——* 3 5 1 5 . 6 7 *— 1 * 3 8— 8 3— 8. *— ** 3 ** 5* . . F .„ 5* 4 * ( 5 e Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur— Cduard Otlmann in Gieſen 1 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. — 5 ſi cLeih und Ceſebedingungen. f 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗„ 3 „ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens „7 Uht bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ijedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ 3 den angenommen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 2§ . 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und„ für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 2 S——————— 6„ auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. B 3 „ 5„ 5 S 6 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte zerriſſene, verlorene und † 5 defeete Vücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der 3 Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗§ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 2 ₰ 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 3 2 4 3 4 1 . — Das Kind meines Vaters. —— Oder die Gebrechen der Erziehung und des Karakters. Frei bearbeitet nach Duͤmaniant⸗ Erſter S —— Stuttgart, 1803. Magazin für Litteratur⸗ Das Kind meines Vaters ————— — — Innhalt. Erſtes Kapitel. Die Kinder. S. Zweites Kapitel. Ich werde gebohren. S. Drittes Kapitel. Pater Hilarion der Ka⸗ puziner.— Was fuͤr ein Menſch der Ka⸗ puziner war.— Meine Mutter ſtirbt.— Mein Vater verheirathet ſich wieber.— Betragen meiner Stiefmutter gegen mich, und was ſich ſonſt noch zugetragen hat. S. Viertes Kapitel. Ich kehre nach dem vaͤ⸗ terlichen Schloß zurük.— Wie ich dort aufgenommen wurde.— Unvermuthete Zu⸗ ſammenkunft. S. 45 ————————— —— Fuͤnftes Kapitel⸗ Wer der Paſſagier dem Poſtwagen war⸗ Sechstes Kapitel. Der Fremde. Siebentes Kapitel. Sophie. Achtes Kapitel⸗ Meine Flucht⸗ S⸗ S. S. 63 L0O2 129 182 Vorrede. Der Erfinder dieſes Romans iſt Duͤma⸗ niant, ein Franke; allein der Geſchlechts⸗ name ſchlechtweg wuͤrd' ihm bei ſeinen Lands leuten eben ſo wenig Kredit verſchaft haben, wie unſern ſchreibſeligen deutſchen Romanfa⸗ brikanten der ihrige. Daher nennt er ſich, — wie es bei uns gleichfalls Sitte iſt,— den Verfaſſer der Begebenheiten eines Emigranten, des offenen Krieges, und ein ꝛc. laͤßt beinah vermuthen, daß er noch mehreres geſchrieben haben muͤſſe. Warum ich aber gerade dieſen Romanen uͤberſezte, das will ich dir, lieber Leſer, frei und ungeſchminkt entdeken. Nicht als ob ich dieſes Werkchen fur ein Meiſter⸗ xxec ſtük Duͤmaniants gehalten huͤtte„— dieſe Behauptung war' um ſo gewagter, da ich ſonſt nichts von dieſem Schriftſteller kenne, — ſondern einzig und allein, weil mir der Zufall dieſes Buch in die Haͤnde ſpielte, weil es mir beim Durchleſen gefiel, und weil ich endlich vermuthete, es moͤchte in einer freien Bearbeitung dem leſeluſtigen Publikum gleich⸗ falls Vergnugen gewaͤhren. Hab' ich meine Abſicht erreicht, ſo ſchenk“ ich jedem herzlich gerne den Dank, iſt es mir aber nicht damit gelungen, ſo wollen wir den Tadel gegen den guten Willen aufgehen laſſen, den ich bei meiner Arbeit gehabt habe. Geſchrieben im Auguſtmonat 1802. — e 3.— — eſe ich e, er eil B Erſtes Kapitel. Die Kinder. De Kinder gedeihen dies Jahr vortreflich,— redete mich mein Buchhaͤndler an, der mir von ungefehr auf der Straße begegnete;— Sie muͤſſen mir weiß Gott zu einem behuͤlflich ſeyn. „Herzlich gerne. Bei Ihrer Frau verlohnt ſich's ſchon noch der Muͤhe.“ — Ach was Frau! Ich rede jezt von einem Romanen.— „Nomanen?— Das koſtet Zeit, und iſt keine luſtige Arbeit.“ — Ein Schriftſteller beluſtigt ſich an ſeinem Schreibtiſche.— „Je nachdem er etwas ſchreibt. Ich weiß aus Erfahrung, daß die Geiſtesgeburthen eines armen Teufels von Autor oft ſehr peinlich von ſtatten gehen, und daß man zuweilen mit aller Anſtrengung doch nichts geſcheutes zur Welt bringt'““ Das Kind, r. ———— —— e Aken 1 — Ich verlange ja kein Meiſterwerk; ich rede nur von einem Romanen, der den Titel haben ſoll: das Kind von— dem und dem, wie Sie ihn nun heiſſen wollen. Nehmen Sie nur, welch ein unbegreifliches Glök das Kind der Liebe, und das Kind der Hoͤlle auf unſern Thea⸗ tern gemacht haben. Man will jezt nichts, als Kinder, ſehen und leſen, denn ſie ſind einmal in der Mode.— „Wahr iſt's, die kleinen Dingerchen laufen wirklich uberall in der Irre herum. Weil untre neuere Theaterdichter das Laſter nicht mehr lä⸗ cherlich ſchildern koͤnnen, ſo mahlen ſie jezt die menſchlichen Schwaͤchen mit liebenswuͤrdigen Far⸗ ben ab. Thalia fuͤhrt nicht mehr den bekann⸗ ten Wahlſpruch Santeuils: castigat ridendo mores. Kinder erſcheinen auf unſern Buͤhnen, die ihr Daſeyn den zuͤchtigſten Maͤdchen oder den zärtlichſten Gattinnen zu verdanken haben; aber. ich weiß nicht, ob unſre Sitten viel bei dieſer bequemen Moral gewinnen werden. Ein Philo⸗ ſoph kann mir freilich darauf antworten: ſie tra⸗ ge viel zur Fortpflanzung bei, und ein Weiſer müſſe aus allen Kraͤften die Abſichten der Natur zu befoͤrdern ſuchen“— — Das gehort jezt nicht zur Sache, wir wol⸗ len lieber von dem Romanen ſprechen, um den ich Sie bitte, und hauptſͤchlich vom Titel, den ——— — 3 ſie ihm geben muͤſſen, denn ein Kind muß ich durchaus haben. Ich war noch nicht ſo gluklich, ein Neugebohrnes wegzufiſchen, und aͤrgere mich von Grund des Herzens, wenn ich ſehe, was für eine auſſerordentlich gunſtige Aufnahme das Kind der Abtei, das Kind des Waldes, das Kind der Natur, und tauſend andere Kinder, welche mir jezt nicht beifallen, gefunden haben, und die das Publikum alle an Kindesſtatt ange⸗ nommen hat.„Haben Sie denn noch kein neues Kind?« fragen toͤglich meine Korreſpondenten bei mir an. Unſre Mädchen wollen nichts, als Kinder, es mag auch gehen, wie's will. So machen Sie ihnen doch eins, ſie haben alsdann das Vergnuͤgen, es auf allen Toiletten, in allen Mode⸗Buden, in dem Arbeitsbeutel und unter dem Kopfkiſſen jeder Schoͤnen zu erbliken, welche es hinter dem Ruͤken ihrer Mutter liest⸗ Sehen Sie, ein ſolches Mädchen verfaͤllt ſchon beim Werte: Kind! in ein kurioſes Nachdenken; ſie iſt dem Schriftſteller dankbar verpflichtet, der ſie zu unterhalten und zu intereßiren verſteht, der ihr kleines Herzchen zuweilen in ſanfte Wallungen verſezt, während denen ſie ſo willig die Freuden und Leiden mit dem Helden der Geſchichte theilt.— „Das Ziel, welches Sie mir da von weitem zeigen, iſt zu reizend, als daß ich laͤnger ihven A 2 — „— 4— 1 dringenden Bitten wiederſtehen koͤnnte; auch muß ich Ihnen bekennen, daß mir nur noch der Na⸗ me fur das Kind fehlt, welches ich Ihrer Sorg— falt anvertrauen will, und das Sie dem Publi⸗ kum vorfuͤhren ſollen.“« — Was 2 Sie haͤtten ſchon ein fertiges Kind?— „Nur Gedult. Ich beſize ein in Kapitel ein⸗ getheiltes Manuſeript, welches die Begebenhei⸗ ten eines Menſchen enthaͤlt, der ziemlich lange auf eine ſehr unfreundliche Art von dem Schikſal hin und her geworfen wurde.“ — Es kommt doch auch was von Geiſtern und unterirrdiſchen Gaͤngen in Ihrem Manuſcripte vor?— „Ich weiß wirklich nicht.“ — Hineingeflikt, lieber Freund, ohne weite⸗ res, das macht die beſte Wirkung von der Welt, und nur die Spizbuben nicht vergeſſen. Seit der Erſcheinung des Raͤuberhauptmanns Rinaldo Ri⸗ naldini, der beim Aufgang und Niedergang der Sonne immer in eine ſo erbaulich fromme Laune verfollt, bringen unſre Modeſchriftſteller uͤberall Spizbuben an.— „Ach du lieber Gott, man ſtoͤßt in der wirk⸗ lichen Welt bei jedem Schritt und Tritt auf ſo — 5 viele Schurken, daß wir billig in den Buͤchern Ruhe vor ihnen haben ſollten. Aber da gibt ih⸗ nen der Autor noch zum Ueberfluß einen gewißen Anſtrich von Philoſophie, martert ſich, der guten Sittenlehre zum Poſſen, ſeinen Leſern ein Inter⸗ eſſe für einen ſolchen Hollunken einzufloͤſſen, und, ſehen Sie, wenn ich in meinem Manuſcripte,— wovon ich nur einige wenige Seiten geleſen ha⸗ be,— einen ſolchen Kerl finde, ſo laß ich ihn, weiß Gott ungern auf ſeinem Plaze ſtehen, der Verfaſſer muͤßte ihn denn zur Warnung fuͤr an⸗ dere hinpoſtirt haben. So viel ich gefunden ha⸗ be, ſo befindet ſich mein Held eben nicht immer in der beſten Geſellſchaft, und man kann ihn kei⸗ neswegs als einen Tugendſpiegel aufſtellen; aber er geſteht ſeine Fehler ſo offenherzig und unbe⸗ fangen, daß, wenn man ſie auch nicht entſchul⸗ digen kann, man ihm doch nachſichtig verzeihen muß. Eine zu tugendhaft gezeichnete Perſon macht uns oft Langeweile. Der Ritter Gran⸗ diſon, zum Beiſpiel, handelt immer ſo klug, ſo großmuͤthig, ſo edel, daß ich ihm den abge⸗ feimten Lovelac beim weitem vorziehe. Ich koͤnnte der Freund und Bewunderer des erſtern ſeyn, wenn es moͤglich waͤre, daß ein ſolcher Menſch epiſtirte, aber ich leſe doch die Treulo⸗ ſigkeiten des andern mit weit mehr Vergnuͤgen, als die fuͤr meine Eigenliebe ſo beugende Erzaͤh⸗ — — —— „ 2 lung von dem tugendhaften Anbeter der erhabe⸗ nen Byron⸗“ — Machen Sie in Gottesnamen aus ihrem Helden, was Sie wollen;z ich halte mich ledig⸗ lich an den Titel, und verlange nur, daß der Held das Kind von jemand ſeyn ſoll.— „Gut! da er ſelbſt redend eingefuͤhrt iſt, ſo nenn' ich ihn: das Kind meines Vaters.“ — Schon,— ſchon,— und doch wuͤnſcht' ich mir etwas nachdräklicheres, etwas auffallen⸗ deres; zum Beiſpiel: das Kind der Grotte, das Kind des Berges, das Kind des unterirr⸗ diſchen Ganges, oder ſo was dergleichen.— „Aber mein lieber Buchhaͤndler, die Grotten, Hoͤhlen und unterirrdiſchen Gaäͤnge zeugen eben ſo wenig Kinder, wie die Abteien und die Wälder. Mein Titel iſt wahrer, als alle jene ſchwuͤlſtige und lügenhafte Aushängſchilde, und bei dem bleib' ich ſtehen; denn, uberlegen Sie nur ſelbſt, ich mag an einem bekannten oder unbekannten Orte zuerſt das Tageslicht erblikt haben, mein Vater mag auch geweſen ſeyn, wer er will, ſo darf ich, ohne daß man mich Luͤgen zeihen kann, jedem kuͤhn ins Geſicht behaupten, daß ich das Kind meines Vaters ſei.“ e 3— Zweites Kapitel. Ich werde gebohren. Zoei Dinge tragen weſentlich viel zum Gluͤk des Lebens bei, ſagte Plutarch—— Der gute Plutarch iſt mein Lieblingsſchrift⸗ ſteller; aber kunftig werd' ich ihn nicht mehr an⸗ fuhren, weil ich nicht geſonnen bin, mich mit vielen Citationen abzugeben, ob ich ſie gleich ſehr liebe, wenn ſie nemlich zur rechten Zeit ange⸗ bracht ſind. Denn dadurch beweißt unſereines dem Leſer ſonnenklar, daß man Litteratur und Gedäͤchtniß beſize, und gute Schriften geleſen habe. Das gibt uns ein wichtiges und gelehrtes Anſe⸗ hen, welches einen Autor nicht ubel kleidet. Aber da mehnen wieder gewiße wunderliche Leute, es ſei uberfluͤßig, ein Buch durch fremde Weißheits⸗ Schaͤze zu vergroͤßern, denn wenn ſie ſich irgend eine Geſchichte oder ein Romanenbuͤchlein kaufen, ſo geſcheh' es nur in der Abſicht, ſich an der Er⸗ zohlung ungewohnlicher Begebenheiten zu ergd⸗ zen, ſie erließen daher einem Schriftſteller von Herzen gerne allen Schnikſchnak, der nur von weitem nach Gelehrſamkeit roͤche. Damit alſo der guͤtige Leſer nicht etwa glauben mochte, ich würde ihn dfters mit ſolchen Digreßionen heim⸗ ſuchen, ſo leg' ich hiemit das feierliche Verſpre⸗ chen ab, es mit der möglichſten Maͤßigung zu thun, wenn ich mich ja wieder dieſes ſchriftſtelle⸗ riſchen Vorrechtes bedienen ſollte“ Weil ich aber doch ſchon in der zweiten Zeile dieſes Kapitels den Plutarch angefuͤhrt habe, ſo muß ich auf ſeinen Saz nothgedrungen noch ein⸗ mal zurukkehren. Horen Ste denn, was er un⸗ gefehr ſagt, wie ich es nemlich in der Ueberſe⸗ zung geleſen habe; denn griechiſch verſteh' ich nicht, und bin auch kein Grieche. Zwei Dinge, ſagt Plutarch, tragen weſent⸗ lich viel zum Gluͤk des Lebens bei: Geburt und Heirath. Das heißt, mit ſeiner Erlaubniß, ſich zur Lehre vom Fatum bekennen, welches das arme Univerſum regieren ſoll. Hat auch jemand die Freiheit, ſich eine Gefaͤrthin auf der Lebens⸗ reiſe nach eigener Willkuhr auszuleſen, ſo darf er nicht glauben, daß er ſich nicht zuweilen in ſeiner Wahl betröge. Was die Geburt betrift, muß man ſich, gern oder ungern, gefallen laſſen, wo einen der Zufall hinſtellt. Wenn's ——— — 9 — — — 0 freilich moglich waͤre, daß man jeden von uns beſonders über dies Kapitel zu Rathe ziehen konnte, ſo wuͤrde auch zuverlaͤßig jeder bon uns auf einem Throne gebohren ſeyn wollen; denn es iſt eine ſchone und gute Sache um die Freiheit, aber weit reizender noch, andern befehlen, und nach eigener Willköhr Geſeze entwerfen zu koͤnnen, als diejenige, die ſchon vorhanden ſind, ſie moͤgen auch noch ſo gerecht und vernunftig ſeyn, befol⸗ gen zu muͤſſen. Ich will damit nicht ſagen, daß Plutarch nicht vollkommen Recht habe. Der Sohn eines elenden Negerſtlaven, welcher ſich mit einer zaͤnkiſchen und bobhaften Mulattin in eine Ver⸗ bindung einläßt, und nicht Kraft genug beſizt, ſich von ihr loszuwinden, leidet unverſchuldet ſeine ganze Lebenszeit uber, da hingegen ein Prinz, deſſen Erzeugung keine groſſere Muͤhe ko⸗ ſtete, in einem Strom von Vergnuͤgungen ſchwimmt, geliebt von einer ſchonen und tugend⸗ haften Gattin, von reizenden Maitreßen wirklich, oder doch dem Scheine nach, angebetet, manch⸗ mal aus der Velt ſcheidet, ohne korperliche Lei⸗ den, ohne einen Widerſpruch erduldet zu haben, zuweilen ſogar ohne den leiſen Fußtritt des her⸗ annahenden Todes zu vernehmen. Danke mir, lieber Leſer, wenn ich dir nicht alle philoſophi⸗ ſche Gedanken auftiſche, welche ſich meinem Ver⸗ ſtande bei dem Plutarchiſchen Saze aufdringen⸗ Beſcheiden will ich ſchweigen, weil hier doch we⸗ 10 der vom Plutarch, noch von einem Negerſklaven, noch von einem Prinzen, ſonbern nur von mir die Rede iſt, der ich das Kind meines Vaters bin. Beim Lichte beſehen war's ein guter Mann, mein Vater, und wir konnten beide zufrieden ſeynz ich, daß er mich erzeugt hatte, und er, daß er der Sohn meines Großvaters war, der ihm, als dem Erſtgebohrenen, den Marquis Titel ertheilte, und ihn bei ſeinem Tode, in ei⸗ nem Alter von kaum fuͤnf und zwanzig Jahren, als unumſchraͤnkten Herrn ſeiner Handlungen, und im Beſiz eines glaͤnzenden Vermoͤgens, welches ich dereinſt ererben ſollte, zuruͤkließ. Dieſer Eingang zeigt deutlich, daß ich es dem Zufall ſehr uͤbel genommen hätte, wenn ich mit meiner Herkunft nicht Afaͤlligerweiſe haͤtte zufrie⸗ den ſeyn koͤnnen. Wie leicht waͤr's moglich geweſen, daß mich eine Kamtſchadalin, welche acht Monathe des Jahrs faſt Hungers ſtirbt, auf die Welt geſezt hätte, oder ein Lapplaͤnder, der ſeine ganze Lebenszeit unter dem Schnee oder auf dem Schnee zubringen muß, und nur ſelten von der freundlichen Sonne beſchienen wird, oder ein Bettler, den man vor allen Thuͤren ab⸗ weißt, oder ein Räuber, oder ein Henkersknecht, welche aus der Geſellſchaft ehrlicher Leute aus⸗ S—*„ v II geſchloſſen ſind⸗ Ich war huͤbſch und wohlge⸗ baut, reich und Margquis, und alles ſchien mir zum voraus zu verkuͤnden, daß ich einſt in unſern Zirkeln eine große Rolle ſpielen wurde; aber der Wechſel der Dinge iſt ſo mannichfaltig, daß man ſich nicht immer auf den aͤußern Schein verlaßen kann⸗ Doch halt! da bemerk' ich eben, daß ich Ge⸗ fahr laufe, den chronologiſchen Gang der Bege⸗ benheiten zu ſtoren. Ein Geſchichtſchreiber muß jede Sache an ſeinen gehoͤrigen Ort ſtellen, und ſo ſprech' ich denn, eh' ich auf mich ſelbſt zu reden komme, vorerſt ein wenig von meinem Vater, weil ſein Verfahren gegen mich einen be⸗ ſondern Einfluß auf mein ganzes kuͤnftiges Schik⸗ ſal hatte⸗ In dem Teſtamente, welches ihn zum Uni⸗ verſalerben erklärte, wurde er verbindlich ge⸗ macht, ſeinem juͤngern Bruder, dem Chevalier, ſoviel, als die jährlichen Einkuͤnften ſeines eige⸗ nen Vermoͤgens betrugen, als geſezlichen An⸗ theil von der Erbſchaft auszubezahlen. Mein Großvater, ein aͤuſſerſt ſolider, und von den er⸗ habenen Grundſaͤzen der vornehmen Welt, in welcher er bisher lebte, vollkommen beſeelter Mann, war feſt uͤberzeugt, daß immer nur der Aelteſte einer Familie, um mit Anſtand den Glanz ſeines Hauſes behaupten zu koͤnnen, im — A — eneere S e — 132—— Ueberfluße ſchwimmen, die juͤngern Sohne hinge⸗ gen auf Koſten des Staates leben, oder Hungers ſterben muͤſſen, vorausgeſezt, daß ſie dies leztere dem erſtern vorzoͤgen. Wahrlich! eine ſchoͤne Er⸗ findung um das Recht der Erſtgeburt, und ſogar eine goͤttliche Sazung; denn jeder weiß, daß ſchon Eſau die ſeinige für ein Linſengericht ver⸗ kaufte. Das beweißt unwiederſprechlich, daß un⸗ ſer geſezgebendes Korpus nicht recht wußte, was es that, indem es dies herrliche Geſez und die Fideikommiße abſchafte, durch welche man die lächerlichen Hoffnungen unverſchämter Glaͤubiger taͤuſchen konnte. Man denke doch! Bräder ſoll⸗ ten die Verkaßenſchaft ihres Vaters in gleiche Theile vertheilen, welch ein gemeines, men⸗ ſchenfreundliches Geſez! Mein Onkel, dem die Natur keinen frie dli⸗ chen Karakter zugetheilt hatte, und deſſen Seele ſchon damals mit revolutionären Geſinnungen er⸗ fuͤllt war, brach indeſſen uͤber das Teſtament in Verwuͤnſchungen aus, und wagte es ſogar, ſich vor Gericht daruͤber zu beſchweren. Mein Va⸗ ter hatte zu viel Ehrfurcht für das Andenken des ſeinigen, als daß er ſich nicht mit gebuͤhrendem Gehorſam in ſeinen lezten Willen haͤtten fuͤgen ſollen. Er vertheidigte ſeine ſogenannten Rechte. Von beiden Seiten wurden die vortreflichſten Schriften aufgeſezt, in welchen man ſich allerlei N — M —„ M v W„ M N perſoͤnliche Beleidigungen erlaubte; den Sieg trug aber, wie billig, am Ende der reſpektvolle und unterwuͤrſige Sohn davon. Der Chevalier wurde in die Unkoſten verdammt, welches ſein Erbtheil auf die maͤßige Summe von zehntauſend Livres herabſezte, und, voll Wuth im Herzen, gieng er damit nach Indien, von wo aus er einſt zu meinem Gluk oder Ungluͤk wieder zuruͤkkehren wird. Ich habe mir feſt vorgenommen, alles in Ordnung zu erzählen, und wrill ſchlechterdings niemals auf eine unbeſcheidene Weiſe eine Eke des Schleiers luͤpfen, und meine Leſer Dinge ſe⸗ hen laſſen, welche erſt in Zukunft geſchehen ſollen. Das iſt mir ein unertraͤglicher Menſch, der mir zum voraus ſagt:„wart, ich will machen, daß du lachen mußt! Seine Geſchichte mag jezt noch ſo komiſch ſeyn, lachen kann ich ſchon nicht mehr. Wenn man ein Schauſpiel auffuͤhrt, das ich noch nicht geſehen habe, ſo kann ich mich oft recht herzlich uͤber einen unbarmherzigen Nachbar aͤrgern, der mir ewig in die Ohren raunt, was jezt kommen werde. So halt doch dein Maul, verdammter Schwaͤzer, ich habe mein Entree bezahlt, um das Stuͤk ſelbſt zu hoͤren, um es ſelbſt zu beurtheilen, um mich ſelbſt davon über⸗ raſchen zu laſſen; und du raubſt mir dies ſcho⸗ ne Vergnuͤgen. Auch du, lieber Leſer, wärdeſt mir wahrſcheinlich wenig Dank wiſſen, wenn ich dir, nach Art gewißer Journaliſten, in ei⸗ nem trokenen Auszug auf einer halben Seite das erzaählen wollte, was mir waͤhrend dem Verlaufe mehrerer Jahre begegnet iſt. Mein Vater dankte den Richtern fuͤr den gewonnenen Prozeß. Sie erwiederten, daß ſie das urtheil blos der Stimme ihres Herzens und der Gerechtigkeit gemaͤs geſprochen hätten. Was fuͤr eine Gerechtigkeit, und welche Herzen waren aber auch das! Jezt ſtroͤmte ein Haufen vorneh⸗ mer Leute herbei, meinem Pater Gluͤk zu wün⸗ ſchen. Dreimal in der Woche war offene Tafel in unſerem Hauß, und ed waͤre wirklich ein un⸗ erſezlicher Schaden fuͤr die gute Geſellſchaft ge⸗ weſen, wenn der Herr Marquis durch den Ver⸗ tuſt ſeines halben Vermogens auſſer Stand ge⸗ ſezt worden waͤre, eine lekere Tafel zu geben⸗ Seine Dine's erwarben ihm allgemeine Hoch⸗ achtung; er hatte einen vortreflichen Koch, Wei⸗ ne von der erſten Qualität, und machte zum Entzuken die Honneurs vom Hauſe. 3 5 4 3 . 1 . 1 3 Unter dem Schwall von Gäſten erſchien anch eine gewiße Madam Verneuil mit ihrer Toch⸗ ter. Da ihre Voreltern nur Magiſtratsperſonen waren, ſie ſelbſt aber ein geringes Vermoͤgen beſaß, ſo wurdigte ſie mein Vater kaum eines Kopfnikens; denn er war zu vertraut mit der ————— 9 en es der feinern Lebensart, als daß er nicht richtig hätte beſtimmen koͤnnen, wie viel oder wie wenig Hoͤflichkeit einer jeden Perſon in der Geſellſchaft gebuͤhre. Ein Blik, den er von ungefehr auf die ſchoͤne Tochter warf, ſturzte auf einmal ſein gan⸗ zes Etiketten Syſtem uͤbern Haufen. Er draͤngte ſich zu ihr, verneigte ſich beinah ehrerbietig vor ihr, und ſtammelte, nach dem er zuvor vom Wetter geſprochen hatte, ein ziemlich unzuſam⸗ menhaͤngendes Lob uͤber ihre Schoͤnheit her. Das Fräulein antwortete mit Beſcheidenheit und Gra⸗ ziez ihre Stimme klang ſeinen Ohren, wie Flo⸗ tenton. Er vergaß in der Verwirrung die guten Lehren ſeines verſtorbenen Vaters, der ihn noch auf dem Tobbett ermahnte, ſich ja nur mit einem reichen, ſtiftsmaͤßigen Fraͤulein zu verbin⸗ den, damit er einſt,— was er ſelbſt nicht thun konnte, da ihm von weiblicher Seite her noch ein Grad fehlte,— ſeine juͤngern Soͤhne zu Maltheſer⸗Ritter machen laſſen koͤnnte. Mein Großvater erfuhr dieſen Umſtand zu ſpaͤt, und eben dies war Schuld, daß ſeine Gattin, welche er ohne dieſen erblichen Fehler angebetet haͤtte, aus Kummer uͤber ſeine Mißhandlungen fruͤhzei⸗ tig ſtarb. Sie war ſanft, ſchoͤn, gefaͤllig, und eine aͤußerſt verſtaͤndige Dame, aber ihr Urgroß⸗ vater— Kaufmann. Ihr Gemahl ſchaͤumte vor Wuth, als er dieſe ungluͤkliche Entdekung mach⸗ te. Er hatte zwei Soͤhne, von denen der juͤn⸗ gere die Zahl der gluͤklichen Chevaliers vergroſ⸗ ſern ſollte, die dem Colibat, nicht der Keuſchheit, geweiht ſind. Von einem Vetter erhielt er vor wenigen Stunden die Liſten der erledigten Pfrun⸗ den, und war eben im Begriff einen vornehmen Weltgeiſtlichen aus ihm zu fabriziren. Im Schlaf⸗ rok und der Nachtmuͤze auf dem Kopfe ſaß er noch im Kabinette ſeiner Gemahlin, und blaͤtter⸗ te aus Langerweile, eh' er ſich zu Bette legen wollte, in den Familien-Papieren, als er ploz⸗ lich dieſen Schreibfehler in dem Stammbuch ſei⸗ ner bis hieher ſo theuren Ehehaͤlfte entdekte. Er uͤberhaͤufte ſie mit den kraͤnkendſten Vorwuͤrfen, und wollte von dieſer Zeit an ſchlechterdings keine Gemeinſchaft mehr mit ihr pflegen⸗ Abſichtlich vermied er es, offentlich mit ihr zu erſcheinen, und wenn Geſellſchaft bei ihm war, ſo wußte er tauſenderlei Vorwaͤnde, ſeine gebeugte Gattin zu entfernen. Waͤren Eheſcheidungen zu ſeiner Zeit ſchon erlaubt geweſen, ſein unbegraͤnzter Stolz, taub gegen die milde Stimme der Na⸗ tur, haͤtte gewaltſam ein Band zerriſſen, wel⸗ ches ihn bisher ſo unausſprechlich beglukte. Dieſer Vorfall ereignete ſich, nachdem mein Großvater ſchon fuͤnf Jahr in der Ehe gelebt hatte. Sein Feuer war gedaͤmpft, aber mein Vater liebte zum erſtenmal, als er Euphroſinen erblikte. Ich weiß nicht, ob er einen innerlichen Kampf ————————— 2—— ſ⸗ el⸗ ein tte. ter kte. npf zwiſchen ſeiner Neigung und den Pflichten gegen ſeine Nachkommen zu beſtehen hatte, aber das weiß ich, daß die Liebe einen entſcheidenden Sieg uͤber ihn davon trug, und obgleich Mamſell Verneuil weder von gutem Adel, noch reich war, ſo heirathete mein Vater ſie doch drei Wochen nach jener merkwuͤrdigen Unterredung, und gerade nach neun Monaten,— von der Hochzeitnacht an gerechnet,— kam ich auf die Welt, und erhielt in der Taufe den Namen Alerander du DTranchant, als der recht⸗ maͤßige Sohn meines Paters, deſſen Voreltern ſchon ſeit den uralten Zeiten des Koͤniges René dieſen Namen fuͤhrten. Neider unſres Hauſes haben unter der Hand im Publikum ausgeſtreut: unſer erſter Ahnherr ſei ein gemeiner Koch, oder nur ſo eine Art von Haushofmeiſter bei dieſem kleinen Monarchen geweſen, und weil er vorzäglich gut mit dem Tranſchiren des Gefluͤ⸗ gels umgehen konnte, habe ihm der Prinz den Spottnamen Tranchant gegeben. Die Chronik ſezt hinzu, daß dieſer Tranchant ſchlechtweg ein bloßer Kuͤchenjunge geweſen ſei, deſſen Sohn ſich durch den Handel in der Levante bereichert habe. Seinem Enkel ſei es geglukt, ſich auf ſeine eige⸗ ne Fauſt in den Adelſtand zu erheben, und wir haͤtten keine andere Beweiſe unſerer edſen Ab⸗ kunft, als einen Heirathskontrakt, aufzuweiſen, Das Kind, 1. B SSereeneeeeeee—— ————————— — ———— 18— in welchem ſich jener den Titel eines Stallmei⸗ ſters beigelegt habe. All' das Geſchwäz kum⸗ mert mich aber wenig, oder gar nichts, da ohnehin kein Menſch mehr in Frankreich ein Edelmann ſeyn will. Drittes Kapitel. Pater Hilarion der Kapuziner.— Was fuͤr ein Menſch der Kapuziner war.— Meine Mutter ſtirbt.— Mein Vater verheirathet ſich wieder.— Betragen meiner Stiefmutter gegen mich, und was ſich ſonſt noch zuge⸗ tragen hat⸗ Wenn ich denjenigen, welche mir Anekdoten aus meiner Jugendzeit erzaͤhlten, Glauben beimeſſen darf, ſo hatte mich Mutter Natur mit ihren ſchoͤn⸗ ſten Gaben reichlich ausgeſtattet; jedoch die Be⸗ ſcheidenheit verbietet mir, das Gehoͤrte von Wort zu Wort zu wiederholen. Ich hab' es einmal un⸗ ternommen, mein eigenes Bild zu entwerfen, und leicht koͤnnte man auf den Argwohn gerathen, ich wollte mich ſchoͤner mahlen, als ich bin. Auch hab' ich, waͤhrend dem Laufe meines Lebens, B 2 20 oft die Bemerkung gemacht, daß man Menſchen, welche bei jeder Gelegenheit ihr eigenes Lob aus⸗ poſaunen, nur mit Wiederwillen zuhoͤrt, folglich mag ich mich nicht lächerlich machen und ſchlupfe nur leicht uͤber die ſchoͤnen Eigenſchaften weg, die man zufaͤllig bei mir wahrgenommen hat. Das allein will ich beruͤhren, daß ſie wahrſcheinlich weit glaͤnzender geworden waͤren, wenn man mir eine beßere Erziehung gegeben haͤtte. Kein Menſch wagt es, von ſich ſelbſt in einer Geſell⸗ ſchaft zu behaupten: er beſize Verſtand, aber mit ſeinem Gedaͤchtniſſe macht man ſich ger⸗ ne breit. Ich hatte ein vortrefliches Gedächt⸗ niß. Schon im vierten Jahre wußt' ich die ſchon⸗ ſten Fabeln von Lafontaine, die mir meine Mut⸗ ter vorgeſagt hatte, auswendig, und wenn ich eben in der Laune war, ſo konnt' ich ſie recht artig herbeten. Ich entzäkte jeden durch meine wizige Einfaͤlle. Auch ſeine Fehler muß man be⸗ kennen, das verſchaft dem Guten, das man von ſich ruhmt, deſto mehr Glauben, und ſo geſteh' ich denn, daß ich das eigenſinnigſte, verzaͤrtelt⸗ ſte Kind von der Welt war. Ich will nicht! war die gewoͤhnliche Antwort auf jede Bitte, und meine gute Mutter laͤchelte daruber, ſchloß mich in ihre Arme, gab mir Bonbons, die ich ihr zu⸗ weilen aus Eigenſinn an den Kopf warf, uner⸗ achtet ich ein großer Liebhaber von Bonbons war. ——— ℳ ——— 21 Pater Hilarion, der Kapuziner, ein unwuͤr⸗ diger Diener Gottes, und ein hoͤchſt unwuͤrdiger Freund unſres Hauſes, war unaufhoͤrlich das Stichblatt meiner kindiſchen Unarten. Nie war ich luſtiger, als wenn ich ihm aus dem Vart einige Haare rupfen, oder aus ſeinem Brevier Blaͤtter herausreiſſen konnte. Dies leztere ſchien er beſonders uͤbel zu nehmen, ob er gleich nie darinn las, als wenn er etwa von jemand be⸗ merkt zu werden glaubte. Zuweilen heftete ich ſeine Kapuze an der Lehne des Stuhles feſt, oder ſtach ihn mit einer Nadel unbarmherzig in die feiſten Schenkel. Der heilige Mann gab ſich das Anſehen, als erduldete er meine boshaften Kin⸗ dereien mit ſtiller Ergebung.„Deinem Schuz empfehl' ich ihn, o du mein himmliſcher Vater!« ſeufzte er mit geſenktem Haupt, und legte die beiden Haͤnde kreuzweis uͤber die Bruſt; ſobald er aber allein mit mir war, kneipte und zwikte er mich auf's empfindlichſte. Wenn dann jemand auf mein Geſchrei herzulief, ſo nahm er ſchnell ſeine vorige ſcheinheilige Miene wieder an, ſchloß mich in ſeine Arme, drang mir, troz alles Straͤu⸗ bens, tauſend ekelhafte Kuͤße auf, und liſpelte mit wehmuͤthiger Stimme:„hab' ich dir weh gethan, mein Puͤppchen? Komm, raͤche dich!— Schlag zu!— ſo recht, immer ſtaͤrker; ich hab's verdient!“— Ratuͤrlich ließ ich mir das nicht zweimal geſagt ſeyn, ſondern paukte mit meinen —————— 22——— kleinen Händchen tächtig drauf los, und zer⸗ fleiſchte mit den Naͤgeln das Geſicht des frommen Mannes, der geduldig wie ein Laͤmmchen ſti hielt, und mir noch obendrein freundlich zulächelte. Das iſt doch wahr, ſagte Fräulein von Ker⸗ ſac, eine Cbuſine meines Vaters, der Pater Hi⸗ larion hat ein vortreſliches Herz! Welch' engli⸗ ſche Gedult! Welch' evangeliſche Sanftmuth! Pater Hilarion war der Beichtvater des Fraͤu⸗ leins, ein großer, wohlgewachſener, baumſtarker Mann, in den beſten Jahren. Cr hatte ein leb⸗ haftes Aug, eine lange Naſe, einen großen Mund⸗ eine breite Bruſt und einen ſchonen Fuß. Nach dem Plane des Beichtvaters ſollte der Marquis dem Fraäulein von Kerſac ſeine Hand reichen, aber die Liebe, welche dieſen plozlich beim Anblik der jungen Verneuil berraſchte, vereitelte alles. Tante Kerſac, die ſehr arm war, aͤrgerte ſich im ſtillen daruͤber beinahe zu tod. In unſrem Hauſe hatte ſie nach und nach eine unumſchraͤnkte Herrſchaft an ſich zu reißen gewußt, und den redlichen Bemuͤhungen ihres Beichtvaters gelang es endlich, daß ſie ſich gedultig in ihren Jungfern⸗ ſtand ergab⸗ 3 Den Sommer uͤber brachten wir gewoͤhnlich auf dem Lande zu, wo Pater Hilarion unſre 23 Geſellſchaft vermehrte. Sein Zimmer ſtieß hart an das Schlafzimmer meiner Tante, welche er jedesmal nach dem Nachteſſen beſuchte, und ſich mit ihr uͤber die wichtigſten Saze der chriſtlichen Moral unterhielt⸗ Meine Tante verſtund ſich recht gut auf Kontroverſen, und zu nicht gerin⸗ ger Verwunderung des jungen Beichtkindes, daß die Zeit uͤber den geiſtlichen Unterhaltungen ſo ſo ſchnell entflohen ſei, ͤberraſchte ſie und den Pater zuweilen der anbrechende Morgen. Die Dienerſchaft, ein verläumderiſches Voͤlkchen, er⸗ laubte ſich manchmal hieruber ein unzeitiges Spaͤßchen, doch in Gegenwart meines Vaters ſchwieg jedermann maͤuschen ſtill, denn er war von der Rechtſchaffenheit dieſes heiligen Man⸗ nes, oder,— wenn ich mir einen geſchm akvol⸗ lern Krameriſchen Ausdruk erlauben darf,— dieſes geſchornen Gotteshammels ſo innig uͤber⸗ zeugt, daß er ihn ſehr oft ſogar mit ſeiner Frau allein ließ. Pater Hilarion ſprach ſo erbaulich äber die Enthaltſamkeit, ſeine Moral war ſo ge⸗ laͤutert, ſeine Blike ſo unbefangen, ſeine Worte ſo abgemeſſen, daß man ihn äberall als Mu⸗ ſter zur Nachahmung hätte aufſtellen konnen⸗ Nichts deſtoweniger fand meine Mutter keinen Geſchmak an ſeinen Unterhaltungen unter vier Augen; der Heuchler mochte ſich auch noch ſo ſehr verſtellen; ſo traute ſie ihm doch nicht, und hatte einen natärlichen Widerwillen gegen ihn⸗ 34 e von dem ſie ſich keinen deutlichen Grund an⸗ geben konnte. Durch ihr ernſtes Betragen hielt ſie ihn immer in einer gewiſſen Entfernung, und er war der Mann nicht, der ſich ſo leicht eine Bloͤſe gab; man mußte ihm immer auf halbem Weg entgegen kommen. Pater Hilarion kannte den Geiſt des Zeitalters, in welchem er lebte, er hatte den Tartüffe geleſen, und huͤtete ſich wohl, zu keiner Vergleichung mit dieſem Anlaß zu geben. Seine Froͤmmigkeit, weder zu roh, noch zu geſchmeidig, ſchien aus einer reinen, ungetrubten Quelle zu flieſſen. Er verabſcheute das Laſter und bemitleidete den Laſterhaften. Im⸗ mer wußte er die ſchwache Seite derjenigen Per⸗ ſon aufzuſpuͤren, die er verfuͤhren wollte, und, wie ein Tieger, dem die nahe Beute nicht ent⸗ rinnen kann, benuzte er ſeinen Vortheil erſt dann, wenn man ihm denſelben nicht mehr ſtrei⸗ tig machen konnte. Das Gläk ſchien ſich in unſrem Hauſe ange⸗ ſiedelt zu haben, und wir fuͤhlten uns auch wirk⸗ lich ſehr gluͤklich, als meine Mutter ploͤzlich von einer ſchweren Krankheit befallen wurde. Pater Hilarion und meine Tante wichen nicht von ihrem Lager, duldeten es aber auch ſchlechterdings nicht, daß mein Vater ſich ihr naͤhern durfte, weil die Krankheit, wie ſie behaupteten, anſtekend ſei. Nur ihnen, ſagten ſie, deren Daſeyn der Welt — 3 zu nichts nize, nur ihnen komme es zu, ihr Le⸗ ben daran zu wagen. Durch dergleichen Vor⸗ ſtellungen ſchrekten ſie einen leichtglaubigen Gat⸗ ten zuruͤk, der ſeine Frau zwar aufs inn igſte liebte, aber ſich auch in gleichem Grade vor dem Tode fuͤrchtete. Jene befolgten gerade das Ge⸗ gentheil von dem, was die Aerzte verordneten, und ſo ſtarb denn meine gute Mutter, nachdem ihr die Couſine zuvor mit eigener Hand eine von dem frommen Manne zubereitete Arznei eingege⸗ ben hatte. Ich war noch zu jung, um dieſen unerſezli⸗ chen Verluſt in ſeiner ganzen Groͤße empfinden zu koͤnnen, und meine Thraͤnen floßen nur ſpar⸗ ſam. Deſto mehr weinten mein Vater und die Domeſtiten, welche leztere bald darauf verab⸗ ſchiedet wurden, hauptſaͤchlich aber diejenige, die meiner verſterbenen Mutter am meiſten ergeben waren. Ihr Anblik und die Lobſpruͤche, welche dieſe gute Leute der Verewigten unaufhoͤrlich er⸗ theilten, regten das Andenken an ſeinen Verluſt in der Seele meines Vaters zu ſchmerzhaft wie⸗ der auf. Der menſchenfreundliche Hilarion und die zaͤrtliche Kerſac ſtrengten ihre ganze Erfin⸗ dungskraft an, den guten Marquis zu zerſtreuen, und ihn ſeiner dumpfen Schwermuth zu entreiſ⸗ ſen. In weniger als ſechs Monaten gelang es ihnen auch. — —————————————— 26 Noch immer fuhrte meine Tante die Zuͤgel der Haushaltung; Pater Hilarion ſtand ihr red⸗ lich in dieſem ſchweren Geſchaͤfte bei, mein Va⸗ ter aber verhielt ſich ganz leidend. Im unbefan⸗ genſten Tone machte ihn zuweilen der Kapuziner auf die Reize des Fraͤuleins aufmerkſam, wie herrlich beſonders die Prauer ſie kleide. Wein Vater achtete anfaͤnglich nur wenig auf dieſes Ge⸗ ſchwäz, aber nach und nach ruhte ſein Aug auf ihrer ſchlanken Figur, und endlich fand er, daß der Pater vollkommen Recht habe. Das Fräu⸗ lein von Kerſae ſah jedesmal