Vniiiſet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Vv0O Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Ceſebedingungen. 1 Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Cäution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden beträgt: für wöchentlich auf 1 Monat: 1 und 4 Bücher: 6 Bücher: 2 Bücher: 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. S Mk.— Pf. 2 2 6 5 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben“ B . —— S Tndy Audley's Geheimnist. Von M. E. Braddon. Aus dem Engliſchen von Dr. Büchele. Zweiter Band. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1863. —————— ℳ————————— Druck der K. Hofbuchvruckerei Zu Guttenberg. Erſtes Capitel. Des Schloſſers Irrthum. Es war gerade fünf Minuten nach vier Uhr, als Mr. Robert Audley auf die Plattform zu Shore⸗ ditch trat und gelaſſen wartete, bis ſein Mantel⸗ ſack und ſeine Hunde dem Bahnhof⸗Packträger aus⸗ geliefert wurden, welcher ein Kab für ihn beſtellt und zu der ſonſtigen Beſorgung ſeiner Angelegenheiten mit jener uneigennüzigen Höflichkeit ſich hergegeben hatte, wodurch eine Klaſſe von Dienern, welche den Tribut eines dankbaren Publikums nicht annehmen dürfen, ſich in ſo hohen Kredit ſezt. Robert Audley wartete beträchtliche Zeit mit muſterhafter Geduld; aber da der Schnellzug von weit herkam und eine große Menge Paſſagiere von Norfolk mit Flinten und Hühnerhunden und andern Paraphernalien*) bedenklicher Art mit ſich brachte, ſo daurte es eine geraume Zeit, um alle Anſprüche zu befriedigen und ²) In der Rechtsſprache Eigen⸗ oder Sondergut einer Frau, wird in bildlichem und ſtets ironiſchen Sinn von Werthobjecten irgend welcher Art gebraucht, die man etwa aus Prunkſucht zur Schau zu ſtellen pflegt. A. d. U. — ——— ſelbſt die ſeraphiſche Gleichgültigkeit des jungen Rechtsgelehrten gegen alle weltlichen Affairen war am Ausgehen. „Vielleicht wenn jener Gentleman, der wegen eines leberfarbig gefleckten Hühnerhunds ſo großen Lärm macht, dieſes beſondere Individuum und die beſondern Flecken entdeckt hat— eine glückliche Combination von Ereigniſſen, welche kaum mit Wahr⸗ ſcheinlichkeit eintrifft— ſo geben ſie mir auch mein Gepäck und laſſen mich ziehen. Die hinterliſtigen Wichte ſahen auf den erſten Blick, daß ich dazu ge⸗ boren war, mich an der Naſe herumziehen zu laſſen; und daß, wenn man mich ſelbſt auf dieſer Plattform zu Tode treten würde, ich nicht in der Stimmung wäre, eine Klage gegen die Compagnie vorzu⸗ bringen.“ Plözlich ſchien ihm ein Gedanke durch den Kopf zu fahren; er überließ es dem Packträger, ſich für die Habhaftwerdung ſeiner Effeckten herumzuſchlagen, und ging nach der andern Seite der Station herum. Er hatte das Läuten einer Glocke gehört, und als er auf die Uhr ſah, fiel ihm ein, daß der Col⸗ cheſterzug um dieſe Zeit abgehen mußte. Er hatte ſeit dem Verſchwinden von Georg Talboys erfahren, was es heißt, einen ernſten Zweck vor ſich zu haben; und er gelangte auf den gegenüber gelegenen Perron gerade zu rechter Zeit, um die Paſſagiere einſteigen zu ſehen. Da befand ſich eine Dame, welche augenſcheinlich ſo eben erſt auf der Station angelangt war; denn ſie eilte auf den Perron in demſelben Momente, als Robert dem Wagenzug näher trat, und rannie in en ar en en ie che in en e⸗ n; m 19 U⸗ ihrer Eile und Aufregung faſt gegen den Gentle⸗ man an. „Ich bitte um Entſchuldigung—“ begann ſie ceremoniös, erhob dann die Augen von Mr. Aud⸗ ley's Weſte, welche ungefähr in gleicher Höhe mit ihrem hübſchen Geſichte lag, und rief: „Robert! Sie ſchon in London?“ „Ja, Lady Audley; Sie hatten ganz Recht, das Schloßwirthshaus iſt ein trauriger Ort, und—“ „Sie ſind deſſelben müde geworden; das dachte ich mir wohl. Haben Sie die Güte, mir den Wagen zu öffnen; der Zug geht in zwei Minuten ab.“ Robert Audley blickte die Gattin ſeines Oheims mit ziemlich verlegener Miene an. „Was hat das zu bedeuten?“ dachte er.„Sie iſt jezt ein ganz anderes Weſen, als jenes elende, hülf⸗ loſe Geſchöpf, welches in dem kleinen Zimmer zu Mount Stanning vor vier Stunden ſeine Maske einen Augenblick fallen ließ und mich mit ſeinem Mitleid erregenden Geſichte anſchaute? Was iſt vor⸗ gekommen, um einen ſolchen Wechſel zu veranlaſſen?“ Mit dieſen Gedanken beſchäftigt, öffnete er die Thüre und war ihr behülflich, ſich bequem zurecht zu ſezen, indem er ihr den Pelz über die Kniee aus⸗ breitete und den ungeheuren Sammetmantel, in wel⸗ chem ihre ſchmächtige kleine Figur beinahe verborgen war, in Ordnung brachte. „Ich danke Ihnen ſehr; wie gut Sie gegen mich ſind!“ ſagte ſie, während er ſo that.„Sie werden mich für recht närriſch halten, daß ich an einem ſolchen Tag eine Reiſe mache, ſelbſt ohne meinen lieben Mann vorher davon in Kenntniß zu ſezen; 1 S 6 aber ich begab mich nach London, um eine ſchreckliche Putzmacherin-Rechnung ins Reine zu bringen, welche ich ſelbſt den beſten aller Gatten nicht ſehen laſſen wollte; denn ſo große Nachſicht er auch übt, hätte er mich doch für verſchwenderiſch halten können, und ich kann es nicht ertragen, wenn ich bei ihm ſelbſt nur in Gedanken leiden ſollte.“ „Der Himmel verhüte, daß dieß jemals geſchieht, Lady Audley,“ erwiederte Robert ernſt. Sie ſah ihn einen Augenblick mit einem Lächeln an, welches in ſeinem fröhlichen Ausdruck etwas Herausforderndes hatte. Die Glocke gab das zweite Zeichen, und der Zug ſezte ſich in Bewegung, ſo lang ſie noch ſprach. Das Lezte, was Robert Audley von ihr noch gewahrte, war das fröhliche, herausfordernde Lächeln. „Welcher Zweck ſie auch nach London geführt haben mag, er iſt glücklich erreicht,“ dachte er.„Hat ſie mich durch irgend ein weibliches Taſchenſpieler⸗ ſtückchen aus dem Felde geſchlagen? Soll ich der Wahrheit niemals näher kommen? Soll ich mein Leben lang durch unbeſtimmte Zweifel und elende Verdachtsgründe gepeinigt werden, welche mir über den Kopf wachſen und mich noch um den Verſtand bringen? Warum iſt ſie nach London gekommen? Er legte ſich im Innern noch dieſe Frage vor, als er die Treppe in Figtree Court, mit einem ſei⸗ ner Hunde unter jedem Arm und ſeine Eiſenbahn⸗ teppiche über der Schulter, hinaufſtieg. Er fand ſeine Zimmer in der gewöhnlichen Ord⸗ nung. Die Geranien waren ſorgfältig gepflegt worden, und die Kanarienvögel hatten ſich für die 1——„— ) —0 7 Nacht unter eine Decke von einem Stück grünen Boye's, das für die Sorgfalt der ehrlichen Mrs. Maloney Zeugniß ablegte, zurückgezogen. Robert ſchaute ſchnell in dem Wohnzimmer herum; ſezte dann die Hunde auf die Kaminvorlage und ging ſofort in das kleine innere Gemach, welches als Ankleidekabinet diente. Hier war es, wo er außer Gebrauch gekommene Felleiſen, übelzugerichtete lackirte Etuis und andern Plunder aufbewahrte; und hier hatte auch Georg Talboys ſein Gepäck zurückgelaſſen. Robert nahm einen Koffer von einer hohen Truhe herab, kniete mit einem Lichte in der Hand vor dem⸗ ſelben nieder und unterſuchte ſorgfältig das Schloß. Allem Anſchein nach befand es ſich genau in demſelben Zuſtand, in welchem Georg es gelaſſen, als er ſeine Trauerkleider abgelegt und in dieſem armſeligen Repoſitorium mit all den andern Ange⸗ denken an ſeine verſtorbene Frau aufbewahrt hatte. Robert fuhr mit ſeinem Rockärmel über den abge⸗ nüzten, lederbeſchlagenen Deckel, auf welchem die Anfangsbuchſtaben G. T. mit großen, dickköpfigen Meſſingnägeln angebracht waren; aber Mrs. Ma⸗ loney, die Wäſcherin, mußte die pünktlichſte der Haus⸗ hälterinnen ſein, denn weder der Koffer noch die Truhe waren ſtaubig. Mr. Audley ſchickte einen Knaben ab, um ſeine iriſche Aufwärterin zu holen, und ſchritt inzwiſchen, mit lebhaftem Verlangen auf deren Ankunft wartend, in ſeinem Wohnzimmer auf und ab. Sie kam nach etwa zehn Minuten, und nachdem ſie ihr Entzücken über die Rückkehr„des Herrn“ 2————— 1 S 8 ausgedrückt hatte, erwartete ſie demüthig deſſen Befehle. „Ich habe Sie nur rufen laſſen, um zu fragen, ob Jemand hier geweſen iſt, das heißt, ob Jemand den Schlüſſel zu meiner Wohnung von Ihnen begehrt hat,— eine Dame?“ „Dame? Nein, gewiß nicht, Euer Ehren; eine Dame iſt wegen des Schlüſſels nicht da geweſen; wahrſcheinlich iſt es der Schloſſer, den Euer Ehren meinen.“ „Der Schloſſer!“ „Ja, der Schloſſer, den Euer Ehren auf heute beſtellt haben.“ „Ich einen Schloſſer beſtellt haben!“ rief Robert. „Ich habe eine Flaſche franzöſiſchen Branntwein in dem Speiſeſchrank zurückgelaſſen,“ dachte er,„und Mrs. Maloney hat ſich offenbar daran gütlich gethan.“ „Gewiß, der Schloſſer, den Guer Ehren beauf⸗ tragt haben, nach den Schlöſſern zu ſehen,“ erwie⸗ derte Mrs. Maloney.„Es iſt derſelbe, welcher da unten in einer der Gaſſen an der Brücke wohnt,“ ſezte ſie hinzu, indem ſie eine ſehr klare Beſchrei⸗ bung von des Mannes Aufenthaltsort und Ge⸗ ſchäft gab. Robert zog ſeine Augenbrauen in ſtummer Ver⸗ zweiflung in die Höhe. „Wollen Sie ſich nicht niederlaſſen und ein wenig faſſen, Mrs. M.,“ ſagte er— auf ſolche Art kürzte er zur Vermeidung unnöthiger Mühe ihren Namen ab—„vielleicht ſind wir im Stande, uns dann beſſer zu verſtehen. Sie ſagen, ein Schloſſer ſei hier geweſen?“ —„—— e 1— 5——„ —, ———„——, gen, and ehrt eine en; ren „Allerdings, Sir.“ „Heute?“ „Ganz richtig, Sir.“ Schritt für Schritt brachte Mr. Audley endlich folgende Aufklärung heraus. Ein Schloſſer war dieſen Nachmittag um drei Uhr bei Mrs. Maloney erſchienen und hatte den Schlüſſel zu Mr. Audley's Zimmer begehrt, um nach den Thürenſchlöſſern zu ſehen, welche ſeiner Ausſage nach der Reparatur bedürftig waren. Er behauptete, auf Mr. Audley's unmittelbaren Befehl zu handeln, der ihm durch einen Brief deſſelben vom Lande, wo der Gentleman die Chriſtfeiertage verlebte, zugekommen wäre. Mrs. Maloney hatte ſeine Erklärung nicht in Zweifel ge⸗ zogen und den Mann in die Zimmer gelaſſen, wo er ungefähr eine halbe Stunde verweilte. „Aber Sie ſind bei ihm geblieben, während er die Schlöſſer unterſuchte, denke ich mir?“ fragte Mr. Audley. „Gewiß, Sir, innen und außen, wie Sie ſagen wollen, die ganze Zeit über; denn ich habe dieſen Nachmittag die Treppe gepuzt und die Gelegenheit wahrgenommen, während der Mann an der Arbeit war, mit dem Scheuren anzufangen.“ „O, Sie ſind die Zeit über innen und außen geweſen. Wenn Sie nur mir auf eine ſchickliche Weiſe eine klare Antwort geben könnten, Mrs. M., ſo würde es mich freuen, zu erfahren, welches die längſte Zeit war, die ſie außen verweilten, wäh⸗ rend der Schloſſer in meinen Zimmern ſich befand.“ Aber Mrs. Maloney war nicht im Stande, eine klare Antwort zu geben. Es mochten zehn Minuten 10 geweſen ſein, obwohl ſie nicht dachte, daß es gerade ſo viel waren. Es mochte eine Viertelſtunde geweſen ſein; aber mehr war es nicht, das wußte ſie gewiß; aber„dieſe Treppen, Euer Ehren“— und ſie ſchweifte zu einer Unterſuchung über das Scheuern von Trep⸗ pen im Allgemeinen und über die Treppe von Ro⸗ berts Zimmern insbeſondere ab. Mr. Audley ſtieß einen Seufzer aus, wie ihn die traurigſte Reſignation nur auszuſtoßen vermag. „Das macht Nichts, Mrs. M.,“ ſagte er,„der Schloſſer hatte Zeit genug, Alles zu thun, was er nöthig hatte, glaube ich wohl, ohne daß Sie darum klüger wurden.“ Mrs. Maloney ſtarrte ihren Dienſtherrn mit einer Miſchung von Erſtaunen und Unruhe an. „Aber es war Nichts für ihn zum Stehlen da, Euer Ehren, mit Ausnahme der Vögel und der Ge⸗ ranien, und—“ „Nein, nein, ich verſtehe. Ja, das wird's thun, Mrs. M. Sagen Sie mir, wo der Mann wohnt und ich will ihn ſelbſt aufſuchen.“ „Aber Sie werden doch vorher ein kleines Diner einnehmen, Sir?“ „Ich will den Schloſſer aufſuchen, ehe ich mich zum Eſſen niederſeze.“ Nachdem er dieſen Entſchluß angekündigt hatte, ſezte er ſeinen Hut auf und ging nach der Thüre. „Die Wohnung des Mannes, Mrs. M.“ Die Irländerin wies ihn in eine kleine Straße hinter der St. Bride's Kirche, und dorthin ſchlen⸗ derte Mr. Robert Audley langſam durch den ſchmuzi⸗ gen Schlick, welchen die einfältigen Londoner Schnee nennen. Er fand den Schloſſer, und mit Aufopferung des Deckels von ſeinem Hute gelang es ihm, durch die niedrige ſchmale Thüre zu einer kleinen offenen Werk⸗ ſtätte zu gelangen. Eine Gasröhre flackerte in dem unverglasten Fenſter, und eine ſehr luſtige Geſell⸗ ſchaft befand ſich in dem kleinen Gemache hinter der Werkſtätte: aber Niemand achtete auf Roberts Hallo. Der Grund davon lag nahe genug. Die luſtige Ge⸗ ſellſchaft war ſo ganz in ihre eigene luſtige Unter⸗ haltung verſunken, daß ſie für alle alltäglichen Mah⸗ nungen von der Außenwelt taub blieb; und erſt als Robert in die höhlenartige kleine Werkſtätte weiter vordrang und ſo kühn war, die Glasthüre zu öffnen, welche ihn von den Lärmmachern trennte, gelang es ihm, deren Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen. Ein ſehr joviales Gemälde aus Teniers' Schule bot ſich Mr. Audley dar, als er die Thüre öffnete. Der Schloſſer mit ſeinem Weibe und ſeiner Fa⸗ milie und zwei oder drei eingefallenen Beſuchen weiblichen Geſchlechts ſaßen gedrängt um einen Tiſch herum, der mit zwei Flaſchen geſchmückt war: nicht gemeinen Flaſchen mit jenem farbloſen Extract der Wachholderbeere, für welchen das gemeine Volk ſo ſehr eingenommen iſt, ſondern von bona üde*) Port⸗ wein und Sherry— mächtig ſtarkem Sherry, welcher einen feurigen Geſchmack im Munde zurückließ; nuß⸗ *) d. h. in gutem Glauben dafür genommen. A. d. U. — ———— ———— braunem Sherry— wenn irgend etwas, ganz un⸗ natürlich braun— und feinem altem Portwein, nicht von einem kränklichen Jahrgang, geſchwunden und dünn von überhohem Alter; ſondern einem reichen körperhaften Weine, ſüß und ſubſtantiell und lebhaft gefärbt. Der Schloſſer ſprach eben, als Robert Audley die Thüre öffnete. „Und dann,“ ſagte er,„ging ſie hinweg, ſo gra⸗ ziös, wie Ihr Euch nur denken möget.“ Die ganze Geſellſchaft gerieth bei Mr. Audley's Erſcheinung in Verwirrung; aber man konnte wohl bemerken, daß der Schloſſer verlegener war, als die übrige Geſellſchaft. Er ſezte ſein Glas ſo raſch nieder, daß er ſeinen Wein verſchüttete, und fuhr ſich heftig mit dem Rücken ſeiner ſchmuzigen Hand über den Mund. „Sie ſind heute in meiner Wohnung geweſen,“ ſagte Robert ruhig.„Laſſen Sie ſich nicht ſtören, meine Damen.“ Pieß galt den fremden Beſucherin⸗ nen.„Sie ſind heute in meiner Wohnung geweſen, Mr. White, und—“ Der Mann fiel ihm in die Rede. „Ich hoffe, Sir, Sie werden den Irrthum gütigſt verzeihen,“ ſtammelte er.„Gewiß, es thut mir ſehr leid, daß das vorgekommen iſt. Ich wurde in die Wohnung eines andern Gentleman, Mr. Aulwin, in Garden Court beſtellt, und der Name entfiel meinem Gedächtniß; und da ich Ihnen ſonſt ſchon etliche kleine Geſchäfte zu verrichten gehabt habe, ſo dachte ich, Sie müßten es ſein, der heute nach mir begehrte; ich ging alſo zu Mrs. Maloney und begehrte Ihre Sc in die ſta Sc nut na Ic rec der dre pa vo iſt ſch wie bei ein jez ſpr — Se ſch da Al M un⸗ icht und chen haft ley ra⸗ 's ohl die ſch uhr nd n en, in⸗ en, Schlüſſel; aber im Augenblick, da ich die Schlöſſer in Ihrer Wohnung betrachte, ſage ich zu mir ſelbſt, die Schlöſſer des Gentlemans ſind in gutem Zu⸗ ſtande; der Gentleman bedarf der Reparation ſeiner Schlöſſer nicht.“ „Aber Sie ſind eine halbe Stunde dort geblieben.“ „Ja, Sir, denn ein Schloß war nicht in Ord⸗ nung, an der Thüre zunächſt der Treppe— und ich nahm es ab und puzte es und ſchlug es wieder an. Ich werde Ihnen für die kleine Arbeit Nichts be⸗ rechnen, und ich hoffe, Sie werden ſo gut ſein und den ſtattgefundenen Irrthum überſehen, der mir nach dreizehn Jahren bis kommenden Juli im Geſchäft paſſirt iſt, und—“ „Ich ſeze voraus, daß Nichts dieſer Art früher vorgekommen iſt,“ fiel Robert ernſt ein.„Nein, es iſt ein ganz ſeltſamer Geſchäftsfall, wie er wahr⸗ ſcheinlich nicht jeden Tag eintritt. Sie haben ſich, wie ich ſehe, dieſen Abend ein kleines Feſt gemacht, Mr. White. Sie müſſen heute einen guten Verdienſt bei Ihrer Arbeit gehabt haben, will ich wetten— einen glücklichen Treffer gemacht haben, und geben jezt, wie man's nennt, Eins zum Beſten, he?“ Robert Audley ſchaute dem Mann, während er ſprach, gerade in das ſchmuzige Angeſicht. Der Schloſſer war kein übel ausſehender Burſche, und es lag Nichts in ſeinem Geſicht, deſſen er ſich zu ſchämen brauchte, mit Ausnahme des Schmuzes, und das iſt, wie Hamlet's Mutter ſagt,„etwas ganz Allgemeines“; aber deſſen ungeachtet ſenkten ſich Mr. White's Augenlider unter dem ruhig forſchenden Blick des jungen Rechtsgelehrten, und er ſtammelte ———— 14 eine Art von Entſchuldigung, worin von ſeinen „Miſſus“*) und den Nachbarinnen ſeiner Miſſus, und von Portwein und von Sherry die Rede war, und ſchien dabei ſo verwirrt, als ob er, ein ehrlicher Handwerker in einem freien Lande, aufgefordert wäre, ſich deßhalb gegen Mr. Robert Audley zu entſchul⸗ digen, daß er ſich über dem Verſuche, in ſeinem eigenen Hauſe ſich einen guten Tag zu machen, hatte ertappen laſſen. Robert ſchnitt ihm mit einem gleichgültigen Nicken das Wort ab. „Bitte, keine Entſchuldigung,“ ſagte er.„Ich ſehe es gern, wenn die Leute ſich luſtig machen. Gute Nacht, Mr. White— gute Nacht, meine Damen.“ Er lüpfte ſeinen Hut gegen„die Miſſus“ und die Nachbarinnen der Miſſus, welche durch ſeine leichten Manieren und ſein ſchönes Geſicht ganz be⸗ zaubert waren, und verließ die Werkſtätte. „Und dann,“ brummte er bei ſich ſelbſt, als er in ſeine Wohnung zurückkehrte, und dann ging ſie weg, ſo graziös als Ihr Euch nur denken möget.“ „Wer war es, der wegging, und was war der Inhalt der Geſchichte, welche der Schloſſer erzählte, als ich denſelben bei dieſem Saze unterbrach? O, Georg Talboys, Georg Talboys, werde ich jemals dem Ge⸗ heimniß Deines Schickſals nahe kommen? Komme ich jezt demſelben näher, langſam zwar, aber ſicher? Schließt ſich der Radius enger und enger, bis er 0 Vulgär für: die jungen Fräulein, hier ſeine 6 * eir lie ſar wi cd. Di ſor me au tra lich eri Ha ein ſche ſen gen Leb inen ſſus, war, icher äre, chul⸗ nem te cken hen. eine und eine be⸗ 3 ſie e alt ich org e⸗ me er einen dunkeln Kreis um das Haus derer, die ich liebe, bildet? Wie wird dieß Alles zu Ende gehen?“ Er ſtieß einen ſchweren Seufzer aus, als er lang⸗ ſam über die viereckigen Steinplatten im Tempel ſich wieder in ſeine einſame Wohnung begab. Mrs. Maloney hatte für ihn jenes Junggeſellen⸗ Diner gerichtet, welches, ſo trefflich und nahrhaft es auch an ſich iſt, doch keinen Anſpruch auf einen be⸗ ſondern Reiz der Neuheit hat. Sie hatte Ham⸗ melsrippchen für ihn gebraten, welche ſich nun zwi⸗ ſchen zwei Platten auf dem kleinen Tiſche am Kamin aufblieſen. Robert Audley ſeufzte, als er ſich zu dem ver⸗ trauten Mahle niederſezte, indem er mit einer zärt⸗ lichen Bekümmerniß an ſeines Oheims Köchin ſich erinnerte. „Ihre Cottelettes à la Maintenon machten, daß Hammelfleiſch mehr als Hammelfleiſch gleich ſah; ein ſublimirtes Gericht, das kaum auf einem irdi⸗ ſchen Schafe gewachſen ſein konnte,“ murmelte er ſentimental,„und Mrs. Maloney's Rippen ſind immer geneigt, zähe und hart zu werden; aber ſo iſt das Leben— was macht es auch?“ Er ſchob ungeduldig ſeinen Teller weg, nachdem er einige Mundvoll gegeſſen hatte. „Ich habe niemals ein gutes Diner an dieſem Tiſche gehabt, ſeit ich Georg Talboys verlor,“ ſagte er.„Der Ort ſcheint ſo düſter, als ob der arme Burſche in dem Nebenzimmer geſtorben und noch nicht zum Begräbniß hinweggebracht worden wäre. In wie weiter Ferne ſcheint jener September⸗Nach⸗ mittag ſchon zu liegen, wenn ich auf denſelben 16 zurückſehe,— jener September⸗Nachmittag, an wel⸗ chem er, lebend und wohl, von mir getrennt wurde, an welchem ich ihn auf eine ſo plözliche und uner⸗ klärliche Weiſe verlor, als ob eine Fallthüre im Erdboden ſich aufgethan und ihn zu den Antipoden entrückt hätte. Zweites Kapitel. Die Inſchrift im Buche. Mr. Audley ſtand von der Mahlzeit auf und ging auf den Schreibtiſch zu, in welchem er das von ihm in Bezug auf Georg Talboys aufgeſezte Dokument verwahrte. Er öffnete denſelben, nahm das Papier aus dem Taubenloche, welches die In⸗ ſchrift„Wichtig“ trug, und ſezte ſich zum Schreiben nieder. Er fügte den bereits in dem Dokumente be⸗ findlichen Paragraphen noch mehrere andere bei und numerirte die neuen ſo ſorgfältig, wie er mit den alten gethan hatte. „Der Himmel helfe uns Allen,“ murmelte er plözlich,„ſoll dieß Papier, an welches noch kein Sachwalter die Hand gelegt hat, mein erſter Auszug eines Rechtsfalles*) ſein?“ Er ſchrieb etwa eine halbe Stunde, brachte dann das Dokument in das Taubenloch zurück und ſchloß * Von dem Advokaten aufgeſezt als Inſtruktion für die Coun⸗ ſellors. A. p.. wel⸗ urde, uner⸗ e im oen e er kein zug nn hloß oun⸗ U. 17 den Schreibtiſch. Nachdem er dieß gethan hatte, nahm er ein Licht und begab ſich in das Gemach, in welchem ſeine eigenen Felleiſen und der Georg Talboys gehörige Koffer ſich befanden. Er zog einen Bund Schlüſſel aus ſeiner Taſche und verſuchte einen nach dem andern. Das Schloß des ſchäbigen alten Koffers war von ganz gewöhn⸗ licher Art, und bei dem fünften Verſuch drehte ſich der Schlüſſel mit Leichtigkeit um. „Da hätte Niemand nöthig gehabt, ein Schloß wie dieſes aufzubrechen,“ murmelte Robert, als er den Deckel des Koffers aufhob. Er entleerte ihn langſam ſeines Inhalts, nahm jeden Artikel beſonders heraus und legte ihn ſorg⸗ fältig auf einen Stuhl zur Seite. Er behandelte die Dinge mit einer reſpektvollen Zärtlichkeit, als ob er die Leiche ſeines verlorenen Freundes herausge⸗ hoben hätte. Die Trauerkleider verſezte er, Stück für Stück, nett zuſammengefaltet, auf der Stuhl. Er fand alte Meerſchaumpfeifen, beſchmuzte und zer⸗ knitterte Handſchuhe, welche einſt friſch von dem Pariſer Fabrikanten gekommen waren, alte Theater⸗ zettel, die in fetter Schrift die Namen von Schau⸗ ſpielern zeigten, welche todt und dahin waren; alte Odeurflaſchen, von Eſſenz duftend, die aus der Mode gekommen; nette kleine Pakete von Briefen, jeder ſorgfältig mit einem Zettel und dem Namen des Schreibers auf demſelben verſehen; Fragmente alter Zeitungen, und einen kleinen Haufen ſchäbiger, zerriſſe⸗ ner Buͤcher, von welchen jedes unter Roberts un⸗ vorſichtiger Hand in ebenſo viele Stücke wie ein Spiel Karten zerfiel. Aber unter all dieſer Maſſe Brahdon, Ladh Audley's Geheimniß. II. 2 18 werthloſen Plunders, wovon jedes Stückchen einſt ſeinen beſondern Zweck gehabt hatte, ſah ſich Robert Audley vergeblich nach dem um, was er ſuchte— nach dem Paket von Briefen, welche dem Vermißten von ſeiner verſtorbenen Frau Helen Talboys ge⸗ ſchrieben worden waren. Er hatte Georg mehr als einmal auf das Vorhandenſein ſolcher Briefe an⸗ ſpielen hören. Er hatte ihn einmal dieſe verſchoſſe⸗ nen Papiere mit ehrerbietiger Hand ordnen ſehen; er hatte geſehen, wie er dieſelben ſorgfältig mit einem verſchoſſenen, einſt Helen angehörigen Bande zuſammengebunden, wieder unter die Trauerkleider in den Koffer gelegt hatte. Ob er ſie nachher bei Seite gethan hatte, oder ob ſie ſeit ſeinem Verſchwin⸗ den von einer andern Hand bei Seite geſchafft wor⸗ den waren, ließ ſich nicht leicht beſtimmen, aber fort waren ſie. Robert Audley ſeufzte ſchwer, als er die Dinge alle, eines nach dem andern, wie er ſie herausge⸗ nommen hatte, wieder in den leeren Koffer zurück⸗ legte. Er hielt inne, als er die kleine Anzahl zer⸗ fezter Bücher in der Hand hatte, und zögerte einen Augenblick. „Ich will dieſe außen behalten,“ murmelte er, „vielleicht können ſie mir, eines oder das andere, zu irgend Etwas gut ſein.“ Georg's Bibliothek enthielt keine ſehr glänzende Sammlung von Literaturwerken. Da war ein altes griechiſches Teſtament und die zu Eton gebrauchte lateiniſche Grammatik, eine franzöſiſche Flugſchrift über das Reiterexercitium mit dem Säbel; ein ein⸗ 7 ————„ — ri 19 zelner Band von Tom Jones*), bei welchem die eine Hälfte des ſteifen Lederdeckels nur noch an einem Faden hing; Byron's Don Jvan, in mör⸗ deriſchen Lettern gedruckt, welche zum ſpeziellen Nuzen für Augenärzte und Optiker erfunden ſein mußten; und ein dickes Buch in einem verſchoſſenen Einband von Gold und Purpurſammet. Robert Audley ſchloß den Koffer und nahm die Bücher unter ſeinen Arm. Mrs. Maloney räumte die Ueberbleibſel von ſeinem Mahle ab, als er in ſein Wohnzimmer zurückkehrte. Er legte die Bücher bei Seite auf ein Tiſchchen in einer Ecke am Kamin und wartete geduldig, bis die Wäſcherin ihre Arbeit beendigt hatte. Er war nicht in der rechten Stim⸗ mung ſelbſt für ſeine meerſchaumenen Tröſter; die gelbpapiernen Dichtungen auf den Ständern über ſeinem Haupte ſchienen ſchal und langweilig;— er öffnete einen Band von Balzac, aber die goldenen Locken von der Gattin ſeines Oheims tanzten und zitterten in einem ſchimmernden dicken Nebel über dem metaphyſiſchen Teufelsſpuk des Peau de Cha- grin**), wie über den häßlichen ſocialen Schreckniſſen von Cousine Bette*). Das Buch fiel ihm aus der Hand, und er blieb ſizen und ſchaute träge Mrs. Maloney zu, wie ſie die Aſche vom Herde wegwiſchte, das Feuer wieder anſchürte, die dunkeln Damaſtvor⸗ hänge herabzog, die einfachen Bedürfniſſe der Kana⸗ rienvögel befriedigte und in dem außer Gebrauch be⸗ findlichen, ſonſt für einen Schreiber beſtimmten Bu⸗ ) Der bekannte klaſſiſche Roman von Fielding. ) Romane von Baizac. reau ihre Haube aufſezte, ehe ſie ihrem Dienſtherrn gute Nacht ſagte. Als die Thüre ſich hinter der Irländerin ſchloß, erhob er ſich ungeduldig von ſeinem Seſſel und ſchritt im Zimmer auf und ab. „Warum gehe ich in dieſer Art weiter,“ ſprach er,„wenn ich weiß, daß ich dadurch Schritt für Schritt, Tag für Tag, Stunde für Stunde dem Schluſſe näher komme, welchem ich um jeden Preis ausweichen ſollte. Bin ich an ein Rad gefeſſelt und muß ich mit demſelben jede Umdrehung durchmachen, mag es mich mitnehmen, wohin es will? Oder kann ich hier heute Nacht mich niederſezen und ſagen, ich habe meine Schuldigkeit gegen meinen vermißten Freund gethan; ich habe geduldig nach ihm geforſcht, aber ich habe vergeblich geforſcht. Wäre es zu recht⸗ fertigen, wenn ich die Kette, welche ich langſam, Glied um Glied, zuſammengeſezt habe, an dieſem Punkte fallen ließe, oder muß ich an dieſer verhängniß⸗ vollen Kette neue Glieder anfügen, bis der lezte Nietnagel an ſeine Stelle kommt, und der Kreis vollſtändig iſt? Ich denke und glaube, daß ich mei⸗ nes Freundes Angeſicht nie wieder ſehen werde, und daß meine ſämmtlichen Bemühungen ihm von keinem Nuzen ſein können. Mit deutlicheren, grauſameren Worten, ich halte ihn für todt. Bin ich verpflichtet, zu entdecken, wie er ſtarb? Oder wenn ich, wie mir ſcheint, auf dem Wege zu dieſer Entdeckung bin, werde ich an dem Andenken von Georg Talboys mich verſündigen, wenn ich umkehre oder ſtehen bleibe? Was ſoll ich thun? Was ſoll ich thun 2 Er ſtüzte ſeine Elbogen auf die Kniee und be⸗ grub ſein Geſicht in den Händen. Der einzige 2 21 Zweck, der in ſeiner gleichgültigen Natur langſam ſolche Dimenſionen angenommen hatte, daß er mäch⸗ tig genug wurde, um eben in dieſer Natur einen Umſchwung hervorzubringen, machte aus ihm, was er niemals zuvor geweſen war,— einen Chriſten, ſeiner eigenen Schwäche bewußt; ängſtlich verlangend, die ſtrenge Linie der Pflicht einzuhalten; fürchtend, von der gewiſſenhaften Löſung der ſeltſamen Auf⸗ gabe, die ihm aufgezwungen worden war, abzu⸗ ſchweifen; und vertrauend auf eine ſtärkere Hand, als die ſeinige, ihm den Weg zu weiſen, welchen er zu gehen hätte. Vielleicht ſchickte er dieſe Nacht, da er an ſeinem einſamen Kamin, in Gedanken mit Georg Talboys beſchäftigt ſaß, ſein erſtes inniges Gebet zum Himmel empor. Als er den Kopf von dieſen langen, ſtillen Träumereien erhob, hatten ſeine Augen einen hellen, entſchiedenen Glanz, und jeder Zug in ſeinem Angeſicht ſchien einen neuen Aus⸗ druck zu tragen. „Zuerſt Gerechtigkeit dem Todten,“ ſprach er, „hernach Gnade den Lebenden.“ Er rollte ſeinen Lehnſeſſel an den Tiſch, puzte die Lampe und ſchickte ſich dann zur Unterſuchung der Bücher an. Er nahm eines nach dem andern auf und durch⸗ lief ſie ſorgfältig, indem er zuerſt auf die Seite ſah, auf welcher der Name des Eigenthümers ge⸗ wöhnlich geſchrieben ſteht, dann nach einem Streifen Papier ſuchte, der vielleicht zwiſchen den Blättern zurückgeblieben war. Auf der erſten Seite der Eton⸗Lateiniſchen Gram⸗ — matik ſtand der Name Maſter Talboys mit einer W 6 ſpröden Schülershand geſchrieben; die franzöſiſche Flugſchrift hatte ein nachläßig mit Bleiſtift gekri⸗ zeltes G. T. in Georgs dicker, unordentlicher Kalli⸗ graphie; der Tom Jones war augenſcheinlich bei einem Antiquar gekauft worden und trug eine In⸗ ſchrift vom 14. März 1788, aus welcher zu erſehen war, daß das Werk als Tribut der Achtung einem Mr. Thomas Scrowton von ſeinem ergebenen Die⸗— ner, James Anderley, überreicht worden; der Don Jvan und das Teſtament waren leer. Robert Audley athmete freier; er war bis zu dem letzten der Bücher gelangt, ohne daß eines der⸗ ſelben ein Reſultat geliefert hatte, und es blieb noch das dicke, in Gold und Purpurſammt gebundene⸗ Buch zu unterſuchen, ehe ſeine Aufgabe zu Ende war.. Es war ein Annual*) vom Jahr 1845. Die Kupferſtiche von liebenswürdigen Damen, welche da⸗ mals geblüht hatten, waren gelb und zeigten Mo⸗ derflecken; die Koſtüme waren grotesk und aus⸗ ländiſch; die einfältig lächelnden Schönheiten waren verbleicht und ordinär. Selbſt die kleinen Gedichte, in welchen des Poeten ſchwache Kerze ihr kränkliches Licht auf die Finſterniß warf, in welche des Künſt⸗ lers Abſicht ſich barg, hatten einen altmodiſchen Klingklang, wie Muſik auf einer Leier, deren Sai⸗„ ten durch die Dünſte der Zeit erſchlafft ſind. Robert Audley hielt ſich nicht dabei auf, eines von dieſen gelinde wirkenden Produkten zu leſen. Er durch⸗ vl blätterte raſch das Buch, indem er nach einem Strei⸗ 6 c *) Die engliſchen Annuals erſcheinen in der Regel zu Weih⸗ de nachten und ſind mit unſern Almanachs zu vergleichen. A. d. l. ——„ * 23 fen Geſchriebenes, oder nach dem Bruchſtück eines Briefes ſuchte, das vielleicht zur Bezeichnung einer Stelle benüzt worden war. Er fand Nichts als eine Ringellocke goldenen Haars, von jener ſchimmernden Farbe, wie man ſie, außer auf dem Haupte eines Kindes, ſo ſelten ſieht— eine ſonnige Locke, von Natur geringelt, wie die Ranke einer Weinrebe, und in der Textur ſehr abweichend, wenn auch an Farbe nicht verſchieden von jener weichen, glatten Flechte, welche die Hauswirthin zu Ventnor Georg Talboys nach ſeiner Gattin Tod gegeben hatte. Robert Aud⸗ ley unterbrach ſeine Unterſuchung des Buchs, ſchlug dieſe gelbe Locke in ein Blatt Briefpapier, welches er mit ſeinem Siegelring verſchloß, und legte ſie zu dem Memorandum über Georg Talboys und Ali⸗ cia's Brief in das uns ſchon bekannte Taubenloch. Er war im Begriff, das dicke Annual zu den andern Büchern zu legen, als er bemerkte, daß die zwei leeren Blätter vorn zuſammengeklebt waren. Sein Entſchluß ſtand ſo feſt, die Nachforſchung bis auf den äußerſten Punkt fortzuſezen, daß er ſich die Mühe machte, die beiden Blätter mit dem ſcharfen Ende ſeines Papiermeſſers abzulöſen, und er wurde für ſeine Beharrlichkeit durch das Auffinden einer Inſchrift auf dem einen derſelben belohnt. Dieſe Inſchrift zerfiel in drei Theile und rührte von drei verſchiedenen Händen her. Der erſte Ab⸗ ſchnitt war auf das Jahr zurückdatirt, in welchem das Annual erſchienen, und gab an, daß das Buch einer gewiſſen Eliſabeth Ann Bince gehörte, welche das koſtbare Buch als Preis für gutes Verhalten und Gehorſam von den Vorſtänden des Camfordhouſe⸗ Seminars zu Torquay erhalten hatte. Der zweite Abſchnitt trug ein um fünf Jahre ſpäteres Datum und rührte von der Hand der Miß Bince ſelbſt her, welche das Buch als Zeichen unvergänglicher Liebe und unerlöſchlicher Achtung(Miß Bince war augen⸗ ſcheinlich von romantiſchem Temperament) ihrer theu⸗ ren Freundin Helen Maldon zum Geſchenk machte. Der dritte Abſchnitt war vom September 1853 da⸗ tirt und von der Hand Helen Maldon's, welche das Annual Georg Talboys gab; und beim Anblick die⸗ ſes dritten Abſatzes wechſelte Mr. Robert Audley's Angeſicht ſeine Farbe und ging von ſeie natür⸗ lichen Teint in eine krankhafte, fahle Bläſſe über. „Ich dachte, es würde ſo kommen,“ ſagte der junge Mann, indem er das Buch mit einem müden Seufzer ſchloß.„Gott weiß, ich war auf das Schlimmſte gefaßt, und das Schlimmſte iſt da. Ich kann jezt Alles verſtehen. Mein nächſter Beſuch muß in Southampton geſchehen. Ich muß den Knaben in beſſere Hände bringen. Drittes Capitel. Mrs. Plowſon. In dem Brieſpacket, das Robert Audley in Georgs Koffer gefunden hatte, befand ſich auch einer, mit dem Namen von dem Vater des Vermißten über⸗ S.— n ₰ 25 ſchrieben— dem Vater, welcher niemals ſeinem Sohne ein allzu nachſichtiger Freund geweſen war und mit Freuden den Vorwand, den ihm Georgs unkluge Heirath an die Hand gab, benüzte, um den jungen Mann ſeinem Schickſale zu überlaſſen. Robert Audley hatte niemals Mr. Harcourt Tal⸗ boys geſehen; aber Georg's gleichgültige Aeußerun⸗ gen über ſeinen Vater hatten ſeinem Freunde eine Idee von dem Charakter des Gentlemans gegeben. Er hatte unmittelbar nach Georg's Verſchwinden an Mr. Talboys geſchrieben, die Worte ſeines Briefs ſorgfältig erwogen, aber dabei den unbeſtimmten Wink fallen laſſen, daß er irgend einen faulen Fleck bei dem geheimnißvollen Handel beſorge. Erſt nach Verfluß mehrerer Wochen war eine formelle Epiſtel eingetroffen, worin Mr. Harcourt Talboys ausdrück⸗ lich erklärte, daß er ſich von aller Verantwortlichkeit in Georgs, ſeines Sohnes, Affairen ſeit dem Hoch⸗ zeittage des jungen Mannes losgeſagt habe, und daß ſein albernes Verſchwinden ganz zu ſeiner ver⸗ kehrten Heirath ſtimme. Der Schreiber dieſes väter⸗ lichen Briefs fügte in einem Poſtſcript noch bei, wenn etwa Mr. Georg Talboys die niedrige Abſicht hätte, ſeine Freunde durch ſein vorgebliches Ver⸗ ſchwinden zu beunruhigen und ſolchergeſtalt im Hin⸗ blick auf einen Geldvortheil auf deren Gefühle ein⸗ zuwirken ſuchte, ſo habe er ſich in dem Charakter der Perſonen, auf welche er reflectire, außerordentlich getäucht. Robert Audley hatte dieſen Brief mit einigen unwilligen Zeilen beantwortet, wodurch er Mr Tal⸗ boys in Kenntniß ſezte, es ſei nicht ſehr wahrſchein⸗ —————— ——— ——————— 26 lich, daß ſein Sohn zur Unterſtüzung irgend eines tief⸗ angelegten Planes auf die Taſchen ſeiner Verwandten ſich unſichtbar gemacht habe, da er zur Zeit ſeines Verſchwindens zwanzig tauſend Pfund in den Hän⸗ den ſeines Bankiers zurückgelaſſen. Nach Abſendung dieſes Briefes hatte Robert jeden Gedanken an Bei⸗ ſtand von Seiten des Mannes aufgegeben, welcher nach dem natürlichen Lauf der Dinge das größte Intereſſe an Georg's Schickſal hätte an den Tag legen ſollen; aber jezt, wo er ſich ſelbſt jeden Tag um einen Schritt dem Ziele, welches ſo dunkel vor ihm lag, näher rücken ſah, kehrte ſein Geiſt zu jenem herzlos indifferenten Mr. Harcourt Talboys zurück. „Ich will von Southampton aus einen Abſtecher nach Dorſetſhire machen,“ ſprach er,„und jenen Mann beſuchen. Iſt er damit zufrieden, daß ſeines Sohnes Schickſal ein finſteres und grauſames Ge⸗ heimniß für alle, welche ihn kannten, bleibe— iſt er damit zufrieden, in ſein Grab hinabzuſteigen, in völliger Ungewißheit über das Ende des armen Burſchen— warum ſollte ich verſuchen, das ver⸗ wickelte Gewebe zu entwirren, die einzelnen Stücke des ſchrecklichen Räthſels zurecht zu legen und die Strohfragmente aufzuleſen, welche in ihrer Vereini⸗ gung ein ſo abſcheuliches Ganze machen dürften? Ich will zu ihm gehen und meine finſterſten Zweifel ihm offen vorlegen. Es wird an ihm ſein, zu fagen, was ich thun ſoll.“ Robert Audley brach mit dem Morgenſchnellzug nach Southampton auf. Der Schnee lag dick und weiß auf der freundlichen Landſchaft, durch welche er fuhr, und der junge Rechtsanwalt hatte ſich in S— S S S„ — Ce S S — der St. Michaels⸗Kirche ſchlug gerade zwölf Uhr, 27 ſo viele Wärmer und Eiſenbahnteppiche eingehüllt, daß er eher einer wandelnden Maſſe Wollwaaren, als einem lebenden Gliede eines gelehrten Berufes gleich ſah. Er blickte verdrießlich durch das dunſtige Fenſter hinaus, welches von ſeinen eigenen und den Athemzügen eines ältlichen indiſchen Officiers ange⸗ laufen war, der, ſein einziger Geſellſchafter, die dahinfliehende Landſchaft, die in ihrer Schneehülle ein gewiſſes geſpenſtiſches Ausſehen hatte, beobach⸗ tete. Er wickelte ſich mit einem mürriſchen Schauer in die dicken Falten ſeines Eiſenbahnteppichs und fühlte ſich geneigt, mit dem Schickſal zu hadern, welches ihn nöthigte, mit einem Morgenzuge an einem ſo elenden Wintertage ſich auf die Reiſe zu begeben. „Wer hätte gedacht, daß ich ſo anhänglich an den Burſchen werden könnte,“ murmelte er,„oder mich ohne ihn ſo einſam fühlen würde? Ich habe ein behagliches kleines Vermögen in den Dreiprocenti⸗ gen; ich bin der präſumtive Erbe zu meines Oheims Titel und ich weiß von einem lieben kleinen Mäd⸗ chen, welches, wie mir dünkt, ihr Möglichſtes thun würde, um mich glücklich zu machen; aber ich er⸗ kläre hiemit, ich würde gern dieß Alles aufopfern und morgen arm und dürftig in der Welt daſtehen, wenn dieſes Geheimniß ſich genügend aufklären ließe, und Georg Talboys an meiner Seite ſtände.“ Er erreichte Southampton zwiſchen eilf und zwölf Uhr und marſchirte über die Plattform, während ihm der Schnee ins Geſicht trieb, nach dem Hafen⸗ damm und dem untern Ende der Stadt. Die Uhr als er über den ſeltſamen alten Plaz ſchritt, worauf dieſes Gebäude ſteht und durch die engen nach dem Waſſer hinab führenden Straßen forttappte. Mr. Maldon hatte ſeinen unordentlichen Haus⸗ halt in einem jener traurigen Durchgänge aufge⸗ ſchlagen, welche gern von Bauſpekulanten auf einem elenden Stücke wüſten, an der Außenſeite einer ge⸗ deihlichen Stadt ſich anhängenden Grundes errichtet werden. Brigſome's⸗Terrace war vielleicht eine der düſterſten Gebäudemaſſen, die jemals aus Ziegeln und Mörtel zuſammengeſezt wurde, ſeitdem der erſte Maurer ſeine Kelle handhabte und der erſte Archi⸗ tekt ſeinen Plan entwarf. Der Bauherr, der in den zehn kläglichen, achtzimmerigen Kerkerwohnungen ſpekulirte, hatte ſich hinter der Zimmerthüre in einer anſtoßenden Schenke aufgehängt, ehe noch das Ge⸗ rippe des Gebäudes vollendet war. Der Mann, welcher die Ziegel⸗ und Mörtelſtelette gekauft hatte, war dem Fallitengericht verfallen, während die Ta⸗ peziere noch in Brigſome's⸗Terrace arbeiteten, und gleichzeitig mit ſeinen Zimmerdecken und ſeinen Gläu⸗ bigern ins Reine gekommen.*) Mißgeſchick und Inſol⸗ venz klammerten ſich an die elenden Wohnungen an. Der Büttel und der Exekutionscommiſſär waren den lärmenden Kindern, welche auf dem wüſten Grunde vor den Fenſtern der Wohnungen ſpielten, ebenſo bekannt wie der Fleiſcher und der Bäcker. Zahlungs⸗ ³) Im Terte: had white washed his ceilings and himself, d. h. hatte ſeine Zimmerdecken und ſich ſelbſt getüncht, ein Wort⸗ ſpiel, das ſich nicht überſezen läßt, da tünchen in der Sprache des gemeinen Volks auch heißt: nach einer Inſolvenzerklärung (häufig mit dem Nebenbegriff der Ungeſezmäßigkeit) mit ſeinen Gläubigern in Orbnung kommen. A d. U. g em U8⸗ e 0 S* fähige Inſaßen wurden in unheiligen Stunden durch das Geräuſch geiſterhafter Möbelwägen, welche in der mondloſen Nacht ſich verſtohlen davon ſchlichen, geſtört; inſolvente Bewohner boten offen dem Waſ⸗ ſertaxeneinnehmer von ihrer Feſte aus Troz und blieben Wochen lang ohne jedes ſichtbare Mittel, ſich jenes unentbehrliche Naß zu verſchaffen. Robert Audley blickte mit einem Schauder um ſich, als er von der Waſſerſeite in dieſe von der Armuth heimgeſuchten Räumlichkeiten einbog. Eine Kindsleiche zog von einem der Häuſer ab, als er näher kam, und er dachte mit einer Anwandlung von Entſezen daran, daß, wenn der kleine Sarg Georgs Sohn eingeſchloſſen hätte, er in gewiſſem Maße für den Tod des Knaben verantwortlich ge⸗ weſen wäre. „Das arme Kind ſoll keine Nacht mehr in die⸗ ſer elenden Spelunke ſchlafen,“ ſprach er bei ſich ſelbſt, als er an Maldon's Hausthüre klopfte.„Er iſt ein Vermächtniß meines verlornen Freundes, und es ſoll meine Aufgabe ſein, für ſeine Wohlfahrt Sorge zu tragen.“ Eine Magd in Schlappſchuhen öffnete die Thüre und ſchaute Mr. Audley ziemlich argwöhniſch an, während ſie denſelben in ſtarken Naſaltönen fragte, was ſein Begehren wäre. Die Thüre des kleinen Wohnzimmers ſtand halb offen, und Robert konnte das Klirren von Meſſern und Gabeln und die kin⸗ diſche Stimme des kleinen, munter ſchwazenden Georg vernehmen. Er erklärte der Magd, er komme von London, wünſche Maſter Talboys zu ſehen und werde ſich ſelbſt anmelden; ſo ſchritt er alſo ohne weitere 30 Umſtände hinter ihr herum und öffnete die Thüre des Wohnzimmers. Das Mädchen ſtarrte ihn, wie er ſo that, ganz erſchrocken an, warf dann, als ob ein plözlicher Gedanke ihr gekommen wäre, ihre Schürze über den Kopf und ſprang hinaus in den Schnee. Sie ſchoß über den wüſten Grund dahin, tauchte in eine ſchmale Gaſſe ein und holte nicht eher Athem, als bis ſie auf der Schwelle einer Schenke ſtand, welche den Namen Kutſch' und Pferde führte und bei Mr. Maldon in beſonderer Gunſt ſtand. Des Lieutenants getreue Dienſtmagd hatte Robert Audley für irgend einen neuen und entſchloſſe⸗ nen Armentaxeinnehmer gehalten, da ſie den Nach⸗ weis des Gentlemans über ſeine eigene Perſon als eine ſchlaue Fiction zum Verderben der dem Kirch⸗ ſpiel angehörenden Widerſpenſtigen*) anſah— und war davon geeilt, um ihren Herrn bei Zeiten von der Annäherung des Feindes in Kenntniß zu ſezen. Als Robert in das Zimmer trat, fand er zu ſeiner Ueberraſchung den kleinen Georg einer Frau gegenüber, welche bei dem armſeligen Mittagsmahl, welches auf einem ſchmuzigen Tiſchtuch aufgetragen war, den Vorſiz führte und eine Bierkanne zur Seite hatte. Die Frau erhob ſich bei Roberts Eintritt und verneigte ſich ſehr demüthig gegen den jungen Rechtsgelehrten. Sie war dem Ausſehen nach etwa fünfzig Jahre alt und trug moderfleckige Wittwen⸗ trauer. Ihr Teint war hübſch aber fade, und die zwei glatten Haarſtreifen unter ihrer Haube hatten jene glanzloſe Flachsfarbe, welche gewöhnlich mit Dofaulters biejenigen, welche troz der an ſie ergangenen geſezmäßigen Citation nicht vor Gericht erſcheinen. A. b. U. 31 roſigen Wangen und weißen Augenwimpern verge⸗ ſellſchaftet iſt. Sie war vielleicht ihrer Zeit eine ländliche Schönheit geweſen, aber ihre Züge, obwohl ziemlich regelmäßig in Form, hatten ein gemeines, zuſammengeklemmtes Ausſehen, als ob ſie für deren Geſicht zu klein gemacht worden wären. Dieſer Mangel war beſonders an ihrem Munde auffallend, welcher augenſcheinlich zu dem Gebiß, das er um⸗ ſchloß, nicht im rechten Verhältniß ſtand. Sie lächelte, als ſie Mr. Robert Audley eine Verbeugung machte, und dieſes Lächeln, wobei der größere Theil von dieſer Garnitur viereckiger, hungrig ausſehender Zähne bloßgelegt wurde, trug keineswegs zur Er⸗ höhung der Schönheit ihrer perſönlichen Erſchei⸗ nung bei. „Mr. Maldon iſt nicht zu Hauſe, Sir,“ ſagte ſie mit einſchmeichelnder Höflichkeit;„aber, wenn es wegen der Waſſertaxe iſt, ſo hat er mich gebeten, Ihnen zu ſagen, daß—“ Sie wurde von dem kleinen Georg Talboys un⸗ terbrochen, welcher von dem kleinen Stuhl, auf den man ihn geſezt hatte, herabkletterte und auf Robert Audley zueilte. „Ich kenne Sie,“ ſagte er;„Sie kamen nach Ventnor mit dem großen Gentleman, und Sie kamen einmal hieher und gaben mir Geld, und ich gab es dem Großpapa, es aufzuheben, und Großpapa hob es auf, wie er immer thut.“ Robert Audley nahm den Knaben in ſeine Arme und trug ihn auf einen kleinen Tiſch am Fenſter. „Bleib' hier ſtehen, Georgey,“ ſagte er,„ich möchte Dich genau betrachten.“ Er wandte das Geſicht des Knaben gegen das Licht und ſtrich mit beiden Händen die braunen Locken von ſeiner Stirne zurück. „Du gleichſt Deinem Vater von Tag zu Tag mehr, Georgey, und Du wirſt ein ganzer Mann, dazu,“ fuhr er fort;„möchteſt Du nicht auch gern in die Schule gehen?“ „O, ja wohl, recht gern,“ antwortete der Knabe eifrig.