oet geibilivthet deutſcher, engliſcher und frarzöſiſcher Literatur 6duard ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Geih und Ceſebedingungen. 1. offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnuhne und Ri abe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr pis Abends 8 Uhr offen. 2. Leepreiß. Bei Rügabe eines geliehenen Buches wird von Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den aſgenummen 3. Caution. Unbekannte Pſoter müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet ird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt; S für wöe chentlich 2 Bücher: Bü Bücher: 6 Bücher: —— auf 1 M onat 1— Ff. R. 50 5 Vf. 2 Mr.— Pf. 4 3 5. Auswürtig 2e Aponnenten haben für Hin⸗ und Zurkckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersat?. 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Es lag weit unten in einer Vertiefung, die reich an ſchönen alten Bäumen und üppigen Waiden war; man gelangte dahin durch eine Lindenallee, die auf beiden Seiten von Wieſen begrenzt war, über deren hohe Hecken neugierig das Vieh auf den Vorüber⸗ gehenden ſchaute und vielleicht verwundert ſich fragte, was derſelbe hier wolle; denn es führte hier kein Weg hindurch, und wenn man nicht nach dem Her⸗ renhauſe ſich begab, war überhaupt hier nichts zu thun. Am Ende dieſer Allee ſtand ein Thorbogen und ein alter Glockenthurm, mit einer einfältigen, ver⸗ wirrenden Uhr, die nur einen Zeiger hatte und ge⸗ radeaus von einer Stunde zur andern überſprang, ſich alſo immerdar im Stande der Noth befand. Durch dieſen Bogen gelangte man unmittelbar in den Garten von Andley Court. Ein weicher Raſenplaz dehnte ſich vor dem Auge aus, mit Gruppen von Rhododendren beſezt, die hier ein vollkommeneres Wachsthum zeigten, als an ir⸗ gend einem andern Orte der Grafſchaft. Zur Rech⸗ ten lag der Küchengarten, der Fiſchweiher, und eine Obſtbaumpflanzung, umgrenzt von einem trockenen Waſſergraben und einer verfallenen Mauer, die an manchen Stellen nicht ſo hoch als dick war und überall ſich mit kriechendem Epheu, gelbem Steinpfeffer und dunkelm Mooſe überwachſen zeigte. Zur Linken zog ſich ein breiter Sandweg hin, auf welchem vor Jah⸗ ren, da der Ort noch ein Kloſter war, die ſtillen Nonnen Hand in Hand auf und ab gewandelt waren; eine Mauer, mit Spalieren bekleidet und auf der einen Seite von ſtattlichen Eichen beſchattet, welche die flache Landſchaft abſperrten und das Haus und den Garten mit einem dunkelnden Schirm umſchloſſen. Das Haus ſtand dem Thorbogen gegenüber und nahm drei Seiten eines Vierecks ein. Es war ſehr alt, ſehr unregelmäßig, bald da, bald dort aus⸗ oder einſpringend. Die Fenſter waren ungleich; einige klein, andere groß, einige mit ſchweren Steinkreuzen und reichen Glasmalereien, andere mit ſchwachen Gittern, welche bei jedem Luftzuge klirrten; andere endlich ſo modern, daß es den Anſchein hatte, als ob ſie erſt geſtern noch eingeſezt worden wären. Große Schornſteine ſtiegen da und dort hinter den ſpizigen Giebeln auf und ſahen aus, als ob ſie von Alter und langem Dienſte ſo hinfällig wären, daß ſie ohne den wuchernden Epheu, welcher an den Mauern emporkletternd und ſelbſt über das Dach ſich hinſchleppend dieſelben rings umſchlang und ihnen zur Stüze diente, hätten einſtürzen müſſen. Die Hauptthüre war in den Winkel eines Thürmchen d 8 8—„ „ n n in einer Ecke des Gebäudes eingeklemmt, als wollte ſie ſich vor gefährlichen Beſuchern verbergen und überhaupt geheim bleiben— deſſenungeachtet eine noble Thüre von altem Eichenholz, mit großen viereckigen, eiſernen Nägeln beſchlagen und ſo dick, daß der ſcharfe eiſerne Klopfer nur mit einem dumpfen Laute darauf anſchlug; und der Beſucher läutete an einer gellenden, in einer Ecke unter dem Epheu baumelnden Glocke, wenn etwa der Schall des Klopfers nicht in die Feſte einzudringen ver⸗ mochte. Ein herrlicher alter Ort— ein Ort, welcher einen Beſucher in Entzücken verſezte und in ihm den ſehn⸗ ſüchtigen Wunſch erregte, hier, nachdem er es mit dem Leben abgemacht hatte, für immer zu weilen, in den kühlen Fiſcherweiher zu ſchauen und die Bläs⸗ chen zu zählen, wenn das Rothauge und der Karpfen an die Oberfläche des Waſſers heraufſtiegen— ein Fleck, wo der Friede ſeinen Siz aufgeſchlagen zu haben und ſeine ſänftigende Hand. auf jeden Baum und jede Blume, auf die ſtillen Teiche und die ruhi⸗ gen Schattengänge, auf die dämmernden Ecken der altmodiſchen Gemächer, die tiefen Fenſterſize hinter den gemalten Scheiben, die niedrigen Wieſen und die ſtattlichen Alleen— ja ſelbſt über den bewegungs⸗ loſen Ziehbrunnen zu halten ſchien, welcher kühl und geſchüzt, wie ſonſt Alles an dem alten Plaze, ſich in einem Gebüſche hinter dem Garten verſteckte, mit einem trägen Handgriffe, der niemals ſich rührte, und einem läſſigen Seile, das ſo mürbe war, daß der Waſſereimer ſich davon losgeriſſen hatte und in die Tiefe gefallen war. Ein nobler Ort; inwendig wie außen ein nobler Ort— ein Haus, worin man ſich unaufhörlich ſelbſt verlor, wenn man ſo wagehalſig war, daſelbſt allein herumzugehen; ein Haus, in welchem kein Gemach in einiger Verwandtſchaft mit dem andern ſtand, wo jedes Zimmer auf irgend einem äußerſten Berührungs⸗ punkte in ein inneres Zimmer verlief, das über eine ſchmale Treppe hinab zu einer Thüre führte, durch welche man wiederum gerade in den Theil des Ge⸗ bäudes gelangte, von dem man ſich in weiteſter Ferne zu befinden wähnte; ein Haus, zu dem niemals der Plan von einem ſterblichen Architekten entworfen ſein konnte, ſondern welches das Werk jenes guten alten Baumeiſters, der Zeit, geweſen ſein mußte, welche, das eine Jahr ein Gemach hinzufügend, das andere eines niederreißend, jetzt ein den Plantagenets an Alter gleiches Kamin zu Boden ſtürzend und ein anderes im Style der Tudors aufſetzend, ein Stück ſächſiſcher Mauer hier umwerfend, und einem nor⸗ männiſchen Bogen dort eine Stelle einräumend, eine Reihe hoher, ſchmaler Fenſter aus der Regierung der Königin Anna einſchiebend und einen Speiſeſaal aus der Periode des Hannover'ſchen Georg l. an ein Refectorium, das ſeit den Tagen Wilhelms des Eroberers beſtanden, anſtoßend, es im Laufe von eilf Jahrhunderten dahin gebracht hatte, eine Behau⸗ ſung auſzuführen, dergleichen in der ganzen Graf⸗ ſchaft Eſſer nicht mehr zu finden war. Natürlich gab es in einem ſolchen Hauſe geheime Räumlich⸗ keiten: die kleine Tochter des gegenwärtigen Beſitzers, Sir Michael Audley, war durch Zufall auf die Ent⸗ deckung von einer geführt worden. Ein Brett hatte — in der großen Kinderſtube, wo ſie ſpielte, unter ihren Füßen geknarrt, und als man darauf aufmerkſam wurde, fand ſich, daß es locker war und nach ſeiner Entfernung eine Leiter ſehen ließ, welche zu einem Verſteck zwiſchen dem Fußboden der Kinderſtube und der Decke des darunter befindlichen Gemaches führte — einem Verſteck, ſo klein, daß der, welcher ſich hier verbarg, entweder auf Hände und Kniee ſich nieder⸗ ducken, oder der ganzen Länge nach ſich ausſtrecken mußte, und doch groß genug, um für eine ſeltſame, alte geſchnizte Eichenkiſte Raum zu gewähren, welche zur Hälfte mit Prieſtergewändern gefüllt war, die man ohne Zweifel in jenen grauſamen Tagen hier untergebracht hatte, wo das Leben eines Menſchen in Gefahr kam, wenn die Entdeckung gemacht wurde, daß er einem römiſch⸗katholiſchen Prieſter eine Zu⸗ luchtsſtätte vergönnt oder eine Meſſe in ſeinem Hauſe zu leſen geſtattet hatte. Der breite Außengraben war vertrocknet und mit Gras bewachſen, und die ſchwerbeladenen Bäume des Obſtgartens ſtreckten ihre knorrigen, da und dort ausgreifenden Aeſte darüber hin und zeichneten ſich in phantaſtiſchen Formen über dem grünen Abhang ab. Innerhalb dieſes Grabens befand ſich, wie bereits geſagt, der Fiſchteich— eine Waſſerfläche, welche ſich über die ganze Länge des Gartens erſtreckte, und an deren Grenze eine Allee, der Lindengang genannt, eine Allee von Sonne und Himmel ſo abgeſchieden, vor jeder Beobachtung durch das Schirmdach der rüber ſich wölbenden Bäume ſo geborgen, daß ſie für geheime Zuſammenkünfte oder verſtohlene Unter⸗ redungen wie geſchaffen ſchien; ein Ort, wo mit glei⸗ — —— cher Sicherheit ſich eine Verſchwörung hätte anzet⸗ teln, oder ein Liebesgelöbniß aufnehmen laſſen; und doch war er kaum zwanzig Schritte vom Hauſe ent⸗ fernt. Am Ende dieſes dunkeln Ganges ſchloß ſich ein Gebüſch an, wo halb vergraben unter dem Gewirr der Zweige und dem ungeſtört aufſchießenden Un⸗ kraut das verroſtete Dach jenes alten Brunnens ſtand, deſſen bereits Erwähnung geſchehen iſt. Er hatte ſeiner Zeit ohne Zweifel große Dienſte gethan; und emſige Nonnen hatten wielleicht mit ihren eige⸗ nen hübſchen Händen das kalte Waſſer heraufgezogen; aber nunmehr war er in Abgang gekommen, und vielleicht wußte kaum Jemand zu Audley Court, ob die Quelle vertrocknet war oder nicht. Aber ſo ge⸗ ſchüzt dieſer einſame Lindengang war, zweifle ich dennoch ſtark, ob er jemals zu einem romantiſchen Zwecke verwendet wurde. Oft ſpazierte in der Abend⸗ kühle Sir Michael Audley, ſeine Cigarre rauchend, darin auf und ab, mit dem Hunde auf ſeinen Ferſen, und ſeiner hübſchen jungen Frau zur Seite; aber in zehn Minuten waren der Baronet und ſeine Ehe⸗ hälfte der rauſchenden Linden und des ſtillen, unter den ausgebreiteten Blättern der Seelilien verbor⸗ genen Waſſers und der langen grünen Durchſicht mit dem zerfallenen Brunnen am Ende ziemlich müde und ſchlenderten nach dem weißen Saale zurück, wo Mylady träumeriſche Melodien von Beethoven und Mendelsſohn ſpielte, bis ihr Gemahl in ſeinem Lehn⸗ ſeſſel in Schlaf verſank. Sir Michael Audley war ſechsundfünfzig Jahre“ alt und hatte drei Monate nach ſeinem fünfundfünf⸗ zigſten Geburtstage ſich zum zweiten Mal verehlicht. Er war ein dicker, hochgewachſener und ſtämmiger Mann, mit einer tiefen, ſonoren Stimme, ſchönen blauen Augen und einem weißen Barte— einem weißen Barte, welcher ihm gegen ſeinen Willen ein ehrwürdiges Ausſehen gab, denn er war ſo rührig wie ein Knabe und einer der kühnſten Reiter in der Grafſchaft. Siebzehn Jahre lang hatte er im Witt⸗ werſtande gelebt, mit einem einzigen Kinde, einer Tochter, Alicia Audley, die jetzt neunzehn Jahre alt und nicht ſonderlich darüber erfreut war, daß er ihr eine Stiefmutter heimbrachte, denn Miß Alicia hatte ſeit ihrer früheſten Kindheit in ihres Vaters Hauſe die Oberherrſchaft geführt und hatte die Schlüſſel bei ſich getragen, ſie in den Taſchen ihrer ſeidenen Schürzen klingeln laſſen, ſie im Gebüſch verloren und in den Weiher fallen laſſen; und von der Stunde an, da ſie in ihr zehntes Jahr eintrat, mit denſelben alle mögliche Unruhe verurſacht und ſich aus dieſem Grunde alles Ernſtes eingebildet, ſie habe dieſe ganze Zeit über wirklich das Hausweſen geführt. Aber Miß Alicia's Tag war vorüber, und wenn ſie jetzt Etwas von der Wirthſchafterin begehrte, ſo gab dieſe zur Antwort, ſie wolle mit Mylady ſpre⸗ chen, ſie wolle bei Mylady deßhalb ſich Raths er⸗ holen, und wenn Mylady ihre Zuſtimmung gebe, ſolle es geſchehen. So brachte des Baronets Tochter, die eine treffliche Reiterin war und ſich auf die Kunſt ſehr gut verſtand, ihre meiſte Zeit außerhalb des Hauſes zu, ritt auf den ſchmalen, heckenbegrenzten Feldwegen herum, zeichnete die Kinder im Dorfe, die Ackerknechte und das Vieh und Alles, was Leben ————————— ——— S 10 hatte und ihr in den Weg kam. Sie ſträubte ſich mit finſterer Entſchloſſenheit gegen jede vertrauliche Annäherung zwiſchen ihr und des Baronets junger Frau; und ſo liebenswürdig die Lady war, ſo fand ſie doch ganz unmöglich, Miß Alicia's Vorurtheile und Mißfallen zu überwinden, oder das verzogene Mäd⸗ chen zu überzeugen, daß ſie ihr durch die Heirath mit Sir Michael Audley kein ſo grauſames Unrecht angethan hatte. Die Wahrheit war, daß Lady Audley, als ſie Sir Michaels Gattin wurde, eine jener ſcheinbar vor⸗ theilhaften Partieen gemacht hatte, welche einer Frau den Neid und Haß ihres Geſchlechts e ge⸗ eignet ſind. Sie war in die Nachbarſchaft als Gou⸗ vernante in die Familie eines Wundarztes in dem Dorfe bei Audley Court gekommen. Niemand wußte Etwas von ihr, als daß ſie in Folge einer Anzeige, welche Mr. Dawſon, der Wundarzt, in die Times hatte einrücken laſſen, eingetroffen war. Sie kam von London, und hatte ſich wegen näherer Auskunft einzig auf eine Dame an einer Schule zu Brompton, wo ſie einmal Lehrerin geweſen war, bezogen. Aber die erfolgte Auskunft war ſo befriedigender Art, daß eine andere nicht nöthig erſchien, und Miß Lucy Gra⸗ ham wurde von dem Wundarzt als Lehrerin ſeiner Töch⸗ ter angenommen. Ihre Kenntniſſe waren ſo glän⸗ zend und mannigfach, daß es nur auffallen mußte, wie ſie auf ein Inſerat, welches eine ſo mäßige Be⸗ lohnung in Ausſicht ſtellte, wie diejenige, wozu ſich Mr. Dawſon anheiſchig machte, eingegangen war; aber Miß Graham ſchien mit ihrer Lage vollkommen zufrieden, und ſie lehrte die Mädchen Sonaten von 11 Beethoven zu ſpielen und in Creswicks Manier nach der Natur zu malen, und wandelte dreimal des Sonn⸗ tags durch das langweilige, abgelegene Dorf nach der niedrigen, kleinen Kirche, ſo gelaſſen, wie wenn ſie kein höheres Streben in der Welt hätte, als ihr Leben lang alſo zu thun. Leute, welche dies beobachteten, ſchrieben es dem Umſtande zu, daß es einen Zug ihres liebenswürdi⸗ gen und ſanften Charakters ausmache, immerdar wohl⸗ gemuth, glücklich und unter allen Umſtänden zufrieden zu ſein. Wohin ſie ging, ſchien ſie Freude und Fröhlich⸗ keit mitzubringen. In den Hütten der Armen erſchien ihr hübſches Geſicht gleich einem Sonnenſtrahl. Sie ſezte ſich eine Viertelſtunde hin und redete mit einer alten Frau und war ſcheinbar ebenſo vergnügt über die Bewunderung einer zahnloſen Dorfmatrone, als ob ſie auf die Complimente eines Marquis gehorcht hätte; und wenn ſie endlich hinwegtrippelte, ohne Etwas zurückzulaſſen(denn ihr geringer Gehalt ge⸗ ſtattete ihrem Wohlwollen keinen Spielraum), brach die alte Frau in ein wirklich greiſenhaftes Entzücken über ihre Anmuth, ihre Schönheit und ihre Freund⸗ lichkeit aus, dergleichen ſie niemals gegenüber von des Pfarrers Frau, von der ſie doch genährt und gekleidet worden war, an den Tag gelegt hatte. Man ſieht, Miß Lucy Graham war mit jener magi⸗ ſchen Zanberkraft begabt, durch welche eine Frau mittelſt eines Wortes entzücken, mittelſt eines Lächelns berauſchen kann. Jedermanp liebte, bewunderte und pries ſie, der Knabe, welcher ihr das fünfſtängige Gitter auf dem Fußwege öffnete, ſprang nach Haus 8„ ——— — 5 12 zu ſeiner Mutter, um derſelben von ihrem hübſchen Ausſehen und der ſüßen Stimme, womit ſie ihm für den kleinen Dienſt gedankt hatte, zu erzählen. Der Küſter in. der Kirche, welcher ſie zu des Wundarztes Stuhl geleitete; der Pfarrer, der ihre ſanften blauen Augen zu ihm emporgerichtet ſah, wenn er ſeine ein⸗ fache Predigt hielt; der Austräger von der Eiſenbahn⸗ ſtation, welcher ihr zuweilen einen Brief oder ein Paket brachte und niemals auf eine Belohnung von ihr wartete; ihr Dienſtherr, deſſen Beſucher, ihre Schülerinnen, kurz Jedermann, hoch oder nieder, ſtimmten in der Erklärung überein, daß Lucy Graham das ſüßeſte Mädchen ſei, das jemals gelebt hätte. Vielleicht war es dieſes Gerücht, welches in die ſtillen Gemächer von Audley Court drang; oder viel⸗ leicht der Anblick ihres hübſchen Geſichtes, das jeden Sonntag Morgen über den hohen Kirchenſtuhl des Doctors hervorſchaute. Wie dem nun ſein mochte, ſo viel war gewiß, daß Sir Michael Audley plözlich ein ſeltſames Verlangen empfand, mit Mr. Dawſons Gouvernante näher bekannt zu werden. Er hatte dem würdigen Doctor deßhalb nur einen Wink zu geben, und eine kleine Geſellſchaft wurde veranſtaltet, wozu der Pfarrer und ſeine Frau, und der Baronet und ſeine Tochter eine Einladung er⸗ hielten. Dieſer eine ſtille Abend beſiegelte Sir Michaels Schickſal. Er vermochte dem milden Zauber dieſer ſanften und rührenden Augen, der graziöſen Schön⸗ heit dieſes ſchlanken Halſes und geſenkten Hauptes, mit der Fülle ſeiner reichen flachsblonden Locken; der leiſen Muſik dieſer ſanften Stimme; der voll⸗ — — —— 13 kommenen Harmonie, welche über dieſen Reiz ſich ergoß und Alles doppelt bezaubernd an dieſer Frau machte, eben ſo wenig als ſeinem Schickſal zu wider⸗ ſtehen. Schickſal! Nun, ſie war ſein Schickſal! Er hatte zuvor nie geliebt. Was war ſeine Heirath mit Alicia's Mutter anderes geweſen als ein unerfreu⸗ licher Handel gewöhnlichen Schlags, in der Abſicht geſchloſſen, ein Beſizthum bei der Familie zu erhalten, ohne das ſie ebenſo gut hätte beſtehen können. Was war ſeine Liebe zu ſeiner erſten Gattin anderes ge⸗ weſen, als ein armer, elender, rauchender Funken, zu matt, um zu erlöſchen, zu ſchwach, um zu brennen? Aber dieß war Liebe— dieſes Fieber, dieſes Sehnen, dieſes raſtloſe, ungewiſſe, klägliche Zaudern, dieſe grauſame Beſorgniß, ſein Alter möchte eine unüber⸗ ſteigliche Schranke für ſein Glück bilden; dieſer krank⸗ hafte Abſcheu vor ſeinem grauen Bart; dieſer wahn⸗ ſinnige Wunſch, jung zu ſein, mit glänzenden raben⸗ ſchwarzen Haaren und einer ſchlanken Taille, ſo wie er vor zwanzig Jahren geweſen war; dieſe ſchlaf⸗ loſen Nächte und trübſeligen Tage, ſo glorreich er⸗ hellt, ſo oft es ihm gelang, einen Blick auf ihr ſüßes Angeſicht hinter den Fenſtervorhängen zu erhaſchen, wenn er hinter des Doctors Haus vorüberfuhr; alle dieſe Anzeichen dienten zum Beweiſe der Wahrheit und ſprachen nur allzudeutlich dafür, daß in dem nüchternen Alter von fünfundfünfzig Sir Michael Audley an dem ſchrecklichen Fieber, genannt Liebe, erkrankt war. Ich glaube nicht, daß während ſeiner ganzen Be⸗ werbung der Baronet nur ein einziges Mal ſeinen Reichthum oder ſeinen Stand als einen mächtigen — 14 Grund für ſeinen Erfolg in Berechnung nahm. Wenn er ſich jemals dieſer Dinge erinnerte, ſo ließ er den Gedanken daran mit einem Schauder fahren. Es ſchmerzte ihn allzuſehr, nur einen Augenblick zu glau⸗ ben, daß ein ſo liebliches und unſchuldiges Geſchöpf ſich gegen ein prächtiges Haus und gegen einen gu⸗ ten alten Titel in Anſchlag bringen könnte. Nein; ſeine Hoffnung gründete ſich darauf, daß ſie, da ihr Leben höchſt wahrſcheinlich bisher in Mühe und Abhängigkeit dahingeſchwunden, und da ſie noch ſehr jung war(Niemand kannte genau ihr Alter, aber ſie ſah aus, als ob ſie das zwanzigſte Jahr kaum überſchritten), noch kein Band der Zuneigung an⸗ geknüpft hätte, und daß es ihm als dem Erſten, der um ſie werbe, gelingen würde, durch zarte Auf⸗ merkſamkeiten, durch edelmüthige Theilnahme, durch eine Liebe, welche ihr den verlorenen Vater ins Gedächtniß zurückriefe, und durch eine ſchützende Sorg⸗ falt, wodurch er ſich ihr nothwendig machen könnte, ihr junges Herz zu gewinnen und einzig von ihrer friſchen und erſten Liebe das Verſprechen ihrer Hand zu erhalten. Es war allerdings ein ſehr romanti⸗ ſches Phantaſiegebilde, aber deſſenungeachtet ließ ſich Alles zu ſeiner Verwirklichung an. Lucy Graham ſchien durchaus kein Mißfallen über des Baronets Aufmerkſamkeiten zu empfinden. Es lag in ihrem Benehmen durchaus nichts von jener ſeichten Ver⸗ ſchmiztheit, dergleichen eine Frau anwendet, welche einen reichen Mann in ihrem Neze zu fangen ſucht. Sie war ſo ſehr an Bewunderung von Jedermann, hoch oder nieder, gewöhnt, daß Sir Michaels Be⸗ nehmen ſehr geringen Eindruck auf ſie machte. Auf Ar der andern Seite war er ſo lange Wittwer geweſen, daß die Leute den Gedanken aufgegeben hatten, er werde ſich jemals wieder verheirathen. Endlich ſprach jedoch Mrs. Dawſon mit der Gouvernante über den Gegenſtand. Die Frau des Doctors ſaß in dem Lehrzimmer und war eifrig mit ihrer Arbeit beſchäf⸗ tigt, während Lucy mittelſt einiger Pinſelſtriche die lezte Hand an die von ihren Schülerinnen gefertigten Aquarellſkizzen legte. „Wiſſen Sie wohl, liebe Miß Graham,“ ſprach Mrs. Dawſon,„daß ich denke, Sie dürfen ſich als ein recht glückliches Mädchen betrachten?“ Die Gouvernante richtete den Kopf etwas in die Höhe und ſchaute fragend ihre Herrin an, indem ſie einen ganzen Wald von Locken rückwärts ſchüttelte. Es waren die wunderbarſten Locken von der Welt — weich und federartig, immerdar von ihrem Ange⸗ ſichte abtreibend und einen blaſſen Hof um ihren Kopf bildend, wenn das Sonnenlicht durch ſie ſchien. „Was wollen Sie damit ſagen, liebe Mrs. Daw⸗ ſon?“ fragte ſie, indem ſie ihren Kameelhaarpinſel in das feuchte Aquamarin auf ihrer Palette tauchte und ihn ſorgfältig in der Hand wog, ehe ſie den zarten Purpurſtrich auszog, welcher dem Horizonte in der Skizze ihrer Schülerin ein höheres Colorit verleihen ſollte. „Nun, mir dünkt, meine Liebe, daß es nur von Ihnen abhängt, Lady Audley und Gebieterin von Audley Court zu werden.“ Lucy Graham ließ den Pinſel auf das Gemälde fallen und erröthete bis in die Wurzeln ihres ſchö⸗ 16 nen Haares, und darauf wurde ſie wieder blaß, viel als Mrs. Dawſon ſie je zuvor geſehen atte. „Beunruhigen Sie ſich deßhalb nicht,“ ſagte be⸗ ſänftigend des Doctors Frau.„Sie wiſſen, daß Niemand von Ihnen verlangt, Sir Michael zu hei⸗ rathen, wenn es nicht Ihr eigener Wunſch iſt. Es wäre, verſteht ſich, eine glänzende Partie; er hat ein prächtiges Einkommen und iſt einer der edelmüthig⸗ ſten Männer. Ihre Stellung würde eine ſehr hohe ſein, und Sie wären im Stande, viel Gutes zu thun; aber, wie ſchon geſagt, Sie müſſen ſich ganz von ihren eigenen Gefühlen leiten laſſen. Nur das Eine muß ich Ihnen bemerken, und das iſt, daß wenn Sir Michaels Aufmerkſamkeiten Ihnen nicht angenehm ſind, es wirklich kaum ehrenhaft ſein dürfte, ihn auf⸗ zumuntern.“ „Seine Aufmerkſamkeiten— ihn aufmuntern!“ murmelte Lucy, als ob dieſe Worte ſie in Verwir⸗ rung ſetzten.„Bitte, bitte, ſprechen Sie nicht alſo, Mrs. Dawſon. Ich hatte keine Idee davon. Es iſt das Lezte, was mir widerfahren würde.“ Sie ſtüzte ihre Ellbogen auf das Zeichenbrett vor ihr, bedeckte ihr Geſicht mit den Händen und ſchien einige Minuten in tiefes Nachdenken verſunken. Sie trug ein ſchmales ſchwarzes Band um ihren Hals, mit einem Kreuze oder einem Miniaturbildchen, das vielleicht da⸗ ran befeſtigt war; aber welcher Art auch das kleine Schmuckſtück ſein mochte, ſie hatte es immer unter ihrem Gewand verborgen gehalten. Ein oder zwei Mal zog ſie, während ſie in ſtillem Nachdenken daſaß, eine ihrer Hände von dem Geſichte zurück und griff haſtig nac Ge rüc geb wü Aut Ton nen— denk ſollt daß weiſ Sir die Mich wen genſt in d verſt ſtellt men Daw arme der„ S einen zimm gerad Br iel en be⸗ aß ei⸗ Es ein ig⸗ ohe n; o0n ine nn hm uf⸗ ir⸗ lſo, iſt hr, ige ein em da⸗ ine em tal ine ſtig 17 nach dem Bande, indem ſie es mit halb zorniger Geberde zuſammendrückte und dann wieder vor und rückwärts durch ihre Finger gleiten ließ. „Mir dünkt, manche Leute ſind zum Mißgeſchick geboren, Mrs. Dawſon,“ ſagte ſie hernach;„es würde ein viel zu großes Glück für mich ſein, Lady Audley zu werden.“ Sie ſprach dies mit ſolcher Bitterkeit in ihrem Tone, daß des Doktors Frau einen Blick des Erſtau⸗ nens auf ſie warf. „Sie unglücklich, mein Kind!“ rief ſie.„Ich denke, Sie ſind die lezte Perſon, welche alſo reden ſollte— Sie, ein ſo fröhliches glückliches Geſchöpf, daß es Jedermann gut thut, Sie nur zu ſehen. Ich weiß wahrhaftig nicht, was wir anfangen ſollen, wenn Sir Michael Sie uns entführt.“ Nach dieſer Unterhaltung ſprachen ſie oft über die Sache, und Lucy zeigte nie irgend eine Erregung, wenn des Baronets Aufmerkſamkeit für ſie zum Ge⸗ genſtand der Erörterung gemacht wurde. Man war in des Doctors Familie ſtillſchweigend darüber ein⸗ verſtanden, daß wenn Sir Michael je einen Antrag ſtellte, die Gouvernante ihn mit Gelaſſenheit anneh⸗ men würde; und in der That hätten es die einfachen Dawſons für etwas mehr als Wahnſinn von einem armen Mädchen gehalten, ein ſolches Anerbieten von der Hand zu weiſen. So, an einem wolkigen Juniabend benüzte Sir Michael, welcher gegenüber von Lucy Graham an einem Fenſter in des Wundarztes kleinem Geſellſchafts⸗ zimmer ſaß, die Gelegenheit, als die Familie zufällig gerade aus demſelben ſich entfernt hatte, um von Bradbon, Lady Aubley's Geheimniß. J. 2 ——— 18 dem Gegenſtande, welcher ſeinem Herzen am nächſten lag, zu ſprechen. Er bot der Gouvernante in weni⸗ gen, aber feierlichen Worten ſeine Hand an. Es lag etwas beinahe Rührendes in der Art und Weiſe und in dem Tone, worin er zu ihr ſprach— und klang halb wie eine Abbitte, da ihm bewußt war, daß er kaum erwarten könnte, die Wahl eines ſchö⸗ nen, jungen Mädchens zu ſein, und er ihr flehend zu bedenken gab, ſie möchte ihn lieber abweiſen, ſelbſt wenn ſie ihm das Herz dadurch bräche, als ſeinen Antrag annehmen, wenn ſie keine Liebe zu ihm em⸗ pfände. „Ich glaube kaum, daß es eine größere Sünde gibt, Lucy,“ ſprach er in feierlichem Tone,„als die⸗ jenige einer Frau, welche einen Mann heirathet, den ſie nicht liebt. Sie ſind mir ſo theuer, meine Ge⸗ liebte, daß, ſo ſehr ich auch mein Herz daran gehängt habe und ſo bitter der bloße Gedanke einer Täuſchung für mich iſt, ich doch nicht haben wollte, daß Sie eine ſolche Sünde um meines Glückes willen be⸗ gingen. Wenn mein Glück durch eine ſolche Hand⸗ lung vollendet werden könnte, was aber nicht mög⸗ lich wäre, was niemals möglich wäre,“ wiederholte er ernſt,„ſo würde Nichts als Elend aus einer Hei⸗ rath entſpringen, welche von einem anderen Motive als Wahrheit und Liebe geboten wäre.“ Lucy Graham ſchaute Sir Michael nicht an, ſondern gerade aus in die nebelige Dämmerung und in die düſtere Landſchaft weit weg über den kleinen Garten hinaus. Der Baronet verſuchte ihr ins Geſicht zu ſehen, aber nur ihr Profil war ihm zu⸗ gewendet, und er vermochte den Ausdruck ihrer Au⸗ 19 gen nicht zu entdecken. Wäre ihm das möglich ge⸗ weſen, er hätte nur einen jammervoll ſehnſüchtigen Blick geſehen, welcher den Eindruck erregte, als wolte ſie damit die ferne Finſterniß durchbohren und weit weg— weg in eine andere Welt eindringen. „Lucy, haben Sie mich gehört?“ „Ja,“ erwiederte ſie ernſt, nicht kalt, oder irgend ſo, als ob ſie durch ſeine Worte beleidigt wäre. „Und Sie antworten?“ Sie wandte ihren Blick nicht hinweg von der in allmäliges Dunkel verſchwindenden Landſchaft, verharrte aber auf einige Augenblicke in völligem Stillſchweigen, dann drehte ſie ſich mit einer ſo plöz⸗ lichen Leidenſchaft zu ihm um, daß ihr Geſicht in einer neuen und wunderbaren Schönheit aufleuchtete, welche dem Baronet ſelbſt in der zunehmenden Dämmerung erkennbar wurde, und fiel vor ihm auf die Kniee. „Nein, Luch, nein, nein!“ rief er heftig,„nicht hier, nicht hier!“ „Ja, hier, hier,“ ſagte ſie, und die mächtige Lei⸗ denſchaft, welche in ihr ſich regte, gab ihrer Stimme einen ſchrillen und durchdringenden Ton,— nicht laut, aber widernatürlich vernehmbar,„hier und nirdends ſonſt! Wie gut Sie ſind— wie edel und hochherzig! Sie lieben! Wo es hundertmal an Schönheit und Güte über mir ſtehende Frauen gibt, welche Sie von Herzen lieben würden; aber Sie fragen mich zu viel! Sie fragen mich zu viel! Bedenken Sie, was mein Leben geweſen iſt; beden⸗ ken Sie nur das. Von meiner erſten Kindheit habe ich nie etwas Anderes als Armuth geſehen. Mein *—— Vater war ein Gentleman; geſchickt, gebildet, edel⸗ müthig, ſchön— aber arm. Meine Mutter— aber laſſen Sie nicht von ihr ſprechen. Armuth, Armuth, Prüfungen, Plackereien, Demüthigungen, Entbehrun⸗ gen! Sie können davon nichts wiſſen, Sie, der zu denen gehört, für welche das Leben ſo weich und bequem iſt. Sie können nicht ahnen, was Leute wie wir zu erdulden haben. Fragen Sie alſo nicht zu viel. Ich kann nicht unintereſſirt ſein; ich kann nicht blind für die Vortheile einer ſolchen Verbindung ſein. Ich kann nicht, ich kann nicht!“ Abgeſehen von ihrer Erregung und leidenſchaft⸗ lichen Heftigkeit, lag noch ein gewiſſes Etwas in ihrem Benehmen, was den Baronet mit einer un⸗ beſtimmten Beſorgniß erfüllte. Sie befand ſich noch immer auf dem Boden zu ſeinen Füßen, mehr nie⸗ vergedrückt als knieend; ihr dünnes weißes Gewand ſich an ihre Glieder anſchmiegend, ihr blaſſes Haar über ihre Schultern wallend, ihre großen blauen Augen in der Dämmerung glänzend, und ihre Hände an dem ſchwarzen Bande um ihren Hals zupfend, als ob ſie von demſelben gewürgt worden wäre. „Verlangen Sie nicht zu viel von mir,“ wieder⸗ holte ſie fortwährend;„ich bin von meiner Kindheit an ſelbſtſüchtig geweſen.“ „Lucy, Lucy, ſprechen Sie deutlich. Fühlen Sie kein Mißfallen an mir?“ „Mißfallen an Ihnen? Nein, nein!“ „Aber iſt ſonſt Jemand da, den Sie lieben?“ Sie lachte laut über ſeine Frage.„Ich liebe Niemand in der Welt,“ erwiederte ſie. „ Er war erfreut über ihre Antwort; und dennoch —————— u wurde durch dieſe und durch das ſeltſame Lachen ſein Gefühl n berührt. Er beobachtete einige Augenblicke Stillſchweigen und ſagte dann nicht ohne eine gewiſſe e Anſtrengung: „Wohl, Lucy, ich will Sie nicht zu viel fragen. Ich glaube wohl, ich bin ein romantiſcher alter Narr; aber wenn Sie kein Mißfallen an mir haben, und wenn Sie keinen Andern lieben, ſo ſehe ich keinen Grund, warum wir nicht ein ſehr glückliches Paar geben ſo ſo llten. Es iſt alſo abgemacht, Lucy?“ Der Baronet hob ſie auf, ſchloß ſie in ſeine Arme und küßte ſie einmal auf die Stirne; dann verließ er, en er gelaſſen gute Nacht geboten hatte, unmittelbar das Haus. Er verließ unmittelbar das Haus, dieſer när⸗ riſche alte Mann, weil ſich eine ſeltſame Bewegung in ſeinem Herzen geltend machte— weder Freude, noch Triumph, ſondern Etwas, das ſo ziemlich mit einer Täuſchung verwandt war; ein erſticktes und unbefriedigtes Sehnen, welches ſchwer und dumpf auf ſeinem Herzen lag, als ob er eine Leiche in ſei⸗ nem Buſen herumgetragen hätte. Es war allerdings die Leiche jener Hoffnung, welche bei dem Tone von Lucy's Worten geſtorben war. Alle die Zweifel und Beſorgniſſe und furchtſamen Beſtrebungen waren nun zu Ende. Er mußte, gleich andern Männern ſeines Alters, damit zufrieden ſein, daß man ihn um ſeines V Vermögens und Ranges willen hei⸗ rathete. Lucy Graham ſtieg langſam die Treppe hinauf zu ihrem kleinen Zimmer im oberſten Theile des Hauſes. Sie ſtellte ihre düſtere Kerze auf die Kom⸗ mode und ſezte ſich an den Rand des weißen Bet⸗ tes; ſtill und weiß wie die Umhänge an demſelben. „Keine Abhängigkeit mehr, keine Plackerei, keine Demüthigungen mehr,“ ſagte ſie;„jede Spur des alten Lebens hinweggeſchwemmt— jeder Schlüſſel zur Identität begraben und vergeſſen— außer dieſer, außer dieſer.“ Sie hatte ihre linke Hand noch nicht von dem ſchwarzen Band an ihrem Halſe hinweggenommen. Jezt zog ſie es, während ſie alſo ſprach, aus ihrem Buſen und blickte auf den daran geknüpften Gegen⸗ ſtand. Es war weder ein Medaillon, noch ein Minia⸗ turbildchen, noch ein Kreuz: es war ein Ring, in ein länglichtes Stückchen Papier eingewickelt— das Papier zum Theil bedruckt, zum Theil beſchrieben, gelb vor Alter und ſtark zuſammengeknittert. Zweites Capitel. An Bord des Argus. Er war das Endchen ſeiner Cigarre in das Waſſer, ſtüzte ſich mit den Ellbogen auf das Boll⸗ werk und ſtarrte nachdenklich in die Wellen. „Wie langweilig ſie ſind,“ ſagte er,„blau und grün, und opalfarbig; opalfarbig, und blau, und grün; alle in ihrer Art ganz gut, natürlich, aber — D r drei Monate davon ſind doch wohl zu viel, be⸗. ſonders—“ Er verſuchte es nicht, ſeinen Saz zu vollenden; ſeine Gedanken ſchienen ſich mitten in demſelben zu verirren und ihn tauſend Meilen oder ſo hinwegzu⸗ führen. „Das arme kleine Mädchen, wie erfreut ſie ſein wird!“ murmelte er, ſein Cigarrenetui öffnend und träge deſſen Inhalt überſchauend;„wie erfreut und wie überraſcht! das arme kleine Mädchen! nach viert⸗ halb Jahren dazu! Sie wird überraſcht ſein.“ Es war ein junger Mann von etwa fünfund⸗ zwanzig Jahren, mit einem dunkeln, von der Sonne bronzirten Geſichte; er hatte ſchöne braune Augen, mit einem weiblichen Lächeln darin, das zwiſchen den ſchwarzen Wimpern hervorſtrahlte, und einen bu⸗ ſchigen Backen⸗ und Schnurrbart, welcher den ganzen untern Theil ſeines Geſichtes bedeckte. Er war groß und äußerſt kräftig gebaut; er trug einen weiten grauen Anzug und einen nachläſſig auf ſein ſchwarzes Haar geworfenen Filzhut. Sein Name war Georg Talboys, und er war Hinterkajüten⸗Paſſagier an Bord des guten Schiffes Argus, welches, mit au⸗ ſtraliſcher Wolle belaſtet, von Sidney ach Liver⸗ pool ſegelte. Es befanden ſich ſehr wenige Paſſagiere in der Hinterkajüte des Argus. Ein ältlicher Wollhändler, der mit ſeiner Frau und ſeinen Töchtern in das Vaterland zurückkehrte, nachdem er ſich ein Vermö⸗ gen in den Colonieen gemacht hatte; eine Gouver⸗ nante von fünfunddreißig Jahren, welche heimkehrte, um einen Mann zu heirathen, mit dem ſie ſeit fünf⸗ zehn Jahren verlobt geweſen war; die ſentimentale Tochter eines wohlhabenden auſtraliſchen Weinhänd⸗ lers, die nach England verſendet wurde, um ihre Erziehung zu vollenden, und Georg Talboys waren die einzigen Paſſagiere erſter Claſſe an Bord. Dieſer Georg Talboys war Leben und Seele der ganzen Geſellſchaft; Niemand wußte, wer oder was er war, oder woher er kam; aber Jedermann hatte ihn gern. Er ſaß am untern Ende des Tiſches beim Diner und half dem Capitän, bei dem freund⸗ ſchaftlichen Mahle die Honneurs zu machen. Er ent⸗ pfropfte die Champagnerflaſchen und trank auf die Geſundheit von Jedem, der gegenwärtig war; er erzählte ſpaßhafte Geſchichten und ſtimmte dann ſelbſt mit ſo munterem Schall das Gelächter an, daß man ein griesgrämiger Menſch hätte ſein müſſen, um nicht aus bloßer Sympathie mitzulachen. Er war ein Kapitalmann bei Spekulation und Einund⸗ zwanzig*) und all den luſtigen Geſellſchaftsſpielen, welche den kleinen Zirkel um die Kajütenlampe ſo tief in die unſchuldige Unterhaltung verſtrickten, daß ein Orkan über ihrem Haupte hätte heulen können, ohne von ihrem Ohre vernommen zu werden; aber er geſtand offen, daß er zum Whiſt kein Talent hatte und einen Bauern vom Rochen auf dem Schach⸗ brett nicht zu unterſcheiden vermochte. In der That war Mr. Talboys kein allzu ge⸗ lehrter Gentleman. Die blaſſe Gouvernante hatte verſucht, mit ihm über die moderne Literatur zu ²) Jenes wohl wie dieſes ein Kartenſpiel, vielleicht unſerem vulgär ſo genannten„Kauflabeeten“ entſprechend, während leztes bei unſerem Volke„Hopſen“ heißt. A. d ₰ 25 ſprechen, aber Georg hatte nur an ſeinem Barte ge⸗ zupft, ihr ſtarr ins Geſicht geſchaut und gelegentlich bemerkt„Ach, ja!“ und„Gewiß ja!“ Die ſentimentale junge Dame, welche in die Heimath reiste, um an ihre Erziehung die lezte Hand zu legen, hatte bei ihm mit Shelley und Byron angeklopft, aber er hatte ihr offen ins Geſicht ge⸗ lacht, als ob Poeſie nur ein Spaß wäre. Der Wollhändler ſondirte ihn in Bezug auf Politik, aber er ſchien auch hierin nicht ſehr tief bewandert zu ſein; ſo ließen ſie ihn ſeinen Weg gehen, ſeine Ci⸗ garren rauchen, mit den Matroſen ſchwazen, über das Bollwerk ſich lehnen und ins Waſſer ſtarren und ſich Jedermann nach ſeiner eigenen Art und Weiſe angenehm machen. Aber als der Argus bis auf eine Strecke von etwa vierzehn Tagen England nahe gekommen war, da bemerkte Jedermann eine Veränderung an Georg Talboys. Er war ohne Raſt und Ruhe; bald ſo luſtig, daß die Kajüte von ſei⸗ nem Gelächter ertönte, bald wieder verdroſſen und nachdenklich. Obwohl er bei den Matroſen in höch⸗ ſter Gunſt ſtand, wurden ſie doch zulezt es müde, ſeine ewigen Fragen, in welcher Zeit man mit Wahrſcheinlichkeit das Land erreichen könnte, zu be⸗ antworten. Konnte es in zehn Tagen, in eilf, in zwölf, in dreizehn geſchehen? War der Wind gün⸗ ſtig? wie viele Knoten legte das Schiff in einer Stunde zurück? Dann gerieth er wieder plözlich in Zorn und ſtampfte auf das Verdeck und rief aus, der Argus ſei eine alte lumpige Barke, ihre Eigen⸗ thümer ſeien Schwindler, daß ſie ihn für einen Schnellſegler ausgegeben haben. Er eigne ſich nicht 8 26 für den Transport von Paſſagieren, er eigne ſich nicht dazu, um ungeduldige lebende Creaturen, die Herz und Seele im Leibe haben, zu führen; er ſei zu gar nichts gut, als daß man ihn mit dummen Woll⸗ ballen belaſte, die auf der See verfaulen könnten, ohne deßhalb ſchlechter zu werden. Die Sonne ſank eben hinter den Wogen hinab, als Georg Talboys ſeine Cigarre an einem Auguſt⸗ abend anzündete. Nur noch zehn Tage, hatten die Matroſen ihm vor ein paar Stunden geſagt, ſo würde man der Küſte von England anſichtig werden. „Ich gehe an's Ufer, mit dem erſten Boote, das uns anruft,“ ließ er ſich vernehmen;„ich gehe an's Ufer in einer Muſchelſchaale. Beim Jupiter, wenn es darauf ankommt, ſchwimme ich an's Land!“ Seine Freunde in der Hinterkajüte, mit Aus⸗ nahme der blaſſen Gouvernante, lachten über ſeine Ungeduld; ſie ſeufzte, wenn ſie den jungen Mann beobachtete, wie er über die langſamen Stunden ſich entrüſtete, ſeinen unberührten Wein bei Seite ſchob, raſtlos auf dem Kajütenſopha hin und her rückte, die Kajütentreppe auf und ab fuhr und in die Wogen ſtarrte. Als der rothe Sonnenrand vollends im Waſſer verſank, ſtieg die Gouvernante die Treppe hinauf, um ein wenig auf dem Verdeck herumzuſchlendern, während die Paſſagiere unten bei ihrem Weine ſaßen. Sie machte Halt, als ſie in Georg's Nähe kam, und beobachtete, an ſeiner Seite ſtehend, das am weſtlichen Horizonte dahinſchwindende Karmoiſinroth. Die Dame war ſehr ruhig und zurückhaltend, betheiligte ſich ſelten an den Unterhaltungen der Ka⸗ jüte, lachte niemals und ſprach ſehr wenig; aber ſie und Georg Talboys waren auf der ganzen Fahrt vortreffliche Freunde geweſen. „Incommodirt Sie meine Cigarre, Miß Mor⸗ ley?“ fragte er, dieſelbe aus dem Munde nehmend. „Durchaus nicht; bitte, rauchen Sie immerhin fort; ich kam nur herauf, mir den Sonnenunter⸗ gang zu betrachten. Was für ein lieblicher Abend!“ „Ja, ja, ich glaube wohl,“ antwortete er un⸗ geduldig: aber ſo lang, ſo lang! Noch weitere zehn unendliche Tage und woch weitere zehn langweilige Nächte, ehe wir landen.“ „Ja,“ ſagte Miß Morley ſeufzend.„Sie wün⸗ ſchen, daß die Zeit ſchneller herumginge?“ „Ob ich es wünſche?“ rief Georg;„ja, wahr⸗ haftig. Sie nicht auch?“ „Kaum.“ „Aber gibt es denn Niemand, den Sie in Eng⸗ land lieben? Iſt dort Niemand, der Sie liebt und Ihrer Ankunft entgegenſieht?“ „Ich hoffe ſo,“ erwiederte ſie ernſt. Sie ſchwie⸗ gen einige Zeit ſtill, er ſeine Cigarre mit einer wüthenden Ungeduld rauchend, als ob er durch ſeine eigene Raſtloſigkeit den Lauf des Schiffs beſchleu⸗ nigen könnte; ſie, mit melancholiſchen blauen Augen nach dem abnehmenden Lichte blickend, mit Augen, welche durch den unverrückten Blick auf kleinge⸗ druckte Bücher und ſchwere Stickereien geſchwächt zu ſein ſchienen; mit Augen, die vielleicht in Folge der Thränen, welche insgeheim in den todten Stunden der einſamen Nacht vergoſſen worden waren, ein wenig von ihrem Glanze verloren hatten. „Sehen Sie!“ ſagte Georg, indem er plözlich nach einer andern Richtung deutete, als derjenigen, wohin Miß Morley ihr Auge gewendet hatte,„da iſt der Neumond.“ Sie ſchaute auf die bleiche Mondsſichel hin, ihr eigenes Angeſicht faſt ebenſo bleich und entfärbt. „Dieß iſt das erſte Mal, daß wir ihn ſehen. Wir müſſen Etwas wünſchen!“ ſagte Georg.„Ich weiß, was ich wünſche.“ „Was?“ „Daß wir ſchnell nach Hauſe kommen.“ „Mein Wunſch iſt, daß wir keiner Täuſchung begegnen, wenn wir dahin gelangen,“ ſagte die Gou⸗ vernante traurig. „Täuſchung?“ Er fuhr auf, als ob er einen plöziichen Schmerz empfunden hätte, und fragte, was ſie mit dem Worte Täuſchung ſagen wolle. „Ich will ſagen,“ erwiederte ſie, ſchnell redend und mit ihren dünnen Händen in raſtloſer Bewe⸗ gung;„ich will ſagen, daß wie das Ende dieſer langen Reiſe näher kommt, die Hoffnung in meinem Herzen tiefer ſinkt: und eine krankhafte Furcht be⸗ fällt mich, es möchte zulezt nicht gut ausfallen. Der Mann, mit dem ich zuſammentreffen ſoll, kann in ſeinen Gefühlen gegen mich ſich verändert haben; oder kann das alte Gefühl völlig bis zu dem Mo⸗ mente, da er meiner anſichtig wird, bewahren und es dann in einem Athemzug beim Anblick meines armen verwelkten Geſichtes von ſich werfen, denn ich hieß ein hübſches Mädchen, Mr. Talboys, als ich vor fünfzehn Jahren mich nach Sydney einſchiffte; 29 oder er kann durch die Welt ſo umgewandelt wor⸗ den ſein, daß Selbſtſucht und Geldgier ſich ſeiner bemächtigt hat, und er mich nur meiner fünfzehn⸗ jährigen Erſparniſſe halber willkommen heißt. Auch kann er todt ſein. Er kann vielleicht bis in die lezte Woche vor unſerer Landung wohl geweſen und gerade in dieſer lezten Woche von einem Fieber be⸗ fallen worden und weggeſtorben ſein, eine Stunde bevor unſer Schiff in dem Merſey Anker wirft. Ich denke an das Alles, Mr. Talboys, und laſſe dieſe Scenen in meinem Geiſte vorüberziehen und fühle die Angſt darüber zwanzigmal des Tages.„Zwan⸗ zig Mal des Tages,“ wiederholte ſie;„nein, tau⸗ ſend Mal des Tages.“ Georg Talboys war bewegungslos dageſtanden, mit ſeiner Cigarre in der Hand, und hörte ihr ſo aufmerkſam zu, daß, als ſie die lezten Worte aus⸗ ſprach, er ſeine Hand ſinken ließ und die Cigarre in das Waſſer fiel. „Ich muß mich wundern,“ fuhr ſie fort, mehr mit ſich ſelbſt, als mit jenem ſprechend—„ich muß mich bei einem Rückblicke wundern, wie hoffnungs⸗ voll ich war, als das Schiff unter Segel ging; ich dachte damals nie an die Möglichkeit einer ge⸗ täuſchten Hoffnung, ich malte mir nur die Freude des Wiederſehens aus, vergegenwärtigte meiner Phantaſie ſelbſt die Worte, die geſprochen würden, ſelbſt die Töne, ſelbſt die Blicke; aber ſeit dem lez⸗ ten Monate dieſer Reiſe ſinkt mir das Herz Tag für Tag, Stunde für Stunde, und meine hoffnungsvollen Einbildungen ſchwinden dahin, und ich empfinde ein Grauen vor dem Ende, als wüßte ich, daß ich 30 nach England gehe, um einem Leichenbegängniß bei⸗ zuwohnen.“ Der junge Mann veränderte plötzlich ſeine Hal⸗ tung und blickte mit einem Schein von Unruhe ſei⸗ ner Gefährtin voll in's Geſicht. Sie ſah in dem bloßen Dämmerlichte, daß die Farbe von ſeinen Wan⸗ gen gewichen war. „Was für ein Narr!“ rief er, ſeine geballte Fauſt nach dem Fahrzeuge ausſtreckend,„was für ein Narr bin ich, daß ich mich dadurch erſchrecken laſſe! Warum kommen Sie daher und reden mir von ſolchen Din⸗ gen? Warum kommen Sie daher und bringen mich um alle Beſinnung, wenn ich geraden Weges nach Hauſe gehe zu der Frau, die ich liebe; zu einem Mädchen, deſſen Herz ſo wahr iſt wie das Himmels⸗ licht; und bei dem ich ebenſo wenig eine Verände⸗ rung zu finden erwarte, als ich darauf rechne, mor⸗ gen früh eine andere Sonne am Himmelsgewölbe aufſteigen zu ſehen? Warum kommen Sie daher und verſuchen, mir ſolche Einbildungen in den Kopf zu ſetzen, wenn ich heimgehe zu meinem geliebten Weibe?“ „Ihrem Weibe?