Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. —— cLeih- und eſebcbingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von — 5 jedem Tag 5 Pf. bezahlr. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ 0 den angenommen.. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe f 10 hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 6 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 1. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mek.— f. „ 3 1 6„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen- 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der 3 Lavenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ orene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ansleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonvers darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen . 5 der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Louiſe Brachmann. „ Leipzig, 1820. L e o Po ßſ e Ihrer koͤniglichen Hoheit der Prinzeſſin Vilhelmine von Preußen ehrfurchtsvoll zugeeignet von der Verfaſſerin⸗ Mit Geiſt Empfindung ſchon vereint! Du, die mit Hoheit zarte Gute, Was tief im menſchlichen Gemüthe, Sich regt, der Anßenwelt erſcheint, Der Dichter darf es widerſpiegeln. O ſpraͤch auch hier und dort im Bild Ein Zug dich an! Du blickteſt mild Und wuͤrdeſt Geiſt und Muth befluͤgeln. I. Xavier. Ein Familienbild.„ I. Die Maͤdchen am Feldbrunnen 1I. Die Nemeſis. —— W. Der Zanber der Tugend. V. Flotilde. Eine Erzaͤhlung aus dem haͤus⸗ lichen Leben.„ 171 7„—. VI. Erzaͤhlungen der Krieger. 12197 — wie — S *= — — — — 8 b E — ——— ——— Es khut dem Herzen wohl, wenn man zuchei⸗ len beim Anblick ſeelenvoller Bilder vernimmt, daß es Portraits, und nicht bloß Schoͤpfungen der Künſtlerſeele ſind. Eine Geſchichte aus nicht allzulang vergangner Zeit ſprach mich vor Kur⸗ zem ruͤhrend an; ich nahm mir vor, das edle Bild auch meinen Freunden mitzutheilen⸗ Einige ſelbſtverlebte ſchöne Tage moͤgen ihm gleichſam zum heitern Landſchaftsgrunde dienen. Schon ſeit lang war ich auf das Schloß einer befreundeten Famille eingeladen geweſen. Nur geiſtig hatten wir bisher in Verbindung geſtanden, allein auch ungeſehen eine lebhafte, gegenſeitige Feundſchaft gefaßt. Ich freute mich, als ich endlich einmal die Reiſe dahin unterſehmen konnte, und am Abend eines ſcho⸗ nen Juniustages den Wohnſitz meiner Freunde begruͤßte. —— Herr und Frau von** empfingen mich niit wahrhaft herzlichem Ausdruck von Freude. Bei⸗ de, aus alten ruͤhmlichen Rittergeſchlechtern entſproſſen, vereinen die Biederkeit der fruͤhern Zeit mit lebhafter Empfaͤnglichkeit fuͤr Kunſt und alles Schoͤne, alles Große, was die neuerè bietet. Es war ſchon dunkel als ich ankam; man fuͤhrte mich in einen mit Kerzen erhellten Saal im untern Stockwerk, wo unſrer die Abendmahlzeit harrte. Wir gingen erſt ſpaͤt auseinander; meine freundliche Wirthin füͤhrte mich ſelbſt die Treppe hinauf nach dem fur mich beſtimmten Zimmer. Es war ein einfach aus⸗ geziertes hohes Zimmer mit einem daran ſto⸗ ßenden freundlichen Schlafgemach; ich ſah mich wohlgefaͤllig in dem ſtillen Beſitzthum: allein jetzt oͤffnete Frau von** eme hohe Glasthuͤr, welche von innen durch ſeidne, bis zum Boden herabwallende Gardinen verborgen geweſen war; wir traten heraus auf einen Balkon— und hier— mit einem Male lag eine Landſchaft vor wir, ſchoͤn, in einem ganz ungewoͤhnlichen Charalter ſchoͤn, und von dem zaubriſchen Licht de be ſit — 5 —— des vollen Monds beleuchtet. Der weite, lau⸗ benvolle Blumengarten, der ſich bis unter den Balton hinzog, die Baumgruppen, die Haine rings um ihn her, nur hier und da von Wieſen⸗ grund durchbrochen⸗ Alles wurde durch einen Halbkreis romantiſcher Felſen eingeſchloſſen, die, ſich von einer Seite zur andern ziechend, ein ſtilles Friedensthal zu bilden ſchienen, in deſſen Schvoße Schloß und Garten wie in einer Wiege ruhten. Es machte einen eignen Eindruck von Ruhe, von ſanftem Schwindel, moͤcht' ich faſt ſagen, wenn man auf die ganz gleichen Stein⸗ ſchichten der glatten⸗ niederſteigenden Felſen⸗ waͤnde ſah, ſo daß mich das Ganze beinahe wie eine Traumlandſchaft zu umdaͤmmern ſchien. Gerade eine ſolche Stimmung zu, um mich ſo aufmerkſam auf die an ſich einfachen Worte zu machen, die eben Frau von** zu mir ſagte⸗ als ſie ſich wegbegeben wollte:„Ruhen Sie ſanft meine Freundin! Sie wohnen, wo ehemals ein guter Menſch gewohnt hat 1 Ich glaubte einen eignen bewegten Aus⸗ gehoͤrte da⸗ 6 druck in ihrer Stimme zu bemerken.—„Und wer, wenn ich fragen darf?“— verſetzte ich theilnehmend. „Mein laͤngſt verſtorbner Oheim, ein Or⸗ densritter“— erwiederte ſie, mit dem vorigen Tone, drückte mir herzlich die Hand, und ent⸗ fernte ſich. „ Dieſe wenigen Worte, mit einer Art weh⸗ müthiger Bedeutung ausgeſprochen, beſchaͤftig⸗ ten mich. Eine Menge dunkler Ideen ſchienen ſich ſchon mit dem Worte Ordensritter, fuͤr mich zu verbinden, das ich nie mit K nen hoͤren werde. Dieſe ſtille, aͤtheriſch mich umſchwimmende Landſchaft, faſt war es mir, als ob ſie z6ſammenflöſſe mit den G Gedanken an den edeln, unglücklichen Bewohner dieſer Zimmer! älte nen⸗ Daß er edel geweſen war, konnte ich nicht bezweifeln; hatte ihn nicht Frau von** mit einem ſo beſtimmten Accent einen guten Men⸗ ſchen genannt? ſie, welche, die Beſcheidenheit ſelbſt, nie etwas Vortheilhaftes von ſich oder den ihr Angehorigen zu ſagen wagte, wenn es — zicht in noch dreimal hoͤherm Grade zu ber⸗ buͤrgen ſtand! Daß er nicht gluͤcklich war⸗ dieß glaubte ich aus der Art ſchließen zu koͤn⸗ nen, mit der ſie von ihm geſprochen hatte.— So wurde mir dieſe Stelle, die er vor mir bewohnt hatte, gleichſam zum ſtilen Heilig⸗ thum, und wie im Schutze eines guten Geiſtes ſchlief ich ein. Ein himmliſcher Morgen erweckte mich; die Gegend prangte nun mit veraͤndertem Reis in ihrer maleriſchen Farbenfriſche, wo goldne Sonnenlichter uͤber Felſen und Baͤume ſpielten, die Wipfel von Geſang ertoͤnten, und Bienen munter uͤber die Blumenfelder unter meinem Balkon hinfummten. Erfreut nahm ich den Vorſchlag meiner liebenswuͤrdigen Gaſtfreunde zu einem ländlichen Spaziergange an. Wir waͤhlten die entgegengeſetzte Richtung von der Ausſicht, die ich aus meinem Zimmer hatte⸗ und auch hier fand ich die anmuthreichſte Land⸗ ſchaft. Felder in ſchwellendem Wuchs; Pflan⸗ zungen trefflicher Fruchtbaͤume, und helle freund⸗ ———— 8 —— liche Dörfer ſchienen vom bluͤhendſten Wohlſtand zu zeugen. Wir ſahen jetzt eine gruͤnfunkelnde Wieſe vor uns liegen, um die ſich herrliche Baum⸗ gaͤnge zogen, die Wege von einem Ort zum andern mit wohlthaͤtigen Schatten deckend. Einer von dichten Vuchen, einer von Linden, und wir ſtanden eben unter einem Pappelgan⸗ ge, der trotz ſeiner hochſtrebenden, luftig flat⸗ ternden Zweige, ſich doch zu einer dichten Saͤu⸗ lenhalle bildete. Frau von** blieb einen Au⸗ genblick ſtehen, und ſah empor zu dem hohen, flüſternden Laubdach; dann ſagte ſie halbleiſe: „Dieſe Schattengaͤnge hat mein guter Oheim, der Ordensritter, auch angelegt.“ Mir war, als ob ich dieß ſchon geahnet haͤtte; doch hoͤchſt erfreut, dieſen Gegenſtand enblich berührt zu ſehen, ſuchte ich eifrig ihn feſtzuhalten. Wie?“ rief ich mit theilnehmen⸗ der Aufmerkſamkeit und einem Blick auf beide, der mehr von dirſen herzlichen Aeußerungen zu bitten ſchien.„O ja!“ nahm Herr von** das Wort,„den groͤßten Theil des Wohlſtands ieſe um nd. en, m⸗ at⸗ u⸗ U⸗ n, p* * N vieſer Fluren verdanken wir dieſem vortrefflichen Verwandten, der ehmals der Beſitzer dieſes Gutes war.— Dort, ſehn Sie jenes Doͤrf⸗ chen durch die Baͤume blinken? Jene groͤßten⸗ theils neuen, reinlichen Häuſer hat er den ar⸗ men Einwohnern nach einem großen Brande wieder aufgebaut.“ „Dort jene Kirche,“ ſagte Frau von**, nach einem andern, groͤßern Dorfe zeigend, die lange halb verfallen ſtand, hat er wieder zum Gottesdienſte eingerichtet— und ſehen Sie— dort kommen die lebendigen Zeugen ſeiner Wohlthaͤtigkeit.“ Ein Zug froͤhlicher, bluͤhend geſunder Kin⸗ der kam eben aus einem weißen, anſehnlich gebauten Hauſe nicht fern von der erwaͤhnten Kirche, und ging nach dem umbuͤſchten Doͤrf⸗ chen zu.—„Dieß iſt das Haus des Lehrers,“ fuhr Herr von** fort,„zu der Schule, die er geſtiftet hat, fuͤr die Kinder ſeiner ͤrmern Unterthanen; denn nicht bloß Felder wollte er verbeſſern, und Baͤume pflanzen, auch das Gute — bat er eifrig gepflegt in Seelen, welche Goit ihm anbertraute.“ Die Finder gingen jetzt zutraulich grüßend an uns voruͤber; Herr und Frau von** un⸗ terhielten ſich theilnehmend mit ihnen, forſchten nach den Fortſchritten ihres Fleißes, theilten kleine, ermunternde Gaben aus; beſtellten man⸗ che, deren Aeltern krank waren, nach dem Schloſſe. D wie gut muß der geweſen ſeyn, ſagte ich zu mir ſelbſt, den dieſe, ſchon ſelbſt ſo guten Menſchen, mit dieſer feurigen Bewun⸗ drung koben! Indeſſen hatte die Dazwiſchenkunft der Kin⸗ der dem Geſpräch eine andre Richtung gege⸗ ben. Unſte Wandrung, die einen Zirkel be⸗ ſchrieben hatte, neigte ſich zu ihrem Ende, und das Schloß lag ſchon nah und ſchimmernd vor uns, als waͤr⸗ es der Juwel in dieſem ſchoͤnen Ringe. Mit ſtiger Achtung ſchloß ich das In⸗ tereſſe, das nun ſo ſchoͤn gerechtfertigt war, in mein Gemüth; allein in einer ungeſtoͤrten Nach⸗ mittagsſtunde, wo eben Frau von** bei mir in jenem, ſo bedeutend gewordenen Zimmer ſe ott̃ nd e 4⁴ war, benutzte ich den Augenblick, und ſagte, ihre Hand ergreifend, mit nicht mehr verhehl⸗ ter Waͤrme:„D halten Sie es nicht fuͤr Neu⸗ gier, wenn ich ein inniges Verlangen hege⸗ etwas mehr von dem Schickſal jenes edlen Tod⸗ ten zu wiſſen, der mich nach allen dem, was ich von ihm hoͤre, ſehr lebhaft intereſſirt; und von dem mir ein innres Gefuͤhl zu ſagen ſcheint—— daß er ſelbſt nicht ſo gluͤcklich war, als er andre machte.“„Wie koͤnnte ich den Ausdruck wahren Antheils verkennen?“ er⸗ wiederte meine Freundin, nund gegen wen koͤnnte ich daher lieber von ihn ſprechen, als gegen Sie? Ja, Ihr Gefühl hat Sie nicht. betrogen; er war nicht gluͤcklich! Er, der rings um;ſich Segen zu verbreiten ſirebte, muß⸗ te ſelbſt darben an den liebſten Wuͤnſchen ſei⸗ nes Herzens. Dieſe Stätte, dieſe einſamen Ge⸗ mächer ſind wohl oͤfter Zeugen der ſtillen Kam⸗ pfe ſeines edeln, gluͤckloſen Herzens geweſen. „Die Geſchichte ſeines Schickſals iſt ein⸗ fach, vielleicht nicht ungewoͤhnlich; allein die Vrt, wie r ſein Schickſal ertragen, beſiegt hat, „ 42 —— mag nicht ganz gewöhnlich ſeyn. Von der fruhſten Kindheit an hat mich eine innige Theil⸗ nahme zu dieſem guten Oheim gezogen, und das, was er meiner Mutter einſt ausfuͤhrlich vertraut, habe ich von dieſer wieder erhaiten, und unausloͤſchlich feß meinem Gedachtniß ein⸗ gepraͤgt. 6. „avier von M..— dieß war ſein Na⸗ me,— der einzige Sohn meiner Großmutter muͤtterlicher Seite, war, nach dem fruͤhen Tode ſeines Vaters, dey letzte Sproſſe eines ange⸗ ſehenen Geſchlechts. Der Reichthum ſeines Er⸗ bes ſetzte ſeine Mutter und ſeine Vormuͤnder in den Stand, ihm die volltommenſte Erziehung geben zu laſſen, und ſo vereinte er mit der Empfindſamkeit des beſten Herzens einen ſehr aufgeklaͤrten, durch Wiſſenſchaft geſchmuͤckten Geiſt. Reiſen vollendeten, was er auf meh⸗ rern Akademien mit gruͤnhlichem Streben einge⸗ ſammeit hatte, und gaben zugleich ſeinem Aeu⸗ ßern jene anmuthige Gewandtheit, welche eine vortheilhafte Geſtalt erſt hervorhebt. „Abet“— unterbrach ſich Frau von*„ der eil⸗ ind lich en, in⸗ — „„Sie mſſen verzeihen, wenn ich vielleicht zu warm zu ſeinem Lobe hingeriſſen werde! muͤſſen vergeſſen, daß ich von einem Verwandten ſpre⸗ che!—— und iſt er denn nicht jetzt ein läͤngſt verklärtes Weſen?— Der Tod hebt ja uͤber ulle irdiſche Bande hinaus 1“ „Er war zur diplomatiſchen Laufbahn be⸗ ſtimmt, und ſchon hatte er an unſerm Hofs einige Jahte mit Beifall und Ehre gedient, und das nach ruͤhmlicher Auszeichnung duͤrſtende Ge⸗ muͤth ſeiner Mutter mit frohem Stolze erfuͤllt, als ihn eine Reiſe in Geſchäften des Staats in ein entferntes Furſtenthum führte⸗ Er eilte auf das Schloß ſeiner Mutter, um dieſer und ſeiner kleinen Schweſter nöch vorher Lebewohl zu ſaßen.“ 6 10 „Seine Mutter, eine geborne Graͤfin von S..; eine würidge Frau, aber mit etwas ſtrengem) faſt mänmlichem Geiſte begabt, ertrug die Trennung von dem theuern Sohne mit Standhaftigkeit; doch hielt ſie es fuͤr angemeſ⸗ ſen, ihm, welchen ihr die letzten Jahre faſt aus dem Geſſcht geruckt, noch vor diin Scheie 2. den die Wuͤnſche und Poffnungen ihres Lebens ans Herz zu legen. Sie, welche des Vaterlo⸗ ſen fruͤhere Erziehung faſt allein und mit geiſt⸗ voller Kraft geleitet hatte, ſtanb in einem faſt uͤberirdiſchen Anſehn bei ihrem Sohne, und jedes ihrer Worte war ihm bisher Befehl ge⸗ weſen, jeder Blick ihrer feuervollen Augen gleichſam ein löhnender oder ſtrafender Urtheils⸗ ſpruch.“ „abier— fing ſie mit einem halb guͤti⸗ gen, halb vorwurfsvollen Laͤcheln an, als die Stunde des Abſchieds nahte— iſt dir deine Mutter ſo fremd geworden, daß du mir nichts von dem zu ſagen weißt, was einem Menſchen in deinen Jahren immer das Wichtigſte „Was meinen Sie, theure Mutter?“ fragte Favier beinah beſtuͤrzt. „Ich meine die Angelegenheiten deines Her⸗ zens!“ laͤchelte dieſe.—„Welche von den ſchoͤnen Fraͤuleins der Reſidenz, Graͤfinnen oder wohl gar Prinzeſſinnen hat denn den Preis bei dir davon getragen? und will ſich kuͤnftig her⸗ ablaſſen, den Namen derer von M zu tragen?“ b — „Aengſilich hatte Tavier umher geſönnen⸗ wodurch er ſich wohl einen Vorwurf von der verehrten Mutter koͤnne zugezogen haben? Jetzt athmete er wieder leicht, und blickte ſie mit freien treuherzigen Augen an.„Beſte Mutter,“ rief er froͤhlich,„wenn Sie mich in dieſem Verdacht gehabt haben, ſo darf ich Ihnen auf mein Ehrenwort verſichern, daß Sie mir Un⸗ recht thaten! Bisher hat nur der Wunſch meine Seele beſchäftigt, meine Stelle im Staate ruͤhmlich zu erfuͤllen, was doch wohl des Man⸗ nes erſtes und edelſtes Ziel ſeyn ſoll.—— Noch fand ich kein Weib,— und aufrichtig ger ſagt,— achtete auch auf keins,— das mir hätte gefallen koͤnnen!“ „Deſto ſchlimmer!“ rief die Mutter,„beſto ſchlimmer, mein Freund! Du ſtehſt in deinem ſechs und zwanzigſten Jahre; und haſt du nie daran gedacht, ob das Geſchlecht deiner edeln Ahnen fortbluͤhen moge, oder untergehen? Dieß Geſchlecht, das glorreiche Helden in ſeiner Reihe zählt? Iſt dir es gleichguͤtig, ob der Name 16 der M.. fortan auf Erden genannt werde, oder nicht?“ „Dieſe Worte uͤberraſchten Tavür. In dieſem Augenblicke fuhr ſein Reiſewagen vor.— „Geh, mein guter Sohn!“ ſagte die Mutter weicher, als gewoͤhnlich, und mit Thränen im Auge.—„Vielleicht, daß du in jenen fernen Gegenden findeſt, was uns beide begluͤcken kann! O daß mir Gott die Freude ſchenkte, noch Enkel an mein Herz zu druͤcken! „Erroͤthend und in hoͤchſter Beklommen⸗ heit umurmte Favier ſeine Mutter, verſprach ihr in ehrerbietigen, aber fluͤchtigen Worten, immer, ſo viel es ihm nur moͤglich ſey, ihren Wuͤnſchen gemäß zu handeln, küßte noch ſeine kleine Schweſter, und warf ſich dann ſchnell in den Wagen.“ „Er hatte unterweges Zeit genug, Betrach⸗ kungen nachzuhaͤngen, die ſich je mehr und mehr zur Schwermuth neigten. Es lag wohl etwas Waohres, Gerechtes in den letzten, ſo bewegk ausgeſprochenen Worten ſeiner Muttet; auch war es ſein ganzes Leben durch ſein Ziel ge⸗ weſe ter an nes Ban gent allei dur beſc aus er ſich geh M me mi Er Ar ſet S al en — weſen, die Wuͤnſche dieſer hochverehrten Müut⸗ ter zu erfuͤllen, und nun auf einmal ſah er ſich an dunkter Grenze ſeiner Macht, ja beinah ſei⸗ nes Willens! Denn wenn auch tauſend zarke Bande von liebender Gefälligkeit die Welt ge⸗ genſeitig ve rknuͤpfen, bei dieſem Gegenſtand allein iſt ein edles Gemuͤth ewig frei, und wird durch keine Feſſel⸗ wäͤr⸗s auch die Zarteſte, beſchraͤnkt. Entſagen kann ein hober Menſch aus Ruͤckſicht gegen Andre dem Kleinod, das er liebt, doch nimmer aus derſeiben Ruͤckſicht ſich dem ergeben⸗ was ihm nicht durch Liebe geheili gt iſt. Je inniger Tavier gewuͤnſcht haͤtte, ſeinet Mutter auch hierin willfahren zu koͤnnen, je mehr ſah er ſich in der Folge in Widerſpruch mit den höhern Foderungen ſeines Herzens. Er kam an dem Hofe an⸗ fur welchen ſeine Antraͤge beſtimmt waren, und ward, als der Geſchaͤftstraͤger eines angeſehenen Fuͤrſtenhau⸗ ſes, mit groͤßter Auszeichnung empfangen. Sein vortheilhaftes Aeußieres, wahrſchemlich aber noch mehr der Ruf ſeines bedeutenden 2 48— Vermoͤgens, lenkten bald die Augen aller Da, men der Reſidenz und der Umgegend auf ihn; allein nicht Eine fand er, die ſeinem dunkeln, aber heilig gehaltnen Ideal von Liebe ſich nur von fern genaͤhert hätte. und zog ihn auch wohl hin und wieder ein liebenswuͤrdiger aͤußerer Schein von Seele an, ſo mußte er ihn immer nur zu bald fuͤr Schein erkennen.“ „Einſt ward er mit mehrern Großen der Hauptſtadt auf das Schloß eines benachbarten, ſehr reichen Edeln geladen, der die Vermaͤh⸗ lung einer ſeiner Tochter durch achttaͤgige Feſte feierte. In ſchimmerndem Gemiſch war hier die ſchoͤne Welt von nah und fern verſammelt; ſchwarze Augen funkelten neben ſchmachtenden blauen, und gingen ſteggewohnt zu offner Fehde aus, waͤhrend jene gleichſam nur durch ver⸗ deckten Angriff in die Herzen zu dringen ſuch⸗ ten. Bei Hebe's Jugendbluͤthe prangte dort Junoniſcher Wuchs, und Alles in der Glorie des hochſten Schmucks, der groͤßten Pracht in den Gewaͤndern und in der ſchimmernden Ver⸗ kiaͤrung der Juwelen. Rur ein Gemuth, wie Fat ſelt Ge nic ein Ge me Da⸗ ihn; kein, nur auch erer mer der ten, aͤh⸗ eſte hier elt; den hde er⸗ ch⸗ ort ie er⸗ vie —,— 19 ——————— Favier's, konnte hier ungeblendet und ungefeſ⸗ ſelt bleiben.“ „Ihm ward bald dieſes leere, luſtſuchtige Geraͤuſch zum Ueberdruß, und er ſtahl ſich nicht ſelten von der Geſellſchaft hinweg⸗ um einen einſamen Spaziergang in die umliegende Gegend, vorzüglich in den nahen Wald zu machen.“ „In einer ſchwuͤlen Nachmittagsſtunde ſuch⸗ te er auch nach aufgehobner Tafel die Schat⸗ ten des Waldes auf, deſſen naheliegender Theil durch mancherlei engliſche Partien verſchonert war. Langſam wandelte er durch die gruͤnen Irrgaͤnge, und kam jetzt an ein recht ſtilles, heimliches Plätzchen, zu einer Moosbank, rings von bluhendem Geſtraͤuch umgeben, und von ſchattenden Baumen im Kreiſe eingeſchloſſen. Er warf ſich auf dieſen gleichſam der Ruhe ge⸗ weihten Sitz und fing ſchon an, bei dem leis fluͤſternden Geraͤuſch der Bläͤtter ſich einem leich⸗ ten Schlummer hinzugeben, als er nicht fern von ſich etwas Farbiges aus dem Graſe blicken ſah. Er hob es auf; es war eine kleine Brief⸗ 2* —. taſche von rothem Marokin. Fluͤchtig durch⸗ blätterte er ſeinen Fund, nur um vielleicht den Eigenthuͤmer dadurch zu erkennen. Doch un⸗ willkuͤrlich ward er durch den Inhalt angezo⸗ gen, und zu Uebertretung ſeiner ſonſt gewoͤhn⸗ lichen Discretion verleitet. Es waren Denk⸗ ſpruͤche von einer zierlichen weiblichen Hand ge⸗ ſchrieben, hingeworfne Gedanken und Empfin⸗ dungen, deren einige aus vorzuͤglichen Schrift⸗ ſiellern entlehnt, andre aus der eignen Diefe eines reichen Gemuths hervorgegangen ſchienen. An manchen ſah man es deutlich, wie ſie in bekuͤmmerter Stimmung niedergeſchrieben waren, wie ſich das beklommne Herz durch ſie hatte Troſt zuſprechen wollen. Unter andern ſprachen ihn ein paar Strophen rührend an, die auch mir im Gedächtniß geblieben ſind:“ „Wer ſchon ſeit der Kindheit Tagen Gluͤcklich darf durch's Leben geh'n, O er mag durch kuͤhnes Wagen Seinen Muth unſterblich ſeh'n! Doch dem Armen, dem im Leben Nie gelacht des Gluͤckes Huld, Stärke du ſein muͤhvoll Streben, Heldin, himmliſche Geduld!“ rch⸗ den un⸗ e⸗ hn⸗ enk⸗ ge⸗ fin⸗ rift⸗ iefe en. in ren, atte hen uch A ——— „Ein lebhaftes Intereſſe war nun fuͤr a⸗ muͤßige Geraͤuſch gekom⸗ vier in dieſes leere, denn er men, das er vorher geflohen hatte; konnte nicht zweifeln, daß eine von den Damen der Geſellſchaft die Schreiberin dieſer Sinnſpruͤ⸗ che ſey. Denn benutzten doch auch die uͤbri⸗ gen Theilnehmer an dem Feſte zum oͤftern dieß länvliche Recht des freien Umherſtreifens in der Gegend! Mit Unruhe wartete er auf den Abend, wo ſich die Gaͤſte ſämmtlich im großen Saale zu verſammeln pflegten, und er im viel⸗ ſeitigen Geſpraͤch die Unbekannte ſicher zu er⸗ forſchen hoͤffte.“ „Der Abend kam; Wirth und Gaͤſte ve ſammelten ſich; allein Paviers Hoffnungen wo ten ſich nicht evfuͤllen. Schon der Charac ſtiller Traurigkeit, duldender Ergebung, wele die Verfaſſerin dieſer Aufſaͤtze zu bezeich ſchien und ſie ſeinem großmuͤthigen Herzen unendlich werther machte, konnte ihm ein lei Fingerzeig bei ſeinen Nachforſchungen ſey doch dieſe Damen ſchienen alle glucklich, faſt b zum Uebermuthe. Durch tauſend zarte⸗ ge 22 reiche Wendungen ſuchte er den Geiſt der Da⸗ men zu erforſchen; ſchlug alle Saiten jener in den Inſchriften geaͤußerten Ideen und Gefühle an, ohne daß ihm auch nur ein einziger ant⸗ wortender Ton gekommen waͤre. Endlich ſchlug er ſogar ein Spiel vor, worin Jeder eigenhaͤn⸗ dig einen Gedanken niederſchreiben mußte; aber auch nicht eine einzige Handſchrift glich jenen eigens gefaͤlligen Schriftzuͤgen. Ihm blieb nun nichts, als den lieben Fund zu bewahren, da er ihn nicht gegen eine noch liebere Entdeckung hatte vertauſchen koͤnnen.“ „Indeſſen, eine Art von Unruhe, von Un⸗ behaglichkeit hatte ſich ſeines ganzen Weſens bemaͤchtigt, die er vorher nie gekannt; ſchlaflos warf er ſich einige Stunden der Nacht auf ſei⸗ nem Lager, und ſprang endlich auf, um, wie er ſich ſelbſt uͤberredete, den Aufgang der Son⸗ ne einmal auf dem nahen Berge zu betrachten. Im Grunde hätte er aber wohl gewuͤnſcht, eine andre Sonne am Himmel ſeines Lebens aufge⸗ hen zu ſehen.“ „Im Schloſſe lag noch alles im tiefen dur der ſtet ken ne Da⸗ Schlafe; leiſe ging Favier aus ſeinem Zimmet in durch einen Seitengang deſſelben Fluͤgels nach denn mild und ſchonend, wie er hle dem Garten; nt⸗ ſtets gegen Andre war⸗ hatte er niemand wek⸗ ug ten wollen, ſelbſt ſeinen Diener nicht. Er off⸗ in⸗ nete die Seitenthuͤr, und trat hinaus in den ber Garten, der ſich in bluͤhenden Terraſſen hinter en dem Schloſſe hinzog⸗ und dann durch den an⸗ un ſtoßenden Park ins Freie führte. Jetzt lag noch da Dunkel auf dem Luſtgebiete; nur noch in un⸗ ng beſtimmten Formen und Farben ſchwankten die hohen Blumen ihm entgegen⸗ und thaten nur u⸗ durch reiche Duͤfte, die ihm Sehnſucht weckend n8 entgegen wogten, ihren Blumenadel kund.“ os„Stille wandelte er an der langen Seiten⸗ ei⸗ wand des Schloſſes hin, da ſah er aus cinem ie Fenſter in dem unterirdiſchen Geſchoſſe in dem vie Fuͤche lag, ſchon ſo fruh den Schein eines n. Lichtes blinken. Er trat hinzu, und ſah⸗ daß e es aus einem wirthſchaftlichen Gemach neben e⸗ der Kuche kam; das Fenſter ragke halb uͤber dem Grund empor, und ſo ward es ihm leicht⸗ das zu beobachten, was da unten vorging.“ ——————— 24 „An einem reinlich weißen Tiſche ſah er ein junges Maͤdchen emſig beſchaͤftigt, allerlei Gar⸗ tengemuͤß fuͤr den naͤchſten Mittag zuzubereiten und zu ordnen. Sie ſchien ſo ſtilt, ſo fromm einzig mit ihrer Arbeit beſchaͤftigt; er meinte, lang nicht ein ſo liebliches und zugleich ſo un⸗ ſchuldig fanftes Geſichtchen geſehn zu habem⸗ „Mein Gott! ſagte er gerührt zu ſich ſelbſt, wie hart iſt doch das Loos der dienenden Men⸗ ſchenklaſſe! Während im Schloß die Herren und Damen ſich noch ſtundenlang auf ihren ſeidnen Lagern wiegen, muß dieß arme Geſchöpf dem Tage vorgneilen, und hier beim matten Licht— ſchein fuͤr unſern fluͤchtigen Genuß arbeiten!“ „Zoͤgernd verließ er dieſe Stelle, und ging durch die dämmernden Fluren ſeinem ſich vorge⸗ ſetzten Ziele zu. Der majeſtaͤtiſche Anblick des Sonnenaufgangs erhob ihn wohl auf Augenblik⸗ ke, doch ganz konnte er ihn nicht zerſtreuen. Als er zurüͤck kam, ſah er im Vorbeigehen an der Kuͤche jenes anmuthige Geſchoͤpf ſchon nebſt an⸗ dern Arbeiterinnen bei dem hochlodernden Feuer —̃ñůÜ— be en ein ar⸗ ten um te, un⸗ ſt, ⸗ 2 eſchaͤftigt, und ein leiſer Seufzer ſtieg in ihm empor.“ „Druͤckend war ihm der Zwang, womit er der Geſellſchaft ſeinen Truͤbſinn verbergen muß⸗ te, um ſo mehr, als am vorigen Abend ſeine Lebhafte Froͤhlichkeit eine ungewohnte Erſchei⸗ nung dargeboten hatte. Sobald der Anſtand es erlaubte, eilte er, nach aufgehobner Tafelh wie⸗ der zu einem einſamen Spaziergange.“ „Er folgte heut einem ſchmalen Fußpfabe, der zwiſchen Hugeln hinlief, und kam jetzt in ein kleines, abgeſchiednes Thal, das eine anziehende Landſchaft darbot. Auf einer Seite Berge, auf der andern der maleriſche Wald, und im Hinter⸗ grunde eine Haimenhuͤtte, die ſeine Blicke bald ausſchließend an ſich zog, denn er bemerkte eine Dame von der anmuthigſten Geſtalt mit fluͤchti⸗ gen Schritten auf die Hütte zu eilend, einen ein⸗ fachen kleinen Strohhut auf dem Haupte, und ein Koͤrbchen am linken Arme. Im Raͤherkom⸗ men ſah er, daß ſie dieß in den Schooß einer Bäͤuerin leerte, die neben einem ſilberhaarigen Greiſe auf der Bank vot dem Hauſe ſaß.“ — 26 ——— . „Unwillkurlich beflugelte auch avier ſeine Schritte, allein eh' er ſie noch erreichen konnte, gab ſie den Landleuten die Hand, kuͤßte ein Kind, das neben beiden auf dem Boden ſpielte, und verfolgte dann eilig ihren Weg.“ „Wer war dieß?“ fragte Tavier den Greis im Vorübergeben.. „Ach, gnaͤdiger Herr,“ verſetzte dieſer mit naſſen Augen,„dieß war das gute Fraͤulein, das uns durch ihre Wohlthaten noch das Leben erhalten hat.— Mein einziger Sohn iſt in der Schlacht geblieben; ſein Weib, hier diefe junge Frau, fiel aus Kummer in eine toͤdtliche Krank⸗ heit;— Sie ſehen, wie ſie noch ſo blaß aus⸗ ſieht!— Tavier ſah wirklich das todtenbleiche Geſicht der jungen Frau, die eben erſt das Bett verlaſſen hatte, und ſich ein wenig im Sonnen⸗ ſchein erquicken wollte.“ „Nur die Liebe zu ihrem Kinde,“ fuhr der Alte fort,„zu unſrer armen kleinen Magdalis hier,“ er zeigte auf das Kird, das unbefangen auf der Erde ſpielte,„konnte ihr das Leben noch wünſchenswerth machen; ich“—— „ ine te, nd, nd eis nit in, en ge k⸗ 6. e tt R 6 „avier reichte ſchnell dem Alten eine reiche Babe; nur dießmal fuhlte ſich ſein Herz nicht zu mitleidiger Aufmerkſamkeit geſtimmt—„Und wer iſt eigentlich die Dame?“ fragte er unge⸗ duldig. n „Ach, ſie iſt eigentlich ſo in der Stille die Wohlthaͤterin von allen Armen im ganzen Doͤrf⸗ chen,“ verſetzte der Greis.—„Wir nennen ſie nur“—— „Gern haͤtte Favier jetzt noch etwas mehr gehoͤrt, allein er ſah eben die Fremde in einen Gang des Waldes einlenten, und mußte fuͤrch⸗ ten, ſie ganz aus dem Geſichte zu verlieren. Mit magnetiſcher Kraft zog es ihn ihr nach. Er konnte ſich einer verwunderten Bemertung uͤber ſich ſelbſt nicht enthalten, als er ſo die ver⸗ ſchlungnen Wege des Waldes nach einem unbe⸗ ſtimmten Ziel verfolgte. Seltſam! dachte er, ſonſt war wir das andre Geſchlecht ſo gleichgul⸗ tig, als ob es gar nicht da ſey, und jetzt haben in vier und zwanzig Stunden mich drei verſchied⸗ ne Gegenſtaͤnde in eine ſo lebhafte Unruhe brin⸗ gen koͤnnen?“ 28 „Ach, er wußte noch nicht, daß dieß die einmal aufgeregte Sehnſucht war! Das menſch⸗ liche Herz gleicht einem ſchlummernden Kinde. Wenn es einmal aus ſeinem Schlummer außge⸗ weckt iſt, ſo quaͤlt und jammert es ſo lang, bis man ihm Nahrung reicht, oder auch wohl— bis es der Tod wieder in Schlummer wiegt!“ „Der Pfad, den Lavier, der Dame fol⸗ gend, einſchlug, fuͤhrte ohne Abwege in den Park; und jetzt erblickte er die Fremde wieder, und zwar gerade an der Stelle, wo er die Brief⸗ taſche gefunden hatte, und, wie es ſchien, be⸗ muͤht, etwas Verlornes aufzufinden.— Ein rei⸗ zender Gedanke flog durch ſeine Seele. Er nahte ſich mit froher Schnelle; allein—— betroffen bebte er zuruͤck; denn unter ihvem beſchattenden Halmenhute erkannte er das liebliche Geſicht der kleinen Köchin dieſes Morgens!“ „Einen ſo angenehmen Eindruck auch dieſe Phyſiognomie auf ihn gemacht hatte, ſo uͤber⸗ raſchte ihn doch eben jetzt ihr Erkennen hoͤchſt un⸗ erwuͤnſcht, jetzt, wo ſie ſeiner Erwartung von der idealiſirten Unbekannten in den Weg trat vb fer ſo — — rothend,— von der hohen Dame⸗ der das eleganke Portes fenille gehoͤrte, und vorzuͤglich der Schreiberin ſo ſeelenvoller Aufſoͤtze.“ „Es war, als ob das Madchen den Aus⸗ druck faſt an Unmuth graͤnzender Ueberraſchung an ihm bemerkte, und mit einer ſchuͤchternen Verneigung wollte ſie an ihm voruͤbergehens doch ſchnell ſich bemeiſternd, fragte er ſanft: „Haben Sie vielleicht hier etwas verloren?“ „O nur eine Kleinigkeit,“ verſetzte ſie er⸗ Etwas, das wohl außer mir fuͤr niemand einigen Werth haben kann.