Leihbiblivthe deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednard Oktmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ceih und geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeven Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: — ——— für wöchentlich PBücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: M WM 0 P W Pf. 2 6 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Fir Seſchmutzte, zerriſſene', verlorene und 5 defecte Bücher(namentlich hei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt da rrriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Thei größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen htet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt e ige feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam ger aß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf iejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch“ nhaben. g—— B Von M. E. Braddon. Aus dem Engliſche von Dr. Büchele. Dritter Band. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1863. Druck der K. Hofbuchvruckerei Zu Guttenberg. Erſtes Capitel. Phöbe's Geſuch. Die Kluft zwiſchen Lady Audley und ihrer Stief⸗ tochter hatte ſich in den zwei Monaten, welche ſeit der fröhlichen Weihnachtsfeier zu Audley Court ver⸗ floſſen waren, nicht verengert. Es fand kein offener Krieg zwiſchen den beiden Frauen ſtatt; es war eine bewaffnete Neutralität, welche hin und wieder durch kurze weibliche Scharmüzel und vorübergehende Wort⸗ gefechte unterbrochen wurde. Ich muß leider ge⸗ ſtehen, daß Alicia eine herzliche, regelmäßige Schlacht bei Weitem dieſer ſchweigenden und zu Nichts füh⸗ renden Uneingkeit vorgezogen hätte; aber es hielt nicht ſo leicht, mit Mylady einen ordentlichen Streit anzufangen. Sie hatte immer ſanfte Antworten zur Hand, um den Zorn von ſich abzukehren. Sie konnte zu ihrer Stieftochter offenen Unarten bezaubernd lä⸗ cheln, und machte ein fröhliches Geſicht, wenn die junge Dame in übler Laune ſich befand. Wäre ſie vielleicht weniger liebenswürdig, wäre ſie an Ge⸗ müthsart Alicia ähnlicher geweſen, die beiden Damen hätten dann vielleicht ihre Feindſchaft in einem furchtbaren Zuſammenſtoß ausgelaſſen und nachher wohl einander freundſchaftlich und liebevoll zuge⸗ than ſein können. Aber Lady Audley wollte ſich in keinen Krieg einlaſſen. Sie trug die Summe ihres Mißfallens vor und legte ſie zu ſtetigen Zin⸗ ſen an, bis der Bruch zwiſchen ihr und ihrer Stief⸗ tochter, mit jedem Tag ſich erweiternd, zu einem großen Abgrund wurde, über welchen von der einen, wie von der andern Seite keine Taube mit dem Oel⸗ zweig im Schnabel mehr zu gelangen vermochte. Wo kein offener Krieg iſt, kann es auch keine Verſöhnung geben. Eine Schlacht muß ſtattfinden, eine brave tobende Schlacht, mit wehenden Wimpeln und brüllenden Kanonen, ehe für friedliche Unter⸗ hanbligen und enthuſiaſtiſche Händedrücke Raum iſt. Vielleicht verdankt die Einigkeit zwiſchen Frank⸗ reich und England ihre größte Stärke der Erinne⸗ rung an vergangene Kämpfe und Niederlagen. Wir haben einander gehaßt und geliebt, und haben's ab⸗ gemacht, wie man gewöhnlich ſagt, und können es nun wohl über uns gewinnen, einander in die Arme zu fallen und ewige Freundſchaft, unvergängliche Brüderſchaft zu geloben. Wir wollen hoffen, wenn das nordamerikaniſche Yankeethum decimirt hat und decimirt iſt, wird ſich der aufbrauſende Jonathan auch ſeinem ſüdlichen Bruder, Verzeihung gewährend und nehmend, an die Bruſt werfen. Alicia Audley und ihres Vaters hübſche Frau hatten in dem großen alten Herrenhauſe Raum ge⸗ nug, um mit Behaglichkeit ihrem Mißfallen nachzu⸗ hängen. Mylady hatte, wie wir wiſſen, ihre eigenen ———„——„ (7) S S S——————. ne n, ln r⸗ ſt k te⸗ ir b⸗ es ne che nn nd an nd au e⸗ zu⸗ en 5 Appartements— üppige Gemächer, worin alle nur denkbaren Luxusartikel zur Bequemlichkeit für die Inhaberin aufgehäuft waren. Alicia hatte ihre eigenen Zimmer in einem an⸗ dern Theile des großen Hauſes. Sie hatte ihre Lieblingsſtute, ihren Neufundländer Hund und ihre Zeichnungsmaterialien, und ſie bereitete ſich damit erträgliches Glück. Ganz glücklich war ſie nicht, dieſes offene, edelherzige Mädchen, denn es war kaum möglich, daß es ihr in der gezwungenen At⸗ moſphäre des Herrenhauſes recht wohl zu Muth ſein konnte. Ihr Vater war verändert— dieſer theure Vater, über welchen ſie einſt mit der unbeſchränkten Auto⸗ rität eines verzogenen Kindes die Regierung führte, hatte eine andere Herrſcherin angenommen und ſich einer andern Dynaſtie unterworfen. Nach und nach machte ſich Mylady's reizende Gewalt in dem be⸗ ſchränkten Haushalte fühlbar, und Alicia ſah, wie ihr Vater über den Abgrund, welcher Lady Audley von ihrer Stieftochter trennte, Schritt für Schritt hinübergelockt wurde, bis er zulezt ganz auf der andern Seite davon ſtand und über den weiten Schlund kalt auf ſein einziges Kind hinüberſchaute. Alicia fühlte, daß er für ſie verloren war. My⸗ lady's ſonnenhelles Lächeln, ihre gewinnenden Worte, ihre ſtrahlenden Blicke ſammt ihrer entzückenden Grazie hatten das Zauberwerk vollbracht, und es war mit Sir Michaek dahin gekommen, daß er ſeine Tochter als eine etwas eigenſinnige, capriciöſe junge Perſon betrachtete, welche ſich gegen das von ihm geliebte Weib mit entſchiedener Unfreundlichkeit be⸗ nommen hatte. Die arme Alicia ſah dieß Alles und trug ihre Laſt, ſo gut ſie es vermochte. Es dünkte ihr ſehr hart, ſich als eine hübſche grauäugige Erbin, mit Hunden und Pferden und Dienern zu ihren Dienſten, zu wiſſen und doch ſo allein in der Welt zu ſtehen, und nicht ein freundſchaftliches Ohr zu haben, in das ſie ihre Sorgen ausſchütten konnte. „Wenn Bob zu Etwas gut wäre, hätte ich ihm ſagen können, wie unglücklich ich bin,“ dachte Miß Audley,„aber ich könnte ebenſo wohl meine Küm⸗ merniſſe Cäſar geſtehen, wenn ich Troſt haben wollte, als dieſen von meinem Couſin Robert erwarten.“ Sir Michael Audley folgte ſeiner hübſchen Wär⸗ terin und begab ſich kurz nach neun Uhr an dieſem froſtigen Märzabend zu Bette. Wielleicht war des Baronets Schlafzimmer das angenehmſte Aſyl, welches ein Kranker bei einem ſo kalten und unfreundlichen Wetter ſich hätte wün⸗ ſchen mögen. Die dunkelgrünen Sammetvorhänge waren vor den Fenſtern und um die ſchwere Bett⸗ ſtätte herabgelaſſen. Das Holzfeuer brannte röthlich auf dem breiten Herd. Die Studirlampe war auf einem deliciöſen Tiſchchen hart neben Sir Michaels Kopfkiſſen angezündet und ein Haufe von Journalen und Zeitungen waren von Mylady's eigenen ſchönen Händen zur Unterhaltung für den Kranken herge⸗ richtet worden. Lady Audley blieb etwa zehn Minuten an dem Bette ſizen, ſprach ſehr ernſthaft über das ſeltſame und ſchreckliche Thema— Robert Audley's Wahn⸗ —+—„—— —— —„—.———†——— ————— re nit en, en, in hm Kiß m⸗ lte, em das em ün⸗ nge ett⸗ lich auf els len nen ge⸗ dem me ſinn; aber nach Verfluß dieſer Zeit erhob ſie ſich und ſagte ihm gute Nacht. Sie ließ den grünſeidenen Schatten vor der Studirlampe herab und richtete dieſelbe mit Sorg⸗ falt, wie es für die Augen des Baronets zuträg⸗ lich war. „Ich verlaſſe Dich jezt, mein Theurer,“ ſagte ſie. „Wenn D Du ſclaſen kannſt, iſt es um ſo beſſer. Wünſcheſt Du zu leſen, ſ ſind Bücher und Zeitun⸗ gen ganz neben Dir. Ich will die Thüren zwiſchen den Zimmern offen laſſen, und kann ſo Deine Stimme hören, wenn Du mich rufſt.“ Lady Audley begab ſich durch ihr Ankleidekabi⸗ net in das Boudoir, wo ſie ſeit dem Diner mit ihrem Gatten geſeſſen war. Jedes Gepräge weiblichen Raffinements war in dieſem eleganten Gemache ſichtbar. Mylady's Piano war geöffnet, mit zerſtreuten Muſikalien und prächtig gebundenen Klavierauszügen und Phantaſien, an deren Studium ſich kein Meiſter hätte ſchämen dür⸗ fen, bedeckt. M vlady's Staffelei ſtand am Fenſter und lie⸗ ferte, in der Geſtalt einer Aquarellſtizze von dem Herrenhauſe ſammt dem Garten Zeugniß für deren artiſtiſches Talent. Mylady's feenartige Spizen⸗ und Muſſelinſticke⸗ reien, die regenbogenfarbigen Seiden, die zart ſchat⸗ tirten Wollen waren in dem luxuriöſen Gemach zerſtreut, während die Spiegel, von einem künſtleri⸗ ſchen Tapezier geſchickt in Winkeln und gegenüber⸗ befindlichen Ecken angebracht, Mylady's Bild ver⸗ vielfältigten und in dieſem Bilde zugleich den ſchön⸗ ſten Gegenſtand des zauberiſchen Gemaches zurück⸗ ſtrahlten. Mitten unter dieſer Vereinigung von Lampen⸗ licht, Vergoldung, Farbe, Reichthum und Schönheit ließ ſich Lady auf einem niedrigen Size neben dem Feuer nieder, um ihren Gedanken nachzuhängen. Wenn Mr. Holman Hunt einen Blick in dieſes hübſche Boudoir hätte werfen können, mich dünkt, das Gemälde wäre nach ſeiner Phantaſie photogra⸗ phirt worden, um es ſogleich in halber Biſchofs⸗ länge*) zur Verherrlichung der vorraphaeliſchen Brüderſchaft nachbilden zu laſſen. Mylady in halb ruhender Haltung, den Elbogen auf das Knie geſezt, und das vollkommene Kinn von der Hand geſtüzt, die reichen Falten des Gewandes in langen Wellen⸗ linien von den herrlichen Umriſſen ihrer Geſtalt ab⸗ fallend, von dem leuchtenden roſenfarbigen Feuer⸗ ſchein in einen weichen Nebel, der nur durch den goldenen Schimmer ihres gelben Haars gebrochen wurde, eingehüllt. Schön an ſich, aber zum Ent⸗ zücken ſchön durch die prachtvolle Umgebung, wo⸗ durch dieſer liebenswürdigen Heiligen noch ein höhe⸗ rer Schmuck verliehen wird. Trinkgefäſſe von Gold und Elfenbein, ciſelirt von Benvenuto Cellini, Buhl⸗ und Porcellanſchränke, mit dem Namenszug der Marie Antoinette von Oeſterreich, unter Sinnbildern von Roſenknospen und Liebesknoten, Vögeln und Schmet⸗ terlingen, Kupidos und Schäferinnen, Göttinnen, Höflingen, Bauern und Milchmädchen; Statuetten von pariſchem Marmor und Biskuitporcellan; ver⸗ *) Etwa ſ v. a. Knieſtück. A. d. U. ck⸗ n⸗ eit m es kt, en lb zt, n⸗ b⸗ en en nt⸗ ⸗ d hl⸗ rie on et⸗ en, en er⸗ 9 goldete Körbchen mit Treibhauspflanzen; phantaſtiſche Käſtchen von indiſcher Filigranarbeit; zerbrechliche Theetaſſen von Türkisporcellan, mit Medaillen⸗Mi⸗ niaturen von Ludwig dem Großen und Ludwig dem Vielgeliebten, Louiſe de la Valliere und Jeanne Marie du Barry geſchmückt; Kabinetsſtücke von Ge⸗ mälden und vergoldete Spiegel, ſchimmernder Atlas und durchſichtige Spizen; Alles was das Gold er⸗ kaufen, die Kunſt erſinnen kann, war zur Verſchöne⸗ rung dieſes ſtillen Gemachs zuſammengebracht wor⸗ den, in welchem Mylady ihren Siz hatte, horchend auf das Klagen des ſcharfen Märzwindes und auf das Anſchlagen der Epheublätter an den Fenſtern, und in den rothen Schlund der brennenden Kohlen ſchauend. Ich würde eine ſehr abgeſtandene Predigt halten und eine ſehr ordinäre Moral anſtimmen, wenn ich mir beigehen ließe, die Gelegenheit zu ergreifen und hier gegen Kunſt und Schönheit zu deklamiren, weil Mylady in dieſem eleganten Appartement viel elen⸗ der war, als manche halbverhungerte Näherin in ihrer traurigen Dachkammer. Sie war elend in Folge einer Wunde, welche allzu tief lag, als daß man ihr mit Pflaſtern wie Reichthum und Luxus lindernd beikommen konnte; aber ihr Elend war abnormer Natur, und ich vermag deßhalb keinen Grund abzuſehen, warum ich die Thatſache ihres Jammers als Beweisgrund zu Gunſten von Armuth und Noth im Gegenſaz von Wohlſtand geltend ma⸗ chen ſollte. Die Benvenuto Cellini⸗Skulpturen und die Sovres⸗Porcellan⸗Stücke konnten ihr kein Glück geben, weil ſie aus deren Region hinausgetreten war. Sie war nicht mehr unſchuldig, und die Freude, welche wir über Kunſt und Reiz empfinden, hatte ſich, da ſie eine unſchuldige Freude iſt, ihrem Bereich entzogen. Sechs oder ſieben Jahre früher wäre ſie im Beſize von dieſem kleinen Aladins⸗Pa⸗ laſt glücklich geweſen; aber ſie hatte den Kreis ſorg⸗ loſer, Vergnügen ſuchender Geſchöpfe überſchritten, ſie hatte ſich in ein trauriges Labyrinth von Schuld und Verrath, Entſezen und Frevel verirrt, und alle die Schäze, welche für ſie geſammelt worden waren, hätten ihr nur eine Freude gewähren können, näm⸗ lich die Freude, ſie in ihrer grauſamen Verzweif⸗ lung fammt und ſonders auf den Boden zu ſchleu⸗ dern, mit ihren Füßen darauf herumzutreten und ſie völlig zu vernichten. Etwas gab es, was ihr eine ſchreckliche Freude eingeflößt, einen ſchauerlichen Genuß verſchafft hätte. Wäre Robert Audley, ihr unbarmherziger Feind, ihr unabläßiger Verfolger todt in dem anſtoßenden Ge⸗ mach gelegen, ſie würde über ſeinem Sarge in Froh⸗ locken ausgebrochen ſein. Was für Freuden konnten Lukretia Borgia und Katharina von Medici geblieben ſein, als die ſchreck⸗ liche Grenzmarke zwiſchen Unſchuld und Frevel über⸗ ſprungen war, und die verlorenen Geſchöpfe nun einſam draußen ſtanden? Nur ſchreckliche Genüſſe der Rachgier und Entzückungen des Verraths waren für dieſe elenden Weiber noch zu haben. Mit wel⸗ cher geringſchäzigen Bitterkeit mußten ſie auf die frivolen Eitelkeiten, die geringfügigen Betrügereien, die armſeligen Sünden gemeiner Miſſethäter ſchauen. Vielleicht ſchöpften ſie einen ſchrecklichen Stolz aus m er U⸗ g⸗ ze⸗ h⸗ nd ck⸗ un ſſe en el⸗ die en, en. u8 11 dem Ungeheuerlichen ihrer Verruchtheit, aus dieſer „Göttlichkeit der Hölle“, welche ſie zu den Größten unter den ſündhaften Kreaturen machte. Mylady, wie ſie ſinnend an dem Feuer in ihrem einſamen Gemache ſaß und die großen hellblauen Augen in den gähnenden, düſter rothen Schlund der brennenden Kohlen verſenkte, mochte an gar Vieles gedacht haben, was dem ſchrecklich ſtillen Kampfe, in den ſie verwickelt war, weit abſeits lag. Sie mochte an die längſt entſchwundene kindliche Unſchuld, an die kindiſchen Thorheiten und Selbſtſüchteleien, oder an die frivolen weiblichen Sünden, die nur ſehr leicht auf ihr Gewiſſen drückten, gedacht haben. Vielleicht rief ſie ſich bei dieſen retroſpectiven Träu⸗ mereien die frühe Zeit zuruͤck, da ſie zum erſten Mal in den Spiegel ſchaute und entdeckte, daß ſie ſchön war: jene verhängnißvolle frühe Zeit, da ſie zum erſten Mal ihre Liebenswürdigkeit als ein göttliches Recht, als ein unbegrenztes Beſizthum betrachtete, welches zu einer Schuldausgleichung gegen alle mäd⸗ chenhaften Pflichtverſäumniſſe, zu einem Gegenge⸗ wicht gegen jede jugendliche Verſündigung dienen ſollte. Erinnerte ſie ſich des Tages, da dieſe feen⸗ hafte Mitgift von Schönheit ſie zum erſten Mal ge⸗ lehrt hatte, ſelbſtſüchtig und grauſam, gleichgültig gegen die Freuden und Leiden anderer, kaltherzig und launenhaft, gierig nach Bewunderung, anſpruchs⸗ voll und tyranniſch zu ſein, und zwar in der Weiſe jener kleinlichen Frauentyrannei, welche der ſchlimmſte Deſpotismus von allen iſt? Verfolgte ſie jede Sünde ihres Lebens bis zu deren wahrem Urſprung zurück? Und entdeckte ſie jene vergiftete Quelle in ihrer eige⸗ ———————————— . 2 —— — nen übertriebenen Schäzung von dem Werthe eines hübſchen Geſichtes? Gewiß, wenn ihre Gedanken ſo weit auf die zurückgelegte Laufbahn ihres Lebens hinaus wonderten, mußte ſie mit bitterer Verzweif⸗ lung den erſten Tag bereut haben, wo die Haupt⸗ leidenſchaften ihres Lebens die Herrſchaft über ſie errungen und die drei Dämonen der Eitelkeit, der Selbſtſucht und des Ehrgeizes ſich die Hand gereicht und geſagt hatten:„Dieſe Frau iſt unſere Sclavin; wir wollen ſehen, was unter unſerer Leitung aus ihr wird.“ Wie klein erſchienen jezt jene erſten jugendlichen Verirrungen, als Mylady in ihrer langen Träume⸗ rei an dem einſamen Herde auf ſie zurückblickte! Was für geringe Eitelkeiten, was für unbedeutende Grauſamkeiten! Ein Triumph über eine Schulka⸗ merädin, eine Koketterie mit dem Liebhaber einer Freundin, eine Behauptung des göttlichen, blauen Augen und goldenen Locken einwohnenden Rechtes. Aber wie ſchrecklich hatte ſich dieſer ſchmale Pfad zu der breiten Heerſtraße der Sünde ausgebreitet und wie beflügelt waren die Schritte auf dem nun⸗ mehr vertrauten Wege gewuen! Mylady umſpann ihre Finger mit den aufgelös⸗ ten bernſteinfarbigen Locken und machte eine Ge⸗ berde, als ob ſie dieſelben ſich aus dem Kopfe hätte reißen wollen. Aber ſelbſt in dieſem Augenblick ſtummer Verzweiflung machte ſich die unbeugſame Herrſchaft der Schönheit wieder geltend, und ſie ließ die verwirrten glänzenden Ringel wieder fahren, ſo daß ſie in der düſtern Beleuchtung des Feuers einen Heiligenſchein um ihr Haupt bildeten. ſen Ni mi jen wi we ich ſch ver ſta gel ha wi ſich ihr ein ſpr ſier we unt ſie zun tra „W en te! ide ka⸗ ner ten es. ind un⸗ ös⸗ He⸗ itte lick me ieß ſo nen „Ich bin in meiner Jugend nicht gottlos gewe⸗ ſen,“ dachte ſie, während ſie finſter in das Feuer ſtarrte,„ich bin nur gedankenlos geweſen. Ich habe Niemand Etwas zu Leide gethan— wenigſtens nie mit Willen. Ich möchte wiſſen, ob ich überhaupt jemals wirklich gottlos geweſen,“ ſezte ſie hinzu. „Meine ſchlimmſte Gottloſigkeit iſt das Ergebniß wilder Triebe, und nicht tief angelegter Plane ge— weſen. Ich bin nicht wie die Frauen, von welchen ich geleſen habe, welche Nacht um Nacht in der ſchrecklichen Finſterniß und Stille dagelegen ſind und verrätheriſche Thaten ausgeſonnen und jeden Um⸗ ſtand eines wohlüberlegten Verbrechen in Ordnung gebracht haben. Ich möchte wiſſen, ob ſie gelitten haben— dieſe Frauen— ob ſie je gelitten haben wie—“ Ihre Gedanken verloren ſich in die ermüdenden Irrgänge troſtloſer Verwirrung. Plötzlich erhob ſie ſich mit einer ſtolzen herausfordernden Geberde, und ihre Augen funkelten von einem Strahle, der nicht einzig ein Wiederſchein des Feuers war. „Sie ſind wahnſinnig, Mr. Robert Audley,“ ſprach ſie,„Sie ſind wohnſinnig, und Ihre Phanta⸗ ſien ſind die Einbildungen eines Tollhäuslers. Ich weiß was Wahnſinn iſt. Ich kenne deſſen Zeichen und Merkmale und ich ſage, Sie ſind wahnſinnig.“ Sie legte ihre Hand an den Kopf, als dächte ſie an Etwas, was ſie in Verwirrung und Beſtür⸗ zung ſezte und für ſie nur ſchwer mit Ruhe zu be⸗ trachten war. „Wage ich ihm Troz zu bieten?“ murmelte ſie, „wage ich es? Wage ich es? Wird er jezt ſtill ——————————— — — halten, nachdem er ſo weit gegangen iſt? Wird er aus Furcht vor mir ſtillhalten? Wird er aus Furcht vor mir ſtillhalten, wenn der Gedanke an das, was ſein Oheim leiden muß, ihm nicht Still⸗ ſtand geboten hat? Wird etwas Anderes ihn auf⸗ halten— als der Tod?“ Sie ſprach die lezten drei Worte mit einem ſchauerlichen Flüſtern, und ſaß dann, den Kopf vor⸗ wärts gebeugt, die Augen weit aufgeriſſen, die Lip⸗ pen noch geöffnet, wie ſie es geweſen waren, als das lezte Wort„Tod“ darüber ging,— ſaß da und ſtarrte leer in das Feuer. „Ich vermag keine Gräuelthaten auszuhecken,“ murmelte ſie wieder,„mein Gehirn iſt nicht ſtark genug dazu, oder bin ich nicht gottlos, nicht muthig genug dazu. Träfe ich Robert Audley in dieſem einſamen Garten, wie ich—“ Der Strom ihrer Gedanken wurde durch ein vorſichtiges Klopfen an der Thüre unterbrochen. Sie ſtand plözlich auf, erſchrocken über jeden Laut in der Stille ihres Gemachs. Sie ſtand auf und warf ſich in einen niedrigen Seſſel unweit des Feuers. Sie lehnte ihren ſchönen Kopf auf die weichen Kiſſen zurück und nahm ein Buch von dem Tiſche neben ihr. So unbedeutend dieſe Handlung an ſich war, ſprach ſie doch ſehr deutlich. Sie ſprach ſehr deut⸗ lich von der immer wiederkehrenden Furcht— von der fatalen Nothwendigkeit des Geheimniſſes— von einem Geiſte, der bei all ſeiner ſtillen Qual doch noch immer für die Wichtigkeit des äußern Effektes empfänglich iſt. Sie gab deutlicher, als irgend etwas Anderes vermocht hätte, Zeugniß dafür, zu ird 1u8 ill⸗ uf⸗ em or⸗ ip⸗ als ind n,“ ark hig em ein Sie in arf rs. ſen hr. ar, ut⸗ on on tes end zu 15 welch einer vollendeten Schauſpielerin Mylady durch die furchtbare Nothwendigkeit ihres Lebens gemacht worden war. Das beſcheidene Pochen an der Thüre des Bou⸗ doirs wurde wiederholt. „Herein!“ rief Lady Audley in ihrem lebhafte⸗ ſten Tone. Die Thüre öffnete ſich mit jener reſpektvollen Geräuſchloſigkeit, welche einem wohlgezogenen Dienſt⸗ boten eigenthümlich iſt, und eine junge Frau, ein⸗ fach gekleidet und in den Falten ihres Gewandes einige der kalten Märzwinde mit ſich bringend, trat über die Schwelle und blieb an der Thüre ſtehen, auf die Erlaubniß wartend, in die innern Regionen von Mylady's Aſyl treten zu dürfen. Es war Phöbe Marks, die blaßſichtige Frau des Wirthes von Mount Stanning. „Ich bitte um Verzeihung, Mylady, daß ich mich ſo ohne Erlaubniß eindränge,“ ſagte ſie,„aber mir dünkte, ich dürfe es ſchon wagen, ohne auf Ge⸗ nehmigung zu warten, gerade hieher zu kommen.“ „Ja, ja, Phöbe, gewiß. Nimm' Deinen Hut ab, Du elend kalt ausſehendes Geſchöpf, und ſeze Dich hieher.“ Lady Audley deutete nach der niedrigen Otto⸗ mane, auf welcher ſie wenige Minuten zuvor ſelbſt geſeſſen war. Die Zofe hatte oft in den alten Tagen, da ſie noch Mylady's Geſellſchafterin und conkdante ²) *) Vertraute. A. d. war, dieſen Plaz eingenommen und auf das Ge⸗ plauder ihrer Gebieterin gehorcht. „Sez' Dich nieder, Phöbe,“ wiederholte Lady Audley,„ſez' Dich nieder und ſprich Etwas mit mir. Es freut mich ſehr, daß Du heute Nacht her⸗ gekommen biſt. Es war ſo ſchrecklich einſam an dieſem traurigen Plaze.“ Mylady ſchauerte und ſah in dem luxuriöſen Gemach gerade ſo herum, als ob das Sdvres⸗Por⸗ cellan und die Bronze, das Buhl und Malergold die modernden Verzierungen irgend einer zerſtörten Ritterburg geweſen wären. Das klägliche Elend ihrer Gedanken hatte ſich jedem Gegenſtand rings um ſie mitgetheilt, und alle Außendinge nahmen ihr Colorit von dem mühſamen innern Leben an, das voll geheimer Qual ſeinen trägen Umlauf in ihrer Bruſt hielt. Sie hatte die lautere Wahrheit geſprochen, als ſie die Verſicherung gab, daß ſie über den Beſuch ihrer ehemaligen Zoſe erfreut ſei. Ihre leichtfer⸗ tige Natur klammerte ſich in der Stunde der Angſt und des Leidens an dieſer ſchwachen Schuzwehr an. Es beſtanden Sympathien zwiſchen ihr und dieſer Frau, welche innerlich wie äußerlich mit ihr Aehn⸗ lichteit hatte— wie ſie, ſelbſtſüchtig und kalt und grauſam, eifrig auf ihren eigenen Vortheil bedacht, gierig nach Reichthum und Eleganz, erbittert über das Loos, das ihr gefallen, und müde ihres lang⸗ weiligen Zuſtandes von Abhängigkeit war. Mylady haßte Alicia um ihres offenen, leiden⸗ ſchaftlichen, edelmüthigen, unerſchrockenen Weſens willen; ſie haßte ihre Stieftochter und hing ſich an dieſe nun! war. ehen ſie e Die von das leine erſt wort lady die zu, zwiſi ſtant zu i Myl halb Sie war Klag Ge⸗ ady mit her⸗ an öſen ßor⸗ gold rten lend ings ihr das hrer als ſuch tfer⸗ ngſt an. ieſer lehn⸗ und acht, über lang⸗ iden⸗ eſens h an 17 dieſe blaßſichtige, blaßhaarige Frau, die ihrer Mei⸗ nung nach weder beſſer noch ſchlechter als ſie ſelbſt war. Phöbe Marks gehorchte der Aufforderung ihrer ehemaligen Gebieterin und nahm ihren Hut ab, ehe ſie auf der Ottomane zu Lady's Füßen Plaz nahm. Die weichen Flechten ihres lichten Haares waren von den Märzwinden nicht verwirrt worden, und das knapp anliegende hellgraue Tuchkleid und der leinene Kragen ſahen noch ſo nett aus, als ob ſie erſt dieſen Augenblick mit ihrer Toilette fertig ge⸗ worden wäre. „Mit Sir Michael geht es beſſer, hoffe ich, My⸗ lady?“ ſagte ſie. „Ja, Phöbe, viel beſſer. Er ſchläft. Du kannſt die Thüre dort ſchließen,“ ſezte Lady Audley hin⸗ zu, mit einem Wink nach der Verbindungsthüre zwiſchen den Zimmern, welche bisher offen ge⸗ ſtanden war. Mrs. Marks gehorchte demüthig und kehrte dann zu ihrem Siz zuruck. „Ich bin ſehr, ſehr unglücklich, Phöbe,“ ſagte Mylady mit verdrießlicher Miene,„elend unglücklich.“ „Wegen des Geheimniſſes?“ fragte Mrs. Marks halb flüſternd. Mylady nahm von dieſer Frage keine Notiz. Sie fuhr in demſelben klagenden Tone fort. Sie war froh, ſelbſt gegenüber von ihrer Zofe ſich in Klagen Luft machen zu können. Sie hatte über den Grund ihrer Beſorgniſſe ſo viel gebrütet, ſie hatte insgeheim ſo lang gelitten, daß es eine unaus⸗ Braddon, Lady Aubleh's Geheimniß. II. 2 ſprechliche Erleichterung für ſie war, ihr Schickſal laut bejammern zu können. „Ich werde grauſam verfolgt und gequält, Phöbe Morks,“ ſagte ſie.„Ich werde verfolgt und ge⸗ martert von einem Mann, welchem ich niemals ein Leid angethan habe, welchem ich niemals ein Leid anzuthun gewünſcht habe. Es iſt mir nicht möglich, vor dieſem unbarmherzigen Plagegeiſt zur Ruhe zu kommen, und ich—“ Sie machte eine Pauſe und ſtarrte wieder in das Feuer, wie ſie in ihrer Einſamkeit gethan hatte. Verloren in dem finſtern Gewirre der Gedanken, welche in einem wahrhaft furchtbaren, ſinnberücken⸗ den Chaos durch einander liefen, vermochte ſie zu keinem feſten Entſchluß zu gelangen. Phöbe Marks beobachtete Wylady's Angeſicht, ſchaute zu ihrer ehemaligen Gebieterin mit erſchrocke⸗ nen, ängſtlichen Augen auf, welche von ihrer for⸗ ſchenden Neugierde nur dann abließen, wenn Lady Audley's Blick dem ihrer Geſellſchafterin begegnete. „Ich glaube die Perſon zu kennen, welche Sie meinen, Mylady,“ ſagte die Wirthsfrau nach einer Pauſe;„mir dünkt, ich weiß, wer ſo grauſam gegen Sie iſt.“ „O, natürlich,“ antwortete Mylady bitter; „meine Geheimniſſe ſind Jedermanns Geheimniſſe. Du weißt Alles über mich, ohne Zweifel.“ „Die Perſon iſt ein Gentleman, nicht wahr, My⸗ lady?“ „6. „Ein Gentleman, der vor zwei Monaten in das A be ge⸗ ein eid ich, zu in tte. en, en⸗ zu cht, cke⸗ for⸗ ady ete. Sie ner gen iſſe. My⸗ das 19 Schloßwirthshaus kam, als ich Ihnen die Warnung zugehen ließ.“ „Ja, ja,“ antwortete Mylady ungeduldig. „Ich dachte mir ſo. Derſelbe Gentleman iſt heute Nacht bei uns dort, Mylady.“ Lady Audley fuhr von ihrem Stuhl auf— fuhr auf, wie wenn ſie in ihrer hoffnungsloſen Wuth etwas Verzweifeltes zu thun im Begriff geweſen wäre; aber ſie ſank wieder mit einem müden, kla⸗ genden Seufzer zurück. Welchen Krieg konnte ein ſo ſchwaches Geſchöpf gegen ſein Schickſal wagen? Was konnte ſie anders thun, als gleich einem ge⸗ jagten Haſen ſich im Kreiſe herum drehen, bis ſie wieder zu dem Ausgangspunkt der grauſamen Jagd gelangte, um von ihren Verfolgern unter die Füße getreten zu werden? „Im Schloßwirthshaus?“ rief ſie.„Ich hätte das wohl wiſſen können. Er iſt dorthin gegangen, um aus Deinem Mann meine Geheimniſſe heraus⸗ zubringen. Närrin!“ rief ſie, in einem Anfall von Zorn ſich plözlich gegen Phöbe Marks wendend, „gedenkſt Du mich völlig zu vernichten, daß Du dieſe beiden Männer bei einander gelaſſen haſt?“ Mrs. Marks faltete kläglich die Hände. „Ich bin nicht aus eigenem freiem Willen ge⸗ kommen, Mylady,“ ſagte ſie;„Niemand wäre we⸗ niger geneigt geweſen, das Haus zu verlaſſen, als ich dieſe Nacht. Ich wurde hieher geſandt.“ „Wer hat Dich geſandt?“ „Lukas, Mylady. Sie können gar nicht glau⸗ ben, wie hart er gegen mich iſt, wenn ich mich ihm widerſeze.“ 20 „Warum hat er Dich geſandt?“ Die Frau des Schenkwirths ſenkte unter Lady Audley's zornigem Blick die Augen und zögerte ver⸗ legen, ehe ſie dieſe Frage beantwortete. „Wahrhaſtig, Mylady,“ ſtammelte ſie,„ich wollte nicht kommen. Ich erklärte Lukas, es ſei allzu ſchlecht von uns, Ihnen ſo ſehr zur Laſt zu fallen, indem wir erſt um dieſe Gunſt, und dann um jene bitten und Ihnen einen ganzen Monat niemals Ruhe laſſen; aber— aber— er ſchlug mich durch ſein lautes, lärmendes Geſchwäz zu Boden und zwang mich zu gehen.“ Ja jä. rief Mylady ungeduldig; ich weiß das. So laß mich alſo erfahren, warum Du ge⸗ kommen biſt.“ „Nun, Sie wiſſen, Mylady,“ antwortete Phöbe halb widerſtrebend.„Lukas führt ein ſehr ver⸗ ſchwenderiſches Leben, und ich mag ſagen, was ich will, ich kann ihn nicht dahin bringen, haushäl⸗ teriſch und ordentlich zu ſein. Er iſt nicht nüchtern; und wenn er mit einem Haufen roher Bauersleute trinkt, und vielleicht noch mehr als ſie trinkt, da iſt es nicht wahrſcheinlich, daß er einen ſehr klaren Kopf für Rechnungen behält. Wäre ich nicht geweſen, es würde ſchon früher zu unſerem Ruin gekommen ſein; und ſo hart ich mich auch angeſtrengt habe, ſo bin ich doch nicht im Stande geweſen, den Untergang fern zu halten. Sie erinnern ſich, daß Sie mir Geld zu der Bierbrauersréchnung gegeben haben?“ „Ja, ich erinnere mich ſehr wohl,“ antwortete dy Audley mit bitterem Lachen,„denn ich brauchte jene zahl har dar von Sch hal daß iſt wir nich lich wa nick dy er⸗ Ute llzu len, jene iuhe ſein vang weiß ge⸗ höbe ver⸗ s ich shäl⸗ htern; Sleute da iſt Kopf ſen, es nſein; ſo bin ergang ie mir aben?“ wortete rauchte jenes Geld, um meine eigenen Rechnungen zu be⸗ zahlen.“ „Ich habe das gewußt, Mylady, und es war hart, ſehr hart für mich, nun zu kommen und Sie darum zu bitten, nach Allem, was wir ſchon zuvor von Ihnen erhalten hatten. Aber das iſt nicht das Schlimmſte; als Lukas mich hieher ſandte, Sie des⸗ halb um Hülfe zu bitten, hat er mir nicht geſagt, daß er den Weihnachtszins noch ſchuldig war; aber ſo war es, Mylady, und iſt noch ſo, und— da iſt der Gerichtsdiener heute Nacht im Hauſe, und i ſollen morgen ausgepfändet werden, wenn nicht—“ „Wenn ich nicht Euren Zins bezahle, vermuth⸗ lich,“ rief Lady Audley.„Ich hätte errathen können, was kommen ſoll.“ „Wahrhaftig, wahrhaftig, Mylady, ich würde nicht darum gebeten haben,“ ſeufzte Phöbe Marks, „aber er zwang mich zu gehen.“ „Ja,“ antwortete Mylady bitter,„er zwang Dich zu gehen, und er wird Dich zwingen zu gehen, ſo oft es ihm beliebt, und ſo oft er Geld zur Befrie⸗ digung ſeiner niedrigen Laſter bedarf; und Du und er, Ihr ſeid meine Penſionäre, ſo lang ich lebe, oder ſo lang ich Geld zu geben habe, denn ich muß an⸗ nehmen, wenn meine Börſe erſchöpft und mein Credit ruinirt iſt, ſo werdet Ihr, Du und Dein Mann, euch gegen mich kehren und mich an den Meiſtbietenden verkaufen. Weißt Du, Phöbe Marks, daß mein Ju⸗ welenkäſtchen halb geleert iſt, um Eure Anſprüche zu befriedigen? Weißt Du, daß mein Nadelgeld, das ich für eine fürſtliche Gabe hielt, als mein Hei⸗ rathscontract gefertigt wurde, und ich noch eine arme Gouvernante bei Mr. Dawſon war, der Himmel helfe mir— daß mein Nadelgeld um einen Halb⸗ jahrsbetrag überſchritten iſt, um Euren Forderungen Genüge zu leiſten? Soll ich meinen Marie⸗Antvi⸗ netten⸗Schrank, oder mein Pompadour⸗Porcellan, Leroy's und Benſon's Malergold⸗Standuhren, oder meine Gobelins⸗überzogenen Seſſel und Ottomanen verkaufen? Wie ſoll ich Euch das nächſte Mal zu⸗ frieden ſtellen?“ „O, Mylady, Mylady,“ rief Phöbe kläglich, „ſeien Sie nicht ſo grauſam gegen mich; Sie wiſſen, Sie wiſſen, daß nicht ich die Perſon bin, welche Ihnen ſolche Laſten aufzubürden wagt.“ „Ich weiß Nichts,“ rief Lady Audley,„als daß ich die elendeſte aller Frauen bin.— Laß' mich nach⸗ denken,“ ſezte ſie dann hinzu, indem ſie Phöbe's Troſt verſuchendes Gemurmel mit einer gebieteriſchen Geberde zum Schweigen brachte;„halte den Mund, Mädchen, und laß' mich über den Handel nachden⸗ ken, wenn ich es vermag.“ Sie legte ihre Hände an die Stirne, preßte ihre dünnen Finger über die Augenbrauen, als ob ſie die Thätigkeit ihres Gehirns durch deren convulſi⸗ viſchen Druck hätte controliren wollen. „Robert Audley iſt bei Deinem Mann,“ ſprach ſie langſam, eher mit ſich ſelbſt, als ihrer Geſell⸗ ſchafterin redend.„Dieſe beiden Männer ſind bei einander, und Gerichtsdiener im Hauſe, und Dein brutaler Mann iſt ohne Zweifel jezt viehiſch bekrun⸗ ken, und in ſeiner Trunkenheit brutal ſarrköpfig und wild. Weigere ich mich, dieſes Geld zu bezahlen, ſo 3 14 n, en aß 8 en n⸗ ach ell⸗ bei ein un⸗ und ſo v7 23 vermehrt ſich ſeine Wildheit um das Hundertfache. Da hilft es wenig, die Sache hin und her zu be⸗ ſprechen; das Geld muß bezahlt werden.“ „Aber wenn Sie es bezahlen,“ ſagte Phöbe ſehr ernſt,„ſo hoffe ich, Sie werden Lukas einſchärfen, es ſei dies das lezte Geld, welches Sie ihm geben, ſo lang er noch in jenem Hauſe weilt.“ „Wie? was?“ fragte Lady Audley, indem ſie ihre Hände in den Schooß fallen ließ und fragend Mrs. Marks anſah. „Weil ich wünſche, daß Lukas das Schloßwirths⸗ haus verlaſſe.“ „Warum wünſcheſt Du das?“ „O, aus gar vielen Gründen, Mylady,“ ant⸗ wortete Phöbe.„Er taugt nicht zu einem Schenk⸗ wirth. Ich wußte das nicht, als ich ihn heirathete, ſonſt hätte ich Einſprache gethan und ihn zu über⸗ reden geſucht, eine Meierei zu pachten und das Feld zu bauen, obwohl ich denken muß, er wäre dennoch ſeinem eigenen Kopf gefolgt; denn er iſt halsſtarrig genug, wie Sie wiſſen, Mylady. Aber für ſein gegenwärtiges Geſchäft taugt er einmal nicht. Er iſt nach Dunkelwerden kaum jemals nüchtern, und wenn er betrunken iſt, wird er beinahe wild und ſcheint nicht zu wiſſen, was er thut. Wir ſind be⸗ reits zwei oder drei Mal nur mit Mühe davon ge⸗ kommen!“ „Mit Mühe davon gekommen?“ wiederholte Lady Audley.„Was meinſt Du damit?“ „Nun, wir ſind in Gefahr geweſen, durch ſeine Nachläſſigkeit in unſeren Betten zu verbrennen.“ „Durch ſeine Nachläſſigkeit in Euren Betten zu verbrennen? Ei, wie war das?“ fragte Mylady faſt gleichgültig. Sie war allzu ſelbſtſüchtig, und zu tief in ihre eigene Bekümmerniß verſunken, als daß ſie an der Gefahr, von welcher ihre ehemalige Zofe bedroht geweſen war, ſonderlichen Antheil ge⸗ nommen hätte. „Sie wiſſen, was für ein wunderlicher alter Platz das Schloßwirthshaus iſt, Mylady; lauter verfallenes Holzwerk und wurmſtichige Dachſparren und derglei⸗ chen. Die Chelmsforder Feuerverſicherungsgeſellſchaft wollte es nicht annehmen, denn es hieß, wenn das Haus in einer windigen Racht Feuer finge, ſo würde es wie Zunder aufbrennen, und Nichts in der Welt wäre im Stande, es zu retten. Nun, Lukas weiß dies, und der Hauseigenthümer hat ihn deßhalb ſchon oft und viel gewarnt, denn er wohnt uns hart gegen⸗ über, und er hat ein ziemlich ſcharfes Auge auf alles Thun meines Mannes, aber wenn Lukas benebelt iſt, ſo weiß er nicht, was er thut, und erſt vor einer Woche ließ er ein brennendes Licht in einem der Hintergebäude, und einer der Sparren des abſchüſſi⸗ gen Daches wurde von der Flamme ergriffen und hätte ich es, als ich zum lezten Mal meinen Rund⸗ gang um das Haus machte, nicht wahrgenommen, wir wären vielleicht alle lebendig verbrannt. Und das iſt der dritte ganz gleiche Fall, der in den ſechs Monaten, da wir dort ſind, vorgekommen iſt; und Sie werden ſich nicht verwundern, daß ich deßhalb in Angſt bin, nicht wahr, Mylady?“ Mylady hatte ſich nicht verwundert, ſie hatte überhaupt gar nicht weiter daran gedacht. Sie hatte kaum auf dieſe alltäglichen Details Acht gege⸗ di W fe ſi dy nd s ige ge⸗ atz 1es lei⸗ aft s rde elt eiß hon en⸗ lles elt ner der iſſi⸗ und ind⸗ nen, Und echs und a atte Sie ege⸗ ben; warum ſollte ſie ſich um die Gefahren und Sorgen dieſes niedrigen, dienſtbaren Weibes beküm⸗ mern? Hatte ſie nicht ihre eigenen Schreckniſſe, ihre eigenen verzehrenden Drangſale, um jeden Gedanken, deſſen ihr Gehirn fähig war, in Anſpruch zu nehmen? Sie machte keine Bemerkung über das, was die arme Phöbe ihr eben erzählt hatte; ſie verſtand kaum, was geſagt worden war, und dies erſt einige Augenblicke, nachdem die Frau ihren Bericht ge⸗ ſchloſſen hatte, als die Worte zu ihrer ganzen Be⸗ deutung gelangt waren, wie dies bei manchen Wor⸗ ten geſchieht, welche erſt zwei oder drei Minuten, nachdem ſie gehört worden und unbeachtet geblieben ſind, aufzufallen anfangen. „Verbrannt in Euren Betten,“ ſagte Mylady endlich.„Es wäre für mich recht gut geweſen, wenn dieſes koſtbare Geſchöpf, Dein Mann, geſtern Nacht in ſeinem Bette verbrannt wäre.“ Ein lebendiges Gemälde tauchte bei dieſen Wor⸗ ten vor ihr auf. Das Bild jenes gebrechlichen höl⸗ zernen Wohnhauſes, der Schloßſchenke, in ein dach⸗ loſes Chaos von Latten und Mörtel verwandelt, aus ſeinem ſchwarzen Munde Flammen ſpeiend und Feuer⸗ funken gegen den kalten Nachthimmel auswerfend. Sie ſtieß einen ſchweren Seufzer aus, als ſie dieſes Bild aus ihrem raſtloſen Gehirn entſchwinden ließ. Sie hätte ſich nicht beſſer befunden, auch wenn dieſer Feind für immer zum Stillſchweigen gebracht worden wäre. Sie hatte einen anderen und viel ge⸗ fährlicheren Widerſacher— einen Widerſacher, der ſich nicht beſtechen oder erkaufen ließ, und wäre ſie auch ſo reich wie eine Kaiſerin geweſen. 26 „Ich will Dir das Geld geben, um den Gerichts⸗ boten wegzuſchicken,“ ſagte Mylady nach einer Pauſe. „Ich muß Dir die lezte Guinee in meiner Börſe geben, aber was macht das? Du weißt ſo gut als ich, daß ich nicht wagen darf, es Dir abzuſchlagen.“ Lady Audley ſtand auf und nahm die angezün⸗ dete Lampe von ihrem Schreibtiſch. „Das Geld iſt in meinem Ankleidekabinet,“ ſagte ſie, ich will es holen.“ „O, Mylady,“ rief Phöbe plötzlich.„Ich ver⸗ geſſe Etwas; ich war ſo ganz und gar mit dieſem Handel beſchäftigt, daß es mir ganz aus dem Sinn gekommen iſt.“ „Was aus dem Sinn gekommen iſt?“ „Ein Brief, der mir für Sie übergeben wurde, gerade bevor ich das Haus verließ.“ „Was für ein Brief?“ „Ein Brief von Mr. Audley. Er hörte, wie mein Mann davon ſprach, daß ich hieher gehen würde, und bat mich, Ihnen dieſen Brief zu über⸗ bringen.“ Lady Audley ſtellte die Lampe hart neben ſich wieder auf den Tiſch und ſtreckte ihre Hand aus, um den Brief in Empfang zu nehmen. Phöbe Marks konnte es kaum entgehen, daß dieſe kleine ju⸗ welenbeſezte Hand wie ein Blatt im Winde zitterte. „Gib ihn mir— gib ihn mir,“ rief Mylady; „laß' mich ſehen, was er mir weiter zu ſagen hat.“ Sie riß in ihrer wilden Ungeduld Phöbe den Brief beinahe aus der Hand. Sie riß das Couvert auf und ſchleuderte es von ſich; ſie konnte in ihrer ie 27 heftigen Erregung das zuſammengelegte Blatt Pa⸗ pier kaum entfalten. Der Brief war ſehr kurz. Er enthielt nur fol⸗ gende Worte: „Sollte Mr. Georg Talboys Gattin wirklich das Datum ihres muthmaßlichen Todes, wie es in den öffentlichen Blättern und auf dem Grabſtein in dem Kirchhofe zu Ventnor angegeben iſt, überlebt haben, und ſollte dieſelbe i in der Perſon der von dem Schrei⸗ ber dieſer Zeilen beargwohnten und angeklagten Dame eriſtiren, ſo wird es nicht ſehr ſchwer halten, Jemand aufzufinden, der über die Identität ihrer Perſon Aufſchluß zu geben im Stande und Willens iſt. Mrs. Barkamb, die Eigenthümerin von North Cottages in Wildernſea wird ohne Zweifel nicht abgeneigt ſein, einiges Licht auf dieſe Sache zu werfen und damit entweder einen Wahn zu zerſtreuen oder einen Verdacht zu beſtätigen.“ Mount Stanning, Schloßwirthshaus, Rä859„Robert Audley.“ Mylady zerknitterte den Brief grimmig in ihrer Hand und ſchleuderte ihn von ſich in die Flammen. „Stände er jezt vor mir und könnte ich ihn um⸗ bringen,“ flüſterte ſie wild in ſich hinein,„ich thäte es— ich thäte es wahrhaftig.“ Sie ergriff die Lampe wieder und eilte in das anſtoßende Gemach. Sie ſchloß die Thüre hinter ſich. Sie konnte keinen Zeugen bei ihrer ſchrecklichen Verzweiflung ausſtehen— ſie konnte Nichts aus⸗ ſtehen, weder ſich ſelbſt noch ihre Umgebung. Zweites Kapitel. Das rothe Licht am Horizont. Die Thüre zwiſchen Mylady's Ankleidekabinet und dem Schlafzimmer, worin Sir Michael lag, war offen gelaſſen worden. 3 Der Baronet ſchlief ruhig, ſein edles Antlitz deut⸗ lich ſichtbar in dem gedämpften Licht der Lampe. Sein Athemzug war leiſe und regelmäßig, ſeine Lippen zu einem halben Lächeln verzogen— einem Lächeln zärtlichen Glücks, welches oft zum Vorſchein kam, wenn er auf ſeine ſchöne Gattin ſchaute, dem Lächeln eines allzu nachſichtigen Vaters, wenn er bewundernd ſein Lieblingskind anſieht. Ein Anflug weiblicher Empfindung, ein Gefühl von Theilnahme milderte Lady Audley's Blick, als er auf dieſe edle ruhende Geſtalt fiel. Eine Se⸗ kunde wich der ſchreckliche Egoismus ihres eigenen Elends der bedauernden Zärtlichkeit für einen andern. Es war vielleicht bei all dem nur eine halb ſelbſt⸗ ſüchtige Zärtlichkeit, wobei das Mitleid mit ihr ſelbſt ſo mächtig war, als das mit ihrem Mann; aber ein⸗ mal wenigſtens verliefen ſich ihre Gedanken einiger⸗ maßen aus dem ſchmalen Geleiſe ihrer eigenen Schreck⸗ niſſe und Trübſale, um mit prophetiſchem Bedauern bei dem künftigen Leid eines andern zu verweilen. „Wenn man ihm dieſen Glauben beibringt, wie elend wird er ſein,“ dachte ſie. Aber ein anderer Gedanke miſchte ſich dieſem bei— es war der Gedanke an ihr liebliches An⸗ geſicht, ihr bezauberndes Weſen, ihr ſchlaues Lächeln, —————„— hl 8 e⸗ len rn. ſt⸗ bſt in⸗ er⸗ eck⸗ ern len. wie ſem An⸗ en, 29 ihr leiſes muſikaliſches Kichern, welches dem Klange eines Silberglöckchens, das auf einem weiten, flachen Weideplaz läutete, und dem Murmeln eines leicht gekräuſelten Bächleins an einem nebligen Sommer⸗ abend glich. Sie dachte an dies Alles mit einem vorübergehenden Wonneſchauer des Triumphs, wel⸗ cher ſelbſt ſtärker war als ihr Schrecken. Wenn Sir Michael Audley auch hundert Jahre alt wurde, wenn er auch alles Mögliche von ihr zu glauben lernen mochte, wenn er es auch zur Ver⸗ achtung gegen ſie bringen mochte, würde er jemals im Stande ſein, ſie dieſer Attribute entkleidet zu denken? Nein, tauſendmal nein; bis zur lezten Stunde ſeines Lebens mußte ſein Gedächtniß ſie ihm vorſtellen, mit der Liebenswürdigkeit begabt, welche zuerſt ſeine enthuſiaſtiſche Bewunderung auf ſich ge⸗ zogen, ſeine ergebene Zuneigung gewonnen hatte. Ihre ſchlimmſten Feinde vermochten ſie nicht jener feenhaften Mitgift zu berauben, welche von ſo verhäng⸗ nißvollem Einfluß auf ihren frivolen Geiſt geweſen war. Sie ſchritt in dem ſilbernen Lampenlicht ihr An⸗ kleidekabinet auf und ab und erwog den ſeltſamen Brief, welchen ſie von Robert Audley empfangen hatte. Sie machte dieſe einförmige Wanderung eine Zeit lang hin und her, ehe ſie im Stande war, ihre Gedanken feſt zu halten— ehe ſie im Stande war, die zerſtreuten Kräfte ihres beſchränkten Ver⸗ ſtandes auf dem einen und allerwichtigſten Punkte, der in dem Briefe des Rechtsgelehrten enthaltenen Drohung, zu concentriren. „Er wird es thun,“ ſprach ſie zwiſchen den —————— Zähnen;„er wird es thun, wenn ich ihn nicht vor⸗ her in ein Irrenhaus bringe, wenn ich nicht—“ Sie vollendete den Gedanken nicht in Worten. Sie dachte nicht einmal den Saz aus; aber ein neuer, unnatürlicher Pulsſchlag in ihrem Herzen ſchien jede getrennte Sylbe davon gegen ihre Bruſt zu treiben. Der Gedanke lautete:„Er wird es thun, wenn nicht ein auffallendes Mißgeſchick über ihn kommt und ihn für immer zum Schweigen bringt.“ Das rothe Blut ſtieg in Mylady's Angeſicht auf. wie der plözliche und flüchtige Schimmer einer flackern⸗ den Feuerflamme, und ſchwand ebenſo ſchnell wieder hinweg, um es bleicher als Winterſchnee zu laſſen. Ihre Hände, welche vorher krampfhaft in einander geſchlungen waren, fielen aus einander und ſchwer zur Seite nieder. Sie hielt in ihrem raſchen Hin⸗ undherſchreiten an— hielt an, wie Lot's Weib ge⸗ than haben mochte, nach jenem verhängnißvollen Rückblick auf die untergehende Stadt, während unter dem ſchrecklichen Proceſſe ihrer Umwandlung aus einer Frau in eine Bildſäule jeder Puls in ihr ſtockte, jeder Blutstropfen in ihren Adern gefror. Lady Audley blieb bei fünf Minuten in dieſer ſeltſamen, ſtatuenartigen Haltung ſtehen, den Kopf in die Höhe gerichtet, die Augen gerade vor ſich hinſtarrend— weit hinaus über die enge Grenze der Zimmerwände in das ferne Dunkel von Gefahr und Schreckniß ſtarrend. Aber auf einmal fuhr ſie aus dieſer unbewegten Haltung auf, beinahe ebenſo ſchnell, als ſie derſelben ſich hingegeben hatte. Sie erhob ſich aus dieſer tiſ ort fei ihr Ar Ar mo ſeh ein erk mõ Ne ſie ihr Kr ein ſie let un M ein beſ da gel He Ab imn nt f. n⸗ e 318 e er en ter u8 ihr ſer opf ſich nze hr ten ben 31 halben Lethargie und ſchritt raſch auf ihren Toiletten⸗ tiſch zu, ſezte ſich vor demſelben hin, ſchob die un⸗ ordentliche Menge goldbeſtöpſelter Fläſchchen und feinporcellanener Eſſenztöpfchen zurück und betrachtete ihr in dem großen Ovalſpiegel rückſtrahlendes Bild. Sie war ſehr blaß; aber in ihrem mädchenhaften Angeſicht gab ſich keine andere ſichtbare Spur von Aufregung zu erkennen. Die Linien ihrer herrlich modellirten Lippen waren ſo ſchön, daß es einer ſehr nahen, ſcharfen Beobachtung bedurft hätte, um eine gewiſſe, bei ihnen ungeéwöhnliche Starrheit zu erkennen. Sie betrachtete ſich ſelbſt und ſuchte jene ſtatuen⸗ mäßige Unbeweglichkeit hinwegzulächeln; aber heute Nacht verſagten die Roſenlippen ihr den Gehorſam; ſie waren feſt geſchloſſen und nicht länger die Sclaven ihres Willens und Vergnügens. Alle verborgenen Kräfte ihres Characters concentrirten ſich in dieſem einen Zuge. Sie mochte ihren Augen gebieten; aber ſie konnte die Muskeln ihres Mundes nicht beherrſchen. Sie erhob ſich von dem Stuhl vor ihrem Toi⸗ lettentiſch und nahm einen dunkeln Sammetmantel und Hut aus dem Hintergrunde ihrer Garderobe und kleidete ſich zu einem Ausgang an. Die kleine Malergold⸗Standuhr auf dem Kamingeſimſe ſchlug ein Viertel auf zwölf Uhr, als Mylady ſolcher Art beſchäftigt war; fünf Minuten nachher kehrte ſie in das Zimmer zurück, in welchem ſie Phöbe Marks gelaſſen hatte. Die Frau des Schenkwirths ſaß vor dem niedrigen Herde beinahe in derſelben Haltung, wie früher dieſen Abend ihre vormalige Gebieterin an dieſer einſamen ———— Feuerſtätte gebrütet hatte. Phöbe hatte die Glut von Neuem angeſchürt und ihren Hut und Shawl wieder zu ſich genommen. Es verlangte ſie ängſtlich, nach Hauſe zu dem brutalen Mann zu kommen, welcher in ihrer Abweſenheit nur zu ſehr geneigt war, irgend einen Fehltritt zu begehen. Sie blickte auf, als Lady Audley in das Zimmer trat, und es entfuhr ihr ein Ausruf des Erſtaunens, als ſie ihre Herrin zum Ausgehen angekleidet ſah. „Mylady“, rief ſie,„Sie wollen doch heute Nacht nicht mehr aus dem Hauſe?“ „O ja, Phöbe,“ antwortete Lady Audley ſehr ruhig;„ich will mit Dir nach Mount Stanning, dieſen Gerichtsboten zu ſehen und ſelbſt ihn zu be⸗ zahlen und fortzuſchicken.“ „Aber, Mylady, Sie vergeſſen, wie viel Uhr es iſt; Sie können zu einer ſolchen Stunde nicht ausgehen.“ Lady Audley gab keine Antwort. Sie ſtand in ruhigem Nachdenken begriffen, während ihre Finger leicht auf dem Handgriff des Glöckchens ruhten. „Die Ställe ſind bereits geſchloſſen, und die Dienerſchaft iſt um zehn Uhr zu Bette,“ murmelte ſie,„wenn wir zu Hauſe ſind. Es wird einen ſchrecklichen Spektakel geben, wenn ich einen Wagen richten laſſe, und doch glaube ich wohl, Einer der Diener könnte die Sache ruhig für mich abmachen.“ „Aber warum wollen Sie heute Nocht noch aus⸗ gehen?“ rief Phöbe Marks.„Morgen wird es ebenſo gut thun. In einer Woche noch. Unſer Hausherr würde den Mann wegſchicken, wenn er nur Ihr Ver⸗ ſprechen hat, die Schuld ins Reine zu bringen.“ bre kab in das fäl die ern hor her ode hal we fra Ab Pe her den thu ſeh Pl bre M lut wl ich, en, igt ckte hre acht ſehr ing, be Uhr nicht d in nger die nelte einen agen rder hen.“ aus⸗ benſo sherr Ver⸗ Lady Audley nahm keine Notiz von dieſer Unter⸗ brechung. Sie ging ſchnell wieder in ihr Ankleide⸗ kabinet, warf Hut und Mantel ab und kehrte dann in das Boudoir zurück, in dem einfachen Koſtüme, das ſie beim Diner getragen, und die Locken ſorg⸗ fältig von dem Geſichte zurückgeſtrichen. „Jezt, Phöbe Marks, höre mir zu,“ ſagte ſie, die Hand ihrer V zertrauten faſſend und in leiſem, ernſtem Tone, aber mit einer gewiſſen gebieteriſchen Miene, welche jeden Widerſpruch ausſchloß und Ge⸗ horſam verlangte, ſprechend. „Höre mir zu, Phöbe,“ ſagte ſie.„Ich gehe heute Nacht in das Schloßwirthshaus; ob es früh oder ſpät iſt, macht für mich ſehr wenig aus; ich habe mir einmal vorgenommen, zu gehen, und ich werde gehen. Du haſt mich nach dem Warum ge⸗ fragt, und ich habe es Dir geſagt. Ich gehe in der Abſicht, dieſe Schuld ſelbſt zu bezahlen und mich in Perſon zu überzeugen, daß das Geld, welches ich hergebe, zu ſeinem beſtimmten Zweck vetwendet wird. Es liegt in dieſem meinem Verfahren Nichts, was dem gewöhnlichen Lebensgang zuwider läuft. Ich thue Etwas, was andere Frauen in meiner Gielni ſehr oft thun. Ich leiſte einer Lieblingsdienerin Beiſtand. „Aber es geht auf zwölf Uhr, Mylady,“ warf Phöbe ein. Lady Audley runzelte ungeduldig bei dieſer Unter⸗ brechung die Stirne. „Wenn mein Gang in Dein Haus, um jenen Mann zu bezahlen, bekannt werden ſollte,“ fuhr ſie 6„ 2 Braddon, Lady Aubley's Geheimniß. 