Leihbiblivthet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Olimann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Seſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Nückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines gel liehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. dezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wbchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mt. 50 K 2 Mt.— Pf. 3 Auswärtige Ab onnenten haben für Hin⸗ und Zurchſeſbit der B ücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ S oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird darauf gfie iſin gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. % . „ —— e—— e. Z⸗ , — Geſchichten * . von J. N. Bouilly. 3 Aus dem Franzoͤſiſchen überſetzt von Karoline von Woltmann. „ Erſter T eil 13 Le 9 3 bei Friedrich Fleiſche 15 In den Erzaͤhlungen, in dem Rath an meine Tochter habe ich verſucht, die Frauen auf den erſten Pfaden des ſo ſchwer zu durchwan⸗ delnden Lebens zu leiten. Nachdem ich ſie, ſo zu ſagen, von der Wiege bis zum Brautaltar gefuͤhrt, ſchien mir, als koͤnne ich ſie noch lebhafter anzie⸗ hen, ſihnen noch bedeutender nuͤtzen, wenn ich auch in's Innere des Hausſtandes ihnen folgtez ſie huͤlfe die Kette mit Blumen ſchmuͤcken, woran ihr Schickſal haͤngt.— Man findet in der Welt ſo vielerlei Bilder des ehelichen Lebens, ſo verſchiedene Beiſpiele von ällerhand Art, daß ich vorzugsweiſe die nutzbar⸗ ſten dargeſtellt habe. Aus allen Ständen, Ge⸗ werben, Lagen, waͤhlte ich ſie; beſonders aber e. hat jener ehrwuͤrdige Mittelſtand mich angezogen, der umfaſſendſte Theil der buͤrgerlichen Geſell— ſchaft, der, als ein geiſtiges Webeſchiff, ihre thaͤ⸗ tigſten Fäden treibt. Dort ſchafft der Genius, dort vollziehet die Muͤh; dort findet man Wiſſen⸗ ſchaft, Litteratur und Kunſt und Handel beieinan⸗ der und Eines; ohne daß man den Blick zu hoch zu echeben, zu tief zu ſenken braucht, bietet dort das bewegliche Bild der Sitten des Tages einen reichen, mannigfaltigen Quell anziehender Er⸗ eigniſſe, lehrreicher Bemerkungen, wovon der Geiſt gefeſſelt, das Herz bewegt werden mag. Bekannte Ereigniſſe, deren Wirkung vollen⸗ det iſt, glaubte ich ablehnen zu muͤßen. Unter den jungen Frauen, wie ſie gegenwaͤrtig auf dem Schauplatz der Welt leben, habe ich die Geſtal⸗ ten gewählt, von denen die weſentlichen Zuͤge ent⸗ lehnt ſind, die mein Werk enthaͤlt. Mir ſchien, meine Zeichnung wuͤrde um ſo wahrer, meine Farben wuͤrden um ſo friſcher, meine Lehren um ſo eindringlicher ſeyn. Nichts ergreift die Einbil⸗ dungskraft lobendiger, als das Schickſal unſres Gleichen, unſrer Zeitgenoſſen. Wir folgen ihnen ₰ — — — 5 auf der Spur; das eigne Intereſſe macht Eines aus ihnen und uns; auf gleicher Stufe geſtellt, benutzen wir eifrig ihre Erfolge, ihre ihren Irrthum, ihre Einſicht. 1 Mit unausſprechlichem Vergnuͤgen habe mehrere Thatſachen von jungen Frauen aufge⸗ zeichnet, die ich zu Vorbildern waͤhlte, welche ih⸗ nen Ehre machen, und die, ihrer Beſcheidenheit zum Trotz, die Freundſchaft mir enthuͤllte. Auch das Unrecht, vorzuͤglich Abgeſchmacktheiten(ridi- cules) anderer, habe ich unbarmherzig darſtellen muͤſſen. Zu bequem dient jener Ausdruck Fehlern, ſelbſt wahrer Herzensverderbniß, zum Deckmantel. Allzeit habe ich bemerkt, daß jede Abgeſchmackt⸗ heit von einem Mangel an Zartgefuͤhl herruͤhrt. Die Mängel, welche der Mode anzugehoͤren ſchei⸗ nen, ſind Maͤngel der Natur. Aber die Frauen moͤgen nichts weniger, äls die Moralprediger leiden; ich ſcheue ihre kleine Mucke, wie huͤbſch ſie ihnen laſſen mag, und habe ſo ſelten als moͤglich einige Betrachtungen eingeſtreut, deren Unerlaͤßlichkeit meinen jungen Leſerinnen von ſelbſt einleuchten wird, und jens ſo kurz als moͤglich abgethan. Wenn man an⸗ muthigen Wildfängen in ihrem unſtaͤten Schwei⸗ fen folgt, darf man ſchon die Stirn ein wenig runzeln, indem ſie uns irreleiten und entfliehen. Doch ſuchte ich nur ſolchen Frauen nachzugehn, wo Herz und Natur mir buͤrgten, daß ich ſie erreichen wuͤrde: fuͤr gleiche ſchrieb ich nur. Ein gefuͤhlloſes Weib iſt das Naturverlaſſenſte Geſchoͤpf. Fuͤr ihr Gluͤck, zu ihrer Belehrung iſt nichts zu thun. Sie ſchlaͤft mit wachen Sinnen: ſie lebt nicht. Ich habe es mit denen zu ſchaffen, welchen die Liebe erweckenden Eigenſchaften der Seele, die Einſicht, welche feſſelt, der Reiz, der anzieht und ruͤhrt, nicht entſtehen.„Ich ſpreche, wie Thomas ſagt, nur von den Frauen, die ihres Geſchlechtes ſind.“ Zu euch, junge Vermaͤhlte, die ihr kaum das heilige Buͤndniß der Ehe geſchloſſen habt, zu euch, ihr Maͤdchen, rede ich, denen die Liebe dazu winkt, im Angeſicht eurer Aeltern, eurer Gatten. Ihr Gluͤck und das eure ſeyen Eins. Dies iſt mein Ziel; mein Lohn— euer Beifall, ein freundliches Laͤcheln, ein ſuͤßes Sinnen. — ——— Wenn ich euch den unablaͤßigſten Fleiß ge⸗ weiht, wenn ich euch nicht Lorbeern, aber ei⸗ nige Bluͤthen danke, die mir theuerer als die gläͤnzendſten Kronen ſind: ſo moͤge mein neues Beſtreben mir das erwerben, was einzig meinen Ehrgeiz reizen kann; den Namen eures Freundes! Die jungen Frauen. 1 Die Hochzeitsbeſuche. Atbertine von Vastain, die einzige Tochter eines Obriſten der Artillerie, hatte ſich mit Achilles von Meneval vermahlt, der Maitre de Requetes und* einziger Erbe eines bei der Magiſtratur geehrten. Namens war. Ihre Heurath krönte die Wuͤnſche. zweier Familien, welche lange ſchon Freund⸗ ſchaft und geſellige Beziehungen verbunden. Al⸗ bertine war von ihrem Vater erzogen, und ver⸗ einte mit jeglichem Reiz des Aeußern die gluͤcklichſte Gemuͤthsart und einen beobachtenden Geiſt. Sie gehoͤrte nicht zu den leichtſinnigen — — 9— jungen Frauen, welche die Ehe als ein Mittel betrachten ſich der aͤlterlichen Obwaltung zu ent⸗ ziehn und in die Welt zu ſtuͤrzen: bevor ſie das Buͤndniß der Ehe ſchloß, hatte ſie uͤberlegt, was ſeine Feſſeln erleichtern, oder druͤckender machen koͤnne, und ſich einen Plan gebildet, aus dem ihr Gluͤck hervorgehen ſollte und das Gluͤck des liebenswuͤrdigen Mannes, mit dem ſie ihr Schick⸗ ſal verband. Seit vierzehn Tagen waren ſie nunmehr ver⸗ heurathet, und es kam an der Zeit, daß ſie ihre Hochzeitsbeſuche abſtatten ſollten; ein alter Brauch, dem Hochmuth und Reichthum ein Vorwand ihr glänzendes Antheil darzuweiſen, der neidiſchen Mittelmaͤßigkeit ſtrenge Kritik auszuuͤben, der ehrſamen, duldſamen und begnügten Behaͤbigkeit das Innere der Hausweſen zu beobachten und das gluͤcklichſte zum Vorbild zu waͤhlen. Dies war der Zweck der jungen Meneval. Da ſie und ihr Gemahl zahlreichen Familien angehoͤrten, mußten ſie alle Viertel von Paris durchſtreifen: ſie wußte, daß ſie vom Glucke mehr und minder beguͤnſtigten Perſonen ſich darzuſtellen habe, und wollte ihren Anzug der Art eitrichten, um mit jenen nicht zu wetteifern, dieſe nicht zu beſchaͤmen. Ihre Juwelen blieben in dem Schrein, die reichen Spitzen, die aͤchten Shawls im Hoch⸗ zeitkorb; ſie kleidete ſich einfach und zierlich, und ging ſo weit, ſich nicht der Equipage und der Be⸗ dienten ihres Vaters zu den vorhabenden Beſuchen zu bebienen, ſondern nur einer Lohnkutſche, um keineswegs bemerkt zu ſeyn. Zur Belehrung wollte ſie benutzen, was Andere aus Eitelkeit, Etikette oder langer Weile thun. Um jedoch der Fahrt mehr Leben und Ab⸗ wechslung zu verſchaffen, richtete ſie die Ordnung der Beſuche dergeſtalt ein, daß die ſchneidendſten Kontraſte der Verſchiedenheiten der Sitten, der Alter, des Ranges und Vermögens einander ab⸗ wechſelten und beruͤhrten, und verſah ſich mit einer Schreibtafel, das Reſultat ihrer Beobach⸗ tungen nach jedwedem Beſuch darin anzumerken, einzelne Zuͤge der verſchiedenen Bilder anzudeuten, die ſich ihr darſtellen wuͤrden, kurz einen neuen Cheſtandscodex abzufaſſen. Sie begann bei dem Viertel du Marais, und —„——— — 11— begab, die dort herrſchende Sitte zu ſchonen, ſich Punkt zwoölf Uhr mit ihrem Gemahl auf den Weg. Ihr erſter Beſuch galt einem väterlichen Großoheim Menevals, der einſt Präſident des pariſer Parlaments geweſen war, und an der Place⸗Royale wohnte. Die Alterthuͤmlichkeit des Hauſes, die Haltung des alten Portiers, der kaum mehr Kraft zu laͤuten hatte, die des vor⸗ austretenden, unter ſeiner altmodigen Livree ge⸗ buͤckten Kammerdieners, das gellende Geſchrei von zwei Papagahen, das Geklaͤff dreier Wind⸗ ſpiele, welche die Salonthuͤr vertheidigten: alles verſetzte die Neuvermaͤhlten in das Zeitalter Lud⸗ wig des Vierzehnten, als träten ſie bei Ninon Lenclos oder Scarron ein. 18 Der alte Gerichtshert ſaß in ſeinem lackirten Lehnſeſſel, im grau damaſtenen Schlafrock, Pelz⸗ pantoffeln, einer Turbanmuͤtze mit breitem gelb⸗ ſeidenem Bande und Doppelſchleife geziert, mit einem gruͤnſeidenen Augenſchirm, und hoͤrte voll der zaͤrtlichſten Andacht ſeiner theuren und getreuen Ehehaͤlfte zu, die ihm einen Roman von Made⸗ moiſelle Scuderi vorlas. Die mindeſtens ſieben⸗ zigjäͤhrige Vorleſerin ſchritt im blaßroth atlaſſe⸗ nen, geſtepten Morgenanzug, im Fluͤgelhaͤubchen, im ſchwarzen Sammetmaͤntelchen mit Blonden be⸗ bt, ein kleines gruͤn ſeidenes Schoͤrzchen vor, auf Hackenſchuhen, ein Schoͤnpflaͤſterchen auf der Backe, geſchminkt, wie eine Theaterduegna. Man brach die Vorleſung ab, die Neuver⸗ maͤhlten zu empfangen, welche vom Kopf bis zu den Fuͤßen gemuſtert wurden. Albertinens beſchei⸗ dener Anzug gefiel der alten Praͤſidentin; ihr Ton, ihr Weſen nahmen dieſelbe fuͤr ſie ein. Achilles entzuͤckte den Großoheim durch ein Ge⸗ ſpräch uͤber jenen alten Glanz der Rechtsgelahrt⸗ heit, jene Wuͤrde der Magiſtratur ſeiner Zeit. Die Unterhaltung war lebendig, frohlich, das alte Paar verjuͤngte ſich bei dem jungen. Der Herr Praͤſident begann von ſeinen Liebſchaften, ſeine Jugendſtreiche zu erzählen; die Frau Praͤ⸗ ſidentin rechnete ihre Eroberungen her, entwarf das Bild ihrer zahlreichen Anbeter, und ſchloß den ſehr umſtaͤndlichen Bericht von dem Vorzug. den ſie ihrem vielgeliebten Gemahl gegeben, mit dem Wunſch, daß Albertine ſich eines eben ſo lan⸗ ————— gen und ununterbrochen gluͤcklichen Eheſtandes er⸗ freuen möge, als der ihre. „Geſteh nur“ ſagte dieſe beim Hinausgehn zu ihrem Mann,„hinter all den Faſeleien und dem gothiſchen Aufputze ſpuͤrt man gern die Herzenstreue, die Reinheit der Sitten der guten glten Zeit.“ „Wir ſpotten“, verſetzte Achilles,„uber die guten Leute aus dieſem vi und ſind vu werth als ſie.“ z 3 „Mogen wir nur“, fuͤgte die junge g 5 hinzu, und druͤckte ihm die Hand,„uns nach funfzig Jahren ſo lieben und ſelber genuͤgen!“ Beide ſtiegen wieder ein; Albertine nahm ihre Schreibtafel und ſchrieb unter der Ueberſchriſt: erſter Beſuch, die Worte: „ein halbes, gluͤckſelig verlebtes Jahrhun⸗ dert; ruͤhrendes Bild, nachahmenswerthes Bei⸗ ſpiel!“ Sie kamen nach der Straße St. Louis zu einem Generaladminiſtrator der Duanen, einem Vetter Albertinens, der ſeit wenigen Monden mit einer reichen Erbin vermählt war, die wider den — 1— Willen ihrer Aeltern ihn den glänzendſten Pat⸗ thien vorgezogen. Der Wagen fuhr unter ei⸗ ner praͤchtigen Saͤulenhalle ein, und hielt vor einem Flur, der mit Statuen geſchmuͤckt und mit Tep⸗ pichen belegt war. Zwei große, galonirte Lakayen fuhren das junge Ehepaar in den erſten Stock, wo ſie in einem weiten Vorzimmer einige Augen⸗ blicke warten muͤſſen, bevor ihnen ein Salon auf⸗ gethan wird, in welchem alles vereint ſcheint, was Ueppigkeit und Reichthum begehren moͤgen. Nach wenigſtens einer halben Stunde, die ihnen hier in Erwartung und Ungeduld vergeht, tritt endlich zu Achill und Albertinen die junge Frau des Hauſes ein. Sie kam aus dem Bett, ein eleganter Morgenanzug hing um ihre Schultern, noch ſtach ſie mit dem Kamm die langen blonden Haare auf, die halbgeflochten auf den ſchoͤnſten Buſen niederfielen, der mit einem ſehr kleinen amaranthfarbenen aͤchten Shawl, der nachlaͤſſig unter dem Kinn verſchlungen war, fuͤr bedeckt galt. Die erloſchenen Augen, die bleiche Farbe der ſchoͤ⸗ nen Nachläſſigen verkuͤndeten Mattigkeit und Langeweile. Sie ſenkte ſich in ein geräumiges Sopha, ließ Albertinen neben ſich Platz nehmen, die an einem Zucken ihrer Lippen, einem meſſen⸗ den Blick leicht merkte, daß ihr eigener Anzug zu einfach, wohl gar ein wenig aͤrmlich ſchien. „Ich bin die ganze Nacht auf einem Ball geweſen“, ſagte die junge Dame,„auf Ehre! war es Jemand ſonſt als Sie, ich hätte nicht ange⸗ nommen.