heilige Schrift an die Makkabaͤer ver⸗ ſchwendet, berauſcht hatte, ſchilderte er ihm die grenzenloſe Macht des heiligen Stuhls und Spaniens Schaͤtze, womit er⸗ wie man ihm verſicherte, zu Gunſten einer ſo loͤblichen Unternehmung, ganz nach ſei⸗ nem Belieben ſchalten koͤnne, und nachdem ihm ein Plan zur Empoͤrung vorgelegt war, dem Frankreich unter dem Namen der heiligen Union beitreten ſollte, und der Herzog denſelben auszufuͤhren gelobt 38 hatte, entließ man ihn mit Schmeicheleien 9 uberhaͤuft und eine Beute des unerſättlich⸗ n ſten Ehrgeizes. 2 Dieſes Alles that jedoch ſeiner Liebe a weder Einhalt noch Abbruch, weil ſie dabei ei 3 mitwirken ſollte. Vor ſeiner Abreiſe ließ er 3 er Chaſteles, einen ſeiner Edelleute, und er Neffen des Fräuleins von Thorigni, der ih 3 Ehrendame und Vertrauten Margaritens, zu ſich rufen, entdeckte ihm ſeine Neigung 3 und die Urſache, weshalb er dieſelbe ge⸗ ge 3 heim halten muͤſſe, befehl ihm dann mit m der ſchnellſten Poſt abzureiſen und zu ver⸗ u ſuchen, ob ſich die Prinzeſſin durch Zure⸗ er den und Mitwirkung ſeiner Nichte dazu u vermoͤgen laſſe, ihm, bevor noch ſeine An⸗ de 1 kunft bekannt werden wuͤrde, eine Zuſam⸗ te menkunft zu bewilligen. Zu dieſem 6 Zwecke verſah er ihn mit reichen Geſchen⸗ ze ken, unter andern einem Roſenkranze de von Smaragden von unſchuͤtzbarem Wer⸗ de the, der mit dicken, goldnen Medaillen i er r⸗ 39 geziert war, von denen eine ſich öffnen ließ, und das von einem der geſchickteſten Maler in Rom verfertigte Portrait des Herzogs verſchloß; und nachdem er ihm alle Nationen, wo er ſelbſt jeden Tag eintreffen wuͤrde, bezeichnet hatte, damit er auf die ſicherſte Art Nachricht von ihm erhalten koͤnne, entließ er ihn und folgte ihm in kurzen Tagereiſen. Chaſteles begab ſich ohne Verzug gerade nach Saint⸗Germain, wo ſich da⸗ mals der Hof aufhielt, veranſtaltete eine Unterredung mit Fraͤulein Thorigni, die er mit Geſchenken und Verſprechungen uͤberhaͤufte, und ſtimmte ſie endlich dahin, daß ſie ihm ihr Wort gab, ſeines Gebie⸗ ters Leidenſchaft zu beguͤnſtigen. Dieſe verfuͤgte ſich gleich darauf zu der Prin⸗ zeſſin, ſchloß ſich mit ihr ein, und begann damit, daß ſie ihr den Roſenkranz zeigte, deſſen Glanz Margaritens Augen blendete. Sie errieth ſogleich, daß ein ſolches Ge⸗ 40 ſchenk Chaſteles Mittel und Thorignis Verdienſte uͤberſteige, ahnete das Ge⸗ heimniß und geſtand ihrer Vertrauten ei⸗ nen Theil ihrer Gefuͤhle fuͤr den Herzog. Dieſe wurde nun beherzter, zeigte ihr das Portrait des Geliebten, benachrichtigte ſie von ſeiner Ruͤckkehr und nalte ihr ſeine Ungeduld, ſie wieder zu ſehen, mit den lebhafteſten Farben. Margarita im Kam⸗ pfe mit ihrer Leidenſchaft und der Scham, die dem Verderbniß des Zeitalters noch nicht erlaubt hatten, ihr Geſchlecht und ihre Jugend anzutaſten, wußte nicht, wozu ſie ſich entſchließen ſollte, allein die ſchlaue Thorigni, welche des Fuͤrſten Geſchenke und ihre Sehnſucht, den theuren Chaſteles, mit dem ſie ſich zu vermaͤhlen beabſichtigte, zu verpflichten, gewonnen hatten, über⸗ redete das junge, zwiſchen der Tugend und dem Laſter ſchwankende Herz zu dem gewuͤnſchten Entſchluſſe. Sie machte ihr begreiflich, daß die Reinheit ihrer Abſich⸗ ten, Handlungen rechtfertige, die dem An⸗ — —,— — e—— am⸗ ham, noch und wozu ae henke teles, tigte, uber⸗ igend dem e ihr bſich⸗ n An⸗ 41 ſcheine nach getadelt werden konnten, und daß der Ehe heiliges Band, welches in beider Herzen bereits geknuͤpft ſey, dazu hinreiche ſie zu berechtigen, daß ſie ihrem Geliebten mehr bewilligen koͤnne, als er von ihr begehre. Es kam alſo jetzt nur noch darauf an, den Tag, den Ort und den Vorwand zu beſtimmen. Thorigni uͤbernahm alles, und rieth der Prinzeſſin vorzugeben, daß ſie ſich eine Zeitlang nach der Abtei von Poiſſi begeben wolle, um dort ungeſtoͤrter ihren religioͤſen Verpflichtungen während des Weihnachtsfeſtes obliegen zu koͤnnen. Chaſteles, der davon zeitig unterrichtet wurde, wußte die Pfoͤrtnerin mit leichter Muͤhe zu beſtechen, entdeckte ihr indeß nur einen Theil ſeiner Abſichten, und ver⸗ ſchwieg ihr vor allem uͤbrigen den Namen ſeines Gebieters. Der Herzog von Guiſe ließ, nachdem er die Vorbereitungen er⸗ fahren hatte, ſeine Equipagen in Etampes 42 zuruͤck, fuhr ohne Begleitung auf einem Umwege hinter Paris weg nach Poiſſi und begab ſich daſelbſt in ein Wirthshaus, wo er Chaſteles vorfand. Dieſer war bereits ſeit mehreren Tagen in Beſitz der Schluͤſſel zu einem Sprechzimmer in der Abtei, hatte in demſelben eine Oeffnung vergroͤßert, die den Nonnen dazu diente, ihren Anverwandten Lebensmittel zuzu⸗ reichen, und fuͤhrte nun den Herzog dort ein. Die Prinzeſſin verfuͤgte ſich ohne weitere Begleitung, als Fraͤulein Thorigni, unter dem Vorwande zur Beichte gehen zu wollen, ebenfalls dahin, und fand den Geliebten bereits ihrer harrend. Die Wonne und das Entzuͤcken der beiden jungen Herzen, in denen noch das Feuer der erſten Leidenſchaft loderte und die ſich nach einer Abweſenheit von meh⸗ reren Monaten wieder vereinigt ſahen, kann mit Worten nicht geſchildert werden; nur diejenigen, denen die Liebe ihre zaͤrt⸗ ſind davo ſchle Zuru ſich ſich Knie auf den der! tet wied daß Abw Sie nicht Gem nem viſſi aus, war der der ung nte, nzu⸗ dort ohne gni, hen den der das und neh⸗ hen, en; aͤrt⸗ 48 lichen Gunſtbezeugungen geſchenkt hat, ſind befugt, ſich einen richtigen Begriff davon zu machen. Die Scham des Ge⸗ ſchlechts verpflichtete Margariten, einige Zuruͤckhaltung zu zeigen, doch zwang ſie ſich nicht ungeſtraft. Der Herzog warf ſich zu ihren Fuͤßen, umſchlang ihre Knie, Thraͤnen der Zaͤrtlichkeit traͤufelten auf ihre ſchoͤne Hand, die er mit gluͤhen⸗ den Kuͤſſen bedeckte, dann ſprach er zu der Verwirrten: „Endlich, angebetete Prinzeſſin, geſtat⸗ tet mir mein gluͤckliches Geſchick, Sie wiederzuſehen; moͤchte ich hoffen koͤnnen, daß auch Sie die Qualen einer ſo harten Abweſenheit getheilt haben. Wuͤnſchten Sie meine Ruͤckkehr? Sie antworten mir nicht.“ Sie befanden ſich in einem duͤſtern Gemache, und Fraͤulein Thorigni hatte ſich aus Hochachtung entfernt. Dem 44 Herzog entging es nicht, daß er einen tie⸗ fen Eindruck auf das Herz der Prinzeſſin gemacht hatte, und daß ſie in eine Art von Befangenheit der Sinne verſunken war, die weder ihrer Schoͤnheit, noch dem ſanften Feuer ihrer Augen ſchadete; nur ihr Mund ſchien zu ſeufzen und die ent⸗ zuͤckende Berauſchung ihrer Seele zu ver⸗ rathen. In einem ſolchen Augenblicke, der Alles zu wagen erlaubte, war Heinrich faſt geneigt, einige leichte Gunſtbezeugun⸗ gen zu rauben, aber ſeine Ehrfurcht wider⸗ ſetzte ſich ſeinen Wuͤnſchen, er begnägte ſich mit dem Genuſſe eines ſo entzuͤckenden Schauſpiels und ließ ihr Zeit, ihre Sinne zu ſammeln. Sie athmete bald wieder freier, erroͤ⸗ thete uͤber den Zuſtand ihres Herzens und ſagte dem Fuͤrſten, daß ſie von der Unge⸗ duld der Frau von Curton Alles zu be⸗ ſorgen habe und daß es Zeit ſey, ſich zu trennen. Doch ihr ehrſuͤchtiger Geliebter, de ter un die tie⸗ ſſin Art ken dem nur ent⸗ ver⸗ licke, nrich gun⸗ ier⸗ nugte enden Sinne erroͤ⸗ z und Unge⸗ zu be⸗ ſich zu liebter, 45 der von dieſer Zuſammenkunft die erſehn⸗ ten Fruͤchte genießen wollte, beſtuͤrmte ſie mit Bitten, ihm ihre Gefuͤhle zu enidecken, und waͤhrend der Dauer ihrer Unterredung, die kaum eine Viertelſtunde waͤhrte, ſchwur er ihr unerſchuͤtterliche Treue und erhielt von ihr das Verſprechen, ſich mit ihm, allem Zwange, den ihr die Koͤnigin oder der Koͤnig auferlegen koͤnnten, zum Trotz zu vermaͤhlen. Nach dieſen Verſicherungen verabredeten ſie einen Briefwechſel unter der Obhut und Beſorgung des Fräuleins von Thorigni und gelobten einander, nie einen Tag verſtreichen zu laſſen, ohne ſich oͤffentlich zu ſehen; in Anſehung der ge⸗ heimen Zuſammenkuͤnfte aber, muͤſſe man ſich auf den Gluͤckſtern verlaſſen und gün⸗ ſtige Gelegenheit dazu erwarten. Die liſtige Thorigni wurde beauftragt, ſie aus⸗ zuſpahen und den Herzog unverzüuglich davon zu benachrichtigen; hierauf trennten ſich die Verliebten: die Prinzoſſin kehrte zu ihrer Hofmeiſterin zuruͤck, und der Herzog begab ſich, nachdem er durch die Oeffnung zuruͤckgegangen war, zu ſeinen Equipagen in Bourg la Reine, wo ſein Gefolge den Befehl hatte, ihn zu erwar⸗ ten. Der Fuͤrſt wurde bei Hofe mit allen äußerlichen Huldigungen der Freude und Achtung empfangen, allein im Innern des Koͤnigs und der Koͤnigin Mutter fing ſich bereits eine gewiſſe Furcht bei ſeinem An⸗ blicke zu regen an und die Hofleute, die eher eiferſuͤchtig auf ſeinen Ruhm, als Leine Anerkenner ſeiner Verbienſte waren, ſprachen nur ſelten von ihm, um nur nicht genoͤthigt zu ſeyn, ihm das wohlverdiente Lob zu ertheilen⸗ Dieſe Stimmung zwang ihn, einen Stuͤtzpunct zu ſuchen; ſein Ehrgeiz er⸗ heiſchte, daß er ſeinem Stolze und ſeiner natuͤrlichen Seelengroͤße Feſſeln anlegte, und rieth ihm, ſich das Wohlwollen des geſ Di An her den ſeir Zur So Ueb dieſ ben Koͤt von ſo meh alle lein Geb ſein blick deſſe die inen ſein war⸗ allen und des ſich An⸗ „die als aren, nicht iente inen er⸗ einer ete, des 47 Herzogs von Anjon, des muthmaßlichen Erben der Krone, mit der Befliſſenheit des geſchmeidigſten Hofmannes anzueignen. Die damals zwiſchen dem Herzoge von Anjou und ſeiner Schweſter Margarita herrſchende enge Verbindung, verſchaffte dem Herzoge von Guiſe oft Gelegenheit ſeine Geliebte zu ſehen; die üͤbermäßige Zuneigung der Königin Mutter fuͤr jenen Sohn, dem ſie der Geſchichte zufolge alle Uebrigen opferte, war die Urſache, daß dieſer ſich in kurzem mit Kreaturen umge⸗ ben ſah, und ſeine wachſende Macht des Koͤnigs Eiferſucht erregte. Der Herzog von Guiſe wußte ſich ſeine Gewogenheit ſo ſehr zu erwerben, daß er bald nicht mehf ohne ihn ſeyn konnte und Guiſe alle Vergnuͤgen des Herzogs theilte. Al⸗ lein der neue Guͤnſtling betrachtete ſeinen Gebieter bereits als einen Nebenbuhler ſeines Ruhms, und benutzte jeden Augen⸗ blick, den er in ſeiner Nahe verlebte, deſſen geheimſte Charakterzuͤge und die ite zu erſpähen, wo er einſt ſchwache Sei ffen werden konnte. mit Erfolg angegri n Anjou, welcher ſpaͤ⸗ ter unter dem Namen Heinrich II. Frank⸗ reich in den ſchwierigſten Zeiten der Mo⸗ narchie regierte, war von Perſon wohlge⸗ ſtaltet, hatte ein offenes Aeußere und re⸗ dete mit mehr zſerlicher Beredſamkeit als irgend ein Fuͤrſt ſeines Zeitalters; aber er war von Natur zur Eitelkeit geneigt; die Vorliebe ſeiner Mutter, die ihn von ſeinem zwanzigſten Jahre an die Spitze des Heeres ſie i Schlachten Ute und ihn dre gewinnen ließ, hatte ihn für den eingebil⸗ deten Werth ſeiner eigenen Perſon noch mehr eingenommen; er maß ſeine Erhe⸗ bung zum Koͤnige von Pohlen ſeinen Ver⸗ dienſten allein zu, und da er in dem Wahne lebte, auf immer gegruͤndet ſey, ſo glaubte er, daß er ſich jetzt jedem Vergnügen in die Arme werfen könne, ohne Beſorgniß, ſeinem Der Herzog vo daß ſein Ruhm von nun än ein lag der ube die gro rat die deſ nig der ten kon pa⸗ ank⸗ Mo⸗ ge⸗ re als aber eigt; von pitze chten gebil⸗ noch Erhe⸗ Ver⸗ dem un an bte er, in die ſeinem 49 Rufe dadurch zu ſchaden. Er hatte ſich eingebildet, ſeine natuͤrlichen Geiſtes-An⸗ lagen durch Machiavells Politik, jenes ver⸗ derbliche Machwerk zu vervollkommnem, deſſer Grundſaͤtze eher als Spekulation, als in der Anwendung gelingen, was ins⸗ beſondere außerhalb der warmen Land⸗ ſtriche, wo die Voͤlker der That mehr, als der Ueberlegung huldigen, der Fall iſt. Während der Herzog von Guiſe dar⸗ uͤber ſann, ſein Gluͤck auf allen Wegen, die das Verdienſt und die Polilik, bei großen Unternehmungen einzuſchlagen fuͤr rathſam halten, empor zu heben, arbeitete die Koͤnigin Mutter ihrerſeits daran, deſſen Steigen zu verzoͤgern, oder es we⸗ nigſtens zu ihren Zwecken zu benutzen. Dieſe Prinzeſſin hatte waͤhrend der Min⸗ derjaͤhrigkeit Carls IX. der uneingeſchraͤnk⸗ ten Gewalt Geſchmack abgewonnen, und konnte ſich daher zu einem bloßen Privat⸗ Der ſchw. Bund. 4 leben nur mit Muͤhe entſchließen; der König war indeß zwanzig Jahre alt ge⸗ worden, und ließ tagtäglich Merkmale ſeiner Herrſchaft blicken, die als hinrei⸗ chende Beweiſe gelten konnten, daß er alein herrſchen werde, und daß ihn nur der Drang der Umſtände dazu zwingen konnte, die Zugel der Regierung mit ſei⸗ ner Mutter zu theilen⸗ Dieſe Betrachtungen veranlaßten die Koͤnigin dazu, daß ſie, um ſich nothwendig und unentbehrlich zu machen, den Krieg gegen die Calviniſten von Neuem onfing; die Rebellen, deren Verdacht durch die Zuſammenkunft in Bayonne ohnehin er⸗ regt war, zogen ihrerſeits im Geheim Truppen zuſammen. Alle dieſe Maaßregeln und Zwiſtig⸗ keiten arteten bald in einen offenen Krieg aus; da ſich der Admiral Coligni, der Anfuͤhrer der Hugenotten, ſchmeichelte, den no lie de ni de e ale ei⸗ er ur gen ſei⸗ die dig rieg ing die er⸗ heim iſtig⸗ Krieg der 51 Koͤnig in Meaur aufheben zu können, ſo begab er ſich mit zwei Tauſend Edelleu⸗ ten von ſeiner Parthei dorthin, allein ſechs Tauſend Schweizer, die am andern Tage aus den Katholiſchen Bezirken ein⸗ getroffen waren, fuͤhrten den Hof in der Mitte eines Bataillon quarrs, das Front gegen alle Seiten machte, unangefochten nach Paris. Wenige Tage darauf verlo⸗ ren die Calviniſten die Schlacht bei St. Denis und die Katholiken den beruͤhmten Connetable von Montmorenci, der im achtzigſten Jahre an den Folgen von ſechs Wunden ſtarb. Der Perzog von Guiſe, welcher dem Hofe damals verdachtig war, erhielt kein Commando. Weil vier Schlachten, welche kurz nach einander zwiſchen beiden Theilen ge⸗ liefert wurden, die Hugenotten, ungeactet der Nachtheil ſtets auf ihrer Seite blieb, nicht beſiegen konnten, ſo entſchloß ſich der Koͤnig, auf geheimen Wegen dasjenige 82 zu vollfuͤhren, was ihm durch offene Ge⸗ walt nicht gelingen wollte; er bewilligte ihnen den Frieden unter ſo vortheilhaften Bedingungen, wie ſie der Sieger mit den Waffen in der Hand zu verlangen, ſich kaum getraut haͤtte. Um ihnen jeden moͤglichen Zweifel in ſeine Aufrichtigkeit zu benehmen, verbannte der Koͤnig aus ſeinem Staatsrath ſaͤmmtliche Mitglieder, die ihnen verdaͤchtig oder Geſchoͤpfe des Hauſes Guiſe waren, ſchien dieſe Fuͤrſten mit auffallender Kaͤlte zu behandeln und ſchmeichelte dem Admiral mit der Hoff⸗ nung, daß er die zur Unterſtuͤtzung der Empoͤrung in den Niederlanden gegen Philipp II. nach Flandern beſtimmte Ar⸗ mee commandiren werde. Alle dieſe Maaß⸗ regeln hatten einen ſolchen Anſtrich von Wahrſcheinlichkeit, daß der Spaniſche Ge⸗ ſandte ſie ſeinem Monarchen anzeigte und nun den Befehl erhielt, mit dem Herzog von Guiſe eine Verbindung anzuknupfen; es fanden hierauf mehrere geheime Zu⸗ S„ S e e S— e⸗ n n ch n it 15 . es en nd er en r⸗ on e⸗ nd 09 n; 53 ſammenkuͤnfte zwiſchen beiden Statt, und an verſchiedenen Orten wurden Berathun⸗ gen gehalten, bei welchen der Herzog von Aumale, der Herzog von Mayenne, der Kardinal von Lothringen und der Erz⸗ biſchof von Lyon zugegen waren. Dort wurde auf einen Plan, womit ſich der Herzog von Guiſe in Rom zur Errichtung der Ligue verſehen hatte, die erſte Grund⸗ lage zu jenem ſchrecklichen Buͤndniſſe ge⸗ legt. Die Koͤnigin war zu gut bedient, als daß ihr die Komplotte derſelben haͤt⸗ ten verſchwiegen bleiben koͤnnen; allein ihr Plan, den Calvinismus mit einem ein⸗ zigen Streiche zu Boden zu ſtrecken, be⸗ ſchaͤftigte ſie ausſchließlich, ſie hielt ſie daher ihrer Aufmerkſamkeit unwuͤrdig. Alle die aͤußerlichen Beweiſe von Hochachtung und Vertrauen, womit man den Admiral, den eitelſten aller Sterb⸗ lichen, uͤberhaͤufte, waren dennoch nicht hinreichend, ihn an den Hof zu locken; 54 baher entſchloß ſich die Koͤnigin, ihn durch eine Maaßregel zu blenden, welche das Intereſſe beider Theile mit einer unauf⸗ loͤsbaren Kette zu verknuͤpfen ſchien; ſie that ihm den Antrag, Margarita von Frankreich, mit Heinrich, Koͤnig von Na⸗ varra und Oberhaupt der Hugenotten, zu vermaͤhlen; der Abbs von Elbeine begab ſich zu Johanna von Albret, deſſen Mut⸗ ter, um uͤber die Artikel der Vermaͤhlung Ruͤckſprache zu nehmen und dieſe Ange⸗ legenheit zu reguliren, und Johanna kam an den Hof, dort ſolche zu vollziehen. Nun unterrichtete die Koͤnigin ihre Tochter Margarita von der getroffenen Wahl; ſie ſtand in dem Wahne, ihr eine angenehme Nachricht mitzutheilen, und nachdem ſie Margariten eines Tages in ihr Kabinet gerufen hatte, ſagte ſie ihr, daß der Koͤnig darauf bedacht ſey, ſie zu verſorgen, und daß er, um die Entfernung von ihrer Familie ſo viel als moͤglich ein⸗ S„—„ e„ — vS V S 5* — S 8 zuſchraͤnken, die Abſicht habe, ſie mit dem Koͤnige von Navarra, einem jungen Prin⸗ zen, der zu großen Hoffnungen berechtige, und als muthmaßlicher Erbe der Krone nach ihren Bruͤdern betrachtet werden koönne, zu vermaͤhlen. Die Koͤnigin er⸗ ſtaunte, aber, als ſie die Prinzeſſin fuͤr alle dieſe Vortheile unempfindlich fand; anfaͤnglich bildete ſie ſich ein, daß Be⸗ ſchaͤmung ſie verhindere, ihre Freude laut werden zu laſſen, allein ſie erkannte ihren Irrthum, nachdem ſie Margariten mit muͤtterlichen Bitten aufgefordert hatte, ihr ohne Zuruͤckhaltung ihr Herz offen darzu⸗ legen, und dieſe ihr nun mit kaum zuruͤck⸗ gehaltenen Thraͤnen erwiederte:„Es ſey ihr innigſter Wunſch, daß der Koͤnig ſie einem Prinzen nicht beſtimmen moͤchte, der ſich zu einer, von der ihrigen verſchiedenen Religion bekenne; daß die Folgen davon nur ungluͤcklich ſeyn wuͤrden, und daß, im Falle der kuͤrzlich erſt von Sr. Majeſtaͤt den Hugenotten bewilligte Frieden ge⸗ 56 brochen werbe, ſie in die ſchreckliche Noth⸗ wendigkeit verſetzt werden wuͤrde, ſich als Feindin ihrer Familie oder ihres Gemahls zu erklaͤren.“ Dieſe ſcheinbar triftigen Gruͤnde, hin⸗ ter denen jedoch der Prinzeſſin Verbindung mit dem Herzoge von Guiſe verborgen lag, wurden von dem ſcharfen Blicke der Koͤ⸗ nigin ſogleich durchſchauet; ſite antwortete daher ihrer Tochter, daß ſie ſich anmaße, etwas zu tief in die Zukunft einzudringen, daß das zu befuͤrchtende Ungluͤck auch vielleicht ſich nicht ereignen koͤnne, daß es bekanntlich der Prinzeſſinnen Loos ſey, dem Wohl der Staaten geopfert zu wer⸗ den und daß mit einem Worte, der Koͤnig uͤber dieſe Vermaͤhlung mit der Koͤnigin von Navarra voͤllig einverſtanden und nicht Willens waͤre, ſeinen Entſchluß zu aͤndern. Hierauf entfernte ſie ſich, und ließ ihre Tochter mit unausſprechlichem Schmerze kämpfend zuruͤck. Der erſte lindernde Bal⸗ 57 5⸗ ſam, den ſie gegen ein ſo großes Uebel 8 fand, beſtand darin, den Herzog von Guiſe 18 davon zu unterrichtenz ſie verſchloß ſich in ihr Kabinet und theilte ihm ihre Lei⸗ den durch Thraͤnen, deren Spuren auf dem 5 Papiere ſichtbar blieben und durch die g K Zärtlichkeit ihrer Zeilen mit: „Die Koͤnigin macht mir,“ ſchrieb ſie, e„in dieſem Augenblick die Neuigkeit bekannt, , daß meine Vermaͤhlung mit dem Koͤnige , von Navarra beſchloſſen ſey; dieſer uner⸗ b wartete Schlag hat mich mit einer ſolchen 6 Heftigkeit getroffen, daß ich noch ganz 8 davon betäubt bin. Ich will mich der— „ Verzweiflung nicht eher uͤberlaſſen, bis Sie mir geſagt haben, daß mein Ungluͤck unvermeidlich iſt. Ich hatte mich dazu be⸗ ſtimmt die Ihrige zu werden, koͤnnen Sie es dulden, daß man Ihnen Ihr Eigen⸗ thum entreißt? Erinnern Sie ſich unſerer gegenſeitigen Schwuͤre; die Gefahr, Sie zu verlieren, läßt es mich jetzt erſt em⸗ ————— pfinden, wie theuer Sie mir ſind; es be⸗ unruhigt mich der Andrang ſo vieler Em⸗ pfindungen, daß ich, um ſie Ihnen zu ſchreiben, mehr Zeit, als mir zu Gebote ſteht, dazu bedarf, ach! und doch wuͤnſche ich, daß Sie die Stimmung meiner Seele kennen mächten. Beſprechen Sie ſich mit der Thorigni, vielleicht laͤßt ſich eine ge⸗ heime Unterredung veranſtalten, und ſeyn Sie uͤberzeugt, daß wenn mein Leben dem Konige angehören ſoll, mein Herz ewig und ungetheilt Ihr Eigenthum bleiben wird.