“ „Waͤr' es moͤglich? ftüſterte eine Stimme in ſeinem Innern, und auch er errothete vor dem entzückenden Gedanken! Schon der Ton ihrer Stimme, ihr ganzes Weſen, ſo wie er ſie genauer betrachtete, verrieth eine gebildete Er⸗ ziehung. Sie trug ein einfach weißes Kleid⸗ das, ſo haͤuslich es war, doch durch die natuͤr⸗ liche Anmuth ihrer Bewegungen zum idylliſchen Gewand erhoben ward; die ſeidnen braunen Lok⸗ zen fielen in weichen Wellen um das Oval ihres Beſichts, und ſtanden hoͤchſt lieblich gegen 30 die fanften, ein wenig blaſſen Roſen ihrer Wangen.“ „avier forſchte jetzt mit aller der Vorſicht, die er ſich vorgeſetzt hatte, nach ihrem Verluſt; und— d Wonne! deutlich und zweifellos er⸗ kannte er in ihr die ſo erſehnte Schreiberin jener Auffaͤtze, und fuͤhlte nun mit Entzuͤcken, daß ihn doch jene drei verſchiednen Eindruͤcke nur zu einem und demſelben w uͤrdigen Gegenſtand ſeiner Verehrung gefuhrt hatten.“ „Aber— o mein Gott, Fraͤulein!“ rief er,„wie iſt es moͤglich, daß ſo viele Voll⸗ kommenheiten in dieſer gaͤnzlichen Verborgenheit begraben bleiben konnten?“ „Eine Thraͤne trat bei dieſen Worten in ihre Augen, die ſie aber ſchnell zu verbergen ſtrebte.—„Die uͤberhaͤuften Geſchaͤfte im Haus meiner Anverwandten,“ ſagte ſie ſchonend, nwollen es jetzt nicht wohl erlauben, daß auch ich mit an der Geſellſchaft Antheil nehme.“ „Ihrer Anverwandten?“ wiederholte avier,„o nennen ſie mir Ihren Namen! ſagen — — 3¹ — Sie mir etwas von Ihrem Schickſal! Gokt iſt Zeuge, daß Sie mit einem Freünde ſprechen!“ „Dank dieſer Gute!“ erwiederte das Maͤd⸗ chen mit einem beſeelten Blicke—„Mein Name iſt Otilie von R..— Seit dem Tode meines guten, aber armen Vaters, den ich vor drei Jahren verlor, genieße ich den Schutz meiner Verwandten, in deren Hauſe Sier wie ich ver⸗ muthe, jetzt Gaſifreund ſind.“ „Wie?“ rief Favier, dem in dem Augen⸗ blicke ein kraͤnkender Zuſammenhang aufdaͤmmer⸗ te,„ſo lange habe ich mit Ihnen unter einem Dache geathmet, ohne noch je das Glück gehabt zu haben, Sie zu ſehen?“ „Herr und Frau von R.. haben mir ihre Wirthſchaft anvertraut;“ erwiederte Otilie— „Und ſo— ruft mich auch jetzt die Pflicht wie⸗ der nach Hauſe.— Haben Sie Dank fuͤr die Wiedergabe meines kleinen Verluſtes— und noch mehr fuͤr dieſe freundliche Thelnahme!“— ſetzte ſie mit hoͤchſt einnehmender Verbindlichkeit hinzu, verneigte ſich achtungsvoll, und ſchlug unverzuͤglich den Ruͤckweg ein. 32 „Tavier ſtand etwas uͤberraſcht von dieſes Gegenwart des Geiſtes, ſo ſehr ſie mit Beſchei⸗ denheit, mit Demuth faſt, verbunden war; doch im Gefuͤhl ſeiner treuen Geſinnungen, eilte er ihr einige Schritte nach und ſagte:„Fräulein, ich muß ſie ehren, dieſe Gewi ſſenhaftigkeit ge⸗ gen einmal uͤbernommene Pflichten, allein— bei Allem, was heilig iſt! entfernen Sie ſich nicht ſo von mir! Sagen Sie mir, wann und wo ich ſie wiederſehen darf?“ „Otilie blieb ſtehen, ſchwankend zwiſchen dem eignen Wunſche fuͤr das, was er als Gunſt erbat, und der Schwierigkeit, ihn unter ihren Verhaͤltniſſen zu erfullen. Sie etrathend, ſuchte ihr Eavier zu Huͤlfe zu kommen.„Sie ſcheinen dieſen Spaziergang zu lieben, mein Fraͤulein,“— ſagte er—„werden Sie ihn nicht morgen um dieſe Stunde wieder beſuchen?“ „Dieſe Worte ſchienen Otilien einen Augen⸗ blick zu uͤberraſchen; ſie ſah den Fragenden an, allein der ſprechende Auedr von A vzn Innigkeit und W nen Mieneny beſiegte den Zweifel; errothend nei hu 33 —K.— neigte ſie das Haupt zum Zeichen der Beja⸗ hung.“ 5„Gewiß?“ rief Pavier entzuckt. F„Mit einer prechenden Bewegung legte ſie 8 n die kleine Hand betheuernd auf das Herz, und 13 k. entfernte ſich dann ohne Aufenthalt. Ravier, 3 voll zarter Schonung, verſagte ſich den Wunſch, 13 ſie zu begleiten.“ „Roch eine lange Zeit verweilte er auf der 3 Stelle, wo er ganz neue Gefuhle und ein Glück 4 hatte kennen lernen⸗ das wie ein Traum um ſeine Sinne florte. Wunderbar kam ihm dieſe ganze Erſchemung vor! Er dachte an das Maͤhrchen von Cendrillon, das ihn in ſeinen Kinderjahren ſo ſehr ergtzt hatte; gans dieſem aͤhnlich duͤnkte ihm dieſe Begebenheit; und doch war Alles wie⸗ . der ſo wahr, ſo einfach!“ †„Als er zuruͤck ins Schloß kam, wagte er nur ſehr leis die Seite zu beruͤhren, von der ſein ganzes Inneres wiedertnte, wohl fuͤhlend⸗ daß die Lage des Näͤdchens in dieſem Hauſe die höchſte Vorſicht fordere; nur leis und un⸗ — vermertt leitete er das Geſpraͤch gegen die Haus⸗ 3 34 frau auf dieſen Gegenſtand, und hoͤrte mit der d innigſten Bewegung Alles, was ſein Gefuhl ge⸗ A gen Otilien nur vor ihm ſelbſt noch mehr recht⸗ r fertigen, aber auch ſeine Vermuthung uͤber ihr( unwuͤrdiges Verhaͤltniß außer allen Zweifel ſetzen mußte.“ „Gluth der Entruͤſtung flammte uͤber a⸗. viers Geſicht bei dem Tone, in dem man von ihr ſprach, gleich wie von der geringſten Diene⸗ rin; und er ſah nun deutlich, daß die arme Oti⸗ lie in der That ganz das Schickſal jener liebens⸗ wuͤrdigen Maͤhrchenheldin theilte, und gleich dieſer, um der neidiſchen, gefallſuͤchtigen Toch⸗ ter der Hausfrau willen, mit der grauſamſien Zuruͤckſetzung behandelt wurde.“ „Wie gern haͤtte der hochherzige Juͤngling 3 hier gleich ſeine Geſinnungen uͤber einen ſo un⸗ 3 edlen Mißbrauch außrer Glucksguͤter ausgeſpro⸗ 1 chen; indeß er hielt ſich noch zuruͤck, bis er Otilien noch einmal ſelbſt geſehen. Allein be⸗ ſtarigt waren ſeine Gefühle, erhöht zu einem Grade, deſſen nur ein ſo ſtark und feurig fuͤh⸗ lendes Herz, als das ſeinige, faͤhig iſt. Selbſt 7 der ge⸗ cht⸗ ihr tzen 35 ——— der Umſtand von Otiliens Geburt, den er im Anfang nicht veachtet hatte, erſchien ihm bei reiferer Ueberlegung als dankenswerth gegen das Schickſal. Denn wenn auch ſeine eigene Den⸗ kungsart etwas Suͤßes darin fand⸗ ein edles Stufe zu der verdienten Hoͤhe zu erheben, ſo war es doch gewiß ſeinen Verwandten nicht gleichguͤltig daß Otilie einem edlen, alten Geſchlechte angehörte.“ „Auch Otilien ſagte jener heilige Inſtinkt, der unerfahrne reine Herzen unterrichtet, daß Worte uͤber einen theuern Gegenſtand, gegel unwuͤrdige Hörer ausgeſprochen, immer Entwei⸗ hung ſind⸗ und ſo verſchloß ſie das, was ihr begegnet war⸗ tief in die zungfräuliche Bruſt⸗ Allein das Bild des edeln Fremdlings ſtand ohne Unterlaß vor ihrer Seele, und bot ihr ſeine reizende Geſellſchaft an. und wohl mochte mein Oheim nicht unfähig ſeyhn, das Herz und die Einbildungskraft eines fuͤhlenden Maͤdchens zu veſchaͤftigen. Ich kann mich ſeiner noch wohl aus meinen Finderjahren mit innigem Wohlgefallen crinnern. Seine ſchlanke Geſtalt war voll An⸗ „„ 6„ Weſen von geringerer *——— ————— —— 2— — —— — ſtand und maͤnnlichedel, ſo wie die Zuͤge ſeines regelmaͤßigen Geſichts. Der Ernſt, die feſte Beſtimmtheit, welche vorzuͤglich ſeinen Charakter bezeichneten, wurben durch einen Ausdruck von großmuthvoller Guͤte gemildert, der ſich wie in ſeinen Handlungen, ſo in ſeinem ganzen Weſen ausſprach; vorzuͤglich in den ſanften dunkeln Augen, deren Blicken faſt nicht zu widerſtehen war.“ „So, und noch einnehmender wohl, von blhender Anmuth des erſten maͤnnlichen Alters geſchmuͤckt, ſchwebte ſein Bild vor Otiliens Au⸗ gen, und der Ausdruck von Adel, der ſich in ſeinem ganzen Weſen zeigte, beruhigte ſie uͤber die Vorwuͤrfe, welche doch hin und wieder in ihrem Innern rege wurden, daß ſie einem Man⸗ ne ſo leicht eine zweite Zuſammenkunft zugeſtan⸗ den, und noch obendrein Einem, deſſen Namen ſie nicht einmal erfragt hatte.“ „Des Vormittags ging die verſammelte Ge⸗ ſellſchaft zu einer Morgenwallfahrt uͤber den Hof; ganz gleich ihrer Schickſalsſchweſter im Maͤhrchen, wenn ſie die goldnen Sporen ihres Lie —. 6. 8 6 — Lieblings uͤber den Schloßhof klirren hoͤrte⸗ draͤngte ſich Otilie an das eiſenvergitterte Kuͤ⸗ chenfenſter⸗ und forſchte in der üͤbrigen glänzen⸗ den Geſellſchaft den Gegenſtand ihrer ſiillen Ge⸗ danken aus. Gleich jener wußte ſie unbefangen ſeinen Namen zu erftagen, und— mit Entzl⸗ ken hörte ſie, daß es derjenige ſey⸗ von welchem ſie, ſchon vor der Ankunft der Gäͤſte⸗ wo ſie noch am Tiſch ihrer Verwandten ſpeiſte ſo viel Vortheilhaftes hatte ſprechen hoͤren. War ſchon die Kenntniß ſeines bedeutenden Ranges dem mädchenhaften Sinne nicht ganz gleichgultig/ ſo erhob ſie zugleich das Bewußtſeyn ſich nicht in ihren Gefuͤhlen, in ihrer ih geftogenen Neigung getaͤuſcht ſam uͤber ſich ſelbſt⸗ der verſprochene Gang feſtgeſetzt.“ zu haben⸗ gleich⸗ „Und ſo, als zur be vier eiligen Schrittes durch die Bläͤtter rauſchte⸗ und ſich mit hochklopfendem Herzen auf die ver⸗ traute Moosbank warf, tommen werde oder nicht? m unwillkuͤrlich zu⸗ und ohne Wanken ward nun ſtimmten Stunde Ta noch zweifelnd ob ſie flſterten auch nach kurzer Weile die Buͤſche wieder leiſe, und hold erroͤthend trat Otilie in den geweihten Kreis.“ „O Dank! Dank!“ rief Tavier im leuchten⸗ den Ausdruck der Freude, indem er aufſprang und der ihm hold Vertrauenden entgegeneilte; aber Worte konnte er nicht gleich mehr finden. Zartlich und ehrerbietig fuͤhrte er ſie zur Bank und noͤthigte ſie neben ihm Platz zu nehmen. Beide ſchwiegen eine Zeitlang, und blickten ſich halb ſchuͤchtern abwechſelnd an, gleichſam als waͤren ſie ſelbſt erſtaunt uͤber den Rieſenſchritt, den die Liebe mit ihnen gethan hatte. Endlich fing avier mit jener Schüchternheit an, die immer der wahren, und vorzüglich der erſten Liebe eigen iſt:„Jetzt, theures Fraͤulein, nicht wahr, jetzt darf ich hoffen, etwas von Ihren naͤheren Verhaͤltniſſen zu hoͤren?“ „Und wie koͤnnte ich wohl,“ verſetzte ſie ge⸗ faßter,„dieſe großmuͤthige Theilnahme anders vergelten, als durch das unbeſchraͤnkteſte Ver⸗ trauen? Gern will ich Ihnen Alles mittheilen, was ich ſelbſt uͤber meine Verhaͤltniſſe weiß.“ „Mein Vater, Maximilian von R.., war Lie me ſeh kei r⸗ 39 — eieutenant in einem sſtreichiſchen Huſarenregi⸗ mente; allein ſtammte er ſchon von einer ange⸗ ſehenen Familie, ſo war doch druͤckende Durftig⸗ keit ſein Loos. Er hatte den Muth gehabt, ſich, trotz des Zorns ſeiner Verwandten, mit einem armen und buͤrgerlichen Maͤdchen zu verbinden⸗ der er im Feuer jugendlicher Leidenſchaft Treue geſchworen hatte. Nein Großvater⸗ deſſen Ver⸗ moͤgen in unabhaͤngigen Beſitzungen beſtand, hatte ihn enterbt, und da er fruhzeitig durch Wunden zum Dienſte unfähig geworden war⸗ ſo fuͤhrte er mit meiner Mutter und mir ein ſehr veſchraͤnktes Leben. An Verbeſſerung ſeiner Lage war nicht zu denken; denn ſein Vater hatte⸗ durch einen ſchnellen Tod abgerufen ſeinen Zorn mit ins Grab genommen, ehe Verſoͤhnung moͤglich war.“ „In meiner Kindheit ſah ich manchen ſtur⸗ miſchen Auftritt mit an? mein Vater war von Natur etwas heftiger Gemuͤthsart. Weit ruͤh⸗ render doch erſchien er mir, als ſich ſein Schmerz almäͤhlig in tie auflöſte. fe Niedergeſchlagenheit Sein großter. Kummet war der⸗ daß 40 er jetzt meiner Mutter, ſtatt all des Gluͤcks, das er ihr einſt mit ſeiner Hand verſprochen hatte, nur Duͤrftigkeit und Elend bieten konnte. Auch unteriag ihre ſchwache Geſundheit bald ſo vielen Leiden, und ſie ließ ihn allein in dieſem oͤden, freudenloſen Leben. Nur ich war das einzige Erbe, was ihm vzn der theuern Verſtorbenen blieb; und auf meie Erziehung wandte er alle Sorgfalt, alle Treue ſeines liebenden Herzens. Vermoͤge ſeiner Herkunft hatte er eine vielſeitige Bildung, welche er in den unbeſchaͤftigten Jah⸗ ren, wo er von ſeinem kleinen Jahrgehalte lebte, aus eigner Neigung erweitert hatte. Er ſuchte mit der liebendſten Aufmerkſamkeit meinen Geiſt auszubilden, und noch in den letzten Tagen ſei⸗ nes Lebens gab er mir, nicht ohne Anſtrengung, Unterricht in einigen vorzuͤglichen Wiſſenſchaf⸗ ten.— Und— o wie undankbar haͤtte ich ſeyn muͤſſen, wenn ich dieß heilige Vermaͤchtniß der Liebe meines guten unglucklichen Vaters nicht haͤtte hochhalten, mich nicht ſelbſt, unter zuwei⸗ len— ungunſtigen Verhaͤuniſſen, haͤtte fortbil⸗ den wollen.“ lun wa Au ℳ „— as te, ch h ge en lle 41 —— „Sie blickte bei dieſer Stelle ihrer Erzaͤh⸗ lung wehmuͤthig vor ſich hin;„Himmliſches Maͤdchen!“ rief Pavier hingeriſſen.„Ja, dieß war es, was mich beim Leſen dieſer ſeelenvollen Aufſätze ſo entzuͤckte!“ „Aber Otilie hoͤrte nicht auf ſein begeiſtertes Lob; das Andenken an die ketzten Tage ihres Vaters war mit überwaͤltigenden Gefuhlen in ihrer Seele wach geworden. Sie hatte ſich weg⸗ gewendet, und leiſe Thraͤnen ſtroͤmten uͤber ihre Bluͤtenwangen.“ „In heftiger Bewegung ſah Pavier ihren Schmerz; ſo lebhaft fuͤhlte er ihn⸗ als ob er ihm die eigne Bruſt zerriſſe.„Arme, theure Otilie!“ rief er im innigſten Ton, indem er⸗ entſchuldigt durch die Macht eines ſolchen Au⸗ genblicks, theilnehmend tröſtend ihre Haͤnde faßte und innig an die Bruſt druͤckte. Seine lichtvollen Augen drangen bittend in die ihrigen⸗ als wollten ſie den aufgeregten Schmerz beſchwoͤ⸗ ren. und nicht vergebens; denn iſt es nicht die Wundermacht geliebter Augen, daß ſie, den 42 Dioskuren gleich, beſaͤnftigend in jeden Sturm der Seele leuchten?“ „Otilie faßte ſich, und ihre Hände ſanft aus den ſeinen windend, ſagte ſie:„Verzeihen Sie, wenn die Erinnernng der Vergangenheit mich zu ſchmerzlich ergriff. Zu tief hat ſich das Bild des armen Vaters in meine Seele geprägt. Ach, hatte er fruͤher auch, uͤbereilt von jugend⸗ licher Hitze, manches gethan oder geſprochen, was nicht ganz recht zu nennen war; durch ſeine Treue gegen mich, durch ſein Betragen gegen Alle, mit denen er etwa noch in Beziehung kam, mit einem Wort, durch ſeine heiße Sehnſucht, Vergangnes wieder gut zu machen, hat er gewiß jeden kleinen Fehler verlöſcht. Allein zu leiden ſchien er in Geheim an Schmerzen der Erinne⸗ rung. Die Entfremdung von ſeiner ganzen Fa⸗ milie nagte ſichtlich an ſeinem Leben, und darum freute es ihn auch wohl ſo ſehr, als ihn der Zu⸗ fall wieder in eine Art Verbindung mit Einem ſeiner Vettern, mit eben dieſem Herrn von R. brachte, in deſſen Hauſe ich jetzt lebe. Es war nicht lang vor ſeinem Tode; unendlich ſchien es ibn gefi Sc mit auf ſell ver len eir lie eh le n e Se rm nft en eit 43 ihn zu beruhigen und ſelbſt ſeinem verletzten Ehr⸗ gefuhle wohlzuthun, daß er ſeine Tochter im Schutze ſeiner Familie zuruͤcklaſſen konnte. O mit welchen ruͤhrenden Worten empfahl er mich auf ſeinem Sterbelager ſeinen Verwandten!“ „Und— d Gott!— dachte Favier bei ſich ſelbſt— wie hat man dieſes ruͤhrende Zutrauen vergolten!“ „Mir,“ fuhr Otilie unter wieder aufquel⸗ lenden Thraͤnen fort,„mir präͤgte er mit herz⸗ genden Worten, Treu und Gehorſam ge⸗ eindrin gen meine Verwandten ein; denn immer, Oti⸗ lie,— ſagte er, ſtrafen ſich Vergehungen gegen ehrwuͤrdige Bande des Bluts!“ „So bindet mich denn Gehorſam gegen ſeine letzten Befehle, und ſelbſt Dankbarkeit, daß ſie noch einen Schimmer von Freude fuͤr ihn veran⸗ laßten, unaufloͤslich an meine jetzigen Beſchuz⸗ zer.— Es war natuͤrlich, daß ich ſuchen mußte, mich auch dem Hauſe nuͤtzlich zu machen, deſſen Wohlthaten ich genoß; in den erſten Kenntniſſen des Hausweſens war ich ſchon unterrichtet, und eine wuͤrdige, bejahrte Frau, die damalige Wirthſchafterin, zu der man mich geſellte, un⸗ por terwies mich noch mehr darin, ſo daß man mir, Di nach ihrem Tode—— ihre Stelle vollig ver⸗ De traut hat.“ Ne „Otikie endigte hier ihre Erzaͤhlung. Sie ein hatte die letzten Worte mit etwas leiſerer, kaͤm⸗ in pfender Stimme ausgeſprochen, aber ihre Thrä⸗ na nen waren vertrocknet, und der Charakter du⸗ nie dender Ergebung war wieder auf das ſanfte, me holde Geſicht gekehrt, wie fie ſo ſchweigend vor 1 ie ſich niederſah.“ un „Auch avier ſchwieg eine Weile und b⸗ n trachtete ſie mit einem unbeſchreiblichen Blicke, lig daun ſagte er feſt:“ „Fraͤulein, der Morgen Ihres Lebens iſt eit ſehr truͤbe geweſen; würden Sie wohl ein kuͤnf⸗ ge tiges, heiteres Loos von der Hand der treuſten, lu der zaͤrtlichſten Liebe nicht verſchmaähen?—— 6 Htilie!— wuͤrden Sie meiner kiebe begegnen h können?“ ſe „Er war bei dieſen Worten aufgeſtanden kl und blieb fragend, in ehrerbietiger, erwartender n Stellung, vor ihr ſtehen. Sie ſah an ihm em⸗ un⸗ ir, er⸗ ⸗ 45 por, und ein Glutſtrom ſchoß uͤber ihr Geſicht. Die Wuͤnſche, die ſie ſich in ihrer anſpruchloſen Demuth nie zu geſtehen gewagt hatte, die tiefe Neigung, die ſie zu ihm zog, Alles ward auf einmal in Ihrem Innern wach; das Blut in ihren Adern jagte in ſchnellen Pulsſchlägen nach dem beſtuͤrmten Herzen; Sie antwortete nicht, allein ihr gluͤhendes Errothen ſagte ihm mehr, als die beredetſte der Sprachen.„Oti⸗ lie!“ flͤſterte er im Hauch der tiefſten Liebe— und bengte ſich zu ihr herab,— und— der entſcheidende Augenblick vereinte ſie in einein hei⸗ ligen Kuſſe.“ „Eine Reihe gluͤckliche Tage, vielleicht die einzig wahrhaft glucktichen in ſeinem Leben, be⸗ gannen für Favier. Entſchloſſen in ſeinen Hand⸗ lungen, war er unerſchutterlich treu in ſeinen Gefuͤhlen. Eine ſelige Empfindung von Sicher⸗ heit, von Uebereinſtimmung mit ſich ſelbſt, zoß ſeit dem Augenblick in ſeinen Buſen ein; er hatte klar und ohne Wanken dem Goͤtterſpruch in ſei⸗ nem Innern gefolgt, und wenn das Schickſal ſeinem Gluͤck auch keine lange Dauer geben woll⸗ 46 te, ſo durfte es doch wenigſtens kein leiſer Vor⸗ wurf truͤben!“ „Der folgende Tag war zur Abreiſe der Neuvermählten und der uͤbrigen Gaͤſte feſtgeſetzt. Favier bat um Vergunſt, noch einen Tag laͤnger bleiben zu duͤrfen. Man konnte dieß von einem Manne in Faviers Verhaͤltniſſen nicht anders als verbindlich aufnehmen. Als nun die ge⸗ raͤuſchvollen Scenen des Abſchiednehmens vor⸗ uͤber waren, als die ſehr klein gewordene Haus⸗ genoſſenſchaft ſich zum Mittagsmahl geſetzt hat⸗ te,— wobei jedoch Otilie abermals nicht er⸗ ſchien,— begann Favier einen feſten Blick auf den Herrn des Hauſes richtend:„Herr von R.⸗ Sie haben noch ein Fraͤulein, eine Tochter des Lieutenants R. in ihrem Hauſe?“ „Dieſe Frage ſchien ſehr zu uͤberraſchen⸗ Herr von R. blickte vom Teller auf zu ſeiner Gattin hinuͤber, und ſagte dann, ſeine Verle⸗ genheit unter ein höfliches Laͤcheln bergend:— „In der That, unſer lieber Gaſt ſcheint ſchon ſehr unterrichtet von den Familienverhaͤltniſſen in unſerm Lande.“—„Allerdings,“ fuhr er 5 ——₰ Vot⸗ der ſetzt. nger nem ders vor⸗ us⸗ hat⸗ er⸗ auf des e ner rle⸗ on ſen 47 nach einer Weile fort—„hat dieſer R., unſter Familie einen kleinen Flecken gegeben; indeſſen was kann man fuͤr ſeine Verwandten? und wo iſt ein gutes Haus, dem nicht etwas Aehnliches begegnet waͤre? uebrigens iſt das Maͤdchen gut, und warum ſollte man ihr einigen Schutz verſagen?“ „Ein leichtes Stechen zuckte durch Paviers Bruſt bei der Art, wie ſeiner Geliebten und ihrer Herkunft Erwaͤhnung geſchah; doch ſchnell daruͤber ſich erhebend, ſprach er mit Adel: „Nicht allein billigen muß ich den Schutz, den Sie dem Fraͤulein von R.. haben ange⸗ deihen laſſen, ſondern ich bitte Sie ſelbſt darum, und in noch naͤherer Beziehung.“ Er erzaͤhlte hierauf, wie er Otilien habe kennen lernen und fuͤgte hinzu,„daß er es nun fuͤr Pflicht halte, ihre Anverwandten von ſei⸗ nen Geſinnungen und Abſichten gegen ſie zu unterrichten.“ „Dieſe Worte erregten ein grenzenloſes Erſtaunen. Alles, was ſeinen Entſchluß viel⸗ leicht haͤtte wankend machen koͤnnen, glitt an dieſem feſten Herzen ab, und ſo gewann die bie Lage der armen Htilie in dieſem Hauſe mit nit einem Male eine zauberhafte Umwandlung. Ihr ſo Geliebter mußte zwar des andern Morgens au nach der Reſidenz zuruͤck, allein, ſo oft ihm ſeine Geſchaͤfte einige Tage Freiheit goͤnnten, ar wandte er ſie zu Beſuchen bei der Erwaͤhlten E an. Und immer theurer wurden ſich die Bei⸗ F den, je naͤher ſie ſich kennen lernten; immer ſe mehr fuͤhlten ſie die ſchnelle, aber ſichre Wahl 3 des entſcheidenden Augenblicks gerechtfertigt. di Oft nutzte Pavier ſelbſt einige Nächte zur Hin⸗ 1 und Wiederreiſe, um dadurch einen Tag an 8 ihrer Seite zu erkaufen.“ e „Er wollte ihr Anfangs den Anfenthalt 1 in irgend einem andern anſtaͤndigen Hauſe ver⸗ i ſchaffen, bis er im Stande ſeyn wuͤrde ſie in das ſeinige zu fuͤhren; allein Otilie, voll zarter und gewiſſenhafter Ehrfurcht gegen alles das, e ( —,. was der letzte Wille ihres ungluͤcklichen Vaters nur im Entfernteſten in ſich ſchloß, wuͤnſchte den Zufluchtsort, den er ihr angewieſen, vor jener Zeit nicht zu verlaſſen; und da man jetzt die mit Ihr ens hm en, ten ei⸗ ner ahl — v 49 die Braut eines bedeutend angeſehnen Mannes nicht mehr behandelte, wie die arme Verwaiſte, ſo fand auch Lavier keine urſache, beſtimmt auf eine Aenderung zu dringen.“ Sobald das Wichtigſte von ſeinen Staats⸗ auftraͤgen beendigt, und ihm eine bedeutende Entfernung geſtattet war, ſaͤumte er nicht, die Reiſe in ſein Vaterland zu unternehmen, um ſeiner Mutter die getroffne Wahl muͤndlich vor⸗ zutragen, und ihre Einwilligung zu erbitten, die dem trefflichen Sohne allein zu ſeinem Gluͤck noch nöthig ſchien. Abſichtlich hatte er ihr nichts davon geſchrieben; zu wohl kannte er den etwas unbiegſamen Geiſt der ſonſt ſehr ach⸗ tungswuͤrdigen Frau, und zu zart, zu bedenk⸗ lich kam ihm die Lage der Sache vor, als daß er ſie dem ungewiſſen Eindruck eines Briefs haͤtte anvertrauen ſollen. Daß ſie vorzeitig da⸗ von erfahren haben ſollte, fuͤrchtete er nicht; es war zu viel Anlage von Groͤße in ihrem Charakter, die ihr nicht geſtattete, durch kleinli⸗ che Nachforſchungen, wie viele ihres Geſchlechts, den Tritten ihrer Entfernten zu folgen. 4 50 Zaͤrtlich, leidenſchaftlich, doch nicht muth⸗ los, ſagte avier ſeiner Geliebten Lebewohl; aber mit heftigen Thraͤnenguͤſſen hing Otilie an ſeinem Halſe; gleich als wollte ſie die Gegen⸗ wart, die theure, vor unwiederbringlichem Ver⸗ ſchwinden zuruͤckhalten.— Beinahe haͤtte ihr Zagen auch den hoff⸗ nungsvollen Muth ihres Freundes erſchuͤttert, und die duͤſtern, herbſtlichtraurigen Gegenden, durch die er reiſte, waren nicht geeignet, ihn aufzuheitern. Nach mehrern Tagen der Reiſe kam er einſt gegen Abend auf dem Landgute ſeiner Mutter an. Er ſtieg am Eingange des Dorfes aus, und ging allein durch den Gang von italieniſchen Pappeln, der das Hoͤlzchen vom Garten trennte, um ungeſtort die wohlbe⸗ kannten, vertrauten Gegenſtaͤnde zu begruͤßen. Wehmuͤthig ſah⸗ er in dem Halbdunkel, das ſchon hier herrſchte, wie der Herbſt rings Al⸗ les veroͤdet hatte; der Kanal, der ſich laͤngs den Pappeln hinzog, war mit gefallnen gelben Blaͤttern dicht uberdeckt, und ſchauerlich rauſchte bei jedem ſeiner Tritte das welke Laub vor ſei lei de h⸗ hl; an en⸗ er⸗ off⸗ ert, en, ihn iſe ute es ng en 51 —.— ſeinen Füßen auf.„Herbſt?“— fragte er leiſe, in ſich zuſammenſchauernd—„ſollte es denn ſchon Herbſt auch fuͤr mein Leben ſeyn?“ Als er uͤber den Hof ging, erkannten ihn trotz der Daͤmmerung einige begegnende Dienſt⸗ leute, und gruͤßten ihn mit heller Freudez denn alle liebten ihren guten Herrn bis zur Anbetung. „Was macht meine Mutter?“ fragte er ſie mit Haſt. „Die gnaͤdige Frau iſt wohl!“ war die Antwort, und leichter athmend eilte er nun nach dem Schloſſe zu, in deſſen Fenſtern noch kein Licht brannte, ausgenommen in einem kleinen Kabinet, das ſeine Mutter zu bewohnen pflegte. Alles ward nun rege, ihn zu empfangen; ſelbſt die Doggen, welche den Hof bewachkeh⸗ erkannten ihn wieder, und ſprangen freudig un⸗ geſtuͤm an ihm empor. Doch ehe noch jemand der Gebieterin ſeine Ankunft melden konnte, war er die Treppe ſchon hinauf geflogen, und eilte durch Saal und Zimmer zu dem bekannten Kabinet. Dort ſaß denn die verehrte Mutter, als er die Thuͤr gehalten öffnete, auf ihrem kleinen Sopha, und hatte auf dem Tiſchchen vor ſich, beim gruͤnbeſchirmten Kerzenſchein eine Menge der neuſten Schriften liegen, womit die geiſt⸗ reiche Frau ihre einſamen Stunden auszufuͤllen pflegte. Sie hatte bei dem Geraͤuſch im Hof und Vorſaal aufgehorcht, und jetzt beim An⸗ blick des eintretenden geliebten Juͤnglings hob ſie ſich mit einem Ausruf der Freude von ihrem Sitz empor, und ſchloß den ihr Entgegenſtur⸗ zenden mit Heftigkeit an ihre Bruſt.— Der Ausbruͤche der Freude, der Liebe, nach einer Trennung von zwei Jahren, war es kein Ende. Auch ſeine Schweſter— meine Mutter— damals ein vierzehnjaͤhriges Maͤd⸗ chen, eilte noch mit der alten kindlichen Herz⸗ lichkeit herbei, und uͤberhaͤufte ihn mit tauſend Liebkoſungen. Nichts ward verſaͤumt, ihn zaͤrtliche Aufmerkſamkeit zu zelgen. Die Mut⸗ ter ließ ein freundliches Kaminfeuer entzuͤnden, das mit den heitern Flammen vald alle Gegen⸗ ſtaͤnde hell beleuchtete; ſie beſtellte waͤrmenden — — Thee— der zu jener Zeit noch nicht ſo in bie ch i Ordnung des Tages gehoͤrte— um nach der ge kalten Herbſtluft dem lang btbrien iehle ſ⸗ recht wbhüttun Auch Re kleine geſchaͤftige 3 Hauswirthin Camilla ſeine Schweſter, war of nicht langſam, die trockne Geiſiesſpeiſe, die — Buͤcher, auf die Seite zu raͤumen, ſtatt deren ob ſie das ſchoͤne, weiße Porzelaingeſchirr vor ihrem Bruder aufſtellte. Bald rauchte und duftete § eine Taſſe des koſtlichſten Getraͤnks vor ihm⸗ von der kleinen Hebe eingegoſſen.“ e Es haͤtte all dieſer liebenden Bemuͤhun⸗ 8 gen, ihn zu erwaͤrmen, nicht bedurft, ſein Herz 5 ſchlug warm gegen die jugendliche Bruſt, und . gab ſich mit aufwallender Ruͤhrung allen Ein⸗ z⸗ druͤcken alter, heimiſcher Gewohnheit und nie d S erſetzbarer Verwandtenliebe hin. „Waͤhrend dem erſten froͤhlich abgebroch⸗ nen Hin⸗ und Wiederſprechen hafteten die Au⸗ , gen der frohen Mutter unverwandt auf den 8 lieben, lang nicht geſehnen Zuͤgen, und bald * hatte ſie mit weiblichem, mit muͤtterlichem Scharfblick die Veraͤnderung errathen, die un⸗ 34 — ter dieſer Zeit in ſeinem Herzen vorgegangen war. Ein leichter Vorwand mußte Camillen n entfernen;„und nun“—— ſagte die Mutter guͤtig—„nun wird mir mein Favier ein Ge⸗ ſtandniß nicht länger vorenthalten, wonach ich mich ſo lang geſehnt habe;— nicht wahr?— ich leſe es in deinen Augen— du haſt ge⸗ waͤhlt?“ „Ja, theure Mutter!“ rief Tavier, mit uͤberraſchter tiefſter Weichheit des Gefuͤhls,„ja, ich habe gewaͤhlt, und nur Ihres Segens be⸗ darf ich noch, um innig und unausſprechlich gluͤcklich zu ſeyn!“ Er hatte, ſich vor ihr niederbeugend, ihre beiden Haͤnde gefaßt, ſie mit heißen Kuͤſſen be⸗ deckt, und hielt ſie nun feſt zwiſchen die ſeini⸗ gen gepreßt, indem er ihr mit flehendem Blick ins Auge ſah. Die Mutter ſah ihn faſt betroffen an; einen ſo leidenſchaftlichen Ausbruch hatte ſie nicht erwartet, und es war faſt, als ob er ihr etwas Ungleiches verkuͤndigen ſolle.„Nun, lieber Tavier?“ ſagte ſie langſam, und die vo⸗ it 55 ——————— rige Freundlichkeit zuruͤckrufend,„und wer iſt denn deine Geliebte?“ „Sie heißt Otilie von R..“ verſetzte Pavier. „Nun dann!“ ſagte die Mutter mit merk⸗ licher Heiterkeit,„ſo iſt ſie ja von recht gutem Geſchlecht!— Und wer ſind, oder waren ihre Aeltern?“ „Ihr Vater“— erwiederte Tavier, jetzt etwas ſtockend—„Maximilian von R.⸗, war Huſarenofficier in oͤſtreichiſchen Dienſten“— „Wie?“ rief die Mutter herumſinnend, und Schrecken, Mißbilligung, Strenge und Un⸗ muth malten ſich ſchnellwechſelnd auf ihrem Geſicht,„wie? eine Tochter jenes Lieutenants R.., der den Fluch ſeines Vaters erhalten⸗ und durch den Kummer, den er ihm verurſacht, Schuld an deſſen fruhzeitigem Tode iſt? dieſer ganz abgeſtorbene Zweig an einem edeln Stam⸗ me!— und die Tochter eines veraͤchtlichen, eines verabſcheuungswuͤrdigen Menſchen haſt du erwaͤhlt?“ „Sie hatte dieſe Worte mit aller ihrer na⸗ tuͤrlichen Heftigkeit geſprochen. Pavier ſtand ſchweigend; der warme Blutſtrom, der in fro⸗ her Wallung nach ſeinem Herzen getrieben und ſeine Wangen hochgeroͤthet hatte, ſtockte jetzt auf einmal in allen ſeinen Pulſen, und er wandte ſich traurig, aber ſtolz, in ſich zuruͤck. „Denn nicht allein,“ fuhr ſie erlaͤuternd fort,„daß er durch ſeine Mißheirath, die an ſich doch immer die ehrwuͤrdige Ordnung einer un⸗ tadelhaften Stammfolge verletzt, den Vortheil, von einer Reihe geachteter, edler Voraͤltern ab⸗ zuſtammen, gleichſam verachtend von ſich geſto⸗ ßen hat, auch die erſten und heiligſten Geſetze der Natur hat er durch ſeinen Trotz, durch ſeine Uebereilungen gegen ſeinen Vater, fre⸗ ventlich uͤbertreten, und ſo mit Recht die Ge⸗ ringſchaͤtzung ſeiner ganzen Familie, ja aller an⸗ dern guten Menſchen, auf ſich geladen.“ „avier wagte nun, ihr vorzuſtellen, wie doch die gute, fromme Otilie ganz unſchuldig an den Vergehungen ihres ſehr hart beſtraften Vaters ſey, und wie ſelbſt er durch tiefe Reue die Fehler einer zu brauſenden Jugend auf eine —*—„ rührende Weiſe ausgeloſcht habe; doch immer kam ſie darauf zuruͤck, daß die Stimme der Ehre, die unbeſtechliche, gegen ihn ſey, und daß, wer ſelbſt Ehre liebe, ſich nicht mit dem, was ihm angehoͤre, verbinden koͤnne.“ Ein Bedienter meldete eben, daß die Abendmahlzeit aufgetragen ſey, und Tavier, aufs neue empfindlich in ſeinem Innerſten verletzt, folgte ſeiner Mutter in das Speiſezimmer, wo die Gegenwart der uͤbrigen Hausgenoſſen jede Fortſetzung dieſes Geſpraͤchs unmoͤglich machte, und nun eine hoͤchſt ſchmerzliche Spannung an die Stelle jener erſten entzuͤckten Mittheilungen trat. Nach dem Abendeſſen wollte Pabier ſei⸗ ner Mutter in ihr Zimmer folgen.