“—„Es thut mir unendlich leid“, ver⸗ ſetzte Achill,„daß man Sie aus dem Schlaf ge⸗ ſtöhrt hat“—„Aus dem Schlaf! Ich leide ſeit einiger Seit ſchon an unertraͤglicher Schlafloſig⸗ keit. Sie konnen nicht denken, wie meine Pulſe ſchlagen, wie alle meine Nerven gereizt ſind.“— „Wenn man, wie Sie, gnädige Frau, in den glaͤnzendſten Zirkeln geſucht iſt, wird es ſchwer der Erſchoͤpfung zu entgehen, die damit verbunden iſt, ſelten daß die Geſundheit dergleichen vertraͤgt. Und wie geht es Ihrem lieben Mann?“— „Wahrhaftig, ich weiß nicht. Ich habe ihn nicht geſehen— ſeit ſechs Tagen.“—„Er iſt alſo auf dem Lande?“—„O nein! aber fruͤh ſpielt er Ball; dann reitet er aus bis ſechs Uhr; dann ſpeiſt er irgendwo in der Stadt und ich wo — 46— anders: wenn wir uns nicht zufällig, oder Abends im Schauſpiel, oder in irgend einer Geſellſchaft treffen, ſehen wir uns nicht mehr.“ Bei dieſen Worten ſeufzte ſie unwillkuͤhrlich, doch nicht von Albertinen unbemerkt. Die Unterhaltung wurde allgemein, ſchleppend, verlegen; nach den gewohn⸗ lichen Hoͤflichkeitsbezeugungen und Freundſchafts⸗ verſicherungen ſtiegen die Neuvermählten wieder in ihren Wagen und Albertine ſchrieb in ihre Schreibtafel:„nicht ein einziges gluͤckliches Jahr; vorweggenommene Scheidung, klaͤgliches, war⸗ nendes Beiſpiel!“ Nach mehrern unbedeutenden Beſuchen, von denen nichts zu ſagen iſt, fuhren Herr und Frau von Meneval nach der Straße du Temple zu nem jungen Rath des koniglichen Gerichtshofes, einem Schulfreunde und Verwandten Achills. Er hatte vor einigen Jahren eine ſehr junge Waiſe geheurathet, deren Erziehung er, einiger⸗ maßen nothgedrungen, vollendet hatte. Unter harten, ſtrengen Aeltern in der Kindheit erwachſen, war eine unuͤberwindliche Schuͤchternheit ihr eigen. Wenn ihr Gemahl ſie zuweilen hwang in Geſell⸗ — 4— ſchaft zu gehen, erſchien ſie ſo linkiſch und furcht⸗ ſam, daß man ſie fuͤr ein Landfräulein ohne alle geſellige Kultur hielt, fur ein ſtumpfſinniges Ge⸗ ſchoͤpf, das keiner Empfindung fähig ſei. So hatte ſie Albertine nach einigen Zuſammenkuͤnften beurtheilt, und herzlich den liebenswürdigen Mann beklagt, der dieſes Automat ſich auf den Hals geladen. Achilles war derſelben Meinung gewe⸗ ſen, und hatte ſich mehr als einmal auf Koſten der jungen Räthin luſtig gemacht. Sie werden, ohne einen Augenblick warten zu muͤßen, ohne Umſtaͤnde in einen Salon gefuͤhrt, wo die hoͤchſte Ordnung und Reinlichkeit herrſchen. Im Nebenzimmer ſpielt Jemand auf dem For⸗ tepiano eine der ſchwerſten Sonaten von Duſſek mit einer Präciſion, einem Feuer, die ſie entzuͤk⸗ ken. Kaum hat ihr Vergnuͤgen, den kunſtvollen Harmonien zu lauſchen, begonnen, ſo hoͤren ſie plöblich auf, die Thur öffnet ſich und vor ihnen ſteht die blöde Kuͤnſtlerin, anfangs beſtuͤrzt, ver⸗ legen. Allmahlig faßt ſie Muth, macht dann die Ponneurs vom Hauſe mit naiver Anmuth, vorzuglich aber mit ſo eindrinzticher Hetzlichkeit⸗ Ir Theil. B * . 1F„ * 5 16 n daß Albertine und ihr Gemahl ſich nicht faſſen ksnnen vor Verwunderung, und beſchaͤmt ihr ungerechtes Urtheil erkennen und bereun. Indem kommt der junge Rath aus dem Ge⸗ richtsſaal nach Hauſe und hilft ſeiner Frau die unterhaltung fuͤhren. Sie wird beherzter in der Gegenwart des angebeteten Gatten und uberläßt ſich unbewußt dem Schwunge ihres Gemuͤthes, 6 dem Feuer ihrer Einbildungskraft. Ein tiefes Wiſſen, der gelaͤutertſte Geſchmack werden offen⸗ bar, und die jungen Vermählten ſehn, daß manche junge Frau, die in Geſellſchaft glaͤnzt und um Be⸗ wundrung buhlt, nicht jene erreicht, welche, ſchuͤch⸗ tern und ſchweigend und zuruͤckgezogen, Abge⸗ 3 ſchmacktheiten beobachtet, vor denen ſie ſich zu huͤten weiß, von der Welt, als von einem Schauſpiel belehrt werden will, und wo die Andern vergeuden, ſammelt. Dieſer Beſuch machte einen lebhaften Ein⸗ druck auf Albertinen. Sie gelobte bei ſich der jungen Frau eine unwandelbare Anhaͤnglichkeit, und ſagte im Herausgehn und wiederholte auf ihrer Schreibtafel die Worte;„unerkanntes Ver⸗ dienſt; ſeltenes Kleinod; herrliche Benuſchaf zukuͤnftige Freundin.“ Der Zauber, das Erſtaunen, die Meneval und ſeine Frau waͤhrend jener anziehenden Zuſam⸗ menkunft erprobt, die ſich unvermerkt verlaͤngerte, taͤuſchten ſie uͤber die Zeit: es blieb ihnen nicht viel, um noch einige Viſiten in dem Viertel abzu⸗ thun, wo ſie ſich ſo eben befanden.„Dies iſt grade der rechte Augenblick, ſagte Albertine, um der Baronin von Saint⸗Cyran aufzuwarten, die an der Ecke der Straße Vendome neben dem Boulevard wohnt.“„Iſt das nicht die anſpruchs⸗ volle Närrin“ fragte Achill„die ſich fur einen ſchoͤnen Geiſt haͤlt, und nur den Anſtrich davon hat, die glaͤnzende Lebendigkeit, die alles, was ihr nahe kommt, augenblicklich blendet und hinzureißen vermeint?“„Dieſelbe“ erwiderte Albertine:„da ſie den groͤßten Theil der Nacht in Geſellſchaften zuzubringen pflegt, iſt ſie immer erſt gegen drei Uhr ſichtbar.“ Sie kommen zur Baronin und ſind auf eine Chronik der Vorfaͤlle des Tages, auf tauſend Poſſen gefaßt; aber ſie finden zu ihrem Erſtaunen einen eiskalten Ernſt, eine ſeltſame B 2 ——— 3 — ——— * Nachläſſigkeit in Gebehrden, Reden, Anzug. Man hätte gemeint, daß jene, entkleidet von den glaͤnzenden Zuthaten, womit ſie ſich in Geſell⸗ ſchaft umgab, kaum eine Erinnerung davon be⸗ wahrte, und erſchöpft von der Anſtrengung dort zu gefallen, ausruhete, um wieder daſelbſt mit um ſo mehr Glanz zu erſcheinen. Nachlaͤſſig auf einem Ruhebett ſitzend, eine Anekdotenſammlung in der Hand, womit ſie ihr Gedaͤchtniß ausſtaf⸗ firte, empfing ſie Herrn und Frau von Meneval mit froſtiger Wuͤrde. Kein Lächeln auf den Lip⸗ pen, kein Scherz in der Unterhaltung, ſie ver⸗ gaß ſich ſoweit, uͤber Vernunft, Empfindung, Haushaltung vorzutragen: ſo matt, ſo langweilig, daß Albertine das Gähnen, welches ſie befiel, hin⸗ ter dem Fächer verbarg, ſich der Baronin empfahl, und in ihren Wagen eilte.