“ Dieſe Nachricht verwundete zu gleicher Zeit die Liebe und den Ehrgeiz des Her⸗ zogs von Guiſe und warf ihn der Be⸗ ſtuͤrzung in die Arme. Mit einem Blicke ſah er ſogleich deren verderbliche Folgen, die Stuͤtze, welche durch dieſe Vermaͤhlung dem Hauſe Bourbon erwachſen muhßte, und die dadurch natuͤrlicherweiſe zwiſchen dem Schwiegerſohn, der Schwiegermutter ⸗ 59 und den Schwaͤgern entſtehenden Verbin⸗ dungen voraus; wenn er ſich aber Mar⸗ garitens Reize in der Gewalt eines Ge⸗ mahls dachte, ſo verwandelte ſich ſein Schmerz in einen ſolchen Anfall von Wuth, daß er im Begriff ſtand, ſich ſelbſt ins Verderben zu ſtuͤrzen, und ſich von der Zeit an ein ſo heftiger Haß gegen die Koͤnigliche Familie in ſeiner Bruſt entzuͤn⸗ dete, daß ihn derſelbe mehr noch als ſein Ehrgeiz dozu antrieb, an deſſen Unter⸗ gange zu arbeiten. Sobald er ſich von ſeiner Beſtuͤrzung etwas erholt hatte, ver⸗ abredete er mit Fraͤulein Thorigni einen Plan, die Prinzeſſin ins geheim zu ſprechen und nachdem ſie von ihm gegangen war, beſchäftigte er ſich ausſchließlich damit, daß er Mittel erſann, wodurch das dro⸗ hende Ungewitter abgewandt werden konnte. Er wandte ſich an den Paͤpſtlichen Nun⸗ zius; vermochte ihn dazu, daß er ſich zum Koͤnige begab, und ihm die Folgen einer ſolchen Verbindung vorſtellte, die dahin 60 zielte, daß einſt den Thron der Chritlichen Koͤnige ein Ketzer beſteigen wuͤrde; allein der Koͤnig, dem der einmal ſo weit ge⸗ diehene Plan aus geheimen Urſachen gefiel, empfing den Nunzius und ſeine Warnun⸗ gen mit einer Kaͤlte, die dieſer dem Roͤ⸗ miſchen Hofe anzuzeigen fuͤr nothwendig hielt; auf ſeine Berichte ließ nun der Papſt im Marsfelde jene kraͤnkende Bulle anſchlagen die der Koͤnigin von Navarra ein Interdikt auferlegte und alle ketzeriſchen Prinzen fuͤr unfähig erklaͤrte, zur Krone gelangen zu koͤnnen. Waͤhrend der Herzog von Guiſe be⸗ fliſſen war, den Abſichten des Hofes alle dieſe Hinderniſſe in den Weg zu legen, bruͤtete die Koͤnigin, welche die Seinigen und die Weigerung ihrer Tochter durch⸗ ſchauet hatte, daruͤber, wie ſie durch das wirkſamſte Mittel ſchnell zum Ziele gelan⸗ gen konnte; auf ihr Anſtiften ließ der Koͤnig in Beiſeyn des Herzogs von Anjon 61 den Herzog von Guiſe zu ſich rufen, und ohne ihm andere Gruͤnde, als ſeinen Wil⸗ len zu erkennen zu geben, ſagte er ihm, daß er wuͤnſche, daß er ſich vermaͤhlen moͤchte und er ihm zur Befolgung ſeiner Befehle acht Tage Zeit laſſe Der Her⸗ zog betheuerte, daß es ſeine Pflicht ſey, ſich den Befehlen Sr. Majeſtät zu unter⸗ werfen und wurde ohne etwas Gewiſſes verſprochen zu haben, entlaſſen. Ungeach⸗ tet des heftigſten Zornes, der ſich ſeiner Seele bemächtigt hatte, und ihn zu Ent⸗ ſchluͤſſen reizen konnte, die ſeinem Gluͤcke verderblich werden mußten, ſah er doch ein, daß hier Verſtellung noͤthig ſey. Er verſammelte daher die Mitglieder ſeiner Familie, und verlangte ihre Meinung zu hoͤren, nachdem man indeß die Quellen des Hofes waͤhrend des Friedens mit den Calviniſten, die nur darauf warteten, ihre Macht gegen die Oberhäupter der Ligue zu gebrauchen, genau unterſucht hatte, war man einſtimmig der Meinung, daß er auf ——— 62 die Verbindung mit der YPrinzeſſin ver⸗ zichten, und daß ihr Streben nur dahin gerichtet ſeyn muͤſſe, in Geheim das An⸗ ſehen der Ligue zu erweitern, damit ſie im Stande ſey, der um ſich greifenden Herrſchaft des Hofes Schranken zu ſetzen. Der Herzog von Guiſe ſann alſo jetzt nur darauf, in der bevorſtehenden Unterredung mit der Prinzeſſin dieſe dahin zu ſtim⸗ men, der Vermaͤhlung mit dem Koͤnige von Navarra durch Liſt oder die Macht der Bitten wo moͤglich auszuweichen, wenn es ihr indeß nicht gelingen wolle, auf eine Art zu gehorchen, die ihr die Befugniß uͤbrig ließe, einſt gegen den erzwungenen Gehorſam proteſtiren und ſobald es die Gelegenheit und eingetretene Gluͤcksum⸗ ſtaͤnde nothwendig machten, die Verbin⸗ dung mit dem Koͤnig fuͤr nichtig erklären zu koͤnnen. Wäͤhrend dieſer Zeit erzaͤhlte Fraͤulein Thorigni, die mit den Vorbereitungen zu 63 der geheimen Zuſammenkunft des Herzogs und der Prinzeſſin beſchaͤftigt war, in Ge⸗ genwart der Frau von Curton, daß ſie in der verfloſſenen Nacht von einem ſchreck⸗ haften Traume gepeinigt ſeh; es habe ihr nämlich getraͤumt, man beraube ſie eines Koffers, der in der Wohnung ihres Vet⸗ ters ſtebe und worin ſich der groͤßte Theil ihres kleinen Vermoͤgens eingeſchloß⸗ ſen befinde; ſie bitte daher die Prinzeſſin ihr zu erlauben, daß ſie ihn hieher in ihr Zimmer bringen laſſe, damit ſie von der nnaufhoͤrlichen Angſt ihr Eigenthum zu verlieren, befreiet werden moͤchte. Die Prinzeſſin bewilligte es ſogleich, und wäh⸗ rend der Abendtafel des Koͤnigs trugen vier Unbekannte den Herzog von Guiſe in das Schlafgemach des Fraͤuleins von Thorigni, die mit der Prinzeſſin einen Fluͤgel bewohnte. Der Gram flieht die jugendlichen Herzen, die Freude iſt ihnen ſo natuͤrlich, daß die Hoffnung des Vergnügens ſie alle Urſache zum Schmerze vergeſſen laͤßt. Wenn Margarita bei der Abendtafel des Koͤnigs daran dachte, daß ſich in dieſem Augenblick der vom Hofe ſo gefuͤrchtete, von Frankreich angebetete und der ganzen Welt geachtete, maͤchtige Herzog von Guiſe, eingeſchloſſen in einem Koffer in der Ge⸗ walt von vier Unbekannten aus keinem andern Grunde befand, als nur mit ihr ſich unterreden zu koͤnnen, ſo konnte ſie weder ihr Entzuͤcken, noch ihre Unruhe, am wenigſten aber ihre Ungeduld ihn zu ſehen, maͤßigen. Sie war die Erſte, welche von der Tafel aufſtand und ſich hinweg begab. Sogleich eilte ſie nach dem Zim⸗ mer des Fraͤuleins von Thorigni, wo der Herzog hinter den Umhaͤngen des Bettes verborgen harrete. Die Beſorgniß von der Frau von Curton, die hin und herging, uͤber⸗ raſcht zu werden, ließ ihr kaum ſo viel Zeit uͤbrig, daß ſie ihm ſagte, er moͤchte nicht ungeduldig werden, ſie wolle ihre 65 Dienerſchaft zum Schlafengehen entlaſſen und der Thorigni ſodann den Auftrag geben, ihn zu ihr zu fuͤhren. Nun be⸗ gab ſie ſich an ihre Toilette und vergaß an ihrem naͤchtlichen Kopfputz nichts, was ihre Reize heben konnte, dabei fand ſie ſich in einem bloßen Hemde, wodurch ihre Reize nur ſchwach verdeckt wurden, ſo ſchoͤn, daß ſie unter dem Vorwande zu warm zu ſeyn, ſich ohne ihr Corſet anzu⸗ nehmen, zu Bette legte; eine einfache wattirte ſeidene Decke verhuͤllte ſie bis uͤber die Huͤften und ließ die zauberiſche Form ihres ſchoͤnen Koͤrpers zur Genuͤge beurtheilen. In dieſem Zuſtande erwar⸗ tete die Prinzeſſin ihren Geliebten mit einer Ungeduld, die ihre Augen mit jenem Feuer beſeelte, dem Jugend und Liebe eine ſo hinreißende Macht verleihen. Endlich erſchien er in Thorignis Be⸗ leitung, die eine Blendlaterne trag, ſo⸗ * 9, bald aber die vereinten Strahlen des Der ſchw. Vund, 5 656 Lichts die Prinzeſſin und alle ihre Reize trafen, fuͤhlte ſich der Fuͤrſt von dieſem Anblick und dem Bedanken, ſie verlieren zu muͤſſen, ſo ergriffen, daß er auf einen dem Bette nahe ſtehenden Lehnſeſſel ſank; ſogleich machte Fraͤulein Thorigni, in der Abſicht den Liebenden zu dienen, die Be⸗ merkung, daß ſie beſorge, die Lichtſtrahlen koͤnnten durch irgend eine Oeffnung drin⸗ gen, und Frau von Curton, die in dem angrenzenden Zimmer ſchlief, aufwecken, ſie ſchloß daher die Laterne, und zog ſich ſo weit als moͤglich zuruͤck. Anfaͤnglich ereiferten ſich die Liebenden gegen die Majeſtäten; die Koͤnigin Mutter und der Koͤnig wurden mit den ſchwärzeſten Far⸗ ben dargeſtellt, es wurde ihnen Tyrannei und Grauſamkeit vorgewörfen, und nichts geſpart, ſie und ihre Abſicht in der ge⸗ häſſigſten Geſtalt erſcheinen zu laſſen; al⸗ lein da die nahe Gelegenheit gluͤcklich zu ſeyn, bald den Gedanken an ihre Leiden „ e — S„— S— eize ſem ren nen nk; der verſcheuchte, ſo fiel die Unterredung natuͤr⸗ lich auf ihre Liebe. Der Herzog von Guiſe ſchilderte die Seinige mit ſo leidenſchaftlichen Ausdruͤcken und Margarita antwortete mit ſo zaͤrt⸗ lichen Betheurungen, daß ſie beide die Furcht entdeckt zu werden vergaßen, und das Geraͤuſch ihres Geſprächs bis zu den Ohren der entfernt lauſchenden Thorigni drang. Dieſe unterbrach daher ihr Ent⸗ zuͤcken mit der warnenden Bitte, leiſer zu reden, weil ſonſt Frau von Curton unfehl— bar davon aufgeweckt werden wuͤrde. Der Herzog benutzte dieſen Rath, ruͤckte ſo nahe als moͤglich und bei dieſer Gelegen⸗ heit begegnete ſein Mund den Lippen der Prinzeſſin. Zwar verſuchte dieſe zu wi⸗ derſtreben, allein des Herzogs Kraft und ihre eigne Schwaͤche befoͤrderten ſeine Ab⸗ ſicht, und ſchnell raubte er ihr einen Kuß, der in den Herzen beider Liebenden glu⸗ hendes Feuer entzuͤndete. 68 Dieſe Ueberraſchung noͤthigte die Prin⸗ zeſſin, ihre Lage zu verändern und ſeiner Kuͤhnheit Einhalt zu thun; ſie ergriff die eine Hand des Herzogs und ſprach: „Lieber Herzog, im Namen unſerer Liebe, maͤßigen Sie Ihre Vermeſſenheit; erlauben Sie mir, daß ich die Reize un⸗ ſerer Unterredung in mein Gedaͤchtniß zu⸗ ruͤckrufen darf, ohne meine Pflicht zu ver⸗ letzen, und verhuͤten Sie, daß der Ge⸗ danke an das Verbrechen die Unſchuld unſers Entzuͤckens ſtoͤre. Ich liebe Sie, ich fuͤhle, daß ich Sie ewig lieben werde; weil aber das Geſchick uns verbietet, vor dem Altar vereint zu werden, ſo beſchrän⸗ ken Sie Ihre Wuͤnſche auf den Beſitz meines Herzens. Haätte ich die Folgen dieſer Zuſammenkunft vorher ſehen koͤnnen, ich wuͤrde mich ihr nicht ausgeſetzt haben. Geben Sie mir keine Veranlaſſung, dar⸗ uͤber, was ich fuͤr Sie gethan habe, Reue zu empfinden.“ —„—„„——„„ — —* ———————— 69 „Prinzeſſin,“ antwortete der Herzog, „Sie ſind ſo ſchoͤn und ich bin ſo verliebt, daß Sie ungerecht ſeyn wuͤrden, wenn Sie das Geringſte von dem, was ich thue, ſtrafbar finden, oder mir Schuld geben wollten. Ich bin nicht mehr Herr meiner ſelbſt, und die Liebe uͤbt uͤber mich eine ſo unwiderſtehliche Gewalt aus, daß ſie mich für Alles, außer den unwillkuhrlichen Em⸗ pfindungen, die ſie in mir aufwallen laͤßt, unempfindlich macht.“ Die Unterredung begann nun wieder lebhaft und feurig zu werden und die fuͤr Alles uͤbrige erblindete Leidenſchaft hätte vielleicht ohne Ruͤckſicht auf die Geburt und die Scham der Prinzeſſin den Sieg gerungen, waͤre der Herzog durch ein un⸗ erwartetes Ereigniß nicht zur Flucht ge⸗ noͤthigt worden. Buͤſſi, einer der vollkommenſten Ebel⸗ leute ſeines Zeitalters, war ein warmer Anhaͤnger und Verehrer des Herzogs von Alenzon. Seine Verdienſte reizten die Eife ucht der Guͤnſtlinge des Herzogs von Anjou, und verwickelten ihn ſo oft in Streitigkeiten, doß kaum ein Tag ohne Zweikampf voruͤberging, worin dieſer Tap⸗ fere nicht den Vortheil auf ſeiner Seite hatte. Er war am rechten Arme, den er in einer Binde trug, verwundet und per⸗ ließ mit ſechs Andern die Zimmer des Herzoas von Alenzon gegen Mitternacht, als er ploͤtzlich von funfzig Unbekannten uͤberfallen wurde; dieſer Trupp feuerte ſeine Gewehre auf ihn ab, da er aber in der Dunkelheit ſein Ziel verfehlte, ſo griff er zu den Schwertern. In einem an An⸗ zahl, wie an Tapferkeit ſo ungleichen Ge⸗ fechte woren die Angreifenden wenigſtens Zehn gegen Einen. Der Laͤrm drang bald ins Innere des Louvre. Die Koͤnigin Mutter von der Beſorgniß angetrieben, daß ihre Soͤhne ſich in die Gefahr miſchen konnten, ſtand auf, und eilte nach dem 2V) „—„—— 8 N—— — 71 Zimmer des Herzogs von Anjou, den ſie mehr als die Uebrigen liebte; zugleich be⸗ fahl ſie, die Prinzeſſin aufzuwecken, damit dieſe ſich zum Herzoge von Alenzon be⸗ gaben, und die Ausbruͤche ſeines Zorns, einer Leidenſchaft, die ihn ſehr oft be⸗ herrſchte, beſanftigen könnte. Dieſem zu⸗ folge erſchien die Frau von Nevers und lopfte ziemlich ungeſtuͤm an Margaritens aͤußere Thuͤr. Jetzt wandelte den Herzog Angſt an, ein Gefuhl, das ihm ſonſt nicht gewoͤhnlich war, und waͤhrend Fraͤulein Thorigni ſich ſtellte, als ob ſie ſich an⸗ kleidete, ſie ſich jedoch im Gegentheile aus⸗ kleidete, ſchlich er uber den Balkon in ihr Schlafzimmer, und ſah im Vorubergehen die verwirrt durch einander laufenden Hof⸗ leute und Bedienten. Dieſe Verwirrung ließ ihn den Verſuch wagen, von der Dun⸗ kelheit beguͤnſtigt das Zimmer zu verlaſſen⸗ und da er ſich unbemerkt unter die Uebrigen miſchte, ſo gab er vor daß die Kunde von dem Gefechte, als er voruͤbergegangen, zu — 72 ihm gedrungen und er nun nach dem Lou⸗ vre geeilt ſey, der Koͤnigin ſeine Dienſte anzubieten. Nachdem der Herzog von Guiſe bie⸗ ſer Gefahr gluͤcklich entronnen war, ſann er ernſtlich darauf, ſich gegen den Zorn des Koͤnigs zu ſichern, und vermählte ſich zwei Tage ſpater mit der Herzogin von Cleves, Wittwe des Grafen von Porcian. Margaritens Vermaͤhlung mit dem Koͤnige von Ravarra fand beinahe zu gleicher Zeit Stattz wahtend der Zubereitungen ſtarb Johanna Albret, deſſen Mutter, nicht ohne den Verdacht zu erregen, daß ſie vergiftet worden. Dieſes Ereigniß waͤre dazu ge⸗ eignet geweſen, dem Admiral die Augen zu öffnen, wenn das Verhaͤngniß nicht oft Gefallen daran faͤnde, das Auge der menſchlichen Klugheit zu verdunkeln; allein dieſes Oberhaupt der Pugenotten blieb fuͤr jedes Gefühl, außer der Hoffnung, womit er ſich ſchmeichelte, daß er das Koͤnigliche 73 Heer befehligen wuͤrde, unempfinblich, und wenn er in Erwaͤgung zog daß er an der Spitze eines Haufens aufgeraffter Solda⸗ ten, die ohne Geld und viermal beſiegt waren, ſeine Parthei doch am Ende noch einen vortheilhaften Frieden erwirkt, und fuͤr ſich ſelbſt unſterblichen Ruhm erwor⸗ ben hatte, ſo rechnete er, mit einer diszi⸗ plinirten und reichen Armee unter ſeinen Befehlen, zum wenigſten auf das Gluͤck und den Ruhm eines Alexander. Er be⸗ gab ſich daher an den Hof, um im Staatsrathe fuͤr den Krieg in Flandern zu ſprechen, den man, um ihn anzulocken, zum Gegenſtand der Berathungen gewaͤhlt hatte.— An dem zur Vermaͤhlung der Prin⸗ zeſſin beſtimmten Tage erbauete man ein Geruͤſte im Vorhofe von Notre Dame zu Paris; das Braut-Paar wurde dahin ge⸗ fuͤhrt und die Feierlichkeit der Vermaͤh⸗ lung von dem Kardinal von Bourbon be⸗ 74 gonnen; ſobald aber das ungluͤckliche Ja ausgeſprochen werden ſollte, deſſen heilige Kraft beide Tbeile unauflosbar bindet, konnte man die Prinzeſſin, die es fuͤr den Herzog von Guiſe um jeden Preis vorbe⸗ halten wollte, auf keine Weiſe dazu ver⸗ moͤgen es auszuſprechen. Die Geiſtes⸗ gegenwart des Koͤnigs erſetzte, was ihre Holsſtarrigkeit weigerte, er legte ſeine Hand auf ihr Haupt, noͤthigte dieſes durch einen Druck zu einer Verbeugung und da es der Geiſtliche fuͤr ein Zeichen der Ein⸗ willigung hielt, ſo brachte er die Zeremo⸗ nie ohne Stoͤrung zu Ende. Pierauf zog ſich der König von Navarra, während Meſſe geleſen wurde, mit den vornehmſten Calviniſten in den Erzbiſchoͤflichen Pallaſt zuruͤck. Unter dem Vorwande, die Feierlichkeit der Vermählung zu vermehren, hatte die Königin Mutter alle Fuͤrſten aus dem Hauſe Lothringen dazu eingeladen. Ihrer 75 liſtigen Politik war daran gelegen, auf dieſe Art den Hoſſtaat zu vergroͤßern, da⸗ mit ſie alle Oberhaͤupter der Hugenotten inſchließen konnte, und die koͤnigliche Parthei durch die Vereinigung ſo vieler Katholiſchen Großen zugleich an Macht gewann. Als ſich nun die Sachen ihrer Ent⸗ ſcheidung naͤherten, hielt der Koͤnig eine geheime Berathung, wo außer der Koͤni⸗ gin Mutter nur der Herzog von Anjou und der Herzog von Guiſe zugelaſſen wurden. Hier war es, wo er dieſem Letz⸗ tern zum erſten Male die Grundzuͤge und Fortſchritte ſeiner Abſichten gegen die Hu⸗ genotten entdeckte, und ihm, indem er ſei⸗ nen Ehrgeiz und ſeine Rachſucht durch die Erinnerung an den Tod ſeines Vaters aufreizte, den Auftrag gab, den Admiral auf jede beliebige Art aus dem Wege zu ſchaffen, die er fuͤr das auszuuͤbende Ver⸗ geltungsrecht am angemeſſenſten halte; — 76 dabei warnte er ihn insbeſondere, ohne die Gewißheit des Gelingens nichts zu unter⸗ nebmen und über das im Werke ſeyende Vorhaben das ſtrengſte Stillſchweigen zu beobachten. Er unterrichtete ihn von ſei⸗ nem Entſchluſſe, den Koͤnig von Navarrg aus dem Blutbade zu retten, nicht, weil er beſorgte, daß dadurch der Eifer der Ligue, bei einer Gelegenheit, wo er deſſen ſo ſehr bedurfte, erkalten moͤchte. Daher ſtand der Herzog von Guiſe einige Tage hindurch in dem Wahne, daß ſeine Liebe und ſein Ehrgeiz von einem ſo gefährlichen Nebenbuhler in Kurzem ohne ſein Zuthun befreit werden wuͤrden, Unter den Edelleuten, die der Herzog von Guiſe beſoldete, befand ſich Maurevel, ſein vormaliger Page, ein Mann, deſſen Rachſucht bis zur Wuth ſtieg. Er hatte ſeinen Hofmeiſter wegen einer von dem⸗ ſelben erhaltenen Zuͤchtigung, ermordet. Der Fuͤrſt ließ ihn zu ſich rufen, und 77 ohne ihm von dem Antheil, den der Hof⸗ an dieſem Morde hatte, Kenntniß zu ge⸗ ben, ertheilte er ihm den Befehl, den Ad⸗ miral bei der erſten ſich darbietenden Ge⸗ legenheit, umzubringen. Maurevel verbarg ſich mit einer mit drei Kugeln geladenen Buͤchſe in einem niedern Gemache eines Kanonikus von St. Gemain Auperrois, und ſchoß von hier aus auf den Admiral, der das Louvre verließ. Da er aber von der Seite zielen mußte, ſo traf die La⸗ dung nur den Arm des Admirals, den die Kugeln zerſchmetterten, deſſen Knochen ihm jedoch das Leben retteten. Der Moͤrder entwich durch eine Hinterthuͤr dem darne⸗ ben liegenden Schulgebäude zu, warf ſich auf ein kräftiges Pferd, das ſeiner harrete, und entzog ſich bald den Verfolgungen der Gerechtigteit. Dieſes Mißlingen brachte die Maaß⸗ regeln des Hofes in Verwirrung; der Kö⸗ nig befand ſich gerade beim Ballſpiel, als er die Nachricht davon erhielt, und gerieth entweder aus Verſtellung oder aus Aerger, daß der Fehlſchuß geſchehen war, in einen ſo heftigen Zorn, daß er den Calviniſten allen Verdacht, Antheil an dieſem Mordan⸗ ſchlage gehabt zu haben, benahm. Er be⸗ ſuchte den Admiral, deſſen Wunden zwar bedeutend, aber nicht toͤdtlich befunden wurden, in Perſon, und gab ihm, unter dem Vorwande, ihn gegen neue Angriffe ſeiner Feinde ſicher zu ſtellen, einen Theil ſeiner eignen Leibwache, damit er ihm nicht entrinnen konnte. Dieſes theilnehmende und ſchmeichel⸗ hafte Benehmen verhinderte doch die Cal⸗ viniſten nicht, ſich noch waͤhrend derſelben Nacht im Schlafzimmer des Admirals zu berathſchlagen. Sie beſchloſſen, dem Koͤ⸗ nige am nächſten Tage eine Klagſchrift gegen den Herzog von Guiſe zu uͤber⸗ reichen, worin ſie ſich, wegen des auf ſei⸗ nen Befehl veruͤbten Mordanſchlags Recht 79 zu verſchaffen ſuchen wollten; und in der Vorausſetzung, daß ſie keine yinlaͤngliche Genugthuung erhalten wuͤrden, kamen ſie darin uͤberein, ihn aus Paris fortzuſchaf⸗ fen, und ſich ſeiner Perſon zu bemächti⸗ gen. Der Koͤnig ließ ſeinerſeits ſeinen ge⸗ heimen Rath, mit Ausnahme des Herzogs von Guiſe, dem der Eintritt in das Lou⸗ vre den ganzen Tag verboten wurde, ver⸗ ſammeln, gab ihm jedoch im Geheim Be⸗ fehl, ſich der Hauptleute der verſchiedenen Stadtviertel, wo ſein Namen in beſonderm Anſehen ſtand, zu verſichern. Die von dem Entſchluſſe der Calviniſten unterrich⸗ tete Koͤnigin drang im Rathe darauf, daß der Zweck der Verſchwoͤrung beſchleunigt werden ſollte. Der Koͤnig uͤbertrug nun dem Herzoge von Guiſe die Ausfuhrung aus zweierlei Gruͤnden; erſtlich, konnte dieſer das Ziel nicht erreichen, ohne ſein Leben der Gefahr auszuſetzen, beſondere 80 Vortheile aber dabei nicht erringen, weil, wenn die Calviniſten uͤberwältigt wurden, die Ligue von ſich ſelbſt auſhören mußte; und zweitens, mißlang die Ausfuͤhrung des Plans, ſo fiel der von einer ſo grau⸗ ſamen Handlung unzertrennliche Haß auf ihn, den Vollſtrecker derſelben. Der Her⸗ zog nun uͤbernahm die Ausfuͤhrung aus zwei ganz verſchiedenen Gruͤnden; gelang die Verſchwoͤrung, ſo bereitete ſie allen ſeinen Feinden und insbeſondere dem Koͤ⸗ nige von Navarra, der ihm, ſeiner Mei⸗ nung nach nicht entrinnen konnte, den Un⸗ tergang; mißgluͤckte ſie, ſo verſchaffte die Gefahr, worin die Religion ſchwebte, den verbuͤndeten Katholiken, deren Chef er war, einen Vorwand, zu den Waffen zu greifen, wozu ihnen bisher alle Bemuͤhungen der Politik keine Gelegenheit gegeben hatten. Da nun Jedermann, ſogar die Ko⸗ nigin Mutter, ſeine Rechnung dabei fand, weil dieſe mit Grund vorausſetzte, daß —₰—„„— ——„ S— di te v0 30 nu da R er die Folgen einer ſo gewaltſamen Hanblung den Konig ſo ſehr in Geſchäfte verwickeln wuͤrden, daß er ihres Beiſtandes nicht wuͤrde entbehren koͤnnen; ſo wurde die Ausfuͤhrung in der kommenden Nacht, die dem heiligen Bartholomaͤus Tage voran⸗ ging, feſtgeſetzt. Die Hauptleute der Stadtviertel, welche des Herzogs von Guiſe Befehle empfangen hatten, begaben ſich mit der Abenddämmerung nach dem Louvre und wurden in das Kabinet des Koͤnigs eingefuͤhrt. Se. Majeſtaͤt gab ihnen zu verneh— men, daß, da er den Calvinismus durch die Gewalt der Waffen nicht habe ausrot⸗ ten können, er die geſchickteſten Caſuiſten von Frankreich und Italien zu Rathe ge⸗ zogen habe, die Alle einſtimmig der Mei⸗ nung waͤren, daß jedes Mittel, welches dazu diene, das Chriſtenthum in ſeiner Reinheit zu erhalten, rechtmäßig ſey;z daß er alle Tage von den Hugenotten ange⸗ Der ſchw. Bund. 6 zettelte Verſchwoͤrungen gegen ſein Leben und die Ruhe des Staats entdecke, daß die Jrrthuͤmer der Ketzer viele der Mo⸗ narchie zuwider ſtrebende Grundſaͤtze ver⸗ breiteten, und daß, um die Buͤrgerkriege ſchnell zu enden und dem daraus entſtehen⸗ „den endloſen Ungluͤck zuvorzukommen, er ſich mit einem Worte entſchloſſen habe, im ganzen Koͤnigreiche alle hartnaͤckigen Calviniſten zu vertilgen, die ſich bis jetzt geweigert haͤtten, zur Bekehrung ihre Zu⸗ flucht zu nehmen. Er befehle ihnen daher, Sorge zu tragen, daß die Buͤrgerſchaft die Waffen bereit halte, um beim erſten Gelaͤute der Glocke des Pallaſtes unter den Befehlen des Herzogs von Guiſe in die Haͤuſer der Hugenotten einzudringen und keinen von den Ketzern zu verſchonen. Der geringe Zwiſchenraum, welchen die Koönigin zwiſchen dem Befehle und der Vollziehung deſſelben ließ, und der kaum hinreichend war, die Buͤrger zu be⸗ ——„ nachrichtigen, war ein Verhinderungsgrund, 6 daß ein unter ſo viele Individuen ver⸗ k theiltes Geheimniß verrathen wurde; denn es war kaum Mitternacht geworden, ſo 30 ließ ſie das Zeichen geben, ohne den letz⸗ B ten Entſchluß des Königs abzuwarten, deſſen von Mitleid geruͤhrtes Herz bei dem Gedanken an ein ſo entſetzliches Blut⸗ en bat Reue und Schauder zu empfinden be⸗ tzt gann. Alle Fenſter wurden mit Lichtern und Laternen erleuchtet und man ging bei er⸗ dieſem Gemetzel mit eben der Ruhe zu ft Werke, welche in der Regel vei geſetzlichen 1 Hinrichtungen Statt findet. Ein Beiſpiel von Grauſamkeit, das uns lehren muß, 3 die Milde der gluͤcklichen Regierungen, unter denen wir leben, zu ſchaͤtzen. 1 Der Herzog von Guiſe verließ ſein 3 Hotel an der Spitze von vierhundert Ka⸗ tholiſchen Edelleuten und begab ſich gerade nach der Wohnung des Admirals, deren Thuͤren verſchloſſen gefunden wurden; 84 man nahm daher keinen Anſtand ſie zu erbrechen; das Geraͤuſch drang zwar bis zum Admiral, da er indeß vermeinte, daß der Laͤrmen von Streitigkeiten unter ſeiner Wache herruͤhre, ſo widmete er ihm wenig Aufmerkſamkeit, bis ihm bald darauf ſein Kammerdiener meldete, daß man die zweite Thuͤr geſprengt habe und ſeine Leibwaͤche ſelbſt dabei behuͤlflich ſey; jetzt erſt, wiewol zu ſpaͤt, bereuete er ſeine Leichtglaubigkeit. Da er gaͤnzlich außer Stande war, ſich zu vertheidigen, ſo ſetzte er ſich in ſeinem Bette auf die Knie, rezitirte einen Pſalm Davids nach der Ueberſetzung von Marot, und erwartete den Tod mit einer Kaltblutigkeit, mit der er gewohnt war, die gleichgultigſten Sachen zu verrichten. Ein gewiſſer Besme, Diener des Herzogs von Guiſe, war der Erſte, welcher im Schlafgemach erſchien; als ihn der ehr⸗ — ———1 85 d— wuͤrdige Greis mit dem entbloͤßten Schwerte nahen ſah, ſprach er gelaſſen: „Junger Mann, mein Alter muͤßte dir mehr Achtung einfloͤßen!