— 8 — — . deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ceih- und eſebedingungen. 1. offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 offen. ( 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Cäution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 4 für wöchentlich PBücher: 4 Bücher: 6 Bücher: .—————————— auf 3 Monat: 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Lädenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſ auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das eiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben“ Das Kind meines Vaters. Oder die Gebrechen der Erziehung und des Karakters. 2 Frei bearbeitet 3 nach Duͤmaniant. — — — Stuttgart, 1803. Magazin fuͤr Litteratur. —— — Innhalt. Neuntes Kapitel. Klärchen. S. r. Zehntes Kapitel. Die Folgen einer Un⸗ vorſichtigkeit— Unverhofftes Wiederſe⸗ hen— Sonderbare Ereigniße. 27. Eilftes Kapitel. Das geahndete Ungluͤk kommt— Benehmen meines Oheims ge⸗ gen mich.— Schluß. 7*. ———— RNeuntes Kapitel. Klaͤrchen. S ch hatte mir ernſtlich vorgenommen, dies Projekt auszufuͤhren, ohne lange zu uͤberlegen, ob es moͤglich ſei oder nicht; aber im Buche des Schikſals ſtand es anders geſchrieben. Nach⸗ dem ich auf der Poſt das Paguet abgegeben hatte, gieng ich langſam, in tiefes Nachdenken verſunken, an dem Palais Royal voruͤber, als ich ploͤzlich durch den ſanften Schlag eines Faͤ⸗ chers aus meinen üne gerißen wurde. „Treff⸗ ich ſie hier, mein lieber Marquis?% redete mich ein bezauberndes Mädchen in dem ſchmelzendſten Tone an. Ich ſah ihr forſchend ins Geſicht, und er⸗ kannte in ihr die vorgebliche Nichte jener vor⸗. nehmen Wittwe, bei welcher mich der Fremde Das Kind, 2. A 2* n in Orleans zum Nachteſſen eingefoͤhrt hatte; das reizende Flaͤrchen, deren Verluſt ich 24 Stunden beklagt hatte, und deren plözliche Er⸗ ſcheinung das Andenken an die entzuͤkendſte Nacht meines Lebens in meiner Seele wieder lebhaft wekte. Ich will es dir geſtehen, lieber Leſer, bald ſchwand alle Traurigkeit aus meinem Her⸗ zen, und die Freude nahm ſchnell wieder Plaz darinnen. Ich vergaß Sinval, Sophie, den Marquis von Bellecvur, und die niedliche Fan⸗ chon. Auf die hoflichſte Weiſe von der Welt lud mich Flaͤrchen zum Mittageſſen ein, eben ſo hoͤflich nahm ich ihre Einladung an. Ich wurde heiter, alle Furcht vor dem Gefaͤngniß war verſchwunden, ich trug das Bewußtſeyn einer guten Handlung mit mir herum; Sinval befand ſich auſſer Gefahr, ich konnte nicht daran zweifeln, daß ihm der Marquis aufs neue ſeine Hochachtung und die Hand ſeiner Tochter ſchen⸗ ken wuͤrde, und das war genug, um alle Sor⸗ gen zu verbannen. Ich athmete nichts als Freu⸗ de und Vergnuͤgen, denn ich ſollte wieder Hlaͤr⸗ chen gegenuber ſpeißen. Aber wer ſie eigentlich ſei, und was ſie in Paris mache? Dieſe Fra⸗ gen beunruhigten mich wenig. Ein huͤbſches Maͤdchen, das mir gefiel, das gleichfalls Wohl⸗ gefallen an mir fand, und von dem ich uͤberdiß wußte, daß es nicht zu dem Orden der Veſta⸗ linnen gehoͤre. Sie lachte, wie eine Närrin, —— = 4—— —— — N ——— — als ſie ſich wieder unſerer erſten Bekanntſchaft erinnerte:„Du biſt doch ein herrlicher Junge, rief ſie haͤndeklatſchend aus, in meinem Leben werde ich den drplligten Menſchen nicht vergeſ⸗ ſen! Alle Augenblike begegneten uns Frauen⸗ zimmer von ihrer Bekanntſchaft, und zogen ſie mit ihrer neuen Eroberung auf.— Laßt mich nur in Ruhe, ſagte ſie, euch ſoll gewiß nichts davon zu Theil werden, dafuͤr ſteh ich euch⸗ Wenn du nicht geweſen waͤreſt, ſezte ſie hinzu, und hieng ſich zutraulich an meinen Arm, ſo waͤr' ich noch eine ganze Stunde ſpazieren ge⸗ gangen; aber da ich dich wieder habe, ſo brauch ich ſonſt keinen Menſchen zu ſehen. Jezt wollen wir gleich nach Haus.— Sie zog mich zu einer glänzenden Kutſche hin, wo uns ein reichgeklei⸗ deter Bedienter den Schlag oöfnete, und wie mirs ſchien, ein wenig boshaft laͤchelte, als er mich an der Seite ſeiner Herrſchaft ſo vertraulich Plaz nehmen ſah. Auch Klaͤrchen mußte es be⸗ merkt haben, denn ſie ſtrekte ihr Koͤpfchen zum Fenſter heraus, und ſagte zu den Menſchen: ich will mir alle Muthmaſſungen und Spoͤttereien verbeten haben, Duͤbois, der junge Menſch hier iſt mein Bruder. „Er iſt ſchon, wie Sie Madam, und macht Ihrer Familie Ehre, erwiederte Dubois mit ei⸗ ner tiefen Verbeugung.“ A 2 — Der Schlingel glaubt mirs nicht, aber er iſts auch nicht gerade, dem ich diß Mährchen weiß machen will.— Jezt waͤren wir alſo allein. Du ſiehſt mich an, und ſchweigſt? Muß ich denn ewig allein plaudern?— Und in dieſem Tone fuhr das liebe Maͤdchen fort, ohne mich zu Wor⸗ te kommen zu laſſen. Die Kutſche flog in ra⸗ ſchem Laufe davon, die Vorhaͤnge waren nieder⸗ gelaſſen, bei einer zu raſchen Bewegung verliert man leicht den Kopf, und dies war der Fall bei uns beiden. Klaͤrchen, welche ſich ſchneller faßte, zog ihre Uhr heraus.— In zwei Minuten ſind wir an Ort und Stelle, ſagte ſie. Erhohlen ſie ſich, mein Lieber, bringen Sie ihre Sachen in Ordnung, man muß den Menſchen keinen Anlaß zum laͤſtern geben. Ich hielt Klaͤrchen fuͤr eine Dame von Stand; ihre Kutſche, ihr praͤchtiger Anzug, ihr Ge⸗ ſchmeide, ihre glaͤnzende Wohnung beſtaͤrkten mich in dieſer Vermuthung. Man gieng ſogleich in den Sſnat um ſich zu Tiſche zu ſezen, als der Bediente zum Zimmer herein ſtuͤrzte, und erſchroken ausrief:„Der gnadige Herr kom⸗ men!“ — Hurtig, das Kouvert wegnenommen, ſag⸗ te Klaͤrchen, und Du, mein Freund, fort! in jenes Kabinet!— — — 5 Sie ſchob mich mit Gewalt hinein, ſchloß die Thuͤr ab, und ſtekte den Schluͤßel zu ſich. Es war das erſtemal in meinem Leben, daß mir ein ſolches Abentheuer begegnete, und ich muß geſtehen, es wollte mir gar nicht behagen. Ich zitterte vor Angſt, der boshafte Bediente moͤchte ſeinem Herrn, den ich fuͤr Klärchens Gatten hielt, verrathen, daß ich in ſeinem Hauſe ver⸗ ſtekt ſei. Wenn es nur einigermaßen moglich geweſen wäre, haͤtt' ich mich aus dem Staube gemacht. Aengſtlich ſucht' ich umher, ob ich nicht irgendwo ein Gewehr entdeken moͤchte, mit dem ich mich vertheidigen koͤnnte; aher da war auſſer weiblichen Kleidungsſtuͤken nichts zu fin⸗ den. Indeſſen verlor ſich nach Verfluß voen einer halben Stunde die Furcht vor einer Entdekung, und machte der Langeweiie Plaz. Ich horte das Geraͤuſch der Schuͤſſeln und der Teller.— Die ſpeiſen ruhig drauf los, ſagt' ich zu mir ſelbſt, wäͤhrend ich beinah Hungers ſterbe. Hohl doch der Teufel alle uͤberläſtige Ehemanner!—— Jezt hätt' ich die ſchoͤnſte Gelegenheit gehabt, uͤber mich ſelbſt moraliſche Betrachtungen anzu⸗ ſtellen, und wenn dißmal jemand Unrecht hatte, ſo war es gewiß nicht der Ehmann, uͤber den ich ſo aufgebracht war, ſondern mir ſelbſt, und Klärchens Unbeſonnenheit haͤtt' ich alle Schuld beimeſſen müſſen.— Zum ungluk fiel mir ein Buch in die Hän⸗ de. Aus Langeweile nahm' ich es, ich durch⸗ laufe es nur flächtig, aber bald fand ich Gefal⸗ len daranz es waren Diderots Bijoux In⸗ discrets. Adieu Vernunft! Adieu Ueberle⸗ gung! Es war ſchon einmal uͤber mich verhaͤngt, daß ich uͤberall auf Lehrer ſtoßen ſollte, die mir gerade ſolche Dinge beibringen mußten, die ich nicht haͤtte wiſſen ſollen⸗ Ich frage alle ſtrenge Sittenrichter, welche ſo gerne einen ungluklichen verführten Juͤngling verdammen, ob ſie nicht auch zuweilen ohne beſſere Fährer geſtrauchelt waͤren? 8 Doch eben jezt bemerk' ich, daß ich den Le⸗ ſer ein wenig lang in Klärchens Kabinet bei mir eingeſchloſſen halte. Ich mußte drei volle Stunden darinn aushalten, aber dich will ich etwas ſchneller entlaſſen. „Armer Junge, ſagte Klaͤrchen zu mir, in⸗ dem ſie die Thuͤre aufſchloß, du haſt wohl recht viel Langeweile gehabt2“ — Nichts weniger, ich habe geleſen.— „Ein ſchones Buch⸗e — Ich wͤnſchte wohl der Eigenthuͤmer des ſchoͤnen Rings zu ſeyn, der zu ſo unterhalten⸗ den Geſchichten Anlaß gegeben hat. Auf der Stelle wuͤrd' ich Gebrauch von ihm machen.— „—— ——— „Stell dir einmal vor, du hätteſt ihn, be⸗ fiehl, und mein Mund ſoll dir alles, was du wiſſen moͤchteſt, entdeken, ohne daß mich ein ge⸗ ſchwaͤziger Bijou zu verrathen braucht. Ich wuͤnſchte, daß du mich vollkommen kennen lern⸗ teſt, denn ich koͤnnte es nicht uͤber's Herz brin⸗ gen, dich zu mißbrauchen. Die Empfindungen, welche ich dir einfloͤße, will ich nicht der Taͤu⸗ ſchung zu verdanken haben. Ich werde offen mit dir ſprechen, vielleicht gefall' ich dir ſo, wie ich bin, ſollte aber meine Offenherzigkeit den Zauber verſcheuchen, ſo wird es mich zwar in der Seele ſchmerzen, aber ich brauche mir hernach doch nicht den Vorwurf zu machen, daß ich dich betrogen habe. Aber jezt komm zu Ti⸗ ſche, wir ſind beide noch hungrig.“ — Ich wohl, aber du—2— „Man hat mir unvermuthet Gaͤſte gebracht, denen ich aufwarten mußte, und ſolang ich an meinen armen Gefangenen dachte, ſchmekte mir kein Bißen. Jezt ſind ſie, Gott ſei Dank, wie⸗ der fort, wir haben keine Stoͤrung mehr zu be⸗ furchten, und mit dem Vergnuͤgen kehrt auch der Appetit zuruͤk.« Jezt wurden allerhand delikate Speiſen auf⸗ geſtellt, und ſobald dieß geſchehen war, entfern⸗ te Klaͤrchen die Dienerſchaft, und wir befanden 8———— uns allein. Es war die koͤſtlichſte Mahlzeit in meinem Leben, eins bediente das andere, und uns behagte nur das, was uns von der Hand der Liebe gereicht wurde. Nach der Tafel blik⸗ ten wir uns zaͤrtlich an, ich ſchloß ſie an meine Bruſt, aber Klaͤrchen entwand ſich mir mit ſanf⸗ ter Gewalt.— Du haſt deinen Ring vergeſſen, ſagte ſie zu mir, ſchon fuͤhl' ich ſeine Zauber⸗ kraft, und du mußt mich jezt huͤbſch ruhig an⸗ hoͤren. Wenn mein aufrichtiges Bekenntniß mich nicht bei dir herabwuͤrdigt, oder vielleicht mein Bild ganz aus deinem Herzen verdraͤngt, ſo will ich gerne deine Huldigung annehmen. Biß da⸗ hin aber erwart' ich Achtung, es ſind die lezten Augenblike, wo ich mich dieſer gebieteriſchen Sprache gegen dich bedienen kann.— Ich bat, ich beſchwur ſie, ihre Erzaͤhlung noch zu ver⸗ ſchieben, aber ein ſtrenger Blik von ihr brachte mich zum Gehorſam. „Wegen des Anfanges meiner Geſchichte, ſagte ſie lächelnd, bin ich nicht verlegen, dieſer iſt noch das beſte daran, und ich kann ihn jeder⸗ mann erzaͤhlen, aber das Uebrige, fuhr ſie mit einem Seufzer fort, hab' ich noch keiner menſch⸗ lichen Seele vertraut. Wohlan denn, ohne meine Erzaͤhlung ferner zu unterbrechen, will ich fortfahren, ſonſt komm' ich heute nicht damit zu Mein Vater iſt ein reicher Kaufmann zu La Rochelle. Aus der Sorgfalt, mit der er mich erziehen ließ, haͤtte man ſchlieſſen ſollen, daß ich ihm das Theuerſte auf der Welt ſei. Ich war noch nicht zwoͤlf Jahr alt, ſo bewunderte man ſchon allgemein die Fortſchritte, welche ich im Zeichnen und auf dem Fortepiano gemacht hatte. Bei jedem Liebhaberkonzert war ich die 1 Hauptzierde. Ich hatte eine ſchoͤne Stimme, ſang mit Geſchmak, ſprach das Italieniſche und Engliſche aͤußerſt richtig, und war in allen Ge⸗ ſellſchaften, in die mich meine Mutter fuͤhrte, geſucht und bewundert. Ach! zu meinem ungläk . verlor ich dieſe gute Mutter, als ich ihres Ra⸗ thes und ihrer Leitung am meiſten bedurfte. — Ich war die einzige Tochter vom Hauſe, und die Sorge, welche mein Vater auf die Vermeh⸗ rung ſeines unermeßlichen Vermoͤgens wendete, raubte ihm den gröſten Theil ſeiner Zeit. Mit dem Brautſchaz, welchen er mir ausſezte, haͤtt' ich einen angebeteten Gemahl, wenn er dir aͤhn⸗ lich geweſen waͤre, bereichern köͤnnen. Ich fühl⸗ te damals noch keine Vorliebe fur irgend einen Mann, mein Herz und meine Sinnlichkeit wa⸗ ren noch nicht erwacht; aber ich grenzte an das 1 Aller, wo die Natur ihre Stimme erhebt, wo das Beduͤrfniß zu Rieben, allen Gegenſtänden, die uns umgeben, eine friſchere Farbe leiht. 10—— Mein Vater, der ohne urſache wegen meiner äuferſt beſorgt war, erklaͤrte, daß er geſonnen ſei, mich zu verheirathen. Ohne mir einen rich⸗ tigen Begriff von den Freuden noch den Unbe⸗ zuemlichkeiten des Eheſtandes machen zu können, ſchmeichelte mir, wie allen jungen unerfahrnen Menſchen, ſchon der Gedanke daran. Zum er⸗ ſtenmal dacht' ich lebhaft, daß es Mannsperſo⸗ nen gebe, und gieng mit mir ſelbſt zu Rathe, wen ich mir auswaͤhlen wollte. Ich Thoͤrin wähn⸗ te, man wuͤrde dieſe Wahl meiner Willkähr uͤberlaſſen! Ich kannte von Perſon alle junge Leute in unſerer Stadt; mehrere derſelben hatten mir ſchon Schmeicheleien vorgeſagt, und ohne daß ich irgend einen beſonders vorgezogen haͤtte, ge⸗ fielen mir doch zwei oder drei in Abſicht auf Ge⸗ ſtalt, Wiz und Talente beſonders. Ichvahnete gar nicht, daß die Wahl meines Vaters auf einen andern fallen koͤnnte, und als er mich fragte: ob mein Herz noch frei ſei, antwortete ich ein Ja mit meiner mir angebohrnen Luſtigkeit. „Du wirſt alſo jeden nehmen, den ich dir zum Gemahl vorſchlage?“ — O ja!— „Wenigſtens hab' ich auf deine Folgſamkeit Rechnung gemacht. In Zeit von vierzehen Ta⸗ gen biſt du die Gattin des Hrn. v. Saintvran.“ —— — Saint-- Saint--— „Saintoran! Wir haben uns ſchon uͤber die Bedingungen verglichen.“ — Aber mein Gott, er iſt ein Sechzger.— „Richtig, er hat ſechzigtauſend Liores Ein⸗ kunfte⸗ — Er ſchielt, es fehlen ihm Zaͤhne, er iſt ein wahres Ungeheuer mit einem verkruͤppelten Koͤrper. Den heirath' ich in meinem Leben nicht. „Du heiratheſt ihn.“ — Lieber ſterben.— „Sterben wirſt du nicht, darauf geb' ich dir mein Wort, aber gehorchen: Ich fiel meinem Vater zu Fuͤßen, ich umarmte ſeine Kniee; der Barbar ſtieß mich zuruͤk, ohne daß ich in ſeinen Mienen nur eine Spur von Mitleiden entdeken konnte. Man machte vor meinen Augen alle An⸗ ſtalten zu dieſer verhaßten Verbindung, kaufte mir Kleider, Spizen und Edelſteine, denn ſie⸗ glaubten mich durch die Eitelkeit zu fangen; aber kalt und gefuͤhllos betrachtete ich dieſen Flitter, womit ſie das Opferthier behaͤngen; und es ſo zum Altar ſchleppen wollten. Ich war in Ver⸗ zweiflung, meine Thränen floſſen unaufhoͤrlich, allein mein Vater ſtellte ſich, als ob er gar nichts bemerkte. 12 c Mein beſtimmter Bräutigam wollte mir ſeine Aufwartung machen, und wurde mir durch den Marquis von— „Nennen ſie ihn nicht, rief ich aus, ich weiß, wen ſie meynen; ſchon der Name emport mich. Mir iſt er der Fremde, und er ſoll es auch⸗ Ihnen ſehn, liebes Klaͤrchen Gut, fuhr ſie fort, der Fremde alſo ſtellte mir ihn vor. Es war mir nicht moglich, den Ekel zu verbergen, den mir Saintorans Anblik verurſachte; dennoch faßt' ich mich, ſo gut es ſeyn konnte, und wollte einen Verſuch anſtellen, ob ich nicht ſein Mitleiden rege machen koͤnnte. „Mein Vater hat mich ihnen zur Gemahlin beſtimmt, ſagt' ich, und da ich ſie fuͤr einen Ehrenmann halte, ſo erlauben Sie mir, daß ich aufrichtig mit ihnen ſprechen darf.“ — Reden Sie— „Ohne Zweifel ſuchten ſie meine Hand in der Abſicht gluͤklich zu werden, und ihre kuͤnftige Ge⸗ mahlin gluklich zu machen?“ — Ganz recht, Mademviſelle.— „Aber erlauben Sie, mein Herr, unſere Empfindungen laſſen ſich nicht mit unſerm guten Willen vereinigen. Ich habe mir alle Gewalt — „ ———— angethan, ſie zu lieben, aber es iſt mir nicht moͤglich.“ — Die Zeit wird das beſte thun.— „Mein Gott, die Zeit kann ſie doch nicht wieder verjuͤngen.“ Der Fremde lachte uͤber dieſen Einfall, aber Saintoran fand ihn nicht nach ſeinem Geſchmak. — Es thut mir wirklich ſehr leid, ihnen zu miß⸗ fallen, noch mehr aber, daß ich Rechte geltend machen muß, die man mir eingeraͤumt hat, und dardurch dem Verlangen ihres Vaters entſpreche, welcher dieſe Verbindung wänſcht. Ich habe mich daher auch zu nicht geringen Aufopferungen verſtanden, und werde ihren Brautſchaz vor dem Tode ihres Vaters nicht anruͤhren— „Bedenken ſie aber doch, mein Herr, daß mein Vater weit jünger und geſuͤnder iſt, als ſie.« — Ich wollte ihnen damit nur auf eine höfli⸗ che Art zu verſtehen geben, daß ich ſie ohne Brautſchaz heirathe. Ich hoffe, wenn ſie einmal meine Frau ſind, werden ſie ihrem Wize weniger Spielraum vergoͤnnen, und in ihren Ausdruͤken gemaͤſigter ſeyn.— „Sie koͤnnten ſich wohl verrechnen, denn bei Perſonen, die man nicht liebt, thut man ſich keinen Zwang an.“ — Sie ſind unhoͤflich.— „Gebe Gott, daß ich ihnen mißfalle, dann erlang ich vielleicht aus Haß, was ſie mir aus Mitleiden nicht gewaͤhren wollten.“ — Der Unwille ſpricht aus ihnen.— „Und dieſer wird ewig dauren.“ — Ich bin doch wirklich neugierig, Fl dieſe Erfahrung zu machen.— „Was muß ich denn anfangen, daß ſie auf meine Hand Verzicht thun?“ — Auf der Gotteswelt nichts. Meine Parthie iſt genommen, nehmen ſie die ihrige.— Er ſchaͤumte vor Wuth, allein er that ſich Gewalt an, und war feſt entſchloſſen, ſich dar⸗ durch an mir zu raͤchen, daß er mich heirathete, und wirklich haͤtte man mir keine ſchreklichere Strafe auflegen konnen. Ich war mit dem Fremden, den ich dir zu gefallen ſo nennen will, allein geblieben. Du weißt aus Erfahrung, wie verfuͤhreriſch der Menſch ſeyn kann. Er beklagte mich, weinte mit mir und erbot ſich, mich gegen jede Verfol⸗ gung zu ſchuͤzen. Ich warf mich mit der Unbe⸗ fangenheit einer ſchuldloſen Seele in ſeine Arme, umarmte ihn, wie ich eine liebe Freundin um⸗ armt haben woͤrde. Er verſprach mir, mit mei⸗ nem Vater zu ſprechen, und ihn dahin zu brin⸗ gen, auf diß lächerliche Projekt Verzicht zu thun. Was er mit ihm wegen meiner geſprochen hat, weiß ich nicht, aber wahrſcheinlich nahm er ſich meiner gar nicht, oder wenigſtens nur ſehr oberflaͤchlich an, denn mein Vater blieh im⸗ mer unbeweglich. Der Fremde hatte die Erlaub⸗ niß, mich zu jeder Stunde des Tags zu beſuchen, und ich ſah niemand auſſer ihn. Ich will die Art, wie er mich nach und nach zu verfuͤhren ſuchte, nicht ſo genau entwikeln; genug, er entwarf mir eine fuͤrchterliche Schil⸗ derung von Saintorans Karakter, und von dem Jammer, den ich als Gattin dieſes unertraͤglichen Mannes zu erdulden haͤtte. Nachdem er meine Verzweiflung auf den hochſten Grad geſpannt hatte, ſo erbot er ſich, mich zu einer Verwand⸗ tin zu bringen, welche alles anwenden wuͤrde mich wieder mit meinem Vater auszuſoͤhnen. Das Mitleiden gab dem Ton ſeiner Stimme etwas unwiderſtehlich ruͤhrendes, und nie ent⸗ ſchluͤpfte ihm ein Ausdruk, welcher das ungluͤk⸗ liche Schikſal, das meiner wartete, mich nur von ferne haͤtte ahnen laſſen; aber dennoch em⸗ porte mich ſein Vorſchlag. Eines Morgens kam er zu mir, ungewoͤhn⸗ 16—— lich traurig, und es ſchien mir, als ob er ſich heimlich eine Thraͤne aus den Augen wiſchte. Ich ſah ihn erſchroken an, fragte ihn, was ihm fehle?— Ach! erwiederte er, ihr Ungluͤk iſt un⸗ widerruflich beſchloßen, und dieſen Nachmittag iſt es ſchon zu ſpät, es von ihnen abzuwenden⸗ Morgen ſchleppt man ſie an den Altar, und keine Seele wird in der Nähe ſeyn, die ihr Jam⸗ mergeſchrei vernimmt. Man hat eine ſolche Stunde feſtgeſezt, wo niemand als ihre Verfol⸗ ger und Henker in der Kirche anweſend ſeyn werden. Meine Augen ſollen dieſes furchterliche Schauſpiel nicht mit anſehen, ich werde ihre Seufzen nicht vernehmen, und ein weiter Raum wird mich von ihnen trennen⸗ Lebe wohl, gutes unglukliches Klärchen! Erinnere dich zuweilen ei⸗ nes redlichen Freundes, der vergebens dich zu retten ſuchte, weil du ſeinen guten Willen ver⸗ ſchmaͤhteſt.— „Halt, rief ich ihm zu, und hielt ihn feſt pei der Hand, noch einen Verſuch will ich auf das Herz meines Vaters wagen, den lezten: Bleibt er unbeweglich bei meinen Thraͤnen, ſtoßt er ſeine jammernde Tochter noch einmal von ſich, denn flieh ich mit ihnen, wohin ſie wollen, und lege mein Schikſal in ihre Haͤnde.“ Ich lief auf das Zimmer meines Vaters, und umfaßte ſeine Kniee. Das gefuͤhlloſeſte We⸗ 66 — —„— —„————„— ſen wurde durch meine herzliche Anrede geröhrt worden ſehn; mein Vater blieb kalt. Er war gerade mit einer wichtigen Speculation beſchaͤf⸗ tigt, die ihm groſſe Summen einbringen ſollte. Ich ſtörte ihn in dem Genuß, fuͤr welchen ſein ehernet Herz allein empfaͤnglich war; er wollte mich zur Thuͤre hinaus werfen, ich warf mich mit dem Geſichte zur Erde, und ſchluchzete. Die⸗ ſes barbariſche Verfahren hatte mir den Gebrauch meiner Stimme verſagt. Er wurde daruͤber ſehr entruͤſtet, nannte mein Betragen Ungehorſam; er hob mich auf, trug mich auf einen Sopha im Vorzimmer und ſchlug die Thuͤre ſeines Ca⸗ binets hinter ſich zu. So viele Härte emporte mich; ich ſuchte den Fremden wieder auf. Hel⸗ fen Sie mir, rief ich weinend, ſeyn Sie mein Vater, denn ich habe keinen mehr; er hat mir geflucht, mich fortgejagt; jezt habe ich nur Sie noch in der ganzen Welt. Es war Winter, die Tage alſo ſehr kurz. Um fuͤnf Uhr Abends war es ſiokfinſter. Gehen Sie ans Ende der Straſſe, ſagte der Fremde, dort werden Sie meinen Kammerdiener finden, der mit einer Poſtchaiſe auf Sie wartet. Ich blei⸗ be noch zwei Tage hier, um nicht wegen Ihrer Entfuͤhrung angeklagt zu werden, und zugleich die Aufmerkſamkeit der Prolizei von der Straſſe, die Sie jezt nehmen, abzulenken. Auf meinen Das Kint, 2. B ————— —— 18— Kammerdiener können Sie ſich verlaſſen, er iſt gehoͤrig unterrichtet, und wird Sie zu einer mei⸗ ner Anverwandten fuͤhren, wo ſetbſt ich Sie wie⸗ der treffen werde. Die Nachricht von ihrer Flucht wird die Geſinnungen Ihres Vaters um⸗ aͤndern, und vielleicht werde ich ſo gluͤklich ſeyn, ihn in Ihre Arme zuruͤkzufuhren. Wir redeten noch miteinander, als man den Boͤſewicht Saintoran meldete: ich war verlegen, was ich thun ſollte. Der Anblik dieſes verab⸗ ſcheuungswuͤrdigen beſtimmte mich. Er gieng zu meinem Vater, und in dem Augenblik ent⸗ ſchluͤpfte ich. Ich dachte nicht daran, etwas von Koſibarkeiten oder andern Nothwendigkeiten mit⸗ zunehmen; ich eilte, dem Joche zu entgehen. Dieſes einzigen Gedankens war ich faͤhig. Die Treppe war ſehr finſter. Keiner der vielen Bedienten bemerkte mich. Den Wagen fand ich richtig an der bezeichneten Stelle, Hier bin ich, den Sie erwarten, ſagte ich zu dem Menſchen, der die Pferde hielt. Seit drei Ta⸗ gen, ſagte er, warte ich jede Nacht hier. Sie ſind Mamſell Klärchen? Ja! die bin ich. Oh! ich kenne Sie recht gut. Steigen Sie ein, und laſſen uns abreiſen. Noch eine Stunde ſpaͤter, waͤre mir die Flucht —.———————————— unmoͤglich geworden, da die Stadtthore ſchon geſchloſſen geweſen waͤren. Ein dichter Nebel beguͤnſtigte mein Unternehmen, denn weun mich jemand haͤtte erkennen können, haͤtte ich doch das Wageſtuͤk nicht unternommen. Himmel und Erde hatten ſich demnach verſchworen, mich mei⸗ nem Verderben entgegenzufuͤhren. Ich Thörin freute mich uͤber die Geſchwindigkeit, mit der die Pferde davon flogen. Wir wechſelten die Pferde auf der erſten Station. Der Kammer⸗ diener beſorgte immer den ſchnellſten Pferde Wech⸗ ſel. Wir hielten nirgends an, und in 36 Stun⸗ den kam ich nie aus dem Wagen, kaum nahm ich mir Zeit eine Suppe zu genieſſen. Ich konnte kaum den Augenblik der Ankunft bei der wuͤrdi⸗ gen Dame erwarten, die mir von dem Fremden bezeichnet wurde. Ich hoffte gewiß, Sie fuͤr mein Schikſal zu intereſſiren; ich hatte einen Brief von ihr geleſen, worinn ſie mein Ungläk bedauerte, worinn ſie mich zum Voraus ihrer Freundſchaft verſicherte, obgleich ſie mich nicht kenne, und worinn ſie mir verſprach, eine troͤ⸗ ſtende Freundin zu ſeyn. Endlich hielten wir an einem abgelegenen Hauſe ſtill, das 3 Stunden von der groſſen Straſſe in der Mitte eines Gehoͤlzes lag. Der Bedien⸗ te, der voraus gegangen war, reichte mir die Hand zum Abſteigen.— Die Frau vom Hauſe B2 N iſi abweſend, ſagte er, ſie erwartete Sie nicht ſobald; indeſſen ſoll Ihnen nichts abgehen. Neh⸗ men Sie nun das fuͤr Sie beſtimmte gimmer ein. Dieſer Zufall aͤrgerte mich, ich folgte aber verdacht⸗und ahndungslos. Das Zimmer, das ich bewohnen ſollte, war praͤchtig meublirt; es gefiel mir da recht wohl. Ich entdekte muſikaliſche Inſtrumente. Das er⸗ hoͤhete meinen Muth. Ich dachte, Gleichheit des Geſchmaks und der Talente werden uns ſehr nahe bringen, ich werde daher auch mein moͤglich⸗ ſtes thun, um der Dame vom Haus zu gefallen. Man brachte mir zu Eſſen; Ruhe war mir in⸗ deſſen noͤthiger als Nahrung, daher bat ich,+ mich allein zu laſſen, und dann gieng ich zu Bette. Mein Schlaf dauerte lang und ruhig, kein Mißtrauen ſchlich in meine Seele. Als ich erwachte, brachte mir der Bediente, der mich begleitet hatte, mehrere neglihes, die mir vollkommen paßten. Sie werden darinn die Aufmerkſamkeit meines Herrn nicht verkennen, der alle Maaßregeln in der Hinſicht getroffen hat. Er dachte wohl, daß Sie nicht Zeit haben wur⸗. den, an ſolche Kleinigkeiten zu denken. Ich ge⸗ ſtehe, dieſe Aufmerkſamkeit ſchmeichelte mir ich liebte den Puz, und nun beſorgte ich meinen Anzug. Ich war ſo unbefangen, ich hatte ſo wenig Weltkenntniß, daf ich nichts ungewohnli⸗ — ches zu thun glaubte, daß der Bediente Maͤd⸗ chendienſte bei meiner Toilette verſah. Die meinem Geſchlechte natuͤrliche Schamhaftigkeit hieß mich freilich manche Gegenſtaͤnde ſeinem gierigen Auge entziehen, moͤgen auch die Be⸗ griffe von einer beſſern Erziehung dazu beigetra⸗ gen haben. Ich war immer zur Frolichkeit von Geburt an geſtimmt, war gewohnt nur die Ober⸗ fläche von allem zu ſehen, daher konnte ich kei⸗ nen andern Gefuͤhlen Raum geben, als der Freude uͤber meine Entfernung von dem verhaß⸗ ten Saintoran. Ich lächte ſo herzlich froh, wenn ich mir das Geſicht dachte, das er an dem Tag mochte gemacht haben, an welchem er mich zum Altar begleiten zu koͤnnen hoffte. Die Miß⸗ handlung meines Vaters war von der Art, daß ich nicht daran dachte, daß er meinen Verluſt bedauren könnte. Ich glaubte gewiß, er werde ſein mir angethanes Unrecht einſehen, und ich fuhlte auch, daß ich es vergeſſen könne. Ich muſieirte, ſang, beluſtigte mich den ganzen Tag, bald lief ich in den Garten, bald durchlief ich die Zimmer des Hauſes, die mir ſehr wohl gefielen. Derzeit war niemand im Hanſe, als der Kam⸗ merdiener, eine alte Koͤchin, der Gaͤrtner und ich⸗ Den zweiten Tag lebte ich wie den erſten. In einem Anſall von Langeweile durchſuchte ich nun mein Zimmer genauer. Es war mit Kup⸗ 23 ex ferſtichen geſchmuͤkt, deren Gegenſtaͤnde oͤfters mehr als wolluͤſtig waren; ich wunderte mich blos daruͤber, ſonſt machten ſie keinen Eindruk auf mich. Sie gefielen mir nicht, und ich ſahe ſie daher auch nicht weiter an. Ich nahm ein Buch aus der Bibliothek, Manon l'escaut; es unterhielte mich, aber ich fand doch nichts be⸗ ſonders daran⸗ Als ich mich Abends zu Bette legen wollte, kam der Fremde anz ich warf mich in ſeinen Arm. Er ſagte mir, daß mein Vater aufge⸗ brachter uber mich ſei, als je. Er habe mich uberall ſuchen laſſen, um mich in ein Kloſter zu ſperren, worin ich ewig eingekerkert bleiben ſollte. Beruhigen Sie ſich aber, fuͤgte er hin⸗ zu, er kann unmozlich Ihren Aufenthalt entde⸗ ken, und Sie werden daher auch nie mehr in ſeine Haͤnde fallen. Wo iſt denn Ihre Baaſe, mein Herr? Sie liegt krank zu Orleans— Sie wird ſo⸗ gleich abreiſen, wenn es ihre Geſundheitsum⸗ ſtaͤnde geſtatten, dem Zug ihres Herzens zu folgen. Der Fremde war dieſen Tag uͤber ſehr vor⸗ ſichtig, und nur ſeiner Ermuͤdung von der Reiſe hatte ich die Schonung zu verdanken, die er — noch fur mich hatte. Hier aber, mein Freund, hoͤrt das intereſſante meiner Geſchichte auf, die ich ohne ſchaamroth zu werden, bis hieher er⸗ zaͤhlen konnte. Wollte der Himmel, ich wäre vor der Ankunft des Fremden geſtorben. Ich will dich aber mit meiner ganzen Geſchichte be⸗ kannt machen. Das Detail kann mich in Ver⸗ legenheit ſezen; indeſſen wirſt du nicht von mir verlangen, daß ich den Schleier voͤllig hinweg⸗ nehme, der meine Fehler und mein Ungluͤk ver⸗ hullt. Lupfen will ich ihn, deine Einbildungs⸗ kraft mag die Luken ausfuͤllen, die mein Gefuͤhl mir gebietet, unausgefuͤllt zu laſſen. So unerfahren ich auch war, ſo redete der Fremde doch in ſo beſtimmten fuͤr mich leicht verſtaͤndlichen Ausdruͤken mit mir, daß ich un⸗ moͤglich im Dunkeln uͤber ſeine Abſicht ſeyn konn⸗ te. Vielleicht haͤtte mich der Schurke durch ge⸗ heuchelte Liebe bis zur niedrigſten Dirne herab⸗ wuͤrdigen konnen, denn unmoglich gibt es eine niedrigere Handlung, als mit dieſem Menſchen den Lebensgenuß zu theilen— er dachte aber nicht daran, mich durch Liſt zu gewinnen;— das ſchob die Befriedigung ſeiner Begierden zu lange hinaus. Er behandelte mich wie eine Skla⸗ vin, und deswegen widerſtand ich hartnaͤkig. Ich will hier nichts von dem ungleichen Kampf ſa⸗ gen, den ein ſchwaches unmaächtige! Opfer der Gier eines Ungeheuers zu beſtehen hatte. Was vermag die furchtſame Taube unter den Klauen des Geiers? In meiner Verzweiflung rief ich Gott und Menſchen um Erbarmen an. Die ganze Natur war taub gegen mein Schreien, Gott hoͤrte mein Seufzen nicht, der Tyrann weidete ſich an meinen Thraͤnen, an meinem Jammer. Schande, Schmerz und Wuth toͤdten nicht, ſonſt lebte ich nicht mehr. Noch fehlte meiner ſchreklichen Lage ein hoͤherer Grad von Erniedrigung— dahin wollte er es bringen, daß ich ihn mit Vergnägen anſehen ſolle. Er verſuchte meine Sinne zu erhizen durch beſonde⸗ re Zubereitung von Speiſen. Es gluͤkte, mein Mund, meine Haͤnde erſtarrten nicht mehr, wenn ſie ſich dem naͤherten, den doch mein Herz zuruͤkſtieß. Bald gewohnte ich mich an ſeinen Anblik, bald war ich nicht mehr das unſchuldi⸗ ge Klaͤrchen, die in der gluͤklichen unwiſſenheit lebte. Mein Loos preßte mir indeſſen oͤfters Seuf⸗ zer aus; ich klagte mich ſelbſt an. Mein Schmerz loste ſich in Thraͤnenguͤße auf, aber ich war von der ganzen Welt verlaſſen. Die Bedienten des Fremden theilten ſeine Verbrechen, ſie waren eben ſo ſchlecht, eben ſo laſterhaft wie er, ſie bewachten alle Schritte die ich that, und be⸗ nahmen mir wohlbedaͤchtig alle Mittel zur Flucht. —— Oefters ſahe ich neue Schlachtopfer in dieſen Wohnſiz des Laſters fuͤhren; mehrere giengen freiwillig dahin— andere folgten blos der Ge⸗ walt⸗ Wenn ich meinen Schmerz laut werden ließ, ſo wurde ich ſtrenger eingeſchloſſen. Nur wenn meine Sprache und Handlungen den Wuͤnſchen meines Tirannen entſprachen, ließ man mir et⸗ was mehr Freiheit. Ich lernte mich verſtellen, meinen Haß unterdruͤken, dieſem Ungeheuer ſchmeicheln, ſeinen Begierden entſprechen, und ſeine Grundſaͤze billigen. Er glaubte, eine getreue Schuͤlerin in mir gefunden zu ha⸗ ben, und freute ſich daruͤber, aber er liebte mich nicht mehr, da er keine Schwierigkeiten mehr fand. Meine Unterhaltung gefiel ihm jedoch, daher er ſich nicht von mir trennen wollte. Mein Dahingeben nuͤzte mich alſo nichts; ich wollte verzweiflen. Der Fremde hatte Verbindungen in Rochelle. Eines Tags zeigte er mir einen Brief von einem ſeiner Correſpondenten, in welchem er melde⸗ te, daß mein Vater falſch gerechnet, banque⸗ rott gemacht, und ſich erſchoſſen habe. Mein Bruder habe ſich nach Amerika eingeſchift, um in einem andern Welttheil ſein Gluͤk zu ſuchen. Der Fremde freute ſich, mich jezt ganz von ſich abhaͤngig zu ſehen. Ich war ſtark genug, mei⸗ 3 nen Kummer zu verbergen, ich that, als ob ich mich freue, ihm alles zu verdanken zu haben. Gerade dieſer Umſtand verminderte das Ver⸗ gnuͤgen, das er bisher an meiner Gefangenhal⸗ tung hatte. Er wuͤnſchte mich los zu werden. Er fuͤhrte mich nach Orleans, woſelbſt er fuͤr meine Beduͤrfniſſe ſorgen wolle, bis ich ſelbſt Erwerbquellen gefunden hätte— er hatte ſogar die Niedertraͤchtigkeit, mir welche anzudeuten. Du wirſt dich noch unſeres Abendeſſens zu Orleans erinnern. Der Fremde lud mich ein, ich folgte ungerne, mußte es aber annehmen. Dein erſter Anblik machte einen heftigen Ein⸗ druk auf mich, der bis jezt noch nicht verwiſcht iſt. Dein Geſicht erinnerte mich an meinen Bru⸗ der, mit welchem du die gröſte Aehnlichkeit haſt. Eben das nehmliche Augenpaar, eben das holde Laͤcheln, wie du es hier im Portrait meines Bruders bemerken wirſt. Man gebot mir, ich ſollte ſchwach ſeyn— und ich wars— ich ſollte ſtillſchweigen— es koſtete mich Muͤhe. Ich kann nun einmal nicht falſch ſeyn. Wenn ich dich wiedergeſehen haͤtte, ſo wurdeſt du