„Ich ging einmal zu Miß Pevin in die Schule— eine Tagſchule*) verſtehen Sie— um die Ecke in der nächſten Straße; aber ich bekam die Maſern, und der Großpapa wollte mich nicht mehr hingehen laſſen, aus Furcht, ich möchte die Maſern wieder bekommen; und Großpapa wollte mich auch nicht mit den kleinen Knaben auf der Straße ſpielen laſſen; weil es rohe Knaben ſeien; er ſagte Lum⸗ penhunde, verbot mir aber Lumpenhunde zu ſagen, weil dieß unartig wäre. Er ſagt Hölle und Teufel, aber er ſagt, er dürfe es, weil er alt ſei. Ich werde auch Hölle und Teufel ſagen, wenn ich alt bin; und ich würde gern in die Schule gehen, ja wohl, und ich kann heute gehen, wenn es Ihnen recht iſt; Mrs. Plowſon wird mir meine Kleider richten, nicht wahr, Mrs. Plowſon?“ „Gewiß, Maſter Georgey, wenn der Großpapa es wünſcht,“ antwortete die Frau mit einem ziemlich unruhigen Blick auf Mr. Robert Audley. „Was um's Himmelswillen iſt aus dieſer Frau zu machen?“ dachte Robert, als er ſich von dem Knaben zur ſchönhaarigen Wittwe wandte, welche *) Eine ſolche, wo die Schüler nicht im Si m lan auf mit wir Ab ſcha Ber ſche Ma lich. kleit eine als frag das „ant Ton hatte aus Ich wie Arm auge Robe „Me as 1en ag nn, ern abe die um die ehr ern uch len um⸗ gen, fel, Ich alt ja en ider p nlich Frau dem elche hnen. langſam und ſeitwärts ſich gegen den Tiſch bewegte, auf welchem der kleine Georg Talboys ſtand und mit ſeinem Vormund plauderte.„Hält ſie mich wirklich für einen Steuereinnehmer mit feindſeligen Abſichten gegen ſo elende Habe von Hausgeräth⸗ ſchaften; oder ſollte die Urſache ihres unruhigen Benehmens tiefer liegen? Das iſt jedoch kaum wahr⸗ ſcheinlich; denn welche Geheimniſſe auch Lieutenant Maldon haben mag, ſo iſt es doch nicht ſehr glaub⸗ lich, daß dieſe Frau irgend eine Kunde davon hat.“ Mrs. Plowſon hatte ſich inzwiſchen hart an dem kleinen Tiſche aufgepflanzt und war im Begriff, einen verſtohlenen Anfall auf den Knaben zu machen, als Robert ſich raſch umdrehte. „Was wollen Sie mit dem Kinde machen?“ fragte er. „Ich wollte ihn nur wegnehmen, Sir, und ihm das Geſichtchen waſchen und ſein Haar kämmen,“ „antwortete die Frau in demſelben einſchmeichelnden Tone, in welchem ſie von der Waſſertaxe geſprochen hatte.„Er nimmt ſich vor Ihnen nicht zum Beſten aus, Sir, wenn ſein liebes Geſicht beſchmuzt iſt. Ich würde ihn in fünf Minuten ſo nett machen, wie eine neue Nadel.“ Sie hatte bei dieſen Worten ihre langen dünnen Arme ſchon um den Knaben geſchlungen und war augenſcheinlich daran, ihn hurtig wegzubringen, als Robert ſie zurückhielt. D „Danke, ich ſehe ihn lieber ſo, wie er iſt,“ ſagte er. „Mein Aufenthalt in Southampton iſt nicht von Brabdon, Lady Aubley's Geheimniß. I. 3 langer Dauer, und ich möchte Alles hören, was der kleine Mann mir zu ſagen im Stande iſt.“ Der kleine Mann ſchmiegte ſich enger an Ro⸗ bert an und ſah vertrauensvoll dem Rechtsgelehrten in die grauen Augen. „Ich habe Sie recht gern,“ ſagte er.„Ich fürchtete mich vor Ihnen, wenn Sie ſonſt kamen, weil ich ſchüchtern war. Ich bin jezt nicht mehr ſchüchtern.— Ich bin beinahe ſechs Jahre alt.“ Robert ſtreichelte den Knaben mit ermuthigendem Lächeln die Haare, blickte aber den kleinen Georg nicht an, ſondern beobachtete die ſchönhaarige Wittwe, welche an das Fenſter getreten war und unverwandt nach einem Fleck auf dem wüſten Plaze ſchaute. „Sie ſind ziemlich unruhig über Jemand, Ma⸗ dame, fürchte ich,“ nahm Robert wieder das Wort. „Sie erröthete lebhaft, als der Rechtsgelehrte dieſe Bemerkung machte, und antwortete nicht ohne Verwirrung. „Ich ſah nach Mr. Maldon aus, Sir,“ ſagte ſie,„es wird ihm recht bedauerlich ſein, wenn er Sie nicht zu ſehen bekommt.“ „Sie wiſſen alſo, wer ich bin?“ „Nein, Sir, aber——“ Der Knabe unterbrach ſie, indem er eine kleine juwelenbeſezte Uhr von der Bruſt hervorzog und Robert zeigte. „Das iſt die Uhr, welche die hübſche Dame mir gegeben hat,“ ſagte er.„Ich habe ſie jezt wieder— aber das hat lang angeſtanden, weil der Uhrmacher, der ſie auspuzt, ein fauler Mann iſt, ſägt Groß⸗ papa, und ſie immer ſo lang behält, und Groß⸗ Ar er die der tue zu zol m der Ro⸗ rten Ich nen, tehr dem org twe, ndt Ma⸗ ort. hrte ohne agte Sie leine und mir cher, roß⸗ papa ſagt, man werde ſie wieder auspuzen müſſen, wegen der Steuern. Er nimmt ſie immer zum Auspuzen fort, wenn die Steuern da ſind— aber er ſagt, wenn er ſie auch verlöre, ſo würde die hübſche Dame mir eine andere geben. Kennen Sie die hübſche Dame?“ „Nein, Georgey; aber erzähle nur von ihr.“ Mrs. Plowſon machte einen zweiten Anfall auf den Knaben. Sie war dießmal mit einem Taſchen⸗ tuch bewaffnet und gab große Aengſtlichkeit in Be⸗ zug auf den Zuſtand von Georg's Naſe zu erkennen, aber Robert wehrte die gefürchtete Waffe ab und zog das Kind von ſeinem Quälgeiſt weg. „Der Knabe befindet ſich ganz wohl, Madame, wenn Sie die Güte haben wollen, ihn fünf Minuten in Ruhe zu laſſen. Nun, Georgey, wie wäre es, wenn Du Dich auf meine Kniee ſezteſt und mir Alles von der hübſchen Dame erzählteſt?“ Das Kind kletterte von dem Tiſch auf Mr. Aud⸗ ley's Kniee herab und half ſich bei ſeiner Nieder⸗ fahrt dadurch, daß es den Rockkragen ſeines Vor⸗ munds packte und ſehr unceremoniös damit umging. „Ich will Ihnen Alles von der ſchönen Dame erzählen,“ ſagte er,„weil ich Sie ſo gern habe. Großpapa verbot mir, Jemand Etwas davon zu ſagen, aber Ihnen ſage ich's, verſtehen Sie, weil ich Sie gern habe, und Sie mich in die Schule ſchicken wollen. Die hübſche Dame kam eines Nachts hie⸗ her— ſchon lang— o, ſchon ſehr lang,“ fuhr der Knabe fort, indem er den Kopf ſchüttelte und ein feierliches Geſicht machte, welches offenbar einen un⸗ gemein langen Zeitraum bezeichnen ſollte.„Sie 36 kam, als ich noch nicht ſo groß wie jezt war— und ſie kam bei Nacht— nachdem ich zu Bette ge⸗ gangen war, und ſie kam herauf in mein Zimmer und ſezte ſich an das Bett und weinte— und ſie ließ die Uhr unter meinem Kopfliſſen, und ſie— — warum machen Sie mir ſo ein Geſicht, Mrs. Plowſon? Ich will dieſem Gentleman erzählen,“ ſezte Georgey hinzu, indem er plözlich ſich an die Wittwe wandte, welche hinter Roberts Schulter ſtand. Mrs. Plowſon murmelte eine verwirrte Ent⸗ ſchuldigung her, deren Sinn etwa war, ſie fürchte, Maſter Georg würde ihm zur Laſt fallen. „Nun wohl, ſo warten Sie, bis ich es Ihnen ſage, Madame, ehe Sie dem kleinen Burſchen den Mund ſtopfen,“ entgegnete Robert Audley ſcharf. „Eine argwöhniſche Perſon könnte nach Ihrem Be⸗ nehmen denken, Mr. Maldon und Sie haben eine Verſchwörung mit einander angezettelt, und Sie fürch⸗ ten ſich vor dem, was dem Knaben bei ſeinem Ge⸗ plauder entſchlüpfen könnte.“ Er erhob ſich bei dieſen Worten von ſeinem Stuhle und ſchaute Mrs. Plowſon feſt an. Das Geſicht der ſchönhaarigen Wittwe war ſo weiß wie ihre Haube, als ſie eine Antwort zu geben verſuchte, und ihre blaſſe Lippe ſo trocken, daß ſie genöthigt war, dieſelbe mit der Zunge zu befeuchten, ehe die Worte herauskommen wollten. Der kleine Knabe half ihr aus der Verlegenheit. „Werden Sie nicht böſe, Mrs. Plowſon,“ ſagte er.„Mrs. Plowſon iſt ſehr freundlich gegen mich. Mrs. Plowſon iſt Matilda's Mutter. Sie kannten ter ſie 1 7 die ter nt⸗ te, en en kf. e⸗ ne ch⸗ e⸗ m as ie te, gt ie it. te h. n 37 Matilda nicht. Die arme Matilda weinte immer; ie trank,—— Der Knabe wurde durch die plözliche Erſchei⸗ nung von Mr. Maldon zum Schweigen gebracht, welcher auf der Schwelle des Zimmers ſtand und Robert Audley mit einem halb trunkenen, halb er⸗ ſchrockenen Blick, der ſich kaum mit der Würde ei⸗ nes in Ruheſtand verſezten Seeofficiers vertrug, an⸗ ſtarrte. Die Magd, athemlos und keuchend, ſtand hart hinter ihrem Herrn. So früh am Tage es war, ſo lautete doch des alten Mannes Sprache dick und verwirrt, als er grimmig Mrs. Plowſon anredete. „Sie ſind mir ein ſchönes Geſchöpf und wollen ſich eine gefühlvolle Frau nennen,“ ſagte er.„Wa⸗ rum nehmen Sie das Kind nicht fort und waſchen ihm das Geſicht? Wollen Sie mich ruiniren? Wollen Sie mir den Garaus machen? Nehmen Sie das Kind fort! Mr. Audley, Sir, ſehr erfreut, Sie zu ſehen, ſehr glücklich, Sie in meiner Behauſung zu empfangen,“ ſezte der alte Mann mit benebelter Höflichkeit hinzu, indem er ſich, während er ſprach, in einen Stuhl fallen ließ und ſeinem unerwarteten Beſuche Stand zu halten ſich beſtrebte. „Welches auch die Geheimniſſe dieſes Mannes ſind,“ dachte Robert, als Mrs. Plowſon den kleinen Georg Talboys aus dem Zimmer ſchaffte,„die Frau hat keinen unwichtigen Antheil daran. Welches auch das Geheimniß ſein mag, es wird mit jedem Schritte dunkler und dichter, aber ich verſuche umſonſt mich zurückzuziehen, oder ohne Weiteres auf dem Pfade anzuhalten, denn eine ſtärkere Hand als die meinige weiſt mir den Weg zu meines Freundes unbekanntem Grabe.“ Viertes Capitel. Der kleine Georgey verläßt ſeine bisherige Heimath. „Ich will Ihren Enkel mit mir nehmen, Mr. Maldon,“ begann Robert ernſt, als Mrs. Plowſon ſich mit ihrer kleinen Laſt zurückzog. Des alten Mannes trunkener Blödſinn ſchwand langſam hinweg, wie die ſchweren Dünſte eines Lon⸗ doner Nebels, durch welchen das ſchwache Sonnen⸗ licht düſter zum Vorſchein zu kommen ſtrebt. Der ſehr unſichere Strahl von Lieutenant Maldons Ver⸗ ſtand bedurfte jedoch geraumer Zeit, um die nebeligen Dämpfe von Rum und Waſſer zu durchdringen; aber das unſtete Licht flimmerte endlich ſchwach durch die Wolken, und der alte Mann ſchraubte ſeinen ge⸗ ringen Wiz bis auf den höchſten Punct. „Ja, ja,“ ſagte er ſchwach,„den Knaben von ſeinem armen, alten Großvater wegnehmen. Ich habe immer ſo gedacht.“ „Sie haben immer gedacht, ich werde ihn weg⸗ nehmen?“ fragte Robert, indem er mit einem for⸗ ſchenden Blick die halb trunkene Miene deſſelben be⸗ trachtete.„Warum haben Sie ſo gedacht, Mr. Maldon?“ Die Nebel der Berauſchung gewannen wieder ju: zw det wi M na alt der bei che alle ein mit zeh auf Sch Da Zir tem Mr. ſon and on⸗ en⸗ Der Ber⸗ gen en; urch ge⸗ von Ich eg⸗ for⸗ be⸗ Mr. eder 39 einen Augenblick über das Licht der Nüchternheit die Oberhand, und der Lieutenant antwortete un⸗ beſtimmt: „So gedacht?— weil ich ſo gedacht.“ Als er aber dem ungeduldigen Stirnrunzeln des jungen Rechtsgelehrten begegnete, machte er eine zweite Anſtrengung, und das Licht flackerte wie⸗ der auf. „Weil ich gedacht habe, Sie oder ſein Vater würden ihn fortnehmen.“ „Als ich das lezte Mal in dieſem Hauſe war, Mr. Maldon, ſagten Sie mir, Georg Talboys ſei nach Auſtralien unter Segel gegangen.“ „Ja, ja,— ich weiß, ich weiß, antwortete der alte Mann verwirrt, indem er ſich mit ſeinen bei⸗ den unſteten Händen durch die ſpärlichen, abgeſtor⸗ benen, grauen Haare fuhr;„ich weiß, aber er kann wieder gekommen ſein— nicht wahr?— Er war von raſtloſer Natur und— und— im Kopfe zu⸗ weilen etwas verwirrt. Er kann wieder zurückge⸗ kommen ſein.“ Er wiederholte dieß zwei oder drei Mal in ſchwa⸗ chem, murmelndem Tone, während er nach dem mit allerlei Plunder überlegten Kamingeſims hinauftappte, eine ſchmuzig ausſehende Thonpfeife herabnahm und mit heftig zitternden Händen ſtopfte und anzündete. Robert Audley beobachtete dieſe armen, abge⸗ zehrten, bebenden Finger, welche den Tabak zur Hälfte auf die Herdvorlage fallen ließen und wegen ihrer Schwäche kaum einen Fidibus anzuzünden vermochten. Dann ging er ein oder zwei Mal in dem kleinen Zimmer auf und ab und ließ dem alten Manne Zeit, ein paar Züge aus dem großen Tröſter zu nehmen. Hernach wandte er ſich auf einmal zu dem Holb⸗ ſoldlieutenant mit einem düſtern Ernſt in ſeinem ſchönen Geſichte: „Mr. Maldon,“ ſprach er langſam, indem er die Wirkung von jeder Sylbe beobachtete,„Georg Tal⸗ boys iſt niemals nach Auſtralien abgeſegelt— ſo viel weiß ich. Noch mehr, er iſt niemals nach Sout⸗ hampton gekommen, und die Lüge, die Sie mir am achten vorigen Septembers geſagt haben, iſt Ihnen durch die telegraphiſche Botſchaft, welche Sie an jenem Tage empfingen, diktirt worden.“ Die ſchmutzige Thonpfeife fiel aus der zittevnden Hand und zerbrach an dem eiſernen Feuergitter, aber der alte Mann machte keinen Verſuch, eine friſche herbei zu ſchaffen; er blieb an allen Gliedern bebend ſitzen und blickte den Himmel weiß wie erbarmungs⸗ voll Robert Audley an. „Die Lüge war Ihnen diktirt worden, und Sie haben Ihre Aufgabe eingelernt. Aber Sie ſahen Georg Talboys hier am 7. September ebenſo wenig, als ich ihn jetzt in dieſem Zimmer ſehe. Sie dach⸗ ten, Sie haben die telegraphiſche Botſchaft verbrannt, aber dieß iſt nur mit einem Theil davon geſchehen — der Reſt davon iſt in meinem Beſitz.“ Lieutenant Maldon war jetzt ganz nüchtern. „Was habe ich gethan?“ murmelte er rathlos. O, mein Gott, was habe ich gethan?“ „Um zwei Uhr am ſiebenten des letzten Septem⸗ bers,“ fuhr die mitleidloſe, anklagende Stimme fort, ſick Ro der bir irg die fül ſei ſor ga tod ein vet ten nei ken alb⸗ em die Lal⸗ viel out⸗ am nen an den ber iſche en igs⸗ Sie hen nig, ach⸗ nnt, ehen s. tem⸗ fort, 41 „iſt Georg Talboys geſund und wohl in einem Hauſe in Eſſer geſehen worden.“ Robert machte eine Pauſe, um die Wirkung die⸗ ſer Worte zu beobachten. Sie hatten keine Verän⸗ derung bei dem alten Mann hervorgebracht. Er ſaß noch immer, zitternd vom Kopf bis zu den Fü⸗ ßen, da und ſtarrte mit dem unbeweglichen und dummen Blick eines hilfloſen Wichtes, bei dem jeder Sinn ſtufenweiſe von Schrecken gelähmt wird, vor ſich hin. „Um zwei Uhr, an jenem Tage,“ wiederholte Robert Audley,„iſt mein armer Freund, geſund und wohl geſehen worden in—— in dem Hauſe, von dem ich ſpreche. Von jener Stunde an bis heute bin ich nicht im Stande geweſen zu erfahren, daß ihn irgend eine lebende Kreatur geſehen hat. Ich habe diejenigen Schritte gethan, welche nothwendig dazu führen mußten, mir über ſeinen Aufenthalt, über ſein Leben Kunde zu verſchaffen. Ich habe dieß ſorgſam und mit Geduld gethan— anfänglich ſo⸗ gar nicht ohne Hoffnung. Jetzt weiß ich, daß er todt iſt.“ Robert Audley war darauf gefaßt geweſen, Zeuge einer beträchtlichen Aufregung in des alten Mannes Benehmen zu werden; aber von der entſetzlichen Seelenangſt, von dem geiſterhaften Schrecken, welcher Mr. Maldons hageres Geſicht bei den letzten Worten verzerrte, hatte er ſich keine Vorſtellung gemacht. „Nein, nein, nein, nein,“ wiederholte der Lieu⸗ tenant mit ſchriller, halbkreiſchender Stimme;“ nein, nein! Um Gottes Willen, ſagen Sie das nicht! Den⸗ ken Sie ſo etwas nicht— laſſen Sie mich ſo Etwas 42 nicht denken— laſſen Sie mich nicht davon träumen! Nicht todt— Alles, nur nicht todt! Sich in einem Verſteck haltend vielleicht— beſtochen vielleicht, um aus dem Weg zu gehen— nicht todt— nicht todt!“ Er ſchrie dieſe Worte laut hinaus, als ob er außer ſich wäre; ſchlug ſich mit den Händen gegen ſeinen grauen Kopf und ſchob ſich vor⸗ und rück⸗ wärts auf ſeinem Stuhle. Seine ſchwachen Hände zitterten nicht mehr— ſie erſtarkten durch eine con⸗ vulſiviſche Kraft, welche ihnen neues Leben verlieh. „Ich glaube,“ ſagte Robert mit derſelben feier⸗ lichen, unbarmherzigen Stimme,„daß mein Freund niemals Eſſex verlaſſen hat, und ich glaube, daß er am ſiebenten vergangenen Septembers geſtorben iſt.“ Der elende alte Mann glitt, noch immer mit den Händen in ſeinen dünnen grauen Haaren wühlend, von ſeinem Stuhle auf den Fußboden herab, und kroch zu Roberts Füßen hin. „O! nein, nein,— um Gottes Willen, nein!“ kreiſchte er heiſer.„Nein! Sie wiſſen nicht, was Sie ſagen— Sie wiſſen nicht, was Sie mich den⸗ ken laſſen wollen— Sie wiſſen nicht, was Ihre Worte zu bedeuten haben!“ „Ich kenne ihr Gewicht und ihren Werth nur allzu wohl— ſo gut als ich Sie hier ſehe, Mr. Maldon. Gott helfe uns!“ „O, was thue ich? Was thue ich?“ murmelte der alte Mann mit ſchwacher Stimme; dann erhob er ſich mit Anſtrengung vom Boden, richtete ſich zu ſeiner vollen Höhe auf, in einer ihm ſonſt neuen Weiſe, welche an ſich nicht ohne eine gewiſſe Würde war— jene Würde, welche immerdar an unaus⸗ ſp ein nic len! nem um dt!“ eer egen rück⸗ inde con⸗ lieh. eier⸗ und ß er . den end, und in!“ was den⸗ Ihre nur Mr. elte rhob zu euen ürde 43 ſprechliches Elend, in welcher Form es erſcheinen mag, ſich knüpft, und ſagte ernſt: „Sie haben kein Recht, hieher zu kommen und einen Mann zu erſchrecken, welcher getrunken hat und nicht ganz bei ſich iſt. Sie haben kein Recht, alſo zu thun, Mr. Audley. Selbſt— der Beamte, Sir, welcher— welcher.“ Er ſtammelte nicht, ſondern ſeine Lippen bebten ſo heftig, daß ſeine Worte durch deren Bewegung in Stücke geriſſen zu werden ſchie⸗ nen.„Der Beamte, wiederhole ich, Sir, der beauf⸗ tragt iſt mit der Verhaftung eines— Diebes, oder eines—“. Er hielt an, um ſich über die Lippen zu fahren und ſie zum Schweigen zu bringen, wenn er es vermöchte, was aber nicht der Fall war—„Eines Diebes— oder eines Mörders—“ Seine Stimme erſtarb plötzlich bei dieſem letzten Wort, und nur an der Bewegung dieſer zitternden Lippen erkannte Ro⸗ bert, was er ſagen wollte.„Warnt ihn, Sir, warnt ihn hübſch, daß er Nichts ſagen ſoll, was ihn ſelbſt — oder— oder— andere Leute compromittiren könnte. Das— das— Geſetz, Sir, hat ſo viel Barmherzigkeit für einen— einen beargwohnten Verbrecher. Aber Sie, Sir, Sie— Sie kommen in mein Haus, und kommen zu einer Zeit, wenn— wenn— im Gegenſatz zu meinen ſonſtigen Gewohn⸗ heiten— welche, wie man Ihnen ſagen wird, nüch⸗ terner Natur ſind— Sie kommen, und da Sie be⸗ merken, daß ich nicht ganz bei mir ſelbſt bin— benützen Sie— die— Gelegenheit, mich— zu er⸗ ſchrecken— und das iſt nicht recht, Sir— es iſt—“ Was er noch ſagen wollte, erſtarb in einem un⸗ artikulirten Keuchen, welches ihn völlig zu erſchüttern ſchien; darauf ſank er auf einen Stuhl, ließ den Kopf auf den Tiſch fallen und weinte laut. Viel⸗ leicht war unter all den traurigen Scenen häuslichen Elends, welche in dieſen ärmlichen und düſtern Häu⸗ ſern ſpielten— unter all den kleinen Kümmerniſſen, den brennenden Beſchämungen, den grauſamen Sor— gen, den bittern Kränkungen, welche die Armuth zu ihrer gemeinſchaftlichen Mutter haben,— niemals eine votgekommen, welche dieſer ſich vergleichen ließ. Ein alter Mann, der ſein Geſicht vor dem Tages⸗ licht verbarg und laut in ſeinem Elend ſtöhnte. Ro⸗ bert Audley betrachtete dieſes peinliche Gemälde mit hoffnungsloſer, mitleidiger Miene. „Hätte ich das gewußt,“ dachte er,„ſo würde ich ihn geſchont haben. Es wäre vielleicht beſſer geweſen, ich hätte ihn geſchont.“ Das elende Zimmer, der Schmutz, die Unordnung, die Geſtalt des alten Mannes, mit ſeinem grauen Kopf auf dem unſaubern Tiſchtuch, unter den zer⸗ ſtreuten Ueberreſten eines armſeligen Diners, ver⸗ wiſchte ſich vor Robert Audleys Blick, wenn er an einen andern Mann dachte, ſo alt wie dieſer hier, aber in jeder andern Beziehung ſo unendlich ver⸗ ſchieden von ihm! der vielleicht dieſelbe, oder ſelbſt noch eine ſchlimmere Seelenqual empfinden und viel⸗ leicht noch bitterere Thränen vergießen ſollte. Der Moment, in welchem die Thränen ihm in's Auge ſtiegen und die klägliche Scene vor ihm in eine ge⸗ wiſſe Dämmerung verrückten, war lang genug, um ihn nach Eſſex zurückzuführen und ihm das Bild ſeines Oheims, geſchlagen von Todesſchmerz und Scham, zu zeigen. un for we Tre dieſ das See halt Par Ver habe ſo f Es Das bald bald jedve welc bleil in d Wei Büch Wen Freu ſo i Fren gehö den Viel⸗ ichen Häu⸗ ſſen, Sor zu nals ließ. ges⸗ Ro⸗ mit ürde eſſer ing, men zer⸗ ver⸗ an ier, ver⸗ bſt iel⸗ Der uge ge⸗ um Zild und 45 „Warum verfahre ich alſo?“ dachte er;„wie unbarmherzig bin ich, und wie mitleidlos werde ich fortgeriſſen? Ich bin nicht ich ſelbſt; es iſt die Hand, welche mich weiter und weiter auf dem dunkeln Pfade vorwärts treibt, deſſen Ende ich mir nicht im Traume vorzuſtellen wage.“ Er dachte dieß, und noch hundertmal mehr als dieß, während der alte Mann noch immer da ſaß, das Geſicht in den Händen begraben, mit ſeiner Seelenqual ringend, aber unvermögend, ſie niederzu⸗ halten. „Mr. Maldon,“ nahm Robert Audley nach einer Pauſe wieder das Wort;„ich bitte Sie nicht um Vergebung wegen deſſen, was ich über Sie gebracht habe, denn ich hege die feſte Ueberzeugung, daß es ſo früher oder ſpäter für Sie hätte kommen müſſen wenn nicht durch mich, doch durch ſonſt Jemand. Es gibt—“ Er hielt einen Augenblick zögernd an. Das Schluchzen hörte nicht auf; bald war es leiſe, bald laut, bald brach es mit friſcher Heftigkeit aus, bald ſchien es für einen Moment dahinzuſterben, jedoch ohne völlig zu verſtummen.„Es gibt Dinge, welche, wie man zu ſagen pflegt, nicht verborgen bleiben können. Mir dünkt, es liegt eine Wahrheit in dieſem Sprichwort, das in jener alten weltlichen Weisheit, welche aus der Erfahrung, und nicht aus Büchern erworben worden iſt, ſeinen Urſprung hat. Wenn— wenn ich damit zufrieden wäre, meinen Freund in ſeinem verborgenen Grabe ruhen zu laſſen, ſo iſt es nur allzu wahrſcheinlich, daß irgend ein Fremder, der niemals den Namen Georg Talboys gehört hat, durch das geringſte Ungefähr auf das Geheimniß ſeines Todes kommt. Morgen vielleicht, oder in zehn Jahren; oder in einer andern Genera⸗ tion, wenn die— die Hand, die ſich an ihm ver⸗ griffen hat, ſo kalt iſt, wie ſeine eigene. Wenn ich die Sache ruhen laſſen könnte— wenn ich England für immer verlaſſen und vorſätzlich der Möglichkeit, je wieder auf einen neuen Schlüſſel zu dem Geheim⸗ niß zu ſtoßen, entfliehen könnte, ich wollte es thun— ich wollte es mit Freuden, mit Dank thun— aber ich kann nicht! Eine Hand, ſtärker als die meinige, treibt mich vorwärts. Ich will keinen niedrigen Vor⸗ theil über Sie gewinnen, kein Menſch denkt weniger daran als ich, aber ich muß weiter gehen, ich muß weiter gehen. Gibt es eine Warnung, die Sie Je⸗ mand zukommen laſſen möchten, ſo thun Sie es. Schließt das Geheimniß, dem ich Tag um Tag, Stunde um Stunde näher rücke, eine Perſon ein, an der Sie Intereſſe haben, ſo laſſen Sie dieſe Perſon fliehen, ehe ich zum Ziele gelange. Laſſen Sie die⸗ ſelbe dieſes Land verlaſſen; verlaſſen Alle, die ſie kennen— Alle, deren Friede durch ihren Frevel ge⸗ fährdet worden iſt; laſſen Sie dieſelbe wegziehen, ſie ſammt den Mitſchuldigen,— ſie ſollen nicht verfolgt werden.“ „Aber wenn ſie Ihre Warnung aus dem Sinn ſchlagen— wenn ſie verſuchen, ihre gegenwärtige Stellung zu behaupten, trotz deſſen, was Sie ihnen zu ſagen im Stande ſind— ſo ſollen ſie ſich vor mir in Acht nehmen, denn kommt die Stunde, ſo ſchwöre ich, daß ſie keine Schonung von mir zu er⸗ warten haben.“ Der alte Mann blickte zum erſten Mal auf und wi riſ ni lic un tra iſt, ar ley bei Ve Vo den jen gel lich „W hör hin cher cht, ra⸗ ver⸗ ich and keit, im⸗ — ber ige, ßor⸗ iger muß Je⸗ es. Tag, „an rſon die⸗ e ſie ge⸗ , ſie folgt Sinn rtige hnen v0r „o uer⸗ und 47 wiſchte ſich das runzelige Angeſicht mit einem zer⸗ riſſenen ſeidenen Taſchentuch ab. „Ich gebe Ihnen die Verſicherung, daß ich Sie nicht verſtehe,“ ſagte er,„ich gebe Ihnen die feier⸗ liche Verſicherung, daß ich Sie nicht verſtehen kann, und ich glaube nicht, daß Georg Talboys todt iſt.“ „Ich gäbe zehn Jahre von meinem Leben darum, wenn ich ihn lebend ſehen könnte,“ antwortete Robert traurig.„Es thut mir leid für Sie, Mr. Maldon — es thut mir leid für uns alle.“ „Ich glaube nicht, daß mein Schwiegerſohn todt iſt,“ ſagte der Lieutenant;„ich glaube nicht, daß der arme Junge todt iſt.“ Er machte einen kraftloſen Verſuch, Robert Aud⸗ ley zu beweiſen, daß der wilde Schmerzensausbruch bei ihm ſeinen Grund in dem Kummer über den Verluſt von Georg Talboys gehabt hätte; aber das Vorgeben war von ſehr ſeichter Natur. Mrs. Plowſon kehrte in das Zimmer zurück, mit dem kleinen Georgey an der Hand, deſſen Geſicht jenen brillianten Glanz zeigte, welchen man mittelſt gelber Seife und ordentlichen Reibens auf dem menſch⸗ lichen Angeſichte hervorzubringen vermag. „Ach mein lieber Himmel!“ rief Mrs. Plowſon, „was iſt den armen, alten Gentleman angekommen? ſ haben ihn auf dem Gang erſchrecklich ſchluchzen hören.“ Der kleine Georg kletterte zu ſeinem Großvater hinauf und ſtreichelte ihm mit ſeinen fleiſchigen Händ⸗ chen über das feuchte, runzelige Geſicht. „Weine nicht, Großpapa,“ ſagte er,„weine nicht. Du ſollſt meine Uhr zum Ausputzen haben, und der 1 liebe Uhrmacher wird Dir das Geld leihen, um den Steuermann zu bezahlen, während er die Uhr aus⸗ putzt. Ich mache mir Nichts daraus, Großpapa. Laß' uns zu dem Uhrmacher gehen— zu dem Uhr⸗ macher in High⸗Street, weißt Du, mit den goldenen Kugeln, die über ſeiner Thüre gemalt ſind, um zu zeigen, daß er aus Lombar— Lombarſhire kommt,“ ſagte der Knabe, indem er den Namen auf ſeine eigene Weiſe ergänzte.„Komm, Großpapa.“ Der kleine Burſche zog das juwelenbeſezte Spiel⸗ zeug von der Bruſt hervor und wandte ſich nach der Thüre, ſtolz darauf, im Beſitz eines Talismans zu ſein, der ſo oft ſchon, wie er geſehen, ſeine Dienſte geleiſtet hatte. „Es gibt Wölfe in Southampton“ ſagte er mit einem triumphirenden Kopfnicken zu Robert Audley. „Mein Großpapa ſagt, wenn er meine Uhr nimmt, daß er es thue, um die Wölfe, von der Thüre fern zu halten. Gibt es auch Wölfe da wo Sie wohnen?“ Der junge Rechtsgelehrte gab keine Antwort auf des Kindes Frage, ſondern hielt ihn nur zurück, als er ſeinen Großvater nach der Thüre ziehen wollte. „Dein Großvater bedarf der Uhr heute nicht, Georgey,“ ſprach er ernſt. „Warum iſt er dann ſo betrübt?“ fragte Georgey naiv;„wenn er die Uhr braucht, iſt er immer be⸗ trübt und ſchlägt ſich vor die Stirne ſo“— der Knabe unterbrach ſich, um mit ſeinen kleinen Fäuſt⸗ chen es nachzumachen—“ und ſagt, daß ſie— die hübſche Dame, denke ich, meinte er— ſehr hart mit ihm umgeht, und daß er den Wolf von der Thüre nie da ſei un lat au Au lei Wr M ſei daſ wie die nur ein ihn Au thei Jal auf leic den wie 2 den pa. hr⸗ nen zu nt,“ eine iel⸗ der zu nſte mit ey. umt, fern n auf als Ulte. icht, rgey be⸗ der äuſt die mit hüre 49 nicht abhalten kann; und dann ſage ich: Großpapa, da haſt Du die Uhr“; und dann nimmt er mich in ſeine Arme und ſagt: o, mein geſegneter Engel! Wie kann ich meinen geſegneten Enkel berauben und dann weint er, aber nicht wie heute— nicht laut, verſtehen Sie; es rinnen ihm nur die Thränen über die armen Wangen; nicht ſo, daß man ihn auf dem Gang hören könnte.“ So peinlich das Geplauder des Kindes für Robert Audley war, ſo ſchien es doch dem alten Mann Er⸗ leichterung zu gewähren. Er hörte nicht auf die Worte des Knaben, ſondern ging zwei oder drei Mal in dem kleinen Zimmer auf und ab und ſtrich ſein verwirrtes Haar wieder glatt und gab es zu, daß ihm die Halsbinde von Mrs. Plowſon, welche, wie es ſchien, ein ſehr lebhaftes Verlangen empfand, die Urſache ſeiner Erregung zu entdecken, in Ord⸗ nung gebracht wurde. D „Der arme, liebe alte Gentleman,“ ſagte ſie mit einem Blick auf Robert.„Was iſt geſchehen, um ihn ſo ganz und gar aus der Faſſung zu bringen?“ „Sein Schwiegerſohn iſt todt,“ antwortete Mr. Audley, indem er ſeine Augen auf Mrs. Plowſons theilnehmendes Geſicht richtete.„Er ſtarb anderthalb Jahre nach dem Tode von Helen Talboys, welche auf dem Kirchhofe zu Ventnor begraben iſt.“ Auf dem Geſichte, in das er blickte, ging eine leichte Veränderung vor; aber die Augen, die nach den ſeinigen gerichtet waren, wichen bei dieſen Worten wieder aus, und noch einmal war Mrs. Plowſon Braddon, Laby Audley's Geheimniß. II. 4 50 genöthigt, die weißen Lippen, ehe ſie eine Antwort gab, mit ihrer Zunge zu befeuchten. „Der arme Mr. Talboys todt!“ ſagte ſie;„das iſt allerdings eine ſchlimme Botſchaft, Sir.“ Der kleine Georg blickte aufmerkſam zu ſeines Vormundes Geſicht empor, als dieſe Worte geſprochen wurden. „Wer iſt todt?“ fragte er.„Georg Talboys iſt mein Name.„Wer iſt todt?“ „Eine andere Perſon, Namens Talboys, Georgey.“ „Der arme Mann! Geht er in das Grubenloch hinab?“ Der Knabe hatte die gewöhnliche Vorſtellung vom Tode, welche gewöhnlich den Kindern von ihren weiſen Eltern eingeprägt wird, die immerdar das kindliche Gemüth zu dem offenen Grabe leiten, aber ihm niemals eine höhere Richtung geben. „Ich möchte ihn in das Grubenloch legen ſehen,“ bemerkte Georgey nach einer Pauſe. Er hatte meh⸗ reren Kinderbegräbniſſen in der Nachbarſchaft ange⸗ wohnt und galt wegen ſeines Intereſſe erregenden Ausſehens für einen werthollen Leidtragenden. Es war deßhalb bei ihm dahingekommen, daß er Leichen⸗ begängniß und Beerdigung als ein wirkliches Feſt betrachtete, bei welchem Kuchen und Wein und Kut⸗ ſchenfahren die Hauptzüge bildeten. „Sie haben alſo nichts dagegen, wenn ich Georgey, mit mir fortnehme, Mr. Waldon?“ fragte Robert Audley. Die Aufregung des alten Mannes hatte ſich mittlerweile um ein Beträchtliches gelegt. Er hatte eine andere Pfeife, die hinter der flitterhaft geputzten Ro ſie pa unt wol ein gefe nich Sir Stie Alte wie viell den, Stie herg wort ausf würt ein! X alten Weir verla halb Wort dachte peinli ſchwel wort „das eines ochen iſt nloch llung ihren das aber en“ meh⸗ ange⸗ nden Es chen⸗ Feſt Kut⸗ rgey, obert ſich hatte itzten 51 Rahme eines Spiegels ſteckte, gefunden und verſuchte, ſie mit einem Stückchen zuſammengedrehten Zeitungs. papiers anzuzünden. „Sie haben nichts dagegen, Mr. Waldon?“ „Nein, Sir— nein, Sir; Sie ſind ſein Vormund und haben ein Recht, ihn mitzunehmen, wohin Sie wollen. Er iſt mir ein ſehr großer Troſt in meinem einſamen Alter geweſen; aber ich habe mich darauf gefaßt gemacht, ihn zu verlieren. Ich— ich— mag nicht immerdar meine Pflicht gegen ihn gethan haben, Sir, mit— dem Schulunterricht und— und den Stiefeln. Wie viel Stiefel ein Knabe von ſeinem Alter zerreißt, Sir, davon kann ſich ein junger Mann wie Sie, nicht leicht eine Vorſtellung machen; er iſt vielleicht zu Zeiten von der Schule abgehalten wor⸗ den, und hat gelegenheitlich auch wohl lumpige Stiefel getragen, wenn es mit unſern Geldern knapp herging; aber er iſt niemals unfreundlich behandelt worden. Nein, Sir; wenn Sie ihn eine ganze Woche ausfragen wollten, ich glaube nicht, daß Sie hören würden, ſein armer, alter Großvater habe jemals ein hartes Wort zu ihm geſagt.“ Jetzt brach Georgey, als er die Betrübniß ſeines alten Beſchützers gewahr wurde, in lautes, klägliches Weinen aus und erklärte, er würde ihn niemals verlaſſen. „Mr. Waldon,“ nahm Robert Audley mit einem halb traurigen, halb mitleidigen Tone wieder das Wort;„als ich vergangene Racht meine Lage über⸗ dachte, glaubte ich nicht, ich werde ſie mir jemals peinlicher denken können, als ſie mir damals vor⸗ ſchwebte. Ich kann nur ſagen— Gott erbarme ſich 52 unſerer Aller. Ich halte es für meine Pflicht, das Kind wegzunehmen, aber ich bringe ihn direkt von Ihrem Hauſe in die beſte Schule zu Southampton; und ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, ich werde ſeiner unſchuldigen Einfalt Nichts abzulocken ſuchen, was möglicher Weiſe irgend— ich meine,“ ſetzte er kurz abbrechend hinzu—„ich meine ſo, ich werde um keinen Schritt durch ihn dem Geheimniß näher zu kommen ſuchen. Ich bin kein Spürhund von der Polizei und ich glaube nicht, daß der vollendetſte Spürhund derſelben gern ſeine Kunde durch Aus⸗ forſchung eines Kindes erlangen möchte.“ Der alte Mann gab keine Antwort; er ſaß da, mit der einen Hand ſein Geſicht verdeckend, und ſeine erloſchene Pfeife zwiſchen den bewegungsloſen Fingern der andern. „Nehmen Sie den Knaben weg, Mrs. Plowſon,“ ſagte er,„ziehen Sie ihm ſeine Sachen an. Er geht mit Mr. Audley.“ „Und das iſt nicht recht von dem Gentleman, ſage ich, daß er dem armen, alten Großpapa ſein liebes Lämmchen wegnimmt,“ rief Mrs. Plowſon mit reſpektvoller Entrüſtung. „Still, Mrs. Plowſon,“ antwortete der alte Mann kläglich.„Mr. Audley iſt der beſte Richter. Ich— ich— habe nicht viele Jahre mehr zu leben: ich werde Niemand auf lange Zeit zur Laſt fallen.“ Die Thränen ſickerten bei dieſen Worten langſam durch die ſchmutzigen Finger, mit welchen er die blut⸗ unterlaufenen Augen beſchattete. „Gott weiß, ich habe Ihrem Freunde niemals Etwas zu Leide gethan, Sir,“ hob er plötzlich wieder an „n Sc get ver nei ind Ro tod wo klei der wü ſpie und zur Thr er, und wie nich das von ton; iner was kurz um zu der etſte lus⸗ da, eine gern geht nan, ſein oſon ann — ich ſam lut⸗ rals eder 53 an, als Mrs. Plowſon und Georgey zurückkehrten, „noch ihm jemals übel gewollt. Er war ein guter Schwiegerſohn gegen mich— beſſer als mancher Sohn. Mit Willen habe ich ihm niemals Unrecht gethan, Sir. Ich— ich habe vielleicht ſein Geld verbraucht, aber ich bedaure es— ich bedaure es jetzt ſehr. Aber ich glaube nicht, daß er todt iſt— nein, Sir, ich glaube es nicht!“ rief der alte Mann, indem er die Hand von den Augen fallen ließ und Robert Audley mit lebhaftem Blick anſchaute.„Ich — ich glaube es nicht, Sir! Wie— wie ſollte er todt ſein?“ Robert gab auf dieſe eifrige Frage keine Ant⸗ wort. Er ſchüttelte traurig den Kopf, trat zu dem kleinen Fenſter und blickte über eine Reihe wuchern⸗ der Geranien nach dem häßlichen Platze auf dem wüſten Grundée hinab, wo die Kinder mit einander ſpielten. Mrs. Plowſon kehrte mit dem in ein Röckchen und einen Wärmer vermummten kleinen Georgey zurück, und Robert ergriff des Knaben Hand. „Sag' Deinem Großpapa Lebewohl, Georgey.“ Der kleine Burſche ſprang auf den alten Mann zu, umſchlang ihn und küßte ihm die ſchmutzigen Thränen von den eingefallenen Wangen. „Sei unbeſorgt meinetwegen, Großpapa,“ ſagte er,„ich gehe in die Schule, um etwas zu lernen und ein geſchickter Mann zu werden, und ich komme wieder, um Dich und Mrs. Plowſon zu beſuchen, nicht wahr?“ ſezte er zu Robert gewendet hinzu. „Ja, mein Lieber, nachher.“ „Nehmen Sie ihn fort, Sir— nehmen Sie ihn fort,“ rief Mr. Maldon;„Sie brechen mir das Herz.“ Der kleine Burſche trabte zufrieden an Roberts Seite dahin. Er war ganz erfreut bei dem Gedanken, in die Schule zu gehen, obwohl er ſich bei ſeinem betrunkenen alten Großvater ganz glücklich gefühlt hatte, da derſelbe ſtets eine benebelte Zuneigung zu dem hübſchen Kinde an den Tag gelegt und ſein Möglichſtes gethan, Georgey dadurch, daß er ihm in Allem ſeinen Willen ließ, zu verziehen; eine Nachſicht, in Folge deren Maſter Talboys einen Geſchmack am Langaufbleiben, an heißen Soupers unverdaulichſter Natur und an kleinen Schlückchen von Rum ⸗und⸗ aus ſeines Großvaters Glas bekommen atte. Er theilte ſeine Geſinnungen über manche Gegen⸗ ſtände Robert Audley mit, während ſie nach dem Delphin⸗Hotel marſchirten; aber der Rechtsgelehrte munterte ihn nicht zu weiterem Sprechen auf. Es war keine ſehr ſchwierige Aufgabe, an einem Orte wie Southampton eine gute Schule zu finden. Robert Audley wurde in ein hübſches Haus zwiſchen der Bar und der Avenue gewieſen, und ſo überließ er Georgey der Aufſicht eines gutmüthigen Kellners, welcher Nichts zu thun zu haben ſchien, als aus dem Fenſter zu ſchauen und unſichtbaren Staub von den glänzend polirten Tafeln abzuwiſchen, und begab ſich uber die High Street nach Mr. Marchmonts Akademie für junge Gentlemen. Er fand in Mr. Marchmont einen ſehr verſtän⸗ digen Mann und ſtieß auf eine Reihe ordentlich aus⸗ ſehender junger Herren, welche eben, als er in das Me ner len ein der mã füt für tra ver da erts ken, tem ihlt zu ſein in icht, am ſter nd⸗ men en⸗ dem hrte nem den. chen ließ ers, dem den ſich mie tän⸗ us⸗ das Haus trat, unter der Escorte von ein paar Aufſehern einen Spaziergang in die Stadt machten. Er erzählte dem Schulvorſtand, der kleine Georg Talboys ſei von einem theuren Freunde, der vor wenigen Monaten nach Auſtralien ſich eingeſchifft habe und, wie er fürchte, nicht mehr am Leben ſei, ſeiner Obhut anvertraut worden. Er empfahl ihn Mr. Marchmonts ſpezieller Sorge und machte ihm außerdem zur Pflicht, keinen Beſuch bei dem Knaben zuzulaſſen, der ſich nicht durch einen Brief von ihm ſelbſt als hiezu berechtigt ausweiſe. Nachdem er die Sache mit einigen Worten geſchäftlich abgemacht hatte, kehrte er in das Hotel zurück, um Georgey zu holen. Er fand den kleinen Mann bereits auf ſehr gutem Fuße mit dem miüßigen Kellner, welcher Maſter Georgey's Aufmerkſamkeit auf die verſchiede⸗ nen intereſſanten Gegenſtände in der High⸗Street zu lenken gewußt hatte. Der arme Robert hatte von den Bedürfniſſen eines Kindes ebenſo wenig einen Begriff, wie von denen eines weißen EFlephanten. Er hatte in ſeinen Knabenjahren Seidenraupen, Meerſchweinchen, Haſel⸗ mäuſe, Kanarienvögel und Hunde ohne Zahl ge⸗ füttert, war aber niemals dazu angehalten worden, für eine junge Perſon von fuͤnf Jahren Sorge zu tragen. Er blickte um fünfundzwanzig Jahre zurück und verſuchte, ſich ſeine eigene Diät in einem Alter von Fünf ins Gedächtniß zurückzurufen. „Ich habe eine unbeſtimmte Erinnerung daran, daß ich viel Brod und Milch und geſottenes Hammel⸗ 56 fleiſch bekommen habe,“ dachte er,„und weiß noch ungefähr ebenſo unbeſtimmt, daß ich dergleichen nicht gern aß. Ich möchte doch wiſſen, ob der Knabe Liebhaber von Brod und Milch und geſottenem Hammelfleiſch iſt.“ So ſtand er da und zupfte einige Minuten an ſeinem dicken Schnurrbart und ſtarrte gedankenvoll auf das Kind hin, ehe er zu einem Entſchluß kam. „Ich glaube wohl, Du biſt hungrig, Georgey,“ ſagte er endlich. Der Knabe nickte mit dem Kopfe, und der Kellner wiſchte noch einigen unſichtbaren Staub weiter vom Tiſch, zur Vorbereitung für das Decken deſſelben. „Vielleicht möchteſt Du Etwas zur Zwiſchen⸗ ſpeiſe?“ ſchlug Mr. Audley vor, noch immer an ſeinem Schnurrbart zupfend. Der Knabe brach in ein Gelächter aus. „Zwiſchenſpeiſe?“ rief er.„Ei, es iſt ja Nach⸗ mittag, und ich habe ſchon mein Diner gehabt. Robert Audley wußte für den Augenblick nicht, was er anfangen ſollte. Was konnte er zur Er⸗ quickung für einen Knaben beſtellen, der um drei Uhr ſchon von Nachmittag ſprach. „Du ſollſt Brod und Milch haben Georgey,“ ſagte er nach einer Pauſe.„Kellner, Brod und Milch und eine Pinte Rheinwein.“ Maſter Talboys machte ein ſchiefes Geſicht. „Ich habe niemals Brod und Milch gehabt,“ ſagte er;„ich mag es nicht. Ich eſſe gern, wie es Großpapa nennt, etwas Schmackhaftes. Ich möchte gern eine Kalbscarbonade. Großpapa erzählte mir, er habe hier einmal zu Mittag geſpeist und die Ka ich kru ver pq net Sc Ko ſell er gro We der beg Ge Di den der Aa Pu Etr ben Vo Koe och icht abe em an voll am. lner om en⸗ an ach⸗ icht, drei ey,“ und vh eS chte mir, die 57 Kalbscarbonaden waren köſtlich, ſagte Großpapa. Ach, ich möchte eine Kalbscarbonade mit Ei und Brod⸗ krumen, verſtehen Sie, und etwas Citronenſaft, verſtehen Sie?“ fügte er für den Kellner bei.„Groß⸗ papa kennt den Koch hier. Der Koch iſt ſo ein netter Gentleman, und einmal gab er mir einen Schilling, als Großvapa mich hieher brachte. Der Koch trägt beſſere Kleider als Großpapa— beſſere ſelbſt als Sie,“ ſetzte Maſter Georgey hinzu, indem er mit einem geringſchäzigen Kopfnicken auf Roberts groben Ueberzieher deutete. Robert Audley ſtarrte ihn ganz erſchrocken an. Was ſollte er mit dieſem fünfjährigen Epikur machen, der Brod und Milch verwarf und Kalbscarbonaden begehrte? „Ich will Dir ſagen, was ich thue, kleiner Georgey,“ rief er nach einer Pauſe—„ich will Dir ein Diner geben.“ Der Kellner nickte lebhaft. „Auf mein Wort, Sir,“ ſagte er beifällig,„ich denke, der kleine Gentleman verſteht es zu eſſen.“ „Ich will Dir ein Diner geben, Georgey,“ wie⸗ derholte Robert—„ein wenig Julienne, geſchmorte Aale, ein Gericht Carbonaden, einen Vogel und einen Pudding,— Was ſagſt Du dazu, Georgey?“ „Ich glaube nicht, daß der junge Gentleman Etwas dagegen einzuwenden hat, wenn er es ſieht,“ bemerkte der Kellner.„Aale, Julienne, Carbonaden, Vogel, Pudding.— Ich will gehen und es dem Koch ſagen, Sir. Um welche Zeit, Sir?“ 8 „Nun, ich will ſagen ſechs Uhr, und Maſter Georgey begibt ſich dann, wenn es Zeit zum Schlafen⸗ 58 gehen iſt, in ſeine neue Schule. Ich glaube ſchon, Sie werden das Kind für den Nachmittag zu unter⸗ halten wiſſen. Ich habe einige Geſchäfte abzumachen und kann ihn nicht mitnehmen. Ich werde hier übernachten. Adieu, Georgey, halte Dich gut und ſchaffe Dir einen guten Appetit auf ſechs Uhr.“ Robert Audley ließ den Knaben unter der Ob⸗ hut des müſſigen Kellners und ſchlenderte gegen die Waſſerſeite hinab, nach dem einſamen Ufer, welches ſich unter den vermoderten Mauern gegen die klei⸗ nen Dörfer zieht, die jenſeits des ſich verſchmälern⸗ den Fluſſes gelegen ſind. Er war abſichtlich der Geſellſchaft des Kindes ausgewichen und ſpazierte durch das leichte Schnee⸗ geſtöber hin, bis die früh eintretende Dunkelheit ihn überfiel. Er kehrte in die Stadt zurück und zog auf dem Bahnhofe Erkundigung über die nach Dorſetſhire ab⸗ gehenden Züge ein. „Ich will morgen früh aufbrechen,“ dachte er, „und bin noch vor Einbruch der Nacht bei Georgs Vater. Ich will ihm Alles erzählen— Alles außer dem Intereſſe, welches ich an— an der verdächti⸗ gen Perſon nehme, und er ſoll entſcheiden, was zu⸗ nächſt zu thun iſt.“ Maſter Georgey ließ dem von Robert beſtellten Diner alle Gerechtigkeit widerfahren. Er trank das Weißbier von Baß in einem Maaße, daß ſein Wirth in nicht geringe Unruhe darüber gerieth, und that ſich ausnehmend gütlich, indem er eine Schäzung für den gebratenen Faſan an den Tag legte, die weit über ſeine Jahre ging. — bre an die ſen kor „d Si ber iſt ger mit vie vor Do ſta kau n, er⸗ en ier nd b⸗ die es ei⸗ n⸗ es ee⸗ hn em b⸗ er, g8 ßer ti⸗ zu⸗ ten s rth at g die 59 Um acht Uhr wurde ein Cabriolet für ihn ge⸗ bracht, und er zog in der beſten Laune ab, mit einer Guinee in der Taſche und einem Brief von Robert an Mr. Marchmont, in welchen ein Bankſchein für die Ausrüſtung des jungen Gentleman eingeſchloſ⸗ ſen war. „Es freut mich recht, daß ich neue Kleider be⸗ komme,“ rief er, als Robert ihm Lebewohl ſagte, „denn Mrs. Plowſon hat die alten ſo oft geflickt. Sie kann dieſelben jezt für Billy haben.“ „Wer iſt Billy?