“ Statt der Antwort erhielt er einen Stoß mit dem Schwerte in die Bruſt, und da Mehrere mittlerweile ebenfalls hin⸗ eingedrungen waren, ſo durchſtießen ſie ihm den Leib und ſogar das Geſicht mit Partiſanen, wodurch er ſo ſehr entſtellt wurde, daß, als man ihn gleich darauf aus dem Fenſter auf das Steinpflaſter des Hofes hinunter ſtuͤrzte, der daſelbſt zuruͤckgebliebene Herzog von Guiſe ſeinen Feind kaum zu erkennen vermochte. Der Leichnam fiel bald nachher dem wuͤthenden Volke in die Haͤnde, das ihn aufs Schaͤnd⸗ lichſte mißhandelte und ihn endlich nach Montfaucon ſchleppte, wo ſeine Huͤlle in der Nacht von den Dienern ſeines Hauſes 86 aufgeſucht, und heimlicherweiſe im Schloſſe von Chantilli begraben wurde. Die Ungeduld des Herzogs von Guiſe, bis er das Schickſal des Koͤnigs von Na⸗ varra erfahren, trieb ihn von dort nach dem Louvre und ſein erſter Weg war nach Margaritens Zimmern; hier ließ ein blu⸗ tiges Ereigniß fuͤr ſeine Liebe ein ſo guͤn⸗ ſtiges Abentheuer entſtehen, als alle Luſt⸗ barkeiten und Feſte nicht wuͤrden hervor⸗ gebracht haben. Ein adelicher Hugenotte, mit Namen Teſan, der durch einen Schwertſtreich am Ellenbogen und einen Partiſanſtich im Arme verwundet war, entfloh den Moͤrdern, die ſich bemuͤheten ihn einzuholen, und da er die Thuͤr zu den Zimmern der Koͤnigin von Navarra zufallig offen fand, ſo ſturzte er ohne Säumniß, einem Verzweifelten gleich, hinein, beſaß indeß noch Geiſtesge⸗ genwart genug, einzuſehen, daß man es D 8 k 87 nicht wagen werde, ihn in den Armen der Fuͤrſtin zu ermorden. Er warf ſich daher zu ihr in das Bette, umklammerte ſie mit der Kraft und Vermeſſenheit, die nur die Furcht vor dem Tode einfloͤßen kann, und verſetzte auf dieſe Weiſe ſeine Henker in die Nothwendigkeit, ihn von ihr zu trennen, weil ſie ſonſt, indem ſie ihn ermordeten, auch die Koͤnigin leicht haͤtten verwunden koͤnnen. Sie bemuͤheten ſich, ihn aus ihren Armen zu reißen, ohne daß Margarita ſelbſt wußte, ob nicht ge⸗ gen ſie die blutigen Waffen gerichtet wa⸗ ren, als gerade der Herzog von Guiſe hereintrat. Ein ſo ſeltſames Schauſpiel reizte ſein Erſtaunen; die Konigin von Navarra im Hemde, von einem wohlgeſtalteten Juͤngling umſchlungen, erregte anfaͤnglich Wuth und Eiferſucht in ſeinem Herzen, indeß einige Ueberlegung, dazu das aus Teſans Wunden fließende Blut, womit 68 der Prinzeſſin Hemde gefaͤrbt war, ließe ihn bald die wahre Beſchaffenheit de Abentheuers errathen. Er befahl der Wache ſich zu entfernen, und ſchenkte dem Edelmann, zu Gunſten der Koͤnigin das Leben, befand ſich aber ſelbſt in einiger Verlegenheit, als er ſich mit ihr allein ſah, da die Angſt ihre ſaͤmmtliche weibliche Dienerſchaft verjagt hatte. Teſan war von Blutverluſte und Margarita von dem Schrecken, den er ihr verurſacht hatte, ohn⸗ maͤchtig geworden, der Herzog wollte daher Beiſtand herbeirufen, als er aber Niemand Sx fand, ſo kehrte er zuruͤck und verſchloß' hinter ſich die Thuͤr, um die Koͤnigin wenigſtens vor einer neuen Gefahr zu ſichern. Teſan hatte inzwiſchen ſein Bewußt⸗ ſeyn wieder erlangt, ließ ſich indeß auf keine Weiſe bewegen, Margaritens Bette zu verlaſſen, ſo ſehr hatte ſich die Furcht vor dem Tode ſeiner Phantaſie bemachtigt 6b u— 1 ⸗ 89 und ihn betaͤubt; der Herzog nahm daher die Ohnmaͤchtige in ſein ne Arme und trug ſie in ein Kabinet auf ein Ruhebette. Bei dieſem Geſchaͤfte mußte nothwendig ſeine Liebe ihre Rechnung finden;z es iſt leicht zu begreifen, daß ein von ſolch einer heftigen Angſt ergriffenes Weib im Hemde, nicht daran gedacht haben konnte, Reize zu verbergen, die ihre Schamhaftigkeit bis⸗ her keinem Auge zur Schau geſtellt hatte. Ihre Arme ruheten nachlaͤſſig ausgeſtreckt auf ihr, ihren entbloͤßten Buſen hob die Macht der Seufzer, die ſich aus ihrer Bruſt heraufdraͤngten, Alles dieſes und der uͤbrige Theil ihres Koͤrpers, der in Unord⸗ nung und faſt unbekleidet vor des Fuͤrſten Augen lag, hatten die Gefuͤhle ſeines Herzens gaͤnzlich verwandelt; Zorn, Blut⸗ durſt und Rache waren erloſchen, ein ſchoͤ⸗ neres Feuer hatte ſich ſeiner Bruſt bemaͤch⸗ tigt, die Ehrfurcht wich dem Drange der Leidenſchaft, die jetzt nicht einmal die Au gen der ohnmaͤchtigen Margarita zu eu⸗ 90 gen hatte, und er erlaubte ſeinem Munde, den ſchoͤnen Koͤrper mit Kuͤſſen zu bedecken, den die Natur vorzugsweiſe mit allen Bollkommenheiten und Reizen gebildet hatte, wodurch die Wuͤnſche der Sterb⸗ lichen ertegt werden konnten. Allein zum Ungluͤck fuͤr ſeine Liebe erwachte die Fuͤr⸗ ſtin ploͤtzlich aus ihrer Betäubung; ſie konnte ihr Erſtaunen daruͤber nicht maͤßi⸗ gen, daß ſie ſich in dieſem Zuſtande den Augen und verwegenen Liebkoſungen des Herzogs preis gegeben ſah; Zorn und Scham zeigten ſich auf ihrem Geſichte, ſie befahl dem Herzoge ſich zu entfernen, als in demſelben Augenblicke ihre Frauen, die ſich von dem Schrecken erholt hatten, an der Thuͤre ihres Zimmers pochten. Es ward geoͤffnet und der Herzog begab ſich nun auf eine ſchickliche Art hinweg, die königliche Familie aufzuſuchen. Im Zim⸗ mer des Koͤnigs fand er den König von Navarra und den Prinzen Condé, welche ſo eben herbei gerufen waren und von dem Koͤnige durch die Furcht vor einem unvermeidlichen Tode gezwungen wurden, Calvins Irrthuͤmern zu entſagen. Carl IX. genoß die Fruͤchte der Bar⸗ tholomaͤus Nacht nur kurze Zeit; die Hu⸗ genotten waren nur in geringer Maße geſchwaͤcht, was ihnen aber an Macht ab⸗ ging, erſetzte ihre Erbitterung, und da der Herzog von Anjou zum Koͤnige von Polen erwaͤhlt war, und gerade im Begriff ſtand, von ſeiner neuen Krone Beſitz zu nehmen, ſo verſchaffte ihnen ſeine Abweſenheit die guͤnſtigſte Gelegenheit, ſogleich zu neuen Empoͤrungen zu ſchreiten. Der Herzog von Alenzon, ein leicht⸗ ſinniger und unruhiger Kopf, den die neue Wuͤrde ſeines Bruders zum Neide reizte. und der vom Koͤnige die Beſtallung als General⸗Lieutenant des Koͤnigreichs nicht hatte erlangen koͤnnen, war entſchloſſen, ſich an ihre Spitze zu ſtellen; der Koͤnig 92 von Navarra, und mit ihm der Prinz von Condé, welche Beide nur gezwungenerweiſe Katholiken waren und am Hofe auf die Unabhaͤngigkeit nicht rechnen durften, die ſie bei ihrer Parthei genießen konnten, hatten ſich ebenfalle im Geheim mit den Rebellen verbunden; alle dieſe heimlichen Maasregeln wurden aber von der ſchlauen Koͤnigin entdeckt. Inzwiſchen war der Koͤnig von einer abzehrenden Krankheit befallen, die ent⸗ weder ihren Urſprung in den heftigen Lei⸗ besbewegungen, als Jagd und der Reit— ſchule, die er leidenſchaftlich liebte, oder einer ploͤtzlich vorgenommenen Reiſe nach Orleans, wo er ſich bei Marie Touchet, einem ſchoͤnen Madchen, in das er verliebt war, erſchoͤpft haben ſellte, oder in dem Gifte, das ihm nach der Behauptung Ei⸗ niger beigebracht worden, hatte, und fuͤhlte, daß ſeine Kraͤfte mit jedem Tage ſchwan⸗ den, um daher das Koͤnigreich dem Her⸗ 93 zoge von Anjou, ihrem zaͤrtlich geliebten Sohne, der ſich gerade in Polen befand, . 7 zu ſichern, ließ die Koͤnigin Mutter den Koͤnig von Navarra und den Prinzen Condé verhaften. Carl, der von Natur zur Heſtigkeit geneigt war, wuͤrde ihnen vielleicht uͤbel mitgeſpielt haben, allein der Himmel, welcher Frankreich mit der glor⸗ reichen Regierung Ludwigs des Großen, des Enkels und wuͤrdigen Abkoͤmmlings Heinrichs IV. begluͤcken wollte, entzog den Koͤnig in ſeinem fuͤnf und zwanzigſten Jahre am Zoſten Mai 1873 der Welt. Nach ſeinem Ableben hielt die Koͤnigin Mutter, ihren argliſtigen Grundſätzen ge⸗ treu, den Koͤnig von Navarra und den Prinzen von Condé in einer Art von Ge⸗ fangenſchaft, die ihnen freiwillig und ſogar ehrenvoll ſcheinen ſollte, und fuͤhrte ſie nach Lyon dem neuen Koͤnige entgegen, der ihnen ſogleich ihre voͤllige Freiheit wiedergab. 94 Die großen Erwartungen, wozu Hein⸗ rich Ill, als er noch Herzog von Anjou war, berechtigte, verbannten in kurzer Zeit die Trauer uͤber den Tod Carl IX. Der Ruf ſeiner Tapferkeit hielt einige Zeit hindurch die Partheien in den Schranken des Gehorſams; ſobald indeß ſeine Ruͤck⸗ kehr und ſein Aufenthalt in Frankreich die Anfuͤhrer der Faktionen in den Stand geſetzt hatten, den Koͤnig auszuforſchen, erkannten ſie bald, daß ſeine Neigungen jener Begierde nach Ruhm ſtracks entge⸗ genliefen, die ihn in ſeinem zwanzigſten Jahre zu Frankreichs Abgott und zu dem Schrecken ſeiner Feinde ſchuf. Die Be⸗ ſorgniß, daß er, da er fruͤher daran ge⸗ woͤhnt war, die Heere ſeines Bruders in Perſon zu befehligen, ſeine Feinde vertil⸗ gen werde, ſobald er ſich an die Spitze ſeiner Schaaren ſtellen wuͤrde, verſchwand bald; ſie erkannten ſeinen natuͤrlichen Hang zur Weichlichkeit, und ſchritten von ——— neuem zu Empoͤrungen, die gefaͤhrlicher wurden als die fruͤhern. Und in der That, ſobald er Frankreichs Krone, nach der alle ſeine Wuͤnſche zielten, auf ſeinem Haupte ſah, unternahm er auch nicht einen Schritt, der nicht ver⸗ derblich geweſen waͤre. In Warſchau er⸗ hielt er die Nachricht von dem Tode ſei⸗ nes Bruders, mit Briefen von der Koͤni⸗ gin, ſeiner Mutter, die ihn einlud, ſich unverzuͤglich nach Frankreich zu begeben. Nachdem er hierauf ſeinen Geheimen⸗ Rath verſammelt hatte, wurde in demſel⸗ ben uͤber ſeine Ruͤckkehr, und die Art, wie ſolche zu bewerkſtelligen ſey, berathſchlagt. Die Weiſeſten waren der Meinung, daß er Polens Landtag zuſammen berufen und wenigſtens verſuchen moͤchte, die Krone dieſes Landes mit der von Frankreich auf ſeinem Haupte zu vereinigen, oder an ſeiner Stelle ſeinen Bruder, den Herzog ſchen laſſen; trugen uͤber 96 von Alenzon, erwaͤhlen zu laſſen, deſſen Gegenwart und ungeſtumer Geiſt ihn in Frankreich ohehin nie ruhig wuͤrden herr⸗ allein die Guͤnſtlinge, deren Koͤpfe der Hang zu Vergnügungen be⸗ rauſchte, und die jeden Augenblick für ver⸗ loren rechneten, den ſie noch in einem ſo rauhen Himmelsſtriche verleben mußten, die Wohlanſtaͤndigkeit und das Intereſſe des Staats den Sieg davon und ließen den Koͤnig die Rolle eines Abentheurers ſpielen. Noch an demſelben Tage ließ er auf ſeinem Tiſche ein von ſeiner Hand geſchriebenes Billet zuruͤck, das in der Kuͤrze uͤber ſeine Abreiſe die noͤthigen Aufſchluͤſſe enthielt, nahm mit einigen von ſeiner Dienerſchaft Poſtipferde, floh mit verhaͤngtem Zuͤgel und hieit nicht eher an, als bis er ſich jenſeits der polni⸗ ſchen Grenzen im Auslande wußte. Italiens Fuͤrſten empfingen ihn mit der Hochachtung, welche zwei Kronen, wo⸗ — *b von die Eine der Preis ſeiner eignen Ver⸗ dienſte war, zu verdienen ſchienen; und die Venetianer ließen ihn, mit Selbſtver⸗ laͤugnung der ihnen eigenthuͤmlichen Nei⸗ gung zur Unabhängigkeit, durch hundert Edelleute bedienen, welche das Amt der niedrigſten Offizianten mit einer Puͤnktlich⸗ keit und Unterwuͤrſigkeit erfuͤllten, die der Geſchichte Gelegenheit gegeben haben, eine ſolche Herabwuͤrdigung vorwurfsvoll zu rugen; dieſe Ehrenbezeugungen hatten ſo zahlreiche Luſtbarkeiten zur Folge, daß der Prinz, welcher in dieſem Punkte nicht zu ſättigen war, mit ſolch einer Gierigkeit davon genoß, daß er die Fruͤchte derſelben bis an ſein Lebensende in einer Krankheit davon erntete, die ihn der Nachkommen⸗ ſchaft beraubte; ein Ungluͤck, welches um ſo verderblicher fuͤr ihn war, als die Par⸗ theien in Frankreich ihren aufruͤhreriſchen Abſichten und Unternehmungen nur eine größere Ausdehnung geben konnten. Der ſchw. Bund. 7 98 Er langte in Lyon an, wo er ſeine Mutter und den verſammelten Hof, nebſt dem Herzoge von Savoyen antraf, welcher ſich in der Abſicht dort eingefunden hatte, die Zuruͤckgabe der Feſtungen Rignerol, Perouge und Savillan zu erbitten; durch die Macht der Geſchenke, womit er die Guͤnſtlinge des Koͤnigs beſtach, erreichte er ſeinen Zweck. Dieſe Uebergabe war für Frarkreich ſo nachtheilig, daß der Her⸗ zog von Nevers, damals Gouverneur jener feſten Plaͤtze, dieſerhalb einen ſchriftlichen Befehl vom Koͤnige verlangte, und ehe er gehorchte, ſeine Gegenvorſtellungen in alle Parlaments⸗Acten des Koͤnigreichs ein⸗ tragen ließ; eine großmuͤthige Vorſicht, die ihm aber den heimlichen Haß ſeines Ge⸗ bieters zuzog. Sobald der Koͤnig die auswartigen Angelegenheiten geordnet hatte, beſchaͤftigte er ſich mit denen ſeines Koͤnigreichs das; wie er wußte, in zwei maͤchtige Partheien ed v— M N* 99 getheilt war, zwiſchen denen er gleichſam allein in der Mitte ſtand. Es wurden oft Berathſchlagungen gehalten, theils um die Meinungen derjenigen zu erforſchen, die er dazu berief, theils ihr tiefes und gruͤndliches Gutachten uͤber die fraglichen Angelegenheiten zu hoͤren und daraus das⸗ jenige zu entnehmen, was ſeinen Mlänen angemeſſen zu ſeyn ſchien. Die Wenigen, welche ſich offen zu ußern wagten, waren darin einverſtanden⸗ daß der Koͤnig zu ſtrengen Maaßregeln greifen muͤſſe, um an der Spitze ſeiner Heere ſeine Feinde mit Gewalt zur Ruhe und zum Gehorſam zuruͤckzufuͤhren. Allein ſeine Guͤnſtlinge, denen der Koͤnig ſich aus Weichlichkeit und Eitelkeit uberließ, und die ihn im Privat⸗Leben ſowol, als oͤffentlich mit Schmeicheleien berauſchten, waren entgegengeſetzter Meinung. Bis jetzt noch durften ſie nicht darauf rechnen, duß ſie die Armeen befehligen wuͤrden, uͤberdem 100 konnten ſie ſich nur im Frieben bereichern, wo die Einkuͤnfte Sr. Majeſtaͤt gleichmaͤ⸗ ßig unter ſie vertheilt wurden, bis der Koͤnig auf den Einfall gerieth, alle Woche zweimal eine Privat⸗Berathung zu hal⸗ ten, die dahin zielte, ſeine Lieblinge zu er⸗ heben und ſeine Gunſtbezeugungen in gleichermaße dem Herzoge von Espernon und dem Herzoge von Jogeuſe, die ſein ungezuͤgeltes Wohlwollen endlich allein ge⸗ feſſelt hatten, zufließen zu laſſen. Dieſe duldeten nicht weiter, daß ſich ihm einer der Hofleute naͤhern durfte, und hatten ihn uͤberredet, nach Weiſe der orientaliſchen Koͤnige zu leben, die ſich dem Volke nur ſelten und nur dann zeigen, ſo oft ſie den Glanz ihrer Wuͤrde ſtrahlen laſſen wollen. Dieſes, der Neigung des franzoͤſiſchen Volks gaͤnzlich entgegen ſtrebende Verfah⸗ ren, entzog ihm die Anhänglichkeit ſeiner Unterthanen und die Dienſte der Großen, LOI welche, ſobald ſie ihn das Spielwerk zweier Maͤnner ſahen, die des Hofes Wohlthaten und ſogar die Subſiſtenz ganzer Provin⸗ zen verſchlangen, mit Unwillen ſich nach ihrer Beſitzungen zuruͤckzogen. Von beiden Rathſchlägen wählte der Koͤnig aus eignem Antriebe, jedoch im Ge⸗ heimniß ſeines Herzens gerade den, der von beiden nur das Bösartige enthielt; denn da er den verderblichen Grundzuͤgen Machiavells zu froͤhnen gewohnt war, ſo entwarf er ſo raffinirte Plaͤne, zu deren Gelingen ſo viele Federn in Bewegung geſetzt werden und wirken mußten, daß er beinahe niemals das Ziel erreichte. Er entſchloß ſich daher, den Frieden zu erhalten, und waͤhrend der Dauer deſ⸗ ſelben alle vakant werdenden Aemter ſei⸗ nen Guͤnſtlingen zu verleihen, um dadurch unmerklich der einen und andern Parthei die Kraft zu benehmen; zugleich feindete 102 er in derſelben Abſicht die Oberhaͤupter der Ligue ſo oft gegen die der Hugenotten an, daß er erwarten konnte, ſie wuͤrden ſich allmaͤhlig ſchwaͤchen und gegenſeitig aufreiben; allein der Erfolg, weit entfernt . dem Plane zu entſprechen, befoͤrderte nur den Untergang der Königlichen Gewalt, denn ſobald die Anfuͤhrer gewahr wurden, daß man ihren Unternehmungen und denen ihre Feinde keine Hinderniſſe in den Weg legte, boten ſie von beiden Seiten ſo viele Kunſtgriffe auf, ihre Partheien aufrecht zu erhalten, daß ſie bald ganz Frankreich in ihr beiderſeitiges Intereſſe hineinzogen. Nur der Koͤnig blieb allein zwiſchen 1 Beiden und mit ihm eine kleine Anzahl ſeiner Guͤnſtlinge, die nur deshalb, weil er ihnen mit blinder Liebe zugethan war, empfohlen werden konnten, ſonſt aber in ganz Frankreich und ſogar im Auslande, wo ſich uͤber den Ruf des Monarchen in Betreff ſeiner Verbindung mit jenen Guͤnſt⸗ —* 103 lingen die ſchaͤndlichſten Geruͤchte verbrei⸗ teten, allgemein verabſcheuet wurden⸗ Der Herzog von Guiſe, den die wei⸗ ſen Rathſchlage des Kardinals, ſeines On⸗ kels, unterſtuͤtzten, durchſchauete ſeinerſeits einigermaßen die Abſichten ſeines Gebie⸗ ters und traf die geſchickteſten Vorkehrun⸗ gen, um Nutzen daraus zu ziehen. Er nahm ein Betragen an, das dem des Koͤ⸗ nigs ganz entgegen war. Sein Haus ſtand allen Edelleuten offen, und Alle lieb⸗ koſete er ſie auf gleiche Weiſe, um jeden Keim von Eiferſucht zu verhuͤten. Nie⸗ mals erbat er bei Hofe irgend eine Gunſt fuͤr ſich, vernachläſſigte dem Anſcheine nach, ſeine eigne Erhebung, und verwen⸗ dete ſich mit Eifer fuͤr Jedermann; vor⸗ zuglich aber bemuͤhete er ſich, die Auffuͤh⸗ rung des Koͤnigs im Geheim dadurch in ein ſchlechtes Licht zu ſtellen, daß er allen ſeinen Handlungen verderbliche Bewe⸗ gungsgrunde unterlegte, wodurch die Un⸗ 104 ordnung bald ſo oͤffentlich wurde, daß die Kanzelredner die Verwegenheit hatten, ſie mit den grellſten und beleidigendſten Ge⸗ maͤlden in den vornehmſten Kirchen in Paris darzuſtellen. Er unterhielt die Spaltung im Koͤniglichen Hauſe zwiſchen dem Koͤnige, und ſeinem Br, dem Herzoge von Alenzon; dieſe gelang ihm um deſto leichter, als der aruhige Charakter und ſdie ungereg. Ehyrſucht des jungen Fuͤrſten, der uͤbrigens ſonſt keine beſondern Eigenſchaften beſaß, in den Geſinnungen der Koönigin von Na⸗ varra, ſeiner Schweſter, Nahrung und Ue⸗ bereinſtimmung fanden. Dieſe hoͤrte nicht auf, ihn gegen den Koͤnig und deſſen Guͤnſtlinge zu erbittern, deren Verwegen⸗ heit ſo weit ging, daß ſie ihn ſogar ſeines unvortheilhaften Aeußern und ſeines ge⸗ ringen Einfluſſes wegen, oͤffentlich ver⸗ hoͤhnten. Ein ſolches Betragen vermochte ihn bald, mit dem Koͤnige von Navarra ein Buͤndniß einzugehen, wodurch ihr bei⸗ 8 105 derſeitiges Intereſſe in Schutz genommen werden ſollte; oft fanden Berathſchlagun⸗ gen zwiſchen ihnen Statt, die dazu dien⸗ ten, ein Mittel zur ſichern Entfernung vom Hofe zu erſinnen. Die Koͤnigin Mutter ſchoͤpfte Verdacht und ließ den Herzog von Alenzon durch Wachen heim⸗ lich beobachten, die unter dem Namen und Vorwande einer Ehren⸗Garde den Beſehl hatten, ihm uͤberall zu folgen. Er entdeckte ihre Abſicht bald und ſah ſich genöthigt, ſeine Abreiſe zu beſchleunigen. Nachdem er mit ſeiner Schweſter Margarita deshalb Ruͤckſprache genommen hatte, ließ dieſe noch an demſelben Tage einen langen Strick, der in einem alten Koffer verborgen wurde, in ihr Kabinet bringen, der Herzog begab ſich um Mitter⸗ nacht zu ihr, Buſſi und ſein Kammerdie⸗ ner folgten ihm, ſie befeſtigten den Strick am Fenſter, der Kammerdiener ließ ſich 106 zuerſt hinab, ihm folgte der Herzog und Buſſi war der Letzte. Es war heller Mondſchein; der Her⸗ zog von Guiſe, der eben einen Ort ver⸗ laſſen hatte, wo die Ligue geheime Zuſam⸗ menkuͤnfte zu halten pflegte und deſſen Weg hinter dem alten Lonvre, dem dama⸗ ligen Aufenthalte des Hofes, vorbeifuͤhrte, ging in dem Angenblicke vorüber, als Buſſi an dem Stricke hinabgleitete, und da er ihn erkannte, ſo gab er den Eingebungen der Eiferſucht um ſo leichter Gehoͤr, als die Günſtlinge des Koͤnigs das Gerücht verbreiteten, daß Buſſi in die Königin von Navarra verliebt und das Band der engen Freundſchaft zwiſchen Bruder und Schweſter ſey. Die Eiferſucht, obſchon ſie nur ſelten in die Seele großer Maͤnner eindringt, gibt ſich in ſolchen Fällen gewohnlich durch große Mißgriffe zu erkennen. Ohne Ue⸗ 107 berlegung eilte der Herzog nach dem Schloſſe, bediente ſich ſeines Privilegin: n5 als Grand-Maitre des Koͤuiglichen Hau⸗ es und ſchritt nach den Zimmern der Koͤ⸗ igin von Navarra, die von denen des Koͤnigs, ihres Gemahls, getrennt waren, denn da er ſich mit ihr nur aus Yolitik und ſie durch Gewalt vermaͤhlt hatte, ſo wurden ihre Betten ſchon am Tage nach der Vermaͤhlung getrennt und man be⸗ hauptete ſogar, daß die Ehe nicht gehörig vollzogen ſey. Der Herzog klopfte leiſe an die Thuͤr des Vorzimmers, wo er Light bemerkte, allein die Kammerfrauen, welche — die Vermuthung geriethen, daß die Flucht des Herzogs von Alenzon entdeckt ſch, und der Koͤnig oder die Koͤnigin ein⸗ gelaſſen werden wollten, um daruͤber Re⸗ chenſchaft zu fordern, loͤſchten es ſchnoll aus. Dieſe Vorſicht verſtaͤrkte des Her⸗ ogs Eiſferſucht, er war jetzt uͤberzeugt, ſeine Geliebte ſchuldig ſey, weil ſie verbarg; nun fing er von neuem und — — ſich 108 ſtaͤrker zu klopfen an, bis Fraͤulein Tho⸗ rigni den Lärm hoͤrte, ſeine Stimme er⸗ kannte und ihm oͤffnete:„Was wollen Sie in dieſer Stunde,“ fragte ſie erſchrok⸗ ken,„ſind wir entdeckt?“ „Ohne Zweifel,“ antwortete der Her⸗ zog mit Stolz und Verachtung,„wo iſt die Koͤnigin?“ Thorigni ergriff ihn bei der Hond und fuͤhrte ihn in Margaritens Kabinet, wo dieſe daruͤber wachſam, wie ſie ihr Benehmen gegen den Koͤnig ent⸗ ſchuldigen ſollte, als ſie aber ſtatt Sr. Majeſtaäͤt den Herzog eintreten ſah, rief ſie voll Verwunderung: „Ach, mein Gott! was fuͤr Angſt ha⸗ ben Sie mir verurſacht, und was fuͤhrt Sie in einer ſo ungewoͤhnlichen Stunde hieher? Wenn man ſie hier entdeckte, ſo wuͤrden Sie mich ohne Rettung ins Ver⸗ derben ſtuͤrzen.“ 109 „Es iſt unmoͤglich, daß ich Sie ins Verderben ſtuͤrze,“ antwortete der Herzog, den die Eiferſucht ſo ſehr zum Unwillen reizte, daß ſie in ſeiner Seele jedes Ge⸗ fuͤhl von Hochachtung und Ehrfurcht er⸗ ſtickte;„Sie ſtuͤrzen ſich ſelbſt ohne mein Zuthun tief genug hinein. Nein, Madam, ungeachtet aller nachtheiligen Geruͤchte, mit denen man ſich umher tragt, haͤtte ich es doch nie geglaubt, waͤre mein Herz nicht durch meine Augen uͤberfuͤhrt worden; Sie haben mich vergeſſen, ſich ſelbſt haben Sie ſo weit vergeſſen, daß Sie ſich der Leidenſchaft eines gewoͤhnlichen Edelman⸗ nes uͤberlaſſen, und ſo wenig Schonung gegen ſich ſelbſt beobachten, daß ich ihn in einer ſo hellen Nacht aus dem Fenſter ihres Zimmers an einem Stricke haben hinabſteigen ſehen.“ Margarita, welche ſogleich den Irr⸗ thum des Herzogs erkannte, fand jedoch 110 Gefallen daran, die Aeußerungen ſeines Unwillens bis zum Ende anzuhoͤren. „Sie antworten mir nichts,“ fuhr er fort,„Sie haben recht; es giebt auch kei⸗ nen Kunſtgriff, der dasjenige, was meine Augen geſehen haben, mit einem Schleier umhuͤllen koͤnnte; haͤtte ich meinem gerech⸗ ten Zorne folgen wollen, ſo wuͤrde ich dem Koͤnige dieſen Liebeshandel entdeckt haben, meine Rache erheiſchte und Sie verdienten es, aber die Gleichguͤltigkeit, die ich bis in den Tod fuͤr Sie empfinden werde, hat mich davon abgehalten; ich bin daher nur in der Abſicht hier erſchienen, Ihnen an⸗ zudeuten, daß ich Sie der Schmach Ihrer neuen Eroberungen uͤberlaſſe, und daß ich in Zukunft an allen Ihren Handlungen ſo wenig Antheil nehmen werde, als ob ich Sie nicht gekannt hätte.