„Solcher Art ſind hau⸗ ſig die Schoͤnſprecherinnen, die Witzmacherinnen von Profeſſion, die tauſenderlei Unſinn mit ein paar geborgten Gedanken wurzen“ ſagte Achill. Wenn ſie einmal in Geſellſchaft nicht das große Wort fuhren koͤnnen, ſo muß zu Hauſe alles, was ſie umgiebt, den Unmuth uͤber die erfahrne Vernach⸗ — —— ſie 2—— laͤſſigung entgelten.“„Gut“ rief Albertine„ich ſetze mich den Maulereien der Baronin nicht wieder aus;“ und waͤhrend der Fahrt ſchrieb ſie in ihre Tafel: Talent zur Plackerei; Salonsmeu⸗ bel; unertraͤglicher Verkehr!“ Sie fuhren durch die Straße St. Apoline, und hielten vor der Thuͤr der Frau von Saint⸗ Roman, einer jungen, hochmuͤthigen, eiteln und coquetten Wittwe, wie dergleichen haͤufig unter dem kleinen Adel iſt. Ihr groͤßtes Gluͤck war jede neue Mode mitzumachen; ſie erſchien nie, außer in den modernſten Huͤten, in Kleidern vom neuſten Schnitt.„Ihr Anzug und ihr Ton verrathen durchaus Wohlhabenheit“ ſagte Alber⸗ tine,„und ich weiß doch von guter Hand, daß ihr alter Mann ſie nur aus Neigung geheurathet und ihr ein ſehr maͤßiges Einkommen hinterlaſſen hat.“„Ordnung und Sparſamkeit“, antwortete Achill, ſind ſo reiche Huͤlfsquellen!“ Sie ſtiegen aus und fragten den Portier, inwelchem Stock Frau von Saint⸗Roman wohne?“„Auf dem Hof im fuͤnf⸗ ten,“ erwiderte er kurz.„Im fuͤnften!“ wiederholte Albertine, und hob ihr Kleid behutſam auf, indem ——————— ————————— ———* ſie mit ihrem Mann eine enge, ſchmutzige, dunkte Hintertreppe hinanſtieg:„es ſcheint, die Dame iſt ſo beſcheiden in Ruͤckſicht der Wohnung, als ſie anſpruchsvoll in Rückſicht ber Kleidung iſt.“ End⸗ lich haben ſie den Gang des bezeichneten Stocks erreicht; zweifelhaft klingeln ſie bei einer kleinen aſchgrauen Thuͤr, und eine Art von Kammerjung⸗ fer im Waſchhabit macht auf. Frau von Saint⸗ Roman ſelbſt hatte ein weniger als mittelmaͤßi⸗ ges Morgenkleid an, das Haar unter eine ſchlechte Neſſeltuchhaube geſchoben, eine grau leinewandne Schuͤrze vor, und wuſch ihre woͤchentliche Waͤ⸗ ſche. Ihre Beſchämung war ungemein, als ſie Herrn und Frau von Meneval erblickte und in ihrem demuͤthigen Auffenthalt empfangen mußte. Sie hatte nur ein einziges Zimmer und eine Kam⸗ mer. Ein Bett von weichem Holz, deſſen Polſter ſehr dunn ſchienen, eine ſchlechte Komode, eine Thiffoniere von Nußbaumholz, einige alte Seſf⸗ ſel mit gelbem Utrechter Sammet uͤberzogen, da⸗ rin beſtand das ganze Ameublement; doch fehlte ein großer Stehſpiegel nicht, ohne den eine Co— quette es nicht thun kannz und auf einem Vinv⸗ faden hing zum Trocknen ein Kleid von oſtindi⸗ ſchem Mouſſelin mit durchbrochener Stickerei und zwei batiſtne Hemden mit Spitzen beſetzt, welche die Dame ſo eben gewaſchen, und die mit dem, was ſie an ſich trug, ihre ganze Leibwaͤſche ausmachten. Den jaͤmmerlichen Contraſt zu erhohn, nahm Frau von Saint⸗Roman eifrig aus ihrer alten Komode einen praͤchtigen aͤchten Shawl mit Palmen und Mittelſtern, hing ihn um; nahm aus der Chiffoniere einen rothatlaſ⸗ ſenen Federhut und vertauſchte ihn gewandt mit der ſchlechten Neſſeltuchhaube, die ſie aufhatte, und gewann, durch dieſe halbe Toilette von ihrer Beſchämung nun erloͤſt, nach und nach ihren ge⸗ wöhnlichen Ton von Wuͤrde, ihr hochfahrendes Weſen wieder; und ließ den jungen Gatten den Abſtand in ſeinem ganzen Umfang fuͤhlen, der, ihrer Meinung nach, zwiſchen denſelben und einer Frau ihrer Art beſtand. Wiewohl Albertine die Tochter eines Obriſten und von gutem Hauſe war, ging ſie doch mit Frau von Saint⸗Roman keinen Rangſtreit ein: das Mitleid mit der Hochmuͤthi⸗ gen uͤberwand jedes andre Gefuͤhl; Achilles bil⸗ ———— — 24— ligte durch einen Blick die großmuͤthige Selbſtver⸗ laͤugnung ſeiner Frau, und ſie empfahlen ſich bald, uͤberzeugt, daß jene Ungluͤckſelige ſich im Haͤus⸗ lichen auf die aͤußerſte Nothdurft beſchraͤnke, um vor der Welt zu prunken und allen Launen der Mode genug zu thun. Albertine konnte ſich von ihrem Erſtaunen nicht erholen: ſie verhieß ſich wohl, die junge Raſende nicht nachzuahmen und zeichnete in ihre Schreibtafel ein:„Elend und Eitelkeit; anhaltendes Leiden fuͤr angenblicklichen Schimmer; ihr eignes Opfer. „Steigen wir hier aus!“ rief Achill und ließ den Wagen gegenuͤber einer Allee in der neuen St. Euſtach Straße halten;„beſuchen wir mei⸗ nen Freund d'Aſtrol, einen evangeliſchen, einen unterrichteten Mann, einen Mann von Ehre, der Kavallerieoffizier war, und dem ich zum Lohn ſeiner Dienſte ein mäßiges Amt verſchafft habe, wovon er ſeine kranke Mutter, eine Frau und drei Kinder ernaͤhrt.“„O, gern!“ antwortete Albertine;„es ſollte mich Wunder nehmen, wenn ich hier nicht etwas einzuzeichnen faͤnde, das meine Schreibtafel nicht verunzieren wird“ Eine rein⸗ ——— —*„—— — liche, lichte Stiege fuͤhrte ſie in den zweiten Stock, Sie klingeln bei einer neugemahlten Thuͤr, vor der ein viereckigtes Stuͤck Teppich liegt. Ein Kind von acht Jahren macht auf und fuͤhrt ſie in ein kleines Vorzimmer, das zugleich als Speiſe⸗ ſaal dient, und wo zwei junge Fraͤulein den Tiſch decken. Eine zweite Thuͤr geht auf: ſie erblicken d'Aſtrol, der ſo eben nach Hauſe gekommen war. Beim Anblick Achills wirft er ſich ihm in die Arme und ruft:„wie, beſter Meneval, Du fuͤhrſt Deine liebenswuͤrdige Gemahlin zu uns und ſchenkſt uns das Vergnuͤgen ſie kennen zu lernen, und unſre Einſamkeit durch ſie verſchoͤnt zu ſehn!“ —„Haſt Du nicht meinen Ehekontract mit unterzeichnet, und wer naͤhme wohl mehr Antheil an meinem Gluͤcke als Du? Nun küſſe meine liebe Albertine.“„Von Herzen gern, wenn die gnaͤdige Frau ſich nicht vor meinen Schnurbart ſcheut.“„Ich ſcheue mich nicht“ verſetzte Alber⸗ tine,„Ihr Schnurbart erinnert an Ehre und Ruhm, und die Freunde meines Mannes ſind meine Freunde.“„Du mußt mir aber Gleiches mit Gleichem vergelten“ ſagte Meneval„und mir 26———— erlauben Deine Frau auch zu kuſſen; wo iſt ſie denn?“„Hier bin ich ja;“ rief Frau von d'Aſtrol mit einem Provinzialdialect und trat aus einer klei⸗ nen Kuͤche, wo ſie ihrer alten Magd das Mahl bereiten half. Sie hatte auch eine Schuͤrze vor, nur war dieſe viel ſaubrer als die der Frau von Saint⸗Roman. Ihr Anzug war bei der höchſten Einfachheit doch gewäͤhlt; ihr Weſen, ohne alle Gemeinheit, doch das einer trefflichen Hausmutter: ihre friſche, heitre Geſtalt beſeelten innerer Friede und das uͤberall gegenwaͤrtige, ſich immer erneuende haͤusliche Gluͤck. Nachdem ſie Meneval gekuͤßt, ſtellte ſie der jungen Frau ihre zwei Töchter vor und ihren Sohn, welche ſich anſchickten, dAſtrols ehrwuͤrdige Mutter, die vom Schlage gelaähmt war, in ihrem Lehnſeſſel ins Eßzimmer zu rollen. Ihre Stunde der Mahl⸗ zeit war gekommen und man ließ ſie nimmermehr warten.