“ fragte Robert, über des Kna⸗ ben Geplauder lachend. „Billy iſt der armen Matilda kleiner Bruder. Er iſt ein gemeiner Knabe, verſtehen Sie. Matilda war gemein, allein ſie—“ Aber der Kutſcher knallte in dieſem Augenblick mit der Peitſche, das alte Roß humpelte davon, und Robert Audley erfuhr Nichts mehr von Matilda. Fünftes Capitel. Rathloſigkeit. Mr. Harcourt Talboys wohnte in einem ſaubern, viereckigen, von Ziegeln erbauten Hauſe, eine Meile von einem kleinen Dorfe Namens Grange Heath in Dorſetſhire. Das ſaubere, viereckige, von Ziegel erbaute Haus ſtand im Mittelpunkt ſauberer, viereckiger Ländereien, kaum groß genug, um den Namen eines Parks zu führen, und zu groß, um ihm irgend eine andere Benennung zu geben— ſo hatten weder das Haus, noch die Ländereien einen Namen, und das Beſiz⸗ thum wurde einfach als das von Squire Talboys bezeichnet. Vielleicht war Mr. Harcourt Talboys der lezte Mann in der Welt, auf den ſich der ſchlichte, herz⸗ liche, ländliche, altengliſche Titel eines Squire irgend anwenden ließ. Er lag weder der Jagd, noch der Land⸗ wirthſchaft ob. Er hatte niemals in ſeinem Leben eine hochrothe Nelke, oder Stulpenſtiefel getragen. Ein Südwind und ein bewölkter Himmel waren für ihn Dinge von der höchſten Gleichgültigkeit, ſo lang ſie ſeiner eigenen heikeln Bequemlichkeitsliebe nicht in den Weg traten; und um den Stand der Ge⸗ treidefelder kümmerte er ſich nur in ſofern, als da⸗ von gewiſſe Zinſen abhängig waren, welche er von den Meiereien auf ſeinem Gute bezog. Er war ein Mann von etwa fünfzig Jahren, hoch gewachſen, gerade, knochig und eckig, mit einem viereckigen, blaſſen Geſicht, hellgrauen Augen und ſpärlichem dunkeln Haare, das von einem Ohr zum andern über einen kahlen Scheitel geſtrichen war und ſomit ſeiner Phyſiognomie einige Aehnlichkeit mit der eines Dachshundes gab— eines ſcharfen, unnachgiebigen, hartköpfigen Dachſes— eines Dachſes, der ſich nicht von dem geſchickteſten Hundedieb, der jemals in ſei⸗ nem Beruf ſich auszeichnete, hätte faſſen laſſen. Niemand konnte ſich jemals erinnern, Harcourt Talboys ſeine, wie man es gewöhnlich nennt, ſchwache Seite abgewonnen zu haben. Er glich ſeinem eige⸗ nen, viereckig gebauten, mit der Front nach Norden 61 gerichteten, ungeſchüzten Hauſe. Es gab keine ſchat⸗ tigen Winkel in ſeinem Charakter, wohin man ſich des Obdachs halber vor dem ſcharfen Tageslicht hätte verkriechen können. Er war lauter Tageshelle. Er betrachtete Alles in demſelben breiten Schimmer des Sonnenlichts und wollte keine mildernden Schatten ſehen, welche die ſcharfen Umriſſe grauſamer Thaten änderten, indem ſie dieſelben der Schönheit unter⸗ ordneten. Ich weiß nicht, ob ich das, was ich meine, recht ausdrücke, wenn ich ſage, daß es in ſeinem Charakter keine Kurven gab— daß ſein Geiſt in geraden, niemals rechts oder links diver⸗ girenden Linien ſich verlief, oder dieſelben ihre un⸗ barmherzigen Winkel abrunden ließ. Recht war bei ihm Recht, und Unrecht war Unrecht. Er hatte nie⸗ mals in ſeinem mitleidsloſen, durch das Gewiſſen geregelten Leben der Vorſtellung Zutritt geſtattet, daß Umſtände die Schwärze des Unrechts mildern, oder die Kraft des Rechts ſchwächen könnten. Er hatte ſeinen einzigen Sohn verſtoßen, weil dieſer ein⸗ zige Sohn ihm ungehorſam geweſen, und war be⸗ reit, ſeine einzige Tochter aus demſelben Grunde, fünf Minuten, nachdem ihm Dergleichen zu Ohren gekommen ſein würde, zu verſtoßen. Wenn dieſer vierſchrötige, hartköpfige Mann mit einer ſolchen Schwäche, wie Eitelkeit behaftet ſein konnte, ſo war er gewiß eitel auf ſeine Härte. Er war eitel auf jene unbeugſame Geradheit ſeines Ver⸗ ſtandes, welche ihn zu dem unangenehmen Geſchöpf, das er war, machte. Er war eitel auf jene un⸗ wandelbare Halsſtarrigkeit, welche, ſoweit man wußte, daß ſich noch niemals durch eine Einwirkung der Liebe oder des Mitleids von ihrem ſchonungsloſen Vor⸗ haben hatte abbringen laſſen. Er war eitel auf die negative Stärke einer Natur, welche noch nie die Schwäche der Zuneigung, oder die Kraft, welche aus eben dieſer Schwäche ſich erzeugen mag, gekannt hatte. Wenn er Bedauern über ſeines Sohnes Heirath und über den von ihm ſelbſt veranlaßten Bruch zwi⸗ ſchen ihm und Georg gefühlt hatte, ſo war ſeine Eitelkeit mächtiger als dieſes Bedauern geweſen und hatte es ihm möglich gemacht, daſſelbe zu verbergen. In der That zweifle ich, ſo unwahrſcheinlich es auch auf den erſten Blick erſcheinen mag, daß ein Mann wie er eitel ſein konnte, nicht im Mindeſten daran, daß Eitelkeit der Centralpunkt war, von welchem alle die unangenehmen Linien in dem Charakter von Mr. Harcourt Talboys ausliefen. Ich glaube ſelbſt, Ju⸗ nius Brutus war eitel und erfreute ſich an dem Beifall des von Entſezen ergriffenen Roms, als er die Hinrichtung ſeiner Söhne befahl. Harcourt Tal⸗ boys hätte den armen Georg von ſeinen Augen weg unter die umgekehrten Faſces der Lictoren ge⸗ ſendet und an ſeinem eigenen Todesſchmerz eine grimmige Luſt empfunden. Der Himmel allein weiß, wie bitter dieſer harte Mann die Trennung zwiſchen ihm und ſeinem eigenen Sohne gefühlt haben, um wie viel ſchrecklicher die Seelenangſt durch jenen un⸗ nachgiebigen Selbſtbetrug, welcher die Marter ver⸗ barg, geworden ſein mochte. „Mein Sohn hat mir ein unverzeihliches Unrecht dadurch angethan, daß er die Tochter eines betrun⸗ kenen Bettlers heirathete,“ antwortete Mr. Talboys Jemand, der ſich unterſtanden hatte, mit ihm von or⸗ die die aus tte. ath wi⸗ ine und en. uch mnn an, alle u⸗ em er al⸗ en ge⸗ ine en um in⸗ cht n⸗ ys 63 Georg zu ſprechen,„und von dieſer Stunde an be⸗ ſaß ich nicht länger mehr einen Sohn. Ich wünſche ihm nichts Böſes. Er iſt einfach todt für mich. Es thut mir leid um ihn, wie es mir leid thut um ſeine Mutter, die vor neunzehn Jahren geſtorben iſt. Wollen Sie mit mir von ihm ſprechen, wie man von einem Todten ſpricht, ſo bin ich bereit, Sie anzuhören. Reden Sie von ihm wie von einem Lebenden, ſo muß ich Ihnen das Gehör verweigern.“ Ich glaube, Harcourt Talboys that ſich ſelbſt auf die düſtere römiſche Erhabenheit dieſer Worte Etwas zu Gute und hätte gern eine Toga getragen und ſich ſtreng in deren Falten eingehüllt, als er dem Fürſprecher für den armen Georg den Rücken kehrte. Georg machte für ſeine Perſon niemals einen Ver⸗ ſuch, ſeines Vaters Ausſpruch zu mildern. Er kannte ihn allzuwohl, um zu begreifen, daß der Fall hoff⸗ nungslos war. „Wenn ich ihm ſchreibe, wird er meinen Brief wieder in das Couvert ſchlagen, und mit meinem Namen und dem Datum ſeiner Ankunft auf der Rückſeite überſchrieben,“ ſagte der junge Mann, „und jeden Menſchen im Hauſe zum Zeugen auf⸗ rufen, daß derſelbe ihn zu keiner mildernden Er⸗ innerung, zu keinem mitleidigen Gedanken gebracht hat. Er wird bei dieſem Entſchluß bis zu ſeinem Todestag beharren. Ich glaube ſogar, wenn die Wahrheit bekannt würde, er wäre froh, daß ſein einziger Sohn ihn beleidigt und ihm Gelegenheit ge⸗ geben hätte, mit ſeinen römiſchen Tugenden Parade zu machen.“ Georg hatte ſeiner Frau dieß zur Antwort ge⸗ 64 geben, als ſie und deren Vater in ihn drangen, bei Harcourt Talboys um Beiſtand anzuſuchen. „Nein, mein Liebling,“ ſchloß er damals ſeine Rede.„Es iſt ſehr hart vielleicht, arm zu ſein, aber wir wollen es ertragen. Wir woit nicht mit kläglichen Geſichtern zu dem ſtrengen Vater gehen und ihn um Nahrung und Obdach bitten, nur um uns in langen Johnſon'ſchen Redensarten abwei⸗ ſen und zu einem klaſſiſchen Beiſpiel für die Unter⸗ haltung der Nachbarſchaft machen zu laſſen. Nein, mein hübſches Weibchen, es iſt leicht, Hunger zu lei⸗ den, aber ſchwer, ſich zu erniedrigen.“ Vielleicht war die arme Mrs. Georg nicht ſo recht von Herzen mit der erſten von dieſen beiden Behauptungen einverſtanden. Sie hatte keine ſon⸗ derliche Vorliebe für das Hungern und wimmerte kläglich, als die hübſchen Champagnerflaſchen mit den Stempeln von Cliquot und Moet auf den Stöp⸗ ſeln dem Sixpenny⸗Ale, das von der ſchlumpigen Magd aus der nächſten Bierkneipe geholt wurde, weichen mußten. Georg war genöthigt geweſen, ſeine eigene Laſt zu tragen und ſeiner Frau dabei noch unter die Arme zu greifen, welche nicht daran dachte, ihr Bedauern oder ihre getäuſchten Erwar⸗ tungen geheim zu halten. „Ich dachte, die Dragoner ſeien immer reich,“ pflegte ſie mürriſch zu ſagen.„Mädchen haben im⸗ mer das Verlangen, Dragoner zu heirathen, und Handwerksleute wünſchen immer, für Dragoner zu arbeiten, und Hotelbeſitzer, Dragoner zu Gäſten zu bekommen. Wer hätte jemals erwarten können, ein Dragoner werde Sixpenny⸗Ale trinken, abſcheulichen ger tig we Ve Lie tet die fat ver Lie den mo ſtel zen vor die nal Her der La kalt auf lige (Ad bei eine aber mit ehen um wei⸗ ter⸗ ein, lei⸗ t ſo iden ſon⸗ terte mit igen ude, eſen, abei aran var⸗ ich,“ im⸗ und r zu nzu ein chen 6 Lauſewenzel*) rauchen und ſeine Frau einen ſchäbi⸗ gen Hut tragen zu laſſen. Wenn in ſolchen Redensarten ſich ein ſelbſtfüch⸗ tiges Gefühl kund gab, ſo hatte Georg Talboys wenigſtens es niemals entdeckt. Er hatte Liebe und Vertrauen zu ſeiner Frau von der erſten bis lezten Stunde ſeines kurzen ehelichen Lebens bewahrt. Die Liebe, welche nicht blind, iſt vielleicht, recht betrach⸗ tet, nur eine unächte Gottheit: denn wenn Cupido die Binde von den Augen nimmt, ſo iſt dieß ein fatal ſicheres Anzeichen, daß er ſich anſchickt, ſeine Schwingen auszubreiten und wegzufliegen. Georg vergaß niemals die Stunde, in welcher er zuerſt von Lieutenant Maldons hübſcher Tochter bezaubert wor⸗ den war, und ſo ſehr ſie ſich auch verändert haben mochte, das Bild, welches ihn damals entzückt hatte, ſtellte ſie unverändert und wandellos in ſeinem Her⸗ zen dar. Robert Audley verließ Southampton mit einem vor Tagesanbruch abgehenden Zuge und erreichte die Station Wareham noch früh am Tage. Er nahm ein Fuhrwerk zu Wareham, um nach Grange Heath zu gelangen. Der Schnee war auf dem Boden gefroren, und der Tag hell und froſtig; jeder Gegenſtand in der Landſchaft hob ſich in ſcharfen Umriſſen gegen den kalten, blauen Horizont ab. Die Pferdehufe klapperten auf der gefrornen Straße, und die Hufeiſen ſchlugen Im Teyt: pird's eye tobacco, das Kraut von einer meh⸗ ligen Schlüſſelblume(primula farinosa) oder dem Teufelsauge (Adonis autumnale). A. d. Braddon, Laby Aubley's Geheimniß. I. 5 auf einem Boden an, der faſt ſo eiſenhart war, wie ſie ſelbſt. Der Wintertag hatte einige Aehnlichkeit mit dem Mann, zu welchem Robert ging. Wie die⸗ ſer, war er ſcharf, kalt und unnachgiebig; wie die⸗ ſer, war er unempfindlich gegen Noth und unbe⸗ zwinglich durch die mildernde Kraft des Sonnen⸗ ſcheins. Er wollte einen ſolchen nicht annehmen, außer mit ſolchen Januarſtrahlen, wie ſie wohl auf die ſchwarze, kahle Landſchaft fielen, jedoch ohne ihr ein heiteres Ausſehen zu geben; und ſo hatte er Aehnlich⸗ keit mit Harcourt Talboys, welcher jede Wahrheit von der ſtrengſten Seite auffaßte und der ungläu⸗ bigen Welt laut erkärte, daß es niemals eine an⸗ dere Seite gegeben habe, noch jemals geben könne. Robert Audley ſank das Herz, als das elende Miethfuhrwerk an einem ſtreng ausſehenden Latten⸗ zaun anhielt, und der Fuhrmann abſtieg, um ein breites Eiſengitter zu öffnen, welches mit lautem Geklirr zurückſprang und von einem großen, in den Boden geſezten Eiſenzacken eingefangen wurde, der nach der unterſten Stange des Gitters ſchnappte, als ob er ſie beißen wollte. Das Eiſengitter öffnete auf eine dürftige Pflan⸗ zung von gradgliederigen, in Reihen wachſenden Tannen, welche ihre ſtarren Winternadeln trozig dem froſti⸗ gen Winde gerade in die Zähne ſtießen. Ein ge⸗ rader, ſandbeſtreuter Fahrweg lief zwiſchen dieſen ge⸗ raden Bäumen über einen glatt gehaltenen Raſen⸗ plaz auf ein viereckiges Ziegelgebäude aus, von welchem jedes Fenſter in dem Januar⸗Sonnenſchein blinkte und ſchimmerte, als wäre es erſt dieſen Au⸗ —„———. S c(— S Sc—— 67 genblick von einer unermüdlichen Hausmagd gepuzt worden. Ich weiß nicht, ob Junius Brutus ein Plaggeiſt in ſeinem Hauſe war, aber unter ſeinen andern rö⸗ miſchen Tugenden beſaß Mr. Talboys auch einen ausnehmenden Abſcheu vor Unordnung und war der Schrecken eines jeden Dienſtboten in ſeinem Haus⸗ halt. Die Fenſter flimmerten und die ſteinerne Trep⸗ penflucht ſtrahlte in dem Sonnenlicht, die gepuzten Gartenwege waren ſo friſch mit Gries beworfen, daß ſie dem Orte ein ſand⸗ und ingwerfarbiges Ausſehen gaben, das auf unangenehme Weiſe an rothes Haar erinnerte. Der Raſen war vornehmlich mit dunkelm winterlichem Buſchwerk von leichenhaftem Anſchein geſchmückt, das auf Beeten wuchs, die wie Probleme in der Algebra ſich darſtellten, und die ſteinerne Treppenflucht führte zu der viereckigen Glasthüre der Vorhalle, welche durch dunkelgrüne Holzkübel mit den gleichen ſteifen Immergrünge⸗ wächſen verziert war. „Wenn der Mann ſeinem Hauſe gleicht,“ dachte Robert,„ſo nimmt es mich nicht Wunder, daß der arme Georg und er nicht mit einander auskamen.“ Am Ende einer magern Allee bog der Fahrweg um eine ſcharfe Ecke(auf dem Grund und Boden eines andern Menſchen hätte man ihn eine Kurve beſchreiben laſſen) und verlief vor den Parterrefen⸗ ſtern des Hauſes. Der Kutſcher ſprang vor der Treppe ab, ſtieg dieſelbe hinauf und läutete an einer mit meſſingnem Handgriff verſehenen Glocke, die mit einem zornigen 68 metalliſchen Klang wieder in ſich ſelbſt zurückfuhr, als wäre ſie durch die plebejiſche Berührung von der Hand des Mannes beſchimpft worden. Ein Diener in ſchwarzen Beinkleidern und einer geſtreiften Leinenjacke, welche augenſcheinlich friſch aus den Händen der Wäſcherin kam, öffnete die Thüre. Mr. Talboys war zu Hauſe. Der Gentleman wurde erſucht, ſeine Karte abzugeben. Robert wartete in der Vorhalle, bis ſeine Karte dem Hausherrn überbracht wurde. Die Vorhalle war groß, hoch, und mit Stein ge⸗ pflaſtert. Die Felder des eichenen Getäfels zeigten denſelben unnachſichtigen Glanz und Schliff, wie er an jedem Gegenſtand in und außerhalb dem Roth⸗ ziegelhauſe zu bemerken war. Manche Leute ſind ſo ſchwachen Geiſtes, daß ſie an Gemälden und Statuen Wohlgefallen finden. Mr. Harcourt Talboys war ein viel zu praktiſcher Mann, als daß er ſolchen närriſchen Liebhabereien ſich hingab. Ein Barometer und ein Regenſchirm⸗ ſtänder waren der einzige Schmuck ſeines Veſtibüles. Robert Audley betrachtete ſich dieſelben, während ſein Name Georgs Vater gemeldet wurde. Der Diener in der Leinenjacke kehrte ſogleich wie⸗ der zurück. Es war ein magerer, bleichſüchtiger Mann von beinahe Vierzig und ſah aus, als ob er jede Regung, welcher die Menſchheit unterthan iſt, überlebt hätte. „Wenn Sie hieher kommen wollen, Sir,“ ſagte er.„Mr. Talboys will Sie ſehen, obwohl er beim Frühſtück ſich befindet. Er forderte mich auf, zu er⸗ n te n er h⸗ n. er n n⸗ id er er ſt. te m r⸗ 69 klären, er habe ſich vorgeſtellt, Jedermann in Dor⸗ ſetſhire ſei mit ſeiner Frühſtücksſtunde bekannt. Das ſollte offenbar ein ſtolzer Vorwurf gegenüber von Mr. Robert Audley ſein. Es brachte jedoch eine ſehr geringe Wirkung auf den jungen Rechtsgelehr⸗ ten hervor. Er zog blos die Augenbrauen in die Höhe, zum Zeichen, daß er für ſich und Jedermann gelinde Verwahrung dagegen einlege. „Ich gehöre nicht nach Dorſetſhire,“ ſagte er. „Mr. Talboys hätte das ſelbſt wiſſen können, wenn er mir die Ehre angethan haben würde, ſein Denk⸗ vermögen in Ausübung zu bringen. Vorwärts, mein Freund.“ Der unbewegliche Diener ſtarrte Robert Audley mit dem gedankenloſen Blick unmäßigen Schreckens an, öffnete eine der ſchweren eichenen Thüren, wies ihn hier hinein, in einen großen Speiſeſaal, möblirt mit der ſtrengen Einfachheit eines Gemachs, worin man wohl eſſen, aber niemals wohnen kann; und am obern Ende einer Tafel, an der achtzehn Perſonen Platz gehabt hätten, erblickte Robert Mr. Harcourt Talboys. Mr. Talboys war in einen Schlafrock von grauem Tuch gekleidet, der mit einem Gürtel um die Hüfte feſtgehalten wurde. Es war ein ſtreng ausſehendes Gewand und ſtellte vielleicht die möglichſte Annähe⸗ rung an eine Toga dar, die ſich im Bereiche des modernen Koſtüms ermöglichen ließ. Er trug eine lederfarbene Weſte, eine ſteif geſtärkte Battiſthals⸗ binde und einen tadelloſen Hemdkragen. Das kalte Grau ſeines Schlafrocks war beinahe daſſelbe wie das kalte Grau ſeiner Augen, und das Blaßlederne 70 ſeiner Weſte daſſelbe wie das Blaßlederne ſeiner Geſichtsfarbe. Robert Audley hatte nicht erwartet, in Manieren und Sinnesart eine Aehnlichkeit zwiſchen Harcourt Talboys und Georg zu finden, aber wenigſtens da⸗ rauf gerechnet, einige Familienähnlichkeit zwiſchen Vater und Sohn zu finden. Aber es verhielt ſich nicht ſo. Es wäre nicht möglich geweſen, ſich eine Perſon vorzuſtellen, die Georg weniger gleichgeſehen hätte, als der Urheber ſeines Daſeins. Robert wun⸗ derte ſich alſo kaum noch über den grauſamen Brief, den er von Mr. Talboys empfangen hatte, ſeitdem er den Schreiber davon erblickte. Ein ſolcher Mann wäre kaum im Stande geweſen, anders zu ſchreiben. Es befand ſich eine zweite Perſon in dem großen Gemache, auf welche Robert einen Blick warf, nach⸗ dem er Harcourt Talboys begrüßt hatte, zweifelhaft, was er zunächſt weiter thun ſollte. Dieſe zweite Perſon war eine Dame, welche zu unterſt an einer Reihe von vier Fenſtern ſaß, beſchäftigt mit einer Nadelarbeit von der Art, die man gewöhnlich Weiß⸗ nähen nennt, und ein großer Weidenkorb, mit Kaliko und Flanell angefüllt, ſtand neben ihr. Die ganze Länge des Zimmers ſchied dieſe Dame von Robert, aber er konnte doch bemerken, daß ſie jung war und daß ſie Georg Talboys gleich ſah. „Seine Schweſter!“ dachte er in dieſem einen Augenblick, da er es wagte, ſeinen Blick von dem Herrn des Hauſes hinweg nach der weiblichen Ge⸗ ſtalt am Fenſter zu wenden.„Seine Schweſter, ohne Zweifel. Er liebte ſie ſehr, das weiß ich. Si⸗ cherlich iſt ihr ſein Schickſal nicht ganz gleichgültig.“ e—————— — ——— en m e⸗ er, Die Dame erhob ſich halb von ihrem Siz, ließ aber dabei ihre Arbeit, welche groß von Umfang und plumper Art war, von ihrem Schooße gleiten. Zu gleicher Zeit fiel auch eine Spule Baumwollenfaden herab und rollte auf dem gewichsten eichenen Fuß⸗ boden über den Rand des türkiſchen Teppichs hinweg. „Setz' Dich, Klara,“ ließ ſich die harte Stimme von Mr. Talboys vernehmen. Es hatte nicht den Anſchein, als ob der Gentle⸗ man ſeine Tochter damit meine; auch hatte er, da ſie aufſtand, ſein Geſicht gar nicht nach ihr gerichtet. Es war, als ob er durch einen, ihm eigenthümlichen ſocialen Magnetismus davon Kenntniß erhalten; es war, als ob er, wie ſeine Diener reſpectswidrig zu bemerken geneigt waren, an der Hinterſeite des Kopfes Augen hätte. „Setz' Dich, Klara,“ wiederholte er,„und be⸗ wahre Deinen Baumwollenfaden in Deinem Arbeits⸗ käſtchen.“ Die Dame erröthete bei dieſem Vorwurf und bückte ſich, um nach dem Fadenröllchen zu ſehen. Mr. Robert Audley, der ſich durch die geſtrenge Gegenwart des Hausherrn nicht hatte irre machen laſſen, kniete auf dem Teppiche nieder, fand das Röllchen und gab es der Eigenthümerin zurück. Harcourt Talboys betrachtete dieſes Thun mit einem Ausdruck höchſten Erſtaunens. „Vielleicht, Mr.—— Mr. Robert Audley!“ ſagte er endlich mit einem Blick auf die Karte, welche er zwiſchen Daumen und Zeigefinger hielt,„vielleicht, wenn Sie damit fertig ſind, nach Fadenröllchen zu ſehen, werden Sie die Güte haben, mir zu ſagen, 72 welchem Umſtand ich die Ehre dieſes Beſuches ver⸗ danke?“ Er gab ſeiner wohlgeformten Hand eine leichte Bewegung, mit einer Geberde, welche man an dem ſtolzen John Kemble bewundert hätte; und der Diener, welcher die Geberde verſtand, ſchob einen ſhr mit rothem Maroquin überzogenen Seſſel herbei. Das Verfahren ging ſo langſam und feierlich vor ſich, daß Robert zuerſt auf den Gedanken kam, es werde etwas Außerordentliches geſchehen; aber endlich ging ihm über die Sache ein Licht auf und er ließ ſich in den maſſiven Seſſel fallen. „Du magſt bleiben, Wilſon,“ ſagte Mr. Talboys, als der Diener im Begriff war, ſich zurückzuziehen; „Mr. Audley trinkt vielleicht eine Taſſe Kaffee.“ Robert hatte den Morgen noch nichts genoſſen, aber er blickte auf die weite Fläche des traurigen Tafeltuchs, das ſilberne Thee⸗ und Kaffeezeug, den ſteifen Glanz und die ſehr wenig verheißende ſub⸗ ſtantielle Bewirthung und lehnte Mr. Talboys' Ein⸗ ladung ab. „Mr. Audley will keinen Kaffee, Wilſon,“ ſprach der Hausherr.„Du kannſt gehen.“ Der Diener machte einen Bückling und zog ſich zurück, indem er die Thüre ſo vorſichtig öffnete und ſchloß, als ob er ſich mit einem ſolchen Thun eine wahre Freiheit herausnähme, oder als ob der Mr. Talboys ſchuldige Reſpect es verlangte, daß er gleich einem Geiſt in einer deutſchen Geſchichte gerade durch die eichene Vertäfelung hindurchginge. Mr. Harcourt Talboys ſaß, die grauen Augen chte em der nen ſſel lich am, ber und y8, en; ſen, gen den ub⸗ in⸗ ach ſich ind ine Nr. ich rch ſtreng auf den Beſuch geheftet, die Elbogen auf die Arme ſeines Rothmaroquin⸗Seſſels geſtüzt und die Finger geſpizt, da. Es war die Haltung, in welcher er, wäre er Junius Brutus geweſen, ſich über ſeine Söhne zu Gericht geſezt hätte. Wäre Robert Audley leicht in Verlegenheit zu bringen ge⸗ weſen, Mr. Talboys hätte es vielleicht dahin gebracht, ein ſolches Gefühl in ihm zu erregen; da derſelbe aber, ſeine Cigarre anzündend, mit vollkommener Ruhe auf einem offenen Pulverfaß Plaz genommen hatte, ſo ließ er ſich auch bei dieſer Gelegenheit nicht im Mindeſten außer Faſſung bringen. Des Vaters Würde kam ihm als etwas höchſt Geringfügiges vor, wenn er an die möglichen Urſachen von ſeines Soh⸗ nes Verſchwinden dachte. „Ich habe vor einiger Zeit an Sie geſchrieben, Mr. Talboys,“ ſagte er ruhig, als er ſah, daß man von ihm erwartete, er werde die Unterhaltung er⸗ öffnen. Harcourt Talboys verbeugte ſich. Er wußte, daß Robert gekommen war, um mit ihm von ſeinem verlorenen Sohn zu ſprechen. Der Himmel gebe, daß dieſer eiſige Stoicismus eher die armſelige Affec⸗ tation eines eiteln Mannes, als vollendete Herz⸗ loſigkeit war, wie Robert ſie ſich vorſtellte. Er verbeugte ſich über ſeine Fingerſpizen hinweg gegen den Beſucher. Das Gerichtsverfahren hatte begonnen und Junius Brutus überließ ſich ſeiner Luſt. „Ich habe Ihre Mittheilung empfangen, Mr. Audley,“ ſagte er.„Sie iſt unter andern Geſchäfts⸗ briefen angemerkt und wurde pflichtſchuldig beant⸗ wortet.“ 74 „Der Brief betraf Ihren Sohn.“ Es ließ ſich ein kleines Rauſchen an dem Fenſter, wo die Dame ſaß, vernehmen, als Robert dieſe Worte ausſprach; er ſchaute beinahe in demſelben Augen⸗ blick nach ihr um, aber ſie ſchien ſich nicht von der Stelle gerührt zu haben. Sie arbeitete nicht, blieb aber vollkommen ruhig. „Sie iſt ſo herzlos wie ihr Vater, ſcheint mir, obwohl ſie Georg gleich ſieht,“ dachte Mr. Audley. „Ihr Brief betraf die Perſon, welche einſt mein Sohn ſein mochte, Sir,“ antwortete Harcourt Tal⸗ boys.„Ich muß Sie bitten, ſich daran zu erinnern, daß ich keinen Sohn mehr habe.“ „Sie haben keinen Grund, mich daran zu er⸗ innern, Mr. Talboys,“ antwortete Robert ernſt;„ich gedenke deſſen nur zu wohl. Ich habe jedoch einen ſehr traurigen Grund, anzunehmen, daß Sie aller⸗ dings keinen Sohn mehr haben; bittere Urſache, zu denken, daß er todt iſt.“ Es mag ſein, daß Mr. Talboys lederne Geſichts⸗ farbe bei dieſen Worten Roberts eine etwas bläſſere Schattirung annahm; er hob jedoch nur ſeine borſti⸗ gen Augenbrauen ein wenig und ſchüttelte gelaſſen den Kopf. „Nein,“ ſagte er,„nein, ich verſichere Sie.“ „Ich glaube, daß Georg Talboys im Monat September geſtorben iſt.“ Das Mädchen, welches als Klara angeredet wor⸗ den war, ſaß noch immer da, ihre Arbeit ſauber auf dem Schooße zuſammengelegt und die Hände über der Arbeit gefaltet, und rührte ſich nicht, als Robert von ſeines Freundes Tod ſprach. Er konnte ihr ein ber the gri mi die ley Dr nie häl mi ein die ſo klu un zuk lich Ta Fr ſter, orte gen⸗ der lieb mir, ley. nein Lal⸗ ern, er⸗ „ich nen ler⸗ zu t⸗ ſere ſti⸗ ſſen nat or⸗ auf ber ert Geſicht nicht deutlich ſehen, denn ſie ſaß in einiger Entfernung von ihm und mit dem Rücken gegen das Fenſter gewendet. „Nein, nein, ich verſichere Sie,“ wiederholte Mr. Talboys;„Sie geben ſich einem kläglichen Irrthum hin.“ „Sie denken, ich irre mich in dem Glauben, daß Ihr Sohn todt ſei?“ fragte Robert. „Ganz gewiß,“ erwiederte Mr. Talboys, mit einem Lächeln, welches zum Ausdruck heiterer Le⸗ bensweisheit dienen ſollte.„Ganz gewiß, mein wer⸗ ther Sir. Das Verſchwinden war ein ſchlauer Kunſt⸗ griff, ohne Zweifel, aber nicht geſcheidt genug, um mich zu täuſchen. Sie müſſen mir zugeben, daß ich die Sache etwas beſſer verſtehe, als Sie, Mr. Aud⸗ ley; Sie müſſen mir desgleichen geſtatten, Ihnen Dreierlei zu verſichern. Für's Erſte, daß Ihr Freund nicht todt iſt. Für's Zweite, daß er ſich verborgen hält, in der Abſicht, mich in Unruhe zu verſezen oder mit meinen Gefühlen, als denen eines Mannes, der einſt ſein Vater war, zu ſpielen, und ſchließlich meine Vergebung zu erlangen. Für's Dritte wird er aber dieſe Vergebung nicht erlangen, und mag er ſich noch ſo lang verborgen halten; und er würde deßhalb klug daran thun, zu ſeinem gewöhnlichen Wohnort und ſeinen ſonſtigen Geſchäften ohne Verzug zurück⸗ zukehren.“ „Sie bilden ſich alſo ein, er verſtecke ſich abſicht⸗ lich vor allen ſeinen Bekannten, zu dem Zwecke——7“ „Zu dem Zwecke, auf mich zu wirken,“ rief Mr. Talboys, der, auf ſeine eigene Eitelkeit fußend, jedes Freigniß im Leben von dieſem einzigen Centralpunkte aus verfolgte und entſchieden ſich weigerte, es von einer anderen Seite aus zu betrachten.„Zu dem Zwecke, auf mich zu wirken. Er wußte von der Un⸗ beugſamkeit meines Charakters; er kannte mich bis zu einem gewiſſen Grade und war überzeugt, daß alle die gewöhnlichen Verſuche, meinen Entſchluß zu mildern, oder mich von dem beſtimmten Ziel meines, Lebens abzubringen, fehlſchlagen würden. Er pro⸗ birte es deßhalb mit außerordentlichen Mitteln; er hat ſich auf die Seite gemacht, um mich in Unruhe zu verſetzen; und wird, wenn er nach gehöriger Zeit ent⸗ deckt, daß dies nicht geſchehen iſt, an ſeinen alten Aufenthaltsort zurückkehren. Wenn er alſo thut,“ ſezte Mr. Talboys, ſich zur Erhabenheit ſteigernd, hinzu,„will ich ihm vergeben. Ja, Sir, ich will ihm vergeben. Ich werde ihm ſagen: Du haſt mich zu täuſchen verſucht, und ich habe Dir gezeigt, daß ich nicht zu täuſchen bin; Du haſt mich zu erſchrecken verſucht, und ich habe Dich überzeugt, daß ich nicht zu erſchrecken bin; Du glaubteſt nicht an meinen Edelmuth; ich will Dir beweiſen, daß ich edelmü⸗ thig bin.“ Harcourt Talboys gab dieſe ſtolzen Säze in ſtu⸗ dirter Weiſe von ſich, woraus ſich erkennen ließ, daß ſie ſchon lang ſorgfältig dazu hergerichtet waren. Robert Audley ſeufzte, da er dieſelben vernahm. „Der Himmel gebe, daß Sie noch Gelegenheit haben, dieß Ihrem Sohn ſelbſt zu ſagen, Sir!“ antwortete er traurig.„Es freut mich ſehr, zu finden, daß Sie ihm zu vergeben geneigt ſind, aber ich fürchte, Sie werden ihn nie mehr auf dieſer Erde ſehen. Ich habe Ihnen ſehr viel zu ſagen über dieſ möe eine Geg 0 es Alle Kla jeſté bert wen gar das wäl Taſ cum ſchn ſpri das pein ther Viel dieſ gan chur ſtoß ſolle geli von dem Un⸗ bis daß ß zu eines pro⸗ er nruhe tent⸗ alten hut,“ ernd, will t mich daß recken nicht einen elmü⸗ nſtu⸗ ließ, aren. ahm. enheit Sir!“ 3zu aber Erde über dieſen traurigen Gegenſtand, Mr. Talboys; aber ich möchte es Ihnen lieber allein ſagen,“ ſezte er mit einem Blick auf die Dame am Fenſter hinzu. „Meine Tochter kennt meine Ideen über dieſen Gegenſtand, Mr. Audley,“ ſagte Harcourt Talboys; „es iſt kein Grund vorhanden, warum dieſelbe nicht Alles, was Sie zu ſagen haben, hören ſollte. Miß Klara Talboys, Mr. Robert Audley,“ fügte er, ma⸗ jeſtätiſch ſeine Hand wiegend, bei. Die junge Dame neigte das Haupt, um Ro⸗ berts Verbeugung zu erwiedern. „Mag ſie es hören,“ dachte er.„Hat ſie ſo wenig Gefühl, daß ſie bei einem ſolchen Gegenſtand gar keine Bewegung zu erkennen gibt, ſo mag ſie das Schlimmſte hören, was ich zu ſagen habe.“ Es erfolgte eine Pauſe von einigen Minuten, während welcher Robert einige Papiere aus ſeiner Taſche nahm; unter denſelben befand ſich das Do⸗ cument, welches er unmittelbar nach Georgs Ver⸗ ſchwinden aufgenommen hatte. „Ich muß Ihre ganze Aufmerkſamkeit in An⸗ ſpruch nehmen, Mr. Talboys,“ ſprach er,„denn das, was ich Ihnen zu enthüllen habe, iſt ſehr peinlicher Natur. Ihr Sohn war mir ein ſehr theurer Freund— theuer mir aus vielen Gründen. Vielleicht der theuerſte von allen, weil ich in all dieſem unruhigen Leben ihn gekannt und ſeines Um⸗ gangs mich erfreut hatte; und weil er verglei⸗ chungsweiſe allein in der Welt daſtand— ver⸗ ſtoßen von Ihnen, der ſein beſter Freund hätte ſein ſollen, beraubt der einzigen Frau, die er jemals geliebt hatte.“ 78 „Der Tochter eines trunkſüchtigen Bettlers,“ be⸗ merkte Mr. Talboys in Parentheſe. „Wäre er in ſeinem Bette geſtorben, wie ich manchmal befürchtete,“ fuhr Robert Audley fort,„an gebrochenem Herzen, ich hätte ihn ſehr aufrichtig betrauert, ſelbſt wenn ich mit meiner eigenen Hand ihm die Augen geſchloſſen und ihn an ſeine lezte Ruheſtätte hätte bringen ſehen. Ich hätte für mei⸗ nen alten Schulkameraden Leid getragen, und für den Gefährten, der mir theuer war. Aber dieſes Leid wäre ein kleines geweſen im Vergleich zu dem, das ich jezt empfinde, da ich glauben muß, und ſicher glaube, daß mein armer Freund ermordet wor⸗ den iſt.“ „Ermordet!“ Vater und Tochter wiederholten gleichzeitig dieſes ſchreckliche Wort. Des Vaters Angeſicht bedeckte ſich mit einer geiſterhaften Bläſſe; die Tochter verbarg ihr Antliz in den gefalteten Händen und erhob es nicht wieder, ſo lang die Unterredung noch dauerte. „Mr. Audley, Sie ſind wahnſinnig!“ rief Har⸗ court Talboys;„Sie ſind wahnſinnig, oder ſonſt von Ihrem Freunde beauftragt, mit meinen Empfindun⸗ gen zu ſpielen. Ich proteſtire gegen dieſes Ver⸗ fahren als eine Verſchwörung, und ich— ich nehme meine beabſichtigte Vergebung gegenüber von der Perſon, die einſt mein Sohn war, zurück.“ Er war wieder ganz er ſelbſt, als er ſo ſprach. Der Schlag war hart, aber ſeine Wirkung nur mo⸗ mentan geweſen. „Ich bin weit entfernt, Sie unnöthig zu beun⸗ ruhigen, Sir,“ antwortete Robert.„Der Himmel bet ich bei die kla S gri the unt mit feh for cou ſpr les, nac lezt mit ſein von Det von Stu von trag ſeltf mer be⸗ ich „an chtig Hand lezte mei⸗ für ieſes dem, ſicher wor⸗ ieſes e ſich barg b es nerte. Har⸗ t von ndun⸗ Ver⸗ ehme der prach. rmo⸗ beun⸗ mmel gebe, daß Sie Recht haben, und ich Unrecht. Ich bete darum, aber ich kann es mir nicht denken— ich kann es nicht einmal hoffen. Ich komme, um bei Ihnen mich Raths zu erholen. Ich will Ihnen die Umſtände, welche meinen Verdacht erregt haben, klar und leidenſchaftslos auseinanderſezen. Wenn Sie erklären, dieſer Verdacht iſt thöricht und unbe⸗ gründet, ſo bin ich bereit, mich Ihrem beſſern Ur⸗ theil zu unterwerfen. Ich will England verlaſſen und meine Nachforſchungen nach dem Beweiſe, der mir— zur Beſtätigung meiner Beſorgniſſe noch fehlt, aufgeben. Sagen Sie, fahre fort, ſo will ich fortfahren.“ Nichts konnte für die Eitelkeit von Mr. Har⸗ court Talboys ſchmeichelhafter ſein, als dieſe An⸗ ſprache. Er erklärte ſeine Bereitwilligkeit, auf Al⸗ les, was Robert zu ſagen hätte, zu hören und ihm nach ſeinen beſten Kräften Beiſtand zu leiſten. Er legte einen beſondern Nachdruck auf dieſe lezte Verſicherung, indem er den Werth ſeines Raths mit einer Affectation, die ebenſo augenfällig, wie ſeine Eitelkeit war, in Frage ſteilte. Robert Audley zog ſeinen Stuhl näher zu dem von Mr. Talboys und begann eine bis ins kleinſte Detail gehende Erzählung von Allem, was mit Georg von der Zeit ſeiner Ankunft in England bis zu der Stunde ſeines Verſchwindens geſchehen war, ſo wie von dem, was ſeit ſeinem Verſchwinden ſich zuge⸗ tragen hatte und in irgend einer Weiſe auf dieſen ſeltſamen Gegenſtand einigen Bezug hatte. Harcourt Talboys hörte mit einer geſuchten Auf⸗ merkſamkeit zu und unterbrach nur dann und wann 80 den Sprecher, um eine ſchulmeiſterliche Frage einzu⸗ werfen. Klara Talboys hob niemals ihr Geſicht von den zuſammengepreßten Händen empor. Der Zeiger der Uhr deutete auf eilf und ein Viertel Uhr, als Robert ſeine Geſchichte begann. Die Uhr ſchlug zwölf, als er zu Ende war. Er hatte ſorgfältig die Namen von ſeinem Oheim und deſſen Gattin bei Erwähnung der Um⸗ ſtände, an welchen ſie betheiligt waren, verſchwiegen. „Und nun, Sir,“ ſezte er am Ende ſeiner Ge⸗ ſchichte bei,„erwarte ich Ihre Entſcheidung. Sie haben die Gründe gehört, welche mich auf dieſen ſchrecklichen Schluß bringen. Von welcher Art iſt die Wirkung, welche dieſe Gründe auf Sie hervor⸗ bringen?“ „Sie bringen mich von meiner frühern Mei⸗ nung durchaus nicht ab,“ antwortete Mr. Harcourt Talboys mit dem unvernünftigen Stolz eines hals⸗ ſtarrigen Mannes.„Ich denke immer noch, wie bisher, daß mein Sohn am Leben iſt, und daß ſein Verſchwinden zu einer Verſchwörung gegen mich gehört. Ich bin nicht geneigt, das Opfer dieſer Verſchwörung zu werden.“ „Und Sie fordern mich alſo auf, einzuhalten?“ fragte Robert feierlich. „Ich ſage Ihnen nur das: Fahren Sie fort, ſo thun Sie das zu Ihrer eigenen Genugthuung, nicht zu der meinigen. Ich ſehe in dem, was Sie mir erzählt haben, keinen Grund, mich wegen des Wohlbefindens von— Ihrem Freunde zu beun⸗ ruhigen.“ ſie lar Di der we we als um nzu⸗ den ein ann. inem Um⸗ egen. Ge⸗ Sie ieen t iſt rvor⸗ Mei⸗ court hals⸗ wie daß mich dieſer ten?“ fort, uung, Sie n des beun⸗ „So ſei es denn!“ rief Robert plözlich.„Von dieſem Augenblick an waſche ich, was dieſe Sache betrifft, meine Hände. Von dieſem Augenblick an der Zweck meines Lebens ſein, ſie zu ver⸗ geſſen.“ Mit dieſen Worten erhob er ſich und nahm ſei⸗ nen Hut von dem Tiſche, auf welchen er ihn ge⸗ ſtellt hatte. Er blickte auf Klara Talboys. Ihre Haltung war nicht verändert, ſeitdem ſie das Geſicht in den Händen verborgen hatte. „Guten Morgen, Mr. Talboys,“ ſprach er ernſt. „Gott gebe, daß Sie Recht haben. Gott gebe, daß ich im Unrecht bin. Aber ich fürchte, es wird ein Tag kommen, wo Sie Grund genug haben, Ihre Apathie bezüglich des frühzeitigen Todes von Ihrem einzigen Sohn zu bereuen.“ Er verbeugte ſich ernſt gegen Mr. Harcourt Talboys und die Dame, deren Geſicht von ihren Händen bedeckt war. Er zögerte einen Augenblick, indem er auf Miß Talboys ſah, in der Meinung, ſie würde aufſchauen, ſie würde ihm ein Zeichen machen, oder ein Ver⸗ langen bezeugen, ihn aufzuhalten. Mr. Talboys klingelte nach dem regungsloſen Diener; und dieſer geleitete Robert zu der Thüre der Vorhalle mit einer Feierlichkeit der Manieren, welche vollkommen an ihrem Ort geweſen wäre, wenn er ihn zum Richtplaz zu führen gehabt hätte. „Sie iſt wie ihr Vater,“ dachte Mr. Audley als er zum lezten Mal nach dem geſenkten Kopfe umſchaute.„Armer Georg, Du haſt wohl eines Brahdon, Laby Aubley's Geheimniß. I. 82 einzigen Freundes in dieſer Welt bedurft, da ihrer ſo wenige geweſen ſind, die Dich liebten.“ Sechstes Capitel. Rlara. Robert Audley fand den Kutſcher auf dem Bock ſeines träge ſich hinſchleppenden Fuhrwerks einge⸗ ſchlafen. Er war mit einem Bier von ſo harter Natur bewirthet worden, daß es den kühnen Trinker davon mit einer zeitweiligen Erſtickung bedrohte, und daß derſelbe recht froh war, als ſeine Fracht zurückkehrte. Der alte Schimmel, welcher aus⸗ ſah, als ob er in dem Jahr, wo man das Fuhr⸗ werk gebaut hatte, geworfen worden wäre, und gleich dem Fuhrwerk die Mode überlebt zu haben ſchien, war ebenſo feſt eingeſchlafen, wie ſein Herr und er⸗ wachte plözlich, als Robert die ſteinerne Treppen⸗ flucht herabſtieg, begleitet von dem Nachrichter, wel⸗ cher reſpectvoll wartete, bis Mr. Audley wieder eingeſeſſen war und abfuhr. Das Pferd, welches durch einen Hieb von des Kutſchers Peitſche und einen Ruck an dem elenden Leitſeil in Bewegung geſezt wurde, kroch in einem halbſomnambülen Zuſtande hinweg, und Robert dachte, den Hut tief über die Augen hereingezogen, an ſeinen vermißten Freund. Er hatte in dieſem ſteifen Garten und unter dieſen traurigen Tannen vor Jahren geſpielt, viel hrer Bock nge⸗ rter inker ohte, acht aus⸗ uhr⸗ leich hien, er⸗ pen⸗ wel⸗ ieder des nden inem bert gen, unter viel⸗ 83 leicht geſpielt— wenn es für den fröhlichſten Jun⸗ gen möglich war, im Bereich von Mr. Harcourt Talboys' harten grauen Augen zu ſpielen. Er hatte unter dieſen dunkeln Tannen vielleicht mit der Schwe⸗ ſter geſpielt, welche heute die Kunde von ſeinem harten Schickſal ohne eine Thräne vernahm. Ro⸗ bert Audley betrachtete die ſtarre Sauberkeit dieſer regelrecht gehaltenen Grundſtücke und fragte ſich ſelbſt, wie es möglich geweſen, daß Georg zu einem ſo offenherzigen, edelmüthigen, ſorgloſen Freund, als welchen er ihn gekannt hatte, herangewachſen war. Wie kam es, daß er, mit ſeinem Vater beſtändig vor Augen, nicht nach des Vaters unangenehmem Vor⸗ bild zu einem Quälgeiſt für ſeine Kameraden ge⸗ worden war? Wie kam es? Weil es ein Weſen gibt, höher als unſere Eltern, denen wir für die Seelen, die uns groß oder klein machen, zu danken haben; und weil, während Familiennaſe und Fa⸗ milienkinn in ordentlicher Reihenfolge vom Vater auf den Sohn, vom Ahn auf den Enkel ſich vererbt, wie die Form und Facon der verwelkenden Blumen des einen Jahrs in den Blüthenknospen des näch⸗ ſten ſich reproducirt, der Geiſt, noch ſubtiler als der Wind, welcher unter dieſe Blumen bläst, unabhän⸗ gig von allen irdiſchen Regeln, keine Ordnung als das harmoniſche Geſez Gottes anerkennt. „Gott ſei Dank!“ dachte Robert Audley,„Gott ſei Dank! Es iſt vorüber. Mein armer Freund muß in ſeinem unbekannten Grabe ruhen; und ich bin nicht dazu auserſehen, Schmach über diejenigen zu bringen, die ich liebe. Sie wird vielleicht früher oder ſpäter kommen, aber ſie kommt doch nicht 84 durch mich. Die Kriſis iſt vorüber, und ich bin Lei Er fühlte ſich bei dieſem Gedanken unausſprech⸗ lich erleichtert. Seine edelherzige Natur empörte ſich gegen das Amt, zu dem er ſich herbeigezogen fand— das Amt eines Spions, des Einſammlers verdammlicher Thatſachen, welche zu ſchrecklichen Schlußfolgen führten. Er holte tief Athem:— es war ein Seufzer des Troſtes über ſeine Erlöſung. Das Cabriolet kroch aus dem Gitterthore vor der Baumpflanzung, während er ſich dieſem Gedan⸗ ken hingab, und er richtete ſich in dem Fuhrwerk noch einmal auf, um nach den traurigen Tannen, den Sandwegen, dem glatten Graſe und nach dem großen, öde ausſehenden Ziegelhauſe zurückzublicken. Er prallte jedoch hei dem Erſcheinen einer Frau zurück, welche auf dem Fahrweg, den er eben her⸗ kam, ſich in raſchem Laufe, ja beinahe Fluge vor⸗ wärts bewegte und in der aufgehobenen Hand ein Taſchentuch ſchwenkte. „Will das fliegende Weibsbild Etwas von mir?“ rief er endlich.„Du wirſt vielleicht beſſer daran thun, zu halten,“ ſezte er zu dem Kutſcher gewendet hinzu.„Es iſt ein Zeitalter der Excentricität, eine abnorme Epoche der Weltgeſchichte. Sie will viel⸗ leicht Etwas von mir. Sehr wahrſcheinlich habe ich mein Taſchentuch zurückgelaſſen und Mr. Talboys ſendet mir dieſe Perſon damit nach. Vielleicht thäte ich beſſer daran, auszuſteigen und ihr entgegenzu⸗ gehen. Es iſt artig, daß man mir mein Taſchen⸗ tuch ſendet.“ und ent bis tren boy eine Sie Geſi abe Ath keit Gef über ner kein hellt hellt ihre wie ſie hielt Sie bin ech⸗ örte gen lers hen fzer vor an⸗ er en, em rau er⸗ or⸗ ein an det ine el⸗ ich ys äte zu⸗ en⸗ 85 Robert Audley ſtieg bedächtig aus dem Cabriolet und ſchritt langſam der beeilten weiblichen Geſtalt entgegen, welche raſch in ſeine Nähe gelangte. Er war ziemlich kurzſichtig, und nicht eher, als bis nur noch wenige Schritte ihn von derſelben trennten, ſah er, wer ſie war. „Gott im Himmel!“ rief er,„es iſt Miß Tal⸗ boys!“ Es war Miß Talboys, erhizt und athemlos, mit einem wollenen Shawl über dem Kopfe. Robert Audley ſah jezt ihr Geſicht zum erſten Mal deutlich, und erkannte, daß ſie ſehr hübſch war. Sie hatte braune Augen, wie Georg, eine blaſſe Geſichtsfarbe(ſie war roth, als ſie ſich ihm näherte, aber dieſe Röthe verſchwand wieder, als ſie zu Athem kam), regelmäßige Züge und eine Beweglich⸗ keit des Ausdrucks, welche von jedem Wechſel des Gefühls Bericht gab. Er ſah dies Alles in einigen Momenten und verwunderte ſich nur um ſo mehr über den Stoicismus ihres Benehmens während ſei⸗ ner Unterredung mit Mr. Talboys. Es ſtanden keine Thränen in ihren Augen, aber ſie waren er⸗ hellt von einem fieberiſchen Glanze— ſchrecklich er⸗ hellt und trocken— und er konnte bemerken, daß ihre Lippen zitterten, während ſie mit ihm redete. „Miß Talboys,“ ſagte er,„was kann ich?— wie—“ Sie fiel ihm jedoch ſogleich in die Rede, indem ſie ihn mit ihrer freien Hand— mit der andern hielt ſie ihren Shawl— am Fauſtgelenke ergriff. „O, laſſen Sie mich ſprechen,“ rief ſie,„laſſen Sie mich ſprechen, ſonſt werde ich wahnſinnig. Ich 86 habe Alles gehört. Ich glaube, was Sie glauben; und ich werde wahnſinnig, wenn ich nicht Etwas zu thun vermag— Etwas, um ſeinen Tod zu rächen.“ Einige Augenblicke war Robert allzu beſtürzt, um eine Antwort zu geben. Eher hätte er ſich Al⸗ les auf Erden möglich gedacht, als ſie ſo zu finden. „Nehmen Sie meinen Arm, Miß Talboys,“ ſagte er.„Bitte, beruhigen Sie ſich. Laſſen Sie uns ein wenig rückwärts zum Hauſe gehen und gelaſſen ſprechen. Ich würde nicht ſo geſprochen haben, wie es vorhin von mir geſchah, wenn ich gewußt hätte——“ „Wenn Sie gewußt hätten, daß ich meinen Bru⸗ der liebe,“ erwiederte ſie raſch.„Wie konnten Sie wiſſen, daß ich ihn liebte? Wie konnte Jemand denken, daß ich ihn liebte, wenn ich niemals die Macht hatte, ihm ein Willkommen unter dieſem Dache oder ein freundliches Wort von ſeinem Vater zu ge⸗ winnen? Wie durfte ich es wagen, meine Liebe zu ihm in dieſem Hauſe an den Tag zu legen, wenn ich wußte, daß ſelbſt die Zuneigung einer Schweſter ihm zum Nachtheil ausſchlagen würde? Sie kennen meinen Vater nicht, Mr. Audley. Ich kenne ihn. Ich wußte, daß ſich Georgs anzunehmen, ſo viel hieße, als ſeine Sache zu vernichten. Ich er⸗ kannte die Nothwendigkeit, das Ganze meinem Vater zu überlaſſen und der Zeit zu vertrauen, weil mir ſo allein die Hoffnung blieb, möglicher Weiſe den lieben Bruder wieder zu ſehen. Und ich wartete — wartete geduldig, immer das Beſte hoffend; denn ich wußte, daß mein Vater ſeinen einzigen Sohn en; vas zu rzt, Al⸗ en. 8, und chen ich ru⸗ Sie and die ache ge⸗ iebe gen, iner de? Ich nen, er⸗ ater mir den tete enn ohn 87 liebte. Ich ſehe Ihr verächtliches Lächeln, Mr. Audley, und für einen Fremden iſt es ſchwer, zu glauben, daß unter ſeinem affectirten Stoicismus mein Vater einen gewiſſen Grad von Zuneigung zu ſeinen Kin⸗ dern verbirgt— allerdings eine vielleicht nicht ſehr warme Anhänglichkeit, denn er hat immerdar ſein Leben nach dem ſtrengen Geſez der Pflicht geregelt. — Halt,“ ſezte ſie plötzlich hinzu, indem ſie ihre Hand auf ſeinen Arm legte und durch die gerade Tannenallee rückwärts ſchaute—„ich bin an der Hinterſeite aus dem Hauſe gelaufen. Papa darf nicht ſehen, daß ich mit Ihnen rede, Mr. Audley, und darf auch das Cabriolet vor dem Gitterthor nicht entdecken. Wollen Sie auf die Landſtraße ge⸗ hen und dem Kutſcher befehlen, ein Stück weit hin⸗ wegzufahren? Ich komme aus der Anlage ein wenig weiter hin durch ein Seitenpförtchen und treffe Sie auf der Straße.“ „Aber Sie werden ſich erkälten, Miß Talboys,“ entgegnete Robert, indem er ſie ängſtlich betrachtete, denn er ſah, daß ſie zitterte.„Sie ſchauern jezt ſchon.“ „Nicht vor Kälte,“ antwortete ſie.„Ich denke an meinen Bruder Georg. Wenn Sie einiges Mit⸗ leid für die einzige Schweſter Ihres verlorenen Freun⸗ des haben, ſo thun Sie, um was ich Sie bitte, Mr. Audley. Ich muß mit Ihnen ſprechen— ich muß mit Ihnen ſprechen— ruhig, wenn ich kann.“ Sie fuhr mit ihrer Hand nach dem Kopfe, als ob ſie ihre Gedanken zu ſammeln verſuchte, und deutete dann nach dem Gitterthore. Robert verbeugte ſich, und verließ ſie. Er gebot dem Kutſcher lang⸗ 88 ſam nach dem Bahnhof weiter zu fahren, und mar⸗ ſchirte an dem theerangeſtrichenen Zaun hin, welcher Mr. Talboys' Ländereien umgab. Ein paar hundert Schritte von der Hauptein⸗ fahrt gelangte er an ein kleines Holzgitter in dem Zaun und wartete hier auf Miß Talboys. Sie geſellte ſich in Kurzem wiever zu ihm, noch immer den Shawl über den Kopf und die Augen hell leuchtend und thränenlos. „Wollen Sie mit mir in die Anlage hereintre⸗ ten,“ ſagte ſie.„Man könnte uns auf der Land⸗ ſtraße bemerken.“ Er verbeugte ſich, trat durch das Gitter und ſchloß es hinter ſich. Als ſie ſeinen ihr dargebotenen Arm annahm, fand er, daß ſie noch immer zitterte— ſehr heftig zitterte. „Bitte, beruhigen Sie ſich, Miß Talboys,“ ſagte er;„ich kann mich in der Meinung, die ich mir bildete, getäuſcht haben, ich kann——“ „Nein, nein, nein,“ rief ſie,„Sie haben ſich nicht getäuſcht. Mein Bruder iſt ermordet worden. Sa⸗ gen Sie mir den Namen jenes Weibes— des Wei⸗ bes, welches Ihrer Anſicht nach bei ſeinem Ver⸗ ſchwinden— bei ſeiner Ermordung betheiligt iſt. „Das kann ich nicht eher thun, als bis—“ „Als bis?“ „Als bis ich weiß, daß ſie ſchuldig iſt.“ „Sie haben meinem Vater erklärt, Sie wollen jedem Gedanken an Entdeckung der Wahrheit ent⸗ ſagen— Sie würden ſich dabei zufrieden geben, daß meines Bruders Schickſal ein ſchreckliches Ge⸗ hei gel Au der hir ihr thi vo les Pf dee leil un En me vo Je rä ihr ſel u⸗ er in⸗ em tir ht a⸗ ei⸗ r⸗ en t⸗ n, e⸗ 89 heimniß bleibe, das auf dieſer Erde niemals auf⸗ geklärt würde; aber das werden Sie nicht thun, Mr. Audley— Sie werden nicht falſch gegen das An⸗ denken ihres Freundes handeln. Sie werden darauf hinarbeiten, daß die Rache diejenigen treffe, welche ihm den Untergang bereitet haben. So werden Sie thun, nicht wahr?“ Ein düſterer Schatten verbreitete ſich gleich einem dunklen Schleier über Robert Audley's hübſches An⸗ eſicht. Er erinnerte ſich deſſen, was er am Tage zuvor in Southampton geſagt hatte. „Eine Hand, ſtärker als die meinige, treibt mich vorwärts auf dem dunklen Pfade.“ Eine Viertelſtunde zuvor hatte er geglaubt, Al⸗ les ſei vorüber, und er ſei erlöſt von der ſchrecklichen Pflicht, das Geheimniß von Georgs Tod aufzu⸗ decken. Jezt hatte dieſes Mädchen, dieſes anſcheinend leidenſchaftsloſe Mädchen eine Stimme gefunden und drängte ihn ſeinem Schickſal entgegen. „Wenn Sie wüßten, welches Elend für mich die Entdeckung der Wahrheit in ihrem Gefolge haben mag, Miß Talboys,“ ſagte er,„Sie würden kaum von mir begehren, dieſe Affaire weiter zu verfolgen.“ „Aber ich bitte Sie darum,“ antwortete ſie mit unterdrückter Leidenſchaft,—„ich bitte Sie darum. Ich bitte Sie, meines Bruders frühzeitigen Tod zu rächen. Wollen Sie es thun? Ja oder Nein?“ „Und wenn ich Nein antworte?“ „Dann werde ich es ſelbſt thun!“ rief ſie, mit ihren hellen braunen Augen ihn anſchauend.