“ „Wenn ich mich in einer ruhigern Stimmung befaͤnde,“ antwortete die Koͤ⸗ 8) TTT nigin,„ſo wuͤrde ich Sie fuͤr Ihre Thor⸗ heit dadurch beſtrafen, daß ich Sie in Ih⸗ rem Jrrthume beharren ließe. Ihre Ver⸗ wegenheit kann nur in Ihrer Leibenſchaft, die Sie mit Blindheit ſchlaͤgt, Entſchul⸗ digung finden. Wie ungluͤcklich bin ich, wozu haben mir ſo viele Beweiſe von Zaͤrtlichkeit und Treue, womit ich Sie uͤberhaͤufte, gedient, wenn ich in Ihrem Herzen weder Hochachtung noch Vertrauen habe erringen koͤnnen, und wenn Ihre Augen ſo leicht gegen mich eingenommen werden, als die eines Fremden? Wohlan, Sie haben Buſſi aus meinem Fenſter hinabſteigen ſehen, folglich liebe ich ihn und ohne Zweifel habe ich meine Gunſt⸗ bezeugungen an ihn verſchwendet. Ich würde es Jogenſe und Espernon verzei⸗ hen, ſo von mir zu denken, aber der Her⸗ zog von Guiſe, den ich zu lieben anfing, als ich kaum angefangen mich ſelbſt zu kennen, fuͤr den ich mich ohne Ruͤckſicht auf meinen Rang beſtimmte, dem ich das Anerbieten that, mich eher ſelbſt zu opfern, als die Verbindung mit einem Andern einzugehen, dem ich mich ungeachtet der ehelichen Verpflichtungen noch rein be⸗ wahrte, der die urſache iſt, daß ich die Zaͤrtlichkeit meiner Mutter, die Freundſchaft des Koͤnigs, die Hochachtung meines Ge⸗ mahls und vielleicht meinen guten Ruf verloren habe. O, daß ich in einem Au⸗ genblicke die Fruͤchte ſo vieler Opfer ver⸗ lieren, und vor ſeinen Augen wie ein Weib erſcheinen ſoll, auf dem das Ver⸗ brechen der ſchaͤndlichſten Treuloſigkeit laſtet, daruͤber kann ich mich nicht troͤ⸗ ſten.“ „Aber was ſoll ich denn ven alle dem denken, was ich geſehen habe?“ fragte der Herzog verlegen. Die Koͤnigin ſchwieg⸗ allein die mitleidige Thorigni, welche ge⸗ genwärtig wor, erzählte ihm auf das Ge⸗ naueſte die Abreiſe des Herzogs von Alen⸗ zon und die Vorſichtsmaßregeln, welche — c— — e„„— —₰ 113 man zur Erleichterung ſeiner Flucht haͤtte ergreifen zu muͤſſen geglaubt. Nun warf ſich der Herzog voll Reue und Beſchaͤ⸗ mung vor der Koͤnigin nieder, und bat in ſo ruͤhrenden und hinreißenden Ausdruͤcken um Verzeihung, daß er ſie und vielleicht noch eine beſondere Gunſt als Unterpfand der feſten Verſoͤhnung wuͤrde erhalten ha⸗ ben, hatte ein unangenehmes Ereigniß dieſe zaͤrtlichen Regungen nicht geſtoͤrt. Die Kammerfrauen der Koͤnigin hat⸗ ten den Befehl erhalten, den Strick, das zeugende Werkzeug der Flucht, zu verbren⸗ nen, weil man beſorgte, daß dieſer die Theilnahme ihrer Gebieterin an der Flucht des Bruders verrathen moͤchte, und zu dieſem Behuf ein ſo ſtarkes Feuer ange⸗ zuͤndet, daß es den Schornſtein ergriff. Die uͤber das Dach des Schloſſes hervor⸗ ſpruͤhende Flamme wurde von den Schild⸗ wachen bemerkt, und nun eilte die Wache nach den Thuͤren, um mit ſtarken, anhal⸗ Der ſchw. Bund⸗ 8 tenden Schlaͤgen die Schlafenden zu er⸗ wecken. Margarita hielt ſich fuͤr verrathen und glaubte, ſowol die Flucht ihres Bru⸗ ders, als auch ihr Umgang mit dem Her⸗ zoge ſey entdeckt; das Getoͤſe wurde ſtaͤr⸗ ker, man mußte ſich entſchließen, doch war der Herzog nicht zu bewegen, daß er ſich verbarg, weil ſein Leben auf der Spitze ſtand, ſobald man ihn entdeckt hätte. Die Koͤnigin entſchloß ſich daher, ihn in ihrem Kabinet zu laſſen, wo er mit dem Degen in der einen, das Piſtol in der andern Hand und Angſt in der Bruſt die Loͤſung des Knotens erwartete; denn in den da⸗ maligen unruhigen Zeiten ging Niemand ohne Waffen. Margarita ſprang nun ſelbſt nach der Thuͤr, ſobald ſie aber die Urſache des Tumults erfahren hatte, verſchwand ihre Beſtürzung, ſie ließ den Luftzug im Kamin durch einige naſſe Decken hemmen, wodurch in kurzer Zeit das Feuer, welches nur die rußigen Mauern ergriffen hatte, von ſelbſt erſtickte. 115 Nachdem dieſem Ungluͤcke vorgebeugt war, kehrte die Koͤnigin in das Kabinet zum Herzoge zuruͤck, allein ſchon fing es an Tag zu werden und die Liebenden ſa⸗ hen eine neue Verlegenheit auf ſich heran⸗ ruͤcken. Während ſie auf ein Mittel ſan⸗ nen, den Herzog unerkannt fortzuſchaffen, wuchs die Mißlichkeit ihrer Lage zuſehends, der Tag war voͤllig angebrochen, und da die unangenehmen Vorfaͤlle gewoͤhnlich ein⸗ ander folgen, ſo ereignete ſich auch jetzt einer, der die Verwirrung noch vermehrte. Der Herzog von Alenzon hatte ſich nach St. Genofeva begeben, wo ſeine Diener mit Bewilligung des Abtes in die Garten⸗ mauer, die zugleich die Stadtmauer war, ein Loch gebrochen hatten, das zu ſeiner Flucht diente. Der Herzog verließ auf ſolche Art die Abtei, fand Poſtpferde, die in der Vorſtadt St. Marceau auf ihn warteten, und ſchlug den Weg nach An⸗ gers, der Hauptſtadt ſeiner Apanage einz ſobald der Abt ihn zu weit entfernt glaubte, um eingeholt zu werden, begab er ſich ſelbſt zum Koͤnige und zeigte ihm die Flucht deſſelben an. Der erſchrockene Monarch ließ die Königin Mutter ſogleich aufwecken und Beide gingen nach den Zimmern der Koͤ⸗ nigin von Navarra; dieſe wurde von dem ſtets wachſamen Fraͤulein von Thorigni zeitig genug davon benachrichtigt und warf ſich ſogleich halb entkleidet in ihr Bette. Der Koͤnig gerieth ſogleich in ſo heftigen Zorn gegen ſeine Schweſter, daß er ſie ſogar mit Beleidigungen uͤberhaͤufte, die mit ihrem Range nicht vertraglich warenz dieſe verſuchte es, mit Huͤlfe ihrer Mutter ſich zu vertheidigen und ſchon fing der Unwillen ſich zu legen an, als man nun auch die Abreiſe des Koͤnigs von Navarra, ihres Gemahls, meldete; er war den Tag zuvor auf die Jagd geritten, und hatte ſich unter dem Vorwande der eifrigen Verfolgung eines Hirſches auf den Weg —„———— e—„—„„—„— 117 nach ſeiner Stadthalterſchaft von Beärn begeben. Dieſes neue Ereigniß blies den Un⸗ willen des Koͤnigs in lichte Flammen, und da ſein Zorn von Worten zu Thaten uͤber⸗ ging, ſo verließ er das Zimmer und ließ die Thuͤren von der Wache beſetzen, zu⸗ gleich erhielt Margarita den Befehl, als Gefangene in ihren Zimmern zu bleiben. Die Koͤnigin Mutter folgte ihm gleich darauf in der Abſicht, ſeinen Zorn zu be⸗ ſaͤnftigen; es wurden ſogleich Truppen zur Verfolgung der Fuͤrſten nach allen Seiten abgeſendet, aber die Offiziere, von denen die meiſten geheime Anhaͤnger der Entflo⸗ henen waren, verzogerten abſichtlich ihren Marſch ſo ſehr, daß ſie weder den Einen noch den Andern erreichen konnten. So⸗ bald ſich Margarita allein ſah, ſtand ſie auf, ging in ihr Kabinet, wo der Herzog von Guiſe voll Ungeduld dem Ausgange entgegen ſah, und theilte ihm ihren neuen 118 Schmerz mit. Die ſo eben erfahrne Kraͤn⸗ kung empoͤrte ſie ſo ſehr, daß ihre Thraͤ⸗ nen im Ueberfluß aus ihren Augen ſtuͤrz⸗ ten. „Theurer Herzog,“ ſprach ſie und ſank ſchluchzend in einen Seſſel,„in der ganzen Welt bleiben nur Sie zu meinem Beiſtande noch uͤbrig; fuͤr Sie habe ich Alles aufgegeben und Alles verläͤßt mich Ihretwegen.“ Eine ſchoͤne Frau, die man liebt, iſt, wenn ſie leidet und Thraͤnen vergießt, ein Gegenſtand ganz dazu geeignet, zur Rache zu reizen. Der Herzog gelobte, ſie dieſem tyranniſchen Joche zu entreißen, und be⸗ ruhigte ſie ſowohl mit den zaͤrtlichſten Schwuͤren einer dauerhaften Anhaͤnglichkeit, als der feſtgegruͤndeten Hoffnung auf gluͤcklichere Zeiten. Jetzt aber kam es noch immer darauf an, den Herzog unbe⸗ merkt aus den Mauern des Louvre zu 5— — e⸗ zu 119 entfernenz; ein beinahe unuͤberſteigbares Hinderniß zeigte ſich jetzt, man mußte die Wache, welche der Koͤnig vor die Zimmer ſeiner Schweſter poſtirt hatte, taͤuſchen; gluͤcklicherweiſe hatte der Zufall dafuͤr ge⸗ ſorgt. Der commandirende Offizier wer als Page des Herzogs von Guiſe aufer⸗ zogen und verdankte ihm ſein Gluͤck; der Fuͤrſt nahm daher keinen Anſtand ſich ihm anzuvertrauen und bereuete es nicht. So⸗ bald jener die Gefahr ſeines ehemaligen Gebieters erfuhr, ließ er ſeine Wache ſich auf der außerhalb gelegenen Gallerie aufſtel⸗ len und leitete den Herzog, der einen Sol⸗ daten⸗Mantel um ſich geworfen hatte, eine verborgene, zu den Kuͤchen hinabfuh⸗ rende Treppe hinunter, von wo aus er das Louvre unentdeckt verließ. Inzwiſchen ſuchte der Prinz von Conde in Deutſchland, wohin er ſich zu⸗ ruͤckgezogen, zu Gunſten der Hugenotten Beiſtand zu erwirken und erhielt ihn wirk⸗ 120 lich, ſobald der Herzog von Alenzon, der muthmaßliche Thronerbe, ſich an ihre Spitze geſtellt hatte. Waͤhrend Fuͤrſt Caſimir ſeine Truppen zuſammenzog, brach Thore, der Juͤngſte des Hauſes Montmorenci, mit zweitauſend Pferden und dreitauſend Mann Fußvolk in der Abſicht auf, ſich mit dem Herzoge von Alehzon zu vereinigen, bevor die Streitkraͤfte des Hofes uber ihn her⸗ fallen konnten. Jetzt erſt fuͤhlte der Koͤ⸗ nig die Schwäche ſeiner Autorität, denn als er ſeine Truppen in Bewegung ſetzen wollte, ohne vorher mit den Haͤuptern der Ligue uͤber die deshalb zu treffenden Maßregeln Verabredung genommen zu ha⸗ ben, fand er in dem zögernden Verfahren der Offiziere, die unter verſchiedenen Vor⸗ waͤnden es verſchoben, ſich zu ihren Fah⸗ nen zu begeben, ſo mancherlei Hinderniſſe, daß er zur Verſtellung ſeine Zuflucht neh⸗ men mußte, und ſich genoͤthigt ſah, den Herzog von Guiſe zum General⸗Lieute⸗ M — — M 12I nant ſeiner Truppen in der Champagne zu ernennen. Dieſer Fuͤrſt ruͤckte nun an den Gren⸗ zen von Lothringen den deutſchen Truppen, die nur Terrain zu gewinnen ſuchten, entgegen. Er erreichte ſie nicht weit von Dormans und da ſie noch nicht zu dem Herzoge von Alenzon hatten ſtoßen koͤnnen, ſo noͤthigte er ſie, ſich auf ein Gefecht einzulaſſen. Einige Zeit ſchwankte das Gluͤck und ſchien ſich gegen den lin⸗ ken Fluͤgel, wo der Herzog von Mayenne befehligte, zu erklaͤren, als der Herzog von Guiſe hinzu eilte, ſich an die Spitze der Weichenden ſtellte und einen Buͤchſenſchuß ins Geſicht erhielt, der ihn auf das Hin⸗ tertheil ſeines Pferdes zuruͤckwarf. Seine Diener trugen ihn in ſein Zelt, allein das Geruͤcht von ſeinem Tode verbreitete ſich in einem Augenblick unter den Seinen, und erregte ein ſolches Entſetzen, daß Fer⸗ vaque die Flucht ergriff und erſt in Paris 122 athemſchoͤpfend, verweilte. Durch die Nach⸗ richt von dem Verluſte der Schlacht und vorzuglich dem Tode des Herzogs von Guiſe erfullte er die Stadt mit Schmerz und Trauer. Die Kauflaͤden wurden ſo⸗ gleich geſchloſſen, und die öffentlichen Plaͤtze wiederhallten von dem Wehklagen der Katholiken, welchen der Verluſt ihres Beſchuͤtzers allen Troſt raubte. Sobald ſich aber die ungluͤckſelige Nachricht einen Weg bis zu der Königin von Navarra gebahnt hatte⸗ die durch ihre Gefangen⸗ ſchaft und die Einſamkeit noch reizbarer geworden war, vergaß dieſe Alles um ſich her und verſchloß der Vernunft ihr Ohr; ſie warf ſich auf ihr Bette, um ſich ihrem Schmerze ungeſtoͤrt zu uͤberlaſſen, dachte ſelbſt nicht daran, daß ſie beobachtet und in der Nähe bewacht wurde, und rief in Verzweiflung aus: „Iſt es möglich, daß vieſe ſchoͤne Seele zu witken aufgehoͤrt hat? Großer ne ßer 123 Gott! wareſt Du eiferſuͤchtig auf Dein Werk? Sein Ruhm diente nur dazu, den Deinigen zu verherrlichen; ſoll ich ihn denn nimmer wiederſehen? Erſcheine, theu⸗ rer Schatten, und wenn es wahr iſt, daß Du noch umherwandelſt, ſo komm und ſey Zeuge meiner Verzweiflung; fuͤr Dich habe ich gelebt, Du haſt zu athmen auf⸗ gehoͤrt und mir iſt das Tageslicht ein Graͤuel geworden. Komm, theile mir Dein Schickſal mit, und kann ich nach meinem Scheiden meine Liebe zu Dir nur bewah⸗ ren, ſo will ich mit Freuden allem Uebri⸗ gen entſagen. Wenn ich den Tod fuͤrchte, ſo regt ſich nur die Beſorgniß in mir, mit meinem Leben auch meine Neigung zu Dir zu verlieren!“ Fraͤulein Thorigni naͤherte ſich ihr und wollte ſie auf die Gefahren einer Entdeckung aufmerkſam machen.„Nein, nein,“ antwortete Margarita,„in meinem jetzigen Buſtande kenne ich keine Schonung: was habe ich zu fuͤrchten, außer daß die ganze Welt unſere Verbindung erfahre? Meine Leidenſchaft fur den entſeelten Hel⸗ den iſt der kraͤftigſte Beweis, den ich der Nachwelt von meiner richtigen Beurthei⸗ lung hinterlaſſen kann, und ſeine Zärtlich⸗ keit fuͤr mich iſt ein unwiderlegbarer Zeuge meiner Verdienſte. Wenn der Neid ein ſo ſchones Feuer dadurch hat verunglimpfen wollen, daß er es faͤlſchlich dem Umgange der Sinne zuſchrieb, ſo wird er wenigſtens auf meinen Tod einen ſolchen Verdacht nicht werfen köͤnnen. Theure Thorigni, ſey darauf bedacht, Dein Gluͤck zu machen⸗, ich uͤberlaſſe Dir Alles, was jetzt noch mein Eigenthum iſt, benutze die kurze, mir noch zum Leben uͤbrig bleibende Zeit, Dich dem Haſſe meiner Feinde zu entziehen; erſpare Dir die Muͤhe, mich zu uͤberreden, mein Vorhaben aufzugeben, es iſt Alles ver⸗ gebens; ich bin feſt entſchloſſen, keine Nah⸗ rung zu mir zu nehmen.“ 128 Fraͤulein Thorigni zerfloß in Thraͤnen, da trat Pericart, der Sekretair des Her⸗ zogs von Guiſe, ins Zimmer, und uͤber⸗ brachte die Nachricht von der gewonnenen Schlacht. Sobald ſich der Herzog von der Betaubung des erhaltenen Schuſſes erholt und die Schmerzen des erſten Ver⸗ bandes erduldet hatte, war er wieder zu Pferde geſtiegen und mit ſeinem Erſchei⸗ nen die Hoffnung im Heere zuruͤckgekehrt. Durch ſeine Tapferkeit und ſeine Verach⸗ ung der Gefahren friſchte er den Muth einer wankenden Krieger von neuem an, und ſchlug innerhalb zwei Stunden die Feinde ſo gaͤnzlich, daß Thore, der ſie commandirte, zur Deckung ſeines Ruͤckzuges nicht einmal zehn Mann zuſammen raffen konnte, und ſich genoͤthigt ſah, ſein Heil in der ſchnellſten Flucht zu ſuchen. + * — 7 Das Fußvolk blieb in der Gewalt der durch die Verwundung ihres Feldherrn gereizten Sieger; und Alles, mit Ausnahme 126 von zwei bis dreihundert Mann, denen die Anweſenheit des Herzogs von Guiſe vas Leben rettete, wurde niedergeſtoßen. Dieſer Sieg gab dem Hofe wieder Gelegenheit freier zu athmen, daher ent⸗ ſchloß ſich derſelbe, den Herzog von Alen⸗ zon von den Rebellen zu trennen, auch wenn dieſe Ausführung Opfer koſte. Als Beweis ſeiner Ausſohnung mit ihm, be⸗ willigte der Koͤnig den Caiviniſten dieſer⸗ halb gaͤnzliche Gewiſſensfreiheit; und zur Bezahlung der fremden Truppen, welche nur fuͤr einen ſolchen Preis ſich bereit finden ließen, das Koͤnigreich zu verlaſſen, gab man die Diamanten der Krone dem Fuͤrſten Caſimir zum Unterpfande. Nie⸗ mand empfand die Schmach eines ſolchen Traktats tiefer, als gerade der Koͤnig, allein die wachſende Macht der Ligue hatte auf ihn einen ſo ſtarken Eindruck gemacht, daß er es nicht fuͤr rothſam fand, den Konig von Navarra zu ſeinem Feinde zu 127 . behalten, weil dieſer im ganzen Koͤnig⸗ reiche allein im Stande war, ſich mit der vielvermoͤgenden Gewalt des Herzogs von Guiſe zu meſſen. Der Erſtere hatte ſeit ſeiner Abreiſe vom Hofe der katholiſchen Religion wieder entſagt, und die Koͤnigin Mutter in St. Brix ſich zu ihm begeben, um ihn zu vermoͤgen, daß er ſich mit der Kirche wieder ausſoͤhnen moͤchte. Jene abſichtlich nicht geheim gehaltene Zuſammenkunft, und der zu gleicher Zeit geſchloſſene unvortheilhafte Frieden, ſtreue⸗ ten unter dem Volke Verdacht gegen die Religion des Koͤnigs aus; man ſprach oͤffentlich davon, daß er im Grunde der Seele ein eifriger Calviniſt ſey. Durch dergleichen Geruͤchte erhielt die Ligue mit jedem Tage neuen Zuwachs an Macht und der Herzog von Guiſe an Kreaturen; auch er ſeinerſeits wußte jede Gelegenheit ſo trefflich zu nutzen, daß ſein Anſehn und 128 Einfluß bald ſogar die Koͤnigliche Gewalt verdunkelten In derſelben Zeit boten die Flam⸗ maͤnder dem Köͤnige die Herrſchaft der Niederlande an. Ungeachtet der Beſchwer⸗ den Spaniens gab er ihren Geſandten im offnen Staatsrath Gehoͤr, und ließ ihnen dann unter der Hand den Rath ertheilen, ſich an den Herzog von Alenzon zu wen⸗ den, der ihr Anerbieten mit Begierde auf⸗ griff. Dieſe argliſtige und kuͤnſtliche Pro⸗ zedur erbitterte den Koͤnig Philipp II. ſo ſehr, daß er oͤffentlich anfing, Truppen fuͤr die Ligue auszuheben und den Schutz des Paͤpſtlichen Stuhls fuͤr dieſelbe zu erbitten. Die Fuͤrſten von Lothringen verſammelten ſich zu Joinville, dem Domanial⸗Eigen⸗ thum des Herzogs von Guiſe, an der Grenze von Flandern mit den Agenten des Konigs von Spanien, und verabrede⸗ ten dort die geheimen Artikel ihrer Ver⸗ vindung. Philipp II. machte ſich anheiſchig „——— ——— 12 — „ e der Ligue monatlich funfzig tauſend Tha⸗ ler zur Erhebung anzuweiſen und dem Herzoge von Guiſe insbeſondere noch funf⸗ zig tauſend Livres zu zahlen; da nun ſein Oheim, der Kardinal von Lothringen, ihn nach ſeinem Tode zum Univerſal-Erben aller der Guͤter, die er von mehreren Jahr⸗ hunderten beguͤnſtigt vermittelſt einer rich⸗ tig berechneten Sparſamkeit aufzuhaͤufen gewußt, eingeſetzt hatte, ſo wuchs ſein Uebermuth, jemehr ihm ſeine Reichthuͤmer Mittel lieferten, ſeinen Ehrgeiz empor zu halten. Da nach einem der geheimen Artikel des Friedenſchluſſes mit dem Herzoge von Alenzon die Koͤnigin von Navarra wieder in Freiheit geſetzt war, ſo hatte der Her⸗ zog von Guiſe, den das Intereſſe der Re⸗ ligion und ſein eigner Vortheil bewogen, die Waffen in den Haͤnden zu behalten, ihr den Rath ertheilen laſſen, ſich vom Hofe zu entfernen. Nachdem Margarita Der ſchw. Bund. 9 hierauf mit Pericart ſich beredet, entſchloß ſie ſich unter dem Vorwande, die Flam⸗ maͤnder zu Gunſten des Herzogs von Alenzon zu gewinnen, die Baͤder von Spaa unweit Luͤttich zu beſuchen; allein der wahre Grund, den wenig der Zeitgenoſſen durchdrungen haben lag in der Abſicht, die Plaͤne des Herzogs von Guiſe bei Don Juan, dem erſten Miniſter Spaniens, und Stadthalter der Niederlande zu unter⸗ ſtutzen. Sie ließ eine prachtvolle Equi⸗ Hage ausruͤſten und verließ den Hof in einer Saͤnfte von gruͤnem, mit Gold durch⸗ wirktem und beſetztem Sammt, deren Glas⸗ thuͤren mit geiſtreichen Deviſen geziert waren; zehn Ehrendamen folgten ihr zu Pferde und ſechs Wagen mit ihren Offi⸗ zieren und Dienern beſchloſſen den Zug. Auf dieſe eben ſo prachtvolle als galante Art durchzog die erlauchte Reiſende in kleinen Tagemaͤrſchen die Städte der Pi⸗ kardie. 13 Der Herzog von Guiſe, welcher im Geheim von ihrer Abreiſe Kunde erhalten hatte, ergriff begierig die Gelegenheit, auf dem Wege ſih mit ihr zu vereinigen; ſeine Liebe und ſein Eigennutz trieben ihn mit gleicher Stärke dazu an. Margarita wurde durch einen Expreſſen davon unter⸗ richtet und empfing die Nachricht mit Ent⸗ zuͤcken; zum Orte des Zuſammentreffens wurde Caſtelet, drei Stunden von der Stadt Cambray, wo ſie haͤtte uͤbernachten ſollen und der Gouverneur ihre Ankunft mit großen Zuruͤſtungen zu feiern gedachte, gewaͤhlt, doch die Liebe, die alle Vergnuͤ⸗ gungen, woran ſie keinen Antheil nimmt, verſchmaͤht, hatte es anders beſchloſſen und der Gouverneur erwartete ſie ver⸗ gebens. Auch der Herzog von Guiſe befand ſich in einer Sänfte, ſpielte Rolle ei⸗ nes Kranken, der von den Baͤ dern, wohin ſich die Koͤnigin begab, zuruͤckkehrte und 132 langte zwei Stunden fruͤher als ſie im Wirthshauſe zu Caſtelet an; aus Vorſicht war ſein Geſicht einer angeblichen Roſe wegen mit einem Tuche bedeckt, und in die⸗ ſem Aufzuge ließ er ſich in ein im voraus eingerichtetes Zimmer tragen, das durch eine Thuͤr, zu welchem ſein Stallmeiſter ſich den Schlöſſel verſchafft hatte, mit dem Gemache, wo Margarita uͤbernachten ſollte, in Verbindung ſtand. Die Koͤnigin ſchien es nur zu betreten um darin zu Mittage zu ſpeiſen; als man ſich aber zur Abreiſe nach Cambray anſchicken wollte, fand ſich in Folge der geheimen Befehle Margari⸗ tens an den Equipagen ſo Manches aus⸗ zube ſſern unb in Stand zu ſetzen, daß die Nacht daruͤber einbrach, ehe man damit fertig werden konnte; da nun uͤberdem die Königin ermuͤdet zu ſeyn vorgab und daher in Caſtelet uͤbernachten wollte, ſo ſandte man einen der Kammerherrn an den Gouverneur mit Entſchuldigungen abz und Fraͤulein Thorigni wurde an den — e die nit em nd en Haushofmeiſter mit dem Befehle abge⸗ ſchickt, die Dienerſchaft fruͤh zu Abend eſſen zu laſſen. Kaum hatte ſich die Koͤnigin nun mit ihr in das bewußte Gemach zu⸗ ruͤck gezogen, ſo vernahm ſie das Geraͤuſch der Verbindungsthuͤr, welche der Herzog von ſeiner Seite oͤffnete, ihr Herz bebte und ihr Geſicht uͤberzog ſich mit einer Roͤthe, die ihren Reizen nichts raubte. Die Fuͤrſtin war ſehr jung vermaͤhl worden, und hatte kaum das Alter erreicht, wo die Natur ihre ganze Kraft äußert und die Schönheit des Geſchlechts in ihrer Vollkommenheit ſtrahlt. Der Herzog er⸗ ſchien in ihren Augen liebenswuͤrdiger als je, die Spuren der ehrenvollen Schuß⸗ wunde, die auf ſeiner Wange zuruͤckgehlie⸗ ben waren, und wovon er ſpäter den Bei⸗ namen der Genarbte erhielt, verbreite⸗ ten einen neuen Glanz von Ruhm auf allen ſeinen Zuͤgen und eine edle Kuͤhn⸗ heit ſtrahlte aus ſeinen Augen; er be⸗ 134 gruͤßte ſie mit den zaͤrtlichen und beſchei⸗ denen Blicken, wodurch wahres Verdienſt ſo ſehr gehoben wird, und begann die Unterredung domit, daß er den immer neuen Reizen der Geliebten ſeine Huldi⸗ gung zollte, wogegen die Koͤnigin der Tapferkeit des Herzogs uͤber deſſen letzten Sieg eine treffliche Lobrede hielt; dann redeten ſie von ihrer Reiſe nach Flandern, und ihren Abſichten, das Intereſſe des Herzogs bei dieſer Gelegenheit zu befoͤr⸗ dern. Er fand hierauf Gelegenheit, ihr zu verſichern, daß er ihr einen großen Theil ſeines Gluͤckes verdanke, daß aber ſein Herz ſich uͤber ſie beklugen muͤſſe, weil ſie zwar jederzeit bereit ſey, die Aus⸗ fuͤhrung ſeiner kuͤhnen, politiſchen Plaͤne zu unterſtuͤtzen, ohne jedoch fuͤr ſeine Liebe das Geringſte zu thun, und daß, obgleich er alle Verpflichtungen, die er ihr ſchuldig ſey, lebhaft empfinde, er ſie doch mit Freu⸗ den von einer ſo großmuͤthigen Anhäng⸗ lichkeit entbinden werde, ſobald ſie ihm w—— 7— 18 2 n ſtatt derſelben, nur herzliche Theilnahme und einen Beweis ihrer Gefuͤhle ſchenken wolle. „Wie,“ unterbrach ihn Margarita,„da wo ich Dank erwarte, muß ich nur Klagen vernehmen. Ich ſehe ein, es wird mir nie gelingen, Sie zu befriedigen. Was habe ich nicht Alles fuͤr Sie gethan, und warum kann ich nicht zum Vortheil mei⸗ ner Ruhe einen Theil davon vergeſſen? Wohin zielen dieſe Vorwuͤrfe?“ Nachdem Sie meine Zaͤrtlichkeit er⸗ ſchoͤpft haben, trachten Sie nach meiner Tugend, und ſuchen das Feuer Ihrer Liebe durch Gunſtbezeugungen zu erſticken, die gewoͤhnlich deren Schande und ſehr oft das Ende derſelben ſind? Erinnern Sie ſich der uneigennuͤtzigen Schwuͤre Ih⸗ rer aufkeimenden Leidenſchaft. Sie ſchwu⸗ ren mich zu lieben, einzig des Gluͤckes wegen zu lieben und geliebt zu werden. 136 Ihre Neigung blieb anfaͤnglich ſtandhaft aus eigner Kraft, ohne irgend andere Anſpruͤche; doch jetzt aͤndern Sie die Sprache, weil Sie glauben, daß ich Sie liebe, und nicht ſtark genug ſeyn moͤchte, mich zu vertheidigen und Ihnen zu wider⸗ ſtehen.