11I. 5 fort, noch immer Phöbe's Hand feſt haltend,„ſo bin ich bereit, für mein Benehmen einzuſtehen: aber es wäre mir lieber, wenn das Geſchäft im Stillen abgethan würde. Mir dünkt, ich kann dieſes Haus verlaſſen und hierher wieder zurückkehren, ohne daß mich eine lebende Kreatur ſieht, wenn Du es ſo an⸗ ſtellen willſt, wie ich Dir ſage.“ „Ich will Alles thun, was Sie begehren, My⸗ lady,“ antwortete Phöbe demüthig. „Dann wirſt Du mir jezt gute Nacht ſagen, wenn meine Zofe in das Zimmer kommt, und von derſelben Dir aus dem Hauſe leuchten laſſen. Du gehſt dann über den Hof und warteſt auf mich in der Allee auf der einen Seite des Bogenganges. Es kann eine halbe Stunde verfließen, ehe ich im Stande bin, mich bei Dir einzufinden, denn ich darf mein Gemach nicht eher verlaſſen, als bis die Diener alle zu Bette gegangen ſind; aber Du mußt in Geduld auf mich warten, denn mag kommen was da will, ich werde mich bei Dir einfinden.“ Lady Audley's Geſicht war nicht mehr blaß. Ein unnatürlich rother Fleck brannte mitten auf ihren Wangen, und ein unnatürlicher Schimmer erglühte in ihren großen blauen Augen. Sie ſprach mit einer unnatürlichen Klarheit und einer unnatürlichen Schnelligkeit. Sie hatte ganz und gar das Ausſehen und Weſen einer Perſon, welche dem mächtigen Ein⸗ fluß einer überwältigenden Aufregung ſich hinge⸗ geben hat. Phöbe Marks ſtarrte ihre ehmalige Gebieterin in ſtummer Beſtürzung an. Sie begann zu fürchten, Mylady ſei in Wahnſinn verfallen. geſe ſchn von alte woll nich ſagt ſtets war ſo i bra zu; ein von zeiti leud Zofe Alle gan ſ cha ſagt ſage „ſo ber len us ß an⸗ Ny⸗ en, von Du in nde tein alle vill, Ein ren ihte mit chen hen Ein⸗ nge⸗ erin ten, 35 Auf das Klingeln von Lady Audley erſchien die geſchniegelte Zofe, welche roſenfarbige Bänder und ſchwarzſeidene Kleider und andern Schmuck trug, von dem die geringen Leute, welche in den guten alten Tagen, da die Dienerſchaft halb leinen, halb wollen gekleidet war, im Souterrain hausten, noch nichts wußten. „Ich dachte nicht, daß es ſo ſpät war, Martin,“ ſagte Mylady in jenem ſanften Tone, welcher ihr ſtets die willige Dienſtleiſtung ihrer Untergebenen ge⸗ wann;„ich habe mit Mrs. Marks geplaudert, und ſo iſt mir die Zeit ganz unbemerkt vergangen. Ich brauche für heute Nacht Nichts mehr, ſo können Sie zu Bette gehen, wenn es Ihnen beliebt.“ „Ich danke Ihnen, Mylady,“ antwortete das Mädchen, welches ſehr ſchläfrig ausſah und einige Mühe hatte, ſelbſt in Gegenwart ihrer Gebieterin ein Gähnen zu unterdrücken, denn im Herrenhauſe von Audley begab man ſich in der Regel ſehr früh⸗ zeitig zur Ruhe.„Ich werde wohl Mrs. Marks leuchten ſollen, nicht wahr, Mylady,“ fragte die Zofe,„ehe ich mich niederlege?“ „O ja, gewiß, Sie können Phöbe hinausbegleiten. Alle andern Diener ſind vermuthlich zu Bette ge⸗ gangen?“ „Ja, Mylady.“ Lady Audley lachte, als ſie auf die Wanduhr ſchaute. „Wir ſind ſchrecklich zerſtreut hier geweſen, Phöbe,“ ſagte ſie.„Gute Nacht, Du kannſt Deinem Mann ſagen, daß ſein Zins bezahlt werden ſoll.“ „Ich danke ſehr, Mylady, und wünſche Ihnen gute Nacht,“ murmelte Phöbe, als ſie in Begleitung —— der Zofe das Zimmer verließ. Lady Audley horchte an der Thüre und wartete, bis der dumpfe Laut ihrer Fußtritte in dem acht⸗ eckigen Gemach und auf der mit Teppichen belegten Treppe erſtarb. „Die Martin ſchläft oben im Hauſe,“ ſagte ſie, „weit ab von dieſem Zimmer. In zehn Minuten kann ich mich in Sicherheit davon machen.“ Sie ging in ihr Ankleidecabinet zurück und hüllte ſich zum zweiten Mal in Mantel und Hut. Die un⸗ natürliche Farbe brannte noch immer gleich einer Flamme auf ihren Wangen, das unnatürliche Licht ſchimmerte noch in ihren Augen. Die Aufregung, in welcher ſie ſich befand, übte einen ſo ſtarken Zauber über ſie aus, daß ſie weder geiſtig noch körperlich ein Bewußtſein von Ermüdung zu haben ſchien. So weitläufig ich auch in der Beſchreibung ihrer Gefühle ſein mag, ſo iſt es mir doch nie möglich, nur ein Zehntel ihrer Gedanken oder ihrer Leiden zu ſchildern. Sie ſtand Qualen aus, deren Angabe eng gedruckte, tauſend Seiten dicke Bände füllen würde, und zwar in dieſer einzigen ſchrecklichen Nacht. Sie machte ganze Bände von Zweifel, Beſtürzung und Seelenangſt durch. Bald wiederholten ſich die⸗ ſelben Kapitel ihrer Martern immer und immer wieder; bald überlief ſie tauſend Seiten ihres Elends, ohne eine Pauſe zu machen, ohne ſich nur Zeit zum Athemholen zu gönnen. Sie ſtand vor dem niedrigen Feuergitter in ihrem Boudoir und beobachtete den Minutenzeiger der Wand⸗ ein ent ung tete, cht⸗ gten ſie, uten üllte un⸗ iner Licht ung, uber rlich hrer lich, iden gabe üllen acht. zung die⸗ nmer nds, zum hrem and⸗ uhr und wartete, bis es Zeit wäre, das Haus mit Sicherheit zu verlaſſen. „Ich will zehn Minuten warten,“ ſagte ſie,„nicht einen Moment länger, ehe ich meiner neuen Gefahr entgegengehe.“ Sie horchte auf das wilde Heulen des März⸗ windes, welcher mit der Stille und Dunkelheit der Nacht ſich, wie es ſchien, erhoben hatte. Der Zeiger machte langſam ſeinen unvermeid⸗ lichen Weg zu den Ziffern, welche andeuteten, daß zehn Minuten vorüber waren. Es war genau drei Viertel auf Zwölf, als Mylady ihre Lampe in die Hand nahm und ſich leiſe aus dem Zimmer ſtahl. Ihr Fußtritt war ſo leicht, wie der eines ſchön gebauten Raubthieres, und es ſtand nicht zu beſorgen, daß dieſer luftige Schritt ein Echo auf den teppich⸗ belegten Corridors und Treppen wecken würde. Sie hielt nicht eher an, als bis ſie das Veſtibule im Erdgeſchoß erreichte. Mehrere Thüren gingen von dieſem Veſtibule aus, welches achteckig war, wie Mylady's Vorzimmer. Eine dieſer Thüren führte in die Bibliothek, und dieſe Thüre war es, welche von Lady Audley vorſichtig und leiſe geöffnet wurde. Ein Verſuch, insgeheim das Haus durch einen der Hauptausgänge zu verlaſſen, wäre einfach Wahn⸗ ſinn geweſen, denn die Wirthſchafterin ſelbſt beauf⸗ ſichtigte die Verbarrikadirung der großen Thüren an der Vorder⸗ und Rückſeite. Die Geheimniſſe der Riegel und Stangen und Ketten und Klingeln, welche an dieſen Thüren angebracht und auf die Sicherheit von Sir Michael Audley's Silbergeſchirr⸗Kammer berechnet waren, kannte einzig und allein die Diener⸗ ——— 38 ſchaft, welche damit zu thun hatte. Obwohl jedoch alle dieſe Vorſichtsmaßregeln an den Haupteingängen der Citadelle getroffen waren, betrachtete man einen hölzernen Laden und einen dünnen Eiſenſtab, ſo leicht, daß ein Kind ihn heben konnte, als genügendes Schuz⸗ mittel für die Glasthüre, welche aus dem Frühſtücks⸗ zimmer auf den Sandweg und den weichen Raſen im Hofraume führte. Auf dieſem Wege gedachte Lady Audley ihren Ausgang zu bewerkſtelligen. Sie konnte leicht die Stange entfernen und den Laden aufmachen und mit Sicherheit es wagen, das Fenſter, ſo lang ſie abweſend war, halb offen zu laſſen. Es ſtand nicht zu beſorgen, daß Sir Michael in der nächſten Zeit erwachen würde, da er in den erſten Stunden der Nacht einen tiefen Schlaf hatte, und da dies ſeit ſeiner Krankheit noch in höherem Grade als ſonſt der Fall war. Lady Audley ging durch die Bibliothek und öff⸗ nete die Thüre zu dem Frühſtückszimmer, welches damit in Verbindung ſtand. Dieſes leztere Lokal war eine der modernen Zuthaten zu dem Herren⸗ hauſe. Es war ein einfaches, heiteres Gemach, mit hellen Tapeten und hübſchen Ahornmöbeln, und hier verweilte Alicia gerner als in jedem ondern. Die Geräthſchaften und Materialien zu den Lieblings⸗ beſchäftigungen der jungen Dame waren in dem Zimmer zerſtreut— Zeichnenartikel, unbeendigte Stickereien, verwirrte Seidenſtränge und eine Menge anderer Anzeichen von der Gegenwart einer etwas nachläſſigen Frauensperſon; während Miß Audley's Portrait— eine hübſche Paſtellſtiftſkizze einer roſen⸗ wan den min vert ten Sch eine dieſ neb nah zerr Die Wi öffr das aus hät mei Ha offe und Be die auf und in doch ngen inen icht, chuz⸗ ücks⸗ aſen hren die und g ſie nicht Zeit der ſeit ſonſt öß⸗ lches Lokal rren⸗ mit hier Die ings⸗ dem digte tenge twas ley's oſen⸗ wangigen Amazone in Reitkleid und Hut— über den ſeltſamen Wedgwood⸗Verzierungen auf dem Ka⸗ mingeſimſe hing. Mylady warf einen flüchtigen Blick auf dieſe vertrauten Gegenſtände, und Haß und Hohn flamm⸗ ten in ihren blauen Augen. „Wie ſie ſich freuen wird, wenn Schimpf und Schande über mich kommt!“ dachte ſie;„was für einen Genuß es ihr bereiten wird, wenn ich aus dieſem Hauſe getrieben werde.“ Lady Audley ſtellte ihre Lampe auf den Tiſch neben dem Kamin und trat zu dem Fenſter. Sie nahm den Eiſenſtab hinweg, ſchlug den leichten höl⸗ zernen Laden zurück und öffnete dann die Glasthüre. Die Märznacht war ſchwarz und mondlos, und ein Windſtoß blies ihr in das Geſicht, als ſie die Thüre öffnete, und erfüllte mit ſeinem froſtigen Hauche das Zimmer, indem er die Lampe auf dem Tiſche auslöſchte. „Hat nichts zu ſagen,“ murmelte Mylady;„ich hätte ſie doch nicht brennen laſſen können. Ich werde meinen Weg bei meiner Rückkehr ſchon durch das Haus zu finden wiſſen. Ich habe alle Thüren halb offen gelaſſen.“ Sie ſchritt ſchnell auf den weichen Sand hinaus und ſchloß die Thüre hinter ſich. Sie war in einiger Beſorgniß geweſen, der verrätheriſche Wind möchte die offene Thüre zur Bibliothek zuſchlagen und ſie auf ſolche Weiſe verrathen. Sie befand ſich jezt in dem viereckigen Hofe und der froſtige Wind fegte auf ſie zu und brachte, in die Falten ihres ſeidenen Gewandes fahrend, es zu lautem Rauſchen, wie wenn das Pfeifen einer ſcharfen Briſe in die Segel einer Yacht fällt. Sie ſchritt über den Plaz und blickte rückwärts— blickte einen Moment zurück nach dem Feuerſchimmer, der durch die roſenfarbenen Vorhänge ihres Boudoirs ſich bemerklich machte, und nach dem düſtern Schein der Lampe hinter den gothiſchen Fenſtern des Gemachs, worin Sir Michael Audley ſchlief. „Es iſt mir, als ob ich davon liefe,“ dachte ſie. „Es iſt mir, als ob ich heimlich in der todtenſtillen Nacht davon liefe, um mich ſelbſt zu verlieren und der Vergeſſenheit zu übergeben. Vielleicht wäre es klüger von mir, davon zu laufen, die Warnung jenes Mannes anzunehmen und für immer ſeiner Macht mich zu entziehen. Wenn ich davon ginge und ver⸗ ſchwände— wie Georg Talboys verſchwand. Aber wohin ſollte ich gehen? Was ſollte aus mir wer⸗ den? Ich habe kein Geld: meine Juwelen ſind höchſtens ein paar hundert Pfund werth, nachdem ich den beſten Theil derſelben losgeſchlagen habe. Was könnte ich thun? Ich müßte zu dem alten Leben zurückkehren, zu dem alten, harten, grauſa⸗ men, elenden Leben— dem Leben von Armuth und Demüthigung, Plackerei und Unzufriedenheit. Ich hätte umkehren, erſchöpft den langen Kampf auf⸗ geben und ſterben ſollen— vielleicht als meine Mutter ſtarb.“ Mylady hielt einen Augenblick auf dem weichen Raſen zwiſchen dem Hof und dem Bogengang an, während ſie, den Kopf auf die Bruſt geſenkt und die Hände zuſammengepreßt, dieſe Frage in der unna⸗ türlichen Thätigkeit ihres Geiſtes erwog. Ihre Hal⸗ leg aus ihr lich einer Sie lickte der ſich der achs, ſie. tillen und e es enes tacht ver⸗ Aber wer⸗ ſind em abe. Uten uſa⸗ und Ich auf⸗ eine chen an, die nna⸗ Hal⸗ 41 tung ſpiegelte ihren Gemüthszuſtand wieder. Aber im nächſten Momente kam ein plözlicher Wechſel über ſie; ſie hob den Kopf wieder in die Höhe— hob ihn in die Höhe mit einer Geberde von Ent⸗ ſchloſſenheit und herausforderndem Troze. „Nein, Mr. Robert Audley,“ ſagte ſie laut, mit klarer, aber etwas gedämpfter Stimme;„ich gehe nicht zurück— ich will nicht zurückgehen. Iſt der Krieg zwiſchen uns ein Zweikampf auf Leben und ſo ſollen Sie nicht finden, daß ich meine Waffe ſenke.“ Mit feſtem, raſchem Schritt trat ſie in den Bo⸗ gengang. Als ſie unter dem maſſiven Gewölbe hin⸗ durchging, war es, als ob ſie in einem ſchwarzen Abgrund verſchwände, der nur gewartet und ſich nun aufgethan hätte, ſie zu verſchlingen. Die einfältige Thurmuhr ſchlug zwölf Uhr, und das ſolide Mauerwerk ſchien unter ihren ſchweren Schlägen zu erzittern, als Lady Audley auf der andern Seite wieder emportauchte und ſich zu Phöbe Marks geſellte, welche hart an dem Thorweg auf ihre vormalige Herrin gewartet hatte. „Nun, Phöbe,“ ſagte ſie,„es ſind drei Meilen von hier nach Mount Stanning, nicht wahr?“ „Ja, Mylady.“ „Dann können wir ſie in einer Stunde zurück⸗ legen.“ Lady Audley hielt nicht an, um dieſe Worte auszuſprechen: ſie ging ſchnell durch die Allee, mit ihrer demüthigen Begleiterin zur Seite. Schwäch⸗ lich und zart, wie ſie dem Ausſehen nach war, be⸗ währte ſie ſich doch als eine ſehr gute Fußgängerin. Sie hatte in den alten Tagen ihrer Abhängigkeit mit Mr. Dawſons Kindern oft große Ausflüge in der Gegend gemacht, und ſo ſchlug ſie die Entfer⸗ nung von drei Meilen nicht hoch an. „Dein ſchöner Gemahl wird wohl Deinetwegen noch auf ſein, denke ich, Phöbe?“ nahm ſie wieder das Wort, als ſie über das offene Feld ſchritten und damit, wie es gewöhnlich geſchah, die Entfernung von Audley Court zur Landſtraße etwas verkürzten. „O ja, Mylady; er iſt ſicher noch auf. Er wird mit dem Mann trinken, glaube ich wohl.“ „Dem Mann? Was für einem Mann?“ „Dem Mann, welcher Beſiz vom Hauſe ergriffen hat, Mylady.“ „Ah, gewiß,“ erwiederte Lady Audley gleich⸗ gültig. Es war ſeltſam, daß Phöbe's häusliche Trüb⸗ ſale ihren Gedanken ſo fern zu liegen ſchienen, zu einer Zeit, da ſie doch einen ſo außerordentlichen Schritt that, um in dem Schloßwirthshaus Alles wieder in Ordnung zu bringen. Die beiden Frauen hatten das Feld überſchrit⸗ ten und bogen nun auf die Landſtraße ein. Der Weg nach Mount Stanning war ſehr hügelig, und die lange Straße ſah ſchwarz und traurig in der finſtern Nacht aus; aber Mylady marſchirte mit einem deſperaten Muthe weiter, der keinen gewöhn⸗ lichen Beſtandtheil ihrer ſelbſtſüchtigen, zärtlichen Natur ausmachte, ſondern eine auffallende, aus ihrer großen Verzweiflung geborene Kraft war. Sie redete nicht eher wieder mit ihrer Beglei⸗ terin, als bis ſie den ſchimmernden Lichtern auf der S lich hat we ſeit Fr leb in unt ſche hol ſchr dieſ wir gra Ge trü hah ſie cher auf in ger gkeit e in tfer⸗ egen eder und ung ten. wird iffen eich⸗ rüb⸗ zu chen lles rit⸗ Der und der mit hn⸗ chen hrer lei⸗ der 43 Spize des Hügels nahe waren; eines dieſer Dorf⸗ lichter, das röthlich durch einen purpurfarbenen Vor⸗ hang ſchien, bezeichnete das beſondere Fenſter, hinter welchem wahrſcheinlich Lukas Marks ſchläfrig über ſeinem Branntwein nickte und auf die Ankunft ſeiner Frau wartete. „Er iſt nicht zu Bette gegangen,“ ſagte Mylady lebhaft.„Aber es brennt kein anderes Licht mehr in der Schenke. Ich denke, Mr. Audley iſt zu Bette und ſchläft.“ „Ja, Mylady, es wird wohl ſo ſein.“ „Du weißt gewiß, daß er heute in der Schloß⸗ ſchenke übernachten wollte. „O ja, Mylady. Ich habe der Magd ſelbſt ge⸗ holfen, ſein Zimmer herzurichten, ehe ich abging.“ Der Wind, nach allen Seiten laut blaſend, war ſchriller und unbarmherziger in der Nachbarſchaft dieſer froſtigen Hügelſpize, auf welcher das Schloß⸗ wirthshaus ſeine baufälligen Mauern erhob. Die grauſamen Stöße tanzten wild um das gebrechliche Gebäude herum. Sie beluſtigten ſich mit dem zer⸗ trümmerten Taubenſchlage, dem zerbrochenen Wetter⸗ hahn, den loſen Ziegeln und unförmlichen Kaminen, ſie klirrten in den Fenſterſcheiben und pfiffen in den Spalten; ſie trieben ihr Geſpötte mit dem ſchwa⸗ chen Hauſe von deſſen Grunde bis zum Dach hin⸗ auf; ſie beſtürmten, mißhandelten und marterten es in ihren wilden Freudenſprüngen, bis es unter der Wirkung ihres rauhen Spiels in Zittern und Wanken gerieth. Mr. Lukas Marks hatte ſich nicht die Mühe ge⸗ macht, die Thüre des Wohnhauſes zu verſchließen, ner beweglichen und unbeweglichen Habe Beſiz ge⸗ nommen hatte, zum Trinken niederſezte. Der Wirth von der Schloßſchenke war ein träges, ſinnliches, thieriſches Geſchöpf, das kein höheres In⸗ tereſſe, als die ſelbſtſüchtige Befriedigung ſeiner eige⸗ nen Lüſte hatte, und einen giftigen Haß gegen Je⸗ dermann hegte, der ihm bei dieſem Beſtreben im Wege ſtand. Phöbe ſchob die Thüre mit der Hand auf und trat, gefolgt von Mylady, in das Haus. Das Gas flackerte über dem Schenktiſche und ſchwärzte die niedrige Gypsdecke. Die Thüre zum Wirthszimmer ſtand halb offen, und Lady Audley hörte das bru⸗ tale Gelächter von Mr. Marks, als ſie die Schwelle des Wirthshauſes überſchritt. „Ich will ihm ſagen, daß Sie hier ſind, My⸗ lady,“ flüſterte Phöbe ihrer vormaligen Gebieterin zu.„Ich weiß, er iſt benebelt. Sie— Sie wer⸗ den es nicht übel aufnehmen, Mylady, wenn er Ihnen eine Grobheit ſagte. Sie wiſſen, es war nicht mein Wunſch, daß Sie hieher kämen.“ „Ja, ja,“ antwortete Lady Audley ungeduldig. „Ich weiß es. Was kümmert mich ſeine Rohheit? Laß ihn ſagen, was ihm beliebt.“ Phöbe Marks machte die Thüre zu dem Wirths⸗ zimmer vollends auf, während Mylady in dem zum dienenden Verſchlage hinter ihr ſtehen lieb. Dort ſaß Lukas, ſeine plumpen Beine über den Herd ausgeſtreckt, und hielt ein Glas Branntwein mit Waſſer gemiſcht in der einen, und das Schür⸗ ehe er ſich mit dem Mann, der proviſoriſch von ſei⸗ ge⸗ ges, In⸗ ige⸗ und Sas die mer bru⸗ elle My⸗ erin ver⸗ e icht dig. eit? ths⸗ zum hen den vein hür⸗ eiſen in der andern Hand. Er hatte eben das leztere in einen großen Haufen ſchwarzer Kohlen geſtoßen, und warf ſie durch einander, um eine Flamme hervorzu⸗ bringen, als ſeine Frau auf der Schwelle des Zim⸗ mers erſchien. Er riß den Schürhaken zwiſchen den Eiſenſtäben heraus und machte damit eine halb trunkene, halb drohende Bewegung gegen ſie. „So hat Ma'am ſich doch wenigſtens herabge⸗ laſſen, heimzukehren,“ ſagte er;„ich glaubte, ſie würde gar nicht mehr kommen.“ Er ſprach mit einem dicken, lallenden Tone, und nicht ſehr verſtändlich. Er ſteckte bis an die Lippen in Alkohol. Seine Augen waren trübe und wäſ⸗ ſerig, ſeine Hände unſtet; ſeine Stimme gebrochen und vom Trinken dumpfig. Ein Thier, ſelbſt wenn er ganz nüchtern war, ein Thier, ſelbſt wenn er des beſten Benehmens ſich befliß, war er zehnmal thieriſcher in ſeiner Trunkenheit, wenn die geringe Zurückhaltung, welche er ſeiner unbewußten, alltäg⸗ lichen Brutalität auferlegte, bei Seite geworfen wurde, um der unverſchämten Rückſichtsloſigkeit des Rauſches Plaz zu machen. „Ich bin länger ausgeblieben, als ich beabſich⸗ tigte, Lukas,“ antwortete Phöbe in ihrer verſöhn⸗ lichſten Weiſe,„aber ich habe Mylady geſehen, und ſie iſt ſehr freundlich geweſen und— und will den Handel für uns abmachen.“ „Sie iſt ſehr freundlich geweſen, ſo?“ brummte Mr. Marks mit trunkenem Gelächter;„das dank' ihr der Teufel. Ich kenne den Werth ihrer Freund⸗ lichkeit. Sie würde nichts weniger als freundlich ——— —————— ſein, glaube ich wohl, wenn ſie nicht dazu ge⸗ zwungen wäre.“ Der Gerichtsbote, der von dem dritten Theil der Flüſſigkeit, die Mr. Marks zu ſich genommen hatte, in einen dummen, halb bewußtloſen Zuſtand der Be⸗ rauſchung verfallen war, ſtarrte nur in benebelter Verwunderung Wirth und Wirthin an. Er ſaß an dem Tiſche— und hatte ſich mit den Elbogen auf denſelben geſtemmt, um zu verhindern, daß er nicht unter denſelben falle, und machte jezt vergebliche Verſuche, an der Flamme eines laufenden Talglichts neben ihm ſeine Pfeife anzuzünden. „Mylady hat verſprochen, den Handel für uns ins Reine zu bringen,“ wiederholte Phöbe, ohne von Lukas' Bemerkungen Notiz zu nehmen; ſie kannte bereits ihres Mannes mürriſche Natur allzu gut und wußte, daß es mehr als nuzlos ſein würde, ihm bei ſeinem Reden oder Thun Einhalt gebieten zu wol⸗ len, wenn er ſich daſſelbe einmal beharrlich in den Kopf geſezt hatte;—„und ſie iſt ſelbſt hieher ge⸗ kommen, um nach der Sache zu ſehen, Lukas,“ ſezte ſie hinzu. Der Schürhaken ſank dem Wirth aus der Hand und fiel klirrend unter die glühenden Kohlen auf dem Herde. „Mylady Audley dieſe Nacht hieher gekommen?“ ſagte er. „Ja, Lukas.“ Mylady erſchien bei dieſen Worten von Phöbe auf der Schwelle. „Ja, Lukas Marks,“ ſprach ſie,„ich bin hieher geko zuſch ſam den hätt wied nehr das ſagt brat und Myl Mr. die mir wert thut zwur ſo f auf Glat Haa und Beſe wan Flan tte, Be⸗ lter an auf icht iche chts uns von nnte und bei vol⸗ den ge⸗ ſezte and auf 1 2 öe eher 47 gekommen, um dieſen Mann zu bezahlen und heim⸗ zuſchicken.“ Lady Audley ſprach dieſe Worte auf eine ſelt⸗ ſame, halb mechaniſche Weiſe, gerade, wie wenn ſie den Saz nur durch Uebung ſich zu eigen gemacht hätte und ihn, ohne zu wiſſen, was ſie ſagte, nur wiederholte. Mr. Marks ließ ein unzufriedenes Geknurr ver⸗ nehmen und ſezte mit einer ungeduldigen Geberde das leere Glas auf den Tiſch. „Sie hätten das Geld Phöbe geben können,“ ſagte er,„anſtatt es ſelbſt hieher zu bringen. Wir brauchen keine feinen Damen hier, die herumſpähen und ihre koſtbaren Naſen in Alles ſtecken.“ „Lukas, Lukas,“ bemerkte Phöbe lächelnd,„wenn Mylady ſo freundlich geweſen iſt!“ „O, zum Teufel mit ihrer Freundlichkeit!“ rief Mr. Marks;„nicht ihre Freundlichkeit iſt's, Weib, die wir brauchen, ſondern ihr Geld; ſie hat von mir nicht ſo viel Dankbarkeit, als eine Priſe Tabaks werth iſt, zu erwarten. Was ſie für uns thut, das thut ſie, weil ſie muß, und wäre ſie nicht dazu ge⸗ zwungen, ſie würde es hübſch bleiben laſſen.“ Der Himmel weiß, wie lang Lukas Marks nicht ſo fortgemacht hätte, wäre nicht Mylady plözlich auf ihn zugetreten, um ihm durch den unheimlichen Glanz ihrer Schönheit Schweigen aufzuerlegen. Ihre Haare waren vom Geſicht zurückgeblaſen worden und hatten ſich nun, bei der leichten federartigen Beſchaffenheit derſelben, in eine wirre Maſſe ver⸗ wandelt, welche ihre Stirne gleich einer gelben Flamme umgab. Eine andere Flamme erſchien in 48 ihren Augen— ein grünliches Licht, wie es wohl aus den die Farbe wechſelnden Augen einer zorni⸗ gen Waſſernixe blizen mag. „Halt!“ rief ſie.„Ich kam nicht in der Todten⸗ ſtille der Nacht hieher, um Eure Unverſchämtheiten anzuhören. Wie viel beträgt die Schuld?“ „Neun Pfund.“ Lady Audley zog ihre Börſe— ein Spielzeug von Elfenbein, Silber und Türkiſen— und nahm eine Banknote und vier Souverains heraus. Sie legte dieſelben auf den Tiſch. „Laßt dieſen Mann mir eine Quittung für das Geld geben,“ ſagte ſie,„bevor ich gehe.“ Es dauerte eine Weile, bis der Mann ſo weit zum Bewußtſein gebracht werden konnte, um ſich dieſer einfachen Verrichtung zu unterziehen, und nur indem man eine Feder in die Tinte tauchte und ihm zwiſchen ſeine plumpen Finger ſteckte, gelang es endlich, ihm begreiflich zu machen, daß es ſeiner eigenhändigen Unterſchrift bei der Quittung bedurfte, welche Phöbe Marks zu Papier gebracht hatte. Lady Audley nahm das Dokument, ſobald die Tinte trocken war, und wandte ſich um, das Zim⸗ mer zu verlaſſen. Phöbe folgte ihr. „Sie dürfen nicht allein nach Hauſe gehen, My⸗ lady,“ ſagte ſie.„Sie werden erlauben, daß ich Sie begleite.“ „Ja, ja, Du ſollſt mit mir heimgehen.“ Die beiden Frauen befanden ſich unweit der Thüre des Wirthshauſes, als Mylady dieſe Worte ausſprach. Phöbe ſtarrte verwundert ihre Gönnerin an. Sie hatte erwartet, Lady Audley würde nach Be beg vie ſche beg teri gen loke Zei heit Zit Phi kalt ladr von muf chen will zur beſt wor lad ohl rni⸗ ten⸗ iten zeug ahm Sie das weit ſich und und lang einer fte, die Zim⸗ My⸗ ich der Lorte nerin nach 49 Beendigung des Geſchäfts, das ſie launenhafter Weiſe ſich ſelbſt auferlegt hatte, in aller Eile ſich nach Hauſe begeben; aber dem war nicht ſo. Mylady blieb vielmehr ſtehen, lehnte ſich an die Hausthüre und ſchaute in den leeren Raum hinaus, und wiederum begann Mrs. Marks zu fürchten, daß ihre Gebie⸗ terin unter all dieſer Angſt und Noth wahnſinnig geworden ſei. Eine kleine Schwarzwälder Uhr in dem Schenk⸗ lokale ſchlug Ein Uhr, als Lady Audley dieſe Zeichen von Unentſchloſſenheit und Geiſtesabweſen⸗ heit gab. Sie fuhr bei dieſem Tone auf und ein heftiges Zittern befiel ſie. „Ich glaube, mich wandelt eine Ohnmacht an, Phöbe,“ ſprach ſie endlich;„woher kann ich etwas kaltes Waſſer bekommen?“ „Der Pumpbrunnen iſt im Waſchhauſe, My⸗ lady; ich will hin und ein Glas Waſſer holen.“ „Nein, nein, nein,“ rief Mylady, indem ſie Phöbe am Arm ergriff, als ſie eben zu dieſem Zweck da⸗ von eilen wollte.„Ich will es ſelbſt holen. Ich muß meinen Kopf in ein Becken mit Waſſer tau⸗ chen, wenn ich mich vor einer Ohnmacht bewahren will. In welchem Zimmer ſchläft Mr. Audley?“ Es lag Etwas in dieſer Frage, das ſo wenig zur Sache gehörte, daß Phöbe Marks wieder ganz beſtürzt ihre Herrin anſchaute, ehe ſie eine Ant⸗ wort gab. „Ich habe ihm Nummer Drei eingerichtet, My⸗ lady— das vordere Zimmer— das Zimmer zu⸗ Braddon, Lady Aubleh's Geheimniß. III. 4 — nächſt dem unfrigen,“ erwiederte ſie nach einer Pauſe des Erſtaunens. „Gib mir das Licht,“ ſagte Mylady,„ich will in Euer Zimmer gehen und etwas Waſſer für mei⸗ nen Kopf holen. Bleib', wo Du biſt,“ ſezte ſie ge⸗ bieteriſch hinzu, als Phöbe ihr den Weg zeigen wollte;„bleib', wo Du biſt, und ſiehe darauf, daß Dein viehiſcher Mann mir nicht folgt.“ Sie riß das Licht, welches Phöbe angezündet hätte, ihr aus der Hand und lief die baufällige, krumme Treppe hinauf, welche zu dem ſchmalen Gang im obern Stockwerk führte. Fünf Schlafzim⸗ mer gingen auf dieſen niedrigen, dumpfig riechenden Gang, die Nummern der Zimmer waren durch kurze, dicke, ſchwarze Ziffern in der obern Thürfüllung an⸗ gedeutet. Lady Audley war zur Zeit, als ſie das Geſchäft für den Bräutigam ihrer Zofe gekauft hatte, nach Mount Stanning gefahren, um das Haus in Augen⸗ ſchein zu nehmen, und ſie fand ſich in dem zerfalle⸗ nen alten Gebäude ſchon zurecht. Sie wußte, wo Phöbe's Schlafzimmer zu finden war; aber ſie hielt vor der Thüre jenes andern Zimmers, welches für Mr. Robert Audley gerichtet worden war. Sie hielt an und ſchaute auf die Nummer an der Thüre. Der Schlüſſel ſteckte im Schloß, und ihre Hand fiel wie bewußtlos auf denſelben. Dann begann ſie plözlich wieder zu zittern, wie es wenige Minuten zuvor bei dem Schlage der Uhr geſchehen war. Einige Augenblicke blieb ſie zitternd ſtehen, mit der Hand noch immer an dem Schlüſſel; dann trat ein ſchrecklicher Ausdruck auf ihr Geſicht, und ſie iner will mei⸗ ge⸗ igen daß ndet ige, alen zim⸗ iden rze, an⸗ häft nach gen⸗ alle⸗ wo ielt für an und ann nige var. mit trat ſie drehte den Schlüſſel um, drehte ihn zweimal um und verſchloß die Thüre doppelt. Im ließ ſich kein Laut vernehmen; der Inhaber des Zimmers gab kein Zeichen, daß er das ominöſe Knarren des roſtigen Schlüſſels in dem roſtigen Schloſſe gehört hatte. Lady Audley eilte in das nächſte Zimmer. Sie ſtellte das Licht auf den Toilettentiſch, riß ihren Hut ab und ſchlang ihn loſe um ihren Arm; ſie trat zu dem Waſchtiſch und füllte das Becken mit Waſſer. Sie tauchte ihr goldenes Haar hinein und blieb dann einige Augenblicke mitten im Zimmer ſtehen, indem ſie mit bleicher, ernſter Miene und ſcharfem Blick, als ob ſie jeden Gegenſtand in dem ärmlich möblirten Zimmer in ſich aufnehmen wollte, herumſchaute. Phöbe's Schlafzimmer war allerdings ſehr dürftig ausgeſtattet; ſie war genöthigt geweſen, alle die ſauberſten Artikel für jene Zimmer herzugeben, welche für Reiſende in Stand geſezt worden waren, wenn dergleichen zufällig Einer in dem Schenkwirthshauſe einmal übernachten wollte. Aber Mrs. Marks hatte ihr Möglichſtes gethan, um den Mangel ſubſtan⸗ tieller Möbelſtücke in ihrem Gemach durch eine Ueberfülle von Draperie zu verbergen. Krauſe Ziz⸗ gardinen hingen um das Zeltbett herum; feſtonirte Vorhänge von demſelben Stoff verbargen das ſchmale Fenſter, ſchloßen das Tageslicht aus und gewährten ganzen Slſhlkcrern von Fliegen und Räuberbanden von Spinnen einen angenehmen Zufluchtsort. Selbſt der Spiegel, ein elend wohlfeiles Machwerk, das jedes Geſicht verzerrte, deſſen Eigenthümer die Kühn⸗ heit hatte, hineinzuſchauen, ſtand auf einem drapir⸗ ten Altar von geſtärktem Muſſelin und blaßroth glänzendem Kalikd und war mit Krauſen von Spi⸗ zen und Häkelarbeit verziert. Mylady lächelte, als ſie die Feſtons und Falbeln betrachtete, auf welche ihr Auge nach allen Seiten hin ſtieß. Sie hatte vielleicht Grund zu lächeln, wenn ſie an die koſtbare Eleganz ihrer eigenen Gemächer dachte; aber es lag Etwas in dieſem ſardoniſchen Lächeln, das einen tieferen Sinn, als irgend eine natürliche Verachtung gegen Phöbe's armſelige Deko⸗ rationsverſuche in ſich zu ſchließen ſchien. Sie trat vor den Toilettentiſch, ſtrich ihr feuchtes Haar vor dem Spiegel zurecht und ſezte dann ihren Hut auf. Sie war genöthigt, das flackernde Talglicht in ſolche Nähe von den Falbeln um den Spiegel zu ſtellen, in ſolche Nähe, daß der geſtärkte Muſſelin durch irgend eine Attraktionskraft in ſeinem ſchwachen Ge⸗ webe die Flamme an ſich zu ziehen ſchien. Phöbe wartete ängſtlich unter der Thüre des Wirthshauſes auf Lady's Ankunft. Sie verfolgte den Minutenzeiger auf der kleinen Schwarzwälder Uhr und wunderte ſich, daß er ſo langſam ging. Es war erſt zehn Minuten nach Ein Uhr, als Lady Audley die Treppe herabkam, den Hut auf dem Kopfe, das Haar noch feucht, aber ohne Licht. Phöbe wurde ſogleich wegen des fehlenden Lich⸗ tes beſorgt. „Das Licht, Mylady,“ ſagte ſie,„Sie haben es oben gelaſſen!“ „Der Wind hat es ausgeblaſen, als ich Dein — — des olgte älder ging. Lady dem Lich⸗ n es Dein 53 Zimmer verließ,“ antwortete Mylady ruhig.„Ich habe es dort gelaſſen.“ „In meinem Zimmer, Mylady?“ a. „Und es war ganz aus?“ „Ja, ſage ich Dir; warum plagſt Du mich doch mit Deinem Lichte? Es iſt Ein Uhr vorüber, komm.“ Sie ergriff den Arm der Frau und nahm ſie, halb geführt, halb gezogen, von dem Hauſe fort. Der convulſiviſche Bruck ihrer kleinen Hand hielt ihre Begleiterin ſo feſt, als ob es eine eiſerne Schraube wäre. Der wilde Märzwind ſchlug die Thüre des Hau⸗ ſes zu, und ließ die zwei Frauen außen ſtehen. Die lange, ſchwarze Straße lag trüb und öde vor ihnen, kaum ſichtbar zwiſchen den entblätterten Hecken. Ein Gang von drei Meilen Länge auf einer ein⸗ ſamen Landſtraße, zwiſchen Ein und Zwei Uhr an einem kalten Wintermorgen, iſt eine nicht ſehr an⸗ genehme Aufgabe für eine zarte Frau— eine Frau, die durch ihre Neigungen auf Behaglichkeit und Luxus angewieſen wird. Aber Mylady eilte auf der harten, trockenen Straße, ihre Begleiterin mit ſich ſchleppend, fort, als ob ſie durch eine ſchreckliche dämoniſche Kraft, welche Nichts von Abnahme wußte, vorwärts getrieben worden wäre. Während die ſchwarze Nacht über ihnen hing— der wilde Wind, ſie umheulend, über die weite Fläche der in Finſter⸗ niß verborgenen Landſchaft hinfegte, blaſend, als wenn er zu gleicher Zeit von allen Himmelsgegen⸗ den aus ſich erhoben hätte und die elenden Wande⸗ rer zum Zielpunkte ſeiner heftigen Angriffe machte — ſchritten die beiden Frauen durch die Dunkelheit den Hügel hinab, auf welchem Mount Stanning ſich erhob, und etwa anderthalb Meilen auf der flachen Straße weiter, und dann einen andern Hügel hinauf, an deſſen Weſtſeite Audley Court in jenem geſchirmten Thale lag, welches das alte Haus vor jedem Geſchrei und Lärm der Alltagswelt abzu⸗ ſperren ſchien. Mylady machte auf der Spize dieſes Hügels Halt, um Athem zu holen und ihre Hände auf das Herz zu drücken, in der eiteln Hoffnnng, deſſen hefti⸗ ges Klopfen zu ſtillen. Sie waren jezt nur noch eine Dreiviertelmeile von dem Herrenhauſe entfernt und beinahe eine Stunde gegangen, ſeitdem ſie die Schloßſchenke verlaſſen hatten. Lady Audley machte Halt, um auszuruhen, und hielt dabei ihr Geſicht immer nach dem Ziel ihrer Beſtimmung gerichtet. Phöbe Marks hielt gleich⸗ falls an und ſchaute, froh über die augenblickliche Pauſe auf dem beeilten Marſche, rückwärts in die ferne Finſterniß, jenſeits welcher das traurige Ob⸗ dach lag, das ihr ſchon ſo viel Ungemach verur⸗ ſacht hatte. Während ſie ſo that, ſtieß ſie plözlich einen gellenden Schreckensſchrei aus und griff wild nach Lady Audley's Kleid. Der Nachthimmel war nicht mehr finſter. Die dicke Schwärze war an einer Stelle durch einen Fleck bleichen Lichtes unterbrochen. „Mylady, Mylady,“ rief Phöbe, indem ſie auf jenen erhellten Punkt deutete,„ſehen Sie?“ „Ja, Kind, ich ſehe,“ antwortete Lady Audley, hte eit ng er gel em zu⸗ as ti⸗ och rnt die nd rer ich⸗ che die Ob⸗ ur⸗ lich i Die nen auf indem ſie die an ihrem Gewand ſich anklammernden Hände abzuſchütteln ſuchte.„Was iſt's?“ „Es iſt Feuer!— Feuer, Mylady!“ „Ja, ich fürchte, es iſt Feuer. Höchſt wahrſchein⸗ lich zu Brentwood. Laß mich los, Phöbe, das geht uns Nichts an.“ „Ja, ja, Mylady, es iſt näher, als Brentwood viel näher; es iſt zu Mount Stanning.“ Lady Audley gab keine Antwort. Sie zitterte wieder, vielleicht vor Kälte, denn der Wind hatte ihren ſchweren Mantel ihr von der Schulter ge⸗ riſſen, und ihre ſchmächtige Geſtalt war dem Blaſen deſſelben ausgeſezt. „Es iſt zu Mount Stanning, Mylady,“ rief Phöbe Marks.„Es iſt die Schloßſchenke, die im Feuer ſteht— ich weiß es, ich weiß es. Ich habe heute Nacht an Feuer gedacht, und es war mir ganz raſtlos und unbehaglich zu Muthe, denn ich wußte. daß es einmal ſo kommen würde. Ich würde nicht daran denken, wenn es nur die elende Barake wäre, aber es kann Menſchenleben koſten; es kann Men⸗ ſchenleben koſten,“ ſtöhnte die Frau wie verrückt. „Da iſt Lukas, allzu benebelt, als daß er ſich ſelbſt retten könnte, wenn nicht Andere ihm Beiſtand lei⸗ ſten; da iſt Mr. Audley, der im Schlafe liegt, und—“ Bei der Erwähnung des Namens von Robert hielt Phöbe Marks plözlich an und fiel auf die Kniee, faltete ihre erhobenen Hände und ſtreckte ſie, wie außer ſich, gegen Lady Audley aus. O, mein Gott!“ rief ſie;„ſagen Sie, daß es „„— nicht wahr iſt, Mylady; ſagen Sie, daß es nicht wahr iſt. Es wäre allzu ſchrecklich, es wäre allzu ſchrecklich, allzu ſchrecklich!“ „Was wäre allzu ſchrecklich?“ „Der Gedanke, der mir in den Sinn gekommen iſt; der ſchreckliche Gedanke, der mir in den Sinn gekommen!“ „Was meinſt Du, Weib?“ rief Mylady wild. „O, Gott verzeih mir, wenn ich Unrecht habe!“ keuchte die knieende Frau in abgebrochenen Worten, „und Gott gebe, daß es ſo ſein mag! Warum ſind Sie heute Nacht in die Schloßſchenke gegangen, My⸗ lady? Warum haben Sie Ihren Kopf darauf ge⸗ ſezt, hinzugehen, ich mochte ſagen, was ich wollte— zu einer Zeit, da Sie ſo ergrimmt ſind über Mr. Audley und über Lucas, und da Sie wußten, daß beide unter demſelben Dache waren?— O, ſagen Sie mir, daß ich Ihnen grauſames Unrecht thue, Mylady; ſagen Sie mir— ſagen Sie mir ſo; denn ſo wahr der Himmel über mir iſt, ich glaube, Sie ſind heute Nacht in das Haus gegangen, um es in Brand zu ſtecken! Sagen Sie mir, daß ich Unrecht habe, Mylady; ſagen Sie mir, daß ich Ihnen gott⸗ loſes Unrecht thue!“ „Ich will Dir Nichts ſagen, als daß Du wahn⸗ ſinnig biſt,“ antwortete Lady Audley in kaltem, ſtarrem Ton.„Steh' auf, Närrin, blödſinniges, feiges Weib! Iſt Dein Mann ein ſo koſtbares Stück Gut, daß Du hier auf dem Boden kriechſt, um ihn heulſt und winſelſt? Was iſt Robert Audley für Dich, daß Du Dich wie eine Tollhäuslerin geberdeſt, weil Du glaubſt, er befinde⸗ ſich in Gefahr? Wie kannſt Du wiſſen, daß das Feuer in Mount Stanning iſt? Du en hn „ en, nd ⸗ 3e⸗ r. aß en e, nn in ht tt⸗ n⸗ m b! ß 57 ſiehſt einen rothen Fleck am Himmel, und ſchreiſt nun gerade hinaus, daß Deine eigene lumpige Barake in Flammen ſteht, als ob es außer ihr kei⸗ nen Ort in der Welt gäbe, wo es brennen könnte. Das Feuer mag zu Brentwood ſein, oder noch weiter weg— zu Romford, oder noch weiter entfernt; auf der Oſtſeite von London vielleicht. Steh' auf, wahn⸗ ſinniges Weib, und kehre heim und ſchau nach Dei⸗ nem Hab und Gut, nach Deinem Mann und Deinem fremden Gaſte. Steh' auf und geh'; ich brauche Dich nicht.“ „O, Mylady, Mylady, vergeben Sie mir,“ ſtöhnte Phöbe;„es iſt Nichts hart genug, das Sie mir ſagen könnten, wenn ich Ihnen ſolch ein Unrecht, ſelbſt nur in Gedanken, angethan habe. Ich mache mir Nichts aus Ihren grauſamen Worten— ich kümmere mich um Nichts, wenn ich Unrecht habe.“ „Geh' heim und ſorge für Dich ſelbſt,“ antwortete Lady Audley ſtreng.“ Ich ſage Dir noch einmal, ich brauche Dich nicht.“ Und damit marſchirte ſie in der Finſterniß hinweg und verließ Phöbe Marks noch immer knieend auf det harten Straße, auf die ſie ſich in ihrem herz⸗ zerreißenden Flehen geworfen hatte. Sir Michaels Gattin ſchritt auf das Haus zu, in welchem ihr Ge⸗ mahl ſchlief, hinter ihr der rothe Lichtſchein am Himmel aufſteigend, vor ihr lauter finſtere, ſchwarze Nacht. Drittes Capitel. Der Ueberbringer von Botſchaften. Es war ſpät am nächſten Morgen, als Lady Audley aus ihrem Ankleidecabinet zum Vorſchein kam, ſorgfältig in ein Morgenkoſtüm von zartem Mouſſelin mit koſtbaren Spizen und Stickereien ge⸗ kleidet, aber ſehr blaß von Angeſicht und ihre Augen von purpurrothem Schatten umzogen. Sie ſchrieb dieſes blaſſe Ausſehen und die hohlen Augen dem Umſtand zu, daß ſie in der vergangenen Nacht noch ſehr lange auf geweſen wäre und geleſen hätte. Sir Michael und ſeine junge Frau frühſtückten im Bücherzimmer an einem behaglichen runden Tiſch, welcher hart an das brennende Feuer geſchoben wor⸗ den war; und Alicia ſah ſich genöthigt, dieſes Mahl mit ihrer Stiefmutter zu theilen, ſo ſehr ſie auch in der langen Zwiſchenzeit zwiſchen Fruͤhſtüͤck und Diner das Zuſammenſein mit Mylady vermeiden mochte. Der Märzmorgen war trübe und düſter, und ein feiner Regen fiel ohne Unterlaß, verdunkelte die Land⸗ ſchaft und machte einen Blick in die Ferne unmög⸗ lich. Die Morgenpoſt brachte ſehr wenig Briefe; die täglichen Zeitungen kamen erſt um neun Uhr an; und da es an ſolchen Hilfsmitteln für die Unter⸗ haltung fehlte, ſo war das Geſpräch am Frühſtücks tiſche nicht ſehr lebhafter Art. Alicia ſchaute nach dem Sprühregen, der an die breiten Fenſterſcheiben anſchlug. „Heute iſt ès nichts zum Ausreiten,“ ſagte ſie; 59 „zudem keine Ausſicht auf Beſuche, um uns die Zeit zu vertreiben, wenn nicht dieſer lächerliche Bob durch die Näſſe von Mount Stanning hergekrochen kommt.“ Haſt Du ſchon gehört, wie auf Jemand, den Du todt wußteſt, in leichtem, ruhigem Geſpräche von einer andern Perſon angeſpielt wurde, der ſein Tod unbekannt war— angeſpielt wurde, wie derſelbe Dies oder Jenes thäte— irgend ein unbedeutendes alltägliches Geſchäft verrichtete— während du weißt, daß er vom Angeſicht der Erde verſchwunden iſt, für immer von allen lebenden Geſchöpfen und deren ordinärem Treiben ſich ausgeſchloſſen und in das ſchreckliche Schweigen des Todes verſenkt hat? Eine ſolche zufällige Anſpielung, ſo geringfügig ſie auch ſein mag, iſt im Stande, der Seele einen durch⸗ dringenden Schmerzensſchauer zu erregen. Die ab⸗ ſichtsloſe Bemerkung ſchwirrt mißtönend durch das überempfindliche Gehirn; gegen den Fürſten des Grauens wird gefrevelt durch dieſe unwiſſende Miß⸗ achtung. Der Himmel weiß, welchen geheimen Grund Mylady gehabt haben mag, bei der plözlichen Er⸗ wähnung von Mr. Audley's Namen eine ſolche Ab⸗ leitung des Gefühls zu erfahren; aber ihr blaſſes Geſicht bedeckte ſich mit einer krankhaften Weiſe, als Alicia von ihrem Couſin ſprach. „Ja, er kommt vielleicht in dieſem naſſen Wetter hieher,“ fuhr die junge Dame fort;„ſein Hut ſo glatt und glänzend, als ob er mit einem Stück friſcher Butter eingerieben wäre, ſeine Kleider weiße Dünſte ausſtrömend, er ſelbſt ausſehend wie ein tölpiſcher Geiſt, der eben aus ſeiner Flaſche herausgelaſſen en iſt. Er kommt hieher und macht auf dem ——— 60 ganzen Teppich Abdrücke von ſeinen kothigen Stiefeln und ſezt ſich in ſeinem naſſen Ueberrock auf Ihre Gobelins, Mylady; und er macht Sie herunter, wenn Sie dagegen proteſtiren, und fragt, wozu man Stühle habe, wenn man nicht darauf ſizen ſoll, und warum Sie nicht in Figtree Court leben, und—“ Sir Michael Audley beobachtete ſeine Tochter mit nachdenklicher Miene, wie ſie von ihrem Couſin ſprach. Dieß geſchah ſehr oft, indem ſie ihn lächer⸗ lich machte und in nicht ſehr maßvollen Ausdrücken gegen ihn loszog. Aber vielleicht erinnerte ſich der Baronet dabei einer gewiſſen Signora Beatrice*), welche einen Gentleman Namens Benedict*) ſehr grauſam behandelte, aber dabei möglicher Weiſe herzlich in denſelben verliebt war. „Was glaubſt Du, Alicia, daß Major Melville mir ſagte, als er geſtern hier vorſprach?“ fragte Sir Michael plözlich. „Ich habe nicht die entfernteſte Idee davon,“ antwortete Alicia ziemlich geringſchäzig.„Vielleicht erzählte er Dir, daß wir in Kurzem wieder einen Krieg haben würden, bei Gott, Sir“; oder vielleicht erzählte er Dir, daß wir ein neues Miniſterium haben würden, bei Gott, Sir“; oder daß dieſe Burſche ſich ſelber in eine Patſche bringen; oder daß jene hier reformiren, dort abſtellen, und in der Armee Aenderungen einführen, bis wir bei Gott, Sir“, nach⸗ gerade gar keine Armee mehr haben werden— Nichts als ein Pack Knaben, bis an die Augen in unſinni⸗ *) Bekannte Perſonen aus dem Shakeſpeare'ſchen Drama: Viel Lärm um Nichts. A. d. M. „„ en — —————— „ v eln hre enn hle um ter ſin er⸗ ken der ehr eiſe ille gte icht nen icht um ſche ene mee ach⸗ chts mi⸗ 61 gem Schulmeiſters⸗Kehricht ſteckend, und in Muſchel⸗ jacken und Kalikohelme gekleidet; ja, Sir, eben jezt kämpfen ſie in dem Reiche von Oudhe in Kaliko⸗ helmen“.“ „Du biſt ein impertinenter Naſeweiß, Miß,“ er⸗ widerte der Baronet.„Major Melville ſagte Nichts dergleichen; er erzählte mir nur, daß ein ſehr er⸗ gebener Bewunderer von Dir, ein gewiſſer Sir Harry Towers, ſeinen Wohnort in Hertfordſhire und ſeine Jagdpferde verlaſſen und eine zwölfmonatliche Tour auf dem Continent angetreten habe.“ Miß Audley erröthete lebhaft bei der Erwähnung ihres alten Anbeters, faßte ſich aber ſehr ſchnell. „Er iſt auf den Continent gereist, in der That?“ ſagte ſie gleichgültig.„Er hat mir geſagt, dieß ſei ſeine Abſicht— wenn— wenn— ihm nicht Alles nach Wunſch und Willen ginge. Der arme Junge! Er iſt ein liebes, gutherziges, einfältiges Geſchöpf, und zwanzigmal beſſer, als dieſer Peripatetiker und Patentrefrigerator, Mr. Robert Audley.“ „Ich wünſche, Alicia, Du fändeſt keine ſo große Freude daran, Bob lächerlich zu machen,“ ſagte Sir Michael ernſt.„Bob iſt ein ſehr guter Junge, und ich habe ihn ſo gern, wie wenn er mein eigener Sohn wäre; und— und— ich bin ſeit Kurzem ſehr in Unruhe ſeinetwegen. Er hat ſich in den lezten Tagen ſehr verändert und ſich alle möglichen albernen Ideen in den Kopf geſezt, und Mylady hat mich in Bezug auf ſeine Perſon ſehr erſchreckt. Sie meint—“ Lady Audley unterbrach ihren Gatten mit ernſtem Kopſſchütteln. „Es iſt beſſer, jezt nicht zu viel davon zu reden,“ ſagte ſie;„Alicia weiß, was ich denke.“ „Ja,“ ſiel Miß Alicia wieder ein,„Mylady denkt, Bob ſey in Wahnſinn verfallen; aber ich weiß das beſſer. Er iſt durchaus keine Perſon darnach, um wahnſinnig zu werden. Wie könnte ein ſo träger Grubenteich von Verſtand wie der ſeinige, ſich jemals zu einem Sturm aufregen? Er mag den Reſt ſeines Lebens wohl in einem ruhigen Zuſtand halben Blöd⸗ ſinns dahindämmern, nur unvollkommen begreifend, wer er iſt und wohin er geht, und was er thut; aber wahnſinnig wird er niemals.