„Ich ſelbſt werde dem Leitfaden zu dieſem Geheimniß 90 folgen; ich werde dieſes Weib ausfindig machen— ja, wenn Sie ſich auch weigern, mir zu ſagen, in welchem Theile von England mein Bruder verſchwun⸗ den iſt. Ich werde von einem Ende der Welt zum andern reiſen, um das Geheimniß ſeines Schickſals zu entdecken, wenn Sie ſich weigern, es für mich aufzudecken. Ich bin volljährig, Herrin meiner ſelbſt; reich, denn ich habe eine meiner Tanten beerbt, ich werde im Stande ſein, die Leute, welche mir bei meinen Nachforſchungen behilflich ſein können, zu verwenden, und werde es ihnen zum eigenen Inte⸗ reſſe machen, mich gut zu bedienen. Wählen Sie zwiſchen dieſen beiden Alternativen, Mr. Audley. Soll meines Bruders Mörder von Ihnen, oder von mir aufgefunden werden?“ Er ſchaute ihr ins Angeſicht und erkannte, daß ihr Entſchluß nicht die Frucht eines vorübergehenden frauenhaften Enthuſiasmus war, der unter der ei⸗ ſernen Hand der Hinderniſſe und Schwierigkeiten unterliegen mußte. Ihre ſchönen Züge, von Natur ſtatuenartig in ihren edeln Umriſſen, ſchienen durch die Starrheit ihres Ausdrucks in Marmor verwan⸗ delt. Das Geſicht, in welches er blickte, war das einer Frau, welche nur der Tod von ihrem Vor⸗ haben abwendig machen konnte. „Ich bin in einer Atmoſphäre der Unterdrückung aufgewachſen,“ fuhr ſie ruhig fort,“ ich habe die natürlichen Gefühle meines Herzens erſtickt und ver⸗ butten laſſen, bis ſisin ihrer Intenſität unnatürlich geworden ſind. Mai hat mir niemals eine Freun⸗ din, oder ein liebendes Herz geſtattet. Meine Mut⸗ ter ſtarb, als ich noch ſehr jung war. Mein Vater ———-9— 0—— S ————— in un⸗ zum ſals nich bſt; ich bei zu nte⸗ Sie ley. von daß den ei⸗ iten tur uch an⸗ das or⸗ ung die er⸗ lich un⸗ ut⸗ ter 91 iſt gegen mich immer ſo geweſen, wie Sie ihn heute ſehen. Ich habe Niemand als meinen Bruder ge⸗ habt. Alle Liebe, deren mein Herz fähig war, con⸗ centrirte ſich in ihXm. Wundern Sie ſich alſo, daß ich bei der Nachricht, ſein junges Leben ſei durch die Hand des Verraths geendet worden, den Wunſch hege, den Verräther zur Rache gezogen zu ſehen? O, mein Gott,“ rief ſie, plözlich die Hände faltend und zu dem kalten, winterlichen Himmel emporſchau⸗ end,„führe mich zu dem Mörder meines Bruders und laß' die Hand, welche ſeinen frühzeitigen Tod rächt, die meinige ſein!“ Robert Audley ſchaute ſie mit einer an Ehrfurcht grenzenden Bewunderung an. Ihre Schönheit hatte durch die Heftigkeit der bisher unterdrückten Leiden⸗ ſchaft etwas wahrhaft Erhabenes bekommen. Sie war ſo verſchieden von all den anderen Frauen, die er bisher geſehen. Seine Couſine war hübſch, ſeines Oheims Gattin liebenswürdig, aber Clara Talboys war ſchön. Niobe's Angeſicht, durch Kum⸗ mer gehoben, konnte kaum von reinerer klaſſiſcher Form geweſen ſein. Selbſt ihr Anzug, puritaniſch in ſeiner grauen Einfächheit, ſtand ihrer Schönheit beſſer, als ein prächtiges Gewand einer weniger ſchönen Frau geſtanden haben würde. „Miß Talboys,“ nahm Robert nach einer Pauſe wieder das Wort,„Ihr Bruder ſoll nicht ungerächt bleiben. Er ſoll nicht vergeſſen werden. Ich glaube nicht, daß ein berufsmäßiger Beiſtand, den Sie ſich verſchaffen könnten, Sie ſo ſicher zur Aufklärung des Geheimniſſes führen würde, als ich es zu thun 92 im Stande bin, wenn Sie geduldig ſind und mir vertrauen wollen.“ „Ich will Ihnen vertrauen,“ antwortete ſie, „denn ich ſehe, daß Sie mir helfen wollen.“ „Ich glaube, daß es mein Schickſal iſt, dieß zu thun,“ erwiederte er feierlich. Im ganzen Laufe ſeiner Unterredung mit Har⸗ court Talboys hatte Robert Audley es ſorgfältig vermieden, aus den Georgs Vater mitgetheilten Umſtänden Schlußfolgerungen zu ziehen. Er hatte einfach die Lebensgeſchichte des Vermißten von der Stunde ſeiner Ankunft in London bis zu der ſeines Verſchwindens erzählt: aber er ſah, daß Clara zu demſelben Schluß gelangt war, und daß es ſtill⸗ ſchweigend ſo zwiſchen ihnen angenommen wurde. „Haben Sie Briefe von Ihrem Bruder, Miß Talboys?“ fragte er. „Zwei. Einen bald nach ſeiner Heirath, den andern zu Liverpool in der Nacht, ehe er ſich nach Auſtralien einſchiffte, geſchrieben.“ „Wollen Sie mich dieſelben ſehen laſſen?“ „Ja, ich will ſie Ihnen ſchicken, wenn Sie mir Ihre Adreſſe geben wollen. Sie werden mir von Zeit zu Zeit ſchreiben, nicht wahr? mir ſagen, ob Sie der Wahrheit näher rücken. Ich werde genö⸗ thigt ſein, hier heimlich zu handeln, aber in zwei oder drei Monaten gehe ich von hier ab, und ich habe dann vollkommen freie Hand, ganz nach mei⸗ nem Gutdünken zu verfahren.“ „Sie verlaſſen doch England nicht?“ fragte Robert. „O, nein! Ich will nur einen langverſprochenen Beſuch bei Freunden in Eſſer machen.“ nir ſie, zu tig en tte er es 93 Robert fuhr ſo lebhaft auf, als Clara dieſe lezten Worte ausſprach, daß ſie ihm plözlich ins Geſicht ſchaute. Die daſelbſt wahrnehmbare Auf⸗ regung verrieth einen Theil ſeines Geheimniſſes. „Mein Bruder Georg iſt in Eſſer verſchwunden,“ ſagte ſie. Er konnte ihr nicht widerſprechen. „Es thut mir leid, daß Sie ſo viel entdeckt haben,“ erwiederte er.„Meine Stellung wird jeden Tag verwickelter, jeden Tag peinlicher. Leben Sie wohl.“ Sie reichte ihm mechaniſch ihre Hand, als er die ſeinige ausſtreckte, aber ſie war kälter als Marmor und lag bewegungslos in der ſeinigen und fiel wie Blei an ihrer Seite herab, als er dieſelbe fahren ließ, „Bitte, verlieren Sie keine Zeit, nach Hauſe zu⸗ rückzukehren,“ ſagte er ernſt.„Ich fürchte, dieſer könnte für Sie ein Leid zur Folge aben.“ „Ein Leid!“ rief ſie wegwerfend,„Sie ſprechen mir von Leid, wenn das einzige Geſchöpf in dieſer Welt, welches jemals mich geliebt hat, in der Blüthe der Jahre von mir genommen worden iſt. Was kann es hinfort für mich Anderes als Leid geben? Was iſt Kälte für mich?“ ſetzte ſie hinzu, ihren Shawl zurückſchlagend und ihren ſchönen Kopf dem Winde preisgebend.„Ich würde barfuß durch den Schnee von hier nach London gehen und unterwegs niemals anhalten, wenn ich ihn ins Leben zurück⸗ rufen könnte. Was thäte ich nicht, um ihn zurück⸗ zubringen? Was thäte ich nicht?“ Dieſe Worte entrangen ſich in einem Erguß leiden⸗ — ——— 2—— — 94 fchaftlicher Bekümmerniß ihrem Herzen; und ihre Hände vor das Geſicht ſchlagend, brach ſie zum erſten Mal heute in Thränen aus. Das heftige Schluchzen erſchütterte ihre ſchlanken Glieder, und ſie war ge⸗ nöthigt, der Stütze halber ſich an einen Baumſtamm zu lehnen. Robert betrachtete ſie mit zärtlichem Mitleid in ſeinem Geſicht; ſie glich ſo ganz ſeinem Freunde, den er geliebt und verloren hatte, daß es ihm un⸗ möglich war, an ſie als eine Fremde zu denken, unmöglich ſich ins Gedächtniß zurückzurufen, daß ſie ſich dieſen Morgen zu erſten Mal begegnet waren. „Bitte, bitte, beruhigen Sie ſich,“ ſagte er; „hoffen Sie, ſelbſt wider Hoffen. Wir können uns Beide getäuſcht haben, Ihr Bruder kann noch am Leben ſein.“ „O, wenn es ſo wäre,“ murmelte ſie leidenſchaft⸗ lich,„wenn es ſo wäre.“ „Laſſen Sie uns verſuchen zu hoffen, daß es ſo ſein kann.“ „Nein,“ antwortete ſie, ihn durch ihre Thränen anſchauend,„laſſen Sie uns auf Nichts als Rache hoffen. Leben Sie wohl, Mr. Audley. Halt, Ihre Adreſſe.“ Er gab ihr eine Karte, welche ſie in die Taſche ſteckte. „Ich will Ihnen Georgs Briefe ſenden,“ ſagte ſie;„ſie können Ihnen von Nutzen ſein. Leben Sie wohl.“ Er blieb zurück, halb beſtürzt über die leiden⸗ ſchaftliche Energie ihres Benehmens und die edle Schönheit ihres Geſichts, und ſah ihr nach, bis ſie ihre rſten hzen ge⸗ mm d in nde, un⸗ ken, ſie ren. er; uns am aft⸗ 8 ſo inen ache bre ſche agte Sie den⸗ edle ſie 95 unter den Tannenſtämmen verſchwand. Dann ver⸗ ließ er langſam die Anlage. „Der Himmel helfe denen, welche zwiſchen mir und dem Geheimniſſe ſtehen,“ dachte er,„denn ſie werden dem Andenken von Georg Talboys geopfert werden.“ Siebentes Capitel. Georgs Priefr. Robert Audley kehrte nicht nach Southampton zurück, ſondern nahm ein Billet für den erſten von Wareham abgehenden Zug und langte ein oder zwei Stunden nach eingetretener Dunkelheit an der Waterloobrücke an. Der Schnee, der in Dorſetſhire hart und rauh zum Anfühlen geweſen war, bildete auf der Waterlooſtraße einen ſchwarzen, fettigen Schlick, aufgethaut von den Lampen der Gin⸗Paläſte und dem flimmernden Gas in den Metzgerläden. Robert Audley zuckte die Achſeln, als er auf die ſchmutzigen Straßen blickte, durch welche er mit dem Hanſom fuhr, da der Kutſcher— mit jenem koſt⸗ baren Inſtinkte, welcher den Fuhrleuten von Mieth⸗ wägen angeboren ſcheint— alle jene finſtern und häßlichen Durchgänge einſchlug, welche dem gewöhn⸗ lichen Fußgänger unbekannt ſind. „Was für ein angenehmes Ding iſt es doch um das Leben,“ dachte der Rechtsgelehrte.„Was für ein unausſprechliches Beſitzthum— was für ein überwältigender Segen! Laßt einmal einen Mann 96 eine Berechnung über ſeine Exiſtenz anſtellen und die Stunden abziehen, in welchen er durch und durch glücklich geweſen iſt— ganz und wirklich im Genuß ſeiner Behaglichkeit, ohne eine arrière pensée*), um ſeine Luſt zu ſtören— ohne die aller⸗ kleinſte Wolke, um den hellen Glanz ſeines Horizontes zu beſchatten. Laßt ihn alſo thun, und ſicherlich wird er von Herzensgrund in das bitterſte Gelächter ausbrechen, wenn er die Summe ſeiner Glückſeligkeit ſieht und die klägliche Geringfügigkeit des Betrages entdeckt. Er wird ſich acht oder zehn Tage vielleicht in dreißig Jahren vergnügt haben. In dreißig Jahren mit trübem Dezember⸗, ſtürmiſchem März⸗, regneriſchem April⸗, und finſterem Novemberwetter mögen es ſieben oder acht glorreiche Auguſttage ge⸗ weſen ſein, wo die Sonne ſtrahlend am unbewölkten Himmel ſtand und Sommerwinde balſamiſche Düfte ausathmeten. Mit welcher Liebe gedenken wir dieſer vereinzelten Freudentage und hoffen auf deren Wieder⸗ kehr und verſuchen die Umſtände zu regeln, wodurch ſie ſich ſo hell geſtalteten, Arrangements zu treffen, Vorausbeſtimmungen zu machen und mit dem Schickſal zu diplomatiſiren, einzig wegen einer Erneuerung der im Gedächtniß fortlebenden Freude. Als ob eine ſolche ſich jemals aus dieſen oder jenen conſtituiren⸗ den Theilen aufbauen ließe! Als ob das Glück nicht weſentlich Sache des Zufalls wäre,— ein bunter Zugvogel, in ſeinen Wanderungen äußerſt unregel⸗ mäßig, einen Sommertag bei uns und am nächſten fort von uns für immer! Man ſehe zum Beiſpiel *) Hintergebanke. A. d. U. die gal pen Pr ein die ne auf ſche ſale auf Stt fah gan We gel vor in Ha c Ta ich Stt jetz die ver En vor zwi und und rklich ridre ller⸗ nes rlich chter gkeit ages leicht eißig ärz⸗, etter ge⸗ lkten üfte ieſer eder⸗ uch ffen, ickſal der eine iren⸗ nicht nter egel⸗ hſten ſpiel U. 97 die Ehen an,“ fuhr Robert ſinnend fort, der ſeinen Betrachtungen in dem holpernden Fuhrwerk ſich hin⸗ gab, für deſſen Beſiznahme er per Meile einen Six⸗ pence zahlte, wie wenn er in den weiten einſamen Prairien einen Muſtang geritten hätte.„Man ſehe einmal die Heirathen an! Wer kann ſagen, welches die einzige verſtändige Wahl unter den neunhundert neunundneunzig Mißgriffen ſein wird? Wer kann auf den erſten Anblick der ſchlüpfrigen Kreatur ent⸗ ſcheiden, welches der einzige Aal unter der coloſ⸗ ſalen Maſſe von Schlangen iſt? Das Mädchen dort auf dem Sandſteine, welches darauf wartet, über die Straße zu gelangen, wenn mein Cabriolet vorbeige⸗ fahren, iſt vielleicht die einzige Frau unter dem ganzen weiblichen Geſchlechte auf dieſer ungeheuren Welt, welche mich glücklich machen könnte. Und doch gehe ich an ihr vorüber— beſpritze ſie mit Koth von meinen Rädern, in meiner hülfloſen Unwiſſeüheit, in meiner blinden Unterwerfung unter die ſchreckliche Hand des Schickſals. Wäre jenes Mädchen, Klara Talboys, fünf Minuten ſpäter gekommen, ich hätte Dorſetſhire verlaſſen, ſie für kalt, hart und unweib⸗ lich haltend, und wäre mit dieſem Irrthum, als Stück und Theil meines Geiſtes, ins Grab geſtiegen, Ich nahm ſie für einen ſtolzen, herzloſen Automaten; jetzt weiß ich von ihr, daß ſie ein edles und ſchönes Weib iſt. Welchen unberechenbaren Unterſchied mag dieß in meinem Leben machen. Als ich das Haus verließ, ging ich in den Wintertag hinaus mit dem Entſchluß, jeden fernern Gedanken an das Geheimniß von Georgs Tod aufzugeben. Ich ſehe ſie, und ſie zwingt mich vorwärts auf dem verhaßten Pfade— Braddon, Lady Andley's Geheimniß. M. 7 98 dem krümmungsvollen Weg der Wachſamkeit und des Argwohns. Wie kann ich zu dieſer Schweſter mei⸗ nes todten Freundes ſagen: Ich glaube, daß Ihr Bruder ermordet worden iſt; ich glaube, daß ich weiß von wem, aber ich will keinen Schritt weiter thun, um meine Zweifel zu beſeitigen, oder meine Be⸗ ſorgniſſe zu beſtätigen?“ Ich kann Das nicht ſagen. Dieſe Frau kennt die Hälfte meines Geheimniſſes; ſie wird bald ſich in den Beſitz des Reſtes davon ſetzen, und dann— und dann—“ Das Cabriolet hielt mitten in Robert Audley's Betrachtungen an, und er hatte den Kutſcher zu be⸗ zahlen und ſich dem ganzen ſchrecklichen Mechanismus des Lebens zu unterwerfen, welcher derſelbe iſt, ob wir nun froh oder traurig ſind,— ob wir zum Traualtar oder Galgen gehen, ob wir auf den Woll⸗ ſack*) erhoben, oder von unſern alten Kameraden an der Rechtsſchule über irgend einem geheimnißvollen techniſchen Knoten von Uebelthat— was allerdings für Diejenigen, die in Middle Temple nicht zu Hauſe ſind, ein Räthſel iſt— ausgethan werden. Wir gerathen ſo gern in Zorn über dieſe grau⸗ ſame Härte in unſerem Leben— dieſe nachtheilige Regelmäßigkeit in den kleinern Rädern und dem, ge⸗ ringfügigern Mechanismus der menſchlichen Maſchine, welche weder Aufenthalt noch Unterbrechung kennt, wenn auch die Hauptfeder für immer gebrochen iſt und der Zeiger nur auf zweckloſe Figuren auf dem zer⸗ ſchlagenen Zifferblatt weist. ²) Sitz bes Lorbkanzlers und der oberſten Richter im Ober⸗ Parlamente. A. d. U. des mei⸗ Ihr ich eiter Be⸗ igen. ſſes; avon ley's be⸗ mus „ob zum Loll⸗ nan ollen ings ae rau⸗ ilige ge⸗ hine, wenn und zer⸗ We 99 Wer hat nicht in dem erſten Wahnſinn von Kunemer eine unvernünftige Wuth über die ſtumme Ruhe und Ordnung von Stühlen und Tiſchen, über das ſteife Viereck türkiſcher Teppiche, die unbeugſame Beharrlichkeit in dem äußern Apparate des Daſeins empfunden? Wir möchten gigantiſche Bäume in einem Urwald mit der Wurzel ausreißen, deren un⸗ geheure Aeſte mit einem convulſiviſchen Griff zer⸗ brechen, und das Höchſte, was wir zur Abkühlung unſerer Leidenſchaft zu thun im Stande ſind, iſt, daß wir einen Seſſel umwerfen, oder irgend einen Artikel, Schillingswerth, aus Mr. Copelands Fabrik zerſchlagen. Tollhäuſer ſind groß und nur allzu zahlreich: aber ſicherlich iſt es ſonderbar, daß ſie nicht größer ſind, wenn wir bedenken, wie viele rathloſe Wichte ſich den Kopf zerbrechen müſſen im Kampfe gegen die in der alltäglichen Außenwelt herrſchende unwan⸗ delbare Beharrlichkeit, verglichen mit dem Sturm und Unwetter, dem Lärm und der Verwirrung in der innern:— wenn wir uns erinnern, wie viele Geiſter auf der ſchmalen Grenze zwiſchen Vernunft und Unvernunft, heute wahnwitzig und morgen bei geſunden Sinnen, geſtern wahnwitzig und heute bei geſunden Sinnen, hin⸗ und herſchwanken müſſen. Robert hatte dem Kutſcher befohlen, ihn an der Ecke von Chancery⸗Lane abzuſezen, und er ſtieg vor der brillant erleuchteten Treppe zu dem Speiſeſaal des London⸗Hotels ab und ſezte ſich an einen der behaglichen Tiſche, mehr mit einem verwirrten Ge⸗ fühl von Leere und Ermüdung, als mit der ange⸗ nehmen Empfindung eines geſunden Hungers. Er 100 hatte ſich in dieſes lururiöſe Speiſehaus begeben, weil es abſolut nöthig war, an irgend einem Ort Etwas zu eſſen, und es jedenfalls viel angenehmer erſchien, ein gutes Diner von Mr. Sawyer, als ein ſehr ſchlechtes von Mrs. Maloney einzunehmen, deren Denkkraft ſich in einem ſchmalen Kanal von Ham⸗ melsrippchen und Beefſteaks, an dem nur hin und wieder zur Abwechslung einzelne kleine Baien und Auslaſſe, Namens„gedämpfte Sole“ oder„gebratene Makrele“ ſich befanden, verlief. Der beſorgte Kell⸗ ner verſuchte umſonſt, den armen Robert in die ge⸗ hörige Stimmung für die hochwichtige Frage über die Artikel des Diners zu verſezen. Er murmelte Etwas, was ungefähr lautete, man möchte ihm Dieſes oder Jenes zum Eſſen bringen, und der freundliche Kellner, welcher Robert als einen häu⸗ figen Gaſt an den kleinen Tiſchchen kannte, kehrte zu ſeinem Herrn mit kläglichem Geſicht zurück, um ihm zu melden, Mr. Audley von Figtree Court ſei augenſcheinlich heute nicht in beſter Laune. Robert nahm ſein Diner zu ſich und trank eine Flaſche Moſelweins; aber er ließ weder der Trefflichkeit der Gerichte, noch dem köſtlichen Duft des Weines Ge⸗ rechtigkeit widerfahren. Der innerliche Monolog ſpann ſich noch fort, und der junge Philoſoph der modernen Schule raiſonnirte über das Lieblingsthema der Ge⸗ genwart, über die Nichtigkeit aller Dinge und die Thorheit der Bemühung, eine Straße zu wandeln, die nirgendshin führt, und eine Arbeit abzumachen, die keinen Zweck hatte. „Ich acceptire die Herrſchaft des blaſſen Mäd⸗ chens mit den ſtatuenhaften Zügen und den ruhigen mer ein ren am⸗ und und tene ell⸗ ge⸗ ber elte ihm der äu⸗ hrte um ſei bert ſche der Ge⸗ ann nen Ge⸗ die eln, en, äd⸗ gen 101 braunen Augen,“ dachte er.„Ich erkenne die Macht eines dem meinigen überlegenen Geiſtes an, ich gebe mich ihr hin und beuge mich unter dieſelbe. Ich habe die lezten Monate für mich ſelbſt gehandelt und für mich ſelbſt gedacht und bin des unnatün⸗ lichen Geſchäftes müde. Ich bin dem leitenden Grundſaz meines Lebens ungetreu geworden und habe für meine Thorheit gebüßt. Ich habe die vorige Woche zwei graue Haare auf meinem Kopfe gefunden, und eine unverſchämte Krähe hat unter meinem rechten Auge einen zarten Eindruck von ihrem Fuße hinterlaſſen. Ja, ich werde alt auf der rechten Seite, und warum— warum ſollte es ſo ſein?“ Er ſchob ſeinen Teller weg und zog die Augen⸗ brauen in die Höhe, während er nach den Brod⸗ krümchen auf dem glänzenden Damaſttiſchtuche bei Erwägung dieſer Frage hinſtarrte. „Was zum Teufel thue ich auf dieſer Galeere?“ fragte er.„Aber ich bin einmal darauf, und kann von ihr nicht wegkommen; ſo thäte ich alſo beſſer, mich dem braunaugigen Mädchen zu unterwerfen und geduldig und getreulich zu vollziehen, was ſie mir ſagt. Was für eine wunderbare Löſung von dem Räthſel des Lebens liegt doch in einer Schür⸗ zenregierung. Man möchte im Sonnenſchein liegen und Lotos eſſen und ſich immer Nachmittag träu⸗ men, wenn die Frau Einen leiten wolltés. Aber ſie möchte es nicht, und wie gefühlvoll iſt ihr Herz, wie thätig ihr Geiſt! Sie weiß etwas Beſſeres. Wer hat jemals von einer Frau gehört, die das Leben ſo nahm, wie es genommen werden ſoll? 102 Anſtatt es als eine unvermeidliche Laſt zu betrachten, womit man ſich nur wegen der kurzen Dauer noch einigermaßen verſöhnen kann, betrachtet ſie es, als wäre es ein Feſtaufzug oder eine Proceſſion. Sie kleidet ſich dafür an, ſie lächelt und greint und ge⸗ ſtikulirt dazu. Sie ſtößt ihre Nachbarn an und er⸗ kämpft ſich einen guten Plaz auf dem traurigen Marſch, ſie gebraucht die Elbogen, ſie windet und dreht ſich, und trampelt und bäumt ſich, einzig zu dem Zweck, den möglichſten Nuzen aus dieſer Jäm⸗ merlichkeit zu ziehen. Sie erhebt ſich früh am Mor⸗ gen und ſizt ſpät auf, und iſt laut und raſtlos und kärmend und unbarmherzig. Sie zieht ihren Mann auf den Wollſack, oder ſchiebt ihn in das Parlament. Sie treibt ihn köpflings zu der theuren, ſchläfrigen Regierungs⸗Maſchinerie und klopft und ſchlägt ihn um die Räder, die Kurbeln, die Schrauben und Winden herum, bis der Menſch um der Ruhe willen ſich zu dem macht, was ſie aus ihm gemacht wiſſen will. Daher kommt es, daß untüchtige Männer zu⸗ weilen in hohen Stellen ſizen und mit ihrem gerin⸗ gen, benebelten Verſtand zwiſchen die Dinge, die geſchehen ſollen, und zwiſchen die Leute, durch welche ſie geſchehen können, eingreifen, indem ſie ſomit in der hilfloſen Unſchuld einer wohlangebrachten Geiſtes⸗ ſchwäche eine allgemeine Verwirrung anrichten. Die rechtſchaffenen Männer, die in den runden Löchern ſizen, werden von ihren Weibern hineingeſtoßen. Der morgenländiſche Potentat, welcher erklärte, daß Wei⸗ ber an allem Unheil ſchuld ſeien, hätte noch etwas weiter gehen und unterſuchen ſollen, warum es ſo iſt. Es iſt ſo, weil die Weiber niemals müßig ſini en, noch als Sie ge⸗ er⸗ igen und zu äm⸗ Nor⸗ und ann ent. igen ihn und illen iſſen zu⸗ rin⸗ die lche t in ſtes⸗ Die hern Der Wei⸗ was 6 ſo 103 ſind. Sie wiſſen nicht, was es heißt, ruhig ſein. Da gibt es bald eine Semiramis, bald eine Kleo⸗ patra, bald eine Jeanne d'Arc, eine Königin Gliſa⸗ beth oder Katharina die Zweite, und ſie toben kämpfend, mordend, ſchreiend und verzweifelnd durch einander. Können Sie nicht das Univerſum erſchüt⸗ tern und mit Hemiſphären Ball ſpielen, ſo machen ſie aus häuslichen Maulwurfshügeln Berge von Hader und Verdruß, und erregen ſociale Stürme in Theekannen. Verbiete ihnen, über die Freiheit der Nationen und die Miſſethaten der Menſchenkinder zu predigen, und ſie fangen Zank an mit Mrs. Jones über die Form eines Mantels oder den Charakter einer geringen Magd. Sie das ſchwächere Geſchlecht nennen heißt Spötterei treiben. Sie ſind das ſtär⸗ kere, lärmendere, beharrlichere, eigenmächtigere Ge⸗ ſchlecht. Sie verlangen Freiheit der Meinung, Mannig⸗ faltigkeit der Beſchäftigung?„Gebt ſie ihnen. Laßt ſie Advokaten, Doctoren, Pfarrer, Lehrer, Soldaten, Geſezgeber werden— Alles was ſie wollen— aber laßt ſie ruhig ſein— wenn ſie es können.“ Mr. Audiey fuhr ſich mit den Händen durch das dicke, üppige braune Haar und riß die dunkle Maſſe verzweiflungsvoll in die Höhe. „Ich haſſe die Weiber,“ fuhr er in ſeinen Ge⸗ danken wild fort.„Sie ſind kecke, eherne, abſcheu⸗ liche Kreaturen, erfunden zur Qual und Vernichtung derer, die über ihnen ſtehen. Da ſehen wir die Affaire mit dem armen Georg. Es iſt lauter Weiber⸗ werk von Anfang bis zu Ende. Er nimmt ein Weib, und ſein Vater verſtößt ihn, ohne daß er einen Kreuzer Geld oder einen Verdienſt hat. Er hört von dem 104 Tod ſeines Weibes, und es bricht ihm das Herz— das gute, ehrliche, mannhafte Herz, eine Million ver⸗ rätheriſcher Klumpen von Selbſtſucht und feiler Be⸗ rechnung werth, die in einer Weiberbruſt ſchlagen. Er geht in eines Weibes Haus, und iſt von da an nicht mehr lebendig zu ſehen. Und ich ſelbſt, ich finde mich nun in eine Ecke von einer andern Frau getrieben, an deren Erxiſtenz ich vor heute gar nicht gedacht habe. Und— und dann,“ träumte Mr. Audley, ziemlich beziehungslos, weiter fort,„da iſt noch Alicia; ſie iſt ein weiterer Quälgeiſt. Sie hätte es gern, wenn ich ſie heirathete, ich weiß es; und ſie bringt mich dazu, glaube ich wohl, bevor ſie mit mir Nichts mehr zu ſchaffen haben will. Aber ich möchte lieber nicht ſo, obwohl ſie ein liebes, ſtarkes, edelmüthiges Ding iſt; Gott ſegne das arme kleine Herz!“ Robert bezahlte ſeine Rechnung und belohnte den Kellner freigebig. Der junge Rechtsgelehrte war ſehr geneigt, ſein behagliches kleines Einkommen unter die Leute, die ihn bedienten, zu vertheilen, denn er erſtreckte ſeine Gleichgültigkeit gegen Alles in der Welt ſelbſt auf Gegenſtände wie Pfunde, Schillinge, Pence. Vielleicht bildete er hier eine Ausnahme, denn wir finden gar oft, daß der Philoſoph, welcher das Leben eine eitle Täuſchung nennt, ziemlich ſcharf und wach⸗ ſam bei der Anlegung ſeines Geldes iſt und die greifbare Natur von indiſchen Bonds, ſpaniſchen Staatspapieren und ägyptiſchen Anleihen— im Gegenſatz von der peinlichen Ungewißheit über das Ich oder Nichtich in der Metaphyſik vollkommen anerkennt. Die behaglichen Zimmer in Figtree Court kamen in beſt Luſ ein kom Mo daß hatt ließ fall vert geg Sch ein lebt ſcha bra zu t Du — eine ſchr auf ſiſch abe geſt ver⸗ Er icht nich an be. lich ſie enn nich ehr icht in den ſehr nter er Lelt nce. wir ben ach⸗ die chen im das men nen 105 in ihrer alltäglichen Ruhe Robert Audley an dieſem beſonderen Abend langweilig vor. Er hatte keine Luſt zu ſeinen franzöſiſchen Romanen, obgleich deren ein ganzes Packet noch unaufgeſchnitten da war, komiſchen und ſentimentalen Inhalts, ſchon vor einem Monat beſtellt und auf einem der Tiſche liegend, ſo er nur darnach greifen durfte, wenn er Luſt hatte. Er ergriff ſeine Lieblings⸗Meerſchaumpfeife und ſich mit einem Seufzer in ſeinen Lieblings⸗Seſſel fallen. „Es iſt behaglich, aber es kommt mir heute ſo verdammt einſam vor. Wenn der arme Georg mir gegenüberſäße, oder— oder wenigſtens Georgs Schweſter— ſie hat ſo viele Aehnlichkeit mit ihm — ſo wäre das Daſein noch erträglicher. Aber wenn ein Burſche acht oder zehn Jahre für ſich ſelbſt ge⸗ lebt hat, ſo macht er allmälig eine ſchlechte Geſell⸗ ſchaft aus. Jetzt, als er mit ſeiner erſten Pfeife fertig war, brach er in ein Gelächter aus. „Wie ich nur dazu komme, an Georgs Schweſter zu denken,“ ſprach er bei ſich;„was für ein verkehrter Dummkopf ich bin.“ Die Poſt vom folgenden Tage brachte für ihn einen Brief von einer feſten, aber weiblichen Hand⸗ ſchrift, die ihm fremd war. Er fand das kleine Packet auf ſeinem Frühſtücktiſch neben der warmen franzö⸗ ſiſchen Semmel, welche Mrs. Maloney's ſorgfältige, aber ziemlich unſaubere Hände in eine Serviette geſteckt hatten. Er betrachtete das Couvert einige Minuten, ehe 106 er es erbrach, nicht, weil er ſich etwa die Frage nach dem Correſpondenten vorlegte, denn der Brief trug den Poſtſtempel von Grange Heath, und er wußte, daß dort nur eine Perſon ſich befand, welche aus jenem niedrigen Dorfe an ihn ſchreiben konnte, ſon⸗ dern eben in jener müſſigen Träumerei, welche einen Theil ſeines Charakters ausmachte. „Von Klara Talboys,“ murmelte er langſam, als er mit kritiſchem Blick die regelmäßig geſtalte⸗ ten Buchſtaben der Adreſſe betrachtete.„Ja, von Klara Talboys, entſchieden; ich erkenne eine weib⸗ liche Aehnlichkeit mit Georgs Hand; netter als die 6 und feſter als ſie, aber ſehr gleich, ſehr gleich.“ Er drehte den Brief um und um und prüfte das Siegel, welches ſeines Freundes Familien⸗Helm⸗ ſchmuck trug. „Ich bin begierig, was ſie mir zu ſagen hat!“ dachte er. Es iſt ein langer Brief, denke ich mir wohl; ſie iſt von der Sorte der Frauen, die gern einen langen Brief ſchreiben— einen Brief, der mir zuſezen, mich vorwärts treiben, mich aus mir ſelbſt herausreißen wird, ohne Zweifel. Aber da läßt ſich nicht abhelfen— ſo geht es einmal hier!“ Er zerriß das Couvert mit einem Seufzer der Ergebung. Es enthielt Nichts als Georgs zwei Briefe und einige Worte auf einem Streifchen Pa⸗ pier. Sie lauteten: „Ich ſende Ihnen die Briefe; wollen Sie ſcho⸗ nend mit denſelben umgehen und ſie wieder an mich gelangen laſſen. C.. Der Brief von Liverpool aus gab keine Aus⸗ kunf von aufz gen, licht Sch wie besl wor For und voll ihn ſchri die fähi zu ſein mal ein ach rug ßte, aus ſon⸗ nen am, lte⸗ von eib⸗ die ſehr das . mir ern der mir 5 1. der wei Pa⸗ cho⸗ nich 107 kunft über des Schreibers Leben, ſondern redete nur von ſeinem plözlichen Entſchluß, nach der neuen Welt aufzubrechen, um das Vermögen wieder einzubrin⸗ gen, das in der alten verloren gegangen war. Der beinahe unmittelbar nach Georgs Vereh⸗ lichung geſchriebene Brief enthielt eine vollſtändige Schilderung von ſeiner Frau— eine Schilderung, wie ſie nur ein Mann drei Wochen nach einer Lie⸗ besheirath entwerfen konnte— eine Schilderung, worin jeder Zug genau katalogiſirt, jede Grazie der Form, jede Schönheit des Ausdrucks mit Vorliebe und ausführlich behandelt, jeder Reiz des Benehmens voll Zärtlichkeit ausgemalt war. Robert Audley las den Brief dreimal, ehe er ihn niederlegte. „Hätte Georg, als er dieſe Schilderung nieder⸗ ſchrieb, wiſſen können, wozu ſie einſt dienen würde, die Hand wäre ihm, von Entſezen gelähmt und un⸗ fähig, nur eine Sylbe von dieſen zärtlichen Worten zu Papier zu bringen, niedergeſunken.“ Achtes Capitel. Rückgängige Uachforſchung. Der traurige Londoner Januar ſchleppte ſich in ſeiner trägen Länge mühſam dahin. Die lezten magern Berichte über Weihnachten gingen allmälig ein, und Robert Audley weilte noch immer in der Hauptſtadt— verbrachte ſeine einſamen Abende noch 108 immer in ſeiner ſtillen Wohnung in Figtree Court — ſpazierte an ſonnigen Morgen gleichgültig in Temple Garden herum, während er zerſtreut das Geplauder der Kinder mitanhörte, oder müßig deren Spielen zuſah. Er hatte viele Freunde unter den Bewohnern der ſeltſamen alten Gebäude um ihn herum; er hatte andere Freunde weit weg auf hübſchen Land⸗ ſizen, deren Gaſtzimmer immer für Robert geöffnet waren, an deren heiterem Kamine behaglich üppige Seſſel ſpeciell für ihn beſtimmt waren. Aber er ſchien allen Geſchmack an Geſellſchaft, alle Theil⸗ nahme an den Vergnügungen und Beſchäftigungen ſeines Standes ſeit dem Verſchwinden von Georg Talboys verloren zu haben. Die ältern Mitglieder der Rechtsſchule ergingen ſich in wizigen Bemerkun⸗ gen über des jungen Mannes blaſſes Ausſehen und niedergeſchlagenes Weſen. Sie deuteten auf die Wahrſcheinlichkeit einer unglücklichen Neigung, auf die Grauſamkeit einer Frau als geheime Urſache dieſer Veränderung hin. Sie forderten ihn auf, guten Muths zu ſein, ſie luden ihn zu Souper⸗Partien, wo auf das Wohl dieſer und jener liebenswürdigen Dame von Gentlemen getrunken wurde, die Thränen ver⸗ goſſen, wenn ſie den Toaſt ausbrachten, und gegen Ende des Mahls weinerlich benebelt und unglücklich über ihren Kelchen waren. Robert hatte keine Luſt zu Weinſaufen und Punſchmachen. Die einzige Idee ſeines Lebens hatte die Herrſchaft über ihn erlangt. Er war der gefeſſelte Sclave eines einzigen düſtern Gedankens— einer einzigen ſchrecklichen Ahnung. Eine finſtere Wolke lagerte über ſeines Oheims Hauſe, und Dor jene von Hin ben. dav Der als daß ſehr liche Miſ ſcha ſtan dem ner Rul ſchr ihm wor mit geſo Sch Eßn Bri Pfa urt in das eren nern er and⸗ ffnet pige er er heil⸗ ngen ieder kun⸗ und die auf ieſer uten „wo ame ver⸗ egen cklich Luſt Idee ngt. ſtern ung. auſe, 109 und ſeine Hand war es, welche das Signal zu dem Donnerſchlag und dem Sturm geben ſollte, wodurch jenes edle Leben vernichtet werden mußte. „Wenn ſie nur eine Warnung annähme und da⸗ von liefe,“ ſagte er manchmal bei ſich ſelbſt.„Der Himmel weiß, ich habe ihr alle Möglichkeit gege⸗ ben. Warum benüzt ſie dieſelbe nicht und geht davon?“ Er hörte bald von Sir Michael, bald von Alicia. Der Brief der jungen Dame enthielt ſelten mehr als einige kurze Zeilen, worin er benachrichtigt wurde, daß Papa ſich wohl befand; daß Lady Audley in ſehr froher Stimmung war, ſich auf ihre gewöhn⸗ liche frivole Manier und mit ihrer gewöhnlichen gegen andere Leute Unterhaltung ver⸗ ſchaffte. Ein Brief von Mr. Marchmont, dem Schulvor⸗ ſtand zu Southampton, that Robert kund, daß es dem kleinen Georgey gut gehe, daß er aber in ſei⸗ ner Erziehung noch zurück ſei und den intellectuellen Rubiko der zweiſylbigen Wörter noch nicht über⸗ ſchritten habe. Kapitän Maldon hatte vorgeſprochen, um ſeinen Enkel zu ſehen, allein die Erlaubniß war ihm, Roberts Inſtructionen zufolge, nicht ertheilt worden. Der alte Mann hatte ſpäter ein Packet mit Backwerk und Confekt für den kleinen Knaben geſandt; es war aber gleichfalls auf den Grund der Schwerverdaulichkeit und galligten Wirkung dieſer Eßwaaren abgewieſen worden. Gegen Ende des Februar empfing Robert einen Brief von ſeiner Couſine Alicia, welcher ihn auf dem Pfade ſeiner Beſtimmung einen Schritt vorwärts 110 trieb, ſofern er ihm Veranlaſſung gab, in das Haus zurückzukehren, aus welchem er gewiſſermaßen auf Antrieb von der Gattin ſeines Oheims verbannt worden war. „Papa iſt ſehr krank,“ ſchrieb Alicia,„nicht ge⸗ fährlich krank, Gott ſei gelobt, aber in Folge eines Anfalls von ſchleichendem Fieber, welches auf einen heftigen Schnupfen folgte, auf ſein Zimmer geſpro⸗ chen. Komm' zu Beſuche, Robert, wenn Du für Deine nächſten Verwandten noch einige Rückſicht haſt. Er hat mehrmals von Dir geſprochen; und ich weiß, es wird ihn freuen, Dich zu ſehen. Komm' ſogleich ſage aber Nichts von dieſem Briefe Deiner wohl⸗ geneigten Couſine Plicia.“ Ein krankhafter und tödtlicher Schrecken ergriff Roberts Herz, als er dieſen Brief las— eine vage, aber gräßliche Beſorgniß, welcher er jedoch keine be⸗ ſtimmte Form zu geben wagte. „Habe ich recht gethan,“ dachte er unter dem erſten qualvollen Eindruck dieſes Gefühls,„habe ich recht daran gethan, mich mit der Gerechtigkeit zu bemengen und meine Zweifel geheim zu halten, in der Hoffnung, ich werde damit diejenigen, welche ich liebe, vor Kummer und Schmach bewahren? Was ſoll ich thun, wenn ich ihn krank finde; ſehr krank; ſterbend vielleicht; ſterbend an ihrer Bruſt? Was ſoll ich thun?“ Ein Thun lag klar vor ihm, und der erſte Schritt zu dieſem Thun war eine unmittelbare Reiſe nach Audley Court. Er packte ſein Felleiſen, ſprang in ein Cabriolet und langte eine Stunde nach dem aus auf annt ge⸗ ines inen pro⸗ für haſt. veiß, leich vohl⸗ griff age, e be⸗ dem e ich it zu t, in e ich Was rank; Was chritt nach ng in dem 111 Empfang von Alicia's Brief, welcher mit der Nach⸗ mittagspoſt gekommen war, auf der Eiſenbahnſta⸗ tion an. Die düſtern Dorflichter flimmerten ſchwach in dem zunehmenden Dunkel, als Robert zu Audley eintraf. Er ließ ſein Felleiſen bei dem Bahnmeiſter und mar⸗ ſchirte mit gelaſſenem Schritt über die öden Feld⸗ wege dahin, welche zu der ſtillen Einſamkeit des Herrenhauſes führten. Ein leiſer, ſeufzender Wind ſtrich über das flache Wieſenland und trieb die rauhen Zweige der Bäume hin und wieder gegen den vunkelgrünen Horizont empor. Sie ſahen aus wie die geiſterhaften Arme zuſammengeſchrumpfter und verwitterter Rieſen, welche Robert zu ſeines Oheims Hauſe geleiteten. Sie ſahen aus wie dro⸗ hende Geſpenſter in dem froſtigen Winterzwielicht, welche durch Geberden ihn aufforderten, ſeine Reiſe zu beſchleunigen. Die lange Allee, ſo heiter und angenehm, wenn die duftigen Linden ihre helle Blüthe auf dem Pfade ausſtreuten, und die Hageroſe in der Sommerluft wogte, war ſchrecklich bleich und öde in dem düſtern Zwiſchenreich, welches die ge⸗ müthlichen Weihnachtsfreuden von der blaſſen Röthe des kommenden Frühlings ſcheidet— eine todte Pauſe im Jahr, während welcher die Natur in einem Schlafe des Verzückens zu liegen und das wunder⸗ bare Signal zu dem Knospen der Bäume und dem Aufbrechen der Blumen zu erwarten ſcheint. Eine traurige Ahnung beſchlich Roberts Herz, als er dem Hauſe ſeines Oheims näher kam. Jeder wechſelnde Umriß in der Landſchaft war ihm ver⸗ traut, jede Krümmung der Bäume, jede Caprice der 112 feſſelloſen Aeſte, jede Wellenlinie in der kahlen, von wilden Zwergkaſtanien, niedriggehaltenen Weiden, Brombeer⸗ und Haſelnußbüſchen unterbrochenen Hage⸗ dornhecke. Sir Michael war dem jungen Manne ein zwei⸗ ter Vater, ein hochherziger und edler Freund, ein ernſter Rathgeber geweſen; und das lebhafteſte Ge⸗ fühl in Roberts Herzen war vielleicht ſeine Liebe zu dem graubärtigen Baronet. Aber die dankbare Zu⸗ neigung war zugleich ſo ſehr ein Theil von ſeinem Selbſt geworden, daß ſie ſelten in Worten einen Ausfluß fand; und ein Fremder würde niemals die Stärke des Gefühls ergrundet haben, welches, ein tiefer und mächtiger Srom, unter der ſtagniren⸗ den Oberfläche des Charakters des Rechtsgelehrten ſich barg. „Was würde aus dieſem Plaz werden, wenn mein Oheim mit Tod abginge?“ dachte er, als er das epheuüberwachſene Gewölbe des Thorwegs und die ſtillen, froſtig grau in der Dämmerung daliegen⸗ den Weiher erreichte.„Würden andere Leute in dem alten Hauſe Wohnung nehmen und unter den niedri⸗ gen eichenen Decken in den heimiſch vertrauten Ge⸗ mächern ſich niederlaſſen?“ Die wunderbare Gabe der Ideenaſſociation, ſo verwoben mit den innerſten Fibern ſelbſt der härte⸗ ſten Natur, erfüllte des jungen Mannes Bruſt mit einem prophetiſchen Schmerz, wenn er daran ge⸗ dachte, daß über kurz oder lang der Tag kommen müſſe, wo die eichenen Läden auf eine Zeit lang geſchloſſen und der Sonnenſchein von dem Hauſe, das er liebte, verbannt würde. Es war für ihn on enn er und gen⸗ dem dri⸗ ſo irte⸗ mit ge⸗ men lang auſe, ihn 113 peinlich, auch nur daran zu denken, wie es immer peinlich ſein muß, der kurzen Friſt zu gedenken, welche auch dem Größten auf der Erde für den Beſiz von deren Herrlichkeiten vergönnt iſt. Iſt es zu ver⸗ wundern, daß mancher Wanderer ſich unter der Hecke zum Schlafen niederlegt und ſich kaum darum be⸗ kümmert, ſich wegen einer Reiſe zu plagen, die zu keiner bleibenden Wohnſtätte führt? Iſt es zu ver⸗ wundern, daß es in der Welt immer Quietiſten ge⸗ geben hat, ſeitdem Chriſti Religion auf Erden ge⸗ predigt worden iſt? Iſt es ſonderbar, daß es eine geduldige Ausdauer und ruhige Ergebung, eine ge⸗ laſſene Erwartung deſſen gibt, was an dem jenſeiti⸗ gen Ufer des dunkel fluthenden Stromes geſchehen wird? Muß es nicht eher Staunen erregen, daß Jemand ſich beſtreben ſoll, groß zu ſein um der Größe willen; aus einem andern Grunde, als um der bloßen Gewiſſenhaftigkeit willen, der einfachen Treue des Dieners, welcher fürchtet, ſein Pfund zu vergraben, da er weiß, daß Gleichgültigkeit beinahe der Unredlichkeit verwandt iſt. Hätte Robert Aud⸗ ley in der Zeit des Thomas a Kempis gelebt, er würde ſich wahrſcheinlich eine kleine Klauſe in irgend einem einſamen Walde erbaut und ſein Leben in ruhiger Nachahmung des berühmten Verfaſſers von der Rachfolge Chriſti verbracht haben. Wie die Sache ſich jezt verhielt, war Figtree Court eine an⸗ genehme Klauſe in ihrer Art, und an die Stelle des Breviers und Stundengebetbuchs ſezte, ich geſtehe es mit Schaam, der junge Rechtsgelehrte Paul de Kock und Dumas Sohn. Aber ſeine Sünde war von Bradbdon, Lady Aubleh's Geheimniß. II. — 114 ſo einfach negativer Art, daß es für ihn ſehr leicht geweſen ſein würde, ſie um negativer Tugenden willen fahren zu laſſen. Nur ein einzelnes Licht war in der langen un⸗ regelmäßigen Fenſterreihe, welche dem Bogengang ſich gegenüber befand⸗ ſichtbar, als Robert unter dem düſtern Schatten des rauſchenden Epheu's, raſtlos in dem froſtigen Klagen des Windes dahin ging. Er erkannte in der Beleuchtung das große vorſprin⸗ gende, architektoniſch verzierte Fenſter in ſeines Oheims Gemach. Als er das lezte Mal das alte Haus geſehen hatte, war es von Beſuchern belebt geweſen; jedes Fenſter ſchimmerte wie ein niedriger Stern in der Finſterniß; jezt war es dunkel und ſchweigſam und blickte wie ein düſteres Feudalge⸗ bäude in die Winternacht hinaus. Das Geſicht des Dieners, welcher dem unerwar⸗ teten Beſucher die Thüre aufmachte, erheiterte ſich, als er ſeines Herrn Neffen erkannte. „Sir Michael wird ſich freuen, Sir, wenn er Sie ſieht,“ ſagte er, als er Robert Audley in das geheizte Bücherzimmer führte, welches jedoch öde erſchien, da des Baronets Armſeſſel leer auf der breiten Herd⸗ vorlage ſtand. „Soll ich Ihnen Etwas zu Eſſen hieher bringen, Sir, ehe Sie die Treppe hinaufgehen?“ fragte der Diener.„Mylady und Miß Audley haben während der Krankheit meines Herrn das Diner immer früh⸗ zeitig eingenommen, aber ich kann Ihnen Alles bringen, was Ihnen beliebt, Sir.“ „Ich will Nichts, ehe ich meinen Oheim geſehen ha ich mi hi en — S—— — icht den un⸗ ang dem tlos ing. rin⸗ ines alte lebt iger und lge⸗ war⸗ ſich⸗ Sie eizte da erd⸗ igen, der ren früh⸗ Alles ſehen 115⁵ habe,“ antwortete Robert beeilt,„das heißt, wenn ich ihn gleich ſehen kann. Er iſt doch nicht zu krank, mich zu empfangen, hoffe ich?“ ſezte er ängſtlich hinzu. „O nein, Sir— nicht zu krank; nur ein wenig entkräftet, Sir. Hieher, wenn's Ihnen gefällig iſt.“ Er führte Robert die kurze, niedrige, eichene Treppenflucht zu dem achteckigen Zimmer hinauf, in welchem Georg Talboys vor fünf Monaten, zerſtreut auf Myladys Porträt ſtarrend, geſeſſen war. Das Gemälde war jezt vollendet und hing auf dem Ehren⸗ plaze gegenüber vom Fenſter, mitten unter den Pouſ⸗ ſins und Wouvermans, deren minder brillante Far⸗ bentöne durch das lebhafte Colorit des modernen Künſtlers völlig gedämpft wurden. Das helle Geſicht ſchaute aus dem Schimmer des goldenen Haares, woran Präraphaeliten ihre Freude haben, mit einem ſpöttiſchen Lächeln heraus, als Robert einen Augen⸗ blick ſtill ſtand, um auf das ihm in der Erinnerung noch wohlbekannte Gemälde einen Blick zu werfen. Einen Moment ſpäter hatte er Mylady's Toiletten⸗ zimmer paſſirt und ſtand auf der Schwelle von Sir Michaels Gemach. Der Baronet lag in ruhigem Schlafe; ſein Arm war über das Bett herausgeſtreckt, und ſeine ſtarke Hand hatte ſeiner jungen Gattin zarte Finger um⸗ ſchloſſen. Alicia ſaß auf einem niedrigen Seſſel an dem breiten offenen Herde, auf welchem die mächtigen Klöze ſtolz in der froſtigen Atmoſphäre brannten. Das Innere dieſes luxuriöſen Schlafgemachs hätte ein ergreifendes Gemälde für den Pinſel eines Künſt⸗ lers abgegeben. Das maſſive, dunkle und düſtere 116 Meublement, da und dort unterbrochen und gehoben durch Stücke von Vergoldung und Maſſen glühender Farbe; die Eleganz von jedem Detail, wobei Reich⸗ thum der Reinheit des Geſchmacks dienſtbar gemacht war; und endlich, der Bedeutung nach das Erſte, die graziöſen Figuren der zwei Frauen und die edle Geſtalt des alten Mannes. welcher eine würdige Studie für einen Maler gebildet hätte. Lucy Audley, mit ihrem ungeordneten Haare in einem blaſſen Nebel von gelbem Golde um das nach⸗ denkliche Geſicht, mit den fließenden Linien ihres wei⸗ chen, in geraden Falten zu ihren Füßen niederfallenden Mouſſelin⸗Hauskleides, das ſich um die Hüfte mit⸗ telſt eines ſchmalen Gürtels von Agatgelenken eng anſchloß, hätte als Modell für eine mittelalterliche Heilige gelten können, welche ſich in einer der winzigen Kapellen in den Ecken oder Winkeln einer grauen alten, durch die Reformation oder Cromwell noch nicht umgeſtalteten Kathedrale barg; und welcher hei⸗ lige Märtyrer des Mittelalters hätte einen feierlichern Anblick gewährt, als der Mann, deſſen grauer Bart auf der dunkelſeidenen Decke des ſtattlichen Bettes lag? Robert blieb auf der Schwelle ſtehen, weil er fürchtete, ſeinen Oheim zu wecken. Die beiden Damen hatten ſeinen Schritt gehört, ſo vorſichtig er auch aufgetreten war, und erhoben den Kopf, nach ihm zu ſehen. Mylady's Angeſicht, das ruhig den kranken Mann bewachte, trug den Ausdruck beſorgten Ernſtes, was demſelben nur noch höhere Schönheit verlieh; aber eben dieſes Geſicht verlor, als es Robert Aud⸗ ley erkannke, ſeinen zarten Glanz und ſah blaß und erſchrocken in dem Lampenlicht aus. (6) en der ich⸗ cht ſte, dle ige in ach⸗ vei⸗ den nit⸗ eng iche igen uen noch hei⸗ hery Bart ag? er men auch ihm nken ſtes, lieh; Aud⸗ und 117 „Mr. Audley!“ rief ſie mit ſchwacher, zitternder Stimme. „Scht!“ flüſterte Alicia mit einer warnenden Geberde.„Sie werden Papa aufwecken. Wie gut iſt es von Dir, Robert, daß Du kommſt,“ ſezte ſie in demſelben flüſternden Tone hinzu, indem ſie ihren Couſin zu dem leeren Seſſel an dem Bette führte. Der junge Mann nahm den angewieſenen Siz am Fuße des Bettes und Mylady gegenüber ein, welche oben am Kopfliſſen ſaß. Er ſchaute lang und ernſt dem Schläfer ins Angeſicht; noch länger, noch ernſter weilte ſein Auge auf dem von Lady Audley, das langſam ſeine natürliche Farbe wieder bekam. „Er iſt nicht ſehr krank, nicht wahr?“ fragte Ro⸗ e in derſelben Tonart, welche Alicia angeſtimmt hatte. Mylady beantwortete die Frage. „O nein, gefährlich krank nicht,“ ſagte ſie,„ohne die Augen von ihres Gatten Antlitz abzuwenden,“ aber wir ſind ängſtlich, ſehr, ſehr ängſtlich geweſen.“ Robert gab ſeine Nachforſchung in dem blaſſen Geſicht noch nicht auf. „Sie wird mich ſchon anſehen,“ dachte er.„Ich will machen, daß ſie meinen Augen begegnet und will darin leſen, wie ich früher gethan habe. Sie ſu erfahren, wie nutzlos ihre Kunſtgriffe bei mir ſin Er hielt einige Minuten an, ehe er wieder das Wort nahm. Die regelmäßigen Athemzüge des Schläfers, das Ticken einer goldenen, zu Häupten des Bettes hän⸗ genden Jagduhr und das Kniſtern der brennenden Scheiter waren die einzigen Laute, welche die Stille unterbrachen. „Ich zweifle nicht daran, Lady Audley, daß Sie ängſtlich geweſen ſind,“ ſagte Robert nach einer Pauſe, indem er Mylady's Augen, als ſie verſtohlen zu ſeinem Geſicht ſich erhoben, fixirte.„Es gibt Niemand, für welchen meines Oheims Leben von höherem Werthe ſein könnte, als Sie. Ihr Glück, Ihre Wohlfahrt, Ihre Sicherheit hängt gleicher Weiſe von ſeinem Daſein ab.“ Der flüſternde Ton, in welchem dieſe Worte ge⸗ ſprochen wurden, war ſo leiſe, daß er die andere Seite des Zimmers, wo Alicia ſaß, nicht erreichte. Lady Audley's Augen begegneten denen des Sprechers mit einem gewiſſen Strahl des Triumphs in ihrem hellen Schimmer. „Ich weiß es,“ erwiderte ſie. „Die, welche auf mich ſchlagen wollen, müſſen mich durch ihn ſchlagen.