* —— — —— * — N — F Leihbiſivthet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Seſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliel enen S6 wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 2 kie her: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: F— bf. 1 Mr. 50 Pf.— Pf. . Auswärtige hab en für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Mit minder gewaltigem Geiſt, doch mit feiner und zar⸗ ter Beobachtung handelten Boudier von Vile⸗ mert, die Frauen von Epinai, Lambert und Beau⸗ mont von der Vertraulichkeit zwiſchen Frauen, die, als Erguß eines reinen Herzens, nur von ei⸗ nem innern Triebe geleitet, eben dadurch und durch die Seeligkeit des Vertrauens über alle Gefahren taͤuſcht, welche bamit verbunden ſeyn koͤnnen, A 2 Ich wage hier auch eine Begebenheit mit⸗ zutheilen, die mir eine liebenswuͤrdige Frau ver⸗ traut hat, welche ſelbſt faſt das Opfer ihrer Zuver⸗ ſicht geworden ware; moͤchte ſie das Geſchlecht vor den liſtigen Schlingen im voraus warnen, wel⸗ che, unter der Larve von Freundſchaft, Neid und Rachſucht oftmals ihm ſtellen. Kaliſte Sénange hatte den General von Loris geheurathet, und verließ, kaum ſechzehn Jahre alt, Marſeille, wo ihre Familie lebte, um ſich nach Paris zu der Familie ihres Gatten zu bege⸗ ben. Sanftmuth und Schuͤchternheit liehen ih⸗ rem angebornen Reiz einen erhoͤhten Zauber, ſo wie das jungfraͤuliche Weſen, das ſie unter den ge⸗ zierten Schoͤnheiten auszeichnete, in deren Mitte ſie auftrat. Sie ſchämte ſich die Blicke auf ſich zu ziehn, verſtand nichts vom Geſchwätz der Be⸗ wu derung, und erſchien in Geſellſchaft mehr aus Pflicht, als aus Luſt. Ihre Stimme waͤre im Chor der Engel ſchoͤn geweſen, und wenn ſie ſelbſt deren Laut vernahm, bei einem einzigen geſpro⸗ chenen Wort, erroͤthete unwillkuͤhrlich uͤber und —— uͤber ihr himmliſches Geſicht; ihre großen blauen Augen verbargen ſich hinter den langen ſchwarzen Wimpern der niedergeſchlagenen Augenlieder, als buͤßten ſie die Verwegenheit der zitternden Lip⸗ pen ab. Alle ihre Zuͤge waren ſo regelmaͤßig und zart, ihr Blick ſo keuſch, ihre Haltung ſo innig, daß man ſie uͤberall die Madonna Raphael's nannte. Es läßt ſich leicht ermeſſen, wie theuer ſie dem General Loris war: er wachte mit Sorge uͤber die Entfaltung der zarten Blume, deren täg⸗ lich neuerſchloßne Bluͤthe den Reichthum andeu⸗ tete, den der Kelch ihres Innern noch verbarg. Aber mit jener einfachen Gemuͤthsart verband Kaliſte einen durchdringenden Verſtand, Wuͤrde ohne Hoffarth, Hingegebenheit ohne Wegwerfung, und alle ihre Gefuͤhle trafen wie in einem Brenn⸗ punkt zuſammen, in einem einzigen, in der Liebe zu ihrem Gemahl. Er war ihr Fuͤhrer, der Ver⸗ traute ihrer Gedanken, vor ihm offen lag jede Regung ihres Gemuͤthes, das ſo mit dem ſeinen zu Einem verſchmolz, daß nur ein Gefuͤhl, ein Wille beide beſeelte. Das Geſchlecht der Loris war eines der älte⸗ ſten aus der Provence, und hatte lange mit Aus⸗ zeichnung in der Marine gedient. Der alte Graß⸗ der Vater des Generals, war Chef einer Esca⸗ dre geweſen, und hatte Brauch und Neigung des Seemannes beibehalten. Einen Theil des Vor⸗ mittags uͤber rauchte er; brachte, vom Podagra ſehr geplagt, die groͤßte Haͤlfte ſeines Lebens im Lehnſeſſel zu, liebte aber dennoch die Freude, und ließ bei deren Erguß ſich mitunter wohl ein Wort entſchluͤpfen, an das Kaliſtens keuſche Ohren eben nicht gewoͤhnt waren, woran ſie indeß bald keinen Anſtoß mehr nahm; denn unter dem rau⸗ hen Aeußern, unter Fluͤchen und Scheltworten des ungeduldigen alten Kriegers offenbarte ſich ein edles, offenes Gemuͤth, eine uͤberſtrͤmende Freu⸗ digkeit und die unerſchoͤpflichſte Guͤte. Täͤglich gewann ſie den alten Grafen lieber, der ſeinerſeits ohne ſie bald nicht mehr leben konnte und ſchwor, wenn der ſchoͤne Engel bei ihm ſei, haͤtte das ver⸗ teufelte Podagra ihm weniger an. Die Graͤfin Loris war eine ältliche, hyſteriſche Dame, deren Nerven das Leidweſen zu altern ſtets reizte, die den halben Tag uͤber ihre Kraͤnk⸗ lichkeit klagte, die halbe Nacht Tric⸗Trac ſpielte, faſt nichts aß, aber taͤglich eine Menge Kaffee und ſtarke Getraͤnke nahm. Sie liebte die große Welt und vertrauliche Eingezogenheit, ging gleich gern in die Predigt und in das Schauſpiel, bewunderte die vorigen Zeiten, ſchmähte uͤber die gegenwaͤrti⸗ gen, dachte ſich diezukuͤnftigen als einen fortſchrei⸗ tenden Verfall des menſchlichen Geſchlechtes, hielt die beſte junge Frau fuͤr ſchlechter als die armſe⸗ ligſte der ehemaligen Tage, und ihre Schwieger⸗ tochter ſelbſt fuͤr ein niedliches Puppchen, dem nichts Noth thaͤte, als Spielzeug und Bonbons, hatte es aber doch ſo lieb, als ſie etwas haben konnte, und wuͤnſchte ihrem Sohn immerhin Gluͤck zu ſeiner Wahl. Die Geſellſchaft in dieſem Hauſe entſprach dem Alter und Weſen des Grafen und der Graͤfin. Da ſah man ältliche Damen, hochroth geſchminkte Witwen, die mit der Zeit ſchmollen, welche ihre Runzeln mehrt, und mit den Mäͤnnern, die ſie nicht mehr anſehn. Da ſah man auch alte Herrn auf die Jugend ſchmähn und ſchwerfaͤllig dabei um junge Schoͤnen huͤpfen, die neue Kriegskunſt tadeln, bie Lorbeern der jungen Krieger beneiden, die Großen des Abends bekritteln, denen ſie des Morgens gehuldigt, den Miniſter, deſſen Mahl⸗ zeit ſie verdauen, und Alles, was ſich Namen erwor⸗ ben hat, heruntermachen, uͤber die Angelegenhei⸗ ten von Europa, gleichwie uͤber die eines Meier⸗ hofs, abſprechen, uͤber Politik deraiſoniren und ſich in ihren eignen Raiſonnements feſt ſchwaz⸗ zen, ſo daß ſie ſich nimmermehr herauswickeln koͤnnten, wenn nicht der Bediente ſie flott machte, der meldete, daß das Nachtmahl aufgetragen ſei; denn bei dem Grafen Loris ſpeiſte man noch zur Nacht, und dies iſt von allen untergegangenen Braͤuchen der vorigen Tage vielleicht der einzige, den die gaſtliche Freude bedauert. Kaliſte wandelte unter dieſen wandelnden vorigen Jahrhunderten ein Weilchen, ehe ſie ſich an eine Geſelligkeit gewoͤhnen konnte, deren maͤch⸗ tiges Ergoͤtzen darin beſtand Whiſt, Einundzwan⸗ zig oder die unendliche Rabuge zu ſpielen. Ihr Mann, um der Langenweile vorzubeugen, die ſie in dem einſchlaͤfernden Dunſtkreis, welcher in dem Salon des Loriſchen Hauſes ſchwebte, ergreifen 4 4 9— koͤnnte, lud erſt einige ausgezeichnete Ofſiziers von verſchiedenen Waffenarten, die ſich in Paris be⸗ fanden, ein, jenen zu zerſtreuen. Bald erweiterte ſich der Zirkel; er geſellte Staatsmaͤnner, wiſſen⸗ ſchaftliche Maͤnner, Kuͤnſtler zu den erwaͤhlten Kriegern, endlich auch einige junge Frauen, an deren Umgang, wie er vorausſetzte, ſeine theure aliſte Behagen finden wuͤrde. Unter den Neueingefuͤhrten war Obriſt Ar⸗ thur ein geſchätzter, talentvoller, geiſtreicher Mann. Eine gefaͤhrliche Wunde, die er auf dem Felde der Ehre davon getragen, erhoͤhte die Theilnahme fuͤr ſeine Eigenſchaften. Ferner gehoͤrte zu ihnen der Vicomte Alcid, der Neffe eines Marſchalls Sein edles, ſeelenvolles Geſicht, ſein Weſen, erinnerten an ruhmvolle Kriegsthaten, womit er ſeine Laufbahn geſchmuͤckt. Dieſer bot gern der Baronin von Montbrun den Arm, ſei⸗ ner Verwandtin, einer Frau von gebildetem Geiſt, lebhafter und reicher Einbildungskraft, die, nach⸗ dem ſie im achtzehnten Jahre Witwe geworden war, jede neue Verbindung abgelehnt hatte, um ihre theure Freiheit zu behaupten. Jetzt ſtand ſie im ſechs und dreißigſten Jahre; Ueberbleibſel ehe⸗ maliger Schoͤnheit ſah man noch hie und da auf ihrem ausdrucksvollen Geſicht; ihr zierlicher Bau bewegte ſich mit uͤberraſchender Gewandheit, in auffallenden Stellungen, die viel Welt verriethen und viel Verfuͤhreriſches hatten. Die Friſche der Jugendſchönheit war von ihr gewichen, doch ſie erſetzte dieſelbe durch Wuͤrde der Haltung, durch eine uͤberlegne Hofmanier, und durch einen ſo glaͤnzenden Strom der Rede, daß es unmoöglich war ſich nicht davon hingeriſſen zu fuͤhlen. Auf die Art und Weiſe eines Jeglichen wußte ſie ein⸗ zugehn, eines Jeglichen Gunſt zu gewinnen: ein feiner, ſcharfer Tact gab ihr ein, ob ſie weitlaͤu⸗ fig, lakoniſch, luſtig oder empfindſam, ſatyriſch oder duld am ſich zeigen ſollte; mit einem Blick hatte ſie das Maaß der Gemuͤthsart, der Neigung, ſogar die Meinungen weg, ſo wie ihr Jemand in der Welt begegnete, und als ein unbegreiflicher PYroteus ſchmeichelte ſie dieſem, imponirte jenem lockte den Einen durch den Zauber der Verfuh⸗ rung, feſſelte durch Dankbarkeit den Andern, und hatte durch ein ſo gewandtes Spiel ſich ein Heer — 11— von Freunden und Anhaͤngern geworben, das ſie ſamt und ſonders als die beſte, die liebenswuͤr⸗ digſte, die achtbarſte der Frauen ausrief. Den General Loris hatte ſie gleichermaßen gefangen, und wenn ſeine Mutter ſich einige Bemerkungen uͤber Frau von Montbrun erlaubte die man ihr oͤfters als intrigant und aus ſchweifend eſchildert: ſo ſchob er dergleichen Geruͤchte auf den Neid, dem eine ausgezeichnete Frau nimmer⸗ mehr entgeht, und nahm keinen Anſtand, ſie ſei⸗ ner Frau vorzuſtellen. Die Baronin ſchien den groͤßten Antheil an Kaliſten zu nehmen, und ihre lebhafte, hinreißende Beredſamkeit, die heitre Wuͤrde ihrer Haltung, die ein jedes wohlerzognes junges Weib ſich anzueignen wuͤnſcht, machten auf das reine, friſche Gemuͤth einen ſtarken Ein⸗ druck.„Wir ſollen, ſprach Frau von Montbrun, indem ſie Kaliſten betrachtete und die ſie Umge⸗ benden auf dieſelbe aufmerkſam machte, einmal ein vollkommenes Weſen hienieden erblicken. Es ſei uns eine Ehre und Pflicht dies Meiſterwerk der Natur auszubilden und zu Allem anzuleiten, was das Irrdiſche entzuckt, ohne ſein Himmelsbild — 11— anzutaſten.(Wer vermöchte beſſer als Sie, gnaͤ⸗ digſte Frau, Kaliſten zu einem Grad der Vollkommenheit zu erheben, den ſie unter Ihrer Leitung errrichen koͤnnte. Rechnen Sie auf Alles, was ich dazu thun kann, verhieß die Baroninz ich thue dabei ſoviel fuͤr die Ehre meines Geſchlechts, als fuͤr die Wonne des Ihrigen.5 Von Stunde an gehoͤrte Frau von Mont⸗ brun zu den Vertrauteſten des Loris'ſchen Hauſes, und ergoͤtzte und gewann daſelbſt Jedermanns erwiederte der General, Herz. Mit dem alten Kriegsmann ſprach ſie von Seegefechten, gedachte aller Großthaten, die un⸗ ter ſeinem Oberbefehl vollzogen waren, und friſch⸗ te ihm ſeine Lorbeeren aus neubelebter Erinne⸗ rung auf. Wenn er voll Schmerzen im Armſtuhl ſaß, erzählte ſie ihm poſſierliche Geſchichtchen, daß er laut lachen mußte, und munterte ihn der⸗ geſtalt auf, daß er ihre Hand ergriff und ſie derb kußte. Der alten Graͤfin bewieß ſie ſich nicht minder verbindlich. Sie erinnerte ſie an die ſee⸗ lige Zeit der franzoͤſiſchen Galantrie, als man nur von der ſchönen Loris hörte, und erinnerte ſich 2 ſelbſt, wie ſie, freilich als ein gar junges Kind, ſie geſehn, da ſie den großen Vall eroͤffnet, den die Officiere von der Marine, dem Admiral Lamo⸗ the⸗Piquet zu Ehren nach ſeinem glaͤnzenden Siege bei Fort⸗Royal, gegeben. Dann beklagte ſie ihr Rervenleiden, ihre Hyſterie, machte ein Whiſt oder Imperiale mit ihr, ließ ſie ſchelten, ruͤgte ihre gemachten Fehler beileibe nicht: und die Graͤfin fand ſie allerliebſt, ganz himmliſch, und begriff nicht, wie man etwas gegen eine ſo vor⸗ treffliche Frau haben koͤnnte. Kaliſte ſchloß ſich innig an die Baronin, und dieſe, um ihr Vertraun zu erwerben, gab ihr Anlei⸗ tung, welche Haltung ſie in der Welt anzunehmen hätte, lehrte ſie die Bewundrung der Gecken, die Huldigung der Frechen, die Fallſtricke der Intrigan⸗ ten vermeiden; rieth ihr, erworbenen Beifall immer durch Freundlichkeit und Einfalt gut zu machen, ſich einen erwaͤhlten Kreis zu bilden und ihr Ver⸗ traun nur Wenigen zu ſchenken WVor allen Din⸗ gen, lieber Engel, fuͤgte ſie hinzu, huͤten Sie ſich vor den jungen Frauen; ſie beneiden Ihre Vor⸗ zuge, und Sie wuͤrden Ihnen dieſelben theuer be⸗ vorbenes Herz und heilloſe Grundſätze. Sie war — zahlen muͤßen. Huͤten Sie ſich noch mehr vor den alten Frauen; Ihre Friſche, Ihr Glanz beſchä⸗ men deren Schminke, Runzeln und Fratzen: wie ſollten ſie Ihnen das je verzeihn? Schließen Sie ſich an Freundinnen, die das Verlorne und die Nebenbuhlerei nicht plagt, die fähig zu lieben und Liebe einzufloßen, ſie weder veneiden noch fuͤrchten unb Ihnen eine ſittliche Buͤrgſchaft fuͤr den Wechſeltauſch wahrer, uneigennuͤtziger Freundſchaft bieten koͤnnen.(Wie Sie! rief Kaliſte, und druͤckte ihr herzlich die Hand. Welchen Zauber verleihen Sie der Neigung und dem Vertraun! Mein Mann muß zur Armee; es wird vielleicht wieder Krieg. Wie ſuͤß wird mir ſeyn, waͤhrend er abweſend iſt, mich unter Ihrer Obhut zu be⸗ finden! Der General reiſte auch wirklich bald darauf ab, wider die Feinde Frankreichs zu ziehen, und ahndete wenig, daß er einen Feind in ſeine Familie eingefuͤhrt, der ſie mit der furchtbarſten Zerrät⸗ tung bedrohte. Die Baronin von Montbrun ver⸗ ſteckte hinter ihrem verfuhreriſchen Aeußern ein ver⸗ eine Koquette im großen Styl, die der Unmuthzu verbluͤhen zu Allem faͤhig machte, der Jugend und Schoͤnheit verhaßt war, ſie liebkoſte ſie nur, um ſie zu verderben, wollte ſie ſchimen, um ſie zu Grunde zu richten und aus der Welt zu ent⸗ fernen, wo deren Bild ihr laͤſtig fiel. Gleich ei⸗ ner zweiten Leucoſia zog ſie mit lieblicher, locken⸗ der Stimme und Gebehrde die jungen Schoͤnhei⸗ ten an ſich, auf die ihr Blick traf, verfuͤhrte ſie und richtete ſie zu Grunde. So liebkoſt ein fuͤßer, erfriſchender Wind die zarten Bluthen, waͤchſt unvermuthet zum Gewitterſturm, und reißt ſie vom Stamm, und laͤßt ſie zerſtreut am Boden, entblaͤttert und verbleicht. Zu der urſpruͤnglichen Abneigung der Frau von Montbrun wider Kaliſten kam noch, daß ſie merkte, wie das himmliſche Weſen bei dem Bi⸗ comte Alcid eine geheime Leidenſchaft erregt, den ſie ſelbſt an ihren Siegeswagen zu feſſeln gedachtet Seine Eroberung ſchmeichelte zu ſehr ihrer Eitel⸗ keit, vielleicht ihrem Herzen, um ſie ohne Wider⸗ ſtand aufzugeben, und ſie ſann darauf den Schlag abzuwenden, der ſie bedrohte. Eines Morgens, da ſie allein mit Kaliſten in deren Gemach plau⸗ 2 derte, lenkte ſie das Geſpräch auf den Obriſten i Arthur, und ſchilderte ihn der jungen Graͤfin als 1 3 e. ⸗ einen ſchlauen Verfuͤhrer, der endlich in ſeinen 2 eignen Netzen gefangen ſei.(Die Gerechtigkeit des Himmels, ſagte ſie, hat gefuͤgt, daß dieſer furchtbare Feind der weiblichen Ruhe in's Geheim fuͤr einen Engel von Tugend gluͤht, den er nim⸗ — mermehr verfuͤhren, und der die Quaalen an ihm rächen wird, die viele Schlachtopfer fuͤr ihn gelit⸗ 1 ten.* 4 (Gut, verſetzte Kaliſte; aber wer iſt denn der Rachengel unſres Geſchlechtes??(Ein ſo rein ſittliches, als ſchoͤnes junges Weib, das kein Glück außer ihrer Pflicht kennt. Mit einem Wort, die junge Graͤfin Loris.„ aIch! gerechter Gott, — Sie erſchrecken mich!„ Mich duͤnkte, lie⸗ 3 ber Engel, daß ich Ihnen Arthurs Geheimniß, das er mir ſelbſt vertraut, verrathen muͤßte, da⸗ mit Sie ſich vor ſeiner Verfuͤhrung huͤten können. cIch will es gleich meiner Schwiegermutter ſagen, die empfaͤngt ihn immer ſo freundlich. Bei⸗ beibe! das gäbe nur Aufſehn, und thaͤte Ihrem — 17— Rufe Schaden.? 4Ja Sie haben wohl Recht; immer haben Sie Recht!“ Viel beſſer iſt, Sie laſſen den Obriſten um Sie her ſtreifen, ſeine Flammenblicke auf Ihre ſchoͤnen Augen heften.2 «Ich wuͤrde zu ſehr errothen.(Deſto beſſerl So hält er vielleicht fuͤr Liebe, fuͤr ein ſtummes Bekenntniß die Wirkung von Empoͤrung und Schaam, ſein Herz entbrennt ganz und gar, und ſeine Marter ſoll dauern, bis er gebuͤßt hat, was ſo viele Frauen ſeinetwegen erduldet, die ſeine glänzenden Eigenſchaften verfuhrt.«O, ich ver⸗ ſtehe mich ſchlecht auf Hinterliſt, und kann nicht verſprechen Ihnen beizuſtehn. Meiner Schwie⸗ germutter will ich nichts ſagen; aber der Obriſt muß es beſonders anſtellen, wenn ich ihn anſehn, ein Wort mit ihm ſprechen ſoll Geſagt, gethan. Sobald Arthur in den Salon trat, zog ſich die junge Graͤfin in irgend eine Ecke, wo ihr unmöglich beizukommen war. Gelang es ihm dennoch ſich ihr zu nahen, ſtand ſie auf, und nahm bei ihrer Schwiegermutter Platz. Wie lange die achtmal herum gegebenen Karten beim Reverſi, die zwölf Könige beim Pi⸗ 2r Theil. B — 1 8— quet aufhalten mochten, ſie ſaß dort. Brachte er endlich einmal ein verbindliches Wort bei ihr an, ſo ſchlug ſie die Augen nieder, etroͤthete, und ant⸗ wortete nie darauf. Arthur bemerkte dieſe Zu⸗ ruͤckhaltung, und eben dies hatte die Baronin ge⸗ wuͤnſcht. Nun ſagte ſie auch ihm, wie die junge Frau fuͤr ihn das zartlichſte Gefuͤhl hege, ſchilderte mit argliſtiger Feinheit Kaliſtens langweiliges Daſeyn im Hauſe alter, kraͤnklicher Aeltern, bei einem Gatten, der faſt immer abweſend und im⸗ ⁴ mer in Lebensgefahr ſei.(Ein ſo zaͤrtliches Herz 5 fugte ſie hinzu, ſucht Erwiederung und Erguß. Es iſt natuͤrlich, daß der liebenswuͤrdigſte 6 ſtand es anzieht. Mit tiefen Zügen ſog Arthur in ſich das von der Baronin ihm dargebotne Gift. Er geſtand offenherzig, daß er nie gewagt haben wuͤrde, ſeine 6 Augen zu der jungen Graͤfin zu erheben; aber daß er in ihrer Naͤhe allezeit eine wahre Beſeeligung gefuhlt, die er ſich nicht erklaͤren, der er nicht habe widerſtehen köͤnnen.«Ich gaͤbe mein Leben, ſetzte er dann hinzu, fuͤr einen Augenblick des Ge⸗ —— ſpraͤchs, wo mir Faliſte ihr Gefuͤhl bekennen, das Geſtaͤndniß des meinen fuͤr ſie anhoͤren wollte. (Darin will ich Ihnen beiden dienen, erwiederte die Baronin; aber ſie iſt ſo bloͤde, und unter ſol⸗ chen wachſamen Argusaugen, daß ich vorausſehe, lieber Arthur, Sie werden noch eine Zeitlang hoff⸗ nungslos ſchmachten muͤſſen. Es beduͤrfte eines gluͤcklichen Zufalls, ſo eines unvorhergeſehenen Zuſammentreffens, das man dann geſchickt benutzt. Laſſen Sie mich machen.) Nun ſuchte ſie Alcid auf, that, als ob ſie die Liebe nicht bemerkt, von der er fur die junge Graͤfin gluͤhte, vertraute ihm die Entdeckung eines geheimen Einverſtaͤndniſſes zwiſchen Kaliſten und dem Obriſten, und daß zuverläſſig naͤchſtens die ſchöne raphaeliſche Madonna den Ruf von Ar⸗ thurs Liebenswuͤrdigkeit kroͤnen wuͤrde. Sie ſah, wie der Vicomte erbleichte, bebte, verdoppelte Witzworte und Stachelreden, drehte den Dolch um in Alcidens Herz, und riß die Pfeile größten⸗ theils heraus, die ihre Nebenbuhlerin hineinge⸗ ſchleudert. B 2 Mit einem andern Weſen, einer andern Miene, ſo zu ſagen, mit einer andern Haut, wie die Schlange, die unter Blumen ſchleicht, kam ſie darauf zu Kaliſten, beſchwichtigte deren Unruhe, und ſagte ihr, trotz der Heftigkeit ſeiner Liebe haͤtte Arthur beſchloſſen, dieſelbe zu uberwinden. Die Vorſtellung, den Ruf der Frau zu ſchaden, die er anbetete, die Ehrfurcht, welche ihre Tugend ihm eingeflößt, tauſend unuberwindliche Schwierigkei⸗ ten, die ſich ihm entgegenſetzten, haͤtten ihn von ſeinen Verfuͤhrungsplaͤnen zuruͤckgeſchreckt. Hier⸗ auf fuhr ſie mit dem Ton der aufrichtigſten Freund⸗ ſchaft und des herzlichſten Autheils fort: um den Obriſten in ſeinem Vorſatz der Entſagung zu feſti⸗ gen, ihn zu dem einzigen Mittel zu bewegen, wo⸗ durch er ſeine verderbliche Neigung wirklich uͤber⸗ winden könnte, habe ſie, nicht ohne lebhaften Wi⸗ derſtand ſeinerſeits, doch das Verſprechen von ihm erhalten, daß er ſofort Paris verlaſſen wollte, und in's Bad reiſen, um voͤllig von ſeiner Kriegswun⸗ de, und von der ſchlimmern hoffnungsloſer Liebe zu geneſen, die er im Herzen truͤge. aO beſte, treffliche Freundin! rief das vertrauensvolle Opfer, — 21— ſchloß die Baronin in den Arm, und kuͤßte mit ihren keuſchen Lippen deren giftigen, luͤgenhaf⸗ ten, truͤgeriſchen Mund. Frau von Montbrun verfehlte nicht von die⸗ ſer ertheilten falſchen Nachricht Arthur zu benach⸗ richtigen, dem anfangs die Luͤge dabei zuwider war, dem ſie aber nothwendig ſchien, um zu der erwuͤnſchten Zuſammenkunft zu gelangen. Er meldete alſo der Familie Loris, daß er nach Plom⸗ bieres reiſe, um ſeine Geneſung zu beſchleunigen und wieder zur Armee zu können. um ſich ſo⸗ dann nicht der Verlegenheit auszuſetzen, Jemand aus dem Lorisſchen Hauſe zu begegnen, begab er ſich auf ein Landhaus in der Nachbarſchaft von Paris, von wo er unaufhoͤrlich Mittheilungen an die Baronin gelangen ließ und von derſelben em⸗ pſing. Dieſe trachtete indeſſen fort und fort, un⸗ ter der Larve von Vorſicht und Fuͤrſorge, die Un⸗ gluͤckliche zu verderben, fur welche, ohne daß die⸗ ſelbe es wollte, das Herz des jungen Alcid taͤglich mehr entbrannte, und die gleich bewußtlos, indem ſie alle Hoffnung ihrer Nebenbuhlerin zerſtörte, deren unverſohnlſchſte Rachbegier reizte. —— Man muß geſtehn, ſagte eines Tages Frau von Montbrun zu Kaliſten, daß Ihr Leben bei Ihren Schwiegerältern ein wenig traurig iſt.» Wie ſo? fragte dieſe unbefangen. Meine Schwie⸗ germutter iſt hyſteriſch und voller Anſpruche; aber ſie iſt im Grunde gut, und vor allen Dingen hat mein Mann ſie ſehr lieb. Der alte Graf raucht und flucht in Einem fort, wenn er das Podagra hat; aber dabei behandelt er mich mit ſo viel Lie⸗ be, und ſie ſind beide gewiß achtbare Menſchen.— „Aber, lieber Engel, Sie muͤſſen ein wenig an die Luft kommen, Sie ſind fuͤr eine luftige Re⸗ gion geſchaffen, in Ihrem Alter bedarf man der Erwiederung und Zerſtreuung.— cNun freilich; waären Sie nicht, liebe Baronin, ſo moͤchte ich wohl manchmal etwas Langeweile haben. v— eWenn ich Sie nurzuweilen in's Theater fuhren oder auf Spa⸗ ziergaͤngen begleiten koͤnnte: wir wuͤrden noch freier mitſammen plaudern und unſrer Uebereinſtimmung noch ſußer genießen.“ Ja wohl; aber die Grä⸗ fin Loris hat meinem Mann heilig verſprochen, daß ich niemals öffentlich, als in ihrer Begleitung, erſcheinen ſoll.— 6Das Verſprechen iſt aller⸗ * dings einer vorſichtigen Frau und zaͤrtlichen Mut⸗ ei ter wuͤrdig. Doch wenn ſie Nervenzufaͤlle hat, „ nachdem ſie am Tage viel im Spiel verloren?„ e⸗„Ja, dann muß ich mich beſcheiden zu Hauſe zu er bleiben.„Ihre Geſundheit koͤnnte doch darunter at leiden. Sie ſind ein wenig veraͤndert“ eFinden Sie?0 4Ihre Augen haben minder Ausdruck, ra Ihre Farbe iſt bleicher, nicht ſo friſch als gewoͤhn⸗ 6. lich. Es waͤre ein Mord, wenn ſie ſo viel Reiz vernachlaͤßigen wollten. Ihre guten Aeltern muͤſ⸗ n ſen uns das billige Zumuthen gewaͤhren, daß Sie 5 öfters in der Welt erſcheinen duͤrfen. Ich will er noch heute deswegen mit ihnen reden, vorausge⸗ ſetzt, daß Sie einverſtanden ſind 70«O, herzlich, hl liebe Baronin; aber laſſen Sie nicht merken, daß ch es auf meinen Antrieb geſchieht. Verlaſſen 3 Sie ſich auf mich. er Demnach benutzte Frau von Montbrun einen g Augenblick, der ihr guͤnſtig ſchien, um die alte Graͤfin geſchickt auszuforſchen und zu verſuchen, n, ob ſie ihr wohl Kaliſten dann und wann anver⸗ g, trauen möchte; aber wegen des dem General ge⸗ leiſteten Verſprechens wurde es ihr rund abgeſchla⸗ gen. Ein ſolches Hinderniß ſchreckte die Baro⸗ nin nicht ab; ſie verdoppelte Aufmerkſamkeiten, Schmeicheleien, benutzte zufoͤrderſt eine heilige Handlung, bei welcher alle barmherzigen Frauen aus Paris zuſammenſtroͤmten, und ein beruͤhm⸗ ter Kanzelredner ſich hoͤren ließ um Frau von Loris zu bewegen, ſelbſt mit Kaliſten ſie zu beglei⸗ ten. Das wuͤrdige Schauſpiel, die beſcheidene Haltung, die fromme Andacht der Baronin er⸗ bauten beide: der erſte Schritt war geſchehn, und die andern nun viel minder ſchwer. Unvermerkt gewann Frau von Montbrun ungemeinen Einfluß auf Schwiegermutter und Schnur. Die anſcheinende Strenge ihrer Sitten, ihre Haltung, ihre Rede, flößten beiden ſoviel Vertraun ein, daß man ſie oft alle drei zuſammen in den Schauſpielen, den Tuillerien, Abends auf dem Boulevard von Gent ſah, wo der Vicomte Alcid mitunter ſie anredete, und dabei einer Gemuͤths⸗ bewegung nicht Herr war, welche dem eiferſuͤchti⸗ gen Auge der Baronin nicht entging. Die junge Gräfin war voll Freude öfter Zerſtreuung zu genie⸗ ßen, ſie bildete in allen Stuͤcken ſich nach dem — 25 Weſen der Falſchen, nahm dieſelbe Wuͤrde einer adelichen Frau, den Hofton an, welche ihr und der alten Graͤfin an jener ſo ſehr gefielen, und beide uͤber ſie in vollkommene Argloſigkeit wiegten. Jene Argloſigkeit ging ſo weit, daß Kaliſte ihrem Mann ſchrieb, wie viel Frau von Montbrun fuͤr ſie thaͤte, und nach einiger Schwierigkeit von ihm ſelbſt die Bewilligung erhielt, unter deren Schirm und Obhut in der Welt zu erſcheinen, wenn ſtets vermehrte Kraͤnklichkeit ihre Schwie⸗ germutter zu Hauſe feſſelte. So ſehr die alte Graͤfin von der Baronin eingenommen war, glaubte ſie doch ihrer Schwiegertochter aus Vorſicht einige Erinnerungen dawider machen zu muͤſſen. aLie⸗ bes Kind, ſagte ſie ihr, ich weiß aus Erfahrung, wie der Neid allzeit eine glänzende Frau von vor⸗ zuͤglichen Gaben verfolgt; aber Du mußt doch be⸗ denken, daß man wider Frau von Montbrun, wiewohl gewiß mit Unrecht, viel einwendet, und daß Dein Ruf darunter leiden koͤnnte, wenn Du immer allein mit ihr erſcheinſt Kaliſte nahm dieſe Warnung fuͤr nichts weiter, als fuͤr das Leidweſen einer Schwiegermutter, ihr Anſehn ſchwinden zu ſehn, fußte auf die Zuſtimmung ih⸗ res Gemahls, ſchloß ſich immer inniger an die Baronin, und dachte auf weiter nichts, als dar⸗ auf, recht oft mit derſelben allein zuſammenzu⸗ kommen: es machte ihr ſoviel Vergnuͤgen, als es ihr vortheilhaft ſchien. Jene wichtigen, allmaͤhlig gewonnenen Er⸗ folge wurden dem ungeduldigen Arthur mitgetheilt, der nicht Worte genug finden konnte, ſeiner lie⸗ benswuͤrdigen Sachwalterin ſeine Dankbarkeit aus⸗ zudruͤcken. Dieſe trieb die Unverſchämtheit ſo weit, dem Obriſten zu melden, daß die junge Graͤſin ihr im vertraulichen Geſpräch ihre Liebe fuͤr ihn geſtanden haͤtte, daß deren Leidenſchaft, wie bei allen ſtreng bewachten Frauen, von einer Heftig⸗ keit fei, die ſich frei zu ergießen raͤnge, und daß ſie nicht verzweifelte, die arme Eingekerkerte noch dahin zu bringen, daß ſie ihn ſelbſt das Geheim⸗ niß ihres Herzens entdeckte. Trunken vor Wonne, erwartete Arthur mit verzehrender Ungeduld dieſen gluͤckſeligen Augen⸗ blick; und der Vicomte Alcid, dem die ſchlaue Unterhaͤndlerin dann wieder von der Zuſammen⸗ eunft beider unterrichtet, dem ſie dieſelbe als gemeinſchaftlich verabredet vorgeſtellt, ſah in der jungen Gräfin eine heuchleriſche Spröde, die ins Verderben rannte, und gelobte, ſie fuͤr ewig aus ſeinem Andenken zu reißen. An einem Juniustage, da eben das Volk zur Feyer des Frohnleichnamsfeſtes zuſammen⸗ ſtrömte, hatte Frau von Montbrun Kaliſten ein⸗ geladen, allein bei ihr in ihrem Hauſe zu fruͤh⸗ ſtuͤcken, das an der Univerſitätsſtraße lag. Sie bewohnte hier im dritten Stock ein Quartier, deſ⸗ ſen Ausſicht weite Gärten uͤberſchaute. Die Ge⸗ walt, welche ſie uͤber das beſte Herz ausuͤbte, vermochte daſſelbe ſich uͤber alle Schwierigkeiten wegzuſetzen, die einer ſolchen erwuͤnſchten Zuſam⸗ menkunft entgegentraten. In der Fruͤhe gegen zehn Uhr, angethan mit einem einfachen, be⸗ ſcheidenen Gewande, das die Pracht ihrer Schoͤn⸗ heit um ſo mehr hervorhob, ging Kaliſte, ohne Wiſſen ihrer Aeltern, von der Straße Richelieu in die Wohnung der Baronin. Bei der Feyer des Feſtes durfte kein Wagen fahren, ein Be⸗ dienter mußte ſie begleiten, auf deſſen Verſchwie⸗ — — 28— genheit ſie vertrauen konnte; und richtig begegnete ſie dem Vicomte Alcid, den die Baronin von Tag und Stunde der Zuſammenkunft benachrich⸗ tiget. Er zweifelte nicht mehr an ihrer ſchreck⸗ lichen Verirrung und warf auf ſie einen letzten Blick voll Schmerz und Abſcheu. Frau von Montbrun empfing Kaliſten mit Befliſſenheit, mit heuchleriſch liebkoſender Sorg⸗ falt, die das Opfer ſchmeichelt, das bluten ſoll. Nach dem Fruͤhſtuͤck und einem Geſpräch voll zärtlichen Erguſſes gegenſeitiger Freundſchaft tra⸗ ten ſie in ein abgeſondertes Gemach, deſſen Fen⸗ ſter eine weite, einſame Gegend uͤberblickten. Es war ein abgelegener Aufenthalt, und die Einrich⸗ tung uͤberraſchte den erſtaunten Blick durch die aͤußerſte Zierlichkeit. Ein weiter Sopha von blauem Pekin ſtand in einer Abſonderung des Gemaches, die, mit Spiegeln ausgelegt, Stellung und Bewegung der auf jenem Niedergelaſſenen vervielfältigte. Einen Kamin von weißen Marmor zierte ein Auf⸗ ſatz von Alabaſter und gemachten Blumen, hinter denen ſich ein Stundenkreis verbarg, deſſen Zah⸗ len ein Liebesgott bezeichnete. Gemälde und Kupferſtiche hingen an den Waͤnden und ſtellten wolluͤſtige Begebenheiten der Geſchichte und Fa⸗ belzeit dar, und doppelte Vorhänge von Seide und Neſſeltuch vor den Fenſtern milderten den eindringenden Tag zu einem Halbſchatten, der hier Alles bis auf den Gedanken in des Geheim⸗ niſſes Schleier zu huͤllen ſchien. (Welch ein himmliſches Kabinet!v rief Ka⸗ liſte, indem ſie beim Eintreten die Gegenſtaͤnde ringsum abwechſelnd uͤberblickte. eEs iſt das Heiligthum der Freundſchaft, verſetzte die Baro⸗ nin: es mußte wuͤrdig geſchmuͤckt ſeyn, Sie zu empfangen. eLiebe Freundin, welch erleſener Geſchmack in Allem, was es enthaͤlt; hier muß ſich's ſuß traͤumen!? Sie ſollen hier auch ein wenig träumen, denn ich erbitte mir die Erlaub⸗ niß, Sie einen Augenblick zu verlaſſen, um ein ichtiges Geſchaͤft abzuthun; ich bin in einigen Minuten wieder bei Ihnen. Mit dieſen Worten eilte ſie aus dem Gemach, und Kaliſte blieb, in angenehmes Sinnen verloren und voͤllig arglos, allein. Der liebliche Aufenthalt, in dem jeder — 30— Gehenſtand dem Auge ſchmeichelte und das Ge⸗ muͤth erregte, zog dann ihre Betrachtung an. Dort zeigte ſich Gerards Pſyche: ſie fuͤhlte die Wir⸗ kung von Amors erſtem Kuß. Hier weinte Robert le Fevres Heloiſe, und ihre heißen Thraͤnen ent⸗ zuͤnden mehr noch die Gluth, die ihr zartes Herz verzehrt. Da erſchien Ducis Eleonore, die ſich in Taſſo verliebt, der ſein unſterbliches Gedicht ihr vorſagt; daneben eine Kopie von einem Mei⸗ ſterwerk: Guerrinos Dido iſt es, welche dem Ae⸗ neas lanſcht, und nicht bemerkt, wie indeß in Ascans Geſtalt die Liebe ihr den Ehering vom Finger zieht. Das Bild vor allen zog Kaliſten an, und bewegte ihr Herz mit einem Gefuͤhl, deſſen Urſach ſie nicht begriff, als leiſe die Thuͤr aufgethan wurde. Sie wendet ſich gegen dieſelbe, der Baronin noch einmal Gluͤck zu ihrer anmu⸗ thigen Einſiedelei zu wuͤnſchen, und erblickt Ar⸗ thur; mit freudiger Trunkenheit tritt er ein, und ſchließt beim Eintreten unvermerkt die Thuͤr ab. «Sie hier, Obriſt, ſagte Kaliſte verwun⸗ dert: ich glaubte, Sie wären in den Baͤdern von Plombieres.* Ich bin nicht aus Paris gekommen, wie koͤnnte man den Ort verlaſſen, wo Sie ſind!o Ich begreife nicht, aus welchem Grunde Sie denſelben nicht verlaſſen könnten?)«O, verzs⸗ gern Sie, ſchoͤne Kaliſte, nicht mein Glück, nicht das Geſtaͤndniß, näch dem meine Seele lechzt, daß ich Ihr Herz zu ruͤhren vermocht, cWas unterfangen Sie ſich zu ſagen?— Sie, mein Herz? Es gehoͤrt meinem Mann ganz und ungetheilt. „Er iſt deſſelben werth; aber er lebt nie bei Ihnen. v Schweigen Sie, wenn Sie ein Mann von Ehre ſind, und laſſen Sie mich gehn. Kaliſte, hoͤren Sie mich!— „Wenn Sie mich anruͤhren, rief ſie und trat an das Fenſter und riß es haſtig auf: ſo ſchrei ich um Huͤlfe, man mag von mir denken, was man will. Sie wuͤrden umſonſt ſchreien. Die Ba⸗ ronin iſt ausgegangen, alle ihre Leute ſind fort, das Zimmer iſt abgelegen, es iſt Niemand in der Nähe, der Sie hören kann.„Wohlan, wagen — 32 Sie einen Schritt, und ich ſturze mich heraus. Fuͤr mich giebt es kein Zaudern zwiſchen Enteh⸗ rung oder Tod. Wie, Sie lieben mich, Sie haben mir ſelbſt dieſe Zuſammenkunft gewährt «Ich!— Gerechter Gott! cLeſen Sie, rief Arthur und warf ihr aus ehrerbietiger Entfernung einen Brief zu. Leſen Sie, Kaliſte, dann richten Sie mich!v Zitternd, todtenbleich, hob die junge Frau den Brief auf, ohne den Obriſten aus den Augen zu laſſen, ohne vom offenen Fenſter fortzugehen, und lieſt mit unausſprechlicher Erſchuͤtterung: (Triumph, gluͤcklicher Sterblicher! Kaliſte will cSie ſprechen. Morgen fruͤh gegen eilf Uhr finden aSie ſie allein in meinem Kabinet. Machen Sie aſich auf Schreck und Thränen gefaßt, es iſt ein aKind, das gebildet werden muß; ſie geraͤth in adie beſte Hand. Sonnabend Abends. aund alſo mißhandelt die nichtswuͤrdige Frau Freundſchaft und Vertraun! Ich beſuche ſie zum erſten Mal, ich denke bei einer treuen Freundin, einer liebenswuͤrdigen Beſchuͤtzerin zu ſeyn, und ſie iſt nir rau um iner iſt eine Natter, die mich umſchlingt, damit ihr gif⸗ tiger Stachel mich um ſo gewiſſer treffe! Was hab ich der Furie gethan, daß ſie mich ſo ver⸗ folgt? Was Sie ihr gethan haben, Kaliſte? Sie ſind ſchoͤn, und Sie ſind tugendhaft. Gnädigſte Frau, fuhr er mit edlem Ausdruck fort: ich merke, die Baronin hat uns beide hintergangen. Mich hat die Liebe einen Augenblick verfuͤhrt, die Ehre bringt mich auf den rechten Weg zuruͤck. Ja, Ka⸗ liſte, es iſt wahr, ich liebe Sie, und das iſt kein Verbrechen; die Lage zu mißbrauchen, worin die Elende ſie geſetzt, wäre ein ſcheußliches, unver⸗ zeihliches Verbrechen. Sie hat geglaubt, Sie der zugelloſeſten Raſerei in die Arme zu liefern, ſie hat Sie um Gluͤck und Ehre bringen wollen; ich will Sie mit aller Kraft der Ehrfurcht, mit der allerzarteſten Umſicht ſchirmen. «O, wenn Sie Erbarmen haben, Obriſt, reißen Sie mich aus dieſem abſcheulichen Schlupf⸗ winkel. Mir brennt der Boden unter den Fuͤßen; mich eckelt die Luft, die ich athme, jeder Anblick ſchmerzt mich! 2r Theil. 6 (Aber wie iſt es möglich? Die Baronin hat Ihren Bedienten weggeſchickt, alle Straßen ſind wegen des Feſtes voller Menſchen, kein Wagen iſt zu haben. Das Ungeheuer hat ſeine Zeit ſchlau gewaͤhlt. cSo will ich herunter, ſo will ich allein zu Hauſe gehen. (Sie zittern, Sie ſind todtenbleich! Wenn Sie mir erlauben wollten, Sie zu begleiten, Sie zu fuͤhren. v Ja, ja, geben Sie mir den Arm. Ich kann nicht allein gehen, und ich ſehe, ich kann mich vertrauensvoll darauf ſtuͤtzen; ein rechtſchaf⸗ fener Mann hält etwas auf die Achtung einer Frau, die er liebt. Sie iſt das Einzige, gnaͤdigſte Frau, wo⸗ nach ich ſtreben darf, und das Verlangen danach wird meine Liebe zugeln? Bei dieſen Worten fuhrte er ſie die Stiege hinab, und giebt am Fuß derſelben mit großmuͤthiger, umſichtiger Selbſt⸗ verläͤugnung doch der jungen Frau zu bedenken, daß es ihrem Ruf ſchaden und ein Triumph fuͤr die Baronin ſeyn könnte, wenn ſie ſich allein mit ihm hät ind lau zu enn Ich ann haf⸗ iner wo⸗ ach rten Fuß bſt⸗ ken, die hm — 35— auf der Gaſſe zeigte. Er bittet Sie, ihre Kraft zuſammenzunehmen und ohne ihn nach der Stra⸗ ße Richelieu zu gehen, ſollte ſie auch unterwegs einige Mal ſtehen bleiben. aSie haben Recht, Obriſt, und dies Ihr Wort giebt mir allen Muth wieder. Leben Sie wohl, lieben Sie mich, da Sie mich ſo ſehr achten. In Gegenwart meines Mannes, im Kreiſe der Meinen, behalte ich mir vor, Sie meinen Freund zu nennen. Mit ſchwankendem Tritt ging ſie davon, Arthur folgte ihr von fern, und zweifelte, ob ſie das Ziel ihres Wegs wuͤrde erreichen koͤnnen. Er ſieht, wie ſie in die Straße von Baune einbeugt, und ſich zu der Maſſe geſellt, die nach dem Quai Vol⸗ taire ſtrebt. Jetzt iſt ſie von Jungfrauen umringt, die vor dem Allerheiligſten, dem Sinnbilde des Gottes ihrer Vaͤter, hergehen. Weiß gekleidet, wie jene, geht ſie in deren Reihen, und ſammelt Staͤrke, hier ſicher vor Gefahr, gleich der ſchuͤch⸗ ternen Taube, die den Klauen eines Raubvogels entkam und wieder mit ihren Gefaͤhrtinnen fliegt. Bald ſieht Arthur, wie, von frommen Ge⸗ fuͤhl uͤberwaͤltigt, ſie auf die Knie ſinkt und die G 2 ubrige Proceſſion vorbeiziehn läͤßt. Ihr Dankge⸗ bet erhebt ſich zu Gott, deſſen heiliges Bild, in Rauchwolken gehuͤllt, von Blumen bedeckt, vor⸗ uͤber ſchwebt. Voll inniger Andacht ſenkt ſie das Haupt und betet fuͤr ihren theuren Gemahl, viel⸗ leicht auch fuͤr den, der ſich ſein wurdig als Kriegs⸗ gefährte bewieſen. Der Obriſt läßt ſie keinen Augenblick aus den Augen. Nun endlich erhebt ſie ſich gefaßt, geht den Quai entlang, erreicht die Koͤnigsbruͤcke, den Karouſſelplatz, und tritt in das Lorisſche Haus. Beruhigt ihrethalben, im Gefuhl deſſen, was er fur ſie gethan, ſchrieb er, ihr ferner zu dienen, unverzüglich an die Baronin: (Der Engel, den Sie verderben wollten, iſt aus (Ihren hölliſchen Schlingen erlöſt. Der Mann avon Ehre, deſſen Vertraun Sie gemißbraucht ha⸗ cben, hat ſich als Mann von Ehre bewährt, und kennt und verachtet Sie nun. Indeſſen zog Kaliſtens verſtortes Ausſehn ihr daheim Frage auf Frage ihrer Schwiegeraͤl⸗ tern zu, und ſie beantwortete dieſelben gern und unverholen durch den treuen Bericht des Vorge⸗ fallenen.«D Mutter, rief ſie und fiel der alten n l⸗ d Graͤfin um den Hals: warum bin ich Ihrem Ra⸗ the, der Stimme der Vorſicht nicht gefolgt!? Der heftige Schrecken, den ſie erfahren, untergrub auf einige Zeit ihre Geſundheit; die Ruͤckkehr ih⸗ res Gemahls beſchleunigte ihre Wiederherſtel⸗ lung. Als derſelbe Arthurs rechtliches Benehmen erfuhr, ging er zu ihm, dankte ihm, und fuͤhrte ihn in ſein väterliches Haus, wo die junge Grä⸗ fin ihm den Freundesnamen gab, den ſie ihm ſeit⸗ dem Zeitlebens bewahrte. Er erzaͤhlte, wie die Baronin von Montbrun, entlarvt durch ihren eig⸗ nen Trug, von Glaͤubigern verfolgt, von dem Vi⸗ comte Alcid verlaſſen, den er ſelbſt von ihrer Ab⸗ ſcheulichkeit in Kenntniß geſetzt, Paris geraumt haͤtte, und in der Fremde einen entehrten Namen, verbluͤhte Reize verſtecke und in Duͤrftigkeit und verdienter Verlaſſenheit den Reſt ihres Lebens zu⸗ bringe. Ihre Abreiſe hob von Kaliſtens Bruſt eine ungeheuer druͤckende Laſt. Sie ſelbſt hat dieſe Begebenheit mir erzaͤhlt, faſt aus ihrem Munde ſchreibe ich ſie nieder, um meinen jungen Leſerinnen die Wichtigkeit geſelliger Verbindungen zu beweiſen, und ſie zu warnen vor dem Umgang mit alternden, intriganten Coquetten, denen die Zuͤchtigkeit eines jungen Weibes zur Schmach, ihre Treue zum Vorwurf gereicht, ihre Schoͤnheit zu ſchreckender Beſorgniß. 2 Die waͤlſchen Veilchen. Wes machſt Du mir denn heute fuͤr ein aller⸗ liebſtes boͤſes Geſichtchen?o fragte der Freiherr von Saint⸗Ange Michaela Gaſtaldi, die er vor vier⸗ zehn Tagen geheurathet hatte.«Frage mich nicht, antwortete ſie, und mache nicht, daß Du vor Schande vor mir erroͤthen mußt.„Mein Gott, was habe ich denn ſo Großes verbrochen? Sagen mußt Du es mir, denn errathen kann ich es un⸗ möglich.d«So, mein Herr, Sie haben in der Operabuffa ſich nicht die ganze Vorſtellung uͤber mit einer jungen Dame angeſtoßen, die neben uns an in der Loge ſaß??«Ja, es iſt wahr, mein Ellbogen iſt einige Mal gegen den ihrigen gefahren; wir ſaßen ſo gedrängt. Es iſt auch wahr, daß ich mich dann hoͤflich bei ihr entſchuldigt habez aber ich will ehrlos ſeyn, wenn ich die Unbekannte weiter bemerkt habe.y— Sie war nichts deſto⸗ weniger ſehr huͤbſch. 4Kann ſeyn, Ich ſaß neben Dir!? 6Das Kompliment taͤuſcht mich nicht. Es ſollte Dir ſchwer werden mich zu über⸗ reden, daß Du die Schoͤne nicht kennſt.«Ich ſchwore aber bei allem, was heilig iſt, daß ich ſie zum erſten Mal ſah.y Nun, ſo habe ich mſch betrogen. Vergieb mir meinen Irrthum, oder vielmehr, vergieb ihn meiner Liebe.v(Michaela, Deine Liebe iſt mir theurer als mein Leben, Du kannſt daran nicht zweifeln; aber ich fuͤrchte, Dei⸗ ne düſtre Einbildungskraft wird alle Freude der⸗ ſelben vertilgen. Seitdem verging einige Zeit, ohne daß die junge Frau irgend uͤble Laune bezeigte, oder daß in ihrem Hirn ein Wölkchen aufſtieg; aber ihr Blick wurde heftig, ihre Zuge veraͤnderten ſich je⸗ desmal, wenn Saint⸗Ange einer Frau nahe kam, fei's beim Herausgehn aus dem Schauſpiel, ſei's auf einem öffentlichen Spaziergang. Sie ſagte nichts, bezwang, ſo gut ſie konnte, einen innerli⸗ e — 4 1— chen Schauder, und ihr Mann, ber ihre Pein merkte, nahm ſich äußerſt in Acht, ihr dieſelbe zu erſparen. eWas habe ich denn abermals gethan? frag⸗ te er ſie einſt wieder, was bedeutet denn heute Dein duͤſtrer, geſpannter Blick? Drohung und Vorwurf ſitzt Dir in den Augen, auf den Lippen. v «O, diesmal, mein Herr, laͤugnen Sie mir nicht ab, was ich geſehn und gehoͤrt habe.—„Nun, laß ſehn, was Du ſo Arges geſehn, laß hoͤren, was Dich ſo entſetzt haben kann? 4So? wir ſind auf dem Boulevard von Gent, Sie bieten eifrig Ihren Sitz einer jungen ſchoͤnen Frau an—5 (Nun, wenn ſie haͤßlich und alt geweſen waͤre, hätte ich es freilich nicht ſo eifrig gethan.? cUnd nicht genug, daß Sie ihr dieſe Aufmerkſamkeit bezeigen, wofuͤr Ihnen mit dem allerliebreizendſten Laͤcheln und einem zierlichen Kompliment gedankt wird: Sie nehmen den Seffel, der vor mir ſteht— Nun, ſollte ich lieber ſtehen bleiben?„Das nicht, aber Sie ſollten ſich mir zur linken ſetzen, und nicht zwiſchen mir und der Schoͤnen ſich ein⸗ brängen, und dermaßen ein Geſpraͤch mit ihr an⸗ — 42— heben, das mich marterte. Sie ſprach nur von Dir, und lobte Deine ganze Geſtalt. Ja, das iſt die gewöhnliche Art ſolcher Frauen. cWeißt Du nun wohl, wer die war, die Du da ſo leicht⸗ hin zu den fahrenden Fraͤulein rechneſt? Es war die Marſchallin von R..„von deren Sittlich⸗ keit, Verdienſt und edler Einfalt Du oͤfters ge⸗ hoͤrt haſt!) ecUnmoͤglich!! 6Es war die Gemah⸗ lin des Helden, dem ich meine ehrenvolle Anſtel⸗ ¹ lung unter ſeinem Oberbefehl danke. Sie war ihrem Mann, der uber den Boulevard von den Tuil⸗ lerien zuruͤckkommen ſollte, mit einem ihrer huͤb⸗ ſchen Kinder, entgegengegangen, und wollte es auf den Schoos nehmen, als ich ihr den Seſſel anbot. aO, Freund, wie habe ich ihr ſo unrecht gethan, wie habe ich Dich beleidigt. Ich will an den Irrthum denken und ihn mir zur Lehre dienen laſſen.— Mochteſt Du die Lehre nicht mehr brauchen!* Wirklich war nun Michaela einen ganzen ¹ Monat hindurch ſcheinbar ruhig Wenn auch irgend ein unvorhergeſehener Zufall Argwohn und 1 Beſorgniß in ihrer Einbildungskraft erregte, er⸗ 3 trug ſie dieſelben mit Ergebung, und Saint⸗An⸗ ———— ——— bon an, m ge, der mit einem beobachtenden Geiſt Sanft⸗ muth und Geduld vereinte, war ſorgfältig bemuͤht die Ruhe des gluͤhenden Sinnes, die Wallungen des Ungeſtuͤmes zu ſchonen, dem er ſein Loos un⸗ bedachtſam anvertraut. In Geſellſchaft wagte er keine Frau anzublicken, antwortete kurz auf die an ihn geſtellten Fragen, vermied die kleinen Spie⸗ le, welche der Heimlichkeit und Vertraulichkeit ſo guͤnſtig und bequem ſind. Er machte eine Par⸗ thie Whiſt, wenn keine Frau mitſpielte, irgend eine hohe Parthie mit Maͤnnern oder Spielern von Profeſſion, meiſtens eine Parthie Schach, wobei nicht die mindeſte Zerſtreuung obwaltete, und welches deshalb Michaela als das anziehendſte, vortrefflichſte Spiel erhob. Auf Spaziergaͤngen, im Schauſpiel beſchaͤftigte ihn einzig ſeine Frau; ſie ließ ihn nicht aus den Augen, erſpaͤhte jede ſeiner Be⸗ wegungen, und wußte es immer ſo einzurichten, daß er zwiſchen ihr und einem Mann oder einer alten Dame zu ſitzen kam, die ihr noch oft gefaͤhr⸗ lich duͤnkte, wenn ſie Geiſt beſaß, oder irgend ein Ueberbleibſel von Liebreiz. Zwei Jahre hatte der Ehebund nun ge⸗ —. —— — ——————— ——— —— ——— dauert, den Michaela fuͤr unaufloͤslich hielt, und, gleich zwei Jahrhunderten, laſtend und immer la⸗ ſtender waren ſie uͤber Saint⸗Ange dahingezogen. Aus lauter Schwaͤche und Nachgiebigkeit gegen die Eiferſucht ſeiner Frau, ward er endlich ſo lin⸗ kiſch, ſo unbedeutend in Geſellſchaft, daß es Je⸗ dermann aufſiel: man beklagte ihn anfangs, dann Wohl mochte Saint⸗ Ange ſeiner Frau, die er anbetete, zu Liebe und ſpottete man uͤber ihn. um von ihrer argwoͤhniſchen Wuth ſie zuruͤckzu⸗ bringen, ihren Anſpruͤchen im Stillen im Innern des Hauſes ſich fuͤgen; voch nicht deshalb ſich zum Geſpött der Menſchen machen, den Hohn ſeiner Waffenbruͤder auf ſich laden und das Stich⸗ blatt der Witzlinge ſeyn, derer Neckereien weder ſeinem Stande noch Gemuͤth anſtäͤndig waren. Er beſchloß demnach den Zugel zu zerreißen, wel⸗ chen er ſich, der Eintracht zu Liebe, hatte auflegen laſſen. Zudem hatte, ſtets durch das Gift gemartert, das in ihrem Herzen bruͤtete, Michaela ihre Schoͤn⸗ heit zum Theil eingebuͤßt. Ihr Blick, der unablaͤ⸗ ßig das Benehmen ihres Gemahls, ja ſeine Ge⸗ ert, ön⸗ laͤ⸗ danken erſpähte, nahm eine untuhige Geſpannt⸗ heit, eine Haͤrte des Ausdrucks an, vor denen aller Liebreiz ſchwand. Einer bleichen, gelbſuͤch⸗ tigen Farbe wich die Jugendfriſche und der Far⸗ benglanz ihres Angeſichtes. Außerordentliche Ma⸗ gerkeit entſtellte die Regelmaͤßigkeit ihrer Zuͤge, die Anmuth ihrer Haltung und die Sierlichkeit des ſchoͤnſten Gliederbaues. O, wenn die jungen Frauen bedächten, wie ſehr die Quaal der Eifer⸗ ſucht ihre Reize verheert: ſo wuͤrden ſie ſich des heil⸗ loſen Uebels erwehren, und ſich huͤten Hymen und die Liebe zu entzweien. Ohne Vertraun und Vernunft brennt kein Opfer lange auf deren Altar. Vielleicht war Saint⸗Anges Liebe dadurch gemindert; dem Spotte laͤnger preis ſich geben wollte er nicht, er nahm allmählig ſein freies Betragen, ſeine vorige Liebenswuͤrdigkeit wieder an, genoß, wie vormals, die Achtung der Män⸗ ner, der Frauen Gunſt, die Liebe aller, die ihn kannten. Darauf erklarte er formlich ſeiner Frau, daß er der Lage uͤberbruͤßig waͤre, in die ſie ihn ſeit ihrer Ehe verſetzt. Jedes Opfer, welches — 456— ein Mann der Ruhe eines angebeteten Weibes ſchuldig ſei, habe er der ihren gebracht: der Ver⸗ einzelung, der Selbſtentaͤußerung, zu der er ſich, aus Furcht ihr wehe zu thun, verdammt, ſei jetzt ein Ende.