“ „Halten Sie mich fuͤr ſo treulos?“ fiel der Herzog ein. „Ach, mein lieber Fuͤrſt, Sie lieben mich heute; wenn ich Ihre Wuͤnſche be⸗ friedigte, wuͤrden Sie mich morgen nicht mehr lieben. Bedenken Sie, daß die letzten Gunſtbezeugungen der Liebe, Wolluͤſte ſind, die man Seelen ohne Zartgefuͤhl, ſolchen, die fuͤr keine andere empfaͤnglich ſind, uͤberlaſſen muß. Ein befriedigtes Herz verſinkt in Gleichguͤltigkeit, geht von der Gleichguͤltigkeit zum Ekel uͤber; es iſt von allen Vergnuͤgungen das kuͤrzeſte und von allen Genuͤſſen der gefaͤhrlichſte. Bald d—— 137 wuͤrde ich Sie weniger zärtlich, weniger theilnehmend finden, und ich bin gewiß, daß ich Sie binnen Kurzem verlieren wuͤrde, weil ich Sie zu gluͤhend geliebt haͤtte.“ Alle dieſe zartlichen Gruͤnde uͤberzeug⸗ ten den Geiſt des Herzogs ſo wenig, daß ſie vielmehr ſeine Leidenſchaft nur noch mehr anfeuerten. Er war eben mit dem Verſuche beſchaͤftigt, ſie zu widerlegen, als ein Zufall eigener Art ihn unterbrach. Fraͤulein von Foſſeuſe, Ehrendame der Koͤnigin, hatte vermoͤge ihrer Jugend und Schoͤnheit, dem Könige ihrem Ge⸗ mahl gefallen, und ihr Umgang war ſo im Dunkel des Geheimniſſes weit gedie⸗ hen, daß ſie die Unbequemlichkeiten davon in den erſten Tage der Reiſe verſpuͤrte; ihre wenige Erfahrung und die Sorge fuͤr ihre Ehre hatten ſie genoͤthigt, ſich Zwang aufzuerlegen; allein zuletzt war ſie doch 138 von der Bewegung des Pferdes ſo heftig angegriffen worden, daß ſich die Vorboten ihrer Niederkunft in derſelben Nacht an der Seite des Zimmers ihrer Gebieterin einſtellten. Bald aͤußerte ſich der Schmerz auf eine ſo lebhafte Art, daß ſie die Er⸗ haltung ihres Lebens ihrem bis daher un⸗ befleckten Rufe zu opfern fuͤr rathſam hielt, und ein ſo durchdringendes Huͤlfs⸗ geſchrei erhob, daß ſaͤmmtliche Bewohner des Wirthshauſes davon erweckt wurden. Da nun der Vorfall kein Geheimniß blieb, ſo glaubte die Hofmeiſterin nicht ermaͤch⸗ tigt zu ſeyn, ihn der Koͤnigin zu verſchwei⸗ gen. — Der Herzog wurde dieſerhalb genoͤ⸗ thigt in ſein Gemach zuruͤckzukehren, und reiſete nach einigen Augenblicken Ruhe und ſobald ſeine Equipagen in Stand geſetzt waren, nach Nancy ab. Die Koͤnigin gab Befehl“ Fraͤulein Foſſeuſe zu ihren Eltern zuruͤckzuſenden, ſetzte ihre Reiſe nach Luͤt⸗ 139 tich fort und begegnete bald darauf dem Spaniſchen Gouverneur Don Juan, der ihr mit ſeinem ganzen Hofe entgegen kam. Dem aͤußern Anſcheine nach fanden nun auf der Reiſe nichts als Feſtlichkeiten und Baͤlle Stast; doch oftmals verſchwand Margarita aus dem Kreiſe rauſchender Beluſtigungen, um ſich mit den Spaniern uͤber die ehrſuͤchtigen Plaͤne ihres Gelieb⸗ ten zu berathſchlagen, und die geheimen Memoiren ihres Zeitalters behaupten, daß die beruͤhmte Unternehmung des Herzogs von Alenzon gegen Antwerpen auf ihr Anſtiften ſcheiterte; ein Mißlingen, das jenem Fuͤrſten die Herrſchaft der Nieder⸗ lande raubte, und bei ihm einen ſo lebhaf⸗ ten Unmuth erregte, daß dieſer die Urſache ſeines Todes wurde, und er das Haus Valois ohne Erben, den Herzog von Guiſe aber in einer Lage zuruͤck ließ, die dieſem das Loos Hugo Capets, als das zweite Geſchlecht der Franzoͤſiſchen Koͤnige 140 in den Nachfolgern Carls des Großen er⸗ loſch, zu verſprechen ſchien. Zur beſſern Beurtheilung dieſer Ge⸗ ſchichte bleibt zu erzählen uͤbrig, daß der Herzog von Alenzon zwar mit einem Heere und der Wuͤrde eines Herzogs in Flan⸗ vern eingeruͤckt war, daß er aber weder Kraft, noch die erforderliche Fähigkeit zu einer Unternehmung beſaß, der die Katho⸗ liken und ſelbſt die Eiferſucht ſeines Bru⸗ ders, des Königs, der ihn beſchaͤftigen, aber keinesweges erheben wollte, uͤberall Hinderniſſe in den Weg legten. Bald ſah er ſich von dem zum Auf⸗ ruhr geneigten Volke verachtet; die mit der eitlen Wuͤrde eines Herzogs verbun⸗ dene Macht, womit ſie ihm zu ſchmeicheln geſucht hatten, war durch ſo viele Ein⸗ ſchraͤnkungen begrenzt, daß ſich der Her⸗ zog, der an die willkuhrliche Regierung in Frankreich gewoͤhnt war, von der Vor⸗ mundſchaft ſeiner neuen Unterthanen be⸗ freien wollte. Seine Guͤnſtlinge, denen gleichfalls darnach verlangte, die Stadt⸗ halterſchaften der Städte an ſich zu brin⸗ gen, die er in Beſitz nehmen wuͤrdd, floͤß⸗ ten ihm den Vorſatz ein, ſich aller derer zu bemachtigen, vo franzöſiſche Garniſonen lagen und wahllen des 17. Januar 1384 zur Ausfuͤhrung. Der Herzog von Alen⸗ zon behielt die Ueberrumpelung Antwerpens, als das wichtigſte unter den Wagſtuͤcken fuͤr ſich. Die Verſchwörung gelang, oder mißgluͤckte in Anſehung der übrigen feſten Plaͤtze, je nachdem das Gluͤck und gute Benehmen dabei mitwirkten. Der Herzog hatte ſeine Armee unter dem Vorwande einer Muſterung in Ant⸗ werpens Vorſtaͤdten einquartirt und ſchien ſich mit Tagesanbruch ſchon dazu vorzube⸗ reiten, aber der Prinz von Oranien, der Zeuge dabei ſeyn ſollte, benachrichtigte ihn, daß die Buͤrgerſchaft in der Stadt auf — 142 ihrer Huth ſey; er kehrte doher nach ſei⸗ nem Pallaſt zuruͤck, und ließ dort eine Berathſchlagung Statt finden, als er bald darauf den gluͤcklichen, oder unguͤnſtigen Erfolg in den uͤbrigen feſten Staͤdten er⸗ fuhr. Dieſe Nachrichten bewogen ihn um ſo eher, die Mine ſpringen zu laſſen, als das Unternehmen bereits enideckt zu ſeyn ſchienz er verließ ſeinen Pallaſt mit einem Gefolge von zweihundert Pferden, und nahm ſeinen Weg nach der erſten Zug⸗ pruͤcke, die von Buͤrgerſoldaten bewacht wurde, hier fiel einer ſeiner Offiziere ab⸗ ſichtlich vom Pferde, und ſtiellte ſich, als ob er das Bein zerbrochen habe, ſobald ſich ihm aber der Sergeant, welcher die Wache befehligte, näͤherte und ſich buͤckte, um ihn emporzuheben, verſetzte jener ihm einen Schwertſtreich uͤber den Kopf; zu gleicher Zeit fiel des Herzogs Begleitung uͤber die Wache her, und trieb ſie fliehend 143 in die Stadt. Dieſe von der Wache ver⸗ jagten Buͤrger aus verſchiedenen Stadt⸗ vierteln eilten nach ihren Wohnungen, und verbreiteten überall Schrecken und Erſtau⸗ nen, Alles griff zu den Waffen, man zog Ketten durch die Straßen und in einer Viertelſtunde befand ſich die Stadt im Zuſtande der Vertheidigung; die Weiber bewaffneten ſich mit Kieſelſteinen und töd⸗ teten die Franzoſen aus den Fenſtern, wo ſie ſelbſt voͤllig geſichert waren. Einige Regimenter machten Kehrt, um der fran⸗ zoͤſiſchen Armee, die in Schlachtordnung gegen die Stadt anruͤckte, entgegen zu ge⸗ hen, allein ſie fanden das Thor bereits von den Schweizern angefuͤllt, welche ein⸗ zudringen ſuchten und beide Theile ſtießen ſo hart an einander, daß ſie beiderſeits außer Stand geſetzt wurden, zu fechten; waͤhrend dieſer Zeit thaten die Buͤrger von den Waͤllen herab, die ſie erſtiegen hatten und wo ſie gedeckt waren, keinen Fehlſchuß und das Gemetzel war ſo groß, 144 daß in kurzer Zeit das Thor mit Haufen von Leichnamen beinahe geſperrt wurde. Die in der Stadt zuruͤckgebliebenen Franzoſen ſahen ſich genoͤthigt, in die Stadtgräben hinabzuſpringen, kaum aber hatten ſie die andere Seite erreicht, ſo wurden ſie auch dort von den Buͤrgern mit Buͤchſen niederg ſchoſſen, endlich rich⸗ teten dieſe ihr Geſchuͤtz ſogar auf den Herzog von Alenzon, und zwangen den Fürſten, ſich in Verwirrung hinter eine Anhoͤhe zuruͤckzuziehen, wo er Zeit gewann⸗ ſich wie gewoͤhnlich uber ſein ungünſtiges Geſchick zu beklagen. Das Mißgluͤcken dieſer Unternehmung noͤthigte ihn bald darauf zur Ruͤckkehr nach Frankreich und hier war es, wo die Verachtung des Vorks, der Haß der Koͤniglichen Guͤnſtlinge und ſein eigner Unmuth ihm eine ſchlei⸗ chende Krankheit zuzogen, die ſeinem Le⸗ ben kurz darauf ein Ende machte. —„—„——„₰„ 145 Dagegen ſchien das Gluͤck mit der Ehrſucht des Herzogs von Guiſe zur Be⸗ foͤrderung ſeiner Abſichten, Hand in Hand zu gehen; der Koͤnig hatte keine Kinder; ſein Bruder, der Herzog von Alenzon, war in der Bluͤthe ſeines Alters dahin geſchie⸗ den; die Prinzen vom Gebluͤte hießen Ketzer; Spanien ſorgte fuͤr die Beſtreitung der Ausgaben des Herzogs, und der Paͤpſt⸗ liche Stuhl, den die, den Calviniſten be⸗ willigte Gewiſſens⸗„Freiheit beunruhigte, hatte die Ligue foͤrmlich unter ſeinen Schutz genommen. Das Oberhaupt derſelben befand ſich in Nancy, der Hauptſtadt von Lothringen, und die Fuͤrſten hatten ſich auf ſeine Ein⸗ ladung ebenfalls daſelbſt verſammelt, um ſich uͤber die Mittel zu beſprechen, ſo guͤn⸗ ſtige Zeitumſtaͤnde zu benutzenz dort er⸗ hielt er Briefe von der Koͤnigin von Na⸗ varra. Dieſe hatte ſich nach ihrer Ruͤck⸗ kehr aus Flandern einige Zeit in la Fere Der ſchw. Bund. 10 146 aufgehalten, und war ſeitdem an den Hof zuruͤckgekehrt, wo ſie von Zeit zu Zeit den Beſitz ihres muͤtterlichen Erbtheils in An⸗ ſpruch nahm, und bereits jeden Vorwand, um noch laͤnger von ihrem Gemahl ent⸗ fernt zu bleiben, erſchoͤpft hatte, als ihr dieſer ſelbſt dazu ein Mittel darbot, an das ſie wahrlich nicht gedacht hatte. Die Guͤnſtlinge des Monarchen, welche jede Gelegenheit ihr zu ſchaden, zu er⸗ ſpaͤhen wußten, weil ſie beſorgten, daß ſie einſt den Einfluß auf den Geiſt ihres Bruders wieder erlangen moͤchte, den ſie fruͤher beſeſſen, und die durch ihre Spione in Erfahrung gebracht hatten, daß ſie an den Herzog von Guiſe geſchrieben, ließen den Courrier durch vier verlarvte Bandi⸗ ten unterweges ermorden und uͤberlieferten dem Koͤnige die noch unentſiegelten Schrei⸗ ben; dieſer oͤffnete voll Ungeduld den Brief ſeiner Schweſter an den Herzog von Guiſe, der folgende Zeilen enthielt: „ VW— * . M 147 „Endlich beruͤhre ich das Ende mei⸗ ner abſichtlichen Zoͤgerungen und wenn Sie jetzt nicht Rath ſchaffen, ſo werde ich mich genoͤthigt ſehen, zu meinem Gemahl zuruͤckzukehren; iſt es nicht genug Marter fuͤr mein Herz, von dem Gegenſtande meiner Liebe ent⸗ fernt zu ſeyn, muß ich nun noch ge⸗ zwungen werden, dasjenige, was ich haſſe, aufzuſuchen? Warum haben Sie die Ruhe meiner Kindheit ge⸗ ſtoͤrt; ohne Sie haͤtte ich vielleicht den Mann lieben koͤnnen, den mir das Schickſal zum Gemahl beſtimmte? Der Koͤnig dringt in mich, und ſeine Guͤnſtlinge verlieren keine Gelegenheit, meine Abreiſe zu beſchleunigen. Sie aber erſcheinen nicht.— Wenn ich auch mein Intereſſe unbeachtet laſſe, ſo erheiſcht doch das Ihrige Ihre Ge⸗ genwart bei Hofe.“ — „Guter Gott, wie kuͤhl iſt doch der 148 Maͤnner Liebe gegen die Unſrige! Tau⸗ ſend Gegenſtände zerſtreuen ſie. Doch ich, ich bin nur mit Ihnen beſchäftigt, Ihr Bild ſchwebt haͤufiger vor mei⸗ nen Augen als das Licht des Tages, und wenn ich auch zuweilen Zerſtreu⸗ ung ſuche, ſo verſinke ich doch bald in eine Schwermuth, die mir laͤſtiger iſt, als die Ungeduld meiner Leiden⸗ ſchaft. Ach! was ſoll ich denken und thun? warum ſoll ich auf meine Hand⸗ lungen achten, da Sie nicht bei mir ſind? Wenigſtens bin ich gluͤcklich, daß ſich mein Herz mit einem ſo 1 wuͤrdigen Gegenſtande beſchaͤftigen kann.“ „Ich bemitleide die uͤbrigen Frauen bei Hofe, deren Neigungen, ſo viel ich weiß, nur auf mittelmaͤßige Ver⸗ dienſte gerichtet ſind; ich bilde mir ein, daß ihre Leidenſchaften darum nicht ſchwächer, daß ſie alle nach ei⸗ 149 nem Maßſtabe geformt ſeyn muͤſſen; wenn das iſt, ſo werden ſie lange ſchmachten, denn wo findet man wol ſo viel edle, ſeltne Eigenſchaften in einem Gegenſtande vereinigt; und doch rechne ich dieſe aͤußern Reize, womit die Natur Sie ſo freigebig be⸗ ſchenkt hat, die Sie nicht zu kennen ſcheinen und die bei einem Andern ebenfalls Bewunderung erregen wuͤr⸗ den, fuͤr nichts; ich bete in Ihnen jene Seelengroͤße an, die der Schoͤn⸗ heit Ihres Geiſtes und dem Anſtande Ihres Betragens keinen Abbruch thut. Ihre Beſcheidenheit wird ſich zwar gekränkt fuͤhlen; da ich Sie aber nicht ſehen darf, ſo will ich mich mit Ih⸗ nen unterhalten, und Sie zum Erroͤ⸗ then zwingen.“ „Wie ſehr iſt doch das Schickſal der Großen zu beklagen; wir wuͤrden uns oͤfterer ſehen koͤnnen, waͤren die Au⸗ 150 gen der Welt weniger auf uns ge⸗ richtet. Ich beneide das Gluͤck mei⸗ ner Thorigni, ſie liebt, und geräth nicht in die Verlegenheit, es zu ver⸗ heimlichen.—“ „Und wenn mich nur die Qual der Abweſenheit allein peinigte; ſo aber verſtrickt mich die Furcht, Sie bald auf eine, bald auf eine andere Art zu verlieren, in ein Gewebe unauf⸗ hoͤrlicher Unruhe. Stehen ſie an der Spitze des Heeres, ſo fuͤrchte ich die Feinde und Ihre falſchen Freunde, aber ich fuͤrchte Sie ſelbſt mehr noch, als alle die Uebrigen. Dieſe Kuͤhn⸗ heit, die mich entzuͤckt, bringt mich zur Verzweiflung. Ich bin begeiſtert, ſo oft ich Ihrer Tapferkeit Lobſpruͤche ertheilen hoͤre, und erbleiche bei dem Gedanken, daß der Tod nur zu oft die Belohnung der Thaten des groͤß⸗ ten Helden wird. Denn auch Sie ſind ja nicht unſterblich!— Der Frie⸗ den giebt mir meine Ruhe nicht wie⸗ der, ich muß ihnen meine Schwaͤche geſtehen, ich bin eiferſuͤchtig und weil ich den Grund dieſer Schwachheit vergebens ſuche, ſo bin ich eiferſuͤchtig auf Alles was ſich Ihnen nahet; ich allein moͤchte die Wonne, Sie zu ſe⸗ hen, genießen. Ehe ich Sie liebte, hielt ich das Verfahren der Orienta⸗ len, die ihre Geliebten einkerkern, fuͤr ein Verbrechen; jetzt habe ich meine Anſicht geaͤndert, ich bin beinahe uͤberzeugt, daß ich ihrem Beiſpiele folgen wuͤrde. Es iſt aber ſowol Ihre eigene Schuld, als die Meinige. Ihr einnehmendes, zuvorkommendes Betragen gegen Jedermann beunruhigt mich, ſo oft ſie oͤffentlich erſcheinen; Sie beſitzen ein ſo anziehendes Beneh⸗ men, das vei allen Weibern die ſchmeichelhafte Vermuthung erregen muß, daß Sie ihnen gewogen ſeyn 152 — moͤchten; und ich kann es nicht dul⸗ den, daß außer mir eine Andere ei⸗ nem ſolchen Gedanken Raum geben darf.— Unmerklich bin ich von dem Gegenſtande meines Briefes abge⸗ wichen. Melden ſie mir, was ich be⸗ ginnen ſoll, haben Sie bei dem mir zu ertheilenden Rathe einige Nachſicht mit meinen Schwaͤchen, und beden⸗ ken Sie, daß wenn ich auch des Koͤ⸗ nigs von Navarra Gemahlin bin, ich doch ſtets die zaͤrtlichſte Geliebte des Herzogs von Guiſe bleiben werde.“ Da Margarita auf ihren Brief eine Antwort micht erhielt, ſo reiſete ſie vom Hofe ab, Willens ſich nach Cognac zu be⸗ geben. Inzwiſchen hatte der Koͤnig, wel⸗ cher nur ſeinem Zorne und dem Eigennutze ſeiner Guͤnſtlinge zum Nachtheil ſeiner eignen Ehre Gehoͤr gab, ſeiner Schweſter Briefe im erſten Anfalle des gerechten Un⸗ willens dem Koͤnige von Navarra mitge⸗ theilt; hierauf war Dupleſſis Mornai, deſ⸗ ſen Miniſter heimlicherweiſe an den Hof gekommen, um im Namen ſeines Fuͤrſten⸗ Heinrich den dritten zur Rache wider ſeine eigene Schweſter aufzufordern; allein der Koͤnig ſchickte ihn mit der Vollmacht zu⸗ ruͤck, ſie ſelbſt zu nehmen, und verſprach, daß er ſich keinesweges darin miſchen werde. Nachdem der Koͤnig von Navarra hierauf dieſe Angelegenheit reiflich erwogen hatte, ſchickte er ſeiner Gemahlin eine Compagnie Reiterei unter dem Vorwande entgegen, ihr als Ehren⸗Eskorte zu die⸗ nen; der Rittmeiſter hatte jedoch den ge⸗ heimen Befehl erhalten, ſie den Haͤnden des Markis von Canillac zu uͤberliefern, in deſſen Feſtung ſie als Gefangene mit alle der ihrem Range gebuͤhrenden Achtung bleiben ſollte. Dieſer Befehl wurde puͤnkt⸗ ich, ſogar mit Ueberſchreitung der Abſich⸗ ten des Koͤnigs vollzogen; denn da der 154 Markis von Canillac ſehr oft Gelegenheit hatte, ſeinen neuen Gaſt zu ſehen, deſſen Schonheit und hohe Geburt ſowol ſeinen Wuͤnſchen als ſeiner Eitelkeit ſchmeichelten, ſo wurde er bald ein Sclave ſeiner Ge⸗ fangenen. Während dieſer Zeit verſammelte der Herzog von Guiſe, auf Anſtiften des Koͤ⸗ nigs von Spanien und der Pariſer, Streit⸗ kräfte in und außerhalb des Koͤnigreichs und da ihm ſehr daran liegen mußte, der Ligue den Beiſtand eines Prinzen vom Gebluͤt als Stuͤtzpunkt zu verſchaffen, ſo ſuchte er die Stimmung des Cardinals von Bourbon zu erforſchen. Die Gefahr der katholiſchen Religion machte einen ſolchen Eindruck auf den Greis, daß er ſeine Einwilligung gab, ſich nach Peronne zuruͤckzuziehen. Hier erließ die Ligue un⸗ ter ſeinem Namen ein Manifeſt, das die Abſichten des Herzogs von Guiſe deutlich ausſprach. Dem Koͤnige gebrach es in⸗ 155 zwiſchen an Macht, ſich dem Einfluſſe der Ligue zu widerſetzen, er wollte deshalb ſeinen alten Grundſatz befolgen und ſich an ſeinen Feinden durch ſeine Feinde ſelbſt raͤchen; zu dieſem ordnete er eine Ver⸗ ſammlung der Notabeln in Paris an, ver⸗ bot in derſelben die Ausuͤbung jeder an⸗ dern Religion, außer der Roͤmiſch⸗Katho⸗ liſchen, ließ ſich die Artikel der Ligue vor⸗ legen, ſolche von den Großen des Reichs unterzeichnen, unterſchrieb ſie gleichfalls und erklaͤrte ſich zum Beſchuͤtzer derſelben; ein unverbeſſerlicher Mißgriff, wodurch er ſich zum Oberhaupte einer Parthei in ſei⸗ nem eignen Koͤnigreiche ohne Nutzen auf⸗ warf, weil die Ober⸗Gewalt demungeach⸗ tet in den Haͤnden des Herzogs von Guiſe verblieb. Dieſe Erklaͤrung weckte den Koͤnig von Navarra aus ſeiner Unthaͤtigkeit, er erließ nun ſeinerſeits ein Manifeſt und ließ den Herzog von Euiſe oͤffentlich zum 156 Zweikampf herausfordern. Die Religion war der ſcheinbare Vorwand dieſer Aus⸗ forderung und die Eiferſucht der geheime Bewegungsgrund derſelben; allein der Herzog von Guiſe, deſſen Tapferkeit kei⸗ nem Zweiſel unterworfen blieb, hielt es nicht fuͤr angemeſſen, auf den Zweikampf einzugehen. Inzwiſchen warben die Fuͤrſten Deutſch⸗ lands, von den maͤchtigen Fuͤrbitten, Theo⸗ dors von Beze, und dem Gelde der Koͤ⸗ nigin Eliſabeth von England angereizt, ſriſche Truppen im Namen des Koͤnigs von Navarra, und der Fuͤrſt Caſimir uͤber⸗ trug das Commando derſelben dem Baron von Ornan, einem Krieger von anerkann⸗ tem Muthe, aber einer Familie, die einer ſolchen Erhebung ſehr nachſtand. Als die⸗ ſer Feldherr ſeine Truppen gemuſtert hatte, zählte er beinahe vierzigtauſend Mann, wovon die Haͤlfte Schweizer und die an⸗ dere deutſche Reiterei waren, unter ſeinen ——— 15 Fahnen; der Sitte ſeines Vaterlandes ge⸗ maͤß, begleitete ihn ſeine Familie, die aus ſeinem Vater, ſeiner Gattin und ſeinem Sohne beſtand, und Zeuge einer Erhebung ſeyn ſollten, an die ſie nicht zu denken gewagt hatten. Jenes zahlreiche Heer ruͤckte gegen die Mitte des Monats September 1587 ins Feld und verſetzte den Koͤnig in die aͤu⸗ ßerſte Beſtuͤrzung: die Hartnaͤckigkeit des Koͤnigs von Navarra raubte ihm jede Hoffnung, dieſen mit der Kirche wieder zu vereinigen, er ſah ſich der Nothwendig⸗ keit preis gegeben, von der Gefälligkeit des Herzogs von Guiſe abzuhaͤngen, und mußte bei dem zunehmenden Uebermuth der Pariſer, dem es gelungen war, gegen ſeine eigene Perſon ſogar Komplotte an⸗ zuzetteln, wie gewoͤhnlich zur Verſtellung ſeine Zuflucht nehmen, obſchon er von Al⸗ lem, was im Rathe der Sechzehn vor⸗ ging, genau unterrichtet war. So nannte man die Zuſammenkunft der Ligue, die aus ſechzehn Hauptleuten der Stadtvier⸗ tel von Paris beſtanden, und bei den Jacobinern gewoͤhnlich ihre Verſammlun⸗ gen hielten. Ein gewiſſer Poulain, Lieutenant des Profoß der Inſel, hatte ſich entſchloſſen, Sr. Majeſtaͤt von den letzten Beſchluͤſſen der Rebellen Kenntniß zu geben, da er aber an demſelben Tage Schulden halber verhaftet worden, ſo benachrichtigte er den Kanzler von ſeiner Abſicht. Dieſer ließ ihn wie einen Verbrecher mit gebun⸗ denen Haͤnden vor ſich bringen, ihn unter dem Vorwande, die Veranlaſſung zu ſeiner Verhaftung zu erfahren, verhören und er⸗ ſuhr auf dieſe Art die geheimſten Veran⸗ ſtaltungen der Verſchwoͤrung. Der Koönig verlangte Alles aus dem Munde Paulains ſelbſt zu vernehmen und dieſer wiederholte in ſeiner Gegenwart: d * 159 daß man damit umginge, die Stadt in Aufruhr zu bringen, den Koͤnig in ſeinem Louvre zu belagern, ſich ſeiner Perſon zu bemaͤchtigen, und das Weitere dem Ermeſ⸗ ſen des Herzogs von Guiſe zu uͤberlaſſen. Paulain fuͤgte hinzu: Die Abweſenheit des Fuͤrſten ſey die einzige Urſache der Verzoͤgerung; man habe zwar deſſen Bru⸗ der, den Herzog von Mayenne zum Bei⸗ tritt zu uͤbereden geſucht, dieſer hätte den Rebellen auch Gehoͤr gegeben, ſie uͤber die Mittel zur Ausfuͤhrung eines ſo gewagten Unternehmens befragt, ſich jedoch nicht unterſtanden, ihnen eine beſtimmte Ant⸗ wort zu ertheilen. Alle dieſe Entbeckungen wurden in naͤchtlicher Stille, wo der Koͤnig ſeine Be⸗ rathſchlagungen zu halten pflegte, von ſei⸗ ner Mutter, dem Herzoge von Espernon und der Herzogin von Uſez, deren Schoͤn⸗ heit Aufſehen zu erregen anfing, reiflich erwogen, Der König reiſete gleich nachher von Paris nach Meauxr, wo er mit ſeinen Truppen zuſammen treffen wollte, ab. Auch der Herzog von Guiſe begab ſich dort hin, und Se. Majeſtaͤt muſterte in deſſen Gegenwart das Heer⸗ Hierauf be⸗ ſtimmte er ihm einen Theil deſſelben, da⸗ mit er ſich dem Eindrange der Deutſchen in die Champagne widerſetzen koͤnnte, be⸗ hielt aber den groͤßten Theil fuͤr ſich, um ihnen im Falle des Einbruches in das Koͤnigreich, den Uebergang uͤber die Loire ſtreitig zu machen. Dieſe Zuſammenkunft, wobei äußerliche Andeutungen von gutem Willen nicht geſpart wurden, verbarg in der Tiefe des Herzens gegenſeitigen, ein⸗ gewuxzelten Haß, auch ließ der Koͤnig unter mancherlei Vorwaͤnden faſt alle Rei⸗ terei, die er dem Herzoge von Guiſe ver⸗ ſprochen hatte, unter ſeinen eignen Be⸗ fehlen zuruͤck bleiben⸗ Guiſe kehrte nur in Begleitung ſeiner 6 „ ——„e— f— S— S— — 8 N— v* — 161 Anhänger, einer Zahl von achthundert Edelleuten, beſoldeten Dienern und eignen Vaſallen nach Lothringen zuruͤck; doch wuͤrde dieſe Cavallerie in Verbindung mit den Truppen, die er in ſeiner Stadthalter⸗ ſchaft zuſammen gerafft hatte, und denen des Herzogs von Lothringen, welcher ſeit kurzem der Ligue beigetreten war, noch immer ein betraͤchtliches Heer zuſammen geſetzt haben, allein dieſer aͤngſtliche Fuͤrſt war nie dahin zu bewegen, daß er das Schickſal ſeiner Familie und das Leben ſeiner Unterthanen dem ungewiſſen Aus⸗ gange einer Schlacht preis gegeben und ſich auf die ausgezeichnete Tapferkeit des Herzogs von Guiſe vertrauungsvoll ver⸗ laſſen hätte. Er ließ daher das Beſte ſeines Kriegsgeräthes in feſte Plaͤtze ein⸗ ſchließen, vertheilte ſeine Armeen in ſelbige und auf ſolche Art blieben nur funfzehn⸗ hundert Pferde mit dreitauſend Mann Fuß⸗ volk dem Feldherrn