“ Sir Michaek gab keine Antwort darauf. Er war durch ſein Geſpräch mit Mylady am vorigen Abend ſehr beunruhigt worden, und hatte ſeitdem im Stillen dieſe peinliche Frage in Erwägung gezogen. Seine Gattin— die Frau, die er am höchſten liebte und zu der er das größte Vertrauen hegte— hatte gegen ihn mit allem Anſchein von Furcht und Bedauern ihre Ueberzeugung ausgeſprochen, daß ſein Neffe wahnſinnig ſei. Er ſuchte vergeblich zu dem Schluß zu gelangen, den er ſo eifrig begehrte; er ſuchte vergeblich ſich einzureden, Mylady habe ſich durch ihre eigenen Einbildungen irre führen laſſen und entbehre eines Grundes für ihre Ausſage. Aber jezt ſchoß ihm plözlich der Gedanke in den Kopf, eine Vermuthung der Art leite ihn noch zu einem ſchlimmern Schluß, und dieß hieße nur, einen ſchreck⸗ lichen Argwohn von ſeinem Neffen auf ſeine Frau übertragen. Sie war offenbar mit einer wirklichen Ueber⸗ zeugung von Roberts Wahnſinn behaftet. Sich ein⸗ ady veiß ach, iger als nes löd⸗ end, ut; war en llen ſten und ſein dem er ſich ſſen ber opf, em rau ber⸗ ein⸗ 63 zubilden, ſie ſei im Unrecht, hieß ſo viel, als an deren eigene Geiſtesſchwäche zu glauben. Je länger er über den Gegenſtand nachdachte, deſto größer wurde ſeine Verwirrung und Pein. So viel war gewiß, daß der junge Mann immer ercentriſch geweſen. Er war gefühlvoll, er war er⸗ träglich geſcheidt, er war ehrenhaft und gentleman⸗ mäßig in ſeiner Denkart, obwohl vielleicht etwas nachläſſig in Ausübung gewiſſer untergeordneter ſocialer Pflichten; aber es fanden doch gewiſſe leichte, nicht genau zu beſtimmende Unterſchiede ſtatt, welche ihn von andern Männern ſeines Standes und Alters trennten. Dann war es wieder ebenſo wahr, daß er ſich ſeit dem Verſchwinden von Georg Talboys ſehr ver⸗ ändert hatte. Er war düſter und nachdenklich, me⸗ lancholiſch und geiſtesabweſend geworden. Er hatte ſich von der Geſellſchaft fern gehalten; hatte Stun⸗ den lang, ohne ein Wort zu reden, daſizen können; hatte dann zu andern Zeiten wieder, ſo zu ſagen, ſtoßweiſe geſprochen; hatte ſich bei Verhandlung von Gegenſtänden, welche augenſcheinlich weit außerhalb des Bereichs von ſeinem Leben und ſeinen Inter⸗ eſſen lagen, ungewöhnlich aufgeregt. Endlich gab es noch einen weitern Punkt, wel⸗ cher Mylady's Sache gegen den unglücklichen jungen Mann zu unterſtüzen ſchien. Er war in der häu⸗ figen Geſellſchaft ſeiner Couſine Alicia— ſeiner hübſchen, fröhlichen Couſine— erzogen worden, und auf ſie deutete Intereſſe und, man hätte denken ſol⸗ len, Zuneigung ganz natürlich als auf die für ihn pa ſſendſte Braut hin. Mehr als dies: das Mäd⸗ 64 chen hatte ihm in der unſchuldigen Argloſigkeit einer leicht zu dutchſchauenden Natur gezeigt, daß es von ihrer Seite wenigſtens an Zuneigung nicht fehlte; und troz all' dieſem hatte er ſich fern gehalten und zugeſehen, daß Andere um ihre Hand anhielten und abgewieſen wurden, und doch noch kein Zeichen von ſich gegeben. Nun iſt die Liebe ein ſo ſubtiles Weſen, ein ſo unbeſtimmbares, metaphyſiſches Wunderding, daß die richtige Kraft davon, wenn auch dem Leidenden ſelbſt ſehr grauſam fühlbar, dennoch von denjenigen, welche ſeine Qualen mitanſehen und ſich verwundert fra⸗ gen, warum er das gewöhnliche Fieber ſo ſchlimm nehme, nie deutlich verſtanden wird. Sir Michael folgerte alſo: da Alicia ein hüb⸗ ſches Mädchen, ein liebenswürdiges Mädchen iſt, ſo erſcheint es von Robert Audley außerordentlich, un⸗ natürlich, daß er ſich nicht in ſie verliebte. Der Baronet— welcher, den Sechzigen nahe, zum erſten Mal der einzigen Frau begegnet war, welche unter allen Frauen in der Welt die Macht hatte, die Pulſe ſeines Herzens zu ſchnellerem Schlage zu bringen— verwunderte ſich, warum Robert bei dem erſten An⸗ hauch des Anſteckungsſtoffes, der ihm entgegenblies, nicht vom Fieber ergriffen worden war. Er ver⸗ gaß, daß es Männer gibt, welche unter Legionen lie⸗ benswürdiger und edelherziger Frauen unverlezt ihres Wegs gehen, um zulezt vor einem häßlichen Weibs⸗ bilde zu erliegen, welches mit dem Geheimniß des einzigen Zaubertranks bekannt iſt, durch welchen er gefeſſelt und bethört werden kann. Er vergaß, daß es manche Hänſe gibt, die durch das ganze Leben geh Gre ſter Se här ſinr ein von der vol lich dal lich cher wic dar Sg kre als Pe vor ger hat Sn nic tra gr iner von lte; und und von n ſo ß die ſelbſt eche fra⸗ imm hüb⸗ t, ſo un⸗ Der erſten unter Pulſe en— An⸗ blies, ver⸗ n lie⸗ ihres eibs⸗ ß des en er , daß Leben 65 gehen, ohne jemals die ihnen vom Schickſal beſtimmte Grete zu treffen, und vielleicht als alte Hageſtolze ſterben, während die arme Grete auf der andern Seite der Scheidewand als alte Jungfer ſich ab⸗ härmt. Er vergaß, daß die Liebe, welche ein Wahn⸗ ſinn, eine Geißel, ein Fieber, ein Blendwerk und eine Schlinge iſt, auch ein Myſterium iſt, welches von jedem Andern, als dem leidenden Individuum, der unter ihren Martern ſich windet, nur ſehr un⸗ vollkommen verſtanden wird. Jones, der leidenſchaft⸗ lich in Miß Brown verliebt iſt und Nachts ſchlaflos daliegt, bis er in ſeinen Qualen ſein behag⸗ liches Kopfkiſſen verwünſcht und in ſeinen Betttü⸗ chern wühlt und ſie zu Leinenlumpen zuſammen⸗ wickelt, als wäre er ein Gefangener und wollte daraus Nothſeile drehen; derſelbe Jones, der Ruſſel⸗ Square für einen bezaubernden Plaz hält, weil ſeine Göttin dort wohnt, der die Bäume in jenem Um⸗ kreiſe für grüner und den Himmel für blauer hält, als an andern Orten, und der, ſchwebend zwiſchen Hoffnung, Freude und Erwartung, Pein, ja wirkliche Pein empfindet, wenn er von Guilford⸗Street her⸗ vorkommt und von den Höhen von Illington in jene geweihten Räume hinabſteigt; derſelbe Jones iſt hart und unempfindlich gegen die Marter von Smith, welcher Miß Robinſon anbetet, und kann ſich nicht denken, was der närriſche Burſche an dem Mädchen ſehen mag. So war es mit Sir Michael Audley. Er be⸗ trachtete ſeinen Neffen als ein Probeſtück von einer großen Klaſſe junger Männer, und ſeine Tochter als Braddon, Lady Audley's Geheimniß. III. 5 ein Probeſtück von einer gleich umfangreichen Klaſſe weiblicher Waare, und vermochte nicht zu begreifen, warum die beiden Probeſtücke nicht eine ſehr reſpec⸗ table Partie mit einander ausmachen ſollten. Er wußte Nichts von allen jenen unendlich kleinen Ver⸗ ſchiedenheiten in der Natur, welche bewirken, daß ein Rahrungsmittel, das für den einen Menſchen heilſam iſt, für einen andern zu einem tödtlichen Gift wird. Wie ſchwer fallt es uns manchmal zu glauben, doß ein Menſch dieſes oder jenes Lieb⸗ lingsgericht von uns nicht mag? Wenn bei einem Diner ein mild ausſehender Gaſt frühe Salmen und Gurken, oder grüne Erbſen im Februar abweist, ſo ſezen wir ihn gleich zu einem armen Verwandten herab, deſſen Inſtincte ihn vor ſolchen koſtſpieligen Schüſſeln warnen. Wenn ein Alderman die Erklä⸗ rung abgäbe, daß er grünes Fett nicht möge, würde man ihn als einen ſocialen Märtyrer, als einen Marcus Curtius des Dinertiſches betrachten, der ſich zum Beſten von Seinesgleichen aufopferte. Seine Collegen würden lieber an Alles, als an einen keze⸗ riſchen Widerwillen gegen die City⸗Ambroſia der Suppenterrine*) glauben. Aber es gibt Leute, welche einmal von Salmen, Breitling und Frühlingsentchen und andern längſt dafür geltenden Delikateſſen nicht Liebhaber ſind, und es gibt wieder Leute, welche an excentriſchen und gemeinen Speiſen, die man ge⸗ wöhnlich als garſtig brandmarkt, Geſchmack finden. Ach, meine hübſche Alicia, Dein Couſin liebte *) Wahrſcheinlich iſt hier Schildkrötenſuppe z 8 8 9— 2 — 8 — ——— 67 Dich nicht! Er bewunderte Dein roſiges engliſches Geſicht und hegte eine zärtliche Anhänglichkeit für Dich, welche ſich vielleicht mit der Zeit zu Etwas ausgedehnt hätte, das für eine Ehe warm genug war; für jene alltägliche, ſchlendrianmäßige Species von Verbindung, die keine ſehr leidenſchaftliche Er⸗ gebenheit fordert, wenn nicht ein plözliches Hemm⸗ niß in Dorſetſhire für ihn eingetreten wöre. Ja, Robert Audley's zunehmende Neigung für ſeine Couſine, eine Pflanze von ſehr langſamem Wachsthum, war, ich muß es bekennen, plözlich an jenem kalten Februartage, wo er im Geſpräch mit Clara Talboys unter den Tannen ſtand, verbuttet und in ihrem Trieb gelöhmt worden. Seit jenem Tage hatte der junge Mann bei dem Gedanken an Alicia ein unangenehmes Gefühl empfunden. Er ſah ſie als eine Art von unbeſtimmtem Hinderniß für die Freiheit ſeiner Getanken an; er hatte eine ge⸗ wiſſe geſpenſtiſche Furcht, als wäre er ihr in ſtill⸗ ſchweigender Weiſe verpfändet; als hätte ſie ſo Et⸗ was wie Anſprüche an ihn, die ihm das Recht entzögen, je an eine andere Frau zu denken. Ich glaube, es war das in ſolchem Lichte ſich ihm dar⸗ ſtellende Bild von Miß Audley, welches den jungen Rechtsgelehrten zu jenen Ausbrüchen milzſüchtiger Wuth gegen das weibliche Geſchlecht, wozu er in ge⸗ wiſſen Zeiten geneigt war, anreizte. Er war ſtreng ehrenhaft, ſo ehrenhaft, daß er lieber ſich auf dem Altar der Wahrheit und Alicia's aufgeopfert, als ihr das geringſte Unrecht gethan hätte, wenn er auch durch ein ſolches Thun in den ſichern Beſiz ſeines eigenen Glücks gelangt wäre. 3 68 „Wenn das arme kleine Mädchen mich liebt,“ ja dachte er,„und wenn ſie meint, ich liebe ſie, und he zu dieſer Meinung durch irgend ein Wort oder Werk da vop mir verleitet worden, ſo iſt es meine Schuldig⸗ ich keit, ſie bis an ihr Ende dabei zu laſſen und irgend eir ein ſtillſchweigendes Verſprechen, das ich bewußtlos ker gegeben haben mag, zu erfüllen. Ich dachte ein⸗ m mal— ich beabſichtigte einmal— ihr alsbald ni meine Hand zu bieten, wenn dieſes ſchreckliche Ge⸗ in heimniß mit Georg Talboys aufgeklärt und Alles A friedlich abgemacht wäre— aber jezt—“ W Seine Gedanken verirrten ſich gewöhnlich, wenn ſie er auf dieſem Punkte der Reflexionen angekommen ve war, und führten ihn weit hinweg, wohin er nie⸗ lie mals zu gehen im Sinn gehabt hatte; führten ihn zurück unter die Tannen in Dorſetſhire, und ſtellten de ihn noch einmal, Auge in Auge, der Schweſter ſei⸗ A nes vermißten Freundes gegenüber, und es war in al der Regel ein ſehr mühſamer Marſch, auf dem er Y wieder zu dem Punkte, von welchem er abgeſchweift er war, zurückgelangte. Es fiel ihm ſo ſchwer, ſich von dem verkümmerten Raſen und den Tannen loszu⸗ 3 reißen. ſe „Armes kleines Mädchen!“ dachte er dann, wenn er wieder auf Alicia kqm.„Wie gut iſt es von ir ihr, mich zu lieben, und wie dankbar ſollte ich ihr g für ihre Zärtlichkeit ſein. Wie viele Burſchen wür⸗ ſi den ein ſo edles, liebendes Herz für das höchſte Gut 2 halten, das die Erde ihnen zu geben vermöchte. Da d iſt Sir Harry Towers mit Verzweiflung geſchlagen, d daß ſie ihm einen Korb gegeben hat. Er träte r mir ſein halbes Beſizthum, ſein ganzes Beſizthum, ind erk ig⸗ end los in⸗ ald lles enn nen nie⸗ ihn ten ſei⸗ in er eift von zu⸗ enn von ihr oür⸗ Gut Da gen, räte um, 69 ja zweifach, wenn er es hätte, ab, um in den Schu⸗ hen zu ſtecken, welche ich ſo gern von meinen un⸗ dankbaren Füßen abſchütteln möchte. Warum liebe ich ſie nicht? Woher kommt es, obwohl ich ſie als ein hübſches, reines, gutes und wahrhaftes Mädchen kenne, daß ich ſie nicht liebe? Ihr Bild erſcheint mir niemals, außer unter Vorwürfen. Ich ſehe ſie niemals in meinen Träumen. Ich wache niemals in der todtenſtillen Nacht plözlich auf, als ob ihre Augen auf mir weilten, ihr warmer Athem meine Wange berührte, oder die Finger ihrer weichen Hand ſich in die meinigen ſchlängen. Nein, ich bin nicht verliebt in ſie; ich kann mich nicht in ſie ver⸗ lieben.“ Er wüthete und rebellirte gegen ſeine eigene Un⸗ dankbarkeit; er verſuchte ſich in eine leidenſchaftliche Anhänglichkeit an ſeine Couſine hineinzuraiſonniren, aber er fiel ſchmählich durch, und je mehr er ſich Mühe gab, an Alicia zu denken, deſto mehr dachte er an Clara Talboys. Ich ſpreche hier von ſeinen Gefühlen in der Zeit zwiſchen ſeiner Rückkehr von Dorſethire und ſeinem Beſuche zu Grange Heath. Sir Michael ſaß nach dem Frühſtück am Feuer in der Bibliothek während jenes trüben Regenmor⸗ gens, ſchrieb Briefe und las Zeitungen. Alicia ſperrte ſich in ihrem Gemache ein, um den dritten Band eines Romans zu leſen. Lady Audley ſchloß die Thüre des achteckigen Vorzimmers und ſtreifte den ganzen traurigen Morgen durch die Zimmer⸗ reihe vom Schlafgemach bis zum Boudoir hin und her. Sie hatte die Thüre verſchloſſen, um ſich dage⸗ 70 gen ſicher zu ſtellen, daß nicht Jemand plözlich und zufällig eintrete und ſie beobachte, ehe ſie davon wüßte— ehe ſie die nöthige Warnung erhielte, um mit Ruhe einem forſchenden Blick zu begegnen. Ihr blaſſes Geſicht ſchien bläſſer zu werden, je weiter der Morgen vorrückte. Ein winziges Medi⸗ cinkäſtchen befand ſich offen auf dem Toilettentiſch, und kleine geſtöpſelte Fläſchchen mit rothem Lavendel, flüchtigem Salz, Chloroform, Chlorodyn und Aether ſtanden zerſtreut umher. Einmal hielt Mylady vor dieſem Medicinkäſtchen und nahm die noch darin befindlichen Fläſchchen, vielleicht in halber Geiſtes⸗ abweſenheit, heraus, bis ſie an eines kam, welches mit einer dicken dunkeln Flüſſigkeit angefüllt war und die Ueberſchrift trug„Opium— Gift.“ Sie ſpielte lang mit dieſem lezten Fläſchchen, hielt es ans Licht, zog ſelbſt den Stöpſel heraus und roch an der verderblichen Flüſſigkeit. Aber ſie ſchob es plözlich mit einem Schauder von ſich. „Wenn ich könnte!“ murrte ſie,„wenn ich nur könnte! Und doch warum ſollte ich es; jezt?“ Sie drückte ihre kleinen Hände zuſammen, als ſie die letzten Worte ausſprach, und trat an das Fenſter ihres Ankleidekabinets, welches gerade auf den epheuüberwachſenen Bogengang ſah, durch wel⸗ chen Jemand, der von Mount Stanning in das Herrenhaus kam, eintreten mußte. Es gab noch kleinere Gitterthüren im Garten, welche auf die Wieſen hinter dem Herrenhauſe führ⸗ ten; aber von Mount Stanning oder von Brent⸗ wood aus konnte man nur durch den Haupteingang hieher gelangen. % — — —½ — ——„— 1——— nd on um je di⸗ ſch, el, her or rin es ar en, us ſie ur ls as uf el⸗ as en, hr⸗ nt⸗ 71 Der vereinzelte Zeiger der Uhr über dem Bo⸗ gengang ſtand in der Mitte zwiſchen Eins und Zwei, als Mylady auf dieſelbe ſchaute. „Wie langſam die Zeit vergeht,“ ſagte ſie in mattem Tone;„wie langſam, wie langſam! Ich möchte wiſſen, ob ich ebenſo alt werden ſoll, wenn jede Minute meines Lebens ſich zu einer Stunde zu verlängern ſcheint.“ Sie blieb einige Minuten ſtehen und blickte auf den Bogengang, aber Niemand paſſirte denſelben, während ſie dahin ſah; und ſie wandte ſich unge⸗ duldig vom Fenſter ab, um ihre traurige Wande⸗ rung durch die Zimmer wieder aufzunehmen. Was es auch für ein Feuer geweſen ſein mochte, das an dem ſchwarzen Himmel ſich ſo deutlich ab⸗ geſpiegelt hatte, eine Kunde davon war bis jezt noch nicht nach Audley Court gelangt. Der Tag war elend naß und windig; ganz der allerlezte Tag, an welchem ſelbſt der beharrlichſte Müſſiggänger und Neuigkeitskrämer ſich gern hinauswagte. Zudem war es kein Markttag: es fanden ſich alſo ſehr wenige Poſſagiere auf der Straße zwiſchen Brent⸗ wood und Chelmsford, ſo daß bis jezt noch keine Nachricht von dem Feuer, welches in der kalten, ſtillen Winternacht ausgebrochen war, das Dorf Audley er⸗ reicht, oder von dem Dorfe nach dem Herrenhauſe ſich verpflanzt hatte. Die Zofe mit den roſenfarbenen Bändern kam an die Thüre des Vorzimmers, um ihre Gebieterin an den Zwiſchenimbiß zu mahnen: aber Lady Aud⸗ ley öffnete die Thüre nur ein wenig, um zu erklä⸗ ren, daß ſie Nichts zu ſich nehmen wollte. 72 „Ich habe ſchreckliches Kopfweh, Martin,“ ſagte ſie;„ich will mich bis zum Diner niederlegen. Sie können um fünf Uhr kommen, mich anzukleiden.“ Lady Audley äußerte ſich alſo mit dem voraus⸗ gefaßten Entſchluß, ſich um vier Uhr anzukleiden und damit der Dienſtleiſtung ihrer Kammerjungfer auszuweichen. Unter allen privilegirten Spionen hat eine Zofe die höchſten Vorrechte. Sie iſt es, welche Lady Thereſa's Augen nach deren Zank mit dem Oberſt in Kölniſch Waſſer badet; ſie iſt es, welche Miß Fanny flüchtiges Salz reicht, nachdem der Graf Beaudeſert von der Leibgarde ſie hat ſizen laſſen. Sie hat hundert Methoden, die Geheimniſſe ihrer Gebieterin ausfindig zu machen. Sie erkennt an der Art und Weiſe, wie ihr Opfer unter der Haarbürſte mit dem Kopf auffährt, oder bei der ſanfteſten An⸗ wendung des Kammes ſich erzürnt, welche verborge⸗ nen Qualen ihre Bruſt zerreißen— welche gehei⸗ men Verlegenheiten ihr Gehirn verwirren. Eine ſolche wohlerzogene Dienerin weiß, wie ſie die dun⸗ kelſten Diagnoſen aller Geiſteskrankheiten, welche ihre Gebieterin treffen können, ſich zu erklären hat; ſie weiß, wenn die Elfenbein⸗Geſichtsfarbe ge⸗ kauft und bezahlt iſt— wenn die Perlzähne fremde, von dem Zahnarzt geformte Subſtanzen ſind— wenn die glänzenden Haarflechten eher Reliquien von Tod⸗ ten als Eigenthum von den Lebenden ſind; und ſie weiß dieſe und noch andere viel heiligere Geheim⸗ niſſe. Sie weiß, wenn das ſüße Lächeln falſcher als Madame Leviſon's Email, und viel undauerhafter iſt— wenn die Worte, welche zwiſchen dem Gatter geborgter Perlen hervorgehen, noch mehr maskirt — tit er te n⸗ i⸗ e n⸗ 18 er er rt und gemalt ſind, als die Lippen, welche zur Geſtal⸗ tung derſelben behülflich ſind. Wenn die liebliche Fee des Ballſaals nach dem langen wilden Jubel der Nacht in ihr Ankleidekabinet zurückkehrt und ihren voluminöſen Burnous und ihr verwelk⸗ tes Bouquet von ſich wirft und ihre Maske fallen läßt, und gleich einer zweiten Cinderella*) ihre Glaspantoffeln verliert, durch deren Schimmer ſie Aufſehen erregt hat, und in ihre Lumpen und ihren Schmuz zurückfällt, ſo iſt die Zofe dabei, um die Verwandlung mit anzuſehen. Der Diener, wel⸗ cher im Solde des Propheten von Korazin ſtand, muß ſeinen Herrn zuweilen unverſchleiert geſehen und über die Thorheit der Anbeter des Ungeheuers in's Fäuſtchen gelacht haben. Lady Audley hatte aus ihrer neuen Zofe keine Vertraute gemacht, und darum wünſchte ſie gerade an dieſem Tage vor allen andern allein zu ſein. Sie legte ſich nieder, ſie warf ſich müde auf den luxuriöſen Sopha in dem Ankleidekabinet und ver⸗ grub ihr Geſicht in den untern Kiſſen und verſuchte zu ſchlafen. Schlaf!— Sie hatte beinahe vergeſſen, was es war, dieſer zärtliche Tröſter einer erſchöpften Natur; es ſchien ſo lange her, daß ſie geſchlafen hatte. Es war vielleicht erſt achtundvierzig Stun⸗ den, aber es ſchien eine unerträgliche Zeit. Ihre Anſtrengung von der vergangenen Nacht und ihre unnatürliche Aufregung hatten ſie aufs Aeußerſte ermüdet. Sie ſchlief endlich ein; ſie verfiel in einen ſchweren Schlummer, der beinahe einer Be⸗ *) Aſchenbrödel. A. d. U. ——— — täubung glich. Sie hatte einige Tropfen aus dem Opiumfläſchchen in einem Glas Waſſer genommen, ehe ſie ſich niederlegte. Die Uhr auf dem Kamingeſimſe ſchlug drei Viertel auf Vier, als ſie plözlich erwachte und auffuhr, wäh⸗ rend der kalte Schweiß in eiſigen Tropfen auf ihrer Stirne ausbrach. Es hatte ihr geträumt, ſämmt⸗ liche Inwohner des Hauſes ſchreien vor ihrer Thüre, um ihr von einer ſchrecklichen Feuersbrunſt, die in der Nacht vorgefallen ſei, zu erzählen. Es ließ ſich kein Geräuſch vernehmen, als das Anſchlagen der Epheublätter an den Fenſterſcheiben, das gelegentliche Fallen einer ausgebrannten Kohle und das ſtetige Ticken der Standuhr. „Vielleicht werde ich immer ſolche Träume haben,“ dachte Mylady,„bis der Schrecken darüber mich tödtet!“ Der Regen hatte aufgehört, und der kalte Früh⸗ lings⸗Sonnenſchein fiel auf die Fenſter. Lady Audley kleidete ſich raſch aber ſorgfältig an. Ich ſage nicht, daß ſie ſelbſt in der lezten Stunde des Elends noch immer den Stolz auf ihre Schönheit behauptete. Dem war nicht ſo; ſie betrachtete ihre Schönheit als eine Waffe, und ſie fühlte, daß ſie es jezt doppelt nöthig hatte, wohl bewehrt zu ſein. Sie legte ihr prächtiges Seidengewand an, eine umfangreiche Robe von ſilberglänzendem Blau, was ihr das Ausſehen gab, als wäre ſie mit Mondſtrahlen angethan. Sie ſchüttelte ihr Haar in federartige Schauer glänzen⸗ den Goldes aus einander, und mit einem weißen Kaſchmir über den Schultern, ſtieg ſie die Treppe hinab in das Veſtibule. dem nen, rtel äh⸗ hrer mt⸗ üre, in das ben, ohle en,“ nich rüh⸗ dley icht, noch ete als pelt ihr obe hen Sie zen⸗ ßen ppe 75 Sie öffnete die Thüre des Bibliothekzimmers und ſchaute hinein. Sir Michael war in ſeinem Lehn⸗ ſtuhl eingeſchlafen. Als Mylady leiſe die Thüre ſchloß, kam auch Alicia aus ihrem Zimmer herab. Die Thüre im Thurme war offen, und die Sonne beſchien den feuchten Raſen auf dem viereckigen Hofraum. Die feſten Sandwege waren bereits beinahe ganz trocken, denn der Regen hatte ſeit zwei Stunden aufgehört. „Willſt Du einen Spaziergang mit mir auf dem Hofe machen?“ fragte Lady Audley, als ihre Stief⸗ tochter näher kam. Die bewaffnete Neutralität zwi⸗ ſchen den beiden Frauen geſtattete eine ſolche zufällige Höflichkeit wie dieſe. „Ja, wenn es Ihnen beliebt, Mylady,“ ant⸗ wortete Alicia ziemlich gleichgültig.„Ich habe den ganzen Morgen über einem einfältigen Roman ge⸗ gähnt, und freue mich wirklich auf ein Bischen friſche Luft.“ Der Himmel helfe dem Romanſchriftſteller, deſſen Dichtung Miß Audley durchgeleſen hatte, wenn er keine beſſeren Kritiker, als dieſe junge Dame fand. Sie hatte Seite um Seite geleſen, ohne zu wiſſen, was ſie eigentlich las und ein halbduzend Mal das Buch auf die Seite geworfen, um an das Fenſter zu treten und nach dem Beſucher auszuſpähen, den ſie ſo zuverſichtlich erwartet hatte. Lady Audley ging durch die niedrige Thüre und ſchlug die Richtung nach dem weichen Sandwege ein, auf welchem Fuhrwerke ſich dem Herrenhauſe näherten. Sie war noch immer ſehr blaß, aber der Glanz ihres Gewandes und ihrer federartigen golde⸗ — nen Ringeln zog die Augen eines Beobachters von ihrem blaſſen Geſichte ab. Alle geiſtige Trübſal iſt, mit einem Schein von Grund, in unſerer Vorſtellung mit loſe ſizenden, un⸗ ordentlichen Kleidern, wirrem Haar und einem Aus⸗ ſehen, das dem von Mylady gerade entgegengeſezt war, vergeſellſchaftet. Warum war ſie in den froſtigen Sonnenſchein des Märznachmittags herausgekommen, um auf dem einförmigen Pfade mit der ihr verhaßten Stieftochter hin und herzuwandern? Sie kam herab, weil ſie unter der Herrſchaft einer ſchrecklichen Unruhe ſtand, welche ihr nicht geſtattete, innen im Hauſe zu blei⸗ ben und eine gewiſſe Botſchaft, die nothwendig ein⸗ treffen mußte, abzuwarten. Zuerſt hatte ſie dieſelbe abzuwehren gewünſcht— hatte zuerſt gewünſcht, daß außerordentliche Naturerſchütterungen eintreten möch⸗ ten, um deren Ankunft zu verhindern— daß abnorme Wintergewitter und Blizſchläge den, der ſie über⸗ bringen ſollte, verderben, vernichten möchten— doß der Erdboden erzittern und unter ſeinem eiligen Fuße gähnend ſich aufthun, und daß unzugängliche Abgründe den Ort, von wo die Botſchaft kommen, und den, wohin ſie gebracht werden ſollte, ſcheiden möchten. Sie wünſchte, daß die Erde ſtille ſtände und daß die gelähmten Elemente ihren natürlichen Functionen ein Ziel ſezten; daß der Fortſchritt der Zeit unterbrochen würde; daß der jüngſte Tag käme und daß ſie auf ſolche Weiſe vor ein überirdiſches Gericht geſtellt würde und ſomit dem dazwiſchen⸗ tretenden Schimpf und Elend eines irdiſchen Ur⸗ theilsſpruches entginge. In dem wilden Chaos ihres 0n von un⸗ us⸗ ſezt hein dem hter ſie and, blei⸗ ein⸗ ſelbe daß nöch⸗ orme über⸗ daß ligen gliche imen, eiden tände lichen tt der käme iſches iſchen⸗ n Ur⸗ ihres 77 Gehirns hatte jeder dieſer Gedanken ſeine Stelle be⸗ hauptet, und während des kurzen Schlummers auf dem Sopha in ihrem Ankleidekabinet hatte ſie von dieſem Allem und von hundern andern, auf denſelben Gegenſtand ſich beziehenden Dingen geträumt. Es hatte ihr geträumt, daß ein Bach, ein kleines rie⸗ ſelndes Bächlein, als ſie deſſen zuerſt anſichtig wurde, über die Straße zwiſchen Mount Stanning und Aud⸗ ley floß und allmälig zu einem Fluß anſchwoll und aus einem Fluß ein Ocean wurde, bis das Dorf auf dem Hügel weit weg aus dem Geſicht ſich ver⸗ lor und nur eine Waſſerwüſte ſich dort ausbreitete, wo es einſt geſtanden war. Es träumte ihr, ſie ſehe den Boten, jezt dieſe, dann eine andere Perſon, aber niemals ſo recht eine eigentliche Perſon; durch hundert Hinderniſſe aufgehalten; bald erſchreckend und furchtbar, bald lächerlich und ordinär, aber nie⸗ mals mit dem Ausſehen von etwas Natürlichem oder Wahrſcheinlichem; und als ſie mit der noch lebhaften Erinnerung an dieſe Träume in das ſtille Haus hinunterging, wurde ihr dieſe Stille, welche bewies, daß noch keine Botſchaft angekommen war, zu einem Grunde neuer Beſtürzung. Nun aber ging in ihrem Geiſte eine völlige Ver⸗ änderung vor. Sie wünſchte nicht länger mehr die gefürchtete Kunde hinausgeſchoben. Sie wünſchte, daß die Seelenangſt, wie es auch kommen möchte, vorüber, die Pein überſtanden wäre und die Er⸗ leichterung einträte. Es kam ihr vor, als ob der unerträgliche Tag nie zu Ende gehen wollte, als ob ihre wahnſinnigen Wünſche in Erfüllung gegangen und der Fortſchritt der Zeit wirklich unterbrochen worden wäre. „Was für ein langer Tag das iſt!“ rief Alicia, da als ob ſie die Bürde von Mylady's Gedanken auf⸗ nähme,„Nichts als Sprühregen und Nebel und Wind! Und jezt, da es zu ſpät zum Ausgehen von Jemand iſt, muß es ſchön werden,“ fügte die junge Sc Dame mit einem augenſcheinlichen injuriöſen Sinne hinzu. Vr Lady Audley gab keine Antwort. Sie ſchaute un nach der einfältigen, einzeigerigen Thurmuhr und lic wartete auf die Botſchaft, welche früher oder ſpäter od kommen mußte, welche offenbar in nächſter Bälde dit eintreffen mußte. ich „Man hat ſich gefürchtet, Meldung hieher zu iht machen,“ dachte ſie;„man hat ſich gefürchtet, Sir Michael die Kunde zu überbringen. Ich möchte we⸗ we nigſtens wiſſen, wer damit kommen wird? Vielleicht„ der Rector von Stanning, oder der Doctor, jeden⸗ ne falls irgend eine Perſon von Bedeutung. en Hätte ſie nur in die laubloſen Alleen oder auf die 1 Landſtraße jenſeits derſelben hinausgehen, hätte di ſie nur bis zu jenem Hügel gehen können, auf wel⸗ K chem ſie zulezt von Phöbe ſich getrennt hatte, es in wäre mit Freuden geſchehen. Sie hätte lieber Alles A erduldet, als dieſe langſame Spannung, dieſe nagende B Angſt, dieſe unnatürliche trockene Fäulniß, in wel⸗ de cher Herz und Geiſt unter einer unerträglichen Qual 8 ſich zu verzehren ſchien. p Sie verſuchte zu ſprechen, und mittelſt einer ſe ſchmerzlichen Anſtrengung brachte ſie es dann und wann dahin, eine alltägliche Bemerkung auszuſpre⸗ en ia, uf⸗ nd on ige me ute und iter ilde zu Sir we⸗ eicht den⸗ die ätte wel⸗ 3. Alles ene wel⸗ Qual einer und ſpre⸗ 79 chen. Unter gewöhnlichen Umſtänden würde ihre Begleiterin deren Verlegenheit bemerkt haben; aber da Miß Audley genug mit ihren eigenen läſtigen Gedanken zu thun hatte, ſö war ſie ebenſo ſehr zum Schweigen geneigt, wie Mylady ſelbſt. Das einförmige Aufundabmarſchiren auf dem Sandwege paßte zu Alicias Stimmung. Ich glaube, ſie empfand ſogar eine malitioſe Freude bei der Vorſtellung, daß ſie ſich wahrſcheinlich erkälten würde und ihr Couſin Robert für dieſe Gefahr verantwort⸗ lich wäre. Hätte ſie ſich eine Lungenentzündung oder den Bruch der Blutgefäße dadurch, doß ſie ſich dieſer froſtigen Märzluft ausſezte, zuziehen können, ich glaube, ſie würde eine düſtere Genugthuung in ihren Leiden empfunden haben. „Vielleicht würde Robert ſich um mich küͤmmern, wenn ich eine Lungenentzundung hätte,“ dachte ſie. „Er könnte mich dann nicht eine wilde Hummel nennen. Wilde Hummeln bekommen keine Lungen⸗ entzündung.“ Ich glaube, ſie malte ſich ſelbſt im lezten Sta⸗ dium der Schwindſucht, geſtüzt und umgeben von Kiſſen in einem großen Lehnſtuhl, durch das Fenſter in den Nachmittags⸗Sonnenſchein hinausblickend, mit Arzneigläſern, einem Büſchel Trauben und einer Bibel auf dem Tiſch an ihrer Seite, und Robert daneben voll Zerknirſchung und Zärtlichkeit, herbei⸗ gerufen um ihr leztes Lebewohl zu empfangen. Sie predigte ihm ein ganzes Kapitel bei dieſer Abſchieds⸗ ſcene und ſprach viel länger, als ſich mit ihrem verzweifelten Zuſtande vertrug, und hatte ſehr große Freude an dieſen traurigen Luftſchlöſſern. Auf ſo ſentimentale Weiſe beſchäftigt, nahm Miß Audley ſehr wenig Notiz von ihrer Stiefmutter, und der einzelne Zeiger der dummen Thurmuhr war auf Sechs vorgerückt, als Robert geſegnet und entlaſ⸗ ſen wurde. „Gott helfe mir,“ rief ſie plözlich.„Sechs Uhr, und ich bin nicht angekleidet.“ Die Halbſtundglocke läutete in einer Kuppel über dem Dach, während Alicia redete. „Ich muß hinein, Mylady,“ ſagte ſie,„wollen Sie nicht mitkommen?“ „Sogleich,“ antwortete Lady Audley.„Ich bin angekleidet, wie Du ſiehſt.“ Alicia eilte davon, aber Sir Michaels Gattin ſchlenderte noch in dem Hofe herum und wartete auf jene Botſchaft, welche ſo lang zögerte. Es war beinahe dunkel. Die blauen Abend⸗ nebel waren langſam vom Boden aufgeſtiegen. Die flachen Wieſen waren von grauem Dunſt erfüllt, und ein Fremder hätte leicht Audley Court für ein Schloß am Rande einer See halten können. Unter dem Bogengang lauerten finſter die Schatten der ſchnell hereinbrechenden Nacht, gleich Verräthern auf eine Gelegenheit wartend, ſich verſtohlen in den Hof zu ſchleichen. Durch den Bogengang leuchtete ſchwach ein Stück kalten blauen Himmels herein, mit einer Linie trüben Roths geſtreift und von dem düſtern Schimmer eines winterlich ausſehenden Sterns er⸗ hellt. Nicht ein Geſchöpf rührte ſich auf dem Hofe, als die raſtloſe Frau, welche in den geraden Fuß⸗ wegen auf⸗ und abging und auf einen Schritt horchte, den unk ſie und ben ind auf aſ⸗ hr, ber len bin tin uf nd⸗ Die lit, ein ter der uf of ach er rn er⸗ fe, te, deſſen Annäherung ihre Seele mit Schrecken ſchla⸗ gen ſollte. Sie hörte ihn endlich!— einen Schritt in der Allee auf der andern Seite des Bogengangs. Aber war es der Schritt? Ihr Gehörſinn, durch die Auf⸗ regung unnatürlich ſcharf, ſagte ihr, daß es eines Mannes Schritt war— ſagte ihr ſogar, daß es der Tritt eines Gentleman war: nicht eines ſchlotte⸗ rig einherſchreitenden, ſchwerfällig ſich bewegenden Fußgängers in benagelten Schuhen, ſondern eines Gentleman, der feſt und ſicher auftrat. Jeder Laut fiel wie ein Eisklumpen auf My⸗ lady's Herz. Sie konnte nicht warten, ſie konnte ſich nicht zurückhalten; ſie verlor alle Selbſtbeherr⸗ ſchung, alle Kraft der Ausdauer, alle Fähigkeit, ſich irgend einen Zwang anzuthun; und ſie ſtürzte auf den Bogenweg zu. In dem Schatten deſſelben hielt ſie an, denn der Fremde war ihr nahe. Sie ſah ihn: o Gott! ſie ſah ihn in dieſem düſtern Abendlichte. Ihr Ge⸗ hirn wälzte ſich um, ihr Herz hörte auf zu ſchlagen. Sie ſtieß keinen Ruf der Ueberraſchung, keinen Schrei des Schreckens aus, ſondern taumelte rückwärts und hielt ſich an dem epheuüberwachſenen Strebepfeiler des Bogengangs. Mit ihrer ſchmächtigen Figur in den Winkel gedrückt, welcher von dieſem Strebepfeiler und der Mauer, die er ſtüzte, gebildet wurde, ſtand ſie da und ſtarrte auf den Ankömmling hin. Wie er näher trat, brachen ihre Kniee zuſammen, und ſie ſank zu Boden, nicht ohnmächtig oder irgend bewußtlos, ſondern nur ſich unwillkürlich nieder⸗ Braddon, Lady Audley's Geheimniß. III. 6 ————— 82 duckend, aber noch immer in den Mauerwinkel zu⸗ rückgedrängt, als ob ſie ſich im Schatten des ſchir⸗ menden Ziegelwerks ſelbſt hätte ein Grab machen wollen. „Mylady!“ Der Sprecher war Robert Audley, Er, deſſen Schlafzimmer ſie vor ſiebzehn Stunden in dem Schloß⸗ wirthshauſe doppelt verſchloſſen hatte. „Was iſt's mit Ihnen?“ ſprach er in ſtrengem, gedämpftem Tone.„Stehen Sie auf und laſſen Sie ſich hineinführen. Er half ihr beim Aufſtehen, und ſie gehorchte ihm ſehr demüthig. Er nahm ihren Arm in ſeine ſtarke Hand und führte ſie über den viereckigen Hof⸗ raum und in die von einer Lampe erleuchtete Vor⸗ halle. Sie zitterte heftiger, als er jemals an einer Frau wahrgenommen hatte; aber ſie machte keinen Verſuch, ſeinem Willen Widerſtand zu leiſten. Viertes Capitel. Wylady erzählt die Wahrheit. „Iſt ein Zimmer da, wo ich mit Ihnen allein ſprechen kann?“ fragte Robert Audley, indem er zweifelhaft in der Vorhalle ſich umſchaute. Mylady nickte nur ſtatt der Antwort. Sie machte die Thüre des Bücherzimmers, die nur angelehnt war, auf. Sir Michael war in ſein Ankleidekabinet en in te nt et 8 gegangen, um ſich nach einem Tage müßigen Ge⸗ nuſſes, wie er bei einem Kranken vollkommen am Plaze war, zum Diner zu richten. Das Gemach war völlig leer und nur von dem Schein des Feuers er⸗ hellt, wie es am Abend zuvor geweſen. Lady Audley trat in dieſes Zimmer, gefolgt von Robert, welcher die Thüre hinter ſich ſchloß. Die elende, ſchauernde Frau trat zu dem Kamin und kniete vor der Flamme nieder, als ob irgend eine natürliche Wärme dieſen unnatürlichen Froſt in ihr zu hemmen vermocht hätte. Der junge Monn folgte ihr und ſtellte ſich neben ſie an den Herd, den Arm auf das Kaminſtück geſtüzt. „Lady Audley,“ ſprach er mit einer Stimme, deren eiſige Strenge jede Hoffnung auf Milde oder Mitleid ausſchloß,„ich habe vergangenen Abend ſehr deutlich mit Ihnen geſprochen; aber Sie weigerten ſich, auf mich zu hören. Heute Abend muß ich mit Ihnen noch deutlicher reden, und Sie dürfen ſich nicht länger weigern, mich zu hören.“ Mylady, vor dem Feuer kauernd und das Ge⸗ ſicht in den Händen begraben, ſtieß einen leiſen Seuf⸗ zer aus, der faſt wie ein Winſeln klang, gab aber keine Antwort. „Es war lezte Nacht eine Feuersbrunſt in Mount Stanning, Lady Audley,“ fuhr die unbarmherzige Stimme fort;„das Schloßwirthshaus, das Haus, wo ich übernachtete, brannte bis auf den Grund ab. Wiſſen Sie, wie ich dem Untergang hiebei entkam?“ „Nein.“ „Ich entkam durch einen Umſtand, der an ſich höchſt einfacher Natur ſcheint, aber von der göttlichen Vorſehung alſo gefügt war. Ich ſchlief nicht in dem Zimmer, welches für mich gerichtet worden. Es war elend dumpfig und froſtig. Der Kamin rauchte ab⸗ ſcheulich, als man einen Verſuch machte, ein Feuer anzuzünden, und ich beſtimmte die Magd, mir ein Bett auf dem Sopha in dem kleinen Parterrewohn⸗ zimmer, wo ich den Abend mich aufgehalten hatte, zu richten.“ Er hielt einen Augenblick an und beobachtete die niedergekauerte Geſtalt. Die einzige Veränderung, die in Mylady's Haltung vorgegangen, war, daß ſie ihren Kopf etwas tiefer geſenkt hatte. „Soll ich Ihnen ſagen, durch weſſen Thun die Einäſcherung des Schloßwirthshauſes erfolgt iſt, My⸗ lady?“ Keine Antwort. „Soll ich es Ihnen ſagen?“ Noch immer daſſelbe beharrliche Stillſchweigen. „Mylady Audley,“ rief Robert plözlich,„Sie ſind die Brandſtifterin. Sie waren es, deren mör⸗ deriſche Hand dieſes Feuer eingelegt hat. Sie waren es, und Sie gedachten, durch dieſe dreifach ſchreckliche That ſich meiner, Ihres Feindes und An⸗ klägers, zu entledigen. Was kümmerte es Sie, daß das Leben von Andern dabei aufgeopfert wurde? Hätten Sie durch das Blutbad einer zwei⸗ ten St. Bartholomäusnacht meiner los werden kön⸗ nen, Sie würden unbedenklich eine Legion von Opfern dargebracht haben. Der Tag für Schonung und Gnade iſt vorbei. Gegenüber von Ihnen kenne ich nicht mehr Mitleid oder Gewiſſensbedenken. So weit als ich dadurch, daß ich Ihnen Schande erſpare, ör⸗ ie ach ln⸗ ie, ert ei⸗ ern und ich veit are, 85 Andere ſchonen kank, welche unter Ihrer Schande leiden müſſen, werde ich barmherzig ſein, aber nicht weiter. Gäbe es ein geheimes Tribunal, vor welches ich Sie zur Verantwortung für Ihre Verbrechen zie⸗ hen könnte, ſo würde ich wenig Bedenken tragen, als Ihr Ankläger aufzutreten; ich würde dabei den edelherzigen, hochgebornen Gentleman ſchonen, auf deſſen Namen Ihre Infamie zurückfallen müßte.“ Seine Stimme wurde weicher bei dieſer Anſpie⸗ lung; einen Augenblick brach er faſt zuſammen, aber er faßte ſich wieder mit Gewalt und fuhr fort: „Kein Leben iſt bei dem Brande vergangene Nacht verloren gegangen. Ich ſchlief leicht, Mylady, denn mein Geiſt war bekümmert, wie ſeit langer Zeit, über das Elend, das, wie ich wußte, ſich zu⸗ ſammenzog. Ich war es, der den Ausbruch des Feuers noch zu rechter Zeit entdeckte, um Lärm zu machen und die Magd zu retten und den armen trunkenen Wicht, der troz meiner Anſtrengungen doch halb verbrannt iſt und nun in einem ſehr zweifel⸗ haften Zuſtand in ſeiner Mutter Hütte liegt. Von ihm und von ſeiner Frau erfuhr ich, daß Sie in der todtenſtillen Nacht die Schloßſchenke beſucht hatten. Die Frau wurde beinahe verrückt, als ſie mich ſah, und durch ſie erhielt ich Kenntniß von den Ereig⸗ niſſen der lezten Nacht. Der Himmel weiß, welche andere Geheimniſſe ſie noch von Ihnen beſizt, oder wie leicht ſie von ihr herausgebracht werden könn⸗ ten, wenn ich deren Hülfe bedürfte, was nicht der Fall iſt. Mein Pfad liegt gerade vor mir. Ich habe geſchworen, den Mörder von Georg Talboys der Gerechtigkeit zu überliefern: und ich will meinen Eid halten. Ich behaupte, daß durch Ihre Schuld mein Freund ſeinen Tod gefunden hat. Wenn ich mich manchmal zweifelnd fragte, wie es nur allzu natürlich war, ob ich nicht das Opfer irgend einer ſchrecklichen Selbſttäuſchung ſei, ob eine ſolche Alter⸗ native nicht mehr Wahrſcheinlichkeit für ſich habe, als daß eine junge und liebenswürdige Frau zu einem ſo verruchten und verrätheriſchen Mord fähig ſei, ſo iſt jezt aller Zweifel vorüber. Nach der Schreckensthat von der lezten Nacht gibt es kein noch ſo ungeheures und unnatürliches Verbrechen, das Sie begehen könnten, worüber ich mich wundern würde. Hinfort erſcheinen Sie mir nicht mehr als eine Frau; eine ſchuldige Frau, mit einem Herzen, das bei ſei ner argen Gottloſigkeit doch eine geheime Kraft zu leiden und zu fühlen beſizt; ich betrachte Sie hin⸗ fort als die dämoniſche Verkörperung irgend eines böſen Prinzips. Sie ſollen dieſen Ort durch Ihre Gegenwart nicht mehr beflecken. Wenn Sie nicht in Gegenwart des Mannes, den Sie ſo lang ge⸗ täuſcht haben, bekennen, was Sie ſind und wer Sie ſind, und von ihm und mir die Gnade annehmen, die wir Ihnen zukommen zu laſſen geneigt ſind, ſo will ich die Zeugen zuſammenbringen, welche die Identität Ihrer Perſon beſchwören werden, und auf die Gefahr eines Schimpfes für mich und diejenigen, welche mir theuer ſind, Sie für dieſe Verbrechen zur Strafe ziehen.“ Die Frau erhob ſich plözlich und ſtellte ſich auf⸗ recht und entſchloſſen vor ihn hin; ihr Haar war von der Stirne zurückgeſtrichen und ihre Augen funkelten. ——— —— ————„——— ch in⸗ es hre icht ge⸗ Sie en, die auf en, zur auf⸗ war gen 87 „Bringen Sie Sir Michael!“ rief ſie;„bringen Sie ihn her, und ich will Alles geſtehen— Alles und Jedes! Was kümmert's mich? Gott weiß, ich habe hart genug gegen Sie geſtritten und den Kampf geduldig ausgehalten; aber Sie haben geſiegt, Mr. Robert Audley. Es iſt ein großer Triumph, nicht wahr? Ein wundervoller Sieg! Sie haben Ihren kühlen, berechnenden, kalten, erleuchteten Verſtand zu einem edeln Zweck benüzt. Sie haben geſiegt über — eine Wahnſinnige!“ „Eine Wahnſinnige!“ rief Mr. Audley. „Ja, eine Wahnſinnige. Wenn Sie ſagen, ich habe Georg Talboys gtödtet, ſo ſagen Sie die Wahr⸗ heit. Wenn Sie ſagen, ich habeß ihn verrätheriſch und niederträchtig gemhrdet, ſo lügeh Sie. Ich habe ihn getödtet, weil ichtwahnſinnig bin! Weil mein Verſtand etwas züber die ſchhale Grenzlinie zwiſchen geſunder Denktryaft und Vettücktheit hinaus iſt; weil, als Georg Tolboys mich keizte, wie Sie mich gereizt haben, unß mir Vorw rfe machte und mich bedrohte, mein Gälſt, der nienſals die gehörige Feſtigkeit beſaß, ſein Hleichgewicht gänzlich verlor, und ich wahnſinniß war. ſioen Sie Sir Michael und bringen Hie ihn ſchſell. Wenn ihm Etwas geſagt werden ſoll, ſo er auch Alles erfahren; laſſen Sie ih das Gehehnniß meines Le⸗ bens hören.“ Robert Audley veckieß das Zihnmer, um nach ſeinem Oheim zu ſehent Er ſuchts ſeinen geehrten Verwandten mit Gott zweiß welcher ſchweren Laſt von Qual auf ſeinem Herzen, dennger erkannte, daß er im Begriff war, die Fruggebilde von ſeines Oheims Leben zu zerſtören; er erkannte, daß der Verluſt un⸗ ſerer Truggebilde darum nicht minder ſchrecklich iſt, weil es ihnen an der Realität gebrach, die wir ihnen beigelegt haben. Aber mitten in ſeinem Kummer für Sir Michael konnte er nicht umhin, Mylady's lezte Worte:„Das Geheimniß meines Lebens⸗ ſich zu vergegenwärtigen. Er erinnerte ſich dieſer Worte, deren Helen Talboys in dem am Vorabend vor ihrer Flucht von Wildernſea geſchriebenen Briefe ſich be⸗ dient hatte und die ihm damals ſo auffallend gewe⸗ ſen waren. Er erinnerte ſich jenes Anklage und Ver⸗ wahrung enthaltenden Sazes:„Du wirſt mir ver⸗ geben, denn Du weißt, waruß ich ſo geweſen bin; Du kennſt das Geheimniß meines Lebens.“ Er traf Sir Michael in dek Vorhalle. Er machte keinen Verſuch, den Weg füt die ſchreckliche Offen⸗ barung, welche der Baronet hören ſollte, anzubahnen. Er führte ihn nur in die voß dem brennenden Feuer erhellte Bibliothek und hier redete er ihn in ruhigem Tone alſo an: „Lady Audley hat Dir ein Bekenntniß zu machen — ein Bekenntniß, welches Dir, ich weiß es, die höchſte Ueberraſchung, das bütterſte Leid verurſachen wird. Aber es iſt für Deine gegenwärtige Ehre und für Deinen künftigen Frieden nothwendig, daß Du es hörſt. Sie hat Dich, ich muß es leider ſagen, niederträchtig bettogen; aberhes iſt nicht mehr als gerecht, daß Du aus ihrem eigenen Munde die Ent⸗ ſchuldigung vernehmeſt, welche ſie etwa für ihre Gottloſigkeit vorzubringen hat. Möge Gott dieſen Schlag für Dich mildern,“ ſtöhnte der junge Mann, n⸗ ſt, en und Du en, als nt⸗ ihre eſen inn, 89 indem er plözlich wie zuſammenbrach,„ich vermag es nicht!“ Sir Michael erhob ſeine Hand, als wollte er ſeinem Neffen Stillſchweigen gebieten; aber dieſe gebieteriſche Hand fiel ſchwach und unmächtig an ſeiner Seite nieder. Er ſtand in der Mitte des er⸗ hellten Zimmers ſtarr und unbeweglich. „Lucy!“ rief er mit einer Stimme, deren ſchmerz⸗ licher Ton gleich einem ſchweren Schlag auf die erſchütterten Nerven derer, die ſie hörten, traf, ſo wie der Schrei eines verwundeten Thieres dem Ohre, zu dem er dringt, wehe thut.„Lucy! ſage mir, daß dieſer Mann wahnſinnig iſt, ſage mir's, meine Geliebte, ſonſt bringe ich ihn um!“ Seine Stimme nahm plözlich den Ausdruck von Wuth an, als er ſich gegen Robert wandte, wie wenn er wirklich im Stande geweſen wäre, den Ankläger ſeines Weibes mit der Kraft ſeines erhobenen Armes zu Boden zu ſtrecken. Aber Mylady fiel vor ihm auf die Kniee, warf ſich zwiſchen den Baronet und ſeinen Reffen, welcher an den Rücken eines Armſeſſels gelehnt daſtand und ſein Geſicht in den Händen verbarg. „Er hat Ihnen die Wahrheit geſagt,“ nahm Mylady das Wort,„und er iſt nicht wahnſinnig! Ich habe nach Ihnen geſandt, um Ihnen Alles zu bekennen. Ich würde Sie bedauern, wenn es mir möglich wäre; denn Sie ſind ſehr, ſehr gut gegen mich geweſen, viel mehr, als ich es jemals verdient habe; aber ich vermag es nicht, ich vermag es nicht — ich kann Nichts als mein eigenes Elend fühlen. Ich habe Ihnen vor langer Zeit geſagt, ich wäre ſelbſtſüchtig; ich bin es noch immer, ſelbſtſüchtiger als jemals in meinem Elende. Glückliche, in Wohl⸗ ſtand befindliche Leute mögen für Andere fühlen. Ich lache über die Leiden Anderer; ſie erſcheinen mir ſo gering im Vergleich mit meinen eigenen.“ Als Mylady auf ihre Kniee gefallen war, hatte Sir Michael ſie aufzuheben verſucht und ihr ſtill⸗ ſchweigende Vorſtellungen gemacht; als ſie aber das Wort ergriff, hatte er ſich in einen Seſſel zunächſt der Stelle, wo ſie kniete, fallen laſſen, und hörte nun, die Hände gefaltet und den Kopf vorwärts ge⸗ beugt, damit ihm keine Sylbe dieſer ſchrecklichen Worte entginge, hörte zu, als ob ſein ganzes Weſen in dieſen einen Gehörsſinn aufgelöst wäre. „Ich muß Ihnen die Geſchichte meines Lebens erzählen, um Ihnen damit begreiflich zu machen, warum ich dieſes elende Weſen geworden bin, das jezt nichts Beſſeres zu hoffen hat, als daß ihm ge⸗ ſtattet wird, hinwegzugehen und ſich in irgend einem einſamen Winkel der Erde zu verbergen. Ich muß hnen die Geſchichte meines Lebens erzählen,“ wie⸗ derholte Mylady,„aber Sie brauchen nicht zu fürch⸗ ten, daß ich lang dabei verweilen werde. Es iſt nicht ſo angenehm für mich geweſen, daß ich deſſel⸗ ben gern gedenken möchte. Als ich noch ein ſehr kleines Kind war, erinnere ich mich, daß ich eine Frage machte, welche, Gott helfe mir, gewiß natür⸗ lich genug war; ich fragte, wo meine Mutter wäre. Ich hatte eine ſchwache Erinnerung an ein Geſicht, wie mein eigenes jezt, das mich anſchaute, da ich beinahe noch ein Säugling war; ich hatte das Ge⸗ ſicht plözlich vermißt und es von da nicht mehr ge⸗ r n. n te l⸗ as ſt te e⸗ en en ns en, s ge⸗ em nuß vie⸗ rch⸗ iſt ſel⸗ ſehr eine tür⸗ äre. ſicht, ich Ge⸗ 91 ſehen. Man ſagte mir, daß meine Mutter hinweg war. Ich war nicht glücklich, denn das Weib, dem man mich in Pflege gegeben hatte, war eine unan⸗ genehme Perſon, und der Ort, wo wir wohnten, ein Dorf an der Küſte von Hampſhire, etwa ſieben Mei⸗ len von Portsmouth. Mein Vater, welcher bei der Marine war, kam nur von Zeit zu Zeit, um nach mir zu ſehen, und ich war beinahe ganz der Sorge jenes Weibes überlaſſen, welches nur unregelmäßige Bezahlung erhielt und ſeine Wuth an mir ausließ, wenn mein Vater mit ſeinen Geldſendungen im Rück⸗ ſtand war.“ „Vielleicht kam es weniger von einer Unzufrieden⸗ heit mit meinem traurigen Leben, als von einem wunderbaren Antriebe der Zuneigung her, daß ich ſehr oft dieſelbe Frage nach meiner Mutter michte. Ich erhielt immer dieſelbe Antwort,— ſie war hin⸗ weg. Fragte ich, wohin, ſo ſagte man mir, das ſei ein Geheimniß. Als ich alt genug war, um die Bedeutung des Wortes Tod zu verſtehen, fragte ich, ob meine Mutter todt ſei, und man ſagte mir: „„Nein, ſie ſei nicht todt; ſie ſei krank, und ſie ſei hinweg.““ Ich fragte, wie lang ſie krank ſei, und ich erhielt zur Antwort, ſchon viele Jahre her, ſchon ſeit ich ein kleines Kind geweſen.“ „Endlich kam das Geheimniß heraus. Ich plagte eines Tags meine Pflegemutter mit derſelben Frage, als die Geldſendungen ſchon ſehr lang hatten auf ſich warten laſſen und ihre Stimmung deßhalb un⸗ gewöhnlich gereizt war. Sie gerieth in,Zorn und erklärte mir nun, meine Mutter ſei eine Wahnſinnige und befinde ſich in einem Irrenhauſe vierzig Meilen Sie hatte dieſe Worte kaum ausgeſprochen, ſchon bereute und mich verſicherte, e ihr nicht glauben von hier. als ſie es auch es ſei nicht wahr, und ich dürf oder Jemand geſtehen, daß ſie mir dergleichen ge⸗ ſagt habe. Ich entdeckte ſpäter, daß mein Vater ſich von ihr das feierlichſte Verſprechen hatte geben laſſen, mir niemals das Geheimniß von meiner Mutter Schickſal zu verrathen.“ „Ich brütete ſchrecklich über dem Gedanken an meiner Mutter Wahnſinn. Er verfolgte mich Tag und Nacht. Ich malte mir die wahnſinnige Frau vor, wie ſie in einer Gefängnißzelle auf und abging, in einem abſcheulichen Gewande, das ihren gepeinig⸗ ten Gliedern Zwang anthat. Ich hatte übertriebene Vorſtellungen von den Schreckniſſen ihrer Lage. Ich, wußte Nichts von den verſchiedenen Graden des Wahnſinns, und das Bild, welches mir vorſchwebte, war dasjenige eines verrückten, gewaltthätigen Ge⸗ ſchöpfes, das über mich herfallen und mich umbringen würde, wenn ich in ſeinen Bereich käme. Dieſe Vor⸗ ſtellung überwältigte mich, bis ich gewöhnlich in tiefer Nacht erwachte und vor tödtlicher Angſt laut auf ſchrie, in Folge eines Traumes, in welchem ich mei⸗ ner Mutter eiſigen Griff an meiner Kehle gefühlt und ihre aberwitzigen Reden mit meinem Ohr ver⸗ nommen hatte.“ „Als ich zehn Jahre alt war, kam mein Vater, um die meiner Pflegerin ſchuldigen Rückſtände zu zahlen und mich in eine Schule zu bringen. Er hatte mich länger, als es ſeine Abſicht geweſen, in ſſen, weil er jenes Geld nicht zu zah⸗ Hampfhire gelaſ len im Stande war. So empfand ich dort die Bit⸗ ter ſei At che di m au n, e, en e⸗ ich en, ter an Lag rau ing, nig⸗ enme Ich, des ebte, Ge⸗ ngen Vor⸗ tiefer auf— mei⸗ fühlt ver⸗ Later, de zu n, in 1 zah⸗ e Bit⸗ 93 terkeit der Armuth und lief Gefahr, als ein unwiſſen⸗ des Geſchöpf unter rohen Bauernkindern aufzuwach⸗ ſen, weil mein Vater unbemittelt war.“ Mylady hielt einen Augenblick an, aber nur um Athem zu ſchöpfen, denn ſie hatte ſehr ſchnell geſpro⸗ chen, als ob es ihr lebhaft darum zu thun wäre, die verhaßte Geſchichte zu erzählen und ſo ſchnell als möglich damit fertig zu werden. Sie lag noch immer auf den Knieen, aber Sir Michael machte keinen Verſuch, ſie aufzurichten. Er ſaß ſchweigend und unbeweglich da. Was war dieſe Geſchichte, daß er darauf hörte? Von wem handelte ſie und wozu ſollte ſie führen? Es konnte nicht diejenige ſeiner Frau ſein; er hatte deren ein⸗ fache Erzählung von ihrer Jugend gehört und er hatte daran geglaubt, wie er an das Evangelium glaubte. Sie hatte ihm in aller Kürze von früher verwaister Lage und von langer, ſtiller, farbloſer Jugend in der klöſterlichen Abgeſchiedenheit einer engliſchen Koſtſchule vorgeſagt. „Mein Vater kam endlich, und ich theilte ihm mit, was ich entdeckt hatte. Er war ſehr ergriffen, als ich von meiner Mutter ſprach. Er war nicht, was die Welt gewöhnlich einen guten Mann nennt, aber ich erfuhr ſpäterhin, daß er ſeine Frau ſehr ge⸗ liebt hatte, und daß er gern ſein Leben ihr geweiht und ſich ſelbſt zu ihrem Hüter gemacht haben würde, wäre er nicht genöthigt geweſen, das tägliche Brod für die Wahnſinnige und ihr Kind in Ausübung ſeines Berufes zu verdienen. So ſah ich hier wie⸗ derum, was es für ein bitteres Ding iſt, arm zu ſein. Meine Mutter, welche die Pflege eines erge⸗ 94 benen Gatten hätte genießen können, wurde der Sorge gedungener Wärterinnen überlaſſen.“ „Ehe mein Vater mich in die Schule zu Tor⸗ quay ſchickte, nahm er mich zu einem Beſuch bei meiner Mutter mit. Dieſer Beſuch diente wenigſtens dazu, die Vorſtellung, welche mir ſo manchen Schrecken eingejagt hatte, zu zerſtreuen. Ich ſah keine faſelnde, in der Zwangsjacke ſteckende Tolle, bewacht von dienſteifrigen Kerkermeiſtern, ſondern ein goldhaariges, blauäugiges, mädchenhaftes Geſchöpf, welches ſo flüch⸗ tig wie ein Schmetterling ſchien und, ihre gelben Locken mit natürlichen Blumen geſchmückt, auf uns zuhüpfte und uns mit ſtrahlendem Lächeln und un⸗ unterbrochenem fröhlichen Geplauder begrüßte.“ „Aber ſie kannte uns nicht. Sie würde auf die⸗ ſelbe Weiſe mit jedem Fremden geſprochen haben, welcher durch die Thüre des Gartens, der ihr Ge⸗ fängniß umgab, getreten wäre. Ihr Wahnſinn war eine erbliche Krankheit, von ihrer Mutter, welche wahnſinnig geſtorben war, auf ſie verpflanzt. Sie, meine Mutter, war wirklich oder ſcheinbar bis zur Stunde meiner Geburt bei geſundem Verſtande ge⸗ weſen; aber von dieſer Stunde an war ihr Denk⸗ vermögen in Abnahme gerathen, bis ſie ſo wurde, wie ich ſie ſah.“ „Ich entfernte mich mit der Erkenntniß davon und mit dem Bewußtſein, daß das einzige Erbe, welches ich von meiner Mutter zu erwarten hatte— Verrücktheit war.“ „Ich entfernte mich mit der Erkenntniß davon in meiner Seele und noch mit Etwas mehr— einem zu bewahrenden Geheimniß. Ich war erſt ein Kind ——— S————,— —„— — 8 95 der von zehn Jahren, aber ich fühlte das ganze Gewicht dieſer Laſt. Ich mußte das Geheimniß von meiner or⸗ Mutter Wahnſinn bewahren, denn es war ein Ge⸗ bei heimniß, das mir in meinem ſpätern Leben großen ens Nachtheil bringen konnte. Daran mußte ich mich cken erinnern.“ de,.„Und ich erinnerte mich daran, und vielleicht von eben dadurch wurde ich ſelbſtſüchtig und herzlos; es, denn mich dünkt, ich bin herzlos. Als ich älter üch⸗ wurde, ſagte man mir, ich ſei hübſch— ſchön— ben liebenswürdig— bezaubernd. Ich hörte alle dieſe uns Dinge zuerſt gleichgültig an; aber in Kurzem horchte un⸗ ich gierig darauf und gab mich dem Gedanken hin, daß ich trotz des Geheimniſſes von meinem Leben in die⸗ der großen Weltlotterie glücklicher als meine Gefähr⸗ ben, tinnen ſein würde. Ich hatte gelernt, was auf die Ge⸗ eine oder andere unbeſtimmte Weiſe jedes Schul⸗ var mädchen früher oder ſpäter lernt— ich hatte ge⸗ lche lernt, daß mein ſchließliches Schickſal im Leben von Sie, meiner Heirath abhinge, und ich gelangte zu dem zur Schluſſe, daß wenn ich wirklich ſchöner als meine ge⸗ Mitſchülerinnen wäre, ich mich auch beſſer als ſie enk⸗ verheirathen müßte“ rde,„Mit dieſem Gedanken im Kopfe verließ ich, noch nicht ſiebzehn Jahre alt, die Schule, um an der von andern Grenze Englands bei meinem Vater zu leben, vbe, welcher ſich auf Halbſold zurückgezogen und zu Wil⸗ — dernſea, mit der Idee, daß dieſer Ort wohlfeil und abgelegen wäre, niedergelaſſen hatte.