ſittſam vor ſich A der, ſo oft mein Vater ſie anblikte. Eines ges begegneten ſich ihre Augen; n ſeufzte mein Vater, die Tante errothete, wiſchte ſich zum Schein eine Thraͤne aus dem Aug, und ſchlüpfte zum Zimmer hinaus⸗ „Das iſt doch ein himmliſches Geſchopf! rief der Hapuziner aus. Sie glauben nicht, wie aufmerkſam ſie auf alles iſt, was Ihnen Freude machen kann. Und wie ſie Ihren Sohn ſo lieb hat! Der arme Waiſe hat eine zweite Mutter in ihr gefunden 1 Tiefbewegt ſchien der Gottesmann, indem er dies ſagte, mein Vater war es noch mehr⸗ Stammelnd nannte er meinen Namen, den Namen ſeiner verewigten Gattin, der guten auf —* lich ind rief wie ude lieb tter em den ten 1 — Couſine, und eine Thraͤne der Dankbarkeit floß uber ſeine Wangen⸗ Von Tag zu Tag war der Puz meiner Tante gewählter; mit äͤngſtlicher Sorgfalt bemöhte ſie ſich, meinem Vater ſeine leiſeſten Wuͤnſche ab⸗ zulauern, und dieſer wurde in kurzem gewahr, daß er mehr als bloße Freundſchaft fuͤr ſie em⸗ pfinde. unmerklich wußte man ihn zu einer Erklaͤrung zu bringen, un mnerklich bot er ihr ſeine Hand an, und da war's, wo man ihn eigentlich haben wollte. Fraͤulein von Kerſac zeigte eine beinah unuͤberwindliche Abneigung gegen den Eheſtand, weil man in demſelben den irrdiſchen Freuden zu ſehr nachjagt, und ſich daruͤber von dem ſchmalen Pfade zum Him⸗ mel verirrt. Auf dringende Pitte meines Va⸗ ters bediente ſich der ehrwuͤrdige Herr ſeiner ganzen Beredſamkeit, und bewies meiner Tante ſonnenklar: eine gute Hausmutter ſei Gott eben ſo angenehm, wie es nur immer eine fromme und zächtige Jungfrau ſeyn koͤnne, ſo daß ſie end⸗ lich, nachdem ſie fuͤnfzehn volle Tage muthig den fleiſchlichen Luͤſten des Satans widerſtan⸗ den hatte, mit bebender Stimme einwilligte⸗ Pater Hilarion erbat ſich in chriſtlicher De⸗ muth nur die einzige Gunſt, dies fromme, zur Liebe geſchaffene Pärchen einzuſegnen und auf ewig vor dem Altar mit einander zu verbinden. — 28 Das Trauerjahr war kaum zur Haͤlfte ver⸗ floßen, und, troz ſeiner Neigung zu dem Fraͤu⸗ lein, fuͤhlte mein Vater, daß es unſchiklich ſei, ſobald zu einer zweiten Ehe zu ſchreiten. Er ge⸗ hoͤrte in die Klaße jener Menſchen, welche ſtreng auf das Herkommen halten, und zu ſchwach ſind, die Epigrammen und Spottreden des verlaͤumde⸗ riſchen Haufens großmuͤthig zu verachten. Der Kapuziner billigte zwar dieſe Gruͤnde, aber, er⸗ fahren in der Kunſt, jedes Hinderniß aus dem Wege zu raͤumen, gab er meinem Vater den Rath, alle ſeine Guͤter zu veraͤuſſern, und ſich dafur in einer entferntern Provinz andere zu kau⸗ fen. Zugleich machte ſich der Mann Gottes, der ſich unmoͤglich von einem ſo werthen Ehe⸗ paar trennen konnte, anheiſchig, ſie mit Erlaub⸗ niß ſeiner Obern dahin zu begleiten. Dieſer Ausweg gefiel meinem Vater, denn jeder Vor⸗ ſchlag der Couſine oder des Kapuziners hatte zum voraus ſeinen Beifall. Meine Tante berich⸗ tigte alle ſtreitigen Punkte, worauf ſich mein Vater ſchlechterdings nichts verſtand, denn Einnahmen und Ausgaben waren von jeher ſeine Sache nicht, und beim ganzen Handel hatte er weiter nichts zu thun, als daß er Namen und Siegel herge⸗ ben mußte. Der Kauf wurde alſo gluklich ab⸗ geſchloſſen, und in dem Kontrakt, welchen der dienſtfertige Pater ſelbſt abgefaßt hatte, aus⸗ druklich feſtgeſezt, daß von den zukuͤnftigen Ehe⸗ d — ——— leuten der uͤberlebende Theil den andern beerben ſollte. Alles wurde zur Zufriedenheit des neuen Brautpaars beendigt, aber meiner wurde leider mit keiner Silbe gedacht. Fraͤulein Kerſac war ſo gut, und liebte meinen Vater ſo unausſprech⸗ lich, daß dieſer es fur gottesläſterlich gehalten hätte, wegen meinem kuͤnftigen Schikſal nur ven weitem einige Beſorgniß gegen meine Stiefmutter zu aͤuſſern. Jezt trugen wir unſte Penaten an die la⸗ chenden Ufer der Loire, in die Naͤhe von Am⸗ boiſe. Nie lebten wohl drei Perſonen in einem traulichern Einverſtaͤndniſſe, als die beiden Ehe⸗ leute und der ehrwuͤrdige Pater, welcher ſich haͤufig aus ſeinem Kloſter entfernte, und jeden Augenblik, den er der Ausuͤbung unfrer gehei⸗ ligten Religion entziehen konnte,— und deren waren nicht wenige,— der Freundſchaft, und der häußlichen Eintracht weihte. Auch ich war gluk⸗ lich und zufrieden, denn außer dem bißchen Gei⸗ gen, worin mir ein Kammerdiener Unterricht gab, wurd' ich ſchlechterdings nicht zum Fernen angehalten. Es wuͤrde ein großes Mistrauen in die Scharf⸗ ſicht meiner Leſer verrathen, wenn ich ihnen jezt erſt vertrauen wollte, daß zwiſchen meiner Stief⸗ mutter und dem ehrwuͤrdigen Kapuziner ein ſehr ſtrafbares Verſtaͤndniß ſtatt gefunden habe. Zuver⸗ 30—— läßig wiſſen ſie es alle ſchon beſſer, als mein Vater ſelbſt, deſſen Seele ganz rein von allem Verdachte war. Dieſer hegte immer von dieſen beiden Perſonen die beſte Meinung, und hielt ſie fuͤr ſeine redlichſte Freunde, ſich ſelbſt aber fuͤr den glüklichſten Hausvater in ganz Frankreich. Der Glaube macht ſeelig, ſagt das Sprichwort, und wahrlich! der Glaube des guten Mannes war unerſchuͤtterlich. Seine väterliche Liebe theilte er zwiſchen mir und einem neugebohrnen Knaben, womit ihn ſeine Gattin beſchenkt hatte. Mein Bruder war kaum zehn Jahr alt, als ich ſchon das fuͤnfzehnte zurukgelegt hatte. Der Kapuzi⸗ ner, welcher vielleicht mehr Gelehrſamkeit beſaß, als alle andere gemaͤſtete Mitglieder ſeines heiligen Ordens zuſammengenommen, die ſich gewoͤhnlich nichts um die Wiſſenſchaften bekuͤmmern, gab ſich alle erſinnliche Muͤhe, jenen zwekmaͤßig zu unterweiſen, und ſeinen Geiſt auszubilden. Dem äuſſern Scheine nach war ich das Lieb⸗ lingsſöhnchen, denn meine Stiefmutter uberhaͤufte mich mit Liebkoſungen, und ich liebte ſie unaus⸗ ſprechlich. Auch der leiſeſte Wunſch von meiner Seite war ein Befehl, den jeder reſpektiren muß. te. Manchmal wurde mein Vater uͤber den Vor⸗ zug, den man mir auf Koſten meines juͤngern, beſſer erzogenen Bruders einraͤumte, im Ernſt ungehalten. Täglich liefen grundloſe Klagen uber — —— b⸗ fte 18⸗ er uß. or⸗ nſt ber 31 ihn ein, nur damit der Vater ſeine Vertheidigung uͤber ſich nehmen ſollte; dieſe Klagen waren aber ſo kunſtlich eingerichtet, daß dardurch gewoͤhnlich die Vorzüge meines Bruders um ſo glänzender herausgehoben wurden. Seine Fortſchritte in den Wiſſenſchaften waren auffallend⸗ Ich fuͤhlte mich ſehr gedemthigt, wenn man eine Vergleichung zwiſchen uns beiden anſtellte, und aus Schaam nahm ich mir manchmal vor, auch etwas zu ler⸗ nen. Pater Hilarion erbot ſich freiwillig zu mei⸗ nem Lehrer, aber er draͤkte ſich geflißentlich ſo dunkel und abſtrakt aus, daß ich bald wieder ei⸗ nen Ekel vor ben Wiſſenſchaften bekam. Meine Stiefmutter verſah mich heimlich mit Buͤchern, welche meine Imagination erhizten und meit Herz verdarben. Da ich ſehr freigebig war, ſo ließ ſie mich nie an Geld Mangel leiden. Die ſchlechteſten Mittel wurden angewendet, mich auf den Weg des Laſters zu leiten, und ich folgte willig dieſen verführeriſchen Lokungen. In einem Alter, wo andere noch die ganze Rein⸗ heit der Sitten in ihren jugendlichen Herzen bewahren, wo Ausſchweifungen die koͤrperlichen und geiſtigen Kraͤfte zerſtoͤren, war ich ſchon ein vollendeter Wolluͤſtling. Meine Stiefmutter hatte die ſchoͤnſten Kammermaͤdchen in ihrem Dienſte, welche ihr von Pater Hilarion, der als Beicht⸗ vater die Neigungen und Schwaͤchen dieſer Ge⸗ ſchdpfe vollkommen kannte, empfohlen wurden⸗ Bei dieſen niedlchen Kindern war ich wegen meiner einnehmenden Geſtalt, vorzuglich aber wegen der bedeutenden Geſchenke, die ich mit vollen Händen an ſie verſchwendete, beſonders gut angeſchrieben. Ich war erfahren in Dingen, die ich nicht hätte wiſſen ſollen, und unwiſend in allem, was man von einem Menſchen in meinen Jahren erwarten konnte. Meine treuloſe Stief⸗ mutter erſchrak, als mein Vater eines Tags ernſtlich von meiner Verſorgung ſprach. Ueberall wußte ſie ihrem ſchwachen Gemahle Hinderniſſe in den Weg zu legen, und der ſcheinheilige pfaffe unterſtüzte ſie in ihren frommen Ver⸗ läumdungen. Beide erfanden bald uͤber die Fa⸗ milien, bald uͤber die Mädchen, von denen die Rede war, hoͤchſt ärgerliche Anekdoten. Aus eigener Erfahrung wußten ſie, daß ich, durch Wolluſt uͤberſättigt, mich nach keiner Verbin⸗ dung ſehnen wurde, welche nur meine Unabhaͤn⸗ gigkeit beſchraͤnkte, von der ich mir aber am Ende doch kein neues, mir noch unbekanntes Vergnuͤ⸗ gen verſprechen durfte. Sie floßten mir wechſels⸗ weiß einen Abſcheu gegen den Eheſtand ein, und ich machte gar kein Geheimniß aus einer Den⸗ kungsart, welcher ſie ſelbſt dieſe verkehrte Rich⸗ tung gegeben hatten. Mein Vater ſchrieb dieſe Abneigung gegen das andere Geſchlecht, auf Rech⸗ nung meiner Jugend, und erwartete ruhig, daß die Zeit eine erwänſchte Veränderung bei mir gen aber mit ders gen, end inen tief⸗ erall niſſe ilige Ver⸗ Fa⸗ die Aus durch rbin⸗ bhaͤn⸗ Ende rgnůͤ⸗ hſels⸗ „ und Den⸗ Rich⸗ dieſe Rech⸗ daß i mir hervorbringen wuͤrde, denn ich war ihm viel zu lieb, als daß er mich mit Gewalt zwingen wollte⸗ Eben damals ererbte mein Vater ein Gut von zweimal hundert tauſend Franken, welches er mir zugedacht hatte. Er wußte nichts von mei⸗ nen geheimen Ausſchweifungen, aber troz aller Vorliebe gegen mich bemerkte er doch meinen Hang zur Verſchwendung, und meine Abnei⸗ gung gegen alle ernſthafte Beſchäftigungen. Ich war heftig, aufbrauſend, eigenſinnig, und mein guter Vater ahnete zum voraus, daß mich in denen Jahren, wo die Leidenſchaften erwachen, mein ſtuͤrmiſches Temperament in das unvermeid⸗ lichſte Verderben ſtuͤrzen wuͤrde. Wie leicht konnt' ich einſt die Gunſt ſeiner Gattin, die gegenwaͤrtig mit ganzer Seele an mir hieng, und ſogar ihren eigenen Sohn daroͤber vernachlaͤſigte, wie leicht konnt' ich dieſe Gunſt verlieren, ſobald ſie eine ernſthafte Vergleichung zwiſchen dieſem und mir anſtellte. Seine aͤngſtlichen Beſorgniſſe ſtiegen, wenn er an die Moͤglichkeit dachte, daß er ſruher als ſeine Gemahlin ſterben koͤnnte. Denn in die⸗ ſem Fall war ſie nach dem Heiratskontrakt un⸗ umſchraͤnkte Gebieterin ſeines ganzen Vermoͤgens, und wie natärlich war es dann, daß ſie, erzurnt durch meine Auffuͤhrung, den folgſamen, unter⸗ wuͤrfigen Sohn belohnte, und den unwiſſenden Das Kind ⁊⸗ 34—— und ſchlechterzogenen im Elend ſchmachten ließ⸗ Zum erſtenmal fiel es ihm ein: er ſei eigent⸗ lich der Herr im Hauſe. Vergebens verſuchte man es, ihn auf andere Geſinnungen zu leiten, er beharrte feſt darauf, noch bei Lebzeiten das Vermoͤgen ſeiner ihm gleich werthen Kinder un⸗ ter ſie zu vertheilen. Ein alter Offizier, welcher auf den Pater Hilarion und meine Stiefmutter eben keine groſſe Stuke hielt, hatte ihn wahr⸗ ſcheinlich zu dieſem Entſchluß veranlaßt. Der ehrliche Mann gewann mich lieb, und ertheilte mir manchen guten Rath, den ich aufmerkſam anhörte, ohne daß ich den Muth gehabt haͤtte, ihn zu befolgen. Alle Bemerkungen, welche ſich der geiſtliche Herr, oder die gnädige Frau oͤber das Projekt meines Vaters erlaubten, warf der alte Degenknopf uber den Haufen. Er hatte eine ſehr nachdrukliche Logik, und es war ſchwer, auf ſeine Argumente zu antworten, weil er immer nur die gerechte Sache vertheidigte. Auf den Rath dieſes würdigen Mannes ſollte mir das neulich ererbte Gut zugeſchrieben, ich ſelbſt aber noch auf einige Jahre in das Erziehungs Inſtitut La Fleche geſchikt werden, um das Verſaͤumte ei⸗ nigermaſſen nachzuhohlen, als mein Vater ploz⸗ lich ſtarb. Niemand war in ſeinem Zimmer, außer dem Kapuziner und meiner Stiefmutter⸗ Ich wußte — dem 35 kein Wort davon, daß ihm etwas zugeſtoſſen ſei, wie ich aber uͤber den Gang hinſchlenderte, ſo war mir's, als hoͤrt' ich ihn aͤngſtlich meinen Na⸗ men rufen. Erſchroken eilt' ich auf die Thuͤre zu, da trat meine Mutter heraus, todesbleich und mit wildem Blike, ihre Kleider in volliger Un⸗ ordnung. Sie fuhr heftig zuſammen, als ſie mich gewohr wurde, ergriff haſtig meine Hand, und ſchleppte mich zitternd nach ihrem Zimmer⸗ Wenige Augenblike darnach erſchien auch der Pa⸗ ter. Aus allen ſeinen Zuͤgen leuchtete eine wilde Freude, aber ſobald er mich anſichtig wurde, brach er in ein lautes Geſchrei aus. Meine Stiefmutter rang die Haͤnde und uͤberſchrie noch den Pfaffen mit ihrem Geheul. Mir ahnete nichts gutes. Ich ſah erſchroken bald den Kapu⸗ ziner, bald meine Stiefmutter an, und wußte nicht, was das bedeuten ſollte; endlich erfuhr ich durch ihre unaufhoͤrliche Ausrufungen den Tod meines Vaters. Mein Schmerz war nicht ſo geraͤuſchvoll, wie der ihrige, aber dafuͤr war er auch nicht Grimaſſe. Meiner ſelbſt nicht bewußt ſturzt' ich auf einen Sopha nieder; eine Thraͤ⸗ nenfluth machte meinem gepreßten Herzen Luft, und wie ich allmaͤhlig wieder die Beſinnung er⸗ hielt, fand ich mich allein im Zimmer. Es war mir, als hoͤrt ich zum zweitenmal den aͤngſtlichen Jammerton meines Vaters. Pfeilſchnell ſprang ich auf und ſtuͤrzte auf ſein Zimmer zu. Der C 2 35— Kapuziner und meine Stiefmutter ſtanden bei⸗ ſammen in der Fenſterbruſtung, und ſchienen in ein wichtiges Geſprach vertieft zu ſehn⸗ Ich warf mich auf den Leichnam meines Vaters, rieß die Leinwand hinweg, mit welcher ſein Geſicht bedekt war, und hatte den ſchreklichſten Anblik vor mir⸗ Seine Züge waren entſtellt, das Aug weit her⸗ vorgequollen, der Mund violett und blutend⸗ Mit einem Schrei des Entſezens ſank ich leblos zu Boden; Pater Hilarion ſchleppte mich von dieſem traurigen Schauplaz hinweg⸗ Wie ein Trunkener wankt' ich den Tag darauf dem Lei⸗ chenzuge nach⸗ Der Schmerz raubte mir alles Nachdenken, und ich ſah in den erſten Augenbli⸗ ken nicht die Folgen voraus, welche dieſer uner⸗ ſezliche Verluſt fur mich haben wuͤrde. Meine Stiefmutter ſchien wieder beruhigt zu ſeyn, und kuͤmmerte ſich nichts weiter um mich. Pater Hilarion, bisher der demuͤthigſte und krie⸗ chendſte Mann von der Welt, gab ſich auf ein⸗ mal ein ſehr gebieteriſches Anſehen, und fuhr mich rauh an. Durch Ihre ſchaͤndliche Aus⸗ ſchweifung, ſprach er, haben Sie einen recht⸗ ſchaffenen Mann gemordet. Schon lange nagte der Gram heimlich an ſeinem Herzen; als er ſeiner Sache gewiß war, da brach es, und konn⸗ te ihre Schande nicht äberleben. Sprachlos vor Erſtaunen blikt' ich meine on ein ei⸗ les bli⸗ ter⸗ t zu ich. rie⸗ ein⸗ fuhr Aus⸗ echt⸗ agte l[s er konn⸗ meine — 37 Stiefmutter an, welche gewaltſam ihr Aug von mir abwendete, und wie ich mich ihr liebkoſend nähern wollte, mich unſanft zuruͤkſtieß. Alle diejenige von der Dienerſchaft, welche mir erge⸗ pen waren, beſonders die Mitſchuldigen mei⸗ ner jugendlichen Verirrungen, wurden ihrer Dien⸗ ſte entlaſſen, und acht Tage darnach kuͤndigte mir meine Stiefmutter an: ſie ſei geſonnen, in Ruͤk⸗ ſicht meiner den Wunſch ihres verewigten Gatten zu erfullen. Sie mache ſich ſelbſt die bitterſten Vorwärfe, daß ſie mich ſeither mit einer ſo blinden Affenliebe behandelt habe, aber an die Stelle ihrer ſtrafbaren Schwaͤche ſoll von nun an eine kluge Strenge treten, und ſie wolle mir dardurch einen Beweis ihrer Freundſchaft geben, daß Sie mich in die Nothwendigkeit verſeze, die Zeit meiner Minderjaͤhrigkeit vollends nuͤzlich anzuwenden. Dann erſt ſei ich unumſchraͤnkter Herr meiner Handlungen und meines Vermd⸗ gens, biß dahin aber muße ſie ein wachſa⸗ mes Auge uͤber meine Aufführung haben, denn das fordern die Ehre und die Religion. Bereite dich,— fuhr ſie fort,— morgen in das Kol⸗ legium la Fleche abzureiſen⸗ Deine Habſelig⸗ keiten ſind gepakt. Ich gebe dir nicht mehr und nicht weniger mit, als deine Kameraden auch haben, denn ich kann es durchaus nicht zugeben, daß du jene durch einen unndthigen Aufwand demuͤthigſt. Strebe darnach, ihnen 38— an Eifer und Kenntniſſen gleich zu kommen, dann erſt wirſt du dich meiner Liebe wieder wuͤrdig machen, und ſollſt in mir eine Mut⸗ ter finden, welche dich mit Freuden Sohn nen⸗ nen wird. Lange, nachdem ſie ſchon ausgeſprochen hatte, ſah ich ſie noch ſtarr an, und bemuͤhte mich, in ihren Augen wieder den Ausdruk von Zaärt⸗ lichkeit und Liebe zu finden, womit ſie mich ſonſt zu bezaubern wußte; aber ihr Blik war eiskalt, wie der Ton ihrer Stimme, mit wel⸗ cher ſie dieſe ſtudierte Rede hergeſagt hatte⸗ Ganz troken befahl ſie jezt einem Bedienten, die noͤthigen Anſtalten zu meiner Abreiſe vol⸗ lends zu treſſen, mich ſelbſt aber verließ ſie, ohne mich, wie ſonſt, umarmt zu haben, ohne nur den Kummer bemerken zu wollen, welcher mich zu Boden druͤkte. Wie tief beugte mich dieſe plözliche Veraͤn⸗ derung! Ich, der noch vor kurzem von jeder⸗ mann angebetet ward, deſſen reizbares Herz keine hoͤhere Wonne kannte, als Liebe zu geben, und Liebe zu nehmen, wurde nun mit Verach⸗ tung zuruͤkgeſtoſſen, verbannt aus dem vaͤterli⸗ chen Hauſe. In Begleitung eines armſeligen Boten, welcher meine Equipage in einem klei⸗ nen Mantelſak hinter ſich aufgepakt hatte, ver⸗ ließ ich es, ohne daß mich meine Stiefmutter noch en, eder Nut⸗ nen⸗ atte, ich, aͤrt⸗ mich war wel⸗ atte⸗ ten, vol⸗ ſie, ohne lcher raͤn⸗ eder⸗ Herz ben, rach⸗ erli⸗ ligen klei⸗ ver⸗ noch einmal eines freundlichen Wortes gewuͤrdigt haͤt⸗ te, ſelbſt ohne mir das lezte Lebewohl zu ſagen⸗ Der Tag graute, als ich ſchon ganz reiſefer⸗ tig war. Noch einmal ſehnt' ich mich, das Weib zu ſehen, welches ich ſeither ſo innig verehrt hatte. Ich ſuchte ſie bei mir ſelbſt zu recht⸗ fertigen, und ſchrieb ihre Kaͤlte gegen mich auf Rechnung des Kummers, den ſie wahrſcheinlich noch uͤber den Verluſt meines theuern Vaters empfinden wuͤrde; aber als ich jezt zu ihr die Treppe hinaufwollte, wurd' ich ſehr unſanft zu⸗ ruͤkgewieſen. Sie hatte den Abend zuvor aus⸗ druͤklich Befehl gegeben, daß man ſie nicht im Schlafe ſtoͤren ſollte. Dieſer Zug von Gefuͤhllo⸗ ſigkeit erpreßte mir bitt re Thraͤnen. Schweigend ſtieg ich zu Pferde; auf dem ganzen Weg ſprach ich keine Silbe. Ich war in tiefe Gedanken ver⸗ ſunken, und meine Seele ahnete das ungluͤk, welches meiner in Zukunft harrete. Wir kamen in dem Kollegium la Fleche an, und die Art, wie mich der Vorſteher deſſelben empfieng, zeigte mir deutlich, daß man ihn zum voraus gegen mich eingenommen haben muͤſſe. „Es iſt nothwendig,“ ſo lautete ſeine Anrede, daß Sie beſſer gezogen werden, und ich will mich beſtreben, den Wunſch des frommen Mannes zu erfuͤllen, der Sie meiner Sorgfalt anvertraut hat. Vor allem merken ſie ſich dies, wenn Sie 46——— nicht mit Strenge behandelt ſeyn wollen, ſo muͤſ⸗ ſen Sie auf den erſten Wink gehorchen lernen“ Nach dieſen wenigen Worten fuͤhrte er mich in der unterſten Klaße ein, wo ich der Mitſchuͤler von J⸗Bjaͤhrigen Buben ſeyn ſollte, die freilich alle mehr verſtanden, als ich; denn ich hatte nicht einmal die erſten Anfangsgruͤnde jener ſchwe⸗ ren und gelehrten Sprache inne, ich meyne, von dem verdammten Latein, welches die Kinder zur Verzweiflung treibt, und ihnen gewöhnlich durch den erbaͤrmlichen, geſchmakloſen Unterricht ekel⸗ haft gemacht wird⸗ Dieſe von der vorhergehenden ſo verſchiedene Lebenkart, der ſtolze und pedantiſche Ton meiner Lehrer, die kindiſchen Scherze meiner Kamera⸗ den, ihre unſchuldigen Spiele, ihre ſturmiſche Freude, alles dies ſchikte ſich nicht fuͤr mein Al⸗ ter, fuͤr meine gewohnte Lebensweiſe, und fuͤr die verkehrte moraliſche Richtung, die ich erhal⸗ ten hatte. Ich war bereits einen Monat in dem Kollegio, aber ich achtete wenig auf den ertheil— ten Unterricht. Man wollte mich mit einer de⸗ muͤthigenden korperlichen Strafe belegen; mein Innerſtes empoͤrte ſich gegen dieſe Erniedrigung; ich trieb Gewalt mit Gewalt zuruͤk, und der Rek⸗ tor, welcher in mir ein folgſames und duldſames Schlachtopfer zu finden glaubte, ſah ſich endlich gendthigt, von ſeinem Vorhaben abzuſtehen. Jeit uͤſ⸗ n.“ in ler lich atte We von zur urch kel⸗ ene iner era⸗ iſche Al⸗ fuͤr hal⸗ dem heil⸗ de⸗ mein ung; Rek⸗ mes dlich Jezt dacht' ich ernſtlich auf die Flucht, ohne einen be⸗ ſtimmten Plan zu entwerfen. Ich war Sklave, aber feſt entſchloſſen, die Ketten zu zerbrechen. Einen der älteſten meiner Mitſchuler macht' ich zu meinem Vertrauten; er war, wie ich, ein verzogenes Mutterſoͤhnchen, dem der ſchrekliche Zwang und das toͤdtende Einerlei ſo unerträglich, wie mir, fiel. Er plauderte unſer Geheimniß aus, wir wurden verrathen, und jeder von uns, abge ſondert, in einem vergitterten Gemach ein⸗ geſchloſſen. Ich war in Verzweiflung, ſchrieb die ruͤhrendſte Briefe an meine Stiefmutter, aber der Vorſteher des Inſtitutes entſiegelte ſie. Ob er ſie abgeſchikt hat, oder nicht? ich weiß es nicht, doch zweifl' ich daran, denn ich er⸗ hielt keine Antwort. In einem dieſer Brie⸗ fe entwarf ich eine treffende Schilderung meiner Loge; ich ſchonte ſogar meine Pei⸗ niger nicht, und dieſe raͤchten ſich dadurch, daß ſie mich acht Tage hintereinander unbarmherzig mit Ruthen ſtreichen lieſſen. Zu gleicher Zeit wurde mir angekuͤndigt, ich ſollte kuͤnftig bei Waſſer und Brod eingeſperrt werden, wenn ich nicht fleiſiger waͤre, und nur ein anhaltender Eifer koͤnnte mich wieder in den Schooß meiner Kame⸗ raden zurukfuhren. Hartnaͤkig beharrt' ich auf meinem Kopf: man hielt Wort. Endlich ergab ich mich in mein Schikſal, und in allem, was man mir vorlegte, macht ich von nun an die 42—— ſchnellſten Fortſchritte. Die Hoffnung zur Frei⸗ heit beſtärkte mich in meinem Fleiße, und ſpornte mich immer mehr an. Noch zwei Tage, und ich durfte mein Gefängniß verlaſſen. Den Tag vorher, ehe der erſehnte Mergen anbrach, trat der Vorſteher des Kollegiums mit einem Brief in der Hand in meine Kammer. „Er gehoͤrt nicht mehr unter die Zahl unſerer Koſtgaͤnger, ſagte er, und kann ſogleich ein Haus verlaſſen, das ihm immer zuwider war, und wo man ſeiner ebenfalls herzlich muͤde iſt.« — Deſto beſſer, ſo wird weder Ihnen noch mir der Abſchied ſchwer fallen.— „Ich zweifle, ob er Urſache ſich daruͤ⸗ ber zu freuen.“ — Es mag ſeyn, wie's will, nirgends kann es mir ungluklicher gehen, wie hier.— „Mit einer ſolchen Denkungsart, iſt man aller Orten ungluklich.“ — Die Freude uͤber meine wiedererlangte Freiheit laͤßt mich bei Ihren Beleidigungen ſchwei⸗ gen.— „Da thut er wohl daran, denn ich brauch' ihm nicht erſt zu ſagen, wie wir die ungezoge⸗ nen Jungen zu beſtrafen wiſſen.« 43 rei⸗ Ich ſchwieg maͤuschenſtill, weil ich den uner⸗ nte bittlichen Zorn meiner Tirannen kannte, und die und Blizesſchnelle, mit welcher ſie ſich an ihren un⸗ rag gluklichen Schlachtopfern zu raͤchen pflegten⸗ rat„Hier iſt ein Brief,« ſezte er hinzu,„den rief ich von dem ehrwuͤrdigen Pater Hilarion erhal⸗ ten habe. Hor' er, was er ſchreibt.“ „Nur aus chriſtlicher Barmherzigkeit nahm „ich mich ſeither eines jungen Waiſen an, deſſen „Eltern in Armuth geſtorben ſind. Die un⸗ nd„wuͤrdige Art, mit welcher dieſer Menſch Ih⸗ „ren wohlgemeinten Bemuͤhungen entgegen och„ſtrebt, legt der frommen Dame, meinem „Beichtkinde, die Pflicht auf, ihre Werke der „„Barmherzigkeit auf Wuͤrdigere zu verwenden. ru⸗„Haben Sie die Gewogenheit, ihm den von „mir beigelegten doppelten Louis d'or einzuhaͤn⸗ „digen; dies Geld wird ihn nach dem Austritt „aus Ihrem Kollegio doch einige Zeit vor Nah⸗ „rungsſorgen ſchuͤzen. Ich wuͤnſche aufrichtig, ler„daß den armen Verblendeten Gott erleuchten, „und auf den Weg des Heils zurukfuͤhren mo⸗ „ge. Er iſt ſtark und geſund, und kann ſich nn „ſeinen Unterhalt durch ſeiner Haͤnde Arbeit 6„verdienen. Dies iſt der einzige Rath, wel⸗ „chen ich ihm zu geben weiß, und den er be⸗ ch*„herzigen ſollte. „In chriſtlicher Demuth verharr' ich Ihr gehorſamſter u. unterwuͤrfigſter Knecht Ignaz Hilarion, Kapuziner⸗ R . MRe — w—eeeeeee—— — — — —— —————— 2 4. Unmoͤglich kann ich meinem Leſer die Gefuͤhle ſchildern, welche meine Seele nach Leſung dieſes Briefes beſtuͤrmten. Jezt erſt wußt' ich mir das treuloſe Verfahren meiner Stiefmutter zu erklaͤren. Stumm, wie eine Bildſaͤule, ſtand ich noch immer da, und heftete den ſtarren Blik auf den Brief des Kapuziners. Gern hätt' ich ihn fuͤr eine boshafte Verläͤumdung gehalten, aber die Handſchrift war mir zu gut bekannt. Der Vorſteher entriß mich meinem dumpfen Hin⸗ bruͤten. Meine wenigen Habſeligkeiten waren bereits eingepakt, und den Brief des Paters, nebſt dem doppelten Louisd'or ſtekte der Vorſte⸗ her in den Mantelſak. Jezt gab er mir den Pak unter den Arm, fuͤhrte mich, ohne ein Wort zu ſprechen, an die Thuͤre des Kollegiums, ſchloß ſie ſchweigend hinter mit zu, und ließ mir Muſe, uͤber dieſe ſonderbare und traurige Geſchichte, ſo lang und ſo viel ich wollte, nachzudenken. — Viertes Kapitel. Ich kehre nach dem väterlichen Schloß zuruͤk.— Wie ich dort aufgenommen wurde.— Unvermuthete Zuſammenkunft. Es giebt Vorfaͤlle im menſchlichen Leben, die uns in einigen Minuten zu weit ernſtern Be⸗ trachtungen veranlaſſen, als wir ſonſt in Jah⸗ ren nicht gemacht haͤtten. Nur wenige Schritte von dem Kollegio ſaß ich auf einem groſſen Stein, den Mantelſak zu meinen Fuͤſſen. Von jedermann verlaſſen, ohne Schuz und Huͤlfe, kein einziges Weſen in der weiten Schoͤpfung, das ſich mei⸗ ner erbarmend angenommen haͤtte, dacht ich uͤber mein Schikſal nach. Die Zukunft, wel⸗ che kaum nech laͤchelnd ſich mir gezeigt hatte, ſchrekte mich jezt zuruͤtk. Das Andenken an Va⸗ ter und Mutter draͤngte ſich ſchmerzhaft meinem Gedaͤchtniß auf; doppelt ſchwer empfand ich ihren Verluſt, und rang die Haͤnde, und weinte bit⸗ tere Zaͤhren. Aber durch Weinen verbeſſert man nichts, und der Gram verſtopft dem unglüklichen 46 ſogar die lezte Quelle zur Rettung. Wo nicht ganz derſelbe, wenigſtens doch ein ähnlicher Ge⸗ danke veranlaßte mich, ſchnell meine Augen zu troknen, den Mantelſak auf die Schultern zu werfen, und nun mit ſchnellen Schritten auf der Straße fortzuwandern. Ich bin das Kind meines Vaters, ſagt' ich in feſtem Ton, ich habe den gerechteſten Anſpruch auf ſein Vermoͤgen. Jezt will ich in Gottesnamen meine Stiefmutter auf⸗ ſuchen, ſie hat mich zu lieb gehabt, als daß ſie mich, wie einen uͤberläſtigen Bettler, von ihrer Thuͤre abweiſen koͤnnte. Ich verlange ja nicht, daß ſie mir die Guͤter, welche ſie ihrem eigenen Sohne beſtimmt hat, abtreten ſoll, ſie ſoll mir nur aus Mitleiden ſoviel geben, daß ich mit Ehren Kriegsdienſte nehmen kann. Schon wegen mei⸗ ner Geburt wird man mich dort mit offenen Ar⸗ men empfangen. Man macht mich ſogleich zum Kapitain, das iſt das Wenigſte, was ich als Marguis werden kann. Jezt komm' ich zum Regiment; es iſt Krieg, wir liefern eine Bataille, ich zeichne mich raͤhmlich aus, und avancire zum Oberſten. Troz der erlittenen Niederlage ſam⸗ melt ſich der Feind wieder; die Unſrigen wei⸗ chen, der General bleibt auf dem Plaze, jezt uͤbernehm' ich das Kommandd. Ich entwerfe die treflichſten Diſpoſitionen, ich erhize die Ge⸗ muͤther der gemeinen Soldaten durch meine feu⸗ rigen Reden.„Vorwaͤrts! vorwaͤrts!“ ſchreien — — —— —— —„—„„——„—— ſte;„mir nach, meine Kinder!« ruf' ich, und wie gereizte Loͤwen dringen wir in die Glieder der Kaiſerlichen ein. Der Feind iſt in Unord⸗ nung. Rechtö und links fallen tauſende, ich bin ſo gluklich, und mache den Kaiſer ſelbſt zum Ge⸗ fangenen. Mein gnaͤdigſter Koͤnig und Herr, der mir Krone und Freiheit zu verdanken hat, bietet mir aus Dankbarkeit die Hand ſeiner Toch⸗ ter an. Sie iſt jung, ſie iſt ſchoͤn, ich heirathe ſie; kurz darnach ſtirbt der Koͤnig, mein Schwie⸗ gervater, und jezt beſteig ich den Thron⸗ Waͤhrend dieſem erbaulichen Selbſtgeſpraͤch gieng ich, ohne rechts, noch links zu ſchauen, oh⸗ ne nur den Gruß zu erwiedern, welchen mir hie und da ein voruͤbergehender Landmann bot, mit ſtolzem Blik immer vorwaͤrts. Indeſſen verſpür⸗ ten Sr. Maeeſtaͤt, daß Hoͤchſtdieſelben Hunger haͤtten, und geruhten huldreichſt in einer elen⸗ den Kneippe einzukehren, wo Hoͤchſt Sie etwas zu eſſen verlangten. Man wuͤrdigte mich kaum eines Blikes. Eben wollt' ich im Ernſte boͤſe werden, als mir zum Gläk einfiel, daß ich we⸗ der der Schwiegerſohn eines Koͤniges, noch viel weniger ſelbſt Koͤnig ſei, ich ſchwieg daher, ge⸗ lobte aber in meinem Herzen, der Wirth ſollte mir einſt ſeine Grobheit bitter bereuen. Nothge⸗ drungen war ich alſo beſcheiden, und akkordirte mit einem Fuhrmann, mich auf ſeinem Wagen 3— nach Amboiſe zu bringen. Vom Gehen ſehr er⸗ mädet ſaß ich, mit herabhaͤngenden Beinen, wie der gemeinſte Kerl, auf dem harten Size, und verſuchte es, meine vorige Stimmung wieder zu gewinnen, aber die unbarmherzigſten Stoͤße wekten mich ofters aus dem fuͤſſen Traum meiner zukuͤnftigen Größe. Ich fühlte jezt lebhafter, als je, daß es auf Reiſen etwas miſerables um einen armen Teufel ſei. Aus Veranlaſſung eines Plazregens, der mich bis auf die Haut benezte, macht' ich die ſehr richtige Bemerkung: in einer hangenden Berline, wie ſie mir ehemals im va⸗ terlichen Hauſe zu Gebote geſtanden war, laß' es ſich doch weit bequemer fahren, als auf ei⸗ nem Leiterwagen⸗ Sonſt fiel mir's nie bei, die armen Fußgaͤnger zu bemitleiden, welche den tie⸗ ſen Koth durchwaten, oder die ungluklichen, welche ſich auf einem ſo erbaͤrmlichen Wagen be⸗ helfen mußten, und der ungeſtuͤmmeſten Witte⸗ rung, dem Froſt und der Hize, Regen und Wind ausgeſezt ſind. Selbſt ungläklich erwachte heut zum erſtenmal das ſimpathetiſche Gefuͤhl fur die Noth anderer. Der Regen hatte den lezten Fun⸗ gen meiner gluͤhenden Imaginazion vollends aus⸗ gelbſcht. Jene duͤſtern Betrachtungen ſtellten ſich wieder bei mir ein, welche ſich meiner beim Weg⸗ gehen aus dem Kollegid bemaͤchtigt hatten, und aufs neue erſchallten die Worte des Paters Hi⸗ larion:„Er iſt ſtark und geſund, und kann ſich ie — 40 ſeinen Unterhalt durch ſeiner Haͤnde Arbeit verdie⸗ ne,“ mit dem ganzen Nachdruk in meine Ohren, welchen der barmherzige Vorſteher darauf zu le⸗ gen beliebte. Ich fuͤhlte eben keinen Beruf in mir, dieſen heilſamen Rath zu befolgen; aber was ſollt' ich anfangen?— Jagen, Reuten, Geigen, und mit den huͤbſchen Kammermaͤdchen meiner Stiefmutter liebaͤugeln, das war alles, was ich gelernt hatte, und ich ſah recht gut ein, daß ich mir mit dieſen nichtswuͤrdigen Kuͤnſten die noͤthigen Beduͤrfniſſe, deren ich als ein ver⸗ zaͤrteltes Kind ſo manche hatte, nicht wuͤrde er⸗ werben köͤnnen. Der Reichthum war die Quelle meines Ungläks, denn ich wußte, daß man mit dieſem Talismann Kenntniſſe, Wiſſenſchaften, und alle dergleichen laͤppiſche Dinge entbehren und doch ein guter Edelmann ſeyn koͤnne. Das hatte mir meine Stiefmutter hundertmal vorge⸗ predigt, und ich fand ihre bequeme Moral ganz nach meinem Geſchmak. Die Beſchreibung einer Reiſe in Geſellſchaft eines Fuhrmanns, der ſein kurzes Pfeifchen im Munde hat, und unaufhoͤrlich flucht, wenn die Pferde nicht ziehen wollen, kann niemals intereſ⸗ ſant ausfallen. Ich ſage daher meinen Leſern nur kuͤrzlich, daß wir uns in Amboiſe trennten, er, um nach la Rochelle zu fahren, und ich, den Das Kind, 1. D e Weg an den Ort meiner Beſtimmung weiter zu Fuße fortzuſezen⸗ Es war drei Uhr Nachmittags, als ich aͤuſ⸗ ſerſt entkraͤftet, und üͤber und uͤber mit Schweiß und Staub bedekt, an dem Gitter meines väter⸗ lichen Schloſſes ankam. Ich zog die Gloke; ein mir unbekannter Bedienter erſchien. Mein Auf⸗ zug war eben nicht ſehr empfehlend; den Man⸗ telſak trug ich, an ein breites Band befeſtigt, auf dem Rüken; mein Kleid war beſchmuzt, die Stie⸗ fel beſtaubt und die Haare hiengen unordentlich um den Kopf herum. „Was ſoll's? fuhr mich der Bediente grob an⸗ Dieſe Menſchen ohne Mitleid und Erbar⸗ men ſind den Hunden gleich, welche jeden an⸗ bellen, der das Gewand der Armuth traͤgt. Die Anrede des Bedienten machte mich ganz ver⸗ wirrt⸗ „Was will der Herr?“ fragte er noch ein⸗ mal in einem weit rauhern Tone.“ — Ich nuͤnſchte die Marquiſin von Sabrant zu ſprechen.— „Die wohnt nicht mehr hier, ſie hat das Schloß verkauft.“ — Verkauft? O mein Gott!—— Wem ge⸗ hoͤrt es nun?— „Uns!“ ————— in⸗ nt as ge⸗ — Wem?— „Zum Teufel, thu' er ſeine Ohren auf. Mei⸗ nem Herrn gehoͤrt es, der es theuer genug be⸗ zahlt hat.“ — Koͤnnen Sie mir nicht ſagen, mein Herr, wo ſich die Marquiſin jezt aufhaͤlt?— „Ja da kommt er mir gerecht! Meint der Herr, man habe ſonſt nichts zu thun, als da hinzſtehen, und mit ihm zu plaudern? Reiſ“ er ſeiner Weg, ich muß jezt zu Mittag ſpeiſen.