mich gefun⸗ den haben, wie du mich jezt kennſt. Der Be⸗ ſz deines Herzens haͤtte mich bezaubert, ich wollte ihn aber keinem Irrthum verdanken. Den andern Tag kam der Fremde, mir eine Geſchichte vorzuluͤgen, um mich aus Orleans zu —2 2 entfernen. Ich reiſete ungern ab. Mein Selbſt⸗ gefuͤhl erwachte durch eine neue Zuneigung. Stoͤrte die Ruͤkerinnerung an die Fehler, zu de⸗ nen ich hingezogen wurde, mein Gluͤk nicht, ſo fühle ich, daß ich haͤtte gluͤklich ſeyn können, wenn ich daran denke, wie zaͤrtlich unſer Wiederſe⸗ hen war. Ich begab mich nach Paris. Bald machten mir meine Beduͤrfniſſe Sorgen— ich erſchrak uͤber meine Lage. Ich war ohne Leitung,— meine Unſchuld war dahin, ich fiel noch tiefer. Bald verſammelten ſich die reichſten Herren bei mir; meine Jugend, meine Gewandtheit im ge⸗ ſellſchaftlichen Umgang, meine Talente verſchaf⸗ ten mir dieſe Bekanntſchaften. Ich durfte nur waͤhlen, der reichſte war mir der willkommenſte. Wenn Lupus, wenn Gold und Koſtbarkeiten, die Befriedigung aller Wuͤnſche gluͤklich macht, ſo war ich es vollkommen. Meine Seele blieb leer — ich habe keinen Dank fuͤr den, der mich mit Wohlthaten uͤberhaͤuft. Nur aus Stolz giebt man— mit Gleichguͤltigkeit empfaͤngt man. Ich bin unterhalten, um es gerade zu ſagen, mein Beſchuͤzer hat Verſtand, iſt ſchoͤn und noch jung — er will aber meine Liebe bezahlen, und die — laͤßt ſich nicht kaufen. Unter dieſen Verhaͤlt⸗ niſſen liegt immer noch ſo ein Gedanke in der Seele, der jede Zuneigung hindert— wir kön⸗ nen dem nicht hold ſeyn, der glaubt, uns ver⸗ achten zu doͤrfen. Wenn auch ihr Betragen noch ſo delicat zu ſeyn ſcheint, ſo irrt uns das nicht, unſere Eigenliebe findet nur Vefriedigung in der Rache, daß wir ſie betruͤgen. Dieſe Wahrheit iſt freilich fuͤr alle Herren der Art traurig, es iſt aber nun einmal nicht zu aͤndernz wir ſind nun einmal ſo. Sie ſezen ſich uͤber alle Sittlichkeit hinweg, es iſt alſo billig, daß ſie auf einer andern Seite dafuͤr geſtraft wer⸗ den. Wenn die Männer unſere Schwachheiten nicht ſo theuer bezahlten, man wuͤrde mehr tu⸗ gendhafte Weiber finden. Die Welt wird im⸗ mer ſo bleiben, ich kann ſie nicht aͤndern. Nicht wahr? das Moraliſiren ſteht mir gut an? Lei⸗ der iſt fuͤr mich alle Hofſnung dahin, tugend⸗ haft zu ſeyn. Bei dir faßte ich Muth, Liebe flöste mir ihn ein! Ich zog ſelbſt den Vorhang von deinem Irrthum. Jh weiß, meine Freimuthig⸗ keit wird mich theuer zu ſtehen kommen— aber doch wirſt du nichts anders von mir ſagen kon⸗ nen, als: Klara iſt nicht boͤs von Natur, ein Böſewicht verfuͤhrte ſie; ich kann ſie zwar nicht lieben, doch kann ich ihr mein Mitleid nicht verſagen, das man dem ungluͤklichen ſchuldig iſt⸗ Woher ſollte ich das Recht haben, ſie ſtren⸗ ge zu beurtheilen? Hatte ich mir weniger vor⸗ zuwerfen? ich war ganz geruͤhrt von ihrer Reue — und bald vergaß ich uber ihren Reizen ihre Vergehungen. Klara wollte meine Geſchichte gleichfalls wiſ⸗ ſen. Sie ahndete wohl ſchwerlich, daß ich ihr ein ähnliches Bekenntniß abzulegen hätte; ich erzaͤhlte treu, mit Ausnahme meine Begeben⸗ heit mit Fanchon. Sie war nicht unwillig dar⸗ uͤber, daß ich nicht ganz frei von Vorwuͤrfen war, im Gegentheil es erhoͤhte ihre frohe Laune. Da bewundere die Tuͤke des Schikſals, ſagte ſie: der ſchlechteſte Menſch von der Welt mußte uns zum Spiel ſeiner Laſterhaftigkeit ma⸗ chen, damit wir wieder vereinigt wuͤrden. Es war im Himmel beſchloſſen, daß wir uns einſt lieben ſollen; ohne den Fremden haͤtten wir uns nie geſehen. Mag die Vorſehung Mittel waͤh⸗ len, welche ſie will, wenn mir nur der Erfolg davon gefaͤllt— ich oberlaſſe mich ohne zu phi⸗ loſophiren, meiner Beſtimmung. Wenn es der Bimmel gewollt haͤtte, ſo waͤre ich die Gattin eines braven Mannes, jezt bin ich die Geſell⸗ ſchafterin eines jungen Mannes, der mich oder den ich zuerſt beträgen werde. Keine ſolche Gedanken! meine Liebe! Bel ſo verkehrten Reigungen, wie wir haben, kann man fuͤr nichts burgen. Liebe ————— 30—————— dauert nicht ewig. Achtung muß vorangehen, wenn Freundſchaft an ihre Stelle treten ſollz; an der deinigen wuͤrd' ich aber immer zweiflen. Den Maͤnnern verzeiht man Jugendfehler, an die unſrigen denkt man immer. Was haͤlfe es, wenn ich tugendhaft waͤre, und niemand glaub⸗ te es? Soll ich mir Entbehrungen auferlegen, ſoll ich Aufopferungen machen? das waͤre reiner Verluſt. Ich kann keinen chimaͤriſchen Gedan⸗ ken Gehoͤr geben, und Projekte machen, die ich jezt nicht ausfuͤhren kann. Einſt war ich hochſt einfach, aus Noth wurde ich coquett; ich war naiv, jezt heuchle ich; ich liebte die Wahrheit, jezt iſt mein Leben eine fortdaurende Luͤge; ich verachtete das Geld, jezt erlaube ich mir alles, um mir welches zu verſchaffen. Wenn ich habe, ſo verſchwende ich ſorglos; ich bin aͤrgerlich, launig, wenn ich keines habe, Meine angeborne Guͤte und Empfindlichkeit habe ich allein noch ge⸗ rettet. Ich habe Augenblike, wo ich mich graͤ⸗ me, wo ich der Verzweiflung nahe bin. Meine Gewohnheiten kann ich aber nicht laſſen, ich wollte Hand an mich legen, um ein Leben voll Schande zu endigen. Das Vergnuͤgen winkt, nun hoͤre ich keine andere Stimme mehr. Wenn meine Neigungen, meine Lebhaftigkeit bezwun⸗ gen werden ſollten, ſo muͤßte ich eine ſehr kluge Leitung erhalten. Man muͤßte mit meinen Schwachheiten Mitleiden haben, ich muͤßte nur * allmaͤhlich von dieſen frivolen Genuͤßen abgezo⸗ gen werden, die mir keine Betrachtungen uͤber das Vergangene noch über die Zukunft geſtat⸗ ten. Ihre Reize laſſen mich nur die Gegenwart angenehm fuͤhlen. Ein ſolcher Fuͤhrer mußte mir gefallen, frei von Vorurtheilen ſehn, ſich an mich haͤngen, Fehler des vorigen Tags verzeihen, ſich kein Verdienſt aus ſeiner Sorgfalt machen, mich achten, wie wenn ich nie gefallen waͤre. Wo iſt dieſer Phoͤnix? Du kannſt es nicht ſeyn; aber doch liebe ich dich. Zum erſtenmal fuͤhle ich dieſe Anregung von Leidenſchaft, die mir Wohl und Wehe zugleich verurſacht. Ich glaube, daß du mich mit der nemlichen Munze bezalſt; ich will ein⸗ mal annehmen, ich handle nicht thoricht, wenn ich mich dir hingebe. Wenn ich noch einer edel⸗ muͤthigen Handlung fäͤhig waͤre, ſo würde ich dir rathen, mich zu fliehen. Alles was dich bis jezt umgab, diente blos dazu, dein Herz zu verderben. Dein Verluſt iſt aber gewiß, wenn du bei mir bleibſt. Ich kann dir unmoglich an⸗ dere Rathſchläge geben, als die mir die Liebe eingibt. Fliehe mich alſo, wenn du die Stim⸗ me deiner Vernunft noch horſt, und liebe mich, wie ich dich liebe. Ich ließ ſie ununterbrochen fortreden: enblich bedekte ich ihren Mund mit Kuͤſſen. Du willſt alſo,— ſagte ſie, laſſe uns unſerem Schikſal 3₰ —— 32——— folgen. Ich werde nicht mehr moraliſiren, als wenn es zu ſpaͤt iſt; indeſſen wollen wir genieſ⸗ ſen, wozu uns Jugend und Neigur⸗ einladen.⸗ Sie lief zu ihrem Clavier und ſang— ich wur⸗ de entzukt, ich wurde nicht ſatt, ſie zu bewun⸗ dern. ₰ um neun Uhr kündigte ſie mir die Trennung an. Morgen gehen wir ins Schauſpiel— man gibt den Barbier von Seville. Das Stuk iſt gut, und wird noch beſſer aufgeführt. Ich gehe nicht allein hin, um das Stuͤk zu ſehen, ſon⸗ dern ich will mich ſelbſt zum Spiel daſelbſt vor⸗ bereiten. Mein Unterhalter meint, ich waͤre eine gute Schauſpielerin⸗ Ich ſoll die Rolle Ro⸗ ſinens auf einem Geſellſchaftstheater uberneh⸗ men; er ſelbſt ſpielt den Bartholo. Alle Rollen ſind gut beſezt, nur die des Almariva iſt noch leer. Die nehme ich⸗ Wie? Du? Das waͤre fuͤrtreflich. Jeder wäre in ſeiner Rolle an ſeinem Plaz. Wahrlich, Beaumarchais erfand ſie, um unſere Talente tend zu machen. Mein Freund iſt ohne Grun eiferſuͤchtig, ich denke aber, der ſoll ſich bald vorfinden. Ein Gedanke fährt mir durch die Seele—. Ich will, ich muß dich im Hauſe ein⸗ führen; mein Freund muß dir ſelbſt Gaſtfreiheit „ 33 anbieten, kurz, zuvorkommend empfangen. Du kannſt leicht denken, daß ich Variantes in mei⸗ ne Geſchichte einflieſſen ließ. Er wurde geruͤhrt durch den Roman, den ich ihm erzaͤhlte; des Fremden erwaͤhnte ich nicht, ſondern ſagte, ein ſchoner Juͤngling habe mich der Tyrannei mei⸗ nes Vaters entriſſen, damit ich kein Opfer Saintorans wuͤrde. Mein Bruder habe mir nach⸗ geſezt, um meine Ehre zu retten. Er habe uns an einem Gehoͤlze eingeholt, mein Begleiter ſei von meinem Bruder erſchlagen worden, ich ſei waͤhrend ihres Streits mit meinen Koſtbarkei⸗ ten entwiſcht, und habe mich nach Paris gefluͤch⸗ tet. Der gute Narr glaubte nun eine Blume ge⸗ pfluͤkt zu haben, die ein anderer aus Reſpekt ge⸗ ſchont habe. Warum ſollte ich ihm dieſe Taͤu⸗ ſchung nehmen, die ſein Gluͤk macht? Dieſer Bruder lebt wirklich, und ſucht mich uͤberall. Du ſollſt ſeine Rolle ſpielen. Dies Portrait gleicht dir ein wenig, und ſo wird kein Ver⸗ dacht in ſeine Seele kommen. Dieſe Liſt gefiel mir, und nun theilten wir znſere Rollen aus. Sie mußte ihn am nemli⸗ chen Abend benachrichtigen, daß ihr Bruder bei ihr geweſen waͤre, daß ſie, um ihn zu beruhi⸗ gen, vorgegeben haͤtte, ſie waͤre verheirathet, er muͤſſe alſo in dieſe Luͤge einſtimmen. Der Auftritt muß anziehend werden, jſagte ſie, er Das Kind, 2. C glaubt dich zu hintergehen, du hintergehſt ihn — Studiere deine Rolle, und komme morgen um zwei Uhr. Ich gieng ganz bezaubert von Klara hinweg. Haͤtte ſie mich nicht zu einem Bubenſtuͤk aufge⸗ fordert, ich waͤre nicht ſo vergnuͤgt von dannen gegangen. Ich traf puͤnktlich ein. Die Aufnah⸗ me, die ich fand, uͤberzeugte mich, daß Klarens Freund von meinem Beſuch prevenirt war: er uͤberhaͤufte mich mit Hoflichkeiten. Meine vor⸗ gebliche Schweſter fuͤhrte ihre Rolle ſinnreich durch, ſie umarmte mich ſo zaͤrtlich, daß mein gorn endlich nachkaſſen mußte. Ich erwiederte ihre Umarmungen, gab ihrem Freunde die Hand, und endlich nannten wir uns Schwaͤger. Keins von uns ſagte die Wahrheit; unſere Luͤgen hatten aber ſo ſehr das Gepräge derſel⸗ ben, daß Zuſchauer, wenn wir welche gehabt haͤtten, uns das Zeugniß haͤtten geben muͤßen, daß man gar nicht beſſer ſpielen koͤnne. Klarens Freund, der mich ſo wenig leiden mochte, als ich ihn, drang in mich, ſeine Wohnung waͤh⸗ rend meines Aufenthalts zu Paris einzunehmen, ſo daß ich nicht ausweichen konnte. Es war beſchloſſen, daß ich den andern i meine Effekten ins Haus ſchaffen ſollte; die Transport⸗Koſten waren unbedeutend— denn 5 ich hatte eben nicht viel. Wider Erwarten ka⸗ men am nehmlichen Abend zwei große Koffer unter meiner vorgeblichen Adreſſe an, die voll⸗ gepfropft mit Kleidungsſtuͤken jeder Art waren. In zwei Stunden hatte Klara dieſelbe herbei⸗ zuſchaffen gewußt. So etwas iſt aber auch blos in Paris auszufuͤhren. So war ich denn— der beruͤhmte Sproßling der Familie Sobrant von einem Weibe unter⸗ halten, die ebenfalls unterhalten wurde. Welche niedrige Lage! Welche Entehrung! Indeſſen machte mir dieſe Lebensart keineswegs Beden⸗ ken; ich waͤhnte gluͤklich zu ſeyn, und ich glaube, ich war es. Klarens Freund hatte 35 Jahre, uns ſchien er viel aͤlter. Er war nicht ohne Cultur, aber uns machte er durch ſeine Ernſthaftigkeit lange Weile. Er war mit einer wuͤrdigen Dame ver⸗ heurathet, welche er ſehr zu ſchonen ſuchte, er hatte wichtige Geſchäfte, und konnte daher ſel⸗ ten ein Haus beſuchen, das er mit groſſen Ko⸗ ſten unterhielt; ſo oft er kam, ſo whurde er läͤ⸗ eſtig. Wir mußten indeſſen uns auf einen guten Fuß mit ihm ſtellen. Er befuͤrchtete immer, ich moͤchte erfahren, daß er verheurathet waͤre, und wir mußten oft lachen, wie er ſo allem aufbot, um ſeine Abweſenheit zu bemaͤnteln, die wir ihm doch nie uͤbel nahmen⸗. C2 36 Das Schauſpiel liebte er leidenſchaftlich, er ſpielte auch ſelbſt, die Rolle des Oneles und Vormunds gläkten ihm ſehr gut. Ich machte gerne Parthie, und das hatte ſeinen Dank. Er lehrte uns unſere Rollen; drollichter kann man ſich nichts vorſtellen, als dieſe Lehrſtunden. Ihr Blik muß zaͤrtlicher ſeyn, ſagte er oͤfters— noch zärtlicher—. Denken Sie, Sie waͤren Ihr Lieb⸗ haber— So iſts recht. Wiederholen Sie dieſe Scene, ſaſſen Sie ſich— ich will ſehen, ob meine Lehren etwas genuͤzt haben. O ja! wir wußten Gebrauch davon zu machen. Manch⸗ mal waren wir bei ſeiner Zuruͤkkunft ganz ver⸗ drießlich. Sie ſind beherzter, ſagte er, wenn Sie beiſammen ſind; ſie meſſen ihre Kraͤfte nicht, und zu haͤufige Wiederholungen ermuͤden. So verderbt man ſich— es iſt gut, daß man ſich ube, aber Uebertreibung kann ich nicht leiden. Uebrigens machten wir wirklich Fortſchritte in der Kunſt zu declamiren, wir wurden in Geſell⸗ ſchaften geſucht, Klara ward die Zierde derſel⸗ ben. Sie hatte natuͤrliche Kunſtanlage, und epcellirte in allen Dingen, die ſie kultivirte. unſer Gluk wurde bald durch ein unvorher⸗ geſehenes ungläk geſtoͤrt. Klarens Freund hatte zwei Leidenſchaften, die einen Mann von betraͤcht⸗ lichem Vermoͤgen ruiniren. Er befriedigte alle Neigungen einer luͤſternen Geſellſchafterin, und 37 liebte das Spiel. Er verlor bedeutend, und konnte nicht bezahlen. Er meldete uns ſein Un⸗ gluͤk in einem Schreiben; er entwiſchte noch ge⸗ rade, als man ihn feſtſezen wollte. Er lud uns ein, ihm nach Amſterdam zu folgen, wohin er mit dem Ueberreſt ſeines Vermoͤgens gefluchtet war. Er ſuchte ſich wieder durch Handel em⸗ porzuſchwingen, den er ſehr gut verſtand. Er haͤtte ſein Leben drauf gewettet, daß er von Klara angebetet werde. Sein Ungläk ruͤhr⸗ te ſie, aber Luſt hatte ſie keineswegs, in das traurige Holland ihm nachzufolgen. Der gute Mann wurde zum Theil durch mich zu Grund gerichtet, ſagte Klara, ob ich gleich nicht reich durch ihn geworden bin. Mlt dem Geld, das ich, um ſeinem Stolz zu ſchmeicheln, verſchwendete, haͤtte er 20 ungluͤkliche gerettet, und haͤtte ſich Freunde erworben, die ihm in ſei— nem Ungluͤk geholfen haͤtten. So hat er nicht ein⸗ mal das Andenkeu an eine gute Handlung, die ihn in ſeinem Ungluͤk troͤſten konnte. Sollten ſeine Gluͤksumſtaͤnde ſich aͤndern, ſo wuͤrde ich ihn mit allem bekannt machen, was wir ihm zu leid thaten, damit er vollkommen geneſe. Men⸗ ſchen wie er, ſind immer der betrogene Theil; das Beiſpiel anderer beſſert ſie nicht; ihre Ei⸗ genliebe blendet ſie. Sie halten die Liebkoſun⸗ gen einer intereſſirten Dirne fuͤr Liebe, welche ſich nur im gänſtigſten Licht zu zeigen beſtrebt, ja welche noch im Augenblik des Genußes, wo andere Weiber ſich vergeſſen, den Preis des auf⸗ gelegten Zwangs berechnet. Es iſt die hochſte Erniedrigung, ſich mit einem ſolchen Menſchen eng zu verbinden, die durch Ausſchweifungen von Jugend auf verdorben, fuͤr keine feinere Empfindungen mehr Gefuͤhl haben. Das An⸗ denken an ſeine fruͤhere Lage ſteigt ſtets in ſei⸗ ner Seele auf.— Selbſt der Gatte erinnert ſich zuweilen unwilltührlich daran. Man kann ſich nicht daran gewbhnen, die verachtet zu ſehen, die man liebt; den Schleier, den die Liebe noch äber die Verhältniße zog, faͤllt, man urtheilt mit Strenge, Unbeſonnenheiten werden fuͤr Ver⸗ brechen ausgelegt, der unbedeutendſte Streit wird Zank, man macht ſich Vorwuͤrfe, Ekel folgt auf dem Fuße nach, und aller Reiz iſt dahin. Daher entſtehen die Trennungen, die die Ach⸗ tung des Publicums einem ſo erniedrigten Men⸗ ſchen unausbleiblich rauben. Ich bedaure den ungläklichen, der ſich mir zu ſieb zu Grund rich⸗ tete, der mir ſein Gluk, die allgemeine Achtung, ſeinen Wohlſtand, ſeine wuͤrdige Gattin, und ſeine ungluklichen Kinder aufopferte. Waͤre ich reich, ſo wurde ich ihm meine Boͤrſe anbieten. Jezt habe ich nur Thraͤnen der Reue. Ich will ihm einen zärtlichen Brief ſchreiben, um ihm ſeine Leiden zu verſußen; ich will ihm Verſpre⸗ —„ 1 chungen machen, die ich nie zu halten geſonnen bin, es wird ihn nichts helfen, aber doch einige gute Naͤchte verſchaffen. Habe ich ihm nicht Got⸗ ternaͤchte zu verdanken, ſeitdem er dich aufnahm? Ich konnte ſeine Stelle erſezen; ein anderer waͤre vielleicht nicht ſo leicht zu betruͤgen, oder wuͤrde nicht ſo gefaͤllig ſeyhn, wie er. Ich liebe dich ſtark genug, um zu verſuchen, mit dir in einem weniger glaͤnzenden Zuſtand gläͤklich zu ſeyn. Werde ich nicht eben ſo gluͤklich in einem andern artigen Zimmer ſeyn, als in dieſem Hauſe 2 Ein Raſen iſt ein Thron fuͤr Liebende. Unſere Talente werden uns ernaͤhren. Geh' zu Madam Loke, von der Du einſt ſprachſt. Ge⸗ genwaͤrtig ſuchen die Schauſpiel-Unternehmer von der Provinz Leute; wenn uns einer will, der ſoll uns haben. Dieſes herumziehende Leben mag viel anziehendes haben; habe ich es ſatt, ſo werden meine Reize in einem Jahre nicht ſo ſehr abnehmen, daß ich nicht einen neuen Lieb⸗ haber finden ſollte, dem ich das nehmliche Loos bereiten will, wie dem, der jezt in Holland uͤber meine Bekanntſchaft ſeufzt. Mutter Loke hatte ich nicht vergeſſen; ich kam oft zu ihr, um ſie uͤber den Verluſt Fan⸗ chons zu troͤſten, welche eines Tags Morgens mit einem Schauſpieler aus der Provinz davon lief. Komm, mein Engel, ſagte das gute Weib, 40 ein Schauſpiel⸗Direktor aus Deutſchland will dich annehmen; er ſah dein Spiel, es geſiel ihm⸗ Ach! wenn Sie nur auch einen Plaz fuͤr das Maͤdchen, welche ebenfalls vorgeſtern eine Lieb⸗ haberrolle ſpielte, bei dem Direktor ausmachen koͤnnten, Sie wuͤrden ihr einen groſſen Dienſt leiſten. Man kann kein offenherzigeres Geſchopf finden. Dieſe Menſchen ſind auf dem Theater ſo ſelten, wie in der Welt uͤberhaupt. Man bot mir, was ich wuͤnſchte, ich ſchlug ein. Dann giengen wir zu Klara, welche den Direktor durch ihren Wohlſtand, durch ihr Be⸗ tragen, durch ihren lebhaften Geiſt ganz bezau⸗ berte. Wir machten uns ihm nur verbindlich, und drei Tage nachher reisten wir ab. Den Ort kann ich nicht nennen, der Grund davon wird ſich im Verlauf der Geſchichte finden. Klaͤrchen war noch reicher, als ſie dachte. Ihr Freund hatte ihr einige Geſchenke in Ge⸗ maͤlden, und Bronze⸗Arbeiten gamacht, deren Werth ſie nicht kannte. Man bot ihr, mit ei⸗ nem Wort fuͤr alle ihre Habſeeligkeiten, Pferde, Wagen, do, o00 Franken. Sie forderte 50,000, und dieſe zahlte man ihr ſogleich aus. Der Faͤufer eilte ſo ſehr mit dem Kauf, daß zu ver⸗ muthen ſteht, er habe ſehr gut gekauft⸗ — tte d41 Beſizerin einer ſo bedeutenden Summe, ei⸗ nes groſſen Kleidervorraths, und einer Menge Geſchmuks glaubte nun Klaͤrchen, nur wenig Einſchraͤnkung ſich auflegen zu duͤrfen. Sie ver⸗ gaß ihren Freund im Ungluͤk nicht; ſie ſandte ihm einen Wechſel von 10,000 Franken. Sie nahm einen Bedienten und zwei Maͤdchen mit ſich, die ihr vorzuͤglich wohl geſielen. Der Be⸗ diente lief vor dem Wagen voraus, in welchen ich mit Klaren und ihren zwei Maͤdchen waren⸗ Wir bezahlten uͤberall reichlich, und man nannte uns Epycellenzen. Bei unſerer Ankunft glaubten wir, zuſam⸗ men wohnen zu koͤnnen. Es kam uns nicht in den Sinn, daß man dagegen etwas einwenden werde. Ein Schwarzrok kuͤndigte uns aber an, daß wir beweiſen muͤſſen, daß wir Eheleute ſeien, wenn wir wie Eheleute zuſammenleben wollen. Unſer Ehekontrakt liegt in Frankreich, ſagte Kla⸗ ra. Laſſen Sie ihn kommen, auſſer dem koͤnnen wir nicht zugeben, daß Sie uns Deutſchen ein Aergerniß geben. Werden Sie uns auch den Tag uͤber bewa⸗ chen laſſen, fragte Klaͤrchen lachend? dazu ha⸗ ben wir kein Recht— deſto ſchlimmer! ſo wer⸗ den wir uns um ſo mehr lieben. Wir mußten indeſſen abgeſondert wohnen; unſern Kameraden gieng es eben ſo. Die Maͤnner waren daruber ſehr unwillig; aber die Weiber billigten dieſe Maaßregel des Fuͤrſten. unſer erſter Auftritt beſonders der von Kla⸗ ren fand ungemein Beifall. Aller Stimmen waren fuͤr Sie. Ihre Geſpielinnin beneideten ſie ein wenig, ſie wollten Fehler bemerken, die Klara wirklich nicht hatte. Sie war aber ſo gut gegen Sie, ſo heiter, ſo bereit, ihre Kleinig⸗ Leiten herzuleihen, daß Sie ihr den gerechten PBeifall verzeihen, Sie ſogar ihre Freundinnen wurden, wenn Schauſpielerinnen ja Freunde ſeyn können. Sie lud ſie zu Tiſche, traktirte ſie praͤchtigz ihr Geld gieng ſchnell fort, ſie lieh allen, die verlangten. Nach 3 Monaten war ihre Kaſſe leer. Sie wurde launigt, ungedul⸗ tig, aͤrgerlich— nur gegen mich blieb ſie ſich immer gleich. Ihre Mädchen konnten ihr nichts mehr recht machen. Warum gieng ſie auch nach Deutſchland— in Paris haͤtte ſie an nichts Mangel gehabt. Ich errieth bald die urſache von Klarens Mißlaune; ich wagte nicht aus Furcht ihr zu mißfallen, ihr eine Aenderung ihrer Lebensart vorzuſchlagen. Ich war der einzige, welcher von ihrer Gäte keinen Gebrauch gemacht hatte; ich empfieng nichts mehr von ihr, ſie bemerkte meine Delicateſſe mit Ruͤhrung,— das konnte ſie aber nicht troͤſten. Sie verlangte einiges n6 43 Geliehenes zuruk, man lachte ſie ins Geſicht aus, und ich freute mich daräber. Taͤglich gieng ich in fuͤrſtlichen Garten ſpa⸗ zieren. Die Fuͤrſtin traf ich ofters; ſie gräßte mich hoͤflich, redete zuweilen zu mir; ich fand ſie ſehr ſchoͤn. Wenn ich auch dieſen Spazier⸗ gang vorzuͤglich wahlte, um ihre Schoͤnheit zu bewundern, ſo war doch meine Abſicht rein⸗ Klaren hätte ich ihr doch nie aufgeopfert, wenn ich in meiner Wahl frei geweſen wäre; denn ihr Rang hatte nichts anlokendes fuͤr mich— aber ihre Schoͤnheit gefiel meinen Augen⸗ Eines Tags ſaß ich auf einen Raſenſiz, um eine neue Rolle einzuſtudieren. Der Fuͤrſt kam zu mir her; er hatte noch nie mit mir geredet. Ich glaubte, er wuͤrde mir einen Verweis geben, daß ich täglich mich der Fuͤrſtin zu nähern wage, Er fieng mit Complimenten an, welches mich wieder beruhigte. Er lobte alle Damen der Truppe, an Flarens Lob verweilte er am laͤng⸗ ſten. Sie iſt ſehr ſchon, aber, ich wette, es gefällt ihr nicht in Deutſchland⸗ Oh! das gewiß nicht. WVir ſind nicht ſo galant! Nimmt ſie Beſu⸗ che an? Niemand? 44 8——— Gar Riemand, auſſer ihre Freundinnen. Sie hat mir zu viel Vergnuͤgen gemacht, als daß ich nicht darauf denken ſollte, erkenntlich zu 8 ſeyn⸗ ge zu Ihre Kunſt, Muſik, Zeichnen, ſind hinrei⸗ lie chend, ſie zu zerſtreuen⸗ ni Ich moͤchte Theil nehmen an ihren Zer⸗ 3 ſtreuungen.* w Sie ſind ſehr gnaͤdig. de Sie kommen oft zu ihr? fu Ich bin Ihr Freund.— Sie ſind ſehr vertraut mit ihr? du Ich achte ſie.— Ich beſize eine artige Einſiedelei, nur einige 8 Stunden von hier; ſie ſoll daruͤber disponiren, und ſoll ihre Freunde mit dahin nehmen⸗ Ich ge will ihr in einem Handbillet dieſen laͤndlichen tet Aufenthalt anbieten⸗ haͤ 3 Sie wird ſehr durch dieſe Gnade geruhrt 3 1 werden. zu I†ch wollte niemand von meinen Leuten dahin ſenden, um Geruͤchten auszuweichen. Ueberbrin⸗ 1 gen Sie ihr gefaͤlligſt dieſes Billet, ich will hier 1 3 die Antwort durch Sie erwarten⸗ F i⸗ ge n„ ſch rt hin in⸗ ler 45 Ich machte eine tiefe Verbeugung, und gieng voll Aerger uͤber den Prinzen aus dem Garten. Ich haͤtte ihm gern alle Teufel auf den Hals gewuͤnſcht. Er genirt ſich nicht, ſagte ich, mich zu dem Amt zu gebrauchen, das fuͤr einen Ver⸗ liebten eben nichts anziehendes hatte. Mir bleibt nichts uͤbrig, als Klara zu bitten, das Anerbie⸗ ten nicht anzunehmen, da ich es einmal uber⸗ bringen mufte. Indeſſen muß ich mir noch Gläk wuͤnſchen, daß ich es gerade uberbringen ſoll— denn auf die Art kann es doch kein Geheimniß fuͤr mich bleiben. Klaͤrchen fand ich ſehr traurig, meine Ge⸗ genwart machte ſie heiterer. Warum uͤberlaͤſſeſt du mich ſo oft meiner Melancholie— ſagte ſie — du weiſt, daß ich heiter werde, wenn ich dich ſehe?. Ich vermuthe, das, was ich dir jezt zu ſa⸗ gen habe, werde dich eben nicht ſehr aufmun⸗ tern. Der Prinz trug mir im Augenblik eine haͤßliche Rolle auf. Das wundert mich, er ſcheint doch ſo bray zu ſeyn⸗ Er gab mir ein Billet fuͤr dich. Fuͤr mich? Her damit, entgegnete ſie lebhaft, wir wollen ſehen, wie ein Prinz ſchreibt. „7 46——— Nicht ſo gut, als ein anderer. Dafuͤr ſtehe ich. Nun ſo laſſen wir Seine Durchlaucht ſtehen. Leſe denn aber doch, weil du einmal willſt⸗ Wahrhaftig, nicht ſo ſchlecht als ich dachte— für ſeinen Stand iſt dieſes Billet ſehr reſpekt⸗ voll— er behandelt mich nicht als Schauſpiele⸗ rin. Mit Vergnuͤgen nehme ich dieſen Antrag an. Wie du willſt— Warum nicht? Das thut mir wehe⸗ Du wirſt eiferſoͤchtig? Ja ich bins, und mehr, als ich gern ſehn moͤchte⸗ Du liebſt mich mehr, als du glaubſt, und von deiner Liebe zu mir fordere ich, daß du dieſer unſinnigen Leidenſchaft kein Gehor leiheſt. Wenn ich nicht unhoflich ſcheinen will, ſo muß ich doch dem Fuͤrſten antworten⸗ daß mich ſeine Gäte erfreute⸗ Sie nahm Feder und Papier⸗ Heute bringe ich nichts zu Stande, ſagte ſie; das Herz diktirt mir nichts in die Feder. Komm Freund, dikti⸗ re mir die Antwort⸗ — l Nein das iſt zu viel. Wenn ich dich aber betruͤgen wollte glaubſt du denn, ich wuͤrde dich zum Vertrauten machen? Man möͤchte fuͤr Langeweile in dem traurigen Deutſchland ſterben. Die Gelegenheit ſich zu zerſtreuen, iſt da, warum ſie zurukweiſen? Ein unſchuldiges Vergnuͤgen, ein Spaziergang, wo du zugegen ſeyn wirſt, macht dir Verdruß? — Ja wenn man ſo ſehr liebt, wie. X Bedenke aber doch, daß mein Herz un die⸗ ſem Zuſaze keinen Theil hatte; das muß dich doch beruhigen. Ich gehorche. Die Wuth im Buſen.— Sie lachte aus vollem Halſe. Die Situation iſt anziehend; du machſt eine ſo ernſthafte Miene, daß ich lachen muß. Halb aus Verdruß, halb aus Gefaͤlligkeit, diktir“ ich die Antwort. Flaͤrchen that bald et⸗ was hinzu, bald aͤnderte ſie eine Phraſe. Sie ſchlug das Billet zuſammen, ich mußte, wie ein wahrer Narr, daſſelbe dem Fuͤrſten uͤberbrin⸗ gen, der es mit Freuden empfieng. Ihr Verſtand iſt ſo groß, als ihre Schoͤn⸗ heit! welch bluͤhender Stil, ſagte er: welche zierliche Wendungen! Ob ich gleich eigentlich die⸗ „ 48— ſes Compliment verdiente, ſo machte es mir doch keine Freude. Morgen fruͤh um bUhr, ſez⸗ te er hinzu, werden drei Wagen vor ihrem Hauſe warten. Da Sie alle ihre Kameraden gleich liebt, ſo ſollen auch alle von der Parthie ſeyn; fuͤr die Herren werden Reutpferde bereit ſehn⸗ Sagen Sie ihr, daß ich mir ein Vergnuͤgen dar⸗ aus machen werde, allen ihren Wuͤnſchen zuvor⸗ zulommen· Er verließ mich; ich war innig bewegt. Vol⸗ ler Wuth äberbrachte ich ſeine Antwort wortlich⸗ Er liebt dich, ſagte ich zu Klaren, du ſie⸗ heſt es ja. 3 Aber ich liebe ihn nicht. Er wird dich mit Geſchenken uberhäufen⸗ So weit ſind wir noch nicht— Ich wollte boͤſe werden, ſie wußte mich zu beſaͤnftigen. Sie machte ſich üͤber den Fürſten luſtig, ſpottete uber ſein ſchwerfälliges Aeuſſere, ſagte ſo viel zu ſei⸗ nem Nachcheil, daß ich ſie wegen meiner Eifer⸗ ſucht um Verzeihung bat. Die Parthie wurde audgeführt, wie ſie be⸗ ſchloſſen war; man ſervirte uns praͤchtig und reichlich. Der Furſt zeigte ſich nicht, und das freute mich herzlich⸗ Nach Tiſche giengen wir in dem Bobquets ſpazieren⸗ ſte waren herrlich⸗ lte ie ber ei⸗ er⸗ unb das wir lich. Der Wein hatte unſere Sinnen etwas berauſcht, unſere Freude war lärmend. Auf einmal kam der Prinz, wie durch Zauber, aus einem Pavi il⸗ lon, welcher hinter einem Gehege unſichtbar lag. Tiefes Stillſchweigen verbreitete ſich auf einmal unter der Geſellſchaft— ich ſtand erſtarrt da, wie vom Anblik des Mebuſenhaupts. Der Fuͤrſt ſagte allen Damen Artigkeiten; er faßte Klarens Hand, und eilte davon, ſie mit ihm. Manflu⸗ ſterte ſich in die Ohren, man ſah mich an, man laͤchelte, ich war wuͤthend, ſuchte mich aber zu halten. Ich wollte nach, und Klaren aus den Armen des Fuͤrſten reißen— ich war in ſeinein Hauſe, er hatte da zu befehlen, ich wuͤrde au⸗ genbliklich arretirt worden ſehn, ich konnte nichts als den unguͤnſtigf 8 Ausgang von einem ſolchen tollen Benehmen vorausſehen. Ets iſt grauſant, einen geruher zu haben, gegen den man nichts unternehmen kann, den man reſpektiren muß, wenn man ihm das Herz durchbohren moͤchte. Ich ſah, daß ich mich laͤcherlich machen wuͤrde, ich faßte alſo meinen Muth zuſammen, und nahm eine ganz ruhige Miene an. Flaͤrchen war ungeföhr eine Viertelſtunde ab⸗ weſend. Dieſe kam mir wie ein ganzer Tag fuͤr. Noch nie habe ich ſo viel gelitten. Die Undankhare war heiter, ſie ſcherzte mit dem Fuͤrſten, mich ſah ſie gar nicht an: ich haͤtte ihr D Das Kind, 2. 60— eine Ohrſeige geben moͤgen⸗ Ich betrachtete ihre Kleidung, ihren Haarpuz, und fand alles in Ordnung: dies beruhigte mich wieder. Ich fra⸗ ge alle Verliebte oder Ehemaͤnner, ob Sie in ͤhnlichen Vorfallen nicht eben dieſe aͤrgerliche unterſuchung anſtellten wie ich. Man konnte es mir nicht verargen. Klaͤrchen liebte mich, aber ich kannte ihren Hang zur Verſchwendung, ich glaubte nicht, daß ich den glaͤnzenden Verſpre⸗ chungen des Fürſten widerſtehen könnte. Man ſagte von ihm, er ſpare nichts, um ſeine NRei⸗ gungen zu befriedigen⸗ Mein Blut kochte, wenn ich dachte, daß ich mit dem Fuͤrſten theilen muͤße. Ich konnte aus Mangel Klaͤrchens Luͤſte nicht be⸗ friedigen. Wäre ich reich geweſen, ich haͤtte all mein Vermöͤgen ihr zu Füſſen gelegt. Je nun! ich will ſie verlaſſen, ſie fliehen, ſagte ich zu mir. Vergeblicher Entſchluß. Die Heftigkeit der Liebe behielt die Oberhand. Ich fand ſie rei⸗ zender als je. Ich hoffte noch, ſie wuͤrde mir den Fürſten aufopſern, wuͤrde Mitleiden mit meiner Quaal haben. Sie iſt ja gut, ſie liebt mich, ſie wird nicht wollen, daß ich aus Ver⸗ 5 zweiflung ſterben ſoll. Mit ungedult ſahe ich unſerer Abreiſe ent⸗ gegen. Ich ſahe endlich die Pferde anſpannen, ich athmete freier. In zwei Stunden, dachte ich bei Klaren zu ſehn; ich wollte ihr ihre Un⸗ ir it bt r nt⸗ n, te treue vorwerfen, ich konnte mein Herz vor ihv entleeren. Ein eiferſüͤchtiger muß ſein Herz aus⸗ leeren. Der Fuͤrſt verließ Klaren nie— ich war wie toll, er fuͤhrte ſie in Schloßhof, wo die Wagen ſtanden; der Schlag öffnet ſich, Kla⸗ ra ſteigt ein, der Fuͤrſt nach ihr. Sechs raſche Pferde flogen mit ihnen bavon, und ich ſahe ſie bald nicht mehr. Ich wage nicht zu beſchreiben, was ich lite. Keine Sprache hat Ausdruke fur dieſe fatale Leibenſchaft. Es iſt der Uebergang vom hoͤch⸗ ſten Gluͤk zur Verzweiſlung, kein Zuſammen⸗ hang mehr der Gedanken, vollige Unmacht der Vernunft, es ſind Anfälle von Wuch, Rachſucht, und doch liegt wieder im Hintergrunde der Seele der Gedanke der Verſohnung. Man liebt bis zur Wuth, der Haß geht bis zum Wahnſinn. Die Natur verlieh mir ein lebhaftes Tempera⸗ ment, mein Charakter entwikelte ſich bei der Gelegenheit in ſeiner vollen Stärke. Ich beſtieg mein Pferd, und ſtieß ihm die Sporne in den Leib— es war ſehr raſch, und flog pfeilſchnell ſchnell davon; ich konnte kaum athmen, und doch gieng es mir noch zu langſam. Meine Au⸗ gen waren truͤb, ich ſahe nichts; das Pferd nahm einen andern Weg; ich wurde es erſt ge⸗ wahr, nachdem wir eine Stunde zuruͤkgelegt batten. Das war mein Gluͤk, ich wäre verlo⸗ D 3 ren geweſen. Ich war in einer fuͤrchterlichen Stimmung; ich haͤtte den Fuͤrſten beſchimpft. Er war kuͤhn, rachſuͤchtig, die geringſte Strafe waͤre ewige Gefangenſchaft geweſen. Ich hielt mein Pferd an; ich ſchaͤmte mich meiner Vergeſſen⸗ heit— Ueberlegung kehrte zuruͤtk. Ich weinte, meine Wuth wurde Wehmuth. Ich ritt im Schritt bis zur Stadt; ein Reutknecht des Fuͤr⸗ ſten erwartete mich am Thor. Alle uͤbrigen wa⸗ ren ſchon herein. Man befuͤrchtete, das Pferd habe Schaden genommén. Ich antwortete dem Reutknecht ganz gelaſſen, daß das Pferd mit mir davon gegangen ſei, daß ich es langſam ha⸗ be gehen laſſen, nachdem ich im Stande gewe⸗ ſen waͤre, es aufzuhalten, um es ganz gut zu⸗ rukzubringen. Ich belohnte den Reutknecht reich⸗ lich, der ſich die Muͤhe genommen hatte, mir entgegen zu kommen. Ich wollte dem Fuͤrſten in keiner Verbindlichkeit ſtehen, ich haͤtte ihm gerne das Mittageſſen bezahlt. Ich begab mich traurig in mein Gemach, ich entſchloß mich, die Untreue zu vergeſſen. Zehen WMinuten veharrte ich auf dieſem Entſchluß. Ich freute mich uͤber meine Selbftuͤberwindung. Ich legte mich zu Bette, konnte aber nicht ſchlafen. Meine Phantaſie zauberte mir Klärchen herz ich fand ſie reizender als je; ich hoͤrte ihre Silber⸗ ſtimme, ihre Liebkoſungen, welche Wolluſt ihr entlokten, ich glaubte von ihren Armen feſt um⸗ ſchlungen zu ſeynz ich dachte an all das Vergnuͤ⸗ gen, das ich in ihren Armen genoſſen hatte. So war denn all mein Gluͤk nur ein voruͤber⸗ gehender Traum, deſſen Andenken den Reſt mei⸗ nes Lebentk vergiftet? Ich ſtand auf, um zu ihr zu gehen, um ihr zu Fuͤſſen zu fallen, und um Verzeihung zu bitten. Nein ſie iſt nicht ſtraf⸗ bar— ich werde ſie ewig anbeten. Klara wohnte im unterſten Stokwerk. Wenn ich Abends auf Befehl des Hausbeſizers fort⸗ mußte, ſo ſtieg ich auf der andern Seite durch ein kleines Fenſter wieder zu ihr hinein. Ich gab ein Zeichen, auf welches daſſelbe geoͤffnet wurde. Ich wollte das Zeichen ſo eben geben, als ich am Ende der Straſſe den Fuͤrſten mit Kla⸗ ren erblikte. Dies kraͤnkte mich tief. Ich war am Fenſter, und hoͤrte Klaͤrchen ſingen, und die Harfe ſpielen. Seit ihrem Aufenthalt in Deutſch⸗ land uͤbte ſie ſich auf dieſem Inſtrument mit ſol⸗ chem Erfolg, daß ihr Lehrmeiſter, der ſehr ſtark darinnen war, ſie nichts weiter lehren konnte. Sonſt erwekte ihre Stimme nur angenehme Gefüh⸗ le in mir, jezt verurſachte ſie mir Schmerz. Sie kann ſingen, dachte ich, waͤhrend ich von Schmer⸗ zensgefuͤhlen zernagt der Verzweiflung nahe bin⸗ Sie berauſcht den Fuͤrſten mit ihrer Liebe, und mich toͤdtet der Kummer. Ich habe ihr Herz N 54— nicht mehr, ſie denkt nicht mehr an mich. Welch eine Ewigfeit! Ich kann mich nicht von einer Stelle entfernen, wo alles was ich hoͤre, was ich vermuthe, mir todliche Gefuͤhle verurſacht. Sie hoͤrte auf zu ſingen. Unruhig ſuchte ich zu erforſchen, was im innern des Zimmers vor⸗ gieng. Die Vorhaͤnge waren vorgezogen, ich ſahe alſo nichts. Ich horchte, vernahm aber blos dunkle ſeufzende Toͤne. In dieſer verzweifel⸗ ten Lage blieb ich uͤber eine Stunde. Ich brann⸗ te vor Ungedult— ich war wuͤthend. Die Thuͤ⸗ re öffnet ſich endlich; Fakeln erleuchteten die gan⸗ ze Straſſe, ſo daß ich mich verbergen mußte, um nicht bemerkt zu werden. Ich ſah ihn noch Klaren die Hand kuͤſſen, und hörte, daß ſie die naͤchſte Zuſammenkunft auf morgen beſtimmten. Morgen alſo, ſagte ſie noch. Dies Wort vollen⸗ dete meine Wuth. Die Thuͤre war wieder verſchloſſen, der Wa⸗ gen der Furſten ſchon entfernt, nun gab ich das bekannte Zeichen. Sie oͤffnet das Fenſter, wie ein Bliz erſtieg ich daſſelbe, meine Geſichtszüge waren verändert, meine Stimme zitterte, mein Auge blizte. Klara wollte mich umarmen, ich ſtieß ſie zuruͤk; ich faßte ſie an den Loken, die ihren alabaſternen Buſen umwallten. Ich war auſſer mir, ich folgte den Eingebungen einer to⸗ benden Leidenſchaft, und zerſchlug ihr Geſicht, dei deſſen Anblik ich beſaͤnftigt worden waͤre, wenn ich es hätte ſehen koͤnnen. Nur ein Dolch fehlte mir noch, um ihr Leben zu endigen⸗ Sie erduldete dieſe Mißhandlung gutwillig. Ich litt mehr dabei, als Sie. Die Folgen meiner Wuth zeigten ſich ſchnell— ihr Blut floß— ſie fiel in Unmacht. Ich hob ſie auf, ſezte ſie auf den Sopha, ſie blikte zaͤrtlich an mir auf. Ich fiel ihr zu Fuͤßen, faßte ihre Haͤnde, und be⸗ nezte ſie mit meinen Thraͤnen. Verzeihe, rief ich ſchluchzend, verzeihe einem Raſenden; liebte ich dich minder heftig, ich wuͤrde es nicht gethan haben. 