«Ich liebe Dich einzig, ſagte er zu ihr, die Bande, die uns vereinen, ſind mir immer noch theuer; aber willſt Du aus Blumenketten entehrende, beſchwerliche Feſſeln machen, ſo zer⸗ reiße ich ſie zuletzt ganz und gar. Ich warne Dich im Voraus als rechtſchaffener Mann, als treuer Gatte und wahrer Freund. Ein Andrer, der Dich taͤuſchen wollte, wuͤrde unter Deinem Joch fortkriechen, und Dir ſagen, daß er Dich anbete. Ich bin ehrlicher; ich geſtehe Dir, daß, wenn Du meiner Redlichkeit mißtraueſt, mich fort und fort, wie bisher, quaͤlſt, mein Herz Dich aufgiebt, wie hart es mir fallen moͤchte. Ueberlege alſo ernſtlich, liebe Michaela, daß un⸗ ſer Gluͤck, oder unſre Trennung nur von Dir ab⸗ haͤngt. Je feſter Du dabei beharrſt mich zu beobachten, auf Tritt und Schritt zu belauſchen, um ſo minder werde ich Deiner Schwaͤche ſchonen, und Dir von der Selbſtſtaͤndigkeit des Mannes bes er⸗ etzt hr, ten zer⸗ als rer, ich aß, ich erz en, en, 44 opfern, die Du mich wieder anzunehmen noͤthi⸗ geſt. Wirſt Du Dich aber maͤßigen, mich mei⸗ nem Wohlgefallen, meinen Neigungen uͤberlaſſent ſo werden ſie ſich nur auf Dich beziehn, und Du allein wirſt in dem Herzen des Mannes herrſchen, der gelobt hat Dich gluͤcklich zu machen, und Dir jetzt dies ſagt, weil er ſein Geluͤbde erfullen will. Michaela ſah ihn beſtuͤrzt und verwundert an, antwortete ihm nur mit einem bittern Lä⸗ cheln. Weit entfernt, in ihres Mannes Geſtänd⸗ niß den Erguß eines offenen, liebenden Gemu⸗ thes zu ſehn, betrachtete ſie es als die gewoͤhn⸗ liche Sprache eines ungetreuen Gatten, der ſein Opfer auf das vorzubereiten meint, was daſſelbe erwartet. Es machte ſie baͤnger, argwoͤhniſcher, eiferſuͤchtiger; aber ſie verhehlte von nun an ſchlau die geheimen Nachſpaͤhungen, womit ſie Saint⸗ Ange umgab, und nahm vor ihm und der Welt den Schein völliger Gleichguͤltigkeit uͤber ſein Be⸗ tragen an: ſo daß ſie ihn täuſchte, als habe ſie ſeine Warnung zu Herzen genommen, ihre ver⸗ erbliche Leidenſchaft beſiegt, und wolle dem Ge⸗ — tübde ſeiner Treue vertraun. Er war entzückt, daruber, und ſeine Freunde wuͤnſchten ihm Gluͤck dazu. Nun ſcheute man ſich nicht meht, ihn in einem geſellſchaftlichen Kreiſe zu ſeinem Alter an⸗ gemeſſenen Beluſtigungen zu ziehn. Die Frauen, die gewöhnlich lebhafter Theil an dem Mann ei⸗ ner eiferſuͤchtigen Frau nehmen, neckten ihn mit Entgegenkommen, ſei's, um ihn fuͤr die Opfer, die er zwei Jahre hindurch gebracht, zu entſchä⸗ digen, oder um zu ſehen, ob ſich die junge Frau in der That von ihrem Irrthum bekehrt habe⸗ Dieſe aber beobachtete Alles, und that nicht, als ob ſie darauf merke; behielt im beklommenen Herzen das geringfuͤgigſte Wort, die mindeſte Gebehrde, und naͤhrte ſo das geheime, ſie ver⸗ zehrende Feuer. Waren ſie auf einem Ball, ſo ſtellte ſie ſich allezeit ihm gegenuͤber, beobachtete, ob der Tanz mit ihm ſeine Tänzerin etwa freute, ob ihr Geſpräch belebter, ob er daruͤber irgend zerſtreut wuͤrde? Der Walzer beſonders verſetzte ſie in ununterbrochene Spannung und Pein⸗ Saint⸗Ange walzte ſehr ſchön, und wählte allzeit nd zte eit — 6— eine reizende Taͤnzerin, deren Wuchs er dann umſchlang, deren Hand hielt, deren Arm auf dem ſeinen ruhte, deren ſuͤßen Athem er trank. Noͤthigte ein ploͤtzlicher Schwindel jene ſich nieder⸗ zulaſſen: ſo mußte dies die Folge einer zaͤrtlichen Rede, einer Liebeserklaͤrung ſeyn, die er gegen ſie gewagt. Bei den kleinen Spielen war Michaela vollends ganz Auge und Ohr, ſtieg ihr Uebel zu dem wuͤthendſten Anfall. Bei der heißen Hand, beim blinde Kuh, glaubte ſie nie anders, als daß ihr Mann die ſchoͤnen Finger der einen oder an⸗ dern Dame nach einer gewiſſen, zwiſchen ihnen verabredeten Uebereinkunft beruͤhre, woran ſie ſich erkannten. Trotz den verbundenen Augen erhaſchte er aus zwanzig Frauen, mit denen er ſich jagte, doch immer die ſchoͤnſte. Noch ſchlimmer war ſie bei dem vertrauten Geheimniß, oder den gege⸗ benen Woͤrtern daran. Da ſah ſie ſtets die huͤb⸗ ſche Nachbarin erroͤthen, der ihr Mann das Ge⸗ heimniß vertraute, und was ſeine andre Nach⸗ barin ihm ins Ohr ſagte, konnte unmoͤglich et⸗ was anders, als ein Geluͤbde ewiger Zärtlichkeit ſeyn. Wurden nun gar Pfaͤnder ausgeloͤſt, ſo 2r Theil. D — entbrannte ihre Einbildungskraft völlig, und es bedurfte aller Gewalt des Stolzes, damit ſie ihre Marter uͤberwand und nicht losbrach. War es auch auszuhalten, daß Saint⸗Ange drei Frauen, welche er wollte, kuͤßte? und, Gott weis, er ver⸗ ſtand ſie zu wählen! War es auszuhalten, wenn errathen werden ſollte, weſſen der Kuß, den er, wen er ihn und wo er ihm denſelben geben wollte, gab? wenn er mit Einer in einem dunkeln Zim⸗ mer maulen gehen mußte, eine Andre als Statue richten und beleben, mit jener den Kapuzinerkuß bewerkſtelligen, wo ruͤckwaͤrts gegen einander kniend, bei beiden Haͤnden ſich halten, ſie ſich umſonſt mit hintenuͤber gebeugtem Haupte bemuͤhten die Lippen zu erreichen? Vergebens ſuchte Michaela eine Linderung darin, daß ſie dergleichen Spiele mitmachte, welche Muthwille der Beſonnenheit zum Trotz erfunden hat, vergebens vertraute Saint⸗Ange ihr dabei als Geheimniß etwas, das ſie uͤber ſeine Liebe beruhigen mochte, verge⸗ bens ſagte er ihr ein freundliches Wort, wählte ſie unter den Frauen, die er kuͤſſen ſollte, und kuͤßte ſie herzlicher als die andern, und begleitete n, nn — 51— den Kuß mit einer liebevollen Rede. Sie nahm dieſe Huldigungen als pflichtſchuldige Opfer hin, ihr war, als ob die Lippen ihres Gatten ihr Ge⸗ ſicht entweihten, nachdem ſie ein andres beruͤhrt, als empfange ſie, erniedrigt und gekränkt, nur die Ueberbleibſel ſeiner Neigungen. Und doch gab es keine Freundlichkeit, die er ihr nicht bewies, doch ſann er auf Alles, was ihr nur Vergnuͤgen machen, ihren Wuͤnſchen zu⸗ vorkommen, ihren Neigungen entſprechen moͤchte. Wovon er nur immer hoffte, daß es ihren unge⸗ ſtuͤmen Sinn beſchwichtigen könnte, das verſaͤumte der Liebenswuͤrdige nicht; mit liebevollem Eifer, mit der herzlichen Befliſſenheit der treuſten Gat⸗ tenliebe vollzog er es. Dann legte ſich die gewohnte Heftigkeit ihres Gemuͤthes wohl augenblicklich, von ſeiner unwiderſtehlichen Guͤte beſiegt, ging ſie in ſich, hielt ihn fuͤr treu, fuͤhlte ſich gluͤcklich, geſtand, daß ſie es ſei; doch der geringſte Zufall erregte von neuem ihre phantaſtiſchen Schrecken und ihren eiferſuͤchtigen Wahn. Eines Tages gingen beide Gatten in den Tuillerien ſpazieren, und ſprachen von den Mit⸗ —— teln das Gluͤck der Ehe zu verſchoͤnen, als ein Ge⸗ witter ausbrach, vor dem ſie ſich unter einem der großen Baͤume bargen, welche in jenem herrlichen Garten ſtehn. Die engverſchraͤnkten Zweige und Blätter bildeten uͤber ihnen ein ſo dichtes Laub⸗ dach, daß anfangs kein Regentropfen ſie traf⸗ Saint⸗Ange faßte Michaela's Hand, druͤckte ſie an ſein Herz und ſagte: geſteh, liebe Freundin, es iſt ſuͤß, ſo vor dem Wetter geborgen zu ſtehn; laß uns nur immer ſo friedlich zuſammenhalten n (Ach, verſetzte Michaela, wenn wir immer ſo dicht und allein beiſammen wären, da wuͤrden unſere Tage ſchon friedlich und heiter ſeyn! In⸗ deſſen drang der Regen doch durch die Blätter, ſie mußten das anmuthige Obdach zum großen Leidweſen des jungen Weibes verlaſſen, und fluͤch⸗ teten ſich in das Zelt eines Limonadeverkaͤufers. Nachdem ſie hier einige Augenblicke gewartet, hellte ſich der Himmel auf, ſie ſchickten ſich an zu Hauſe zu gehn, nach der Richelieu⸗Straße, wo ſie wohnten. Sie gingen ſo eben bei dem Thea⸗ ter Francais voruber, als das Wetter zuruͤckkam, und Saint⸗Ange ſchlaͤgt ſeiner Frau vor, es im in, 8 15 ſo den In⸗ 53— Schauſpiel abzuwarten. Sie willigt ein, ſie neh⸗ men in der Eil zwei Billets, ohne nach dem An⸗ ſchlagzettel zu ſehn; der Vorhang rollt auf, und man giebt: Die eiferſuͤchtige Frau. Mi⸗ chaela erroͤthete vor Unmuth, und hielt dieſen Zu⸗ fall fuͤr einen Streich, den ihr Mann ihr abſicht⸗ lich geſpielt haͤtte. Saint⸗Ange konnte nicht umhin, ihn auch komiſch zu finden, und ſein Läͤcheln be⸗ ſtaͤtigte ihren Argwohn. Sie fand das Stuͤck ganz elend, ſchlug vor herauszugehn; allein es regnete fuͤrchterlich, die Plaͤtze waren bezahlt: es ſchien doch raͤthlicher zu bleiben und das treff⸗ liche Stuͤck von Desforges nach Luſt und Laune zu bekritteln.„Geſteh nur, ſagte Michaela, man kann die Ungluͤckſelige nicht tadeln; ſie hat Urſa⸗ che eiferſuͤchtig zu ſeyn!? cWarte nur den fuͤnf⸗ ten Aufzug ab, Du wirſt ſehn, daß ſie Unrecht hat dem Scheine zu traun„Du kannſt nicht laͤugnen, daß ſich Alle das Wort gegeben haben ſie zu qualen.y(Sie qualt ja noch vielmehr Alle, die um ſie ſind.“ Waͤhrend beide ſo ſprachen, be⸗ gann der fuͤnfte Akt, und Michaela war emport daruͤber. Die Reue der Frau Dorſan ſchien ihr eine unverzeihliche Schwäche, eine Schande fuͤr ihr Geſchlecht.«Sie iſt nur durch ein einziges Wort zu entſchuldigen, verſetzte Saint⸗Ange; ſie liebt!«Ich liebe auch, entgegnete heftig Michae⸗ la, vielleicht mehr als die erbaͤrmliche Frau; aber wenn ich Dir zu Fuͤßen Abbitte thun ſollte — aIch wuͤrde es gar nicht dazu kommen laſ⸗ ſen, antwortete er. Ich ſchloͤße Dich an's Herz, und wiederholte Dir den letzten Vers des Stuͤckes, der auf jedem Ehering eingegraben werden ſollte: Der Ehegatten Gluck beruhet auf Ver⸗ traund Saint⸗Ange hoffte, dies kleine Ereigniß wuͤrde einen heilſamin Eindruck auf das Gemuͤth ſeiner Frau hinterlaſſen; ſie aber ſah darin nur einen demuͤthigenden Verweis, eine herbe Lehre, und gab dem Werk des Zufalls die gehäſſigſte Deutung. Seitdem hegte ſie Mißtraun wider jede Freundlich⸗ keit ihres Gemahls, und weigerte ſich hartnackig, ihn irgend auf Spaziergängen oder in's Theater zu begleiten. Ihr Herz wurde unvermerkt erbit⸗ tert, und ihre uͤble Laune mußte Jedermann aus ihrer Umgebung entgelten. ——— — 00 Zu dem Kreiſe ihres vertrauteren Umgangs gehoͤrte eine junge Witwe, die hinterbliebene Frau eines im Kriege gefallenen Offiziers, die zu alleut Unterhalt nur ein mittelmaͤßiges Talent zur Mah⸗ lerei beſaß, und deren heitres Geſpraͤch und un⸗ verwuͤſtliche gute Laune oft Michaela in ihrem duſtren, phantaſtiſch eiferſuͤchtigen Gram vergnuͤgt und zerſtreut hatten. Sie konnte Frau Hallo nicht miſſen. Frau Hallo war nicht ſchoͤn, allein ihr Geſicht war angenehm, und ihr ſanfter Blick buͤrgte fuͤr ihre Herzensguͤte. Sie war lebhaft, luſtig, zuweilen ſogar etwas wild; ihre Freiheit wollte ſie behaupten, und freundſchaftlicher Ver⸗ kehr verſchoͤnte ihr dieſelbe. Oftmals hatte dieſe tiebenswuͤrdige Kuͤnſtlerin Michaela's ungeſtuͤmen Geiſt beſchwichtigt und Saint⸗Ange mit ihr ver⸗ ſohnt, oftmals Vertraun und Frieden zwiſchen den Gatten hergeſtellt, und nun bemerkte ſie, daß auch ſchon Michaela, von ihrer verderblichen Lei⸗ denſchaft immer unvaͤndiger hingeriſſen, ſie ſelbſt mit duͤſtern, ſpähenden Blicken verfolgte. Sie ſuchte eine Erklärung zu veranlaſſen, und ſah ſich als falſche Freundin, als Schleichkuͤnſtlerin behan⸗ ————— 4 delt, die Saint-Ange zu verfuͤhren trachte. Dieſer bot Alles auf, was nur Ehre und Wahr⸗ heit vermochten, Frau Hallo gegen eine ſo ganz ungegruͤndete Verlaͤumdung in Schutz zu nehmen; aber je lebhafter er ſie vertheidigte, um ſo mehr wuchs der Argwohn der Eiferſuͤchtigen. Sie ver⸗ bot ihrer ehemaligen Freundin, ihrer unzertrenn⸗ lichſten Gefährtin das Haus, verbreitete uͤberall ihre Entzweiung, und gab als Urſach derſelben die fuͤr jene ſchimpflichſte Veranlaſſung an. Dieſer letzte Zug ergrimmte Saint-Ange, er ſah darin ein ungerechtes, rachſuͤchtiges Gemuͤth, deſſen Uebel unheilbar ſeyn koͤnnte. Und dennoch. hielt er ſich immer noch verpflichtet den heftigen Sinn zu ſchonen, wenn gleich Frau Hallo, eben wegen des Unrechtes, das ſie von ſeiner Frau erlitt, ihm anziehender duͤnkte. Er beſuchte nur ſelten den Kreis der Kuͤnſtler, welche ſich bei ihr verſammelten, obwohl es ihm die angenehmſte Geſellſchaft war: ſeinem Stolze fiel dies Opfer hart; aber noch liebte er Michaela, und ſtand nicht an, es ihr zu bringen. Vielleicht kam ſie dadurch allmaͤhlig von ihrem ungerechten Vorur⸗ theil zuruͤck, erkannte über kurz oder lang ihr Un⸗ recht und ſchenkte der oͤffentlich beleidigten Freun⸗ din ihre Achtung wieder. In dieſer Hoffnung verdoppelte er Aufmerkſamkeit und Zuvorkom⸗ mung gegen ſie. Sie liebte ſchöne Muſik, die ihren Sinn in angenehmen Frieden wiegte: alle Donnerſtage verſammelte Saint-Ange bei ſich ausgezeichnete Tonkuͤnſtler und Liebhaber der Ton⸗ kunſt; es wurden Quartetten, erwählte Muſik⸗ ſtuͤcke der beſten Meiſter oder die neueſten Kom⸗ poſitionen aufgefuͤhrt. Sie liebte vorzügliche Kupferſtiche, er zierte ihr Kabinet und ihr Schlaf⸗ zimmer mit den bedeutendſten Werken des Grab⸗ ſtichels, die erſchienen. Sie liebte leidenſchaftlich die Blumen: an jedem Morgen fand ſie auf ih⸗ rem Kamin, ihrem Sekretair die Ausbeute von Florens Gäͤrten. Eines Tages, mitten im Winter, ſaß ſie im Salon und ſtickte, indeß ſie mehrere zum Mit⸗ tagseſſen geladene Gaͤſte erwartete. Schnee und Froſt machten die Blumen ſehr ſelten, und Alles ſpuͤrte die Herbe der Luft; da trat Saint⸗Ange ein, mit einem großen Strauß walſcher Veilchen, 568— deſſen Duft dem Nordwind Trotz bot. Er reichte ihn ſeiner Frau, ſie nahm ihn verächtlich, roch einen Augenblick daran, maß den Geber von Kopf bis zu den Fuͤßen mit funkelnden Augen und krampfhaftem Zucken, warf ihm die Blumen in's Geſicht und ſagte:(Der Strauß wittert von dem Athem Deiner Geliebten!—«Wer iſt meine Geliebte?5 verſetzte er erſtaunt und bleich vom Zorn.«Frau Hallo: Du ſiehſt ſie noch immer, und was ſie nicht mag, bringſt Du mir. cUn⸗ gluͤckliche! rief Saint Ange voll Empörung, ſo behandelſt Du meine Geſchenke, ſo vergiltſt Du mir alle meine Opfer!? Bei dieſen Worten hob er die Veilchen auf, die auf den Teppich gefallen waren, und ſteckt ſie in den Buſen. Indem er⸗ ſcheinen auch die Gaͤſte, er verbirgt vor ihnen ſeinen Schmerz, doch weder während des Mahls noch den ganzen Abend ſprach er ein Wort mit ſeiner Frau. Er wuͤrdigte ſie nicht einmal eines lickes, behandelte ſie durchaus als eine Fremde, welche er zum erſten Mal ſaͤhe. Seit dieſem Tage trat uͤberhaupt ſeinerſeits ein ganz verändertes Benehmen gegen Michaela — ein. So lange Ehe und Liebe zuſammenwalten, iſt der Achtung, der Ruͤckſicht kein Ziel; werden ſie getrennt, treten Ungeduld und Reizbarkeit an die Stelle der liebevollen Nachſicht, die alle Maͤn⸗ gel verſchleiert hielt. Man ſtaunt, daß man ſie jetzo erſt entdeckt, man will ſie von nun an nicht mehr dulden; was gefiel,langweilt, was angenehm war, wird laͤſtig, das heiligſte Recht zur Anma⸗ ßung, die Langmuth zur Schwachheit, zur Leicht⸗ gläubigkeit das Vertraun. Von nun an iſt des Ehegottes ſinnvolles Bild ein unbelebter Klotz, Geſtruͤpp keimt umher und giftiges Kraut, worin bald Nattern der Zwietracht niſten werden. Dies war der Punkt, auf dem Herr und Frau von Saint⸗Ange ſtanden. Sie fuͤhlte, wie tief ſie den beſten Gatten verletzt, und wollte ihre Gewalt uͤber ihn benutzen, ſein Herz wieder zu gewinnen; aber ſie hatte es ſich auf immer entfremdet, der Schleier war zerriſſen, womit der Liebe Wahn ihn umhuͤllt, ſie erregte nicht das mindeſte Gefuͤhl, weder der Wonne, noch des Schmerzes mehr in ſeiner Bruſt: ſie war fuͤr ihn eine zufaͤllige glaͤnzende Lufterſcheinung, der 5 das geblendete Auge eine Zeitlang gefolgt, bis ſie, von Wolken bedeckt, im Raume verſchwindet. Er bezeigte ihr nicht mehr die liebenswuͤrdige Aufinerkſamkeit, die zärtlichen Huldigungen, wie vormals, er fragte nicht mehr, was ſie machte, oder nicht machte; er hegte ſogar nicht einmal mehr die Theilnahme fuͤr ſie, wie fuͤr eine Be⸗ kannte, eine geſellſchaftlich Befreundete. Sie hatten nichts mehr gemein, als eine ſchlaffe, lange Kette, deren gegenſeitigen Ring beide hielten und die ſie ſchleppen ließen, weil ſie ſie nicht ganz zer⸗ brechen mochten. Saint⸗Ange litt keineswegs durch dieſen Bruch, er liebte nicht mehr und fragte nichts da⸗ nach geliebt zu ſein. Ein Andres war es mit der jungen Frau. Die Eiferſucht naͤhrt die Liebe⸗ und Michaelas Eiferfucht bewies, ſie liebe hef⸗ tiger als je. Sie verſuchte oͤfters ihren Mann Vorwuͤrfe wegen der auffallenden Vernachlaͤßigung und Gleichguͤltigkeit zu machen, womit er ſie be⸗ handle; ſtatt aller Antwort zog er die waͤlſchen Veilchen vor, die er ſorgfältig bewahrte, und zeigte ſie ihr, als das Wahrzeichen einer Freiheit, — 61— die er mit zwei Jahren geduldig ertragner, belei⸗ digender Kraͤnkung erkauft. Bei dieſem Anblick ſchwieg Michaela, und von Reue uͤberwältigt, blieb ihr kein Troſt als Thränen. Haͤtte die ver⸗ zweiflungerregende Kaͤlte ihres Mannes, die er oft bis zur herbſten Verachtung trieb, ſich nur auf ihr haͤusliches Leben beſchränkt: ſo wuͤrde ihr Gemuͤth allein dabei gelitten haben; aber wie ſehr litt auch ihre Eigenliebe, wenn er ſie ihr in Geſellſchaften, im Schauſpiel bewies, wo er niemals mit ihr ſprach, das er ſchon ſeit Mona⸗ ten nicht mehr an ihrer Seite beſuchte. Eines Tages, da Alles in's Theater Francais ſtroͤmte, um Talma im Oedip und Mars in den falſchen Vertrauten zu bewundern, war Saint⸗Ange in einer Loge mit mehrern jungen Frauen ſeiner Be⸗ kanntſchaft, gegen welche er ſich eifrig befliſſen zeigte. Michaela war in einer andern Loge ge⸗ genuͤber und verwandte den Blick nicht von ihrem Mann: er bemerkte es, zog die wälſchen Veilchen aus der Taſche, und zeigte ſie ihr wie einen Ta⸗ lisman gegen vergeblich behauptete Rechte. Ein andres Mal wurden die Danaiden in der ——————* Oper gegeben, bas unvergleichliche Talent von Frau Branchu hatte zahlreiche Zuſchauer herbei⸗ gelockt. Ein plötzlicher Regenguß trat ein, und es hatte das Anſehn, als ob er einen Theil der Nacht hindurch anhalten wuͤrde. Michaela ſtand, als Saint⸗Ange vorbeiging, mit einigen Frauen un⸗ ter der Vorhalle, und ſagte laut genug, daß er es hörte: cohne Herrn, der uns einen Wagen ver⸗ ſchafft, werden wir, ſcheint es, hier lange ſtehn Lönnen. aIch werde die Ehre haben Ihnen ei⸗ nen Wagen zu beſorgen, meine Damen, rief er, von ſeiner gewohnten Artigkeit hingeriſſen. So⸗ fort verſchwand er, holte einen Fiacre, ließ ihn vor das Gitterthor fahren, half den beiden Damen und Michaela hinein, die ſich mit inniger Erſchuͤt⸗ terung auf ſeinen Arm lehnte, ſich raſch ruckwaͤrts ſetzte und ihm Platz machte, im Wahn, ſie habe ihre alte Herrſchaft uͤber ihn wiedergewonnen; doch er verbeugte ſich ehrerbietig und druͤckte den Schlag zu.(Wie, Saint⸗Ange, Sie fahren nicht mit uns? Er zeigte ihr den verwunſchten Veilchenſtrauß und dem. u Vor⸗ wärts!5 — 66— So oft ein Zufall oder eine Gelegenheit, wel⸗ che ſie ſelbſt herbeigefuͤhrt, die unablaͤſſig Veran⸗ laſſung ſuchte ſich ihrem Mann zu naͤhern, ihn etwas zu fragen, irgend einen beißenden Vorwurf, eine milde Klage gegen ihn zu äußern, beide Gat⸗ ten zuſammenbrachte, zog Saint⸗Ange das ver⸗ haͤngnißvolle Zeichen auf, das auf ſeine Frau wie ein Meduſenhaupt wirkte und ſie zu verſtummen zwang. Reue und Schmerz erreichten bei ihr den hoͤchſten Grad an einem ſchoͤnen Fruͤhlingstage, wo die Waͤlder ſich wieder belaubten. Sie war mit einigen Bekannten nach Meudon gefahren, und begab ſich mit ihnen nach dem Geſundbrunnen von Trivaur, der wegen ſeiner heilſamen Wäſſer und ſeiner romantiſchen Lage beruͤhmt iſt. Da begegnete ſie Saint Ange ganz allein mit Frau Hallo, welche ſie ſo ſehr verlaͤumdet hatte. Sie gingen beide an ihr voruͤber, ohne Trotz, ohne Scheu, wie an einer Unbekannten, und verloren ſich unter geheimnißreiche Schatten, in die ihr Auge ihnen folgte, bis ſie ganz verſchwunden waren. Von furchterlichen Schlägen fuͤhlte ſie —— — — 64— ſich an allen Sinnen getroffen. Eines troſtete ſie einigermaaßen in ihrem Leid: daß ihr Argwohn gerechtfertigt ware, daß ſie mit Recht die verraͤ⸗ theriſche, argliſtige Frau anklagen mochte. Noch an demſelben Abend ihren ungetreuen Gemahl mit Vorwuͤrfen zu uͤberladen, nahm ſie ſich vor; wie Lonnte er ihre Gegenwart ohne Reue ertragen, wie mochte er ſie anſehn, ohne zu erroͤthen?— Sie kam zu Hauſe, und zu ihrer groͤßten Verwun⸗ derung ſaß Saint⸗Ange im Salon, und las mit lauter Stimme ruhig in Searrons Weis⸗ heit: cEiferſucht iſt Uebel einer alber⸗ cnen, ohnmächtigen, nichtigen Seele: cfurchtbares, tyranniſches Uebel. Sie cbaut einen hauptſächlichen Haß auf. (Sie iſt eine Galle, die allen Honig edes Lebens verbittert. Sie wandelt cLiebe in Feindſchaft, Ehrfurcht in (Verachtung, Vertrauen in Mißtrauen — aIch hatte freilich ſehr Unrecht, Ihnen zu mißtrauen, mein Herr,* unterbrach ihn Michae⸗ la.(Ja, gnadige Frau, ſehr Unrecht aIch habe falſchlich die Frau beſchuldigt, mit der ich Uun⸗ las eis⸗ er⸗ 65⁵ Ihnen begegnet!«Sie war Ihrer Achtung und Freundſchaft wuͤrdig, als ſie ein Opfer ihres Un⸗ bilds und ihres gehaͤſſigen Argwohns ward. Ihre Beleidigungen haben bei mir eine Theilnahme fuͤr ſie erweckt, die ich gern bekenne, und die nichts aufheben kann.y„Wahrſcheinlich aus bloßer Theilnahme beſuchen Sie ſie taͤglich. 4Ihre Eiferſucht hat mich ſo oft mit ihr gepaart, daß ich mich gewoͤhnt habe bei ihr zu ſeyn; Sie ſag⸗ ten mir zuerſt, daß ihr Athem wie waͤlſche Veil⸗ chen dufte— Verraͤther! So wagſt Du mir den Sieg meiner nichtswuͤrdigen Nebenbuhlerin, ihre Schande und die Deine zu bekennen?—„ Sie wollte weiter den vollen Ungeſtuͤm ihres Zor⸗ nes ergießen: da zog Saint⸗Ange zum letzten Mal den heilloſen Veilchenſtrauß vor, verbeugte ſich ſchweigend gegen die unheilbar Eiferſuͤchtige, warf ihr einen Blick zu, der ewigen Abſchied blickte, und ging hinweg. 2r Theil. 2 * Geduld und Fleiß. ——— Niagen langweilen, Vorwuͤrfe beleidigen; durch ſie bringt nimmermehr ein junges Weib einen leichtſinnigen, verſchwenderiſchen Gatten zur Ver⸗ nunft und Sparſamkeit zuruͤck. Der kundige Reuter hält das vorſtuͤrmende Roß nicht auf ſchroffem Abhang an, es wuͤrde die Zuͤgel zerrei⸗ ßen und mit ihm in den Abgrund ſtürzen; er lßt ihm gemach die Zuͤgel ſchießen, und wenn ſein Ungeſtuͤm ſich legt, ſänftigt er es mit ſeinem Worte, und lenkt es, wohin er will. Saint⸗Amant, der Unterchef eines Buͤreaus beim Juſtizminiſterium, hatte der Familie Diſtel wichtige Dienſte geleiſtet. Der Vater dieſer wur⸗ digen Familie verlor ſein Vermoͤgen waͤhrend der buͤrgerlichen Unruhen, verſah dann zwanzig Jahre bas Amt eines General⸗Advocaten bei einem Ap⸗ pellationshof in Frankreich und that ſich dabei burch ausgezeichnetes Talent und unbeſtechliche Unpar⸗ theilichkeit hervot. Er war keiner jener ehrſuͤchti⸗ gen Rechtsgelehrten, die der Macht auf Unkoſten ihres Gewiſſens froͤhnen: feſt ohne Haͤrte, ſtreng, treu dem ſeiner Handhabung vertrauten Geſetz, unzugaͤnglich jeglicher Art von Verſuchung, genoß er der oͤffentlichen Achtung und des köſtlichen innern Friedens, der ſo ſelten denen beiwohnt, die uͤber Leben, Ehte und Beſitz von ihres Gleichen ver⸗ fuͤgen. Herr Diſtel ſchmeichelte den Obern nicht, um auf einen höhern Poſten zu gelangen; er ſchmeichelte auch nicht dem gemeinen Mann, um unter ihm zahlreiche Klienten zu erwerben: gluck⸗ lich durch ſein beſchiednes Loos, begnuͤgt mit dem Rang, den er unter den Magiſtraten bekleidete, dem damit verknuͤpften Einkommen, das zum Unterhalt ſeiner Familie hinreichte, ging er ſiche⸗ ten Schrittes ſeins ehrenvolle Bahn und wollte ihr den Reſt ſeines tadelloſen Lebens weihn. Doch eben ſeine Unpattheilichkeit zog ihm Feinde zu. Die Huͤlfloſen, die er vertheidigt, vermochten ſicht, E 2 — ihn vor dem Haß der Maͤchtigen zu ſchirmen, denen er Trotz geboten. Gedemuͤthigter Stolz, zuruͤck⸗ geſchreckter Ehrgeiz, vorzuglich Eigennutz der gewal⸗ tige Hebel der menſchlichen Dinge, den er allezeit auf ſeine Gerechtſame beſchränkt, verbundeten ſich wider den rechtſchaffenen Mann, den untadelhaf⸗ ten Gerichtsherrn, benutzten den Kampf des Parthei⸗ geiſtes und brachten ihn um ſeine Stelle. Ein junger Ehrſuͤchtiger trat an dieſelbe, der mit gie⸗ riger, ungeuͤbter Hand das Zuͤnglein der Rechts⸗ wage keineswegs im Stillſtand zu halten ver— mochte. Dieſer unerwartete, ſchreckliche Schlag be⸗ wirkte einen ſo heftigen Eindruck auf den ehrwuͤrdi⸗ gen Mann, daß er in ſchwere Krankheit verfiel, die nach langen Leiden ihn im ſechoigſten Jahre ſei⸗ ner jammernden Familie und den Bewohnern ei⸗ niger Departements entriß, deren Stutze und Ver⸗ theidiger er geweſen. Er hinterließ eine Witwe und drei Kinder: zwei Soͤhne, ausgezeichnete Schuͤler des polytechniſchen Inſtitutes, und eine Tochter, Laura, den einzigen Troſt ihrer angebe⸗ teten Mutter, Frau Diſtel konnte es nicht in der Stadt aushalten, wo Alles ſie an ihren unerſetzli⸗ chen Verluſt erinnerte; ſie zog mit ihrer Tochter nach Paris, um ihren beiden andern Kindern nä⸗ her zu leben und, als Witwe eines ehemaligen Gerichtsherrn, um eine Penſion einzukommen, wel⸗ che zu ihrem Unterhalt und zu dem ihrer Kinder un⸗ umgaͤnglich nothwendig war, und die ſie auch erhielt. Saint⸗Amant hatte umſonſt allen ſeine Einfluß beim Juſtizminiſterium aufgeboten, die Abſetzung Herrn Diſtels, ſeines Verwandten, zu verhuͤten, er war ſo weit in dieſer Sache gegan⸗ gen, daß er ſeine eigne Stelle dabei gewagt; aber nichts hatte ihn zuruͤckſchrecken koͤnnen, und we⸗ nigſtens trug er viel dazu bei, daß der Witwe ei⸗ niger Lohn fuͤr die ehrenwerthen Dienſte, die ihr Mann dem Staate geleiſtet hatte, ward. Saint⸗ Amant war fuͤnf und dreißig Jahre alt, beſaß Welt, einen heitern Sinn, eine ſehr lebhafte Ein⸗ bildungskraft, Freimuͤthigkeit und Zuthunlichkeit des Charakters, die ihm viel Freunde erwarben. Uneigennuͤtzigkeit und Großmuth trieb er vielleicht ein wenig zu weit; als Junggeſell, ohne Sorge fuͤr ein Hausweſen, konnte er frei uber ſein maͤßi⸗ — 70— ges Einkommen verfuͤgen, das in einer Staatsrente von zweitauſend Franken und in viertauſend Fran⸗ ken Gehalt beſtand. Man ſah ihn oft in Geleitſchaft trauter Geſellen; Alles, was er hatte, ſtand ihnen zu Dienſt; mehr als einmal verſetzte er Wäſche, Silberzeug, die Kleinodien, die er beſaß, um jenen aus einer Verlegenheit zu ziehn, dieſem den noͤthigen Beiſtand zu leiſten. Etwas abſchla⸗ gen, das uͤberſtieg ſeine Kräfte; wenn einer ſei⸗ ner Freunde ihn ganz baar traf, that er Seckel und Schreibtiſch auf und ſagte zu ihm: beklage mich, ich kann Dir nicht dienen. Mit Ungeduld erwartete er dann den neuen Bankſchluß, oder den Erſten des Monates beim Juſtizzahlamt. Mit Eifer lieh er den Einen, lud er die Andern nach dem Felſen von Kancale oder zu Véri, und ſeine Seele löſte ſich in ſeine Freunde auf. Bei ſolcher Sinnesart war er, wie leicht zu ermeſſen, uͤberall willkommen, wohin er ging, Einem Verſchwender thun die Thore ſich leicht auf. Indeſſen ſuchte Saint⸗Amant wuͤrdigen Verkehr, ſein Gemuͤth bedurfte eines Stutzpunk⸗ tes. Er beſuchte Frau Diſtel, ſeine Verwandte, 2 oft, und machte bald auf Lauras Herz denſelben Eindruck, als ſie auf das ſeine. Sie war zwei und zwanzig Jahr, hatte kein ſonderlich huͤbſches, doch ein ausdrucksvolles Geſicht, und ihr Blick war um ſo ſanfter, als er immer die Spur von An⸗ ſtrengung und Arbeit trug. Sie widmete auch den ganzen Tag dem Studium der Malerei, in welcher ſie, ſeit ihres Vaters Tod, erſtaunende Fortſchritte gemacht. Beſonders beſaß ſie eine ungemeine Fertigkeit große Gemaͤlde und Portraits in's Kleine zu kopiren. Mit dem Reiz der Aehn⸗ lichkeit verband ſie eine ſo fleißige, ſo vollendete Ausfuͤhrung, daß ſie darin den beſten Meiſtern gleichkam. Ihr Ruf in dieſer Gattung nahm taglich zu, und verſchaffte ihr bereits anſehnlichen Gewinn; ſie verwandte ihn, ihre zwei Bruͤder auf dem polytechniſchen Inſtitut mit Allem zu ver⸗ ſehn, was ſie wuͤnſchen mochten. Edle und ſuͤße Gewalt der Kunſt, gluͤckſelige Zuflucht des Talen⸗ tes, die ihr den Kummer troͤſtet, vor Verfuͤhrung bewahrt, die Noth unterſtuͤtzt, wer ſchaͤtzte auch, wer bewuͤrbe um euch ſich nicht! Saint⸗Amant begehrte keinen Mittelsmann, um bei Frau Diſtel um die Hand der liebenswur⸗ digen Laura fuͤr ſich zu werben.«Ich kann mei⸗ ner Tochter nicht das geringſte Vermoͤgen mitge⸗ ben, ſagte die ehrwuͤrdige Witwe. Sie hat Ihren Namen, Talent und Ihr Beiſpiel zur Mitgift. „Aber, lieber Saint⸗Amant, wird es Euch beiben nicht knapp gehn?* aIch habe ſechstauſend Franken Einkuͤnfte, meine Frau kann leicht zwei bis dreitauſend Fran⸗ ken jaͤhrlich mit der Malerei verdienen: wir wer⸗ den nicht reich, doch wohlhabend ſeyn, und weiter verlange ich nichts. v «Sie ſind an ein zerſtreutes Leben gewöhnt, lieber Vetter, an koſtſpielige Vergnuͤgungen. Als Junggeſell lebte ich von einem Tag zum andern: nie einen Kreuzer in Kaſſe, aber auch nie Schulden; verheurathet, werde ich allen Auslagen viel weniger unterliegen. Ich kann Sie nicht ver⸗ ſichern, daß ich, was man ein guter Wirth nennt, ſeyn werde: das verſtehe ich nicht zu ſeyn. Meine liebe Laura ſoll die gemeinſchaftliche Kaſſe —————— — 3— fuͤhren, und ich verſpreche ihr, daß ich nichts aus⸗ geben will, als was ſie mir zutheilen wird. Die junge Kuͤnſtlerin miſchte ſich hier in's Geſpraͤch, und ging ein auf die Einſchränkungs⸗ plane. Sie war der Liebe Saint⸗Amants gewiß, und verband ſich mit ihm, um ihre Mutter zu uberzeugen, daß ſie wirklich beide anſtaͤndig wuͤr⸗ den leben koͤnnen.«Das wird mir um ſo ſuͤßer ſeyn, ſetzte ſie hinzu, weil ich durch meinen Fleiß dazu beitragen werde Frau Diſtel hegte fuͤr Saint⸗Amant eine dankbare Anhänglichkeit; bei der Vermaͤhlung ihrer Tochter mit ihm war fuͤr ſie der unendliche Vortheil, daß ſie ſich von derſel⸗ ben nicht zu trennen brauchte: ſie vereinte beide, und ſpuͤrte durch dieſes Ereigniß die erſte Linde⸗ rung ihres Ungluͤcks. Nicht leicht iſt je eine junge Frau mit ſo viel Liebe behandelt, mit ſo großem Anſehn bekleidet worden, als Laura Saint⸗Amant. Ihr Ge⸗ mahl ſetzte ſie als unumſchraͤnkte Gebieterin dem Hausweſen vor. Er brachte ihr anfangs treulich, was er von ſeiner Stelle und an Renten von ſei⸗ nem kleinen Vermoͤgen einnahm, und bedingte ſich ——— — ——————— S —— nur aus, daß er zuweilen einige Freunde von an⸗ genehmen, zuverlaͤſſigem Verkehr, an die er ſich dermaßen gewoͤhnt, daß er ſie unmoͤglich aufgeben koͤnnte, zum Mittagseſſen einladen duͤrfte. Die Vertrauten wurden gaſtlich empfangen, und fuͤhrten ſich dergeſtalt ein, daß taͤglich einige derſelben auch ungeladen Platz bei Tiſche nah⸗ men. Sie fuͤhrten dann wiederum ihre Vertrau⸗ ten ein, und die Ausgaben wuchſen ſo unvermerkt. Saint⸗Amant bedachte es nicht, und ſteuerte dem ſo wenig, daß er oft neue Gaͤſte dazu lud, und bald Haus hielt, wie es ſeine Einkuͤnfte keines⸗ wegs erlaubten. Laura, die vorſichtig und ſpar⸗ fam war, glaubte ihrem Mann dawider Vorſtel⸗ lungen machen zu muͤſſen. Er konnte eine Wal⸗ lung von Mißbehagen nicht unterdruͤcken und ant⸗ wortete: ich unterwerfe mich ohne Murren Dei⸗ nem Willen, wie hart er meinem Herzen faͤllt: mag Hymen die Freundſchaft austreiben!? Der gewichtige Ausdruck, womit er dieſe Worte ſprach, wirkte ungemein auf Laura. Sie liebte Saint⸗ Amant mehr als jemals, und wurde auf's innig⸗ ſte wieder geliebt. Wenn ſie ihm den gewohnten freundſchaftlichen Umgang entzog, konnte ee ſich bedenklichern, nachtheiligern Gewohnheiten erge⸗ ben: ſomit hutete ſie ſich, jemals wieder einer Ein⸗ ſchraͤnkung zu erwähnen, verdoppelte Freundlich⸗ keit und Entgegenkommen gegen ſeine Freunde, lud ſie ſelbſt ein, erwarb ihre Anhänglichkeit und Achtung, und lernte unter denſelben manchen Mann von gebildetem Geſchmack und gruͤndli⸗ cher Gelehrſamkeit kennen, deſſen Geſpräch ſie oft ſehr in der Kunſt foͤrderte der ſie oblag. Nichts iſt dem Maler vortheilhafter, als wenn aufrichtige Theilnahme an ſeinen Erfolgen ſeine Staffelei umgiebt und mit intereſſanten Geſprä⸗ chen, hiſtoriſchen Bemerkungen, unterrichtender Lectuͤre ſeinen Pinſel beſeelt, ſeine Einbildungs⸗ kraft entzuͤndet, ihn hier auf einen Uebelſtand auf⸗ merkſam macht, der ihm entgangen war, dort ei⸗ nen charakteriſtiſchen Zug bei einer hiſtoriſchen Fi⸗ gur hervorzuheben, jene Stellung einer andernbe⸗ deutſamer zu wenden räth, und ihn ſo, ohne Anſtrengung, dem Geiſte des Alterthums, jener idealen Reinheit der Formen näher bringt, dem Zauber des Charakteriſtiſchen, woran man den S großen Maler erkennt. Es iſt ſo wahr, daß die Kuͤnſte einander helfen, daß man die Muſen, wie Julio Romano, immer vereint darſtellen ſollte. Laura erprobte dieſe Wahrheit, und hatte oft diejenigen Freunde ihres Mannes um ſich, wel⸗ che ſie zu leiten, zu belehren vermochten. Ihre Werk⸗ ſtatt war eine Art von Sammelplatz, wo man ſtets Dichter, Alterthumsforſcher, Gelehrte antraf. Sie wetteiferten, der jungen Kuͤnſtlerin uͤber jedes neue Werk, das ſie ſchuf, ihr Urtheil zu ſagen: mit Freimuͤthigkeit ſprach es die Freundſchaft aus, und die Eigenliebe wurde nicht davon gekränkt. Allein dergleichen angenehme Zuſammenkuͤnfte ver⸗ zogen ſich mitunter bis zur Tafelſtunde; wie konnte man dieſen oder jenen Mann von ausgezeichnetem Talent, der weit wohnte, wie einen andern, den das Speiſen bei einem Reſtaurateur vielleicht mehr, als er aufzubringen vermochte, gekoſtet haͤtte, dan fort laſſen? Das haͤusliche Mahl wurde angetra⸗ gen und angenommen; natuͤrlich mußte es reich⸗ licher eingerichtet werden, denn Saint⸗Amant bewirthete gern ſeine Gäſte gut: und unvermerkt hielt man ohngefaͤhr offene Tafel. Frau Diſtel ſprach daruͤber manchmal mit ihrer Tochter. Laura antwortete ihr mit der Ruhe und Unbeſorgtheit eines zufriedenen Gemuͤthes: was ſie mit der Malerei verdiene und die Einnah⸗ men ihres Mannes, reichten hin, ihren Haushalt zu beſtreiten, und da Saint⸗Amant ſeit ſeiner Heurath noch nicht genöthigt geweſen wäre das Mindeſte aufzunehmen: ſo koͤnnte ſie ihm unmoͤg⸗ lich zumuthen das aufzugeben, worin die groͤßte Freude ſeines Lebens beſtaͤnde. aZudem, fuhr ſie fort, ſcheint es, als ob mein Talent alle Tage ſich mehrtt, und mit ihm waͤchſt auch der Lohn fuͤr meine Arbeit. gnuͤgen haben, eben ſo viel als mein Mann zur Haushaltung beizutragen; darum wollen wir ihn nicht in Gewohnheiten beſchraͤnken, die ihm lieb ſind, und ihm nicht ein Verhaltniß läſtig machen, worin er ſich ſo ſehr zu gefallen ſcheint.v Frau Diſtel ergab ſich dieſen Gruͤnden, die Ausgaben wurden fortgeſetzt, ja bedeutend ver⸗ mehrt. Bis dahin hatte man ſich mit einer ein⸗ zigen Bonne beholfen; nun nahm man einen Jo⸗ key, der bei Tiſche aufwarten und die Kommiſſio⸗ Bald werde ich vielleicht das Ver⸗ — 6— nen beſorgen ſollte. Bis dahin hatte man ſich mit einer kleinen Wohnung fuͤr ſechshundert Fran⸗ ken im vierten Stock begnuͤgt; nun miethete man eine fuͤr zwoͤlfhundert im zweiten, in der Annen⸗ gaſſe. Sie war den Beſuchen gelegener, Laura erhielt dort eine becueme Werkſtatt, die das ſchon⸗ ſte Licht hatte und auf Garten hinaus ging⸗ Endlich war man mit einer ſehr einfachen Einrich⸗ tung, mit dem nothwendigſten Silbergeräth zu⸗ frieden geweſen; nun kaufte man Meubles von Mahagoniholz, Porzellan, Kriſtall und ein voll⸗ ſtandiges Beſtech. Das Umziehn koſtete viel mehr, als män vermuthet hatte, und zum erſten Mal nahm man Geld auf⸗ Saint⸗Amant war entzuͤckt uͤber ſeine neue Wohnung: fuͤt Laura war die große Bequemlich⸗ keit bei derſelben, daß ſie aus ihrem Schlafgemach an die Staffelei treten konnte, ohne Jemand zu ſtören. Auch ihre Werkſtatt ſpuͤrte den neuen Schwung„ den das Hausweſen genommen, ſie wurde wuͤrdig aufgeſchmuͤckt, um ausgezeichnete Kenner und die beruͤhmteſten Kuͤnſtler zu empfan⸗ gen, Lauva vesließ ſie kaum; die gehabten Aus⸗ — tagen, die neue Lebensart noͤthigten ſie von fruh Morgens an bis um fuͤnf Uhr Abends unausge⸗ ſetzt zu malen, wo dann Saint-Amant aus dem Bureau kam, und immer mehrere Genoſſen zu Tiſch brachte. Das ſtattliche Anſehn ſeiner neuen Wohnung ermuthigte einige ſeiner Vertrauten, ihre Zuflucht zu ſeinem Geldbeutel, wie ehemals, zu nehmen. Er behieht, um ihren Anforderungen zu genügen, etwas von dem Gelde zuruͤck, das er ſeiner Frau ge⸗ wöhnlich monatlich brachte; ſie klagte daruͤber nicht: ein Portrait mehr oder eine Kopie im Kleinen von dieſem oder jenem Gemälde, und der Ausfall war erſetzt und die Wirthſchaft ſpuͤrte keine Verande⸗ rung. Saint⸗Amant bildete ſich dagegen ein, daß Laura's Ordnung und Wirthlichkeit Allem vor⸗ ſtehe. Er ſah in ihrem ruhigen, heitern Geſicht ſtets die Zufriedenheit und Zuverſichtlichkeit, wel⸗ che eine gemaͤchliche, genuͤgende Lage gewaͤhren, gewoͤhnte ſich nach und nach wieder an ſeine alten Ausgaben, und kam manchmal mit leerem Beu⸗ tel nach Hauſe. Veſonders an dem Erſten eines jeden Monats pflegte er ſeine Freunde zu traktiron, und den Tag uͤber den größten Theil von dem zu verthun, was er Morgens eingenommen hatte; zurz, ſein ſcheinbarer Wohlſtand, Eitelkeit, wel⸗ che oft zu einem Aufwand reizt, der das Vermoͤ⸗ gen uͤberſteigt, die unveraͤnderliche Heiterkeit ſei⸗ ner Frau, die ihn in einem Wahn von Reichlich⸗ keit erhielt, verfuͤhrten Saint⸗Amant verſchwen⸗ deriſcher als je zuvor hauszuhalten. Laura's Talent zur Malerei war in ganz Paris bekannt, ſie hatte ſich viel Anhang unter, den beruͤhmteſten Malern verſchafft, welche ihre neueſten Gemälde ihr zu kopiren gaben, und ſie verdiente viel mehr mit ihrem Pinſel, als ihr Mann von ſeiner Stelle und von ſeinem kleinen Vermögen bezog. Die Schulden, die man ge⸗ macht, wurden auch größtentheils abgetragen, der monatliche Bedarf mit der puͤnktlichſten Genauig⸗ keit baar bezahlt. Um ſo verſchwenderiſcher waltete Saint⸗Amant, und ſagte dabei ſtets ſei⸗ ner Frau, die oft Nächte hindurch arbeitete, um die Vergeudung des Tages wieder einzubringen: aDu ſiehſt, meine Gute, mit Ordnung und Spar⸗ ſamkeit kann man auf einem anſtändigen Fuß le⸗ „ „„N 3— 4— — 81— ben und ſeine Freunde bewirthen. Geſtehe nur, daß dies eine der groͤßten Lebensfreuden iſt.)— cEs iſt wahr, erwiederte Laura; aber dieſe Le⸗ bensfrende, die ich ſo gut zu ſchaͤtzen weiß, als Du, bringt mit ſich, daß man oft in einem Mo⸗ nat wenigſtens alles ausgiebt, was man verdient, und wenn das Alter kommt, hat man nichts und ſieht ſich verlaſſener als je.