“ nin„Abgelegen war der Ort wirklich. Ich war noch nem nicht einen Monat da geweſen, als ich entdeckte, daß ind ſelbſt das hübſcheſte Mädchen hier lang auf einen reichen Gemahl zu warten hätte. Ich wünſche über dieſen Theil meines Lebens ſchnell hinwegzugehen: ich glaube wohl, ich war ſehr verächtlich. Sie und Ihr Neffe, Sir Michael, Sie ſind Ihr Leben lang reich geweſen und können es recht leicht über ſich gewinnen, mich zu verachten; aber ich wußte, wie ſehr Armuth auf das Leben einwirken kann, und blickte mit krankhaftem Schrecken auf ein dadurch beeinflußtes Leben hinaus. Endlich kam der reiche Freier— der irrende Prinz.“ Sie pauſirte wieder einen Augenblick und ein krampfhafter Schauer ging durch ihre Glieder. Es war unmöglich, einen Wechſel in ihrer Miene wahr⸗ zunehmen, denn ihr Geſicht war beharrlich zu Boden geſenkt. Während der ganzen Dauer ihres Bekennt⸗ niſſes richtete ſie es niemals empor; während der ganzen Dauer ihres Bekenntniſſes wurde ihre Stimme niemals durch eine Thräne gebrochen. Was ſie zu erzählen hatte, gab ſie in kaltem, hartem Tone von ſich; in demſelben Tone, wie ein Verbrecher, mürriſch und ſtarrſinnig bis zum lezten Augenblick, dem Ge⸗ fängnißkaplan ein Geſtändniß ablegen mochte. „Der irrende Prinz kam,“ wiederholte ſie;„er hieß Georg Talboys.“ Zum erſten Mal, ſeitdem ſeiner Gattin Bekennt⸗ niß begonnen hatte, fuhr Sir Michael Audley auf. Es wurde ihm jezt Alles klar. Eine Menge unbe⸗ achteter Worte und vergeſſener, für Bemerkung oder Erinnerung ſcheinbar allzu unbedeutender Umſtände vergegenwärtigten ſich ihm jezt ſo lebhaft, als ob ſie die Hauptvorfallenheiten ſeines vergangenen Lebens geweſen wären. er nd ng ich vie nd vch che ein Es hr⸗ den nt⸗ der ime zu von iſch Ge⸗ „er int⸗ auf. nbe⸗ oder inde ob ens 97 „Mr. Georg Talboys war Kornet in einem Dragonerregiment. Er war der einzige Sohn eines reichen Landgentlemans. Er verliebte ſich in mich und heirathete mich drei Monate nach meinem ſieb⸗ zehnten Geburtstag. Mir dünkt, ich liebte ihn ſo weit, als es überhaupt in meiner Macht ſtand, Je⸗ mand zu lieben; nicht mehr, als ich Sie geliebt habe, Sir Michael, nicht einmal ſo ſehr, denn als Sie mich heiratheten, erhoben Sie mich zu einem Rang im Leben, welchen er mir niemals hätte geben können.“ Der Traum war zerfloſſen. Sir Michael Audley erinnerte ſich jenes Sommerabends, vor beinahe zwei Jahren, als er zum erſten Mal Mr. Dawſons Gou⸗ vernante ſeine Liebe erklärt hatte; er erinnerte ſich des kranken, holb ſchaudernden Gefühls von Kummer und Täuſchung, welches ihn damals angewandelt hatte, und es war ihm, als ob daſſelbe eine trübe Vorbedeutung des Herzeleides von dieſer Nacht in ſich geſchloſſen hätte. Aber ich glaube nicht, daß er ſelbſt in ſeinem Elend jenes völlige, durch nichts gemilderte Erſtau⸗ nen, jenes von allen Lebensfaſern ſich losreißende Gefühl empfand, welches ſich einſtellt, wenn ein gutes Weib auf Abwege geräth und zu dem verlorenen Geſchöpf wird, welchem abzuſchwören der Mann durch ſeine Ehre verpflichtet iſt. Ich glaube nicht, daß Sir Michael Audley jemals wirklich an ſeine Frau geglaubt hatte. Er hatte ſie geliebt und be⸗ wundert; er war von ihrer Schönheit bezaubert, von ihren Reizen verwirrt worden; aber jene Empfindung von etwas Mangelndem, jenes unbeſtimmte Gefühl Braddoun, Lady Audley's Geheimn ß. III. 7 98 von Verluſt und Täuſchung, wovon er in jener Som⸗ mernacht ſeiner Verlobung befallen worden, war ſeit⸗ dem mehr oder weniger deutlich in ihm gelegen. Ich vermag nicht zu glauben, daß ein ehrlicher Mann, ſo rein und lauter auch ſein Geiſt, ſo treu und arglos ſeine Natur ſein mag, jemals durch Falſch⸗ heit wirklich getäuſcht werden kann. Hinter dem freiwilligen Vertrauen ſteckt ein unfreiwilliges Miß⸗ trauen, das ſich durch keine Willensanſtrengung be⸗ ſiegen läßt. „Wir waren verheirathet,“ fuhr Mylady fort, „und ich liebte ihn ſehr, wenigſtens ſo weit, um mit ihm glücklich zu ſein, ſo lang ſein Geld reichte, und ſo lang wir uns auf dem Continente befanden, in hohem Style reiſend und immer in den beſten Hotels abſteigend. Aber als wir nach Wildernſea zurück⸗ kehrten, und bei Papa wohnten, und alles Geld fort war, und Georg grämlich und elend wurde und immer an ſeine Noth dachte und mich zu vernach⸗ läſſigen ſchien, da war ich ſehr unglücklich, und es kam mir vor, als hätte mir dieſe ſchöne Heirath⸗ recht betrachtet, nichts als zwölfmonatliche Fröhlich⸗ keit und ausſchweifende Luſt gegeben. Ich bat Georg, ſich an ſeinen Vater zu wenden, aber er weigerte ſich; ich überredete ihn, nach einer Anſtellung ſich umzuſehen, aber er richtete nichts aus. Mein Kind kam zur Welt, und damit trat die Kriſis, welche ſo verhängnißvoll für meine Mutter geweſen war, für mich ein. Ich entging derſelben; aber ich war viel⸗ leicht nach meiner Geneſung reizbarer als ſonſt, we⸗ niger geneigt, den harten Kampf mit der Welt aus⸗ zuſechten; mehr dazu geſtimmt, über Armuth und To Vo hü Ele mi ſte Tiſ da zu als un! che mit wa me Ar rig ein get leb die bet ſie nic gel Blr ode ich n⸗ it⸗ n, nd ch⸗ m e⸗ vt, nit nd in 8 rt th, nd ür el⸗ e⸗ 18 nd 99 Vernachläſſigung zu klagen. Ich klagte wirklich eines Tags laut und bitter. Ich machte Georg Talboys Vorwürfe wegen ſeiner Grauſamkeit, daß er ein hülfloſes Mädchen zu einem Bund mit Armuth und Elend verlockt habe; und er gerieth in Zorn über mich und rannte aus dem Hauſe. Als ich am näch⸗ ſten Morgen erwachte, fand ich einen Brief auf dem Tiſchchen an meinem Bette, worin er mir erklärte, daß er zu den Antipoden gehe, um dort ſein Glück zu ſuchen, und daß er mich nie wieder ſehen würde, als bis er ein reicher Mann wäre.“ „Ich betrachtete dies als eine bösliche Flucht und nahm es bitter übel auf— ich ahndete es durch Haß gegen den Mann, der mich mit einem ſchwa⸗ chen, benebelten Vater als einzigen Beſchüzer, und mit einem Kinde, das von mir ſeinen Unterhalt er⸗ wartete, zurückgelaſſen hatte. Ich mußte hart für mein tägliches Brod arbeiten, und jede Stunde der Arbeit— und welche iſt mühſamer, als die trau⸗ rige Sclaverei einer Lehrerin?— betrachtete ich als ein beſonderes Unrecht, das mir Georg Talboys an⸗ gethan hatte. Sein Vater war reich; ſeine Schweſter lebte in Luxus und Anſehen; und ich, ſein Weib und die Mutter ſeines Sohnes, war auf immer eine an bettelhafte Armuth und niedrigen Stand gefeſſelte Sclavin. Die Leute bedauerten mich und ich haßte ſie wegen dieſes Bedauerns. Ich liebte das Kind nicht, denn es war als eine Laſt in meiner Hand gelaſſen worden. Das erbliche Uebel, das in meinem Blute gelegen, hatte ſich bis jezt durch kein Zeichen oder Merkmal verrathen; aber um jene Zeit wurde ich Anfällen von Ungeſtüm und Verzweiflung unter⸗ 100 worfen. Um jene Zeit, dünkt mir, gerieth mein Geiſt zuerſt aus dem Gleichgewicht, und zum erſten Mal überſchritt ich jene unſichtbare Linie, welche Vernunft von Wahnſinn trennt. Ich habe geſehen, wie meines Vaters Augen mit Unruhe und Schrecken auf mir weilten. Ich habe wahrgenommen, daß er mich zu beſänftigen ſuchte, wie man nur Irrſinnige und Kinder beſänftigt; und ich habe mich über ſeine freundlichen Abſichten erzürnt, ihm ſelbſt wegen ſeiner Milde gegrollt.“ „Endlich lösten ſich dieſe Anfälle von Deſpera⸗ tion in einen verzweifelten Vorſaz auf. Ich faßte den Entſchluß, dieſem elenden Heimathhauſe, welches in meiner Sclaverei ſeine Stüze hatte, zu entlaufen. Ich faßte den Entſchluß, dieſen Vater, der mich mehr fürchtete als liebte, zu verlaſſen. Ich faßte den Ent⸗ ſchluß, nach London zu gehen und mich in jenem großen Menſchenchaos zu verlieren.“ „Ich hatte ein Inſerat in den Times geleſen, ſo lang ich noch in Wildernſea war, und ſtellte mich Mrs. Vincent, von welcher daſſelbe ausging, unter einem erdichteten Namen vor. Sie nahm mich an, indem ſie auf jede Frage über mein vergangenes Leben verzichtete. Das Uebrige kennen Sie. Ich kam hieher, und Sie machten mir einen Antrag, deſſen Annahme mich auf einmal in die Sphäre er⸗ heben mußte, auf welche mein Ehrgeiz ſich ſchon ge⸗ richtet hatte, da ich noch ein Schulmädchen war und zum erſten Mal hörte, daß ich ſchön ſei.“ „Drei Jahre waren vergangen, und ich hatte noch kein⸗Zeichen von meines Mannes Exiſtenz er⸗ halten; denn ich ſchloß ganz richtig, wäre er nach he n, en ge ne en 101 England zurückgekehrt, ſo würde es ihm gelungen ſein, mich unter jedem Namen und an jedem Orte aufzufinden. Ich kannte die Energie ſeines Charak⸗ ters genugſam, um mich davon überzeugt zu halten.“ „Ich ſprach bei mir: ich habe ein Recht, zu den⸗ ken, daß er todt iſt, oder wünſcht er, daß ich ihn für todt halte, und ſein Schatten ſoll nicht zwiſchen mir und dem Glück ſtehen. Ich ſprach ſo und wurde Ihre Gattin, Sir Michael, mit dem feſten Entſchluß, ein ſo gutes Weib zu ſein, als es meiner Natur nach möglich wäre. Die gewöhnlichen Verſuchungen, welche manchen Frauen in den Weg kommen und ſie zum Schiffbruch bringen, hatten nichts Erſchreckendes für mich. Ich würde Ihr treues und reines Weib bis ans Ende des Lebens geblieben ſein, und wäre ich von einer Legion Verſucher umgeben geweſen. Die wahnſinnige Thorheit, welche die Welt Liebe nennt, hatte niemals an meinem Wahnſinn Antheil gehabt, und hier wenigſtens berührten ſich die Ex⸗ treme, und das Laſter der Herzloſigkeit wurde zur Tugend der Beſtändigkeit.“ „Ich war ſehr glücklich in dem erſten Triumph und Glanz meines neuen Standes, ſehr dankbar gegen die Hand, welche mich dazu erhoben hatte. In dem Sonnenſchein meines eigenen Glücks hatte ich, zum erſten Mal in meinem Leben, ein Gefühl für das Elend Anderer. Ich war ſelbſt arm geweſen und war jezt reich und konnte mir alſo ſchon ge⸗ ſtatten, Mitleid zu üben und die Armuth meiner Nachbarn zu lindern. Ich fand Freude an Acten der Freundlichkeit und des Wohlwollens. Ich machte meines Vaters Adreſſe ausfindig und ſchickte ihm große Geldſummen, anonym, denn ich wollte nicht, daß er entdecke, was aus mir geworden war. Ich bediente mich in vollem Maße des Privilegiums, welches Ihre Freigebigkeit mir gewährte. Ich theilte Gluck nach allen Seiten aus. Ich ſah mich ſelbſt ebenſo geliebt als bewundert; und mir dünkt, ich hätte für den Reſt meines Lebens eine gute Frau werden können, wenn das Schickſal mir erlaubt hätte, eine ſolche zu ſein.“* „Ich glaube, daß damals mein Geiſt wieder in ſein Gleichgewicht kam. Ich hatte mich ſeit meiner Entfernung von Wildernſea ſehr genau beobachtet; ich hatte mich ſelbſt im Zaum gehalten. Ich hatte mich oft, während ich im ſtillen Familienkreiſe des Doctors ſaß, neugierig gefragt, ob wohl Mr. Daw⸗ ſon jemals ein Verdacht jenes unſichtbaren Erbübels aufgeſtiegen ſein möchte.“ „Das Schickſal wollte mir nicht geſtatten, gut zu ſein. Meine Beſtimmung trieb mich, zum Böſe⸗ wicht zu werden. Einen Monat nach meiner Heirath las ich in einer der Eſſer Zeitungen von der Rück⸗ kehr eines gewiſſen Talboys, eines vermöglichen Goldſuchers, aus Auſtralien. Das Schiff war zu der Zeit, da ich den Artikel las, unter Segel ge⸗ gangen. Was war zu thun?“ „Ich habe eben geſagt, daß ich die Energie von Georgs Charakter kannte. Ich wußte, daß der Mann, welcher zu den Antipoden gegangen war und ein Vermögen für ſeine Frau erworben hatte, bei ſeinen Bemühungen, ſie aufzufinden, jeden Stein um⸗ kehren würde. Es war nuzlos, an ein Verbergen meiner Perſon vor ihm zu denken.“ m w N ge de in V cht, Ich m, ilte lbſt ich rau tte, in ner tet; atte des aw⸗ bels gut öſe⸗ rath tück⸗ ichen z ge⸗ von der und bei um⸗ ergen 103 „Wenn er nicht auf den Glauben gebracht wer⸗ den konnte, daß ich todt ſei, gab er ſeine Nachfor⸗ ſchungen nach mir niemals auf“ „Mein Kopf ſchwindelte, wenn ich an meine Ge⸗ fahr dachte. Wiederum wurde das Gleichgewicht erſchüttert; wiederum die unſichtbare Grenze über⸗ ſchritten; wiederum war ich wahnſinnig.“ „Ich begab mich nach Southampton und beſuchte meinen Vater, welcher dort mit meinem Kinde wohnte. Sie erinnern ſich, wie Mrs. Vincent's Name zur Entſchuldigung für dieſe plözliche Reiſe gebraucht wurde, und wie ich es einzuleiten wußte, daß ich dieſen Weg ohne weitere Begleitung, als die von Phöbe Marks machen konnte; ich ließ dieſelbe im Hotel zurück, während ich in meines Vaters Wohnung ging.“ „Ich vertraute meinem Vater das ganze Geheim⸗ niß meiner Gefahr. Er war nicht ſonderlich be⸗ troffen über das, was ich gethan, denn Armuth hatte vielleicht ſeinen Sinn für Ehre und Grund⸗ fäze abgeſtumpft. Er war nicht ſonderlich betroffen, aber er gerieth in Angſt; und er verſprach mir Al⸗ les zu thun, was in ſeinen Kräften ſtände, um mir in meiner ſchrecklichen Noth an die Hand zu gehen.“ „Er hatte einen Brief von Georg erhalten, der unter meiner Adreſſe nach Wildernſea gegangen und von dort an meinen Vater weiter befördert worden war. Dieſer Brief war wenige Tage vor der Ab⸗ fahrt des Argus geſchrieben worden und meldete das wahrſcheinliche Datum der Ankunſft dieſes Schiffs ————— 5 104 zu Liverpool. Dieſer Brief gab uns demnach die Richtſchnur für unſer Thun.“ „Wir entſchieden uns ſogleich für den erſten Schritt. Dieſer beſtand darin, daß an dem Tage der wahr⸗ ſcheinlichen Ankunft des Argus oder einige Tage ſpäter eine Anzeige von meinem Tode in die Times eingerückt würde.“ „Aber beinahe unmittelbar nachdem dieſer Be⸗ ſchluß gefaßt worden war, ſahen wir, daß es furcht⸗ bare Schwierigkeiten bei Ausführung eines ſo ein⸗ fachen Planes gab. Das Datum des Todes und der Ort, wo ſie ſtarb, mußte, ſo gut wie der Todes⸗ fall, angegeben werden. Georg begab ſich ohne Zweifel ſogleich nach jenem Ort, mochte er noch ſo weit entfernt, mochte er vergleichungsweiſe noch ſo unzugänglich ſein, und der ſeichte Betrug mußte ent⸗ deckt werden.“ „Ich wußte genug von ſeinem ſanguiniſchen Tem⸗ perament, ſeinem Muth, ſeiner Entſchloſſenheit und ſeiner Geneigtheit zu hoffen, ſelbſt wo jede Hoffnung eitel war, um mich überzeugt zu halten, er würde nicht eher glauben, daß ich für ihn verloren ſei, als bis er das Grab, in das ich geſenkt worden war, und meinen Todtenſchein geſehen hätte.“ „Mein Vater war völlig confus und rathlos. Er konnte nur kindiſche Thränen des Schreckens und der Verzweiflung vergießen. Er war mir in dieſer Kriſis von keinem Nuzen.“ „Ich ſelbſt wußte ebenſo wenig einen Ausgang aus dieſen Schwierigkeiten zu finden. Ich dachte bereits daran, ich müſſe mich auf das Kapitel der Zufälle verlaſſen, und begann zu hoffen, unter andern unl trã ric nd ng rde als ar, o8. ind ſer ng chte der ern 105 unbekannten Winkeln der Erde könnte auch Audley Court ſein, folglich mein Gatte ſich davon Nichts träumen laſſen.“ „Ich ſaß bei meinem Vater, trank mit ihm Thee in ſeiner elenden Spelunke und ſpielte mit dem Kind, das an meinem Kleid und meinen Juwelen ſeine Freude hatte, aber nicht das Mindeſte davon wußte, daß ich ihm etwas Anderes als eine Fremde war. Ich hatte den Knaben in meinen Armen, als eine Frau, die demſelben abwartete, erſchien und ihn holen wollte, um, wie ſie ſagte, das Kind etwas mehr her⸗ auszupuzen, damit es ſich auch vor einer Lady ſehen laſſen könnte.“ „Sie war eine übelſichtige Frau mit ſandfarbi⸗ gen Haaren, und etwa fünfundvierzig Jahre alt, und ſie ſchien ſehr froh, Gelegenheit zum Schwazen mit mir zu bekommen, ſo lang es mir beliebte, ihr Solches zu geſtatten. Sie kam jedoch bald von dem Knaben ab, um mir von ihrer eigenen Noth zu er⸗ zählen. Sie befand ſich in großer Trübſfal, erklärte ſie mir. Ihre älteſte Tochter war genöthigt ge⸗ weſen, ihre Stelle Krankheitshalber aufzugeben; wirk⸗ lich erklärte der Doctor, das Mädchen habe die Aus⸗ zehrung; und es war eine harte Aufgabe für eine arme Wittwe, welche beſſere Tage geſehen hatte, neben einer Familie von kleinen Kindern noch eine kranke Tochter erhalten zu müſſen.“ „Ich ließ die Frau lange Zeit in dieſer Weiſe fortmachen und mir von des Mädchens Krankheit, des Mädchen Alters, des Mädchen Mirturen, ſeiner Frömmigkeit, ſeinen Leiden und dergleichen mehr be⸗ richten; aber ich ſchenkte ihr keine Aufmerkſamkeit. 106 Ich hörte ſie wohl, aber nur wie aus weiter Ferne, wie ich den Verkehr auf der Straße oder das Rau⸗ ſchen des Fluſſes am Ende derſelben hörte.“ „Was ging mich die Noth dieſer Frau an? Ich hatte mein eigenes Elend, und noch viel ſchlimmerer Art, als ihre grobe Natur je ausgehalten hätte. Dergleichen Leute hatten immer kranke Männer oder kranke Kinder und erwarteten, daß bei deren Krank⸗ heiten die Reichen ihnen Beiſtand leiſten. Es war lauter alltägliches Zeug. So dachte ich und war eben im Begriff, die Frau mit einer Guinee für ihre kranke Tochter zu entlaſſen, als mir eine Idee durch den Kopf ſchoß, und zwar ſo ſchmerzhaft plöz⸗ lich, daß das Blut mir in das Gehirn ſtieg und mein Herz zu klopfen anfing, wie es nur klopft, wenn ich wahnſinnig bin.“ „Ich fragte die Frau nach ihrem Namen. Sie war eine Mrs. Plowſon und hielt einen kleinen Kramladen, ſagte ſie, und eilte nur dann und wann herüber, um nach Georgey zu ſehen und ſich zu überzeugen, daß die einzige Dienſtmagd bei allen ihren ſonſtigen Arbeiten auch gehhrige Sorge für ihn trage. Ihre Tochter hieß Matilda. Ich ſtellte meh⸗ rere Fragen an ſie über dieſe Matilda und erfuhr, daß ſie vierundzwanzig Jahre alt war, daß ſie im⸗ mer ſchwindſüchtig geweſen, und daß ſie jezt nach des Doctors Ausſage im lezten Stadium der Aus⸗ zehrung ſich befand. Er hatte erklärt, daß es kaum über vierzehn Tage mit ihr dauern würde.“ „Das Schiff, an deſſen Bord Georg Talboys war, ſollte, wie man erwartete, in drei Wochen in Merſey vor Anker gehen.“ ver wo ſor me 1 lic che lei we G li ne, au⸗ rer tte. der nk⸗ war war für dee öz⸗ und pft, Sie inen ann zu llen ihn meh⸗ uhr, im⸗ nach Aus⸗ aum 0ys nin 107 „Ich brauche nicht lang bei dieſem Handel zu verweilen. Ich beſuchte das kranke Mädchen. Sie war hübſch und ſchlank. Die Schilderung ihrer Per⸗ ſon, oberflächlich gegeben, mochte ſo ziemlich mit der meinigen zuſammenpaſſen; obwohl ſie, jene beiden Punkte ausgenommen, keinen Schatten von Aehn⸗ lichkeit mit mir hatte. Ich wurde von dem Mäd⸗ chen als eine reiche Dame, welche i einen Dienſt leiſten wollte, empfangen. Ich erkae e die Mutter, welche arm und geldgierig war, und für eine Summe Geldes, mehr als ſie je zuvor gehabt hatte einwil⸗ ligte, ſich in allen Dingen meinem Willen zu fügen. Am zweiten Tag nach meinem Erſcheinen bei dieſer Mrs. Plowſon begab ſich mein Vater nach Ventnor und miethete eine Wohnung für ſeine kranke Tochter und deren kleinen Knaben. Früh am nächſten Mor⸗ gen brachte er das ſterbende Mädchen und Georgey, welchen man durch gute Worte überredet hatte, ſie Mama zu nennen, dorthin. Sie betrat das Haus als Mrs. Talboys; ſie wurde von einem Arzt zu Ventnor als Mrs. Talboys behandelt; ſie ſtarb. und ihr Tod und Begräbniß wurden auf dieſen Na⸗ men einregiſtrirt. Die Anzeige wurde in die Times eingerückt, und am zweiten Tage nach Erſcheinen des Inſerats beſuchte Georg Talboys Ventnor und beſtellte den Grabſtein, welcher zu dieſer Stunde von dem Tode ſeines Weibes Helen Talboys Zeugniß gibt.“ Sir Michael Audley erhob ſich langſam und mit einer ſteifen, ſchmerzlichen Bewegung, als ob jedes phyſiſche Gefühl durch die einzige Empfindung des Elends zum Erſtarren gebracht worden wäre. 108 „Ich kann nicht weiter hören.“ ſprach er heiſer und flüſternd,„wenn auch noch weiter zu ſagen iſt, ich kann es nicht hören. Du, Robert, haſt wie ich erkenne, dieß alles an den Tag gebracht. Willſt Du nun auch die Pflicht übernehmen, für das Wohlbe⸗ finden und die Behaglichkeit dieſer Frau, die ich für meine Gattin gehalten, Sorge zu tragen? Ich brauche Dich nicht zu bitten, bei Allem, was Du thuſt, deſſen eingedenk zu ſein, daß ich ſie innig und treu geliebt habe. Ich kann ihr nicht Lebewohl ſagen, bis ich ohne Bitterkeit an ſie zu denken— bis ich ſie zu bemitleiden vermag; wie ich jezt bete, daß Gott dieſe Nacht Erbarmen mit ihr habe.“ Sir Michael entfernte ſich langſam aus dem Zimmer. Er getraute ſich nicht, einen Blick auf die niedergekauerte Geſtalt zu werfen. Er wollte das Geſchöpf nicht ſehen, das ihm ſo theuer geweſen war. Er begab ſich direkt nach ſeinem Ankleide⸗ kabinet, klingelte ſeinem Diener und befahl einen Kof⸗ fer zu packen und alle Vorkehrungen zu treffen, ſei⸗ nen Herrn mit dem lezten Bahnzug zu begleiten. Fünftes Capitel. Ruhe nach dem Sturm. Robert Audley folgte ſeinem Oheim in das Ve⸗ ſtibule, nachdem Sir Michael dieſe wenigen ruhigen Worte geſprochen hatte, welche wie das Todtenge⸗ läute ſeiner Hoffnung und Liebe erklangen. ſer ſt, ich Du be⸗ für che ſen ebt ich zu eſe em die das ſen ide⸗ of⸗ ſei⸗ Ve⸗ igen nge⸗ 109 Der Himmel weiß, wie ſehr der junge Mann das Erſcheinen dieſes Tages gefürchtet hatte. Er war gekommen; und obwohl es keinen großen Ausbruch von Verzweiflung, keinen Wirbelwind leidenſchaft⸗ lichen Grams, keinen lauten Sturm von Seelenangſt und Thränen gegeben hatte, ſchöpfte Robert weder Troſt noch Beruhigung aus dieſer unnatürlichen Stille. Er kannte Sir Michael Audley genugſam um zu wiſſen, daß derſelbe, den mit Widerhaken verſehenen Pfeil, den ſeines Neffen Hand abgeſchoſſen hatte, in dem gemarterten Herzen tragend, hinweg ging; er wußte, dieſe ſeltſame und eiſige Ruhe war nur die erſte Betäubung eines Herzens, welches mit einem ſo unerwarteten Leid geſchlagen worden, daß dieſes Leid eben in Folge der abſolu⸗ ten Erſtarrung von jenem eine Zeit lang ihm bei⸗ nahe unbegreiflich erſchien. Er wußte, daß, wenn dieſe düſtere Ruhe vorübergegangen war, wenn nach und nach und allmälig jeder ſchreckliche Zug des Jammers zuerſt nur in undeutlichen Umriſſen, dann aber in ſchrecklicher Nähe dem Leidenden vor Augen trat, den Sturm in verderblicher Wuth ausbrechen, und Regengüſſe von Thränen, Donnerſchlägen von Qual jenes edle Herz zerreißen würden. Robert waren Fälle zu Ohren gekommen, in welchen Männer in ſeines Oheims Alter einen gro⸗ ßen Kummer mit auffallender Ruhe, ſo wie es von Sir Michael geſchah, aufgenommen hatten; ſie wa⸗ ren hinweggegangen von denen, welche ihnen Troſt gegeben hätten, und deren Beſorgniß durch dieſes ſtille Dulden gemildert wurde, um dann zu Boden zu fallen und unter dem Schlage zu ſterben, welcher ſie 110 zuerſt nur betäubt hatte. Er gedachte an Fälle, wo Männer, ebenſo kräftig wie ſein Oheim, in der erſten Stunde der ſchrecklichen Trübſal von Lähmung oder Schlag gerührt worden waren; und er zögerte noch in dem kampenbeleuchteten Veſtibule, mit ſich ſelber zu Rathe gehend, ob es nicht ſeine Pflicht wäre, bei Sir Michael zu bleiben— im Nothfall in ſeiner Nähe zu weilen und ihn, wohin er gehen mochte, zu begleiten. Aber wäre es wohl klug, ſich dem grauköpfigen Dulder in dieſer grauſamen Stunde aufzudrän⸗ gen, wo er aus dem einzigen Wahn eines tadelloſen Lebens geweckt worden war, um zu entdecken, daß er das betrogene Opfer eines falſchen Geſichts, der Narr eines Geſchöpfs geweſen, welches zu kalt be⸗ rechnend, zu grauſam herzlos war, um ſeine eigene Abſcheulichkeit nur zu fühlen? „Nein,“ dachte Robert Audley,„ich will die Qual dieſes verwundeten Herzens nicht durch meine Gegenwart erhöhen. Demüthigung miſcht ſich hier mit bitterem Gram. Ich habe gethan, was ich für meine heilige Pflicht hielt, aber es ſollte mich nicht wun⸗ dern, wenn ich mich ſelbſt ihm auf immer verhaßt gemacht hätte. Es iſt beſſer, wenn er den Kampf allein ausſteht. Ich kann Nichts thun, um den Streit weniger furchtbar zu machen. Beſſer, er wird allein ausgefochten.“ Während der junge Mann alſo, mit der Hand an der Thüre der Bibliothek, daſtand, noch immer halb im Zweifel, ob er ſeinem Oheim folgen, oder in das Zimmer zurückkehren ſollte, wo er das noch elendere Geſchöpf gelaſſen, das er zu entlarven ſich zur die das lan von Taſ ſcho der zu jun bis Fo anz ſie lich bal um ſtre unt daſ wu ſpi bet der eine mit eine n⸗ haßt myf den vird and mer oder noch ſich 111 zur Aufgabe gemacht hatte, öffnete Alicia Audley die Thüre des Speiſeſaales, und ſein Blick drang in das altmodiſche, eichengetäfelte Gemach, fiel auf die lange, mit ſchneeweißem Leinendamaſt gedeckte und von Glas und Silbergeſchirr heiter erglänzende Tafel. „Kommt Papa zum Diner?“ fragte Miß Audley. „Ich bin ſo hungrig, und die arme Tomlins hat ſchon zweimal heraufgeſandt, um melden zu laſſen, der Fiſch werde verderben. Er muß jezt, dünkt mir, zu einer Art Fiſchleimſuppe geworden ſein,“ ſezte die junge Dame hinzu, als ſie mit der Zeitung in der Hand in das Veſtibule trat. Sie war, mit der Lektüre der Zeitung beſchäftigt, bisher am Fenſter geſeſſen und hatte auf die ältern Familienglieder gewartet, um ſich ihnen beim Diner anzuſchließen. „O, Sie ſind es, Mr. Robert Audley,“ bemerkte ſie gleichgültig.„Sie ſpeiſen doch mit uns, natür⸗ lich. Bitte, ſuchen Sie den Papa auf. Es muß bald acht Uhr ſein, und wir»ſpeiſen in der Regel um ſechs Uhr.“ Mr. Audley gab ſeiner Couſine eine ziemlich ſtrenge Antwort. Ihre frivole Manier ärgerte ihn, und er vergaß in ſeinem unvernünftigen Mißfallen, daß Miß Audley Nichts von dem ſchrecklichen Drama wußte, welches ſo lang gerade unter ihrer Naſe ge⸗ ſpielt hatte. „Deinen Papa hat eben ein ſehr großes Leid betroffen, Alicia,“ ſagte der junge Mann ernſt. An die Stelle des ſchalkhaften Lächelns trat bei dem Mädchen ſogleich ein zärtlich ernſter Blick von 112 Sorge und Angſt. Alicia liebte ihren Vater von ganzem Herzen. „Ein Leid!“ rief ſie.„Papa bekümmert! O! Robert, was iſt vorgekommen?“ „Ich kann Dir jezt Nichts ſagen, Alicia,“ ant⸗ wortete Robert mit leiſer Stimme. Bei dieſen Worten nahm er ſeine Couſine an der Hand und führte ſie in den Speiſeſaal. Er ſchloß die Thüre ſorgfältig hinter ſich, ehe er fortfuhr. „Alicia, kann ich Dir vertrauen?“ fragte er ernſt, „Mir vertrauen, in Bezug auf was?“ „Daß Du Deinem armen Vater unter einer ſchweren Trübſal Tröſterin und Freundin ſein werdeſt?“ „Ja!“ rief Alicia leidenſchaftlich.„Wie kannſt Du mich alſo fragen? Glaubſt Du, es gebe Etwas, das ich nicht gern thäte, um jeden Kummer meines Vaters zu erleichtern? Glaubſt Du, es gebe Etwas, das ich nicht dulden würde, wenn mein Dulden ihm Linderung verſchaffen könnte?“ Unaufhaltſam ſtiegen die Thränen in Miß Aud⸗ ley's helle graue Augen, als ſie ſo ſprach. „OH, Robert, Robert! Könnteſt Du ſo ſchlecht von mir denken, daß Du meinteſt, ich werde nicht ver⸗ ſuchen, meinen Vater in ſeinem Grame zu tröſten?“ ſezte ſie vorwurfsvoll hinzu. „Nein, nein, meine Liebe,“ antwortete der junge Mann ruhig,„ich habe niemals an Deiner Zunei⸗ gung, ich habe nur an Deiner Discretion gezweifelt. Darf ich darauf bauen?“ ver hat Lei vo: ihr wi Al Ri tre S nt⸗ der hloß er iner ſein nnſt vas, ines was, ihm Aud⸗ von ver⸗ en?“ unge unei⸗ ifelt. 113 „Du darfſt, Robert,“ antwortete Alicia ent⸗ ſchieden. „Gut denn, mein liebes Mädchen, ich will Dir vertrauen. Dein Vater iſt im Begriff, das Herren⸗ haus zu verlaſſen, wenigſtens auf einige Zeit. Das Leid, das er eben erduldete— ein plözlich und un⸗ vorhergeſehener Kummer, merke Dir wohl— hat ihm dieſen Ort ohne Zweifel verhaßt gemacht. Er wird weggehen; aber ſoll er allein gehen, ſoll er, Alicia?“ „Allein? o gewiß nicht. Aber ich denke, My⸗ lady—“ „Lady Audley wird nicht mit ihm gehen,“ ſagte Robert ernſt;„er iſt im Begriff, ſich von ihr zu trennen.“ „Auf eine Zeit lang?“ „Nein, auf immer.“ „Sich von ihr auf immer trennen!“ rief Alicia. „Dann wird dieſes Leid—“ „Im Zuſammenhang mit Lady Audley ſtehen. Lady Audley iſt die Urſache von Deines Vaters Bekümmerniß.“ Alicia's Geſicht, bisher blaß, bedeckte ſich mit Purpurröthe. Kummer, deſſen Urſache Mylady war — ein Kummer, welcher Sir Michael auf immer von ſeiner jungen Frau trennen ſollte! Es hatte doch kein Zank zwiſchen ihnen ſtattgefunden— es war nie etwas Anderes als Harmonie und Sonnen⸗ ſchein zwiſchen Lucy Audley und ihrem edelherzigen Gatten geweſen. Dieſer Kummer mußte alſo aus einer plözlichen Entdeckung hervorgegangen ſein; es Braddon, Lady Audley's Geheimniß. IM. 8 114 war ohne Zweifel ein mit Schmach verbundener Kummer. Robert Audley verſtand, was dieſe lebhafte Röthe ſagen wollte. „Du wirſt Dich Deinem Vater zur Begleitung anbieten, wohin er zu gehen für gut finden mag, Alicia,“ fuhr er fort.„Du biſt in einer Zeit wie dieſe ſeine natürliche Tröſterin, aber Du wirſt Dich ihm am beſten in dieſer Stunde der Prüfung be⸗ freunden, wenn Du es vermeideſt, in den Grund ſeines Leides eindringen zu wollen. Gerade der Umſtand, daß Du die Einzelheiten dieſes Leides nicht kennſt, wird eine Bürgſchaft für Deine Discretion ſein. Sprich Nichts mit Deinem Vater, was Du nicht vor zwei Jahren, ehe er ſeine zweite Frau nahm, hätteſt ſprechen können. Bemühe Dich und werde ihm das, was Du ihm geweſen, ehe die Frau in dem Zimmer dort zwiſchen Dich und Deines Va⸗ ters Liebe trat.“ „Ich will es,“ murmelte Alicia,„ich will es.“ „Du wirſt natürlich jede Erwähnung von Lady Audley's Namen vermeiden. Wenn Dein Vater oft ſchweigſam iſt, ſo habe Geduld; wenn es manchmal ſcheint, der Schatten dieſes großen Kummers werde niemals aus ſeinem Leben ſchwinden, ſo habe immer Geduld und bedenke, daß es keine beſſere Hoffnung gibt, ihn von ſeinem Gram zu heilen, als die Mög⸗ lichkeit, ſeiner Tochter Hingebung werde ihm in's Gedächtniß zurückrufen, daß es eine Frau auf Erden gibt, welche ihn treu und rein bis an ſein Ende lieben wird.“ wo wil me ehe wo ener öthe ung nag, wie Dich be⸗ rund der nicht tion Du Frau und Frau Va⸗ ady oft mal ere umer mung Nög⸗ in's rden Ende 115 „Ja, ja, Robert, lieber Couſin, ich will daran denken.“ Mr. Audley nahm zum erſten Mal, ſeitdem er ein Schulknabe geweſen war, ſeine Couſine in die Arme und küßte ſie auf ihre breite Stirne. „Liebe Alicia, thue das, und Du wirſt mich glücklich machen. Ich bin gewiſſermaßen daran ſchuld, daß dieſer Kummer über Deinen Vater ge⸗ kommen iſt. Laß mich hoffen, daß derſelbe nicht ein bleibender iſt. Verſuche es, meinem Oheim das Glück wieder zurückzugeben, Alicia, und ich will Dich inniger lieben, als jemals ein Bruder eine edel⸗ herzige Schweſter geliebt hat, und eine brüderliche Zuneigung mag vielleicht, recht betrachtet, auch ihren Werth haben, wenn ſie auch noch ſo verſchieden von Sir Harry's enthuſiaſtiſcher Verehrung iſt.“ Alicia's Haupt war geſenkt, und ihr Geſicht vor ihm verborgen, während er ſprach; aber ſie ſchaute auf, als er geendigt hatte, und ſah ihm gerade in's Geſicht, mit einem Lächeln, das nur um ſo heller erſchien, weil die Augen mit Thränen gefüllt waren. „Du biſt ein guter Burſche, Bob,“ ſagte ſie, „und es iſt recht thöricht und gottlos von mir ge⸗ weſen, daß ich Dir zürnte, weil—“ Die junge Dame ſtockte plözlich. „Warum, meine Liebe?“ fragte Mr. Audley. „Weil ich einfältig bin, Couſin Robert,“ ant⸗ wortete Alicia ſchnell;„laß es gut ſein, Bob; ich will Alles thun, was Du willſt, und es ſoll nicht mein Fehler ſein, wenn mein theurer Vater nicht, ehe viel Zeit vergeht, ſeinen Kummer vergißt. Ich wollte mit ihm, dem armen lieben Mann, bis an's 116 Ende der Welt gehen, wenn ich dächte, es komme ein Troſt für ihn bei der Reiſe heraus. Ich will gehen und mich ſogleich richten. Glaubſt Du, Papa werde noch dieſe Nacht abreiſen?“ „Ja, meine Liebe; mir dünkt, Sir Michael wird keine Nacht mehr unter dieſem Dache zubringen, und ſo mag es wohl eine Weile geſchehen. „Der Poſtzug geht zwanzig Minuten nach Neun,“ ſagte Alicia;„wir müſſen in einer Stunde von hier weg, wenn wir mit demſelben reiſen wollen. Ich werde Dich noch einmal ſehen, ehe wir aufbrechen, Robert.“ „Ja, meine Liebe.“ Miß Audley eilte auf ihr Zimmer, um ihr Kam⸗ mermädchen zu rufen und alle die nöthigen Vorkeh⸗ rungen für die plözliche Reiſe, deren ſchließliches Ziel ihr völlig unbekannt war, zu treffen. Sie ging mit Herz und Seele darauf ein, die Pflicht, welche ihr Robert auferlegt hatte, zu erfül⸗ len. Sie half bei dem Packen der Koffer und brachte ihre Zofe in troſtloſe Beſtürzung, indem ſie ſeidene Kleider in ihre Hutſchachteln und Atlasſchuhe in ihre Toilettenkäſtchen ſtopfte. Sie ſtreifte in allen ihren Zimmern herum und raffte Zeichnen⸗Materialien, Notenbücher, Stickereien, Haarbürſten, Schmuckſachen und Parfümerien zuſammen, gerade wie ſie gethan hätte, wenn ſie im Begriff geweſen wäre, nach irgend einem wilden, von allen Hülfsmitteln der Civiliſa⸗ tion entblößten Lande abzuſegeln. Dabei dachte ſie die ganze Zeit an ihres Vaters unbekannten Gram und vielleicht ein wenig an das ernſte Geſicht und die ernſte Stimme, welche ihr her Lie hir Ar der An in hef ber bie ber Dit ſtei dor gen blei zu nme will apa vird und n,“ hier Ich hen, am⸗ keh⸗ Ziel die fül⸗ chte dene ihre hren lien, chen than end liſa⸗ ters das 117 heute Nacht ihren Couſin Robert in einem neuen Lichte gezeigt hatte. Mr. Audley ſtieg nach ſeiner Couſine die Treppe hinauf und nahm ſeinen Weg nach Sir Michael's Ankleidekabinet. Er klopfte an die Thüre und horchte, der Himmel weiß wie ängſtlich auf die erwartete Antwort. Es trat eine augenblickliche Pauſe ein, in welcher das Herz des jungen Mannes laut und heftig klopfte, und dann wurde die Thüre von dem ſelbſt Robert ſah, ſeines Oheims Kammerdiener bereits eifrig mit⸗ Vorkehrungen zu ſeines Ge⸗ bieters eiliger Reiſe beſchäftigt war. Sir Michael trat auf den Corridor heraus. „Haſt Du mir noch Etwas weiter zu ſagen, Ro⸗ bert?“ fragte er ruhig. „Ich kouns nur hieher, um anzufragen, ob ich Dir bei Deinen Anordnungen behülflich ſein kann. Du gehſt mit dem Poſtzug nach London?“ „ „VU. „Haſt Du Dich ſchon entſchloſſen, wo Du ab⸗ ſteigen willſt?“ „Ja, ich bleibe in dem Clarendon⸗Hotel; ich bin dort bekannt. Iſt das alles, was Du mir zu ſa⸗ gen haſt?“ „Ja; außer daß Alicia Dich begleiten wird.“ „Alicia!“ „Sie konnte, weißt Du, eben jezt nicht wohl hier bleiben. Es iſt das Beſte für ſie, das Herrenhaus zu verlaſſen, bis—“ „Ja, ja, ich verſtehe,“ fiel der Baronet ein; ——— 118 „aber gibt es nicht einen andern Ort, wohin ſie gehen könnte— muß ſie bei mir ſein?“ „Sie könnte ſo ſchnell nirgendshin gehen; und ſie würde auch nirgends ſonſt glücklich ſein.“ „Laß' ſie alſo kommen,“ ſagte Sir Michael,„laß ſie kommen.“ Er ſprach mit ſeltſamer, gedämpfter Stimme und mit augenſcheinlicher Anſtrengung, als ob es ſchmerz⸗ lich für ihn wäre, überhaupt ſprechen zu müſſen; als ob all dieſes alltägliche Treiben des Lebens eine grauſame Marter für ihn wäre und auf ſeinen Gram ſo tief einwirkte, daß es beinahe noch ſchwerer, als dieſer ſelbſt, zu ertragen war. „Sehr wohl, mein theurer Oheim, dann iſt Alles in Ordnung; Alicia wird um neun Uhr zum Auf⸗ bruch bereit ſein.“ „Gut, gut,“ murmelte der Baronet,„laß ſie kommen, wenn ſie ſo will; das arme Kind, laß ſie kommen.“ Er ſeufzte ſchwer, als er in dieſem halb mit⸗ leidigen Tone von ſeiner Tochter ſprach. Er dachte jezt daran, wie vergleichungsweiſe gleichgültig er, um der Frau willen, die jezt in dem Zimmer unten eingeſchloſſen war, ſich gegen dieſes ſein einziges Kind gezeigt hatte. „Ich ſehe Dich noch einmal, ehe Du abreiſeſt, Oheim,“ fuhr Robert fort,„und will Dich alſo jezt verlaſſen.“ „Halt!“ ſagte Sir Michael plözlich,„haſt Du Alicia Etwas erzählt?“ Ich habe ihr Nichts geſagt, außer daß Du im A Be ver gut ſie ſein er; daß in des getl und Veſ in: boy ſen wo Geſ eine Dru fahr das ab, dert laut ſie ſie ind rz⸗ 95 ine am als les ſie ſie nit⸗ chte um ten ges ſeſt, jezt Du im 119 Begriff ſteheſt, das Herrenhaus auf einige Zeit zu verkaſſen.“ „Du biſt recht gut, mein Junge, Du biſt recht gut,“ flüſterte der Baronet mit gebrochener Stimme. Er ſtreckte ſeine Hand aus. Sein Neffe ergriff ſie mit ſeinen beiden Händen und drückte ſie an ſeine Lippen. „O! wie kann ich mir jemals verzeihen?“ ſagte er;„wie kann ich jemals aufhören, mich zu haſſen, daß ich dieſen Gram über Dich gebracht habe.“ „Nein, nein, Robert, Du haſt recht gethan— Du haſt recht gethan; ich wünſche nur, Gott hätte in ſeiner Barmherzigkeit vor dieſer Nacht mein elen⸗ des Leben von mir genommen; aber Du haſt recht gethan.“ Sir Michael kehrte in ſein Ankleidekabinet zurück, und Robert begab ſich langſam wieder nach dem Veſtibule. Er hielt auf der Schwelle des Gemachs an, in welchem er Lucy, Lady Audley, ſonſt Helen Tal⸗ boys, das Weib ſeines verlorenen Freundes gelaſ⸗ ſen hatte. Sie lag auf dem Fußboden, an derſelben Stelle, wo ſie, zu ihres Gatten Füßen niedergekauert, die Geſchichte ihrer Schuld erzählt hatte. Ob ſie in einer Ohnmacht lag, oder ob ſie unter dem troſtloſen Druck ihres Elends niedergebeugt war, das zu er⸗ fahren, kümmerte Robert kaum. Er trat wieder auf das Veſtibule hinaus und ſchickte einen der Diener ab, nach ihrer Zofe zu ſehen, der gepuzten, bebän⸗ derten Jungfer, welche beim Anblick ihrer Gebieterin laut ihrer Verwunderung und Beſtürzung Luft machte. „Lady Audley iſt ſehr unwohl,“ ſagte er;„brin⸗ 120 gen Sie dieſelbe auf iht Zimmer und ſehen Sie zu, daß ſie es dieſe Nacht nicht verläßt. Sie werden die Güte haben, in ihrer Nähe zu bleiben, aber ſprechen Sie nicht mit ihr und dulden Sie nicht, daß ſie ſich durch Sprechen aufregt.“ Mylady war nicht in Ohnmaocht gefallen; ſie geſtattete der Zofe, ihr Beiſtand zu leiſten, und er⸗ hob ſich vom Boden, auf welchem ſie ausgeſtreckt war. Ihr goldenes Haär fiel in loſen, wirren Maſſen auf Hals und Schulter von Elfenbein; Ge⸗ ſicht und Lippen waren farblos; ihre Augen ſchreck⸗ lich in deren unnatürlichem Lichte. „Bringt mich hinweg,“ ſagte ſie,„und laßt mich ſchlafen! Laßt mich ſchlafen, denn mein Gehirn iſt in Feuer.“ Als ſie das Zimmer mit ihrer Zofe verließ, wandte ſie ſich um und ſchaute Robert an. „Iſt Sir Michael fort?“ fragte ſie. „Er reist in einer halben Stunde ab.“ „Es iſt kein Menſchenleben bei der Feuersbrunſt in Mount Stanning verloren gegangen?“ „Nein.“ „Das freut mich.“ „Der Inhaber des Hauſes, Marks, iſt ſchrecklich verbrannt und er liegt in ſehr bedenklichem Zu⸗ ſtande in der Hütte ſeiner Mutter; aber er kann davon kommen.“ „Das freut mich— es iſt mir lieb, daß kein Menſchenleben verloren gegangen. Gute Nacht, Mr. Audley.“ „Ich kann im Laufe des nächſten Morgens Sie eine halbe Stunde ſprechen, Mylady?“ Aud Cou zu, rden aber licht, ſe er⸗ reckt rren reck⸗ mich niſt ließ, unſt klich Zu⸗ kann kein Mr. Sie 121 „Wenn es Ihnen beliebt. Gute Nacht.“ „Gute Nacht.“ Sie entfernte ſich, ruhig auf ihrer Zofe Schulter gelehnt, und ließ Robert in einem Gefühl ſeltſamer, ihm ſehr peinlicher Verwirrung zurück. Er ſezte ſich an dem breiten Herde nieder, auf welchem eben die heiße rothe Aſche verglimmte, und dachte halb erſtaunt über den Wechſel in dem alten Hauſe nach, welches bis zu dem Tage des Verſchwin⸗ dens von ſeinem Freunde eine ſo angenehme Hei⸗ math für Alle geweſen, die unter dem gaſtfreund⸗ lichen Dache geweilt hatten. Jezt ſaß er ſinnend an dem verödeten Herde und ſuchte zu einem Ent⸗ ſchluß darüber zu gelangen, was in dieſer plözlichen Kriſis geſchehen ſollte. So ſaß er rath⸗ und machtlos, ohne zu wiſſen, welchen Weg er zunächſt einſchlagen ſollte, in düſterer Träumerei, aus welcher er durch das Knarren der Räder eines an der kleinen Thurmthüre vorfahren⸗ den Wagens geweckt wurde. Die Standuhr im Veſtibule ſchlug Neun— als Robert die Thüre der Bibliothek öffnete. Alicia war eben mit ihrer Zofe, einem roſenwangigen Landmädchen, die Treppe herabgekommen. „Lebe wohl, Robert,“ ſagte Miß Audley, indem ſie ihrem Couſin die Hand reichte,„lebe wohl, Gott ſegne Dich! Du kannſt Dich darauf verlaſſen, daß ich für Papa Sorge tragen werde.“ „Ich weiß es. Gott ſegne Dich, meine Liebe.“ Zum zweiten Mal in dieſer Nacht drückte Robert Audley ſeine Lippen auf die offene Stirne ſeiner Couſine; und zum zweiten Mal trug dieſe Umar⸗ mung eher einen brüderlichen oder väterlichen Cha⸗ rakter, als den Ausdruck eines Entzückens, welches ſich kund gegeben hätte, wenn Sir Harry Towers zu dem Vollzug derſelben privilegirt geweſen wäre. Es war fünf Minuten nach neun Uhr, als Sir Michael die Treppe herabkam, gefolgt von ſeinem Kammerdiener, ernſt und grauhaarig wie er ſelbſt. Der Baronet war blaß, aber ruhig und gefaßt. Die Hand, welche er ſeinem Neffen reichte, war kalt wie Eis, aber mit feſter Stimme nahm er von dem jungen Mann Abſchied. „Ich laſſe Alles in Deinen Händen, Robert,“ ſprach er, als er ſich umwandte, das Haus zu ver⸗ laſſen, wo er ſo lang gelebt hatte.„Ich wollte das Ende nicht anhören, aber ich habe genug gehört. Der Himmel weiß, ich brauchte nicht mehr zu hören. Ich überlaſſe Dir Alles, aber Du wirſt nicht grau⸗ ſam ſein— Du wirſt Dich erinnern, wie lieb ich—“ Seine Stimme brach, ehe er den Satz ausſpre⸗ chen konnte. „Ich will Deiner in allen Dingen eingedenk ſein, Oheim,“ antwortete der junge Mann.„Ich werde Alles aufs Beſte zu machen ſuchen.“ Ein verrätheriſcher Thränennebel blendete ihn und verbarg ihm ſeines Oheims Geſicht, und in der nächſten Minute war der Wagen abgefahren, und Robert Audley ſaß allein in dem dunkeln Bücher⸗ zimmer, wo nur ein rother Funke unter der blaß⸗ grauen Aſche leuchtete. Er ſaß allein da, überle⸗ end, was er zu thun hätte, und mit der traurigen Verantwortlichkeit für das Schickſal einer gottloſen Frau auf ſeinen Schultern. Go das tem Ve mic bek ſein nich mid giſc Kar im die gen Er was thur ten, mäc ſo 6 ihn thek Aud Er ſ Cout nes griff ha⸗ ches vers äre. Sir nem lbſt. Die wie dem rt ver⸗ das ört. ren. rau⸗ —. ſpre⸗ ſein, ere ihn der und cher⸗ blaß⸗ ere⸗ rigen loſen 123 „Guter Himmel,“ dachte er,„das iſt gewiß Gottes Gericht über das zweckloſe, unſtete Leben, das ich bis zum Siebenten des vergangenen Sep⸗ tembers geführt habe. Gewiß iſt dieſe ſchreckliche Verantwortlichkeit mir auferlegt worden, damit ich mich unter die beleidigte Vorſehung demüthige und bekenne, daß ein Menſch nicht im Stande iſt, ſelbſt ſein Leben nach Gefallen zu beſtimmen. Er kann nicht ſagen, ich will das Daſein leicht nehmen und mich fern halten von den elenden, mißleiteten, ener⸗ giſchen Geſchöpfen, welche ſo eifrig in dem großen Kampfe mitſtreiten. Er kann nicht ſagen, ich will im Zelte bleiben, ſo lang das Gefecht dauert, und die Narren verlachen, welche in dem nuzloſen Rin⸗ gen zu Boden geſchlagen werden.“ Er kann es nicht. Er kann nur demüthig und mit Beſorgniß das thun, was der Schöpfer, der ihn ins Daſein rief, ihm zu thun angewieſen. Hat er einen Kampf auszufech⸗ ten, ſo mag er es getreulich thun; aber wehe ihm, ſo er ſich verborgen hält, wenn ſein Name in der mächtigen Muſterungsrolle gerufen wird; wehe ihm, ſo er ſich im Zelte verſteckt, wenn die Lärmglocke ihn auf den Schauplatz des Krieges ruft!“ Einer der Diener brachte Lichter in die Biblio⸗ thek und ſchürte das Feuer wieder an; aber Robert Audley rührte ſich nicht auf ſeinem Plaz am Herde. Er ſaß da, wie er oft in ſeinem Zimmer in Figtree Court geſeſſen war, die Elbogen auf die Arme ſei⸗ nes Lehnſeſſels geſtüzt, und das Kinn in der Hand. Aber er erhob den Kopf, als der Diener im Be⸗ griff war, das Zimmer zu verlaſſen. 124 „Kann ich ein Telegramm von hier nach London abgehen laſſen?“ fragte er. „Von Brentwood aus kann es geſchehen, Sir,— aber nicht von hier.“ Mr. Audley blickte nachdenklich auf ſeine Uhr. „Einer der Diener kann nach Brentwood reiten, Sir, wenn Sie eine Botſchaft abgehen laſſen wollen.“ „Das iſt allerdings mein Wunſch; wollen Sie es für mich beſorgen, Richards?“ „Gewiß, Sir.“ „Sie können warten, bis ich die Botſchaft ge⸗ ſchrieben habe?“ Eir.“ Der Diener brachte Schreibmaterialien von einem der Seitentiſche herbei und legte ſie vor Mr. Aud⸗ ley hin. Robert tauchte die Feder in die Tinte und ſtarrte einige Augenblicke gedankenvoll auf eines der Lich⸗ ter, ehe er zu ſchreiben begann. Die Botſchaft lautete alſo: „Von Robert Audley, von Audley Court in Eſſer, an Francis Wilmington von Paper Buildings im Tempel.“ „Lieber Wilmington, kennſt Du einen Arzt, der in Fällen von Wahnſinn erfahren iſt, und dem man ein Geheimniß anvertrauen kann, ſo ſei ſo gut und ſchicke mir deſſen Adreſſe durch den Telegraphen.“ Mr. Audley ſchlug das Schriftſtück in ein ſtar⸗ kes Couvert ein, verſiegelte es und übergab es dem Diener mit einer Guinee. „Sie werden dafür ſorgen, Richards, daß dieß einer zuverläſſigen Perſon übergeben wird,“ ſagte er; der ſoll cher hat ha die her: des die Leit thet Lebe Mic Reiſ war Klat Mr. der Abſi ihn ſich Botſ um ſamn wede nem lud⸗ rrte Lich⸗ tin ings der man und ſtar⸗ dem dieß agte 125 er;„der Mann ſoll auf der Station die Rückkehr der Botſchaft erwarten. In anderthalb Stunden ſollte er ſie haben.“ Mr. Richards, welcher Robert Audley in Jäck⸗ chen und mit umgeſchlagenem Hemdkragen gekannt hatte, ging ab, um ſeinen Auftrag zu vollziehen. Der Himmel verhüte, daß wir ihm in die be⸗ hagliche Geſindehalle des Herrenhauſes folgen, wo die geſammte Dienerſchaft um das brennende Feuer herumſaß und in äußerſter Beſtürzung die Ereigniſſe des Tages beſprach. Nichts konnte der Wahrheit entfernter liegen, als die Muthmaßungen dieſer würdigen Leute; welchen Leitfaden hatten ſie zu dem Myſterium des Biblio⸗ thekzimmers, wo eine ſchuldige Frau, knieend zu den Füßen ihres Herrn, die Geſchichte ihres ſündhaften Lebens erzählt hatte? Sie wußten nur, was Sir Michaels Kammerdiener ihnen von dieſer plözlichen Reiſe geſagt hatte; wie ſein Gebieter leichenblaß war, und mit ſeltſamer Stimme, die gar nicht den Klang wie ſonſt hatte, ſprach und wie man ihn— Mr. Parſons, den Kammerdiener— mit einer Fe⸗ der hätte niederwerfen können, wenn Jemand die Abſicht gehabt hätte, mit einer ſo ſchwachen Waffe ihn zu Fall zu bringen. Die weiſen Häupter in der Geſindehalle ſprachen ſich dahin aus, Sir Michael müſſe eine plözliche Botſchaft durch Mr. Robert— ſie waren ſchlau genug, um den jungen Mann mit der Kataſtrophe in Zu⸗ ſammenhang zu bringen— erhalten haben— ent⸗ weder von dem Tode eines nahen und theuren Ver⸗ wandten— die ältern Diener decimirten die Fa⸗ 126 milie Audley bei ihren Bemühungen, einen ſolchen Verwandten aufzufinden— oder von irgend einem beunruhigenden Sinken in den Fonds, oder von dem Mißlingen einer Spekulation, oder dem Fall einer Bank, bei welcher der größere Theil von des Baro⸗ nets Geld angelegt war. Die allgemeine Meinung neigte ſich dem Foll einer Bank zu, und jedes Mit⸗ glied der Geſellſchaft ſchien an dieſer Vorſtellung eine elende rabenmäßige Freude zu finden, obwohl ein ſolcher Gedanke bei der allgemeinen Auflöſung des Haushaltes auch ihren eigenen Untergang mit⸗ einſchloß. Robert ſaß an dem traurigen Herde, der nicht minder traurig erſchien, auch als die Flamme eines großen Holzfeuers flackernd in den weiten Kamin aufſtieg, und horchte auf das leiſe Klagen des März⸗ windes, der um das Haus wehte und den ſchauern⸗ den Epheu von den Mauern, die er ſchirmte, em⸗ porhob. Er war müde und erſchöpft, denn er war um zwölf Utzr dieſen Morgen durch den heißen Odem der flammenden Balken und das ſcharfe Krachen des brennenden Holzwerks aus dem Schlafe geweckt worden. Aber ohne ſeine Geiſtesgegenwart und kalte Entſchloſſenheit wäre Mr. Lukas Marks eines ſchreck⸗ lichen Todes geſtorben. Er trug noch die Spuren der nächtlichen Gefahr an ſich, denn das dunkle Haar war auf der einen Seite ſeiner Stirne ver⸗ ſengt worden, und ſeine linke Hand war roth und entzündet in Folge der glühenden Atmoſphäre, aus welcher er den Wirth der Schloßſchenke hinwegge⸗ ſchleppt hatte. Er war völlig erſchöpft von Stra⸗ S=— abe er. Die ſo ſollt frag olchen einem dem einer Baro⸗ inung Mit⸗ ellung bwohl öſung mit⸗ nicht eines damin März⸗ ern⸗ „em⸗ rum Odem achen eweckt kalte hreck⸗ puren unkle ver⸗ n „aus em⸗ Stra⸗ 127 pazen und Aufregung und verſank in ſeinem Lehn⸗ ſtuhl vor dem hellen Feuer in einen ſchweren Schlaf, aus welchem er erſt bei dem Eintritt von Mr. Richards mit der Antwort auf ſeine Botſchaft erwachte. Dieſe Antwort war ſehr kurz. „Lieber Audley, immer erfreut, Dir zu dienen. Alwyn Mosgrave, M. D.