“ Er hatte noch nicht ganz ausgeſprochen, als er mir das eiſerne Gitter mit ſolcher Gewalt ge⸗ gen die Bruſt warf, daß ich vier Schritte zuruͤk⸗ taumelte, und in eine ſchlammige, ſtinkende Pfüze fiel. Wer haͤtte das vor vier Monaten ge⸗ dacht, daß man mir an der Thuͤre dieſes Hauſes ſo unwuͤrdig begegnen wuͤrde, hier, wo man ſonſt immer mit Sehnſucht auf mich wartete, wo ich von meinem Vater und ſeiner Gattin mit offenen Armen empfangen wurde, wo ſie mir die zaͤrtlichſten Vorwuͤrfe machten, wenn ich zu⸗ lange ausgeblieben war, mich bedauerten, wenn ich vom Reuten ermattet nach Hauſe kam, mich mit Freundſchaft und Liebkoſungen uͤberhaͤuften, zu der vollen Tafel fuͤhrten, mich mit allem reich⸗ lich verſahen, was ich verlangte, was ich nur wuͤnſchen konnte. D 2 — r e —— 6³ Wuͤthend raft'ich mich aus dem verpeſteten Pfuhle wieder auf. Mit einem ſchmerzhaften Seufzer ſchaut' ich nach dem Fenſter meines Zim⸗ mers hinauf. Ein Jungling, neben ihm ein huͤbſches Madchen, ſchauten eben heraus. Gleich⸗ gultig ſahen ſie auf mich hiernieder. Eben ſo gefuͤhllos betrachtete ich vermals einen ungluͤkli⸗ chen Wanderer, welcher die zitternden Arme um Huͤlfe nach mir emporſtrekte, und gewohnlich entfernt' ich mich dann, um nicht durch ſeine laͤ⸗ ſtige Klagen meine frohe Laune zu verlieren. Zu ſtolz, mich vor dieſen unbekannten Menſchen zu demoͤthigen, uͤberflog meine Wangen unwillkuͤhr⸗ lich eine glähende Schaamrdthe. Ich ſchlich mich ſeitwaͤrts nach einem einſamen Hohlweg, der mich an die ufer der Loire fuͤhrte. Hier am Geſtade ſezt' ich mich nieder, und ſchaute den voroberei⸗ lenden Wellen nach. Die Luſt erwachte in mir, mich in den Fluß zu ſtuͤrzen; wenige Minuten, dacht' ich, ſo iſt alles voruber. Mehrmals hieng ich mit vorwarts gelehntem Körper uͤber der Waſſerflaͤche, aber ich hatte nicht Muth genug, meinen Vorſaz auszufuͤhren. Wenn ein alter Bettler, mit Lumpen und Geſchwuren bedekt, von allem verlaſſen, kaum vermoͤgend ſeine elen⸗ de Huͤlle auf zwei gebrechlichen Krüken weiter zu ſchleppen, uͤberdieß noch dem Hunger, dem Froſt, und dem Ungeſtumm jeder Jahreszeit ausgeſezt⸗ ein Gegenſtand des Ekels und des Abſcheus — 53 fuͤr jeden Menſchen, den er um ein Allmoſen an⸗ ſpricht; wenn dieſer elende Bettler vor der her⸗ annahenden Stunde ſeiner Aufloͤſung zuſammen⸗ bebt, iſt es wohl zu verwundern, daß in dem Buſen eines kaum ſechzehnjaͤhrigen Juͤnglings, deſſen geſchaͤftige Einbildungskraft ſich die Zukunft mit den reizendſten Farben ausmahlt, die Liebe zumLeben ſchnell die finſtern Gedanken verſcheuchte, welche ihn ſeither quälten? Ich, und vielleicht die meiſten meiner Leſer wiſſen es aus Erfah⸗ rung, daß man Kraft genug beſizt, koͤrperliche Schmerzen ſtandhaft zu ertragen, wo wir den Leiden der Seele oft muthlos erliegen. Ein zu grundegerichteter Menſch iſt beſchimpft, aber er ſchleppt ſein elendes Daſeyn gedultig noch wei⸗ ter fort; der betrogene Ehrgeizige hingegen, hauptſaͤchlich aber ein zur Verzweiflung getriebe⸗ ner Liebhaber, oder eine betrogene Geliebtin, dieſe allein bieten uns die ſchreklichſten Beiſpiele von dem Ueberdruße des Lebens dar. Maſchinenmaͤſig zog ich mein Kleid aus, und wuſch es in dem Fluße; dann breitete ich es auf das Gras hin, um es zu troknen, brachte meine Haare in Ordnung und zog reine Waͤſche an. Die Sorgfalt, mit welcher ich mich auf⸗ puzte, bewieß deutlich, daß die Eigenliebe mit der Luſt zum Leben wieder erwacht ſei. Was ſoll ich nun anfangen? ſagt' ich zu mir ſelbſt,— wo 54 ſoll ich mich hinwenden? Das Klugſte wird ſeyn, wenn ich nach dem Dorfe zuruͤkkehre, und bei den Einwohnern Erkundigung einziehe; vielleicht erfahr' ich von ihnen, wo meine Stiefmutter hin⸗ gekommen iſt.— Oder geh' ich nach Amboiſe, und ſuche den Pater Hilarion auf. Um Gottes willen werd' ich ihn um ſeinen Beiſtand bittenz er iſt fromm, gottesfuͤrchtig, er wird für mich ein gutes Wort bei ſeinem Beichtkinde einlegen; und ſollte dieſe auch ein wenig aufgebracht ſeyn, ſo wird Pater Hilarion ſie ſchon zu beſaͤnftigen wiſſen. Ja gewiß, er wird mir helfen, denn ich hab ihm noch niemals gegruͤndeten Anlaß zum Haße gegeben. Freilich hatt' ich ihn manchmal zum beſten; ich ſpielte ihm hinterruͤks manchen ſchelmiſchen Streich, aber zu jener Zeit war ich auch noch ein Kind, und Kindereien rechnet man einem nicht ſo hoch an.—— Wenn er aber meinen Bitten kein Gehoͤr geben will?— dann droh' ich ihm, ich erwuͤrg' ihn, und ſtoße mir hernach ſelbſt ein Meſſer in die Bruſt⸗ Dergleichen Plane entwarf ich immer unter⸗ wegs, und die Ausfuͤhrung derſelben kam mir gar nicht ſchwer vor. Ich glaube, die korperli⸗ che Bewegung giebt auch der Imagination einen hoͤheren Schwung. Es war doch Unrecht von mir, ſezt' ich leiſe hinzu, daß ich mich erſaͤufen wollte; zum Sterben iſt's immer noch Zeit, wenn — ———*ð 8 55 nemlich alle Hoffnung verloren iſt, und dann ſterb' ich doch wenigſtens mit dem ſuͤſſen Bewußt⸗ ſeyn, mich an meinem grauſamſten Feinde ge⸗ raͤcht zu haben. Die Sonne ſtand hoch am Himmel; biß zum Dorfe hatt'ich ungefehr noch hundert Schritte, als ſich mir ein junges Maͤdchen näherte, deren zartes Bild tief in meine Seele eingegraben war. Das Madchen erkannte mich ſogleich, und ehe wir ein Wort geſprochen hatten, lagen wir einan⸗ der in den Armen. Zuverlaͤſig hat es der Leſer ſchon errathen, daß das Madchen, welches mir ſo zutraulich in die Augen blikte, eine ehemalige Kammerjungfer meiner Stiefmutter war. Sie nannte ſich Lieschen. Eine bezaubernde Geſtalt, ein lokendes Ang, der lieblichſte Mund, der, wenn er ſich zum Laͤcheln oͤffnete, zwei Reihen Zaähne ſehen ließ, welche an Glanz und Weiße die reinſten Perlen uͤbertrafen, ein voller, ſanft⸗ wogender Buſen, die uͤppigſten Formen, kurz alles lud bei ihr zum Genuß der Wolluſt ein. Sie war uſſerſt gutmuͤthig und gefuͤhlvoll, und ganz dazu geſchaffen, einen wakern Mann zu begluͤken. Sie liebte mich aufrichtig und zaͤrtlich, ich hingegen hatte ſie bißher nur reizend gefunden. Schoͤn⸗ heit feßelte meine Sinne, mein Herz nahm kei⸗ nen Theil daran. Bei Lieschens uberraſchendem Anblik erwachte meine volle Sinnlichkeit; ich s6— wollte mich mit ihr von der Landſtraſſe entfer⸗ nen, allein ſie zwang mich, ihr auf einem ge⸗ bahnten Seitenpfade zu folgen. „Einen Augenblik hoͤre mich ruhig an, ſagte ſie in einem ernſten, ehrfurchtgebietenden Tone“« Ich. So rede, was willſt du? Lieschen. Was iſt denn das fuͤr ein Auf⸗ zug? Zu Fuß, ein Raͤnzchen auf dem Ruͤken! Mein Gott, was ſuchſt du in unſrem Dorfe? Ich.(ihr die Baken ſtreichelnd.) J du naͤrriſches Kind, dich ſuch' ich, dich! Lieschen.(mit einem tiefen Seufzer.) Ach nein! Man ſucht kein Maͤdchen auf, das man vergeſſen hat. Ich will dir keine Vorwuͤrfe ma⸗ chen, mein Freund, denn glaube mir, ich wuͤrde noch weit ungluͤklicher ſeyn, wenn ich nicht gewiß wuͤßte, daß du ſchon lange nicht mehr an mich denkſt. Das Maäͤdchen hatte wirklich die Wahrheit errathen, und ich beſaß noch viel zu wenig unverſchaͤmtheit, um mit Anſtand luͤgen zu kbn⸗ nen. Ich ſchwieg eine Weile; nach einer Pauſe ſagt' ich: „Ich kam nur hieher, meine Stiefmutter zu beſuchen um ihre Gunſt wieder zu gewinnen, die ich ohne meine Schuld verſcherzt habe.“⸗ b* e* n de iß ch it ig ſe zu 57 Lieschen. Armer Junge, was ſoll nun aus dir werden? Ich. Hat ſie mich denn auf immer verlaſſen? Lieschen. Wahrſcheinlich. Sie verkaufte alle deine vaterliche Guͤter, und ſeit acht Tagen iſt ſie mit dem Pater Hilarion davon gegan⸗ gen. Ich. Was? Mit dem Kapuziner? Lieschen. Ja, ja, mit dieſem ſcheinheili⸗ gen Pfaffen. Zehn Meilen von hier warf er ſei⸗ ne Kutte von ſich und zog einen weltlichen Habit an. Ich weiß es ganz gewiß! denn auf einer der lezten Stationen, wo ſie die Pferde wechſel⸗ ten, hat ihn mein Mann erkannt. Ich.(erſtaunt.) Dein Mann?— Biſt du denn verheirathet? Lieschen. Mit einem vortreflichen Men⸗ ſchen, der mich von ganzer Seele liebt. Er weiß ſchlechterdings nichts von meinen vormaligen Ver⸗ irrungen, und ich werde mich beſtreben, ſie durch eine tadelloſe, ſtrenge Auffuͤhrung abzulöſſen, und ſo der Liebe meines Gatten wuͤrdig zu wer⸗ den. Ich. Sie ſind doch gluͤklich? Lieschen. Ich war es W vor wenigen Augenbliken. 58 Ich. Hat etwa mein Anblik Ihre Ruhe ge⸗ ſtoͤrt? Lieschen. Ich laͤugne es nicht.— Sie ſind ungluͤklich, vielleicht auf immer. Ich. Ach! Lieschen.(legte die eine Hand auf meine Schul⸗ ter, mit der andern wiſchte ſie mir eine Thraͤne aus den Augen.) Du weinſt, mein Puͤppchen!—— (Indem ſie ſich ſchüchtern einige Schritte zuruͤkzog.) Verzeihung, daß ich ſo vertraulich mit Ihnen ſpreche, aber das Andenken an die ſchoͤne, ver⸗ floſſene Zeit draͤngt ſich mir gewaltſam wieder auf. Ich. Um Gotteswillen mahnen Sie mich nicht daran! Damals war ich reich; aber von allem, was ich hatte, blieb mir ja nichts uͤbrig, als Verzweiflung und dieſe Thraͤnen. Lieschen. Rechnen Sie denn Ihre Freun⸗ de fuͤr gar nichts? Ich. Ach! Du biſt das einzige Weſen, welches Theil an meinen Leiden nimmt⸗ Lkeschen. Sie ſind noch jung und nicht ſtiefmuͤtterlich von der Natur mit guten Anlagen ausgeſtattet. Sie werden auf Menſchen ſtoßen, die Ihnen gewiß nuͤzlicher ſeyn koͤnnen, als das arme Lieschen; aber vergoͤnnen Sie, daß ich Ih⸗ nen die Wohlthaten, die ich Ihrer Großmuth zu ———„— t — — 59 verdanken habe, wieder zuräkgebe, Wohlthaten, welche Sie mir zn einer Zeit aufgedrungen haben, wo es mir nur um den Beſiz Ihres Herzens zu thun war. Ich. Geh, geh, ich habe dir nichts gege⸗ ben. Lieschen. Doch, doch! Hier die Boͤrſe mit Gold. Das Gold iſt von Ihnen, und ich bewahrt' es ſeither mit der großten Sorgfalt, als ein Zeichen Ihre Lie—(Sie ſtokte, und Schaam⸗ roͤthe uͤbergoß ihre Wangen.) Lieschen. Nein, nein, das iſt nicht der rechte Ausdruk, das wollt' ich nicht ſagen. Die Freund chaft bedarf keines Pfandes, ſie lebt auch ohne das ewig in meinem Herzen.— Dieſe Borſe muͤſſen Sie zuruͤtnehmen, gewiß, ſie muͤſſen! Wenn Sie ſich weigern, ſo werf' ich ſie hier auf die offene Straße hin. Der Anblik dieſes Goldes thut mir weh, es ruft mir ſtuͤnd⸗ lich zu: du biſt ein elendes, veraͤchtliches Ge⸗ ſchopf! Ich. Laͤcherliche Einbildungen! Sie koͤnnen mit dieſer Kleinigkeit ihre nothwendigſten Be⸗ durfniſſe beſtreiten⸗ Lieschen. Ich habe keine, und wenn ich etwas bedarf, ſo iſt das Vermoͤgen meines Man⸗ nes mehr als zureichend, die beſcheidenen Wuͤn⸗ bo—— ſche einer Doͤrferin zu befriedigen. Als er mich heirathete, wußte er recht gut, daß ich arm ſei, und er fand ein ſuͤſſes Vergnuͤgen darinn, ſeine Geliebte bereichern zu koͤnnen. Was meinen Sie, wenn ich mir dies oder jenes, was ihm nicht verborgen bleiben koͤnnte, davon anſchaſſen wur⸗ de, muͤßte er nicht einen Argwohn ſchoͤpfen, der ihm ſein ganzes uͤbriges Leben vergiftete? Er iſt ſo ein guter Menſch, ſein Betragen gegen mich iſt ſo zart und ſchonend, daß ich es fuͤr Pflicht halte, nie die Ruhe ſeiner Seele zu truͤben. Dieſe Borſe, die mir ganz unnuͤz iſt, die mir ſogat᷑ zur Laſt faͤllt, die mir taͤglich meine ju⸗ gendliche Verirrungen vorwirft, ſezt ſie in den Stand, die ſchaͤndlichen Räuber ihres väterli⸗ chen Vermoͤgens aufzuſpuͤren. Sobald Sie die⸗ ſelben entdekt haben, ſo wenden Sie ſich an einen geſchikten Rechtsgelehrten, der es ſich zur Pflicht machen wird, die Rechte des Schwaͤchern gegen den Uebermuth des Staͤrkern zu vertheidi⸗ gen. Die Geſeze werden Sie unterſtuͤzen, und wenn Ihnen auch Ihr Antheil an der Erbſchaft nicht ganz erſezt wird, ſo muß man Ihnen we⸗ nigſtens das herausgeben, was ein aufgebrachter Water ſogar ſeinem ſtrafbaren Kinde,— und das waren Sie niemals,— nicht vorenthalten kann. Dies ſchuͤzt ſie vor Mangel, an dem ſchon ſo manche Tugend geſcheitert iſt. Mit Staunen und Ruͤhrung hort' ich der red⸗ ch ne e, 61 lichen Seele zu. Sie ſtekte mir einen Beutel in die Taſche, welcher ungefehr hundert Louis⸗ d'ors enthalten mochte; ich wagte es nicht mehr, ſie daran zu verhindern. Unter dieſem Geſpraͤ⸗ che waren wir auf die Landſtraße gekommen⸗ Eben fuhr ein Poſtwagen daher, in welchem nur ein einziger Paſſagier ſaß. „Mocht' er wohl ſo gut ſeyn, ſagte Lieschen zu dem Futſcher, dieſem jungen Menſchen fuͤr Geld und gute Worte einen Plaz in ſeinem Ge⸗ faͤrth anzuweiſen; er will in Amboiſe uͤbernach⸗ ten. — Herzlich gerne.— „Noch einen Kuß,“— wendete ſie ſich jezt zu mir,—„wielleicht den lezten“— Mit be⸗ bender Stimme ſezte ſie etwas leiſer hinzu: „reiſen Sie mit Gott nach Paris, und erinnern Sie ſich zuweilen einer redlichen Freundin, in deren Andenken Sie ewig fortleben werden.“ Ich wollte ſprechen, Thraͤnen erſtikten die Worte. Schweigend ſezt' ich mich in den Wa⸗ gen, und war voll Verzweiflung, daß ich Lies⸗ chen ſo ſchnell verlaſſen ſollte. Ach! ich haͤtte meine ganze Lebenszeit in ihrer Geſellſchaft zu⸗ bringen moͤgen. Bald ſegnete und bewunderte ich im ſtillen dieſe liebe, gute Seele, bald flucht' ich dem Schikſal, daß ſie ſchon verheirathet ſei⸗ ——— p ————— 62— So iſt das menſchliche Herz! Ohne daß es Liebe empfindet, wird es zuweilen von Eiferſucht zerriſſen, und mißgönnt einem Dritten den Ge⸗ nuß eines Gluͤkes, den es ſelbſt verſchmäht hat. Ich hatte kein Gefuͤhl fuͤr Tugend und Delika⸗ teſſe; Lieschen, treulos ihrem Gatten, und mit weniger ſtrengen Grundſäzen, waͤre mir hundert⸗ mal lieber geweſen. Kaum war ich eine Vier⸗ telſtunde weit von dem Derf entfernt, ſo wollt' ich wieder zuräkkehren; ich wollte mich meiner Gewalt uͤber das reizende Geſchoͤpf bedienen, ſie ihren Pflichten treulos machen, nur um mei⸗ ner Laune auf wenige Sekunden ein ſuͤſſes Opfer zu bringen. . S——— Fuͤnftes Kapitel. Wer der Paſſagier in dem Poſtwagen war⸗ S junge Menſch, welcher an meiner Seite ſaß, beobachtete ein tiefes Stillſchweigen, aber eben dies war ein Beweiß ſeiner Beſcheidenheit⸗ Sein Blik verrieth den lebhafteſten Antheil, den er an meinem Schikſal nahm; es ſchien mir ſogar, als wollte er ſagen: du haſt Kummer, Freund, eroffne dich mir; ich will dir die Leiden, welche dich druͤken, willig tragen helfen. Schwei⸗ gend ſah ich ihn eine Weile anz es war Bedurniß fuͤr mich, die Gefuͤhle meines Herzens in den Schooß einer mitleidigen Seele auszuſchuͤtten. Durch Gemeinſpruͤche, die ich nicht beſtimmt an ihn richtete, ſucht' ich das Geſpraͤch anzuknuͤpfen⸗ „Ach! rief ich aus, wie entzuͤkend iſt der Anblik der Natur fuͤr den Gluͤklichen!“ — Wenn das Gewiſſen rein iſt, erwiederte er, wenn dieſer geheime Richter uns nichts vorzuwer⸗ fen hat, warum ſollten uns dann die Schoͤnheiten der Natur nicht in jeder Lage entzuͤken? Betrach⸗ —.——— 64———— ten Sie die Sonne, welche jene fruchtbaren Huͤ⸗ gel vergoldet, dieſen majeſtaͤtiſchen Fluß, auf welchem die laͤndlichen Schäze nach den Staͤdten gebracht werden, hoͤren Sie den Geſang des Landmanns, welcher nach ſeiner Huͤtte zuruk⸗ kehrt, und dem unbekannten Geiſt, der das ganze Weltall erſchuf, ſeinen kunſtloſen Dank ab⸗ ſtattet; alles kuͤndigt uns die Macht und Guͤte dieſes groſſen Weſens an. Der Elende, wel⸗ cher ihn nicht in ſeinen Werken bewundert, wel⸗ cher waͤhnt, ein blindes Ungefehr habe alle dieſe Wunder hervorgebracht, fuͤhlt zuverlaͤſig eine fuͤrchterliche Leere in ſeinem Herzen, wenn er ſich nicht mehr an groben Sinnlichkeiten ergdzen kann. Ein redlicher Mann hingegen wendet im Ungloͤk ſeine Augen zum Himmel, und eine in⸗ nere Stimme ſagt ihm, daß er dieſe Erde nicht bewohnen werde, und daß ſeine leidende le fur ein hoͤheres Glok, von dem er ſich zwar keine richtige Vorſtellung machen kann, aber das er lebhaft ahnet, geſchaffen ſei. Die⸗ ſer Gedanke erhebt ihn weit uͤber jenes Unge⸗ mach, und er fühlt ſich nicht mehr ungluklich. Als ich Sie vorhin erblikte,— ſezte er hinzu, und ergriff meine Hand,— war meine Bruſt von jener ſanften Wehmuth durchdrungen, welche eine ſimpathetiſche Seele beim Anblik eines inter⸗ eſſanten und leidenden Geſchoͤpfes unwillkuͤhrlich orgreift. Die Thränen eines Juͤnglings fallen — e⸗ e⸗ h. on he Ta e 65 auf's Herz; moͤchten Sie doch nie ſo ſchmerzhafte Zaͤhren vergieſſen, wie ich ſie geweint habe!— „Gewiß ſind Sie nicht ſo unglöklich, wie ich. Ihnen bleibt doch die Hoffnung uͤbrig, aber fuͤr mich iſt alles verlohren. — Ward Ihnen ihre Geliebte alſo auch auf ewig entriſſen?— Die lebhafte und gefoͤhlvolte Art, mit wel⸗ cher er dieſe Frage an mich richtete, machte mich ganz verwirrt, und ich wußte nicht, was ich antworten ſollte. Reine Liebe, und die fuͤrch⸗ terlichen Quaalen eines reizbaren Herzens, dem man den einzigen Gegenſtand ſeiner Wuͤnſche, ſein Liebſtes auf der Welt, die Seele ſeines Lebens entreißt, waren mir noch unbekannt. Ich dachte bei mir ſelbſt, ich koͤnnte ihm keinen uͤberzeugen⸗ dern Beweiß geben, wie unglklich ich ſei, als wenn ich ihm mein ganzes ſeitheriges Schikſal erzaͤhlte. Er hoͤrte mir aufmerkſam zu, ohne mich ein einzigesmal zu unterbrechen; Lieschens Verfahren ſchien ihn am meiſten zu ruͤhren. — Armes Lieschen, rief er aus, du verdien⸗ teſt ein beſſeres Schikſal!— und ganz leiſe ſezte er hinzu,— und einen wuͤrdigern Gelieb⸗ ten.— Ich ſah ihn ſtarr an, er bemerkte dies. Das Kind, 1. E 66—— — Sie ſind mehr zu beklagen, fuhr er fort, als ſie ſich vorſtellen.— „Kennen Sie etwa meine Stiefmutter 2« — Nein!— WGlauben Sie nicht, daß ich ſie wieder fin⸗ den werde?“ — Ich weiß es nicht.— „Sagen Sie mir doch, was kann mir denn fuͤr ein groͤſſeres Ungluk bevorſtehen?« — Ihre Stiefmutter hat Ihnen einen Scha⸗ den zugefugt, der vielleicht unerſezlich iſt.— „Sie hat mich um mein ganzes Vermoͤgen gebracht.“ 8 — Wir verſtehen uns nicht, mein Freund, alles das meyn' ich nicht. Sie ſind ſchon alt, vielleicht zu alt, um die ſchädlichen Eindruͤke, welche man Ihnen beigebracht hat, wieder aus⸗ zutilgen, und Ihre Stiefmutter hat weder ihren Kopf, noch Ihr Herz gebildet. Mochten Sie doch unter die Aufſicht eines redlichen und aufge⸗ klaͤrten Mannes gerathen! denn jezt haͤngt ihr ganzes kuͤnftiges Gluk davon ab, wie Sie ſich bei ihrem erſten Eintritt in die groſſe Welt be⸗ nehmen werden. Sie beklagen den Verluſt Ih⸗ res Vermoͤgens, und vielleicht traͤgt eben dieſer Verluſt mehr zu Ihrem Gläke bei, als Sie ver⸗ muthen. Jezt betreten Sie eine neue Laufbahn » „ 3. F t⸗ und Ihre einzige Huͤlfsquelle iſt Thaͤtigkeit. In⸗ dem Sie nun gendthigt ſind, nuͤzliche Kenntniſſe zu ſammeln, ſich die Achtung und das Zutrauen rechtlicher Menſchen zu erwerben, gelingt es Ih⸗ nen vielleicht auch, ſich mit ſich ſelbſt wieder aus⸗ zuſoͤhnen, und das iſt ein Gut, welches Sie erſt mit der Zeit werden ſchaͤzen lernen. Das Geld, welches Ihnen das zaͤrtliche Lieschen zugeſtellt hat, ſezt Sie in den Stand, ein ehrenvolles und einträgliches Gewerbe zu treiben. Wenn Sie Luſt haben, ſo kann ich Sie auf das Komtoir eines meiner Freunde in Orleans bringen, wel⸗ cher Ihnen auf meine Empfehlung allen mogli⸗ chen Vorſchub leiſten wird. Ich habe mir bei der Handlung einige Kenntniſſe erworben, und werde mir ein Vergnuͤgen daraus machen, Sie zu unterweiſen, und Ihnen mit gutem Rath an die Hand zu gehen; und wenn es mir dann ge⸗ lungen iſt, einen liebenswuͤrdigen Menſchen dem unvermeidlichen Verderben entriſſen, und dem Vaterlande wieder einen nuͤzlichen Buͤrger ge⸗ ſchenkt zu haben, ſo werd' ich mich tauſendfaͤltig fuͤr meine Muͤhe belohnt fuͤhlen.— Im Ton und im ganzen Weſen des jungen Mannes war ein ſo unwiderſtehlicher Zauber, daß ich ihm ſtillſchweigend um den Hals fallen mußte. Feſt ſchloß er mich an ſein Herz; Thraͤnen rollten uͤber meine Wangen. E2 — Sie haben ein weiches, gefuͤhlvolles Herz, fuhr er fort, und ſind fuͤr jeden Eindruk leicht empfaͤnglich. Fuͤr Sie will ich buͤrgen, wenn Sie anders den Rathſchlägen der wakern Mäͤn⸗ ner, mit denen ich Sie in Verbindung zu bringen gedenke, Gehoͤr geben wollen, und wenn ſchlechte Menſthen Sie nicht von neuem auf Abwege lei⸗ ten. Gegenwaͤrtig reiſ' ich in Geſchäften nach Paris, dort will ich nichts unverſucht laſſen, Ihre Stiefmutter aufzuſpuͤren. Im Fall ſie mit ihrem Verfuͤhrer nach dieſer groſſen Stadt ge⸗ fluͤchtet iſt, wird ſie meinen Nachforſchungen gewiß nicht entgehen, denn ein reicher Bo⸗ ſewicht bleibt dort nicht lange verborgen. Soll⸗ te ſie ſich zu keinem guͤtlichen Vergleiche, den ich ſo vortheilhaft, als moͤglich, fuͤr Sie ein⸗ richten werde, verſtehen wollen, ſo belang' ich ſie vor der Obrigkeit. Nie gab es einen intereſ⸗ ſantern Rechtsfall, als den ihrigen; die be⸗ ruͤhmteſten Advokaten werden ſich um die Ehre ſtreiten, die Vertheidigung deſſelben zu uberneh⸗ men, und nothwendig muß die Entſcheidung deſ⸗ ſelben zu ihren Gunſten ausfallen; aber das rathe ich Ihnen, uberlaſſen Sie ſich keinen leeren Poffnungen. Ihre grauſame Feinde werden ſich's eingebildet haben, daß Sie nicht unthaͤtig bleiben und uͤberall Beſchuͤzer finden werden, da⸗ her ſind ſie auch wahrſcheinlich auſſer Land ge⸗ ſlůchtet. Sie muͤſſen nunmehr ſelbſt Hand an in n⸗ en te ei⸗ ch it E 5* Ihr Gläk legen. Was der Menſch auf eine ehr⸗ liche Art erwirbt, ſchaͤndet ihn nicht, und eine kluge Anwendung der Zeit bringt uns von allen gefaͤhrlichen Zerſtreuungen ab.— Vergeben Sie dieſe rauhe Sprache einem Unbekannten, der nicht viel aͤlter iſt, als Sie ſelbſt; aber in der Schule der Leiden groß geworden, fuͤhlt' ich fruͤhzeitig das Beduͤrfniß, mich zu bilden, und lernte das Ungluͤk ſtandhaft ertragen. Ach! wie gluͤklich wär' ich geween, wenn ich dies Herz immer hätte beſiegen koͤnnen. Mein Vater war ein ehrlicher Landmann, und nie errothete ich uͤber meine niedrige Herkunft; doch war eben dieſes die Quelle aller meiner Truͤbſaale, und am mei⸗ ſten ſchmerzt' es mich, daß ich ein unausſprech⸗ lich gutes Geſchopf mit mir in's Verderben zog⸗ Meine Neugierde wurde durch dieſe lezte Worte auf's hoͤchſte geſpannt. Ich erſuchte ihn, — wenn er mich anders ſeines Zutrauens wuͤrdig halte,— mir ſeine Geſchichte zu erzaͤhlen. „Es iſt ſogar Beduͤrfniß fuͤr mich, erwiederte er, meinen Kummer in den Schooß eines mit⸗ fuͤhlenden Herzens auszugieſſen, und darum un⸗ terhalt' ich mich gerne von dieſem Gegenſtand. Meine Geſchichte hat wahrſcheinlich wenig loken⸗ des fuͤr Sie, und ſehr leicht koͤnnen Sie in Ih⸗ rer Erwartung getaͤuſcht werden;z aber weil Sie * 76 es ausdruklich begehren, ſo will ich Ihnen Ge⸗ nüge leiſten. Ich bin der Sohn eines Bauren aus der Ge⸗ gend von Blois. Meinen Vater nannte man nur den Vater Sinval, und jeder, der ihn kann⸗ te, ſchaͤzte ihn wegen der Geradheit und Guͤte ſeines Herzens. Der Pfarrer des Orts, ein Freund meines Vaters, glaubte in mir beſon⸗ ders gluͤkliche Anlagen zu entdeken, und uͤber⸗ nahm die Bildung meines Geiſtes. Zum Un⸗ gluͤk macht' ich in den Wiſſenſchaften bewun⸗ drungswuͤrdige Fortſchritte, und nun meinte je⸗ der, daß ich augenſcheinlich zu dem Stand eines Gelehrten gebohren ſei. Daher ſchikte mich mein Vater, welcher mehr ſeine zaͤrtliche Liebe fuͤr mich, als ſein Vermoͤgen zu Rathe zog, in eines der beruͤhmteſten Kollegien zu Paris, um meine Studien zu vollenden. In kurzem zeichnete ich mich ruͤhmlichſt vor meinen uͤbrigen Kameraden aus, und was mir mehr, als alles andere ſchmeichelte, war die allgemeine Achtung, in welcher ich bei meinen Mitſchuͤlern und Profeſſo— ren ſtand. Beinah hatt' ich den wiſſenſchaftli⸗ chen Kurſus vollendet, als mir ploͤzlich mein guter Vater in ſeinen beſten Jahren entriſſen wurde. Solch einen fuͤrchterlichen Tod hatte er nicht durch ſeinen Lebenswandel verdient. Es war Mitternacht, als ſich ſein Haus durch den Bliz⸗ S 5 — 8 8 — „ 71 ſtrahl entzuͤndete. Die Flamme griff ſo ſchnell um ſich, daß mein ungluͤklicher Vater vor den Augen der Nachbarn, welche von allen Seiten herbei⸗ ſtroͤmten, von dem lodernden Feuer verzehrt wurde. Sein Vieh und alle ſeine Geraͤthſchaften wurden mit ihm ein Raub der Flammen. Dieſe ſchrek⸗ liche Nachricht erhielt ich durch den wuͤrdigen Pfarrer, welcher mich erzogen hatte. Ohne Stolz darf ich behaupten, daß mich nur der Verluſt meines Vaters ſchmerzte, ach! ich haͤtte ſo willig mein Leben hingegeben, um das ſeinige zu ret⸗ ten. Warum war ich Ungluͤklicher nicht zugegen? mitten in den flammenden Wirbel haͤtt' ich mich geſtuͤrzt; denn nur der Sohn kann ſo was wa⸗ gen, und mein Herz ſagt' es mir, ich haͤtte den Vater errettet, oder waͤre uͤber dem Verſuche tod an ſeiner Seite niedergeſunken. Jezt zwang mich die Armuth, das Kollegium zu verlaſſen. Zwar erboten ſich die Vorſteher deſſelben, mir noch laͤnger den Unterricht unentgeltlich zu ertheilen, man trug mir ſogar ein erledigtes Stipendium an, aber meine Mutter ſchmachtete in Armuth, und nichts konnte mich abhalten, ihr zu Huͤlfe zu eilen, und ſie zu unterſtuͤzen. Ich flog in ihre zitternde Arme; ich ſuchte ſie nicht zu tro⸗ ſten, ich weinte mit ihr. Die Kenntniſſe, welche ich mir erworben hatte, waren mir unnuͤz, da⸗ von konnt' ich ſie nicht ernaͤhren. Der ehrliche Geiſtliche hatte ihr eine Wohnung im Pfarrhaus —. 3——— angewieſen; aber er ſelbſt war nicht reich, und freigebiger, als es ſein Einkommen erlaubte. Oft entzog er ſich das nothwendigſte, damit er nur den Armen und Kranken, deren Vater er war, geben konnte. Um ihm nicht laͤnger beſchwer⸗ lich zu fallen,— denn auch ich wohnte bei ihm,— gieng ich zu einem Pachter, einem Freunde meines verſtorbenen Vaters, welcher mir ſchon als Kna⸗ ben manche Proben ſeiner Freundſchaft gegeben hatte. Ich erbot mich, in ſeine Dienſte zu tre⸗ ten, und verbarg ihm den Beweggrund nicht, der mich zu dieſem Entſchluß beranlaßte. Geruͤhrt willigte er in meine Bitte, und verſprach zu⸗ gleich, daß er mir nur ſolche Arbeiten auferle⸗ gen wuͤrde, die meinen Kraͤften angemeſſen waͤ⸗ ren. Auch erbot er ſich, meine Mutter zu ſich zu nehmen, und ſie liehreich in ihrem Alter zu verpflegen; aber mein ehrwuͤrdiger Wohlthäter, der Pfarrer, welchem ich ſeit meinem erlittenen ungluͤk noch theurer geworden war, hatte ſich, ohne gegen mich ein Wort davon zu erwäͤhnen, ſchon in der Stille fuͤr mich verwendet, und kuͤn⸗ digte mir an, daß mich ein angeſehener Kauf⸗ mann, dem ich mit meinen Kenntniſſen nuͤzlich werden koͤnnte, zu ſich nehmen, und mich die Handlung erlernen wollte. Zugleich erklärte der Pfarrer, daß er ſich nie von meiner Mutter trennen und ſie immer wie eine geliebte Schwe⸗ ſter betrachten wuͤrde, die ihm der Himmel W* —* zugeſchikt habe, ſie in ihrem Alter zu ver⸗ ſorgen. Jezt kam ich nach Orleans zu Herrn Düplant, bei dem ich auch ſeit jener Zeit geblieben bin. Seinen Bemuͤhungen verdank' ich die ſchnellen Fortſchritte, welche ich in den Handlungswiſſen⸗ ſchaften machte. Tag und Nacht war ich beſchaͤf⸗ tigt, ihm durch Treue und durch die wenigen mir erworbenen Kenntniſſe nuͤzlich zu ſeyn. In der Folge aſſocirte er ſich mit mir, ſo daß ich nun im Stande war, meine gute Mutter reichlich zu un⸗ terſtuͤzen, und wenn Reichthum gluͤklich zu ma⸗ chen vermoͤchte, ſo wäre mir nichts mehr zu wuͤn⸗ ſchen uͤbrig geblieben. Eines Abends gieng ich an den Ufern der Loire ſpazieren und ſah den zahlloſen Schiffen und Kaͤhnen zu, welche auf dem Fluße hin und herruderten. Ein groſes Marktſchiff, von meh⸗ rern Pferden gezogen, fuhr den Strom hinauf. Das Seil, an welches ſie geſpannt waren, hieng in's Waſſer; auf einmal wurden die Pferde an⸗ getrieben, und das ſtraff gewordene Seil warf ein Boot um, in welchem ſich zwei Frauenzim⸗ mer befanden. Der Bootsknecht, ein guter Schwimmer, rettete gluklicherweiſe die eine von ihnen, die andere aber wurde von dem Strome fortgeriſſen. Jezt erhub ſich am Ufer ein aͤngſt⸗ liches Geſchrei, aber kein Menſch kam der Un⸗ *40 74 gluͤklichen zu Huͤlfe. Schnell warf ich meinen Rok vrn mir, ſtuͤrzte mich in den Fluß, ergriff das Frauenzimmer bei dem Kleide, welches auf der Oberflaͤche des Waſſers ſichtbar war, und trug ſie an's Land. Die Menge draͤngte ſich um uns herum, und wollte die Unglukliche nach ih⸗ ren verkehrten Begriffen wieder in's Leben zuruͤk⸗ rufen; allein ich wiederſezte mich dieſem zwekwi⸗ drigen, grauſamen Begehren, und legte die Be⸗ ſinnungsloſe ſachte auf den Sand nieder; hierauf wendete ich jene einfache Rettungsmittel an, welche dem gemeinen Haufen unbekannt ſind. Die Freude leuchtete ſichtbar aus meinen Augen, als ihr Herz nach und nach unter meinen Haͤn⸗ den zu ſchlagen begann. Bisher hatt' ich ſie noch nicht mit Aufmerkſamkeit betrachtet, ſie war fuͤr mich ein unglukliches Opfer, deſſen Schikſal mir nahe gieng; aber als ſie jezt die ſchoͤnen Augen⸗ wimper offnete, als ihr Blik auf dem meinigen ruhte, da war ich mehr zu beklagen, als ſie. Unwillkuͤhrlich durchfuhr mich ein heftigerSchauer; ich war muthig genug geweſen, ſie zu retten, aber ſobald ſie auſſer Gefahr war, begann ich zu zittern. Schaam und Unwillen, ſich den Au⸗ gen ſo vieler Zuſchauer in dieſem Aufzuge aus⸗ geſezt zu ſehen, mahlten ſich auf ihrem Geſicht; hauptſaͤchlich ſchien es ſie zu kränken, daß ein junger, unbekannter Menſch ſie feſt in ſeine Arme geſchloſſen hielt, und ſeine Lippen auf die ihrigen —— —— len riff auf nd àk⸗ 75 preßte. Troz ihrer Schwaͤche verſuchte ſie es, mich zurokzuſtoſſen; ihre blaſſen Wangen uͤberflog eine leichte Schaamroͤthe, und nach und nach er⸗ hielt ſie den vollen Gebrauch ihrer Sinne. Auch ich war jezt verlegen und beſchaͤmt. Die Mut⸗ ter, welche ſich ſchon ſeit einigen Minuten erhohlt hatte, erklaͤrte uns mit wenigen Worten, was un⸗ gefehr das Herz ihrer Tochter beunruhigen mochte. „Sophie,— wendete ſie ſich hierauf an die⸗ ſe,— danke dieſem jungen Mann, der ſein Le⸗ ben daran gewagt hat, das deinige zu erhalten.“ Das Maͤdchen ſchien durch die Gegenwart und die Werte ihrer Mutter beruhigt, und warf einen Blik voll Huld und himmliſcher Guͤte auf mich. Wie reizend war ſie nicht in dieſem Au⸗ genblik! Ach! nie wird dieſer ſeelenvolle Blik aus meinem Gedaͤchtniß verſchwinden! In der Folge ſah ich ſie in ihrem vollen Puz; immer war ſie bezaubernd, immer der innigſten Vereh⸗ rung wuͤrdig; aber in dieſem Moment hatte ſie ſo etwas unbeſchreiblich ruͤhrendes, daß auch der Gefuͤhlloſeſte davon erwarmt worden wäre. Die Liebe, welche zum erſtenmal in meinem Herzen erwachte, lieh ihr Reize, welche mehr auf meine Einbildungskraft, als auf meine Augen wirkten. Dies Gefuͤhl iſt einzig im menſchlichen Leben, und es iſt unmoͤglich, dieſe zarte Regung zum zweitenmal ſo zu empfinden. 76— Mit verhängtem Zuͤgel kam jezt ein Wagen daher gefahren, und die Dienerſchaft auf dem⸗ ſelben trug die mir bekannte Livree des Marquis von Bellecdur. Kaum hatten dieſe guten Leute das Ungluͤk, welches ihrer Herrſchaft zugeſtoſſen war, erfahren, ſo liefen alle erſchroken zuſam⸗ men. Ihre Freude war grenzenlos, als ſie die⸗ ſelbe auſſer aller Gefahr erblikten und mit un⸗ ausſprechlichem Vergnuͤgen bemerkt' ich, wie ſich jeder beſonders fuͤr Sophien intereſſirte. Man trug jezt Mutter und Tochter in ihren Wagen, in welchem mir die Marquiſin ebenfalls einen Siz anbot. Ich begleitete ſie nach threm Hotel. Es war nothwendig, daß ſie bei ihrer Ankunft ſogleich die Kleider wechſelten, und ein wenig ausruhten; um alſo nicht uberlaͤſtig zu ſeyn, ent⸗ fernt' ich mich auf der Stelle. Wuͤrde mich die Marquiſin beim Abſchied nicht ſelbſt aufgefordert haben, ſie recht bald wieder zu beſuchen, ſo haͤtt' ich es zuverlaͤßig nicht gewagt, mir dieſe Erlaub⸗ niß zu erbitten; auch Sophiens Blike verriethen mir deutlich, daß ſie die Einladung ihrer Mut⸗ ter billige. Ich verließ das Hotel von heiſſen, mir noch unbekannten Gefuͤhlen beſtörmt, und voll ſuͤſſer Regungen, welche das Bewußtſeyn einer guten Handlung in uns erzeugt. Schon hatte ſich der Ruf dieſer Geſchichte in der ganzen Stadt verbreitet; vor meiner Woh⸗ —„— ℳ—„—„„—„—„ ₰—„—„—„—.— — ——— „— gen m uis ute ſen m⸗ ie⸗ un⸗ 72 nung traf ich Herrn Duͤplant, der mir mit einer herzlichen Umarmung uͤber meinen Muth und uͤber die edle Menſchenliebe, wie er es zu nennen beliebte, ſeinen Gluͤkwunſch abſtattete⸗ Ich ſprach keine Silbe, war zerſtreut und in mich gekehrt, und immer umſchwebte mich nur Sophiens Bild. Noch ſah ich ſie vor mir, wie ſich zum erſtenmal wieder ihre blauen Au⸗ gen offneten; noch fuͤhlt' ich das Klopfen ihres Buſens; noch ſog ich ihren warmen, balſami⸗ ſchen Athem ein. Alles, was rings um mich her vorgieng, war mir gleichguͤltig, meine ganze Seele hieng hur an Sophien. Ach! es war grauſam, mich aus dieſem entzuͤkenden Traume zu weken⸗ Man erinnerte mich, daß es meiner Ge⸗ ſundheit ſehr nachtheilig ſeyn koͤnnte, wenn ich die noͤthige Vorſicht verſaͤumte, und nicht ſchnell die Kleider wechsle. Ich eilte auf iein Zim⸗ mer, und gerade das, was ich zuerſt haͤtte thun ſollen, vergaß ich. Aufs neue verſank ich in Traͤumereien, und zum erſtenmal errothete ich, daß ich nur der Sohn eines Landmanns, und uͤberdies arm war Haͤtt' ich glaͤnzende Reichthoͤmer, ſo dacht' ich, dann wuͤrde man vielleicht meine niedre Herkunft vergeſſen, denn wie oft haben dieſe ſchon die Kluft ausgefüͤllt, welche das grauſame Herkommen zwiſchen zwei liebenden Herzen befeſtigte. 7⁸— Man rief mich zum Eſſen; als ich vom Stuhl aufſtehen wollte, auf dem ich ſeither unbeweg⸗ lich geſeſſen war, fuͤhlt' ich mich an allen Glie⸗ dern gelaͤhmt. Ein heftiger Fieberſchauer, be⸗ gleitet von den fuͤrchterlichſten Kopfſchmerzen, befiel mich plözlich, und ich war gezwungen, mich zu Bette zu legen. Ich fuͤhlte während der ganzen Krankheit weiter keine Schmerzen; nur ein Gedanke beſeelte und entzukte mich, und keine koͤrperliche Leiden konnten ihn aus meiner Seele verdraͤngen. Die Marquiſin Bellecour gerieth in Unruhe, als ich den folgenden Tag nicht zur beſtimmten Zeit in ihrem Hotel erſchien; ſie ſchikte daher einen Bedienten in meine Wohnung, der ſich nach mir erkundigen mußte. Seine Livree, und der Name Sophie, den er zufaͤlliger Weiſe aus⸗ ſprach, entriſſen mich meiner dumpfen Gefohl⸗ loſigkeit. Vorhin war ich unfaͤhig, die an mich gerichteten Fragen zu beantworten, jezt ſprach man von Sophien und ploͤzlich erhielt ich den vollen Gebrauch meiner Sinne. Ich wendete mich zu dem Bedienten. „Mein Schikſal intereſſirt das Fraͤulein 2 Wie guͤtig ſie iſt! — Sie verdienen es auch. Haben Sie ſich nicht um ihretwillen in den Tod geſtuͤrzt?— „ — — 8S——„ uhl eg⸗ lie⸗ be⸗ n, nd nz en e ich nd 5⸗ ⸗ 79 „O nein, nein! Ich ſchaͤze mich gluͤklich, daß ich gerade ihr nuͤzlich ſeyn konnte.«“ — Mein Fraͤulein wird ſich beträben, wenn ſie die traurigen Folgen erfaͤhrt, die ihnen ihre Dienſtfertigkeit zugezogen hat.— „Sagen Sie ihr ja, daß ich durchaus keine Schmerzen empfinden.«« — Armer Menſch! liegt er nicht da, in der ſchroklichſten Fieberhize, und beklagt ſich nicht einmal daruͤber!— Sorgen Sie für den guten, jungen Mann, wendete er ſich zu den Umſte⸗ henden, meine gnaͤdige Frau, und ihre Tochter wuͤrden untroſtlich ſeyn, wenn ihm ein Ungluͤk begegnete.