— Gluͤcklicher Weiſe haben wir noch Zeit an unfre alten Tage zu denken, liebe Laura.y «Sie kommen ſchnell, beſonders in Paris, wo man das Leben aufreibt. (Nun, wenn wir auf den Gipfel des Ber— ges gelangt ſind, verſpreche ich Dir, fein vernuͤnf⸗ tig und behutſam hinunter zu ſteigen; aber ſo lange es noch aufwärts geht, laß uns den Weg mit Blumen beſtreuen, und geleitet von der Kunſt und der Freundſchaft und der Freude wallen. Der Zukunft die Gegenwart opfern, iſt eine Narrheit; wer weis, ob er die Zukunft erlebt? Die Hoffnung iſt ein Pfahl, um den man ſich dreht, ohne von der Stelle zu kommen. Laura laͤchelte ihn freund⸗ lich an, und nahm alsbald den Pinſel, welcher 2r Theil. F allein dies epicuräiſche Syſtem ihres Gatten auf⸗ zu halten vermochte. Indeſſen erſchuͤtterte die uͤbermaͤßige urbeit die e Geſundheit der jungen Frau. Eine merkliche Bläſſe uͤberzog ihr Geſicht, und war die Anzeige ihret erſchoͤpften Kraft und der Vorbote einer Ent⸗ zundungskrankheit, die ihr Leben in die größte Gofahr ſetzte. Die herbeigerufenen Aerzte erklaͤr⸗ ten, die Kriſe wuͤrde lange dauern und ſchmerz⸗ haft ſeyn. Saint⸗Amant ſah zu ſpaͤt ein, daß er Laura's Guͤte und die Fertigkoit ihres Talentes mißbraucht hätte; und was ihm allen Zweifel deß⸗ halb benahm, war, daß ſie oft waͤhrend der Krank⸗ heit in der Phantaſie die Palette forderte und mit verſtörtem Tone rief: aLaßt mich, laßt mich ma⸗ len— wie will ſonſt unſre Haushaltung beſtehn la Man kann denken, welchen Eindruck dieſe Worte auf Frau Diſtel und Saint⸗Amant mach⸗ ten, welche unterdeſſen die junge Sterbende in den Armen hielten. Die Mutter wagte nicht ihren Eidam anzublicken, aus Furcht, ihr Blick moͤchte ein Vorwurf fuͤr ihn ſeyn: er vermochte nicht zu ſprechen. Vernichtet von Schmerz, hielt er die 6— Augen unverwandt auf den dahinſterbenden Koͤr⸗ per, auf den einzigen Gegenſtand ſeiner Liebe ge⸗ heftet, der nun auch der Gegenſtand ſeiner Be⸗ wunderung geworden, auf die treffliche, groß⸗ muthsvolle Kuͤnſtlerin, die den Umfang ihrer Kraft nach dem Umfang ihrer Seelengroͤße berech⸗ net und jene erſchoͤpft hatte, um ihm Ehre und Ruf zu erhalten und ſeiner Verſchwendung ſich nicht zu widerſetzen. Wie bereute er alle thoͤrichte Ausgaben, die er gemacht: nicht nur Geld hatte er aus Eigenſucht und Schwaͤche, Laura's Schweiß, Geduld und Muͤh, ihr Daſeyn hatte er vergeudet. Unterdeſſen zeigten bei der Kranken ſich Symptome, welche Hoffnung gaben, daß Jugend und die Huͤlfe der Kunſt das grauſame Uebel, das ihre Tage bedraͤngte, uͤberwinden wuͤrden. Eine wohlthätige Kriſe machte aller Gefahr ein Ende und Laura befand ſich bald auf dem Wege der Geneſung und blieb lange auf demſelben. Der Stoß, den ſie uͤberſtanden, war ſo heftig geweſen, daß ein krampfhaftes Zittern der Haͤnde und eine Augenſchwäche davon hinterblieben; letztere ver⸗ wehrte ihr, lange Zeit das Geſicht auf denſelben F 2 ——— Gegenſtand zu heften: es vergingen mehrere Mo⸗ nate, ehe ſie den Pinſel wieder fuͤhren konnte. Saint⸗Amant hatte waͤhrend der Krankheit ſei⸗ ner Frau die Zuͤgel des Hausweſens ergreifen muͤſ⸗ ſen, und erkannte, daß die Ausgabe das Doppelte ſeines Einkommens uͤberſtieg. Ueberlegte er, wie⸗ ( viel ſie hätte verdienen muͤſſen, um die Haushal⸗ 1 tung aufrecht zu halten, erſtaunte er uͤber ihren t ungeheuren Fleiß und ſchauderte von Neuem vor dem ungluͤck, welches daraus entſtehen mochte. Was haͤtte ihn jemals üͤber den Tod einer ſo herr⸗ lichen Frau troͤſten, welchen Vorwand, welche Entſchuloigung deſſelben hätte er bei ihren Ver⸗ wandten geltend machen können? Er verhieß ſich wohl, kuͤnftig das Seine beſſer zu Rathe zu hal⸗ ten, ward voll von Einſchraͤnkungsplanen, Betheu⸗ rungen der Ergebenheit, des Vertrauens und der Liebe. Täglich fuͤhlte Laura ihre Kraͤfte zunehmen, bald konnte ſie wieder in ihre Werkſtatt gehn; doch ihre Hand war noch zu ſchwach, umſonſt ver⸗ ſuchte ſie einige Zuge auf der Leinwand zu entwer⸗ fen, ihr unſicherer Pinſel folgte dem Gedanken — rr⸗ che er⸗ ich ⸗ er M 85— noch nicht; zudem hatten ihr die Aerzte empfohlen, ihre Arbeit nur allmaͤhlich wieder aufzunehmen, und gradweiſe, damit kein Ruͤckfall, der ſchlim⸗ mer ſeyn moͤchte, als die erſte Krankheit, ent⸗ ſtuͤnde. Saint⸗Amant und Frau Diſtel wachten auch ſo uͤber das Benehmen ihrer lieben Laura waͤhrend der Geneſung, daß ſie einige Zeit hin⸗ durch alle Arbeit ruhen laſſen mußte. Die Ein⸗ nahme ſpuͤrte es; kaum reichte ſie zur täglichen Ausgabe hin, wiewohl dieſelbe geſchmaͤlert wor⸗ den, und der Reſt der Schulden war noch immer unabgetragen. Laura hoffte ihn leichtlich zu er⸗ ledigen, ſobald ſie nur wieder ihre gewohnte Thaͤ⸗ tigkeit wurde antreten können. Unterdeſſen arbei⸗ tete ſie einige Kopien nach Petitot, die ihr ſehr gut bezahlt wurden; allmaͤhlich ſtellten ſich auch die Freunde wieder ein, und das Hausweſen ging ſei⸗ nen alten Gang. Saint⸗Amant bezeigte ſich ſehr puͤnktlich, alle Monate ſeinen Gehait richtig ab⸗ zuliefern; aber dieſe Puͤnktlichkeit ſtellte ihn tau⸗ ſend kleinen, ſich ſtets erneuenden Verdruͤßlichkei⸗ ten blos. Die trauten Geſellen nahmen in ſeinem Hauſe denſelben Anſchein eines wohlgegruͤndeten Wohlſtandes wahr, glaubten, ſeine Einkuͤnfte, zuſammengenommen mit dem Verdienſte ſeiner Frau, ſollten ihn in Stand ſetzen, ſeinen Freun⸗ den zu helfen, und behelligten ihn mit wiederhol⸗ ten Anforderungen. Anfangs hatte er den Muth, fie abzuſchlagen; endlich aber kamen ſeine Schwach⸗ heit und Eitelkeit in's Gedränge dabei. Wie konnte er einem bedraͤngten Freunde, einem Haus⸗ vater vier Piſtolen verweigern, indem er zehn Mal ſoviel in deſſen Gegenwart bezog? wie die Theil⸗ nahme an einem Pickenik zur Feyer eines Namens⸗ tages, oder ſonſt eines frohen Ereigniſſes ableh⸗ nen? Freilich mußte er füͤr vier bis fuͤnf Gaͤſte zahlen, die ihre Zeche nicht entrichten konnten, aber ſie wollten es den Erſten des kuͤnftigen oder irgend eines andern Monats erſtatten. Allmaͤh⸗ lig ſetzte er, trotz ſeiner Liebe zu Laura und des Verlangens ſie zu ſchonen, doch ſeine Verſchwen⸗ dung fort, brachte ihr nur einen Theil ſeiner Ein⸗ kuͤnfte zu Hauſe und entſchuldigte ſich wegen des uͤbrigen mit unumgaͤnglich nothwendiger Huͤlfe⸗ leiſtung. Laura that, als ob ſie das billigte, doch im Grunde des Herzens murrte ihre Vernunft da⸗ fte, ner ol⸗ th Pie — 87 wider. Dagegen war ihr Mann unerbittlich in Bezug auf die Zeit, die er ihr zur Arbeit geſtat⸗ tete, und erlaubte nicht, daß ſie laͤnger als vier Stunden des Tages vor der Staffelei zubrachte. Seltſamer Widerſpruch des menſchlichen Willens, der ſein eignes Werk verdammt, und ſich dem wi⸗ derſetzt, was er nothig macht. Da Lauras Kräfte nun ganz wieder herge⸗ ſtellt waren, und ihre vorige liebenswuͤrdige Hei⸗ terkeit mit denſelben zuruͤckgekehrt, ſo erklaͤrte ſie, daß ſie unmoͤglich ſo wenig arbeiten koͤnnte, und man kam uͤberein, ſie ſollte fruͤh von neun bis eilf Uhr, dann wieder von zwolf bis vier Uhr in ihrer Werkſtatt zubringen duͤrfen. Sie wandte ſehr wichtige, dringende Arbeit vor, und daß, wenn ſie die Beſtellungen der beruͤhmten Kuͤnſtler, welche ihr zu thun gäben, nicht fertigen koͤnnte, ſie Gefahr liefe, ihre Kundſchaft und ihre Em⸗ pfehlung zu verlieren: der wahre Grund ihrer großmuthigen Aufopferung indeß war die Noth⸗ wendigkeit, den Bedarf fuͤr die Haushaltung zu verdienen, die faſt ganz allein ihr zur Laſt lag. Saint⸗Amant baute nach wie vor auf ihre Ord⸗ 20 ——— 56—— nung und Heiterkeit, und hielt ſich uͤberzeugt, daß ſie nicht mehr als die ausgemachte Zeit bei der Ar⸗ beit zubraͤchte. Sich deſſen völlig zu verſichern, vertauſchte er ſein Zimmer mit dem ihren und be⸗ zog das an ihre Werkſtatt ſtoßende Gemach, durch das ſie gehen mußte, um in dieſelbe zu gelangen; die junge Frau bekam ſein bisheriges, das an den Salon ſtieß. Sie ſtand nie vor acht Uhr auf, ging nie an die Arbeit, als im Augenblick, da er in's Buͤreau ging; wenn er zu Hauſe kam, wa⸗ ren Palette und Pinſel abgewaſchen, ſie ſaß in ih⸗ rem ſtets beſcheidenen und einfachen Abendanzuge: wie konnte ſie ſich dabei uͤbermäßig anſtrengen, wie die ſo rege Aufſicht hintergehn, womit ſie bewacht wurde? In einer Juniusnacht ſpuͤrte er eine Schlaf⸗ loſigkeit, die er zu irgend einer anziehendon Lectuͤre benutzen wollte, und ſtand auf, um ſein Licht an einer Lampe anzuzuͤnden, welche ſeit Lau⸗ ras Krankheit immer Nachts in deren Zimmer brannte. Mit der groͤßten Vorſicht trat x ein, und die Lampe erhellte genugſam das Gemach, da⸗ mit er bemerken konnte, wie ſeine Frau nicht da⸗ „ — rinnen wäre. Ihre Kleider vom vorigen Tag la⸗ gen auf einem Ruhebett, ihr Hut, ſie hatte nie mehr als einen einzigen, lag auf der Kommode, ihre ſchwarzbraunen Schuhe, ihre Struͤmpfe von feiner Baumwolle mit durchbrochenem Zwickel ſtan⸗ den auf der Schiffoniere. Er trat in den Salon, ſie war nicht dort; er ging durch den Eßſaal, auch dort nicht; in die Kuͤche, und Niemand zeigte ſich ſeinem Blick und alles ſchlief. Er lauſchte an Frau Diſtels Thuͤr mit geſpannter Aufmerkſam⸗ keit und hoͤrte nichts, er ging in das Vorzimmer, die Thuͤr war nur angelehnt. Leiſe that er ſie auf und horchte an der Stiege: uͤberall herrſchte die größte Stille und tiefes Schweigen. Was ſollte er von dieſem ſeltſamen Verſchwinden denken? Laura war ſo uͤber allen Verdacht erhaben, daß keiner ihm auch nur einen Augenblick in die Ge⸗ danken kommen mochte. Aber wohin war ſie denn allein um Mitternacht, halb angekleidet, gegan⸗ gen? Eine unwillkuͤhrliche Unruhe bemaͤchtigte ſich Saint⸗Amants, er durchwachte alſo zwei lange Stunden in ſeinem Gemach, deſſen Fenſter er sufthut, um friſche Luft zu athmen. Er ſah den — 90— erſten Morgenſtrahl am Hotizont anbrechen, bald darauf hört er den jungen Fluͤchtling; ſie tritt ein, ſchließt die Thuͤre ab, und legt ſich wieder zu Bett. Um acht Uhr iſt ſie auf: er verhehlt ihr, was er ausgeſtanden hat, was er noch ausſteht; ſie fruͤh⸗ ſtuͤcken zuſammen, wie gewoͤhnlich, ſie geht in ihre Werkſtatt, er in's Buͤreau. Beim Ausgehn fragt er den Portier, ob Niemand in der Nacht aus dem Hauſe gegangen iſt? und auf deſſen Ver⸗ neinung ſchlägt er ganz nachdenklich den Weg nach dem Juſtizminiſterium ein, wo unfehlbar ſeine Ar⸗ beit heute von der ſchrecklichen Unruhe zeugte, die ihn peinigte.* In der folgenden Nacht ſeinerſeits dieſelbe Schlafloſigkeit, dieſelbe Nachforſchung, daſſelbe Ergebniß und kein weiterer Aufſchluß. Die Ent⸗ fernung ſeiner Frau war alſo nichts Zufaͤlliges, es war ein gewohnter Brauch, den ſie hatte. Er beſchloß hinter das Geheimniß zu kommen! In der dritten Nacht wachte er, wie gewöhnlich, in ſeinem Zimmer; ein leiſes Geraͤuſch kuͤndigt ihm an, daß Laura das Ihrige verläßt und ihre naͤcht⸗ liche Wanderung antritt. Er macht die Thuͤr des ——— Vorſaals leiſe auf, die ſie immer nur anzulehnen pflegte, folgt ihr von Weitem, von Stock zu Stock, fieht ſie in einen langen Kerridor treten, auf den die gemeinſchaftlichen Raͤume der Hausbewohner ſtoßen, eine kleine Thuͤr aufthun und hinter ſich abſchließen. Er horcht: eine Blende wird aufge⸗ macht, einige Meubles werden geruͤckt; aber kein Wort dringt ihm zu Ohren. Plötzlich ſcheint ein ſtarkes Licht unten an der Thuͤr vor. Saint⸗ Amant will durch's Schluͤſſelloch ſehn, aber ein Decker iſt davor, er kann nichts wahrnehmen. Es war ohngefaͤhr ein Uhr in der Nacht, er hält Wache bis vier Uhr Morgens, um ſich zu uͤber⸗ zeugen, ob auch nicht Jemand aus dem Hauſe zu der Eingeſchloſſenen komme; und da er ſie endlich aufſtehn und der Thuͤr ſich nahen hoͤrt, kehrt er vor ihr zuruͤck in ſein Zimmer. Er erkundigte ſich nun bei den Dienſtleuten, was dort fuͤr ein abgeſondertes Zimmer wäre? und hoͤrte, daß es ein kleiner Boden ſei, den die Frau zum Dachſtubchen habe einrichten laſſen, wo ſie ſeit einigen Monaten ihre neuen Arbeiten zum Trockenen hinſtellte, damit es in ihrer Werkſtatt „—-— — nicht ſo ſehr nach Del roͤche, und daß ſie allein den Schlüſſel davon bewahre, auch niemals Jemand außer ihr hineinkaͤme. Saint⸗„Amants Neugierde wuchs durch alle dieſe Berichte und er beſchloß ſie zu befriedigen. Er benutzte einen Augenblick, da Laura malte, um in ihrem Secretair den geheim⸗ nißvollen Schluͤſſel zu ſuchen, druͤckte ihn in Wachs ab, und ließ einen ganz gleichen verferti⸗ gen. Am Tage darauf, als er ihn erhalten, ging er fruh Morgens um fuͤnf uhr, waͤhrend noch Al⸗ les im Hauſe ſchlief, in den fuͤnften Stock, und drang in das abgeſonderte Gemach. Sofort ſuchte ſein ge pannter Blick die Blende, ſie war offen: ein Mann konnte leicht hindurch kommen. Auf einem alten Sopha lag der Pelz eines Offüiers von der leſchten Kavallerie; ihn ſchauderte, als et die Blende darauf wieder anſah. Vor einer Staffelei ſtand eine Aſtrallampe, lagen Dochte, eine Farbenſchachtel, ein faſt vollendetes Bruſt⸗ bild in halber Lebensgroͤße, welches er als das Bild des einzigen Sohnes der Hausbeſitzerin er⸗ kennt, einer reichen Witwe, die im erſten Stock wohnte. Jener war ein junger, ſchöner Uhlanen⸗ „———————— hauptmann, ſo leichtfertig, ſo beruͤchtigt wegen ſeiner Liebesabentheuer, als wegen kriegeriſcher Ta⸗ pferkeit beruͤhmt. Wie kann aber Saint⸗Amant Laura in Verdacht haben?— Die Vernuͤnftigſte iſt oft nicht unempfindlich gegen die Huldigung ei⸗ nes Kriegers, den ſeine Lorbeern verſchönen! So ſprach Saint⸗Amant bei ſich ſelbſt und ſo ſchlich ſich Unruh in ſein Gemuͤth. Er konnte derſel⸗ ben nicht widerſtehn; in der folgenden Nacht er⸗ ſpaͤhte er den Augenblick, als die junge Frau ihre gewöhnliche Wanderung zum einſamen Gemach antrat, folgte ihr, und lauſchte an der Thuͤr. Er vernahm keinen Laut. Mit zitternder Hand ſteckte er den Schluͤſſel in das Schloß, drehte ihn ſo behutſan als moͤglich um, that leiſe die Thuͤr halb auf, und erblickte Lauren im Nachtkleide, die beim Schein der Lampe an dem Gemaͤlde des jun⸗ gen Hauptmanns mit ſoviel Aufmerkſamkeit ar⸗ beitete, daß ſie außer ihrer Arbeit nichts ſah und hoͤrte. Sein Auge durchſpaͤhete raſch den engen Aufenthalt, in dem er Niemand als ſie erblickt, und mit Wonneſchauder ſieht, daß die Blende ge⸗ ſchloſſen iſt. Er erröthete uͤber ſeinen unwuͤrdi⸗ gen Argwohn und wollte ſich zuruͤckziehn; aber das Geraͤuſch, das er beim Abſchließen der Thuͤr machte, erregte Lauras Aufmerkſamkeit, ſie fliegt an die Thuͤr, macht ſie auf, und erblickt ihren Mann, der zitternd, wie ſie, ihr den Beweggrund ſeines Beſuchs verhehlt, und ſie fragte, weßhalb ſie der Arbeit Stunden widmet, die ihrer Ruh ſo unumgaͤnglich nothig ſind? Sie ſtockte, ſtammelte, und wußte keinen Vorwand, als daß das Gemaͤlde des Herrn von Chaumont noch heute fertig ſeyn ſollte, damit er es an eben dem Tage Fraͤulein Nangis bei Unterzeichnung ihres Ehekontraktes überreichen könne. Dieſes Gemalde, das in Ge⸗ genwart der Mutter des jungen Mannes gemalt worden, war erſt am vorigen Abend in das Ge⸗ mach gebracht, damit Laura die Nebenſachen vol⸗ lenden könnte. Saint⸗Amant erroͤthete bei der Kunde von dieſen Umſtänden noch tiefer wegen ſeines Argwohns. Es war kein Zweifel, ſeine Frau opferte hier ſeit mehreren Monaten einen Theil ihrer Nächte der Arbeit. Er bemerkte nun auch in dem Zimmer mehrere angefangene und einen großen Theil mehr oder minder ausgemalter —,——— Kopien. Er brach gegen ſie in die innigſten Vor⸗ wuͤrfe aus. Iſt Dir denn unſre Ehe gar nichts werth, ſagte er, daß Du nicht daran denkſt, Deine Kraͤfte zu ſchonen und ein Daſeyn zu erhalten, das dem meinen ſo nothwendig iſt? Laura, wie weh thuſt Du mir!— WVergieb, Freund, ſagte ſie, die Kunſt, der ich obliege, liebt Ruh und Stille: um begeiſterter zu arbeiten, ſuche ich zuweilen die Ein⸗ ſamkeit:? aSage lieber, um durch Deinen Fleiß . meine Verſchwendung zu erſetzen.„Was meinſt Du?n«Geh, meine Augen ſind mir geoffnet fur immer! Die ſuͤße Gewohnheit meine Freunde zu verbinden, riß mich hin, mich blendete der Glanz des Wohlſtandes, den Du uͤber unſer Haus ver⸗ breiteſt. Ich habe von Neuem den größten Theil unſers Einkommens vergeudet, ihn zu erſetzen ar⸗ beiteſt Du an dieſer Zufluchtsſtatte die Nächte hin⸗ durch. Nein, ich dachte nicht, daß Großmuth und Selbſtverlaͤugnung ſo weit gehen koͤnnten, ich hielt die Tugend nicht fur ſo ſtandhaft und ſtark.„ Seit dieſem Augenblick, der das glucklichſte Eheband enger noch knuͤpfte, erlaubte ſich Saint⸗ — 96— Amant nicht die mindeſte unnuͤtze Ausgabe mehr. Was er einnahm, brachte er Laura mit gewiſſen⸗ haftir Puͤnktlichkeit. Umſonſt verſuchten ſeine Freunde und die, welche den Schein der Freund⸗ ſchaft gegen ihn annahmen, ſeinen Seckel wieder zu oͤfften, den ſie ehedem ſo leichtlich geleert: Liebe und Bewunderung hatten ihnen denſelben für immer geſchloſſen. Einige murrten daruͤber, andere, die anſpruchsvoller waren und minder ge⸗ recht, brachen voͤllig mit ihm: er ſah ſich bald nur von einer ſehr kleinen Zahl wahrer Trauten um⸗ geben, nutzlicher, offener, uneigennuͤtziger Freunde. Die Ausgaben minderten ſich unvermerkt, ſeine Sparſamkeit, der Fleiß ſeiner lieben Laura er⸗ warben ihnen Ueberſchuͤſſe, wovon ſie ein kleines Kapital zurücklegten, das ihnen ein anſtaͤndiges Daſeyn ſicherte: kurz, unſer Verſchwender wurde durchaus von ſeiner leichtſinnigen Sucht geheilt. Er fand im Wohlſtande, in dem Rufe ſeiner Frau reichen Erſatz fuͤr die fluͤchtigen Genuſſe jener Frei⸗ gebigkeit, woran die Eitelkeit leicht ſo viel Theil hat, als das Herz. Er bewirthete ſeine Freunde ohne Prunk, und ward ihnen um ſo lieber. Laurg empfand in ihrer Mitte ein unendliches Gluck, den gebuͤhrenden Lohn fuͤr ihre Hingebung und ihren Muth. Soo oft ſie die Augen auf ihren Mann richtete, der liebevoller als je, und von aller Irr⸗ ſal geheilt war, ſagte ſie ſich im Herzen: es giebt keine Verſchwendung, die Geduld und Fleiß nicht gut machten, und das ſicherſte Mittel, das ehe⸗ liche Band zu befeſtigen, iſt Sanftmuth und Selbſtverlaͤugnung. 3 Die Vertraulichkeit mit Dielſtleuten. Wes haͤltſt Du denn von unſter neuen Frau? fragte Finette Jismin, indem ſie zuſammen im Vorzimmer Koffee tranken⸗ Ich finde ſie ganz allerliebſt, recht, wie wir ſie uns nur wuͤnſchen konnten, ſo angenehm zu bedienen, ſo freundlich von Gemüth. cJa, es ſcheint eine ganz gute Haut von Weibchen zu ſeyn, bei der unſer Waizen bluͤhen kann. cHerr von Sancerre, unſer hochgeehrteſter Herr, iſt bei weitem nicht ſo handlich.* eEr iſt anſpruchsvoll, argwoͤhniſch und ſehr ſtrenge. (Gluͤcklicherweiſe iſt er eiferſüchtig, ein ſtar⸗ ker Jager; mit ſolchen Leuten kommt man ſchon zurecht. Zudem iſt er dreißig Jahre älter, als ſeine Frau, die ihn wahrſcheinlich nur des Ver⸗ moͤgens wegen geheurathet hat. „Sie iſt in voller Bluͤthe und er in voller Reife„ „Den kleinen Unterſchied wollen wir uns zu Nutze machen. Du, meine Liebe, bemachtigſt Dich des Sinnes der Frau, verleiteſt ſie zu gewiſ⸗ ſen Unvorſichtigkeiten, wovon Niemand etwas weiß, als Du. ð Du, mein Lieber, erſpaͤhſt ihre Schritte, indeſſen der Herr als Generalinſpektor der Jagden mit den Prinzen auf der Hirſchjagd iſt, und er⸗ ſtatteſt ihm getteuen Bericht uͤber Alles, was waͤhrend ſeiner Abweſenheit vorgefallen. Et vet⸗ döppelt Deinen Lohn— Sie vetdreifacht den Beinen. v (Wir thun unſern reblichen Gewinn zu⸗ ſammen. v Beide von gleichem Vermoͤgen, gleichem Alter, gleichem Sinn— eFuͤhren wir die glucklichſte Ehe. — 100— (Wir ziehn uns nach Touraine, unſer S tes liebes Vaterland zuruͤck.* eKaufen daſelbſt ein huͤbſches Haͤuschen von den Seitentritten der Frau, eine gute Meierei von der Eiferſucht des Herrn— 2 cund weit entfernt es zu machen wie ſie, leben wir in Frieden, und gedeihen immitten eines rechtlichen Wohlſtandes. aKeine Maulerei, keine Launen giebts dann mehr zu ertragen„ aKeine langen Fahrten durch Paris auf der unangenehmen S Station hinter der Futſche.„ (Dann bedienen wir Niemand, als uns ſelbſt. Sage, Liebe, dann laſſen wir uns bedienen. Wenn wir die kleinen Talente geſchickt anlegen, die uns Gott verliehen hat,— Als ſie ſo ſprachen, erſchallten mehrere Glo⸗ ckenzuͤge, und tiefen ſie aus der glaͤnzendſten Zu⸗ kunft fuͤrs Erſte in die Gegenwart zu ihrem Dienſt zuruͤck. Jasmin begab ſich in das Zimmer ſeines Pertn. Er hatte am vorigen Tage einen Hirſch — 101— zehn Stunden hintereinander gejagt und ihn nicht erreicht, und war in der uͤbelſten Laune. Finette ſtand vor dem Bette ihrer Frau. Sie erwachte aus tiefem Schlaf. Anmuthige Traͤume hatten ſie gewiegt, die ſie Finetten waͤhrend der Morgentoilette erzäͤhlte. Ein Feuerregen war um ſie niedergefallen, und tauſend Blumen waren davon unter ihren Schritten erbluͤht.„Ein gewiſ⸗ ſes Zeichen, ſagte Finette, daß eine Menge von Leuten fuͤr Eure Gnaden entbrannt ſind und an nichts denken, als Freuden auf Ihrem Pfad zu ſammeln.) Dann hatten ſich zwei weiße Tauben ihr auf Kopf und Bruſt geſetzt. aUntruͤgliche An⸗ deutung, daß Sie Treue in der Liebe erfahren werden. Endlich hatte ein treuer Hund ihr die Haͤnde geleckt und ſie unter die himmliſchen Schat⸗ ten gefuͤhrt.„Augenſcheinlicher Beweiß, daß Ihro Gnaden von Leuten umgeben ſind, deren Eifer und Treue jede Probe beſteht und die nie aufhoören werden fuͤr Ihr Gluͤck und Ihre Ruh zu wachen.v cAlſo Du verſtehſt Traͤume auszulegen, Finette? — 402— Vor allen Dingen aus der Karte wahrzufa⸗ gen. Daruͤber wurden Ihro Gnaden erſtaunen. So! nun laß ſehen, ſo lange wir noch allein ſind. Herr von Sancerre iſt erſt um Mit⸗ ternacht vom Schloſſe gekommen, er kommt nicht vor dem Fruͤhſtuͤck, mir von der Jagd ziz erzählen.. Wollen Ihro Gnaden die große Kabals ſehn?„ Verſteht ſich. v Heben Sie ab.— Sehen Sie hier die Koeurdame, friſch jugendlich, daneben den Pik⸗ koͤnig mit langem Bart und dickem Schnurbart, Ein Abſtand des Alters, darunter leidet allzeit der juͤngere Theil. Ich wollte wetten, daß Euer Gnaden das mitunter geſpurt haben. «Nun weiter. (Sehen Sie, neben die Koeurdame tritt die Karodame. Aber der verwuͤnſchte Pikkoͤnig iſt der Freundſchaft zuwider; das bedeutet einen mür⸗ riſchen, peinlich Eiferſuͤchtigen. Ich moͤchte meine Hand darauf in's Feuer legen, etwas der⸗ gleichen iſt Euer Gnaden widerfahren.? —,— — 103— „Wirklich, ich habe mit einer Freundin bre⸗ chen muͤſſen; aber der Hausfrieden iſt mit keinem Opfer zu theuer erkauft.2 aO, gnädigſte Frau, wie laͤcherlich, ſehen Sie nur, da kommt der Koeurbube und fluchtet ſich zur Koeurdame. Er iſt bewegt, ich glaube es wohl, die Trefdame und die Pikdame verfolgen ihn, alte, rachſuͤchtige Coquetten. Der arme Bube! er hat Niemand, der ihn vertheidigte, als hier das Koeuras, das Zeichen eines reinen Her⸗ zens. Wie ſie ihn belagern, wie ſie ihn quaͤlen, hier mit der Pikzehne und der Trefneune, Zeichen der ſchwaͤrzeſten Anſchlaͤge. Da kömmt gluͤckli⸗ cherweiſe die Koeurdrei, die heißt die Lanze, und zeigt an, daß ein ſchner Retter ſich ruſtet, ſeine Gegner zu bekämpfen. Gut! noch die Karofuͤnfe, der Schild genannt, die beweißt, daß er ihnen ſtandhaft die Spitze bieten wird. Hi, hi, hi, ſteh da, der Trefbube! Der Vertreter der beiden Coquetten wird von ihnen gegen den allerliebſten Koeurbuben geſchickt. Hi, hi, hi! Da kommt auch der garſtige Trefkoͤnig und miſcht ſich in den Streit. Ach, allerliebſter Koeunbuhe, was ſoll — 104— aus Dir werden?— Ach, ich athme wieder! da iſt die Karozehne, die widerſteht der Pikzehne, da iſt Koeurneune, die hält der Trefneune das Wider⸗ ſpiel. Und am Ende ſichert die brave Koeurdame, die immer ihren treuen Buben geſchirmt hat, ihn vor jeder Verfolgung und kettet ihn auf ewig durch Dankbarkeit an ſich. Ich wollte meine Ehre verwetten, daß die gnaͤdige Frau irgend einen ſchö⸗ nen jungen Mann beſchuͤtzt haben, den zwei bos⸗ hafte Frauen verfolgten, und daß er fuͤr ſeine theure Retterin eine— * Du biſt eine Närrin! verſetzte Frau von Sancerre errothend. cEs iſt genug mit dem Spaß, zieh mich vollends an. Während die Kammerfrau ſo alles andeutete, was ſie im Voraus von ihrer jungen Gebieterin erfahren, und in deren Herzen geheime Regungen erweckte, ſpielte Jasmin bei dem Herrn eine ganz * andre, doch nicht minder liſtige Rolle. Hat die gnaͤdige Frau allein zu Hauſe ge⸗ ſpeiſt?v fragte ihn Herr von Sancerre waͤhrend des Ankleidens. Ja, gnaͤdiger Herr. — — F — 105 (Iſt ſie im Theater geweſen? Nein, gnädiger Herr.v (Sie hat Geſellſchaft gehabt?d «Ja, gnaͤdiger Herr.5 (Viel Leute? (Nein, gnaͤdiger Herr.2 „Der General Saint⸗Vallery? d „Ja, gnaͤdiger Herr.v aSeine beiden Adjutanten? Nein, gnaͤdiger Herr.v Nun— antworteſt Du immerfort nurmit Ja und Nein?* Allerdings; außer, wenn mir das Gegentheit befohlen wird.5 «Ich befehle es Dir. Antworte, wer iſt noch außerdem geſtern Abends hier geweſen. .«Der Herr Praͤſident von Mercour und der Herr Graf von Trannes. „Gut.ꝰ Frau von Richemont und Frau von Klair⸗ —— ———— ville. «Keine andern Damen? ——— — 106— cKeine. Dann der Obriſt von Maurem⸗ bert und Ihr Herr Neffe. cHa! iſt Ferdinand zuruck von ſeiner In⸗ ſpektion— und was hat man gemacht? aErſt iſt geſpielt worden, Piket, Whiſt, Imperiale. Dann haben ſie ein wenig Muſik gemacht. Die gnaͤdige Frau hat ein himmliſches Duett mit Ihrem Herrn Neffen geſungen. Genug! Jetzt geh. Jasmin ging, und nahm ſich vor, alſo ſtets die Eiferſucht ſeines Herrn zu ſtacheln, und ihn zu einem Spionerie⸗ traktat zu bringen, den er ſich zu Nutze machen wollte. Herr von Sancerre war einer von denjenigen Leuten, welche etwas auf die alte Sitte und die alten Grundfätze halten. Voll Ehre und Zart⸗ gefuͤht, trieb er die Ehrfurcht fur die Sittlichkeit bis zur ſtrengſten Gewiſſenhaftigkeit. Er hatte ſich aus Achtung fuͤr ein ehrenwerthes Geſchlecht, mit dem er verwandt war, vermaͤhlt, weil deſſen einzige Tochter, ohne Stuͤtze und Vermoͤgen, ſich genöthigt ſah von ihrer Haͤnde Arbeit zu leben, Indeſſen hatte er bei ſeiner Vermaͤhlung mit Eu⸗ ** phemin von Courcelles ſich nicht verhehlt, daß er den behaglichen Frieden ſeines Lebens durch die⸗ ſelbe gefaͤhrde, und ſich freimuthig deßhalb grgen ſeine junge Gattin erklaͤrt Ich bin nun Ihr Mann, ſagte er, und ich könnte fuͤglich Ihr Vater ſeyn. Man behauptet, ich hätte eine Thorheit begangen Sie zu heura⸗ then, und man hat Recht. Allein ich habe der unausſprechlichen Freude, Sie in eine Lebenslage zu verſetzen, wie ſie Ihrer Geburt und Ihrer Ep⸗ ziehung angemeſſen iſt, nicht widerſtehn koͤnnen. Ich bin ſehr wohlhabend und meine Hofcharge mehrt meine Einkuͤnfte dergeſtalt, daß ich ein an⸗ ſtaͤndiges Haus halten kann. Sie bekommen alſo eine eigne Equipage und jaͤhrlich hundert und funf⸗ zig Friedrichsd'or fuͤr Ihre Toilette. Rechnen Sie aber auch auf keinen Kreuzer mehr. Diefeni⸗ gen von Ihren verehrten Verwandten, die Sie einladen wollen, wer ſie ſeyn moͤgen, ſollen will⸗ kommen ſeyn; und wenn Sie Gelegenheit finden ihnen etwas Gutes zu erweiſen, ſo fordere ich Sie ein fuͤr alle Mal auf, es mich wiſſen zu laſſen. Anſpruͤche auf Ihre Liebe mache ich nicht, meine — 108— grauen Haare verbieten ſie mir: ich begehre nur Ihre Achtung, und die aufrichtige Anhaͤnglichkeit, welche dieſe allezeit begleitet. Aber ich ſage es Ihnen vorher, ich bin ſtreng und ein großer Freund von Wirthlichkeit, weil man durch dieſelbe die Freude des Wohlthuns öfter genießt. Ich halte etwas auf meine alten Gewohnheiten; waͤre ich jünger, wollte ich mich nach den Ihrigen beque⸗ men. Ich libe einen guten Tiſch, die Jagd, heftige Leibesbewegung. Meine Charge nöthigt mich oft abweſend zu ſeyn, Sie bleiben Sich während meiner Abweſenheit ſelbſt uberlaſſen. Ich fordere nur, daß Sie dann Niemand ſehen, außer den Perſonen, die ich bei Ihnen eingefuhrt habe. Das ſehe ich im Voraus, daß man meine Sorge, Ihr Glück und das meine ſicher zu ſtellen, als Ei⸗ ferſucht verſchreien wird: es geht den bejahrten Ehemaͤnnern nicht anders, und ich laſſe mir's gefallen; denn der Hausfrieden iſt nicht zu theuer mit dem Ruf einer Albernheit erkauft. Alſo uͤber⸗ legen wir, liebe Euphemia; aufrichtiges Ver⸗ trauen, unwandelbare Anhaͤnglichkeit, dann und wann ein wenig Aufbrauſen, nie Launen, Guͤte * — 109— ohne Schwachheit, Aufmerkſamkeit ohne Schmei⸗ chelei, feſter Wille ohne Despotismus: das ſollen Sie immmer von Ihrem Gatten erfahren. Er rechnet dagegen Ihrerſeits auf beſcheidene Zuruͤck⸗ haltung in Reden, wie im Handeln, auf die lie⸗ benswuͤrdige Zuverſichtlichkeit eines ruhigen, zu⸗ friednen Gemuͤthes, auf treuherziges Geſtaͤndniß etwaigen Unrechtes, welches daſſelbe ſofort ver⸗ wiſcht, auf eine rege Obhut im Hauſe, welche die Ordnung erhaͤlt und das Hausweſen Einem lieb macht; endlich auf eine treuliche Ergebung in die Ungleichheit der Jahre, die zwiſchen uns beſteht, und die mich nicht abgeſchreckt hat, Ihr Loos mit dem meinen zu verbinden, um der Freund⸗ ſchaft genug zu thun, welche mich vierzig Jahre lang mit Ihrem Vater vereint hat. Dieſe Rede eines rechtſchaffenen Mannes und des beſten Gatten durchdrang Euphemia mit Erkenntlichkeit und Ruͤhrung; ſie dankte Herrn von Sancerre herzlich, daß er ſie zu ſeiner Gemah⸗ lin erwaͤhlt und war auf nichts bedacht, als ſich dieſes Namens wurdig zu beweiſen. Sie ſpuͤrte einen ſo weiten Abſtand ihres jetzigen Looſes — 110— mit dem fruͤhern, fuͤhlte ſich ſo bedeutend an der Spitze eines reichen Hausſtandes, durch einen Namen, der ſie mit den ausgezeichnetſten Perſonen in Beziehung fetzte, und geſtand in der Freude ihres Hetzens, daß der glaͤnzendſte jugendliche Gemahl ihre Liebe nicht uneingeſchraͤnkter haͤtte beſitzen, ihr kein zaͤrtlicheres Gefuͤhl haͤtte einflo⸗ ßen koͤnnen, als der gute, ttreffliche Hetr von Sancerre, das Muſter eines Ehrenmannes, der, ttotz ſeiner funfzig Jahte, noch friſch und ruͤſtig war, ehrbare Freude liebte, und deſſen graues Haar man uͤber ſeine Urbanitaͤt vergaß, deren zarte Beruckſichtigung und rege Aufmerkſamkeit bem ſchneidenden herriſchen Ton, dem despotiſchen Weſen der meiſten gegenwaͤrtigen jungen Ehemaͤn⸗ nern weit vorzuziehen ſind⸗ Hert von Sancerte war ſeinerſeits auch nicht minder erfreut, daß eine ſehr liebenswuͤrdige Frau ihn wahrhaft liebte, ihn dadurch zuruckverſetzte in die glaͤnzenden Tage ſeiner Jugend, daß ſie ſich ungezwungen ſeiner Lebensart bequemte, und uͤber die letzte Haͤlfte ſeines Daſeyns einen ſtets beſeel⸗ *. ten Reiz verbreitete, den et hätte fruher kennen lernen moͤgen. Abet es liegt in der Ratur begierig einen Beſitz feſtzuhalten, deſſen man nicht lange zu genießen hofft: ſo verſaͤumte der treffliche Mann auch nichts, ſein koſtbarſtes Gut zu bewahren, und wehrte undarmherzig Alles ab, was ſeinen Beſitz deſſélben gefahrden mochte. Er begann damit, daß er ſeinem Neffen Fer⸗ dinand, der ſeit einiger Zeit Muſterungsinſpektor geworden war, andeutete, er konne nicht laͤnger in ſeinem Hauſe wohnen. Nicht, daß ich Dei⸗ ner Anhaͤnglichkeit an mich und Deiner Ehrfurcht für Deine Tante, wie hubſch ſie ſei, mich nicht verſichert hielte; aber Deine vier und zwanzig Jahr, Dein Weſen, Dein Geſicht, wuͤrden mich in ihren Augen gräßlich alt machen, und Dein ſchwarzes Haar das meine gar zu grau: alſo muͤſſen wir uns entſchließen uns zu trennen, lie⸗ bes Kind. Du ſollſt nichts dabei vetlieren; ich habe Dir in der Vorſtadt Saint⸗Germain ein Junggeſellenquattier einrichten laſſen: es iſt et⸗ was entlegen, doch Du biſt nahe bei dem Kriegs⸗ — 112— miniſterium, wozu Du gehoͤrſt. Eſſen kannſt Du bei mir, wenn es Dir beliebt, niemals aber waͤh⸗ rend meiner Abweſenheit; das merke Dir wohl. Den Einkuͤnften von Deiner Stelle lege ich zwei⸗ tauſend Franken Jahrgeld zu, und wuͤnſche Dir viel Gluͤck in der Welt. Deiner harren tauſend Freuden daſelbſt, die ich auch in meinen jungen Jahren genoſſen habe; ziehe ſie aber nicht ſo lange als Dein Oheim den heiligen Banden der Ehe vor, die allein einen rechtſchaffenen Mann feſſeln können, und ihm das Gluͤck gewähren, das er vielmals ſuchte, ohne es zu erreichen. Ferdinand befolgte puͤnktlich den Willen ſeines Oheims, und zeigte ſich nie in deſſen Hauſe, als wenn er ſicher war, ihn daſelbſt anzutreffen⸗ Sein angenehmes Geſicht, die Grazie ſeiner gan⸗ zen Geſtalt, ſein edler Sinn zeichneten ihn ſo vor⸗ theilhaft in der Welt aus, daß alle anſpruchsvol⸗ len Frauen ihn bemerkten und um ſeine Huldi⸗ gung buhlten. Zu den Damen, die Herr von Sancerre bei ſeiner Frau eingefuͤhrt hatte, gehoͤr⸗ ten Frau von Klairville und Frau von Richmond, beide nicht mehr ganz jung, doch noch bedeutend . — 113— N u ſchͤn. Sie hatten lange miteinander nach der ⸗ Hand des guten, liebenswuͤrdigen Sancerre ge⸗ . ſtrebt, und waren ſeine Freundinnen geblieben, ⸗ nachdem er die junge von Courcelles geheurathet. ir Sei's aus Sympathie, ſei's aus gewohnter Ne⸗ d benbuhlerei, ſie verliebten ſich beide in Ferdinand; doch die eine war zwoͤlf Jahr älter als er, nerven⸗ e ſchwach und liebaͤugelnd; die andre, ein wenig e juͤnger, war herrſchſuͤchtig, anmaſſend und uner⸗ 1 traͤglich durch ihre abgeſchmackten Praͤtenſionen. r Der arme junge Menſch fand ſie um ſo weniger geeignet, ſein Herz zu feſſeln, als er ſie ſtets ne⸗ 5 ben Euphemien ſah, die in Jugendfriſche prangte. Aber noch unvortheilhafter war ihnen in ſeinen Augen der Vergleich mit Frau von Lancay, der jungen Witwe eines Marineoffiziers, der Jugend⸗ geſpielin und Erziehungsgefaͤhrtin der Frau von Sancerre, welche dieſe ihrem Mann vorgeſtellt, der ihr erlaubt hatte ſie oft bei ſich zu ſehn, und die alles Anziehende und Reizende in ſich vereinigte, das es nur gab. Sie belebte jeden Kreis durch ihre leichte Darſtellungsgabe, ihre unwiderſtehliche Heiterkeit: 2r Theil. H 2 ihr Wahlſpruch war, daß der Tag, an dem man nicht lacht, eine Null im Leben macht. Eeine Zeitlang war ſie vor allen im Sancerre— ſchen Pauſe angeſehn, und mißfiel deshalb den beiden Coquetten höchlich. Da ſie nicht Urſach hatte dieſe zu ſchonen, erwiderte ſie ihre Ausfälle mit ſo viel Geiſt, Liebreiz und anmuthigen Poſ⸗ ſen„daß ſie ihre Rachſucht aufreizte. Herr von Santerte fand ſelbſt, die junge Witwe aͤußere ſich gar zu frei, und ihr Muthwillen, wie liebenswuͤr⸗ . tig t ſei, paſſe nicht zu Euphemia's ſchuͤchter⸗ nem und an ſich gehaltenem Weſen. Er fuͤrchtete, der Einfluß, den die Freundſchaft ihr auf ſeine Frau verſchaffte, koͤnnte deren Sanftmuth und fromme Selbſtverläugnung vermindern und all⸗ mählich dem glucklichen Einverſtändniß, das zwi⸗ ſchen ihm und ihr obwaltete, Eintrag thun. Er beſchloß ſonach die glaͤnzende junge Witwe genauer zu beobachten„ihre Unterhaltungen mit Euphe⸗ mia zu belauſchen. Ein Geſpräch, das Frau von Lancay mit dieſer uͤber alte Ehemaͤnner hielt, ver⸗ mehrte ſeinen Argwohn. Er nahm keinen An⸗ ſtand ſeiner Frau anzudeuten, daß ſie den Umgang — 115— mit Frau von Lancay ganz und gar abbrechen ſollte Euphemia wollte ihre Freundin vertheidigen, deren Gemuͤth vortrefflich war, ſie wuͤnſchte auch ein Jugendverhältniß zu erhalten, das ihr theuer war; aber ſehr beſtimmt verneinend fiel Herrn von San⸗ certe's Erwiederung aus. So ſanft und zuvor⸗ kommend er bei voͤlliger Seelenruhe war, ſo ſchnei⸗ dend und trocken wurde ſein Weſen, ſobald ein Argwohn ihn plagte. Sie mußte ſich dem aus⸗ drucklichen Befehl unterwerfen, und die Freude ihrer Geſelligkeit verlor ſehr dabei. Ferdinand empfand deshalb den aufrichtig⸗ ſten Kummer, hutete ſich aber wohl, ihn ſeinem Oheim merken zu laſſen. Er ſah ſich jetzt als Stichblatt der Anſpruͤche der Frauen von Klairville und Richemont. Er hatte gar kein Veemögen; was et beſaß, dankte er der Gute ſeines Oheims. Die eine der beiden Damen war ungemein wohl⸗ habend, die andre reich, beide frei, Herrinnen ih⸗ rer Rechte und noch ſchoͤn genug, um die Wahl eines jungen Mannes zu feſſeln. Herr von San⸗ cerre erhielt Vergunſt von beiden Freundinnen, ſei⸗ nem Neffen diejenige von ihnen zur Gemahlin 5 2 — 116— anzutragen, die ihm am meiſten gefiele. Er machte dieſen dabei aufmerkſam, wie vortheilhaft beide Heurathen fuͤr ihn wären, fuͤr welche derſel⸗ ben auch ſeine Wahl entſchiede. Der junge Mann ſprach mit ſeiner Tante, und geſtand ihr, daß die vorgeſchlagenen Verbindungen ſeinem Zartgefuͤhl durchaus widerſtänden. eEine Frau heurathen, die aͤlter iſt, heißt ſich unter Vormundſchaft bege⸗ ben, und nach Geld heurathen, heißt ſich zum Sklaven machen, ſeine freie Menſchenwuͤrde ver⸗ kaufen, ſagte er. Euphemia konnte nicht um⸗ hin ſeiner Anſicht beizupflichten, und es beſtärkte ihn in dem Entſchluß, die Antraͤge ſeines Oheims abzulehnen. Herrn von Sancerre verdroß dieſe abſchlägli⸗ che Antwort, die Eitelkeit der beiden Bewerberin⸗ nen beleidigte ſie; ſie ſannen auf Rache, und ſuch⸗ ten ihren alten Freund zu uͤberreden, wie einzig eine geheime, mächtig wirkende Urſache Veran⸗ laſſung ſeyn koͤnne, daß ſein Neffe ein ſo uner⸗ wartetes Gluͤck ablehnte: hoͤchſt wahrſcheinlich liebe er ſeine junge Tante. Herr von Sancerre kannte die Frauen, hielt jene gewagte Vermu⸗ — 117— thung für nichts anders als fuͤr eine Eingebung der Rachbegier ob zweifacher Beleidigung, und er⸗ widerte: das Benehmen ſeiner Frau ſei bis dahin untadelich, alſo wuͤrde er auch nicht dem mindeſten Argwohn geſtatten, ſeine Anhaͤnglichkeit fuͤr ſie und ſein völliges Vertraun zu ihr zu verleten. Wie ſicher aber auch der rechtſchaffene Mann ſich in Hinſicht auf Euphemia's Tugend und ſei⸗ nes Neffen edlen Sinn halten mochte: ſo konnte er ſich doch nicht entbrechen, beide ſorgſam zu be⸗ obachten und auf allerhand Proben zu ſtellen. Die junge Frau bemerkte dies; es that ihr im Herzen wehe, und ſeine Ungerechtigkeit haͤtte Veranlaſ⸗ ſung zu einer ernſtlichen Neigung ihrerſeits fuͤr Ferdinand werden können, wenn ſie nicht bemerkt haͤtte, daß derſelbe anderwärts liebe und geliebt werde. Nichts emport eine rechtſchaffene Frau ſo ſehr, als wenn man ihre Treue beargwohnt, ihre Opfer mißkennt: die Tugend, die ſich ſelber zum Zweck hat, iſt ſelten! Ferdinand wurde ſeitdem von ſeinem Oheim froſtig und ſteif empfangen und kam nicht mehr ſo oft in das Haus; oft vergingen Wochen, ohne daß man ihn dort fah. Euphemia bemerkte es, und auch getrennt von ihrer Freundin, welche ſie mehr noch liebte, ſeitdem ſie mit ihr hatte brechen muͤſſen, empfing ſie nun uͤberhaupt ſeltener Be⸗ ſuch und ſtuͤrzte ſich in das Gewuͤhl der Welt. Da wurde ihr Anzug ſorgfäͤltiger, und die hundert und funfzig Friedrichsd'or, welche ihr Gemahl ihr zu Toilettenausgaben beſtimmt hatte, reichten nicht mehr hin, dieſelben zu beſtreiten. Finette, die Tag fuͤr Tag mehr Gewalt uͤber ihre Gebieterin bekam, und deren Sporteln ſich nach dem Maaß der Ausgaben verhielten, wozu ſie dieſe bewog, forderte bald ein goldnes Netz bald eine aäͤchte Guirlande, bald einen modernen Kamm, die gnaͤdige Frau ihrem ſchoͤnen Geſicht entſprechend aufzuputzen. In Ruͤckſicht der Kleider war es noch aͤrger, der Schnitt jedes Klei⸗ des mußte mehrmals geaͤndert werden, um den himmliſchen Wuchs der gnädigen Frau beſſer zu zeichnen; alle Augenblicke ward ein neuer Beſatz von Blonden oder gemachten Blumen gebraucht, der geringſte ſorgfältigere Anzug erforderte eine neue Scharpe, neue Handſchuhe, und vor allen Schuhe, die — — — M r — 119— den ſchonen Fuß nicht entſtellten; denn heut zu Tage erkennt man eine Elegante weniger an der Koſt⸗ barkeit, als an der Neuheit ihrer Sachen: aber dieſe Neuheit, die immer erneut ſeyn will, iſt koſtbarer, als die koſtbarſten Dinge, die dauern. Daher entſtehen die kleinen taͤglichen Ausgaben, die unvermerkt zu Summen anwachſen, und die ungeheuren Beduͤrfniſſe, die unaufhoͤrlich wie ein vorſtuͤrzender Strom den Frieden der Familien und die Ehre der Frauen dahinreißen. Euphemia machte bald dieſe ſchreckliche Er⸗ fahrung. Mit ihren dreihundert Franken monat⸗ lich konnte ſie die Beduͤrfniſſe nicht alle beſtreiten, woran ihre Kammerfrau ſie gewoͤhnte. Sie gab die heilſame Gewohnheit auf, was ſie brauchte, baar zu bezahlen, und nahm auf Rechnung bei Kaufleuten aus. Das war, was die ſchlaue Fi⸗ nette gewuͤnſcht. Nun wurde ſie der jungen Frau unentbehrlich zum Einkauf, zur Vertroͤſtung von dieſem und jenem Glaͤubiger, durch die Verwilli⸗ gung ſein Konto mehren zu duͤrfen, um zu verhuͤ⸗ ten, daß alle dergleichen Hetzereien Herrn von Sancerre nicht zu Ohren kaͤmen. — 120— Sie wollte zuerſt ihre Frau uberreden, daß ie ihren Gemahl bitten ſollte ihr Jahrgeld zu ver⸗ gröͤßern; aber dieſe wagte es nicht. Sie hatte demſelben nichts zur Mitgift gebracht, wie konnte ſie fordern, daß er ſeine Gaben mehre? Indeſſen mußten durchaus ihre beiden äͤchten Shawls aus⸗ getauſcht werden, ſie verbleichten allmaͤhlig, und waren nicht ganz mehr nach dem neueſten Ge⸗ ſchmack; dazu brauchte ſie aber wenigſtens hundert Louisd'or, und die Kaufleute wollten nicht mehr borgen. Finette ſchlug alſo ihrer Gebieterin vor, die Juweelen zu verkaufen, die ſie beſaß, und ſie mit einem Schmuck von Straß zu vertauſchen, der denſelben Effekt machen wuͤrde.„Das thun täglich alle unſre jungen Damen, deren Maͤnner ſie knapp halten, ſagte ſie ihr: ich uͤbernehme es, der gnädigen Frau einen dem ihrigen ſo ganz glei⸗ chen Schmuck verfertigen zu laſſen, daß kein Menſch auf der Welt es merken ſoll. Die gnaͤdige Frau verſchaffen ſich durch den vortheilhaften Tauſch die beiden Shawls, die Sie wuͤnſchen, zahlen Ihrer Nätherin und Ihrer Putzmacherin etwas ab, ——————— — 121— die nichts mehr liefern wollen und drohn, ſich an den gnädigen Hern zu wenden—. Vor dem bloßen Gedanken zitterte Euphe⸗ mia, und er beſtimmte ſie, ihre Juweelen hinzu⸗ geben. Finette verkaufte ſie, und rechnete von dem Ertrag fuͤr ſich tuͤchtige Kommiſſionsgebuͤh⸗ ren ab. Es fiel Euphemien ſchwer ſich von dem hochzeitlichen Geſchenk zu trennen, das ihr Wohl⸗ thaͤter ihr verliehn, aber ihre Glaͤubiger wurden beſchwichtigt, und ſie erhielt zwei neue Shawls. Da wußte nun Finette ſchon um ein wich⸗ tiges Geheimniß, und beeilte ſich, es ihrem Mit⸗ verſchwornen zu eroͤffnen, damit er es gehoͤrig bei ſeinem Gebieter benutzen könne. Aber ſo vertrau⸗ lich die junge Frau mit ihren Dienſtleuten verkehr⸗ te, ſo zuruͤckgehalten und trocken gegen die ſeinen verhielt ſich ihr wuͤrdiger Gemaghl.«Es iſt nichts mit dem Mann anzufangen, ſagte Jasmin. Ich will den ſehn, der aus dieſem Felſen die min⸗ deſte Quelle ſchlägt. Ich habe hundert Mal ver⸗ ſucht, mich in Bezug auf die gnädige Frau mit ihm in Einvernehmen zu ſetzen, in der Hoffnung, er wuͤrde mich als ſeinen Spion mit gebuͤhrenden — 122— Diãten inſtalliren; aber er hat mir aufs gemeſ⸗ ſenſte verboten, ein Wort über die gnädige Frau zu ſprechen, bei Strafe ſogleich aus dem Dienſt gejagt zu werden. Mit dem verſchaͤmten Eifer⸗ ſuͤchtigen richte ich nichts aus, und wenn wir ſonſt keinen Meierhof erſchwingen, als durch ſeine Freigebigkeit, wirds nicht viel Muͤhe brau⸗ chen unſer Feld zu beſtellen.? Nun, verſetzte Finette, ſo muͤſſen wir uns beide an die gnädige Frau halten. Sie iſt rechtſchaffen, hält etwas auf ihre Pflichtz aber ſie liebt den jungen Ferdi⸗ nand, beſonders ſeitdem der Oheim ihn ſo zu ſa⸗ gen aus dem Hauſe geſtoßen hat, und ich glaube, daß die zärtlichſte Erwiederung ſie lohnt; denn ſo⸗ bald ſie zufällig zuſammentreffen, giebt es ein Augenwinken, ein Geſprach von Mienen und Ge⸗ behrden.— Wenn Dich die gnaͤdige Frau doch zu ihrem geheimen Boten machen wollte! Dir wucherte ihre Liebſchaft, mir wucherten ihre Schul⸗ den; wir muͤßten recht ungeſchickt ſeyn, wenn wir beide davon nicht ſoviel zoͤgen, uns wenigſtens ein huͤbſches Haͤuschen zu kaufen. Der Zufall ſchien die Plaͤne der beiden Schel⸗ — „— — 6— me zu beguͤnſtigen. Eines Morgens fragte Eu⸗ phemia Finetten beim friſiren. aKennſt Du Jas⸗ min ſo, daß Du mir fuͤr ſeine Verſchwiegenheit einſtehen kannſt? Wie fuͤr mich ſelbſt, gnaͤdige Frau. Wir ſind Landsleute, wir kennen uns von Jugend auf, und ich kann betheuern, daß er in ſei⸗ nem Leben kein Haar breit von der Pflicht eines rechtſchaffenen Mannes und treuen Dieners abge⸗ wichen iſt(Nun gut, ſo rufe ihn; ich moͤchte ihm einen wichtigen Auftrag geben, der ihm gut bezahlt werden wird, wenn er ihn geſchickt voll⸗ zieht. y Der liſtige Diener kam, die junge Frau vertraute ihm ein Billet an Ferdinand von San⸗ cerre und empfahl ihm angelegentlich, es ihm ja eigenhaͤndig zu uͤbergeben. Jasmin ſchwur die gewoͤhnlichen Betheurungen, benachrichtigte Finetten von dem willkommenen Auftrag, und laͤuft und beſorgt ihn mit der moͤglichſten Hurtig⸗ keit. Er lieſt im Antlitz des jungen Mannes Ueberraſchung und Freude, waͤhrend derſelbe das geheimnißvolle Billet durchlaͤuftz ihm ſcheint, eine unwillkuͤhrliche Bewegung erſchuͤttre deſſen ganzes Weſen, da er die Antwort ſchreibt; aber daß ihm — 126— Ferdinand zugleich mit derſelben drei Goldſtucke in die Hand druͤckt, und ihn dabei anſieht, als wollte er ſagen, dies wuͤrde nicht die einzige Belohnung fuͤr ſeine Dienſte ſeyn, das hebt den ſcharfſichtigen Abgeordneten uͤber alle Zweifel hinaus. Im Taumel der Freude uͤberbringt er treulich die Ant⸗ wort ſeiner Gebieterin, und berichtet ihr auch, welche lebhafte Bewegung Herrn Ferdinand erfullt habe, indem derſelbe den Brief geleſen, von der aber Niemand etwas erfahren ſolle, als ſie. (Wir haben ſie feſt, ſagte er zu Finetten: ſie iſt in ihren Neffen verliebt, und das iſt natuͤrlich. Nun, Herr von Sancerre, ſie haben mir verboten uber ihre Frau mit ihnen zu reden, ſie wollen nichts von einem Vertrag mit mir wiſſen. Gut, ſie ſollen auch nichts wiſſen!v Nach einigen Tagen erhielt Jasmin denſelben Auftrag von ſeiner Gebieterin wieder, und noch am Abend des Tages den Befehl, an der Ecke der Straße, wo ſie wohnten, mit einem Fiacre auf ſie zu warten, um mit ihr nach einem Orte zu fahren, wo ſie ein wichtiges Geſchaͤft abzuthun hätte. Der dienſt⸗ fertige Bediente erfuhr bald, daß es die Wohnung — e——— — 425— der Frau von Lancay waͤre, wohin ſie fuhr, und da er Ferdinand faſt zugleich mit ſeiner Dame hin⸗ kommen ſah, zweifelte er keineswegs, daß hier eine heimliche Zuſammenkunft ſtatt faͤnde Er fuhr mit jener dann in dem Fiaere, der hatte war⸗ ten muͤſſen, wieder zuruͤck; in einiger Entfernung vom Hauſe ließ ſie halten und ſtieg aus. Jasmin beeilte ſich, Finetten Alles zu erzählen, und beide waren voll Freude eine junge lenkſame Frau in ihrer Gewalt zu haben, die ihren Mann ſcheute und einer Leidenſchaft fröhnte, welche ſie durchaus verhehlen mußte. Nahm man dazu den ausge⸗ tauſchten Juweelenſchmuck: ſo brauchten ſie fur gar nichts zu ſorgen, als dafuͤr, wie ſie ſich die wichtigen, anvertrauten Geheimniſſe am beſten zu Nutze machen wollten. Sie fingen damit an, eine Verſchwiegenheits⸗ taxe von allen Dingen zu erheben, die ſie einkaufen mußten, ſei's fuͤr den Bedarf ihrer Gebieterin, ſei's fuͤr des Hauſes BVedarf. Euphemia merkte es, und wollte ihnen gerechte Einwendungen da⸗ wider machen, ſie wurde gleichguͤltig, ja ſogar mit einem gewiſſen unverſchamten Laͤcheln ange⸗ hört. Zu ſpät ſah ſie ein, daß ſie ſich in Abhän⸗ gigkeit von ihren Dienſtleuten geſetzt und das Recht eingebuͤßt haͤtte, ſie im Zaum zu halten. Sie that alſo forkan, als merkte ſie ihre vielfa⸗ chen Unterſchleife nicht. Ihr Gemahl merkte dieſe endlich: er las ſeinen Leuten derb den Tert z aber geſtutzt auf die Mitwiſſenſchaft um die Geheim⸗ niße ihrer Frau, ſchoben beide alles auf jene, und vargen ſich dergeſtalt vor der Strenge des Hertn. Allmählig riß im Hauſe Unordnung ein, und Euphemia durfte nichts dawider ſagen; ſie ver⸗ tor ob derſelben das Vertraun ihres Gemahls, er fuͤhrte von nun an die Kaſſe allein, und gab ihr kein Geld in die Haͤnde außer ihr Jahrgehalt. Seitdem ſie keine bedeutenden Summen mehr zu verwalten hatte, war ſie der Unverſchaͤmtheit der beiden Schelme völlig preisgegeben, welche ſie die Schwachheit gehabt in ihr Vertrauen zu ziehn. Befahl ſie einem von beiden einen Brief zu Ferdi⸗ nand oder zu Frau von Lancay zu tragen, ſo wa⸗ ren ſie muͤde, abgehetzt, und vollzogen den Auf⸗ trag, erſt lange nachdem ſie ihn bekommen. Ver⸗ langte ſie von Finotten ein Kleid, einen Aufſatz, ſ d „—— e c um in Geſellſchaft oder in's Schauſpiel zu gehn, erhielt ſie beides mit Moͤhe, oft mit unziemlichen Murren. Bald gehorchte keines ihren Befehlen mehr, die ſo zu ſogen demuͤthige Bitten geworden waren, ohne die Achteln zu zucken, und ſie mit einer Art von Verochtung anzuſehn. Was ſie da⸗ bei litt, war ſo herbe, und ihr Leiden erneute ſich ſo oft, daß ſie zwanzig Mal ſich beklagen und die Unverſchämten fortjagen laſſen wollte; aber ſie wußten um ihte Geheimniſſe, ſie konnten ſie um die Achtung ihres Mannes bringen, und ſie ent⸗ ſchloß ſich, die erniedrigendſte Schmach zu erdul⸗ den: die, von ihren eignen Dienſtleuten verach⸗ tet, in Verdacht einer frevelhaften Leidenſchaft von ihnen gehalten zu werden, und der Spott, det Sklave von ſolchen zu ſeyn, deren Unver⸗ ſchaͤmtheit allezeit im Verhaͤltniß der Anſprüche waͤchſt, die man ihnen einraͤumt, die ihren Stolz darin ſetzen, Mißbrauch davon zu machen. Ein Ring der geſellſchaftlichen Ordnung verſchoben, und alles geraͤth in Verwirrung und Unordnung. Hart buͤßte Euphemia mehrere Monate lang fur ihre unvotſichtige Vertraulichkeit; von Schaam gefeſſelt, wagte ſie nicht einmal ihr Leiden Ferdi⸗ nand und ihrer Freundin zu bekennen, mit denen ſie oͤfter als jemals zuſammenkam; ſie war geno⸗ thigt, zu dieſem Behuf ſelbſt einen Fiacre zu neh⸗ men, oder zu Fuß zu Frau von Lancay zu gehn, welche weit von ihr wohnte. Herr von Sancerte begriff nicht, woher die Verwandlung ruͤhrte, die er Tag fuͤr Tag im Ge⸗ ſicht ſeiner Frau bemerkte; er wunderte ſich eben ſowohl uͤber ihren äͤußerſt vernachlaͤßigten Anzug, woran Finettens Unart und Faulheit ſchuld war, der ihre Frau nichts mehr ſagen durfte. Der red⸗ tiche Mann ſann eine Zeitlang dem Grunde des Trubſinnes nach, den Euphemia nicht unterdruͤ⸗ cken konnte; durch einige Reden, welche den Dienſtleuten unverſehends, oder mit Fleiß ent⸗ ſchluͤpft waren, glaubte er das Geheimniß von dem entdeckt zu haben, was ſeine Frau peinige Eeines Tages kam er fruher, als man ihn etwartete, von der Jagd zuruͤck, und trat ploͤtz⸗ lich in Euphémias Gemach. Er fand ſie nie⸗ dergeſchlagen, die Augen voll Thraͤnen. Was fehlt Ihnen, fragte er ſtrenge; ich glaubte, ich 6 M — 129— hätte alles fuͤr Ihr Gluͤck gethan; hätte ich mich denn getaͤuſcht?