*) 12, Saville Row. Gott befohlen.“ Dieß, mit Namen und Adreſſen, war Alles, was ſie enthielt. „Ich ſollte eine andere Botſchaft morgen früh nach Brentwood überbringen laſſen, Richards,“ ſagte Mr. Audley, als er das Telegramm zuſammenlegte. „Es wäre mir lieb, wenn der Mann vor dem Früh⸗ ſtück hinüber reiten würde. Er ſoll einen halben Souverain für ſeine Mühe haben.“ Mr. Richards verbeugte ſich. „Ich danke Ihnen, Sir— nicht nöthig, Sir; aber wie es Ihnen beliebt, natürlich, Sir,“ murmelte er.„Um welche Stunde wünſchen Sie, daß der Diener abgehe?“ Mr. Audley meinte, ſo früh als möglich; und ſo wurde beſtimmt, daß er um ſechs Uhr abgehen ſollte. „Mein Zimmer iſt gerichtet, denke ich, Richards?“ fragte Robert. „Ja, Sir— Ihr altes Zimmer.“ „Sehr wohl. Ich will ſogleich zu Bette gehen. *) Medicinae Doctor. A. d. U. ——— zu denken— ſchwach genug, ſeine Phantaſie hinweg 128 Bringen Sie mir ein Glas Grog, ſo heiß als mög⸗ lich, und warten Sie auf das Telegramm.“ Die zweite Botſchaft war nur ein ſehr ernſtliches Erſuchen an Doctor Mosgrave, auf der Stelle in einer wichtigen Angelegenheit einen Beſuch zu Aud⸗ ley Court zu machen. Nachdem dieſe Botſchaft geſchrieben war, fühlte hat Mr. Audley, daß er Alles, was in ſeinen Kräften ſtand, gethan hatte. Er trank ſeinen Grog. Er bedurfte wirk⸗ frie lich des verdünnten Alcohols, denn er war durch ſeine Abenteuer während des Brandes beinahe bis ins Mark hinein erſtarrt geweſen. Er ſchlürfte langſam die blaßgoldene Flüſſigkeit und dachte an Klara Talboys, jenes ernſte Mädchen, die nun ihres Bruders Ge⸗ dächtniß gerächt, die ihres Bruders Mörderin in den Staub geworfen ſah. 2 Hatte ſie von dem Feuer in dem Schloßwirths hauſe gehört? Wie war es anders möglich, als daß 1 ſie an einem Orte wie Mount Stanning davon hörte? Aber hatte ſie erfahren, daß er in Gefahr geweſen, und daß er ſich bei der Rettung eines trunkenen Bauern ausgezeichnet hatte? Ich fürchte, daß ſelbſt an dieſem öden Herde ſizend, unter dem Dache weilend, deſſen edler Be⸗ ſizer aus dem eigenen Hauſe ſich verbannt hatte, Robert Audley ſchwach genug war, an dergleichen zu den traurigen Tannen unter dem kalten Februar⸗ himmel und zu den dunkelbraunen Augen, welche denen ſeines verlorenen Freundes ſo ähnlich waren, wandern zu laſſen. S Sechstes Capitel. Dr. Mosgrave's Rath. Aud Mylady ſchlief. Die lange Winternacht hindurch ühlte hatte ſie geſund geſchlafen. Verbrecher haben oft tand, ſo ihren lezten Schlaf auf Erden geſchlafen und ſind with friedlich ſchlummernd von dem Kerkermeiſter, der ſie ſeine zu wecken kam, gefunden worden. Rark Das Spiel war geſpielt und verloren worden. bi Ich glaube nicht, daß Mylady eine Karte weg⸗ boys, geworfen oder einen Stich zu machen ermangelt Ge⸗ hatte, der für ſie irgend möglich war; aber ihres Begners Karten waren für ſie zu mächtig geweſen, Fund er hatte gewonnen. Sie war jezt ruhiger geſtimmt, als ſie es je ge⸗ weſen ſeit jenem Tage— ſo bald nach ihrer zweiten S Verheirathung— an welchem ſie die Anzeige von fahr der Rückkehr Georg Talboys aus dem Goldfeldern eites Auſtraliens geleſen hatte. Sie konnte jezt ruhen, denn man wußte nun das Schlimmſte von ihr. Es erde waren keine neuen Entdeckungen mehr zu machen. . Sie hatte die furchtbare Bürde eines faſt unerträg⸗ atte lichen Geheimniſſes von ſich geworfen, und ihre ſelbſt⸗ ichen ſüchtige, zärtliche Natur hatte wieder die Oberhand über ſie gewonnen. Sie ſchlief, friedlich in ihrem Flaumbette eingeneſtelt, unter der weichen Hülle elch eiper ſeidenen Decke und in dem Schatten der grü⸗ nen Sammetumhänge. Sie hatte ihrer Zofe gebo⸗ ten, auf einem niedern Sopha in demſelben Zimmer Braddon, Lady Audley's Geheimniß. II. 9 130 ſich zur Ruhe niederzulegen und die Lampe die ganze Nacht brennen zu laſſen. Dieß that ſie aber, wie ich denke, nicht deßhalb, weil ſie ſich vor ſchattenhaften Erſcheinungen in den ſtillen Stunden der Nacht fürchtete. Sie war von Grund aus allzu ſelbſtſüchtig, als daß ſie ſich ſon⸗ derlich um Etwas kümmerte, was ihr Nichts anha⸗ ben konnte, und ſie hatte niemals von einem Geiſt gehört, der Jemand wirklich und handgreifliches Leid angethan hätte. Sie hatte Robert Audley gefürch⸗ tet, aber ſie fürchtete ihn nicht mehr. Er hatte das Schlimmſte gethan, was er vermochte, ſie wußte, daß er Nichts weiter thun konnte, ohne ewige Schmach auf den Namen, den er verehrte, zu bringen. „Sie werden mich wohl irgendwohin ſchaffen,“ dachte Mylady;„das iſt das Aergſte, was ſie mit mir anfangen können.“ Sie betrachtete ſich als eine Art Staatsgefan⸗ gene, für welche man gute Sorge zu tragen hätte; als eine zweite eiſerne Maske, welche an irgend einem behaglichen Verwahrungsort untergebracht wer⸗ den ſollte. Sie gab ſich einer kalten Gleichgültig⸗ teit hin. Sie hatte hundert Leben in dem Zeitraume der wenigen leztverfloſſenen Tage ihrer Exiſtenz ver⸗ lebt und ihre Fähigkeit zu leiden wenigſtens auf einige Zeit erſchöpft. Sie trank am nächſten Morgen eine Taſſe ſtar⸗ ten grünen Thee's und genoß dazu einige Stückchen geröſteter Butterſchnitte mit derſelben Miene ruhiger Gelaſſenheit, wie ſie bei armen Sündern vorkommt, welche ihr leztes Mahl zu ſich nehmen, während die Ker Fra den that nah Hac gen betr des Bli ſich Ger Pro wei nze alb, den von ſon⸗ ha⸗ eiſt Leid irch⸗ das ßte, wige zu fen,“ mit efan⸗ ätte; gend wer⸗ tig⸗ aume ver⸗ auf ſtar⸗ ckchen higer mmt, id die 131 Kerkerknechte darauf Acht geben, daß ſie nicht einige Fragmente von dem Töpfergeſchirr verſpeiſen, oder den Theelöffel verſchlucken oder irgend eine Gewalt⸗ that verüben, welche zum Zweck hat, den Händen von Mr. Jack Ketch*) zu entgehen. Sie frühſtückte, ſie nahm ihr Morgenbad und trat mit parfümirtem Haare und in der ausgeſuchteſt nachläſſigen Mor⸗ gentoilette aus ihrem luxuriöſen Ankleidekabinet. Sie betrachtete rings herum die koſtbaren Geräthſchaften des Gemachs mit einem zögernden, ſchmerzvollen Blick, aber nicht eine zärtliche Erinnerung wandte ſich dem Manne zu, der die Ausſchmückung dieſes Gemachs angeordnet und in jedem der koſtbaren Spielzeuge, die mit rückſichtslos verſchwenderiſcher Pracht hier zerſtreut waren, ihr einen ſtummen Be⸗ weis ſeiner Liebe zu Füßen gelegt hatte. Mylady dachte nur, wie viel dieſe Dinge gekoſtet hatten, und welche traurige Wahrſcheinlichkeit vorhanden war, daß das luxuriöſe Gemach ihr bald nicht mehr gehören würde. Sie beſah ſich ſelbſt in dem Drehſpiegel, ehe ſie das Zimmer verließ. Eine lange Nachtruhe hatte die zurten Roſentinten ihrer Geſichtsfarbe und den natürlichen Glanz ihrer blauen Augen wiederherge⸗ ſtellt. Das unnatürliche Licht, welches den Tag zuvor ſo furchtbar darin gebrannt hatte, war verſchwunden, und Mylady lächelte triumphirend, als ſie das Ab⸗ bild ihrer Schönheit betrachtete. Die Zeiten waren ſ. v. a. Henker. Ketch heißt ſonſt Tonne, auf welche man den Verurtheilten, in Ermangalung des Galgens, ſtellte und her⸗ nach den Boden unter ſeinen Füßen wegzog. A. d. U. 132 vorüber, wo ihre Feinde ſie mit weißglühenden Ei⸗ ſen hätten brandmarken und die Reize, welche ſo viel Unheil angeſtiftet, vernichten können. Was ſie auch thun mochten, dachte ſie, ihre Schönheit muß⸗ ten ſie ihr laſſen. Selbſt im ſchlimmſten Fall be⸗ ſaßen ſie doch nicht die Macht, ihr dieſe zu rauben. Der Märztag war hell und ſonnig, wenn auch der Sonnenſchein wenig Freude brachte. Mylady hüllte ſich in einen indiſchen Shawl, einen Shawl, der Sir Michael hundert Guineen gekoſtet hatte. Mir dünkt, ſie hatte ſo eine Idee, daß es gut ſein würde, dieſes koſtbare Kleidungsſtück anzulegen; wenn man etwa plözlich ſie bei Seite ſchaffte, konnte ſie wenigſtens eines ihrer Beſizthümer mit ſich nehmen. Wenn man bedenkt, wie viel ſie für ein ſchönes Haus und prächtige Möbel, für Wagen und Pferde, Juwelen und Spizen gewagt hatte, ſo wird man ſich nicht wundern, daß ſie in der Stunde der Trübſal ſich mit ſo verzweifelter Beharrlichkeit an Tand und Flitter anklammerte. Wäre ſie an der Stelle von Judas geweſen, ſie hätte ihre dreißig Silberlinge bis zum lezten Augenblick ihres ſchmachvollen Le⸗ bens feſtgehalten. Mr. Robert Audley frühſtückte in dem Bücher⸗ zimmer. Er blieb lang bei ſeiner einſamen Taſſe Thee ſizen, rauchte ſeine Meerſchaumpfeife und über⸗ ließ ſich unbeſtimmtem Nachſinnen über die vor ihm liegende Aufgabe. „Ich will an die Erfahrung dieſes Doctor Mos⸗ grave appelliren,“ dachte er,„Aerzte und Advokaten ſind die Beichtväter dieſes proſaiſchen neunzehnten ber⸗ ihm tos⸗ ten tten 133 Jahrhunderts. Er iſt gewiß im Stande, mir zu helfen.“ Der erſte Schnellzug von London langte zu Aud⸗ ley um halb eilf Uhr an, und fünf Minuten vor Eilf meldete Richards, der ernſte Diener, Doctor Alwyn Mosgrave an. Der Arzt von Saville Row war ein hochgewach⸗ ſener Mann von etwa fünfzig Jahren. Er war ma⸗ ger und gelblich, hatte eingefallene Wangen und Au⸗ gen von ſchwachem Blaßgrau, welche ausſahen, als ob ſie einſt blau geweſen, aber im Laufe der Zeit zu ihrer gegenwärtigen neutralen Farbe abge⸗ bleicht wären. Wie mächtig auch die Wiſſenſchaft der Medicin ſein mochte, worüber Dr. Alwyn Mos⸗ grave verfügte, ſie war doch nicht im Stande ge⸗ weſen, Fleiſch auf ſeine Knochen, oder eine gewiſſe Heiterkeit in ſein Geſicht zu bringen. Er hatte eine auffallend ausdrucksloſe und doch zugleich eine auf⸗ fallend aufmerkſame Miene. Er beſaß das Ausſehen eines Mannes, der den größern Theil ſeines Lebens damit, daß er andere Leute anhörte, zugebracht und ſchon beim Beginn ſeiner Laufbahn ſeiner eigenen Individualität, ſeinen eigenen Leidenſchaften entſagt hatte. Er verbeugte ſich vor Robert Audley, nahm auf einen Wink ihm gegenüber Platz und richtete ſein bedächtiges Auge auf den jungen Rechtsgelehrten. Robert hemerkte, wie der Blick des Arztes auf einen Moment den ruhigen Schein der Aufmerkſamkeit ver⸗ lor und ernſt und forſchend wurde. „Er iſt neugierig, ob ich der Patient bin,“ dachte ———————— —.————————— ₰ 134 Mr. Audley,„und ſucht nach den Kennzeichen von Wahnſinn in meinem Geſichte.“ Dr. Mosgrave begann, gleichſam als hätte er auf dieſen Gedanken die Antwort geben wollen: „Es ſind nicht ihre eigenen— Geſundheitsum⸗ ſtände— um deren willen Sie ſich bei mir Raths erholen wollen?“ ſagte er im Ton der Frage. „O nein!“ Dr. Mosgrave ſah auf ſeine Uhr, einen fünfzig Guineen werthen Chronometer von Benſon, welche er frei in ſeiner Weſtentaſche ſo nachläſſig trug, als ob es eine Kartoffel geweſen wäre. „Ich brauche Sie nicht daran zu erinnern, daß meine Zeit koſtbar iſt,“ ſagte er;„Ihr Telegramm benachrichtigte mich, daß meine Dienſte in einem Fall von— Gefahr— wie ich verſtehe, begehrt würden, ſonſt wäre ich nicht noch dieſen Morgen hieher gekommen.“ Robert Audley hatte düſter und unſchlüſſig da⸗ rüber, wie er das Geſpräch beginnen ſollte, in das Feuer geſehen, alſo dieſer Erinnerung an die Ge⸗ genwart des Arztes wohl bedurft. „Sie ſind ſehr gütig, Dr. Mosgrave,“ ſagte er, mit einer gewaltſamen Anſtrengung ſich faſſend,„und ich danke Ihnen ſehr dafür, daß Sie meinem Rufe entſprochen haben. Ich bin im Begriff, mich an Sie in einer Sache zu wenden, welche mir peinlicher iſt, als Worte zu beſchreiben vermögen. Ich bin im Begriff, in einem höchſt ſchwierigen Fall Ihren Rath anzuflehen, und vertraue beinahe blindlings auf Ihre Erfahrung, daß ſie mich und Andere, die mir ſehr theuer ſind, aus einer grauſamen und perwickelten Lage befreien.“ Ge gre ſar Be Sc ſog in ein der lich Beg nich ver von er um⸗ ths fzig lche als daß mm Fall onſt i da⸗ das Ge⸗ er, und ue Sie iſt, im ath hre ehr ten 135 Die geſchäftsmäßige Aufmerkſamkeit in Dr. Mos⸗ grave's Geſicht erhöhte ſich zu einem Blick ber Theil⸗ nahme, während er Robert Audley zuhörte. „Die Enthüllung, welche ein Patient ſeinem Arzte macht, iſt, glaube ich, ebenſo heilig, wie die Beichte eines Beichtenden gegenüber von ſeinem Prieſter?“ fragte Robert ernſt. „Ebenſo heilig.“ „Ein feierliches Vertrauen, das unter keinen Umſtänden verlezt wird?“ „Gewiß.“ Robert Audley ſchaute wieder in das Feuer. Wie viel oder wie wenig ſollte er von der dunkeln Geſchichte der zweiten Frau ſeines Oheims erzählen? „Man hat mir zu verſtehen gegeben, Dr. Mos⸗ grave, daß Sie einen großen Theil Ihrer Aufmerk⸗ ſamkeit der Behandlung von Irrſinn gewidmet haben.“ „Ja, meine Praxis iſt beinahe gänzlich auf die Behandlung von Geiſteskrankheiten beſchränkt.“ „Wenn dem ſo iſt, dünkt mir, darf ich wohl den Schluß ziehen, daß Ihnen manchmal ſeltſame und ſogar ſchreckliche Enthüllungen gemacht worden ſind.“ Dr. Mosgrave verbeugte ſich. Er ſah aus, wie ein Mann, der wohlverſchloſſen in ſeiner leidenſchaftsloſen Bruſt die Geheimniſſe einer ganzen Nation hätte tragen können, ohne von der Laſt einer ſolchen Bürde irgend eine Unbequem⸗ lichkeit zu empfinden. „Die Geſchichte, die ich Ihnen zu erzählen im Begriff bin,“ begann Robert nach einer Pauſe,„iſt nicht meine eigene Geſchichte; Sie werden mir alſo vergeben, wenn ich Sie noch einmal daran erinnere, 136 wie ich dieſelbe nur unter dem Vorbehalt enthülle, daß dieſes Vertrauen unter keiner noch ſo ſcheinbaren Berechtigung verrathen wird.“ Dr. Mosgrave verbeugte ſich wieder; ein wenig ſtrenger diesmal vielleicht. „Ich bin ganz Aufmerkſamkeit, Mr. Audley,“ ſagte er kalt. Robert Audley zog ſeinen Seſſel näher zu dem des Arztes und begann mit leiſer Stimme die Ge⸗ ſchichte, welche Mylady vergangene Nacht in dem⸗ ſelben Zimmer auf ihren Knieen erzählt hatte. Dr. Mosgrave's horchendes Geſicht, ſtets dem Spre⸗ cher zugewendet, verrieth kein Erſtaunen bei der ſeltſamen Enthüllung. Er lächelte einmal— ein ernſtes, ruhiges Lächeln— als Mr. Audley auf den Theil der Geſchichte kam, welcher von der Ver⸗ ſchwörung zu Ventnor handelte, war aber nicht er⸗ ſtaunt. Robert Audley endete ſeine Geſchichte an dem Punkte, wo Sir Michael Audley Mylady's Bekennt⸗ niß unterbrochen hatte. Er erzählte nichts von dem Verſchwinden Georg Talboys', ebenſo wenig von dem ſchrecklichen Verdacht, der aus dieſem Verſchwinden erwachſen war. Er erzählte nichts von dem Brande in dem Schloßwirthshaus. Dr. Mosgrave ſchüttelte ernſt den Kopf, als Mr. Audley an das Ende ſeiner Geſchichte kam. „Sie haben mir nichts weiter zu erzählen?“ ſagte er. „Nein; ich glaube nicht, daß Weiteres zu er⸗ zählen nothwendig iſt,“ antwortete Robert ziemlich ausweichend. ille, ren nig , dem Ge⸗ em⸗ tte. pre⸗ der ein auf zer⸗ er⸗ dem ant⸗ dem dem den nde als 1 2 er⸗ lich 137 „Sie wünſchen nun den Beweis zu haben, daß die Dame wahnſinnig, und darum für ihre Hand⸗ lungen unverantwortlich iſt, Mr. Audley?“ Robert Audley ſtarrte verwundert den wahn⸗ wizigen Doctor an. Vermittelſt welches Proceſſes war er ſo ſchnell auf des jungen Mannes geheimes Verlangen gekommen? „Ja, es wäre mir lieb, wenn ich ſie wo möglich für wahnſinnig halten könnte. Es würde mich freuen, dieſe Entſchuldigung für ſie zu finden.“ „Und dem esclandre*) eines Rechtsſtreits vor dem Kanzleigerichte vorzubeugen, vermuthe ich, Mr. Audley,“ ſezte Dr. Mosgrave hinzu. Robert ſchauderte, als er dieſe Bemerkung mit einem Kopfnicken bejahte. Es war etwas Schlim⸗ meres als ein Rechtsſtreit vor dem Kanzleigericht, was er fürchtete, mit Entſezen fürchtete. Es war eine gerichtliche Unterſuchung auf Mord, welche ſo lang ſeinen Träumen vorgeſchwebt hatte. Wie oft war er in tödtlicher Scham erwacht, wenn er den gedrängt vollen Gerichtsſaal, und ſeines Oheims Gattin auf der Verbrecherbank, auf allen Seiten von einem Meere neugieriger Geſichter umgeben, vor ſich zu ſehen glaubte. „Ich fürchte, Ihnen nicht von Nuzen ſein zu können,“ ſagte der Arzt ruhig.„Ich will die Dame ſehen, wenn es Ihnen betiebt, glaube aber nicht, daß ſie wahnſinnig iſt.“ „Warum nicht?“ „Weil kein Zeugniß von Wahnſinn in dem, was ³) ſ. v. a. Skandal. A. d N. 138 ſie gethan hat, vorliegt. Sie lief von Hauſe weg, weil es ihr dort nicht gefiel, ſie verließ es in der Hoffnung, ein beſſeres zu finden. Darin liegt nichts von Wahnſinn. Sie beging das Verbrechen der Bi⸗ gamie, weil ſie durch dieſes Verbrechen Rang und Vermögen erhielt. Darin liegt nichts von Wahn⸗ ſinn. Als ſie ſich in einer verzweifelten Lage be⸗ fand, gab ſie den Muth nicht auf. Sie wandte verſtändige Mittel an und führte eine Verſchwörung aus, welche Kaltblütigkeit und Ueberlegung beim erforderte. Auch darin liegt kein Wahn⸗ inn.“ „Aber die Anrüchigkeit erblichen Irrſinns—“ „Kann auf die dritte Generation hinabſteigen und bei der Lady Kindern, wenn ſie ſolche hat, zum Vorſchein kommen. Wahnſinn vererbt ſich nicht mit Nothwendigkeit von der Mutter auf die Tochter. Es würde mich freuen, Ihnen zu helfen, wenn ich könnte, aber ich glaube nicht, daß in der mir von Ihnen erzählten Geſchichte ein Beweis von Wahn⸗ ſinn liegt. Ich glaube nicht, daß eine Jury in England in einem Fall wie dieſer die Einrede auf Wahnſinn gelten laſſen würde. Das Beſte, was Sie mit der Dame thun können, iſt, daß Sie die⸗ ſelbe ihrem erſten Mann wieder zuſenden, wenn er ſie haben will.“ Robert zuckte bei dieſer plözlichen Erwähnung ſeines Freundes zuſammen. „Ihr erſter Mann iſt todt—“ antwortete er, „wenigſtens wird er ſeit einiger Zeit vermißt— und ich habe Grund zu glauben, daß er todt iſt.“ Dr. Mosgrave bemerkte jene plözliche Bewe⸗ „es darf zwiſchen uns kein halbes Vertrauen ſtatt⸗ 139 gung, und die Verlegenheit in Robert Audley's Stimme, als er von Georg Talboys redete, entging ihm nicht. „Der Lady erſter Mann wird vermißt,“ ſprach er, das lezte Wort ſeltſam betonend;„Sie glauben, er iſt todt.“ Er hielt einige Augenblicke an und ſchaute in das Feuer, wie Robert zuvor gethan hatte. „Mr. Audley,“ nahm er ſchnell wieder das Wort, finden. Sie haben mir nicht Alles erzählt.“ Robert ſchaute plözlich auf und gab in ſeiner Miene deutlich das Erſtaunen zu erkennen, welches er bei dieſen Worten empfand. „Ich würde nur ſchlecht im Stande ſein, den Möglichkeitsfällen in meiner ärztlichen Erfahrung zu begegnen,“ fuhr Dr. Mosgrave fort,„wenn ich nicht wahrzunehmen vermöchte, wo Vertrauen auf⸗ hört und Zurückhaltung beginnt. Sie haben mir nur zur Hälfte die Geſchichte dieſer Dame erzählt. Mr. Audley. Sie müſſen mir mehr ſagen, ehe ich Ihnen einen Rath geben kann. Was iſt aus ihrem erſten Mann geworden?“ Er ſtellte dieſe Frage in entſchiedenem Tone, als wüßte er, daß dies gewiſſermaßen der Schlußſtein eines Gewölbes wäre. „Ich habe Ihnen bereits geſagt, Dr. Mosgrave, daß ich es nicht weiß.“ „Ja,“ antwortete der Arzt,„aber Ihr Geſicht hat mir verrathen, was Sie mir vorenthalten möch⸗ ten; es hat mir verrathen, daß Sie einen Verdacht haben.“ 140 Robert Audley ſchwieg. „Wenn ich Ihnen von Nuzen ſein ſoll, müſſen Sie mir vertrauen, Mr. Audley,“ ſagte der Arzt. „Der erſte Mann iſt verſchwunden— wie und wann? Ich muß die Geſchichte ſeines Verſchwin⸗ dens wiſſen.“ Robert zögerte einen Augenblick, ehe er darauf eine Antwort gab. Aber dann erhob er ſchnell den Kopf, welchen er in ernſtem Nachdenken zu Boden geſenkt hatte, und wandte ſich dann wieder zu dem Arzte. „Ich will Ihnen vertrauen, Dr. Mosgrave,“ ſagte er,„ich will mich ganz auf Ihre Ehre und Güte verlaſſen. Ich bitte Sie nicht, der Geſellſchaft irgend ein Unrecht anzuthun; aber ich bitte Sie, unſern fleckenloſen Namen vor Entwürdigung und Schande zu bewahren, wenn Sie es mit Ihrem Ge⸗ wiſſen vereinigen können.“ Er erzählte die Geſchichte von Georgs Verſchwin⸗ den und von ſeinen eigenen Zweifeln und Beſorg⸗ niſſen, der Himmel weiß mit welchem Widerſtreben. Dr. Mosgrave hörte ſo ruhig zu, wie zuvor. Robert ſchloß mit einer ernſten Anſprache an die edlern Empfindungen des Arztes. Er flehte ihn an, den edelmüthigen Mann zu ſchonen, deſſen unglück⸗ liches Vertrauen auf eine gottloſe Frau ſolches Elend über ſeine alten Tage gebracht hatte. Es war unmöglich, aus Dr. Mosgrave's auf⸗ merkſamem Geſichte einen günſtigen oder ungünſti⸗ gen Schluß zu ziehen. Er erhob ſich, als Robert hatte, und ſchaute noch einmal auf ſeine Uhr. an, end uf⸗ ſti⸗ ert ine 141 „Ich kann Ihnen nur zwanzig Minuten gewäh⸗ ren,“ ſprach er;„ich will die Dame ſehen, wenn es Ihnen gefällig iſt. Sie ſagen, ihre Mutter ſtarb in einem Irrenhaus.“ „Ja, wollen Sie Lady Audley allein ſehen?“ „Ja, allein, wenn es Ihnen beliebt.“ Robert klingelte nach Mylady's Zofe, und unter dem Geleite der gepuzten Jungfer fand der Arzt ſeinen Weg nach dem achteckigen Vorzimmer und zu dem feenhaften, damit in Verbindung ſtehenden Bou⸗ doir. Zehn Minuten nachher kehrte er in die Biblio⸗ thek zurück, wo Robert ihn erwartete. „Ich habe mit der Dame geſprochen,“ ſagte er ruhig,„und wir verſtehen einander ſehr wohl. Es iſt verſteckter Irrſinn, welcher vielleicht nie zum Vor⸗ ſchein kommt, oder vielleicht nur ein oder zweimal im ganzen Leben ſich kund gibt. Es könnte vielleicht dementia*) in ihrer ſchlimmſten Phaſe werden, acute Verrücktheit, aber deren Dauer würde ſehr kurz ſein und nur unter äußerſtem geiſtigen Druck zum Ausbruch kommen. Die Lady iſt nicht wahn⸗ ſinnig, aber ſie hat das erbliche Uebel in ihrem Blute. Sie hat die Verſchlagenheit des Wahnſinns mit der Klugheit des Verſtandes. Ich will Ihnen ſagen, was ſie iſt, Mr. Audley. Sie iſt gefährlich.“ Dr. Mosgrave ging ein oder zwei Mal im Zim⸗ mer auf und ab, ehe er wieder das Wort nahm. „Ich will die Wahrſcheinlichkeit des Verdachtes, der Sie beunruhigt, nicht unterſuchen, Mr. Audley,“ *) Tollheit. A b. U 142 ſprach er dann ſchnell,„aber ich will Ihnen ſo viel ſagen. Ich rathe Ihnen zu keinem esclandre. Die⸗ ſer Mr. Georg Talboys iſt verſchwunden, aber Sie haben keinen Beweis für ſeinen Tod. Könnten Sie einen Beweis für ſeinen Tod vorbringen, ſo wäre Ihnen ein Beweis gegen die Dame nicht möglich, außer der einen Thatſache, daß ſie einen mächtigen Beweggrund hatte, ſeiner los zu werden. Keine Jury in dem Vereinigten Königreich würde ſie auf einen Beweis wie dieſen verurtheilen.“ Robert Audley ſiel Doctor Mosgrave ſchnell in's Wort. „Ich verſichere Sie, mein werther Sir,“ ſagte er, „was ich am meiſten fürchte, iſt die Nothwendigkeit einer Bloßſtellung— einer Schmach.“ „Gewiß, Mr. Audley,“ antwortete der Arzt kalt, „aber Sie können nicht erwarten, daß ich Ihnen dazu behülflich ſei, eines der ſchlimmſten Vergehen gegen die Geſellſchaft der Ahndung zu entziehen. Sähe ich einen genügenden Grund zu der Annahme, daß von dieſer Frau ein Mord begangen worden iſt, ſo würde ich Ihnen nie dazu behülflich ſein, dieſelbe aus dem Bereiche der Gerechtigkeit hinweg⸗ zuſchmuggeln, und wenn die Ehre von hundert edeln Familien dadurch gerettet würde. Aber ich ſehe kei⸗ nen genügenden Grund für Ihren Verdacht; und ich will mein Möglichſtes thun, Ihnen zu helfen.“ Robert Audley ergriff die Hände des Arztes mit ſeinen beiden. „Ich will Ihnen danken, wenn ich beſſer dazu im Stande bin,“ ſagte er bewegt,„ich will Ihnen — ei eir lã et B we ihr ie⸗ ie ie ire en ine uf ell er, keit alt, nen hen en. me, den ein, e⸗ en kei⸗ und mit azu 143 danken in meines Oheims Namen und in meinem eigenen.“ „Ich habe nur noch fünf Minuten, und muß einen Brief ſchreiben,“ antwortete Dr. Mosgrave lächelnd über des jungen Mannes Lebhaftigkeit. Er ſezte ſich an einen Schreibtiſch am Fenſter, tauchte ſeine Feder in die Tinte und ſchrieb raſch etwa ſieben Minuten. Er hatte drei Seiten des Briefbogens vollgeſchrieben, als er die Feder weg⸗ warf und ſeinen Brief zuſammenlegte. Er ſteckte den Brief in ein Couvert und händigte ihn unverſiegelt Robert Audley ein. Die Adreſſe, welche er trug, lautete: Monsieur Val, Villebrumeuse Belgium. Mr. Audley wandte den Blick ziemlich verlegen von dieſer Adreſſe auf den Doctor, welcher ſeine Hondſchuhe ſo bedächtig anzog, wie als wenn er ſein Leben lang nie einen ernſteren Zweck gehabt hätte, als dieſelben der Hand gehörig anzupaſſen. „Dieſer Brief,“ ſagte er in Antwort auf Robert Audley's fragenden Blick,„iſt an meinen Freund Monſieur Val, den Eigenthümer und ärztlichen In⸗ ſpector eines ganz vortrefflichen Krankenhauſes*) in dem Städtchen Villebrumeuſe, geſchrieben. Wir ken⸗ nen einander ſeit vielen Jahren, und er wird ohne Zweifel Lady Audley gern in ſeine Anſtalt aufneh⸗ men und ſich mit der vollen Verantwortlichkeit für *) Im Texte maison de santé. A. d. U. 144 ihr künftiges Leben belaſten; es wird nicht ſehr er⸗ eignißreich ſein.“ Robert Audley würde geſprochen, er würde ihm noch einmal ſeine Dankbarkeit für die geleiſtete Hülfe ausgedrückt haben, aber Dr. Mosgrave brachte ihn mit einer gebieteriſchen Geberde zum Schweigen. „Von dem Augenblicke an,“ fuhr er fort,„wo Lady Audley in jenes Haus tritt, iſt ihr Leben, ſo⸗ fern Leben aus Thätigkeit und Wechſel beſteht, ge⸗ ſchloſſen. Welche Geheimniſſe ſie haben mag, ſie bleiben Geheimniſſe für immer! Welche Verbrechen ſie begangen haben mag, ſie iſt nicht mehr im Stande, dergleichen zu begehen. Wollten Sie für dieſelbe ein Grab auf dem nächſten Kirchhofe machen und ſie lebendig einſcharren, Sie könnten dieſelbe nicht vollſtändiger von der Welt und allen welt⸗ lichen Verbindungen abſperren. Aber als Phyſiolog und als ehrlicher Mann glaube ich, Sie könnten der Geſellſchaft keinen beſſern Dienſt thun, als wenn Sie ſo verfahren; denn die Phyſiologie lügt, wenn die Frau, welche ich vor zehn Minuten geſehen habe, von der Art iſt, daß man ſie ſich ſelbſt überlaſſen könnte. Wäre ſie im Stande geweſen, mir an die Kehle zu ſpringen und mich mit ihren kleinen Hän⸗ den zu erwürgen, als ich ſo da ſaß und mit ihr redete, ſie würde es gethan haben.“ „Sie argwohnte alſo Ihren Zweck?“ „Sie kannte ihn; Sie denken, ich ſei wahnſin⸗ nig, wie meine Mutter, und kommen, mich darüber auszufragen“, ſagte ſie, Sie warten auf irgend ein Anzeigen des ſchrecklichen Uebels in meinem Blute.“ —„Guten Tag, Mr. Audley,“ ſezte der Arzt eilig hit un ſo⸗ ge⸗ ſie echen im für chen ſelbe welt⸗ olog nten venn venn abe, aſſen die Hän⸗ ihr nſin⸗ über ein ute. eilig 145 hinzu,„meine Zeit iſt ſchon um zehn Minuten um, und ich habe Alles zu thun, damit ich noch mit dem Zug fortkomme.“ Siebentes Capitel. Lebendig begraben. Robert Audley ſaß allein in der Bibliothek, mit dem Briefe des Arztes auf dem Tiſche vor ſich, und dachte über das Werk nach, welches noch zu vollbringen war. Der junge Rechtsgelehrte hatte ſich ſelbſt zum Ankläger dieſes elenden Weibes aufgeworfen. Er war ihr Richter geweſen, und jezt machte er ihren Kerkermeiſter. Erſt wenn er den vor ihm liegenden Brief an ſeine Adreſſe abgegeben, erſt wenn er die ihm an⸗ vertraute Perſon in den ſichern Gewahrſam des aus⸗ wärtigen Irrenhausdoctors abgeliefert hatte, war die ſchreckliche Bürde von ſeinen Schultern genom⸗ men und ſeine Pflicht gethan. Er ſchrieb einige Zeilen an Mylady, und theilte ihr darin mit, daß er beabſichtige, ſie von Audley Court hinweg an einen Ort zu bringen, von wo ſie wahrſcheinlich nicht mehr zurückkehren würde, und erſuchte ſie, keine Zeit zu den Vorkehrungen für die Reiſe zu verlieren. Er wünſche, ſezte er hinzu, wo möglich dieſen Abend noch aufzubrechen. Braddon, Lady Aubley's Geheimniß. III. 10 146 Miß Suſan Martin, die Zofe, fand es ſehr hart, die Koffer ihrer Herrin in ſolcher Eile zu packen, aber Mylady war ihr hiebei behülflich. Es erſchien ihr als eine angenehme Aufregung, dieſe Seiden⸗ und Sammetkleider aus einander und wieder zuſam⸗ menzulegen, Juwelen und Puzſachen aufzuhäufen. Man wollte ihr alſo dieſe Beſizthümer nicht ent⸗ reißen, dachte ſie. Man wollte ſie an irgend einen Verbannungsort bringen; aber ſelbſt Verbannung war nicht hoffnungslos, denn es gab kaum einen Ort auf dieſer weiten Erde, wo Schönheit nicht ein kleines Königthum errichten und ihre lehnspflichtigen Ritter und gehorſamen Unterthanen erlangen konnte. Sie ließ ſich alſo die Arbeit angelegen ſein, indem ſie ihre Dienerin anwies und unterſtüzte, welche in all dieſem Packen und Hinwegeilen einen Bankerott roch und deßhalb bei Erfüllung ihrer Pflichten ziem⸗ lich träge und gleichgültig war; und um ſechs Uhr Abends ſchickte ſie ihre Zofe ab, um Mr. Audley melden zu laſſen, daß ſie zur Abreiſe bereit ſei, ſo⸗ bald es ihm beliebe. Robert hatte einen Band von Bradſhaw nach⸗ geſchlagen und gefunden, daß Villebrumeuſe außer⸗ halb aller Eiſenbahnlinien lag und von Brüſſel aus nur mit der Poſt zugänglich war. Der Zug nach Dover verließ London Bridge um neun Uhr, und Robert konnte ihn leicht noch mit ſeiner Schuzbefohlenen benüzen, da der Siebenuhr⸗ Zug von Audley um Viertel auf Neun Uhr Shore⸗ ditch erreichte. Wenn er den Weg von Dover über Calais einſchlug, ſo konnten ſie in Villebrumeuſe am folgenden Nachmittag oder Abend anlangen. ihre jüte und gier Eig lich Me ver fäße hätt lins lich was eine müt boot und gleie raſch liche lang wie und er ſi deſſe ihre hart, icken, chien iden⸗ ſam⸗ ufen. ent⸗ inen ung inen ein tigen nnte. dem e in erott iem⸗ Uhr dley ſo⸗ ach⸗ ßer⸗ aus mit uhr⸗ ore⸗ iber euſe 147 Was brauchen wir ihnen auf dieſer traurigen Nachtfahrt zu folgen? Mylady lag, behaglich in ihre Pelze eingehüllt, auf einem der ſchmalen Ka⸗ jüten⸗Ruhebetten; ſie hatte ihren geliebten ruſſiſchen Zobel ſelbſt in dieſer lezten Stunde von Schmach und Elend nicht vergeſſen. Ihre feile Seele gelüſtete gierig nach den koſtbaren und ſchönen Sachen, deren Eigenthümerin ſie geweſen war. Sie hatte zerbrech⸗ liche Theetaſſen und Vaſen von Sdvres und Meißen unter den Falten ihrer ſeidenen Gewänder verſteckt; ſie hatte goldene, juwelenbeſezte Trinkge⸗ fäße unter ihrem feinen Weißzeug vergraben; ſie hätte die Gemälde von den Wänden und die Gobe⸗ lins von den Seſſeln genommen, wenn es ihr mög⸗ lich geweſen wäre. Sie hatte Alles mitgenommen, was ſie vermochte, und begleitete Mr. Audley mit einer grämlichen Unterwürfigkeit, welche der klein⸗ müthige Gehorſam der Verzweiflung war. Robert Audley betrat das Verdeck des Dampf⸗ bootes, als die Uhren von Dover Zwölf ſchlugen, und die Stadt über die weite Finſterniß der See gleich einem Halbmond hinleuchtete. Das Schiff flog raſch über die rollenden Waſſer nach der freund⸗ lichen galliſchen Küſte, und Mr. Audley ſtieß einen langen Seufzer der Erleichter ung aus, als er erwog, wie bald ſein Werk vollbracht wäre. Er dachte an das elende Geſchöpf, das verlaſſen und freundlos unten in der Kajüte lag. Aber wenn er ſie von Herzen bemitleidete, und er konnte ſich deſſen manchmal mit Rückſicht auf ihr Geſchlecht und ihre Hülfloſigkeit nicht enthalten, ſo tauchte das Angeſicht ſeines Freundes, heiter und hoffnungsvoll, 148 wie er es am erſten Tage nach Georgs Rückkehr von den Antipoden geſehen hatte, vor ihm auf; und bei der Frinnerung daran kehrte ſein Abſcheu vor der ſchändlichen Lüge, welche ihres Gatten Herz ge⸗ troffen hatte, zurück. „Kann ich es jemals vergeſſen?“ dachte er,„kann ich jemals ſein blaſſes, weißes Geſicht vergeſſen, als er mir in dem Kaffeehauſe, mit der Times in der Hand, gegenüber ſaß? Es gibt gewiſſe Ver⸗ brechen, welche nie geſühnt werden können, und dieß iſt eines davon. Könnte ich Georg Talboys morgen ins Leben zurückrufen, ich wäre nie im Stande, das ſchrecklich verwundete Herz zu heilen; ich wäre nie im Stande, aus ihm wieder den Mann zu machen, der er geweſen war, ehe er die gedruckte Lüge ge⸗ leſen hatte.“ Es war ſpät am folgenden Nachmittag, als die Poſtkutſche über das unebene Pflaſter der Haupt⸗ ſtraße von Villebrumeuſe humpelte und raſſelte. Das alte Kirchenſtädtchen, immer düſter und traurig, erſchien noch trauriger als ſonſt unter dem grauen Abendhimmel. Die flimmernden Lampen, frühzeitig angezündet und in weiten Entfernungen von einan⸗ der ſchwach leuchtend, machten den Ort eher finſterer als heller, gerade wie Glühwürmer durch ihren Licht⸗ ſchein das ſchwarze Ausſehen der Hecke noch mehr hervorheben. Die alte belgiſche Stadt war ein vergeſſener, alt⸗ modiſcher Ort und trug die kläglichen Zeichen des Verfalls an jeder Fagade der ſchmalen Straße, an jedem verfallenen Dache, an jedem gebrechlichen Schornſtein. Man konnte ſich ſchwer vorſtellen, aus wel ſo ſich eler auf drü und wel Rei die die den. chen beol und aus gan. Paſ die der Spe chen ihr gebo hint wür fühl weil ckkehr und or z ge⸗ „kann „als 8 in Ver⸗ dieß orgen „das e nie chen, e ge⸗ die upt⸗ ſelte. urig, auen eitig nan⸗ terer icht⸗ nehr alt⸗ des an chen aus 149 welchem Grunde die gegenüberſtehenden Häuſerreihen ſo eng zuſammengebaut waren, daß die ſchwerfällig ſich bewegende Poſtkutſche die Fußgänger auf dem elenden Trottoir ſtreifen mußte, wenn ſie nicht dar⸗ auf dachten, ihre Kleider an die Ladenfenſter zu drücken, denn bauliche Räumlichkeiten gab es genug und vollauf in der ausgedehnten flachen Landſchaft, welche hinter der alten Stadt lag. Hyperkritiſche Reiſende hätten ſich verwundert fragen mögen, war⸗ um gerade die ſchmälſten und unbehaglichſten Gaſſen die geſchäftigſten und gedeihlichſten waren, während die beſſern und breitern Straßen leer und öde ſtan⸗ den. Aber Robert Audley dachte an Richts derglei⸗ chen. Er ſaß in einer Ecke des dumpfigen Wagens, beobachtete Mylady in der gegenüberbefindlichen Ecke und fragte ſich verwundert, wie wohl das Geſicht ausſehen möchte, das ſo ſorgfältig hinter ihrem Schleier verborgen war. Sie hatten das Coupé des Poſtwagens auf der ganzen Fahrt für ſich allein, denn es gab nicht viele Paſſagiere zwiſchen Brüſſel und Villebrumeuſe, und die öffentliche Fahrgelegenheit wurde mehr in Folge der Ueberlieferung, als weil bei derſelben als einer Spekulation großer Gewinn herauskam, unterhalten. Mylady hatte während der Fahrt nicht geſpro⸗ chen, außer um eine Erfriſchung abzulehnen, welche ihr Robert auf einer Haltſtation an der Straße an⸗ geboten hatte. Das Herz ſank ihr, als ſie Brüſſel hinter ſich ließen, denn ſie hatte gehofft, dieſe Stadt würde das Ziel ihrer Reiſe ſein, und mit einem Ge⸗ fühl von Leid und Verzweiflung ſich von der lang⸗ weiligen belgiſchen Landſchaft abgewendet. 150 Sie blickte endlich auf, als das Fuhrwerk in ein großes ummauertes Quadrat hineinrumpelte, welches einſt der Zutritt zu einem Kloſter geweſen war nunmehr aber den Hofraum zu einem elenden Hotel bildete, in deſſen Keller Legionen von Ratten hausten und ſelbſt, wenn der helle Sonnenſchein in die obern Gemächer fiel, quiekten. Lady Audley ſchauderte, als ſie aus dem Poſt⸗ wagen ſtieg und ſich in dieſem traurigen Hofraume ſah. Robert wurde von ſchwazenden Laſtträgern umgeben, welche nach ſeinem Gepäck ſchrieen und wegen des Hotels, wo er ſich einquartieren ſollte, unter ſich ſelbſt in Streit geriethen. Einer der Männer eilte hinweg, um auf Mr. Audleys Verlangen eine Miethkutſche zu holen und erſchien kurz hernach wieder, und trieb ein Paar Roſſe— welche ſo klein waren, daß ſie den Glau⸗ ben erregen konnten, ſie ſeien aus einem einzigen Thier von gewöhnlichem Umfang gemacht worden— mit wildem Schreien und Kreiſchen, das in der Dun⸗ kelheit einen dämoniſchen Laut hatte, vorwärts. Mr. Audley ließ Mylady in einem elenden Kaf⸗ feezimmer unter der Aufſicht eines ſchläfrigen Kell⸗ ners, während er nach einem entferntern Theil der ſtillen Stadt abfuhr. Es war ein officielles Geſchäft abzumachen, ehe er Sir Michaels Gattin an dem von Dr. Mosgrave angedeuteten Orte mit Ruhe abſezen konnte. Robert hatte vorher allerlei wichtige Perſonen zu beſuchen, mehrfache Eide zu leiſten, den Brief des engliſchen Arztes vorzuweiſen, den Förmlichkeiten von Unter⸗ und Gegenzeichnen ſich zu unterwerfen, ehe er ſeines verlornen Freundes grau⸗ ſan den den Ho der ſtar unk wer übe del: geh in ete, veſen nden atten in in Poſt⸗ mume gern und ollte, Mr. und ßaar lau⸗ igen n— dun⸗ Kaf⸗ Kell⸗ der chäft dem tuhe tige ſten, den zu rau⸗ 151 ſames Weib an die Heimath, die ihre lezte auf Er⸗ den ſein ſollte, abliefern konnte. Ueber zwei Stun⸗ den verfloſſen, ehe dieß Alles in Ordnung gebracht war und es dem jungen Mann frei ſtand, in das Hotel zurückzukehren, wo er ſeine Schuzbefohlene wie⸗ der traf, wie ſie zerſtreut auf zwei Wachskerzen ſtarrte, während eine Taſſe unberührten Kaffee's kalt und ſchal vor ihr ſtand. Robert half Mylady in das gemiethete Fuhr⸗ werk und nahm noch einmal ſeinen Siz ihr gegen⸗ über. „Wohin bringen Sie mich?“ fragte ſie endlich. „Ich bin müde, mich wie ein unartiges Kind behan⸗ deln zu laſſen, das man zur Strafe für ſeine Ver⸗ gehen in einen dunkeln Keller ſperrt. Wohin brin⸗ gen Sie mich? „An einen Ort, wo Sie volle Muße haben, die Vergangenheit zu bereuen, Mrs. Talboys,“ antwor⸗ tete Robert ernſt. Sie hatten die gepflaſterten Straßen hinter ſich gelaſſen und waren von einem großen dürren Platz, wo ein halbes Duzend Kathedralen zu ſtehen ſchie⸗ nen, auf einen glatten Boulevard, eine breite, lam⸗ penbeleuchtete Straße gekommen, auf welcher die Schatten der laubloſen Bäume gleich denen gicht⸗ brüchiger Skelette zitternd hin und herfuhren. Hie und da ſtanden Häuſer an dieſem Boulevard, ſtatt⸗ liche Häuſer, entre cour et jardin*), mit Geranien in Gypsvaſen auf den Steinpfeilern der ſchwer⸗ fälligen Thorwege. Die rumpelnde Miethkutſche fuhr d. h. mit Vorplatz und Garten dahinter. A. b. U. 152 über eine Dreiviertelmeile auf dieſer glatten Straße dahin, ehe ſie vor einem Thorwege, älter und ſchwer⸗ fälliger als alle, an welchen ſie vorbeigekommen wa⸗ ren, anhielt. Mylady ſchrie leiſe auf, als ſie aus dem Kut⸗ ſchenfenſter ſchaute. Der düſtere Thorweg war von einer ungeheuern Lampe beleuchtet, einem wahren Bau von Eiſen und Glas, worin eine kleine ſchauernde Flamme mit dem Märzwinde kämpfte. Der Kutſcher läutete, und eine kleine hölzerne Thüre neben dem Thorweg wurde von einem grau⸗ haarigen Mann geöffnet, welcher das Fuhrwerk be⸗ trachtete und ſich dann wieder zurückzog. Drei Mi⸗ nuten nachher erſchien er wieder hinter dem eiſernen Flügelthor, welches er aufſchloß und ſo weit als möglich zurückſchlug, ſo daß dadurch ein traurig öder, gepflaſterter Hofraum ſichtbar wurde. Der Kutſcher trieb ſeine elenden Gäule auf die⸗ ſen Hof und leitete das Fuhrwerk vor den Haupt⸗ eingang des Hauſes, eines großen Gebäudes von grauem Stein, mit mehreren langen Fenſterreihen, wovon einige ſpärlich erhellt waren und wie die matten Augen müder Wächter in der Finſterniß der Nacht ausſahen. Mylady, aufmerkſam und ruhig wie die kalten Sterne an dem winterlichen Himmel, ſchaute mit ernſtem, forſchendem Blick nach dieſen Fenſtern auf. Eines derſelben war mit einem dürftigen Vorhang von verſchoſſenem Roth verſehen, und auf dieſem Vor⸗ hang zeichnete ſich, kommend und verſchwindend, ein dunkler Schatten ab, der Schatten einer Frau mit einem phantaſtiſchen Kopfpuz, der Schatten eines raße wer⸗ wa⸗ Kut⸗ von hren leine e. erne rau⸗ be⸗ Mi⸗ rnen als urig die⸗ upt⸗ von hen, die der lten em, nes von or⸗ ein mit nes 153 raſtloſen Geſchöpfes, das unaufhörlich vor den Fen⸗ ſtern hin und her ging. Sir Michaels gottloſes Weib legte ihre eine Hand plözlich auf Roberts Arm und deutete mit der andern auf das Fenſter und den Vorhang. „Ich weiß, wohin Sie mich gebracht haben,“ ſagte ſie.„Das iſt ein Tollhaus.“ Mr. Audley gab ihr keine Antwort. Er ſtand an dem Kutſchenſchlag, als ſie ihn anredete, half ihr ruhig beim Ausſteigen und führte ſie ein paar niedrige Steinſtufen hinauf und in das Veſtibule des Hauſes. Er übergab Dr. Mosgrave's Brief einer ſauber gekleideten, heiter ausſehenden Frau von mittlerem Alter, die aus einem kleinen Zimmer herausgetrippelt kam, welches auf das Veſtibule ging und viele Aehnlichkeit mit dem Bureau eines Hotels hatte. Dieſe Perſon hieß Robert und ſeine Schuzbefohlene lächelnd willkommen und lud, nach⸗ dem ſie einen Diener mit dem Brief abgeſandt hatte, dieſelben ein, in ihr kleines Gemach zu treten, wel⸗ ches freundlich mit hellgelben Vorhängen verſe⸗ hen war und von einem winzigen Ofen erwärmt wurde. „Madame fühlt ſich ſehr ermüdet,“ ſagte die Franzöſin in fragendem Ton, mit einem Blick leb⸗ hafter Theilnahme, als ſie den Armſeſſel für My⸗ lady hinſchob. „Madame“ zuckte verdrießlich die Achſel und ſchaute nur mit ſcharfem, forſchendem Blick, der kein ſonderliches Wohlgefallen verrieth, in dem kleinen Zimmer um ſich. „Was iſt das für ein Ort, Robert Audley?“ ————— 154 rief ſie wild.„Glauben Sie, ich ſei ein Kind, daß Sie ein Gaukelſpiel mit mir treiben und mich be⸗ trügen können— was iſt es? Das, was ich eben geſagt habe, oder nicht?“ „Es iſt, was man maison de santé nennt, My⸗ lady,“ antwortete der junge Mann ernſt.„Ich will weder ein Gaukelſpiel mit Ihnen treiben, noch Sie betrügen“ Mylady hielt einen Moment an, indem ſie auf Robert einen nachdenklichen Blick warf. „Maison de Santé!“ wiederholte ſie.„Ja, man weiß dergleichen Dingen in Frankreich einen beſſern Namen zu geben. In England würden wir es ein Irrenhaus nennen. Das iſt ein Haus für Wahn⸗ ſinnige, nicht wahr, Madame?“ ſagte ſie franzöſiſch, indem ſie ſich zu der Frau wandte und mit dem Fuß auf den gewichsten Boden ſtampfte. „Ah, durchaus nicht, Madame,“ erwiederte die Frau mit lebhaftem Proteſte.„Es iſt eines der angenehmſten Etabliſſements, wo man ſich unter⸗ hält, indem—“ Sie wurde durch den Eintritt des Vorſtandes von dieſem angenehmen Etabliſſement unterbrochen, welcher mit einem ſtrahlenden Lächeln auf ſeinem Angeſicht und Dr. Mosgrave's Brief offen in der Hand haltend, auf der Schwelle des Zimmers erſchien. Er konnte nicht Worte finden, um auszuſprechen, wie entzückt er war, die Bekanntſchaft von M'sieu zu machen. Es gab Nichts auf Erden, das er ſei⸗ nerſeits nicht für M'sieu zu thun bereit war, und Nichts unter dem Himmel, das er nicht für ihn zu Stande zu bringen ſich beſtreben würde, als den ene ihn er wo der da ihn foh des unt ver hät hal nen Fre vie dar ſie Sch her ter ſie „daß be⸗ eben My⸗ will Sie auf man ſſern ein ahn⸗ iſch, dem die der ter⸗ des en, em nd en, eu ei⸗ nd 155 Freund ſeines Bekannten, des ſo ausgezeichneten engliſchen Arztes. Doctor Mosgrave's Brief hatte ihm eine kurze Ueberſicht des Falls gegeben, theilte er Robert in gedämpftem Tone weiter mit, und er war ganz eingerichtet für die Uebernahme der Pflege der reizenden und ſo intereſſanten Madame— Ma⸗ dame— Er rieb ſich höflich die Hände und ſchaute Robert an. Mr. Audley fiel es zum erſten Mal ein, daß ihm empfohlen worden war, ſeine elende Schuzbe⸗ fohlene unter einem erdichteten Namen einzuführen. Er gab ſich den Schein, als habe er die Frage des Hauseigenthümers nicht gehört. Es mochte etwas ungemein Leichtes ſein, auf eine Menge Namen zu verfallen, von denen jeder ſeinem Zwecke entſprochen hätte; aber Mr. Audley ſchien plözlich vergeſſen zu haben, daß er jemals eine andere menſchliche Be⸗ nennung, außer der von ſich und ſeinem verlor nen Freunde, gehört hatte. Der Herr des Hauſes erkannte und verſtand vielleicht ſeine Verlegenheit. Er half ihm jedenfalls daraus, indem er ſich an die Frau wandte, welche ſie empfangen hatte, und etwas von Nr. 14, bis*) murmelte. Die Frau nahm von einer langen Reihe von Schlüſſeln einen, der über dem Kamingeſimſe hing, herab, ergriff eine Wachskerze von einem Armleuch⸗ ter in einer Ecke des Zimmers und ſtieg, nachdem ſie dieſelbe angezündet, über das mit Steinen be⸗ *) ſ. v. a. im zweiten Stock. A d U. —— 156 legte Veſtibule die breite, ſchlüpfrige Treppe von gewichstem Holz hinauf. Der engliſche Arzt hatte ſeinem belgiſchen Colle⸗ gen die Mittheilung gemacht, daß die Geldfrage bei den Vorkehrungen für die Bequemlichkeit der ſeiner Obhut anvertrauten engliſchen Dame weniger in Be⸗ tracht komme. Dieſen Wink befolgend, öffnete Mon⸗ ſieur Val die Außenthüre zu einer ſtattlichen Reihe von Zimmern, beſtehend aus einem Vorgemach, deſſen Fußboden mit Rauten von abwechſelnd ſchwarzem und weißem Marmor eingelegt war, das aber trau⸗ rig und kellerartig dunkel ausſah; einem Salon, mit düſtern Sammetdraperien und einem gewiſſen Lei⸗ chengepränge ausgeſchmückt, das nicht ſonderlich zur Erhebung der Lebensgeiſter geeignet war; und einem Schlafkabinet, mit einem Bette, das ſo wunderbar gemacht war, daß es nirgends in ſeinen Beſtand⸗ theilen eine Oeffnung zu haben ſchien, man hätte denn die geſteppte Decke mit einem Federmeſſer aus einander ſchlizen müſſen. Mylady betrachtete verdrießlich die Reihe Zim⸗ mer, welche in dem ſchwachen Lichte einer einzigen Wachskerze traurig genug ausſahen. Dieſe verein⸗ zelte Flamme, an ſich bleich und geiſterhaft, verviel⸗ fältigte ſich in den bleichern, durch dieſelbe geweckten Phantome, welche aller Orten in den Zimmern auf⸗ leuchteten; in den ſchattigen Tiefen des gewichsten Fußbodens und Getäfels, oder der Fenſterſcheiben, in den Spiegeln, oder in den großen Flächen von etwas Glänzendem, das die Zimmer ſchmückte und von Mylady irrig für koſtbare Trumeaux genommen von Ue⸗ bei ner Be⸗ on⸗ ihe ſſen zem mit Lei⸗ zur em bar nd⸗ itte aus im⸗ gen in⸗ iel⸗ ten ten in as 0n len 157 wurde, aber in Wirklichkeit aus Nichts als elendem Blendwerk von polirtem Zinn beſtand. Mitten unter all dieſer verſchoſſenen Pracht von ſchäbigem Sammet und glanzloſer Vergoldung und gewichstem Holz ließ ſich die Frau in einen Lehn⸗ ſeſſel ſinken und bedeckte ihr Geſicht mit den Hän⸗ den. Die Weiße derſelben und der Sternenglanz der daran zitternden Diamanten hob ſich leuchtend in dem düſter erhellten Zimmer ab. Sie ſaß ſchwei⸗ gend, bewegungslos da, eine Beute der Verzweiflung, des Verdruſſes und Zorns, während Robert und der franzöſiſche Doctor ſich in ein äußeres Gemach zu⸗ rückzogen und in gedämpftem Tone mit einander ſpra⸗ chen. Mr. Audley hatte ſehr wenig zu ſagen, das nicht bereits für ihn von dem engliſchen Arzte mit viel beſſerem Anſtande, als er ſelbſt hätte ausdrücken können, geſagt worden wäre. Er war nach großer geiſtiger Unruhe auf den Namen Taylor verfallen, als einen ſichern und einfachen Stellvertreter für jenen andern Namen, auf welchen allein Mylady ein Recht hatte. Er erzählte dem Franzoſen, daß dieſe Mrs. Taylor mit ihm entfernt verwandt ſei— daß ſie den Keim des Wahnſinns von ihrer Mutter geerbt habe, wie Dr. Mosgrave wirklich Monſieur Val unterrichtet hatte, daß bei ihr einige bedenkliche Anzeichen des lauernden, in ihrem Geiſte verſteckten Uebels zum Vorſchein gekommen ſeien, daß ſie aber nicht eigentlich wahnſinnig genannt werden könne. Er bat ihn, ſie mit aller zarten Schonung und Theil⸗ nahme zu behandeln, ihr alle vernünftige Nachſicht angedeihen zu laſſen; ſchärfte ihm aber insbeſondere ein, unter keinen Umſtänden ihr zu geſtatten, aus 158 dem Hauſe und deſſen Umgebung ohne die Aufſicht einer ſichern Perſon, welche für deren Bewachung verantwortlich wäre, ſich zu entfernen. Er hatte nur noch Eins Monſieur Val anzuempfehlen, und dieß war, daß derſelbe, da er ſeiner Vermuthung nach ſelbſt Proteſtant wäre— der Doctor verbeugte ſich — mit irgend einem freundlichen und wohlwollenden Geiſtlichen ſich in's Vernehmen ſeze, damit dieſer der kranken Dame geiſtlichen Rath und Troſt ſpende, da ſie, wie Robert ernſt hinzuſezte, einer ſolchen Wohlthat vornehmlich benöthigt wäre. Dieß— ſammt allen nöthigen Arrangements bezüglich des Geldpunktes, welcher von Zeit zu Zeit zwiſchen Mr. Audley und dem Doctor ohne jegliche Zwiſchenperſon erledigt werden ſollte— war der Inhalt des Geſprächs zwiſchen den beiden Männern, und beſchäftigte ſie etwa eine Viertelſtunde. Mylady verharrte noch, als ſie in das Schlafzimmer zurück⸗ kehrte, in der gleichen Haltung, in welcher ſie die⸗ ſelbe verlaſſen hatten; ſie verbarg noch immer das Geſicht in ihren beringten Händen. Robert beugte ſich zu ihr nieder und flüſterte ihr ins Ohr: „Ihr Name iſt hier Madame Taylor; ich denke nicht, daß Sie unter Ihrem wirklichen Namen ge⸗ kannt ſein wollen.