“ ſagte ſie;„das iſt etwas An⸗ deres. Da iſt kein Grund vorhanden, warum meine bangen Beſorgniſſe Sie anſtecken ſollten. Ich gehe nach England, um mit einem Manne zuſammenzu⸗ treffen, mit welchem ich vor fünfzehn Jahren mich verlobt habe. Er war zu arm, um damals zu hei⸗ rathen, und als man mir eine Stelle als Gouver⸗ nante in einer reichen auſtraliſchen Familie anbot, überredete ich ihn, mir zu geſtatten, dieſelbe anzu⸗ nehmen, ſo daß er frei, ungehindert ſeinen Weg in der Welt machen könnte, während ich einiges Geld erſparte, um uns aufzuhelfen, wenn wir wirklich zu— ſammenkämen. Ich glaubte niemals, ſo lang weg⸗ zubleiben, aber es iſt ihm ſchlecht in England er⸗ 1 gangen. Das iſt meine Geſchichte, und Sie verſte⸗ hen jetzt den Grund meiner Beſorgniſſe. Aber Sie — brauchen ſich dadurch nicht beeinfluſſen zu laſſen. t Es iſt bei mir ein Ausnahmsfall.“ „Bei mir iſt es auch ſo,“ erwiederte Georg un⸗ geduldig.„Ich ſage Ihnen, bei mir iſt es auch ein Ausnahmsfall, obwohl ich Ihnen ſchwöre, daß ich bis zu dieſem Augenblick keine Furcht in Bezug auf das Ziel meiner Heimreiſe kannte. Aber Sie haben Recht; Ihre Beängſtigungen haben mit mei⸗ . ner Sache Nichts zu thun. Sie ſind fünfzehn Jahre weg geweſen; in fünfzehn Jahren kann alles Mög⸗ liche paſſiren. Bei mir werden es dieſen Monat erſt vierthalb Jahre, daß ich England verließ. Was kann auch in einer ſo kurzen Zeit wie dieſe vorge⸗ fallen ſein?“ Miß Morley ſchaute ihn mit einem traurigen Lächeln an, erwiederte aber kein Wort darauf. Seine fieberiſche Hitze, die Friſche und Ungeduld ſeiner . Natur waren ihr ſo auffallend und neu, daß in ihrem Blicke halb Bewunderung, halb Mitleid zu leſen war. 3 „Mein hübſches Weibchen! Mein ſanftes, un⸗ ſchuldiges, liebevolles Weibchen! Wiſſen Sie, Miß Morley,“ fuhr er mit der ganzen vollen Zuverſicht⸗ lichkeit ſeines Weſens fort, daß ich von meinem kleinen Mädchen, ſchlafend mit ihrem Säugling im Arme, ſchied, neben ihr Nichts weiter, als einige — —— — —— hingeworfene Zeilen, um ihr zu melden, warum ihr treuer Gatte ſie verlaſſen hatte?“ „Sie verlaſſen hatte!“ rief die Gouvernante. „Ja. Ich war Kornett in einem Reiterregimente, als ich meinen kleinen Liebling zum erſten Male ſah. Wir waren in einer dummen Seehafenſtadt einquar⸗ tirt, wo mein Täubchen bei ihrem armſeligen alten Vater, einem Halbſold⸗Seeofficier lebte; einem regel⸗ rechten alten Humbug, ſo arm wie Hiob, aber ein⸗ zig auf die Hauptſache bedacht. Ich durchſchaute alle ſeine ſeichten Kunſtgriffe, Einen von uns für ſeine hübſche Tochter zu fangen. Ich ſah all die jämmerlichen, verächtlichen, handgreiflichen Fallen, welche er für fette Dragoner auslegte, um ſie hin⸗ einzulocken. Ich durchſchaute ſeine ſchäbig⸗gentilen Diners und ſeinen Wirthshaus⸗Portwein; ſeine ſchö⸗ nen Redensarten von der Größe ſeiner Familie; ſei⸗ nen gemachten Stolz und ſeine kahle Unabhängig⸗ keit und die falſchen Zähren in ſeinen triefigen alten Augen, wenn er von ſeinem einzigen Kinde ſprach. Er war ein trunkener alter Heuchler und allzeit be⸗ reit, mein armes kleines Mädchen demjenigen, der das höchſte Angebot that, zu verkaufen. Zum Glück für mich traf es ſich ſo, daß ich der Meiſtbietende war. Denn mein Vater iſt ein reicher Mann, Miß Morley, und die Liebe ſchlich ſich bei dem erſten Anblick in unſer Beider Herz ein; mein Liebling und ich wir heiratheten einander flugsweg. Kaum hatte jedoch mein Vater erfahren, daß ich ein armes Mädchen, die Tochter eines beſpizten Halbſold⸗Lieu⸗ tenants geheirathet hatte, ſo ſchrieb er mir einen wüthenden Brief, worin er mir erklärte, daß er nie — S S 5 S( 8 8S 8S— 2 8S 8c— 8 SS S fe — mehr Etwas von mir hören wolle und daß von meinem Hochzeittage an das mir ausgeſezte Jahr⸗ geld aufhöre. Da in einem Regimente wie das meinige keines Verbleibens war, wenn man nichts als ſeinen Sold zum Leben und ein hübſches kleines Weib zu erhalten hat, ſo verkaufte ich meine Offi⸗ ciersſtelle, indem ich dachte, ehe das Geld, welches ich dafür erhielt, fort wäre, würde ich ſicherlich ein Unterkommen für mich finden. Ich ging alſo mit meinem Liebling nach Italien und wir lebten dort auf hohem Fuße, ſo lang meine zweitauſend Pfund aushielten; aber als dieſelben allmälig bis auf etwa zweihundert zuſammenſchwanden, kehrten wir nach England zurück, und da mein Liebling ſich in den Kopf geſezt hatte, in der Nähe ihres langweiligen alten Vaters zu leben, ſo ließen wir uns in dem Badeort, wo er wohnte, nieder. Wohl, ſobald der alte Mann hörte, daß ich ein paar hundert Pfund noch übrig hatte, ſo legte er eine wunderbare Zu⸗ neigung für uns an den Tag und beſtand darauf, daß wir uns bei ihm einquartieren. Wir willigten ein, noch immer um meinem Weibchen einen Gefallen zu thun, da ſie damals gerade noch ein beſonderes Recht darauf hatte, daß jede Grille, jede Laune ihres unſchuldigen Herzens mit Nachſicht behandelt wurde. Wir nahmen alſo bei ihm Koſt und Wohnung, und er wußte uns ſauber zu ſcheeren; aber wenn ich da⸗ von mit meinem Frauchen ſprach, ſo zuckte ſie nur die Achſel und meinte, ſie wolle gegen den„armen Papa“ nicht unfreundlich ſein. So war der arme Papa mit unſerem kleinen Geldvorrath in einem Nu fertig; und da ich fühlte, daß es jezt zur Nothwen⸗ Brabdon, Lady Aubley's Geheimniß. I. digkeit wurde, mich nach irgend Etwas umzuſehen, fuhr ich nach London hinauf und verſuchte, eine Stelle als Commis auf einem Kaufmannscomptoir, oder als Rechnungsführer oder Buchhalter oder Et⸗ was der Art zu erlangen. Aber ich glaube, der ſchwere Dragoner war mir ins Geſicht geſchrieben, denn was ich auch thun wollte, ich vermochte Nie⸗ mand dahin zu bringen, daß er an meine Fähigkeit glaubte; ermüdet und niedergeſchlagenen Herzens kehrte ich zu meiner theuren Frau zurück, um zu finden, daß ſie einem Sohn und Erben von ſeines Vaters Armuth das Leben gegeben hatte. Das arme kleine Mädchen! ſie war ſehr trübe geſtimmt, und als ich ihr ſagte, daß meine Fahrt nach London zu keinem Ziele geführt hatte, da brach ſie faſt zuſam⸗ men und ergoß ſich in einen Strom von Seufzern und Wehklagen, wobei ſie mir erklärte, ich hätte ſie nicht heirathen ſollen, wenn ich nur Armuth und Elend ihr zu bieten im Stande geweſen; und es ſei ihr durch mich ein grauſames Unrecht angethan worden, daß ich ſie zu meinem Weibe gemacht habe. Beim Himmel! Miß Morley, ihre Thränen und Vorwürfe trieben mich faſt zum Wahnſinn, und ich ergrimmte über ſie, über mich, ihren Vater, die Welt und Alles, was darinnen war, und rannte dann aus dem Hauſe, indem ich erklärte, ich würde keinen Schritt mehr hineinſezen. Ich marſchirte den ganzen Tag die Straßen auf und ab, halb außer mir und ſtark Willens, mich in die See zu ſtürzen, um mei⸗ nem Mädchen die Freiheit zu geben und damit eine beſſere Partie möglich zu machen. Wenn ich mich ertränke, dachte ich, ſo muß ihr Vater ſie erhalten; n, ne ir, er n, ie⸗ eit nS zu es ne nd zu n⸗ rn ſie nd ſei an e. nd ich elt u8 en en nd ei⸗ ne ich der alte Heuchler kann ihr wenigſtens ein Obdach nicht verſagen, aber ſo lang ich lebe, hat ſie keinen Anſpruch darauf. Ich ſtieg alſo an einen baufäl⸗ ligen, alten hölzernen Hafendamm hinab, in der Ab⸗ ſicht, dort zu warten, bis es dunkel wäre, und dann in aller Stille mich über den Rand deſſelben ins Waſſer hinabgleiten zu laſſen; aber während ich ſo, meine Pfeife rauchend, da ſaß und zerſtreut nach den Seemöven ſchaute, kamen zwei Männer heran, und einer derſelben begann von den auſtraliſchen Gold⸗ minen und von den großen Dingen, die ſich dort machen ließen, zu ſchwazen. Augenſcheinlich wollte er in einem oder zwei Tagen dahin abſegeln und verſuchte nun ſeinen Begleiter zu überreden, ſich ihm bei dieſem Unternehmen anzuſchließen. „Ich hörte den Männern über eine Stunde zu, indem ich ihnen mit meiner Pfeife im Munde auf dem Hafendamm hin und her folgte und jedes ihrer Worte mir merkte. Hernach ließ ich mich ſelbſt in ein Geſpräch mit ihnen ein und erfuhr, daß ein Schiff in drei Tagen von Liverpool abgehen ſollte, und daß einer von den beiden Männern zu den Paſſagieren deſſelben gehörte. Der Mann gab mir alle Aufklärung, die ich begehrte, und meinte über⸗ dieß, einem ſo handfeſten jungen Burſchen, wie ich, könne es nicht fehlen, ſein Glück in den Minen zu machen. Der Gedanke kam ſo plözlich über mich, daß ich feuerroth im Geſicht wurde und vor Erre⸗ gung an allen Gliedern zitterte. Dieß war jeden⸗ falls beſſer als das Waſſer. Angenommen, ich ſtahl mich von meinem Liebling weg, ließ ſie wohlbe⸗ halten unter ihres Vaters Dach, ging hin und — 36 machte mir ein Vermögen in der neuen Welt und kehrte nach zwölf Monaten zurück, um es ihr in den Schooß zu werfen; denn ich war damals ſo ſan⸗ guiniſcher Natur, daß ich ſicher darauf rechnete, in einem Jahr oder dergleichen meinen Zweck zu er⸗ reichen. Ich dankte dem Mann für ſeine Belehrung und ſchlenderte ſpät in der Nacht heimwärts. Es war bitteres Winterwetter, aber ich war ſo leiden⸗ ſchaftlich aufgeregt, daß ich von der Kälte nichts empfand, und ſchritt durch die ſtillen Straßen, ohne auf den Schnee zu achten, der mir ins Geſicht trieb, einzig mit der verzweifelten Hoffnung in meinem Herzen beſchäftigt. Der alte Mann ſaß über ſeinem Grog in dem kleinen Speiſezimmer, und mein Weib war eine Treppe weiter oben, ruhig ſchlafend, mit dem Säugling an ihrer Bruſt. Ich ſezte mich nieder und ſchrieb ein paar kurze Zeilen, worin ich ihr er⸗ klärte, meine Liebe zu ihr ſei niemals wärmer ge⸗ weſen als eben jezt, da ich ſie zu verlaſſen ſcheine; ich gehe hin, mein Glück in einer neuen Welt zu verſuchen; und wenn es mir gelinge, werde ich heim⸗ kehren, um ihr Ueberfluß und Glück zu bringen, aber wenn es mir fehlſchlage, ſo werde ich ihr An⸗ geſicht nie mehr ſchauen. Ich theilte den Reſt un⸗ ſeres Geldes— etwas über vierzig Pfund— in zwei gleiche Theile, hinterließ den einen ihr und ſteckte den andern in meine Taſche. Ich knieete nie⸗ der, betete für mein Weib und Kind, mit meinem Haupte auf der weißen Bettdecke, welche ſie ver⸗ huͤllte. Ich war zu gewöhnlichen Zeiten nicht ſon⸗ derlich ſtark im Beten, aber Gott weiß, daß es ein herzliches Gebet war. Ich küßte ſie einmal und den „— M S V S 5— — 7 S S— in 37 Säugling einmal und ſchlich dann aus dem Zimmer. Die Thüre des Speiſezimmers war offen, und der alte Mann nickte über ſeiner Zeitung. Er ſchaute auf, als er meinen Schritt auf dem Gang hörte, und fragte mich, wohin ich noch wolle.„Ein wenig auf der Straße rauchen,“ gab ich zur Antwort; und da dieß etwas Gewöhnliches bei mir war, ſo ſchenkte er mir Glauben. Drei Nächte ſpäter war ich draußen auf der See, auf der Fahrt nach Melbourne— ein Zwiſchendeck⸗Paſſagier, mit den Geräthſchaften eines Goldgräbers anſtatt des Gepäcks, und mit etwa ſieben Schillingen in der Taſche.“ „Und es gelang Ihnen?“ fragte Miß Morley. „Erſt als ich längſt an einem Erfolg verzweifelt hatte; erſt als Armuth und ich ſo alte Bekannte und Schlafgenoſſen geworden waren, daß, wenn ich auf mein vergangenes Leben zurückſchaute, ich mich oft verwundert fragte, ob jener ſtürmiſche, raſtloſe, ex⸗ travagante, üppige, Champagner trinkende Dragoner wirklich derſelbe Mann ſein könnte, der da in den Wildniſſen der neuen Welt auf dem feuchten Boden ſaß und an einer verſchimmelten Brodkruſte nagte. Ich klammerte mich an die Erinnerung an mein theures Weib an und das Vertrauen, das ich auf ihre Liebe und Wahrhaftigkeit ſezte, als den Schluß⸗ ſtein, welcher das Gebäude meines vergangenen Le⸗ bens zuſammenhielt— den einzigen Stern, welcher die dicke, ſchwarze Finſterniß der Zukunft erhellte. Ich war ein geſunder Burſche, gern geſehen bei dem Geſindel; ich war im Mittelpunkt des wüſten Lärms, der Trunkenheit und Ausſchweifung; aber der rei⸗ nigende Einfluß meiner Liebe bewahrte mich vor 38 Allem. Mager und abgezehrt, der halbverhungerte Schatten deſſen, was ich einſt geweſen war, be⸗ ſchaute ich mich eines Tags in einem Stücke von einem zerbrochenen Spiegel und erſchrak über mein eigenes Ausſehen. Aber ich arbeitete mich durch Alles, durch vereitelte Hoffnung und Verzweiflung, Rheumatismus, Fieber, Hungerleiden, ſelbſt an den Pforten des Todes durch, ich arbeitete beharrlich bis ans Ende, und am Ende trug ich den Preis davon.“ e Er war ſo herrlich in ſeiner Energie und Ent⸗ ſchloſſenheit, in ſeiner ſtolzen Siegesfreude über den Erfolg, in dem Bewußtſein der überwundenen Schwie⸗ rigkeiten, daß die blaſſe Gouvernante ihn nur mit ſtaunender Bewunderung anſchauen konnte. „Wie brav Sie waren!“ ſagte ſie. „Brav!“ rief er mit einem fröhlichen Lachen; „arbeitete ich nicht für meinen Liebling? War es nicht ihre ſchöne weiße Hand, die mich in all der ſchrecklichen Zeit der Prüfung einer glücklichen Zu⸗ kunft entgegenführte? Ach, ich habe ſie geſehen unter meinem elenden Leinwandzelt, an meiner Seite ſizend, mit ihrem Knaben in dem Arme, ſo deutlich, wie ich ſie je in dem einen glücklichen Jahre un⸗ ſeres ehelichen Lebens geſchaut habe. Endlich an einem ſchrecklichen Nebeimorgen, gerade vor drei Monaten, bei einem Staubregen, der mich bis auf die Haut durchnäßte, bis an den Hals in Schlamm und Koth, halbverhungert, vom Fieber geſchwächt, ſteif vor Rheumatismus, gerieth mir ein Rieſen⸗ Nugget unter den Spaten und ich kam auf eine Goldablagerung von ziemlichem Umfang. Vierzehn Tage ſpäter war ich der reichſte Mann in der gan⸗ er te h, n⸗ ei uf m ht, n⸗ ne hn zen kleinen Kolonie rings um mich herum. Ich reiste in der größten Eile nach Sydney, machte mein gefundenes Gold, das einen Werth von etwa zwanzigtauſend Pfund Strl. hatte, zu Geld, und ſchiffte mich vierzehn Tage ſpäter an Bord dieſes Schiffes nach England ein; und in zehn Tagen— in zehn Tagen werde ich meinen Liebling ſehen.“ „Aber dieſe ganze Zeit hindurch haben Sie nie⸗ mals an Ihre Frau geſchrieben?“ „Niemals, bis eine Woche, ehe dieſes Schiff un⸗ ter Segel ging. Ich konnte nicht ſchreiben, ſo lange Alles noch ſo ſchwarz ausſah. Ich konnte nicht ſchrei⸗ ben und ihr ſagen, daß ich einen ſchweren Kampf mit Verzweiflung und Tod zu beſtehen hatte. Ich wartete auf beſſeres Glück; und als es kam, ſchrieb ich, meldete ihr, daß ich faſt ebenſo ſchnell als mein Brief in England ſein würde, und gab ihr eine Adreſſe von einem Kaffeehauſe in London an, wohin ſie mir ſchreiben und mich wiſſen laſſen könnte, wo ſie zu finden wäre; wiewohl es kaum wahrſcheinlich iſt, daß ſie ihres Vaters Haus verlaſſen hat.“ Er verſank jezt wieder in Träumereien und dampfte nachdenklich an ſeiner Cigarre. Der letzte Strahl des Sommer⸗Tagelichts war dahin geſchwun⸗ den, und der blaſſe Schein des zunehmenden Mon⸗ des blieb allein zurück. Plözlich warf Georg Talboys ſeine Cigarre weg, drehte ſich zu der Gouvernante um und rief kurz abgebrochen:„Miß Morley, wenn ich nach England komme und höre, daß meinem Weibe Etwas zugeſtoßen iſt, ſo bin ich auf der Stelle des Todes.“ „Mein lieber Mr. Talboys, warum denken Sie 40 an dergleichen Dinge? Gott iſt ſehr gut gegen uns; er wird uns nicht eine Laſt auflegen, die über unſer Vermögen geht. Ich ſehe vielleicht Alles in einem melancholiſchen Lichte, denn die lange Einförmigkeit meines Lebens hat mir allzu viel Zeit übrig gelaſ⸗ ſen, um über meine Beſorgniſſe nachzudenken.“ „Und mein Leben iſt lauter That, Entbehrung, Mühe, wechſelsweiſe Hoffnung und Verzweiflung ge⸗ weſen; ich hatte nicht Zeit über die Möglichkeit nach⸗ zudenken, daß meinem Liebling Dies oder Jenes wi⸗ derfahren könnte. Was für ein blinder, rathloſer Thor ich geweſen bin! Vierthalb Jahre, und nicht eine Linie, nicht ein Wort von ihr, oder von einem lebenden Geſchöpfe, das mit ihr bekannt iſt. Mein Himmel dort oben! Was kann da geſchehen ſein!“ Und in der Aufregung ſeines Gemüths begann er raſch auf dem einſamen Verdeck auf und abzu⸗ marſchiren, während die Gouvernante ihm folgte und ihn zu beſänftigen ſuchte. „Ich ſchwöre Ihnen, Miß Morley,“ ſagte er,„daß ich niemals, bis Sie heute Abend mit mir ſprachen, nur einen Schatten von Beſorgniß empfand; und jezt habe ich dieſe krankhafte, niederſchlagende Angſt in meinem Herzen, von welcher Sie vor einer Stunde mit mir ſprachen. Laſſen Sie mich jezt allein, ich bitte Sie, um nach meiner Art darüber Meiſter zu werden.“ Sie zog ſich ſtillſchweigend zurück, ſezte ſich auf der einen Seite des Schiffs nieder und blickte hinaus auf das Waſſer. ——————— ———— — — 83 er eit ſ⸗ , e i⸗ er ht in 16 in aß 41 Drittes Capitel. Heimliche Reliquien. Dieſelbe Auguſtſonne, welche hinter der Waſſer⸗ wüſte untergegangen war, warf ihren röthlichen Schimmer auf das breite Zifferblatt der alten Schlag⸗ uhr über dem epheubedeckten Bogengang, welcher in den Garten von Audley Court führt. Ein ſtolzer, purpurner Sonnenuntergang. Die gothiſchen Fenſterkreuze und die blinkenden Gitter lodern alle in der rothen Glorie; das hinſterbende Licht flackert auf den Blättern der Linden in der langen Allee und verwandelt den ſtillen Fiſchweiher in eine blanke Kupferplatte; ſelbſt nach jenem düſtern Winkel, wo hinter Buſch und Strauch der alte Brunnen verſteckt iſt, dringt der hochrothe Schimmer in zuckenden Blizen, bis das dumpfige Unkraut und das roſtige Eiſenrad und das zerbrochene Holzwerk ausſieht, als wäre es mit Blutflecken bedeckt. Das Brüllen einer Kuh auf den ruhigen Wie⸗ ſen, das Plätſchern einer Forelle in dem Fiſchteich, die letzten Töne eines müden Vogels, das Knarren der Wogenräder auf der fernen Landſtraße, wodurch hin und wieder das Schweigen des Abends unter⸗ brochen wird, machten die Stille des Ortes nur noch auffallender. Sie war beinahe bedrückend, dieſe Dämmerungsſtille. Die Ruhe des Ortes ſelbſt wurde um ihres Uebermaßes willen peinlich und machte den Eindruck, als ob genbn innerhalb der grauen, epheubedeckten Gebäudemaſſe eine Leiche liegen müſſe, 42 — ſo todtenähnlich war das lautloſe Düſter rings umher. Als die Uhr über dem Bogengang acht ſchlug, wurde eine Thüre an der Hinterſeite des Hauſes ſachte geöffnet und ein Mädchen trat heraus in den Garten. Aber ſelbſt durch die Gegenwart eines menſchli⸗ chen Weſens wurde kaum die allgemeine Stille un⸗ terbrochen, denn das Mädchen ſchlich langſam über das dicke Gras, bog in die Allee zur Seite des Fiſchweihers ein und verſchwand unter dem reichen Schirmdache der Lindenbäume. Es war vielleicht nicht eigentlich ein hübſches Mädchen, aber ihr Aeußeres war von jener Art, welche man gewöhnlich mit dem Namen intereſſant bezeichnet. Intereſſant mag es ſein, weil in dem blaſſen Geſichte und den hellgrauen Augen, den klei⸗ nen Zügen und zuſammengepreßten Lippen Etwas lag, das auf eine bei einer Frau von neunzehn oder zwanzig Jahren ungewöhnliche Rückhaltſamkeit und Selbſtbeherrſchung hindeutete. Sie möchte hübſch geweſen ſein, dünkt mir, ohne den einen Mangel in ihrem kleinen ovalen Geſichte. Dieſer Mangel war eine Abweſenheit von Farbe. Nicht der leiſeſte An⸗ flug von Roth war auf der wachsartigen Weiße ihrer Wangen zu erkennen; nicht ein Schatten von Braun milderte die blaſſe Fadheit ihrer Augenbraunen und Augenlider; nicht der Schimmer einer einzigen Gold⸗ oder Kaſtanientinte hob contraſtmäßig das matte Flachsblond ihres Haares. Selbſt ihr Kleid wurde durch den gleichen Mangel verdorben; der blaſſe Lavendelmuſſelin ging in ein kränkliches Grau n 2 — nt 8 43 über, und das um ihren Hals geknüpfte Band ver⸗ lor ſich in dieſelbe neutrale Farbe. Ihre Geſtalt war ſchlank und ſchwächlich, und troz ihres beſcheidenen Anzugs hatte ſie Etwas von der Grazie und Haltung einer Frau von Stand; aber es war nur ein einfaches Landmädchen, Namens Phöbe Marks, welche in Mr. Dawſons Familie Kindswärterin geweſen und von Lady Audley nach ihrer Heirath mit Sir Michael zu ihrer Zofe ge⸗ wählt worden war. Natürlich war dies ein wunderbares Glück für Phobe, welche dadurch ihren Lohn verdreifacht und ihre Arbeit in dem wohlgeordneten Haushalte zu Audley Court ſehr leicht fand, und welche darum unter ihren ſpeciellen Freundinnen gerade ſo ein Ziel der Mißgunſt wurde, wie es mit der Lady ſelbſt in höheren Kreiſen der Fall war. Ein Mann, welcher auf dem zerbrochenen Holz⸗ werk des Brunnens ſaß, fuhr auf, als die Kammer⸗ zofe aus dem düſtern Schatten der Linden hervor⸗ trat und unter dem Unkraut und Geſträuch vor ihm ſtand. Ich habe bereits geſagt, daß dies ein vernach⸗ läſſigter Ort war: er lag mitten in einem niedrigen Gebüſch, abgeſchieden von dem übrigen Garten und nur von den Bodenkammerfenſtern auf der Rückſeite des weſtlichen Flügels aus ſichtbar. „Ei, Phöbe,“ ſprach der Mann, indem er das Taſchenmeſſer, womit er die Rinde von einem Schwarz⸗ dornſtabe abgeſtreift hatte, zuklappte,„Du kommſt zu mir ſo leiſe⸗und plözlich, daß ich dachte, Du ſeieſt ein böſer Geiſt. Ich bin über die Felder gegangen il 44 und durch das Gitter am Graben hieher gekommen, und wollte hier ein wenig ausruhen, ehe ich mich in das begab, um zu fragen, ob Du heimgekehrt wäreſt.“ „Ich kann den Brunnen von meinem Schlaf⸗ zimmer aus ſehen, Lukas,“ antwortete Phöbe, indem ſie auf ein offenes Gitterfenſter in einem der Giebel des Hauſes deutete.„Ich ſah Dich hier ſizen und kam herunter, um noch ein Bischen zu plaudern; es iſt beſſer, dies hier zu thun, als drinnen im Hauſe, wo man immerdar irgend einen Horcher in der Nähe hat.“ Der Mann war ein dicker, breitſchulteriger, ein⸗ fältig ausſehender Bauernlümmel von etwa drei⸗ undzwanzig Jahren. Sein dunkelrothes Haar war ihm vorn tief in die Stirne hereingewachſen und ſeine buſchigen Brauen begegneten ſich über einem Paar grünlich grauer Augen; ſeine Naſe war groß und wohlgeformt, aber der Mund war grob in Form und thieriſch in Ausdruck. Roſenwangig, rothhaarig, ſtierhalſig, war er nicht unähnlich einem jener ſtäm⸗ migen Ochſen, welche auf den Wieſen um Audley Court herum grasten. Das Mädchen ſetzte ſich hurtig an ſeine Seite auf das Holzwerk und legte eine ihrer Hände, welche in ihrem neuen und leichten Dienſte weiß geworden war, um ſeinen dicken Hals. „Freut es Dich, mich zu ſehen, Lukas?“ fragte ſie. „Natürlich freut es mich, mein Schaz,“ antwor⸗ tete er in bäueriſcher Manier, indem er ſein Meſſer aufmachte und wieder an ſeinem Zaunpfahle zu ſcha⸗ ben begann. e ————„— e———0) 45 Sie waren Geſchwiſterkinder, hatten in den frühe⸗ ſten Jahren zuſammen geſpielt und ſchon in der erſten Jugend einen Liebesbund geſchloſſen. „Du ſiehſt nicht ſo aus, als ob Du eine große Freude hätteſt,“ ſagte das Mädchen;„Du mußt mich anſchauen, Lukas, und mir ſagen, ob Du nicht glaubſt, die Reiſe habe zu meinem Vortheile aus⸗ geſchlagen.“ „Sie hat keine Farbe in Deine Wangen ge⸗ bracht, mein Mädchen,“ antwortete er, unter ſeinen finſtern Augenbrauen hervor einen Blick auf ſie werfend;„Du biſt ganz und gar noch ſo weiß, wie damals, als Du von hier fortgingeſt.“ „Aber man ſagt, das Reiſen mache die Leute gentil, Lukas. Ich bin mit Mylady auf dem Con⸗ tinente geweſen, an allen möglichen merkwürdigen Orten; und Du weißt, als ich ein Kind war, lehr⸗ ten mich Squire Horton's Töchter ein wenig Fran⸗ zöſiſch ſprechen, und ich habe es ſo nett gefunden, daß ich im Stande war, mit den Leuten in der Fremde mich in eine Unterhaltung einzulaſſen.“ „Gentil!“ rief Lukas Marks mit einem Pferde⸗ gelächter;„wer verlangt von Dir, daß Du gentil ſeieſt, das möchte ich wiſſen? Ich gewiß nicht; wenn Du mein Weib biſt, ſo wirſt Du nicht allzu viel Zeit zu gentilem Weſen übrig haben, mein Mäd⸗ chen. Auch noch franzöſiſch! Hol' mich der Teufel, Phöbe, ich glaube, wenn wir ſo viel Geld zuſam⸗ mengeſpart haben, um uns eine kleine Meierei zu kaufen, wirſt Du mit den Kühen parliren?“ Bei dieſen Worten ihres Liebhabers biß ſie auf die Lippen und ſchaute zur Seite. Er fuhr indeſſen 46 fort, an einem Handgriffe, den er an dem Stocke formen wollte, herumzuſchneiden und zu hacken, wäh⸗ rend er immerdar ſich leiſe dazu vorpfiff, ohne auch nur einmal ſeine Baſe anzuſchauen. Eine Zeit lang ſchwiegen ſie beide, plözlich aber ſagte ſie, noch immer das Geſicht von ihrem Ge⸗ fährten abgewendet: „Was für ein ſchönes Ding es iſt für Miß Gra⸗ ham, ja wohl, ſo mit ihrer Zofe, und mit ihrem Kourier voraus, in ihrem vierſpännigen Wagen, und mit ihrem Gemahl zu reiſen, welcher der Meinung iſt, es gebe keinen Fleck auf der ganzen Erde, der gut genug dazu wäre, daß ſie ihren Fuß darauf ſeze.“ „Ach ja, es iſt ein ſchönes Ding, Phöbe, wenn man recht Geld hat,“ antwortete Lukas;„und ich hoffe, es iſt Dir eine Lehre geweſen, mein Schaz, Deinen Lohn zuſammenzuſparen, bis wir heirathen können.“ „Ei, und was war ſie in Mr. Dawſons Hauſe noch vor drei Monaten?“ fuhr das Mädchen fort, als ob ſie die Worte ihres Couſins gar nicht gehört hätte.„Was war ſie anders als eine Dienerin gleich mir? die ihren Lohn einnahm und für ſie arbeitete, ſo hart oder noch härter als ich. Du hät⸗ teſt ihre ärmlichen Kleider ſehen ſollen, Lukas— abgetragen und verflickt, und geſtopft, und gewendet und gedreht, und doch immerdar, ſo oder anders, nett an ihr ausſehend. Sie gibt mir als Kammer⸗ mädchen mehr Lohn, als ſie ſelbſt jemals von Mr. Dawſon bekam. Nun, ich habe ſie aus dem Wohn⸗ zimmer kommen ſehen, mit einigen Guineen und ein wenig Silber in der Hond, weiche ihr der Herr ge⸗ — —— n cc— 47 rade als Vierteljahrsgehalt ausgezahlt hatte; und jezt ſchau' ſie einmal an!“. „Kümmere Dich nicht um ſie,“ erwiederte Lukas, „ſorge für Dich ſelbſt, Phöbe; das iſt Alles, was Du zu thun haſt. Was würdeſt Du, nebenbei, mein Mädchen, zu einer Schenke ſagen? Da iſt ein ſchö⸗ nes Geld zu verdienen, bei einer Schenke.“ Das Mädchen ſaß noch immer, das Geſicht von ihrem Liebhaber abgewendet, da; ihre Hände hingen bewegungslos in ihrem Schoos herab, und ihre blaßgrauen Augen hefteten ſich auf den letzten ſchwa⸗ chen Purpurſtreifen, welcher hinter den Baumſtäm⸗ men erſtarb. „Du ſollteſt nur das Innere des Hauſes ſehen, Lukas,“ fuhr ſie fort;„es iſt von außen betrachtet ein recht verfallener Ort; aber Du ſollteſt Mylady's Zimmer ſehen,— lauter Gemälde und Vergoldun⸗ gen, und große Spiegel, die von der Decke bis zum Fußboden reichen. Gemalte Plafonds dazu, welche Hunderte von Pfunden koſten, wie mir die Wirth⸗ ſchafterin ſagte, und Alles ihr zu lieb gemacht.“ „Sie iſt recht glücklich,“ brummte Lukas mit trä⸗ ger Gleichgültigkeit. „Du ſollteſt ſie geſehen haben, ſo lang wir im Auslande waren, mit einem ganzen Haufen von Gentlemen, die ſie immerdar umſchwärmten; Sir Michael nicht eiferſüchtig auf dieſelben, nur ſtolz darauf, ſie ſo ſehr bewundert zu ſehen. Du ſollteſt gehört haben, wie ſie mit ihnen lachte und plau⸗ derte; wie ſie deren ſämmtliche Complimente und ſchöne Redensarten ihnen wieder zuwarf, gerade als ob dieſelben ſie mit Roſen beſchoſſen hätten. Sie machte Alles närriſch um ſich herum, wohin ſie auch ging. Ihr Singen, ihr Spielen, ihr Tanzen, ihr ſchönes Lächeln, und ihre ſonnenhellen Ringellocken! Sie bildete den Gegenſtand des Geſprächs aller Orten, ſo lang wir daſelbſt verweilten.“ „Iſt ſie heute Abend zu Hauſe?“ „Nein, ſie hat ſich mit Sir Michael zu einem Mittagsmahl nach Beeches*) begeben. Sie haben ſieben oder acht Meilen zu fahren und werden erſt nach eilf Uhr zurückkommen.“ „Dann will ich Dir Etwas ſagen, Phöbe; wenn das Innere des Hauſes ſo gar ſchön iſt, ſo möchte ich gern einen Blick hineinwerfen.“ „Nun, das ſollſt Du. Mrs. Barton, die Wirth⸗ ſchafterin, kennt Dich von Perſon, und ſie kann Nichts dagegen einzuwenden haben, wenn ich Dir einige der beſten Zimmer zeige.“ Es war beinahe dunkel, als Vetter und Baſe das Gebüſch verließen und langſam auf das Haus zuſchritten. Die Thüre, durch welche ſie eintraten, führte in die Geſindehalle, auf deren einer Seite das Zimmer der Wirthſchafterin gelegen war. Phöbe Marks ging einen Augenblick hinein, um die Wirth⸗ ſchafterin zu fragen, ob ſie ihren Couſin durch einige der Gemächer führen dürfe, und als ſie die Erlaub⸗ niß hiezu erhalten hatte, zündete ſie eine Kerze an der Lampe in der Halle an, und forderte Lukas auf, ihr nach der andern Seite des Hauſes zu folgen. Die langen, ſchwarzen, eichenen Corridors ſahen in dem geiſterhaften Zwielicht recht düſter aus— ²) Buchen. as ge b⸗ an uf, en 49 die Kerze, welche Phöbe trug, ſah nur wie ein ſchwacher Feuerfunken auf den breiten Gängen aus, durch welche das Mädchen ihren Couſin geleitete. Lukas blickte argwöhniſch dann und wann über ſeine Schulter, halb erſchrocken über das Krachen ſeiner eigenen, mit Zwecken beſchlagenen Schuhe. „Das iſt ein ſchrecklich langweiliger Ort, Phöbe,“ ſagte er, als ſie endlich aus einem Gang in die Haupthalle vortraten, welche indeſſen noch nicht er⸗ hellt war.„Ich habe ſagen hören, daß vor alten Zeiten hier ein Mord begangen worden iſt.“ „Was das betrifft, Lukas, ſo gibt es in unſern Tagen Mordthaten genug,“ antwortete das Mädchen, indem ſie, gefolgt von dem jungen Mann, die Treppe hinaußſtieg. Sie nahm ihren Weg durch einen großen Saal, reich verziert mit Atlas und Malergold, Bouls⸗ und anderen Schränken von eingelegter Arbeit, mit Bron⸗ zen, Kameen, Statuetten und anderen Schmuckſachen, welche in dem trühen Lichte erglänzten; dann durch ein mit trefflichen Kupferſtichen von werthvollen Ge⸗ mälden behangenes Morgenzimmer, und von hier aus in ein Vorzimmer, wo ſie Halt machte, indem ſie das Licht über ihren Kopf emporhob. Der junge Mann ſtarrte um ſich, mit offenem Munde und offenen Augen. „Das iſt ein rarer ſchöner Platz,“ rief er,„und muß ſchwer Geld gekoſtet haben.“ „Schau die Gemälde an den Wänden an,“ ſagte Phöbe, mit einem Blick auf die Felder des achtecki⸗ gen Zimmers, welche mit Claudes und Pouſſins, Wouvermans und Cuyps behangen waren.„Ich Brabdon, Lady Aubley's Geheimniß. I. 1 8 3 † 1 1 16 1 1 4 1 1 1 4 6 ² ——————— —— habe gehört, daß dieſe allein einen Schaz werth ſind. Dies iſt der Eingang zu den Gemächern von My⸗ lady oder Miß Graham, die ſie war.“ Sie hob einen ſchweren, grünwollenen Vorhang, welcher über einer Thüre hing, und führte den er⸗ ſtaunten Landmann in ein feenhaftes Boudoir und von da in ein Toilettenzimmer, wo die offenen Thü⸗ ren von Kleiderſchränken und ein Haufe auf einen Sopha geworfener Kleidungsſtücke andeuteten, daß es gerade ſo geblieben war, wie die Inwohnerin es verlaſſen hatte. „Ich habe alle dieſe Dinge noch bei Seite zu ſchaffen, ehe Mylady nach Hauſe kommt, Lukas; Du kannſt Dich einſtweilen hier niederſetzen, es wird nicht lang währen.“ Ihr Vetter ſchaute ſich in blöder Verlegenheit um, verwirrt durch den Glanz des Gemachs, und wählte nach einiger Ueberlegung den ſtärkſten von den Seſſeln und ließ ſich bedächtig auf dem äußerſten Rande deſſelben nieder. „Ich wünſche, ich könnte Dir auch die Juwelen zeigen, Lukas,“ ſprach das Mädchen weiter,„aber das iſt nicht möglich, denn ſie trägt immer die Schlüſſel bei ſich; da das Käſtchen auf dem Toilettentiſche hier.“ „Wie, das!“ rief Lukas, indem er auf das Käſt⸗ chen von maſſivem Nußbaumholz mit eingelegtem Meſ⸗ ſing blickte.„Wie, das iſt groß genug, um alle Klei⸗ der, die ich habe, bis auf das letzte Stück zu faſſen!“ „Und es iſt ſo voll als nur möglich von Dia⸗ manten, Rubinen, Perlen und Smaragden,“ antwor⸗ tete Phöbe, während ſie ſprach, eifrig damit beſchäf⸗ tigt, die rauſchenden Seidenkleider zuſammenzufalten„ nd. ty⸗ ng, er⸗ ind hü⸗ nen es es zu Du vird heit und von rſten een das üſſel ier.“ Käſt⸗ Meſ⸗ Klei⸗ ſen!“ Dia⸗ twor⸗ ſchäf⸗ falten% 51 und, eines nach dem andern, in die Fächer der Gar⸗ derobe zu legen. Als ſie die Volants vom letzten ausſchüttelte, drang ein Geklingel in ihr Ohr und ſie ſteckte ihre Hand in die Taſche. „Wahrhaftig!“ rief ſie,„Mylady hat einmal ihre Schlüſſel in der Taſche gelaſſen. Ich kann Dir die Juvelen zeigen, Lukas, wenn Du willſt.“ „Gut, ich kann mir ſie wohl einmal anſehen, mein Mädchen,“ ſagte er, von ſeinem Seſſel auf⸗ ſtehend und das Licht haltend, während ſeine Baſe das Käſtchen aufſchloß. Er ſtieß einen Schrei der Verwunderung aus, als er dieſe Schmuckſachen auf weißatlasnen Kiſſen funkeln ſah. Er hegte den Wunſch, die zarten Juwelen mit den Händen anzu⸗ faſſen, zu betaſten und ihren Geldwerth ausfindig zu machen. Vielleicht ſchoß ihm auch eine quälende Regung von Neid und Begier durch das Herz, wenn er bedachte, wie wohl es ihm thun würde, nur Eines davon ſein zu nennen. „Ach, Phöbe, ein einziger von dieſen Diamanten würde uns im Leben aufhelfen,“ ſagte er, indem er ein Armband in ſeinen dicken rothen Händen hin und her drehte. „Leg' es hin, Lukas! Leg' es ſogleich hin!“ rief das Mädchen, mit einem Blick des Schreckens;„wie kannſt Du von ſo Etwas reden?“ Er legte das Armband mit einem widerſtreben⸗ den Seufzer an ſeinen Platz und fuhr dann in ſeiner Unterſuchung des Käſtchens fort. „Was iſt das?“ fragte er plötzlich, auf einen Meſſingknopf im Holzwerk deſſelben deutend. Er drückte im Sprechen darauf und ein geheimes, mit Purpurſammet gefüttertes Fach ſprang aus dem Käſtchen. „Schau her!“ rief Lukas, erfreut über dieſe Ent⸗ deckung. Phöbe Marks warf das Kleid, das ſie eben zu⸗ ſammengelegt hatte, wieder weg, und trat zu dem Toilettentiſche. „Ei, das habe ich bisher nie geſehen,“ ſagte ſie; „ich möchte doch wiſſen, was darin iſt.“ Es war nicht viel darin; weder Gold noch Edel⸗ ſteine; nur ein winziger wollener Kinderſchuh in einem Stück Papier kam zum Vorſchein und ein Löckchen blaßgelben Seidenhaares, augenſcheinlich von dem Kopfe eines kleinen Kindes genommen. Phöbes graue Augen erweiterten ſich, als ſie das kleine Packet unterſuchte. „So, das alſo hält Mylady in dem geheimen Fache verborgen,“ murmelte ſie. „Es iſt recht ſonderbar, dergleichen Lumpereien an einem ſolchen Orte aufzubewahren,“ ſagte Lukas gleichgültig. Des Mädchens dünne Lippen verzogen ſich zu einem ſeltſamen Lächeln. „Du wirſt mir bezeugen, wo ich das gefunden habe,“ fuhr ſie fort, indem ſie das kleine Packet in ihre Taſche ſteckte. „Wie, Phöbe, Du wirſt doch keine ſolche Närrin ſein, ſo Etwas zu nehmen,“ rief der junge Mann. „Mir iſt das viel lieber, als das Diamanten⸗ Armband, das Du ſo gern hätteſt nehmen mögen,“ antwortete ſie;„Du ſollſt die Schenke haben, Lukas.“ em nt⸗ zu⸗ em nen ien kas zu den„ in rin nn. en⸗ n, S.“ 53 Liertes Capitel. Auf der erſten Seite der Times. Robert Audley war ausgemachter Weiſe ein Sachwalter. Als Sachwalter war ſein Name in der Rechtsgelehrten⸗Liſte eingeſchrieben; als Sach⸗ walter hatte er ſeine Wohnung Figtree Court im Tempel; als Sachwalter hatte er die zugemeſſene Zahl von Diners abgegeſſen, welche die erhabene Feuerprobe bilden, durch welche der Gerichtsadſpirant zu Ruf und Vermögen ſich durcharbeitet. Wenn der⸗ gleichen Dinge einen Mann zum Sachwalter machen, ſo war Robert Audley entſchieden ein ſolcher. Aber er hatte niemals weder ein Diplom gehabt, noch ein Diplom zu bekommen geſucht, oder auch nur die ganzen fünf Jahre, da ſein Name an einer der Thü⸗ ren in Figtree Court angeſchrieben war, ein Diplom zu beſitzen den Wunſch gehegt. Er war ein hübſcher, müſſiger, unbekümmerter Burſche von etwa ſieben⸗ undzwanzig Jahren; der einzige Sohn eines jüngern Bruders von Sir Michael Audley. Sein Vater hatte ihm vierhundert Pfund jährlich hinterlaſſen, und ſeine Freunde ihm den Rath gegeben, dieſelben durch Er⸗ greifung des juriſtiſchen Berufs zu vermehren; und da er nach gehöriger Ueberlegung herausfand, daß es ihm größere Mühe verurſachte, den Wünſchen ſeiner Freunde zu widerſtehen, als ſo viele Diners mitzumachen, und eine Reihe Zimmer im Tempel zu nehmen, ſo ſchlug er den letztern Weg ein, und nannte ſich ohne Erröthen einen Sachwalter. ——— — Zuweilen, wenn es ſehr heißes Wetter war und er ſich von der Anſtrengung erſchöpft fühlte, ſeine deutſche Tabakspfeife zu rauchen und franzöſiſche Romane zu leſen, ſchlenderte er in den Tempelgarten hinab und pflegte dann, wenn er an einer ſchattigen Stelle lag, blaß und kühl, mit umgeſchlagenem Hemd⸗ kragen und ein blauſeidenes Taſchentuch loſe um den Hals gebunden, den ältern ernſten Mitgliedern der Rechtsſchule zu erzählen, er habe ſich durch über⸗ mäßiges Arbeiten völlig aufgerieben. Die ſchlauen alten Füchſe lachten über die ſcherz⸗ hafte Erdichtung, aber ſonſt gaben ſie alle zu, Ro⸗ bert Audley ſei ein guter Burſche, ein hochherziger Burſche und ein merkwürdiger Burſche dazu, mit einem Fonds von ſchlauem Witz und ruhigem Humor unter ſeinen ſorgloſen, ſchläfrigen, gleichgiltigen, un⸗ entſchloſſenen Manieren. Ein Mann, der es niemals in der Welt weit bringen, aber der keinem Wurme wehe thun würde. Wirklich war ſeine Wohnung in einen vollkommenen Hundeſtall umgewandelt, da er die Gewohnheit hatte, alle verlaufenen, von der Nacht überfallenen Köter, welche auf den Straßen durch ſein Geſicht angezogen wurden und ihm mit gemeiner Zuneigung ſolgten, mit nach Hauſe zu nehmen. Robert brachte ſtets die Jagdſaiſon zu Audley Court zu; nicht daß er ſich als Nimrod auszeichnete, denn er trabte ruhig auf einem ſanftmüthigen, ſtark⸗ gliedrigen braunen Klepper nach dem Lager des Wil⸗ des hinaus und hielt ſich in ſehr reſpectvoller Ent⸗ fernung von den kühnen Reitern; und ſein Roß wußte ebenſo gut wie er, daß ſeinen Gedanken Nichts xk⸗ il⸗ nt⸗ oß hts 55 ferner lag als das Verlangen, ſich auf irgend eine Weiſe den Tod zu holen. Der junge Mann ſtand in großer Gunſt bei ſei⸗ nem Oheim und wurde auch von ſeiner hübſchen, zigeunerfarbigen, leichtherzigen, ausgelaſſenen Cou⸗ ſine, Miß Alicia Audley durchaus nicht gering an⸗ geſchlagen. Manche andere Leute mochten der Mei⸗ nung geweſen ſein, es wäre ſchon der Mühe werth, die Vorliebe einer jungen Dame, welche die einzige Erbin von einem ſehr ſchönen Beſitzthum war, zu cultiviren; aber Robert Audley kam dergleichen nicht in den Sinn. Alicia war ein ſehr nettes Mädchen, ſagte er, ein munteres Mädchen, die Nichts von den Dummheiten Anderer an ſich hatte— ein Mädchen unter Tauſenden; aber dies war auch der höchſte Punkt, wozu ſein Enthuſiasmus ſich verſteigen konnte. Der Gedanke, ſeiner Couſine jugendliches Wohlge⸗ fallen ſich auf irgend eine Weiſe zu Nutzen zu ma⸗ chen, war ihm noch nie in ſeinen müßigen Kopf ge⸗ kommen. Ich möchte ſogar zweifeln, ob er jemals eine richtige Vorſtellung von dem Betrag des Ver⸗ mögens ſeines Oheims hatte, und bin überzeugt, daß er niemals nur einen Augenblick die Möglich⸗ keit, einen Theil jenes Vermögens ſchließlich ſich zu⸗ fallen zu ſehen, in Berechnung nahm. So geſchah es, daß als an einem ſchönen Frühlingsmorgen, etwa drei Monate vor der Zeit, von welcher ich ſchreibe, der Briefträger ihm die Trauungskarten von Sir Michael und Lady Audley, ſammt einem ſehr ent⸗ rüſteten Schreiben von ſeiner Couſine überbrachte, worin dargethan wurde, wie ihr Vater eben eine wachspuppige junge Perſon, nicht älter als Alicia ſelbſt, mit flächſenen Ringellocken und einem ewigen Gekicher, denn alſo nannte, wie ich zu meinem Be⸗ dauern geſtehen muß, Miß Alicia in ihrem Aerger das hübſche muſikaliſche Lachen, welches an der vor⸗ maligen Miß Luey Graham ſo höchlich bewundert wurde— geheirathet habe— daß, ſage ich, als dieſe Documente an Robert Audley gelangten, dieſelben bei der lymphatiſchen Natur dieſes Gentleman's weder Verdruß noch Erſtaunen erregten. Die Lectüre von Alicia's zornigem, kreuz und quer geſchriebenem Briefe machte ihm nicht ſo viel Bewegung, daß er auch nur die Bernſteinſpitze ſeiner deutſchen Tabaks⸗ pfeife einen Augenblick von ſeinen ſchnurrbärtigen Lippen nahm. Als er mit der Epiſtel zu Ende war, welche er, die dunkeln Augenbrauen bis zur Mitte der Stirn hinaufgezogen,(beiläufig geſagt, die ein⸗ zige Art für den Ausdruck des Erſtaunens bei ihm) durchgeleſen hatte, warf er ſie und die Trauungs⸗ karten in den Papierkorb, legte ſeine Pfeife weg und machte ſich zu der Anſtrengung, über den Gegenſtand nachzudenken, fertig. „Ich habe immer geſagt, der alte Stößer werde noch heirathen,“ brummte er nach einer halbſtündi⸗ gen Träumerei.„Alicia und Mylady, die Stief⸗ mutter, werden einander bald in die Haare gerathen. Ich hoffe, daß ſie während der Jagdſaiſon nicht Hän⸗ del anfangen, oder am Mittagstiſche ſich unange⸗ nehme Dinge ſagen: Lärm und Spectakel ſtören immer die Verdauung bei einem Menſchen.“ Etwa um zwölf Uhr des Morgens, nach jener Nacht, in welcher die in meinem letzten Kapitel be⸗ richteten Ereigniſſe ſtattgefunden hatten, ſchlenderte m u h ih n) de 57 des Baronets Neffe von dem Tempel, Blackfriars⸗ ward, hinweg und nahm ſeinen Weg nach der City. Er hatte in einer ſchlimmen Stunde einen in Noth befindlichen Freund dadurch verpflichtet, daß er den alten Namen Audley auf einen Formwechſel ſetzte, und nunmehr, da dieſer Wechſel von dem Ausſteller nicht honorirt worden war, die Aufforderung erhal⸗ ten, ihn ſelbſt zu bezahlen. In dieſem Zweck ſpa⸗ zirte er mit ſeinem blauen, in der heißen Auguſtluft flatternden Halstuche Ludgate Hill hinauf und bog von da in ein erfriſchend kühles Bankhaus in einem ſchattigen Hofe jenſeits des St. Pauls⸗Kirchhofs ein, wo er ein paar hundert Pfund Conſols verkaufte. Er hatte ſein Geſchäft abgemacht und trieb ſich in einer Ecke des Hofs herum, indem er auf das mögliche Erſcheinen eines Hanſoms wartete, um nach dem Tempel zurückzufahren, als er von einem Manne ſeines Alters, der unaufhaltſam durch den ſchmalen Eingang hereinſtürzte, faſt zu Boden gerannt wurde. „Seid ſo gut und ſchaut auf, wo Ihr hingeht, mein Freund!“ bemerkte Robert gelaſſen gegen den ungeſtümen Ankömmling,„Ihr könnt Einen auch vor⸗ her warnen, ehe Ihr ihn zu Boden werfet und auf ihm herumſtampfet.“ Der Fremde hielt plötzlich an, ſchaute dem Spre⸗ chenden feſt ins Geſicht und holte dann ſchwer Athem. „Bob!“ rief er mit dem Ausdruck des höchſten Erſtaunens in ſeiner Stimme.„Kaum habe ich nach dieſer letzten finſtern Nacht den britiſchen Boden be⸗ rührt, und wie ließ ſich denken, daß ich noch dieſen Morgen Dir begegnen würde!“ „Ich habe Euch früher ſchon irgendwo geſehen, 58 mein bärtiger Freund,“ ſagte Mr. Audley, indem er ruhig forſchend das belebte Geſicht des Andern betrachtete; aber ich will mich hängen laſſen, wenn ich mich beſinnen kann, wann oder wo?“ „Wie!“ rief der Fremde vorwurfsvoll,„Du willſt doch nicht ſagen, Du habeſt Georg Talboys vergeſſen?“ „Nein, gewiß nicht!“ ſagte Robert, mit einem bei ihm ſonſt nicht gewöhnlichen Nachdruck; dann ſchob er ſeinen Arm unter den ſeines Freundes, führte ihn in den ſchattigen Hof und ſagte dann mit ſeiner alten Gleichgültigkeit: „Und jetzt, Georg, erzähl' uns Alles wie es ſteht.“ Georg Talboys erzählte ihm Alles wie es ſtand. Er erzählte ihm eben das, was er zehn Tage früher der blaſſen Gonvernante an Bord des Argus mit⸗ getheilt hatte; und dann, warm und athemlos, ſetzte er hinzu, er habe ein Packet auſtraliſcher Banknoten in ſeiner Taſche und wolle ſie bei den Herren. welche ſeine Bankiers vor Jahren geweſen, anlegen. „Nun laß' Dir ſagen, ich habe gerade deren Comptoir verlaſſen,“ bemerkte Robert.„Ich will mit Dir zurück und die Sache in fünf Minuten ins Reine bringen.