— Er gieng, und ich verfiel wieder in meine vorige Traͤumereien, ohne daß jemand ein Wort aus mir herausbringen konnte. Den folgenden Tag waren die beiden Damen ſo gätig, mich ſelbſt zu beſuchen. Ich erkannte ſie nicht. Das Fieber hatte eben den hoͤchſten Grad erreicht. „Huͤlfe! Huͤlfe! ſchrie ich. Sie entſchluͤpft meinen zitternden Händen. Das Waſſer reißt ſie fort! O mein Gott, der Wirbel hat ſie ver⸗ ſchlungen!« Vergebons ſtrengt' ich alle Kraͤfte an, mich den Armen derjenigen, welche mich mit Gewalt zurukzuhalten ſtrebten, zu entwinden⸗ „Ungeheuer! ihr zaudert noch, ſie zu retten? Weg! weg! mit ihr will ich mich in den Wellen begraben!“ — Ruhig, mein Lieber, ſagte die Marquiſin⸗ Sophie iſt gerettet! Richten Sie ihr Auge hieher! Hier ſteht Sophie, um Ihnen fur S Guͤte zu danken.— Starr blikt' ich das Fraͤulein an, und fuhr dann ploͤzlich mit einem lauten Ausruf der Freu⸗ de in die Hohe. Aber dieſe Empfindung würkte zu heftig auf meine erſchoͤpften Lebensgeiſter, und unmaͤchtig fiel ich auf das Kiſſen zuruͤk. „Ich bin ſchuld an ſeinem Tode, ſchluchzte Sophie, und rang die Haͤnde. Ach, Mamma, warum mußt' ich ihn kennen lernen! Ewig, ewig werd' ich ihn nicht vergeſſen!“ Auch ihre gute Mutter weinte. Jezt zog ſie ein Riechfläſchgen mit einem ſehr wirkſamen Salz aus der Taſche, und hielt es mir unter die Naſe; allmählig erholt' ich mich wieder. Das Fieber war ſchon iin Abnehmen. Ich fuͤhlte mich aͤuſ⸗ ſerſt ermattet, aber ich erhielt wieder den vollen Gebrauch meiner Vernunft. Die aͤngſtliche Auf⸗ merkſamkeit der Marquiſin, und der zaͤrtliche An⸗ ————„——„—— at en? llen ſin⸗ er! zu zte a, vig ein — ſez n⸗ 87 theil, welchen ihre Tochter an meinem Schikſal nahm, ruͤhrten mich unausſprechlich. Ich dankte ihnen dafuͤr in den ehrerbietigſten Ausdruken.— „Tragen Sie ja Sorge fuͤr ihre Geſundheit, ſag⸗ te Sophiens ehrwuͤrdige Mutter, und leben Sie noch laͤnger fuͤr Ihre Freunde, welche durch die Bande der Erkenntlichkeit und des innigſten Wohlwollens an Sie gefeſſelt ſind.“« Dieſer Beſuch trug mehr, als alle Bemuͤhun⸗ gen der Aerzte, zu meiner Geneſung bei. In kurzem fuͤhlt' ich mich ſtark genug, den Damen ſelbſt meine Aufwartung zu machen und wurde von ihnen auf das freundſchaftlichſte und zuvor⸗ kommendſte empfangen. Die engſte Vertrau⸗ lichkeit entſpann ſich nach und nach zwiſchen uns, und ich war das einzige maͤnnliche Geſchoͤpf, wel⸗ ches waͤhrend der Abweſenheit des Marquis von Bellecour, der als Oberſter in Flandern kom⸗ mandirte, Zutritt im Hauſe erhielt. Ich betete im ſtillen Sophien an, ohne daß ich es wagte, ihr laut meine Liebe zu geſtehen. Zwar waͤhnte ſie, daß nur Erkenntlichkeit ſie an mich feſſelte, aber die nehmlichen Gefuͤhle drchſtrömten auch ihre Seele. Ich beobachtete jede ihrer Bewe⸗ gungen, und mit der aͤngſtlichſten Aufmerkſam— keit war ich um ſie beſchäftigt, ohne den Wohl⸗ ſtand zu veriezen; aber eben dieſe zarte Behänd⸗ lung entgeht niemals dem Scharfblik einer Ge⸗ liebten. Zwei Herzen, welche einander verſtehen, Das Kind, r. 1 haben eine eigene Sprache, die, auch ohne Wor⸗ te, keiner weitern Auslegung bedarf. Der Marquis, welchen man laͤngſt erwar⸗ tet hatte, kam endlich aus ſeiner Garniſon zu⸗ ruͤk. Er war bereits von der Gefahr, welche ſeine Tochter bedroht hatte, unterrichtet; und wußte, daß ich ihr Retter ſey; daher wunderte er ſich auch nicht über meine haͤufige Beſuche, und empfieng mich jederzeit auf eine ausgezeich⸗ nete Art. Er erbot ſich, mir eine betraͤchtliche Summe vorzuſchieſſen, um eine eigene groſſe Handlung zu etabliren. Uebrigens ſprach er kein Wort von der Zuruͤkbezahlung des Geldes, und ich merkte wohl, daß er mir eigentlich damit ein Geſchenk machen wollte; aber das hieße meine geringen Dienſte fuͤr elendes Gold verkaufen, und mich ſelbſt um das ſuͤſſe Vergnuͤgen brin⸗ gen, welches mir die Achtung dieſer theuren Fa⸗ milie gewaͤhrte. Ich ſchlug alſo ſein freundſchaft⸗ liches Anerbieten aus, ohne ſeinen Stolz zu rei⸗ zen, und dardurch, daß ich ihm offenherzig mei— ne ganze Lage entdekte, uͤberzeugt' ich ihn, daß mir nichts mangle, daß ich ſogar mehr beſaͤße, als ich fuͤr mich beduͤrfe. Dieſe Delikateſſe ver⸗ mehrte noch ſeine Hochachtung gegen mich. „Wenigſtens werden Sie meine Freundſchaft nicht ausſchlagen,“ ſagte er in einem milden To⸗ ne, in dem er mir die Hand reichte. Ein wun⸗ ₰ℳ—,„—„——„ „ 8———„+. 8 8 ar⸗ zue che nd rte 83 derbar, wehmuͤthig ſuͤſſes Gefuͤhl bemaͤchtigte ſich meiner; ich vermocht' es nicht, zu ſprechen und Thränen rollten uͤber meine Wangen. In dieſem Gewuͤhl von Empfindungen drukt' ich ſeine Hand an meine brennenden Lippen; der Marquis zog ſie ſanft zuruͤk, und ſchloß mich zaͤrtlich in ſeine Arme. Nach einer Pauſe fuhr er fort: „Wahrlich! es thut mir weh, daß ein un⸗ uberſteigliches Hinderniß mir verbietet, Ihnen eine ſolche Belohnung anzubieten, welche Sie ſchwerlich ausgeſchlagen haͤtten. Meiner Tochter haben Sie das Leben gerettet, deſſen werd' ich mich ewig dankbar erinnern. Wären Sie in ei⸗ nem andern Stande gebohren, waͤren Sie mei⸗ nes gleichen, Gott iſt mein Zeuge, Sie ſollten das Maͤdchen vor jedem andern erhalten; denn Sie ſind großmuͤthig, haben ein weiches, gefuͤhl⸗ volles Herz, und hätten ſie zuverläſig gluͤklich ge⸗ macht.“ — Ich ſchaͤme mich meiner Herkunft nicht.— „Die Stimme des Vorurtheils iſt gegen Sie.« — Und waͤr' ich auch ein Konigsſohn, ich wurde keinen Augenblik gezoͤgert haben, einem ſchwachen Geſchoͤpfe beizuſpringen, das ich in den Wellen mit dem Tode kaͤmpfen ſah. Die Menſchheit ſprach laut zu mir; jeder andere wur⸗ de ihrer ruͤhrenden Stimme ebenfalls Gehoͤr ge⸗ 5 3 34— geben haben, und eine Handlung von der Art belohnt ſich von ſelbſt. Waͤr' ich Ihnen auch an Geburt gleich, niemals haͤtt' ich die Hand Ihrer Tochter einem gluͤklichen Ungefehr verdanken moͤgen, nur das eigene Sefühl des Mädchens haͤtte fur mich ſprechen muͤſſen. Glauben Sie mir, nie werd' ich vergeſſen, wer Sie ſind, und wer ich bin, und ohne Murren unterwerf' ich mich dem geſellſchaftlichen Vertrage. Sophie verdient die Huldigung aller Menſchen, welche Tugend und Schoͤnheit zu ſchäzen wiſſen. Ich will es nicht laͤugnen, daß mir der Anblik Ih⸗ rer Tochter nicht gleichguͤltig war, denn man kann die erſten Aufwallungen des Herzens nicht ganz unterdruͤken; aber immer bleibt ein redlicher Mann Herr ſeiner Empfindungen, und die mei⸗ nigen waren bis auf dieſe Stunde nur ein ge⸗ rechter Zoll der Hochachtung und Bewunderung.— Der Ton meiner Stimme verrieth wider meinen Willen das Geheimniß, welches ich bis⸗ her tief in meine Bruſt verſchloſſen hatte. Ich war innig bewegt, denn indem der Marquis von Sophien ſprach, hatte er die feinſten Fibern meines Herzens beruͤhrt. Zwar gab ich mir Muͤhe, mich ſelbſt zu taͤuſchen, aber andre konnt' ich nicht hintergehen. Der Oberſte durchſchaute mein Innerſtes, und glaubte, alles gewonnen zu haben, wenn er mir auf einmal alle Hofnung raubte. Art an rer ken ens Sie ind hie che Ich h⸗ tan cht her ei⸗ ge der is⸗ Ich nis rn nir nt ute en ng —— 35 „Ich will jezt ganz offenherzig mit Ihnen reden, ſagte er. Ich habe die Hand meiner Tochter einem rechtſchaffenen Manne, den ich achte und liebe, feierlich zuge ſagt. Dieſe Nach⸗ richt wird Ihnen um ſo willkommener ſeyn, da ich Ihnen zugleich die Verſicherung geben kann, daß diejenige, welche Ihnen ihr Leben verdankt, durch dieſen Mann ganz gluͤklich wird.“ Blaß, wie eine Leiche ſtand ich da; meine Kniee bebten, und ich mußte mir Gewalt an⸗ thun, meinen Schmerz nicht laut ausbrechen zu laſſen. Doch, mit dem Tod im Buſen, gelang es mir endlich, meinem Mund ein Lacheln abzu⸗ gewinnen. In die Laͤnge wuͤrd ich dieſe fuͤrch⸗ terliche Lage nicht ausgehalten haben. Ich ſtam⸗ melte einen kurzen Gluͤkwunſch her, nahm Ab⸗ ſchied von dem Marquis, und verſchloß mich in mein Zimmer, wo ich nich ungeſtort dem Schmerz und der Verzweiflung uͤberlaſſen konnte. Jezt erfuhr ich, wie wenig die Vernunft uͤber die Liebe vermag. Durch Klagen und Vorwuͤrfe, die ich üͤber den Marquis ausſtieß, erleichterte ich meine Bruſt. Ich beſchuldigte ihn der Ti⸗ rannei, verfluchte die elenden Vorurtheile, und den unſinnigen Hochmuth dieſer eingebildeten Geſchoͤpfe. War ich es nicht, der ſeiner Tochter das Leben rettete? rief ich aus; nach dem heili⸗ gen Rechte der Natur und der Liebe iſt ſie mein 86 Eigenthum, und jezt will man ſie einem andern zuwerfen, der nichts für ſie gewagt hat, gar nichts, und den ſie ewig haſſen wird. Und war⸗ um gibt man ſie ihm? Weil er, Gott weiß von welchem Abentheurer, abſtammt, der ſich unter⸗ ſtand, zwiſchen ſich und andern ehrlichen Leuten eine Demarkations-Lienie zu ziehen, der viel⸗ leicht nichts mehr und nichts weniger als ein glklicher Räuber war, und durch den Titel, mit welchem ſich ſein Enkel bräſtet, der guten Mut⸗ ter Natur einen Schandflek angehangt, und ihn durch Niedertraͤchtigkeiten und Verbrechen er⸗ kauft hat! So ungerecht urtheilt zuweilen der verblen⸗ dete Menſch. Ach! wie lang und wie peinlich war fuͤr mich die einbrechende Nacht! Endlich ſchloſſen ſich meine matten, von Thraͤnen ge⸗ ſchwollenen Augen, und der Schlaf beſaͤnftigte den Sturm meiner Seele. Als ich erwachte, und bei kaͤlterem Blute Betrachtungen anſtellte, fielen alle Veſchuldigungen, welche ich dem Mar⸗ quis in meinem Innern den Tag zuvor gemacht hatte, hinweg, und ich ſah nun deutlich ein, daß er als ein ehrlicher Mann, der durch aͤltere Vande gefeſſelt iſt, mit mir geſprochen habe. Auch wußte er ja nicht, ob mich ſeine Tochter liebe, mir ſelbſt war es ſogar verborgen, denn nie hatte ſie ein Wortchen, welches mich zu die⸗ dern gar war⸗ von iter⸗ uten viel⸗ ein mit Nut⸗ len⸗ lich lich ge⸗ igte te, lte, tar⸗ acht in, ere be. ter enn ie⸗ 37 ſem Gedanken verleiten konnte, gegen mich geaͤuſ⸗ ſert. Das gute Mädchen war vernuͤnftiger, als ich, und kannte die Pflichten, welche ſie ſich und ihren Verwandten ſchuldig war.— Und wer bin ich denn, fuhr ich in meinem Selbſtgeſpraͤche fort, daß ich ihr gerade gefallen muß? Weil ich ſie etwa liebe, muß ſie mich darum wieder lieben? und ſchrieb ich nicht in meiner kindiſchen Einbil⸗ dung auf Rechnung der Liebe, was vielleicht nur die Dankbarkeit, welche ſie mir ſchuldig zu ſeyn glaubte, bei ihr bewirkte? Jezt nahm ich mir feſt vor, meine Schwach⸗ heit zu bekaͤmpfen, und den Anblik eines Mäd⸗ chens zu meiden, welches meiner Ruhe ſo gefaͤhr⸗ lich geworden war. Ich fuͤhlte bei dieſem Kam⸗ pfe eine gewiße Art von Stolz, und wenn ich auch gleich nicht triumphiren ſollte, ſo wollt' ich ihr doch wenigſtens den Sieg erſchweren.— So⸗ phie, ſagt ich bei mir ſelbſt, kann es nicht ent⸗ gehen, was es mich fuͤr Muͤhe koſtet, ſie zu flie⸗ hen, aber ſie wird mich deßwegen um ſo mehr hochſchaͤzen. Doch wenn ſie glauben konnte, daß ſie mir gleichguͤltig waͤre, wenn ſie mich ver⸗ geſſen koͤnnte——! Nein, ſie kann mir ihr Mitleiden nicht verſagen, ſobald ſie erfährt, welch einen ſchmerzlichen Kampf es mich koſtet, und das Mitleiden einer Geliebtin iſt ein lindern⸗ der Balſam in die Wunden eines blutenden Herzens. Meinem Vorſaz getreu, beſucht' ich nicht mehr das Haus des Marquis, aber die Liebe, welche mich verzehrte, zog mich unwillkuhrlich hin. Ganze Naͤchte irrt' ich in der Straße her⸗ um, wo das liebliche Maͤdchen wohnte, und ver⸗ weilte unter ihrem Fenſter.— Dort iſt ſie, dacht' ich, dort genießt ſie einen ſanften und ruhigen Schlummer. So ſchlaf denn wohl, holdes Ge⸗ ſchoͤpf! Du biſt mir zu theuer, als daß ich dir ähnliche Leiden, wie die meinigen, wuͤnſchen ſollte, und doch wuͤrde mich der Kummer todten, wenn ich nicht uͤberzeugt zu ſehn glaubte, daß auch mein Bild in deinem Angedenken noch le⸗ bendig ſei. In einer ſchwuͤlen Sommernacht öfnete So⸗ phie ihr Fenſter, um friſche Luft zu ſchoͤpfen. Ein Blizſtrahl erhellte zuweilen die ganze Gegend, und ich glaubte auf ihrem Geſichte Spuren einer tiefen Melancholie gewahr zu nehmen. Bald wuͤnſcht' ich, bald fuͤrchtete ich wieder, von ihr bemerkt zu werden. Nur einen Augenblik hätt' ich mit ihr ſprechen, ich hätt' ihr den Beweg⸗ grund entdefen mögen, warum ich ihren Anblik abſichtlich vermied; aber ein zartes Gefuͤhl hielt mich wieder davon ab. Ich verbarg mich hinter einem Wagen, welcher zufällig in der Nähe ſtand, und mit unverwandten Bliken ſtarrte ich nach dem Fenſter. Sophie nahm jezt eine Guitarre und cht nachdem ſie einige Akkorde gegriffen hatte, ſang e, ſie mit halber Stimme ein mir unbekanntet Lied⸗ ich chen. Die Verſe haben zwar nicht jene zierliche er⸗ Wendung, welche die Kunſt dieſen Geiſtespro⸗ er⸗ dukten zu geben weiß; ſie kamen gerade aus ih⸗ ht' rem Herzen, und drangen mit unwiderſtehlicher en Macht in das meinige. Hier ſind zwei Strophen⸗ e⸗ welche ihr entſchluͤpften; ich habe ſie nur einmal ir gehoͤrt, aber ich werde ſie in meinem Leben nicht en vergeſſen. Ales ſchläft, nur die Geliebte ß wachet noch beim Sternenlicht; doch der Freund, der ſie betruͤbte, horet ihre Klagen nicht. Retten kannſt du, und verderben, o⸗ Wonnen gibſt du, oder Schmerz. R Muß ich als dein Opfer ſterben, d, ſo verzeiht dir dieſes Herz. er Zwar verrieth mir deine Liebe d allzuſchuͤchtern nie der Mund, r Doch des Herzens heiſſe Triebe t* machet jeder Seufzer kund. ⸗ Fuͤhle dieſes Buſens Beben, t den ein duͤſtrer Gram erfuͤllt. Warum riefſt du mich in's Leben, Wenn du mir es rauben willt? „ unmoglich konnt'ich mich uͤberreden, daß ſie nicht n ſelbſt dieſes Lied verfaßt habe; die zweite Strophe d paßte zu ſehr auf ihre eigene Geſchichte. Daß 90 ſie mcch liebte, war gewiß, aber warum zwei⸗ felte ſie an meiner Treue? Ihre rährenden Vor⸗ wuͤrſe griffen mir an's Herz, ich vergaß mein Ge⸗ läbbe, ſie nie wieder zu ſprechen, und ſang fol⸗ gendes nach der nehmlichen Melodie. Lindor lebet Adelheiden, doch der Vater trennet ſie; ach! der Arme muß ſie meiden, ſie vergeſſen kann er nie. Meinen Kummer ſtill zu tragen, dich zu fliehen, heiſcht die Pflicht; drum, Geliebte, mich beklagen, doch mir zuͤrnen mußt du nicht. Kaum hatt' ich geendigt, ſo fuͤhlt' ich mich ploͤzlich beim Arm ergriffen. „Folgen Sie mir, ſagte der Unbekannte, indem er mich mit Gewalt fortſchleppen wollte⸗ Ich ſtieß ihn unſanft zuruͤk. — Wer ſind Sie 2 Sophie, welche die Stimme ihres Vaters er⸗ kannte, ſtieß jezt einen lauten Schrei aus, und verſchwand vom Fenſter; auch ich hatte den Mar⸗ quis erkannt. Zitternd, wie ein Verbrecher, über⸗ ließ ich mich ſeiner Leitung, und ich war auch ein Verbrecher; denn ich hatte ihn gegen die unglukliche und zaͤrtliche Sophie erbittert. „Junger Menſch, fieng er an, als wir weit genug von ſeinem Hauſe entfernt waren, ich hielt wei⸗ Jor⸗ Ge⸗ 91 ſie bisher fuͤr einen ehrlichen Mann, aber ich ſehe wohl, ſie ſind nichts, als ein elender, gemei⸗ ner Verfuͤhrer. Niemand kann ſeinem Herzen ge⸗ bieten, das weiß ich, und darum haͤtt'ich es ihnen vielleicht verzeihen konnen, daß ſie meine Tochter zu lieben wagten; aber ſie in ihr Nez zu loken, ihren ehrlichen Namen zu untergraben ſuchen, Herr, das iſt ſchlecht, das iſt unverzeihlich!“ Dieſe unverdiente Beſchuldigung gab mir meine volle Beſinnung wieder. — Durch Vorurtheile verblendet, ſprach ich mit Wuͤrde, koͤnnen Sie zwar verachtlich auf mich herabſehen, allein ſie haben nicht das Recht, mir niedertraͤchtig zu begegnen. Wahr iſt's, ich liebe, ich bete Ihre Tochter an, aber ich weiß auch, daß ein unguͤnſtiger Zufall der Geburt mir jeden Anſpruch auf Sophiens Hand verbietet. Ich habe gethan, was ein ſchwacher Menſch nur ver⸗ mag, um dieſe unſelige Leidenſchaft zu bekäm⸗ pfen. Sie ſelbſt haben mir zwar den Zutritt in ihr Haus nicht verboten, freiwillig unterzog ich mich dieſer ſchmerzhaften Trennung; auch geſteh ich, daß ich oͤfters ſchon bei Nacht in der Naͤhe Ihres Hotels verweilte, aber nicht, wie Sie etwa glauben moͤchten, um mich mit So⸗ phien zu unterreden, und ihr eine Leidenſchaft einzufloößen, welche Sie mißbilligen, nein, bei Gott nicht! Unwiderſtehlich zog mich eine Macht, 9— die ſtärker, als meine feſteſten Entſchluͤſſe war, in dieſe Gegend hinz gewaltſam ſucht' ich mich zu entfernen, und immer kehrt' ich auf den mir ſo theuren Ort zuruͤk. Huͤten Sie ſich, Ihre Tochter fuͤr eine Mitſchuldige dieſes naͤchtlichen Auftritts zu halten, welchen ein bloſer Zufall veranlaßte. Unvermuthet ſah ich ſie, und vergaß mich auf einen Augenblik— Der Marquis. Meine Tochter liebt ſie? Ich. Heute, ohne daß ſie meine Gegen⸗ wart ahnete, erfuhr ich es zum erſtenmal. Sezen Sie ſich nun an meine Stelle, denken Sie ſich in die Jahre der Leidenſchaft zuruk, wo die Eindruͤke der erſten Liebe ihre volle Ge⸗ walt haben, und entſcheiden ſie: ob der Menſch immer faͤhig iſt, der Stimme der Vernunft Ge⸗ hoͤr zu geben? Der Marquis. Ich uberhorte ſie nie. Ich. So haben Sie auch nie geliebt. Der Marquis. Doch, doch, mein Herr! Ich. Wahrlich! nie ſo innig, wie ich. Der Marquis. Es iſt doch luſtig, mein Herr, daß Sie mich zum Vertrauten einer Lieb⸗ ſchaft machen wollen, die mich nothwendig belei⸗ digen muß. Vielleicht haben Sie gar noch den Plan, mich in ihr Intereſſe zu ziehen? Ich. Nein, gnadiger Herr, den Plan hab' — „—„„3———— e 8 — 93 ich nicht, denn ich weiß zu gut, daß vor dem Hochmuth der Groſſen, welchen ſie auf ihren Adel zu legen belieben, die Stimme der Natur' ver⸗ ſtummen muß⸗ Der Marquis. Sie werden beleidigend, junger Menſch! Ich. Ohne meine Abſicht. Der Marquis. Daß ich Ihnen Dank ſchuldig bin, weiß ich, und nur dieſer Erinne⸗ rung haben ſie meine Maͤſſigung in dieſem Au⸗ genblike zu verdanken. Jeder andere hätte mir den Schimpf, den Sie meiner Tochter angethan haben, mit dem Leben bezahlen muͤſſen. Ich. Wenn ich Sophien beſchimpft haͤtte, wuͤrd' ich den Tod verdienen; mit eigenen Haͤn⸗ den wollt' ich mich ermorden, wenn ich mich eines ſolchen Vergehens faͤhig hielte. Der Tod wuͤrde ſogar eine Wohlthat fuͤr mich ſeyn, im Fall ſie⸗ Ihrer tugendhaften Tochter die Unvorſichtigkeit eines Juͤnglings zum Verbrechen anrechnen koͤnn⸗ ten, den die Leidenſchaft verblendete, deſſen Seele aber immer den Empfindungen der Ehre und der Tugend ofſen ſtand. Herr Oberſt, Sie moͤgen auch ſo ungerecht gegen mich handeln, als Sie wollen, ſo werd' ich ewig in Ihnen Sophiens Väter verehren. Entſcheiden Sie nun, was verlangen Sie von mir? Ich bin bereit, Ihnen in allem Genuͤge zu leiſten⸗ 94 Der Marquis. Ihr Ehrenwort darauf? Ich. Mein Ehrenwort. Der Marquis. Gut, ſo entfernen Sie ſich auf ein Vierteljahr von Orleans. Ich. Mit Tagesanbruch reiß' ich ab. Der Marquis. Und wenn Sie mir ver⸗ ſprechen, waͤhrend dieſer kurzen Abweſenheit nicht an ſie zu ſchreiben, ſo geb' ich Ihnen eben⸗ falls mein Ehrenwort, daß ich gegen Sophien mit keiner Silbe dieſes naͤchtlichen Auftrittes er⸗ waͤhnen werde, Sie ſelbſt aber erwerben ſich aufs neue wieder meine volleſte Hochachtung. Ich. Sie ſollen mich gehorſam finden. Der Marquis.(mir die Hand druͤkend) Und nun leben Sie wohl, junger Mann! moͤchten Sie bald eine andere Sophie finden! Ich. Nie! Nie! Der Marquis. Beklagen Sie mich, daß ich Sie wider meinen Willen ungluklich machen muß; aber ich bin ſchon ſeit langer Zeit durch mein Wort gebunden, und kann nicht mehr über die Hand meiner Tochter gebieten. Ich bin nicht ſo ſtolz, wie Sie vermuthen, und hab' ein Herz, welches fuͤr Freundſchaft, Tugend und Dankbar⸗ keit empfaͤnglich iſt. Meinem kuͤnftigen Schwie⸗ serſohn hab' ich mein Leben zu verdanken, auch S—„— S 2 — v— 8 *—„ 95 er iſt jung, liebenswuͤrdig, und tugendhaft, wie Sie, und ſtammt von einer erlauchten Familie her. Die Heirath iſt beſchloſſen, und ich bin uberzeugt, daß er meiner Tochter am Ende ge⸗ fallen wird. Entfernung iſt das Grab der Liebe und ein gegenwaͤrtiger Gegenſtand verdraͤngt den Abweſenden. Die Natur hat es weislich ſo ein⸗ gerichtet; meine Tochter wird Sie vergeſſen. Ich. Ich wuͤnſche das aufrichtig, denn ſie waͤre zu beklagen, wenn ihr Herz ſo tief ver⸗ wundet waͤre, wie das meinige⸗ Der Marquis. Und auch Sie werden mein Kind vergeſſen. Ihre Denkungsart iſt weit uber ihre Herkunft erhaben; Sie werden der Stim⸗ me der Natur Gehoͤr geben. Aber um eines bitt' ich Sie; geben Sie mir von Zeit zu Zeit Nachricht von ihrem Aufenthalt. Ich. Muthen Sie mir das nicht zu; ich will, wo moͤglich, alles vergeſſen, was Bezug auf Sophien hat.. Der Marquis⸗ Schreiben Sie mir, ſo bald Sie ſich ruhiger fuͤhlen, und ſeien Sie ver⸗ ſichert, daß ich Ihnen jederzeit Beweiſe der in⸗ nigſten Freundſchaft geben werde⸗ Der Tag begann eben zu grauen, als wir von einander ſchieden, und ich war feſt entſchloſ⸗ ſen, die Achtung dieſes gebildeten und rechtſchafe 96— fenen Mmnes zu verdienen. Ich erſtaunte nicht wenig, as ich auf meinem Zimmer den wakern Doͤplant, bei dem ich wohnte, in einem Lehn⸗ ſtuhl ſizend fand. Er erwartete mit Sehnſucht meine Zurhkkunft und war eben ein wenig ein⸗ geſchlummert, als er durch das Geraͤuſch bei mei⸗ nem Eintrite erwachte. „Lieber Sohn,« ſagte er, und ſchloß mich in ſeine Arme, wie koͤnnen Sie doch ihre gute Freunde ſo grauſam beunruhigen. Sagen Sie mir nur ums Himmels willen, was bedeuten denn Ihre häufige naͤchtliche Wanderungen, an die ich anfangs gar nicht glauben wollte, und die ich nicht mehr bezweifeln kann? Ich ſchaͤze Sie zu ſehr, als daß ich einen niedern Argwohn gegen Sie in meinem Herzen beherber⸗ gen koͤnnte; aber eben darum, weil ich ſie vaͤter⸗ lich liebe, bin ich auch väterlich um ſie beſorgt. Als Kaufmann mach' ich Ihnen keine Vorwuͤr⸗ fe, denn nie waren meine Handlungsboͤcher in beſſerer Ordnung, nie wurde unfre Korreſpon⸗ denz thätiger gefuͤhrt, als eben jezt; aber Sie haben Kummer, den Sie ihrem guten Pflege⸗ vater abſichtlich verhehlen. Sie nehmen zuſe⸗ hends ab; ihre vorige Heiterkeit, der innere Frieden, weſcher immer den redlichen Mann be⸗ gläkt, ſind von ihnen gewichen.“ — Guter Vater, mein Herz hat ſich nicht geaͤndert⸗— 1—„—— en „—— —— — —. 97 „Wie gerne glaub' ich Ihnen das.“ — Aber ich leide, und bin der ungläklichen Leidenſchaft zur Beute geworden.— Jezt erzaͤhlt' ich ihm meine ganze Geſchichte.— Sie ſehen, ſo ſchloß ich, daß mich die Flucht allein retten kann. Auf drei Monate verſprach ich, mich zu entfernen; ich will, ich muß fort, und bitte nun um Ihre vaͤterliche Einwilligung.— „Die brauchen Sie nicht erſt von mir zu er⸗ halten, denn ich war geſonnen, Ihnen ſelbſt die⸗ ſen Vorſchlag zu thun. Dringende Handlungs⸗ lungsgeſchäfte fordern auswaͤrts meine perſoͤnli⸗ che Gegenwart, aber in meinen Jahren wird ei⸗ nem das Reiſen ſehr ſauer. Ich weiß, daß Sie die Geſchaͤfte eben ſo puͤnktlich zu meinem Nuzen beendigen werden, daher koͤnnen Sie in einigen Tagen ven hier abgehen.“ — Nein, nein, mein Vater, nicht in eini⸗ gen Tagen, noch heute, noch in dieſem Augen⸗ blik. Ich will nicht mit Recht den Vorwurf auf mich laden, daß ich mein gegebenes Wort gebro⸗ chen haͤtte. Wenn ich Ihnen werth bin, ſo er⸗ waͤhnen Sie in ihren Briefen niemals Sophiens Namen. Zwar verſprach ich nicht, dies Maͤd⸗ chen kuͤnftig nicht mehr zu lieben, aber ich will alles anwenden, ihr Andenken aus meinem Ge⸗ daͤchtniß zu verbannen. Ach! ich fuͤhl' es nur zu gut, nie wird ihr Bild aus meinem Herzen wei⸗ Das Kind, 1. 6 9⁵— chen, und wenn auch Sophie ſich uͤberreden ſoll⸗ te, daß ich Sie ganz vergeſſen haͤtte, ſo werd' ich mich taͤglich, ſtuͤndlich noch ihrer erinnern. Es war freilich unverantwortlich, daß ich dieſe Nacht auf ihr Liedchen antwortete, und immer werd' ich es mir zum Vorwurf machen. Ach! ſie war ſo gluͤklich, eh'ſie mich kennen lernte, aber Gott lob! ich bediente mich doch keiner niedrigen Mittel, keiner verfuͤhreriſchen Kunſtgriffe, um ſie zu einer Liebe, welche ſo ſtrafbar zu ſeyn ſcheint, anzuloken. Die Simpathie zog unſte Herzen unwiderſtehlich an ſich, troz der Schei⸗ dewand, welche die Geburt und das Vorurtheil zwiſchen uns geſtellt haben. Ich ſcheue mich, in die Zukunft zu bliken, ich beurtheile Sophiens Herz nach dem meinigen, wir beide ſind auf immer ungluͤklich. Wenn ich beſtimmt wuͤßte, daß ſie in den Armen desjenigen, den man ihr zum Gatten auserkohren, ihre Ruhe wieder fin⸗ den koͤnnte, wahrlich, mein Vater, ich fuhle mich ſtark genug, ihr alles aufzuopfern, den Geliebten ſelbſt in ihre Arme zu fuͤhren, und dann weit, weit fort zu fliehen, und vor Schmerz zu ſterben. „Die Zeit wird dies Feuer dämpfen.“ — Glauben Sie das 2— „Zuverlaͤſig!“ x 99 — Und wenn ich Sophien nicht mehr liebe, muß ich dann kalt und gefuͤhllos werden? Muß dieſes gluͤhende Herz dann erſtarren, wie der Marmor auf einem Grabe? Dieſe Augen, wel⸗ che ſich ſo oft an dem Anblik dieſes lieblichen Geſchopfes weideten, duͤrfen ſie ſich nicht mehr an dem entzuͤkenden Schauſpiel der Natur ergo⸗ zen? Uund ich, mir ſelbſt zur Laſt, werde dann fuͤr andre nur ein trauriger Gegenſtand des Er⸗ barmens ſeyn.— „Vergeſſen Sie doch nicht, daß Sie mit ei⸗ nem Freunde ſprechen, der ihren Kummerſ Ilt, und deſſen Geſinnungen ſich nie gegen Sie ver⸗ aͤndern werden.“ Geruͤhrt warf ich mich an ſeine Bruſt; dann ordnete ich in der Eile das Nothwendigſte zu meiner Reiſe an. Den Reſt meiner Beduͤrfniſſe, ſo wie auch die noͤthigen Verhaltungsbefehle er⸗ wartete ich in Paris, wohin ich mich ſo ſchnell, wie moglich, verfuͤgen wollte. Jezt umarmten wir uns zum leztenmal, und ich reißte ab. Zwar hab' ich mich gegen den Marquis von Bellecour anheiſchig gemacht, mich auf drei Mo⸗ nate von Haus zu entfernen, aber nun iſt es bereits ein volles Jahr, daß ich mich auf Reiſen befinde. Seit der Zeit hoͤrt' ich nichts von So⸗ phien, aber ihr Andenken hat ſich nie aus mei⸗ nem Gedaͤchtniß Auch iſt die Prophe⸗ 3 zeihung des ehrlichen Duͤplants in ſo fern einge⸗ troffen, daß mein Schmerz ſanfter und ſtiller geworden iſt. Ich kehre mit der Ueberzeugung nach Orleans zuruͤk, diejenige, die ich noch im⸗ mer verehre, als die Gattin eines andern zu finden, und, wenn ich erfahre, daß ſie gluklich iſt, ſo wird man keine Klagen, keine Seufzer aus meinem Munde hoͤren. Meine Reiſe wollt' ich noch verlaͤngern, aber ein Brief von Duͤplant noͤthigte mich zur Ruͤkkehr. Seine Geſundheit iſt zerruͤttet; es iſt daher meine Pflicht, ihm zu Huͤlfe zu eilen. Die zarte Hand eines Freundes uͤbertrift jede erkaufte Pflege, und wenn ich im Stande bin, ſeine Leiden zu mildern, ſo will ich es als ein Zeichen anſehen, daß mich das Gluk noch nicht ganz verlaſſen hat. Nie werd' ich mit meinem Freunde von dem Kummer reden, der mir ſo lieb geworden iſt. Wer mich dieſer ſuſſen Melankolie entreiſſen wollte, wuͤrde mir das Le⸗ ben nehmen, aber gewiß, andern Menſchen wets' ich nie damit zur Laſt fallen. Mit dieſen Werten hatte der junge, inte⸗ reſſante Mann ſeine Erzaͤhlung geſchloſſen, als die Futſche gerade vor der Thuͤre eines groſſen Gaſt⸗ hofes, rechter Hand auf der Straße nach Pa⸗ ris, deſſen Namen mir ausgefallen iſt, ſtille hielt. Wir ſtiegen aus, und traten in ein gro⸗ ſes Zimmer, in welchem wir einen Unbekannten fanden, der uns ſehr freundlich gruͤßte. Der Leſer wird im folgenden Kapitel erfahren, wer der Fremde war, den uns ein trauriges Verhaͤng⸗ niß in den Weg führen mußte. In der Welt iſt alles durch eine unmerkliche Kette mit einander verbunden, und immer wird man durch unvor⸗ hergeſehene, unvermeidliche Umſtaͤnde fortgezogen. Statt links, wendet man ſich rechts, ſtatt wei⸗ ter zu gehen, verweilt man an irgend einem Orte, alles das ſcheint ſehr gleichguͤltig. Aen⸗ dert einmal eure Richtung, haltet euch noch nicht auf, und alles, was euch dann begegnet, ge⸗ hoͤrt in die Klaße des Alltaͤglichen. Eure ganze Lebensweiſe, eure Leidenſchaften, eure Sitten werden ſich gleichfalls ändern; ihr werdet tu⸗ gendhaft oder laſterhaft ſeyn, auf dem Gipfel des Gluͤkes ſtehen, oder im bitterſten Elende ſchmachten, warum? weil ihr unvermuthet auf einen Menſchen ſtoſſet, und euch niemand zuvor von den unwandelbaren Rathſchluͤſſen des Schik⸗ ſals, deſſen Opfer, oder Lieblinge ihr werdet, unterrichtet, und euch warnd.— Sechstes Kapitel. Der Fremde. Wenn ein ſchoͤner Wuchs, verbunden mit einer geiſtreichen Phiſiognomie, ausgebreitete wiſſen⸗ ſchaftliche Kenntniſſe, die ſeltne Gabe, ſeine Ge⸗ danken anmuthig vorzutragen, und ihnen einen gewiſſen philoſophiſchen Anſtrich, oder eine epi⸗ grammatiſche Wendung zu geben, wenn Reich⸗ thum und vornehme Geburt das Verdienſt eines Mannes ausmachen, ſo gebuͤhrte zuverlaͤſig dem Fremden, welchen wir in dem Gaſthof antrafen, die Achtung der ganzen Welt. Er bat ſo artig und ſo dringend, uns bei der Nachttafel Geſell⸗ ſchaft leiſten zu därfen, daß wir es ihm, ohne die gröſte unbeſcheidenheit, unmoglich abſchlagen konnten. In der Zwiſchenzeit ſaß jeder von uns in einer beſondern Eke des Zimmers, und der Fremde, der uns zu beobachten ſchien, bemerk⸗ te ohne groſſe Anſtrengung, daß wir beide ganz und gar nicht heiter geſtimmt ſeien. Der junge Sinval und ich traͤumten von Sophien, nur mit dem unterſchiede, daß ich, ohne Sinn fuͤr die Zartheit ſeiner Empfindungen, bei mir ſelbſt B ————————— 103 dachte, ich wuͤrde mich in ſeiner Lage ganz an⸗ ders benommen haben. Wenn ich zum Beiſpiel von Sophiens Liebe uͤberzeugt geweſen waͤre, ſo hätt'“ ich ohne weiteres die Wachſamkeit des Va⸗ ters zu taͤuſchen geſucht, um das Ziel meiner Wünſche auch wider ſeinen Willen zu erreichen⸗ Uebrigens ließ ich meinem Freunde innerlich die Gerechtigkeit wiederfahren, daß er mehr werth ſei, als ich, aber ich fuͤhlte weder Muth noch gu⸗ ten Willen, ſein Beiſpiel unter aͤhnlichen Um⸗ ſtänden jemals nachzuahmen. Haͤtte der Fremde in meinem Herzen leſen koͤnnen, er wuͤrde ſich ſogleich an mich gewendet haben, denn ich ver⸗ diente damals ſein Zoͤgling zu werden. Er un⸗ terbrach zuerſt das Stillſchweigen, und unterhielt ſich mit meinem Reiſegefaͤhrten, der ihm ſehr hoflich, aber nur einſilbig antwortete. Einige ſeltſame Ausdruͤke und gewagte Behauptungen verriethen den Fremden als einen Pyrrhoniker und verwegenen Atheiſten. Ich verſtand nur wenig davon, deſto mißtrauiſcher wurde aber Sinval gegen ihn, der ſich ſtillſchweigend an's Fenſter ſtellte, und, ohne ſich weiter um unſere Unterhaltung zu bekümmern, die Voruͤbergehen⸗ den zu muſtern ſchien. Der Fremde warf einen veraͤchtlichen Seitenblik nach meinem Freunde, und war begierig, meine nähere Bekanntſchaft zu machen. Er wußte ſeine Fragen ſo geſchikt und ſo mannigfaltig einzurichten, daß er, noch — —. ehe man uns zur Tafel abrief, alles aus mir herausgelokt hatte, und mich wahrſcheinlich beſ⸗ ſer kannte, als ich mich ſelbſt. Waͤhrend dem Eſſen beluſtigte er mich ſehr, denn er wußte eine Menge Anekdoten, die er mit vielem Wize vor⸗ trug; aber alle hatten nur den Zwek, den Tu⸗ gendhaften ungluͤklich, und das Laſter ſiegend darzuſtellen. Nie tadelte er den Ruchloſen, deſ⸗ ſen Verbrechen ein gluͤklicher Erfolg kroͤnte; de⸗ ſto mehr ſuchte er dagegen die wenigen beſſern Menſchen laͤcherlich zu machen, die, ſeinem Aus⸗ druke nach, gewoͤhnlich als Schlachtopfer ihrer kindiſchen Vorurtheile zu Grunde gehen. Sie zum Beiſpiel, fuhr er fort, indem er ſich gegen mich wandte, waren das Spielwerk zweier aͤuſſerſt ruchloſen Perſonen, die man aber billig ihrer Klugheit wegen hochſchaͤzen muß. Ange⸗ nommen, daß eine Vorſehung epiſtirte, muͤßten nicht ihre Stiefmutter und der Kapuziner, als Beute eines boͤſen Gewiſſens, ihre Tage im Elend und in der Verzweiflung beſchlieſſen? und doch wollt' ich mit Zuverſicht behaupten, daß je⸗ ne, im Beſiz eines groſſen Reichthums, die gluͤklichſten Tage verleben werden, indeſſen man ſie, den ſchuldloſen Ungluͤklichen, ihrer Armuth wegen uͤberall vermeidet, oder ſie zu ihrer Be⸗ ſchämung unfreundlich zuruͤkweißt.—— Er mußte mir's anmerken, wie tief mich dieſe trau⸗ rige Weiſſagung kraͤnkte, deßwegen ſezte er auf — —„„„ u— v v—„ 18 ——— — 1035 der Stelle hinzu: freilich iſt es jezt noch Zeit⸗ ihrem Schikſal eine andere Wendung zu geben, und das ſoll meine erſte Sorge ſeyn⸗ Nunmehr deklamirte er viel gegen die Unge⸗ rechtigkeiten des Schikſals, wie es nehmlich der Poͤbel, welcher jedes Ding aus einem falſchen Geſichtspunkt betrachte, und daher auch falſche Namen dafuͤr erfinde, gewoͤhnlich zu nenne pfle⸗ ge. Bei der ſchlauen Art, eine Sache darzuſtel⸗ len, hätte man ihn auf den erſten Anblik leicht fuͤr einen humoriſtiſchen Philoſophen halten koͤnnen, der ſich uͤber die ſchlimmen Sitten eines verdor⸗ benen Jahrhunderts luſtig macht, aber in der Folge fand man, daß dieſer elende, ſchlangenar⸗ tige Gruͤbler nichts, als ein ſchamloſer Verthei⸗ diger der niedrigſten und ſchäͤndlichſten Leiden⸗ ſchaften ſei. Sophiens Liebhaber wurde durch dieſe Reden um ſo mehr empoͤrt, je großere Kunſt der Fremde auf ſeinen Vortrag verwandte, und mehrmals widerlegte Sinval mit der groͤßten Gruͤndlichkeit ſeine gefaͤhrliche Paradoren; aber damit war dem Fremden nicht gedient, er brauch⸗ te Theilnehmer ſeines verdorbenen Geſchmakes, Herzen, die willig ſeine heilloſe Moral anneh⸗ men ſollten, und keine aufgeklärte Gegner, mit tugendhaften, vernuͤnftigen Prinzipien⸗ Statt alſo zu philoſophiren, erzaͤhlte er ohne alle wei⸗ tere Anmerkungen mehrere Geſchichten, und er⸗ reichte um ſo ſicherer ſeinen Zwek; denn es iſt 105 ein Erfahrungsſaz, daß ſich Juͤnglinge durch Bei⸗ ſpiele weit leichter, als durch Vernunftſchluͤße uͤberzeugen laſſen. Ich hoͤrte ihm mit Vergnuͤ⸗ gen zu, und bemitleidete von Herzen die ungluͤk⸗ lich en tugendhaften Menſchen. Er war eben im Begriff, uns eine Stadtneuigkeit von Orleans, wo er ſich erſt kuͤrzlich aufgehalten hatte, zu er⸗ zaͤhlen, und erwaͤhnte den Namen Sophie von Bellecour. „Ich hoffe, fiel ihm raſch der junge Sinval, der bisher zerſtreut da geſeſſen war, mit ſtarker Stimme, und einen durchbohrenden Blik, in die Rede, ich hoffe, mein Herr, daß Sie den guten Namen dieſes Maͤdchens ſchonen werden.