— 4O, mein theurer Wohl⸗ thaͤter! rief Euphemia und weinte laut; es iſt da⸗ hin, das Gluͤck, das ich Ihnen dankte, womit Ihre großmuͤthige Fuͤrſorge mich ſtets uͤberſchuͤt⸗ tet hat, ich habe mich ſelbſt darum gebracht! «Wie, Sie haͤtten Ihr Geluͤbde vergeſſen koͤnnen, den Altar entweihn, vor dem ich Ihnen das meine gab? Was meinen Sie?v «Ich weiß alles. Ihre Zuſammenkuͤnfte mit Frau von Lancay, die Sie mir verſprochen haben nicht mehr zu ſehn, Ihre geheimen Both⸗ ſchaften an Ferdinand. Ihre Leute haben Sie verrathen. Wie, Sie koͤnnten denken?— Mein, nein, die Frau Ihrer Wahl weiß, was ſie ſich ſchuldig iſt. Glauben Sie, ſie iſt Ihrer werth. aAch, wenn es wahr ware!— (Da ſchaͤndliche Dienſtleute mir mein einzi⸗ ges Gut, Ihre Achtung, rauben wollen, ſo er⸗ fahren Sie alles von mir. Ich mag lieber errs⸗ then, als Sie in Zweifel laſſen. 2* Theil. J Nun geſtand ſie ihm ihre herzliche Theilnah⸗ 1 me fuͤr Ferdinand, die Liebe des jungen Mannet 2 für Frau von Lancay, deren Hand und großes ſ Vermoͤgen ihm beſtimmt waͤren. Sie fuͤgte hinzu, 3 daß, da ſich ihr die Gelegenheit geboten die Bande 5 der Freundſchaft mit einer achtungswerthen Frau t zu befeſtigen, ſie fuͤr ein ungerechtes Vorurtheil zu n tächen, und das Gluͤck des angenommenen Soh⸗ e nes von dem zu gruͤnden, dem ſie ihr eignes Gluͤck u verdanke: habe ſie nicht angeſtanden dem Scheine g zu trotzen, um eine Heurath zu Stande zu brin⸗ L gen, von der ſein Neffe ihm noch an eben dem Tage Nachricht geben wuͤrde. Nach dieſem Vor⸗ bericht, der Herrn von Sancerres Gemuͤth mit der größten Freude und Beruhigung erfullte, geſtand ſie eben ſo freimuͤthig die Fehltritte ein, zu denen die Argliſt ihrer Leute ſie verfuͤhrt. Sie ſchilderte ihm ihre Reue, ihren Kummer, ihre Schmach mit ſo wahren und innigen Worten, daß er, ohn⸗ erachtet ſeiner Strenge, erweicht ward und ihr alles verzieh, ſogar den Verkauf der Juweelen. Er wrilligte in die Heurath von Ferdinand und 3 Frau von Lancay, die er bald gebuͤhrend ſchaͤtzen en — 431— lernte, er jagte Jasmin und Finetten gus dem Dienſt; ſie hatten trotz ihrer Schelmerei noch nicht ſo viel zuſammengeſcharrt, die gewuͤnſchte Lage zu gruͤnden. Euphemia machte ſich's zur Pflicht durch Sparſamkeit wieder einzubringen, was ihre thoͤrichte Nachſicht vergeudet, ſie vergaß nie, zu welchem Grade der Schmach ihr blindes Vertrau⸗ en ſie erniedriget, ſie wurde ſo zuruͤckhaltend, ernſt und wuͤrdevoll, als ſie unvorſichtig und ſchwach geweſen war, und huͤtete ſich Zeitlebens fortan vor Vertraulichkeit mit Dienſtleuten. 0 5. Sträftiche Verzugtheit 37 Des größte Glück der Ehe iſt der Bund mit ei⸗ ner hohen Seele, die ſtolz auf deren Geſetz dem Vaterlande geweiht, einer wahrhaften Freund⸗ ſchaft, großer Opfer fahig, ſtark im Ungluck iſt, und die Maͤnner nur achtet, inſofern ſie ihre Wuͤrde behaupten. Dagegen iſt nichts verderbli⸗ cher bei dem angemeſſenſten Verhaͤltniß, als die Verzagtheit junger eigenfüchtiger Frauen, die viel⸗ mehr aus Verechnung als aus Anhaͤnglichkeit Theil an den Handlungen ihrer Gatten begehren; bei ehrenvoller, gewagter Veranlaſſung in dieſel⸗ ben dringen, lieber der öffentlichen Achtung, der eignen Schaͤtzung zu entſagen, als einen Augen⸗ blick ihre eigne, ſüße Behaglichkeit zu unterbre⸗ li⸗ die eit nz el⸗ 133— chen und ihrer wohlthaͤtigen Geruhſamkeit Ein⸗ trag zu thun.«Sich nie compromittiren!) iſt der Wahlſpruch der Eigenſucht, ſie borgt die Stim⸗ me der Vernunft. Aber dieſer Grundſatz verderbt das buͤrgerliche Leben, die maͤnnliche Kraft, und verbannt den Menſchen unter jene froſtigen We⸗ ſen, die des Namens der Menſchlichkeit nicht werth ſind, weil ſie dieſelbe entadeln. Wehe dem Gleichguͤltigen, der keinen Freund in der Jugend, keinen Anhang in reifen Jahren hat, ihm fehlt die Stutze des Alters, nur das Erbarmen ſchließt ſein Auge einſt. Chriſtine Veimar war die Tochter des erſten Gerichtsherrn bei einem Obergericht. Sie wurde ſehr fruͤh verwaiſt, und in Paris von Anverwand⸗ ten erzogen, die vielmehr fuͤr ihr Vermogen, als fuͤr ihre Erziehung ſorgten. Eine alte ſchwach⸗ ſinnige, aberglaͤubiſche Gouvernante, der man ſie uͤbergab, brachte ihr abgeſchmackte Vorſtellungen bei. Das dichte Dunkel der Unwiſſenheit um⸗ huͤllte ihre Kindheit; mit zwölf Jahren konnte ſie kaum leſen, und wußte von keinem Buch als von dem hoͤflichen Schuͤler. Ihr Ton, ihre Gebehr⸗ den zeugten von der ſchrecklichen Leere ihres Innern. Vergnügen betrachtet, und aus denen täglich eine Ihr Gang war ſteif und haltungslos zugleich; mit einwärts gekehrten Fußen, hängendem Kopf, vor⸗ gepreßten Achſeln, eingeſenkter Bruſt, auseinan⸗ der geſpreizten Armen, Händen, die ſie immer in Verlegenheit ſetzten, mit ja oder nein, auf jed⸗ wede Frage; anders ſah man ſie nicht. Sie war nur eine Skizze von einem Menſchen, eine Art von Automat, das ſich nicht bewegte, nicht han⸗ delte, nicht dachte, als nach dem Befehl der alten Vogelſcheuche, die ſie am Schnuͤrchen hielt; und nichts deſto weniger waren mit dieſem widerwärti⸗ gen Weſen eine regelmaͤßige Geſtalt, ein ſeelen⸗ volles Auge und ein anmuthiges Lächeln verknuͤpft: es war eine junge Pflanze von freier Gattung, den Haͤnden eines Gäartners anvertraut, der ihren Wuchs nicht zu lenken wußte. Einer von Chriſtinens Verwandten erbarmte ſich ihrer, und gab ſie, zu ihrem Vormund er⸗ nannt, in eines von den beruͤhmten Erziehungs⸗ inſtituten, wo man vielmehr auf Kenntniſſe als auf Putz und Kopfzeuge ſieht, die Talente als ein —— e—— — 135— Menge junger Mädchen hervorgehn, der Geſell⸗ ſchaft zur Zier und zum Gluͤck zu dienen. Fraͤu⸗ lein Veimar wurde hier auch bald von den Ban⸗ den frei, welche die Entwickelung ihres Geiſtes gefeſſelt hatten; ihre Natur, gleich wie beſchämt uͤber die lange Erniedrigung, worin man ſie ge⸗ halten, nahm einen erſtaunenden Schwung; aber ein Ueberbleibſel von Verzagtheit, das für Be⸗ ſcheidenheit galt, und jene Eigenſucht, die allzeit Selaverei und Entbehrungen raͤcht, wie ihr in der Kindheit widerfahren waren, legte ſie nie ab. Als ſie in die Welt getreten war und von Huldigungen umgeben wurde, ſah ſie in allen Be⸗ werbern um ihre Hand nichts als Freyer nach Geld, als Speculanten, und blieb bis in's zwan⸗ zigſte Jahr unentſchieden in Hinſicht auf ihre Wahl. Bei ihrem Vormund, einem beruͤhmten Juriſten, traf ſie oͤfters mit einem jungen Rechts⸗ gelehrten zuſammen, Namens Dalaincour, deſſen Anlage ein ausgezeichnetes Talent verhieß. Er hatte ein ausdrucksvolles Geſicht, ein feuriges Auge, ein klangvolles, durchdringendes Qrgan, eine koͤrperliche Kraft ſchien die Kraft ſeiner Seele 136— zu unkerſtuͤtzen, und doch war er im häuslichen Leben von einer Sanftmuth und Nachgiebigkeit, die oft an Schwäche grenzten; ſo arbeitfam, ſtreng, energievoll als in ſeinem Arbeitszimmer, ſo gefäl⸗ lig entgegenkommend waltete er in geſellſchaftli⸗ chem Verkehr, wo er aller Neigung erwarb, durch gluckliche Einfälle glaͤnzte, vorzuglich die Frauen insgeſammt mit der ehrfurchtsvollſten Aufmerkſam⸗ keit und Zuvorkommung behandelte, unter denen er das vollkommene Weſen ſuchte, deſſen Bild ſeiner Einbildungskraft vorſchwebte. In Fraͤulein Veimar glaubte er jenes Bild verwirklicht zu erblik⸗ ken; und ſie, durch ſeine Leutſeligkeit, ſeine Zu⸗ vorkommung gewonnen, die ihr ein freundliches Gemuͤth, einen leichten Verkehr zu verbuͤrgen * ſchienen, theilte das Gefuͤhl, welches ſie einge⸗ ſloßt, und die Ehe vereinigte beide. Dieſe Ehe ſchien Allem zu ee wo⸗ durch eine Ehe gluͤcklich ſeyn mag. Gemeinſchaft⸗ liche Neigungen, verhaͤttnißmaͤßiges Alter, eine gluͤckliche Uebereinſtimmung der Sinnesart und Charactere, ein Vermögen, das dem Bedürfniß des Lebens hinreichte, wobei Fleiß und Ordnung —— — aber der Wohlhabenheit fuͤrſorgen mußtenz fanden dabei Statt. Dalaincour ſah ſich am Ziel ſeiner Wuͤnſche; ſein Gluͤck beſchwingte ſein Talent, und er erfuͤllte die großen Hoffnungen, die man zu ihm gefaßt. Er erwarb hohen Ruf, machte denſelben zugleich durch die unwandelbarſte Beſcheidenheit gut, ob deren auch der Neid ihn nicht einmal be⸗ fehdete. Voll Ehrerbietung gegen ſeine ältern Kollegen, den juͤngern zu dienen, ihnen behuͤlflich zu ſeyn, ſie zu ermuthigen ſtets bereit, boten alle ihm die Hand, erhob er ſich uͤber alle, ohne ſie zu erniedrigen. Im fuͤnf und dreißigſten Jahre war er ein beruͤhmter Advocat, und hatte die mei⸗ ſten Klienten. Seine perſoͤnlichen Eigenſchaften und fein ſchoͤnes Talent hatten ihm die Achtung der Gerichtsherrn erworben; mit innerlichem Wohlgefallen bemerkten ſie ſeine Erfolge und wuͤnſchten mehr als einmal ihm ehrewwoll oͤffent⸗ lich Gluͤck. So ſah er taͤglich ſein geſegnetes Loos ge⸗ deihn; im haͤuslichen erwartete ſein ein Weib voll Reinheit der Sitten, Ordnung und Sparſamkeit; zwei ſchoͤne Soͤhne, die Erben eines Names, den — 138— er zu Ehren gebracht, und des Ertrages ſeiner Arbeit; ein Kreis von ächten Freunden, eifrigen Anhaͤngern, dankbaren Verpflichteten, Wohlſtand, Seelenruh und der unausſprechliche Genuß des Bewußtſeyns von einem nuͤtzlichen Daſeyn, an das ſich das Gluck und die Ehre vieler Familien knhpfen. 44 Fedoch es ſteht geſchrieben, daß der Menſch ſich immer ſeinem Looſe uͤberheben ſoll. Dalain⸗ ecourgenuͤgte nicht ſein Ruf, der ſich täglich mehr⸗ ts, nicht die edle Unabhaͤngiqkeit eines beruͤhmten Rechtsgelehrten, der im buͤrgerlichen Leben Nie⸗ mand uͤber ſich erkennt; ſein Herz ſchloß ſich dem Hochmuth auf, und er begehrte ſich zur Wuͤrde eines Generalprokurators deſſelben Gerichtshofes erhoben zu ſehen, dem ſeine maͤnnliche, buͤndige Beredſamkeit ſo oft genug gethan. Mehrere Staatsmaͤnner, mit denen er im Verhaͤltniß ſtand, machten ihm Hoffnung, daß dies geſchehen koͤnne; er theilte dieſelbe ſeiner Frau mit. Chriſtine, die Tochter eines Gerichtsherrn von eben jenem Rang, benutzte ihre unumſchraͤnkte Gewalt uͤber ihres Mannes Gemuͤth, ihn zur Verfolgung ſeines Plans it — e„— ec 30— zu ſtacheln, und begehrte nichts bruͤnſtiger, als ihn im Purpur und Hermelin zu erblicken. Zu jener Zeit ſah Frankreich einen ſeiner er⸗ tauchteſten Krieger der Rache der hoͤchſten Gewalt preisgegeben, welcher derſelbe Trotz zu bieten ge⸗ wagt. Verlaͤumdung und Partheiſucht verban⸗ den ſich, die Erbitterung gekraͤnkten Stolzes zu vermehren; man benutzte einen falſchen Schein, zufällige Umſtände, die oft ſchon den tadelloſeſten Mann in ein unrechtes Licht geſtellt, um den franzöſiſchen Helden aufruͤhriſche Plane zuzuſchrei⸗ ben; er wurde vor Gericht angeklagt, und ſein Kopf ſtand auf dem Spiel. Ganz Paris erhob ſich zur Vertheidigung des ehrenwerthen Opfers, jeder Tapferſte hätte ſein Leben dem Bedrohten zum Schilde bieten mögen, Frankreich klagte laut, gleich einer gekraͤnkten Mutter, den in Feſſeln zu erblicken, welcher nicht wenig zu ſeinem Ruhme, ſeiner Unabhängigkeit beigetragen hatte. Der Angeklagte ſtand ruhig und ergeben in der Mitte beſonnener Freunde, tuͤchtiger Rath⸗ geber; und Dalaincour wurde ernannt, ſeine Sache zu fuͤhen. Ihn ſchmeichelte die Wahl, —— womit man ihn beehrt, die Hoffnung, dem Va⸗ terlande einen Helden zu erhalten, und deſſen Rächer zu ſehn: dä ſtellte ihm Chriſtine die Ge⸗ fahr vor, der er ſich ausſetzt, die Schwierigkeiten alle, die er zu uͤberwinden häͤtte. aUeberlaß der⸗ gleichen bedenkliches Unternehmen denjenigen Dei⸗ ner Kollegen, die ſich noch erſt einen Namen er⸗ werben muͤſſen. Dein Ruf iſt gemacht, Du haſt Dir durch Fleiß und Verdienſt eine ehrenvolle Lage geſichert; gieb, ich beſchwoͤre Dich darum, nicht den Stuͤrnten der Partheiſucht Dich hin, tritt der furchtbaren Macht nicht entgegen, die mit einem einzigen Wort, einem einzigen Blick Dich vernich⸗ ten kann. sEben weil ſo große Schwierigkeiten entgegentreten, ſo vielen Gefahren Stirn zu bie⸗ ten iſt, verſetzte Dalaincour, muß ich den wich⸗ tigen Fall annehmen Der drohenden Gewalt zu widerſtehn, dem einbrechenden Sturm trotzen, um die bedrängte Ehre zu rächen, das iſt des An⸗ walds heiligſtes, theuerſtes Helinn und ic werde es f lem Mnx n Wohlan, ſo hte das Glie gran, —— beiden Soͤhne zu Grunde; — 141— ſtöre unſre haͤusliche Zufriedenheit, vernichte auf einmal, was wir, Du durch langen Fleiß und ich durch Sparſamkeit, erworben haben «Ich ſollte Dein Loos und das unſrer Kin⸗ der gefaͤhrden? Liebe Chriſtine, wie kannſt Du das von mir denken? «Ja, Du wirſt uns den S ber Macht⸗ haber zuziehn, Du wirſt Dich um die anſehn⸗ liche Stelle bringen, um welche Du Dich bewirbſt, wo ich meinem ehtwuͤrdigen Vater in meinem an⸗ gebeteten Gemahl wieder erblickt hatte.v (Das Emporſtreben, liebe Chriſtine, iſt er⸗ laubt, wenn es mit Fug und Recht geſchieht; ei⸗ ne Feigheit muß es nicht koſten, und man muß daruͤber nicht vergeſſen, was man— ſelbſt ſchul⸗ dig iſt. (Was ein Gatte und Vater ſchuldig iſt⸗ das iſt die Ruhe ſeiner Familie zu ſichern. v Indem ſie ſo ſprachen, kamen ihre beiden Kinder, ihnen wie gewoͤhnlich guten Morgen zu bieten. aKommt, liebe Kleinen!b rief ſogleich Chriſtine, fällt ihrem Mann zu Fuͤßen, und hůlt ihm ſeine Soͤhne entgegen, die ihre unſchuldigen —— Paͤnde zur Bittegefaltet, zu ihm erheben:«Kommt, und helft mir bitten, daß wir das groͤßte Ungluͤck abwehren! Wenn meine Bitte nicht genug uͤber Euren Vater vermag, um ihn von der Gefahr zuruͤckzuhalten, die ihn bedroht, ſo wird er Eurem Geſchrei, Euren Bitten, Euren ſuͤßen Liebkoſun⸗ gen nicht wiederſtehnv„Vater! riefen die beiden Kinder mit bittender Stimme, Vater, erhalte Dich fuͤr uns!? Dieſe Worte erſchuͤtterten, der Anblick erweichte Dalaincours Herz; er erlag der Gewalt ſeiner Frau uͤber ſeine Entſchluͤſſe, er hob ſie auf, ſchloß ſie und ſeine beiden Söhne in die Arme und verſprach ihr, den nicht zu vertheidigen. Indeſſen konnte er ſich nice verhehlen, daß er der heiligen Pflicht ſeines Standes zu nahe trat, er furchtete, ſich in den Augen ſeiner Amtsgefaͤhr⸗ ten und aller Welt mit Schmach zu bedecken; deßwegen ſchuͤtzte er eine Lungenſchwäche vor, die ihn uͤbermaͤßige Arbeit zugezogen, ging mehrere Monate nicht in den Juſtizpallaſt, und hoffte ſo ſein Betragen zu bemaͤnteln. Aber welchen Ruͤck⸗ ſichten mußte er ſich deßhalb nicht unterziehn, . per — 143— wie hart fielen ſie ſeinem Stolze! Er mußte den Kranken ſpielen bei voller Geſundheit und Staͤrke, die glaͤnzendſten Prozeſſe ablehnen, die einträglich⸗ ſten Geſchaͤfte, in ſeinem Kabinet ſich auf Rath⸗ ſchläge beſchraͤnken, freies Feld ſeinen Nebenbuh⸗ lern laſſen, ſich ausſetzen, das Vertraun der Ge⸗ richtsherrn zu verlieren, die Zahl ſeiner Klienten ſchwinden ſehn. aO, ſagte er oft zu Chriſtinen, wie theuer kommt mir Deine ſträfliche Verzagt⸗ heit zu ſtehniv Der Held, deſſen Vertheidigung er abgelehnt, trat vor die Schranken des Gerichtes, das uͤber ſeine Ehre und ſein Leben aburtheilen ſollte. Da Dalaincour ſeine Vertheidigung abgelehnt, hatte er zum Anwald ſich einen Mann gewählt, welcher der Furcht und dem Ehrgeiz unzugänglich war, einen jener Weiſen, deſſen Stimme man nicht bei den politiſchen Fehden vernahm, der keine be⸗ ſondre Ruͤckſicht zu ſchonen hatte, und keinem Gegner wich, wie maͤchtig derſelbe auch ſei. Er war ein geſchickter Redner, doch ſuchte er mehr zu uͤberzeugen, als zu uberraſchen und hinzureißens leine milde, eindringliche Beredſamkeit ſchlich ſich — 144— ins Bewußtſeyns, wie ein Quell, der unter Blu⸗ men fließt⸗ Er vertheidigte ſeinen Klienten mit Ueberzeugung von deſſen Unſchuld und verband bei dieſer Gelegenheit mit der Anmuth und Bieg⸗ ſumkeit ſeiner Rednergabe eine Kraft derſelben, deren man ihn bis dahin nicht faͤhig gehalten. Er bot dem Wetter die Stirn mit edler Selbſtverlaͤug⸗ nung, maͤnnlichem Muthe; der Held, den er ret⸗ tete, bedeckte, ihn voll Dank umarmend, ſein Haupt mit ſeinen eignen Lorbeern. Sein Sieg wurde bei den Pariſer Gerichten, als loͤbliches, kuͤhnes Werk verzeichnet, alle ſeine Amtsgenoſſen ordneten ſich freiwillig ihm unter, und gelobten ihm eine Anhaͤnglichkeit, bewieſen ihm eine Achtung, wel⸗ che Dalaincour ſtets beneidete und in der— ſich wuͤnſchte. 1 Ehriſtine aber freute ſich„ und 5 des Opfers, welches ihr Mann ihr gebracht, und ſuchte dafür ihn durch die Ausſicht zu entſchadigen, daß er zur erſten Getichtsherrnwurde emporſteigen werde. Sie ließ alle ihre Minen ſpringen, ſetzte den Einfluß der Machthaber in Bewegung, mit denen Dalaincour in Verbindu ng war⸗ Diefer — lu⸗ mit and ieg⸗ en, dde ten ſelbſt füchte beim Juſtizminiſter um den ehrenvol⸗ len Poſten an, und derſelbe machte ihm Hoffnung zu einem gluͤcklichen Erfolg ſeiner Bewerbung. Bald erſchien der erſehnte Augenblick, ein uner⸗ warteter Todesfall bewirkte eine Veranderung, wodurch die Stelle erledigt ward, nach der Chri⸗ ſtinens Verlangen ſtand. Nun verdoppelte ſie ihre Schritte, ihr Betreiben; im Wahn, ihren Gatten um ſo wirkſamer zu dienen, hatte ſie den Vorwitz, zu geſtehn, daß et ſich nur krank geſtellt habe, um ſich der Vertheidigung jenes beruͤhmten Angeklagten zu entziehn. Der Miniſter ſchlug der hoͤchſten Behoͤrde den Anwald Dalaincour vor, und erwähnte dabei, als eines Zuges von Erge⸗ benheit, des Geheimniſſes, welches die junge Frau ihm vertraut; aber dieſer Zug bewirkte im Gegentheil Empoͤrung und eine demuͤthigende Verweigerung von Dalaincours Geſuch. Das Geruͤcht davon verbreitete ſich durch Paris, und verurſachte dieſem die allerherbſte Reue. Kein Tag verging, ohne daß ihn der Neib, der gern das aͤchte Talent verfolgt und ſeine Schwaͤ⸗ chen aufſpuͤrt, mit beißenden Spoͤttereien, mit Lr Theil. K — 146— Stachelreden kraͤnkte. Von der Beſorgniß bitteren Hohnes geſchüchtert, nahmen Kraft und Schwung ſeiner Beredſamkeit ab. Er ſah ſich allmählig verlaſſen, gering geachtet, ſeine alten Nebenbuh⸗ ler waren nicht böſe, einen furchtbaren Kämpfer weniger in der Rennbahn zu ſehn, und der junge Rechtsbefliſſene durfte den nicht zum Schutzherrn wählen, der einer ſo abgeſchmackten Schwaͤche ſich ſchuldig gemacht. Umſonſt druͤckte Dalain⸗ cour ſeiner Amtsgenoſſen Hand; ſchlaffe Finger entzogen ſich haſtig ſeinem Druck. Redete er im Erguß des Gemuͤthes, der Vertrauen heiſcht, ant⸗ wortete man ihm kurz, ſenkte den Blick, und ſchien in ſeiner Seele zu erröthen. Wenn er gar venjenigen zum Gegner hatte, der es nicht ge⸗ ſcheut die Vertheidigung des verfolgten Helden zu uͤbernehmen, wurde der Streit voͤllig ungleich. Alle Theilnahme war fuͤr jenen, und er traf nur auf gleichgltige Blicke oder auf verächtliches Lä⸗ cheln, das ihn verwierte. Sein Vortrag wurde verlegen und unordentlich, ſeine Beredſamkeit zum Geſchwaͤtz: kurz, ſein Ruhm ſchwand, ſein Ruf nahm ab, ſein Talent ermattete dermaßen, g lig daß er ſich entſchloß die Ausuͤbung der Rechtsge⸗ lahrtheit aufzugeben, und der Laufbahn zu ent⸗ ſagen, welche er bisher mit ſo viel Glanz und Anſehn verfolgte⸗ Sein haͤusliches Leben konnte nicht die Pein verguͤten, welche im buͤrgerlichen ihn ſtets beglei⸗ tete. Dort ſah er bei jedem Gchritt, alle Augen⸗ blicke ſie, deren Eigenſucht und Unvorſichtigkeit ſeinen Ruf zu Grunde gerichtet, aus ſeinem Daſeyn die Freude getilgt hatte. Er machte ihr durchaus keine Vorwuͤrfe, ſie war geſtraft genug; aber ſie war ihm ſo gleichguͤltig geworden, daß ſie herber dadurch litt, als ſie durch gerechte Klagen oder Zorn gelitten haben koͤnnte. Verge⸗ bens verſuchte ſie alles Moͤgliche, den Truͤbſinn ihres Mannes zu zerſtreun, vergebens vereinten ihre Kinder ſich mit ihr, ihm einen Blick, eine Liebkoſung abzugewinnen: er ſah in ihnen nur die Werkzeuge, deren ſie ſich bedient, ihn einzu⸗ ſchuͤchtern und um ſeine Ehre zu bringen. Gewiſ⸗ ſensbiſſe unterdruͤckten die väterliche Zärtlichkeit, und voll Verzweiflung, nicht einmal in den un⸗ ſchuldigen Weſen Troſt zu finden, riß er ſich oft K 2 — 14— aus ihren Armen, und verließ das Gemach mit einem Blick auf ihre Mutter, der zu ſagen ſchien: awie theuer kommt Deine ſträfliche Ver⸗ zagtheit mir zu ſtehn!v— Gluͤcklicherweiſe fuͤr ihn, hatte er durch Ruf und Fleiß ein Vermoͤgen etworben, das ihn vor allem Mangel, aller Abhängigkeit ſchuͤtzte. Er ver⸗ wandelte ſeine Kapitalien in liegende Gruͤnde, und kaufte in der Grafſchaft Orleans nicht ſowol ein anmuthiges, als ein eintraͤgliches Landgut, wel⸗ ches ſeinen Söhnen dereinſt ein ehrenmäͤßiges Da⸗ ſeyn ſicherte. Ihre Erziehung machte ſeine lieb⸗ ſte Beſchaͤftigung aus, ihre Bildung erleichterte ſeinen Gram, und ihre raſchen Fortſchritte ver⸗ ſchafften auch ſeiner Eigenliebe noch einigen Ge⸗ nuß. Wenn er aber mit ihnen den Cicero las und den großen Redner in ſeinem glaͤnzenden Lauf den groͤßten Gefahren trotzen ſah, indem er Ka⸗ tilina anklagte und niederſchmetterte, Verres ent⸗ larvte, wenn er ſah, wie ein edler Muth des ächten Verdienſtes Glanz erhöht, wenn er ſeinen Rindern die bewundrungswuͤrdige Vertheidigungs⸗ rede uͤberſetzte, worauf Roscius freigeſprochen nit wurde vom Vatermord, die noch erlauchtere, mit⸗ gen telſt deren Cicero des Ligarius Losſprechung be⸗ er⸗ wirkt: dann fuhlte er eine heftige Erſchuͤtterung, ſein Geſicht veräͤnderte ſich, ſeine Augen netzten uf Thraͤnen, indem er die beredſamen Worte der vor erhabenſten Selbſtverläͤugnung wiederholte; dann e konnte er nicht umhin, den Jammer zu uͤberden⸗ nb ken, worin eine einzige Schwäche ihn geſtuͤrzt, ein und er ſprach zu ſeinen Zoͤglingen:«O. meine el⸗ Kinder, wird Euch je die Vertheidigung der Ehre a⸗ und des Lebens eines Angeklagten anvertraut, eb⸗ denkt nicht an ſeine Feinde, ſcheut nicht deren rte Macht, und wenn ſie Euch in's Exil trieben, wie er⸗ Cicero, wenn alles Ungluͤck uber Eure Häͤupter He⸗ kaͤme, denkt, daß kein Ungluͤck ſo gewaltig, ſo as herbe, ſo unabwendlich ſei, als das, ſich eine uf Feigheit vorwerfen, vor ſich ſelbſt erroͤthen zu a⸗ muͤſſen. t⸗ Ohnerachtet Frau Dalaincour eine liebevolle es Ehefrau, eine zaͤrtliche Mutter war, ohnerach⸗ ret ihrer haͤuslichen Geſchäfte und der bewund⸗ s⸗ rungswuͤrdigen Ordnung, die ſie auf ihrem Gute erhielt, ſpuͤrte ſie doch im Stillen daſelbſt eine unbezwingliche Langeweile. Ihr Gemahl blieb ernſt und ſchrecklich kalt, lobte nichts, tabelte nichts; gleichguͤltig gegen ihre Aufmerbſamkeit, ihr Entgegenkommen, war er faſt immer im tiefen Nachdenken verloren; und erwiederte einſilbig alle an ihn gerichteten Fragen. Dies Daſeyn wurde Chriſtinen taͤglich unleiblicher, ſie beſchloß nach Paris zuruckzukehren. Anfangs nahm ſie die Frzichung ihrer beiden Söͤhne zum Vorwandz doch Dalaincour verſotzte ſchroff: er werde ſie erziehen, es ſei ſein einziger Troſt. Chriſtine wandte ein, daß junge Leute nicht durch Wiſſen allein gebildet wuͤrden, daß ſie auch geſellſchaft⸗ tiche Bildung erhalten mußten, welche auf einem einzelnen Landgute nicht zu erreichen waͤre. Da⸗ laincour entgegnete ihr noch trockner: er wollte ſeine Söhne zu Ehrenmaͤnnern von feſtem Cha⸗ rakter bilden, die ſich nicht dereinſt von ihren Frauen leiten ließen. Endlich geſtand ſie ihrem Manne, wie ſehr ſie ſich, von Paris entfernt, kngweile, und erklaͤrte, ſie könne ſich nimmer⸗ mehr gewoͤhnen, ſo getrennt von ihren Verwand⸗ ten und Fweunden zu leben. Das hatte Dalain⸗ e 6 —„— lieb ete eit, fen alle erde ach die adz „ cour hören wollen, um ihr ſeine Meinung zu er⸗ öffnen, und ſie mit verdienten Vorwuͤrfen zu uͤberſchuͤtten. (Wie, ſagte er zu ihr mit flammenden Au⸗ gen und heftiger Stimme, Du willſt mich in die Hauptſtadt zuruͤcktreiben, aus der Du mich ver⸗ bannt haſt? Ehrſucht, nicht Liebe, war es, wes⸗ halb Du meinen Namen unausloſchlich brand⸗ markteſt; und nun willſt Du, ich ſoll in die Welt zuruͤckkehren? Die Vorſehung iſt gerecht, daß ſie Deine Selbſtſucht mit der Theilnahme an mei⸗ ner Verbannung ſtraft! Dies einzige Mal werfe ich Dir Dein Unrecht vor; denke darauf es gut zu machen, und wiſſe, daß nichts die Erinnerung davon jemals aus meinem Gedaͤchtniß reißen kann. v Bey dieſen Worten verließ er das Zimmer und enttrug in die Einſamkeit ſeine Etbitterung und ſeine Reue. Seine Frau folgte ihm mit den Au⸗ gen; ihr gepreßtes Herz ergoß ſich in Thraͤnen, und nun rief auch ſie in ihrem Herzeleid: wie theuer kommt mir meine ſtraͤfliche Verzagtheit zu ſtehn!5 Große, unvorhergeſehene Ereigniſſe trafen — 162— noch herber ihr Gemuͤth, und ihr Ehrgeiz gerieth dabei in Verzweiflung. Frankreich hatte ſeine ſieg⸗ reichen Waffen faſt durch ganz Europa getragen; nun wehten wider daſſelbe die vereinten Banner der Nationen, die es beſiegt. Das Gluͤck, das bald ſich ſelbſt und batß dem Muthe froͤhnt, und plotzlich gern das hochſt Erhobene ſtuͤrzt, wollte daß jenem von ſeinen vorigen Kriegsthaten nichts als der Ruhm verbleibe. Der heiß erſehnte Frie⸗ densruf erſcholl, der den Herzen ein Beduͤrfniß war, die das Vaterland liebten; die Schatten der zahlreichen Jugend, welche die Schlachten dahin⸗ gerafft, verſtaͤrkten ſeine Kraft; Paris öffnete den verbuͤndeten Monarchen ſeine Thore, und Dalaincours gluͤcklicher Nebenbuhler erhielt den Lohn ſeiner Talente und ſeiner edlen Kuͤhnheit. Wie bereuete nun Chriſtine, daß ſie ihren Gatten gehindert dem Schwunge ſeines Gemuͤthes zu fol⸗ gen und der Pflicht ſeines Amtes genug zu thun. Jetzt haͤtte er leicht die erſehnte Wuͤrde erhalten, ſie haͤtte ihn in dem Purpur erblickt, der ihre Vor⸗ fahren bekleidete. Wieviel Kummer, welche Reus verurſachte ihre unbeſonnene Schwaͤche ihr ſeitdem. —.————————— 168— Aber was ſie auf's Aeußerſte kraͤnkte, war, daß ihr Anblick ihrem Gatten unertraͤglich wurde. Er konnte ſie nicht mehr ſehn, ohne eine krampfhafte Erſchuͤtterung zu ſpuͤren, die endlich in einen Sturm ausbrach, nach dem er ſich von ihr trennte, die ſo lange ſein Loos getheilt. Zu Orleans vollendete er die Erziehung ſei⸗ ner beiden Kinder, die nicht vor den Schranken der Pariſer Gerichte einen Namen zu erneuern wagten, der Anlaß geben koͤnnte zu Verachtung und Spott. Sie begruben Talente in der Pro⸗ vinz, welche in der Hauptſtadt ſie zu Ruhm und Ehre haͤtten bringen koͤnnen. Dalaincour lebte traurig und ſtarb im funf⸗ zigſten Jahre ohne Freunde, ohne Troſt; ſein Name verſcholl, ſeine Grabſtaͤtte war vereinſamt. Chriſtine lebte einzig auf ihr Gut beſchraͤnkt, und uͤberlegte immer wieder, wie viel Unheil ein junges Weib ſtiften kann, welches ſeine Gewalt uͤber das Gemuͤth des Gatten mißbraucht. Ver⸗ nachlaͤßigt von ihren Kindern, die in ihr die Veran⸗ laſſung zum Ungluͤcke ihres Hauſes ſahen, wie⸗ derhohlte ſie bis zum letzten Lebenstag: 6o, wie — 454 theuer koͤmmt mir meine Niß— zu ſohn„ itbn nn 9n6 3 Der Rand des Abgrundes. In die dunkelſten Schatten dringt uͤber kurz oder lang ein Sonnenſtrahl, des klarſten Baches Welle wird in der Flur getruͤbt, die Ruͤſtung des Star⸗ ken hält nicht immer des Gegners Streiche ab: ſo iſt ein reines und beſcheidenes Weib nicht ſtets ſicher vor ſympathetiſchen Gefuͤhlen, vor heftigen, unerwarteten Eindruͤcken, wodurch die eheliche Treue gleichſam auf die Probe geſtellt wird. Manche junge Frau entgeht der Verfuͤhrung nur durch Wildheit oder Flatterhaftigkeit; andere weh⸗ ren dem Pfeil, daß er nicht zu tief eindringe in — zu ihr Gemuͤth und wiſſen ihn herauszuziehen, ohne daß man eine Narbe ſpuͤrt. Melina Luſancour war ſchon einige Jahre mit dem jungen Saint⸗Vallery verheirathet, den ein hinlaͤngliches Vermoͤgen frei von Geſchaͤften und Amtspflicht hielt. Sein angenehmſtes Be⸗ ſtreben und ſtetes Geſchaͤft ging dahin, den Lau⸗ nen der Mode zu frohnen, und unter den jungen Leuten der Hauptſtadt den Ton in Ruͤckſicht ſei⸗ ner ſorgfältigen Kleidung, in Ruͤckſicht auf Behen⸗ digkeit und Leichtigkeit der Haltung anzugeben. Er hatte ein allerliebſtes, aber weibiſches Geſicht, Er war ein trefflicher Reiter, ein guter Fechter, 5 einen zierlichen Wuchs, Geiſt genug zum Muͤßig⸗ 6 gaͤnger, aber einen ungemein anmaßlichen Geiſt, der auf einige halbe Talente ſich ein Recht begrun⸗ dete uͤber Kunſt und Wiſſenſchaft abzuurtheilen. ein großer Ballſchläger, ein flinker Jäger, er be⸗ hauptete den erſten Rang unter den taͤglichen Ga⸗ ſten auf Tortonis Kaffeehaus, auf dem Balcon der Bouffo's, im Wäldchen von Boulogne, auf dem Boulevard von Gent. Niemand wußte beſſer artiges Nichts herzuſchwatzen, das Maͤhrchen des Tages aufzuſtutzen; und weil er uͤberzeugt war, was er ſage, ſei himmliſch, ſo ſprach er ſtets ſo laut, daß alle Leute ſeine Witzworte und Ora⸗ kelſpruͤche hoͤren, ſie in Geſellſchaft wiederholen konnten, in denen er als Haupt und Geſetzgeber der Shn Art und Weiſe 4 Dies zuuere, das wol einen Augenblick ibn mag, hatte die junge Luſancour fuͤr ihn eingenommen, die ſchön, voll Sanftmuth und Beſcheidenheit, dem Gatten, der ihre ſeltenen Eigenſchaften ſchätzen, ſie ihrer ſelbſt willen lie⸗ ben, und ihrer zarten und gefuhlwollen Seele die Erwiederung gewähren wollte, die ſie forderte, ge⸗ wiß ein glückliches Loos verbuͤrgte. Saint⸗Vallery hatte eine Zeit Meli⸗ na's Hoffnung erfuͤllt. Er fuͤhlte ſich geſchmei⸗ chelt, eine ſchoͤne, junge Frau auffuͤhren und ſagen zu können: ſie bete ihn an. Die Huldi⸗ gungen, welche man ihr bezeigte, kitzelten ſeine Eigenliebe und rechtfertigten ſeine Wahl: uͤberall kam ihm das Wort entgegen, daß kein erwaͤhl⸗ teres Paar zu treffen ſei. Nur Eine Melina — ,————— , 18 — fuͤr Saint⸗Vallery und nur Ein Saint⸗Val⸗ lery fur die allerliebſte Melina!) Aber Melina beſaß feinen Takt und beo⸗ bachtenden Verſtand und merkte bald, daß ihr Mann unter einer glaͤnzenden Huͤlle einen leeren Kopf und ein froſtiges Gemuͤth verbarg, daß er keine Eigenſchaft haͤtte, die einem intereſſanten, bedeutenden Manne gebuͤhrt. Sie ſah in ihm einen der ſchoͤnen Liebenswuͤrdigen des Tages, der aus Geſellſchaft in Geſellſchaft läuft, alles wiederhohlt, was er geſehn und gehort, keine eigne Vorſtellung erzeugt, der handelt ohne Zweck noch Ziel, ſein unſinniges Geplapper unuͤberlegt zwi⸗ ſchen eine ernſthafte Unterredung mengt, und deſſen unerſchuͤtterliche Selbſtgefaͤlligkeit alles, was er ſagt, fuͤr Oräkelſpruͤche hält. Nichts deſto weniger hegte Saint⸗Vallery fur ſeine Frau eine aufrichtige, dauerhafte Anhäͤnglich⸗ keit. Inſofern er zu lieben vermochte, liebte er ſie, und da er nicht glaubte, daß ſie jemals in der Welt noch einen ſo angenohmen und gewandten Mann tref⸗ fen koͤnnte, als ihn, ſo war er auch niemals be⸗ unruhigt uber die Huldigungen, welche ihr wider⸗ nen Triumph, als einen Tribut, der billig ſeinem perſonlichen Verdienſte gezollt wuͤrde, und wenn man Melinen mit Lobſpruͤchen uͤberhaͤufte, die ihr Ge⸗ muͤth haͤtten verwirren, ihre Eitelkeit rege machen können, ſo trat ihr gluͤckſeliger Gemahl hervor, und zertheilte, ſeiner Meinung nach, mit einem Blick die Weihrauchwolke, welche die junge Frau berauſchte, und mitten unter ihren Anbetern er⸗ ſchien der einzige Gegenſtand, der ihrer Liebe und ihrer Bewunderung werth war. Aber durch dieſe abgeſchmackte Eitelkeit hatte Saint⸗Vallery zuerſt die Taͤuſchung ſeiner Frau vernichtet; nichts kraͤnkt das weibliche Gefuͤhl ſo ſehr als ein Uebermaß don Zuverſichtlichkeit, das der Untreue gleichſam Trotz zu bieten ſcheint. Das ſicherſte Mittel, ein zartliches Herz zu behaupten, iſt eine geheime Sorge, ein liebevolles Bangen, welches die Gewalt ſeiner Anmuth bekennt und es ſtolz macht auf ſeine Treue. Dann fiel auch der Muͤſſigang, die vollige Unnützheit von dem Leben ihres Gatten Meli⸗ nens ehelichem Leben zur Laſt. Mit ſeinem Anzug, fuhren. Er betrachtete ſie vielmehr als ſeinen eige⸗ — — 9— mit dem ihren beſchaͤftigt, verließ er nie vor dem Fruͤhſtuͤck ihr Gemach. Seine Wonne war, ihren Haarſchmuck zu dirigiren, die Wohigeruͤche zu wählen, die dazu gebraucht werden ſollten, ſein wichtigſtes Geſchaͤft, ihr alles Neueſte zuzutragen, was die Mode Gefaͤlliges oder Zierliches erfand. Sie ſollte, wuͤnſchte er, als Autoritaͤt der Ele⸗ ganz unter den jungen Frauen gelten, wie er als ſolche bei den jungen Maͤnnern galt. Allmählig machte er eine Art von Gliederpuppe aus ihr, auf die er alles zu haͤngen verſuchte, was ihren Reiz erhoͤhen, und die Schoͤnen, die mit ihr zu wettei⸗ fern wuͤnſchten, verdunkeln moͤchte. Dieſe klein⸗ liche Beſchäftigung, dieſer kleinliche Sinn, hat⸗ ten ſie die erſten Monate ihrer Ehe vergnugt, ſie duͤnkten ihr bald läppiſch und unertraͤglich. Sie mußte mit tödtlicher Langeweile den Vorzug er⸗ kaufen, einige Augenblicke zu glaͤnzen, und ſpuͤrte, daß alle verrauſchende Luſt nur die Flitter eines eingebildeten Gluͤckes ſei. Ihr ganzes Weſen durch⸗ drang eine furchtbare Leere; ſie fuͤhlte, daß unſer Daſeyn in der Seele lebt. 6 b aSeltſam, ſagte ſie eines Tages, ich glaubts — 160— ich beſäße in meinem Manne alles, was mein Leben nur gluͤcklich machen konnte: unſer Alter iſt ſich angemeſſen, unſre Haabe; wir leben in ſuͤßer Vertraulichkeit, er behandelt mich mit ſorg⸗ famer Aufmerkſamkeit, und doch mangelt etwas meinem Herzen. Das wahre Gluͤck, das ich er⸗ reicht zu haben waͤhnte, kommt mir vor wie ein ſteiler, entfernter Berg; man denkt, man ſei ſchon am Fuße deffol lben angelangt, und wie man vor⸗ ruͤckt, ruͤckt der Gipfel weiter. Dergleichen Betrachtungen trachten die jun⸗ ge Frau auf die Entdeckung, daß ſie noch gar nicht geliebt, daß ihre Ehe mit Saint⸗Vallery einiger⸗ maßen waͤre durch die Verhaͤltniſſe entſchieden wor⸗ den, ohne daß ſie Zeit gehabt hätte, den ihr be⸗ ſtimmten Gatten naͤher kennen zu lernen; daß ſie von ſeinem huͤbſchen Geſicht, ſeinem behenden Behaben verfuͤhrt, in ihm alles geſucht haͤtte, was nur zu gefallen und zu feſſeln vermochte, und nun allmählig ſpuͤre, wie ein eleganter Mann einem liebenswuͤrdigen Manne weit nachſtehe, und wie eine dauerhafte Neigung auf enſchnft des Geiſtes und Gemuͤthes beruhe. in er 92 h6 in n — 161— In der Ueberzeugung von dieſer Wahrheit beſtaͤrkte Melina der Eindruck, den der Freyherr von Clarins, welcher Geſandſchafts⸗Sekretaͤr war, in einer zahlreichen Geſellſchaft auf ſie mach⸗ te. Er hatte weder zarte Geſichtszuͤge, noch eine ſo zierliche Haltung wie Saint⸗Vallery; er war ein Mann von ſechs und dreißig Jahren, deſſen Weſen ſich als frei zugleich und edel ankuͤndigte. Sein ſchwarzes und wohlgelocktes Haar beſchat⸗ tete ſtarke, maͤnnliche Zuͤge: er war ohne alle Anſpruͤche in ſeiner Haltung und Rede, doch zum Herzen drang jedes Wort, das er ſprach, und es begleitete daſſelbe ein Blick, deſſen Ausdruck ihm die Bahn eroͤffnete. Er ſagte den Frauen keine ſuͤßlichen Artigkeiten, keine Gemeinplatze, woran ſie ſich ſchon ſatt gehoͤrt; ſein Auge erlas die, von der er vorausſetzte, ſie könne ihn verſtehn, und was er einer ſolchen ſagte, war buͤndig und von einem Reiz des Ausdruckes beſeelt, der mehr anzog, als alle ſuͤßlichen Phraſen, als alles Wortgeklingel der Schoͤnen des Tages. Von Ju⸗ gend auf hatte er mit Großen gelebt, und jene urbanitaät, jenen Sinn fuͤr das Schickliche ange⸗ — nommen, der hinreißend wirkt und das Vertrauen erweckt. Der ehrenvolle Platz, den er bekleidete, kuͤndigte ihn als einen Mann von Verdienſt an, die wichtigen Gefaͤlligkeiten, die er taͤglich zu lei⸗ ſten im Stande war, erwarben ihm einen großen Kreis von Freunden: mit einem Wort, es kam alles zuſammen, den Baron von Clarins auszu⸗ zeichnen, wohin er trat, und ihm die Achtung derjenigen zu erwerben, die ihn kennen mochten. Melina erſtaunte uͤber den ſonderbaren Ein⸗ druck, den er auf ſie gemacht, glaubte aber, er werde voruͤbergehend ſeyn, wie der, den ſie öfters in Gegenwart von liebenswuͤrdigen Maͤnnern ih⸗ rer Bekanntſchaft empfunden. Doch, ohne daß ſie es wollte, ſuchten ihre Augen den Baron, ſo oft ſie in eine Geſellſchaft trat, und weilten auf ihn, wo immer ſie ihn entdeckten. Sie antwor⸗ tete Allen, die ihr nahe traten, heiter und mit der Zuverſicht einer reinen, anſpruchloſen Seele: ſobald der Baron das Wort an ſie richtete, nahm ſie ein ernſtes, zuruͤckgehaltenes Weſen an, und ſpuͤrte eine innerliche Verwirrung, die ſie nicht bemeiſtern konnte. Indeſſen zeichnete„ von en te, n, lei⸗ ßen in⸗ — 163— Clarins ſie noch keineswegs aus; er huldigte ohne Unterſchied den ſäͤmmtlichen Frauen, ohne eine ein⸗ zige ſonderlich vorzuziehn. Melina's Vernunft und Verſchaͤmtheit machten ſie ſo beſcheiden und ſchuͤchtern, daß ſie anfangs am wenigſten die Bli⸗ cke ihres Siegers auf ſich zog, und poffte ſeiner Herrſchaft zu entgehn. Doch ſein Bild verfolgte ſie unablaͤſſig. Er⸗ zählte ſie vom Abend des vorigen Tags, ſo kam der Name des Freyherrn von Clarins ihr immer auf die Lippen. Sprach man von den Maännern, die ſich in der Geſellſchaft am meiſten auszeichne⸗ ten, ſo nannte ſie zuerſt den Freyherrn von Clarins, und erwaͤhnte ſeiner als eines Muſters von edler Artigkeit. Saint⸗Vallery zu Liebe war ihr An⸗ zug gewoͤhnlich ſehr ſorgfaͤltig, er wurde es noch mehr, ſo oft ſie mit Herrn von Clarins zuſam⸗ mentreffen ſollte. Las ſie einen neuen Roman, wo der Held alle Liebenswuͤrdigkeit und Bedeut⸗ ſamkeit vereinte: ſofort lieh ihm ihre Einbildungs⸗ kraft die Zuͤge des Herrn von Clarins, deſſen Hal⸗ tung und Stimme. Tag und Nacht, auf dem L 2 — 164— Lande wie in der Stadt, in Geſellſchaft wie allein, uͤberall ſah, uͤberall fand ſie Herrn von Clarins. Gluͤcklicher Weiſe, ſprach ſie bei ſich ſelbſt, weiß er nichts, und wird nimmermehr etwas von dem lebhaften Eindruck erfahren, den er aufmein Gemuͤth gemacht hat, gluͤcklicher Weiſe zeichnet er mich in unſern Geſellſchaften nicht unter den jun⸗ gen Frauen aus, glücklicher Weiſe iſt er nicht in den engern Kreis unſerer Bekannten eingefuͤhrt und wird wohl nimmermehr darin eingefuͤhrt wer⸗ den! Als ſie dergeſtalt mit ſich ſelbſt redete, trat Saint⸗Vallery ein, und verkuͤndigte ihr mit ei⸗ nem freudigen, ſiegſtrahlenden Blick, daß er ihr drei liebenswurdige Gäſte zum Mittagseſſen brin⸗ gen werde, mit denen er eine Parthie Ballon in den Eliſäiſchen Feldern verabredet haͤtte. Es ſind die beiden Bruͤder Courville und der Freyherr von Clarins. Nicht ohne Muͤhe verhehlte Melina die Be⸗ ſtüͤrzung, die ſie empfand. Zwiſchen Furcht und Freude, ohne ſich der Bemerkung erwehren zu können, welcher heilloſe Trieb doch die meiſten Maͤnnor leite, ſtets diejenigen herbeizuziehen, die ——— — 165— ſie abwehren ſollten, machte ſie ſich bereit den Baron anſtaͤndig und mit ſo viel Faſſung als moͤg⸗ lich zu empfangen. Nichts deſtoweniger war ihr Anzug heute ſorgfaͤltiger als gewoͤhnlich, und ſie boſtellte fuͤr heute das koͤſtlichſte Mal. Saint⸗Vallery kam mit ſeinen drei Gowand⸗ heits⸗und Behendigkeits⸗Nebenbuhlern gegen ſechs Uhr nach Hauſe, und ſtellte ſie ſeiner Frau vor, die ſie aufs artigſte empfing. Das Mal war allerliebſt und erleſen, jeder that das Seine ihm Ehre zu machen; auch bereitet nichts beſſer zu einer guten Malzeit vor, als das Ballſpiel. Der Freyherr war der Sieger geweſen, man mußte auf ſeine Geſundheit trinken, und als Melina's Glas das ſeine beruͤhrte, ſpuͤrte ſie einen Schauer, den Niemand wahrnahm. Es kam ihr ſeltſam vor, Herrn von Clarins laut zur Ueberlegenheit üͤber ihren Mann Gluͤck zu wuͤnſchen. Ich bin nicht gewohnt, verſetzte dieſer, Gegner vorzufin⸗ den, die ſtaͤrker ſind als ich, und mit Vergnuͤgen, Herr Baron, ſtrecke ich vor Ihnen die Waffen. Das Geſpraͤch wurde belebt, anziehend, und hielt ſich in den Schranken zarter Sitte, welche die — 166 Haltung der Frau vom Hauſe gebot. Dem Frey⸗ herrn, der gewohnt war Charakter und Art der Menſchen zu erſpaͤhen und ſich denſelben zu beque⸗ men, verrieth ſein Takt, daß, um der Frau von Saint⸗Vallery zu grfallen und in ihrem Hauſe willkommen zu ſeyn, man ſich ſtreng anſtandsvoll beweiſen muͤſſe. Er lenkte das Geſpräch auf junge Frauen, ſtellte ſie als Opfer der angenommenen Braͤuche dar, vorzuglich des Benehmens der Ehe⸗ maͤnner.«Es ſcheint, ſagte er, als verachteten dieſe Herrn das Verhältniß„um das ſie ſich eif⸗ rig beworben, ſobald ſie es geſchloſſen. Man trifft uͤberall auf junge Frauen, die ohne Faͤhrmann und Steuerruder auf ein ſtuͤrmiſches Meer voller Klip⸗ pen eingeſchifft ſind. Melina darf auch nicht ohne mich ſegeln, verſetzte Saint⸗Vallery mit ſeiner gewohnten Anmaßung und Zuverſichtlichkeit; das hindert nicht, daß gewiſſe Corſaren doch um ſie ſtreifen; allein ich weiß das Entern zu verhuͤten und kenne die Manoͤver. Was mich betrifft, antwortete der Baron: ſo habe ich nie begreifen können, wie man die Liebe — v — 46— einer verheuratheten Frau, die ihre Pflicht hoch haͤlt und ſich gluͤcklich in der Ehe fuͤhlt, ſuchen kannz und doch giebt es Leute genug, die nur darauf ausgehn Ehegatten zu entzweien und wie⸗ der zu verſoͤhnen, um einſtweilen das Interregnum zu benutzen. «Das waͤre ein Zeichen, daß junge Frauen keiner Freundſchaft vertrauen duͤrften, und ein ſehr ſchlimmes,? ſagte Melina und ſchlug die Augen nieder. „Mit nichten, gnaͤdige Frau, antwortete der Baron; eine Frau, welche wahre Freundſchaft zu unterſcheiden weiß, hat nichts von ihr zu furch⸗ ten. Auch mir ſelbſt iſt kein Verhältniß wuͤn⸗ ſchenswerther, als freundſchaftliche Hochachtung der Frauen; aber ich wuͤrde zu viel Anſpruch auf vollkommenen Beſitz eines Herzens machen, um irgend getheilten ertragen zu koͤnnen. Ich verlan⸗ ge ganze, vollkommene Liebe Bey dieſen Wor⸗ ten beobachtete er Melina's Geſicht, ſie bebte, erroͤthete, hob, um ihre Verwirrung zu verbergen, die Tafel auf, und befahl den Kaffee inden Salon zu bringen. —— 168— Dies Mittagsmahl hinterließ einen unaus⸗ loͤſchlichen Eindruck in dem Andenken der jungen Frau. Der edle Ton, die ausdrucksvolle Stimme des Herrn von Clarins, die Wuͤrdigkeit ſeiner geau⸗ ßerten Grundſätze, bewegten ſie innigſt, und lie⸗ ßen keinem Argwohn Raum. Dagegen benutzte der Baron eifrig jede Veranlaſſung ſich der liebens⸗ wuͤrdigen Frau zu nähern. Er verſchaffte einem Verwandten Saint⸗Vallery's eine anſehnliche Stelle, er verlor gegen dieſen manche Parthie Ball, auf der Jagd ſchonte er deſſen Anſtand, in Geſellſchaft wiederholte er deſſen Witzworte, belachte deſſen Einfaͤlle, und mehr bedurfte es nicht, deſſen Anhaͤnglichkeit, deſſen Vertrauen zu erwerben. Dennoch ſah er Melina niemals allein, daß er ihr Herz erforſchen, ihre Schuͤchternheit haͤtte uͤberwinden mögen. Ein unvorhergeſehener Zufall beguͤnſtigte dies ſein Vorhaben. stets begierig, ſich vor zahlreicher Verſamm⸗ lung ſehen zu laſſen, ſchlug Saint⸗Vallery ſeiner Frau vor, mit ihm eines der großen Feſte in Tivoli zu beſuchen, wobei ganz Paris zuſammenſtromte. Der Freyherr gab der jungen Frau den Arm, fie lehnte ſich zitternd und vorſichtig auf denfelben. Das Geſpraͤch fiel auf die Thorheiten der Welt, woran eben die Theil nehmen, die ſie bekritteln. Melina begreift nicht, wie Muͤtter und ſchwan⸗ gere Frauen ſich entſchließen könnten, ſich in Schlit⸗ ten zu ſetzen, die dann mit Gewalt von ſteilen Hoͤ⸗ hen niederſchoſſen und waͤhrend ihres reißenden Gleitens zwiſchen tauſend Lampen, unter einem Gewoͤlbe hinab, die Darinſitzenden in Lebensge⸗ fahr, gleichſam in die Hoͤlle ſchlenderten. Saint⸗ Vallery behauptete, es waͤre eine heilſame Bewe⸗ gung ohne alle Gefahr, eine angenehme Unter⸗ haltung, und ſchlug Melina vor, eine Fahrt mit ihm zu verſuchen. Melina lehnte es ab, und in⸗ dem ſteigt er zu ihrer groͤßten Beſtuͤrzung auch ſchon ohne ſie zum Platze der Abfahrt hinauf und laͤßt ſie mit dem Freyherrn allein.