“ Sie deutete bei dieſen Worten auf den Schläfer, aber den Blick noch immer auf Robert Audley ge⸗ richtet. Sie bot ihm Trotz mit ihren blauen Augen, deren Lichtglanz durch das Siegesbewußtſein, das aus ihnen redete, noch erhöht wurde. Sie bot ihm Trotz mit ihrem ruhigen Lächeln— einem Lächeln von unheilbringender Schönheit, voll lauernder Bedeut⸗ ſamkeit und myſteriöſen Sinnes— dem Lächeln, welches der Künſtler in dem Portrait von Sir Mi⸗ chaels Gemahlin bis zur Uebertreibung angebracht hatte. Robert wandte ſich von dem lieblichen Geſichte ab und bedeckte ſeine Augen mit der Hand, indem er auf ſolche Art eine Schranke zwiſchen ſich und — S 5)) ScS— tille Sie iner hlen gibt von lück, cher ge⸗ dere chte. des phs auf äfer, ge⸗ gen, aus rotz von t⸗ heln, Mi⸗ racht ichte dem und 119 Mylady ſezte, einen Schirm, der ihren durchdringen⸗ den Blick abwehrte und ihre Neugierde herausforderte. Beobachtete er ſie noch immer, oder war er in Nach⸗ denken begriffen? und an was dachte er? Robert Audley war eine Stunde, ehe ſein Oheim erwachte, an ſeines Oheims Bette geſeſſen. Der Baronet äußerte große Freude über die Ankunft ſei⸗ nes Neffen. „Es iſt recht ſchön von Dir, daß Du zu mir kommſt, Bob,“ ſagte er.„Ich habe viel an Dich gedacht, ſeitdem ich krank bin. Du und Lucy, ihr müßt gute Freunde werden, verſtehſt Du, Bob, und Du mußt lernen, ſie als Deine Tante zu betrachten, Sir; obwohl ſie jung und ſchön iſt, und— und— und— Du begreifſt, he?“ Robert ergriff ſeines Oheims Hand, aber er ſchaute ernſt zu Boden, als er antwortete: „Ich verſtehe Sie, Sir,“ ſagte er ruhig,“ und ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich gegen Mylady's Zauber geſtählt bin. Sie weiß das ſo gut als ich.“ Lady Audley verzog ihre hübſchen Lippen ein wenig. „Bah, Sie alberner Robert,“ rief ſie.„Wie Sie Alles gleich au sérieux*) nehmen. Wenn ich dachte, Sie ſeyen etwas zu jung für einen Neffen, ſo war dieß nur eine Folge von dem thörichten Geſchwäz der Leute; nicht von——“ Sie zögerte einen Augenblick und entging der Nothwendigkeit, ihren Satz zu vollenden, durch die rechtzeitige Dazwiſchenkunft von Mr. Dawſon, ihrem ³) Ernſthaft. A. b. 120 vormaligen Dienſtherrn, welcher zu ſeinem Abendbe⸗ ſuche, während ſie ſprach, ins Zimmer trat. Er fühlte dem Patienten den Puls, machte zwei oder drei Fragen, erklärte, der Baronet ſei in ſteti⸗ ger Beſſerung begriffen, wechſelte einige alltägliche Bemerkungen mit Alicia und Lady Audley aus und ſchickte ſich an, das Zimmer zu verlaſſen. Robert erhob ſich und begleitete ihn zur Thüre. „Ich will Ihnen die Treppe hinableuchten, ſagte er, eine Kerze von dem Tiſche nehmend und ſie an der Lampe anzündend. „Nein, nein, Mr. Audley, bitte, bemühen Sie ſich deßhalb nicht,“ erklärte der Wundarzt abwehrend, „ich kenne meinen Weg recht wohl.“ Robert beſtand darauf; und die beiden Männer verließen das Gemach mit einander. Als ſie in das achteckige Vorzimmer traten, machte der Rechtsge⸗ lehrte Halt und ſchloß die Thüre hinter ſich. „Sorgen Sie doch dafür, daß die andere Thüre auch verſchloſſen iſt, Mr. Dawſon,“ ſagte er, nach derjenigen deutend, welche auf die Treppe ging.„Ich möchte einige Augenblicke mich privatim mit Ihnen beſprechen.“ „Mit allem Vergnügen,“ erwiederte der Wund⸗ arzt, indem er Roberts Verlangen befriedigte;„wenn Sie jedoch wegen Ihres Oheims einige Beſorgniß ha⸗ ben, Mr. Audley, ſo laſſen Sie dieſelbe völlig fahren. Es iſt kein Grund zu der geringſten Unruhe vorhan⸗ den. Wäre die Krankheit überhaupt ernſthafter Ra⸗ tur geweſen, ſo hätte ich unmittelbar nach dem Familienarzt telegraphiren laſſen.“ „Ich bin überzeugt, daß Sie Ihre Schuldigkeit ———— 5—— er tit dbe⸗ wei teti⸗ iche und bert igte an Sie end, ner das ge⸗ üre ach nen nd⸗ enn ha⸗ en. an⸗ Ra⸗ em keit 121 gethan hätten, Sir,“ antwortete Robert ernſt.„Aber ich wollte nicht von meinem Oheim ſprechen. Ich wünſche ihnen zwei oder drei Fragen über eine andere Perſon vorzulegen.“ „Wirklich.“ „Die Perſon, welche einſt in Ihrer Familie als Miß Lucy Graham lebte; die Perſon, welche jetzt Lady Audley iſt.“ Mr. Dawſon ſchaute mit einem Ausdruck der Ueberraſchung in ſeinem ruhigen Angeſichte auf. „Verzeihen Sie mir, Mr. Audley,“ erwiderte er, „Sie können kaum von mir erwarten, daß ich Fra⸗ gen über Ihres Oheims Gemahlin ohne Sir Michaels ausdrückliche Erlaubniß beantworten werde. Ich vermag mir kein Motiv zu denken, welches Sie zu ſolchen Fragen veranlaſſen könnte— kein würdiges Motiv wenigſtens.“ Er blickte den jungen Mann ſtreng an, als wollte er ſagen:„Du biſt in Deines Oheims hübſche Frau verſchoſſen, und möchteſt mich zum Zwiſchenträger bei irgend einer verrätheriſchen Liebelei machen; aber daraus wird Nichts, Sir, daraus wird Nichts. „Ich habe die Lady immer als Miß Graham geachtet, Sir,“ ſagte er,„und ſchätze ſie als Lady Audley doppelt— nicht wegen ihrer veränderten Stellung, ſondern weil ſie die Gattin von einem der edelſten Männer in der Chriſtenheit iſt.“ „Sie können meinen Oheim und meines Oheims Ehre nicht aufrichtiger reſpektiren, als ich es thue,“ erwiderte Robert.„Ich habe kein unwürdiges Mo⸗ tiv zu den Fragen, welche ich Ihnen vorlegen will; und Sie müſſen mir antworten.“ 122 „Muß!“ wiederholte Mr. Dawſon unwillig. „Ja, Sie ſind meines Oheims Freund. In Ihrem Hauſe traf er die Frau, welche jetzt ſeine Gattin iſt. Sie nannte ſich eine Waiſe, glaube ich, und ſuchte ſein Mitleid wie ſeine Bewunderung für ſich zu er⸗ regen. Sie erzählte ihm, daß ſie allein in der Welt daſtände, nicht wahr?— ohne Freunde oder Ver⸗ wandte. Dieß war Alles, was ich jemals von ihrem frühern Leben erfahren konnte. „Was für einen Grund haben Sie, mehr zu er⸗ fahren?“ fragte der Arzt. „Einen ſchrecklichen Grund,“ antwortete Robert Audley.„Seit den letzten Monaten habe ich mit Zweifel und Argwohn, welche mir das Leben ver⸗ bitterten, gekämpft. Sie ſind jeden Tag ſtärker ge⸗ worden; und ſie laſſen ſich nicht zur Ruhe bringen durch die alltäglichen Sophiſtereien und ſeichten Rai⸗ ſonnements, womit die Leute ſich ſelbſt zu täuſchen ſuchen, anſtatt an das zu glauben, was ſie am wenig⸗ ſten von allen Dingen in der Welt glaubhaft finden wollen. Ich denke nicht, daß die Frau, welche meines Oheims Namen trägt, werth iſt, ſeine Gattin zu ſein. Ich mag Unrecht haben. Der Himmel gebe, daß es ſo iſt. Aber wenn es ſo iſt, ſo hat die fatale Kette eines aus den Umſtänden geſchöpf⸗ ten Zeugniſſes niemals ſich ſo feſt um eine unſchul⸗ dige Perſon geſchloſſen. Ich will meine Zweifel zur Ruhe gebracht— oder meine Beſorgniſſe be⸗ ſtätigt ſehen. Es gibt nur einen Weg, auf welchem dieß geſchehen kann. Ich muß dem Leben von mei⸗ nes Oheims Weibe rückwärts nachſpüren, genau und ſorgfältig, von dieſer Nacht an über eine Periode —, 1— ℳ— chte 123 von ſechs Jahren hinaus. Heute iſt der vierund⸗ zwanzigſte Februar Neunundfünfzig. Ich muß jeden Nachweis über ihr Leben zwiſchen heute Nacht und dem Februar von Dreiundfünfzig haben.“ „Und Ihr Motiv iſt ein würdiges?“ „Ja, ich wünſche ſie von einem ſchrecklichen Ver⸗ dacht zu reinigen.“ „Welcher nur in Ihrem Geiſte exiſtirt?“ „Und in dem Geiſte einer andern Perſon.“ „Darf ich fragen, wer dieſe Perſon iſt?“ „Nein, Mr. Dawſon,“ antwortete Robert feſt. „Ich kann Nichts weiter offenbaren, als was ich Ihnen bereits geſagt habe. Ich bin in den meiſten Dingen ein ſehr unentſchloſſener, ſchwankender Mann. In dieſem Fall muß ich ganz entſchieden ſein. Ich wiederhole noch einmal, ich muß die Geſchichte von Lucy Grahams Leben wiſſen. Weigern Sie ſich, mir in dem geringen Maße, als Sie die Macht dazu ha⸗ ben, behülflich zu ſein, ſo werde ich Andere finden, die mir beiſtehen. So ſchmerzlich es für mich wäre, ſo würde ich doch meinen Oheim um die Aufklärung erſuchen, die Sie mir vorenthalten, ehe ich mich bei dem erſten Schritt in meinen Nachforſchungen aus dem Felde ſchlagen laſſe.“ Mr. Dawſon ſchwieg einige Minuten. „Ich finde kaum Worte, Ihnen auszudrücken, Mr. Audley, wie ſehr Sie mich in Erſtaunen und Unruhe verſezt haben,“ ſagte er.„Ich kann Ihnen ſo wenig über Lady Audley's früheres Leben mit⸗ theilen, daß es leere Halsſtarrigkeit wäre, den ge⸗ ringen Nachweis, in deſſen Beſiz ich bin, Ihnen zu verweigern. Ich habe ſtets Ihres Oheims Gemahlin 124 als eine der liebenswürdigſten Frauen betrachtet. Ich vermag es nicht über mich, ſie mir anders zu denken. Es hieße eine der ſtärkſten Ueberzeugungen meines Lebens mit der Wurzel ausreißen, würde ich genöthigt, meine Anſicht von ihr zu ändern. Sie wünſchen alſo ihr Leben von der gegenwärtigen Stunde bis zum Jahr Dreiundfünfzig rückwärts zu verfolgen?“ „Allerdings.“ „Sie wurde mit Ihrem Oheim den lezten Juni vor einem Jahr, im Sommer Siebenundfünfzig, ver⸗ mählt. Sie hatte wenig über dreizehn Monate in meinem Hauſe gelebt. Sie trat in meine Familie am vierzehnten Mai des Jahres Sechsundfünfzig ein.“ „Und ſie kam zu Ihnen— 7“ „Von einer Schule zu Brompton, einer Schule, welche von einer Dame Namens Vincent gehalten wurde. Mrs. Vincents nachdrückliche Empfehlung war es, welche mich beſtimmte, Miß Graham in meine Familie ohne ſpecielle Kenntniß von deren früheren Lebensverhältniſſen aufzunehmen.“ „Haben Sie dieſe Mrs. Vincent geſprochen?“ „Nein. Ich ſuchte in den Zeitungen eine Gou⸗ vernante, und Miß Graham wandte ſich auf mein Inſerat an mich. In ihrem Briefe bezog ſie ſich auf Mrs. Vincent, die Vorſteherin der Schule, an welcher dieſelbe als jüngere Lehrerin damals fun⸗ girte. Meine Zeit iſt immer ſo vollſtändig in Anſpruch genommen, daß ich froh war, der Noth⸗ wendigkeit überhoben zu ſein, mit einer Reiſe von Audley noh London und mit Erkundigung über die S 8 — uni er⸗ in ilie zig Ae, ten ng in ren ou⸗ ein ſich an un⸗ in th⸗ on die 125 Eigenſchaften der jungen Dame einen Tag zu ver⸗ lieren. Ich ſuchte Mrs. Vincents Namen in dem Wegweiſer, fand ihn, ſchloß, daß ſie eine achtbare Perſon ſei und ſchrieb an dieſelbe. Ihre Antwort war vollkommen befriedigend. Miß Luchy war ihr zufolge fleißig und gewiſſenhaft, desgleichen zu der von mir angebotenen Stelle vollkommen befähigt. Mir genügte die ertheilte Auskunft, und ich hatte keine Urſache, das, was man ſonſt eine Unvorſich⸗ tigkeit nennen konnte, zu bereuen. Und nun, Mr. Audley habe ich Ihnen Alles geſagt, was in mei⸗ nem Vermögen ſteht.“ „Wollen Sie die Güte haben, mir die Adreſſe von dieſer Mrs. Vincent zu geben?“ fragte Robert, ſein Taſchenbuch herausnehmend. „Gewiß. Sie wohnte damals Crescent Villas, Nr. 9 zu Brompton. „Ach, wahrhaftig,“ murmelte Mr. Audley,“ während bei dieſen Worten eine Erinnerung vom ver⸗ floſſenen September ihm plötzlich wieder in den Sinn kam.„Creſcent Villas— ſo, ich habe dieſe Adreſſe ſchon früher gehört, von Lady Audley ſelbſt. Dieſe Mrs. Vincent telegraphirte an die Gattin meines Oheims zu Anfang des verfloſſenen Septem⸗ ber. Sie war krank— im Sterben liegend, glaube ich— und ließ Mylady rufen; aber ſie hatte ihr altes Haus verlaſſen und war nicht aufzufinden.“ „Wirklich! Ich habe Mylady niemals dieſes Umſtands erwähnen hören. ⸗ „Wohl möglich. Es kam vor, während ich hier war. Ich danke Ihnen, Mr. Dawſon, für die Auf⸗ klärung, die Sie mir ehrlich zu geben Güte hat⸗ 126 ten. Sie führte mich auf dritthalb Jahre in die Geſchichte von Mylady's Leben zurück; aber es blei⸗ ben mir noch drei Jahre zum Ausfüllen, ehe ich ſie von meinem ſchrecklichen Argwohn entlaſſen kann. Guten Abend.“ Robert reichte dem Wundarzt die Hand und kehrte in ſeines Oheims Zimmer zurück. Er war etwa eine Viertelſtunde entfernt geweſen. Sir Mi⸗ chael war wieder eingeſchlafen, und Mylady's lie⸗ bende Hand hatte die ſchweren Vorhänge herabge⸗ laſſen und die Lampe am Bette verdeckt. Alicia und ihres Vaters Gattin tranken Thee in Lady Audley's Boudoir, dem Gemach zunächſt dem Vor⸗ zimmer, in welchem Robert und Dawſon geſeſſen waren. Lucy Audley blickte von ihrer Beſchäftigung unter den gebrechlichen Porcellantaſſen auf und betrachtete Robert ziemlich ängſtlich, während er leiſe in ſeines Oheims Zimmer ſich begab und dann in das Bou⸗ doir zurückkehrte. Sie ſah ſehr hübſch und unſchul⸗ dig aus, wie ſie ſo hinter der graziöſen Gruppe von zartem Opalporcellan und funkelndem Silber daſaß. Gewiß, eine hübſche Frau ſieht niemals hübſcher aus, als wenn ſie Thee macht. Dieſe häus⸗ lichſte und weiblichſte aller Beſchäftigungen theilt jeder Bewegung eine magiſche Harmonie, einen Zau⸗ ber jedem Blick von ihr mit. Die aufwallenden Dämpfe von dem kochenden Waſſer, in welches ſie die beſänftigenden Kräuter ſchüttet, deren Geheim⸗ niſſe ihr allein bekannt ſind, hüllen ſie in eine Wolke duftenden Dunſtes, durch welchen hindurch ſie wie eine geſellige Fee erſcheint, die mächtige Zauberfor⸗ ie ei⸗ ſie i. nd ar i⸗ ie⸗ ge⸗ cia dy ſen ter ete les u⸗ ul⸗ pe ber als eilt u⸗ en ſie ke vie or⸗ 127 meln mit Schießpulver und Bohea*) webt. An dem Theetiſche regiert ſie allmächtig, unnahbar. Was verſtehen Männer von dieſem myſteriöſen Ge⸗ tränke? Lest einmal, wie der arme Hazlitt**) ſeinen Thee machte, und ſchaudert über dieſe ſchreckliche Barbarei. Wie plump verſuchen die armſeligen Kreaturen der am Theezeug präſidirenden Zauberin an die Hand zu gehen; wie hoffnungslos halten ſie den Keſſel, wie gefährden ſie beſtändig die gebrech⸗ lichen Taſſen und Schaalen, oder die ſpizen Finger der Prieſterin. Den Theetiſch beſeitigen heißt die Frau ihrer legitimen Herrſchaft berauben. Ein paar ſchwerfällige Diener unter euern Beſuchern herum⸗ ſchicken, welche eine im Zimmer der Wirthſchafterin bereitete Miſchung austheilen, heißt die geſelligſte und freundlichſte aller Ceremonien auf eine formelle Ausgabe von Rationen reduciren. Beſſer der hüb⸗ ſche Einfluß von Theetaſſen und Schaalen, graziös von der Hand einer Frau gehalten, als all die un⸗ paſſende Macht, welche von dem widerwilligen ſtren⸗ gern Geſchlecht auf einer Federſpize erhaſcht wird. Man denke ſich einmal all die Frauen in England zu dem Niveau männlicher Verſtandeskraft emporge⸗ trieben, erhaben über die Krinoline, über perlengraues Schminkpulver und Mrs. Rachael Leviſon; erhaben über das Beſtreben, hübſch zu ſein, ſich angenehm zu machen; erhaben über Theetiſche und die grau⸗ ſam ſcandalöſe und ziemlich ſatiriſche Fraubaſerei, ) e untergeordnete Art des chineſiſchen ſchwarzen Thees, von einen Berge in China Vou⸗y oder Vov⸗y genannt. A. d. U. liſcher Schriftſteller 1778—1830, bekannt durch Werke über Bolitik, Theater, bilde de Kunſt u. ſ. w. A. d 128 an welcher ſelbſt ſtarke Männer ihre Freude haben; was für ein ſchreckliches, utilitariſches, häßliches Le⸗ ben müßte das ſtrengere Geſchlecht führen! Mylady gehörte keineswegs zu den großen Gei⸗ ſtern. Der ſchimmernde Diamant an ihren weißen Fingern ſandte ſeinen Strahl bald da⸗ bald dorthin unter dem Theegeräthe, und ſie bückte ihren hübſchen Kopf über die wundervolle indiſche Theebüchſe von Sandelholz und Silber mit ebenſo viel Ernſt, als ob das Leben keinen höhern Zweck hätte, als Bohea einzuſchenken. „Wollen Sie eine Taſſe Thee mit uns trinken Mr. Audley?“ fragte ſie, mit der Theekanne in der Hand, und ſah Robert an, welcher an der Thüre ſtehen geblieben war. „Wenn es Ihnen gefällig iſt.“ „Aber Sie haben vielleicht nicht dinirt? Soll ich klingeln und für Sie etwas Subſtantielleres brin⸗ gen laſſen, als Zwieback und durchſichtiges Butter⸗ brod?“ „Nein, ich danke Ihnen, Lady Audley. Ich habe einen Zwiſchenimbiß zu mir genommen, ehe ich London verließ. Ich will Sie mit Nichts weiter als einer Taſſe Thee bemühen.“ Er ſezte ſich an den kleinen Tiſch und ſchaute über denſelben nach ſeiner Couſine Alicia, welche ein Buch im Schooße hatte und ausſah, als ob ſie ganz von deſſen Inhalt in Anſpruch genommen wäre. Die helle, brunette Geſichtsfarbe hatte ihren ſchim⸗ mernden Glanz verloren, und die Lebhaftigkeit in dem Benehmen der jungen Dame war gedämpft— ſtet anr ſo! Ali den Geſ mi hell run nad in iter ute ein ſie ire. im⸗ in 129 ohne Zweifel in Folge von ihres Vaters Krankheit, dachte Robert. „Liebe Alicia,“ ſagte der Rechtsgehrte, nachdem er mit aller Muße ſeine Cbuſine betrachtet hatte, „Du ſiehſt nicht gut aus.“ Miß Audley zuckte die Achſel, ohne ſich herab⸗ zulaſſen, die Augen von ihrem Buche zu erheben. „Wohl möglich,“ antwortete ſie gleichgültig. „Was liegt daran? Ich halte mich an die Philo⸗ ſophie Deiner Schule, Robert Audley. Was liegt daran? Wer bekümmert ſich darum, ob ich mich gut oder ſchlecht befinde?“ „Wie ſie gleich Feuer ſpeit,“ dachte der Rechts⸗ gelehrte. Er wußte wohl, daß ſeine Couſine ihm ſtets böſe war, wenn ſie ihn mit„Robert Audley“ anredete. „Du brauchſt deßwegen auf einen Burſchen nicht ſo loszufahren, wenn er eine höfliche Frage macht, Alicia“ erwiederte er vorwurfsvoll.„Was die Re⸗ densart betrifft, Niemand kümmere ſich um Deine Geſundheit, ſo iſt das ein Unſinn. Ich kümmere mich darum.“ Miß Audley ſchaute mit einem hellen Lächeln auf.„Sir Harry Towers kümmert ſich darum.“ Miß Audley kehrte mit einem Stirn⸗ runzeln zu ihrem Buch zurück. „Was lieſt Du da, Alicia?“ fragte Robert nach einer Pauſe, während welcher er nachdenklich in ſeinem Thee gerührt hatte. „Changes and Chances.“*) „Ein Roman?“ 5) Etwa: des Lebens Wechſelfälle. A. d. U. Brahdon, Lady Aubley's Geheimniß. II. „Von wem?“ „Von dem Verfaſſer von Follies and Faults,“*) antwortete Alicia, in der Lectüre des Romans auf ihrem Schooße immer fortfahrend. „Iſt er intereſſant Miß Audley warf den Mund auf und zuckte die Achſeln. „Nicht ſonderlich,“ antwortete ſie. „Dann denke ich, Du könnteſt etwas Beſſeres und Schicklicheres thun, als leſen, während Dein leiblicher Couſin Dir gegenüber ſizt,“ bemerkte Mr. Audley mit einem gewiſſen Ernſte,„beſonders da er nur gekommen iſt, Dir einen flüchtigen Beſuch zu machen, und morgen früh wieder abgeht.“ „Morgen früh!“ rief Mylady, plözlich aufſchauend. Obwohl der Freudenblick auf Lady Audley's Ange⸗ ſicht kurz wie Wetterleuchten an einem Sommertag geweſen war, blieb er doch keineswegs von Robert unbemerkt. „Ja,“ antwortete er,„ich muß morgen früh in Geſchäftsſachen nach London, kehre aber, mit Ihrer Erlaubniß, Lady Audley, Tags darauf zurück und bleibe bis zu meines Oheims Geneſung.“ „Aber Sie ſind doch nicht ernſtlich ſeinetwegen beſorgt, nicht wahr?“ fragte Mylady ängſtlich.„Sie halten ihn nicht für ſchwer krank?“ „Nein,“ antwortete Robert.„Dem Himmel ſei Dank, ich denke, es iſt nicht die geringſte Urſache zur Beſorgniß vorhanden.“ *) Thorheiten und Fehltritte. A. d. U. unt die wel Kin Da fort Da Zei ode eine fren eine Rol wiel und Er war Trä ſehr als zwei ¹5 auf e die ſeres Dein da eſuch tend. nge⸗ rtag obert früh mit urück egen „Sie l ſei ſache 131 Mylady ſaß einige Augenblicke ſchweigend da und ſchaute mit reizend nachdenklichem Geſichte in die leeren Theetaſſen— mit einem Geſichte, auf welchem ganz der unſchuldige Ernſt eines ſinnenden Kindes ausgeprägt war. „Aber Sie blieben ſo lang vorhin mit Mr. Dawſon eingeſchloſſen,“ fuhr ſie nach einer Pauſe fort.„Ich wurde ganz unruhig über die lange Dauer Ihrer Unterredung. Sie ſprachen die ganze Zeit von Sir Michael?“ „Nein, nicht die ganze Zeit.“ Mylady blickte wieder auf die Theetaſſen nieder. „Ei, was konnte Mr. Audley wohl Mr. Dawſon, oder er Ihnen zu ſagen haben?“ fragte ſie nach e weitern Pauſe.„Sie beide ſind einander ganz remd.“ „Nehmen Sie an, Mr. Dawſon wollte mich in einer Rechtsſache zu Rathe ziehen.“ „War es das?“ rief Mylady eifrig. „Es würde gegen alle Vorſchrift des Berufs ſein, Mylady, wenn ich dieſe Frage bejahte,“ antwortete Robert ernſt.„ Mylady biß ſich auf die Lippen und verſank wieder in Schweigen. Alicia ſchob ihr Buch weg und beobachtete ihres Couſins tiefſinniges Geſicht. Er ſprach dann und wann einige Minuten, aber es war offenbar eine Anſtrengung für ihn, aus ſeiner Träumerei ſich zu erheben. „Auf mein Wort, Robert Audley, Du biſt ein ſehr angenehmer Geſellſchafter,“ rief Alicia endlich, als ihr ziemlich beſchränkter Geduldsvorrath durch zwei oder drei mißlungene Anläufe zu einer Unter⸗ 132 haltung völlig erſchöpft war. Vielleicht biſt Du, wenn Du das nächſte Mal zu um; kommſt, ſo gut, auch Deinen Geiſt mitzubringen. Bei Deinem ge⸗ genwärtigen lebloſen Ausſehen könnte ich mir faſt einbilden, Du habeſt Deinen Verſtand, wie er eben iſt, irgendwo im Tempel gelaſſen. Du haſt nie⸗ mals zu den ſonderlich lebhaften Leuten gehört, aber lezter Zeit biſt Du in der That faſt uner⸗ träglich geworden. Mir kommt es vor, Du ſeiſt verliebt, Mr. Audley, und denkeſt an den geehrten Gegenſtand Deiner Neigung.“ Er dachte an Clara Talboys' emporgerichtetes Haupt, erhaben in ihrem unausſprechlichen Gram; an ihre leidenſchaftlichen Worte, die noch ſo deutlich in ſeinen Ohren klangen, als wenn ſie eben erſt ge⸗ ſprochen worden wären. Er ſah ſie wieder, wie ſie mit ihren hellbraunen Augen ihn anſchaute. Er hörte wieder die feierliche Frage;„Werden Sie oder ſoll ich meines Bruders Mörder finden?“ Und er war in Eſſex, in dem kleinen Dorfe, welches, wie er feſt glaubte, Georg Talboys nicht verlaſſen hatte. Er war an der Stelle, wo alle Nachricht über ſeines Freundes Leben ſo plözlich endete, wie eine Ge⸗ ſchichte endet, wenn der Leſer das Buch ſchließt. Und konnte er jezt von der Nachforſchung abſtehen, in welche er ſich verwickelt fand? Konnte er jezt ſtill halten. Aus irgend einer Rückſicht? Nein; tauſendmal nein! Nicht vor dem Bilde des ſchmerz⸗ ergriffenen Angeſichtes, das ſeinem Geiſte eingeprägt war. Nicht bei den Lauten jener ernſten Anſprache, die noch in ſeinem Ohre nachklang. den wer fuh bro unt wü lich Sch 3zu ſche ſie, ob keit. geb tel neu und ſchli Rät haa lichſ ferti Du, gut, n ge⸗ faſt eben nie⸗ ehört, uner⸗ ſeiſt hrten htetes ram; utlich ſt ge⸗ ie ſie Er Sie Und „ wie hatte. ſeines Ge⸗ ließt. tehen, jezt Nein; merz⸗ prägt rache, 133 weiter und weiter. Robert verließ Audley am nächſten Morgen mit dem erſten Frühzug und erreichte Shoreditch ein wenig nach neun Uhr. Er kehrte nicht in ſeine Wohnung zurück, ſondern rief ein Cabriolet und fuhr geraden Wegs nach Creſcent Villas in Weſt⸗ brompton. Er wußte, daß er die Frau, welche er unter dieſer Adreſſe ſuchen wollte, nicht finden würde, wie es ſchon ſeinem Oheim vor einigen Monaten geſchehen war, aber er hielt es für mög⸗ lich, einen Fingerzeig zu der neuen Wohnung der Schulvorſteherin, troz Sir Michaels geringem Erfolg, zu erhalten. „Mrs. Vincent lag im Sterben der telegraphi⸗ ſchen Nachricht zufolge,“ dachte Robert.„Finde ich ſie, ſo ſoll es mir wenigſtens gelingen, zu entdecken, ob jene Botſchaft ächt war.“ Er fand Creſcent Villas nach einiger Schwierig⸗ keit. Die Häuſer waren groß, aber lagen halb ein⸗ gebettet zwiſchen dem Chaos von Ziegeln und Mör⸗ tel rings herum. Neue Terraſſen, neue Straßen, neue Pläze lagen in troſtloſen Maſſen von Steinen und Kalk auf allen Seiten. Die Wege waren ſchlüpfrig von feuchtem Lehm, welcher ſich an den Rädern des Cabriolet klumpig anhing und die Huf⸗ haare des Pferdes überzog. Der Schrecken der gräß⸗ lichſten Dede— der ſchauderhafte Anblick des Un⸗ fertigen und Mißbehaglichen, welcher eine neue, un⸗ ausgebaute Nachbarſchaft durchdringt, hatte ſein 134 Siegel auf die anliegenden Straßen gedrückt, welche um Creſcent Villas erſtanden und tiefer eingedrungen waren; und Robert verlor vierzig Minuten nach ſeiner eigenen Uhr und fünf Viertelſtunden nach des Kutſchers Rechnung damit, daß er in den unbewohnten Straßen und Terraſſen auf⸗ und abfuhr, um die Villas aufzuſuchen, deren Kaminkappen ſchwarz und ehrwürdig, mitten unter Partieen jungfräulichen Gypſes, der von Zeit und Rauch noch unverdü⸗ ſtert war, herabſchauten. Als Mr. Audley endlich den Ort ſeiner Beſtim⸗ mung erreicht hatte, ſtieg er aus, gebot dem Kut⸗ ſcher, an einer beſtimmten Ecke zu warten, und machte ſich zu ſeiner Entdeckungsreiſe auf. „Wäre ich ein diſtinguirter Q. C.,*) ſo könnte ich Etwas der Art nicht thun,“ dachte er;„meine Zeit wäre für die Minute ſo eine Guinee werth, und ich würde durch den großen Rechtsfall von Hoggs gegen Boggs zurückgehalten und müßte noch heute zu einer Special⸗Jury in Weſtminſter Hall. Wie die Sachen jezt ſtehen, kann ich mir ſchon geſtatten, geduldig zu ſein.“ Er fragte nach Mrs. Vincent unter der Haus⸗ nummer, welche Mr. Dawſon ihm gegeben hatte. Die Magd, die ihm die Thüre öffnete, hatte niemals den Namen dieſer Frau gehört; ſie erkundigte ſich nun bei ihrer Frau und kehrte dann mit der Mel⸗ dung zurück, Mrs. Vincent habe hier gewohnt, aber zwei Monate vor dem Einzuge der gegen⸗ wärtigen Hausbeſizer das Logis verlaſſen; und„Miſſus *) d. h. Queen's Counsellor, Anwalt der Königin. A. d. U. velche ingen nach h des huten n die zund lichen erdü⸗ eſtim⸗ Kut⸗ nachte önnte meine werth, oggs heute Wie atten, Haus⸗ hatte. emals te ſich Mel⸗ vohnt, egen⸗ iſſus d P. wohnt ſchon ſeit fünf Vierteljahren hier,“ ſezte das Mädchen erklärend hinzu. „Aber, Du kannſt mir nicht ſagen, wohin ſie tan, hier ausgezogen iſt?“ fragte Robert verzwei⸗ elnd. „Nein, Sir; Miſſus ſagt, ſie glaube, es ſei der Frau ſchlecht gegangen, und ſie habe deßhalb den Ort ſchleunigſt geändert und keineswegs Luſt gehabt, ihren neuen Aufenthalt die Nachbarſchaft wiſſen zu laſſen. Mr. Audley befand ſich wieder in einer Lage, wo für den Augenblick guter Rath theuer war. Hatte Mrs. Vincent den Ort mit Schulden behaftet ver⸗ laſſen, ſo war ſie auch ſorgfältigſt darauf bedacht geweſen, ihren künftigen Aufenthalt zu verheimlichen. Es ſtand alſo wenig zu hoffen, von einem der Hand⸗ werksleute ihre Adreſſe zu erfahren: und doch war es andererſeits möglich, daß einige ihrer ſchärfſten Creditoren es ſich zur Aufgabe gemacht hatten, das Aſyl der pflichtvergeſſenen Schuldnerin aufzuſpüren. Er ſchaute ſich nach den nächſten Läden um und entdeckte einen ſolchen von einem Bäcker, einem Krämer und einem Obſthändler, wenige Schritte von dem halbmondförmigen Häuſercomplex. Drei leerausſehende, pretentiöſe Läden mit Spiegelglas⸗ fenſtern und einer troſtloſen Miene vornehmen Weſens. Er hielt vor dem erſten an, der ſich Paſteten⸗ und Zuckerbäcker nannte und einige Muſter verſtei⸗ nerten Schwammkuchens in Glasflaſchen und einige hochglaſirte, mit grüner Gaze bedeckte Torten aus⸗ ſtellte. 136 „Sie muß doch Brod gekauft haben,“ dachte Ro⸗ bert, als er rathſchlagend vor dem Bäckerladen ſtand, „und ſie hat es wahrſcheinlich an dem nächſt zur Hand befindlichen Orte gekauft. Ich will es ein⸗ mal mit dem Bäcker verſuchen.“ Der Bäcker ſtand hinter ſeinem Ladentiſch und ſtritt ſich mit einem armſeligen jungen Weibe über die verſchiedenen Items einer Rechnung herum. Er nahm von Robert Audley keine Notiz, als bis der Wortwechſel zu Ende war; erſt nachdem er die Rech⸗ nung quittirt hatte, ſchaute er auf und fragte den Rechtsgelehrten nach ſeinem Begehren. „Können Sie mir nicht die Adreſſe von einer Mrs. Vincent ſagen, welche hier vor anderthalb Jahren Nr. 9 in Crescent Villas gewohnt hat?“ fragte Mr. Audley gelaſſen. „Nein, das kann ich nicht,“ antwortete der Bäcker, indem er ſehr roth im Geſicht wurde und mit unnöthig lanter Stimme ſprach;„es wäre mir recht lieb, wenn ich ſie ſelbſt wüßte. Die Frau iſt mir über eilf Pfund für Brod ſchuldig, und das iſt mehr, als ich meinen Mitteln nach verlieren kann. Kann mir Jemand ſagen, wo ſie wohnt, ſo werde ich ihm ſehr dafür verpflichtet ſein.“ Robert Audley zuckte die Achſeln und wünſchte dem Mann guten Morgen. Er fühlte, daß die Auf⸗ findung von dem Aufenthaltsort der Frau ihm mehr Mühe machte, als er erwartet hatte. Er hätte nach Mrs. Vincents Namen in dem Poſtadreßbuch ſuchen können, aber er dachte, eine Frau, welche auf ſo un⸗ angenehmem Fuße mit ihren Gläubigern ſtand, würde ihnen wohl ſchwerlich ein ſo leichtes Mittel, von aut gen Che Vir das Sie Ro⸗ tand, zur ein⸗ und über Er der Rech⸗ den einer halb at?“ der und mir u iſt s iſt ann. verde iſchte Auf⸗ mehr nach chen un⸗ ürde von 137 ihrer Wohnung ſich Kunde zu verſchaffen, an die Hand geben. „Wenn der Bäcker ſie nicht finden kann, wie wird es mir gelingen,“ ſprach er verzweifelnd bei ſich.„Wenn ein entſchloſſenes, ſanguiniſches, reg⸗ ſames und energiſches Geſchöpf, wie ein Bäcker, da⸗ mit nicht zum Ziele gelangt, wie darf ein lympha⸗ tiſcher Wicht gleich mir hoffen, es zu Stande zu bringen? Wo der Bäcker eine Niederlage erlitten hat, wäre es für mich eine verkehrte Thorheit, auf Erfolg zu rechnen.“ Mr. Audley gab ſich dieſen düſtern Reflexionen hin, während er langſam nach der Ecke zu ſchritt, wo er ſein Cabriolet gelaſſen hatte. Auf halbem Wege zwiſchen dem Bäckerladen und der Ecke wurde er dadurch aufgehalten, daß er den Schritt einer Frau hart an ſeiner Seite vernahm; und gleich forderte ihn die Stimme dieſer Frau auf, zu alten. Er drehte ſich und fand ſich Auge in Auge der armſelig gekleideten Frau gegenüber, welche er in Verrechnung mit dem Bäcker getroffen hatte. „Wie?“ fragte er zerſtreut;„kann ich Etwas für Sie thun, Madame? Iſt Mrs. Vincent Ihnen auch Geld ſchuldig?“ „Ja, Sir, antwortete die Frau mit einem halb gentilen Weſen, das mit dem armſelig vornehmen Charakter ihres Anzugs im Einklang ſtand;„Mrs. Vincent ſteht in meiner Schuld; aber es iſt nicht das, Sir. Ich— ich möchte gern wiſſen, was Sie mit derſelben zu thun haben, weil— weil“ „Weil Sie mir, wenn es Ihnen gut dünkt, deren 138 Adreſſe geben können, Madame? Das iſt es, was Sie ſagen wollen, nicht wahr?“ Die Frau zögerte ein wenig, indem ſie Robert ziemlich argwöhniſch anſah. „Sie ſtehen in keinem Bezug— zu dem Kerb⸗ holzgeſchäft, nicht wahr, Sir?“ fragte ſie, nachdem ſie Mr. Audley's äußere Erſcheinung einige Augen⸗ blicke ſich betrachtet hatte. „Zu was, Madame?“ rief der junge Rechts⸗ gelehrte, indem er einen erſtaunten Blick auf die Fragerin warf. „Ich bitte um Entſchuldigung, Sir,“ rief die kleine Frau, als ſie bemerkte, daß ſie einen groben Mißgriff gemacht hatte.„Ich dachte mir, Sie könn⸗ ten ſo Einer ſein, verſtehen Sie. Manche von den Herren, welche für die Kerbholzläden*) einkaſſiren, kleiden ſich ſo ſchön; und ich weiß, Mrs. Vincent hat viele Schulden.“ Robert Audley legte ſeine Hand auf den Arm der Sprecherin. „Meine werthe Madame,“ ſagte er.„Ich be⸗ gehre nichts von Mrs. Vincents Angelegenheiten zu erfahren. Ich ſtehe ganz und gar in keinem Be⸗ zuge zu dem Kerbholzgeſchäft, wie Sie es nennen, habe auch nicht die entfernteſte Idee davon, was Sie damit ſagen wollen. Sie können eine po⸗ litiſche Verſchwörung, Sie können irgend eine neue Art von Steuern meinen. Mrs. Vincent iſt mir kein Geld ſulkig, ſo ſchlecht ſie auch mit dem mür⸗ *) tally-shops Kramläden, wo gegen wucheriſche Ziſi arbeiter Geldvorſchüſſe erhalten. riſ in her übe an cen ſo ein das das Au kur abe hal we ein übe im nu kan hal ind unt iſt was bert erb⸗ dem gen⸗ chts⸗ die die oben önn⸗ den iren, cent Arm be⸗ n zu Be⸗ es won, po⸗ neue mir mür⸗ Lohn⸗ 1. 139 riſch ausſehenden Bäcker ſtehen mag. Ich habe ſie in meinem Leben nicht geſehen; wünſche ſie aber heute zu ſehen, einfach zu dem Zweck, einige Fragen über eine junge Dame, welche einſt bei ihr wohnte, an ſie zu richten. Wenn Sie wiſſen, wo Mrs. Vin⸗ cent wohnt, und mir deren Adreſſe geben wollen, ſo thun Sie mir einen großen Gefallen.“ Er zog ein Etui heraus und händigte der Frau eine Karte mit ſeinem Namen ein. Sie betrachtete das Stückchen Steifpapier behutſam, ehe ſie wieder das Wort nahm. „Sie haben allerdings die Sprache und das Ausſehen eines Gentlemans,“ ſagte ſie nach einer kurzen Pauſe,„und ich hoffe, Sie werden mich ent⸗ ſchuldigen, wenn ich Anfangs mißtrauiſch ausſah; aber die arme Mrs. Vincent hat großes Unglück ge⸗ habt, und ich bin die einzige Perſon hier herum, welcher ſie ihre Adreſſe anvertraut hat. Ich bin eine Kleidermacherin, Sir, und arbeite ihr ſchon über ſechs Jahre, und obwohl ſie mich nicht regel⸗ mäßig zahlt, verſtehen Sie, Sir, ſo gibt ſie mir doch immer von Zeit zu Zeit einiges Geld auf Abrech⸗ nung, und ich mache es eben, wie ich kann. Ich kann Ihnen alſo ſagen, wo ſie wohnt, Sir. Sie haben mich doch nicht getäuſcht, Sir, nicht wahr?“ „Auf meine Ehre, nein.“ „Nun denn, Sir,“ ſagte die Kleidermacherin, indem ſie ihre Stimme dämpfte, als ob das Fflaſter unter ihren Füßen, oder das eiſerne Gitter vor den Häuſern zur Seite Ohren hätte, ſie zu hören,„es iſt Acacia ⸗Cottage, Peckham Grove. Ich habe erſt 140 geſtern ein Kleid für Mrs. Vincent dorthin ge⸗ tragen.“ „Ich danke Ihnen,“ ſagte Robert, indem er die Adreſſe in ſein Taſchenbuch eintrug.„Ich bin Ihnen ſehr verbunden, und Sie können ſich darauf verlaſ⸗ ſen, daß von meiner Seite aus Mrs. Vincent nicht im Mindeſten incommodirt werden ſoll.“ Er lüftete ſeinen Hut, verbeugte ſich gegen die kleine Puzmacherin und kehrte zu dem Cabriolet zurück. „Ich habe den Bäcker jedenfalls geſchlagen,“ dachte er.„Nun zur zweiten Station auf der Rück⸗ reiſe in Mylady's Leben.“ Die Fahrt von Brompton nach Peckham⸗Road iſt ſehr lang, und zwiſchen Creſcent Villas und Acacia Cottage hatte Robert Audley volle Muße zu Reflexionen gelaſſen. Er dachte an ſeinen Oheim, der ſchwach und krank in den eichengetäfelten Zim⸗ mer zu Audley Court lag. Er dachte an die ſchö⸗ nen blauen Augen, welche Sir Michaels Schlummer hüteten; an die weichen weißen Hände, welche ihn pflegten, wenn er wach war; an die leiſe, muſika⸗ liſche Stimme, welche ſeinen einſamen Zuſtand erleich⸗ terte; in ſeinen abnehmenden Jahren ihn erheiterte und tröſtete. Was für ein angenehmes Gemälde wäre es geweſen, wenn er arglos es hätte betrach⸗ ten können, wenn er nicht mehr geſehen, als Andere, wenn er nicht weiter geſchaut hätte, als es für einen Fremden überhaupt möglich war. Aber bei det ſchwarzen Wolke, die er, wie ſie über demſelben ſich niederließ, ſah oder zu ſehen ſich einbildete, wie er⸗ ge⸗ die hnen rlaſ⸗ nicht die iolet en,“ tück⸗ toad und e zu eim, Zim⸗ ſchö⸗ mer ihn ſika⸗ eich⸗ terte älde rach⸗ dere, inen der ſich er⸗ 141 ſchien es dann als ein ſo boshafter Hohn, als eine ſo diaboliſche Täuſchung! Peckham Grove— ziemlich angenehm zu Som⸗ merszeiten— hat ein trauriges Ausſehen an einem trüben Februartage, wenn die Bäume kahl und ent⸗ blättert daſtehen und die kleinen Gärten wüſte ſind. Acacia Cottage rechtfertigte nur wenig ſeine Benen⸗ nung und ſtreckte, blos von ein paar hohen, ſchmäch⸗ tigen Pappeln beſchirmt, ſeine kahlen, ſtaubüberzo⸗ genen Mauern gegen die Straße heraus. Aber es that ſich als Acacia Cottage mittelſt einer kleinen Meſſingplatte an einem Pfoſten der Gitterthüre kund, was für den ſcharſſehenden Kutſcher genug war, um Mr. Audley auf dem Fflaſter an dem kleinen Gitter abzuſezen. Acacia Cottage ſtand viel niedriger auf der ſo⸗ cialen Stufenleiter, als Creſcent Villas, und die geringe Magd, welche an dem niedrigen Holzgitter erſchien und mit Mr. Audley verhandelte, war au⸗ genſcheinlich wohl daran gewöhnt, unbarmherzigen Gläubigern auf dem Pflaſter über die ſchwache Bar⸗ rikade hinweg die Spize zu bioten. Sie nahm zu dem gewöhnlichen häuslichen Vor⸗ geben ihre Zuflucht und murmelte etwas, wie wenn ſie nicht wüßte, wo ihre Frau ſich gerade befände; dann forderte ſie Robert auf, ihr gefälligſt Namen und Geſchäft anzugeben, und verſprach nachzuſehen, ob Mrs. Vincent zu Hauſe wäre. Mr. Audley nahm eine Karte heraus und ſchrieb mit Bleiſtift unter ſeinen Namen:„Ein Bekannter von der vormaligen Miß Graham.. 142 Er forderte die Magd auf, dieſe Karte ihrer Frau zu bringen, und wartete ruhig den Erfolg ab. Die Magd kehrte in etwa fünf Minuten mit dem Gitterſchlüſſel zurück. Ihre Frau ſei zu Hauſe, ſagte ſie Robert, als ſie ihn hereinließ, und würde erfreut ſein, den Gentleman zu ſehen. Das viereckige Wohnzimmer, in welches Robert gewieſen wurde, trug in jedem Stück Verzierung, in jedem Artikel der Geräthſchaften den untrüglichen Stempel jener Species von Armuth, welche am troſt⸗ loſeſten iſt, weil ſie keinen dauernden Beſtand hat. Der Handwerker, welcher ſein winziges Zimmer mit einem Halbduzend Rohrſtühlen, einem Pembroke⸗ tiſch*), einer niederländiſchen Standuhr, einem kleinen Spiegel, einem Schäfer und einer Schäferin von Steingut, und einem eiſernen, buntlackirten Theeſer⸗ vice ausſtattet, ſucht aus dieſem beſchränkten Beſiz⸗ thum den größtmöglichen Nuzen zu ziehen und weiß im Allgemeinen ſich damit einige Behaglichkeit zu verſchaffen; aber die Frau, welche das hübſche Haus⸗ geräthe verliert, wenn ſie das Logis aufzugeben ge⸗ nöthigt iſt und mit dem armſeligen Ueberreſt, wel⸗ cher von einem mitleidigen Freunde bei der Verſtei⸗ gerung ihrer Effecten gekauft wurde— in eine ge⸗ ringere Wohnung überſiedelt, nimmt das Ausſehen halb vornehmer Oede und flitterhaften Elends mit ſich, das ſich an Jämmerlichkeit nicht leicht mit einer andern Phaſe, welche die Armuth durchzu⸗ machen hat, vergleichen läßt. Das Zimmer, in welchem Robert Audley um⸗ ²) Ein kleiner Tiſch mit zwei Klappen. A. d. U. ſcha ſtatt Sch noch für verg Lilie Dro Fen ſehe abw tung Ind zu ſ geſc Alm bert nicht und Er Stit klim nen hrer ab. mit uſe, ürde bert in chen roſt⸗ hat. mit oke⸗ inen von eſer⸗ eſiz⸗ weiß aus⸗ ge⸗ wel⸗ ſtei⸗ ge⸗ ehen mit mit hzu⸗ um⸗ 143 ſchaute, war mit den armſeligen Ueberreſten ausge⸗ ſtattet, welche von dem Ruin, dem die unkluge Schulvorſteherin in Creſcent Villas anheimgefallen, noch mit Mühe gerettet worden waren. Ein aufrecht ſtehendes Pianoforte, ein Arbeitstiſchchen, ſechs Seſſel für das Zimmer zu groß und traurig prunkhaft mit den vergoldeten Eckzierrathen, die abgeſchabt und halb zerbrochen waren, ein dünnbeiniger Spieltiſch, an dem Ehrenplaz befindlich, machten die Hauptſtücke des Meublements aus. Ein fadenſcheiniges Stück Brüſſler Teppich bedeckte den mittlern Raum des Zimmers, und bildete eine Haſe von Roſen und Lilien auf einer Wüſte von verſchoſſenem grünem Droguet.*) Zerknitterte Vorhänge beſchatteten die Fenſter, in welcher Drahtkörbe mit ſchrecklich aus⸗ ſehenden Pflanzen der Cactus⸗Species hingen, welche abwärts wuchſen, wie eine gewiſſe wahnſinnige Gat⸗ tung der Vegetation, deren dornige und ſpinnenartige Individuen die Laune anwandelte, ſich auf die Köpfe zu ſtellen. Der mit grünem Boye bedeckte Spieltiſch war geſchmückt mit prunkhaft gebundenen Annuals oder Almanachs, in rechten Winkeln aufgelegt; aber Ro⸗ bert Audley geſtattete ſich dieſe geiſtige Zerſtreuung nicht. Er ſezte ſich auf einen der wackeligen Stühle und harrte geduldig der Ankunft der Schulmeiſterin. Er konnte das Sumſen von einem halben Duzend Stimmen in einem Nebenzimmer hören, ſo wie die klimpernden Harmonien von einer Reihe Variatio⸗ nen auf einem Piano, von welchem jede Saite offen⸗ 5 Ein halbwollener und halbbaumwollener Zgeug. A. d. U. 144 bar im lezten Stadium der Abzehrung ſich befand. — Er hatte etwa eine Viertelſtunde gewartet, als die Thüre aufging und eine Dame, in vollem Puz und mit dem untergehenden Sonnenſchein dahinge⸗ ſchwundener Schönheit auf dem Angeſicht, in das Zimmer trat. „Mr. Audley, vermuthe ich,“ begann ſie, indem ſie Robert mit einem Winke aufforderte, ſich wieder zu ſezen und ſelbſt in einem Lehnſeſſel ihm gegen⸗ über Plaz nahm,„Sie werden verzeihen, daß ich Sie ſo lang aufgehalten habe; meine Pflichten—“ „Ich muß vielmehr um Entſchuldigung bitten, daß ich mich bei Ihnen eingedrängt habe,“ antwor⸗ tete Robert höflich;„aber der Beweggrund hiezu iſt ſehr ernſthafter Natur und muß zu meinen Gunſten ſprechen. Sie erinnern ſich der Dame, deren Name ich auf meine Karte geſchrieben habe?“ „Vollkommen.“ „Darf ich fragen, wie viel Sie von der Geſchichte der Dame ſeit deren Abgang aus Ihrem Hauſe wiſſen?“ „Sehr wenig. Im Grunde genommen, ſo viel als Nichts. Miß Graham erhielt, glaube ich, eine Stelle in der Familie eines in Eſſex wohnhaften Arztes. Ja, ich war es, die ſie an dieſen Herrn empfohlen. Ich habe, ſeitdem ſie mich verließ, Nichts mehr von ihr gehört.“ „Aber Sie ſtanden mit ihr in Correſpondenz?“ fragte Robert eifrig. „Durchaus nicht.“ Mr. Audley ſchwieg einige Minuten, während mancherlei Gedanken wie düſtere Schatten über ſein Geſicht zogen. tele wot wät fand. als Puz inge⸗ das ndem ieder egen⸗ ß ich itten, wor⸗ iſt nſten tame ichte en?“ viel eine aften errn ichts nz?“ ren ſein 145 „Darf ich fragen, ob Sie lezten September eine telegraphiſche Botſchaft an dieſelbe abgehen ließen, worin Sie ihr meldeten, daß Sie gefährlich krank wären und ſie zu ſehen wünſchten?“ Mrs. Vincent lächelte bei dieſer Frage. „Ich hatte keine Urſache, eine ſolche Botſchaft an ſie zu ſenden,“ antwortete ſie;„ich bin mein Leben lang niemals ernſtlich krank geweſen.“ Robert Audley machte eine Pauſe, ehe er neue Fragen ſtellte, und trug mit dem Bleiſtift eine kurze Bemerkung in ſein Notizbuch ein. „Wenn ich einige directe Fragen über Miß Lucy Graham an Sie ſtellte,“ fuhr er dann fort,„würden Sie wohl die Güte haben, dieſelben mir zu beant⸗ worten, ohne den Beweggrund zu ſolchen Nachfor⸗ ſchungen wiſſen zu wollen?“ „Gewiß,“ erwiederte Mrs. Vincent.„Ich weiß Nichts, was Miß Graham zum Nachtheil gereichen könnte, und habe keine Urſache, mit dem Wenigen, was mir bekannt iſt, geheim zu thun.“ „Dann werden Sie mir wohl angeben, an wel⸗ chem Tage die junge Dame zu Ihnen kam?“ Mrs. Vincent lächelte, den Kopf ſchüttelnd. Es war ein hübſches Lächeln— das offene Lächeln einer Frau, welche einſt bewundert worden war und allzu lang der Gewißheit ſich erfreut hatte, gefallen zu können, als daß ſie durch irgend ein weltliches Miß⸗ geſchick gänzlich niedergebeugt werden konnte. „Es iſt ganz vergeblich, mich dergleichen zu fra⸗ gen, Mr. Audley,“ ſagte ſie.„Ich bin das ſorg⸗ loſeſte Geſchöpf der Welt; ich war niemals geneigt oder im Stande, mir ein Datum zu merken, obwohl Brabdon, Lady Audley's Geheimniß. II. 146 ich Alles, was in meiner Macht ſteht, thue, meinen Mädchen einzuprägen, wie wichtig es für ihre künf⸗ tige Wohlfahrt iſt, zu wiſſen, wann Wilhelm der Froberer zur Regierung kam, und dergl. Dinge mehr. Aber ich habe nicht die entfernteſte Idee, wann Miß Graham zu mir kam, obwohl ich weiß, daß es ſchon lang her iſt, denn es war gerade in dem Sommer, da ich mein pfirſichfarbenes Seiden⸗ kleid hatte. Aber wir müſſen Tonks fragen— Tonks kann gewiß Auskunft geben.“ Robert Audley war neugierig zu erfahren, wer oder was Tonks ſein, konnte; ein Tage⸗ oder ein Memorandenbuch vielleicht— ſo ein unbekannter Rival von Letſome. Mrs. Vincent klingelte; worauf ſich die Magd einſtellte, welche Robert eingelaſſen hatte. Erſuche Miß Tonks, zu mir zu kommen,“ ſagte ſie, ich möchte ſie privatim ſprechen.“ Es dauerte nicht fünf Minuten, ſo erſchien Miß Tonks. Sie war von Perſon winterlich und vom Froſte ziemlich angegriffen, und ſchien in den ſpär⸗ lichen Falten ihres dunkeln Merinokleides kalte Luft mit ſich zu bringen. Ihr Alter ließ ſich eigentlich nicht genau angeben; ſie ſah aus, als wäre ſie niemals jünger geweſen und würde niemals älter werden, ſondern in ihrer ſchmalen Zarge vor⸗ und rückwärts arbeiten, gleich irgend einer ſich ſelbſt fütternden Maſchine zum Unterricht junger Fräulein. „Liebe Tonks,“ ſagte Mrs. Vincent, ohne wei⸗ tere Umſtände;„dieſer Gentleman iſt ein Verwand⸗ ter von Miß Graham. Erinnern Sie ſich, wie lang es iſt, daß ſie zu uns nach Creſcent Villas kam?“ To abe zeh bar ihr gen ſter ode Vin pur ihre Leh ode mei kam wei hab geſc den geſſ her kleir ham dazu ren, haa einen künf⸗ n der Dinge Idee, weiß, de in eiden⸗ Tonks wer rein nnter Magd ſagte Miß m ſpär⸗ e Luft entlich re ſie älter ⸗ und ſelbſt ulein. wei⸗ wand⸗ elang m?“ 147 „Sie kam im Auguſt 1854,“ antwortete Miß Tonks;„mir dünkt, es war der achtzehnte Auguſt, aber ich bin nicht ganz ſicher, ob es nicht der ſieb⸗ zehnte war. Ich weiß, es war an einem Dienſtag.“ „Ich danke Ihnen, Tonks, Sie ſind ein unſchäz⸗ bares Gut, meine Liebe,“ rief Mrs. Vincent mit ihrem ſüßeſten Lächeln. Es war vielleicht eben we⸗ gen der unſchäzbaren Natur von Miß Tonks Dien⸗ ſten, daß ſie von ihrer Vorgeſezten die lezten drei oder vier Jahre keinen Lohn erhalten hatte. Mrs. Vincent mochte Bedenken getragen haben, ſie aus purer Geringſchäzung des armſeligen Betrags von ihrem Gehalt im Vergleich mit den Verdienſten der Lehrerin zu bezahlen. „Gibt es ſonſt noch Etwas, was wir, Tonks oder ich, Ihnen ſagen können?“ fragte die Schul⸗ meiſterin.„Tonks hat ein beſſeres Gedächtniß als ich.“ „Können Sie mir ſagen, woher Miß Graham kam, als Sie in Ihr Haus eintrat?