„Laß das, Favier,“ ſagte ſie gemildert,„ich weiß ſelbſt, ich bin lebhaft; ich koͤnnte vielleicht ein zu har⸗ tes Wort ausſprechen; darum will ich erſt beſ⸗ ſern Rathſchluß abwarten. Lege dich nieder, mein Sohn! du wirſt ermuͤdet ſeyn.“ Gehorchend kuͤßte Tavier ihre Hand, und ging traurig nach dem fuͤr ihn bereiteten Zim⸗ 58 mer. Indeſſen ftahl ſich doch die Hoffnung in ſein Herz, das muͤtterliche Herz werde den vor⸗ geſtellten Gruͤnden nachgeben. Des andern Morgens in aller Fruͤhe eilte ein reitender Bote, mit einigen Zeilen der Mutter, nach dem Schloſſe des Grafen, ihres Bruders, worin ſie ihn beſchwor, auf kurze Zeit zu ihr zu kommen, um einer wichtigen Angelegenheit willen. Der Graf kam, und mit ihm noch ein aͤlterer Verwandter, der eben bei ihm zu Beſuch geweſen war. Mit ihrem Bru⸗ der, mit ihm, von deſſen Geiſt und Einſicht ſie eine ausſchließend hohe Meinung hatte, ging ſie nun zu Rathe uͤber das Schickſal des ar⸗ men Favier, und freilich mußte ein Mann, kalt und ſtolz von Ratur, in ſeinem funfzigſten Jahre anders fuͤhlen, als der, der eben ſie⸗ ben und zwanzig zaͤhlte. Auch der Vetter ſtimmte ihm bei, und das entſcheidende Betra⸗ gen der Mutter ward vollig gerechtfertigt und beſtaͤtigt. Vor dieſes Gericht nun ward Tavier ge⸗ vufen; der Oheim trug einige an ſich ziemlich 6 W vW 59 ——— richtige Gruͤnde fuͤr die Rechtmaͤßigkeit des Ah⸗ nenſtolzes mit Wuͤrde vor, und fuͤgte dieſen noch mehrere philoſophiſche Scheingruͤnde bei. Doch, wie erſtaunte er, als ſein Neffe gefaßt erklaͤrte, daß er alle dieſe Gruͤnde, die wahren und die ſcheinbaren, wohl kenne; daß aber die ſeinigen jene bei weitem uͤberwoͤgen. Der Unwille der Mutter ward aufs neue rege; der Vetter wußte noch viele nachtheilige Zuͤge von Otiliens Vater zu erzaͤhlen; der Oheim aber ſuchte dem Juͤnglinge durch ge⸗ ringſchaͤtzigen, ſtolzen Spott zu imponiren. Doch dieß war nicht der Weg zu Faviers Her⸗ zen. Mit Ehrerbietung, aber zugleich mit Fe⸗ ſtigkeit, erklaͤrte er, daß ſein Entſchluß gefaßt ſey, und daß ihn nichts zum Gegentheil bewe⸗ gen werde. Er verbeugte ſich ehrfurchtsvoll, und ver⸗ ließ ſchnell das Zimmer, die Bruſt bis zum Zerſpringen voll; er hoffte ſich durch einen Gang ins Freie Luft zu machen, und eilte in den Garten, in das anſtoßende Hoͤlzchen, durch⸗ ſchweifte Wieß' und Flur, ohne daß er ſich 60 ——— doch ganz ſelbſt wiederfinden konnte. Es mußte ihn freuen, ſich ſo behauptet zu haben, und gleichwohl war ſein Herz doch ſo beklommen. Es zog ihn bald wieder ins Schloß. LAls er zurüͤck kam, hoͤrte er, daß der Oheim nicht lange nach ſeinem Weggehn nach dem Wagen gerufen habe, und mit dem Vetter fortgefah⸗ ren ſey. Er eilte in das Zimmer ſeiner Mut⸗ ter; allein betroffen bebte er einen Augenblick zuruͤck, als er ſie auf dem Sopha liegend er⸗ blickte, und ſie die Augen bei ſeinem Nahen unwillig ſchloß, als ob ſie nicht geſtoͤrt ſeyn wolle. Beſtuͤrzt ging Tavier nach dem Fenſter, ſchonenden Trittes, nahm einen Stuhl, und ſetzte ſich, den Kopf in die Hand geſtuͤtzt. Die froͤhliche Camilla trat jetzt ein, huͤpfte, ohne die Mutter zu bemerken, nach dem Fortepiano, und ſpielte eirige raſche Tänze. Indem ward ſie die Liegende gewahr, welche mit kranken Au⸗ gen zu ihr hinſah; im Augenblick, mitten im Takte, ſprang die Kleine empor, flog aͤngſtlich zu der Mutter hin, und rief mit dem kindlich zärtlichſten Tone:„Was fehlt dir, meine Muk⸗ ter? Haſt du Kopfſchmerz?— O Gott, ich habe dir wohl mit meinem raſchen Spiele weh gethan?— Nein, da will ich in vierzehn Ta⸗ gen nicht wieder ſpielen! „Willſt du?“ ſagte die Mutter die Hand ihr reichend, mit einem Tone, der Tavier durch die Seele ſchnitt—„du alſo willſt mir deine Freude aufopfern, du gutes Kind? Dir iſt es nicht gleichgultig, ob deine Mutter vor Gram und Kummer ſtirbt. Run, ſo hat mich doch Gott noch nicht ganz ſinken laſſen!“ Dieſe Sprache konnte Tavier nicht er⸗ tragen; mit ſolchen Waffen durfte ſie ihren ungluͤcklichen Sohn nicht angreifen, wenn ſie nicht wollte, daß er geſchloßnen Auges jedem ihrer Befehle folgen ſolite, und gaͤlt' es auch ſein ganzes Lebensgluͤck. Er ſprang auf, eilte auf ſie zu, und ſich vor ihrem Lager nieder⸗ ſtuͤrzend, wollte er ihre Hand ergreifen, indeß Thränen aus ſeinen männlichen Augen brachenz allein ſie richtete ſich halb empor und ſagte? Was iſt das, Herr von M.?“ Und Tavier 62 — ſah, wie eine fieberhafte Roͤthe ihr Geſicht uͤber⸗ zos—„Sie ſind ja laͤngſt muͤndig! Sie ha⸗ ben nicht nöthig, bei Ihrer Wahl auf irgend jemand Ruͤckſicht zu nehmen! Was kuͤmmert Sie es, ob eine Mutter“—— „O um Gotteswillen! meine Mutter, nicht dieſe Sprache!“ rief Tavier;„womit verdien⸗ ich ſie? Hab' ich Sie durch Ungehorſam be⸗ leidigt?“ „Auch haͤtt⸗ ich warlich nicht gedacht, daß du mich je ſo bitter kraͤnken wuͤrdeſt, als du es heut gethan haſt!“ fuhr ſie etwas gemil⸗ derter fort, als ſie ſeine Thraͤnen auf ihren Haͤnden brennen fuͤhlte. „Nein, Favier, wer einen ehrwuͤrdigen Oheim ſo beleidigen konnte! und gleichſam unſre ganze Familie!— denn Alle werden dagegen ſeyn, nach dem, was ich noch daruͤber gehoͤrt habe“— „O meine Mutter!“ unterbrach ſie Tavier, „Hören Sie mich!“ „Ich will nichts mehr daruͤber hoͤren!“ verſetzte ſie mit wiederkehrender Heftigkeit. — —„6— er⸗ ha⸗ end ert ht n* E — „Entweder du entſagſt dieſer Verbindung, voder, ich fuhb es,— der Kummer uͤber deinen Un⸗ dank wird mich toͤdten!— Tavier!“ ſagte ſie, und Thraͤnen drangen auch aus ihren Augen,— „ich habe dich immer ſo graͤnzenlos geliebt; und nun ſollteſt du deinem Wunſche das Leben deiner Mutter opfern?“ „Wohlan, meine Mutter!“ ſagte jetzt Pa⸗ vier, indem er ſich empor richtete, und wie ein ſiegender Engel ihr gegenuͤber ſtand,—„mein Kampf iſt ausgekaͤmpft; leben Sie heiter! Ich werde mich nicht mit Otilien verbinden“ „Iſt das dein Ernſt?“ fragte die Mutter wie neu belebt;„Lavier! verſprichſt du mir das?“ „Ich ſchwoͤre, daß ich mich nie gegen Ihren Willen vermaͤhlen werde!“ ſagte Kavier, und legte ſeine Hand aufs Herz;„allein auch nie, meine Mutter, verlangen Sie, daß ich mich mit einer Andern ver binde!“ Seit dieſem Augenblicke war ihm zu Muthe, wie einem Helden, der zwar einen herrlichen Sieg errang, allein alle die Theuern, ——— 6⁴ —— die er liebte, auf dem oden blutigen Schlacht⸗ felde zuruͤckließ.“ Er wuͤnſchte nun, wenigſtens ſeine Ge⸗ liebte perſoͤnlich von dem ſchweren Opfer un⸗ terrichten zu köͤnnen, das er der kindlichen Pflicht gebracht hatte allein dem Grafen, ſei⸗ nem Oheim, war es leicht geworden, durch ſei⸗ nen bedeutenden Einfluß zu vermitteln, daß man ihn nicht an jenes entfernte Fuͤrſtenhaus zuruͤck ſandte, ſondern am vaterlaͤndiſchen Hofe ſo uͤberhaͤuft beſchaͤftigte, daß ihm jede ent⸗ ferntere Reiſe unmoͤglich ward. Und ſo blieb ihm nichts, als ihr ſchriftlich die überſtroͤmen⸗ den Gefuͤhle des geopferten Herzens auszu⸗ ſprechen.. Er ſchrieb ihr unter Andern:„Den Muth deines Vaters, theure Otilie, hab⸗ ich nicht. Oder vielmehr, in meiner Lage wuͤrde er ihn auch nicht gehabt haben. Der Willkuͤr ſtolzer untheilnehmender Verwandten iſt man faͤhig zu widerſtehen; allein den Bitten, den Vorwuͤrfen einer unvergleichlichen Mutter? ihr, fuͤr welche mir die Liebe, bie Verehrung von hr⸗ e⸗ in⸗ ei⸗ Kindheit auf wie zur zweiten Rakur geworden, gleichſam mit den Fibern meines Herzens ver⸗ wachſen iſt!— Und was ſag' ich? ihren Bit⸗ ten?— nein, ihren Thränen! O Otilie,— dir darf ich es nicht ſagen, du fuͤhlſt ja auch⸗ wie ich!— die Thraͤnen einer Mutter, ſie fallen brennend auf das Herz, und wehe dem Ungluͤckſeligen, welcher ſie fließen ſieht, und nicht eilt ſie zu trocknen!— und waͤr' es auch — mit Aufopferung ſeines ganzen Gluͤcks! „Seines ganzen Gluͤcks?— Ja⸗ himmliſche Geliebte, daß ich dieß aufopferte, als ich deinem Beſitz entſagte, das fuͤhl ich wohl in allen Tiefen meines Lebens! Und wenn meine Liebe fuͤr dich nicht ſtaͤrker war, als mein Ge⸗ fuhl fuͤr Pflicht und Tugends ſo iſt ſie mindſtens ſtärker, als jede Möglichkeit von irdiſchem Gluͤck. Ja, nimm den Schwur, theures geliebtes Maͤd⸗ chen, daß nie ein andres Weib— ach, du kennſt mich zu gut, um das zu fürchten!— aber daß nie ein Traum von Gluͤck in die Seele dei⸗ nes unglucklichen Freundes kommen wird, wenn 5 8 es nicht der Gedanke iſt, dir, auch getrennt, noch ewig zu gehoͤren.—* Still lebte er ſeit dieſer Zeit in raſtloſer Thaͤtigkeit, ſeinen Geſchaͤften als Staatsmann; keine Klage, nicht der leiſeſte Vorwurf, kraͤnkte ſeine Mutter; allein unerſchütterlich ſtand auch 66 ſein Entſchluß, nie eine andre Verbindung ein⸗ zugehen. Die Mutter und ihre ſtolzen Ver⸗ wandten ſahen nun wohl, daß nichts ſo leicht die Feſtigkeit dieſes Gemuͤths brechen werde, und die Furcht, einen ſo edeln Stamm ausſterben zu ſehen, bewegte ſie endlich, in die Wahl ſeines Herzens einzuwilligen. Mit welchem Entzuͤcken Zavier dieſe Ein⸗ willigung aufnahm, und wie ſehr er eilte, der Geliebten, nach nun beſiegten Schwierigkeiten, ſelbſt ihr vereintes Gluͤck anzukündigen, bedarf keiner Worte. In ſeiner Stimmung, und in † der ſchoͤnen Jahreszeit,— es war eben, wie jetzt im Juni— wollte er dießmal die Reiſe zu Pferde machen, bloß von einem Bedienten be⸗ gleitet, den er liebte. Die Gegenden, die ihm bei ſeiner Heim⸗ ant, ſer es in⸗ er n, rf ie zu e⸗ N reiſe in ihren duͤſtern Herbſtnebein ſo kraurig vot⸗ gekommen waren, ſchienen ihm jetzt nicht mehr dieſelben, da alle Wieſen und Felder mit ihren ſchönen farbigen Johannisblumen, die Hecken mit wilden Roſen, und die Waͤlder mit ihrem friſcheſten vollgruͤnen Laube prangten. Die ſchönſten Farbenlichter aber goß Phantaſie und Hoffnung dem Liebenden uͤber die ganze Schoͤ⸗ pfung aus. Jetzt endlich durfte er ſich frei der reinen Neigung ſeines Herzens überlaſſen, jetzt⸗ wo ſeine Standhaftigkeit und Tugend alle Schwierigkeiten überwunden hatte, und nun der Lohn der ſchonſten Kaͤmpfe ſeiner harrte. Der Weg war ohne Aufenthalt zuruͤckgelegt worden, auch die letzte Nacht wandte er noch zur Reiſe an⸗ da es herrlicher Mondſchein war, um des andern Morgens bei guter Zeit im Schloß der Liebe anzulangen. Er ritt, von ſeinem treuen Diener begleitet, uͤber thauige Wieſengruͤnde, an feuchtflimmernden Erlenbů⸗ ſchen hin. Zuweilen blickten maleriſche Hoͤhen⸗ bald Weinberge, bald romantiſche Felſen, mit mondbeglaͤnzten Zinnen über die Erlenhaine, 5* avier dachte hier unwillkürlich an die alte, ſchö⸗ ne Romanze, vom ſchlanken Fortunat: Thauig in des Mondſcheins Mantel Ruht die ſtille Sommernacht; Und ein Ritter reitet ſingend Wieſenthal und Wald entlang⸗ Munter zu, mein gutes Pferdchen! Sagt er, klopft ihm ſanft den Halsz Weißt du nicht daß wartend Lilla An dem offnen Fenſter wacht? n. ſ. w. So theilte ſich die Poeſie ſeines Herzens auch allen aͤußern Gegenſtaͤnden mit; die Fluren wurden ihm zu Paradieſen.„David!“ ſagte er freundlich zu ſeinem Diener,„du ſangſt vorhin leiſe fuͤr dich eine recht huͤbſche Melodie; was war dieß fuͤr ein Lied?“ „Ach, gnaͤdiger Herr,“ erwiederte Jener, „es iſt ein ſchoͤnes Lied! Ich hörte es geſtern Abend, und weil es mir ſo gefiel, ſo hab⸗ ich es auswendig behalten.⸗ „So ſing es doch einmal!“ ſagte avier äußerſt froh. „Aber lieber, gnadiger Herr,“ erwiederte hoͤ⸗ er e der Juͤngling,„es paßt ſich eigentlich jetzt nicht fur Sie; es iſt ein wenig traurig.“ „Sing“ es nur, guter Junge!“ rief Tavier⸗ und David faßte Muth und verſuchte leiſe den Ton. Die Gegend hatte ſich indeß veraͤndert; das Thal war auseinander getreten; dunkelblaue Waͤlder daͤmmerten auf beiden Seiten uͤber den Feldern drüben, und ſtiegen langſam die lehnig⸗ ten Hoöhen hinan; ganz einſam, einſam war es hier und ſchweigend; nur ein breiter Feldbach ging neben ihnen durch die Aehrenflur, als wolle er ihr Fͤhrer ſeyn, und miſchte ein ſchwermuthi⸗ ges Gefluſter in die ringsum waltende Stille. Jetzt hatte David die Melodie gefunden und ſang das nachfolgende Lied eines unſrer vor⸗ zuglichen Dichter: Knapp, mein Knapp, was fuͤr ein Laͤuten Hoͤr' ich, wo die Linde ſteht?— „Herr, die Heerde wird's bedeuten, Die am gruͤnen Berge geht.“ Aber, Knapp, was fuͤr ein Singeh Tonet traurig immer fort?— „Herr, im Dorf die Leute bringen Eine Braut zur Kirche dort.“ Aber, Knapp, was ſeh' ich ſchweben Fuͤr ein weißes Faͤhnlein hier? „Fragt nicht weiter! Sie erheben Es der Braut zu Ehr und Zier.“ Aber ſieh, was ſteht geſchrieben Nah dabei am Marmorſtein? „Herr, es iſt der Schwur der Lieben, Treu bis in den Tod zu ſeyn.“ Wie? mein Knapp, der Liebſten Name? Geh, und frage, was es giebt!— „Nun ſo wißt:— Vor bitterm Grame Starb, die ihr daheim geliebt.“ Knapp, was ſagſt du?— Fern geblieben Härmte ſie ſich todt um mich? Bertha todt?—„So ſteht geſchrieben.“ Bertha! nun ſo ſterb auch ich! Ein ſolches Lied hatte Pavier freilich nicht erwartet. Unwillkürlich drangen die Schauer der Einſamkeit auf ihn ein, und ern⸗ ſter ritt er weiter. Doch ehe ſich der Mond noch ſenkte, ging ſchon die Sonne am andern Ende des Himmels auf, und zerſtreute mit ihrer heitern Pracht alle naͤchtlich ſchwermüthige Gedanken, ſo wie ſie eine veraͤnderte, anmuthig bluͤhende Landſchaft — ,—— neue, 71 ——— beſchien. Doͤrfchen blickten nun wieder aus bu⸗ ſchigen Vertiefungen, Kirchthürme hoben ſich aus dem Nebel vor, und ihre goldnen Fähnchen blitzten im Sonnenſtrahl, als waͤren es Sterne⸗ die heut vergeſſen haͤtten unterzugehen. Und alle Sterne der Hoffnung gingen wieder in Fa⸗ viers gluͤcklichem Herzen auf. Nicht lang, ſo hob die Sonne die Zinnen des erſehnten, theuern Schloſſes, funkelnd wie Stahl auf klarem Himmelblau, hervor; und jetzt, jetzt bewillkommte er die Gegenden aufs die ihm ſo lieb geworden waren. Er ritt ins Thor des Schloſſes ein, da ſtand der Hausherr ſchon im Eingange des Hauptgebaͤudes⸗ doch, wie es ſchien, empfing er ihn mehr uͤberraſcht und verlegen, als erfreut. Er fuͤhrte den Ankommenden in das Zimmer ſei⸗ wo dieſer, nach den erſten Begruͤßun⸗ flichteit, ohne Weiteres nach Otilien ſache ſeiner Anweſenheit er⸗ ner Frau, gen der Hoͤ fragte, und die Ur klaͤrte. Eine toͤdtliche Verlegenheit malte ſich bei dieſen Worten auf den Geſichtern; und— nach — 2 mancherlei marternden Umſchweifen erfuhr Tavier, baß— Otilie vor drei Tagen geſtorben ſey. Wer je ſein Herz mit allen Kraͤften ſeines Lebens an irgend einen theuern Gegenſtand ge⸗ hangen hat; wer je nach qualvollen Hinderniſſen nun enblich auf hochſtem Gipfel ſchwindelnder Hoffnung ſtand, und nun mit einemmal in einen bodenloſen Abgrund ſtuͤrzte, der vermag das Ge⸗ fuͤhl zu faſſen, das mit dieſen ſchrichlichen Wor⸗ ten in Faviers Seele drang. Er forderte den Leichnam ſeiner Geliebten zu ſehen; man mußte den Sarg oͤffnen, wo ſie in ſchlichtem weißen Kleide lag,— ach, das Brautkleid der armen Otilie! Keinen Schmuck hatten ihr die ſtrengen Verwandten gegeben; allein ſeltſam war es, Tod und Verweſung ſchienen, mitleidiger als die Menſchen, gezoͤgert zu haben, all dieſe Anmuth zu zerſtoͤren, um der ungluͤcklichen, verzweif⸗ lungsvollen Liebe noch einen Augenblick der Won⸗ ne zu gewaͤhren! Tavier ſtuͤrzte ſinnlos auf die geliebte Lei⸗ che; ſein Leben ſchien ſich an dem kalten Marmor guszuhauchen, worein der Tod dieſe ſanfte Ge ier, nes ge⸗ ſſen der ten Fe⸗ or⸗ —3 —— ſtalt verwandelt hatte.— Eine ſchwere Krank⸗ heit nahm ihn von Stund an in ihre tiefbetaͤu⸗ bende Gewalt. 8 Das weiche Herz Htiliens hatte die letzte Wendung des Schickſals nicht mit dem Muthe ertragen koͤnnen, den ihr Freund von ihr for⸗ derte. So lang ihr Leben einfoͤrmig ſtili und freudlos hingefloſſen war, ihr das Gluck nie truͤ⸗ geriſch gelächelt und vor allen der Zauberſtrahl der Liebe die Veſten ihres Weſens noch nicht er⸗ ſchuttert hatte, war ſie wohl faͤhig geweſen, ihr Herz mit Himmelsworten der Geduld in Ruhe da ſie die Seligkeit des n, jetzt dieſen nie getraͤumten zu wiegen; allein jetzt⸗ Daſeyns erſt hatte kennen lerne ſchnellen Wechſel, vom hoͤchſten, Gluck zur gänzlichen Vernichtung aller Hoffnun⸗ gen, wie ſelten ertraͤgt ihn ein menſchliches Ge⸗ muͤth! Zwar hatte Favier eben ſo großmuͤthig, als zart, fuͤr die Sicherung ihrer aͤußern Lage geſorgt; allein die immerwaͤhrenden kraͤnkenden Bemerkungen ihrer Verwandten, uͤber Demuͤthi⸗ gung zu hochfliegenden Stolzes uͤber Leichtglaͤu⸗ vigkeit der Maͤdchen und Unbeſtand der Maͤnner, 74 ———— welchen ein Vorwand fuͤr ihren eignen Ueberdruß nur zu willkommen ſey, und alles was Neid und Altäͤglichkeit gegen ſeltnere Liebe zu ſagen pflegt, verbitterten ihr das, was die zaͤrtlichſte Vorſorge fuͤr ſie gethan hatte, und weckten quaͤlende Zwei⸗ fel in ihrem Innern auf. Selbſt der Nachtheil, den dieſe Aufloſung eines bekannten Verhaͤltniſ⸗ ſes in den Augen der Welt auf ſie warf,— ihr Herz war nicht ſtark genug, dieß Alles zu ertra⸗ gen, und unter vergeblichen Kaͤmpfen gegen ihr Schickſal und verzehrender Sehnſucht nach dem unvergeßlich Geliebten, hauchte ſie ihre ſanfte Seele aus. Alles dieß, was er theils erfuhr, theils ahnen konnte, draͤngte ſich wechſelnd in ſieber⸗ hafter Schnelle durch Faviers Sinn; er ſagte ſich, wie ſeine Liebe, ſtatt ſie zu beglucken, ſie fruͤhzeitig und qualvoll ins Grab geſturzt habe; Verzweiflung, ja ſelbſt Wahnſinn, ſchlugen ſchon ihre dunkeln Fluͤgel verlangend nach ihm auf. Allein die ewige Vorſicht ließ ihnen nicht ein ſo edles Opfer; nach drei Monaten ſchweren Leidens ſiegte die Kraft der Jugend; er konnte ſein La⸗ ger der ruß ind gt, rge ei⸗ eil, iſ⸗ ihr ra⸗ hr m fte T ger verlöſſen, und das Bewußtſeyn kehrte wie⸗ der; aber Worte uͤber den Zuſtand ſeines Ge⸗ muͤths kamen nicht uͤber ſeine Lippen.—— Als er zum erſtenmal wieder ausfahren durfte, be⸗ fahl er ſeinem Kutſcher, nach einem nah gelegnen Orte zu fahren, wo eine Commende der Mal⸗ tcheſer war. In Kurzem trug er das weiße Kreuz, das ihn auf immer vom braͤutlichen Al⸗ tare ſchied. Er machte, nachdem er ſeine Wuͤrde im Staate niedergelegt hatte, eine Reiſe nach Mal⸗ tha, und in einem Zuge gegen die Algierer ſuchte er die erſten gluͤhenden Schmerzen ſeiner Seele zu löſchen. Dann aber⸗ als der Tod ihn hier vermieden hatte, hob er ſich groß uͤber ſich und den Schmerz empor! Er kam zuruͤck in ſeine Heimath; und durch reiche Saaten des Wohl⸗ thuns wußte er das Geſchick zu beſiegen, und ihm fuͤr Andere wenigſtens das Gluͤck abzurin⸗ gen, das es ihm ſelbſt grauſam verſagte. Eben ſo viele Thraͤnen hat er getrocknet, als er ſelbſt in heiß und ſchwer durchkämpften Stunden ver⸗ goſſen hat.—— Der Stamm der M. iſt ſchen Urquell zuruͤckgekehrt.“ 76 ausgeßorben, allein das Andenken an den edeln Tavier wird fortleben, ſo lange noch ein Enkel der jetzigen Bewohner dieſer Gegend kebt. Dies Gut, das er zuletzt bewohnte, ſiſt das einzige, was nicht, wie die andern, als Mannlehn, an ſeine weitlaͤuftigen Lehnsvettern gefallen iſt. Hier hat er mich als Kind vft auf den Knieen gewiegt; oft habe ich, von einer ſtillen Neigung angezogen, in ſein ſeelenvolles Geſicht geblickt, und oft mit dem hellen Kreuz auf ſeinen Bruſt geſpieit, deſſen dunkle, ernſte Bedeutung ich nicht ahnete!——„Laſſen Sie mich nichts hinzuſetzen,“ beſchloß Frau von** unker hervorquellenden Thraͤuen,—„dieſes Zimmer hat er bewohnt, und hier iſt auch die Seele des beſten Menſchen zu ſeinem himmli⸗ —— — — — — * — — — — — — — — — 3 — — De Sonne war heiter untergegangen, und Wolkchen, in denen ſich Gold und Azur, Roſen⸗ roth und durchſichtig tiefes Veilchenblau ver⸗ miſchten, prangten wie eine bunte Blumenflur des Himmels, im tiefſten Weſien ausgebreitet. Auf Erden aber bluͤhten nicht minder ſchön die Roſen und Purpurmohnen und Cyanen zwiſchen den goldnen Aehrenfeldern. Es war der Abend vor dem Johannistage. Im mild dämmernden Abendſcheine lag das Doͤrfchen, lagen die Fiu⸗ ren und die ferne Waldung. Da wandelten drei Maͤdchen nach dem Brunnen im Felde, den an einer Felswand Buchen und flͤſternde Eſchen uͤberſchatteten. Sie fuͤllten ihre Kruͤge mit der kriſtallnen Welle, und ſetzten ſich dann auf den Brunnenrand um ein wenig auszuruhen und ſich nach vollendetem Tagewerk an einem traulichen Geſpraͤche zu letzen. Denn alle Drei, obgleich nicht wirkliche Schweſtern, liebten einander ſchweſterlich. Die lieblichſten der Maͤdchen im ganzen Dorfe waren ſie, und auch die drei ſtatt⸗ lichſten Juͤnglinge des Dorfs hatten um ihre Liebe geworben. Allein nur Roſe und die blonde Klara waren gluͤcklich; die ſanfte zaͤrt⸗ liche Marie hatte ſchon lange ihres Geliebten entbehren müſſen; er war zur Ferne in den Krieg gezogen, ohne daß ſie Nachricht von ihm erhalten hatte, und ſeibſt an ſeiner Treue mußte ſie zweifeln. Laßt uns ein Stuͤndchen hier bleiben! fing die lebhafte Roſſe an. dein Anſelm und Dein Heinrich, liebe Klara, muͤſſen nun bald aus der Stadt zuruͤcktehren und hier voruͤber kommen, wenn ſie dort um die Waidecke lenken. Dann koͤnnen wir ſie uͤberraſchen! Klara willigte ein, die arme Marie dachte wohl ſiill in ihrem Herzen: Ach Gott! wie gluͤcklich ſind dieſe Beiden! Ich habe keinen Gruß der Liebe zu erwarten!— Allein ſie kaͤmpfte die aufquellende Thraͤne nieder, und freute ſich innig am Glucke ihrer Freundinnen⸗ „— * im tt⸗ „— * Und weil Dich die treue Roſe Nie mit ihrem Glanz verlaͤßt, — Tag aus ſel'ger Heimath Schooße,— 5 Nennt man Dich: das Roſenfeſt.. Marie. Hort Ihr? druben ſchlaͤgt am Huͤgel Noch einmal die Nachtigall! Gruͤßt uns auf der Toͤne Flügel, Schwaͤrmeriſch— zum letzten Mal! Holde Saͤngerin der Liebe, Wo die Roſ'iſt, mußt Du ſeyn! Ohne ſußen Wohllaut bliebe Doch verodet Flur und Hain. 3 Und gleichſam wie zum Wettſtreit aufgeſor⸗ dert ſchwebten aus den thauglaͤnzenden Zweigen die Töne einer ſpaͤten Nachtigall immer naͤher heran. Die Maͤdchen lauſchten ſtill entzückt, bis ſich die verſchwimmenden Toͤne in der ſchweigen⸗ den Abendluft wieder verloren.—„ Wie ſtill es jetzt iſt! ſagte Klara, nur die letzten Töne der Abendglocke zittern noch leiſe uber das Feld zu uns her. Und dort, ſagte Marie, geht nun der Mond ſilberhel' uͤber der Waldhoh' auf!— 62 84 —————— Wie ein Bote des Friedens ſcheint er uns himm⸗ liſche Kunde heruͤber zu ſenden!— Aber ein wenig ſchauerlich iſt's doch! rief Roſe.— Die Baͤume rauſchen hier ſo heimlich mit dem Rieſeln des Quells zuſammen und wer⸗ fen, da der Mond nun hinter ihnen ſteht, ſo dunkle, flatternde Schatten auf den Grund! Und wißt Ihr nicht, ſagte Klara, daß die Johannisnacht eben ſo gut eine Geiſternacht iſt, als die des heiligen Andreas und Sylveſter? Die ſtärkſten Geiſterbande werden da gelöſt, und die Schatten wandeln uͤber die dunkle Bruͤcke zu uns heruͤber.— O ſtill, ſtill! rief Roſe und ſchauerte zu⸗ ſammen, Du machſt uns bang!— Nein nun wollt' ich doch, daß unſere Wildfaͤnge kaͤmen! ſonſt— bin ich im Stand—— ich gehe heim! Laß uns noch bleiben! bat Klara;— Aber was wir thun könnten, Schweſtern, um uns die ſtille Zeit zu kuͤrzen, waͤre, daß wir uns, Jede abwechſelnd, eine Geſchichte erzählten!— So etwas Wunderbares, Geiſterhaftes und doch — 85 Wahres, wovon wie ſagen könnten, daß es ſich wirklich zugetragen habe.— Run gut! gut!— ſagte Roſe.— YMir faͤllt ſogleich etwas ein, das ſich ganz fuͤr den heutigen Abend ſchickt! Und um ſo ruhiger kann ich es Euch erzaͤhlen, da wir ziemlich entfernt von einem Strome wohnen.— Ihr wißt doch aber, in den Stromgegenden ſagt man durch⸗ gaͤngig: Stets am Johannisabende fordre der Fluß ein Opfer.— Nun wohnte vor nicht lan⸗ ger Zeit an dem Geſtade eines ſehr großen Stroms ein ſchoͤnes und ſittſames Maͤdchen, Agatha mit Namen. Sie war die Tochter eines Schiffers⸗ welcher von Zeit zu Zeit ein Ladungsſchiff den Strom hinauf nach der entfernten Stadt gefuͤhrt hatte. Jetzt war der Vater todt; ſie wohnte nun allein mit ihrem Bruder in der kleinen, vom Strom umbrauſten Huͤtte. Ihr Geliebter, ein junger Schiffer aus einer entlegnen Gegend, war ſeines Berufs wegen in der Ferne, und ſie konn⸗ te ihn auch ſobald nicht wieder zu ſehn hoffen. Nun kam die Feier des Johannistages⸗ der allemal im nahen Doͤrfchen mit Tanz und Soang begangen ward; ihr Bruder hatte eine Brant im Dorfe und freute ſich ſchon ſehr auf das liebliche Feſt; aber fuͤr Agatha war keine Freude zu hoffen, da ſie ſie nicht mit dem Ent⸗ fernten theilen konnte, ob ſich gleich viele Juͤng⸗ linge beſtrebt haͤtten an ſeiner Statt ſie zum Reigen zu fuͤhren.— Doch konnte ſie ſich, als nun der ſchoͤne Vorabend des Feſtes kam, nicht enthalten, auch die gewohnte Sinenlte zu genießen. Sie ging daher erſt in ihr Gaͤrtchen an der Huͤtte, das von ſchlanken Etlen umſaͤuſelt ward, brach dort volle glühende Roſen, deren genug am Haſelzaune ſtanden, brach ſtarkduftenden Thhmian und dunkle Nelken, und legte Alles in ihr Binſenkorbchen. Drauß eilte ſie mit kind⸗ lich frohem Eifer hinaus ins Feld, um auch blaue Cyanen und Purpurmohnen zu holen. Die hohen Kornfelder wogten im Schein der Sonne, ſich eben zum Untergange neigte und ihre mit ſüchtigem Purpurroth be⸗ ſtreifte. Pgatha hatte abſchrlich eine Gegend ge⸗ ½ 87 waͤhlt, welche vom Dorfe abwaͤrts lag, und wo ſie nun ganz einſam war mit ihren Traumen. Sehr ſchoͤne Blumen fand ſie hier, und flocht die herrlichſten farbigen Kraͤnze. Als ſie aber nun die liebliche Arbeit geendet hatte, ſagte ſie auf einmal wehmuͤthig nachdenkend zu ſich ſelbſt: Aber wem geb ich ſie nun, die ſchonen Kränze? Ach er iſt fern, und wer weiß, ob er mir je wieder kehrt, mein guter freundlicher Johan⸗ nes!— Dies war der Name ihres Geliebten, wie der des Feſttages.— Doch jetzt kam ihr mit einem Male ein Ge⸗ danke, hell wie der Sonnenſchimmer, der ſich aus Weſten goß. Sie eilte nach der ſtillen Feld⸗ kapelle, die ſich nicht fern davon am Fuße eines Huͤgels erhob. Dort war ein Bild des heiligen Johannes, des Schutzheiligen ihres Geliebten. Sie trat in das einſame Heiligthum, die rothe Abendſonne ſchien eben durch die hochgewolbten Fenſter und hob das ehrwuͤrdige Bild hervor. O Du, rief Agatha, Schutzheiliger meines Ein⸗ ziggeliebten! zu Deinen Fuͤßen will ich die bunten Freudenkraͤnze niederlegen! ein Opfer ———— —— — 4 —. ——— der Andacht und Treue.— O mein Gott! rief ße und ſank inbruͤnſtig betend auf die Knie, be⸗ ſchutze Du mit Deinen Heiligen die feynen Schrit⸗ te meines Freuen! Und kaum hatte ſie ſo gebetet, da war es als ob in dem Augenblicke ein weißer, fluͤchtiger Schatten an ihr vorber ſtreife. Die Blumen der Kraͤnze, die ſie zu den Füßen des Heiligen ge⸗ hangen hatte, regten ſich füſternd, und ihr war als hoͤre ſie deutlich ein dumpfes ſchauerliches Stromgebrauſe, obgleich die Luft ganz ſtill und der Strom weit entfernt war. Erſchrocken ſprang ſie auf, und eilte mit fliegenden Schritten nach ihrer Wohnung zuruͤck. Eine angſtvolle Ahnung trieb ſie vorwärts.— Die Sonue war indeß ganz untergegangen, und ſelhſt die Abendrothe hatten aufſteigende Wolken bedeckt. Eine truͤbe regnigte Daͤmme⸗ rung lag auf den Uſern. Der Strom ging hoch, und regte ſich mit unterirdiſchem, fuͤrchterlichem Brauſen.— Da ſah ſie am entfernten gegenſei⸗ tigen Ufer ein kleines Fahrzeug mit den Wellen fämplen. Sie klog um ihren Bruder zu holen, 80 —— f und zeigte ihm den traurigen Anblick. D Gott, ⸗ mein Bruder, ſagte ſie, wer weiß, welch armer Fremdling dort ſich unſerm wilden Strome an⸗ vertraut hat, deſſen Gefahren er nicht kennt! 3 Und kaum hatte ſie dieſe Worte geſprochen, als ein Wirbel das Fahrzeug faßte, es nieder⸗ ſchleuderte und den ungluͤcklichen Ruderer in die ſchlagenden Fluten ſtuͤrzte.— Bei dieſem Anblick eilten die Geſchwiſter den Rachen loszubinden, um mit vereinten Kraͤften auf dem ihnen bekanntern Elemente dem ungluck⸗ lichen Hülfe zu bringen. Sie kamen bei ihm an als er, eben unterſinkend, zum letzten Male ſich empor arbeitete, und ſie nun deutlich ſein Ge⸗ ſicht ſehen konnten.— D Gott im Himmel, es iſt Johannes! riefen Bruder und Schwe⸗ ſter.— Beide faßten nach ſeinen emporſtreben⸗ † den Haͤnden,— und— glucklich gelang es ihnen, den Halbentſeelten in den Rachen zu zie⸗ hen.— Ais ſich aber nun beide mühten ihn aus dem Waſſer empor zu ziehn,— da fuhr auf einmal eine dunkle Hand aus der Flut herauf, und faßte nach Agathens entbloßtem Arm.— Das Madchen aber hatte einen der roſigen Jo⸗ hanniskraͤnze um ihren Arm geſchlungen behal⸗ ten, um ihn daheim an ihrem kleinen Fenſter aufzuhaͤngen; dieſen faßte die dunkle Geiſterhand, und riß ihn wild hinunter in die Tiefe.— Aga⸗ tha achtete es kaum, und waͤhrend ſie ſich unter tauſend Liebkoſungen mit dem erretteten Lieblinge veſchaͤftigte, riet ſie, fröhlich nach der Flut hinwinkend: Iſt dir an Blumen etwas gelegen, armer Stromgeiſt? auf ein kleines Blumenopfer zöͤmmt mirs nicht an! Nimm nur den Kranz als fuͤr Dich gewunden zum Loͤſegeld fuͤr den Geliebten.— und am andern Tage ſchloſſen die Lieben⸗ den, an dem Altar der kleinen Feldkapelle, wo ſie der rettenden Erſcheinung gewuͤrdigt worden war⸗ den frohen hochieitlichen Bund. Das iſt ihr Schutzgeiſt geweſen! ſagte NMa⸗. rie, der ſie im entſcheidenden Augenblick zum Strom gerufen hat.