“ Sie ſchüttelte ſtatt der Antwort blos den Kopf und zog nicht einmal die Hände von ihrem Geſicht zurück. „Madame wird eine ausſchließlich für ihre Be⸗ dürfniſſe beſtimmte Dienerin haben,“ ſagte Monſieur Val.„Madame wird alle ihre Wünſche erfüllt ſehen, ſicht ung nur ieß ach ſich den der nde, hen nts Zeit iche der rn, dy ück⸗ ie⸗ s ihr nke pf cht Ze⸗ ur 159 ihre vernünftigen Wünſche, aber das verſteht ſich von ſelbſt,“ ſezte Monſieur mit einem ſeltſamen Achſelzucken hinzu.„Man wird ſich alle Mühe geben, Madame's Aufenthalt zu Villebrumeuſe angenehm, und ebenſo heilſam als angenehm zu machen. Die Inſaßen des Hauſes ſpeiſen, wenn es gewünſcht wird, zuſammen. Ich nehme an dem Mahle zuweilen Theil, mein Gehülfe, ein kluger und würdiger Mann, zu jeder Zeit. Ich bewohne mit meiner Frau und meinen Kindern den kleinen Pavillon im Garten; mein Gehülfe wohnt in der Anſtalt. Madame mag darauf rechnen, daß wir uns im höchſten Grade be⸗ ſtreben werden, ihr alle Behaglichkeit zu verſchaffen.“ Monſieur will noch viel mehr zu demſelben Zwecke ſprechen, während er ſeine Hände reibt und Robert und ſeiner Schuzbefohlenen ein ſtrahlendes Lächeln zuwirft, als Madame ſich erhebt, aufrecht und wü⸗ thend daſteht, ihre juwelengeſchmückten Finger vom Geſichte wegzieht und ihm den Mund zu halten befiehlt. „Laſſen Sie mich mit dem Mann allein, der mich hieher gebracht hat,“ rief ſie ihm mit verbiſſenen Zähnen zu.„Verlaſſen Sie mich.“ Sie deutet mit einem ſtrengen, gebieteriſchen Wink nach der Thüre, ſo heftig, daß die Falten des ſeide⸗ nen Kleides an ihrem Arm laut rauſchen, während ſie die Hand erhebt. Die franzöſiſchen Sylben drin⸗ gen im Ausſprechen ziſchend durch ihre Zähne und ſcheinen beſſer für ihre Stimmung und ihr Selbſt zu paſſen, als das vertraute Engliſch, das ſie bis⸗ her geſprochen hat. Der franzöſiſche Doctor zuckt die Achſeln, wäh⸗ ———— 160 rend er ſich in das dunkle Vorzimmer begibt, und murmelt Etwas von„einem ſchönen Teufel“ und einer„des Kriegsgottes würdigen“ Geberde. My⸗ lady ging mit raſchem Schritt nach der Thüre zwi⸗ ſchen dem Schlafzimmer und dem Salon,, verſchloß dieſelbe, wandte ſich dann, den Handgriff der Thüre noch immer in der Hand, um und ſchaute Robert Audley an. „Sie haben mich in mein Grab gebracht, Mr. Audley,“ rief ſie;„Sie haben Ihre Macht nieder⸗ trächtig und grauſam mißbraucht und mich in ein lebendiges Grab gebracht.“ „Ich habe gethan, was ich als gerecht gegen Andere, und barmherzig gegen Sie betrachtete;“ erwiederte Robert ruhig;„ich wäre ein Verräther gegen die Geſellſchaft geweſen, hätte ich Sie nach — nach Georg Talboys'Verſchwinden und dem Feuer in dem Schloßwirthshaus auf freiem Fuß gelaſſen. Ich habe Sie an einen Ort gebracht, wo Sie von den Leuten, welche Ihre Geſchichte nicht kennen— keine Macht haben, Hohn oder Tadel gegen Sie auszulaſſen, eine freundliche Behandlung genießen werden. Sie werden ein ruhiges und friedliches Leben führen, Mylady, ein Leben, wie manche gute und heilige Frau in dieſem katholiſchen Lande aus freiem Willen auf ſich nimmt und glücklich bis zum Ende ausharrt. Die Einſamkeit Ihrer Exiſtenz an dieſem Ort wird nicht größer ſein, als die einer Königstochter, welche, vor der ſchlimmen Welt flie⸗ hend, froh war, in einem Hauſe, ſo ruhig wie die⸗ ſes, ein Obdach zu finden. Gewiß iſt es eine kleine Sühne, welche ich von Ihnen für Ihre Sünden beg Leb Sit ſag ihre und tete wei Ent töd ſog hät wo nac als wo nüz Nir Co hat bie „ic ich klä gen Erl Ge und und My⸗ zwi⸗ ſchloß hüre obert Mr. eder⸗ ein een 3 äther nach Feuer ſſen. von n— Sie ießen liches gute aus zum z an einer flie⸗ die⸗ leine nden 161 begehre, eine leichte Buße, die ich Ihnen auferlege. Leben Sie und bereuen Sie hier; Niemand wird Sie hier angreifen, Niemand wird Sie plagen. Ich ſage Ihnen nur: bereuen Sie!“ „Ich kann nicht!“ rief Mylady, indem ſie ihre Haare wild von der weißen Stirne zurückſchob und ihre weit aufgeriſſenen Augen auf Robert hef⸗ tete.„Ich kann nicht! Hat meine Schönheit ſo weit mich gebracht? Habe ich darum Pläne und Entwürfe zu meinem Schuze erſonnen und die langen tödtlichen Nächte zitternd durchwacht, um an meine Gefahren zu denken? Ich hätte beſſer gethan, mich ſogleich zu ergeben, wenn dies das Ende war. Ich hätte beſſer dem Fluch, der auf mir lag, mich unter⸗ worfen und verloren gegeben, ſobald Georg Talboys nach England kam.“ Sie griff in ihre federartigen goldenen Locken, als ob ſie dieſelben ſich hätte aus dem Kopfe reißen wollen. Es hatte ihr, recht betrachtet, ſo wenig ge⸗ nüzt, dieſes herrlich glänzende Haar; dieſer ſchöne Nimbus gelben Lichtes, der einen ſo prächtigen Contraſt mit dem weichen Azur ihrer Augen gebildet hatte. Sie haßte ſich und ihre Schönheit. „Ich würde Sie verlachen und Ihnen Troz bieten, wenn ich den Muth dazu hätte“ rief ſie; „ich würde mich tödten und Ihnen Troz bieten, wenn ich den Muth dazu hätte. Aber ich bin ein armes, klägliches, feigherziges Ding und bin von jeher ſo geweſen; in Angſt vor meiner Mutter ſchrecklichem Erbe, in Angſt vor meiner Armuth; in Angſt vor Georg Talboys; in Angſt vor Ihnen.“ Sie ſchwieg eine Weile, aber ſie behauptete im⸗ Braddon, Lady Aubley's Geheimniß. III. 11 162 mer noch ihren Plaz an der Thüre, als ob ſie ent⸗ ſchloſſen wäre, Robert ſo lang, als es ihr beliebte, hier aufzuhalten. „Wiſſen Sie, woran ich denke?“ begann ſie dann wieder plözlich.„Wiſſen Sie, woran ich denke, wenn ich Sie in dem düſtern Lichte dieſes Zimmers an⸗ ſehe? Ich denke an den Tag, wo Georg Talboys — verſchwand.“ Robert fuhr zuſammen, als ſie des Namens ſei⸗ nes verlorenen Freundes erwähnte; ſein Geſicht wurde bleich in dem dämmerigen Lichte, und ſein Athem ging ſchneller und hörbarer. „Er ſtand mir ſo gegenüber, wie Sie eben jezt ſtehen,“ fuhr Mylady fort.„Sie haben geſagt, Sie wollen das alte Haus dem Erdboden gleich machen; Sie wollen jeden Baum in dem Garten mit der Wurzel ausreißen, um Ihren todten Freund zu fin⸗ den. Sie hätten nicht nöthig gehabt, ſo viel zu thun; der Körper von Georg Talboys liegt auf dem Grunde des alten Brunnens, in dem Gebüſch jen⸗ ſeits der Lindenallee.“ Robert Audley erhob die Hände und ſchlug ſie mit einem lauten Schrei des Entſezens über ſeinem Haupte zuſammen. „O, mein Gott!“ ſagte er nach einer ſchrecklichen Pauſe,„haben all die gräßlichen Dinge, woran ich gedacht, mich ſo wenig auf die gräßliche Wahrheit vorbereitet, daß mich zulezt noch ſolch ein Schlag treffen ſollte?“ „Er kam zu mir in der Lindenallee,“ nahm My⸗ lady wieder das Wort, in demſelben harten, mürri⸗ ſchen Tone, wie ſie die gottloſe Geſchichte ihres Lebens bekannt hatte.„Ich wußte, daß er kommen wüt dieſ ihn lieb thu Leb Ver Leb ſein hab wWo geb loſe dies wa bri: zu zu Uel Er ſim hab Lin wer bor klir zul ent⸗ bte, ann enn an⸗ 0y3 ſei⸗ ude hem jezt Sie en; der fin⸗ zu dem jen⸗ ſie nem chen ich heit lag My⸗ trri⸗ hres men 163 würde, und hatte mich ſo gut als möglich auf dieſe Begegnung vorbereitet. Ich war entſchloſſen, ihn mit guten Worten zu beſchwichtigen, durch Schmeicheleien zu gewinnen, ihm Troz zu bieten, lieber Alles zu thun, als den gewonnenen Reich⸗ thum und Rang aufzugeben und zu meinem alten Leben zurückzukehren. Er kam und warf mir die Verſchwörung zu Ventnor vor. Er erklärte, ſein Leben lang werde er mir niemals die Lüge, welche ſein Herz gebrochen habe, vergeben. Er erklärte, ich habe ihm das Herz aus der Bruſt geriſſen und mit Füßen getreten; und jezt habe er kein Herz mehr, worin ein Gefühl von Gnade für mich zu finden ſei. Jedes Unrecht auf Erden würde er mir ver⸗ geben haben, nur nicht das überlegte, leidenſchafts⸗ loſe Unrecht, das ich ihm angethan hätte. Er ſagte dies und noch viel mehr und verſicherte, keine Ge⸗ walt auf Erden werde ihn von ſeinem Vorhaben ab⸗ bringen, mich zu dem Mann, den ich betrogen hatte, zu führen und mich meine gottloſe Geſchichte erzählen zu laſſen. Er wußte Nichts von dem verborgenen Uebel, das ich mit der Muttermilch eingeſogen hatte. Er wußte nicht, daß es möglich war, mich zum Wahn⸗ ſinn zu treiben. Er reizte mich, wie Sie gethan haben; er war unbarmherzig, wie Sie es geweſen. Wir befanden uns in dem Gebüſch, am Ende der Lindenallee. Ich ſaß auf dem zerbrochenen Mauer⸗ werk an der Mündung des Brunnens. Georg Tal⸗ boys lehnte an dem außer Gebrauch gekommenen Haspel, in welchem die roſtige eiſerne Spindel leicht klirrte, wenn er ſeine Stellung veränderte. Ich ſtand zulezt auf und drehte mich gegen ihn um, ihm Troz 164 zu bieten, da ich entſchloſſen war, es auf das Aeußerſte ankommen zu laſſen. Ich verſicherte ihn, wenn er mich Sir Michael denuncire, würde ich ihn für einen Wahnſinnigen oder Lügner erklären, und forderte ihn heraus, den Mann, der mich liebte— blindlings, wie ich ihm ſagte— zu überzeugen, daß er irgend einen Anſpruch an mich habe. Ich war im Begriff, ihn nach dieſen Worten zu verlaſſen, als er mich an dem Handgelenke packte und mit Gewalt zurückhielt. Sie haben die rothen Male geſehen, welche ſeine Finger an meinem Handgelenke zurück⸗ ließen, und wohl bemerkt und der Erklärung, die ich davon gab, keinen Glauben geſchenkt. Ich konnte das wohl ſehen, Mr. Robert Audley, und erkannte, daß Sie eine Perſon waren, die ich zu fürchten hatte.“ Sie machte eine Pauſe, als erwartete ſie, daß Robert ſpreche; aber er ſchwieg ſtill und harrte bewegungslos auf das Ende. „Georg Talboys behandelte mich, wie Sie mich behandelt haben,“ fuhr ſie dann ſchnell wieder fort. „Er ſchwur, wenn es nur Einen Zeugen für die Identität meiner Perſon gebe und dieſer Zeuge die ganze weite Welt von Audley Court entfernt ſei, ſo wolle er ihn hieher bringen und die Wahrheit beſchwören laſſen und mich zur Klage ziehen. Jezt war es, daß ich wahnſinnig wurde. Jezt war es, daß ich die loſe eiſerne Spindel aus dem einge⸗ ſchrumpften Holz wegzog und meinen erſten Gatten mit einem ſchrecklichen Schrei in die ſchwarze Mün⸗ dung des Brunnens verſinken ſah. Es geht eine Sage von deſſen ungeheurer Tiefe. Ich weiß nicht, wie tief er iſt. Er iſt ausgetrocknet, vermuthe ich; den dun als abe bei! ſie wa als Thi Hä mer bra mo iſt,“ Bel dieſ nich wei Leb ſize mer län ſehe Rol wer 165 denn ich hörte kein Geplätſcher, ſondern nur einen dumpfen Fall. Ich ſchaute hinab und ſah Nichts als eitel Finſterniß. Ich kniete nieder und horchte, aber der Schrei wiederholte ſich nicht, obwohl ich beinahe eine Viertelſtunde— Gott weiß, wie lange ſie mir vorkam— an der Mündung des Brunnens wartete.“ Robert Audley äußerte kein Wort des Schauders, als die Geſchichte zu Ende war. Er rückte nur der Thüre, an welcher Helen Talboys ſtand, etwas näher. Hätte es ein anderes Mittel gegeben, aus dem Zim⸗ mer hinwegzukommen, er würde gern davon Ge⸗ brauch gemacht haben. Er bebte vor einer auch nur momentanen Berührung mit dieſem Geſchöpf zurück. „Laſſen Sie mich vorbei, wenn es Ihnen gefällig iſt,“ ſprach er mit eiſiger Stimme. „Sie ſehen, ich fürchte mich nicht, Ihnen mein Bekenntniß abzulegen,“ ſagte Helen Talboys,„und dieß aus zwei Gründen. Der erſte iſt, daß Sie nicht wagen, davon gegen mich Gebrauch zu machen, weil Ihnen bewußt iſt, es würde Ihren Oheim das Leben koſten, wenn er mich auf der Verbrecherbank ſizen ſähe; der zweite, daß das Geſez keinen ſchlim⸗ mern Spruch gegen mich fällen könnte, als lebens⸗ längliche Einſperrung in einem Nrenhauſe. Sie ſehen, ich danke Ihnen für Ihre Gnade nicht, Mr. Robert Audley, denn ich weiß genau, was dieſelbe werth iſt.“ Sie zog ſich von der Thüre zurück, und Robert ging an ihr vorüber, ohne ein Wort, ohne einen Blick. Eine halbe Stunde ſpäter befand er ſich in einem 166 der erſten Hotels zu Villebrumeuſe, vor einem nett geordneten Souper, ohne die Möglichkeit, zu eſſen, ohne die Möglichkeit, ſeinen Geiſt auch nur einen Augenblick von dem Bilde des verlorenen Freundes abzuwenden, welcher auf eine ſo verrätheriſche Weiſe in dem Gebüſche von Audley Court gemordet wor⸗ den war. Achtes Capitel. Geiſterſpuk. Kein fieberiſcher Schläfer, der in einem ſeltſamen Traume reiste, ſah jemals mit größerer Verwunde⸗ rung auf eine ihm unwirklich vorkommende Welt, als Robert Audley, da er in völliger Geiſtesabweſenheit auf die flachen Moorlandſchaften und traurigen Pap⸗ peln zwiſchen Villebrumeuſe und Brüſſel hinaus⸗ ſtarrte. War es möglich, daß er in ſeines Oheims Hauſe ohne die Frau zurückkehrte, welche beinahe zwei Jahre als Herrin und Königin dort regiert hatte? Es war ihm, als hätte er Mylady entführt und wäre mit ihr heimlich und im Dunkeln davon ge⸗ gangen und müßte nun Sir Michael über das Schick⸗ ſal der Frau, welche der Baronet ſo innig geliebt hatte, Rechenſchaft geben. „Was ſoll ich ihm ſagen,“ dachte er;„ſoll ich ihm die Wahrheit ſagen— die ſchreckliche, gräßliche Wahrheit? Nein, das wäre allzu grauſam. Sein edl lies Go ich ley in dar Lel vot ſch vo1 hat ver M thr de ꝙ ToO nett ſſen, inen ides eiſe vor⸗ men nde⸗ als cheit ßap⸗ aus⸗ eims nahe tte und chick liebt lich 167 edler Geiſt würde der abſcheulichen Offenbarung unter⸗ liegen. Jo, in ſeiner Unkenntniß von der Größe der Gottloſigkeit dieſes elenden Weibes denkt er vielleicht, ich ſei zu hart mit ihr umgegangen.“ In ſolchem Sinnen betrachtete Mr. Robert Aud⸗ ley zerſtreut die reizloſe Landſchaft von ſeinem Size in dem ſchäbigen Coupé des Poſtwagens, und dachte darüber nach, was für ein großes Blatt aus ſeinem Leben geriſſen worden, nun, da die dunkle Geſchichte von Georg Talboys zu Ende war. Was hatte er zunächſt zu thun? Eine Menge ſchrecklicher Vorſtellungen ſchoſſen ihm durch den Kopf, als er ſich der Geſchichte erinnerte, welche er von den weißen Lippen Helen Talbdys' vernommen hatte. Sein Freund— ſein ermordeter Freund— lag verborgen unter den modernden Trümmern des alten Brunnens zu Audley. Er lag hier ſeit ſechs langen Monaten, unbekannt, unbegraben, verborgen in der Finſterniß des alten Kloſterbrunnens. Was war zu thun Stellte er eine Nachſuchung nach den Ueberreſten des Ermordeten an, ſo hatte dieß unvermeidlich eine Todtenſchau zur Folge. Kam eine ſolche in Aus⸗ führung, ſo mußte nothwendiger Weiſe auch die Ge⸗ ſchichte von Mylady's Verbrechen an's Licht gebracht werden. Den Beweis zu führen, daß Georg Tal⸗ boys zu Audley Court ums Leben gekommen war, hieß ebenſo viel, als darzuthun, daß Mylady das Werkzeug dieſes myſteriöſen Todes geweſen, denn man wußte, daß der junge Mann ſie am Tage ſei⸗ 168 nes Verſchwindens in der Lindenallee aufgeſucht hatte. „Mein Gott!“ rief Robert, als das Entſezliche dieſer Lage ihm zur Gewißheit wurde;„ſoll mein Freund in dieſem unheiligen Begräbnißplaze ver⸗ bleiben, weil ich den Frevel der Frau, die ihn er⸗ mordet hat, ungeſtraft ließ?“ Er fühlte, daß es keinen Ausweg aus dieſer Schwierigkeit gab. Manchmal ſtellte er ſich vor, es mache für ſeinen todten Freund wenig aus, ob er unter einem Marmordenkmal, deſſen Arbeit die Be⸗ wunderung der ganzen Welt auf ſich zöge, oder in dieſem unbekannten Verſteck unter dem Gebüſche von Audley Court begraben läge. Ein anderes Mal wurde er von einem plözlichen Grauen bei dem Un⸗ recht, das dem Ermordeten zugefügt worden, erfaßt und würde mit Freuden noch ſchneller gereist ſein, als ihn der Eilzug zwiſchen Brüſſel und Paris davon trug, nur um deſto früher an das Ende der Reiſe zu gelangen und dieſes grauſame Unrecht zu ſühnen. Er kam zu London in der Dämmerung des zwei⸗ ten Tages, nachdem er Audley Court verlaſſen hatte, an und fuhr geraden Wegs in das Clarendon Hotel, um über ſeinen Oheim Erkundigung ein⸗ zuziehen. Er hatte nicht die Abſicht, Sir Michael zu ſehen, da er noch nicht darüber mit ſich einig war, wie viel oder wie wenig er ihm ſagen wollte, aber er wünſchte ſehr lebhaft, Kenntniß davon zu erhalten, wie der alte Mann ſich in den grauſamen Schlag, den er ſo eben erlitten hatte, ſchickte. „Ich will Alicia ſehen,“ dachte er;„ſie wird mir Alles über ihren Vater erzählen. Es ſind erſt zwei Tag war Cou von ſein um zu Fri ick bis Geſ zuri mer Tal Nac ein ſchr meh flück ſten gew lieb riſck von Har zu ucht iche nein ver⸗ er⸗ eſer „es er Be⸗ in von Mal Un⸗ faßt ſein, von eiſe nen. wei⸗ ſſen don ein⸗ hael inig lUte, zu men mir 169 Tage, daß er Audley verließ. Ich darf kaum er⸗ warten, daß eine günſtige Wendung eingetreten iſt.“ Aber Mr. Audley war es nicht vergönnt, ſeine Couſine dieſen Abend zu ſehen, denn die Dienerſchaft von Clarendon Hotel meldete ihm, Sir Michael und ſeine Tochter ſeien mit dem Morgenzug abgegangen, um über Paris nach Wien zu reiſen. Robert war es wohl zufrieden, dieſe Botſchaft zu erhalten: ſie gewährte ihm eine willkommene Friſt, denn es war entſchieden beſſer, dem Baronet tichts von ſeiner ſchuldigen Frau zu erzählen, als bis er, wie zu hoffen ſtand, mit wiederhergeſtellter Geſundheit und gefaßter im Geiſte nach England zurückkehrte. Mr. Audley fuhr nach dem Tempel. Die Zim⸗ mer, welche ihm ſeit dem Verſchwinden von Georg Talboys ſo traurig vorgekommen, waren es heute Nacht in doppeltem Maße. Denn was bisher nur ein finſterer Argwohn geweſen, war jezt zu einer ſchrecklichen Gewißheit geworden. Es war jezt nicht mehr Raum für den ſchwächſten Strahl, für den flüchtigſten Schimmer von Hoffnung. Seine ſchlimm⸗ ſten Befürchtungen waren nur allzu wohlbegründet geweſen. Georg Talboys war von dem Weibe, das er ge⸗ liebt und betrauert hatte, grauſamer und verräthe⸗ riſcher Weiſe gemdrdet worden. In ſeiner Wohnung fanden ſich drei Briefe für Mr. Audley. Einer war von Sir Michael, ein anderer von Alicia. Die Adreſſe des Dritten zeigte eine Handſchrift, welche der junge Rechtsgelehrte nur all⸗ zu wohl kannte, obwohl er dieſelbe nur einmal frü⸗ 170 her geſehen hatte. Er erröthete lebhaft, als er die Aufſchrift erkannte, und nahm den Brief zärtlich und mit Sorgfalt in die Hand, als wäre er ein leben⸗ des Ding und fühlte ſeine Berührung. Er drehte ihn in ſeiner Hand um, betrachtete das Siegel auf dem Umſchlag, die Poſtmarke, die Farbe des Papiers und ſteckte ihn dann mit einem ſeltſamen Lächeln in ſeine Weſtentaſche. „Was ich für ein elender und übertriebener Narr bin,“ dachte er.„Habe ich mein Leben über die Thorheiten ſchwacher Männer gelacht, um zulezt noch thörichter als der ſchwächſte von ihnen zu werden? Das ſchöne braunäugige Geſchöpf! Warum habe ich ſie jemals geſehen? Warum wies mir mein unbarmherziges Verhängniß immer den Weg nach dem traurigen Hauſe in Dorſetſhire?“ Er öffnete die zwei erſten Briefe. Er war när⸗ riſch genug, den dritten als einen deliciöſen Biſſen, als ein koſtliches Deſſert nach den alltäglichen Be⸗ ſtandtheilen eines Diners, für zulezt aufzubewahren. Alicia's Brief meldete ihm, Sir Michael habe ſein Leid mit einer ſo beharrlichen Ruhe ertragen, daß dieſe geduldige Faſſung für ſie beängſtigender als jede ſtürmiſche Offenbarung verzweifelten Schmerzes geweſen ſei. In dieſer Noth habe ſie ſich insgeheim an den Arzt gewandt, welcher in Fällen ernſtlicher Krankheit die Familienglieder von Audley zu behan⸗ deln pflegte, und dieſen Gentleman erſucht, Sir Mi⸗ chael einen ſcheinbar zufälligen Beſuch zu machen. Dieß ſei geſchehen, und nachdem er eine halbe Stunde bei dem Baronet verweilt, habe er Alicia erklärt, für jezt ſeien keine ernſtlichen Folgen von dieſem ſtille mög porz tigke ihre ſich gege land rigk alte ſo 1 gen lich zum ſein lehr zu ein chae ſchr kün ten Dir zu es jen von die und ben⸗ ehte auf iers cheln Narr die noch den? habe mein nach när⸗ iſſen, Be⸗ hren. habe agen, r als lerzes eheim licher ehan⸗ Mi⸗ achen. tunde klärt, ieem ſtillen Gram zu befürchten, aber man müſſe alle möglichen Anſtrengungen machen, Sir Michael em⸗ porzureißen und ſelbſt gegen ſeinen Willen in Thä⸗ tigkeit zu verſezen. Alicia hatte dieſen Rath unmittelbar befolgt, ihre alte Herrſchaft als verzogenes Kind wieder an ſich genommen und ihren Vater an das ihr früher gegebene Verſprechen, mit ihr eine Reiſe nach Deutſch⸗ land zu machen, erinnert. Es war mit großen Schwie⸗ rigkeiten verknüpft geweſen, ihn zur Erfüllung dieſes alten Verſprechens zu beſtimmen, und als ſie einmal ſo viel gewonnen, hatte ſie es auch dahin zu brin⸗ gen gewußt, daß man England ſo ſchnell als mög⸗ lich verlaſſen ſollte— und ſie erklärte nun Robert zum Schluſſe, ſie würde ihren Vater nicht eher in ſein altes Haus zurückbringen, als bis ſie ihn ge⸗ lehrt hätte, die daran ſich knüpfenden Kümmerniſſe zu vergeſſen. Des Baronets Brief war ſehr kurz. Er enthielt ein halb Duzend Blancoanweiſungen auf Sir Mi⸗ chael Audley's Bankiers in London. „Du wirſt Geld brauchen, mein lieber Robert,“ ſchrieb er,„zu den Arrangements, welche Du für die künftige Behaglichkeit der Deiner Sorge anvertrau⸗ ten Perſon zu treffen für gut findeſt. Ich brauche Dir kaum zu ſagen, daß die Arrangements nicht zu liberal ſein können. Aber vielleicht iſt es eben⸗ ſo gut, Dir jezt und ein für alle Mal zu ſagen, daß es mein ernſtlicher Wunſch iſt, nie mehr den Namen jener Perſon zu hören. Ich hege nicht den Wunſch, von der Natur der für ſie von Dir getroffenen Ver⸗ fügungen Kenntniß zu erhalten. Ich bin überzeugt, 172 daß Du gewiſſenhaft und barmherzig verfahren wirſt. Ich ſuche nicht mehr zu erfahren. Wenn du Geld brauchſt, ſo ziehe auf mich jede erforderliche Summe, aber Du wirſt niemals Veranlaſſung nehmen, mir zu ſagen, zu welchem Bedarf das Geld nöthig iſt.“ Robert Audley ſtieß einen langen Seufßzer der Erleichterung aus, als er den Brief wieder zuſam⸗ menlegte. Er entband ihn einer Pflicht, deren Er⸗ füllung für ihn höchſt peinlich geweſen wäre, und entſchied für immer ſeine Handlungsweiſe in Bezug auf den Ermordeten. Georg Talboys mußte im Frieden in ſeinem un⸗ bekannten Grabe liegen bleiben, und Sir Michael durfte nie erfahren, daß die Frau, welche er geliebt hatte, das Brandmal des Mordes auf ihrer Seele trug. Robert hatte nur noch den dritten Brief zu öffnen— den Brief, welchen er, ſo lang er die andern las, an ſeine Bruſt gelegt hatte; er nahm das Couvert ab, noch immer mit demſelben ſo ſorgfältig und zärtlich wie zuvor umgehend. Der Brief war ſo kurz, wie der von Sir Mi⸗ chael. Er enthielt nur die wenigen Zeilen: „ „Werther Mr. Audley,— „Der Rector von hier hat zweimal Marks be⸗ ſucht, den Mann, welchen Sie bei dem Brande im Schloßwirthshauſe gerettet haben. Er liegt in einem ſehr bedenklichen Zuſtande in ſeiner Mutter Häus⸗ chen bei Audley Court, und man glaubt, daß er nur noch wenige Tage zu leben hat. Seine Frau pflegt ihn, und beide, er und ſie, haben das ernſt⸗ liche mal ohne § zuſa ſeine gion ließ eine wäh lang ſeine Trär mer ken heite wede gab einet ihne Tab ober triel groß gen könn irſt. Geld nme, mir iſt.“ der ſam⸗ Er⸗ und ezug un⸗ chael liebt eele die das ältig Mi⸗ können, unter Schloß und Riegel von einem ſtrengen 173 liche Verlangen ausgedrückt, daß Sie ihn noch ein⸗ mal beſuchen, bevor er ſtirbt. Bitte, kommen Sie ohne Zögern. „Ihre aufrichtig ergebene „Klara Talboys. „Mount Stanning, Pfarrhaus, den 6. März.“ Robert Audley legte den Brief ſehr ehrerbietig zuſammen und ſteckte ihn wieder unter den Theil feiner Weſte, welcher angenommener Maßen die Re⸗ gion ſeines Herzens bedeckte. Nachdem dieß geſchehen, ließ er ſich in ſeinen Lieblingsſeſſel nieder, ſtopfte eine Pfeife, zündete ſie an und rauchte ſie aus, während er nachdenklich in das Feuer ſtarrte, ſo lang ſein Tabak währte. Das träge Licht, das in ſeinen ſchönen grauen Augen leuchtete, erzählte von Träumereien, die kaum düſterer oder unangeneh⸗ mer Natur ſein konnten. Seine Gedanken wanderten auf den blauen Wol⸗ ken des Tabaksrauchs dahin und führten ihn in ein heiteres Gebiet weſenloſer Regionen ein, wo es weder Unruhe noch Tod, weder Gram noch Schmach gab; nur er und Klara Talboys befanden ſich in einer Welt, welche durch die Allgewalt ihrer Liebe ihnen völlig zu eigen gemacht worden war. Erſt als das lezte Reſtchen des blaſſen türkiſchen Tabaks aufgezehrt und die graue Aſche auf der oberſten Stange des Feuerroſtes ausgeklopft war, trieb dieſer angenehme Traum hinweg nach jenem großen Magazine, wo die Erſcheinungen von Din⸗ gen, die niemals geweſen ſind und niemals ſein 174 Zauberer gehalten werden, welcher nur dann und wann die Schlüſſel umdreht und zum kurzen Ent⸗ zücken der Menſchenkinder die Thüre ſeines Schaz⸗ hauſes auf eine Weile öffnet. Aber der Traum entfloh, und die ſchwere Bürde trauriger Wirklich⸗ keit fiel wieder auf Roberts Schulter, noch hart näckiger als ein alter Seemann. „Was kann Marks von mir begehren?“ dachte der Rechtsgelehrte.„Er fürchtet vielleicht zu ſterben, ehe er ein Bekenntniß abgelegt. Er wünſcht mir Etwas zu ſagen, was ich ſchon kenne, die Geſchichte von Mylady's Verbrechen. Ich wußte, daß er im Geheimniß war. Ich hatte die Ueberzeugung davon ſchon in der Nacht, da ich ihn zum erſten Mal ſah. Er kannte das Geheimniß und handelte damit.“ Robert Audley bebte ſeltſam davor zurück, nach Eſſer zurückzukehren. Wie konnte er Klara Talboys entgegen gehen, jezt, da er das Geheimniß von ihres Bruders Schickſal wußte? Wie viele Lügen mußte er ſagen, wie vieler Zweideutigkeiten ſich bedienen, um die Wahrheit ihr fern zu halten? Und doch wäre es unbarmherzig geweſen, ihr die ganze ſchreck⸗ liche Geſchichte zu erzählen, deren Kenntniß wie Mehlthau auf ihre Jugend wirken und jede Hoff⸗ nung, die ſie noch insgeheim gehegt hatte, erſticken mußte. Er wußte aus eigener Erfahrung, wie mög⸗ lich es war, zu hoffen, wo alle Hoffnung aus war, und ſelbſt bewußtlos zu hoffen; und er konnte es nicht über ſich bringen, ihr Herz zu zerreißen, wie das ſeinige durch die Kenntniß der Wahrheit zer⸗ riſſen worden war. „Beſſer, ſie hofft vergeblich bis an's Ende,“ dacht ſel 3 ich i wirkl in d 2 dring kehre füllei koſtet Ster ihn: zuſch ziehe ( Min welc keine ein. und und Brer ( war, aufz dem welc erfü und und Ent⸗ chaz⸗ aum klich⸗ hart achte ben, mir ichte r im avon „ſah. nach boys ihres nußte enen, doch hreck⸗ wie Hoff⸗ ticken mög⸗ war, te es wie zer⸗ 175 dachte er,„beſſer, ſie ſucht ihr Leben lang den Schlüſ⸗ ſel zu ihres verlornen Bruders Schickſal, als daß ich ihr dieſen Schlüſſel in die Hand gebe und zu ihr ſpreche:„Ihre ſchlimmſten Befürchtungen ſind ver⸗ wirklicht. Der Bruder, den Sie geliebt haben, iſt in dem Frühling ſeiner Jugend ermordet worden.“ Aber Klara Talboys hatte in ihrem Briefe ihn dringend gebeten, ohne Verzug nach Eſſex zurückzu⸗ kehren. Konnte er ſich weigern, ihre Bitte zu er⸗ füllen, ſo ſchmerzliche Ueberwindung es ihn auch koſtete? Und dann lag der Mann vielleicht im Sterben und hatte den flehenden Wunſch geäußert, ihn zu ſehen. Wäre es nicht grauſam, dieß ab⸗ zuſchlagen, unnöthiger Weiſe eine Stunde zu ver⸗ ziehen?“ Er ſah auf ſeine Uhr. Es waren noch fünf Minuten bis Neun. Nach dem Jpswicher Zug, welcher London um halb neun Uhr verließ, ging keiner mehr nach Audley; aber um eilf Uhr fuhr ein Zug von Shoreditch ab, welcher zwiſchen zwölf und ein Uhr zu Brentwood anhielt. Robert entſchloß ſich, mit dieſem Zug zu gehen und den über ſechs Meilen betragenden Weg von Brentwood nach Audley zu Fuß zurückzulegen. Er hatte noch lang zu warten, ehe es nöthig war, den Tempel zu verlaſſen und nach Shoreditch aufzubrechen, und er blieb in düſterem Sinnen vor dem Feuer ſitzen und erwog die ſeltſamen Ereigniſſe, welche in den lezten anderthalb Jahren ſein Leben erfüllt, ſich gleich zornigen Schatten zwiſchen ihn und ſeine trägen Neigungen geworfen und ihn für 176 Zwecke, die nicht ſeine eigenen waren, in Pflicht ge⸗ nommen hatten. „Gütiger Himmel!“ dachte er, während er ſeine zweite Pfeife rauchte,„wie kann ich glauben, daß ich es war, der faulenzend den ganzen Tag in die⸗ ſem Seſſel lag und Paul de Kock las und ſüßen türkiſchen Tabak rauchte; der gewöhnlich zu halbem Preiſe im Theater einfiel und unter den Preßleuten hinter den Logen Plaz nahm, um eine neue Poſſe zu ſehen und den Abend damit ſchloß, daß er„Dohle und Krähe“ ſpielte und Cotelettes und Weißbier bei Evans zu ſich nahm? War ich es, der das Leben als einen ſo luſtigen Rundtanz auffaßte? War ich einer der Knaben, die behaglich auf den hölzernen Eſel ſizen, während andere Knaben barfuß im Kothe herumlaufen und es ſich ſo ſauer als möglich wer⸗ den laſſen, um reiten zu können, wenn die Arbeit vorüber iſt? Der Himmel weiß, ich habe ſeitdem das Geſchäft des Lebens gelernt; und jezt muß ich mich noch verlieben und den tragiſchen Chor an⸗ ſchwellen laſſen, welcher ſtets unter der armſeligen Zuthat meines jammervollen Seufzens und Stöh⸗ nens geſungen wird. Klara Talboys! Klara Tal⸗ boys! Iſt ein barmherziges Lächeln unter dem ern⸗ ſten Lichte Deiner braunen Augen verborgen? Was würdeſt Du mir zur Antwort geben, wenn ich Dir ſagte, daß ich Dich ſo ernſtlich und getreu liebe, wié! ich Deines Bruders Schickſal betrauert habe— daß die neue Kraft und Bedeutung meines Lebens, welche aus meiner Freundſchaft für den Ermordeten ent⸗ ſprang, noch wirkſamer, wenn ſie Dir zugewendet iſt, ſich geſtaltet und mich ſo verändert, bis ich über mich Ach! Farl gern wür wah ſchaf könn mich mach und esn Talb ſchlae mir hoffe irgen hoffe ſich ſ an E todte: ſchrec ſich e und geſell Blut eines behaf Bilde in ſe konnt Br eine daß die⸗ ßen bem ten oſſe ohle bei ben ich rnen othe wer⸗ beit dem ich an⸗ igen töh⸗ Tal⸗ ern⸗ Was Dir wie daß elche ent⸗ iſt, über 177 mich ſelbſt ſtaunen muß. Was würde ſie mir ſagen? Ach! der Himmel weiß es. Wenn ſie zufällig die Farbe meines Haares oder den Ton meiner Stimme gern hätte, möchte ſie mich vielleicht anhören. Aber würde ſie mir eher Gehör ſchenken, weil ich ſie wahrhaft und rein liebe; weil ich beſtändig, recht⸗ ſchaffen und ihr treu wäre? Nein! Dergleichen könnte ſie vielleicht beſtimmen, etwas mitleidig gegen mich zu ſein; aber weiter keinen Eindruck auf ſie machen! Wenn ein Mädchen mit Sommerſproſſen und weißen Augenwimpern mich anbetete, würde ich es nur für einen Plaggeiſt halten; aber wenn Klara Talboys auf den Einfall käme, auf meiner unge⸗ ſchlachten Perſon herumtreten zu wollen, würde ich mir einbilden, ſie erweiſe mir noch eine Gunſt. J hoffe, die arme kleine Alicia wird auf ihren Reiſen einen ſchönhaarigen Saſſen aufgabeln. Ich offe Seine Ideen ſchweiften müde ab und verloren ſich ſelbſt. Wie konnte er auf Etwas hoffen, oder an Etwas denken, während die Erinnerung an ſeines todten Freundes unbeerdigten Leichnam wie ein ſchreckliches Geſpenſt ihn umſchwebte? Er erinnerte ſich einer Geſchichte— einer krankhaften, häßlichen und doch reizenden Geſchichte, welche einſt an einem geſelligen Winterabend auf angenehme Weiſe ſein Blut zum Erſtarren gebracht hatte, der Geſchichte eines Mannes, der vielleicht mit einer fixen Idee behaftet war— und bei jeder Gelegenheit von dem Bilde eines unbeerdigt gebliebenen Verwandten, der in ſeinem unheiligen Verſteck keine Ruhe finden konnte, verfolgt wurde. Wie wenn hinfort das Ge⸗ Braddon, Lady Aubley's Geheimniß. III. 12 178 ſpenſt des ermordeten Georg Talboys bei ihm um⸗ ing? Er ſchob ſich mit beiden Händen das Haar aus dem Geſicht und ſchaute ziemlich aufgeregt in dem netten kleinen Gemach herum. Da gab es lauernde Schatten in den Ecken des Zimmers, die ihm nicht ſonderlich gefielen. Die Thüre zu ſeinem kleinen An⸗ kleidekabinet war halb offen; er ſtand auf, um ſie zu ſchließen, und drehte den Schlüſſel in dem Schloſſe laut knarrend um. „Ich habe Alexander Dumas und Wilkie Collins nicht umſonſt geleſen,“ brummte er.„Ich bin hinter ihre Schliche gekommen, wie ſie hinter dem Rücken von Einem zu den Thüren hereinſchleichen, ihre weißen Geſichter an die Fenſterſcheiben drücken und in der Dämmerung ſich zu lauter Augen machen. Es iſt ſeltſam, daß ein edelmüthiger Burſche, der niemals in ſeinem Leben etwas Schuftiges gethan hat, im Augenblick, da er ein Geiſt wird, jeder Gemeinheit fähig erſcheint. Ich will morgen das Gas herein⸗ leiten laſſen und den älteſten Sohn von Mrs. Ma⸗ lony beſtimmen, daß er unter dem Briefkaſten im Vorzimmer ſchläft. Der Junge ſpielt Volksmelodien auf einem Stück Seidenpapier und einem kleinge⸗ zahnten Kamm und wird eine ganz angenehme Ge⸗ ſellſchaft abgeben.“ Mr. Audley ging verdroſſen im Zimmer auf und ab, indem er der Zeit los zu werden ſuchte. Es war unnütz, den Tempel vor zehn Uhr zu verlaſſen; und ſelbſt dann war er gewiß, noch eine halbe Stunde zu früh anzukommen. Er war des Rauchens müde. Der beſänftigende narke aber müth Dutz freur merif und dieſe 2 Freu ſtillet ſein men, und ſich konn kleine Pom unter und und Wiſſe dabei und drück moch wenn welch ſellſc mied ſich ſtänd aus dem rnde nicht ſie loſſe llins inter icken ißen der s iſt nals im cheit rein⸗ Ma⸗ im dien nge⸗ Ge⸗ und ſen; albe ende 179 narkotiſche Einfluß mag an ſich angenehm genug ſein, aber der Mann muß eine beſonders ungeſellige Ge⸗ müthsart beſizen, welcher nicht nach einem halben Dutzend einſamer Pfeifen das Bedürfniß irgend eines freundſchaftlichen Genoſſen fühlt, auf den er träu⸗ meriſch durch die blaßgrauen Nebel ſchauen kann, und der nicht ſeinerſeits wieder ihm wohlwollend dieſen Blick zurückgibt. Man darf nicht denken, daß Robert Audley ohne Freunde war, weil er ſo oft ſich allein in ſeiner ſtillen Wohnung befand. Der ernſte Zweck, welcher ſein ſorgloſes Leben ſo gewaltig in Anſpruch genom⸗ men, hatte ihn ſeinen alten Bekannten entfremdet, und aus dieſem Grunde war er allein. Er hatte ſich von ſeinen alten Freunden zurückgezogen. Wie konnte er bei geſelligen Trinkpartien oder hübſchen kleinen Diners, die mit Nonpareil und Chambertin, Pomard und Champggner hinunter geſpült wurden, unter ihnen ſizen? Wie konnte er unter ihnen ſizen und ihrem gleichgültigen Geplauder über Politik und Oper, Literatur und Wettrennen, Theater und Wiſſenſchaft, Scandal und Theologie zuhören und dabei die ſchreckliche Laſt jener finſtern Schreckniſſe und Befürchtungen, die Tag und Nacht auf ihn drückte, in ſeinem Geiſte herumtragen? Das ver⸗ mochte er nicht! Er ſcheute vor ihnen zurück, wie wenn er wirklich ein Spürhund der Polizei wäre, welcher, durch gemeinen Umgang befleckt, zum Ge⸗ ſellſchafter für ehrliche Gentlemen nicht taugte. Er mied all die vertrauten Unterhaltungsorte und ſchloß ſich in ſeine einſamen Zimmer ein, wo er die be⸗ ſtändige Unruhe ſeines Geiſtes zur einzigen Geſell⸗ 180 ſchaft hatte, bis er ſo reizbar und nervös geworden war, als die beſtändige Einſamkeit ſchließlich ſelbſt den ſtärkſten und weiſeſten Mann macht, ſo ſehr er ſich ſeiner Stärke und Weisheit rühmen mag. ꝙ Die Thurmuhr von Temple Church, und die Uhren von St. Dunſtan, St. Clements Danes und einer Menge anderer Kirchen, deren Thürme ſich über die Häuſerſpitzen am Fluſſe erheben, ſchlugen endlich Zehn, und Mr. Audley, welcher ſchon eine halbe Stunde zuvor ſeinen Hut aufgeſezt und ſeinen Ueberrock angezogen hatte, trat aus dem kleinen! Vorzimmer und verſchloß die Thüre hinter ſich. Er erneuerte im Geiſte noch einmal den Entſchluß,„Par⸗ thrick“ wie Mrs. Malony's älteſter Sohn von ſeiner zärtlichen Mutter genannt wurde, in ſeine Dienſte zu nehmen. Der Junge ſollte ſchon in der nächſt⸗ folgenden Nacht ſeine Functionen antreten, und wenn der Geiſt des unglücklichen Georg Talboys in dieſe düſtern Gemächer eindringen ſollte, ſo mußte das Geſpenſt ſeinen Weg zuerſt über Patricks Körper nehmen, ehe er das innere Gemach, wo der Eigen⸗ thümer der Wohnung ſchlief, erreichte. Man lache nicht über den armen Robert, daß er nach Anhörung der ſchrecklichen Geſchichte von ſeines Freundes Tod hypochondriſch geworden war. Es gibt nichts ſo Zartes und Gebrechliches, als die unſichtbare Waage, auf welcher der Geiſt des Men⸗ ſchen immer hin und her zittert. Heute wahnſinnig und morgen vernünftig. Wer kann jenes beinahe ſchreckliche Gemälde von fürch ſchw der thige der und elend Frat und Gem ziger Mir mitte wurt auf ergri Bäck piche moch ihm Witt bare Wer bens werd der c Die Ausg rden ſelbſt er die und ſich ugen eine inen inen Er Par⸗ einer enſte ichſt⸗ venn dieſe das rper gen⸗ daß von war. die Ren⸗ nnig älde 181 von Dr. Samuel Johnſon*) vergeſſen? Der ge⸗ fürchtete Wortkämpfer des Clubzimmers, feierlich, ſchwerfällig, ſtreng und ſchonungslos, der Gegenſtand der Bewunderung und des Schreckens für den demü⸗ thigen Bozzy, der harte Mahner des ſanften Oliver, der Freund von Garrick und Reynolds heute Nacht; und vor Sonnenuntergang am nächſten Tag ein elender alter Mann, von Mr. Thrale und deſſen Frau aufgefunden, wie er in kindiſcher Seelenangſt und Beſtürzung auf dem Fußboden ſeines einſamen Gemachs auf den Knieen liegt und zu dem barmher⸗ zigen Gott um Erhaltung ſeines Verſtandes fleht. Mir ſcheint, das Andenken an jenen ſchrecklichen Nach⸗ mittag und an die zarte Sorgfalt, die ihm zu Theil wurde, mochte den Doctor lehren, ſeine Hand feſt auf Streatham zu ſtützen, wenn er ſein Nachtlicht ergriff, von welchem er ſeiner Gewohnheit nach ganze Bäche geſchmolzenen Wachſes auf die koſtbaren Tep⸗ piche ſeiner ſchönen Gönnerin träufeln ließ; und mochte ſelbſt eine nachhaltigere Wirkung haben und ihm nahe legen, barmherzig zu ſein, als des Brauers Wittwe ihrerſeits wahnſinnig wurde und jenes furcht⸗ bare Geſchöpf, den italieniſchen Sänger, heirathete. Wer iſt nicht in einer einſamen Stunde ſeines Le⸗ bens ſchon wahnſinnig geweſen, oder kann es noch werden? Wer iſt ganz ſicher vor dem Schwanken der Waage? Fleet Street war ſtill und einſam um dieſe ſpäte *) Ausgezeichneter enal. Publiciſt und Gelehrter 1709— 178. Die beſte Biographie von ihm lieferte Boswell 1791; dritte Ausgabe davon London 1848. A. d. U. 182 Stunde, und Robert Audley, der nun einmal in der Stimmung war, Geiſter zu ſehen, würde kaum in Erſtaunen gerathen ſein, wenn ihm Johnſons Ge⸗ ſellſchaft, wie ſie lärmend in der Lampenbeleuchtung weſtwärts kam, oder der blinde John Milton, wie er die Stufen von der St. Brides⸗Kirche heruntertappte, begegnet wäre. Mr. Audley nahm einen Hanſom an der Ecke von Farringdon Street und fuhr raſch hinweg über den leeren Smithfield Markt und in ein Labyrinth von ſchmutzigen Straßen, aus welchem er endlich auf das breite, prächtige Finsbury Pavement heraus gelangte. „Niemand hat noch einen Geiſt in einem Han⸗ ſom geſehen,“ dachte Robert,„und ſelbſt Dumas hat es bis jezt nicht dahin gebracht. Nicht daß er deſſen unfähig wäre, wenn er einmal auf einen ſol⸗ chen Einfall geriethe. Un revenant en fiacre.*) Auf mein Wort, der Titel klingt nicht ſchlecht. Die Geſchichte würde ſich um einen finſtern, ſchwarz ge⸗ kleideten Gentleman drehen, welcher das Fuhrwerk nach der Stunde nahm, bezüglich des Fuhrlohns widerſpenſtig war und den Kutſcher in einſame Ge⸗ genden, über die Barrieren hinaus verlockte und ſich auf andere Weiſe unangenehm machte.“ Der Hanſom raſſelte über die abſchüſſige und ſteinige Anfahrt zu dem Bahnhof von Shoreditch dahin und ſezte Robert vor den Thoren dieſes reiz⸗ loſen Tempels ab. Es waren ſehr wenige Leute da, welche mit dem Mitternachtszug abgingen und *) Ein Geiſt in einem Fiaker. A. d. U. Rob forn dere Bel ſaß. noch gert ſein Tal gen er von jene dem des lage ſtän froſ und Lip ſter derj mu Wa hol Pe Vie der nin ung ie er opte, Ecke über inth dlich raus Han⸗ mas ß er ſol⸗ e.*) Die ge⸗ werk hns ſich und ditch reiz⸗ eute und 183 Robert marſchirte auf der langen hölzernen Platt⸗ form auf und ab und las die rieſigen Avertiſſements, deren dürrer Druck blaß und geiſterhaft in der düſtern Beleuchtung der Lampen ausſah. Er hatte einen Wagen, in welchem er ganz allein ſaß. Ganz allein, ſagte ich? Hatte er nicht erſt noch jenen geiſterhaften Geſellſchafter an ſeine Seite gerufen, welcher vor allen andern am hartnäckigſten ſeine Stelle behauptet? Der Schatten von Georg Talboys verfolgte ihn ſelbſt in den behaglichen Wa⸗ gen erſter Klaſſe, und befand ſich hinter ihm, wenn er aus dem Fenſter ſah, und war doch weit weg von ihm und der dahinſchießenden Locomotive, in jenem Gebüſche, welchem der Zug entgegeneilte, neben dem unheiligen Verſteck, wo die ſterblichen Ueberreſte des todten Mannes, unbeachtet und vernachläſſigt lagen. „Ich muß meinem verlorenen Freunde ein an⸗ ſtändiges Begräbniß geben,“ dachte Robert, als ein froſtiger Wind über die flache Landſchaft hinfegte und ihn ſo kalt anblies, als ob der Hauch von den Lippen des Todten käme.„Ich muß es thun; ſonſt ſterbe ich noch an einem ſo paniſchen Schrecken, wie derjenige, welcher dieſe Nacht über mich kam. Ich muß es thun; auf jede Gefahr hin, um jeden Preis. Selbſt um den Preis jener Enthüllung, wodurch die Wahnſinnige aus ihrem ſichern Verſteck hinwegge⸗ holt und auf die Verbrecherbank geſezt wird.“ Er war froh, als der Zug zu Brentwood einige Minuten nach zwölf Uhr anhielt. Nur eine einzige Perſon ſtieg auf der kleinen Station aus, ein dicker Viehzüchter, welcher in einem der Theater geweſen 184 war, um ein Trauerſpiel zu ſehen. Landleute gehen immer in Trauerſpiele. Für ſie taugen unſere nich⸗ tigen Vaudevilles nichts; nichts unſere hübſchen Salons, Moderateurlampen, franzöſiſchen Fenſter, mit einem vertrauenden Gatten, einer frivolen Frau und einer gepuzten Zofe, welche immer ſo artig iſt, die Möbel abzuſtäuben und Beſucher anzumelden; keine ſo gazeartigen Producte, ſondern ein gutes monumen⸗ tales fünfactiges Trauerſpiel, worin ihre Voreltern Garrick und Mrs. Abington geſehen haben, und worin ſie ſich ſelbſt noch der O Neil erinnern können, jenes ſchönen Geſchöpfes, deren ſchöner Hals und Nacken ſich mit einer Purpurgluth von Scham und Entrüſtung überzog, wenn die Schauſpielerin Mrs. Beverley war und von Stukeley in ihrer Ar⸗ muth und Kümmerniß inſultirt wurde. Mir dünkt, unſere modernen ONeils haben kaum ein ſo ſcharfes Gefühl für Beleidigungen auf der Bühne; oder iſt vielleicht die helle Zornesröthe von heute nur eine erfolgloſe Waffe gegen die neue Kunſt von Madame Rachel und geht für das Publikum unter der lilien⸗ weißen Reinheit unſchäzbaren Schmelzes verloren? Robert Audley ſchaute troſtlos um ſich, als er die angenehme Stadt Brentwood verließ und von dem einſamen Hügel in das Thal hinunterſtieg, wel⸗ ches zwiſchen der Stadt, die er gerade hinter ſich gelaſſen, und zwiſchen dem andern Hügel lag, auf welchem das ſchwache und traurige Wohngebäude — das Schloßwirthshaus— ſo kang mit ſeinem Feind, dem Winde gekämpft hatte, um zulezt doch durch die Verbindung dieſes alten Widerfachers mit einem neueren und wilderen Gegner zu unterliegen —— und zehr ley wel ihm Me lan ſche nöt Leu gek „w mie mir es thu Ga um Gi die Au tior ein ſchi Fr bez ein St mi kal de em och nit en 185 und wie ein welkes Blatt einzuſchrumpfen und ver⸗ zehrt zu werden. „Das iſt ein trauriger Gang,“ ſagte Mr. Aud⸗ ley, als er auf die glatte Landſtraße ausſchaute, welche ſo einſam, wie ein Pfad durch die Wüſte vor ihm lag.„Ein trauriger Gang für ein armes Menſchenkind, zwiſchen zwölf und ein Uhr, in einer langweiligen Märznacht, mit nicht ſo viel Mond⸗ ſchein an dem ganzen ſchwarzen Himmel, als nur nöthig wäre, um ſich von der Eriſtenz einer ſolchen Leuchte zu überzeugen. Aber ich bin ſp daß ich gekommen bin,“ dachte der Rechtsgelehrte weiter, „wenn dieſes arme Geſchöpf im Sterben liegt und mich wirklich zu ſehen wünſcht. Es wäre elend von mir geweſen, wenn ich gezögert hätte. Ueberdies iſt es ihr Wunſch, ihr Wunſch; und was kann ich thun, als ihr gehorchen. Der Himmel helfe mir!“ Er hielt vor dem Holzzaune an, welcher den Garten von dem Pfarrhauſe zu Mount Stanning umgab, und blickte über eine Lorbeerhecke nach den Gitterfenſtern der einfachen Wohnung. Nicht in einem dieſer Fenſter zeigte ſich ein Lichtſchimmer, und Mr. Audley mußte abziehen, ohne eine weitere Satisfac⸗ tion als den kalten Troſt zu haben, welcher aus einer langen zögernden Betrachtung des Hauſes zu ſchöpfen war, unter deſſen Dache ſich die einzige Frau befand, deren unwiderſtehliche Gewalt die un⸗ bezwingliche Feſte ſeines Herzens erobert hatte. Nur ein Haufen ſchwarzer Ruinen befand ſich auf der Stelle, wo einſt das Schloßwirthshaus ſeinen Kampf mit den Winden des Himmels beſtanden hatte. Die kalten Nachtlüfte machten ſich mit den wenigen * 186 Trümmern, welche das Feuer übrig gelaſſen hatte, zu ſchaffen und trieben ſie nach Gefallen hin und her, indem ſie einen Schauer von Staub und Aſche und zerbröckelte Stückchen verkohlten Holzes auf Ro⸗ bert Audley bei deſſen Vorübergehen ausſchütteten. Es war halb zwei Uhr, als der Nachtwanderer das Dorf Audley erreichte, und erſt hier erinnerte er ſich, daß Klara Talboys es unterlaſſen hatte, ihm Anleitung zu geben, wie er die Hütte, in welcher Lukas Marks lag, finden könnte. „Ohne Zweifel hat Dawſon den Rath gegeben, das arme Geſchöpf nach ſeiner Mutter Hütte zu bringen,“ ſprach aber Robert ſogleich bei ſich,„und ich glaube wohl, Dawſon wird ihn ſeit dem Brande behandelt haben. Er wird im Stande ſein, mir zu ſagen, wo die Hütte iſt.“ In dieſer Vorausſezung hielt Mr. Audley vor dem Hauſe, wo Helen Talboys vor ihrer zweiten Heirath gelebt hatte. Die Thüre von der kleinen Apotheke des Wund⸗ arztes ſtand halb offen, und innen brannte ein Licht. Robert ſchob die Thüre vollends zurück und ſchaute hinein. Da ſtand der Wundarzt vor dem Mahagoni⸗ Ladentiſche und miſchte eben ein Pflaſter in einem Glasgefäße, den Hut hart neben ihm. So ſpät es ſein mochte, war er augenſcheinlich doch jezt erſt heimgekommen. Das harmoniſche Schnarchen ſeines Gehülfen ertönte aus dem kleinen Zimmer hinter der Apotheke. „Ich bedaure, Sie zu ſtören, Mr. Dawſon,“ ſagte Robert entſchuldigend, als der Wundarzt aufſchaute und ihn erkannte,„aber ich bin hieher gekommen, tte, und ſche Ro⸗ ten. rer erte hm her en, ind nde vor ten nd⸗ ht. ute ni⸗ em rſt les er te te 187 um Marks zu beſuchen, der, wie ich höre, ſich ſehr ſchlecht befindet, und bitte Sie, mir zu ſagen, wo ſeiner Mutter Häuschen iſt.“ „Ich will Ihnen den Weg zeigen, Mr. Audley,“ antwortete der Wundarzt,„ich gehe dieſe Minute dorthin.“ „Mit dem Mann ſteht es alſo ſehr ſchlecht?“ „Es könnte nicht ſchlimmer ſein. Die einzige Beſſerung, die noch eintreten kann, iſt diejenige, welche ihn aus dem Bereiche alles irdiſchen Leidens hin⸗ wegnimmt.“ „Sonderbar!“ rief Robert.„Er ſchien doch nicht ſo ſtark verbrannt zu ſein.“ „Er war nicht ſtark verbrannt. Wäre dies der Fall geweſen, ich hätte niemals darauf angetragen, ihn von Mount Stanning hinwegzunehmen. Es iſt der Schlag, der das Geſchäft betroffen hat. Seine Geſundheit war durch das fortgeſezte übermäßige Trinken ſchon lang untergraben und iſt unter dem plözlichen Schrecken jener Nacht völlig zerſtört worden. Die lezten zwei Tage iſt er in einem tobenden Fieber gelegen; aber heute Nacht iſt er viel ruhiger, und ich fürchte, vor morgen Nacht wird es mit ihm aus ſein.“ „Er hat mich zu ſehen begehrt, erzählte man mir,“ ſagte Mr. Audley. „Ja,“ antwortete der Wundarzt gleichgültig. „Eine Krankenphantaſie, ohne Zweifel. Sie haben ihn aus dem Hauſe geſchleppt und Ihr Möglichſtes gethan, ihm das Leben zu retten. Ich glaube wohl, ſo roh und bäuriſch der Burſche iſt, denkt er oft und viel daran.