“ fragte Robert weiter. „Nicht genau,“ antwortete Mrs. Vincent.„Ich habe eine unbeſtimmte Idee, als ob Miß Graham geſagt hätte, ſie komme von der Seeküſte her, aber den Ort gab ſie nicht an, oder habe ich ihn ver⸗ geſſen. Tonks, hat Miß Graham Ihnen geſagt, wo⸗ her ſie kam?“ „O nein,“ erwiederte Miß Tonks, ihr grimmes kleines Haupt bedeutungsvoll ſchüttelnd.„Miß Gra⸗ ham hat mir Nichts geſagt; ſie war zu geſcheidt dazu. Sie wußte ihre Geheimniſſe wohl zu bewah⸗ ren, troz ihres unſchuldigen Weſens und ihrer Locken⸗ haare,“ ſezte Miß Tonks hämiſch hinzu. 148 „Sie glauben alſo, ſie hatte Geheimniſſe?“ fragte Robert ziemlich lebhaft. „Gewiß,“ erwiederte Miß Tonks mit kalter Ent⸗ ſchiedenheit,„alle möglichen Geheimniſſe. Ich würde eine ſolche Perſon nicht als jüngere Lehrerin in einer reſpektabeln Schule angeſtellt haben, ohne auch nur ein Wort der Empfehlung von irgend einer leben⸗ den Kreatur zu beſizen.“ „Sie hatten alſo vorher keine nähere Auskunft über Miß Graham erhalten?“ fragte Robert, zu Miß Vincent gewendet. „Nein,“ antwortete die Dame mit einiger Ver⸗ legenheit,„ich ließ die Sache auf ſich beruhen, ge⸗ rade wie Miß Graham rückſichtlich des Salairs ver⸗ fuhr. Ich konnte nicht weniger thun, als von einem weitern Nachweis über ihre Perſon abſtehen. Sie hatte mit ihrem Vater einen Zank gehabt, erzählte ſie mir, und begehrte nach einer Heimath, fern von allen den Leuten, die ſie jemals gekannt hatten. Sie hatte ſo viel gelitten, ſezte ſie hinzu, ſo jung ſie auch war, und empfand das Bedürfniß, ihren Trüb⸗ ſalen zu entgehen. Wie konnte ich unter ſolchen Um⸗ ſtänden auf Nachweiſen und dergl. beſtehen? Beſon⸗ ders da ich ſah, daß ſie eine vollkommene Dame war Sie wiſſen, Tonks, daß ſie eine vollkommene Dame war, und es iſt ſehr unfreundlich von Ihnen, ſo grauſame Dinge da, als hätte ich ſie ohne vor⸗ gängige Zeugniſſe aufgenommen, mir vorzuſchwazen.“ „Wenn man Jemand zu ſeinem Günſtling macht, ſo iſt man geneigt, ſich von ihm täuſchen zu laſſen,“ antwortete Miß Tonks mit eiſiger Bündigkeit, jedoch ohne daß genau zu erkennen war, welche Beziehung dieſ ſtan die Mr daß Sie Ton ſei. wel wel ſpie zu frag mei deu geg ſelb wei es 1 ſen, miß ſche dien hatt beiz agte Ent⸗ ürde einer nur ben⸗ kunft „zu Ver⸗ „ge⸗ ver⸗ inem Sie ählte von Sie g ſie rüb⸗ Um⸗ eſon⸗ dame mene hnen, VOr⸗ zen.“ nacht, ſſen,“ edoch hung 149 dieſe Antwort zu dem in Frage ſtehenden Gegen⸗ ſtand hatte. „Ich habe ſie nie zu meinem Günſtling gemacht, die Eiferſucht ſpricht aus Ihnen, Tonks,“ antwortete Mrs. Vincent vorwurfsvoll.„Ich habe nie geſagt, daß ſie ſo brauchbar ſei, wie Sie, meine Liebe. Sie wiſſen, das geſchah niemals.“ „O, nein!“ erwiederte Miß Tonks mit kaltem Tone;„Sie haben niemals geſagt, daß ſie brauchbar ſei. Sie war blos ornamentaler Natur; eine Perſon, welche man vor Beſuchern ſehen laſſen konnte, und welche Phantaſien auf dem Piano im Salon zu ſpielen wußte.“ „Dann vermögen Sie mir alſo keinen Leitfaden zu Miß Grahams früherer Geſchichte zu geben?“ fragte Robert, indem er den Blick von der Schul⸗ meiſterin zu der Lehrerin wandte. Er erkannte ſehr deutlich, daß Miß Tonks einen ſcheelſüchtigen Groll gegen Lucy Graham hegte— einen Groll, welchen ſelbſt der Verlauf der Zeit nicht verſöhnt hatte. „Wenn dieſe Frau Etwas zu Mylady's Nachtheil weiß, ſo wird ſie es ſagen,“ dachte er.„Sie wird es nur allzu gern ſagen.“ Aber Miß Tonks ſchien durchaus Nichts zu wiſ⸗ ſen, außer daß Miß Graham ſich zuweilen für ein mißhandeltes, durch die Niederträchtigkeit der Men⸗ ſchen betrogenes Geſchöpf und für das Opfer unver⸗ dienter Leiden, der Armuth und Entbehrung erklärt hatte. Darüber hinaus vermochte Miß Tonks Nichts beizubringen, und obwohl ſie das, was ihr bekannt war, aufs Beſte zu verwerthen ſuchte, war Robert X 150 ſehr bald dem geringen Vorrath ihres Wiſſens auf den Grund gekommen. „Ich habe nur noch eine Frage zu machen,“ ſagte er endlich,„und zwar folgende. Hat Miß Graham nicht Bücher oder ſonſtige Kleinigkeiten, oder irgend Etwas, das ihr zugehörte, zurückgelaſſen, als dieſelbe aus Ihrem Inſtitut trat?“ „Nichts, ſo viel ich weiß,“ erwiederte Mrs. Vincent. „Ja,“ rief Miß Tonks ſcharf.„Sie hat Etwas, zurückgelaſſen; und zwar eine Schachtel. Sie ſteht oben in meinem Zimmer. Ich habe einen alten Hut darin. Möchten Sie die Schachtel ſehen? fragte ſie, zu Robert gewendet. „Wenn Sie die Güte haben wollten, es mir zu erlauben;“ antwortete er;„das wäre mir ſehr lieb.“ „Ich will ſie holen,“ ſagte Miß Tonks.„Sie iſt nicht ſehr groß.“ Und ſie lief aus dem Zimmer, ehe Mr. Audley Zeit hatte, irgend eine artige Einwendung dagegen zu erheben. „Wie unbarmherzig dieſe Weiber doch gegen einander ſind,“ dachte er, ſo lang die Lehrerin ab⸗ weſend war.„Dieſe hier erkennt vermittelſt einer gewiſſen innern Anſchauung, daß hinter meinen Fra⸗ gen eine gewiſſe Gefahr gegen die andere lauert. Sie wittert das Ungemach, welches einem Mitge⸗ ſchöpf von ihr bevorſteht, und erfreut ſich daran und gibt ſich alle Mühe, mir dabei behülflich zu ſein. Was iſt das für eine Welt, und wie nehmen dieſe Frauen das Leben uns aus den Händen. Helen Maldon, Lady Audley, Klara Talboys und nun Miß Ton End der ihre ſene Rol zett Sch auf wo: mit ein gel TU er.“ tes abe er Au auf auf agte ham gend ſelbe Nrs. was, ſteht lten agte r zu eb.“ „Sie dley egen egen ab⸗ einer Fra⸗ uert. itge⸗ und ſein. dieſe een 151 S— lauter Weibervolk von Anfang bis zu Ende.“ Miß Tonks trat wieder in das Zimmer, während der junge Rechtsgelehrte über die Niederträchtigkeit ihres Geſchlechts nachſann. Sie brachte eine zerriſ⸗ ſene Hutſchachtel von Pappendeckel und übergab ſie Robert zur Einſicht. Mr. Audley kniete nieder, um die Eiſenbahn⸗ zettel und Adreſſen, welche da und dort auf der Schachtel angeklebt waren, zu unterſuchen. Sie war auf ſehr verſchiedenen Eiſenbahnlinien herumgeworfen worden und hatte augenſcheinlich ſchon viele Reiſen mitgemacht. Viele der Zettel waren abgeriſſen, von einigen Fragmente zurückgeblieben, und auf einem gelben Papierſtreifen las Robert die Buchſtaben TURl. „Die Schachtel iſt in Italien geweſen,“ dachte er.“ Das ſind die erſten vier Buchſtaben des Wor⸗ tes Turin, und der Zettel iſt vom Ausland.“ Die einzige Adreſſe, welche nicht verdorben oder abgeriſſen, war die lezte, welche den Namen von Miß Graham, als Paſſagierin nach London trug. Als er dieſen Zettel genau betrachtete, gelangte Mr. Audley zu der Entdeckung, daß er über einem andern aufgeklebt war. „Wollen Sie die Güte haben, mir ein Bischen Waſſer und ein Stückchen Schwamm zu verſchaffen?“ ſagte er.„Ich möchte dieſen obern Zettel ablöſen. Glauben Sie mir, daß ich meine Gründe habe, dieß zu thun.“ Miß Tonks eilte aus dem Zimmer und kehrte ſogleich mit einem Waſſerbecken und Schwamm zurück. 152 „Soll ich den Zettel abnehmen?“ fragte ſie. „Nein, ich danke Ihnen,“ antwortete Robert kalt. „Ich kann es ſelbſt ſehr wohl thun.“ Er benezte den obern Zettel mehrmals, ehe er die Ränder des Papiers losmachen konnte; aber nach zwei oder drei ſorgfältigen Verſuchen ſchälte ſich die befeuchtete Oberfläche ab, ohne die darunter befind⸗ liche Adreſſe zu beſchädigen. Miß Tonks war nicht im Stande, dieſe Adreſſe über Roberts Schulter hin zu leſen, obwohl ſie bei ihren Bemühungen, dieſen Zweck zu erreichen, große Geſchicklichkeit entwickelte. Mr. Audley wiederholte ſeine Operationen mit dem untern Zettel, nahm ihn von der Schachtel ab und legte ihn ſehr ſorgfältig zwiſchen zwei weiße Blätter ſeines Taſchenbuchs. „Ich will Ihnen nicht länger beſchwerlich fallen, meine Damen,“ ſprach er, als er damit fertig war. „Ich bin Ihnen ausnehmend verpflichtet für Ihre Gefälligkeit, mir alle in Ihrer Macht ſtehende Auf⸗ klärung zu geben. Ich wünſche Ihnen guten Morgen.“ Mrs. Vincent verbeugte ſich lächelnd und mur⸗ melte einige conventionelle Redensarten über das Vergnügen, das ihr Mr. Audley's Beſuch gemacht hätte. Miß Tonks, eine aufmerkſamere Beobachte⸗ rin, erſchrack über die Bläſſe, welche ſich über dem Geſicht des jungen Mannes gelagert hatte, ſobald der obere Zettel von der Schachtel entfernt worden war. Robert entfernte ſich langſam von Acacia Cottage. „Wenn das, was ich heute gefunden habe, keinen Beweis für eine Jury abgibt, ſo genügt es doch gewi trüg Allee der unter ſprac Tod Frau verbi Lucy Vinc ſtitut ihre aber im ihres dem kann über Was Verſt kalt. e er nach die ind⸗ reſſe bei roße mit ab eiße len, ar. hre luf⸗ ur⸗ das acht hte⸗ em ald den ge. nen och 153 gewiß, meinen Oheim zu überzeugen, daß er ein be⸗ trügeriſches und ehrloſes Weib geheirathet hat.“ Zehntes Capitel. Anfang am andern Ende. Robert ſchritt langſam durch die entlaubte kleine Allee, unter den kahlen, ſchattenloſen Bäumen in der grauen Februar⸗Atmoſphäre dahin und dachte unterwegs an die eben gemachte Entdeckung. „Ich habe uun das in meinem Taſchenbuch,“ ſprach er bei ſich,„was zwiſchen der Frau, deren Tod Georg Talboys in der Times las, und der Frau, welche in meines Oheims Hauſe waltet, das verbindende Mittelglied bildet. Die Geſchichte von Lucy Graham bricht auf der Schwelle von Mrs. Vincents Schule plözlich ab. Sie trat in das In⸗ ſtitut im Auguſt 1854. Die Schulvorſteherin und ihre Gehülfin können mir das ſagen, vermögen mir aber nicht anzugeben, woher ſie kam. Sie ſind nicht im Stande, mir einen Schlüſſel zu den Geheimniſſen ihres Lebens von dem Tage ihrer Geburt bis zu dem Tage, da ſie jenes Haus betrat, zu geben. Ich kann bei dieſen rückwärts gehenden Nachforſchungen über Mylady's Antecedentien nicht weiter gehen. Was ſoll ich thun, wenn ich Klara Talboys mein Verſprechen halten will?“ Er ging einige Schritte weiter, während er dieſe Frage in ſeinem Geiſt bewegte, mit einem dunkleren ———— 154 Schatten auf ſeinem Geſichte, als derjenige war, der eben mit dem winterlichen Zwielichte aufſtieg, und mit einem ſchweren Druck von Furcht und Sorge, der auf ſeinem Herzen laſtete. „Meine Pflicht iſt klar genug,“ dachte er,„nicht darum weniger klar, weil ſie peinlich iſt,— nicht darum weniger klar, weil ſie mich Schritt für Schritt weiter leitet, und ich für das Haus, das ich liebe, Verwüſtung und Untergang mit mir bringe. Ich muß an dem andern Ende anfangen— ich muß an dem andern Ende anfangen und die Geſchichte He⸗ len Talboys' von der Stunde, da Georg abreiste, bis zu der Beerdigung auf dem Kirchhofe zu Vent⸗ nor entdecken.“ Mr. Audley rief einen vorübereilenden Hanſom an und fuhr damit nach ſeiner Wohnung. Er erreichte Figtree Court noch zeitig genug, um einige Zeilen an Miß Talboys zu ſchreiben und ſei⸗ nen Brief vor ſechs Uhr bei St. Martin⸗le⸗Grand auf die Poſt zu geben. „Es erſpart mir einen Tag,“ dachte er, als er mit ſeiner kurzen Epiſtel nach dem General⸗Poſt⸗ amt fuhr. Er hatte an Klara Talboys geſchrieben, um Er⸗ kundigung nach dem Namen des kleinen Seehafens einzuziehen, wo Georg den Kapitän Maldon und deſſen Tochter getroffen hatte; denn trotz der zwiſchen beiden jungen Männern beſtehenden Vertraulichkeit wußte Robert Audley doch ſehr Weniges und Ge⸗ naueres von ſeines Freundes kurzem Eheſtandsleben. Von der Stunde an, da Georg Talboys die Ankündigung von ſeiner Gattin Tod in den Spal⸗ ten! der; word Färb die( gen, vorg dies Freu war gelaſ glück Lebet niem freun hätte 5 Mon von alſo, Honi Frag den ſchun vor war, ſtieg, orge, nicht nicht chritt liebe, Ich ß an He⸗ eiste, Vent⸗ nſom um d ſei⸗ rand s er Poſt⸗ n Er⸗ afens. und iſchen ichkeit Ge⸗ leben. s die Spal⸗ 155⁵ ten der Times geleſen, hatte er jede Erwähnung der zärtlichen Geſchichte, die ſo traurig unterbrochen worden, den vertraulichen Bericht, der eine ſo düſtere Färbung angenommen hatte, vermieden. Es lag ſo viel Peinliches in der kurzen Geſchichte. Es ſchlich ſich ſo mancher bittere Selbſtvorwurf in die Erinnerung an jene Flucht ein, welche derjeni⸗ gen, die zu Hauſe wartete und harrte, ſo grauſam vorgekommen ſein mußte! Robert Audley begriff dies und wunderte ſich deßhalb nicht über ſeines Freundes Zurückhaltung. Die betrübte Geſchichte war deswegen ſtillſchweigend von Beiden bei Seite gelaſſen worden, und Robert kannte von den un⸗ glücklichen Freigniſſen dieſes einen Jahres in dem Leben ſeines Schplkameraden ſo wenig, als ob ſie niemals in jener behaglichen Wohnung des Tempels freundſchaftliche Genoſſenſchaft mit einander gehalten hätten. Der Brief, welchen Georg an Miß Talboys einen Monat nach ſeiner Heirath geſchrieben hatte, war von Harrowgate datirt. Zu Harrowgate brachte alſo, wie Robert ſchloß, das junge Paar ſeinen Honigmonat zu. Robert Audley hatte Klara Talboys erſucht, ſeine Frage mittelſt des Telegraphen zu beantworten, um den Verluſt eines Tages bei Vollzug der Nachfor⸗ ſchung, zu der er ſich anheiſchig gemacht, zu verhüten. Die telegraphiſche Antwort erreichte Figtree Court vor zwölf Uhr des nächſten Tages. Der Name des Seeſtädtchens war Wildernſea in Yorkſhire. Eine Stunde nach Empfang dieſer Botſchaft langte 156 Mr. Audley auf dem Bahnhof von Kings⸗Eroß an und nahm ſein Billet nach Wildernſea für den Schnellzug, der ein Viertel vor zwei Uhr abging. Die pfeifende Locomotive fuhr auf der traurigen, nordwärts gehenden Reiſe über öde Flächen von niedrigem Wieſenland und kahle, kaum von dem friſch ſproſſenden Grün ſchattirte Getreidefelder da⸗ hin. Dieſe nördliche Route war dem jungen Rechts⸗ gelehrten noch fremd und unbekannt, und die weite Ausdehnung der winterlichen Landſchaft flößte durch deren kahles, verlaſſenes Ausſehen einen gewiſſen Schauer ein. Das Bewußtſein des Zwecks ſeiner Reiſe wirkte wie Mehlthau auf jeden Gegenſtand, auf welchen ſein zerſtreuter Blick einen Augenblick ſich heftete; immer nur daſſelbe müde Wandern; immer nur daſſelbe innerliche Hinſtreben nach dem dunkeln Gemälde, das ſeinem beängſtigten Geiſte ohne Unterlaß vorſchwebte. Es war finſter, als der Zug auf dem Haupt⸗ bahnhof zu Hull anlangte; aber Mr. Audley's Reiſe war noch nicht zu Ende. Unter einer Menge von Laſtträgern und zerſtreut herumliegenden Haufen ſo vielerlei und verſchiedenen Gepäcks, womit die Paſſa⸗ giere ſich ſelber beſchweren, wurde er verwirrt und halb ſchlafend nach einem andern Zuge gewieſen, wel⸗ cher ihn auf der Zweigbahn, die an Wildernſea vorüberzog und die Küſte der Nordſee begrenzte, wei⸗ ter bringen ſollte. Eine halbe Stunde nach ſeiner Abfahrt von Hull fühlte Robert die ſalzige Friſche der See, welche mit dem Winde gegen das offene Wagenfenſter ange⸗ weht kam, und eine Stunde ſpäter hielt der Zug auf erbo woh Ann führ auf heite Zeit Felle keit erlet terw fühl er, c ſtarr auf gen: daſel Scht Sir, Jahr Bah einer einer in d ß an den g. rigen, von dem r da⸗ echts⸗ weite durch viſſen ſeiner ſtand, nblick dern; dem Heiſte aupt⸗ Reiſe von en ſo zaſſa⸗ und wel⸗ rnſea wei⸗ Hull e mit ange⸗ Zug 157 auf einer melancholiſchen, in einer ſandigen Wüſte erbauten Station, wo zwei oder drei finſtere Beamte wohnten, deren einer mit einer heiſeren Glocke bei Annäherung des Zugs einen ſchrecklichen Lärm ver⸗ führte. Mr. Audley war der einzige Paſſagier, welcher auf der düſtern Station ausſtieg. Der Zug fuhr heiterern Scenen entgegen, ehe der Rechtsgelehrte Zeit hatte, ſeine zerſtreuten Sinne zu ſammeln oder das Felleiſen aufzuraffen, welches mit einiger Schwierig⸗ keit in einer ſchwarzen, durch eine einzige Laterne erleuchteten Höhle von Gepäck entdeckt worden war. „Ich möchte wiſſen, ob Anſiedler in den Hin⸗ terwäldern Amerika's ſich ſo vereinſamt und fremd fühlen, wie mir heute Nacht zu Muthe iſt?“ dachte er, als er hoffnungslos in der Finſterniß um ſich ſtarrte. Er rief einen der Dienſtleute herbei und deutete auf ſein Felleiſen. „Wollen Sie dies mir in das nächſte Hotel tra⸗ gen?“ fragte er,„das heißt, wenn ich ein gutes Bett daſelbſt bekommen kann.“ Der Mann lachte, als er das Felleiſen auf die Schulter hob. „Sie könnten wohl dreißig Betten bekommen, Sir, wenn Sie darnach begehrten. Es geht um dieſe Jahreszeit nicht ſehr lebhaft her in Wildernſea.“ Der Laſtträger öffnete eine hölzerne Thüre in der Bahnhofmauer, und Robert Audley befand ſich auf einem großen Bowlinggreen mit weichem Gras, vor einem ungeheuren viereckigen Gebäude, welches finſter in der Winternacht über ihm ſich erhob, und deſſen 158 ſchwarze ausgeſtreckte Maſſe nur durch zwei erhellte Fenſter, die weit von einander abſtanden und röth⸗ lich wie Leuchtthürme in der Finſterniß ſchimmerten, unterbrochen wurde. „Dies iſt das Victoria⸗Hotel, Sir,“ ſagte der Laſtträger.„Sie glauben nicht, welche Menge Leute wir zur Sommerzeit hier haben.“ Im Angeſicht des kahlen Grasplazes, der leer⸗ ſtehenden Holzlauben und der dunkeln Fenſter des Hotels war es in der That ſchwer, ſich eine Vor⸗ ſtellung davon zu machen, daß der Ort jemals von luſtigen Leuten, die ſich in dem heitern Sommer⸗ wetter ein Vergnügen machten, bevölkert ſei; aber Robert Audley erklärte ſich bereit, Alles zu glauben, was dem Laſtträger zu erzählen beliebte, und folgte ſeinem Führer verdrießlich zu einer kleinen Thüre an der Seite des großen Hotels, welche zu einer behag⸗ lichen Schenkſtube führte, wo die niedrigeren Claſſen der Sommergäſte Erfriſchungen erhielten, je nachdem ſie Geld dafür auszugeben geneigt waren, ohne durch die Reihe der gepuzten, weißbeweſteten Kellner unter dem Hauptportal Spießruthen laufen zu müſſen. Aber für die trübe Jahreszeit des Februar war ſehr wenig Dienerſchaft im Hotel beibehalten wor⸗ den, und es war der Wirth in eigener Perſon, der Robert in die düſtere Wildniß polirter Maha⸗ gonytiſche und roßhaargepolſterter Seſſel, welcher er den Namen Kaffeezimmer gab, geleitete. Mr. Audley ſezte ſich hart an das große ſtählerne Feuergitter, und ſtreckte die krampfigen Beine auf der Herdvorlage aus, während der Wirth mit dem Schüreiſen in der ungeheuren Kohlenbeuge herum⸗ fuhr in k Sir gült ſond chen Ihn zuvo gutn wen wir erzei welc von zu 0 halb Bad wies Wil linde ins Leut Mie mit hellte röth⸗ erten, e der Leute leer⸗ rdes Vor⸗ n nmer⸗ aber uben, folgte re an ehag⸗ laſſen hdem durch unter war wor⸗ erſon, taha⸗ e er lerne e auf dem rum⸗ 159 fuhr und damit eine röthliche, hell lodernde Flamme in den Kamin hinauftrieb. „Wenn Sie lieber ein beſonderes Zimmer wollen, Sir“— begann der Mann. „Nein, ich danke Ihnen,“ ſagte Robert gleich⸗ gültig;„das Zimmer hier ſcheint mir eben jezt be⸗ ſonder genug. Wollen Sie mir ein Hammelsripp⸗ chen und eine Flaſche Sherry bringen, ſo werde ich Ihnen ſehr verbunden ſein.“ „Ganz recht, Sir.“ „Und noch lieber wäre es mir, wenn Sie mir zuvor einige Minuten Gehör ſchenken wollten.“ „Mit großem Vergnügen,“ antwortete der Wirth gutmüthig.„Wir ſehen um dieſe Jahreszeit ſo wenig Geſellſchaft, daß wir nur erfreut ſind, wenn wir den Herren, welche uns beſuchen, einen Dienſt erzeigen können. Sie ſollen jede Aufklärung haben, welche ich Ihnen in Bezug auf die Nachbarſchaft von Wildernſea und deren anziehende Eigenſchaften zu geben vermag,“ ſezte der Wirth hinzu, indem er halb unbewußt auf ein kleines Handbuch über das Bad, welches er in der Schenkſtube verkaufte, hin⸗ wies;„ich werde mich glücklich ſchätzen—“ „Aber ich will Nichts über die Nachbarſchaft von Wildernſea wiſſen,“ fiel ihm Robert mit einem ge⸗ linden Proteſt gegen des Wirthes Zungengeläufigkeit ins Wort;„ich will nur einige Fragen über gewiſſe Leute, welche einſt hier wohnten, an Sie richten.“ Der Wirth verbeugte ſich lächelnd mit einer Miene, welche ſeine Bereitwilligkeit erkennen ließ, mit der Biographie aller Bewohner des kleinen See⸗ 160 hafens, wenn Mr. Audley darnach verlangen ſollte, aufzuwarten. „Wie viele Jahre wohnen Sie hier?“ fragte Robert, indem er ſein Notizenbuch aus der Taſche zog.„Iſt es Ihnen unangenehm, wenn ich mir Ihre Antworten auf meine Fragen notire?“ „Nicht im Mindeſten,“ erwiederte der Wirth, in⸗ dem er an dem Ausſehen von Ernſt und Wichtig⸗ keit, das ſich an dieſe Affaire knüpfte, ſeine helle Freude hatte.„Jede Aufklärung, welche ich Ihnen geben kann, und iſt ſie auch wahrſcheinlich vom ge⸗ ringſten Werthe—“ „Ja, ich danke Ihnen,“ murmelte Robert, die Redefluth unterbrechend. Sie wohnen hier—“ „Sechs Jahre, Sir.“ „Seit dem Jahr dreiundfünfzig?“ „Seit dem November zweiundfünfzig, Sir. Ich war vor dieſer Zeit zu Hull im Geſchäft. Dieſes Haus iſt erſt im October, ehe ich es bezog, vollen⸗ det worden.“ „Erinnern Sie ſich eines Lieutenants in der Ma⸗ rine, auf Halbſold glaube ich damals, Namens Maldon?“ „Kapitän Maldon, Sir?“ „Ja, gewöhnlich Kapitän Maldon genannt. Ich ſehe, Sie erinnern ſich ſeiner.“ „Ja, Sir. Kapitän Maldon war einer unſerer beſten Gäſte. Er brachte gewöhnlich ſeine Abende in dieſem Zimmer zu, obwohl die Wände damals noch feucht waren, und wir den FPlaz beinahe erſt nach zwölf Monaten zu tapezieren vermochten. Seine Tochter heirathete einen jungen Officier, welcher um Wei hieh reis tine der ließ buprt grof verg wur dau und bei und dem Rob eine anzt don zähl delt, chen wor gebe Abe ſezte ſollte, ragte aſche Ihre h, in⸗ chtig⸗ helle Ihnen n ge⸗ , die Ich ieſes ollen⸗ Ma⸗ mens Ich nſerer bende mals e erſt Seine rum 161 Weihnachten Zweiundfünfzig mit ſeinem Regimente hieher kam. Sie hatten hier Hochzeit, Sir, und reisten dann auf ein halbes Jahr nach dem Con⸗ tinent ab und kamen ſpäter wieder hieher. Aber der Gentleman lief nach Auſtralien davon und ver⸗ ließ die Frau eine oder zwei Wochen nach der Ge⸗ burt ihres Kindes. Die Geſchichte machte damals großes Aufſehen in Wildernſea.— Mrs.— ich vergeſſe den Namen—“ „Mrs. Talboys,“ warf Robert ein. „So iſt's, Sir, Mrs. Talboys. Mrs. Talboys wurde von den Leuten in Wildernſea höchlich be⸗ dauert, Sir, ich wollte ſagen, ſie war ſehr hübſch und hatte ſo ein nettes, gewinnendes Weſen, daß ſie bei Jedermann, der ſie kannte, beliebt war.“ „Können Sie mir ſagen, wie lang Mr. Maldon und ſeine Tochter noch in Wildernſea blieben, nach⸗ dem Mr. Talboys ſie verlaſſen hatte?“ fragte Robert. „Nun— nein, Sir,“ antwortete der Wirth nach einer kurzen Ueberlegung.„Genau vermag ich nicht anzugeben, wie lang es war. Ich weiß, Mr. Mal⸗ don ſaß gewöhnlich hier in dieſem Zimmer und er⸗ zählte den Leuten, wie ſchlecht ſeine Tochter behan⸗ delt, und wie er von einem jungen Mann, auf wel⸗ chen er ſo großes Vertrauen geſezt hatte, getäuſcht worden war; aber ich bin nicht im Stande anzu⸗ geben, wie lang es war, ehe er Wildernſea verließ. Aber Mrs. Barkamb kann Ihnen das ſagen, Sir,“ ſezte der Wirth ſchnell hinzu. „Mrs. Barkamb?“ „Ja, Mrs. Barkamb iſt die Perſon, welcher Braddon, Lady Aubley's Geheimniß. II. 162 Nr. 17 North Cottages gehört, das Haus, wo Mr. Maldon und ſeine Tochter wohnten. Sie iſt eine nette, gebildete, mütterliche Frau, und ich bin über⸗ zeugt, ſie wird Ihnen Alles ſagen, was Sie zu er⸗ fahren wünſchen.“ „Ich danke Ihnen, ich will morgen bei Mrs. Barkamb vorſprechen. Halt— noch eine Frage? Würden Sie Mrs. Talboys wieder erkennen, wenn ſie Ihnen zu Geſicht käme?“ „Gewiß, Sir. So gut, als ich eine meiner eige⸗ nen Töchter erkennen würde.“ Robert Audley bemerkte ſich Mrs. Barkambs Adreſſe in ſeinem Taſchenbuch, nahm ſein einſames Mahl zu ſich, trank ein paar Gläſer Sherry, rauchte eine Cigarre und zog ſich dann in das Zimmer zurück, wo man zu ſeiner Behaglichkeit ein Feuer angemacht hatte. Erſchöpft davon, daß er ſeit zwei Tagen von einem Ort zum andern herumgefahren war, verfiel er bald in Schlaf; aber ſein Schlummer war nicht ſehr tief, und er hörte, wie der Wind traurig klagend über den Sandflächen hinfegte, und die langen Wel⸗ len über die niedrige Küſte hereinrollten. Sich mi⸗ ſchend mit dieſen kläglichen Lauten, wiederholten die melancholiſchen, aus ſeiner freudloſen Reiſe entſprun⸗ genen Gedanken ſich in ewig wechſelnder Reihenfolge in dem Chaos ſeines ſchlummernden Gehirns und bildeten ſich zu Viſionen von Dingen um, die nie⸗ mals dieſer Erde angehört hatten oder überhaupt angehören konnten, aber zugleich eine unbeſtimmte Beziehung zu den wirklichen Ereigniſſen, welche der Schläfer im Gedächtniß hatte, verriethen. In dieſen unruhigen Träumen ſah er Audley Co: Wo und ſteh ben um er gen da aus daß delt füh Ma Tin mer Hor ſche Fin Wo wic ten Tra Erl die weg hell die mel Mr. eine ber⸗ er⸗ Krs. ge* enmn ige⸗ mbs mes chte rück, acht von rfiel nicht gend Wel⸗ mi⸗ die run⸗ olge und nie⸗ aupt amte der dley 163 Court herausgehoben aus der Umgebung der grünen Waiden und ſchattigen Hecken in Eſſex, und kahl und unbeſchüzt hier auf dieſer öden nördlichen Küſte ſtehend, bedroht von dem raſchen Steigen einer to⸗ benden See, deren Wogen ſich aufzurichten ſchienen, um dann herniederzuſtürzen und das Haus, welches er liebte, zu zermalmen. Und wie die eilenden Wo⸗ gen dem ſtattlichen Hauſe näher und näher kamen, da ſah der Schläfer ein blaſſes, ſternenhelles Geſicht aus dem Silberſchaum hervorblicken, und wußte, daß es Mylady war, in ein Meerfräulein verwan⸗ delt, das ſeinen Oheim dem Untergang entgegen führte. Jenſeits der ſteigenden See ſenkten ſich große Maſſen von Wolken, ſchwärzer als die ſchwärzeſte Tinte, dichter als die finſterſte Nacht, über des Träu⸗ mers Augen herab; aber als er nach dem düſtern Horizont aufſah, trennten ſich langſam die ſtürmi⸗ ſchen Wolken, und von einem ſchmalen Riſſe in der Finſterniß ſtrömte ein Lichtſtrahl über die greulichen Wogen aus, welche langſam, ſehr langſam zurück⸗ wichen, ſo daß das alte Haus nunmehr wohlbehal⸗ ten und feſtbegründet auf der Küſte ſtehen blieb. Robert erwachte mit der Erinnerung an dieſen Traum in ſeinem Geiſte, und einem Gefühl phyſiſcher Erleichterung, als ob eine ſchwere Laſt, welche ihn die ganze Nacht bedrückt hatte, von ſeiner Bruſt weggenommen wäre. Er ſchlief wieder ein und erwachte erſt, als das helle Sonnenlicht auf den Fenſterſchirm ſchien und die ſchrille Stimme der Zimmermagd an ſeiner Thüre meldete, daß es halb neun Uhr ſei. Eine Viertelſtunde vor Zehn verließ er das Victo⸗ 164 ria⸗Hotel und ſchritt längs der einſamen Plattform an der Fronte von einer Reihe ſchattenloſer, nach dem Meere ſehender Häuſer hin. Dieſe Reihe ſchwerer, ſtarrer, viereckig gebau⸗ ter Wohnungen erſtreckte ſich bis an den kleinen Hafen, in welchem zwei oder drei Kauffahrer und ein paar Kohlenſchiffe vor Anker lagen. Jenſeits des Hafens erhob ſich, grau und kalt, an dem win⸗ terlichen Horizonte eine düſtere Kaſerne, von den Häuſern in Wildernſea durch eine ſchmale, mit einer eiſernen Zugbrücke überſpannte Bai getrennt. Der Scharlachrock der Schildwache, welche zwiſchen zwei Kanonen, die in weiten Winkeln vor der Kaſernen⸗ mauer aufgepflanzt waren, hin und her marſchirte, bildete das einzige Stück von Colorit, welches in dem mißfarbigen Gemälde der grauen Steinhäuſer und der bleiernen See ſich ein wenig abhob. Auf der einen Seite des Hafens erſtreckte ſich ein langer Steindamm in die grauſam öde See hin⸗ aus, als ob er zur ſpeciellen Bequemlichkeit irgend eines modernen Timon gebaut worden wäre, der noch in allzu miſanthropiſcher Stimmung ſich befand, als daß er ſich mit der Einſamkeit von Wildernſea begnügt hätte, ſondern ängſtlich begehrte, von ſeinen Mitgeſchöpfen noch etwas weiter weg zu kommen. Robert ſchaute grimmig auf den öden Badeort — den elenden Seehafen hinaus. „Ein Platz wie dieſer,“ dachte er,„muß einen ſtarken Mann umbringen. Er kommt hieher, ſein Herz noch ganz und glücklich, gerade mit ſo viel Erfahrung in Bezug auf Frauen, als man ſich bei einer Blumenausſtellung oder in einem Ballſaale vet hat ein ſtel kon iſt ſc ein trei geb ſtür ber 309 mel iſt mo Au nur klei wie ſelb etw eine Ein orm rach u nen und eits vin⸗ den iner Der wei nen⸗ irte, in uſer ſich hin⸗ en der and, nſea inen . eort inen ſein viel bei ale 165 verſchaffen kann; mit ebenſoviel Kenntniß von der Creatur, als er von den Trabanten ferner Planeten hat; mit einer unbeſtimmten Vorſtellung, daß ſie ein wirbelnder Drehwürfel in roſenrother oder blauer Gaze, oder ein anmuthiges Automat zur Schau⸗ ſtellung in dem Laden einer Puzmacherin iſt. Er kommt an einen Plaz dieſer Art, und das Univerſum iſt plözlich zu einem Halbduzend Acker Landes ver⸗ ſchmälert; der mächtige Plan der Schöpfung iſt in eine Bandſchachtel zuſammengedrückt. Die fernen Geſchöpfe, die er ſchön und undeutlich um ſich herum⸗ treiben geſehen hatte, ſind ihm hier unter die Naſe gebracht, und ehe er Zeit hat, ſich von ſeiner Be⸗ ſtürzung zu erholen, ha, presto!*) hat die Zau⸗ berei begonnen: der magiſche Kreis iſt um ihn ge⸗ zogen, der Bannſpruch iſt im Werk, die ganze For⸗ mel der Hexerei iſt in vollem Spiele, und das Opfer iſt ſo wenig im Stande zu entfliehen, wie der mar⸗ morbeinige Prinz im morgenländiſchen Mährchen.“ Auf ſolche Weiſe grübelnd, erreichte Robert Audley das Haus, zu welchem er, als der Woh⸗ nung von Mrs. Barkamb, gewieſen worden war. Er wurde ſogleich eingelaſſen durch eine ſauber ge⸗ kleidete, ältliche Magd, welche ihn in ein Zimmer wies, das ſo ſauber und ältlich ausſah, wie ſie ſelbſt. Mrs. Barkamb, eine behagliche Matrone von etwa ſechzig Jahren, ſaß in einem Lehnſeſſel vor einem hellen, kleinen Feuer auf dem glänzendei Roſte. Ein ältlicher Dachshund, deſſen ſchwarzbraunes Fell ²) Ausrufungswort der Taſchenſpieler: hurtig! 166 dicht mit Grau geſprenkelt war, ruhte auf Mrs. Barkamb's Schooße. Jeder Gegenſtand in dem ſtillen Wohnzimmer hatte ein ältliches Ausſehen; ein Aus⸗ ſehen von einfacher Behaglichkeit und Pünctlichkeit, welche der Beweis äußerer Ruhe iſt. „Ich möchte hier gern wohnen,“ dachte Robert, „und die graue, langſam über den grauen Sand rollende See unter dem ſtillen grauen Himmelszelt beobachten. Ich möchte hier wohnen und die Per⸗ len an meinem Roſenkranze zählen und Buße thun und ruhen.“ Er nahm in dem Seſſel, gegenüber von Mrs. Barkamb, auf deren Einladung Plaz und ſtellte ſeinen Hut auf den Boden. Der ältliche Dachshund ſtieg von dem Schooße ſeiner Herrin herab, um den Hut anzubellen und auf ſonſtige Art Einſprache ge⸗ gen denſelben zu erheben. „Sie wünſchen, ſeze ich voraus, Sir, eine— ruhig, Dash— eine der Wohnungen hier zu nehmen,“ begann Mrs. Barkamb, deren Geiſt ſich in ſehr engem Fahrwaſſer bewegte, und deren Leben ſeit zwanzig Jahren unwandelbar ſich um Vermiethen von Wohnungen gedreht hatte. Robert Audley erklärte den Zweck ſeines Beſuchs. „Ich komme, eine einfache Frage zu machen, ich wünſche das genaue Datum von Mr. Talboys“ Ab⸗ reiſe von Wildernſea zu entdecken. Der Beſizer des Victoria⸗Hotels hat mich darauf aufmerkſam gemacht. daß Sie höchſt wahrſcheinlich die Perſon wären, welche mir darüber Aufklärung geben könnte.“ Mrs. Barkamb beſann ſich einige Augenblicke. „Ich kann Ihnen das Datum von Kapitän lie un ſie da Mrs. ſtillen Aus⸗ hkeit, bert, Sand lszelt Per⸗ thun Mrs. ſtellte shund nden e ge⸗ men,“ ſehr n ſeit n von ſuchs. n, ich Ab⸗ rdes macht. vären, icke. apitän 167 Maldons Abreiſe geben,“ ſagte ſie,„denn er ver⸗ ließ Nr. 17, beträchtlich in meiner Schuld ſtehend, und ich habe die ganze Affaire ſchwarz auf weiß; was aber Mrs. Talboys betrifft—“ Mrs. Barkamb machte eine kleine Pauſe, ehe ſie wieder das Wort nahm. „Sie wiſſen, daß Mrs. Talboys ziemlich ſchnell davon ging?“ fragte ſie. „Nein, davon war mir Nichts bekannt. „Es iſt ſo! Ja, ſie ging plözlich davon, die arme kleine Frau! Sie verſuchte ſich nach der Ent⸗ weichung ihres Mannes damit fortzubringen, daß ſie Unterricht in der Muſik gab; ſie war eine bril⸗ lante Klavierſpielerin, und es gelang ihr recht gut, glaube ich. Aber ihr Vater nahm ihr, wie ich ver⸗ muthe, das Geld und verthat es in Wirthshäuſern. Wie dem nun ſein mag, ſie hatten eines Abends einen ſehr lebhaften Wortwechſel, und am nächſten Morgen zog Mrs. Talboys von Wildernſea ab, mit Hinterlaſſung ihres kleinen Knaben, welcher in der Nachbarſchaft in Koſt war.“ „Aber das Datum ihrer Abreiſe können Sie mir nicht ſagen?“ „Ich fürchte, nein,“ antwortete Mrs. Barkamb; „und doch, halt. Kapitän Maldon ſchrieb an mich, den Tag, da ſeine Tochter ihn verließ. Er war in großer Bekümmerniß, der arme, alte Gentleman, und er kam immer zu mir in ſeinen Nöthen. Wenn ich den Brief finden könnte, er mag wohl ein Da⸗ tum haben, verſtehen Sie— nicht wahr?“ Mr. Audley meinte gleichfalls, es ſei ſehr wahr⸗ ſcheinlich, daß der Brief ein Datum habe. 168 Mrs. Barkamb begab ſich an einen Tiſch am Fenſter, auf welchem ein altmodiſcher Mahagony⸗ Schreibpult ſtand, der mit grünem Boye gefüttert war und an einer Plethora*) von Documenten litt, welche nach allen Richtungen hervorſtachen. Briefe, Quittungen, Rechnungen, Inventarien und Steuer⸗ zettel lagen in troſtloſer Verwirrung unter einander; und hier ſezte ſich Mrs. Barkamb an's Werk, Kapi⸗ tän Maldons Brief zu ſuchen. Mr. Audley wartete ſehr geduldig und beob⸗ achtete die grauen Wolken, welche über den grauen Horizont hinſegelten; die grauen Fahrzeuge, welche über die graue See hingleiteten. Nach zehn Minuten langem Suchen und nach viel Raſcheln und Kniſtern, Aufmachen und Zuſam⸗ menlegen von Papieren ſtieß Mrs. Barkamb einen Triumphſchrei aus. „Ich habe den Brief gefunden,“ ſagte ſie,„und hier iſt noch ein Billet inwendig von Mrs. Talboys.“ Robert Audley's blaſſes Geſicht flammte in leb⸗ hafter Röthe auf, als er ſeine Hand ausſtreckte, um die Papiere in Empfang zu nehmen. „Die Perſon, welche Helen Maldons Liebesbriefe aus Georgs Koffer in meiner Wohnung ſtahl, hätte ſich die Mühe ſparen können,“ dachte er. Der Brief von dem alten Lieutenant war nicht lang, aber beinahe jedes zweite Wort war unter⸗ ſtrichen. 9) Eigentlich Vollblütigkeit, hier ſo viel als — ſeh auf zin⸗ tior Toc vo wec Ge ſeh Au Der Tiſe Es wo We mic and gib thig Du das Leb am ony⸗ ittert litt, riefe, euer⸗ der; kapi⸗ beob⸗ auen elche nach ſam⸗ einen „und ys. leb⸗ um riefe hätte nicht nter⸗ 169 „Meine edelmüthige Freundin,“ begann der Schreiber.— (Mr. Maldon hatte den Edelmuth der Dame ſehr oft während ſeines Aufenthalts in ihrem Hauſe auf die Probe geſtellt, indem er ſelten ſeinen Mieth⸗ zins zahlte, ehe er mit dem Erſcheinen des Execu⸗ tionsdieners bedroht wurde.) „Ich bin in tiefer Verzweiflung. Meine Tochter hat mich verlaſſen! Sie können ſich vorſtellen, was meine Gefühle ſind. Wir wechſelten einige Worte vergangene Nacht über Geldaffairen, ein Gegenſtand, der immerdar ſehr unangenehm für mich geweſen iſt, und beim Aufſtehen dieſen Morgen fand ich mich verlaſſen. Der Einſchluß von Helen lag für mich auf dem Tiſche im Wohnzimmer. „Ihr zerſtreuter und verzweifelter Henry Maldon.“ „North Cottages, den 16. Auguſt 1854.“ Das Billet von Mrs. Talboys war noch kürzer. Es begann ohne Weiteres alſo: „Ich bin meines Lebens hier müde und wünſche wo möglich ein anderes zu finden. Ich gehe in die Welt, losgetrennt von jedem Glied einer Kette, die mich an die verhaßte Vergangenheit feſſelt, um eine andere Heimath, ein anderes Glück zu ſuchen. Ver⸗ gib mir, wenn ich reizbar, launiſch und wankelmü⸗ thig geweſen bin. Du ſollteſt mir vergeben, denn Du weißt, warum ich ſo geweſen bin. Du kennſt das Geheimniß, welches der Schlüſſel zu meinem Leben iſt.„Helen Talboys.“ 17⁰ Dieſe Linien waren von einer Hand geſchrieben. welche Robert nur allzu gut kannte. Er ſaß lange Zeit da und dachte in der Stille über den von Helen Talboys geſchriebenen Brief nach. Was war der Sinn der zwei lezten Säze:„Du ſollteſt mir vergeben, denn Du weißt, warum ich ſo geweſen bin. Du weißt das Geheimniß, wel⸗ ches der Schlüſſel zu meinem Leben iſt.“ Er ſtrengte vergeblich ſeinen Kopf an, um die Bedeutung der zwei lezten Säze herauszufinden. Er konnte ſich an Nichts erinnern, ſich Nichts vor⸗ ſtellen, was ein Licht darauf werfen konnte. Das Datum von Helens Abreiſe war nach Mr. Mal⸗ dons Brief der 16. Auguſt 1854. Miß Tonks hatte erklärt, daß Lucy Graham in die Schule zu Creſcent Villas am 17. oder 18. Auguſt deſſelben Jahres eingetreten war. Zwiſchen der Abreiſe Helen Tal⸗ boys' aus dem Seebade in Yorkſhire und der An⸗ kunft Lucy Graham's in der Schule zu Brompton konnten nicht mehr als achtundvierzig Stunden ver⸗ floſſen ſein. Dieß bildete vielleicht ein ſehr kleines Glied in der Kette des aus den Umſtänden geſchöpften Zeugniſſes; aber es war doch ein Glied und paßte ganz nett an ſeinen Plaz. „Hat Mr. Maldon von ſeiner Tochter noch Et⸗ was gehört, nachdem ſie Wildernſea verlaſſen?“ fragte Robert. „Ja, ich glaube, er hörte von ihr,“ antwortete Mrs. Barkamb;„aber ich habe nach jenem Auguſt nicht viel mehr von dem alten Gentleman geſehen. Ich war genöthigt, ihm im November verkaufen zu laſſen, denn er war mir einen fünfvierteljährigen Ha ſein Wi ich und kau und Er ten hal ſelb ſich Sch und auf auf her Hel nat vO1 hof ieben. über ch. „Du m ich wel⸗ n die inden. vor⸗ Das Mal⸗ hatte reſcent ahres Tal⸗ r An⸗ mpton ver⸗ leines öpften paßte Et⸗ ſſen?“ ortete luguſt ſehen. fen zu hrigen 171 Hauszins ſchuldig, und nur durch den Verkauf von ſeinem Bischen Möbel konnte ich ihn hinwegbringen. Wir ſchieden als ſehr gute Freunde, trozdem, daß ich ihm die Trödler über den Hals geſchickt hatte, und der alte Gentleman ging mit dem Kinde, das kaum ein Jahr alt war, nach London.“ Mrs. Barkamb hatte Nichts mehr zu erzählen, und Robert hatte keine weitere Fragen zu machen. Er bat um Erlaubniß, die beiden von dem Lieu⸗ tenant und ſeiner Tochter geſchriebenen Papiere be⸗ halten zu dürfen, und verließ das Haus mit den⸗ ſelben in ſeinem Taſchenbuch. Er kehrte direct nach dem Hotel zurück, wo er ſich Etwas nach der Karte zu eſſen beſtellte. Ein Schnellzug nach London verließ Wildernſea um Ein und ein Viertel Uhr. Robert ſchickte ſein Felleiſen auf den Bahnhof, zahlte ſeine Rechnung und wartete, auf der ſteinernen Terraſſe an der See hin⸗ und hergehend, auf den Abgang des Zugs. „Ich habe der Geſchichte von Lucy Graham und Helen Talboys bis zu einem verſchwindenden Puncte nachgeſpürt; mein nächſtes Geſchäft iſt, die Geſchichte von der Frau zu entdecken, welche auf dem Kirch⸗ hof zu Ventnor begraben liegt.“ 172 Eilftes Capitel. Verborgen im Grabe. Bei ſeiner Rückkehr von Wildernſea fand Robert Audley einen Brief von ſeiner Couſine Alicia, der in ſeinem Zimmer lag. „Papa iſt viel beſſer,“ ſchrieb die junge Dame, „und wünſcht ſehr lebhaft, Dich in ſeinem Hauſe zu ſehen. Aus einem unerklärlichen Grunde hat auch meine Stiefmutter ſich in den Kopf geſezt, daß Deine Gegenwart äußerſt wünſchenswerth ſei, und quält mich mit ihren frivolen Fragen nach Deinem Thun und Treiben. So komm' denn ohne Verzug und bring' die Leute zur Ruhe.“ A. A. „Mylady hat alſo ein lebhaftes Verlangen, von meinem Thun und Treiben Etwas zu erfahren,“ dachte Robert Audley, als er nachſinnend und rau⸗ chend an ſeinem einſamen Kamine ſaß.„Sie iſt ängſtlich, und ſie wendet ſich mit Bitten an ihre Stieftochter auf jene hübſche kindiſche Weiſe, welche einen ſo bezaubernden Schein unſchuldiger Frivoli⸗ tät hat. Das arme kleine Geſchöpf; die arme un⸗ glückliche goldhaarige Sünderin; der Kampf zwiſchen uns ſcheint furchtbar häßlich. Warum geht ſie nicht auf und davon, ſo lang es noch Zeit iſt? Ich habe ſie hübſch gewarnt; ich habe ihr meine Karten ge⸗ zeigt und bin bei dieſer Affaire offen zu Werke ge⸗ gangen. Der Himmel weiß es. Warum geht ſie nicht auf und davon?“ Er wiederholte dieſe Frage immer und immer wieder, während er ſeine Meerſchaumpfeife füllte und leert ner Labo würd das Welt mein edeln ſein habe ich b Schu Ich ihr n ſtänd E Regi um die„ allen rings Boffn verfo nes Geda zeug war. boys Brud 5 Kobert der Dame, uſe zu auch Deine quält Thun und A. „on hren,“ rau⸗ ie iſt ihre welche iwoli⸗ e un⸗ iſchen nicht habe n ge⸗ ke ge⸗ ht ſie mmer e und leerte, und hüllte ſich in blaue Rauchwolken aus ſei⸗ ner Pfeife, bis er zuletzt einem modernen, in ſeinem Laboratorium ſizenden Schwarzkünſtler gleich ſah. „Warum geht ſie nicht auf und davon? Ich würde keine nuzloſe Schande über das Haus bringen, das mir mehr gilt, als alle Häuſer auf der weiten Welt. Ich würde nur meine Schuldigkeit thun gegen meinen vermißten Freund und gegen den braven und edelmüthigen Mann, welcher einer unwürdigen Frau ſein Wort verpfändet hat. Der Himmel weiß, ich habe keinen Wunſch, zu ſtrafen. Der Himmel weiß, ich bin nie dazu geboren geweſen, der Rächer der Schuld, oder der Verfolger des Schuldigen zu ſein. Ich wünſche nur meine Pflicht zu thun. Ich will ihr noch eine Warnung zukommen laſſen, eine voll⸗ ſtändige und klare, und dann—“ Seine Gedanken wanderten hinweg zu jenen düſtern Regionen, in welchen er keinen Strahl von Licht ſah, um die trübe, ſchwarze Finſterniß zu erhellen, welche die Zukunft umhüllte, indem ſie ſeinen Pfad auf allen Seiten einſchloß und einen dichten Vorhang rings um ihn herum ausbreitete, durch welchen die Phoffnung nicht zu dringen vermochte. Beſtändig verfolgte ihn wie ein Geſpenſt der Anblick von ſei⸗ nes Oheims Seelenpein; beſtändig quälte ihn der Gedanke an Ruin und Verderben, wozu er das Werk⸗ zeug bildete, was gewiſſermaßen ſeiner Hände Arbeit war. Aber mitten hindurch führte ihn Klara Tal⸗ boys mit gebieteriſcher Miene vorwärts zu Rhres Bruders unbekanntem Grabe. „Soll ich nach Southampton hinab,“ dachte er, —————— S—— 174 „und einen Verſuch machen zur Entdeckung der Ge⸗ ſchichte von der Frau, die zu Ventnor ſtarb? Soll ich den Grund unterminiren, indem ich den armſeligen Bei⸗ helfern bei dieſer häßlichen Verſchwörung gütlich zu Leibe gehe, bis ich meinen Weg zu der dreifach ſchuldi⸗ gen Hauptperſon finde? Nein! Nicht eher, als bis ich andere Mittel zur Entdeckung der Wahrheit verſucht habe. Soll ich zu jenem elenden alten Mann hin⸗ gehen und ihn mit ſeinem Antheil an dem ſchänd⸗ lichen Streiche belaſten, welcher, wie ich glaube, mei⸗ nem armen Freunde geſpielt worden iſt? Nein; ich will den mit Schrecken geſchlagenen Wicht keineswegs noch einmal martern, wie ich es vor einigen Wochen gethan habe. Ich will gerade auf die Hauptver⸗ ſchwörerin losgehen und ihr den ſchönen Schleier wegreißen, unter welchem ſie ihre Gottloſigkeit ver⸗ birgt; ich will von ihr das Geheimniß von meines Freundes Schickſal erpreſſen und ſie für immer aus dem Hauſe bannen, welches durch ihre Gegenwart befleckt worden iſt.“ Früh am nächſten Morgen fuhr er nach Eſſer ab und erreichte Audley vor eilf Uhr. So früh es ſein mochte, Mylady war ſchon aus⸗ wärts. Sie hatte ſich mit ihrer Tochter nach Chelm⸗ ford begeben, um einen Rundgang durch die Läden zu unternehmen. Sie hatte mehrere Beſuche in der Nachbarſchaft der Stadt zu machen und kehrte wahr⸗ ſcheinlich nicht vor der Zeit des Diners zurück. Mit Sir Michaels Geſundheit hatte es ſich ſehr gebeſſert, und er gedachte am Nachmittage ein wenig die Treppe herabzukommen. Vielleicht wollte Mr. Aud⸗ ley ſeinen Oheim auf ſeinem Zimmer beſuchen? edelh ihm dem grau vertr nem bert, EFlen muß, dem kehre hauſ Ohei gleick die c gepri derſp E „und thun, berei welch verſch ſich 1 er at ſich t Ge⸗ U ich Bei⸗ ch zu uldi⸗ is ich ſucht hin⸗ änd⸗ mei⸗ ſic wegs ochen ter⸗ hleier ver⸗ eines aus wart Eſſet aus⸗ helm⸗ Läden n der wahr⸗ Mit eſſert, die Aud⸗ 175 Nein; Robert hegte nicht den Wunſch, ſeinen edelherzigen Verwandten zu ſehen. Was konnte er ihm auch ſagen? Wie konnte er ihm den Weg zu dem bevorſtehenden Kummer ebnen?— Wie den grauſamen Schlag mildern, der für das edle und vertrauensvolle Herz im Anzug war? „Könnte ich ihr auch das Unrecht, das ſie mei⸗ nem Freunde angethan hat, vergeben,“ dachte Ro⸗ bert,„ich müßte ſie doch verabſcheuen wegen des Flends, das ihre Schuld über den Mann bringen muß, der an ſie geglaubt hat.“ Er erklärte ſeines Oheims Diener, er wolle nach dem Dorfe hinſchlendern und vor dem Diner zurück⸗ kehren. Er entfernte ſich langſam von dem Herren⸗ hauſe, wanderte über die Wieſen zwiſchen ſeines Oheims Wohnung und dem Dorfe, zwecklos und gleichgültig, während die Unruhe und Verwirrung, die auf ſeinem Leben laſtete, in ſeiner Miene aus⸗ geprägt war und in ſeinem ganzen Weſen ſich wie⸗ derſpiegelte. „Ich will auf den Kirchhof gehen,“ dachte er, „und die Grabſteine betrachten. Ich weiß Nichts zu thun, das mich noch trauriger ſtimmen könnte, als es bereits der Fall iſt.