— Mir war es immer ein ſoßer Glaube, daß uns Gott unſichtbare Beglei⸗ — — 91 ter zugeſelle, die ſich ſchuͤtzend zu unſrer lichkeit herablaſſen? Gewiß!— ſagte Klara.— Sey es auch mit der dunkeln Geiſterhand in Deiner Geſchich⸗ te, wie es wolle, liebe Roſe!— ſo viel iſt ſicher nicht zu laͤugnen, daß uns zuweilen die himmliſchen Maͤchte einen Warnungswink geben, der uns retten kann, wenn wir ihm ſo vertrauen, wie hier die fromme, betende Schifferin that⸗ Und vavon weiß ich ſelbſt ein heilig wahres Bei⸗ ſpiel, nur daß damals nicht auf den Wink des Schutzengels ſo gluͤcklich geachtet worden iſt.— Meine Geſchichte iſt ein wenig traurig; wenn Ihr Euch davor nicht ſcheut?— O nein, erzaͤhle! riefen die Schweſiern, und Klara begann: In der Gegend, wo meine Mutter heimiſch iſt, liegt ein Dorfchen, in einem reizenden Ge⸗ birgsthale, nicht fern von dem großen koͤnigli⸗ chen Walde. Hier wohnen großtentheils arme Holzſchlaͤger. Einer von ihnen, Namens Leut⸗ hold, hatte ſich erſt vor kurzer Zeit mit einem Maͤdchen verheirathet, das er auf das Heißeſte „—— jiebte, und von ihr wieder ſo geliebt ward. Sie hatten kaum einige Wochen mit einander gelebt, als eines Morgens die junge Frau ihrem Manne mit Thraͤnen um den Hals fiel, und ihn be⸗ ſchwor, nur heute nicht mit in den Wald zu gehen! was fällt dir ein?— Wir haben heut die große Eiche zu faͤllen; da wurd' ich ſchön ankommen bei meinen Mitgeſellen, wenn ich gerade da nicht mitgehn wollte!—— D das iſt es ja eben!— rief Margaretha mit erhoͤhter Angſt,— eben die große Eiche, von 3 dieſer hat mir in dieſer Nacht ſo fürchterlich ge⸗ träumt!— Lch höre nur Leuthold! ich will es 1 dir erzaͤhlen!— Dabei zog ſie ihn liebkoſend ne⸗ 3 ben ſich auf einen Sitz, und immer ſeine Haͤnde feſt in den ihrigen haltend, fuhr ſie fort: Sieh, mir traͤumte, ich ſaͤhe Euch im Wal⸗ de, wie Ihr die Eiche fälltet; ſie kam— ich ſah mit Entſetzen wie ſie ſich auf die Seite lenkte, wo Du ſtandeſt; vergebens ſtrebt' ich, Dich mit der Liebes Herz, erwiederte Leuthold laͤchelnd⸗ angſt, die uns in Lräumen eigen iſt, hinweg zu winken;— Du gabſt nicht auf mich Achtz die Eiche kam, und— d Gott!— ich ſah wie ſie Dich im Fall erreichte!— Die Sinne ver⸗ Lingen mir.— Als ich mich erholte— Leut⸗ hold— da brachte man mir in ein weißes Tuch gehuͤllt Deinen zerſchmetterten Leichnam!— Sie brach bei dieſen Worten in neue Thrä⸗ nen aus.— Richt ohne innere Erſchuͤtterung hatte Leuthold dieſe Erzaͤhlung angehört; und eine geheime Stimme in ſeinem Herzen befahl ihm, dem Flehn der Liebenden zu folgen. Doch das Gefuͤhl, es ſey ſchimpflich, bei der leich⸗ tern Arbeit den Lohn zu theilen, und bei der ſchweren dann ſeine Gefährten zu verlaſſen, um als neuer Ehemann den Bitten ſeiner jungen Frau zu gehorchen, kam ihm ſo unertraͤglich vor, daß er jene warnende Stimme in ſeiner Bruſt mit Gewalt niederkaͤmpfte, ſeine Frau, unter zaͤrtlichen Umarmungen, beſchwor, ſich nicht mik ſolchen aberglaͤubiſchen Dingen zu quaͤlen, und jetzt als ſeine Gefaͤhrten an das Fenſter kamen, entſchloſſen mit ihnen ging.— Margaretha ſchluchzte leiſe.— Als er ſchon auf der Schwelle war, zog es ihn doch noch einmal zuruͤck; er wandte ſich nach ihr, druͤckte ſie noch einmal recht innig an das Herz, und— ging.— Als die Arbeiter an den Bergſtrom kamen, und eben in den Kahn ſieigen wollten um uͤber⸗ zufahren, ſagte Leuthold zu den Uebrigen, nach dem jenſeitigen waldbewachſenen ufer deutend: Seht, das iſt doch recht ſeltſam!— da druͤben am ufer!— Was denn? fragten die Andern. Nun ſeht Ihr ihn denn nicht? erwiederte Leuthold, den lichten Schatten jenſeits? Er wandelt immer hin und wieder und winkt als ob wir nicht uͤberfahren ſollten.— Die Andern ſahen nichts, und lachten uͤber Leutholds Einbildung wie ſie es nannten. Zu⸗ ruͤck geſcheucht durch ihren Spott ſtieg dieſer nun, in ſich gekehrt und ſchweigend, in den Kahn, und legte auch den uͤbrigen Weg in glei⸗ cher Stimmung zuruͤck.— Der lichte Schatten war verſchwunden.— Es ſoll ſein Schußgeiſ geweſen ſeyn.— Sie kamen nun auf den Platz, mitten im 95 ——— Walde; wo die alte ungeheure Eiche ſtand, gleichſam der Rieſe des Hains. Die Werkzeuge wurden angelegt, die Veſte kunſtreich mit den Augen gemeſſen, nach welcher Seite ihr Gewicht groͤßer ſey, und in welcher Richtung man ſie alſo ſchneiden muͤſſe.— Und die Arbeit begann. Schon die Beſchaͤftigung ſelbſt, noch mehr aber der Reiz, der immer in einer etwas hoͤhern, ſchwierigern Aufgabe bei einer gewohnten Arbeit diegt, zerſtreuten unwillkuͤrlich Leutholds Truͤb⸗ ſinn; er wurde wieder heiter wie gewohnlich, und jener finſtre Traum war endlich ganz ver⸗ geſſen. Jetzt war der ſtarke ungeheure Stamm durchſaͤgt, der Rieſe ſollte fallen.— Leuthold hatte ſeine ſchöne neue Saͤge auf die Seite ge⸗ legt, wohin die Eiche nicht fallen ſollte.— Allein man hatte das Gewicht der Zweige doch nicht richtig berechnet; ſie ſchwankte, erhielt das Uebergewicht, und neigte ſich jetzt heftig auf die Seite, auf der die Saͤge lag.— Dem armen uthold war dies ſchöͤne Werkzeug ſchon ein ſchtiges Beſitzthum; mit Schrecken ſah er, wie 2 die Eiche es jetzt zertrůmmern werde, und vhnt ſich zu bedenken ſprang er ſchnell hinzu, um noch im Fluge die Saͤge wegzureißen. um Gotteswillen! die Eiche kömmt!— ſchrieen die Andern.— Es war zu ſpaͤt! im Augenblick als ſich der Ungluͤckliche niederbeugte die Saͤge zu erfaſſen, holte ihn die immer ſchnel⸗ ler ſtuͤrzende Eiche ein, und krachte, dumpf, zerſchmetternd auf ihn nieder.— Die arme Margaretha hatte indeß den Tag in namenloſer Unruhe bei einer Rachbarin, einer rechtſchaffnen, erfahrnen Alten zugebracht, die ihr Troſt zuzuſprechen ſuchte. Die junge Frau hoͤrte dankbar gefaͤllig zu, allein heimlich die Haͤnde ringend trat ſie doch oft ans Fenſter, das nach dem Strome ging.— Der Abend kam her⸗ an.— Da ſah Margaretha die Gefaͤhrten ihres Leuthold uͤberfahren,— ihn aber nicht mit ihnen;— und— wehe!— Wie ſie es im Traum geſehen hatte, ſo brachte man ihr in ein weißes Tuch geſchlagen des armen Gatten ganz zerſchmetterten Leichnam.— Erſchuͤttert hatten die Maͤdchen die Ges ————————— ˖— Ick ſag der kan der we lick ha ihr tre der wi vo zu ih ni ſt ſchichtt des unglücklichen jmigen Paars gehoͤrt.— Ich weiß Euch auch eine Geſchichte zu erzaͤhlen, ſagte Maria nach einigem Schweigen, zwar wie⸗ der andrer Art, allein von der ich ebenfalls ſagen kann, daß ſie ganz heilig wahr iſt, und die auch den geheimnißvollen Zuſammenhang der Geiſter⸗ welt mit unſrer irdiſchen beweiſt.— Ihr wißt, ich war oft auf dem Schloſſe bei unſrer treff⸗ lichen verſtorbenen Gräfin; ſie liebte mich, und hatte mich zum Theil erzogen. Nicht lang vor ihrem Tode ſagte ſie einſt in einer recht ver⸗ trauten Stunde zu mir: Mein gutes Kind, der Uebergang in jenes dunkle unbekannte Land wird mir recht leicht werden, da mir ſchon von dorther ein freundlicher, ſichtbarer Wink zugekommen iſt⸗ Sie theilte mir darauf ein Ereigniß aus ihren fruͤhern Ingendjahren mit, das mich in⸗ nig bewegte.— Euch, meinen treuen Schwe⸗ ſtern, darf ich es ja in dieſer ſtillen Stunde wohl entdecken, ohne daß mir der ſelige Geiſt, der ja nun dort am Ziele aller Sehnſucht, und ſ2 7 jenſeit anes menſchlichen Irrthums iſt, deshalb zuͤrnen ſollte.— Von erſter Kindheit an war die Graͤfin mit einem jungen Vetter in herzlicher, beinah geſchwiſterlicher Zaͤrtlichkeit aufgewachſen. Ihr Vater hatte den Aelternloſen in ſein Haus ge⸗ nommen und ihn mit freigebiger Großmuth ſei⸗ nem Stande gemäß erziechen laſſen. Lang glaubte die Gräfin in dem liebenswurdigen Ju⸗ lius einen Bruder zu lieben, und als die⸗ ſer Irrthum ſchwand, auch für den emporwach⸗ ſenden Juͤngling blieb ihr Gefuͤhl immer in die⸗ ſen ruhig ſichern Graͤnzen. Bei Julius aber verwandelte ſich die fruͤher gewohnte Zaͤrtlich⸗ keit in die heftigſte Leidenſchaft. Doch er er⸗ wog ſeine geringen Gluͤcksumſtaͤnde und hielt es daher fuͤr den groͤßten Undank gegen ſeinen trefflichen Wohlthaͤter, wenn er auf den theu⸗ erſten Schatz des ſchon alternden Vaters An⸗ ſpruͤche machen wolle. Auch fuͤhlte er wohl nur zu bald, daß die Art ſeiner Empfindung nicht von der fröhlichen Emilie getheilt wer⸗ de.— Und ſo beſchloß er, was es ihm auch * koſtet bekaͤ Herz er ir Mee er j faßt mit woh Doc Deit vorq ſterb meit vor ſo1 lost des zu Em 99 halb koſten moͤge, ſein tiefes Gefuͤhl maͤnnlich zu bekaͤmpfen, und keinen Blick in ſein gluͤckloſes afin Herz dringen zu laſſen. nah Durch zufaͤllige Familienverhaͤltniſſe kam Ihr er in fremde Kriegsdienſte, die ihn, weit uͤbers ge⸗ Meer, in einen andern Welttheil führten. Als ſei⸗ er jetzt von Emilien Abſchied nehmen ſollte, 1 ang faßte er bewegt ihre Hand, und ſagte, ihr 1 Ju⸗ nmit feuchtem Blick ins Auge ſehend; Lebe 1 di⸗ wohl Emilie! Sey glucklich ohne mich!— 1 ch Doch— wenn ich todt bin,— dann ſchenke die⸗ Deinem Freunde eine Thraͤne! ber Julius, ſagte Emilie bewegt und mit her⸗ ich⸗ vorguellenden Thraͤnen,— o Du darfſt nicht er⸗ ſ ſerben!— Du mußt noch lange leben, zu 1 ielt meiner und noch vieler andern Menſchen Freude⸗ 1 nen Doch! doch!— ſagte Julius wehmuͤthig, eu⸗ 8 vor ſich niederblickend,— aber wenn ich ſterbe, An⸗ ſo wird ſich meine Serle nicht von der Erde 1 ohl rosreißen koͤnnen, ohne Dir noch im Augenblick n des Scheidens ein Zeichen ihrer Liebe gegeben er⸗ zu haben!—— Lebe wohl, theure, theure ich Emilie! und denk an dieſes Wort! 100 — Wohl dachte Emilie nach ſeiner Abreiſe noch oft mit Herzlichkeit und Wehmuth, wohl auch mit Sehnſucht an ihn, den freundlichen Geſpielen ihrer Jugend, indeſſen trat doch nach und nach ſein Bild in die Daͤmmerung der Vergangenheit zuruͤck; und die Gegenwart bot der glaͤnzend aufgebluͤhten dagegen ihre voliſten Freuden. Ihr Stand beſtimmte ſie fuͤr das Leben der großen Welt, und dieſe mag wohl leicht in ihrem ruheloſen Wirbel die zarten, duf⸗ tigen Erinnerungen verwehen. Mehrere Jahre waren verfloſſen; Emilie gab jetzt, nach dem Wunſche ihres Vaters, einem ihren Vorzuͤgen vollkommen angemeßnen Gatten ihre Hand, ſie lebte heiter, ob gleich nicht mit Leidenſchaft liebend. Im zweiten Jahre ihrer Ehe kam ſie mit einem Sohne nieder, der einige Monate alt ſeyn konnte, als ſie in einer der ſchlafloſen Raäͤchte, welche ihr eine ſchwere Niederkunft zur Folge gelaſſen hatte, aufrecht auf ihrem Lager ſaß; ſie war allein; nur die Wiege ihres ruhig ſchlummernden Kindes ſtand neben ihr; und einſa che leis ſanft und here kanr bleie ſelig Nut ſche ſchn laͤch ob und diet Se me reg zei 101 breiſe und freundlicher Kerzenſchein durchleuchtete den wohl „ lichen nach der t bot Uiſten das wohl duf⸗ milie ters, 6nen leich mit alt oſen unft rem rs hr; einſamen Raum. Da ſah ſie wie die ſeidnen Gardinen, wel⸗ che die Glasthuͤre verhingen, ſich auf einmal leis zu bewegen ſchienen, gleich als ob ſie ein ſanftes Luͤftchen hin und wieder wehe;— und— in dem Augenblick ſchwebte eine Geſtalt herein, die ihrem Herzen,— ach, nur zu be⸗ kaunt war!— Julius war es; zwar etwas bleich, doch noch ganz mit ſeiner ſanften hold⸗ ſeligen Miene, wie ſie ihn ſonſt geſehen hatte. Rur ſchien noch etwas Herrlicheres, Ueberirdi⸗ ſches ſein ganzes Weſen zu umgeben.— Er ſchwebte auf ſie zu, und blickte ſie wehmuͤthig lächelnd an, machte dann eine Bewegung als ob er das ſchlummernde Kind ſegnen wolle, und zerftoß vor ihren ſtaunenden Augen in Luft. Für eine Taͤuſchung ihrer Sinne hielt ſie dieſe Erſcheinung, doch war dadurch in ihrer Seele die Erinnerung an den guten⸗ noch im⸗ mer theuern Jugendfreund ſchmerzhaft aufge⸗ regt worden, und mit ahnungsvoller Trauer zeſchnete ſie ſich am andern Morgen den Tag —=— 102 und die Stunde der Erſcheinung auf.— Ein Vierteljahr ſpaͤter kam die Nachricht aus dem fernen Welttheil an ihren Vater, daß Julius dort in einer großen Schlacht todtlich verwun⸗ det worden und darauf in derſelben Nacht und zu derſelben Stunde verſchieden ſey, in welcher Emilien ſein bleiches Schattenbild erſchienen war.— Die Hoͤrerinnen ſchwiegen eine Weile von Wehmuth und Mitleid bewegt; und Maria fuͤgte noch hinzu: Er war nun in ein noch ent⸗ fernteres Land gegangen!—— und ihrer ſil⸗ len Sehnſucht muß wohl der Tod ein will⸗ kommner Vote geweſen ſeyn.— Ein ſeliger Ge⸗ danke, daß endlich doch dort getrennte un⸗ gluckliche Ltebe nicht mehr leidet!— Marie, ſagte Roſe, dieſe Geſchichte iſt ja beinahe ganz das Gegenſtück zu dem ſanften traurigen Liede, welches Du neulich ſangſt! o ich bitte Dich, liebſie eriet ſing es jetzt noch einmal! Wenn es Euch Freude macht; erwiederte Marie mit einem unterdruͤckten Seufzer. te, 103 O ja! bat Klara, die es noch nicht kann⸗ Ein dem! te, und Marie, ſich uͤberwindend, ſang: 3 ulius wun⸗ Schlaftos warf ſich auf den ſeidnen Kiſſen 1 i Wendlin in dem ſchoͤnen Schloß am Rhein⸗ Denn die wachen Schlangen im Gewiſſen 1 elcher Ließen nicht ihn träumend glucklich ſeyn. 3 enen War durch Meineid nicht das Schloß errungen 3 Und mit ihm der reichen Graͤſin Hand? 56 Von der Neuvermaͤhlten hold umſchlungen⸗ 1 Mahnt' ihn doch ein fruh'res Liebesband. 1 Laria ⸗ Wohl vernommen hatt' er aus der Ferne, ent⸗ Wie der Gram der Treuen Hers durchwuͤhlt, 1 ſtil⸗ Ungewiß ob noch auf unſeri Sterne Ihren Geiſt der ſchoͤne Körper ielt. will⸗ Ihren Geil ſchoͤne Körper h Ge⸗ Tag' und Monden ſind dahin geſchwunden, Für die Neuvermaͤhiten voll von Pracht, ſ un⸗ Aber Ruhe hatt' er nie gefunden, Wachend nicht, und nicht im Traum der Nacht⸗ ſt ja Als auf einmal naͤchtlich die Gardine ften Leffnet eine leiſe kalte Hand, Und der Geiſt der armen Idaline 11 Blaß im Leichenſchleier vor ihmſtand. noch 151 Vebe nicht wenn ich der Gruft entſcwebe⸗ Sprach ſie, wenn mein Wunſch das Grab durchbricht⸗ erte Du wein ehmals Heißgeliebter⸗ bebe Vor dem Nah'n der armen Freundin nicht! 104 Richt im Zorn erſchein' ich, nicht Verderben Bring ich Deinem neuen Gluͤck voll Haß, Konnt' ich auch aus Liebe für Dich ſterben, Dir zu ſluchen, nie vermocht' ich das. Fruͤhe zwar hat aus dem ſchoͤnen Leben Mich verdrängt der uͤbermaͤcht'ge Schmerz; Doch der Himmel hat mir Kraft gegeben, Daß geduldig ausgeharrt mein Herz. Uud nun wohn' ich in den Lichtgebieten, In des Fruͤhlings und des Friedens Land; Wo mir lächeln all die ſelgen Blüthen, Die ich nicht auf dieſer Erde fand. Dorther komm' ich, Frieden Dir zu bringen, Da ſo tiefe Qual Deih Herz durchglüht; Lindrung Dir zu wehn auf Vetherſchwingen, Die, zu dem noch jetzt mich Liebe zieht. Sie verſchwand. Der Frieden war gekommen Mit dem Gruß in ſein zerrißnes Herz; Und die ſchwere Schuld hinweg genommen Burch der heißen Reue Flammenſchmerz. Aber Leben war nun nicht auf Erden Mehr fuͤr ihn; Er ſprach zur Gattin mild, Mag ein beßres Gluͤck dir kuͤnftig werden, Edle Freundin ubch im Lenzgeſild. odesſehnſucht hab' einmal getrunten Aus des ſanften Engels Friedensblick, Hält nun nichts mehr meines Lebens Funken In der ausgegſuͤhten Bruſt zuruͤck.— ——————————————————— ———.—— Und ſo ſchwebte die befreite Seele Sanft hinüͤber ins Verſohnungsland.— Eine Nachtigall mit weicher Kehle Klagt' am Grab des Lebens Unbeſtand. Marie hatte mit hoͤchſter Anſtrengung ge⸗ ſungen; ihre Stimme zitterte beim Ende die⸗ ſes Lieds, und Thraͤnen drangen leis aus ihren ſanften ſtill beſeelten Augen. Die Schweſtern ſchloſſen ſie in ihre Arme—— da rauſchten plotzlich die ftͤſternden Eſchen noch ſtaͤrker, als bewege ſie der Wind, und hervor ſprangen Roſens und Klarens erwartete Freunde.— Anſelm! Heinrich! riefen die frendig Ueber⸗ raſchten. Die Juͤnglinge eilten auf die Maͤd⸗ chen zu, und ſchlangen friſche, duftende Ge⸗ winde der herrlichſten Johannisblumen um ſie her, die ſie, die Sprechenden belauſchend, fuͤr dieſe gewunden hatten. Sie ſangen dazu mit froöhlicher Stimme:* Sehrt aus dunkler Träume Lande, Kehrt zur Wirklichkeit zuruͤck! Seht, Euch feſſeln Blumenbande? Euch erwarten Lieb' und Gluͤck! — Roſe und Klara dankten unter freudigen Liebkoſungen, ob ſie ſchon ein wenig auf die unberufnen Lauſcher ſchalten. durch Th Marie ſchlug raͤnen laͤchelnd die holden Augen auf, und ſuchte ſich am Anblicke fremden Gluͤcks ge⸗ gen den eignen Schmerz zu ſtaͤrken.— Und Du, holde Marie, fing der fröhliche Anſelm an, haͤngſt Du denn immer noch an Deinem dunkeln Schattenbilde? wenn Raimund todt oder treulos iſt, was hilft Dir dann ſein leerer Schatten? Anſelm, ſagte Marie, dein Scherz iſt nicht freundlich. Er ſcherzt nicht! ſagte Heinrich. Es iſt in der That Schade um Dich, daß Du Dich ſo fruchtlos verzehrſt; wir fanden heut einen recht ſtattlichen Jüngling, der eben ein ſolches Maͤdchen wuͤnſcht wie Du biſt. Er wagte nur noch nicht ſich Dir ſelbſt vorzuſtellen, wir ſollten Dich ein wenig vorbereiten. Iſt es wahr, Heinrich? Anſelm? fragten Klara und Roſe theilnehmend. Gewiß— erwiederten die Beiden einſtim⸗ * ———— e E d —,—— —— 107 ————— mig.— Er iſt ganz nahe, und will Dich ſelbſt um Dein Herz bitten. O liebſte Marie! riefen die Maͤdchen in der erſten freudigen Sehnſucht auch ihre Freun⸗ din gluͤcklich zu ſehen— OD Gott! ſagte Marie ſchmerzlich, Spott durfte ich nicht von Euch erwarten, meine Freunde; und iſt es Ernſt, ſo kennt Ihr mich nicht, wenn Ihr glaubt, daß mir ein neues Band ein ewig unvergeßliches erſetzen koͤnnte. Nun, ſehen kannſt Du ihn doch wohl! meinten die Junglinge, und waren auch ſogleich windſchnell zuruͤck geeilt in die fluͤſternden Eſchen.— Aengſtlich hob Marie das ſchwere Waſſergefaͤß vom Brunnen, und draͤngte die Freundinnen zur Heimkehr.— Allein— in dieſem Augenblicke kamen die Juͤnglinge ſchon wieder zuruͤck,— einen Dritten in ihrer Mitte fuͤhrend, der uͤber Beide hervorſtrahlte, wie die Roſe uͤber die einfachen Cyanen in den Jo⸗ hanniskraͤnzen.— Der Mond war eben her⸗ vorgetreten und beleuchtete den ſchlanken Juͤng⸗ ling im blanken kriegeriſchen Schmucke⸗ —— — 108 Raimund!— klang es vom Munde ber uͤberraſchten Klara und Roſe; und Maria ſchwankte zuruͤck den Juͤngling ſchwindelnd an⸗ blickend.— Marie! meine theuerſte Marie! rief dieſer und ſchloß die Bebende in ſeine Arme.— Verwundert und entzuͤckt blickten die Schweſtern auf das Gluͤck der guten, freund⸗ lichen Marie, deren ſtiler Gram ihnen die eigne Freude oft getruͤbt hatte. Raimunds Geſtalt hatte ſich ſchoͤner ausgebildet, und der Schmuck einer hoͤhern kriegeriſchen Wuͤrde zier⸗ te ihn. 0 mein treues, geliebtes Maͤdchen, rieß er, Du hielteſt mich alſo fuͤr untreu, und woll⸗ teſt mir doch Deine Treue bewahren? Glaube mir, nie vergaß auch ich einen Augenblick unſre Liebe! Nur Umſtaͤnde, die ich Dir ſpaͤterhin erklaͤren werde, haben mich ſelbſt und alle Rach⸗ richten von mir zurüͤckgehalten. Doch mein Herz war ewig bei Dir, meine ſuͤße Marie! Und immer wechſelnd blickte er ihr in die holden Augen, und ſchloß ſie wieder um ſo in⸗ niger ans Herz. ſ 100 Gute Marie, ſagte Klarn, Du freuteſt Dich vorhin ſo ſehr in dem Gedanken, daß Gott uns einen unſichtbaren Schutzengel zuge⸗ ſelle. Er gab ihn Dir nun wohl in der ge⸗ liebten, ſichtbaren Geſtalt! Die Andern mahnten endlich an die Heim⸗ kehr; ſie nahmen die geliebten Wiedervereinig⸗ ten in ihre Mitte, und fuͤhrten unter jubelnden Geſaͤngen ſie dem ſtillen, heimiſchen Doͤrfchen zu. Die muntre Roſe ſang zuerſt, und rief den Baͤumen, Abſchied nehmend, zu: Luft'ge Eſchen! dunkle Buchen! Seyd nun ewig uns geweiht! Was der Blick nicht wagt zu ſuchen, Geht aus Eurer Dunkelheit. Freundin, nicht blos Mondenſtrahlen Barg der dunkle Blaͤtterflor; Wonne nach der Sehnſucht Qualen Brach mit ſuͤßem Glanz hervor! Die Juͤnglinge fielen ein: Schoͤner nach der Trennung Bangen Lacht das frohe Wiederſehn! Was ſich wahr in Lieb' umfangen Wird in feſter Tren beſtehn⸗ des ihrer alſo: 10 Aber Klara— als ſie ſchon am Eingange Dorfchens waren, reichte innig bewegt Freundin Marie die Hand und beſchloß Selbſt vergeſſend gabſt du, Treue, Warm nur unſerm Gluck Dich hin! So bewaͤhrt ſich ſchoͤn aufs neue Jener großen Wahrheit Sinn: Waͤhrend Freundes Gluͤck zu ſehen, Sich ein edles Herz erfreut, Steigt ihm ſchon von lichten Hoͤhen Still die eigne Seligkeit. Erſter Brief. Carl von Schimmerfeld an Otto von Leringen⸗ Du glaubſt mich wahrſcheinlich ſchon an dem Ziele meiner Reiſe, in dem romantiſchen Lich⸗ tenſtein angelangt, mein guter Otto; ich aber muß dir ſagen, daß mich ein kleines Abenteuer noch in ziemlicher Entfernung davon, hier in Gruͤnhof, einem niedlichen Staͤdtchen feſigehal⸗ ten hat, und daß ich auch noch einige Tage hier zu bleiben gedenke. Du fragſt mich, wel⸗ ches dieß ſey? und ich antworte dir mit wenig Worten, es heißt: Meine artige Kouſine, die huͤbſche Nanette! von der ich dir ſchon einmal erzaͤhlt habe. Sie iſt ſeit meinem Beſuch vor zwei Jahren, wo ich ſie nicht geſehen habe und wo ſie noch halb Kind war, uͤberraſchend huͤb⸗ ſcher geworden, bluͤhender, voller, und ihr leh⸗ haftes, naives Weſen macht ſie allerliebſt. 8 ————— Du ſtaunſt? du glaubſt doch nicht etwa, ich habe Lichtenſtein und die lichten Augen der ſchoͤnen Graͤfin Iſidore uͤber Gruͤnhof vergeſſen? Nein, mein Lieber, da irrſt du ſehr. Mit ihr koͤmmt nun wohl mein artiges Kouſinchen nicht in Vergleichung, denn wenn ich auch alle die glaͤnzenden Vortheile, die mir eine ſo reiche Ver⸗ vindung darbietet, gar nicht in Anſchlag brin⸗ gen will, ſo wuͤrde mir doch, ohne Heuchelei geſagt,— Iſidorens hohe Schoͤnheit immer als ein hoͤchſt wuͤnſchenswerthes Gut erſchei⸗ nen. Aber ſage ſelbſt, verdiente man wohl jemals in den Cirkeln der großen Welt gelebt zu haben, verdiente man Hofjunker zu ſeyn, wenn man nicht ſolch ein kleines Abenteuer ne⸗ benbei auf dem Wege zu einem großen Ziele gluͤcklich mi? beſtehen wollte? Aufrichtig zu be⸗ kennen, iſt es nicht ſowohl Neigung fuͤr Na⸗ netten, als ein ſehr angenehmes Spiel fuͤr das, was man—— erlaubtes Selbſitgefuͤhl, oder wohl auch, mit dem unhoflichern Ausdruck—— Eigenliebe nennt, was mich hier aufhaͤlt; du mußt wiſſen, ich habe einen hoͤchſt zaͤrtlichen, mit hob viel flut um Gle uͤb hůͤt wit dat fur ſas bei lie kel lei ſti ſc ri wa, der ſen? ihr nicht die Ver⸗ rin⸗ helei mer chei⸗ vohl elebt eyn, ne⸗ Ziele be⸗ Na⸗ das, oder du hen, .———.————— 1¹⁵ ———= und hoͤchſt ehrerbietig ſchmachtenden Seladon mit wenig Kraftaufwand aus dem Sattel ge⸗ hoben! Es iſt einer von den Feuerkopfen, oder vielmehr Feuerherzen, die bei ihrem erſten Aus⸗ flug in die Welt Alles mit ihrer Schwaͤrmerei umfaſſen, und das innere Chaos von Glut und Glanz und Leben auf alle aͤußere Gegenſtaͤnde bertragen. Wahrhaftig, Nanette iſt ein recht huͤbſches Maädchen, recht artig und ergoͤtzend; wie man aber in ihr ein Weſen ſehen kann, das man mit ſolcher Schuͤchternheit und Ehr⸗ furcht, mit ſolcher Anbetung moͤcht' ich beinahe ſagen, lieben muß, nein das begreif' ich doch bei meiner Ehre nicht!— dabei iſt der ver⸗ liebte Ritter ſehr verſchloſſen und in ſich ge⸗ kehrt, und ſcheint meine Ueberlegenheit zu fuͤh⸗ len und zu fuͤrchten, was denn zu tauſend lu⸗ ſtigen Scenen Veranlaſſung gibt.— Ueberle⸗ genheit, verzeihe mir den ſtolzen Ausdruck! und ſchließe nicht daraus, daß mein Triumph ge⸗ ringfuͤgig ſeyon. Wilheim von Tiefenbach iſt wirklich eine intereſſante Figur; und beſonders ſeine ſchoͤnen ſprechenden ſchwarzen Augen wuͤr⸗ 8* ————————— — ** —— 2 3——————.——— .————————— — S den nicht verfehlen bei den Damen unſrer Re⸗ ſidenz ihr Gluͤck zu machen;— und democh?— wirſt du fragen— und dennoch, Lieber, fehlt ihm der Talisman, wodurch Leute unſres Schlags von jeher bei den Weibern uͤber ſei⸗ nes Gleichen ſiegten: Weltton, feine Sitten, Witz und Gegenwart des Geiſtes, wo es einen Vortheil gilt. Seine traurige Erziehung mag wohl viel dazu beigetragen haben. Auf einem einſamen Felſenſchloſſe, bei einem alten, finſtern Oheim hat er ſeine erſte Jugend verlebt, denn ſeine Aeltern ſind ihm fruͤh geſtorben. Spaͤter hat er zwar auf der Bergakademie ſtudirt, allein, ich glaube, nur um ſich ſeinen Gnomencharak⸗ ter noch mehr anzueignen. Jetzt, nach dem Tode ſeines Oheims, reiſt er nun auf ſein Ad⸗ lerneſt zuruͤck, wie es ſcheint, mit nichts Ge⸗ ringerm beſchaͤftigt als mit dem Plane ſeine Bauern gluͤcklich zu machen. Zu ſeinem Un⸗ gluͤck hat er letzthin Nanetten in B. kennen lernen, wo ſie einige Zeit bei ihren Verwand⸗ ten zum Beſuch geweſen iſt; und Nanette, jun gen nig ſini ger M zu tre che eir we Re⸗ 2 fehlt nſres ſei⸗ tten, einen viel men heim ſeine hat llein, arak⸗ dem Ad⸗ Ge⸗ ſeine Un⸗ nnen and⸗ ette, 117 wahrſcheinlich wie die mehrſten, kleinſtaͤdtiſchen⸗ jungen Maͤdchen, entzuckt uͤber die etwas un⸗ gewohnte Eroberung, mochte ihn wohl ein we⸗ nig entgegenkommend behandelt haben, und ſo ſind denn ihre Reize ſo beunruhigend fuͤr ihn geworden, daß er jetzt eine Reiſe von zwanzig Meilen gemacht hat, um ſeine Schoͤne wieder zu ſehen. Und gerade zu welchem fatalen Zeitpunkte traf er ein! nicht allein faſt mit mir zu glei⸗ cher Zeit, ſondern auch gerade an dem Tage einer gläͤnzenden Fete im Hauſe meiner Ver⸗ wandten. Die kleinſtaͤdtiſche große Welt ſucht ſich naͤmlich von Zeit zu Zeit in ſolchen Feſt⸗ lichkeiten zu uͤbertreffen; hauptſaͤchlich um den benachbarten Gutsbeſitzern, die großtentheils nur auf einige Wochen aus der Reſidenz ge⸗ kommen waren, zu zeigen, daß hinter den Ber⸗ gen auch Leute wohnen, die Diners und Sou⸗ pers gehoͤrig zu erwiedern verſtehen. Solche Ehrentage ſcheinen mir aber wahre Pruͤfungs⸗ tage, beſonders fuͤr die guten Gaſtgeber ſelbſt zu ſeyn, die in einem immerwaͤhrenden Parvxis⸗ ———— —————— —— mus hin und wieder laufen, aͤngſtlich auf die Mienen der Gaͤſte lauſchen, ob ihnen Dieß oder Jenes ſchmecke? und Entſchuldigungen herſtammeln, wo keine noͤthig ſind. Denke dir nun, ob wohl, gerade bei einer ſoſchen Gele— genheit, die Ankunft des eleganten Vetters aus der Reſidenz eine unwillkommne Erſcheinung war. Der Kouſin! der Kouſin! ſcholl es durchs ganze Haus; die kleinen Bruͤder Nanettens fuͤhrten mich gleichſam im Triumphe zur Ge⸗ ſellſchaft; Vater und Mutter empfingen mich erfreut, und praäſentirten mich mit einer Art von froͤhlichem Stolz den Uebrigen. deine Kouſine, die recht niedlich,—— wiewohl ein wenig geſchmacklos angezogen war,— er⸗ roͤthete, als ſie mich ſah, und alle drei ſchienen eine Art von Succurs von mir zu erwarten; die jungen Elegants ſchienen ihre ſchon bekann⸗ ten Stadt⸗Damen Nanetten ziemlich vorgezo⸗ gen zu haben; ich ſuchte ſie als ein treuer Vetter zu entſchaͤdigen, und das um ſo auf⸗ richtiger, als ſie um ein gutes Theil huͤbſcher iſt als dieſe. )2 +———— 119 — In dieſem Augenblicke ging die Thuͤr auf, und ein Fremder, eben dieſer beklagenswerthe Tiefenbach, ward von einem ungeſchickten Be⸗ dienten des Hauſes, wie es ſchien wider ſeinen Willen, in den Saal hereingeſchoben. War es nun die Ueberraſchung, Nanettens Anblick, oder ſein Zuſtand, was ihn in eine augenblickliche Verlegenheit ſetzte ⸗ ich weiß es ſelbſt nicht; ge⸗ nug er ward wie mit Blut uͤbergoſſen, und blieb einige Minuten ſprachlos ſtehen. Unfer aller Augen richteten ſich auf ihn. Endlich wagte er es, nach einer Begruͤßung der Ge⸗ ſellſchaft, ſich bei Nanettens Aeltern auf ſeine Bekanntſchaft mit ihrer Tochter zu berufen, und ſich dieſer gleichſam als ſeiner Beſchuͤtze⸗ rin, ehrerbietig zu nahen. Die Blicke der Staͤd⸗ tirinnen lenkten ſich nun verwundernd mit einem halb ſpoͤttiſchen Lächeln auf meine Kouſines dieß war ſein erſier Nachtheil bei Nanetten, die gewohnt war⸗ dieſe als die nachahmungswuͤrdi⸗ gen Richterinnen des guten Geſchmacks zu be⸗ trachten. Meine ſcherzhafte Stimmung, viel⸗ leicht auch eine kleine Anwandlung von Eifer⸗ e . ſucht, da ich von ſeinen Anſpruͤchen hoͤrte, machte mich geneigt, mit ihm in die Schran⸗ ken zu treten. Wie, mein Fraͤulein?— ſagt⸗ ich blos zu Nanetten, aber mit einer Miene, als ob ich hinzuſetzen wollte: Einen ſo ſchlech⸗ ten Geſchmack haben Sie? Sie ward hochroth, und wußte in der erſten Minute nicht, ob ſie ihren ungluͤcklichen Verehrer anerkennen, oder verlaͤugnen ſolte? Dieß vermehrte natuͤrlich ſeine Verlegenheit, und geſellte ihr bald einen merklichen Trubſinn bei. Es wurde getanzt; Tiefenbach war nicht zu bewegen mit zu tanzen; ſey es aus Unge⸗ ſchicklichkeit, oder aus Eigenſinn, wie es mir beinahe vorkam. Er ſtand melancholiſch in ein Fenſter gelehnt; du kannſt dir denken, daß ich mein Moͤglichſtes that, um eben dießmal recht gut zu tanzen. Mit einem Worte: Alles ver⸗ 3 einigte ſich, mir den Sieg zu verſchaffen und 18 ein Heldenſtuͤck zu vollenden, das ganz deines . Freundes wuͤrdig iſ. 1—.