“ Wirklich gelang es ihnen, ſie in etwa einer Vier⸗ telſtunde abzumachen; und dann ſchlug Robert vor, auf der Stelle nach Krone und Scepter, oder dem Schloß in Richmond aufzubrechen, um daſelbſt das Frühſtück einzunehmen und von den guten alten Zei⸗ ten, da ſie mit einander zu Eton geweſen waren, zu plaudern. Aber Georg erklärte ſeinem Freunde, ehe er irgend wohin gehe, ehe er ſich nur raſire oder frühſtücke, oder überhaupt nach der Nachtfahrt von m rn in lſt —— 59 Liverpool mit dem Schnellzug eine Erfriſchung zu ſich nehme, müſſe er in einem gewiſſen Kaffeehauſe in der Bridge Street, Weſtminſter, vorſprechen, wo er einen Brief von ſeiner Frau zu finden erwarte. „Dann will ich mit Dir dahin gehen,“ ſagte Robert.„Wenn ich denke, Du habeſt eine Frau, Georg; was für ein verkehrter Spaß!“ Während ſie über Ludgate Hill, Fleet Street und den Strand in einem Hanſom ſchnell dahin rollten, ſchüttete Georg Talboys in ſeines Freundes Ohr alle die wilden Hoffnungen und Träume aus, welche eine ſolche Herrſchaft über ſeine ſanguiniſche Natur ge⸗ wonnen hatten. „Ich miethe eine Villa an den Ufern der Themſe, Bob,“ ſagte er,„für die kleine Frau und für mich; und wir halten uns eine Yacht, Bob, alter Knabe, und Du liegſt auf dem Verdeck und rauchſt, wäh⸗ rend mein hübſches Weibchen auf ihrer Guitarre ſpielt und uns Lieder ſingt. Sie iſt gerade ſo eine — nun wie heißen ſie gleich, die den alten Ulyſſes in Verſuchung geführt haben,“ fügte der junge Mann bei, deſſen claſſiſches Wiſſen nicht ſehr groß war. Die Kellner in dem Weſtminſter⸗Kaffeehauſe ſtarrten den hohläugigen, unraſirten Fremden in ſeinem Anzug von Colonialſchnitt und mit ſeinem heftigen Weſen neugierig an; aber er war in ſeinen militäriſchen Tagen ein alter Gaſt geweſen, und als ſie hörten, wer er ſei, eilten ſie hinweg, um ſein Begehren zu erfüllen. Er verlangte nicht viel— nur eine Flaſche So⸗ dawaſſer ſollte man ihm bringen und ihn wiſſen 60 laſſen, ob nicht ein Brief mit der Adreſſe von Georg Talboys am Buffet ausgeſteckt ſei. Der Kellner brachte das Sodawaſſer, ehe die jungen Männer in einem ſchattigen Verſchlag an dem außer Gebrauch befindlichen Kamin Platz genommen hatten. Nein; es war kein Brief auf einen ſolchen Namen da. Der Kellner meldete dies mit vollſtändigſter Gleich⸗ gültigkeit, während er mechaniſch den kleinen Maha⸗ gonytiſch abſtäubte. Georgs Angeſicht wurde todtenblaß. „Talboys,“ ſagte er;„vielleicht haben Sie den Namen nicht deutlich gehört— T, A, L. B D, Y, S. Gehen Sie und ſehen Sie noch einmal nach; es muß ein Brief da ſein.“ Der Kellner zuckte die Achſeln, als er das Zim⸗ mer verließ und kehrte nach drei Minuten mit der Erklärung zurück, es finde ſich in dem Briefrechen gar kein Name, der nur einige Aehnlichkeit mit Tal⸗ boys habe; da ſtehe nur ein Brown und Sanderſon und Pinchbeck; nur drei Briefe, und nichts weiter. Der junge Mann trank ſein Sodawaſſer ſtill⸗ ſchweigend aus, ſtützte dann ſeinen Ellbogen auf den Tiſch und bedeckte ſich das Geſicht mit den Händen. Es lag Etwas in ſeinem Benehmen, das Robert Audley ſagte, daß dieſes Fehlſchlagen ſeiner Hoff⸗ nung, ſo unbedeutend auch die Sache an ſich er⸗ ſcheinen mochte, in Wirklichkeit für ihn ſehr bitterer Natur war. Er ſetzte ſich ſeinem Freunde gegenüber, machte aber keinen Verſuch, ihm zuzureden. Plötzlich ſchaute Georg auf, griff mechaniſch nach einem beſchmutzten Blatt der Times vom vorangehen⸗ — — ——————— ie m n en 61 den Tage, welches über einem Haufen anderer Zei⸗ tungen auf dem Tiſche lag und ſtarrte gedankenlos in die erſte Seite hinein. Ich kann nicht ſagen, wie lang er da ſaß und leer auf einen Artikel in der Todtenliſte hinſchaute, ehe ſein krankhaft afficirtes Gehirn den ganzen Sinn davon zu faſſen vermochte; aber nach einer beträcht⸗ lichen Pauſe ſchob er die Zeitung Robert Audley hinüber und deutete mit einem Angeſichte, deſſen dunkle Bronzefarbe in ein ſieches, kalkiges, grauli⸗ ches Weiß übergegangen war, und mit einer ſchreck⸗ lichen Gelaſſenheit in ſeinem Weſen, den Finger aus⸗ ſtreckend, auf eine Linie, welche alſo lautete: „Am 24. dieſes, zu Ventnor, auf der Inſel Whigt, Helen Talboys, zweiundzwanzig Jahre alt.“ Fünftes Capitel. Der Grabſtein zu Ventnor. Ja: da ſtand es, ſchwarz auf weiß,—„Helen Talboys, zweiundzwanzig Jahre alt.“ Als Georg der Gouvernante an Bord des Argus erklärte, wenn er eine ſchlimme Botſchaft in Bezug auf ſeine Frau erhielte, ſo würde dies auf der Stelle ſein Tod ſein, ſo war es ihm damit voller Ernſt; und jetzt hatte er die ſchlimmſte Botſchaft, die ihm widerfahren konnte, und da ſaß er ſtarr, weiß und hülflos und ſchaute wie außer ſich ſeinem Freunde in das bekümmerte Angeſicht. Das Plötzliche des Schlags hatte ihn betäubt. In der ſeltſamen Verwirrung ſeines Gemüths be⸗ gann er ſich verwundert zu fragen, was denn ge⸗ ſchehen ſei, und woher es komme, daß eine einzige Linie in der Times eine ſo ſchreckliche Wirkung auf ihn hervorzubringen vermöge. Dann entſchwand ſtufenweiſe dieſes vage Bewußt⸗ ſein ſeines Mißgeſchicks langſam aus ſeinem Geiſte, und ihm folgte eine ſchmerzliche Erkenntniß der Dinge außer ihm. Die heiße Auguſtſonne; die ſtaubigen Fenſter⸗ ſcheiben und ärmlichen gemalten Jalouſien; eine An⸗ zahl, von Fliegen beſchmutzter, an der Wand ange⸗ hefteter Theaterzettel; das blanke leere Kamin; ein kahlköpfiger alter, über dem Morning Advertiſer nickender Mann; die ſchlappig beſchuhte Aufwärterin, welche eben ein zerknittertes Tiſchtuch zuſammenlegte, und Robert Audley's hübſches Geſicht, voll mitleidi⸗ ger Bekümmerniß auf ihn gerichtet. Er ſah, wie alle dieſe Dinge rieſige Verhältniſſe annahmen, und dann eines nach dem andern in ſchwarze Flecken zer⸗ floß, die ihm vor den Augen ſchwammen. Er fühlte, wie ein mächtiges Getöfe ſich erhob, als ob ein Halbdutzend wüthender Dampfmaſchinen ihm vor den Ohren tobten und knirſchten, und dann wußte er von Nichts mehr, als daß irgend wer oder was ſchwer auf den Boden fiel. Er öffnete die Augen an dem dämmerigen Abend in einem kühlen und beſchatteten Zimmer, die Stille nur unterbrochen durch das Geraſſel von Rädern in der Ferne. * bt. be⸗ ge⸗ ige uf ſte, ge er⸗ n⸗ e⸗ in ſer in, te, i⸗ ie nd e, en n er d le in 63 Er ſchaute halb verwundert halb gleichgültig um ſich. Sein alter Freund, Robert Audley ſaß rau⸗ chend an ſeiner Seite. Georg lag auf einer niedri⸗ gen eiſernen Bettſtätte, gegenüber von einem offenen Fenſter, an welchem ein Blumenſtänder ſich befand und zwei oder drei Vögel in Käfigen herumhüpften. „Du haſt doch nichts gegen meine Pfeife, Georg?“ fragte ſein Freund gelaſſen. „Nein.“ Er blieb eine Zeit lang ruhig liegen und be⸗ trachtete die Blumen und die Vögel: ein Kanarien⸗ vogel ſang ein gellendes Loblied an die untergehende Sonne. „Beläſtigen Dich die Vögel, Georg? Soll ich ſie aus dem Zimmer nehmen?“ „Nein: ich höre ſie gern ſingen.“ Robert Audley klopfte die Aſche aus ſeiner Pfeife, legte den koſtbaren Meerſchaum ſorgſam auf das Kamingeſims, ging in das nächſte Zimmer und kehrte kurz darauf mit einer Taſſe ſtarken Thee's zurück. „Trinke das, Georg,“ ſagte er, die Taſſe auf ein kleines Tiſchchen neben Georgs Kopfkiſſen ſtellend; es wird Deinem Gehirne gut thun.“ Der junge Mann gab keine Antwort, ſondern blickte langſam im Zimmer herum und dann ſeinem Freunde in das ernſte Angeſicht. „Bob,“ ſagte er,„wo ſind wir?“ „In meiner Wohnung, mein lieber Junge, im Tempel. Du haſt kein eigenes Logis, ſo kannſt Du ebenſo gut bei mir bleiben, ſo lang Du Dich in der Stadt verweilſt.“ Georg fuhr ſich mit der Hand ein⸗ oder zweimal über die Stirne und ſagte dann zögernd, doch ge⸗ laſſen: „Die Zeitung dieſen Morgen, Bob: was war es?“ „Kümmere Dich jetzt nicht darum, alter Knabe; trink' etwas Thee.“ „Ja, ja,“ rief Georg, indem er ungeduldig ſich vom Bette erhob und mit hohlen Augen rings herum ſtarrte.„Jetzt fällt mir wieder Alles ein. Helen, meine Helen! Mein Weib, mein Engel, meine ein⸗ zige Liebe! Todt! todt!“ „Georg,“ ſagte Robert Audley, indem er ſeine Hand ſanſt auf des jungen Mannes Arm legte,„Du mußt bedenken, daß die Perſon, deren Namen Du in der Zeitung geſehen haſt, auch wohl eine andere ſein kann, als deine Frau. Es kann noch eine an⸗ dere Helen Talboys gegeben haben.“ „Nein, nein,“ rief er;„das Alter ſtimmt mit dem ihrigen überein, und Talboys iſt ein ganz un⸗ gewöhnlicher Name.“ „Es kann ein Druckfehler ſein und ſoll vielleicht Talbot heißen.“ „Nein, nein, nein; mein Weib iſt todt.“ Er ſchob die Hand Roberts, der ihn zurückhalten wollte, weg, ſtand vom Bette auf und ging geraden Wegs auf die Thüre zu. „Wohin willſt Du?“ rief ſein Freund. „Nach Ventnor, ihr Grab zu ſehen.“ „Nicht heute Nacht, Georg, nicht heute Nacht. Ich will Dich ſelbſt begleiten mit dem erſten Mor⸗ genzug.“ Robert führte ihn zu dem Bette zurück und nöthigte ihn ſanft, ſich wieder niederzulegen. Dann ten den cht. tor⸗ und ann Dann gab er ihm ein Opiat ein, welches der Arzt für ihn zurückgelaſſen, den man in das Kaffee⸗ haus in Bridge Street, als Georg in Ohnmacht fiel, gerufen hatte. So verſank Georg Talboys in einen ſchweren Schlaf und es träumte ihm, er reiſe nach Ventnor, um ſeine Frau lebend und glücklich, aber runzelig, alt und grau, und ſeinen Sohn zu einem jungen Mann herangewachſen zu finden. Früh am nächſten Morgen ſaß er Robert Audley gegenüber in der erſten Wagenclaſſe eines Eilzugs und fuhr durch die ſchöne offene Landſchaft Ports⸗ mouth zu. Sie fuhren von Ryde nach Ventnor unter der brennenden Hitze der Mittagsſonne. Als die beiden jungen Männer aus der Kutſche ſtiegen, blieben die Leute ſtehen und ſtarrten Georgs weißes Geſicht und unordentlichen Bart an. „Was ſollen wir jetzt thun, Georg?“ fragte Ro⸗ bert Audley“ Wir haben keinen Leitfaden, um die Leute, welche Du zu ſehen wünſchteſt, aufzufinden.“ Der junge Mann ſchaute ihm mit kläglichem, beſtürztem Ausdruck ins Geſicht. Der ſtolze Drago⸗ ner war ſo hilflos wie ein Kind; und Robert Aud⸗ ley, der ſchwankendſte und energieloſeſte aller Men⸗ ſchen, ſah ſich jetzt berufen, für einen Andern zu handeln. Er erhob ſich über ſich ſelbſt und zeigte ſich den Umſtänden gewachſen. „Thäten wir nicht beſſer, Georg, in einem der Hotels nach Mrs. Talboys zu fragen?“ ſagte er. „Ihres Vaters Name war Maldon,“ flüſterte Bradbdon, Lady Aubley's Geheimniß⸗ J. 5 Georg;“ er konnte ſie doch nicht hieher geſchickt ha⸗ ben, um ſie allein ſterben zu laſſen.“ Sie ſprachen Nichts weiter, aber Robert ging gerade auf ein Hotel zu, wo er ſich nach einem Mr. Maldon erkundigte. „Ja,“ lautete die Antwort;„es hält ſich gegen⸗ wärtig ein Gentleman dieſes Namens zu Ventnor auf, ein Kapitän Maldon; ſeine Tochter iſt vor Kur⸗ zem geſtorben.“ Der Kellner erbot ſich, nach ſeiner Adreſſe zu forſchen. Das Hotel war um dieſe Jahreszeit ſehr ſtark beſetzt; die Leute eilten aus und ein, und in der Vorhalle drängten ſich Diener und Kellner geräuſch⸗ voll durch einander. Georg Talboys lehnte ſich an den Thürpfoſten, ganz mit demſelben Geſichte, das ſeinem Freunde in dem Weſtminſter⸗Kaffeehauſe ſolchen Schrecken ein⸗ gejagt hatte. Das Schlimmſte war jetzt beſtätigt. Seine Gat⸗ tin, Kapitän Maldons Tochter, war todt. Der Kellner kehrte in fünf Minuten zurück und berichtete, der Kapitän Maldon wohne zu Lands⸗ downe Cottages, Nr. 4. Sie fanden leicht das Haus auf, eine armſelige Hütte mit gewölbten, aus der Mauer vorſpringen⸗ den Fenſtern und nach dem Waſſer ſehend. War Kapitän Maldon zu Hauſe? Nein, ant⸗ wortete die Hausfrau; er war mit ſeinem kleinen Enkel an den Strand gegangen. Zugleich forderte ſie die Herren auf, einzutreten und ein wenig Platz zu nehmen. B ha⸗ ing Nr. en⸗ nor ur⸗ zu tark der ten, nde ein⸗ at⸗ und ds lige en⸗ nt⸗ nen erte latz 67 Georg folgte mechaniſch ſeinem Freunde in das kleine Wohnzimmer an der Vorderſeite des Hauſes — ſtaubig, ärmlich meublirt und unordentlich; zer⸗ brochene Spielſachen eines Kindes lagen auf dem Boden umher, und ein ſtincklicher Tabaksgeruch ſchwebte um die muſſelinenen Fenſtervorhänge herum. „Schau!“ ſagte Georg, indem er auf ein Ge⸗ mälde über dem Kamingeſimſe deutete. Es war ſein eigenes Portrait, in den alten Dra⸗ gonertagen gemalt. Ein ziemlich gutes Bildniß, welches ihn in Uniform, mit ſeinem Roſſe im Hin⸗ tergrund darſtellte. Vielleicht wäre der lebhafteſte der Menſchen kaum ein ſo kluger Tröſter geweſen, als Robert Audley. Er ſprach kein Wort gegen den geſchlagenen Witt⸗ wer aus, ſondern ſetzte ſich ruhig nieder, Georg den Rücken zugewendet, und ſchaute durch das offene Fenſter. Einige Zeit ſchritt der junge Mann raſtlos im Zimmer auf und ab, indem er die hie und dort herumliegenden Kleinigkeiten von Spielſachen be⸗ trachtete oder zuweilen auch in die Hand nahm. Ihr Arbeitskäſtchen mit einer unvollendeten Sticke⸗ rei, ihr Album, voll von Auszügen aus Byron und Moore, von ihrer eigenen Hand gekritzelt; einige Bücher, welche er ihr gegeben hatte, und ein Büſchel verwelkter Blumen in einer Vaſe, welche ſie in Italien gekauft hatten. „Ihr Portrait hing ſonſt neben dem meinigen,“ murmelte er;„ich bin doch begierig, was man da⸗ mit gemacht hat.“ Plötzlich ſagte er nach einem haolbſtündigen Still⸗ ſchweigen: „Ich möchte gern die Hausfrau ſehen; ich möchte ſie fragen über—“ Er ſank nieder und begrub das Geſicht in ſeinen Händen. Robert rief die Hauswirthin. Sie, ein gutmü⸗ thiges, ſchwatzhaftes Geſchöpf, an Krankheit und Tod gewöhnt, denn viele ihrer Miether kamen her, um da nur zu ſterben. Sie erzählte alle die näheren Umſtände von Mrs. Talboys' letzten Stunden; wie dieſelbe blos acht Tage vor ihrem Tode, im letzten Stadium der Auszehrung, nach Ventnor gekommen; und wie dieſelbe Tag für Tag ſtufenweiſe aber ſicher der verhängnißvollen Krankheit als Beute verſallen war.„Sollte etwa der Gentleman hier ein Ver⸗ wandter von ihr ſein?“ fragte ſie Robert Audley, als Georg laut ſeufzte. „Ja, er iſt der Lady Gemahl.“ „Wie!“ rief die Frau,„er, welcher ſo grauſam davon gegangen iſt und ſie mit ihrem netten Kna⸗ ben dem armen alten Vater zur Laſt zurückgelaſſen hat, wie mir Kapitän Maldon ſo oft mit Thränen in den Augen erzählt hat. „Ich bin ihr nicht davon gelaufen,“ rief Georg; und dann erzählte er ihr die Geſchichte von ſeinem dreijährigen Ringen und Kämpfen. „Sprach ſie von mir?“ fragte er,„ſprach ſie von mir am— am— Ende?“ „Nein, ſie verſchied ſo ſtill wie ein Lamm. Sie ſprach von Anfang an ſehr wenig; aber am letzten Tag kannte ſie Niemand mehr, nicht einmal ihren ill⸗ hte nen nü⸗ od um ren wie zten en; cher llen er⸗ ley, ſam na⸗ ſſen nen g; nem ſie Sie tzten hren 69 kleinen Knaben, noch ihren armen alten Vater, der es ſich ſchrecklich zu Herzen nahm. Auf einmal ver⸗ fiel ſie in wilde Phantaſien, redete von ihrer Mutter und von der Schande, ſo an einem fremden Orte ſterben zu müſſen, daß es Einem ganz wehe that, ſie anzuhören. „Ihre Mutter ſtarb, als ſie noch ein kleines Kind war,“ ſagte Georg.„Denken zu müſſen, daß ſie noch derſelben ſich erinnerte und von ihr redete, aber niemals von mir!“ Die Frau führte ihn in das kleine Schlafzimmer, in welchem ſeine Frau geſtorben war. Er kniete an dem Bette nieder und küßte zärtlich das Kopfkiſſen, ſo daß die Hauswirthin bei dieſem Anblick zu Thrä⸗ nen gerührt wurde. Während er alſo, das Geſicht in dieſes geringe, ſchneeweiße Kopfkiſſen begraben, auf den Knieen lag, vielleicht betete, nahm die Frau Etwas aus einer Schublade. Sie gab es ihm, als er ſich von den Knieen erhob; es war eine lange Haarlocke, in Sil⸗ berpapier eingewickelt. „Ich ſchnitt es ihr ab, als ſie in ihrem Sarge lag,“ ſagte ſie,„das arme liebe Geſchöpf!“ Er drückte die weiche Locke an ſeine Lippen. „Ja,“ murmelte er,„das iſt das theure Haar, das ich ſo oft geküßt habe, wenn ihr Haupt an mei⸗ ner Schulter ruhte, aber damals waren immer leicht gekräuſelte Wellchen daran bemerklich und jezt ſieht es glatt und gerade aus.“ „Es verändert ſich in Krankheiten,“ ſagte die Hauswirthin.„Wenn Sie gern ſehen wollen, wo man ſie hingelegt hat, Mr. Talboys, ſo ſoll mein kleiner Knabe Ihnen den Weg zu dem Kirchhofe zeigen. So wanderten Georg Talboys und ſein treuer Freund nach dem ſtillen Orte, wo unter einem Erd⸗ hügel, an welchem die friſchen Raſenſtücke nur mit Mühe feſthielten, das Weib lag, von deſſen ihn will⸗ kommen heißendem Lächeln Georg ſo oft bei den fernen Antipoden geträumt hatte. Robert ließ den jungen Mann an der Seite des neugemachten Grabes, und als er nach etwa einer Viertelſtunde zurückkehrte, fand er, daß derſelbe ſich noch nicht von der Stelle gerührt hatte. Jezt aber ſchaute er auf und äußerte, wenn ir⸗ gendwo ein Steinhauer in der Nähe wäre, ſo möchte er gern eine Beſtellung bei ihm machen. „Der Steinhauer war ſehr leicht gefunden, und mitten unter den Bruchſtücken und Abfällen auf dem Hofraume deſſelben ſich niederſetzend, notirte ihm Georg Talboys mit Bleiſtift die kurze Inſchrift für den Stein auf ſeiner verſtorbenen Gattin Grab: Geweiht dem Andenken von Seben der geliebten Gattin von Georg Talboys, welche aus dieſem Leben ſchied den 24. Auguſt 1857, alt 22 Jahre, tief betrauert von ihrem bekümmerten Gatten. L = it n er r⸗ te m m ür 71 Sechstes Capitel. Irgendwohin, nur fort aus der Welt. Als ſie nach Landsdowne Cottage zurückkehrten, war der alte Mann noch nicht daheim; ſo gingen ſie alſo an den Strand hinab, um nach ihm zu ſehen. Nach kurzem Suchen fanden ſie ihn, auf einem Haufen Kieſelſteine ſizend, wie er eine Zeitung las und Ha⸗ ſelnüſſe verſpeiste. Der kleine Knabe befand ſich in einiger Entfernung von ſeinem Großvater und war damit beſchäftigt, mit einem hölzernen Spaten ein Loch in den Sand zu graben. Der Flor um des alten Mannes abgetragenen Hut und des Kindes kleines ſchwarzes Röckchen griff Georg an's Hetz. Wo er auch hin ging, überall begegnete ihm die Gewißheit des großen Kummers, dem ſein Leben ver⸗ fallen war. Seine Gattin war todt. „Mr. Maldon,“ ſagte er, als er in die Nähe ſeines Schwiegervaters kam. Der alte Mann ſchaute auf, und erhob ſich, ſeine Zeitung fallen laſſend, von dem Steinhaufen mit einer ceremoniöſen Verbeugung. Sein dünnes blon⸗ des Haar war mit Grau gemiſcht; er hatte eine lange ſchmale Habichtnaſe, waſſerblaue Augen und einen auf Unſchlüſſigkeit deutenden Mund; er trug ſeinen abgeſchabten Anzug mit einer affectirt eiteln Nobleſſe; ein Augenglas hing über ſeiner eng zu⸗ geknöpften Weſte und ein Stock ruhte in ſeiner un⸗ behandſchuhten Rechten. „Lieber Himmel!“ rief Georg,„kennen Sie mich nicht?“ Mr. Maldon fuhr zurück und erröthete lebhaft, und es lag Etwas von Schrecken in ſeinem Blicke, als er ſeinen Schwiegerſohn erkannte. „Mein lieber Junge,“ ſagte er,„wirklich nicht, für den erſten Augenblick nicht; der Bart verändert das Ausſehen ganz und gar. Finden Sie nicht auch, daß der Bart einen großen Unterſchied macht, Sir?“ fuhr er fort, indem er ſich zu Robert wandte. „Großer Gott!“ rief Georg Talboys,“ iſt das die Art, wie Sie mich willkommen heißen? Ich komme nach England, um meine Frau, eine Woche ehe ich ans Land ſteige, geſtorben zu finden, und Sie fangen da an, mir von meinem Barte zu ſchwatzen— Sie, ihr Vater!“ „Wahr! wahr!“ brummte der Alte, indem er ſeine mit Blut unterlaufenen Augen wiſchte;„ein trauriger Schlag, ein trauriger Schlag, mein lieber Georg. Wenn Sie nur eine Woche früher hier ge⸗ weſen wären!“ „Ja wohl!“ rief Georg in einem Ausbruch von Schmerz und Leidenſchaft.„Ich denke kaum, daß ich ſie hätte ſterben laſſen. Ich hätte ſie dem Tode ſtreitig gemacht. Gewiß! gewiß! o Gott! Warum iſt der Argus nicht untergegangen, mit jeder Seele, die an Bord war, ehe ich dieſen Tag erleben mußte?“ Er begann an dem Strande auf und ab zu gehen, während ſein Schwiegervater ihm hilflos zuſah und ſich von Zeit zu Zeit ſeine ſchwachen Augen mit einem Taſchentuche rieb. Ich glaube feſt, daß der alte Mann ſeine Tochter nicht allzu gut behandelte,“ dachte Robert, indem er de vo vo ie im ſei fli N Ki a1 S — — — rů ei zi de de m 73 den Halbſold⸗Lieutenant beobachtete.„Es kam mir vor, als ob er ſich aus dieſem oder jenem Grunde vor Georg fürchte.“ Während der aufgeregte junge Mann in einem fieberiſchen Anfall von Gram und Verzweiflung noch immer ſeinen Gang fortſezte, ſprang das Kind zu ſeinem Großvater hin und hing ſich an ſeinen Rock⸗ flügeln an. „Komm' heim, Großpapa, komm' heim,“ ſagte er. „Ich bin müde.“ Georg Talboys drehte ſich bei dem Ton dieſer Kinderſtimme um und blickte lang und nachdenklich auf den Knaben. Er hatte ſeines Vaters braune Augen und dunkle Haare. „Mein Liebling! mein Liebling!“ ſagte Georg, indem er das Kind in ſeine Arme nahm.„Ich bin Dein Vater, und über das Meer herüber gekommen, Dich aufzuſuchen. Willſt Du mich lieb haben?“ Der kleine Burſche ſtieß ihn zurück. „Ich kenne Dich nicht,“ ſagte er. Ich liebe Groß⸗ papa und Mrs. Monks zu Southampton.“ „Georgey hat ſeinen eigenen Kopf, Sir,“ bemerkte der alte Mann.„Er iſt verzogen worden.“ Sie kehrten langſam nach dem kleinen Hauſe zu⸗ rück und unterwegs erzählte Georg Talboys noch einmal die Geſchichte von ſeiner Flucht, die ſo grau⸗ ſam geſchienen hatte. Er ſprach auch von den zwan⸗ zigtauſend Pfund, welche von ihm Tags zuvor in der Bank niedergelegt worden waren. Er hatte nicht das Herz, eine Frage nach der Verggngenheit zu machen, und ſein Schwiegervater theitke ihm nur ————— ———— ————————— ———————z——— —— mit, daß ſie einige Monate nach ſeiner Abreiſe von dem Ort, wo Georg ſie verlaſſen, weggezogen wären und ihren Wohhnſiz in Southampton genommen hät⸗ ten. Helen wäre es gelungen, dort einige Schüle⸗ rinnen zum Klavierunterricht zu bekommen, und da hätten ſie ſich ziemlich gut fortgebracht, bis es mit ihrer Geſundheit ſchlimmer geworden wäre und ſie die Auszehrung, woran ſie auch ſtarb, bekommen hätte. Gleich ſo vielen traurigen Geſchichten erwies ſich dieſelbe als ſehr kurz. „Der Knabe ſcheint Sie ſehr gern zu haben, Mr. Maldon,“ ſagte Georg nach einer Pauſe. „a ja,“ antwortete der alte Mann, indem er des Kindes Lockenhaar ſtreichelte;„ja, Georgey hat ſeinen Großvater ſehr gern.“ „Dann iſt es beſſer, wenn er bei Ihnen bleibt. Die Intereſſen aus meinem Gelde betragen etwa ſechshundert Pfund jährlich. Ein Hundert davon können Sie für Georgs Erziehung ſich auszahlen laſſen; der Reſt bleibt auf Zinſen ſtehen, bis er herangewachſen iſt. Mein Freund hier wird das Vermögen verwalten, wenn er dieſe Mühe auf ſich nehmen will, und ich beſtelle ihn zum Vormund des Knaben, indem ich dieſem für jetzt noch geſtatte, unter Ihrer Obhut und Pflege zu bleiben. „Aber warum übernimmſt Du dieſe Sorge nicht ſelbſt, Georg?“ fragte Robert Audley. „Weil ich mit dem nächſten Schiffe, das von Liverpool nach Auſtralien ſegelt, wieder fort will. Es wird mir in den Minen oder Urwäldern wohler ſein, als nals hier möglich wäre. Ich bin von di ni on en ät⸗ le⸗ da nit ſie en ies wa on en er as ich es ter on 7 dieſer Stunde an, Bob, für ein civiliſirtes Leben nicht mehr tauglich.“ Des alten Mannes Augen funkelten, als Georg dieſen ſeinen Entſchluß ausſprach. „Mein armer Junge, ich denke, Sie haben Recht,“ ſagte er,„ich denke wirklich, Sie haben Recht. Der Wechſel, das wilde Leben, das— da—“ Er ſtockte und brach ab, als Robert ihm ernſt ins Geſicht ſah. „Sie haben große Eile, Ihres Schwiegerſohnes los zu werden, dünkt mich, Mr. Maldon,“ ſprach er ſtreng. „Seiner los werden, des lieben Jungen! O, nein, nein! Aber um ſeiner ſelbſt willen, mein werther Sir, um ſeiner ſelbſt willen, verſtehen Sie.“ „Ich denke, um ſeiner ſelbſt willen würde er viel beſſer daran thun, in England zu bleiben und nach ſeinem Sohne zu ſehen,“ entgegnete Robert. „Aber ich ſage Dir, es iſt nicht möglich,“ rief Georg; „jeder Zoll von dieſem verfluchten Boden iſt mir verhaßt— es verlangt mich, davon hinweg zu kom⸗ men, wie wenn es ein Todesacker wäre. Ich will noch heute Nacht nach London zurück, das Geldge⸗ ſchäft morgen in aller Frühe abmachen und dann, ohne einen Augenblick zu zögern, nach Liverpool auf⸗ brechen. Es wird mir beſſer werden, wenn ich die halbe Welt zwiſchen mich und ihr Grab gelegt habe.“ Ehe er das Haus verließ, ſtahl er ſich zu der Eigenthümerin deſſelben hinaus und ſtellte noch einige Fragen wegen ſeiner verſtorbenen Gattin an ſie. „Waren ſie arm?“ fragte er;„ging es mit dem Gelde knapp her, ſo lang ſie krank war?“ „O, nein!“ antwortete die Frau;„obwohl der 76 Capitän ſich ſchäbig kleidet, hat er doch immer ſeine Börſe voll Guineen. Der armen Dame iſt nichts abgegangen.“ Dieß gewährte Georg einige Erleichterung, ob⸗ gleich er einigermaßen neugierig geweſen wäre, zu erfahren, wie es der dem Trunke ergebene Halbſold⸗ Lieutenant angeſtellt hatte, um das Geld für alle die Koſten von ſeiner Tochter Krankheit aufzutreiben. Aber er war von dem Schlage, der ihn be⸗ troffen, allzuſehr niedergebeugt, als daß ier viel daran zu denken vermocht hätte. Er fragte alſo nicht weiter, ſondern marſchirte mit ſeinem Schwie⸗ gervater und Robert Audley hinab zu dem Boot, mit welchem ſie nach Portsmouth hinüber fahren wollten. Der alte Mann verabſchiedete ſich von ebert auf eine ſehr ceremoniöſe Weiſe. „Sie haben mich, beiläufig geſagt, en Freunde nicht vorgeſtellt, mein lieber Junge,“ ließ er ſich noch vernehmen. Georg ſtarrte ihn an, brummte einige undeutliche Worte vor ſich hin und ſprang die Treppe zu dem Boote hinab, ehe Mr. Maldon nur ſeine Bitte zu wiederholen vermochte. Der Dampfer eilte mitten durch die Strahlen der untergehenden Sonne hinweg, und die Umriſſe der Inſel verſchwammen mit dem Horizonte, als ſie dem gegenüber liegenden Ufer ſich näherten. „Denken müſſen,“ ſagte Georg,„daß ich vor zwei Nächten um dieſelbe Zeit mit dem Dampfer nach Liverpool fuhr, voll Hoffnung, ſie an mein Herz zu ſchließen, und heute Nacht komme ich von ihrem Grabe her.“ PVi — w n ke ine ts b⸗ zu ld⸗ lle en. be⸗ iel lſo ie⸗ ot, en em ieß n, nd Kr. e. der er em or fer ein on 77 Das Document, welches Robert Audley zum Vormunde des kleinen Georg Talboys beſtellte, wurde am nächſten Morgen auf dem Bureau eines Sachwalters ausgefertigt. „Es iſt eine große Verantwortlichkeit,“ rief Ro⸗ bert.„Ich, Vormund für irgend wen oder was! Ich, der ich in meinem Leben niemals für mich ſelbſt Sorge tragen konnte!“ „Ich vertraue auf Dein edles Herz, Bob,“ ſagte Georg.„Ich weiß, Du wirſt Dich meines armen verwaisten Knaben annehmen und ſorgen, daß er von ſeinem Großvater gut behandelt wird. Ich werde nur ſo viel von Georgs Vermögen mir auszahlen laſſen, als ich brauche, um nach Sydney zurückzu⸗ kehren, und dann meine alte Arbeit wieder be⸗ ginnen.“ Aber es ſchien, als ob Georg ſelbſt zum Vor⸗ munde ſeines Sohnes beſtimmt wäre; denn als er in Liverpool ankam, hörte er, daß gerade ein Schiff unter Segel gegangen war, und vor einem Monate ein zweites ihm nicht folgen werde. So kehrte er nach London zurück und machte noch einmal von Robert Audley's Gaſtfreundſchaft Gebrauch. Der Rechtsanwalt nahm ihn mit offenen Armen auf; er räumte ihm das Zimmer mit den Vögeln und Blumen ein und ließ in ſeinem Ankleide⸗ kabinet für ſich ſelbſt ein Bett aufſchlagen. Der Kum⸗ mer iſt ſo ſelbſtſüchtig, daß Georg der Opfer, welche deſſen Freund ihm für ſeine Bequemlichkeit brachte, nicht gewahr wurde. Er wußte nur ſo viel, daß für ihn die Sonne verdunkelt und die Aufgabe ſei⸗ nes Lebens abgethan war. Er ſaß den ganzen Tag da und rauchte Cigarren und ſtarrte auf die Blu⸗ men und Kanarienvögel hin und konnte vor lauter Ungeduld kaum die Zeit erwarten, da er wieder weit draußen auf der See ſein würde. Allein gerade, als die Stunde anrückte, da das Schiff abgehen ſollte, kam Robert Audley eines Tags, den Kopf von einem großen Plane voll, nach Hauſe. Ein Freund von ihm, gleichfalls einer jener Advo⸗ katen, die am allerlezten an Löſung eines Diploms dachten, war im Begriff, nach St. Petersburg zu gehen, um den Winter daſelbſt zuzubringen, und forderte Robert auf, ihn zu begleiten. Robert war hiezu bereit unter der Bedingung, daß Georg auch mitginge. Lange Zeit leiſtete der junge Mann Widerſtand, aber als er fand, daß Robert in ſeiner higen Weiſe feſt entſchloſſen war, ohne ihn nicht gab er endlich nach und willigte ein, die Parki zumachen.„Was lag auch viel daran?“ ſagte er. „Ein Ort war für ihn ſo gut wie der andere; ir⸗ gendwohin, nur aus England hinweg; was küm⸗ merte es ihn, wo es dann ſein mochte!“ Dieſe Anſicht der Dinge war gerade nicht ſehr erfreulich, aber für Robert Audley war es vollkom⸗ men genug, daß er nur ſeine Einwilligung hatte. Die drei jungen Männer brachen alſo, verſehen mit Empfehlungsſchreiben an die einflußreichſten Be⸗ wohner der ruſſiſchen Hauptſtadt, unter ſehr gün⸗ ſtigen Umſtänden auf. Ehe Robert England verließ, ſchrieb er an ſeine Couſine Alicia und benachrichtigte ſie von ſeiner be⸗ abſichtigten Reiſe mit ſeinem alten Freunde Georg Ta Jl der lar er as 8 ſe. ⸗ n8 zu nd ar uch der gerade ſeine Frau verloren hätte. Alicia's Antwort kam mit umgehender lautete folgendermaßen: „Mein lieber Robert! Talboys, mit dem er kürzlich zum erſten Male nach Jahr und Tag wieder zuſammengetroffen wäre und Poſt und Wie grauſam von Dir, ſo von der Jagdſaiſon nach jenem ſchrecklichen St. Petersburg hinwegzu⸗ laufen. Ich habe gehört, daß die Leute unangenehmen Klima ihre Naſen verlieren die Deinige ziemlich lang iſt, ſo möchte ich in jenem „und da Dir ra⸗ then, heimzukehren, ehe das ganz ſtrenge Wetter eintritt. Zu was für einer Menſchenſorte gehört dieſer junge Mr. Talboys? Iſt er ein recht ange⸗ nehmer Mann, ſo kannſt Du ihn zu uns mitbrin⸗ gen, ſobald Du von Deiner Reiſe zurückkehrſt. Lady Audleh trägt mir auf, Dich zu erſuchen, Zobelpelz itzubringen. Du brauchſt den Preis nicht zu beachten, aber haſt darauf zu ſehen, daß ihr einen er ſo ſchön iſt, als man ihn nur bekommen kann. Papa benimmt ſich wahrhaft albern mit ſeiner neuen Frau, wir aber, ſie und ich, können uns durchaus nicht mit einander vertragen; ſie mir unangenehm iſt, vielmehr macht nicht daß ſie ſich, was das anbelangt, Jedermann angenehm; aber ſie iſt ſo unverbeſſerlich kindiſch und einfältig. Ich verbleibe, mein theurer Robert, Deine Dir wohlgeneigte Couſine Alicia Audley.“ Siebentes Capitel. Uach einem Jahre. Das erſte Jahr von Georg Talboys' Wittwer⸗ ſchaft ſchwand dahin; das tiefe Florband um ſeinen Hut wurde braun und roſtig, und wie der lezte heiße Tag eines zweiten Auguſts zu Ende ging, ſaß er Cigarren rauchend in dem ruhigen Zimmer von Figtree⸗Court, gerade wie er ein Jahr zuvor ge⸗ than hatte, als das Entſezliche ſeines Grams ihm noch neu war, und jeder Gegenſtand im Leben, ſo unbedeutend oder wichtig er ſein mochte, mit dieſer einen großen Kümmerniß verſezt war. Aber der ſtattliche Exdragoner hatte ſeine Trüb⸗ ſal um zwölf Monate überlebt und er ſah darum, ſo hart es mich auch ankommt, dieß ſagen zu müſ⸗ ſen, nicht ſchlechter aus. Der Himmel weiß, welcher innere Wechſel durch dieſe bittere Vereithung ſeiner Wünſche bewirkt worden ſein mochte! Der Himmel weiß, welche verzehrenden Qualen von Gewiſſens⸗ biſſen und Selbſtvorwürfen Georgs ehrliches Herz gefoltert haben mochten, wenn er Nachts wachend dalag und an das Weib dachte, welches er verlaſſen hatte, um auf ein Vermögen auszugehen, deſſen Mitgenuß ſie nicht mehr erkebt hatte. Einmal, da ſie noch im Auslande verweilten, hatte Robert Audley es gewagt, ihm zu der Faſ⸗ ſung, die er wieder gewonnen hatte, Glück zu wün⸗ ſchen. Er brach in ein bitteres Gelächter aus. „Weißt Du, Bob,“ ſagte er,„daß, als einige er⸗ nen ezte ſaß von ge⸗ ihm eſer üb⸗ um, rüſ⸗ cher iner mel n⸗ erz end ſſen ſſen ten, ün⸗ ige ſ6 81 unſerer Kameraden in Indien verwundet worden waren, ſie mit Kugeln im Leibe nach Hauſe kamen? Sie ſprachen nicht davon, und waren ſtark und munter und ſahen vielleicht ſo gut aus wie Du oder ich; aber jede noch ſo geringe Wetterveränderung, jeder noch ſo unbedeutende Wechſel der Atmoſphäre brachte den alten Schmerz ihrer Wunden zurück, ſo heftig, wie ſie ihn je auf dem Schlachtfelde ſelbſt em⸗ pfunden hatten. Ich habe meine Wunde gehabt, Bob; ich trage die Kugel noch immer in mir und werde dieſelbe mit in meinen Sarg nehmen.“ Die Reiſenden kehrten im Frühjahr von St. Pe⸗ tersburg zurück, und Georg nahm ſein Quartier wieder in der Wohnung ſeines alten Freundes, in⸗ dem er dieſelbe nur dann und wann verließ, um nach Southampton hinunter zu fahren und nach ſei⸗ nem kleinen Knaben zu ſehen. Er belud ſich zu dieſem Zweck immer mit Spielſachen und Zuckerwerk für das Kind, aber deſſen ungeachtet wollte es bei Georgey zu keiner rechten Vertraulichkeit mit ſeinem Vater kommen, und es ſchmerzte den jungen Mann tief, als ſich ihm allmälig die Vorſtellung aufdrang, daß ſelbſt ſein Kind für ihn verloren wäre. „Was kann ich thun?“ dachte er.„Nehme ich den Knaben von ſeinem Großvater weg, ſo werde ich ihm das Herz brechen; laſſe ich ihn bei dem⸗ ſelben, ſo wächst er als ein Fremder gegen mich heran und bekümmert ſich mehr um den betrunkenen alten Heuchler, als um ſeinen eigenen Vater. Aber was könnte ein unwiſſender ſchwerer Dragoner wie ich mit einem ſolchen Kinde anfangen? Was könnte ich ihn lehren, als Cigarren zu rauchen und den Bradbon, Lady Audley's Geheimniß. T. 6 82 ganzen Tag mit den Händen in der Taſche herum⸗ zufaulenzen?“ So kam der Jahrestag vom 30. Auguſt, an welchem Georg die Anzeige von ſeiner Gattin Tod zuerſt in der Times gefunden hatte, zum erſten Mal heran, und der junge Mann legte ſeinen ſchwar⸗ zen Anzug und den verſchoſſenen Flor von ſeinem Hute ab und brachte dieſe Trauerkleider in einen Koffer, wo er auch ein Paket Briefe von ſeiner ver⸗ ſtorbenen Frau und jene Haarlocke, welche ihr nach dem Tode vom Haupte geſchnitten worden war, aufbewahrte. Robert Audley hatte niemals weder die Briefe noch die lange ſeidene Haarflechte ge⸗ ſehen; ebenſo wenig hatte Georg jemals des Na⸗ mens ſeiner Gattin erwähnt, ſeit jenem einen Tage zu Ventnor, an welchem die näheren Umſtände ihres Hinſcheidens ihm völlig zur Kenntniß ge⸗ kommen waren. „Ich will heute, Georg, an meine Couſine Alicia ſchreiben,“ ſprach der junge Rechtsgele eben an jenem 6ſten Auguͤſt.„Weißt Du, daß übermorgen der erſte September iſt? Ich will ihr ſchreiben und die Anzeige machen, daß wir beide auf eine Woche zur Jagd nach Audley Court kommen werden.“ „Nein, nein, Bob: geh' Du nur allein hin; ſie wollen nichts von mir, und ich möchte lieber—“ „Dich in Figtree⸗Court begraben, ohne jede an⸗ dere Geſellſchaft als meine Hunde und Kanarien⸗ vögel! Nein, Georg, Du wirſt dergleichen nicht thun.“ „Aber ich mache mir nichts aus der Jagd.. „Und denkſt Du etwa, ich mache mir Etwas eb ge eir de un ſel der ſch Ku nor Kir rei ode übe Luf unk ſie betl Bri die nal jun ub 83 daraus?“ rief Robert mit bezaubernder Naivetät. „Ei, Mann, ich vermag ein Rebhuhn nicht von einer Taube zu unterſcheiden, und es könnte meinetwegen ebenſo gut der erſte April, als der erſte September ſein. Ich habe nie in meinem Leben einen Vogel geſchoſſen, aber ich habe meine Schulter mit der Laſt einer Flinte beſchwert. Ich gehe einzig nach Eſſer der Luftveränderung, der guten Diners halber und um meines Oheims ehrliches, hübſches Angeſicht zu ſehen. Außerdem habe ich dießmal noch eine an⸗ dere Veranlaſſung, ſofern mich verlangt, dieſes ſchönbehaarte Muſterbild, meine neue Tante, zu ſehen. Du wirſt mit mir gehen, Georg?“ „Ja, wenn es wirklich Dein Wunſch iſt.“ Es lag in dem ruhigen Charakter, welchen ſein Kummer nach deſſen erſtem kurzem Ausbruch ange⸗ nommen hatte, daß er ſich ſo nachgiebig wie ein Kind in den Willen ſeines Freundes fügte, ſtets be⸗ reit, nach Belieben da oder dorthin zu gehen, dieß oder jenes zu thun; daß er ſich niemals einer Freude überließ oder eine Anregung dazu gab, ſondern an den Luſtbarkeiten Anderer nur mit hoffnungsloſer, ſtiller, unbeſchwerender und anſpruchsloſer Reſignation, wie ſie ſeiner einfachen Natur eigenthümlich war, ſich betheiligte. Aber die nächſte Poſt brachte einen Brief von Alicia Audley mit der Meldung, daß die beiden jungen Männer im Schloſſe keine Auf⸗ nahme finden könnten. „Wir haben ſiebzehn Gaſtzimmer,“ ſchrieb die junge Dame in ihrer zornigen, raſchen Weiſe, „aber deſſen ungeachtet, mein lieber Robert, kannſt 84 Du nicht kommen; denn Mylady hat ſich in den einfältigen Kopf geſezt, daß ſie allzu krank ſei, um Beſucher zu empfangen(das iſt bei ihr gerade ſo wenig der Fall, als bei mir ſelbſt) und Gentlemen (große rohe Männer, ſagt ſie) nicht im Hauſe haben könne. Sei ſo gut und entſchuldige uns bei Dei⸗ nem Freunde, Mr. Talboys, und ſage ihm, Papa hoffe, Euch beide zur Jagdſaiſon zu ſehen.“ Mylady's Launen und Zierereien ſollen uns den⸗ noch nicht abhalten, nach Eſſer zu gehen,“ ſagte Ro⸗ bert, während er den Brief zu einem Fidibus für ſeine große Meerſchaumpfeife zuſammendrehte.„Ich will Dir ſagen, was wir thun, Georg; zu Audley iſt ein herrliches Gaſthaus, und Gelegenheit zum Fiſchen gibt es in der Nachbarſchaft die Fülle: wir gehen hin und denken auf eine Woche an unſere ländlichen Beluſtigungen. Fiſchen iſt viel beſſer als Schießen; Du brauchſt Dich nur am Ufer auszu⸗ ſtrecken und auf Deine Leine zu ſchauen; ich finde nicht, daß Du gerade oft Etwas fängſt, aber es iſt ſehr unterhaltend.“ Er hielt den zuſammengedrehten Brief, indem er alſo redete, über das ſchwache Flämmchen des auf dem Kaminroſte glimmenden Feuers, beſann ſich aber plözlich eines Andern, faltete denſelben wieder be⸗ dächtig aus einander und ſtrich das zerknitterte Pa⸗ pier mit der Hand glatt. „Arme kleine Alicia,“ ſprach er nachdenklich; es iſt doch etwas hart, ihre Briefe ſo cavalierement zu behandeln,— ich will ihn aufbewahren.“ So ſteckte denn Mr. Robert Audley das Schrei⸗ ben wieder in ſein Couvert und warf es dann in den um ſo nen ben ei⸗ pa en⸗ Ro⸗ für Ich ley um wir ere als zu⸗ nde iſt er auf ber be⸗ Pa⸗ es zu rei⸗ in richtlichem Werthe enthielt. Hätte Jemand dem jun⸗ 85 ein Taubenloch*) ſeines Schreibtiſches, welches die Inſchrift Wichtig trug. Der Himmel weiß, welche wunderbaren Dokumente in dieſem beſonderen Fache ſich befinden mochten, aber es ſcheint mir nicht wahr⸗ ſcheinlich, daß es irgend ein Stück von großem ge⸗ gen Rechtsgelehrten in dieſem Augenblick geſagt, ein ſo einfaches Ding wie der Brief ſeiner Couſine würde eines Tags ein Glied in der ſchrecklichen Kette von Beweisſtücken bilden, welche ſpäterhin in dem einzi⸗ gen Criminalfall, bei welchem er jemals betheiligt ward, langſam geſchmiedet werden ſollte, Mr. Robert Audley hätte vielleicht die Augenbrauen noch ein wenig höher als gewöhnlich hinaufgezogen. So verließen die beiden jungen Männer London am nächſten Tage, mit einem Mantelſack und einer Angelruthe ſammt Zubehör neben ſich, und erreichten das zerſtreut liegende, altmodiſche, faſt verfallende Dorf Audley noch zeitig genug, um ein gutes Di⸗ ner in dem Gaſthauſe zur Sonne zu beſtellen. Audley Court war ungefähr eine Dreiviertels⸗ meile von dem Dorfe entfernt und lag, wie bereits geſagt, in einer tiefen, von üppigem Baumwuchs eingeſchloſſenen Thalſenkung. Man gelangte dahin nur auf einem Feldwege, der mit Bäumen beſetzt und ſo ſauber wie die Alleen in einem Herrſchafts⸗ park gehalten wurde. Es war, ſelbſt in ſeiner länd⸗ lichen Schönheit, ein recht düſterer Ort für ein ſo heiteres Geſchöpf wie die ehemalige Miß Lucy Gra⸗ N. So heißen die Fächer im Schreibtiſche, zum Aufbewah⸗ ren von Briefen u. dgl. d.. — 86 ham, aber der großmüthige Baronet hatte das Innere der grauen alten Behauſung in einen kleinen Palaſt für ſeine junge Frau verwandelt, und Lady Audley ſchien ſo glücklich wie ein Kind, das von neuen und koſtbaren Spielſachen umgeben iſt. In ihren nunmehrigen Glücksumſtänden, wie in den alten Tagen ihrer Abhängigkeit ſchien dieſelbe, wohin ſie ging, Sonnenſchein und Heiterkeit mit ſich zu bringen. Trotz Miß Alicia's unverholener Ver⸗ achtung gegen das kindiſche und frivole Weſen ihrer Stiefmutter, war Luey doch lieber geſehen und mehr bewundert, als des Baronets Tochter. Eben dieſes kindliche Weſen hatte einen Reiz, dem Wenige zu widerſtehen vermochten. Die Unſchuld und Offen⸗ herzigkeit eines Kindes ſtrahlte in Lady Audley's ſchönem Angeſichte und leuchtete aus ihren großen, flüſſig blauen Augen hervor. Die roſigen Lippen, die zarte Naſe, die Fülle ſchöner Locken, Alles trug dazu bei, ihrer Schönheit den Charakter äußerſter Jugend und Friſche zu bewahren. Sie zählte zwei⸗ undzwanzig Jahre, aber man hatte Mühe, ihr mehr als ſiebzehn zu geben. Ihre ſchwächliche Geſtalt, welche ſie gern in ſchweren Sammet und ſteife rau⸗ ſchende Seide kleidete, ſo daß ſie wie ein für einen Maskenball gepuztes Kind ausſah, war ebenſo jugend⸗ lich, als ob ſie gerade die Ammenſtube verlaſſen hätte. Alle ihre Unterhaltungen waren kindlicher Natur. Sie haßte das Leſen oder Studiren jeder Art und liebte Geſellſchaft; ehe ſie allein ſein mochte, zog ſie lieber Phöbe Marks in ihr Vertrauen, und ſtreckte ſich nach⸗ läßig auf einen der Sophas in ihrem luxuriöſen Toilettenzimmer aus, indem ſie ein neues Koſtüm ere aſt ley ind in be, ſich er⸗ rer ehr zu en⸗ y's en, en, rug ſter ei⸗ ehr alt, au⸗ nen nd⸗ tte. Sie bte ber ch⸗ ſen 87 für ein bevorſtehendes Diner beſprach, oder ſetzte ſich hin und plauderte mit dem Kammermädchen, ihr Schmuckkäſtchen zur Seite, auf den Atlaskiſſen, und Sir Michaels Geſchenke auf ihrem Schooße ausge⸗ breitet, während ſie ihre Schätze zählte und be⸗ wunderte. Sie war auf mehreren öffentlichen Bällen zu Chelmsford und Colcheſter erſchienen und wurde un⸗ mittelbar als die Schöne der Grafſchaft proklamirt. Erfreut über ihren hohen Rang und ihr ſchönes Haus; der Nachſicht gegen jede Laune, der Erfüllung jeder Grille bewußt; bewundert und geſchmeichelt, wohin ſie kam, eingenommen für ihren freigebigen Gemahl; reich durch das noble ihr ausgeſezte Nadelgeld; frei von armen Verwandten, um ihr mit Anſprüchen auf ihre Börſe oder ihre Gönnerſchaft zur Laſt zu fallen, würde es ſchwer gehalten haben, in der ganzen Graf⸗ ſchaft Eſſer ein glücklicheres Geſchöpf zu finden, als Lucy, Lady Audley. Die beiden jungen Männer ſaßen gemächlich an ihrem Mittagstiſche in dem Privatwohnzimmer im Gaſthauſe zur Sonne. Die Fenſter waren weit auf⸗ geriſſen, und die friſche Landluft blies herein, während ſie ihr Mahl verzehrten. Das Wetter war lieblich; das Laubwerk der Waldungen hatte ſchon hin und wieder einen ſchwachen Anflug von herbſtlichem Colorit angenommen; das gelbe Korn ſtand da und dort noch auf den Feldern, während es auf andern ge⸗ rade unter der glänzenden Sichel fiel; auf den ſchma⸗ len Feldwegen erblickte man große, mit breitbrüſtigen Gäulen beſpannte Wägen, auf welchen man den rei⸗ chen goldenen Segen heimführte. Für Jemand, wel⸗ 88 cher die heißen Sommermonate hindurch in London eingeſperrt geweſen, liegt in dem Genuſſe des Land⸗ lebens eine Art ſinnlichen Entzückens, das kaum zu beſchreiben iſt. Georg Talboys fühlte das, und die erſten, der Freude verwandten Regungen, die er je ſeit ſeiner Gattin Tod empfunden hatte, ſtiegen in ihm auf.. Die Uhr ſchlug fünf Uhr, als ſie mit ihrem Diner fertig waren. „Setz' deinen Hut auf, Georg,“ ſagte Robert Audley,„man ſpeist in dem Herrenhauſe erſt um Sieben; wir haben noch Zeit, hinabzuſchlendern und den alten Ort und ſeine Bewohner uns anzuſehen.