«Es iſt ab⸗ ſcheulich von Saint⸗Vallery ſo davon zu laufen, ſagte ſie, er weiß, wie es mich aͤngſtigen wird, wenn er in dem Schlitten blitzſchnell hinunterfaͤhrt! sFinden Sie nicht, daß das Spiel Aehnlichkeit habe mit dem Leben? verſetzte der Baron. Hat man den Gipfel erreicht, geht es dann reißend hinab; — 170— das Vergnugen, das man ſucht und erwartet, iſt ein Nichts, und am Ende der Fahrt begehrt man auch nur, entweder ſie wieder anzutreten, oder auch das nicht einmal.y„Ihr Vergleich muͤßte lehren einen beſſeren Weg des Lebens einzuſchla⸗ gen, als dieſen, auf dem man etwas Beſſeres antraͤfe als Nichts, und etwas Anderes erreichte als Ueberdruß und ein eitles Begehren,? antwor⸗ tete ſie. „Gnaͤdige Frau, wer beherrſcht ſein Schick⸗ ſal? Der Eine hat lange ruhig und leidenſchafts⸗ los gelebt, ploͤtzlich trifft ihn ein Pfeil, den er nicht aus dem Herzen zu reißen vermag. Ein An⸗ derer will aus Vernunft und Ehrfurcht fuͤr den Gegenſtand ſeiner Liebe im Innern ſeiner Bruſt ein verzehrendes Feuer verſchließen: plotzlich ſieht er ſich allein mit demſelben, kann er ſich huͤten, daß es nicht hervor aus ſeinen Augen bricht, von ſeinen Lippen lodert?— 6Das Beſte ware, 3 verſetzte Melina mit bebender Stimme: ein ſol⸗ ches Feuer alſobald zu dämpfen, da es entbrennt, und in gluͤcklicher Gleichguͤltigkeit zu verharren. „Gluͤcklich, ſagen Sie? giebt es denn ein Daſeyn fuͤr den, der nicht liebt und nicht geliebt wird? Melina wollte antworten, aber das Klopfen ihres Herzens benahm ihr die Luft, und indem kam Saint⸗Vallery ſiegreich ſchauend zuruͤck, und pries laut den Karren, der ſeinen Muͤßiggang und ſeine Selbſtgenuͤgſamkeit ſo himmliſch geſchleift hatte.«Was haſt Du, Liebe, Du ſcheinſt be⸗ wegt? Ja, verſetzte Herr von Clarin, es ſcheint, daß die Gnaädigſte— cMich ſchaudert unwill⸗ kuͤhrlich, ein innerlicher Froſt hat mich plotzlich befallen, ſagte Melina.„Das iſt eine unver⸗ meidliche Wirkung des Schreckens, den Sie ge⸗ ſpuͤrt haben, als Sie unter der Halle—* Liebe Melina, rief ihr Mann, und faßte ſie an dem andern Arm, willſt Du denn nimmermehr vernuͤnftig werden?9 aIch dächte nicht, daß man der gnaͤdigen Frau Unvernunft vorwerfen koͤnnten — ſprach Herr von Clarins, und unter derglei⸗ chen Geſpraͤch erreichten ſie einen andern, Luſtbar⸗ keiten anderer Art gewidmeten Theil des Gartens. Da wogten Schiffe mit vollen Seegeln in der Luft, und wiegten ſich im Luftraum, gleich wie das Meer die Schiffe wiegt. Saint⸗Vallery — 172— hat ſchon wieder Luſt ſich ſehn zu laſſen, und bit⸗ tet ſeine Frau ein folches Schiff zu beſteigen. Aber ſie entſchuldiget ſich, das Schaukeln deſſel⸗ ben wuͤrde ihr Schwindel erregen, und der Baron antwortet haſtig, es wuͤrde S auf ihn thun. 7 Weiterhin ſah man einen wahrſagenden Ein⸗ ſiedler. Melina begehrt nicht die Zukunft zu wiſ⸗ ſen, weil fie mit ihrem Looſe zufrieden ſey, Saint⸗ Vallery druͤckte ihr die Hand und dankte ihr mit einem zaͤrtlichen Blick; der Baron geſteht, zu nem Gluͤcke mangle etwas. Endlich ſtehn ſie ſtill bei einer jungen, ver⸗ ſchleierten weiblichen Geſtalt, die in einer dun⸗ keln, abgelegenen Laube die beliebteſten Roman⸗ zen ſingt, und ſie dazu mit bedeutender Kunſt auf der Harmonika begleitet.„Welche ſanfte Té⸗ nelv rief Melina, indeß Saint⸗Vallery ſich der Verſchleierten nahte, um hinter der Huͤlle ihres 3 Schleiers ihre Zuͤge zu erſpähen. Wie ſchon ſich die ſeelenvolle Stimme den ſuͤßen Klaͤngen des Inſtrumentes vermählt! Finden Sie nicht, Herr Baron? sIch kenne eine ſußere Stimme, ant⸗ —.————— — wortete er ihr. Wenn Sie ſprechen, worauf ſol man da ſonſt hoͤren?5 Vey diefen Worten druͤckte er ihre Hand an ſeine Bruſt. Sie war innig be⸗ wegt, doch hatte ſie den Muth ſeinen Arm fahren zu laſſen und den ihres Mannes zu ergreifen„ Was haſt Du? rief dieſer, Du zitterſt ja ganz und gar.„Der vorige Froſt ergreift mich wieder ſtärker, antworteteſie und ſchlug ſogleich vor, noch vor dem Feuerwerk nach Hauſe zu fahren, zum größten Leidweſen Saint⸗Vallery's, der die Ge⸗ ſellſchaft glaͤnzend und munter fand und behaup⸗ tete, ſie wolle fort, gerade im bedeutendſten Au⸗ genblicke. Der Freyherr, der kluͤger und ſcharfſichtiger war, hielt dieſe plotzliche Entfernung fuͤr ein ſiche⸗ res Zeichen ſeines Sieges, und ſah darin nur den Kampf eines reinen und ſchuͤchternen Gemuͤ⸗ thes, das der Leidenſchaft widerſteht, die es hin⸗ reißen will. Er kannte das Herz der Frauen zu wohl, um unter ſolchen Umſtaͤnden etwas erſtuͤr⸗ men zu wollen. Er begnuͤgte ſich, am folgenden Morgen bey Saint⸗Vallery anfragen zu laſſen, wie Melina ſich befaͤnde und ließ mehrere Tage — 174— vetgehn„ohne wieder bei ihr zu erſcheinen, damit ihr Inneres Zeit haͤtte zu wirken. Er wußte aus Erfahrung, daß die Liebe von Einſamkeit lebt, und zweifelte keineswegs, die junge Frau wuͤrde ſeine Abweſenheit ſchmerzlich ſpuͤren. Aber Saint⸗Vallery konnte den liebenswuͤr⸗ digen Freiherrn nicht miſſen er ging zu ihm und bewog ihn ohne ſonderliche Beſchwerde, ihn oft und wieder zu beſuchen. Tiefer drang der Liebe Pfeit noch in Melina's Herz, ſeitdem ſie die Ge⸗ wißheit erhalten, daß Herr von Elarins ſie auch tiebe. Wie ſollte ſie ſich benehmen, was ſollte aus ihr werden? Sie liebte ihren Gemahl nicht, doch fühlte ſie fuͤr ihn die Anhänglichkeit, die Achtung und Vertrauen allzeit lohnt. Sie hielt auch an ihrer Pflicht und an Selbſtſchaͤtzung; ſie be⸗ ſchloß demnach, mit der groͤßten Vorſicht jedes Zweigeſpräch mit dem Freiherrn zu vermeiden und den lebhaften Eindruck, den ſein Weſen auf ſie ge⸗ macht, tief in die Seeke zu verbergen. WMehrere Monate hindurch beherrſchte ſie täcklich ihre verhängnißvolle Leidenſchaft. Das Gluͤck zu lieben und geliebt zu werden genugte, rit S 175 felbſt als Vorſtellung, der zarten und feurigen Seele. Sie war dahin gelangt, Herrn von Cla⸗ rins ohne Verwirrung anzuſehn, mit ihm zu re⸗ den, ohne ſich zu verrathen: mit einem Worte, ihre Haltung floͤßte ſelbſt ihm Zweifel ein, in⸗ wiefern die anmuthige, liebenswuͤrdige Frau ihn liebe? Allein der Muͤßiggang, die blinde Selbſt⸗ genuͤgſamkeit Saint⸗Vallery's erſchwerten ihre Lage ungemein. Es ſchien, als wuͤrfe er gefliſ⸗ ſentlich ihrem Vorhaben Schwierigkeiten in den Weg, als ſtellte er täglich zur Luſt ihrer ſtandhaf⸗ ten und reinen Tugend neue Schlingen, und hätte wider ſein eignes Gluck ſich verſchworen. Bald fuͤhrte er ſeine Frau in Geſellſchaft, nahm eine Spielparthie an, ſpielte bis tief in die Nacht, und ſchlug dem Freiherrn vor, jene nach Hauſe zu begleiten, ſie wich dem Antrag mit Ge⸗ wandtheit und Umſicht aus. Bald fuͤhrte er den Freyherrn, als ſeinen vertrauteſten Freund, mit dem man keine Umſtaͤnde zu machen brauche, un⸗ angemeldet fruͤh Morgens in ihr Toilettenzimmer. Bald ließ er ſie allein mit ihm im Theater, auf Spaziergängen, wo die Sucht, ſich bemerkbar zu — 176— machen, ihn bald hierhin, bald dorthin zog, ſö daß er am Ende ſeine Frau verlor, die ſich dann genoͤthiget ſah mit Herrn von Clarins allein nach Hauſe zu gehen, und nur durch ein ſtandhaftes Schweigen abzulehnen vermochte, was dieſer ihr Verfuͤhreriſches und Zärtliches ſagte⸗ Eines Tages fuhren ſie alle drei in dem Wa⸗ gen des Barons im Wäldchen von Boulogne ſpa⸗ zieren. Melina wuͤnſchte auszuſteigen, um durch Gehen ein heftiges Kopfweh zu vertreiben, das ſie quaͤlte, der Wagen mußte am großen Viereck hal⸗ ten; ſie durchwandelten die ſchattigſten Gaͤnge und entfernten ſich unvermerkt. Der Himmel war den ganzen Tag uͤber bedeckt geweſen; ploͤtz⸗ lich trieb ein heftiger Suͤdwind ein Gewitter und Regenguße herauf. Frau von Saint⸗Vallery hatte Shawl und Hut im Wagen gelaſſen, um bequemer zu gehn; ihr allzeit hurtiger, dienſtferti⸗ ger Gemahl kehrte alsbald um und lief, beides zu holen, wie ſehr ſie auch bat es zu unterlaſſen⸗ Sie war allein mit dem Baron, der Regen wurds ſtaͤrker, der Donner rolite, Melina nahm die Ge⸗ witterfurcht zum Vorwande ihrer Gemüthsbewe⸗ gung, und ihr Begleiter fuͤhrte ſie unter einen Baum, deſſen dichtes Laub ſie einige Zeit deckte; aber bald durchdrang der Regen auch daſſelbe, und hatte ſchnell das leichte Gewand des jungen Wei⸗ bes durchnaͤßt. Der Baron zog ſeine Kutka aus, warf ſie ihr uͤber, und umſchlang ſie mit Wonne⸗ ſchauer. Erſchrocken und beſtuͤrzt, wollte ſie ſei⸗ nem Arm ſich entziehn: Melina! rief er, laſſen Sie mich vor dem Ungeſtuͤm des Wetters Sie ſchirmen, und erbarmen Sie ſich desjenigen, den Sie ſelbſt in meiner trunkenen Bruſt erregen. Sie muͤſſen mein Herz ſchon lange verſtehen! Melina, was darf ich hoffen? Liebe, liebe Melina, vor dem Sturme des Himmels kann man ſich retten; aber was kann dem Sturme der Leidenſchaft widerſte⸗ hen!v Als er dieſe Worte ſprach, zuckte ein Blitz durch die Wolken, der Donner rollte, Melina er⸗ lag dem Entſetzen und der Erſchuͤtterung und ward ohnmaͤchtig, ohne ein Wort zu erwidern. Der Baron ſchloß die bewegungsloſe Geſtalt an ſeine Bruſt, er lehnte an ſeine Schulter das anmuthige Haupt, deſſen geſchloſſene Wimper den Blick be⸗ deckten, den er nicht zu erzuͤrnen gewagt hätte, 2* Thetit. M — 178— deſſen halb geffueter, bleicher Mund kein Work, keine Bitte ſagte. Sie befand ſich am Rande des Abgrundes. Da kam glůͤcklicherweiſe der Wagen; Saint⸗Vallery rief, der Freihert anwortete in der ſchrecklichſten Vetſtörung, und der felbſtge⸗ faͤllige Gatte ſchob dieſelbe einzig und allein auf den Schreck, welchen der Wetterſchlag Melina verurſacht. Melina erwacht in den Armen ihres Gemahls, druͤckt ihn an ihre Bruſt mit Wonne und Staunen. Sie ſtiegen in den Wagen und fuhren zum Schweizer am Maillotterthor. Voll Dankbarkeit beſtand Saint Vallery darauf, daß der Baron ſich hier umkleiden muße, wahrend Melina, in einem andern Gemach, den Oberrock ablegte, der ſie vor dem Regen geſchutzt, doch nicht vor der verzehrenden Flamme ihrer Bruſt, und ſich verhieß, diefe— als je zuvor in Innerſtes zu verſchließen. Jenes Abentheuer kam ihr nie aus dem Sinn, und veranlaßte eine merkliche Verande⸗ rung in ihrem Benehmen. Die gläͤnzenden Ge⸗ ſellſchaften, wo ſie mit ſo viel Auszeichnung auf⸗ genommen ward, wurden ihr gleichgültig ſie zeigte — t ſich ſelten mehr öffentlich: kurz, ſie ſchien der Welt Fahrewohl geboten zu haben. Saint Val⸗ lery, deſſen einziges Geſchaͤft, deſſen ſuͤßeſter Ge⸗ nuß darin beſtand, in eben jener Welt zu glaͤnzen, verſuchte alles Moͤgliche, die Menſchenſcheu ſei⸗ ner Frau zu uͤberwinden⸗ (Auf Ehre, meine Liebe, ich begreife nicht, wie in Deinem Alter, bey Deinem Geſicht, Dei⸗ nem himmliſchen Weſen man ſich in die Einſam⸗ keit zuruͤckziehen kann. Das iſt gut fuͤr Frauen, die verbluͤhen, die wir nur dann und wann aus Achtung und Erbarmen anſchauen; aber Du, friſch wie der Morgen, ſchlank wie eine Nymphe, mit einem Worte eine ausgezeichnete Frau der ſeltenſten Art: da verſteh' ich nicht die wunder⸗ liche Grille.v Es iſt keine Grille, Freund, es iſt das Werk der Vernunft und der Erfahrung. Die Welt verlohnt ſich der Muͤhe nicht, die man ſich giebt, ihr zu gefallen. «Iſt Dir denn eine Zuruͤckſetzung widerfah⸗ ren oder irgend eine Kraͤnkung? eKeineswegs, mein Freund.» M 2 — 180— Noch neulich bey der Gräfin Artimont haben ſich alle Huldigungen duf Dich bezogen, Du warſt die Koͤnigin des Feſtes. Ich horte mit meinen Ohren: Wie ſchoͤn die Frau von Saint⸗ Vallery iſt, wie ſie tanzt, wie ſie walzt, vor⸗ zuͤglich wie ſie ſich kleidet. Es war ein Triumph fuͤr mich, eine Wönne! Wahrhaftig, Du grauſam mich derſelben zu berauben.* Was kann ich dafuͤr, Freund? Der Ge⸗ ſchmack veraͤndert ſich; je glänzender eine Geſoll⸗ ſchaft iſt, um ſo langwelliger iſt ſie mir. Wenn eine Frau im Innern des Hauſes gluͤcklich lebt, was braucht ſie eitlen Freuden nachzulaufen?v Das klingt ja wie ein Anachoretenpſalm! Auf Ehre, ich begreife Dich gar nicht— aKommen Sie doch, Baron, rief er dem fo eben eintretenden Freyherrn zu, helfen Sie mir meine Frau von einem Einſamkeitsplan zurück⸗ bringen, der mich erſchreckt und untroͤſtlich macht, weshalb die Welt mich als— aſcheb witb 6 Sie iftuſüchtig⸗ Saint⸗Vallery? rief der Baron mit einem ſofort unterdruͤckten Laͤcheln, — 181— dazu haben Sie zu viel Geiſt und Welt. Wider dieſe Beſchuldigung will ich Sie uͤberall vertreten. Aber begreifen Sie den Entſchluß, den ſie gefaßt hat, ſich von der Welt zuruͤckzuziehen?* (Das hieße wol die Welt ihrer ſchoͤnſten Zier berauben.„ cDu mußt durchaus, meine Liebe, Dich des düſtern Trubſinnes entſchlagen; man ſollte mei⸗ nen, Du wollteſt den Spleen in die Mode bringen. Ich laſſe einſpannen, wir machen eine Spazier⸗ fahrt in das Waͤldchen von Boulogne.* Nein, nein! rief Melina ſehr entſchieden, ich fuͤrchte mich zu ſehr wieder vor einem Ge⸗ witter. d cEs iſt wahr, verſetzte der Baron, das neu⸗ lich war ſo ſtark, als ich noch kaum eins erlebte. aAber es iſt herrliches Wetter, fiel Saint⸗ Vallery ein, wir wollen den zugemachten Wagen nehmen, und ſteigen nicht aus.* „Bitte mich nicht, erwiederte die junge Frau; mich bringt nichts ab von meinem Entſchluße.* Sie horen's, Baron; vertheidigen Sie mich in der Welt, ich bitte Sie. Nun, Sie ſpeiſen — — 182— bey uns: ich gehe, den armen La Norville auf ein paar Stunden zu beſuchen, der ſich das Bein bei den ritterlichen Spielen ausgerenkt hat. Sie leiſten indeß unſerer hartnaͤckigen Einſiedlerin Ge⸗ ſellſchaft. (Ich bitte Herrn von Clarins mich guͤtigſt zu entſchuldigen, fiel Melina ein; aber ich habe den Abend zu einem Brief an meine Schweſter nach Lauſanne beſtimmt, von der ich lange nichts gehört habe; dann habe ich einige haͤusliche, ei⸗ nige Toilettengeſchäftey— Toilettengeſchäfte, wiederholte Saint⸗Vallery; das iſt ein gutes Zeichen! Wir gehen alſo bald wieder in Geſell⸗ ſchaft. (Ich haͤtte meinerſeits, entgegnete der Ba⸗ con, den ihr Ablehnen kraͤnkte, der gnädigen Frau auch nicht lange Geſellſchaft leiſten koͤnnen. Ich habe der Graͤfin Mirancourt verſprochen, ſie ins Theater Francais zu fuͤhren, das alle wahre Kunſtfreunde intereſſirt, und muß gehn; eine Löge zu beſtellen) Er ging bey dieſen Worten und grußte Melina mit einem Blick voll Schmerz und Verdruß. Saint⸗Vallery ging mit ihm, — 183— und ſuchte die Zeit auf der Gemaͤldeausſtellung, beim Ballſpiel, um ſeine glänzende Kunſt in Ue⸗ bung zu erhalten, und endlich auf der Reitbahn zu verſchlendern, wo er ſeit acht Tagen nicht war. Melina blieb mit ihren Gedanken allein, und es reuete ſie alsbald, den Baron ſo abgewie⸗ ſen zu haben; dann aber freuete ſie ſich, daß ſie den Muth gehabt hatte, es zu thun. Sie hatte ja nicht nur mit ihrem Herzen zu kämpfen, auch mit ihrem Mann, der ihr unerträglich zur Laſt ward, da er ſie täglich geheimen Stuͤrmen aus⸗ ſetzte, Gefahren, denen, bei aller Vorſicht, ſie nicht ſicher war ſtets zu entgehn. Das Abentheuer im Boulogner Holz fiel ihr immer wieder ein, und es ſchauderte ſie bei der Erinnerung daran. Der Freiherr war ihrer Liebe gewiß, und verfolgte ſie mehr, als je, wie es ſchien, Saint⸗Vallerys blinde Selbſtgenuͤgſamkeit er⸗ leichterte es ihm: ſie ſelbſt, wie mochte auch ſie der Ehefrau Pflichten mit einer Leidenſchaft auf die Länge verſoͤhnen, die ſie nicht erſticken konnte? Sie beſchloß Paris zu verlaſſen. Zuerſt aͤußerte ſie den Wunſch, die ſchoͤne Jahreszeit auf dem Lande zuzubringen. eGern, entgegnete ihr Mannz der Freyherr und ich haben den Plan, ein allerliebſtes Haus bey Saint⸗Ge⸗ main zu miethen. Nein, nein, rief Melina mit unterdruͤckter Wallung von Ungeduld, das iſt zu nah bei Paris; das wittert nach einer klei⸗ nen Stabt. Wir wären da ven Ueberlaͤſtigen belagert. Wenn wir lieber in die Alpen reiſten? Ich konnte dort die Geſundbrunnen brauchen, und wir gingen nach Lauſanne und beſuchten meine geliebte Schweſter, die ich ſeit drei Jahren nicht geſehn.„Das trifft ſich praͤchtig! Der Baron erhaͤlt wahrſcheinlich eine Sendung nach der Schweiz: wir beſtreiten gemeinſchaftlich die Reiſe⸗ koſten.v Ich begehre mit Niemand zu reiſen, als allein mit Dir und meiner Kammerfrau. Der Baron mag reiſen, wie es ihm beliebt. Es ſieht wahrlich aus, als könnten wir ihn nicht miſſen. cEr iſt ſo freundſchaftlich, und geſteh nur, man kann nicht geiſtvoller, nicht liebenswuͤrdiger, nicht zuverlaͤßiger ſeyn, als er iſt— Indem ſie ſo redeten, kam ein Brief von der Schweſter Melina's, die ihr meldete, daß ſie von ————˖—— — — — 465— einer ſchweren Krankheit befallen ſei und innig wuͤnſche, ihre liebe Melina wiederzuſehn und zu umarmen. Melina ſah in dieſem Zufall eine Schickung der Vorſehung, ſie in dem Kampf der Tugend zu unterſtuͤtzen, ſie vom Verderben zu retten. Sie üͤberließ ſich der Begeiſtrung dieſes Gedankens, der Gewalt ihrer Zaͤrtlichkeit fuͤr ihre Schweſter, und erhielt nicht ohne Muͤhe von Saint⸗Vallery das Verſprechen, daß er noch in derſelben Nacht abreiſen, und vor aller Welt ihre Abreiſe, vorzuͤglich aber vor dem Baron, geheim halten wollte, der ſuchen mochte ſie zu verzoͤgern, um ſie zu begleiten. In Eil werben Koffer und Waͤſche gepackt, die Poſtpferde ſind Punkt zwoͤlf beſtellt, und Melina entfernt ſich mit einer Haſt von Paris, wie ein Singvogel ſtieht vor dem Falken. Doch das Bild des Freyheern von Clarins begleitete ſie auf ihrer Reiſe. Sie kam nach mehr⸗ tägiger Fahrt bei ihrer Schweſter an und linderte deren Schmerzen durch ihre Gegenwart und Pflege. Saint⸗Vallery durchſtreifte das ſchöne Waadtland voll Luſt, die wonnigen Ufer des Genferſees, und zeigte der Bewunderung der Vewohner der anſehn⸗ lichen Stadt Ton und Art von vornehmen Leu⸗ ten aus Paris. Die Kranke genaß an Kraͤften von Tag zu Tag, allein ſie beredete ihre Schwe⸗ ſter vergebens, ſich in Lauſanne zu zeigen, die merkwuͤrdige Umgegend zu beſehn: Melina verließ ſie nicht, außer um allein in dem Garten beim Hauſe vertieft ihren Vorſtellungen nachzuhaͤngen. Sie zeigten ihr des Freiherrn Erſtaunen uber ihre plötzliche Abreiſe, ſeine Traurigkeit, ſeine Oede wegen ihrer Entfernung, und wie er umſonſt ſie aus ſeinem Herzen zu reißen ſtrebte. Der Freyherr ſpuͤrte in dem Benehmen der zungen Frau eine Stärke der Tugend, die ihm alle Hoffunng zum Siege benahm. Er begehrte ſich zu rächen, und unterhielt einen ziemlich ſtar⸗ len Brieſwechſel mit Saint⸗Vallery, worin er ihm alle Feſte beſchrieb, die in ihrer Bekannt⸗ ſchaft Statt gefunden hatten. Er ließ ſich mit grauſamer Weitlaͤuftigkeit und Treue uͤber den Eindruck aus, den dieſe oder jene beruͤhmte Schoͤn⸗ heit daſelbſt gemacht habe, beſonders uͤber die Aufmerkſamkeit, welche man der Graͤfin Brianne w— — 1— bewieß, einer jungen Witwe, ſeiner Verwandtin, die ſeit einiger Zeit nach Paris gezogen wate. Er fugte mit boshafter Abſichtlichkeit hinzu, daß es ſchien, als ob jene junge Frau durch den unaus⸗ ſprechlichen Liebreiz, den ſie uͤber Alles verbreitete, beſtimmt ſcheine in ihrem Kreiſe die ſchoͤne Melinn zu erſetzen, deren ploͤtzliche Abreiſe ſo viel Erſtau⸗ nen erregt. Saint⸗Vallery meinte ſeine Frau ſehr zu erfreuen, indem er ihr alle Briefe des Barons treulich vorlas, und erneuerte dadurch in ihrem Gemuͤthe den ſchrecklichen Sturm, den ſie ſich gewöhnt zu verhehlen. Bald ſahe ſie in den Brir⸗ fen des Herrn von Clarins die Erbitterung einer Liebe, die ihr Stolz war, bald das eitle Drohen mit einer neuen Leidenſchaft fur die junge liebenswur⸗ dige Witwe, bald das ſchlaue Bekenntniß eines Gefuͤhles, das nichts jemals verlöſchen könnte. Aber wie groß war ihr Erſtaunen, als eines Tags ihr Mann mit freudiger Eil und der Zuver⸗ ſicht, eine gute Bothſchaft zu verkuͤndigen, einon Brief des Freyherrn ihr gab, worin dieſer ihm ſeine Heurath mit der Gräfin von Brianne mel⸗ — 188— dete, eine Heurath, bei der er außer den Vorthei⸗ len des Ranges und des Vermoͤgens ſich der Gewiß⸗ heit geliebt zu ſeyn erfreue. Er habe ſie drey Jahre hindurch durch die aufrichtigſte, gegenſeitigſte Nei⸗ gung erworben. Melina erbleichte, nicht aus Liebe und Schmerz, das Trugbild war verflogen; doch aus Schaam und Empoͤrung.(Wie, ſagte ſie bei ſich ſelbſt, er liebte! er war ſeit drey Jah⸗ ren nicht frey, und er durfte die zaͤrtlichſte, tiefge⸗ fuͤhlteſte Neigung mir bekennen! Alſo nur zu ſei⸗ nem Opfer begehrte er mich!— Sie verſchloß in ihrer Bruſt die Qual, die ſie erſchuͤtterte, that, als öb die Heurath des Freyherrn, die Vortheile derſelben fuͤr ihn ſie freueten, und trug Saint⸗ Vallery auf, ihm zu ſchreiben, ihre Wuͤnſche waͤ⸗ ren ſtets fuͤr ſein Gluͤck. Melina's Schweſter war hergeſtellt und be⸗ gleitete ſie nach Paris. Der Freiherr von Clarins war nach der Normandie gereiſt, wo die Guͤter ſeiner Gemahlin lagen. Hierdurch gewann Frau von Saint⸗Vallery Zeit, ihre alten Bekannten zu begruͤßen und ſich wieder an die Welt zu ge⸗ wöhnen. Sie ſah bei ſich nur wenige und erwähl⸗ achtbare Frau verfuͤhrt, welch großen Entſchluſſes — 159— te Bekannte; ſie erlebte noch oft, daß nichts die Tugend einer jungen Frau Angriffen mehr blos ſtellt, als ein geckenhafter, ſelbſtgefaͤlliger, muͤßige Mann. So oft man das Boulogner Wäldchen in ihrer Gegenwart nannte, oder ihr Weg unver⸗ ſehens dahin fuͤhrte, gemahnte ein tödlicher Froſt ſie an die ſchlaue Verfuhrung des Freiherrn und an das gefaͤhrliche Wetter, das ſie dort in ſeinen Armen uͤberſtanden; dann wiederholte ſie ſtets im Geiſt:(Wie leicht wird unvermuthet auch eine bedarf es, wolcher Vorſicht und Muͤhe, ſich am Rande des Abgrundes zu erhalten ¹ —— — — e Vernachläſſigung von Talenten. 3 Ein⸗ Menge von Aeltern bereuen alle Tage bie ungeheuren Koſten, welche ſie aufgewendet, um ihren Töchtern Talente beibringen zu laſſen; die koſtlichſte Jugendzeit iſt dabei außerdem darauf ge⸗ gangen. Sie ſollten das Gluͤck ihres Lebens be⸗ fördern helfen, ſie beim Reichthum vor langer Weile und vor dem noch gefährlicheren Muͤßiggange vewahren, ihnen im Unglck zu einer ehrenmaͤßi⸗ gen Zuflucht dienenzund kaum hat das junge Mäd⸗ chen ſich vermaͤhlt, ſo vernachlaͤßigt ſie als Frau, wodurch ſie als Jungfrau in der Welt geglaͤnzt, die ſeligſte Freude genoßen, die Wahl des Gatten mit⸗ beſtimmt hat, den ſie anbetet. Es gehoͤrt dies jetzt gleichſam zum guten Ton, und der erſte Taumel des ehelichen Gluͤckes, der Seele und Sinne be⸗ — — 1— herrſcht und ſie auf einen einzigen Gegenſtand rich⸗ tet, mag dafuͤr zur Eutſchuldigung dienen; aber er verfliegt auch den liebendſten, reichbegabteſten Herzen. Es iſt nicht genug, ſich einander zu ge⸗ fallen, zu lieben, man muß der Liebe Quellen offen halten, aus denen ſie ein immer neues Leben ſchoͤpfen kann; und Talente ſind eine, ſind die reichſte Quelle dieſer Art. Celine Mazelli, die Tochter eines beruͤhm⸗ ten Alterthumskundigen, dem Paris einen großen Theil der Schaͤtze verdankt, die ſein ungeheures Muſeum umſchließt, war mit ihrem Vater in Neapel geweſen, und hatte ſich daſelbſt in der Muſit vervollkommt. Sie hatte ſich nicht auf die Fertigkeit beſchränkt, dieſes oder jenes vor⸗ ausgeubte Stück vortrefflich auf dem Fortepiano oder der Harfe vorzutragen; ſie hatte die Muſik wiſſenſchaftlich, die beſondern Schoönheiten der deutſchen, franzoſiſchen und italiäniſchen Muſik ſtudirt, und ſpielte mit einem Geiſt und einer Präciſion des Vortrags, daß die größten Meiſter ſie angingen, wenn ſie ihre neuen Werke hoͤren laſſen wollten, ſie ſtets bewunderten und ihr Gluck wünſchten, ſo oft ſie vom Blatte weg alle Kraft ihres Genie's dem Ohre wiedergab. Man zeich⸗ nete ſie jedoch beſonders in Konzerten und Liebha⸗ berkreiſen aus, weil ſie, nachdem ſie auf dem For⸗ tepiano irgend ein Muſikſtuͤck mitaufgefuͤhrt, oder eine Arie, eine Romanze begleitet hatte, auch auf der Harfe die ſchwierigſten und klangvoliſten Vor⸗ ſpiele phantaſirte: ſo, daß man nicht ſagen konnte, welches von den beiden Inſtrumenten ſie vorzuͤg⸗ ticher ſpiele. Von mehreren auswaͤrtigen Hoͤfen, an denen ſie ſich hatte hoͤren laſſen, waren ihr ehrenvolle und vortheilhafte Anträge geſchehnz doch ſie lehnte ſie ab: ſtolz auf ihr Vaterland, ihre Herkunft von einem beruͤhmten Vater, der nicht reich war, doch Wohlſtand beſaß, wider⸗ ſtand ſie ſogar der Schmeichelei, welche ſie daſelbſt umgab, kehrte in die Heimath zuruͤck, und bildete yier noch unabläſſig das ſchoͤne Talent weiter, das ſie durch Reiſen und angeſtrengten Fleiß ver⸗ vollkommt hatte. Man kann denken, welches Fnſehn ſie genoß⸗ zumal, da die Sittlichkeit ihres Benehmens in der Welt ihrem edlen Sinn gleich war. Man S —-— — 193— beeiferte ſich ſie einzuladen, fuͤhlte ſich durch ihre Gegenwatt geehrt; was nur an jungen Leuten in Paris der Tonkunſt oblag, bildete einen Hoſſtaat um ſie her, den ihre Blicke lange mit Gleichgul⸗ tigkeit betrachteten. Einige ſuchten aus Eigen⸗ nutz und Ehrſucht ihr zu gefallen, Andre aus Lau⸗ ne oder Eitelkeit, und keiner ruhrte ihr Herz. Sie bedurfte zur Reigung einer ſchwungreichen Seele, die im Stande war, ſie ihrer ſelbſt wegen zu lieben, einen Sinn, der Kunſt geweiht und voll Einſicht in dieſelbe, und hielt nicht dafuͤr, wie Viele, daß Rang dieſe uͤberſtrahle, Geld ſie aufwiegen könne. So hatte Eeline beinahe ihr iee Jahr erreicht; ihr alter Vater, abgemudet von Arbeit und langen Reiſen, wünſchte ſehr ſie ver⸗ heurathet zu ſehn, ihr ſchönes Lalent ſetzte ſie ſo vielen Verſuchungen aus, ihr feuriges Gemuͤth begehrte ſo ſehr ſich anzuſchließen. Sein biniger Wunſch wurde erfuͤllt, Celine bemerkte unter den zahlreichen Anbetern, die ſie umſchwärmten, einen jungen Mann, der wie ſie zu dem Kreiſe von Kuͤnſtlern unð wiffonſchaftlichen Mannern gehoͤrte, 2r Theil⸗ N habt hatten, ſie zu horen, hatte auch Eindruck auf Celinens Gemuͤth gemacht; nie ſpielte ſie be⸗ — 194— welche die Zierden der Geſellſchaft, die ſie beſuchen, und der Ruhm des Jahrhunderts ſind, das ſie erzeugte. Hippolyt Roberkam, der Sohn eines Ingenieurgeographen, der ſich durch wichtige Ent⸗ deckungen in der Wiſſenſchaft und ehrenvolle Dien⸗ ſte im Kriege ausgezeichnet hatte, war ein leiden⸗ ſchaftlicher Freund der Tonkunſt. Er vereinte ei⸗ nigermaßen ih ſeinem Violinſpiel die Kunſt und die Anmuth ſeiner beiden Lehrer auf dieſem In⸗ ſtrumente, Kreuzers und Lafonts. Oefters war er in glänzenden Verſammlungen mit Celinen zu⸗ ſammengekommen, und ihre Talente hatten ſich wechſelſeitig ſo gehoben, daß man nicht wußte, wer von ihnen beiden den Vorzug verdiene. Der tebendige und tiefe Eindruck ihrer gemeinſchaftli⸗ chen Kunſt auf alle diejenigen, die das Gluͤck ge⸗ und auch er ſeinerſeits ſpuͤrte nie ſolchen Schwung, als im Wettſtreit mit ihr. Die ſuͤße Gewohnheit, ihre Talente zu vereinigen, bewirkte bei beiden unvermerkt das Verlangen, ſich gegenſeitig zu ver⸗ geiſterter, als wenn Hippolyt ihr Spiel begleitete, en, ſtehn, in die gegenſeitigen Vorſtellungen zu fugen, ſie und bald vollendete die Liebe die Anfänge der nes Kunſt. nt⸗ Celine merkte zuerſt, daß ein unwiderſtehli⸗ en⸗ cher Trieb ſich zu der Bewunderung geſellte, die en⸗ ihr der liebenswuͤrdige Tonkuͤnſtler abgewonnen, ei⸗ ſie wollte es anfangs bezweifeln, ſich ſelbſt ablaͤug⸗ und nenz aber der Menſch entgeht ſeinem Innern nicht, In⸗ ihn fuͤhrt ſtets Alles darauf zuruͤck. Wenn der junge war Roberkam allgemeine Begeiſterung erregte, indem zu⸗ er mit ihr eine Sonate von Klementi, ein Not⸗ ſich turno von Nadermann vortrug, dann brach die ßte, Bewegung ihres Innern, wie ſorgfaͤltig ſie die⸗ Der ſelbe zu verhehlen waͤhnte, vor, in ihrem Blick, ftli⸗ in dem Zittern ihrer Haͤnde, in der unwillkuhr⸗ lichen Spannung ihres ganzen Weſens. Er, der ruck ſie erregte, bemerkte ſie nicht zuletzt; allein er hatte be⸗ ein betraͤchtliches Vermoögen von ſeinen Aeltern ete geerbt, und Celine keine Mitgift, als ihr Talent, , ein ausdrucksvolles Geſicht, und die Erſparniſſe eit, ihres alten Vaters. Trotz dem zeigte ſich Hippo⸗ den yt taͤglich befliſſener, inniger und begehrte end⸗ ver⸗ lich von dem ehrwuͤrdigen Mazelli die einzige Toch⸗ N 2 — 196— ter zur Ehe. Celine weigerte ſich anfangs; ihrem Stolze fiel ſchwer, einen reichen jungen Mann zu heurathen. Sein Vermögen gab ihm ein ge⸗ wiſſes Uebergewicht uͤber ſie, es ſetzte ſie der Ge— fahr aus, in der Welt fuͤr eine ſchlaue Ehrſuchtle⸗ rin zu gelten, und der Wuͤrde, dem Rufe der Un⸗ eigennuͤtzigkeit etwas zu vergeben, die ſie mit Recht behauptete. Aber ſie liebte und wurde geliebt, ſie mußte dem Dringen ihres Vaters, der öffent⸗ lichen Stimme nachgeben, die allzeit eine wohl oder ubel gewaͤhlte Verbindung billigt oder rügt. Sie heurathete Hippolyt Roberkam, und Hymen ſchien am Tage ihrer Vermaͤhlung dem blinden Gluͤck die Binde der Augen geluͤftet zu haben, daß es die mit ſeinen Guͤtern uͤberſchuͤttete, die deren am wuͤrdigſten war. hti Beide wollten jenen Tag durch die wonne⸗ volle Kunſt feyern, die ihn herbeigefuͤhrt. Nie ſah Paris einen bewunderungswuͤrdigern Verein von Talenten, nie hatten die beiden Neuvermaͤhl⸗ ten ein ſolches Entzucken bewirkt, ſolchen Beifall etworben. Apollo hatte ſein Saitenſpiel der Liebe geliehn, daß ſie ihren Triumph würdig feyre⸗ em nn ne⸗ die ein al he — 497— Täglich empfanden Hippolyt und Celine neue Luſt ihre Talente zu vereinigen, gleich wie ſie ihre Looſe vereint. Waͤhrend der beiden erſten Monate nach ihrer Hochzeit hoͤrte man ſie ſtets die belieb⸗ teſten Muſikſtuͤcke mit einer Kraft des Ausdruckes vortragen, wuͤrdig ihrer Meiſterſchaft. Sie ſpiel⸗ ten, wenn ſie allein zuſammen waren, und em⸗ pfanden dabei den Antheil der Kunſt an des Lebens Gluͤck, erfuhren, daß mit ihr ſie einander genuͤgen konnten und der Langeweile Trotz bieten, die friſchen Bluͤthenbande, welche ſie umſchlangen, zu verdorren. Als ſie allen Pflichten des Anſtan⸗ des genug gethan hatten, die Feſte zuruͤckgegeben, mit denen man ſie lange Zeit heimgeſucht, benutz⸗ ten ſie des Fruͤhlings Wiederkehr, ſich auf einem allerliebſten Landgut auszuruhn, das Roberkam in der Gegend von Corbeil beſaß. Die junge Frau widerſtand hier dem Reize des Ueberflußes nicht. Taͤglich ſah man ſie im Amazonenkleide, auf einem engliſchen Renner, einen galonirten Jokey hinter ſich, in der Umge⸗ gend ihres Gutes. Mit verhaͤngtem Zuͤgel jagte ſie ihrem Gatten nach, den ſie manchmal aus dem Geſicht verlor; dann ſah ſie ſich allein, berirrt, ſuchte das Gluͤck, und es begann ſie zu fliehn. Sie war bemuͤht Leute jedes Standes und Alters in ihrem Hauſe zu empfangen, Ton und Art ei⸗ ner Schloßfrau anzunehmen, ſo wie ſie ſich bereits mit dem Aufwand einer ſolchen umgeben und ihre Bedeutſamkeit angenommen hatte. Dennoch traf man ſie oftmals allein, zu Fuß, die Huͤtte des Durftigen beſuchend. Ihre neue Lage hatte ihre Einbildungskraft ein wenig geſpannt, ihrem Herzen hatte ſie nichts anhaben koͤnnen; auch blieb ihr, ſeitdem ſie mit den Muſen gebrochen, Zeit genug, die ſie vertreiben mußte. Mitunter verwunderten ſich aber die jungen Gatten uber ihre Gleichgultigkeit gegen eine Kunſt, welcher ſie beide mit ſo großem Erfolge obgelegen. Eines Tages waren ſie auf ein benachbartes Schloß eingeladen, und vermutheten, daß ſie dort die Schuld eines wohlverdienten Rufes wuͤrden abtragen muͤßen. Sie wollten ſich ein wenig vorbereiten, Celine nahm ihre Harfe aus dem Futteral; ſie hatte es ſeit einem ganzen Monat nicht aufgemacht: ein Theil der Saiten war ge⸗ rrt, hn. ters ei⸗ eits ihre och uͤtte atte rem uch hen, gen nſt, gen. rtes dort den nig em nat — 199— riſſen, es haͤtte einer Stunde bedurft, um das Inſtrument neu zu beziehn; ſie gab es auf, und ſetzte ſich zum Fortepiano, aber dies war ſo ver⸗ ſtimmt, daß ſie nicht drei Noten ohne falſche Töne ſpielen konnte. Hippolyt ſchloß ſeinen Violin⸗ kaſten auf: die vierte Saite der einen Violine fehlte, und es war nichts davon mehr vorräthig. Das Stiegbrett der andern war zerbrochen, man haͤtte ein neues ſtatt deſſen aufſetzen muͤſſen, und das haͤtte ebenfalls zuviel Zeit gekoſtet. Beide alſo fuhren unvorbereitet dahin, wohin ſie einge⸗ laden waren. Es war zu einem Marſchall von Frankreich, dem Vater einer zahlreichen Familie, welche das Talent ſchätzte, und ſich freute, Herrn und Frau Roberkam zu hoͤren. Nachdem das junge Paar mit all der anmuthigen Aufmerkſam⸗ keit behandelt worden, die gewoͤhnlich einer ſchlauen Abſicht vorangeht, erſuchte man daſſelbe, ſich hoͤren zu laſſen. Celine bemerkte eine Harfe von Nadermann, verſuchte ſie, und fand ſie voll⸗ kommen rein geſtimmt und vom ſchönſten Wohl⸗ laut. Sie praͤludirte, kam allmaͤhlich in Zug, ihr Mann bemerkte unter den ihm zur Auswahl dargebotenen Iuſtrumenten eine Geige von Stra⸗ divarius, er nahm ſie, und begleitete ſeine Frau. Aller Augen waren auf beide gerichtet, es herrſchte die tiefſte Stille unter den Zuhoͤrern. Doch ſei's, daß der Mangel an Uebung ihren gewohnten Schwung lähmte, ſers, daß die ungewohnten Inſtrumente ſie hinderten: ſie entſprachen keines⸗ wegs der Erwartung, die man von ihnen hegte. Geline bemerkte dies zuerſt, ſchützte ein pizst⸗ ches Kopfweh vor, hoͤrte auf zu ſpielen, und gab ihrem Mann einen Wink, daſſelbe zu thun. Vergebens drang man in beide den kaum begon⸗ nenen Wettſtreit wieder aufzunehmen; ihre Eigen⸗ uebe widerſtand den dringendſten Bitten, und die Furcht, ſich ihres Rufes nicht wuͤrdig zu zei⸗ gen, gab ihnen triftige Gruͤnde an die Hand demſelben nicht Eintrag zu thun. Dieſer kleine Unfall ergötzte Hymen und Amor; ſie wollten ihn zu ihrem Vortheil benutzen, und riefen die Eitelkeit zu Huͤlfe, daß ſie Celi⸗ nen ganz leiſe in's Ohr fluͤſterte, man wäre wohl thöricht, wenn man bei eignem Wohlſtand ſich mühen wollte Andre zu unterhalten: das ſei der ———˖ —,————————————— ra⸗ Beruf von Kuͤnſtlern von Profeſſion; mit drei⸗ au. ßigtauſend Franken jährlicher Einkuͤnfte, im Beſitz te eines huͤbſchen Gutes, eines anſtaͤndigen Haus⸗ i's, ſtandes, ſolle man die Kuͤnſte beſchuͤtzen, aber ten nicht uͤben. Die junge Frau wiederholte ihrem ten Manne Wort vor Wort den zweideutigen Rath, les⸗ er antwortete, ſie hätte Recht, und beſchloſſen gte. ward, daß man kuͤnftig nur bei ſich im Hauſe bli⸗ Muſik machten wollte. Ein Inſtrumentenma⸗ ind cher aus Paris brachte Celinens Harfe und Forte⸗ un. piano wieder in Ordnung: Hippolytens zwei on⸗ Geigen machte ein beruͤhmter Lautenbauer zurecht, en⸗ ſo daß lange nichts daran fehlen durfte; und und das junge Paar nahm ſich vor, immer Abends zei⸗ nach dem Spaziergange ein wenig zu ſpielen. nd Aber ſie kamen ermuͤdet zuruͤck, die Finger nd waren von der Hitze geſchwollen, oder von irgend n, einer angeſtrengten Leibesuͤbung ſteif; der Vorſatz li⸗ ward von Tag zu Tag verſchoben. Vorzüglich hl war es Celine, die ſich nie recht aufgelegt fühlte ch und allzeit einen triftigen Grund dafuͤr erſann, dem man ſich ohne Widerſpruch fuͤgen mußte. — 202—— Nun gut, ſagte Hippolyt, den das ſtete Ablehnen verdroß ſo wollen wir uns Vormittags eine Stunde oder zwei üben; dann haben wir unſte Abende frei, und vernachlaͤßigen doch nicht LTalente, die uns ſo viel Zeit und Fleiß gekoſtet haben, und denen wir das Band verdanken, das uns ſo theuer iſt? Celine war es zufrieden; ſogleich am folgenden Morgen ſetzte ſie ſich an die Harfe und ſpielte ein paar Notturnos mit ihrem Mann, dem es ein unausſprechliches Vergnuͤgen gewaͤhrte ſie zu accompagniren. Allein kaum waren ſie in Schwung, da kam Beſuch, einige Gaͤſte, die ſich unerwartet zum Mittagseſſen einluden, man nußte ſie empfangen, ſich ein wenig ankleiden: aus war es mit dem muſikali⸗ ſchen Verein, dem erſten, ſeit langer Zeit ge⸗ ſchloſſenen. Am nächſten Vormittag, Punkt drei Uhr, präludirte Hippolyt auf der Geige, und ſchien mit liebevollen Toͤnen Celinen locken zu wollen, die bei der Toilette ſaß, weil ſie den Abend bei dem Unterpräfekten von Corbeil in Geſellſchaft gehen ſollte. Sie kam erſt gegen fuͤnf Uhr, und kaum ſtimmten ſie zuſammen, ſo meldete ein Bedienter, daß angerichtet ſei. Hippolyt murrte vor Verdruß, warf ſeine Violine auf den Sofa, und ſchwur, er wuͤrde kuͤnftig nicht in den Salon kommen, bevor nicht ſeine Frau ſchon dort ſäße. So laß uns eine andre Stunde beſtimmen, wo wir zuſammen kommen wollen, antwortete Celine ganz ruhig; Du ſiehſt, mein Lieber, daß ich nicht Deine Ungeduld befriedigen kann, wenn mich meine Kammerfrau anzicht, wenn wir Beſuch bekommen oder auswaͤrts ſpeiſen. In allen die⸗ ſen Faͤllen muß ich nothwendig erſt angekleidet ſeyn.* (Du haſt Recht, Recht wie immer, mein Engel: nun, ſo laß uns nach dem Fruͤhſtuͤck zu⸗ ſammenkommen.* cUnmöglich! da giebſt Du mir eine Bil⸗ lardlection, Du weißt, wie nothwendig die Bewe⸗ gung fuͤr meine armen Nerven iſt. «Freilich, die Geſundheit geht Allem vort Wohlan, vor dem Fruͤhſtuͤck.2 „Wo denkſt Du hin?— Mein Bad, mein Spaziergang nach der Milch, mein Vogelhaus, das ich beſuchen muß!„ „Wenn wir denn nicht vor„und nicht nach dem Fruͤhſtuͤck zuſammenkommen koͤnnen, ſo wird die Muſik wohl unterbleiben muͤſſen. aKeineswegs, mein Lieber, wir muͤſſen uns verabreden, ohne Verdruß, daß der Erſte von uns, der fertig ſein wird, ſogleich in den Salon kommen, und indem er auf ſeinem Inſtru⸗ ment eine von den himmliſchen Melodien ſpielt, welche ſo ſuͤß die Liebenden zu einander locken, den Andern herbeirufen will. eEin allerliebſter Gedanke! Sogleich mor⸗ gen fruͤh rufe ich Dich. Ich glaube, Du wirſt eilen mir zu antworten. Hippolyt vollzog die Uebereinkunft genau. Gegen zwei Uhr ging er in den Salon, er wußte, daß Celine in ihrem Kabinet ſaß und einen neuen Roman las; er nahm ſeine Violine und ſpielte das bekannte allerliebſte Lied: Ihn, der Dich treu und zoͤrtlich liebt, erhöre u. ſ. w. Er wie⸗ derholte es einige Mal, variirte dann das Thema mit allem Talent, das er nur aufzubieten ver⸗ „ us, ch mochte; doch Celine folgte nicht bem zaͤrtlichen Ruf. Nun wechſelte er das Thema und ſpielte mit dem beſeelteſten Ausdruck die zarte Romanze: Und kommſt Du denn nicht, Du, meiner Bruſt Geliebte?— Kaum hatte er ſie vollendet, ſo erſchien Celine, flog an das Fortepiano, und nun uberließen ſie ſich beide der Begeiſterung und va⸗ riirten die Themas dieſer beiden Arien mit bewund⸗ rungswuͤrdiger Vollkommenheit. Doch mitten in einer Pauſe, beim glaͤnzendſten Kontrapunkt, ſchlug die verwünſchte Uhr vier, und die junge Frau, welche zum Mittagseſſen mehrere Offi⸗ ziere von der Garniſon von Melun erwartete, ſchrie auf, und flog an ihre Toilette. Hippolyt improviſirte noch eine Zeitlang mehrere Variatio⸗ nen; bald langweilte es ihm, ſo allein zu ſpielen, er nahm ein Buch und ging in den Park, zu leſen, bis die Gaͤſte kämen. Ein paar Tage darauf ließ er denſelben Ruf erſchallen, begann ihn wieder und wieder: Celine ſchickte ihre Kammerfrau, und ließ ihm ſasen⸗ ihr Mops hätte ſich die Pfote verrenkt, ſie könne gar nicht an Muſik denken. Ein anders Mal — 206 — hatte ihr Papagoy ſie in den Finger gebiſſen, dann ihr Eichkaͤtzchen, das hatte davon laufen wollen. Jeden Tag gab es einen neuen Vorwand der Weigerung. Es verdroß Hippolyt, er ver⸗ nachläßigte ſelbſt ſein Talent, Freude hatte, außer wenn es von Celinens ange⸗ woran er keine regt und gehoben wurde. Zwei Monate hindurch vereinten die jungen Gatten ſich nicht ein einzi⸗ ges Mal dem Gott der Kuͤnſte das Opfer zu weihn, das ſie ihm in ſo vieler Ruͤckſicht ſchul⸗ dig waren. Eine ſolche Vernachlaͤßigung fuͤhrte unvermerkt zum gänzlichen Vergeſſen dieſer koſt⸗ baren Genußquelle fur's haͤusliche Leben, dieſes leichten Mittels die Muße zu beſeelen. Hippolyt ſahe in der Bluͤthe der Jahre, bei voller Gewalt der Leidenſchaft, ſich von ſeiner Frau des Mittels beraubt, dieſe zu mäßigen und ſuchte fur ſie die gefaͤhrlichſte Befriedigung. Die beiden Söhne und Adjutanten des benachbar⸗ ten Marſchalls vergnuͤgte die Jagd und heftige Leibesuͤbungen. Er verband ſich mit ihnen und mehrern Offizieren aus der Gegend, und ſie durch⸗ ſtrichen von fruh bis zum Abend, bald zu Roß, ———— ſen, fen and ver⸗ eine ige⸗ ul⸗ —— um Hochwild zu hetzen, bald zu Fuß, um Flein⸗ wild zu birſchen, den unermeßlichen Wald von Senatt und das Feld. Roberkam hatte anfanss Gläck, er traf uͤber Erwarten, und gehoͤrte bald zu den entſchloſſenſten Jaͤgern der Landſchaft. Sofort beim Anbruch der Morgenroͤthe zog ér mit ſeinen zwei Vorſtehhunden aus, um einer der erſten auf dem allgemeinen Sammelplatz zu ſeyn; erſt zur Nacht kehrte er zuruͤck, erſchoͤpft von Hunger und Ermattung, jedoch froh und ſtolz ſeiner Frau einen wilden Schweinsruͤcken, ein Rehviertel und allerhand kleines Gewild zu uͤberbringen, das ſie an Freunde verſchenkten. Celine nahm Antheil an ſeinem Vergnuͤgen darob, und fand ſowohl als er eine unendliche Freude daran, Wild nach Paris zu ſenden, und dadurch das Anſehn großer Guͤterbeſitzer zu bekommen, das ihrem Selbſtgefuͤhl bei weitem mehr ſchmei⸗ chelte, als vordem die ſtillen und ſeeligen Wirkun⸗ gen, die ſie durch die ſchoͤne Kunſt hervorgebracht, welche ſie vereint hatte, und die ſie gaͤnzlich ver⸗ nachläͤßigten. Indeſſen dauerte es nicht lange, ſo bemerkte die junge Ftau eine ſeltſame umwandlung in ihrem Hausweſen. Zu der Leidenſchaft fuͤr die Jagd geſellten bei Hippolyt ſich bald die von jener faſt unzertrennlichen Neigungen. Er gewoöhnke ſich auf den verſchiedenen Stationen, welche dis Jaͤger hielten, an unmaͤßigen Genuß guter Weine und b ſtarker Getränke. Des Abends zog man ihn zu dem einen oder u Gelag von jungen Leuten und Offizieren; er verlor beträchtliche Summen im Spiel, brachts Nachte lang babei zu, und wurde mehr als ein⸗ mal mit leerem Beutel und verwirrtem Geiſt naͤch Sauſe geführt. Celine merkte, aber zu ſpät, die⸗ ſes ausſchweifende Leben, das ſchon ſeine Einwir⸗ kung auf den Charakter ihres Gatten zu äußern begann. Der ſonſt ſo zuvorkommende, zärtlich⸗ Hippolyt ſih jetzt auf ſeinem Gute nur Jäger von Profeſſion, nur Geſellen einer plumpen Luſtig⸗ keit, die ECrlinens Zartgefüht und Sittſamkeit em⸗ pörte. Sie fund ſich genöthigt dergleichen Ver⸗ ſummtungen auszuweichen, und oft hielten dieſel⸗ ben ſiei in ihr Gemach gebannt, das am andern Morgen Hippoipt nicht zu betreten wate, aus „—+ e„ — — 209— Schaam wegen des Zuſtandes, worin er ſich am vorigen Tage befunden, aus Reue wegen des Ver⸗ luſtes von ungeheuren Summen, die er verſpielt. Umſonſt verſuchte ſie, ſeine beſſere Natur in ihm wieder aufzuregen; er hatte einmal die verderbliche Richtung genommen⸗ Die Ungebundenheit des Jägerlebens, das Recht der Jagdgefährten, unangekleidet einherzu⸗ gehn und keiner Ruͤckſicht der Achtung zu froͤhnen, behagten dem jungen, von Natur tragen Mann bei weitem mehr, als geſellſchaftlicher Zwang; die Haltung der feinen Sitte und Lebensart hatte ihn oft vormals genirt und jetzt duͤnkte ſie ihm unerträglich. Wie bereute nun Celine, die herrli⸗ che Kunſt vernachläßigt zu haben, die ihren Gat⸗ ten ſtundenlang an ihre Seite gefeſſelt und ihm Verachtung des wilden Zeitvertreibes eingefloͤßt ha⸗ ben wuͤrde, dem man ſich allzeit zum Nachtheil des Gemüthes hingiebt. Sie verſuchte Hippo⸗ iyt allmählich zu den einſamen Genuͤſſen, dem ſee⸗ ligen Wetteifer ihrer Kunſt zurdckzutringen. Mit Feuer wandte ſie ſich zur Harfe und zum Forte⸗ piano zuruͤck, und wenn ihr Mann nur einigerma⸗ 2r Theil“ H — 210— ßen nuͤchtern zu Hauſe kam, ſo trug ſie auf einem von beiden Inſtrumenten alle jene Muſikſtuͤcke vor, welche ihm die gluͤckliche Vergangenheit ihrer Liebe zuruͤckrufen, aus ſeiner Dumpfheit ihn aufregen mochten. Eines Abends vor allen kam Roberkam früͤ⸗ her, als gewoͤhnlich, von der Jagd zu Hauſe, ein dichter Nebel hatte ihn heimgetrieben, bei dem er ſeinen Hunden nicht in den Wald folgen konnte. Er trat in den Salon, Eeline wähnte, ihn ha⸗ ben die ausdrucksvollen Melodien angezogen, wel⸗ che ſie dem Fortepiano entlockte. Der Jagdfreund ſtreckte ſich auf den Sofa, ſein treuer Hund la⸗ gerte ſich neben ihm, und die junge Virtuoſin ſam⸗ melte ihr ganzes Talent, und ſpielte das einfache und zarte Lied aus dem Devin du Village von Rouſſeau:«Ich habe all mein Gluck verloren; ich habe meinen Freund verloren— Sie wieder⸗ holte es mit einem ſo innigen Ausdruck, daß ihr eignes Herz davon erweicht wurde und Thraͤnen ihre Augen netzten; doch auf Hippolyt that es nicht die mindeſte Wirkung, er blieb nachläſſig ausgeſtreckt liegen, liebkoſte ſeinem Hunde und ant⸗ — tem bor, iebe gen rü⸗ ein er te. ha⸗ el⸗ ind la⸗ che on ¹5 r — wortete mit keiner Gebehrde, keinem Wort auf vie ſüͤße Klage ſeiner Frau. Celine blieb ein Weil⸗ chen ſtumm, faßte dann von neuem Muth, va⸗ riirte die Melodie; aber von Seiten Roberkams, deſſen Hund indeſſen zu ſeinen Fuͤßen eingeſchlum⸗ mert war, dieſelbe Unbeweglichkeit, daſſelbe Schweigen. Sie fuͤhlte ſich beleidigt, tief in die Seele gekraͤnkt; ſie wollte das Letzte verſuchen, und trug mit harmoniſchen Toͤnen, mit der ein⸗ dringlichſten Suͤßigkeit den Geſang Louiſens aus dem Deſerteur vor:«Kann man kraͤnken, und auch lieben; warum, was man liebt, betruͤben 25 u. ſ. w. Sie legte in den beziehungsvollen Tept eine Bedeutung, welcher, glaubte ſie, ihr Mann nicht wuͤrde widerſtehen koͤnnen; ſie erwartete, er werde vor ihr niederſinken, ſein Unrecht bekennen: da ſchnarcht es hinter ihrem Seſſel, und der Jagdliebhaber und ſein treuer Begleiter ſind beide eingeſchlafen, und das unharmoniſche Wechſel⸗ ſchnarchen, das ſie halten, iſt es, das ſie ſtatt der erwarteten Erwiederung ihrer anmuthigen Melo⸗ dien hoͤrt. Voll Empfindlichkeit und Zorn, überzeugt, — 242— daß der liebenswuͤrdige, zärtliche Hippolyt ein öder, gefuͤhlloſer Gatte geworden ſei, verließ ſie den Sa⸗ lon, um in ihrem Gemach ſich ganz der Verzweif⸗ lung hinzugeben, und warf im Herausgehn doch noch einen Blick voll Liebe auf ihn. Seit dieſem Abend, der ihr unvergeßlich vlieb, that ſie keinen Schritt des Entgegenkom⸗ mens mehr, um ihren Gatten umzulenken, ſon⸗ dern uͤberließ denſelben ganz dem Ungeſtuͤm ſeiner Leidenſchaften. Er war ſo unbändig, daß ſeine Geſundheit darunter litt, ſein Vermoͤgen dadurch zerruͤttet wurde, und er ſein Gut verkaufen mußte. Celine hoffte vom Ungluͤck eine Linderung ihrer Pein. Sie hoffte, daß Hippolyt, nun fern von ſeinen Jagdgeſellen und den Mitgenoſſen ſeiner Orgien, zur fruͤhern, langgewoͤhnten Lebensweiſe, zu der Liebe zur Kunſt wieder zuruͤckkehren werde, worin vordem ſeine ſuͤßeſte Freude beſtand; aber nichts reutete die heilloſe Leidenſchaft fuͤr das Spiel jemals wieder aus ſeinem Gemoͤth. Sie wuchs im Gegentheil in Paris. Er brachte ſich ihrent⸗ wegen um Ehre und Ruhe. Faſt arm, von un⸗ barmherzigen Glaͤubigern verfolgt, verließ er der, beif⸗ och Frankreich, und ſuchte unter einem andern Him⸗ mel ein neues Gluͤck. Celinen ließ er zuruͤck, eine Beute des bitter⸗ ſten Grames und ewiger Reue; ihr blieb keine Zuflucht, als eben jene von ihr vernachlaͤſſigten Talente, dieſe ſchafften ihr und einem Kinde Un⸗ terhalt, das ſie kaum geboren. Roberkam been⸗ dete fruͤh in den fernen Landen, wohin er ſich ge⸗ fluͤchtet, von Gewiſſensbiſſen, von der Herbe des Himmels daſelbſt aufgerieben, eine Laufbahn, die ſo glaͤnzend haͤtte ſeyn koͤnnen, und ſeine Frau warf ſich Zeitlebens vor, ſein Leben abgekurzt zu haben. Sie wiederholte den jungen Leuten, die ſie in der Muſik unterrichtete, ſtets die Rede: eO, wenn Ihnen das Schickſal einen Gatten giebt, der Talente beſitzt, um ſie mit den Ihrigen zu ver⸗ einen, vernachlaͤſſigen Sie dies zweite Band nicht, ſchatzen ſie daſſelbe als ein ſicheres Mittel, den Gegenſtand ihrer Liebe an ſich zu ketten. Schoͤn⸗ heit erbleicht, Anmuth erſtarrt, der Geiſt wird ſchroff, die Gemuͤthsart kann ſich veraͤndern; doch Talente bleiben unveraͤnderlich, zerſtreuen von — 214— Geſchaͤften, verhuͤten die Langeweile, verſchaffen, was das Gluck verſagt, und lindern die Leiden des Lebens.