“ — Intereſſiren Sie ſich etwa fur dies Frauen⸗ zimmer?— „Ja, mein Herr, wie ſich jeder Biedermann fur einen guten Menſchen intereſſiren muß.“ — Auf Ehre, ich ſchaͤze das Mädchen un⸗ gemein.— „Aber wie es ſcheint, haben Sie gleichfalls Luſt, ſie als einen Beweis fur ihre ſaubere Mo⸗ ral, daß das Ungluͤk dem Tugendhaften auf der Ferſe folge, und der Himmel ſeine Blize nur auf die Beſſergeſinnten herabſchleudere, anzufuͤhren, gerade als ob unſer Herrgott ſich zum Beſchuͤzer der Schurken und Boͤſewichter aufgeworfen haͤtte.“ bli bel —* 107 — Bin ich denn Schuld daran, wenn der blinde Zufall, welcher nun einmal das Univerſum veherrſcht, der Tugend, die ich ſo innig verehre, wie Sie, Thraͤnen entlokt, und ſie in den Staub tritt? Ludwig der Elfte ſtirbt unangetaſtet auf ſeinem Lager, Heinrich der Vierte hingegen wird ermordet; können Sie mich Lugen ſtrafen, und hab' ich dieſe Thatſachen etwa erfunden? Lieber, junger Freund, verbrennen Sie alle Ihre Vuͤ⸗ cher, und ſezen Sie an ihre Stelle den großen Weltromanen. Ich ſeufze uber die Wirkungen, und ſuche die Urſachen auszuforſchen; ich beob⸗ achte genau alle Gegenſtaͤnde um mich; ich will. das Räthſel vom menſchlichen Herzen errathen die Aufloſung heißt: Egoismus⸗ Jeder nimmt nur auf ſich ſelber Rukſicht, daher muß auch nothwendig das, was dem Einen Nuzen bringt, „dem andern Schaden verurſachen. Selten haßt man ſeinen Nebenmenſchen, aber er verzoͤgert unſern Lauf, daher ſchafft man ihn aus dem Wege. Der Egoismus iſt die verzehrendſte un⸗ ter allen Leidenſchaften. Ewig wirkend, ſchaf⸗ fend, oder zerſtoͤrend, entwikelt er ſich der in⸗ nern oder der äuſſern Kraft jedes Individuums gemaͤß. Jener Menſch wird ein Eroberer, dieſer lauert hinter Gebuͤſchen, und mordet mich im Walde; beide folgen einem Naturtriebe, dem Blutdurſt und der Habſucht⸗ Laßen wir ſie ihre Pläze mit einander vertauſchen, ſo bleibt uns immer noch der Held und der Raͤuber, denn beide ſind aus einer Form gegoſſen.— „Der Drang, ihren Einwurf zu beantwor⸗ ten, unterdräkt jede Regung von Neugierde, welche im gegenwaͤrtigen Falle ſehr uͤbel ange⸗ bracht waͤre. Ich geb' es zu, mein Herr, der Egoismus iſt die thaͤtigſte aller menſchlichen Lei⸗ denſchaften, aber in einer ſchoͤnen Seele bewirkt er auch Wunder. Er iſt der maͤchtige Hebel, welcher alles in Bewegung ſezt. Nur darum iſt man tugendhaft, weil Tugend uns gluͤklich macht, und da es keine großere Marter giebt, als Ge⸗ wiſſensbiſſe, ſo ſcheut man das Laſter. Das Ge⸗ wiſſen, dieſer innere Richter, iſt der unerbitt⸗ lichſte Peiniger fuͤr einen Boſewicht, ſo wie auch er uns nach einer guten That am herrlichſten be⸗ lohnt. Man legt ſich oft in keiner andern Abſicht die ſchmerzhafteſte Verlaͤugnung auf, als nur um ſich die Achtung ſeiner Zeitgenoſſen und der Nachwelt zu erwerben. Regulus kehrt zu einem gewißen Tod nach Karthago zuruk, und zuver⸗ läßig war er ſtolzer und zufriedener mit ſich ſelbſt, als wenn er durch ein längeres Leben ſich in ſei⸗ nen eigenen Augen herabgewuͤrdigt haͤtte, und von ſeinen Mitbuͤrgern verachtet worden waͤre. Verfuͤhrt durch das Hirngeſpinſt Nachruhm, wenn ſie es ſo nennen wollen, entſteht in der Seele eines großen Mannes ein kuͤhner Gedan⸗ ke; er glaubt, die Ausfuͤhrug deſtelben könne ——— eir T nn or⸗ e, e er eis rkt t, ze⸗ tt⸗ e⸗ e ———— 109 einem Volke, an deſſen Spize er ſteht, nuͤzlich ſeyn; tauſend glorreiche Beiſpiele befeuern ihn noch mehr; ſein Vorhaben gelingt, und der Ruhm entbindet ihn von allem uͤbrigen. Der Raͤuber hingegen, mit welchem ſie ihn verglei⸗ chen, hat nur den Inſtinkt eines reiſſenden Thie⸗ res; kein großer Gedanke reift in ſeiner Seele⸗ Sezen ſie ihn auf einen Thron, er wird ein Tiber, ein Nero, ein Kalligula ſeyn, haͤtt' aber auch das Schikſal einen Kamill, einen Scipio, einen Turenne, in die unterſte Klaſſe geworfen, ſo waͤren ihre Namen vielleicht unbekannt ge⸗ blieben, aber zuverlaͤßig verdienten ſie als Wohl⸗ thaͤter der Menſchheit, und als Muſter fuͤr an⸗ dere, bekannt zu ſeyn. Eine ausſchweifende ſchwelgende Einbildungskraft kann ungeheure Syſteme erfinden, aber wehe dem ſchwachen Sterblichen, der ſich davon blenden laͤßt, und tauſendmal wehe dem kraft⸗ und geiſtloſen Ge⸗ ſchoͤpfe, welches ein Syſtem dieſer Art anzuneh⸗ men faͤhig iſt. Einige Beiſpiele von ungluk, die man mit ſtrafbarer Sorgfalt ſammelt, ge⸗ ben noch lange keine allgemeine Regel. Das ro⸗ heſte Volk wuͤrde mit Abſcheu ein Geſezbuch ver⸗ werfen, welches auf dieſe ſchrekliche Saͤze gegruͤn⸗ det waͤre, und wenn man daſſelbe befolgen woll⸗ te, ſo wuͤrden ſich alle geſellſchaftlichen Bande aufloͤſen, Ordnung und Friede muͤßten verſchwin⸗ den, alles wuͤrde uͤber den Haufen geworfen und vernichtet werden, und der lezte Bewohner die⸗ ſer elenden Welt wuͤrde in kurzem auf dem blu⸗ tenden Leichnam ſeines eben ſo entarteten, nur minder ſtarken Bruders, einſam da ſizen.“ Der Leſer wird ſich freilich wundern, daß mein junger Reiſegefaͤhrte, ſtatt bei dem Fremden Er⸗ kundigungen von ſeiner Geliebten einzuziehen, ſich auf die Widerlegung ſeiner elenden Sophis⸗ men einließ. Auch ich war im Ernſt unwillig uͤber Sinval, aber, als wir uns allein befänden, ſagte er mir: er habe abſichtlich das Geſpraͤch auf einen andern Gegenſtand geleitet, weil ihm bange geweſen ſei, der unbeſcheidene Erzaͤhler moͤchte ſeine Verwirrung bemerkt haben; zugleich befuͤrchtete er, der Fremde moͤchte durch ſeine teufliſche Schmaͤhungen den guten Ruf dieſes tu⸗ gendhaften, gefuͤhlvollen Mädchens befleken, und in dieſem Falle waͤre er ſchwerlich Meiſter ſeines Zornes geblieben. Da endlich dieſer verworfene Menſch mit ſchadenfroher Seele die Tugend ewig nur mit dem Ungluͤk im Kampfe zu ſchildern ge⸗ wohnt ſei, ſo habe er es ſorgfaͤltig zu vermeiden geſucht, nicht von ihm, ſondern aus dem Munde eines edlen und mitfuͤhlenden Freundes die Lei⸗ den der Geliebten zu erfahren, welcher ſie wahr⸗ ſcheinlich in einem ganz andern Lichte dargeſtellt haͤtte. Von allem dem hatt' ich keine Ahnung; Sophiens Schikſal intereſſirte mich, ich brannte vor Ungeduld, das Ende ihrer Geſchichte zu wiſ⸗ ——— ——„ ie⸗ nur ein Er⸗ en, his⸗ illig en, aͤch hm hler eich eine tu⸗ und nes fene wig ge⸗ den inde Lei⸗ ahr⸗ tellt ingz nnte wiſ⸗ ſen, und durch eine uͤbereilte Frage macht' ich ploͤzlich einem Geſpraͤch ein Ende, das mir ſeit⸗ her viele Langeweile verurſacht hatte. „Apropos, wie gieng es denn Sophien, von der Sie vorhin geſprochen haben?“ — Sie iſt verruͤkt.— „Verrukt! rief Sinval mit zermalmtem Her⸗ zen.“ — Nun ja doch, verroͤkt, erwiederte der Fremde iu einem eiskalten Tone. In ein Non⸗ nenkloſter hat ſie ſich vergraben, um dort den Schleier anzunehmen.— Das dunkle Auge meines Freundes erheiterte ſich ein wenig. Der Fremde fuhr fort: „Das Maͤdchen verliebte ſich zum raſend werden, Gott weiß in welchen Abentheurer.“ Ich war im Begriff, ihm hie rauf zu antwor⸗ ten, und mich zum Lobredner von Sophiens Geliebten aufzuwerfen, aber Sinval, der meine Abſicht errathen mochte, brachte mich durch ei⸗ nen einzigen Blik zum Schweigen⸗ „Wie ich ihnen ſage, wiederholte der Unbe⸗ kante, ein bloßer Gluksritter, ein unbedeuten⸗ der Menſch, ein elender Ladenhuͤter war der Auserwählte dieſer Dame; ein Kerl, der auf der Gotteswelt kein anderes Verdienſt hatte, als 112—— daß er ein bischen ſchwimmen konnte, und ein Maͤdchen, das eben zu ertrinken im Begriff war, aus dem Waſſer zog; dafuͤr glaubt ſie ihm nun große Verbindlichkeit ſchuldig zu ſeyn. Das choͤrigte Geſchoͤpf weiß nicht, daß es weit beſſer iſt, in das alte Nichts wieder zuruͤk zu ſinken, wenn man die fluchtige Gegenwart des Lebens nicht zu benuzen verſteht, als ſich mit einem langweiligen Daſeyn herum zu ſchleppen, wel⸗ ches man ſich einzig und allein durch den Genuß des Vergnuͤgens verſuͤſſen kann. Sophie und ihr Geliebter ſind zwei wuͤrdige Kandidaten des Toll⸗ hauſes. Stellen Sie ſich ums Himmels willen vor, man erlaubte ihnen, ſich unter vier Augen zu ſprechen; aber mit was vertrieben ſie ſich die Zeit? ſie ſaßen einander ſchmachtend gegenuͤber, ſeufzten mitunter, und waren auf Ehre aus lqu⸗ ter Bloͤdigkeit nicht einmal ſo kek, einander ihre Liebe zu geſtehen. Nein, nein, da lob' ich mir jene kleine Spanierin. Als ſie einen unſrer ſentimentalen Romanen durchlas, wo man, ſtatt zu handeln, immer nur in den Tag hinein ſchwazt, rief ſie mit der reizendſten Naivitat aus:„mein Gott, die jungen Leutchen ſind al⸗ lein, und verderben die Zeit mit unnuͤzem Ge⸗ plauder!“ ich wette, was ſie wollen, meiner Spanierin waͤr es nie eingefallen, in ein Kloſter zu gehen, und als eine neue Heloiſe eines frei⸗ willigen Abeilards ihre jungen Tage Gott zum Opfer zu bringen. Ohne durch ihn das Glůk der Liebe zu kennen, opfert ſich die gutmothige Sophie einem Narren auf, der die halbe Welt durchſtreicht, und weder Kopf noch Muth genug hat, ſie einem Kloſter, das ſie im Grund ihres Herzens verabſcheut, wieder zu entreißen⸗ Wahrſcheinlich wird er ſie ruhig ein Geluͤbd ab⸗ legen laſſen, welches der Fanatismus unaufloͤß⸗ lich gemacht hat, aber denken Sie an mich, am Ende bereuet ſie noch mit Thraͤnen dieſen dum⸗ men Streich. Ich hab' ihr als ehrlicher Mann abgerathen, was half's?— Sie hat den Kopf verlohren, ſie iſt, wie geſagt, verruͤkt, und beſchaͤftigt ſich ausſchließend mit dem Gegen⸗ ſtand ihrer Liebe.“ — Alſo kennen Sie Sophien?— „Allerdings! die Superiorin des Kloſters, in welchem die zaͤrtliche Seele ſchmachtet, eine nahe Verwandtin von mir, erzaͤhlte mir umſtaͤndlich ihre ganze Geſchichte, und verſchaffte mir freien Zutritt. In meinem Leben ſah ich kein reizende⸗ res Geſchopf, und ich mußte aller meiner Philo⸗ ſophie aufbieten, um nicht von Mitleiden hinge⸗ rißen zu werden. Doch bald war dieſe ſeltſame Rührung voruͤber, und ich erblikte nichts weiter, als das hubſche Madchen in ihr. Was fuͤr ein uͤppiger, wolläſtiger Umriß der Formen, den ſo⸗ gar das wollene Gewand dem luſternen Auge Das Kind, 1. ₰H 114 nicht entzlehen kann. Eine blendend weiße Hand, wuͤrdig von einem David gemalt zu werden, macht, daß man den langen Aermel verwuͤnſcht, welcher einem den Anblik des runden Armes ent⸗ zieht. Ihr voller Buſen wird, troz dem drei⸗ fachen Halstuche, welches ihn gefangen haͤlt, durch ſchmerzhafte Seufzer von Zeit zu Zeit auf⸗ geſchwellt. Die ſchwarzen, zu Boden gehefteten Augen erhebt ſie manchmal langſam gen Himmel, und fleht ihn vergebens um Rettung an. Wel⸗ che Beredſamkeit, welch ein Feuer, wie viel Zartheit herrſcht in ihrer Sprache! Im erſten Augenblik des Entzukens haͤtt' ich mein halbes Vermoͤgen darum gegeben, wenn ich nur eine Viertelſtunde in ihren Armen haͤtte ſchwelgen koͤn⸗ nen, aber ihre mir verhaßte Empfindſamfeit loßte auf einmal den ganzen Zauber. Ein Weib, das ſchoͤn und treu iſt, kann einen Dummkopf gläklich machen, und zwanzig ehrliche Kerls zur Verzweiflung treiben. Die Schoͤnheit gleicht einer Roſez wer ſie pfluͤkt, laͤuft Gefahr ſich zu ſtechen, iſt aber die Blume durch mehrere Haͤnde gegangen, ſo haben ſich die Dornen abgeſchliffen, aber der Glanz und der entzuͤkende Wohlgeruch bleiben nach, wie vor.«“ Auf Sinval und mich machte dies Geſpräch einen ganz verſchiedenen Eindruk. Die Schil⸗ derung von Sophiens Reizen entflammte meine Imagination, jenem aber floßen Thraͤnen uber RMu 115 die Wangen, indem er ſein Geſicht mit beiden Haͤnden bedekte. Die Gegenwart des Fremden war ihm laͤſtig, und da er nicht laͤnger die Re⸗ gung ſeines Herzens verbergen konnte, nahm er ein Licht, hielt ein Tuch vor ſeine Augen, und verließ uns⸗ „Das iſt ein ſeltſamer junger Mann, ſagte der Fremde nach einer Pauſe, als wir allein waren.“ — Sie haben durch die Erzählung der ſchò⸗ nen und ungluklichen Sophie ſein Herz todtlich verwundet.— „Wie, iſt dies etwa gar——“ — Ihr Geliebter.— „Am Ende wär' ihm die Nachricht, ſie ſei mit einem andern vermaͤhlt, willkommener ge⸗ weſen?“ — Wenn Sie ihm die Verſicherung ertheilt haͤtten, daß ſie in den Armen dieſes Andern gluklich ſei, warum nicht?— „Das iſt wirklich vriginell, und der Menſch verdiente, daß man ihm dieſe Beruhigung ge⸗ währte. Ja, wenn ich ihre Jugend, und ihre reizende Geſtalt beſäße——! Halt! da faͤhrt mir ein naͤrriſcher Gedanke durch den Kopf!“ — Laſſen Sie doch hören.— H 2 116—— „Aber ich muß Zeit haben, dies Chaos von Ideen vorher zu entwikeln, es gehoͤrig zu ord⸗ nen, um mein Projekt zur Reife zu bringen.“ — Ich verſtehe Sie nicht.— „Das glaub' ich Ihnen, mein Schaz! Solche erhabene Gedanken koͤnnen Sie noch nicht faſſen, allein Sie intereſſiren mich, und willig werd' ich das meinige zur Bildung ihres Herzens bei⸗ tragen, welches noch fuͤr jeden Eindruk empfäng⸗ lich iſt. Die egyptiſchen Prieſter, die Bewahrer aller menſchlichen Weisheit, weihten nur den⸗ Würdigen in ihre Geheimniße ein. Um ihn zu dem wahren und einzigen Ziel des Gluͤkkes zu leiten, zeigten ſie ihm die, dem gemeinen Pobel verborgenen Wege. So will auch ich Sie leh⸗ ren, wie Sie gluklich werden muͤßen, indem ich ſie von der gemeinen Heerſtraße ableite. Ich will Sie uͤber jene tolle Vorurtheile wegheben, die nicht mit der Stimme der Natur, und den maͤch⸗ tigen Leidenſchaften in unſrem gluͤhenden Buſen harmoniren. Eine falſche Philoſophie lehrt uns, dieſelbige bekaͤmpfen, die meinige zeigt dage⸗ gen die beſte Art, ſie zu befriedigen. Ich werde ſie auf den urſprung der Dinge zuräk⸗ fuͤhren, und ihnen die Moral und die falſchen Schluͤße, welche man daraus zieht, zergliedern⸗ Dann ſollen Sie zu Ihrem Erſtaunen gerade das bewundern, was der gemeine Haufen ver⸗ ——— 8—* W——„ * wirft, und auf alle jene laͤcherliche Gegenſtaͤn⸗ de, welche dieſem ſchaͤzbar und ehrwuͤrdig ſind, mit Verachtung herabſehen.“ Ich ſcheue mich, die ehrloſen Grundſaͤze, welche er vor mir auskramte, niederzuſchreiben, im Gegentheil hab' ich mich bemuͤht, den Aus⸗ druk zu ſchwaͤchen, und die verhaßten Sophis⸗ men nicht mit den blendenden Farben, womit er mich zu taͤuſchen wußte, auszuſchmuͤken. Da⸗ mals war ich noch zu jung, um die Gefahr zu ahnen, deren ich durch eine genauere Bekannt⸗ ſchaft mit dem Fremden,— denn nie werd' ich ihn anders nennen; dieſer Mann ward der menſchlichen Natur entfremdet, ach! warum⸗ iſt er nicht auch mir immer fremd geblieben!— mich ausſezte. Das ungluͤk, welches uͤber mir waltete, hatte es nun einmal beſchloſſen, daß ich ihn intereſſi⸗ ren mußte; nicht als ob er ſich aus Menſchlich⸗ keit, oder aus einem zarten Gefuͤhl von Mitlei⸗ den meiner angenommen haͤtte, nein, er wollte mich nur zum Mitſchuldigen, und zum Sachwal⸗ ter ſeiner verdorbenen Sitten erziehen. Es be⸗ durfte nur einer einzigen Stunde, in welcher er mich genau beobachten konnte, um die Ueber⸗ zeugung zu erhalten, daß er in mir einen gelehri⸗ gen Zoͤgling finden, und mich leicht mit ſich in mit Blumen uͤberdekten Abgrund hinab ziehen wuͤrde. Er bot mir Unabhaͤngigkeit an, die ich über alles liebte, und zum ſinnlichen Vergnuͤgen, welches fur mich einen unwiderſtehlichen Reiz hat⸗ te, bahnte er mir den Weg.— Der Vorſchlag, welchen ihnen jener Juͤngling gemacht hat, ſagte er zu mir, macht ſeinem Herzen mehr Ehre, als ſeinem Verſtande⸗ Die Natur beſtimmte ſie, in der Welt zu glänzen, nicht aber in einem finſtern Komtoir ein elendes Pflanzenleben zu fuhren. Sorgen Sie doch ja nicht, daß es ihnen an Vergnuͤgen mangeln werde; die vornehm⸗ ſten Damen machen ſich zuverlaͤſig eine Pflicht daraus, die ungerechtigkeit des Schikſals bei einem jungen, huͤbſchen Manne, wie ſie ſind, wieder einigermaſſen auszugleichen. Ihr Name, ſo wie ihre Geſtalt dienen ihnen zu einem Em⸗ pfehlungsbrief, welcher ihnen überall die beſte Aufnahme verſchaft. Ich erbiete mich ſogar, ihnen beim Militair eine Stelle auszuwirken, und bald wird der Marquis Tranchant mit ge⸗ buͤhrendem Glanz am Hof erſcheinen⸗ Zuvor aber mäſſen Sie einige Zeit bei mir bleiben, damit ich ihren Geiſt, der ſich noch nicht genug entwikelt hat, vollends bilden kann⸗ Ich kehre wieder mit ihnen nach Orleans zuruͤk, und ſie ſuchen ſich den jungen Menſchen, fuͤr den ich ein naturliches Wohlwollen in meinem Herzen em⸗ pfinde, als Freund beizubehalten⸗ Bemuͤhen Sie ſich, mich wieder mit ihm auszuſoͤhnen; vW — * 88 119 ſagen Sie ihm, er mochte meine Worte, welche ſeine unverdorbene Seele zu emporen ſchienen, nicht ſo ganz buchſtaͤblich auslegen, und wenn er ſie aufrichtig liebt, ſo muß er auch das, was ich fr ſie zu thun gedenke, nothwendig billigen. Noch einmal, der Menſch intereſſirt mich, aber er hat uͤberſpannte Ideen, ſeine Lage fordert eine ſchonende Behandlung, deßwegen kann ich auch nie ſo aufrichtig mit ihm ſprechen, wie ich zum Beiſpiel mit Ihnen rede. Aber Gott be⸗ wahre mich, daß ich ihn mit einer Silbe belei⸗ digen ſollte, ich beklage ihn vielmehr, und ver⸗ zweifle nicht an ſeiner Geneſung. Und nun leben Sie wohl, lieber Freund, morgen ſehen wir uns wieder. Entzukt über ſeine Verſprechungen, und über das glaͤnzende Gluͤk, welches er mir prophezeite, ſchied ich von ihm. Gaͤnzlich brachte er mich wieder auf die erſten Ideen zuruͤk, welche ſich meiner beim Austritt aus dem Kollegiv La Fleche bemaͤchtigt hatten, und ſeine Grundſaͤze gefielen mir unausſprechlich. Aufs neue eroffneten ſich vor mir die Schranken des Gluͤks und des Ver⸗ gnuͤgens. Jezt waren es nicht mehr eitle Traͤu⸗ me, ein maͤchtiger Freund hatte ſich mir zum Beſchäzer angeboten, und mein Entzäken war ohne Grenzen. Aber Sinval ſchien bei weitem nicht ſo zu Gunſten des Fremden eingenommen 120 xhe⸗ zu ſeyn, wie ich.— Weh ihnen, ſagte er zu mir, wenn Sie dieſe ungluͤkliche Bekanntſchaft weiter fortſezen. Das Herz dieſes Menſchen iſt verpeſtet, jeder gute Saamen erſtikt darin, und die Blume der Großmuth kann nicht in dieſem ſchlammigten Boden gedeihen.— Mich ſchmerz⸗ te es, daß man ſo uͤber meine Beſchuͤzer loszog, deßwegen bemuͤht' ich mich aͤngſtlich, ihn zu ver⸗ theidigen, aber alle meine Beredſamkeit half nichts. Endlich ſchlief ich ein, aufgebracht äber den Starrſinn des jungen Menſchen. Ich wußte ihm ſchlechten Dank fuͤr die ſtrengen Grundſäze, die er vor mir ausgekramt hatte, denn ſeine Sittenlehre hatte weniger Reiz fuͤr mich, als die bequemere und ſinnlichere Moral meines neuen Freundes. Als man uns den folgenden Morgen benach⸗ richtigte, daß alles zu unſerer Abreiſe bereit ſei, verwunderten wir uns beide, den Fremden am Kutſchenſchlage zu erbliken. Schon war ich be⸗ ſorgt, er moͤchte ſein gegebenes Verſprechen vergeſſen haben, deſto ungeheuchelter war meine Freude; dagegen verrieth jeder Geſichtszug bei Sinval, daß er dieſelbe nicht mit mir theile. Er war uͤbellaunigt, geſpannt, und ein peinli⸗ ches Gefuͤhl hatte ſich ſeiner bemaͤchtigt. An⸗ fangs ſprach man von ganz gleichguͤltigen Dingen, nach und nach aber leitete es der Fremde dahin, i⸗ n⸗ , n, wo er es eigentlich haben wollte, denn er wuͤnſch⸗ te meinen jungen Freund zu taͤuſchen, weil er fuͤrchtete, jener mochte ſchon ein zu groſſes Ueber⸗ gewicht uͤber mich erlangt haben. Den Abend zuvor hatte er ihn durch ſeine gewagte Behaup⸗ rungen emport, jezt bot er allem auf, ihm all⸗ maͤhlig eine guͤnſtigere Meinung von ſich beizu⸗ bringen. Mit heimlichem Vergnügen las ich in Sinvals Bliken, daß ihm der Fremde nicht mehr ſo zuwider ſei. Er erſtaunte ſogar uͤber den Reichthum ſeiner Kenntniſſe, und mußte unwill⸗ kuͤhrlich der hinreiſſenden und feurigen Bered⸗ ſamkeit ſeine Bewunderung zollen, mit welcher dieſer Mann jeden Gegenſtand zu behandeln wuß⸗ te. Mit der taͤuſchendſten Gutmuͤthigkeit geſtand der Fremde, daß ſich ſein Geiſt zuweilen auf Ab⸗ wege verirre, daß ihn gewoͤhnlich die Sucht, einen leicht hingeworfenen Saz zu behaupten, weiter fuͤhre, als er Anfangs geſonnen geweſen ſei, bei käͤlterem Blute ſei er aber auch der Er⸗ ſte, welcher ſeine Irrthuͤmer eingeſtehe und wie⸗ derrufe. Von der Liebe ſprach er als ein Mann, welcher die Freuden und Quaalen dieſer Leiden⸗ ſchaft kennt, und daher einem dritten ſein inni⸗ ges Mitleiden nicht verſagen kann. Er unterhielt ſich mit Sinval von der reizenden Sophie, er ſuchte ihn zu troͤſten, und erwärmte ſein Herz mit neuen Hoffnungen.— Den Marquis von Bellecour, fuhr er fort, kenn' ich ſehr genau. Es 123————— iſt laͤcherlich, es iſt grauſam, und ein Schand⸗ flek, welchen er der Natur und der Liebe an⸗ haͤngt, daß er ſich dem Gluͤke ſeiner Tochter ſo hartnaͤkig widerſezt. Ihre Tugenden mein Freund, erheben Sie zu ihm; Ihnen hat er alles, Sie ha⸗ ben ihm nichts zu verdanken. Ohne Sie, wo wäre ſeine Tochter? und dennoch will der barbariſche Vater ſene lieber in einem Kloſter langſam dahin⸗ ſchmachten laſſen, als daß er ſie an der Seite ei⸗ nes tugendhaften, gefüͤhlvollen Juͤnglings ſieht, der dies liebenswuͤrdige Opfer des Hochmuths und des Vorurtheils allein dem Tode entreiſſen kann. Nicht umſonſt, lieber, junger Mann, ſollen Sie mich kennen gelernt haben, ich will mich bemu⸗ hen, etwas zu ihrem Gluͤke beizutragen. Mag ſich der Marquis immer hinter die falſchen Grund⸗ faͤze von Konvenienz verſchanzen, ich will ihn lehren, daß das Gluͤk der Kinder die heiligſte flicht eines Vaters ſei, daß man ihren nicht darum das Leben gegeben habe, um als Tirann uber ſie zu herrſchen, daß in dem Auge Gottes ein Foͤrſt und ein armes Hirtenmaͤdchen gleich viel gelten, und da es die Abſicht des Schoͤpfers iſt, uns alle zu begluken, ſo muͤſſe man denjeni⸗ gen, welcher dieſem edlen Plane entgegen han⸗ delt, als Stoͤrer der ſchoͤnen Ordnung, und als einen Veraͤchter ſeiner Macht und Guͤte betrach⸗ ten, der mit Recht die ſtrengſte Ahndung des hochſten Richters verdiene. Wie ſchwach ſind doch die Menſchen, wenn man ihren Leidenſchaften ſchmeichelt, und ihnen von ferne die Mittel zeigt, dieſe zu befriedigen! Sinval heftete ſein ſtarres Aug auf den Fremden⸗ — Ach! ſeufzte er, und eine Thräne flos uber ſeine Wangen, Sie waͤren der groͤßte Unmenſch, wenn Sie muthwillig einen armen ungluͤklichen mißbrauchen koͤnnten, welcher ihnen nie in ſei⸗ nem Leben etwas zu Leide gethan hat. Durch die Abweſenheit von einem vollen Jahre wurd' ich endlich wieder Meiſter meiner Vernunft, aber Sophien hab' ich nie vergeſſen, unerachtet ich mit einer gewiſſen Ruhe an dies liebe Mäd⸗ chen denken konnte, und nun werfen Sie einen neuen Funken in dies erſtorbene Herz.— „Geſtern Abend mißkannten Sie mich, aber ich will mir dadurch Ihr Zutrauen wieder zu er⸗ werben ſuchen, daß ich allem aufbiete, Ihnen die Erfuͤllung Ihrer Wuͤnſche zu erleichtern.“ Man unterhielt ſich bis nach Orleans, wo wir den folgenden Nachmittag ankamen, immer auf aͤhnliche Weiſe. Ich war von Herzen nei⸗ diſch uͤber den Vorzug, mit welchem der Fremde meinen jungen Freund beehrte. Aller vorigen Verſprechungen erwaͤhnte er gegen mich mit kei⸗ ner Silbe, und heimlich graͤmt' ich mich daruͤber, ohne daß ich es wagte, meine Empfindlichkeit laut werden zu laſſen. Mit Vergnuͤgen ſah ich 124 dem Augenblik entgegen, wo mein aͤlterer Rei⸗ ſegefaͤhrte ſich von uns trennen mußte, um ſich zu Herrn Duͤplant zu verfuͤgen, bei dem er als erſter Buchhalter angeſtellt war; er nahm mit dem Verſprechen Abſchied, uns recht bald wieder in unſerm Gaſthofe zu beſuchen. „Meinen Sie wohl, ſagte der Fremde, als wir uns allein auf ſeinem Zimmer befanden, es ſeien noch einige Ueberreſte von den erſten Ein⸗ druͤken zuruͤkgeblieben, welche anfaͤnglich die Seele dieſes jungen Dummkopfs empoͤrten 24 Soviel mir's ſchien, war er von Dankbar⸗ barkeit durchdrungen, ſobald ſie ihm ihren Bei⸗ ſtand verſprachen.— „Ich wollte nur verſuchen, was ich uͤber ei⸗ nen ſogenanten Philoſophen vermoͤchte, der ſich üͤber jede Verfuͤhrung erhaben duͤnkt, und Sie haben ſelbſt geſehen, daß er mir den Sieg eben nicht ſehr erſchwert hat.“ — Es iſt alſo nicht Ihr Plan, 5 zu die⸗ nen?— „So weit es die umſtände o jaz doch werden Sie mir's nicht uͤbel nehmen, wenn ich mich fuͤr ihr Wohl etwas thätiger verwende. Sophien ſollen Sie ſehen, und ich ſage Ihnen zum voraus, Sie werden ihren Reizen cht widerſtehen koͤnnen.“ —„—„„—„ — V — — W — Wie ſehr ſoll es mich freuen, wenn Sie dies holde Geſchoͤpf wieder in die Arme ihres Geliebten fuͤhren. Was Sie und Sinval mir erzaͤhlt haben, macht mich aͤuſſerſt neugierig, dies Maͤdchen genauer kennen zu lernen, und ihre Schoͤnheit zu bewundern.— „Mehr noch, als bewundern, lieben ſollen Sie Sihiei — In Ewigkeit nicht!— „Deſto beſſer. Dieſer Tage beſuch' ich ein Baͤschen, und die Beſorgniß, daß die reizende Sophie einen zu tiefen Eindruk auf ihr Herz machen, haͤtte mich beinah veranlaßt, ohne ihre Geſellſchaft hin zu gehen; allein ihre vorige Aeußerung hat mich wieder ganz beruhigt. Ue⸗ brigens ſeh' ich es gerne, wenn Ihnen gefallt.“ — Sie ſind mir unerklaͤrlich; bald wollen ſie das Madchen ſoll mir gefallen, bald befuͤrchten Sie, ich moͤchte mich in ſie verlieben.— „Ach mein lieber Freund, Sie ſind noch weit von dem Ziele des Gluͤkes entfernt, zu dem ich Sie hinleiten will. Liebe iſt der Tirann ſchwa⸗ cher Seelen; laſſen wir jene die ſuſſen Ouaalen der Liebe koſten, wir hingegen wollen uns mit dem Genuſſe begnuͤgen. Von nun an ſei Wol⸗ luſt Ihre Schuzgoͤttin, wie ſie von jeher die meinige war. Nur auf ihren Altären ſoll der entzuͤkende Weirauch dampfen, welcher uns be⸗ rauſcht, und den Menſchen zum Gott erheben wuͤrde, wenn die eiferſuͤchtige Natur die Dauer dieſer namenloſen Wonne nicht ſo neidiſch be⸗ ſchraͤnkt hätte.“ Dies waren ungefaͤhr die taͤglichen Unterhal⸗ tungen dieſes verkehrten Menſchen, der meine Imagination zu entflammen, meine Begierden zu reizen, und meinen Verſtand zu verwirren wußte, und willig lieh ich der Verfuͤhrung mein Ohr. Gegen das ganze weibliche Geſchlecht fuhl⸗ te er eine Art von Verachtung, welche aus Ue⸗ berſättigung entſpringt; er betrachtete ſie, wie Flitter, den man fuͤr theures Geld erkauft, ſo lang er Mode iſt, und ſobald er nichts mehr an, ziehendes durch Neuheit hat, ihn veraͤchtlich in einen Winkel wirft. Der blähendſten Schoͤnheit huldigte er ſelten zum zweitenmale, und dennoch verfolgte er mit gluͤhender Leidenſchaft, oft ſogar mit Zeichen der Liebe und des Gefuhls, ein armes Mädchen, das ungluklich genug war, ihm zu ge⸗ fallen, und ſobald es ſeinen Wuͤnſchen nachgab⸗ nichts mehr zu verlieren hatte. Die unbeſchreibliche Grazie bei Sophien, er⸗ hoͤht durch den kloſterlichen Schleier, ließ ihn ein noch nie gekoſtetes Vergnůgen ahnen. Gleich ei⸗ nem gefeſſelten Tiger, der aus Wuth über ſeine — ———„„„„—————— ie eit ch ar es e b, r in ei⸗ unmacht beim Anblik der nahen Beute an der Kette bruͤllt, eben ſo knirſchte dieſer unzochtige Satyr, daß er die reizende Novizin nicht unter die Zahl ſeiner Schlachtopfer rechnen konnte. Nur um ſich zu zerſtreuen, hatte er ſich von Hrleans entfernt; ſchwanger mit den ſchaͤndlich⸗ ſten Planen wollte er eben wieder dahin zuruͤk⸗ kehren, als er den jungen Sinval und mich von ungefaͤhr in dem Gaſthof antraf. Weil ihm nun die Verſtellung zu nichts diente, zeigte er ſich uns Anfangs in ſeiner ganzen ſcheußlichen Ge⸗ ſtalt. Meine Augen waren noch verſchloſſen, ich erkannte das glaͤnzende Ungeheuer noch nicht, aber der gebildetere, tugendhafte Sinval bebte vor Schreken und Entſezen zuruk. Auf das Ge⸗ heimniß meines Freundes, welches ich dem Frem⸗ den verrieth, baute dieſer vollendete Boſewicht die verworfenſten Hoffnungen. Er war entſchloſ⸗ ſen, uns beide, einen durch den andern, aufzu⸗ opfern; denn was lag ihm daran, ob die ganze Natur zu Grunde gegangen waͤre, wenn er nur einen Augenblik ſeine ſchaͤndliche Luͤſte befriedigen konnte. Schnell in ſeinen Entſchluͤſſen entwarf er in einer Minute den ganzen Plan, den er zu Erreichung ſeines Zwekes befolgen wollte. Sin⸗ val wurde durch ſeine Heuchelei, durch die Kunſt, ſeine Worte in das Gewand der Tugend zu huͤl⸗ len, durch ſeine uneigennuͤzige Freundſchaft, und durch ſeine grenzenloſe Ergebenheit hintergangen⸗ Aus meinem Herzen hingegen ſuchte er albes an⸗ gebohrne Gefühl des Guten zu verdraͤngen, wel⸗ ches durch eine ſchlechte Erziehung zwar an der Ausbildung gehemmt, aber doch nicht ganz er⸗ ſtikt werden konnte. Die Natur hatte mich weich, empfindſam und großmuͤthig geformt, dies Un⸗ geheuer lehrte mich Faſchheit, Verſtellung, Ver⸗ achtung der Tugend, und die Liebe zum Laſter kennen, und in langen Zuͤgen trank ich den Gift⸗ becher der Wolluſt, den mir ſeine Hand darbot⸗ Die genauere Schilderung, welche ich von dem Karakter des Fremden entworfen habe, hat zwar meine Feder ermädet, allein ich konnte mich dieſer peinlichen Muͤhe nicht uberheben, weil ich ſie fur nothwendig hielt. Dabei will ich zugleich den gutigen Leſer um Nachſicht fuͤr meine jugendliche Verirrungen bitten, und vielleicht floßt ihm mein aufrichtiges Geſtändniß mehr Mit⸗ leiden als Haß gegen mich ein. Wenn ich eure Seelen, ihr Beſſergeſinnten, gegen einen Nichts⸗ wuͤrdigen mit gerechtem Unwillen hewaffnen, wenn ich nur einen einzigen Juͤngling aus den Klauen ſchaͤndlicher Verfuͤhrer retten koͤnnte, ſo wuͤrd' ich mich fuͤr das aufrichtige Bekenntniß meiner Vergehungen hinlaͤnglich belohnt ſchaͤzen! n at te ne — 139 Siebentes Kapitel. Sophie. 2 Nach Verfluß von acht Tagen, die wir in Or⸗ leans zugebracht hatten, begaben wir uns in das Kloſter, wo ſich Sophie aufhielt; denn bis⸗ her war uns der Zutritt in daſſelbe, wegen der achttaͤgigen Feier eines großen Feſtes, wo die Nonnen niemals den Chor verlaſſen durfen, ſih verſtattet. Die Zupeeinnn des Kloſters, Sophiens zaͤrtlichſte Beſchuͤzerin, verband mit der unge⸗ heuchelſten Froͤmmigkeit ein ſanftes, gefuͤhlvol⸗ les Herz. Ob ſie gleich die Liebe nicht aus eig⸗ ner Erfahrung kannte, beklagte ſie doch die un⸗ gluͤklichen Schlachtopfer dieſer unwiderſtehlichen Leidenſchaft. Sie war Augenzenge von dem an⸗ haltenden Kummer und der quaalvollen Reue mehrerer Ordensſchweſtern, welche innerhalb der Kloſtermauern Ruhe und Seelenfrieden zu finden wähnten, und hach Jahren noch auf ihrem einſamen Lager die verlohrne Freiheit beweinten. Auch erinnerte ſie ſich anderer un gluͤthlichen Ge⸗ ſchdpfe, welche uͤber dem Kampf mit ihrer Lei⸗ 8„ denſchaft die Vernunft verlohren, und dem Zu⸗ Das Kind, 1. J ſchauer das ſchmerzhafte Schauſpiel eines leiden⸗ den Weſens darboten, das ſich ſelbſt uͤberlebt hat, das in der Verwirrung die Natur um den Gegenſtand ſeiner Sehnſucht anfleht, der viel⸗ leicht ſchon friedlich unter den Todten ſchlum⸗ merte, und den es noch immer ſieht, noch immer in Gedanken hoͤrt, und wenn etwa der theure Geliebte noch am Leben iſt, und zu ihr ans La⸗ ger tritt, ihn nicht mehr erkennt, und den gluͤ⸗ hend Verehrten zuweilen mit Abſcheu zuräk⸗ ſtoßt. Die Ruͤkerrinnerung an jene Leidende zuälte die gute Superiorin, und immer dachte ſie ſich die Moͤglichkeit, daß ihre junge Freun⸗ din ein gleiches Ungluk treffen konnte. Zwar hatte die brave Frau den geiſtlichen Stand aus eigener Wahl und in einem Alter ergriffen, wo ſich die Seelenkrafte bereits entwikelt haben, wo man alſo reiflicher uͤber die Folgen eines Schrit⸗ tes nachzudenken pflegt, welcher uber unſer gan⸗ zes kuͤnftiges Leben entſcheidet; ſie fuͤhlte ſich ſogar zufrieden und gluͤklich, aber dennoch ſchil⸗ derte ſie ihrer liebenswuͤrdigen Novizin die Ge⸗ fahren einer ewigen Sklaverei mit den ſtaͤrkſten Farben, und vergroͤßerte abſichtlich die Leiden und den innern Kampf, den man zu beſtehen haͤtte. Dabei entwarf ſie ihr das reizendſte Ge⸗ maͤlde von den ſchuldloſen Vergnuͤgungen, wel⸗ he eine tugendhafte Gattin in dem Kreiſe ihrer Familie erwarten. — * N v—»* v „Ach, meine liebe Mutter, ſeufzte Sophie, derjenige, um deſſentwillen mir das Leben lieb geweſen waͤre, iſt nicht mehr, er muß ſchon laͤngſt todt ſeyn, ſonſt wuͤrd' er nicht ſo lange geſchwie⸗ gen haben. Nur auf drei Monate ſollt' er ab⸗ weſend ſeyn;z wenn er noch lebte, er wuͤrde in meine Arme eilen, und dieſe gluͤhende Thraͤnen troknen; aber er iſt mir vorangegangen in das ſtumme Reich der Schatten, und bald will ich ihm mit Freuden nachfolgen.“ — Und eine Freundin verlaſſen, von der ſie ſchweſterlich geliebt werden. Nein, nein, ſie müſſen noch laͤnger für den Juͤngling leben, wel⸗ chen tauſend Hinderniſſe, die uns gegenwaͤrtig unbekannt ſind, an einen fremden Ort feſſeln konnen; fuͤr einen zärtlichen, großmuͤthigen Ge⸗ ſiebten, der aus Zartgefuͤhl das ſchrekliche Ge⸗ luͤbde, ſie nicht mehr zu ſehen, abgelegt hat, und dem ſie ſo theuer ſind, daß er ihnen ſogar ſeine ganze Gluͤtſeligkeit aufopfert.— „Er ſoll mich ſeiner wuͤrdig finden. Zwar werd' ich ihm niemals meine Hand reichen, weil es mein unerbittlicher Vater ſo beſchloſſen hat, aber ich werde auch nie die Gattin eines andern⸗ Innerhalb dieſer Mauren fuͤhl' ich mich ſo gluk⸗ lich, als ich es nur ſeyn kann, denn Sie ver⸗ goͤnnen mir, an ihrem Buſen zu weinen, und ſprechen mit mir zuweilen von ihm. So oft ich J 2 —————————— 1 132 ſie verlaſſe, fuͤhl' ich meinen Kopf erheitert, und dieſes Herz beruhigt; am Ende wird mich die Zeit ganz heilen. Warum ſchildern ſie mir aber die Pflichten ihres Ordens, welche ſie ſelbſt ſo willig und mit der groͤſten Gewiſſenhaftigkeit befolgen, immer ſo furchterlich? Einſt, ich fuͤhl' es, wird auch hier der Sturm ſich legen, froh und zufrie⸗ den werd' ich ſeyn, wie Sie, denn die ſtrenge Befolgung unſerer geheiligten Religion iſt wohl⸗ thätig fuͤr ein reines, unverdorbenes Gemuͤth⸗ Das meinige iſt es noch, Madam, und mit Thraͤnen in den Augen will ich am Fuſſe des Hochaltars zu Gott flehen, daß ſich die Wunden dieſes liebenden Herzens ſchlieſſen. Zu meinem Erloͤſer will ich fliehen, an ihn will ich nur den⸗ ken, ihn nur lieben, und Erbarmen wird er mit einer Schwaͤche haben, die auch ſein Werk iſtz denn wie koͤnnt' ich ohne ſeinen Willen ſo heiß, ſo innig das Schoͤne und Gute empfinden? 