„Wenn Du wollteſt“ ſagte d'Aſtrol zu ſeinem Freund,„wenn Du mir den heutigen Tag durchaus zu einem vergnuͤgten machen woll⸗ teſt: ſo ſpeiſteſt Du mit uns einen Rheinkarpfen, den mir ein Verwandter aus Straßburg geſchickt hat, und den meine gute Adele koͤſtlich zuzurichten verſteht.“„Herzlich gern naͤhme ich Deine Einla⸗ dung an, aber wir machen unſre Hochzeitsbeſuche.“ „Es iſt beinahe fuͤnf Uhr, alle Welt iſt jetzt bei Tiſch, bleiben Sie: ſobald Sie wollen, fah⸗ ren Sie weiter, und haben ein ganzes Hausweſen erfreut.“„Da gilt kein Ablehnen weiter“ rief Albertine, in deren Augen Meneval die Antwort ſuchte;„doch, unter der Bedingung, daß wir nichts weiter haben, als den Rheinkarpfen, ein Gericht, das ich gar zu gern eſſe.“ Frau von d'Aſtrol eilt ihn zu bereiten, und ihre Kinder be⸗ ſorgen indeſſen Alles aufs Beſte. Albertine be⸗ wundert die Einrichtung, die Ordnung im Zim⸗ mer.„Das iſt meine einzige Puppe“ ſagt d'Aſt⸗ rol:„wir behelfen uns im Uebrigen ſo karg als moͤglich, um nur im Innern des Hauſes behaͤg⸗ lich zu leben. Wir haben unſre Beduͤrfniſſe un⸗ ſerm ſpärlichen Einkommen angepaßt, und ſind wohlhabend bei einer mittelmaͤßigen Lage“„Was die Wohlhabenden nicht immer ſind,“ verſetzte Meneval:„wie viel reiche Nothleidende giebt es nicht; man trifft kaum auf etwas andres“ Wäh⸗ ———— ——— — 6* . B 2 —— 2—— S———————— rend ſie ſo ſprechen, wird die Thuͤr aufgethan, der kleine Knabe, die Serviette unterm Arm, mel⸗ det, daß angerichtet ſei. d'Aſtrol macht ſich be⸗ reit ſeine Mutter im Seſſel zu rollen; Albertine nimmt Theil an der ihrem Herzen vertrauten Wallung ſeines kindlichen Gefuͤhls, faßt den Seſſel der ehrwuͤrdigen Kranken mit an, die, von ihrer Laͤhmung der Rede beraubt, mit Lächeln und Kopfnicken ihr Vergnuͤgen zu erkennen giebt. Man tritt in den kleinen Speiſeſaal, die Mahlzeit iſt ein ununterbrochener Erguß von Freu⸗ de, Wohlwollen und Herzlichkeit. Der Rhein⸗ karpfen war das einzige Hauptſtuͤck, und gut über alle Erwartung der Genoſſen des Mahles. Wie ſo ſchnell fliegen ſie dahin, die koͤſtlichen Stunden, wo ohne Vorbereitung, ohne Zwang und Ruͤckſicht, der ſuͤßeſten Hingegebenheit uͤber⸗ laßen, man die Bande der erſten Freundſchaft des Lebens feſter ſchlingt. So vergnuͤgt waren d'Aſtrol und Meneval nie beiſammen geweſen! Albertine theilte den Rauſch ihres Frohſinns und geſtand, daß von allen Hochzeitfeſten, die man ihr und ih⸗ rem Mann zu Ehren gegeben, keines dieſem ohnge⸗ —— fähren Gaſtgebot der Herzlichkeit, dieſer inni⸗ gen und heitern Geſellſchaft gleichzuſchaͤtzen ſei⸗ Endlich ſchlug die Uhr acht; man trennte ſich und ſie ſchrieb bei der ſchon einbrechenden Dunkel⸗ heit geſchwind noch an dem Otrte ſelbſt, wo ſie den Eindruck erhalten, in ihre Schreibtafel:„gluck⸗ ſelige Beſchraͤnkung! vorzuͤglicher als Ueberfluß; Sitten der goldenen Zeit, Freunde, die man ſich bewahren muß.“ e Das junge Ehepaar ſetzte ſeine Beſuche fort k und durchſtreifte bis zehn Uhr die Vorſtadt Saint⸗ k Germain. Bei einigen der ehrenwerthen Bewoh⸗ ner dieſes Viertels, welche die ſtrenge Sitte der Stadt bewahren, miſchten ſich zu dieſer die Schroff⸗ heit des Vorurtheils, der ſteife Zwang der Etiket⸗ te; bei andern religioͤſe Unduldſamkeit, die mehr Unglaͤubige als Proſelyten macht. Herr und 5 Frau von Meneval fanden, daß Paris eine Stadt ſei, die mehrere Nationen von verſchiedenem Cha⸗ 6 rakter umfaßt, und daß man ſich einigermaaßen nach Brauch und Sinnesart des Viertels beque⸗ E 8 men muß, das man bewohnt. Albertine trug An⸗ merkungen uͤber Anmerkungen in ihre Schreibta⸗ — 0— fel ein, und überließ ſich den daraus e Betrachtungen. Sie beſchloßen ihte Fahrt mit der Chauſſee d'Antin. Der Hochmuth mancher Patvenus duͤnkte ihnen och unettragliger, als der des Adels und des Vorurtheils: geblendet von der unverſchaͤmten Ueppigkeit hier, belaͤſtigt von der ſchwerfaͤlligen Breite dort, zwiſchendurch erquickt von Sttahlen der Kunſt und des Talentes, trafen ſie doch nir⸗ gend jenes freiſinnige Geltenlaſſen, jenen Stuͤtz⸗ punkt fürs Gemüth, der ſich nur trifft, wo man empfindet, wo man uns erkennt. Nicht der glän⸗ zende Thee, nicht das yrächtige Souper, zu denen Achil und Albertine geladen waren, nicht Sorbett und Eis, noch der brennende Punſch, deſſen Flam⸗ men ſich in den reichſten Kriſtallen, im ſchoͤnſten Sil⸗ bergeſchirr ſpiegelten: wogen die einfache Tafel des braven d'Aſtrol und den Rheinkarpfen auf. Albertine konnte ſie nicht vergeßen. Als ſie ihre Hochzeitbeſuche uͤberdachte, und die Anmerkungen durchging, welche ſie dabei aufgezeichnet, ſetzte ſie zum Schluß folgende Worte hinzu, welche ich 31 den jungen Frauen wiederholen will, die dieſe Blätter leſen. „Die Ehe gleicht einer langen Wanderſchaft; auf Blumen und Dornen, auf ebene Bahn und Abgruͤnde des Weges, auf Nebel und Gewitter⸗ ſtuͤrme nach heitern Tagen ſei man gefaßt. Das Zuverlaͤßigſte, Gefahren zu uͤberwinden und der Erſchoͤpfung zu entgehn, iſt— Schimmer und Umwege zu vermeiden. Ein großes Geleit fuͤhrt oft ab vom Pfad, und entzweit die zuſammen Rei⸗ ſenden. Ein beſcheidner Aufzug iſt der ſicherſte: Jeder trage ſein eignes Gepäck, erleichtre den Andern: ſo ſegnet am erreichten Ziel Jeder die gluͤckliche Genoſſenſchaft. Der er ſte Argw ohn⸗ Der unerträglichſte Schmerz, der herbſte, wel⸗ cher uns durchdringen und unſer Daſeyn entzaubern kann, iſt der erſte Argwohn wider den Gegenſtand aller unſrer Zärtlichkeit. Kein Erguß der Seele, keine Zukunft mehr, kein füͤßer Traum: das Ge⸗ muͤth iſt verödet, vernichtet. Geſellt zu dieſem Lei⸗ den aller Augenblicke ſich noch der Stolz, den ein tadelloſer Wandel, ein innerliches Selbſtgefuͤhl bewirken: dann ſteigt das Unheil auf den höchſten Grad; das Herz bricht und die Vernunft verwirrt ſich. Der Frauen lebhafte