“ Der Wirth, welcher eben mit einer Flaſche Wein in das Zimmer getreten war, ſchaute auf, als der junge Mann ſprach. „Ich bitte um Entſchuldigung, Mr. Audley“, ſagte er,„aber wenn Sie Ihren Oheim ſehen wollen, ſo werden Sie Ihre Zeit damit verlieren, daß Sie jetzt nach dem Schloß gehen. Sir Michael und My⸗ lady und Miß Alicia ſind alle zu dem Pferderennen nach Chorley gefahren und werden höchſt wahrſchein⸗ lich erſt gegen acht Uhr zurückkommen. Sie müſſen bei der Heimkehr hier vorüber.“ Unter ſolchen Umſtänden wäre es natürlich un⸗ nütz geweſen, in das Schloß zu gehen; ſo ſchlender⸗ ten alſo die beiden jungen Männer durch das Dorf, warfen einen Blick in die alte Kirche, gingen dann weiter und recognoscirten die Bäche, worin ſie am nächſten Tage fiſchen wollten, und brachten auf ſolche Art die Zeit bis nach ſieben Uhr hin. Etwa eine Viertelſtunde ſpäter kehrten ſie in das Gaſthaus zu⸗ in⸗ nn im ne 89 rück, ſezten ſich an das offene Fenſter, zündeten ihre Cigarren an und genoſſen der friedlichen Ausſicht. Wir hören jeden Tag von Mordthaten, welche auf dem Lande begangen werden. Brutale und hinter⸗ liſtige Mordthaten; langſames, verlängertes Todes⸗ leiden von Gift, das eine verwandte Hand beige⸗ bracht hatte; plötzliche und gewaltſame Tödtungen durch einen grauſamen Schlag mittelſt eines Knittels, welcher von einer breitäſtigen Eiche, deren Schatten ſchon— Frieden verſprach, abgehauen wurde. In der Grafſchaft, von welcher ich ſchreibe, hat man mir eine Wieſe gezeigt, auf welcher an einem ſtillen Sommer⸗ Sonntagabende ein junger Farmer das Mädchen er⸗ mordete, das ihn geliebt und ihm vertraut hatte, und gleichwohl iſt ſelbſt jetzt noch, mit dem Brand⸗ mal jener ſchändlichen That an ſich, das Ausſehen des Ortes— Friede. Nie iſt ein Verbrechen in den ſchlimmſten Gaunerherbergen von Seven Dials begangen worden, das nicht ſeinesgleichen im Ange⸗ ſicht jener ſüßen ländlichen Ruhe gefunden hätte, welche wir noch immer, trotz alles deſſen, mit einer weichen, halb trauernden Sehnſucht betrachten und mit — Frieden vergeſellſchaften. Es war dunkel, als Cabriolets und Chaiſen, Dogcarts und plumpe Farmer⸗Phaetons durch die Straße des Dorfs und unter den Fenſtern der Sonne zu raſſeln begannen; noch dunkler, als ein offener, vierſpänniger Wagen plötzlich an dem wackelnden Pfoſten, der das Schild des Wirthauſes trug, vorfuhr. Es war Sir Michael Audley's Barutſche,*) welche ) Halbchaiſe. d 90 ſo plötzlich vor dem kleinen Gaſthauſe anhielt. Das Geſchirr von einem der Vorderpferde war in Un⸗ ordnung gerathen, und der Eine der Poſtillons ſtieg ab, um daſſelbe wieder zurechtzuſetzen. „Ei, es iſt mein Oheim,“ rief Robert Audley, als die Chaiſe anhielt.„Ich will hinunter eilen, um ihn zu ſprechen.“ Georg zündete eine andere Cigarrre an und be⸗ trachtete ſich, hinter den Fenſtervorhängen verborgen, die kleine Geſellſchaft. Alicia ſaß mit dem Rücken gegen die Pferde zu, und er vermochte ſelbſt in der Dunkelheit zu erkennen, daß ſie eine hübſche Brünette war; aber Lady Audley ſaß auf der von dem Gaſt⸗ hauſe abgekehrten Seite des Fuhrwerks, und ſo konnte er von dem ſchönbehaarten Muſterbilde, von welchem er ſchon ſo viel gehört hatte, Nichts ſehen. „Wie, Robert,“ rief Sir Michael, als ſein Neffe aus dem Gaſthauſe herausſprang,„das iſt eine Ue⸗ berraſchung!“ „Ich bin nicht gekommen, mich im Herrenhauſe einzudrängen, mein lieber Oheim,“ ſagte der junge Mann, als der Baronet ihm nach ſeiner herzlichen Weiſe die Hand ſchüttelte.„Eſſex iſt mein Geburts⸗ land, wiſſen Sie, und um dieſe Jahreszeit bekomme ich gewöhnlich eine Anwandlung von Heimweh; ſo haben wir alſo, Georg und ich, uns in dem Gaſthauſe einquartirt, um zwei oder drei Tage zu fiſchen. „Georg— Georg wer?“ „Georg Talboys.“ „Wie, iſt er gekommen?“ rief Alicia.„Das freut mi jun Tre ſog ley ihr ſtä: etw abg Bes dur Au Ma Ger Wu Ger ep. des mor geg ſpri Har ſüß ihre neht ſpra bei Das Un⸗ ſtieg ley, ilen, be⸗ gen, cken der nette aſt⸗ nnte chem Keffe Ue⸗ auſe unge ichen urts⸗ mme veh; dem e zu freut 91 mich, denn ich ſterbe vor Verlangen, dieſen hübſchen jungen Wittwer zu ſehen.“ „Wirklich, Alicia?“ ſagte ihr Couſin.„Meiner Treue, dann will ich hinauf und ihn holen und dir ſogleich vorſtellen.“ Nun war aber die Herrfchaft, welche Lady Aud⸗ ley, in ihrer kindlichen, unbekümmerten Weiſe über ihren treu ergebenen Gemahl erlangt hatte, ſo voll⸗ ſtändig, daß nur höchſt ſekten des Baronets Blicke etwas länger von ſeiner Gattin ſchönem Angeſichte abgewendet waren. Als demnach Robert eben im Begriff war, in das Gaſthaus zurückzukehren, be⸗ durfte es nur des ſchwächſten Zuckens von Lucy's Augenbrauen, mit einem reizenden Ausdruck von Mattigkeit und Beängſtigung im Gefolge, um ihren Gemahl wiſſen zu laſſen, daß es nicht in ihrem Wunſche lag, ſich noch durch eine Vorſtellung von Georg Talboys ennuyiren zu laſſen. „Denk' heute Nacht nicht mehr daran, Bob“, ſagte er.„Meine Frau iſt nach den langen Luſtbarkeiten des Tages ein wenig ermüdet. Bringe deinen Freund morgen zum Diner, und dann kann er und Alicia gegenſeitig Bekanntſchaft machen. Komm' herum und ſprich mit Lady Audley, und dann wollen wir nach Hauſe fahren.“ Mylady war ſo ſchrecklich ermüdet, daß ſie nur ſüß zu lächeln und die kleine behandſchuhte Rechte ihrem angeheiratheten Neffen zu reichen vermochte. „Sie werden morgen das Diner mit uns ein⸗ nehmen und Ihren intereſſanten Freund mitbringen?“ ſprach ſie mit leiſer und matter Stimme. Sie war bei dem Wettrennen das vornehmſte Ziel der Auf⸗ 92 merkſamkeit geweſen und fühlte ſich nun ſehr er⸗ müdet von der Anſtrengung, die halbe Grafſchaft zu bezaubern. „Es iſt ein wahres Wunder, daß ſie Dir nicht ihr unaufhörliches Gelächter zum Beſten gab,“ flüſterte Alicia, als ſie ſich über den Wagen her⸗ auslehnte, um Robert gute Nacht zu ſagen.„Aber ich glaube wohl, ſie bewahrt Dir dieſes Ergötzen für Morgen auf. Ich denke mir, Du biſt ebenſo bezau⸗ bert, wie Jedermann ſonſt?“ fügte die junge Dame ziemlich ſchnippiſch hinzu. „Sie iſt ein liebliches Geſchöpf, gewiß,“ flüſterte Robert, mit gelaſſener Bewunderung. 6 natürlich! Nun, ſie iſt die erſte Frau, über welche ich Dich jemals ein artiges Wort ſagen hörte, Robert Audley. Ich finde zu meinem Bedauern, daß Du nur Wachspuppen bewundern kannſt.“ Die arme Alicia hatte ſchon manchen Streit mit ihrem Couſin über jene eigenthümliche Richtung ſei⸗ nes Temperaments ausgefochten, welche ihn zwar be⸗ fähigte, mit vollkommener Gleichmüthigkeit und ſtiller Luſt durch das Leben zu gehen, aber auch bei ihm jeden Funken von Enthuſiasmus über irgend einen Gegenſtand ausſchloß. „Ob er ſich jemals verlieben kann,“ fragte ſich zuweilen die junge Dame;„die ezi allzu wider⸗ ſinnig. Wenn alle Göttinnen auf Erden in einer Reihe vor ihm ſtänden und warteten, daß ſeine ſul⸗ taniſche Hoheit einer das Taſchentuch zuwerfe, er würde blos die Augenbrauen bis zur Mitte der Stirne hinauf ziehen und ihnen ſagen, ſie ſollen es zu erhaſchen ſuchen.“ nal jem als Fre Rin haf Vei wol wie lieb wol Zeit aber als wele Hut alte dem lung gen um eine war und alter ſo 3 als wun nicht ab,“ her⸗ Aber für zau⸗ ame terte über örte, daß mit ſei⸗ r be⸗ tiller ihm inen ſich der⸗ ine ſul⸗ der nes 93 Aber einmal in ſeinem Leben war Robert bei⸗ nahe enthuſiaſtiſch. „Sie iſt das hübſcheſte kleine Geſchöpf, das Du jemals in Deinem Leben geſehen, Georg,“ rief er, als die Chaiſe abgefahren war und er zu ſeinem Freunde zurückkehrte.„Solche blaue Augen, ſolche Ringellocken, ſo ein entzückendes Lächeln, ſo ein feen⸗ hafter Hut— ein wahres Gezitter von dreifarbigen Veilchen und bethauten Goldflimmern, aus einer Gaze⸗ wolke hervorſcheinend. Georg Talboys, es iſt mir wie dem Helden eines franzöſiſchen Romans, ich ver⸗ liebe mich in meine Tante.“ Der Wittwer ſeufzte nur und ſtieß heftige Rauch⸗ wolken aus ſeiner Cigarre zum offenen Fenſter hin⸗ aus. Vielleicht dachte er an jene lang entſchwundene Zeit— in Wirklichkeit wenig über fünf Jahre her, aber für ihn zu einer wahren Ewigkeit geworden— als er zum erſten Mal der Frau begegnete, für welche er noch vor drei Tagen den Flor um ſeinen Hut getragen hatte. Sie kehrten wieder, alle jene alten unvergeſſenen Gefühle, ſie kamen zurück, mit dem Schauplatze ihres Geburtsortes. Wiederum lungerte er mit ſeinen Kameraden auf dem armſeli⸗ gen Hafendamme in dem armſeligen Badeorte her⸗ um und horchte auf eine klägliche Muſikbande mit einem Zinkhorn das um anderthalb Noten zu tief war. Wiederum hörte er die alten Opern⸗Arien, und wiederum kam ſie auf ihn zugetrippelt, auf ihres alten Vaters Arm gelehnt und ſich ſtellend(mit einem ſo zauberiſchen, köſtlichen, ernſt⸗ komiſchen Weſen), als lauſche ſie nur der Muſik und habe von der Be⸗ wunderung eines halben Duzends mit offenem Munde 94 daſtehender Kavallerie⸗Officiere gar keine Kenntniß. Wiederum kam die alte Einbildung über ihn, ſie ſei gewiſſermaſſen zu ſchön für dieſe Erde, oder für irdiſche Beſtrebungen, und ſich ihr zu nähern ſei ge⸗ rade ſo viel, als ſich in eine höhere Atmoſphäre emporzuſchwingen und eine reinere Luft einzuathmen. Und ſeitdem war ſie ſeine Gattin und die Mutter ſeines Kindes geworden. Sie lag auf dem kleinen Kirchhof zu Ventnor, und erſt vor einem Jahr hatte er einen Grabſtein für ſie beſtellt. Ein paar lang⸗ ſame ſtille Thränen fielen auf ſeine Weſte, als er in dem ruhigen, dunkelnden Zimmer an alle dieſe Dinge gedachte. Lady Audley war ſo erſchöpft, als ſie zu Hauſe ankam, daß ſie nichts mehr davon wiſſen wollte, beim Diner zu erſcheinen, und ſich ſogleich in ihr Toilettenzimmer, begleitet von Phöbe Marks, zurückzog. Sie war in ihrem Benehmen gegen das Kam⸗ mermädchen ein wenig capriciös; bald zeigte ſie ſich ſehr vertraulich, bald ziemlich zurückhaltend; aber ſie war eine freigebige Gebieterin und das Mädchen hatte allen Grund, mit ihrer Lage zufrieden zu ſein. Dieſen Abend war ſie troz ihrer Ermüdung bei äußerſt guter Laune und gab eine lebhafte Schilde⸗ rung von dem Pferderennen und der Geſellſchaft, welche bei demſelben gegenwärtig war. „Ich bin aber auch todmüde, Phöbe,“ ſagte ſie plözlich.„Ich muß wie eine wahre Vogelſcheuche ausſehen, nach einem Tage in der heißen Sonne.“ Es ſtanden angezündete Lichter zu beiden Seiten des Spiegels, vor welchem Lady Audley eben ſich be⸗ fand, um ihr Kleid aufzumachen. Sie ſchaute, indem ſie 2 alſ ihr ger ver tete als Se ſtre ber ord Leu and ladt ſehr My ſchn ſtolz züge Far ſchoſ Aug Dein ſind farb Nun den Rotk wie niß. ſei für ge⸗ häre nen. utter inen tte ang⸗ r in inge auſe lte, ihr zog. am⸗ ſich v ſie chen ſein. bei ilde⸗ haft, ſie uche iten be⸗ n ſie 95 alſo ſprach, ihrem Kammermädchen voll ins Geſicht, ihre blauen Augen hell und glänzend, und die roſi⸗ gen, kindlichen Lippen zu einem ſchalkhaften Lächeln verzogen. „Sie ſind ein Bischen blaß, Mylady,“ antwor⸗ tete das Mädchen,„aber Sie ſehen ſo hübſch aus als jemals.“ „Das iſt recht, Phöbe,“ ſagte ſie, ſich in einen Seſſel werfend und ihre Locken der Zofe zurück⸗ ſtreichend, welche mit einer Bürſte in der Hand, bereit ſtand, das üppige Haar für die Nacht zu ordnen.„Weißt Du was, Phöbe, ich habe ſchon Leute ſagen hören, Du und ich, wir gleichen ein⸗ ander?“ „Ich habe auch ſchon dergleichen gehört, My⸗ lady,“ erwiederte das Mädchen ruhig,„aber man muß ſehr einfaltig ſein, um ſo Etwas zu ſagen, denn Mylady iſt eine Schönheit, und ich bin ein armes, ſchmuckloſes Geſchöpf.“ „Durchaus nicht, Phöbe,“ ſagte die kleine Dame ſtolz;„Du gleichſt mir wirklich, und Deine Geſichts⸗ züge ſind ſehr nett; was Dir abgeht, iſt nur die Farbe. Mein Haar iſt blaßgelb, mit Gold durch⸗ ſchoſſen, und das Deinige iſt hellgraulich; meine Augenbrauen und Augenlider ſind dunkelbraun, die Deinigen faſt— ich mag es kaum ſagen, aber ſie ſind faſt weiß, meine liebe Phöbe; Deine Geſichts⸗ farbe iſt fahl, die meinige iſt blaßroth und roſig. Nun, mit einer Flaſche Haartinktur, wie wir ſie in den Zeitungen angekündigt ſehen, und einem Topfe Roth, würdeſt Du eines Tages ebenſo gut ausſehen, wie ich, Phöbe. 96 So ſchwazte ſie lange Zeit fort, indem ſie auf hundert unbedeutende Dinge gerieth und zur Kurz⸗ weil für ihre Zofe ſich über die Leute, welche ſie bei dem Pferderennen getroffen hatte, luſtig machte. Ihre Stieftochter trat in das Toilettenzimmer, um ihr gute Nacht zu ſagen, und traf Zofe und Ge⸗ bieterin laut lachend über eines von den Abenteuern des Tages. Alicia, welche ſich niemals mit ihrer Dienerſchaft auf vertraulichen Fuß geſtellt hatte, ent⸗ fernte ſich mit Eckel über Mylady's Frivolität. „Fahre fort mit dem Haarbürſten, Phöbe,“ ſagte Lady Audley, ſo oft das Mädchen im Begriff war, die letzte Hand an ihre Arbeit zu legen;„es macht mir Unterhaltung, mit Dir zu plaudern.“ Zulezt, gerade als ſie die Zofe entlaſſen hatte, rief ſie dieſelbe plözlich wieder zurück. „Phöbe Marks,“ ſagte ſie,„ich möchte, daß Du mir einen Gefallen thäteſt.“ „Gern, Mylady.“ „Ich wünſche, daß Du morgen frühe mit dem erſten Zuge nach London gehſt, um einen Auftrag für mich auszurichten. Du kannſt Dir hernach einen Feiertag machen, da ich weiß, daß Du Freunde in der Hauptſtadt haſt, und ich gebe Dir eine Fünf⸗ pfundnote, wenn Du mir meinen Willen thuſt und reinen Mund darüber hältſt.“ „Ja, Mylady.“ „Sieh', ob die Thüre auch feſt verſchloſſen iſt, und komm' dann hieher und ſeze Dich zu meinen Füßen auf dieſen Schemel.“ Das Mädchen gehorchte. Lady Audley ſtrich ihrer Zofe mit ihrer fleiſchigen, weißen, juwelenge⸗ tet ur em rag nen in nf⸗ ind iſt, ien 97 ſchmückten Hand über das mißfarbige Haar, während ſie einige Augenblicke in Nachdenken verſunken war. „Und nun höre mir zu, Phöbe. Was ich von Dir begehre, iſt ſehr einfach.“ Es war ſo einfach, daß es in fünf Minuten ge⸗ ſagt war, und dann zog ſich Lady Audley in ihr Schlafgemach zuruͤck und ſchmiegte ſich behaglich unter dem eiderdunenen Pfühl zuſammen. Sie war ein fröſtelndes kleines Geſchöpf und hatte es gern, ſich in weiche Hüllen von Atlas und Pelz zu begraben. „Küſſe mich, Phöbe,“ ſagte ſie, als das Mädchen die Bettvorhänge zurecht machte.„Ich höre Sir Michaels Schritt im Vorzimmer; Du wirſt ihm be⸗ gegnen, wenn Du hinausgehſt, und kannſt ihm ſagen, Du reiſeſt morgen früh mit dem erſten Zuge nach London, um mein Kleid von Madame Frederick zu dem Diner in Morton Abbey zu holen.“ Es war ſpät am nächſten Morgen, als Lady Audley zum Frühſtück hinabging— zehn Uhr vor⸗ über. Während ſie ihren Kaffee nippte, kam ein Diener herein und übergab ihr ein verſiegeltes Packet und ein Buch zur Unterſchriſt. „Eine telegraphiſche Botſchaft!“ rief ſie; denn das paſſende Wort Lelegramm war noch nicht er⸗ funden worden.„Was kann das ſein?“ Sie blickte ihren Gatten mit aufgeriſſenen, er⸗ ſchrockenen Augen an und ſchien ſich halb zu fürch⸗ ten, das Siegel zu erbrechen. Das Couvert war überſchrieben an Miß Lucy Graham bei Mr. Dawſon und vom Dorfe hergeſchickt worden. „Lies, mein Herzchen,“ ſagte er,„und mache Braddon, Lady Aubleh's Geheimniß. I. — 98 Dir keine Unruhe; es kann Etwas ohne Bedeutung ſein.“ Es kam von Mrs. Vincent, der Schulvorſteherin, auf welche ſie ſich beim Eintritt in Mr. Dawſons Familie berufen hatte. Die Dame war gefährlich erkrankt und flehte ihre ehmalige Schülerin an, ſie zu beſuchen. „Die arme Seele! Sie hatte immer die Abſicht, mir ihr Geld zu hinterlaſſen!“ ſagte Lucy mit einem traurigen Lächeln.„Sie hat niemals von dem Wechſel in meinen Glücksumſtänden gehört. Lieber Sir Michael, ich muß zu ihr hin“ „Gewiß, das mußt Du,“ mein liebes Kind.„Wenn ſie gegen mein armes Mädchen in ihrem Mißge⸗ ſchick freundlich war, ſo hat ſie einen Anſpruch an Dich, der nie vergeſſen werden ſoll. Seze Deinen Hut auf, Lucy; wir wollen uns richten, um den Schnellzug nicht zu verſäumen. „Sie wollen alſo mit mir gehen?“ „Natürlich, mein Liebling. Glaubſt Du, ich werde Dich allein gehen laſſen?“ „Nein, ich war überzeugt, Sie werden mich be⸗ gleiten,“ antwortete ſie nachdenklich. „Gibt Deine Freundin eine Adreſſe an?“ „Nein, aber ſie wohnte immer in Creſcent Villa, Weſt Brompton; und ohne Zweifel wohnt ſie noch dort.“ Lady Audley hatte kaum noch Zeit, ihren Hut aufzuſezen und den Shawl anzulegen, ehe ſie den Wagen am Thore vorfahren hörte; Sir Michael erwartete ſie am Fuß der Treppe. Die Zimmerreihe, welche ſie bewohnte, hing, wie ing rin, ons lich ſie cht, em ſel Sir enn ge⸗ an nen den ich be⸗ lla, och ut den ael wie 99 bereits geſagt, unter ſich zuſammen und ging in ein achteckiges Vorzimmer aus, das mit alten Gemälden geſchmückt war. Selbſt in ihrer Eile hielt ſie be⸗ dächtig unter der Thüre dieſes Zimmers noch ein⸗ mal ſtill, ſchaute ſich wiederholt um und ließ den Schlüſſel in ihre Taſche gleiten. War dieſe Thüre geſchloſſen, ſo war auch jeder Zutritt zu Mylady's Appartements abgeſchnitten. Achtes Capitel. Vor dem Sturme. So wurde das Diner zu Audley Court verſcho⸗ ben, und Miß Alicia mußte noch länger darauf warten, ſich den hübſchen jungen Wittwer, Mr. Georg Talboys vorgeſtellt zu ſehen. Ich fürchte, wenn die genaue Wahrheit geſagt werden ſoll, ſo lag vielleicht eine gewiſſe Affectation in dem lebhaften Verlangen, welches die junge Dame zu erkennen gab, Georg's Bekanntſchaft zu machen; aber wenn die arme Alicia einen Augenblick darauf rechnete, irgend einen geheimen Funken von Eifer⸗ ſucht, der in ihres Couſins Buſen glimmen mochte, durch dieſe Schauſtellung von Intereſſe anzufachen, ſo war ſie mit Robert Audley's Gemüthsart nicht ſo genau vertraut, als ſie es den Umſtänden nach hätte ſein können. Indolent, ſchön und gleichgültig, nahm der junge Rechtsgelehrte das Leben ganz und gar für einen allzu albernen Mißgriff, als daß irgend — 100 ein Ereigniß in deſſen närriſchem Verlaufe für einen verſtändigen Mann nur einen Augenblick einer ernſt⸗ lichen Betrachtung werth war. Seine hübſche, zigeunerfarbige Couſine hätte bis über die Ohren in ihn verliebt ſein können, und hätte es ihm auf irgend eine charmante, umſchrei⸗ bende, frauenhafte Weiſe hundertmal täglich alle dreihundert und fünfundſechzig Tage im Jahre ſagen können; wenn ſie nicht auf irgend einen bevorrechte⸗ ten neunundzwanzigſten Februar wartete und gera⸗ deswegs auf ihn zuging und ihn fragte:„Bitte, Robert, willſt Du mich nicht heirathen?“ ich zweifle gar ſehr, ob er jemals den Zuſtand ihrer Gefühle entdeckt hätte. Auf der andern Seite, wäre er ſelbſt in ſie ver⸗ liebt geweſen, ſo würde dieſe zärtliche Leidenſchaft bei ihm ein ſo unbeſtimmtes und ſchwaches Gefühl geweſen ſein; ſo hätte er mit dem dunkeln Eindruck irgend einer unbehaglichen Empfindung, welche eben ſo gut ſchlechte Verdauung als Liebe ſein mochte, bis zu ſeinem Grabe wandern können, ohne daß er darüber hinaus ſich ſeines Zuſtandes genauer bewußt geworden wäre. So war es alſo völlig nutzlos, meine arme Alicia, in den drei Tagen, welche die jungen Männer in Eſſer zubrachten, auf den Feldwegen um Audley her⸗ umzureiten; es war verlorene Mühe, den hübſchen Reithut mit der Feder zu tragen und immerdar durch die ſeltſamſte Fügung der Umſtände mit Ro⸗ bert und ſeinem Freunde zuſammenzutreffen. Die ſchwarzen Locken(in Nichts den federartigen Ringeln von Lady Audley ähnlich, ſondern in ſchweren dich⸗ lei A w er w vo ei m W ſel m ne ei R nen nſt⸗ bis und rei⸗ alle gen hte⸗ era⸗ itte, ifle ühle ver⸗ haft fühl wuck eben chte, daß auer icia, in her⸗ ſchen rdar Ro⸗ Die geln dich⸗ 101 ten Maſſen ſich an ihren ſchlanken, braunen Hals anſchmiegend) die rothen, ſchwellenden Lippen, die ge⸗ bogene, faſt aufgeſtülpte Naſe, die dunkle Geſichts⸗ farbe, mit ihrem hellen Hochroth, immer bereit, gleich einem Signalfeuer an einem düſtern Horizonte auf⸗ zuflammen, wenn Du plötzlich auf Deinen apathiſchen Couſin ſtießeſt— alle dieſe kokette, ſchelmiſche, brü⸗ nette Schönheit war an den dummen Augen Robert Audleys weggeworfen, und Du hätteſt ebenſo gut in dem kühlen Salon von Audley Court der Ruhe pfle⸗ gen können, als daß Du ſtatt deſſen Deine hübſche Stute unter den Strahlen der heißen September⸗ ſonne bis zum Tode abhezteſt. Nun iſt Angelfiſchen, außer für einen ergebenen Schüler Iſaak Waltons, nicht gerade die lebhafteſte Beſchäftigungsweiſe, und man darf ſich deßhalb viel⸗ leicht kaum wundern, wenn den Tag nach Lady Audley's Abreiſe die beiden jungen Männer(von welchen der Eine in Folge der Herzenswunde, die er ſo gelaſſen ertrug, ohnedieß nicht im Stande war, an irgend Etwas wirkliche Freude zu finden, von welchen der Andere faſt jedes Vergnügen als eine negative Art von Bemühung betrachtete) all⸗ mählig des Schattens der über die geſchlängelten Bäche bei Audley hereinhängenden Weiden müde wurden. „Figtree Court iſt in den langen Ferien nicht ſehr unterhaltend,“ ſagte Robert nachdenklich;“ aber mir ſcheint, im Ganzen genommen, iſt es immer dort noch beſſer als hier; jedenfalls wohnt in der Nähe ein Tabakshändler,“ ſezte er hinzu, indem er mit Reſignation an einer abſcheulichen Cigarre, die er 102 von dem Wirth in der Sonne ſich verſchafft hatte, zu rauchen bemüht war. Georg Talboys, welcher aus bloßer paſſiver Will⸗ fährigkeit gegen ſeinen Freund den Ausflug nach Eſſer mitgemacht hatte, war keineswegs geneigt, gegen ihre unmittelbare Rückkehr nach London Einwendungen zu erheben.„Es iſt mir ganz recht, heimzukommen, Bob,“ ſagte er,„denn ich möchte ein wenig nach Southampton hinab, ich habe den Kleinen ſeit mehr als einem Monat nicht geſehen.“ Er ſprach immer von ſeinem Sohne als„dem Kleinen“; ſprach immer mehr trauer⸗ als hoffnungs⸗ voll von ihm. Es ſchien, als vermöge er aus dem Gedanken an ſeinen Knaben keinen Troſt zu ſchöpfen. Er rechtfertigte dieß damit, daß er ſagte, es ſchwebe ihm der Gedanke vor, das Kind werde niemals ihn zu lieben lernen, und was noch ſchlimmer als das wäre, er habe eine dunkle Ahnung, daß er es nicht erleben werde, ſeinen kleinen Georgey zum Mann heranwachſen zu ſehen. „Ich bin kein romanhafter Mann, Bob,“ pflegte er bisweilen zu ſagen;„und ich habe niemals eine Linie Poeſie in meinem Leben geleſen, die für mich mehr als ebenſo viele Worte und eitles Geklingel geweſen wäre; aber es iſt ſeit meiner Gattin Tod ein Gefühl über mich gekommen, als wäre ich gleich einem Mann, der an einem langen flachen Strande ſteht, mit abſcheulichen Klippen, die drohend von hin⸗ ten über ſein Haupt hereinhängen, während die ſtei⸗ gende Fluth langſam, aber ſicher um ſeine Füße herumkriecht. Sie ſcheint täglich näher und näher heranzukommen, dieſe ſchwarze, erbarmungsloſe Fluth, 103 nicht mit großem Brauſen und mächtigem Ungeſtüm über mich hereinſtürzend, ſondern kriechend, ſchleichend, verſtohlen an mich herangleitend, bereit über meinem Haupte ſich zu ſchließen, wenn ich am wenigſten auf das Ende vorbereitet bin.“ Robert Audley ſtarrte ſeinen Freund in ſchwei⸗ gendem Erſtaunen an und ſprach nach einer Pauſe tiefer Ueberlegung feierlich: „Georg Talboys, ich könnte das verſtehen, wenn Du bei einem Souper ſchwere Speiſen zu Dir ge⸗ nommen hätteſt. Kaltes Schweinefleiſch kann wohl, beſonders wenn es nur halb gar iſt, eine ſolche Wirkung hervorbringen. Du bedarfſt einer Luft⸗ veränderung, mein lieber Junge; Du bedarfſt der erfriſchenden Kühle von Figtree Court und der be⸗ ſänftigenden Atmoſphäre von Fleet Street. Ei, halt,“ fügte er plözlich hinzu,„ich habe es! Du haſt unſeres Freundes, des Wirthes Cigarren ge⸗ raucht; dieß erklärt Alles.“ Sie begegneten Alicia Audley auf ihrer Stute eine halbe Stunde, nachdem ſie zu dem Entſchluß gelangt waren, Eſſex früh am nächſten Morgen zu verlaſſen. Die junge Dame war ſehr überraſcht und in ihren Erwartungen getäuſcht, als ſie von ihres Couſins Entſchluß hörte, und eben aus dieſem Grunde ſtellte ſie ſich, als ob ſie die Sache äußerſt gleich⸗ gültig aufnähme. „Du biſt Audley's ſehr bald müde, Robert,“ ſagte ſie nachläſſig,„aber natürlich, Du haſt keine Freunde hier, außer Deinen Verwandten im Herren⸗ hauſe, während Du in Londen ohne Zweifel die er⸗ gözlichſte Geſellſchaft haſt, und—“ „Ich bekomme guten Tabak,“ brummte Robert, ſeine Couſine unterbrechend.„Audley iſt ein recht lieber alter Ort, aber wenn ein Mann getrocknete Kohlblätter rauchen muß, Du begreifſt, Alicia—“ „Du willſt alſo wirklich morgen früh abreiſen?“ „Gewiß— mit dem Schnellzug, der um zehn Uhr fünfzig Minuten abgeht.“ „Dann wird Lady Audley um die Möglichkeit kommen, ſich Mr. Talboys vorſtellen zu laſſen, und Mr. Talboys wird des Glückes beraubt, die hüb⸗ ſcheſte Frau in Eſſer zu ſehen.“ „Wirklich—“ ſtammelte Georg. „Die hübſcheſte Frau in Eſſex hätte nur wenig Ausſicht, große Bewunderung von meinem Freunde Georg Talboys herauszubekommen,“ ſagte Robert. „Sein Herz iſt zu Southampton, wo er einen lockenköpfigen kleinen Schelm hat, der ihm bis an das Knie reicht und ihn den dicken Gentleman nennt und Zuckerpflaumen von ihm begehrt.“ „Ich will es meiner Stiefmutter mit der heute Nacht gehenden Poſt ſchreiben,“ ſagte Alicia.„Sie fragte mich ſpeciell in ihrem Briefe, wie lang Du noch bleiben werdeſt, und ob ſie möglicher Weiſe noch zu rechter Feit wieder zu Hauſe ſei, um Dich zu empfangen.“ Miß Audley nahm bei dieſen Worten einen Brief aus der Taſche ihrer Reitjacke— ein hübſches feen haftes Brieſchen auf glänzendem Papiere von einer eigenthümlichen Roſenfarbe. „Sie ſagt in ihrem Poſtſcript: beantworte mir ja meine Frage in Bezug auf Mr. Audley und ſei⸗ nen Freund, Du flüchtige, vergeßliche Alicia!“ Ro er Al wo Br ich nie dre ten her me pie die Ho rt, hi te hn eit nd b⸗ tig ide en an nnt ute ie Du eiſe rief en ner mir ſei⸗ 105 „Was ſie für eine hübſche Hand ſchreibt!“ ſagte Robert, als ſeine Couſine das Billet zuſammenlegte. „Ja, ſie iſt hübſch, nicht wahr? Da ſieh', Robert. Sie legte das Briefchen ihm in die Hand und er betrachtete es nachläſſig einige Minuten, während Alicia den graciöſen Hals ihrer kaſtanienbraunen Stute, welche ſich nicht mehr länger halten laſſen wollte, ſtreichelte. „Sogleich, Atalanta, ſogleich. Gib' mir mein Briefchen, Bob.“ „Es iſt die hübſcheſte, koketteſte kleine Hand, die ich jemals geſehen. Weißt Du, Alicia, ich habe niemals an jene Burſchen geglaubt, welche von Dir dreizehn Portoſtempel verlangen und ſich dann erbie⸗ ten, Dir zu ſagen, was Du niemals an Dir ſelbſt herauszufinden im Stande geweſen biſt; aber auf mein Wort, mir dünkt, hätte ich auch niemals meine Tante geſehen, ich würde aus dieſem Stückchen Pa⸗ pier erkennen, wie ſie ausſieht. Ja, hier iſt Alles— die federartigen, golddurchſchoſſenen, flachsgelben Haare, die wie mit dem Pinſel gezeichneten Aug⸗ brauen, die dünne, gerade Naſe, das gewinnende kindliche Lächeln, Alles iſt aus dieſen wenigen gra⸗ ciöſen Federſtrichen zu errathen. Georg, ſchau' her!“ Aber geiſtesabweſend und düſter, war Georg Talboys an dem Rande eines Grabens dahinge⸗ ſchlendert und ſtand dort, ein halb Duzend Schritte von Robert und Alicia, beſchäftigt, mit ſeinem Stocke Binſen abzuſchlagen. „Laß das,“ ſagte die junge Dame ungeduldig, denn die lange Abhandlung über Mylady's Brief⸗ chen war keineswegs nach ihrem Geſchmack.„Gib 106 mir den Brief und laß' mich gehen; es iſt acht Uhr ſeh vorüber, und ich muß mit der Nachtpoſt Antwort ſo geben. Komm', Atalanta! Lebe wohl, Robert— leben Sie wohl, Mr. Talboys. Angenehme Reiſe ge nach London.“ Ge Die kaſtanienfarbige Stute galoppirte munter auf un dem Feldwege dahin, und Miß Audley war aus dem Ar 1¹ Geſicht verſchwunden, ehe die zwei großen hellen vo 1 Thränen, die einen Moment in ihren Augen ſtanden, Ro . ehe ihr Stolz dieſelben wieder in das zornige Herz, aus dem ſie aufgeſtiegen waren, zurückgedrängt hatte. ſch „Nur einen einzigen Couſin in der Welt zu ha⸗ Ab ben,“ rief ſie leidenſchaftlich,„meinen nächſten Ver⸗ wo wandten nach Papa, und ſehen zu müſſen, daß er un ſich um mich ebenſo viel bekümmert, als um einen Hund!“ vet Durch den einfachſten Zufall jedoch reiſten Robert Sc und ſein Freund nicht mit dem Schnellzug, 10 Uhr Di 50 Minuten, am folgenden Morgen ab, denn der gel junge Rechtsgelehrte erwachte mit einem ſo qualvol⸗ we len Kopfweh, daß er Georg bat, ihm eine Taſſe des ſtärkſten grünen Thee's, der jemals in der Sonne ein gemacht worden, zu beſtellen und außerdem ihm zu üb Liebe die Reiſe auf den nächſten Tag zu verſchieben. fül Georg war es natürlich zufrieden, und Robert Aud⸗ au ley brachte den Vormittag damit zu, daß er in einem töt verdunkelten Zimmer lag, mit einer fünf Tage alten zu Chelmsforder Zeitung, die zu ſeiner Unterhaltung Fe dienen ſollte. qu „Es kommt von Nichts als den Cigarren her, ſo Georg,“ ſagte er zu wiederholten Malen.„Bring' ver mich von dem Plaze fort, ohne daß ich den Wirth äu 107 ſehe; denn wenn ich mit dem Manne zuſammentreffe, ſo gibt es Mord und Todtſchlag.“ Zum Glück für den Frieden von Audley war gerade Markttag zu Chelmsford; und der würdige Gaſtwirth war mit ſeinem Wägelchen dahin gefahren. um den Bedarf für ſein Haus einzukaufen— unter Anderem vielleicht gerade einen friſchen Vorrath eben von jenen Cigarren, welche ſich in ihrer Wirkung auf Robert ſo verhängnißvoll gezeigt hatten. Die jungen Männer brachten einen langweiligen, ſchläfrigen, einfältigen, nuzloſen Tag zu; als es gegen Abend ging, machte Mr. Audley den Vorſchlag, ſie wollen hinunter nach dem Herrenhauſe ſchlendern und Alicia bitten, ſie in demſelben herumzuführen. „Wir werden damit ein paar Stunden tödten, verſtehſt Du, Georg; und es wäre warhaftig recht Schade, Dich von Audley hinwegzuſchleppen, ohne Dir den alten Plaz gezeigt zu haben, welcher, ich gebe Dir mein Wort, ſehr wohl des Anſehens werth iſt.“ Die Sonne ſtand nieder am Horizonte, als ſie einen nähern Weg über die Wieſen einſchlugen und über einen Zauntritt in die nach dem Bogengang führende Allee ſtiegen— ein blaßgrauer, ſchwer ausſehender, ominöſer Sonnenuntergang, und eine tödtliche Stille in der Luft, welche den Vögeln, die zu ſingen Luſt hatten, Schrecken einflößte und das Feld einigen zänkiſchen Fröſchen, die in den Gräben quackten, frei ließ. So ſtill die Athmoſphäre war, ſo gab ſich doch in den Baumblättern jenes unheil⸗ verkündende, zitternde Rauſchen kund, das aus keinem äußern Grunde entſteht, ſondern eher ein inſtinkt⸗ — artiger Schauder der ſchwachen, einen nahen Sturm ahnenden Zweige iſt. Die einfältige Uhr, welche keinen mittlern Gang kannte, ſondern immerdar von H einer Stunde zur andern überſprang, zeigte auf Sieben, als die jungen Männer unter dem Bogen⸗ ſie gewölbe hindurchſchritten; gleichwohl war es nahe⸗ zu Acht. M Sie fanden Alicia in der Lindenallee, wie ſie§ gleichgültig unter dem ſchwarzen Schatten der Bäume, Al von welchen dann und wann ein welkes Blatt lang⸗ ſam auf den Boden niederfiel, auf und ab wandelte. ich Sonderbar, Georg Talboys, welcher ſehr ſelten ge Etwas beobachtete, würdigte dieſen Ort einer beſon⸗ dern Aufmerkſamkeit. 4 „Es ſollte eine Allee auf einem Kirchhofe ſein“ de ſagte er.„Wie friedlich der Todte unter dieſem 9 dunkeln Dache ſchlafen mag! Ich wünſche, der Kirch⸗ Al hof zu Ventnor wäre ſo.“ 56 Sie gingen auf den verfallenen Brunnen zu, und Alicia erzählte ihnen irgend eine alte, mit die⸗ de ſem Punkte zuſammenhängende Sage— irgend eine düſtere Geſchichte, dergleichen ſich immer an ein al⸗ iſt tes Haus knüpft, als ob die Vergangenheit nur ein 6 einziges dunkles Blatt von Kummer und Verbrechen wäre. „Wir wünſchen das Haus zu ſehen, ehe es fin⸗ 6 ſter wird, Alicia,“ ſagte Robert. „Dann muß es ſchnell geſchehen,“ antwortete ſie. 6, „Kommen Sie.“ Sie trat durch ein offenes franzöſiſches Fenſter, 5 welches vor einigen Jahren moderniſirt worden war, 3 —FÜ m che on uf en⸗ 109 in das Bücherzimmer und gelangte von da auf die Hausflur. In der Hausflur kamen ſie an Mylady's blaß⸗ ſichtiger Zofe vorüber, welche ſich verſtohlen unter ihren weißen Augenlidern hervor die beiden jungen Männer betrachtete. Während ſie die Treppe hinaufſtiegen, drehte ſich Alicia um und ſagte zu dem Mädchen“: „Wenn wir in dem Saale geweſen ſind, möchte ich dieſen Gentlemen Lady Audley's Gemächer zei⸗ gen. Sind dieſelben in guter Ordnung, Phöbe?“ „Ja wohl, Miß; aber die Thüre des Vorzim⸗ mers iſt verſchloſſen, und ich glaube, Mylady hat den Schlüſſel nach London mitgenommen. „Den Schlüſſel mitgenommen! Unmöglich!“ rief Alicia. „Allerdings, Miß, es muß ſo ſein. Ich kann denſelben nicht finden, und ſonſt ſteckte er immer in der Thüre. „In der That,“ ſagte Alicia ungeduldig,„es iſt gar nicht unwahrſcheinlich, daß Mylady dieſe ein⸗ fältige Grille ſich in den Kopf geſetzt hat. Ich glaube wohl, ſie fürchtet, wir möchten in ihre Zimmer gehen und unter ihren Kleidern herumſpähen und die Naſe in ihre Juwelen ſtecken. Es iſt ſehr verdrießlich, denn die beſten Gemälde, des Hauſes ſind in jenem Vorzimmer. Auch ihr eigenes Porträt iſt dort, noch unvollendet, aber wunderbar ähnlich.“ „Ihr Portrait!“ rief Robert Audley.„Ich gäbe etwas dafür, wenn ich es ſehen könnte, denn ich habe nur eine unvollkommene Vorſtellung von ihrem Geſichte. Gibt es keinen andern Weg, um in ihr Zimmer zu gelangen, Alicia?“ „Einen andern Weg?“ „Ja; gibt es nicht irgendwo eine Thüre, welche durch eines der andern Zimmer führt, wodurch es uns möglich wird, in das ihrige zu gelangen?“ Seine Coufine ſchüttelte den Kopf und führte ſie in einen Corridor, wo einige Familienportraits hin⸗ gen. Sie zeigte ihnen ein mit gewirkten Tapeten ausgeſchlagenes Zimmer; die breiten Geſtalten auf den verſchoſſenen Gemälden ſahen in dem düſtern Lichte drohend aus. „Der Burſche dort mit der Streitaxt nimmt ſich gerade ſo aus, als wollte er Georg den Kopf zer⸗ ſpalten,“ ſagte Mr. Audley, indem er auf einen wilden Krieger deutete, deſſen erhobener Arm über Georg Talboys' dunkelm Haare zum Vorſchein kam. „Komm' aus dieſem Zimmer, Alicia. Ich glaube, es iſt dunſtig, oder es ſpuckt da. Wahrhaftig, ich glaube, alle Geiſter ſind das Ergebniß von Dunſt. Du ſchläfſt in einem dumpfigen Bette— du er⸗ wachſt plözlich in der Todtenſtille der Racht mit einem kalten Schauer und erblickſt eine alte Dame in dem Hofkoſtüme aus Georgs des Erſten Zeit, am Fuße des Bettes ſizend. Die alte Dame iſt Verdauungs⸗ und der kalte Schauer iſt ein dumpfiges ett. In dem Saale waren Lichter angezündet. Keine neugebackenen Lampen hatten jemals zu Audley Court Eingang gefunden. Sir Michaels Zimmer waren von ehrlichen, dicken, gelb ausſehenden Wachskerzen ler Ge ode alt hie ihr dac VO1 auf ihr gla ſie bru in ſich cher ihre meh wen 111 auf maſſiv⸗ſilbernen Handleuchtern und durch Arm⸗ leuchter an den Wänden erhellt. In dem Saale gab es ſehr wenig zu ſehen; und che Georg Talboys wurde es bald müde, die ſchönen es modernen Möbel und einige Gemälde von dieſem oder jenem Akademiker zu betrachten. ſie„Gibt es nicht einen geheimen Gang, oder einen in⸗ alten eichenen Kaſten, oder Etwas der Art irgendwo ten hier herum, Alicia?“ fragte Robert. auf„Gewiß!“ rief Alicia mit einer Heftigkeit, welche ern ihren Couſin faſt erſchreckte;„natürlich! Warum dachte ich auch nicht früher daran? Wie einfältig ſich von mir, wahrhaftig!“ zer⸗„Warum einfältig?“ nen„Weil Du, wenn Du Dir Nichts daraus machſt, ber auf Händen und Knieen zu kriechen, Myladys Ge⸗ am. mächer ſehen kannſt, denn eben jener Gang ſteht mit be, ihrem Toilettenzimmer in Verbindung. Sie weiß, ich glaube ich, ſelbſt Nichts davon. Wie erſtaunt würde nſt. ſie ſein, wenn ein ſchwarz vermummter, auf Ein⸗ er⸗ bruch ſinnender Dieb mit einer Blendlaterne einmal em in der Nacht, wenn ſie vor ihrem Spiegel ſizt, um em ſich das Haar für eine Partie nächſten Tages richten uße zu laſſen, aus dem Fußboden hervorſtiege.“ gs⸗„Wollen wir es mit dem geheimen Gang verſu⸗ ges chen, Georg?“ fragte Mr. Audley.“ „Ja, wenn Du es wünſcheſt.“ eine Alicia führte ſie in das Zimmer, welches einſt tihe Kindsſtube geweſen war. Es wurde jezt nicht wen mehr benüzt, außer bei ſehr ſeltenen Gelegenheiten, zen wenn das Haus voll von Geſellſchaft war. Robert Audley hob nach der Anweiſung ſeiner E — Couſine einen Zipfel des Bodenteppichs auf, und es kam eine roh geſchnittene Fallthüre auf dem eichenen Fußboden zum Vorſchein. „Jezt höre mir zu,“ ſagte Alicia.„Du mußt Dich auf dem Gange, der etwa vier Fuß hoch iſt, auf Deine Hände niederlaſſen. Bücke den Kopf und geh' gerade aus, bis Du zu einer ſcharfen Wendung tommſt, welche Dich links führt, und am äußerſten Ende davon findeſt Du eine kleine Treppe unter einer Fallthüre, gleich dieſer, an welcher Du den Riegel zu ziehen haſt Die Thüre geht nach dem Fußboden von Mylady's Toilettenzimmer auf, wel⸗ cher nur mit einem viereckigen perſiſchen Teppich be⸗ deckt iſt, den Du mit Leichtigkeit wirſt heben können. verſtehſt Du mich?, „Vollkommen.“ „So nimm' das Licht; Mr. Talboys wird Dir folgen. Ich gebe Dir zwanzig Minuten zur Beſich⸗ tigung der Gemälde— das heißt für jedes Stück eine Minute— und nach Verfluß dieſer Zeit er⸗ warte ich, Dich zurückkehren zu ſehen.“ Robert gehorchte ihr blindlings, und Georg, der ſeinem Freunde demüthig folgte, ſah ſich nach fünf Minuten mitten in der eleganten Unordnung von Lady Audley's Toilettenzimmer. Sie hatte das Haus in großer Eile wegen der unvorhergeſehenen Reiſe nach London verlaſſen, und ihr geſammter glänzender Toiletten⸗Apparat lag auf dem marmornen Putztiſche herum. Die Atmoſphäre des Gemachs war beinahe drückend in Folge des Ausſtrömens reicher Parfüme in Fläſchchen, deren goldene Stöpſel nicht mehr an ihre Stelle geſezt we dre den hül bei tike Tal hag erk all ner n lad befe grü Ger ſen und Ich rap trie ren wen die es nen ußt iſt, und ung ſten nter den dem vel⸗ be⸗ en. Dir ſich⸗ tück er⸗ der fünf von der und auf häre des een eſezt 113 worden waren. Ein Bouquet Treibhausblumen welkte auf einem winzigen Schreibtiſche. Zwei oder drei ſchöne Kleider lagen auf einem Haufen am Bo⸗ den, und die offenen Thüren der Kleiderſchränke ent⸗ hullten die darin aufbewahrten Schmuckſachen; elfen⸗ beinerne Haarbürſten und ausgeſuchte Porcellanar⸗ tikel waren da und dort im Gemache zerſtreut. Georg Talboys ſah ſein bärtiges Geſicht und ſeine hohe hagere Geſtalt in dem Drehſpiegel zurückſtrahlen und erkannte mit einiger Neugierde, wie wenig er unter all dieſen Gegenſtänden weiblicher Ueppigkeit an ſei⸗ ner Stelle zu ſein ſchien. Sie gingen von dem Toilettenzimmer in das Boudoir und durch das Boudoir in das Vorzimmer, in welchem ſich, wie Alicia geſagt hatte, außer My⸗ lady's Portrait gegen zwanzig werthvolle Gemälde befanden. Mylady's Portrait ſtand auf einer Staffelei, mit grünem Boye bedeckt, in der Mitte des achteckigen Gemachs. Es war eine Grille des Künſtlers gewe⸗ ſen, ſie in eben dieſem Gemache ſtehend zu malen, und ſeinen Hindergrund zu einem getreuen Abbild der mit Gemälden behängten Wände zu machen. Ich fürchte, der junge Mann gehörte zu der vor⸗ raphaeliſchen Genoſſenſchaft, denn er hatte eine über⸗ triebene lange Zeit auf das Beiwerk des Portraits — auf Mylady's krauſe Ringellocken und die ſchwe⸗ ren Falten ihres karmoiſinrothen Sammtkleides ver⸗ wendet. Die beiden jungen Männer betrachteten zuerſt die Gemälde an den Wänden und bewahrten ſich Braddon, Lady Audley's Geheimniß. T. 8 114 das unvollendete Portrait pour la bonne bouche*) auf. Mittlerweile war es ſo finſter geworden, daß die Kerze in Roberts Hand, wie er ſie im Weitergehen vor ein Gemälde nach dem andern hielt, Richts als einen hellen Lichtkern von ſich gab. Das unverhüllte Fenſter ſah auf einen blaſſen Horizont hinaus, der nur noch mit dem lezten kalten Geflimmer der todten Däm⸗ merung überhaucht war. Der Epheu ſchlug rauſchend an die Scheiben an, mit demſelben ominöſen Schauer, welcher, ein Vorbote des Sturmes, der im Anzuge war, jedes Blatt im Garten bewegte. „Da ſind unſeres Freundes ewige weiße Roſſe,“ ſagte Robert, vor einem Wouverman haltend.„Ni⸗ colas Pouſſin— Salvator— ha, hum! Jezt zu dem Portrait!“ Er hielt mit ſeiner Hand vor dem Boye und redete ſeinen Freund feierlich alſo an: „Georg Talboys,“ ſagte er,„wir haben zwiſchen uns nur eine Wachskerze, ein ſehr ungenügendes Licht, um ein Gemälde zu betrachten. Laß mich alſo Dich um Deine Einwilligung bitten, daß wir es nicht zu gleicher Zeit, ſondern nur Einer nach dem Andern in Augenſchein nehmen. Es gibt faſt nichts Unan⸗ genehmeres, als Jemand hinter ſich zu haben, der Einem über die Schulter ſchaut und vielleicht ein Schnippchen ſchlägt, wenn man gerade zu prüfen verſucht, was aus einem Gemälde zu machen iſt.“ Georg trat auf der Stelle zurück. Er hatte an Mylady's Portrait ebenſo wenig Intereſſe als an 6) Zur guten Lezt. A. de U. all zur ged die ein um E weſ Art Rit Vo An art Lei ſan Ra Mr we als Ge Lin vor mer da; Ni⸗ zu und chen icht, Dich zu ern an⸗ der ein üfen an an 115 all der Ueberlaſt dieſer verdrießlichen Welt. Er trat zurück und ſchaute, die Stirne an die Fenſterſcheiben gedrückt, in die Nacht hinaus. Als er ſich wieder umdrehte, ſah er, daß Robert die Staffelei ſich bequem zurecht geſtellt und auf einem Seſſel vor derſelben Plaz genommen hatte, um das Gemälde nach Muße betrachten zu können. Er ſtand auf, als Georg ſich umdrehte. „Jezt iſt die Reihe an Dir, Talboys,“ ſagte er. „Es iſt ein außerordentliches Gemälde.“ Er nahm Georgs Stelle am Fenſter ein und Georg ſezte ſich in den Seſſel vor der Staffelei. Ja; der Maler mußte ein Vor⸗Raphaelite ge⸗ weſen ſein. Nur ein Vor⸗Raphaelite würde ſolcher Art, Haar um Haar, dieſe federartigen Maſſen von Ringellocken mit jedem Goldſchimmer und jedem Schatten von Blaßbraun gemalt haben. Nur ein Vor⸗Raphaelite würde jedes Attribut dieſes zarten Antlizes ſo geſteigert haben, daß er der blonden⸗ artigen Geſichtsfarbe Etwas von einer faſt düſtern Leichtfertigkeit, und den tiefblauen Augen ein ſelt⸗ ſames unheilverkündendes Licht gab. Nur ein Vor⸗ Raphaelite hätte dieſem hübſchen aufgeworfenen Munde das harte und beinahe boshafte Ausſehen, welches er auf dem Portrait zeigte, geben können. Es war ſo ähnlich und ſo unähnlich; es war, als ob man ſeltſam gefärbte Feuer vor Mylady's Geſicht angezündet und durch deren Wirkung neue Linien ſammt einem neuen Ausdruck, dergleichen man vorher nie geſehen, hervorgebracht hätte. Vollkom⸗ menheit der Geſichtsbildung, brillantes Colorit waren da; aber wahrſcheinlich hatte der Maler ſonderbare 116 mittelalterliche Monſtroſitäten ſo lang copirt, bis er im Kopfe verwirrt wurde, denn Mylady hatte in ſeinem Portrait von ihr Etwas von dem Ausſehen eines ſchönen Unholds. Ihr karmoiſinrothes Gewand, übertrieben wie alles Uebrige in dem ſeltſamen Gemälde, hing in Falten, die wie Flammen ausſahen, um ſie herum, ihr hübſcher Kopf zuckte aus der düſtern Farbenmaſſe wie aus einem tobenden Feuerofen heraus. Wirklich vereinigten ſich das karmoiſinrothe Gewand, der Sonnenſchein auf dem Angeſichte, der rothe Gold⸗ ſchimmer in dem gelben Haar, der reife Scharlach der aufgeworfenen Lippen, die glühenden Farben in jedem Beiwerke des bis ins Kleinliche ausgemalten Hintergrunds dazu, um die erſte Wirkung des Ge⸗ mäldes nicht weniger als angenehm zu machen. Aber ſo ſeltſam das Gemälde war, es konnte keinen großen Eindruck auf Georg Talboys hervor⸗ gebracht haben, denn er ſaß vor demſelben bei einer Viertelſtunde, ohne nur ein Wort zu ſprechen— einzig damit beſchäftigt, das Gemälde halb verblüfft anzuſtarren, während er den Leuchter mit ſeiner feſten ſtarken Hand umſchloſſen hielt und ſein linker Arm loſe an ſeiner Seite herabhing. Er ſaß ſo lang in dieſer Haltung da, daß Robert ſich endlich nach ihm umdrehte. „Ei, Georg, ich dachte, Du ſeieſt eingeſchlafen!