2 Drum erwart' ich getroſt von ihm mein kuͤnftiges Slüt und meine Ruhe.“ Die Superiorin ſchloß Sophien zaͤrtlich in ihre Arme, und ſchmeichelte ſich damit, daß ſie ihre Freundin bald wieder der Welt zuruͤkgeben könn⸗ te. So oft jemand nach Sophien fragte, fuͤhrte die ehrwuͤrdige Dame das Maͤdchen ſelbſt in das Sprachzimmer, und noͤthigte ſie zuweilen, ihr dahin zu folgen. Es war ihr aufrichtigſter — 133 Wunſch, daß ſich endlich jemand finden moͤchte, der wuͤrdig waͤre, um die Hand der liebenswuͤr⸗ digen Novizin zu werben, und ihr nach und nach andere Geſinnungen einzufloͤſen, und eben dies hatte ſie dem Fremden vertraut, der ein naher Verwandter von ihr war. Die wakere Superiorin glaubte hiebei um ſo weniger Gefahr zu laufen, da dieſer Menſch durch ſein geſchmeidiges Betra⸗ gen, und durch ſeine froͤmmelnde Miene ſich ihr Zutrauen zu erſchleichen wußte. Er hatte ihr ſo⸗ gar verſprochen, ſie aus allen Kräften in ihrem obenswuͤrdigen Vorhaben zu unterſtuͤzen, aber im nemlichen Augenblike beſchloß der Verraͤther, dieſe Nachricht zu ſeinem Vortheil zu benuzen, um ſo mehr, da ihn die Neuheit, und die Hin⸗ derniſſe bei Ausfuͤhrung ſeines teufliſchen Planes noch thaͤtiger befeuerten. Ob er gleich ein huͤb⸗ cher Mann war, und ſich, wenn es ihm belieb⸗ te, mit Gefuͤhl auszudruͤken verſtand, ſo hatte er es doch bei Sophien nicht weiter gebracht, Ge⸗ als daß ſie ihn ſchaͤzte. Die abentheuerlichſten Ge⸗ danken keimten jezt in ſeiner Seele auf, um das erſehnte Ziel ſeiner Wuͤnſche zu erreichen; er wollte das Kloſter in Brand ſteken, und waͤhrend des Auflaufes Sophien aus den Flammen reiſſen und ſie entfuͤhren; aber die Furcht, diß Wagſtuͤk moͤchte mißlingen, hielt ihn davon zuruͤk. Pro⸗ jekte dieſer Art kann man keiner dritten Perſon anvertrauen, und dennoch bedarf man eines Mit⸗ 134—— verſchworenen zur Ausfuͤhrung, und erſt dann, als er mich fur ſo geſunken hielt, daß alles Ge⸗ fuͤhl von Sittlichkeit bei mir erſtikt ſei, theilte er mir mit lachendem Munde dies ſchaͤndliche Bubenſtäk mit. Doch ſo weit bin ich noch nicht in der Ge⸗ ſchichte, und kehre daher wieder zu Sophien und der ehrwuͤrdigen Superiorin zuruͤt. Unwillig auf ſich ſelbſt hatte der Fremde Orleans verlaſſen, weil er etwas der Liebe aͤhnliches in ſeinem Bu⸗ ſen empfand. Sobald er mich antraf, erwachten neue Hoffnungen in ſeiner Seele, denn er ahne⸗ te, daß ich ihm bei ſeinem Vorhaben behulflich ſeyn koͤnnte, und nur dann, wenn ihm dies miß⸗ lingen ſollte, wollte er ihre Gunſt durch ein Ver⸗ brechen erzwingen. Ehrliche Leute freuen ſich im Stillen bei dem Gedanken, andere glüklich zu machen, der Laſterhafte hingegen weidet ſich zum voraus an den Greueln, welche er zu begehen gedenkt. Einige Zeilen an die Superiorin machten die⸗ ſe geneigt, mich Sophien vorzuſtellen.—„Ich „habe, ſo ſchrieb er, den Arzt gefunden, der das „Herz unſerer intereſſanten Patientin heilen wird. „Es iſt ein Juͤngling von guter Herkunft, den „die freundliche Mutter Natur und der Zufall „gleich verſchwenderiſch ausgeſtattet haben. Sein „Herz iſt noch unverdorben, nur fuͤr Tugend B 1W M — —* — *— 0 —„—— „empfaͤnglich, und ich mache mir es zur Pflicht, „dieſe zarte Pflanze vollends auszubilden. Ein „einziger Blik von Sophien muß in ſeinem Bu⸗ „ſen Gefuͤhle erweken, die ihm bis hieher unbe⸗ „kannt waren, und vielleicht bewirkt auch dieſer „junge Menſch im Kopf und im Herzen ihrer „liebenswürdigen Freundin eine glukliche Ver⸗ „änderung.“ Der Fremde zeigte mir das Billet, das er geſchrieben hatte, und unterrichtete mich nun⸗ mehr, wie ich mich bei meinem erſten Beſuche zu benehmen haͤtte. Schon den Abend zuvor hatte er einen ſchiklichen Anzug für mich beſorgt; er war ein Mann von Geſchmak, und wußte mei⸗ nen ſchoͤnen Wuchs ſo vortheilhaft heraus zu he⸗ ben, daß ich eine kleine Aufwallung von Eigen⸗ liebe nicht unterdruͤken konnte, als ich mich vor dem Spiegel betrachtete. Meine Reize ſchienen mir unwiderſtehlich, und ſchon ſchmeichelte ich mir mit der Hoffnung, indem ich Sophien in Gedanken zu der veraͤchtlichen Klaße mitleidiger Frauenzimmer von meiner Bekanntſchaft herab⸗ wuͤrdigte, daß es mir nicht ſchwer fallen ſollte, Sinvals Bild aus ihrem Buſen zu verdraͤngen, und ihn in kurzem ganz in Vergeſſenheit bei ihr zu bringen. Weit junger, als er, hielt ich mich auch fuͤr weit ſchoͤner, was aber doch nicht ſo ganz gegruͤndet war; denn ich glaube, es gieng natuͤrlich zu, wenn man ihm in Abſicht des Aeuſ⸗ ſern den Vorzug vor mir einraͤumte, und in Hinſicht des Kopfs und des Herzens mußt' ich ihm ohne diß weit, weit nachſtehen. Dafuͤr war ich aber auch Marquis, und er nur ein gemei⸗ ner Buchhalter bei einem Kaufmann. Wer haͤtte ſich bei dieſen Umſtaͤnden träumen laſſen ſollen, daß ein junges Maͤdchen von Geſchmak und Be⸗ urtheilung zwiſchen uns beiden nur einen Au⸗ genblik anſtehen koͤnnte?— Er hat ihr zwar das Leben gerettet, ſagt ich bei mir ſelbſt, Klei⸗ nigkeit! der armſeligſte Fiſcherjunge wuͤrde nicht weniger gethan haben; aber ich?— gluͤklich will ich ſie machen, und das iſt die Hauptſache, denn wir beide ſind fuͤr einander gebohren.— Auf den Fall, daß der Fremde ſich etwa beikommen laſſen moͤchte, mich am Rarrenſeil herum zu fuͤhren, war ich ſchon gefaßt. Wenn das iſt, dacht' ich, ſoll er ſelbſt der Betrogene ſehn, und ich werd' ihn bei meiner Ehre nicht die Ka⸗ ſtanien ſchmauſen laſſen, die ich aus dem Feuer hohlen mußte. Ueber alle Vorſtellung reizend fand ich So⸗ phien, und der Anſtrich von Melankolie, wel⸗ cher ſich uͤber ihr ganzes Weſen ergoß, machte dies himmliſche Geſchöpf noch weit intereſſanter. Sanft ruhte ihr ſchwarzes, ſchwermuͤthiges Aug auf mir, und ſchien Mitleiden zu erflehen. Es — „„——„———„„„— war unmoͤglich, ihr das meinige zu verſagen, und Thräͤnen floſſen uͤber meine Wangen. Welch einen ruͤhrenden Anblik gewährt eine Unglüklich⸗ liebende, und welche ſuͤſſe Gewalt hat nicht die leidende Schoͤnheit! Das Herz des Fremden muͤßte man gehabt haben, um hier kalt und ge⸗ fuͤhllos zu bleiben. Wahrſcheinlich bemerkte ſie den tiefen Eindruk, den ſie bei mir hervor⸗ gezaubert hatte, denn ein ſanftes Lächeln be⸗ lohnte mich. Jezt war es Zeit, auf den Pfad der Tugend zuruͤkzukehren, eben jezt, denn mein Herz offnete ſich wieder edleren Gefuͤhlen. Ach wie gerne haͤtt' ich in jenem Momente den Ge⸗ liebten in ihre Arme gefuͤhrt, und mein Gluͤk in dem Anſchauen ber beiden Gluͤklichen gefun⸗ den! aber ein haͤmiſcher, ſchadenfroher Daͤmon beſchloß meinen Untergang. Biß hieher war ich noch kein vollendeter Boſewicht, jezt ſollt' ich es werden. Anfaͤnglich unterhielt man ſich von ganz gleichgultigen Dingen; ich ſprach nur wenig, aber diß wenige am gehoͤrigen Orte. Die Su⸗ periorin entzuͤkte mich, denn jedes ihrer Worte war ein Abdruk ihres ſchoͤnen Herzens, und in ihrem Vortrag, wenn ſie auch von ganz gleich⸗ guͤltigen Dingen ſprach, lag ein unbeſchreiblicher Zauber. Oefters druͤkte Sophie,— ein Bild der hingebenden Freunbſchaft im Stande der Unſchuld, — ihre Lippen auf die Hand ihrer Wohlthaͤterin, und bereits hatt' ich zwei volle Stunden, die kür⸗ 133— zeſten in meinem ganzen Leben, in dem Sprach⸗ zimmer zugebracht, als mir die Gloke des Spei⸗ ſeſaals vertuͤndete, daß es Zeit ſei, mich weg zu begeben. Traurig und in mich gekehrt verließ ich das Kloſter, und als ich in meiner Wohnung ankam, bemerkt' ich den Fremden nicht, welcher ſchon einige Zeit auf mich gewartet hatte, und jeden kleinen Umſtand von mir zu erfahren wuͤnſchte. Er errieth auf den erſten Blik den Zuſtand mei⸗ ner Seele, und uͤberließ mich der Einſamkeit, in der ich mir allein zu gefallen ſchien. Ich er⸗ ſtaunte über die ſüſſen Gefuͤhle, welche in mir erwachten; es war nicht mehr jene tobende Be⸗ geiſterung, jene ungeſtuͤmme Wuͤnſche, die mir ſonſt beim Anblik eines hübſchen Maädchens das Blut durch die Adern peitſchten. Mir war zu Muthe, als ob ich weinen muͤßte, ſo wehmä⸗ thig, ſo duldend war ich geſtimmt; ein einziges gefaͤlliges Wort von Sophien, ein einziger ihrer Blike hätte mich zum gluͤklichſten Sterblichen er⸗ hoben. Sonſt war ich trozig und unternehmend, vor ihr haͤtt' ich anbetend niederſinken moͤgen, und fuͤhlte zum erſtenmal die unwiderſtehliche Gewalt der Liebe und der Tugend. Ich benei⸗ dete Sinval, der zwar den Anblik dieſes Mäd⸗ chens entbehren mußte, dem ſie aber mit innig⸗ ſter Zaͤrtlichkeit ergeben war. Heimlich ließ ich ihm die Gerechtigkeit wiederfahren, daß er weit — c — —————— 8 * WW*— V mehr, als ich, Sophien zu gefallen, verdiene, aber zugleich faßte ich auch den feſten Entſchluß, dieſes holden Geſchoͤpfes mich wurdig zu machen, ohne mir eben mit einem gluͤklichen Erfolge zu ſchmeicheln. Der Fremde kannte die Macht der Liebe, zu gut, als daß er nicht befuͤrchtet haͤtte, ich mochte ſeiner Verfuͤhrung entrinnen, ſobald ſich dieſe Leidenſchaft gaͤnzlich meines Herzens bemei⸗ ſterte, daher beeilte er ſich, mich wieder auf den alten Pfad des Laſters zuruͤk zu führen. Ein tugendhaftes Weib floͤßt dem Manne Ehrfurcht fur das ganze weibliche Geſchlecht ein, ſo wie im Gegentheil der haͤufige Umgang mit ſittenlo⸗ ſen Geſchbpfen alle Achtung, alles Zartgefuͤhl für die ſchonere Haͤlfte der Menſchheit in uns erſtikt. Der ſchlaue Fremde veranſtaltete daher bei zwei jungen, gefaͤlligen Schoͤnen, die fuͤr ein paar armſelige Dukaten ſich zu jeder beliebigen Rolle verſtehen, ein geſchmakvolles Goutee; mich uberredete er, daß er mich bei einer Wittwe von Stand aufführen würde, die mit ihrer Richte ein kleines Haus auſſerhalb der Stadt bewohne. Die Damen empfiengen mich mit der zuvorkommend⸗ ſten Artigkeit, beſonders feſſelte mich die jünge⸗ re durch ihren Geiſt, und durch den Frohſinn, der aus ihren Augen ſtrahlte. Sie behauptete, ich gleiche ihrem Bruder, ſie gab mir ſeinen Na⸗ men, und verſtattete mir allerhand unſchuldige Liebkoſungen. Bald ſah ich ihr freundlich ins Geſicht, bald drukt' ich ſie an mein Herz, dann entſchlupfte ſie mir durch eine leichte Wendung, um ſich ſelbſt aufs neue mir wieder in die Arme zu werfen. Unter dieſen loſen Spielen enthuͤll⸗ ten ſich hie und da einige verborgene Reize, die ſie aber nur zu bald wieder meinen luͤſternen Bli⸗ ken entzog. Allmaͤhlig verlohr ſich Sophiens Bild aus meiner Seele, und bald dacht' ich mit der⸗ jenigen Ruhe und Gleichguͤltigkeit an ſie, wie man ſich einer laͤngſt verſtorbenen Freundin erinnert. Die geiſtigen Weine, die Nekkereien meiner ſchel⸗ miſchen Nachbarin, ihre ausdruksvolle Blike, ihr ſchmachtendes Hingeben, hauptſaͤchlich aber ihre bluͤhende Jugend erhizten meine Lebensgeiſter. Nur Klaͤrchen ſah ich, nur auf ſie waren meine Gedanken gerichtet. Gott weiß durch welchen Zufall ich mich plozlich mit ihr allein in einem reisenden Boudoir befand. Das Madchen wurde immer zärtlicher, ich kuͤhner, und je ſtürmiſcher ich ward, deſto ſchwaͤchern Widerſtand leiſtete mir Klaͤrchen. Jezt trank ich gierig den Becher der Wolluſt, und ſchwelgte bis zum anbrechenden Morgen. Berauſcht, und mit dem feſten Vor⸗ ſaz, ſobald wie moͤglich wieder dahin zuruͤk zu kehren, verließ ich dieſen Tempel der Wonne. „Wollen wir nicht Sophien beſuchen, fragte mich der Fremde einige Stunden darauf.“ füͤ — S ſchweigen ſie mir von Sophien! Nur fuͤr Klaͤrchen hab' ich Gefuͤhl, ſie entzuͤkt, bezau⸗ bert mich, reißt mich gewaltſam zu ſich hin.— „Keine ausſchließende Vorliebe, mein Freund, wenn ſie nicht in kurzem der ungluͤklichſte Menſch unter der Sonne werden wollen. Das weibliche Geſchlecht iſt ſtolz und herrſchſuͤchtig, und immer wird der Liebhaber, der ſich auf einen einzigen Gegenſtand beſchraͤnkt, der Sklave deſſelben. Der Mann ſoll befehlen, das Weib gehorchen, dies iſt das größe Naturgeſez, und nur der Dumm⸗ kopf laͤßt ſich von einer Schuͤrze bemeiſtern. Iſt man im Beſize des geliebten Gegenſtandes, ſo verſchwindet nach wenigen Tagen der magiſche Taumel; was man vorher auf der Stufe der Vollkommenheit erblikte, ſinkt jezt, wie der Nebel an einem Sommermorgen, ins Gebiet des Alltaͤglichen herab. Einige Nebendinge weggerech⸗ net gleichen ſich alle Weiber. Die lezte Gunſt⸗ bezeugung hat nur einmal einen Werth, aber auch nicht mehr, als unſre Phantaſie darauf legt; denn es iſt immer daſſelbe Geſchenk, die ähnliche Entwiklung der Komoͤdie, und nur dardurch, daß ſie jedesmal durch neue Schauſpielerinnen aufge⸗ fuͤhrt wird, kann man dem Ekel und der Ueber⸗ ſaͤttigung entrinnen. Freilich giebt es nech tiefere Myſterien, nur das Gebiet der Wolluſt zu er⸗ weitern, aber in dieſe werden nur geprufte Scho⸗ *. ler unſerer ſchoͤnen Zunft eingeweiht. Jezt muß ihr Hauptgedanke der ſeyn, das Herz der ſtolzen Sophie zu beſiegen. — Wird ſie mich jemals lieben koͤnnen?— „Die Beantwortung dieſer Frage haͤngt ganz von ihnen ſelbſt ab; ubrigens verkuͤndet mir eine leiſe Ahnung: wir werden ſie beſiegen! gewiß, wir beſiegen ſie!«« Ich ſah damals noch nicht deutlich, welch ein teufliſcher Sinn in den vier Woͤrtern lag:„wir werden ſie beſiegen!“ Nach einer kleinen Pauſe fuhr der Fremde fort. „Damit das Maͤdchen nicht in dem Kloſter verſauert, muß man ihm dieſe laͤcherliche Lei⸗ denſchaft aus dem Kopfe bringen; denn es wär' unverantwortlich, wenn ein Geſchoͤpf, das die Liebe ſelbſt zu einer der ſchonſten Prieſterinnen ihres Tempels auserſehen hat, nicht ſeine edle Beſtimmung erfoͤllte, und bei meiner Ehre das ſoll, und das kann nicht ſeyn!« — Aber was wird aus dem armen Sinval? Sie wiſſen, wie innig er ſie liebt.“ „O ja, ja, daß weiß ich! Je nun, mein Freund, das iſt noch ſo eine Sache. Was ich — H„ — —„— —— uß en ne rag ihnen vertrauen will, wird vielleicht im erſten Augenblik ihr unerfahrnes Herz emporen, aber ich gebe ihnen freundſchaftlich zu bedenken, daß Sophiens verfuͤhreriſche Liebkoſungen und der ausſchlieſſende Beſiz ihrer Reize der Lohn ihres Gehorſams ſeyn werden. Stellen ſie ſich recht lebhaft dieſes Meiſterſtuk der Schopfung vor, aber tauſendmal zarter, tauſendmal uͤppiger, als das niedliche Klaͤrchen. Mit der hoͤchſten Gluth der Wolluſt ſchlingt ſie den vollen Arm um ihren Nakken; ſie fuͤhlen das Wehen des Athems auf ihren brennenden Wangen, Aug in Aug und Lipp' auf Lippe verſchwiſtern ſich ihre Seelen an Sophiens ſchwellendem Buſen. Mit jener wohlbekannten, ruͤhrenden Stimme liſpelt das Maͤdchen ihren Namen, und von dieſem Silberton erbebt jede ihrer Fibern. Sie ſind es, Marquis, der dies traurende verlaſſene Ge⸗ ſchoͤpf zu neuem Leben weken wird, was ſag' ich! ſie thun noch mehr fuͤr ſie, ſie oͤffnen ihr die Pforten des Himmels.“ Gluͤhend ſtarrte mein Auge, der Kopf ſchwin⸗ delte mir. In langen Zuͤgen ſchlurft' ich das ver⸗ fuͤhreriſche Gift hinunter, das brennend ſich durch alle meine Adern ergoß. Dem Fremden verſprach ich blinden Gehorſam. „Woher kommt es doch, begann er von neuem, daß ich mich ſo ſehr fur ſie intereſſire, daß mir alles, was auf ihr Gluͤk abzwekt, fe⸗ derleicht ſhe 2 Wie ich ſie dieſen Morgen ver⸗ ließ, hab' ich dem Marquis Bellecour meine Aufwartung gemacht, und fand in ihm einen ſchwachherzigen Mann, der durch ein paar Thraͤ⸗ nen ſeiner Tochter ſich zu allem verleiten laſſen könnte. Er weiß noch nichts von Sinvals Ruͤk⸗ kehr, will ſogar ſeinen Aufenthalt erforſchen, und ihn nach Orleans zuruͤkberufen; aber das werd' ich ſchon zu verhindern wiſſen, der Alte ſoll mir wieder in ſeine Garniſon zuruͤk, ohne der vaͤterlichen Gewalt ſoviel zu vergeben. Das hat er mir auch in die Hand verſprochen; aber,— gab er mir zur Antwort,— wenn das Maͤdchen nach einiger Zeit noch auf ihrem Entſchluß beharrt, dann ſuch' ich ſelbſt ihren Geliebten auf, ich fuͤhr⸗ ihn ins Kloſter vor den Altar, ſie ſoll ſeine Gat⸗ tin werden, damit ſie nicht laͤnger den unſeligen Gedanken in ihrem Herzen naͤhrt, ſich auf ewig von der Welt zu trennen. Freilich wird es mich ſchmerzen, mein Kind nicht ſo glanzend verſorgt zu wiſſen, wie ſie es verdient, aber lieber laß ich meine ſchönſte Plane ſchwinden, als daß mei⸗ ne Tochter lebenslaͤnglich im Kloſter ſchmachten ſollte. Kurz darnach ſtieg er in den Wagen, und wir haben jezt keinen Ruͤkfall von vaͤterlicher Schwaͤche zu befuͤrchten. In ſeiner Abweſenheit reifen auch unſere Projekte, und ein guͤnſtiger Erfolg wird zuverlaͤſig unſre Bemuͤhungen kronen.⸗ b* Roch regte ſich ein Gefuͤhl von Ehre und Mit⸗ leid in meinem Herzen. Ich verabſcheute dieſe niedertraͤchtige Handlungsweiſe, und war ent⸗ ſchloſſen, meinem Freunde Sinval von den mil⸗ dern Geſinnungen des Oberſten heimlich Nach⸗ richt zu geben. Ach, warum erfuͤllte der junge Menſch nicht ſein Verſprechen, uns recht bald in unſrem Gaſthofe zu beſuchen, alles hätte dann eine andere Wendung genommen! Die aufkei⸗ mende Liebe zu Flaͤrchen haͤtte mich vollends be⸗ ſtimmt, nicht laͤnger dem Gluͤke zweier Men⸗ ſchen, die mir beide theuer waren, Hinderniſſe in den Weg zu legen. Aber das Schikſal hatte es anders beſchloſſen, und ich ſollte noch nicht ſo bald den Schlingen des ſchaͤndlichen Verführers entſchläpfen. Wie ein boͤſer Genius folgte er mir auf allen Schritten nach, beherrſchte mich mit eiſernem Scepter, und wider meinen Willen mußt' ich gehorchen⸗ „Sie ſind arm, und von Hauſe haben ſie nichts mehr zu erwarten, ſagte der Fremde im Tone des innigſten Mitleidens. Bemuͤhen ſie ſich, Sophien zu gefallen, ſo erlangen ſie nicht nur die Hand eines ſchoͤnen Weibes, ſondern zugleich auch unermeßliche Schaͤze, und koͤnnen in der Folge wieder oͤffentlich mit dem ihrem Namen gebuͤhrenden Glanz auftreten.“ Das Kind, t. K Zu meiner Schande muß ich bekennen, die verdammte Liebe zum Gold, oder vielmehr zu den mancherlet Vergnuͤgungen, welche man ſich vermittelſt dieſes Metalls verſchaffen kann, hatte weit mehr Gewalt uͤber mich, als alle ſeine vor⸗ hergehende Gruͤnde, und uͤbertäubte die Stimme des Gewiſſens, die ſich immer ſchwaͤcher und ſchwaͤcher zum Beſten meines Freundes erhub. Zweifelnd ſchwankt' ich hin und her; die Sehn⸗ ſucht trieb mich hinaus vor die Stadt. Ich wollte Flaͤrchen beſuchen, ſie war verſchwunden. Der Fremde nothigte mich bei der Rukkunft, mit ihm in das Sprachzimmer des Kloſters zu gehen. Sophie trat herein, und Klaͤrchen und alle Maͤd⸗ chen der Schöpfung waren bei dieſem himmli⸗ ſchen Anblik aus meinem Gedaͤchtniſſe verwiſcht. Als ich mich wieder mit dem Fremden allein be⸗ fand, brach ich in Lobeserhebungen äber ihre ſchone Seelen aus; er unterhielt mich dagegen von ihren koͤrperlichen Reizen, und machte durch ſeine wolluͤſtige Gemaͤhlde meine Sinnlichkeit im⸗ mer noch reger. In kurzem war nicht mehr da⸗ von die Rede, das Herz der ſchoͤnen Dulderin zu gewinnen, ich lechzte nach thieriſchem Genuß, und um dieſen Preiß haͤtt' ich damals blindlings jedes Bubenſtuk vollbracht. „Grauſamer, ſagt' ich zum Fremden, ſie ha⸗ den den Feuerbrand in meinen Buſen geworfen, —— 1 N — X 3 3 will nicht ewig im Finſtern tappen⸗“ ſchaffen ſie nun auch Rath, ihn zu loͤſchen. Die Kaͤlte dieſes Maͤdchens macht mich raſend, und ihrem Geſchwaͤz nach ſollte ſie ja liebend ihren Arm um meinen Naken ſchlingen. Lehren ſie mich entweder, wie ich ſie vergeſſen ſoll, oder entflammen ſie ihr Herz mit der nemlichen Gluth, von welcher das meinige verzehrt wird.“ — Mein Gott! unterdruͤken ſie doch dieſe thoͤ⸗ richten Aufwallungen, und berlaſſen ſie ſich wil⸗ lig meiner Leitung, dann ſollen ſie bald den ſchoͤn⸗ ſten Sieg uͤber dieſes ſtolze Geſchoͤpf davon tra⸗ gen.— „Noch weiß ſie nicht einmal, daß ich ſie liebe. — Deſto beſſer! ſie wuͤrden ſonſt vergebens ſchmachten.— „Welchen Zwek haben Sie** — Sophien in ihre Arme zu liefern.— „Wahrſcheinlich ſoll ich ſie entfuͤhren?“ — Das waͤre freilich ein ſchrekliches Reuter⸗ ſtuchen, das ſie bei ihrem zarten Gewiſſen nim⸗ mer verantworten koͤnnten; aber ſeien ſie ruhig, es iſt hier nicht von Gewalt die Rede.— „So erklaͤren Sie ſich einmal ganz beſimmt. K 2 148— — Vor allen Dingen muß man Sophien da⸗ hin zu bringen ſuchen, daß ſie ihre Hand nicht mehr ausſchlagen kann. Der Plan, den ich in dieſer Abſicht entworfen habe, und welchen ich ihnen nicht mittheilen wollte, weil mir vor ihrer Unentſchloſſenheit bangte—— „Reden Sie offenherzig. Wenn ich mir So⸗ phiens Beſiz verſchaffen kann, bin. ich zu allem bereit.“ — Dieſer Plan iſt ein wenig biſarr und ſon⸗ derbar, aber fuͤr den Erfolg ſteh' ich, wenn ſie anders ihre Begierden maͤſigen, und bei dem Maädchen eine Zeitlang den beſcheidenen Freund ſpielen koͤnnen, der ſie bedauert, der ſie luͤklich zu machen wuͤnſcht.— „Ach mein Gott das wäre wohl in den erſten Tagen unſerer Bekanntſchaft moͤglich geweſen, doch jezt iſt es zu ſpät. Mein muß ſie werden, mein, oder ich bin ein Kind des Todes!« — Ihr Feuer gefaͤllt mir, aber ber heftige Ausbruch deſſelben taugt nichts, drum hoͤren ſie mich einen Augenblik gedultig an. Sophie liebt nur den pedantiſchen Sinval, vergebens würde man daher einen Sturm auf ihr Herz wagen; jenen Menſchen ausgenommen iſt es fuͤr jeden Dritten verſchloſſen. Das Mädchen ahnet nicht einmal, daß ihr die Natur Sinnlichkeit verliehen — 149 hat, dieſe ſchlummert, und vor allem muͤſſen wir darauf denken, dieſe aus dem Schlafe zu weken. Von Ihnen ſoll ſie ein noch nie empfundenes Ver⸗ gnuͤgen kennen lernen, und beſchaͤmt, ohne er⸗ zuͤrnt zu ſeyn, dem Scheine nach freilich hoͤchſt aufgebracht, wird ſie ihnen am Ende dankbar an den Buſen ſinken.— „Noch verſteh ich nicht, wie ich das eigentlich bewerkſtelligen kann.“« — Gedult! Sophie weiß noch nichts von ih⸗ rer zaͤrtlichen Liebe, wenigſtens haben ſie ſich, ſo viel ich weiß, noch nicht gegen ſie erklaͤrt.— „Wie konnt' ich auch? Gebietet nicht ihr gan⸗ ses Weſen Ehrfurcht, und wenn ich bei ihr bin, ſo wuͤrdigt mich die Grauſame kaum eines kalten Seitenblikes.“ * — Das wird ſich geben. Wählen ſie ſich vor allem einen andern Standpunkt, wo ſie So⸗ phien in einem guͤnſtigern Lichte erſcheinen. Dar⸗ durch, daß ſie der Leidenſchaft dieſes Maͤdchens ſchmeicheln, werden ſie ſich ihre Freundſchaft er⸗ werben, und ſo haben ſie ſchon vieles gewon⸗ nen. Der junge Freund einer gefuͤhlvollen Frau kann aus ihr machen, was er will, und oft er⸗ langt er mehr, als er vermuthet haͤtte. Die zaͤrtlichen Empfindungen beruͤhren ſich im menſch⸗ lichen Herzen, das hab' ich an allen denen jun⸗ gen Geſchöpfen erfahren, denen ich die lezte Bil⸗ dung ertheilt habe. Freundſchaft und Liebe ſind Zwillingsſchweſtern, die man oft nicht von ein⸗ ander unterſcheiden kann. Morgen gehen wir wieder in das Sprachzimmer. Die Superirrin, in der Meinung, Sinval irre in fremden Laͤn⸗ dern umher, zieht ſie jenem ihr ganz unbekann⸗ ten Menſchen weit vor, und beguͤnſtigt ihre Liebe um ſo mehr, da ſie einſieht, daß ſie vermog ih⸗ rer Geburt die willigung des Marquis ohne Schwierigkeit koͤnnen. Es iſt ſogar ihr hoͤchſter Wunſch, daß es ihnen gelingen moͤchte, Sophien aͤhnliche Geſinnungen einzufloͤſſen. Dar⸗ um erleichtert ſie ihnen auch jede Gelegenheit, ſich mit ihrer intereſſanten Novizin zu unterhal⸗ ten. Benuzen ſie morgen den guͤnſtigen Augen⸗ blik, und ſprechen ſie ungefehr ſo mit Sophien: — Mademviſell, ihr ungluͤk hat mich geruͤhrt, ich wuͤnſchte es zu mildern; daher hab' ich mir ſeither alle Muͤhe gegeben, den Aufenthalt des tugendhaften Juͤnglings, dem ſie mit Recht ihre Liebe zugewendet haben, auszukundſchaften.— Dieſer Eingang muß natuͤrlich die Aufmerkſam⸗ keit des Maͤdchens rege machen.— Hoͤren ſie auf, ſezen ſie dann hinzu, ſeinen Verluſt zu beweinen, oder ſich uͤber ſeine Treuloſigkeit zu beklagen; noch lebt er, und noch immer ver⸗ dient er ihre innigſte Gegenliebe.— Dann wer⸗ den Sophiens ſchoͤne Augen mit Wohlgefallen *¹—„ *B ———— 131 auf ihnen ruhen; ihr Buſen wird von Sehnſucht hoͤher gehoben, die Freude wird ihr das Blut in die Wangen treiben, und jezt ſind ſie in den Augen dieſes Mädchens ihr guter Engel. Zum erſtenmal unterſucht ſie ihre Geſichtszuͤge ge⸗ nauer; ihr ganzes Weſen macht einen guͤnſtigen Eindruk auf Sophien, und jezt ſchon behaupten ſie den zweiten Plaz in ihrem Herzen. Sie können dann noch etwas ſchüchtern hinzuſezen: Ach! vielleicht hab' ich eine(Iſſe Unvorſichtig⸗ keit begangen, aber untroſtlich würd' ich ſeyn, ich wuͤrde es nie mehr wagen, vor ihnen zu erſcheinen, wann ſie mir ihre Verzeihung ver⸗ ſagten. Dardurch erregen ſie Sophiens Neu⸗ gierde. Sie wuͤnſcht ſogar heimlich, daß ſie ſchuldig ſeyn moͤchten, um ihnen etwas vergeben zu koͤnnen, ſie ſtokt, ſie zittert. Endlich erwie⸗ dern fie: ich habe den Juͤngling veranlaßt, daß er ihnen ſchreiben moͤchte, hier iſt ſein Brief. Wie der Bliz ſtrekt Sophie ihr Hand durch das Gitter, ſie druͤken ihr dieſelbe feurig, ſpielen ihr das Briefchen zu, welches ſie bereits ſorg⸗ faͤltig in ihrem Buſen verborgen hat, wenn ihr Mund ſich noch immer weigert, es von ihnen anzunehmen.— „Mein Gott, was fuͤr eine Wirkung können ſie ſich von einem erdichteten Briefe vekſpre⸗ chen? Wird ſie ihn nicht mit Abſcheu von ſich „. weiſen, wenn ſie nicht die Hand ihres Gelieh⸗ ten erkennt?«« — Kurioſer Menſch! trauen Sie mir wohl zu, daß ich in den Tag hinein handeln werde? das Schreiben iſt von ihm.— „Von Sinval?* — Laſſen Sie mich doch ausreden. Sophie kennt weder die Handſchrift, noch die Schreib⸗ art jenes Menſchen, das hab' ich ſchlau der Superiorin abgelokt, alſo— Sie mäſſen im Namen des beguͤnſtigten Liebhabers ſchreiben, Sophie antwortet auf der Stelle, und wir koͤn⸗ nen hernach der Korreſpondenz eine ſelbſt belie⸗ bige Wendung geben. Dieſes unerfahrne, lei⸗ denſchaftliche Mädchen, niedergebeugt durch die vermeinte Grauſamkeit ihres Vaters, iſt leicht in Feuer geſezt, und verfuͤhrt. Die Einſamkeit des Kloſters, welche ihren Schmerzen neue Nah⸗ rung giebt, wird in ihren Augen ſich in ein ge⸗ meines Gefaͤngniß verwandeln. Taͤglich werden ihr die Ketten drukender, ſie wird dieſelbe ab⸗ zuſchutteln ſuchen, und ſich in eine Welt zuruk⸗ ſehnen, wo ſie tauſend noch nie gekoſtete Ver⸗ gnuͤgungen erwarten. Dann koͤnnen ſie ihr mit der Hoffnung ſchmeicheln, ſie wollten die Be⸗ freiung aus dieſem Kerker uͤber ſich nehmen, und ſie wieder mit ihrem Vater auszuſöhnen ſu⸗ chen; das wird ſie vollends wirbelnd machen. ——————— Jezt ſchlagen ſie ihr eine heimliche Zuſammen⸗ kunft vor. Nach einigen gebraͤuchlichen Ziere⸗ reien wird auch dieſe angenommenz Dunkelheit und Stille der Nacht ſind ihnen guͤnſtig, und wie ſich der Roman dann entwikeln ſoll, das iſt ihre Sache.— Sollte man es wohl glauben, dieſer abſcheu⸗ liche, niedertraͤchtige Plan hatte nichts abſchre⸗ kendes fuͤr mich;z ich drang ſogar mit einem heimlichen Vergnuͤgen, deſſen nur ein vollende⸗ ter Boͤſewicht faͤhig iſt, auf die Ausfuͤhrung deſſelben. Die Leidenſchaft hatte mich verblen⸗ det, und meine Hand erſtarrte nicht unter der Laſt des Gewiſſens, als mir der Fremde mit holliſchem Gelaͤchter einen Brief diktirte, deſſen Schreibart mit dem Karakter des Verfaſſers im auffallendſten Wiederſpruch ſteht, und den ich hier meinen Leſern woͤrtlich mittheile. „Gutes Maͤdchen!— Verzeihen Sie einem Ungluͤklichen, der noch vor ſeinem Ende ſie in ihrer Einſamkeit zu ſtören wagt, wo ſie Ruhe und Frieden genieſſen, die ihm ſchon laͤngſt fremd geworden ſind.“— Sie glauben nicht, bemerkte hier der Fremde, wie ſehr ein Maͤdchen ſolche verzweifelte Todesgedanken affiziren, ob es gleich eine ganz abgedroſchene Formel iſt. — Weiter! weiter!— 154 „Schon ein volles Jahr hab'ich mir die grau⸗ ſame Pflicht auferlegt, ihren Anblik zu fliehen, und, nach dem Befehl ihres Vaters, alles zu vermeiden, was ihnen mein Andenken wieder haͤtte ins Gedaͤchtniß rufen konnen. Ich will ihn keiner Ungerechtigkeit anklagen, und ewig wird er mir, ſeiner liebenswuͤrdigen Tochter wegen, ehrwuͤrdig bleiben. Ach, meine theuerſte Freun⸗ din, wenn ihr Vater ſie nur demjenigen, der ihre Hand verdient, zur Gattin geben will, wo wird ſich dann ein Gemahl fuͤr ſie finden? Wenn ich einen ſolchen kennte, ich wurd' ihn ſelbſt auf⸗ ſuchen, und ihm ſagen: ein Gott hat dich fuͤr dies himmliſche Weſen erſchaffen; dein einziges Beſtreben ſei von nun an, ihre Tage zu verſuͤſ⸗ ſen, und den hohen Werth des Kleinodes, das ich dir anvertraut habe, erkennen zu lernen. Mein Herz wuͤrde zwar brechen, aber noch ſter⸗ bend ergozten ſich meineAugen an dem ſůͤſſenSchau⸗ ſpiele ihres haͤuslichen Gluͤkes.— Unſinniger! was ſagſt du? Sophie in den Armen eines an⸗ dern? Schon der Gedanke bringt mich zur Ver⸗ zweiflung, er macht mich ungerecht, aber eine Liebe, gluͤhend, wie die meinige, kennt keine Siererei, und kann die Gefuͤhle ſeines Herzens nicht verſchleiern. Wie ſchwach bin ich, und wie unwürdig des Antheils, den ſie an meinem Schikſale nehmen! Koͤnnen Sie es wohl glauben, meine Sophie, daß ich mich zuweilen über ihren 153 Aufenthalt im Kloſter freue, und mir einbilde, Sie hätten nur aus Liebe zu mir ſich dem Ge⸗ tömmel der Welt entzogen. Ach! wir beide ha⸗ ben unſre beſte Stuͤze verlohren, indem uns der Himmel eine zärtliche Mutter raubte, welche den Zorn des aufgebrachten Gatten endlich be⸗ ſänftigt hätte. Aber ſollten nicht auch wir dies vermogen? Wer will uns dieſe ſuͤſſe Hoffnung rauben? Zwar haben Gluͤk und Gebart eine Scheidewand zwiſchen uns geſtellt, allein die Hand der Liebe, machtiger als Konvenienz, reißt ſie nieder.— ueberſehen Sie nachſichtig den Wahn⸗ ſinn eines Ungläklichen, der ſie durch ſeine kuͤhne anſche beleidigt, bald aber auch ſein unwill⸗ kuhrliches Verbrechen mit dem Tode buͤſſen wird. Vertilgen ſie mich ganz aus ihrem Gedaͤchtniße, meine Sophie, erklären ſie mir freimuͤthig, daß ſie mich vergeſſen haben. Wenn gleich dies ſchrekliche Wort mein Herz zermalmt, ſo wird es mir dennoch willkommen ſeyn, weil es alle meine Leiden endigt. Troſtlos und abgehaͤrmt wank' ich dem Grab entgegen, und nur im kuhlen Schooß der Erde werd' ich die verlehrene Ruhe wieder finden. Die kurze, ſchriftliche Verſicherung, daß ſie mich nicht mehr lieben, bringt mich an dies erflehte Ziel. Doch nein, meine Theure, ant⸗ worten ſie mir gar nicht; ihr Stillſchweigen ſoll mir ſtatt einer Antwort dienen⸗ uñd nun, gu⸗ tes Mädchen, das ich nie wieder ſehen, und noch ſterbend verehren werde, empfange mein leztes Lebewohl! Lebe wohl, auf ewig!« Der Fremde machte waͤhrend dem Diktiren mehrere Pauſen, um mir theils die Abſicht jedes einzelnen Periodens, und die wahrſcheinliche Wirkung zu erklaͤren, den er hervorbringen wuͤr⸗ de, theils aber auch meine Aufmerkſamkeit von gewiſſen andern Stellen abzuleiten. Ich hatte einigemal Anwandlungen von Mitleiden und Ruͤh⸗ rung; dem Fremden war dies unertraͤglich, und er bot allem auf, dieſe menſchliche Regung bei mir zu erſtikken. Dem Briefe mußt' ich noch eine Nachſchrift anhaͤngen, in welcher jedes Wort eine ſchaͤndliche Luge enthielt. Er ließ nemlich Sinval erzählen, wie viele Muͤhe ich mir gege⸗ ben haͤtte, ſeinen Aufenthalt auszukundſchaften; zugleich nannte er mich ſeinen Schuzengel, und den redlichſten, gutmuͤthigſten aller Sterblichen; am Ende ließ der Fremde noch einige Worte zu ſeinem eigenen Lobe einfließen. Der Verabredung gemäs verfügten wir uns nun in das Sprachzimmer. Nie erſchien mir Sophie intereſſanter, aber auch niemals fand ich ſie ſo niedergeſchlagen und nachdenkend. Ich redete ſie an, ſie hoͤrte mich nicht; ich nannte den Namen ihres Geliebten, und aus ihren ſchoͤnen Augen ſtrahlte plozlich ein ungewöhnli⸗ ches Feuer. Ich zeigte ihr den untergeſchobe⸗ 157 nen Brief, ſie nahm ihn nicht, ſie rieß mir denſelben zitternd aus der Hand⸗ „Freundin, liebe, gute Freundin, rief ſie mit einer ſchnellen Bewegung gegen die Supe⸗ riorin aus, der Himmel hat mir das Leben des Geliebten erhalten, er hat meine Gebete erhoͤrt, und giebt mir den Verlohrenen wieder zuruk.« — Von wem ſprechen Sie denn, fragte die Superiorin?— „Van ihm, von ihm! Ach giebt es denn noch einen andern, auſſer ihm, der mir ſo lieb, ſo theuer wäre, wie dieſer? Erlauben Sie mir, ſeinen Brief zu leſen, meine liebe, meine ehr⸗ wuͤrdige Freundin⸗“ — Beduͤrfen Sie hierzu noch meiner Einwil⸗ ligung?— „Gut denn, ich leſ' ihn, Mama! Verzeihen Sie mir dieſen Ausdruk, er ſoll nur meine Lie⸗ be und mein Zutrauen gegen ſie bezeichnen.“ — Ich wuͤnſche, daß dieſer Brief allen Kum⸗ mer von ihrem Herzen waͤlzen moͤchten, den ich troz meiner Bemuͤhung doch nicht zu lindern vermag.— »Wiſſen ſie was, leſen ſie ihn zuerſt, und wenn er nur eine Silbe enthaͤlt, die ihrer So⸗ phie das Blut in die V treiben kdnnte, 158—— wenn Sinval meiner nicht mehr wuͤrdig waͤre, ſo zerreiſſen ſie dies Papier, und zugleich auch mein leidendes Herz.“ — Sie werden die Sprache des Geliebten beſſer verſtehen, als ich, meine Tochter, ich er⸗ laube ihnen daher, das Siegel zu erbrechen.— Kaum hatte ſie dieſe Worte geendigt, ſo war auch ſchon der Brief geoͤffnet, und Thränen der Wehmuth floſſen uͤber Sophiens Wangen. Nach dem ſie denſelben geleſen hatte, uͤberreichte ſie ihn der Superiorin und indem ſich das Mädchen zärt⸗ lich auf ihre Schultern lehnt, laß ſie zum zwei⸗ tenmal dies betruͤgliche Schreiben, welches wech⸗ ſelsweiſe Freude und Schmerz in ihr rege mach⸗ te. Die gute Sophie konnte ſich nicht ſatt daran leſen. „Er leidet, wie ſie, mein armes K Kind, ſagte die Superiorin. Seine Empfindungen ſind ein wenig uͤberſpannt, aber er meynt es ehyrlich, denn dies iſt nicht die Sprache eines Betroͤgers. Der Mund des Fremden verzog ſich zu einem heimtuͤkiſchen Laͤcheln. Ich verfluchte ihn in mei⸗ nem Innern, aber dieſe giftige Schlange hatte mich ſo umſtrikt, daß ich nicht die Kraft mich ihr zu entwinden. „Nicht wahr, meine liebe Freundin, ſagte Sophie, ich werd' ihm wohl antworten muͤſſen““ — — S S— — 8— — — Natuͤrlich.