7 Ich bin die Verbrecherin; die Eitelkeit ver⸗ fuͤhrte mich. Die Gewohnheit des Luxus, mei⸗ ne erkuͤnſtelten Beduͤrfniſſe fuͤhrten mich irrez die glaͤnzende Anerbietungen des Fürſten verblen⸗ deten mich einen Augenblik. Ich liebe ihn nicht, und werde ihn nie liebenz mein Herz gehoͤrt dir. Ich habe dich beleidigt, daß ich glauben konnte, du werdeſt dieſe Verhaͤltniſſe billigen; ich bin deiner nicht mehr werth. Wenn du mir meine Untreue vergeſſen kannſt, welche ich aus Unbe⸗ ſonnenheit nicht ſo unguͤnſtig anſahe, ſo will ich von dieſem Irrwege abweichen. Kannſt du aber mein tolles Betragen gegen dich vergeſſen 2 Aus Liebe handelteſt du ſo, die Liebe weiß auch zu entſchuldigen. Du wirſt keine Beſuche des t mehr annehmen? Er wird morgen kommen. Ich will nicht zu Hauſe ſeyn. Aber Freund, ich bitte dich um Schonung meiner Schwaͤche; du muſt mir ga⸗ rantiren, daß du mir nie vorwerfen willſt, daß ich dich betrogen habe. Ich ſahe voraus, mit welcher Heftigkeit ich dich lieben werde, und wie ich werde von dir geliebet werden— ich ſuchte alſo vorher den Zauber von deinen Augen hinweg zu nehmen, und zeigte mich wie ich war, und bin. Mein Herz iſt gut, aber meine Ge⸗ ſinnungen ſind verkehrt. Ich ſchäme mich mei⸗ ner Neigungen, und doch ſeufze ich, wenn ich ſie nicht befriedigen kann. Hoͤre alſo, und ſei klug. Ich beſize noch Koſtbarkeiten, und eine Garderobe von Werth; wir wollen das alles verkaufen. Wir wollen das Theater verlaſſen, wo ich wider Willen verloren gienge, wo ich zu häufig dem Fall ausgeſezt wuͤrde, dich zu be⸗ leidigen, wo ich meines Entſchluſſes ungeachtet den Verfuͤhrungen des Reichthums unterliegen wuͤrde. Fuͤhre mich in eine Wuͤſte, wenn ich dir zu deinem Gluͤk genug bin; ich habe nichts nthig, als dich. Wenn ich aber hier bleiben meß, ſo kann das Andenken an das, was ich verloren habe, mir ſchmerzlich fallen; die Eitel⸗ keit wird ihre Macht behaupten. In einigen Augenbliken iſt der Schritt zum Verbrechen ge⸗ than— der Augenblik koͤnnte kommen, wo ich nicht wiederſtehen koͤnnte; die Reue kaͤme zu ſpaͤt. Du wuͤrdeſt mich haſſen, und das wuͤrde mich toͤdten. Rette deine arme Klara; ich bitte dich fußfaͤllig darum. In den Armen des Ge⸗ liebten iſt es leicht, tugendhaft zu ſeyn. Ein ruhiges Leben, einfache Wuͤnſche, eine ländliche Wohnung, eine ausgeſuchte Lektuͤre, eine ange⸗ nehme Geſellſchaft gruͤnden das Gluͤk. Das alles können wir uns verſchaffen; wir wollen nicht wanken, wir wollen fliehen, die Liebe wird un⸗ ſer Daſeyn verſchonern... Dieſes Gemaͤlde fand ich fuͤrchterlich. Wir redeten die ganze Nacht von unſerm Vorhaben, welches unſere Einbildungskraft ſo ſchon mahlte. Wie oft bat ich Klaren um Verzeihung wegen meines brutalen Verfahrens, meine Lippen kleb⸗ ten auf ihren Wangen, die noch die Spuren meiner Raſerei trugen. Wie oft mußte ſie mich ihrer Verzeihung verſichern! wie angenehm ver⸗ flog dieſe Nacht! wie ſelig fuͤhlt man ſich, wenn man ſich das Ende des Uebermaßes von Gluͤk nicht träumt„ Nach meiner Gewohnheit z0g ich mich vor —* 1 1 5 * 1 1 3 3 . 3 ¹ Anbruch des Tages zuruͤk, um kein Aergerniß zu haben. Ich ſchlief lange und ruhig⸗ Jeanette, die ſchoͤnſte unter den Kammer⸗ mädchen Klarens wekte mich. Was haben Sie fuͤr ein ſauberes Projekt meiner Gebieterin in den Kopf geſezt? fragte ſie. Hat ſie dir etwas davon geſagt? Verhehlt Sie mit denn etwas 2 Das Projekt hat demnach die Ehre deines Peifalls nicht? Nein! denn es iſt kein Sinn dahinter⸗ Beweiſe das, wenn du kannſt. Das will ich. Ich fordere dich dazu auf. Wir wollen ſehen, ob Sie mich widerlegen. Sie lieben Klara? Wozu dieſe Frage? Kennen Sie ſie genau? Ich glaube. Wollen Sie ihr Gluͤk?„ Mehr als das meinige. Sie findet es aber nur im beguͤterten Zu⸗ ſtand. Darauf leiſtet ſie Verzicht. Das verſpricht ſie wol; aber— Sie wuͤr⸗ den kaum 3 Monate auf dem Lande ſeyn, ſo wuͤrde Langeweile ſich unter ſie einſchleichen, und nie mehr von ihnen weichen. Sie werden ſich zwar immer lieben, ſie werden aber mude werden, es ſich zu ſagen⸗ Das nie! Sie veraltern aber⸗ Ja— aber wir werden uns ewig anbeten. Klara wird ihnen nicht mehr ſo liebenswuͤr⸗ wuͤrdig ſcheinen, wenn die Taͤuſchung dahin iſt. Sie werden ſich ihrer Ingendfehler erinnern, und ihr deswegen Vorwuͤrfe machen. Die Liebe entſchuldigt alles, die kalte Vernunft aber ver⸗ zeiht nie. Wenn Sie auch delikat genug denken, und ihr keine Vorwuͤrfe machen, ſo wird das doch ihrem Herzen ſchwer fallen. Jezt ſind ſie in gleichem Alter, wie ſie, in 12 Jahren iſt das nicht mehr ſo. Ein ſchones Weib iſt wie eine Fruͤhlingsblume, ihre Dauer iſt eben ſoskurz⸗ Die Maͤnner gleichen Baäumen, man ſchäzt ſie erſt, wenn ſie Fruͤchte tragen⸗ Wenn Klara dreiſſig Jahre alt ſeyn wird, ſo wird ſie ihnen alt vorkommen, und Sie ſind in ihrer vollkommen Mannskraft. Jezt wird ihnen „ bo—— ihre Einbildungskraft geſchaͤftig die Vergangen⸗ heit vormalen, wo ſie die Welt ſo leichtſinnig verließen, mit jedem Augenblik werden Sie ihren Verluſt mehr bedauren. Es wird Ihnen weh thun, in einem Alter arm und vergeſſen zu ſeyn, das noch ganz dazu gemacht iſt, um gluklich zu ſeyn. Elend iſt der Tod der Liebe — Flarens Liebe moͤchte nicht ſtark genug blei⸗ ben, um mit ihnen im Elend zu ſchmachten. Vielleicht verlieſſe ſie ſie, ehe ein Jahr vergien⸗ ge. Sie wuͤrde da zu mir kommen, und bei mir klagen; gute Jeannette, ich ſterbe vor lan⸗ ger Weile in dieſem Dorfe. Nun ja! So wol⸗ len wir fort— und dann lieſſen wir ſie ganz allein unter dem Schatten der Bäume philoſo⸗ phiren. Dich werde ich nicht mitnehmen. Du biſt eine gefaͤhrliche Rathgeberin— Ich folge Ihnen, ob Sie wollen oder nicht. Denn ich liebe Sie beide. Von mir erwarten Sie keine treuloſen Rathſchlaͤge. Ich werde wi⸗ derſtehen; z aber wenn ich ebenfalls leide, ſo muß ich ihren Thraͤnen nachgeben. Wie kommſt du auf Vermuthungen, die nie ſtatt finden werden? Ich kenne Klara tauſendmal beſſer, als Sie⸗ Sie iſt die beſte Seele von der Welt. Sie ver⸗ ℳ 9 3 en i⸗ uß 6 5 b1 göttert Sie. Geben Sie ihr nur alle Jahre 20,000 Franken zum Verſchwenden, ſo ſtehe ich fur ihre Treue. Sind Sie großmuͤthig, warum wollen Sie ſich dem Gluͤk widerſezen, das Sie erwartet? der Fuͤrſt ſchikte ihr dieſen Morgen einen Schmuk von 40,000 Thaler. Sie nahm es an? Sie ſchlugs aus! Oh! meine Klara! Ich legte es ohne ihr Wiſſen auf ihre Toi⸗ lette. Das iſt nur der Vorlaͤufer von dem, was er noch ferner thun wird⸗ Du glaubſt, daß ich das zugeben werde O ja! wenn Sie nur einigermaſſen billig denken, ſo können Sie einem Maͤdchen nichts in den Weg legen; welche keine andere Huͤlfsquel⸗ len, als ihre Schoͤnheit hat. Sie können nicht von ihr fordern, daß ſie ſich einem gewiſſen Wan⸗ gel Preis geben ſolle. Sie ſind es ihrem Gluͤk ſchuldig, ſie zu ſliehen, das fordert Billigkeit von Ihnen⸗ Das wäre ſchön! Nein, das werde ich nie zugeben, ich werde mich immer beſtreben, ihr dieſe Schande zu erſparen- Das heißt viel geſagt. Laſſen Sie ihr den Luͤrſten, wie Sie ihr den Freund in Paris lieſſen⸗ Das iſt ein groſſer Unterſchied! ich trat in die Rechte des Brit ein, der Fuͤrſt in die meinigen⸗ Ich ſtehe Ihnen raftr— er ſoll der lezte ſeyn. Ich muß fuͤr Sie beide vernuͤnftig ſeyn. Wenn Sie faͤhig waͤren, Ihr Vorhaben auszu⸗ fuͤhren, und wenn ich nicht wuͤfßte, was daraus entſtehen woͤrde, ſo wuͤrde ich dazu rathen; ich wuͤrde gluklich bei Ihnen auf einem Dorfe ſeyn, wie am Hofe des groͤſten Koͤnigs. Das iſt aber der Fall nicht bei Klaren. Geben Sie es zu, daß ein Schwachkopf ſeine Schaͤze an ſie ver⸗ ſchwendet. Lieben wird ſie ihn nie. Wenn ſie einmal reich iſt, ſo werden Sie nichts mehr von ihr zu beſuͤrchten haben, bedenken Sie ferner, daß Klara blos Ihre Freundin iſt, und ihre Gattin nie werden wird. Das werden Sie ver⸗ geblich von ihr verlangen. Sie achtet Sie zu ſehr, als daß Sie Ihre Hand, ſey es fruͤher oder ſpaͤter, annaͤhme. Was liegt am Wort, wenn die Sache wirk⸗ lich ſo iſt. Kann ein Schreiber, ein Prieſter, können Zeugen der feierlichen Handlung unſer Buͤndniß dauerhafter machen? Die Liebe verein⸗ te uns; ihre Bande ſind unauflhslich. Hoͤre alſo auf, mich mit Gruͤnden zu beſtuͤrmen, die ich einmal nicht leiden mag. Meinſt du, der Gott der Liebe ſei weniger leicht zu beleidigen als tt 68 Hymen? Deine Berechnungen erregen meinen volligen Unwillen. Noch heute will ich Klara dei⸗ ner Verfuͤhrung entziehen, und dem verhaßten Furſten entfuͤhren. Glauben Sie denn aber, man duͤrfe ein En⸗ gagement ſo ohne weiters aufheben? Ich will gehen. Sie koͤnnen aber nicht aus dem Lande, ohne Erlaubniß des Fuͤrſten, der Ihre Abreiſe nicht zugeben wird, oder wenn auch das geſchaͤ⸗ he; doch gewiß Klara zuruͤkbehält. Die min⸗ deſte Unvorſichtigkeit von Ihrer Seite wuͤrde ſich ſo endigen. Es iſt alſo beſſer, den Umſtaͤnden nachzugeben.. Die beredte Jeanette uͤberzengte mich nicht; ihre Gruͤnde machten aber tiefen Eindruk auf mich. Ich weinte aus Aerger; ich wollte meine Thraͤnen vor ihr verbergen, es gelang mir aber nicht. Jeannette hatte ein gutes Herz und viel Verſtand; Sie war meine Freundin, ſie ließ ſich meinen Kummer zu Herzen gehen. Sie umarmte mich ihre Thraͤnen floßen gleichfalls; ſanft um⸗ ſchlangen mich ihre Arme,— ich riß mich nicht los. Es iſt gefaͤhrlich mit einem Maͤdchen, von 19 Jahren, friſch wie die Roſe, ſich in ſolche ge⸗ fuͤhlvolle Ergieſſungen einzulaſſen. Der Ort ſelbſt war ſehr critiſch. Ohne alle Abſicht erlaubte ich mir einige Freiheiten— ihr Widerſtand war ſchwach— meine Sinne wurde wurden umns⸗ belt, die ſchwache Jeannette theilte dieſe Ver⸗ geſſenheit. Wir ſchaͤmten uns beide unſerer Un⸗ beſonnenheit. Ich wagte nicht aufzuſchauen; ſie faßte ſich zuerſt, und ſagte lachend: Lieben Sie Klara jezt weniger, als vor einigen Minuten? „„ Dieſe Frage brachte mich in ziemliche Ver⸗ legenheit; ich ſeufzte⸗ Laſſen Sie mich dieſe Intrigue durchfuhren, ſagte ſie; es iſt keine Schande, einen Fuͤrſten zum Nebenbuhler zu haben. Sehen Sie nicht vornehme Leute genug in Frankreich, die ſich's zur Ehre rechneten, und mit Freude eine Gele⸗ genheit ergriffen, die Sie zu Ehrenſtellen, oder zu Verbeſſerung ihrer Gläksumſtände fuͤhren mußte. Es iſt doch nur alles Vorurtheil. Bei dieſem Handel bleibt der Fuͤrſt immer der de⸗ trogene Theil. Seiner Wachſamkeit ungeachtet, wird es ihm gehen, wie andern. Die Liebe und Jeannette ſind auf Ihrer Seite⸗ Ich hatte einen Fehler begangen, der mir das Recht benahm, ſtrenge Moralität von andern zu fordern. Ich ließ Jeannette gehen, ohne ein Wort zu ſagen. Ich litt unausſprechlich; ich ſahe Klara in 3 Tagen nicht. Aus Zufall gab man Stuͤke, in denen ich keine Rollen hatte. Jeannette uͤberzeugte meine Geliebte, daß ich in den ſchaͤndlichen Handel einwillige. Meine Abweſenheit vollendete ihre Ueberzeugung. Drei 2 1 3 Tage nachher, kam Jeannette Abends zu mir, lud mich ein, zu Klaren nach Mitternacht zu kommen. Aus beleidigtem Stolz wollte ich es abſchlagen, meine Neigung aber ſiegte. Ich war undelikat genug, um noch ein Vergnuͤgen darinn zu finden, dieſer Einladung zu folgen. Das erſte Wiederſehen war geſpannt; aber bald ſcherzten wir uͤber unſere gegenwaͤrtige Lage, und malten ſinnreich die Zukunft aus. Der Fuͤrſt kam zwar ſelten zu Klaren, aber er war eiferſuͤchtig. Seine Spionen erſchwerten mir den Zutritt; die Beſuche wurden dadurch intereſſanter. Der Fuͤrſt erklärte Klaren gerade⸗ zu, daß er auf mich eiferſuͤchtig wäre, und er ließ mir mit ſeiner vollen Ungnade drohen, wenn ich wagen wuͤrde, meine Wuͤnſche bis zu der zu erheben, die er ſeiner Huld wuͤrdig ge⸗ funden habk⸗ e ½ 1 2„ Der Fuͤrſt mochte mich nicht leiden; ich ihn eben ſo wenig. Seine Drohungen machten mich unwillig; ich empfand ein ungemeines Vergnuͤ⸗ gen darinn, ihn zu betruͤgen. Er legte mir Schwierigkeiten bei meinen Genäſſen in den Weg, ich ſuchte mich dafuͤr zu rächen. Die Fuͤrſtin war ſchön und jung: ich hatte keine Nei⸗ gung fuͤr ſie, aber ich fand ein Vergnügen darinn, des Füörſten Stelle einzunehimen. An⸗ Das Kind, 2.% ders konnte ich mich nicht an ihm raͤchen; und dieſe Rache ſchien mir gerecht und angenehm⸗ Ich bemerkte auf dem Theater oͤfters, daß mich die Fuͤrſtin ſehr bezeichnend betrachtete. Ich wagte zu Zeiten, auch meine Augen zu ihr zu 3 erheben: unſere Blike begegneten ſich, ich ſahe ſie erröthen. Ich gieng alle Tage in den Gar⸗ ten, ich verbeugte mich ehrfurchtsvoll in Gegen⸗ wart von Zuſchauern, ich blikte ſie zaͤrtlich an, wenn es mir moöglich war. Sie erſah ebenfalls jeden Augenblik, um mein Augenſpiel zu beant⸗ worten. Wir konnten nicht mit einander reden, deſſen ungeachtet ſagten wir uns gar viel. Die ausdruksvolle Gebehrdenſprache der Fuͤrſtin, ih⸗ re Bewegungen, ihre verſtohlenen Blile ſagten mir nur zu gut, was in ihrem Herzen vorgieng. So gab ſie mir deutlich zu erkennen, daß ihre Dienerſchaft ſie genirez ich fragte ſie ebenfalls durch Geberden, ob ich etwas wagen duͤrfe, ein Blik munterte mich dazu bejahend auf⸗ Man iß furchtſam, wenn man reden, ſell; die Angen⸗ ſprache iſt kuͤhner; der Mund lägt, die Augen ſagen die Wahrheit. Der Verſtand zaudert, ſeine Wunſche an den Tag zu legen, die Seele druͤkt ſich aber lebhaft in dieſer Sprache aus⸗ Kurz, ich ſahe deutlich, daß nur eine Gelegen⸗ heit kommen durſte, um mich am Färſten zu raͤchen, und die Fuͤrſtin verſtand ebenfalls, daß 4. + — 67 ich Gelegenheit ſuchen werde. Wir waren dar⸗ uͤber einig, Gelegenheit herbeizufuͤhren und ſie alsdann zu benuzen⸗ Es verzögerte ſich aber, und das machte mich verdrießlich. Ich tröſtete mich daruͤber, da ich im Beſize Klarens war. Die Schwierigkeit un⸗ ſerer Zuſammenkuͤnfte vermehrte ihr Angeneh⸗ mes. Der Fuͤrſt hatte ſelbſt in den Couliſſen Aufpaſſer. Ich war aber offentlich ſo vorſichtig, daß man allgemein glaubte, ich habe meinem maͤchtigen Nebenbuhler meine Eroberung uͤber⸗ laſſen. Klara war ſeine erklaͤrte Maitreſſe; er machte kein Geheimniß mehr daraus, er blieb ganze Nächte bei ihr. Er genirte ſich ſo wenig, daß er ſeinen Miniſtern ofters Audienz bei ihr gab. Er hatte einen mit Wachstuch uberzoge⸗ nen Korb mit ſeinem Nachtzeug dahin bringen laſſen, auf welchem ſein Wappen gemahlt warz er ſtand gewöhnlich unter dem Bette Klarens — ich konnte ihn nie ohne Aerger anſehen. Als der Fuͤrſt eines Tags auf ſenen u⸗ haus war, ſo verkleidete ich mich als Frauen⸗ zimmer, und fuͤhrte mich ſo bei Klaren ein⸗ Wir aſſen zu Nacht, waren froͤlich, legten uns zu Bette, ohne das fatale Ereigniß zu ahnden das uns erwartete. Wir ſchliefen noch nicht, als wir des Fuͤrſten Wagen vor der Thuͤre ſtill⸗ E 2 5 6— halten hoͤrten. Man klopfte, Hlara wußte gleich, welchen Beſuch ſie zu erwarten habe. Der Haus⸗ wirth, der aus Gewiſſensbiſſen mir keine Nacht da⸗ ſelbſt zuzubringen erlaubte, dfnete ſchnell diePforte. Die Noth war am hochſten, unſer Loos hieng von einem Augenblik ab, den Klara entſchloſſen benuzte; ihre Geiſtesgegenwart verließ ſie in kei⸗ nem Fall. Sie zog ſchnell den Korb des Fuͤrſten unter dem Bett hervor; ich mußte mich hinein⸗ werfen, und ſie ſtieß denſelben wieder an ſeine vorige Stelle. Es war aber auch hohe Zeit, denn ſeine Hoheit waren ſchon im Vorzimmer, ſonſt waͤren wir unfehlbar ertappt worden. Klara war blaß, zitterte. Der Fuͤrſt bemerk⸗ te ihre Verlegenheit, und fragte um die Urſa⸗ che. Sie gab eine heftige Colik vor, in dem⸗ ſelben Augenblik wurde das ganze Haus in Be⸗ wegung geſezt, und ein Arzt geholt. Bedeu⸗ tend fuͤhlte er den Puls der vermeintlichen Kran⸗ kin, erklaͤrte die Krankheit fur eine fuͤrchterliche Indigeſtion, wovon die Folgen bedenklich aus⸗ fallen moͤchten, wenn man nicht bald Huͤlfe ſchaffte. Man machte Feuer, um Thee zu ma⸗ chen, vergaß aber, das Stroh hinwegzunehmen, welches im Kamin ſtekte, da man kein Feuer im Kamin zu machen nothig hatte, indem es Sommer war. Das Stroh fieng Feuer, das Famin brannte hell auf, die Flamme ſchlug in ——. * —— 69 wenigen Minuken zu den Fenſtern hinaus. Man verſuchte noch das Beſte zu retten; zwei Dome⸗ ſtiguen des Fuͤrſten ergriffen den Korb mit ſei⸗ nem Wappen, um ihn den Bliken der Zuſchauer zu entziehen, und trugen ihn davon, jedoch ohne ihn zu oͤffnen. Man denke ſich meine toͤdtliche Angſt. Klara wollte ſchon dem Fuͤrſten alles be⸗ kennen, und um Gnade bitten; als aber die Domeſtiquen den Korb ungebffnet forttrugen, ſo aͤnderte ſie ihren Entſchluß. Wohin man mich trug? wie es mir gieng? Sehr aufgeraͤumt war ich nicht; der Weg ſchien mir entſezlich lange⸗ Endlich wurde ich niedergeſezt; ich horchte aͤngſt⸗ lich, und kam auf die Vermuthung, daß ich mich an einem iſolirten Plaz befinden muͤße. Ich hebe den Dekel auf, und dann bemerkte ich in dem Nebenzimmer eine Menge Lichter, welches mich auf die Vermuthung brachte, ich ſei in der Garderobe des Fuͤrſten. Dieſe Entdekung konn⸗ te mich nicht beruhigen. Ich hatte blos mein Hemde anz ich ſahe mich um, und entdekte Kleider aller Art aufgehaͤngt. Ich ziehe das er⸗ ſte an, das mir in die Haͤnde fiel; es war die Generals⸗Uniform des Fuͤrſten, mit allen den Verzierungen, womit die Großen ihre Eitelkeit bezeichnen. Ich zog ein paar Stiefel an, da man nicht daran dachte, mir Struͤmpfe da zu laſſen; den Anzug vollendete ein dreiekigter Hut. Ich hatte ungefaͤhr die nemliche Groͤße des Fuͤr⸗ ſten, auch ſo die Art„ſich zu tragen, aber ich war ſchoͤner, ohne Vorliebe. In dieſer Kleidung ſuchte ich zu entſchläpfen. Ich ergriff einen De⸗ gen, der mir ins Geſicht fiel, entſchloſſen, mich im Fall der Noth durchzuhauen, oder doch mein Leben ſo theuer als möglich zu verkaufen. Ich kannte niemandz vorſichtig wagte ich, ins naͤchſte Zimmer zu kommen, welches ich er⸗ leuchtet aber ganz leer fand. Ich ſahe, daß es des Fürſten Zimmer war. Von dem kam ich auf einen Gang, und ſchlich tappend dahin, bis ich wieder Licht entdekte. Ich glaubte, ich wer⸗ de auf die groſſe Treppe kommen⸗ Ich faßte eine Stubenſchnalle, und befand mich in einem Vorzimmer. Ich war kaum da, als ich Tritte hinter mir hoͤrte; ſchnell warf ich mich in ein Cabinet, deſſen Thure ich langſam zumachte. In dieſem Cabinet war noch eine Glasthuͤre, der gegenuͤber, durch die ich gekommen war. Ich hoͤrte laut reden, ich horte aufmerkſam zu, und erkenne die Stimme der Fuͤrſtin, die ſich mit ihren Damen uͤber das ausgebrochene Feuer bei Klara unterhielt. Ich ſahe daraus, daß der Um⸗ gang des Fürſten mit ihr für niemand Geheimniß war. Die Fürſtin lachte äber den Zufall, der ihren trauten Gemahl ſo unbarmherzig in ſei⸗ nem Genuſſe ſtörte; ſie ſchien uͤbrigens ſich um den Gemahl wenig zu beköͤmmern. Es war ſehe v— die Fürſtin ve ihr Hemd, mitten im Zimmée; zich verwegener ſah zu. Das Loos At teons haͤtte mir gebuͤhrt; die Fuͤrſtin war ſchon wie Diana, aber nicht ſo grauſam. Ich dachte an keine Gefahr mehr, ſondern äberließ mich ganz dem Entzuͤken eines ſo ſeltenen Schau⸗ ſpiels. Die Fuͤrſtin hatte den vollkommenſten Körper, obgleich ſie an Schoͤnheit Klaren nach⸗ ſtehen mußte, ſo verdiente ſie Vorzuͤge durch die ſinet der Form ihres Koͤrpers⸗ Ihre Damen zogen ſich nach einer Viertel⸗ ſtunde zuräk; nur ein matter Schimmer er⸗ leuchtete das Zimmer. Ich gieng aus meinem Schlupfwinkel hervor, ſo halb uberzeugt, daß meine Erſcheinung der Fuͤrſtin nicht unangenehm ſeyn werde. Bei dem Geraͤuſch durchs Heffnen der Thuͤre erhob ſie ſich, um zu ſehen, wer hereinkomme. Die ſchwache Erleuchtung, die Uniform lieſſen ſie glauben, ich waͤre der Fuͤrſt, welches ihr nicht zu gefallen ſchien⸗ Wollen Eure Hoheit, ſagte ſie aͤrgerlich, mich von den Gefahren unterrichten, die ſie bei dem Jchenchenen Feuer beſtanden? Ich bin's— entgegnete ich⸗ Wer ſind Sie?— Ihr leidenſchaftlicher Anbeter, der ſi 5 dieſe audun zu verſchaffen wußte, um Ihre Waͤch⸗ 72—— ter zu betruͤgen, um zu Ihnen zu kommen. Werden Sie ihn wegen einer Kuͤhnheit beſtra⸗ fen, die ihm uͤber alle Begriffe wohl gelungen iſt? Weitere Winke verlangte ſie nicht. Die Au⸗ genblike waren koſtbar, ſie meinte, man darfe ſie nicht mit leeren Entſchuldigungen verſchleu⸗ dern. Sie war gegen ihren Gemahl erbittert; ich ſtimmte in ihren Unmuth ein, und noch nie waren wohl zwei Perſonen ſo einig, ſich gegen⸗ ſeitig zu raͤchen. Wuͤrde Fuͤrſtenrang nur dem, ſagte ſie zu mir, der am beſten die Blumen der Liebe zu pfluͤten vermag, ſo würdeſt du der wuͤrdigſte ſeyn. Dieſes Lob kizelte mich, und trieb mich an, es noch einmal einzuerndten. Die Stunden flogen— auf dieſe herrliche Nacht konnte ein ſchreklicher Tag folgen; aber daran dachten wir erſt, als es ſchon Tag war. Es war ſchwer, jezt mit Gluk durchzukommen; auf der Treppe war Schildwache, die alle Offi⸗ ciere hoͤheren Rangs perſoͤnlich kannten, ich haͤtte alſo alles zu befürchten gehabt, wenn ſie mich naͤher hatte betrachten wollen. Es wurde alſe beſchloſſen, die Nacht abzuwarten. Es kommt niemand in mein Simmer, ſagte die Fürſtin, auſſer ich klinge; und das ſoll heute 73 ſehr ſpaͤt geſchehen, und ſie hielt Wort. Man hätte mehr als Menſch ſeyn muͤſſen, um das Lob der Fuͤrſtin immer wirklich zu verdienen. Ihr Haß gegen ihren Gemahl gieng weiter als der meinige; ihre Rachſucht gieng ſo weit, daß ſie immer auf neue Befriedigung derſelben dach⸗ te, da ich ſchon längſt verziehen hatte. Ich muß⸗ te ſie oͤfters erinnern, daß es ſchon Mittag ſeiz ſie wollte es nie glauben, ſtrafte Sak⸗und Zim⸗ meruhren Luͤgen, die jedoch die Stunden ganz richtig anzeigten. Sie gab endlich meinen Bedenk lichkeiten nach, die ich vorgab zu haben. Sie ließ ſich in ihrem Zimmer bedienen, gab Kopfſchmerzen vor, ſorgte aber in der Zwiſchen⸗ zeit ſehr für ihren Gefangenen. Ein praͤchtiges Boudoir war mein Zufluchtsort, in weſchem ſie mich oft mit ihrer Geſellſchaft beehrte. In den Augenbliken, wo ich allein war, dachte ich an Klarens Angſt uͤber mein ungewiſſes Schikſal; mein gegenwaͤrtiges Gluͤk blendete mich nicht, ich machte mir Vorwuͤrfe über meine Untreue, denn unbeſtaͤndig war ich nicht. Meine Rach⸗ ſucht war vollkommen befriedigt, ich hatte keine Luſt mehr, ſie noch weiter zu befriedigen, ich ſehnte mich nach Freiheit, die Nacht endete end⸗ lich mein Leiden. Die Fuͤrſtin drang mir ihr mit Diamanten beſeztes Portrait auf, und bak mich um das Verſprechen, ihr den Zwang, wel⸗ chen Stand und Eliquette ihr auferlegten, durch meine Gegenwart zu verſuͤſſen. Sie ſchiug Mit⸗ tel vor, von welchen ich aber keinen Gebrauch konnte, wie man bald ſehen wird. Ich ſah den gunſtigen Augenblik, um aus dem Pallaſt zu entſchluͤpfen. Zimmer und Trep⸗ pen waren noch nicht beleuchtet. Ich hielt ein Saktuch vors Geſicht, die Wachen zogen das Gewehr vor mir an, man ſchlug die Trommel, wie ich uͤber den groſſen Hof gieng. Dieſe Eh⸗ renbezeugungen waren mir laͤſtig, aber nicht aus wich ich ihnen aus. „ Ich gieng ſogleich nach Haus, um eine Klei⸗ dung abzulegen, welche mein Unglük machen konnte. Mein Haus war verſchloſſen, meinen Hauptſchloͤſſel hatte ich in den Weiberkleidern ge⸗ laſſen, die ich angezogen hatte, um unerkannt zu Klaren zu kommen. Ich blieb nun uber eine Stunde in einer Allee, und wartete die Räk⸗ unft meines Hausherrn ab. In dem Augen⸗ blik bemerkte ich Jeannette; ich lief zu ihr hin; meine Kleidung erſchrekte ſie; ſie erkannte mich erſt, als ich angefangen hatte zu reden⸗ Ahnden Sie vielleicht, was Ihnen bevorſteht, fragte ſie 2 Weiß der Zuͤrſt, daß„ —— ———— Horen Sie mich an. Die Augenblike ſind zoßber, ich wußte Sie nicht zu finden, der Zu⸗ fall fuͤhrt Sie zu mir; noch bin ich ſo beſtuͤrzt, daß ich nicht weiß, wo ich anfangen ſoll, Ihnen alles zu erzehlen, was Sie doch wiſſen muͤſſen⸗ Iſt doch Klaren nichts geſchehen?„ Laſſen Sie mich doch reden; Sie konnen leicht denken, daß die Art, wie Sie aus dem Hauſe kamen, Klaren viel Unruhe verurſachen mußte. Ich war geſtern zehnmal in Ihrem Hauſe, und traf Sie nie an; ihre Abweſenheit machte ſie untroſtlich, die zwei Traͤger allein konnten uns Anskunft uͤber Ihr Schikſal geben. Vor einer Stunde war ich bei dem juͤngſten. Wir glaub⸗ ten mit 80 Louisd'or ſeine Verſchwiegenheit zu er⸗ kaufen, und habe ihm bekannt, daß Sie in dem Korb geweſen waͤren, den ſie weggetragen haͤt⸗ ten. Wenn es das iſt, ſagte er, ſo iſt er im Cabinet des Furſten. Da haſt du Gold, ſagte ich, befreie ihn, aber verrathe uns nicht. Wir warteten auf ſeine Zuruͤkkunft, aber vergebens. Der Fürſt kam ſelbſt voll Wuth; der elende Kerl, ein Auswurf der Hoͤlle verrieth alles dem Fuͤrſten, um eine noch groſſere Beloh⸗ nung zu erhaſchen. Klara laͤugnete alles, ich mußte ihren Bedienten aufſuchen, der aber mit einem Geſchenk von 500 Louisd'or die Flucht 75 6——————— ſchleunigſt ergrief. Dann gieng ich trozend zu⸗ ruͤk, klagte den Bedienten an, daß er ſich habe von Ihnen beſtechen laſſen, damit er Sie ohne Wiſſen Klarens, in den Korb verſtekte. Seine Flucht galt mir als Beweis. Der Fuͤrſt tobte nun gegen Sie. Der verfluchte Kerl entgeht meiner Rache, fluchte er, und wußte ſich aus meinem Pallaſt zu ſchleichen. Dieſe Nachricht machte uns wieder Freude, denn Klara hätte ſich bald verrathen, und ich fieng auch an den Kopf zu verlieren, denn Sie wurden augenſchein⸗ lich durch unſere Masßregeln in Gefahr geſezt. Sie darfen jezt keine Stunde mehr hier blei⸗ ben. Klara wird den Fuͤrſten wohl etwas laͤn⸗ er aufhalten koͤnnen. Er iſt eifrig mit den Be⸗ zu Ihrer Verhaftung beſchaͤftigt; er iſt maͤchtig, grauſam, ſie haben alſo alles von ihm zu befuͤrchten, aber nichts zu hoffen. Ich habe einen Wagen beſtellt, der Sie erwartet; ich titterte aber, ob ich Sie noch finden werde; jezt ſehe ich Sie, und in der ſchleunigſten Flucht auch das Mittel zu Ihrer Rettung. Kommen Sie jezt nur, hier iſt Gold. Schon ſeit acht Tagen liegt das Beglaubigungsſchreiben des neuen Geſandten, welchen der Fuͤrſt nach Frankreich ſenden wollte, auf Klarens Toilette: er hat nun ſeinen Entſchluß geaͤndert, und ließ es ſeither liegen, weil es unnuz geworden war. Das neh⸗ men Sie nun, es kann Ihnen als Paß dienen⸗ . 4 6* unter Germains Adreſſe werden Sie auf der Poſt zu Strasburg einen Brief von Klara fur Sie finden. In dieſem werden Sie die Wege ange⸗ zeigt finden, auf welchem Sie uns Ihre Briefe ſchiken ſollen. Hier, dieſer Wagen erwattet Sie. Leben Sie wohl. Sie dffnete den Schlag, ich ſtieg ein, und empfahl ihr noch, Klara in meinem Namen zu bitten, ſich wieder mit mir zu vereinigen, ſo bald ſie es ohne Gefahr thun könne. Das wuͤnſcht ſie ſo ſehr, als Sie, ſagte ſie; aber eilen Sie, aus dieſem verdrießlichen Ort zu kommen; denn ich kann nicht ruhig ſeyhn, als bis ich Sie in Sicherheit weiß. Am Stadtthor mußte ich halten, und dieſes war noch die gefaͤhrlichſte Rolle fuͤr mich. Ich zeigte dem wachthabenden Officier mein Diplom; ſobald er des Fuͤrſten Siegel erkannte, ſo befahl er dem Prſtillon weiter zu fahren. Ich wäͤre verloren geweſen, wenn er die mindeſte Frage an mich gemacht haͤtte, denn ich hätte nichts antworten kdnnen. Ich konnte nur wenig deutſch, und man hätte den untergeſchobenen Geſandten augenbliklich am Accent erkannt. Ich war ohne alles Gefolge, mein Aufzug entſprach dem Rang nicht, den ich vorgab. Der Officier mußte glau⸗ ben, ich reiſe inkognito, oder er ließ ſich in kei⸗ ne weitere Vermuthungen ein. Seine Tabals⸗ 78——— pfeife beſchftigte ihn in dem Augenblik mehr, als meine Epcellenz, die er ſeiner Aufmerkſam⸗ keit nicht werth fand, welches ich ihm recht gern verzieh⸗ Auf meiner Reiſe hatte ich nicht das minde⸗ ſte Unangenehme zu ertragen. Ich kam bei Nacht in Strasburg an, woſelbſt ich meine Ti⸗ tel und die Inſignien meines Standes ablegte⸗ Ich wartete 8 Tage lang auf Briefe von Hla⸗ ra; endlich erhielt ich einen. Mein Herz poch⸗ te, als ich die Handſchrift erkannte. Sie ſprach vom baldigem Wiederſehen; ſie erwartete nur eine ſchikliche Gelegenheit, um von einem Ort zu entfliehen, der ihr unertraͤglich wurde, weil ich nicht mehr da war⸗ Sie bat mich, ihr oft zu ſchreiben, alle Tage, jede Stunde, jede Mi⸗ nute des Tags. Sie durfte mich nicht erſt dar⸗ um bitten, denn darinn fand ich meine ſuͤſſeſte Beſchaͤftigung. i 4 Ich gieng nach Paris, welches mir nicht mehr ſowohl geſiel. Ich fuͤhlte eine ermüdende Leere, da mir der geliebte Gegenſtand fehlte, mir ſchien alles Thorheit. Ich ſuchte Klara überall, in der Gewißheit, daß ich Sie nicht finden wuͤrde. Die ſchreklichſte Zeit meines Lebens war der Swiſchenraum, bis ich eien neuen Brief von Klarens Hand erhielt. Vierzehen Tage floffen — hr e, en in e er on en —————— 79 ſo hin; nachher wurde unſere Correchondenz ſehr regelmͤſſig. Ich ſchrieb ihr ganze Hefte, und was hatte ich darinn zu ſagen? Immer das nemliche; die Liebe hat tauſend Ausdräke, und Verliebte ſind nicht wie Gelehrte, die befuͤrchten mußten, dem Leſer lange Weile zu machen⸗ Mit unbegbeiflicher Ungedult erwartete ich je⸗ desmal die Ankunft der Poſt. Der PBrieftraͤger war mir die intereſſanteſte Perſon von der Welt; ſo bald ich ihn ſahe, ſo lief ich ihm bis an En⸗ de der Straſſe entgegen. Weil ich ihn gut be⸗ zahlte, ſo legte er die Briefe fuͤr mich jedesmal bei Seite⸗ Flarens Briefe waren mein einziges Vergnuͤ⸗ gen, mein einziger Troſt; doch machten ſie mir Kummer. Ich bemerkte in demſelben einen Hang zur Schwermuth, die immer hoͤher zu ſteigen drohte. Thränen entfielen ihr öfters, ſie ſchrieb ruͤhrend.