“ „Beinahe.“ „Du haſt Dich von dem langen Stehen in dem dumpfigen Tapetenzimmer erkältet. Merke Dir meine Worte, Georg Talboys, Du haſt Dich erkältet; Du biſt ſo heiſer wie ein Rabe. Komm' fort von hier.“ aus zur kau wa Ab die ſetz gen nor der dar erk nor aus nut Du mä keit wol ſent hen wie in um, aſſe lich der d⸗ ach in lten Ge⸗ inte vor⸗ iner üfft iner nker ang nach n!“ dem eine Du ier. 117 Robert Audley nahm ſeinem Freunde das Licht aus der Hand und kroch durch den geheimen Gang zurück, gefolgt von Georg, der ſich ſehr gelaſſen, aber kaum gelaſſener als ſonſt zeigte. Sie fanden Alicia in der Kinderſtube auf ſie wartend. „Nun?“ ſagte ſie fragend. „Wir haben es ganz prächtig zu machen gewußt. Aber das Portrait gefällt mir nicht; es hat etwas ſo Wunderliches an ſich.“ „So iſt's,“ ſagte Alicia;„ich habe mir bezüglich dieſes Punktes eine ſeltſame Grille in den Kopf ge⸗ ſetzt. Ich denke, der Maler ſteht zuweilen unter einer gewiſſen Inſpiration und iſt im Stande, durch den normalen Ausdruck des Geſichtes hindurch einen an⸗ dern Ausdruck zu ſehen, welcher gleichmäßig ein Theil davon iſt, obwohl gewöhnliche Augen ihn nicht zu erkennen vermögen. Wir haben niemals wahrge⸗ nommen, daß Mylady ſo wie auf dem Gemälde ausſieht; aber mir dünkt, ſie könnte ſo ausſehen.“ „Alicia,“ ſagte Robert flehentlich,„werde mir nur nicht deutſch!“*) „Aber Robert——“ „Werde mir nur nicht deutſch, Alicia, wenn Du mich lieb haſt. Das Gemälde iſt— das Ge⸗ mälde; und Mylady iſt— Mylady. Das iſt meine Art und Weiſe, die Dinge zu nehmen, und ich bin kein Metaphyſiker: verrücke mir den Kopf nicht.“ Er wiederholte dies mehrmals mit einer Miene ) Ein für uns nicht ſehr ſchmeichelhafter Ausbruck, kann wohl dem Sinne nach nichts Anderes heißen als: träumeriſch— ſentimental, Hirngeſpinnſten ergeben. 118 vollkommen aufrichtigen Schreckens; und dann ver⸗ ließ er, nachdem er für den Fall, daß ſie von dem drohenden Sturme erfaßt würden, einen Regenſchirm entlehnt hatte, das Herrenhaus, indem er den paſſiv ihm folgenden Georg Talboys mit ſich nahm. Der einzige Zeiger der einfältigen alten Thurmuhr war auf Neun übergeſprungen, als ſie den Bogengang erreichten; aber ehe ſie im Schatten deſſelben hin⸗ durchgehen konnten, waren ſie genöthigt, bei Seite zu treten, um einen Wagen vorüberfahren zu laſſen. Es war eine Miethkutſche aus dem Dorfe, aber Lady Audley's hübſches Geſicht guckte durch das Fenſter. So dunkel es war, wurde ſie doch der beiden Ge⸗ ſtalten der jungen Männer, die ſich ſchwarz in der Finſterniß abhoben, anſichtig. „Wer iſt das?“ fragte ſie, ihren Kopf heraus⸗ ſtreckend.„Iſt es der Gärtner?“ „Nein, meine theure Tante,“ antwortete Robert lachend.„Es iſt Ihr ganz gehorſamſter Reffe.“ Er und Georg hielten vor dem Bogengang, wäh⸗ rend die Droſchke an der Thüre vorfuhr, und die erſtaunte Dienerſchaft herauskam, um ihren Gebieter und deſſen Gemahlin willkommen zu heißen. „Mir dünkt, der Sturm wird die Racht wohl noch fern bleiben,“ ſprach der Baronet, indem er nach dem Horizonte ausſchaute,„aber wir werden ihn ſicherlich morgen haben.“ be lic da ver⸗ dem irm ſſiv Der war ang hin⸗ eite ſſen. ade ſter. der aus⸗ bert väh⸗ die ieter wohl n er den 119 Neuntes Capitel. Uach dem Sturmer. Sir Michael täuſchte ſich in ſeiner Prophezeiung bezüglich des Wetters. Der Sturm blieb nicht aus bis zum nächſten Tage, ſondern brach mit fürchter⸗ licher Wuth eine halbe Stunde vor Mitternacht über das Dorf Audley aus. Robert Audley nahm Bliz und Donner mit der⸗ ſelben ruhigen Faſſung auf, womit er ſich in alle andern Unannehmlichkeiten des Lebens ſchickte. Er lag auf einem Sopha in dem Wohnzimmer, während er dem Anſchein nach die fünf Tage alte Chelmsfor⸗ der Zeitung las und ſich gelegenheitlich mit einigen Schlücken aus einem großen Glaſe kalten Punſches gütlich that. Aber der Sturm hatte eine ganz an⸗ dere Wirkung auf Georg Talboys. Sein Freund erſchrack bei einem Blick in das bleiche Geſicht des jungen Mannes, wie er ſo an dem offenen Fenſter ſaß und auf den Donner horchte und an den ſchwar⸗ zen Himmel hinaufſtarrte, welcher hin und wieder durch die gabelförmigen Linien eines ſtahlfarbigen Blizſtrahls wie in Stücke geſpalten wurde. „Georg,“ ſagte Robert, nachdem er ihn eine Zeit lang beobachtet hatte,„haſt Du Furcht vor dem Blizen?“ „Nein,“ antwortete er kurz. „Aber, mein lieber Junge, ſelbſt die muthigſten Leute haben ſich manchmal ſchon davor gefürchtet. Man kann es jedoch kaum Furcht nennen; es liegt 120 in der Conſtitution. Ich bin überzeugt, Du haſt Angſt davor.“ „Nein, gewiß nicht.“ „Aber, Georg, wenn Du Dich ſelbſt ſehen könn⸗ teſt, bleich und entſtellt, mit Deinen großen hohlen Augen nach dem Himmel hinaufſtarrend, als ob ſie auf einen Geiſt gerichtet wären. Ich ſage Dir, ich weiß, daß Du Dich fürchteſt.“ „Und ich ſage Dir Nein.“ „Georg Talboys, Du fürchteſt Dich nicht blos vor dem Blize, ſondern Du biſt wild über Dich ſelbſt, daß Du Dich fürchteſt, und über mich, daß ich Dir da dieſe Furcht ſchuld gebe.“ „Robert Audley, wenn Du noch ein Wort weiter zu mir ſagſt, ſo ſchlage ich Dich zu Boden;“ und nach dieſen Worten marſchirte Mr. Talboys aus dem Zimmer hinaus und warf die Thüre mit einer Hef⸗ tigkeit hinter ſich zu, daß das Haus davon erzitterte. Jene kohlſchwarzen Wolken, welche ſich über der ſchwülen Erde wie mit einem heißglühenden Eiſen⸗ dache gelagert hatten, ergoßen ſich in einer plözlichen Sündfiuth, als Georg das Zimmer verließ; aber wenn der junge Mann ſich vor dem Blize fürchtete, ſo hatte er wenigſtens keine Furcht vor dem Regen, denn er ſtieg geraden Wegs die Treppe hinab, auf die Hausthüre zu und auf die naſſe Landſtraße hin⸗ aus. Er ging auf derſelben auf und ab, bei zwan⸗ zig Minuten in dem durchnäſſenden Regenguſſe; dann kehrte er in das Gaſthaus zurück und begab ſich nach ſeinem Schlafzimmer. Kobert Audley begegnete ihm auf dem Treppen⸗ nel cke aſt nn⸗ len ſie los bſt, Dir iter und em ef⸗ rte. der ſen⸗ chen ber tete, gen, auf hin⸗ n⸗ ann nach pen⸗ 121 abſaze, das Haar in ſein bleiches Geſicht hereinge⸗ ſchlagen, uud ſeine Kleider triefend von Waſſer. „Gehſt Du zu Bette, Georg?“ „Aber Du haſt kein Licht.“ „Ich brauche keines.“ „Aber ſchau doch Deine Kleider an, Mann! Siehſt Du, wie Dir das Waſſer an den Aermeln herunter⸗ läuft? Was ums Himmels willen konnte Dich be⸗ wegen, in einer ſolchen Nacht aus dem Hauſe zu gehen?“ „Ich bin müde und möchte zu Bette gehen, plage mich nicht.“ „Willſt Du nicht ein wenig heißen Grog zu Dir nehmen, Georg?“ Robert Audley vertrat mit dieſen Worten ſeinem Freunde den Weg, ängſtlich bemüht, ihn abzuhalten, in dem Zuſtande, worin er ſich befand, zu Bette zu gehen; aber Georg ſchob ihn wild bei Seite, eilte hinter ihm vorüber und ſprach mit derſelben heiſern Stimme, welche Robert im Herrenhauſe an ihm be⸗ merkt hatte: „Laß' mich in Ruhe, Robert Audley, und bleib' mir aus dem Wege, wenn es Dir möglich iſt.“ Robert folgte Georg bis zu ſeinem Schlafzimmer, aber der junge Mann ſchlug ihm die Thüre vor der Naſe zu; ſo blieb ihm alſo Nichts übrig, als Mr. Talboys ſich ſelbſt zu überlaſſen und zuzuſehen, wie er ſo gut als möglich ſeine Faſſung wieder gewin⸗ nen könnte. „Er war erzürnt darüber, daß ich ſeinen Schre⸗ cken bei dem Blitzen bemerkte,“ dachte Robert, als 122 er ſich gelaſſen zur Ruhe begab, vollkommen gleich⸗ gültig gegen den Donner, welcher ihn in ſeinem Bette zu erſchüttern ſchien, und gegen den Blitz, wel⸗ cher in unſteten Reflexen auf den Raſirmeſſern in ſeinem offenen Toilettenkäſtchen ſpielte. Der Sturm rollte hinweg über das ruhige Dorf Audley, und als Robert am nächſten Morgen er⸗ wachte, war heller Sonnenſchein und ein Stuͤck wol⸗ kenloſen Himmels zwiſchen den weißen Fenſtervor⸗ hängen ſeines Schlafzimmers zu ſehen. Es war einer von jenen heitern und lieblichen Morgen, welche zuweilen auf einen Sturm folgen. Die Vögel ſangen laut und munter, das gelbe Korn richtete ſich auf den breiten Feldern wieder auf und wogte ſtolz nach ſeinem harten Kampfe gegen den Sturm, der die halbe Nacht hindurch ſein Möglich⸗ ſtes gethan hatte, mittelſt grauſamen Windes und verheerenden Regens die ſchweren Aehren zu Boden zu ſchlagen. Das Weinlaub, das ſich um Roberts Fenſter dicht emporſchlang, umflatterte fröhlich rau⸗ ſchend daſſelbe, indem es von allen Zweigen und Ranken die Regentropfen in Diamantſchauern herab⸗ fallen ließ. Robert Audley fand ſeinen Freund am Früh⸗ ſtückstiſche auf ihn warten. Georg war ſehr bleich, aber vollkommen ruhig — und wenn irgend verändert, in der That nur heiterer als gewöhnlich. Er drückte Robert die Hand anſcheinend in jener alten herzlichen Weiſe, welche ihm eigenthümlich geweſen war, ehe das eine große Mißgeſchick ſein Le⸗ ben betroffen und i hn wehrlos darniedergeſtreckt hatte. ch⸗ em el⸗ in orf o⸗ or⸗ hen en orn und den lich⸗ und den erts rau⸗ und rab⸗ rüh⸗ uhig nur jener mlich Le⸗ ttn „Vergib' mir, Bob,“ ſagte er offen,„daß ich heute Nacht ſo rauh und unwirſch war. Du hatteſt ganz Recht mit Deiner Behauptung; das Donner⸗ wetter hat mich gänzlich außer Faſſung gebracht. Es machte immer denſelben Eindruck auf mich in meiner Jugend.“ „Armer alter Knabe! Wollen wir mit dem Schnellzuge abgehen, oder hier bleiben und heute Abend bei meinem Oheim das Diner einnehmen?“ fragte Robert. „Die Wahrheit zu ſagen, ich möchte lieber weder das Eine noch das Andere thun. Es iſt ein herr⸗ licher Morgen. Wie wäre es, wenn wir den ganzen Tag herumſchlenderten, mit Angel und Leine eine andere Richtung einſchlügen und erſt mit dem Abends um 6 Uhr 15 Minuten abgehenden Zuge nach Lon⸗ don aufbrächen?“ Robert Audley hätte zu einem noch viel unan⸗ genehmeren Vorſchlag ſeine Zuſtimmung gegeben, nur um der Mühe, ſeinem Freunde zu widerſprechen, überhoben zu ſein; ſo wurde die Sache alsbald ins Reine gebracht, und nachdem ſie ihr Frühſtück been⸗ digt und auf vier Uhr das Diner beſtellt hatten, nahm Georg Talboys die Angelruthe auf ſeine brei⸗ ten Schultern und verließ das Haus mit ſeinem Freunde und Begleiter. Aber wenn das gleichmäßige Temperament von Mr. Robert Audley durch die krachenden Donner⸗ ſchläge, welche das Wirthshaus zur Sonne bis auf den Grund erſchütterten, ungeſtört geblieben, ſo war dies mit dem zärteren Gefühlsvermögen von ſeines Oheims junger Gattin nicht der Fall geweſen. Lady 124 Audley geſtand ſelbſt, ſich vor dem Blize ſchrecklich zu fürchten. Sie hatte ihre Bettſtätte in eine Ecke ihres Zimmers gerollt, die ſchweren Vorhänge dicht um ſich herum zugezogen, und lag ſo da, das An⸗ geſicht in den Kiſſen begraben, bei jedem Laute von dem Gewitter draußen convulſiviſch zuſammenfahrend. Sir Michael, deſſen ſtarkes Herz niemals eine Furcht gekannt hatte, zitterte beinahe für dieſes gebrechliche Geſchöpf, deſſen Schuz und Vertheidigung er als ſein glückliches Vorrecht betrachtete. Mylady wollte ſich bis beinahe drei Uhr Morgens, wo der lezte zögernde Donnerſchlag unter den fernen Hügeln da⸗ hinſtarb, nicht auskleiden laſſen. Bis dahin blieb ſie in dem ſchönen ſeidenen Gewande liegen, das ihr auf der Reiſe zum Anzug gedient hatte und nunmehr unordentlich mit dem Bettzeug zuſammen⸗ gedrückt war, und ſchaute nur dann und wann mit angſtvoller Miene auf, um zu fragen, ob der Sturm vorüber wäre. Gegen vier Uhr ſah ihr Gatte, welcher die Nacht an ihrem Bette zugebracht hatte, ſie in einen tiefen Schlaf verfallen, aus welchem ſie erſt nach beinahe fünf Stunden erwachte. Aber um halb zehn Uhr kam ſie in das Früh⸗ ſtückzimmer, eine kleine ſchottiſche Melodie ſingend, die Wangen mit einem ſo zarten Anflug von Blaß⸗ roth bedeckt, daß es ſich an Farbe von ihrem Muß⸗ lin⸗Morgengewande nur wenig unterſchied. Gleich den Vögeln und den Blumen ſchien ſie ihre Mun⸗ terkeit und Schönheit mit der Morgenſonne wieder zu erhalten. Sie trippelte leichtfüßig auf den Ra⸗ ſenplaz hinaus, pflückte da und dort eine lezte ver⸗ 125 ich ſpätete Roſenknospe, einen oder zwei Geranienzweige, ce und kehrte über das feuchte Gras zurück, indem ſie cht nach Herzensluſt lange Cadenzen trillerte und ſo n⸗ friſch und ſtrahlend ausſah, wie die Blumen in ihren on Händen. Der Baronet fing ſie in ſeinen ſtarken d. Armen auf, als ſie durch das offene Fenſter hereinkam. cht„Ach, mein Engel,“ ſagte er,„mein Liebling, he was für ein Glück, daß ich Dich wieder in Deinem fröhlichen Selbſt ſehe! Weißt Du, Lucy, daß ich te einmal dieſe Nacht, da Du durch die dunkelgrünen zte Bettvorhänge ſchauteſt, mit Deinem armen blaſſen BGeſichte, und den rothen Rändern um Deine hohlen eb Augen, beinahe Mühe hatte, in dieſem geiſterhaften, as erſchrockenen, beängſtet ausſehenden, über den Sturm nd aufſchreienden Geſchöpfe mein Weibchen wieder zu en⸗ erkennen? Gott ſei Dank für die Morgenſonne, nit welche die roſigen Wangen und das helle Lächeln rm wieder zurückgebracht hat! Ich hoffe zum Himmel, Lucy, Du wirſt mir nie mehr ſo ausſehen, wie es cht heute Nacht der Fall geweſen.“ fen Sie ſtellte ſich auf die Zehen, um ihn zu küſſen, he und war dann gerade groß genug, um ſeinen wei⸗ ßen Bart zu erreichen. Sie erzählte ihm lachend, ih ſie ſei immer ein ſo einfältiges, furchtſames Geſchöpf nd, geweſen— furchtſam vor Hunden, furchtſam vor Vieh, aß⸗ furchtſam vor einem Donnerwetter, furchtſam vor uß⸗ einer wilden See.„Furchtſam vor Allem und Je⸗ ich dem, außer vor meinem lieben, edlen, ſchönen Ge⸗ un⸗ mahl⸗“ ſezte ſie hinzu. der Sie hatte den Bodenteppich in ihrem Toiletten⸗ Ka⸗ zimmer in Unordnung gefunden, ſie hatte von dem Geheimniſſe des verborgenen Ganges ſich Kunde ver⸗ 126 ſchafft. Sie ſchalt Miß Alicia auf eine ſcherzhafte, lachende Weiſe aus, daß ſie ſich unterſtanden hatte, zwei erwachſene Männer in Mylady's Zimmer ein⸗ zulaſſen. „Und ſie hatten die Kühnheit, Alicia, mein Por⸗ trait in Augenſchein zu nehmen,“ ſagte ſie mit ver⸗ ſtellter Entrüſtung.„Ich fand den Boye auf den Boden geworfen, und einen großen Mannshandſchuh auf dem Bodenteppiche. Da ſchau'!“ Sie ſtreckte mit dieſen Worten einen dicken Fahr⸗ handſchuh aus. Er gehörte Georg, welcher ihn bei der Betrachtung des Gemäldes hatte fallen laſſen. „Ich will in die Sonne gehen und die Jungen zum Diner einladen,“ ſagte Sir Michael, als er das Herrenhaus verließ, um einen Morgenſpaziergang um ſeine Meierei herum zu machen. Lady Audley flatterte in dem hellen September⸗ ſonnenſchein von Zimmer zu Zimmer,— ſezte ſich bald an das Piano nieder, um eine Ballade, oder die erſte Seite von einer italieniſchen Bravourarie zu trillern, oder mit raſchen Fingern einen brillanten Walzer zu durchlaufen— bald umſchwebte ſie einen Ständer mit Treibhausblumen und ſpielte den Gärt⸗ nerdilettanten mit einer feenhaften, ſilbergefaßten Stickſcheere— ſchlenderte bald in ihr Ankleidezim⸗ mer, um mit Phöbe Marks zu plaudern und ihre Locken zum dritten oder vierten Mal wieder ordnen zu laſſen; denn dieſe Ringeln verwirrten ſich immer und gaben Lady Audley's Zofe nicht wenig zu thun. Mylady ſchien gerade an dieſem Septembertage vor lauter Fröhlichkeit in raſtloſer Bewegung und außer Standes zu ſein, lange Zeit an einem und de ler W ſta ru ſel ſei we Uf eit die dr me un ge te, te, in⸗ or⸗ en uh hr⸗ bei en. en s ng er⸗ ſich der wie ten len irt⸗ ten im⸗ hre nen ner un. age und nd demſelben Orte zu verharren, oder ſich mit Etwas zu beſchäftigen. Während Lady Audley ſich ſolchergeſtalt auf ihre eigene frivole Weiſe amüſirte, ſchlenderten die bei⸗ den jungen Männer langſam am Rande eines Ba⸗ ches hin, bis ſie einen ſchattigen Winkel erreichten, wo das Waſſer tief und ruhig war und die langen Zweige der Weiden in das Waſſer hineinhingen. Georg Talboys nahm die Angelruthe, während Robert ſich der ganzen Länge nach auf einem Eiſen⸗ bahnteppiche ausſtreckte, ſeinen Hut ſtatt eines Schir⸗ mes gegen den Sonnenſchein auf ſeiner Naſe balan⸗ ciren ließ und in einen tiefen Schlaf verſank. Das waren glückliche Fiſche in dem Bache, an deſſen Ufern Mr. Talboys ſaß. Sie konnten ſich nach Herzensluſt mit ſchüchternem Anbeißen an des Gent⸗ lemans Köder ergötzen, ohne dabei auf irgend eine Weiſe ihre Sicherheit zu gefährden; denn Georg ſtarrte nur zerſtreut in das Waſſer, hielt ſeine Angel⸗ ruthe mit loſer, gleichgültiger Hand und mit einem ſeltſamen, in weite Ferne ſich verirrenden Blick in ſeinen Augen. Als die Kirchthurmuhr Zwei ſchlug, warf er ſeine Angelruthe weg und überließ, an dem Ufer dahinmarſchirend, Robert Audley dem Genuſſe eines Schläfchens, welches nach den Gewohnheiten dieſes Gentlemans nicht unwahrſcheinlich zwei oder drei Stunden dauern mochte. Etwa eine Viertel⸗ meile weiter überſchritt Georg eine ländliche Brücke und ſchlug den Weg über die Wieſen ein, welche nach Audley Court hinziehen. Die Vögel hatten den ganzen Morgen ſo viel geſungen, daß ſie um dieſe Zeit vielleicht müde ge⸗ 128 worden waren; das träge Vieh ſchlief auf den Wie⸗ ſen; Sir Michael war noch auf ſeiner Morgenſtrei⸗ ferei begriffen; Miß Alicia war vor einer Stunde auf ihrer kaſtanienbraunen Stute davon geritten; die geſammte Dienerſchaft war beim Diner in dem Hintertheile des Hauſes; und Mylady ſpazierte, ein Buch in der Hand, in der ſchattigen Lindenallee auf und ab; ſo hatte das graue alte Gebäude niemals ein friedlicheres Ausſehen gezeigt, als an jenem hellen Nachmittage, da Georg Talboys über den Raſenplatz dahin ging, um vor der ſchweren, eiſenbeſchlagenen, eichenen Thüre an der weithin ſchallenden Glocke zu läuten. Der Diener, welcher auf dieſen Anruf erſchien, erklärte ihm, Sir Michael ſei nicht zu Hauſe, und Mylady gehe in der Lindenallee ſpazieren. Dieſe Kunde ſchien nicht ganz nach ſeinem Sinne zu ſein; er murmelte Etwas wie von einem Wunſche, Mylady zu ſehen, oder von der Abſicht, Mylady auf⸗ zuſuchen,(der Diener konnte nicht deutlich verſtehen, was er ſagte) und entfernte ſich von der Thüre, ohne eine Karte oder eine Botſchaft für die Familie zu⸗ rückzulaſſen. Es war volle anderthalb Stunden, als Lady Audley nach Hauſe zurückkehrte, jedoch nicht von der Lindenallee, ſondern gerade von der entgegengeſezten Seite herkam, ihr offenes Buch in der Hand tragend und unterwegs ſingend. Alicia war eben vom Pferde geſtiegen und ſtand unter dem niedrig gewölbten Thorwege, mit ihrem großen Neufundländer Hund zur Seite. übe und gep nac lag ſtar ie⸗ rei⸗ nde en; em ein auf als len latz len, zu ien, ind nne che, uf⸗ en, hne zu⸗ ady der en end rde ten und 129 Der Hund, welcher Mylady nie hatte leiden kön⸗ nen, zeigte ſeine Zähne mit unterdrücktem Brummen. „Schick' den ſchrecklichen Hund weg, Alicia,“ ſagte Lady Audley ungeduldig.„Das Thier weiß, daß ich mich vor ihm fürchte, und macht ſich meinen Schrecken zu Nutzen. Und doch nennt man dieſe Geſchöpfe edelmüthig und gutgeartet! Bah, Cäſär! ich haſſe dich und du haſſeſt mich, und wenn du mich im Dunkeln in einem engen Gange triffſt, ſo würdeſt du mir an den Hals fliegen und mich er⸗ würgen, nicht wahr?“ Mylady ſchüttelte, wohl geborgen hinter ihrer Stieftochter, ihre gelben Locken gegen das zornige Thier und bot ihm boshaft Troz. „Wiſſen Sie, Lady Audley, daß Mr. Talboys, der junge Wittwer, hier geweſen iſt und ſich nach Sir Michael und nach Ihnen erkundigt hat?“ Lady Audley zuckte die ſchön gebogenen Augen⸗ brauen.„Ich dachte, er komme zum Diner,“ ſagte ſie.„Da werden wir ihn wahrhaftig lang genug haben können.“ Sie trug einen Haufen wilder Herbſtblumen in ihrem aufgeſchlagenen Muſſelingewande. Sie war über die Felder hinter dem Herrenhauſe gegangen und hatte unterwegs in den Hecken ſich einen Strauß gepflückt. Sie eilte leichten Schritts die breite Treppe nach ihren Zimmern hinauf. Georgs Handſchuh lag auf ihrem Boudoirtiſche. Lady Audley klingelte ſtark, und Phöbe Marks erſchien auf dieſen Ruf. „Nimm' den Plunder da weg“, gebot ſie ſtreng. Das Mädchen faßte den Handſchuh und einige 9 Braddon, Lady Audley's Geheimniß. I. 130 verwelkte Blumen und zerriſſene Papiere, die auf dem Tiſche lagen, in ihrer Schürze zuſammen. „Was haſt Du den ganzen Morgen gethan?“ fragte Mylady.„Doch Deine Zeit nicht müßig ver⸗ loren, hoffe ich?“ „Nein, Mylady, ich habe das blaue Kleid ver⸗ ändert. Es iſt ziemlich dunkel auf dieſer Seite des Hauſes; ſo habe ich es auf mein Zimmer genom⸗ men und am Fenſter gearbeitet.“ Das Mädchen verließ mit dieſen Worten das Zimmer, wondte ſich aber noch einmal um, und ſchaute Lady Audley an, als erwarte ſie noch weitere Befehle. Lucy blickte in demſelben Augenblicke auf, und die Augen der beiden Frauen begegneten ſich. „Phöbe Marks,“ ſprach Mylady, indem ſie ſich in einen Lehnſeſſel warf und mit den wilden Blu⸗ men in ihrem Schooße ſpielte,„Du biſt ein gutes, fleißiges Mädchen, und ſo lang ich lebe und es mir wohl geht, ſoll es Dir niemals an einer zuver⸗ läßigen Freundin oder einer Zwanzigpfundnote fehlen.“ Zehntes Capitel. Das Verſchwinden. Als Robert Audley erwachte, ſah er zu ſeinem Erſtaunen, daß die Angelruthe am Ufer lag, die Leine müßig in das Waſſer hing und der Kork harmlos in der Nachmittagsſonne auf und ab tän⸗ zelte Arn um gen. Glie mäc hebe tep auf um Sch Zw dem er l gun und zu Uhr heir doch ſelt däck dur den Nat es Tal auf 12. ber⸗ ver⸗ des om⸗ das und tere und ſich Blu⸗ tes, mir ver⸗ en.“ nem die Kork tän⸗ 131 zelte. Der junge Rechtsgelehrte ſtreckte lange Zeit Arme und Beine nach verſchiedenen Richtungen aus, um ſich durch ſolche Leibesbewegungen zu überzeu⸗ gen, daß er noch den gehörigen Gebrauch von dieſen Gliedern hatte, dann unternahm er es mit einer mächtigen Anſtrengung, ſich aus dem Graſe zu er⸗ heben, und nachdem er bedächtig ſeinen Eiſenbahn⸗ teppich ſo zuſammengelegt hatte, um ihn bequem auf der Schulter zu tragen, ſchlenderte er davon, um nach Georg Talboys zu ſehen. Ein oder zwei Mal ſtieß er einen ſchläfrigen Schrei aus, kaum laut genug, um die Vögel in den Zweigen über ſeinem Haupte, oder die Forelle in dem Bache zu ſeinen Füßen zu erſchrecken; aber da er keine Antwort erhielt, wurde er dieſer Anſtren⸗ gung müde und trollte davon, unterwegs gähnend und beſtändig nach Georg Talboys ausſchauend. Auf einmal zog er ſeine Uhr heraus und fand zu ſeiner Ueberraſchung, daß es bereits halb fünf Uhr war. „Ei, der ſelbſtſüchtige Bettler muß zum Diner heimgegangen ſein,“ brummte er nachdenklich;„und doch iſt das nicht ſehr wahrſcheinlich, denn er denkt ſelten ſogar ans Eſſen, wenn ich nicht ſeinem Ge⸗ dächtniß einen Stoß gebe.“ Selbſt ein guter Appetit und die Gewiß heit, daß durch ſein Zögern wahrſcheinlich das Diner zu Scha⸗ den käme, vermochte Robert Audley's ſchlafmütziger Natur keinen Sporn zu geben, und als er über die Schwelle des Gaſthauſes zur Sonne ſchlich, da ſchlug es gerade fünf Uhr. Er erwartete ſo gewiß, Georg Talboys in dem kleinen Wohnzimmer auf ihn war⸗ mans dem Gemache ein trauriges Ausſehen zu geben ſchien und Robert laut ſtöhnte. „Das iſt luſtig!“ ſagte er.„Ein kaltes Diner, und Niemand da zum Miteſſen!“ Der Sonnenwirth kam ſelbſt herein, um ſich wegen der verdorbenen Gerichte zu entſchuldigen. „Ein ſo ſchönes Paar Enten, Mr. Audley, als Sie jemals mit Ihren Augen geſehen, aber zur tend zu finden, daß die Abweſenheit dieſes Gentle⸗ Kohle verbrannt, davon däß man ſie ſo lang heiß halten mußte.“ „Kümmern Sie ſich nicht um die Enten,“ ſagte Robert ungeduldig;„wo iſt Mr. Talboys?“ „Er iſt nicht da geweſen, Sir, ſeitdem Sie dieſen Morgen mit einander fortgegangen ſind.“ „Was!“ rief Robert.„Nun, in's Himmels Namen, was hat der Mann mit ſich angefangen?“ Er trat an das Fenſter und blickte auf die breite weiße Landſtraße hinaus. Da kroch ein mit Heu bündeln beladener Wagen langſam dahin, die ſchläf⸗ rigen Roſſe und der ſchläfrige Fuhrmann in der Nachmittagsſonne faul die Köpfe hängend. Dä ſtrich eine Schafherde über die Straße, ſammt dem Hunde, der ſich über dem Beſtreben, ſie anſtändig beiſam⸗ men zu halten, ſelbſt in ein Fieber rannte. Da waren einige Maurer, die eben ihre Arbeit einge⸗ ſtellt hatten— ein Keſſelflicker, der einiges Geſchirr an der Straße ausbeſſerte; da fuhr ein Wägelchen auf der Straße hin, mit dem der Hundeaufſeher von Audley ſich zu ſeinem Diner um ſieben Uhr be⸗ gab; da war ein Duzend gemeiner Dorfgeſichter, die ntle⸗ eben iner, ſch 1. als zur heiß ſagte ieſen mels en?“ reite Heu⸗ chläf⸗ der ſtrich unde, iſam⸗ Da inge⸗ ſchirr lchen fſeher hr be⸗ r, die 133 munter durch einander ſchwazten und lärmten; aber da war kein Georg Talboys. „Von allen außerordentlichen Dingen, die mir jemals im Laufe meines Lebens begegnet ſind,“ ſprach Robert Audley,„iſt dieß das wunderbarſte.“ Der Wirth, noch immer in dienſtfertiger Hal⸗ tung ſeiner Befehle harrend, öffnete die Augen, als Robert dieſe Bemerkung machte. Was konnte ſo Außerordentliches in der einfachen Thatſache liegen, daß ein Gentleman zu ſpät zu ſeinem Diner kam? „Ich will fort und nach ihm ſehen,“ ſagte Ro⸗ bert, indem er ſeinen Hut auf den Kopf drückte und geraden Wegs das Haus verließ. Aber die Frage war, wo nach ihm ſehen. Er war gewiß nicht an dem Forellenbache; ſo half es alſo nichts, dorthin zurückzukehren und ihn zu ſuchen. Robert blieb vor dem Wirthshauſe ſtehen und über⸗ legte bei ſich, was das Beſte zu thun wäre, als der Wirth hinter ihm herauskam. „Ich vergaß, Ihnen zu ſagen, Mr. Audley, daß Ihr Oheim fünf Minuten, nachdem Sie weggegan⸗ gen waren, hier vorſprach und eine Botſchaft, näm⸗ lich die Einladung an Sie und den andern Gentle⸗ man zum Diner in dem Herrenhauſe hinterließ. „Dann ſollte es mich nicht wundern,“ ſagte Ro⸗ bert,„wenn Georg Talboys dorthin gegangen iſt, um meinem Oheim ſeinen Beſuch zu machen. Es iſt nicht wahrſcheinlich von ihm, aber es iſt doch auch möglich, daß er es gethan hat.“ Es war ſechs Uhr, als Robert an der Haus⸗ thüre ſeines Oheims anklopfte. Er begehrte Rie⸗ 134 mand von der Familie zu ſehen, ſondern erkundigte ſich ſogleich nach ſeinem Freunde. Der Diener beſtätigte ihm wirklich, daß Mr. Talboys um zwei Uhr oder ein wenig ſpäter da geweſen war. „Und ſeitdem nicht mehr?“ „Nein, ſeitdem nicht mehr.“ „Sind Sie auch gewiß, daß es um zwei Uhr war, als Mr. Talboys vorſprach?“ fragte Robert. „Ja, völlig gewiß. Ich erinnere mich noch genau der Stunde, weil es gerade für die Dienerſchaft Eſſenszeit war, und ich vom Tiſche aufſtand, um Mr. Talboys die Thüre zu öffnen.“ „Nun, was kann aus dem Manne geworden ſein?“ dachte Robert, als er dem Herrenhauſe den Rücken wandte.„Von Zwei bis Sechs— vier gute Stunden— und kein Zeichen von ihm!“ Wenn Jemand gewagt hätte, Robert Audley zu ſagen, er könne möglicher Weiſe eine ſtarke An⸗ hänglichkeit zu irgend einem lebenden Geſchöpfe em⸗ pfinden, der cyniſche Gentleman hätte ſeine Augen⸗ brauen in äußerſter Verachtung bei einer ſo wider⸗ ſinnigen Vorſtellung emporgezogen. Und doch war er jezt ängſtlich und außer Faſſung gebracht und quälte ſein Gehirn mit allen möglichen Vermuthun⸗ gen über ſeinen vermißten Freund, und marſchirte ſogar, allen Attributen ſeiner Natur zuwider, ſchnellen Schrittes. „Ich bin nicht mehr ſchnell gegangen, ſeit ich zu Eton war,“ brummte er, als er über eine von Sir Michaels Wieſen nach dem Dorfe eilte;„und igte Mr. da Uhr ert. nau haft um rden den ute zu An⸗ em⸗ gen⸗ der⸗ war und n⸗ irte llen ich von 135 das Schlimmſte davon iſt, daß ich nicht die ent⸗ fernteſte Idee davon habe, wohin ich gehen will.“ Er ſchritt über eine andere Wieſe, ſezte ſich dann auf einen Zaunſteg, ſtüzte die Ellbogen auf die Kniee und ſchickte ſich ernſthaft an, die Sache zu überlegen. „Ich habe es!“ ſprach er nach einem Nach⸗ denken von einigen Minuten:„die Eiſenbahnſtation!“ Er ſprang über den Zauntritt und marſchirte in der Richtung nach dem rothen Ziegelgebäude davon. Vor einer halben Stunde war kein Zug zu er⸗ warten, und der Bahnbedienſtete trank ſeinen Thee neben dem Bureau in einem Gemache, über deſſen Thüre in großen weißen Buchſtaben die Inſchrift: Privatzimmer ſtand. Aber Mr. Audley war zu ſehr mit der ein⸗ zigen Vorſtellung, ſeinen Freund zu ſuchen, beſchäf⸗ tigt, als daß er dieſer Andeutung irgend eine Auf⸗ merkſamkeit geſchenkt hätte. Er ſchritt alſo gerade auf die Thüre zu und trieb, mit ſeinem Stocke da⸗ ran ſchlagend, den Kaſſier aus ſeinem Allerheiligſten heraus, ziemlich erhizt von dem heißen Thee und den Mund voll Butterbrodes. „Erinnern Sie ſich noch des Gentlemans, Smi⸗ thers, welcher mit mir nach Audley kam?“ fragte Robert. „Nun, Ihnen die Wahrheit zu ſagen, Mr. Aud⸗ ley, ich kann es nicht beſtimmt angeben. Sie kamen mit dem Vieruhrzuge, wenn ich mich recht erinnere, und der bringt immer eine Menge Leute mit.“ „Sie erinnern ſich alſo ſeiner nicht?“ 136 „Meines Wiſſens nicht, Sir.“ „Das iſt ärgerlich. Ich möchte wiſſen, Smithers, ob er ſeit zwei Uhr heute ein Billet nach London genommen hat. Es iſt ein hochgewachſener, breit⸗ ſchulteriger junger Burſche, mit einem großen brau⸗ nen Barte. Sie können ſich in ihm nicht irren.“ „Es waren vier oder fünf Gentlemen da, welche für den Halbvieruhrzug Billets nahmen,“ erwie⸗ derte der Beamte ziemlich zerſtreut, indem er einen ängſtlichen Blick über ſeine Schulter nach ſeiner Frau warf, welche über dieſe Unterbrechung der Harmonie am Theetiſche nicht ſonderlich erfreut ſchien. „Vier oder fünf Gentlemen! Aber entſprach einer von ihnen der Beſchreibung von meinem Freunde?“ „Nun, ich denke, Einer von ihnen hatte einen Bart, Sir.“ „Einen dunkelbraunen Bart?“ weiß ich nicht gerade, ob er braun aus⸗ ſa 4 „War er in Grau gekleidet?“ „Ich glaube, es war grau: gar viele Leute tragen Grau. Er begehrte ſcharf und kurz ange⸗ bunden ein Billet, und als er daſſelbe erhalten hatte, ging er pfeifend geraden Wegs auf die Platt⸗ form hinaus. „Das iſt Georg!“ ſagte Robert.„Ich danke Ihnen, Smithers: ich will Sie nicht länger mehr bemühen. Es iſt ſo klar wie der Tag,“ murmelte er, als er die Station verließ;„er hat wieder einen von ſeinen finſtern Anfällen bekommen und iſt nach London zurückgekehrt, ohne ein Wort davon zu rs, on eit⸗ u⸗ che ie⸗ en au nie ich em te ⸗ n ch 137 ſagen. Ich will morgen frühe Audley auch ver⸗ laſſen; und für heute Nacht— nun ich kann ebenſo gut in das Herrenhaus hinabgehen und mit meines Oheims junger Frau Bekanntſchaft machen. Sie diniren erſt um ſieben Uhr: wenn ich den Weg über die Felder nehme, werde ich zu rechter Zeit dort ſein. Bob— ſonſt auch Robert Audley ge⸗ nannt, das wird nie gut thun: du biſt nahe daran, dich über Hals und Kopf in Deine Tante zu ver⸗ lieben.“ Eilftes Capitel. Das Klal an Wylady's handgelenke. Robert fand Sir Michael und Lady Audley im Saale. Mylady ſaß vor dem Flügel und über⸗ ſchlug die Blätter von einigen neuen Muſikalien. Sie wandte ſich auf ihrem Drehſtuhle um, daß ihre ſeidenen Volants laut rauſchten, als Mr. Robert Aud⸗ ley's Name gemeldet wurde; verließ dann das Piano und machte ihrem Neffen einen netten, ſcherz⸗ haft⸗ceremoniöſen Bückling.“ „Ich danke Ihnen für den Zobelpelz,“ ſagte ſie, ihre kleinen Finger ausſtreckend, die von den Diamanten, welche ſie daran trug, glänzten und funkelten;„ich danke Ihnen für den ſchönen Zobel⸗ pelz. Wie gut war es von Ihnen, mir denſelben zu beſorgen!“ Robert war der Auftrag, welchen er für Lady 138 * Audley bei ſeinem Ausfluge nach Rußland ausge⸗ führt hatte, beinahe ſchon in Vergeſſenheit gerathen. Sein Gemüth war ſo voll von Georg Talboys, daß er Mylady's Dankbarkeit nur durch eine Verbeu⸗ gung anerkannte. „Werden Sie es glauben, Sir Michael?“ ſagte er.„Dieſer mein närriſcher Stubenburſche iſt nach zurückgekehrt und hat mich in der Noth ſizen aſſen.“ „Mr. Georg Talboys iſt nach London zurückge⸗ kehrt!“ rief Mylady, die Augenbrauen emporziehend. „Was für eine ſchreckliche Kataſtrophe!“ ſezte Alicia boshaft hinzu,„ſintemalen Pythias, in der Perſon von Mr. Robert Audley, nicht eine halbe Stunde ohne Damon, gemeinhin als Georg Talboys bekannt, exiſtiren kann.“ „Es iſt ein ſehr guter Burſche,“ antwortete Ro⸗ bert feſt,„und ehrlich die Wahrheit zu geſtehen, ich bin ſeinetwegen ziemlich unruhig.“ „Seinetwegen unruhig!“ Mylady war ſehr be⸗ gierig, zu erfahren, warum Robert ſeines Freundes wegen unruhig war. „Ich will Ihnen ſagen, warum, Lady Audley,“ antwortete der junge Rechtsgelehrte.„Georg hat vor einem Jahre durch den Tod ſeiner Gattin einen bittern Schlag erlitten. Er hat dieſen Schmerz nie überwunden. Er nimmt das Leben ziemlich ruhig hin— beinahe ſo ruhig wie ich— aber er ſpricht oft ſehr ſonderbare Dinge, und ich fürchte zuweilen, ſein Kummer wird ihm eines Tages über den Kopf wachſen und ihn zu einer unbeſonnenen Handlung verleiten.“ — e— N ge⸗ en. aß eu⸗ 139 Mr. Robert Audley ſprach nur unbeſtimmt, aber alle ſeine drei Zuhörer wußten wohl, daß eine un⸗ beſonnene Handlung, auf welche derſelbe anſpielte, nur eine That war, für welche eine Reue nicht mehr möglich iſt. Es trat eine kurze Pauſe ein, während welcher Lady Audley ihre gelben Ringellocken mit Hülfe des Spiegels über dem ihr gegenüber befindlichen Con⸗ ſoletiſche ordnete. „Mein Himmel!“ ſagte ſie,„das iſt ſehr ſon⸗ derbar. Ich dachte nicht, daß Männer ſolcher tiefen und dauernden Zuneigung fähig wären. Ich ſtellte mir vor, ein hübſches Geſicht ſei ſo gut für ſie wie ein anderes hübſches Geſicht, und wenn auch Nu⸗ mero Eins mit blauen Augen und blonden Haaren ſtürbe, ſo haben ſie nur der Abwechslung wegen nach Numero Zwei mit ſchwarzen Augen und ſchwar⸗ zen Haaren zu ſehen.“ „Georg Talboys iſt keiner von dieſen Männern. Ich glaube feſt daran, daß ſeiner Gattin Tod ihm das Herz brach.“ „Wie traurig!“ murmelte Lady Audley.„Es erſcheint faſt grauſam von Mrs. Talboys, daß ſie ſtarb und ihren armen Gemahl ſo ſehr betrübte.“ „Alicia hatte Recht; ſie iſt kindiſch,“ dachte Ro⸗ bert, als er ſeiner Tante in das hübſche Geſicht ſah. Mylady war ganz bezaubernd beim Diner; ſie gab auf die entzückendſte Weiſe ihre Ungeſchicklichkeit zur Tranchirung des ihr vorgeſezten Faſans zu erkennen und rief Robert zu ihrem Beiſtande auf. „Ich konnte wohl eine Hammelskeule bei Mr. Dawſon zerlegen,“ ſagte ſie lachend,„aber eine 140 Hammelskeule iſt etwas ſo Leichtes; und dann pflegte ich dabei aufzuſtehen.“ Sir Michael beobachtete den Eindruck, welchen Mylady auf ſeinen Reffen machte, mit einem ſtolzen Entzücken über ihre Schönheit und ihre Zaubergabe. „Ich bin höchſt erfreut, mein kleines Weibchen wieder bei ihrer gewöhnlichen heitern Laune zu ſehen,“ ſagte er.„Sie war geſtern ſehr niederge⸗ ſchlagen in Folge einer Täuſchung, die ihrer in Lon⸗ don wartete.“ „Einer Täuſchung!“ „Ja, Mr. Audley, und zwar einer ſehr grau⸗ ſamen,“ antwortete Mylady.„Ich erhielt neulich Morgens eine telegraphiſche Botſchaft von meiner alten Freundin und Schulvorſteherin, woraus ich er⸗ ſah, daß ſie im Sterben läge, und daß ich, wenn ich dieſelbe noch einmal ſehen wollte, unverzüglich zu ihr eilen müßte. Die telegraphiſche Depeſche enthielt keine Adreſſe, und natürlich bildete ich mir unter ſolchen Umſtänden ein, ſie müſſe noch in dem Hauſe wohnen, wo ich ſie vor drei Jahren verlaſſen hatte. Sir Michael und ich, wir reisten ſogleich nach London ab und fuhren geraden Wegs an dem alten Hauſe vor. Daſſelbe war aber jezt von frem⸗ den Leuten bewohnt, uud ſie vermochten mir keine Kunde von meiner Freundin zu geben. Es ſteht an einem abgelegenen Orte, und nur ſehr wenig Hand⸗ werkervolk iſt in der Nähe herum. Sir Michael zog in den paar Werkſtätten, die ſich daſelbſt befin⸗ den, Erkundigung ein, war aber, nachdem er ſich unendliche Mühe gegeben hatte, nicht im Stande, Etwas zu entdecken, was uns auf die gewünſchte n 141 Spur führen konnte. Ich habe keine Freunde in London, und darum leiſtete mir Niemand Hülfe, außer meinem theuren, edelmüthigen Gemahl, wel⸗ cher Allem, was in ſeiner Macht ſtand, jedoch ver⸗ geblich aufbot, um meiner Freundin neue Wohnung aufzufinden. „Es war aber doch ſehr thöricht, in einer tele⸗ graphiſchen Botſchaft die Adreſſe nicht beizufügen,“ entgegnete Robert. „Wenn man im Sterben liegt, iſt es nicht leicht, an Alles zu denken,“ murmelte Mylady, indem ſie Mr. Audley mit ihren ſanften blauen Augen vorwurfs⸗ voll anſchaute. Troz Lady Audley's Zaubermacht und troz Ro⸗ berts unbedingter Bewunderunge für ſie, vermochte der junge Rechtsgelehrte dennoch ein unbeſtimmtes Ge⸗ fühl von Unbehaglichkeit an dieſem ruhigen Septem⸗ berabend nicht zu überwinden. Während er ſo in der Vertiefung eines gothi⸗ ſchen Fenſters ſaß und mit Mylady im Geſpräche begriffen war, wanderte ſein Geiſt hinweg nach dem ſchattigen Figtree Court, und er dachte an den armen Georg Talboys, welcher einſiedleriſch in dem Zimmer mit den Hunden und den Kanarienvögeln ſeine Ci⸗ garre rauchte. „Ich wünſche, ich hätte niemals einige Freund⸗ ſchaft für den Burſchen empfunden,“ dachte er. „Es iſt mir zu Muthe, gleich einem Manne, der einen einzigen Sohn hat, dem es im Leben ſchief gegangen iſt. Ich wünſche zu Gott, ich könnte ihm ſeine Frau wieder geben und ihn nach Ventnor 142 hinabſchicken, um ſeine Tage im Frieden zu be⸗ ſchließen.“ Noch immer lief Mylady's muſikaliſches Geplau⸗ der ſo heiter und ununterbrochen fort wie das Ge⸗ plätſcher eines Baches; und noch immer wanderten Roberts Gedanken wider ſeinen Willen zu Georg Talboys hinüber. Er dachte ſich ihn, wie er mit dem Poſtzuge nach Southampton hinabeilte, um ſeinen Knaben zu ſehen. Er dachte ſich ihn, wie er ihn oft geſehen, die Schiffsanzeigen in der Times zuſammenbuch⸗ ſtabirend, indem er nach einem Fahrzeuge ſpähte, mit dem er nach Auſtralien zurückkehren könnte. Ein⸗ mal dachte er an ihn mit einem Schauder, wie er kalt und ſteif auf dem Grunde irgend eines ſeichten Fluſſes da lag, das todte Antliz gegen den dun⸗ kelnden Horizont emporgerichtet. Lady Audley bemerkte ſeine Zerſtreutheit und fragte ihn, woran er denke. „An Georg Talboys,“ antwortete er kurz abge⸗ brochen. Sie zuckte ein wenig zuſammen. „Auf mein Wort,“ ſagte ſie,„es wird mir ganz ſchlimm zu Muthe bei der Art und Weiſe, wie Sie von Mr. Talboys ſprechen. Man könnte glauben, es ſei ihm etwas Außerordentliches begegnet.“ „Gott verhüte es! Aber ich kann mich der Be⸗ ſorgniß um ihn nicht erwehren.“ Später am Abend wünſchte Sir Michael etwas Muſik zu hören, und Mylady begab ſich an den Flügel. Robert Audley ſchlenderte ihr zu dem In⸗ ſtrumente nach, um die Rotenblätter umzuſchlagen; abe ihn auf Pie reck dar ihr me nie blä dan zuſ wã gel hü ein ſchl St ger gel ten ein abe Ar rie 143 aber ſie ſpielte aus dem Gedächtniß, und ſo war ihm die Mühe erſpart, welche ſeine Galanterie ihm auferlegt hätte. Er trug ein paar angezündete Lichter auf das Piano und ſtellte ſie für die hübſche Spielerin zu⸗ recht. Sie ſchlug einige Saiten an und ſchweifte dann in eine düſtere Sonate von Beethoven hinüber. Es war eine der vielen paradoxen Erſcheinungen in ihrem Charakter, dieſe Vorliebe zu düſtern und melancholiſchen Melodien, ihrer heitern und frivolen Natur ſo ganz und gar entgegengeſezt. Robert Audley ließ ſich träge an ihrer Seite nieder, und da er mit dem Umdrehen der Noten⸗ blätter Nichts zu thun hatte, ſo unterhielt er ſich damit, daß er ihren weißen juwelenbeſezten Fingern zuſah, wie ſie ſanft über die Taſten dahin glitten, während die Spizenärmel weich von den graciös⸗ gebogenen Handgelenken abfielen. Er betrachtete ihre hübſchen Finger, einen nach dem andern; an dem einen erglänzte ein Rubinherz; den anderen um⸗ ſchloß eine Smaragdſchlange; alle umleuchtete ein Sternengeflimmer von Diamanten. Von den Fin⸗ gern wanderten ſeine Augen zu den runden Hand⸗ gelenken: das breite, goldene Bracelet an dem rech⸗ ten Handgelenke glitt auf die Hand herab, als ſie eine raſche Paſſage ausführte. Sie hielt plözlich an, um daſſelbe wieder an ſeine Stelle zu bringen, aber ehe ſie damit fertig wurde, bemerkte Robert Audley einen rothen Fleck auf ihrer zarten Haut. „Sie haben ſich den Arm verlezt, Lady Audley,“ rief er. Sie ſchob haſtig das Bracelet zurück. „Es iſt Nichts,“ ſagte ſie.„Ich bin ſo unglück⸗ lich, eine Haut zu haben, auf welcher die geringſte Berührung eine Spur zurückläßt.“ Sie fuhr zu ſpielen fort, aber Sir Michael kam durch das Zimmer herüber, um die Beule an ſei⸗ ner Gattin hübſchem Handgelenke zu ſehen. „Was iſt es, Lucy?“ fragte er,„und wie iſt das geſchehen?“ „Wie thöricht Ihr alle ſeid, daß Ihr Euch wegen eines ſo albernen Dings beunruhigt,“ ſagte Lady Audley lachend.„Ich bin zuweilen etwas geiſtes⸗ abweſend, und unterhielt mich vor einigen Tagen damit, ein Stück Band ſo feſt um meinen Arm herumzubinden, daß ein rothes Mal davon zurück⸗ geblieben iſt, als ich es wieder losmachte.“ „Hum!“ dachte Robert.„Mylady lügt uns da in ihrer kindiſchen Weiſe ein Bischen vor; das Mal rührt nicht von einigen Tagen her, ſondern iſt von neuerem Datum. Die Haut hat eben erſt die Farbe zu ändern angefangen.“ Sir Michael nahm das zarte Handgelenke in ſeine ſtarke Rechte. „Leuchte her, Robert,“ ſagte er,„und laß' uns den kleinen Arm betrachten.“ Es war nicht blos ein rother Flecken, ſondern vier kleine purpurfarbige Male, wie ſie etwa von vier Fingern einer gewaltigen Fauſt herkommen mochten, welche das zarte Handgelenk etwas zu rauh angefaßt hatten. Ein ſchmales, feſt herumgeſchlun⸗ genes Band hätte allerdings ſolche Male zurück⸗ laſſen können, und Mylady verſicherte noch einmal, es müſſe damit, ſo weit ſie ſich irgend erinnern hat gef unt hin wei ſchi gut mit Fic ha dor ick⸗ ſte m ei⸗ iſt en dy es⸗ en rm ck⸗ da tal on be in ns n on en uh in⸗ ck⸗ al, rn 145 könne, ſo zugegangen ſein, wie ſie angegeben hatte. Eines der ſchwachen Purpurmale war dunkler gefärbt, als ob ein Ring an einem jener ſtarken und grauſamen Finger ſich tiefer in das zarte Fleiſch hineingegraben hätte. „Ich bin überzeugt, Mylady macht uns da Etwas weiß,“ dachte Robert,„denn ich vermag an die Ge⸗ ſchichte von dem Bande nicht zu glauben.