—— — — —— rte, n⸗ gt ne, ch⸗ 11 Zweiter Brief. Triumph! ich habe das Schlachtfeld be⸗ hauptet! Tiefenbach iſt abgereiſt. Er konnte ſein Schickſal hier nicht laͤnger ertragen, und uͤberließ mir das Feld. Ich bin nun noch einige Tage hier geblieben; aber glaubſt du es wohl? es thut mir doch ſchon wieder leid, daß ich dem armen Teufel ſein Spiel verdorben habez er ſcheint ſie unbeſchreiblich geliebt zu haben⸗ und ſie haͤtte eine gute Partie mit ihm thun koͤnnen, denn er beſitzt anſehnliches Vermoͤgen und zeigte ſehr ernſtliche Abſichten. Was denn auch die Stimmung der Aeltern ſo wie Nanet⸗ tens ſelbſt, hoͤchlich veraͤndert hat, denn an mir ſcheinen ſie—— ſollte man es denken?— gerade das Gegentheil zu verſpüren!— Sie haͤtten nun gern wieder eingelenkt— allein, es war zu ſpaͤt, denn es ſcheint bei Tiefenbach alles verzweifelt tief zu gehen. Ernſt und trau⸗ rig nahm er Abſchied; man ſah es ihm beim arbeitete, nicht anders wie in ſeinen Bergwer⸗ ken. Es that mir wirklich von Grund der Seele weh, als ich ihn ſo zu Pferde ſteigen, und nun verſchwinden ſah, allein es war nicht mehr zu aͤndern. Er hat einen recht guten Reiteranſtand, und wird ſich nicht uͤbel aus⸗ nehmen, wenn er einmal als Berghauptmann auf ſtattlich hohem Roß an der Spitzt eines geſchmuͤckten Bergaufzugs erſcheinen wird! und vielleicht, wenn ihn dann Nanette ſaͤhe, ſie wuͤrde ihn nicht ſo geringſchätzig behandeln als jetzt.— Ich wollte doch, ich haͤtt' es nicht ge⸗ than! Hoͤre Otto, es iſt mit dem Leichtſinn wie mit dem Nachtwandeln, man darf die un⸗ ſinnigen Schritte nicht gewahr werden, die man gethan hat, ſonſt wird man ſchwindlich.— Ich will nun nicht weiter daran denken! wie⸗ der gut zu machen iſt es einmal nicht. Belei⸗ digungen laſſen ſich verguͤten, aber wenn ein Maͤdchen ſo entſchiedene Gleichgultigkeit, ja bei⸗ nahe Abneigung— beſonders in bedeutenden Abſchied ordentlich an, wie es in ſeiner Bruſt 123 Momenten gegen ihren Liebhaber gezeigt hat, als hier Nanette, wie laͤßt ſich das aus der gekraͤnkten Seele eines Mannes verwiſchen? Ich werde nun doch auch von hier abrei⸗ ſen. Ich muß doch meine ſchoͤne Geliebte end⸗ lich einmal ſehen. Und— aufrichtig geſagt,— ein wenig ennnyant iſt doch die artige Nanette. Dritter Brief. Graͤſin Iſidore von Lichtenſtein an ihre Freundin Thereſe. Ich ſchreibe Dir in einer ſeltſam bewegten Stimmung, meine gekiebte Thereſe; ſelbſt weiß ich nicht, iſt es Freude, iſt es Wehmuth, was mir das Herz erfuͤllt? Eben ſiand ich am Fen⸗ ſter und blickte von unſerm hohen Schloß hin⸗ unter in das zauberiſch vom Mond erhellte Thal; in ſchmelzender Beleuchtung treten die Birkenhaine zwiſchen den dunkeln Felſen her⸗ vor, an denen hin und wieder maleriſche Fich⸗ ten in die Hoͤhe ſteigen; allein das Spiel von ——— 124 Licht und Schatten hebt doch be Stelle wunderbar vor den übrige mir heute, ich geſteh' es Dir!— ſehr merk⸗ wuͤrdig geworden iſt. Der Walbbach ſprudelt daneben und Silberfunken beſtrenen ſeine ſchwaͤrzlichen Wellen, und die Felswand richtet ſich ſo glaͤnzend und ſtrack in die Hoͤhe, als wollte ſie ſich mir zum Denkmal jener reizend ſchmerzlichen Erinnerung weihen. Doch es draͤngt mich, ir, meine Ge⸗ liebte, Dir, treue Theilnehmerin an allen mei⸗ nen Leiden und Freuden, das Ereigniß in ſei⸗ ner erſten Farbenfriſche mitzutheilen, das meine Seele ſo ſeltſam bewegt. Schon ſeit mehreren Tagen auf den Spaziergaͤngen, die ich mit mei⸗ nen Verwandti tinnen zu machen pflege, hatten wir einen jungen Fremden bemerkt, der die Gegend durchſtreifte, wiewohl er uns ſt einer gewiſſen Scheu in einiger Ent zuweichen wußte. Ob es ein Jagdfreund war, welcher, bei einem unſrer Nachbarn zum Be⸗ ſuch, das Wild hier im Gebirg aufſuchte, oder ein Landſchaftmaler, der Jagd auf ſeine reizen⸗ ſonders eine n hervor, die ets mit fernung aus⸗ —————— „—„— yee— 5 —,ͤ—————————————— den Gegenden machte? auf beide ſchien der Ei⸗ genſinn zu paſſen, womit er uns vermied. Intereſſant kam er uns ſeit dem erſten Anblick vor, allein ihn naͤher zu betrachten, war mir erſt heute vorbehalten. Ich hatte dieſen Morgen allein eine klekne Wanderung ins Freie gemacht, wie ich oͤfter dieſen ſchoͤnen Vorzug des Landlebens benutze. Die Milde, die umwallende Fruͤhlingsfulle die⸗ ſes Morgens hakte mich unmerklich in lieblich wehmüthige Schwaͤrmerei verſenkt; betroffen bebte ich einige Schritte zuruͤck, als ich um die Felſenecke jenſeit des Waldbachs lenkte und nun jene intereſſante Geſtalt ganz dicht vor mir ſahl Eben an jener Felſenwand, die ich Dir vorhin beſchrieb, auf einem Felsſtuͤck ſitzend, ein Buch in der geſunkenen Hand, und ſeine Augen ſchwermuͤthig auf den ſchwarzen Strudel des Stroms gtrichtet, der dicht vor ſeinen Fuͤßen wirbelte. Er ſah mich nicht, ich konnte ihn daher deſto genauer betrachten;— und, The⸗ reſe, du weißt, wir haben beide in den glaͤn⸗ zenden Zirkeln der Hauptſiadt gelebt, ſage, ob ———————— ———————— 1²6 ——— mein Herz zu denjenigen gehoͤrt, die ſo leſchl von einer halbweg angenehmen Maͤnnergeſtalt eingenommen werden? und ſchließe, daß es kein gewoͤhnliches Aeußeres ſeyn muß, was dieſen Fremden auszeichnet. Ich will nicht ſa⸗ gen, daß er ſchoͤn zu nennen ſey; allein ein Ausdruck von Guͤte, von Tiefe des Gefuͤhls, und von einer reizend ſchwaͤrmeriſchen Schwer⸗ muth macht ihn ſo unausſprechlich anziehend, daß ich trotz aller Muͤhe, die ich mir gebe, die Zuge ſeines edeln Geſichts nicht aus dem Ge⸗ daͤchtniß bringen kann. Zugleich liegt ein An⸗ ſtrich von— Kindlichkeit moͤcht' ich ſagen,— bei allem ſchwermuthigen Ernſt auf ſeinen Zuͤgen. Doch Du wirſt lachen, daß ich, die ſonſt ſo liebeſcheue, Dir jetzt mit aller zaͤrtlichen Thorheit der Liebe die kleinſten Eigenthuͤmlich⸗ keiten ſeiner Geſtalt bezeichne! aber muß ich es nicht, wenn Du Dir ein wahres und leb⸗ haftes Bild von ihm entwerfen ſollſt?— Mit dem Ausdruck hoffnungsloſer Trauer ruhten ſeine Augen auf der grundloſen ſchwarzen Flut; und richteten ſich jetzt verloren nach der Seite „ icht talt es as ſa⸗ ein ls, er⸗ d, die ze⸗ n⸗ 1 wo ich ſtand. Er ſchlug ſie, mich erblickendy ſogleich wieder nieder, und ſuchte mir mit einer ſchuͤchternen Bewegung auszuweichen; da aber Strom und Felſen dieß unmöglich machten, ſö gruͤßte er mich durch eine ehrerbietige Verbeu⸗ gung, und ſagte mit ungewiſſer Stimmet Ich habe Verzeihung zu erbitten von den Gebietern dieſer reizenden Gegend, daß ich, ein Fremd⸗ ling, ſie ſchon ſeit mehreren Tagen zu meiner Freiſtatt waͤhlte!— Wahrſcheinlich haͤlt er mich fuͤr die Beſitzerin dieſer Landſchaft. Sie haben Dank verdient, erwiederte ich faſt eben ſo ſchuͤchtern als er, daß Sie ſie waͤhl⸗ ten.— Und moͤchte ſie Ihnen alle die Erheite⸗ rung gewaͤhren, die ich Ihnen von ganzer Seele wuͤnſche!— ſetzte ich etwas bedeutend mit in⸗ nigerem Tone hinzu. Er ſah mich etwas betroffen an, doch, wie es mir ſchien, nicht mißfaͤllig; ich wagte nichts weiter hinzuzufuͤgen, allein mit Schonung ſuchte ich etwas von ſeinen naͤhern Verhaͤltniſſen zu erforſchen, und erfuhr, daß er ein Edelmann aus einer entlegenen Gegend ſey; daß er nach 1 1 i 4 3 3 1 1 1 5 3 13 t 1 1 verweilt habe, angezogen von dem Reiz dieſer romantiſch ſchoͤnen Einſamkeit, und daß er ohne Plan und Vorſatz ſie auf unbeſtimmte Zeit zu ſeinem Aufenthalt gewaͤhlt. Welches dieß ungluͤckliche Ereigniß ſey? dieß wagte ich nicht zu fragen; allein, Thereſe, ich geſtehe Dir, es wuͤrde mich ſehr glucklich machen, wenn ich die Freundin dieſes Mannes werden koͤnnte!— wenn ſich dieſe Augen,— die ſehr ſchoͤn, wirklich, Thereſe, himmliſch ſchoͤn ſind!— vertrauend auf mich richteten, und er mir das unſelige Geheimniß anvertraute, das ſeine Jugendkraft ſichtbar zur Erde beugt! Vierter Brief. J5 5 O Thereſe! daß mir der Fremde intereß⸗ ſant war, dieß fühlt⸗ ich vom erſten Angen⸗ blicke, wo ich ihn ſah; daß ich ihn auch im hoͤchſten Grade achten muͤſſe, erfuhr ich durch B einem unglucklichen Ereigniß ſeines Lebens hier the ihn faͤl the mit bil ich un be hier ieſer hne eſe⸗ lich nes ſch en, te, 120 —— ſeine nähere Bekanntſchaft, und durch das vor⸗ theilhafte Urtheil, das auch mein Vormund, der ihn jetzt ebenfalls hat kennen lernen, uͤber ihn fallte; allein in welchem Grade er mir theuer iſt, dieß bin ich erſt ſeit der Ankunft des mir laͤngſt zugedachten Bräutgams, des einge⸗ bildeten Schimmerfeld, mir ganz bewußt gewor⸗ den. Du weißt, daß ich nie Reigung zu die⸗ ſem Vorſchlage hatte, allein jetzt vollends, wel⸗ che Vergleichung zwiſchen Carls geſuchten, ewig einfoͤrmigen Schmeicheleien, zwiſchen unbegraͤnz⸗ ter Selbſtgefaͤlligiet, die allenthalben nur zu kommen, zu ſehen und zu ſiegen meint, und des guten Wilhelm namenloſer ſelbſt vergeſſener An⸗ ſpruchloſigkeit, die ihn fuͤr ſeine Vorzuͤge gaͤnz⸗ lich blind, doch—— ſie um ſo unvergeßlicher in andrer Herzen macht!— Sein Geheimniß ſcheint eine ungluͤckliche, ich glaube faſt, eine verſchmaͤhte Liebe zum Grunde zu haben. Aber welches herzloſe Weſen unſers Geſchlechts hat dieß ſchoͤne, reiche, lie⸗ bende Gemuͤth von ſich ſtoßen können? Auch 9 — 130 ————— wenn ſein Aeußeres nicht halb ſo vortheilbft und einnehmend waͤre! Ich werde meinem Vormunde aufrichtig meine Geſinnungen erklaͤren; er wird nichts da⸗ gegen haben, um ſo weniger, da ich in einigen Wochen muͤndig und die unumſchraͤnkte Gebiete⸗ rin meiner Beſitzungen bin. Blos aus Fami⸗ lienruͤckſichten hat er Carls Werbung beguͤnſtigt; weil dieſer weitlaͤuftig verwandt mit mir iſt, und alle unſre Verwandten gern ſaͤhen, wenn mein Vermoͤgen in der Familie bliebe; um ſo mehr, da Carl nicht ſehr vermögend iſt. Dieſer um⸗ ſtand allein koͤnnte einiges Bedauern in mir er⸗ regen; es wuͤrde mir ſo ſüͤß ſeyn, einen Mann, der mich liebte, auch durch mein Vermogen glucklich machen zu koͤnnen! Wilhelm hingegen iſt nach der Verſicherung meines Vormunds, der ſeine Familienverhaͤltniſſe kennt, mehr reich als arm zu nennen.—— Aber was ſprech' ich hier für Unſinn! Wil⸗ helm? weiß ich ob er mich liebt?— Doch nein! Dir, meine Thereſe, kann ich unmöglich nur einen einzigen Gedanken, nur eine leiſe, ſuͤße „ — 28 tig da⸗ gen ete⸗ mi⸗ 8t; ind ein „ Hoffnung vorenthalten! Ja, ich glaube in ſei⸗ nen Augen einen Strahl von Liebe entdeckt zu haben! Vielleicht, vielleicht iſt mir's vergoͤnnt, dieß gute, ſchwer verletzte Herz zu heilen!— Und dieß iſt doch noch ſeliger als einen Guͤterar⸗ men reich zu machen. ——————FYHÜ“%Y§% Fuͤnfter Brief. Ich bin gluͤcklich hier angekommen auf dem Gute unſers Freundes Waldeck, eine Stunde vom Schloß Lichtenſtein, von wo ich meine Kriegsoperationen auf dort recht gut ſpielen laſ⸗ ſen kann, allein ich geſtehe Dir, Bruder, ich bin demohngeachtet in etwas verdruͤßlicher Stim⸗ mung. Der Himmel weiß, was mit Iſidoren vorgegangen iſt. Sie behandelt mich ſo ta, ſo abgemeſſen, daß ich in meiner Taktik der Liebe ganz irrig werde. Das erſtemal, als ich hier war, hoͤrte ſie heiter den Scherzen zu, womit ich die Geſellſchaft zu beleben pfiegte; ein wohl⸗ 9* ———— 132 gefaͤlliges Laͤcheln umſchwebte ſelbſt zuweilen ihren ſchoͤnen Mund; war es nun nicht ganz in der Ordnung, daß ich jetzt bei meinem zweiten Beſuche, wo eigentlich der Hauptangriff vor ſich gehen ſollte, mit einem ernſtern Truppencorps auftrat, da ſchon das vorigemal die Voltigeurs des Witzes gehoͤrig in ihr Herz gedrungen wa⸗ ren? Ich warf nunmehr Granaten glaͤnzender Worte in ihr Herz, und meine Blicke leuchteten zuweilen wie blitzende Cuiraſſiere in die ihren, allein je muthiger und ſicherer dieſe ihre Schlacht⸗ ordnung behaupten, je kaͤlter und zuruͤckhalten⸗ der wird meine ſchoͤne Gegnerin. Es iſt mir unbegreiflich!— Sollte wohl gar ein Neben⸗ buhler?—— Doch nein! dieß kann ich faſt nicht glauben!— Ich werde nun bald die ſchwere Artillerie des foͤrmlichen Antrags und der heißen Liebes⸗ Fitten auf ſie anruͤcken laſſen, und wenn ſie da voch widerſtehen ſollte—— Auf Ehre! nein ſo etwas iſt mir doch in meinem Leben nicht be⸗ gegnet. —— len ten ich pß rs a⸗ er n, t⸗ n⸗ ir ———— 133 Sechſter Brief. n Otto, iſt es moͤglich? Rein, wach' ich oder traͤum ich? Otto, kannſt Du Dir das Wunder denken? Nun laß uns nur Witz und feinen Ton, Kunſt zu gefallen und das Alles ungeruͤhmt zu Grabe laͤuten/ da ſolche Dinge heut zu Tage geſchehen!— Wohl hatt' ich einen Nebenbuhler, einen begluckten; allein wer dieſer fuͤrchterliche Nebenbuhler war?— das erraͤthſt Du wohl ſchwerlich. Ich muß Dir erzaͤhlen. Denke, nicht lange nachdem ich meinen letzten Brief an Dich abgeſandt hatte, ward ich zu einer großen Fete auf Schloß Lichtenſtein, ſo wie mein Freund Waldeck und ſeine ganze Familie gela⸗ den. Iſidorens Vormund ſagte mir, als wir ihm auf einem Spaziergange begegneten im Vor⸗ uͤbergehen, ſo daß es die uͤbrigen nicht hoͤren tonnten, lieber Schimmerfeld kommen Sie mor⸗ gen, ehe Sie in den Geſellſchaftsſaal treten, 134 erſt einen Augenblick auf mein Zimmer; ich habe Ihnen etwas von Bedeutung mitzutheilen. Ich geſtehe, daß ich dieſen wahrſcheinlich gut gemeinten Wink aus der Lcht ließ. Wie konnt'ich auch auf ſo etwas fallen? Otto, Du weißt, ich bin nicht von mir eingenommen, al⸗ lein ohne dieß zu⸗ſeyn, wuͤßt' ich nicht, wen ich eben aus der ganzen hieſigen Umgebung haͤtte füͤrchten ſollen? Ich trete alſo ganz heitern Muthes, mit ganz frohlicher Zuverſicht ein, Die ganze Geſelſchaft war ſchon verſammelt, und es war die Rede davon, daß Iſidore nun uͤber ihre Hand entſchieden habe, und heute den Erwaͤhlten ihren Verwandten und Freunden vor⸗ ſtellen wolle. Wirſt Du es nun wohl ſeltſam finden, daß ich nach allen dem, womit ich mir ſchmeicheln durfte, niemand anders als mich fuͤr den Beglückten hielt! Ich nahte mich ihr alſo auf eine freimuͤthige Weiſe, und meine Mie⸗ nen und Gebehrden mochten wohl etwas von dem ausbruͤcken, was im Innern vorging, denn viele Blicke richteten ſich auf mich. In dieſem w er eb de ſti dr 8 38) „— e— —— 13⁵ — Augenblicke trat— wer denkſt Du wohl? trat— Tiefenbach herein, und ward als der Verlobte der ſchoͤnen Graͤfin Iſidore erklärt! Und ich?— Höre Otto, es war— zu Dir im Vertrauen ge⸗ ſagt— denn ich möchte nicht daß alle Welt es wuͤßte!— es war faſt eben eine ſolche Scene, wie in Gruͤnhof, wo ich einen ſo glaͤnzenden Sieg errang!— Ja glaub' es nur, Tiefenbach iſt es, eben jener verſchmaͤhte, tiefſinnige Tiefenbach⸗ den ſelbſt das Wieſenblümchen Nanette von ſich ſtieß, und dem nun die prächtige Centifolie Iſi⸗ dore ihre ſtolze, ſchoͤne Bruſt aufſchließt. Denke Dir, gerade in der Zeit, wo ich in Gruͤnhof ver⸗ weilte, um ihm ſeine unbedeutende Geliebte ab⸗ ſpaͤnſtig zu machen, hat er mir bei meiner ſchoͤ⸗ nen, reichen, denſelben Dienſt gethan. Dieß heißt doch wohl ein recht eclatantes Beiſpiel des Rechts der Wiedervergeltung?— Sie ſind ſchon feierlich verlobt, und in wenig Tagen wird die Hochzeit ſeyn.— Nun hat er eher einen Gegen⸗ ſtand fuͤr ſeine thoͤricht zaͤrtliche Abgoͤtterei! Wenn die hohe griechiſch gebildete Iſidore vor ihm ſieht mit dem weißen, wallenden Gewande⸗ A und mit Augen, die, bei Gott! wie milde Son⸗ nen glaͤnzen, dann kann er eher einen Engel, oder wenigſtens eine heidniſche Goͤttin in ihr ſe⸗ hen, als in der niedlich huͤpfenden Nanette, die allemal eher einem artigen Kammermädchen ähn⸗ lich ſieht, als einer Göttin.— Auf Ehre, ich darf nicht daran denken! Was fang⸗ ich aber nun an?— Nanette ſteht zwar an Vermoͤgen der Graͤfin eben ſo weit nach als an Schoͤn⸗ heit;— indeß— verzweifelt viele Schulden hab' ich, und ſo iſt es doch allemal beſſer etwas als gar nichts!—— Nanettchen iſt auch im⸗ mer ein recht niedliches Maͤdchen, und vor der Hand heirathet ſie mich gewiß viel lieber als ihren reichen Tiefenbach,— ſollte in der Zu⸗ kunft die Sache nicht allemal ſo ganz gut ge⸗ hen,— je nun, ſo denkt ſie wohl auch biswei⸗ len an—— die Rache der Nemeſis! ——————— — S — — 6. — — — — — = — O0 — — Eſnſam in ihrer ländlichen Wohnung lebte So⸗ phie ſeit ihres Gatten Tode, nur mit ihrer auf⸗ blͤhenden Tochter, deren Erzichung noch ihre einzige Freude machte. Der heimliche Schmers⸗ der aus einer fruͤhern Erinnerung auf ihrer See⸗ le zu ruhen ſchien, erheiterte ſich nur in der Ge⸗ ſellſchaft ihrer holden Clara und im Genuſſe der Natur, in welcher ſie zu jeder Jahreszeit einen neuen Reiz fand. Jetzt war es Herbſt; der Wind rauſchte durch halb entblätterte Baͤume um das einſame Landhaus, dem Herzen der ſtillen Sophie that es wohl; ſie freute ſich an dem ruͤhrenden, deut⸗ ſamen Sinne, welcher in dieſer Jahreszeit liegt. Auch die fröhliche Clara gefiel ſich in dem krau⸗ lichen Zimmer, in das die herbſilich dunkle Abendrothe noch ihre Schimmer warf, indeß die Flammen des Kamins luſtig empor ſchlugen, und eben ietzt der duftende Thee die beiden liebens⸗ würdigen Bewohnerinnen des Hauſes vereinte. Die kleine Clara ſchmiegte ſich liebkoſend an ihre Mutter und bat ſie, ihr doch eins von den ſchonen Zauber maͤhrchen zu erzaͤhlen, mit denen ſich ihre kindliche Fantaſie ſo gern be⸗ ſchaͤftigte. In, meine Clara, erwiederte die Mutter, mit einem halbwehmuͤthigen Blicke, ich ſah es bisher gern, wenn deine kindliche Seele in jenen wunderbaren Gegenden verweilte, die den ſchoͤn⸗ ſten Morgentraum des Lebens bilden, in jenen Gegenden der Unſchuldwelt; du lebteſt ein unbe⸗ fangnes, ruhiges Leben im Schooſe der Natur, aber meine Tochter, du ſtehſt jetzt an den Graͤn⸗ zen des jugendlichen Alters, billig ſollt ich dich wohl auch mit den Erſcheinungen der wirkli⸗ chen Welt bekannt zu machen ſuchen, in die du doch vielleicht bald treten mußt. Ich will dir heute von einem Zauber ſprechen, der oft auf beſſere Herzen maͤchtiger wirkt, als jeder fluͤchtige Sinnenreiz, von dem Zauber, den Tugend und ———.—— Her lan Kri ver Buͤ gek ſalt wa ma die als der Fe be de he „und bens⸗ einte. d an den mit be⸗ tter, es enen on⸗ nen be⸗ tur, än⸗ ich li⸗ dir uf ige 141 Seelenguͤte uͤber ein unverdorbnes menſchliches Herz ausuͤbt. In einer Gegend des nördlichen Deutſch⸗ lands, wo die Schrecken des ſieben ſährigen Kriegs am heftigſten gewu thet hatten, in einem verarmten kleinen Städtchen, lebte ein guter Buͤrger, den ſeine ſtillen, von ihm ſelbſt nicht gekannten Tugenden, wohl eines beſſern Schick⸗ ſals wurdig gemacht haͤtten, als ihm zu Theil ward. Die trugloſe Redlichkeit des guten Her⸗ mann im Laufe ſeines ganzen Lebens hatte ihm die Liebe ſeiner Mitbuͤrger, ſeine Geſchicklichkeit als Wundarzt ihm den Dank und die Achtung der umliegenden Gegend erworben; der einzige Fehler, den man ihm vielleicht vorwerfen konnte, war ſeine allzugroße, over vielmehr zu leichtglaͤu⸗ bige Gutmuͤthigkeit. Dieſe nur zu oft miß⸗ brauchte Eigenſchaft der beſten Herzen hatte noch mehr zum Verfall ſeiner Gluͤcksumſtaͤnde beigetragen, als die uͤberſtandenen Drangſale des Kriegs und die Krankheiten und Leiden ſei⸗ ner Familie, und keiner von denen, die er durch Anleihen, durch Verpfaͤndung ſeines Namens Schuldner drängten ſich zu einer unuͤberſehbaren Summe auf eine Zeit zuſammen, und gleich unfaͤhig dieſe Schuld zu zahlen, als ſeine Glaͤu⸗ biger noch laͤnger zur Geduld zu bewegen, mußte ſich der ungluͤckliche alte Mann noch vor den Augen ſeiner Mitbuͤrger mit Schmach bedeckt ſehen. Seine harten Glaͤubiger ließen ihn ins Gefaͤngniß bringen. Er ergab ſich geduldig. Indeß hatte Jahrelanges haͤusliches Leiden, ver⸗ bunden mit den Anſtrengungen eines muͤhvollen Berufs ſchon lang an ſeiner Geſundheit genagt, ſeine Haare waren vor den Jahren gebleicht; dieſer letzte Schlag erſchuͤtterte vollends ſeine we⸗ nigen Kraͤfte, und eine verzehrende Krankheit, die ihn nach den erſten Tagen ſeiner Einkerkerung befiel, ſchien ihn mit der Hoffnung einer baldi⸗ gen ewigen Freiheit zu tröſten. Seine troſtloſe Gattin, ſie, die mit groͤßerm Scharfblick als ihr Mann, ſchon laͤngſt den Ab⸗ grund vorhergeſehen hatte, riß ſich bei der Nach⸗ gerettet hatte, war jetzt im Stande ihm beizu⸗ ſtehen, als endlich das Ungluͤck unabwendbar uͤber ihn einbrach. Die Forderungen ſeiner ken feſſ gab ſchi den Su wa Me ſeck Alt bei erh ein ſta ſch ren ſie ſic un richt ſeiner Gefangennehmung von ihrem Kran⸗ ndbar kenlager auf, an das ſie ſchon Wochenlang ge⸗ ſeiner; feſſelt geweſen war. Die Angſt des Schmerzes baren gab ihr Kraͤfte; ſie bot alle Mittel auf, die gleich ſchreckliche Lage ihres Gatten zu aͤndern; flehte Släu⸗ den Veiſtand aller ihrer Freunde an, allein die nußte Summe war zu groß, nur Liebe und Mitleid den war die einzige Gabe, die ihr aber in reichem deckt Maß ihre ſelbſt verarmten Mitbuͤrger boten. ins Ihre Tochter Aurelie, ein Maͤdchen von ldig. ſechszehn Jahren, hatte bisher mit einer, ihr ver⸗ Alter uͤberſteigenden Geiſtesſtaͤrte durch die Ar⸗ ollen beit ihrer Haͤnde ihre armen Aeltern aufrecht zu agt, erhalten geſucht; in ihrer Seele lag von Natur cht; ein hoher Grad von Energie, allein ein eben ſo ſtarker Antheil von Heftigkeit und von leiden⸗ we⸗ heit, ſchaftlichem Gefuͤhl; und wie dies bei Charakte⸗ ung ren dieſer Art gewohnlich iſt, dieſelbe Kraft, die ldi⸗ ſie bisher in Thaͤtigkeit erhalten hatte fuͤr den Vater, den ſie unbeſchreiblich liebte, wandte erm ſich jetzt auf ihren Schmerz, als ſie ihn dennoch Ab⸗ unvermeidlich verloren ſah. Mit gluͤhendem Eifer theilte ſie die Bemuͤ⸗ 444 hungen ihrer Mutter, dieſe vergeblichen, nur noch tiefer verwundenden Bemuͤhungen; ſie brachte ihre Zeit bald im Kerker des geliebten Vaters zu, bald eilte ſie wieder ihre jammernde Mutter zu troͤſten, deren Geſundheit vom neuen zu unterliegen begann. Eines Tages hatten ſich die beiden Leiden⸗ den wechſelsweis in Jammer und in Troſigrün⸗ den uͤber ihre Lage erſchöpft, als eine gute Nach⸗ barin zu ihnen eintrat, und ihnen mit theilneh⸗ mender Haſtigkeit die Nachricht brachte: Ein vornehmer, fremder Herr, der, wie man ſage, aus weiten, fremden Laͤndern, und gar uͤber das Weltmeer gekommen, ſey eben in der Stadt angelangt, habe nach ihrem Mann gefragt, und ſey dann unverzuͤglich ins Gefaͤngniß und dann aufs Rathhaus geeilt. Mit geſpannter Aufmerkſamkeit, mit kaum gewagtem Odemzuge hatten Mutter und Toch der wunderbaren Erzaͤhlung zugehoͤrt. Aur war eben im Begrlff zu ihrem Vater zn um von ihm die ſicherſten Nachrichten ren, als man eine Senfte auf das ſir nur ſie ebten ernde euen iden⸗ ruͤn⸗ ach⸗ neh⸗ Ein ſage, uͤber tadt und ann um 145⁵ men ſah, und der kranke Vater wenig Augen⸗ blicke darauf in den Armen der entzuͤckten Sei⸗ nigen lag. Das gluͤckliche Bewußtſeyn, daß er gerettet war, verbraͤngte eine Zeitlang die Begierde zu, wiſſen, wie es geſchehen ſech. Lang konnte er vor Ruͤhrung nicht ſprechen. Wunberbar ſind die Wege des Herrn! fing er endlich mit gefalteten Häͤnden an,— Kinder, wer haͤtte das gedacht? Nicht wahr, es iſt wahr mit dem frem⸗ den Herrn? fiel die Nachbarin ein, die herzlich theilnehmend die Scene mit angeſehen hatte? Ja, aber wer dieſer Fremde iſt? rief der Alte, koͤnnt Ihr Euch denn nicht mehr auf unſern Konſtantin beſinnen? der vor drei⸗ zehn Jahren in die Welt ging, ſich etwas zu verſuchen; der gute Junge! er hat Wort ge⸗ älten; er iſt zur See geweſen, als ein ange⸗ ner Mann koͤmmt er zuruͤck, und— großer um mich vom Elend zu erretten! relie konnte ſich unmoͤglich auf Kon⸗ Innen, ſie war wohl kaum der Wiege 10 —————— ſich von dem Zuſtande der Sachen unterrichten, entwachſen, als der Juͤngling das Haus ihres Vaters verlaſſen hatte; deſto freudiger erinnerte ſich die Mutter ſeiner, denn ſie hatte ihn im⸗ mer geliebt. Konſtantin war ein Lehrling des guten Al⸗ ten geweſen, der Trieb ſich weiter auszubilden, ſich auszuzeichnen vielleicht, und ein ruͤhmlicher Eifer fuͤr die Kunſt draͤngten ihn hinaus in die Welt; Er hatte eine Zeit unter den Englaͤn⸗ dern gedient, war mit in Oſtindien geweſen; ausgezeichnet von Talenten hatte er ſich bei ſeiner Ruͤckkehr in England der Arzneikunde geweiht, und noch mehrere Seereiſen als Schiffs⸗ arzt mitgemacht; treue Neigung fuͤhrte ihn jetzt doch zu dem Vaterlande zuruͤck„ihm ſeine Kunſt und ſeine Dienſte zu weihen. Bei ſeiner Ankunft, in der ehemaligen klei⸗ nen Wohnſtadt wor ſeine erſte Frage nach ſeinem guten Lehrherrn, nach ihm, der nach dem fruͤhen Verluſt ſeiner Aeltern ihm wahrhaft vaͤterliche Treue bewieſen hatte; Er hörte die Nachricht ſemes Ungluͤcks; zu ihm ins Gefaͤngniß fliegen, 7— . res erte im⸗ den, cher die aͤn⸗ en; bei nde ffö⸗ ihn ine lei⸗ em en che cht en, en. 147 und die vorzuſchießende Summe voll und rich⸗ tig bei den Gerichten niederlegen, war bei Konſtantin das Werk einer halben Stunde⸗ Der arme Gefangne ward in den Schooß ſei⸗ ner Familie zuruͤck gebracht; ſein Befreier folgte ihm ſelbſt in kurzer Zeit dahin, und wandte alles an, was zur Erquickung des Kranken noth⸗ wendig war⸗ Die Freude beſonders der wuͤrdigen Ma⸗ trone war groß, als ſie ihren ehemaligen Lieb⸗ ling jetzt als ihren Wohlthäter wieder ſahz der arme Konſtantin, der von der Außenwelt verlaſſen ſchien, hatte ſich jetzt zu einer ruͤhm⸗ lichen Stufe empor gehoben, und kam noch eben ſo treu und liebevoll zu ſeinen Freunden zuruͤck, als er gegangen war. Sie freute ſich zugleich ihrer Vorherſehungsgabe, denn immer hatte ſie etwas Ausgezeichnetes in den Anlagen des Juͤnglings bemerkt. Konſtantins ſo rein großmuͤthige Bemuͤ⸗ hungen ſchienen indeß doch mit der Zeit minder uneigennätzig zu werden. Die jugendliche Ge⸗ ſtalt Aureliens, verbunden mit der Lebhaftig⸗ 10* ——— 148 keit ihres Geiſtes, der ſich ſtets mit einer ge⸗ wiſſen Elaſtizität wieder erhob und zum Froh⸗ ſinn neigte, ſobald das drͤckendſte Gewicht des Leidens nur ein wenig erleichtert war, ſchienen Konſtantins Herz an ſich zu ziehen, ihre naive Froͤhlichkeit ſchien ihm wohl zu thun, je mehr ſie mit dem ſchwermuͤthigen Ernſt fontraſtirte, der ſein Weſen auszeichnete, und der ihm viel⸗ leicht von den Erfahrungen ſeinés fruͤhern Le⸗ bens zuruͤckgeblieben war. Die unermuͤdete liebende Thaͤtigkeit Aureliens gegen ihre Ael⸗ tern, und ein hoͤherer Grad von Bildung als man ihrer Lage haͤtte zutrauen ſollen, befeſtig⸗ ten in ſeinem Herzen die Neigung, die ein fluͤch⸗ tiger Reiz entzuͤndet hatte. Konſtantin kam immer oͤfter in das Haus von Aureliens Aeltern und ſeine Blicke haͤtten ihr wohl etwas von dem ſagen koͤnnen, was in ſeinem Herzen vorging, hätte ſie auf dieſe Blicke gemerkt; mit Worten hatte er ihr nie etwas geſagt, und nie hatte ſie ihn ohne die Gegenwart ihrer Aeltern geſehen, ſo oft er Ge⸗ legenheit dazu ſuchte. ge het im die ge oh⸗ des nen ie —.——————————— — 149 Eines Tages endlich fand er dieſe laͤngſt gewuͤnſchte Gelegenheit. Aureliens nun wieder hergeſtellte Aeltern waren ein wenig hinaus ins Freie gegangen, und ſie benutzte dieſe Zeit⸗ die kleine Wohnung in Ordnung zu bringen, und zu ſchmuͤcken; alles glaͤnzte geſcheuert und geputzt, ſie hatte ſo eben die reinlichen, weißen Vorhaͤnge aufgeſteckt, und ein paar zierliche Gefaͤße mit friſchen Blumen auf das Schraͤnk⸗ chen ihres Vaters geſetzt, der die Blumen un⸗ gemein liebte, als ſich die Thuͤr oͤffnete und Konſtantin hereintrat. Betroffen blieb er einige Augenblicke nach der erſten Begruͤßung ſtehen und Aurelie fuhr unbefangen in ihrer Beſchaͤftigung fort. Liebe Aurelie, fing er nach einer Weile an— nachdem ſie ſeine Frage nach ihren Ael⸗ tern beantwortet hatte— ſchon längſt wuͤnſcht' ich einen Augenblick wie di ſen! Ich konnte mit Ihnen unmoͤglich in irgend eines Andern Ge⸗ genwart von dem ſprechen, wovon mein Herz voll iſt. Liebe Aurelie, ſagte er mit einem bewegten Tone, indem er ihre Hand ergriffe ——.