„Vergebens ſuche ich mich ſelbſt zu „täuſchen, ſchrieb ſie, um mir ein Gluͤk zu traͤu⸗ „men, das ich nicht habe. Fuͤr mich bluht kei⸗ „nes mehr. Du ſchwörſt mir ewige Liebe, du „glaubſt deinen Schwuͤren, du ſuchſt mich zu „uberreden, du fuͤhrſt dich aber ſelbſt in Jrrthum⸗ „Du wuͤrdeſt dich der Fehler meiner Jugend er⸗ „innern, und daraus wuͤrde Haß und Werach⸗ „tung entſtehen. Wenn mir auch jezt die Tugend * 80——— . „lieb iſt, ſo war ich doch ſtrafbar, und bin es „noch. Ja! kbnnteſt du mir verzeihen! Koͤnnte „ich es mir ſelbſt! Was that ich, was war mein „Wollen? um Geld gab ich mich dahin, gegen „Geld gab ich ein Gluͤk dahin, das mir zu „Theil geworden waͤre. Noch erinnere ich mich „deiner tobenden Verzweiflung, da ich nur noch „am Rande des Verderbens ſtanb Du dachteſt micht mehr an meine fruͤhere Suͤnden, da ich „an denſelben unſchuldig war. Jezt habe ich nur „mich anzuklagen. Du uͤberlieſſeſt mich der ge⸗ „fahrlichen Rathgeberin Jeannette, weil eine „äbel verſtandene Großmuth dich irre leitete⸗ „Du hätteſt mich nicht verlaſſen ſollen, da ich „einmal zur Vernunft zurukgekehrt war. Wuß⸗ „teſt du denn nicht, daß du mir mehr werth „biſt, als die ganze Welt. Lieber Freund, das „Andenken an meine Vergehungen, mein Schmerz „daruͤber, meine Reue werden mich toͤdten. Der „Himmel wolle mir noch das Gluͤk ſchenken, „daß ich ſterbe, ehe ich die Worte aus dem Mun⸗ „de meines Geliebten vernehmen muͤßte: Klara „ich liebe dich nicht mehr!“ Ich hatte ſelbſt um Nachſicht von andern zu bitten, wie häͤtte ich ſtreng gegen Klara verfah⸗ ren konnen? An ihre Vergehungen dachte ich nicht mehr; ich ſahe nur ihre Reue. Ich troſte⸗ te ſie, und ſuchte ihr ihre Bedenklichkeiten zu e 8 8 S= S S 8 2 Ur —.— 5 S S 3 5 rz er n r — 3 benehmen. Sie ſchrieb, daß ſie abreiſen werde, ſobald ihr Engagement zu Ende waͤre, daß ſie hoffe, der Fuͤrſt werde in ihre Abreiſe einwilli⸗ gen. Die drei Monate waren vorbei, Klara war beruhigt, und ſie hoffte nun bald nach Pa⸗ ris kommen zu koönnen. Morgen, ſo endigte ſich ihr Schreiben, werde ich den unmenſchlich⸗ ſten und gehaͤſſigſten Menſchen nicht mehr ſehen. Ich rechnete, daß ſie zwölf Tage unterwegs ſeyn werde; der Brieftraͤger hatte alſo ſein In⸗ tereſſe fuͤr mich verloren. Ich gieng alle Tage auf der Straße nach Straßburg ſpazieren, und berechnete die Minuten, wenn ſie ankommen kön⸗ ne. Heute iſt ſie da, ſagte ich ofters, morgen kann ſie dort ankommenz dieſe Nacht, wird ſie in Strasburg ſeyn, die naͤchſte in Paris. Wie ſchlug mein Herz fuͤr Freude und ungedult, als ich ihrer Ankunft nun beſtimmt entgegenſahe! Nach meiner Verechnung konnte ſie erſt um 10 Uhr in Paris eintreffen, und ich blieb auf der Straße nach Deutſchland bis zum fruͤhen Mor⸗ gen. Sobald ich einen Wagen kommen ſah, ſprang ich hoch auf fuͤr Zreude, es giengen viele an mir vorbei, aber nicht die, die ich erwartetp⸗ Ich gieng zu Fuß bis Clayes z ich blieb auf der Poſt, und ſchaute zu einem Fenſter hinaus, das auf die Straße hinausgieng; die ganze Nacht brachte ich ebenfalls daſelbſt zu. Klara kam Das Kind, 2. 5 3.— nicht; ich erwartete ſie noch den zweiten Tag an der nehmlichen Stelle, aber vergebens, ſie kam nicht. Von meiner Quaal kann man ſich keinen Begriff machen, die ich da ausſtand. Ich kam nach Paris, den Tod im Herzen, geveinigt von furchterlichen Ahndungen. Sollte ich bleiben, ſollte ich ſie abholen? Warum ſchrieb ſie nicht, um mich zu beruhigen? Ich irrte umher wie ein Wahnſinniger, mir ſchmekte weder Eſſen noch Trinken; ich gieng immer, um den Brieftraͤger zu treffen. Richts für Sie, rief er mir von von weitem, wenn er mich ſah— Verzweiflenb gieng ich nach Hauſe. In dieſer peinlichen Lage lebte ich 15 Tage⸗ lang; ich machte mir gerade die graͤßlichſten Vor⸗ ſtellungen. Ich entſchloß mich nach Deutſchland zu reiſen, moͤge daraus entſtehen, was nur im⸗ mer wolle. Ich wollte einen Paß holen, als der Brieftraͤger mit einem Paquet mir entgegen kam⸗ Meine Freude war groß— aber leider! kurz. Die Adreſſe war nicht von Klarens Hand. Das Paquet war groß enthielt mehrere Wechſel, aber den Brief, der dabei lag, hatte Jeannette ge⸗ ſchrieben. Ein kleines Zettelchen fiel mir in dis Augen, welches einige Linien von einer zitr ternden Hand enthielt; es waren Klarens lez⸗ te Worte:„ich habe der Tugend Hohn geſpro⸗ chen, der Himmel ſtrafte mich dafuͤr; mein lez⸗ „ ter Athemzug ſoll noch der Zeuge meiner Liebe zu dir ſeyn. Moͤchteſt du dereinſt eine andere Klara finden, die dich eben ſo ſehr liebt, wie ich, deren Seele„„ Hier ſtokte ihre Feder⸗ Sie iſt tod, rief ich verzweiflend. Ein Strom von Thraͤnen entſtuͤrzte meinen Augen. Ich hatte Jeannettens Brief in der Hand, konn⸗ te ihn aber nicht leſenz ich ahndete ſeinen Inn⸗ halt. Ich zwang mich endlich, um die ſchrekliche Gewißheit der Vollendung meines Ungluks zu er⸗ halten. Hier iſt er: „Ich Ungläkliche bin allein an Ihrem Ungläk „ſchuld, und ich mußte noch den Auftrag er⸗ „halten, Ihnen den lezten todtlichen Stoß bei⸗ „zubringen. Ich erfuͤlle den lezten Willen, „und Bitte Klarens, de eines beſſern Looſes „werth war, ſo viel es mich auch koſten mag. „Seit Ihrer Abreiſe weinte ſie anhaltend, und „zehrte allmaͤhlig ab. In ihren Briefen ver⸗ „barg ſie Ihnen die Groͤße ihres Kummers. „Es wärde ihn zu ſehr betruͤben, ſagte ſie, „wenn er den ganzen Umfang meines Ungluks „kennte. Ach moͤchte er ihm immer unbe⸗ „kannt bleiben!„ Ihre Seele liebte die Tu⸗ „gend; boͤſe Wenſchen haben ſie verfuͤhrt, und „ich bin auch unter derer Zahl. Das wird „mich noch zur Verzweiflung bringen. Ohne „mich wuͤrde dieſes trefliche Geſchopf noch le⸗ 2 „ben, welche nur fur Sie leben wollte, wel⸗ „che keine andere Beſorgniß hatte als die, „Ihr Herz zu verlieren. Haͤtten Sie ſie wie⸗ „der ſehen können, Sie wuͤrden es ihr nie⸗ „entzogen haben. Ihre Reue uͤber ihre Ju⸗ „gendſunden hätte den roheſten Menſchen ge⸗ ruͤhrt, und Sie würden ihr aus Herzensguͤte „verziehen haben. Gott wuͤrde ſich ihrer er⸗ „barmt haben, wuͤrden Sie weniger zu be⸗ „ſaͤnftigen geweſen ſeyn?“ „Mehrmalen bat ſie den Furſten fußfaͤk⸗ „lig um die Erlaubniß, nach Frankreich zu⸗ „rukkehren zu duͤrfen. Er wurde wuͤthend, ſo „oft ſie daven anfieng, er gieng ſo gar ſo „weit, ſie zu mißhandeln. Ich verdiene, ſagte „ſie, dieſe Behandlung. Wer ſich dem Laſter „ergiebt, hat das Recht verloren, ſich uber „Vorwuͤrfe zu beklagen⸗“ „Der Fuͤrſt hatte ihr die Freiheit ver⸗ „ſprochen, ſobald ihr Engagement zu Ende „ware; wir machten daher, ohne ſein Wiſſen, „Unſere Vorbereitungen zu dieſer Reiſe, er⸗ „hielten Piße, und machten uns wirklich „auf den Weg, in dem Augenblike, als man „kein Recht mehr hatte, uns zuruͤkzuhalten⸗ „Sie lächelte, als ſie in den Wagen ſtieg. Das „war ſeit Ihrer Flucht das erſtemal. Wenn ich vihn nur wiederſehe, und dann ſterbe, ſagte, * Seit — 7. 85 „ſis, ſo ſterbe ich gluͤklich. Wir hatten kaum veine Stunde Wegs zuruͤkgelegt, als Wachen uns „einholten, und uns in unſere Wohnung zuruͤk⸗ „brachten. Da erwartete uns der Fuͤrſt. Klara „redete freimuͤthig, wie es ihr das Gefuhl erlit⸗ „tenen Unrechts eingeben mußte. Er redete ſie „hart an: Sie werden ſo lange hier bleiben, „als es mir gefallen wird; machen Sie ſich „meiner Gnade wuͤrdiger, oder fuͤrchten Sie „meine Rache. Ich weiß euresgleichen ſchon „zu beſtrafen... Er warf fuͤrchterliche Blike „auf uns, indem er gieng. Von der Ver⸗ „zweiflung meiner Gebieterin haben Sie kei⸗ une Begriffe, ich glaubte, ſie wuͤrden in mei⸗ „nen Armen bleiben. Ein Fieber mit beſtaͤn⸗ „digen Phantaſien befiel ſie noch in der nehm⸗ „lichen Nacht. Ihren Namen ſprach ſie be⸗ „ſtaͤndig in ihrer Phantaſie aus. Anfaͤnglich „gaben die Aerzte keine Hoffnung. Sie be⸗ „ſchleunigten ihr Ende. Geſtern als am oten „Tage ihrer Krankheit hatte ſie ihr volles „Bewußtſeyn, das Fieber ſchien nachgelaſſen vzu haben; ich hatte wieder Hoffnung. Ich vwar allein bei ihr, ſie erkannte mich, ſie „forderte ihre Schreibtafel und Schreibzeug; „ſie hatte noch die Kraft, alle ihre Papiere „auf Sie zu traſſiren. Wenn ich tod bin, ſo „ſchikſt du ſie ihm, ſagte ſie; geſchwind gebe „mir Papier, damit ich ihm noch einmal 36— „ſchreibe, ihn troſte, ihm mein leztes Lebe⸗ „wohl ſage. Eile, meine Kraͤfte ſinken„ „Ich gehorchte; ich hielt ſie in meinen Armen⸗ „Kaum hatte ſie einige Worte geſchrieben, als „ihr die Feder aus der Hand fiel. Ihr Haupt „fiel auf meinen Schoos— ihr Geiſt war ent⸗ „lohen. Gute Klara! ich bin Schuld an dei⸗ „nem Tod, und doch ſorgſt du vor deinem „Ende noch fuͤr mich, du verzeiheſt mir, und „beſchͤftigeſt dich noch mit meinem Schikſal! „Sey klug, ſagte ſie, du ſiehſt ja die Fruͤchte „von meinen Verirrungen„. Nie werde ich „ihren Verluſt vergeſſen konnen. Ich will mich „mit meiner Schande in einem entlegenen Ort „werbergen, wo ich nie aufhoͤren werde, dieſes „intereſſante Opfer boshafter Verfuͤhrung zu be⸗ „weinen. Ohne ihren ausdruklichen Befehl „haͤtte ich Ihnen nicht geſchrieben. Sie muͤſſen „mich haſſen, ich verdiene es⸗ Leben Sie ewig „wohl. Jeanette. Empfindſame Seelen, welche die Macht der Liebe kennen, werden meinen Schmerz gerecht ſnden. Er ſieg auf den hochſten Grad. Penn ich nicht untertag, ſo war es bloß deßwegen, weil ich ſeit langer Zeit an Schinerz gewoͤhnt war. Ich war, ſo zu ſagen, auf dieſe ſchreküche Nachricht vorbereitetz ich weinte, und meine Thränen er⸗ kaichterten mich⸗ 6— Zehntes Kapitel. Die Folgen einer Unvorſichtigkeit— Unverhofftes Wie⸗ derſehen— Sonderbare Ereigniße. Mene Hausleute waren ein paar liebenswär⸗ dige Perſonen; ſie hatten ſich aus Liebe geheu⸗ rathet. Sie waren verſtäͤndige, gefuͤhlvolle Menſchen, und beehrten mich mit ihrer Freund⸗ ſchaft. Ich theilte Ihnen meine Beſorgniſſe we⸗ gen Klara mit, und ſie verlieſſen mich in mei⸗ nem Unglük nicht. Sie wichen mehrere Tage nicht von mir. Sie redeten von meinem Ver⸗ luſt, verſuchten mich allmaͤhlig zu troͤſten, und ich fand, daß Kummer, den man ausweint, weniger ſchmerzt, als den man in ſich verſchließt. Ich begieng eine Thorheit, ohne mein Freun⸗ de um Rath zu fragen. Gegen den Fürſten 5 ₰ 38 tobte ich— ich ſahe ihn als den Mörder Klarens an. Konnte ich anders, als ihn haſſen? waͤre ich Fuͤrſt geweſen, wie er, ich haͤtte ihm den Krieg erklaͤrt, und ich haͤtte, wann ich geſiegt haͤtte, meinen Sieg benuzt. Ich wollte nach Deutſchland, ihn mitten unter ſeiner Wache töd⸗ ten, welches man mir natuͤrlicher Weiſe mißrieth⸗ Der hoͤchſte Zorn bemaͤchtigte ſich leden Augen⸗ blik meiner: da ich mich an dieſem Menſchen nicht raͤchen konnte, ſo ſchrieb ich ihm einen wuͤthenden Brief, worin ich meinen Haß, und meine Verachtung keineswegs verbarg. Ich trug den Brief ſelbſt auf die Poſt, und dann fühlte ich mich erleichtert. Meine Hauslente ſchkugen mir einen Spa⸗ ziergang zur Zerſtreuung vor. Sie giengen mit mir aufs Land, ſo oft es ihre Geſchaͤfte erlaub⸗ ten. Ich gieng oft allein hin. Das Boulognet Waͤldchen gefiel mir am meiſten. Ich drang in die finſterſten Gaͤnge deſſelben, da war ich am ruhigſten, dahin verfolgten mich nicht die Blike der Zuſchauer. Eines Tages ſaß ich an einem abgelegenen Ort unter einem Baum. Ich dachte an Klara, ich konnte Sie keinen Augenblik vergeſſen. Das Schmerzhafte ihres Andenkens war mir doch angenehm. Als ich ſo ſaß, ſahe ich ein junges Frauenzimmer von einer inteseſſanten Figur in Geſellſchaft einer ältlichen Dame daher kommenz ſie hielt ihr Tuch vor die Augen. Ach! ſagte das junge Frauenzimmer, er wird nicht kommen. Wollte der Himmel, ſagte die Begleiterin, die⸗ ſer Marquis(ſie nannte den Fremden) iſt mir verdaͤchtig ſie ſahen mich, und entfernten ſich ſchnell. Wie ich dieſen Namen hoͤrte, ſo uͤberlief mich ein Froͤſteln uͤber den ganzen Koͤrper. Roch eine Ungluͤkliche, ſagte ich, welche dieſer feige Verfuͤhrer ſeinen Begierden aufopfern will! Ich muß ſie gegen ſeine Abſicht vertheidigen. Ich folgte der jungen Schoͤnen, als ich den Frem⸗ den ankommen ſahe; ich lief ihm entgegen, und rief, Barbar! Der Himmel fuͤhrt mich hieher, um deine teufliſche Plane zu vereiteln. Haſt du noch eine Klara gefunden, welche du enteh⸗ ren und toͤdten willſt 2 Was haben Sie fuͤr ein Recht auf mich zu ſchimpfen, ſagte er? So vergelten Sie die Freundſchaft, die ich fuͤr Sie hatte? Ich habe Arſache, mich uͤber Sie zu beklagen, und Sie inſultiren mich 2 Was? Sie wollten ſich uͤber mich beklagen, den Sie zum niedrigſten Geſchopf gemacht haben? Ja! Sie haben mich in einem Schreiben an ven Marquis von Bellcourt compromittirt. 90— Sollte ich die Schuld eines Verbrechens al⸗ lein tragen, an welches ich ohne ihre teufliſche * Rathſchlaͤge nie gedacht haͤtte? Der Aerger uͤber den ungluͤklichen Ausgang beſtimmt ſie zu dieſer indiscreten Herausfor⸗ derung. Sagen Sie vielmehr— die Gewiſſensbiſſe⸗ Beruhigen Sie ſich. Ihre Ungewandtheit gruͤndete das Glük von Sophie und Sinval. Sie ſind vereinigt und gluklich⸗ Sie verdienen es. Aber Klara— die Sie ihren Eltern geraubt haben.— Ach! was iſt aus ihr geworden? Sie war wahrhaftig ſehr anziehend. Troziger Menſch! laſſe dieſen ſpottenden Ton! Klara ſtarb aus Verzweiflung an den Folgen dei⸗ ner Verfuͤhrung; und in mir ſieheſt du ihren Rächer. Vertheidige dich, Schurke! Es iſt Zeit, daß du den Lohn deiner ſchändlichen Thaten em⸗ pfaͤngſt. Sind Sie toll? Vertheidige dich, oder ich durchſtoſſe dich in Nun wenn Sie wollen, ſo muß ich wohl. e Er war ganz kalt— ich war blind vor Wuth, er war geuͤbt im Fechten, in der Kunſt, welche dem Laſterhaften den Sieg uber dem braven Manne zuſichert, der nichts fuͤr ſich hat, als ſeine gerechte Sache, und ſeinen Muth. Ich war nicht geuͤbt, ich hatte mich nie darauf ge⸗ legt, in dieſer oͤfters nothwendigen Kunſt Fer⸗ tigkeit zu erlangen. Ich gieng tobend auf ihn los. Er parirte alle meine Streiche, und der erſte, den er mir gab, ſtrekte mich zu Boden. Junger Thor! ſagte er mit einem bittern Laͤ⸗ cheln— ſo beſchuͤzt die Vorſehung die Jugend⸗ Die zwei Damen liefen waͤhrend unſeres kurzen Zweikampfs herzu, und erfullten die Luft mit ihrem Geſchrei. Drei bis vier Perſonen, die auf andern Seiten ſpazieren giengen, famen eben ſo ſchnell herbei. Der Fremde wollte die junge Dame mit ſich fort nehmen. Ich raffte alle meine Kraͤfte zuſammen, und ſchrie aus „len Kräͤften der aͤltern zu; Madame! geben Sie nicht zu, daß dieſer Menſch ein neues Opfer tiefere„ Ich bat alle Umſtehende um Huͤlfe gegen den Fremden. Er beſorgte, die Geſchichte konnte Folgen fuͤr ihn haben; er entfernte ſich olſo mit wuͤthenden Bliken, die er auf mich ab⸗ ſchoß. Den Degen in der Hand wagte niemand En feſtzuhalten. 3ch hatte viel Blut verloren, und wurde 92——— — ohnmaͤchtig. Man brachte mich zum Thuͤrhuͤter am Eingang des Waldchens von Paris her. Mei⸗ ne Wunde war tief, aber nicht gefährlich. Man fagte mir das, ſobald ich wieder bei Sinnen war⸗ Der Wundarzt verſicherte mich, daß ich auf einer Tragbahre transportirt werden koͤnne. Die ält⸗ liche Dame, die ich im Waldchen ſah, ſtand neben meinem Bette. Was iſt denn aus der jungen Dame, fragte ich ſie, die bei Ihnen war, geworden? Ich brachte ſie nach Hauſe, und ich gieng ſchnell hieher, um ihr Nachricht von ihrem Ret⸗ ter bringen zu können. Sie ſind es; ohne Ihre Dazwiſchenkunft wäre ſie mit ihm entflohen; ich haſſe dieſen und glaube urſache dazu zu haben Verlaſſen Sie dieſe Unglukliche nicht; ich in⸗ tereſſire mich fuͤr ſie, ohne ſie zu kennen. Hier haben Sie meine Adteſſe. Beehren Sie mich, Madame, kommen Sie zu mir, und dann will ich Ihnen die Urſache meines Brheh an⸗ geben. Die Tragbahre war da, man trug mich in meine Wohnung. Ich bekam einige Fieberan⸗ fälle; nach 8 Tagen aber konnte ich aufſtehen, und in meinem Zimmer auf⸗und abgehen. Die ſche Dame vom Boulogner Waͤldchen her be⸗ 33 —, „ ſuchte mich mehrmalen; ihr Name war Darins⸗ Ich erfuhr von ihr, daß ihre junge Freundin Clotilde hieß, daß Sie die Tochter eines rei⸗ chen Kaufmanns ſey, der ihre Heurath mit ei⸗ nem jungen armen Menſchen nicht zugeben wolle. Der Fremde hatte Bekanntſchaft mit Clotildens Geliebten, und beſtimmte ihn dahin, ſeiner Braut eine Entfuͤhrung vorzuſchlagen, und ſie willigte ein. Damit kein Verdacht auf den 5 gen Menſchen falle, ſo begab er ſich vorher nach Duͤnkirchen. Der Fremde ſollte ſie dahin fuͤh⸗ ren, aber man kann leicht denken, daß er ſie auf ſein Luſthaus wuͤrde gefuͤhrt haben. Ich erzaͤhlte Madame Darins die Geſchichte Klarens; ſie zitterte, wenn ſie an die Gefahr dachte, die ſich ihre Freundin ausſezte. Dem Liebhaber Elotildens wurde der ganze Vorgang berichtet; er dankte mir. Einige Zeit nachher erfuhr ich, daß er wirklich mit ihr verheurathet ſey. Einige Spechlationen hatten ihm gegluͤkt, und nun war er im Stande, die Schwierigkeiten zu heben, ſeinem Gluͤk im Weg ſtunden⸗ Ich war beinahe vollig hergeſtellt, als an Policeidiener von Wachen begleitet, mich in der Nacht auf Befehl des Königs in Arreſt abholte⸗ Man hemaͤchtigte ſich aller meiner Papiere, und ſiegelte ſie. Man nahm mir alles, was ich hatte, ausgenommen Klärchens Bild, das ich o4 an einem Band auf dem Buſen trug⸗ Aus Gna⸗ de erlaubte man mir einige Waͤſche mitnehmen zu duͤrfen. Ich konnte keinen andern Grund von den Policeidienern erfahren, als daß der Ge⸗ ſandte des Fürſten, der mir ſchon ſo viel Ver⸗ druß gemacht hatte, meine Verhaftung verlangt ave. Er beſchuldigte mich des Diebſtahls und Betruͤgereien. Das Portrait der Färſtin, das Ge andtſchaftsdiplom, das ich noch, ich weiß ſelbſt nicht warum, aufgehoben hatte, alle Wech⸗ ſel, die Klara auf mich endoſſirt hatte, die in meinem Commode lagen, ohne daß ich ihren Verth kannte, alles das ſchien die Anklage zu rechtfertigen. Man ſchleppte mich in Bicetre, wo ich ſchmachtete, vergeßen von denen, die mei⸗ ne Verhaftung befohlen hatten, vom Miniſter, der den Befehl dazu unterzeichnet hatte, und wahrſcheinlich ſollte ich da meine Laufbahn endi⸗ gen. Mit Sehnſucht hoffte ich das Ende meiner Strafe; ich wuͤnſchte den Tod; eine dunkle Hoff⸗ nung hinderte mich, daß ich nicht ſelbſt Hand an mich legte. Meines Kummers ungeachtet verbeſſerte ſich aber meine Geſundheit, meine Krafte kehrten zuruk, und ich wurde wieder ſtark. Der beruhnite Mirabeau, der lange willkuͤhr⸗ lich gefangen gehalten worden, pflegte zu ſagen, fuͤhrte, der die Erlaubniß erhalten hatte, mich daß die Menſchen wie die Fruͤchte, auf dem Stroh reif werden. Ich machte die gleiche Er⸗ fahrung; meine Gefangenſchaft lehrte mich mei⸗ nen Vernunftgebrauch. Ich war ohne Buͤcher, ohne alle Mittel, etwas zu lernen, ich ſtellte da⸗ her tiefe Betrachtungen an. Ich dachte viel, ich war entſchloſſen, bei wiedererlangter Freiheit Gebrauch davon zu machen, uͤber meine Leiden⸗ ſchaften zu wachen, und meinen aufbrauſenden Charakter zu unterdruͤken. Aber wie weit blieb die Ausfuͤhrung hinter dem Vorhaben zuruͤk, wie lange Zeit brauchte ich, bis ich mich ſelbſt beherrſchen konnte! Ich ließ alle Ereigniße mei⸗ nes Lebens vor mir voruͤberziehen; mit Thraͤ⸗ nen bewunderte ich die Vorſehung, die Verbre⸗ chen gewiß beſtraft, ſey es fruͤher oder ſpäter. Ich verdiente dieſes Schikſal, und wagte nicht zu murren. Ich ſah das Portrait Klarens an es lächelte. Du ſchlaͤfſt, liebes Opfer der B heit, du ruheſt im Grabe; mich beſtraft* Himmel durch veelziherung meines Daſehns. Mit dem Stuͤk eines zerbrochenen irrdenen Gefäßes zeichnete ich an der Mauer meines Ge⸗ faͤngniſſes, die Tage ſeit meiner Gefangenneh⸗ mhng; ſchon zählte ich 7 ½3, als eines Morgens mein Waͤrt er einen Menſchen zu mir herein ſprechen zu doͤrfen. Wie? noch lebt ein Menſch auf der Welt, der ſich meiner erinnert? ich glaubte mich von der ganzen Natur verlaſſen⸗ Haben Sie denn Ihren Freund vergeſſen? fugte der ehrliche Duprat, indem er mich um⸗ armte. Er war mein ehemaliger Hausherd, bei dem ich war, als man mich gefangen nahm. In dem Dunkel meines Gefaͤngniſſes konnte ich ihn nicht erkennen. Er ſagte mir, daß er und ſei⸗ ne Gattin ſich alle Muͤhe gegeben hätten, um mein Loos zu erleichtern, daß aber alles frucht⸗ los geweſen waͤre. Ihre Bittſchriften wurden nicht einmal geleſen, ſie wußten nicht einmal, in welchem Gefaͤngniß ich war. Durch Zufall mußten ſie es erfahren. Der Fuͤrſt war indeſ⸗ ſen geſtorben, verabſcheut von ſeinem Volk, und verachtet von ganz Europa. In dieſem Augen⸗ blik glaubten ſie ihre Schritte ernenern zu muͤſ⸗ ſen; man erlaubte Duprat, mich zu beſuchen⸗ Ein Oberſter erbot ſich, meine Freiheit zu be⸗ wirken, indem er mich fuͤr einen Soldaten aus ſeiner Truppe ausgeben wolle, wenn ich nur ein Engagement unterzeichnen wollte, das fruͤher ge⸗ ſtellt wäre, als ich gefangen genommen worden wöre. Der Verdacht veröbter Betrugereien wurde von mir genommen, man glaubte, ich wöre genug für den unverſchaͤmten Brief geſtraft. 97 den ich dem Fuͤrſten geſchrieben hatte. Er war nicht mehr; ſein Nachfolger erlaubte, daß ich meinem Regimente ausgeliefert werde. Ich wankte keinen Augenblis, was ich thun ſollte. Duprat brachte mir das Engagement;z ich unterzeichnete, ohne zu leſen. Drei Tage nachher zog er mich aus meinem Loche. Die Or⸗ dre vom Kriegsminiſter lautete, ich ſoll von Bri⸗ gade zu Brigade gefuͤhrt werden, bis ich zum Regiment gelangt waͤre. Das war alles, was ich thun konnte, ſagte Duprat, ich bin ruinirt. Wenn ich Geld zu ver⸗ ſchwenden gehabt hätte, ſo wuͤrden Sie wenigen ſtreng behandelt worden ſeyn: mißfällt Ihnen aber der militairiſche Stand, ſo werde ich auch bald Ihren Abſchied mir zu verſchaffen wiſſen. Ich war ſo vergnuͤgt, als ich das Tages⸗ licht nur wieder erblikte, daß ich nur fuͤr dieſes Freuden⸗Gefuͤhl Sinn hatte, ohne mich weiter darum zu bekuͤmmern, unter welchen Bedingun⸗ gen ich es wieder erbliken durfte. Er wollte mir einiges Geld geben, es war ſeine ganze Habe. Ich nahm es nicht an, ſondern verlangte blos zwei Laubthaler. Er umarmte mich, und ließ mich unter den Haͤnden von Cavalleriſten, die mich banden. Die, welche nach dieſen kamen, thaten das nehmliche. Alle Nacht ſchlief ich im Ge⸗ Das Kind, 2. 6 X 1 1 1 faͤngniß; ſo kam ich endlich in Lille an, wel⸗ ches auch die Grenze meiner Reiſe war. Eigenliebe beiſeite, ich konnte fuͤr einen ſchoͤ⸗ nen Mann gelten. Mein Wuchs war ſchoͤn, ich war gewandt, meine Haut weiß, meine Geſichts⸗ farbe lebhaft, und mein Aeuſſeres verſprach ei⸗ nen kraftvollen Juͤngling. Ich wurde im Regi⸗ ment aufgenommen, und artig behandelt. Ich ſuchte die Liebe meiner Cameraden, und es ge⸗ lang mir. Ich war ſtreng in meinem Dienſt, ich ließ Verſtand bliken, und ſo verſprach man mir Befoͤrderung. Nach 6 Wochen wurde ich von meiner Compagnie weg unter die Grenadie⸗ re geſtekt. Sonſt haͤtte ich dieſe Lebensart un⸗ ertraͤglich gefunden, jezt gefiel ſie mir gegen mei⸗ ne Lage im Bicetre⸗ 6 Die Schikſale eines Soldaten in Friedens⸗ zeiten ſind ſehr einfach. Unter der Menge wird er nicht bemerkt; ſein Leben iſt hoͤchſt einförmig. Eperzieren, Wachſtehen, die Gewehre puzen, das iſt ſeine ganze Beſchaͤftigung. Zeit zum Nachdenken hat er. Ich verwandte meine muͤſſige Zeit auf das Studium meines Standes, in wel⸗ chem ich mein Gluͤk machen wollte. Duprat ſchrieb mir oft, er bot ſich an, ſein Verſprechen zu haltenz ich war aber ohne Vermogen, ohne Huͤlfsquellen, was haͤtte ich machen ſollen? Ich hätte wieder aufs Theater geden mäſſen, wozu ich Anlage hatte, Aber dieſer Stand haͤtte mir beſtaͤndig mein Ungluk und Klara ins Gedaͤchtniß zuruͤkgebracht. Sie war nun fuͤr mich dahin, ich vermied daher alles, was mir das Andenken ſchmerzlicher machen konnte. Ich antwortete dem ehrlichen Duprat, daß ich gluͤklich wäre, ſo weit es der Zuſtand meines Herzens erlau⸗ be, und baß ich unter dem Militair mein Heil verſuchen wolle. Ich hätte es nie ohne einen beſondern Zufall verlaßen, der der lezte in mei⸗ nem Leben haͤtte ſeyn ſollen.. er Major unſers Regiments war ein harter Mann und allgemein verhaßt. Wir mußten zur Abendzeit eine halbe Stunde vor der Stadt exer⸗ ciren. Ich war der erſte an der Linie; ich fehl⸗ te aus Unachtſamkeit; der Major, welcher ge⸗ rade neben mir ſtand, ſchlug mir ſeinen Stok ins Geſicht. Schmerz und Unwillen uͤber dieſe Mißhandlung lieſſen mich vergeſſen, daß ein Sol⸗ dat unempfindlich ſeyn ſoll. Ich drehe mich voll Wuth um, und ſtoße ihm das Bajonet in die Bruſt. Es war mir unmoͤglich, mich zuroͤkzu⸗ halten. Man verhaftet mich; 8 Mann ſind be⸗ ordert, mich ins Gefaͤngniß zu fuͤhren. Meinen Cameraden ſahe ich es in den Augen an, daß ſie meine That billigten, ſie bedauerten mich aber, da ſie wußten, was mir bevorſtand. G 2 100 2*—— Als wir 500 Schritte vom Regiment ent⸗ fernt waren, ſo ſagte ein Grenadier von der Eſcorte zu mir: Camerade! du biſt verlorenz deine Rettung haͤngt von Entſchloſſenheit ab⸗ Schlage rechts und links um dich, ſuche das freie Feld zu gewinnen, wir wollen dir nachjagen, aber wir wollen uns wöhl in Acht nehmen, dich zu fangen. Ja! Ja! thue das, ſtimmten die andern ein. Auf einmal fieng ich an, umzu⸗ z die Grenadiete wichen aus, wie wenn der Donner aubeinander geſchlagen hätte. Ich lief was ich konnte, und ich glaube, ſie wuͤrden mich nicht eingeholt haben, wenn ſie auch ge⸗ wollt haͤtten; die Furcht gibt einem Flugel. In Zeit einer Viertelſtunde waren ſie weit hinter mirz ich hoͤrte nicht fruͤher auf zu laufen, als bis ich auf deutſchem Boden angekommen war. Obgleich es ſtokfinſter war, ſo gieng ich doch wei⸗ ter. Ich triefte von Schweiß. Am Ufer eines kleinen Flußchens hielt ich ſtill, ich war durſtig, und trank heftig. Nach einer halben Stunde hatte ich heftiges Seitenſtechen mit heftigem Schauer. Ich bemerkte ein Licht, ich ſchleppte mich in die Gegend hin. Eine Baͤurin erbarmte ſich meiner. Sie ließ mich in eine Scheune verbergen, wo ſelbſt ich auf Stroh liegen konn⸗ te. Sie ließ einen Wundarzt holen; er war ein guter, aber armer Mann. Sie haben eine Lun⸗ iten zu befuͤrchtenz Sie wuͤrden hier ———— 1. nicht Put bleiben können, morgen will ich Sie in vurgerlicher Kleidung nach Tournai in den Bär⸗ ger⸗Spital bringen. Wenn Sie in Uniform hinkaͤmen, ſo muͤßten Sie nachher wieder Dien⸗ ſte nehmen, und das werden Sie nicht wollen⸗ Meine Wohnung iſt zu eng, um Sie beherber⸗ gen zu koͤnnen; ich werde Sie aber im Spital unterzubringen wiſſen. Dank ſey dem liebenswuͤrdigen Manne 3 bracht, durch deſſen Sorgfalt ich bald wie ſo hergeſtellt war, daß ich im Saal auf⸗ ab gehen konnte. Am Ende deſſelben bemerkte ich einſtmal einen Kranken, deſſen Geſichtszüge mir ſehr auffielen, ich meinte ihn ſonſt geſehen zu haben. Er betrachtete mich gleichfalls mit Aufmerkſamkeit. Ich gieng zu ihm hin; er be⸗ dekte ſein Geſicht mit beiden Haͤnden, und ſeufz⸗ te tief: da ich ſahe, daß ihn meine Naͤhe ge⸗ nirte, ſo entfernte ich mich. Vermuthungen ſtiegen in meiner Seele auf; mit Schreken hoͤr⸗ te ich ihn meinen Namen nennen. Ich gieng an ſein Bette, betrachtete ihn genau, und es blieb mir kein Zweifel mehr uͤbrig, daß ich den Pa⸗ ter Hilarion vor mir habe. Der Himmel fuͤhrte Sie, ſagte er, in dieſen traurigen Ort, um Ihren grauſamſten Feind, und den Moͤrder Ihres Vaters unter ſchreklichen Gewiſſenöbiſſen verſcheiden zu ſehen! 102 Ich ſchrie vor Unwillen laut auf⸗ Hoͤren Sie mich an, fuhr er fortz die Ju⸗ ſtiz vermag nichts mehr uͤber mich, es waͤre vergebens, ſie anzurufen. Der gerechte Gott hat beſchloſſen, meinem ruchloſen Leben ein En⸗ de zu machen. Ich werde unter den ſchreklich⸗ ſten Quaalen der Selbſtanklage ſterben; ein Loos, das jeden Laſterhaften fruher oder ſpäter aͤllt. Waͤre es mir moglich, durch Enthuͤllung meiner Verbrechen Ihnen wieder zu Ihrem Ver⸗ moͤgen und Stande zu verhelfen! Unterbrechen Sie mich nicht, meine Erzaͤhlung mag Ihren Abſcheu noch ſo ſehr erregen. Ich nehme alle meine Kraͤfte zuſammen, um Ihnen ſchrekliche Geſchichten zu entdeken; ich kann Ihnen nur noch die hauptſaͤchlichſten Thatſachen anfuͤhren; ſo viel Zeit habe ich nicht mehr, meine Schand⸗ thaten ganz ausfuͤhrlich bekennen zu können. Ih⸗ re Stiefmutter verfuͤhrte ich, als ſie beinahe noch ein Kind war; ihre Neigungen waren fur das Boſe, und ſo koſtete es mich wenig Muhe, ſie zur Theilnehmerin meiner Verbrechen zu ma⸗ chen. 6 lehrte ſie, ihre Neigungen vor den Menſchen zu verbergen. Sie bereitete das Gift fur Ihre ſeelige Mutter. In mir wurde dieſer haͤßliche Gedanke nicht geboren, ich gab ihr aber Beifall, und munterte ſie dazu auf. Bald wur⸗ de Sie durch meine Bemuhungen Margquiſin von „ ————ů ů——— —— —— 108 Sabrant. Daran hatten wir noch nicht genug. Ihr Vater konnte einmal die Augen oͤffnen, er haͤtte ihrer Stiefmutter die Haͤlfte des Vermd⸗ gens entzogen, welches Sie allein beſizen woll⸗ te, wenn er daran gedacht haben wuͤrde, fuͤr Sie zu ſorgen. Welche Sorgfalt hatten wir, Sie zu einem boͤſen Menſchen zu bilden, damit Sie dahin kommen, wo Sie jezt ſind! Es gelang uns alles. Ihr Vater ließ indeſſen doch den Wunſch bliken, Ihre Unabhaͤngigkeit zu ſichern, und das gab das Signal zu ſeiner Ermordung⸗ Gift wirkte fuͤr unſere Abſicht zu langſam, un⸗ ſere wuͤthenden Haͤnde beſchleunigten ſein Ende. WVir erſtikten ſeine Stimme, welche Ihre Huͤlfe herbeirief. Ich war im Geruch der Heiligkeit, Ihre Stiefmutter hatte gleichfalls einen guten Namen, und das war dle Urſache, daß kein Verdacht wegen des ſchnellen Todes auf uns fiel. Wir machten das ganze Vermoͤgen Ihres Va⸗ ters zu Gelde, ausgenommen das Gut, welches er in der Provence beſaß, wovon wir blos die Revenuͤen bezogen. Wir etablirten uns im Haag, wohin wir Ihren juͤngern Bruder mit⸗ nahmen, der von dem allem nichts wußkt, was wir thaten, um ihn reich zu machen. Nun war ich Herr uͤber ein groſſes Vermoͤ⸗ gen, welches ich bei den reichſten Banquiers in Holland niederlegte; ich hatte mir t* S mehr aufzuerlegen, und uͤberließ mich alſo den Eingebungen meiner tobenden Leidenſchaften. Ihre Stiefmutter hatte ich ſatt; ich ſuchte an⸗ derwaͤrts Befriedigung; ſie ſchalt mich treulos; ich konnte ſie nicht mehr ausſtehen. Ich war entſchloſſen, mich von ihr zu befreien, und ich vermuthete ein aͤhnliches Vorhaben bei ihr. Wir lebten in beſtändigem Mißtrauen; wir haßten uns, lieſſen es aber gegen einander nicht bliken. Die Ausfuͤhrung meines Vorhabens war beſchloſ— ſen, ſobald ich Sie wuͤrde uͤberzeugt haben, daf ich ihr treu bleiben wolle. Mit Gewandtheit miſchte ich ein Giftpuͤlverchen in eine Taſſe Cho— colade, ohne daß ſie es merkte. Kaum hatte ſie es zur Haͤlfte verſchlukt, als ſie bereits die Wirkungen dieſer Miſchung empfand. Verge⸗ bens ſuchte ich ſie zu beruhigen; ſie wollte, ich ſollte den Reſt dieſer Taſſe trinken; ich wurde blaß bei dem Verſchlag. Ein Schurke iſt feig, ich verwirrte mich. Sie rief um Huͤlfe; ihr Sohn kam herein, er war aber zu ſchwach, um mir widerſtehen zu koͤnnen; ich entwiſchte gluk⸗ lich. Als ich fortgieng, hatte ich blos einen Beu⸗ tel voBold und einigen Geſchmuk. Ihre Stief⸗ mutter hatte meine Banknoten und Wechſel in ihrem Kaͤſichen verſchloſſen, und ich hatte nicht Zeit, mich derſelben zu bemaͤchtigen. Ich lebte einige Zeit heimlich in der Stadt bei einem Brd dem Vertrauten meiner Geheimniſ ſe⸗ ———— aber eben ſo laſterhaft wie ich. Ich fuͤrchtete ihn nicht, weil ich ſeine Verhrechen kannte, die ſo empoͤrend waren, wie die meinigen. Er war ebenfalls ein abtruͤnniger Moͤnch. Ihre Stief⸗ mutter ſtarb nach 8 Tagen unter ſchreklichen Schmerzen. Die Kunſt vermochte nichts uͤber ſie. Ihrem Sohne beichtete ſie vor ihrem Ende alles; er erſchrak uͤber die Groͤße ihrer Suͤnden. Sie drang ihm das Verſprechen ab, Sie aufzu⸗ ſuchen. Ich wußte, daß er ſeit einem Monat in die Provence abgereist war, um ſich zu Ih⸗ rem Oheim zu begeben, der aus Indien zuruk⸗ gekommen, wo er unermeßliche Reichthuͤmer ge⸗ ſammelt haben ſoll, und um ihm das Gut zu uͤbergeben, das Ihnen gehoͤren ſollte, uͤberhaupt den ganzen Erbtheil, um welchen Sie Ihre Stief⸗ mutter betrogen hat. Ich verließ den Haag, die Wuth im Buſen⸗ Ich irrte einige Zeit von einer Stadt zur an⸗ dern, uͤberließ mich Ausſchweifungen aller Art, um mich zu betäuben. Ich kam nach Tournah, verlor alles, was ich hatte. Ich wurde krank, war hier fremd und ohne Geld. Man chte mich in dieſen Spital, wo ich noch zur Strafe den erbſiken mußte, der das Opfer meiner Schandthaten wurde. Ich hoͤrte den Pater Hilarion an, ohne ihn zu unterbrechen. Kaum hatte er ſeine furchterli⸗ 105—— che Beichte vollendet, als er in ſchrekliche Con⸗ vulſionen verfiel. Er redete laut, klagte ſich ſelbſt an. Bald glaubte er meinen Vater mit dem Dolche in der Hand zu ſehen, bald ſeine Mitſchuldige, die ihn wegen ihres Todes an⸗ klagte. Er flehete mich um Rettung an. In dieſer Raſerei blieb er zwei Tage; die Schreken des Todes quälten ihn fuͤrchterlich. Waͤre doch der Fremde Zeuge am Sterbebette dieſes teufli⸗ ſchen Menſchen, wuͤrde er auf ſeinen ſchlechten Grundſaͤzen beharren?. Wenn der Verbre⸗ cher der Gerechtigkeit entgeht, ſo ttift ihn ge⸗ wiß ſein Gewiſſen, und das iſt ſein unbarmher⸗ zigſter Richter. 