“ Er ſagte ſeinen Verwandten um halb eilf Uhr gute Nacht und Lebewohl; er erklärte ihnen, er wolle mit dem erſten Zuge nach London abreiſen, um in Figtree⸗Court nach Georg zu ſehen. „Finde ich ihn dort nicht, ſo gehe ich nach Sout⸗ hampton,“ ſezte er hinzu;„und finde ich ihn auch dort nicht—“ „Was dann?“ fragte Mylady. „Dann muß ich denken, es ſei ihm etwas Außer⸗ ordentliches begegnet.“ Robert Audley war ſehr niedergeſchlagen, als er langſam zwiſchen den ſchattigen Wieſen heimkehrte; noch niedergeſchlagener, als er das Wohnzimmer in der Sonne betrat, wo er und Georg die Zeit damit zugebracht hatten, aus dem Fenſter zu ſchauen und ihre Cigarren zu rauchen. „Annehmen zu müſſen,“ ſprach er nachdenklich, „daß es möglich iſt, ſich ſo viel um einen Burſchen zu bekümmern. Aber komme was da will, das Erſte, was ich morgen früh thue, iſt, daß ich ihm in die Stadt nachreiſe, und eher gehe ich bis an das Ende der Welt, als daß ich mich in Auffindung deſſelben hindern laſſe.“ Braddon, Lady Audbley's Geheimniß. J. 0 S 146 Bei Mr. Robert Audley's lymphatiſcher Natur gehörte Entſchloſſenheit ſo ſehr zur Ausnahme, an⸗ ſtatt zur Regel, daß wenn er einmal in ſeinem Le⸗ ben irgend zu handeln ſich in den Kopf geſezt hatte, er auch mit einer gewiſſen mürriſchen, eiſenharten Beharrlichkeit ans Werk ging und ſich dadurch zur Erreichung ſeines Zweckes angetrieben fühlte. Die träge Gemüthsſtimmung, welche ihn ver⸗ hinderte, an ein halb Duzend Dinge zugleich zu denken und nicht Eines davon gründlich zu über⸗ denken, wie energiſchere Leute es zu thun gewöhnt ſind, gewährte ihm einen merkwürdig hellen Blick über jeden Punkt, welchem er einmal ernſtlich ſeine Aufmerkſamkeit zugewendet hatte. In der That zweifle ich, Alles recht betrachtet, wenn auch die ernſten ältern Mitglieder der Rechts⸗ ſchule über ihn lachten, und aufſtrebende Rechtsge⸗ lehrte unter ihren rauſchenden Seidenmänteln, wenn man von Robert Audley ſprach, die Achſeln zuckten, gar ſehr, ob er nicht, wenn er ſich jemals die Mühe genommen hätte, ein Diplom zu löſen, jene Magna⸗ ten, welche ſeine Fähigkeiten unterſchäzten, in ordent⸗ liches Erſtaunen verſezt hätte. Zwölftes Capitel. Uoch immer verſchwunden. Die Septemberſonne warf ihre Strahlen auf den Springbrunnen in Temple⸗Gardens, als Robert Aud⸗ tur an⸗ Le⸗ tte, ten zur er⸗ zu er⸗ hut lick ine tet, ge⸗ enn ten, ühe na⸗ nt⸗ den ud⸗ 147 ley früh am folgenden Morgen nach Figtree Court zurückkehrte. Die Kanarienvögel ſchlugen in dem hübſchen klei⸗ nen Zimmer, wo Georg geſchlafen hatte, aber das Gemach war in derſelben pünktlichen Ordnung, welche die Wäſcherin daſelbſt nach der Abreiſe der beiden jungen Männer geſchaffen hatte— nicht ein Stuhl war verrückt, nicht einmal der Deckel eines Cigarren⸗ kiſtchens gehoben, ſo daß man daraus auf die An⸗ weſenheit von Georg Talboys hätte ſchließen können. Mit der lezten noch zögernden Hoffnung ſuchte er auf den Kamingeſimſen und Tiſchen in ſeinen Zim⸗ mern herum, an die Möglichkeit denkend, einen von Georg hinterlaſſenen Brief zu finden. „Er kann hier vergangene Nacht geſchlafen ha⸗ ben und heute früh nach Southampton aufgebrochen ſein,“ dachte er.„Mrs. Maloney iſt wahrſcheinlich hier geweſen, um nach ſeinem Abgang Alles wieder ſauber zu machen.“ Aber als er ſo da ſaß und träge im Zimmer herumſchaute, indem er dann und wann ſeinen er⸗ freuten Kanarienvögeln Etwas vorpfiff, verkündigte das Geräuſch eines Schlappſchuhs draußen auf der Treppe die Ankunft derſelben Mrs. Maloney, welche die beiden jungen Männer bediente. Nein, Mr. Talboys war nicht nach Hauſe ge⸗ kommen; ſie hatte heute früh um ſechs Uhr herein⸗ geſchaut und die Zimmer leer gefunden. „Sollte dem armen lieben Herrn ein Unglück begegnet ſein?“ fragte ſie, als ſie Robert Audley's blaſſes Geſicht ſah. 148 Er drehte ſich bei dieſer Frage ganz wild nach ihr um. Ein Unglück begegnet ſein! Was konnte ihm begegnen? Sie hatten ſich erſt um zwei Uhr geſtern getrennt. Mrs. Maloney wollte ihm die Geſchichte von einem armen jungen Lokomotivführer erzählen, wel⸗ cher einſt bei ihr gewohnt hatte und eines Tags, nachdem er noch ein tüchtiges Diner eingenommen, in beſter Stimmung abgegangen war, um in Folge eines Zuſammenſtoßes zwiſchen einem Schnellzug und einem Güterzug ſeinen Tod zu finden; aber Robert ſezte ſeinen Hut wieder auf und verließ geraden Wegs wieder das Haus, ehe die ehrliche Irländerin ihre klägliche Geſchichte erzählen konnte. Es dämmerte bereits, als er Southampton er⸗ reichte. Er kannte den Weg zu der kleinen Häuſer⸗ terraſſe, in einer langweiligen, gegen das Waſſer hinab liegenden Straße, wo Georgs Schwiegervater lebte. Der kleine Georgey ſpielte unter dem offenen Fenſter des Wohnzimmers, als der junge Mann die Straße hinabſchritt. Vielleicht war es eben dieſer Umſtand und das langweilige und ſtille Ausſehen des Hauſes, wo⸗ durch Robert Audley's Geiſt ſich die unbeſtimmte Ueberzeugung einprägte, daß der Mann, den er ſuchte, nicht hier war. Der Alte öffnete ſelbſt die Thüre und das Kind ſprang zu dem Wohnzimmer hinaus, um ſich den fremden Gentleman zu betrachten. Es war ein ſchöner Knabe mit ſeines Vaters braunen Augen und dunkeln, in Wellenlinien ab⸗ fallenden Haaren, und doch zugleich mit einem ge⸗ ach hm ern oon el⸗ g8, en, lge und ert den rin 149 heimen Ausdruck, der nicht an ſeinen Vater erinnerte, aber das ganze Geſicht deſſelben durchdrang, ſo daß, obwohl jeder Zug des Kindes demſelben Zuge in Georg Talboys Antliz entſprach, der Knabe doch in Wirklichkeit ihm nicht gleich ſah. Der alte Mann war erfreut, Robert Audley zu ſehen; er erinnerte ſich, daß er das Vergnügen ge⸗ habt hatte, ihn zu Ventnor zu ſehen, bei der trau⸗ rigen Veranlaſſung von— Er wiſchte ſich die wäſ⸗ ſerigen alten Augen, anſtatt den Satz zu ſchließen. Er bat Mr. Audley, einzutreten. Robert trat in das kleine Wohnzimmer. Die Möbeln waren arm⸗ ſelig und ſchmutzig, und der Ort roch nach ſtink⸗ lichem Tabak und nach Grog. Des Knaben zerbrochene Spielſachen und des alten Mannes zerbrochene Thon⸗ pfeifen und zerriſſene, von Grog beſchmuzte Zeitun⸗ gen lagen auf dem unſaubern Bodenteppiche zer⸗ ſtreut. Der kleine Georgey näherte ſich langſam dem Beſucher und betrachtete ihn verſtohlen aus ſeinen großen braunen Augen. Robert nahm den Knaben auf ſeine Kniee und gab ihm ſeine Uhrkette zum Spielen, während er mit dem alten Mann redete. „Ich brauche kaum die Frage zu ſtellen, die ich im Sinne hatte,“ ſagte er.„Ich hatte gehofft, Ihren Tochtermann hier zu finden.“ „Wie! Sie wußten, daß er nach Southampton kommen würde?“ „Wußte, daß er kommen würde!“ rief Robert auflebend.„Er iſt alſo hier?“ „Nein, er iſt nicht hier, aber hier geweſen.“ „Wann?“ „Vergangene Nacht; er kam mit dem Poſtzuge.“ 150 „Und ging ſogleich wieder ab?“ „Er blieb kaum über eine Stunde.“ „Mein Himmel!“ rief Robert,„welche unnütze Angſt hat mir der Mann eingejagt! Was mag Dies alles zu bedeuten haben?“ „Sie haben alſo von ſeinem Vorhaben Nichts gewußt?“ „Von welchem Vorhaben?“ „Ich meine ſeinen Entſchluß, nach Auſtralien zu gehen.“ „Ich wußte, daß ihm Das immer mehr oder we⸗ niger im Kopfe herum ging, aber gegenwärtig nicht mehr als ſonſt.“ „Er fährt dieſe Nacht von Liverpool ab. Er kam um ein Uhr dieſen Morgen hier an, um den Knaben noch einmal zu ſehen, ſagte er, bevor er England verließe, vielleicht um nie mehr zurückzukehren. Er erklärte mir, er ſei der Welt müde und das rauhe Leben draußen ſei das Einzige, was für ihn tauge. Er blieb eine Stunde, küßte den Knaben, ohne ihn zu wecken, und verließ Southampton mit dem Poſt⸗ zuge, welcher um Zwei und ein Viertel Uhr abgeht.“ „Was kann Das alles zu bedeuten haben?“ ſagte Robert.„Was konnte er für einen Beweggrund ha⸗ ben, England auf ſolche Weiſe zu verlaſſen, ohne ein Wort an mich, ſeinen vertrauteſten Freund— ohne nur einen zweiten Anzug zum Wechſeln, denn er hat Alles in meiner Wohnung zurückgelaſſen? Es iſt ein wahrhaft außerordentliches Benehmen!“ Der alte Mann nahm eine ſehr ernſte Miene an. „Wiſſen Sie was, Mr. Audley,“ ſagte er, bedeu⸗ tungsvoll an ſeine Stirne tippend,„ich bilde mir zu tze ag hts ve⸗ cht Er en er en. he ge. hn ſt⸗ t.“ gte a⸗ ne nn n? 151 Zeiten ein, daß Helen's Tod eine beſondere Wirkung auf den armen Georg ausgeübt hat.“ „Bah!“ rief Robert verächtlich;„er fühlte aller⸗ dings den Schlag höchſt ſchmerzlich, aber ſein Ge⸗ hirn war ſo geſund wie das Ihrige oder das meine.“ „Vielleicht ſchreibt er Ihnen von Liverpool,“ ſagte Georg's Schwiegervater. Er ſchien ängſtlich bemüht, den Unwillen zu mildern, welchen Robert über ſeines Freundes Benehmen empfinden mochte. „Es wäre wohl ſeine Schuldigkeit,“ ſagte Robert ernſt,„denn wir ſind gute Freunde ſeit den Tagen geweſen, da wir zuſammen in Eton waren. Es iſt nicht ſchön von Georg Talboys, mich alſo zu be⸗ handeln.“ Aber noch in dem Augenblicke, da er dieſen Vor⸗ wurf ausſprach, fühlte er Etwas wie einen ſcharfen Gewiſſensbiß in ſeinem Herzen. „Es ſieht ihm nicht gleich,“ ſagte er,„es ſieht Georg Talboys nicht gleich.“ Der kleine Georgey wurde bei dieſem Laute auf⸗ merkſam.„Das iſt mein Name,“ ſagte er,„und meines Papa's Name— des großen Gentlemans Name.“ „Ja, kleiner Georgey, und Dein armer Papa iſt dieſe Nacht gekommen und hat Dich in Deinem Schlafe geküßt. Erinnerſt Du Dich nicht?“ „Nein,“ ſagte der Knabe, ſeinen kleinen Locken⸗ kopf ſchüttelnd. „Du mußt ſehr feſt geſchlafen haben, kleiner Georgey, daß Du den armen Papa nicht geſehen haſt.“ Das Kind gab keine Antwort, aber plözlich ſagte er, die Augen auf Roberts Geſicht geheftet, kurzweg: 152 „Wo iſt die hübſche Dame?“ „Was für eine hübſche Dame?“ „Die hübſche Dame, welche ſonſt vor langer Zeit zu kommen pflegte.“ „Er meint ſeine arme Mama,“ ſagte der alte Mann. „Nein,“ rief der Knabe entſchieden,„nicht Mamo. Mama hat immer geweint. Ich konnte Mama nicht leiden—“ „Still, kleiner Georgey!“ „Aber ich konnte Mama nicht leiden, und ſie mich nicht. Sie hat immer geweint. Ich meine die hübſche Dame; die Dame, die ſo ſchön gekleidet war, und die mir die goldene Uhr gab.“ „Er meint die Frau meines alten Kapitäns— ein vortreffliches Geſchöpf, welche eine große Vor⸗ liebe für Georgey gefaßt hatte und ihm einige hübſche Geſchenke machte.“ „Wo iſt meine goldene Uhr? Laß' mich dem Gentleman meine goldene Uhr zeigen,“ rief Georgey. „Man hat ſie zum Auspuzen fortgeſchickt, Geor⸗ gey,“ antwortete ſein Großvater. „Sie wird immer zum Auspuzen fortgeſchickt,“ ſagte der Knabe. „Die Uhr iſt in den ſicherſten Händen, glauben Sie mir, Mr. Audley,“ murmelte der alte Mann, wie entſchuldigend; und einen Leihhausſchein heraus⸗ ziehend, überreichte er denſelben Robert. Er war auf den Namen von Kapitän Morti⸗ mer ausgeſtellt:„Eine Uhr mit Diamanten beſezt, 11 Pfd. St.“ „Ich bin oft in großer Noth wegen weniger alt ger ein eit Ute na icht ſie die ar, 153 Schillinge, Mr. Audley,“ ſagte der alte Mann. „Mein Schwiegerſohn iſt ſehr liberal gegen mich ge⸗ weſen; aber es gibt Andere, es gibt Andere, Mr. Audley— und— und— man hat mich nicht gut behandelt.“ Er wiſchte ſich einige aufrichtige Thrä⸗ nen aus den Augen, als er dieſe Worte mit klägli⸗ cher, weinerlicher Stimme ausſprach.„Komm' Geor⸗ gey, es iſt Zeit, daß der brave kleine Mann zu Bette geht. Komm' mit dem Großpapa. Entſchul⸗ digen Sie mich auf eine Viertelſtunde, Mr. Audley.“ Der Knabe gehorchte bereitwillig. An der Thüre des Zimmers drehte der alte Mann ſich noch ein⸗ mal gegen ſeinen Beſuch um und ſagte mit derſel⸗ ben grämlichen Stimme: „Das iſt ein ſchlechter Ort für mich in meinen alten Tagen, Mr. Audley. Ich habe viele Opfer gebracht, und will ſie noch bringen, aber man hat mich nicht gut behandelt.“ In dem dämmerigen kleinen Wohnzimmer allein gelaſſen, ſchlug Robert Audley die Arme über einan⸗ der und blieb, zerſtreut auf den Boden ſtarrend, ſitzen. Georg war alſo fort; er konnte vielleicht einen Brief von ihm zur Aufklärung erhalten, wenn er nach London zurückkehrte; aber wie die Sachen ſtan⸗ den, war es nur allzu wahrſcheinlich, daß er ſeinen alten Freund nicht wieder ſehen würde. „Und denken zu müſſen, daß ich mich um den Burſchen ſo viel bekümmere,“ ſprach er, ſeine Au⸗ genbrauen bis zur Mitte der Stirne hinaufziehend. „Hier riecht es nach ſtinklichem Tabak, wie in einer Kneipe,“ murmelte er auf einmal;„da kann es nichts ſchaden, wenn ich eine Cigarre rauche.“ 154 Er nahm eine aus dem Etui in ſeiner Taſche; ten auf dem kleinen Kaminroſte glimmte noch ein wenig ma Feuer und er ſchaute ſich nach Etwas um, ſeine Ci⸗ garre damit anzuzünden. Ein zerknittertes Stück Papier lag halb verbrannt auf dem Teppiche vor dem Kamin; er hob es auf, nahm es aus einander, um dadurch, daß er es um⸗ gekehrt zuſammenlegte, einen beſſern Fidibus zu be⸗ kommen. Während er damit beſchäftigt war und zerſtreut die mit Bleiſtift geſchriebenen Zeilen auf dem dün⸗ Poſ nen Papierſtreifen betrachtete, traf ſein Auge auf Mo das Bruchſtück von einem Namen— das Bruchſtück mer des Namens, der eben alle ſeine Gedanken beherrſchte. den Er trat mit dem Papierſtückchen an das Fenſter und ſträ nahm es bei dem ſcheidenden Lichte genauer in Au⸗ genſchein. hin Es war ein Theil einer telegraphiſchen Depeſche. kein Der obere Theil davon war abgebrannt, aber der wichtigere Theil, der größere Theil der Botſchaft daß ſelbſt war noch geblieben. zum alboys kam nach.... vergangene Nacht trä und ging wieder mit dem Poſtzuge ab nach Lon⸗ wor don, auf dem Wege nach Liverpobl, von wo er beh ſich nach Sidney einſchiffen wollte. weſ Das Datum, der Name und die Adreſſe des Ab⸗ aln ſenders der Botſchaft war mit der Ueberſchrift weg⸗ ihm gebrannt. Robert Audley's Geſicht überzog eine dem tödtliche Bläſſe. Er legte den Papierſtreifen ſorgfäl⸗ Es tig zuſammen und ſteckte ihn zwiſchen die Blätter junt ſeines Taſchenbuchs. St „Mein Gott!“ ſagte er,„was hat das zu bedeu⸗ bac he; nig nnt uf, um⸗ be⸗ eut ün⸗ auf tück hte. und Au⸗ che. der at cht on⸗ er Ab⸗ e⸗ ine fäl⸗ tter 155 ten? Ich will heute Nacht mich nach Liverpool auf⸗ machen und dort weiter nachforſchen.“ Dreizehntes Capitel. Unruhige Träumr. Robert Audley verließ Southampton mit dem Poſtzuge und betrat ſeine Wohnung, gerade als die Morgendämmerung kalt und grau ſich in die einſa⸗ men Zimmer hineinſtahl, und die Kanarienvögel mit dem frühen Morgen ihre Federn ein wenig aufzu⸗ ſträuben begannen. Es befanden ſich mehrere Briefe in dem Schalter hinter der Thüre, aber von Georg Talboys war keiner darunter. Der junge Rechtsgelehrte war ermüdet davon, daß er einen ganzen langen Tag von einem Ort zum andern herumgefahren war. Die gewöhnliche träge Einförmigkeit ſeines Lebens war unterbrochen worden, wie es bisher in den achtundzwanzig ruhigen, behaglich dahin fließenden Jahren nie der Fall ge⸗ weſen. Der Begriff von Zeit und Stunde ſchien ſich allmälig in ſeinem Geiſte zu verwirren, und es kam ihm vor, als ob ſchon Monate verfloſſen wären, ſeit⸗ dem er Georg Talboys nicht mehr geſehen hatte. Es fiel ihm ſo ſchwer, daran zu glauben, daß der junge Mann ihn vor weniger als achtundvierzig Stunden ſchlafend unter den Weiden am Forellen⸗ bach verlaſſen hatte. 156 Seine Augen fielen ihm vor Schlaf beinahe zu; er ſuchte indeſſen noch einige Zeit im Zimmer herum, ſchaute an den unmöglichſten Orten nach einem Briefe von Georg Talboys herum, und warf ſich dann an⸗ gekleidet auf ſeines Freundes Bett, in dem Zimmer mit den Kanarienvögeln und den Geranien. „Ich will auf die Poſt von Morgen früh war⸗ ten,“ ſprach er bei ſich,„und bringt dieſe keinen Brief von Georg, ſo breche ich nach Liverpool auf, ohne einen Tag zu verziehen.“ Er war völlig erſchöpft und fiel in einen feſten Schlaf— einen Schlaf, welcher tief war, ohne doch völlig erfriſchend zu ſein, denn er wurde ununterbro⸗ chen durch unangenehme Träume gequält— Träume, welche peinlich waren, nicht wegen des ſchauerlichen Inhalts derſelben, ſondern wegen der Verwirrung und Ungereimtheit, die darin herrſchten und einen vagen, aber doch abſpannenden Eindruck auf ihn machten. Einmal war er in der Verfolgung fremder Leute begriffen und betrat fremde Häuſer, in dem Verſuche, das Geheimniß der telegraphiſchen Depeſche aufzu⸗ decken; ein anderes Mal befand er ſich auf dem Kirchhofe zu Ventnor und betrachtete den Grabſtein, welchen Georg ſeiner verſtorbenen Gattin hatte ſezen laſſen. Wieder einmal gelangte er auf den langen geheimnißvollen Irrgängen dieſer Träume zu dem Grabe und fand, daß der Denkſtein davon fort war, und als er deßhalb auf den Steinhauer ſchalt, er⸗ hielt er zur Antwort, der Mann habe Recht gehabt, die Inſchrift zu entfernen, und Robert werde den Grund davon eines Tages erfahren. daß klop ſchl ſche ſich kont moc mer Din ſiche mic ihre Bet der ab; in ſag ma Sch wie die der net zu; um, iefe an⸗ mer ar⸗ nen auf, ſten doch bro⸗ me, chen ung inen ihn eute che, fzu⸗ dem tein, ezen igen dem var er⸗ abt, den 157 Er fuhr aus dieſen Träumen auf, als er hörte, daß Jemand an die äußere Thüre ſeiner Wohnung klopfte. Es war ein düſterer naſſer Morgen; der Regen ſchlug an die Fenſter, und die Kanarienvögel zwit⸗ ſcherten ſchrecklich mit einander— vielleicht, daß ſie ſich über das ſchlechte Wetter beklagten. Robert konnte nicht ſagen, wie lang die Perſon ſchon klopfen mochte. Er hatte das Geräuſch ſchon in ſeinen Träu⸗ men gehört, und als er erwachte, war er doch der Dinge außer ihm ſich erſt halb bewußt. „Es iſt die einfältige Mrs. Maloney, glaube ich ſicherlich,“ brummte er.„Sie kann noch lang klopfen, mich kümmert es nicht. Warum bedient ſie ſich nicht ihres Nachſchlüſſels, anſtatt einen Mann aus dem Bette zu treiben, wenn er halb todt vor Ermattung iſt?“ Die Perſon, wer ſie nun ſein mochte, klopfte wie⸗ derum, und ließ dann, offenbar deſſen müde, davon ab; aber eine Minute ſpäter drehte ſich der Schlüſſel in der Thüre. „Sie hat den Schlüſſel doch bei ſich gehabt,“ ſagte Robert;„ich bin recht froh, daß ich nicht auf⸗ machte.“ Die Thüre zwiſchen dem Wohnzimmer und dem Schlafzimmer war halb offen, und er konnte ſehen, wie die Wäſcherin ſich rings herum zu ſchaffen machte, die Möbel abſtäubte und Dinge, die gar nicht von der Stelle verrückt worden waren, wieder neu ord⸗ nete. „Sind Sie es, Mrs. Maloney?“ fragte er. Ja Sir.“ „Warum, in's Himmels Namen, haben Sie denn 158 an der Thüre einen ſolchen Lärm gemacht, da Sie doch den Schlüſſel bei ſich hatten?“ „Einen Lärm an der Thüre, Sir?“ „Ja, mit dem hölliſchen Klopfen.“ „Wahrhaftig, ich habe nicht geklopft, Mr. Aud⸗ ley, ſondern bin direkt mit dem Schlüſſel hereinge⸗ kommen.“ „Wer klopfte aber dann? Es iſt Jemand da ge⸗ weſen, der eine ganze Viertelſtunde, dünkt mir, auf die Thüre loshämmerte; Sie müſſen ihm auf der Treppe begegnet ſein.“ „Nein, Sir, ich bin dieſen Morgen ziemlich ſpät daran, denn ich habe mich vorher auf Mr. Martins Zimmer verweilt und komme gerade von dem obern Stocke.“ „Sie haben alſo Niemand vor der Thüre, oder auf der Treppe geſehen?“ „Nicht eine Seele, Sir.“ „Gibt es etwas ſo Verdrießliches?“ rief Robert. „Jetzt muß ich denken, ich habe dieſe Perſon hinweg⸗ gehen laſſen, ohne mir Gewißheit zu verſchaffen, wer es war, oder was er begehrte! Wie kann ich wiſſen, ob es nicht Jemand mit einer Botſchaft oder einem Briefe von Georg Talboys war?“ „Wäre dieß der Fall, Sir, ſo käme er ſicherlich wieder,“ antwortete Mrs. Maloney beſchwichtigend. „Ja, natürlich, iſt es Etwas von Wichtigkeit, ſo wird er wieder kommen,“ murmelte Georg. That⸗ ſache war, daß von dem Augenblicke des Auffindens der telegraphiſchen Depeſche zu Southampton jede Hoffnung, von Georg Etwas zu hören, aus ſeinem Geiſte entwichen war. Er fühlte, daß unter dem Ver ihn nes ſie legt da däc mer nen Sie lud⸗ ge⸗ ge⸗ auf der pät tins en der ert. e⸗ wer ſen, em lich nd. a⸗ ens jede em em 159 Verſchwinden ſeines Freundes irgend ein Geheimniß — irgend eine Verrätherei gegen dieſen oder gegen ihn ſelbſt ſich verbarg. Wie, wenn des jungen Man⸗ nes habgieriger alter Schwiegervater verſucht hätte, ſie wegen der in Robert Audley's Hand niederge⸗ legten Vermögensverwaltung zu trennen? Oder wie, da nun einmal in dieſen civiliſirten Tagen unver⸗ dächtige Gräuel aller Art ſo oft und viel vorkom⸗ men— wie wenn der alte Mann Georg nach Sou⸗ thampton verlockt und aus dem Wege geräumt hätte, um ſich jene zwanzigtauſend Pfund Sterling anzueig⸗ nen, welche für den kleinen Georgey unter Roberts Hut geſtellt worden waren? Aber durch keine dieſer Vorausſetzungen erklärte ſich die telegraphiſche Botſchaft, und die letztere war es, welche Roberts Geiſt mit einem unbeſtimmten Gefühl von Unruhe erfüllt hatte. Der Briefträger brachte keinen Brief von Georg Talboys, und die Perſon, welche an die Thüre geklopft hatte, kam zwiſchen ſieben und neun Uhr nicht wieder; ſo verließ Robert Audley Figtree Court noch einmal, um ſeinen Freund zu ſuchen. Dießmal gebot er dem Ka⸗ brioletkutſcher, nach der Euſton⸗Station zu fahren, und in zwanzig Minuten befand er ſich auf der Plattform, um nach den abgehenden Zügen ſich zu erkundigen. Der Liverpooler Schnellzug war eine halbe Stunde, ehe er auf der Station anlangte, abgegangen, und er hatte fünf Viertelſtunden auf den nächſten ge⸗ wöhnlichen Zug zu warten, um mit demſelben an den Ort ſeiner Beſtimmung zu gelangen. Robert Audley war ergrimmt über dieſen Auf⸗ ſchub. Ein halbes Dutzend Schiffe konnte nach — 160 Amerika unter Segel gehen, während er auf der langen Plattform auf und abmarſchirte, über Koffer und Laſtträger ſtolperte und auf ſein Mißgeſchick fluchte. Er kaufte eine Nummer der Times, ſchaute in⸗ ſtinktmäßig nach der zweiten Colonne und forſchte mit einem krankhaften Intereſſe unter den Anzeigen vovn Vermißten— Söhnen, Brüdern, Gatten, welche von Hauſe weggegangen waren, um nie mehr zurückzu⸗ kehren, oder Etwas von ſich hören zu laſſen. Da fand ſich eine Anzeige von einem jungen Mann, den man irgendwo an der Küſte von Lambeth ertrunken gefunden hatte. Wie, wenn dieß Georg's Schickſal geweſen wäre? Nein, die telegraphiſche Botſchaft brachte ſeinen Schwiegervater mit der Thatſache ſeines Verſchwindens in Beziehung, und jede Nachforſchung nach demſelben mußte von dieſem einen Punkte ausgehen. Es war acht Uhr Abends, als Robert in Liver⸗ pool anlangte, zu ſpät zu Allem, außer nachzufragen, was für Schiffe innerhalb der lezten zwei Tage zu den Antipoden abgefahren wären. Ein Emigrantenſchiff war um vier Uhr dieſen Nachmittag unter Segel gegangen— nämlich die Victoria Regia, Beſtimmungsort Melbourne. Dieß war das Reſultat ſeiner Erkundigungen— wollte er ausfindig machen, wer ſich an Bord der Victoria Regia eingeſchifft hatte, ſo mußte er bis zu dem nächſten Morgen warten, um nähere Kunde von dieſem Fahrzeuge einzuholen. Robert Audley erſchien um neun Uhr am näch⸗ ſten Morgen auf dem Bureau und war die erſte Per eint er jun mit der Rol unt wei ſein Sch Pu der cher Bun beze kein eine fras ex ma rad er No wü der ffer chick in⸗ mit von von kzu⸗ gen beth ire? inen ens lben ver⸗ gen, zu eſen die 1 der s zu von äch⸗ erſte 161 Perſon, welche nach den Schreibern und Commis eintrat. Er erfuhr von Seiten des Schreibers, an welchen er ſich wandte, jede Rückſicht der Höflichkeit. Der junge Mann ſah in ſeinen Büchern nach, überlief mit ſeiner Feder die Liſte der Paſſagiere, welche mit der Victoria Regia abgegangen waren, und erklärte Robert, es befinde ſich Keiner Namens Talboys unter denſelben. Er ging mit ſeinen Fragen noch weiter. Hatte Einer oder der Andere der Paſſagiere ſeinen Namen erſt kurze Zeit vor der Abfahrt des Schiffes eingetragen? Einer der andern Schreiber ſchaute von ſeinem Pulte auf, als Robert die Frage ſtellte. Ja, ſagte derſelbe, er erinnere ſich eines jungen Mannes, wel⸗ cher erſt um halb vier Uhr Nachmittags auf das Bureau gekommen wäre und ſein Ueberfahrtsgeld bezahlt hätte. Sein Name ſtehe zuletzt auf der Liſte — Thomas Brown. Robert Audley zuckte die Achſeln. Es ließ ſich kein möglicher Grund denken, warum Georg Talboys einen falſchen Namen hätte annehmen ſollen. Er fragte den Schreiber, der zuletzt geſprochen hatte, ob er ſich vielleicht des Ausſehens von dieſem Mr. Tho⸗ mas Brown erinnern könnte. Nein, lautete die Antwort, das Bureau war ge⸗ rade gedrängt voll; die Leute liefen ab und zu, und er hatte von dieſem lezten Paſſagiere keine beſondere Notiz genommen. Robert dankte für die erwieſene Artigkeit und wünſchte ihnen guten Morgen. Braddon, Lady Aubley's Geheimniß. I. 11 —— 162 Als er eben das Bureau verließ, rief ihm noch Einer von den jungen Männern nach. „O, beiläufig, Sir,“ ſagte er,„mir fällt da eben Etwas in Bezug auf dieſen Mr. Thomas Brown ein —„er trug den Arm in einer Schlinge.“ Es war für Robert Audley jezt Nichts weiter zu thun, als nach Hauſe zurückzukehren. Um ſechs Uhr deſſelben Abends war er wieder auf ſeinem Zimmer, noch einmal von ſeinen vergeblichen Nachforſchungen gründlich erſchöpft. Mrs. Maloney brachte ihm ſein Diner und eine Flaſche Wein von einer Schenke am Strand. Der Abend war rauh und froſtig, und die Wäſcherin hatte ein gutes Feuer im Kamine des Wohnzimmers ge⸗ macht. Nachdem er ein halbes Hammelsrippchen gegeſſen hatte, blieb Robert, ohne die Flaſche auf dem Tiſche vor ſich zu berühren, ruhig ſitzen, Cigarren rauchend und in die Flamme ſtarrend. „Georg Talboys iſt nie nach Auſtralien unter Segel gegangen,“ ſprach er nach langer und pein⸗ licher Ueberlegung.„Iſt er am Leben, ſo befindet er ſich noch in England, iſt er todt, ſo iſt ſein Kör⸗ per noch in irgend einem Winkel von England ver⸗ borgen. So ſaß er vier Stunden rauchend und nachdenkend da— unruhigen und düſtern Betrachtungen nach⸗ hängend, welche auf ſeinem verdrießlichen Geſichte einen finſtern Schatten zurückließen, den weder der helle Schein des Gaslichtes, noch die rothlodernde Feuerflamme zu zerſtreuen vermochte. Sehr ſpät in der Nacht erhob er ſich aus ſeinem Seſ pul her Par ein von heu ein Sät N) zien er Wo nen ſo noch eben ein rzu Uhr mer, igen eine Der atte ge⸗ ſſen iſche hend nter ein⸗ ndet Kör⸗ ver⸗ kend ach⸗ ichte der rnde nem 163 Seſſel, ſchob den Tiſch zur Seite, rückte ſeinen Schreib⸗ pult an das Kamin, nahm ein Blatt Foolscap*) heraus und tauchte eine Feder in die Tinte. Nachdem er dieß gethan hatte, machte er eine Pauſe, ſtüzte den Kopf auf die Hand und verſank noch einmal in Gedanken. „Ich will einen Bericht über Alles aufſetzen, was von dem Zeitpunkte, da wir nach Eſſex gingen, bis heute Nacht vorgefallen iſt, und ganz von vorn her⸗ ein beginnen. Er faßte dieſen Bericht in kurzen, abgebrochenen Sätzen ab, welche er im Schreiben numerirte. Er lautete folgendermaßen: Tagebuch über die mit dem Verſchwin⸗ den von Georg Talboys zuſammen⸗ hängenden Ereigniſſe, einſchließlich derjenigen, welche in keiner ſchein⸗ baren Beziehung zu dieſem Vorfall ſtehen. Trotz ſeines verwirrten Gemüthszuſtandes war er ziemlich geneigt, ſich auf das amtliche Ausſehen die⸗ ſer Ueberſchrift Etwas einzubilden. Er betrachtete ſie eine Zeitlang mit wahrem Wohlgefallen, nachdem er ſeine Feder in den Mund geſteckt hatte. Auf mein Wort,„ſprach er,“ ich denke allmälig, ich hätte mei⸗ nen Beruf weiter verfolgen ſollen, anſtatt mein Leben, ſo wie es geſchehen iſt, zu verträumen. Er rauchte eine halbe Cigarre, ehe er ſeine Ge⸗ *) Sonſt Narrenkappe; hier eine Art b. 8 05 4. 0 164 danken recht in Zug gebracht hatte, und begann dann zu ſchreiben: Ich ſchreibe an Alicia und theile ihr meine Abſicht mit, Georg nach dem Herrenhauſe mitzunehmen. Alicia ſchreibt, daß Lady Audley gegen die⸗ ſen Verſuch Einwendungen gemacht habe. Wir gehen trotz dieſer Einſprache doch nach Eſſex. Ich ſehe Mylady. Mylady, auf Grund der Ermüdung, lehnt es ab, ſich an dieſem Abend noch Georg vorſtellen zu laſſen. Sir Michael ladet Georg und mich zum Diner auf den nächſten Abend ein. Mylady empfängt eine telegraphiſche De⸗ peſche am nächſten Morgen, durch welche ſie nach London berufen wird. Alicia zeigt mir einen Brief von Mylady worin ſie verlangt, daß man ihr zu wiſſen thue, wann ich und mein Freund, Mr. Talboys, Eſſex zu verlaſſen gedenken. Wir ſprechen in dem Herrenhauſe vor und äußern den Wunſch, daſſelbe zu ſehen. Mylady's Zimmer ſind verſchloſſen. Wir gelangen dennoch in die erwähnten Gemächer mittelſt eines geheimen Ganges, deſſen Exiſtenz Mylady unbekannt iſt. In einem der Zimmer finden wir ihr Por⸗ trait. Georg fürchtet ſich vor dem Gewitter. Sein Betragen iſt äußerſt ſonderbar für den Reſt des Abends. — wele Par und bliel betr hiel und ſtric des ann eine auſe die⸗ abe. nach auf an zu zum De⸗ lche ady ſſen Mr. und hen. nten ges, In Por⸗ tter. für 81. 12 8 13. 8 14. § 15. Nachde und ausge betrachten. ſammen, b des Zimmers befindlichen Schreibtiſche, ſchloß den⸗ 165 Georg iſt am folgenden Morgen wieder ganz er ſelbſt. Ich ſchlage vor, Audley Court auf der Stelle zu verlaſſen; er will lieber noch bis zum Abend bleiben. Wir brechen zum Fiſchen auf. Georg ver⸗ läßt mich, um in das Herrenhaus zu gehen. Die letzte beſtimmte Nachricht, welche ich über ihn in Eſſex erhalten kann, kommt vom Herrenhauſe, wo der Diener erklärt, er glaube, Mr. Talboys habe ihm geſagt, er wolle nach Mylady im Garten ſehen. Ich erhalte Nachricht von ihm auf der Station; dieſelbe kann aber richtig oder unrichtig ſein. Ich höre beſtimmt noch einmal von ihm zu Southampton, wo er ſeinem Schwie⸗ gervater zufolge in der vorhergegangenen Nacht eine Stunde ſich aufhielt. Die telegraphiſche Botſchaft. m Robert Audley dieſen kurzen Bericht, welchen er unter großer Ueberlegung, mehrfachen Pauſen zum Nachdenken, mit mancherlei Aenderungen ſtrichenen Worten abfaßte, vollendet hatte, blieb er lange Zeit ſitzen, um das Geſchriebene zu Endlich überlas er ihn noch einmal ſorgfältig, hielt bei einzelnen der numerirten Paragraphen an und hob mehrere derſelben noch durch einen Bleiſtift⸗ ſtrich hervor; dann faltete er das Blatt Papier zu⸗ egab ſich zu einem, an der andern Seite 166 ſelben auf und legte das Papier gerade in daſſelbe Fach, wo er Alicia's Brief verwehrt hatte— in das Fach, welches die Ueberſchrift Wichtig trug. Nachdem dieß geſchehen war, kehrte er zu ſeinem Lehnſeſſel am Feuer zurück, ſchob ſeinen Schreibpult hinweg und zündete eine Cigarre an.„Es iſt finſter wie die Mitternacht vom Anfang bis zum Ende,“ ſagte er,„und der Schlüſſel zu dem Geheimniſſe muß ſich entweder zu Southampton oder in Eſſer finden laſſen. Sei dem wie ihm wolle, mein Entſchluß iſt gefaßt. Ich will zuerſt nach Audley Court gehen und mich nach Georg Talboys auf einem engern Halbmeſſer umſchauen.“ Vierzehntes Capitel. Phöbe's Freier. „Mr. Georg Talboys— Jedermann, der mit dieſem Gentleman ſeit dem 7ten dieſes zuſam⸗ mengetroffen iſt, oder der in Bezug auf ſeine Perſon von dieſem Datum an irgend einen Nachweis zu geben vermag, wird erſucht, gegen eine gute Belohnung hievon Mittheilung zu machen an F. Z. 14, Chan⸗ cery Lane.“ Sir Michael Audley las das vorſtehende Inſerat auf der zweiten Colonne der Times, während er mit Mylady und Alicia, zwei oder drei Tage nach Roberts Rückkehr in die Hauptſtadt, am Frühſtücke ſaß. „Roberts Freund hat alſo noch Nichts von ſich höre Inſ kan mar liche war müt aus kraf ſchie dem tigk Nan chae jedo Rec einc ſag gen lich Em end gell die ſie Bal elbe das nem pult rſter de,“ muß den iſt ehen gern der ſam⸗ rſon z mung han⸗ ſerat er nach ſaß. 167 hören laſſen,“ ſagte der Baronet, nachdem er das Inſerat ſeiner Gattin und Tochter vorgeleſen hatte. „Was das betrifft,“ erwiederte Mylady,„ſo kann ich nicht umhin, mich zu verwundern, daß Je⸗ mand ſo albern ſein kann, nach ihm in einem öffent⸗ lichen Blatte Nachfrage zu halten. Der junge Mann war augenſcheinlich von einer raſtloſen, unſteten Ge⸗ müthsart— eine Art Bamfylde Moore Carew*) aus dem modernen Leben, den keine Anziehungs⸗ kraft auf derſelben Stelle zu halten vermochte.“ Obwohl das Inſerat dreimal nach einander er⸗ ſchien, ſo legten die Bewohner von Audley Court dem Verſchwinden von Mr. Talboys ſehr geringe Wich⸗ tigkeit bei; und von dieſer Zeit an geſchah ſeines Namens nie mehr Erwähnung, weder von Sir Mi⸗ chael noch von Mylady oder Alicia. Alicia Audley und ihre ſchöne Stiefmutter waren jedoch ſeit jenem ſtillen Abend, an welchem der junge Rechtsgelehrte in dem Herrenhauſe geſpeist hatte, einander nicht beſſer befreundet worden. „Sie iſt eine eitle, frivole, herzloſe Kokette,“ ſagte Alicia, zu ihrem Neufundländer Hund, Cäſar, gewendet, das einzige Weſen, welches die vertrau⸗ lichen Herzensergießungen der jungen Dame in Empfang nahm,„ſie iſt eine durchtriebene und voll⸗ endete Kokette, Cäſar; und nicht zufrieden, mit ihren gelben Ringellocken und ihrem einfältigen Gekicher die Hälfte der Männer in Eſſer zu bethören, legt ſie es durchaus noch darauf an, daß auch mein ein⸗ *) Scheint eine Perſon aus irgend einem Roman ober einer Ballade zu ſein. A. d. U⸗ 168 fältiger Couſin ihr den Hof macht. Ich kann ſie nicht ausſtehen.“ Zum Beweiſe dieſer lezten Behauptung benahm ſich Miß Alicia Audley gegen ihre Stiefmutter mit einer ſo handgreiflichen Impertinenz, daß Sir Mi⸗ chael ſich veranlaßt fand, ſeiner einzigen Tochter dar⸗ über einen Vorhalt zu machen. „Die arme kleine Frau iſt ſehr gefühlvoll, weißt Du, Alicia,“ ſagte der Baronet ernſt,„und Dein Betragen geht ihr recht nahe.“ „Ich glaube es ganz und gar nicht, Papa,“ antwortete Alicia feſt,„Du hältſt ſie für gefühl⸗ voll, weil ſie weiche, weiße Händchen hat, und große blaue Augen mit langen Lidern, und allerhand affectirte, phantaſtiſche Manieren, welche ihr einfäl⸗ tigen Männer bezaubernd nennt. Gefühlvoll! Ei, ich habe geſehen, wie ſie mit dieſen kleinen, weißen Fingern grauſame Dinge that und über den von ihr verurſachten Schmerz lachte. Es thut mir ſehr leid, Papa,“ ſezte ſie, durch ihres Vaters beküm⸗ mertes Ausſehen etwas ſbeſänftigt hinzu:„obwohl ſie zwiſchen uns getreten iſt und der armen Alicia die Liebe dieſes theuren, edelmüthigen Herzens ge⸗ raubt hat, ſo wünſche ich doch, ich könnte ſie um Deinetwillen gern haben; aber ich kann nicht, ich kann nicht, ſo wenig als Cäſar. Sie kam ein⸗ mal auf ihn zu mit ihren rothen geöffneten Lippen und den kleinen, weißen, dazwiſchen erglänzenden Zähnen und fuhr ihm mit ihrer weichen Hand über den großen Kopf; und hätte ich ihn nicht an ſeinem Halsbande gehalten, ich glaube, er wäre ihr an die Kehle geflogen und hätte ſie erwürgt. Sie mag ſie hm mit Mi⸗ ar⸗ eißt ein a,“ ühl⸗ roße and fäl⸗ Ei, ßen von ſehr üm⸗ vohl icia ge⸗ um icht, ein⸗ pen iden über nem an mag 169 jeden Mann in Eſſex bezaubern, aber ſie und mein Hund werden niemals gute Freunde werden.“ „Dein Hund ſoll erſchoſſen werden,“ antwortete Sir Michael zornig,„wenn ſein bösartiges Tem⸗ perament Luchy einer Gefahr ausſezt.“ Der Neufundländer ließ langſam ſeine Augen nach dem Sprecher herumlaufen, als verſtände er jedes Wort, das geredet worden war. Lady Audley trat dieſen Augenblick zufällig in das Zim⸗ mer, und das Thier kauerte ſich an der Seite ſeiner Herrin mit unterdrücktem Knurren nieder. Es lag Etwas in dem Benehmen des Hundes, das ſicherlich mehr Schrecken als Wuth verrieth, ſo unglaublich es erſcheinen mag, daß Cäſar ein ſo ſchwaches Ge⸗ ſchöpf wie Lucy Audley fürchtete. So liebreich Mylady's Natur war, konnte ſie doch nicht lang im Herrenhauſe weilen, ohne Ali⸗ cia's Widerwillen gegen ſie zu bemerken. Sie ſpielte nur ein einziges Mal darauf an, indem ſie, die an⸗ muthige weiße Achſel zuckend, mit einem Seufzer ſagte: „Es iſt ſehr unrecht von Dir, Alicia, daß Du mich nicht lieben kannſt, denn ich war niemals daran gewöhnt, mir Feinde zu machen; aber da es nun einmal ſcheint, daß es ſo ſein muß, ſo kann ich es nicht verhindern. Wenn wir nicht Freunde ſein können, ſo laß uns wenigſtens neutral bleiben. Du wirſt nicht verſuchen, mir ein Leid anzuthun? „Ihnen ein Leid anthun!“ rief Alicia;„wie wäre ich dazu im Stande?“ „Du wirſt nicht verſuchen, mich der Neigung Deines Vaters zu berauben?“ — 170⁰ „Ich mag nicht ſo liebenswürdig ſein, wie Sie, Mylady, und ich mag nicht daſſelbe ſüße Lächeln und die ſchönen Worte für jeden Fremden haben, mit dem ich zuſammen treffe, aber einer verächtlichen Gemeinheit bin ich nicht fähig; und ſelbſt wenn ich es wäre, ſo ſind Sie, dünkt mir, der Liebe meines Vaters ſo ſicher, daß Nichts als Ihr eigenes Thun Sie jemals derſelben berauben wird. „Was für ein ſtrenges Geſchöpf Du biſt, Ali⸗ cia,“ ſagte Mylady mit einer kleinen Grimaſſe. „Mir kommt es vor, als wolleſt Du mit dieſem allen zu verſtehen geben, daß ich falſch und trüge⸗ riſch ſei. Nun ich kann nicht umhin, die Leute an⸗ zulächeln und freundlich mit ihnen zu ſprechen. Ich weiß, ich bin nicht beſſer als die übrige Welt, aber ich kann es nicht verhindern, wenn ich beſſer gelitten bin. Das iſt angeboren.“ Da nun Alicia jeder Vertraulichkeit zwiſchen Lady Audley und ſich ſelbſt einen Riegel vorge⸗ ſchoben hatte, da Sir Michael hauptſächlich mit Agriculturzwecken und männlichen Unterhaltungen des Landlebens beſchäftigt war, welche ihn oft vom Hauſe fern hielten, ſo ſcheint es vielleicht nur natür⸗ lich, daß Mylady, ſofern ſie von ausnehmend geſelliger Gemüthsart war, ſich größtentheils auf die Geſell⸗ ſchaft ihrer bleichſichtigen Zofe angewieſen ſah. Phöbe Marks gehörte genau zu der Sorte von Mädchen, welche gewöhnlich von dem Poſten einer Kammerzofe zu demjenigen einer Geſellſchafterin be⸗ fördert werden. Sie hatte gerade ſo viel Erziehung, um ſie in den Stand zu ſetzen, ihre Herrin zu ver⸗ ſtehen, wenn Lucy für gut fand, ihrer Laune den mit hen ich nes n lli⸗ ſſe. ſem ge⸗ an⸗ Ich elt, ſer hen ge⸗ mit gen om tür⸗ iger ſell⸗ von iner be⸗ ng, ver⸗ Zügel ſchießen zu laſſen, und ſich in eine Art gei⸗ ſtiger Tarantella*) zu verſezen, worin ihre Zunge bei dem Laute ihres eigenen Geplappers wie toll davon lief, gleich dem ſpaniſchen Tänzer, wenn er den Ton ſeiner Caſtagnetten hört. Phöbe verſtand genug von der franzöſiſchen Sprache, um die gelb eingebundenen Romane, welche Mylady von der Burlington Arcade kommen ließ, oberflächlich durch⸗ blättern und mit ihrer Gebieterin über den frag⸗ lichen Inhalt jener Romane ſprechen zu können. Die Aehnlichkeit, welche die Zofe mit Lucy Audley hatte, trug vielleicht auch das Ihrige zu der Sym⸗ pathie zwiſchen den beiden Frauen bei. Man konnte es nicht eine auffallende Aehnlichkeit nennen; ein Fremder hätte beide bei einander ſehen können und ſie vielleicht nicht einmal bemerkt. Aber es gab gewiſſe düſtere und ſchattige Lichter, in welchen man Phöbe, wenn ſie leiſe über die eichengedielten Gänge des Herrenhauſes, oder unter dem Dache der Alleen im Garten dahin glitt, leicht für Mylady genommen haben möchte. Scharfe Octoberwinde fegten die Blätter von den Linden in der langen Allee hinweg und trieben ſie mit geiſterhaftem Rauſchen auf den langen tro⸗ ckenen Sandwegen haufenweiſe zuſammen. Der alte Brunnen mußte von den Blättern, die in wirbeln⸗ den Kreiſen um denſelben herumflogen und zulezt in deſſen ſchwarze, verfallene Mündung verſanken, halb ausgefüllt ſein. Auf dem ſtillen Grunde des Ein italieniſcher Volkstanz in Neapel, und beſonders in der Gegend von Taranto. daher ſein Name. A. d U. 172 Fiſchteiches gingen dieſelben welken Blätter langſam der Fäulniß entgegen, indem ſie ſich mit dem wirren Unkraut miſchten, welches der Oberfläche des Waſſers ſeine urſprüngliche Farbe entzog. Alle Gärtner, welche Sir Michael im Dienſte hatte, waren nicht im Stande, den Eindruck der zerſtörenden Hand des Herbſtes von den Ländereien um das Herrenhaus herum fern zu halten. „Wie ich dieſen wüſten Monat haſſe!“ ſagte Mylady, als ſie, ſchauernd unter ihrem Zobelpelz⸗ mantel, im Garten herumging.„Alles fällt dem Untergang und Verderben anheim, und das kalte Geflicker des Sonnenlichtes beleuchtet nur die Häß⸗ lichkeit der Erde noch mehr, wie der Schimmer der Gasflammen die Runzeln einer alten Frau kennbar macht. Werde ich jemals alt werden, Phöbe? Wird mein Haar auch ausfallen, wie die Blätter von dieſen Bäumen, und mich gleich ihnen welk und kahl laſſen? Was ſoll mit mir geſchehen, wenn ich alt werde?“ Sie ſchauerte bei dieſem Gedanken zuſammen, noch heftiger als einen Augenblick zuvor bei der kalten, winterlichen Luft, und ging, ſich noch feſter in den Pelz einwickelnd, ſo ſchnell hin und her, daß ihre Zofe mühe hatte, mit ihr gleichen Schritt zu halten. „EFrinnerſt Du Dich noch, Phöbe,“ ſagte ſie, auf einmal ihren Schritt mäßigend,„erinnerſt Du Dich noch der franzöſiſchen Geſchichte, die wir geleſen haben— der Geſchichte von der ſchönen Frau, welche irgend ein Verbrechen— ich habe vergeſſen, welches — im Zenith ihrer Macht und Liebenswürdigkeit beging, zur Zeit, da ganz Paris jede Nacht ſie hoch am ren ers er, icht des aus gte elz⸗ em alte äß- der bar ird ſen n en, der ſter daß zu auf ich ſen lche hes keit och 173 leben ließ, und die Leute von dem Wagen des Königs hinwegliefen, um einen Blick in ihr Angeſicht zu erhaſchen? Erinnerſt Du Dich noch, wie ſie das Geheimniß deſſen, was ſie gethan hatte, beinahe ein halbes Jahrhundert bewahrte, ihre alten Tage auf ihrem Familienſchloſſe zubrachte, geliebt und geehrt von der ganzen Provinz, als eine unkanoni⸗ ſirte Heilige und Wohlthäterin der Armen; und wie, da ihr Haar weiß und ihr Auge vor Alter beinahe erblindet war, das Geheimniß durch einen jener ſeltſamen Zufälle entdeckt wurde, mittelſt deren ſolche Geheimniſſe in Romanen immer an den Tag kommen, und wie ſie in Unterſuchung gezogen, für ſchuldig befunden und zum Feuertode verurtheilt wurde? Der König, welcher ihre Farben getragen, war todt und dahin; der Hof, deſſen Stern ſie ge⸗ weſen, war verſchwunden; mächtige Würdeträger und hohe Beamte, welche ihr vielleicht hätten helfen können, moderten in ihren Gräbern; tapfere junge Cavaliere, welche für ſie geſtorben wären, hatte der Tod auf fernen Schlachtfeldern hinweggerafft; ſie hatte gelebt, um die Generation, zu welcher ſie ge⸗ hörte, gleich einem Traume erlöſchen zu ſehen, und ſie ging zu dem Holzſtoße, nur gefolgt von einigen unwiſſenden Landleuten, welche alle ihre Mildthätig⸗ keit vergaſſen und ſie als eine gottloſe Hexe ver⸗ fluchten.“ „Ich mag ſolche traurige Geſchichten nicht, My⸗ lady,“ ſagte Phöbe Marks mit einem Schauder. Man braucht nicht Bücher zu leſen, um an dieſem Orte ſich in Angſt und Grauſen zu ver⸗ ezen.“ 174 Mylady zuckte die Achſeln und lachte über die Aufrichtigkeit ihres Kammermädchens. „Es iſt allerdings ein langweiliger Ort, Phöbe,“ erwiederte Mylady,„wiewohl es ſich nicht thut, ſo Etwas meinem alten, lieben Gemahl zu ſagen. Ob⸗ wohl ich die Frau von einem der einflußreichſten Männer in der Grafſchaft bin, weiß ich nicht, ob es nicht faſt ebenſo gut bei Mr. Dawſon war; aber es will doch auch Etwas heißen, einen Zobelpelz zu tragen, der ſechzig Guineen koſtet, und tauſend Pfund für die Ausſchmückung ſeiner Wohngemächer aus⸗ gegeben zu ſehen.