“ Er befand ſich gerade auf jenen Wieſen, über welche er an dem Septembertage, wo Georg Talboys verſchwand, von Audley Court nach dem Bahnhofe ſich begeben hatte. Er ſchaute auf den Fußweg, den er an jenem Tage eingeſchlagen hatte, und erinnerte ſich der ungewöhnlichen Eile und des unbeſtimmten Gefühls von Schrecken, der ſich ſeiner, unmittelbar 176 nachdem er den Freund aus dem Geſicht verloren, bemächtigt hatte. „Warum iſt dieſer unerklärliche Schrecken über mich gekommen? Wie iſt es geſchehen, daß ich in meines Freundes Verſchwinden ein ſeltſames Ge⸗ heimniß erblickte? War es eine Mahnung oder eine ſire Idee? Und wie, wenn ich dennoch Unrecht habe? Wie, wenn dieſe Kette von Zeugniſſen, die ich Glied für Glied zuſammengeſezt habe, nur ein Gebilde meiner eigenen Thorheit iſt. Wie, wenn das Gebäude von Schauder und Argwohn eine bloße Anhäufung von Grillen— von nervenſchwachen Phan⸗ taſien eines hypochondriſchen Junggeſellen iſt? Mr. Harcourt ſieht nichts von Belang in den Ereigniſſen, aus welchen ich ein ſchreckliches Geheimniß geſchaffen habe. Ich lege die einzelnen Glieder der Kette ihm vor, und er vermag nicht zu erkennen, daß ſie zu⸗ ſammenpaſſen. Er iſt nicht im Stande, ſie an einan⸗ der zu fügen. Zeit hindurch das Elend einzig in mir ſelbſt liegen ſollte, wenn—“ er lächelte bitter und ſchüttelte den O, mein Gott, wenn dieſe ganze Kopf.„Ich habe die Handſchrift in meinem Taſchen⸗ buch, welche für die Verſchwörung Zeugniß ablegt,“ dachte er.„Es bleibt für mich nur noch übrig, die dunklere Hälfte des Geheimniſſes zu entdecken.“ Er vermied das Dorf und hielt ſich immer noch auf den Wieſen. Die Kirche lag ein wenig rück⸗ wärts von der mit den wenigen Häuſern beſezten Landſtraße, und ein rauhes Holzgitter ging von dem Kirchhof auf eine breite Wieſe aus, welche von einem fließenden Bach begrenzt war und nach einem gras⸗ reich von der. rende ſchaf verei dem Zaur ſchöp Rech ſam Hau niß ſchrit thurr derer licher Still S die 2 auf k nahm durch C moni einer Spie Audl dacht pfleg Br ren, über h in eine recht „die ein venn loße han⸗ Mr. iſſen, affen ihm zu⸗ nan⸗ anze egen den chen⸗ egt. „die noch rück⸗ ezten dem inem gras⸗ 177 reichen Thale abfiel, in welchem einzelne Gruppen von Vieh weideten. Robert ſtieg langſam den ſchmalen Fußpfad an der Hügelſeite hinauf zu dem auf den Kirchhof füh⸗ renden Gitter. Die träge Ruhe der einſamen Land⸗ ſchaft harmonirte mit ſeiner eigenen Düſterheit. Die vereinzelte Geſtalt eines alten Mannes, welcher an dem andern Ende der weiten Wieſe hinkend auf einen Zauntritt zuging, war das einzige menſchliche Ge⸗ ſchöpf, welches auf der Fläche, über welche der junge Rechtsgelehrte hinſchaute, ſich ſehen ließ. Der lang⸗ ſam von den zerſtreuten Häuſern in der langen Hauptſtraße aufſteigende Rauch war das einzige Zeug⸗ niß von menſchlichem Leben. Der langſame Fort⸗ ſchritt der Zeiger der alten Uhr auf dem Kirch⸗ thurm war das einzige Zeichen, woran ein Wan⸗ derer erſehen konnte, daß der träge Lauf der länd⸗ lichen Zeit in dem Dorfe Audley nicht zu völligem Stillſtand gekommen war. Ja, es gab doch noch ein Zeichen. Als Robert die Thüre zu dem Kirchhof öffnete und gleichgültig auf den umſchloſſenen Raum hineinſchlenderte, ver⸗ nahm er die feierliche Muſik einer Orgel, welche durch ein halb offenes Fenſter im Thurme hörbar war. Er hielt an und horchte auf die langſamen Har⸗ monien einer träumeriſchen Melodie, welche gleich einer extemporirten Compoſition eines vollendeten Spielers erklangen. „Wer hätte glauben ſollen, daß die Kirche zu Audley ſich einer ſolchen Orgel rühmen könnte?“ dachte Robert.„Als ich das lezte Mal hier war, pflegte der vaterländiſche Schulmeiſter ſeine Kinder Braddon, Lady Aubley's Geheimniß. II. 12 178 mittelſt einer ſehr primitiven Bearbeitung gemeiner Saiten zu accompagniren. Ich glaubte nicht, daß die alte Orgel ſo viel Muſik in ſich ſchließe.“ Er verweilte unweit des Gitters, nicht geneigt, den läſſigen Zauber zu brechen, mit welchem er durch die melancholiſche Monotonie des Spieles des Or⸗ ganiſten umſponnen wurde. Die Töne des Inſtru⸗ mentes flutheten, bald zu ihrer vollſten Kraft an⸗ ſchwellend, bald zu leiſem, weichem Flüſtern ſich ſen⸗ kend, durch die neblige Winteratmoſphäre auf ihn zu und hatten einen mildernden Einfluß, welcher ihn in ſeinem Kummer zu tröſten ſchien. Er ſchloß leiſe das Gitter und ſchritt auf dem kleinen Kiesweg bis zur Kirchenthüre vor. Die Thüre war halb offen geblieben— vielleicht von dem Or⸗ ganiſten ſelbſt. Robert Audley ſchob ſie vollends zurück und betrat die kleine viereckige Vorhalle, von welcher eine ſchmale ſteinerne Treppenflucht zu dem Orgelchor und Glockenſtuhl hinaufführte. Mr. Aud⸗ ley nahm ſeinen Hut ab und öffnete die Thüre zwi⸗ ſchen der Vorhalle und dem Körper der Kirche. Er rückte leiſe in das heilige Gebäude vor, in welchem an Wochentagen ein feuchter, moderiger Geruch herrſchte. Er ging den ſchmalen Chorgang bis zu dem Altargitter hinab und überſchaute von dieſem Beobachtungspunkt die Kirche. Die kleine Gallerie befand ſich gerade ihm gegenüber, aber die dürftigen grünen Vorhänge vor der Orgel waren dicht ver⸗ ſchloſſen, und er wurde des Spielers mit keinem Blick gewahr. Die Muſik dauerte noch fort. Der Organiſt war in eine Compoſition von Mendelsſohn übergegangen, dere Rob ſam wäh geſſe meir ruhi ſo e Seel entg halb mort — i hätte heit, verg ( oder Myl Ihre freun eine ſchla— Betr nicht Ich gewe Heut E nahm neiner „daß neigt, durch 8 Or⸗ nſtru⸗ tan⸗ h ſen⸗ f ihn er ihn dem Thüre n Or⸗ llends , von dem Aud⸗ e zwi⸗ elchem eruch is e ieem allerie ftigen t ver⸗ Blick twar nen, 179 deren Melodie mit ihrer träumeriſchen Traurigkeit Robert gerade zum Herzen ging. Er trieb ſich lang⸗ ſam in den Ecken und Winkeln der Kirche herum, während er die verfallenen Denkmale beinahe ver⸗ geſſener Todten unterſuchte und der Muſik zuhörte. „Wenn mein armer Freund Georg Talboys in meinen Armen geſtorben wäre, und ich ihn in dieſer ruhigen Kirche, in einem der Gewölbe, auf welche ſo eben mein Fuß tritt, begraben hätte, wie viel Seelenangſt, Unſchlüſſigkeit und Marter würde ich entgangen ſein,“ dachte Robert Audley, als er die halb verwiſchten Inſchriften auf verſchoſſenen Mar⸗ mortäfelchen las.„Ich hätte ſein Schickſal gewußt — ich hätte ſein Schickſal gewußt! Ach, wie viel hätte das ſchon ausgemacht. Dieſe elende Ungewiß⸗ heit, dieſer ſchreckliche Verdacht iſt es, der mein Leben vergiftet hat.“ Er blickte auf ſeine Uhr. „Halb zwei Uhr,“ murmelte er.„Ich werde vier oder fünf traurige Stunden zu warten haben, ehe Mylady von ihren Morgenbeſuchen nach Hauſe kommt. Ihre Morgenbeſuche, ihre hübſchen ceremoniellen oder freundſchaftlichen Beſuche. Guter Himmel! was für eine Schauſpielerin dieſe Frau iſt. Was für eine ſchlaue Intriguantin— was für eine vollendete Betrügerin. Aber ſie ſoll ihre hübſche Komödie nicht länger unter meines Oheims Dache fortſpielen. Ich habe lang genug diplomatiſirt. Sie hat ſich geweigert, eine indirecte Warnung anzunehmen. Heute Abend will ich deutlich ſprechen.“ Die Muſik der Orgel hörte auf und Robert ver⸗ nahm, wie das Inſtrument geſchloſſen wurde. 180 „Ich will dieſen neuen Organiſten mir ein wenig anſehen,“ dachte er,„welcher es über ſich gewinnt, ſeine Talente in Audley zu begraben und Mendels⸗ ſohns ſchönſte Fugen für einen Gehalt von ſechszehn Pfund jährlich zu ſpielen.“ Er blieb unter der Vorhalle ſtehen und wartete, bis der Organiſt die elende kleine Treppe herunter⸗ kam. Bei der kläglichen Unruhe ſeines Geiſtes und bei der Ausſicht, über fünf Stunden möglichſt gut hinwegkommen zu müſſen, war Mr. Audley wirklich froh, wenn er irgend eine Zerſtreuung der Gedanken, ſo geringfügig ſie auch war, cultiviren konnte. Er überließ ſich alſo unbedingt ſeiner Neugierde in Be⸗ zug auf den neuen Organiſten. Die erſte Perſon, welche auf den jähen, ſteiner⸗ nen Stufen erſchien, war ein Knabe in gerippten baumwollenen Hoſen und einem dunkeln leinenen Kittel, welcher unter unnöthigem Klirren ſeiner mit Zwecken beſchlagenen Schuhe die Treppe herabſchlen⸗ kerte und von der Anſtrengung, den Blasbalg der alten Orgel zu treten, ganz roth im Geſicht war. Dicht hinter dem Knaben kam eine junge Dame, ſehr einfach in ein ſchwarzſeidenes Gewand und einen großen grauen Shawl gekleidet, welche beim Anblick von Mr. Audley zurückfuhr und erbleichte. Die junge Dame war Klara Talboys. Von allen Leuten in der Welt war ſie die lezte Perſon, welche Robert zu ſehen erwartete oder wünſchte. Sie hatte ihm geſagt, ſie wolle einigen, in Eſſer wohnhaften Freunden einen Beſuch machen; aber die Grafſchaft iſt groß und das Dorf Audley einer der unbekannteſten und mindeſt beſuchten Punkte Nam eni innt, els⸗ zehn tete, nter⸗ und gut klich nken, iner⸗ pten enen mit hlen⸗ der war. ſehr einen blick lezte oder igen, chen; udley unkte 181 in deren ganzem Umfang. Daß die Schweſter ſeines verlornen Freundes hier war— hier, wo ſie jede Handlung von ihm überwachen, aus dieſen Hand⸗ lungen auf das, was insgeheim in ſeinem Herzen vorging, ſchließen und ſeinen Bedenklichkeiten bis auf deren Gegenſtand nachgehen konnte— brachte eine Verwicklung in die ihn umgebenden Schwierigkeiten, auf die er ſich nicht gefaßt gemacht hatte. Es führte ihn zurück zu dem Bewußtſein ſeiner eigenen Rath⸗ loſigkeit, in welcher er ausgerufen hatte: „Eine Hand, die ſtärker iſt als die meinige, treibt mich vorwärts auf dem dunkeln Pfade, der mich zu dem unbekannten Grabe meines verlornen Freundes führt.“ Klara Talboys nahm zuerſt das Wort. „Sie ſind erſtaunt, mich hier zu ſehen, Mr. Aud⸗ ley,“ ſagte ſie. „Ja, ſehr erſtaunt.“ „Ich habe Ihnen geſagt, daß ich nach Eſſexr kom⸗ men würde. Ich bin vorgeſtern von Hauſe abge⸗ gangen. Ich verließ die Heimath, als ich Ihre tele⸗ graphiſche Botſchaft empfing. Die Freundin, bei welcher ich mich aufhalte, iſt Mrs. Martyn, die Gat⸗ tin des neuen Pfarrrectors von Mount Stanning. Ich kam dieſen Morgen herunter, um das Dorf und die Kirche zu beſehen, und da Mrs. Martyn mit dem Unterpfarrer und deſſen Frau einen Beſuch in den Schulen zu machen hatte, hielt ich hier an und amüſirte mich damit, die alte Orgel zu probiren. Ich wußte, ehe ich hieher kam, gar nicht, daß es ein Dorf Namens Audley gibt. Der Ort hat ſeinen Namen von Ihrer Familie, vermuthe ich.“ ———— 182 „Ich glaube ſo,“ antwortete Robert, verwundert über die Ruhe der Dame im Gegenſaz zu ſeiner eigenen Verlegenheit.„Ich habe eine unbeſtimmte Erinnerung, die Geſchichte eines Ahns, welcher Aud⸗ ley von Audley hieß, unter der Regierung von Eduard IV., gehört zu haben. Der Grabſtein inner⸗ halb der Gitter nächſt dem Altare gehört einem der Ritter von Audley, aber ich habe mir niemals die Mühe genommen, nach ſeinen Thaten zu forſchen. Warten Sie hier auf Ihre Freunde, Miß Tal⸗ oys 7“ „Ja, ſie werden mich hier abholen, wenn ſie ihren Rundgang beendigt haben.“ „Und Sie kehren dieſen Nachmittag mit ihnen nach Mount Stanning zurück.“ Ja Robert ſtand mit dem Hute in der Hand da und ſchaute zerſtreut nach den Grabſteinen und nach der niedrigen Kirchhofmauer. Klara Talboys betrachtete ſein blaſſes Geſicht, das unter dem dunkelnden Schatten, der ſo lang darauf geweilt hatte, mager geworden war. „Sie ſind krank geweſen, ſeitdem ich Sie zum lezten Mal ſah, Mr. Audley,“ ſagte ſie mit leiſer Stimme, welche ebenſo melodiös traurig, wie die Töne der alten Orgel unter ihrer Berührung, er⸗ klang. „Nein, ich bin nicht krank geweſen; ich bin nur von hundert Zweifeln und Aengſten beläſtigt und, geplagt worden.“ Während er ſich alſo gegen ſie äußerte, dachte er bei ſich: ( und und ligte Mäd Grur rückz gehei heim „Wa das niere ner k Zaul aus Kam hoffe Klug dara ſager Gege Kirch rückh ſprec ſucht ley,“ hätte dert iner mte ud⸗ von ner⸗ der die hen. Lal⸗ ſie nen und der ete den ger zum iſer die er⸗ nur und ichte 183 „Wie viel erräth ſie? Wie viel argwohnt ſie?“ Er hatte die Geſchichte von Georgs Verſchwinden und von ſeinen eigenen Verdachtsgründen erzählt und nur die Namen der bei dem Geheimniß bethei⸗ ligten Perſonen verſchwiegen; aber wie, wenn dieſes Mädchen durch die dünne Ueherkleidung auf den Grund gelangte und für ſich entdeckte, womit er zu⸗ rückzuhalten für gut gefunden hatte? Ihre ernſten Augen waren auf ſein Angeſicht geheftet, und er wußte, daß ſie die innerſten Ge⸗ heimniſſe ſeines Geiſtes zu leſen verſuchte. „Was bin ich in ihren Händen?“ dachte er. „Was bin ich in den Händen dieſer Frau, welche das Geſicht meines verlornen Freundes und die Ma⸗ nieren einer Pallas Athene hat? Sie liest in mei⸗ ner kläglichen, unſchlüſſigen Seele und reißt mit dem Zauber ihrer ernſten braunen Augen die Gedanken aus meinem Herzen heraus. Wie ungleich muß der Kampf zwiſchen uns ſein, und wie kann ich jemals hoffen, über die Macht ihrer Schönheit und ihrer Klugheit den Sieg davon zu tragen?“ Mr. Audley räuſperte ſich zur Vorbereitung darauf, ſeiner ſchönen Gefährtin guten Morgen zu ſagen und ſich aus dem beengenden Druck ihrer Gegenwart auf die einſame Wieſe außerhalb des Kirchhofs zu flüchten, als Klara Talboys ihn zu⸗ rückhielt, indem ſie gerade auf den Gegenſtand zu ſprechen kam, welchen er ſo ängſtlich zu vermeiden ſuchte. „Sie haben mir zu ſchreiben verſprochen, Mr. Aud⸗ ley,“ ſagte ſie,„wenn Sie eine Entdeckung gemacht hätten, wodurch Sie dem Geheimniß von meines —— 184 Bruders Verſchwinden näher geführt würden. Sie haben mir nicht geſchrieben, und ich vermuthe darum, daß Sie nichts entdeckt haben.“ Robert Audley ſchwieg einige Augenblicke. Wie konnte er dieſe directe Frage beantworten? „Die Kette des aus den Umſtänden geſchöpften Beweiſes, welche das Geheimniß von Ihres Bru⸗ ders Schickſal mit der von mir beargwohnten Per⸗ ſon vereinigt,“ antwortete er nach einer Pauſe,„iſt aus ſehr dünnen Gelenken geformt. Ich glaube ein weiteres Gelenk in dieſe Kette eingefügt zu haben, ſeitdem ich Sie in Dorſetſhire ſah.“ „Und Sie weigern ſich, mir zu ſagen, was es iſt, das Sie entdeckt haben.“ „Bis ich mehr entdeckt habe.“ „Ich dachte nach Ihrer Botſchaft, Sie wollten nach Wildernſea gehen.“ „Ich bin dort geweſen.“ „Wirklich! Haben Sie alſo dort eine Entdeckung gemacht?“ „Ja,“ erwiederte Robert.„Sie müſſen ſich er⸗ innern, Miß Talboys, daß der einzige Grund, worauf mein Verdacht beruht, die Identität zweier Indivi⸗ duen iſt, welche ſcheinbar in keinem Zuſammenhang mit einander ſtehen, die Identität einer muthmaß⸗ lich todten mit einer noch lebenden Perſon. Die Verſchwörung, deren Opfer, wie ich glaube, Ihr Bruder geweſen iſt, dreht ſich darum. Wenn ſeine Frau, Helen Talboys, ſtarb, als die Zeitungen ihren Tod berichteten— wenn die Frau, welche auf dem Kirchhof zu Ventnor begraben liegt, wirklich dieje⸗ nige iſt, deren Name auf dem Grabſteine ange⸗ ſchr Fra bin und auf Nac gen han Die eine Sch ſie Ihr in ſagt der Tal Bru wün nen was ſein thue als Sie um, Wie ften ru⸗ ßer⸗ ein ben, lten ung er⸗ rauf ii⸗ an naß⸗ Die eine hren dem ieje⸗ 185 ſchrieben— ſo habe ich keinen haltbaren Umſtand, ſo habe ich keinen Leitfaden zu dem Geheimniß von Ihres Bruders Schickſal. Ich bin eben daran, dieſe Frage auf den Probirſtein zu legen. Mir dünkt, ich bin jezt in der Lage, ein kühnes Spiel zu wagen, und ich glaube, daß ich bald der Wahrheit völlig auf die Spur kommen werde.“ Er ſprach mit leiſer Stimme und feierlichem Nachdruck, was für die Heftigkeit ſeiner Empfindun⸗ gen Zeugniß gab. Miß Talboys ſtreckte ihre unbe⸗ handſchuhte Rechte aus und legte ſie auf die ſeinige. Die kalte Berührung dieſer kleinen Hand jagte ihm einen Schauer durch die Glieder. „Sie werden nicht dulden, daß meines Bruders Schickſal ein Geheimniß bleibt, Mr. Audley,“ ſprach ſie ruhig.„Ich weiß, daß Sie Ihre Pflicht gegen Ihren Freund erfüllen werden.“ Des Rectors Gattin mit ihren Begleitern trat in den Kirchhof, als Klara Talboys dieſe Worte ſagte. Robert Audley drückte die Hand, welche auf der ſeinigen ruhte, und führte ſie an ſeine Lippen. „Ich bin ein träger, nichtsnuziger Burſche, Miß Talboys,“ antwortete er,„aber könnte ich Ihren Bruder Georg dem Leben und Glück zurückgeben, ich würde mich ſehr wenig um jedes Opfer meiner eige⸗ nen Gefühle kümmern. Ich fürchte, das Höchſte, was ich thun kann, beſteht darin, das Geheimniß ſeines Schickſals zu ergründen; und indem ich ſo thue, muß ich diejenigen opfern, welche mir theurer als mein Leben ſind.“ Er ſezte ſeinen Hut auf und eilte durch das auf 186 das Feld führende Gitter hinweg, als Mrs. Martyn auf die Vorhalle zukam. „Wer iſt der ſchöne junge Mann, welchen ich in einem téte-töte mit Dir betroffen habe, Klara?“ fragte ſie lachend. „Ein Mr. Audley, ein Freund von meinem Bruder.“ „Wirklich! Er iſt alſo ein Verwandter von Sir Michael Audley, vermuthe ich?“ „Sir Michael Audley!“ „Ja, meine Liebe; die wichtigſte Perſon in dem Kirchſpiel von Audley. Aber wir wollen in einem oder zwei Tagen im Herrenhauſe vorſprechen und werden dann den Baronet und ſeine hübſche junge Frau ſehen.“ „Seine junge Frau!“ wiederholte Klara Talboys mit einem ernſten Blick auf ihre Freundin.„Hat Sir Michael Audley kürzlich ſich verheirathet?“ „Ja; er war ſechszehn Jahre lang Wittwer und heirathete vor anderthalb Jahren eine arme junge Gouvernante. Die Geſchichte iſt ganz romantiſch, und Lady Audley gilt für die Schöne der Graf⸗ ſchaft. Aber komm, liebe Klara, der Pony iſt müde, länger auf uns zu warten, und wir haben noch eine lange Fahrt vor dem Diner.“ Klara Talboys nahm ihren Siz in dem kleinen Korbwagen, welcher an der Hauptgitterthüre des Kirchhofs unter der Obhut des Knaben wartete, der den Blaſebalg der Orgel getreten hatte. Mrs. Martyn ergriff die Zügel, und das ſtarke kaſtanien⸗ farbige Pferdchen trabte in der Richtung nach Mount Stanning davon. plaze tyn in nem Sir dem nem und ne oys Hat und ne iſch, üde, eine nen des ete, trs. ien⸗ unt 187 „Willſt Du mir nicht noch mehr von dieſer Lady Audley erzählen, Fanny?“ nahm Miß Talboys nach einer langen Pauſe wieder das Wort.„Ich möchte recht viel von ihr erfahren. Haſt Du ihren Familien⸗ namen gehört?“ „Ja; ſie iſt eine geborne Miß Graham.“ „Und ſie iſt ſehr hübſch?“ „Ja, ſehr, ſehr hübſch. Eine allerdings kindiſche Schönheit, mit großen, hellblauen Augen, und blaſſen goldenen Ringellocken, welche in federartiger Fülle über Hals und Schultern fallen.“ Klara Talboys ſchwieg ſtill. Sie machte keine weitere Frage mehr in Bezug auf Mylady. Sie gedachte an die Stelle in dem Briefe, wel⸗ chen ihr Georg während ſeines Honigmonats ge⸗ ſchrieben hatte— eine Stelle, worin es hieß:„mein kindiſches Weibchen ſieht mir zu, während ich dieſe Worte ſchreibe. Ah! wie wünſchte ich, Du könnteſt ſie ſehen, Klara! Ihre Augen ſind blau und ſo klar, wie der Himmel an einem hellen Sommertage, und ihr Haar fällt um ihr Geſicht herab, wie der blaß⸗ goldene Heiligenſchein, den Du um das Haupt einer Madonna in einem italieniſchen Gemälde ſiehſt.“ Zwölftes Capitel. In der Lindenaller. Robert Audley ſchlenderte auf dem großen Raſen⸗ plaze vor dem Herrenhauſe herum, als der Wagen S— 188 mit Mylady und Alicia unter dem Bogengäang an⸗ langte und vor der niedrigen überthürmten Thüre anfuhr. Mr. Audley ſtellte ſich rechtzeitig ein, um den Damen aus dem Wagen herauszuhelfen. Mylady ſah in einem zarten blauen Hute und dem Zobelpelz, welchen ihr Reffe für ſie in Peters⸗ burg gekauft hatte, ſehr hübſch aus. Sie ſchien ſehr erfreut, Robert zu ſehen, und lächelte höchſt bezau⸗ bernd, als ſie ihm ihre kleine, elegant behandſchuhte Rechte bot. „So ſind Sie alſo zu uns zurückgekehrt, Sie Faulenzer?“ ſagte ſie lachend.„Und nun, da Sie wieder da ſind, wollen wir Sie gefangen halten. Wir laſſen Sie nicht mehr davon laufen, nicht wahr, Alicia?“ Miß Audley gab ihrem Kopf einen höhniſchen Stoß, der die ſchweren Locken unter ihrem Kavalier⸗ hut erſchütterte. „Ich habe Nichts mit den Bewegungen eines ſo landſtreicheriſchen Individuums zu thun,“ ſagte ſie. „Seit Robert Audley ſich in den Kopf geſezt hat, ſich wie einen von Geſpenſtern heimgeſuchten Helden in einer deutſchen Geſchichte aufzuführen, habe ich den Verſuch aufgegeben, ihn zu verſtehen.“ Mr. Audley blickte ſeine Couſine mit einem Aus⸗ druck ernſt⸗komiſcher Verlegenheit an.„Sie iſt ein nettes Mädchen,“ dachte er;„aber ſie iſt ein Plage⸗ geiſt. Ich weiß nicht, wie es kommt, aber ſie ſcheint mir noch quäleriſcher, als ſie ſonſt war.“ Er zupfte nachdenklich an ſeinem Schnurrbart, als er dieſe Frage in Betracht zog. Sein Geiſt wandte ſich auf einige Augenblicke von der großen, hüre um und ters⸗ ſehr zau⸗ uhte Sie Sie lten. ahr, chen lier⸗ 8 ſo ſie. ſich nin den lus⸗ ein age⸗ eint art, eiſt 189 auf ſeinem Leben laſtenden Sorge ab, um bei dieſer geringern Drangſal zu verweilen. „Sie iſt ein liebes Mädchen,“ dachte er;„ein edelherziges, ſtarkes, nobles engliſches Mädchen, und doch—.“ Er verlor ſich ſelbſt in einem Labyrinthe von Zweifel und Bedenklichkeit. Es war eine Falte in ſeinem Gemüthe, hinter die er nicht zu kommen vermochte; es gab ſich eine Veränderung in ihm kund, ganz anderer Art, als die aus ſeiner Angſt um Georg Talboys hervorgegangene, und dieſelbe foppte und ſezte ihn in Verwirrung. „Und bitte, wo ſind Sie denn in den lezten zwei Tagen herumgewandelt, Mr. Audley?“ fragte My⸗ lady, während ſie mit ihrer Stieftochter auf der Schwelle der Thurmthüre ſtehen blieb und wartete, bis es Robert gefällig wäre, auf die Seite zu treten und ſie vorbeigehen zu laſſen. Der junge Mann fuhr zurück, als ſie dieſe Frage an ihn machte, und ſchaute ſie plözlich an. Etwas in dem Ausſehen ihrer hellen, jungen Schönheit, Etwas in der kindiſchen Unſchuld ihrer Miene ſchien ihm ins Herz zu ſchneiden, und er erbleichte, als ſein Blick auf ſie fiel. „Ich war— in Yorkſhire,“ antwortete er,„in dem kleinen Seebade, wo mein armer Freund Georg Talboys zur Zeit ſeiner Ehe gewohnt hat.“ Die aufſteigende Bläſſe in Mylady's Angeſicht war das einzige Zeichen, daß ſie dieſe Worte gehört hatte. Sie lächelte— es war ein ſchwaches, krank⸗ haftes Lächeln— und ſuchte an ihres Mannes Nef⸗ fen vorbeizugehen. „Ich muß mich zum Diner ankleiden,“ ſagte ſie. 190 „Ich habe eine Einladung zu einem Diner, Mr Audley; bitte, laſſen Sie mich ein.“ „Ich muß Sie erſuchen, mir eine halbe Stunde zu ſchenken, Lady Audley,“ antwortete Robert mit leiſer Stimme.„Ich bin nach Eſſex gekommen, mit dem Zwecke, Sie zu ſprechen.“ „Worüber?“ fragte Mylady? Sie hatte ſich von dem Schlage, der ſie einige Augenblicke zuvor betroffen haben mochte, erholt und richtete dieſe Frage in ihrer gewöhnlichen Weiſe an ihn. Ihre Miene drückte eher eine Miſchung von der Verlegenheit und Neugierde eines beſtürzten Kindes, als das ernſte Erſtaunen eines Weibes aus. „Worüber können Sie mit mir zu ſprechen ha⸗ ben, Mr. Audley?“ erwiederte ſie. „Ich will es Ihnen ſagen, wenn wir allein ſind,“ erwiederte Robert, mit einem Blick auf ſeine Couſine, welche ein wenig hinter Mylady ſtand und dieſes vertrauliche kleine Zwiegeſpräch beobachtete. „Er iſt in die Puppenſchönheit meiner Stief⸗ mutter verliebt,“ dachte Alicia,„und ihretwegen iſt er ein ſo unerquickliches Subjekt geworden. Er iſt gerade die rechte Perſon, um ſich in ſeine Tante zu verlieben.“ Miß Audley ging auf den Raſen hinaus und wandte Robert und Mylady den Rücken zu. „Das alberne Geſchöpf iſt ſo weiß geworden, wie ein Blatt Papier, als er ſie anſah,“ ſprach ſie weiter bei ſich.„Er kann ſich alſo doch verlieben. Der langſame, ſtarre Klumpen, den er ſein Herz nennt, kann ſchlagen, ich vermuthe einmal in einem Vierteljahrhundert; aber es ſcheint, nichts als eine ble Ic ge S ver eck du ſa hin St jun Lal den cher Ple geh nac eine an mor Din geſe 191 blauäugige Wachspuppe kann es in Bewegung ſezen. Ich würde ihn längſt aufgegeben haben, wenn ich gewußt hätte, daß ſein Ideal von Schönheit in einem Spielwaarenladen zu ſuchen wäre.“ Die arme Alicia ging über den Raſenplaz und verſchwand auf der entgegengeſezten Seite des Vier⸗ ecks, wo ein gothiſches, mit den Ställen in Verbin⸗ dung ſtehendes Gitter ſich befand. Ich bedauere ſagen zu müſſen, daß Sir Michael Audley's Tochter hinging, um bei ihrem Hunde Cäſar und ihrer Stute Atalanta, deren freiliegenden Stand die junge Dame jeden Tag zu beſuchen pflegte, Troſt zu ſuchen. „Wollen Sie nicht in die Lindenallee kommen, Lady Audley?“ fragte Robert, als ſeine Couſine den Garten verließ.„Ich wünſche mit Ihnen ohne Furcht vor Unterbrechung oder Beobachtung zu ſpre⸗ chen, und mir dünkt, wir können keinen ſicherern Plaz als jene wählen. Wollen Sie mit mir dahin gehen?“ „Wenn es Ihnen beliebt,“ antwortete Mylady. Mr. Audley konnte ſehen, daß ſie zitterte und nach allen Seiten ſich drehte, als ſuche ſie irgend einen Ausweg, auf dem ſie ihm entfliehen könnte. „Sie ſchauern, Lady Audley,“ ſagte er. „Ja, mich friert. Ich möchte lieber mit Ihnen an einem andern Tage ſprechen. Laſſen Sie es morgen ſein, wenn Sie wollen. Ich habe mich zum Diner anzukleiden und muß nach Sir Michael ſehen. Ich habe ihn ſeit zehn Uhr dieſen Morgen nicht geſehen. Bitte, laſſen Sie es morgen ſein.“ Es lag etwas peinlich Jammervolles in ihrem 192 Tone. Der Himmel weiß, wie peinlich für Roberts Herz. Der Himmel weiß, welche ſchrecklichen Bilder in ſeinem Geiſte aufſteigen, als er auf das ſchöne junge Geſicht niederſah und an die vor ihm lie⸗ gende Aufgabe dachte. „Ich muß Sie ſprechen, Lady Audley,“ ſagte er.„Bin ich grauſam, ſo haben Sie mich grauſam gemacht. Sie hätten dieſer Prüfung entgehen kön⸗ nen. Sie hätten mir ausweichen können. Ich habe Sie redlich gewarnt. Aber Sie fanden für gut, mir Troz zu bieten, und nur Ihre eigene Thorheit iſt zu tadeln, wenn ich Sie nicht länger verſchone. Kom⸗ men Sie mit mir, ich erkläre Ihnen noch einmal, ich muß mit Ihnen ſprechen.“ Es lag eine kalte Entſchloſſenheit in ſeinem Tone, wodurch Mylady's Einwendungen zum Schweigen gebracht wurden. Sie folgte ihm demüthig zu dem kleinen eiſernen Gitter, welches mit dem langen Garten hinter dem Hauſe in Verbindung ſtand— dem Garten, in welchem ein kleiner ländlicher Steg über den ſtillen Fiſchweiher nach der Lindenallee führte. Die frühe Winterdämmerung war im Anbrechen, und das verwickelte Schnörkelwerk der entblätterten Zweige, welche den einſamen Weg überwölbten, blickte ſchwarz zu dem kalten Grau des Abendhim⸗ mels empor. „Warum ſchleppen Sie mich an dieſen ſchreck⸗ lichen Plaz, um mich vor Furcht außer mir zu brin⸗ gen?“ rief Mylady verdrießlich.„Sie ſollten wiſ⸗ ſen, wie nervös ich bin?“ „Sie ſind nervös, Mylady?“ Mr. det rothe aber ſagte ſon künſt kes Ladr ſage welc ſo r werf um Ladr herzi ſo n inde muß nerv leich geht berts ilder chöne lie⸗ ſagte uſam kön⸗ habe mir it iſt Kom⸗ l, ich Lone, eigen dem ngen Steg allee chen, erten bten, reck⸗ brin⸗ wiſ⸗ 193 „Ja, ſchrecklich nervös. Ich bin für den armen Mr. Dawſon ein ganzes Vermögen werth. Er ſen⸗ det mir immer Kampher und flüchtiges Salz und rothen Lavendel und abſcheuliche Mirturen aller Art, aber er kann mich nicht kuriren.“ „Erinnern Sie ſich, was Macbeth ſeinem Arzte ſagte, Mylady?“ fragte Robert ernſt.„Mr. Daw⸗ ſon mag viel geſchickter ſein, als der ſchottiſche Heil⸗ künſtler, aber ich zweifle, ob er jemals für ein kran⸗ kes Gemüth etwas verſchreiben kann. „Wer ſagt, daß mein Gemüth krank iſt?“ rief Lady Audley. „Ich ſage es, Mylady,“ antwortete Robert.„Sie ſagen mir, Sie ſeien nervös, und alle Medikamente, welche Ihr Doctor verſchreiben kann, wirken gerade ſo viel, daß man ſie ebenſo gut den Hunden vor⸗ werfen könnte. Laſſen Sie mich den Arzt machen, um Ihre Krankheit mit der Wurzel auszurotten, Lady Audley. Der Himmel weiß, daß ich barm⸗ herzig zu ſein wünſche— daß ich Sie ſchonen möchte, ſo weit es in meiner Macht ſteht, Sie zu ſchonen, indem ich Andern zum Recht verhelfe— aber Recht muß geſchehen. Soll ich Ihnen ſagen, warum Sie nervös ſind in dieſem Hauſe, Mylady?“ „Wenn Sie können,“ erwiederte ſie mit einem leichten Lächeln. „Weil in dieſem Hauſe ein Geiſt für Sie um⸗ geht.“ „Ein Geiſt?“ „Ja, der Geiſt von Georg Talboys.“ Robert Audley hörte Mylady's beſchleunigten Athemzug, er bildete ſich ein, beinahe das laute Braddon, Lady Aubley's Geheimniß. II. ———— 194 Klopfen ihres Herzens hören zu können, während ſie an ſeiner Seite, dann und wann zuſammenſchauernd und ſich dicht in ihren Zobelpelz wickelnd, einher⸗ ſchritt. „Was meinen Sie damit?“ rief ſie plözlich, nach einer Pauſe von einigen Augenblicken.„Warum quälen Sie mich mit dieſem Georg Talboys, welcher ſich zufällig vor einigen Wochen in den Kopf geſezt hat, Ihnen aus dem Wege zu gehen? Sind Sie dem Wahnſinn verfallen, Mr. Audley, und wählen Sie mich zum Opfer Ihrer fixen Idee? Was iſt Georg Talboys für mich, daß Sie mir mit demſel⸗ ben keine Ruhe laſſen?“ „Er war alſo ein Fremder für Sie, Mylady, wirklich?“ „Ganz natürlich!“ antwortete Mylady;„was ſollte er für mich anders als ein Fremder ſeyn?“ „Soll ich Ihnen die Geſchichte von dem Ver⸗ ſchwinden meines Freundes erzählen, ſo wie ich dieſe Geſchichte verſtehe, Mylady?“ fragte Robert. „Nein,“ rief Lady Audley;„ich will Nichts von Ihrem Freunde wiſſen. Iſt er todt, ſo thut es mir leid um ihn. Lebt er, ſo habe ich weder den Wunſch, ihn zu ſehen, noch Etwas von ihm zu hören. Laſſen Sie mich hinein, Mr. Audley, wenn es Ihnen ge⸗ fällig iſt, um meinen Gatten zu ſehen; Sie müß⸗ ten mich denn an dieſem düſtern Orte aufhalten wollen, bis ich mir den Tod vor Erkältung hole.“ „Ich wünſche Sie nur ſo lang aufzuhalten, bis Sie gehört, was ich Ihnen zu ſagen habe, Lady Audley,“ erwiederte Robert entſchloſſen;„ich will Sie nicht länger aufhalten, als nöthig iſt; und wenn ——— Sie was dem Myl dig zurü dank der ſchne „eri als zähl terbr lich wied Zukt und die von Stu Zeut einie Zeu traf ſen gleie Weſ d ſie ternd nher⸗ nach rum cher eſezt Sie ihlen s iſt mſel⸗ lady, „was 2 Ver⸗ dieſe von 3 mir inſch, aſſen 1 ge⸗ † müß⸗ alten „bis Lady will wenn n 195 Sie mich gehört haben, mögen Sie ſelbſt entſcheiden, was Ihnen zu thun bleibt.“ „Nun wohl; bitte, verlieren Sie keine Zeit mit dem, was Sie mir zu ſagen haben,“ antwortete Mylady gleichgültig.„Ich verſpreche, ganz gedul⸗ dig zuzuhören.“ „Als mein Freund Georg Talboys nach England zurückkehrte,“ begann Robert ernſt,„ſo war der Ge⸗ danke, welcher ſeinen Geiſt ausſchließlich beherrſchte, der Gedanke an ſeine Frau.“ „Die er böslich verlaſſen hatte,“ ſagte Mylady ſchnell;„wenigſtens,“ ſezte ſie bedächtiger hinzu, „erinnere ich mich, daß Sie Etwas der Art ſagten, als Sie uns zuerſt Ihres Freundes Geſchichte er⸗ zählten.“ Robert Audley nahm keine Notiz von dieſer Un⸗ terbrechung. „Der Gedanke, welcher ſeinen Geiſt ausſchließ⸗ lich beherrſchte, war der Gedanke an ſeine Frau,“ wiederholte er.„Seine ſchönſte Hoffnung für die Zukunft war die Hoffnung, ſie glücklich zu machen und über ſie die Schäze auszugießen, welche er durch die Kraft ſeines ſtarken Arms auf den Goldfeldern von Auſtralien gewonnen hatte. Ich ſah ihn wenige Stunden nach ſeiner Ankunft in England und war Zeuge des freudigen Stolzes, womit er auf die Ver⸗ einigung mit ſeiner Frau hinblickte. Ich war auch Zeuge des Schlages, welcher ihn mitten ins Herz traf— welcher ihn aus dem Mann, der er gewe⸗ ſen war, zu einem ſeinem früheren Selbſt ſo un⸗ gleichen Geſchöpf machte, als nur ein menſchliches Weſen von einem andern verſchieden ſein kann. Der 196 Schlag, welcher dieſe grauſame Veränderung her⸗ vorbrachte, war die Anzeige von ſeiner Gattin Tod in der Times. Ich glaube jezt, daß dieſe Anzeige eine ſchwarze und bittere Lüge war.“ „Wirklich!“ ſagte Mylady;„und welchen Grund konnte Jemand haben, um den Tod von Mrs. Tal⸗ boys anzuzeigen, wenn Mr. Talboys noch am Leben war?“ „Die Dame mochte ſelbſt einen Grund gehabt haben,“ antwortete Robert ruhig. „Welchen Grund?“ —————˖———— „Wie, wenn ſie aus Georgs Abweſenheit den Nuzen gezogen hätte, einen reichern Gatten zu ge⸗ winnen? Wie, wenn ſie wieder heirathete und durch jene falſche Anzeige meinen armen Freund von der Fährte abbringen wollte?“ Lady Audley zuckte die Achſeln. „Ihre Vorausſezungen ſind ziemlich lächerlich, Mr. Audley,“ ſagte ſie,„es ſteht zu hoffen, daß Sie vernünftige Gründe dafür haben?“ „Ich habe eine ganze Reihe von den zu Chelms⸗ ford und Colcheſter erſcheinenden Zeitungen durchge⸗ gangen,“ fuhr Robert fort, ohne Mylady's lezte Be⸗ merkung zu beachten,„und ich finde in einer Num⸗ mer der Colcheſter⸗Zeitung vom 2. Juli 1857 unter zahlreichen kleinen, aus andern Zeitungen entlehnten Miscellen einen kurzen Artikel, worin angegeben iſt, daß ein Mr. Georg Talboys, ein engliſcher Gent⸗ leman, von den Goldfeldern mit Nuggets und Gold⸗ ſtaub im Betrag von zwanzigtauſend Pfund ange⸗ kommen ſei, ſein Beſizthum in Geld umgeſezt und ſich hierauf an Bord des ſchnellſegelnden Klippers — her⸗ Tod tzeige rund Tal⸗ Leben ehabt t den u ge⸗ durch der erlich, daß elms⸗ chge⸗ Num⸗ unter hnten n iſt, Gent⸗ Gold⸗ ange⸗ und ppers —— 197 Argus nach Liverpool eingeſchifft habe. Dieß iſt allerdings ein ſehr geringfügiger Umſtand, aber ge⸗ nügt doch zu dem Beweiſe, daß eine in Eſſer im Juli des Jahrs ſiebenundfünzig wohnhafte Perſon ſehr wahrſcheinlich von Georg Talboys' Rückkehr aus Auſtralien Kunde bekam. Verſtehen Sie mich?“— „Nicht ſehr deutlich,“ ſagte Mylady.„Was ha⸗ ben die Eſſer⸗Zeitungen mit dem Tode von Mrs. Talboys zu thun?“ „Wir werden ſogleich darauf kommen, Lady Audley. Ich ſage, ich glaube, die Anzeige in der Times iſt fälſchlicher Natur geweſen und gehörte zu der Verſchwörung, welche von Helen Talboys und Lieutenant Maldon gegen meinen armen Freund ausgeführt wurde. „Eine Verſchwörung!“ „Ja, eine Verſchwörung, ausgedacht von einer ſchlauen Frau, welche auf den möglichen Tod ihres Gatten ſpekulirt und ſich, auf das Riſiko, ein Ver⸗ brechen zu begehen, eine glänzende Stellung verſchafft hatte; von einer kecken Frau, Mylady, welche ohne Furcht vor Entdeckung ihre Komödie bis zum Ende zu ſpielen gedacht hatte; von einer gottloſen Frau, welche ſich nicht darum kümmerte, welches Elend ſie über das ehrliche Herz des Mannes brachte, den ſie verrieth; aber auch von einer thörichten Frau, welche das Leben als ein Hazardſpiel betrachtete, wo der beſte Spieler wahrſcheinlich die gewinnenden Karten er⸗ halten würde, aber vergaß, daß es eine Vorſehung über den kläglichen Spekulanten gibt, und daß ruch⸗ loſe Geheimniſſe nicht lang verborgen bleiben dür⸗ fen. Hätte dieſe Frau, von der ich ſpreche, ſich kei⸗ 198 ner ſchwärzern Sünde, als der Veröffentlichung jener lügenhaften Anzeige in der Times ſchuldig gemacht, ich würde ſie— als ie verabſcheuungswertheſte ihres Geſchlechts, als das unbarmherzigſte und be⸗ rechnendſte aller menſchlichen Geſchöpfe betrachten. Jene grauſame Lüge war ein gemeiner und feiger Streich in der Finſterniß; es war der verrätheriſche Dolchſtoß eines infamen Meuchelmörders.“ „Aber wie wiſſen Sie, daß die Anzeige falſch war?“ fragte Mylady.„Sie erzählten uns, ſie ſeien mit Mr. Talboys zu Ventnor geweſen, um das Grab von deſſen Frau zu ſehen? Wer iſt zu Vent⸗ nor geſtorben, wenn es nicht Mrs. Talboys war?“ „Ah, Lady Audley,“ ſagte Robert,„das iſt eine Frage, welche nur zwei oder drei Perſonen zu be⸗ antworten vermögen, und die eine oder die andere derſelben wird ſie beantworten, ehe viel Zeit ver⸗ geht. Ich ſage Ihnen, Wylady, daß ich entſchloſ ſſen bin, das Geheimniß von Georgs Tod an den Tag zu bringen. Denken Sie, ich werde mich durch Frauen⸗ treuloſigkeit,— durch weibliche Betrügerei von mei⸗ nem Wege abbringen laſſen? Nein! Glied um Glied habe ich die Kette der Beweiſe zuſammenge⸗ ſezt, und nur da und dort fehlt noch eines, um ſie in ihrer furchtbaren Stärke zu vervollſtändigen. Denken Sie, ich werde mich aus dem Felde ſchlagen laſſen? Denken Sie, es werde mir mißlingen, jene fehlenden Glieder zu entdecken? Nein, Lady Audley, es wird mir nicht mißlingen, denn ich weiß, wo ich ſie zu ſuchen habe! Da iſt eine ſchönhaa⸗ rige Frau zu Southampton— eine Frau, Namens Plowſon, welche bei den Geheimniſſen des Vaters —— vor die ſchi nor wer cher gur bot es ihre geg ſie ſag ode lich Ko Ge das zu dat her än ſar üb wa liſi jener nacht, theſte d be⸗ chten. feiger riſche falſch ſie ndas Vent⸗ ar eine u be⸗ ndere ver⸗ loſſen Tag auen⸗ mei⸗ um enge⸗ um igen. agen jene dley, „wo haa⸗ mens aters 199 von der Frau meines Freundes betheiligt iſt. Ich habe die Idee, daß ſie mir bei Entdeckung von der Ge⸗ ſchichte der Frau, welche auf dem Kirchhofe zu Vent⸗ nor begraben liegt, behülflich ſein kann, und ich werde keine Mühe ſcheuen, dieſe Entdeckung zu ma⸗ chen, wenn nicht—“ „Wenn nicht was?“ fragte Mylady eifrig. „Wenn nicht die Frau, welche ich vor Erniedri⸗ gung und Strafe zu bewahren wünſche die ihr ge⸗ botene Gnade annimmt und die Warnung, ſo lang es noch Zeit iſt, benüzt.“ Mylady zuckte die graziöſen Achſeln, und aus ihren blauen Augen blizte ihm der helle Troz ent⸗ gegen. „Sie würde eine ſehr thörichte Frau ſein, wenn ſie ſich durch eine ſolche Albernheit beeinfluſſen ließ,“ ſagte ſie.„Sie ſind hypochondriſch, Mr. Audley, und Sie müſſen Kampher, oder rothen Lavendel, oder flüchtiges Salz gebrauchen. Was kann lächer⸗ licher ſein, als die Idee, welche Sie ſich in den Kopf geſezt haben? Sie verlieren Ihren Freund Georg Talboys auf ziemlich myſteriöſe Weiſe— das heißt, der Gentleman findet für gut, England zu verlaſſen, ohne Ihnen die gebührende Anzeige davon zu machen. Was folgt daraus? Sie geſte⸗ hen ſelbſt, daß er nach ſeiner Gattin Tod ein ver⸗ änderter Mann war. Er wurde excentriſch und mi⸗ ſanthropiſch; er wurde vollkommen gleichgültig dar⸗ über, was aus ihm werden ſollte. Was iſt alſo wahrſcheinlicher, als daß er der Monotonie des civi⸗ liſirten Lebens müde wurde und nach jenen wilden Goldfeldern davon lief, um Zerſtreuung für ſeinen 200 Gram zu ſuchen? Es iſt eine ziemlich romantiſche Geſchichte, aber keineswegs ungewöhnlich. Sie jedoch ſind mit dieſer einfachen Erklärung von dem Ver⸗ ſchwinden Ihres Freundes nicht zufrieden und bauen eine alberne Theorie einer Verſchwörung auf, welche nur in Ihrem eigenen überhizten Gehirn exiſtirt. Helen Talboys iſt todt. Die Times erklärt ſie für todt. Der Grabſtein in Ventnor trägt das Zeugniß ihres Todes.„Mit welchem Recht,“ rief Mylady, ihre Stimme zu jenem ſchrillen und durchdringenden Ton erhebend, welcher ihr ſo eigenthümlich war, wenn ſie unter der Herrſchaft irgend einer heftigen Erregung ſtand—“ mit welchem Rechte, Mr. Aud⸗ ley, kommen Sie nun zu mir und quälen mich mit Georg Talboys— mit welchem Recht wagen Sie zu behaupten, daß ſeine Frau noch am Leben iſt?“ „Mit dem Rechte des aus den Umſtänden ge⸗ ſchöpften Beweiſes, Lady Audley,“ antwortete Ro⸗ bert,„mit dem Rechte dieſes aus den Umſtänden ge⸗ ſchöpften Beweiſes, welcher bisweilen die Schuld an der Ermordung eines Menſchen auf das Haupt der⸗ jenigen Perſon wälzt, welche bei der erſten Kunde von dem Fall aller Wahrſcheinlichkeit nach nicht im Entfernteſten dabei betheiligt zu ſein ſcheint. „Welcher aus den Umſtänden geſchöpfte Beweis?“ „Der Beweis von Zeit und Ort. Der Beweis der Handſchrift. Als Helen Talboys aus ihres Vaters Haus zu Wildernſea ſchied, hinterließ ſie einen Brief, worin ſie erklärte, ſie ſei ihres bisheri⸗ gen Lebens müde und wolle eine neue Heimath und ein neues Glück ſuchen. Dieſer Brief iſt in meinem Beſitz.“ tiſche doch Ver⸗ auen elche ſtirt. für gniß ady, nden war, igen lud⸗ mit Sie ge⸗ Ro⸗ ge⸗ an der⸗ nde im 32“ eis es ſie eri⸗ und lem 201 „Wirklich?“ „Soll ich Ihnen ſagen, weſſen Handſchrift der⸗ jenigen von Helen Talboys ſo vollkommen gleicht, daß der geſchickteſte Experte keinen Unterſchied zwi⸗ ſchen beiden auffinden könnte.“ „Eine Aehnlichkeit der Handſchrift von zwei Frauen iſt heutzutage nichts ſehr Ungewöhnliches,“ erwiederte Mylady gleichgültig. Ich könnte Ihnen die Schrift von einem Halbdutzend meiner Correſpondentinnen zeigen und Sie herausfordern, einen großen Unter⸗ ſchied in denſelben zu entdecken.“ „Aber wie, wenn die Handſchrift eine ſehr unge⸗ wöhnliche iſt, und ganz beſondere Eigenthümlichkeiten darbietet, an welchen ſie ſich unter Hunderten erken⸗ nen läßt?“ „Nun hiebei waltet eben dann ein ziemlich ſelt⸗ ſames Zuſammentreffen der Umſtände vor,“ antwortete Mylady,„aber auch Nichts weiter. Sie können die Thatſache von Helen Talboys Tode auf den Grund hin, daß ihre Handſchrift derjenigen von einer noch lebenden Perſon gleich iſt, nicht umſtoßen.“ „Aber wenn eine Reihe ſolcher zuſammentreffen⸗ den Umſtände auf denſelben Punkt hinausführt,“ ſagte Robert.„Helen Talboys verließ nach der Er⸗ klärung in ihrem eigenen Schreiben das väterliche Haus, weil ſie ihres bisherigen Lebens müde war und ein neues zu beginnen wünſchte. Wiſſen Sie, was ich daraus für ein Schluß ziehe?“ Mylady zuckte die Achſeln. „Ich habe nicht die geringſte Idee davon,“ er⸗ wiederte ſie;„und da Sie mich an dieſem düſtern Orte beinahe ſchon eine halbe Stunde aufgehalten 202 haben, ſo muß ich Sie bitten, mich loszulaſſen, da⸗ mit ich mich zum Diner ankleiden kann.“ „Nein, Lady Audley,“ antwortete Robert mit einer kalten Strenge, welche ihm ſonſt ſo fremd war, daß ſie ein ganz anderes Geſchöpf aus ihm machte — eine unbarmherzige Verkörperung der Gerechtig⸗ keit, ein grauſames Werkzeug der Vergeltung— „nein, Lady Audley,“ wiederholte er,„ich habe Ihnen geſagt, daß weibliche Verrätherei Ihnen nichts helfen wird; ich ſage Ihnen noch einmal, daß Ihr heraus⸗ fordernder Trotz Ihnen Nichts nützen wird. Ich habe ehrlich mit Ihnen gehandelt und Sie ehrlich gewarnt. Ich habe Ihnen ſchon vor zwei Monaten eine indirekte Notiz von Ihrer Gefahr gegeben.“ „Was meinen Sie damit?“ fragte Mylady plötzlich. „Sie haben nicht für gut gefunden, dieſe War⸗ nung zu benützen, Lady Audley,“ fuhr Robert fort,„und die Zeit iſt gekommen, wo ich ſehr deut⸗ lich mit Ihnen ſprechen muß. Glauben Sie, die Einſätze, die Sie gegen das Glück gemacht haben, können Sie der Vergeltung überheben? Nein, Mylady, Ihre Jugend und Schönheit, Ihre Anmuth und Ihr Raffinement machen das ſchreckliche Geheimniß Ihres Lebens nur noch ſchrecklicher. Ich erkläre Ihnen, daß der Beweis gegen Sie nur noch eines Gliedes bedarf, um ſtark genug zu Ihrer Verurtheilung zu ſein, und dieſes Glied ſoll hinzugefügt werden. Helen Talboys iſt niemals in Ihres Vaters Haus zurück⸗ gekehrt. Als ſie von jenem armen alten Vater ſich trennte, verließ ſie ſein niedriges Dach mit der erklär⸗ ten Abſicht, ihr bisheriges Leben ganz von ſich ab⸗ zuſtreifen. Was thut man gewöhnlich, wenn man 203 eine neue Exiſtenz anzufangen wünſcht— zum zwei⸗ ten Mal die Laufbahn des Lebens zu betreten wünſcht, frei von den Beſchwerden, welche auf der erſten Aus⸗ fahrt hinderlich geweſen waren? Man ändert den Namen, Lady Audley. Helen Talboys hat ihr kleines Kind im Stich gelaſſen— ſie iſt von Wil⸗ dernſea weggegangen, mit dem Vorſatze, die Identi⸗ tät ihrer Perſon zu begraben. Sie iſt als Helen Talboys am 16. Auguſt 1854 verſchwunden und am 17. deſſelben Monats als Lucy Graham wieder zum Vorſchein gekommen, als das freundloſe Mädchen, welches in Betracht einer Heimath, wo ſie nicht mit Fragen beläſtigt wurde, eine nichts eintragende Stelle übernahm.“ „Sie ſind wahnſinnig, Mr. Audley!“ rief My⸗ lady.„Sie ſind wahnſinnig, und mein Gatte ſoll mich vor Ihrer Inſolenz ſchützen. Wie, wenn Helen Talboys an dem einen Tag aus ihrer Heimath weg⸗ lief, und ich an dem andern in das Haus der Frau, die mich anſtellte, eintrat, was kann das beweiſen?“ „An ſich ſehr wenig,“ antwortete Robert Audley, aber mit Hülfe eines andern Beweiſes—.“ „Welches Beweiſes?“ „Des Beweiſes von zwei Papierſtreifen, die auf einer Hutſchachtel über einander geklebt waren, welche Sie im Beſitz von Mrs. Vincent zurückgelaſſen haben — zwei Papierſtreifen, von welchen der obere den Namen Miß Graham, der untere den Namen Mrs. Georg Talboys trug.“ Mylady ſchwieg. Robert Audley konnte in der Dunkelheit ihr Geſicht nicht ſehen, aber er konnte ſehen, daß ihre beiden kleinen Hände convulſiviſch 204 über ihrem Herzen ſich zuſammenpreßten, und er wußte, daß der Schuß ſein Ziel getroffen hatte. „Gott helfe ihr, der armen, elenden Kreatur,“ dachte er.„Sie weiß jetzt, daß ſie verloren iſt. Ich möchte wiſſen, ob den Richtern des Landes es auch ſo zu Muthe iſt, wie mir eben, wenn ſie die ſchwarze Mütze aufſetzen und das Todesurtheil über einen armen, zitternden Wicht ausſprechen, der ihnen nie⸗ mals Etwas zu Leide gethan hat. Empfinden Sie ein heroiſches Feuer tugendhafter Entrüſtung, oder leiden ſie auch dieſe düſtere Seelenqual, welche mir an dem Leben nagt, während ich zu dieſem hülfloſen Weibe ſpreche?