4 den vor ſeinem Tod zurük. Er bat, man moͤch⸗ te einen Beamten zu ihm ſchiken, denn er habe wichtige Entdekungen zu machen. Ich war nicht da, als er dieſen Wunſch aͤuſſerte. Er diktirte eine lange Beichte ſeiner Verbrechen, und noch weitlaͤufiger, als er mir ſie ablegte. Er unter⸗ zeichnete, und bat, daß man mir ein doppeltes Exemplar einhaͤndigen ſoll. Man wekte mich, um mir dieſe Beichte vorzuleſen, und mich zu dem zu fuͤhren, der ſie diktirt hatte. Er konn⸗ te kaum noch reden; ſeine Augen ſtarrten, große Thraͤnen rollten uͤber ſeine blaſſen und duͤrren Wangen. Ich konnte ihm mein Mitleiden nicht Pater Hilarions Bewußtſeyn kehrte 3 Stun⸗ ——— 2 —— — ——*„ 107 verſagen. Verzeihen Sie mir, ſagte er noch, wenn Sie wollen, daß Gott mir verzeihe. Ich hielt ihm die Hand hinz er druͤkte ſie und gab ſeinen Geiſt auf⸗ Die Geſchichte hatte Aufſehen gemacht; mehe rere angeſehene Perſonen intereſſirten ſich fuͤr mich; der Graf von Maelkamp bot mir in ſei⸗ nem Hauſe eine Wohnung an. Er ſchrieb an meinen Oncle nach Marſeille; ich legte einen Brief bei, wo ich ihn von dem lezten Zufall in Lille unterrichtete, um mich wegen der Deſertion zu rechtfertigen. Bald erhielt ich ein freund⸗ ſchaftliches Schreiben von meinem Oncle. Er ſandte mir einen Wechſel von 200 Louisd'or, um mir die noͤthigſten Beduͤrfniſſe anzuſchaffen: er befahl mir, ihn zu Tournay zu erwarten, wo ſelbſt er in einem Monat einzutreffen hoffte⸗ Nach drei Wochen kam er. Er war in Ver⸗ ſailles, um meinen Pardon zu bewirken; er uͤber⸗ brachte ihn, und mit ihm auch das Patent als unter⸗Nieutenant im nemlichen Regiment, in welchem ich gedient hakte. Der Major hatte ſich auf dieſen Plaz hinaufgeſchwungen; ſeine un⸗ biegſame Haͤrte hatte ihm Feinde ohne Zahl zu⸗ gezogen. Ich war von einer vornehmen Fami⸗ lie, mein Oncle hatte Anſehen und Geld, da⸗ zer erhielt ich Patent und Pardon ohne Muͤhe⸗ Dieſe Begebenheit hätte mein ungluͤk machen 108—— ſollen, ſo grändete ſie meinen Ruf, als ich in die Welt trat. Die Geſeze waren damals nur gegen burgerliche ſtreng, Menſchen von meinem Stande waren uͤber die Geſeze. Mein Oncle hatte zu groſſen Einfluß auf meine fernere Geſchichte, als ich hier nicht eine Skizze ſeines Charakters und ſeiner Perſon mit⸗ theilen ſollte. Er war damals as Jahr alt, er war nicht ſehr groß, aber ſtark. Seine ſchwar⸗ zen diken Augenbraunen hiengen uͤber ſeine aus⸗ druksvolle Augen herunter, die ſeinen Muth⸗ willen verriethen. Sein Geſicht war ſchwarz⸗ braun, ſeine Zaͤhne noch vollkommen gut und ſchoͤn erhalten, ſeine Stimme war ſtark und wohlklingend⸗ Seine Perſon uͤberhaupt war an⸗ genehm, und auſſerordentlich gewandt: er konn⸗ te lachen, und ſich aͤrgern in einer Minute: Ei⸗ genſinn war ein Grundzug ſeines Charakters. Was er einmal wollte, darauf beharrte er; er glaubte nie Unrecht zu haben; der geringſte Wi⸗ derſpruch brachte ihn auf, man erhielt aber alles von ihm, wenn man ſich ſeinen Launen unter⸗ warf. Er war offen, freigebig und kapfer. Er konnte ſich nicht verſtellen, kein Unrecht dulden⸗ Er haͤtte dem Tod getrozt, um einen Freund zu retten, einen Feind haͤtte er bis ans Ende der Welt verfolgt. Ich hatte das Gluͤk, ihm gleich das erſtemal zu gefallen. ae 109 Meine Geſchichte mit dem Major hatte ihn zum voraus fuͤr mich eingenommen. Donner und Wetter, fluchte er, ein elender Gluͤksritter wagte es, einen Soldaten mit den Waffen in den Haͤnden zu ſchlagen, einen Ebelmann, ei⸗ nen Neveu vom Kapitaine Sabrant! wenn du dieſen Schimpf geduldig getragen, wenn du ihn nicht durchſtoſſen haͤtteſt, ich haͤtte dich in mei⸗ nem Leben nie angeſehen. Ich weinte fuͤr Freu⸗ de, als ich deinen Brief las; an dieſem Zug er⸗ kannte ich meinen Blutsverwandten. Ich ver⸗ lange nie, daß man der angreifende Theil ſey, aber man ſoll ſich auch nichts geſchehen laſſen⸗ Ein Soldat iſt eine reſpektable Perſon, er be⸗ wafnet ſich zum Beſten des Vaterlandes; thut er ſeine Schuldigkeit nicht, ſo wird es geſtraft, aber nicht entehrt; und Schlaͤge entehren. Er⸗ zehle mir deine Lebensgeſchichte, ich will alles wiſſen, verſchweige mir nichts, ſelbſt nicht deine Fehler, denn ſie ſind ſchon verziehen, aber eine Luͤge wuͤrde ich dir nie vergeben. Die Wahrheit kommt doch an Tag, und hätteſt du mich ein⸗ mal belogen, und ich erführe es, ſo wuͤrde ich dein grauſamſter Feind. Ein Lügner iſt der ſchlechteſte Menſch. Ich verhehlte ihm nichts. Er umarmte mich, als ich meine Erzehlung geendigt hatte. Hila⸗ rion und deine Stiefmutter thaten wohl, daß 3 — ſie ſtarben; die eine hätte ich eingeſperrt, der andere waͤre unter meinen Streichen geſtorben. Was den Fremden anbelangt, ſo muſt du dich rächen; wenn er dich erlegt, ſo werde ich ihn toͤdten. Er ficht gut, doch glaube ich noch beſſer fechten zu koͤnnen. Deine Klara machte mir viel Vergnoͤgen, ich bin froh, daß ſie tod iſt. Du hätteſt immer an ihr haͤngen wollen, und ich haͤtte nie eine Heurath mit ihr zugegeben. Die Ehre eines Weibes muß flekenlos ſeyn, die ih⸗ rige hatte manchen Stoß erlitten. Lebte ſie indeſſen noch, und waͤre ſie im Elend, ſo wuͤr⸗ de ich ſie mit Reichthuͤmern uͤberhaͤufen. Sie war zu tugendhaft, um Freudenmaͤdchen zu ſeyn, aber nicht tugendhaft genug, um deine Gattin zu werden. Die Achtung gegen diejeni⸗ ge muß ungeſchwaͤcht ſeyn, welcher man Hand und Herz geben will. Es iſt ſchon recht, daß du ſie liebteſt; ich haͤtte es in deinem Alter eben ſo gemacht; jezt iſt ſie nicht mehr, kann alſo nie mehr ein Zankapfel zwiſchen uns werden. Hier iſt nun in wenig Worten der Plan, den ich mit dir vorhabe, und von dem du nie weichen darfſt. Ich bin dein Vormund, du haͤngſt von mir ab, ich will, daß man mir gehorche. Du gehſt wie⸗ der in Dienſte als Unter-Lieutenant; in zwei Jahren biſt du Oberſt; 100,000 Franken ſeze ich dir zu deinem Vergnuͤgen aus; gebe ſie aus, wie du wiliſt, darnach frage ich nicht. Trinke, 6 ſpiele, halte Maitreſſen, verzehre dein Geld, 1. aber mache keine Schulden, denn ich bezahle 5 ſie nicht. Im dreiſſigſten Jahr wirſt du deine n Gattin aus meiner Hand empfangen. Ich habe e dir ſchon eine beſtimmt, ſie iſt aber noch Kind, ſie wird aber ſchon groß werden; alles kuͤndigt u eine groſſe Schoͤnheit an. Nach meinem Tode fällt dir die Hälfte meines Vermoͤgens anheim, edie dee deiem wahrhaft liebenswuͤrdigen Bruder, der zur See gegangen iſt, wo er in e meine Fußſtapfen treten wird. Ehe ich ihn 6 kannte, haßte ich ihn, weil ich ſo halb glaubte, eeeer waͤre ein Sohn des Kapuziners; indeſſen er u traͤgt meinen Namen, und er gleicht deinem e Vater; er hat ſeine Geſichtszuge: ſeine Geſin⸗ i⸗ nungen ſind noch beſſer. Sobald er die Ver⸗ d brechen ſeiner Mutter wußte, ſo eilte er, dir ß dein Gut herauszugeben. Er kam deßwegen zu n mir, und legte alles in meine Haͤnde; er woll⸗ ette nichts fuͤr ſich behalten. Dieſe Denkart ent⸗ 8 zuͤkte mich. Ich wollte gleiche Theilung, und + erzwang ſeine Einwilligung. Er hatte ſich ſo . eben eingeſchift, als ich deinen Brief erhielt, der „ mich aus meiner Verlegenheit riß, denn ich haͤt⸗ te dich nicht zu finden gewußt. Ich bin der Ver⸗ walter deines Guts; ich werde es nicht ver⸗ ſchwenden, denn ich bin ſchon reich genug. Ich habe keine Kinder, und nehme euch beide an Kindesſtatt an. 112 Du haſt mir dein Schikſal erzehlt, ich will ein gleiches thun, du wirſt von dem Prozeß ge⸗ hort haben, den ich gegen deinen Vater fuͤhren mußte, den ich verlor, obgleich das volle Recht auf meiner Seite war⸗ Das iſt gar oft der Fall⸗ wenn man es mit einem ſtaͤrkern zu thun hat⸗ Das kann anders werden; die Menſchen und die Dinge unter ſich aber mußten ſich deshalb umkehren⸗ Ich ſchifte mich als Lieutenant in eine Fre⸗ gatte ein, welche nach Indien gieng. An der Käſte von Afrika wurden wir von einem engli⸗ ſchen Schiff vom erſten Rang bemerkt. Unſer Fapitain, ein Mann von Verdienſt blieb beim erſten Angriffz ich trat an ſeine Stelle. Ich ſa⸗ he wohl, daß der Kampf ſehr ungleich waͤre, wenn ich mich blos auf eine Canonade einſchraͤnk⸗ te, ich wagte daher ein kühnes Manduvre. An⸗ ſtatt daß ich das Schiff drehete, ſtieß ich das Vordertheil des Schiffs in die Flanken in des Engliſchen. Wir werfen den Enterhaken, entern das Schiff, und in einem Augenblik waren wir Meiſter des feindlichen Schiffes⸗ Zwei Tage nachher nahm ich ein anderes hinweg, dann ein drittes ohne Widerſtand, auf der Seehdhe von Isle de France. Ich fuͤhrte ſie nach Pondicheri. Ein andermal will ich dir auch das Detail' mei⸗ ner kriegeriſchen Thaten erzaͤhlen, die ich mit e in on ri. ei⸗ nit ℳ Huͤlfe meiner wakern Leute verrichtete, die ich kommandirte⸗ Eine junge Wittwe, welche den Ruhm ihres Vaterlands liebte, wollte mich fuͤr meine Dien⸗ ſte belohnen, indem ſie mir ihre Hand und Ver⸗ nogen anbot; ich nahm beides an. Nach b Mo⸗ naten ſtarb ſie: ich verkaufte Pflanzung und Stla⸗ ven; ich beladete ein Schiff mit den Koſtbar⸗ keiten Indiens, und uͤbergab es einem meiner Vertrauten. Nach 3 Jahren kehrte ich nach Mar⸗ ſeille zuruͤk, und hatte 1,900,000 Franfen im Ver⸗ endgen. Ich kaufte ein Landgut, und ſchiffte mich nach dem Cap Francdis ein. Da verliebte ſich eine Creolin in mich; ich heurathete ſie; ſie war reich; ſie gebar mir einen Sohn, der ihr das Leben koſtete; einen Monat nachher folgte ihr das Kind. Ich glaubte vieſen doppelten Verluſt nicht ertragen zu köͤnnen. Mein Vermoͤgen ver⸗ groſſerte ſich noch um eine Million, die ich in den Erzeugniſſen des Landes dahin ſandte. Es kam alles gut an, und ich gewann noch uner⸗ meßliche Summen auf die Waaren. Ich ſpielte hoch, ich machte Specnlationen, und alles gelang mir. Fuͤnf Jahre nachher heurathete ich die reichſte Erbin in der Provence, ich liebte ſie bis zur Anbetung; ſie gebar mir zwei Kinder. In Zeit von 15 Tagen rafften mir die Blattern die Gattin und beide Kinder hinweg. Seit der Dos Find, 2. H Zeit ſchlug man mir 100 vortheilhafte Parthien⸗ vor. Das ſchone Geſchlecht liebe ich immer, aber alle die ſich mit mir verheuratheten, waren ungloͤklich; und meine Kinder leben ja nicht mehr. Ich will jezt weder Gatte noch Vater mehr ſeyn;z ich habe zwei Neffen, die ich einzig liebe, ich will ihr Gluk gruͤnden. Sie ſollen es aber auch mir uͤberlaſſen, ich will kein Vormund ſehn, der euch incommodiren will. Ich weiß, junge Leute wollen ihre Freiheit genießen, ich will die deinige nicht beſchraͤnken, nur ſollſt du die Gren⸗ zen der Ehre nie uberſchreiten. Man muß Geld zum Verſchwenden haben; 100,000 Franken wer⸗ den zureichen, deine Einfͤlle zu befriedigen; dei⸗ ne Wohnung ſoll immer voraus bezahlt ſeyn. Ich will damit anfangen⸗ daß ich deine Woh⸗ nung meublire, es darf nichts darinn fehlen; dieſe Ausgabe aber geht dich nichts an. Du wirſt deine Urlaubszeit entweder bei mir oder in Paris zubringen, nach deinem Gutbefinden⸗ Sey gefollig, großmuͤthig und brav gegen jedermann. Sey nicht ſtolz auf dein Gluͤk, und mache einen vernuͤnftigen Gebrauch davon. Wenn du unſinnig verſchwendeſt, ſo werde ich dich ohne unterſtuͤzung laſſen; wirſt du geizig, ſo werde ich dich verachten, Denke daran, daß es Unglukliche auf der Welt giebt. unterſtuͤze den ehrlichen Mann im Unglük, Faullenzern ge⸗ — 115 be nichts. Bilde deinen Geiſt und Herz. Das iſt die lezte Ermahnung von mir, ein Sitten⸗ prediger macht Langeweile, ich will, daß du mich liebeſt. Du biſt jezt in einem Alter, wo du ein Mann werden kannſt; entſpreche meiner Guͤte gegen dich, wie du dich gegen mich betra⸗ gen wirſt, ſo werde ich auch gegen dich ſeyn⸗ Ich war mit dem Benehmen meines Oncles ſehr wohl zufrieden, und verſprach, daß er nie uͤber mich zu klagen Urſache haben werde. Sein Auftrag war nicht ſchwer zu erfuͤllen. Im Corps wurde ich mit der Diſtinktion aufgenommen, welche reiche Leute immer zu ge⸗ nieſſen haben. Ich fuͤhrte einen guten Tiſch, hatte alſo viele Freunde. Die braven Greng⸗ diere vergaß ich nicht, denen ich mein Leben zu verdanken hatte: ich leiſtete ibnen alle Dienſte, dir ich nur immer konnte. Ich ſchaffte ihnen⸗ ihre Beduͤrfniſſe an. Sie beteten mich an, alle wuͤrden ihr Loben fur mich gelaſſen haben, wenn mich die geringſie Gefahr bedroht hätte. Ich ſahe, wie wenig et koſte, die Liebe ſeiner Un⸗ gebenen zu ſwitinei Der Grenadiere-Compagnie wurde von Sei⸗ ten des Capitains Unrecht gethan, ſie rchten ſich durch Truppweiſe Deſertion mit Bagage und P 2 115— Waffen. Ich allein gieng ihnen nach, und holte ſie an der Grenze ein. Mein Anblik ruͤhrte ſie. Ich hatte zum Voraus ihren Pardon vom Ober⸗ ſten erhalten, welches ſie nicht wußten. Ich brauchte ihnen nur ein Wort zu ſagen, um ihren Entſchluß zu aͤndern. Wie? ihr wollt euren Freund verlaſſen? Nie— riefen ſie alle, und folgten mir ſingend⸗ Dem ehrlichen Duprat ſchrieb ich die vor⸗ theilhafte Wendung meines Schikſals. Seine Vermögenßumſtaände waren durch ungluͤkliche Zu⸗ faͤlle gänzlich zerruͤttet. Er war ſo gut, und nahm mein Anerbieten an, daß er ſein Haus wieder herſtellen konnte. Ich befolgte die Leh⸗ ren meines Oheims, und das war fuͤr mich der hoͤchſte Genuß, daß ich meinem Befreier mei⸗ nen Dank darbringen konnte. Ich war feſt entſchſoſſen, in allem dem Wir⸗ len meines Oheims nachzukommen, huͤtete mich daher ſehr vor einer neuen Liebe, Das ſchien mir etwas leichtes. Das Andenken an Klara war noch nicht aus meinem Herzen verwiſcht. Alle Damen verloren bei einem Vergleich; ich fand bei keiner die Grazie, den gebildeten Ver⸗ ſtand, dieſe bezaubernde Talente; indeſſen ſahe ich ſie dech nicht mit gleichguͤltigen Augen an⸗ Iſt man denn in einem Alter von 20 Jahren ſo ganz Herr uͤber ſeine Sinnlichkeit? Ich he mir Maitreſſen, liebte aber keine. Die, auf welche meine vorubergehende Neigung gefallen war, waren mir bfters untreu; ich verließ ſie ohne Aerger; oͤfters hob ich zuerſt das Buͤndniß auf. Meine erſte Urlaubzeit war ich bei meinem Oncle. Er war anf einem ſeiner Landguter. Er nahm ſehr viele Beſuche an, er machte ſich eine Ehre daraus, reich zu ſeyn, und liebte Vergnu⸗ gen und guten Tiſch, ich gleichfalls; und daher lebten wir auch im beſten Einverſtaͤndniß. Ich kannte ſeinen Charafter, er konnte keinen Wi⸗ derſpruch leiden, das machte ihn wuͤthend. Ich war immerhin ſeiner Meinung, auch wenn er Unrecht hatte, welches gar oft der Fall des Tags ber ſeyn mochte. Er ſah in mir einen Mann von Verdienſt, weil ich allem Beifall gab, was er ſagte, oder that. Eine Liebesgeſchichte mußte uns entzweien. Ich fand bei ihm eine noch junge Wittwe von 34 Jahren. Wenn ſie ihre 18jaͤhrige Tochter nicht bei ſich gehabt hätte, ſo haͤtte ſie ſich wie Wadame Lafahette fuͤr 20 J. ausgeben können, ohne daß man ſie der Unwahrheit beſchuldigt haͤtte. Sie war eine Coquette, aber ihre Toch⸗ ter noch ungleich mehr. Da ſie ſich mit ihrem e Beiſpiel nicht bräſten konnte, ſo mußte ſie bei den Intriguen ihrer Tochter die Augen zudrä⸗ ken. Ihr beiderſeitiger Ruf war ſehr zweideu⸗ tig, und bei meinem Oncle konnten ſie ihren gu⸗ ten Namen nicht wieder herſtellen. Er nahm keine Sittenprediger, keine Sprode, keine From⸗ men bei ſich auf, hier nur verſammelten ſich die⸗ ienigen, welche gleiche Geſinnungen mit ihm hatten. Man ſah da immer viel Weiber, und wenig Maͤnner. Man ſpielte Comddie, man ſang, tanzte, und muſicirte. Ich war die Seele aller dieſer Feſtins. Ich ſpielte die Violin ſehr gut, und war unſtreitig der beſte Ackteur. Ich machte an Julien, der liebenswuͤrdigen Wittme Tochter, eine Eroberung. Mein Oncle war beinahe in ſie verliebt, er war unruhig we⸗ gen meinen Bemuͤhungen um die Schoue; er bat mich offen, ihn in ſeinem Genuß nicht zu ſtoͤrenz mich koſtete es wenig, ihm dieſes Opfer zu brin⸗ gen. Meine Gefälligkeit gieng ſo weit, daß ich der Mutter den Hof machte, welche das Ding gänſtiger aufnahm, als mir lieb war. Julie warf mir meine Unbeſtändigkeit vor; mein Oheim war aber reich, und ſie hatte nichtsz ſie nahm ſeine Geſchenke an, verſagte ihm aber ſtreng die Erfullung ſeiner Wuͤnſche. Waͤhrend ich der Mutter den Hof machte, hatte mein Oheim alle geit, der Tochter ſeine Leiden zu klagen⸗ Cr ſeufzte nach der Schaͤferſtunde, und die rrliche Wittwe wuͤnſchte lehnlich beſiegt zu were⸗ 5 S. den. Wir hatten eine Parthie in einem andern Landhauſe gemacht, woſelbſt wir vier allein waren. Mein Oheim gab mir den Auftrag, den Bamen zwei abgeſonderte Zimmer anzuwei⸗ ſen. Ein Abendeſſen, wobei Weine und Liqueurs nicht geſpart wurden, ſollte das Ende der Intri⸗ gue herbeifuͤhren. Wir verloren ein wenig den Kopf, und ich fuͤhrte meinen Oheim gerade in das unrechte Zimmer. Er war durch e 6 traͤnke erhizt, und ſahe den Irrthum erſt gens, Julie lachte uͤber die Verwechslung, und war gar nicht unwillig daruͤber, daß ich von der angebotenen Gelegenheit Gebrauch machte. Mein Oheim wekte mich ſehr fruhe; er tob⸗ te, und»ich ſtellte mich hoͤchſt verwundet. Ju⸗ lie weinte, oder that doch ſo. Die Mutter kam dazuz nun folgte die Entwiklung des Streits. Es war zu ſpaͤt, um die Sache zu laͤugnen. Die Wittwe war unwillig uͤber dieſen Mißgriff, mach⸗ te aber doch zuerſt Friedensvorſchlage. Sie ſag⸗ te meinem Oheim Lobſpruͤche, die ſeinen Zorn milderten. Sie haͤtte nicht die geringſte urſa⸗ che gehabt, dieſen Tauſch bemerken zu muͤſſen. Sie hatte ein ſo jugendliches Ausſehen, daß mein Oheim ſeiner Seits bekannte, nur ſie lung, wenn ſie auch Werk des Zufalles war, wie ich behauptete, waͤre fuͤr keinen Theil nach⸗ . —— habe ihre Tochter erſezen konnenz die Verwechs⸗ theilig ausgefallen. Wir lachten alle vier über die Geſchichte. Solang dieſe Damen uns Ge⸗ ſelſchaft leiſteten, welches auch bis zu meiner Abreiſe geſchahe, wurde dieſer Geſchichte nie ohne Lachen und Scherzen gedacht⸗ Mein Oheim be⸗ gleitete mich an den Wagen, und ſagte: Sie Tollkopf, werden ihre nächſte Urlaubzeit in Pa⸗ ris zubringen. Ich habe Sie viel lieber weit von mir; ein andersmal moͤchten wir nicht wie⸗ der als ſo gute Freunde ſcheiden. Ich ſibre Sie in Ihren Vergnugungen nicht; ich fordere das nemliche. Aus dieſer Begebenheit wird der Leſer leicht äbnehmen können, daß mein Oncle in Betreff galanter Angelegenheiten eine federleichte Moral hatte. Von der Seite hatte er ſich manches vorzuwerfen. Er war ſehr freigebig gegen Un⸗ gläkliche; für ſein Vergnägen verſchwendete er doch ungleich mehr. Er war nicht ſehr enthalt⸗ ſam, und forderte es auch nicht von andern⸗ Halte Maitreſſen, ſoviel du magſt, ſo lang du unberheurathet biſt; dem Gatten derjenigen, die ich für dich beſtimmt habe, wuͤrde ich nicht die kleinſte Untreue verzeihen⸗ Ich hatte 3 Frauen, und blieb ihnen treu, ſo lang ſie bei Leben wa⸗ ren. Wenn das, was ich jezt thue, Tadel ver⸗ ziene, ſo fällt der Tadel auf die Natur zuruͤk. Es giebt Reigungen, von denen die Vernunft ——— nichts ſagt, daſt man ſie bekaͤmpfen ſoll. Die ſchoͤnſte Moral wird Eſſen und Trinken nicht uͤberfluſſig machen. Ich verfuͤhre kein Weib; wenn aber eine Frau ihr eigener Herr iſt, ſe nehme ich keinen Anſtand, ihr meine Wünſche zu Fuͤſſen zu legen, wenn ſie ſie erhoren will. Dieſen Fetzler und ſeinen Eigenſinn abge⸗ 1 rechnet, war mein Oncle ein herrlicher Mann⸗ Er liebte mich, und gab mir täglich Beweiſe davonz ich ſahe aber wohl ein, daß der gering⸗ ſte Widerſtand ihn zu meinem unverſoͤhnlichſten Feind machte. Ich gelobte heilig, ſeinem Wil⸗ len mich nie zu wiederſehen; eine dunkle Ahn⸗ dung warnte mich vor den Ausbroͤchen ſeines ofters harten und unbeugſamen Charakters⸗ —— Eilfres Kavitel. Das geahndete ungläk kommt— Benehmen meines Dheims gegen mich.— Schluß. Jo gieng wieder zu meinem Regiment, wel⸗ ches in Verdun in Garniſon lage Dieſe Stadt iſt wegen ſeinen Zukerwaaren beruͤhmt. Sie verdient noch mehr bemerkt zu werden wegen der Schoͤnheit des andern Geſchlechts. Beina⸗ he alle Frauenzimmer daſelbſt ſind ſchoͤn; ich muß gerecht gegen ſie ſeyn, ſie ſind auch be⸗ ſcheiden und zurükgezogen. Wenn ich eine Gat⸗ tin gewollt haͤtte, hier haͤtte ich ſie gefunden— Ich ſuchte eine Maitreſſe, und fand keine, die meine Antrage angenommen hätte. Meinen Ca⸗ meraden gieng es eben ſo. Da iſt nicht gut in Garniſon zu liegen, wo die Damen nicht galant ſind, ſich blos mit ihrer Haushaltung beſchaͤfti⸗ — W— —* gen, und wohl noch ſo thoͤricht ſind, ihren Maͤnnern getreu zu bleiben. Wir hatten zu unſerm Vergnägen nichts, als eine ſchlechte Schauſpieler-Truppe, welche in einem häßlichen Local ſpielte. Ich gieng nicht hin, um mir Langeweile zu machen, ich gieng lieber ſpazieren. An einem Regen⸗Abend ließ ich mich verfuͤhren und gieng hin. Man gab den Hausvater. Das Schauſpiel war ſo ſchlecht, daß ich waͤhrend des erſten Aufzugs anhaltend gaͤhnte. Nichts iſt meiner Meinung nach uner⸗ traͤglicher, als ein bekanntes Stuͤk aufführen zu ſehen, welches durch Talentloſe Schauſpieler verhunzt wird. Aus einer Art Neugierde war⸗ tete ich doch den zweiten Akt ab, bis die Da⸗ men, welche darinn Rollen hatten, vorkamen; ich dachte, wie Klara die intereſſante Rolle So⸗ phiens ſpielte. Ich glaubte nie, daß mir eine ondere in dieſer Rolle gefallen koͤnne, am we⸗ nigſten glaubte ich ſie in Verdun zu finden⸗ Wie ſaunte ich, als das junge Franenzimmer, wel⸗ ches dieſe Rolle hatte, auf die Scene vortrat? ich glaubte, Klaren zu ſehen! der nehmliche Wuchs, die nehmliche Zuͤge, beinahe die Stim⸗ me war's. Ich ſtand unbeweglich, meine Augen wurden unwillkuhrlich naß. Das Andenken an Sie ſtieg wieder lebhaft in meiner Seele auf; mein Herz ſchlug heftig. Wie heißt dieſe Schau⸗ wielerin, fragte ich meinen Rachbar? Zeila— war ſeine Antwort. Hat ſie einen Liebhaber—2 Es iſt eine kleine Thorin, von der man nicht zwei zuſammenhaͤngende Worte herausbringen kann. Sie ſcheint Talent zu haben⸗ Das iſt Zufall; ſie weiß nichts davon. Ich muß ſie ſehen. Da werden Sie keinen Nebenbuhler haben⸗ Man machte ihr Antraͤge, ſie benahm ſich aber ſo unklug dabei, daß ſie jedermann ihrem un⸗ gluklichen Schikſal uͤberläßt. Das thut nichts; ich muß mit ihr reden. Sie werden eben nicht ſehr befriedigt zuruk⸗ kommen; ich ſage es Ihnen vorher. Rachdem das erſte Stuͤk vorbei war, ſo gieng ich hinter die Culiſſen. Zeila gieng in ihr Sim⸗ mer, um ſich daſelbſt umzukleiden; ich wollte nach, durfte aber nicht hinein. Ich erwartete ſie in den Culiſſen. Ihre Kleidung war rein⸗ lich und einfach, ihre Haltung beſcheiden. In der Nähe fand ich die Aehnlichkeit mit Klaren nicht mehr ſo groß. Indeſſen war ſie doch im⸗ mer noch auffallend, das Geſicht hatte beinahe die nehmliche Form, und die nehmliche Zuͤge, — — und den nehmlichen Anſtand in allen Bewegun⸗ gen. Klara war anziehender, belebter; das melancholiſche Ausſehen Zeilens hatte ſo etwas ruͤhrendes, welches beim erſten Anblik das voll⸗ ſte Intereße für ſie rege machte. So muß Kla⸗ ra im elterlichen Hauſe geweſen ſeyn, dachte ich, ehe ſie unter die Hände des Verfuͤhrers fiel. Ich konnte ſie nicht genug betrachten; ich war ziemlich unternehmend bei jedem Frauen⸗ zimmer, vor einem Kinde von 15 Jahren zitter⸗ te ich. Ich ſchlich lange um ſie herum, bis ich wagte, ſie anzureden; ſie ſahe mich gar nicht 5 Verzeihen Sie, daß ich eine Frage an Sie mache; Sie gleichen einer Freundin, die ich hat⸗ te. Ihr Name war Klara, ſie war ſchdͤn wie Sie; ſind Sie vielleicht eine Anverwandte von ihr, ihre Schweſter, oder was weiß ich? Ich hatte nie eine Schweſter, antwortete ſie, und ſah mich mit ihren ſchoͤnen Augen an Es war Klarens Blik⸗ Sind Sie von Rochele?2 Nein! mein Herr! Spielen Sie ſchon lange auf dem Theater? Nein! mein Herr! Bei Ihrer Liebenswuͤrdigkeit iſt vorauszuſe⸗ zen, daß Sie viele Anbeter haben werden⸗ Anbeter?— ſagte ſie verwundernd und er⸗ Sie ſchwieg, und ſezte ſich auf eine Bank⸗ Ich folgte ihr, und redete noch lange mit ihr, fonnte aber nichts weiter als einſylbige Worte aus ihr herausbringen. Ich verließ ſie, in der Ueberzeugung, daß ſie wenig Verſtand habe, aber deſto mehr Klugheit. Ihre Cameraden kannten ſie kaum. Sie lebte iſolirt; die glaͤnzendſte An⸗ träge, die ihr gemacht worden, wurden zuruk⸗ gewieſen, am Ende beſchaftigte man ſich nicht mehr mit ihr⸗ Ich gieng in heftiger Bewegung des Gemuͤths aus dem Schauſpielhauſe. Ich gieng ſehr bald in meine Wohnung zuruͤtk. Die erſten Eindruͤke ei⸗ ner entſtehenden Liebe erzeugen ſuͤſſe Träume; es ſind vielleicht die ſchoͤnſten Augenblike des Lebens. Zu beſchreiben iſt es nicht, was man fühlt; es iſt ein ſuͤſſes bezauberndes Gefuͤhl. Das Herz oͤffnet ſich, die Zukunft wird ſchoͤner, die Einbildungskraft leihet dem Zauberbild alle Reize, alle Talente und Tugenden, welche man gern in demſelben finden möchte, aber gar haͤu⸗ ſig nicht antrift. Ich nahm Klarens Portrait— Nein! ich bin dir nicht ungetreu, wenn ich — 127 geila anbete. Sie hat deine Zuͤge, der Him⸗ mel wird ihr auch deine gute Seele gegeben haben. Was fehlte dir, um vollkommen zu ſeyn 7 Haͤtteſt du dir immer ſelbſt angehort, haͤtteſt du mich gekannt, ehe der unreine Hauch eines Boͤſewichts dich augehaucht haͤtte, ſo waͤre dein Herz rein und dein Charafter unverdorben geblieben. Zeila iſt noch im Alter der Unſchuld, weiß nicht, daß ſie zu lieben geboren iſt. Wür⸗ de Sie meine Empfindungen mir mir theilen, ich wuͤrde mein Leben dazu anwenden, ſie gluk⸗ lich zu machen, ich wuͤrde nur fuͤr Sie leben, wenn Sie fuͤr mich leben wollte. Man glaubt, ſie habe keinen Verſtand— Oh! gewiß! ſie hat ſehr viel. Sie redet wenig, aber ihre Worte ſind gehaltvoll. Man behandelte ſie, wie andere Weiber, die man mit Gold bezahlt, und legt es ihr zum Verbrechen aus, duß ſie ſich weis⸗ lich zurukzieht. Waͤre ſie weniger tugendhaft, ſo wuͤrde ſie liebenswuͤrdiger ſcheinen. Ihr Spiel wuͤrde nicht den Ausdruk haben, nicht ſo zaͤrtlich und naiv ſeyn, wenn ihr Herz nicht, ihr bewußtlos, von dieſen Empfindungen uͤberfloſe⸗ Ihre Sprache iſt rein und gebildet, ſie muß eine gute Erziehung genoſſen haben. Wer iſt ſie? wem gehort ſie? Ey nun! Zeila hat keine Ah⸗ nen noͤthig. Sie hat kein Vermögen, aber ich habe; das Schikſal warf ſie in eine Carriere, die nicht fuͤr ſie taugt. Aus dieſer will ich ſie ——— reiſen, wenn ich ihre Einwilligung dazu er⸗ halte⸗ Mit dieſen Gedanken gieng ich die ganze Nacht um. Einer meiner vertrauteſten Freunde, ſur welchem ich kein Geheimniß hatte, kam mor⸗ gens früh zu mir, und ſuchte mich von einer Leidenſchaft abzubringen, die meiner Ruhe nach⸗ theilig werden konnte⸗ Ich will glauben, ſagte er, daß Zeila ſehr viel Aehnlichkeit mit Flara hat, welche du ſo innig liebteſt, die dir aber nicht angehören ſoll⸗ te. Ich will ſogar glauben, daß Zeila noch ſcho⸗ ner ſey, daß ſie noch groͤſſere Augen habe, daß ihre Zuͤge mehr charakteriſirt ſind; ſie hat aber keine Seele, denn ſie fuͤhlt nichts. Die artig⸗ ſten jungen Maͤnner haben ſich ſchon um ihre Gunſt beworbenz ihr dummes Benehmen ent⸗ fernte ſie alle. Sie iſt Pigmalions Statue; der Himmel wird aber kein Wunder fuͤr dich thun, und ſie beleben. Zeila iſt nur der kalte Abdruk von Klara, ein Bild ohne Leben; Sie hat we⸗ der Verſtand noch Talente, noch das Herz dei⸗ ner erſten Geliebten, und das freut mich. Soll⸗ te ſie auch das wirklich ſeyn, was du von ihr traͤumſt, ſo waäͤre es dein ungläk. Du wurdeſt dieſem unbekannten Maͤdchen anhaͤngen, und dich mit deinem Oheim entzweien. Er würde es nicht zugeben, und du wuͤrdeſt eine Thorheit „ 129 begehen, die du nicht wieder gut machen koͤnn⸗ teſt. Von Zeila haſt du das indeſſen nicht zu befuͤrchten; unterhalte dich nur mit ihr eine f Zeitlang, ſo wirſt du ſchon von deiner Thorheit geheilt werden. Ich will ein Gaſtmahl geben, und die ganze Schauſpieler-Truppe dazu einla⸗ den; ſie wird auch kommen; da kaunſt du ſie nun beobachten, und ich wette, in zwei Tagen denkſt du wie wir. Luſſan(der Name meines Freundes) gieng augenbliklich, um die Anſtalten zu dem Gaſt⸗ mahl zutreffen, wozu er die ganze Truppe ein⸗ lud. Das Eſſen war in einem Gaſthofe. Er bat ſie, doch ja zu kommen, ohne aber einen zu nennen. Er wollte ſich nicht laͤcherlich machen, daß er ſeine Aufmerkſamkeit einer kleinen Thoͤ⸗ rin ſchenke, auf die niemand mehr achte. Die ganze Truppe kam nur Zeila nicht. Man er⸗ F. laubte ſich Scherze uͤber diejenige, welcher zu t lieb das Gaſtmal eigentlich veranſtaltet war, § welches ſich aber kein Menſch beifallen lie ſ. Mei⸗ ⸗ nen Beifall hatte das nicht, und beim Nachtiſche t⸗ gieng ich voll Aerger allein fort. Ich ſahe Zeila r am Fenſter; ich gruͤßte ſie; ſie errothete, und ſt gruͤßte mich gleichfalls. Ich gieng noch 20mal d vorbei, und bemerkte mit Vergnugen, daß ſie mir mit den Augen folgte, daß ſie die Augen it niederſchlug, ſobald ſich unſere Blike begegneten. . Das Kind, 2. 8 130 Jezt gieng ich alle Tage in die Comoͤdie, und immer in die Couliſſen. Ich naͤherte mich Zeilen immer mit einer Art Erſchrokenheit, die ich ſonſt an mir nicht gewohnt war. Sie ſchien Gefallen an meiner Gegenwart zu haben; unſere Unter⸗ haltung war aber immer hoͤchſt einſylbig. Wenn ich ihr von meiner Liebe vorſchwazte, ſo wurde ſie bis uͤber die Ohren roth, und ſchwieg. Einſt ſagte ich, ungeduldig über ihr zuruͤkhaltendes Weſen im Zorn zu ihr— Merken Sie denn nicht, daß ich Sie liebe?2 Nein! mein Herr! Lieben Sie mich? Ja! Warum ſagten Sie mir das nicht? Ich wagte es nicht. Darf ich Sie beſuchen? Ja! Wohnen Sie allein? Ja! Ohne Bedienung— Ja! Wird es Ihnen Vergnuͤgen machen, wenn ich Ihnen manchmal Geſellſchaft leiſte? Ja! Mein Herr! —— 5½ So antwortete ſie auf alle meine Fragen. Ich war zu Zeiten ſelbſt ärgerlich, daß ich mich ſo zu dem Maͤdchen hingezogen fühlte, und doch liebte ich ſie taͤglich mehr. Ich war ganze Tage bei ihr, um ihre Schoͤnheit zu bewundern. Ich ließ ſie ihre Rollen herſagen. Ihre Faſſungskraft war zum verwundern. Sie wußte ſelbſt die klein⸗ ſten Nuancen aufzufaſſen. Ihr Verſtand leuch⸗ tete hell durch die Art ihres Vortrags; ganz an⸗ ders aber war's, wenn ſie das hergeſagt hatte, wasð ſie gelernt hatte. Sie wollte reden, eine unwillkährliche Furchtſamkeit erſtikte die Worte auf den Lippen. Ihre Ausdruͤke waren ſo naiv, daß ich an ihrer Unſchuld nicht zweiſlen konnte. So hizigen Temperaments ich auch war, ſo er⸗ laubte ich mir doch keine Freiheiten. Sie ſchlug mir nichts ab, ich verlangte aber auch nichts⸗ Ihre kunſtloſe Zuruͤkhaltung hatte mich gewon⸗ nen; es machte mir Vergnuͤgen, ihre Unſchuld zu reſpectiren. Ich bemerkte zu Zeiten, daß ſie rothe Augen hatte: ſie hatte geweint und zwar immer, wenn ich ſpäͤter als gewoͤhnlich gekommen war. Ich fragte ſie um die Urſache; ich wüßte nichts: ant⸗ wortete ſie jedesmal laͤchelnd. Ich wußte von Ihrer Hausfrau, daß ihre Be⸗ ſoldung ſo gering ſey, und ſo unregelmaͤſig aus⸗ c. ₰ 2 — —————— ————————————— ₰ bezuhlt werde, daß ſie kaum davon leben kön⸗ nen. Sie aß beinahe nichts als Fruͤchte; aber deſſen ungeachtet war ihre Kleidung immer zier⸗ lich und einfach. Ihr Zimmer war ſehr ſorgfäl⸗ tig aufgepuzt. In ihren mäſſigen Stunden mache te ſie ihre Kleidungen zurecht. Man hätte glau⸗ ben ſollen, ſie haͤtte an nichts Mangel. Ihre Lage machte mir Kummer; ich befuͤrchtete, ſie zu beleidigen, wenn ich ihr Huͤlfe anbot; ſie nahm ſie nicht einmal von ihrer Hausfrau an. 3 I„ch ließ einſt Gold auf ihrer Toilette, den andern Tag war es an der nehmlichen Stelle⸗ Zeila— Sie haben Kummer?