—-— 150 und mit jener Schuͤchternheit ſie anſah, die auch der welterfahrenſte Mann allemal einem wahrhaft geliebten Weibe gegenuber empfindet,— koͤnnten Sie ſich wohl entſchließen das Schick⸗ ſal eines Menſchen zu theilen, der Sie innig liebt? koͤnnten Sie die treue, feſte Liebe dieſes Herzens mit Ihrer Liebe vergelten? Ich habe bisher nur die Drangſale des Lebens erfahren, duͤrft' ich hoffen durch ſie noch ſein Gluͤck kennen zu lernen. Aurelie ſtand und hoͤrte, und es war ihr als ob man eine ganz fremde Sprache mit ihr redete; in dieſes Land war ſie mit ihren Ge⸗ fuͤhlen und Ideen noch gar nicht gekommen; hatte ſie auch oft von Liebe ſprechen hoͤren, ihr leichter Sinn war ſchnell daruͤber weggeſchluͤpft; ihre kindliche Unbefangenheit, und die traurige Lage ihrer Aeltern in den letzten Jahren hatten keinen aͤhnlichen Gedanken in ihr auffommen laſſen. Sie hoͤrte jetzt Konſtantins Rede; eine fliegende Glut ſtieg in ihre Wangen und das Feuer ihrer Augen ſenkte ſich zur Erde; was 8— — — 8 ₰ —— die nem 6 ick⸗ nig ſes abe en, ihr ihr . ſie antworten ſollte, wußte ſie nicht, und es war ihr ſehr erwuͤnſcht als ſie jetzt den na⸗ henden Tritt ihrer Aeltern hoͤrte. Konſtantins Herz legte ihr Betragen zu ſeinem Vortheil aus. Meine Aurelie, ſagte er mit Ruͤhrung⸗ meine holde Freundin! ich will Sie nicht be⸗ ſiuͤrmen, denken Sie ruhig uͤber Ihre Antwort nach! Sie iſt wichtig, Ihr Schickſal und das meinige haͤngt davon ab. Er entfernte ſich bei und mit einer unverhehlb eilte durch den Garten auf die anſtoßenden Wie⸗ ſen hinaus; Aurelie indeß, von jeher zur groͤß⸗ ten Aufrichtigkeit gegen ihre Aeltern gewoͤhnt⸗ und nie geneigt ſich lange zu bedenken, verzog keinen Augenblick, den eben eintretenden Alten den ganzen Vorgang von Wort zu Wort in erzahlen; ihre Mutter, von der Aureliens Raſch⸗ heit im Denken und Handeln nur ein Erbtheil war, ließ ihr kaum Zeit die Erzaͤhlung zu be⸗ endigen, ſie fiel ihrer Tochter mit den Aeuße⸗ rungen der lebhafteſten Freude um den Hals. O meine Tochter, rief ſie aus⸗ meine gute dieſen Worten ſchnell aren Bewegung und — — 152 wohlgerathene Tochter! welche Freunde haͤufſt du uͤber die grauen Haare deiner Aeltern, daß du das Herz dieſes vortrefflichen Mannes zu gewinnen wußteſt. Fortan werden wir uns nicht mehr kuͤmmern und quaͤlen duͤrfen! Die große Schuld, die doch der arme PVater nie haͤtte aufbringen koͤnnen, iſt uns nun erlaſſen; und wir werden durch dich nichts als Ehre und Freude erleben. Der Muth des armen Alten war zu ſehr gebeugt durch das, was er zuletzt erlitten hat⸗ te, er konnte ſich nicht zu einer ſo lebhaften Freude erheben; er ſchwieg, aber die Thraͤnen, die langſam uͤber ſeine Wangen rollten, ſpra⸗ chen ruͤhrender als Woete. Gott ſegne dich, meine Tochter, fing er endlich an, nie haͤtt ich das große Gluck er⸗ wartet! Es iſt wahr, dieſe Schuld an Kon⸗ ſtantin, ich haͤtte ſie nie bezahlen koͤnnen und ſie haͤtte mir mein Leben lang auf dem Herzen gelaſtet. Aurelie war wie betaͤubt; es wurde ihr ſo lebhaft einleuchtend gemacht, welches Glück und welche Freude ihr bevorſtuͤnde, daß ſie es ja ſelbſt glauben mußte. Der Gedanke, ihre Aeltern auf ihr ganzes uͤbriges Leben glucklich zu machen, regte ſchon ihren Stolz, deſſen ſie von Natur einen ziemlichen Antheil beſaß, von ſeiner edelſten Seite auf, und mehr als das, er entzuͤckte und bezauberte ihr Herz; denn wenn ihr nicht die Sanftheit ihres Vaters eigen war, ſo war es doch ſein weiches zur Wohl⸗ thaͤtigkeit geneigtes Herz. Je mehr ſie indeß zu einem ruhigen Be⸗ wußtſeyn kam, je deutlicher ſie den Begriff: Liebe faßte, je klaͤrer ward es ihr auch, daß ſie Konſtantin nicht liebe. Seine Phyſtogno⸗ mie war zwar edel, ſo wie ſein Wuchs und ſeine Haltung; allein die Spuren uͤberſtandener Muͤhſeligkeiten, und der Sonnenbrand der heiſ⸗ ſen Zonen hatten alle bluͤhenden Jugendreize von ſeinem Geſicht verdraͤngt, und die Mi⸗ ſchung von Ernſt und Schwermuth, die uber ſeinem Weſen ausgebreitet war, ſcheuchte ihr froͤhliches Vertrauen zuruͤck. Wie halb im Traume ſah ſie den froͤhli⸗ ——.—— —— chen Anſtalten zu ihrer Verlobungsfeier zu, mit der ſich ihre Aeltern beſchaftigten. Den guten e Alten fiel es mit keinem Gedanken ein, daß 5 Aurelie etwas gegen ihre Verbindung mit Kon⸗ e ſtantin einzuwenden haben koͤnne; der Vater war ohne Verzug zu Konſtantin gegangen, um e ihm das Jawort ſeiner Tochter und die freu⸗( digſte älterliche Einwilligung zu uͤberbringen; Konſtantin hatte eben einen Brief erhalten, der ihn zu einer ſchleunigen Reiſe von mehrern Ta⸗ gen noͤthigte; es blieb ihm nur ſoviel Zeit zu ſeiner Braut zu eilen und ihr das Lebewohl der gluͤcklichen, hoffnungsvollen Liebe zu ſagen; er nahm die ſchoͤnſte Gewißheit mit auf den Weg; der Tag der Verlobung war noch verabredet worden; ſie ſollte gleich nach Konſtantins Ruͤck⸗ kehr gefeiert werden, Alles ging bis dahin in froher eiliger Geſchaͤftigkeit durch einander. Die Rachricht von dem ungluͤck und der Befreiung des armen Hermann war indeß zu einer befreundeten Familie gelangt, die einige Stunden entfernt von dem Staͤdtchen lebtez es war der ehemaſige Lehrer Aureliens, der — v N 8 155 ——— nun daruͤber tranerte, den Unfall nicht fruͤher erfahren zu haben, um ſeinen Freunden nach Kraͤften beiſtehen zu koͤnnen. Er ſaß eben an einem Sonntag Nachmittag mit ſeiner Gattin und Toͤchtern im Geſpraͤch darüͤber. Es war ein unfreundlicher Tag; der Regen goß in Stroͤmen vom Himmel, als ſie auf einmal⸗ ihrem Fenſter gegenuͤber, ein junges Maͤdchen den Hugel herunter fliegen ſahen, mitten in dem ſtͤrzenden Regen, der ihre Kleider und ihre Haare ganz durchnaͤßt hatte,— die Thuͤr ging auf, und mit Beſtuͤrzung erkannten ſie Aurelien.— O meine Mutter, rief das junge Maͤd⸗ chen, indem ſie ſich halb athemlos und mit einem Strom von Thräͤnen in die Arme ihrer muͤtterlichen Freundin warf,— helfen, rathen Sie mir;— Rathen Sie mir, mein ehrwuͤr⸗ diger Freund, rief ſie, ſich zu dem biedern Schoͤnberg wendend, meine Kraͤfte und mein Verſtand ſind hier zu ſchwach! Um Gotteswillen, riefen die Erſchrocknen, ——— — 156 was iſt vorgegangen? In dieſem entſetzlichen Wetter, ſie ſelbſt? Aurelie? und zu Fuß? Aurelie ſtand einige Augenblicke ohne ſpre⸗ chen zu koͤnnen, mit Muͤhe konnte man ſie be⸗ wegen, ſich ein wenig zu ſammeln: ihre Freun⸗ dinnen waren theilnehmend um ſie beſchaͤftigt; ſie erzäͤhlte Alles Vorhergegangene mit der treu⸗ ſten Aufrichtigkeit; und heute, fuhr ſie fort, und fing aufs neue heftig an zu weinen, heute iſt nun mein Verlobungstag! Aber um alles in der Welt, liebe Aurelie, rief Schoͤnberg, ſo ohne alle Ueberlegung ſind Sie vom Hauſe weggegangen? Welche Angſt werden Sie ihren guten Aeltern verurſacht haben. O mein Gott im Himmel! rief Aurelie und rang die Haͤnde, wie ſollt ich es denn an⸗ ders machen? Ich wußte nicht, ob es recht waͤre, wenn ich's meinen Aeltern ſagte, denn dann find ſie zu gut, dann wuͤrden ſie es frei⸗ lich niemals zugegeben haben; aber dann haͤtt⸗ ich ſie auch nicht gluͤcklich machen können, und S hen re⸗ be⸗ n⸗ vie druckende Schuldenlaſt waͤre ihnen auf dem Herzen geblieben; gleichwohl da nun der Tag wirklich kam, wo ich mein Wort geben ſollte, da uͤberfiel mich eine ſo entſetzliche Ansſt, daß ich nicht wußte, was ich anfangen ſollte; ich entſchloß mich alſo kurz, zu Ihnen zu laufen und Sie um Rath zu fragen. Ihnen dank' ſch ſa ſo manche herrliche Lehre der Tugend und Re⸗ ligion, Sie werden mir auch hier am beſten rathen koͤnnen. Ja kurz genug war dies freilich beſchloſ⸗ ſen! ſagte Schoͤnberg mit einem halbverwei⸗ ſenden Lächeln, liebe Aurelie, wir werden ſehr darauf denken muſſen, dies bei Ihren Aeitern wieder gut zu machen. Alſo du kannſt ihn gar nicht lieben? fragte die ſanfte Louiſe, Schoͤnbergs aͤlteſte Tochter. Ach nein! erwiederte Aurelie weinend, es wird mir ſo traurig, als wenn ich in die Erbe ſinken ſollte.— O ſagen Sie mir nur, ob es Gott von einem guten Kinde fordert, daß es ſich uͤberwindet und ſeine Aeltern gluͤcklich macht? Meine gute Aurelie, ſagte Schoͤnberg und 158 —— ergriff geruͤhrt ihre Hand, wenn Ihr Herz ſo entſcheidend RNein zu dieſem Vorſchlage ſagt, ſo wuͤrden Sie Gott mehr beleidigen als wohl⸗ gefallen, wenn Sie ihm ein erzwungnes Ja zum Opfer braͤchten. Gott iſt ein Gott der Wahrheit und der Liebe! keine, auch die beſte Nebenabſicht kann eine Heirath ohne wahre innige Neigung zweier Herzen rechtfertigen; dies iſt ein frevelhaftes Spiel mit dem Heilig⸗ ſten was es auf Erden gibt.— Dieſe Nacht muͤſſen Sie nun freilich bei uns bleiben, aber morgen mit dem Fruͤheſten wollen wir uns beide aufmachen und eilen Ihre bekuͤmmerten Aeltern zu beruhigen. Ich werde Sie ihnen wieder zufuͤhren. Daß Ihr Vater nach einem ſolchen Auftritt wünſchen wird, Konſtantin die vorgeſchoßne Summe wieder zu bezahlen, iſt wohl natuͤrlich. Ich werde Mittel finden, ſie ihm unter meinen hieſigen wohlhabenderen Freunden ohne Zinſen zu verſchaffen. Die Rede ihres verehrten väterlichen Freun⸗ des that Aureliens Herzen wohl; ſie reiſte am andern Morgen, nach einer beruhigter zuge⸗ ſo agk, ohl⸗ Ja der die hre nz ig⸗ cht was ſie in eine peinliche Verlegenheit ſetzte, brachten Nacht mit im zu ihren Aeltern zurick. Ihre geſtrige unuͤberlegte cutnichuns hat⸗ te beiden armen Aeltern und Konſtantin nicht minder, in die aͤußerſte Beſtuͤrzung geſetzts alle wußten ſchlechterdings nicht, was ſie von dieſer raͤthſelhaften Begebenheit denken ſollten⸗ In dem feſtlich zugeſchmuͤckten Hauſe hatte Un⸗ ruhe und Verwirrung die Stelle des erwarke⸗ ten Jubels eingenommen; die Nachbarn und Freunde, deren eine große Anzahl zu dieſem Ehrentage geladen waren, hatten ſich verlegen und traurig wieder zu Hauſe begeben muͤſſen. Die Wiedererſcheinung Aureliens verbreitete die lebhafteſte Freude bei den Bekuͤmmerten und man dachte wenigſtens in den erſten Augenblik⸗ ken nicht an Vorwuͤrft, als ſich die, ſonſt ſtets gehorſame Tochter mit Thraͤnen in die Arme ihrer Aeltern warf, ihre Haͤnde mit tauſend Kuͤſſen bedeckte, und ſo mehr durch Zeichen als durch Worte um ihre Verzeihung flehte. Schoͤnberg nahm das Wort für ſie; das, war, daß in dieſem Augenblicke Konſtantin ſelbſt gegenwaͤrtig war; Schoͤnberg faßte ſich ſchnell⸗ nach der gegenwaͤrtigen Lage der Umſtaͤnde, denn eine Erklaͤrung war jetzt unvermeidlich. Er ſprach mit der edlen Freimuͤthigkeit eines feſten, eine theure Wahrheit vertheidigenden Mannes, aber zugleich mit der zarten Schvnung, die er ſeinen Freunden und Konſtantins Lage ſchuldig zu ſeyn glanbte. Abſichtlich hatte er in ſeiner Gegenwart das Anerbieten der ſchuldigen Summe nicht er⸗ waͤhnen wollen, allein Aurelie, die die Wolke des Kummers noch auf dem Geſicht ihres Va⸗ ters ſah, konnte es unmoglich dulden, daß er dieſer Sorge laͤnger zum Raube wäre; ſie fiel ihm um den Hals und fluͤſterte ihm das Ver⸗ ſprechen ihres Freundes Schoͤnberg ins Ohr. Sie glaubte hierbei nach ihrer Art ſehr vorſichtig zu Werke gegangen zu ſeyn, allein lange nicht vorſichtig genug, als daß nicht Konſtantin einige Worte davon verſtanden, und den ganzen Zuſammenhang errathen haben ſollte⸗ ſtan ſchie zu war ber, nig Vo Re deſ Lie der we al ſe S elbſt nell⸗ denn Er ſten, nes, er ldig art er⸗ ike Ba⸗ er fiel er⸗ in ht 161 Hämpfend mit Erſtaunen und Beſchämung, mit Schmerz und Stolz ſchien er dieſe Zeitlang ge⸗ ſtanden zu haben; jetzt bei Aureliens Worten ſchien ihm erſt das deutliche Bewußtſeyn wieder zu kommen. Mit einer heftigen Bewegung wandte er ſich ab um einige Thraͤnen zu ver⸗ bergen, die in ſeine Augen drangen. Ach! Aurelie, rief er ſchmerzlich, wie we⸗ nig kenuen Sie das Herz⸗ das Sie zerreißen!— Von jener Summe kann nie zwiſchen uns die Rede ſeyn; ſie hat teinen, auch nicht den min⸗ deſten Zuſammenhang mit Ihnen und meiner Liebe; ein Zoll der Dankbarkeit iſt ſie, den ich dem Lehrer und Wohlthaͤter meiner Jugend weihte und den ich nie zuruͤcknehmen werde. Aurelie, ich werde nicht aufhoͤren mich als Sohn gegen Ihre Aeltern zu betragen, aber ſeyn Sie verſichert, daß Sie von heut an nie wieder ein Wort von meiner Liebe hoͤren werden. Sie ſollen den wenigſtens achten, den Sie nicht lieben konnten. Konſtantin hielt Wort. Er kam von dieſer 11 Zeit an zwar ſehr ſelten in das Haus des redli⸗ chen Hermann, allein er hörte nicht auf, ihn mit der kindlichſten Liebe und Sorgfalt zu unter⸗ St 3 ſtützen; ſah er Aurelien, ſo begegnete er ihr mit der ehrerbietigſten Zuruͤckhaltung, und nur ſein ganzes Leben zeigte, daß er mit der Feſtigkeit ha eines ſtarken und edlen Herzens liebte. Er B hatte ſich in Aureliens Wohnſtadt niedergelaſſen ge und der Ruhm ſeiner Talente und ſeiner Men⸗— ſchenliebe verbreitete ſich immer mehr. Die Gro⸗ tet ßen nannten ſeinen Namen mit der tiefſten Hoch⸗ eit achtung und das Volk mit Segenswuͤnſchen. ih Mehrere vortheilhafte Verbindungen mit den m reichſten und ſchönſten Maͤdchen boten ſich ihm vr in der umliegenden Gegend dar, er wich ihnen di aus. Die Geſellſchaft der Weiber im Allgemei⸗ U nen ſchien ihm peinlich, er vermied ſie, ſo oft ni es ſein Beruf erlaubte, und zog ſich in die Ein⸗ w ſamteit zuruͤck, die ſeinem Herzen wohl that. A So vergingen zwei Jahre. In Aureliens et Herzen war eine merkliche Veraͤnderung vorge⸗ i gangen, ſeit dem Augenblicke wo ſie die edelmü⸗ edli⸗ ihn nter⸗ mit ſein eit Er ſſen den⸗ ro⸗ den hm ten ei⸗ oft n⸗ 1— thige Seele ihres verſchmaͤhten Liebhabers zu⸗ erſt hatte kennen lernen. Schon bei jener Scene trat das Edle und Intereſſante, was von Natur in ſeiner Geſtalt und in feinen Zuͤ⸗ gen lag, und was ſie bisher nicht beachtet hatte, in einer Art von Verklärung vor ihren Blick. Sein unveraͤndert liebendes Betragen gegen ihre Aeltern, und die ſchonende Entfer⸗ nung, mit der er ſich gegen ſie betrug, brach⸗ ten anfangs Beruhigung, und nach und nach eine ſtille achtungsvolle Neigung gegen ihn in ihrer Seele hervor; der Schatten von Schwer⸗ muth, der uͤber ſeinem Weſen lag und der ihr vom Anfang ſo mißfallen hatte, war zwar jetzt duͤſtrer geworden, allein ihr Herz ſagte ihr die Urſach davon, und gab ihm dadurch noch einen neuen Reiz. Konſtantin war weit entfernt et⸗ was von der Veraͤnderung zu ahnden, die in Aureliens Innern vorgegangen war; jene ſo entſchieden gezeigte Abneigung gegen ihn, hatte ihm auf immer jeden Gedanken der Bewerbung um ſie verleidet, ob ſein Herz gleich zu tief 164 und treu geſchaffen war, um ſich fuͤr jene bitte⸗ re Taͤuſchung durch einen andern Gegenſtand entſchaͤdigen zu können. Sie hatte trotz jener Kraͤnkung nicht aufgehoͤrt ihm die Liebenswuͤr⸗ digſte ihres Geſchlechts zu ſcheinen, nur die mindeſte Hoffnung auf ihre Liebe ſchien ſeinem Ehrgefuͤhl die beſchaͤmendſte Thorheit. Er kannte das weibliche Herz zu wenig, oft widerſprechend ſcheinenden Zuͤge zu koͤnnen. Aurelie ſelbſt war nach ihrem Naturel und nach der ſtillen, unbefangnen Thaͤtigkeit, in der ſie lebte, noch nicht ſehr darauf gekommen, Un⸗ terſuchungen uͤber ihr Herz anzuſtellen, erſt da fuͤhlte ſie, wie theuer ihr Konſtantin geworden ſey, als ſich mit der Zeit eine andre Bewer⸗ bung um ihre Hand zeigte, die ihre Aeltern den aͤußern Umſtaͤnden nach ſehr annehmlich fanden. 5 Sie konnte nichts auszuſetzen haben, we⸗ der an dem muntern, bluͤhenden Anſehen ihres Vewerbers, noch an ſeinen Sitten; die Ver⸗ um ſeine begreifen —— itte⸗ and ner ür⸗ die lem Er ine fen ind der In⸗ en er⸗ rn ich e⸗ †⸗ —————— 165 nunft rieth ihr in jeder Ruͤckſicht zu dieſem Vorſchlage, und dennoch war es ihr, als ob eine Centnerſchwere auf ihrem Herzen laſte, je mehr die Zeit heranruͤckte, in der ſie ſich ent⸗ ſcheiden ſollte; ſie fuͤrchtete ſich, die Hoffnung ihrer armen Aeltern zum zweiten Mal zu täu⸗ ſchen; wenn dann einmal Konſtantin zu ihren Aeltern kam, ſo machte ihr ſein Anblick eine ſo ſchmerzliche Empfindung rege, daß ſie oft hinaus gehen mußte um ihr Herz durch Thraͤ⸗ nen zu erleichtern. In dieſer Zeit war es, als ihren Vater eine gefahrvolle Krankheit befiel; ihre Mutter, ſelbſt kraͤnklich, konnte wenig zu ſeiner Pflege thun. Aureliens Kraͤfte wuͤrden in der lang⸗ wierigen Krankheit nicht ausgedauert haben⸗ haͤtte nicht der edle Konſtantin die Sorge kind⸗ lich mit ihr getheilt; er wachte Naͤchte bei dem Kranken und beredete Aurelien indeß der Ruhe zu genießen, um ihre Kraͤfte fuͤr den folgenden Tag zu ſammeln. Einſt des Nachts waren ſie gemeinſchaft⸗ 106 lich am Bette des Vaters beſchaͤftigt geweſen; die Mutter ſchlief in der anſtoßenden Kammer; der Kranke war ebenfalls in einen ſanften Schlummer geſunken; Konſtantin ſaß nachden⸗ kend, den Kopf in die Hand geſtuͤtzt und be⸗ trachtete Aurelien, deren Augen mit beſorgter Zaͤrtlichkeit auf dem Geſicht des ſchlummernden Vaters ruhten; der matte Schein des Nacht⸗ lichts gab ihren von der Anſtrengung der vor⸗ hergegangenen Tage bleichen Zugen einen ruͤh⸗ renden Ausdruck; Konſtantin fühlte ſich in die⸗ ſen Tagen mehr als jemals zu ihr hingezogen, durch die ungekünſtelten Zuͤge kindlicher Treue und Zaͤrtlichkeit, die ſie ihren Aeltern bewies. Die Hoffnung hatte er einmal aufgegeben, al⸗ lein er ſuchte ſein Herz dadurch zu beſchwichti⸗ gen, daß er die Reigung fuͤr ſie in die in⸗ nigſte unb uneigennützigſte Theilnahme verwan⸗ delte. Meine gute Aurelie, fing er mit einer unverhehlbaren Ruͤhrung an, indem er ihre bei⸗ den Haͤnde ergriff,— ſie hatte ſich ſeinem Sitze genaͤhert und blieb, freundlich auf ſeine )— ſen; er; ften en⸗ be⸗ er den ht⸗ or⸗ h⸗ ie⸗ ue 8. u⸗ ti⸗ — 167 Rede horchend, vor ihm ſiehen— meine gute, theure Aurelie, fuhr er fort, ich habe Sie lang nicht ſo allein geſprochen, gewiß zweifeln Sie nicht mehr an meiner innigen, bruͤderlichen Theilnahme fuͤr Sie; Sie ſehen/ die Tage die⸗ ſes guten Vaters neigen ſich zum Untergange⸗ wer wird Ihre und Ihrer armen Mutter Stuͤtze ſeyn, wenn er ſtirbt. Det Himmel fuͤhrt Ihnen jetzt einen guten Menſchen zu, der Sie auf⸗ richtig liebt, ich habe mich naͤher nach Sey⸗ fried,— ſo hieß Aureliens Freyer— erkun⸗ digt, er iſt Ihrer nicht unwerth;— Sie wuͤr⸗ den einen Beſchuͤtzer an ihm finden, und— denken Sie, welche Freude Sie Ihren Aeltern noch am Rande des Grabes machen wuͤrden!— Aurclie hatte mit der peinlichſten Beklom⸗ menheit zugehoͤrt, Konſtantin wartete vergeblich auf ihre Antwort, ein Strom von Thraäͤnen ſturzte aus ihren Augen. Ach Konſtantin, Sie lieben mich alſo nicht mehr? rief ſie mit einem unbeſchreiblich ſchmerzlichen Tone und ſtuͤtzte ihr Geſicht auf ſeine Schulter. ———— 168 Aurelie!— rief Konſtantin in der heftig⸗ ſten Verwirrung;— Ich?— meine Aure⸗ lie!—— waͤr es möglich? liebten Sie mich denn? Unausſprechlich! ſchluchzte Aurelie und ſank weinend in ſeine ausgebreiteten Arme.—— Welche Tage dieſer Scene folgten, und welche heitre Abendroͤthe noch den guten from⸗ men Aeltern zum Grabe leuchtete, bebarf keiner Beſchreibung.— Rach fuͤnf Jahren kam die befreundete Familie Schonberg in die entfernte Stadt, wo ſich Konſtantin ſeitdem niedergelaſ⸗ ſen hatte; ſie kamen, um ihre gluͤckliche Freun⸗ din einmal zu ſehen. Eine ſeltſame ahnungs⸗ volle Stille ruhte auf dem Hauſe, das ſie be⸗ traten; nicht die friſche, bluͤhende Aurelie, eine bleiche, wankende Geſtalt kam ihnen entgegen, und die tiefe Trauer, die ſie kleidete, ſagte ihnen was vorgefallen ſey.* O meine Mutter, rief Aurelie, wie damals wo ſie ſich ihrer muͤtterlichen Freundin in die Arme warf, und wie damals an ihrem Halſe tig⸗ Ure⸗ nich ank nd M⸗ 169 in Thränen ausbrechend; allein es waren an⸗ dre, es waren Thraͤnen der Reue und der tiefſten innigſten Liebe;— o meine Mutter, ich war das Gluͤck nicht werth, das mir zu Theil ward; dies Herz, das nun unter der Erde ruht und das ich Unſinnige einſt verſchmaͤhte, nein, es war zu gut fuͤr dieſe Welt! O Gott, ich konnte ihn zwei Jahr fruͤher gluͤcklich ma⸗ chen! Die wenigen Jahre, die ich mit ihm verlebte, ſie reichen nicht hin um den Kummer und die Kraͤnkung wieder gut zu machen, die ich Ungluͤckliche ihm verurſacht habe. Es war drei Wochen ſeit der gute Kon⸗ ſtantin nicht mehr war; der einzige Troſt Au⸗ reliens, und das einzige Kleinod ihres verwai⸗ ſten Lebens, war ein theures Kind, das ihr das Andenken des beſten aller Maͤnner erneu⸗ erte, und deſſen Erziehung ſie mit Freude ihre uͤbrigen Tage weihte.— Du biſt bewegt meine gute Tochter, ich ſehe Thraͤnen in deinem Auge; hat dieſe Thraͤ⸗ nen ein heiliger, geheimnißvoller Zug der Na⸗ 0. tur erregt, oder iſt es blos der deutungsvolle Sinn, der aus dieſer Geſchichte zu deiner kind⸗ lichen Seele ſpricht? dieſer Geſchichte, fuͤr deren Wahrheit dir deine Mutter buͤrgt.— Ja wiſſe, meine Clara, der edle Konſtantin, es war dein tugendhafter, vortrefflicher Vater, und Aurelie iſt's, die dich in dieſem Angenblick mit wehmuͤthiger Zaͤrtlichkeit in die Arme ſchließt. Theures Kind, ich verſparte die Erzaͤhlung meiner Geſchichte abſichtlich auf dein reiferes Alter; moͤchte ihr Eindruck bleibend bei dir ſeyn, und möchteſt du aus dem Beiſpiel deiner Mutter lernen, wie nur maͤnnliche Tugend der Talisman wahren Gluͤcks und wahrer Liebe in ſich ſchließt. S 5 * — — K ——— Erſter Brief. Klotilde Davitowska an Sophie von Altſtein. So bin ich denn auf dem ſtillen, einfachen Landſitze angekommen, meine geliebte Sophie, wo kuͤnftig ein bedeutender Theil meines Lebens verfließen ſoll. Meine Verbindung mit Davi⸗ towsky iſt in dieſen Tagen geſchloſſen worden, und er hat ſo ſehr als moglich geeilt, mich auf ſeinem Stammgute einzufuͤhren. Du hingegen wirſt unterdeß von deiner Badereiſe in den Glanz der Hauptſtadt zuruͤckgekehrt ſeyn; und getrauert wirſt du doch ein wenig haben, als du mich nicht mehr fandeſt; ſo viel und lang wir uns auf dieſe Trennung vorbereitet hat⸗ ten. Es wird dir einſam vorkommen, wenn du die lange Straße, vor meinem jetzt verlaß⸗ nen Hauſe voruͤber gehſt oder fuͤhrſt, und nun die weißen zugezognen Gardinen ſich nicht re⸗ gen, und kein liebevoller Gruß wie ſonſt, dem deinigen entgegen kömmt. Iſt es nicht ein granſames Vergnügen, das ich mir durch die Vorſtellung deiner Trauer mache? allein die Liebe lebt ſo gern in dem Gedanken: vermißt zu ſeyn von den Gelieb⸗ ten. Habe doch auch ich dich vermißt, ſelbſt an der Seite deſſen, der ja wohl nach den An⸗ ſichten vieler Maͤnner— nun eine Art von Alleinrecht auf meine Empfindungen hat. Doch muß ich ihm zur Ehre nachſagen, daß er meine Thraͤnen um die getrennte Jugendfreun⸗ din geſehen und geehrt hat. So wie er uͤber⸗ haupt meine Gefuͤhle oft ſelbſt in ihren zarten weiblichen Nuancen verſieht; was in der That bei Maͤnnern etwas ziemlich Seltnes ſeyn mag. Aber ich habe dir eine treue Schilderung meines Zuſtandes in den ehelichen Feſſeln ver⸗ ſprochen! Wenn ich dir nun blos ein Bild von mir ſelbſt entwerfe; was wirſt du dir fuͤr eine Vorſtellung vom Ganzen machen? Veraͤn⸗ dert wurdeſt du mich finden, wenn du mich . 62 —,—,——— — +„„—„ e— ——„— 175 jetzt ſaͤhſt; denke dir zuvoͤrderſt meine huͤbſchen, langen Haare, die Ihr Alle von jeher meine beſte Zierde nanntet; die ich mir ſo artig grie⸗ chiſch aufzuſchuͤrzen wußte, ſie ſind dahin! du weißt daß ſie Davitowsky, der ausſchließend fuͤr die Tituskoͤpfe eingenommen iſt, niemals recht leiden konnte; ihr Schickſal ging ihnen ſchon laͤngſt nach; und ſo mußten ſie denn end⸗ lich fallen, den Genien der haͤuslichen Eintracht ein gefaͤlliges Opfer! Hier liegen ſie nun neben mir, die guten Haare, die mir im Leben ſo manche angenehme Viertelſtunde vor dem Spiegel verſchafften! Ich kann nun Haarketten, Baͤnder und Ringe dar⸗ aus machen laſſen, und Euch alle, meine Freun⸗ de, reichlich darein kleiden. Iſt dies nicht ſchon ein großer Troſt fuͤr ein großmuͤthiges Herz? Mein Mann ſpricht, daß ich ihm ſehr wohl gefalle in meiner jetzigen Metamorphoſe;z nun Gluͤck zu! der Himmel ſtaͤrke ſeinen Glau⸗ ben! Ich meinerſeits ergebe mich in mein Schickſal und huͤte mich wohlweislich, dem Spiegel nicht allzuoft zu nahe zu kommen. 176 Denn an Schoͤnheit hab ich in keiner Ruͤckſſcht zugenommen, ſoviel kann ich dir verſichern; den Lockenraub abgerechnet, ſeh ich noch obendrein von der Sonne ſo braun gebrannt, als ob ich unter der Linie geweſen waͤre. Und daran iſt ebenfalls der hochgebietende Wille meines theu⸗ ern Eheherrn Schuld, deſſen Reiſemaximen ich bisher gar noch nicht gekannt habe; er kann nehmlich weder Schleier noch Hut an mir ſehen, wenn ich ſo im Wagen neben ihm ſitze, um ja mein liebes Geſichtchen nicht einen Au⸗ genblick aus den Augen zu verlieren, woher denn dieſes Nachbunkeln meines Teints gekom⸗ men iſt. Ueberdem male dir mein Bild in ſchwar⸗ zer Kleidung aus, denn Davitowsky will mich wo moͤglich immer ſchwarz gekleidet ſehen; und am allerliebſten in der Tracht der Marie Stu⸗ art. So muß ich denn immer buͤßen, ohne eben etwas betraͤchtliches geſuͤndigt zu haben; und trauern, waͤhrend ich doch im Innern recht herzlich luſtig bin. Naͤchſt dieſer Veraͤnderung meiner Geſtalt ———. 6——————„ ht —— 1 iſt ſelbſt mein Name einer Veraͤnderung unter⸗ worfen;— So ſehr ſoll man jede Eigenthuͤm⸗ lichkeit, ich glaube gar das eigne Daſeyn, auf⸗ geben!— Davitowsky erlaͤutert nehmlich ſehr richtig: Klotilde ſey die altgermaniſche Benen⸗ nung von dem bekannteren Wort: Louiſe, dies aber heiße eigentlich in ſeiner Sprache: Lo⸗ doiska,— folglich— Du wunderſt dich, wie ich bei ſo bewand⸗ ten Umſtaͤnden noch luſtig ſeyn kann. Ach Ihr Maͤdchen wißt nicht, wie unſer Eins den ſtol⸗ zen Nacken ſo recht mit gutem Anſtand unter das Joch biegen lernt, ſo daß man dies am Ende gar nicht mehr fuͤhlt. Ich kann nicht aufhoͤren dich unter die Maͤdchen zu rechnen, ob man dich gleich Frau Kammerraͤthin nennt. Eine Ehe von acht Ta⸗ gen, wie die deinige, verdient gar nicht den Namen Ehe; und nun endlich gar unter deinen Verhaͤltniſſen; du zu jener Zeit noch halb ein Kind, aber ein ſchoönes, vergoͤttertes Kind; und nun der galante, aͤltliche Kammerrath, der es ſich zur Pflicht machte, allen Launen ſeiner 12 —,——— ——————— ——. kindiſchen= ich wollte ſagen: kindlichen Braut!— zuvorzukommen. Nein du, meine Liebe, kannſt gar nicht von dem Sclavenſtand der Ehe ſprechen! Aber nimm dich in Acht, daß nicht unter deinen zahlreichen Anbetern endlich einer der Beſieger dieſes ſtolzen Her⸗ zens,— und dann— im hoͤchſten Grade dein Gebieter wird! Doch lebe wohl, geliebte Freundin! Mein Mann befiehlt, daß ich mit ihm ſpazieren gehe. Trotz des veraͤnderten Ramens doch immer un⸗ veraͤnderlich Deine Klotilde. R. S. Noch Eins muß ich dir melden. Ich lerne ſetzt ſehr eifrig Polniſch, weil mein Mann ein beſondres Vergnuͤgen darin zu finden ſcheint, mich zu unterrichten. Eine Reigung, die ich ſchon an mehreren Maͤnnern bemerkt habe; das Gefuͤhl ihrer Ueberlegenheit ſchmeichelt ihnen allemal, ſey es in welcher Ruͤckſicht es wolle. Die öbrigen Sprachen und Wiſſenſchaften aber, —— — eh S e+ ine and cht, ern er⸗ ein ein he. un⸗ ne in 179 die etwa zu einer gebildeten Erziehung gehoͤren, hab ich fataler Weiſe ſchon lang vor ſeiner Regierung erlernen muͤſſen. Ach haͤtt' ich das gewußt, ich haͤtte lieber Engliſch und Franzo⸗ ſiſch, und Muſik und Geographie, alles fuͤr dieſen liebenswuͤrdigen Lehrmeiſter aufgeſpart, als mich damals bei unſern graͤmlichen Lehrern damit abzumuͤden. Zweiter Brief. Sophie von Altſtein an Klotilde Davitowska. Der ſcherzende Ton deines Briefs, meine geliebte Klotilde, hat mir zugleich Frende, doch auch— verzeih es mir, Verwunderung erregt. Daß du dich ſo geſund und heiter fuͤhlſt, um ſo ſchreiben zu können, dies muß ja wohl die Zärtlichkeit der Freundſchaft begluk⸗ ten; allein wie iſt es moͤglich, daß ſich ein Weſen, auf ſo hoher Stufe ſtehend als du, beſte Klotilde, ſo gluͤcklich fuͤhlen kann in der Abhangigkeit von Einem jenes Geſchlechts, von mir nur einen neuen Beweis giebt, ſo ſcherz⸗ haft er auch geſchrieben iſt. Daß ich den Eheſtand noch nicht kenne, darin magſt du wohl recht haben, ob ich gleich acht Tage verheirathet geweſen bin. Ich war noch nicht vierzehn Jahr, als der Kammerrath um mich warb. Ich hatte keine Ahndung, kei⸗ ne Idee von Liebe, und eben deshalb war mir Heirathen und Nichtheirathen vollkommen gleich. Meine Aeltern verſicherten, daß der Antrag eines ſo angeſehenen und wohlhabenden Man⸗ nes ein großes Gluͤck fuͤr ein unbeguͤtertes Maͤdchen ſey, und ſo hatt' ich nichts Einfache⸗ res zu thun, als meine Einwilligung zu geben. Der Schmuck und alle die koſtbaren Sa⸗ chen, die mir der Kammerrath ſchenkte, be⸗ ſchäftigten meine Aufmerkſamkeit mehr als er ſelbſt, und du haſt gar nicht Unrecht, wenn du mich eine kindiſche Braut nennſt. Er ſchien mir mehr ein aͤltlicher Verwandter, der mir wohlwolle, und wie ein Schattenbild iſt dieſe Erſcheinung an mir voruͤber gegangen. deſſen Herrſchſucht uͤber das unſte dein Brief —— ——— ief ne, ar th ei⸗ nir ch. ag n⸗ es n. ir ſe N—.—— 181 ————5 Allein wohl aus den Beiſpielen ſo vieler meiner Freundinnen lernt' ich dieſen Stand ge⸗ nau kennen, um meine Abneigung dagegen ge⸗ rechtfertigt zu ſehen.— So unwillig ich auch bin, ſo wandelt mich auch zugleich ein kleines Lachen an, wenn ich dich jetzt nach dem ent⸗ worfenen Bilde denke; du, die edle griechiſche Schonheit, mit dem ſchwelgeriſch praͤchtigen Lockenwuchs, jetzt in die demüthige Ehegat⸗ tin eines barbariſchen Polen umgewandelt, der, ohne die mindeſte Rotiz von griechiſcher Schoͤnheit zu nehmen, nicht genug, daß er ſie in ein Grenzſchloß ſeines rauhen Sarmatiens entfuͤhrt, ſie auch, mir nichts, dir nichts, nach ſeinem verkehrten Geſchmack umwandelt, ohne zu fragen, wie du in den Augen tauſend ande⸗ rer, ſchoͤn fuͤhlender N erſcheinen Ernſthaft ech iſt es nicht eine wirk⸗ lich ſchauerliche Idee, fuͤrs ganze Leben einem Weſen hingegeben zu ſeyn, das ſo nach Will⸗ kuͤr uͤber uns ſchalten? ſelbſtſuͤchtig oft das Schoͤnſte ſeiner Laune opfern darf? Und kann ————— „O 182 — man nicht vom Kleinen auf das Groͤßere ſchließen? Ich kann mich nun einmal zu keinem Ver⸗ trauen in das Herz der Maͤnner erheben. Im⸗ mer fällt mir dabei die Antwort einer trauern⸗ den Mutter ein, als ſie ein Geiſtlicher uͤber den Tod ihres einzigen Sohnes troͤſten wollte(wie ein franzöſiſcher Schriftſteller erzaͤhlt): Beden⸗ ken Sie, gnaͤdige Frau, ſagte der Geiſtliche ermahnend, welch großes Opfer Gott von Abraham verlangte! Er ſelbſt ſollte ſeinen ein⸗ zigen Sohn todten.