uͤbrig. Der ſchw. Bund. 11 162 Demnach entſchloß ſich der Herzog von Guiſe, deſſen hoher Muth Alles er⸗ ſetzte, und der ſeinen Ruhm unter den Katholiken auf immer verloren ſah, ſobald dem Koͤnige allein die Ehre zu Theil werde, die Fremdlinge zuruͤckzutreiben ⸗ entweder ſich ins Verderben zu ſtuͤrzen⸗ oder Jenem zuvorzukommen; dann wurde der Koͤnig Sieger oder von den Hugenot⸗ ten beſiegt; ſo war in beiden Faͤllen der Sturz des Hauſes Guiſe auf gleiche Weiſe unvermeidlich. Er ruͤckte daher nach der Grenze von Lothringen dem Deutſchen Heere entgegen, und wandte die erſten Tage dazu an, ihre Mannszucht zu beo⸗ bachten und ihre Tapferkeit durch unbe⸗ deutende Scharmuͤtzel auf die Probe zu ſtellen. Das zahlreiche feindliche Heer, wel⸗ ches ſich durch ſeine Anzahl und die in Frankreich herrſchenden Spaltungen ge⸗ ſichert hielt, marſchirte ohne Ordnung, und ——+—„„„„ og er⸗ en d i en⸗ en, rde ot⸗ der eiſe der hen ſten e0⸗ be⸗ zu vel⸗ in ge und 163 dehnte ſich links und rechts weit aus, wo⸗ durch es Gelegenheit fand, groͤßere Ver⸗ wuͤſtungen zu veruͤben. Es erreichte das Ufer der Loire mit einer ſo unermeßlichen Beute beladen, daß es ſich genoͤthigt ſah, weitlaͤufige Stand⸗ quartiere zu beziehen und ſeine Corps zu vertheilen. Da indeß dieſe fremden Trup⸗ pen den Koͤnig geruͤſtet und entſchloſſen fanden, ihnen den Uebergang uͤber die Loire ſtreitig zu machen, ſo kehrten ſie auf demſelben Wege zuruͤck und hielten fuͤr rathſam, Nachricht von dem Koͤnige von Navarra in den fruchtbaren Ebenen von Beauce zu erwarten. Der Herzog von Guiſe, raſtlos wie ſeine Soldaten, die ſich ohne Röckſicht auf ihre Anzahl unter ſeiner Anfuͤhrung fuͤr unuͤberwind⸗ lich hielten, verlor indeß keine Gelegenheit ſie zu beunruhigen und ihren Marſch zu verzoͤgern. In der Abſicht, die Hauptſtadt des Koͤnigreichs zu decken, von der er bis 164 zur Anbetung geliebt wurde, poſtirte er ſich zwiſchen das feindliche Heer und Paris und langte mit demſelben zugleich in den Gegenden bei Montargis an. Der Baron von Ornano waͤhlte zu ſeinem Hauptquartier Vimori, einen gro⸗ ßen Flecken zwei Stunden von Montargis; die Schweizer wurden in die Vorſtaͤdte einquartirt und der uͤbrige Theil des Hee⸗ res beſetzte die benachbarten Dorfſchaften einige Stunden im Umkreiſe. Die ausgeſandten Kundſchafter be⸗ nachrichtigten den Herzog von Guiſe von der Stellung des Feindes, als er eben mit den Herzoͤgen von Mayenne ugd Au⸗ male zu Abend aß, und ſogleich ließ der Feldherr zum Aufſitzen blaſen. Umſonſt ſtellten ihm die beiden Fuͤrſten vor, daß er mit funfzehnhundert Pferden und hoͤch⸗ ſtens dreitauſend Mann Fußvolk zu ſchwach ſey, ein Heer von vierzigtauſend Streitern r b 165 anzugreifen; daß, nachdem er ſein ganzes Leben darauf verwendet, ſich einen Namen zu verſchaffen, er jetzt im Begriffe ſtehe, den muͤhſam errungenen Ruhm, durch eine unausbleibliche Flucht einzubuͤßen, und daß der Koͤnig endlich die Kunſt aufge⸗ funden habe, ihn durch ihn ſelbſt zu ver⸗ derben, indem er ihn einer ſolchen Ver⸗ ſuchung ausſetzte, ohne ihn mit den dazu erforderlichen Streitkraͤften zu verſehen. Er erwiederte ihnen, daß er das Lager eines Feldherrn angreifen wolle, deſſen zahlreiche und daher ſorgloſe Truppen wahrſcheinlich in Folge der Ermuͤdung und Ausſchweifungen ſich dem Schlafe wuͤrden uberlaſſen haben; daß die uͤbrigen entfern⸗ tern Theile ſeines Heeres es nicht wagen wuͤrden, zu ſeinem Beiſtande herbei zu eilen; daß ſie zum Anmarſche Zeit beduͤrf⸗ ten, und daß ſeine Krieger von der Fin⸗ ſterniß beguͤnſtigt, ihren Ruͤckzug leicht wuͤrden bewerkſtelligen koͤnnen. 166 Der Herzog von Mayenne entgegnete: man muſſe dieſes gewagte Unternehmen, auch wenn wrirklich einiger Schein von Moglichkeit vorhanden ſey, doch reiflich pruͤfen. „Ich werde mich in meinem gan⸗ zen Leben nicht dazu entſchließen koͤnnen, wozu ich mich in einer Viertelſtunde nicht entſchloſſen habe!“ entgegnete der Herzog von Guiſe; und ſchritt in ein darneben aufgeſchlagenes Zelt, wo er ſeine Waffen anzulegen im Begriff war, als man ihm die Ankunft eines Ritters meldete, der von ihm eine geheime Unterredung verlangte. Der Her⸗ zog befahl ſeinen Leuten mit Aus nahme eines Kammerdieners, der ſein Zutrauen beſaß, ſich zu entfernen und erkannte mit Erſtounen in dem Fremden, den jener hereinführte, die Königin von Navarra in maͤnnlicher Kleidung. —— e e e 167 Der Prinzeſſin war waͤhrend ihrer Gefangenſchaft die thoͤrichte Leidenſchaft des Markis von Canillac nicht entgangen; um nun Gebieterin ſeines Willens zu werden, hatte ſie ſich Zwang auferlegt und einige Hoffnung bei ihm entſtehen laſſen, die ſeine Nachgiebigkeit befoͤrdern mußte; gewiſſe bis in ihr Gefaͤngniß gedrungene Geruͤchte von einem vermeinten Liebesver⸗ ſtaͤndniß zwiſchen dem Herzoge von Guiſe und der Wittwe des Herzogs von Uzes, der ſchoͤnſten Dame bei Hofe, unterhielten ſie in beſtaͤndiger Unruhe und machten ihr den Mangel an Freiheit unerträglich. Ihr Argwohn war nicht ganz unge⸗ gruͤndet, denn der Fuͤrſt, deſſen viel ge⸗ ruͤhmte Tapferkeit und angenehmes Aeußere die Herzen aller Weiber aus Eitelkeit oder wahrer Neigung ruͤhrten, benutzte oft die Wege der Galanterie, um ſeinem Gluͤcke eine Bahn zu oͤffnen; eine Politik, die ſo erſprießlichen Nutzen fuͤr ihn hatte, daß ſie ihm bei Gelegenheit der Straßen⸗ ſperrung in Paris ſogar das Leben rettete. Gleiche Dienſte wuͤrde ſie ihm bei der Verſammlung der Staͤnde in Blois durch die von Seiten mehrerer Damen erhalte⸗ nen Warnungen geleiſtet haben⸗ allein ſein Eigenduͤnkel achtete der gerechten Beſorg⸗ niß, die ihm ein erzuͤrnter Koͤnig an ei⸗ nem Orte einflößen mußte, wo er ſich thörigterweiſe in deſſen Hände geliefert hatte, nicht und daher warf er ſich ſeinem Verderben entgegen. Die Königin von Navarra, welche ſich um jeden Preis uͤber ihre eiferſuͤchti⸗ gen Vermuthungen Aufklärung und Ge⸗ wißheit verſchaffen wollte, bediente ſich der uͤber das Herz des Markis von Ca⸗ nillat erlangten Herrſchaft und brachte es durch die Allgewalk der Verſprechungen und Schmeicheleien dahin, daß er ſich ih⸗ rer Flucht nicht zu widerſetzen gelobte. Sie waͤhlte maͤnnliche Kleidung und ver⸗ 169 ließ nur mit einem Begleiter ihr Gefaͤng⸗ niß in einer Zeit, wo ihre Wache von dem Weine, den ſie geſpendet hatte, berauſcht war. So durchſtrich ſie beinahe das ganze Koͤnigreich, folgte den Spuren des Herzogs von Guiſe von dem Geraͤuſch der Waffen geleitet und erreichte das Heer gerade an dem beruͤhmten Tage, wo die Stadt Vimori' eine Beute der Flammen wurde. Sobald ſie mit dem Herzoge allein war, redete ſie ihn mit den Worten an: „Jetzt alſo, Undankbarer, wollen Sie, ohne meiner zu gedenken, ein Leben ver⸗ ſcherzen, das Sie mir ſo oft geweihet ha⸗ ben? Gehoͤrt es Ihnen allein, Grauſamer, weil Sie ſo verſchwenderiſch damit wu⸗ chern? Ich will Ihnen alle Gruͤnde der Ehre und des eignen Wohls, die Ihnen Ihre Freunde bereits vergebens vorgeſtellt haben, nicht wiederholen; ich ſetze voraus, daß ſie ſolche fruͤher als jene erwogen haben; ich werde nur des Eigennutzes un⸗ ſerer Liebe hier gedenken. Leider ſehe ich, er wird nur wenig Eindruck auf Ihre Seele machen; waͤhrend meiner Abweſen⸗ heit haben neue Gegenſtaͤnde aus Ihrem Herzen eine Neigung verdrängt, die nie hätte daraus entweichen muͤſſen, weil die zaͤrtlichſte aller Frauen ſie Ihnen einge⸗ floͤßt.—“ „Suchen Sie etwa den unvermeid⸗ lichen Tod, um mich nie wieber zu ſehen?“ „Was ſoll aus mir werden, wenn Sie der Erde nicht mehr angehöten? Un⸗ ſere Feinde werden mich in meinem Elende und meinem Schmerze verhoͤhnen.“ „Umſonſt ſuchen Sie ſich meinen Au⸗ gen zu entziehen; eben der Augenblick, der mir Ihren Tod verkuͤndet, wird auch uͤber mein Schickſal entſcheiden. Ich will Ihnen ſogar bis ins Grab folgen, und — 3„— „— „—„—— W —— 171 nichts wird ſtark genug ſeyn, mich von Ihnen zu trennen, ſelbſt Ihre Treuloſig⸗ keit nicht.“ Der Herzog von Guiſe konnte ſein Erſtaunen uͤber das Erſcheinen und die Worte der Koͤnigin nicht mäßigen; doch gelang es ihm endlich, ihr die Nothwendig⸗ keit begreiflich zu machen, daß er dem Koͤ⸗ nige zuvorkommen muͤſſe; zugleich unter⸗ richtete er ſie von einigen Vorfaͤllen, die zu dem Gerede von einem ſcheinbaren Verſtaͤndniß zwiſchen ihm und der Her⸗ zogin von Uzes Veranlaſſung konnten ge⸗ geben haben und nachdem er ſie mit Ver⸗ ſicherung beruhigt hatte, daß er fuͤr ſeine Erhaltung moͤglichſt Sorge tragen wolle, fuhr er fort ſich zum Auſbruche zu ruͤſten. Allein Margarita willigte nur unter der Bedingung ein, die Gefahren mit ihm zu theilen, wozu ihr die Finſterniß, die iyre Verkleidung beguͤnſtigte, die Hand 172 vot. Dann erzaͤhlte ſie ihm, auf welche liſtige Art ſie ihre Flucht bewerkſtelligt hatte und verließ ihn mit dem Vorſatze, ihn bewaffnet zu begleiten. Mit Sonnen⸗Untergang brach der Herzog von Guiſe aus ſeinem Lager auf; zuerſt marſchirte er ſelbſt an der Spitze von hundert Edelleuten, dann folgte die Infanterie, in zwei Bataillone von funf⸗ zehnhundert Mann jedes getheilt, und die Reiterei von drei Schwadronen zu fuͤnf⸗ hundert Mann auserleſener Krieger be⸗ ſchloß den Zug. Die erſte ſtand unter den Befehlen ſeines Bruders, des Herzogs von Mayenne, die zweite befehligte der Markis von Pont, ſein Neffe, und die pritte der Herzog von Aumale, ſein Oheim. Um Mitternacht erreichten ſie Vimori, ohne auf einen Vorpoſten zu ſtoßen, oder einer Feldwache zu begegnen. Der Herzog von Guiſe fuͤhrte das —„8„S———„ —„ 8 „+„c„— — er—. 173 Fußvolk in den Flecken ein, und zwar jedes Bataillon von zweien entgegengeſetz⸗ ten Seiten in die Hauptſtraße, die Rei⸗ terei wurde an den Zugaͤngen zum Flecken aufgeſtellt, um Jeden, der ſich durch die Flucht zu retten ſuchen wuͤrde, zuruͤck zu treiben. Der Schlaf und die Duͤnſte des Weins hielten das deutſche Heer ſo feſt gefeſſelt, daß Alles gehoͤrig vorbereitet, auch bereits das Signal gegeben war, ehe noch ein Einziger erwachte. Das Katho⸗ liſche Fußvolk that hierauf eine General⸗ Salve aus den Musketen, waͤhrend ein⸗ zeln abgeſchickte Soldaten den Flecken an mehreren Stellen in Brand ſteckten. Bald war das Schlachtfeld wie am hellen Tage erleuchtet, die ungluͤcklichen Fremdlinge, welche aus den Haͤuſern einer nach dem andern vom Schlafe, dem Weine und dem Tumulte betaubt heraustaumelten, fanden ihren Tod, ehe ſie noch an Vertheidigung denken konnten, und ohne daß der Sieger irgend Gefahr dabei lief; die groͤßte An⸗ 174 zahl kam in den Flammen um oder wurde vom Rauche erſtickt; das Geſchrei der Sterbenden und Verwundeten mit dem Knolle des Feuergewehrs und dem Praſ⸗ ſeln der Flammen gemiſcht, erfuͤllte die Einbildungskraft mit einer Angſt, mit ei⸗ nem Entſetzen, die den Beſturzten nicht einmal die Kraft ubrig ließen, ſich zu ver⸗ theidigen. Ihr Anfuͤhrer, der Markis von Or⸗ nano, von der erſten Salve aufgeſchreckt, ſchwang ſich mit ſeinen Offizieren, etwa hundert der beſten Streiter zu Pferde; als er aber die Hauptſtraße bereits in Flammen und vom Feinde beſetzt ſah, konnte er aus Zärtlichkeit fuͤr ſeine Fa⸗ milie, deren unvermeibliches Verderben vor ſeinem Blicke ſchwebte, keines Ent⸗ ſchluſſes Meiſter werden. Bald ſah er ſich von einem Haufen Reiterei, bei dem die Koͤnigin von Navarra focht, angegrif⸗ fen; die Fuͤrſtin ward von einem Piſtolen⸗ rde der r⸗ kt, wa ez ah, E nt⸗ 175 ſchuß am Viſir ihres Helms, deſſen ſie ſich eher aus Beſorgniß, erkannt, als ver⸗ wundet zu werden, bedient hatte, getroffen; da aber die Kugel nur die Bedeckung des Kinns tief am Viſir beruͤhrte, ſo blieb ſie ohne Wirkung und laͤhmte den Muth der Fuͤrſtin nicht, denn kaum gewahrte dieſe das unbedeckte Haupt des Baron von Oi⸗ nano, dem es an Zeit gefehlt, ſich voll⸗ ſtaͤndig zu ruͤſten, ſo verſetzte ſie ihm einen Schwertſtreich uͤber die Stirn, doch wär der Streich nur von einer ſchwachen, an den Gebrauch ſchwerer Waffen nicht ge⸗ woͤhnten Hand gefuͤhrt, und verwundete den Feldherrn nur leicht. Dieſer, der Wunde nicht achtend, focht wie ein Verzweifelter, als er aber ſeinen Haufen lichter werden, und von den hundert Streitern kaum noch zwonzig uͤbrig ſah, ſo zwang ihn die Noth, an den Ruͤckzug und die Pflicht zu binken wenig⸗ ſtens den Verſuch zu wagen, ſeine Familie 176 im Dunkel der Nacht zu retten; er eilte nach ſeiner Wohnung zuruͤck, und beredete ſeinen Vater, ihm auf verborgenen Pfaden, wobei ihnen ein Bauer als Fuͤhrer dienen wollte, zu folgen. Doch der ehrwuͤrdige Greis verweigerte ſeine Einwilligung, mit thraͤnenden Augen blickte er ſeine Kinder an und ſprach: „Gehet, meine Kinder, gehet, weil Ihr noch jung ſeyd, und Euch noch eine lange Lebensbahn zu durchwandern uͤbrig bleibt, fliehet und rettet ein Leben, das noch Hoffnungen eines beſſers Schickſals naͤhren kann. Wenn es der Wille des Himmels geweſen waͤre, daß ich laͤnger hätte leben ſollen, ſo gab es andere Wege, außer der Flucht, mir das Daſeyn zu er⸗ halten. Ich habe einen Tag zu viel gelebt, moͤchte es den Göttern gefallen haben, meine Augen ſeit langer Zeit zu ſchließen, damit ſie von dieſem Ungluͤcke, und dem Untergange unſeres Ruhms nicht Zeugen die ni 7 werden durften. Umarmt mich, meine Kinder, und laſſet mich hier allein zuruͤck. Es ſoll mir nicht ſchwer werden, mir das Leben ſelbſt zu nehmen, die Sieger wer⸗ den meinen Leichnam verſchonen und ihm die traurige Wohlthat des Begräbniſſes nicht verſagen; es iſt ja kein ſo großes Ungluͤck, wenn man zu leben aufhoͤrt.“ Der Baron, ſeine Gattin und ſein Sohn umringten den Greis; mit Thraͤnen in den Augen, beſchworen ſie ihn, ihren Bitten nachzugeben, und nicht mit ihrem unguͤnſtigen Geſchick zum Verderben der Familie gemeinſchaftliche Sache zu machen. Als aber der Feldherr ſah, daß ſein Va⸗ ter unerbittlich blieb, ſo entſchlaß er ſich zum Gefechte zuruͤckzukehren, und unter Feindes Haͤnden den Tod zu ſuchen, der ihm nach einer ſolchen Schmach willkom⸗ men ſchien. „Kannſt Du glauben,“ ſprach er zum Der ſchw. Vund. 12 178 Vater,„daß ich faͤhig ſeyn koͤnnte, ohne Dich zu entfliehen?“ Wenn der Himmel den Untergang dieſes furchtbaren Heeres, deſſen Fuͤhrung mir anvertraut war, be⸗ ſchloſſen hat, und wenn auch Du entſchloſ⸗ ſen biſt, mit den Deinigen ſein Schickſal zu theilen, ſo ſölſt Du bald befriedigt werden. Oeffne nur jenes Thor, in Menge werden die Feinde unſers Volks und un⸗ ſerer Religion eindringen, und ohne ein Gefuͤhl von Scham und Mitleid den Va⸗ ter vor den Augen des Sohnes, den Sohn im Angeſicht des Vaters ermorden. Gro⸗ ßer Gott! haſt Du mich deshalb uͤber meine Geburt hinaus empor gehoben, da⸗ mit ich an der Spitze eines Heeres, das ganz Fronkreich erobern konnte, mein Weib, meinen Sohn und meinen Vater hier ſoll verbluten ſehen? Man reiche mir meine Waffen,“ ſchrie er außer ſich, „der letzte Tag meines Lebens iſt erſchie⸗ nen; ich will den Feinden entgegen, ihnen ih hi an ne nel be⸗ oſ⸗ igt nge un⸗ ein Va⸗ ohn ro⸗ ber da⸗ das ein ater iche ſich, hie⸗ nen 179 meine Verzweiflung theuer verkaufen und nicht ungeraͤcht meinen Geiſt aushauchen.“ Nach dieſen Worten wollte er hinaus ſtuͤrzen, da vertrat ihm ſeine Gattin den Weg, warf ſich vor ihm nieder und ſtreckte ihm den Sohn entgegen, den ſie umarmt hielt: „Wenn Du ſterben willſt,“ ſprach ſie „ſo wollen wir Dir folgen und mit Dir ſterben; glaubſt Du aber, daß an Ver⸗ theidigung noch zu denken iſt, ſo leiſte hier in dieſen Mauern Widerſtand, wo Du Deinen Sohn und Deinen Vater, und mich, Ungluͤckliche, die ſich bis jetzt Deine Gattin nennen durfte, zuruͤck laſſen wollteſt!“ Aber das Verhaͤngniß hatte ſie fuͤr andere Leiden auserkohren. Als der Herzog von Guiſe keine 180 Feinde weiter zu beſiegen fand, und er rit nun mit Grund beſorgen mußte, daß die tig feindliche Reiterei im Anmarſche ſeyn che wuͤrde, ließ er zum Ruͤckzuge blaſen, und R 1 verſtattete dem Baron von Ornano Zeit, S 1 die Schweizer⸗-Infanterie, welche an dem zo Kampfe keinen Theil genommen hatte, zu d5 erreichen. tig m Waͤhrend ſich die Katholiſchen Trup⸗ zu 13 pen mit der Beute der Beſiegten beluden, th fand zwiſchen dem Herzoge und der Koͤ⸗ ſie nigin von Navarra in einiger Entfernung la 1 vom Lager eine Untertedung Statt, worin bi er ihr eroͤffnete, daß der Papſt Gregor ih 1 XIII., welcher füͤr die Ligue guͤnſtigere h. i ſi Geſinnungen als ſein Vorgänger hegte, h 3 ihre Vermaͤhlung mit dem Koͤnige von w Navarra fuͤr nicht vollzogen erklaͤrt, und 1 die Unterthanen dieſes Fuͤrſten von dem 1 geleiſteten Eide der Treue entbunden hätte. r Dieſe dem Koͤnige von Navarra angethane unerhoͤrte Beleidigung vermehrte Marga⸗ up⸗ en Koͤ⸗ ung rin gor gere gte, von und dem itte. anm rga⸗ ₰ 187 ritens Kuͤhnheit, ſie hielt ſich jetzt berech⸗ tigt, mit einem Gemahl, den ſie als ſol⸗ chen ſchon nicht mehr betrachtete, keine Ruͤckſichten weiter beobachten zu duͤrfen. Sobald ſie nach Bearn zuruͤckgekehrt war, zog ſie durch die ihr von dem Herzoge von Guiſe anvertrauten Befehle ermaͤch⸗ tigt, Linien⸗Truppen zuſammen, belagerte mit denſelben Agen, eine ihrem Gemahl zugehoͤrige Stadt, bemaͤchtigte ſich ihrer theils durch Gewalt, theils durch Einver⸗ ſtaͤndniß im Innern und beſchloß, ſie ſo lange zu ihrem Aufenthalte zu waͤhlen, bis der Herzog von Guiſe in Anſehung ihrer eine Einrichtung wuͤrde getroffen haben, die ihrem Range und ihrer An⸗ haͤnglichkeit fuͤr den Geliebten angemeſſen war. Kaum hatte dieſer ſeine Cantonni⸗ rungen wieder bezogen, ſo erfuhr er, daß der Prinz von Conti beim deutſchen Heere angelangt war, und daß dieſes in Auneau, einem bedeutenden Flecken unweit Chartres, 1 Halt gemacht habe, um dort zu raſten und die Ankunft des Prinzen, ſo wie den 3 Sieg des Koͤnigs von Navarra uͤber den 1 Herzog von Jogeuſe zu feiern. Dieſes Mal ſchienen die Feinde mit mehr Vor⸗ ſicht als fruͤher zu Werke gegangen zu ſeyn, ſie hatten vor ihrem Lager Laufgraͤ⸗ ben angelegt und dem Thore eines Schloſ⸗ ſes, wo Franzoͤſiſche Beſatzung lag, gegen⸗ uͤber Verſchanzungen von Tonnen, die an Wagen durch große Balken befeſtigt wa⸗ ren, errichtet; nach ſolchen Vorkehrungen 1 beluſtigten ſie ſich ohne Beſorgniß und tranken um ſo reichlicher, als der Wein im Ueberfluß vorhanden und nach der Leſe die Keller alle noch gefullt waren. Der Herzog von Guiſe überlegte, ob und auf welche Art er die Maßregeln des vorſichtigen Feindes und deſſen Stellung auch dieſes Mal benutzen koͤnnte; er machte den Verſuch, den Commandanten de ku ſch en ſei er w der ob des ung er des Schloſſes von Auneau zur Mitwir⸗ kung zu bewegen, uͤberhaͤufte ihn mit Ge⸗ ſchenken und Verſprechungen, und erhielt endlich deſſen Einwilligung zur Aufnahme ſeiner Truppen in die Citadelle. Sobald er auf dieſe Art ſeinen Ruͤckzug geſichert wußte, brach er von Dourdan auf, langte bei den Quartieren der deutſchen Reiter am x1. November, dem Tage des heiligen Martin⸗Feſtes, vor Tagesanbruch an und ſchlich ſich mit ſeinen Leuten durch eine fuͤr ihn geoffnete Hinterthuͤr in das Schloß unbemerkt ein. Die Deutſchen blieſen eben die Re⸗ veille, als das Fußvolk der Ligue aus dem Schloſſe hervorbrechend, die erſten Ver⸗ ſchanzungen der Reiter wuͤthend angriff; dieſe leiſteten einigen Widerſtand, obſchon die Haͤlfte derſelben von den Duͤnſten des den Tag zuvor bis zum Uebermaße ge⸗ trunkenen Weines noch benebelt war; ſo⸗ vald aber das Feuer den Liguiſten durch 184 den Wall von Wagen und Balken eine Bahn gebrochen hatte, verwandelte ſich das Gefecht in ein Gemetzel. Das Fußvolk des Herzogs von Guiſe, mit Musketen und Piken bewaffnet, er⸗ reichte und traf den Feind von weitem, dagegen fochten die Reiter zu Fuß mit dem Degen und der Piſtole in der Hand, und konnten ihre Pferde in den engen Gaſſen des mit Mauern eingeſchloſſenen Fleckens nicht gebrauchen. Bald kehrten ſie den Katholiken den Ruͤcken und ſuch⸗ ten zur Flucht einen Ausgang, doch hier ſtießen ſie auf die Franzoͤſiſche Reiterei, die das Feld beherrſchte, und wurden von ihr in den Platz zuruͤckgetrieben, wo ſie ſich, von vorn und von hinten ange⸗ griffen, ohne Widerſtand niedermetzeln lie⸗ ßen. Alles wurde niedergehauen, mit Ausnahme des Baron von Ornano, der ſeinen Ruhm uͤberlebte, und von einem Bauer auf wenig gekanntem Pfade aus ne ich ſe, er⸗ m, mit nd, gen nen ten ch⸗ hier rei, den ige⸗ lie⸗ mit der rem aus 185 dem Flecken geleitet, gluͤcklich entrann, auch die Cantonnirungen der Schweizer Truppen erreichte. An ihre Spitze wollte er ſich ſtellen und den Kampf erneuern; allein mit ſeinem Ruhme hatte er auch ſeine Gewalt verloren, denn umſonſt ver⸗ ſchwendete er die dringendſten Bitten an die Feigen, Niemand wollte ihm folgen. Der Herzog von Guiſe ſchien ihnen, wäh⸗ rend ſeine Krieger ſich zerſtreuet dem Morde und Raube uͤberließen, einen ſichern und leichten Sieg zu verſprechen, allein ſchon der Name dieſes Feldherrn floͤßte ihnen eine ſolche Furcht ein, daß ſie nicht von der Stelle zu bringen waren; im Gegentheil vermehrten ſie ihre Vorpoſten und blieben unter den Waffen, nur auf Vertheidigung im Falle eines Angriffes bedacht. Sämmtliches Fußvolk der Liguiſten kehrte beritten nach ſeinen Quartieren zu⸗ ruͤck Die in den Provinzen, welche von 186 den Fremdlingen auf ihrem Zuge durch das Königreich gepluͤndert waren, erbeute⸗ ten Reichthuͤmer wurden unter den Siegern vertheilt und betrugen mehr als zwoͤlfhun⸗ dert tauſend Thaler. Der Herzog von Guiſe beharrte bei ſeiner gewöhnlichen Großmuth, und nahm ſeinen Antheil von der Beute nicht an, obſchon die Koſten des Krieges beinahe ſein ganzes väterliches Erbtheil aufgezehrt hatten. Die Niederlage des deutſchen Heeres und die neuen Lorbeern des Herzogs von Guiſe, die der Ruf an allen Orten aus⸗ ſtreuete, vermehrte den Uebermuth der Pariſer. Kaum ſah ſich daher der Koͤnig von den Fremdlingen befreiet, welche Un⸗ einigkeit und Mangel an Vertrauen end⸗ lich gaͤnzlich zum Abmarſche noͤthigten. ſo ſann er auf Mittel, den Hochmuth der Hauptſtadt des Koͤnigreichs und der Ligue zu demuͤthigen; er begab ſich nach Paris und verſuchte kurz nach ſeiner Ankunft, ue ris ft, 137 ſich der Uebergaͤnge uͤber die Marne und Seine ober⸗ und unterhalb der Hauptſtadt zu bemaͤchtigen. Seine Abſichten gelang⸗ ten bald zur Kenntniß der Pariſer, die den Herzog von Guiſe davon benachrich⸗ tigten. Nachdem ſich der Fuͤrſt hierauf von dem Zuſtande und der Staͤrke der Stadt genau unterrichtet hatte, fand er die Eintheilung in ſechzehn Bezirke zu ausgedehnt und ſchwer zu vereinigen; er gab daher Befehl, ſie auf fuͤnf zu vermin⸗ dern, deren Obriſten ſich an beſtimmten Tagen und unter verſchiedenen Vorwaͤnden in Paris verſammeln ſollten, und verſprach zugleich in kurzer Zeit ebenfalls daſelbſt einzutreffen. Die Freude, gewoͤhnlich eine Feindin der Geheimniſſe, verbreitete die Nachricht von ſeiner Ankunft bald uͤberall, daher ſandte ihm der Koͤnig den Herrn von Believre mit dem Befehle entgegen, bei Strafe des Ungehorſams, in Paris nicht zu erſcheinen. 