— Verachtung des Anſtandes. — Das ſicherſte Mittel, in ber Ehe ein dauerhaftes Gluͤck zu genießen, iſt, die Zucht nicht zu verle⸗ tzen, ohne doch der Liebe Eintrag zu thun. Jene gucht„worauf die Frauengewalt ſich gruͤndet, be⸗ ſteht nicht in der Sproͤdigkeit, die zuruͤckſtößt, in der Blödigkeit, die langweilt und das Gemuͤth verödet: ſie iſt ein Takt fuͤr das Anſtaͤndige, ſie gebietet Ehrfurcht und ſchreckt nicht zurück, ſie ſchafft freie Anhaͤnglichkeit, bezaubert unvermerkt, und beſtreut mit immer ftiſchen Blumen der Ehe⸗ gatten vereinten Lebensweg. fen, des — 215 Die Verletzung des Anſtandes ertödtet mit der Zeit die heißeſte Liebe, ſie iſt eine ſtete, allmaͤh⸗ lige Entweihung, die endlich zur Gleichguͤltigkeit, dann zur Verachtung und Trennung fuͤhrt. Selbſt die Schoͤnheit widerſteht nicht jenem leiſen Gift, der Geiſt, der durch des Anſtands niedergeriſſene Schranke reicher zu walten waͤhnt, artet in Frechheit aus, und das herrlichſte, die Natur ſchuf, ein ſchoͤnes keuſches Frauenbild, erſcheint dadurch gleichſam in eine Hetaͤre verwan⸗ delt, als die Schande ihres Geſchlechtes, nachdem ſie dem maͤnnlichen zum voruͤbergehenden Spiel gedient hat. Floreſtine von Chamilly, die Tochter eines Marineinſpektors, verlor ihre Mutter ſchon in der n Kindheit. Der Grundſatz des Vaters, der g leitete, war, daß man ſich uber ſobald man ſich innerlich ſame Ge⸗ was zarteſte ihre Erziehun Alles hinausſeten duͤrfe, unſträflich fuhle: ſomit hatte ſie die ſelt wohnheit angenommen, ſich nur von ihren Trie⸗ pen leiten zu laſſen, ihre Gedanken frei herauszu⸗ „und alle geſellſchaftliche Uebereinkunft als ſagen das eine den⸗ ein kleinliches Gewirr zu behandeln, kende und frei begabte Natur verachtet. Sie hatte einen feſten und feurigen Charakter, und zeichnete ſich demnach in der Welt durch eine Haltung und ein Benehmen aus, das den Gaben ſchnurſtracks zuwider lief, womit außerdem die Natur ſie be⸗ ſchenkt. Ihr Geſicht war edel und ausdrucksvoll, ihr Wuchs ſchlank und hoch, ihre leuchtenden Au⸗ gen ſchienen dem Trotz zu bieten, der wagte, ih⸗ rem Blick zu widerſtehen, ihre Stimme hatte ei⸗ nen hinreißenden Zauber. Doch oft uͤbertoͤnte ſie die Stimmen Andrer mit ermuͤdenden Redefluß, in ihrer Haltung war zu viel Hingegebenheit, ihre Stellung war manchmal verwegen, ihr Lächeln lockte die Freube, das Bertrauen ſchreckte es zu⸗ ruͤck, und ihr Blick, der maͤchtig in's Innerſte der Seelen drang, bewirkte daſelbſt einen Eindruck, vor dem das Zartgefuhl erroͤthete. Sie kleidete ſich zierlich und nach der Mode; aber von ihrem Körper, der dem Koͤrper der Grazien an Friſche und Schönheit der Formen nichts nachgab, be⸗ deckte ihre Kleidung nur immer ſo viel, als un⸗ umgaͤnglich nothwendig dem Blick verhuͤllt ſeyn mußte. Ihr Gewand hielt kaum auf der aͤußer⸗ tte ſten Achſel feſt, und ſchmiegte ſich ſo dicht ihren Gliedern an, daß es deren Spiel bei jeder Bewe⸗ gung verrieth. Ihr kurzer Rock ließ ein zartge⸗ bautes Bein und einen allerliebſten Fuß ſehen. Wenn ja zuweilen der Anſtand ihren Bufen ver⸗ huͤllte, geſchah es mit einem ſo duͤnnen, durchſich⸗ tigen Schleier, daß er dem Auge der Neugier nichts entzog, und ihr Schnuͤrleib war hinten ſo ausge⸗ ſchnitten, daß von den Schultern bis zur Hälfte des Ruͤckens hinab jede Bewegung der Wirbel des Ruͤckgrats zu ſehen war. Mit leichtem, vertraulichem Kopfnicken be⸗ gruͤßte ſie durch Stand und Ruf ausgezeichnete Perſonen. Wenn ein alter Mann, eine Matröne ſie mißbilligend anſchaute, lachte ſie denſelben in's Geſicht, und ſchien ſie zu verhöhnen. Hatte Je⸗ mand in Geſellſchaft ſeinen Sitz einen Augenblick verlaſſen, um einen Fremden zu begrüßen, mit einem Freunde zu reden, ſo ſetzte ſie ſich darauf, und fragte nichts danach, ob der ſtehen muͤße, dem er gehoͤrte. Kam ſie an der Thuͤr eines Salons mit Frauen zuſammen, denen die hochſte Achtung gebuͤhrte, voran trat ſie ein, keineswegs aus — 868— 8 1 Hochmuth⸗ nurum geſchwinder das Fraͤulein vom Hauſe zu umarmen, welches ſie lieb hatte. Es bil⸗ dete ſich in der Geſellſchaft ein abgeſonderter Maͤn⸗ nerkreis, wo man mit halblauter Stimme eine Neuigkeit, Skandalanekdoͤtchen des Tages ſich er⸗ zaͤhlte: das Lachen der Zuſammengetretenen lockte Floreſtinen herbey, ſie trat hinzu und nothigte ſie durch ihre Einmiſchung ein anderes Geſpraͤch zu be⸗ ginnen. Im Schauſpiel ſprach ſie in der Loge ſo laut, daß man vom Parterre Stille gebot; auf dem Spaziergange lachte ſie ſtets aus vollem Halſe und bekrittelte jede Geſtalt, an der ſie etwas Abgeſchmack⸗ tes bemerkte: kurz, Jedermann nannte ſie unbe⸗ ſonnen, und beklagte, daß ſie ſo durch Verlaͤug⸗ nung des Anſtandsgefuͤhls die Vorzuͤge der Natur in ſich herabſetzte. 5 Jener Fehler, der maͤchtiger, als man meint, auf das Schickſal der Frauen wirkt, hatte oft Floreſtinen geſchadet, man ſcheute ihren allzuuͤber⸗ muͤthigen Sinn, ihre ſtets uͤberſtröͤmende Froͤh⸗ lichkeit ſchreckte zuruͤck; man beurtheilte ihr Ge⸗ muͤth nach ihrem allzulebhaften, unbeſonnenen Geiſt, und zweifelte, ob ſie wohl jemals ſich in's —— 219— om Joch der Ehe wuͤrde ſchmiegen wollen und konnen, bil⸗ und deren Feſſel, ohne ſie zu ſchutteln oder zu zerreißen; tragen? So wahr iſt, daß die trefflich⸗ ine ſten Eigenſchaften, ja die Tugend ſelbſt, wenn ſie er⸗ alles Scheins ſich begibt, verkannt werden. kte Floreſtine hatte zwei und zwanzig Fruͤhlinge ſie geſehn, ohne daß die Myrthe ihre Locken ge⸗ e⸗ ſchmuckt, ſie ſelbſt war ſchwierig in ihrer Wahl⸗ ſo Die eleganten Herrn in weiten Pantalons, in klei⸗ m nen, knappen Röcken, deren Halstuch um ein hohes nd Geſtell gewunden ihren Kopf gegen den Wind k⸗ haͤlt und ſie noͤthigt ſich ſtets mit ganzem Leibe e⸗ wie aufgezogne Automaten umzudrehen, konnte g⸗ ſie nicht leiden. Die fuͤßen Herrn, die den r Mund an jedem Handſchuhe abwiſchen, und ihr ritterliches Thun darauf beſchraͤnken einer Scho⸗ t. nen den Shawl nachzutragen, das Schnupftuch ft aufzuheben, das Augenglas zu putzen, konnte r⸗ ſie auch nicht leiden. Endlich traf ſie in einer ⸗ Geſellſchaft einen Mann, der ihr alle Eigenſchaf⸗ * 6 ten zu beſitzen ſchien, die ſie an ihrem Gatten n wuͤnſchte. Ein offenes Gemuͤth, eine unverän⸗ derliche Frohlichkeit, Ehre und Liebe, vor allen — 220— Dingen ein freyes, ungenirtes Benehmen, die gluckliche Art, die von keinem Ceremoniel außer ihrer Bequemlichkeit weiß, von keinem geſellſchaft⸗ lichen Brauch als von dem, worauf die Nothdurft des Lebens beruht: alle dieſe Eigenſchaften hatte Georg Saintene. Er war Kapitän einer Fregatte; von Kindesbeinen auf Seemann, vereinte er Tour⸗ villes und Duquesnes Muth, Johann Barts Derbheit und Gutmuͤthigkeit. Sein kriegeriſches Angeſicht, ſein mächtiger Bau ſchienen dem Meere zu gebieten. Sein Blick blitzte Lorn, und nahm alsbald den wilde⸗ ſten Ausdruck an, ſeine Stimme konnte am Bord Sturm und Wetter uͤberſchreien, und war im geſellſchaftlichen Kreis von hinreißenber Weichheit⸗ Gefuͤhl und Großmuthsvoll, gab es kein groͤßeres Gluͤck fuͤr ihn, als zu dienen und Liebe zu erwer⸗ den; doch glaubte er, daß man ihm zu ſchaden Willens ſei, ſo war er ein Seelöwe, ein hungri⸗ ger Hayfiſch, der alles zu verſchlingen trachtete. Gerade die Fehler von Floreſtine Chamilly waren es, was Georg Saintene an derſelben gefiel, und weßhalb er ſie auszeichnete Er fuͤhlte — 221— ſich linkiſch und blode anſpruchsvollen Frahen gegenüͤber; das freie, entſchloſſene Auftreten, die Froͤhlichkeit, die keine Furcht zu mißfallen, keine beklemmende Ruͤckſicht in Zaum hielt, den durch⸗ dringenden Blick, den nichts zuruͤckſchreckte: kurz, das Kind der Natur bewunderte er in ihr, deſſen Reiz weder Stadtleben noch Kunſt geſchminkt, deſſen Gepraͤge ſie nicht verändern können. Sie ſchien ihm die einzige Frau, die fuͤr ſein Daſeyn tauge) er machte denſelben Eindruck auf ſie, und veide geſtanden es ſich kurz und unverhohlen auf das Ehrlichſte. Herrn von Chamilly behagte der wackere Seemann zum Eidam, deſſen Talent er in Thaͤtigkeit ſetzen wollte; die Heirath wurde zu großer Zufriedenheit der Familie des Braͤuti⸗ gams und der Braut und ihrer zahlreichen Freunde vollzogen. Seit Floreſtine die Frau des Kapitaͤn Georg war, vergaß ſie voͤllig allen geſellſchaftlichen An⸗ ſtand, ſie nannte es die Kunſt ein Selave zu fein. Die Liebe, welche ſie beſeelte, vermehrte ihre unbeſonnenheit und die Spannung ihrer Ein⸗ bildungskraft. Sie konnte nirgends ſeyn, ohne — 222— daß man ſie wegen tauſend Uebereilungen bemerk⸗ te, die Niemanden gefielen, als ihrem Mann. Auf Baͤllen verſammelte ſie um ſich her einen Hof, neckte die liebenswuͤrdigſten Plaudrer durch gluͤck⸗ liche Einfaͤlle und Witzworte, und auf einmal ſetzte ſie ſich ihrem lieben Georg auf den Schoos, nannte ihn ganz laut ihren beſten Mann, klopfte ihm die Backen, kuͤßte ihn, und warf ſich in ei⸗ nen Watzer, und warf ihm dabei die zierlichſten Blicke zu. Mehreren Taͤnzern verſprach ſie den⸗ ſelben Tanz; wenn ſie kamen, ſie auf den Platz zu fuͤhren, lachte ſie laut, ſchlug ihnen zu loſen vor, und erregte dadurch bedenklichen Streit. Wegen ihrer großen Lebhaftigkeit, oder von der Bewegung des Tanzes, fiel haͤufig ihr Haar aus Kamm und Netz hervorz ſie brachte ohne Umſtaͤnde den Uebelſtand ihres Putzes im Tanzſaale ſelbſt wieder in Ordnung, faßte den Arm des erſten beſten Heern, durchlief alle Colonnen und lachte und freuete ſich uͤber die Spoͤttereyen und Stiche⸗ leyen, die ſie wider ſich ergehn hoͤrte. Der Kapitaͤn misbilligte keineswegs, noch unterdruckte er dieſen Leichtſinn, durch den Flore⸗ ſt tr ei h ſe li 30 a 8 228— —— erk⸗ ſtine ſich ſelbſt unbemerkt herabwuͤrdigte. Er be⸗ mn. trachtete denſelben im Gegentheil als das Merkmal of, eines uͤberlegnen Geiſtes und eines vollendeten Ge⸗ uͤck⸗ muths; und reizte ſie ſelbſt/ ſich alle Ausgelaſſen⸗ mal heiten zu erlauben, Zweideutigkeiten luſtige Maͤhr⸗ oos chen des Tags zu erzählen, und bildete ſich ein, pfte ſeine Frau muͤßte nicht minder beruͤhmt ob ihrer ei⸗ liebenswuͤrdigen Heiterkeit ſeyn, als ob der Schoͤn⸗ ſten heit und Anmuth ihrer ganzen Geſtalt. den Er war begierig ſich auf einen hoͤhern Poſten Matz zu ſchwingen, deßhalb befriedigte ihn nichts mehr, oſen als wenn Floreſtine das große Wort in zahlreicher teit. Verſammlung, beſonders bei dem Miniſter der der Marine, fuͤhrte, in deſſen Hauſe ſein Rang ih⸗ aus nen freien Zutritt verſchaffte. Sie bezeigte ſich nde daſelbſt ſo närriſch und ſo vertraut, daß der Mi⸗ bſt niſter und ſeine Hoͤflinge ſich anfangs an ihr er⸗ ſten goͤtzten, aber ſie bald als eine Geſellſchaftsklapper chte betrachteten, an welcher die Schellen der Narren⸗ che⸗ kappe klangen, um Zwang und Langeweile aus den Salons zu verbannen. och Beſſer als der Einfluß, den, wie er wähnte, ſeine Frau taͤglich auf den Sinn ſeiner Vorgeſetz⸗ —— 224— ten ausuͤbte, vortrat den Kapitain Georg ſein eig⸗ nes Verdienſt. Er erhielt den Oberbefehl uͤber ine wichtige Expedition nach Indien, ſammtden 3 Verſprechen zum Schiffskapitain ernannt zu wer⸗ den, ſobald er dieſe Sendung vollzogen haben wuͤrde. Mit lebhafter Bekuͤmmerniß von ſeiner Floreſtins zu ſcheiden, reiſte er ab: ſie haͤtte ihn begleiten mögen. Am Tage nach ſeiner Abreiſe litt ſie unendlichen Schmerz, am folgenden Tage weinte ſie noch den ganzen Tag hindurch, am drit⸗ ten verſuchte ſie ein Lächeln, und wieder nach drei Tagen begleitete ſie ihren Vater auf einen großen Thee, welchen der Marineminiſter den Geſandten 1 gab, fand daſelbſt ihre frohe Laune, das weit⸗ ſ läuſige Verzeichniß ihrer Witzworte und Anekdoten t wieder, und da die Abwefoſheit ihres Gemahls . Gunſtbewerbungen bei ihr zu ſuchen ermunterte, ſo ſah man ſie bald närtiſcher, als je zuvor. Nun uberließ ſie ſich ganz dem, was ihr der äͤchte Scyl ſchien, und waͤhnte alle Herzen zu er⸗ obern und eine Geſellſchaft zu entzucken, wenn ſie dieſelbe nut zu lachen machte. Gewiſſe Lacher von Profeſſion entzückte ſis allerdings. Menſchen eig⸗ über den wer⸗ hben iner ihn reiſe Eage drit⸗ drei oßen dten veit⸗ oten ahls erte, der er enn cher hen — 225— von Zartgefuͤhl laͤchelten aus Gefaͤlligkeit und er⸗ ſtaunten; wer ſtrenger dachte, war empoͤrt und konnte nicht begreifen, wie ein ſo ſchoͤner Mund ſich alſo entweihen moͤchte? Vor Allen verbuͤndeten die Frauen ſich wider ſie. Die Vorzuͤge, welche die Natur ihr verliehn, thaten ihnen Eintrag, ſie ſahen ſie ſtets von den Huldigungen ſolcher Maͤnner umringt, die Leichtfertigkeit und Son⸗ derbarkeit voruͤbergehend reizen: bald mußte ſie ihnen theuer fur dieſe Erfolge buͤßen. Das Erſte war, daß Niemand mehr neben Frau von Saintène ſitzen wollte. Zu beiden Sei⸗ ten ihres Platzes blieben oft mehrere Seſſel leerz ſtand ſie auf, dieſer Vereinzelung ein Ende zu ma⸗ chen, welche ihre Eigenliebe verletzte, ſo ſprach kein Menſch mit ihr, oder man antwortete ihr mit veraͤchtlichem Läͤcheln. Die Toͤchter erhiel⸗ ten von ihren Muͤttern das gemeſſenſte Verbot, ſich mit ihr einzulaſſen; ſie wurde denſelben als eine verlorene Frau, als das heilloſeſte Muſter geſchildert. Bald machten ihr nur Abentheuerer oder junge Modegecken noch den Hofz man fand, ſie widerhole ſich, ihre Anekdoten langweilten, 2* Theil. P ——— —— ihre Witzworte fielen: kurz, ſie ſahe ſich ſo ver⸗ nachlaͤſſigt, als ſie ſich ehemals geſucht geſehn ſo bitter geruͤgt, als vordem bewundert. Sie hiett das fuͤr eine vornehme Laune⸗ Die Großen, fagte ſie, ſehen oft eine ausgezeich⸗ nete Frau als ein Meubel ihrer Geſellſchaftsſaͤle an, das ſie weggeben, wenn die Mobe ſich ändert.v So ſtolz als unbeſonnen, beſchloß ſie nicht oft mehr zu dem Miniſter zu gehn und ihren taͤgli⸗ chen Umgang unter minder vornehmen, unter ſol⸗ chen Leuten zu ſuchen, die ſich auf ihren Werth verſtunden. Vor allen Dingen war ſie froh ſich den Ruͤckſichten und dem geſellſchaftlichen Zwange zu entziehn, die ihrer Neigung und ihren Anſich⸗ ten von Ungebundenheit zuwider waren. Zu Kuͤnſtlern und litterariſchen Leuten trug Floreſtine den Erguß ihres liebenden Gemuͤthes, die Irrthuͤmer ihres Geiſtes und ihrer Gewohn⸗ heit. Sie traf allerdings mehr Nachſicht bei den⸗ ſelben, mehr Hingebung als unter den Großen an; und traf hier wie dort Vorbilder von wahrer Humanitat, jenes gluͤckliche Gemiſch von Duld⸗ ſamkeit, Feinheit und Gefaͤlligkeit des Benehmens, ver⸗ ehn une⸗ eich⸗ ſaͤlt rt. v oft ägli⸗ ſol⸗ erth ſich nge trug es, hn⸗ en⸗ ßeh rer d⸗ —— worin dieſe beſteht. Sie konnte ſich nicht genug in dieſen Kreiſen letzen, wo die Muſen, ſich ſelbſt genug, das Gluͤck hegen, das buͤrgerliche Zwie⸗ tracht und der Sturm der Leidenſchaft verſtoßen haben, wo, ohne Furcht vor Anklaͤger oder Gecken, der Gedanke ungehemmt ſich mitheilt, der Rang ſich verliert in die Gleichheit des Talentes, Freude und Gehalt die Loſung ſind. Hier giebt man ſich, wie man iſt, gilt, was man gelten kann, iſt gluͤcklich durch Liebe, feſt durch Freundſchaft, im Ungluck getroͤſtet: hier kann man mit Charron ſa⸗ gen: awie macht doch das Gemuͤth zur Lumperei das Leben!v Frau von Sainténe ward anfangs in dieſen anmuthigen Kreiſen mit Entgegenkommen begruͤßt, weil Alles, was Freiheit athmet und Heiterkeit, ſtets den Freunden der Kunde und der Kunſt werth iſt. Aber ſie ließ ſich auch hier Unbeſonnenheiten zu Schulden kommen, man vergab ihr dieſelben; Leichtfertigkeiten, man erinnerte ſie; endlich eine ſolche Hintanſetzung des Anſtandes, daß man ſie vicht dulden konnte. Die kuͤnſtleriſchen Frauen, mit denen ſie ſich P 2 abgab, waren weder ſpröde, noch von albernen Vor⸗ urtheilen befangen; aber ſie hielten etwas auf die öffentliche Achtung, auß die Heiligkeit des ehelichen Geluͤbdes, ſie beobachteten gern die Geſetze der geſellſchaftlichen Hoͤflichkeit, die ſo viel Reiz uͤber den Verkehr des Lebens verbreiten: ſie meinten, daß Frau von Sainténe die Unabhängigkeit zu weit treibe, welche ſie ſich zum Ziel des Ruhms er⸗ kohren, ſie behaupteten, daß eine junge Frau, deren Gemahl abweſend ſei, ſich mit mehr Zuruͤck⸗ haltung in Rede und Benehmen verhalten muͤſſo, ſie konnten ſich nicht daran gewohnen, daß ſie den Erſten Beſten zum Führer nahm, um mit ihm auf Bälle, in's Theater, in Geſellſchaften zu ge⸗ hen, bei oͤffentlichen Feſten zu erſcheinen, daß ſie fruͤh am Morgen ſchon in die Werkſtätten der Ma⸗ ler und Bildhauer drang, dieſe mit ihrem Geplau⸗ der, wie glaͤnzend es ſeyn mochte, betaͤubte, ſich erbot ihnen als Modell in der akademiſchten, ver⸗ wegenſten Stellung zu ſtehn; mit einem Wort, daß ſie unaufhoͤrlich der Wuͤrde ihres Geſchlechtes und ihrem eigenen Rufe zu nahe trat. Allmah⸗ lig trat guch in dieſem zweiten, ihr ſo werthen „— Bor⸗ f die chen der uͤber ten, t zu s er⸗ rau, ruͤck⸗ ͤſſe, den ihm ge⸗ ß ſie Ma⸗ lau⸗ ſich ver⸗ rt, tes —— Kreis des geſelligen Lebens eine Gleichguͤltigkeit gegen ſie ein, welche ſie befremdete, eine Hintan⸗ ſetzung, welche ſie verletzte: und ſie ſuchte aber⸗ mals in einer andere Region der Hauptſtadt das Recht zu denken und walten, wie es ihrer Neigung und Laune beliebte, ohne ſich laͤſtiger Krittelei sder langweiligen Ermahnungen auszuſetzen. Dieſen vermeinten Vorzug durfte ſie bei kei⸗ ner Geſellſchaft erwarten, als bei der von Frauen, die nichts mehr zu verlieren hatten und an deren Ruf kein Menſch mehr Antheil nahm. Sie ſtuͤrzte ſich unuͤberlegt in die Geſellſchaften von allgemein als intrigant anerkannten Frauen, von Stadt⸗ ſchoͤnheiten, deren einzige Sorge iſt einen Hof um ſich zu bilden, der doch allzeit wechſelt, von leicht⸗ fertigen Coquetten, deren ſprudelnder Witz das Ohr augenblicklich ergötzt, und die, hinaus uͤber Jahre oder Anſpruͤche der Liebe, ſich durch ein epicuraͤiſches Leben ſchadlos halten, das unver⸗ merkt zur vollſtändigſten Verworfenheit fuͤhrt. Hier ſah ſich Floreſtine von Huldigungen umringt, die ſie mit keiner Aufmerkſamkeit, keinem Zwang zu erkaufen brauchte, da ſtörte der ſpaͤhen⸗ de Blick ber Sittſamkeit und Strenge ſie nicht in ihrer Ausgelaſſenheit. Ihre Tollheiten galten füͤr fröhliche Laune, ihre Sophismen fuͤr heilſa⸗ me Lobensweisheit, ihre Unbeſonnenheiten ſelbſt vermehrten ihr Gewicht, und ſie herrſchte als ge⸗ bietende Fuͤrſtin. Selten beſuchte ſie das Haus des Marineminiſters, bei den Kuͤnſtlern und wiſ⸗ ſenſchaftlichen Leuten ſah man ſie gar nicht mehr: alles dünkte ihr dort unacht und geſchniegelt. Indeſſen erinnerte Hetr von Chamilly ſeine Tochter, wie ihr neuer Umgang weder fuͤr ihr Al⸗ ter noch fur ihre Lage im Leben paſſe. Er hatte ſie mehr als einmal an öffentlichen Orten mit ei⸗ ner gewiſſen Baronin von Chamarante geſehen, deren Leichtfertigkeit gar kein Geheimniß war; er hoͤrte, wie ringsum Jedermann ſich wunderte, daß Frau von Saintène ſich ſoweit vergeſſen koͤnnte, mit berſelben ſich zu zeigen; aber jene erwiderte, daß die ſo hart verdammte Frau ein Muſter von Tugend wäre. Sie hätte die verſchiedenen Kreiſe der Geſellſchaft durchwandelt, und nirgend ſoviel Seelengroͤße und wahrhafte Guͤte gefunden, als bei jenen vorurtheilsfreien Weibern, die der Ge⸗ — tin genſtand der herbſten Ruͤge ſind, und deren einzi⸗ lten ges Unrecht darin beſtaͤnde, nicht in den Schleier ilſa⸗ des Sprödethuns eine Lebensweiſe zu huͤllen, die elbſt oft ſchätbarer, als die ihrer Verlaͤumder ſei. s(Was mich betrifft, rief ſie mit ihrer ge⸗ wiſ⸗ woͤhnlichen Ueberſpannung, ich glaube an kein Un⸗ ehr: recht, das ich nicht ſehe, und ich bleibe die Freun⸗ din der Frau von Chamarante, bis ſie ſelbſt mich uͤberfuͤhrt, daß ſie meines Zutrauens und meiner Anhaͤnglichkeit nicht werth ſei. Somit hoͤrte atte ſie nicht auf, ſich mit der beruͤchtigten Baronin zu t ei⸗ zeigen, und brachte durch dieſe unverſtändige Hart⸗ en, näckigkeit ſich ſebſt um alle Achtung, und wurde nicht mehr von den angeſehenen Leuten angenom⸗ daß men, die ſie noch zuweilen beſuchte. nte, Herr von Chamilly wiederholte ſeine Vor⸗ . Kellungen; ſeine Anſicht wurde ſtets widerlegt, von und da er ſelbſt den Zwang haßte, gewiſſermaßen eiſe die falſchen Grundſaͤtze ſeiner Tochter begründet viel hatte, uͤherließ er ſie dem gefährlichen Strudel, als worein ſie ſich geſtuͤrzt, in deſſen Wirbel ſie, bei wahrlich unverletzter ehelicher Treue, doch mit — 232— Schönen zuſammengeworfen wurde, von denen min keine Zuruͤckweiſung zu beſorgen hat. Zwei Jahre waren vergangen, feitdem Georg Saintène abgereiſt war. Er hatte die ihm auf⸗ getragne Sendung mit Ehren vollzogen, und er⸗ hielt zur Belohnung eine Beſtallung als Schiffs⸗ kapitän. Der Miniſter uberreichte ihm dieſelbe und bezeigte ihm dabei den Wunſch, ihn oͤfters in dem geſellſchaftlichen Kreiſe ſeines Hauſ es zu ſehn, ließ ihm aberzugleich einen gewiſſen Wider⸗ willen ſpuͤten, ſeine Frau gleichermaßen zu em⸗ pfangen, 2 Suntene begriff nicht, was eine folche pein⸗ liche Ausſchließung zu bedeuten habe; er erklärte ſich offen deshalb gegen Floreſtinen, und ſie ge⸗ ſtand ihm: weil ſie den Nacken nicht unter das beſchwerliche Joch der Schrullen der Großen habe beugen wollen, weil ſie bemerkt hätte, wie man ihr deshalb im Hauſe des Miniſters nicht mehr mit der gebuhrenden Achtung begegne: habe ſie ſich Uus deifelben zurückgezogen. Der Kapitän videutete ihr, mit feinen Vorgeſetzten duͤrfe man ten — 233— ſich nicht uͤberwerfen, und er behalte ſich vor, ſie naͤchſtens wieder mit dem Miniſter auszuſöhnen. Bacd mertte er ii daß in den Sä⸗ ſern, welche er vormals beſucht, män ihn zwar mit großer Freube, ihn wiederzuſehn, empfinge; aber von ſeiner Frau mit einer Zurückhaltung, einer gewiſſen Verlegenheit ſprach, die ſein Selbſt⸗ gefuͤhl kräͤnkte, und ſein Ge muͤth beunruhigte. Er beſtuͤrmte mit Fragen ſeine vertrauteſten Freun⸗ de; einige derſelben beobachteten die Maͤßigung, die bei einem Sprudelkopf ſeiner Art nothwendig war; Andre minder beſcheidene, oder mehr be⸗ ſorgte fuͤr ſeine Ehre, geſtanden ihm, daß Flo⸗ eſtine, ohne weſentlich vielleicht etwas Unrechtes zu begehn, doch waͤhrend ſeiner Abweſenheit ei⸗ nen Umgang mit einigen Frauen von verführeri⸗⸗ ſcher Art, oder doch von einem Wandel, der nicht völlig unbeſcholten ſei, angeknuͤpft habe, und daß ſie deshalb nicht mehr in ihren Geſellſchaften ge⸗ ſehen wuͤrde. 3. Georg war außer ſich vor Zorn, tobte wie am Bord, und drohte, er wolle ſeine F Frau Kiel holen⸗ wenn ſie ſich nicht wider die ſchweren Anſchuldi⸗ gungen wuͤrde rechtfertigen können, die ſich wider ſie erhuͤben. Floreſtine kannte das treffliche Hen ihres Gamihts, und erſchreckte uͤber ſein Toben eiwa ſo, als er üter ein Wetter in offener See. Noch an demſelben Tage brachte ſie ihn mit ber Baronin von Chamatante zuſam⸗ menz ſi⸗ ſchien ihm geiſterich, ſiebenswürtig, die alterbeßte Frau. 6 Vehlan ſate ſie, da kennſt Bu die urſache von allen dem Haß, oder viel⸗ mhr von der Sifſucht. womit mich die Spröden unſtes chemälizeniiigangs verfolgen. Man kann mir nicht verzeihe, daß ich die Baronin den Strengthuerinnen vorziehe, welche gemeſſener als wir die äußere Sitte beobachten, im Grunde aber vielleicht nicht ſo unſträflich ſind als wir. Richte nun ſelbſt, guter Georg, urtheile, und wenn Du mich verdammſt, bekenne ich mich ſchuldig und will um Vergebung flehen. Auch ich, verſette Frau von Chamarante mit weicher Stimme, auch ich erwarte mein Urtheil, Capitän; finden Sie, daß ich meine liebe Floreſtine nicht wegen des Un⸗ rechtes haͤtte tröſten ſollen, das ſie ſeit Ihrer Ab⸗ di⸗ der reiſe erlitten hat: ſo unterwerfe ich mich im Vor⸗ aus der Strafe, die Sie mir zuerkennen werden. Saintene ſchloß beide geruͤhrt und entzuckt in ſeine Arme, ſchwur ſeine ſeemänniſchen Fluͤche wider ihre Verlaͤumder, daß das Zimmer wiederhall⸗ te, und nahm ſich vor, dem Erſten, der etwas wider ſie ſagte, eine ſolche Ladung zu geben, daß er ge⸗ wißlich die Seegel ſtreichen ſollte. Indeſſen machte er ſeiner Frau doch bemerk⸗ lich, daß man ſich nicht ſo von ſeinen alten Freun⸗ den abſondern muͤße, und verſprach ihr, ſie mit denſelben auszuſohnen, und uͤberall als Ritter und Buͤrge fuͤr die Baronin von Chamarante auf⸗ zutreten. Eines Morgens, als er ganz allein mit ſei⸗ ner Frau fruͤhſtückte, kommt ein Landmann aus der Gegend der Hauptſtadt, gruͤßt die junge Frau mit laͤchelndem, vertraulichem Geſicht, und ſagt ihr: weil er Korn auf den Markt gefahren häͤtte, käme er auch, ihr Nachricht von ihrem niedlichen klei⸗ mnen Jungen zu bringen. Floreſtine ſaß betroffen und winkte ihm zu ſchweigen, dem hellen Blick des Kapitans entging — 236— dies nicht. Was? fragte er mit geſpannter Stimme, von was fur einem Kinde ſprecht Ihr? Von dem kleinen Prosper, den mein Weib ſaͤugt. Siſind heute gerade ſieben Monate. Der nimmt zu, daß es'ne Luſt iſt. Er ſieht akkurat aus wie die gnadige Frau? 6Ins drei Teufels Ramen. was ſoll das heißen?„Der Mann iſt ein Narr! verſetzte Floreſtine vor Aerger errothend, ein Töl⸗ pel, ein Unverſchämter«Nun, was iſt denn da mehr, daß ich ſage, Ihr Kind ſieht Ihnen ähnlich?— Sſagens ja alle Leute ſo gut wie wir, wenn Sie nach Verrieres kommen ihn zu be⸗ ſuchen.) Ungluͤckſeelige donnerte Saintène mit furchtbarer Stimme, warf Fruͤhſtuͤck und xiſch aufs Parkett und ging, und warf Floreſtinen einen Blick zu, der ihr Herz zermalmte. Sie ſtürzte ihm nach, und rief unaufhoͤrlich: Georg, ich bin unſchuldig! Lieber Georg, laß Dich bedeuten, höre mich doch!) Der Kapitän war zu beſtüpzt, um das Mindeſte zu hoͤren. Er wollte fort, er wußte nicht wohin, aus Furcht ſeine Fran umzubringen. Sie furchtete gar nicht ſeinen Zorn, ſi ie holte ihn an der Stiege ein, als ⸗ —— er darauf und daran war Paris zu verläſſen, die Ehe verfluchte, und die Undankbare, Ungetreue, die er ſo ſehr geliebt, ℳ—— zu — ſchwur. Floreſtine mußte beiiheer Ehre betheuern, ihn durch den Schrei der Wahtheit erſchuͤttern, der däs blindeſte Vorurtheil durchdringt, bevor ſie ihn in ihr Zimmer zuruͤckbrachte. Schnell langte ſie aus ihrem Sekretair eine Schtift und uͤbergab ſie ihm; er uͤberzeugte ſich aufs klarſte, daß der in Frage ſtehende Knabe die Frucht einer heimlichen Ehe ſei und einer jungen Freundin don Floreſtinen ange⸗ höre, die uͤbernommen hatte ihn etziehen zu laſſen, um die Ungluͤckliche vor Rache und Haß eines machtigen Geſchlechtes zu ſchirmen. Georg ſchoͤpfte wieder Athem und auf die heftigſts Em⸗ pörung folgte die troſtlichſte Zuverſicht in feinem Gemuͤth.(In meinen Augen biſt Du getechtfer⸗ tigt, ſagte er: es iſt gut; aber Du biſt es nicht in den Augen der Welt. Frau ohne Ruf, iſt wie ein Schiff ohne Maſt! Mache das Vergangene durch die Zukunft wioder gut; und da wir beis? — 238— Eines ſind, ſo denke daran, daß Georg Saintene nicht gewohnt iſt zu erröthen.v Der Vorfall hatte das Lebensgluͤck Floreſti⸗ nens bedroht; er löſte ihr die Schuppen von den Augen. Sie dachte uͤber die Folgen ihres wun⸗ derlichen Grundſatzes nach Hatte ihr Mann, trotz aller Liebe, trotz alles Vertrauens zu ihr, ſie auf den bloßen Anſchein fur ſchuldig gehalten: wie durfte es ſie befremden, wenn ſie die Liebe und das Vertrauen von fremden achtbaren Leuten ein⸗ gebüßt, da ſie dieſelben, wie oft! durch ihre Un⸗ beſonnenheiten erſchreckt, durch ihre Hintanſetzung des Anſtandes beleidigt hatte? Wie ſehr bereute ſie einem tollen Wahn das Koſtbarſte aufgeopfert zu haben, das eine Frau auf Erden beſitzt, ihren un⸗ angetaſteten Ruf, der die Freude verdoppelt und im Ungluͤck Stärke und Troſt gewährt. Da ſie noch jung und ſchoͤn war, wollte ſie ihre Irrthuͤ⸗ mer gut machem; aber ſie mußte lange und ſchmerz⸗ lich die Art von Erniedrigung fuhlen, worin ihr uebermuth ſie gebracht. Umſonſt nahm ſie ein anſtandiges Weſen an und erlaubte ſich kein keckes Wort, umſonſt behandelte ſie Jedermann mit ne ———— — — 239 eifriger Zuvorkommung, und herzlicher Aufmerkſam⸗ keit. Ihre Zurückhaltung galt fuͤr eine Grimaſſe, ihre niedergeſchlagenen Augen waren laͤcherlich: ihr begegnete in der Welt nur peinliche Gleichguͤl⸗ tigkeit oder demuͤthigende Zuruͤckſetzung. Sie ſah zu ſpaͤt ein, daß man nicht nur in ſeinen eignen Augen, daß man auch in denen von andern tadel⸗ los ſeyn muß, und erlebte, daß eine Frau, welche die ðffentliche Achtung verwirkt, dieſelbe ſchwerlich wiedergewinnt. i anlectti nh 112N Vruaie beſchrzibt unter derſelben Ueberſchrift, welche die folgende Erzaͤhlung fuͤhrt, in einer ſeiner Erzaͤhlungen die beruͤhmten athenienſiſchen Spiele, wo vor dem verſammelten Volke jede Schone fuͤr ihren Geliebten um vien Pris warb, welcher fur den ſchönſten Zug von Ergebenheit und Liebe aus⸗ geſett war, und ſeine Anſpruͤche darauf darthat. Zwiſchen Eglea's, Theone's und Apamis Ge⸗ liebten ſchwankte die Wahl der Richter, ſie hatten alle drei ihre Bewundrung, ihr Laͤcheln, ihre Thränen etregt. Das kleine Meiſterſtuͤck von Anmuth und Gefuͤhl wuͤrde allein hinreichen, den glaͤnzenden Genius ſeines Schopfers zu beweiſen. In mir regte es den Gedanken an, meine Leſerin⸗ nen mit drei Arten bekannt zu machen, welche ft, ter drei junge Frauen angewendet haben, ihre unge⸗ treuen Gatten zu bekehren. Ich denke, ein ſol⸗ ches Mittel iſt in unſern Tagen nicht ganz mit Stilſchweigen zu uͤbergehen, und ich wuͤrde ſo viel Freude etudten, als Voltaire Ruhm erwarb, wenn die folgende kleine geſchichtliche Begebenheit einen einzigen Ungetreuen bekehrte, den Frieden eines Hauſes wieder herſtellte. Drei Freundinnen, die in einer Penſionsan⸗ ſtalt gebildet worden, und von Kindheit an Freude und Leid, Erfolg und Widerwart gemeinſchaft⸗ lich gehabt hatten, blieben einander auch im wei⸗ tern Leben anhaͤnglich, und verkehrten daſelbſt mit der alten Bertraulichkeit. Sie hatten ſich aus drei faſt zu gleicher Zeit verheurathet, Auguſte Merval an Norville, den Ehef einer Abtheilung⸗ der Garde Uhlanen; Aurelia Germigny an Dor⸗ ſange, einen jungen Banquier, den Aſſocis von einem der groͤßten Handelshaͤuſer in Paris; und Clementine Borel an Téligny, den Ordonanzoffi⸗ zier eines franzöſiſchen Prinzen, einen der ſchön⸗ ſter Männet im Heer. Sie verſprachen einander treulich zu erzäͤhlen, was ſie in den Charakteren 2r Theil. D 242— und im Betragen ihrer Maͤnner bemerken wuͤrden, und gemeinſchaftlich zu berathen, was fur Jegli⸗ che von Einfluß auf das Schickſal ihrer Ehen ſeyn konnte.— Das erſte Gluͤck mag man ſo gern beſprechen! Während einiger Zeit beſtanden die Mittheilungen in lauter Seeligkeiten. Es galt, welche das zar⸗ teſte Benehmen ihres Gatten, den herrlichſten Be⸗ weiß von Liebe und Treue aufbringen mochte denn im Anfang der Ehe wird aus Klughett oder Begeiſterung oft ſchon Treue eine Anhaͤnglichkeit genannt, die einige Monate gewaͤhrt hatte. Die drei Freundinnen kamen nicht leicht zuſam⸗ men, ohne ſich gegenſeitig Gluͤck zu ihrer Wahl zu wuͤnſchen, ihre Schickſale zu ſegnen, und dar⸗ auf zu denken, dieſelben noch gluͤcklicher zu ma⸗ chen. In dergleichen Fallen iſt die Freundſchaft nicht eiferſuchtig auf der ehelichen Liebe Huldigung, zuſammen, und ſtreut ſelbſt Blumen und Weih⸗ rauch auf deren Altar. Aber eines Tages, da die drei jungen Ge⸗ 3 fahrtinnen ſich wieder bei einer von ihnen verſam⸗ 6— ſie thut ihre Rechte mit den Anſpruͤchen derſelben — 24— melt hatten, ſchien Aurelia nachdenklich und be⸗ truͤbt. Die zwei andern Freundinnen befragten ſie, und ſie geſtand, daß ſie allerdings wegen Dor⸗ ſange beſotgt ſei. Sein beträchtlicher Gewinn ver⸗ ändre ganz ſeinen Charakter, ſeine Neigung und Gewohnheit, und er bezeuge ſich Tag fuͤr Tag weniger befliſſen ihr Zaͤrtlichkeit zu beweiſen. Vielleicht ſind ſeine wichtigen Geſchaͤfts an die⸗ ſer Zerſtreuung Schuld, ſagte Elementine.«Ach, nein, es iſt baare Gleichgultigkeit Nun, ver⸗ ſetzte Auguſte, Du mußt Dich beklagen, Liebe, Du mußt ihm Vorwuͤrfe machen; reute die giftige Pflanze aus, ehe ſie Wurzel ſchlaͤgt, und Du veugſt dem Schaden vor, den ſie thun koͤnnte. aIch ſollte meinem Mann bden geringſten Vor⸗ wurf machen! O, dazu bin ich zu ſtolz⸗ Ich will mich daburch raͤchen, daß ich ſeine Eiferſucht errege.?(Das Mittel iſt oft gefährlich, fagte wie⸗ derum Elemenzia; ich glaube, in dergleichen Fäl⸗ ten waͤre das Beſte, durch Freundlichkeit zu be⸗ kehren und Reue zu erwecken.* Das kleine Geſpräch der drei jungen Frauen bezeichnete richtig den Charakter einer jeden von 244— ihnen: Frau von Norville war heftig und herrſch⸗ ſuͤchtig, Frau von Dorſange anſpruchsvoll und coquett, Frau von Telygny ſanft und nachſichts⸗ voll. Vergebens warfen die zwei andern ihr ein Uebermaaß von Guͤte und Unterwuͤrfigkeit vor, vergebens behaupteten ſie, ſie verderbe ihren Mann, von dem ſchon mehrere Zuͤge der Untreue bekannt waren, indem ſie ihn gleichſam berechtige, ihr treulos zu ſeyn; ſie wuͤrde es dahin bringen, daß er endlich ganz von ihr ließe: Klemenzia blieb ih⸗ rem auf Erfahrung geſtuͤtzten Grundſatze treu, und behauptete, eine mit Wuͤrde unterwuͤrfige Frau vermöge ſtets am meiſten uͤber ihren Gatten. Nach einiger Zeit beklagte Auguſte ſich ihrer⸗ ſeits auch uber Untreue ihres Gatten, der bis da⸗ hin der beſte der Männer geweſen. Sie hatte ein gewiſſes Brieflein von einer Frau aufgefangen, die wegen ihrer Verfuͤhrungsgabe beruͤhmt war, und zweifelte gar nicht, daß Norville nicht in deren Ketten laͤge.«Ich will ihn verwirrt machen! ſetzte ſie heftig hinzu, er ſoll uͤber ſeine Nichts⸗ wuͤrdigkeit erroͤthen!)«Du thaͤteſt beſſer, ſagte Aurelia, ſeinen Unmuth zu ſtacheln, und Dir ei⸗ —— „ nen Rächer zu wahlen. Du biſt ſchoͤn, Du biſt geſucht, Du haſt die Rache in Haͤnden, und willſt zu Gezaͤnk und mächtigen Worten Deine Zu⸗ flucht nehmen?— Dein Mann wird Dich aus⸗ lachen; verfuͤhre auch Du, und zwinge ihn, Liebe, daß er Dir reuig zu Fuͤßen falle Da iſt keine Verſöhnung, wenn man einmal Gemuͤth und Stolz eines Mannes gekraͤnkt hat, verfetzte Klemenzia. Ein Mann, mit dem man öffentlich gebrochen hat, kann mit Ehren das vorige Verhaltniß nicht wieder anknuͤpfen. Warum faͤngſt Du einen Brief auf, liebſte Auguſte? Du biſt hart fuͤr Deine Unbeſcheidenheit geſtraft Es iſt wahr, ich leide ſchwer; aber wenigſtens bin ich im Rei⸗ nen uͤber mein Geſchick, und kann meine Maßre⸗ geln nehmen. Frau von Norville konnte ſich wirklich nicht enthalten ihrem Mann das fatale Briefchen zu geben, und uͤberhaͤufte ihn dergeſtalt, und mit ſo heftigen Vorwuͤrfen, daß er anfangs kein Woͤrt⸗ chen erwiderte. Als gewandter Kriegsmann ließ er den Feind ſich ein wenig verſchießen, und ver⸗ ſuchte dann allmählig eine Uebereinkunft zu tref⸗ fen. Er geſtand freimüthig, daß die Frau, deren Brieſchen ſie aufgefangen, ihn fluchtig gereizt habe; aber das ſind, ſagte er,— kleine Scharmuͤtzel, welche die Ehe nicht zu Grunde richten. So wie die leichten Truppen, wenn ſie eine Zeit lang geſtreift haben, ſich freun, wieder zum Hauptheer zu ſtoßen: ſo kehrt auch ein ſoldatiſcher Ehemann, nach einigen Streifzuͤgen, zu ſeiner Frau gluͤckſeliger und liebender als jemals zuruͤck. Der Scherz in dieſen Worten verſchleierte eine ehrenvolle Abbitte und treuliche Wiederkehr; doch ſie reizten feindſelig Auguſten. Sie ſah in denſelben einen erſchwerenden Hohn; mehr als je uͤberließ ſie ſich ihrem Ungeſtum, und vergaß ſich ſo weit, ihrem Mann mit einer Trennung zu drohn. Er lachte dazu, und verſuchte wiederholt ſie zu größerer Nachſicht zu bewegen: ein gutes Wort von Auguſtens Lippen, und er lag zu ihren Fuͤßen; doch er erlangte es nicht. Er verſicherte ihr zu wie⸗ derholten Malen, daß er ſie ſtets lieben wuͤrde, als die Frau, die er auf der ganzen Welt am mei⸗ ſten achte: doch endlich wurde er es muͤde, eine unuͤberwindliche Veſte zu belagern, ein unbeſieg⸗ 44 47—— ———— hares Herz zu beſtuͤrmen, und riß aus von Hy⸗ mens Fahnen. Auguſte wollte ſich auffallend rä⸗ chen. Die Erbitterung beider Gatten veranlaßte Vermögensſtreitigkeiten; ſie wurden klagbar wider einander; wurden ein Gegenſtand der oͤffentlichen Neugier, die alles Aergerliche hervorhebt: auf ewig erhob eine Schranke ſich zwiſchen ihnen. Norville traf bald in einer andern Frau auf die milde Nachſicht, die ſein Herz begehrte, und be⸗ wies ſich treu dieſen neuen Banden. Auguſte, deren Liebe ihrem ungeſtuͤm gleich war, lebte ein⸗ ſam und ungluͤcklich, und erkannte zu ſpaͤt, daß es zum häuslichen Gluck nicht allein der Tugend, ſondern auch einer freundlichen Tugend bedarf. Sie aͤußerte ihren beiden Freundinnen un⸗ aufhoͤrlich Bedauren und Schmerz, und die An⸗ haͤnglichkeit und Fuͤrſorge beider vermochte nicht, ſie fuͤr das, was ſie verloren hatte, zu entſchädi⸗ gen.„Du haſt meinem Rath nicht folgen wollen, ſagte Aurelia, Du mußteſt Norville qualen und ihm einen Nebenbuhler zeigen; als Franzoſe und als Soldat haͤtte er keinen Nebenbuhler gelitten. — 248— Da hätten ſie ſich geſchlagen— cEs kommt nicht allzeit einer bei einem Duelle um; und der Ritter, der fur ſeine Dame verwundet wird—„ Hat ihre Ehre auf ſeinem Gewiſſen, wenn er nicht ihr Mann oder ihr Bruder iſt v fiel Kle⸗ menzia ein. Nun, fuhr Aurelia fort, da Dor⸗ ſange nicht Soldat iſt, und da er nach dem, was ich merke, vielleicht ſchuldiger als Norville und eben ſo untreu als Féligny iſt, ſo zeige ich mich oͤffentlich mit einem der ſchoͤnſten jungen Männer; ich will dem Ungetreuen Verdruß machen, ich will ſeine Eiferſucht doch erregen, und binnen einem Monate bringe ich ihn Euch hierher, beſchämt, unterwurfig, und enger als je von des Banden umſchlungen, an die er, ſcheint es, nicht einmal mehr denkt.y Frau von Dorſange richtete ihren Plan in's Werk. Tagtäglich ſahe man ſie, von einem neuen Kavalier begleitet, öffentlich erſcheinen. Sie zeigte ſich allein mit demſelben im Wagen, im Hinter⸗ grunde einer Loge im Theater, auf den entlegen⸗ ſten Spaziergaͤngen. Bald hatte die Laͤſterung *6 bemerktz das war, was Aurelia begehrte. Wenn 4 8 u * M S S — 249— ſie nach Hauſe kam, erſpaͤhte ſie die Miene ihres Gatten, hoffte ſich ſeines Verdrußes, ſeiner Ver⸗ legenheit zu erfreun; doch keine Spur davonzeigte ſich in ſeinem Geſicht. Er redete ſtets zu ihr mit derſelben Ruhe, derſelben Gleichguͤltigkeit. Er trieb die Sorgloſigkeit und Spott oft ſo weit, daß er fragte, wie hoch ſich, einen Tag in den andern gerechnet, die Zahl ihrer taͤglichen Eroberungen beliefe? wie es ihr in ihrer neuen Loge im franzs⸗ ſiſchen Theater gefiele? ob ſie noch immer mit ih⸗ rem neuen engliſchen Kutſcher und ihren Fuͤchſen zufrieden waͤre? wie lange ſie in Anteuil zu woh⸗ nen gedaͤchte, wo ſie eine allerlibſte Wohnung be⸗ ſaßen, damit er nachher auch herausziehn könnte? Aurelia antwortete ihm beſtuͤrzt und verdrüßlich, voll Verzweiflung ob ſeines grauſamen Gleich⸗ muths, und ſchwor nichts mehr zu ſchonen. Sie heuchelte eine heftige Leidenſchafe fuͤr einen jungen ſchoͤnen Mann, einen parfuͤmirten Gecken, und erhob denſelben foͤrmlich zu ihren Cicisbeo. Es war ein Dichterling, der Romanzen und Blumen⸗ ſtraͤuschen verſelte, und ſich fuͤr den Parni, Bouff⸗ lers und Demouſtiers des heutigen Frankreichs — 250— hielt. Frau Dorſange kam um, wenn er ihr ſeine Verslein verſagte. Der neueſte Muſenalmanach enthielt empfindſame Stanzen, an die ſchöne Aurelia, von bem neuen geckenhaften und un⸗ beſcheidnen Triſſotin. Er hielt ſich für angebetet von derſelben, und ruhmte ſich üͤberall ſeiner glän⸗ den Eroberung. Dorſange war keineswegs unmuthig über jene erotiſchen Huldigungen und die beruͤhmte Lieb⸗ ſchaft ſeiner Frau, die ſie ſelbſt beſcheidentlich mit der Liebe von Petrarch und Laura verglich. Er lachte zuerſt daruͤber und ſprach uͤber Aureliens wuͤrdigen Ritter, als uͤber einen dienſtfertigen Wohlthäter, der ihn von einer laͤſtigen Buͤrde be⸗ freite. Beſchäͤmt, erzuͤrnt, ſah dieſe ſich durch ihre Koquetterie in Nachtheil geſetzt, und begann zu furchten, daß ſie ihren Mann durch das Mittel, welches ihr unfehlbar duͤnkte, ganz von ſich ent⸗ fernen werde. Sie verzweifelte ganz und gar an demſelben, als ſie ein Billet geleſen hatte, das ſie eines Tages bei der Ruͤckkehr aus dem Schauſpiel auf ihrem Kamin fand. Es enthielt die folgen⸗ den Worte: do T ſ ic ſ ch Sie ſind gar liebenswuͤrdig, gnaͤdigſte Frau, daß Sie einer Aufſehen erregenden, buͤrgermaͤßigen Trennungzwiſchen uns zuvorkommen. Sie haben ſich als eine ausgezeichnete Frau bewieſen; als ein Zeichen meiner Dankbarkeit dafuͤr, verdopple ich Ihr Jahrgehalt. Leben Sie Ihrerſeits nun ſo frei, als es Ihnen beliebt; ich werde meiner⸗ ſeits daſſelbe thun. Wenn wir uns zufällig bei unſern Ausfluͤchten treffen ſollten, ſo wollen wir uns das Wort geben, uns in unſrer beiderſeitigen Freiheit nicht zu hindern und unſre Wuͤrde zu be⸗ haupten. Das Billet zerriß Jurelien das Herz: ihren anmaßungsvollen Vorwitz ſahe ſie gedemuthigt, ihre Liebe mißhandelt; denn trotz ſeiner Untreu liebte ſie ihren Mann. Sie legte die Schrift dem verſammelten Freundinnenkreis mit bittern Thraͤ⸗ nen vor.