— Ach ehrwuͤrdiger Herr, unterbrach ihn die Weinende,— von einer Mutter wuͤrde das der Herr gar nicht gefordert haben! Glaube gewiß, wenn ich von Einem eine guͤnſtige Meinung wuͤnſchte faſſen zu koͤnnen, ſo waͤre es dein Mann; du kennſt mein Urtheil ͤber ihn,— über ſein Aeußeres wenigſtens, wenn er ſonſt ſo oft uns auf der Promenade begegnete. Du kannteſt ihn damals noch nicht, und wir hatten oft unſere Betrachtungen uͤber den ſchlanken, krausioͤpfichten Polen, mit den ——„ 8 e 4 cn. jere er⸗ rn⸗ en vie en⸗ che on in⸗ ie as ne n. il y 133 funkelnden, ſuͤß einſchmeichelnden Augen, und dem ritterlichen Anſehn. Sein Aeußeres gefiel mir ſehr gut; ſein Inneres konnt' ich nicht ken⸗ nen lernen, da ich eben damals mit der Tante unſre Schweizerreiſe antrat, und ſeit der Zeit, als du ihm deine Hand zugeſagt hatteſt, nur fluͤchtig nach der Reſidenz zuruͤckgekehrt bin. Mochte mich doch meine duͤſtre Anſicht truͤgen! moͤchte er, trotz des nachtheiligen Scheins, eine Ausnahme von der Regel ſeyn, und meine Klotilde ſo glucklich machen, als es von gan⸗ zer Seele wuͤnſcht Sophie. Dritter Brief. Klotilde Davitowska an Sophie von Altſtein. Habe Dank, du freundſchaftlichſte der See⸗ len, für deine treue, eifrige Sorge um mein Wohl! Du weißt auch, ich gehore nicht zu den erniedrigten Weſen unſres Geſchlechts, die, ſo⸗ bald ein Mann in das Spiel koͤmmt, alle Ruͤck⸗ ——— ———— ——— ſichten der Freunbſchaft aufgeben; die eine Stunde unter nichtsbedeutenden Scherzen und Schmeicheleien in Maͤnnergeſellſchaft hinge⸗ bracht, der ſeelenvollſten Unterhaltung mit einer Freundin vorziehen; gewiß, meine Sophie, un⸗ ter dieſe gehör⸗ ich nicht, und die Liebe fuͤr Davitowsky hat keineswegs den altern Em⸗ pfindungen für die Jugendfreundin Eintrag ge⸗ than; allein du gehſt zu weit, wenn du an allem Gluͤck in der Verbindung mit einem We⸗ ſen jenes Geſchlechts zweifelſt, das groͤßten⸗ theils, ich bin es uͤberzengt, größtentheils aus den gutmüthigſten Geſchoͤpfen von der Welt beſteht, wenn wir nur nicht ſo oft den Cha⸗ rakter unſres Geſchlechts, Sanftmuth und kluge Nachgiebigkeit in Stunden ihres aufbrau⸗ ſenden, oder duſtern Humors vergaͤßen. Je⸗ der Mann hat gewöhnlich ſeinen guten und ſeinen boſen Dämon; wenn wir nun vo menden Falls den böſen geduldi ustoben laſſen, ſo koͤmmt uns nachher d mit deſto großerer verſöhnender der entgegen. ——— ———————* 4 — —„—„ — ine nd e⸗ er 185 Grund des Herzens, aus dem zuweilen Un⸗ traut aufſprießt, wirklich gut iſt. Und koͤnnteſt du mir wirklich den Verluſt einer Zierde, meiner Haare, ſo hoch anrechnen⸗ die ja aufhoͤrt eine Zierde zu ſeyn, ſobald ſie dem nicht gefaͤllt, deſſen Beifall ja wohl der einzige Zweck meiner Wuͤnſche ſeyn muß? ge⸗ hoͤrt nicht dem, dem ich mein ganzes Selbſt, mein höheres Leben in meiner Liebe, auf ewig hingab, nicht auch der füͤchtige Reiz aͤußerer Geſtalt? Oder ſoll ich manchen Frauen der großen Welt nachahmen, die mit ihren Vorzügen noch immer nach fremder Bewundrung ringen, welche doch nur in die zarten Grenzen ehelicher Treue gehören? Wenn ich dir aber in meinem letzten Brie⸗ fe, nur um dich ein wenig zu necken, mein veraͤndertes Bild ſo traurig abgeriſſen hinſtellte, wenn ich dir nur den Fall meiner Locken mel⸗ dete, ſo hoͤre auch was dieſem Fall vorange⸗ gangen, was ihn moraliſch nothwendig ge⸗ macht hat. Ich fange meine Erzaͤhlung vom Tage unſrer Abreiſe aus der Hanptſtadt an.— S—2——— 156 Unſre Reiſe war Dienſtag Morgens um fuͤnf Uhr angeſetzt. Ein heftiger Kopfſchmerz hatte mich ſchon die vergangene Nacht ſo wie dieſe des Schlafs beraubt; erſt gegen Morgen ſiel ich in einen erquickenden Schlummer. um fuͤnf Uhr tritt er vollig angekleidet in mein Zimmer, doch ſtatt auch mich gekleidet zu fin⸗ den, ſagt ihm mein Maͤdchen, daß ich nicht lang erſt eingeſchlafen ſey. Sein wohl etwas unmuthiges Erſtaunen geht ſchnell tu Mitleid uͤber, als Liſette hinzuſetzt: wegen Kopfſchmerz — und er ſich entſinnt, daß ich ſchon geſtern fluchtig etwas davon geaͤußert hatte. Er winkt dem Maͤdchen, mich ja nicht zu wecken—(die treue Liſette hat mir dies Alles nachher er⸗ zaͤhlt); naͤhert ſich leiſe meinem Lager, und verweilt laͤnger als eine Viertelſtunde da, auf meinen Schlummer lauſchend, um gleichſam ſelbſt der Schuͤtzer meiner Ruh zu ſeyn.— Ach Sophie, ich kann mir ihn da nicht anders ats einen wachhaltenden, ſchuͤtzenden Engel denken! Er geht drauf wieder in ſein Zimmer, ———— 5. „ S„„„—, —— — „—„ ₰„ e——„—„——. le —— 187 fangt an zu ſchreiben, geht auf und ab;— denn ganz ſtill, ruhig wartend ſich einen Mann zu denken, dies waͤre doch zu viel, dies waͤre etwas ganz außer ihrer Ratur liegendes ver⸗ langt! Davitowsky koͤmmt einige Mal wieder in mein Gemach; naht wieder leiſen Tritts meinem Lager; geht, da ich immer noch ſchla⸗ fe, nach dem Fenſier; ſieht nach dem Wetter, nach der Uhr;— allein er bleibt doch feſt da⸗ bei, mich nicht wecken zu laſſen.— O glaube mir, dieſe himmliſche Geduld, dieſe ſchoͤn ge⸗ zuͤgelte Kraft iſt an einem Manne, feurig wie Davitowsky, der innigſten Bewundrung werth! Fuͤr uns zu handeln; uns ſelbſt mit Anſtren⸗ gung ihrer Kraͤfte Beweiſe ihrer Anhaͤnglich⸗ keit zu geben; dies faͤllt den thatluſtigen Herren der Schoͤpfung nicht ſchwer; allein wenn es darauf anköͤmmt, uns zu Liebe einen Plan, auf den ſich ihre Fantaſie einmal geſetzt hat, auf⸗ zugeben, oder auch nur aufzuſchieben,— Eine Stunde war indeß nach der andern verfiogen; und als es Davitowsky, als nun zu ſpaͤt fuͤr den heutigen Tag, beurtheilt, ſo ſendet er nach der Poßß, um die Pferde, die dort ſeit fuͤnf Uhr bereit ſtehen, abzubeſtellen;. und die Reiſe wird auf den naͤchſten Morgen angeſetzt. Jetzt endlich um acht uhr erwache ich, 8 und wundre mich hoͤchlich uͤber das Vorgefall⸗ ne; Eiſette erzaͤhlt mir in ſeiner Gegenwart, daß ſie mich habe wecken wollen, daß es ihr aber mein Gemahl verboten. Wie konnte ich nur einen Augenblick den ſprechenden Beweis ſeiner Liebe überſehen, welche in dieſer ſcho⸗ nenden Zartheit lag? allein noch halb von den Nebeln des Schlafs befangen, unbeſonnen, wie man es gewoͤhnlich im erſten Augenblicke des Erwachens ein wenig iſt, aͤußerte ich mein leb⸗ haftes Bedauern, nicht geweckt worden zu ſeyn, da ich nun des folgenden Tages nicht zeitig genug 1 — . in G.. wuͤrde eintreffen koͤnnen, wo wir uns auf der Durchreiſe zu verweilen dachten.— Davitowsky ſtutzte, als ich dies ſagte; und jene bedenkliche Roche fiog uͤber ſeine Stirn, bie ich im Eheſtande das warnende Feuerzeichen nennen möchte, welches vor aus⸗ 409. * brechendem Kriege am Himmel zu erſcheinen pflegt. Ich rathe allen Frauen, dies flammen⸗ de Meteor hoch zu reſpektiren, wenn es den Himmel der maͤnnlichen Stirn uͤberzieht, und gleich in Zeiten noch einzulenken in die Bahn des Friedens!— Die naͤhere Kenntniß davon habe ich dem Leben mit meinen Bruͤdern zu danken; der beſten Bildungsſchule fuͤr den Ehe⸗ ſtand.— Wie Wetterleuchten uͤberflog die Roͤ⸗ the ſeine Stirn; er ſprang auf, warf das ſchwarze Lockenköpfchen ziemlich ſtolz zuruͤck und verließ ſchnell das Zimmer. Wie mir zu Muthe dabei ward, kann ich dir nicht beſchreiben. So hatte ich ihn nie geſehen; und ich kann nicht leugnen, daß mich kein unbetraͤchtlicher Grad von Furcht anwan⸗ delte. Die neugeſtaͤrkte Kraft hatte mich vor⸗ hin beim Erwachen ganz die vorherigen Schmer⸗ zen vergeſſen laſſen; jetzt fielen ſie mir ein; der ganze Zuſammenhang daͤmmerte mir auf, und unwillkuͤrlich wollte ich ihm nacheilen; allein ich ſah, als ich die Thuͤr oͤffnete, wie er im — Vorſaal mit fremden Domeſtiken ſprach, und mußte mich zuruͤckziehn. Jetzt erſt erzaͤhlte mir das Maͤdchen aus⸗ fuͤhrlich das ganze liebevolle Betragen meines Gemahls, und Thraͤnen ſtuͤrzten mir bei ihren Worten aus den Augen; ich mußte heftig wei⸗ nen, theils aus Ruͤhrung uͤber ſeine Liebe, theils aus Kummer über den Schatten nur von Un⸗ dank, deſſen ich mich gegen ihn ſchuldig ge⸗ macht hatte. Nach einer Weile trat er wieder ein, und fand mich in dieſer ſchmerzlichen Bewegung. Thraͤnen, ſagt man, bringen die Maͤnner auf, ſobald ſie ſich als die Urſach derfelben anſehn muſſen; Davitowsky nahm die meinigen als Vorwuͤrfe ſeiner himmliſchen Gutmůthigkeit, und eine finſtre Wolzenſchwaͤrze verbreitete ſich uͤber ſeine Zuͤge. Mein Davitowsty rief ich mit innigem Ton, indem ich ſeine Hand ergriff und ſie mit Innigkeit an meine Bruſt druͤckte,— Beſtes, edelſtes Herz auf der Welt! kannſt du mir vergeben? Er hatte dieſe Wendung nicht erwartet; at ne gl —6— 191 —— die ſchönen großen Augen wandten ſich langſam von der Seite zu mir hin; halb zweifelnd erſt, dann mit dem vollen Ausdruck ihrer warmen, ſonnigten Strahlen; er druͤckte mich an ſich, und wir waren beide einige Augenblicke lang nicht im Stande zu ſprechen. Aber warum, fing er nach einer Weile an, warum wuͤnſchteſt du denn ſo ſehr morgen ſchon nach G. zu kommen? Weil, erwiederte ich ein wenig kleinlaut, weil morgen der Geburtstag meiner guten Tante in G. iſt, die ich ſo gern mit einer kleinen Freude uberraſcht haͤtte. Wer weiß, ob ſie bei ihrer Kraͤnklichkeit noch einen Geburtstag erlebt. Das war es? rief er mit einer Art von Vorwurf gegen ſich ſelbſt, armes Kind! und um dieſe Freude ſollteſt du kommen?— Laß mich! jetzt iſts vielleicht noch Zeit! Er verließ mich; und ich ſah ihn gleich dar⸗ auf ſelbſi uͤber die Straße fliegen; er eilte ſelbſt nach dem Poſthauſe, da der Bediente nicht ſo⸗ gleich gegenwaͤrtig geweſen war, und in weni⸗ ger als einer halben Stunde hatten wir Pferde; dit Reiſe ging vor ſich, und wir kamen des fol⸗ genden Tages noch zeitig genug nach G.., um den Geburtstag der guten, freudig uͤberraſchten Tante zu begehen. Du glaubſt vielleicht mit dieſen Zuͤgen das Gemaͤlde des liebenswürdigſten der Maͤnner voll⸗ endet; allein noch einen Zug muß ich hinzufugen. Ich hatte immer davon reden hoͤren, daß unſer Schloß keine angenehme Lage und ſo nach alterthuͤmlicher, gar nicht vortheilhafter Art ge⸗ baut ſey, und nur ein einziges Zimmer nach dem Garten und ins Freie herausgehe. Eine fluͤchtige Aeußerung des Bedauerns war mir daruͤber entſchluͤpft. Wir kamen an; man fuͤhrte mich in ein reizendes Zimmer, das recht wie ein Frauengemach mit herrlichen Tapeten und daͤm⸗ mernden blaßroͤthlichen Gardinen verziert war. Ich trat ans Fenſter, und eine maleriſche Aus⸗ ſicht eröffnete ſich vor mir, uͤber den bluͤhenden Garten hinweg auf Hohen, die mit goldnen Kornfeldern prangten, und auf den Teich, links an der Grenze des romantiſch duͤſtern Waldes. Man wies mir es als das meinige an; ich V ſo lie eb un D He me gn we ſic er ka da ſch ſiel He gel fol⸗ um ten as oll⸗ en. aß ch ge⸗ ach ine nir rte ein 193 dankte dem guten Davitowsky fuͤr die gluͤckliche Wahl und Ausſchmückung, waͤhrend er ein viel ſchlechteres, nach dem Hofe ſehendes Zimmer bewohnt. Ganz ſitene genoß ich nun meines lieblichen Aufenthalts, bis kurz darauf, als eben Davit. 3) auf einige Tage verreiſt war, unſer alter Verwalter mir die Augen öffnete: Das muß wahr ſeyn, ſagke ich zu ihm, dies Haus hat niche viel huͤbſche mmer; allein das meine macht doch alles Schlechte wieder gut. Ja ja! erwiederte der ehrliche Alte; der gnaͤdige Herr hat ſich da aber auch geriß recht weh gethan, daß er es Ihnen abgetreten hat. Von Kindheit an hat er darin gewohnt, und ſich an gar kein anderes gewoͤhnen koͤnnen, wenn er zuweilen von ſeinem Regimente nach Hauſe kam. Wie es aber hieß, daß Sie hier einziehen, da wurde geſchwind alles gemalt und ausge⸗ ſchmuͤckt, daß es ſich gar nicht mehr aͤhnlich ſieht. Und alle die alten Sachen, die ſonſt dem Herrn ſo lieb waren, wurden nun auf die Seite gebracht.— 13 194 Muͤßt' ich nun wohl ein Herz haben, liebe Sophie, wenn ich ſo viele Opfer der ſelbſtver⸗ geſſendſten Liebe nicht aus allen Kraͤften zu er⸗ wiedern ſtrebte? Und ſcheint dir jetzt das kleine, laͤngſt ſchuldige Opfer meiner Haare zu groß? Ich wenigſtens erroͤthete vor mir ſelbſt, daß ich ihm dieſe nicht geforderte, aber gewiß lang ge⸗ wuͤnſchte Gefaͤlligeeit ſo lang verweigert hatte; und ehe eine Stunde verging war ich in die, weniger huͤbſche, aber weit gluͤcklichere Sarma⸗ tin umgewandelt, welche die Bewohner der Re⸗ ſidenz vielleicht nicht mehr erkennen werden; die ſich ſelbſt aber in dieſer Geſtalt viel klaͤrer und viel freudiger wiedererkennt, als vorher.— Der Blick, mit welchem Davitowsky bei ſeiner Heimkehr die Verwandlung betrachtete, in der ich ihn empfing, gilt mir tauſend Mal mehr, als der Beifall aller Schoͤnheitsrichter. Was das Zimmer betrifft, ſo hatt' ich ihm gern ſein theures Eigentbum zuruͤckgegeben, wenn ich nicht fuͤrchten muͤßte, ihn zu kraͤnken; ich habe jedoch in aller Stille ſo viel Platz unter meinen Meubles gemacht, daß ſich die ſeini⸗ ge da S fa lic ni be wi da an ten die wo we iebe eT⸗ ter ti⸗ 195 gen damit vertragen koͤnnen, und ſo hoffe ich, daß er vielleicht kuͤnftig den großten Theil des Tags mit mir gemeinſchaftlich in der lieben Stube wohnen; auf ein Seitenkabinet im Noth⸗ fall rechnend, wohin ich mich zuruͤckziehn kann, wenn er allein zu ſeyn wuͤnſcht, denn die ſinn⸗ liche Gegenwart der Maͤnner duͤrfen wir ja nicht zu ſehr zu wuͤnſchen ſcheinen! auch bei dem beſten nicht! ſondern ihnen lieber die unſrige ſtets wuͤnſchenswerth erhalten, Maaß und Grad darin muß uns ein richtiger und zarter Takt am beſten ſagen. So lebe ich denn, bei mittelmaͤßigen Gluͤcks⸗ guͤtern doch ſehr reich an wirklichem Gluͤck. Davitowsky's Tugenden haben ihm die Achtung aller derer verſchafft, welche ihn kennen; und das, was er im ruͤhmlichen, obwohl gluͤckloſen Feldzuge fuͤr ſein Vaterland gethan und gelit⸗ ten hat, gibt ihm ſelbſt ein hoͤheres Recht auf die zartlichſte Pflege der Liebe. Es iſt nichts wohlthuender fuͤr das weibliche Gefuͤhl, als wenn ſich das zarte Beſtreben, vergangne Lei⸗ den zu verguͤten, zu der innigen Achtung mi⸗ * ſchen darf, ohne die, fuͤr ein edles Weib, kein Gluͤck der Ehe noch der Liebe denkbar iſt. So, meine Sophie, bin ich denn freilich eine Sclavin, aber eine ſolche, welche die Knecht⸗ ſchaft nicht um die Freiheit vertauſchen moͤchte. Selig preiſ' ich mein Loos, und liebe die Feſſeln, die holden, C Die mir mit jedem Tag feſter und feſter ſich ziehn. Boͤte mir einer der Goͤtter auch freundlich die ruhige Freiheit Wieder; mein gluͤckliches Herz wählte die Feſſeln aufs nen. Lebe wohl, theure Sophie! und folge mir bald nach in die Sclaverei! Aber waͤhle dir dann einen Gebieter, der ſo gut und ſo lie⸗ benswuͤrdig iſt als der meine! Deine Klotilde. VI. Erzaͤhlungen der Krieger*. *) Einige der Scenen aufzufaſſen, wo ſchoͤne, reine Menſchlichkeit ſich einem rauhen Stande vermaͤhlt, ſchien mir nicht unangemeßne Anfgabe der Poeſie⸗ Die Nacht iſt ſchauerlich und lang! rief der muntre Robert ſeinen Gefaͤhrten zu, die alle traulich um das leuchtende Wachtfeuer gelagert waren,— ſeht, das Feuer brennt dunkel; wir muͤſſen wachen, und gleichwohl ſteht der ab⸗ nehmende Halbmond noch weit von ſeinem Un⸗ tergange; laßt uns die Flamme wieder luſtig anfachen, und uns das Grauen der Nacht durch freundliches Geſpraͤch verkuͤrzen. Wir haben Länder und Meere geſehen; ſo wird ein Jeder von uns doch nur einen einzigen hervor⸗ ſtechenden Zug aus ſeinem Leben zu erzaͤhlen wiſſen, ſo wird uns der Morgen da ſeyn, ehe wir es ſelbſt bemerken. Wohl! wohl geſprochen! riefen die Uebrigen Ein guter Rath! ſprach Einer, jetzt, wo man uns, vielleicht auf kurze Zeit, der Ruhe des Waffenſtillſtandes hier in unſerm feſten La⸗ ——— 2 ger gonnt, wo Krieg und Friede ſchwankend auf der Wagſchale liegen, jetzt ſchließen ſich die Herzen wieder auf zu freundlicher Erinnerung des Vergangenen; wie man vom Abſatz eines ſteilen Berges hinab auf die erſtiegenen Klippen blickt, ob wir noch weiter werden klimmen muͤſ⸗ ſen oder ruhen? Wir wollen das, ſagte ein Anderer, dem großen Feldherrn uͤberlaſſen, dort oben in ſeinem Sternengeſchmuͤckten Zelte! Allein laßt uns nur ſolche Scenen wiederho⸗ len, in welchen ſich das rauhe Kriegerleben der ſanften Menſchlichkeit anſchließt, wo gleichſam die Natur uns wieder mild in ihre warmen Grenzen zieht.— Wohl, du haſt Recht! riefen die Uebri⸗ gen!— Du Floreſtan, fang' an! fuhr Robert fort, du biſt am weiteſten unter uns geweſen; du wirſt auch wohl am mehrſten zu erzaͤhlen wiſſen. O gern, erwiederte Floreſtan, der bei den vorhergehenden Reden in ein halb wehmů⸗ thiges Nachdenken verſunken war; es hat einen — 8 — er m ri⸗ rt n; bei 201 eignen Reiz, in jene daͤmmernden Gegenden zurückzukehren, die wir durchwandelt haben; ſo wunderſuͤß! ich moͤchte ſagen, wie ſanftes Mondlicht in der Seele. Wohl Manches haͤtt' ich euch zu erzahlen, was mir in meinem rei⸗ chen Leben begegnet iſt; ein Bild ſteht indeß ruͤhrender, als alle uͤbrige vor meinen Augen⸗ Das Leben des Kriegers iſi ein ewiges Vor⸗ waͤrtseilen; die ſchönſten⸗ heiligſten Gefuͤhle der Menſchheit, wir duͤrfen ſie gleichſam nur im Voruͤberfliehen begruͤßen; und gleichwohl⸗ liegt nicht vielleicht in dieſem fluͤchtigen Gruße mehr Gehalt zuſammen gedraͤngt, als in einem durch das ganze Leben hingezogenen Genuſſe? Wer lernt die Gefuhle kräͤftiger und ſtaͤrker ken⸗ nen, als wir? Wo iſt die Freundſchaft inniger und treuer, als zwiſchen Maͤnnern, die ſich jeden Augenblick bereiten muͤſſen, Hand in Hand durch das dunkle Thor zu gehen? Wo drängt die Liebe ſußer ihre Seligkeit in einem turzen Augenblick zuſammen, als da, wo ſich der Schmerz der Trennung und das zarte Nit⸗ leid mit ihr miſchen! Und wo iſt fromme Liebe ————— Feeee 202 ſeliger durch aͤlterliche Zaͤrtlichkeit belohnt, als bei dem Wiederſehen nach einer langen todaͤhn⸗ lichen Trennung?— So war mir, als ich meine Aeltern nach einer Trennung von acht Jahren wieder ſah. Die Sturme des Krieges hatten mich von fruͤ⸗ her Jugend an von ihnen entfernt gehalten; ich war mit unſerm Feldherrn uͤbers Meer ge⸗ weſen; wir kehrten jetzt ins Vaterland zuruck; der Waſſenſtillſtand war geſchloſſen; ich erhielt Erlaubniß auf einige Zeit in das ſchoͤne Bluͤ⸗ tenland heimzukehren, in dem ich geboren bin; mit ſchlagendem Herzen ſah ich die heimiſchen Fluren wieder zum erſten Male nach acht lan⸗ gen Jahren; ich blieb ſtehn, als ich das kleine Landgut meiner Aeltern erblickte. Das Haus, den Garten, das duftende Waͤldchen hinter dem Garten, wo ich als Kind ſo gluͤcklich war.— Zlles noch unveraͤndert, noch ſo freundlich und ſo hold!— Ich eilte in das Haus, da ſaß meine Mut⸗ ter allein, mit weiblicher Arbeit beſchaͤftigt; ich ſah die theure, ehrwuͤrdige Geſtalt, und nur mit Au mit ſch tig der s u⸗ ut⸗ ch 203 mit Muͤhe hielt ich mich zuruͤck, nicht in dem Augenblick zu ihren Fuͤßen zu ſtuͤrzen; ich hatte mir ein Billet zum Quartier auf ihr Haus ver⸗ ſchafft, ich uͤbergab es ihr mit einer ehrerbie⸗ tigen Begruͤßung. Die Zeit, der Sonnenbrand der heißen Zonen hatten meine Zuge voͤllig un⸗ kenntlich gemacht; ſie fragte mich, woher ich tomme? Ich nannte ihr den Ort, wo ich ſo lang geſtanden hatte. Ach, mein Gott! rief ſie, und faltete ihre Haͤnde zuſammen, das iſt ja der Ort, wo mein Sohn gelebt! O ich bitte Sie, mein Herr, haben Sie denn meinen Sohn nicht gekannt? nicht geſehen? Ich verneinte ihre Frage. O, mein Gott! rief ſie aus, ſo iſt er todt! Er wuͤrde nicht geſäͤumt haben, zu uns zu kommen, wenn er noch lebte. Seit zehn Monaten haben wir keine Briefe. Aber verzeihen Sie, ſagte ich halb leiſe, ein guter Sohn ſollte ſeine Aeltern nicht ſo lange in der Unruhe gelaſſen haben. O, klagen Sie meinen Sohn nicht an! rief die gute Mutter mit Feuer. Die Flotte der Feinde hat die Ueberkunft der Briefe un⸗ möglich gemacht(dieß war in der That der Fall); mein Floreſtan iſt ein guter Sohn; er hat mich nie betruͤbt; mein Segen folgt ihm bis in die Erde. Eine Thraͤne fiel bei dieſen Worten aus ihrem Ange; o, dieſe Thraͤne, dieſen Segen! ich gaͤbe ſie nicht um die Schaͤtze einer Welt! In dieſem Augenblicke trat mein Vater in das Zimmer. Mein Lieber! rief ſie ihm ent⸗ gegen; ſieh hier! wir haben einen Krieger, der aus der Gegend kommt, wo unſer Sohn ge⸗ ſtanden hat. Ich habe ſchon recht viel mit ihm von unſerm armen Sohn geſprochen.— Ja aber liebes Kind, unterbrach ſie mein Vater, der Herr wird nicht damit zufrieden ſeyn, daß wir blos von unſerm Sohne mit ihm ſprechen, haſt du ihm denn keine Erfri⸗ ſchungen angeboten? Er iſt erſchoͤpft; bei einem Glaſe Wein koͤnnen wir eher mit ihm ſprechen. Er eilte hinaus und brachte bald darauf ſelbſt ein Bret getragen, worauf Wein und Glaͤſer und einige Erfriſchungen geſtellt wa⸗ ren. mer get die her Gil unt the die ger fer Et tet n⸗ er nz m u8 n! — er t⸗ er e⸗ nit in nit ri⸗ n. uf nd 205 —— ren.— Jetzt, ſagte er, goͤnnen Sie einem ar⸗ men Vater—— Er hatte mir die Erfriſchungen Fi getragen, in dieſem Aug enblicke ſah er mir in die Augen.—— Floreſtan! rief er mit einer herzdurchdringenden Stimme, und Wein und Glaͤſer und Leller ſtuͤrzten klrrend zur Erde, und— mein Vater lag an meiner Bruſt.— Die Ueberraſchung, das Entzücken meiner theuern Mutter—— Sagt Freunde⸗ ob in 9t ₰ dieſem Augenblicke nicht die Wonne eines lan⸗ gen Lebens lag? Floreſtan ſchwieg bewegt; ſeine Waf⸗ fenbruͤder gaben ihm Beifall, je nachdem ihre Empfindungen mit den ſeinigen uͤbereinſtimm⸗ ten. Mein lieber Floreſtan, nahm der frohliche Robert wieder das Wort, du biſt zwar offen⸗ bar zu empfindſam, aber darin haſt du ſehr recht, daß das Leben der Krieger das gluͤck⸗ lichſte unter der Sonne iſt. Ich will auch ein Geſchichtchen erzaͤhlen, das euch meine Anhaͤng⸗ lichkeit an unſern Stand beweiſen wird. Wir hatten eine Stadt eingenomnien. Wie 206 es nun da ſo hergeht mit Rauben und Pluͤn⸗ dern, iſt uns wohl allen nicht unbekannt; ich ging eben durch eine Straße, wo der aͤrgſte Tumult war; ich ſah einen Haufen der Unſern um einen Kaufladen verſammelt, wo ſie alle Kiſten und Faͤſſer aufriſſen, raubten, was zu rauben war, und alles Uebrige verwuͤſtend auf die Straße warfen. Ein alter Mann mit ſchneeweißen Haaren, der Beſitzer des Hauſes, ſtand klagend neben den Zerſtoͤrern und rang die zitternden Haͤnde; mich jammerte der arme alte Mann; zum Gluͤck erkannte ich in dem groͤßten Theil der Munderer die Mannſchaft, die unter mir ſtand, und es ward mir nicht ſchwer, ihrem Wuͤthen Einhalt zu thun und dem ungluͤcklichen Greiſe ſeine noch uͤbrige Habe zu retten.— Als ſich alle entfernt hatten, wollte ich ebenfalls gehen; allein der Alte ergriff meine Haͤnde, und bat mich ihn noch nicht zu ver⸗ laſſen. Großmuͤthiger Juͤngling! redete er mich an— verzeiht, ich muß Euch ſeine Worte wie⸗ derholen;— Du haſt mich vom Verderben gere Hat hab um ein und obe ter die ein wut un mei Sie gra mit Fel ang uni ben in⸗ ich ſte ern alle zu auf mit es, ing em aft, icht und abe ich ine er⸗ ch ie⸗ ben — 207 gerettet; die Unmenſchen wuͤrden mein ganzes Haus durchſucht, und mir Alles, Alles geraubt haben; Gold und Silber hab⸗ ich jetzt nicht, um Deine Wohlthat wuͤrdig zu belohnen, allein ein Schatz bleibt mir, der Deiner wuͤrdig iſt, und den ich Dir, nur Dir beſtimme.— Er fuͤhrte mich mit dieſen Worten in den obern Theil des Hauſes, legte darin eine Lei⸗ ter an eine verborgene Oeffnung in der Decke, die zu dem oberſten Boden fuͤhrte, ſtieg hin⸗ ein, und kehrte bald zuruͤck mit—— einem wunderſchoͤnen Maͤdchen an der Hand; ein Maͤdchen ſo hold und lieblich, ich kann es Euch unmoöglich ſchildern! Hier! ſagte der gute, alte Mann, dieß iſt mein groͤßter Schatz, mein einziges geliebtes Kind. Sie bedarf eines ruͤſtigen Beſchuͤtzers in dieſer grauenvollen Zeit, da ich armer Alter ſchon mit einem Fuß im Grabe ſiehe; noch hab' ich Feldguͤter und Vermoͤgen genug, um Dich zum angeſehnen Mann zu machen; bleibe bei mir, und werde mein Sohn, wenn Ihr Euch lie⸗ ben koͤnnt! ————— 208 Er erzaͤhlte hierauf ſeiner Tochter, was ich fuͤr ihn gethan habe; das Maͤdchen erroͤthete wie Zeuer, und blickte mich doch unter den lan⸗ gen Wimpern hervor ſo holdſelig freundlich an, daß mir ganz wunderbar zu Muthe ward.— Ich geſteh⸗ Euch, die Liebe des ſchoͤnen Maͤb⸗ chens, der Beſitz des angeſeheuen Heirathsguts, da ich auf der Gotteswelt nichts im Vermoͤgen habe, dies Alles brachte einen harten Strauß in mir hervor;— allein meine Liebe fuͤr den ſchoͤ⸗ nen, freiwillig gewaͤhlten Waffenſtand uͤberwog doch jede andre Neigung in meinem Herzen. Ich erklärte das dem guten Greiſe, dankte ihm von Grund meiner Seele für ſeine freundlichen Ge⸗ ſinnungen, druͤckte das ſchoͤne Mädchen in ſei⸗ ner Gegenwart ein einziges Mal mit einem tie⸗ ſen Seufzer an mein Herz;— und entfernte mich dann ſchnell, damit das Uebel bei mir,— und— auch bei ihr! nicht weiter greifen moͤch⸗ te.——— Sagt, kann ein Menſch dem Waffenleben mehr aufopfern, als ich? Es hat mich aber nie gereut; ich habe manches truͤbe Woͤlkchen mit geſe Elei uns geſte gert das ich ete an⸗ an, aͤb⸗ s, gen in o Ich bon Ge⸗ ſei⸗ tie⸗ nte ch⸗ ben nie 209 geſehn, allein ich bin nun einmal ſo in meinem Elemente!— O/ ich bitte dich, Felir, ſing⸗ uns einmal das ſchone Liedchen, das du mir geſtern ſangſt. Weißt du, vom Leben des Krie⸗ gers!— Warum nicht, erwiederte Felix, und ſang das froͤhliche Kriegerlied: Wohl fluͤchtig durchs Leben! Wohl froͤhlich dahin! Die Krieger, ſie heben Den muthigen Sinn! Wir duͤrfen nicht weilen Am lieblichen Ort; Doch reißt uns das Eilen Zum ſchoneren fort. Was ſagt man, wir faͤnden Kein bleibendes Band? Wohin wir uns wenden, Iſt heimiſch das Land! Und wo wir uns zeigen, Der Muth, er gefällt? Drum ſind wir gar eigen Die Herrſcher der Welt⸗ Erſcheint uns die Liebe, Sie ſey uns gegruͤßt! Nur komm ſie nie truͤbe! Nur froͤhlich gekuͤßt! —— 210 Entflieht ſie uns wieder, Wir halten ſie nie! Wir ſind wohl, ihr Bruͤder, Noch fluͤcht'ger als ſie! 1 Aber dein Lied nimmt es mit der Liebe ſo⸗ ziemlich leicht, ſagte Collin mit getruͤbtem Blick; man hat doch auch Beiſpiele, daß ſie manchen der Unſern das Leben gekoſtet hat.— So? riefen einige aus dem Haufen: biſt Du es etwa, de⸗ Willens iſt aus Liebe zu ſterben? Ich nicht! erwiederte Collin duͤſter; allein ich erinnere mich eines Juͤnglings, eines nahen Bekannten von mir, den ich noch immer betrau⸗ re. Er war Officier in derſelben Abtheilung, in der ich als Gemeiner diente. Der edle Ar⸗ thur hatte eine Braut in ſeiner Heimath, die er liebte; o mein Gott, wie liebte er ſie! Nur ein Herz, wie das ſeine, kann ſo lieben. Mit Freuden hatte er ihr alle ſeine Neigungen, ſein ganzes Leben zum Opfer hingegeben. Sie ſtand in einem hoͤhern Range, und nicht ſelten mochte die bai er daß Th daf blie den Er wo ter ſie ſich wohl ihrer Allgewalt uͤber das treue Herz 3 ihres Liebhabers ein wenig uͤberheben. Doch Arthur kannte keine andre Frende, als ihren Willen zu erfuͤllen; er dachte jetzt zuruͤckzukeh⸗ ren, und endlich den Lohn ſo vieler Zaͤrtlichkeit ſo⸗ zu empfangen; allein das Schickſal des Krieges tem trat ſeiner Sehnſucht noch ein Mal gebieteriſch ſie in den Weg; eine moͤrderiſche Schlacht fiel vor, S und Arthur ward ſchwer verwundet. biſt Ich war ſein Pfleger in den Leidenswochen, 3 zu die er auf dem Lager zubrachte. Zetzt war er bald im Stande das Zimmer zu verlaſſen, als lein er die Nachricht aus dem Vaterlande erhielt, hen daß ein treuloſer Vormund ſich des groͤßten rau⸗ Theils ſeines Vermoͤgens bemaͤchtigt habe, und ung, daß beinah zu gleicher Zeit das einzige, ihm ge⸗ Ar⸗ bliebene Landgut durch Brand verwuͤſtet wor⸗ die den ſey. Nur Für ihn ſelbſt wuͤrde dieſe Nachricht wenig Mit Erſchuͤtterndes gehabt haben; ein Krieger lerut and tter der Erde zu hängen. Arthur trauerte blos, chte daß er das Leben ſeiner Geliebten nun nicht ſo ſein wohl endlich, ſein Herz nicht an vergaͤngliche Guͤ⸗ . 14* — 2¹2 reich wuͤrde ausſchmuͤcken konnen, als er ge⸗ wuͤnſcht hatte. Ein Waffenbruder, der mit ihm aus einer Heimath war, und eben jetzt von einer Reiſe dorthin zuruͤck kam, eilte ſeinen Landsmann zu beſuchen. Eine ſchnelle Roͤthe uͤberflog Arthurs bleiches Geſicht, als er den ins Zimmer treten ſah, der eben aus der Gegend kam, in der ſeine Gedanken beſtaͤndig wohnten. Er hoffte etwas von der Geliebten zu hoͤren, ohne daß er doch geradehin nach ihr zu fragen wagte; ein dunkles Vorgefuͤhl von dem, was ihm be⸗ vorſtand, hielt ihn vielleicht davon zuruͤck. Sein Landsmann wußte nichts von ſeiner naͤheren Verbindung und erzaͤhlte ganz unbefan⸗ gen Alles, was er von Neuigkeiten aus der Heimath wußte. Arthur horte geduldig zu. Und weißt du denn, rief jetzt der Fremde, daß ich die ſchone Graͤfin Julie von E.. wieder ge⸗ ſehen habe?