188 Der Fuͤrſt, eben ſo ſcharfſinnig und liſtig als ehrſuͤchtig, wich einer beſtimmten Antwort aus, ſetzte ſich ſogleich zu Pferde und trieb ſeine Kuͤhnheit ſo weit, daß er ſich auf Nebenwegen weit fruͤher in Paris einfand, als man ihn dort erwartete. Nur von ſieben Reitern begleitet, ritt er durch das Thor St. Denis ein; kaum war er aber bis zu den St. Innocents gelangt, ſo folgte ihm auch bereits das Volk und vorzuglich ganze Schaaren von Handwerkern, welche ihre gewoͤhnlichen Beſchäftigungen verließen; die Anzahl der⸗ ſelben wuchs binnen kurzem auf hundert⸗ tauſend Menſchen, die mit dem Geſchrei: „Es lebe Guiſe!“ hinter ihm herzo⸗ gen. Schoͤn geputzte Damen warfen ihm aus den Fenſtern Blumen und gruͤne Zweige entgegen und uͤberhaͤuften ihn mit Lobſpruͤchen und Segenswuͤnſchen. Der ———— M —— 189 Fuͤrſt, welcher in langen Zuͤgen die Wolluſt eines ſolchen Triumphs einſchluͤrfte, ritt langſam und gruͤßte zu beiden Seiten, um die ſtuͤrmiſchen Beeiferungen des be⸗ rauſchten Volks zu erwiedern; auf dieſe Weiſe gelangte er zum Hotel Soiſſons, wo ſich damals die Koͤnigin Mutter auf⸗ hielt. Dieſe war wider ihre Gewohnheit uͤberraſcht, empfing ihn mit Kaͤlte, ſuchte aber die Unterredung ſo viel als moͤglich zu verlängern, um nur Zeit zu gewinnen, den Koͤnig von ſeiner Ankunft zu benach⸗ richtigen, dann fuͤhrte ſie ihn nach dem Louvre. Der Herzog ginz zu Fuße neben ihrer Saͤnfte her und hinter ihm folgte in dichtem Gedraͤnge die Volksmenge, die ihn mit Liebe und Ehrfurcht betrachtete und ſein Fortſchreiten durch die zahlreich⸗ ſten Beweiſe von Anhaͤnglichkeit verzögerte. Die Frauen, welche ſich ihm nicht naͤhern konnten, ließen aus einem dem Geſchlechte eignen Aberglauben ihre Roſenkraͤnze her⸗ 100 uberreichen, damit ſolche nur den Fuͤrſten beruͤhren konnten. Der Andrang war ſo groß, daß die ganze Stadt in der Gegend des Louvre verſammelt zu ſeyn ſchien: ein Triumph, der dem Herzoge um ſo willkommener ſeyn mußte, als er von Seiten des Volks freiwillig war, und von der Seinigen un⸗ vorbereitet und ohne Veranlaſſung zu ſeyn ſchien, obſchon ex im Innern vor Ehrgeiz gluͤhete. Inzwiſchen hielt der Koͤnig in ſeinem geheimen Rath uͤber das Leben oder den Tod des Herzogs Gericht. Der Obriſt Alphons von Ornano und der Abt von Elbene waren der Meinung, daß man ihn im Louvre aus dem Wege raͤumen muͤßte und behaupteten, das leichtfertige Volk werde, ſobald es ſich des Beiſtandes ſeines Oberhauptes beraubt ſaͤhe, ſogleich zu dem ſeinem Monarchen ſchuldigen Ge⸗ —„—„—„—„— 19r N horſam zuruͤckkehren; aber die Uebrigen, entweder nun durch die Naͤhe der Gefahr verwirrt, oder geheime Anhaͤnger der Ligue, waren entgegengeſetzter Meinung, und machten dem Koͤnige begreiflich, daß von einem uͤbermuͤthigen Volkshaufen, in einer Lage wo der Hof ohne Macht waͤre, ihn durch Gewalt zu zwingen, Alles zu furch⸗ ten ſtehe. In dieſem Augenblick ging der Her⸗ zog durch eine Reihe Schweizer-und Fran⸗ zoſiſcher Garden die Treppe hinauf. So⸗ bald er ſich aber in der Mitte einer gro⸗ ßen Anzahl von Edelleuten, die des Kö⸗ nigs Vorzimmer ausfuͤllten, allein ſah, er⸗ blaßte er unwillkuͤhrlich, da indeß ſein Muth jeder Gefahr zu trotzen gewohnt war, ſo nahm er kuͤhneres Benehmen an, legte mit Stolz die rechte Hand auf den Griff ſeines Degens, naͤherte ſich dem Koͤ⸗ nige mit einer tiefen Verbeugung und ſagte ihm: daß er ſich ſeiner Gewalt un⸗ 192 terwerfe, um ihm zu zeigen⸗ daß er von ſeinen Feinden verlaͤumdet ſey, und damit Se. Majeſtaͤt in ſeinen Gehorſam weiter keinen Zweifel ſetzen moͤchten. Die Koͤ⸗ nigin Mutter merkte an der Bewegung und Unruhe des Koͤnigs, daß er Willens ſey, zum Aeußerſten zu ſchreiten, allein ſie zog ihn entweder aus Furcht oder Politik auf die Seite, unterrichtete ihn von Allem, was ſie ſo eben geſehen hatte, und ſtellte ihm ſeine eigene Gefahr ſo lebhaft vor, daß ſein Vorſatz ſchwankend ward. Die⸗ ſen Augenblick benutzte die Prinzeſſin von Lothringen, und entdeckte dem Herzoge von Guiſe, daß ſein Tod beſchloſſen ſey. Doch ließ der unerſchrockene Fuͤrſt nicht das geringſte Merkmal von Beſtuͤrzung blicken; eine Weile nachher ſchuͤtzte er je⸗ doch Ermuͤdung vor, und zog ſich nach ſeinem Hotel in der Straße des heiligen Antonius zuruͤck, wo er den Ueberreſt des Tages und die Nacht dazu anwandte, daß er das Volk vollends zum Aufruhr reizte, S S——————— *— —— N— — S— 193 und alle Kellergewoͤlbe ſeines Hauſes mit Waffen anfuͤllte. Auch der Koͤnig brachte die Nacht mit Berathſchlagungen zu, deren Reſultat eine oͤffentliche Verordnung war, wodurch allen Fremden in Paris anbefoh⸗ len wurde, die Hauptſtadt binnen vier und zwanzig Stunden zu verlaſſen. Die in Folge derſelben von den Po⸗ lizei⸗Beamten angeſtellten Unterſuchungen wurden ungeachtet der Gegenwart des Kö⸗ nigs, der ihnen ſelbſt beiwohnte, durch liſtige Veranſtaltungen der Einwohner vereitelt. Dieſes gegenſeitige Mißtrauen vermehrte die Gaͤhrung bis zum Aeußer⸗ ſten; der Koͤnig ſchien die Gewißheit er⸗ langt zu haben, daß der Herzog von Guiſe und die Pariſer zur Empoͤrung ent⸗ ſchloſſen waren; der Herzog von Guiſe war ſeinerſeits uͤberzeugt, daß der König an ſeinem Verberben arbeitete und die Pariſer zu beſtrafen beabſichtigte. Dem⸗ ungeachtet ſchien Se. Majeſtät den allge⸗ Der ſchw. Bund. 13 194 meinen Ungehorſam der beſendern Auf⸗ merkſamkeit noch nicht werth zu halten, allein in der Nacht vom eilften Mai ließ er die Schweizer⸗ und Franzoͤſiſchen Gar⸗ den, welche in der Umgegend cantonnirten⸗ durch das Stadtthor St. Honoré einruͤcken; dieſe bemaͤchtigten ſich ohne Zeitverluſt des Kirchhofes der heiligen Unſchuldigen, der Hallen, des neuen Markts und der Bruͤcke des heiligen Michaels; aus unbe⸗ greiflicher Nachlaͤſſigkeit ließen ſie indeß die Univerſität und den Platz Maubert, wo eine unzaͤhlige Menge von entſchloſſe⸗ nen Leuten aus den niedern Stäͤnden wohnte, unbeſetzt. Der Herzog von Guiſe hatte während dieſer Zeit unter dem Volke das Geruͤcht verbreiten laſſen, daß der Koͤnig in Ver⸗ bindung mit den Hugenotten, nach dem Leben der eifrigſten Katholiken trachtete; zugleich ſetzte er eine Liſte in Umlauf, worin die Ramen derer, die dem Volke —„— S ieß en, en; luſt en, der be⸗ deß ert, ſſe⸗ den rend uͤcht Ver⸗ dem ete; auf, olke theuer waren, der Seinige aber an der Spitze, verzeichnet ſtanden, dann durch⸗ ſtrich er zu Fuß die Straßen, das Geſicht in ſeinen Mantel halb verhuͤllt und rief den Empoͤrern zu:„Verrammelt Euch, zieht Ketten durch die Straßen!“ In weniger als zwei Stunden ver⸗ ſammelten ſich die Einwohner ohne Un⸗ ordnung auf dem Platze Maubert, zogen die Ketten von Kreuzwegen zu Kreuzwe⸗ gen, und ſchloſſen die Koͤniglichen Truppen ſo eng ein, daß ſie in kurzer Zeit nicht die geringſten Bewegungen mehr ausfuͤh⸗ ren konnten. Waͤhrend dieſer Zeit ſandten ſich der Koͤnig und der Herzog von Guiſe unter mancherlei Vorwänden gegenſeitig Abge⸗ ordnete, die den geheimen Auftrag hatten, das Benehmen Beider zu beobachten. In gleicher Abſicht erſchien Davila von Sei⸗ ten des Koͤnigs im Hotel des Herzogs; 196 dieſer empfing ihn mit offnem Aeußern, zeigte ihm ohne Umſchweife und Hehl ſeinen Vorrath von Waffen und die um ihn verſammelten Anfuͤhrer, und ſandte ihn dann mit der Betheurung zuruͤck, daß er ſich den Befehlen des Koͤnigs unter⸗ werfen, und die Waffen niederlegen werde, ſobald er ſich wuͤrde beſtimmt erklaͤrt ha⸗ ben, die Religion und die guten Katho⸗ liken in Schutz zu nehmen. In demſelben Augenblicke griffen die ungedulbigen Buͤr⸗ ger die Schweizer auf dem Kirchhofe der heiligen Unſchuldigen an, tödteten dreißig von denſelben und wuͤrden den Ueberreſt, der ohne hinlaͤngliche Vertheidigungsmittel vergebens um Schonung bat, ebenfalls niedergemetzelt haben, wenn dieſe Ungluͤck⸗ lichen nicht auf den Einfall gerathen wä⸗ ren, ihre Waffen von ſich zu werfen, die Roſenkraͤnze hervorzuziehen und, indem ſie das Zeichen des heiligen Kreuzes mach⸗ ten, um Erbarmen zu flehen. Der von dieſem Siege benachrichtigte Herzog von ein M lie na eig in da Ve zur jen ver der ne da En ne ge iſt er n, ehl m dte er⸗ de, ha⸗ ho⸗ ben ur⸗ der ßig eſt, ttel alls ͤck⸗ waͤ⸗ die em ch⸗ von von 197 Guiſe begab ſich ohne Waffen, nur mit einem Stabe, dem eitlen Zeichen ſeiner Macht verſehen, nach dem Kampſfplatze, ließ ihnen ihre Waffen zuruͤckgeben, und ſie nach dem Louvre transportiren, wo ihre eignen Offiziere ſie als Kriegs⸗Gefangene in Empfang nahmen. Den Franzoͤſiſchen Garden widerfuhr ein gleiches Schickſal; darauf begab ſich der Herzog, mit dieſen Vortheilen zufrieden, nach ſeinem Hotel zuruͤck, und erwartete, daß man ihm das⸗ jenige anbieten wuͤrde, was er nicht ſelbſt verlangen wollte. Inzwiſchen war der Koͤnig, der in dem Louvre von ſeinen eigenen Untertha⸗ nen belagert wurde, ernſtlich darauf be⸗ dacht, in dieſer bedenklichen Lage einen Entſchluß zu ergreifen. Die Meinung ſei⸗ ner Räthe war, wie ſolches bei ſchwieri⸗ gen und verwickelten Faͤllen gewoͤhnlich iſt, getheilt, ſobald er aber die Nachricht erhielt, daß der Herzog von Guiſe hinter 198 den Tuillerien Truppen aufmarſchiren ließ, hielt er die Flucht füͤr das rathſamſte. um ſeinen Ruͤckzug zu beguͤnſtigen, ließ ſich die Königin Mutter in ihrer Säͤnfte nach dem Hotel Guiſe tragen, wo ſie wegen der Sperrungen in den Straßen, die man jeden Augenblick oöffnen und wieder ſchließen mußte, nur nach vie⸗ len Beſchwerlichkeiten anlangte. Kaum war es ihr indeß gelungen, die Unterre⸗ dung mit dem Herzoge anzuknuͤpfen, ſo ſuchte ſie die Unterhandlung ſo viel als möglich zu verzögern, wodurch der Koͤnig Zeit gewann, unbemerkt zu entkommen. Der Herzog ahnete nichts davon, und da er den Vortheil auf ſeiner Seite wußte, ſo wollte er ſich um ſo weniger üͤbereilen, als er uͤberzeugt zu ſeyn ſchien, daß man ihm Anträge machen wuͤrde, an die er zu denken fruͤher ſich nicht getraut hatte. Al⸗ lein der Koͤnig taͤuſchte ſeine Wachſam⸗ keit; unter dem Vorwande, den Garten l⸗ N= en 199 der Tuillerien zu beſuchen, verließ er das alte Louvre zu Fuße am hellen Mittage, wechſelte in den Staͤllen ſeine Kleidung ſtieg zu Pferde, und ritt in Begleitung, Du Pleſſis Praslin, Capitain ſeiner Garde⸗ und zwei anderer Herrn aus dem Thore der Conferenz, von da begab er ſich nach Chartres, wo ihm ſeine Mutter die Trup⸗ pen bald darauf nachſandte. Dem Herzoge wurde deſſen Flucht wäͤhrend ſeiner Verhandlungen mit der Konigin Mutter gemeldet, und nun er⸗ kannte er ſeinen Fehler, als es zu ſpaͤt war, ihn zu verbeſſern. Bitter warf er ihr vor, daß ſie Scherz mit ihm treibe, waͤhrend der Koͤnig die Flucht ergriffen habe, um ihn zu verderben. Die Fuͤrſtin, reich an Lebens⸗Klugheit und erfahren in der Verſtellungskunſt, erduldete dieſen Mangel an Ehrfurcht, den Preis der Ret⸗ tung ihres Sohnes, mit Gelaſſenheit und kehrte dann nach dem Louvre zuruͤck. Der 200 Herzog von Guiſe viſitirte in Perſon die Wochen der Buͤrger, nahm den Schein an, als ob die Entweichung des Koͤnigs mit ſeiner Einwilligung geſchehen ſey, und ſtellte die Ruhe unter dem leicht zu len⸗ kenden Volke, auf eine ſo vollkommene Art wieder her, daß am andern Morgen jeder ſein Geſchaͤft beſorgte und die Be⸗ hoͤrden ihre Aemter wie in der Zeit des voͤlligen Friedens ohne Stoͤrung verrich⸗ teten. Der König, den dieſe letzte Kränkung aufs Hoͤchſte erbitterte, duͤrſtete nach Rache, da er aber von allen Mitteln entbloͤßt war, und ihn nur Verſtellung zum Ziel fuͤhren konnte, ſo ſchlug er dieſen Weg ein, und ſandte ſeiner Mutter unbeſchraͤnkte Vollmacht, unter jeden Bedingungen, die ſie fuͤr angemeſſen erachten wuͤrde, den Frieden mit dem Herzoge abzuſchließen; insbeſondere empfahl er ihr, auf die Zu⸗ ſammenberufung der Staͤnde einzugehen, 20T weil er wußte, daß dieſes die Schlinge ſey, wo ihn ſein Feind erwarte, wo er ihm aber zuvorzukommen entſchloſſen war. ₰ Der Herzog von Guiſe, den der Hoch⸗ muth blendete, ging wirklich in die Falle, die Stimmen der Deputirten, faſt insge⸗ ſammt Liguiſten, waren auf ſeiner Seite; er ſchien daher uͤberzeugt, daß alle Be⸗ ſchluͤſſe in den Verſammlungen nur nach ſeinen Angaben und ſeiner Willensmeinung ausfallen wuͤrden, und da er mehr noch nach Ruhm, als nach Autorität ſtrebte, ſo wollte er zwar die Obergewalt an ſich bringen, allein ſeine Abſicht war darauf gerichtet, ſo viel als moͤglich auf anſchei⸗ nend rechtmaͤßigen Wegen dahin zu ge⸗ langen. Er ſah den Koͤnig ohne Nachkommen⸗ ſchaft und von Ausſchweifungen entnervt, und hielt es daher fuͤr unnoͤthig einen Scepter an ſich zu reißen, den einige Ge⸗ duld ihm auf eine glanzvollere Weiſe in 202. die Haͤnde liefern konnte; es duͤnkte ihn leicht, in den Friedensbedingungen, die er beſtimmte und die er mit Sicherheit von den Staͤnden beſtaͤtigt zu ſehen hoffte, ſich den groͤßten Theil Koͤniglicher Gewalt anzumaßen. Die Friedens⸗Unterhandlungen nah⸗ men alſo ihren Anfang, und die Haupt⸗ bedingungen lauteten: daß der Koͤnig den Herzog zum General⸗Lieutenant der Krone ernennen, den Aufruͤhrern in Paris ver⸗ zeihen, den druͤckendſten Theil der oͤffent⸗ lichen Abgaben abſchaffen, dem Koͤnige von Navarra den Krieg erklaͤren und im naͤchſten Monate Auguſt die Staͤnde in Blois zuſammen berufen ſollte. Dieſe fuͤr einen König, der ſie bewilligt, ſchmach⸗ vollen und entehrenden, aber fuͤr einer Unterthan, der ſolche vorſchreibt, verwege⸗ nen Bedingungen, wurden in Paris und im ganzen Koͤnigreiche publizirt. Das Lob des Herzogs von Guiſe erſchallte nun ſogar in dem Munde der Prieſter, die ihn von der Kanzel herab mit Belobungen und Segenswuͤnſchen uͤberhaͤuften. Der Herzog voll Eigenduͤnkel über den guͤnſtigen Ausgang ſeines Unterneh⸗ mens, den er weniger dem gluͤcklichen Zu⸗ falle als vielmehr ſeinem Vetragen und ſeiner Beharrlichkeit zuſchrieb, begab ſich nach Chartres, dem Koͤnige ſeine Ergeben⸗ heit zu bezeigen; dieſer von Natur zur Verſtellung hingeneigte Monarch, dem es wenig Anſtrengung koſtete, die Stimme ſeines Herzens zu verbergen, empfing ihn mit allen aͤußerlichen Beweiſen ſeines Wohlwollens, alle Gnadenbezeugungen wur⸗ den nur auf ſeine Bitten verwilligt, nur ſeine Meinung in den Berathſchlagungen befolgt, ja der Koͤnig wollte ſogar ſeinen Guͤnſtling, den Herzog von Espernon, der ſich bei ihm eingefunden hatte, nicht vor ſich laſſen, und ließ ihm andeuten, ſich nach ſeiner Stadthalterſchaft zuruͤckzubege⸗ 204 ben; er ſuchte die Einſamkeit auf, erklaͤrte ſelbſt oͤffentlich, daß er fuͤr die Welt nicht mehr tauge, ahmte die Andachtsuͤbungen der Moͤnche, und insbeſondere der Bernar⸗ diner nach, ließ ſie in ſeinem Pallaſte wohnen, und hatte ihnen ſogar in dem Schloſſe zu Blois uͤber den Zimmern, die er bewohnen wollte, Zellen erbauen laſſen. Der Herzog von Guiſe ließ ſich durch dieſe Kunſtgriffe taͤuſchen, und ſchmeichelte ſich, dem Koͤnige einen Ekel vor den Re⸗ gierungsgeſchaͤften beigebracht zu haben, und daß dieſer ihm die Oberherrſchaft, die er auszuuͤben muͤde ſey, bald freiwillig uͤbertragen werde. Der Monarch begab ſich vor Ankunft der Deputirten nach Blois, wohin ihm der Herzog folgte; ge⸗ meinſchaftlich verrichteten ſie dort ihre An⸗ dacht und zum Beweiſe einer aufrichtigen Ausſoͤhnung, ließen ſie ſich das heilige Abendmahl vermittelſt einer in zwei 203 Stuͤcke gebrochenen Hoſtie reichen. Der Herzog von Mayenne, welcher nicht ſo heißes Blut und nicht die Seelengroͤße als ſein Bruder, weniger Tugenden aber, auch weniger Eigenliebe als jener beſaß, konnte ſich von dem Frieden, der ihm zu ſchnell geſtiftet ſchien, um dauerhaft zu ſeyn, nicht uͤberzeugen, und oft, aber im⸗ mer ohne Erfolg äußerte er gegen den Herzog ſeine Bedenklichkeiten daruͤber. Die großen Geiſter vertrauen auf ihren eigenen kraftvollen Werth, rechnen mit Zuverſicht darauf, die groͤßten Gefahren gluͤcklich zu beſtehen, werfen ſich ihnen oft tollkuͤhn in die Arme, und ſtürzen ſich weit leichter ins Verderben, als die Men⸗ ſchen⸗Claſſe gewoͤhnlicher Art, welche we⸗ niger Seelengroße, weniger Faſſungs-Ver⸗ moͤgen beſitzen und daher mit mehr Vor⸗ ſicht zu Werke gehen. Als der Herzog von Mayenne ſich endlich uberzeugte, daß ſein Bruder die 906 Gefahr, in der er ſchwebte, nicht erkennen wollte, obgleich er faſt taͤglich geheime dem Ungewitter auszuweichen und reiſete nach Lyon ab. Noch nie hatte der Koͤnig der Ver⸗ ſtellungskunſt ſo ſehr gehuldigt, als jetzt; ſogar ſeiner Mutter, vor der er ſonſt nichts geheim hielt, hatte er ſeinen Entſchluß, den Herzog von Guiſe ermorden zu laſſen, nicht vertraut, und dennoch blieb ſeine Abſicht kein Geheimniß. Der Herzog von Mayenne wurde auf der Reiſe ſo haͤufig auf die Gefahr, der ſein Bruder ausgeſetzt blieb, aufmerkſam gemacht, daß er ſich entſchloß uͤber Agen zu reiſen, wo die Koͤ⸗ nigin von Navarra ihren Sitz gewaͤhlt und bis jetzt voll Ungeduld auf die An⸗ kunft ihres Geliebten geharrt hatte. Der Fuͤrſt erzaͤhlte ihr die unruhigen Auftritte in der Hauptſtadt, den darauf gefolgten zweideutigen Frieden und die Verſamm⸗ Warnungen erhielt, faßte den Entſchluß, ** N ———** N— *5 e 207 lung der Staͤnde in Blois, und da es ihm wol bekannt war, welchen Einfluß ſie auf das Herz ſeines Bruders beſaß, ſo uͤberredete er ſie, ihre Buten mit den Seinigen zu vereinigen, um den Herzog von Guiſe zu vermoͤgen, daß er ſeiner Hartnaͤckigkeit entſagte und einen Hof ver⸗ ließ, wo ſein Leben der groͤßten Gefahr preis gegeben war. Die erſchrockene Koͤnigin wollte die Wohlfahrt ihres Geliebten, den dringenden Zeilen eines Briefes, der weniger wirkte als die Gegenwart und muͤndliche Ueber⸗ redung, nicht anvertrauen; ſie zog nur den ſtuͤrmiſchen Drang ihrer Leidenſchaft zu Rathe und faßte den kuͤhnen Entſchluß, den Herzog zu uͤberraſchen und in einem Augenblick vor ihm zu erſcheinen, wo er am wenigſten daran denken wuͤrde; zu dieſem Ende ſchuͤtzte ſie eine heftige Au⸗ genentzuͤndung vor, die ihr das Licht und jede Helligkeit unertraͤglich mache, legte — ——— 3 f —————— 208 ſich zu Bette, ließ die Fenſter verhaͤngen, und gab Befehl, Niemand zu ihr zu laſſen. Kaum war ſie zwei Stunden in die⸗ ſer Verfaſſung geblieben, ſo ſtand ſie wie⸗ der auf, und ließ Fräulein Thorigni ihre Stelle einnehmen, welche mit vieler Ge⸗ ſchicklichkeit in der Rolle der Franken bis zur Ruͤckkehr der Koͤnigin fortfuhr und ihre Abweſenheit vor den Augen des Pu⸗ blikums verbarg. Da die Koͤnigin, ſobald es der Rettung ihres Geliebten vom ge⸗ wiſſen Verderben galt, nichts zu beſchwer⸗ lich und zu unſchicklich fand, ſo ließ ſie einen kleinen bedeckten Wagen mit Poſt⸗ pferden beſpannen, füllte das Innere mit zwei guten Matratzen aus, verbarg ihr Geſchlecht und ihren Rang unter der Ge⸗ ſtalt eines durch die gewoͤhnliche Poſt er⸗ muͤdeten Courriers und ſchlug den Weg nach Blois ein. 8 8 20 de PV ut 209 . Sie erreichte die Stadt zwei Tage P vor dem Weihnachtsfeſte; bei ihrem Ein⸗ tritte in das Schlotß drang ein ſchreckliches Waffengeklirre unter den Zimmern des e⸗ Koͤnigs in ihr Ohr, ſie fuͤrchtete zu ſpät e⸗ gekommen zu ſeyn, und bildete ſich an⸗ re faͤnglich ein, daß man ihren Geltebten in e⸗ demſelben Augenblicke ermorde. Der Lärm 6 erreichte ſogar das Zimmer des Koͤnigs, d deſſen Phantaſie mit der Mordthat, uͤber 1⸗ die er bruͤtete, angefuͤllt war. Et arg⸗ d woͤhnte eine Weile, daß ihm der Herzog ⸗ zuvorzukommen ſuche, und verließ ſein r⸗ Zimmer voͤllig geruͤſtet; allein der Herzog e in einer Unterredung mit der Koͤnigin ⸗ Mtutter begriffen, hatte ſich in ſeiner Ver⸗ it muthung, daß es nur ein Streit zwiſchen r der Dienerſchaft ſeyn werde, die nach dem * Vorbilde ihrer Herrn, in Koͤniglichgeſinnte und Guiſerts getheilt war, nicht geirrt. 9 Als eine Weile nachher die Guiſerts das Feld behaupteten, ſuchten einige mit Der ſchw. Vunb. 14 210 gegenwärtige Offiziere des Herzogs in ſeinen Augen zu leſen, ob er dieſe Ge⸗ legenheit zum Ausſchlag benutzen wollte; allein entweder hatte er nicht daran ge⸗ dacht, ein Verbrechen der Art auf ſich zu laden, oder vielleicht wuͤnſchte er, daß es ohne ſein Zuthun vollſtreckt werden moͤchte, genug er kehrte ſein Geſicht hinweg, die Stimme ſeiner Seele zu verbergen, und da hiernach die Anfuͤhrer an dem Streite ihrer Diener keinen Theil nehmen wollten, ſo ward die Ruhe von ſelbſt wieder her⸗ geſtellt. Als der Herzog gleich darauf nach ſeinen Gemache zuruͤckkehrte, fand er die Koͤnigin von Navarra, welche ſich unter dem Namen und in der Kleidung eines Courriers ſeines Bruders, des Herzogs von Mayenne, hatte einfuͤhren laſſen. Voll Erſtaunen verſchloß er ſich mit ihr in ſein Kabinet und fragte mit dem Tone der Verwunderung; in „n ſini e Fů die Lau per und reite ten, her⸗ nach die nter ines von Voll ſein der 211 „Koͤnigin, was wollen Sie hier?“ „Ihrem Beiſpiele folgen und mich ins Verderben ſtuͤrzen,“ antwortete ſie, „weil nichts vermoͤgend iſt, Ihnen eine gerechte Furcht vor der drohenden Gefahr einzufloͤßen. Ich kann meiner Angſt nicht länger Ruhe gebieten. Theilen Sie mir entweder die Gelaſſenheit, die Sie genie⸗ ßen, oder die Tollkuͤhnheit, die Sie ver⸗ blendet, mit. Kurz, ich will mit Ihnen Zeuge der argliſtigen Hanblungen eines Hofes ſeyn, den Sie beſſer als jeder An⸗ dere kennen ſollten, weil Sie lange genug auf dieſem gefahrvollen Boden gewandert ſind.“ „Ich verſtehe Sie,“ erwiederte der Fuͤrſt,„allein, das iſt das Loos aller derer, die ſich dem Ruhme weihen und den Launen des Schickſals trotzen. Soll ich meine Plaͤne aufgeben? Soll ich meines perſoͤnlichen Vortheils halber, die oͤffent⸗ 212 liche Sache verrathen?