— Oh! neink — Es fehſt Ihnen alles— Ich bin gluͤklich— Ich habe hier Gold hingelegt— Ich weiß es— Warum nehmen Sie es nicht?— Sie wurde roth, ihr Auge wurde naß. Ich bin Ihr Freund Zeila, machen Sie mich durch dieſe Weigerung nicht traurig. Ich will, daß Sie von dieſem Gol⸗ de Gebrauch machen⸗— Zu was mein Herr?— Zu was Sie wollen.— Ich will nichts— Nichts?— Nichts von dem wenigſtens, was man fuͤr Gold erhaͤlt.— Wenn Sie noch ferner. ſich weigern, es anzunehmen, ſo komme ich nicht wieder.— Ich will Ihnen gehorchen.— Ich befehle nicht; ich bitte, Zeila.— Je nun! Sie werden zufrieden ſeyn— Den andern Tag kauf⸗ te ſie ein Band, welches ſie zum Kopfpuz ver⸗ wandte.— Ich liebe dieſes Band, ſagte ſie mir, — warum?— es kommt von Ihnen„Sie äͤnderte nichts in ihrer Lebensart. Den Reſt des Goldes ruͤhrte ſie nicht an; und ich redete auch nicht weiter dabvn. Ich ließ von Paris eine vollſtaͤndige Gardero⸗ be an Leinwand, Kleidern ꝛc. kommen. Ich merkte ſchon, welche Gewalt ich uͤber Zeila hat⸗ te. Ich durfte nur ein Wort ſtark ausſprechen, ſo zitterte ſie ſchon. Das war oͤfters wider mei⸗ nen Willen bei gleichguͤltigen Dingen der Fall. — Probieren Sie dieſe Kleidungen— Sie wol⸗ len es—?— Schlechterdings— Nun ſo will ich es thun—. Ich verlange, daß Sie ſie tra⸗ gen. Sie gehorchte, aber litt unausſprechlich dabei. Ich hatte mich mahlen laſſen, und ließ mein Bild mit Diamanten einfaßen. Ich bot es ihr an.— Das Portrait moͤchte ich allein.— Sie nehmen es, wie es iſt, oder Sie ſollen es gar nicht haben, ſagte ich mit Lebhaftigkeit.— Die Diamanten mindern ſeinen Werth— Mir ge⸗ faͤllt es ſo.— So gefoͤllt mirs auch ſo. zog ein kleines elfenbeinernes Buͤchschen aus ihrer Taſche.— Duͤrfte ich wagen ſagte ſie— wagen? was?— Ihnen das meinige anzubieten.— Oh wie lieb wuͤrde mir das ſeyn! — Ich entriß es ihren Haͤnden, und kuͤßte es 734— mit Entzuͤken.— Wenn Sie mich liebten, Zei⸗ la?— Wie zeigt man dent das?— werden Sie erlauben?— Was 2— daß ich bei Ihnen eben das wagen duͤrfte, was ich mit dem Por⸗ trait that.„„Sie ſchlug die Augen nieder und ſchwieg. Wie ſchoͤn machte Sie ihre Beſchei⸗ denheit und ihre Aufrichtigkeit. Ich ſchloß ſie ſanft in meine Arme. Sie zitterte, aber nicht aus Furcht. Sie ſchob mich ſanft zuruͤk. Ich vergaß meinen Schwur, ihre Unſchuld immer zu reſpectiren. Die Liebe verwirrte meine Sinnen, die Liebe wars, die mich zum Verbrecher mach⸗ te, denn es iſt ein Verbrechen, die Schwäche der Unſchuld zu mißbrauchen. Sie weinte, das zerriß mir die Bruſt. Ich warf mich ihr zu Fuͤſſen, ich miſchte meine Thraͤnen in die ihri⸗ gen, und erhielt Verzeihung- Sines Morgens kam ich zu ihr, und fand ſie ſchluchzend.... Ich erſchrak uͤber ihren Zu⸗ ſei— Was fehlt Ihnen— Ich muß abrei⸗ ſen.— Sie wollen mich verlaſſen?— Der Schauſpieldirektor nimmt mich fort.— Lieben Sie dieſen Stand— Nein— Wollen Sie im⸗ mer bei mir bleiben?— Oh ja! mein Herr! — Ich will den Direktor wegen Ihrer Abſage ſchon zufrieden ſtellen.— Werden Sie mich aber auch immer lieben?— Ewig—. Ach! wenn ich das gewiß wuͤßte— So wuͤrden Sie nicht ab⸗ N —̃————ů ÜÜÜ — ———————————— —— 135 reiſen?— Ich wuͤrde lieber ſterben.— Leben Sie und leben Sie fuͤr mich!— Mein ganzes Leben?— Ja! ihr ganzes Leben.— Ach! wie gluͤklich bin ich—. Ich umarmte ſie. Ich ſuch— te den Direktor auf, und zalte ihm was er ver⸗ langte. Er entließ Zeila ihres Engagements. Als ich ihr dieſe Nachricht brachte, ſo war ſie ſehr freudig daruͤber, und verbarg es auch nicht. Das machte mir die herzlichſte Freude. Wenn mir etwas an ihr nicht gefiel, ſo war es die auſſerordentliche Furchtſamkeit, die ſie auch gegen mich nicht ablegte. Ihre Gefaͤlligkeit und Guͤte waren grenzenlos; aber ſie ſchien mich zu füͤrchten. Ich that mein moͤglichſtes, ihr alle Bequemlichkeiten aufzudringen, aber vergebens. Ich verbot ihr, nicht mehr Herr — zu mir zu ſagen, ſie verſprachs, aber hielt ihr Wort nicht. Wenn ich mit ihr wegen ihrem Haushalt in Streit kam, ſo weinte ſie. Ich wollte ſie nicht betruͤben, und ließ ſie end⸗ lich nach ihrer Phantaſie leben. Mein Freund Luſſan that ſein möglichſtes, um mich von dieſer Bekanntſchaft loszureiſſen, wo⸗ von er die Folgen vorher ſah. Er las alle Brie⸗ fe meines Oheims, in welchen er mir immer von den Etabliſſement ſprach, das er fuͤr mich beſchloſſen hatte. Das Ziel war indeſſen noch ferne. Die Projecte meines Oheims machten weiter keinen tiefen Eindruk auf mich. Luſſan ſah die Sache ernſthafter an. Zeila, ſagte er, iſt ein Kind.— Ja, aber dieſes Kind iſt lie⸗ benswuͤrdig, je mehr ich es kennen lerne, deſto mehr achte ich es.— Die Zeit wird ihre Liebe zu ihr noch vermehren. Sie mag lange ſchoͤn bleiben; ihre Unſchuld, Aufrichtigkeit verdienen Ihre Zuneigung. Wenn Sie noch zwei Jahre mit ihr umgehen, werden Sie ſie gar nicht mehr verlaſſen koͤnnen.— Das will ich auch nie.— Sie wollen Ihrem Oncle ungehorſam werden? — Wir wollen ſehen. Wer kann in die Zukunft bliken? Diejenige, die man mir beſtimmte, kann ja auch nach ihrem Geſchmak waͤhlen. Mein Oheim wird mein Elend nicht wollen. Wenn er wagte, ſich mir zu widerſezen, ſo wuͤrde ich Muth genug haben, ihm Wiederpart zu halten. Su was brauche ich ſein Vermoͤgen? Mit Zeila bin ich immer reich. Meine Einkunfte haͤufen ſich ſchon an. Ich habe den Geſchmak an ſo unnüzen Verſchwendungen verloren, die mich zwar betaͤubten, aber die Luͤke in meiner Seele nicht ausfullten. Ich bin gefuͤhlvoll; meine Seele iſt zur Liebe gemacht. Ich kenne die tobenden Leidenſchaften des Stolzes und Ehrgeizes nicht. Mein Ehrgeiz hat nur eine Richtung— nehm⸗ lich dieſem lieben Engel immer zu gefallen. Wenn Sie wüßte, wie gluͤklich ich bei ihr bin. Ich fuͤhle ein unnennbares Wohlſeyn. Das iſt ein , — VB liebes gefuͤhlvolles Weſen, welches der Himmel gemacht hat, um mein Daſeyn zu verſchönern, und angenehm zu machen. Und ich ſollte ſie verlaſſen! Und wegen der Hoffnung, Beſizer eines Vermoͤgens zu werden, das mich geniren wuͤrde, ſoll ich auf dieſe Gläkſeligkeit Verzicht leiſten, die ich in Zeilas Armen finde. Nein! Freund! Nie— der Gedanke daran allein ſchon ſchmerzt mich, und ich will ihn entfernen. Ich gieng eines Morgens mit Luſſan in der Straſſe ſpazieren; wir ſahen Zeila von weitem aus einem Kaufladen kommen, wo ſie etwas auf mein Verlangen einkaufen mußte. Ich machte meinen Freund auf ihren Anſtand und ſchone Haltung aufmerkſam. Ein fremder Offizier in Uniform vom Geniecorps kam ihr entgegen; ſod⸗ bald ſie ſich erkennen konnten, ſo flogen ſie ſich in die Arme. Ich ſank beinahe in Ohnmacht bei dieſem Anblik; ich wollte hin, und ſie tren⸗ nen, Luſſan hielt mich zuruk. Ehe Sie ſich aͤr⸗ gern, ſagte er, ſo wollen wir doch das Ende abwarten, was aus dieſem Zuſammentreffen weiter folgen mag. Wenn Zeila bei aller ver⸗ ſtellten Unſchuld eben ſo iſt, wie andere Wei⸗ ber, ſo werde ich nicht zugeben, daß ſie ihr zu lieb etwas unternehmen, da ſie ihrer Liebe ſo wenig würdig wäre.— Seine Gruͤnde oder vielmehr meine Neugierde hielten mich⸗ Wir verbargen uns in eine Allee. Nach einigen Minuten faßte Zeila den fremden Offizier traulich am Arm, und dann giengen ſie an der Allee vor⸗ bei, wo wir waren. Luſſan machte die Thuͤre auf, und ich ſahe nach, wohin ſie giengen⸗ Sie giengen in einen nahen Gaſthof, und verweilten 2 Stunden daſelbſt. Waͤre ich allein geweſen, ich haͤtte ſie gewiß in ihrem Beiſammenſeynege⸗ ſtoͤrt. Luſſan wich mir nicht von der Seite; er kizelte meine Eigenliebe, er bewies mir, daß ich es um mein ſelbſt willen nicht thun darf. Ich glaubte einen Augenblik Zeila verachten zu koͤnnen; ich verſprach meinem Freunde, ſie nicht wiederzuſehen. Aber von der Stelle konnte er mich nicht hinwegbringen. Eine Poſtchaiſe kam aus dem Gaſthof heraus; der Offizier umarmte Zeila, und reiste ab. Ich ſahe ſie ruhig nach ihrer Wohnung hingehen. Ich wollte verzweif⸗ len. Ja! ich breche mit Zeila fuͤr immer, ſagte ich zu Luſſanz retten Sie mich aber von meiner Wuth, oder Schwaͤche, ich koͤnnte ſie auf der Stelle toͤdten. Einer ihre Blike koͤnnte mich entwaffnen; ich wuͤrde ihr zu Füͤſſen fallen, ich wuͤrde ihre Entſchuldigungen anhoͤren, ihren Lugen glauben, ich würde mich herabgeben, oder ein Verbrechen begehen. Verlaſſen Sie mich nicht, wir wollen ſchleunigſt nach Paris. Da werde ich die Undankbare vergeſſen— da werde —— M——+—„* ————* —* 139 ich entfernt von ihr meiner Vernunft wieder maͤch⸗ tig werden. Der Zufall fuͤhrte unſern Oberſt gerade vor uns vorbei. Luſſan bat um Urlaub fuͤr uns bei⸗ de. Er gab wichtige Geſchaͤfte als Urſache an, und ſo erhielten wir dieſe Erlaubniß ohne Anſtand. Ich litt ſchreklich, wagte aber nicht, es zu ſagen, denn die Sachen ſtanden nun ſchon einmal zu weit, als daß ich hätte zurukgehen koͤnnen. Eine Poſtchaiſe wurde im Augenblik beſtellt. Im Au⸗ genblik der Abreiſe war ich noch unentſchloſſen. Zeila iſt vielleicht nicht ſo ſtrafbar, als wir den⸗ ken, ſagte ich zu Luſſan.„ Er hörte mich aber nicht an, ſondern zog mich fort. Es gibt Umſtän⸗ de im menſchlichen Leben, wo man Herr ſeines Willens ſeyn kann, und doch das Gegentheil von allem thut, was man thun wollte. Ich ließ mein Glük in Verdun zuruͤk und doch reiſete ich ab. Als wir in den Wagen ſtiegen, ſo bemerkte ich die Hauswirthin von Zeila; ich rief ſie gegen den Willen Luſſans herbei, unterhielt mich aber nur kurz mit ihr, denn ich war verwirrt, und meine Reden hatten keinen Zuſammenhang.— Da hier uͤbergeben Sie dieſen Geldbeutel Zeilen. Sagen Sie ihr, daß ich ſie verlaſſe, daß ich ſie verachte, haſſe. Sie ſoll nur zu dem Offizier gehen, mit welchem ſie in den Gaſthof gegan⸗ gen ſey. Sagen Sie ihr, daß Sie hichts mehr von mir hoͤren ſolle, daß ſie die Urſache meines Todes ſeyn werde. Koͤnnte ſie ein Herz bedau⸗ ren, welches ſie todtet.. Ich ſagte das alles ſo lebhaft, daß mich Luſ⸗ ſan nicht unterbrechen konnte. Er faßte mich um den Leib, und hoh mich in den Wagen; ich weinte, er wollte mich tröſten. Er vermochte ſo viel uͤber mich, daß ich nach⸗ gab; er kämpfte gegen meine Liebe, konnte ſie aber aus meinem Herzen nicht vertilgen. Ich liebte Luſſan; er war brav und klug; er glaubte ein Glük zu gruͤnden, indem er mich von einer Leidenſchaft losriß, deren laͤngere Dauer nach⸗ theilig fuͤr mich haͤtte werden köͤnnen. Ich war uͤberzengt von der Reinheit ſeiner Abſichten, ich ließ mich leiten wie ein Kind, das verirrt, aber nicht wiederſtehen kann. Ich will den Leſer nicht mit der Schilderung meines traurigen Aufenthalts in Paris ermuͤden. Ich war uͤberzeugt von Zeilens Untreue, ſuchte ſie daher zu vergeſſen. Die rauſchenden Vergnuͤ⸗ gungen in dieſer Stadt hatten keine Reize fuͤr mich; ich ſchwor, fuͤr mein ganzes Leben dieſe Leidenſchaft zu fliehen. Die Liebe hatte mir ſchon zu tiefe Wunden geſchlagen. Nach zwei Monaten kehrte ich zum Corps zuruͤk, welches —„ * 8 5. indeſſen von Verdun nach Perpignan verlegt wor⸗ den war. Vier Monate nachher kuͤndigte mir mein Oheim an, daß er das Patent als Drago⸗ ner Obriſt fuͤr mich ausgewirkt habe. Er ver⸗ doppelte nun meine Penſion; dieſe Erhdhung meines Standes, und Vermehrung meiner Ein⸗ kuͤnfte machte mir wenig Vergnugen... Eine duͤſtere Schwermuth nagte an meiner Geſund⸗ heit. Um indeſſen nicht unhoͤflich gegen meinen Oheim zu ſeyn, ſo gieng ich nach Nanch, um dort meine Stelle einzunehmen. Was that Zeila waͤhrend meiner Abweſenheit? welchen Eindruk machte die ſchrekliche Nachricht meiner ſchnellen Abreiſe auf ſie? war ſie ſchul⸗ dig oder unſchuldig? das wird der Leſer fragen. Um ihn nicht ſo lange in Ungewißheit zu laſſen, als ich war, ſo will ich die Begebenheit in einer andern Ordnung erzehlen⸗ Zeila gieng nach Hauſe, das Herz voll Un⸗ ruhe und Bangigkeit. Sie ſezte ſich vor einen Tiſch, hielt mein Portrait in der einen Hand, in der andern eine Uhr, die ich ihr kurz vorher geſchenkt hatte, und zaͤhlte traurig die Winu⸗ ten, die noch bis zu meiner Ankunft verfließen moͤchten. Die gewoͤhnliche Stunde meines Be⸗ ſuchs war verfloſſen; denn ich kam immer vor⸗ her zu ihr, ehe ich auf die Parade gieng. Sie hoͤrte trommeln; die Truppen hatten defilirt, 4 142— aber ich war nicht ſichtbar. Sie fieng an beun⸗ ruhigt zu werden; ſie hatte mir Dinge zu ver⸗ trauen. Ich hatte ſie zwar oͤfters um ihre Fa⸗ milie, und ihren Stand befragt, aber nie gab ſie mir befriedigende Auskunft uber das was ich wiſſen wollte, und wovon ſie ſelbſt wuͤnſchte, daß ich es wuͤßte. Aus Furchſamkeit und Zurukhal⸗ tung beantwortete ſie meine ſeltene Fragen in der Hinſicht mit ihrer gewöhnlichen Aufrichtigkeit⸗ Sie ſchwieg aber, wenn ich nicht weiter fragte, und ich trieb meine Neugierde auch nicht weiter⸗ Was lag mir daran, wem ſie angehörte; ich liebte ſie, und um das uͤbrige bekümmerte ich mich nicht. Was thaten ſie denn dem Herrn von Sabrant fragte ſie ihre Hauswirthin in heftiger Bewe⸗ gung2 Was ich ihm ſollte gethan haben? Er verlaͤßt ſie? Verlaͤßt mich? Er iſt fort 2 Fort? Für immer, er haßt, verachtet Sie, Sie werden ihn nicht mehr ſehen. Er will alſo, daß ich ſterben ſoll! 2, —— Sie weinen! Sie haͤtten weinen ſollen, ehe Sie ſich mit ihm entzweit haben⸗ Was that ich denn? Und der Offizier, mit dem Sie vor einer Stunde giengen? Das iſt alſo wegen des Offiziers 2 Nun! Hätte er wohl Unrecht? Sie ſind Ver⸗ raͤtherin an einem ſolchen Manne, und opfern ihn auf fuͤr den erſten Beſten, der Ihnen in Wurf kommt⸗ Dieſer Offizier, Madame— iſt— Je nun! Was denn? Mein Bruder. Ihr Bruder Ja! Madame; er gieng in ſeine Garniſon, und ich gieng mit ihm in ſeinen Gaſthof. Er wollte hieher kommen; ich verhinderte es; weil ich nicht wagte, ihm zu geſtehen, daß ich einen Liebhaber habe. Mein Bruder iſt hizig, Herr von Sabrant gleichfalls; ich befuͤrchtete die Fol⸗ gen einer Zuſammenkunft. Wie bin ich ungluͤk⸗ lich! das erſtemahl in meinem Leben ſagte ich eine Luͤge; ich ſagte meinem Bruder, daß ich noch beim Theater waͤre. Er befahl mir dieſen Stand zu verlaſſen, und gab mir Geld, um in ein Kloſter zu gehen⸗ Er wollte mich mit ſich fortnehmen; ich ſagte ihm aber, ich koͤnne nicht mit ihm, ehe ich vorher einige Anſtalten getrof⸗ fen haͤtte. Er reiste fort, und ich mußte ihm verſprechen zu ſchreiben⸗ Ich erwartete Herrn von Sabrant, um ihm von dieſem unverhofften Wiederſehen Nachricht zu geben, und ihn zu bit⸗ ten, ſeine Anſpruͤche auf mich aufzugeben. Ich kann nicht ſeine Gattin werden, ſeine Familie wurde es nicht zugeben. Zu bleiben wie ich ge⸗ genwaͤrtig bin, kann ich mich nicht eutſchlieſſen⸗ Ich glaubte nicht ungluͤklicher werden zu konnen — aber Herr von Sabrant kann glauben, ich haͤtte ihn verrathen koͤnnen⸗ Er konnte das glauben— das iſt der todlichſte Streich.— dan kann ihn aber aus ſeinem Irrthum. reißen⸗ Nein Madame! er iſt weniger zu bedauern, wenn er glaubt, ich ſey ihm untreu geworden⸗ Er wird mich vergeſſen, und ich werde allein leiden. Mußten wir uns nicht trennen? haͤtte ich den Muth gehabt? ich wäre ungluͤklich ge⸗ weſen, denn ich wäͤre ihm uberall nachgefolgt⸗ wohin er mich geführt hätte. Der Himmel er⸗ barmte ſich meiner, er gab dieſes Ereigniß zu⸗ damit ich von meiner Verirrung zuruͤkkommen ſoll. Sie ſind gut, Madame, verlaſſen Sie in te t, r u, en ie ————— — 6 mich nicht. Sorgen Sie, daß ich als Koſtgaͤn⸗ gerin in einem der der Stadt aufge⸗ nommen werde, da will ich den Reſt meiner Tage beweinen. Ach! wie ſehr bin ich zu be⸗ dauren. Mein Fehler hat traurige Folgenz ſe⸗ hen Sie nicht aus meinen Thraͤnen, in welcher Lage ich bin? wenn ich mich entſchlieſſen kann, noch weiter zu leben, ſo iſt es fuͤr das Weſen, dem ich das Daſehn geben muß: ich will mei⸗ nen Schmerz uͤberwinden, damit es nicht das Opfer meiner unvernünftigen unwillührichen Liebe werde⸗ Die Haukfran war eine gute, gefuhlvolle Frau. Dieſer einzige Weg blieb Zeilen uͤbrig⸗ So viel Vernunft bei einem Maͤdchen von dem Alter ruͤhrte ſie. Sie gieng ſogleich, um ſich mit einer Aebtiſſin zu beſprechen, fuͤr welche ſie zuweilen arbeitete. Sie ſtammte von einer vor⸗ nehmen Familie ab; eine ungluͤkliche Liebe hatte ſie ins Kloſter gebracht⸗ Sie hoffte, ihr Intereſſe für die unglöeliche Zeila rege zu machen, deren Schikſal ſo viel Aehnlichfeit mit dem ihrigen hatten. Sie betrog ſich nicht; die Geſchichte ruhrte die Vebtiſſinz ſie liebte Zeila, ehe ſie ſie ſah, ſie verlangte, ſie ſoll ſogleich zu ihr kommen. Sie verabrede⸗ ten miteinandet, daß man Zeila fur die Das Kind, 2. K 145 eines Offiziers ausgeben wolle, der gegenwärtig im Felde ſey⸗ Die Hauswirthin uͤbergab der Aebtiſſin den Beutel mit Geld, welchen ich ihr fuͤr Zeila bei meiner Abreiſe gab, und welchen ſie ihr aus Vergeſſenheit nicht ſogleich ubergeben hatte, und wovon ſie auch weiter aus Delikateſſe nichts ſagen wollte. Dieſes Geld, nebſt der Un⸗ terſtuͤzung, die ſie von ihrem Bruder erhalten hatte, reichte lange zu, 1 Beduͤrfniſſe zu be⸗ friedigen. Die Aebtiſſin war noch nicht volle 40 Jahre, und war eine liebe gute Seele. Sie ſahe kaum Zeila, ſo liebte ſie ſie leidenſchaftlich. Alles was ſo romanhaft tlang, hatte ihren ungetheilten Beifall. Als ſie allein waren, ſo ſagte ſie: Ich weiß wohl das Ende ihrer Geſchichte, mein liebes Kind, aber nicht den Anfang. Sie ſind keine gewohnliche Perſon, ſie mäſſen Eltern von Stande haben, Ja! Madame! Unmoͤglich koͤnnten Sie das zarte Gefühl ha⸗ ben, wenn ſie nicht eine ſehr gute Erziehung genoſſen hätten⸗ Man hat nichts an mir verſaͤumt⸗ Das ſieht man wohl. Spielen Sie ein In⸗ ſtrument? —— ——— Die Harfe ein wenig. Schoͤn! ich habe hier eine; ich ſpiele auch diß Inſtrument, aber gewiß ſchlechter als Sie. Wachen Sie mir doch das Vergnäͤgen, ſich hoͤren zu laſſen. Zeila gehorchte, ſie konnte nichts abſchlagenz ſie ſang eine zärtliche Romanze. Das Stuk ge⸗ wann unendlich in der Ausfuͤhrung durch die Art ihres Vortrags. Ich wußte nichts von dieſem Talent, denn ſie redete nie davon⸗ Ihre Be⸗ ſcheidenheit gieng zu weitz und ihre Furchtſam⸗ keit kam ihr gleich. Sie wußte fuͤr ihr Alter mehr als gewoͤhnlich, aber man mußte beinahe Gewalt anwenden, um ihren Verſtand zu entde⸗ ken. Ich ſchmeichelte mir, ſie wuͤrde ſich eia⸗ ſtens vollig ausbilden. Manchmal erregten ihre Antworten mein Staunen, aber, wie geſagt, ſie zitterte in meiner Gegenwart; ich fragte mich oft um die Urſache, konute aber nichts entde⸗ ken. Welchen Begriff hatte ſie ſich von mir ge⸗ macht? war es mein Aeuſſeres, oder meine Lebhaftigkeit, welche ſie ſchrekte? Sie erſchrak haͤufig uͤber meine lngeduldz ich merkte es, und wurde ruhiger. Sie war nie ſo ganz ruhig. Sie furchtete nur eines, mir zu mißfallen, und das war unmoͤglich. Ihre Aufmerkſamkeit, ihr zuvorkommendes, duldendes Weſen gefielen mir K 2 148— wohl an ihr, nur ihre Zurukhaltung ſah ich nicht gerne. Die Aebtiſſin war ganz enthuſiasmirt von ihrer Gefaͤlligkeit, daß ſie ihr das Vergnuͤgen gemacht hatte; ſie überhaͤufte ſie mit Liebkoſun⸗ gen. Erzaählen Sie mir ferner, meine Liebe? wer war Ihr Vater? Er hieß Vandekz er war ein reicher Ban⸗ quier. Lebt er noch? Ach! ich habe ihn verloren? Und Ihre Mutter? Ich kannte ſie nie⸗ Armes Kind! daß Sie Ihre Mutter nie kann⸗ ten. Ich verlor die meinige eben ſo wie Sie⸗ Mein Vater war ein rauher unbiegſamer Mann;z er gab nicht zu, daß ich dem die Hand gab, den ich liebte; deßwegen gieng ich in ein Klo⸗ ſter. Gott! wie lange weinte ich! Die Zeit hat mich getroſtet, ich bin gluͤklich, in Ihnen eine zaͤrtliche Freundin gefunden zu haben. Verzei⸗ hen Sie, Liebe, ich rede da nur von mir, und doch wuͤnſchte ich Ihre Geſchichte zu erfahren. Wie kam es, daß Sie aufs Theater giengen? Sie ſind nicht fuͤr dieſen Stand geboren. Noth!— umſtaͤnde— Crzehlen Sie mir doch das umſtaͤndlich, ich will alles wiſſen, alles aus Ihrem Mund hoͤren. Sie reden mit einer nachſichtigen Freundin! Mein Vater machte einen bedeutenden Ban⸗ querott. Er konnte ſeinen Verluſt nicht uͤber⸗ leben. Ich kam zu einem Bruder meiner Mut⸗ ter, der Wittwer, und ein boͤsartiger Menſch war. Er war alt und haͤßlich, er liebte mich, und ſagte es mir auch. Er gefiel Ihnen nicht? Er war mir verhaßt, wie der Tod. Ich war ganz unſchuldig, ich wußte nicht, was er von mir wollte. Seine verhaßten Liebkoſungen, ſei⸗ ne Verfolgungen machten mir Schreken. Einſt ſchloß er mich in ſein Cabinet ein; er war glä⸗ hend roth, er naͤherte ſich mir; ich furchtete mich— ich rief. Es klopfte jemand an der Thuͤ⸗ re, er oͤffnete, und ich entwiſchte. Ich kam auf die Straſſe, ohne daß ich wußte, wo ich hinge⸗ hen wollte; ich kannte niemand, zu dem ich haͤt⸗ te fliehen koͤnnen. Ich hatte etwas Geld; ich miethete ein Zimmer, um uͤbernachten zu kön⸗ nen. Der Zufall fuͤhrte mich in die Mezger⸗ 150 ſtraſſe in der Vorſtadt Germain. Hier fand ich ein Zimmer, wo ich bleiben konnte. Neben mir wohnte ſchon eine aͤltliche Dame; mein Licht loſchte aus; ich zundete es wieder bei ihr an. Sie war eine Schauſpielerin. Wir ſchwazten miteinander, ihre Unterhaltung gefiel mir. Ich ſagte ihr nicht, wer ich war, ſondern nur, daß ich Paris verlaſſen wollte. Ich glaubte mich nicht ſicher daſelbſt. Ich haͤtte mich lieber jedem ungemach preisgegeben, als daß ich zu meinem Verfolger zuruͤkgekehrt waͤre. Ich war in allen weiblichen Geſchaͤften erfahren, wollte daher bei jemand Dienſte nehmen, der meine Jugend in Schuz genommen, und mich unerfahrene vor Verfuͤhrung bewacht haͤtte. Dieſe Schauſpiele⸗ rin rieth mir, aufs Theater zu gehen. Da ich ohne Vermögen waͤre, ſo waͤre das ein Weg mich durchzubringen, ohne daß ich meinem Ge⸗ fuͤhl zu nahe trete. Ich könne da vom Ertrag meiner Arbeiten leben; ich haͤnge blos von mei⸗ ner Pflicht ab, ich habe nichts von den Launen einer grauſamen Gebieterin zu befuͤrchten, die mich niedrig behandlen wrde, uͤberh aupt nicht die Achtung ſchenken wuͤrde, die ich zu verdie⸗ nen ſcheine. Man könne in dem Stand tugend⸗ haft ſeyn, wie in jedem andern, wenn man nur wolle. Sie ſchlage mir dieſe Wahl auch deßwegen vor, weil ſie mir da dienen koͤnne, und weil es ihr nicht ſo niedrig vorkomme, als ———————— Dienſte nehmen. Sie kenne einen Schauſpiel⸗ Direktor aus der Provinz, der nach Verdun morgen abreiſe. Es fehle ihm noch ein junges Maͤdchen; er brauche mich nur zu ſehen, um ſich fur mich zu intereſſiren, und ihre Empfehlung werde ihn vollends beſtimmen. Ich hatte Schauſpieler noch nie anders, als auf dem Theater geſehen; ich glaubte daher, ſie waͤren alle ſo liebenswuͤrdig, ich traute ih⸗ nen allen den Verſtand zu, alle die Tugenden, mit welchen die Schriftſteller ihre Helden aus⸗ ſtatten. Ich glaubte in ihrer Geſellſchaft gluͤklich zu ſeyn. Ich declamirte gerne, mein Vater hatte dieſe Neigung ſehr cultivirt, indem er mich das Auswendig gelernte herſagen ließ, und durch ihn lernte ich die ſchoͤnſten Stellen aus Racine und Voltaire. Ich nahm daher dieſen Vorſchlag mit Vergnuͤgen an. Ich wollte mich von meinem Oncle ſo weit als möglich entfernen, und dieſer Wunſch gab keinen Betrachtungen uͤber die Un⸗ klugheit meines Entſchluſſes Raum. Ach! Ma⸗ dame, ich fuͤhlte bald, mit welchen Gefahren dieſer Stand umgeben iſt fuͤr eine Perſon, die von der Natur ein zartes Gefuͤhl hat. Mein ganzes Studium drehte ſich um die Reize dieſer gefaͤhrlichen Leidenſchaft herum, welche mich un⸗ gluklich machen wird. Ich fuͤhlte keine Liebe, und doch hieng mein ganzes Ich an einem Unbe⸗ kannten Gegenſtand, an welchen ich alle die lei⸗ denſchaftlichen Ausdruͤke richtete, welche die Dich⸗ ter in ihre Werke einſlieſſen laſſen. Es machte mir ein unendliches Vergnuͤgen, die ruͤhrende Verſe in Zaire und Andromaque herzuſagen. Ich ſezte mich ſo ganz in die Lage, ich glaubte wirk⸗ lich die zu ſeyn, die ich darſtellte Unter meinen Cameraden fand ich keinen, dieſem Ideal entſprechend, welches ich mir ſelbſt geſchaffen hatte. Ich ſahe ſie gleichguͤltig an⸗ Menſchen, die alles Gefuͤhl tödten, das ſie erkaufen zu koͤnnen waͤhnen, revoltirten mich durch ihre Zudringlichteit und Unverſchaͤmtheit; ich war ſo gluͤklich, ſie alle von mir zu entfernen. Ich fuhlte mich in meiner Lage gluͤklich, als mir der Zufall einen jungen Offizier zufuͤhrte, der ganz das Bild von dem war, wie ich mir etwa Orobmane, Nemours oder Tancrede dachte. Ich empfand ſogleich Liebe und Achtung fuͤr ihn, aber auch eine gewiſſe Schuͤchternheit, die ich nicht uͤberwinden konnte. Ich redete mit ihm, wenn er fern von mir war, ich konnte ihn nur anbeten, wenn er bei mir war. Ich habe nicht viel Ver⸗ ſtand, er glaubte aber, ich ſey dummer, als ich bin. Er hatte einen vortheilhaften Wuchs, ſeine Zuͤge waren maͤnnlich, ſeine Stimme wohl⸗ klingend, er war ſehr lebhaft, obgleich ſein Herz ſehr gut war, alle dieſe Eigenſchaften gewannen mich. Es war mir unmoͤglich, meine Schuͤch⸗ ternheit abzulegen. Er uͤberhaͤufte mich mit Ge⸗ ſchenken, und das beugte mich. Er war boͤſe, wenn ich ſie ausſchlug, ich empfieng ſie mit dem Gefuͤhl meiner Unmacht der Wiedervergeltung. Ich opferte ihm meinen Stolz, um den ſeinigen nicht zu beleidigen. Vielleicht erlaubte er ſich deßwegen dieſe Ungerechtigkeit gegen mich. Haͤtte ich hartnaͤkiger verweigert, ſo wuͤrde er mich nicht mit denen verwechſelt haben, die die Liebe zum Gewerbe herabwuͤrdigen. Er haͤtte nie ge⸗ glaubt, daß ich ihn haͤtte verrathen koͤnnen⸗ Seine Verachtung iſt mir unertraglich— ſie iſt mein Tod. Oh! ich will ihn aus ſeinem Irrthum zie⸗ hen, entgegnete die Aebtiſſin, ich will ihn reu⸗ moͤthig zu Ihren Fuͤſſen zuruͤkfuͤhren. Da ſie ihn liebten, ſe muß er ein guter Menſch ſeyn. Er leidet ſo ſehr wie Sie, darauf wette ich⸗ Er wird bald wieder nach Berdun kommen, die Liebe wird ihn wider Willen hieher foͤhren. Wie wird er ſich ſeines Verdachts ſchämen? Er muß gewiß um Gnade bitten, laſſen Sie nur mich ma⸗ chen. Er iſt Ihnen Erſaz ſchuldig, und wird es auch thun. Sie werden jezt bald Mutter, er muß Ihrem Kinde einen Stand geben. Legen Sie Ihren Kummer ab, leben Sie fuͤr das unſchul⸗ dige Weſen, das ja ganz unſchuldig iſt. Sie =— waren ſchwach, und das iſt kein Verbrechen— ſie gaben ja blos umſtaͤnden nach. Harte ge⸗ fuͤhlloſe Fröͤmmler wuͤrden Sie zurukſtoſſen, mir gebietet die Menſchlichkeit, Sie zu troͤſten. Sie werden Ihren Geliebten heurathen, wenn er Ihrer wuͤrdig iſt. Sollte er nicht wollen, ſo er⸗ warte ich mit Grund, daß Sie Ihrer Vernunft den Sieg uͤber ſich einräumen werden. Dan ſoll das Haus hier, wo ich zu befehlen habe, Ihr Zufluchtsort ſeyn, Sie werden mich als Troͤſterin lieben, wir wollen dann zuſammen⸗ weinen, und unſer ungluͤk wuͤrde dadurch er⸗ traͤglicher. Die gute Aebtiſſin wurde wirklich ſehr be⸗ trubt, als ſie hoͤrte, daß das Regiment nach Perpignan verlegt worden ſeye. Sie hatte da⸗ ſelbſt keine Bekannte, Sie wußte nicht, wie Sie Nochricht von mir einziehen konnte. Mein Ge⸗ heimniß wollte ſie keinen unzuverlaͤſſigen Perſo⸗ nen anvertrauen; ſie mußte daher ſchon eine ſchikliche Gelegenheit abwarten, um ihr Vorha⸗ ben auszufuͤhren. Sechs Monate verfloſſen ſo. Was vermag eine Kloſterfrau, die wenig Verbindungen mehr in der Welt hatte? Der Verſtand Zeilens ent⸗ elte ſich immer mehr. Die Aebtiſſin lehrte „die Furchtſamkeit ablegen, die ihre Talente unkelte. Sie fuͤhrte ſie in Geſellſchaft. Sie — — 155 benuzte jede Gelegenheit, wo die Talente ihrer Schoͤlerin ſich zeigen konnten, deren ſchnelle be⸗ wundernswuͤrdige Fortſchritte bei weitem alle Er⸗ wartung uͤbertrafen. Die Gazette de France, welche einzig die neue Befoͤrderungen bekannt macht, enthielt auch die meinige. Die Aebtiſſin erfuhr alſo, daß ich Oberſter geworden, und daß mein Re⸗ giment zu Nancy liege. Dieſe Nachricht machte ihr viel Freude. Ihre Schweſter war daſelbſt an einen reichen Marquis de l'Aigle verheura⸗ thet. Die zwei Schweſtern liebten ſich zärtlich. Die Aebtiſſin hatte kein Geheimniß vor ihr, pries in allen ihren Briefen die Tugenden und Eigenſchaften der guten Zeila. Sie bat ihre Schweſter, ſogleich nach Verdun zu kommen, um ſich mit ihr uͤber den Plan beſprechen zu koͤnnen, die ſie vorhatten, und den ſie auch auf die folgende Art ausfuͤhrten. Meine Wohnung in Nanch war der Marqul⸗ ſin gegenuͤber. Da jedermann der Zutritt offen ſtand, ſo machte ich auch ihr meine Aufwartung. Ich kam ſehr oft zu ihr. Einſt kuͤndigte ſie mir an, daß ſie auf einige Tage verreiſen muͤße; ſie gehe nach Paris, um eine Niece abzuholen, welche ihr Gatte ſchaͤndlich verlaſſen habe. Sie ſagte das zu einer Freundin, und ſchien gar ſich dabei nicht um mich zu bekoͤmmern. Sie werden meine Niece gewiß lieb gewinnen, ſagte ſie zu der Dame; ihre Talente, ihr Verſtand, ihre ganze Figur werden mir ihren Umgang angenehm machen.— Ich dachte nicht daran, daß das auf mich gemuͤnzt war. Aller Anſtrengung un⸗ geachtet konnte ich Zeila nicht vergeſſen, ſie war ſtets in meinen Gedanken, und das aͤrgerte mich. Ich litt, es war mir nirgends wohl; ich wollte eine andere Bekanntſchaft anknuͤpfen. Man kann aber nicht ſo uͤber ſein Herz befehlen, und nun wollte ich von der Zeit Huͤlfe gegen meinen Kum⸗ mer abwarten. ungefaͤhr 3 Tage nach der Abreiſe der Mar⸗ zuiſin war ich unter dem Fenſter in tiefen Be⸗ trachtungen verloren, gelehnt, die ſich immer nur um einen Gegenſtand herum drehten. Der Wagen der Marquiſin kam lärmend mit ſechs Poſtpferden beſpannt an. Sie wird die Niece bringen, dachte ich, von der ſie neulich ſprach. Aus Neugierde betrachtete ich alle Perſonen, die ausſtiegen. Zwei Kammermädchen ſtiegen zuerſt aus; ich kannte ſie. Sie gaben einer jungen Dame die Hand; ſie wandte ſich gegen meine Wohnung, und hob ihren Schleyer auf — ich erkannte bekannte Zuge, die ewig in mei⸗ nem Herzen eingegraben bleiben. Ich ſchrie laut auf vor Staunen. Zeila! rief ich. Welche Er⸗ ſcheinung iſt das? Ich wußte nicht, was ich — G glauben ſollte. Sollte es abermals Beſtimmung des Schikſals ſeyn, mir noch einmal Klarens Bild unter die Augen zu führen, um meinen Kummer von neuem zu weken? Hat die Na⸗ tur nur fuͤr mich ſo viele Aehnlichkeiten geſchaf⸗ fen? Sollen meine Quaalen ewig dauern? Ich ſahe gewiß nicht recht. Die Entfernung, meine Gedanken, die gerade ſich mit ihr beſchäftigten, taͤuſchten mich. Ich hoffte, die junge Dame werde ſich doch auch am Fenſter zeigen, um gewiß zu werden, ob ich mich denn nur getaͤuſcht habe. Sie er⸗ ſchien nicht. Ich war in einer unglaublichen Unruhe: ich beſchloß derſelben ein Ende zu ma⸗ chen. Ich machte der Marguiſin meine Auf⸗ wartung, um ihr zu ihrer Zuruͤkkunft Gluͤk zu wuͤnſchen. Ich flog hin, und fand ſie im untern Saal. Ich nehme mir nicht ſoviel Zeit, ihr nur die gewoͤhnlichen Complimente zu ſagen. Mein Auge ſuchte nur ihre Niece. Mein erſtes Wort war eine Frage nach ihr. Sie ſchlaͤft, ſagte ſie; ſie iſt von der Reiſe ermäͤdet. Ihr Zuſtand er⸗ fordert Schonung⸗ Man lud mich zum Nachteſſen. Man kann denken, wie gern ich einwilligte. Einige beſonders gute Freundinnen der Marquiſin kamen gleich⸗ falls. Sie waren alle mit dem Plan vertraut. Sie giengen eine nach der andern, um die vor⸗ gebliche Niece zu ſprechen. Ich mußte eine Par⸗ thie machen, damit meine Ungeduld noch hoͤher geſpannt wuͤrde; es gelang vollkommen. Ich zwang mich, ſo gut ich vermochte. Ich war un⸗ aufmerkſam auf mein Spiel, ich hoͤrte nur auf das, was man von der jungen Dame ſagte⸗ Die Geſchichte ihrer Erziehung, ihre Begeben⸗ heiten, ihre Lebensart verwirrten mich vollends⸗ Nichts hatte Aehnlichkeit mit Zeila. Endlich ſezte man ſich zu Tiſche; die Niece erſcheint. Ich wollte in Ohnmacht ſinken, ſo auffallend war die Aehnlichkeit. Nur ſchien ſie mir groſſer, ausgebildeter als Zeila. Ihre Schwangerſchaft gab ihr eine ganz andere Hal⸗ tung. Ich groͤßte ſie, ſie gab mir den Gruß wieder zuruͤk, wie einem, den man zum erſten⸗ mal in ſeinem Leben ſieht. Aber ihre Stimme wars. Ich war auſſer mir. Das Geſpräch ſiel bald auf ernſthafte bald auf unwichtige Dinge⸗ Dieſe Niece redete klug und verſtändig. Ihre Bemerkungen verriethen bald Wiz, bald tiefe Kenntniß. Sie hatte von allem, was man ſprach Kenntniß, und das findet man ſelten bei Frauenzimmern. Nein! ſie iſts doch nicht— dachte ich. Zeila antwortete nur immer einſyl⸗ big. Auch ich redete mit ihr. Ein Ja! mein Herr! brachte mich wieder auſſer Faſſung. Sie ſegte den Accent drauf, der ſonſt ſo maͤchtig auf r R* uf e⸗ R* mich wirkte. Was iſt Ihnen, fragte Madame de l'Aigle, iſt Ihnen nicht wohl?