Einbildungskraft macht es bei ihnen haͤufig und verderblicher. Sie waͤh⸗ nen leicht, man beneide ihr koſtbarſtes Gut, und aͤngſtigen ſich ohne Grund und Aufhoͤren: ein fe⸗ ſtes Vertraun, eine vielmals bewaͤhrte Erfah⸗ 8 — 2 2 58—— rung bewahren ſie nicht vor dem ſelbſtgeſchaffenen Schreckbilde ſeiner Treuloſigkeit und vor den Qualen des Wahns. Unter einem ruhigen Aeu⸗ ßern verbergen ſie die furchtbare Zerruttung ihres Innern: ein Laͤcheln muß das Murren des Unwil⸗ lens verſchlucken, ihr Hirn gluͤht, ihr Blut ſie⸗ det, das Fieber der Leidenſchaft zehret ſie auf und in ſeinem brennenden Hauche verdorret die friſche Blumenkette, woraus ihr Eheband geflochten war. Eine Waiſe aus einer Familie, die ſich im Seedienſt beruͤhmt gemacht, Karoline von Armilly, hatte ſeit mehreren Monaten den Schiffs⸗ lieutenant Leo von Saint⸗Far geheurathet, den je⸗ der Vorzug des Gemuͤthes, ſo wie des Aeußern ſchmuckte. Ein hoher Wuchs, ein edler Anſtand, ein ausdrucksvolles, bedeutendes Geſicht, ein Blick voll Feuer und Milde, ein Organ, das dem Ohr ſchmeichelte und das Herz ruͤhrte, heitre Frei⸗ muͤthigkeit, grenzenloſes Vertraun, ein gebildeter Geiſt und feine Sitte: ein ſo verfuͤhreriſcher Ver⸗ ein von Gaben ſchmuͤckte Saint⸗Far. Karoline hatte ihn ſchnell im Schwarm der Anbeter bemerkt, die ihre Schoͤnheit, ihr Name, und das betraͤcht⸗ 1r Theil. C — 34— liche Vermoͤgen um ſie verſammelten, welches ſis ihrem kuͤnftigen Gatten zuzubringen hatte. Leos Familie war während der buͤrgerlichen Unuuhen verarmt, und er durfte ſeine Augen nicht zur reichen Erbin der d'Armillys erhebenz aber in 1 mehreren Kreiſen traf er oͤfters Karolinen, ihre ¹ Wahl fiel auf ihn, und er gewann mit ihrer Rei⸗ gung zugleich eine glaͤnzende aͤußere Lage. Er bewies ohne Unterlaß ſeine Dankbarkeit dafuͤr ſei⸗ ner jungen Gattin, und dachte nur daran ſie mit einem Wechſel von Freuden, mit allem Gluͤck zu umgeben, das ſie verdiente. Ihr Haus ward der Sammelplatz aller derjenigen, welche in Paris durch Adel, Rang oder Talente vorzuglich ausge⸗ zeichnet waren; man wetteiferte bei ihr eingefuͤhrt zu ſeyn; denn reiner Geſchmack, Liebe zur Kunſt und bezaubernde Grazie beſeelten den Schimmer ihres Reichthums. Die erſten drei Monate ihrer Ehe waren ein Freudentaumel. Leos Feuer und Einbildungskraft ſchienen verdoppelt, wenn er er⸗ 1 ſann, was ſeine theure Karoline freuen koͤnne. Bälle, Conzerte, Landparthien, zarte Huldigun⸗ gen, Ueberraſchungen aller Art, nichts mangeltez — 35 allein die Anſtrengung, die durchwachten Nächte erſchuͤtterten bald die Geſundheit der jungen Saint⸗ Far. Die zahlreichen Geſellſchaften, in denen ſie taͤglich ſo ſchoͤn und ſo glaͤnzend erſchien, die uͤppi⸗ gen Tafeln, zu denen ſie täglich geladen war, ent⸗ zuͤndeten ihr Blut, kurz, die Nothwendigkeit, wel⸗ che dem Menſchen nicht geſtattet, ganz allein der Freude zu leben, warf ſie aufs Krankenlager und eine Lungenentzuͤndung riß ſie an den Rand des Grabes. Binnen acht Tagen waren ihre Lebens⸗ kräfte erſchoͤpft, Phantaſien verwirrten ihr Be⸗ wußtſeyn in ſolchem Maaße, daß ſie in deren Raſerei die Stimme Leos nicht einmal erkannte, nichts fuͤhlte von der zaͤrtlichen Sorgfalt, die er ihr Tag und Nacht bewies. Er kam nicht aus ih⸗ rem Zimmer, er beobachtete mit der geſpannteſten Aufmerkſamkeit die furchtbaren Fortſchritte ihrer Krankheit, er gab Achtung, daß alle Vorſchriften des Arztes treulich befolgt wuͤrden: wenn eine au⸗ genblickliche Stille die Wuth der Krankheit unter⸗ brach, ein Schimmer von Bewußtſeyn zur Kran⸗ ken zuruͤckkehrte, hingen die Augen ihres Gatten an den ihrigen, erwärmte er ihre kalten Haͤnde C 2 5 an ſeiner Bruſt, an ſeinem Herzen. Dann zog ein Lächeln der Dankbarkeit und Liebe uͤber ihre verbluͤhten Lippen hin, zertheilte gleichſam die To⸗ desbläſſe, die uͤber den himmliſchen Zuͤgen lag. Doch ein heftigerer Sturm, als alle vorige, folgte immer dem letzten, ſie war in ſolcher Ra⸗ ſerei, daß der Arzt glaubte Leo benachrichtigen zu wuͤſſen, die Huͤlfe der Kunſt ſei erſchoͤpft, nur die Kraft der Jugend vermoͤge Frau von Saint⸗ Far zu retten. Beim Weggehn ſagte er den Leu⸗ ten des Hauſes, ſchwerlich wurde die Kranke die Nacht uͤberleben, und man thäte gut ihren Mann von dem herzzerreißenden Anblick ihres Tobes zu entfernen. Aber dieſer wollte durchaus ſeine Frau nicht verlaſſen.„Ich vertraue Niemand andern dies koſtbare Gut, ſagte er; ich habe ihre erſte Liebe gehabt, ich will auch ihren letzten Athemzug em⸗ pfangen. 6 Die Dumpfheit, worin Karoline lag, furcht⸗ bare Symptome, welche ihre Zuͤge verzerrten, lie⸗ ßen Leo jetzt ihr Verſcheiden fuͤrchten. Er entfernte Alle, die um ſie waren; er verſchloß die Thür des — Gemachs und blieb allein bei ihr, die Augen auf den hinſterbenden Koͤrper geheftet, den er umſchlun⸗ gen hielt und mit ſeinem Leben neu beſeelen wol⸗ te. Er druͤckt ſeine Lippen auf den halbgeoffneten Mund der Sterbenden, als wollte er den letzten Athem einſaugen, der ihr zu entfliehn droht. Er betet noch einmal zur Vorſehung ihm das theu⸗ re Leben zu erhalten, und nicht durch vorzeitigen Tod das ſchoͤne, junge Geſchoͤpf hinzuraffen, das er nur einen Augenblick begluͤcken, dem er die Schuld der Dankbarkeit nicht abtragen koͤnnen. Ein Strom von Thraͤnen begleitet ſein heißes Ge⸗ bet, und ſtuͤrzt auf Karolinens Geſicht; und plotz⸗ lich, ſei's, daß die ausdrucksvolle Stimme Leos in ihr Herz gedrungen iſt, das dann und wann noch ſchlägt; ſei's, daß der Himmel die Wuͤnſche des beſten der Gatten, des zaͤrtlichſten Liebenden erhoͤrt hat: ſie bewegt ſich ein wenig, ſie ſchlaͤgt die Au⸗ gen auf, ein merkbares Roth zerſtreut die Todesbläſ⸗ ſe, ihr Mann glaubt den Druck ihrer Hand gegen die ſeine zu fuͤhlen und hoͤrt ſie die Worte ſagen:„Leo, lieber Leo!— trennen wir uns nicht mehr.“ „Nein, ruft er im Taumel der Freude, und druͤckt ſie an ſeine Bruſt, und erwärmt ſie mit ſeinem Athem: nein, Karoline, wirtrennen uns nichtmehr. Du lebſt wieder auf, mich zu lieben, mein Leben zu verſchoͤnen, das ohne Dich eine ſchreckliche Qual, ein langes Dahinſterben waͤre!