“ 188 Sie verließen die Apotheke, und Mr. Dawſon verſchloß die Thüre ſorgfältig hinter ſich. Es war vielleicht Geld in der Ladenkaſſe, denn ſicherlich hatte der Dorfheilkünſtler nicht zu befürchten, daß ſelbſt der keckſte, auf nächtlichen Einbruch ausgehende Dieb ſeine Freiheit durch den Raub von Merkurpillen und Koloquinthen, oder Glauberſalz und Sennenblät⸗ tern gefährden würde. Der Doctor wandelte auf der ſtillen Straße hin und bog dann in eine Gaſſe ein, an deren Ende Ro⸗ bert Audley einen ſchwachen Lichtſchimmer gewahr wurde. Ein Licht, welches Zeugniß ablegte, daß man bei einem Kranken und Sterbenden Wache hielt; ein blaſſes, melancholiſches Licht, welches immer einen düſtern Eindruck erregt, wenn man es in dieſer ſtillen Stunde zwiſchen Nacht und Morgen betrachtet. Es kam von dem Fenſter des Häuschens, in wel⸗ chem Lukas Marks unter der Pflege von ſeiner Frau und Mutter lag. Mr. Dawſon drückte auf die Klinke und trat in das gemeinſchaftliche Wohnzimmer der ärmlichen Be⸗ hauſung, gefolgt von Robert Audley. Es war leer, aber ein dünnes Talglicht, halb abgebrochen und mit einem blumenkohlförmigen Docht flackerte auf dem Tiſche. Der Kranke lag in dem Zimmer oben. „Soll ich ihm ſagen, daß Sie hier ſind 7“ fragte Mr. Dawſon. „Ja, ja, wenn es Ihnen gefällig iſt. Aber brin⸗ gen Sie es ihm vorſichtig bei, wenn Sie glauben, die Nachricht möchte ihn zu ſehr aufregen. Ich habe keine Eile. Ich kann warten. Sie können mich rufen, wenn Sie glauben, daß ich ohne Gefahr für ihn hinaufgehen kann.“ Der Wundarzt nickte und ſtieg leiſe die ſchmale Holztreppe hinauf, welche in das obere Zimmer führte. Mr. Dawſon war ein guter Mann, und wirklich hat ein Dorfarzt ſehr nöthig, gut und milde und freundlich und ſanft zu ſein, denn ſonſt mögen die armen Patienten, welche nicht ſauber eingewickelte Honorare von Gold und Silber zu bieten vermögen, manche kleinen und unbedeutenden Grauſamkeiten zu erdulden haben, welche nicht leicht als ſolche vor einem Gerichte wohlhäbiger Geſezeswächter nachzu⸗ weiſen, aber darum in den aufgeregten, fieberiſchen Stunden von Krankheit und Schmerz nicht weniger bitter zu tragen ſind. Robert Audley ſezte ſich auf einen niedrigen Rollſtuhl an den kalten Herd und ſchaute troſtlos um ſich. So klein das Zimmer war, ſo blieben doch die Ecken dunkel und ſchattig in dem trüben Schein des herabgebrannten Talglichtes. Das verſchoſſene Zifferblatt einer Achttaguhr, welche ſich Robert Aud⸗ ley gegenüber befand, ſchien ihn um ſeine Faſſung bringen zu wollen. Die ſchrecklichen Laute, welche eine ſolche Achttaguhr nach Mitternacht von ſich geben kann, ſind zu allgemein bekannt, als daß ſie einer Beſchreibung bedürften. Der junge Mann horchte in bangem Schweigen auf das ſchwere, monotone Ticken, welches klang, als ob die Uhr die Sekunden, die dem Sterbenden noch übrig blieben, nachzählte und mit düſterer Zufriedenheit controlirte.„Eine Minute vergangen! Wieder eine Minute vergangen! Und wieder eine!“ ſchien die Uhr zu ſagen, und —— 190 Mr. Audley fühlte ſich geneigt, ſeinen Hut nach ihr zu werfen, in der thörichten Hoffnung, dem me⸗ lancholiſchen und monotonen Geräuſche dadurch Ein⸗ halt zu thun. Endlich wurde er durch die leiſe Stimme des Arztes erlöst, welcher von der Spize der kleinen Treppe herunterſchaute, um ihm zu ſagen, daß Lukas Marks wache und mit Freuden ihn ſehen werde. Robert folgte ſogleich dieſer Aufforderung. Er kletterte leiſe die Treppe hinauf und nahm ſeinen Hut ab, ehe er ſich bückte, um durch die niedrige Thüre des geringen ländlichen Gemachs einzutreten. Er nahm ſeinen Hut vor dieſem gemeinen Bauers⸗ mann ab, weil er wußte, daß noch ein anderer und furchtbarerer Jemand um das Zimmer herumſtrich und nach Zutritt verlangte. Phöbe Marks ſaß zu den Füßen des Bettes, die Augen auf das Geſicht ihres Mannes geheftet, nicht mit einem ſehr zärtlichen Ausdruck in dem blaſſen Licht derſelben, ſondern mit allen Zeichen lebhafter Angſt, welche bewieſen, daß ſie mehr die Annäherung des Todes ſelbſt, als den Verluſt ihres Mannes fürchtete. Die alte Frau war am Kamine beſchäf⸗ tigt, trocknete Leinenzeug und richtete eine Fleiſch⸗ brühe zu, welche der Patient wahrſcheinlich nicht mehr zu ſich nehmen ſollte. Der Kranke lag da, den Kopf von Kiſſen geſtüzt, das grobe Geſicht todes⸗ blaß, ſeine großen Hände unruhig über die Bettdecke wandernd. Phöbe hatte ihm vorgeleſen, denn ein offenes Teſtament lag unter den Arznei⸗ und Waſch⸗ mittelflaſchen auf dem Tiſch am Bette. Jeder Ge⸗ ger lie keit Ch übe red ſie mi Kre auf Sc abe wie kel mit das beg ma der So Kre gen dieſ Du me⸗ Fin⸗ des nen daß hen nen ige rs und rich die icht ſen fter ing nes ſch⸗ icht en es⸗ ecke ein Se⸗ genſtand im Zimmer war ſauber und ordentlich und lieferte den Beweis für die wohlthuende Pünktlich⸗ keit, welche ſtets ein auszeichnender Zug in dem Charakter Phöbe's geweſen war. Die junge Frau erhob ſich, als Robert Audley über die Schwelle trat, und eilte auf ihn zu. „Laſſen Sie mich einen Augenblick mit Ihnen reden, Sir, ehe Sie ſich an Lukas wenden,“ ſagte ſie lebhaft flüſternd;„bitte, laſſen Sie mich zuerſt mit Ihnen reden.“ „Was hat das Weib hier zu ſagen?“ fragte der Kranke mit einem gedämpften Gebrüll, das heiſer auf ſeinen Lippen erſtarb. Er war noch immer et⸗ was wild, ſelbſt in ſeiner Schwäche. Der glaſige Schein des Todes lagerte ſich über ſeinen Augen, aber ſie bewachten Phöbe noch immer mit einem ſcharfen Blick der Unzufriedenheit.„Was führt ſie wieder im Sinn?“ ſagte er;„ich will kein Mun⸗ keln und Complottiren gegen mich. Ich ſelbſt will mit Mr. Audley ſprechen; und was ich gethan habe, das will ich verantworten. Wenn ich ein Unrecht begangen habe, will ich ſuchen, es wieder gut zu machen. Was hat ſie zu ſagen?“ „Sie hat Nichts zu ſagen, mein Lieber,“ erwie⸗ derte die alte Frau, indem ſie zu dem Bette ihres Sohnes trat, welcher, mochte er auch durch ſeine Krankheit größere Theilnahme als gewöhnlich erre⸗ gen, doch kein ſehr paſſender Gegenſtand für dieſe zärtliche Benennung zu ſein ſchien. „Sie will dem Gentleman nur ſagen, wie ſchlimm Du daran geweſen biſt, mein Herz.“ 192 „Was ich zu ſagen habe, will ich allein ihm ſagen, merkt Euch das,“ brummte Mr. Marks,„und zum Henker, ich würde es ihm nicht einmal ſagen, wäre es nicht um deſſen willen, was er lezthin für mich in der Nacht gethan hat.“ „Gewiß nicht, mein Lieber,“ antwortete die alte Frau beſänftigend. Ihr Verſtand war von ſehr beſchränktem Spiel⸗ raum, und ſie legte den eben ausgeſprochenen leb⸗ haften Worten ihres Sohnes ebenſo geringe Wich⸗ tigkeit bei, als den wilden Raſereien des Deliriums. Dieſes Deliriums, in welchem Lukas von ſich ſelbſt erzählte, wie er meilenweit durch flammendes Ziegel⸗ und Mauerwerk geſchleppt, in einen Brunnen hin⸗ untergeſchleudert und aus dem tiefen Abgrund wie⸗ der an den Haaren ſeines Hauptes herausgezogen und dann von rieſigen Händen, die, aus den Wol⸗ ken hervorkommend, um ihn von dem feſten Grund und Boden fortzureißen und wirbelnd in das Chaos hineinzuführen, in der Luft aufgehängt wurde; und was dergleichen wilde Schreckniſſe und Phantaſien mehr waren, welche in ſeinem verwirrten Gehirn durch einander liefen. Phöbe Marks hatte Mr. Audley aus dem Zim⸗ mer gezogen und hielt ihn auf dem ſchmalen Abſatz oben an der kleinen Treppe an. Dieſer Abſatz um⸗ faßte kaum eine Fläche von drei Quadratfuß und war eben groß genug, daß zwei Perſonen da⸗ ſelbſt ſtehen konnten, ohne einander an die weißge⸗ tünchte Mauer zu drücken, oder die Treppe hinab⸗ zuſtoßen. ſo wiſ beh geſ irg— unk bet geſe Er in iſt den Er ſon hät neh ich, — ihm „und gen, für alte piel⸗ leb⸗ ich⸗ ms. elbſt gel⸗ hin⸗ wie⸗ gen Lol⸗ und 0s und ſien hirn im⸗ ſatz um⸗ und da⸗ ßge⸗ ab⸗ 2 ——————— 193 „O Sir,“ flüſterte Phöbe lebhaft,„ich habe auf ſo ungeſchickte Weiſe Sie zu ſprechen gewünſcht; Sie wiſſen, was ich Ihnen geſagt habe, als ich Sie wohl⸗ behalten in jener Brandnacht fand?“ „Ich habe Ihnen von dem, was ich argwohnte, geſprochen; von dem, was ich noch denke.“ „Ja, ich erinnere mich.“ „Aber ich habe nicht ein Wort davon gegen irgend Jemand außer Ihnen laut werden laſſen; und mir ſcheint, Lukas hat Alles, was jene Nacht betrifft, vergeſſen; mir ſcheint, was vor dem Feuer geſchah, iſt ihm rein aus dem Sinn gekommen. Er war benebelt, wiſſen Sie, als Myla— als ſie in das Schloßwirthshaus kam, und ich glaube, er iſt durch das Feuer ſo verwirrt und ſo betäubt wor⸗ den, daß Alles ſeinem Gedächtniß entſchwunden iſt. Er argwohnt nicht, was ich jedenfalls argwohne, ſonſt hätte er gegen Jedermann davon geſprochen, aber er iſt bitterböſe auf Mylady, denn er ſagt, hätte ſie ihm einen Platz in Brentwood oder Chelms⸗ ford verſchafft, ſo würde das nicht geſchehen ſein. Was ich Sie alſo bitten wollte, iſt, daß Sie kein Wort davon vor Lukas fallen laſſen. „Ja, ja, ich verſtehe; ich will mich in Acht nehmen.“ „Mylady hat das Herrenhaus verlaſſen, höre ich, Sir?“ „ „Und kehrt nimmer zurück, Sir?“ „Niemals.“ „Aber ſie iſt doch nicht an einen Ort gekom⸗ Braddon, Lady Audbley's Geheimniß. III. 13 194 men, wo ſie grauſam behandelt, wo ſie geplagt wird?“ „Nein, ſie wird ſehr freundlich behandelt werden.“ „Das freut mich, Sir; ich bitte um Entſchuldi⸗ gung, daß ich Ihnen mit dieſer Frage beſchwerlich fiel, Sir, aber Mylady iſt eine gütige Herrin gegen mich geweſen.“ Die Stimme von Lukas, heiſer und ſchwach, ließ ſich bei dieſem Punkt der Unterredung in dem klei⸗ nen Gemach vernehmen, und er fragte zornig,„ob das Weib mit ihrem Gepatſch bald fertig ſei,“ wor⸗ auf Phöbe den Finger auf ihre Lippen legte und Mr. Audley in das Krankenzimmer zurückführte. „Ich begehre Dich nicht,“ ſagte Mr. Marks mit Beſtimmtheit, als ſeine Frau wieder in das Zimmer zurückkehrte;„ich begehre Dich nicht, Du brauchſt gar nicht zu hören, was ich zu ſagen habe. Ich begehre nur Mr. Audley, und will mit ihm ganz allein ſprechen, ohne daß Eine von Euch ſich an die Thüre duckt und horcht, hört Ihr; ſo kannſt Du hinunter gehen und dort warten, bis man nach Dir verlangt; und Du kannſt die Mutter mitnehmen— nein, die Mutter kann bleiben, ich werde ſie gleich brauchen.“. Die ſchwache Hand des Kranken deutete nach der durch welche ſein Weib ſich demüthig ent⸗ ernte. „Ich wünſche nicht, Etwas zu hören, Lukas,“ ſagte ſie,„und hoffe, Du wirſt Nichts gegen die⸗ jenigen ſagen, welche ſich gut und freigebig gegen Dich erwieſen haben.“ „Ich werde ſagen, was mir beliebt,“ antwortete b abe. nz die Dir eich der ent⸗ , die⸗ gen tete 195 Mr. Marks wild,„und ich laſſe mir von Dir Nichts befehlen. Du biſt nicht der Pfarrer, daß ich je gehört hätte, und ebenſo wenig der Rechts⸗ anwalt.“ Mit dem Wirth von der Schloßſchenke war in Folge ſeiner Leiden auf dem Sterbebette, ſo heftig und ſchnell verlaufend ſie auch ſein mochten, keine moraliſche Umwandlung vorgegangen. Vielleicht arbei⸗ tete ſich ein ſchwacher Schimmer eines Lichts, das ſeinem Leben fern gelegen war, jezt mit Mühe durch die ſchwarze Finſterniß von Unwiſſenheit, welche über ſeiner Seele lag, hindurch. Vielleicht trieb ihn eine halb zornige, halb verdroſſene Reue an, einen rauhen Verſuch zu machen, ein Leben zu ſühnen, das ſelbſtſüchtig, dem Trunk ergeben und gottlos gewe⸗ ſen war. Aber wie dem nun ſein mochte, er fuhr ſich über die weißen Lippen, richtete ſeine ſtarren Augen feſt auf Robert Audley und deutete auf einen Stuhl neben dem Bette. „Sie haben im Allgemeinen Ihr Spiel mit mir getrieben, Mr. Audley,“ ſagte er dann,„Sie haben mich ausgeholt, und mich geſchüttelt und umgedreht, recht wie ein Gentleman, bis ich Nichts und wieder Nichts in Ihren Händen war; und Sie haben mich durchſchaut und mein Inneres nach Außen gekehrt, bis Sie mich ſo gut zu kennen dachten, als ich mich ſelber kannte. Ich hätte keinen beſondern Anlaß gehabt, dankbar gegen Sie zu ſein, ehe vor einigen Nächten das Feuer in der Schloßſchenke ausbrach. Ich bin im Allgemeinen vielleicht gegen das Volk nicht dankbar, vielleicht weil dieſes vornehme Volk mir faſt immer eben das gegeben hat, was ich nicht 196 brauche. Sie haben mir Suppe, Hantirung, Fla⸗ nell und Kohlen gegeben; aber, mein Gott, ſie ha⸗ ben ſo viel Aufhebens davon gemacht, daß ich ihnen gern Alles wieder zurückgeſchickt hätte. Aber wenn ein Gentleman hingeht und ſein eigenes Leben in Ge⸗ fahr ſezt, um ein trunkenes Vieh, wie mich zu ret⸗ ten ſo fühlt das trunkenſte Vieh, das jemals exiſtirte, Dankbarkeit gegen dieſen Gentleman und wünſcht, bevor es ſtirbt— denn es ſieht es in des Doctors Geſicht, daß es nicht mehr lang zu leben hat— ihm zu ſagen: ich danke Ihnen, Sir, ich bin Ihnen, ſehr verpflichtet.“ Lukas Marks ſtreckte ſeine linke Hand aus— die rechte war vom Feuer verlezt und mit Leinwand verbunden— und griff ſchwach nach derjenigen von Mr. Robert Audley. Der junge Mann faßte die grobe aber zuſam⸗ mengeſchrumpfte Hand mit ſeinen beiden und drückte ſie herzlich. „Ich bedarf keines Dankes, Lukas Marks,“ ſagte er;„es freute mich ſehr, Ihnen zu dienen.“ Mr. Marks antwortete nicht unmittelbar darauf. Er lag ruhig auf der Seite und ſah Robert Audley nachdenklich ins Geſicht. Endlich begann er wieder: „Sie haben jenen Gentleman, welcher im Her⸗ renhauſe verſchwand, außerordentlich gern gehabt; nicht wahr, Sir?“ Robert fuhr bei der Erwähnung ſeines todten Freundes zuſammen. „Sie haben dieſen Mr. Talboys außerordentlich gern gehabt, wie ich ſagen gehört,“ wiederholte Lukas. Fla⸗ ha⸗ hnen ein Ge⸗ ret⸗ irte, ſcht, tors nen, — an von ſam⸗ ückte agte auf. dley der: Her⸗ abt; dten tlich hte —,— 197 „Ja, ja,“ antwortete Robert ziemlich ungedul⸗ dig; ger war mein ſebr theurer Freund. „Ich habe die Diener im Herrenhauſe ſagen hö⸗ ren, wie ſchwer Sie es als Sie ihn nicht finden konnten. Ich habe den Wirth von der Sonne ſagen hören, wie nahe es Ihnen ans Herz ging, als Sie ihn zuerſt vermißten.„Wenn die beiden Gentlemen Brüder geweſen wären“, ſagte der Wirth, unſer Gentleman“— er meinte Sie— hätte es nicht mehr zu Herzen nehmen können, als er den Andern vermißte“.“ „Ja, ja, ich weiß, ich weiß,“ ſagte Robert,„bitte ſprechen Sie nicht mehr von dieſem Gegenſtand; ich kann Ihnen nicht ſagen, wie ſehr es mich betrübt.“ Sollte ihn überall der Geiſt ſeines unbeerdigten Freundes umſchweben? Er kam hieher, um dieſen kranken Mann zu tröſten, und ſelbſt hier wurde er an das geheime Verbrechen, welches ſein Leben ver⸗ finſtert hatte, erinnert. „Hören Sie mich an, Marks,“ ſagte er ernſt; „glauben Sie mir, daß ich Ihre dankbaren Worte zu ſchäzen weiß, und daß es mich ſehr freut, Ihnen einen Dienſt geleiſtet zu haben. Aber ehe Sie wei⸗ ter reden, laſſen Sie mich eine feierliche Bitte aus⸗ ſprechen. Wenn Sie nach mir geſchickt haben, um mir Etwas über das Schickſal meines verlornen Freundes zu ſagen, ſo erſuche ich Sie, ſich zu ſcho⸗ nen und mir die ſchreckliche Geſchichte zu erſparen. Sie können mir Nichts ſagen, was ich nicht bereits weiß. Das Schlimmſte, was Sie mir von der Frau ſagen können, welche einſt in Ihrer Gewalt war, iſt mir bereits von ihren eigenen Lippen offenbart wor⸗ 198 den. Bitte alſo, ſchweigen Sie über dieſen Gegen⸗ ſtand; ich wiederhole, Sie können mir Nichts ſagen, was ich nicht ſchon weiß. Lukas Marks betrachtete ſinnend das ernſte Ge⸗ ſicht ſeines Beſuches, und ein ſchattenhafter Ausdruck, der faſt einem Lächeln glich, überflog leiſe die hagern Züge des Kranken. „Ich kann Ihnen Nichts ſagen, was Sie nicht wiſſen?“ fragte er. „Nichts.“ „Dann nüzt es mich Nichts, es zu verſuchen,“ antwortete der Kranke nachdenklich.—„Hat ſie es Ihnen geſagt?“ fragte er nach einer Pauſe. „Ich muß Sie bitten, Marks, daß Sie den Gegen⸗ ſtand fallen laſſen,“ antwortete Robert beinahe ſtreng. „Ich habe Ihnen bereits geſagt, daß ich Nichts da⸗ von ſprechen hören will. Welche Entdeckungen Sie auch machten, Sie haben dieſelben zu Markt ge⸗ bracht. Hinter welche ſtrafbaren Geheimniſſe Sie kamen, Sie ſind für das Verſchweigen derſelben be⸗ zahlt worden. Sie thäten beſſer daran, zu ſchweigen bis ans Ende.“ „Wirklich?“ flüſterte Lukas lebhaft. wirklich beſſer daran, mein Maul bis zu Ende zu halten?“ „Ich denke ſo ganz entſchieden, Sie machten Ihr Geheimniß zu Geld und wurden dafür bezahlt, es zu verſchweigen. Es würde ehrlicher ſein, den Han⸗ del zu halten und Nichts davon laut werden zu laſſen.“ „So, ſo?“ ſagte Mr. Marks mit geiſterhaftem Grinſen;„aber angenommen, Mylady hatte ein Ge⸗ heimniß, und ich ein anderes?“ „Thäte ich —,— en⸗ gen, Ge⸗ uck, ern icht n 4 es en⸗ ng. da⸗ Sie ge⸗ Sie be⸗ gen zu Ihr es an⸗ em 199 „Was meinen Sie?“ „Angenommen, ich hätte die ganze Zeit über Etwas zu erzählen gehabt, und würde es vielleicht erzählt haben, wenn ich ein wenig beſſer behandelt worden wäre; wenn, was man mir gab, mir ein wenig freundlicher gegeben und nicht wie einem Hunde zugeworfen worden wäre, und nur zu dem Zweck, mich von dem Beißen abzuhalten. Angenommen, ich hätte Etwas zu erzählen gehabt und würde es auch, wenn das nicht geweſen wäre, erzählt haben. Wie dann?“ Es iſt unmöglich, das Geiſterhafte des trium⸗ phirenden Grinſens, welches in dem hagern Geſichte des Kranken zum Vorſchein kam, zu beſchreiben. „Er redet irre,“ dachte Robert.„Ich hätte mit ihm, dem armen Burſchen, Geduld haben ſollen. Es wäre doch ſonderbar, wenn ich mit einem Sterben⸗ den nicht Geduld haben könnte.“ Lukas Marks lag da und ſtarrte einige Augen⸗ blicke Mr. Audley mit jenem triumphirenden Grinſen an. Die alte Frau, von dem langen Wachen bei ihrem ſterbenden Sohne ermüdet, war in einen leich⸗ ten Schlummer verfallen und ſaß, mit ihrem ſcharfen Kinne nickend, bei der Handvoll Feuer, an welchem die Fleiſchbrühe, die nie genoſſen werden ſollte, noch immer gelinde kochte und aufwallte. Mr. Audley wartete ſehr geduldig, bis es dem Kranken belieben würde, zu ſprechen. Jeder Laut war ſchmerzhaft deutlich in der ſtillen Stunde der Nacht. Das Fallen der Aſche auf dem Heerd, das ominöſe Knackern der brennenden Kohlen, das langſame und ſchwerfällige Ticken der grämlichen ————— „ Uhr in dem untern Zimmer; das leiſe Klagen des Märzwindes(welches die Stimme einer engliſchen Banſhee*) ſein mochte, die ihren traurigen War⸗ nungsruf an die Wächter bei dem Sterbenden er⸗ gehen ließ), das heiſere Athemholen des Kranken— jeder Laut hob ſich von allen andern Lauten ab und machte ſich zu einer beſonderen Stimme, welche ſich mit düſterer Vorbedeutung in der feierlichen Stille des Hauſes vernehmen ließ. Robert ſaß da und beſchattete ſein Geſicht mit den Händen und dachte darüber nach, was aus ihm nunmehr werden ſollte, da das Geheimniß von ſeines Freundes Tod geoffenbart war und die dunkle Ge⸗ ſchichte von Georg Talboys und ſeinem gottloſen Weibe in dem belgiſchen Irrenhauſe geendigt hatte. Was ſollte aus ihm werden? Er hatte keinen Anſpruch an Klara Talboys, denn er hatte ſich entſchloſſen, das ſchreckliche Ge⸗ heimniß, welches ihm enthüllt worden war, bei ſich zu bewahren. Wie konnte er alſo mit dieſem Ge⸗ heimniß, das er ihr vorenthielt, vor ſie treten? Wie konnte er jemals ihr in die ernſten Augen ſehen und doch mit der Wahrheit nicht herausrücken? Er fühlte, daß alle Kraft der Zurückhaltung vor dem forſchen⸗ den Blick dieſer ruhigen braunen Augen ihm verſagen würde. Wollte er wirkl ich dieſes Geheimniß be⸗ wahren, ſo durfte er ſie nie mehr ſehen. Es ent⸗ hüllen, hieße nur ihr das Leben verbittern. Konnte er aus irgend einem ſelbſtſüchtigen Beweggrund ſeiner⸗ 2 Banshee urſprünglich eine irländiſche Fee, die den Tod weiſſagt. A. d. U. — ſeit kon ihre den wel ruh tert gen Lel für Tri den me ihr wä in der hät ein au des hen ar⸗ er⸗ und ſich tille mit ihm nes. Ge⸗ ſen tte. ys, Ge⸗ ſich Ge⸗ Wie und te, en⸗ gen be⸗ ent⸗ inte ner⸗ Tod —,— 201. ſeits ihr dieſe ſchreckliche Geſchichte erzählen?— oder konnte er denken, wenn er ſie ihr'erzählte, ſie würde ihren ermordeten Bruder ungerächt und vergeſſen in dem unheiligen Grabe liegen laſſen? Auf allen Seiten von Schwierigkeiten bedrängt, welche ihm ſchlechterdings unüberwindlich ſchienen, das ruhige Temperament, das ihm ſo natürlich war, verbit⸗ tert durch die traurige Bürde, welche er ſo lang getra⸗ gen hatte, blickte Robert Audley hoffnungslos in das Leben. das vor ihm lag, und dachte, es würde beſſer für ihn geweſen ſein, wenn er unter den brennenden Trümmern des Schloßwirthshauſes den Tod gefun⸗ den hätte. „Wer würde mich bedauert haben? Niemand als meine arme kleine Alicia,“ dachte er,„und auch bei ihr würde es nur ein Aprilkummer geweſen ſein. Hätte mich Klara Talbops bedauert? Nein! Es wäre ihr nur leid geweſen, daß mit mir ein Glied in der Kette, die zu dem Geheimniß von ihres Bru⸗ ders Tod leiten ſollte, verloren gegangen wäre. Sie hätte nur—“ Neuntes Capitel. Was der Sterbende zu erzählen hat. Der Himmel weiß, wohin Mr. Audley's Ge⸗ danken noch gewandert wären, hätte nicht der Kranke eine plözliche Bewegung gemacht, ſich in ſeinem Bette aufgerichtet und nach ſeiner Mutter gerufen. 202 Die alte Frau fuhr ebenſo plözlich auf und drehte ſich ſchläfrig um, nach ihrem Sohn zu ſehen. „Was gibt's, Lukas, mein Lieber?“ fragte ſie beſänftigend.„Es iſt noch nicht Zeit zu des Doctors Arznei. Mr. Dawſon hat geſagt, Du ſolleſt erſt zwei Stunden nach ſeinem Abgang einnehmen, und er iſt erſt eine Stunde fort.“ „Wer ſagt, daß ich Arznei will?“ rief Mr. Marks ungeduldig.„Ich will Dich Etwas fragen, Mutter. Erinnerſt Du Dich noch des Siebenten vom ver⸗ gangenen September?“ Robert erſchrack und ſah neugierig den Kranken an. Warum kam er immer auf den verbotenen Gegenſtand zurück. Warum brachte er jezt wieder das Datum von Georgs Tode in Erinnerung? B alte Frau ſchüttelte ziemlich verwirrt den opf. „Mein Gott, Lukas,“ ſagte ſie,“ wie kannſt Du mich ſo Etwas fragen? Mein Gedächtniß iſt die lezten acht oder neun Jahre ganz ſchlecht geworden, und ich habe niemals die Monatstage oder dergleichen behalten können. Wie könnte ich, ein armes Tag⸗ löhnerweib, mich darauf beſinnen?“ Lukas Marks zuckte ungeduldig die Achſeln. „Du hätteſt wohl daran gethan, wenn Du mein Verlangen erfüllt hätteſt,“ erwiederte er verdrießlich. „Habe ich Dir nicht geſagt, Du ſollteſt Dir dieſen Tag merken? Habe ich Dir nicht geſagt, es könnte eine Zeit kommen, wo Du aufgefordert würdeſt, Zeugniß deßhalb abzulegen und auf Deine Bibel einen Eid zu ſchwören? Habe ich Dir das nicht ge⸗ ſagt, Mutter?“ geſe Lãc mei her gen ſchö Arr mal zu erzã gen heir Sie das rein als finſt dig inſo vort ihr Geh nich ſie und hen. ſie tors erſt und arks tter. ver⸗ ken nen der den Du die en, hen ag⸗ ein ſen nte eſt, bel 203 Die alte Frau ſchüttelte verlegen den Kopf. „Wenn Du ſo ſagſt, ſo zweifle ich nicht, daß es geſchehen iſt, Lukas,“ ſagte ſie mit gewinnendem Lächeln;„aber ich kann mich nicht darauf beſinnen, mein Lieber. Mein Gedächtniß hat dieſe neun Jahre her ſehr abgenommen,“ ſezte ſie, zu Robert Audley gewendet, hinzu,„und ich bin nur ein armes Ge⸗ ſchöpf.“ Mr. Audley legte ſeine Hand auf des Kranken Arm. „Marks,“ ſagte er,„ich bemerke Ihnen noch ein⸗ mal, Sie haben keine Urſache, ſich deßhalb Sorge zu machen. Ich ſtelle keine Fragen und habe keinen Wunſch, Etwas zu hören.“ „Aber angenommen, ich habe Ihnen Etwas zu erzählen,“ rief Lukas mit fieberiſcher Energie,„an⸗ genommen, ich fühle, ich könne mit einem Ge⸗ heimniß auf meiner Seele nicht ſterben, und habe Sie zu ſehen verlangt, um es Ihnen zu entdecken; das angenommen, und Sie haben Nichts, als die reine Wahrheit. Ich wäre eher lebendig verbrannt, als daß ich ihr Etwas geſagt hätte,“ er ſtieß dieſe Worte zwiſchen den Zähnen hervor und ſah dabei finſter und wild aus.„Ich hätte mich lieber leben⸗ dig verbrennen laſſen. Ich ließ ſie für ihr hübſches, inſolentes Benehmen bezahlen; ich ließ ſie für ihr vornehmes, liebreizendes Weſen zahlen; ich hätte es ihr nie geſagt— nie, nie! Ich hatte meine Mach über ſie und ich behauptete dieſelbe; ich hatte mein Geheimniß und wurde dafür bezahlt; und es war nicht das Geringſte, was ſie mir anthat, wofür ich ſie nicht zwanzig Mal zahlen ließ.“ 204 „Marks, Marks, um's Himmels willen, beruhigen Sie ſich,“ ſagte Robert ernſtlich;„wovon ſprechen Sie? Was könnten Sie mir zu erzählen haben?“ „Ich will es Ihnen ſogleich ſagen,“ antwortete Lukas, indem er ſich über die trockenen Lippen fuhr. Gib mir zu trinken, Mutter.“ Die alte Frau goß einen kühlenden Trank in einen Becher und brachte ihn ihrem Sohn. Er nahm ihn in großer Eile zu ſich, als fühlte er, daß der kurze Reſt ſeines Lebens nur ein Wett⸗ rennen mit der unbarmherzigen Läuferin Zeit wäre. „Bleib', wo Du biſt,“ ſagte er dann zu ſeiner Mutter, indem er auf einen Seſſel zu den Füßen des Bettes deutete. Die alte Frau gehorchte und ſezte ſich demüthig Mr. Audley gegenüber. Sie nahm ihr Brillen⸗ futteral heraus, puzte ihre Brille, ſezte ſie auf und lächelte freundlich ihren Sohn an, als hegte ſie eine ſchwache Hoffnung, ihr Gedächtniß möchte durch dieſes Verfahren unterſtüzt werden. „Ich will Dir eine andere Frage vorlegen, Mut⸗ ter,“ ſagte Lukas,„und es wäre, dünkt mir, ſonder⸗ bar, wenn Du darauf nicht antworten könnteſt. Er⸗ innerſt Du Dich noch, wie ich auf Atkinſon's Farm arbeitete, ehe ich mich verheirathete, weißt Du, und wie ich hier noch bei Dir wohnte?“ „Ja, ja,“ erwiederte Mrs. Marks mit trium⸗ phirendem Kopfnicken,„ich erinnere mich, mein Lieber. Es war leztes Spätjahr, gerade als man die Aepfel in dem Obſtgarten jenſeits unſerer Hecke herunter⸗ that, zu der Zeit, als Du Deine neue gemuſterte Weſ mich führ ſizer hatt Du der bert dies und er ſ rede antr herl eine „We Jem inne Uhr Gen mit Sch und daß dem igen chen nN rtete uhr. in hlte ett⸗ äre. iner ßen thig llen⸗ und eine eſes Kut⸗ der⸗ Er⸗ arm und um⸗ ber. pfel ter⸗ erte 205 Weſte hatteſt. Ich erinnere mich, Lukas, ich erinnere mich.“ Mr. Audley war neugierig, wohin dies Alles führen ſollte, und wie lang er an des Kranken Bette ſizen und ein Geſpräch, das für ihn keinen Sinn hatte, anhören müßte. „Wenn Du Dich ſo weit erinnerſt, ſo magſt Du Dich auch noch weiter erinnern,“ ſagte Lukas.„Kannſt Du Dich noch darauf beſinnen, daß ich Nachts zu der Zeit, da Atkinſons eben ihr leztes Korn aufſcho⸗ berten, einen Menſchen hieher brachte?“ Wiederum fuhr Mr. Audley heftig auf, aber diesmal ſah er dem Sprechenden begierig ins Geſicht und hörte mit lebhaftem, athemloſen Intereſſe, das er ſelbſt kaum verſtand, auf das, was Lukas Marks redete. „Ich erinnere mich, daß Du Phöbe herbrachteſt,“ antwortete die alte Frau ſehr eifrig,„daß Du Phöbe herbrachteſt, um eine Taſſe Thee zu trinken, oder einen Biſſen zu Nacht zu eſſen, oft und vielmal.“ „Dummes Geſchwäz von Phöbe,“ rief Marks, „wer ſpricht von Phöbe? Was iſt Phöbe, daß Jemand ſich ihretwegen incommodiren ſollte? Er⸗ innerſt Du Dich, wie ich einen Gentleman nach zehn Uhr eines Nachts im September heimbrachte, einen Gentleman, der naß war bis auf die Haut, bedeckt mit Koth und Schlamm und grünem Schleim vom Scheitel bis zur Ferſe, und mit gebrochenem Arm und ſchrecklich geſchwollener Schulter, der ſo ausſah, daß Niemand ihn erkannt hätte. Einen Gentleman, dem ſeine Kleider an manchen Stellen abgeriſſen waren, wie er da am Küchenfeuer ſaß und in die 206 Kohlen ſtarrte, als ob er wahnſinnig oder ein Narr geworden wäre und nicht wüßte, wo er war, oder was er war: und wie man ihn gleich einem kleinen Kinde pflegen und anziehen und trocknen und wa⸗ ſchen und ihm löffelweiſe Brandy geben mußte, der ihm zwiſchen die verbiſſenen Zähne geträufelt wurde, bis es gelang, wieder Leben in ihn zu bringen. Er⸗ innerſt Du Dich deſſen noch, Mutter?“ Die alte Frau nickte und murmelte etwas, das ſo viel ſagen ſollte, ſie erinnere ſich aller dieſer Um⸗ ſtände, nunmehr da Lukas ihrer erwähne, noch höchſt lebhaft. Robert Audley ſtieß einen wilden Schrei aus und fiel neben dem Bette des Kranken auf die Kniee. „Mein Gott!“ ſtieß er hervor,„ich danke Dir für Deine wunderbare Gnade! Georg Talboys iſt noch am Leben!“ „Warten Sie ein Bischen,“ ſagte Mr. Marks, „nicht zu ſchnell. Mutter, gib mir die zinnerne Doſe auf dem Brett über der Kommode, willſt Du?“ Die alte Frau gehorchte, und nachdem ſie unter zerbrochenen Theeſchalen und Milchkrügen, deckelloſen Baumwollengarnſchachteln und mancherlei anderem Plunder von Lumpen und Steingut herumgetappt hatte, brachte ſie eine zinnerne Schnupftabaksdoſe mit einem Schiebdeckel hervor, eine recht armſelige, ſchmutzig ausſehende Doſe. Robert Audley lag noch auf den Knieen am Bette und hatte ſein Geſicht in den Händen verbor⸗ gen. Lukas Marks öffnete die zinnerne Doſe. „Es iſt kein Geld darin, ſchade genug,“ fuhr er fort,„ſonſt hätte man es nicht ſo lang hier gelaſſen. Ab ebe Ihr Vie gen unt geri eine kon: hatt und Gei Mer was Etw treil eine und Narr oder inen wa⸗ der urde, Er⸗ das Um⸗ öchſt aus niee. Dir iſt rks, erne u 2 nter oſen rem ppt doſe lige, am bor⸗ er ſen. 207 Aber es iſt etwas darin, das vielleicht für Sie gerade ebenſo viel Werth hat, als Geld, und das will ich Ihnen geben, zum Beweiſe, daß auch ein trunkenes Vieh gegen diejenigen, die ihm Freundlichkeit erzei⸗ gen, dankbar ſein kann. Er nahm zwei zuſammengefaltete Papiere heraus und überreichte ſie Robert. Es waren zwei aus einem Taſchenbuch heraus⸗ geriſſene Blätter, mit Bleiſtift überſchrieben und in einer Hand, die Mr. Audley ganz fremd war. Eine krampfhaft verzogene, ſteife und doch krizelnde Hand, ſo wie ein Bauersmann wohl geſchrieben haben konnte. „Ich kenne dieſe Schrift nicht,“ ſagte Robert, als er das erſte der Papiere begierig aufgemacht hatte.„Was hat dies mit meinem Freund zu thun? Warum zeigen Sie es mir?“ „Ich meine, Sie ſollten erſt leſen,“ antwortete Mr. Marks,„und mich hernach fragen.“ Das erſte Papier, welches Robert aufgemacht hatte, enthielt folgende Zeilen von jener verzerrten und doch krizelnden Hand, die ihm ſo fremd war. „Mein theurer Freund,“ „Ich ſchreibe Dir in einer ſo außerordentlichen Geiſtesverwirrung, wie vielleicht noch über keinen Menſchen gekommen iſt. Ich kann Dir nicht ſagen, was mir geſchehen iſt; ich kann Dir nur ſagen, daß Etwas geſchehen, was mich aus England hinweg⸗ treibt, als einen Mann mit gebrochenem Herzen, der einen Winkel in der Welt ſucht, wo er unbekannt und vergeſſen leben und ſterben mag. Ich kann Dich 208 nur bitten, mich zu vergeſſen. Wenn Deine Freund⸗ ſchaft mir etwas hätte helfen können, ſo würde ich mich an Dich gewendet haben. Wenn Dein Rath mir von einigem Nuzen geweſen wäre, ſo hätte ich mich Dir anvertraut. Aber weder Freundſchaft noch Rath kann mir helfen; und Alles, was ich Dir ſagen kann, iſt nur: Gott ſegne Dich für die Vergangen⸗ heit, und lehre Dich, in Zukunft mich zu vergeſſen.“ „G. T. Das zweite Blatt war an eine andere Perſon adreſſirt und ſein Inhalt war kürzer als der vom erſten. „Helen, „Möge Gott Barmherzigkeit haben und Dir ver⸗ geben, was Du heute gethan haſt, ſo wie ich in Wahrheit es thue. Bleibe im Frieden. Du wirſt nie mehr von mir hören; für Dich und die Welt bin ich hinfort, was ich nach Deinem Wunſch heute ſein ſollte. Du brauchſt keine Beläſtigung von mei⸗ ner Seite mehr zu fürchten; ich verlaſſe England, um nie mehr zurückzukehren.“ 6 Robert Audley ſtarrte dieſe Zeilen in rathloſer Verwirrung an. Sie waren nicht von der ihm wohl⸗ bekannten Hand ſeines Freundes, und doch verriethen ſie ihrem Inhalt nach, daß ſie von ihm geſchrieben worden, und waren mit ſeinen Anfangsbuchſtaben unterzeichnet.. Er ſchaute forſchend Lukas Marks ins Geſicht, indem er dachte, es ſollte ihm vielleicht irgend ein Streich geſpielt werden. und⸗ e ich Rath e ich noch agen ngen⸗ ſen.“ A erſon vom rver⸗ ich in wirſt Welt heute mei⸗ land, L.“ hloſer wohl⸗ iethen rieben ſtaben eſicht, d ein 209 „Das iſt nicht von Georg Talboys geſchrieben worden,“ ſprach er. „Und doch,“ antwortete Lukas Marks,„es iſt von Mr. Talboys bis auf den lezten Buchſtaben geſchrieben worden; er ſchrieb es eigenhändig, aber mit der Linken, weil er die Rechte des gebrochenen Arms wegen nicht gebrauchen konnte.“ Robert Audley ſchaute plözlich auf, und der Schatten des Argwohns ſchwand von ſeinem An⸗ geſicht. „Ich verſtehe,“ ſagte er,„ich verſtehe⸗ Erzählen Sie mir Alles; erzählen Sie mir, wie mein armer Freund gerettet wurde.“ Er konnte es ſich kaum möglich denken, daß das, was er gehört hatte, wahr ſei. Er konnte kaum glauben, daß ſein Freund, den er ſo bitter bedauert hatte, ihm noch einmal in glücklichen Tagen, wenn die finſtere Vergangenheit hinweg geſchwunden wäre, die Hand drücken würde. Er war anfänglich ganz und gar außer ſich und vermochte die neue Hoffnung, welche ſo plözlich vor ihm aufdämmerte, gar nicht zu faſſen. „Erzählen Sie mir Alles,“ rief er,„aus Barm⸗ herzigkeit, erzählen Sie mir Alles; ich will verſuchen, es zu begreifen, wenn ich es vermag.“ „Ich arbeitete vergangenen September auf At⸗ kinſons Farm,“ begann Lukas Marks,„und half ihm das lezte Korn aufſchobern, und da der nächſte Weg von der Farm nach meiner Mutter Wohnung über die Wieſen hinter dem Herrenhauſe führte, ſo ſchlug ich gewöhnlich denſelben ein; und Phöbe ſtand zuweilen unter der Gitterthüre in der Gartenmauer Brabdon, Lady Aubley's Geheimniß. III. 14 210 jenſeits der Lindenallee, um mit mir zu plaudern, da ſie wußte, wann ich nach Hauſe kam. Manchmal war ſie auch nicht da, und manchmal ſprang ich über den trockenen Graben, welcher den Küchengarten von den Wieſen längs deſſelben trennt, und fiel in die Geſindeſtube ein, um ein Glas Ale oder einen Biſſen zu eſſen zu bekommen, wie es gerade ſein mochte.“ „Ich weiß nicht, was Phöbe am Abend des ſie⸗ benten Septembers that— ich erinnere mich des Tages, weil Farmer Atkinſon an jenem Tage zu⸗ ſammen auf einem Brette auszahlte und ich ihm eine kleine Quittung für den Empfang des Geldes ausſtellen mußte— ich weiß nicht, was ſie that, aber ſie war nicht unter der Thüre bei der Linden⸗ allee; ſo ging ich auf der andern Seite des Gar⸗ tens herum und ſprang über den trockenen Graben, denn ich wünſchte gerade dieſe Nacht ſie zu ſehen, weil ich am nächſten Tage weggehen wollte, um auf einer Farm jenſeits Chelmford zu arbeiten. Auf der Kirche von Audley ſchlug es gerade neun Uhr, als ich über die Wieſen zwiſchen Atkinſons Farm und dem Herrenhauſe ging, und es mußte ein Viertel auf zehn Uhr ſein, als ich in den Küchengarten trat.“ „Ich ſchritt durch den Garten und kam in die Lindenallee; der nächſte Weg zu der Geſindeſtube führte durch das Gebüſch und an dem vertrockneten Brunnen vorüber. Es war eine finſtere Nacht, aber ich wußte um das alte Haus herum genau Beſcheid, und das Licht in dem Fenſter der Geſindeſtube ſah roth und behaglich durch die Finſterniß.“ „Ich war ſchon hart an der Mündung des ver⸗ tro mi ein zen lag mie die unt nic zen zu tem er als den wie Fin ſei, thu ſpre obn nich gan lebe Uhr von giß abet — — — — aben, ſehen, m auf uf der , als und iertel trat.“ in die eſtube kneten t aber ſcheid, be ſah s ver⸗ trockneten Brunnens, als ich einen Laut hörte, der mir das Blut beinahe erſtarren machte. Es war ein Aechzen, wie von einem Menſchen, der Schmer⸗ zen hatte und irgendwo unter dem Gebüſch verſteckt lag. Ich fürchtete mich nicht vor Geiſtern, fürchtete mich überhaupt vor Nichts, aber es lag etwas in dieſem Aechzen, das mich bis ins Herz erſchreckte, und eine Minute war ich ganz verblüfft und wußte nicht, was ich thun ſollte. Aber ich hörte das Aech⸗ zen wieder und begann jezt unter dem Gebüſch herum zu ſuchen. Endlich fand ich einen Mann unter dich⸗ tem Lorbeergeſträuch liegen, und dachte anfänglich, er ſei zu nichts Gutem da, und war im Begriff, ihn am Kragen zu packen und ins Haus zu bringen, als er mich an der Fauſt faßte, ohne von dem Bo⸗ den aufzuſtehen, und mich ſehr aufmerkſam anſah, wie ich bemerken konnte, da ſein Geſicht mir in der Finſterniß zugewendet war, und mich fragte, wer ich ſei, und was ich bei den Leuten im Herrenhauſe zu thun hätte.“ „Es lag Etwas in der Art und Weiſe, wie er ſprach, was mir ſagte, daß er ein Gentleman ſei, obwohl er mir wildfremd war und ich ſein Geſicht nicht ſehen konnte; und ich beantwortete ſeine Fragen ganz höflich. „Ich wünſche von hier wegzukommen, ohne daß ein lebendes Weſen mich ſieht, merke wohl. Seit vier Uhr liege ich hier und bin halb todt, aber ich möchte von hier wegkommen, ohne bemerkt zu werden, ver⸗ giß das nicht.“ „Ich erklärte ihm, das laſſe ſich leicht machen, aber nun fiel mir wieder ein, mein Gedanke von 212 9 ihm möchte doch richtig geweſen ſein und er könne nichts Gutes hier gewollt haben, weil er ſo in aller Stille ſich wegzuſchleichen begehre.“ i „Kannſt Du mich an irgend einen Ort bringen, ig wo ich trockene Kleider bekommen mag,“ begann er Sit wieder,„ohne daß ein halb Duzend Leute Etwas 6 davon erfahren?“ „Er hatte inzwiſchen ſich halb aufgerichtet und r ſaß nun vor mir, während ſein Arm, wie ich wohl den und Waldleuten und allen möglichen Verbrüderun⸗ gen heute Nacht erzählen, und morgen früh hat ſie Sig bemerkte, loſe an ſeiner Seite herunterhing, und er 5 offenbar großen Schmerz litt. n „Ich deutete auf ſeinen Arm und fragte ihn, was damit geſchehen ſei, er aber antwortete ganz 3 ruhig,„gebrochen, mein Junge, gebrochen. Doch das nu will nicht viel ſagen, fuhr er im anderen Tone fort, Gitt und mehr mit ſich ſelbſt, als mit mir redend; es itt gibt gebrochene Herzen, wie gebrochene Glieder, und ſo die ſind nicht ſo leicht zu kuriren.“ un „Ich ſagte ihm, ich wolle ihn in meiner Mutter meir Häuschen bringen, und da würde er gern aufge⸗ ihn nommen und könnte ſeine Kleider trocknen. Uu „Vermag Deine Mutter ein Geheimniß zu be⸗ 4 wahren?“ fragte er. 10 „Ganz wohl, wenn ſie überhaupt es im Gedächt⸗ niß zu behalten vermöchte, erklärte ich ihm;„aber n Sie können Ihr alle Geheimniſſe von Freimaurern Pu Alles wieder vergeſſen?“ „Er ſchien damit zufrieden und richtete ſich völlig Wich auf, indem er ſich an mir hielt, denn es kam mir Stu vor, als ſeien ſeine Glieder ganz verkrampft, daß ächt⸗ „aber urern erun⸗ at ſie öllig mir daß er ſie beinahe nicht gebrauchen konnte. Ich fühlte, als er an mich kam, daß ſeine Kleider naß und ko⸗ thig waren. „Sie ſind doch nicht in den Fiſchteich gefallen, Sir?“ fragte ich. „Er gab mir keine Antwort, er ſchien mich nicht einmal gehört zu haben. Ich konnte jezt, da er auf den Füßen ſtand, ſehen, daß er ein hochgewachſener, gut gebauter Mann war, um mehr als eines Kopfes Länge größer als ich. „Bring' mich nach Deiner Mutter Hütte,“ ſagte er, und verſchaffe mir trockene Kleider, wenn Du kannſt, ich werde Dich für Deine Mühe gut bezahlen.“ „Ich wußte, daß der Schlüſſel in der hölzernen Gitterthüre an der Gartenmauer ſtecken blieb, und ſo führte ich ihn dahin. Er vermochte anfänglich kaum zu gehen, und nur indem er ſich ſchwer auf meine Schulter lehnte, kam er vorwärts. Ich brachte ihn durch das Gitter, das ich unverſchloſſen hinter mir ließ, und vertraute auf die Wahrſcheinlichkeit, daß der Untergärtner, welcher den Schlüſſel in Verwah⸗ rung hatte und ein nachläſſiger Burſche war, es nicht be⸗ merken würde. Ich geleitete ihn über die Wieſen und kam mit ihm hieher, indem ich mich immer fern vom Dorfe und auf den Feldern hielt, wo um dieſe Nachtzeit kein lebendiges Geſchöpf zu ſehen war; und ſo gelangte ich mit ihm in das Zimmer unten, wo die Mutter am Feuer ſaß und mein Nachteſſen für mich bereit hielt. „Ich ſezte den ſeltſamen Burſchen auf einen Stuhl an's Feuer und konnte ihn zum erſten Mal genau betrachten. Ich habe nie zuvor einen Mann in 214 einem ſolchen Zuſtande geſehen. Er war ganz mit grünem Moder und Schlamm bedeckt und hatte zer⸗ krazte und zerriſſene Hände. Ich zog ihm die Klei⸗ der aus, ſo gut ich vermochte, denn er war wie ein Kind unter meinen Händen und ſtarrte in das Feuer ſo hülflos wie ein Püppchen, und nur dann und wann ſtieß er einen ſchweren Seufzer aus, als ob ihm das Herz zerreißen wollte. Er ſchien nicht zu wiſſen, wo er ſich befand; er ſchien uns weder zu ſehen noch zu hören, ſondern ſaß eben da und ſtarrte vor ſich hin, während ſein gebrochener Arm loſe zur Seite herabhing. „Da ich dachte, er befinde ſich in ſehr ſchlechtem Zuſtande, ſo wollte ich gehen und Mr. Dawſon für ihn holen, und ſagte Etwas der Art zu meiner Mutter. Aber ſo verwirrt er im Geiſte ſchien, blickte er doch ſchnell und ſo ſcharf als möglich auf und ſagte: Nein, Nein; Niemand ſollte außer uns Beiden davon wiſſen, daß er hier war. „Ich fragte, ob ich fortgehen und einen Tropfen Brandy holen ſollte, und er war es zufrieden. Es war beinahe eilf Uhr, als ich in die Schenke ging, und es ſchlug eilf Uhr, als ich nach Hauſe kam. „Es was recht gut, daß ich den Brandy geholt hatte, denn es ſchauderte ihn ſchrecklich, und der Becher klapperte an ſeinen Zähnen. Ich hatte Mühe, den Branntwein hineinzubringen, ſo feſt waren ſie verbiſſen, ehe er Etwas trinken konnte. Endlich ver⸗ fiel er in einen Schlummer, oder in eine Art von Betäubung und begann an dem Feuer zu nicken; ſo ging ich hin und holte eine Decke und wickelte ihn hinein, und legte ihn auf die Bettbank im Zimmer unt an' bis auf ma Ste er obn Mit geb wel get: end vert blaſ wel verl wer er k und nen ſein Grr war zu der nac brin mit zer⸗ Klei⸗ ein euer und t zu r zu arrte zur tem für einer hien, auf uns pfe Es ing, eholt der ühe, nſie ver⸗ von 3ſo ihn unten. Die Mutter ſchickte ich zur Ruhe und ſezte mich an's Feuer und wachte bei ihm und hielt ihn warm, bis eben der Tag anbrach; da wachte er plözlich auf und erklärte, er müſſe noch dieſe Minute fort. „Ich bat ihn, an ſo Etwas nicht zu denken, und machte ihn darauf aufmerkſam, daß er nicht im Stande wäre, auch nur eine Strecke weit zu gehen; er aber ſagte, er müſſe fort, und erhob ſich, und obwohl er wirklich taumelte und zuerſt kaum zwei Minuten feſt ſtehen konnte, wollte er doch nicht nach⸗ geben und bat mich, ihm ſeine Kleider anzuziehen, welche ich, ſo lang er ſchlief, ſo gut es anging, getrocknet und gereinigt hatte. Ich kam damit endlich zu Stande, aber die Kleider waren arg verdorben und er ſah ſchrecklich aus, mit ſeinem blaſſen Geſicht und einem großen Riß auf der Stirne, welchen ich ausgewaſchen und mit einem Taſchentuch verbunden hatte. Er konnte ſeinen Rock nur über⸗ werfen, indem er ihn um den Hals zuknöpfte. Aber er hielt Alles aus, obwohl er dann und wann ächzte, und bei den Schrammen und Quetſchungen an ſei⸗ nen Händen und dem Riß auf ſeiner Stirne und ſeinen ſteifen Gliedern und ſeinem gebrochenen Arme Grund genug zum Aechzen hatte; und mittlerweile war es heller Tag, und er angekleidet und bereit zu gehen. „Welches iſt die nächſte Stadt von hier auf der Straße nach London?“ fragte er mich. „Ich nannte ihm als die nächſte Brentwood? Sehr wohl denn, ſagte er, ,wenn Du mit mir nach Brentwood gehſt und mich zu einem Wundarzt bringſt, um meinen Arm einzurichten, ſo gebe ich 216 Dir für dieß und Deine ſonſtige Mühe eine Fünf⸗ pfundnote!““ „Ich erklärte ihm meine Bereitwilligkeit hiezu, wie zu Allem, was in ſeinem Wunſche ſtände, und fragte ihn, ob ich nicht von einem der Nachbarn ein Wägelchen entlehnen ſollte, um mit ihm dorthin zu fahren, da es gute ſechs Meilen zum Gehen wären. „Er ſchüttelte den Kopf. Nein, nein, nein, ſagte er; er wünſche nicht, daß Jemand Etwas von ihm erfahre, er ziehe vor, zu gehen. „Und wirklich ging er zu Fuß und zog gut aus, obwohl ich wußte, daß jeder Schritt von den ſechs Meilen ihm Schmerz verurſachte; aber er hielt aus, wie er es auch zuvor gethan hatte; und ich habe niemals in meinem Leben einen Burſchen geſehen, der eine ſolche Ausdauer beſaß. Er mußte manchmal ſtehen bleiben und ſich an einen Thorweg lehnen, um Athem zu holen, aber er hielt aus, bis wir zulezt in Brentwood anlangten; dann ſagte er zu mir: Bring mich zu dem nächſten Wundarzt, und ich that es und wartete, bis ſein Arm geſchient war, was gar lange Zeit wegnahm. „Der Wundarzt forderte ihn auf, in Brentwood zu bleiben, bis er beſſer wäre; er aber ſagte, er wolle Nichts davon hören, er müſſe ohne eine Minute Zeitverluſt nach London aufbrechen; ſo machte er es ihm ſo bequem als nach den Umſtänden möglich war, und legte ihm den Arm in eine Schlinge!“ Robert Audley fuhr auf. Ein mit ſeinem Be⸗ ſuch in Liverpool zuſammenhängender Umſtand fiel ihm plözlich wieder ein. Er erinnerte ſich des Buch⸗ ezu, und arn thin hen agte ihm aus, echs us, ae hen, mal lezt nir: ich var, er ute es var, Be⸗ fiel uch⸗ halters, der ihn zurückgerufen hatte, um ihm zu ſagen, daß noch ein Paſſagier etwa eine Stunde vor der Abfahrt des Schiffes an Bord der Victoria Regia gegangen war, ein junger Mann, der ſeinen Arm in der Schlinge trug und irgend einen ordinären Namen führte, welchen Robert vergeſſen hatte. „Als ſein Arm eingerichtet war,“ fuhr Lukas fort,„fragte er den Wundarzt, ob er ihm ein Blei⸗ ſtift geben könnte, um vor ſeinem Abgang Etwas zu ſchreiben. Der Wundarzt lächelte und ſchüttelte den Kopf. Sie werden nicht im Stande ſein, heute mit der Hand da Etwas zu ſchreiben, ſagte er, auf den Arm deutend, welchen er eben eingerichtet hatte. Vielleicht nicht', antwortete der junge Mann ziem⸗ lich ruhig, aber ich kann mit der andern ſchreiben.“ — Kann ich nicht für Sie ſchreiben?“ fragte der Wundarzt.— Ich danke Ihnen, antwortete der Andere, was ich zu ſchreiben habe, iſt Privatſache. Wenn Sie mir ein paar Couverts geben können, werde ich Ihnen verpflichtet ſein.“ „Darauf geht der Wundarzt, um die Couverts zu holen, und der junge Mann nimmt ein Taſchen⸗ buch aus ſeiner Rocktaſche mit der linken Hand; die Decke war naß und ſchmuzig, aber das Innere rein, und er reißt ein paar Blätter heraus und beginnt darauf zu ſchreiben, ſo wie Sie ſehen, und er ſchreibt äußerſt beſchwerlich mit ſeiner linken Hand, und er ſchreibt langſam, aber er wird doch am Ende damit fertig, wie Sie ſehen, und dann ſteckt er die beiden kleinen Schreiben in die Couverts, welche der Wund⸗ arzt ihm bringt, und ſiegelt ſie und macht ein Blei⸗ ſtiftskreuz auf eines derſelben, und Richts auf das * 218 andere; und dann bezahlt er den Doctor für ſeine Mühe; und der fragt, ob er Nichts weiter für ihn thun kann und will ihn überreden, in Brentwood zu bleiben, bis ſein Arm beſſer ſei; er aber will Nichts davon wiſſen, und meint, es ſei unmöglich, und ſagt dann zu mir: Komm' mit mir auf die Eiſenbahn⸗ ſe und ich will Dir geben, was ich verſprochen a E. „So ging ich mit ihm nach dem Bahnhof. Es war noch Zeit, um mit dem Zug abzugehen, der um halb neun Uhr zu Brentwood anhält, und wir hatten noch fünf Minuten vor uns. So nimmt er mich in eine Ecke auf der Plattform und ſpricht: Ich wünſche, daß Du dieſe zwei Briefe für mich abgibſt;“ ich er⸗ klärte mich bereit dazu. Nun gut,“ ſagt er, da ſieh, Du kennſt doch Audley Court?— Ja, ſage ich, ich muß wohl, denn mein Schaz iſt dort Kam⸗ merjungfer bei der Lady.— Bei welcher Lady?“ fragt er.— So antworte ich ihm: bei Mylady, der neuen Lady, welche bei Mr. Dawſon Gouver⸗ nante geweſen iſt.— Wohl', fährt er fort, Hieſer Brief hier mit dem Kreuz auf dem Couvert iſt für Lady Audley, aber Du mußt ihn durchaus in ihre eigene Hand abgeben, und ſiehe ja zu, daß es Nie⸗ mand ſieht, wenn Du ihn übergibſt!— Ich ver⸗ ſpreche das, und er reicht mir den erſten Brief. Und dann fängt er wieder an: Kennſt Du Mr. Audley, den Neffen von Sir Michael?“— und ich ſagte: Ja, ich habe von ihm erzählen gehört, und vernom⸗ men, daß er ein feiner, geſchniegelter Burſche iſt, aber freundlich und leutſelig.(So habe ich von Ihnen reden gehört, verſtehen Sie, ſezte Lukas in Paren⸗ the for Au es Kir Br zug dar alle Kle ein übe hn ts t n⸗ en Es m in he, r⸗ da ge , er⸗ er ür re ie⸗ er⸗ nd , ſt, en n⸗ theſe hinzu.— Nun ſieh, fährt der junge Mann fort, dieſen zweiten Brief übergibſt Du Mr. Robert Audley, der in der Sonne logirt;“ und ich verſprach es richtig zu beſorgen, da ich die Sonne von meinen Kinderjahren her kenne. So gab er mir den zweiten Brief, der auf dem Couvert kein Zeichen hatte, und zugleich eine Fünfpfundnote, wie er verſprochen, und dann ſagt er: Guten Tag, und ich danke Dir für alle Deine Mühe, und ſteigt in einen Wagen zweiter Klaſſe, und das Lezte, was ich von ihm ſehe, iſt ein Geſicht, ſo weiß wie ein Platt Schreibpapier, und ein großer Fleck von Heftpflaſter kreuz und quer über der Stirne.