— Arthur ward feuerroth, und that in gro⸗ ßer Bewegung einige Schritte im Zimmer. die den Du dem mic nur unt zur lenl leu der der Mt dat Sc ein rit kar faͤ da ge⸗ einer Reiſe nzu hurs reten eer offte daß agte; n be⸗ ſeiner efan⸗ s der zu. daß r ge⸗ gro⸗ 2¹3 Das muß ich Dir erzaͤhlen, fuhr Jener fort, die Ueberraſchung war wunderbar! Du weißt, die Wege in den felſigen Gegen⸗ den unſerer Landſchaft ſind beſchwerlich; die Dunkelheit war ſchon eingebrochen, ich ritt auf dem Rande eines Felſen hin; noch konnte ich mich nicht ganz zurecht finden in der Gegend; nur ſo viel hatt' ich noch in der Daͤmmrung unterſchieden, daß mir ein wunderſchoͤnes Thal zur Seite lag. Als ich um eine Felſenecke lenkte, ward ich auf einmal ein herrlich er⸗ leuchtetes Schloß gewahr, das ſich am Fuße der Felſen erhob: aus allen Fenſtern ſtrahlte der helle Lichtglanz, und eine ſanfte froͤhliche Muſik toͤnte zu mir herauf. Erſt als ich in das Thal hinab gekommen und den Thoren des Schloſſes ſchon ganz nahe war, ſah ich mit einem angenehmen Erſtaunen, daß ich irre ge⸗ ritten ſey, und mich jetzt vor dem ſo wohl be⸗ kannten Schloſſe des Grafen von E.. be⸗ faͤnde. Ich fragte einen der Landleute, die darauf zugingen, was es hier gaͤbe? und er⸗ fuhr, daß man die Hochzeit des Freiherrn ————————— 2¹4½ von M. mit der Graͤfin Julie von E.. feiere.— Der Erzaͤhler hatte dieſe Vorte noch nicht vollendet, als Arthur mit einem dumpfen, ſelt⸗ famen Laute, der mir durchs Herz ſchnitt, auf ſeinen Sitz zuruͤck ſank. Nur mit Muͤhe ge⸗ lang es uns, ihn aus der todaͤhnlichen Ohn⸗ macht zu wecken, in der er lag. Er ſchlug die Augen wieder auf, allein ſein Herz war ge⸗ brochen.— Briefe aus der Heimath beſtaͤtigten die Wahtheit jener Begebenheit. Der Freiherr von M. war ein Freund des armen Arthur; Sein Herz blutete alſo aus zweifachen Wunden! Ob Graͤfin Julie, wie der Freiherr, durch die Nach⸗ richt von Arthurs Tode getaͤuſcht, in die Ver⸗ bindung mit dem reichen Freiherrn gewilligt habe? ob ſie— was Andre von ihr ſagten, ihrem armen aufgeopferten Liebhaber nicht mit gleicher Neigung zugethan geweſen ſey, ſich bloß an ſeiner ſchoͤnen Leidenſchaft gefreut, und ihn ohne Muͤhe mit einem andern verwechſelt hat? ich will es nicht entſcheiden. nich wie vo! er im Th ihr icht elt⸗ auf ge⸗ hn⸗ die ge⸗ nit oß hn nicht mehr verlaſſen. 2¹⁵ — Arthur bat ſeit dieſem Tage ſein Lager Seine Wunden waren wieder aufgegangen. Den letzten Brief der Treuloſen, der noch voll von Verſicherungen ihrer Liebe war, ließ er Tag und Nacht nicht von ſich, er las ihn immer aufs Neue; er benetzte ihn mit ſeinen Thraͤnen, und ſelbſt im Schlummer hielt er ihn feſt an ſein Herz gedruͤckt. Nach ſieben Tagen hatte er vollendet.— Ach Gott, ich kann ihn jetzt noch nicht vergeſ⸗ ſen! Das großmuͤthige Herz druͤckte ſich in den ſchoͤnen Zuͤgen aus, wie er nun vor mir lag im Tode, ein Opfer der Liebe und des harten Schickſals, das einem armen Krieger oft im entſcheidendſten Augenblicke ſeines Le⸗ bens von der Stelle des Gluͤcks entfernt, eines Gluͤcks, auf das auch ſonſt der Geringſte der Menſchen Anſpruch macht. Collin ſchwieg ſeine Waffenbruͤder hatten ihn nicht unterbrochen; auch die Roheſten oder die Froͤhlichſten unter ihnen hatten mit einer ————————— A6 Art von ſtillem Tiefſinn die Erzahlung ange⸗ hört; ihre hoͤher geſpannte Empfindung ver⸗ langte nach Muſik. Erwin! riefen einige von ihnen, du biſt ein lieblicher Saͤnger; ſing' uns ein Lied! Die Erzaͤhlung ſoll dir dafuͤr er⸗ laſſen ſeyn! O gern! erwiederte der melodiſche Erwin, es iſt gut, daß ich meine Cither bei dem Ge⸗ paͤck habe; ich hole ſie! Ohne Saitenſpiel klingt der Geſang nur halb. O laß doch! baten Einige der Andern; auch ohne Cither iſt deine Stimme gut! Allein der gewiſſenhafte Saͤnger holte die Cither, und ſtimmte ſie zu einer ſanften Me⸗ lodie. Ich will euch die Lieder ſingen, welche die Braut eines Kriegers ſang. Sie druͤcken die Wechſel der Gefuͤhle aus, denen ſie ihr Schick⸗ ſal unterworfen hatte. Das erſte heißt: Ah⸗ nung, das zweite Hoffnung und— das dritte moͤgt ihr ſelbſt benennen! ge⸗ er⸗ on ns er⸗ Liebe Mutter ſprich doch nicht Schon vom Hochzeitkranz, Sieh, ein dunkler Schatten bricht Durch des Tages Glanz⸗ Horſt du, wie im ulmenhain Bang' die Taube klagt! Sprich doch nicht vom Hochzeitreihn, Bis mein Morgen tagt. Fern dort, wo zu wilder Schlacht Kuͤhn die Krieger ſtehn, Sollen zu des Todes Nacht Viel der Tapfern gehn. Ach, wohl tapfer war und ſchon, Den mein Herz erkohr!— Liebe Mutter, ſieh dort gehn Schon die Sterne vor⸗ Aber ach, den ſanften Glans Birgt mein Abendſtern, Sprich noch nicht vom Hochzeitkranz, Er iſt fern, ſo fern! Ihre kindliche Einbildungskraft erhob ſich wieder bei dem Gedanken an den ſchoͤnen Lieb⸗ ling; ſie ſang mit froherer Weiſe:; Du wirſt den Heldenreigen, Viel ſchoͤne Krieger ſehn; Doch Einer iſt mein eigen, Der iſt noch eins ſo ſchön! ——— A8 Sie glaͤnzen hoch und prangen Im Schmuck von Stahl und Goldz Mein liebliches Verlangen, Er glaͤnzt noch eins ſo hold. Zum Kampf die Fahnen wallen: Sie ſtuͤrzen kuͤhn hinein, Doch Einer kuͤhn vor Allen,— Das wird mein Liebſter ſeyn. Und wenn ſie wiederkehren Wohl aus der wilden Schlacht, Wenn wieder froh durch Zähren Der Mädchen Auge lacht; Dann werden Maͤdchen fragen Wer glaͤnzt' der Erſt' im Reihn? Dann wird mein Herz mir ſchlagen,— Das wird mein Liebſter ſeyn!! Allerliebſt! rief Robert; ich mochte ſelbſt der Liebſte ſeyn, den das treue Maͤdchen em⸗ pfangen will! Hoͤrt erſt das dritte Lied, ſagte Erwin! Roͤslein, Roslein, Röslein hold, Aus des Morgens Schvoße! Du mir mehr als Perl und Gold, Theure, ſuͤße Roſe. Gibſt du nicht das Bildniß mir Meines holden Treuen? Deiner heib'gen Unſchuld Zier Durft er wohl ſich freuen. zu de 21¹9 Dein Erroͤthen ſanſt und rein Glaͤnzt auf ſeinen Wangen, Mit der dunkeln Ausen Schein Sehnend aufgegangen. Gluͤhte nicht ſein holder Mund Tief in Purpurroͤthe, That er ſuͤßen Laut mir kund, Gleich dem Hauch der Floͤte. Ach und wie die tiefe Gluth, Die im Kelch dir ſtrahlet, Hat mit meines Lieblings Blut Sich der Grund gemaket⸗ Fern nun ſchlaͤft im Schlachtgefild Er in Huͤgels Schoße!—— Bleibe du mir liebſtes Bild! Theure, ſuͤße Roſe! ſt n⸗—— BAber ihr ſcheint euch verſchworen te zu haben, riefen einige der Zuhsrer, uns nur das Traurige unſers Standes zu zeigen! Erwin, weißt du kein beſſeres Lied? Verzeiht, meine Bruͤder! erwiederte Er⸗ win, ich hatte mich einer zu ſchwermuͤthigen Stimmung hingegeben.— Mein jetziges Lied ſoll euch zeigen, wie feſt und zaͤrtlich auch die Liebe iſt, die der edle Krieger erregt. ——— 2²0 Der Krieger warf ſich auf ſein Roß, Und zog wohl fern und weit; Des Maädchens ſtille Thraͤne floß In dunkler Einſamkeit. „Was willſt du denn zur Ferne ziehn, Zum kalten, wiiden Strand? Die Blumen und die Baͤume bluͤhn Im ſchoͤnen Heimath⸗ Land.“ „Und bluͤhn im ſchoͤnen Heimath⸗ Land Die Blumen allzumal; Des Kriegers Blick iſt abgewandt PVom milden Fruͤhlingsſtrahl.“ „Die arme Bruſt, ſo treu und warm, Wird kalt der Nord umwehn; O komm zuruͤck in meinen Arm, Und traͤume ſanft und ſchoͤn!“ „Den Buſen ſchirmt die ehrne Tracht, Der einſt wohl zaͤrtlich ſchlug; Und nach dem Froſt die ernſte Schlacht Iſt ſchwul und heiß genug.“ „Du wirſt dein ſchönes Heimaths⸗Land Wohl nimmer wieder ſehn! Und die, die Lieb und Tren verband, Wird ſtill im Gram vergehn.“ „Des Kriegers Loos kennt nimmer Ruh, Ihn treibt ſein hart Geſchick; Drum ſuͤßes, ſchoͤnes Maͤdchen du, Nimm Herz und. Schwur zuruͤck.“ 221 — „Ach, Lieber, kann des Stromes Fluth Zuruͤck zur Quelle fliehn? Ein Herz; in dem dein Bildniß ruht, Wann hoͤrt es auf zu gluͤhn?“ „Nein, gönnt nur ſo von Ruh und Schmers Die Wahl mir das Geſchick, So bleibe mein des Kriegers Herz, Und mein ſein wankend Gluͤck.“— O ſeht! rief einer der Krieger, wie jetzt das Wachtfener ſo hell aufſchläͤgt! und der Mond geht immer bleicher ſeinem Untergange zu, gleich als ob er ſagen wollte: Ich habe hier nichts weiter zu erhellen; das muthige Kriegsfeuer durchleuchtet jetzt die Welt! Mag es noch lange lodern! riefen Meh⸗ rere.— Ich entſinne mich, fing Joſeph an, den jetzt die Reihe traf, als Erwin ſchwieg, auch eines ſchoͤnen erfreulichen Zuges aus meinem Leben. Seit vielen Jahren war ich nicht in mei⸗ ner Heimath geweſen; ich ging jetzt, meine Aeltern zu beſuchen. Es war zu Anfang des Fruͤhjahres; der Strom war ausgetreten, an dem mein heimathliches Doͤrfchen liegt; ich ſah die lieben, wohlbekannten Fluren uͤberſchwemmt, und Baͤume, Erdſtuͤcken und Trümmer zerſtor⸗ ter Gebaͤnde ſchwammen auf der weiten Waſ⸗ ſerflaͤche. Ich ſah mit traurigen Blicken auf dieſe grauenvolle Verwuͤſtung, als meine Augen durch einen Gegenſtand angezogen wurden, den ich im Raͤhertreiben fuͤr den Korper eines Kin⸗ des erkannte. Die weiße Kleidung, die es trug, hatte mich aufmerkſam gemacht.— Dieß er⸗ kennen, und mich in die Fluten ſturzen, um, wo moͤglich, noch zu retten, bedurfte, wie Ihr wohl denken koͤnnt, nicht großer Ueberlegung. Ich holte das Kleine ſchwimmend ein, und brachte es gluͤcklich ans Land. Es war ein goldlockiges, wunderliebliches Maͤdchen von ohngefaͤhr 5 Jahren. Ich kuͤßte das Kind mit einer unbeſchreiblichen Empfindung; meine Be⸗ muͤhungen hatten ſie ins Leben gerufen; allein ſie ſprach nicht, ermattet legte ſie ihr Köpſfchen an meine Schulter, wie ich ſie ſo in den Ar⸗ men hielt, und ſiel in Schlummer. Ich nahm um ten unt der den blie un ihr me du ein ha nel Ve dic th dei ſah nt, 2²3 ſie mit mir nach dem Hauſe meiner Aeltern, um ſie dort zu pflegen und ſie ihren Verwand⸗ ten wieder zu geben. Meine Aeltern waren von meiner Ankunft unterrichtet; ſie ſtuͤrzten mir mit einem Schrei der Freude entgegen, als ſie meine Tritte uͤber den Hausflur vernahmen, allein in dem Augen⸗ blicke, als ſie mich mit Kuͤſſen bedeckten und an ihre Bruſt druͤckten, wandten ſich ploͤtziich ihre Liebkoſungen von mir auf das ſchlum⸗ mernde Kind auf meinen Armen. Heiliger Gott! ſchrie meine Mutter, Joſeph, wo haſt du ſie gefunden? Ich erzaͤhlte meinen Aeltern nicht ohne einige Befremdung, wie ich das Kind gerettet habe, und bat ſie, ſich einſtweilen ſeiner anzu⸗ nehmen.— O mein lieber, lieber Sohn! riefen mein Vater und Mutter foſt zugleich, Gott ſegne dich! Du gibſt uns in einer Stunde zwet theure Kinder wieder! Wiſſe, die Kleine iſt deine Schweſier, die erſt nach deiner Abreiſe geboren iſt.— Die Briefe meiner Aeltern von — ——— 224 dieſer Zeit an mich waren verloren gegan⸗ gen.— Eine allgemeine ſanftere gteihe verbreitete ſich bei dieſer Erzaͤhlung uͤber die Geſichter der Kriegsgefaͤhrten. Mir faͤllt noch eine Erzaͤhlung ein, fing Erwin wieder an, deren Wahrheit ich euch aus der Sammlung meiner Erfahrungen verbuͤrgen kann. Ich will ſie, wenn ihr es mir vergoͤnnt, mit dem Liede der kleinen Roſette ensih Die bunten Mohnen bluͤhten Auf unſrer ſtillen Flur; Des Gaͤrtchens Roſen gluͤhten, In lauter Luſt Azur. In unſter Fluren Schoße Floß ſtill mein Leben hin, So ſchuldlos wie die Roſe, Im heitern Jugendſinn. Da zogen fremde Krieger Durch unſer ſtilles Land; Sie kehrten wohl als Sieger Zuruͤck zum Heimathsſtrand. Ich ſah an Waldes Grenzen Die hohen Federn wehn, Und Augen ſah' ich glänzen, So hatt' ichs nie geſehn. nic Au jen ſtil ter un al⸗ tete der fing aus gen ant, en⸗ 223. Sie ſahn im Morgenſcheine Mir freundlich ins Geſicht; Doch Einer— ach der Eine!— dur den vergeß ich nicht! Ach haͤtt' er nicht verweilet, So lang, ſo freundlich hier! Wohl leichter wär' verheilet Die tiefe Wunde mir. Er nahm von ſeinem Herzen Das goldne Kettlein ab, Und wohl nicht ohne Schmerzen, Es mir zum Denkmal gab. Er wollte wiederkehren, Bevor ein Jahr verſtreicht,— Ach, ſtill doch, meine Zaͤhren! Der Liebe Glaub' iſt leicht. Und kam er denn wieder? fragten die Krieger. Ob er wieder gekehrt iſt, weiß ich Euch nicht zu ſagen, entgegnete Erwin. Schwerlich! Auch wuͤrde er die arme Roſette nicht an jenem Orte wieder aufgefunden haben; das ſtille Huͤttchen, das ſie bisher mit ihrer Mut⸗ ter bewohnt hatte, ward durch Brand verzehrt, und ſie waren Beide genöthigt, bei einem al⸗ 15 — 226— ten Oheim in einem abgelegenen Lande ihre Zuflucht zu nehmen. Roſette lebte dort eben wieder ein ſtilles eingezogenes Leben. Ein Jahr nach dem an⸗ dern zog dahin; ſie dachte zwar noch mit Vergnüͤgen und Trauer an das ſchoͤne Bild aus ihrer erſten Jugend, allein ſie uͤberließ ſich doch keinem heftigen Schmerze, daß es verlo⸗ ren war. Das Ungluͤck jener Gegenden wollte, daß ſich der Krieg nach vielen Jahren auch dorthin zog. Eine Schlacht ward nicht fern von Ro⸗ ſettens Wohnort geliefert, und ein kleines Corps des ſiegenden Feindes ſtieß auf das Landgut, wo ihr Oheim mit ihr und ihrer Mutter wohnte. Die Feinde forderten eine ſtarke Brand⸗ ſchatzung, und drohten mit gaͤnzlicher Zerſtö⸗ rung, wofern man ſie ihnen weigere. Roſettens Oheim war nicht im Stande die Summe zu bezahlen; der alte Mann, durch Schrecken und die Angſt aufs Krankenlager ge⸗ worfen, er war nicht faͤhig, das ſicherſte Mit⸗ tel; hen, die ten den bat in i nun! dun, Der Ohe des gan ihm geft Kri ſtim ſie dieſ ger ihre tilles an⸗ mit Bild ſich erlo⸗ daß thin Ro⸗ ines das hrer and⸗ nde urch it⸗ 227 tel zu ergreifen und ſelbſt zum Obriſten zu ge⸗ hen, welcher im naͤchſten Dorfe ſtand; allein die Holdſeligkeit Roſettens hatte ihr einen al⸗ ten Krieger geneigt gemacht, der ſich unter den uͤbrigen wilden Haufen auszeichnete. Sie bat ihn, zu ſeinem Obriſten zu gehen, und ihn in ihrem und ihrer Mutter Namen um Scho⸗ nung fuͤr ihren armen Oheim zu flehen. Der Krieger erfullte ihre Bitte; die Sen⸗ dung war ſehr wohl aufgenommen worden. Der Befehlshaber kam ſelbſt, um mit ihrem Oheim zu ſprechen. Er ließ ſich vor das Bett des Kranken fuͤhren, und der alte Mann ward ganz bezaubert von der Milde, mit der er mit ihm ſprach. Mein Herr! redete ihn der Obriſte an, die gefoderte Summe war zur Belohnung meiner Krieger nach dem vorgefallenen Treffen be⸗ ſtimmt,— ich kann ſie nicht erlaſſen; allein ſie werden mit der Halfte zufrieden ſeyn, und dieſe gebe ich ihnen aus meinen Mitteln. Er gab dabei den ihn begleitenden Krie⸗ gern eine Boͤrſe mit Gold.— Der Oheim 15* ſcheinen. 228 wollte ſich in Dankſagungen erſchöpfen. Ge⸗ mach mein Herr, unterbrach ihn der Anfuͤhrer, ich bin ſo großmuͤthig nicht, als Sie glauben; ich verlange ein Gegengeſchent fuͤr das, was ich that; Sie haben eine ſchoͤne Nichte; ich fordere die ſe zum Erſatz! So wie vorher die Freude den rechtſchaf⸗ fenen alten Mann in Feuer geſetzt hatte, ſo machte ihn jetzt der Schrecken ſtarr und ſprach⸗ los. Er ſuchte Entſchuldigungen hervor zu ſtammeln, oder wo möglich Roſettens Daſeyn ganz zu verleugnen. Keine Einwendungen! er⸗ wiederte der ſtolze Befehlshaber, oder fuͤrchten Sie das Aergſte. Ich fordere, daß man ſie in dieſem Augenblick hierher fuͤhre. Die arme Roſette war ſchon von dem Vorgefallnen durch einige Dienſtleute unterrich⸗ tet, die in halber Todesangſt die Worte des Obriſten mit angehoͤrt hatten; die Mutter rang die Haͤnde und brach in Jammer aus.— Roſette, mehr todt als lebendig, mußte auf die Bitte ihres geaͤngſteten Oheims endlich er⸗ Off nen der gen Juͤr die kein fint ver uni die Er me her fra der ſer Ge⸗ rer, ben; was ich haf⸗ zu ſeyn er⸗ hten ſie dem ich⸗ des ang auf er⸗ 29 Der Obriſt ging ihr entgegen, von ſeinen Offiziers umgeben; ſie wagte nicht, dem ſchoͤ⸗ nen hohen Juͤngling in die Augen zu ſehen, der ihr in allem kriegeriſchen Schmuck entge⸗ genſtrahlte. Undankbare, redem ſie der ſchoͤne Juͤngling an, ſo hartnaͤckig verſagſt Du alſo die Liebe deſſen zu belohnen, der ſeit Jahren keinen andern Wunſch kannte, als Dich aufzu⸗ finden?— Roſette, haſt Du mich denn ganz vergeſſen? ſagte er mit einer weichern Stimme, und beugte ſich zu ihr herab und ſah ihr in die holden niedergeſchlagenen Augen. Roſette meinte jetzt vor Entzuͤcken in die Erde zu ſinken, als ſie den erkannte, der im⸗ mer der Gegenſtand ihrer geheimen Trauer ge⸗ weſen war; der Obriſt zog die blonde Locke hervor, die ſie ihm einſt gegeben hatte, und fragte ſte, ob ſie ſein Licbesgeſchenk, die gol⸗ dene Kette, wohl auch aufbewahrt? Nur kurze Zeit bedurfte er, um ſich zu uberzeugen, wie ſehr er noch von ihr geliebt ſey. Der Obriſt wandte ſich jetzt an den Oheim 2³0 und ſagte ihm, wie er bei Roſettens erſter Ve⸗ kanntſchaft noch nicht im Stande geweſen ſey, an ein haͤusliches Gluͤck zu denken, wie er ſich jetzt herauf gedient, und nun entzuͤckt geweſen ſey, den Namen der fruchtlos geſuchten durch den an ihn geſchickten Krieger zu erfahren. Die Mutter trat bei dieſen Worten ein, zitternd vor Furcht und Freude; der Obriſt flog auf ſie zu und begruͤßte ſie mit Innigkeit; Sie wiſſen, fuhr er fort, mit welcher Ehr⸗ furcht ich Ihre unſchuldige Tochter geliebt habe; ich bitte Sie jetzt, meine theure Mutter, um Roſettens Hand und um Ihren Segen!— Roſette iſt noch heute die gluͤckliche Ge⸗ mahlin ihres treuen Kriegers, und mit kindli⸗ cher Liebe hat er ſtets fuͤr ihre Mutter und für ihren Oheim geſorgt. k Schoͤn! ſchoͤn! riefen die Krieger, ſo etwas wirft doch ein etwas gutes Licht auf uns. Aber, nahm Erwin wieder das Wort, den Beleg zu meinem Liede von der Treue, die gewohnlich ein Krieger zu erregen weiß, muß ich euch doch noch mittheilen, wenn er gleich abe moͤc lun mat der ſtuͤc ĩc lc ie) E Y 8 i as rt, ie uß ch 231 — abermals ein wenig ins Traurige lenkt. Ich moͤchte gern die Ehre der Frauen retten, der Du, Collin, erſt vorhin mit Deiner Erzaͤh⸗ lung von Arthur einen ſo harten Vorwurf machteſt. Und meine Geſchichte iſt nicht min⸗ der eine wahre Begebenheit. Ein duͤſtres Nacht⸗ ſtuͤck nur, vom Lichte der Liebe gemildert. Die Nacht iſt ſchwarz, kein ſanfter Stern erblinkt, Doch hell in Feuerrothe gluͤht der Himmel, Das Dorf zur Rechten, das in Flammen ſinkt; Es ſchweigt des Kampfes wuͤthendes Getuͤmmel. Hier lohe Gluth, dort eiſ'ge Winterflur; Der Himmel ſtarrend in des Froſtes Blaͤue, Die ganze Landſchaft traͤgt des Todes Spur, Der Schnee mit Blut befleckt zu ernſter Weihe! Wer jagt bort ſtuͤrmend durch das Schneegefild, Ein junger Krieger, ſchoͤn wie Himmelsboten! Doch all ſein Weſen des Entſetzens Bild. Sein glaͤnzend Aug' durchſchweift das Feld der Todten. Zuruͤck! zuruͤck!— ruſt im Begegnen ihm Ein flieh'nder Diener, Alles iſt verloren! Zuruͤck! Entweicht des Feindes Ungeſtuͤm! Mein Herr iſt nieder zu des Todes Thoren. Und du verließeſt ihn im Kampf der Noth? O jetzt bewaͤhr dich Muth der Liebestreue! Der Juͤngling riefs; von Schrecken ringsumdroht, Durchflog er kuͤhn das Feld der Todesweihe. Heil'ge Macht der ſchoͤnſten Triebe, Wenn der Maͤn r Muth erliegt, Durch des Weibes zarte Liebe Wird Gefahr und Tod beſiegt. Junger Krieger wie ſo muthig! Schone, zarte Kriegerin! Fruchtlos ſtellt der Tod ſich blutig Vor der Gattin treuen Sinn. Liebe leuchtet durch die Schatten Ihr mit lichtem Flammenſtrahl, Sie erkennt den holden Gatten „— In der Tauſend Todten Zahl. Aber ach, eutſtellt von Wunden, Packt der rohen Habſucht Preis, Da wo er den Tod gefunden, 8 Lag er auf dem kalten Eis. Ja da ſtuͤrmt's mit heißerm Triebe Was ſie je gefuͤhlt fuͤr ihn, Mitleid, zaͤrtlich gluͤh'nde Liebe, tie Schmerz und Sehnſucht, ſtark und kuͤhn. lic Und in ihres Schmerzes Fulle, Selbſt der mildern Heimath Kind, wi Reißt ſie ab die warme Hulle, Fuͤhlet nicht den eiſ'gen Wind. iht Und mit zarter Mutterpflege Hüllt den Liebling ſie darein, le Fuͤhrt ihn durch die grauſen Wege vo Auf dem Roß zum ſichern Hain-— 8 3 Wahnſinn armer, kranker Liebe! ha Ach, ſie hofft mit Glaubensmacht, Daß ſein holdes Leben bliebe, Ihn zu rufen aus der Nacht. 233 Ach umſonſt! das Reich der Schatten Giebt ſein Opfer nie zuruͤck.— Still nun weiht dem todten Gatten, Sie des Schmerzes letzten Blick. — Im Witwen⸗Schleier, in des Grams Gewande, Erblickt Ihr nun die hertliche Geſtalt; Sie folgt dem Sarg zum fernen Vaterlande, Wohin der Wunſch des Sterbenden gewallt. Zu ruhen dort hat er ſich ſtets geſehnet; Die letzte Pflicht erfuͤlt ſie fromm und treu, Sie laͤchelt fanft, verklart, und unbethränet Ihr ſchones Aug', ſie ſcheint vom Ird'ſchen frei; Doch als ſie nun vertraut die theuren Glieder Auf Heimath sgrund dem ſichern dunkeln Haus, Da ſinkt ſie ſtill bei dem Geliebten nieder, Und ſchlaͤft die Laſt des ſchweren Lebens aus. Dreue Seele! ſagte Floreſtan mit einem tiefen Seufzer.— Ja freilich. Brüder, gluͤck⸗ lich der, dem ſolch ein Weib zu ei wird! Ja wohl! fuͤgte Collin hinzu, ſie ver⸗ wiſcht den Schatten wieder, den Julie auf ihr Geſchlecht geworfen hat. —— Aber was fehlt dem armen Pau⸗ let? fragten Einige; er ſitzt ſo tranrig, abwaͤrts vom Feuer, den Kopf in die Hand geſtuͤtzt.— Bruder, nimmſt Du gar nicht an unſter Unter⸗ haltung Theil?— Paulet hob das Haupt empor; der Schein 16 234 des Feuers, nach dem er ſich jetzt wandte, zeigte den tiefen Gram auf ſeinem Geſichte, und die Thraͤnen, von denen ſeine Wange glaͤnzte.— Verzeiht, meine Bruͤder, ſagte er mit einem tie⸗ fen Seufzer, wenn ich minder aufmerkſam auf Eure Geſpraͤche war. Ich dachte an meine un⸗ gluckliche Mutter. Deine Erzaͤhlung, Fioreſtan, „ und vorhin die Deine, Joſeph, hatten mir den Stachel des Schmerzes nur noch tiefer ins Herz gedruͤckt. Wie gluͤcklich ſeyd Ihr! o Gott! ich kann nicht mehr nach meiner Heimath gehn! Ich hatte drei Bruͤder, mein Stolz und meine Liebe; ſie ſind alle geblieben, Einer nach vem Andern, auf dem Feld der Ehre; bei der großen Schlacht von C. ward ich toͤdtlich ver⸗ wundet, mein Name war ſchon auf die Todten⸗ liſte eingetragen; nur durch einen gluͤcklichen Zu⸗ fall ward ich gerettet. Meine Mutter fand mei⸗ nen Namen auf der Todtenliſte: Nun ſind meine vier Sohne todt, ſagte ſie gelaſſen. Ich habe nun kein Kind mehr auf der Welt; nun will ich mich hinlegen und auch ſterben! Sie verließ ſeit dieſem Tage ihre Huͤtte nicht wieder. Als ich zum erſten Mal geheilt von meinen Wunden wie⸗ der ins Freie ging, erhielt ich den ſchwarzgeſie⸗ gelten Brief vom Tode meiner Mutter.— —— —— — te die tie⸗ auf un⸗ n, den er ich und ach der ver⸗ ten⸗ Zu⸗ nei⸗ eine abe ich ſeit ich vie⸗ ſie⸗ 235 Armer Freund! fing Triſtan an, der bis⸗ her in ſtiller Schwermuth geſtanden hatte, die ausdrucksvollen dunkeln Augen in den unterge⸗ henden Mond gerichtet, Du biſt beklagenswerth⸗ aber gluͤcklich zu nennen iſt Dein Schickſal, wenn Du es mit dem meinigen vergleichſt. Ich habe meine Aeltern fruͤh verloren; kein zaͤrtliches Band der Natur machte mir das Leben theuer; allein ich hatte einen Freund, den ich mehr als mein Leben liebte, der mein Gluͤck, mein Stolz, mein Reichthum war. Wir hatten Keiner einen Gedanken vor dem Andern geheim. Jedem war es, als ob er nur halb da ſey, wenn er nicht den Andern neben ſich ſah. In zwanzig Schlachten hatten wir zuſammen gefochten; einſt ſollte eine kleine Zahl der Unſern eine befeſtigte Stellung des Feindes erobern. Wir konnten dahin nur durch einen engen Pfad gelangen, der von furchtbaren ſteilen Felſen umgeben war; der Feind ſtellte ſich uns entgegen; ein Theil der Unſern hatte ſchon gluͤcklich die Hoͤhe erkaͤmpft; unter ihnen war mein Dagobert; ich Ungluͤckli⸗ cher war die Urſache, die ihn in das Todesge⸗ fecht zuruͤckrief! Ich war von den Feinden hart bedraͤngt, mein Blut floß aus einer leichten Wunde; mein Dagobert hoͤrte meine Stimme, 16* 236 die ihn um Huͤlfe bat; er ſtuͤrzte zuruͤck in das Mordgrfecht; er rettete mich. Aber heißer und hartnaͤckiger ward der Kampf; ein Entſatz vom Heere kam uns zu Huͤlfe; die Feinde verdoppelten ſich; wir kaͤmpf⸗ ten bis tief in die Nacht; der Halbmond im Zu⸗ nehmen ging eben ſo truͤb und röthlich unter, als jetzt der abnehmende dort hinter die Erde ſinkt; an ſeinem Strahl, wie er ihn noch ein Mal mitleidig zuruͤck warf, ſah ich zum letzten Male den Freund, an dem die Freude meines Le⸗ bens hing. Er hatte dicht an meiner Seite gekaͤmpft; die letzte zuruͤckgelaſſene Helle des Mondes ſchwand jetzt nach und nach; die tiefſte, ſchwär⸗ zeſte Nacht brach ein, und wir waren genöthigt, von dem erbitterten Geſecht zu ruhen, weil Freund nicht mehr Freund unterſcheiden konn⸗ te.— Es war eine graunvolle fuͤrchterliche Nacht; wir mußten auf dem Platze ſtehen blei⸗ ben, wo wir im fechtenden Gedraͤng geſtanden hatten, denn Felſen und Suͤmpfe drohten uns bei jedem Schritte, ob ſich gleich das Thal er⸗ weitert hatte; zu meinen Fuͤßen wand ſich ein Bach durch Felſenſtüͤcke, und gab mir durch ſein trauriges Geraͤuſch eine Art ven Begleitung zu meinen truͤben Vorgefuͤhlen. —— er f⸗ u⸗ er in en e⸗ . es ir⸗ gt, eil n⸗ che ei⸗ en n8 ⸗ in in —— 237 In den letzten Minuten hatte mich das Ge⸗ tuͤmmel des Kampfes von meinem Freunde ge⸗ trennt; ich hoͤrte ſeine Stimme nicht mehr; vergebens ſucht' ich ihn um mich her, vergebens rief ich ſeinen Namen. Ungeduldig harst' ich nun die lange Nacht durch dem Morgen entge⸗ en. Es war kalt, und doch quaͤlte uns ein brennender Durſt; ich ſchöpfte mir eine Hand voll Waſſer aus dem voruͤberrinnenden Bache; da war es auf ein Mal, als ich trinken wollte, als wandelte mich ein wunderbarer Schauder an: ich konnte nicht trinken. Der Tag fing endlich an zu grauen, die Rorgenröthe brannte, mir gegenuͤber, zwiſchen den Bergen herauf, und fiel auf den Bach, aber mit kaltem Schauer ſah ich das Waſſer nicht blos von der Morgenroͤthe, ſondern von Blut geroͤthet; ich blickte naͤher hin—— und o Gott im Himmel! werd⸗ ich den Augenblick ver⸗ geſſen?— Zu meinen Fuͤßen ſah ich den Leich⸗ nam meines beſten, meines einzigen Freundes liegen! Die Wellen deckten ihn halb— eine tödtliche Kugel hatte ihm die Bruſt zerſchmettert, gerade auf der Stelle des Herzens; ohne einen Laut war er niedergeſunken; und ich!— o Gott! ich, fuͤr den er ſich aufgeopfert hatte, ich habe dieſen Augenblick uͤberleben koͤnnen!— Aber die 238 Fraͤfte meiner Jugend ſind ſeitdem gebrochen, und meine Sehnſucht eilt dem Grabe zu. Mitleidig blickten die Bruͤder den ungluͤck⸗ lichen Triſtan und den armen Paulet an, die beide noch im Jünglingsalter, doch an des Le⸗ bens todter Grenze ſtanden. Jünglinge, ich ehre eure Trauer, ſagte ein ehrwuͤrdiger alter Krieger, ſie gilt den heiligſten Gefuͤhlen der Ratur. Mir ruft ſie ein wehmuͤ⸗ thiges Bild zuruͤck, das zwar dem Scheine nach entfernter, doch mir nicht minder unausloͤſchlich iſt; ſcht dieſe Thraͤne, die noch heut meinem Aug' entfaͤllt, wenn ich von dieſem Gegenſtand ſpreche; ſie iſt dem Andenken eines edeln, unver⸗ geßlichen Generals geweiht, den ich fallen ſah, ein Opfer ſeiner weichen Menſchlichkeit. Ein großer Feldherr war kurz vor der Be⸗ gebenheit, die ich euch erzaͤhlen will, mit Schmach bedeckt worden, weil er ſich dem Feind ergeben hatte, wiewohl nicht ohne hartnaͤckigen Widerſtand. Wir waren eingeſchloſſen, eine kleine Schaar; ein ungluͤcklicher Zufall, nicht die Schuld unſers Anfuͤhrers, hatte uns in die Ge⸗ walt des erbitterten Feindes gegeben, der uns vier Mal ſtaͤrker umringte; keine Moͤglichkeit uns durchzuſchlagen, ohne dem Tode in die Arme zu die Le⸗ ein en u⸗ ich ich em er⸗ h, e⸗ nit nd en ine die e⸗ ns n8 — gehen; doch brannten wir zum Kampfe, und zuͤrnten auf unſern ſonſt angebeteten General, als er ſich ergab.—— Aber ehe wik die Waffen niederlegten und abgefuͤhrt wurden, trat er noch ein Mal vor uns und redete uns an mit ſeiner herzgewinnen⸗ den Stimme, die uns ſo oft im Augenblicke der Gefahr erhoben und befeuert hatte. Krieger, ſagte er, in Euren Blicken leß ich es, daß mich Eure großmüthigen Herzen tadeln, zum erſten Mal in Eure Bande gewilliget zu ha⸗ ben. Ihr kennt die Lage der Gegend, die Stel⸗ lung des Feindes nicht. Ich wußte, daß ich Euch Alle aufopfern wuͤrde, verſuchten wir uns durchzuſchlagen; ich glaubte beſſer zu handeln, wenn ich dem Vaterlande eine Anzahl ſeiner ta⸗ pfern Streiter erhielte, und— ergab mich.— Nicht unbewußt indeß iſt mir das Loos, das meiner wartet, und verzeiht, wenn ich zu ſchwach bin, dieß um Euretwillen zu ertragen! Verzeiht, wenn Euch der von heut an verlaͤßt, der bis hierher Euer treuer Fuhrer war! Lebt wohl, Bruͤder! mein Leben konnt⸗ ich Euch aufopfern, doch meine Ehre nicht. Er zog in dieſem Augenblick ein Piſtol aus ſeinem Buſen, und ſank mit zerſchmetterter Stirn zu unſern Fuͤßen. 240 Die Morgenrothe ſtand am Himmel, als der greiſe Krieger geendet hatte, die Sonne warf ihre erſten Strahlen herauf; Erwin griff noch ein Mal nach ſeinem Saitenſpiel und ſan ein ernſtes Lied: Fluͤchtig iſt des Lebens Sonnenhelle, Die des Kriegers rauhe Pahn erhellt; Aber gluͤcklich, daß auf flüchtge Welle Oft verklaͤrt ein Bild des Himmels faͤllt! Was das Leben Schoͤnes hat und Mildes, Hoh' und Heil'ges, iſt uns aufgethan. Jenſeit unſers daͤmmernden Gefildes Hebt der Pfad ſich ſiegend himmelan. Und die hohen Blicke lenkt der Krieger Zu der wahren ſeſten Heimath auf; Wie den Feind, auch oft ſich ſelbſt Beſieger, Folgt er edel ſeinem großen Lauf. Dem das Leben feil iſt jede Stunde, Was vermoͤcht ihn erdwärts noch zu ziehn? Doch die Menſchlichkeit im ſchoͤnen Bunde, Oft auch ſchmuͤckt mit holdem Lohn ſie ihn. Dankbar gruͤßt er dann das fluͤcht'ge Leben, Als die ſchoͤne wankelmuͤth'ge Braut Inniger in Freundſchaft uns ergeben, Iſt der Tod als Bruder uns vertraut. Treuer Bundgenoß der tapfern Krieger! Wenn das Leben uns mit Knechtſchaft druckt, Führſt du uns zum ſtillen Bort der Sieger, Wo die heil'ge Freiheit uns begluͤckt. —.—— — ——————— 1 4 — * —————