“ Der Arzt kömmt indem, und ſagt, die Kriſe habe ſich zur Beſſerung gewendet, die Kranke ſei gerettet. Ihr Bewußtſein kehrt zuruͤck, ihr erſter Blick iſt auf ihren Mann gerichtet, und ſie ſagt deutlich mit ſeeligen Lächeln:„Leo, lieber Leo! trennen wir uns nicht mehr!“ Die zaͤrtliche Sorgfalt, die ihr Leo unablaͤſſig bezeigte, beſchleunigte ihre Geneſung. Er ließ alle Beſuche abweiſen, ſie nicht der Ermuͤ⸗ dung durch einen zahlreichen, oft uͤberlaͤſtigen Schwarm auszuſetzen. Ihre Einſamkeit belebte er unaufhoͤrlich durch ſeine Gegenwart, durch un⸗ terhaltende Lectuͤre, durch Muſik„die er anfangs allein, bald mit ihr machte. Ihre Kräfte nahmen taͤglich zu, ſie ging zum erſtenmal aus, empfing ihre Verwandte und Freunde, die lebhaften An⸗ theil an der Gefahr genommen, welche ſie uͤber⸗ ſtanden. Der immer zärtlichere, immer ſorgfalts⸗ vollere Leo erhielt leicht, daß man wehigete Ge⸗ ſellſchaften, auf keinen Ball den Winter uͤber mehr gehn, vor allen Dingen keine Nacht mehr durchwachen wuͤrde.„Was wollen wir dem Gluͤcke bei andern nachlaufen, da wir es zu Hauſe haben? ſagte er. Mich reizt keine Frau außer Dir.“ „Welcher Mann beſaͤße wohl den Verein Deiner Gaben, Saint⸗Far? Jetzt erſt ſegne ich recht mei⸗ ne Wahl und freue mich Dir anzugehoͤren!“ „Man muß geſtehn, ſuͤße Freundin, ſagte er, daß zwar die Furcht das Liebſte zu verlieren, das man beſitzt, ſchrecklich quaͤlt, aber dafuͤr iſt ſie auch dem, der fuͤr den andern gebetet hat und deßen Gebet erhoͤrt worden iſt, uͤberreich verguͤtet durch die neue Befeſtigung des ehelichen Gluͤckes, durch den Wonnetaumel, womit ein guͤtiger Gott ſie ihm vergilt.“„Ja, wahrlich, lieber Leo, Dein Gebet, der durchdringende Ton Deiner Stimme haben mich aus dem Todesſchlaf wie⸗ der erweckt, haben mich einzig wieder beſeelt, und mir fehlt nichts zum Gluͤcke; denn Du haſt mir mein Leben gerettet.“„Gutes Weib! Und wenn meine Tage einſt eben ſo bedroht waͤren, —— moͤchte ich ſie eben ſo auch nur durch Dich erhalten ſehn. Mich wieder ins Leben zuruͤckzurufen, brauchſt Du nur das Eine zu ſagen, das ich nim⸗ mermehr vergeſſen werde, nur die Worte:„Leo, lieber Leo! trennen wir uns nicht mehr!“ Unter aͤhnlichen Geſpraͤchen und Ergießungen der reinſten Zärtlichkeit verfloſſen den gluͤcklichen Gatten alle Stunden, welche ſie nur der großen Welt entziehen konnten. Sie fuͤhlten, daß nicht die Wolluͤſte, die der Reichthum verſchafft, nicht das Anſehn in der Welt, das ihm folgt, nicht der glaͤnzende Taumel von Feſigelagen, der ſeligen Ue⸗ bereinſtimmung vergleichbar wären, dem wonnevol⸗ len Erguß, der Gemeinſchaft von Gedanken, Neigungen, Planen, Gefuͤhlen zweier Herzen, die ein einziges ſind. 6% O ſeelige Zeit des Lebens, goldene Zeit, Pa⸗ Iradies des Daſeyns, Tage des ehlichen Gluͤckes, die ihr unter unſerm Fußtritt Blumen und ein wohlthatiges, reines Sonnenlicht uͤber unſre Schei⸗ e ſchafft! warum dauert ihr nicht? Ein einziges Wolkchen truͤbt den Horizont, erweckt den Sturm und regt die Wetter auf. — 41 Der Fruͤhling kam, Saint⸗Far mußteſichnach Toulon am Bord ſeines Schiffes begeben. Er verließ Karolinen, die ganz geneſen war, doch alle ihre Kraft brauchte eine Trennung zu ertra⸗ gen, deren Bitterkeit ſie noch nicht erprobt. Sie wollte ſich den Gefahren entziehn, wel⸗ chen ihre Schoͤnheit, ihre Jugend, ihr Reichthum ſie in Abweſenheit ihres Gatten zu Paris ausſetz⸗ ten, und entwarf ſich einen Lebensplan, dem ſie unwandelbar treu blieb. In Brie, mitten auf dem Lande, beſaß ſie ein ſchoͤnes Haus: dorthin zog ſie und verlebte die ganze Zeit, die Saint⸗Far im Dienſt zubrin⸗ gen mußte. Buͤcher, ihre Harfe, ihr Pinſel, erfuͤllten die Stunden, welche nicht der Verbeſſe⸗ rung ihrer Haabe und dem ſtillen Wohlthun ge⸗ weiht waren. Ihr lebhafter Briefwechſel mit ihrem theuren Leo beſchaͤftigte hinlaͤnglich ihre Seele und ihre Phantaſie, und die ſechs Monate ſeiner Abweſenheit verfloſſen ſchneller, als ſie gehofft. So wahr iſt, daß die Liebe von Traͤumen und der Hoffnung lebt; ſo wahr das Wort eines großen Darſtellers der Natur, der von Liebenden ſagt: „iſt einer von beiden allein, ſogleich ſind beide bei⸗ ſammen.“ Saint⸗Far kam gegen das Ende des Herbſtes zuruͤck, nachdem er die ſuͤdlichen Kuͤſten Frankreichs beſtrichen und ſich ehrenvoll bei einer Expedition wider die Inſel Eypern ausgezeichnet hatte. Karoline war am Vorabend ſeiner Ruͤck⸗ kehr mit ihrem ganzen Hauſe wieder zu Paris ein⸗ getroffen. Die Wonne des Wiederſehns ihres Gemahls verguͤtete alle Schmerzen der Trennung, und unter ſeiner Obhut eroffnete ihr Haus ſich wieder der großen Welt, erſchien ſie wieder in der⸗ ſelben, ohne ſich jedoch dem Beſuch aller Geſell⸗ ſchaften und den Nachtwachen und Anſtrengungen zu unterziehn, welche damit verknuͤpft ſind: ſie empfing wöchentlich einmal die bedeutendſten Män⸗ ner und die ausgezeichnetſten Frauen. Saint⸗Far, der von Natur die Frauen ehrte, die Galanterie liebte, und ſieben bis acht Monathe auf dem Meer alles weiblichen Umgangs entbehrt hatte, gab ſei⸗ nem urſpruͤnglichen Hange nach, und zeigte ſich befliſſener als je bei den Damen, die zu ihrem Kreiſe gehoͤrten. Seine Huldigungen waren leb⸗ haft, Karoline bemerkte ſie anfangs ohne Beſorg⸗ niß oder Unruhe; er war ſo voll Zaͤrtlichkeit, ſo liebenswuͤrdig, wenn ſie ſich beiſammen allein fan⸗ den, ſie ſeines argloſen Herzens ſo ſicher, daß nicht der geringſte Argwohn ihre Gedanken ſtreifte. Allein unter den Frauen ihres Umgangs war doch eine oder die andre, die ſich kein Gewiſſen daraus gemacht haben wuͤrde die Blicke eines ſo liebens⸗ wuͤrdigen Mannes, als Saint⸗Far, zu feßeln; ja die es ſich wohl gar zur Ehre gerechnet haͤtte ihn dem Treuebuͤndniß abtruͤnnig zu machen, worauf ſeine Frau ſo ſtolz war, und deßen er, wie man behauptete, uͤber kurz oder lang doch uͤberdruͤſſig ſeyn wuͤrde. Daher denn verlangende Blicke, un⸗ terdruͤckte Seufzer, wohlberechnete Geiſtesabweſen⸗ heiten, empfindſames Träumen; kurz alles Ruͤſt⸗ zeug der Coquetterie wurde in Bewegung geſetzt, das ganze ſchwere Geſchuͤtz der Buhlerei aufgefah⸗ ren wider Saint⸗Far. Er lachte oft daruͤber mit ſeiner theuren Karoline, deren Gemuͤth zwar voll⸗ kommen ruhig war, die aber doch, ohne ſelbſt zu wiſſen warum, nicht mehr