— Nicht ganz —. Wats machts denn?— Die Gegenwart Ih⸗ rer Niece. Ich liebte ein junges Frauenzimmer und haͤtte ſie ewig geliebt, wenn ſie nicht untreu geweſen waͤre. Madame hat ſo viel ähnliches mit ihr, daß ich meine Gemuͤthsbewegung nicht unterdruͤken kann, welche ihr Anblik mir verur⸗ ſacht. Da ſehen Sie dieſes Portrait an(ich zeigte ihr das, welches mir Zeila gegeben hatte) und urtheilen Sie ſelbſt, ob meine Verwirrung nicht zu entſchuldigen iſt⸗ Madame de lAigle nahm das Portrait aus meiner Hand.— Sie ſind nicht recht bei Tro⸗ ſte. Dieſes drolligte Ding von Miniaturportrait gleicht meiner Sophie mit keinem Haar. Sagen Sie ſelbſt, meine Damen—. Sie ſtimmten alle darinn ein, und behaupteten, ich ſehe nicht gut. Ich wußte nicht mehr, wo ich daran war. Ich bewunderte voll Aerger dieſes grauſame Na⸗ turſpiel, konnte mich aber von meinem Erſtau⸗ nen nicht erholen. Indeſſen war ich noch nicht uͤberzeugt, daß meine Vermuthung blos Irrthum ſey. Ich ahndete halb und halb die Wahrheit. Ich durchdachte den Plan, den man etwa ge⸗ macht haben moͤchte, um mich zu uͤberraſchen.— Madame de 1Aigle unterſtuͤzt vielleicht Zeila, weil ſie von ihrer Unſchuld uͤberzeugt iſt.— Ein 160—— Augenblik nachher— und ich war wieder ſo un⸗ gewiß wie vorher⸗ Was ich ſah und hoͤrte, rechtfertigte meinen Zweifel⸗ Nach Tiſche gieng man in den Salon. Ma⸗ dame de l'Aigle bat ihre Niece zu ſingen. Man bot ihr eine Harfe. Mit ſicherer Hand ergriff ſie dieſelbe, und machte einiget Vorſpiel, ich ſeufzte tief.— Beila hatte das bezaubernde Ta⸗ lent nicht, und in ſo kurzer Zeit haͤtte ſie es nicht lernen können.— Ich verſchlang ſie mit meinen Augen. Ihre Stiumme bewegte das in⸗ nerſte meiner Seele. Ich horte geſpannt zu⸗ Sie ſang folgende Romanze. „Soll dieſer Kummer ewig währen? „Willſt du des Lebens Blüche⸗Zeit „Verlieren unter bittern Zähren⸗ „Dem treuvergeſſenen geweiht? Laßt mir, ſprach Lieschen meink Thränen, Sein Suͤſſes hat der Liebe Schmerz; Mir treu moͤcht' ich ihn gerne waͤhnen⸗ So ſchließt nach ſich mein treues Herz⸗ Er glaubte von dem Schein betrogen, Mich flatterhaft und ungetreu, Und noch iſt ihm mein Herz gewogen? Denn ach! ihm ſteht die Liebe bey⸗ Wuͤßt er, was ich um ihn erduldet⸗ Gewiß ich flößt' ihm Mitleid ein⸗ Schwer har er ſich an mir verſchuldet; Doch käm er nur, ich will verzeih'n⸗ —— 161 Ach! wenn ihn nichts von meiner Treue,. Und Unſchuld uͤberzeugen kann, Geſchieden und verloſſen weihe Dem Kummer ich mein Leben dann. Beklaget minder meine Schmerzen, Da mir mein einſam Loos gefaͤllt, Waͤr' nicht ſein Bild in meinem Herzen, Was thaͤt ich denn in dieſer Welt* Sie legte ſo viele Ruͤhrung und Wahrheit in den Geſang dieſer einfachen Romanze, daß ich glaubte, Zeilen zu hoͤren, die ſich rechtferti⸗ ge. Mein Auge ſchwamm in Thraͤnen, ich woll⸗ te ihr zu Fuͤſſen fallen. Fällt es Ihnen noch einmal bei, fragte mich die Marquiſin, indem ſie aufſtand, meine Niece mit dem Maͤdchen zu vergleichen, von welcher Sie mir das Portrait zeigten? 5 Zur vollendeten Aehnlichkeit fehlte ihr nichts, als daß ſich ſoviel Verſtand, Talente und Schoͤn⸗ heit nicht bei ihr paarten, wie bei Sophien. Sie hat die Romanze ſelbſt componirt; es iſt ihre wirkliche Geſchichte. Sie iſt ſchwach ge⸗ nug, einen Thoren zu beweinen, der ſie eines Verdachts halber verlaſſen hat, ohne nur zu ihr zu gehen, um Aufklaͤrung zu verlangen., Die Arme! ſie weint. Denken Sie nicht mehr an Das Kind, 2. 162—— den Menſchen; er verdiente Sie nicht. Erzehlen Sie einmal Ihre Geſchichte dem Herrn da, er wird ſeinen Unwillen gegen Ihren unwuͤrdigen Gemahl mit uns theilen⸗ Der Saal war groß, die uͤbrige Geſellchaft der Marquiſin zog ſich ans Ende deſſelben zu⸗ ruk, unter dem Vorwand, ein Spiel zu ma⸗ chen. Ich war allein bei der Dame, welche mein Intereſſe lebhaft fur ſich rege machte. Wie! ſagte ich geruͤhrt zu ihr, iſt es mog⸗ lich, daß es einen Menſchen gebe, der grauſam genug iſt, ihren ſchoͤnen Augen Thraͤnen aus⸗ zupreſſen, ein ſo fein fuͤhlendes Herz ſo ſehr zu beleidigen? Ich klage ihn nicht an; ich denke, es ſeye das meine Beſtimmung; unverdiente Verfolgung des Schikſals. Mein Gatte leidet wahrſcheinlich ſo ſehr als ich; er glaubte, ich ſei ihm untreu. Der Schein war gegen mich. Mir habe ich mei⸗ ne Zurukhaltung vorzuwerfen, die an ſeinem Irr⸗ thum Schuld war. Er traf mich mit einem, ihm unbekannten Menſchen, er ſah, daß ich mit ihm in ein Haus gieng, welches ihm verdaͤchtig vorkommen konnte. Er wußte nicht, daß es mein Bruder war⸗ Man beſpricht ſich aber doch i Die⸗ 6 Menſch iſt ein S Wenn ich Ihnen aber ſein Portrait zeigen duͤrfte, ſo wuͤrden Sie gänſtiger von ihm ur⸗ theilen; Sie wuͤrden eingeſtehen, daß ſolche Zuͤ⸗ ge nicht der Abdruk einer haͤßlichen Seele ſind, und vielleicht fänden Sie mich allein ſchuldig. Befriedigen Sie meine Ungedult. Von wel⸗ chem Stande war er? Er iſt Offizier. Vielleicht kenne ich ihn, ich will ihn aufſu⸗ chen, ich will ihn zuruͤkbringen, er wird unter dem Bewußtſeyn ſeines Lehlers erliegen. Je nun! mein Herr, fuhr ſie fort, und zog mit niedergeſchlagenen Augen das Portrait aus ihrem Buſen, ſo befriedigen Sie dann ihre Neu⸗ gierde, und urtheilen Sie, ob ich Unrecht habe, den Mann zu lieben, deſſen Bild Sie hier ſehen. Das bin ich! rief ich, und ſiel ihr zu Füſſen. Verzeihe mir, Zeila! den vielen Kummer, den ich dir verurſachte. Die Damen, die natürlicherweiſe wenig Auf⸗ merkſamkeit auf ihr Spiel hatten„erwarteten ſehnlich die Aufloͤſung dieſes Auftrittsz ſie ver⸗ lieſſen die Spieltiſche, und umgaben uns. Die Liebe intereſſirt das andere Geſchlecht in jeder Lebensperinde. Ihr von Natur weſchgeſchafenes L2 164— Herz kommt leicht in die lebhafteſte Ruͤhrung bei der Geſchichte einer Ungluklichen, wenn nur Ei⸗ ferſucht nicht mit ins Spiel kommt. Ich ſah wohl, wie ſehr die ganze Geſellſchaft an Zeilen Theil nahm, Sie wußten ihre Geſchichte; ſie lieſſen Sie nicht zu Wort kommen; ſie rechtfer⸗ tigten Sie durch reichliche Lobeserhebungen. Sie erröthete dabei, und mich freute das innig. Es iſt ſo ein ſuͤſſes Gefuͤhl, von ſeiner Geliebten ſo reden zu hoͤren! und wahrhaftig, man konnte von Zeila viel ruͤhmen, ohne z ſchmeicheln. Was iſt Ihr Plan? fragte Madame de l'Aigles Mein Plan? mein Leben der zu widmen, welche ich durch meinen ungerechten Verdacht ſo ſehr peinigte, um meinen Fehler wieder gut zu machen. Ich bin nur gluͤklich, wenn ſie gluͤklich iſt. Ach! ich bin gluklich, ſagte Zeila weinend, dieſer Augenblik verloſcht das Andenken an mei⸗ nen Kummer. Ich konnte dieſen ertragen, aber ich glaube nicht Kräfte genug zu haben, um der Summe von Wonnegefuͤhl nicht zu unterliegen, das mich jezt beſtuͤrmt. Keine Worte vermoͤgen das Gluͤk einer ſol⸗ chen Lage auszudruͤken. Das Herz oͤffnet ſich, man hat keine Wuͤnſche mehr fuͤr ein noch hohe⸗ res Gluk— denn das iſt das hoͤchſte. Solche — Genuͤſſe gewahren kein Reichthum, ſelbſt nicht befriedigter Stolz. Die Marquiſin wollte, daß Zeila bis nach dem Wochenbette bei ihr bleiben ſollte. Wie ſehr wird die Zuneigung zu einer vergotterten Perſon erhoht, wenn der Name Mutter ertont! Ich sitterte vor dem Augenblik, wo Zeila den Schmer⸗ zenstribut der Natur bezahlen ſollte, den ſie dem ſchwaͤcheren Geſchlechte auferlegte! Ich murrte gegen die Vorſehung, daß ich ihr dieſe Laſt nicht abnehmen konnte. Wie freute ich mich, als man mir die Nachricht brachte, daß ich nichts mehr zu hefuͤrchten hätte, als ich das unſchuldige Ge⸗ ſchöͤpf in meine Arme ſchloß, das uns ſein Da⸗ ſeyn verdankte. Ein Kind liebe auch ſeine El⸗ tern noch ſo ſehr, ſo kommt dieſe Liebe doch der Elterlichen Sorgfalt nicht gleich, welche ein gu⸗ ter Vater, und noch mehr eine gefuͤhlvolle tu⸗ gendhafte Mutter fuͤr ihre Kinder hat. Ich glaubte einige Züge Zeilens in meiner Tochter wieder zu finden, ſie glaubte, die mei⸗ nigen darinn zu erbliken; das ſind Erfindungen der Liebe, welche aber die gegenſeitige Zuneigung erhoͤhen. Zeila uͤbergab ihr Kind keinen fremden Haͤnden, ſie wollte nicht, daß es einer andern als ihr zuerſt zulächeln ſollte, eine andere die erſten Liebkoſungen empfangen ſollte. Ich haͤtte es nicht gefordert. Weiber, welche nur den Namen von 166— Muͤttern haben, ſcheint es eine ermuͤdende Laſt. Zeila ſtillte ihr Kind mit Freuden, unterzog ſich gerne der Sorge fur ſeine Erziehung, und das vermehrte meine Achtung fur ſie, und ich hatte ſie um ſo lieber⸗ Zeila benachrichtigte die Aebtiſſin von dem vollkommen gelungenen Plan, den ſie entworfen hatte. Ich bin von Ihnen getrennt, ſchrieb dieſe Freundin zuroͤk— ich wurde ſterben, wenn mir Ihr Gläk in den Armen Ihres Gatten meine maurige Einſamkeit nicht verſuͤßte. Jedermann auſſer der Marquiſin glaubte, Zeila ſey meine Gattin. Man nannte ſie Frau von Sobrant. Ich contrahirte mit ihr ein gehei⸗ mes Chebändniß unter den Augen unſerer lie⸗ benswuͤrdigen Freundin. Ich erwartete den Zeit⸗ punkt zur Ratification, bis ich volhährig wuͤr⸗ de wenn ich die Einwilligung meines Oheims nicht fruͤher erhalten konnte. Davon ſchien er weit entfernt zu ſeyn; er beharrte mehr als je auf ſeinem Vorhaben. Er ſchien ſein ganzes Gläk auf deſſen Ausfuͤhrung zu ſezen. Seine Briefe verurſachten mir unſäglichen Kummer. Ich will ihm Zeila bringen, dachte ich— ich will meine Tochter in ſeine Arme werfen. Er iſt kein Barbar, und wird ſie nicht zuruͤkſtoſſen; bleibt er unerbittlich, ſo leiſte ich gerne auf das Vermdgen Verzicht, das ich von ihm zu erwar⸗ ten hahe. Mein väterliches Erbtheil iſt mehr als hinreichend, meine unabhangigkeit zu be⸗ haupten. Ich war zwei Jahre bei meinem Corps, ohne daß ich je daran dachte, anderswo groſſere Ver⸗ gnuͤgungen aufzuſuchen. Mir war nur wohl bei meinem Weib und Kind. Dir Zeila! verdanke ich eine neue Epiſtenz. Du haſt mich Freuden kennen lernen, von denen ich vorher keine Idee hatte; deine Seele verbreitet Wohlwollen uͤber⸗ all um ſich her, in deiner Nähe muß man tu⸗ gendhaft ſeyn. Ich war leichtſinnig in meiner Ingend; die Liebe, oder vielmehr das, was ich ſo nannte, beherrſchte meine Sinnlichkeit; die feinere Liebe erwekte erſt in mir die ſanften be⸗ gloͤkenden Gefühle. Zeila lehrte mich erſt, mein Vermoͤgen zwekmaͤſſig zu verwenden, ſonſt ver⸗ ſchwendete ich Gold, um eitle Wuͤnſche zu befrie⸗ digen, durch ſie wurde es Rettungsmittel in meinen Haͤnden, fuͤr ſchuldloſe Duͤrftigkeit. Sie wußte mit Auswahl ihre Gutthaten auszutheilen. Wenn Sie eine gute Handlung beſchloſſen hatte, wovon Sie zuerſt den Plan hatte, ſo wußte ſie mich ſo zu uͤberreden, als ob ich zu⸗ erſt auf den Gedanken gekommen waͤre. Ich wurde dadurch mit mir ſelbſt zufriedener; ich empfand den Stolz, welchen das Bewußtſehn des moraliſchen Werths gibt. Ich war auffah⸗ rend, aufbrauſend, ſie war ſanftmuͤthig, gren⸗ 168— zenlos gefällig, mein Charakter gewann durch ſie. Wie viel mußte ſie dulden, bis ich mich ſoweit gebeſſert hatte; dieſes konnte jedoch nur allmaͤh⸗ lig geſchehen⸗ Ich war von Natur zur Eiferſucht geſtimmt, ohne daß ich Grund dazu hatte, ich hatte daher haͤufig die lebhafteſten Anregungen zu dieſer Lei⸗ denſchaft. Ich litt dadurch und wagte es nicht einmal zu bekennen; ich war unwillig uͤber mich, ich ertappte mich ſelbſt ofters ſeufzend. Ich hoͤtte mir dem Zank angefangen, der Zeila nicht für ſchoͤn gehalten haͤtte, und ſagte man ihr das, welches meine Freunde ofters aus Hoflichkeit thun mußten, ſo wurde ich bald feuerroth, bald blaß, und oft war ich auf dem Punkt, gegen Zeila auf⸗ zufahren. Ein Augenblik Nachdenken brachte mich zu mir ſelbſt; aber doch litt ich unaus⸗ ſprechlich, wenn gleich nur voruͤbergehend. Ei⸗ ſerſucht iſt eine ſchrekliche Leidenſchaft! Man bildet ſich das immer ſchon als wirklich ein, was man befuͤrchtet, man rennt mit eben der Sorg⸗ falt ſeinem Ungläk entgegen, wie man bei an⸗ dern Leidenſchaften nach ſeinem Gluk ringt. Ich muß alle meine Fehler eingeſtehen— ich muß mich ganz darſteſlen, wie ich war. Ich wollte meine Gattin auf die Probe ſezen, um beru⸗ higt zu werden. Ich war mit einem jungen Capitaine, unge⸗ 1 v— — 169 fahr von meinem Alter auf dem verkrauteſten Fuß. Er hatte ein hoͤchſt intereſſantes Geſicht. Seine junge Gattin betete ihn an. Erwar gern in Zeilens Geſellſchaft; ſie achteten ſich gegen⸗ ſeitig, und ſahen ſich gerne. Es war die Sym⸗ pathie, welche unter den Liebhabern der ſchoͤnen Juͤnſte gewoͤhnlich ſtatt findet. Sie machten zu⸗ weilen Muſik zuſammen, aber immer in meiner Gegenwart. Ich ſpielte zuweilen auch mit⸗ Mein Freund kam aber nie zu meiner Frau, er wußte denn, daß ich zu Haus warz er gieng wieder, wenn ich nicht zu Haus war. Er hatte meinen Charakter belauſcht; er blieb oft mehrere Tage aus, und kam nicht fruͤher, als bis ich ihn darum bat. Ich war billig gegen ihn, und lobte ſein Benehmen; ich kannte Zeila, aber doch war ich ſchwach genng, ihr ein Verbrechen daraus zu machen, daß ſie Beſuche von einem Manne an⸗ nahm, den ich ihr doch aufdrang⸗ Ich zankte mich einſt mit meinem Freunde, weil er zu lange ausblieb; ich glaubte, es ſteke ein Geheimniß dahinter, ſein Ausbleiben ſey affectirt, und ich folgerte daraus weiter. Zeila war unpaͤßlich; ſie hatte Kopfſchmerzen; ich glaubte ſie träͤume, und ſey betruͤbt; die Eifer⸗ ſucht ſchob dieſe Auslegung unter. Ich ließ in⸗ deſſen kein Wort fallen, welches mich verrathen hätte, und ſagte von allem das Gegentheil, was ich dachte; ich beklagte mich gegen meinen Freund, daß er mich nicht ſo ſehr liebe, als ich ihn. Sie irren ſich mein Freund! gerade, weil ich Sie liebe, gehe ich nicht in ihre Geſellſchaft, ſo angenehm es mir waͤre. Sie beten ihre Gat⸗ tin an„ Oh! ich liebe Sie unausſprechlich.— Und ſie thun ihr doch heimlich ſo Unrecht!— Wie! ich?— Der Charakter der Freundſchaft iſt Freimuͤthigkeit, und ich will Ihnen ſagen, was ich denke. Die Eiferſucht plagt Sie, mein Obriſt. Sie bitten mich, ein Duett mit ihrer Frau zu ſpielen; ſie ſucht es abzulehnen; ich auch; Sie dringen darauf, und wir geben nach⸗ Ich ſehe Sie blaß werden. Sie ſtellen ſich hin⸗ ter Ihre Gattin, ſie kann daher Ihre Bewegun⸗ gen nicht ſehen; ich bemerke ſie, und im Augen⸗ blik bin ich auch entſchloſſen, Ihnen keine Ver⸗ anlaſſung zu dieſem ungerechten Verdacht zu ge⸗ ben, uͤber den Sie ſelbſt erroͤthen. Dieſer Ver⸗ dacht aber macht ſie ungluͤklich, und ich bin ſchul⸗ dig, mein Vergnuͤgen Ihrer Ruhe aufzuopfern. Ich umarmte ihn weinend. Bedauren Sie mich, daß ich von dieſer ſchimpflichen Leidenſchaft verzehrt werde: Lehren Sie mich, ſie zu beſiegen, verlaſſen Sie mich heilen Sie mich, wenn Sie koͤnnen.⸗ Durch welche Mittel— 2 wenn ich Ihnen Vernunftgruͤnde. ——— e—— —„— — F B — 171 Dieſe ſind unzureichend. Was ſoll ich thun? Ich muß eine Probe haben; ich erroͤthe, in⸗ dem ich Ihnen meine Wuͤnſche darbringe: ich wa⸗ ge kaum mehr, Sie anzuſehen. Freundſchaft iſt nachſichtig; ſeyn Sie mitleidig gegen meine Quaal, und erlauben Sie mir, Sie um etwas zu bitten, das ich von Ihrer Gefaͤlligkeit erwarte⸗ Reden Sie! Ihr laͤngeres Stillſchweigen be⸗ leidigt mich⸗ Nun! ich will das ſchimpfliche Vekenntniß ablegen— ja! ich bin eiferſuͤchtig⸗ Das weiß ich! und Sie, Freund! Sie ſolken— Sie ſehen meine Schaamroͤthe, meine Verlegenheit, meine Verwirrung. Koͤnnte Zeila untreu werden, ſo waͤren Sie es allein, welcher ſie vermoͤgen koͤnnte, Ihre Pflicht hintanzuſezen; Ihre Tugenden, Ta⸗ lente, Wiz, Ihr einnehmendes Weſen, wuͤrde Sie allerdings entſchuldigen⸗ Sie hat gewiß von all dem nichts bemerkt; ich wette. Für Sie giebt es nur einen Mann auf der Welt, und der ſind Sie. Wenn ich das nicht ſelbſt glaubte, ſo wuͤrde ich ſterben. 172—— Was brauchen Sie mehr Gewißheit? Die Ueberzeugung, daß ſie Sie liebe⸗ Oh! Dafuͤr ſtehe ich⸗ Je nun! Sie iſt gegenwaͤrtig allein im Gar⸗ ten, und liest; Gehen Sie zu ihr. Ich verſtehe Sie. Dieſe Probe iſt etwas in⸗ fames. Das ſcheint Ihnen ſo, weil Sie am Erfolg zweiflen. Dieſes Wort beſtimmt mich. Ich wrde nicht ſo beſtimmt geſprochen haben, wenn ich Zeila nicht kennte. Ich verliere aber ihre Achtung. Aber Sie geben mir meine Ruhe, mein Gluͤk wieder..„ Mein Freund zauderte noch; ich war ſo hef⸗ tig bewegt, daß er nicht mehr wagte, meinem lächerlichen Willen auszuweichen, und wofuͤr ich verdient haͤtte, geſtraft zu werden. Er mußte mir ſein Ehrenwort geben, alle moͤgliche Kunſt bei Zeila anzuwenden. Er thats, das hoͤchſte, was ein Freund thun kann. Ich gieng vor ihm in den Garten, und verſtekte mich leiſe hinter ein Gebuͤſch, wo ich alles ſehen und hoͤren konnte. In meinem Wahnſinn dach⸗ te ich gar nicht daran, wie entehrend dieſer Schritt nt ſp es wi 8 zu zu we wl e r 9 * la te n tt —— —,— 173 fuͤr meine Gattin war; aber mein Verdacht qual⸗ te mich unaufhoͤrlich, ich glaubte, es wuͤrde mir beſſer, wenn ich aus dieſer Ungewißheit geriſſen wuͤrde. Mein Freund kam endlich, ich befuͤrchtete, er werde nicht Wort halten. Zeila ſchien über ſei⸗ ne Ankunft zu erſchreken; ich zitterte. Anfangs ſprach er von gleichguͤltigen Dingen; bald aber wagte er einige Schmeicheleien. Zeilens ſcharfer Ton würde ihn der Sprache beraubt haben, wenn es es ihm Ernſt mit ſeinen Antraͤgen geweſen wäͤre. Ihre Zuruͤkhaltung machte ihn kuͤhner. Zeila wollte ihn mit Verachtung behandeln; er wird nur um ſo keker. Sie wollte entfliehen, er hielt ſie zuruͤt. Je mehr Zeila litt, deſto mehr freute mich das. Der Widerſtand entzukte meinen Freund, er wagte noch mehr, um die Tugend meiner Gattin in ihr volles Licht zu ſe⸗ zen. Es gelang ihm endlich, ſie in Zorn zu bringenz zum erſtenmal hoͤrte ich ſie heftig reden. Sie aͤuſſerte laut ihren Unwillen uͤber das Be⸗ nehmen eines Menſchen, der mein Freund ſeyn wolle, und ſagte ihm, wie ſehr ſie mich liebe. Sintré„ſo hieß der Capitaine, fiel ihr endlich zu Fuͤßen und bat, mir doch den Vorfall nicht zu entdeken, und ſchwur, daß er ſie ewig lieben werde. Jezt zeigte ich mich: Mein Freund, der wohl denken mochte, daß meine Frau vor mei⸗ nem Zorn nichts zu befuͤrchten hatte, gieng da⸗ von, und ließ mich allein mit ihr⸗ Ich hatte hochſt Urſache, mit geilenz Betra⸗ gen zufrieden zu ſeyn, ich war von meinem Ver⸗ dacht geheilt, ich haͤtte ihr billig zu Fuͤſſen fallen ſollen. Eine falſche Schaam hielt mich zuruͤk; mein Herz war ruhig, ich machte aber eine ernſthafte Miene. Zeila zitterte, ſie kannte mich, und fürchtete meine Heftigkeit. Sie erwartete, was ich ſagen wuͤrde. Sollte ich Sie im Verdacht gehabt haben, daß Sie mit Sintré einverſtanden geweſen ſey? Ihre Lage war ſchreklich— Sie konnte ſich nur durch eine Anklage meines Freun⸗ des rechtfertigen, wodurch das Leben des einen oder des andern Sitte gefährdet werden können⸗ Sie fuͤrchtete beides, reden oder ſchweigen. Ein Fehler zieht immer einen andern nach ſich. Ich hatte ihre Tugend auf die Probe ge⸗ ſezt, jezt wollte ich noch ihre Geduld probiren. Wie iſt es moglich, ohne laſterhaft zu ſeyn, die zu quälen, die man mehr liebt, als ſein Leben⸗ Auf welche abſcheuliche Irrwege geraͤth ofters der Menſch? Ich gieng auf und ab, ohne ſie anzuſehen, ich nahm eine nachdenkende ernſthaf⸗ te Miene an; auf einmal rufe ich einen Bedien⸗ ten. Laſſe die Pferde anſpannen! Es geſchahe. Ich befahl dem Kutſcher geheimnißvoll, Mez zn e —„ 1 175 zu fahren. Steigen Sie ein, Madame, ſagte ich zu Zeila; ſie wagte nicht, mich anzuſchauen. Ich ſezte mich neben ſie. Wir gehen ins Ur⸗ ſeliner Kloſter ſagte ich zu ihr, nach Pont-a Mousson. Ich wußte nicht, ob es dort eines gab. Wir muͤſſen uns trennen, da Sie mich nicht mehr lieben. Ich Sie nicht mehr lieben? Ausreden helfen nichts, ich weiß, was ich ge⸗ ſehen habe, das iſt mir genug. Und meine Tochter? Ich behalte ſie— ich will fuͤr ſie ſorgen. Mein Herr! Sie wollen mir Ihr Herz ent⸗ ziehen, ſie erlauben mir nicht, daß ich mich rechtfertige, ich muß Ihnen gehor chen„ich muß leiden, ohne zu klagenz aber berlaſſen Sie mir die Sorge fuͤr dieſes Geſchoͤpf bis dahin, wo Sie es ohne Gefahr fremden Händen anvertrauen koͤnnen. Sie lieben Ihr Kind; es muß eine Amme haben; wo finden Sie aber eine, die es mehr liebte, äls ich? Fragen Sie darnach nicht, ob ich es wuͤnſche: Bedenken Sie allein das Wohl des unſchuldigen Kindes, das keinen Theil an meinen Fehlern hat. Sie halten mich für ſchuldig; mein Kind iſt es doch nicht. Strafen Sie es nicht dafuͤr, daß ich eb geboren habe, bedenken Sie, daß Sie Vater ſind„ Sie weinte bitterlich, ſchluchzte: es zerriß mir das Herz, ich konnte ſie nicht mehr anſehen⸗ Die Vernunft hatte wieder ihr Recht uber mei⸗ ne Sinnen gewonnen, ich warf mir mein Un⸗ recht vor, ich ſchaͤmte mich, es zu bekennen, und ich ſchwieg. Wie ſehr wurde ich durch die ſeidende Geduld meiner Gattin beſchaͤmt! Der Wagen gieng ſtark vorwarts. Befehlen Sie doch dem Kutſcher, mein Herr! daß er nicht ſo ſchnell fahre.— Warum?— Ich ſehe Sie zum leztenmale. Der Augenblik unſerer Trennung kommt immer noch zu fruͤhe, die ohnediß mei⸗ nen Tod zur Folge haben wird⸗ Dieſe Bitte brachte ſie mit einem ſo jammervollen Accent vor, daß ich ganz zu Boden geſchlagen wurde. Ich ſturzte zu ihren Fuſſen, ich geſtand ihr alles, klagte mich ſelbſt wegen meiner Eiferſucht an, die für eine tugendhafte Gattin ſo beleidigend war. Keine Rechtfertigung, ſagte ſie— ich ha⸗ be Ihr Herz wieder, mein Kummer iſt ver⸗ ſchwunden.— Oh! Mein Herz war immer dein; die Stärke meiner Liebe machte mich zum Verbrecher. Ich ſchwore jezt meine Eiferſucht zu laſſen⸗ Ich wäre ebenfalls eiferſüchtig, wenn ich dich bei einer andern ſaͤhe. Deine Liebe iſi — — 177 mein Leben, ich wuͤrde ſterben, wenn ich dir gleichgälti wuͤrde. Oh! meine Zeila! um vieles biſt du deſer als ich. Zu deinen Fuͤſſen beſchwore ichs aber, dich für die Zukunft in mein Herz bliken zu laſſen. Wenn noch einmal ein ſo ſchimpflicher Verdacht ſich meiner bemaͤchtigen will, ſo will ich meine Beſorgniſſe in deinen Schoos ausſchuͤt⸗ ten. Bedaure mich, daß ich manchmal ungerecht gegen meinen Willen bin, aber haſſe mich nicht. — Schreibe mir nur vor, was ich thun ſoll? — Ach! ich habe dir nichts vorzuſchreiben, ich will zukuͤnftig deine kleinſte Wuͤnſche erlauren, und ſie erfuͤllen. Wenn ich blos meiner Eigenliebe gefolgt waͤre, ſo hatte ich dieſe doppelte Probe, die mir ſo wenig Ehre macht, nicht erzehlt; wenn aber ich dadurch an Achtung beim Leſer verliere, ſo gewinnt Zeila ſoviel, und ich wollte, daß ihr die ganze Welt die Achtung zollte, die ich ihr gern zolle. Die Reue uͤber meinen Fehler machte einen tiefen Eindruk auf mich. Ich wachte jezt uͤber meine wilde Leidenſchaften, ich ſuchte ſie zu bezwingen, und bald gelang es mir auch.— Mein Band mit Sintré, und ſeiner tugendhaf⸗ ten Gattin wurde enger; Sie dachte ganz gleich mit Zeila; wir verlebten ganze Tage zuſammen, Das Kind, 2. M — — ——————— 78— und wir waren wahrhaftig die vier gluͤklichſten Perſonen der Erde. Die Briefe meines Oheims allein machten mir Kummer; er drang in mich, zu ihm zu kommen, um mich der vorzuſtellen, die er fuͤr mich beſtimmt hatte. Vergebens ſtellte ich ihm vor, daß ich keine Luſt zu heirathen habe, er antwortete gar nicht auf meine Gruͤnde. Er befahl mir als Herr, mich ſeinem Willen zu unterwerfen. Ich wagte ihm in einer Antwort auf ein Schreiben, das dringender war als alle andere, geradezu zu geſtehen, daß ich nicht mehr uͤber mein Herz dièponiren könne. Ich entwarf ihm ein ruͤhrendes Gemälde von der, die ich mir erkohren hatte, verſchwieg ihm aber das ge⸗ knuͤpfte Buͤndniß. Er ſchrieb mir einen Brief voll Drohungen, worin er mir befahl, ſogleich abzureiſen. Ich glaubte, die Gegenwart geilens werde hald die äble Meinung verlöſchen, die er von ihr hatte, ohne ſie zu kennen. Er glaubte, ich haͤtte mich von einer Abentheurerin fangen laſ⸗ ſen.—„Ein Maͤdchen ohne Vermoͤgen konnte ſich blos aus Intereſſe an Sie haͤngen“— ſo ſchrieb er. Er willigte darein, daß ich ihr ein gutes Loos bereite, aber der Gedanke an eine Verbindung mit ihr revoltirte ihn⸗ — 179 Ich verbarg Zeila dieſe Correſpondenz. Es koſtete mich viel, oͤfters freundlich gegen Sie zu ſeyn, wenn ich den Tod im Buſen trug. Ich fuͤhrt⸗ ſte nach Marſeille, ohne Sie vom wahren Grund unſerer Reiſe zu unterrichten; ich gab Familienangelegenheiten vor. Ich ließ ſie in einem Gaſthof, und gieng allein auf das Eut zu meinem Oheim. Seine Anrede war rauh⸗ Kommen Sie in der Abſicht mir zu gehorchen? fragte er.— Ich bin zu offen, um Ihnen etwas anders ſagen zu koͤnnen, als daß ich liebe, und fuͤr mein ganzes Leben liebe.— Nehmen Sie keinen ſo nachdruklichen Ton an, denn ich laſſe mich nicht umſtimmen. Sig wiſſen, daß mich auf der Welt nichts beſtimmen kann, einen ge⸗ faßten Plan aufzugeben⸗ Ich wäre Ihrer unwuͤrdig, wenn ich die er⸗ habenſten Schwoͤre brechen, wenn ich ein ſo reſpektables Weſen verlaſſen konnte. Sie werden ſie doch verlaſſen. Nie! lieber Oheim! Ich werde Sie zu zwingen wiſſen. Sehen Sie nur Zeila. Um dieſe einzige Gnade bitte ich zu Ihren Fuͤſſen, nehmen Sie Zeit, ſo viel Sie wollen, Sie kennen zu lernen⸗ Pruͤfen Sie ihr Herz und Charakter, ſeyn Sie M 2 180— ſtrenger Richter aller ihrer Handlungen und ih⸗ rer Grundſäze. Finden Sie an ihr die mindeſte Unvollkommenheit, wenn Sie nicht von ihrem Verſtand, ihrer Sanftmuth, ihrer Denkart be⸗ zaubert werden, ſo ſchwoͤre ich Ihnen von ihr zu laſſen, und alles zu thun, was Sie verlan⸗ gen⸗ Ich unterhandle nicht, wo ich befehlen kann. Sie ſind mein Oheim, aber ich bin nicht Ihr Sklave. Ich bin Ihnen Reſpect ſchuldig, aber mein Gluͤk Ihnen aufzuopfern, bin ich nicht ſchuldig. Sie weigern ſich noch⸗ Ungerne⸗ Bedenken Sie, daß Sie noch nicht volljäh⸗ rig ſind⸗ Ich kann warten, bis ichs bin⸗ Daß ich Vaterrechte uͤber Sie habe.„ Aber nicht, um mich zu tyranniſiren. Daß ich Ihnen Ihre Zeila entfuͤhren laſſen kann. Huͤten Sie ſich, das zu thun⸗ Verwegener! Sie drohen? Ich werde meine Gattin vertheidigen⸗ . Ihre Gattin 2 Ja! Sie iſts. Ich werde dieſe Ehe vernichten. Ich werde ſie von neuem eingehen, wenn es die Geſeze erlauben. So lange ich lebe, nicht! J. ſo ſterben Sie ja bald. Dieſe Antwort entwiſchte mir gegen meinen Willen; aus meinem Herzen kam ſie nicht. Meine Lebhaftigkeit war exaltirt; ich war nicht mehr ſo ſehr Herr uͤber mich. Ich vergaß den ſchuldigen Reſpekt, den ich nie haͤtte aus den Au⸗ gen ſezen ſollen. Ich ſagte noch mehr dummes Seug. Mein Oheim eben ſo wuͤthend als ich, überließ ſich ganz ſeiner Leidenſchaft. Ich war ganz auſſer mir, ſahe und hoͤrte nicht mehr, Kleider und Haare waren in Unordnung; ich irrte eine Viertelſtunde in dem Hauſe herum, und konnte den Ausgang nicht mehr finden. Zorn druͤkte ſich in allen meinen Bewegungen aus, mein Mund drohte. Seine Leute wollten mit mir reden, ich ſtieß ſie zuruͤk, und wahr⸗ ſcheinlich mißhandelte ich ſie. Ich kam nach Marſeille zuruͤkz das Fieber trieb mein Blut heftig. Zeila erſchrak uͤber meinen Zuſtand, ich ſchloß ſie in meine Arme. Meine Gattin mir entreiſſen wollen, rief ich verzweiflend! Das ſoll er wagen, der Barbar! Er ſoll erfahren, ob ich mich ungeſtraft beleidigen ſaſſe Die Criſis war zu ſtark, ich mußte unterliegen. Ich hatte Convulſionen, und fantaſirte, man holte Aerzte. Ich bedurfte Troſt, und ſie verordne⸗ ten mir Arzneien: ſie machten mich erſt krank⸗ Zeila allein konnte mich beruhigen, man nahm ſie mir von der Seite, als die einzige Urſache meiner Krankheit. Vergebens verlangte ich ſie zu mir: ich ſahe ſie nicht mehr. Ich wollte mei⸗ nen Waͤchtern entfliehen, man feſſelte mich in mein Bette. Wenn ich nicht ganz wahnſinnig wurde, ſo war es die Schuld dieſer Stuͤmper nicht, deren ganze Kunſt in einem Woͤrtergepraͤn⸗ ge beſteht, die ſie nicht verſtehen, und in einem hergebrachten Schlendrian. Unter dieſer Klaſſe findet man 100 Charlatans gegen einen geſchik⸗ ten Mann. Der geſchikte Arzt hullt ſich in ſeine Beſcheidenheit; der Moͤrder ſchlagt Laͤrmen, und zu dem laͤuft man. Solchen Leuten wurde ich anvertraut. Eines Tages hörte ich Zeilens Stimme, die mir um Huͤlfe rief. Man behauptete mir, daß ich mich irre. Man verſprach mir, ſie zu mir zu laſſen, wenn ich ruhiger ſeyn wuͤrde. Dieſe Hoffnung erhielt noch meine Vernunft. Ich er⸗ hielt den volilgen Gebrauch derſelben nach Mo⸗ —„ — natfriſt, aber wahrlich, nur um noch ungluͤklicher zu werden. Mein Kammerdiener wurde mir an⸗ faͤnglich weggenominen, endlich erhielt er die Er⸗ laubniß, mich zu beſorgen. Er ließ ſich durch meine Thraͤnen ruͤhren, und ſagte mir, daß mein Oheim Zeila habe entfuͤhren laſſen, daß ich ſelbſt im Arreſt ſei, daß mein Oheim mich angeklagt habe, ich habe ihn ermorden wollen. Man ſuch⸗ te ihn zu vergiften, ſagte er mir; er war ſehr uͤbel daran, und auf Sie hat er dieſen Verdacht geworfen. Er erhielt einen Verhaftsbefehl; in Ihrem Vorzimmor ſind Wachen, andere ſind im Hofe unter Ihren Fenſtern. Die Aerzte erklaͤr⸗ ten, daß Sie jezt wohl die Reiſe ertragen koͤnn⸗ ten, und dieſe Nacht werden Sie fortgefuͤhrt. Wohin? weiß ich nicht. Verzeihen Sie, daß ich Ihnen etwas entdeke, das ich Ihnen aber doch auch nicht verſchweigen konnte. Ueberlaſſen Sie ſich nur Ihrem Kummer nicht. Wenn ich mei⸗ nem Hang gefolgt waͤre, ſo wuͤrde ich Sie in die Gefangenſchaft begleiten; ich glaubte aber, ich wurde Ihnen mehr nuͤzen, wenn ich frei wa⸗ re. Ich werde den Aufenthalt Ihrer Gattin ent⸗ deken, ich wer de leichter erfahren, wo man Sie hinfuͤhren wird. Ich kann Sie vielleicht be⸗ freien; ich habe Ihr Geld genommen, und habe einen Theil davon verborgenz ſo habe ich auch Ihren Schmuk unter die Kleider geſtekt, die man Ihnen ließ. Das ſind Mittel, Ihre Wäch⸗ 184 ter zu beſtechen. Ich von meiner Seite will Liſt oder Verfuͤhrung gebrauchen; mein Plan muß mir gelingen, ich laſſe mein Leben dafuͤr. Ich hoͤrte ihn verwundert an, aber antwortete nichts⸗ Die heftigen Mittel, die man mir gegeben hatte, hatten mich geſchwaͤcht, ich hatte keine Energie mehr. Meine Gedanken waren unſtaͤt; die Hoͤhe meines ungläks hatte meine ab⸗ geſtumpft⸗ Man fuͤhrte mich in dle Si Ham. In tiefſten Schmerz verſunken, redete ich kein Wort unterwegs. Ich erinnerte mich jedoch, daß ich ſchonend von den Wächtern behandelt wurde, welche fur mich verantwortlich gemacht wurden. Man gab mir eine bequeme Wohnung; ich war gut bedient, aber alles war mir gleichguͤltig. Mehrere Monate lang überließ ich mich der tief⸗ ſten Melancholie. Das Vergangene war mir wie ein Traum, deſſen Andenken mich nieder⸗ druͤkte. Ich hätte Muͤhe gehabt, die urſache meines Kummers anzugeben. Ich war ungläk⸗ lich und wußte nicht, warum? Ich lag ganze Tage unter meinem Fenſter, und ſahe hinaus, ohne etwas zu ſehen. Ich wurde indeſſen wie⸗ der ſtark; ich fuͤhlte, daß meine Kraͤfte wieder⸗ kehrten; ich verſuchte ſie ohne weitere Abſicht gegen meine Feſſeln⸗ Eines Abends ſahe ich die Gattin des Gour verneurs im Hof. Sie hatte in Ihrer Kleidung einige Aehnlichkeit mit Zeila. Ich ſchrie laut auf, meine Thraͤnen floſſen. Dieſe Criſe war mir heilſam, ich berſah mein ganzes Ungluͤk. Ich rief Zeila mit Namen, ich erinnerte mich jezt alles deſſen, was vergangen war, bis auf die Entdekung, welche mir mein Kammerdiener ge⸗ macht hatte. Ich fand jezt, daß ich den Ge⸗ brauch meiner Sinne verloren hatte, ich fuͤrch⸗ tete einen Ruͤkfall; ich hatte Muth, meinen Kummer zu zerſtreuen. Bis dahin hatte ich keine Frage beantwortet, welche der Kerkermeiſter oder der Gouverneur an mich gemacht hatten, welch lezterer oft zu mir kam. Als man mir mein Nachteſſen brachte, ſo bat ich den Menſchen, der es mir brachte, mir Buͤcher, eine Violine und Muſikalien zu verſchaffen. Er ſagte, daß ers dem Gouverneur ſagen wolle. Gleich nachher kam er ſelbſt. Er redete mich gutig an; ſein Anblik gefiel mir, er unterhielt ſich mit mir. Die Unterhaltung fiel auf gleich⸗ guͤltige Dinge. Ich vermied alles- das auf meine Perſon Bezug haben konnte. Er blieb lange bei mir, er verſprach mir oft zu kommen, er erlaubte mir, was er erlauben konnte. Er war Muſiker— wir ſpielten Duette, wir rede⸗ ten von den Kuͤnſten, von Muſik, von der Dicht⸗ 180— kunſt, vom Theater. Er war ein gelehrter Monn, ſein Umgang gefiel mir. Er lieh mir Buͤcher; ich forderte immer die luſtigſten. Ich kämpfte beſtändig gegen meine gluͤhende Cinbil⸗ dungskraft, die mir beſtaͤndig die Zeugen meines Gluͤks vormalte, jene Stellen, wo meine Tage ſo friedfertig in der Naͤhe Zeilens und meiner Tochter dahinfloſſen. Ich wollte ſie nicht ver⸗ geſſen, ich fuͤhlte, daß mir das unmöglich warz ich verſchloß aber meinen Schmerz. Wenn ich mich dieſen Gedanken eine Zeitlang uͤberließ, ſo wurden meine Gedanken verwirrter, ich that mir als dann alle Gewalt an, dieſe duͤſtere Gedanken zu entfernen. Dem Gouverneur entdekte ich meinen Zu⸗ ſtand; ſeine Behandlung wurde noch ſchonender. Seine Frau war ſehr liebenswuͤrdig, obgleich nicht mehr jung; auch ſie kam dfters, mir Ge⸗ ſellſchaft zu leiſten. Kurz nach ſechs Monaten war ich vollkommen hergeſtellt. Ich redete von meiner Gattin, ich ſprach ſehr zaͤrtlich von ihr, ohne in jene duͤſtere Gedanken zuruͤkzufallen, die mir den voͤlligen Verluſt meiner Vernunft droh⸗ ten. Das Verbrechen, deſſen mich mein Oheim beſchuldigte, empoͤrte mein ganzes Gefuͤhl. Er bezahlte puͤnktlich mein Koſtgeld, ohne aber je nach mir zu fragen. Der Gouverneur ſchrieb ihm, um ihn fuͤr mich zu gewinnenz er war ————— —— N— 8— 1 W * W*— W V* ——.