— Soll ich ſogar flieben, und dem Koͤnige die Macht laſſen, die Geſetze des Staats und die Religion unſerer Vorfahren umzuſtuͤrzen? Der Hof hat meinen Untergang in Blois beſchloſſen, ſagen Sie, kann ich dem Verhangniß an andern Orten entgehen? Sie kennen die Unbeſtaͤndigkeit des Volks; ſobald man mich hier nicht mehr ſieht, wird jeder nur darauf bedacht ſeyn, das gute Vernehmen mit dem Koͤnige wieder herzuſtellen; ich allein werde im Kampfe mit ſeiner Rach⸗ ſucht uͤbrig bleiben, mein Verderben wird zwar dadurch verſpätet, ollein mein Ende wird um deſto ſchmachvoller ſeyn. Soll ich hier durch die Hand eines Verraͤthers oder Moͤrders mein Leben einbuͤßen, ſo kann mich wenigſtens das Bewußtſeyn troͤſten, meine Pflicht erfuͤllt und der Er⸗ wartung des Volks, das fuͤr mich dem Koͤnige den Gehorſam weigerte, entſprochen zu haben; mein Feind wird die Gefahr thei blei der zu9 ſogar ſſen, igion Hof oſſen, ß an die man nur hmen ch Rach⸗ wird Ende Soll thers „ſo tſeyn Er⸗ dem ochen efahr 213 theilen und mein Tod nicht ungeraͤcht bleiben.“ „Und kann ſelbſt die ſchrecklichſte Rache Sie ihren Freunden zuruͤckgeben, wenn Sie dem ſchwarzen Tode angehoͤren?“ unterbrach ihn die Koͤnigin.„Sie ſind nur ein Undankbarer; denn bei allen die⸗ ſen ſcheinbar feſten Gruͤnden, womit Sie die meinigen bekaͤmpfen wollen, findet der Vortheil unſerer Liebe keinen Platz. Denken Sie daran, was fuͤr ein Loos mir zugedacht ſeyn wird, ſobald Ihr Feind auf kein Hinderniß mehr ſtoͤßt, meine An⸗ haͤnglichkeit und Neigung fuͤr Sie zu be⸗ ſtrafen. Seit jener Zeit, wo Sie der Ehrſucht zu huldigen anfingen, rechnen Sie das Entzuͤcken einer gegenſeitigen Zaͤrtlichkeit fuͤr nichts mehr; und doch habe ich Ihnen Alles geopfert, nur die Hoff⸗ nung, Sie immer lieben zu koͤnnen, ver⸗ ſuͤßte mir das Leben. Erinnern Sie ſich an Alles, was ich fuͤr Sie gethan, doch glauben Sie nicht, daß ich Ihnen Vor⸗ wuͤrfe machen will; die Wonne, welche ich bei Allem empfand, was ich unter⸗ nahm, um Ihnen zu gefallen, war mir Belohnung genug. Sie aͤußern Beſorg⸗ niß, die Erwartung des Volks zu verfeh⸗ len und Sie fuͤhlen keine Abneigung, die meinige zu hintergehen. Haben Sie mir nicht hundertmal geſchworen, daß Ihr Leben mir gehöre? Alſo auf dieſe Art verſchwenden Sie mein Eigenthum? Es iſt zwar der Rolle eines Helden angemeſ⸗ ſen, das Intereſſe des Staats und der Re⸗ ligion mit Gefahr ſeines Lebens ſicher zu ſtellen und zu verfechten; ſobald aber die Gefahr nicht mehr zweifelhaft und Ihr Untergang unvermeidlich iſt, dann bleibt es eine Tollkuͤhnheit, welche Ihre Freunde und die Nachwelt Ihrem Anden⸗ ken als Schuld mit Recht aufbuͤrden wer⸗ den. Wie viele Warnungen vor Ihren Feinden, wie manche Entdeckungen von nn n⸗ 215 dem Tode, der Ihnen drohet, ſind Ihnen nicht zugegangen.“ „Wie vielen Dank bin ich Ihrer lie⸗ benswuͤrdigen Aengſtlichkeit ſchuldig!“ ent⸗ gegnete der Herzog ungeduldig.„Aber, Madam, alle die Warnungen ſind nur Schlingen, in welchen man mich fangen und zu falſchen Maßregeln verleiten will, um dann meine Abweſenheit trefflich be⸗ nutzen zu können. Soll ich ein ſo koͤſt⸗ liches Unternehmen in dem Augenblicke aufgeben, wo das Gelingen deſſelben vor der Thuͤr iſt? Denn wahrlich, der Erfolg uͤberſteigt bis jetzt ſogar meine kuͤhnſten Wuͤnſche, und ungeachtet der eingebildeten Macht und der kunſtgerechten, argliſtigen Beredſamkeit des Koͤnigs, werden die Staͤnde dem Koͤnige von Navarra ewigen Krieg ſchwoͤren, ihn wie alle Ketzer un⸗ faͤhig erklaͤren, den Thron zu beſteigen und mir die Wuͤrde eines General⸗Lieutenants des Koͤnigreichs fuͤr immer zuſichern. 216 Noch des Koͤnigs Tode, werde ich da we⸗ niger Muth beſitzen, als ein Anderer, werde ich nicht vielleicht mehr Anſpruͤche auf einen Thron machen koͤnnen, den meine Tapferkeit und mein Beſtreben empor ge⸗ halten haben? Dann will ich mit Ihnen eine Herrſchaft theilen, von der ich Ihnen die beſſere Haͤlfte verdanke, die Religion unſerer Vorfahren beſchuͤtzen, meine Freunde belohnen, die Tugend erheben und Au⸗ guſtus Beiſpiel gleich die Unruhen ſegnen, die mir einen Zepter erwarben, den ich nur fuͤr das Wohl meiner Unterthanen be⸗ ſitzen will.“ „Ich habe an ihrer Seelengroͤße nie gezweifelt,“ ſprach Margarita,„und dieſe weit umfaſſenden Plaͤne ſind ihrer wuͤrdig, aber erwaͤgen Sie, ein einziger Augenblick iſt hinreichend, ſie auf immer zu vernich⸗ ten. Ich ſchaudere, wenn ich daran denke, daß Sie ſich in dieſes Schloß, wo Alles von Ihrem Feinde abhaͤngt, eingekerkert N* M d 8— 217 haben. Wenn man ſie uͤberfallen wollte, wo wuͤrden Sie Beiſtand erhalten koͤnnen? Sie wiſſen, der Koͤnig haßt Sie, die Of⸗ ſiziere ſeiner Leibwache ſind Menſchen, die er aus dem Staube gezogen hat, um auf ihre Treue rechnen zu koͤnnen, da ihm ſein Verdienſt keine Freunde erwerben kann. Jene ſuͤnf und vierzig Edelleute, die ihn bei Tag und bei Nacht umringen, und deren blinden Gehorſam er mit Golde erkauft hat, ſind jederzeit bereit, fuͤr ſeine Rache Alles zu unternehmen. Wenn Sie auch die Verſammlung der Staͤnde nicht meiden wollen, ſo gebietet doch die Noth⸗ wendigkeit, die Pflicht der Selbſterhaltung, daß Sie einen weniger verdaͤchtigen Ort zu Ihrer Wohnung waͤhlen. Haben Sie dieſe einzige Gefaͤlligkeit fuͤr meine Schwaͤche, ich beſchwoͤre Sie darum, bei Allem was ich fuͤr Sie that und noch zu thun im Stande bin. Befreien Sie mei⸗ nen Geiſt von dieſer peinigenden Unruhe, damit ich wenigſtens mit einiger Hoffnung 218 von hier ſcheiden kann, daß es Ihren Freunden moͤglich ſeyn wird, Sie im Falle des Angriffs zu vertheidigen“ Der Herzog von Guiſe, den die zaͤrt⸗ liche Angſt der Koͤnigin mehr ruͤhrte, als ibn ihre Reden von der nahen Gefahr uͤberzeugten, verſprach ihre Bitte zu er⸗ fuͤllen. Er hatte in der That die Abſicht, den Tag nach dem Weihnachtsfeſte eine Reiſe mit Poſtpferden nach Paris zu un⸗ ternehmen und bei ſeiner Ruͤckkehr ein anderes Unterkommen in Blois zu ſuchen, weshalb auch ſeiner Dienerſchaft bereits die nöthigen Befehle ertheilt waren. Als die Stunde des Abendeſſens ge⸗ ſchlagen hatte, trennte er ſich von der Koͤnigin, weil er offene Tafel hielt, und ſie zog ſich in ihre Wohnung zuruͤck, wo ſie ſich aus Furcht erkannt zu werden, allein aufhielt; inzwiſchen ging der Herzog zu Tiſche. Kaum hatte er ſich geſetzt 219 und ſeine Serviette zu ſich genommen, ſo fiel ihm aus derſelben ein verſiegeltes Bil⸗ let entgegen; der Herzog hob es auf, oͤff⸗ nete es und las folgende Worte: „Wenn Sie nicht an Ihre Rettung denken, ſo wird man Ihnen uͤbel mit⸗ ſpielen!“ Doch der unerſchrockene und zu ſehr von ſich eingenommene Fuͤrſt verachtete die bedenkliche Warnung; er fand ſogar Gefallen daran, ſich eine Feder geben zu laſſen, mit der er unter die verhaͤngniß⸗ vollen Zeilen ſchrieb: „Niemand wird es wagen!“ Dann warf er das Billet unter den Tiſch, aß wenig, verließ bald darauf den Saal und verſchloß ſich in ſein Kabinet, wo er mit der Koͤnigin von Navarra den groͤßten Theil der Nacht hindurch uber die Maßregeln zur vollſtändigen Erreichung ſeines Zwecks Ruͤckſprache nahm. Bei dem Koͤnige war inzwiſchen der Entſchluß, ſich eines ſo gefährlichen Ne⸗ benbuhlers, als der Herzog von Guiſe war, zu entledigen, zur voͤlligen Reife ge⸗ diehen. Er empfand alle Tage mehr, daß ihm nur noch der Litel eines Koͤnigs ubrig geblieben, und daß ihm dieſer allem Anſchein nach, auch nicht lange mehr blei⸗ ben wuͤrde. Ein Geruͤcht hatte ſich ver⸗ breitet, daß die Staͤnde geſonnen waͤren, den König ſeiner Wuͤrde zu entſetzen, ihn zu den Moͤnchen, deren Sitten und Ge⸗ prauche er ſo gewiſſenhaft nachahmte, in ein Kloſter einzuſperren, und den Herzog von Guiſe auf den Thron zu erheben. Wuͤthend uͤber dieſes entehrende und tief kraͤnkende Geruͤcht, ließ der Koͤnig den Obriſten des Regiments der Leibwache, Crillon, einen alten Feind des Herzogs von Guiſe, zu ſich rufen und fragte ihn, 221 ob er den Fuͤrſten ermorden wollte. Aber ver Ehrenmann ſchauderte uͤber dieſen An⸗ trag und antwortete dem Koͤnige, daß er jeden Augenblick bereit ſey, ſich mit ihm im rechtlichen Zweikampfe den Hals zu brechen, und er Sr. Majeſtaͤt die Ver⸗ ſicherung geben koͤnne, daß Jener wenig⸗ ſtens die Haͤlfte der Furcht zu ſeinem An⸗ theil bekommen ſolle; aber zum Vollſtrek⸗ ken ſeiner Gerechtigkeit zu dienen, ſey ein Amt, das ſich weder mit ſeinen Geſinnun⸗ gen, noch mit ſeinem Range vertruͤge⸗ Nach dieſer Weigerung begnuͤgte ſich der Koͤnig, ihm Stillſchweigen zur Pflicht zu machen, welches Crillon mit einem Eide gelobte. Dieſer Schritt ließ den Koͤnig nicht ohne Unruhe; er draͤngte ihn, zur Vollfuͤh⸗ rung einer That zu ſchreiten, deren Ge⸗ ſtalt gefaͤhrlicher vor, als nach dem Voll⸗ bringen war. Er vertraute ſie nur Log⸗ nac, einem Edelmanne an, den der Herzog 222 bei Hofe eingefuͤhrt hatte, und der durch ſeine Geſchmeidigkeit in der Gunſt des Koͤnigs geſtiegen war. Dieſer Elende nahm keinen Anſtand, dem Koͤnige den Tod ſeines Beſchuͤtzers zu verſprechen und verlangte nur zwanzig von den Fuͤnf und vierzigen.(So nannte mon die fuͤnf und vierzig Edelleute, welche der Koͤnig unter den Entſchloſſenſten zu ſeiner beſondern Leibwache ausgewählt hatte.. Er gab ihnen den Tiſch und hundert goldene Tha⸗ ler monatlich, eine in damaliger Zeit un⸗ geheure Summe. Der Koͤnig, den die Art dieſer keinen Aufſchub duldenden Angelegenheit, gegen ſeine natuͤrliche Geiſtesbeſchaffenheit, mit Entſchloſſenheit begabte, beſtimmte den andern Tag, den drei und zwanzigſten December zur Ausfuͤhrung des Mordes. Er hatte ſchon ſeit langer Zeit uͤber die Folgen einer ſolchen Handlung nachgedacht, und daher alles, was in ſeiner Macht ſtand, aufgeboten, den Eindruck derſelben zu laͤhmen; durch die Vermittlung des Legaten, deſſen Freundſchaft er ſich er⸗ worben, war der Papſt auf ſeine Seite gebracht; in Anſehung der Venetianer hatte er aͤhnliche Maßregeln ergriffen, da⸗ mit ſie die Macht des Spaniſchen Koͤnigs, eines Verbuͤndeten des Herzogs von Guiſe, in Schranken zuruͤckhalten ſollten, und endlich hatte er ſeine Nichte Chriſtine von Lothringen dem Großherzoge von Toskana, von dem er im Falle des Bedarfs, Geld zu erhalten hoffte, zur Gemahlin ver⸗ ſprochen. Es blieb nun nichts weiter uͤbrig, als den Herzog von Guiſe, ohne daß er es ahnete, in die Falle zu locken. Zu dieſem Zwecke gab der Koͤnig dem Hauptmanne der Leibwache Larchamp den Befehl, dem Fuͤrſten am andern Tage unter dem Vor⸗ wande einer Ehrenbezeugung in die Sitz⸗ ung der Staͤnde zu folgen, und nicht zu 224 geſtatten, daß er den Saal verließ, ſobald er einmal eingetreten ſey; dieſer Offizier uberreichte dem Herzoge am darauf fol⸗ genden Morgen eine Bittſchrift, welche zum Zwecke hatte, ſeinen Soldaten den ruͤckſtaͤndigen Sold ausbezahlen zu laſſen, und ſchmeichelte ihm dabei, daß er als der Beſchuͤtzer der Kriegsleute bekannt ſey⸗ Zu gleicher Zeit beauftragte der Koͤnig den. Groß⸗Prior von Frankreich, mit dem Fuͤrſten von Joinville, dem Sohne des Herzogs von Guiſe, auf morgen ein Ball⸗ ſpiel zu verabreden. Als alle dieſe Ein⸗ leitungen getroffen waren, ließ der Koͤnig ſich gegen Avend bei der Tafel verlauten, vaß er wuͤnſche, den kommenden Tag bei Zeiten die Verſammlung der Staͤnde zu eröffnen, damit er nicht gehindert werde, den Ueberreſt des Tages ſeinen Andachts⸗ uͤbungen ungehindert nachleben zu koͤnnen; hierauf begab er ſich hinweg. Sobald er indeß allein war, nahm ——„—„— „———— 225 er eine Blendlaterne und fuͤhrte in eigner Perſon die Vollſtrecker ſeiner Rache in die uͤber ſeinen Zimmern befindlichen Zel⸗ len, wo er ſie einſchloß. Die Einrichtung der Gemaͤcher war ſo getroffen, daß der Verſammlungs-Saal ſich mit den Zim⸗ mern des Königs in einem Stockwerke be⸗ fand, und mit denſelben vermittelſt eines langen Ganges zuſammenhing. Die von dergleichen Handlungen unzertrennliche Un⸗ ruhe ließ den Koͤnig in der Nacht keinen Augenblick ſchlafen, ſeine Vorſicht und ſein Mißtrauen zwangen ihn, mehrere Male in die Zellen der Fuͤnf und vierzig hin⸗ aufzugehen, um ſich von ihrer Gegenwart und ihren Beſchäftigungen zu uͤberzeugen; gegen vier Uhr vertheilte er ſie ſelbſt, die eine Haͤlfte in ſein Zimmer, die andere in ſein Kabinet; denn da ihm der Muth und die Koͤrperſtärke des Herzogs von Guiſe Vorſicht zur Pflicht zu machen ſchie⸗ nen, ſo daͤuchte ihm dieſe Maßregel noth⸗ Der ſchw. Bund, 15 226 wendig, damit der Herzog, im Fall er den Streichen der Erſtern entrinnen koͤnnte, dann in die Haͤnde des andern Trupps fallen mußte. Zwei Stunden ſpäter ließ der Koͤnig den Staͤnden ankuͤndigen, daß er in der Verſammlung erſcheinen werde; der Car⸗ dinal von Guiſe, der Erzbiſchof von Lyon, der Oberintendant von D. und mehrere Andere waren bereits im Seſſions ſaale gegenwärtig, nur der Herzog von Guiſe, der erſt ſpaͤt zur Ruhe gegangen war, er⸗ ſchien zuletzt⸗ Als der Fuͤrſt ſein Zimmer verließ, und uͤber den Schloßhof nach dem Ver⸗ ſammlungsſaale gehen wollte, geſellte ſich Larchamp unter dem Vorwande zu ihm, ihn an das den Tag vorher uͤberreichte Geſuch zu erinnern; er ging vor ihm her und ſeine Soldaten folgten hinter dem te er m 227 Herzoge. Kaum war der Letztere in die Gemaͤcher eingetreten, ſo verſchloß Larchamp die Thuͤr, ſteckte den Schluͤſſel zu ſich und ließ ſeine militairiſche Beoleitung auf der Treppe ſich zu beiden Seiten in einer Reihe aufſtellen; in demſelben Augenblick wurden alle Ausgänge des Schloſſes eben⸗ falls verſchloſſen⸗ Pericart, der Geheimſchreiber des Herzogs, deſſen Verdacht durch alle dieſe Anſtalten erregt wurde, ſchrieb ihm einen Zettel, verbarg ſolchen in einem weißen Taſchentuche und beauftragte einen Pagen, dem Herzoge, der ihn angeblich vergeſſen haben ſollte, das Tuch zu übergeben. Der Page fand den Zettel, der die Worte: „Retten Sie ſich, Gnaͤdiger Herr, „oder Sie ſind verloren!“ enthielt, ſteckte ihn in die Taſche und ließ dem Herzoge 228 das Tuch bringen. Dieſer hatte ſich an das Caminfeuer geſetzt, und aß Pflaumen; er war von einer leichten Unpaͤßlichkeit befallen worden, entweder nun hatten ſeine Lebensgeiſter im Vorgefuͤhl vom nahen Ende, oder lag, wie ſeine Feinde es nach⸗ her verſicherten, die Schuld an der durch⸗ ſchwelgten Nacht; als dieſer Zufall vor⸗ uͤber war, trat der Staatsſekretair Revel in den Saal, und eroͤffnete ihm, daß ihn der Koͤnig in ſeinem Kabinet zu ſprechen verlange. Der Herzog erhob ſich, ging über den Gang und trat in das Vorgemach wo er Lognac und acht von den Fuͤnf und vierzigen, die er kannte, vorfand. Ohne auf dieſe zu achten, ſetzte er ſeinen Weg nach der Thuͤr des Kabinets fort, da aber Niemand den Vorhang wie ge⸗ wöhnlich vor ihm zuruͤckzog, ſo ſreckte er die Hand nach demſelben aus; in dieſem M— d—* —* r f . E 229 Augenblicke verſetzte ihm Saintmalin, ei⸗ ner der Fuͤnf und vierzige, einen Dolchſtich in die Gurgel, um das Panzerhemd, wo⸗ mit er ihn geruͤſtet hielt, zu vermeiben; ein Zweiter warf ſich uͤber ſeine Beine und Dritter uͤber ſeinen Ruͤcken her und Alle bemuͤheten ſich, ihn mit ihren Waffen zu erreichen. Der kraftvolle Fuͤrſt warf denjenigen, welcher von hinten uͤber ihn hergefallen war, an die Mauer und griff nach ſeinem Degen, allein er konnte ihn nur zur Halfte aus der Scheide ziehen; wuͤthend ſtuͤrzte er uͤber Lognac her und beſaß noch Kraft genug, ihn im Fallen mit zu Boden zu reißen, endlich verſchied er mit Wunden bedeckt am Fuße leines Bettes, indem er die Worte ausrief: „Barmherziger Gott, ſey mir gnädig!“ 230 Der Kardinal von Guiſe und der Erzbiſchof von Lyon, vom Geraͤuſch in Schrecken geſetzt, eilten nach der Saalthuͤr und riefen um Huͤlfe, wurden aber von den Marſchällen von Retz und von Au⸗ mont verhaftet, und in den obern Theil des Schloſſes in einer Art von Dachkam⸗ mer als Gefangene verwahrt. Sobald der Koͤnig von dem Tode ſeines Feindes Kenntniß erhielt, wollte er nur ſeinen eigenen Augen trauen; er naͤ⸗ herte ſich dem Leichnam, der mit dem Ge⸗ ſicht zur Erde gekehrt in ſeinem Blute lag, und ließ ihn umwenden, damit er ihn erkennen und ſich uberzeugen konnte; dann befahl er, ihn in einen Verſchlag hinter ſeinem Kabinet zu tragen und be⸗ gab ſich zu ſeiner Mutter, der Koͤnigin. „Endlich, Madam,“ redete er ſie an, 231 bin ich Koͤnig ohne Mitglied! Der Herzog von Guiſe iſt todt!“ „Sie haben gut zugeſchnitten,“ er⸗ wiederte die Koͤnigin Mutter uͤberraſcht, „gebe Gott, daß Sie eben ſo trefflich naͤ⸗ hen moͤgen.“ Hierauf verfuͤgte er ſich zu dem Le⸗ gaten, um ſich mit ihm zu verſtaͤndigen, und fand ihn nicht ſo erzurnt, als er ſich eingebildet hatte; dieſe Nachſicht reizte ihn zu dem ſchauderhaften Entſchluß, auch den Erzbiſchof von Lyon und den Kardinal von Guiſe, der noch ehrſuͤchtiger und hef⸗ tiger als ſein Bruder war, aus dem Wege zu raͤumen.— Auf ſolche Art endete Heinrich von Lothringen, Herzog von Guiſe, ein Fuͤrſt, deſſen merkwuͤrdige Thaten eher Bewun⸗ derung als Nachahmung verdienen. Die Natur hatte in ihm ſo viele ſchoͤne Ei⸗ 232 genſchaften des Geiſtes und Koͤrpers ver⸗ einigt, daß Niemand mit Recht ſich ſchmeicheln darf, mehr zu beſitzen; ein ein⸗ ziger Fehler, den Tauſende der Tugend gleich achten, der Ehrgeiz fuͤhrte ihn ſtufenweiſe in das Verderben. Ein Bei⸗ ſpiel, das fuͤr diejenigen, welche Geburt und Verdienſt an die Spitze der Heere ſtellen, wuͤrdig ſeyn moͤchte, beherzigt zu werden, ein Gegenſtand der Betrachtung fuͤr jedes Volk, das ſeine Pflichten vergißt und ſich zum Nachtheil der ſeinem Mo⸗ narchen ſchuldigen Treue, von den ſeltnen Eigenſchaften eines großen Kriegers blen⸗ den und hinreißen läßt. Nach dieſer Mordthat warf der Koͤ⸗ nig das Schaaffell, worunter er ſeine wahre Geſtalt bisher liſtig verborgen hatte, von ſich, und vertauſchte es mit der fruͤher glorreich getragenen Loͤwenhaut, ließ die Thuͤren des Schloſſes oͤffnen, zeigte ſich nur ſchwach bewacht dem Volke und ſagte nach dem Gottesdienſte zu ſeiner zahl⸗ reichen Umgebung: 2 Es ſey Zeit, daß Jeder nun zu ſeiner Pflicht zuruͤckkehre und ihn als ſeinen Koͤnig zu erkennen lerne. Als die Nachricht von dem Tode des Herzogs ſich im ganzen Koͤnigreiche ver⸗ breitet hatte, aͤußerten ſich bald darauf die Folgen deſſelben in den ſchrecklichen Auf⸗ tritten, die Frankreichs Geſchichte dem An⸗ denken der Nachwelt aufbewahrt hat. Da wir uns jedoch nur damit haben beſchaͤftigen wollen, alles was jenen gro⸗ ßen Furſten betraf, aufzuzeichnen, ſo fugen wir nur noch zum Schluſſe Folgendes hinzu: Die Koͤnigin von Navarra war an 234 demſelben Tage in der Fruͤhe nach Agen abgereiſet und erhielt erſt bei ihrer An⸗ kunft daſelbſt Kunde von der Mordthat. Sie verſchloß ſich in ihr Gemach, legte ſich zu Bette, wollte Niemand ſehen, und obgleich es ihrem Schmerze uͤber den Tod eines ſo beruͤhmten Geliebten nicht gelang, ſie mit ihm zu vereinigen, ſo blieb doch die ubrige Zeit ihres Lebens eine Betruͤb⸗ niß in ihrer Seele zuruͤck, die ſchmerzlicher als der Tod ſelbſt war, und erſt mit dieſem endete. Folgende empfehlenswerthe Unterhal⸗ tungsſchriften ſind in allen Buchhand⸗ lungen Deutſchlands, um beigeſetzte Preiſe zu haben: Rachenden, die, oder die ſchwarzen Ge⸗ maͤcher des Inquiſitionskerkers zu To⸗ ledo. 2 Thle. 2 Thlr. 8 Gr. Raͤuber, die, in den Kluͤften des Latro⸗ felſens. 1 Thlr. 4 Gr. Raͤuber⸗, Diebes⸗ und Gaunerarchiv, neue⸗ ſtes. Eine Sammlung liſtiger Kniffe, witziger Zuͤge und Anekdoten beruͤchtigter Raͤuber und Gauner. Aus Aktenſtuͤcken und glaubwuͤrdigen Papieren gezogen. Mit 1 Kpf. 20 Gr. Reden und Predigten, geiſtliche, zum Todt⸗ lachen. Oder Original⸗ Auszuͤge aus merkwuͤrdigen Predigten und geiſtlichen Reden, welche im 17ten und 18ten Jahrhunderte wirklich gehalten worden ſind. Geſammlet und zum Beſten armer Mißvergnuͤgten herausgegeben von Paſtor Lachemann. 16 Gr. Reiſe, humoriſtiſche, durch ein hochſeliges Koͤnigreich. An das Licht geſtellt von Peter Hilarius. 2 Bde. 2 Thlr. 4 Gr. Reiſeſcenen und Reiſeabentheuer, wunder⸗ liche, auch Kreuz⸗ und Querzuͤge eines deutſchen Muſenſohns des 19ten Jahrh. von Uriel a Coſta. 1 Thlr. Rieſenſteinburg, die, oder deutſche Frauen⸗ wuͤrde. Ein hiſt. rom. Gemaͤlde der Vorzeit von C. Nitolai. 2 Bde, 1 Thlr. 16 Gr. Rino, oder der Liebe Taͤuſchung. Roman von E. Schulze. 1 Thlr. 4 Gr. Ritter Angus. Eine caledoniſche Geſchichte, nach Walter Scott bearbeitet von H. Muͤller. 2 Thle. 2 Thlr. 8 Gr. Ritter Buſſo von Falkenſtein, oder die Geheimniſſe der Todtengruft. Ein, — ſchauderhaftes Eemaͤlde aus den Ritter⸗ zeiten. Mit 1 Kpf⸗ 1 Thlr. 6 Gr. 2 Ritter Golo der Grauſame, oder die Bü⸗ ßende in der Felſengruft. Ritterroman in 3 Thle. Mit 1 Kpf 3 Thlr. 12 Gr. Rolli, das Mohrenmaͤdchen. Von C. Ni⸗ colai. 18 Gr. Roſa, oder das Huͤttchen am Rheinſtrome. Eine Sage aus der goldnen Vorzeit. Mit 1 Kpf. 1 Thlr, Roſette, oder die Liebe im Kloſterthale. 16 Gr. Rudolph, der Barde von Seleucia, oder die Geheimniſſe der alten Felſenburg. Eine rom. Erzaählung aus dem Mittel⸗ alter. Mit 1 Kpf⸗ 22 Gr. diſche Gefaͤngniß des Kloſters Barbora Eremita. Roman von C. Hildebrandt. 2 Thle. 1 Thlr. 16 Gr. K die ſchwarzen, oder das unterir⸗ Sagen der Vorzeit aus Herzyniens rom. Gegenden; nach Veit Weber. 1 Thlr. Sarazenenſchwerdt, das. Ritterroman aus den Zeiten der Kreuzzuͤge. 2 Theile. 1 Thlr. 14 Gr. Sarg, der, oder die Ungeweiheten im Kreuzkloſter zu Sanct Esquidola. Eine Geſchichte aus Spaniens neueſter Zeit. 2 Thle. 1 Thlr. 16 Gr. Schaudergeſchichten von C. Nicolai. 2 Thle. 1 Thlr. 12 Gr. Schickſals Tuͤcke, des, oder Auguſte. Ein Roman von Philippine von Mettingh. 15 Gr. Schiffbruch, der. Roman von C. Hilde⸗ brandt. 1 Thlz. 4 Gr. Schleier, der. Zwei Erzaͤhlungen von C. Hildebrandt und H. Muͤller. 1 Thlr. Schreckensſcenen aus dem Leben der un⸗ gluͤcklichen Roſaura Morano, waͤhrend des blutigen und verheerenden Krieges des Kaiſers Napoleon in Spanien. Aus den Papieren eines in Spanien gedienten ehemaligen weſiphaͤliſchen Of⸗ getragen von C. Hilde⸗ ſiziers zuſammen 1 Thlr. 16 Gr. brandt. 2 Bde. Schwaͤnke und Erzaͤhlungen von Hans Kutzbein. 18 Gr. Selma, oder das Maͤdchen vom Hunds⸗ ruͤck. Eine rom. Erzaͤhlung. 1 Thlr. Sklavin, die, in Anadolis Wuͤſte. Eine Geſchichte aus dem Freiheitskriege Grie⸗ chenlands, von C. Hildebrandt. 3 Thle. 3 Thlr. nvon C. Nicolai. 2 Bde. Sonntagsnovelle 1 Thlr. 20 Gr. Korper wohnte ein noch bewunderungs⸗ wuͤrdigerer Geiſt; ein lebhafter und ſchnel⸗ ler Ueberblick, Seelengroͤße ohne Einſchrän⸗ kung, unerſchuͤtterliche Kuͤhnheit und an⸗ geerbte Froͤmmigkeit hatten die Gunſt des