— „Natuͤrlich muß ich das! Leſen Sie nur ein⸗ mal die bedenkliche Stelle: ihr Stillſchweigen ſoll mir ſtatt einer Antwort dienen.⸗“ — Und die noch weit bedenklichere: nur im kuͤhlen Schooß der Erde werd' ich die verlohvrene Ruhe wieder finden.« Dar⸗ zu hat es bei einem ſo jungen Menſchen immer noch Zeit.— „Sie ſcherzen; aber glauben Sie mir, ich kenn' ihn genau. Sterben wuͤrd' er, wenn ich ihn nicht hieruͤber beruhigte.« — Drum ſchreiben ſie ihm auf der Stelle, daß ſie in ſechs Monaten ein Geluͤbd ablegen, welches ihn aller Hoffnung auf ihre Hand be⸗ raubt.— „Nein, nein, das ſchreib' ich nicht!e — Dann beluͤgen Sie ihn.— „Beluͤgt man auch Perſonen, dis uns thener ſind? Hab' ich ſie zum Beiſpiel jemals betrogen? Nein, nein, unter dieſen Umſtaͤnden werd' ich wahrhaftig keine Nonne!— Doch, da ſteh' ich hin, und anſtatt ihm zu antworten, verplaudr' ich die lobe Zeit.“ Sie eilte fort, ohne auf mich, troz dem ſau⸗ bern Poſtſtript, nur die mindeſte Rüſicht zu neh⸗ 160 Sn men. Die Superiorin ſuchte das verliebte Maͤd⸗ chen deshalb bei mir zu entſchuldigen, aber bei der Erbitterung und dem Neid gegen Sinval im Herzen, erwiederte ich ihre Hoͤſlichkeit auf eine ziemlich linke Art. Sie rechnete mir mein zar⸗ tes Verfahren zum Verdienſt an, und als ſie die Schaamroͤthe, welche mir das Gefuͤhl meiner Nichtswuͤrdigkeit ins Geſicht lagte, gewahr wur⸗ de, war ſie gutmuͤthig genug, mir dies als eine Beſcheidenheit auszulegen. Jezt ſollt'ich ihr eine umſtändliche Erzaͤhlung machen, wie ich Sinvals Aufenthalt entdekt haͤtte; in dieſer Verlegenheit nahm der Fremde fuͤr mich das Wort, und er⸗ fand in der Eile einen ziemlich wahrſcheinlichen Romanen, welchen die gute Kloſterfrau geruͤhrt anhoͤrte, und ihm vollkommen Glauben beimaß⸗ Nach Verfluß von einer kleinen halben Stun⸗ de kam Sophie mit einer heitern und laͤchelnden Miene wieder zu uns. War ſie ſchoͤn in ihrem Schmerz, ſo war ſie jezt in der Freude unwie⸗ derſtehlich. Miesmal erinnerte ſie ſich doch ge⸗ faͤlligſt, daß ſie mir einige Erkenntlichkeit ſchuldig ſei. Der leidenſchaftliche Ton ihrer Stimme, ihre naive Ausdruͤke, ihre einſchmeichelnde Blike verwirrten, entzukten mich in der einen Minute, in der andern trieben ſie mich zur Verzweiflung⸗ Sie zeigte der Superiorin ihre Antwort, dieſe aber ſchloß den Brief zu, ohne ihn vorher gele⸗ ſen zu haben⸗ — c„— „Die Adreße hab' ich nicht machen koͤnnen, weil er mir ſeinen Wohnort anzuzeigen vergaß.«“ — Macht nichts, fiel ich ihr ſchnell in die Rede,— Der Brief ſoll richeig beſtellt werden.— „Ich uͤberſchrieb ihn nur kurz: an Sinval, meinen Vielgeliebten, denn ich wuͤnſchte, daß er gleich beim erſten Anblik meines Briefes bernhigt wuͤrde. Ach! wenn er ihn nur recht bald erhaͤlt“« — Laͤngſtens in zwei Tagen.— „Zwei Tage? O weh, o weh! dann wieder zwei Tage, biß ich Antwort bekomme, das iſt eine Ewigkeit!« — Vielleicht kann ich die Zeit abkuͤrzen.— „O ja, ich bitte darum. Neiſen ſie doch gleich ab, ich will ſie dann recht lieb haben, wie meinen Bruder;z ich will ſie als meinen Wohlthaͤ⸗ ter verehren.“ Der Fremde, aus Furcht, ich Kct durch verkehrte Antworten den Betrug verrathen, be⸗ deutete mir nun, daß es Zeit zum Weggehen ſei. Sophie benahm ſich beim Abſchied ſehr freund⸗ lich gegen mich, und erſuchte mich dringend., ſo⸗ bald ich Antwort erhalten haͤtte, ſie ſtleic wie⸗ der zu 166 „Laſſen Sie doch einmal das Schreiben des huͤbſchen Kindes ſehen, ſagte der Fremde, ſobald wir uns auſſerhalb des Kloſterbezirkes befanden, — ich werde von Tag zu Tag toller in das Maͤd⸗ chen verliebt.“ Der Schluß ſeines Periodens wollte mir gar nicht zu Kopfe, aber ich huͤtete mich wohl, mei⸗ ne Empfindung laut werden zu laſſen. Er oͤffnete den Brief, den ich hier woͤrtlich dem Leſer mit⸗ theile. „Sterben wollen Sie, und wiſſen, daß ihre Sophie noch lebt! Ach, ſchon laͤngſt wuͤrd' auch ich nicht mehr ſeyn, wenn mich nicht, der Gedanke, daß ſie mich liebten, aufgerichtet haͤtte. Warum, mein boͤſer Freund, laſſen ſie ſich nicht die Ge⸗ rechtigkeit wiederfahren, daß ich ihnen ſo man⸗ ches Vergnuͤgen zu verdanken habe? und daraus, daß ſie noch an meinem Herzen zweifeln koͤnnen, erſeh' ich, daß ſie mir nicht ſo aufrichtig ergeben ſind, wie ich ihnen. Jeder meiner Gedanken war waͤhrelb ihrer langen Abweſenheit auf ſie gerichtet, Den Beweggrund ihrer Entfernung wollte mir niemand erklaͤren, aber ich hab' ihn errathen, Sinval, und ich bin ſtolz darauf. Unſre Herzen verſtehen ſich, und was auch Men⸗ ſchen mit thren Konvenienzen dagegen einwenden moͤgen, wir ſind doch fuͤr einander geſchaffen⸗ Fuͤnftig alſo mein Freund nichts mehr von Gluͤk — p„„—— —— 163 und Geburt, ich haſſe, ich verabſcheue dieſe zu⸗ faͤllige Geſchenke, die mich ungluͤklich gemacht haben. Mir ahnet eine baldige Vereinigung. Mein Vater ſchaͤzt ſie, davon bin ich ſo innig, als von ſeiner Liebe gegen mich überzeugt, und wegen elender Vorurtheile, kann er das Gluk zweier guten Menſchen als ehrlicher Mann und gefuͤhlvoller Vater nicht zu verhindern ſuchen. In drei Monaten kommt er zuruk, dann wollen wir Hand in Hand vor ihn treten, und uns zu ſeinen Fuͤſſen werfen. Ach! ich bin in dieſem Augenblik unausſprechlich vergnuͤgt, da ich weiß, daß ſie nicht mehr ſo weit von mir entfernt ſind; aber dieſe Freude wird nur von kurzer Dauer ſeyn, wenn ſie mir nicht die Ver⸗ ſicherung geben, daß ſie dieſelbe mit mir theilen wollen. Warum denn an einem fremden Orte leben, mein Freund? Ob tauſend oder nur eine Meile uns trennen, mein Wunſch, ſie zu ſehen, wird auf dieſe Art doch nicht erfuͤllt. Drum kom⸗ men ſie nach Orleans zuruͤk, ich bitte ſie, ich befehl' es ihnen. Befehlen?— wi kindiſch ich ſchwaze! Wer giebt mir das Recht darzu, ihnen zu befehlen? Alſo nur bitten will ich ſie, beſu⸗ chen ſie mich recht bald; ich verlaſſe das Kloſter, ich werfe den Schleier von mir, den ich nur aus Kummer und Verzweiflung angenommen habe⸗ Der ganzen Welt will ich es freimuͤthig geſtehen, daß ich ſie anbete, denn es iſt mein Wunſch, L3 164 daß es jedermann weiß. Meine Liebe zu Ihnen kann nicht ſtrafbar ſeyn, da meine Freundin, die Superitvin des Kloſters ſie billigt, vielmehr iſt ſie eine Eingebung des Himmels, und dieſer muß man gehorchen, denn das wiederholt ſie mir alle Tage. Von jeher widerſezte ſie ſich dem thorichten Entſchluße, mich in ein Kloſter zu be⸗ graben, und es iſt ihr ausdruͤklicher Wille, daß ich nur ihnen meine Tage wiedmen ſoll. Ohne die Freundſchaft dieſer guten Frau lebt, ich wahr⸗ ſcheinlich nicht mehr, und wenn ſie ihre Befuche bei mir mißbilligte, ſo wuͤrde ſie mir es zuver⸗ laͤſig geradezu ſagen; ſchreiben koͤnnen ſie mir aber auf jeden Fall, ſo oft ſie wollen. Auf der Zinne unſres Kloſters iſt ein Fenſter, von wo aus man die ganze Straſſe uͤberſchauen kann; dort verweilt' ich ſeit ſechs Monaten oft ganze Tage, in der Hoffnung, ſie von weitem zu er⸗ bliken; aber leider ſah ich meinen Wn nſch noch immer nicht erfuͤllt. Vergebens ſpaͤht ich nach allen Seiten umher, ich habe nichts entdekt, unerachtet ich ſie unter tauſenden herausfinden wollte; denn kein anderer hat den Gang, den Wuchs, den ſeelenvollen Blik, wie ſie. Nur eine minutenlange Unterhaltung wird das Andenken an die vielen ſchmerzvoll durchſeufzten Tage ver⸗ tilgen. Drum eilen Sie, mein Freund, wenn mich die Ungedult nicht todten ſoll, und ihnen die Ruhe ihrer Sophie noch einigermaßen theuer iſt.« „ ————— 2 — Zum Henker mit e Naͤrrin! rief der Fremde, nachdem er den Brief geleſen hatte. Was das Maͤdchen verliebt iſt, wie ſie mit Leib und Seele an ihm haͤngt!— Deſto beſſer, eine Schwärmerin kann man zu allem verleiten.—— Wenn nur die Betſchweſter nicht ihre Vertraute waͤre, dann ſollte ſie mir, noch ehe acht Tage vergehen, an einer Leiter uͤber die Mauren des Kloſters ſteigen, das ihr nun auf einmal in den Tod zuwider iſt.— Wer haͤtte ſich das traͤumen laſſen, daß ſie einer Superiorin einen Liebesbrief mittheilen wuͤrde? Jezt muͤſſen wir aber Piano gehen; ein gewagter Vorſchlag wuͤrde die Nonne erſchreken, und wenn wir auf eine naͤchtliche Zu⸗ ſammenkunft draͤngen, ſo wuͤrde ihr Gewiſſen vollends rebelliſch werden. Bis hieher war uns die ehrwuͤrdige Matrone nuͤzlich, nun aber ſteht ſie uns im Weg, man ſollte ſich alſo die Ueber⸗ läſtige vom Hals zu ſchaffen ſuchen.— „Das moͤchte freilich etwas ſchwer ſeyn.« — Nichts leichter von der Welt; wenn Freund Hain allenfalls den Vermittler machen wollte.— Er mußte mir's angemerkt haben, wie ſehr mich dieſer Gedanke empoͤrte. „Ruhig, mein Schaz, fuhr er lachend fort, von Wuͤnſchen ſtirbt niemand; uͤbrigens waͤr' es der kluͤgſte Streich vom Zufall, wenn es ihnen 166 anders Ernſt iſt, ihren Zwek zu erreichen. Ich kenne die Supericrin, ſie iſt ſo gefällig, daß ſie ohne weiteres dem pedantiſchen Sinval den Zutritt am Sprachgitter verſtattet, und dann ſind alle unſre ſeitherige Bemuͤhungen vergebens. Sehen ſie, mein Freund, nur Hinderniſſe kön⸗ nen ein junges Maͤdchen zu dummen Streichen verleiten, aber wenn wir nicht eine andere Ord⸗ nung einfuͤhren, ſo geht hier alles auf dem ge⸗ wohnten Wege fort. Beſinnen ſie ſich, faͤllt ihnen nicht auch einmal etwas kluges bei?“ — Auf Ehre nichts.“— „Das iſt doch aͤrgerlich!« So geſchikt gewoͤhnlich der Fremde in Auffin⸗ dung der zwekmaͤſigſten Mitteln war, ſo bot ihm doch gegenwaͤrtig ſein fruchtbares Genie keines dar, welches er mir mitzutheilen fuͤr rathſam hielt. Er beſann ſich lange mit der groͤßten An⸗ ſtrengung; bald gieng er mit groſſen Schritten im Zimmer auf und nieder, bald blieb er ſtehen, und ſtampfte vor Wuth mit den Füſſen. Eini⸗ ge Worte, die er von Zeit zu Zeit ausſtieß, ent⸗ hullten mir ſeinen Plan auf Sophien. Nur um ſie ihm in die Haͤnde zu liefern, ſollt' ich zum Verbrecher herabſinken, und das Madchen ent⸗ fuͤhren. Auf einen Augenblik kehrte mein guter Engel zurk, und ſchon war ich entſchloſſen, Sinvai aufzuſuchen, und ihm den Brief ſeiner —— „ 4 * Geliebtin zuzuſtellen; aber falſche Schaam, oder vielmehr meine unſelige Leidenſchaft druͤkte die beſſere Empfindungen, die wie ein Blizſtrahl meine Seele erleuchteten, wieder zu Boden. Das Bild der jungen Novizin verfolgte mich auf allen meinen Schritten, und, zu tief geſunken, um nach dem Beſiz ihres Herzens zu ringen, war ich ein Sklave der verworfenſten Sinnlichkeit. Zwei volle Tage vergiengen mir unter dieſen ſtuͤrmiſchen Gemuͤthsbewungen, aber auch der Fremde war nicht ruhiger. Die Eiferſucht mach⸗ te mir ihn verhaßt, und doch vermocht' ich es nicht, mich von ihm zu trennen. Ich erwartete Huͤlfe von ſeiner Argliſt, billigte zum voraus alle ſeine Maasregeln, und er, den ich nun ganz durchſchaute, hielt mich fuͤr verdorben genug, daß er waͤhnte, er konne mich zu allem misbrau⸗ chen. Gerechter Gott, welch ein ſchrekliches Pro⸗ jekt entwarf dieſer abſcheuliche Menſch! Er wil⸗ ligte ein, daß ich zuerſt dieſe liebliche Blume brechen, und ſie dann ihm uͤberliefern ſollte. Von dieſem tugendhaften Geſchoͤpf verſprach er ſich den koͤſtlichſten Genuß, auch wenn ſie ſterbend unter ſeinen Haͤnden den lezten Athem aushau⸗ chen wuͤrde. Vergieb mir Leſer, wenn ich dein Aug mit der Skizze dieſes ſcheußlichen Gemaͤhl⸗ des beleidige, aber haͤtteſt du dieſen ſchreklichen Menſchen gekannt, du wuͤrdeſt die Zuͤge meines Pinſels noch matt und beſcheiden finden. Wir brannten beide vor Ungedult, Sophien wieder zu ſehen, und giengen daher drei Tage nach unſrem lezten Beſuch in das Kloſter. Unſre erſte Frage war nach der Superiorin.— Ach, ſagte die Pfoͤrtnerin, die gute Dame liegt ſeit geſtern Abend an einem Fieber gefaͤhrlich krank, das von den fuͤrchterlichſten Simptomen begleitet iſt.— Dieſe Rachricht uͤberraſchte mich unbe⸗ ſchreiblich, weil ſie eine Perſon betraf, die ich emn hochſchäzte. „Da haben ſie ein neues Beiſpiel, ſagte der Fremde auf der Straſſe triumphirend zu mir, wie der Himmel die Unſchuld beſchuͤzt. Sophie kann uns jezt nicht mehr entrinnen, ihr Schikſal iſt in unſern Haͤnden. Wir koͤnnen ſchreiben und thun, was wir wollen, und als Schopfer des Romans den Gang deſſelbigen leiten, den Faden weiter ausſpinnen, oder ihn abſchneiden, je nachdem wir es fuͤr gut finden. Nun ſind wir doch Gott ſei Dank der uͤberläſtigen Vertrautin los, und da unſre weiche Schoͤne ſich ſelbſt uͤber⸗ laſſen iſt, ſo wird ſie nur der Stimme ihrer Lei⸗ denſchaft Gehoͤr geben, und was wir ihr im Na⸗ men ihres Vielgeliebten vorſchreiben, genau be⸗ folgen. Denken ſie an mich, laͤngſtens in acht Tagen geht ſie mit uns bis an der Welt Ende.“ — Wie das?— — — 169 „Morgen erhaͤlt Sophie die ſehnlich erwartete Antwort, worzu wir in ihrem lezten Briefe hin⸗ tänglichen Stoff finden. Sie werden ſich erin⸗ nern, daß ſie ihren Geliebten auffordert, ſie zu beſuchen? Das laͤßt ſich jezt begreiflich nicht mehr ausführen, denn eine neue Superiorin wird nicht mehr ſo nachſichtig ſeyn, wie die vorige, und das iſt es eben, was wir wollen⸗ Wir ſchlagen Sophien im Namen ihres Geliebten eine nächtliche Zuſammenkunft im Garten vor, und voll Zutrauen auf ſeine Beſcheidenheit nimmt ſie das Abentheuer an. Mit eigenen Haͤnden offnet dies argwohnloſe Geſchopf das kleine Pfoͤrt⸗ chen, wo ſchon in einiger Entfernung eine Poſt⸗ chaiſe bereit ſteht. Man ſchleppt ſie mit Gewalt hinein, und trift die nothigen Maasregeln, daß ſie nicht ſchreien kann. Jezt mag ſie in Gottes⸗ namen in Ohnmacht fallen, ſo viel ſie will, wir behalten unſte fuͤnf Sinne, und ehe der Mor⸗ gen graut, ſind wir ſchon zehn Meilen von hier in Sicherheit, und befinden uns in einer reisen⸗ den Einſiedelei, über die ich unumſchraͤnkt zu ge⸗ bieten habe, und wohin noch kein ungeweihtes Auge gedrungen iſt.“ — Aber wie kann man ihr den Brief zu⸗ ſiellen, ohne daß er in die Haͤnde der zahlloſen Aufpaßerinnen fällt, von denen das ganze Klo⸗ ſter wimmelt?— * „Man erkundigt ſich nach dem Befinden der Kranken, und uͤbergiebt bei dieſer Gelegenheit der Pfoͤrtnerin ein Erbauungsbuch an Schweſter Sophie. In die ueberdeke praktiziren wir zu⸗ vor ein kleines Briefchen hinein. Sophie ver⸗ ſteht das Italieniſche; ſie ſchreiben daher auf den Umſchlag nur die drei Worte: Sotto el coper- chio, und ohne lang zu ſuchen, findet ſie den längſt erwarteten Brief. In dieſem rathen ſie ihr, kuͤnftighin die Antworten an einen Faden zu befeſtigen, und ſie durch das Fenſterchen in ih⸗ rer Selle, welches auf die Straſſe geht, herab zu laſſen. Um Mitternacht,— ſo ſchreiben ſie, — wuͤrde dann ihr Geliebter, den wir nach Or⸗ leans gebracht hätten, ſelbſt kommen, und den Brief am beſtimmten Orte abhohlen. Die Dun⸗ kelheit der Nacht erlaubt ihnen, ſeine Rolle zu ſpielen, und auf dieſe Weiſe können wir die Kor⸗ reſpondenz vortreflich fortſezen. Rechnen ſie noch das hinzu, daß das huͤbſche Mädchen romanhafte Grillen im Kopfe naͤhrt, ſo werden ſie finden, daß es uns ein Leichtes iſt, ihr denſelben vollends zu berwirren, und baͤlder oder ſpaͤter das er⸗ wuͤnſchte Ziel zu erreichen.“ Getreulich befolgt' ich den Rath des Frem⸗ den, um den Brief, den er mir in die Feder diktirte, an den Ort ſeiner Beſtimmung zu brin⸗ gen; allein ohne ſein Vorwiſſen erlaubt' ich mir eine Abaͤnderung, durch die ich den abgefeimten Schurken uͤberliſtete. Ich wieß nehmlich Sophien einen großen Stein an, welcher dem KFloſtergar⸗ ten zur Thuͤrſchwelle diente, und in einer wenig gangbaren Straſſe lag, unter dem ich die Antworten zu finden hofte. Der Fremde argwoͤhnte nicht das mindeſte, und tappte blindlings in die Falle. Mehrere Naͤchte hinter einander giengen wir un⸗ ter das bezeichnete Fenſter, allein es blieb ver⸗ ſchloſſen. Der Fremde verfluchte die Zaghaftig⸗ keit der kleinen Betſchweſter, er fluchte uͤber ſich ſelbſt, daß es ihm nicht gelingen wollte, das unſchuldige Maͤdchen ſeinen Luͤſten aufzuop⸗ fern.— Doch war ich etwa beſſer, als er? Jezt, da ſch mit kaltem Blute daran denke, errdth' ich uber mein damaliges ſchändliches Verfahren. Das uebermaaß der Leidenſchaft kann mich nicht entſchuldigen, auch ſagte mir das zu jener Zeit mein eigenes Gewiſſen, aber ich war nicht ſtark genug, auf den Pfad der Tugend zuräk zu kehren. Sobald ſich der Fremde auf ſein Zimmer begeben hatte, verließ ich das meinige. Der Hausknecht des Gaſthofes, in welchem wir wohnten, ſchloß mir die Thüre auf, und gegen ein gutes Trink⸗ geld wartete er bis zu meiner Zuruͤkkunft auf mich, und verſchwieg meine naͤchtliche Wande⸗ rung. Jeder Brief von Sophien vermehrte meine Liebe zu dieſem Mädchen, und da ſie meiner in denenſelben gewoͤhnlich und zwar immer ſehr vor⸗ theilhaft erwaͤhnte, ſo uͤberredete ich mich, daß ſie mir dieſen unſchuldigen Betrug, wie ich es nannte, in der Frlge gerne verzeihen wuͤrde. Eines Tages begegnete ich Siiwal. Sein blaſſes, von Kummer entſtelltes Geſicht flößte mir inniges Mitleiden ein. Wär' ich nicht in Geſellſchaft des Fremden geweſen, ich glaube, ich wurde ihm im erſten Augenblik meine ganze Treuloſigkeit eingeſtanden haben. Wir erfuhren von ihm, daß ihn die Krankheit ſeines Wohlthaͤ⸗ ters, welcher nunmehr geſtorben ſei, ſeither von einem Beſuch bei uns abgehalten habe.— Er hat mir ſein ganzes Vermoͤgen durch ein Teſta⸗ ment vermacht, ſo ſchloß er ſeine Rede, und ich ſuche jezt zu erfahren, ob ſich nicht einige Ver⸗ wandte finden, welche ein näheres Recht an die Erbſchaft haben moͤchten; denn dieſer Reichthum wäre mir zur Laſt, wenn irgend ein ungluklicher, wegen der beſondern Freundſchaft des Verſtorbe⸗ nen gegen mich, im Elend ſchmachten muͤßte. „Ei, ei, verſezte der Fremde, man muß das Gluk nicht muthwillig mit Füſſen treten, denn jezt, da ſie reich ſind, wird Sophiens Vater ihre Wuͤnſche nicht unerfullt laſſen.« — Schweigen wir davon. Ich will die Hand meiner Geliebtin nie durch ſchaͤndliche Mittel er⸗ langen, und ich weiß zuverlaͤſig, daß ihr der Tu⸗ gendhafte im Gewande der Armuth weit ehrwuͤr⸗ diger iſt, als ein elender Räuber und der glön⸗ zendſte Boͤſewicht.— „Sie uͤbertreiben die Delikateſſe, mein Freund⸗ Bedenken Sie nur, daß Herr Duͤplant ſeinen ganzen Reichthum theils durch eigenen Fleiß, theils durch ihre Bemuͤhung errungen hat. Nun kann aber doch ein entfernter Seitenverwandter, der ſich nie um den Verſtorbenen bekuͤmmerte, zuverlaͤſig keinen ſo gegrundeten Anſpruch auf die Pinterlaſſenſchaft haben, als der Freund, weicher das ſeinige zum Erwerb derſelben beitrug, und bis zum lezten Augenblik, ohne Furcht durch Nachtwachen ſeine Geſundheit zu untergraben, redlich bei dem Verewigten aushielt. Vergeſſen Sie auch das nicht, daß Sophie ſie noch immer liebt, daß ich ferner den Marquis von Bellecour zu ihrem Beſten geſtimmt habe, und daß dieſe unerwartete Erbſchaft ihnen alſo die Geliebtin um vieles naͤher bringt.«“ — Es iſt grauſam, mich zu einer Ungerech⸗ tigkeit verleiten zu wollen.— „Ungerechtigkeit! wie ſie auch alles gleich ſo hart auslegen Gluklich will ich ſie machen, und ich moͤcht' endlich die Thränen der Schwermuth von den Wangen des reizendſten und treflichſten aller Maͤdchen troknen. Vereinigen ſie die Liebe mit der gewiſſenhafteſton Redlichkeit; ſuchen ſie, was 174— ihnen ihr Herz gebietet, und wenn ſie dann einen ungluͤklichen Biedermann, der im Elende ſchmach⸗ tet, gefunden haben, ſo unterſtuͤzen ſie ihn, aber berauben ſie ſich nicht der Gelegenheit, die Geliebte als Gattin zu erhalten. In der Folge ſteht es dann immer noch bei ihnen, gegen die Verwandte, wenn ſich ja noch einige finden ſoll⸗ ten, ſo großmuͤthig zu ſeyn, als es ihnen be⸗ liebt. Jene werden Ihnen Dank wiſſen, daß ſie ſich ihrer im Gluͤk erinnerten, und werden zu⸗ verlaͤſig nicht mehr von ihnen verlangen, als was ihr eigner guter Wille iſt, denn das iſt ein Opfer, welches ihnen kein anderer gebracht haͤt⸗ te, und das ihnen die Hochachtung aller Men⸗ ſchen erwerben muß. Uebrigens vergeſſen ſie, wie geſagt, nie, daß ich ein vertrauter Freund des Marquis von Bellecour bin, der ſein Anſehn nur dazu verwenden wird, zwei ſo liebenswuͤrdige Geſchoͤpfe auf ewig mit einander zu vereinigen.“ Sinval umarmte den Fremden mit dem Ge⸗ fuhl der innigſten Dankbarkeit, und verließ uns. Ich war ganz erſtaunt uͤber das unerwartet groß⸗ muͤthige Benehmen dieſes Menſchen. Dieſe pldz⸗ liche Veraͤnderung ſchien mir unnatuͤrlich, un⸗ faßlich, und ich verwuͤnſchte in meinem Innern die Gutmuͤthigkeit des Fremden, durch die er auf einmal alle meine ſtrafbare Hoffnungen zer⸗ ſtorte, und mich der Schande uͤber meine eigene — 175 Niedertraͤchtigkeit Preiß gab. Dennoch war ich ſo weit Herr uͤber mich, daß ich ihm daruͤber mein Kompliment machte. „Ich handle meinen Grundſaͤzen gemaͤs, er⸗ wiederte er, ohne das Ziel aus den Augen zu verlieren; uͤberdieß bleibt mir noch der Ruhm, eine Verbindung bewerkſtelligt zu haben, die auch ohne mich zu ſtande gekommen waͤre. Sophien ihrem Kloſter entziehen, iſt unmoͤglich, deſto leich⸗ ter hintergeht man einſt den argwohnloſen Gat⸗ ten, und als Freund vom Hauſe kann ich ja den guͤnſtigen Augenblik abpaſſen.“ — Wie ſteht es aber mit den untergeſcho⸗ benen Briefen?— „Auch dieſe gereichen mir zur Ehre; es war nichts mehr und nichts weniger, als eine unſchul⸗ dige Liſt, Sophien in den guͤnſtigen Geſinnungen gegen Sinval zu unterhalten, und ſie vor der Verfuͤhrung der Nonnen zu bewahren.“ Das Wort im Mund erſtarrt mir bei Anhoͤ⸗ rung dieſer abgefeimten Boöheit; denn das haͤß⸗ liche der ganzen Geſchichte fiel nun auf mich zu⸗ ruͤk. Vor Schaam und Verzweiflung gerieth ich auſſer mir; ich wollte die Flucht ergreifen, aber eine unwiderſtehliche Gewalt feſſelte mich an Or⸗ leans. Ich wußte mir weder zu rathen, noch zu helfen, und mußte drei Tage krank zu Hauſe 176— bleiben; den vierten trat ich bei Nacht wider meinen gewohnten Spaziergang an. Als ich mich der Gartenthoͤre des Kloſters näherte, glaubt' ich einen tief in ſeinen Mantel verhuͤllten Men⸗ ſchen gewahr zu werden, der ſich bei meiner An⸗ räherung entfernte. An der bezeichneten Stelle fand ich einen Vrief, und als ich mich mit dem⸗ ſelben davon machen wollte, erblikt' ich den Ver⸗ mummten aufs neue in einem Winkel der Straße. Er machte Miene, auf mich loszugehen, ich ſchlug ſchnell einen andern Weg ein. Schuͤchtern ſah ich mich von Zeit zu Zeit um, und bemerk⸗ te, daß er mir auf dem Fuſſe nachfolgte; daher verdoppelte ich meine Schritte, und verlor ihn endlich zu meiner Beruhigung ganz aus dem Geſicht. Ich muthmaßte, daß es ein Straſſen⸗ raͤuber geweſen ſei, der mich pluͤndern wollte. Sobald ich auf meinem Zimmer angekommen war, oͤffnete ich haſtig Sophiens Brief, und las folgendes beim matten Schimmer meines Nacht⸗ lichtes. „Ich ſtehe am Rande der Verzweiflung, und ſie verlaſſen mich. Ach jene troͤſtende Freundin, die mich im Kummer liebreich aufrichtete, iſt nicht mehr. In meinen Armen hat ſie ihren Geiſt aufgegeben, und ihr lezter Gedanke waren ſie, mein Geliebter!—— Verlaſſen ſie einen Aufenthalt, welcher nicht fur ſie taugt, ſagte die Sterbende zu mir, verlaſſen ſie dies Kloſter, und beſtreben ſie ſich, das Gluͤk desenigen zu befoͤrdern, der es ſo ſehr um ſie verdient hat.— — Aber, mein Theuerſter, noch kennen ſie das ganze Maas meiner Leiden nicht; die Nach⸗ folgerin unſerer verewigten Freundin weiß um meine Liebe, und macht mir ein Verbrechen dar⸗ aus. Jeder meiner Schritte wird beobachtet, und man behandelt mich mit einer Haͤrte, die nur dem Scheinheiligen eigen iſt. Sogar der Eingang in den Garten iſt mir verboten, und nur dann, wenn alles ſchlaͤft, ſchleich' ich mich hinuntet in der Stille und Dunkelheit der Nacht. Geſtern wurd' ich beinah durch den Gaͤrtner entdekt, und mußte mich drei volle Stunden hinter einer Hagebuche verſtekt halten; endlich kam ich mit klopfendem Herzen und ſtarrend vor Kaͤlte, auf meiner Zelle an. Ach was wuͤrde aus mir wer⸗ den, wenn man mich noch des lezten Troſtes, mich ſchriftlich mit ihnen zu unterhalten, beraub⸗ te. Seit zwei Nächten ſchleich' ich in den fin⸗ ſtern Kloſtergaͤngen umher, um in den Garten zu kommen; an allen Zellen der Nonnen muß ich voruͤber gehen, und wenn man mich mit einem Briefe ertappte, ſo wuͤrd' ich auf's grau⸗ ſamſte gezuchtigt, und wahrſcheinlich auf lange Zeit in ein unterirrdiſches Gefaͤngniß geſperrtz dennoch macht' ich ſchon zweimal dieſen gefäͤhr⸗ Das Kind. ⁊. M lichen Weg, aber immer fand ich meine Briefe noch an der alten Stelle. Noch einmal will ich einen Verſuch wagen, aber ich bin untroͤſtlich, wenn ſie auch dies Schreiben nicht erhalten. Sind ſie etwa krank, mein Freund, oder lieben ſie ihre Sophie nicht mehr? O guter Gott, ma⸗ che doch, daß mein Sinval dies Schreiben er— haͤlt! Tauſend Plane gehen mir durch den Kopf, die ich dem Papier nicht anvertrauen kann. Wenn dieſer Brief in fremde Haͤnde gerathen ſollte, ſo hab' ich ſchon zu viel geſagt, aber auch viel zu wenig, wenn ſie ihn richtig erhalten. Ha⸗ ben ſie Mitleiden mit einer Ungluklichen, welche das Uebermaaß der Leiden zu Boden dräkt. Er⸗ theilen ſie mir Rath und Troſt, denn ich bin uͤberzeugt, was ſie mir rathen, iſt gut und edel. Die Lage der Umſtaͤnde muß meine Kuͤhnheit ent⸗ „ſchuldigen, und ſie werden ihre Sophie nicht darum tadeln, wenn ſie ſich nach einer kurzen muͤndlichen Unterredung mit ihnen ſehnt. Fin⸗ den ſie ſich, wo möglich, morgen um Mitter⸗ nacht ein, ich habe mich des Schluſſels zu der Gartenthuͤre bemaͤchtigt, der, weil man ihn ſel⸗ ten gebraucht, wahrſcheinlich auch nicht vermißt wird. Ihnen, mein guter Sinval, vertrau' ich mich ohne Mistrauen an, und ſie ſollen mir ſa⸗ gen, was ich zu thun habe. Sie verehren die Tugend, wie ich, und nach dieſer ſind ſie mir das Theuerſte auf der Welt. Entſchuldigen ſie 179 die Verwirrung, welche in meinem Briefe herrſcht; aber ein Verzweifelter weißt nicht, wie er ſeine Gedanken ordnen ſoll. Ich uͤberlaſſe mich willig meinem Herzen; wenn dieſes m ich irre fuͤhrt, ſo verdien' ich wenigſtens ihr Mitleiden, und das werden ſie ihrer armen Freundin nicht verſagen« Jung und verdorben, wie ich war, bildete ich mir ein, daß ich bei der nächtlichen Zuſam⸗ menkunft die kritiſche Lage der ungluͤklichen So⸗ phie zu meinem Vortheil wuͤrde mißbrauchen koͤn⸗ nen. Ich ſchmeichelte mir mit der Woglichkeit, daß ſie entweder den Tanſch eingehen, und ſich fuͤr meine Liebe intereſſiren wuͤrde, oder daß ich doch wenigſtens aus ihrem Mißverſtaͤndniß Nuzen ziehen koͤnnte. Der Fremde hatte mich in der Verſtellungskunſt hinlaͤnglich unterrichtet. Alle Mittel, ſie zur Flucht zu bewegen, ſchienen mir erlaubt, auf welche Art ich aber meinen Zwek erreichen ſollte, das uͤberließ ich dem Zufall. An dem beſtimmten Tage miethete ich eine Chaiſe mit zwei Pferden, und befahl dem Kut⸗ ſcher, punkt ein Uhr des Morgens ſich fertig zu halten. Mit Ungedult erwartete ich den Augen⸗ blik, wo ſich Sophie im Garten einfinden woll⸗ te. Das Abentheuer der vorigen Nacht bewog mich, ein paar ſcharf geladene Piſtolen zu mir zu ſteken. Es war ungewoͤhnlich finſter, und M 2 1860 die ſchweren Wolken, welche den Horizont um⸗ hoͤllten, verkundigten eine ſtuͤrmiſche Nacht. Mit vorgehaltenen Haͤnden ſucht' ich den Kloſtergarten auf. Als ich dort ankam, ſtieß ich an das Pfort⸗ chen, es war geoͤffnet. Ich gab ein leiſes Zei⸗ chen meiner Ankunft, welches eben ſo vorſichtig beantwortet wurde. Sophie trat aus einer Laube hervor; ſie nannte den Namen Sinval, mit ge⸗ daͤmpfter Stimme nenn' ich den ihrigen; ſprach⸗ los und zitternd lag ſie in meinen Armen. Ich druͤke einen brennenden Kuß auf ihre Lippen, ohne daß ſie Widerſtand leiſtete. Ich wollte den Augenblik des Entzukens benuzen; vergebens widerſezte ſie ſich, ich wurde nur noch kuͤhner und feuriger. „Grauſamer Sinval, rief ſie aus, morde deine Geliebte, nur beſchimpfe ſie nicht!“ Trunken und aller Beſinnung beraubt preß' ich meine Hand auf ihren Mund, um ihr Geſchrei zu erſtiken; ihre Stimme wurde nur noch durch⸗ dringender. Eben war ich im Begriff, mich von ihr zu entfernen, als ich durch einen ſtarken Arm ſo heftig zuruͤkgeſtoſſen wurde, daß ich mich kaum noch an einem Baum vor dem Falle ſchuͤzen konnte. Ich glaubte in der Hand des Unbekannten einen Degen gewahr zu werden, und ohne mich lange zu beſinnen, ſpann' ich —*— den Hahnen, und draͤke das Piſtol ab. Beim Ausbruch des Feuers erkenn' ich Sinval; mir war's, als ob er wankte. Ich ſtand nur we⸗ nige Schritte von der halboffenen Thuͤr ent⸗ fernt; ich ſtuͤrze auf die Straſſe hinaus, und ohne zu wiſſen wohin, lauf' ich fort, ſo weit mich meine Fuͤſſe tragen⸗ Achtes Kapitel. Meine Flucht⸗ J war auf offenem Felde, die Stadt kag hinter mir, aber mein Gewiſſen, der ſichere Gefaͤhrte jedes Verbrechers, jagte mich immer vorwärts. Vor jedem Strauche bebt' ich ſcheu zuruͤk, und uͤberall glaubt' ich Bewafnete zu er⸗ bliken, welche mich verfolgten. Regenſtroͤme ſtürzten aus den Wolken herab, über mir bruͤllte der Donner des Himmels, mein Herz war von Todesſchreken geaͤngſtigt. Zehn Schritte vor mir ſchlug der Bliz in eine Eiche, unter die ich mich eben flächten wollte, und krachend ſtuͤrzte ſie zu Boden. Verzweiflungsvoll warf' ich mich auf die Kniee, ich breite die Arme gen Him⸗ mel, und verſuch' es, zu beten; da iſt mir, als hor' ich Sinvals Stimme, und ſinnlos ſtuͤrz' ich mit dem Geſicht auf die Erde. Als ich mich wieder von meinem Schreken erhohlt hatte, zuälten mich tauſend niederſchlagende Betrach⸗ tungen. Ich fuͤhlte die Stacheln des Gewiſſens, — —— 183 welche mein Herz zerfleiſchten. Der Sturm war voruͤber, aber der Himmel war noch im⸗ mer truͤbe, und kein freundliches Sternchen er⸗ hellte das undurchdringliche Dunkel. Langſam erhub ich mich, und anſtatt auf der Landſtraſſe fortzuwandeln, ſchlug ich einen Seitenpfad nach dem Wald ein, wo ich mich athemlos und ent⸗ kraͤftet unter einem Baume niederwarf. Ein eiskalter Schweiß uͤbergoß meinen Korper; un⸗ willkuͤhrlich ſchloß ſich mein Auge; ich glaubte die Annaͤherung des Todes und das Ende mei⸗ ner Leiden zu fuͤhlen. Wie lang ich in dieſem ſinnloſen Zuſtande zugebracht habe, weiß ich nichtz als ich zu neuem Leben erwachte, ſtand die Sonne ſchon hoch am Himmel. Ich mußte mich beſin⸗ nen, wie ich in dieſen mir unbekannten Wald gekommen ſei, mit Erſtaunen betrachtete ich mei⸗ ne kothigten Kleider, meine zerfleiſchten Haͤnde, und betaſtete mein blutendes Geſicht. Nach und nach fiel mir alles wieder bei, und meine Ver⸗ zweiflung war unausſprechlich. Als ich die Ge⸗ genſtaͤnde um mich her genauer betrachtete, wie erſchrak ich! Ich lag unter einem Hochgericht, wo die Leichname hingerichteter Miſſethäter die Luft verpeſteten.— Das iſt die rechte Stelle fuͤr mich, rief ich ſchmerzhaft aus, hieher, in die Zahl dieſer Verworfenen gehoͤrſt auch du⸗ Vielleicht war keiner von ihnen ſo ſtrafbar, wie ich es bin, denn keiner vergoß das Blut eines Menſchen, den er ſeinen Freund nannte.— Die Haare ſtraͤubten ſich auf meinem Haupte, und mit wilden Bliken ſtuͤrzt' ich mich tiefer in das Gehoͤlz, um dieſem ſchreklichen Schauplaz zu entrinnon⸗ In dumpfes Hinbruͤten verſunken wandelte ich mit uͤbereinander geſchlagenen Armen und zu Boden gehefteten Augen auf dem erſten beſten Fußpfade fort. Ich hatte kaum hundert Schritte zuruͤkgelegt, als ein klägliches Geſtoͤhn in meine Ohren drang. Ich wende mich nach der Gegend hin, und erblike auf dem Stamm eines Baumes einen alten Landmann, der ſich ſeine graue Loken auraufte. Nur im ungluͤk hat man tiefes Gefuͤhl fuͤr die Leiden ſeines Nebenmenſchen, ich wurde von dieſer ſimpathetiſchen Regung er⸗ griffen, und näherte mich dem Greiſen. „Guter Alter, redete ich ihn zutraulich an, was bekuͤmmert euch ſo ſehr?⸗ — Ach, mein lieber junger Herr, da war ich in der Stadt, um eine betraͤchtliche Erbſchaft in Empfang zu nehmen, ſie belief ſich auf die Hun⸗ dert Gulden. Weil ich mich nun uͤber meinen Geſchaͤften verſpätet hatte, ſo wollt' ich, aus Furcht vor den Raͤubern, die ſich in dieſem Wald aufhalten, nicht in die Nacht hinein marſchiren, und machte mich erſt heute fruͤh mit Tagesan⸗ bruch auf den Weg; aber der Menſch denkt's, und Gott lenkt's, ſagt das Spruͤchwort. Die Spizbuben lauerten mir im Dikkicht auf, pak⸗ ten mich, eh ich mich's verſah, und haben mir alles abgenommen, bis auf den lezten Krenzer. Nun verſteh' er mich recht, junger Herr, ich für meinen Theil heule nicht uͤber den Verluſt des Geldes, denn hab' ich vorhin leben koͤnnen, ſo werd' ich mich jezt auch durchſchlagen, und wer arbeiten will, leidet niemals Mangel; aber das Geld war zum Brautſchaz meiner Tochter beſtimmt. Jezt, Herr, da ſie aͤrmer iſt, als eine Kirchenmaus wird ſie der Nachbar ſeinem Sohne nicht zum Weibe geben wollen, und das thut mir in der Seele weh, und darum klag' ich, und zerraufe dieſe Haare, denn wenn es meine arme Marie erfaͤhrt, ſo ſtirbt ſie aus Gram, und ich alter Mann uͤberlebe den Jam⸗ mer auch nicht.— Er fieng auf's neue an zu weinen, ohne ſich weiter um mich zu bekuͤmmern. Ich zog den Beutel, den ich von Lieschen erhalten hatte, und in welchem ſich noch ſiebenzig Stuͤk Louisd'or be⸗ fanden, aus der Taſche, und gab dem Bauren eine weit beträchtlichere Summe davon, als man ihm geſtohlen hatte. Der ploͤzliche Uebergang vom Schmerz zur Freude machte ihn ſprach⸗ los; er ſah mir eine Weile ſtarr in's Geſicht, 186— dann ſtürzte er zu meinen Fuſſen. Geruͤhrt hoß ich ihn auf, und druͤkte ihn an meine Bruſt. Ein Thränenſtrom ergoß ſich uͤber ſeine bleiche Wangen; auch die meinige floſſen, und ich fuͤhl⸗ te mein Herz erleichtert. „Ihnen muß es wohlergehen, junger Herr, ſtammelte er nach einer Weile, denn ſie ſuchen ihr Gluͤk im Wohlthun. Nur der Laſterhafte iſt ungläklich auf der Welt, den T Tugendhaften aber lohnt Gott und ſein inneres Gefuͤhl.