“ Er ſchritt ſchweigend einige Minuten an Mylady's Seite hin. Sie waren in dem dunkeln Baumgang auf⸗ und abgewandelt und näherten ſich jetzt dem entblätterten Gebüſch an dem einen Ende der Lin⸗ denallee— dem Gebüſche, wo der verfallene Brun⸗ nen ſein klägliches, wenig beachtetes Ausſehen unter den wirren Maſſen dornigen Strauchwerks verbarg. Ein gewundener, vernachläſſigter und von Unkraut halb geſperrter Pfad führte zu dieſem Brunnen. Robert verließ die Lindenallee und ſchlug dieſen Pfad ein. Es war mehr Licht in dem Gebüſch, als in dem Baumgang, und Mr. Audley wünſchte Mylady ins Geſicht zu ſehen. Er nahm nicht eher wieder das Wort, als bis ſie den Fleck mit üppigem Graſe neben dem Brunnen erreicht hatten. Das maſſive Ziegelwerk war da und dort abgefallen, und abgelöste Bruchſtücke von Mörtel lagen unter Unkraut und Dornen begraben. Die ſchweren Pfoſten, welche den ſchweren Wellbaum 205 getragen hatten, ſtanden noch, aber die eiſerne Spin⸗ del war aus ihrer Bohle geriſſen und lag wenige Schritte von dem Brunnen, roſtig, entfärbt, vergeſſen. Robert Audley lehnte ſich an einen der moosbe⸗ wachſenen Pfoſten und betrachtete Mylady's Geſicht, das in der froſtigen Winterabenddämmerung ſehr blaß ausſah Der Mond war kaum in ſein erſtes Viertel getreten, eine wenig leuchtende Sichel an dem grauen Himmel, und ein ſchwaches, geiſterhaftes Licht miſchte ſich mit den nebeligen Schatten des ſchwindenden Tages. Mylady's Antliz ſah aus wie jenes Geſicht, das Robert Audley in ſeinen Träumen wahrgenommen hatte, wie es aus den weißen Schaum⸗ flocken auf den Wogen der grauen See herausſchaute und ſeinen Oheim ins Verderben lockte. „Die beiden Papierſtreifen ſind in meinem Be⸗ ſitz, Lady Audley,“ begann er wieder.“ Ich nahm ſie von der Schachtel, welche Sie in Creſcent Villas zurückgelaſſen haben. Ich nahm ſie in Gegenwart von Mrs. Vincent und Miß Tonks. Haben Sie einen Beweis gegen dieſes Zeugniß? Sie ſagen mir, ich bin Lucy Graham und habe durchaus Nichts mit Helen Talboys zu thun. In dieſéem- Fall können Sie Zeugen beibringen, welche über Ihr früheres Leben Aufſchluß zu geben vermö⸗ gen. Wo haben Sie ſich aufgehalten vor Ihrem Erſcheinen in Creſcent Villas? Sie müſſen Freunde, Verwandte, Bekannte haben, welche zu Ihren Gun⸗ ſten aufzutreten und einige Aufklärung zu liefern geneigt ſind. Wären Sie das verlaſſenſte Geſchöpf auf dieſer Welt, Sie könnten doch einen Menſchen 206 aufbringen, welcher die Identität Ihrer Perſon aus der Vergangenheit nachzuweiſen im Stande iſt.“ „Ja,“ rief Mylady,„wenn ich auf der Verbre⸗ cherbank ſäße, könnte ich ohne Zweifel Zeugen vor⸗ bringen, um Ihre alberne Anklage zu widerlegen. Aber ich ſitze nicht auf der Verbrecherbank, Mr. Aud⸗ ley, und finde nicht für gut, etwas Anderes zu thun, als über Ihre lächerliche Thorheit zu lachen. Ich erkläre Ihnen, daß Sie wahnſinnig ſind. Beliebt es Ihnen zu behaupten, daß Helen Talboys nicht todt iſt, und daß ich Helen Talboys bin, ſo mögen Sie es thun. Finden Sie für gut, an den Orten, wo ich früher gelebt habe, und an Orten, wo Mrs. Talboys gelebt hat, herumzuwandern, ſo müſſen Sie dem Zuge Ihrer Neigung folgen; aber ich möchte Sie darauf aufmerkſam machen, daß ſolche Einbil⸗ dungen manchmal Leute, die ſcheinbar bei ſo geſun⸗ dem Verſtande waren, wie Sie, zu lebenslänglicher in einem Privat⸗Irrenhauſe gebracht aben.“ Robert Audley fuhr auf und wich einige Schritte unter das Unkraut und Gebüſch rückwärts, als My⸗ lady dieſe Worte ausſprach. „Sie wäre eines neuen Verbrechens fähig, um ſich vor den Folgen des alten zu ſchützen,“ dachte er.„Sie wäre im Stande, ihren Einfluß bei mei⸗ nem Oheim zu benützen, um mich in ein Tollhaus zu verſetzen.“ Ich ſage nicht, daß Robert Audley ein Feigling war, will aber zugeben, daß ein Schauer des Schreckens, Etwas wie Furcht ihn bis ins Herz durch⸗ fröſtelte, als er ſich der ſchrecklichen Dinge erinnerte, die Evo Mit höll Tal und ſcho ſtell Sch oder hoch und liche Ker zu: mut verſ trac Sei von ſam als loſi dem und bei borg zure ſinn . 207 die von Frauen verübt worden, ſeit den Tagen, da Eva im Garten von Eden zu Adams Gefährtin und Mitgenoſſin geſchaffen worden war. Wie, wenn die hölliſche Verſtellungskraft dieſer Frau ſtärker als die Wahrheit wäre und ihn zermalmte? Sie hatte Georg Talboys nicht geſchont, als er ihr im Wege ſtand und ſie mit ſicherer Gefahr bedrohte; würde ſie ihn ſchonen, der noch größere Gefahr ihr in Ausſicht ſtellte? Sind Frauen in dem Verhältniß zu ihrer Schönheit, ihrer Anmuth barmherzig, oder liebevoll oder freundlich? Gab es nicht einen gewiſſen Monſieur Mazers de Latude, welcher das Unglück hatte, die hochgebildete Madame de Pompadour zu beleidigen, und ſeine jugendliche Indiscretion mit lebensläng⸗ licher Gefangenſchaft büßte; der zweimal aus dem Kerker entfloh, um zweimal wieder zur Haft geſchleppt zu werden, der im Vertrauen auf den ſäumigen Edel⸗ muth ſeiner ſchönen Gegnerin ſich ſelbſt an eine un⸗ verſöhnliche Feindin verrieth? Robert Audley be⸗ trachtete das blaſſe Geſicht der Frau, die an ſeiner Seite ſtand. Dieſes reizende, ſchöne Geſicht, erhellt von ihren ſternhellen blauen Augen, hatte ein felt⸗ ſames und ſicher gefährliches Licht in denſelben; und als ex der hundert Geſchichten von weiblicher Treu⸗ loſigkeit ſich erinnerte, überlief ihn ein Schauder bei dem Gedanken, wie ungleich der Kampf zwiſchen ihm und ſeines Oheims Gattin ſein würde. „Ich habe ihr meine Karten gezeigt,“ ſprach er bei ſich,„aber ſie hält die ihrigen vor mir ver⸗ borgen. Die Maske, welche ſie trägt, iſt nicht ab⸗ zureißen. Mein Oheim würde eher mich für wahn⸗ ſinnig halten, als an ihre Schuld glauben.“ 208 Das blaſſe Geſicht von Clara Talboys— dieſes ſtille, ernſte Geſicht, ſo verſchieden in ſeinem Charakter von Mylady's ſchwächlicher Schönheit— ſtieg vor ihm auf. „Was für ein Feigling bin ich, an mich oder meine eigene Gefahr zu denken!“ fuhr er im Stillen fort.„Je mehr ich von dieſem Weibe ſehe, deſto mehr Grund habe ich, ihren Einfluß auf Andere zu fürchten; deſto mehr Grund, ſie aus dieſem Hauſe hinweg zu wünſchen.“ Er ſchaute in der Dunkelheit um ſich. Der öde Garten war ſo ruhig, wie ein einſamer Begräbniß⸗ plaz, ummauert und verborgen vor der Welt der Lebendigen. „Irgendwo in dieſem Garten war es, wo ſie mit Georg Talboys an dem Tage ſeines Verſchwin⸗ dens zuſammentraf,“ dachte er.„Ich möchte wiſſen, welches der Ort war; ich möchte wiſſen, wo es war, daß er derſelben in das grauſame Antliz ſah und ihre Falſchheit vorhielt.“ Mylady, deren kleine Hand leicht auf dem Pfoſten, gegenüber von demjenigen, an welchen Robert ge⸗ lehnt war, ruhte, ſpielte mit ihrem hübſchen Fuße unter dem langen Unkraut, behielt aber verſtohlen ihres Feindes Angeſicht im Auge. „Es ſei alſo ein Kampf auf Leben und Tod, Mylady,“ nahm endlich Robert Audley feierlich wieder das Wort.„Sie weigern ſich, meine War⸗ nung anzunehmen. Sie weigern ſich, davon zu gehen und an irgend einem Orte im Auslande ihre Gott⸗ loſigkeit zu bereuen, fern von dem edelherzigen Gentle⸗ man, den Sie durch ihre trügeriſchen Hexereien be⸗ trog hier hebe Ma ſein geſe Gitt dieſe hört geſe nien inne Tod eine Wir forſe bode wur meit ſchre zwei aber ihre und ſicht ieſes akter vor oder illen deſto e zu auſe öde niß⸗ der o ſie win⸗ ſſen, war, und ſten, ge⸗ Fuße hlen Tod, rlich War⸗ ehen Hott⸗ ntle⸗ be⸗ 209 trogen und hintergangen haben. Sie ziehen vor, hier zu bleiben und mir Troz zu bieten.“ „Ja,“ antwortete Lady Audley, den Kopf er⸗ hebend und dem jungen Rechtsgelehrten ins Geſicht ſchauend.„Es iſt nicht meine Schuld, wenn meines Mannes Neffe wahnſinnig wird und mich zum Opfer ſeiner firen Idee erwählt.“ „So ſei es denn, Mylady,“ antwortete Robert. „Mein Freund Georg Talboys iſt zum lezten Mal geſehen worden, wie er durch das kleine eiſerne Gitter, durch welches wir heute Abend kamen, in dieſen Garten trat. Das Lezte, was man von ihm hörte, war eine Erkundigung nach Ihnen. Er iſt geſehen worden, wie er in dieſen Garten trat, aber niemals, wie er ihn verließ. Ich glaube nicht, daß er je denſelben verlaſſen hat. Ich glaube, daß er innerhalb des Bereichs dieſer Grundſtücke hier ſeinen Tod gefunden hat; und daß ſein Körper unter irgend einem ſtillen Waſſer, oder in einem vergeſſenen Winkel dieſes Ortes verborgen iſt. Ich will Nach⸗ forſchung halten, und lieber das Haus dem Erd⸗ boden gleichmachen und jeden Baum im Garten ent⸗ wurzeln, als daß ich die Abſicht aufgebe, das Grab meines ermordeten Freundes zu finden.“ Lucy Audley ſtieß einen langen, leiſen Wehe⸗ ſchrei aus, hob mit einer wilden Geberde der Ver⸗ zweiflung die Arme über ihren Kopf empor, gab aber keine Antwort auf die gräßliche Beſchuldigung ihres Anklägers. Ihre Arme ſanken langſam nieder, und ſie ſtarrte Robert Audley an, ihr weißes Ange⸗ ſicht leuchtend in der Dunkelheit, ihre blauen Augen funkelnd und weit aufgeriſſen. Brabbon, Lady Aubleh's Geheimniß. II. 14 210 „Sie ſollen nie erleben, dieß zu thun,“ ſprach ſie. „Ich will Sie eher tödten. Warum haben Sie mich ſo gequält? Warum konnten Sie mich nicht in Ruhe laſſen? Was habe ich Ihnen jemals zu Leide gethan, daß Sie ſich zu meinem Verfolger machen und meinen Schritten nachſpüren und meine Blicke beobachten und den Spion bei mir ſpielen? Wollen Sie mich zum Wahnſinn bringen? Wiſſen Sie, was es heißt, mit einem wahnſinnigen Weibe zu ringen? Nein,“ rief Mylady mit einem Gelächter, „Sie wiſſen es nicht, ſonſt würden Sie niemals——“ Sie brach plözlich ab und erhob ſich zu ihrer vollen Höhe. Es war dieſelbe Haltung, welche Robert bei dem alten halbbetrunkenen Lieutenant bemerkt hatte, und ſie zeigte dieſelbe Würde— die Erhabenheit des äußerſten Elends. „Gehen Sie weg, Mr. Audley,“ ſagte ſie;„Sie ſind wahnſinnig, erkläre ich Ihnen, Sie ſind wahn⸗ ſinnig.“ „Ich gehe, Mylady,“ antwortete Robert ruhig. „Ich hätte Ihnen Ihre Verbrechen aus Mitleid mit Ihrem unglücklichen Zuſtand verziehen. Sie haben ſich geweigert, meine Gnade anzunehmen. Ich wünſchte der Lebenden zu ſchonen, hinfort werde ich mich nur meiner Pflicht gegen den Todten erinnern.“ Er zog ſich von dem einſamen Brunnen un⸗ ter den Schatten der Linden zurück. Mylady folgte ihm langſam die lange, düſtere Allee hinunter und über die ländliche Brücke nach dem eiſernen Gitter. Als er daſſelbe paſſirte, kam Alicia aus der kleinen Glasthüre, welche aus dem mit Eichen⸗ holz getäfelten Frühſtückzimmer in einer Ecke des ————— „——— Hau Cou Rob hera jung . zwei Kanr Regr im S wie Pfad welch er be komm ſo ge meine ich n haben wir 1 pät, Ichen ich h morge ſuchen iſſen zeibe hter, hrer elche nant die „Sie ahn⸗ hig. mit aben Ich e ich rn un⸗ lady nter rnen aus hen⸗ des 211 Hauſes auf den Garten ging, und ſtieß auf ihren Couſin an der Schwelle des Thorwegs. „Ich habe mich überall nach Dir umgeſehen, Robert,“ ſagte ſie.„Papa iſt in das Bücherzimmer herabgekommen, und es wird ihn ſicherlich freuen, Dich zu ſehen.“ Der junge Mann fuhr bei dem Ton der friſchen, jungen Stimme ſeiner Couſine auf. „Gott im Himmel!“ dachte er,„können dieſe zwei Frauen von demſelben Thon geformt ſein? Kann dieſes offene, edelherzige Mädchen, welches keine Regung ſeiner unſchuldigen Natur zu verheimlichen im Stande iſt, von demſelben Fleiſch und Blut ſein, wie dieſes elende Geſchöpf, deſſen Schatten auf den Pfad neben mir fällt?“ Er blickte von ſeiner Couſine auf Lady Audley, welche neben dem Thorweg ſtand und wartete, bis er bei Seite träte, um ſie vorbeizulaſſen. „Ich weiß nicht, was über Deinen Couſin ge⸗ kommen iſt, liebe Alicia,“ ſagte Mylady.„Er iſt ſo geiſtesabweſend und excentriſch, daß es ganz über meine Faſſungskraft geht.“ —— . 1 „Wirklich!“ rief Miß Audley,„und doch ſollte ich nach der Länge Ihres téte-Atéte glauben, Sie haben ſich einige Mühe gegeben, ihn zu verſtehen.“ „O ja,“ ſagte Robert ruhig,„Mylady und ich, wir verſtehen einander recht wohl; aber es wird ſpät, ich wünſche Ihnen guten Abend, meine Damen. Ich will in Mount Stanning die Nacht bleiben; ich habe ein Geſchäft dort abzumachen und will morgen herunterkommen und meinen Oheim be⸗ ſuchen.“ 212 „Wie, Robert!“ rief Alicia,„Du wirſt doch ſicher nicht weggehen, ohne Papa zu ſprechen?“ „Ja, meine Liebe,“ antwortete der junge Mann. „Ich bin durch ein unangenehmes Geſchäft, bei welchem ich mich ſehr betheiligt ſehe, etwas auf⸗ geregt und ziehe vor, meinen Oheim nicht zu ſehen. Gute Nacht, Alicia. Ich werde morgen kommen oder ſchreiben.“ Er drückte ſeiner Couſine die Hand, verbeugte ſich gegen Lady Audley, zog ſich unter die ſchwarzen Schatten des Bogengangs zurück und verſchwand in der ſtillen Allee jenſeits des Herrenhauſes. Mylady und Alicia beobachteten ihn, bis er ihnen aus dem Geſicht war. „Was iſt in's Himmels Namen mit meinem Couſin Robert geſchehen?“ rief Miß Audley un⸗ geduldig, als der Rechtsgelehrte verſchwand.„Was hat er mit dieſem albernen Hinundhergehen im Sinn? Ein unangenehmes Geſchäft, das ihn auf⸗ regt, wirklich! Ich vermuthe, das unglückliche Ge⸗ ſchöpf hat einen Rechtsfall, der ihm von einem Staatsanwalt aufgezwungen worden iſt, und ver⸗ ſinkt nun in Folge des trüben Bewußtſeins ſeines eigenen Unvermögens in einen Zuſtand von Schwach⸗ müthigkeit. „Haſt Du jemals Deines Couſins Charakter ſtu⸗ dirt, Alicia?“ fragte Mylady ſehr ernſthaft nach einer Pauſe. „Seinen Charakter ſtudirt! Nein, Lady Audley. Warum ſollte ich ſeinen Charakter ſtudiren?“ ſagte ſelb der keit dach —— Lip mar ver ſein denk war chen Fol ſtar! alt gehi Alic war verr Tan obw bede Alicia.„Da iſt ſehr wenig Studium nöthig, um wur Jedermann zu überzeugen, daß er ein ſchläfriger, Bez doch Kann. be auf⸗ ſehen. mmen emt aren wand is er einem n⸗ „Was nim auf⸗ e Ge⸗ einem d ver⸗ ſeines wach⸗ er ſtu⸗ nach udley. ſagte um friger, ſelbſtſüchtiger Sybarite iſt, der ſich um Nichts in der Welt als um das Wohlſein und die Behaglich⸗ keit ſeiner eigenen Perſon kümmert.“ „Aber haſt Du Dir ihn niemals excentriſch ge⸗ dacht?“ „Excentriſch!“ wiederholte Alicia, ihre rothen Lippen aufwerfend und die Achſeln zuckend.„Nun, ja— ich glaube, das iſt die Entſchuldigung, die man gewöhnlich für dergleichen Leute vorbringt. Ich vermuthe, Bob iſt excentriſch.“ „Ich habe Dich niemals von ſeinem Vater und ſeiner Mutter ſprechen hören,“ ſagte Mylady nach⸗ denklich.„Erinnerſt Du Dich derſelben?“ „Ich habe ſeine Mutter niemals geſehen. Sie war eine Miß Dalrymple, ein ſehr ungeſtümes Mäd⸗ chen, welches mit meinem Onkel davonlief und in Folge davon ein ſehr ſchönes Vermögen verlor. Sie ſtarb zu Nizza, als der arme Robert fünf Jahre alt war.“ „Haſt Du jemals etwas Abſonderliches von ihr gehört?“ „Was meinen Sie mit dem Abſonderlich?“ fragte Alicia. „Haſt Du jemals gehört, daß ſie excentriſch war— ſo was man wunderlich oder ein wenig verrückt nennt?“ „O nein,“ antwortete Alicia lachend.„Meine Tante war eine ſehr vernünftige Frau, glaube ich, obwohl ſie aus Liebe heirathete. Aber Sie müſſen bedenken, daß ſie mit Tod abging, ehe ich geboren wurde, und ich habe daher nicht viel Neugierde in Bezug auf deren Perſon empfunden.“ „Aber Du erinnerſt Dich doch Deines Onkels? vermuthe ich.“ „Meines Onkels Robert?“ ſagte Alicia.„Seiner erinnere ich mich in der That ſehr wohl.“ „Iſt er excentriſch geweſen?— Ich will ſagen, beſonder in ſeinen Gewohnheiten, wie Dein Couſin?“ „Ja, ich glaube, Robert hat alle ſeine Albern⸗ heiten von ſeinem Vater geerbt. Mein Onkel legte dieſelbe Gleichgültigkeit gegen ſeine Mitgeſchöpfe an den Tag, wie mein Couſin; aber er war ein guter Gatte, ein liebevoller Vater und ein freundlicher Gebieter. Niemand hat jemals ſeine Geſinnungen in Zweifel gezogen.“ „Aber er iſt excentriſch geweſen?“ „Ja; ich glaube, er war im Allgemeinen be⸗ trachtet, etwas excentriſch.“ „Ha,“ ſagte Mylady ernſt.„Ich dachte mir ſo. Weißt Du, Alicia, daß Wahnſinn ſich öfter vom Vater auf den Sohn, als vom Vater auf die Tochter, und von der Mutter eher auf die Tochter als auf den Sohn ſich vererbt? Dein Couſin Robert Audley iſt ein ſehr hübſcher junger Mann, und ich glaube ein ſehr gutherziger junger Mann; aber man muß auf ihn Acht geben, Alicia, denn er iſt wahn⸗ ſinnig.“ „Wahnſinnig!“ rief Alicia entrüſtet;„Sie träu⸗ men, Mylady, oder— oder— Sie ſuchen mir Schrecken einzujagen,“ ſezte die junge Dame in ziem⸗ licher Unruhe hinzu. „Ich wünſche Dich nur zu warnen, daß Du auf Deiner Hut biſt, Alicia,“ antwortete Mylady,„Mr. Audley mag, wie Du ſagſt, blos excentriſch ſein; ger We ſeh doe lich Hu ſag lac ihn Läc Bil get ger bez ein vok vo els einer agen, 2 bern⸗ legte e an guter licher ngen be⸗ ir ſo. vom chter, auf udley laube muß ahn⸗ träu⸗ mir ziem⸗ 1auf ſein; aber er hat mit mir dieſen Abend auf eine Weiſe geſprochen, daß ich darüber ganz und gar in Schrecken gerathen bin, und ich glaube, er iſt dem wirklichen Wahnſinn nahe. Ich werde noch dieſe Nacht ein ſehr ernſtes Wort mit Sir Michael ſprechen.“ „Mit Papa ſprechen!“ rief Alicia;„Sie werden doch Papa nicht durch Vorhalten eines ſolchen mög⸗ lichen Falles betrüben wollen.“ „Ich werde ihn nur warnen, daß er auf ſeiner Hut iſt, meine liebe Alicia.“ „Aber er wird Ihnen niemals Glauben ſchenken,“ ſagte Miß Audley;„er wird zu einer ſolchen Idee lachen.“ „Nein, Alicia, er wird alles glauben, was ich ihm ſage,“ erwiederte Mylady mit einem ruhigen Lächeln. Dreizehntes Capitel. Der Voden wird vorbereitet. Lady Audley begab ſich von dem Garten in das Bibliothekzimmer, ein angenehmes, mit Eichenholz getäfeltes, anheimelndes Gemach, wo Sir Michael gern las oder ſchrieb oder die auf ſein Beſizthum bezüglichen Geſchäfte mit ſeinem Verwalter abmachte, einem kräftigen Landmann, halb Oekonom, halb Ad⸗ vokat, der zugleich eine kleine Farm einige Meilen vom Herrenhaus in Pacht hatte. Der Baronet ſaß in einem geräumigen Lehn⸗ ſeſſel nahe am Herde. Die helle Feuerflamme ſtieg und fiel, indem ſie ihren Schein bald auf die polir⸗ ten Vorſprünge der ſchwarzeichenen Bücherſchränke, bald auf die mit Vergoldung und Scharlach geſchmückten Büchereinbände warf, dort den atheniſchen Helm einer marmornen Pallas, hier die Stirn von Sir Robert Peel beleuchtete. Die Lampe auf dem Leſetiſch war noch nicht an⸗ gezündet worden, und Sir Michael ſaß im Wieder⸗ ſchein des Feuers und wartete auf die Ankunft ſeiner jungen Frau. Es iſt mir unmöglich, jemals die Reinheit ſeiner edelherzigen Liebe zu beſchreiben— es iſt unmög⸗ lich, eine Zuneigung zu ſchildern, welche ſo zärtlich war, wie die Liebe einer jungen Mutter für ihr erſt⸗ gebornes Kind, ſo brav und chevaleresk, wie die he⸗ Leidenſchaft eines Bayard für ſeine Lehens⸗ errin. Die Thüre ging auf, während er an ſeine zärt⸗ lich geliebte Gattin dachte, und wie er aufſchaute, der Baronet die ſchlanke Geſtalt unter der Thüre ſtehen. „Ei, mein Liebling,“ rief der Baronet, als My⸗ lady die Thüre hinter ſich ſchloß und auf ſeinen Seſſel zukam,„ich habe ſeit einer Stunde an Dich gedacht und auf Dich gewartet. Wo biſt Du ge⸗ weſen, und was haſt Du gethan?“ Mylady ſtand mehr im Schatten als im Licht und hielt einige Augenblicke an, ehe ſie dieſe Frage beantwortete. „Ich bin in Chelmsford geweſen,“ ſagte ſie,„um in den Läden mich umzuſehen, und—“ c ge biſ To au ſie ger ihr ode kan Die Ro Fir ſtieg olir⸗ bald ckten iner bert an⸗ der⸗ einer iner nög⸗ tlich erſt⸗ he⸗ en⸗ zärt⸗ aute, hüre inen Dich ge⸗ Licht rage „Uum Sie zögerte, während ſie mit einer Miene hüb⸗ ſcher Verlegenheit ihre Hutbänder in den dünnen weißen Fingern hin⸗ und herdrehte. „Und was, meine Liebe,“ fragte der Baronet —„was haſt Du gethan, ſeitdem Du von Chelms⸗ ford zurück biſt? Ich habe den Wagen vor einer Stunde an der Thüre halten gehört. Es war der Deinige, nicht wahr?“ „Ja, ich bin vor einer Stunde gekommen,“ ant⸗ wortete Mylady mit derſelben Miene von Verle⸗ genheit. zi„Und was haſt Du gethan, ſeit Du zu Hauſe iſt?“ Sir Michael Audley legte in dieſe Frage einen Ton leiſen Vorwurfs. Die Gegenwart ſeiner jun⸗ gen Frau machte den Sonnenſchein ſeines Lebens aus, und obwohl er es nicht über ſich vermochte, ſie an ſeine Seite zu feſſeln, erregte es ihm doch Kummer, zu denken, daß ſie mit Willen unnöthi⸗ ger Weiſe von ihm entfernt bleiben könne, indem ſie ihre Zeit mit irgend einem kindiſchen Geplauder, oder einer frivolen Beſchäftigung vertändle. „Was haſt Du gethan, ſeitdem Du nach Hauſe kamſt, meine Liebe?“ wiederholte er.„Was hat Dich ſo lang von mir fern gehalten?“ „Ich habe geſprochen— mit— mit— Mr. Robert Audley.“ Sie drehte ihr Hutband noch immer um die Finger herum. Sie redete noch immer mit derſelben Miene von Verlegenheit. „Robert!“ rief der Baronet;„iſt Robert hier?“ „Er war vor einer Weile hier.“ 218 „Und iſt noch hier? vermuthe ich.“ „Nein, er iſt fortgegangen.“ „Fortgegangen!“ rief Sir Michael.„Was willſt Du damit ſagen, mein Liebling?“ „Ich will ſagen, daß Ihr Neffe dieſen Nachmit⸗ tag in das Herrenhaus kam. Alicia und ich, wir fanden ihn, wie er ſich müßig im Garten herum⸗ trieb. Er verweilte dort bis vor einer Viertelſtunde im Geſpräche mit mir, und eilte dann davon, ohne ein Wort der Erklärung, außer einer wahrhaft lächer⸗ lichen Entſchuldigung mit Geſchäften zu Mount Stanning.“ „Geſchäfte zu Mount Stanning? wie, was für Geſchäfte kann er nur denkbar an dieſem abgelege⸗ nen Orte haben? Er iſt alſo nach Mount Stan⸗ ning gegangen, um dort zu übernachten? vermu⸗ the ich.“ „Ja, ich glaube, er ſagte Etwas der Art.“ „Auf mein Wort,“ rief der Baronet,„mich dünkt, der Knabe iſt halb wahnſinnig.“ „Mylady's Angeſicht befand ſich ſo ſehr im Schatten, daß Sir Michael Audley die lebhafte Ver⸗ änderung nicht gewahr wurde, welche mit der krank⸗ haften Bläſſe deſſelben vorging, als er dieſe ſehr alltägliche Bemerkung machte. Ein triumphirendes Lächeln erhellte Lady Aud⸗ ley's Miene, ein Lächeln, welches deutlich ſagte: Es kommt— es kommt; ich kann ihn um einen Finger herumwickeln. Ich kann ihm Schwarz vor die Au⸗ gen bringen, und ſage ich, es iſt weiß, ſo wird er mir glauben.“ Aber Sir Michael Audley bediente ſich, indem hie ein kei ſch füt St ſch we we bli ehe ökr illſt nit⸗ wir um⸗ nde hne her⸗ unt für ege⸗ tan⸗ mu⸗ er erklärte, es müſſe mit ſeinem Neffen im Kopfe nicht ganz richtig ſein, nur einer ganz ordinären Redensart, von welcher man recht wohl weiß, daß ſie ſehr wenig zu bedeuten hat. Der Baronet hegte allerdings keine ſonderliche Achtung von Roberts Fähigkeiten zu den Geſchäften des alltäglichen Le⸗ bens. Er war gewohnt, ſeinen Neffen als ein gut⸗ artiges Nonens*) zu betrachten— als einen Mann, deſſen Herz von der freigebigen Natur reichlich mit all den beſten Gaben ausgeſtattet war, welche die edelmüthige Göttin zu verſchenken hatte, aber deſ⸗ ſen Gehirn bei der Vertheilung der geiſtigen Güter etwas zu kurz gekommen war. Sir Michael verfiel hiebei in einen Irrthum, welcher bei behaglichen, eine Sache nur leicht nehmenden Beobachtern, die keine Gelegenheit haben, unter die Oberfläche zu ſchauen, ſehr gewöhnlich iſt. Er nahm Läßigkeit für Unfähigkeit. Er dachte, weil ſein Neffe ein Müßiggänger war, müßte er nothwendig auch be⸗ ſchränkten Verſtandes ſein, und gelangte zu dem Schluſſe, wenn Robert ſich nicht hervorthäte, ſo ge⸗ ſchehe dieß nur, weil er hiezu nicht im Stande wäre. Er vergaß der ſtummen ruhmloſen Miltons, welche lautlos, unverſtändlich dahin ſterben, aus Mangel an jener mürriſchen Beharrlichkeit, jenem blinden Muthe, womit der Dichter begabt ſein muß, ehe er einen Verleger finden kann; er vergaß der Cromwells, welche das edle Fahrzeug— Staats⸗ ökonomie— auf einer aufgeregten See ſich abar⸗ *) Ein in Weſenheit nicht exiſtirendes Ding. A. d. U. 220 beiten und in einem Sturme lärmender Beſtürzung unterſinken ſehen und doch außer Standes ſind, an das Steuerruder zu gelangen, ja gehindert ſind, nur ein Rettungsboot an das untergehende Schiff aus⸗ zuſenden. Gewiß iſt es ein Irrthum, nach dem, was ein Mann gethan hat, zu beurtheilen, was er zu thun vermag. Die weltliche Walhalla iſt ein kleiner Ort, und die größten Männer ſind vielleicht diejenigen, welche ſchweigend dahin ſterben, fern von der geweihten Pforte. Die reinſten und hellſten Geiſter ſind viel⸗ leicht diejenigen, welche vor dem Getümmel des Wettrennens— vor dem Tumulte und der Verwir⸗ rung des Kampfes zurückbeben. Das Spiel des Lebens hat einige Aehnlichkeit mit dem écarté-Spiel, und die beſten Trümpfe bleiben manchmal unter den nichtausgegebenen Karten zurück. Mylady legte ihren Hut ab und ſezte ſich auf den ſammtüberzogenen Schemel zu Sir Michaels Füßen. In dieſem mädchenhaften Thun war nichts Studirtes oder Affectirtes. Es lag ſo ganz und gar in der Natur von Lucy Audley, kindiſch zu ſein, daß Niemand gewünſcht hätte, dieſelbe anders zu ſehen. Es wäre eben ſo thöricht geweſen, würde⸗ volle Zurückhaltung oder weiblichen Ernſt von dieſer bernſteinhaarigen Sirene zu erwarten, als in dem hellen Discant des Geſangs einer Feldlerche einen reichen Baß zu wünſchen. Sie ſaß da, das blaſſe Geſicht von dem Schim⸗ mer des Feuers abgewendet und ihre Hände über den Arm von ihres Gatten Lehnſeſſel gefaltet. Sie waren ſehr unruhig, dieſe kleinen weißen Hände. 1 m⸗ er ie 221 Mylady fuhr mit den juwelenbeſezten Fingern aus und ein, während ſie zu ihrem Gatten redete. „Ich wünſchte zu Dir zu gehen, mein Theurer, verſtehſt Du,“ ſagte ſie—„ich wünſchte zu Dir zu gehen, ſobald ich nach Hauſe gekommen war, aber Mr. Audley beſtand darauf, mich anzuhalten, um mit mir zu ſprechen.“ „Aber worüber, meine Liebe?“ fragte der Ba⸗ ronet.„Was konnte Robert Dir zu ſagen haben?“ Mylady gab keine Antwort auf dieſe Frage. Sie ließ den hübſchen Kopf auf ihres Gatten Kniee ſinken, und ihre gekräuſelten gelben Locken fielen ihr über das Geſicht. Sir Michael hob das ſchöne Haupt mit ſeinen ſtarken Händen und wandte Mylady's Angeſicht ſich zu. Der auf dieſes blaſſe Antliz fallende Feuer⸗ ſchein erhellte die großen ſanftblauen Augen, welche in Thränen ſchwammen. „Lucy, Lucy!“ rief der Baronet,„was hat dieß zu bedeuten? Sprich, mein Liebchen, was iſt ge⸗ ſchehen, das Dich alſo betrüben konnte?“ Lady Audley verſuchte zu ſprechen, aber die Worte erſtarben unarticulirt auf ihren zitternden Lippen. Ein würgendes Gefühl in ihrer Kehle ſchien die falſchen, ſcheinbar plauſibeln Worte, die einzige Waffe gegen ihre Feinde, zu erſticken und zu ver⸗ nichten. Sie konnte nicht ſprechen. Die Seelen⸗ angſt, die ſie ſtillſchweigend in der düſtern Linden⸗ allee erduldet hatte, war zu ſtark für ſie geweſen, und ſie brach jezt ungeſtüm in hyſteriſches Schluchzen aus. Es war kein erheuchelter Schmerz, der ihre 222 zarte Geſtalt erſchütterte und an ihr wie ein Raub⸗ thier zerrte, das mit ſeiner ſchrecklichen Kraft ſie ſtückweiſe zu zerreißen drohte. Es war ein Sturm von wirklicher Qual, von Schrecken, Gewiſſensangſt und Elend. Es war der eine wilde Ausſchrei, in welchem des Weibes ſchwächere Natur über die Kunſt der Sirene den Sieg davon trug. Es war nicht die Art, wie ſie ihren ſchrecklichen Kampf mit Robert Audley auszufechten ſich vorge⸗ nommen hatte. Es waren nicht die Waffen, welche ſie in Anwendung zu bringen beabſichtigt hatte; aber kein Kunſtgriff, den ſie möglicher Weiſe erſonnen, hätte ihr vielleicht ſo gute Dienſte geleiſtet, wie dieſer eine Ausbruch natürlichen Kummers. Er er⸗ ſchütterte ihren Gatten bis ins Herz hinein. Er ſezte ihn in Schrecken und Beſtürzung. Er verſenkte den ſtarken Verſtand des Mannes in einen Zuſtand völliger Rathloſigkeit und Betäubung. Er traf den einen ſchwachen Punct in der Natur eines guten Mannes. Er appellirte direct an Sir Michael Aud⸗ ley's Zuneigung zu ſeiner Gattin. Ach, der Himmel helfe der zärtlichen Schwäche eines ſtarken Mannes für die Frau, welche er liebt. Der Himmel erbarme ſich ſeiner, wenn das ſchul⸗ dige Geſchöpf ihn betrogen hat und mit ſeinen Thränen und Wehklagen kommt, um ſich ihm, ſeiner ſelbſt vergeſſend und von Gewiſſensbiſſen ergriffen, zu Füßen zu werfen, indem es ihn mit dem Anblick ſeines Schmerzes foltert, mit ſeinen Seufzern ihm das Herz zerreißt, mit ſeinem Stöhnen ihm die Bruſt zerfleiſcht. Sie vermehrt ihre eigenen Leiden zu einer großen Marter für ihn, ſie vervielfältigt ſie ſie rm aſt in nſt en e⸗ he n, ie r⸗ Fr d en n he t. — n er m ſt u zwanzigfach, vervielfältigt ſie im Verhältniß zu der Tragkraft eines braven Mannes. Der Himmel ver⸗ gebe ihm, wenn bei ihm, durch dieſe grauſame Qual zum Wahnſinn getrieben, die Waage einen Augen⸗ blick ſchwankt und er bereit iſt, Alles zu verzeihen, bereit, das elende Weſen an ſeiner Bruſt zu ſchir⸗ men und das zu entſchuldigen, was nach dem ſtrengen Spruche männlicher Ehre nicht entſchuldigt werden darf. Die ſchlimmſten Gewiſſensbiſſe der Frau, wenn ſie außerhalb der Schwelle des Hauſes ſteht, das ſie nicht mehr betreten darf, kommen der Marter des Gatten, welcher dem vertrauten und flehenden Geſichte die Thüre ſchließt, niemals gleich. Das Leid der Mutter, welche ihre Kinder nicht mehr ſchauen ſoll, iſt geringer, als das Weh des Mannes, welcher dieſen Kindern ſagen muß:„Meine Kleinen, ihr ſeid jezt mutterlos.“ Sir Michael Audley erhob ſich aus ſeinem Seſſel, zitternd vor Entrüſtung und bereit, auf der Stelle den Kampf mit der Perſon zu eröffnen, welche ſeiner Gattin Gram verurſacht hatte. „Lucy,“ ſagte er,„Lucy, ich beſtehe darauf, daß Du mir angibſt, wer und was Dich betrübt hat. Ich beſtehe darauf. Wer Dich auch gekränkt haben mag, er ſoll mir für Deinen Kummer büßen. Komm, meine Liebe, erkläre mir, was es iſt.“ Er nahm ſeinen Siz wieder ein und beugte ſich über die zu ſeinen Füßen niedergedrückte Geſtalt, indem er ſeine eigene Aufregung zu beſchwichtigen ſuchte, nur um ſeiner Gattin Truͤbſal zu mildern. „Erkläre mir, was es iſt, meine Liebe,“ flüſterte er zärtlich. 224 Der heftige Parorismus war vergangen, und Mylady ſchaute auf: ein ſchimmerndes Licht drang durch die Thränen in ihren Augen, und die Linien um ihren hübſchen roſigen Mund, jene harten und grauſamen Linien, welche Robert Audley an dem präraphaelitiſchen Portrait beobachtet hatte, waren in dem Wiederſchein des Feuers ſichtbar. „Ich bin ſehr einfältig,“ ſagte ſie,„aber wirk⸗ lich, er hat mich ganz hyſteriſch gemacht.“ „Wer— wer hat Dich hyſteriſch gemacht?“ „Ihr Neffe— Mr. Robert Audley.“ „Robert!“ rief der Baronet.„Lucy, was willſt Du damit ſagen?“ „Ich habe Ihnen erzählt, Mr. Audley ſei darauf beſtanden, daß ich mit ihm in die Lindenallee ginge,“ fuhr Mylady fort.“ Er begehrte mit mir zu ſpre⸗ chen, und ich ging, und er redete von ſo ſchrecklichen Dingen, daß—“ „Was für ſchrecklichen Dingen, Lucy?“ Lady Audley ſchauderte und umſchlang mit con⸗ vulſiviſchen Fingern die ſtarke Hand, welche lieb⸗ koſend auf ihrer Schulter geruht hatte. „Was hat er geſagt, Lucy?“ „O, mein theurer Freund, wie kann ich es Ihnen ſagen?“ rief Mylady.„Ich weiß, daß ich Sie be⸗ trübe— oder werden ſie lachen über mich, und dann— „Lachen über Dich? Nein, Lucy.“ Lady Audley ſchwieg einen Augenblick. Sie ſaß da und blickte gerade in das Feuer hinein, während ihre Finger noch immer des Gatten Hand umſchloſſen hielten. ode „ und drang Linien n und dem ren in wirk⸗ 2 willſt arauf inge,“ ſpre⸗ klichen t con⸗ lieb⸗ Ihnen ie be⸗ und ie ſaß hrend loſſen 225 „Mein Theurer,“ ſagte ſie, langſam, zwiſchen den Worten abſezend, als ob ſie davor zurückbebte, ſie auszuſprechen,„haben Sie jemals— ich fürchte mich ſo ſehr, Ihnen wehe zu thun— nun, haben Sie jemals daran gedacht, daß Mr. Audley ein wenig— ein wenig—“ „Ein wenig, was, mein Liebling?“ „Ein wenig verrückt iſt,“ ſtammelte Lady Audley. „Verrückt!“ rief Sir Michael.„Mein liebes Mädchen, wie kommſt Du auf ſolche Gedanken?“ „Sie haben eben geſagt, mein Theurer, es komme Ihnen vor, er ſei halb wahnſinnig.“ „Habe ich, mein Liebchen?“ antwortete der Ba⸗ ronet lachend.„Ich erinnere mich nicht, es geſagt zu haben, und dann war es eine bloße Facon de parler,*) welche durchaus Nichts zu bedeuten hatte. Robert mag ein wenig excentriſch ſein— ein wenig einfältig vielleicht— er mag an ſeinem Wiz nicht allzu ſchwer zu tragen haben, aber ich glaube nicht, daß er zum Wahnſinn Hirn genug hat. Ich glaube, es ſind gewöhnlich die großen Geiſter, bei denen am Ende nicht Alles in Ordnung iſt.“ „Aber Wahnſinn iſt zuweilen erblich,“ entgegnete Mylady.„Mr. Audley erbte vielleicht—“ „Von ſeines Vaters Familie hat er keinen Wahn⸗ ſinn geerbt,“ fiel ihr Sir Michael in's Wort.„Die Audleys haben niemals Privatirrenhäuſer bevölkert oder wahnſinnige Doctoren gefüttert.“ „Auch nicht von ſeiner Mutter Familie?“ „Nicht daß ich wüßte.“ *) Redensart. A. d. U. Brabbon, Lady Aubleh's Geheimniß. II. 15 226 „Man macht gewöhnlich aus ſolchen Dingen ein Geheimniß,“ ſagte Mylady ernſt.„Es kann der Wahnſinn in Ihrer Schwägerin Familie zu Hauſe geweſen ſein.“ „Ich glaube nicht, meine Liebe,“ erwiederte Sir Michael.„Aber, Lucy, ſage mir um's Himmels willen, wie haſt Du Dir dieſen Gedanken in den Kopf geſezt?“ „Ich habe nur verſucht, mir Ihres Neffen Be⸗ nehmen zu erklären. Hätten Sie gehört, was er heute Abend mir geſagt hat, Sir Michael, Sie würden ihn gleichfalls für wahnſinnig gehalten haben.“ „Und was hat er denn geſagt, Lucy?“ „Ich kann es Ihnen kaum wiederholen. Sie ſehen, wie ſehr er mich verwirrt und außer Faſſung gebracht hat. Ich glaube, er hat allzu lang in jenem einſiedleriſchen Tempel gelebt. Vielleicht liest er zu viel, oder raucht zu viel. Sie wiſſen, daß manche Aerzte den Wahnſinn für ein bloßes Gehirn⸗ leiden erklären— eine Krankheit, welcher Jedermann ausgeſezt iſt, und welche durch gegebene Gründe er⸗ zeugt und durch gegebene Mittel curirt werden kann.“ Lady Audley's Augen waren noch immer auf die glühenden Kohlen auf dem großen Roſte geheftet. Sie äußerte ſich, als ob ſie einen Gegenſtand be⸗ ſpräche, den ſie ſchon oft verhandeln gehört hatte. Sie äußerte ſich, als ob ihr Geiſt von dem Gedanken an den Neffen ihres Gatten ganz abgekommen wäre und ſich nur mit der umfaſſenderen Frage des Wahn⸗ in in abstracto*) befaßte. *) An Sie, für ſich betrachtet. tte. nken väre hn⸗ 227 „Warum ſollte er nicht wahnſinnig ſein?“ nahm Mylady wieder das Wort.„Die Leute ſind oft irre im Geiſte, Jahr und Tag, ehe man ihrem Irr⸗ ſinn auf die Spur kommt. Sie wiſſen, daß ſie wahn⸗ ſinnig ſind, aber ſie wiſſen dieſes Geheimniß auch zu bewahren; und vielleicht gingt es ihnen, daſſelbe bis zu ihrem Tode zu bewahren. Manchmal befällt ſie ein Paroxismus, und dann verrathen ſie ſich, ſie begehen vielleicht ein Verbrechen. Die ſchreck⸗ liche Verſuchung der Gelegenheit kommt über ſie, das Meſſer iſt in ihrer Hand, und das Nichts ah⸗ nende Opfer an ihrer Seite. Sie mögen den raſt⸗ loſen Dämon überwinden und davon kommen und unſchuldig an jeder Gewaltthat ſterben; aber ſie mö⸗ gen auch der ſchrecklichen Verſuchung unterliegen— der kalten, leidenſchaftlichen Gier nach Gewalt und Greuel. Sie unterliegen manchmal und ſind ver⸗ loren.“ Lady Audley's Stimme hob ſich, als ſie dieſe furchtbare Frage erörterte. Die hyſteriſche Aufre⸗ gung, von welcher ſie ſich ſo eben erholt hatte, war nicht ohne Einfluß auf ſie geblieben, aber ſie be⸗ herrſchte ſich, und ihr Ton wurde ruhiger, als ſie wieder das Wort nahm:— „Robert Audley iſt wahnſinnig,“ ſagte ſie ent⸗ ſchieden.„Was iſt eines der ſtärkſten Symptome von Wahnſinn— was iſt das erſte erſchreckende Zeichen des Irrſeins? Der Geiſt ſteht ſtill, das Ge⸗ hirn ſtagnirt, die gleichmäßige Strömung des Geiſtes wird unterbrochen, die Denkkraft des Gehirns löst ſich in eine Monotonie auf. Wie die Gewäſſer eines Weihers, der keinen Zu⸗ und Abfluß hat, durch das 228 Stillſtehen faul werden, ſo wird der Geiſt wirr und verkehrt durch Mangel an Thätigkeit; das beſtändige Nachſinnen über einen Gegenſtand ſchlägt in eine fire Idee um. Robert Audley iſt mit einer ſolchen behaftet. Das Verſchwinden ſeines Freundes Georg Talboys hat ihn mit Gram und Beſtürzung erfüllt. Er verweilte bei dieſer Idee, bis er die Kraft ver⸗ lor, an etwas Anderes zu denken. Dieſe einzige, be⸗ ſtändig im Auge behaltene Idee gab ſeiner geiſtigen Anſchauung eine falſche Richtung. Wiederholen Sie das gewöhnlichſte Wort in der engliſchen Sprache zwanzig Mal, und vor der zwanzigſten Wiederholung werden Sie verwundert ſich fragen, ob das Wort, welches Sie wiederholen, wirklich dasjenige iſt, das Sie auszuſprechen meinen. Robert Audley hat an ſeines Freundes Verſchwinden ſo lang gedacht, bis dieſe einzige Idee ihr verhängnißvolles und verderb⸗ liches Werk vollbracht hat. Er blickt auf ein ge⸗ wöhnliches Ereigniß mit einem krankhaft erregten Sinn und verzerrt es zu einem ſchrecklichen Greuel, der nur in ſeiner eigenen Monomanie den Grund hat. Wenn Sie mich nicht ſelbſt wahnſinnig machen wollen, wie er es iſt, ſo müſſen Sie mich ihn nie wieder ſehen laſſen. Er erklärte heute Abend, Georg Talboys ſei hier ermordet worden, und er will jeden Baum im Garten entwurzeln, und jeden Ziegel im Hauſe niederreißen, in ſeiner Nachforſchung nach—“ Mylady machte eine Pauſe. Die Worte erſtar⸗ ben auf ihren Lippen. Sie hatte ſich ſelbſt durch die lebhafte Energie, womit ſie geſprochen, erſchöpft. Sie hatte ſich aus einer frivolen kindiſchen Schön⸗ heit in ein Weib verwandelt, das die Kraft beſizt, ige eine hen org üllt. ver⸗ gen Sie che ung ort, das an bis erb⸗ ten uel, und hen nie org den im . ar⸗ rch ft. ön⸗ . ſeine eigene Sache zu führen und in deren Verthei⸗ digung zu ſprechen. „Dieſes Haus niederreißen!“ rief der Baronet. „Georg Talboys zu Audley Court ermordet! Hat Robert das geſagt, Lucy?“ „Er hat Etwas der Art geſagt— Etwas, das mir großen Schrecken einjagte.“ „Dann muß er wahnſinnig ſein,“ ſprach Sir Michael ernſt.„Ich bin ganz verwirrt durch das, was Du mir erzählſt. Hat er das wirklich geſagt, Luch, oder haſt Du ihn mißverſtanden?“ „Ich— ich— glaube nicht wohl,“ ſtammelte Mylady.„Sie haben geſehen, wie erſchrocken ich war, als ich hereinkam. Ich wäre nicht in ſolche Aufregung gerathen, wenn er nicht etwas Schreck⸗ liches geſagt hätte.“ Lady Audley hatte ſich des ſtärkſten Beweisgrun⸗ bedient, durch welchen ſie ihrer Sache aufhelfen onnte. „Gewiß, mein Liebling, gewiß,“ antwortete der Baronet. „Was kann eine ſo ſchreckliche Einbildung dem unglücklichen Knaben in den Kopf gebracht haben? Dieſer Mr. Talboys— uns allen vollkommen fremd — zu Audley Court ermordet! Ich will noch heute Nacht nach Mount Stanning gehen und Robert ſehen. Ich kenne ihn, ſeitdem er ein Kind war, und kann mich in ihm nicht irren. Wenn wirklich Etwas nicht ganz richtig iſt, wird er nicht im Stande ſein, es vor mir zu verheimlichen.“ Mylady zuckte die Achſeln. „Das iſt noch eine ziemlich unentſchiedene Frage,“ 230 ſagte ſie.„Gewöhnlich iſt es ein Fremder, welcher zuerſt eine pſychologiſche Beſonderheit entdeckt.“ Dieſe gewichtigen Worte erklangen ziemlich ſelt⸗ ſam auf Mylady's roſigen Lippen; aber ihre neu⸗ angenommene Weisheit hatte etwas wunderlich Hüb⸗ ſches an ſich, das den Geiſt ihres Gatten verwirrte. Nein, nein, mein Herzgeliebter, Sie dürfen nicht nach Mount Stanning,“ ſprach ſie zärtlich.„Be⸗ denken Sie, daß Sie ſtrengen Befehl haben, ehe das Wetter milder wird, das Haus nicht zu verlaſſen, und troz des Sonnenſcheins iſt der Boden noch hart gefroren.“ Sir Michael ſank mit einem Seufzer der Erge⸗ bung in ſeinen geräumigen Lehnſeſſel zurück. „Das iſt wahr, Lucy,“ ſagte er;„wir müſſen Mr. Dawſon gehorchen. Ich denke, Robert wird mich morgen beſuchen.“ „Gewiß, mein Theurer, ich denke auch.“ „Dann wollen wir bis morgen warten, mein Liebling. Ich kann nicht glauben, daß wirklich bei dem armen Knaben Etwas nicht richtig iſt— ich kann es nicht glauben, Lucy.“ „Aber wie ſich dann ſeine außerordentliche Illu⸗ ſion über dieſen Mr. Talboys erklären?“ fragte Mylady. Sir Michael ſchüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht, Lucy— ich weiß nicht,“ ant⸗ wortete er.„Es hält immer ſo ſchwer zu glauben, daß einer der Unglücksfälle, wovon unſere Mitmen⸗ ſchen beſtändig betroffen werden, auch uns jemals widerfahren könne. Ich kann nicht glauben, daß meines Reffen Geiſt geſtört iſt— ich kann es nicht in ei ch 1. ⸗ n⸗ ls aß glauben. Ich— ich will ihn beſtimmen, hier zu bleiben, Lucy, und will ihn aufmerkſam beobachten. Ich verſichere Dich, meine Liebe, wenn es nicht richtig mit ihm iſt, finde ich es gewiß heraus. Ich kann mich nicht bei einem jungen Mann irren, der mir immer wie mein eigener Sohn geweſen iſt. Aber, mein Liebling, warum biſt denn Du bei Ro⸗ berts wildem Geſchwäz ſo in Schrecken gerathen? Es konnte doch keinen Bezug auf Dich haben.“ MWylady ſeufzte kläglich. „Sie müſſen mich für eine Frau von ſehr ſtar⸗ kem Geiſte halten, Sir Michael,“ antwortete ſie hie⸗ rauf, mit halbgekränkter Miene,„wenn Sie ſich ein⸗ bilden, ich könne ſolche Dinge gleichgültig anhören. Ich weiß, ich werde nicht im Stande ſein, Mr. Audley noch einmal zu ſehen.“ „Und das ſollſt Du auch nicht, mein Kind— nein, nein.“ „Sie haben eben geſagt, Sie wollen ihn hier haben,“ murmelte Lady Audley. „Aber ich will es nicht, mein geliebtes Mädchen, wenn ſeine Gegenwart Dir läſtig iſt. Guter Him⸗ mel, Lucy, kannſt Du Dir nur einen Augenblick ein⸗ bilden, ich habe einen höhern Wunſch, als die För⸗ derung deines Glücks? Ich will einen Londoner Arzt über Robert zu Rathe ziehen und ihn entdecken laſſen, ob es wirklich mit meines armen Bruders einzigem Sohne ſo ſchlimm ſteht. Du ſollſt nicht beläſtigt werden, Lucy.“ „Sie müſſen mich für ſehr unfreundlich halten, mein Theurer,“ fuhr Mylady fort,„und ich weiß, ich ſollte mich durch den armen Jungen nicht incommo⸗ 232 diren laſſen; aber er ſcheint wirklich über meine Per⸗ ſon ſich eine alberne Vorſtellung in den Kopf geſezt zu haben.“ „Ueber Dich, Lucy!“ rief Sir Michael. „Ja, mein Theurer. Er ſcheint mich auf eine unbeſtimmte Weiſe— die mir nicht ganz verſtändlich iſt— mit dem Verſchwinden dieſes Mr. Talboys in Zuſammenhang zu ſezen.“ „Unmöglich, Lucy. Du mußt ihn mißverſtan⸗ den haben.“ „Ich denke, nicht.“ „Dann muß er wahnſinnig ſein,“ ſprach der Ba⸗ ronet,„er muß wahnſinnig ſein. Ich will warten, bis er in die Stadt zurückkehrt, und ihm dann Je⸗ mand auf's Zimmer ſchicken, um mit ihm zu reden. Himmel, was für ein geheimnißvoller Handel iſt das!“ „Ich fürchte, ich habe Sie betrübt, mein Theurer,“ murmelte Lady Audley. „Ja, meine Liebe, ich bin ſehr betrübt über das, was Du mir erzählt haſt; aber es war ganz recht von dir, daß Du über dieſe furchtbare Affaire offen mit mir ſprachſt. Ich muß darüber nachdenken, mein Herzchen, und beſtimmen, wie es ſich am beſten machen läßt.“ Mylady erhob ſich von der niedrigen Ottomane, auf welcher ſie geſeſſen. Das Feuer war niederge⸗ brannt, und nur noch ein ſchwacher Schimmer rothen Lichtes im Gemach zu ſehen. Lady Audley beugte ſich über den Seſſel ihres Gatten und drückte ihre Lippen auf ſeine breite Stirne. „Wie gut Sie immer gegen mich ſind, mein ezt ne ich y8 ⸗ en, en. del 7 , 8, cht en en, en ne, en gte hre ein Theurer,“ flüſterte ſie ſanft.„Sie werden ſich nie⸗ mals durch Jemand gegen mich einnehmen laſſen, nicht wahr, geliebter Freund?“ „Gegen Dich einnehmen laſſen?“ wiederholte der Baronet.„Nein, meine Liebe.“ „Aber Sie wiſſen, Theurer,“ fuhr Mylady fort, „es gibt in der Welt ebenſowohl gottloſe Leute, wie wahnſinnige, und darunter mögen Perſonen ſein, in deren Intereſſe es liegt, mir Unrecht zuzufügen.“ „Sie thäten beſſer daran, es nicht zu verſuchen, Lucy,“ antwortete Sir Michael;„ſie würden ſich dabei bald in einer ziemlich gefährlichen Lage finden.“ Lady Audley lachte laut: es war ein munteres, triumphirendes, ſilbernklingendes Gelächter, welches durch das ruhige Zimmer vibrirte. „Mein theurſter Freund,“ ſagte ſie,„ich weiß, Sie lieben mich. Und jezt muß ich fort, denn es iſt ſieben Uhr vorüber. Ich war von Mrs. Montford zum Diner eingeladen, muß aber jezt einen Reit⸗ knecht mit einer Entſchuldigung abſenden, denn Mr. Audley hat mich für Geſellſchaft ganz untauglich gemacht. Ich werde zu Hauſe bleiben und Ihnen abwarten, mein Theurer. Sie werden recht bald zu Bette gehen, nicht wahr, und ſich recht ſchonen?“ „Ja, meine Liebe.“ Mylady trippelte aus dem Zimmer, um ihre Befehle wegen der in das Haus, wo ſie hätte dini⸗ ren ſollen, zu entſendenden Botſchaft zu geben. Sie hielt einen Augenblick an, als ſie die Thüre des Bücherzimmers hinter ſich ſchloß— hielt an und legte ihre Hand auf die Bruſt, um den raſchen Schlag des Herzens zu hemmen. Braddon, Lady Audley's Geheimniß. II. 16 234 „Ich habe mich vor Dir gefürchtet, Mr. Robert Audley,“ ſprach ſie bei ſich,„aber vielleicht kommt die Zeit, wo Du Urſache haſt, Dich vor mir zu fürchten.“ Ende des zweiten Bandes.