„Du haſt meinem Rath nicht folgen wollen, ſagte Auguſte, Du mußteſt ſtuͤrmen, drohn, das Wechſelherrlein einſchuͤchtern—«Du muß⸗ teſt es beſſer machen, ſprach Klemenzia mit ihrem gewohnten Gleichmuth: Du mußteſt verſuchen ſeine Liebe wieder zu erwerben)„Das gluͤckt — b5 Dir ſehr, verſetzte Auguſte; Dein Mann geht alle Tage auf neue Etoberungen aus, er gilt uͤberall fuͤr den furchtbarſten Verfuͤhrer!!„Bei Hofe und in der Stadt hoͤrt man von nichts als von ſei⸗ nen Liebeshaͤndeln, ſetzte Aurelia hinzu. Meine arme Klemenzia, Du triffſt es nicht beſſer als wir. cWenigſtens mache ich es beſcheidener, und in der That beſitze ich einen Talisman, den Ihr nicht habt, ich bin Mutter. „Mir ſcheint, das erſchwert noch Teligny's Schuld.v (Darum muß ich um ſo nachſichtiger ſeyn. Ich wäre gluͤcklich, wenn mein Mann, wie Eure Maͤnner, nur kleine, fluͤchtige Liebeshaͤndel haͤtte, voruͤbergehende Verhaͤltniſſe, die Laune ſchließt und loͤſt.— Wißt nur, daß Teligny bei allen ſeinen verliebten Streifzuͤgen eine ernſtliche Leiden⸗ ſchaft fuͤr eine pohlniſche Dame gefaßt hat, die ſchoͤn iſt, wie ein Engel, und daß ein Kind aus dieſer geheimen Verbindung entſprungen iſt, ein allerliebſtes kleines Weſen, ganz das Ebenbild des Vaters, deſſen Liebe nun meine Emma mit ihm theilen muß.«Und Du biſt nicht losgebrochen? 60 tief Frau von Norville, Du erträgſt es, daß ein fremdes Kind das Recht Deiner Tochter an ſich reißt? eSolk ich das unſchutbige Geſchöpf der Lſebe ſeines Vaters berauben? aIch ertruͤge es nicht, ſagte Aurelia. Wäre ich Mutter geweſen, und mein Mann haͤtte ſich ſo weit vergeſſen, nimmermehr hätte er mein Kind wieder zu ſehen bekommen. ciſp Du hůtteſt die Laſt Deiner Rache auf Dein Kind gewaͤlzt!— Nein, ich bin gerechter, ich habe mehr Stärke; meine erſte Pflicht iſt, Emma die Liebe ihres Vaters zu erhalten und ihm die Liebe ſeiner Tochter. Ich will Euch noch mehr ſagen. Ihr werdet mich uͤber meine Grille aus⸗ lachen; aber trotz Teéligny's unbeſtändigem Cha⸗ rakter, ſeiner unerſättlichen Begier zu glänzen und Liebe zu erwecken, die ihm immer wieder von mir entfernt: ſei's Vorgefuͤhl, ſei's Wahn, deſſen mein Herz bedarf, ich verzweifle nicht, ihn noch zu mir zuruͤckzubringen und an den Bund der Pflicht zu ketten.» — 4— Ja, wie ich Norville zuruͤckgebracht habe, fagte ſeufzend Auguſte.«Und ich Dorſange,» ſetzte Aurelia mit bitterm Laͤcheln hinzu. cLieben Freundinnen, wie kann man Maͤnner durch Zank und Schmach anziehn? Der Maͤnner Herz iſt noch viel ſtolzer, als das unſre; wenn es Alles vergißt, Beleidigungen vergißt es nicht, ſie graben ſich dem⸗ ſelben mit unauslöſchlichen Zugen ein.— Ihr habt gehandelt, jedwede nach ihrer Weiſe, laßt mich nach meiner Art verfahren; und uͤberwinde ich die Hinderniſſe nicht, die ich vorausſehe, und die mich nicht ſchrecken, ſo habe ich doch peinliche Erörtedungen vermieden, oder gar ein Aufſehn, deſſen Opferjederzeit einzig und allein die Frau iſt.* Klemenzia beharrte bei ihrem Vorhaben. Rie entdeckte Téligny das mindeſte Woͤlkchen auf ihrer Stirn, nie hoͤrte er einen Vorwurf von ihren Lippen. Immer friedvoll und heiter beim Anblick ihres Gemahls, beſeitigte ſie mit Klugheit in ih⸗ rem vertrauterem Geſpräch, was auf ihr gegen⸗ ſeitiges Verhaͤltniß irgend Bezug litt; und ihre vamals ſiebenjaͤhrige Tochter war ſtets um ſie, und ſchien ihr eheliches Band zu veſtigen. Téligny fret wo hei ihn c Je an vei ſol freute ſich uber die zarte, unwandelbare Umſicht, „N womit ſeine Frau ihm auch die kleinſte Verlegen⸗ ben heit und Schlinge erſparte, und es erweckte in nk ihm hohe Achtung fuͤr ſie. Lenkte im Geſpräch och Jemand unverſehends in ſeiner Gegenwart die ißt, Rede auf die Ruͤckſichten, welche Ehegatten ein⸗ em⸗ ander ſchuldig ſind, ſo behanptete ſie, daß einer Fhr vernuͤnftigen Frau kein Opfer zu groß duͤnken aßt ſollte, um es dem haͤuslichen Frieden, dem vor⸗. nde zuͤglichſten Gut darzubringen: ſie ging ſo weit zu und verſichern, daß, wenn ein Mann, durch natuͤr⸗ iche lichen Hang zur Unbeſtändigkeit, oder von einer hn, Leidenſchaft hingeriſſen, die Pflicht des Ehe⸗ ſt. v gatten hintanſetzte, ſeine Frau allein das heilige en Feuer auf Hymens Altar huͤten muͤſſe, und nur auf darauf denken, ihre Nebenbuhlerinnen an Geduld, ren Anhaͤnglichkeit und Schonung zu uͤberbieten.«Es lick giebt keine Untreue, fuhr ſie fort, wie weit die ih⸗ Ausſchweifung ſich verirrt haben mag, welche en⸗ auf die Laͤnge der Wirkung widerſtehn kann, die hre ein ſtilles Leiden und ein tadelloſer Wandel her⸗ nd vorbringt. Ein ſolches Geſtaͤndniß, das ein ſchöner Mund mit Grazie und Anmuth ablegte, erregte einige Wallung in Téligny, deren er ſich muͤhſam erwehren konnte. Er durfte Klemenzia nicht mit den andern Schoͤnen, die er verfuͤhrt, nicht ein⸗ mal mit der jungen Pohlin, ihrer gefaͤhrlichſten Nebenbuhlerin, vergleichen: der Vergleich waͤre zu ſehr zu ihrem Vortheil ausgefallen, er hätte ihn auf ſeiner glänzenden Siegesbahn aufhalten können. Er ergab ſich alſo geſchwind der alten Flatterhaftigkeit, und ermangelte nicht durch neue Eindruͤcke den Eindruck zu zerſtoͤren, den Klemen⸗ zia auf ſein Gemuͤth bewirkt. Indeß erneuerte ſich jener Eindruck ſo oft⸗ als ſie ſich zuſammenfanden, und Teligny ver⸗ mied auch ſo ſehr, als er vermochte, die Gegen⸗ wart und das anmuthige Geſpräch ſeiner Frau. Ein politiſches Ereigniß entzog ihn völlig der Gewalt der Tugend, die Klemenzia mit ſo viel Be⸗ ſcheidenheit uͤbte, und ſchaffte ihm reiche Gelegen⸗ heit zur Verfuͤhrung⸗ Zwiſchen den Höfen von Frankreich und Nea⸗ pel ward ein erlauchtes Buͤndniß geſchloſſen; es veranlaßte das Oberhaupt des Staates, der Sitte ge lic Te ru wo tre ſel nic Wwe im erl der am mit in⸗ ſten aͤre ätte lten lten teue nen⸗ oft, ver⸗ gen⸗ rau. der Be⸗ gen⸗ Rea⸗ z es Sitte gemaͤß, den fremden Herrſchern durch außerordent⸗ liche Botſchafter davon Meldung zu thun, und Teligny wurde zu einer ſolchen Botſchaft an den ruſſiſchen Hof beſtimmt. Der ehrenvolle Auftrag war ihm um ſo willkommner, als er ihm das Gluͤck verſchaffte, vor den Kaiſer Alexander zu treten, der den Pariſern ſo theuer iſt, und der ihm ſelbſt auf dem Schlachtfelde das Leben mit den Worten gerettet hatte:„Wollte Gott, daß es nicht der letzte Franzoſe ſei, den ich erhalte! Dieſe Worte, welche die Geſchichte aufgezeichnet, waren in Téligny's Seele eingegraben; er zitterte im Voraus vor Freude bei dem Gedanken, ſeinen erlauchten Retter wiederzuſehn. Er reiſte ab, zum großen Leidweſen aller Schonen, die ſeiner Herrſchaft huldigten, nach⸗ dem er ſeine Abſchiedsgruͤſſe unter ſie vertheilt und von ſeiner Frau und Tochter ſich beurlaubt hatte. Es ſchien Klemenzia, als ſei er beim Scheiden von ihr und Emma bewegt geweſen, und als habe ſein letzter Blick ihr verbuͤrgen wollen, er wuͤrde ihrer gedenken. Doch kaum hatte er die Haupt⸗ ſtadt von Rußland erreicht, ſo uberließ er ſich un⸗ 2r Theil. ———— beſchränkt ſeinem Leichtſinn und dachte an nichts mehr als an Glänzen und Verfuͤhren. Im Taumel der Luſt vergaß er vollig Klemen⸗ zia's, und ſogar ſeiner ſchönen Pohlin. Kaum hatte er ihnen ſeine Ankunft gemeidet; er ſchwebte am Hofe zu St. Petersburg in einer höheren, ätheriſchen Region, und hatte nichts mehr mit den Erdkindern zu ſchaffen. Drei Monate waren verfloſſen, drei Jahr⸗ hunderte Klemenzien, drei Augenblicke ihrem gluͤck⸗ lichen Gatten. Aus öffentlichen Blaͤttern, aus Privatnachrichten erſah ſie einzig, in welcher Ehre und Freude ihr Mann am ruſſiſchen Hofe lebte, und zweifelte nicht an dem, was ſie aus denſel⸗ ven nicht erſah: daß er ſeine Zeit dort wohl benu⸗ tzen werde. Die drei jungen Freundinnen ſetten inzwiſchen regelmäßig ihre kleinen Zuſammenkuͤnfte fort; aber ach, es gab von wichtigen Dingen da⸗ bei nicht viel zu handeln. Teligny ſchrieb an Klemenzia nicht ein einziges Mal, und ſchien ſie ganz vergeſſen zu haben. Auguſte hatte Norville ein einziges Mal ſeit ihrem Rechtsſtreit geſehen, er hatte Paris verlaſſen, und trachtete nur nach hts en⸗ um bte en, mit hr⸗ uͤck⸗ aus hre bte, ten ille — einer geſetzlichen Scheidung, um ſich mit ſeiner neuen Gefährtin zu vermaͤhlen. Aurelia traf zu⸗ weilen mit Dorſange zuſammen, jedoch wie mit einem Fremden, den ſie kaum kannte, oder wie mit dem Geſchaͤftsfuͤhrer ihres abweſenden Gat⸗ ten. Er lebte auf dem alleruͤppigſten Fuß, tag⸗ täglich hatte er neue Wagen, neues Geſchirr, hielt Logen in allen Theatern, und nahm bei je⸗ dem neuen Geldcours eine neue Maͤtreſſe: kurz, ſein Aufwand erregte Beſorgniß wegen ſeines Cre⸗ dits, und Aurelia bangte ſelbſt wegen ihrer Mit⸗ gift. Auguſte konnte die Leidenſchaft und Treue Norvilles gegen eine Frau nicht begreifen, die we⸗ der jung war, noch ſchoͤn. Klemenzia kraͤnkte das grauſame Stillſchweigen Téligny's, ſie verſchloß ihren Gram in ihre Seele, und wäͤhnte, er werde den Winter uͤber in Petersburg bleiben und erſt gegen die ſchoͤne Jahrszeit nach Paris zuruͤckkehren, um glaͤnzend, wie der Fruͤhling ſelbſt, hier aufzu⸗ treten. Ploͤtzlich meldete ihr ein Brief mit dem Stem⸗ pel von Hamburg, den er ihr in der Eil geſchrie⸗ ben hatte, daß binnen zehn Tagen er bei ihr ſeyn —— werde. Er fugte hinzu, wie er ſich ein paar Tage aufhalten muͤſſe, wegen der ſchrecklichen Ermuͤ⸗ reiſe, und der er die äußerſte Schonung ſchuldig ſei. cAlſo ein neues 2 hinzu, wenn es mit Teligny ſo ohne Abentheuer abgelaufen wäre: das iſt ſt gewiß irgend eine Helena, die der ſchone Paris entführt.» Petersburg nach Paris iſt ſo lang; man muß dar⸗ auf denken, ſich unterwegs nicht zu langweilen— ſo unverwuͤſtlichen Gleichmuth, eine ſo heldenmä⸗ ßige Ergebung ihrer Freundin zu bewundern; es ſchien ihnen faſt, ſie haͤtten, wenn ſie deren Bei⸗ ſpiel gefolgt wären, ihre Gatten allmaͤhlig dem und Sanfimuth allzeit auch auf den untreuſten, hochfahrendſten 2 Mann üben. Gram von demſelben geſchieden. Anfangs wollte dung einer jungen ruſſiſchen Dame, die mit ihm Opfer?? ſagte Auguſte.«Es ſollte mich ſehr gewundert haben, fuͤgte Aurelia Klemenzia ver⸗ ſchluckte einen Seufzer und ſagte:«Der Weg von Auguſte und Aurelia konnten nicht umhin, einen milden Einfluß auch unterworfen, den Geduld Die ſchone Pohlin vermeinte Teéligny' s Herz ganz ausſchließlich zu beſitzen und war mit tiefem — 9 2 „— „ ⸗ m — ſie ihn nach Rußland begleiten; aber ihre kleine Liſinka ertrug damals eine ſolche Reiſe nicht: ſie blieb bei ihrem Kinde, und hoffte, er wuͤrde we⸗ nigſtens mit ihr einen fleißigen Briefwechſel un⸗ terhalten, wobei ſie leichter die Quaal der Tren⸗ nung uberſtaͤnde. Sie vermochte nicht mit glei⸗ cher Stäͤrke, wie Frau von Teéligny, die gänzli⸗ che Vergeſſenheit des geliebten Mannes zu tragen. Das Geruͤcht verkuͤndete ihr ſeine galanten Aben⸗ theuer in St. Petersburg, und ſie fuͤhlte daruͤber einen ſo heftigen Gram, daß ihre Geſundheit all⸗ mählig wankte. Fern von den Ihren, allein in Paris, eine Verfuͤhrte, Verlaſſene, der Reue Preisgegebene, fuͤhlte ſie ihren Tod herannahen. Sie ſchrieb an Téligny während ſeines Aufenthal⸗ tes in Hamburg, daß ſie mehr als je ihn liebend, verſcheide, und empfahl ihm ihr Kind. Der Brief machte einen lebhaften Eindruck auf ihn. Die ſchoͤne Ruſſin, die mit ihm reiſte, bemerkte die Veraͤnderung ſeiner Miene; doch der ſchlaue Ver⸗ fuͤhrer gab einen ganz andern Grund derſelben, als den wahren, an. Endlich, in den letzten Ta⸗ gen des Oktobers kam er nach Paris. Er fuͤhrte ——— 3 — alsbald ſeine Reiſegefaͤhrtin in ein Monatszim⸗ mer, und eilte dann nach der neuen Straße des Mathurins, wo ihn Frau von Teéligny erwartete, welcher er genau den Tag ſeiner Ankunft gemel⸗ det. Am Fuße der Stiege traf er ſeine Tochter Emma, die nun ohngefaͤhr das zehnte Jahr er⸗ reicht hatte. Sie fiel ihm um den Hals und ſagte beziehungsvoll: Verſprich mir eine Bitte zu ge⸗ waͤhren!„Befiehl, liebes Kind, antwortete Teligny, und druͤckte ſie an ſein Herz, und ſuchte Klemenzia mit den Augen. aSag an, mein Kind, laß mich wiſſen, was betrifft Deine Bitte?„ (Du wirſt es ſchon erfahren. Aber nicht wahr, Du haſt verſprochen, ſie zu erfuͤllen? Du biſt ſo gut. Du verſprichſt es mir wieder. O⸗ wie mich das freut!5 1% Unter ſolchem Geplauder fuͤhrte ſie den Va⸗ ter in ihrer Mutter Gemach. Als dieſe die Stim⸗ me ihres Mannes vernahm, wurde ſie bewegt, erſchuͤttert, und ſchwankte zwiſchen Furcht und Hoffnung. Teligny war verwundert, daß ſie ihm nicht entgegengekommen ſei; er fuͤhlte ſich von dieſer Gleichgultigkeit beleidigt, trat ein; doch — —————— ———— 26 wie erſtaunte er beim Eintritt und wurde geruͤhrt, als er auf dem Schoos ſeiner Frau die kleine drey⸗ jahrige Liſinka erblickt, die ſie aufs zärtlichſte liebkoſt. Das Kind erkannte ihn nicht ſogleich, er konnte es nicht verkennen, er nahm es auf den Arm, betrachtete ſeine Frau mit entzuͤcktem Auge, und haͤtte alles verrathen, haͤtte Klemenzia nicht ihm zugewinkt, an ſich zu halten. Dies ſchoͤne Kind, ſagte ſie, hat keine Mutter mehr. Es iſt das Kind einer Ausländerin, die in der Bluͤthe der Jahre dahingerafft iſt. Man hat es vor ei⸗ niger Zeit zu mir gebracht, ſein Geſicht, ſein gan⸗ zes Weſen, ſeine unſchuld haben mich geruͤhrt⸗ — aund die Mutter hat es mir zur Schwe⸗ ſter geſchenkt, fiel Emma haſtig ein, wenn Du es erlaubſt. Das war es, darum wollte ich Dich bitten.(Bedenke auch wohl, meine Tochter, verſetzte Frau von Teligny, was Du mir dagegen verſprochen haſt. Das von Dir zur Schweſter angenommene Kind wird alle Rechte einer wirkli⸗ chen Schweſter von Dir genießen.* cJa, liebe Mutter.v Du wirſt nicht eiferſuͤchtig ſeyn wegen mei⸗ — 264— ner Liebe zu ihm, nicht auf die Soſg Dei⸗ nes Vaters 25 aO nein, Mutter. Ich werde ſeine Gou⸗ vernante ſeyn, ich werde ihm alles lehren, was ich ſelbſt weiß; was ich habe, will ich mit ihm theilen. Auch Dich lieb haben— ſtammelte die kleine Liſinka und breitete die Arme gegen ſie aus. Nun ſo fehlt nichts, als die Einwilligung Deines Vaters. Bitte ihn, daß er ſeine Liebe zwiſchen Dir und Liſinka theilen wolle, und Euch beide als ſeine Kinder ſegne.? Emma kniete nie⸗ der mit der kleinen Angenommenen vor ihm, und mit zitternder Stimme, mit Augen voll Thraͤnen ſegnete Teligny ſie beide. cJa, ihr ſeid beide meine Kinder, meinem Herzen gleich theuer, ich mache Euch zu Schweſtern, und meiner Zartlich⸗ keit fuͤr Euch kommt nichts gleich auf der Welt, als meine Liebe und Bewundrung fuͤr Eure an⸗ betungswuͤrdige Mutter! Du haſt mich beſiegt, rief er, und ſank nieder vor ſeiner Frau: Dir zu widerſtehn iſt unmoglich; ich weiche der Ge⸗ walt der Tugend— ————— — cTéligny, was machſt Du? Kinder, geht! — rief Klemenzia mit heftiger Erſchuͤtterung, voll Furcht, daß er Illes vor den Kindern verta⸗ the. Nein! fuhr er fort, als ſie allein waren, nein, nie hat ein Weib meine Seele ſo ſeelig er⸗ ſchuͤttert, mich mit dem hohen Gefuͤhl, daß ſie mein ſei, erfuͤllt. Liebe Klemenzia, Engel von Guͤte und Rachſicht, Du giebſt mich mir ſelbſt zu⸗ ruͤck, Du vernichteſt die unſinnige Raſerei, die mich befangen hielt. Bei Dir fuͤhle ich wohl, daß alle die Eroberungen, worin ich mir ſo ſehr gefiel, gegen Deine Achtung nichts ſind. Dein Gatte zu heißen, iſt zu beneidenswerth, um den Namen nicht heilig und theuer zu halten. Aber ſage mir, ich beſchwöre Dich, wie kommſt Du zu dem Kinde? aSobald ich hoͤrte, daß die Un⸗ gluͤckliche, die ich Dir nicht nennen mag, geſtor⸗ ben ſei, verſetzte ſie, erkundigte ich mich nach die⸗ ſer Kleinen, da ich vorausſetzte, ſie ſei ihrem Va⸗ ter theuer. Die Waͤrterin, welcher ſie anvertraut war, konnte meinen Bitten, der Hoffnung eines geſicherten Daſeyns nicht widerſtehn, und iſt zu mir gezogen, unter der Bedingung, daß ich die — 266— Herkunft des Kindes nicht zu wiſſen begehrte. Emna findet in Deinem Kinde geliebte Zuge wie⸗ der, der geheime Trieb der Natur wirkt in ihr Liebe zu dem Kinde, ſie hat gefordert, daß ich es ihr zur Schweſter gaͤbe; das Uebrige weißt Du. Alſo, indeß ich das Geluͤbde, das ich Dir gelobt habe, vergaß und verrieth, indeß ich von Rußland mit dem Gegenſtand einer neuen Liebe zuruͤckkomme, mit einer Frau, die ich in meinem Taumel ſo frech geweſen waͤre zu Dir zu fuͤhren, denkſt Du nur daran meine Liſinka zu ſchirmen und mir das reinſte Vatergluͤck zu bereiten!y rief Teligny durchaus erſchuͤttert. «Jene Frau haͤtte ich nicht geſehen, mein Freund. Denn ſo weit geht meine Nachſicht nicht, daß ich vergaͤße, was ich mir ſelbſt und unſerm Kinde ſchuldig bin. Meine Ruhe und mein Gluck konnte ich aufopfern; aber Deine Achtung wollte ich mir bewahren; ſie iſt das Einzige, was mir blieb.» (Das Einzige?— Nie hat dies trunkene Herz ſeeliger geliebt. Glaube nicht, daß es eine voruͤbergehende Flamme, dies eine Verfuͤhrungs⸗ ————— — — 26— floskel ſei, an die ich mich leider gewoͤhnt habe: nein, nein, es iſt tiefes, unwandelbares Gefuhl, ich kehre mit Stolz zu der Feſſel zuruͤck, die mir Liſinka ſo werth macht. Dieſes war ein Erguß voll Offenheit und Wahrheit. Der Unbeſtaͤndigkeit und der Verfuh⸗ rungskuͤnſte uͤberdrußig, hatte Teéligny ſchon län⸗ ger das Bedurfniß der Anhaͤnglichkeit empfunden; es war ihm redlicher Ernſt mit der Bekehrung von ſeinen Verirrungen. Er vermied alle Gele⸗ genheiten, welche die Gefallſucht in ihm wieder haͤtten aufregen koͤnnen, zu der er nach Alter und Ausſehn noch berechtiget war. Er dachte nur auf das Gluͤck ſeiner Frau, der er ſein Gluͤck dankte, und ward der treuſte, iebenswuͤrdigſte Gemahl, nachdem er der untreueſte und gleichguͤl⸗ tigſte geweſen. Aurelia und Auguſte konnten ſich nicht genug verwundern; Klemenzia's gluͤckliches Loos er⸗ ſchwerte das Schickſal, welches die eine ihrem hochfahrenden Sinn, die andre ihrer unuͤberlegten Koquetterie zuſchreiben mußte. —————————————— In Voltaires allerliebſter Erzählung bleiben die Richter unentſchieden, welcher von den drei ſchönen Athenienſotinnen, die mit ſo vieler Bered⸗ ſamkeit fuͤr ihre Geliebten geſprochen, der Preis zuzuerkennen ſei? Ich hoffe, meine Leſerinnen bleiben nicht unentſchieden, welche von meinen drei jungen Frauen zum Vorbild zu wählen ſei, und haben ſich ſchnell beſtimmt fur die eine von den drei Arten. ———— ———— ———— Es iſt zu ſpaͤt. Htinn Belleval hatte mit ſiebzehn Jahren den Freiherrn von Saint⸗Pol geheurathet. Er war Generalinſpektor der Waͤlder und Waͤſſer im Ardennendepartement, ein ſtarker Zecher, kuͤh⸗ ner Jäger, dem bereits die Beſchwer des Alters erreichte. Die Heurath mit ſeiner Frau war nur eine Uebereinkunft, welche das Intereſſe traf, und wurde ganz wider die Neigung des Fräuleins von Belleval geſchloſſen. Sie mußte habſuͤchtigen Aeltern darin gehorchen, welche nur das Vermoͤ⸗ gen des Barons in Erwaͤgung zogen und das Gluͤck ihrer Tochter dem Zufall uͤberließen: ein allzugewöhnlicher Fall, daß bei dem Ehebuͤndniß nur auf die Morgengabe Ruͤckſicht genommen und die Gleichheit des Alters, die Uebereinſtimmung, der Geſinnung und Gemuͤthsart gar nicht in Betrachtung gezogen wird. Nicht ſich waͤhlen, ſondern ſich vermaͤhlen! iſt heut zu Tage der Wahlſpruch, und die meiſten jungen Mädchen denken, das ganze Gluͤck ihrer Zukunft enthalte der Hochzeitkorb; ſie begreifen nicht, wie eine Frau ungluͤcklich ſeyn könne, die einen Juwelen⸗ ſchrein hat, zwei äͤchte Shawls, einen Spitzen⸗ ſchleier und allerhand Putz. Aber dieſer praͤchtig geſchmuͤckte Korb iſt oft gleich Pandorens Buͤchſe, aus der ſich alles Unheil uͤber die Erde ergoß. Hadriane ward ſehr ungluͤcklich durch ihr neues Verhaͤltniß. Der alte Freiherr, der ge⸗ wohnt war in Wald und Forſt zu leben, von ſeinen zahlreichen Untergebnen den blindeſten Ge⸗ horſam zu erfahren, behandelte ſeine junge Ge⸗ mahlin mit Haͤrte, und ließ ihr theuer die Vor⸗ theile buͤßen, welche er ihr im Ehecontrakt zuge⸗ ſagt hatte. Gluͤcklicherweiſe lebte ſie nicht lange unter ſeiner Botmaͤßigkeit, welche ihr täglich beſchwerlicher fiel. Zwei Jahre nach ihrer Heu⸗ rath ſtarb er vor Zorn, und hinterließ ſeine Frau als Witwe, im neunzehnten Jahr, im Beſitz eines — — 27— großen Vermoͤgens und eines Antlitzes, das ihr Witthum eben nicht verunzierte. Ihre Aeltern ſtarben auch nicht lange nachher, und ihr blieb keine verwandte Seele, außer eine juͤngere Schwe⸗ ſter von ſieben Jahren, Nini Belleval, die Toch⸗ ter einer zweiten Ehe ihres Vaters, welche ganz arm war, und deren Erziehung ſie uͤbernahm. Nach dem Trauerjahr ſiedelte Frau von Saint⸗Pol ſich mit ihrer Schweſter in Paris an, und gab dieſelbe in eine Erziehungsanſtalt, um 3 keineswegs durch ſie bei der Lebensweiſe gehindert zu ſeyn, die ſie ſich vorgeſetzt hatte. Der Grimm, daß ſie ein Opfer der unbarmherzigen Habſucht ihrer Aeltern hatte werden muͤſſen, daß ihr die ſchoͤnſten Tage des Lebens an der Seite eines kränklichen, widrigen, eiferſuͤchtigen Gatten ver⸗ — ſtrichen waren, flößte ihr eine unuͤberwindliche Abneigung wider ein neues Eheband ein, und machte ſie auch der Liebe unzugaͤnglich, welche Schuld war an ihrer bisherigen Pein. Sie ge⸗ —,—— diejenigen quaͤlen wollte und zur Verzweiflung bringen, die ihr huldigen wuͤrden. Zu dieſem lobte, Gluͤck und Ruhm darin zu ſetzen, daß ſie —˖————————.— .———— Endzweck ſetzte ſie alle Triebfedern der Coquet⸗ terie in Bewegung, und wurde die verfuͤhreriſchte und gefaͤhrlichſte Frau. Die erſten Opfer, welche ihr fielen, waren junge Vorwitzige, die keinen Begriff hatten, wie eine Witwe von zwanzig Jahren ihren An⸗ griffen und Verführungen widerſtehen könne. Sie ſpielte denſelben, einem nach dem Andern mit. Dem einen erregte ihr ſchmachtender Blick trunkne Hoffnungen, dem andern bezeigte ſie einen⸗ entſchiedenen Vorzug durch gefliſſentliche Zerſtreu⸗ unhen, durch ein truͤbes Sinnen; dieſem ließ ſie eine Blume, welche ihr entfallen war, und die er aufgehoben hatte, gleich als vermoöchte ſie nicht dieſelbe von ihm zuruͤckzufordern; Jenem gab ſie ein Schnupftuch in Verwahrung, in deſſen einer Ecke er ſeinen Namenszug, mit dem ihrigen verſchlungen, erblickte: kurz, ſie erlaubte ſich jede Liſt, benutzte jeden Fallſtrick, um eine Menge von Anbetern zu ihren Fuͤßen zu ſehn, deren be⸗ flſſene Aufmerkſamkeiten ſie ſchadlos hielten fuͤr das, was ſie von dem alten Freiherrn von Saint⸗ Pol hatte erdulden muͤſſen. — 28— Doch die Gewalt, welche ſie uͤber alle Ehe⸗ luſtige ausuͤbte, genuͤgte ihrem Ehrgeiz nicht; ſie trachtete auch junge Gatten zu beſtricken, denen ihr eheliches Verhaͤltniß theuer war. Kein Menſch wußte gewandter die Achtung und das Vertraun junger Frauen zu erwerben, in das Innere der Hausweſen ſich einzudraͤngen, als Frau von Saint⸗ Pol. Erhob ſich unter Mann und Frau ein Ver⸗ druß, ein unbedeutender Zwiſt, ſo verſtand ſie, indem ſie der Frau Recht gab, dem Manne das Unrecht derſelben bemerklich zu machen. Bezeigte dieſer ein beſondres Wohlgefallen an einem Talent, welches ſeine Frau nicht beſaß; ſo erwieß ſich jene mit Anmuth als deſſen maͤchtig, und bewirkte ſo das erſte Erkalten. Lag eine ihrer Freundinnen aus Nachlaͤſſig⸗ keit oder Unwiſſenheit, indem ſie bei ihr war, den Pflichten der Hausfrau gegen Gaͤſte nicht gehoͤrig ob, geſellte Hadriane ſich zu ihr, unter dem Vor⸗ wand ihr dienſtfertig beizuſtehn, zog alle Ehrener⸗ weiſungen an ſich, welche jener gebuͤhrten, und hatte ſie bald voͤllig ausgeſtochen. Erſuchten, von dem Geſchmack gereizt, der 2r Theil. S — 274— Eleganz, die ihr eigen war, ſie junge Frauen, die ihr an Schoͤnheit gleich kamen, zu irgend einem glaͤnzenden Feſte, wo ſie zuſammen erſcheinen ſollten, ihren Anzug zu beſtimmen: ſo wußte die Coquette ſchlau der Blonden gelbliche„der Brau⸗ nen rothliche Farben aufzuſchwatzen, der Magern weit ausgeſchnittene Kleider, der Kleinen, Unter⸗ ſetzten hohe Beſatze und ungeheure Halskragen; ſo daß jede um den Vortheil von dem ihr eigen⸗ thuͤmlichen Reiz gebracht und irgend ein Mangel an ihr hervorgehoben war, um allem Reiz und aller Anmuth der treuloſen Rathgeberin zur Folie zu dienen. Eine Mutter, die mit ihr verträut war, ſtellte ihr den zukunftigen Gemahl ihrer Tochter vor, und zog ſie in das Geheimniß einer ſolchen Verbindung. Hadriane beſchaͤmte durch das blen⸗ dende Geſchwaͤtz einer Weltfrau das beſcheidene Schweigen des jungen Mäbchens und die Zuruͤck⸗ haltung der Verſchaͤmtheit, bis der Verlobte ſeine Erwaͤhlte in ſolchem Schatten erblickte, daß er ſich von ihr zurückzog, ein Verhältniß loſte, das den Wuͤnſchen ſeiner Familie entſprach, und das — 275— Herz, das ſie beſtrickt, und ſeine Hand der ſcho⸗ nen Wittwe anbot, der es eine unausſprechliche Luſt war und der hoͤchſte Triumph beides abzu⸗ lehnen. So trieb ſie lange ihr heilloſes Spiel, das um ſo verderblicher ward, je mehr die Fertigkeit Gefuͤhl zu heucheln, alles wahre Gefuͤhl bis auf die letzte Spur bei Frau von Saint⸗ Pol ertoͤdtete, nicht einmal Freunde hatte ſie mehr: denn die Freundſchaft mag dem nicht traun, welcher der Liebe mitſpielt. So fuͤhlte ſie eine ſchreckliche Leere des Daſeyns, der Glanz, die ſtrahlende Heiterkeit, die gluͤckliche Laune, welche ſie in der Welt auszeichneten, wichen, ſobald ſie ſich allein befand, einer unbezwinglichen Traurigkeit, einer Niedergeſchlagenheit, die ſie vergebens ſuchte zu zerſtreun. Sie erſchrack ob der Oede, welche ſie um ſich her geſchaffen, ſchaute voll Unruh in die Zukunft, und begann einzuſehn, daß die Coquette, welche alle ihre Liebhaber höhnt, ſich am aͤrgſten ſelbſt betruͤgt. Sie hoffte ſich vor der Vereinzelung, in der ſie lebte, zu retten, indem ſie ihre Schweſter wie⸗ S 2 der zu ſich naͤhme, die das vierzehnte Jahr erreicht hatte; ihr gluͤckliches Naturell, ihr unſchulds⸗ voller Liebreiz ſollten ihren Truͤbſinn zerſtreun und ſie in einſamen Stunden erheitern. Nini Belleval verließ nicht gern die Erziehungsanſtalt, wo ihre erſte Jugend verfloſſen war, um zu ihrer Schweſter zu ziehn, deren Schoͤnheit, kuͤhne Art, deren Anſpruͤche vor allen und innere Harte ſie einſchuͤchterten. Die Gefallſucht fuhrt unver⸗ merkt zum Egoismus, zur Unfreundlichkeit gegen die Gefährten des haͤuslichen Lebens; wer gleich⸗ guͤltig iſt, fuͤhlt ſich auch nicht geliebt, wer alle täuſcht, kann Niemand traun, und wie jener Sittenlehrer ſagt, der das weibliche Herz vor⸗ zuͤglich ergruͤndet hat:„Die Coquetterie iſt der Schwind der Seele. Anfangs uͤberhaͤufte Hadriane Nini mit Fuͤr⸗ ſorge und Freundlichkeit. Sie war ein Engel von Sanftmuth und Guͤte, eine zuvorkommende Freundin, eine unterthaͤnige Sklavin. Da gab es keine haͤusliche Sorge, welche der armen Klei⸗ nen nicht aufgelaſtet wurde; und allzeit gelaſſen, unmſichtig, geſchickt, machte ſich dieſelbe ihrer — . 2 77—— Schweſter bald nothwendig, und gewöhnte ſich ſelbſt an alle ihre Launen. Nini war nicht ſchoͤn, allein ihr Geſicht war angenehm und voll Ausdruck. Ihr Blick forderte keine Huldigung heraus, er ſenkte ſich im Gegen⸗ theil, ſo oft er mit einem andern zuſammentraf, und ihr Erroͤthen ſchien dabei von der Ueberzeugung herzuruͤhren, daß ſie nicht ſchoͤn ſei. Sie war klein, doch wohl gebaut; die Lebhaftigkeit ihrer Bewegungen erhoͤhte den Reiz derſelben. Ihre Stimme war bezaubernd und ſie that den Mund nicht auf, ohne ein zweckmäßiges, freundliches Wort zu ſprechen. Ihr höchſter Putz beſtand in einem Madonnenkleide von weißem Perkal, das ſie ſich ſelbſt gemacht, und das ſich auf das anmu⸗ thigſte um die keuſchen Umriſſe ihres zierlichen Leibes ſchmiegte. Zu ſolcher Einfachheit hielt ſie Hadriane an, die es hoͤchſt vortheilhaft fand, ſich öffentlich mit ihrer Schweſter zu zeigen, die ihr bis an die Schulter reichte, deren beſcheidnes Aeußere, deren ſchuͤchternes Ausſehn und unſich⸗ rer Schritt zu ihrer hohen Geſtalt, ihrer freien Haltung und der ungemeinen Regelmaͤßigkeit ih⸗ rer Geſichtszuͤge den auffallendſten Gegenſatz bil⸗ deten. Man meinte Calypſo im Geleit ihrer jüng⸗ ſten Nymphe zu ſchauen. Auch empfand Hadri⸗ ane ein geheimes Vergnuͤgen dabei ſich von einem funfzehnjährigen Mädchen Schweſter nennen zu hören: man konnte nicht glauben, daß ſie ſo viel älter ſei, und dieſe Tauſchung war ihr nichts weniger als gleichguͤltig; denn die Eitelkeit berech⸗ net Alles, der kleinſte Umſtand, welcher ihr vor⸗ . theilhaft ſeyn kann, wird von ihr nicht vernach⸗ laͤßigt. Faſt immer ſah man deshalb Nini an der Seite ihrer Schweſter, und dieſe, welche keine Ahnung von den Berechnungen einer Co⸗ quette hatte, ſchrieb der Zärtlichkeit ihrer Schwe⸗ ſter das Verlangen zu, ſie ſtets an ihrer Seite zu haben, in die glänzendſten Geſellſchaften ſie ein⸗ zufuͤhren, wo freilich Niemand ſie bemerkte, aber wo ſie wenigſtens unvermerkt einen Weltton und eine Gewandheit annahm, wodurch ihre zarte Be⸗ ſcheidenheit noch reizender wurde, und wogegen die aͤußerſte Einfachheit ihrer Kleidung auffallend abſtach. Es gab indeſſen doch einige Männer, welche 2— Eigenheit oder Erfahrung vor der Einwirkung des Zaubers bewahrt hatten, der von Frau von Saint⸗Pol ausging. Es gab ſogar einige, wel⸗ che ſie gefliſſentlich nicht auszeichneten, wie viel Muͤhe ſie ſich geben mochte, deren Blicke auf ſich zu ziehn. Zu den letzteren gehoͤrte der Ritter von Creſſy, der durch Liebesabentheuer beruͤhmt war, auf deſſen Eroberung die beruͤhmteſten Schoͤnhei⸗ ten ausgingen, um deſſen mindeſte Huldigung ſie buhlten. Er war das Hrakel der Frauenkabinet⸗ ter, er beſtimmte den Rang der Schoͤnheiten des Tages: die Frau, welche ſich ſeines Beifalls nicht erfreute, konnte auf keinen bedeutenden Ruf der Schoͤnheit zahlen. Hadriane bewarb ſich ſehr um jenes außerordentliche Gluͤck; aber er hatte un⸗ ſchwer die Coquette durchſchaut und mochte nicht von ihr gefoppt ſeyn. Die ſchoͤne Witwe warf dem furchtbaren Rebellen umſonſt die ausdrucks⸗ vollſten Blicke zu; er trotzte ihnen mit ruhigem oder zerſtreutem Geſicht, mitunter mit einem un⸗ ertraͤglichen Laͤcheln. Sie beſchloß demnach den Angriff aufzugeben, und das unverwundliche Herz ſeiner ruchloſen Gleichguͤltigkeit zu uberlaſſen. 280— Doch eben jener Widerſtand veranlaßte in Hadrianens Bruſt die erſte Regung von Liebe. Herr von Creſſy ſtand in den Lebensjahren, wo das Juͤnglingsalter in die Mannheit uͤbergeht. Sein Vermoͤgen, ſein Name, ſeine glaͤnzenden Eigenſchaften unterſtuͤtzten das Adeliche ſeines We⸗ ſens, die anmuthsvolle Bedeutſamkeit ſeiner Ge⸗ ſtalt. Sie hatte ihn an ihren Siegeswagen ket⸗ ten wollen, und mußte ſeine Feſſeln tragen. Gleich Armiden, hatte ſie jenem zweiten Rinald widerſtehn wollen und den Streich abwehren, wo⸗. mit ſein Anblick ihr Herz getroffen; allein auch ihre Stunde war gekommen, und die Liebe, mit deren Sprache ſie ſo oft eſuwet ließ ihre Ge⸗ walt ihr fuͤhlen. Nichts deſtoweniger geſt ſie der Nei⸗ gung zu widerſtehn, von welcher ſie ſich hingeriſſen fuͤhlte. Sie wußte, daß eine Coquette alle ihre Gewalt einbuͤßt, ſobald ſie wirklich liebt; jedoch die Natur machte die Anſtrengungen ihrer Klug⸗ heit zu nichte, und wenn ſie zufällig ihren Ueber⸗ winder erblickte, bemaͤchtigte ſich ihrer eine Ver⸗ wirrung, eine Trunkenheit, die zu verhehlen ſie 2— nicht im Stande war. Sie ſuchte jede Gelegen⸗ heit auf, dem liebenswuͤrdigen Mann, in deſſen Hand ihr Schickſal lag, näher zu kommen. Ihr Benehmen in der Welt war ſo gänzlich veraͤn⸗ dert, daß man glaubte, ſie haͤtte eine neue Ver⸗ fuͤhrungsmethode erſonnen. An die Stelle des laͤnzenden Aufzuges der ſchimmernden Hoffarth, womit ſie ſonſt in Geſellſchaft auftrat, war ein einfaches, gehaltenes Aeußere getreten, beſcheid⸗ ner Anſtand, ſchuͤchterne Blicke. So oft Herr von Creſſy ſich ihr naͤherte, zeigte in ihrem Ge⸗ ſicht ſich eine Veränderung, die er ſelbſt fuͤr nichts, als fur ein verändertes Maskenſpiel hielt, um ihn in's Garn zu locken., Sproͤdethun und Coquetterie ſind zwei Ge⸗ genſätze, die einander beruͤhren. Hadriane merkte den Irrwahn des Ritters, allein wie vermochte ſie denſelben zu zerſtreun? Sie hatte ſo oft Liebe geheuchelt, indeß ihr Herz gar nichts davon em⸗ pfand, daß man nicht mehr glaubte, ſie hege in Wahrheit ein Gefuͤhl, womit ſie ſo lange Hohn getrieben. Der Ritter hoͤrte einſtweilen von allen Seiten, wie er der Gegenſtand des geheimen Ver⸗ 282 langens der ſchoͤnen Wittwe ſei, er glaubte ſelbſt an ihr Merkmale eines Sinnes wahrzunehmen, der ſich in eignen Schlingen gefangen ſieht: auch der gleichgültigſte Mann bleibt nicht gleichgultig bei dem Vorzug, den öffenrlich eine ſchone und geſuchte Frau ihm giebt; er naͤherte ſich Frau von Saint⸗Pol und machte ihr anfangs obenhin den Hof. Bald legte er eine Staatsviſite bei ihr ab, derſelben folgten mehrere andre: Hadriane hoffte, der unuͤberwindliche Ritter fuge ſich; er brachte zu ganzen Stunden bei ihr zu, er folgte ihr in Geſellſchaft, er begleitete ſie in's Theater. Sie zwei⸗ felte ſchon gar nicht mehr, daß er eine geheime Neigung fuͤr ſie fuͤhle, ein wahrhaftes Gefuͤhl der Liebe, und gab ſich unbeſchraͤnkt den Träumen der glucklichſten Zukunft hin. Da ſie es fuͤr vortheihaft fur ſich hielt, im⸗ mer in Begleitung ihrer jungen Schweſter zu er⸗ ſcheinen, da es ihr außerdem zu frh duͤnkte, ſich allein mit Herrn von Creſſy zu ſehn: ſo hatte ſie Nini gewöhnt in dem Salon zugegen zu ſeyn, wenn er da war, doch ſich ſo weit weg vom Sofa als moͤglich zu ſetzen, um dem Geſpraͤch durchaus — 283— keinen Zwang aufzulegen, und dabei durch ihre Gegenwart doch dem Wohlſtande genug zu thun. Das gute Kind zog ſich alſo gewoͤhnlich in die Blende eines Fenſters zuruͤck, das auf den Gar⸗ ten ging, und beſchaͤftigte ſich dort mit Naͤharbeit, ſobald Herr von Creſſy, fuͤr den ſie eine beſondere Vorliebe ſpuͤrte, eintrat, und ſo lange er blieb. Sie verließ dieſen Platz nur, um ihrer Schwe⸗ ſter oder ihm ſelbſt irgend einen Dienſt zu leiſten; denn dienen war ihr liebſtes Geſchaͤft, ihrem Leben zur unveraͤnderlichen Gewohnheit. Herr von Creſſy richtete ſelten das Wort an ſie, ſie antwor⸗ tete ihm erroͤthend, doch mit Theilnahme. Er hörte von Hadrianen, daß ſie keinerlei Vermoͤgen beſaͤße, und deßhalb wenig Ausſicht zu einer Ver⸗ maͤhlung haͤtte.«Ich erhalte ſie darum in einer beſcheidnen Anſpruchsloſigkeit, die ſie dereinſt kei⸗ ner Entbehrung ausſetzt; ſie wird mich nie ver⸗ laſſen, auch nicht, wenn ich wieder einen Herrn wählen ſollte. Einen Herrn, gnädigſte Frau, wer waͤre nicht ſtolz, Ihr Sklave zu ſeyn 25 — 284— Das Geſpräch ſpann ſich dermaßen weiter: von Seiten Hadrianens breit ausgelegte Grund⸗ ſaͤtze, moraliſche Bemerkungen uͤber das wahre Gluͤck der Ehe von Seiten des Chevaliers. Frau von Saint⸗Pol ſah in jedem ſeiner Worte eine feine Eroͤffnung, ein augenſcheinliches Verlangen, ſein Loos mit dem ihren zu verbinden, und be⸗ muͤhte ſich, ihm ein Bild von der Gluͤckſeligkeit zu entwerfen, womit ſie ihren zukuͤnftigen Gatten zu umgeben gedaͤchte; er ſeinerſeits ſprach mit hinreißender Waͤrme von dem Beduͤrfniß eines lebenslaͤnglichen Vereines, eines ſichern Stuͤtz⸗ punktes im Daſeyn und eines Endes des Wir⸗ bels von Eroberungen und Verfuͤhrung, wobei die Eigenliebe befriedigt wird, aber das Herz ei⸗ nes rechtſchaffenen Mannes des nöthigen Genußes entbehrt.«Ich bitte um Erlaubniß, gnaͤdige Frau, dies Geſpräch wieder aufzunehmen. Mein Herz bedarf, ſich rein auszuſprechen. Ich glaubte das Gluͤck gefunden zu haben, das ich lange ge⸗ ſucht, und ich bekenne, daß es mir ſuͤß waͤre, es von Ihrer Hand zu empfangen! Sobald er fort war, uͤberließ ſich Hadriane unverholen der aͤußerſten Freude, und Nini theilte dieſelbe mit aufrichtigem Erguß des Gemuͤthes. aO liebe Schweſter, ſagte ſie, und kuͤßte ihr die Haͤnde, wie lieb will ich den guten Herrn von Creſſy haben, wie ihm danken, daß er Dich gluͤck⸗ lich macht, wie will ich fuͤr ihn ſorgen, und wie freue ich mich darauf ihn meinen Bruder, meinen 08 — —— guten Bruder zu nennen! Nun, Nini, ſei beſcheiden, und ſprich zu Niemand, wer es auch ſei, von dieſem Heuraths⸗ plane. v (Du weißt, Schweſter, daß kein Geheim⸗ niß je uͤber meine Lippen gekommen iſt. v «Ich habe auch nicht angeſtanden, Dich zu unſern Unterhaltungen zuzulaſſen. Sofort am folgenden Morgen erſchien Herr Hadriane hatte eine noch ſorgfältigere Kleidung gewaͤhlt, wobei jedoch die Sittſamkeit mit der Coquetterie wetteiferte. von Creſſy wieder, ohngefaͤhr zur ſelbigen Stunde. Nini, die an nichts dachte, als was ihrer Schweſter zur Freude ſeyn koͤnnte, hatte ſich mit Fleiß einfacher noch, als ſie gewöhnlich pflegte, gekleidet. Ein duͤrftiges — leinenes Kleidchen, ein Linontuch, darin beſtand ihr ganzer Anzug; ihr Haar leicht aufgeſtochen, mit einem gewoͤhnlichen ſchildkrotenen Kamm, darin beſtand ihr ganzer Kopfputz: ſie ſah mit einem Wort mehr wie eine junge Nätherin, als wie die Schweſter der Hausfrau aus; alſo ſaß ſie am Fenſter, und nahte einen praͤchtigen Spiz⸗ zenkragen fuͤr Hadrianen. Das Geſpräch zwi⸗ ſchen dieſer und Herrn von Creſſy wurde beider⸗ ſeits mit Theilnahme angehoben Herr von Creſſy that mit innigem Tone ſein Verlangen kund, rein ſeiner ſelbſt wegen und von einem Herzen, das zum erſten Mal liebt, geliebt zu werden. Frau von Saint⸗Pol liebte zum erſten Mal und uͤberließ ſich der Wonne, die ſie durchdrang, und ließ dem Ritter keinen Zweifel, daß ſie ſich ſelbſt fur den Gegenſtand ſeiner Wahl hielt. Er wollte mit Zartheit dem Irrthum begegnen, und fuͤgte hinzu, daß Welterfahrung und Weltſtudium ihn belehrt haͤtten, unter glaͤnzenden, an Huldigun⸗ gen gewoͤhnten Frauen nicht ſeine Gemahlin zu ſuchen, ſondern unter unbemerkten, einfachen, reinen Gemuͤthern, die nie Zärtlichkeit und Ruͤck⸗ 00 . ſicht genug fuͤr den Mann zu hegen waͤhnen, der ſie in ihrer Vergeſſenheit aufgeſucht. Vorzug⸗ lich, ſetzte er hinzu, wuͤnſchte ich eine Unserechtig⸗ keit des Gluͤckes zu verguͤten, und nur ein ſolches junges Madchen zu heurathen, das gar kein Ver⸗ mogen beſaͤße, und mir zu aller Mitgift nichts als eine gluͤckliche Naturanlage und ein friſches Gemuͤth brächte, das liebte ohne Ruͤckſicht, treu wäre aus Liebe ſowohl, als aus Pflicht, und ihr eignes Gluͤck im Gluͤck von andern ſuchte. Ihre liebenswuͤrdige Schweſter vereinigt alle dieſe Vorzuͤge, und ich bitte Sie um die Hand derſelben.„Mein Herr! ſagte Nini tieferrs⸗ thend und zitternd, indem ſie aufſtand, weßhalb ſpotten Sie meiner?? Sie wollte weiter reden, doch ein hochfahrender Blick ihrer Schweſter ge⸗ bot ihr herauszugehn. aIn der That, hub Hadriane mit bleichem Geſicht und zitternder Stimme wieder an, als ſie fort war, wie ſoll das arme Kind ſich ein Gluͤck traͤumen, das ſie mir beſtimmt hielt? aIhnen, gnaͤdige Frau? Sie haben ſo oft die Ehe verwuͤnſcht, und machen einen zu guten Gebrauch von Ihrer Gluͤcke zu erwerben, — 288— Freiheit, als daß es mir hätte je einfallen können, an Ihren Beſit zu denken.„ (Aber, mein Herr, Ihre Befliſſenheit mich zu begleiten, zu beſuchen—5 Hatte keinen andern Zweck, als das himm⸗ liſche Gemuͤth Ihrer liebenswuͤrdigen Schweſter chten, und mir die Gewißheit von dem welches mir die Verbindung mit ihr zu verheißen ſchien, die ich wuͤnſche und wozu ich mir nochmals Ihre Zuſtimmung erbitte. 5 aIch glaubte wahrlich nicht, daß mein Schwe⸗ furchtbare Nebenbuhlerin zu beoba ſterlein mir eine ſo waͤre. «Sie, Ihre Nebenbuhlerin! Wem könnte len? Sie ſind beſtimmt zu glänzen, das einfa zu erobern, alle Herzen ihrer Herrſchaft zu unter⸗ werfen. Jener Loos iſt, ein einziges zu beſitzen.* (Dies einzige hätte ich allen andern vorge⸗ zogen.—* aIch bitte Sie, ſuchen Sie nicht die Zahl Ihrer Opfer durch mich zu vergrößern. Es 2 zu ſpaͤt— — 289—— sUnd warum wollten Sie an einem wahren, tiefen Gefuͤhl zweifeln? Ich geſtehe es, ich habe mich als eine leichtſinnige Coquette betragen: ich hatte zuviel waͤhrend meiner erſten Ehe gelitten, um eine zweite zu ſchließen, und ich ſuchte das rechte Gluͤck in der Sucht zu glaͤnzen, zu verfüh⸗ ren— ich habe, wie Sie, die ſcheußliche Oede dieſer Erfolge der Eitelkeit erfahren, wie Sie, fuhle ich das Beduͤrfniß zu lieben, mich fur's Le⸗ ben anzuſchließen. Sie ſagen mir, es ſei zu ſpät.