“ Als Geſellſchafterin von Mylady behandelt, im Genuſſe von einem höchſt freigebigen Lohne und von Ne⸗ beneinkünften, wie ſie vielleicht keine Zofe je gehabt hatte, war es in der That ſonderbar, daß Phöbe Marks ihre Stelle zu verlaſſen wünſchen konnte; aber es verhielt ſich dennoch ſo und ſie begehrte eifrig, alle Vortheile von Audley Court gegen die nicht ſehr verführeriſche Ausſicht, welche ihrer als Frau von ihrem Vetter Lukas wartete, zu ver⸗ tauſchen. Der junge Maonn hatte es gewiſſermaßen dahin zu bringen gewußt, daß er ſich an den verbeſſerten Glücksumſtänden ſeiner Geliebten gleichfalls bethei⸗ ligte. Er hatte Phöbe keine Ruhe gelaſſen, bis er mit Hülfe von Mylady's Vermittlung als Unter⸗ reitknecht angeſtellt wurde.. Er ritt niemals weder mit Alicia noch Sir Mi⸗ chael aus; aber einmal bei einer der wenigen Ge⸗ legenheiten, wo Mylady den ſchönen, kleinen, für ihren Gebrauch beſtimmten Vollblutſchimmel beſtieg, gel beg ſie Lal tuck Rei wel übe Rei Fer gra wöl ran lich den Fre Zei rotl däc ſind ihm wer ſag bei ihm kön die e,“ Ob⸗ ſten ber zu und Ne⸗ abt öbe te; hrte die als ver⸗ hin rten 3 er ter⸗ tieg, 175 gelangte er wirklich dazu, ſie auf ihrem Ausritt zu begleiten. Er ſah in der erſten halben Stunde, da ſie draußen waren, genug, um zu entdecken, daß Lady Audley, ſo graziös ſie in ihrem langen,braunen tuchenen Reitanzuge ausſah, doch eine furchtſame Reiterin und völlig außer Standes war, das Thier, welches ſie ritt, zu regieren. Lady Audley machte ihrer Zofe Vorſtellungen über ihren thörichten Wunſch, den ungeſchlachten Reitknecht zu heirathen. Die zwei Frauen ſaßen neben einander vor dem Feuer in Mylady's Toilettenzimmer, während ein grauer Himmel ſich über dem October⸗Nachmittag wölbte und der ſchwarze Epheu mit ſeinen Zier⸗ ranken die Fenſterflügel verdunkelte. „Du biſt doch gewiß in dieſes tölpelhafte, häß⸗ liche Geſchöpf nicht verliebt?“ fragte Mylady ſcharf. Das Mädchen befand ſich auf einem Schemel zu den Füßen ihrer Gebieterin. Sie gab auf Mylady's Frage nicht ſogleich eine Antwort, ſondern ſaß eine Zeit lang ruhig da und ſchaute zerſtreut in den rothen, inmitten des Feuers ſich bildenden Schlund. Plötzlich ſagte ſie, wie wenn ſie mehr laut dächte, als auf Lucy's Frage eine Antwort gäbe.— „Ich glaube nicht, daß ich ihn lieben kann. Wir ſind mit einander aufgewachſen, und ich verſprach ihm, da ich kaum fünfzehn Jahre als war, ſein Weib werden zu wollen. Ich wage jetzt nicht dieſe Zu⸗ ſage zu brechen. Es hat Zeiten gegeben, wo ich es bei mir ausgemacht hatte und feſt entſchloſſen war, ihm zu ſagen, daß ich ihm mein Wort nicht halten könne; aber die Worte ſind mir auf den Lippen 2— 6— 176 erſtorben und ich ſaß da und ſchaute ihn an, mit dem Gefühle des Erſtickens in meiner Kehle, das mich nicht ſprechen laſſen wollte. Ich wage nicht, ihm meine Hand zu verweigern. Ich habe ihn oft und viel beobachtet, wie er ſo an einem Heckenpfahle mit ſeinem großen Taſchenmeſſer herumſchnitt, bis ich auf den Gedanken gerieth, gerade dergleichen Männer ſeien es, welche ihre Geliebte an einſame Orte verlockt und ſie wegen des gebrochenen Wortes ermordet haben. Da er noch ein Knabe war, zeigte er ſich allezeit heftig und rachſüchtig. Ich ſah ein⸗ mal, wie er eben zu dieſem Meſſer in einem Zanke mit ſeiner Mutter griff. Ich ſage Ihnen Mylady, ich muß ihn heirathen.“ „Du einfältiges Mädchen, Du ſollſt Richts der⸗ gleichen thun!“ erwiederte Lucy.„Du glaubſt, er werde Dich ermorden, nicht wahr?“ Wenn Du ihm in die Quere kämeſt, oder ihn eiferſüchtig machteſt, wenn er eine Andere heirathen wollte, oder wenn es ihm nur um Dein kleines Bis⸗ chen Geld zu thun wäre, könnte er Dich dann er⸗ morden?“ Ich ſage Dir, Du ſollſt ihn nicht heira⸗ then, Phöbe. Fürs Erſte haſſe ich den Mann! fürs Zweite vermag ich es nicht über mich, Dich ziehen zu laſſen. Wir wollen ihm ein Paar Pfund geben und ihn an ſein Geſchäft ſchicken.“ Phöbe Marks ergriff Mylady's Hand und drückte dieſelbe leidenſchaftlich. „Mylady— meine gute, freundliche Gebieterin!“ rief ſie mit Heftigkeit,„verſuchen Sie nicht mich da⸗ von abzubringen— verlangen Sie nicht, mir hier in den Weg zu treten. Ich ſage Ihnen, ich muß ihn Es wer ratl rin mu wal abe Din Vet bält Sir par toch kan brir thur mit mit das icht, oft hle bis hen ame rtes igte ein⸗ anke dy, der⸗ er ihn then Bis⸗ er⸗ ira⸗ fürs hen eben ückte in!“ da⸗ hier muß 7 ihn heirathen. Sie wiſſen nicht, weſſen er fähig iſt. Es wird mein, es wird Anderer Untergang ſein, wenn ich mein Wort breche. Ich muß ihn hei⸗ rathen!“ „Wohl denn, Phöbe,“ antwortete ihre Gebiete⸗ rin,„ich kann Dich nicht zwingen. Dieſem Allem muß irgend ein Geheimniß zu Grunde liegen.“ „So iſt es, Mylady,“ ſagte das Mädchen und wandte ihr Geſicht von Lucy ab. „Es wird mir ſehr leid thun, Dich zu verlieren; aber ich habe verſprochen, als Freundin Dir in allen Dingen beizuſtehen. Welchen Beruf gedenkt Dein Vetter zu ergreifen, wenn Ihr verheirathet ſeid? „Er möchte gerne eine Wirthſchaft anfangen.“ „Dann ſoll er eine Wirthſchaft haben, und je bälder er ſich zu Tode trinkt, deſto beſſer iſt es. Sir Michael iſt heute Abend in ſeiner Junggeſellen⸗ partie und ſpeist bei Major Margrave; meine Stief⸗ tochter iſt bei ihren Freundinnen zu Grange. Du kannſt Deinen Vetter nach dem Diner in den Salon bringen, und ich will ihm ſagen, was ich für ihn zu thun gedenke. „Sie ſind ſehr gütig, Mylady,“ antwortete Phöbe mit einem Seufzer. Lady Audley ſaß umgeben von der Gluth des Kaminfeuers und dem Scheine der Wachskerzen in dem luxuriös ausgeſtatteten Saale; die bernſtein⸗ farbigen Kiſſen des Sopha's ſtachen lebhaft gegen ihr dunkelviolettes Sammetkleid ab, und ihr ge⸗ kräuſeltes Haar umſchloß ihren Hals gleich einem Goldnebel. Alles in ihrer Umgebung zeugte von Wohlſtand und Pracht: einen ſeltſamen Kontraſt Braddon, Lady Aubley's Geheimniß. I. 12 — — ————— 178 hiezu und zu ihrer eigenen Schönheit bildete der tölpelhafte Reitknecht, welcher ihr gegenüberſtand und ſich in ſeinem Kugelkopf krazte, während My⸗ lady ihm erklärte, was ſie ihrer vertrauten Zofe zu thun gedenke. Lucy's Verſprechungen waren ſehr liberal und ſie hatte erwartet, der Mann würde, ſo ungeſchlacht er auch ſchien, dennoch in ſeiner eige⸗ nen rohen Weiſe ſeine Dankbarkeit zu erkennen geben. Zu ihrem Erſtaunen blieb er ſtehen und ſtarrte auf den Boden, ohne auch nur ein Wort in Erwie⸗ derung auf ihr Anerbieten zu äußern. Phöbe ſtand ihm hart an der Seite und ſchien über des Mannes Rohheit bekümmert. „Erkläre doch Mylady, wie dankbar Du biſt,“ ſagte ſie. „Ei, ich bin nicht ſo über und über dankbarg gab endlich ihr Liebhaber wild zur Antwort.„Fünf⸗ zig Pfund ſind nicht viel, um ein Wirthshaus zu errichten. Sie werden hundert machen, Mylady.“ „Ich werde nichts von der Art thun,“ ſagte Lady Audley, während ihre hellen blauen Augen vor Entrüſtung blitzten,„und ich möchte wiſſen, wo Du die Unverſchämtheit hernimmſt, ſo etwas zu fordern.“ „O ja, Sie werden es doch,“ antwortete Lukas, mit einer ruhigen Inſolenz, welche eine geheime Ab⸗ ſicht in ſich ſchloß.„Sie werden ein Hundert da⸗ raus machen, Mylady.“ Lady Audley erhob ſich von ihrem Sitze, ſchaute dem Mann feſt ins Geſicht, bis ſein entſchloſſener Blick unter dem ihrigen ſich ſenkte, ging dann gerade auf ihr Kammermädchen zu und ſprach mit lauter, dur ihr geſ ſie. nie lag dur ſchi ſtie lich ſch gie unt ſelt ley rer agte gen wo zu kas, Ab⸗ aute ener rade durchdringender, in Momenten lebhafter Erregung ihr eigenthümlicher Stimme: „Phöbe Marks, Du haſt alſo dieſem Mann geſagt!“ Das Mädchen fiel vor Mylady auf die Kniee. „O, vergeben Sie mir, vergeben Sie mir!“ rief ſie.„Er hat es mir abgenöthigt, ſonſt würde ich niemals, niemals es geſagt haben!“ Fünfzehntes Capitel. Auf der Wache. An einem döſtern Morgen ſpät im November, wo der gelbliche Nebel tief auf den flachen Wieſen lag, und das geblendete Vieh mit Mühe ſeinen Weg durch das trübe Dunkel fand, indem es bald unge⸗ ſchickt gegen die ſchwarzen, entblätterten Hecken an⸗ ſtieß, bald in die bei der dicken Atmoſphäre unkennt⸗ lichen Gräben ſtolperte; wo die Dorfkirche braun und ſchmuzig durch das ungewiſſe Licht hindurch erſchien; wo jeder Fußpfad und jede Hüttenthüre, jeder Haus⸗ giebel end jedes graue alte Kamin, jedes Dorfkind und jeder herumſtreifende Köter in dem Halbdunkel ſeltſam und wie verzaubert ausſahen, ſchritten Phöbe Mart und ihr Vetter über den Kirchhof von Aud⸗ ley un? präſentirten ſich vor dem ſchauernden Pfar⸗ rer, deſſen Chorhemd, von dem Worszunel durch⸗ feuchtet, in dunſtigen Falten um ihn herumhing, und welcher darum, daß er fünf Minuten auf Braut und Bräutigam hatte warten müſſen, nicht gerade in der beſten Laune war. Lukas Marks ſah in ſeinen ſchlecht ſitzenden Sonn⸗ tagskleidern nicht im Mindeſten ſchöner aus, als in ſeinem Alltagsanzuge; aber Phöbe hatte, in einem rauſchenden ſeidenen Gewande von zartem Grau, das ihre Gebieterin etwa ein halb duzend Mal getragen hatte, nach dem Ausdruck der wenigen Zuſchauer, welche der Ceremonie anwohnten, ganz das Aeußere einer Lady. Eine ſehr trübe, dämmerige Lady; unbeſtimmt in Umriſſen, ſchwach im Colorit; Augen, Haar, Ge⸗ ſichtsfarbe und Gewand, Alles in ſo blaſſe und un⸗ gewiſſe Schatten verſchmelzend, daß in der dunkeln Beleuchtung des nebeligen Novembermorgens ein abergläubiſcher Fremdling die Braut leicht für den Geiſt einer andern Braut, die todt und begraben in den Gewölben unter der Kirche lag, hätte nehmen können. Mr. Lukas, der Held bei dieſer Veranlaſſung, dachte nichts weniger als daran. Er hatte ſich das Weib ſei⸗ ner Wahl verſchafft, und das Ziel ſeines lebens⸗ langen Ehrgeizes— ein Wirthshaus. Mylady hatte die fünfundſiebenzig Pfund beigeſchoſſen zum Ankauf von Kundſchaft und niet⸗ und nagelfeſten Gegenſtän⸗ den im Hauſe, ſammt dem Vorrath von Bier und geiſtigen Getränken, und von einer kleinen Schenke im Mittelpunkte eines einſamen Dörfchens, welches auf einer Hügelſpitze lag und Mount Stanning hieß. Das Haus war von Geſtalt nicht hübſch; es hatte den ner und aut ade nn⸗ in em das gen er, zere nmt Ge⸗ un⸗ keln ein den ben men chte ſei⸗ ens⸗ atte kauf tän⸗ und enke ches ieß. atte 181 ein etwas verfallenes, wetterverſchlagenes Ausſehen, wie es ſo auf einer kleinen Erhöhung daſtand, nur von vier oder fünf kahlen, überwachſenen Pappeln ge⸗ ſchüzt, welche für ihre Stärke zu ſchnell aufgeſchoſſen waren und in Folge davon etwas Verkümmertes und Schmächtiges hatten. Der Wind war mit der Schloß⸗ ſchenke nach ſeiner Weiſe umgegangen und hatte zu Zeiten von ſeiner Gewalt einen grauſamen Gebrauch gemacht. Der Wind war es, welchel auf die ſtrohgedeck⸗ ten Dächer der Hintergebäude und Stallungen ſo lang losſtürmte und drückte, bis ſie überhingen und ſich vorwärts neigten, gerade wie ein ſchlaff herabge⸗ krämpter Hut über der niedern Stirne eines dörfli⸗ chen Raufboldes hereinhängt; der Wind war es, welcher an den hölzernen Läden vor den ſchmalen Fenſtern ſo lang herumriß und ſchüttelte, bis ſie zerbrochen und in Trümmern an ihren roſtigen An⸗ geln hingen; der Wind war es, welcher das Tau⸗ benhaus umſtürzte und den Wetterhahn' zerbrach, welcher aufgepflanzt worden war, um von der Macht ſeiner Bewegungen Zeugniß zu geben; der Wind war es, welcher jedem noch ſo geringen Gitterwerke, oder Schlinggewächſe, oder winzigen Balkone, oder jeder noch ſo beſcheidenen Verzierung ſchnell den Garaus machte und in ſeiner trotzigen Wuth Alles auseinander riß; der Wind war es, welcher auf der entfärbten Oberfläche der getünchten Wände moo⸗ ſige Ausſcheidungen erzeugte; der Wind war es, kurz geſagt, welcher dieſen wackeligen Haufen von Gebäuden erſchütterte, ruinirte, zerriß und zu Bo⸗ den trat und dann kreiſchend davon flog, um in ſei⸗ ner zerſtörenden Kraft zu ſchwelgen und ſich groß zu — ———— S— . . machen. Der deprimirte Eigenthümer wurde ſeines langen Kampfes mit dieſem mächtigen Feinde müde; ſo ließ man dem Winde ſeinen Willen und die Schloßſchenke gerieth langſam in Verfall. Aber ſo ſehr ſie von außen gelitten hatt, im Innern war es darum nicht weniger gedeihlich. Stämmige Fuhr⸗ leute hielten an, um an dem kleinen Schenktiſche ihren Trunk einzunehmen; die wohlhabenden Farmer brachten ihre Abende daſelbſt zu und ſchwazten in dem niedrigen getäfelten Wohnzimmer von Politik, während ihre Roſſe an einer verdächtigen Miſchung von ſchlammigem Heu und leidlichen Bohnen in den verfallenen Ställen kauten. Zuweilen hielten ſelbſt die Jagdangehörigen von Audley an, um ihre Pferde in der Schloßſchenke ſaufen zu laſſen und zu füttern; ja es war ſogar bei einer großen, unvergeßlichen Veranlaſſung von dem Hundeaufſeher daſelbſt ein Diner für etliche dreißig Gentlemen beſtellt, und der Eigenthümer durch die Wichtigkeit ſeiner Aufgabe beinahe zum Wahnſinn getrieben worden. So erachtete Lukas Marks, der keineswegs mit einem Auge für das Schöne geplagt war, ſich für ſehr glücklich, Wirth von der Schloßſchenke in Mount Stanning zu werden. Ein Wägelchen wartete in dem Nebel, um Braut und Bräutigam nach ihrer neuen Behauſung zu führen; und Einige von den einfachen Dörflern, welche Phöbe von Kindheit auf gekannt hatten, harr⸗ ten vor dem Kirchhofthore, um ihr Lebewohl zu ſagen. Ihre blaſſen Augen waren noch bläſſer von den Thränen, die ſie vergoſſen hatte, und von den ines ide; die ſo r es uhr⸗ iſche mer in litik, un den elbſt erde ern; chen ein der gabe mit für ount raut 3 zu flern, harr⸗ zu von den Rändern welche ſie umgaben. Der Bräutigam war über dieſe Anzeichen von Rührung geärgert. „Was ſoll das Heulen und Plärren, Mädchen?“ ſagte er wild.„Wenn Du mich nicht heirathen wollteſt, hätteſt Du es mir ſagen ſollen? Ich will Dich doch nicht ermorden, denk' ich?“ Die Kammerzofe ſchauerte zuſammen, als er ſo ſprach, und zog ihre kleine ſeidene Mantille feſt um ſich herum. „Es friert Dich bei all dieſem Putze hier,“ fuhr Lukas fort, indem er ihr koſtbares Gewand, nicht eben mit einem Ausdruck von Wohlgefallen anſchaute. „Warum können doch Weiber ſich nicht ihrem Stande gemäß kleiden? Du wirſt keine ſeidenen Kleider aus meiner Taſche erhalten, das kann ich Dir ſagen.“ Er hob das ſchauernde Mädchen in die Halb⸗ chaiſe, ſchlug einen groben Mantel um ſie her und fuhr durch den gelblichen Nebel davon, gefolgt von ſchwachen Freudenrufen aus dem Munde von zwei oder drei Kobolden, welche an dem Gitterthore ſich aufgeſtellt hatten. Eine neue Zofe wurde von London gebracht, um Phöbe Marks bei der Perſon von Mylady zu er⸗ ſezen— eine ſehr prunkhafte Mamſell, welche ein ſchwarzes Atlaskleid und roſenfarbige Bänder an ihrer Haube trug und ſich über einen ſo langweili⸗ gen Ort wie Audley Court bitter beklagte. Aber Weihnachten brachte Beſucher in das zer⸗ fahrene alte Haus. Ein Landſquire und ſeine dicke Frau nahmen das Tapetenzimmer ein; muntere Mäd⸗ chen liefen in den alten Gängen auf und ab, und junge Männer ſchauten durch die Gitterfenſter, auf 184 ſüdliche Winde und umwölkten Horizont wartend; nicht ein leerer Stand war in den alten Ställen noch übrig; eine ertemporiſirte Schmiede wurde auf dem Hofe zum Beſchlagen der Jagdpferde errichtet; bel⸗ fernde Hunde erfüllten das Haus mit ihrem beſtän⸗ digen Lärm; fremde Dienſtboten drängten ſich in dem Dachgeſchoſſe zuſammen, und jedes kleine unter einem Spizgiebel verſteckte, oder in dem wunderlichen alten Dache angebrachte Fenſter erglänzte in der Winter⸗ nacht von ſeiner beſondern Kerze, ſo daß der von der Nacht überfallene Fremdling, wenn er plözlich auf Audley Court zukam, leicht in des jungen Mar⸗ lowe's Irrthum hätte verfallen und das gaſtfreund⸗ liche Gebäude für eines jener guten altmodiſchen Wirthshäuſer nehmen können, dergleichen von dieſer Erde verſchwunden ſind, ſeitdem die lezte Poſtkutſche mit ihren ſich bäumenden Kleppern ihre lezte melan⸗ choliſche Reiſe nach dem Hofe des Abdeckers ge⸗ macht hat. Unter andern Beſuchern kam auch Mr. Robert Audley zur Jagdſaiſon nach Eſſer herab, mit einem Halbduzend franzöſiſcher Romane, einem Kiſtchen Ci⸗ garren und drei Pfund türkiſchem Tabak in ſeinem Felleiſen. Die ehrlichen jungen Landſquires, welche während des ganzen Frühſtücks von Stutenfüllen aus dem Fliegenden Holländer und Hengſtfüllen aus dem Vol⸗ tigeur, von einem glorioſen ſiebenſtündigen Wett⸗ ritte über drei Grafſchaften hin, und von mitternäch⸗ tiger, dreißig Meilen langer Heimkehr auf ihren Jagdgäulen ſprachen; welche von der wohlbeſtellten Tafel, den Mund voll von einem Stück kalten Len⸗ nd; och dem bel⸗ än⸗ dem rem lten e von zlich tar⸗ ind⸗ chen eſer ſche lan⸗ ge⸗ bert nem Ci⸗ nem end dem Vol⸗ ett⸗ äch⸗ hren lten Len⸗ denbratens aufſprangen, um nach jener rechten Feſſel, oder dieſem verrenkten Vorderfuße, oder nach dem Hengſtfüllen, das eben von dem Thierarzte gekom⸗ men war, zu ſchauen, ſahen geringſchäzig auf Mr. Robert Audley, der träge über einem Stück Brod mit Marmelade daſaß, als auf eine jeder Bemer⸗ kung unwürdige Perſon herab. Der junge Rechtsgelehrte hatte ein Paar Hunde mitgebracht; und der Landgentleman, welcher fünfzig Pfund für einen Vorſtehhund gab und ein paar hundert Meilen reiste, um ſich eine Koppel Spür⸗ hunde zu betrachten, ehe er einen Handel abſchloß, lachte laut über die zwei elenden Köter; einer der⸗ ſelben war Robert Audley durch Chancery Lane und die halbe Lnge von Holborn nachgefolgt; während deſſen Genoſſe von dem Rechtsgelehrten vi et armis“) einem Obſthöcker, welcher denſelben mißhandelte, ent⸗ riſſen worden war. Und als Robert weiter darauf beſtand, daß dieſe zwei kläglichen Thiere unter ſei⸗ nem Lehnſeſſel im Salon zum großen Verdruß My⸗ lady's, welcher, wie wir wiſſen, alle Hunde verhaßt waren, ihren Plaz erhalten, da betrachteten die Be⸗ ſucher von Audley Court des Baronets Neffen als eine harmloſe Species eines Tollhäuslers. Bei frühern Beſuchen des Baronets im Herren⸗ hauſe hatte Robert Audley ſich einigermaßen den Schein gegeben, als nehme er an den Beluſtigungen der heitern Geſellſchaft ſeinen Antheil. Er war über ein halb Duzend gepflügter Felder auf einem ruhi⸗ gen Schimmelpony von Sir Michael getrabt, hatte ³) Mit Waffengewalt. A. d U. ————— 186 jedoch, als er athemlos und keuchend vor der Thüre irgend eines Pächterhauſes anlangte, ſeine Abſicht erklärt, für dieſen Morgen den Hunden nicht wei⸗ ter folgen zu wollen. Er war ſelbſt ſo weit gegan⸗ gen, mit großer Mühe ein Paar Schlittſchuhe ſich anzuſchnallen, um ſich eine Bewegung auf dem ge⸗ frornen Fiſchweiher zu machen, war aber bei dem erſten Verſuche ſchmählich gefallen und ruhig ſo lang auf ſeinem Rücken liegen geblieben, bis die in der Nähe Befindlichen für gut fanden, ihn aufzurichten. Er hatte während eines angenehmen Morgenaus⸗ flugs den Rückſiz auf einem Dogscart eingenommen, aber lebhaft dagegen proteſtirt, bergauf zu fahren, und alle zehn Minuten verlangt, daß man Halt mache, um ſeine Kiſſen wieder zurechtlegen zu kön⸗ nen. Aber diesmal bezeigte er keine Luſt zu irgend einer dieſer Unterhaltungen außerhalb des Hauſes. Er brachte ſeine ganze Zeit damit zu, daß er ſich im Salon herumtrieb und nach ſeiner eigenen trägen Weiſe Mylady und Alicia angenehm machte. Lady Audley nahm ihres Neffen Aufmerkſamkei⸗ ten mit jener graziöſen, halb kindiſchen Manier, welche ihre Bewunderer ſo zauberiſch fanden, auf; aber Ali⸗ cia war empört über die Veränderung in ihres Cou⸗ ſins Benehmen. „Du biſt immer ein armer lebloſer Burſche ge⸗ weſen, Bob,“ ſprach die junge Dame werächtlich, als ſie nach einem Jagdfrühſtück, von welchem Robert, da er es vorzog, eine Taſſe Thee in Mylady's Bou⸗ doir zu trinken, ſich fern gehalten hatte— in ihrem Reitanzug in den Saal hereinſtürmte;„aber dieſes Jahr weiß ich gar nicht, was Dich angekommen iſt. — üre icht ei⸗ an⸗ ſich ge⸗ em ang der ten. us⸗ nen, ren, alt kön⸗ end iſes. ſich igen kei⸗ elche Ali⸗ Cou⸗ ge⸗ als bert, Bou⸗ rm ieſes iſt. Du biſt zu gar Nichts gut, als Lady Audley einen Seidenſtrang zu halten oder aus Tennyſon vorzuleſen.“ „Liebe, haſtige, ungeſtüme Alicia, werd' mir nicht heftig,“ ſagte der junge Mann ſiehentlich.„Ein Schluß iſt kein fünfſtangiges Gitter, ³) und Du brauchſt Deinem Urtheil nicht den Zügel ſchießen zu laſſen, wie Du es mit Deiner Stute Atalanta thuſt, wenn Ihr einem unglücklichen Fuchſe auf den Ferſen ſeid und über das Feld dahin fliegt. Lucy Audley in⸗ tereſſirt mich, und meines Oheims Graſfſchaftsfreunde intereſſiren mich nicht. Iſt das eine genügende Ant⸗ wort, Alicia?“ Miß Alicia warf den Kopf etwas höhniſch in die Höhe. „Es iſt eine ſo gute Antwort, als ich jemals eine von Dir erhalten werde, Bob,“ ſagte ſie un⸗ geduldig;„aber bitte, unterhalte Dich nur auf Deine eigene Weiſe; ſtrecke Dich den ganzen Tag nach Be⸗ quemlichkeit in Deinem Lehnſeſſel, mit dieſen zwei dummen, auf Deinen Knieen ſchlafenden Hunden; verderbe Mylady's Fenſtervorhänge mit Deinen Ci⸗ garren; und ärgere Jedermann im Hauſe mit Dei⸗ ner einfältigen, ſeelenloſen Gemüthsruhe.“ Mr. Robert Audley riß bei dieſer Tirade ſeine ſchönen grauen Augen ſo weit als möglich auf und blickte beſtürzt Miß Alicia an. Die junge Dame ſchritt im Saale auf und ab und ſchlug dabei mit der Reitgerte auf die Falten ihres Gewandes. Ihre Augen funkelten von zorni⸗ ger n und eine Purpurgluth brannte unter 6 Soll heißen: Man zieht nicht ſo ſchnell ii rung, als man über ein Gitterthor hinwegſezt⸗ ———— ——— 188 ihrer hellen braunen Haut. Der junge Rechtsgelehrte erkannte aus dieſen Symptomen ſehr wohl, daß ſeine Couſine heftig aufgebracht war. „Ja, wiederholte ſie,„Deine einfältige ſeelenloſe Gemüthsruhe. Weißt Du, Robert Audley, bei all Deiner verſtellten Liebenswürdigkeit biſt Du zum Ueberlaufen voll von Trug und Hochmuth. Du ſiehſt auf unſere Unterhaltungen herab; Du ziehſt Deine Augenbrauen in die Höhe und zuckſt die Achſeln, Du wirfſt Dich in Deinen Seſſel zurück und waſcheſt Deine Hände in Unſchuld über uns und unſere Be⸗ luſtigungen. Du biſt ein kaltherziger, ſelbſtſüchtiger Sybarite—“ „Alicia! Gott— ſei— mir gnädig!“ Die Morgenzeitung fiel ihm aus der Hand, und er ſaß da und warf einen ängſtlichen Blick auf die Urheberin dieſes Angriffs. „Ja, ſelbſtſüchtig, Robert Audley! Du nimmſt halb verhungerte Hunde in Dein Haus, weil Du halb verhungerte Hunde gern haſt. Du beugſt Dich nie⸗ der und ſtreichelſt jedem nichtsnuzigen Köter im Dorfe den Kopf, weil Du nichtsnuzige Köter gern haſt. Du nimmſt Notiz von kleinen Kindern und gibſt ihnen einige Pfennige, weil es Dir Freude macht, dies zu thun. Aber Du ziehſt die Augenbrauen eine Viertelelle hinauf, wenn der arme Sir Harry To⸗ wers eine einfältige Geſchichte erzählt, und ſtarrſt den armen Burſchen mit Deiner trägen Indolenz ſo lang an, bis er außer Faſſung geräth. Was Deine Lie⸗ benswürdigkeit betrifft, ſo ließeſt Du Dich von einem Mann ſchlagen und würdeſt Dich noch lieber für den Schlag bedanken, als daß Du Dir die Mühe näh⸗ 189 meſt, ihm wieder Eins zu verſezen; aber Du wicheſt nicht eine halbe Meile weit von Deinem Wege ab, um Deinem theuerſten Freunde einen Dienſt zu leiſten. Sir Harry iſt zwanzig Leute wie Du werth, obwohl er allerdings ſchriftlich ſich bei mir erkundigt hat, ob meine St— u— u— te Atalanta von ihrer Ver⸗ renkung wieder geheilt ſei. Er kann nicht ſo gut leſen und ſchreiben und ſeine Augenbrauen bis zu den Haarwurzeln hinaufziehen, aber er würde für das Mädchen, welches er liebt, durch Feuer und Waſſer gehen, während Du—“ Gerade auf dieſem Punkte, als Robert ganz ge⸗ richtet war, ſeiner Couſine Heftigkeit zu begegnen, und als Miß Alicia im Begriff ſchien, ihren ſtärk⸗ ſten Angriff zu machen, brach die junge Dame ganz zuſammen, und die Thränen traten ihr in die Augen. „Alicia, mein theures Kind, was haſt Du?“ „Ich habe— ich habe— die Feder von meinem Hute mir in das Auge geſtoßen,“ ſtöhnte ſeine Cou⸗ ſine; und ehe Robert ſich von der Wahrheit dieſer Behauptung überzeugen konnte, war Alicia aus dem Zimmer geſtürzt. Mr. Audley wollte ihr eben folgen, als er ihre Stimme unten im Hofe mitten unter dem Pferdege⸗ trampel und dem Lärm der Beſucher, der Hunde und Reitknechte vernahm. Sir Harry Towers, der vorzugsweiſe ariſtokratiſche junge Sportsman in der Nachbarſchaft, hatte eben ihren kleinen Fuß in die Hand genommen, um ihr zu helfen, wie ſie in den Sattel ſprang. „Guter Himmel!“ rief Robert, während er der luſtigen Reitergeſellſchaft zuſah, bis ſie unter dem 190 Bogengang verſchwand.„Was hat Das Alles zu bedeuten? Wie reizend ſie zu Pferde ſizt! Was für eine hübſche Geſtalt dazu, und was für ein ſchö⸗ nes, ehrliches, braunes, roſiges Geſicht; aber ſo auf einen Burſchen loszugehen, und noch dazu ohne die geringſte Veranlaſſung! Das iſt die Folge davon, wenn man ein Mädchen auf die Fuchsjagd gehen läßt. Sie gewöhnt ſich daran, Alles im Leben gleich einem ſechs Fuß hohen Baumkloz oder einem einge⸗ ſunkenen Zaun zu betrachten; ſie geht durch die Welt, wie über ein Feld, geht gerade vorwärts und über Alles hinweg. Ein ſo hübſches Mädchen wie ſie wäre auch aus ihr geworden, wenn ſie ihre Er⸗ ziehung in Figtree Court erhalten hätte! Wenn ich jemals heirathe und Töchter bekomme(welche ent⸗ fernte Möglichkeit der Himmel verhüten ſoll) ſo laſſe ich ſie in Paper Buildings erziehen, ihre einzige Lei⸗ besbewegung ſich in Temple Gardens machen, und ſie werden mir niemals zur Thüre hinaus kommen, als bis ſie heirathsfähig ſind und ich ſie gerade aus über Fleet Street nach der St. Dunſtanskirche füh⸗ ren und in die Hände ihrer Männer abliefern kann.“ Mit ſolchen Betrachtungen vertrieb ſich Mr. Ro⸗ bert Audley die Zeit, bis Mylady wieder in den Salon eintrat, friſch und ſtrahlend in ihrem elegan⸗ ten Morgenanzuge, ihre gelben Locken von den par⸗ fümirten Waſſern, in welchen ſie dieſelben gebadet hatte, erglänzend, und ihr in Sammet gebundenes Skizzenbuch unter dem Arme. Sie pflanzte eine kleine Staffelei auf dem Tiſche am Fenſter auf, ſezte ſich davor und begann die Farben auf ihrer Palette zu den an⸗ ar⸗ det nes ine ſich miſchen, während Robert ſie aus ſeinen halb geſchloſ⸗ ſenen Augen beobachtete. „Beläſtigt meine Cigarre Sie wirklich nicht, Lady Audley?“ „O nein, ganz und gar nicht; ich bin ganz da⸗ ran gewöhnt, Tabak zu riechen. Mr. Dawſon, der Wundarzt, rauchte den ganzen Abend, ſo lang ich in ſeinem Hauſe wohnte.“ „Dawſon iſt ein guter Burſche, nicht wahr?“ fragte Robert nachläſſig. Mylady brach in ihr hübſches, ſprudelndes Ge⸗ lächter aus. „Das liebſte, beſte Geſchöpf,“ ſagte ſie. Er zahlte mir fünfundzwanzig Pfund jährlich— denken Sie nur— das machte ſechs Pfund, fünf Schilling auf das Quartal. Ich erinnere mich noch recht gut, wie ich das Geld empfing— ſechs unſaubere alte Sove⸗ reigns und ein kleines Häufchen ſchmuziger Silber⸗ münze, wie ſie gerade aus der Ladenkaſſe in ſeiner Apotheke kam! Und wie erfreut war ich dann, wenn ich es erhielt; während jezt— ich muß lachen, wenn ich daran denke— die Farben hier, die ich gebrauche, jede bei Windſor und Newton eine Guinee— der Karmin und Ultramarin dreißig Schillinge koſten. Ich gab Mrs. Dawſon eines von meinen ſeidenen Klei⸗ dern vor einigen Tagen, und das arme Ding küßte mir die Hand, und der Wundarzt trug das Bündel unter ſeinem Mantel heim.“ Mylady lachte lang und fröhlich bei dieſem Ge⸗ danken. Ihre Farben waren gemiſcht; ſie copirte eine Aquarellſtizze von einem unmöglich ſchönen ita⸗ 192 lieniſchen Bauern, in einer unmöglich turneresken*) Atmoſphäre. Die Skizze war beinahe vollendet, und ſie hatte nur noch einige kritiſche kleine Striche mit dem zärteſten ihrer Zobelpinſel anzubringen. Sie richtete ſich ganz ceremoniös zu dieſer Arbeit, indem ſie das Gemälde von der Seite betrachtete. Dieſe ganze Zeit waren Mr. Robert Audley's Augen ſehr aufmerkſam auf ihr hübſches Angeſicht gerichtet. „Das iſt ein wahrer Glückswechſel,“ ſagte er, nach einer ſo langen Pauſe, daß Mylady vergeſſen haben mußte, wovon ſie eben ſprach;„ein wahrer Glückswechſel! Manche Frauen würden weiß nicht was thun, um es zu einem ſolchen Wechſel zu bringen.“ Lucy Audley riß ihre hellen blauen Augen wei⸗ ter auf, als ſie dieſelben plözlich auf den jungen Rechtsgelehrten heftete. Das Winterſonnenlicht fiel von einem Seitenfenſter voll auf ihr Geſicht und ent⸗ zündete den Azur dieſer ſchönen Angen, bis deren Farbe zwiſchen Blau und Grün zu flimmern ſchien, wie die Opaltinten der See an einem Sommertage changiren. Der kleine Pinſel fiel ihr aus der Hand und machte einen Fleck auf des Bauern Geſicht unter einem weiten Kreiſe von karmoiſinrother Lackfarbe. Robert Audley ſtrich zärtlich und mit vorſichti⸗ gem Finger das zerkrümpelte Blatt ſeiner Cigarre zurecht. „Mein Freund an der Ecke von Chancery Lane hat mir keine ſo guten Manillas wie ſonſt gegeben,“ *) Soll wohl dem Sinn und der Etymologie nach heißen ſ. v. a ſchön zuſammengedrechſelt. we ſter ley ſtie vor ſin: um te hei St ſchl 6 Her von bor ley n*) und mit Sie em W's icht er, ſſen rer icht n vei⸗ gen ent⸗ ren ien, age and nter rbe. chti⸗ arre ane ißen . 193 murmelte er.„Wenn Sie jemals rauchen, meine theure Tante(und man hat mir ſchon geſagt, daß manche Frauen, wenn ſie allein ſind, ſo ein Bischen Kraut nicht verſchmähen), ſo ſeien ſie nur recht ſorg⸗ fältig bei der Wahl Ihrer Cigarren. Mylady holte tief Athem, hob ihren Pinſel wie⸗ der auf und lachte laut bei Roberts Rathe. „Was Sie für ein excentriſches Geſchöpf ſind, Mr. Audley! Wiſſen Sie, daß Sie mich manchmal in Verwirrung ſezen—“ „Nicht ärger, als Sie es mit mir machen, meine theure Tante.“ Mylady legte ihre Farben und ihr Skizzenbuch weg, ſezte ſich in die Vertiefung eines andern Fen⸗ ſters, in beträchtlicher Entfernung von Robert Aud⸗ ley, und machte ſich an eine große Berlinerwoll⸗ ſtickerei— eine Stickerei, an welcher die Penelopes vor zehn oder zwölf Jahren ſehr gern ihren Scharf⸗ ſinn übten— die Alte Zeit zu Bolton Abbey. In dieſer Fenſtervertiefung ſizend, war Mylady um die ganze Zimmerlänge von Robert Audley ge⸗ trennt, und der junge Mann vermochte nur gelegen⸗ heitlich einen Blick auf ihr ſchönes, von der hellen Strahlenkrone ihres goldſchimmernden Haares um⸗ ſchloſſenes Geſicht zu erhaſchen. Robert Audley verweilte ſchon eine Woche in dem Herrenhauſe, und noch war weder von ſeiner, noch von Myladys Seite des Namens von Georg Tal⸗ boys Erwähnung geſchehen. Dieſen Morgen jedoch erkundigte ſich Lady Aud⸗ ley, nachdem die gewöhnlichen Umſtände der Unter⸗ Braddon, Lady Aubley's Geheimniß. J. 13 — 8 6 — 194 haltung erſchöpft waren, nach ihres Neffen Freund — dem Mr. Georg— Georg—“ ſagte ſie zögernd. „Talboys“ half Robert ein. „Ja, richtig— Mr. Georg Talboys. Ein ziem⸗ lich ſonderbarer Name, beiläufig geſagt, und ſicher⸗ lich in jeder Beziehung eine ſonderbare Perſon. Haben Sie denſelben in lezter Zeit geſehen?“ „Ich habe ihn ſeit dem 7. September nicht mehr geſehen— ſeit jenem Tage, da er mich ver⸗ ließ, während ich auf den Wieſen jenſeits des Dor⸗ fes eingeſchlafen war.“ „Mein Himmel!“ rief Mylady,„was für ein ſeltſamer junger Mann dieſer Georg Talboys ſein muß. Bitte, erzählen Sie mir Etwas von ihm.“ Robert erzählte ihr in wenigen Worten von ſei⸗ nem Beſuche zu Southampton und von ſeiner Reiſe nach Liverpool, mit deren verſchiedenen Reſultaten, während Mylady ihm ſehr aufmerkſam zuhörte. Um ihr ſeine Geſchichte beſſer erzählen zu können, verließ der junge Mann ſeinen Siz, ging durch das Zimmer und nahm Lady Audley gegenüber ſeinen Plaz in der Fenſtervertiefung. 5 „Und was ziehen Sie aus all Dieſem für eine 4 Schluß?“ fragte Mylady nach einer Pauſe. „Es iſt für mich ein ſo großes Geheimniß,“ antwortete er,„daß ich kaum irgend eine Folgerung daraus abzuleiten wage, aber obwohl im Finſtern tappend, gelange ich doch, dünkt mir, auf zwei Ver⸗ muthungen, die mir beinahe zur Gewißheit zu wer⸗ den ſcheinen.“ „Und dieſe ſind—“ „Fürs Erſte, daß Georg Talboys niemals über S üb ver lich ern cirt deſt übe hal unk alle ſind Ste gen gez Lad eine lich fuh: ley' wur Sei richt ſchet lich id. m⸗ er⸗ on. icht er⸗ or⸗ ein ein ſei⸗ eiſe en, en, das nen ß. ung tern ber⸗ ver⸗ ber Southampton hinaus kam. Fürs Zweite, daß er überhaupt niemals nach Southampton kam.“ „Aber Sie haben doch bis dorthin ſeine Spur verfolgt. Sein Schwiegervater hatte ihn geſehen.“ „Ich habe Grund, an der Aufrichtigkeit ſeines Schwiegervaters zu zweifeln.“ „Gott ſei mir gnädig!“ rief Mylady faſt kläg⸗ lich.„Was wollen Sie damit ſagen?“ „Lady Audley,“ erwiederte der junge Mann ernſt,“ ich habe niemals als Rechtsgelehrter practi⸗ cirt. Ich habe mich in einen Beruf aufnehmen laſſen, deſſen Mitglieder eine ſchwere Verantwortlichkeit zu übernehmen und geheiligte Pflichten zu erfüllen haben; und ich bebte vor dieſer Verantwortlichkeit und vor dieſen Pflichten zurück, wie mir überhaupt alle Strapazen dieſes beſchwerlichen Lebens zuwider ſind: aber wir werden manchmal gerade in die Stellung hineingedrängt, der wir am meiſten aus⸗ gewichen ſind, und ich ſah mich ſelbſt in lezter Zeit gezwungen, an dergleichen Gegegenſtände zu denken. Lady Audley, haben Sie jemals die Theorie von einem aus den Umſtänden geſchöpften Beweiſe ſtudirt?“ „Wie können Sie eine arme Frau nach ſo ſchreck⸗ lichen Dingen fragen?“ rief Mylady. „Ein aus den Umſtänden geſchöpfter Beweis,“ fuhr der junge Mann fort, als ob er Lady Aud⸗ ley's Unterbrechung kaum gehört hätte,„iſt jenes wunderbare Gebäude, welches aus allerlei, von allen Seiten der Windroſe geſammelten Strohhalmen er⸗ richtet und dennoch ſtark genug iſt, um einen Men⸗ ſchen an den Galgen zu bringen. An welchen unend⸗ lich kleinen Dingen mag zuweilen das ganze Ge⸗ 13* 196 heimniß eines gottloſen Verbrechens hängen, wel⸗ ches bisher den Weiſeſten auf Erden unerklärlich war. Ein Papierſtreifen, ein Fezen von einem zerriſ⸗ ſenen Gewande; der abgeriſſene Knopf von einem Rocke; ein unverſehens den vorſichtigſten ſchuld⸗ befleckten Lippen entſchlüpftes Wort; das Bruch⸗ ſtück eines Briefes; das Heffnen oder Schließen einer Thüre; der Schatten eines Fenſterſchirmes, das Eintreffen eines Augenblicks; tauſend ſo geringfü⸗ gige Umſtände, daß ſie von dem Frevler vergeſſen werden, aber ſtählerne Glieder in der wunderbaren Kette, welche von der kundigen Hand des nachſpü⸗ renden Beamten geſchmiedet wird, und ſiehe da! der Galgen iſt aufgebaut und die feierlichen Glocken⸗ ſchläge ertönen durch das ſchreckliche Grau des frü⸗ hen Morgens; das Fallbrett kracht unter den ſchul⸗ digen Füßen, und die Sühne für das Verbrechen iſt bezahlt.“ Schwache Schatten von Grün und Purpur fielen auf Mylady's Geſicht von den gemalten Wappen⸗ ſchildern in dem gothiſchen Fenſter, an welchem ſie ſaß; aber jede Spur der natürlichen Farbe war von dieſem Geſichte verſchwunden, und es blieb nur ein geiſterhaftes Aſchgrau zurück. Ruhig ſaß ſie an ihrem Platze; ihr Haupt war auf die bernſteinfarbigen Damaſtkiſſen zurückgeſunken, und ihre kleinen Hände lagen kraftlos in ihrem Soli Lady Audley war von einer Ohnmacht be⸗ allen. „Der Halbkreis ſchließt ſich Tag für Tag enger zuſammen,“ ſagte Robert Audkey.„Georg Talboys iſt niemals nach Southampton gekommen.“ nad 30g ſein ſchie aus und auf Mä anle und gen hatt dere ſelb Pla und laſt Wa unte das gan geh zuw für arm el⸗ ar. riſ⸗ em Ud⸗ uch⸗ ner das fü⸗ ſſen ren ſpü⸗ da! ken⸗ frü⸗ hul⸗ iſt elen pen⸗ tſie von ein war ken, hrem be⸗ nger boys armend; überall heiter, gaſtfreundlich, edelmüthig, Sechszehntes Capitel. Kobert Audley bekommt ſeinen Abſchied. Die Weihnachtswoche war vorüber, und Einer nach dem Andern von den ländlichen Beſuchern zog von Audley Court ab. Der dicke Squire und ſeine Frau verließen das graue Tapetenzimmer und ſchieden von den ſchwarzäugigen Kriegern, welche aus der Wand hervortraten, um neue Gäſte drohend und mit finſtern Blicken zu beſchauen, oder rachgierig auf den leeren Raum hinzuſtarren. Die muntern Mädchen im zweiten Stocke ließen, ſelbſt mit Hand anlegend oder nicht, ihre Kiſten und Reiſekoffer packen, und zerknittert wurden die Gazeballkleider nach Hauſe genommen, welche man friſch nach Audley gebracht hatte. Holpernde alte Familienkutſchen, mit Roſſen, deren ungepuzte Hufhaare von gröberer Arbeit, als ſelbſt Landſtraßen ſprachen, wurden auf den großen Platz vor der häßlichen eichenen Thüre vorgeführt und mit chaotiſchen Haufen weiblichen Gepäcks be⸗ laſtet. Hübſche roſige Geſichter ſchauten aus den Wagenfenſtern, um das lezte Lebewohl der Gruppe unter der Thüre der Vorhalle zuzulächeln, während das Fuhrwerk unter dem epheuüberwachſenen Bogen⸗ gang knarrend hinwegrumpelte. Nach Sir Michael be⸗ gehrte man überall. Den jungen Sportsmen die Hand ſchüttelnd, die roſenwangigen Mädchen küſſend, zuweilen ſogar ſtattliche Matronen, welche ihm noch für den angenehmeu Beſuch danken wollten, um⸗ — ——— * — — 6——.——— Meie glücklich und geliebt, eilte der Baronet von einem Zimmer zum andern, von der Halle zu den Ställen, von den Ställen auf den Hof, vom Hof zu dem Bo⸗ genthorweg, um den ſcheidenden Gäſten förderlich zu ſein. Mylady's gelbe Locken flatterten hin und her gleich Sonnenſtrahlen an dieſen unruhigen Tagen des Ab⸗ ſchiednehmens. Ihre großen blauen Augen hatten einen ſchönen, trauernden Blick, in reizender Ver⸗ einigung mit dem weichen Druck ihrer kleinen Hand und den freundlichen, wiewohl vielleicht ziemlich ſtereotypen Redensarten, womit ſie ihren Beſuchern erklärte, wie leid es ihr thue, ſie zu verlieren, und wie ſie nicht wüßte, was anzufangen wäre, bis ſie wie⸗ derum kämen, das Herrenhaus durch ihre entzückende Geſellſchaft zu beleben. Aber ſo ſehr Mylady auch bedauern mochte, ihre Beſucher zu verlieren, es war wenigſtens noch ein Gaſt da, deſſen Geſellſchaft ihr nicht geraubt wurde. Robert Audley zeigte durchaus keine Luſt, ſeines Oheims Haus zu verlaſſen. Er hatte keine Berufs⸗ pflichten, erklärte er; Figtree Court gewährte den köſtlichſten Schatten bei heißem Wetter, aber es be⸗ fand ſich daſelbſt eine ſcharfe Ecke, um welche der Wind, mit rächenden Rheumatismen und Grippen bewaffnet, in den Wintermonaten herumblies. Jeder⸗ mann war im Herrenhauſe ſo gut gegen ihn, daß er wirklich keine Luſt hatte, hinwegzugehen. Sir Michael hatte auf Alles nur eine Antwort: „Bleibe, mein lieber Junge, bleibe, mein lieber Bob, ſo lang als Dir beliebt. Ich habe keinen Sohn, und Du vertrittſt mir die Stelle eines ſolchen. Mache Die daß etw unl lag zen ein ein wei To Un wo in Ch ſie wa ach die die fra ten Er chet Kir ich b⸗ er⸗ nd ich rn nd ie⸗ Dich Lucy angenehm und betrachte das Herrenhaus als Deine Heimath, ſo lang Du lebſt.“ Darauf pflegte Robert einzig damit zu antworten, daß er ſeines Oheims Hand lebhaft drückte und ſo etwas, wie„ein luſtiger alter Prinz“ murmelte. Man konnte bemerken, daß zuweilen eine gewiſſe unbeſtimmte Trauer in des jungen Mannes Stimme lag, wenn er Sir Michael„einen luſtigen alten Prin⸗ zen“ nannte; ein Schatten liebevollen Bedauerns, das einen Nebel in Roberts Augen brachte, wenn er in einer Ecke des Zimmers ſaß und gedankenvoll den weißbärtigen Baronet anſchaute. Ehe der letzte der jungen Sportsmen, Sir Harry Towers abreiste, begehrte und erhielt er noch eine Unterredung mit Miß Alicia Audley in dem mit Eichenholz getäfelten Bücherſaal— eine Unterredung, wobei von dem rüſtigen jungen Fuchsjäger große Bewegung entwickelt wurde; eine ſolche Bewegung in der That und von ſo ächtem und rechtſchaffenem Charakter, daß Alicia beinahe zuſammenbrach, als ſie ihm erklärte, ſie würde ihn allzeit um ſeines wahrhaften und edeln Herzens willen ſchätzen und achten, aber er dürfte nie, nie, nie, wenn er ihr nicht die grauſamſte Qual verurſachen wollte, mehr als dieſe Schätzung und Achtung von ihr verlangen. Sir Harry verließ die Bibliothek durch das franzöſiſche Zimmer, welches auf den Theil des Gar⸗ tens, wo der Fiſchweiher ſich befand, hinausging. Er marſchirte gerade auf den Lindengang zu, wel⸗ chen Georg Talboys mit einer Allee auf einem Kirchhofe verglichen hatte, und kämpfte unter entblät⸗ terten Bäumen den Kampf ſeines wackern jungen Herzens durch. „Was ich für ein Narr bin, einem ſolchen Ge⸗ fühle Raum bei mir zu geben!“ rief er, mit dem Fuße auf den gefrornen Boden ſtampfend.„Ich wußte immerdar, daß es ſo kommen würde; ich wußte immerdar, daß ſie hundertmal zu gut für mich wäre. Gott ſegue ſie! Wie nobel und zärtlich ſie ſprach; wie ſchön ſie ausſah, mit dem purpurnen Erröthen unter hrer braunen Haut, und mit den Thränen in ihren Augen— beinahe ſo ſchön wie an dem Tage, als ſie über den eingeſunkenen Zaun ſezte und mich, als wir heimritten, den Fuchsſchwanz an ihrem Hute befeſtigen ließ! Gott ſegne ſie! Ich kann Alles er⸗ tragen, ſo lang ſie ſich nicht für den ſchleichenden Advokaten intereſſirt. Aber das könnte ich nicht aushalten.“ Der ſchleichende Advokat, mit welcher Benennung Sir Harry auf Mr. Robert Audley anſpielte, ſtand in der Halle und betrachtete eine Karte von den bin⸗ nenländiſchen Graſfſchaften, als Alicia nach ihrer Un⸗ terredung mit dem fuchsjagenden Baronet mit rothen Augen aus dem Bücherzimmer trat. Robert, welcher kurzſichtig war, hatte ſein Auge bis auf einen halben Zoll der Oberfläche der Karte nahe gebracht, als die junge Dame auf ihn zukam. „Ja,“ ſagte er,„Norwich liegt in Norfolk, und der einfältige, junge Vincent behauptete, es liege in Herefordſhire. Ha, Alicia, biſt Du es?“ Er wandte ſich raſch um, ſo daß er ihr gerade den Weg vertrat, als ſie nach der Treppe wollte. an ant wer Dir das ſeh gel duc Au mit ner wer wü ſche zu ver ſeir ten ſeir er en 19 nd n⸗ en ge te m. nd in de „Ja,“ antwortete ſeine Couſine kurz, indem ſie an ihm vorbeizukommen ſuchte. „Alicia, haſt Du geweint?“ Die junge Dame ließ ſich nicht herab, ihm zu antworten. „Du haſt geweint, Alicia. Hat Sir Harry To⸗ wers von Towers Park, in der Grafſchaft Herts, Dir ſeine Hand angeboten, he?“ „Haſt Du an der Thüre gehorcht, Mr. Audley?“ „Nein, Miß Audley. Grundſätzlich bin ich gegen das Horchen, und in der Praxis halte ich es für ein ſehr beſchwerliches Verfahren; aber ich bin Rechts⸗ gelehrter, Miß Alicia, und im Stande, mittelſt In⸗ duction*) einen Schluß zu ziehen. Weiß Miß Audley, was ein ſolcher inductiver Beweis iſt?“ „Nein,“ antwortete Alicia, indem ſie ihren Couſin mit einem Blick anſchaute, wie ihn etwa ein ſchö⸗ ner junger Panther auf ſeinen kecken Peiniger werfen möchte. „Ich dachte mir's. Ich glaube wohl, Sir Harry würde fragen, ob das eine neue Art von Pferde⸗ ſchellen ſei. Ich wußte durch Induction, daß der Baronet im Begriff war, Dir einen Heirathsantrag zu machen; erſtens, weil er mit dem Haar auf die verkehrte Seite geſcheitelt die Treppe herabkam und ſein Geſicht ſo blaß wie das Tiſchtuch war; zwei⸗ tens, weil er beim Frühſtück nichts eſſen konnte und ſeinen Kaffee kalt werden ließ; und drittens, weil er vor ſeinem Abgang von dem Herrenhauſe Dich um bz 5 Herleitung einer allgemeinen Schlußſolge aus ein⸗ zelnen Beiſpielen. A. d. U. 202 eine Unterredung bat. Nun, wie ſteht es, Alicia? Werden wir den Baronet heirathen und wird der arme Couſin Bob Brautführer bei der Hochzeit?