⸗ Wohl geſprochen, Alter, rief ich im Ton der etzneiun aus, nur der Boͤſewicht iſt zu beklagen. O Gott, wie ſchmerzhaft muß ich dieſe Wahrheit empfinden!— Mein Herz war ſo voll, daß ich ihm in die⸗ ſem Augenblik mein ganzes Verbrechen geſtan⸗ den haͤtte, wenn ich nicht zwei Reuter von der Marechauſſe aus der Ferne wahrgenommen haͤt⸗ te, die ſich uns in geſtrektem Trabe naͤherten. Mein erſter Gedanke war der, daß ſie mich ein⸗ zufangen ſuchten.„Leb er wohl, ſagt ich in Ei⸗ le zum Greiſen; dort ſeh ich zwei Menſchen ein⸗ herjagen, die fuͤr ſeine Sicherheit ſorgen, und ihn weiter begleiten werden. Wenn er aus Dankbarkeit etwas fuͤr mich thun will, ſo bet' er fuͤr mich. Adieu!“—„Mit dieſen Worten ließ ich den Alten ſtehen, und gieng, oder lief vielmehr, wohin mich Angſt und Zufall leiteten. — 137 Schon das Rauſchen eines Blattes, oder das leiſe Murmeln einer Quelle erfuͤllten meine Seele mit Schauder, und immer glaubt'ich das Stam⸗ pfen der Pferde zu hoͤren. Nachdem ich endlich vor Mattigkeit nicht weiter konnte, blieb ich ſte⸗ hen, und ſchaute mich ſorgfaͤltig um, ob ſich nicht irgendwo eine Hoͤhle faͤnde, wohin ich mich verbergen koͤnnte, aber vergebens. Ach, ich haͤtte mich damals vor Angſt in den Mittelpunkt der Erde geflüchtet! Jezt entdekt' ich einen gro⸗ ſen ausgehoͤlten Baum, hinter dem ich mich zur Noth verbergen konnte; kaum war ich einige Mi⸗ nuten auf dieſer Stelle, ſo hoͤrt ich das Wiehern eines Pferdes. Ich ſchaue aus meinem Hinter⸗ halte hervor; es waren die nemlichen Reuter, die mich anfangs ſo ſehr erſchrekt hatten. Zu fliehen war unmoͤglich; ich ſchmiegte mich alſo naͤher an den Baum, und hielt den Athem an mich. Als ſich die Reuter mir gegen uͤber be⸗ fanden, ſtiegen ſie ab, und der eine von ihnen gieng rechts von dem Fußpfad ins Gebuͤſch, der andere aber ſchnurgerade auf den Baum zu, hinter dem ich verſtekt ſtand. Ich ruͤhrte mich nicht, und beobachtete, ſo weit ſich's thun ließ, jede ihrer Bewegungen. Die Pferde ſtanden ſorglos auf dem Fußpfade, ohne daß man ſie angebun⸗ den oder abgezäͤumt hatte. Noch hatt' ich ein geladenes Piſtol bei mir, und zog es mit dem feſten Vorſaz aus der Taſche, den erſten, 138— den beſten damit äber den Haufen zu ſchieſſen, der Hand an mich legen wollte. Wenn ſie mich wirklich geſucht, oder hier im Hinterhalt vermu⸗ thet häͤtten, wuͤrden ſie ſich zuverlaͤſig nicht von einander getrennt haben, aber ich war da⸗ mals zu erſchroken, als daß ich einer geſunden Ueberlegung Raum geben konnte. Der Reuter, welcher ſich mir näherte, blieb gerade vor dem Baume ſtehen, hinter den ich mich verkrochen hatte. Jezt drehte er mir den Rüken zu, und ich ſchloß daraus, daß er ſeinem Kameraden zu⸗ winken, zoder ihm ſonſt ein Zeichen geben wuͤrde; daher ſtürzt' ich in der Todesangſt wie ein Pfeil auf ihn zu, und warf ihn mit Macht zu Boden. Durch die angeſtrengte Bewegung gieng mein Piſtol los; der Reuter glaubte ſich tödtlich ver⸗ wundet, ſchrie aus vollem Hals um Huͤlfe, aber ich hatte mich bereits auf eines von den Pferden geſchwungen; das andere, welches wahrſchein⸗ lich nicht an das Feuer gewöhnt war, lief wald⸗ einwaͤrts. In vollem Jagen ſprengt' ich nun⸗ mehr davon, und damit man mir nicht ſo leicht auf die Spur kommen moͤchte, ritt ich auf gut Gläk die Kreuz und die Quege. Das arme Thier war bereits zwei Stunden im geſtrekteſten Galopp fortgerennt, der Schaum ſtand ihm vor dem Maul, und triefend vom Schweiß ſtolperte es, und ſturzte entkraͤftet zu Boden. Ich mach⸗ te mich ſchnell aus den Buͤgeln los, wendete 189 mich nach der Landſtraße, von der ich nicht mehr weit entfernt war, und gieng noch eine volle Stunde in der brennendſten Hize zu Fuß auf derſelbigen fort.. Es mochte ungefehr Mittag geweſen ſehn, als ich mich ſo ermattet fuͤhlte, daß ich mich beinahe nicht mehr von der Stelle ruͤhren konn⸗ te, und daher, ſeitwaͤrts von der Landſtraſſe, in den Schatten eines Gebuͤſches fluͤchtete, wo mich ſogleich ein unbezwinglicher Schlaf uͤber⸗ fiel. Die Nacht war eingebrochen, als ich er⸗ wachte. Der Schlaf hatte mich zwar Fettttr aber jezt ſtellte ſich auch der qualendſte Hunger bei mir ein. Sobald ich mich von dem Boden aufgeraft hatte, erblikt' ich von ferne den Schim⸗ mer einiger Lichter, woraus ich ſchlieſſen konn⸗ te, daß ich nicht mehr weit von einem Dorfe entfernt ſei. So gern ich mich nun auch vor jedem menſchlichen Weſen verſtekt haͤtte, ſo trug dennoch unter dieſen verzweifelten Umſtänden mein Magen einen ehtſcheidenden Sieg uͤber die Furcht davon. um ſchneller anzukommen, verdoppelt' ich meine Schritte, unzz trat in das erſte Wirths⸗ hauß, welches mir aufſtieß, allein es war nur eine elende Kneippe. Ich nahm mit allem vor⸗ lieb, was man mir vorſezts, und mit mehr Ruhe des Gemuͤths wuͤrde dieſe Mahlzeit eine der treflichſten in meinem Leben geweſen ſeyn, weil der Hunger mit mir zu Tiſche ſaß. Nachdem ich dieſen begehrlichen Geſellen zufrieden geſtellt hatte, erkundigte ich mich nach dem Namen dieſes Dorfes, und erfahre zu meinem Schre⸗ ken, es heiſſe Artenai, und ſei nicht weiter, als fünf Meilen von Orleans entfernt. Da ich bereits des Nachmittags ausgeſchlafen hatte, ſo war es mir lieb, daß man mir nur eine Streu auf dem Boden anbot, denn auf dieſe Art konnt' ich unter dem Vorwand, ein beſſeres Nachtlager aufzuſuchen, meinen Stab weiter ſezen, und den Weg nach Paris einſchlagen. Dort in der Hauptſtadt, dacht' ich bei mir ſelbſt, verbirgt man ſich am leichteſten im Ge⸗ wimmel, vielleicht findeſt du dort deine Stief⸗ mutter, und kannſt du auch gleich deine began⸗ gene Lehler nicht ungeſchehen machen, ſo gelingt es dir vielleicht, ein ehrlicher Mann zu werden, und durch edle Handlungen dieſelbe wieder eini⸗ germaſen zu vergten. Es war ungefehr Abends vier Uhr, als ich die Hauptſtadt erreichte. Aus Furcht, eingezo⸗ gen zu werden, hielt ich mich unterwegs nir⸗ gends auf, denn ich glaubte, die ganze Welt muͤßt' es auf meiner Stirne leſen, was in mei⸗ nem Innern vorgieng. Ich wußte nicht, wo ich mich in der Stadt ſelbſt hinwenden ſollte, und ——————————— ſchaute bald rechts, bald links, ohne zu fragen, in welchem Quartier ich mich befände, und im Grunde war mir dies auch ganz gleichgultig. Endlich aber mußt' ich mich doch um ein Nachtlager umſehen, und als ich auf der ſchwar⸗ zen Tafel eines elenden Kaffeehauſes mit ro⸗ then Buchſtaben die Ankuͤndigung las: hier ſind meublirte ZBimmer zu verleihen, trat ich etwas ſchuͤchtern hinein. Eine dike Frau, ein aͤchtes Fiſcherweib, kam mir freund⸗ lich entgegen, und umarmte mich, als ob wir uns ſchon jahre lang gekannt haͤtten. „Sei mir willkommen, lieber Junge, begann ſie, es freut mich, dich bei mir zu ſehen. Nun, nun, nur nicht verzagt, du biſt ein niedliches Ferlchen, und wirſt nicht lange ohne Dienſt ſeyn⸗ Ein Zimmerchen mochteſt du, nicht wahr? ja, ja, das ſeh' ich dir an, und da hat man dich an Mut⸗ ter Loke gewieſen, und dir geſagt, daß dieſe ein gutes altes Thier ſei? Man hat dich nicht belo⸗ gen, mein Schaz, ich will fuͤr dich ſorgen, ich will dich rekommandiren, daß es eine Luſt und ein Vergnuͤgen ſeyn ſoll. Mein Gott, da iſt immer Nachfrage bei mir, taͤglich kommen die Direkteurs in meine Wohnung. Du mußt mir nachher etwas vordeklamiren, damit ich ſehe, ob Anlage zum Theater da iſt, und wie weit du sð allenfallè ſchon gebracht haſt. Ja, ſchau mich an, wie du willſt, ſogar Preville zieht mich manchmal zu Rath, und haͤlt groſſe Stuͤke auf mich. Du ſpielſt die Liebhaber? Gelt, Schaz, das hab' ich dir gleich abgemerkt. Wo haſt du denn dein Ränzchen? und mit Geld wirſt du doch verſehen ſeyn? Haſt du keines, ſo ſchadt's auch nichts, ich borge dir vierzehn Tage, drei Wochen, einen ganzen Monat, wenn's ſeyn muß. Oh ich habe ſchon manchem undankbaren Flegel Gefaͤlligkeit erwieſen, vielleicht machſt du mir's auch nicht beſſer, aber das macht nichts. So⸗ lang ich noch einen Blutstropfen im Leibe habe, ſo ſteht er ſo jungen, ſchmuken Herrchen, wie du biſt, zu Befehl, und ohne alles Intereſſe⸗ Oder meinſt du, daß ich auch ſo Eine ſei? weiß Gott nicht, aus purer Liebe zu meinem Neben⸗ menſchen, ohne Intereße.“ Dieſe ganze Rede brachte ſie mit einer ſol⸗ chen Gelaͤufigkeit der Zunge vor, daß ich gar nicht zu Worte kommen konnte. Mit offenem Munde hoͤrt' ich ihr zu, und erſtaunte uͤber dieſe unbe⸗ greiflich freundſchaftliche Aufnahme. Ich fand ſo viel herzliches in ihrem ganzen Benehmen, daß ich den Zufall ſegnete, der hieher ge⸗ führt hatte. „Hoͤr, mein Schaz, fuhr ſie nach einer klei⸗ nen Pauſe fort, und nahm mich bei der Hand, jezt will ich dir auch das Zimmer zuweiſen, das ich fur dich beſtimmt habe. Es iſt das ſchonſte in meinem ganzen Hauſe, und kein Kaiſer durfte ſich daran ſchaͤmen. Sonſt muß mir gewoͤhnlich ein Fremder monatlich einen Louisd'or dafür be⸗ zahlen, und zwar zum voraus, aber dir uberlaß' ich es meinetwegen fur achtzehn Livres, und zah⸗ len kannſt du mich, wenn dir's geſchikt iſt“ — Auf der Stelle, gute Frau, ſagt' ich, und zog ſchnell die Borſe aus der Taſche.— „Du haſt alſe Geld? Deſto beſſer. Behalt's nur, wenn du's brauchſt; ſtek's in Gottesnamen wieder ein. Ei der Henker, das iſt ein huͤbſcher, voller Beutel. Spar' und hauſe, mein Kind, es iſt hier ein theures Pflaſter. Kommſt du heute zum erſtenmal nach Paris?“ d. „Biſt alſo ohne Engagement?“ — Engagement? Wie verſtehen ſie das?— Jezt erfuhr ich erſt, wer Madam Loke war; ſie verſchafte nemlich denjenigen Schauſpielern, welche keine Anſtellung hatten, wieder Ploͤze, und aus allen Provinzen Frankreichs ſtroͤmten dieſe ihrem Hauſe zu⸗ Von meinen Begebenheiten erzaͤhlt' ich ihr nur das, was mich allenfalls bei ihr empfehlen konnte, und als ich meine Erzählung geendigt Das ind 1 hatte, umarmte ſie mich mit Thraͤnen in den Augen.—„Ich will Mutterſtelle bei dir vertre⸗ ten, du armer Waiſe, ſagte ſie. Dein Geldchen kann nicht lange waͤhren, ich muß dir alſo vor allen Dingen ein Einkommen zu verſchaffen ſue chen. Das Theater iſt ein ſcharmantes Hand⸗ werk fuͤr jeden, der nicht viel gelernt, und doch eine gute Erziehung genoſſen hat. Mit einem treuen Gedaͤchtniß, einer huͤbſchen Figur, und einem wohlklingenden Organ iſt man geborgen; dann lebt man herrlich und in Freuden, gewinnt einen ſchonen Kreuzer, und befindet ſich täglich in Geſellſchaft der reizendſten Maͤdchen.«“ Dieſer lezte Artikel beſtimmte mich ſogleich fuͤr den Schauſpielerſtand⸗ „Warſt du noch nie im Theater? fuhr ſie fort, ich hab ein Einlaßbillet fuͤr zwei Perſonen; heute mußt du mit Fanchon hineingehen. Es iſt gar ein gutes, liebes Kind, die Fanchon, ich hoab' ſie ſelbſt erzogen. Wie geſagt, du gehſt hinein, man ſpielt den Mahomet, und das iſt ein Kernſtuk! Freilich hörſt du den Lekain nicht, das war ein Teufelskerl! je nun, er iſt tod, und da muß man ſich halt mit La Rive begnuͤgen. La⸗ Rive iſt auch nicht zu verachten, er hat Kopf, Figur, und eine Stimme, die brummt dir in die Ohren, wie die groſſe Gloke auf dem St⸗ Sulpitiusthurme. Die Leute ſagen freilich, er ſchreie, aber zum Henker hat denn Lekain im An⸗ fang nicht auch geſchrieen? Wenn er den wuͤ⸗ thenden Hreſt ſpielte, konnt' ich hier in meinem gimmer jedes Sterbenswortchen verſtehen; aber das Theater war damals auch nur da gegenäber. Seit man es auf einen andern Plaz verlegte, hat mein Haus vieles eingebuͤßt. Ich habe zwar dem Kdͤnig eine Bittſchrift eingereicht, man moͤchte wieder an dem alten Orte ſpielen, ja, ja, das hab' ich gethan, und der Konig hat daru⸗ ber gelaͤchelt, und das iſt ſchon ein gutes Zeichen. Drauf bin ich ſelbſt zu ihm gegangen, ich habe mit ihm geſprochen, wie ich jezt mit dir re⸗ de, denn ich bin meiner Sip nicht leutſcheu, und hab's ſchon oft in meinem Leben mit Koͤnigen zu thun gehabt. Um Oſtern iſt mein Stuͤbchen oft gepfropft voll mit Konigen. Da trinken ſie Moſt und Bier, daß es eine Luſt iſt, und bleiben mir manchmal die Zeche ſchuldig. Ein Koͤnig von Frankreich, oder ſo ein Theaterkonig, der Unter⸗ ſchied iſt verzweifelt klein. Der eine begiebt ſich ſeiner koniglichen Wuͤrde im Auskleidzimmer, der andere auf dem Sterbelager, und beim Lichte beſehen ſind ſie halt beide Menſchen. Es war freilich eine ſchone Zeit, wie die Schauſpieler noch ſo in meiner Naͤhe ihr Weſen trieben; da wußt' ich alles, was hinter den Kouliſſen vor⸗ gieng, und das war manchmal tolles Zeug. Sie erzoͤhlten mir's bruͤhwarm im Vertrauen, denn Na 196— ſie hielten groſſe Stuͤke auf mich, beſonders der alte Preville und ſein Schuͤler Duͤgazon. Heute Abend ſollſt du den Duͤgazon ſehen, und wenn du da nicht lachen mußt, daß dir die Augen uͤber⸗ gehen, ſo heiß' mich das ſchlechteſte Weibsbild an der Seine. Es gibt zwar Leute, die behaup⸗ ten, er ſei kein aͤchter Komikus, ſondern nur ſo ein Poſſenreiſſer, aber denen merkt man's gleich an, daß ſie nichts vom Handel verſtehen.“ In dieſem Tone wuͤrde ſie noch laͤnger fort⸗ gefahren haben, wenn nicht zum Gluͤke Fanchon gekommen waͤre, um das Entrebillet abzuhohlen⸗ Das Maͤdchen ſchien gar nicht ungehalten daruͤber, daß ſie es mit mir theilen ſollte. Wir nahmen Plaz im Amphitheater, und die kleine Fanchon, beinah eben ſo redſelig, wie ihre Erzieherin, er⸗ zaͤhlte mir, ehe die Gardine aufgezogen wurde, eine Menge geheimer Anekdoͤtchen vom Theater, die fuͤr keinen Menſchen in Paris ein Geheim⸗ niß ſind. Ich hatte gar keinen Begriff von einer thea⸗ traliſchen Vorſtellung. So wie der Vorhang in die Hoͤhe rauſchte, glaubt' ich in eine andere Welt verſezt zu ſeyn. Dekoration, Koſtum, Be⸗ leuchtung, alles machte einen wunderbaren Ein⸗ druk auf mich, und ich waͤhnte mich wirklich in einem praͤchtigen Pallaſte zu befinden. Brizard, der die Rolle des Zopirus ſpielte, ſtoͤßte mir die * N =—— tiefſte Hochachtung ein, und kaum fieng er an zu ſprechen, ſo intereßirt' ich mich fuͤr ihn. So wuchs mit jedem Worte, mit jeder neuen Scene der geiſtige Taumel, aber als nun das Orcheſter dem Publikum eine langweilige Simphonie zum beſten gab, gerieth ich in heſtigen Zorn. „Was wollen denn dieſe Leute? fragt' ich Fanchon.“ — Der erſte Akt iſt zu Ende, und dieſe Herrn muͤſſen nach jedem Akt Muſik machen.— „Ich wuͤnſchte, daß das Stuͤk ununterbro⸗ chen fortgeſpielt wuͤrde. Es iſt wirklich ſehr aͤr⸗ gerlich“ — Aber man hat es nun einmal ſo einge⸗ fuͤhrt.— „Das iſt aber eine verdammt dumme Sitte⸗ Ich ſehe nicht die mindeſte Verbindung zwiſchen den ſpielenden Perſonen auf dem Theater, und dem naſeweiſen Gekraz dieſer Bierfiedler.“ Der zweite Akt nahm hier zum Gluͤk ſeinen Anfang, ſonſt wurde ſich meine Galle in noch weit derbern Ausdruͤken ergoſſen haben. Seid und Palmira erſchienen auf der Buͤhne. Wie ſehr ruhrten ſie mich! ſie hatten den Weg zu meinem Herzen gefunden, und meine Thraͤnen floßen. Ich will dieſes vortrefliche Trauerſpiel 193— nicht Scene vor Scene durchgehen, nur das muß ich noch ſagen, daß es einen unausloſchli⸗ chen Eindruk auf mich gemacht hat. Ich haßte und bewunderte Mahomet, aber Seid——! Noch hoͤr' ich ihn, noch ſeh' ich ihn aus dem Grabmal verwirrt und athemlos hervorwanken! Welche klagende, herzzerreiſſende Stimme! Es iſt,— ſagt ich zu mir ſelbſt,— meine aͤhnliche Geſchichte in dem Walde zu Orleans, wie die Blize uber meinem Haupte ziſchten, wie ſie don⸗ nernd neben mir herabfuhren, und die Hoͤll' in meinem Buſen wuͤthete. Ein reuiger Verbre⸗ cher kann alſo doch Mitleiden erregen, denn ich habe dieſen ungluͤklichen Seid beweint, den, wie mich, die Liebe zum Moͤrder gemacht hat.—— Solche unwiderſtehliche Gewalt haben groſe Gei⸗ ſter, wie Voltaire, uͤber die Herzen der Men⸗ ſchen. Sie ruͤhren, ſie entzuken uns, und am Ende erweken ſie das Nachdenken uͤber die eige⸗ nen Gebrechen, daß wir gebeſſert von hinnen gehen. Wo kann ein Kompendium der Moral die Wirkung ſolcher erhabenen Schauſpiele, wel⸗ che mit allem Zauber der Kunſt von den ſpielen⸗ den Perſonen ausgefuͤhrt werden, jemals her⸗ vorbringen? Nach der Poeſie ſchien mir die Schauſpiel⸗ kunſt die vorzuͤglichſte aller Kuͤnſte, und ich brann⸗ te vor Begierde, mich ihr ganz zu weihen⸗ Ich ——————————————— 199 ahnete nicht von weitem die unzaͤhligen Schwie⸗ rigkeiten, welche damit verbunden ſeyn mochten⸗ denn die Schauſpieler machten ja alles ſo natuͤr⸗ lich, daß es mir ein leichtes ſchien, den Sturm der Leidenſchaften, Liebe, Wuth, Eiferſucht, Gewiſſensbiſſe, Freude und Traurigkeit, wie ſie, darzuſtellen- Ich war erſchuͤttert, und fuͤhlte das Beduͤrfniß, ſelbſt du deklamiren; ich haͤtte auf der Stelle allein ſeyn moͤgen, um einen Theil deſſen, was ich gehort hatte, ungeſtoͤrt aus dem Gedaͤchtniß zu wiederhohlen. Jezt begann das Nachſpiel. Ich glaubte an⸗ fangs, es waͤre eine Fortſezung des erſtern Stuͤk⸗ kes, aber gleich der Eingang belehrte mich eines andern. Es waren Fagans Originale, ein in Abſicht auf Intrigue hoͤchſt mittelmaͤſiges Pro⸗ dukt, aber Duͤgazon rechtfertigte durch die Hri⸗ ginalitaͤt, und ſein komiſches Spiel den Titel dieſer Bagatelle. Ich war gar nicht zum Lachen geſtimmt, aber ich mußte, wohl oder uͤbel, es den andern Zuſchauern nachmachen, und brach bald in ein laͤrmendes Gelaͤchter aus. Einer meiner Nachbarn, ein truͤbſeliges Maͤnnlein, ſchien es uͤbel zu nehmen, daß mir das Stuͤk Spaß verurſachte. „Ich moͤchte nur wiſſen, brummte er zwi⸗ ſchen den Zaͤhnen hervor, wie man uber ſolche Poſſen nur lachen kann?“ — Schweigen ſie doch und laſſen ſie mich zu⸗ „Wahre Dummheiten!« — Wen einer Langeweile hat, wo Andre luſtig ſind, ſo kann er ja reiſen.— „Eine Kunſt, vor der ich die höchſte Wis habe, ſo herabzuwuͤrdigen!“ — Wundern ſie ſich nicht, der Herr iſt ein Journaliſt, raunte mir ein anderer Nachbar Ohr.—— „Was iſt denn das fuͤr ein Ding, ein Jvur⸗ naliſt? fragt' ich ihn treuherzig.“ — Ein Journaliſt iſt ein muͤrriſches Thier, welches ſeinen Ruhm darein ſezt, immer ande⸗ rer Meinung zu ſeyn, als wir Uebrige. Erhaͤlt irgend ein Menſch den Beifall des Publikums, ſo ſezt er ſich flugs nieder, und beweißt auf einem vollgeſchmierten Bogen: der Schauſpieler, welcher jedermann ſoviel Vergnuͤgen gemacht ha⸗ be, beſize ganz und gar nicht die äͤchte vim vomicam. Das Publikum iſt aber troz allem unverſchaͤmt genug, der Meinung eines ſolchen Skriblers nicht beizupflichten, und das erbittert ihn noch mehr.— „Der Kerl iſt alſo ein Narr? 261 — Du ſagſt's, er iſt's!— Dieſes Zweigeſpraͤch fiel während einer ganz unbedeutenden Scene vor. Jezt erſchien Duͤga⸗ zon, und eh er noch den Mund dffnete, mußt' ich uͤber ſein komiſches Mienenſpiel auf's neue laut auflachen. „Hoͤren ſie, junger Mann, fieng der Jour⸗ naliſt wieder an, meine Kritiken muͤſſen ſie leſen.“ — Schweigen ſie doch um Gottes willen.“— „Dann werden ſie ſich ſchaͤmen, daß ſie ge⸗ lacht haben.“ — Bſcht!— „Und wenn ſie auf mein Journal ſubſkribiren, lachen ſie in ihrem Leben nicht wieder.“ — Still doch!— Aber je einſilbiger ich ihm Schweigen aufer⸗ legte, deſto kräftiger perorirte er drauf los. End⸗ lich verlor ich die Gedult; ich ſtand auf, faßte ihn um den Leib, und da er duͤrr wie ein Wind⸗ hund war, warf ich ihn, zum Vergnuͤgen aller umſtehenden, mitten in's Parterre. Ein Haͤn⸗ deklatſchen erſcholl aus allen Eken des Saal. Der Unteroffizier von der Wache erkundigte ſich nach der Urſache dieſes Aufſtandes. „Es iſt weiter nichts vorgefallen, als daß dieſer junge Herr die Guͤte hatte, uns einen dummen Kerl, der jedermann zur Laſt fiel, vom Halſe zu ſchaffen.“ — Wer war es denn?— „Der kleine, haͤßliche Journaliſt; ſie muͤſſen ihn kennen.« — Der? Ei da hatten ſie ganz recht. Wen ich noch gehoͤrt habe, der beklagt ſich über ihn, und ich werde Anſtalt treffen, daß er kuͤnftig nicht mehr eingelaſſen wird.— Fanchon machte der Mutter Loke vielen Spaß, indem ſie ihr dieſen Theatervorfall erzaͤhlte. Den kleinen Journaliſten konnte ſie ohnedies nicht lei⸗ den, weil er ſich ſchon einigemal ziemlich unehrer⸗ bietig uber ihre Gunſtlinge herausgelaſſen hatte. Vielleicht war das Recht gerade damals auf ſeiner Seite, aber die gute Frau wollt' es nun einmal durchaus nicht gelten laſſen. „Schweigen wir doch von dieſem haͤßlichen Menſchen, ſagte ſie zu mir, man mag auch noch ſo wenig von ihm ſprechen, ſo ſpricht man doch immer zu viel. Sag mir einmal dafür, mein Schaz, wie hat dir das Schauſpiel gefallen?“ — Vortreflich!— „Und die Schauſpieler?« — Zum Entzuken!— „Und die Schauſpielerinnen 2« — Unbeſchreiblich! Ja, es iſt feſt beſchloſſen, ich muß auch ein Schauſpieler werden!— „Du haſt keine uͤble Anlage zu einem Lieb⸗ haber hinter den Kouliſſen, aber dieſes Talent bezahlt dir kein Direkteur, wenn du nicht die Kunſt, jede Leidenſchaft natuͤrlich darzuſtellen, mit deiner ſchoͤnen Figur verbindeſt.“ O das kann ich zwerlaͤſig! Horen Sie nur.— Vermoͤge eines hoͤchſt gluklichen Gedachtniſſes wußt' ich mehrere Stellen von Seids Rolle aus⸗ wendig, die ich jezt herdeklamirte. „Fuͤr's erſtemal nicht ſo ganz ſchlecht, ſagte Mutter Loke, dein Organ iſt gut, aber die lan⸗ gen Arme wirfſt du, wie die Fluͤgel einer Wind⸗ muͤhle, herum, und bruͤllſt viel zu laut. Sieh, mein Herz, das muß man ungefehr ſo machen“ Jezt regalirte ſie uns mit einer Stelle aus Zaire. Fanchon wollte faſt vor Lachen berſten, dafuͤr verſezte ihr aber auch Mutter Loke eine tuͤchtige Ohrfeige. Beinahe waͤr' ich in den nem⸗ lichen Fehler der armen Fanchon verfallen, wenn mich dieſe freundſchaftliche Kritik nicht bei Zei⸗ ten noch behutſam gemacht haͤtte. „Naͤrrchen, was weinſt du denn? wendete ſich Mutter Loke zu der unvorſichtigen Lacherin, ſei doch kein Kind, es geſchieht dir jezt nichts mehr. Du weißt ja, daß ich es nicht leiden fann, wenn man mir unter die Naſe lacht, und das paſſirt dir ſchier alle Tage. Geſteh's nur, daß du ein ſuperkluges Ding biſt, oder hab' ich etwa die Stelle ſchlecht deklamirt? Wenn man hier gut beſchlagen iſt,— bei dieſen Wor⸗ ten ſchlug ſich mit aller Macht auf die Bruſt,— ſo kann man eine Stelle, zu welcher Empfin⸗ dung gehoͤrt, gar nicht ſchlecht herſagen.— Ich will dieſen jungen Menſchen bilden, ich ſelbſt will ihn ſeine Rollen äberhoren. Geh, hol' mir den Band von Voltaires Schriften, in welchem Ma⸗ homet ſteht, er ſoll noch vor Schlafengehen darin ſtudieren; und hernach deke noch ein Kouvert fuͤr den Herrn hin, er iſt heute mein Gaſt, und wir drei wollen recht vergnuͤgt mit einander ſchmau⸗ ſen. Während ihr im Theater waret, hab'ich meine Lieblingsſpeiſe gekocht, und wenn ich auch gleich keine gute Komoͤdiantin bin, ſo ſoll mir der junge Herr doch die Gerechtigkeit wiederfah⸗ ren laſſen, daß ich mich gut aufs Kochen verſte⸗ he, und wem ich etwas anbiete, dem geb' ich's aus gutem Herzen, und das darf man immer auch ein wenig mit in Anſchlag bringen.⸗“ In meinem Leben war ich noch nie ſo ver⸗ gnügt bei Tiſche, ich vergaß hier aller meiner Sorgen. Wir tranken, nach dem Ausdruk mei⸗ „ — 205 ner guten Wirthin, proper, und alle Ausen⸗ blike mußt' ich mit ihr anſtoſſen, und Beſcheid thun. Nachdem ſie ſich endlich ſatt geſchwazt und getrunken hatte, ſank ſie auf ihrem Sorgenſtuhle zuruͤk und ſchlummerte ein. Anfangs plaudert' ich ganz ruhig mit Fanchon, aber ich war leider ein wenig benebelt, das arme Maͤdchen gleich⸗ falls, und ſo wurde unſre Unterhaltung immer lebhafter und zaͤrtlicher. Das Licht erloͤſchte ohne meine Schuld. Was ein anderer an meiner Stelle gemacht haͤtte, kann ich nicht beſtimmen, aber mir fiel es gar nicht ein, es wieder anzu⸗ zuͤnden. Nachdem wir uns weiter nichts mehr mitzutheilen hatten, that es Fanchon. Sie ſah ein wenig verſchaͤmt aus, ich gleichfalls, und das Licht brachte uns in eine ſolche peinliche Stimmung, daß wir uns beide in die vorige Dunkelheit zuruͤkgezaubert hatten, wenn nicht Mutter Loke ploͤzlich erwacht waͤre. „Ich glaube gar, ich habe geſchlafen, ſagte die gute Frau, indem ſie ſich die Angen ausrieb. Geh, leg' dich zu Bette, mein Sohn, morgen ſehen wir uns wieder.“— Ich nahm ein Licht, und gieng auf meine Kammer. Einige Minuten blieb ich in einem alten Lehn⸗ ſtuhl ſizen, und dachte uͤber das Vergangene nach; ploͤzlich ſprang ich auf, indem ich mit dem Fuß unwillig auf den Voden ſtampfte.— Das iſt alſo deine vorgehabte Beſſerung, ſagt' ich zu mir ſelbſt. Eine brave Frau nimmt dich gaͤtig auf, und ſo mißbrauchſt du die Rechte der Gaſt⸗ freundſchaft?— Fanchon iſt aber auch ſo artig, warum mußte denn zum Ungluk das Licht auslo⸗ ſchen? Fuͤr diesmal liegt nichts daran, aber in Zu⸗ kunft darf mir das nicht mehr geſchehen.—— So weit war ich in meinem reumuͤthigen Selbſtge⸗ ſpraͤch, als Fanchon in mein Zimmer, das ich abzuſchlieſſen vergaß, hereintrat. „Sie pochten vorhin, fieng das Maͤdchen in ſchuͤchternem Tone an; verlangen ſie noch et⸗ was 7*. — Richts, daß ich wuͤßte.—— Ich ſchielte von der Seite nach ihr hin, ſie blieb, wie ein⸗ gewurzelt, ſtehen, und ich hatte nicht den Muth, ſie fortzuſchiken.—— Aber mein Gott, wenn Madam Loke—? fieng ich von neuem an. „Die ſchlaͤft jezt ruhig ſort, biß an den lie⸗ ben Morgen, fiel ſie mir haſtig in die Rede⸗ Oh, wenn die einmal auf dem Ohre liegt, dann wacht ſie zuverlaͤſig nicht mehr auf.“ — Wo ſchlafen denn ſie, liebe Fanchon 2— „Wenn wir Gaͤſte haben, ganz oben, auf dem Boden.“ — Sollt' ich ſie etwa ihres BVettes berau⸗ ben?— —z———— 207 „Es iſt mir lieber, wenn ſie darinn ſchlafen, als ein anderer““ — Ich will es ihnen wieder abtreten.— „Durchaus nicht!“ unwillkuhrlich ſchloß ich die Thuͤre ab.— Le⸗ gen ſie ſich nieder, Fanchon, ich will es haben⸗ Durchaus!— „Oh, es iſt mir gar nicht um's Schlafen zu thun.“ Ich kann nicht mehr ſagen, wie ſich unſer Geſpraͤch endigte, nur das weiß ich, daß Fan⸗ chon an meiner Seite lag, als der Morgen grau⸗ te. Ich wekte ſie, und weil nun einmal ein Feh⸗ ler immer wieder einen neuen erzeugt, ſo macht' auch ich mich ſo oft ſchuldig, als man es nur von einem leichtfertigen Menſchen von ſiebenzehen Jahren erwarten kann. Ob Fanchon ſich hieruͤ⸗ ber Vorwurfe gemacht habe, mag der ſcharfſich⸗ tige Leſer entſcheiden, ich weiß nur, daß ſie mir jedesmal nach dem Nachteſſen eine recht freund⸗ liche gute Nacht wuͤnſchte, und uͤber acht Tage nicht mehr als zwei Betten im Hauſe zurecht zu machen hatte, nemlich das Bett der Loke, und das meinige⸗ Troz allem dem war ich nichts weniger als vuhig, und konnte ohne die unausſprechlichſte 308 Beklemmung nicht an Orleans zuroͤkdenken. Zerſtreuung wurde mir Beduͤrfniß, und daran fehlt es in Paris niemals. Täglich gieng ich ins Theater, ſtudierte ſelbſt einige Rollen, und ſpielte ſie auf dem Zimmer der Mutter Loke zu ihrer nicht geringen Zufriedenheit. Dennoch rieth ſie mir, anfaͤnglich im Luſtſpiel aufzutre⸗ ten, aber das konnt'ich darum nicht, weil man mich in der buͤrgerlichen Kleidung leicht hätte entdeken und aufheben koͤnnen. Dieſe Furcht war mein beſtaͤndiger Begleiter. Wenn ich auf der Straße die Schaarwache nur von weitem kommen ſah, macht' ich ſchnell einen Umweg, um ihr nicht in die Haͤnde zu gerathen; ſo groß aber auch meine Angſt war, ſo quälte mich die innere Stimme meines Gewiſſens doch noch weit heftiger. Oefters waͤhnt' ich den ungluk⸗ lichen Sinval bleich und entſtellt vor mir zu ſe⸗ hen, und glaubte Vorwuͤrfe uͤber mein Ver⸗ brechen aus ſeinem Munde zu vernehmen. Wel⸗ che fuͤrchterliche Naͤchte haͤtt' ich ohne dich zuge⸗ bracht, meine liebenswuͤrdige Fanchon! Dieſe Angſt, dieſes ploͤzliche Zuſammenfahren war dir immer ein Räthſel, und wenn ich dich vom Schlaf aufgeſchrekt hatte, ſo lieſſeſt du gutmaͤ⸗ thig jede Entſchuldigung gelten, ſie mochte auch noch ſo wenig Wahrſcheinlichkeit haben. Wo du jezt auch ſeyn magſt, gute Seele, wenn dir dieſe Bläͤtter zu Geſichte kommen, ſo lächle freund⸗ —— ir m h⸗ ch du ſe 5 —, lich auf dieſe Stelle hin, ſie iſt dir von einem dankbaren Herzen gewiedmet. Nachdem ich eines Morgens in den Thuille⸗ rien ſpazieren gegangen war, trat' ich in ein Faffeehaus. Ich ſeze mich nieder, und unwill⸗ kährlich verweilen meine Blike auf einem Tag⸗ blatte, wo die Aufſchrift eines Artikels: Sonderbare Begebenheit einer Nonne zu Orleans, meine Aufmerkſamkeit auf ſich zieht. Mir klopft das Herz, haſtig ergreif' ich das Blatt, ich fange an zu leſen, und zittere, vor das ganze Publikum zur Schau hingeſtellt zu ſeyn. Man konnte unter der Nonne keine ande⸗ re, als Sovhien verſtehen, der Ort und die Stunde, wo ſich jener Vorfall ereignete, waren zu genau bezeichnet; aber wie es bei allen ſtan⸗ dalöſen Stadtneuigkeiten zu gehen pflegt, ſo wurde auch dieſe auf die gröblichſte Weiſe ent⸗ ſtellt. Nach einem weitlaͤufigen Eingang, in wel⸗ chem ſich der unverſchaͤmte Libelliſt uͤber die vor⸗ gebliche Strenge der armen Kloſterfrauen ſehr ſpaßhaft heraus gelaſſen hatte, faͤhrt er alſo fort: Das Kind, r. O —— 210 ——— „Eine junge Nonne beſtimmte einem ihrer Liebhaber ein Schaͤferſtuͤndchen, und er⸗ bot ſich, ihm ſelbſt die Pforte des Klo⸗ ſtergartens zu oͤffnen. Der Liebhaber, wie das nun gewoͤhnlich geht, begieng die Unvorſichtigkeit, bei einigen ſeiner Freun⸗ den mit ſeinem nahen Gluͤke zu prahlen⸗ Nun hatte ein Gewißer unter ihnen den tollen Einfoll, ſich ſtatt des Liebhabers an dem bezeichneten Orte einzufinden, und er machte auch bei der Novizin ſeinem neuen Amte keine Schande. Zum Ungluͤk trat aber der wahre Liebhaber des Poſſen⸗ ſpieles auf der Bähne auf, undb ſtorte dieſes zaͤrtliche Tete a Tete. Vergebens ſtellte man ihm vor, daß der Abweſende immer den Prozeß verlieren muͤſſe, man wollte ſogar das Recht de primo occu- panti geltend machem, allein der gekraͤnkte Liebhaber wollte ſich damit nicht zufrieden geben, ſondern es kam vielmehr zum Handgemeng, in welchem dieſer eine leichte Wunde am rechten Arm erhielt⸗ Unerachtet die Novizin den Gewißen recht gut kannte, ſo weigerte ſie ſich den⸗ noch ſtandhaft, ihn der Policei, die ſich mit in den Handel miſchte, zu denunzi⸗ ren. Wir koͤnnen nicht umhin, ihrer Verſchwiegenheit hier oͤffentlich ein ge⸗ buͤhrendes Lob zu ertheilen, denn es waͤ⸗ re gegen das Moralprincip, Gutes mit Boͤſem zu vergelten, aber das Unglaub⸗ lichſte an der Geſchichte iſt das, daß auch der mißhandelte Liebhaber ein eben ſo hartnaͤkiges Stillſchweigen uͤber den Na⸗ men ſeines Nebenbuhlers beobachtete. Aber auch das iſt ſchoͤn und lobenswerth, und der junge Menſch verdient, allen Ehemaͤnnern unſeres Jahrhunderts zum Muſter aufgeſtellt zu werden. Natuͤrlich weigerten ſich die Nonnen, eine Nacht⸗ wandlerin laͤnger in ihrem Kloſter zu dulden, welche durch ihre aͤrgerliche Lieb⸗ ſchaft ſoviel Laͤrmen bei dem Publikum er⸗ regt hatte; man ſchikte ſie alſo zu einer ihrer Verwandten, bei welcher ſie ſich noch gegenwaͤrtig Dieſer Aufſaz erregte in meiner Seele ein Gewuͤhl von entgegengeſezten Empfindungen. Ich war aufgebracht uͤber den Verfaſſer, wel⸗ cher das tugendhafteſte Geſchoͤpf auf eine ſo un⸗ verantwortliche Weiſe verläumdet hatte. Ich war durchdrungen von der Großmuth Sophiens und ihres Liebhabers, denn daß ſie mich in je⸗ ner Nacht beide erkannt haben mußten, daran zweifelte ich keinen Augenblik, und in der Folge wurd' ich unwiederſprechlich davon uͤberzeugt. Ihre Guͤte war die grauſamſte Satire auf mein ehrloſes Betragen gegen ſie. Mein Vergehen zeigte ſich mir im haͤßlichſten Lichte. Sophie, das unglukliche Mädchen war in den Augen des Publikums entehrt, geſchaͤndet; ihr Liebhaber in Verzweiflung, und dennoch intereſſirten ſie ſich beide noch fuͤr mich, und retteten mir unwur⸗ digen das Leben, nachdem ich vorher das ihri⸗ ge vergiftet hatte. Daß Sinval nur leicht ver⸗ wundet und nicht tod war, erſparte mir zwar ewige Gewiſſensbiſſe, aber war er darum weni⸗ ger ungluklich? Zog er ſich nicht unverſchuldet den gluͤhendſten Haß von Sophiens Vater auf den Hals 2 218 Dieſer Gedanke beſtimmte mich, zu einer raſchen Handlung. Ohne Ruͤkſicht auf die Ge⸗ fahr, der ich mich Preiß gab, ſezt' ich mich ſogleich nieder. Ich wußte, daß ſich der Mar⸗ quis von Bellecour zu Arrans aufhielt, im Kaffee⸗ hauſe ſchrieb ich daher einen Brief, worinn ich ihm das Vergangene weitlaͤufig in ſolchen Aus⸗ druken ſchilderte, daß er das eigene Bewußt⸗ ſeyhn meiner Schuld, uud die aufrichtigſte Reue daraus abnehmen konnte. Ich war tiefgeruͤhrt, zerfloß beinah in Thraͤnen, und der Brief war von Anfang bis zu Ende eine Huldigung, wel⸗ che der zerknirſchte Suͤnder der Unſchuld und der Tugend zollt. Meinen aufrichtigen Bekenntniſ⸗ ſen fuͤgt' ich eine Abſchrift der Briefe an So⸗ phien, und ihrer Antworten bei, die ich immer in meiner Brieftaſche verwahrte. Es war beinah zwei Uhr, als ich mein Pa⸗ quet verſiegelte, und ich eilte nun ſelbſt damit auf die Poſt. Eine halbe Viertelſtunde ſpäter, ſo waͤre der Kourier ſchon abgegangen und mei⸗ ne Verzweiflung gränzenlos geweſen. Dem Mar⸗ quis hatt' ich beim Schluß meines PBriefes er⸗ klart, daß ich mich ſogleich einſchiffen wurde, um die verlohrene Ruhe unter einem fremden Himmelsſtrich wiederzufinden; denn nicht laͤnger könnt' ich in einem Lande verweilen, wo mir alles das Andenken an die begangenen Fehler zuruͤkrufen und ich befürchten muͤßte, den un⸗ ſchuldigen Opfern meiner unnatuͤrlichen Falſch⸗ heit durch irgend einen Bufall da oder dort zu Snr Ende des erſten Theils. 3 .— 3 * . * * 3* * S