————— ——————— ——— 137 unwillig uͤber die Haͤrte meines Oheims. Er hielt mich aber fur ſchuldig, und davon konnte man ihn nicht abbringen. Er ſoll mich fuͤr den Richtſtuhl ſtellen, ſagte ich unwillig, dort wird man doch meine Stimme hoͤrenz man wird mei⸗ ne unſchuld anerkennen. Was iſt das fuͤr eine Willkuͤhr, mich der Strafe zu entziehen, wenn ich ſie verdiene, und bin ich unſchuldig, mich von Weib und Kind zu entfernen. Es giebt Ee⸗ aber der Unterdruͤkte flehet ſie verge⸗ bens an; der mächtige ſezt ſich daruͤber hinweg, alles beugt ſich vor Willkuhr. Im Namen des Koͤnigs, der nichts davon weiß, ſpielen die Miniſter mit dem heiligſten was die Menſchen haben. Sie brechen den geſellſchaftlichen Ver⸗ trag entweder aus Caprice, oder Eigennuz. Und das dulden die Voͤlker! ihre Arme zerbrechen nicht die unzäͤhlige Gefaͤngniſſe, wo der Recht⸗ ſchaffene von der ganzen Natur verlaſſen ſeufzt, wo der Verbrecher auf neue Verbrechen ſinnt, und vielleicht ſeine Feſſeln zum Nachtheil ſeines Zeitalters zerbricht. Mein Schikſal ruͤhrte die Gattin des Gouver⸗ neurs. Oh! liebenswuͤrdige Weiber! Ich fand euch beinahe alle gut, und zart fuͤhlend. Die ſtolzen Maͤnner! haͤtten ſie dieſe Tugenden, wel⸗ che euch charakteriſiren! Schoͤne Haͤlfte des menſchlichen Geſchlechts, der Himmel ſchuf euch, um unſere Rohheit zu mildern. Von der Wie⸗ ge bis zum Grab ſeyd ihr unſere Troͤſter, und unſere Freunde. Wenn ich kein boͤſer Menſch bin, und meine heftige Leidenſchaften, die ich von Natur oder durch falſche Erziehung hatte, wenn meine rauhe Sitten, mein Charakter abge⸗ ſchliffen, gemildert ſind, ſo habe ich es euch, eurem Beiſpiel, eurer Liebenswuͤrdigkeit allein zu verdanken⸗ Einſt hoͤrte ich in der Nacht meine Thüre öff⸗ nen; ich ſchlief nicht; ich träumte uͤber meine Gefangenſchaft, deren Ende ich nicht ſahe. Ich wußte nicht, was ich aus dieſem unerwarteten Beſuch machen ſollte. Fuͤrchten Sie nichts, hörte ich eine Stimme; die Perſon trug eine Laterne, die mein Zimmer erleuchtete, Fuͤrchten Sie nichts— ich bius— ich will Sie retten.— Ich erkannte die Gattin des Gouverneurs. Kleiden Sie ſich ſchnell an— die Augenblike ſind koſtbar. Ich habe den Dop⸗ pelſchluͤſſel zu Ihrem Zimmer gefunden, den man verloren glaubte; mein Mann ſchlaͤft, die Gefangenwaͤchter gleichfalls, der Augenblik be⸗ unſtigt Sie. An dieſer Strikleiter werden Sie ohne Gefahr hinunter laſſen koͤnnen, wo ich fuͤhren will. Nehmen Sie dieſes Geld— Dafur danke ich Ihnen, großmuͤthige Rette⸗ ——* 8 — ——* 189 rin, ich habe welches—: Sehen Sie—— Ich zeigte ihr das, welches mein Kammerdie⸗ ner in meine Kleider verborgen hatte; ich habe auch Diamanten von groſſem Werth. Aber Sie — Madame ſezen ſich offenbarer Gefahr aus. Keiner oder nur geringer. Mein Mann kann ſeine Stelle verlieren, und das wuͤnſche ich. Ich nahm erſt ein betraͤchtliches Erbe ein, welches uns der Nothwendigkeit eines ſolchen Poſtens enthebt, und ehe wir nun dieſen Plaz verlaſſen, wollte ich einen Ungluͤklichen befreien, der mich intereſſirt.— Ich ſiel ihr zu Fuͤſſen.— Meine Belohnung, ſagte ſie, finde ich in dem Vergnuͤ⸗ gen, Sie gerettet zu haben, folgen Sie mir jezt. Wenn Sie fort ſind, ſo will ich mit die⸗ ſem Inſtrument ein Loch um den Riegel herum machen, ſo daß man alsdann glauben muß, ſie hätten ſich ſelbſt befreit—. Das geht uͤber Ihre Kraͤfte— „ Mein Herz macht mich ſtark genug. Ihres Straͤnbens ungeachtet uͤbernahm ich die⸗ ſe Arbeit; in einer kleinen halben Stunde hatte ich mit einem Wendelbohrer das Stuͤk Holz herausgenommen, an welchem der Riegel befe⸗ ſtigt war. Meine Retterin fuͤhrte mich im Fin⸗ ſtern in aller Stille fort; wir machten mehrere umwege uͤber lange Gaͤnge, bis wir auf eine Art Altane kamen. Sie hieng die Strikleiter in einen eiſernen Haken, den ſie vorher zu dem Zwek hatte dahin machen laſſen. Sie umarmte mich zoͤrtlich, ich ſchloß ſie in meine Arme; ſie riß ſich ſanft los— fliehen Sie, ſagte ſie, ich werde nicht eher ruhig ſehn, als bis Sie aus dieſem traurigen Orte ſind⸗ Ich ſtieg ſehr hoch hinunter, und endlich kam ich auf die Erde. Dieſe mitleidige Dame rief mir noch einmal ein Lebewohl nach. Sie zog die Strikleiter wieder an ſich, und ver⸗ um aus dem Graben zu kommen, gieng ich den von ihr bezeichneten Weg. Bald war ich auf freiem Feld. Die Witterung war kalt und feucht. Es war kaum 12 Uhr vorbei, es war noch ſtokfinſter, die Stille auf der ganzen Natur ſchauerlich. Doch zog ich die rauhe Witterung, und die Wäſte, wo ich mir zu ſeyn ſchiene allen den Bequemlichkeiten tauſendmal vor, die ich in meinem Gefaͤngniß hatte. Ich litt nichts; ich war frei, der Horizont war fuͤr mich nicht mehr begrenzt, meine Augen weideten ſich an dem weiten Raum. Meine Häͤnde tappten nicht mehr an jenen dichten Mauren und Eiſenſtangen her⸗ um, welche einem Gefangenen ſeine Unmacht ſo ſehr fühlbar machen. Ich befand mich auf einer breiten Straſſe, ich gieng darauf forf, ohne er⸗ — 101 muͤdet zu werden. Ich kam drrch einige Dör⸗ fer; alles war in tiefem Schlaf, ich wachte, um mein Gluͤk zu fuͤhlen. Bei Tages Anbruch ſahe ich einen Poſtwagen aus einem HGaſthof herauskommen; ich fragte den Condukteur, ob er noch einen Plaz habe. Recht gerne! Sie wollen nach Amiens?— Gerade dahin.— So ſteigen Sie ein, die Geſellſchaft wird Ihnen we⸗ nigſtens nicht beſchwerlich fallen, denn Sie ſind ganz allein darinn. Ich war uͤber dieſen Zufoll nicht unwillig, ich hatte genug mit mit ſelbſt zu thun, konnte alſo wohl Geſellſchaft entbehren⸗ Ich kam noch denſelben Abend in der Haupt⸗ ſtadt der Picardie an; ich blieb nicht in dem Gaſt⸗ hof, wo der Poſtwagen hielt; ich gieng in einen andern. Ich ließ ſogleich einen Schneider kom⸗ men, um mir andere Kleider machen zu laſſen⸗ Meine Uniform konnte zu ſehr auffallen. J verſchaffte mir Weißzeug, und eine Poſichaiſe. Ich war entſchloſſen nach Nancy zu reiſen, Zeila haͤtte unterdeſſen an Madame de[Aigle, an meinen Hausherrn, an die Aebtiſſin von Verdun geſchrieben haben koͤnnen. Dieſer Weg war in⸗ deſſen leider! vergebens, mein Hauswirth war ven Nancy weggezogen, Madame de l'Aigle war in Paris, die Aebtiſſin war tod. Wo ſollte ich hin um meine Gattin zu finden? Auch Sie wird anter der Barbarei meines Oheims ſeufzen, er 1 3 . wird ſie eben ſo wenig geſchont haben als mich. Sie ſeufzt in einem Gefaͤngniß, mitten unter den Opfern des Elends und der Ausſchweifun⸗ gen. Oh! ich werde ſie finden, ſie mag ſeyn, wo ſie will, ich will ſie befreien. Ich wollte meine Nachſuchung in der Hauptſtadt anfangen⸗ Ich hatte noch 100,000 Franken an Gold und 5 Geſchmuk; ich konnte lang davon leben, ohne aß ich Unterſtuͤz: ung von meinen Freunden nd⸗ gehabt haͤtte. Ich wollte mich Niemand an⸗ vertrauen, meine Sicherheit forderte, daß ich bleibe. Ich nahm einen andern Na⸗ men an. Man forderte damals Perſonen keinen 3e ab, die mit einigem Aufwand reiſeten, und ich war auch hinreichend verkleidet, um nicht gleich durch die Beſchreibung in Stekbriefen er⸗ kannt zu werden. Ich erinnerte mich der gefälligen Madame Locke. Ich gieng lieber zu ihr, als zu meinem Freund Duprat, wo ich mehr geſehen werden konnte. Die alte Frau empfieng mich mit ihner natuͤrlichen Herzlichkeit. Da ſie von Paris ge⸗ buͤrtig war, ſo glaubte ich, ſie werde mir ſehr in meinen Nachſuchungen behuͤlſlich ſeyn können. Ich betrog mich auch nicht. Sie vergoſt Thraͤ⸗ nen, als ich ihr meine Begebenheiten erzehlte; ſie war auch ſehr leicht zu ruͤhren.— Sie ha⸗ ben mich vergeſſen, ſagte ſie, als Sie ein großer „ Herr waren; ſie kommen blos zu mir, wenn ſie im Ungluͤk ſind, das beweißt doch, daß Sie mir Gerechtigkeit wiederfahren laſſen. Wenn Seila in Paris iſt, ſo werde ich es erfahren;z denn ich kenne jedermann; ich weiß mich uͤberall einzuſchleichen. Man weiß ſchon, daß ich gerne plaudere, meine Fragen werden daher auch nicht auffallen. Ich mache ſoviel Fragen auf einmal, daß man nicht weiß, welche ich eigentlich beantwor⸗ tet wiſſen wollte. Einige Franken muͤſſen ſie daran wenden fuͤr Fiakers. Paris iſt groß, und ich bin nicht mehr in meinen 20 Jahren.— Oh! ſparen Sie nichts, meine Freundin, und glauben Sie, daß ich ihre Sorgfalt zu belohnen wiſſen werde⸗ — Reden Sie nichts davonz wenn ich wuͤßte, daß Sie meine Dienſte kaufen wollten, ſo wurde ich Ihnen keine leiſten. Ich verlange blos Ihre Freundſchaft fur meine Belohnung.— Ich huͤtete mich wohl, Ihrem Gefuͤhl zu nahe zu treten; ich umarmte ſie. Jezt bin ich bezahlt, ſagte ſie — Adieu! ich gehe, verlaſſen Sie ſich auf mich. Ich nahm das Zimmer wieder ein, welches ich vorher ſchon einmal bewohnt hatte. Ich hoͤr⸗ te die Stimme eines Zeitungsausrufers, der das Todesurtheil eines groſſen Verbrechers ausriefz ich hoͤrte einen mir bekannten Namen, den ver⸗ ruchten Namen jenes Fremden, deſſen Andenken mir jedesmal Schreken machte. Ich rief den Das Kind, 2. N Ausrufer zu mir her; das gedrukte Blatt uber⸗ zeugte mich, daß er Wahrheit ſprach. Hat“denn doch die Gerechtig'eit dieſen Boͤſewicht endlich ergriffen? Oh! er hat boͤſes genug gethan, um ihr Gewicht zu fuͤhlen, ſagte der Ausrufer.— Iſt es aber auch wahr, daß er zum Tode ver⸗ dammt iſt?— wuͤrde ich es denn ausrufen, wenn es nicht wahr waͤre? wenn Sie zweiflen, ſo gehen Sie auf den Richtplaz. Er wird im Augenblik dahin gefuͤhrt.. Nein! wahrlich nicht, um des ſchreklichen Schauſpiel zu genießen, einen Menſchen richten zu ſehen, den ich verabſcheute, miſchte auch ich mich unter die Menge guſchauer, welche der Ruf ſei⸗ ner Verbrechen hieher gezogen hatte. Ich war begierig, ob dieſer gottloſe wilde Menſch, wel⸗ cher des Himmels Rache trozte, der den Him⸗ mel durch ſeine ſchrekliche Laͤſterungen taglich be⸗ leidigte, ſeine Frechheit auch in dieſem Augenblik behauptete, oder ob er vor einem unvermeidli⸗ chen Tode zitterte. Ich erfuhr das Detail ſeiner ſchreklichen Verbrechen, deren er uberwieſen wor⸗ den. Sie waren ſo fuͤrchterlich, und ſo neu, daß es unmdglich iſt, einen Begriff davon zu geben, ohne dem Gefuͤhl der Leſer zu nahe zu treten⸗ Ich ſah ihn bald kommen. Er war blaß und zitterte; ich haͤtte ihn erkannt, wenn ich auch nichts gewußt haͤtte, daß ers wäre. Schre⸗ ———— ken, Verzweiflung, Wuth druͤkten ſich wechſels⸗ weiſe auf ſeinem Geſicht aus; ein kalter Schweiß trof von ſeiner Stirne, ſeine Augen waren nie⸗ dergeſchlagen, ſeine Lippen ſahen bleifarbig aus. Ich zitterte bei dieſem Anblik, und entfernte mich ſchnell. Ich konnte ihn nicht bedauren, ich konnte ſeine Richter keiner Ungerechtigkeit beſchul⸗ digen, und doch fühlte ich ſo eine Art Gefuͤhl, das ich Mitleiden nennen moͤchte. Dahin fuͤh⸗ ren ſolche Grundſaͤze, ein verkehrtes Herz, und Einbildungskraft. Von der Natur vortheilhaft ausgeruͤſtet, mit einem vortheilhaften einneh⸗ menden Aeuſſern hatte er gultige Anſpruͤche auf die Achtung ſeiner Nebenmenſchen; jezt ſtirbt er verflucht von ſeinen Zeitgenoſſen; ſein Andenken iſt ein Greuel. Sein Leben war eine Kette von Laſtern; moͤge ſein Ende alle Gleichgeſinnte be⸗ kehren. Es war ein Verbrechen, daß man ihn ſo lange ungeſtraft umhergehen ließ. Die Ge⸗ rechtigkeit hat ſich endlich gerochen; hat aber da⸗ durch das durch ihn angerichtete Uebel wieder gut gemacht? Die vielen von ihm verfuͤhrten waͤlzen ſich jezt im Koth, oder ſind eine Beute der Verzn eiflung. Menſchen, welche ſich eben⸗ falls zu ſolchen verderbenden Grundſaͤzen beken⸗ nen, ſinnen vielleicht auf keine ſo kuͤhnen Ver⸗ brechen, aber eben. ſo empoͤrende. Sie entge⸗ hen vielleicht dieſem Loos, aber offenbar zum Nachtheil der Menſchheit. 195 Nach 12 Uhr kam Madame Locke nach Hau⸗ ſe. Die Betrachtungen uber das verdiente Loos des Fremden halten mich ſo ſehr beſchaͤftigt, daß ich nicht daran dachte, wie lange ſie abweſend war. Ich konnte auch nie glauben, daß ich ſo⸗ bald einige Rachrichten erhalten koͤnnte. Ich waffnete mich mit Gedult, und erwartete nichts anders, als daß die Nachſuchungen viel Zeit er⸗ forderten, und am Ende doch fruchtlos abliefen. Sie wurden wohl ungeduldig, fragte ſie mich freudig laͤchelnd? Waͤre ich eine Hexe, oder hätte ich beſſern Wind gehabt, ſo haͤtte ich da ange⸗ fangen, wo ich aufgehoͤrt habe. Ich gieng in alle Kloͤſter, in alle Gefaͤngniſſe, wo ich Bekannt⸗ ſchaften habe, hoͤrte aber nichts. Dann erin⸗ nerte ich mich eines gewiſſen Polizei⸗Inſpektors, Namens Quidor, der alle galante Frauenzimmer betreffende Auftraͤge hatte. Er hat ein beſonde⸗ res Regiſter,*) worein er die Geſchichte aller *) Dieſes Regiſter epiſtirte wirklich. Es war ein hi⸗ ſtoriſches Namens⸗Verzeichniß aller Frauenzimmer, deren Begebenheiten ſich etwas auszeichneten. Qui⸗ dor uͤbergab dieſes Regiſter dem Druk aus Delika⸗ teſſe nicht. Er nahm es mit ſich, als er ſeinen Poſten im Jahr r791. verließ. Quidor war ein geſchikter Mann, von einem einnehmenden Aeuſſern, der einen guten Aufſaz ſchrieb. Noch nie trieb ein Menſch in dieſem delikaten Fach die Wachſamkeit derer, die er kennt, eintraͤgt; er kennt aber alle. Man findet da die Geſchichte einer Prinzeſſin ne⸗ ben der einen gemeinen Dirne. Es wuͤrde ein drolliges Buch werden, wenn er es druken kieße⸗ Die Ehemaͤnner wuͤrden es kaufen, um es nicht zu leſen⸗ Oh! brechen Sie doch ab. Freund! ich muß plaudern— Jeder Menſch hat ſeine Fehler, und das iſt der meinige. Ich will es ſo kurz als moͤglich machen. Ein ande⸗ rer wuͤrde nicht ſo kurz wegkommen, er muͤßte den kleinſten Umſtand meiner Reiſe anhoͤren⸗ Jezt aber keine Unterbrechung mehr, wenn Sie bald wiſſen wollen, was ich Ihnen zu ſagen ha⸗ be. Ich ließ ſie alſo fortreden. Dieſer Qui⸗ dor hat viel Verſtand, er thut einem gerne Ge⸗ faͤlligkeiten. Vor zehen Jahren erwies ich ihm einen kleinen Dienſt; er denkt noch immer daran, und nuͤzt mir gerne wo er kann. Ohne Um⸗ ſchweif ſagte ich ihm, daß ich gekommen ſey, um zu erfahren, was aus einem jungen Frauenzim⸗ mer geworden ſey, die ſchoͤn wie Amor ſey, wel⸗ che ſich heimlich mit einem Marquis von Sabrant 1 3 ſo weit. Ob er gleich im Solde einer willkuͤhrli⸗ chen Gewalt war, ſo erlaubte er ſich doch keine willkuhrliche Schritte, man kann ſagen, daß er bei weitem ͤder der Wuͤrde ſeines Poſtens war. ————— — ————— 6 198 verheurathet, den man aber eingeſperrt habe, aber wehin? wiſſe man nicht. Er ſaß auf der Veſtung Ham gefangen, ſagte er; ſeit ungefaͤhr 15 Tagen iſt er daraus entflohen. Sie ſehen, daß dieſe Menſchen alles wiſſen.— Der mag ſeyn, wo er will, der bekuͤmmert mich nicht; aber den Aufenthalt ſeiner armen Gattin moͤchte ich wiſſen.— Fuͤr dieſe intereſſirſt du dich?— Oh! ſehe, ſie gehoͤrt braven Leuten an, die ſie nicht mehr zu finden wiſſen.— Von dieſer will ich dir Nachricht geben. Er nahm ſein Regi⸗ ſter, hier iſt ihre Geſchichte, ſagte er. Er las ſie mir vor; ich fuͤrchtete ſie zu vergeſſen. Er wurde in dem Augenblik abgerufen; nun war ich allein in ſeinem Cabinet, nahm alſo ge⸗ ſchwind Feder und Papier, und ſchrieb ſie ab, ſo gut ich konnte. Leſen Sie nur, wenn Sie können. Ich glaubte nicht, daß ich fertig wuͤr⸗ de. Ohne Selbſtlob, ich weiß zu reden, Sie wiſſen es, aber was Orthographie anbelangt.— Sie hatte Recht; ich hatte Muͤhe folgendes her⸗ auszubringen. „Angelika Vandek, Zeila genannt, Tochter „eines Banquiers war einige Zeit Schauſpie⸗ „lerin in der Provinz, verheurathete ſich nach⸗ „her heimlich mit dem Marquis von Sabrant, „ber ſie ſehr liebte; ſie wurde aber von ihm „durch den Oheim ihres Gatten getrennt. Er „ließ ſeinen Neveu gefangen nehmen. Der „Vorwand iſt der Verdacht einer Vergiftung, „welchet aber vernuͤnftige Menſchen nicht glau⸗ „ben. Der junge Marquis denkt dafuͤr zu „gut. Der wahre Grund iſt ſeine Verheura⸗ „thung gegen den Willen des Oheims. Er iſt „heftig, aufbrauſend und eigenſinnig ohne Bei⸗ „ſpiel, und dehnte ſelbſt ſeine Rache auf Zeila vaus, deren geringſte Vorzuͤge in ihrer Schön⸗ „heit beſtehen. Er ließ ſie anfaͤnglich in die „Pelagie ſteken, und da lernte ich ſie kennen. „Ich erhielt vom Arzt den Befehl, daß ihr veine Luftveränderung erlaubt werde. Ich be⸗ „wirkte auch, daß man ihr ihre Tochter wie⸗ „dergab; und dann brachte ich ſie in die Straſſe „des gruͤnen Wegs, nahe am Boulevard, in ein „ſogenanntes Geſundheitshauß, wo man fur „Sie ſorgte, und wo ſie doch nicht mit den elen⸗ „den Geſchoͤpfen gleich behandelt wurde. Sie „konnte da in einem groſſen Garten ſpazieren „gehen, und hatte Geſellſchaft von einigen „andern Koſtgaͤngerinnen, welche ausgehen „durften. Ein Menſch, der ſich Berville nennt, „der aber Dumond heißt, und einſt im Dienſt „des Marquis ſtand, etablirte ſich in dieſer „Penſionsanſtalt. Dumond fand in Zeit eines „Monats Mittel, Zeila mit Ihrem Kinde ent⸗ „fliehen zu laſſen. Er gieng mit. Ich wußte, „daß er die Gattin ſeines Herrn nach Monte⸗ 200 „limar zu ſeinem Vater fuͤhrte, welche da⸗ „ſelbſt einen kleinen Gaſthof hat. Ich hätte „ſie leicht feſtſezen laſſen koͤnnen. Ich verfolge „nur Boͤſewichte, und ſchuͤze unſchuldige, wenn „ich kann, und mir thuts wehe, wenn ich in „den Fall komme, wenn ich den Maͤchtigen zur „Befriedigung ihrer Rachſucht die Hand bieten „muß. Zeila iſt gegenwärtig zu Montelimar, „wo ſie fuͤr eine Verwandte von Dumond aus⸗ „gegeben wird. Sie lebt ſehr eingezogen.“ Quider kam wieder herein, wo ich mein Ge⸗ ſchreibſel zu Ende hatte. Sage denen, die ſich fuͤr Zeila intereſſiren, ſagte er, daß man keinen Schritt thun werde, ihren Aufenthalt zu entdeken⸗ Mit dem jungen Menſchen iſt es nicht alſo, das Ver⸗ brechen, deſſen ihn ſein Oheim anklagt, der ſehr gut mit dem Miniſter ſteht, iſt Urſache, daß man ſehr auf ihn fahndet. Man glaubt, er ſey ge⸗ genwärtig in Paris, wenn er da bleibt, ſo wird er den Spionen nicht entgehen. Wenn ich ihn traͤfe, oder ihm ſonſt einen guten Rath geben koͤnnte, ſo wuͤrde ich ihm rathen, Paris zu ver⸗ laſſen. Er wird uͤberall ſicherer ſeyn, wo die Wachſamkeit geringer iſt, und wo die Spionen nicht ſo verſchlagen ſind.— Sie ſehen Freund! ſagte Madame Locke, daß Sie abreiſen muͤſſen⸗ Fliegen Sie nach Montelimar; fuͤhren Sie ihre Gattin weit weg, damit ja niemand ihren Auf⸗ enthalt erfahre, auſſer Dumond und Mutter Locke. Dieſer Rath war nicht noͤthig; ich mußte in⸗ deſſen den Tag abwarten, um die Erlaubniß zu erhalten, mit der Proſt reiſen zu duͤrfen. Die gute Locke beſorgte das alles; ich verlor aber daburch viel Zeit. Mein Wagen war bei einem Sattler in einer Verſtadt weit entfernt von dem Weg, den ich zu nehmen hatte. Es war beina⸗ he 9 Uhr, als ich einſtieg. Ich umarmte meine Beſchuͤzerin, und ſtekte ihr einen Diamantring an den Finger, den ſie gewiß blos deswegen an⸗ nahm, weil ſie ſeinen Werth nicht kannte. Die Zeit wurde mir lange, bis ich aus Pa⸗ ris kam. Ich ſchien eine Ahndung zu haben, von dem, was ſich jezt ereignete. Die Winke, welche Quidor Locke gegeben hatte, beunruhigten mich lebhaft. Es war mir nicht wohl bei der Sache. Ich blikte uͤberall umher. Ich nahm meine Maasregeln im Fall eines Angriffs, nahm in die eine Hand eine Piſtole, in die andere Hand den bloſen Saͤbel, entſchloſſen, mich nicht lebend gefangen nehmen zu laſſen. Ich wollte lieber ſterben als ewig ſizen. Ich kam an einen tleinen Plaz vor dem koͤ⸗ niglichen Garten, als ich bei 20 Menſchen von verdaͤchtigem Ausſ ſehen, und verſchiedener Klei⸗ 1 ½ 3 3 1 1 * 7 ——— 2— —————— dung von allen Seiten auf mich zukommen, und meinen Wagen umringen ſah. Sie riefen dem Poſtillon zu halten; ich befehle ihm ſchneller zu fahren. Man verſperrt ihm den Weg, ich ſpringe aus meinem Wagen, in welchem ich mich nicht vertheidigen konnte. Ein Kerl will mich greifen, mit dem Gefaͤß meines Degens ſtͤrze ich ihn zu Boden; ich ſchlug mit demſelben um mich, und entferne ſo die Angreifenden. Sie wollten mich nicht verwunden, ich aber ſchonte ſie keineswegs. In wenigen Minuten waren meh— rere auſſer Stand ſich zu vertheidigen. Sie war⸗ fen mir ihre Pruͤgel an die Fuͤße, ich wankte, ſchon war ich im Begriff, ihnen zur Beute zu werden, als zwei wohlbewaffnete Menſchen, die ich nicht gleich kannte mir zu Huͤlfe eilten. Sie ſchlugen waker drein, die Knechte fielen rechts und links. Der Poſtillon ſtand meinen Vertheidigern mit ſeiner Peitſche bei, die er mit gutem Erfolge gebrauchte Das Volk, das immer dem ſchwaͤ⸗ chern Theil beiſteht, wenn man es aufmuntert, ſtand uns auch bei, und unſer Sieg war bald vollkommen. Der Polizei⸗Spion, der die Trup⸗ pe kommandirte, nahm die Flucht. Wie groß war mein Erſtaunen, als der Tumult aufhoͤrte, und ich meinen Oheim und meinen treuen Du⸗ mond erkannte! Die Menge oͤffnet ſich, um ei⸗ nem Weibe Plaz zu machen, welche mir zurief, und ein Kind auf dem Arm trug. Das iſt Zeila, das iſt meine Tochter. Ich glaubte kaum zu wachen, ich konnte keine Frage beantworten, und keine machen. Mein Oheim, mein Weih, mein Kind umhalsten, kuͤßten mich, uberhaͤuf— ten mich mit Liebkoſungen. Das Volk ſchrie, klatſchte Beifall, ich hoͤrte nur dunkles Gemurmel. Der Polizeiſpion hatte indeſſen Verſtärkung geholt. Eine zahlreiche Garde, zu Fuß und zu Pferd, umgab uns. Die Menge zerſtreut ſich, man verhaftet, trennt, und fuͤhrt uns zum Po⸗ lizei⸗Commiſſaire. Mein Oheim ſchaͤumte vor Wuth; er fluchte, tobte, ſchrie. Ich bin der Oncle, der Capitaine du Sabrant; ich erhielt den Verhaft⸗Befehl, und ich wiederrufe ihn, ihr Elenden. Ihr ſollt alle gehaͤngt werden. Man zog ihn aber fort und hoͤrte nicht auf ihn— Nun waren wir vor dem Commiſſaire, der uns kannte, alſo mit der Achtung behandelte, die Leute von ſeiner Claſſe den Vornehmen nie verſagen. Mein Oheim verlangt reden zu duͤr⸗ fen; es wird ihm erlaubt. Die Sache gieng ſo, ſagte er: Ein Schelm, dem ich eine Penſion, aber erſt nach meinem Tod verſprochen hatte, wollte den Zeitpunkt fruͤher herbeifuͤhren, und um mir keine Rechnung ablegen zu duͤrfen, woll⸗ te er mich vergiften. Ich hatte einen heftigen — — ———— ——— ———— —— — ——— Streit mit meinem Neveu. Wir hatte beide Unrecht, aber erhizten uns gegen einander— das verſteht ſich. Wir ſind beide aus der Pro⸗ vence, und dieſe Leute beharren nicht lang auß ihrem Unrecht. Der Menſch ergreift aber dieſe Gelegenheit, um ſein Vorhaben auszufuͤhren. Ich ſtarb aber nicht, ſonſt waͤre ich nicht da. Der Bube klagt meinen Neveu dieſes Verbre⸗ chens an, ich war ſo ſchwach und glaubte es. Ich erhielt einen Verhaftbefehl gegen ihn; ich ließ ihn und ſeine Gattin einſperren, die mir nichts zu leid gethan hatte, dieſen Engel, den ſie hier ſehen, den ich ſo ſehr haßte, ehe ich ihn kannte, als ich ihn jezt liebe. Das Unge⸗ heuer, der das Verbrechen begangen hatte, wird ohne Rettung krank. Er ließ mich vor ſein Sterbebette kommen, um mir ſeine teufliſche Untreue zu bekennen. Urtheile lieber Neveu, von meiner verzweiflenden Lage, wie viel Kum⸗ mer mir meine Ungerechtigkeit gegen dich machte. Ich flog nach Paris, um dich und deine Gattin zu befreien, um euch wieder zu vereinigen; nur darin ſahe ich das Mittel, mich wieder mit dir ausſoͤhnen zu koͤnnen. Durch den ſonderbarſten Zufall brach mein Wagen in Montelimar an der Thuͤre eines kleinen Wirthshauſes. Ich fiel die Schulter auseinander; man fuͤhrte mich in eine Kammer, wo mich ein ſchönes Frauen⸗ zimmer bediente. Es war dein Weib! Deine 4 — „ ₰ — — ——— „— — — Tochter erkannte ich an ihrer Aehnlichkeit mit dir. Ich liebte das Kind, und konnte mich nicht von ihm trennen. Deine Gattin gewann durch ihre Sorgfalt, Aufmerkſamkeit, Zuvor⸗ kommenheit, durch ihren Verſtand und Talente meine Achtung und Bewunderung. Ich wunder⸗ te mich, in dem niedrigen Stande in einer P er⸗ ſon ſo viele gute Eigenſchaften vereint zu finden. Ich vergaß meine Schmerzen bei ihr; ich fuͤhl⸗ te ſie nicht, Oh! möchte dieſe Zeila, die ich verfolgte, ſagte ich, die ich ſo gerne kennen ler⸗ nen moͤchte, dieſem zaͤrtlichen Weibe gleichen. Sie wurde blaß, zitterte, laͤchelte abwechſeind. Seiia, ſagte ſie? Kennen Sie ſie, Madame?— Oh! ia!— Mein Herz war voll. Ich erzehlte ihr mit uͤberſtromender Empfindung das unrecht, das ich dir angethan hatte. Sie wurde her zeugt, daf ich es aufrichtig meine. Mein Zu⸗ trauen erwekte das ihrige, und nichts kommt meiner Freude gleich, als ich mich in den Ar⸗ men meiner Niece, und dieſes Kindes fand, welches einſt ſeine Mutter werden wird; ich nehme es an Kindesſtatt an, auch liebt es mich ſo ſehr, als ich das Kind. Sobald ich dieſe Reiſe ertragen konnte, rei⸗ ſete ich mit meiner Niece ab, um meinen Ne⸗ veu zu befreien. Das Kind, 2. —————————— Denken Sie ſich mein Erſtau⸗ ——— nen, als ich nach Paris kam, und ihn unter Moͤrderhaͤnden traf. Ich griff nach meinen Waffen„ und ſprang aus meinem Wagen. Der brave Dumond unterſtuͤzte mich. Ich glau⸗ be, wir haben die Kerls ein wenig getroffen, das thut aber nichts; wenn einige gefallen ſind, ſo bezahle ich nach der Tape, 10— 20 Thaler, 100 Louisd'or, wenn es ſeyn muß. Ich will die Verwundete beſorgen laſſenz ich handle nicht, aber frei wollen wir ſeyn, vder Gott weiß! ich fange von neuem an⸗ Der Commiſſaire lachte uͤber dieſe Prahlerei. Mein Oheim aͤrgerte ſich. Waͤren wir arme Leute geweſen, man haͤtte uns in Gefängniß ge⸗ ſtekt. Der Commiſſaire hatte Lebensart, er be⸗ handelte uns als Leute von Stand. Wir durf⸗ ten abziehen, nachdem wir unſere Namen und unſere Wohnung angegeben hatten. Die Ge⸗ ſchichte endigte ohne Laͤrmen. Die Kerl erhiel⸗ ten Geld, und waren ſehr zufrieden. Fannſt du mir verzeihen, fragte mich mein Oheim? ich bin Verbrecher gegen dich, weil ich die ungluͤkliche Tugend verfolgte. Zeila und ich liebkoßten ihn. Mein Oheim war heftig in allen ſeinen Neigungen, er liebte und haßte nicht halb. Voll Aufmerkſamkeit auf mich kam er meinen Wuͤnſchen zuvor; er beſorgte meiner Frau die unbedeutendſten Dinge, es geſiel ihm nur wohl bei uns, wir verlieſſen ihn gleichfalls keine Minute. Sobald mein Arreſtbefehl aufgehoben war, welches ſehr bald geſchehen war, ſo reiſeten wir auf das Gut meines Oheims, der alsdann meinen juͤngern Bruder mit der verheirathete, die er mir beſtimmt hatte. Dieſes Ereigniß Freute ihn herzlich und machte ſeine frohe Lau⸗ nen wiederkehren. Er hatte ſchon mit den El⸗ tern meiner Braut ein Engagement eingegan⸗ gen, die durch den Wechſel meines Bruders nichts verloren. Er hatte ein vortheilhaftes Aeuſſere, alle Eigenſchaften, die einem Mann Achtung verſchaffen, und man konnte ihm nichts vorwerfen. Was fehlte denn nun jezt noch zu meinem Gläͤk? Nichts. Ich war aber noch nicht zufrie⸗ 208 den. Ein grauſames Andenken quälte mich noch. Es epiſtirten noch zwei tugendhafte Men⸗ ſchen, deren Zutrauen ich mißbraucht hatte. Ich konnte nie daran denken ohne eine ſchmerzhaf⸗ te Empfindung. Ich offnete mein Anliegen Zei⸗ len. So wollen wir nach Orleans, ſagte ſie. Du wirſt die Verzeihung Sinvals und So⸗ phiens erhalten. Sie ſind gutdenkend; deine Reue wird Ihren Zorn ausloſchen, wenn ſie je noch unwillig ſind. Ich ſchob dieſes Vorhaben nicht auf. Er hatte den Beifall meines Oheims. Zeila gieng zuerſt zu Sophien. Ich komme, Sie um Ihr Mitleiden zu bitten⸗ Sie, Madame, ſagte die liebenswuͤrdige So⸗ phie? was kann ich Ihnen angenehmes erwei⸗ ſen? ich fühle, daß ich Ihnen nichts abſchlagen kann. Reden Sie doch! Ich bin die Fuͤrſprecherin meines Mannes. Er iſt ſtrafbar gegen Sie, das Bewuftſeyn ſei⸗ nes Vergehens vergiftet ſein Leben⸗ Ich wäßte nicht, daß mich jemand beleidigt haͤtte. —,————— Sie vergeſſen es. Dieſer Zug bezeichnet Ihr gutes Herz: er aber kann es nicht vergeſſen, er wuͤrde ewig ungluͤklich ſeyn, wenn Sie ihm nicht erlaubten, ſich zu ihren Fuͤſſen legen zu duͤrfen. Oh! er ſoll nur kommenz ich haßte noch nie, und der Gatte einer ſo intereſſanten Dame darf zum Voraus auf Nachſicht rechnen.— Auf dieſes Wort kam ich aus dem Vorzim⸗ mer. Ich hatte alles gehoͤrt. Ich fiel zu So⸗ phiens Füſſen; Sie hob mich mit Gäte auf. Mein Mann und ich hofften immer, Sie wieder zu ſehen; wir nuͤnſchten Ihr Gluͤk; wenn man aber Ihre Gattin ſieht, ſo darf man Ih⸗ nen nichts weiter wuͤnſchen. Als Ihre Freundſchaft und Verzeihung— entgegnete ich. Sinval kam, und verbat ſich alle weitere Auseinanderſezung. Wie ſollte ich Ihnen uͤbel wollen, ich verdanke Ihnen mein Gluk. Der Fehler kam nicht von Ihnen, und Sie haben genug durch Ihre Reue gebuͤßt. Wir wurden nun die vertrauteſten Freunde, und jeden Tag ſeit 15 Jahren ſchien ſich das Band noch feſter zu knupfen. Ich kaufte ein Gut bei Orleans, um unſern Freunden naͤher zu ſeyn. Der Himmel ſegnete dieſe zwei fuͤr⸗ trefliche Menſchen. Ihr älteſter Sohn, ganz das Ebenbild ſeines Vaters, etwas aͤlter als meine Tochter, ſieht ſie nicht ungerne. Sie iſt ebenfalls nicht gleichguͤltig gegen ihn. Bald ſollen Sie verbunden ſeyn. Dieſer Augenblik wird der ſchoͤnſte meines Lebens ſeyn. Alles entſpricht meinen Wuͤnſchen. Mein Oheim, mein Bruder und ſeine Gattin, ſeine Kinder, die meinigen, meine Freunde, alles vereinigt ſich, um mir mein Daſeyn zu verſchoͤnern. Ich weiß nicht, ob Zeila jedermann ſo gefaͤllt— mir gefaͤllt ſie immer, und taͤglich mehr. Mei⸗ ne Gattin iſt mir alles, Sie iſt meine Gelieb⸗ te, ja noch mehr, meine Freundin. Ihre Schön⸗ heit kann abnehmen; ich liebe aber ihr Herz. Das Herz altert nicht. Der Gegenſtaͤnde mei⸗ ———————————— — 21I ner Zaͤrtlichkeit ſind mehrere geworden. Ich habe noch zwei Soͤhne hekommen. Ich will ſie vor den Irrwegen bewahren, in die ich fiel; ich will ihre Neigungen ſtudieren, aber nicht be⸗ zwingen, ich will ſuchen, ihnen die Tugend ſchaͤzbar zu machen. Das muß was leichtes ſeyn— an ihrer Mutter haben Sie das beſte Beiſpiel. Snde. ——— 3 6 —— 3 2. 3 1