— Nur was mich betrifft, der ich einzig Ihre junge Schweſter zu lieben vermag, ſo viel Andre, gnaͤdige Frau, wuͤnſchen Sie, bewundern Sie— Was helfen mir die Andern, ſie ſuchen um⸗ ſonſt mein Herz zu ruͤhren. Ich muß dieſen ant⸗ worten, wie Sie mir: es iſt zu ſpaͤt. Aber es iſt nicht zu ſpät das Loos meiner Schweſter zu be⸗ grüͤnden. Ihr Antrag iſt zu vortheilhaft und eh⸗ renvoll, als daß ich ſuchen ſollte ſie eines Gluͤckes zu berauben, das ich fuͤr mich gewuͤnſcht. Sie iſt die Ihre. 2r Theil. T ———————— — 200— Die Hochzeit wurde binnen wenigen Tagen darauf vollzogen, zur groͤßten Verwunderung von Nini Belleval, die nicht begreifen konnte, wie ein Mann, wie Herr von Creſſy, ſie ihrer ſo ſchoͤnen, ſo verfuͤhreriſchen Schweſter vorzöge. Bei mehr Einſicht hoͤrte dieſe Verwunderung auf, und ihre Anhaͤnglichkeit fuͤr ihren Gatten mehrte ſich täg⸗ lich. Ihre Ehe war glucklich und friedvoll. Ganz anders war das Loos der Frau von Saint⸗Pol. Eine tiefe Schwermuth zerſtoͤrte die Heiterkeit ihres Geiſtes und den Glanz ihrer Schoͤnheit. Vergebens ließ ſie, um ſich zu zer⸗ ſtreuen, wieder alle Triebfedern der Coquetterie ſpielen; es entſtanden daraus nur Demuthigun⸗ gen fur ſie. Die Frauen, deren Liebesverhaͤltniſſe, deren haͤusliche ſie geſtoͤrt, verfolgten ſie mit bo⸗ ſem Leumund, und die Maͤnner, welche ſie noch zu entflammen waͤhnte, ſetzten ihr eine Gleichgul⸗ tigkeit entgegen, welche zu ſagen ſchien: es iſt zu ſpät. Bald ſah ſie ſich aus Häͤuſern verwieſen, wo man ſie vordem mit Entzuͤcken aufgenommen hatte; nur einzig ihre Schweſter empfing ſie ſtets —— — 291— mit Zuvorkommung. Doch der Anblick des Herrn von Creſſy bewirkte allzeit eine Erſchuͤtterung in Hadrianens Gemuͤth, der ſie nie Meiſter werden konnte; er ſelbſt ſah nicht ungern, wenn ſie ſeine Frau ſelten beſuchte, und erlaubte dieſer auch nie, ſich oͤffentlich mit ihrer Schweſter zu zeigen. Im fuͤnf und dreißigſten Jahre war die Co⸗ quette von fruͤheren zahlreichen Freunden verlaſſen, und nur von emigen Schleichkünſtlern noch ge⸗ ſucht, die ihr Vermogen anlockte. Ihr Gemuͤth wurde erbittert, ihr Liebreiz ſchwand dergeſtalt, daß ſie eines Morgens, als ſie vor ihren Spiegel trat, ſelbſt uͤber die Veraͤnderung ihres Geſichts erfchreckte, und mit einem ſchmerzlichen Seufzer ſprach: es iſt zu ſpät. ———— luͤbde entheiligen, vorausſehen könnten, wieviel Ein einziger Fehltritt. * Wenn junge Frauen, bevor ſie das eheliche Ge⸗ —— Sorge und Erniedrigung, wie viel Angſt und Pein ſie ſich dadurch bereiten, wuͤrden ſie nicht ſo 6 leicht dem Frieden des Gemuͤthes entſagen, der dann unwiederbringlich verloren iſt, der öffentlichen Achtung, worauf das geſellſchaftliche Daſeyn be⸗ ruht, und um welche ein einziger Fehltritt ſie bringt. Eine ausſchweifende Frau raſ't wider ſich ſelbſt, ſie erniedrigt ihr Geſchlecht: es raͤcht ſich,. indem es ſie verachtet. Sie ſetzt Ruhe, Ehre, Leben derjenigen, die ihr theuer ſind, aufs Spiel: und hofft ſie Entſchadigung von der frevelhaften— Leidenſchaft, welcher ſie ſich hingegeben hat? Eit⸗ — 293— les Hoffen! Derjenige, wegen deſſen ſie ihren Gatten verrathen hat, verraͤth ſie wieder. Gleich⸗ guͤltigkeit, Verlaſſenheit, Verachtung ſind der Lohn fuͤr dergleichen Opfer. der ſie gluͤht, wird nur in Thraͤnen erloͤſchen. Eine gerechte Zuruͤckſetzung vertreibt ſie aus der Welt, in welcher ſie geſucht und glaͤnzend gelebt⸗ ſie muß ihre Reue in der Einſamkeit verhehlen, und nur ein erborgter Name ſchirmt ſie hier vor Sie lebt allein, kein Band umfaͤngt ſie mehr; kein Vertrauter ih⸗ rer Quaal, die Schmach des Bekenntniſſes wuͤrde dieſelbe verdoppeln; die Gegenwart iſt ihr zuwider, die Zukunft erſchreckt ſie: ſo nahet ihr langſam ein trauriges Alter, und ſie erkennt zu ſpaͤt, daß Selbſtverachtung das groͤßte aller moͤglichen Ue⸗ bel iſt. Fuͤr Camilla von Epernay, die Tochter des Platzcommandanten einer bedeutenden Grenzſtadt in Flandern, hatte der junge Saint⸗Lambert, der einzige Erbe des achtbarſten Fabrikherrn in Valenciennes, eine heftige Leidenſchaft gefaßt. Die Verwandten des jungen Mannes verſuchten Die Flamme, von der Schande, welche ſie verfolgt. S — — ——— — — . — umſonſt ihn von dem Verlangen einer Verbindung abzubringen, welche ſie ſeinem Gluͤcke nachtheilig erachteten; er lebte nur in Camillen, er konnte. dem wonnevollen Zauber ihres Geſichtes, dem wolluͤſtigen Ausdruck ihres Blickes nicht widerſtehn. Eamillens Vater beſaß kein Vermoͤgen, als den Ertrag von ſeinen Poſten: er durfte nicht hoffen ſie mit einem Manne verbunden zu ſehn, deſſen Hand die reichſten Familien des Landes fuͤr ihre Toͤch⸗ ter wuͤnſchten; und nicht ohne Schwierigkeit er⸗ hielt auch Saint⸗Lambert die Einwilligung ſeiner Aeltern zu dieſer Heurath. Sie fanden das junge Maädchen ſchön, liebenswuͤrdig, wohlerzogen; aber ſie bemerkten eine Gefallſucht an ihr, welche die Unverletztheit des ehelichen Geluͤbdes eben nicht verbuͤrgte. Saint Lambert rechnete dagegen auf ihre Dankbarkeit, indem er ſie den glaͤnzendſten Ver⸗ bindungen vorzog, und hielt ſich ihrer Liebe verſi⸗ 18 chert. Eine vollkommene Uebereinſtimmung der Reigungen, der Gemuͤthsart waltete zwiſchen beiden: ſie ſchienen vom Schickſal fuͤr einander ge⸗ ſchaffen. Die gewuͤnſchte Vermählung wurde zu großer Freude von Camilla's Vater vollzogen, und — 295— mit zahlreichen Feſten gefeyert, deren ſchoͤnſte Zier freilich die junge Vermählte war, wobei ſie ſich aber ſtets bsmuͤht zeigte, aller Blicke auf ſich zu ziehn, aller Herzen zu erobern. Saint⸗Lambert, den ſeine Frau immer mehr bezauberte, ſah in ihrem Benehmen nur die Ausuͤbung der natuͤrlichen Gewalt, welche Grazie und Schoͤnheit beſitzen. Je mehr ſie glaͤnzte, um ſo mehr entbrannte ſein Gemuͤth fuͤr ſie, um ſo mehr fand er ſeine Eitelkeit befriedigt durch ihren Beſitz. Bald wurde ſie Mutter, und eine Tochter, der ſie das Leven gab, ſchien das eheliche Band zwiſchen ihnen noch zu veſtigen. Der brave Epernay hatte einige Verſetzungen, die unter den Platzcommandanten vorgefallen wa⸗ ren, benutzt, um nach Valenciennes verlegt zu werden, und verſchaffte ſich dadurch die Freude, bei ſeiner Tochter zu leben und das taͤgliche Gedei⸗ hen der kleinen Adele zu beobachten, deren nied⸗ liches Geſicht und ſeltene Faͤhigkeiten verhießen, ſie wuͤrde einſt nicht minder reizend, als ihre Mutter ſein. Die eifrige Sorgfalt, welche dieſe letztere ihrem Kinde bewies, machte ſie ihrem Gemahl theurer als je zuvor. Inmitten von Reichthum, offentlicher Achtung, angebetet von ihrem Gatten, am Herzen eines Vaters, den ſie liebte, die Freude von deſſen Alter ſie war: was gebtach ihrem Gluͤck? Ruhig genoß ſie deſſelben waͤhrend der erſten Kindheit Adelens, deren Weſen ſich unglaublich raſch entwickelte, und die ſchon die Wonne ihrer Aeltern war. Der gute Epernay machte einen Abgott aus dem Kinde; wenn er es auf dem Schooß oder auf dem Arm hielt, bot ſein Gluͤck dem Gluͤcke jedes Sterblichen Trotz; er lebte wie⸗ derum auf in dem Kinde, und hoͤhnte der Senſe der Zeit. Das Schickſal erſchuͤtterte die Zufriedenheit der ehrenwerthen Familie. Binnen weniger Mo⸗ nate Friſt verlor Saint-Lambert ſeinen Vater und ſeine Mutter, und ſah ſich im alleinigen Beſitz des ungeheuren Vermogens, das ſie durch vierzigjährigen Fleiß erworben, und an der Spitze den Kantenmanufacturen, welche ſie errichtet hat⸗ ten. Als das Trauerjahr voruͤber war, beredete Camilla, die ſchon laͤngſt die kleine Stadt zu —— verlaſſen wuͤnſchte, in der nichts der Tuͤcke des Neides entgeht, ihren Mann, den Winter in Paris zu verleben, welches ſie kaum geſehn, dort die Schauſpiele und Kunſtherrlichkeiten zu genie⸗ ßen, und den erſten Grund zur weitern Erzie⸗ hung der kleinen Adele zu legen. Saint⸗Lam⸗ bert hatte ſelbſt einen ſtillen Hang zur Großthue⸗ rei: er dachte ſchon auf weitausſehende Plane zur dereinſtigen Verheurathung ſeiner Tochter, und ergab ſich leicht dem Zureden ſeiner Frau. Die Leitung ſeiner eintraͤglichen Manufakturen uͤberantwortete er einem zuverlaͤſſigen Freunde, dem er einen Antheil an dem Ertrag derſelben verſicherte, ließ im Voraus eine Wohnung in einem der ſchönſten Viertel der Hauptſtadt mie⸗ then, und begab ſich gegen Ende Oktobers mit den Seinen nach Paris, der Kommandant von Epernay begleitete ſie. Der neue Aufenthalt ent⸗ zuͤckte Camillen. Sie war der unertraͤglichen Aufſeherei, des kleinſtäͤdtiſchen Geklaͤtſches uͤber⸗ hoben, welches oft die reinſten Antriebe anſchwaͤrzt und den gleichguͤltigſten Dingen Wichtigkeit bei⸗ mißt. In den Haͤuſern der vornehmſten Angeho⸗ — 298— * rigen des Handels und der Bank wurde ſie mit Zuvorkommung aufgenommen, und ſah ſich da⸗ ſelbſt von den ſchmeichelhafteſten Huldigungen umgeben. Wie hätte ſie, jung, ſchoͤn und reich, wie ſie war, an dem Aufenthaltsorte der Intri⸗ gue, der Ueppigkeit und Sittenverderbniß auch nicht bemerkt werden ſollen? Man ſahe ſie in einer eleganten Equipage, ſie hatte unverſchämte La⸗ kayen und die allergewandteſte Kammerfrau; ein Tag in der Woche wurde beſtimmt, wo man Ge⸗ ſellſchaft empfing, und da man eine köſtliche Tafel fuhrte, ſo ſtellten ſich bald zahlreiche Gäſte, befliſ⸗ ſene Freunde und gefällige Anbeter ein. Man hatte Adelen eine Erzieherin gegeben, die nicht von ihr wich; das entlaſtete Camillen ganz der muͤtterlichen Obhut; Saint⸗Lambert, der ſeinen Aufenthalt zu Paris benutzte, um mit den be⸗ trächtlichen Kapitalien auf der Boͤrſe zu ſpekuliren, welche er aus ſeinen Manufacturen zog, war ei⸗ nen großen Theil des Tages außer Hauſez der Kommandant von Epernai mußte nach Valen⸗ ciennes zuruͤckkehren, nachdem er einige Zeit bei ſeinen Kindern gelebt, und Camilla hinderte gar ——— —— nichts, ſich der lebhaften Empfaͤnglichkeit ihres Gemuths und ihrer Einbildungskraft zu uͤber⸗ laſſen. Sie war bei allen oͤffentlichen Gelegen⸗ heiten, in allen großen Geſellſchaften der Scho⸗ nen des Tages und eleganten Maͤnner zu ſehn. Sie war trunken von Allem, was ſie umgab; aber der Beifall, den man ihr zollte, kitzelte fuͤrs Erſte nur ihre Eigenliebe, wirkte nicht auf ihr Gemuͤth; denn Dankbarkeit veſtigte die Bande, welche ſie an Saint⸗Lambert knuͤpften. Unter den Perſonen, die ihr Haus am haͤu⸗ figſten beſuchten, und mit denen ihr Mann ſich auch zu Handelsſpekulationen verband, war der Chevalier Brevannes, Ritter mehrer Orden, einſt diplomatiſcher Agent, in der letzten Zeit ein ver⸗ wegner Agioteur, bald ein reicher Capitaliſt, bald lediglich auf den Ertrag von Comiſſionsgebuhren beſchraͤnkt; ein angenehmer und geſuchter Mann, weil er die reizendſten geſellſchaftlichen Talente beſaß. Im vierzigſten Jahr war ihm noch die volle Friſche der Jugend eigen, und er ſuchte eine Ehre darin den Frauen zu gefallen, we⸗ gen Ehrenſachen gefuͤrchtet, wegen einiger aus⸗ 300— gezeichneten Dienſtleiſtungen beruͤhmt und we⸗ gen Liebeshaͤndel beruͤchtigt zu ſeyn. Großmuͤ⸗ thig und voll Selbſtverlaͤugnung, wenn es galt, Freunde zu erwerben, frech, gewinnſuͤchtig, treu⸗ los, wenn es galt Verluſte zu erſetzen oder Frauen zu verfuͤhren, war dieſer wahre Proteus des Tages, dieſer Held der Intrigue, dieſe Zier und Geißel des geſellſchaftlichen Verkehres.. Er bedurfte nur eines Blickes, um zu bemer⸗ ken, wie das eheliche Leben der uͤberſpannten Ein⸗ bildungskraft Camillens keinen genuͤgenden Stoff bot; er urtheilte, die junge Frau häͤtte Dankbar⸗ keit und Liebe verwechſelt, und die Anhaͤnglichkeit an ihren Gatten genuͤge ihrer reichen Seele nicht. Die ſchöne, ſchwungreiche, noch reine, einer hefti⸗ gen Leidenſchaft fähige Camilla duͤnkte ihm eine glorreiche Eroberung, und die Gewalt, welche ſie uͤber ihren Mann ausuͤbte, mochte denſelben bewegen, ſeine weit aufſehenden Geldſpekulatio⸗ nen durch reiche Capitalien zu unterſtuͤtzen. So⸗ mit verfaͤumte denn der Chevalier Brevanne nichts, um ſich Camillen angenehm zu machen, und es ge⸗ lang ihm bald. Aus dem Arbeitszimmer des Man⸗ — 301— nes ging er in das Boudoir der Frau, und benahm ſich mit ſoviel Gewandheit, daß er beiden unent⸗ behrlich wurde. Die erſten Speculationen, zu denen er Saint⸗ Lambert gerathen hatte, gluͤckten dergeſtalt, daß er deſſen Vertraun erwarb; die Unterhaltungen, welche er fuͤr Camillen bereitete, die zarten Huldi⸗ gungen, womit er ſie umgab, die Anbetung, womit er ihr Herz beſtuͤrmte, machten ihn der jungen Frau täglich theurer: er ſiedelte ſich endlich dergeſtalt im Hauſe ein, daß Alles daſelbſt nach ſeiner Anordnung und ſeinem Willen geſchah. Es wurde beſchloſſen, daß Frau von Saint⸗ Lambert ſich formlich zu Paris niederlaſſen ſollte, und ihr Mann alle drei Monake nach Valenciennes reiſen wuͤrde, ſeinen Manufacturen nachzuſehen. Man kaufte demnach ein Haus in der Friedensſtra⸗ ße, richtete das Hausweſen den beträchtlichen Ein⸗ kuͤnften gemaͤß ein, welche durch die Geldſpekula⸗ tionen, bei denen der Chevalier allzeit zur Hälfte intereſſirt war, faſt verdoppelt wurden. Seine Abſichten auf Camilla waren ſo wohl berechnet, ſein Betragen gegen ſie in Gegenwart ihres Ge⸗ —— — 302 mahls allzeit ſo gemeſſen, daß dieſer nicht den min⸗ deſten Verdacht wider den liebenswuͤrdigen Mann faſſen konnte, welcher ihm täglich neue Beweiſe von Ergebenheit und Zartgefuͤhl ablegte. Saint⸗ Lambert war nicht ſo fein und gewandt als Bre⸗ vanne, doch fehlte es ihm nicht an Haltung und Tact; er behauptete beſonders eine unerſchuͤtterli⸗ che Kaltblutigkeit bei den allerkritiſchten Veran⸗ laßungen, und verband mit dieſen Vorzuͤgen eine Achtung erweckende Wuͤrde des Benehmens. Die Zeit der Reiſe, welche er vierteljaͤhrig nach Valenciennes unternehmen wollte, war ge⸗ xommen; Camilla und der Chevalier, von aller laͤſtigen Beobachtung befreit, ſahen ſich haͤufiger als je, waͤhrend derſelben. Dieſer hegte ſchon keinen Zweifel mehr an ſeiner Gewalt uͤber den Sinn der jungen Frau, nun ließ er den blenden⸗ den Zauber auf ſie wirken, den er allen ſeinen Aeußerungen mitzutheilen verſtand, und be⸗ rauſchte ſie gänzlich durch die trunkenſten Geluͤbde von Liebe und Treue. Man ſahe ſie jetzt täͤglich miteinander in der Stadt, auf dem Landez die öffentliche Stimme wurde dawider laut, und ſo⸗ „— gar Camillens Dienſtleute murrten, trotz allen Vorkehrungen, die ſie traf, gegen die Dienſte, welche der Chevalier von ihnen forderte, der ihnen als Herr befahl. Er vergaß ſich ſo weit, daß er eines Tages dem alten Germain drohte, ihn fort⸗ zujagen, einen guten und treuen Diener Saint⸗ Lamberts, der bei deſſen Geburt ſchon im Hauſe geweſen war, und nicht leiden konnte, daß ein Schleichkuͤnſtler den Ruf ſeiner jungen Gebieterin in Abweſenheit ihres Mannes in Schatten ſtellte. Als dieſer von Valenciennes zuruͤckkam, er⸗ fuhr er alsbald die Unuͤberlegtheiten ſeiner Frau. Er hielt ſie keineswegs fuͤr ſchuldig, wohl aber es fuͤr ſeine Pflicht, ſie uͤber die Gefahr zu belehren, denen ihre Unerfahrenheit ſie ausſetzte. Eine muͤndliche Erklärung war ihm peinlich, er wuͤnſch⸗ te ſie zu vermeiden, um nicht das Anſehn eines eiferſuͤchtigen Ehemannes zu haben, indeſſen er nur als ein vernuͤnftiger handelte. Er verfiel auf ein andres Mittel Camillen ihr Unrecht bemerkbar zu machen, und zwar auf eine Weiſe, von welcher er ſich den tiefſten Eindruck verhieß. Er gab Ade⸗ len einen Brief, und trug ihr auf, denſelben ih⸗ — 304— rer Mutter zu uberbringen, er ſei von ihrer beſten Freundin aus Valenciennes. Das Kind eilte den Auftrag zu vollziehn. Frau Saint-Lambert er⸗ kannte die Handſchrift ihres Gemahls und las die Worte:«Camilla, Du ſůrzſt Dich ins Ver⸗ derben!5 Es iſt alles entdeckt! ſchrie ſie unwillkuͤhr⸗ lich und ſank athemlos auf den Sofa.„Was fehlt Dir denn, Mutter?v rief Adele voll Schrek⸗ ken. Nichts, Kind, gar nichts! Geh, mein Kind, laß mich allein Adele ging und ſah ſich mehrmals nach ihrer Mutter um, und kehrte in das Arbeitszimmer des Vaters zuruͤck und ſagte ganz erſchuͤttert zu demſelben:(Was haſt Du mir denn da gegeben, das ich der Mutter bringen ſollte? Wenn Du geſehn hätteſt, wie ſie erblaßt iſt, und dann hat ſie gerufen: Es iſt alles ent⸗ deckt* «Sie hat gerufen: es iſt Alles entdeckt! ſagſt Du? aO ja, ganz deutlich; und dann iſt ſie aufs Sofa gefallen und hat gezittert, und hat mich mit ſolchen Augen angeſehn, mit ſolchen Angen, —————————— ßt t! „ en, fs ich — 305— daß ich mich gefurchtet habe. Ich kam heran und wollte ſie liebkoſen, da wollte ſie allein ſeyn. Geh doch zu ihr, Vater. Sie weint jetzt gewiß. Und wenn wieder ſolche garſtigen Briefe kommen, ſo gieb Du ſie ſelbſt der Mutter, oder gieb ſie ihr lieber gar nicht, denn es thut ihr zu weh. «Genug, Kind, geh wieder zur Mutter, und bleib bei ihr, wenn ſie Dich nicht fortſchickt. Nach dieſem unerwarteten Auftritt konnte Saint⸗Lambert nicht an Camillens Untreue zwei⸗ feln. Im erſten Gefuͤhl des Unwillens wollte er die Bande voͤllig zerreißen, welche ſie entweiht; doch Adelens Mutter erwarb Verzeihung fuͤr der Ehefrau Schuld. Sein Erſtes war alle Geſchaͤftsverbindung mit dem Chevalier Brevanne abzubrechen; er entſchloß ſich in dieſem Fall zu den bedeutendſten Aufopferungen, um auf der Stelle dem gefaͤhrli⸗ chen, verrätheriſchen Mann ſein Haus zu verbie⸗ ten. Hierauf erklaͤrte er ſich gegen Camillen, und den tiefen Schmerz ſeines Gemuͤthes verber⸗ gend, ſagte er zu ihr:„Du haſt die heiligen Bande zerriſſen, die uns vereinten. Mir bleibt 2r Theil. U — 306—— wenigſtens der Troſt, daß ich Alles gethan habe ſie Dir theuer zu machen. Du ſollſt von mir weder Klagen noch Vorwuͤrfe hören; es waͤre mir zu hart die Mutter meiner Tochter zu demi⸗ thigen. Das iſt das einzige Recht auf mich, wel⸗ ches Dir in meinen Augen bleibt, alle üͤbrige ſind fuͤr immer vernichtet. Wenn die Natur ſich noch in Deiner Seele regt, Camille, ſo mache es, wie ich. Wir wollen unſres Kindes wegen 1 beiderſeitig die Quaal auf uns nehmen, uns täg⸗ lich zu ſehn und unter einem Dache zu hauſen. Du ſollſt meinerſeits nichts als ſtille Gleichgul⸗ tigkeit erfahren, und ich begehre von Dir weder Ruͤckkehr noch Reue. Wir werden verbunden 1 und geſchieden leben, wie zwei Menſchen, die ſich 1 zum erſten Mal ſehn. Adele wird der Ring ſein, an den ſich die zwei Enden einer zerbrochenen Kette knuͤpfen, nur ihretwegen ſoll in den Augen der Welt das Scheinbild einer Verbindung zwi⸗ 1 ſchen uns beſtehn, weil dieſelbe dem Gluͤcke ihrer Zukunft und zu ihrer Verheurathung einſt noth⸗ 1 wendig iſt. Allein es geſchieht nur unter der Be⸗ 1 dingung, daß Du von nun an nicht mit dem ———— heilloſen Verfuͤhrer zuſammenkommen wirſt, Ner Schuld an unſter Trennung iſt. Seine Gegen⸗ wart wuͤrde einem von uns beiden das Leben koſten und ich will hoffen, daß, indem ich Adelens Mut⸗ ter das groͤßte Opfer darbringe, das ein rechtſchaf⸗ fener Mann darbringen kann, dieſe nicht das Leben des Vaters ihrer Tochter gefaͤhrden, ſon⸗ dern ſich begnuͤgen wird, ihn um Ruhe und Gluͤck des Lebens gebracht zu haben.» Saint⸗Lamberts Erſchuͤtterung wurde in dieſem Augenblick zu maͤchtig. Er ging hinaus, damit ſie nicht ausbraͤche, und ließ Camillen in unbeſchreiblicher Quaal zuruͤck. Einerſeits nag⸗ ten Mutterliebe und das Gefuͤhl von ihres Man⸗ nes Großmuth an ihrer Seele und warfen ihr Verrath und Undank vor, andrerſeits hatte Bre⸗ vanne eine Flamme in ihrer Bruſt entzuͤndet, die ſie nicht mehr zu erſticken vermochte. Natur und Ehre ketteten ſie an Gemahl und Tochter; aber die Liebe kettete ſie an den Chevalier. Wie wird ſie ihm entſagen koͤnnen? Verdient er, daß ſie ihm ihr ganzes Daſeyn opfre? Dergleichen Betrachtungen und innerlichen U 2 er nicht nur einen fleißigen Briefwechſel mit Frau — 308— Kömpfen preisgegeben, lebte Camilla, als eines Morgens ihre Kammerfrau, die Brevanne ge⸗ wonnen hatte, ihr ein Billet des letzteren uͤbergab. Mit aller Kraft und Schlauheit eines gewandten Verfuhrers beſchrieb er ihr die ſchreckliche Unmoͤg⸗ lichkeit ſie zu ſehn, und kuͤndigte ihr an, daß, wenn er des Gluͤckes beraubt wuͤrde mit ihr zu⸗ ſammenzukommen oder ihr zu ſchreiben, irgend ein wuͤſter Aufenthalt ihn begraben ſollte, ſammt dem Bilde der einzigen Frau auf Erden, die er wahrhaft geliebt. Zum Schluß verſprach er, wenn binnen drei Tagen keine Antwort von Ca⸗ millen erfolgte, das gedrohte Verhängniß an ſich zu vollziehn. Die junge, leidenſchaftlich liebende Frau hielt den auf immer fuͤr ſich verloren, deſſentwe⸗ gen ſie ſchon ſo viel gelitten, ſchwankte augen⸗ vlicklich zwiſchen Pflicht und ihrer verhängnißvollen Leidenſchaft, flog an ihr Sekretair und ſchrieb mit zitternder Hand:«Bleiben Sie!? Brevanne erſah aus dieſer Antwort vollig die Gewalt, welche er uͤber Camillen ausuͤbte. Seitdem unterhielt ——— au — 800— Saint⸗Lambert, ſondern ſie geſtattete ihm auch mehrere Zuſammenkuͤnfte. Wieviel Vorſicht, welche Sorgfalt erheiſchte nicht dieſer ſtraͤfliche Verkehr! Die geringſte Kunde deſſelben, welche Saint⸗Lambert zukam, hatte ohne Frage einen voͤlligen Bruch, ein entehren⸗ des Aufſehn zur Folge. Die Kammerfrau em⸗ pfing alle Briefe des Chevaliers durch einen Bo⸗ ten, dem ſie die ihrer Frau dagegen uͤbergab: ſo wußten ſchon zwei Perſonen um das Geheim⸗ niß. Der Portier vom Hauſe, der öfters den⸗ ſelben Boten kommen ſah, ſchopfte Argwohn, und theilte denſelben mehrern Dienſtleuten mit. Welche Pein fuͤr die junge Frau, wie viel Geld mußte ſie ſpenden, wie viel Demuͤthigungen er⸗ tragen, der Gnade ihrer Dienſtboten demnach, ihren Vertraulichkeiten preisgegeben, ihrem Geklaͤtſch, ihrer Geringſchaͤtzung! aO, rief ſie oft aus, wo⸗ hin kann uns ein einziger Fehltritt bringen! Aber alles dieſes Leiden diente dem grauſa⸗ men Geſchick, das ihrer wartete, nur zum Vor⸗ ſpiel. Ein Brief des Chevaliers wurde in Abweſenheit ihrer Kammerfrau abgegeben. Der Portiers„uͤbernahm die Sendung und trug ſie zu ſeinem Herrn. Da keine Aufſchrift darauf ſtand, und Germain ſelbſt nicht wußte, an wen und von wem der Brief ſei, erbrach ihn Saint⸗Lambert, und erkannte die Handſchrift Brevannes. Die⸗ ſer gebrauchte gegen Camilla Ausdruͤcke, welche deutlich genug die zwiſchen ihnen obwaltende Ver⸗ traulichkeit bewieſen. Er forderte ſie auf ihr Verſprechen zu erfullen und ihren Gatten zu ver⸗ laſſen, von dem ſie nur Rache und Verachtung hinfort zu gewaͤrtigen haͤtte. Er bot ihr die Hälfte ſeines Vermögens an, er beſtimmte ihr ſchluͤßlich Tag und Stunde, da er ſie mit ihrer Tochter, von welcher ſie ſich nicht trennen wollte, erwar⸗ tete: alles ſei, gemaß der Uebereinkunft, bereit; binnen zwei Tagen wuͤrden ſie ſich außerhalb Frankreich befinden. Dieſer Brief bewirkte bei Saint⸗ Lmet völlig die Emporung, zu welcher er als großmuͤthi⸗ ger Gatte und zärtlicher Vater dadurch berechtigt war. Nichts deſtoweniger verſchloß er ſein Lei⸗ den in der Seele, und kuͤndigte, nur bedacht ſein alte Germain befand ſich gerade in der Loge des theuerſtes Gut zu bewahren, in Gegenwart Ca⸗ milla's ſeiner Tochter an, daß er einem ſeiner Freunde habe verſprechen muͤſſen auf deſſen Land⸗ gut zu ſpeiſen, und daß er ſie mitzunehmen gedaͤch⸗ te, damit ſie ihn auf der Fahrt zerſtreue. Adele ergriff mit Freuden den Vorſchlag und Camilla empfand, indem ſie von ihr Abſchied nahm, eine Beklemmung des Gewuͤthes, von der ſie ſich nicht Rechenſchaft zu geben wußte. Es war ohngefaͤhr zwölf Uhr. Frau Saint⸗ Lambert wollte ihr Alleinſeyn benutzen, um an Brevanne zu ſchreiben. Sie hatte kaum einige Zeilen flüchtig aufs Papier geworfen, als der alte Germain ihr einen Brief ihres Mannes uͤbergab und ſich ſogleich mit den Worten entfernte: cDer Herr hat mir befohlen ihn Ihnen eigenhaͤndig zu uͤbergeben. Camilla erbrach das Schreiben mit zitternden Händen, und ein tödlicher Froſt uͤber⸗ wältigte ihre Sinne und jede böſe Vorahnung ward beſtätiget, als ſie folgende Worte las: aIch bin dem ſchrecklichen Schlage zuvorge⸗ kommen, den Du mir bereiteteſt: meine Tochter 85 iſt in meiner Gewalt und wird nie wieder in die Deinige gerathen. Bis ſo weit habe ich der Mutter Adelens jegliches Opfer gebracht. Unter den gegen⸗ wärtigen Umſtaͤnden, die Wuͤrde eines Mannes und des Vaters Gewalt zu behaupten, bin ich mir ſelbſt und meinem Kinde ſchuldig. Ich werde nicht eher wieder in mein Haus zuruͤckkehren, als nachdem Du es verlaſſen haben wirſt. Um Got⸗ teswillen, daß nichts zuruͤckbleibe, das Dir ange⸗ hort. Schon Deines Andenkens iſt es zu viel! Vor gllen Dingen keinen Lärm, kein Aufſehn! Ich habe in Haͤnden, was Dich entlarven mag; zwinge mich nicht, die Mutter meines Kindes vor Gericht zu entehren. Saint⸗Lambert. Nachſchrift. Das Witthum von 6000 Franken Jahrgeld, das dir laut Deines Ehecontractes zuſteht, wird Dir regelmäßig ausgezahlt werden. Es gebuͤhrt Dir mit Recht; denn ich bin tod fuͤr Dich. i In der That lagen dieſem Briefe ſechs Bank⸗ noten beigeſchloſſen. Der erſten Wallung zu Folge, 60 wollte Camilla ſie zuruͤckſenden; nach einigem Nachdenken erkannte ſie darin einen neuen Beweis von Saint⸗Lamberts Zartgefuͤhl, der, indem er mit der ſchuldigen Camilla brach, Adelens Mutter nicht an die Gnade ihres Verfuͤhrers verweiſen wollte, da weder Guͤtergemeinſchaft zwiſchen ihnen beſtand, noch ſie die mindeſte Ausſtattung von ihm zuruͤckfordern konnte. Die lebhafteſte Bewegung folgte im Gemuͤth der jungen Frau auf das Ge⸗ fuͤhl der Schmach aus dem Hauſe verwieſen zu werden. Sie konnte die Augen nicht wegwenden von den Schriftzuͤgen ihres Gatten, und herbe Thraͤnen ſtroͤmten, wenn ſie die letzten Worte wie⸗ der las: ich bin tod fuͤr Dich! Sofort befahl ſie ihrer Kammerfrau ihre Fleider, ihre Waͤſche, einiges kleines Geräth zu⸗ ſammenzupacken, das zu ihrem beſondern Gebrauch diente, ließ einen Fiacre kommen, und verließ bas reiche Haus, wo ſie ſo geliebt, ſo geehrt worden, und ſagte mit bebenden Lippen: awohin kann uns ein einziger Fehltritt bringen!) Sie hielt ſich zu hoch, um ſich zum Chevalier — 31— Brevanne zu begeben. In ein Monatszimmer in der Vorſtadt Saint⸗Germain fluchtete ſie ſich, und widerſtand muthig den Bitten des Chevaliers, daß ſie zu ihm ziehen, oder ihm erlauben moͤchte, daß er zu ihr zöge. Der verfuͤhreriſche Mann war theils durch eine Empfindung von wahrer Liebe bewegt, theils wuͤnſchte er auch ein Aufſehn, das ſeine Eitelkeit befriedigt und ſeinen Ruf bei den Leuten vermehrt haben wuͤrde. Saint⸗Lambert und ſeine Tochter kamen ei⸗ nige Tage darauf zuruͤck. Adelen ſagte man, ihre Mutter ſei verreiſt, weit weg, ihrer Geſundheit wegen; das junge Kind glaubte dies leicht, weil nichts in Camilla's Zimmer veraͤndert war. Der alte Germain uͤbergab Saint⸗Lambert den Schluͤſ⸗ ſel ihres Sekretairs, er erſtaunte nicht wenig, darin ihr Schmuckkäſtchen, all ihr Geſchmeide und alle Briefe vorzufinden, die er ihr geſchrieben. Ein ſchmerzlich theures Andenken ergriff ihn beim An⸗ blick derſelben, und er verließ das Zimmer, wo Camilla mehr als ein Mal ihm ewige Liebe ge⸗ ſchworen, und ging in den Salon. Sein Stau⸗ nen mehrte ſich, als er hier nicht mehr das Bild ——— ſeiner Frau von Robert Lefevre erblickte, ein treff⸗ liches Kunſtwerk, das Camilla und ihre Tochter darſtellte, wie ſie dieſer, die ihr mit der größten Aufmerkſamkeit zuhoͤrte, aus einem Buche vor⸗ lieſt.«Wie? fragte er, hat meine Frau ihr Bild mitgenommen?)«Keineswegs, Herr, verſetzte Germain. Es iſt nur anderswo hingehaͤngt. Die Frau hat es in dem Zimmer des Fräuleins aufhaͤngen laſſen, und noch, ich weiß nicht, was fuͤr eine Inſchrift darauf geſchrieben und dabei ge⸗ weint. Das Gemaͤlde hing wirklich in dem be⸗ zeichneten Gemach, und auf dem Blatte des Bu⸗ ches, aus welchem ihrer Tochter vorleſend Camilla“ dargeſtellt war, hatte ſie die Worte geſchrieben: sUns trennt ein einziger Fehltritt!v Saint⸗Lambert furchtete in Paris mit ihr und ihrem Verfuͤhrer zuſammenzutreffen, ſeine Ma⸗ nufacturen erheiſchten auch ſeine Gegenwart; er reiſte, begleitet von Adelen und ſeinen treuſten Dienſtleuten, nach Valenciennes ab, und hoffte in ſeiner Vaterſtadt auf einige Linderung ſeines Grams, einige Zerſtreuung von ſeinen Erinerun⸗ gen; aber, ach, ihn erinnerte hier Alles an Ca⸗ — 316 milla, beſonders der Commandant von Epernay, den er wohl das Vorgefallene entdecken mußte. In der erſten Wallung ſeiner Empoͤrung wollte dieſer ſtrenge Mann den Chevalier Brevanne herausfor⸗ dern und zur Rechenſchaft ziehn wegen der Zer⸗ ruttung, die er in ſeiner Familie veranlaßt. Saint⸗ Lambert daͤmpfte den kriegeriſchen Ungeſtuͤm, und litt nicht, daß ein faſt ſechzigjaͤhriger Ehrenmann. ſein Leben an einen Schleichkuͤnſtler wage, der vielleicht nicht in ihm den Vater Camilla's ſcho⸗ nen moͤchte. Sei's, daß dieſe, nun entkleidet von aller Zuthat des Reichthums und zuruͤckgezogen in einen demuͤthigen Zufluchtsort, dem Chevalier endlich nicht mehr ſo reizend duͤnkte, oder, daß er ſie, argwohniſch und mißtrauiſch wie alle Betruͤger, auch für treulos gegen ſich hielt, oder ſollte auch ihr Verhältniß das Loos aller zärtlichen Verhalt⸗ niſſe erfahren, welche nicht auf Achtung gegruͤn⸗ det ſind: genug, ſeine Liebe zu ihr erkaltete all⸗ mählig. Er ſah ſie minder oft, er ſpuͤrte in ih⸗ rer Gegenwart die Verlegenheit und Gleichguͤltig⸗ Leit des Ueberdruſſes, und es entging dem regen d— 31— Scharfblick ſeines ungluͤcklichen Opfers nicht. Sie klagte nicht aus Stolz, ſie unterwarf ſich dem Lei⸗ den aus Gefuͤhl der Gerechtigkeit. Endlich ver⸗ nahm ſie, daß Brevanne neue Feſſeln trage, daß er ihr eine freche, verwegne, intrigante Frau vor⸗ zog, die nicht aus den Vorzimmer der Miniſter, aus den Verwaltungsbuͤreaus, aus Spielhäuſern wegkam. O, wie traf der Schlag die ungluͤckſelige Camilla, daß ſie einer ſolchen Nebenbuhlerin ſich aufgeopfert ſah! Welche herbe Reue, welche Ver⸗ ſoͤhnungsthraͤnen koſtete ihr ihre verhaͤngnißvolle Leidenſchaft. Das glaͤnzendſte Loos hatte ſie mit der einſamſten Vergeſſenheit, offentliche Achtung mit Scheu ſich ſehn zu laſſen, vertauſcht, den großmuͤthigſten Mann, den treuſten Gatten, den aufrichtigſten Freund verrathen, zur Verzweiflung gebracht, und weſſentwegen?— und noch ſtand ſie nicht am Ziel ihrer Prufungen. Breannes Habſucht kam ſeiner Unbeſtaͤn⸗ digkeit gleich. Er hatte ſein ganzes Vermoͤgen in der Pariſer Bank angelegt; der unvermuthete Courswechſel im Jahr 1813 richtete viele Capita⸗ liſten zu Grunde. Wie ſo Manchen, ſchlugen 318— Brevannes Spekulationen ihm fehl, er wagte verwegentlich, und verlor faſt ſein ganzes Vermo⸗ gen, und ſahe ſich genoͤthigt in fremden Landen ſein Talent zum Gluͤcksritter zu verſuchen. Er hatte gluͤcklich einige Capitalien nach Holland ge⸗ rettet, ſie waren jetzt ſein ganzes Heil: er verließ alſo Paris, wo er in Schulden bis uͤber die Oh⸗ ren ſteckte, nahm die intrigante Frau mit ſich, daß ſie ihm bei neuen Speeulationen behuͤlflich ſei, und ließ Camilla der Reue und ſchrecklichſten Verzweif⸗ lung zur Beute. Sie hatte gewußt, daß ſie nicht der einzige Gegenſtand ſeiner zaͤrtlichen Huldigun⸗ gen ſei, aber nie denken koͤnnen, daß er im Stande waͤre die Frau, welche ſeinetwegen Gatten und Kind aufgegeben, Frieden, Ruf, das glänzendſte Daſeyn eingebuͤßt hatte, mit ſolcher Grauſamkeit zu verlaſſen. Wie vernichtet von Schmerz, brachte ſie mehrere Tage zu. Man fuͤrchtete erſt fuͤr ihr Leben, dann fuͤr ihren Verſtand; und in ſolchem erbarmungswuͤrdigen Zuſtand war die Un⸗ gluͤckſelige Miethlingshaͤnden und Fremden zur Pflege anvertraut, die an ihrer Schuld nicht zwei⸗ felten, indem ſie unaufhorlich, mit irrem Blick, — 8 ½— mit hohler Stimme rief: Alſo dahin hat mich ein einziger Fehltritt gebracht!„ Seit einigen Tagen trug ſie mit mehr Kraft die niederbeugende Laſt ihrer Leiden; da uͤbere brachte man ihr einen Brief mit dem Stempel von Mons. Sie erkannte die Handſchrift ihres Va⸗ ters; er ſchrieb ihr zum erſten Mal ſeit ihrer Tren⸗ nung von Saint⸗Lambert, mit Ehrfurcht kußte ſie die heiligen Schriftzuͤge, noch bevor ſie den Brief eroffnete, druckte ihn an ihr Herz und rief mit convulſiviſcher Wonne: emein Vater vergiebt mir, mein Jammer hat ſein Herz erweicht! o, wie ſo Noth that mir dieſer Balſam des Troſtes, die⸗ ſer väterliche Beiſtand!5 Sie las mit Muͤhe durch die Freudenthraͤnen, welche aus ihren Augen ſtrömten, den Inhaltz aber welch ein neuer Schlag traf ihr ſchon ſo ſchrecklich wundes Gemuͤth, und wie ſollte ſie das wunderbar furchtbare Schickſal ertragen! Der theure, etwuͤnſchte Brief enthielt folgende Worte: cIch ſterbe von der Hand Deines Verfuͤh⸗ rers. Ich habe den Tod geſucht, um mich der Schmach zu entziehn, womit Du meine grauen — 320— Haare bedeckt haſt. Ich ſterbe und verzeihe Dir. Leb wohl, Camilla. Moͤgſt Du Dir ſelbſt auch verzeihen koͤnnen! — Epernay. unter Todesqual, mit herzzerreißendem Ge⸗ ſchrei, las Camilla den Schluß dieſes ſchrecklichen und ruhrenden Briefes, an dem ſie ihren Schmerz nicht erſaͤttigen konnte. Sie wiederholte, unauf⸗ horlich raſend, ſie habe ihren Vater gemordet, der Himmel beſtaͤtige nicht die Verzeihung, vbe der Sterbende ihr angedeihen laſſen! Machdem erfuhr ſie die nähern umſtaͤnde des heiloſen Unfalls. Der Commandant von Eper⸗ nay befand ſich zu Mons wegen des Ausgleichungs⸗ geſchaftes der Grenzberichtigung zwiſchen Frank⸗ reich und den Niederlanden, und ein Mann, mit mehreren Orden, tritt in's Bureau und begehrt ſeinen Paß viſiren zu laßen. Er hoͤrt ihn als den Ehevalier Brevanne bezeichnen, und fragt ihn ſogleich, ob er in Paris Frau Saint⸗Lambert kenne? Auf die bejahende Antwort, giebt der Commandant, ohne ſich weiter zu erkennen zu ge⸗ ben, ſich fuͤr einen Verwandten des Gemahls der — — „ . —.——— Dir. auch — 324— jungen Dame aus, beſchimpft Brevanne und mißhandelt ihn ſo heftig, daß dieſer, wiewohl er wiederholt ablehnt ſich mit einem Manne zu meſ⸗ ſen, gegen den die Ungleichheit der Jahre ihn ſo augenſcheinlich in Vortheil ſetzt, ſich gezwungen ſieht mit ihm zu gehn. Der Zweikampf beginnt, beim zweiten Schuß faͤllt der Herausfordrer und erklaͤrt nun, er ſei Camillas Vater. Das Ereigniß wurde bald in der ganzen Ge⸗ gend bekannt. Es verſetzte Saint⸗Lambert und ſeine Tochter in tiefe Betruͤbniß. Die oͤffentlichen Blaͤtter verbreiteten daſſelbe, und wie ein jeder Vorfall bei der Ueberliefrung entſtellt wird; ſo ſprengte man aus: ein Chevalier Brevanne, der eine gewiſſe Camilla von Epernay geliebt, habe den Vater ſeiner Geliebten in einem Duell getod⸗ tet, das fuͤr einen ſchändlichen Mordverſuch gel⸗ ten koͤnne. Bald ſah die ungluͤckliche junge Frau ſich als eine unnatuͤrliche Tochter bezeichnet, welche ihren Vater durch den Mann, der ſie verfuͤhrt, habe umbringen laſſen. Umſonſt bemuͤhte ſie ſich dieſe ungeheure Anklage zu widerlegen; was ein⸗ mal die Einbildungskraft der Menge ergriffen hat, 2r Theil. 2 verwiſcht ſich nicht ſo leicht wieder daraus. Der de ein Name des Name Camilla von Epernay wur Greuels. Ein Opfer der Verläumdung, ſah ſie ſich genothigt Paris zu verlaſſen und unter erborg⸗ tem Namen in irgend ein Dorf der umgegend ſich wo ihr Anblick nicht die allgemeine die den Gram, der ſie ver⸗ Ihr verlangte einen Ort zu Nähe von Wildniß und vergeſſen von der ganzen 8 Welt, ſie leben und ihren Schmerz mit ſich umher⸗ 5 tragen könne. Sie waͤhlte eine Art von Einſiede⸗ lei, welche zwiſchen dem Dorfe Brunoh und der Huͤtte von Bauſſerons lag, und beſchraͤnkte ſich daſelbſt auf das einfachſte Daſeyn, um von dem Johrgelde⸗ welches Saint⸗Lambert ihr gab, ſo viel äbrig zu behalten, daß ſie den Duͤrftigen mittheilen könnte, welche ſie umgaben, und durch Wohlthatigkeit ihr eignes Leiden erleichtern. Beinahe zwei Jahre bewohnte ſie unter dem Namen Frau Haller dirſen dunkein Zufluchtsort⸗ Ihre Einſamkeit zu erheitern und zur Erleichte⸗ rung ihres Grams widmete ſie ſich dem Studium zuruͤckzuziehn⸗ Empörung erregte, zehrte, verdoppelte. bewohnen, wo in der ſchweigender Waldung, —— — der Botanik und benutzte die Reſultate deſſelben zu Heilung der armen Kranken des Gaues. Ihre Wohnung wurde zu einer Art von Apotheke, in welcher ſie Alles vereinigte, was zu Erleichte⸗ rung der leidenden Menſchheit dienen kann. Stets ſah man ſie in dem Walde von Senart, auf den bergigen Hoͤhen, wo ſie die Kraͤuter ſammelte, deren ſie zu ihrer Lieblingsbeſchäftigung bedurfte. Fuͤr ſich gab ſie nur den dritten Theil des Jahrge⸗ haltes aus, das ſie von Saint⸗ Lambert erhielt: alles ubrige verwandte ſie zu Almoſen und Huͤlfe⸗ leiſtungen, wofuͤr man ſie uͤberall ehrte und ſeg⸗ nete. Ringsum in den Dörfern hörte man nur von der guten, der großmuͤthigen Frau Haller re⸗ den. Von allen Seiten her wurde aus der klei⸗ nen Huͤtte von Bauſſerons geholt, was Kranke zur Heilung, Nothleidende zur Unterſtuͤtzung be⸗ durften: nur von Verpflichteten umgeben, von des Dankes Stimme umtoͤnt, begann ein matter Schimmer von Gluͤck ihr zu leuchten. Adele hatte ihr ſechzehntes Jahr erreicht und die Urſache erfahren, welche ihre Mutter von ihr entfernt hielt. Sie uͤberlegte, was dieſelbe leiden — 324— muͤſſe, erhielt von ihrem Vater Erlaubniß, Ca⸗ millen ſchreiben zu duͤrfen, und dieſer Briefwech⸗ ſel war keine der mindeſten Freuden, welche dieſe in der Einſamkeit empfand. Heilſame, tiefge⸗ fuͤhlte Wornungen in Ruͤckſicht der Gefahr, wel⸗ „che die Sucht nach Huldigungen, die Sucht zu in der Welt bereite, ertheilte ſie unablaͤſ⸗ ſig dem jungen Mädchen. Adele zeigte alle jene Briefe ihrem Vater, der Hoffnung, allmaͤh⸗ lig ſeinen gerechten Unwillen zu lindern und ihn vielleicht zu einer Verſoͤhnung zu bewegen⸗ Die kindliche Liebe verblendete das reine, vertrauens⸗ volle Gemuͤth uͤber die She einer ſolchen Wiedervereinigung. Su Seit— Jahren lebten ſie wieder zu Paris; und ſchoͤn, liebenswuͤrdig, und einzige Erbin eines großen Vermoͤgens, wie ſie war, nur nach dem Namen Saint⸗Lambert bekannt, fan⸗ den ſich zahlreiche Bewerber um ihre Hand. Ihr Vater hatte Freundſchaft und eine Geldaſſocia⸗ tion mit Herrn Montmartel, einem der erſten Wechſelherrn von Paris, geſchloſſen. Dieſer würdige Mann hatte zwei Kinder, eine Tochter, M — 520 welche die zaͤrtlichſte Freundfchaft fuͤr Adele hegte, und einen Sohn von fuͤnf und zwanzig Jahren, der ſich nicht unempfindlich fuͤr den Reiz und die ſelte⸗ nen Eigenſchaften des Fraͤuleins Saint⸗Lambert bewies. Sie auch ſchien ſeine Huldigungen mit An⸗ theil aufzunehmen; ihre Freundin errieth ihr gehei⸗ mes Gefuͤhl, und fuͤhrte die Sache ihres Bruders ſo geſchickt, daß die Heurath von beiden Familien beſchloſſen wurde. Fuͤr beide gegenſeitig war ſie vortheilhaft, allen geſellſchaftlichen Beziehungen nach durchaus angemeſſen, und zu Montgeron, wo die Fami⸗ lie Montmartel eine der ſchoͤnſten Beſitzungen be⸗ ſaß, wurde ſie unwiderruflich beſchloſſen. Adele kam auf den Einfall ihrer Mutter, welche nur eine Stunde Weges von ihr entfernt war, und die ſie ſeit ſieben Jahren nicht geſehn hatte, ſelbſt davon Nachricht zu geben. Es war zur Zeit der längſten Tage des Jahres, die Heiterkeit des Himmels ſchien in Uebereinſtimmung mit des Mädchens Gemuͤth. Sie zog den guten, getreuen Germain in's Geheimniß, der noch immer in ih⸗ res Vaters Dienſten ſtand, und benachrichtigte ihn, daß jene Frau Haller, von der man unauf⸗ hörlich in der ganzen Gegend rede, Niemand an⸗ ders, als ihre Mutter ſei, und daß ſie auf ihn rechnete, er werde ſie nach der Huͤtte fuͤhren, wo jene wohne, damit ſie ihr ſelbſt ihre Heurath an⸗ kundigen, ihre Bewilligung einholen und ihren Segen empfangen moͤchte. Der alte Diener ſah in dieſem Vorhaben die Ausübung einer kindlichen pflicht, eine billige Abſicht, und beeiferte ſich den Plan ſeiner jungen Gebieterin zu unterſtuͤtzen. Fruh Morgens, beim Aufgang der Sonne ver⸗ ließen ſie Montgeron, erreichten den Senarter Wald, und nachdem ſie noch eine Stunde gegan⸗ gen waren, kamen ſie nach Bauſſerons. Sie erkundigten ſich, wo Frau Haller wohne? klin⸗ gelten an der kleinen Thuͤr einer Art von Einſie⸗ delei und ſagten einer Bäuerin, welche kam ihnen aufzumachen, eine junge Dame wuͤnſche mit ih⸗ ter Frau zu ſprechen. Die Haushaͤlterin ging und weckte Camilla; dieſe glaubte, es ſei Jemand, der thres Beiſtandes beduͤrfe, ſtand raſch auf und kam in ihren kleinen botaniſchen Garten herab. Sie erkannt⸗ den alten Germain, und ſchon auch —— — 327— hielten Adelens Arme ſie umſchloſſen, die vor Erſchütterung kaum die Worte zu ſprechen ver⸗ mochte:«Meine Mutter! o, meine Mutter Schwer zu beſchreiben waͤren Erſtaunen und Ruͤhrung der Frau Saint⸗Lambert. Adelen anſehen, anſtaunen, ſie an ihr klopfendes Herz bruͤcken, mehr vergoͤnnte der namenloſe Taumel ihr nicht, worin jene unerwartete Erſcheinung ſie verſetzte. Als ſie endlich der Sprache wieder maͤchtig wurde, rief ſie mit Entzuͤcken: aMeihe Tochter! meine Adele, mein Blut, mein einzi⸗ ger Troſt! Komm, ach komm, belebe wieder dieſe Bruſt, die Dich genaͤhrt. Nur Du, theures Kind, vermochteſt mir noch einen Augenblick von Gluͤck zu gewaͤhren!* Sie fuͤhrte dann Adelen in ihre Wohnung, wo der Hausrath lediglich aus Gegenſtaͤnden be⸗ ſtand, welche zum Beduͤrfniß des Lebens unent⸗ behrlich ſind. Nur in ihrem eignen gimmer boten einige Buͤcher, ihre Harfe und einiges Geraͤth zu ihrem Gebrauch ſich dem Blick. Ihr Salon war ein wahres Laboratorium und alle uͤbrigen Zimmer ihrer demuthsvollen Wohnung enthielten nichts, als ſolche Gewächſe, die eine beſondre Pflege erheiſchen, und deren Anwendung Frau Haller zu den Dienſten unentbehrlich war, welche ſie ringsumher in der umgegend leiſtete. Adele konnte nicht ſattſam dieſe dunkle Freiſtatt betrach⸗ ten und ſie mit den prachtvollen Gemaͤchern in dem Hauſe in der Friedensſtraße vergleichen. Aber ſie war gezwungen mit den Augenblicken zu geizen. Sie eilte ihrer Mutter anzukuͤndigen, welche ſ. choͤne Heurath ſie ſchließen ſollte, lobte ihr die ehren⸗ werthe Familie, in die ſie treten wird, vor allen Dingen den ihr beſtimmten Gemahl. aIch kann Dir geſtehn, Mutter, Alphons iſt mir recht theuer: er iſt ſo gut, ſo ausgezeich⸗ net, ſo großmuͤthig! dann iſt er der Bruder meiner beſten Freundin. Ich werde ihn Dir her⸗ bringen, Du wirſt ihm ſo gut werden, als ich ihn lieb habe, Du wirſt geſtehn, daß ich auf ein glůckliches Leben rechnen kann, indem ich ihn heu⸗ rathe. Er weiß noch nicht„daß Du ihm ſo nahe biſt: ſein Herz wird gewiß mit meinem Herzen ein⸗ verſtanden ſeyn, Dich aus Deiner traurigen Ein⸗ ſamkeit zu reißen und Dich in eine Lage zu ver⸗ ſeß L. — ſetzen, wie ſich's fur Dich gehort, Dich in unfrer Mitte zu haben. In Eurer Mitte, meine Tochter? Wirſt Du Dich denn von Deinem Vater trennen?5 Warum ſollten wir nicht hoffen duͤrfen, fuhr Adele mit niedergeſchlagenen Augen fort, daß der Vater ſelbſt— Wird er ſich weigern kön⸗ nen mich vollkommen gluͤcklich zu machen?— Aber ich vergeſſe, daß die Zeit vergeht, und daß ich wieder zu rechter Zeit in Montgeron ſeyn muß, damit man meine Abweſenheit nicht merkt. Lebe wohl, vor meiner Heurath beſuche ich Dich noch wieder; wolle dieſelbe gegenwaͤrtig gut heißen, und unſer erſtes Wiederſehn dadurch bezeichnen, daß Du mir Deinen Seegen giebſt. cJa, ich ſegne Dich, gutes, liebenswuͤrdi⸗ ges Geſchöpf das zur Tochter zu haben ich ſtolz bin. Erhalte Dich, meine Tochter, in dem Verhaͤlt⸗ niß, das Du ſchließeſt, immer rein, immer treu, und wenn eine Verſuchung Dir nahe kommt, ſo gedenke— Mutter!? rief Adele und ſtand auf und verſchloß ihr alsbald die Lippen mit dem zärtlich⸗ — 650— ſten Kuſſe, und ihr Erröthen erinnerte Camillen, daß ihre Tochter von ihrer Schuld nichts wiſſen ſolte. Nicht ohne Leidweſen trennten ſie ſich. Frau Saint⸗Lambert begleitete Adelen und ihren Fuͤhrer bis zur Heerſtraße, und auf derſelben folgte ihr geruͤhrter Blick ihrer Tochter, bis ſie dieſelbe ganz aus den Augen verloren hatte; dann kehrte ſie heim in ihre Einſiedelei, und ging hier wieder, als Frau Haller, an 6 Beſchäf⸗ tigungen. Der lebhafte guh welchen Adelens un⸗ verhoffter Beſuch auf ihr Gemuͤth gemacht, ſpannte ihre Einbildungskraft und wiegte in der ſuͤßeſten Hoffnung ſie ein. Wiedererſcheinen ſollte ſie in der Welt, wo die Zeit und ihre ſtrenge Abgeſchiedenheit vielleicht den Abſcheu beſchwich⸗ tigt hatten, den ſie daſelbſt erregt. Sie hoffte nicht zu ihrem Gatten zuruͤckzukehren, wohl aber denſelben bei ihrer Tochter gradweiſe daran zu gewöhnen, daß er ihre Gegenwart ertruͤge. In ihrem Eidam verſah ſie ſich eines eifrigen Ver⸗ theidigers, in ſeiner achtbaren Familie eines ſchuͤz⸗ zenden Anhaltes. Alle Tage wuͤrde ſie ihre tiebe O Adele ſehn, und unter deren liebenswurdiger Fuͤr⸗ waltung, wenn nicht Achtung, doch Nachſicht und vielleicht Vergeſſenheit ihrer Fehltritte, erwer⸗ ben. O, wie heilte das Bild einer ſo unver⸗ hofften Zukunft die Wunde ihres Herzens und ſchwellte daſfelbe. Mit welcher Freude ſandte ſie ihre erforderliche Einwilligung zu dieſer gluck⸗ ſeligen Heurath, ihrer theuerſten Hoffnung, ih⸗ rer einzigen Rettung! Aber eines Abends, da ſie, den Kopf erfuͤllt von dergleichen Plänen zum Gluͤcke, zuruͤckkehrte in ihre Abgeſchiedenheit, ſahe ſie von fern den alten Germain. Er nahte mit traurigem Blick und langſamen Schritt, ſie flog ihm entgegen, und der Gegenſtand ihrer erſten Fragen war die glan⸗ zende, heiß erſehnte Heurath. cAch, Frau, ſagte Germain und wagte nicht ihr ins Geſicht zu ſehen: alles iſt aus.„Gerechter Gott! wie konnte das geſchehn?5 aLeſen Sie's lieber ſelbſt. Bei dieſen Worten gab er ihr einen Brief von Saint⸗Lambert, der ſie benachrichtiget, daß im Augenblick, da der Ehecontrart zwiſchen Adelen und Alphons Montmartel hätte unterzeichnet wer⸗ — ——— — 3⁵2— den ſollen, die Aeltern des jungen Mannes, auf die Kunde, daß Camilla von Epernay, die das Ge⸗ ruͤcht des Vatermordes beſchuldigte, Frau Saint⸗ Lambert ſei, von der man vorausgeſetzt, ſie wäre gerichtlich von ihrem Gatten getrennt, ſich foͤrm⸗ lich der Verbindung widerſetzt haͤtten; wie ſelbſt der junge Alphons, trotz aller ſeiner Liebe fuͤr ſeine Erwaͤhlte, erblaßt ſei, indem er entdeckt, von wem ſie ſtamme, und daß alle gelieferten Beweiſe, wodurch die greuliche Anſchuldigung wider Camilla Epernay ſich als nichtig erwieſen, nimmermehr das Vorurtheil zu zerſtreun vermoͤch⸗ ten, welches auf Adelen zuruͤckfiele und ſtets ihrem Ausſichten Eintrag thun wuͤrde. Endlich ſchloß Saint⸗Lambert damit, daß er ſeiner Frau an⸗ kuͤndigte, er wolle Frankreich verlaſſen, um ſich und ſeine Tochter der Schmach zu entziehn, wo⸗ mit Jene ſie bedeckte, die nur ihr Gluͤck haͤtte zum Geſchäft haben ſollen, und unter fremden Him⸗ melsſtrichen eine Freiſtatt ſuchen, wo er ſein Le⸗ ben der Linderung des Schmerzes ſeines Kindes weihen wollte, der Wiederherſtellung ihres Ver⸗ ſtandes, den die erfahrene Beſchimpfung verwirrt⸗ ——— wo moͤglich, der Heilung des jugendlichen, lie⸗ bentbrannten Gemuͤthes, und der Verguͤtung des Untheils, das ihre Mutter ihr angethan.) WVernichtet, winkte Camilla dem alten Germain zu gehn, ſuchte ſich nach ihrer Einſiedelei zu ſchlep⸗ pen, und blieb, wie vom Donner geruͤhrt, unter einem Baume ſitzen. Die krampfhafte Span⸗ nung ihrer Augen war zu heftig, als daß eine ein⸗ zige Thraͤne hervorgebrochen waͤre, und uber ihre bleichen Lippen kam kein Wort. Lange ſaß ſie ſo in furchtbarem Starren, ohne die Augen von der ſchickſalsvollen Schrift zu wenden, wodurch das Maas ihrer Leiden vollſtaͤndig wurde.„Alſo, ſprach ſie bei ſich ſelbſt, nachdem ſie wieder Kräfte geſammelt, alſo verbann ich auf immer Gemahl und Kind! Erſt habe ich den ehelichen Altar ent⸗ weiht; als meine Tochter ſich demſelben naht, ſturze ich ihn fuͤr ſie um; und mein Vater ſtarb von der Hand des Verräthers, der mich verfuͤhrt. Geboren mit einem edlen Gemuͤth, mit allen Vorzugen einer glänzenden Erziehung ausgeſtat⸗ tet, was iſt aus mir geworden? Eine ſchuldvolſe Ehofrau, eine vatermoͤrderiſche Tochter, eine un⸗ — 634— natuͤrliche Mutter! O, junge Frauen, junge 3 Frauen, die ihr ſo leichtſinnig mit den heiligen Eidſchwuͤren ſpielt, die euch ketten, vernehmt die ungluckliche Camilla: furchtet die Reue und Quaal, die ſie erlebt, und bedenkt mit ihr alles Leiden, das unvermerkt ein einziger Fehltritt er⸗ 1 Bei Friedrich Fleiſcher in Leipzig und in allen Buchhandlungen iſt zu haben: Theeretiſche u. praktiſche Anweiſung zur Zeichen⸗ und Malerkunſt, in welcher nicht nur das Zeich⸗ nen u Malen nach theoret, u. pract. Grund⸗ faͤtzen, ſondern auch verſchiedene Arten der Malerei abgehandelt werden. Mit Kupfern. Mi Aphorismen uͤber den Kuß. Ein Weihnachtsge⸗ ſchenk fuͤr die kuͤßluſtige u. kußgerechte Welt. R Arundel, oder der Sieg des Edelmuthes; ein Ro⸗ man vom Verfaſſer des Weſtindiers. 2 Theile. 2 Rthl. 3 gr. Auswahl des Beſten, was vorzuͤgliche Denker und Dichter uͤber die hoͤchſten Angelegenheiten der Menſchen geſprochen haben. 12 gr. 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