“ „Armer Georg! Armer Georg!“ „Ich kehrte nach Audley zurück und ging geraden Wegs in die Sonne und fragte nach Ihnen, damals in der Abſicht, beide Briefe getreulich abzuliefern, ſo mir Gott helfe; aber der Wirth erklärte mir, Sie ſeien dieſen Morgen nach London abgereist, und er wiſſe nicht, wann Sie wieder zurückkämen, auch kenne er den Namen Ihrer Wohnung in London nicht, obwohl er meinte, es ſei ſo etwas wie Law Courts oder Weſtminſter Hall oder Doctors Com⸗ mons*) oder dergleichen. Was ſoll ich alſo thun? Mit der Poſt konnte ich den Brief nicht abſenden, da ich die Adreſſe nicht wußte; in Ihre eigenen Hände konnte ich ihn auch nicht übergeben, und außerdem war mir noch beſonders eingeſchärft wor⸗ den, Niemand davon wiſſen zu laſſen; ſo konnte ich *) Ein von Dr. Harvey für Rechtsgelehrte beſtimmtes Collegium. A. d. U. 220 Nichts thun, als warten und ſehen, ob Sie zurück⸗ kommen, und mich mit der Ueberlieferung gedulden.“ „Ich gedachte am Abend nach dem Herrenhauſe zu wandern, und Phöbe zu beſuchen, und von ihr herauszubringen, wann ich etwa ihre Lady ſehen könnte, denn ich wußte, ſie konnte das ſchon ſo ein⸗ richten, wenn ſie nur wollte. So ging ich dieſen Tag nicht an die Arbeit, wie ich hätte thun ſollen, ſondern lungerte herum und faulenzte, bis es bei⸗ nahe dunkel war, und dann gehe ich nach den Wieſen, hinter dem Herrenhauſe hinab und dort finde ich wirklich Phöbe, wie ſie unter der hölzernen Thüre in der Gartenmauer wartet und nach mir ausſchaut.“ „Nun, ich ging in das Gebüſch mit ihr und wandte mich nach dem alten Brunnen, denn wir hatten die Gewohnheit, an Sommerabenden auf dem Ziegelwerk davor zu ſizen, aber Phöbe wird plözlich ſo blaß wie ein Geiſt und ſagt: Nicht da, nicht da! So frage ich: warum nicht“ und ſie antwortet, ſie wiſſe es nicht, aber ſie ſei dieſen Abend ſo auf⸗ geregt und habe gehört, es ſpuke bei dem Brunnen. Ich ſage ihr, das ſei lauter dummes Zeug, aber ſie antwortet, dem möge ſo ſein oder auch nicht ſein, aber ſie wolle einmal nicht an den Brunnen; ſo gehen wir an das Gitterthor und ſie lehnt ſich an daſſelbe, während ſie mit mir ſpricht.“ „Sie hatte jedoch noch nicht lang mit mir ge⸗ ſprochen, ſo merke ich, daß es nicht ganz richtig mit ihr war, und ich gab ihr das zu verſtehen.“ „Ja, ſagt ſie, es iſt mir nicht ganz wohl dieſen Abend‚ ich hatte geſtern ſo einen Auftritt, und es geht mir jezt noch nach.““ en. ſie in, an ge⸗ nit en es „Einen Auftritt, ſage ich. Du hatteſt vermuth⸗ lich einen Zank mit Deiner Frau.“ „Sie gab mir keine directe Antwort, ſondern lächelte auf eine äußerſt ſeltſame Weiſe und ſagte dann ſchnell: „Nein, Lukas, Nichts der Art, und was noch mehr iſt, Niemand kann freundſchaftlicher gegen mich ſein, als Mylady; mir dünkt, ſie würde beinahe Alles für mich thun, und ob es nun ein Stück Geld zu einer Meierei und Geräthe oder dergleichen, oder auch ein Wirthshaus ſammt Kundſchaft wäre, ich glaube, ſie würde mir Nichts abſchlagen, um was ich ſie auch bäte.“ „Ich konnte mir das nicht recht erklären, denn erſt wenige Tage zuvor hatte ſie mir geſagt, My⸗ lady ſei ſelbſtſüchtig und verſchwenderiſch, und wir dürften lange warten, bis wir von ihr bekämen, was uns Noth thäte.“ „So ſage ich ihr: Ei, das kommt recht plözlich, Phöbe, und ſie antwortet, zja, allerdings, und ſie lächelt wieder gerade ſo, wie zuvor. Darauf wende ich mich raſch gegen ſie um und ſpreche: „Ich will Dir ſagen, was es iſt, Mädchen; Du hältſt vor mir hinter dem Berge; es iſt Dir Etwas geſagt worden, oder Du haſt Etwas herausgefunden; und wenn Du denkſt, Du könneſt Dein Spiel mit mir treiben, ſo irrſt Du Dich gewaltig; ich will Dich gewarnt haben. „Aber ſie lachte wegwerfend und ſagte: Achjeé! Lukas, was konnte Dir ſolche Grillen in den Kopf ſezen?“ „Ich antworte: wenn ich Grillen im Kopfe habe, 222 ſo haſt Du ſie hineingeſezt; und ich erkläre Dir noch einmal, ich dulde keine Dummheiten, und wenn Du Geheimniſſe vor dem Mann haben willſt, den Du zu heirathen gedenkſt, ſo wäre es beſſer, Du nähmeſt einen Andern und hätteſt Geheimniſſe vor ihm, denn vor mir ſollſt Du das nicht thun, verſtehſt Du.““ „Darauf beginnt ſie ein bischen zu wimmern, aber ich nehme keine Notiz davon, ſondern fange an, ſie über Mylady zu befragen. Ich hatte den Brief mit dem Bleiſtiftkreuz in meiner Taſche und wünſchte zu erfahren, wie ich denſelben überliefern könnte.“ „Vielleicht können andere Leute ebenſo gut, wie Du, ein Geheimniß bewahren, ſagte ich, und vielleicht können andere Leute ſich eben ſo gute Freunde machen, wie Du. Da kam ein Gentleman geſtern hieher, um Deine Lady zu ſehen, nicht wahr? ein hochgewach⸗ ſener junger Gentleman mit einem braunen Bart?“ „Anſtatt mir wie ein Chriſtenmenſch zu antworten, bricht meine Baſe Phöbe in Thränen aus, und ringt die Hände und thut ganz erſchrecklich, bis ich ganz verblüfft bin und kaum weiß, wie ich entdecken kann, was ſie hat.“ „Aber allmälig brachte ich es aus ihr heraus, denn ich duldete keine Dummheiten; und ſie erzählte mir, ſie ſei an der Arbeit geſeſſen vor dem Fenſter ihres kleinen Zimmers, oben im Hauſe, gerade in einem der Giebel, von wo man die Ausſicht über die Lindenallee und das Gebüſch und den Brunnen hat. und da habe ſie geſehen, wie Mylady mit einem fremden Gentleman auf und abgegangen, und das habe lange Zeit gedauert, bis ſie endlich—“ „Halt!“ rief Robert,„das Uebrige weiß ich.“ „Nun, Phöbe erzählte mir Alles, was ſie ge⸗ noch Du Du neſt enn 7 ern, an, rief chte †. wie icht hen, um ach⸗ rt?“ ten, ngt anz nn, us, hlte ſter in ber nen em das ſehen hatte, und ſezte noch hinzu, ſie habe Mylady beinahe unmittelbar hernach geſehen, und es ſei Et⸗ was zwiſchen ihnen vorgefallen, nichts Sonderliches, aber gerade genug, um Mylady wiſſen zu laſſen, daß die Magd, auf welche ſie herabſah, Etwas ent⸗ deckt habe, das ſie bis an ihr Ende in die Gewalt eben dieſer Magd geben würde.“ Und ſie iſt in meiner Gewalt,“ ſagte Phöbe, und ſie wird Alles in der Welt für uns thun, wenn wir ihr Geheimniß bewahren.“ „So, ſehen Sie, dachten beide, Lady Audley und ihre Zofe, der Gentleman, den ich lebend mit dem Londoner Zug hatte abgehen ſehen, liege todt in der Tiefe des Brunnens. Uebergab ich alſo den Brief, ſo mußten ſie das Gegentheil davon erfahren, und zu gleicher Zeit verloren wir, Phöbe und ich, die Möglichkeit, uns im Leben durch ihre Herrin vorwärts gebracht zu ſehen.“ „So behielt ich den Brief und behielt das Ge⸗ heimniß, und Mylady das ihrige. Ich nahm mir jedoch vor, wenn ſie liberal gegen mich wäre und mir das Geld, das ich bedurfte, freiwillig gäbe, ihr Alles zu ſagen und ihr Gemüth zu beruhigen.“ „Aber ſie that es nicht. Was ſie auch hergab, warf ſie mir hin, als wäre ich ein Hund geweſen. Sprach ſie mit mit ſo geſchah es, wie ſie mit einem Hund geſprochen hätte. Es gab kein Wort in ihrem Munde, das zu ſchlecht für mich war. Es gab kein Auffahren mit dem Kopfe, das zu ſtolz und höhniſch für mich war; und die Galle trat mir ins Blut, und ich behielt mein Geheimniß und ließ ihr das ihre. Ich öffnete die zwei Briefe und las ſie, aber 224 ich konnte nicht viel dabei herausbringen und ver⸗ ſteckte ſie; und kein ſterbliches Geſchöpf außer mir hat ſie bis heute Nacht geſehen.“ Lukas Marks hatte ſeine Geſchichte geendigt und lag ruhig da, erſchöpft von dem langen Sprechen. Er beobachtete Robert Audley's Angeſicht, in völ⸗ liger Erwartung irgend eines Vorwurfs und eines ſtrengen Tadels, denn er hatte ein unbeſtimmtes Be⸗ wußtſein, daß er Unrecht gethan. Aber Robert unterließ es, ihm den Text zu leſen; er hatte keine Luſt zu einem Amte, wofür er ſich nicht tauglich hielt. „Der Geiſtliche wird mit ihm ſprechen und ihn tröſten, wenn er morgen früh kommt,“ dachte Mr. Audley,„und wenn das arme Geſchöpf einer Pre⸗ digt bedarf, ſo wird ſie beſſer von ſeinen Lippen, als von den meinigen kommen. Was ſollte ich ihm auch ſagen? Seine Sünde iſt auf ſein eigenes Haupt zurückgefallen; denn wäre Mylady in ihrem Ge⸗ müthe beruhigt geweſen, ſo würde das Schloß⸗ wirthshaus nicht niedergebrannt ſein. Wer darf es nach allem dieſem wagen, ſein eigenes Leben regeln zu wollen? Wer kann Gottes Hand in dieſer ſelt⸗ ſamen Geſchichte verkennen?“ Er dachte ſehr demüthig an die Schlußfolgerun⸗ gen, die er gezogen und zur Richtſchnur für ſein Handeln gemacht hatte. Er erinnerte ſich, wie un⸗ bedingt er auf das klägliche Licht ſeiner eigenen Vernunft vertraut hatte, aber er wurde auch ge⸗ tröſtet durch das Bewußtſein, daß er einfach und rechtſchaffen ſeine Pflicht zu thun geſucht hatte, ge⸗ treulich gegen die Todten und die Lebenden. — bru digt verf rend geſc tern jung Geſe nur beter boys noch reit, und Som Näch Ruhe von erſchi lang zum wo ande: ihm, mitta ſezte § lange ver⸗ mir und hen. völ⸗ nes Be⸗ en; ſich ihn Mr. re⸗ en, ihm upt Ge⸗ loß⸗ eln elt⸗ un⸗ ſein un⸗ nen ge⸗ und ge⸗ Robert Audley blieb noch lang nach Tagesan⸗ bruch bei dem Kranken ſizen, der kurz nach Been⸗ digung ſeiner Geſchichte in einen ſchweren Schlaf verfallen war. Die alte Frau hatte behaglich wäh⸗ rend des ganzen Bekenntniſſes von ihrem Sohne geſchlummert; Phöbe war auf der Bettbank im un⸗ tern Zimmer gleichfalls eingeſchlafen; ſo war der junge Rechtsgelehrte alſo der einzige Wächter. Er konnte nicht ſchlafen; er konnte nur an die Geſchichte, die er gehört hatte, denken. Er konnte nur Gott für ſeines Freundes Rettung danken und beten, daß er im Stande ſein möchte, zu Klara Tal⸗ boys zu gehen und ihr zu ſagen:„Ihr Bruder lebt noch und iſt aufgefunden worden.“ Um acht Uhr kam Phöbe die Treppe herauf, be⸗ reit, ihren Plaz an dem Krankenbette einzunehmen, und Robert Audley ging hinweg, um ſich in der Sonne zur Ruhe zu legen. Er hatte die lezten drei Nächte nur ſo einige Augenblicke unerquicklicher Ruhe. wie ſie ſich in Eiſenbahnwägen und an Bord von Dampfſchiffen darbieten, erhaſcht und war völlig erſchöpft. Es war beinahe dunkel, als er aus einem langen, traumloſen Schlummer erwachte und ſich zum Diner in dem kleinen Wohnzimmer ankleidete, wo er und Georg vor wenigen Monaten bei ein⸗ ander geſeſſen waren. Der Wirth bediente ihn beim Diner und erzählte ihm, Lukas Marks ſei um fünf Uhr dieſen Nach⸗ mittag geſtorben.„Es ging ziemlich raſch mit ihm,“ ſezte der Mann hinzu,„aber er ſtarb ſehr ruhig.“ Robert Audley ſchrieb dieſen Abend noch einen langen Brief an Madame Taylor unter der Adreſſe Braddon, Lady Audley's Geheimniß. III. 15 226 von Monſieur Val in Villebrumeuſe; einen langen Brief, worin er der elenden Frau, die ſo viele Na⸗ men geführt hatte und für den Reſt ihres Lebens einen falſchen führen ſollte, die von dem Sterbenden ihm erzählte Geſchichte mittheilte. „Es mag ihr einigen Troſt gewähren, zu er⸗ fahren, daß ihr Mann nicht in ſeiner Jugend durch ihre gottloſe Hand ums Leben gekommen iſt,“ dachte er,„wenn ihr ſelbſtſüchtiges Herz anders ein Ge⸗ fühl von Theilnahme für die Sorgen Anderer hegen kann.“ . Zehntes Capitel. Wiederkehr. Klara Talboys kehrte nach Dorſetſhire zurück, um ihrem Vater zu erzählen, daß ſein einziger Sohn am neunten September nach Auſtralien abgeſegelt ſei und höchſt wahrſcheinlich ſich noch am Leben be⸗ finde und zurückkehren werde, um die Verzeihung des Vaters nachzuſuchen, dem er im Grunde niemals außer mit jener ſchrecklichen Heirath, die von ſo verhängnißvollem Einfluß auf ſeine Jugend geweſen, eine ſonderliche Kränkung angethan hätte. Mr. Harcourt Talboys war völlig in die Enge getrieben. Junius Brutus war niemals in eine Lage wie dieſe verſezt geweſen, und da er keinen Weg ſah, um aus dieſem Dilemma dadurch, daß er nac kon Lel Un Sc und Ju: an wol Cor Rol wel ney wie war tiſſe mat Fre Abe ſold Geſ ang gier lich den aus ten ſein es Hei ngen Na⸗ bens nden er⸗ urch chte Ge⸗ egen ohn gelt be⸗ des rals ſo ſen, nge eine nen er nach ſeinem Lieblingsvorbilde handelte, herauszu⸗ kommen, ſo mußte Mr. Talboys einmal in ſeinem Leben natürlich ſein und bekennen, daß er ſeit ſeiner Unterredung mit Robert Audley viel Unruhe und Schmerz um ſeinen einzigen Sohn gelitten hatte; und daß er herzlich froh ſein würde, den armen Jungen, wenn derſelbe nach England zurückkehrte, an ſeine Bruſt zu drücken. Aber wann mochte er wohl zurückkehren? Und wie konnte man ſich in Communication mit ihm ſezen? Das war die Frage. Robert Audley erinnerte ſich der Avertiſſements, welche er in die Zeitungen von Melbourne und Syd⸗ ney hatte einrücken laſſen. Wenn Georg lebend wieder in eine von dieſen beiden Städten gekommen war, wie ließ ſich erklären, daß man von jenen Aver⸗ tiſſements niemals Notiz genommen hatte? Konnte man mit Wahrſcheinlichkeit annehmen, daß ſein Freund bei der Unruhe von ihm gleichgültig„ Aber dann erſchien es auch wieder möglich, ſolches Avertiſſement Georg Talboys gar nicht zu Geſicht gekommen war und daß, da er unter einem angenommenen Namen reiste, weder ſeinen Mitpaſſa⸗ gieren, noch dem Kapitän des Schiffs ſich eine Mög⸗ lichkeit dargeboten hatte, zwiſchen ihm und der in den Zeitungen gemeinten Perſon eine Identität her⸗ auszufinden. Was war zu thun? Mußten ſie geduldig war⸗ ten, bis Georg ſeines Exils müde wurde und zu ſeinen ihn liebenden Freunden zurückkehrte, oder gab es irgend eine zu ergreifende Maßregel, um ſeine Heimkehr zu beſchleunigen? Robert Audley wußte ſich nicht zu rathen. Vielleicht fühlte er ſich in Folge 228 der unausſprechlichen Erleichterung ſeines Gemüths, welche ihm die Entdeckung, daß ſein Freund mit dem Leben davon gekommen war, verurſacht hatte, außer Stande, über die eine Thatſache dieſer providen⸗ tiellen Rettung hinauszuſehen. In dieſer Gemüthsverfaſſung begab er ſich nach Dorſetſhire, um einen Beſuch bei Mr. Talboys zu machen, welcher einer wahrhaften Strömung edler Impulſe nachgegeben hatte und ſo weit gegangen war, ſeines Sohnes Freund einzuladen, die ſprode Gaſtfreiheit des viereckigen Rothziegelhauſes zu er⸗ proben. Mr. Talboys hatte nur zwei Empfindungen in Bezug auf Georgs Geſchichte; die eine war eine natürliche Beruhigung und Freude, aus dem Ge⸗ danken, daß ſein Sohn gerettet worden, hervor⸗ gehend; die andere ein lebhafter Wunſch, daß My⸗ lady ſeine Frau geweſen ſein möchte, und er ſo das Vergnügen gehabt hätte, ein auffallendes Bei⸗ ſpiel an ihr zu ſtatuiren. „Es iſt nicht meine Sache, Sie zu tadeln, Mr. Audley,“ ſagte er,„daß Sie dieſe ſtrafbare Frau aus dem Bereiche der Gerechtigkeit hinweggeſchmug⸗ gelt und alſo, wie ich ſagen möchte, einen gewiſſen hinterliſtigen Eingriff in die Geſeze unſeres Landes ſich erlaubt haben; ich kann Ihnen blos bemerken, daß, wenn die Lady in meine Hände gefallen wäre, ſie eine ganz andere Behandlung erfahren hätte.“ Es war um die Mitte Aprils, als Robert Aud⸗ ley ſich wiederum unter jenen ſchwarzen Tannen be⸗ fand, zu welchen ſeine wandernden Gedanken ſo oft ſeit abe Vei ſeir Her get den ſon wer ecki jedt bei ein ſeh Ja Ur: ſchr ehe ſchi viel Kn mit nuſ die Be gen der ſell hai ußer den⸗ nach zu dler gen rode er⸗ min eine Ge⸗ vor⸗ Ry⸗ Bei⸗ Mr. rau ug⸗ ſſen des ken, llen ren ud⸗ be⸗ oft ſeit ſeiner erſten Begegnung mit Klara Talboys abgeſtreift waren. Jezt gab es Primeln und frühe Veilchen in den Hecken, und die Bäche, welche bei ſeinem erſten Beſuche hart und gefroren, wie das Herz von Harcourt Talboys geweſen, waren auf⸗ gethaut, wie der Gentleman, und liefen luſtig unter den Schwarzdornbüſchen in dem launenhaften April⸗ ſonnenſchein dahin. Robert war ein gepuztes Schlafzimmer und ein wenig anſprechendes Ankleidekabinet in dem vier⸗ eckigen Hauſe angewieſen worden, und er erwachte jeden Morgen auf einer Metallfedernmatraze, welche bei ihm ſtets die Vorſtellung, als ſchlafe er auf einem muſikaliſchen Inſtrumente, erregte, um zu ſehen, wie die Sonne durch die viereckigen weißen Jalouſien auf ihn hereinſchien und die zwei lackirten Urnen, welche den Fuß ſeiner blaueiſernen Bettſtätte ſchmückten, beleuchtete, bis dieſelben wie zwei kleine eherne Lampen aus römiſchem Zeitalter zu flammen ſchienen. Ein Beſuch bei Mr. Harcourt Talboys hatte vielleicht mehr Aehnlichkeit mit einer Ruͤckkehr zu Knabenalter und Koſtſchule, als gleiche Bedeutung mit der ſybaritiſchen Ausſicht auf menſchlichen Ge⸗ nuß. Es waren dieſelben vorhangloſen Fenſter und die ſchmalen Streifen von Bodenteppichen vor den Betten; dieſelbe ſchallende Glocke am frühen Mor⸗ gen; dieſelbe nach einem langen Speiſeſaal wan⸗ deryde, unfreundliche Dienerreihe, um vielleicht den⸗ ſelben Gebeten dort anzuwohnen; es fand ſich über⸗ haupt gar zu viel von der„Privatakademie für Söhne von Gentlemen, die ſich für die Kirche und 230 die Armee vorbereiten“, in dem Talboys ſchen Haus⸗ weſen. Aber wäre das viereckige Rothziegelhaus auch Armida's Palaſt geweſen, und der ſteife leinenbe⸗ wammste Diener durch eine Legion von Huris reprä⸗ ſentirt worden Robert Audley hätte ſcheinbar kaum mit ſeiner Bewirthung zufriedener ſein können. Er erwachte bei dem Schall der Glocke und machte ſeine Toilette in dem grauſamen Frühmorgen⸗Son⸗ nenſchein, welcher hell aber nicht heiter iſt und zum Blinzeln bringt, aber nicht erwärmt. Er machte es in Bezug auf Duſchbäder und kalt Waſſer Mr. Har⸗ court Lalboys nach und kam, wenn die Uhr in der Vorhalle Sieben ſchlug, friſch und klar, wie dieſer Gentleman ſelbſt, zum Vorſchein, um ſich dem Haus⸗ herrn bei ſeiner dem Frühſtuͤck vorangehenden, für ſeine Conſtitution förderlichen Leibesbewegung unter den Tannen in den ſteifen Anlagen anzuſchließen. Aber da war gewöhnlich noch eine dritte Perſon, welche bei dieſen geſundheitfördernden Promenaden ſich betheiligte, und dieſe dritte Perſon war Klara Talboys, die gewöhnlich neben ihrem Vater einher⸗ ſchritt, ſchöner als der Morgen— denn dieſer war manchmal trübe und wolkig, ſie dagegen immer friſch und hell— in einem breitrandigen Strohhut mit flatternden blauen Bändern, von denen Mr. Audley einen Viertelszoll für eine ſtolzere Dekoration, als jemals das Knopfloch eines begünſtigten Geſchöpfs zierte, angeſehen hätte. Der abweſende Georg war oft der Gegenſtand des Geſprächs bei dieſen Morgenſpaziergängen, und Robert Audley nahm ſelten an dem langen Früh⸗ ſtüc an und Kla erzi der ſie wa es hat ſche Bli Wwer ſchi erh bei ren wei hei höc mit ha wo ſqu Sc jun Au ſie ar ey s fs nd nd ſtückstiſche Plaz, ohne ſich des Morgens zu erinnern, an welchem er zuerſt in dieſem Zimmer geſeſſen war, und ſeines Freundes Geſchichte, haßerfüllt gegen Klara Talboys wegen ihrer kalten Selbſtbeherrſchung, erzählt hatte. Er kannte ſie jezt beſſer und wußte, daß ſie eine der edelſten und ſchönſten Frauen war. Aber hatte ſie ſchon entdeckt, wie theuer ſie ihres Bruders Freund war? Robert fragte ſich verwundert oft ſelbſt, wie es möglich wäre, daß er ſich noch nicht verrathen hatte; wie es möglich wäre, daß die Liebe, welche ſchon ihre Gegenwart zu einem magiſchen Zauber für ihn machte, ſich nicht durch einen unvorſichtigen Blick, ein unbewußtes Zittern in der Stimme, welche, wenn er ſie anredete, einen andern Ton anzunehmen ſchien, kund gegeben hatte. Das einförmige Leben in dem viereckigen Hauſe erhielt nur dann und wann durch ein ſteifes Diner, bei welchem einige Leute vom Lande beiſammen wa⸗ ren, um ſich nach gegenſeitiger Uebereinkunft zu lang⸗ weilen, einige Abwechslung; ſo wie durch gelegen⸗ heitliche Einfälle von Morgenbeſuchern, welche zum höchſten Mißvergnügen von Mr. Audley den Salon mit Sturm einnahmen und etwa eine Stunde be⸗ haupteten. Dieſer Gentleman nährte beſonders übel⸗ wollende Gefühle in Bezug auf friſchausſehende Land⸗ ſquires, welche gewöhnlich mit ihren Mamas und Schweſtern bei ſolchen Veranlaſſungen ſich einfanden. Es war natürlich eine Unmöglichkeit, daß dieſe jungen Männer in den Radius von Klara's braunen Augen gelangen konnten, ohne ſich auf's Heftigſte in ſie zu verlieben; und es war folglich eine Unmög⸗ 232 lichkeit, daß Robert Audley etwas Anderes als einen wüthenden Haß gegen ſie als impertinente Reben⸗ buhler und unbefugte Störenfriede empfinden konnte. Er war eiferſüchtig auf Jedermann, welcher in die von jenen ruhigen braunen Augen bewohnte Region kam, eiferſüchtig auf einen dicken Wittwer von acht⸗ undvierzig Jahren; auf einen ältlichen Baronet mit brennendrothem Barte; auf die alten Frauen in der Nachbarſchaft, welche Klara Talboys beſuchte und pflegte; auf die Blumen in dem Gewächshauſe, welche ſo viel von ihrer Zeit in Anſpruch nahmen und ihre Aufmerkſamkeit von ihm abzogen. Zuerſt waren ſie ſehr ceremoniös gegen einander und wurden nur gemüthlich und freundſchaftlich, wenn ſie auf Georgs Abenteuer zu ſprechen kamen, aber allmälig entſpann ſich eine angenehme Vertraulich⸗ keit zwiſchen ihnen, und ehe die erſten drei Wochen von Roberts Beſuch verfloſſen waren, machte Miß Talboys ihn glücklich, indem ſie ihn ernſtlich vor⸗ nahm und ihm über das zweckloſe Leben, das er bisher geführt, und den geringen Gebrauch, den er von den ihm verliehenen Talenten und Vortheilen gemacht hatte, den Text las. Wie angenehm war es, ſich von der Frau, die er liebte, zurechtweiſen zu laſſen! Wie angenehm war es, ſich vor ihr zu demüthigen und ſeine Un⸗ würdigkeit anzuerkennen! Wie entzückend war es, ſo prächtige Gelegenheiten zu bekommen, darauf hin⸗ zudeuten, daß wenn ſein Leben irgend einem Gegen⸗ ſtand geheiligt geweſen wäre, er ſich wohl ange⸗ ſtrengt haben würde, etwas Beſſeres als ein müßi⸗ ger Flaneur auf den glatten, zu keinem beſondern Zie §. Ve ſol M tau gri zes ein mi ⸗ Ziele führenden Pfaden zu werden; daß, wenn er mit Banden, die jeder Stunde ſeines Lebens einen feierlichen Zweck geben mußten, geſegnet geweſen wäre, er auch den Kampf mit Ernſt und unbeugſamem Muthe ausge⸗ fochten haben würde. Er ſchloß gewöhnlich mit einer düſtern Anſpielung darauf, wie es nur allzu wahr⸗ ſcheinlich wäre, daß er eines Nachmittags, wenn der Fluß hell und friedlich in dem niedrigen Sonnen⸗ ſchein da läge und die kleinen Kinder zu ihrem Thee heimgingen, er in aller Stille über den Rand von Templegardens hinuntergleiten würde. „Denken Sie, ich könne franzöſiſche Romane leſen und türkiſchen Tabak rauchen bis ich etliche ſechzig Jahre und drüber alt bin, Miß Talboys?“ fragte er.„Denken Sie, es werde nicht ein Tag erſchei⸗ nen, wo meine Meerſchaumpfeifen mir ſchal, und die franzöfiſchen Romane alberner als ſonſt vorkom⸗ men, und das Leben zu einer ſo traurigen Einfor⸗ migkeit für mich wird, daß ich auf die eine oder andere Art deſſen los zu werden ſuche?“ Ich bedaure ſagen zu müſſen, daß der heuchle⸗ riſche junge Rechtsgelehrte, während er dieſen ver⸗ zweifelten Ton anſtimmte, im Geiſte bereits all ſein Junggeſellenbeſizthum mit Einſchluß von ſämmtlichen Verlagsartikeln Michel Levy's und einem Halbduzend ſolider ſilberbeſchlagener Meerſchaumpfeifen verkauft, Mrs. Maloney zur Ruhe geſezt und zwei oder drei⸗ tauſend Pfund zum Ankauf von einigen Morgen grünen Gebüſches und ſchräg abfallenden Raſenpla⸗ zes ausgegeben hatte, wo, verſteckt unter Bäumen, ein hübſches, zierliches Landhaus ſich erheben und mit ſeinen ländlichen, dicht von Myrthen und Kle⸗ 234 matis umrankten Fenſtern in der purpurnen Tiefe eines See's abſpiegeln ſollte. Natürlich war Klara weit davon entfernt, den Endzweck dieſer melancholiſchen Lamentationen zu entdecken. Sie empfahl Mr. Audley, viel zu leſen und fleißig an ſeinen Beruf zu denken und ein ernſtliches Leben zu beginnen. Es war vielleicht eine harte, trockene Art von Exiſtenz, welche ſie ihm vor⸗ ſchlug, ein Leben ſtrenger Arbeit und Thätigkeit, in welchem er ſeinen Mitmenſchen nüzlich zu werden und ſich ſelbſt einen Ruf zu gewinnen ſich beſtreben ſollte. Mr. Audley machte beinahe ein ſchiefes Ge⸗ ſicht, wenn er an eine ſo kahle Ausſicht gedachte. „Ich würde Alles thun,“ ſprach er bei ſich,„und mit Ernſt und Eifer thun, wenn ich eines Lohnes für meine Mühe ſicher wäre. Wenn ſie den Ruf, den ich gewonnen, für ſich annehmen und mich durch ihre theure Genoſſenſchaft bei dem Ringen und Trei⸗ ben unterſtüzen wollte. Aber wie, wenn ſie mich in den Kampf hinwegſendet und, während ich ihr den Rücken wende, irgend einen plumpen Landſquire heirathet?“ Da er von Natur unentſchloſſenen und zögernden Gemüths war, ſo läßt ſich nicht ſagen, wie lang Mr. Audley in der Beſorgniß, zu ſprechen und den Reiz jener Ungewißheit zu zerſtören, welche, wenn auch nicht immer hoffnungsvoll, doch ſehr ſelten ganz in Verzweiflung überging, ſein Geheimniß bewahrt haben würde, wäre er nicht durch den Impuls eines unbewachten Augenblicks zu einem vollen Bekennt⸗ niß der Wahrheit hingedrängt worden. Er hatte fünf Wochen zu Grange Heath ver⸗ we me hat Ko den luſt ſich als gen fäll Kre ein in Art plit nen Gli reic ſtur mit der Iht daz gen ter ent brir ne ⸗ in en en e⸗ — weilt und fͤhlte, daß er nach den Regeln des ge⸗ meinen Anſtandes nicht länger bleiben konnte; ſo hatte er an einem angenehmen Maimorgen ſeinen Koffer gepackt und kündigte ſeine Abreiſe an. Mr. Talboys war nicht der Mann, um in lei⸗ denſchaftliche Klagen bei der Ausſicht auf den Ver⸗ luſt ſeines Gaſtes ſich zu ergießen; aber er drückte ſich mit einer kühlen Herzlichkeit aus welche bei ihm als der ſtärkſte Beweis von Freundſchaft diente. „Wir haben uns ſehr gut mit einander vertra⸗ gen, Mr. Audley,“ ſagte er,„o, Sie haben ſich ge⸗ fälligerweiſe den Anſchein gegeben, in dem ſtillen Kreiſe regelmäßigen häuslichen Lebens ſich einigermaßen glücklich zu fühlen; ja Sie haben ſich in unſere kleinen alltäglichen Gewohnheiten auf eine Art gefügt, welche ich nur als ein ſpecielles Com⸗ pliment gegen meine eigene Perſon betrachten kann.“ Robert verbeugte ſich. Wie dankbar war er ſei⸗ nem guten Stern, der ihn niemals das Signal des Glockengeläutes hatte verſchlafen, oder aus dem Be⸗ reiche der Uhr, die zu Mr. Talboys' Zwiſchenimbiß⸗ ſtunde ſchlug, abſchweifen laſſen. „Ich glaube, wir haben uns merkwürdig gut mit einander vertragen;“ nahm Mr. Talboys wie⸗ der das Wort;„Sie werden mir die Ehre anthun, Ihren Beſuch zu wiederholen, wenn Sie immer Luſt dazu haben. Sie werden ländliche Unterhaltung genug auf meinen Meiereien finden, und meine Päch⸗ ter Ihnen mit aller Aufmerkſamkeit und Höflichkeit entgegenkommen, wenn Sie gern Ihre Flinte mit⸗ bringen.“ Roberk beantwortete dieſe freundſchaftlichen Er⸗ 236 öffnungen aufs Herzlichſte. Er erklärte, keine Be⸗ ſchäftigung auf Erden ſei ihm ſo angenehm, als Hühner zu ſchießen, und er ſchäze ſich überglücklich, von den ihm ſo freundlich angebotenen Privilegien Ge⸗ brauch zu machen. Er konnte nicht umhin, bei die⸗ ſen Worten einen Seitenblick auf Klara zu werfen. Die vollkommenen Lider ſenkten ſich ein wenig über die braunen Augen herab, und ein ſchwacher An⸗ flug von Röthe erhellte das ſchöne Angeſicht. Aber dieß war der lezte Tag des jungen Rechts⸗ gelehrten im Elyſium, und es trat eine traurige Zwiſchenzeit von Tagen und Nächten und Wochen und Monaten ein, ehe der erſte September ihm eine genügende Entſchuldigung für die Rückkehr nach Dor⸗ ſetſhire an die Hand gab. Eine traurige Zwiſchen⸗ zeit, welche rothwangige junge Squires oder dicke Wittwer von achtundvierzig Jahren zu ſeinem Nach⸗ theile benüzen konnten. Es war alſo kein Wunder, daß er mit düſterer Verzweiflung dieſe traurige Ausſicht betrachtete und an dieſem Morgen für Miß Talboys nur ein ſchlech⸗ ter Geſellſchafter war. Aber am Abend nach dem Diner, als die Sonne tief im Weſten ſtand und Harcourt Talboys ſich wegen eines Rechtshandels mit ſeinem Sachwalter und einem ſeiner Pächter im Bücherzimmer einge⸗ ſchloſſen hatte, wurde Mr. Audley etwas angeneh⸗ mer. Er ſtand neben Klara an einem der langen Fenſter im Salon und beobachtete die dunkelnden Schatten am Himmel und das roſige Licht, das jeden Augenblick mit dem Scheiden des Tages lebhaftere Tinten annahm. Er konnte nicht umhin, ſich's in die gle der den nic füh ger im: bil ſeh als noc wiß All dor So där me arn ſag Sie ihn er ſuck and ſezt den on He⸗ ie⸗ en. ber Un⸗ ige en ne or⸗ n⸗ ch⸗ er dieſem ruhigen töte--töte wohl ſein zu laſſen, ob⸗ gleich der Schatten des nächſten Morgenſchnellzugs, der ihn nach London hinwegführen ſollte, finſter über den Pfad ſeiner Freude hereinragte. Er konnte nicht umhin, ſich glücklich in ihrer Gegenwart zu fühlen, uneingedenk der Vergangenheit, ſorglos we⸗ gen der Zukunft. Sie ſprachen von dem einen Gegenſtand, der immer ein Band der Vereinigung zwiſchen ihnen bildete. Sie ſprachen von ihrem verlornen Bruder Georg. Sie äußerte ſich über ihn dieſen Abend in ſehr melancholiſchem Ton. Wie konnte ſie anders als traurig ſein, bei der Vorſtellung, daß, wenn er noch lebte— und ſie war nicht einmal deſſen ge⸗ wiß— er ein einſamer Wanderer war, fern von Allen, die ihn liebten, und das Andenken eines ver⸗ dorbenen Weibes, wohin er ging, mit ſich tragend. So ſprach ſie von ihm in der Stille der Abend⸗ dämmerung, und dabei hatte ſie die Hände zuſam⸗ mengelegt und Thränen zitterten in ihren Augen. „Ich begreife gar nicht, wie Papa bei meines armen Bruders Abweſenheit ſo reſignirt ſein kann,“ ſagte ſie,„denn er liebt ihn, Mr. Audley; ſelbſt Sie müſſen in der lezten Zeit geſehen haben, daß er ihn wirklich liebt. Aber ich begreife gar nicht, wie er ſich ſo gelaſſen in deſſen Abweſenheit fügen kann. Wäre ich ein Mann, ich ginge nach Auſtralien und ſuchte ihn auf und brächte ihn zurück; wenn er anders noch unter den Lebenden zu finden wäre,“ ſezte ſie mit leiſer Stimme hinzu. Sie wandte ſich von Robert ab und blickte nach dem dunkler werdenden Horizont. Er legte ſeine 238 Hand auf ihren Arm. Er zitterte wider ſeinen Willen und ſeine Stimme zitterte gleichfalls, während er redete. „Soll ich gehen und Ihren Bruder ſuchen?“ ſagte er. Sie wandte den Kopf um und ſah ihn ernſt durch ihre Thränen an.„Sie, Mr. Audley! Denken Sie, ich könnte Sie bitten, für mich oder für diejenigen, welche ich liebe, ein ſolches Opfer zu bringen?“ „Und denken Sie, Klara, ich könnte irgend ein Opfer zu groß erachten, wenn es für Sie gebracht würde? Denken Sie, ich würde mich weigern, jede Reiſe zu unternehmen, wenn ich wüßte, Sie würden mich bei meiner Heimkehr willkommen heißen und mir dafür danken, daß ich Ihnen treulich gedient habe? Ich will von einem Ende des auſtraliſchen Continents bis zum andern gehen, um Ihren Bru⸗ der zu ſuchen, wenn es Ihnen recht iſt, Klara, und will nicht mehr lebend zurückkehren, wenn ich ihn nicht mit mir bringe, und es darauf ankommen welche Belohnung Sie mir für meine Mühe geben.“ Ihr Kopf war geſenkt, und es dauerte einige Augenblicke, ehe ſie ihm antwortete: „Sie ſind ſehr gut und edelmüthig, Mr. Aud⸗ ley,“ ſagte ſie endlich,„und ich fühle die Größe dieſes Anerbietens allzu ſehr, als daß ich Ihnen dafür zu danken vermöchte. Aber— was Sie da ſprechen, das kann nicht ſein. Mit welchem Rechte dürfte ich ein ſolches Opfer annehmen?“ „Mit dem Rechte, welches mich für immer und ewig zu Ihrem gefeſſelten Sclaven macht, Sie mögen wollen oder nicht. Mit dem Rechte der Liebe, die ich für Sie im Herzen trage, Klara,“ rief Mr. Audley, indem er auf die Kniee fiel— ziemlich un⸗ geſchickt, um es zu geſtehen— und eine weiche kleine Hand, die er unter den Falten eines ſeidenen Ge⸗ wandes halb verſteckt gefunden hatte, mit leiden⸗ ſchaftlichen Küſſen bedeckte. „Ich liebe Sie, Klara,“ ſagte er,„ich liebe Sie. Rufen Sie Ihren Vater und laſſen Sie mich dieſen Augenblick aus dem Hauſe weiſen, wenn Sie wol⸗ len; aber ich gehe hinweg und liebe Sie dennoch, und werde Sie in Ewigkeit lieben, ob Sie wollen oder nicht.“ Die kleine Hand wurde ihm entzogen, aber nicht mit einer plözlichen oder zornigen Geberde, und ſie ruhte einen Augenblick leicht und zitternd auf ſeinem dunkeln Haare. „Klara, Klara!“ flüſterte er mit leiſer, bittender Stimme,„ſoll ich nach Auſtralien gehen, um Ihren Bruder zu ſuchen?“ Es erfolgte keine Antwort. Ich weiß nicht, wie es kommt, aber es gibt kaum etwas Köſtlicheres in ſolchen Fällen, als Stillſchweigen. Jeder Moment des Zögerns iſt eine ausgeſprochene Bejahung; jede Pauſe ein zärtliches Geſtändniß. „Wollen wir beide gehen, Theuerſte? Wollen wir als Mann und Frau gehen? Wollen wir zu⸗ ſammen gehen, meine theure Geliebte, und Deinen Bruder mit uns heimbringen?“ Als Mr. Harcourt Talboys eine Viertelſtunde ſpäter in das jezt von Lampen erhellte Zimmer trat, fand er Robert Audley allein und hatte auf eine Enthüllung zu hören, welche ihn höchlich überraſchte. Gleich allen ſelbſtzufriedenen Leuten war er für Alles, was unter ſeiner Naſe vorging, ziemlich blind und des vollen Glaubens geweſen, ſeine eigene Ge⸗ ſellſchaft und die ſpartaniſche Regelmäßigkeit ſeines Haushaltes ſeien die anziehenden Kräfte geweſen, welche Dorſetſhire ſeinem Gaſte ſo reizend gemacht hätten. Er ſah ſich alſo ziemlich getäuſcht, aber er wußte ſich in dieſe Täuſchung anſtändig genug zu ſchicken und ſprach auf gelaſſene und etwas ſtoiſche Weiſe ſeine Zufriedenheit mit der Wendung aus, welche die Dinge genommen hatten. „Ich habe nur noch einen Punkt, wozu ich Ihre Einwilligung zu erhalten wünſche, mein werther Sir,“ ſprach Robert, als beinahe Alles zu beiderſeiti⸗ ger Genüge abgethan war.„Unſer Honigmonats⸗ ausflug ſoll mit Ihrer Erlaubniß nach Auſtralien gehen.“ Mr. Talboys wurde durch dieſe Worte wirklich in Verlegenheit geſezt. Er wiſchte Etwas, das wie eine kaum verhaltene Thräne ausſah, aus ſeinen harten grauen Augen, als er Robert die Hand reichte. „Sie wollen meinen Sohn aufſuchen,“ ſagte er. „Bringen Sie mit meinen Knaben zurück, und ich will Ihnen von Herzen vergeben, daß Sie mir meine Tochter geraubt haben.“ nde rat, ine te. für ind nes en, cht ßte ken iſe che hre her ti⸗ ien ich vie en te. er. ich ne So kehrte Robert Audley nach London zurück, um ſeine Wohnung in Figtree Court aufzugeben und die nothwendigen Erkundigungen über die im Monat Juni von Liverpool nach Sidney abgehen⸗ den Schiffe einzuziehen. Er kehrte als ein neuer Mann zurück, mit neuen Hoffnungen, neuen Sorgen, neuen Ausſichten, neuen Zwecken, mit einem Leben, das ſo verändert war, daß er in eine Welt hinausſah, wo Alles ein Wah⸗ lendes und roſiges Ausſehen hatte, und ſich wun⸗ derte, wie ſie ihm jemals als eine ſo langweilige mißfarbige Schöpfung hatte vorkommen konnen. Er hatte zu Grange Heath bis nach dem Zwi⸗ ſchenimbiß gezögert, und betrat erſt mit eintretender Dämmerung den dunkeln Tempelhof, um ſich in ſeine Wohnung zu begeben. Er fand Mrs. Malony beim Fegen der Treppe, wie es jeden Samstag ihre Ge⸗ wohnheit war, und hatte ſeinen Weg in einer Atmo⸗ ſphäre ſeifigen Dampfes, der ſelbſt dem Geländer unter ſeiner Berührung etwas Fettiges gab, hinauf zu machen. „Es ſind eine Menge Briefe da, Euer Ehren,“ ſagte die Wäſcherin, als ſie ſich von ihren Knieen erhob und an die Wand drückte, um Robert vor⸗ beizulaſſen,„und auch einige Packets, und ein Gent⸗ leman, der ſeither oft und viel da geweſen iſt und heute Abend wartet, weil ich ihm ſagte, Sie haben mir in einem Schreiben anbefohlen, Ihre Zimmer auszulüften.“ „Ganz wohl, Mrs. M.; Sie können mir, ſobald Ihnen beliebt, Etwas zum Eſſen ſammt einer Flaſche 16 242 Sherry holen und darauf ſehen, daß mit meinem Gepäck Alles in Ordnung iſt.“ Er ging ruhig in ſein Zimmer hinauf, um zu ſehen, wer der Beſucher wäre. Wahrſcheinlich keine Perſon von Bedeutung. Ein ungeſtümer Mahner vielleicht; denn er hatte ſeine Affairen in der wilde⸗ ſten Verwirrung zurückgelaſſen, als er auf Mr. Tal⸗ boys' Einladung davon lief, und ſich viel zu hoch in den Himmel ſeliger Liebe verſtiegen, um ſich ſolcher ſublunariſchen Dinge, wie unbezahlte Schneiderrech⸗ nungen, zu erinnern. Er öffnete die Thüre ſeines Wohnzimmers und trat ein. Die Kanarienvögel ſangen der untergehen⸗ den Sonne ihr Abſchiedslied, und das ſchwache gelbe Licht flackerte über den Geranienblättern. Der Beſucher, wer er auch ſein mochte, ſaß mit dem Rücken gegen das Fenſter und hatte den Kopf auf die Bruſt geſenkt. Aber er fuhr auf, als Ro⸗ bert Audley in das Zimmer trat, und der junge Mann ſtieß einen lauten Schrei der Ueberraſchung und des Entzückens aus und öffnete die Arme gegen ſeinen verlorenen Freund Georg Talboys. Mrs. Malony hatte aus der Schenke, welche ſie mit ihrer Gönnerſchaft beehrte, noch mehr Wein und noch mehr Speiſe zu holen, und die beiden jungen Männer ſaßen bis tief in die Nacht an dem Herde, welcher ſo lang verlaſſen geweſen war. Wir wiſſen, wie viel Robert zu erzählen hatte. Er berührte nur leicht und zart jenen Gegenſtand, der, wie er wußte, für ſeinen Freund ſo ungemein ſchmerzlich war; er ſprach ſehr wenig von der elen⸗ den Frau, welché den Reſt ihres⸗ gottloſen Lebens +„———— c)— e—— c—c— zu ine ner lde⸗ al⸗ in cher ech⸗ und en⸗ lbe mit opf Ro⸗ nge ing gen ſie ind gen de, tte. nd, ein en⸗ ns . in der ruhigen Nachbarſchaft einer vergeſſenen bel⸗ giſchen Vorſtadt dahinſchleppte. Georg Talboys äußerte ſich ſehr kurz über jenen ſonnigen ſiebenten September, wo er ſeinen Freund ſchlafend an dem Forellenbach gelaſſen hatte, um hinzugehen und ſein falſches Weib jener Verſchwö⸗ rung anzuklagen, welche ihm beinahe das Herz ge⸗ brochen hatte. „Gott weiß, daß von dem Augenblick an, in welchem ich in die ſchwarze Tiefe verſank, die ver⸗ rätheriſche Hand kennend, welche mich in den wahr⸗ ſcheinlichen Tod geſchickt hatte, mein Hauptgedanke nur der Rettung des Weibes, die mich verrathen hatte, galt. Ich fiel mit den Füßen auf eine Maſſe von Schlamm und Koth, aber meine Schulter war gequetſcht und mein Arm an der Seite des Brunnens gebrochen. Ich war einige Minuten betäubt, aber ich richtete mich mit Anſtrengung auf, denn ich fühlte, die Atmoſphäre, die ich einathmete, war tödtlich. Meine auſtraliſchen Erfahrungen kamen mir in dieſer Gefahr zu ſtatten, und klettern konnte ich wie eine Kaze. Die Steine, aus welchen man den Brunnen gebaut hatte, waren rauh und unregelmäßig, und ich vermochte mich emporzuarbeiten, indem ich meine Füße in die Zwiſchenräume der Steine pflanzte und mich manchmal mit dem Rücken an die gegenüber befindliche Wand des Brunnens anlehnte und mir ſo gut als möglich mit den Händen half, obwohl mein Arm gelähmt war. Es war eine harte Arbeit, Bob, und es mag ſonderbar genug erſcheinen, daß ein Mann, der ſchon lange des Lebens müde zu ſein erklärt hatte, ſich ſo viele Mühe gab, daſſelbe zu 244 erhalten. Mir dünkt, es muß über eine halbe Stunde gedauert haben, bis es mir gelang, mich heraufzu⸗ arbeiten und oben anzukommen; ich weiß, die Zeit ſchien eine Ewigkeit von Schmerz und Gefahr. Es war mir unmöglich, den Ort vor einbrechender Dunkel⸗ heit zu verlaſſen, ohne bemerkt zu werden; ſo ver⸗ barg ich mich unter einer Gruppe Lorbeergebüſch und legte mich ſchwach und erſchöpft in das Gras, um abzuwarten, bis es Nacht wurde. Der Mann, welcher mich hier fand, hat Dir das Uebrige erzählt, Robert.“ „Ja, mein armer alter Freund— ja, er hat mir Alles erzählt.“ Georg war bei alledem niemals nach Auſtralien zurückgekehrt. Er war an Bord der Victoria Regia gegangen, hatte aber hernach ſeinen Plaz gegen einen auf einem andern Schiff ausgetauſcht, das denſelben Rhedern gehörte, und ſich nach New⸗ York begeben, wo er ſo lang geblieben war, als er ſein klägliches Exil zu ertragen vermochte; als er die Einſamkeit einer Exiſtenz, welche ihn von jedem Freunde, den er jemals gehabt hatte, ſchied, auszu⸗ halten vermochte. „Jonathan war ſehr freundlich gegen mich, Bob,“ ſagte er:„ich hatte Geld genug, um nach meiner eigenen ſtillen Weiſe mich erträglich gut fortzubringen, und nahm mir vor, nach dem Goldfeld von Kali⸗ fornien aufzubrechen, um mehr zu bekommen, wenn daſſelbe ausgegangen wäre. Ich hätte eine Menge„ Freunde haben können, wenn mir damit ein Gefallen geſchehen wäre; aber ich trug die alte Kugel in der Bruſt, und welche Sympathie konnte ich zu Men⸗ — 38„— —0—— 3——— 1———„— — e——— er ſchen haben, die von meinem Kummer Nichts wußten? Ich ſehnte mich nach dem feſten Druck Deiner Hand, Bob, der freundlichen Berührung der Hand, welche mich auf der dunkelſten Strecke meines Lebens liebe⸗ voll geleitet hatte.“ Eilftes Capitel. Im Frieden. Zwei Jahre ſind vergangen, ſeit dem Maiabend, an welchem Robert ſeinen alten Freund wieder fand; und Mr. Audley's Traum von einem hübſchen Land⸗ ſize iſt zwiſchen Teddington Locks und Hampton Bridge verwirklicht worden, wo inmitten einer kleinen Baumgruppe ein phantaſtiſches Wohngebäude von ländlichem Holzwerk, deſſen Gitterfenſter auf den Fluß gehen, ſich erhebt. Hier, unter den Lilien und Binſen an dem ab⸗ hängigen Ufer, ſpielt ein wackerer Knabe von ocht Jahren mit einem pappelnden Kinde, das verwun⸗ dert von den Armen ſeiner Wärterin nach dem an⸗ dern Kinde in der purpurnen Tiefe des ruhigen Waſſers hinabſchaut. Mr. Audley iſt ein zur Zeit in der Umgegend ſeines Wohnorts emporkommender Mann und hat ſich in dem großen, Wortbrüchigkeit betreffenden Rechtsfall von Hobbs gegen Nobbs hervorgethan und namentlich durch die entzückend komiſche Wieder⸗ 246 gabe der Liebescorreſpondenz des treuloſen Nobbs den Gerichtshof in wahre Convulſionen verſezt. Der hübſche, dunkeläugige Knabe iſt Maſter Georg Talboys, welcher wenig Luſt hat, den Muſen zu Eton obzuliegen, und in dem klaren Waſſer unter dem üppigen Laubdach jenſeits der epheuumrankten Wände ſeiner Akademie nach Kaulquappen fſiſcht. Aber er kommt ſehr oft in das hübſche Landhaus, um ſeinen Vater zu ſehen, welcher hier bei ſeiner Schweſter und ſeiner Schweſter Mann lebt; und er iſt ſehr glücklich bei Onkel Robert, Tante Klara und dem kleinen Kinde, welches eben auf dem weichen Raſen herumzuwackeln beginnt, der zu dem Waſſer⸗ geſtade abfällt, wo ſich ein kleines Schweizer Boot⸗ haus und ein Landungsplaz befindet, und wo Robert und Georg ihre kleinen Jöllen anlegen. Andere Leute kommen in das Landhaus bei Teddington. Ein aufgewecktes, frohherziges Mädchen und ein graubärtiger Gentleman, der mit den Sorgen dieſes Lebens, wie es einem Chriſten ziemt, gekämpft, und nunmehr dieſelben hinter ſich hat. Es iſt über ein Jahr, daß ein ſchwarzgeränderter Brief, auf ausländiſches Papier geſchrieben, an Ro⸗ bert Audley kam, um ihm den Tod einer gewiſſen Madame Taylor zu melden, welche nach einer langen Krankheit, welche Monſieur Val als eine maladie de langneur*) beſchreibt, friedlich zu Villebrumeuſe verſchieden war. Ein anderer Beſucher kommt dieſen heitern Som⸗ mer 1861 in das Landhaus— ein offener, edel⸗ *) Auszehrung. bs rg zu er en ht. 18 er nd en rt ei en en ft, ter o⸗ en en ie ſe m⸗ el⸗ herziger, junger Mann, der das Kind ſchaukelt und mit Georgey ſpielt und beſonders groß in der Füh⸗ rung von Booten iſt, welche niemals leer ſind, wenn Sir Harry Towers zu Teddington weilt. Ein hübſches, ländliches Rauchzimmer befindet ſich oberhalb des Schweizer Boothauſes, wo die Gentlemen an Sommerabenden rauchen, und von wo ſie von Klara und Alicia abberufen werden, um auf Thee zu trinken und Erdbeerkaltſchale zu eſſen. Audley Court iſt geſchloſſen, und ein grimmiger alter Hausmeiſter regiert in dem Gebäude, welches einſt durch Mylady's klingendes Lachen etwas Muſi⸗ kaliſches erhälten hatte. Ein Vorhang bedeckt das Präraphaelitiſche Portrait: und der blaue Dunſt, welcher Künſtlern ſo furchtbar iſt, ſammelt ſich auf den Wouvermans und Pouſſins, den Cuyps und Tintorettis. Das Haus wird oft neugierigen Be⸗ ſuchern gezeigt, obwohl der Baronet davon Richts weiß, und die Leute bewundern Mylady's Zimmer und machen allerlei Fragen über die hübſche, ſchön⸗ haarige Frau, welche im Auslande mit Tod abging. Sir Michael hat keine Luſt, an den vertrauten Wohnort zurückzukehren, wo er einſt einen kurzen Traum unmöglichen Glücks träumte. Er bleibt in London, bis Alicia erſt Lady Towers iſt, dann will er ſich in ein Haus zurückziehen, das er ſich kürzlich in Hertfordſhire auf der Grenze von ſeines Schwieger⸗ ſohnes Gut gekauft hat. Georg Talboys iſt ſehr glücklich bei ſeiner Schweſter und ſeinem alten Freunde. Er iſt noch ein junger Mann, wohl zu merken, und es erſcheint 248 nicht ganz unmöglich, daß er noch eine Frau findet, welche ihn für die Vergangenheit zu tröſten vermag. Die dunkle Geſchichte von ehemals verbleicht jeden Tag mehr, und es mag eine Zeit kommen, wo der Schatten, welchen Mylady's Gottloſigkeit auf das Leben des jungen Mannes geworfen hat, gänzlich hinweggeſchwunden iſt. Die Meerſchaumpfeifen und franzöſiſchen Romane ſind einem Templer, mit welchem Robert Audley in ſeinen Junggeſellentagen auf freundſchaftlichem Fuße ſtand, zum Geſchenk gemacht worden, und Mrs. Ma⸗ lony hat eine kleine, vierteljährig ausbezahlte Pen⸗ ſion für die Pflege der Kanarienvögel und Geranien. Ich hoffe, es wird Niemand gegen meine Ge⸗ ſchichte eine Einwendung machen, weil am Ende die guten Leute alle glücklich ſind und im Frieden ſich befinden. Wenn meine Erfahrung im Leben auch nicht ſehr lang iſt, ſo iſt ſie wenigſtens mannigfach geweſen, und ich kann ruhig unterſchreiben, was ein mächtiger König und großer Philoſoph ausgeſprochen hat:„Ich bin jung geweſen und bin alt geworden, und habe niemals geſehen, daß der Rechtſchaffene iſt, und ſeine Nachkommenſchaft nach Brod geht.“ Ende. brlletriftiſcht Aulumi. Kabinetsbibliothek der claſſiſchen Romane aller Nationen. Preis eines jeden Bändchens 2 Sgr.— 6 kr. rhein. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. w„ Bänbchen SAbout, E., Germaine.. insworth, Rookwood, oder der Bandit der Heerſtraße Almquiſt, Drei Frauen in Smaland. 5 —„Es geht an. Ein Gemälde aus dem Leben — Amalie Hillner. — Der Königin Juwelenſchmuck Anderſen, ein Geige it Apeltern, Der Schutzgeiſt. SIzeglio, Niccolo de' Lapi... Zalzur, Modeſte Mignon, und: die kieinen kuſouß einer tugendhaften Frau. Belcher, Edward, Horatio Howard Brenton Bell, Currer, Shirley. Ro — Vilette. Bernard, Ch., Erzählungen Fernharöt, Kinder der Boz, Ein Weihnachtsjubelgeſang in Proſa, und! Leben ud Abenteuer des Herrn Martin Chuzzlewit ꝛc. — Das Grillchen auf dem Herde — Bleak Houſe — Dombey und Sohn — Die Töchter des Präſidenten — Nina Die Nachbarn„*»„„»„„ *„„ — Eeeil. —. — — S — — * S* S S cS n en e c— cꝙH — ———— O c c S 18 2 23 18 hremer, Streit und Friede, oder Scenen aus Norwegen — Das Haus, oder Familienſorgen u. Familienfreuden Die Familie H.„..*****„* ⸗ Fin Tagebuchh In Dalekgrlien„ Die Johannisreiſe„„„„ 1„ — Geſchwiſterleben. — Die Heimath in der neuen Welt — Hertha. Geſchichte einer Seele — Vater und Tochter.. 55 19 — Reiſebilder aus der Schweiz und Ftalien ₰ 11 8 Cäſar Porgia, Roman v. Verfaſſ. d.„Whitefriars“ Ceril, oder die Abenteuer eines Stutzers„„ Conſcience, H., Das Wunderjahr 1566„ Der Bauernkrieg — — Geſchichte des Grafen Hugo von Craenhove und ſeines Freundes Abulfaragus.. — Der Rekrut. Eine Dorfgeſchichte„ Der Geizhals — Der Geldteufel„ — Batavia.. — Das Leid der Zeiten Dey junge Doktor — Simon Turchi.„ Cooper, Das Markus⸗Riff oder der Krater 0 de d d do— — Edward Myers, od. Erinner. a. d. Leben e. Seemanns 4 Cruſenſtolpe, Carl Johann und die Schweden„ Darlem, Eliſabeth v. Oeſterreich, Königin v. ſi t Parb, Die blutige Marquiſe. 21 6 Pumas, Aler; Iſaak Laquedem... — Die' beiden Dianen n. 4 Königin Margot„ Die Fünfundvierzig Olymvia von Cléves.... Eine Tochter des Ange Pitou.. Die Gräfin Charny Das Brautkleid.. Der Baſtard von Mauleon Tauſend und Ein Geſpenſt Die ſchwarze Pülhe Die Taube n. Gott lenkt, Gott und Teuſet Der Pfarrer von Aſhburn El Saiteshor Catherine Blum.. 2 Abenteuer eines Schauſpielers Die Mohikaner von Paris. I. Abtheilung — II. Abth. unter dem Titel: Salvator Jugenue Der Page des derzogs von Savoyen Der Haſe meines Großvaters... Woiſsführe Die Gräfin von Verrue.. — Die Genoſſen Jehus.. — Karl der Kühne„ Eine corſ. Familie, Geſch. e2 Todten, Gabriel Lamberi 4 guichei 16 . 15 1 65— 6 .„ 1.