“ „Sir Harry Towers iſt ein edelherziger junger Mann,“ ſagte Alicia, noch immer bemüht, an ihrem Couſin vorüberzukommen. „Aber wir nehmen ihn an— ja oder nein? Werden wir Lady Towers, mit einem prächtigen Beſizthum in Hertfordſhire, dem Sommerquartier für unſere Jäger, und mit einem Wagen ſammt Vorreitern, um uns nach Papa's Wohnort in Eſſer zu bringen? Iſt es ſo oder nicht, Alicia?“ „Was geht das Dich an, Mr. Robert Audley?“ rief Alicia zornig.„Was kümmerſt Du Dich da⸗ rum, was aus mir wird und wen ich heirathe? Wenn ich einen Kaminfeger heirathete, Du würdeſt nur die Augenbrauen hinaufziehen und ſagen: „Meiner Seele, ſie iſt immer ercentriſch geweſen.“ Ich habe Sir Harry Towers ausgeſchlagen; aber wenn ich an ſeine edle und uneigennüzige Zunei⸗ gung denke und ſie mit der herzloſen, ſchläfrigen, ſelbſtſüchtigen, hochmüthigen Gleichgültigkeit anderer Männer vergleiche, ſo habe ich gute Luſt, ihm nach⸗ zulaufen und zu ſagen—“ „Daß Du es zurücknimmſt und Lady Towers werden willſt?“ „Thu' es nicht, Alicia, thu' es nicht,“ ſagte Ro⸗ bert Audley, indem er ſeine Couſine bei der kleinen weichen Hand faßte und ſie die Treppe hinaufführte. „Komm' in den Saal mit mir, Alicia, meine arme kleine Couſine; meine reizende, ungeſtüme, Lärm Fer mit ſich ihr⸗ To: auf der wa zär an Leu ver mü keit dar für zigt jem iſt, ſcht nut Au me ſine we lich 3 r 7 n er nt en te. ne machende Couſine. Sez' Dich hier in dieſes gothiſche Fenſter nieder, und laß uns ernſthaft ſprechen und mit dem Zanken aufhören, wenn es uns möglich iſt.“ Couſin und Couſine hatten den Saal ganz für ſich allein. Sir Michael war auswärts, Mylady in ihren eigenen Zimmern, und der arme Sir Harry Towers ſpazierte auf dem Kieswege auf und ab, auf welchen die entblätterten Aeſte der Bäume in der kalten Winterſonne ihre flimmernden Schatten warfen. „Meine arme kleine Alicia,“ ſprach Robert ſo zärtlich, als wenn er irgend ein verzogenes Kind angeredet hätte,„glaubſt Du, daß, weil manche Leute keine Eſſigköpfe tragen oder ihr Haar nicht verkehrt ſcheiteln oder ſich ganz und gar wie gut⸗ müthige Tollhäusler betrachten, nur um die Heftig⸗ keit ihrer Leidenſchaft zu beweiſen— glaubſt Du darum, Alicia, daß dieſe Leute nicht gerade ſo gefühlvoll für die Verdienſte eines lieben, kleinen, warmher⸗ zigen und liebevollen Mädchens ſein können, als es jemals bei ihren Nachbarn möglich iſt? Das Leben iſt, wenn Alles geſagt und gethan iſt, ein ſo be⸗ ſchwerliches Ding, daß es ebenſo gut iſt, ſeine Seg⸗ nungen gelaſſen hinzunehmen. Ich mache nicht viel Aufhebens davon, weil ich eine Thüre weit von der Ecke von Chancery Lane eine gute Cigarre bekom⸗ men kann und ein liebes gutes Mädchen zur Cou⸗ ſine habe; aber ich bin deßhalb der Vorſehung nicht weniger dankbar dafür, daß es ſo iſt.“ Alicia riß ihre grauen Augen ſo weit als mög⸗ lich auf und ſtarrte ihrem Couſin voll Verwirrung gerade in's Geſicht. Robert hatte den häßlichſten — ——— 204 und elendeſten der ihn begleitenden Hunde herauf⸗ genommen und ſtrich dem Thiere gelaſſen über die Ohren. „Iſt dies Alles, was Du mir zu ſagen haſt, Robert?“ fragte Miß Alicia ſanft. „Nun ja, ich glaube ſo,“ erwiederte er nach einiger Ueberlegung,„mir dünkt, was ich Dir ſagen wollte, war:— heirathe den fuchsjagenden Baro⸗ net nicht, wenn Du ſonſt Jemand lieber haſt; denn willſt Du Dich nur gelaſſen darein ergeben und das Leben leicht nehmen und Dich an dem Zuſchlagen von Thüren, an dem Aus⸗ und Einfahren in den Zimmern, an dem Gerede von den Stallungen und dem Reiten über die Felder in der Prüfung und Beſſerung üben, ſo hege ich keinen Zweifel, daß die Perſon, welcher Du den Vorzug gibſt, Dich zu einer ganz vortrefflichen Ehefrau machen wird.“ „Ich danke Dir, Couſin,“ ſagte Miß Audley, in⸗ dem der Zorn ihr Angeſicht bis zu den Wurzeln ihres wellenförmigen braunen Haares hinauf pur⸗ purroth färbte;„aber da Du die Perſon, welcher ich den Vorzug gebe, nicht kennſt, ſo denke ich, Du thäteſt beſſer daran, die Verantwortlichkeit für ihn nicht zu übernehmen.“ Robert zupfte einige Augenblicke nachdenklich den Hund an den Ohren. „Nein, gewiß,“ ſagte er nach einer Pauſe.„Na⸗ türlich, wenn ich ihn nicht kenne— aber ich dächte, ich kenne ihn.“ „Wirklich!“ rief Alicia, und die Thüre mit einer Heftigkeit aufreißend, daß ihr Couſin wahr⸗ ha hin Ro Lel M Au au un St Ji Vr 30 Al im A di O m n ie er n⸗ n haft darüber erſchrack, ſtürzte ſie aus dem Saale hinaus. „Ich ſagte nur, ich dächte ihn zu kennen,“ rief Robert ihr nach; und dann ſank er wieder in ſeinen Lehnſeſſel und murmelte gedankenvoll,„ein ſo nettes Mädchen, wenn ſie nur nicht ſo fahrig wäre.“ So ritt alſo der arme Sir Harry Towers von Audley Court ab, ſehr niedergeſchlagen und betrübt ausſehend. Es machte ihm jezt ſehr wenig Freude, in ſeine ſtattliche, hinter ſchirmenden Eichen und ehrwürdigen Buchen verborgene Behauſung zurückzukehren. Das viereckige, aus rothen Backſteinen aufgeführte Haus, das dort am Ende eines langen entblätterten Baum⸗ gangs erglänzte, würde für immer, dachte er, ver⸗ ödet bleiben, da Alicia nicht käme, um deſſen Ge⸗ bieterin zu werden. Hundert Verbeſſerungen, die er ſich ausgedacht und entworfen hatte, wurden jezt als vergeblich bei Seite gelegt. Das Jagdpferd, welches der Bereiter Jim für eine Dame dreſſirte; die beiden jungen Vorſtehhunde, welche für die nächſte Jagdſaiſon er⸗ zogen wurden; der dicke ſchwarze Stäuber, der Alicia's Sonnenſchirm getragen hätte; der Pavillon im Garten, der ſeit ſeiner Mutter Tod in Abgang gekommen war, aber ſeiner Abſicht nach für Miß Audley wieder hergeſtellt werden ſollte,— alle dieſe Dinge waren jezt lauter Nichts und ihm zur Qual. „Was hilft es, reich zu ſein, wenn man Nie⸗ mand hat, der Einem das Geld zu verbrauchen hilft?“ ſagte der junge Mann.„Man wird nur 206 ein ſelbſtſüchtiger Bettler und gewöhnt ſich daran, zu viel Portwein zu trinken. Es iſt hart, daß ein Mädchen ein treues Herz und ſolche Ställe, wie wir im Park haben, ausſchlagen kann. Es wirft auf dieſe oder jene Weiſe einen Mann um.“ Wirklich hatte die unvorhergeſehene Abweiſung die wenigen Ideen, welche des jungen Baronets kleines geiſtiges Beſizthum ausmachten, in völlige Verwirrung gebracht. Er hatte ſich ſeit der lezten Jagdſaiſon, wo er mit Alicia auf einem Graſſchaftsball zuſammenge⸗ troffen war, verzweifelt in dieſelbe verliebt. Seine Leidenſchaft, in der langſamen Einförmigkeit des Sommers gepflegt, war in den fröhlichen Monaten mit friſcher Kraft ausgebrochen, und nur des jun⸗ gen Mannes mauvaise honte*) hatte das Aner⸗ bieten ſeiner Hand verzögert. Aber es war ihm keinen Augenblick in den Sinn gekommen, daß er abgewieſen würde; er war an die eifrige Zuvor⸗ kommenheit von Müttern, welche Töchter zu verhei⸗ rathen hatten, ja von den Töchtern ſelbſt ſo ſehr gewöhnt, er hatte ſich mit dem Gedanken, die Haupt⸗ perſon in einer Verſammlung zu ſein, wenn auch die Hälfte der Witzlinge ſeiner Zeit in derſelben waren und er blos„Ha, gewiß!“ und„Beim Jupiter!“ zu ſagen vermochte, ſo vertraut gemacht, er war durch die Schmeicheleien, hellen Augen, die ſcheinbar oder in Wirklichkeit deſto heller ausſahen, je näher er ihnen kam, ſo verderbt worden, daß er, ohne einen Schatten perſönlicher Eitelkeit zu beſitzen, dennoch auf *) Falſche Scham. A. d. U. der ſte un den Gedanken gerathen war, er brauche dem ſchön⸗ ſten Mädchen in Eſſer nur ſeine Hand anzubieten, um ſie auf der Stelle angenommen zu ſehen. „Ja,“ pflegte er ſelbſtgefällig zu irgend einem bewundernden Trabanten zu ſagen,„ich weiß, daß ich eine gute Partie bin, ich weiß, was die Mädchen ſo artig macht. Sie ſind ſehr nett und ſind ſehr freundlich gegen einen Burſchen; aber ich kümmere mich nicht um ſie. Sie ſind alle gleich— ſie kön⸗ nen nur die Augen niederſchlagen und ſprechen: „ach ja, Sir Harry, und warum nennen Sie den grauſen ſchwarzen Hund einen Stäuber?“, oder„O, Sir Harry, und hat die arme Stute wirklich ihr Feſſelblatt verrenkt?„Ich habe ſelbſt nicht viel Grütze im Kopf, ich weiß es,“ pflegte der Baronet vorbeugend hinzuzuſetzen,„und ich bedarf keiner hochverſtändigen Frau, welche Bücher ſchreibt und eine grüne Brille trägt; aber zum Henker! ich will ein Mädchen, welche verſteht, wovon ſie redet.“ So hatte, als Alicia,„Nein“ ſagte oder viel⸗ mehr jene ſchöne Rede von Schätzung, Reſpekt hielt, welche wohlerzogene junge Damen an die Stelle des gehäſſigen einſylbigen Wortes ſezen, Sir Harry Towers erkannt, daß das ganze Gebäude der Zukunft, welches er ſo ſelbſtgefällig aufgeführt hatte, zu ei⸗ nem wüſten Trümmerhaufen zuſammengeſtürzt war. Sir Michael faßte ihn warm bei der Hand, ge⸗ rade ehe der junge Mann im Hofe zu Pferde ſtieg. „Es thut mir ſehr leid, Towers,“ ſagte er.„Sie ſind ein ſo guter Burſche, als jemals einer athmete, und würden mein Mädchen zu einer vortrefflichen 208 Ehefrau gemacht haben; aber Sie wiſſen, da iſt ein Couſin, und ich denke, daß—“ „Reden Sie nicht aus, Sir Michael,“ fiel der Fuchsjäger lebhaft ein.„Ich kann Alles ertragen, nur das nicht. Ein Burſche, deſſen Hand an der Kinnkette eine halbe Tonne wiegt,(nun, er riß dem Cavalier das Maul in Stücke, Sir, als Sie ihn das Pferd einmal reiten ließen); ein Burſche, der ſeinen Halskragen umſchlägt und Brod mit Marme⸗ lade ißt! Nein, nein, Sir Michael; es iſt eine wunderliche Welt, aber das kann ich von Miß Aud⸗ ley nicht denken. Es muß etwas im Hintergrunde ſtecken, Sir: der Couſin kann es nicht ſein.“ Sir Michael ſchüttelte den Kopf, als der abge⸗ wieſene Freier davon ritt. „Ich verſtehe nichts davon,“ murmelte er.„Bob iſt ein guter Junge, und das Mädchen hätte leicht noch ſchlimmer wählen können; aber er will nicht recht daran, als ob er ſich wenig um ſie kümmerte. Da ſteckt irgend ein Geheimniß— irgend ein Ge⸗ heimniß!“ Der alte Baronet ſprach dieſe Worte in jenem halb nachdenklichen Tone, womit man von anderer Leute Angelegenheiten redet. Die Schatten der früh⸗ einbrechenden Winterabenddämmerung, welche am dichteſten unter der niedrigen eichenen Decke der Vorhalle und unter der wunderlichen Krümmung des gewölbten Thorwegs ſich zuſammendrängten, umſpiel⸗ ten finſter ſein ſchönes Haupt; aber das Licht ſeines vorgerückten Alters, ſeine ſchöne und geliebte junge Frau war in ſeiner Nähe, und er konnte keine Schatten ſehen, wenn ſie bei ihm ſich befand. n ſei ſch eit w Te jei 2 G tem rer üh⸗ am der des iel⸗ nes nge ine Sie hüpfte ihm durch die Vorhalle entgegen, ſchüt⸗ telte ihre goldenen Ringellocken zurück, vergrub ihren lieblichen Kopf an ihres Gatten Bruſt und ſagte: „So iſt alſo der lezte unſerer Beſucher fort, mein Theurer und wir ſind ganz allein. Iſt das nicht nett?“ „Ja, mein Liebling,“ antwortete er zärtlich, ihr ſchönes Haar ſtreichelnd. „Außer Mr. Robert Audley. Wie lang wird Dein Neffe noch hier bleiben?“ „So lang es ihm beliebt, mein Schäzchen; er iſt immer willkommen,“ ſagte der Baronet, und ſezte dann, als ob er ſich beſänne, zärtlich hinzu,„jedoch nur, wenn ſein Beſuch Dir, mein Herzchen, angenehm iſt; wenn Dir ſeine läſtigen Gewohnheiten, ſein Rauchen, ſeine Hunde, oder was es ſonſt an ihm ſein mag, nicht Mißfallen erregen.“ Lady Audley ſpizte ihre roſigen Lippen und ſchaute gedankenvoll zu Boden. „Es iſt nicht das,“ ſprach ſie zögernd.„Mr. Audley iſt ein ſehr angenehmer junger Mann, und ein ſehr ehrenwerther junger Mann; aber Sie wiſſen, Sir Michael, ich bin eine ziemlich junge Tante für einen ſolchen Neffen und—“ „Und was Lucy?“ fragte der Baronet heftig. „Die arme Alicia iſt ziemlich eiferſüchtig, auf jede Aufmerkſamkeit, welche Mr. Audley mir be⸗ zeigt, und— und— mir dünkt, es wäre beſſer für ihr Glück, wenn Ihr RNeffe ſeinem Beſuche ein Ende machte.“ „Er ſoll noch dieſe Nacht fort, Lucy!“ rief Sir Michael.„Ich bin ein blinder, nachläſſiger Thor geweſen, daß ich nicht früher daran gedacht Braddon, Laby Audley's Geheimniß. I. 4 210 habe. Ja, mein kleiner Liebling, es war kaum recht gegen Bob, den armen Jungen Deinem Zauber aus⸗ zuſezen. Ich weiß, daß er ein ſo guter und edel⸗ herziger Burſche iſt, als je einer lebte, aber— aber — er ſoll heute Nacht fort.“ „Aber ſei nicht zu kurz abgebrochen, mein Theurer! Sie doch nicht hart!“ „Hart! Nein, Lucy. Ich verließ ihn rauchend in der Lindenallee. Ich will gleich hin und ihm ſagen, daß er in einer Stunde aus dem Hauſe muß.“ So erklärte in jener entlaubten Allee, unter deren düſterem Schatten Georg Talboys an jenem Gewitterabend vor dem Tage ſeines Verſchwindens geſtanden war, Sir Michael Audley ſeinem Neffen, daß das Herrenhaus keine Heimath für ihn, und Mylady zu ſchön und zu jung wäre, um die Auf⸗ merkſamkeit eines hübſchen Neffen von achtundzwanzig Jahren in Empfang zu nehmen. Robert zuckte blos die Achſeln und zog ſeine dicken ſchwarzen Augenbrauen in die Höhe, als Sir Michael ihm auf eine zarte Weiſe dieſe Andeutungen machte. „Ich bin wirklich gegen Mylady aufmerkſam ge⸗ weſen,“ ſagte er.„Sie intereſſirt mich— intereſſirt mich lebhaft, ſeltſam,“ dann wandte er ſich mit ver⸗ änderter Stimme und mit einer bei ihm ungewöhn⸗ lichen Bewegung gegen den Baronet, faßte ſeine Hand und rief:„Gott verhüte, mein theurer Oheim, daß ich jemals über ein ſo edles Herz, wie das Ihrige, irgend eine Unruhe bringen ſollte! Gott ver⸗ hüte, daß der leichteſte Schatten von Verunglimpfung je⸗ mals auf Ihr geehrtes Haupt fallen ſollte— am aller⸗ wenigſten durch irgend ein Thun von meiner Seite.“ mn en el e⸗ rt r⸗ ne m, as je⸗ er⸗ Der junge Mann äußerte dieſe wenigen Worte in einer abgebrochenen und zuſammenhangloſen Form, wie Sir Michael niemals zuvor ihn ſprechen gehört hatte, wandte dann den Kopf ab und entfernte ſich langſamen Schrittes. Er verließ das Herrenhaus noch dieſe Nacht, ging aber nicht weit. Anſtatt mit dem Abendzug nach London zu reiſen, begab er ſich geraden Weg nach dem Dörfchen Mount Stanning, trat in das ſauber gehaltene Gaſthaus und fragte Phöbe Marks, ob er ein Zimmer haben könne. Siebenzehntes Capitel. In dem Schloßwirthshauſe. Das kleine Gemach, in welches Phöbe Marks des Baronets Reffen führte, lag zu ebener Erde und war nur durch einen mit Mörtel beworfenen Latten⸗ verſchlag von dem kleinen Schenkzimmer getrennt, welches der Wirth und deſſen Frau einnahmen. Es ſchien, als ob es dem weiſen Architekt, wel⸗ cher die Erbauung des Schloßwirthshauſes beauf⸗ ſichtigt hatte, beſonders darum zu thun geweſen wäre, Nichts als das ſchwächſte und gebrechlichſte Material bei deſſen Aufführung zu verwenden, damit dem Winde, welcher dieſen ungeſchüzten Ort beſonders in Affection genommen hatte, freies Spiel zur Befrie⸗ digung ſeiner Launen verbliebe. Zu dieſem Zwecke war iin — —— 212 anſtatt ſoliden Mauerwerks gebraucht worden; auf ſchwache Zimmerdecken waren gebrechliche Dachſparren und Balken, welche in jeder ſtürmiſchen Nacht auf die Köpfe der darunter Weilenden herabzufallen droh⸗ ten, geſezt; die Fenſter zu dem eigenthümlichen Zwecke eingerichtet worden, den Windzug einzulaſſen, wenn ſie geſchloſſen, und die Luft außen zu halten, wenn ſie offen waren. Die Hand des Genie's hatte den Plan zu dieſem einſamen Dorfwirthshaus entworfen, und es war bei dieſem ganzen lumpigen Bauweſen nicht ein Zoll Holzwerk, nicht eine Kelle voll Mörtel verwendet worden, was nicht jedem Angriffe ſeines unermüdlichen Feindes ſeine eigene ſchwache Seite bot. Robert blickte mit einem ſchwachen Lächeln der Reſignation um ſich. Es war entſchieden ein großer Abſtand von dem luxuriöſen Comfort zu Audley Court, und es ver⸗ rieth eine ziemlich ſeltſame Liebhaberei von dem jungen Rechtsgelehrten, hier in dieſer traurigen Dorf⸗ ſchenke ſeine Zeit zuzubringen, anſtatt in ſeine be⸗ hagliche Wohnung zu Figtree Court zurückzukehren. Aber er hatte ſeine Laren und Hausgötter in der Geſtalt ſeiner deutſchen Pfeife, ſeiner Tabaksrolle, ſeines halben Dutzends franzöſiſcher Romane und ſeiner zwei ſchlechtbeſchaffenen Hundegünſtlinge mit⸗ gebracht, welche ſchauernd vor dem rauchigen kleinen Feuer ſaßen und durch ein jeweiliges kurzes und ſcharfes Gebell anzudeuten ſuchten, daß ihnen irgend eine leichte Erfriſchung willkommen wäre. Während Mr. Robert Audley ſein neues Quar⸗ tier betrachtete, winkte Phöbe Marks einem kleinen 213 Dorfjungen, welcher gewöhnlich kleine Botengänge für ſie machte, herbei, nahm ihn in die Küche, und gab ihm ein winziges und ſorgfältig zuſammenge⸗ faltetes Billet. „Du weißt den Weg nach Audley Court?“ „Ja, Mum.“*) „Wenn Du mir mit dieſem Briefchen heute Abend dorthin läufſt und darauf ſiehſt, daß es ſicher in Lady Audley's Hände gelangt, ſo bekommſt Du von mir einen Schilling.“ „Ja, Mum.“ „Du verſtehſt mich? Frage nach Mylady; Du kannſt ſagen, Du habeſt eine Botſchaft— kein Billet, merke Dir's— ſondern eine Botſchaft von Phöbe Marks; und wenn Du dieſelbe ſiehſt, ſo übergibſt Du es ihr zu eigener Hand.“ „Ja, Mum.“ „Du willſt es alſo nicht vergeſſen?“ „Nein, Mum.“ „Nun dann, ſchnell fort mit Dir.“ Der Knabe ließ ſich das nicht zum zweiten Mal ſagen, ſondern rannte im nächſten Augenblick auf der holperigen Landſtraße davon, den ſcharfen Abhang, der nach Audley führte, hinab. Phöbe Marks trat an das Fenſter und blickte der ſchwarzen Geſtalt des durch den düſtern Winter⸗ abend hinwegeilenden Knaben nach. „Wenn mit ſeiner Hieherkunft irgend eine ſchlimme Abſicht verbunden iſt,“ dachte ſie,„ſo erfährt Mylady jedenfalls es bei Zeiten.“ *) Corrumpirt aus: Madame. —— —— — — — Si n ⁊cMee — —— —— Phöbe brachte ſelbſt das nett arrangirte Theebrett und das kleine zugedeckte Gericht von Schinken und Eiern, welches für den unerwarteten Beſucher herge⸗ richtet worden war. Ihr blaſſes Haar war glatt geflochten, und ihr hellgraues Kleid ſaß ſo genau und gut wie ehemals. Dieſelben neutralen Tinten waren über ihre Perſon, wie über ihren Anzug ausgebrei⸗ tet, kein prunkhaftes, roſenfarbiges Band, kein rau⸗ ſchendes ſeidenes Gewand verrieth des wohlhabenden Wirthes Frau. Phöbe Marks war eine Perſon, welche niemals ihres individuellen Charakters verluſtig ging. Schweigſam und ſtreng beſonnen, ſchien ſie ſich in ſich ſelbſt zurückzuziehen und von der Außenwelt keine Farbe anzunehmen. Robert betrachtete ſie nachdenklich, als ſie den Tiſch deckte und näher zu dem Kamine ſchob. „Das,“ ſprach er bei ſich,„iſt eine Frau, welche ein Geheimniß bewahren könnte.“ Die Hunde ſchauten ziemlich argwöhniſch auf die ſtille Geſtalt von Mrs. Marks, wie ſie leiſe in dem Zimmer hin und her glitt, von dem Theetopfe zu dem Theekäſtchen, und von dem Theekäſtchen zu dem auf der Seite des Kamins ſingenden Keſſel. „Wollen Sie mir Thee einſchenken, Mrs. Marks?“ ſagte Robert, indem er ſich auf einen mit Roßhaar überzogenen Lehnſeſſel ſezte, welcher ſich nach allen Seiten ihm ſo dicht anſchloß, als ob ihm das Maß dazu genommen worden wäre. „Sie kommen gerade vom Herrenhauſe, Sir?“ ſagte Phöbe, als ſie Robert die Zuckerbüchſe reichte. „Ja, ich habe meines Oheims Haus vor einer Stunde verlaſſen.“ —— ——— — „Und Mylady, Sir, war ſie ganz wohl?“ „Ja, vollkommen.“ „So munter und wohlgemuth, wie immer, Sir?“ „Ganz und gar ſo.“ Phöbe zog ſich reſpektvoll zurück, nachdem ſie Mr. Audley ſeinen Thee gegeben hatte; als ſie jedoch bereits mit der Hand an dem Schloſſe der Thüre ſtand, nahm er wieder das Wort. „Sie kannten Lady Audley, als dieſelbe noch Miß Lucy Graham geweſen, nicht wahr?“ fragte er. „Ja, Sir. Ich diente bei Mrs. Dawſon, als Mylady Gouvernante dort war.“ „Wirklich! Iſt ſie lang in des Wundarztes Fa⸗ milie geweſen? „Anderthalb Jahre, Sir.“ „Und ſie kam von London?“ „Und ſie war eine Waiſe, glaube ich?“ Si „Immer ſo heiter, wie ſie jetzt iſt?“ „Immer, Sir.“ Robert leerte ſeine Taſſe und händigte ſie Mrs. Marks ein. Ihre Augen begegneten ſich— ein trä⸗ ger Blick in den ſeinigen, ein lebhafter, forſchender Schimmer in den ihrigen. „Dieſe Frau wäre gut in einem Zeugenſtand,“ dachte er;„es würde ein geſcheidter Advokat dazu ge⸗ hören, ſie bei einem Kreuzverhör breit zu ſchlagen.“ Er trank ſeine zweite Taſſe Thee aus, ſchob ſeinen Teller weg, fütterte ſeine Hunde und zündete ſeine Pfeife an, während Phöbe das Theebrett wegtrug. Der Wind kam pfeifend über die froſtige, offene 216 Landſchaft und durch die entlaubten Wälder und rüttelte heftig an den Fenſterrahmen. „Es herrſcht da ein dreiwinkeliger Luftzug zwi⸗ ſchen dieſen zwei Fenſtern und der Thüre, welcher zur Behaglichkeit dieſes Gemaches nicht ſonderlich beiträgt,“ murmelte Robert;„und es gibt gewiß angenehmere Empfindungen, als diejenige, bis an die Kniee in kaltem Waſſer zu ſtehen.“ Er ſchürte das Feuer, tätſchelte ſeine Hunde, zog ſeinen Oberrock an, rollte ein wackeliges altes Sopha hart an den Kamin, ſchob die Beine in ſeinen Eiſen⸗ bahnteppich, rauchte, der ganzen Länge nach auf dem ſchmalen Roßhaarkiſſen ausgeſtreckt, ſeine Pfeife und beobachtete die bläulich grauen Ringelwölkchen, welche langſam zu der ſchmutzigen Decke aufſtiegen. „Nein,“ murmelte er wieder,„das iſt eine Frau, die ein Geheimniß bewahren kann. Ein Plan zu einer gerichtlichen Verfolgung würde wenig aus ihr herausbringen.“ Wie bereits geſagt, war das Schenkzimmer von dem Gemache, welches Robert einnahm, nur durch einen mit Mörtel beworfenen Bretterverſchlag ge⸗ trennt. Der junge Rechtsgelehrte konnte zwei oder drei Dorfkrämer und ein Paar Farmer dort lachen und ſchwatzen hören, während Lukas Marks ſie von ſeinem Getränkevorrath bediente. Sehr oft konnte er ihre Worte hören, beſonders die des Wirthes, denn er redete mit heiſerer, lauter Stimme und legte ein prahleriſcheres Benehmen an den Tag, als irgend einer ſeiner Gäſte. „Der Mann iſt ein Narr,“ ſagte Robert, als er ——— „—„——„——„—————.„—„—— —, ——„— ſeine Pfeife niederlegte.„Ich will gehen und ſogleich mit ihm reden.“ Er wartete, bis die wenigen Beſucher der Schenke ſich nach einänder entfernten, und als Lukas Marks die Hausthüre hinter dem letzten ſeiner Gäſte ver⸗ riegelt hatte, ſchlenderte er gelaſſen in das Schenk⸗ zimmer hinüber, wo der Wirth mit ſeiner Frau ſaß. Phöbe war an einem kleinen Tiſche beſchäftigt, auf welchem ein zierliches Arbeitskäſtchen ſtand, jedes Röllchen Baumwollenfaden und jeder glänzende ſtählerne Stift an ſeinem beſtimmten Orte. Sie ſtopfte die groben grauen Socken, welche ihres Mannes plum⸗ pen Fuß ſchmückten, aber ſie verrichtete ihre Arbeit ſo geziert, als ob es Mylady's zarte ſeidene Strümpfe geweſen wären. Ich ſage, ſie nahm von den Außendingen keine Farbe an, und das unbeſtimmte Air von Verfeine⸗ rung, das ihre Natur durchdrang, war mit ihr in der Geſellſchaft ihres bäuriſchen Mannes in dem Schloßwirthshauſe ebenſo verwachſen, wie in Lady Audley's feenhaftem Boudoir im Herrenhauſe. Sie ſchaute plötzlich auf, als Robert in das Schenkzimmer eintrat. Es lag ein Schatten von Unruhe in ihren blaßgrauen Augen, welcher zu einem Ausdruck von Beängſtigung— nein zu Etwas wie Schrecken— ſich ſteigerte, als ſie von Mr. Audley auf Lukas Marks blickte. „Ich komme auf einige Minuten herein, um mit Ihnen vor Schlafengehen zu plaudern,“ ſagte Robert, indem er ſehr behaglich vor dem muntern Feuer Platz nahm.„Würden Sie gegen eine Cigarre Etwas 218 einzuwenden haben, Mrs. Marks? Ich meine natür⸗ lich, daß ich eine rauche,“ ſezte er erklärend hinzu. „Durchaus nicht, Sir.“ „Ei, das wäre ſchön, wenn ſie gegen ein Vis⸗ chen Tabak Einſprache thun wollte,“ brummte Mr. Marks,“ wenn wir, ich und die Gäſte, alle Tage rauchen.“ Robert zündete ſeine Cigarre an einem Zündhölz⸗ chen von Phöbe's Machwerk, welches den Kaminſims ſchmückte, an und nahm überlegſam ein Duzend Züge, ehe er das Wort ergriff. „Ich möchte, daß Sie mir von Mount Stanning erzählen, Mr. Marks,“ ſagte er auf einmal. „Da iſt Alles ſehr bald geſagt,“ erwiederte Lu⸗ kas mit einem heiſern, knarrenden Gelächter.„Von all den langweiligen Löchern, in welche jemals ein Mann ſeinen Fuß geſezt hat, iſt dieß das lang⸗ weiligſte. Nicht daß das Geſchäft ſich nicht ziemlich hübſch bezahlt machte; darüber beklage ich mich nicht; aber ich hätte gern ein Wirthshaus zu Chelmford, oder Brentwood, oder Romford oder an irgend einem Orte, wo ein Bischen Leben auf den Straßen iſt, gehabt; und ich hätte es auch erhalten,“ ſezte er mißvergnügt hinzu,„wenn gewiße Leute nicht ſo koſt⸗ bar knickerig geweſen wären.“ Da ihr Mann dieſe Klage mit knurrendem Tone und tiefer Stimme ausſprach, ſo blickte Phöbe von ihrer Arbeit auf und nahm das Wort. „Wir haben die Brauhausthüre vergeſſen, Lukas,“ ſagte ſie.“„Willſt du nicht mit mir kommen und mir helfen, den Querbalken vorzuſchieben?“ Die Brauhausthüre kann für heute Nacht warten,“ m er ſt⸗ ne 0n 8,4 ind antwortete Mr. Marks.„Ich habe nicht Luſt, gleich wieder aufzuſtehen, nachdem ich mich eben zu einem behaglichen Pfeifchen niedergeſezt habe.“ Mit dieſen Worten nahm er eine lange Thon⸗ pfeife aus einer Ecke des Feuergitters und begann ſie bedächtig zu füllen. „Ich bin nicht ruhig wegen der Brauhausthüre, Lukas,“ warf ſeine Frau wieder ein;„es treiben ſich immer Landſtreicher herum und ſie können leicht hereinkommen, wenn der Querbalken nicht vorgeſcho⸗ ben iſt.“ „Geh' und ſchieb' ihn ſelber vor, willſt Du nicht?“ antwortete Mr. Marks. „Er iſt zu ſchwer für mich zum Aufheben.“ „So laß' ihn warten, wenn Du eine zu feine Dame biſt, um ſelbſt darnach zu ſehen. Du biſt auf einmal ſehr ängſtlich wegen dieſer Brauhaus⸗ thüre. Ich ſtelle mir vor, Du willſt nicht haben, daß ich gegen dieſen Herrn das Maul aufthue, das iſt's. O, Du brauchſt die Stirne nicht zu runzeln, um mir Schweigen zu gebieten. Du ſteckſt Deine Zunge immer hinein und ſchneideſt mir die Worte ab, ehe ich ſie halb heraus habe; aber ich dulde das nicht. Hörſt Du? Ich dulde das nicht.“ Phöbe Marks zuckte die Achſeln, nahm ihre Ar⸗ beit zuſammen, ſchloß ihr Nähkäſtchen, ließ die Hände in den Schooß fallen und blieb, ihre grauen Augen auf ihres Mannes Stiergeſicht geheftet, ruhig ſizen. „Da leben Sie alſo nicht ſonderlich gern zu Mount Stanning?“ ſagte Robert artig, als ob es ihm eifrig darum zu thun wäre, die Unterhaltung zu wechſeln. 220 „Nein, gewiß nicht,“ antwortete Lukas,„und meinetwegen darf es Jedermann wiſſen, und wie geſagt, wären gewiſſe Leute nicht ſo koſtbar knickerig geweſen, ſo hätte ich ein Wirthshaus in einer nahr⸗ haften Markſtadt, anſtatt in dieſem verfallenen alten Plaze, wo einem Menſchen an einem windigen Tage das Haar vom Kopfe weggeblaſen wird. Was ſind fünfzig Pfund, oder was ſind hundert Pfund—?“ „Lukas, Lukas!“ „Nein, Du brauchſt mir nicht wieder mit Dei⸗ nem ewigen Lukas, Lukas das Maul zu ſperren,“ antwortete Mr. Marks auf die Warnung ſeiner Frau.„Ich ſage noch einmal, was ſind hundert Pfund?“§ „Nein,“ antwortete Robert Audley, indem er mit wunderbarer Beſtimmtheit ſprechend ſeine Worte an Lukas Marks richtete, ſeine Augen aber feſt auf Phöbe's ängſtliches Geſicht heftete.„Was ſind wirk⸗ lich hundert Pfund für einen Mann im Beſize einer Macht, wie ſie Ihnen oder vielmehr Ihrer Frau über die fragliche Perſon zuſteht?“ Phöbe's Antliz, alle Zeit beinahe farblos, ſchien kaum fähig, bläſſer zu werden; aber als ihre Augen⸗ lider unter Robert Audley's forſchendem Blicke ſich ſenkten, ging mit dieſem Geſicht eine auffallende Veränderung vor, und die Bläſſe ſchien noch tiefer in daſſelbe ſich einzugraben. „Ein Viertel auf zwölf Uhr,“ ſagte Robert, in⸗ dem er auf die Uhr ſah.„Späte Stunde für ein ſo ruhiges Dorf wie Mount Stanning. Gute Nacht, mein ehrlicher Wirth. Gute Nacht, Mrs. Marks. no hü ſei ihr tro ken ha erſ wi an we der gre in au noc wir ie r⸗ e d — — Sie brauchen mir mein Raſirwaſſer nicht vor Mor⸗ gen früh um neun Uhr zu ſchicken. Achtzehntes Capitel. Robert erhält einen Beſuch, den er kaum erwartet hat. Eilf Uhr ſchlug es am nächſten Morgen, und noch immer ſaß Mr. Robert Audley an ſeinem hübſch geordneten kleinen Frühſtücktiſche, mit einem ſeiner Hunde auf jeder Seite ſeines Lehnſeſſels, die ihn mit wachſamen Augen und offenem Maule be⸗ trachteten und auf das verheißene Stückchen Schin⸗ ken oder geröſteter Butterſchnitte warteten. Robert hatte eine Grafſchafts⸗Zeitung auf den Knieen und machte dann und wann einen ſchwachen Verſuch, die erſte Seite zu leſen, welche mit Anzeigen von land⸗ wirthſchaftlichen Produkten, Quackſalberarzneien und andern intereſſanten Dingen angefüllt war. Das Wetter hatte ſich geändert, und der Schnee, welcher ſchon ſeit einigen Tagen ſich ſchwärzlich an dem froſtigen Horizonte angekündigt hatte, fiel in großen federigen Flocken gegen die Fenſter und lag in dem winzigen Garten vor dem Hauſe bereits aufgehäuft. Die lange, öde, Audley zu führende Straße ſchien noch von keinem Fuße betreten, als Robert in die winterliche Landſchaft hinausſchaute. —— ——— 222 „Eine höchſt lebendige Ausſicht,“ ſprach er,„für einen Mann, der an den Zauber von Temple Bar gewöhnt iſt!“ Während er die jeden Augenblick dicker und ſchneller fallenden Schneeflocken betrachtete, ſah er zu ſeinem nicht geringen Erſtaunen einen Brougham langſam an dem Hügel herauffahren. „Ich möchte wiſſen, welcher unglückliche Wicht ſo raſtloſen Geiſtes iſt, daß er an einem Morgen, wie dieſer, nicht zu Hauſe bleiben kann,“ murmelte er, zu ſeinem Lehnſeſſel am Feuer zurückkehrend. Er ſaß kaum einige Minuten, als Phöbe Marks in das Zimmer trat, um Lady Audley anzumelden. „Lady Audley! Bitte, laſſen Sie dieſelbe herein⸗ kommen,“ ſagte Robert, und ſezte, als Phöbe das Zimmer verließ, um dem unerwarteten Beſuche die zu öffnen, zwiſchen den Zähnen murmelnd, inzu: „Ein falſcher Zug, Mylady, und der Art, wie ich ihn nie von Ihnen erwartet hätte.“ Lady Audley ſtrahlte in dieſem kalten und ſchneei⸗ gen Januarmorgen. Anderer Leute Naſen werden von den ſcharfen Fingern des grimmigen Eiskönigs unſanft angefaßt, nicht ſo Mylady's; anderer Leute Lippen werden blaß und blau von dem durchkälten⸗ den Einfluſſe des ſchlimmen Wetters, aber Mylady's hübſches Roſenknöspchen von einem Munde behielt ſeine hellſte Färbung und reizendſte Friſche. Sie war eben in den Zobelpelz gehüllt, welchen Robert Audley aus Rußland gebracht hatte, und trug einen Muff, der nach des jungen Mannes Mei⸗ nung beinahe ſo dick wie ſie ſelbſt erſchien. ks n⸗ as ie id, ie ei⸗ en g8 1te en⸗ 8 s elt en nd Sie ſah wie ein kindliches, hülfloſes, puppen⸗ artiges Geſchöpf aus, und Robert betrachtete ſie mit einem gewiſſen Anflug von Mitleid in ſeinen Au⸗ gen, wie ſie auf den Kamin zukam, an welchem er ſtand, und ihre dünn behandſchuhten Finger an der Flamme wärmte. „Was für ein Morgen, Mr. Audley,“ ſagte ſie, „was für ein Morgen!“ „Ja, in der That! Wie kommt es, daß Sie bei einem ſolchen Wetter aus dem Hauſe gehen, Lady Audley?“ „Weil ich Sie zu ſehen wünſchte— insbeſondere.“ „Wirklich!“ „Ja,“ ſagte Mylady, mit einer Miene von Ver⸗ legenheit, indem ſie mit ihrem Handſchuhknopfe ſpielte und denſelben in der Raſtloſigkeit ihrer Be⸗ wegung beinahe abdrehte—„ja, Mr. Audley, ich fühlte, daß man Sie nicht recht behandelt hatte; daß— daß Sie, mit einem Worte ſich zu beklagen Grund hatten, und daß eine Entſchuldigung Ihnen gebührte.“ „Ich wünſche keine Entſchuldigung, Lady Audley.“ „Aber Sie ſind dazu berechtigt,“ antwortete My⸗ lady ruhig.„Wie, mein theurer Robert, ſollten wir ſo gar ceremoniös gegen einander ſein? Sie be⸗ fanden ſich ſehr behaglich zu Audley; wir waren ſehr froh, Sie dort zu haben; da muß ſich mein lieber, einfältiger Gatte durchaus in ſeinen närriſchen Kopf ſezen, daß es für ſeines armen Weibchens Ge⸗ müthsruhe gefährlich iſt, einen Neffen von acht⸗ oder neunundzwanzig Jahren zu haben, der ſeine Cigar⸗ 224 ren in ihrem Boudoir raucht, und ſiehe da! unſer angenehmer kleiner Familienkreis iſt zerſtört.“ Lucy Audley ſprach mit jener eigenthümlichen kindiſchen Lebhaftigkeit, welche ihr ſo natürlich ſchien. Robert blickte faſt traurig in das heitere, beſeelte Angeſicht. „Lady Audley,“ ſagte er,„der Himmel verhüte, daß jemals durch Sie oder mich Gram oder Unehre über meines Oheims edles Herz gebracht wird! Beſſer vielleicht, ich bleibe aus dem Hauſe— beſſer vielleicht, ich hätte daſſelbe nie betreten!“ Mylady hatte in das Feuer geſehen, während ihr Neffe ſprach, aber bei ſeinen lezten Worten er⸗ hob ſie plözlich den Kopf und ſchaute ihm voll ins Geſicht mit einem Ausdruck der Verwunderung— mit einem ernſten, forſchenden Blicke, deſſen ganze Bedeutung der junge Rechtsgelehrte wohl verſtand. „O, bitte, beunruhigen Sie ſich nicht, Lady Aud⸗ ley,“ fuhr er ruhig fort.„Sie haben nicht den ſentimentalen Unverſtand, nicht die einfältige Be⸗ thörung, entlehnt von Balzac oder Dumas Sohn, um ſich vor mir zu fürchten. Die alten Mitglieder der Rechtsſchule von Inner Temple werden ihnen ſagen, daß Robert Audley mit keiner jener epidemi⸗ ſchen Krankheiten behaftet iſt, deren äußere Kenn⸗ zeichen umgeſchlagene Hemdkrägen und Byron'ſche Schlinghalstücher ſind. Ich ſage, es wäre mir lieb, daß ich im lezten Jahre meines Oheims Haus nie betreten hätte, aber ich ſage dieß in einem Sinne, der viel zu ernſt iſt, als daß er Etwas von Senti⸗ mentalität an ſich haben könnte.“ Mylady zuckte die Achſeln. — 1—— N—— e⸗ en ni⸗ in⸗ che eb, nie ne, ti⸗ „Wenn Sie darauf beſtehen, in Räthſeln zu ſprechen, Mr. Audley,“ ſagte ſie,„ſo müſſen Sie einer armen, kleinen Frau verzeihen, wenn ſie keine Antwort gibt.“ Robert erwiederte Nichts darauf. „Aber ſagen Sie mir,“ fuhr Mylady in ganz verändertem Tone fort,„was konnte Sie veranlaſſen, hieher, an dieſen traurigen Ort, ſich zu begeben?“ „Neugierde.“ „Neugierde!“ „Ja; dieſer ſtierhalſige Mann, mit dem dunkel⸗ rothen Haare und den gottloſen grauen Augen flößte mir Intereſſe ein. Ein gefährlicher Mann, Mylady— ein Mann, in deſſen Gewalt ich nicht ſein möchte.“ Lady Audley's Angeſicht veränderte ſich plözlich; der hübſche roſige Anflug verlor ſich von ihren Wangen und machte einem wachsweißen Plaz, und zornige Blize leuchteten in ihren blauen Augen auf. „Was habe ich Ihnen gethan, Robert Audley,“ rief ſie leidenſchaftlich,—„was habe ich Ihnen gethan, daß Sie mich ſo haſſen?“ Er erwiederte ſehr ernſt: „Ich hatte einen Freund, Lady Audley, welchen ich innig liebte, und ſeitdem ich ihn verloren habe, ſind, fürchte ich, meine Gefühle gegen andere Leute ſtark verbittert.“ „Ach, Sie meinen den Mr. Talboys, der nach Auſtralien gegangen iſt?“ „Ja, ich meine den Mr. Talboys, von dem man mir geſagt hat, er ſei nach Liverpool gegangen, mit der Abſicht, ſich nach Auſtralien einzuſchiffen.“ Braddon, Lady Audley's Geheimniß. J. — — 226 „Und Sie glauben nicht, daß er dieſe Abſicht wirklich ausgeführt hat?“ „Nein.“ „Warum nicht?“ „Vergeben Sie mir, Lady Audley, wenn ich die Antwort darauf ſchuldig hleibe.“ „Wie Ihnen beliebt,“ ſagte ſie gleichgültig. „Eine Woche nach dem Verſchwinden meines Freundes,“ fuhr Robert fort,„ließ ich ein Inſerat in die Sidney⸗ und Melbourne⸗Zeitungen ſezen, worin ich ihn, für den Fall, daß er zur Zeit des Erſcheinens von jenem Inſerat, in einer von den beiden Städten ſich befände, aufforderte, mir von ſeinem Thun und Treiben Nachricht zu geben; deß⸗ gleichen ging mein Anſuchen an Jedermann, der mit ihm in den Colonien oder unterwegs zuſammenge⸗ troffen wäre, mir über ſeine Perſon Mittheilung zu machen. Georg Talboys verließ Eſſer oder ver⸗ ſchwand aus Eſſer am ſechsten September vergang⸗ nen Jahres. Ich muß mit Ende dieſes Monats irgend eine Antwort auf jenes Inſerat erhalten. Heute iſt der ſiebenundzwanzigſte: die Zeit naht ſehr ſchnell.“ „Und wenn Sie keine Antwort erhalten?“ fragte Lady Audley. „Wenn ich keine Antwort erhalte, ſo muß ich denken, meine Befürchtung ſei nicht unbegründet ge⸗ weſen, und werde dann nach Kräften zum Handeln ſchreiten.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Ah, Lady Audley, Sie mahnen mich daran, wie unmächtig ich in dieſer Beziehung bin. Mein Freund kann hier, in dieſem Wirthshauſe aus dem Wege geräumt, an dieſer Herdplatte, wo ich jezt ſtehe, todt geſtochen worden ſein, und ich kann noch zwölf Monate hier verweilen und gehe am Ende doch ſo unaufgeklärt über ſein Schickſal weg, als ob ich niemals meine Schwelle überſchritten hätte. Was wiſſen wir von den Geheimniſſen, die über den Häuſern, welche wir betreten, ſchweben können. Pollte ich morgen in jenes viel beſprochene plebeji⸗ ſche Haus mit den acht Zimmern gehen, wo Maria Manning und deren Mann ihren Gaſt ermordeten, ich bekäme keine Ahnung von dem vergangenen Gräuel. Böſe Thaten ſind unter den gaſtfreund⸗ lichſten Dächern verübt, Verbrechen unter den rei⸗ zendſten Scenen begangen worden und haben keine Spur an der Stelle, wo ſie vorfielen, hinterlaſſen. Ich glaube nicht an den Alraun oder an Blutflecken, welche die Zeit nicht zu verwiſchen vermag. Ich glaube vielmehr, daß wir unbewußt in einer Atmo⸗ ſphäre von Verbrechen gehen können und darum nicht weniger frei Athem holen. Ich glaube, daß wir in das lächelnde Angeſicht eines Mörders ſchauen und deſſen ruhige Schönheit bewundern können.“ Mylady lachte über Roberts Ernſt. „Sie ſcheinen viel Geſchmack an der Beſprechung ſo ſchrecklicher Gegenſtände zu haben,“ ſagte ſie ziemlich ſpöttiſch;„Sie hätten einer von den Spür⸗ hunden der Policei werden ſollen.“ „Ich denke zuweilen ſelbſt, ich hätte einen guten abgegeben.“ „Warum?“ „Weil ich geduldig bin.“ 15* S — —. 228 „Aber, um auf Mr. Georg Talboys zurückzu⸗ kommen, den wir über Ihrer beredten Frörterung aus den Augen verloren haben; was wird geſchehen, wenn Sie auf Ihre Inſerate keine Antwort er⸗ halten?“ „Ich werde mich dann zu dem Schluſſe berech⸗ tigt glauben, daß mein Freund todt iſt. „Ja, und dann—2“ „Werde ich die Effecten unterſuchen, welche er in meiner Wohnung zurückgelaſſen hat.“ „Wirklich! Und worin beſtehen dieſelben? Röcke Weſten, Glanzſtiefel und Meerſchaumpfeifen, denke ich mir,“ ſagte Lady Audley lachend. „Nein, Briefe— Briefe von ſeinen Freunden, ſeinen alten Schulkameraden, ſeinem Vater, ſeinen Mitofficieren.“ „S. „Briefe auch von ſeiner Frau.“ Mylady ſchwieg einige Angenblicke, während ſie nachdenklich in das Feuer ſchaute. „Haben Sie jemals einen der von der verſtor⸗ benen Mrs. Talboys geſchriebenen Briefe geſehen?“ fragte ſie plötzlich. „Niemals! Die arme Seele! Ihre Briefe wer⸗ den wahrſcheinlich nicht viel Licht auf meines Freun⸗ des Schickſal werfen. Ich denke mir, es iſt das ge⸗ wöhnliche Frauengekrizel. Es gibt ſehr wenige, die eine ſo reizende und ungewöhnliche Hand ſchreiben, wie die Ihrige, Lady Audly.“ „Ah, Sie kennen meine Hand, natürlich.“ „Jo, ich kenne ſie ſehr wohl, in der That.“ Mylady wärmte ihre Hände noch einmal, nahm ——————— — 229 dann ihren dicken Muff auf, welchen ſie auf einen Stuhl bei Seite gelegt hatte, und ſchickte ſich zum Abgehen an. „Sie haben ſich geweigert, meine Entſchuldigung zu empfangen, Mr. Audley,“ nahm ſie wieder das Wort,„aber ich hoffe zuverſichtlich, daß Sie darum von meinen Gefühlen gegen Sie nicht minder über⸗ zeugt ſind.“ „Vollkommen, Lady Audley.“ „So leben Sie denn wohl, und laſſen Sie mich Ihnen empfehlen, nicht allzu lang an dieſem elenden, zugigen Orte zu verweilen, wenn Sie nicht einen Rheumatismus nach Figtree Court zurückzunehmen wünſchen.“ „Ich werde morgen früh zurückkehren, um nach meinen Briefen zu ſehen.“ „Alſo noch einmal, leben Sie wohl.“ Sie reichte ihm ihre Hand; er faßte ſie loſe mit der ſeinigen. Es ſchien eine ſo ſchwache, kleine Hand, daß er ſie mit ſeinem ſtarken Griffe hätte zermalmen können, wenn es ihm in den Sinn gekommen wäre, ſo unbarmherzig zu ſein. Er begleitete ſie bis zu ihrem Wagen und be⸗ obachtete ihn, wie er abfuhr, nicht Audley zu, ſon⸗ dern in der Richtung von Brentwood, das etwa ſechs Meilen von Mount Stanning entfernt war. Anderthalb Stunden hernach, als Robert vor der Thüre des Wirthshauſes ſtand, eine Cigarre rauchend und dem Fallen des Schnees auf den weißen Feldern gegenüber zuſehend, ſah er den Brougham, dießmal leer, an der Thüre vorfahren. „Haſt Du Lady Audley nach dem Herrenhauſe RMtee — 230 zurückgebracht,“ fragte er den Kutſcher, welcher an⸗ gehalten hatte, um eine Kanne warmes gewürztes Bier zu begehren. „Nein, Sir; ich komme eben von der Brentwood Station. Mylady iſt mit dem Zwölf⸗Uhr⸗Vierzig⸗ Minuten⸗Zuge nach London abgegangen. „Nach der Hauptſtadt?“ Sir „Mylady nach London gegangen!“ ſprach Robert, als er in ſein kleines Zimmer zurückkehrte.„Dann will ich ihr mit dem nächſten Zuge folgen; und wenn mich nicht Alles täuſcht, ſo weiß ich, wo ſie zu fin⸗ den iſt.“ Er packte ſeinen Mantelſack, zahlte ſeine Rech⸗ nung, welche von Phöbe Marks ſorgfältig quittirt wurde, band ſeine Hunde mit einem Paar lederner Halsbänder und einer Kette an einander und ſtieg in das rumpelnde Cabriolet, welches im Schloßwirths⸗ hauſe zur Bequemlichkeit von Mount Stanning ge⸗ halten wurde. Er kam zu rechter Zeit für den Schnell⸗ zug, welcher von Brentwood um drei Uhr abging, ſezte ſich in einer Ecke eines leeren Wagens erſter Klaſſe bequem zurecht und zündete, in ein paar rieſige Eiſenbahnteppiche eingehüllt, den Behörden ge⸗ linden Trotz bietend, eine Cigarre an.„Die Com⸗ pagnie mag beſondere Reglements machen, ſo viel ihr beliebt,“ murmelte er,„aber ich werde mir die Freiheit nehmen, mich meiner Chervots*) zu erfreuen, ſo lang ich noch eine halbe Krone dem Wagenmeiſter zu geben habe. *) Oſtindiſche Cigarren, lang und dick, mit fimsen, körnern zwiſchen den Blättern. KU und in allen Buchhandlungen und Leihbiblio⸗ theken vorräthig: Grorge Gliot, Adam öedr. 3 Bde. eleg. broch. Thlr. 1. 18 Sgr.— fl. 2.24 kr. —2 Silas Marner, de Weber n Raelbe. Eleg. broch. 16 Sgr.— 48 kr. Stuttgart. Jranckh ſche Verlagshundlung. In unſerem Verlage ſind ferner erſchienen „ 5„— ⸗— ——— —— ——— —— — Lice — 4 5 Ackeete —— In unſerm Verlage iſt ferner erſchienen und durch alle Buchhandlungen zu beziehen: Allgemeine Geſchichte der Literatur. Ein Handbuch von Johannes Scherr. umgearbeitete und erweiterte Auflage. Thlr. 2. 6 Sgr.— fl. 3. 36 kr. Zweite, 37 Bogen Lex.⸗S0. broch Der Herr Verfaſſer ſagt in der Vorrede zu dieſer Auflage:„Mein Buch erſcheint in ſeiner zweiten Auf⸗ lage weſentlich umgeſtaltet. Nur wenige Seiten dürften ganz unverändert geblieben ſein. Manche Abſchnitte ſind neu geſchrieben, das Garze iſt erweitert und ver⸗ vollſtändigt, überall wurde nachgebeſſert, durchgehends der Ton zu objectiv⸗ruhigem Vortrag geſtimmt und in Folge deſſen älles nicht zur Sache Gehörige ſtrengſtens ausgemerzt. Auch iſt die zweckdienliche Verbeſſerung eines Regiſters angebracht worden.“ Der ungewöhnliche Anklang, den dieſes Buch in ſeiner erſten Auflage gefunden hat, läßt uns erwarten, daß das Publikum dieſe zweite, in angedeuteter Weiſe verbeſſerte Auflage gleich günſtig aufnehmen werde. Stutigart. Franckßſie Verlagshandlung. „ —— k —— W——— —. * ₰ 3 — 5 . —