ſo gern als vordem in Geſellſchaft ging, und ihrem Mann mit den Au⸗ gen folgte, wenn er ſich ohne Zweck und Ziel in den Strudel der Verſuchung ſtuͤrzte, worin oft der erfahrenſte Seemann das Steuer verliert und die Klippen nicht vermeidet. Nicht lange nach ſeiner Ankunft verabredete Saint⸗Far, ein geuͤbter Ballſchläger, mit mehre⸗ ren Seecoffizieren ein großes Ballſchlagen. Sie luden die Damen ihrer Bekanntſchaft ein, dem Wettkampf, wobei jeder ſich Beweiſe von Gewand⸗ heit, Geſchick, Grazie abzulegen verhieß, zuzuſehn und ihn zu verſchoͤnen. Die Verſammlung war zahlreich, die Wettpreiſe groß; Saint⸗Far, der bei dem heilſamen und nuͤtzlichen Spiel gewoͤhn⸗ lich eine bedeutende Stärke und bewundrungs⸗ wuͤrdige Gewandheit darthat, uͤbertraf ſich ſelbſt. Erhitzt durch den Beifall der Zuſchauer, vorzuͤg⸗ lich aber durch Karolinens zärtliche Freude daruͤber, welche unter den Schoͤnen ſich befand, deren Lob jeder Ringer beneidete, angefeuert durch mehrere treflich gelungene Schlaͤge, geſpornt durch der Gegner ruͤſtigen Widerſtand, warf er zuletzt ein kleines weißes baumwollnes Jäckchen von ſich, das er gewoͤhnlich beim Ballſchlagen trug, ſtreifte heftig den Hemdaͤrmel auf, und an ſeinem Arm —— erſchien ein Armband von Haaren, das auch Ka⸗ rolinen in die Augen fiel. Ein tödlicher Froſt durchſchauerte ihre Sinne: vielleicht hat ihr Auge ſie getaͤuſcht; ſie ſieht wieder hin, ſieht deutlich um Leos nervigen Arm eine breite Haarflechte gewunden, von dunkelbraunem Haar, mit ei⸗ nem ſtarken goldnen Schloß, das eine Inſchrift tragt.„Wer hat ihm, ſpricht ſie außer ſich, bei ſich ſelbſt, wer hat ihm dies Liebespfand gegeben? Von mir erhielt er's nicht, auch nichts ähnliches jemals. Dazu bin ich blond, und jenes Haar des Armbandes iſt dunkelbraun, faſt ſchwarz.— Leo, lieber Leo, haͤtteſt Du mich getaͤuſcht?— Aber, fahrt ſie fort, indem ſie ſich zu beruhigen und ih⸗ re Beſtuͤrzung zu verbergen ſucht; er iſt ja ſeit ſeiner Ruͤckkehr ſo liebevoll, ſein Herz ergießt ſich gegen mich mit derſelben Hingebung und Offen⸗ heit, wie ehemals; er iſt faſt ſtolz, daß unſer Wohlſtand von mir herruͤhrt; ſeine Dankbarkeit graͤnzt an Begeiſterung, ſeine Liebe an Abgötterei. — Allein er iſt ſo herrlich, uͤberall ſo geſucht Er ſieht ſoviel liſtige, verfuͤhreriſche Frauen. Leo, tieber Leo! hätteſt Du mich denn getäuſcht?“— Ihre Einbildungskraft entbrennt bei der Vorſtel⸗ lung; dem toͤdlichen Froſt, von dem ſie ſtarrte, folgt fieberiſche Glut; ihr plötzlich verwandeltes Ausſehn zeugt davon. Saint⸗Far gewinnt die Parthie und erntet den Beifall der Verſammlung ein; ſeine Augen ſuchen die, deren Beifall ihm der liebſte iſt, er gewahrt ſie, blaß, zitternd, halb ohnmaͤchtig.„Liebe Karoline, was haſt Du?“ fragt er eifrig.„Nichts, gar nichts!“„Aber Du biſt auf einmal ſo blaß, Du zitterſt, als hätte etwas Dich unvermuthet ſchrecklich erſchuͤttert.“ „Ich geſtehe, ſagte ſie, zu ſtolz zum Bekenntniß des wahren Grundes ihrer Erſchuͤtterung, ich habe einen Schreck gehabt. Der letzte Ball, der ent⸗ ſchieden hat, flog mit ſolcher entſetzlichen Gewalt gerade gegen Deine Bruſt; ich ſah Dich verletzt, umgeworfen; der Schreck ging mir durchs Herz.“ „Gute Seele! habe Bank fuͤr Deine Theilnahme. Aber ich will Dich ſchon beherzt machen, Du ſollſt Dich gewoͤhnen zu ſehn, wie ich meine Gegner angreife und ihren Ausfällen trotze. Das Ball⸗ ſpiel iſt eine Art kleiner Krieg, darum gefallt es uns Männern ſoz ein wenig Geſchicklichkeit —— und Uebung, ſo kann einem nichts geſchehn; und wenn Du mich wirſt oͤfter in den Schranken geſehn haben—“„Nein, nein! rief Karoline, ich habe genug geſehn! zum zweiten Male hielt ich es nicht aus.“ Sie ſtutzte ſich bei dieſen Worten zitternd auf Leos Arm und erreichte mit Muͤhe ihren Wagen; aber ſie war nicht im Stande dem glaͤnzenden Fruͤhſtuͤck beizuwohnen, das dem merkwuͤrdigen Wettkampf zwiſchen den geſchikteſten Ballſpielern der Hauptſtadt folgte, und mußte einige Tage das Zimmer huͤten. Ihre Verdammniß war lang und grauſam ihre Pein. So oft Leo ein ſuͤßes Wort der Liebe zu ihr ſprach, las ſie, ihre Augen in die ſeinigen bohrend, darin Trug und Verrath. Wenn er ſie umſchlang, war ihr, als waͤre ſie von Schlan⸗ gen umwunden, und ihre gierigen Blicke hefteten ſich auf die Stelle ſeines Armes, wo das heilloſe Armband ſaß, das dunkle Haageflecht, das ihr keinen Augenblick aus den Gedanken kam. Haͤtte oft der unbaͤndigſte Stolz ſie nicht zuruͤckgehalten: ſo hätte ſie es enthuͤllt, den Undankbaren entlarvt, um irgend ein Zeichen, eine Gebehrde zu erlauſchen, den Verraͤther, der ihr dieſe Qual anthat. Dann tiebte ſie ihn aber wiederum zu ſehr, um ihn zu erniedrigen, zu beſchaͤmen: und es giebt auch ein gewißes Ungluͤck im Leben, wobei die Unſicherheit, wie ſchrecklich immer, doch noch beßt als die Ue⸗ berzeugung iſt. So litt die Ungluͤckliche unbeſchreibliche Mar⸗ ter, wenn ſie allein mit Leo war, und in den Ge⸗ ſellſchaften, wozu ſie ſich nichts deſto weniger hin⸗ reißen ließ, wo moglich noch groͤßere. Wenn ſich Alles dem gemeinſamen Vergnuͤgen hingab, das den Kreis vereinte, Saint⸗Far ſelbſt mit offenher⸗ ziger Froͤhlichkeit ſein Spiel mit den Neckereien und Anſtalten der Goquetterie trieb, ſaß ſie abge⸗ ſonbert, unter dem Vorwande eines kleinen Uebel⸗ befindens, in einem Winkel, und forſchte mit un⸗ ruhigem, geſpanntem Blick, welche von ſo vielen liebenswuͤrdigen Frauen diejenige ſei, deren Na⸗ menszug und Haar Leo truͤge? Ein andermal miſchte ſie ſich in Tanz und geſellige Spiele, heuchelte die leichte Huld, welche ihrer Natur eigen war, die ihr Aufſchluß ertheilten uͤber das ſchreckliche Geheimniß, das ſie verfolgte. Zuletzt ermuͤdete ſie das eitle Forſchen, das ih⸗ rer Eigenliebe weh that und ihr edles Gemuͤth herab⸗ wuͤrdigte; ſie beſchloß bei der erſten Gelegenheit das ſchreckliche Armband zu betrachten, die In⸗ ſchrift zu leſen, die ihr den Namen ihrer Neben⸗ buhlerin wahrſcheinlich entdeckte. Der Zufalk fuͤhrte die Gelegenheit dazu nach Wunſch herbei, Saint⸗Far hatte den ganzen Morgen uͤber Ball geſchlagen, fuͤr den Abend war er mit ſeiner Frau zu einer der glaͤnzendſten Verſammlungen der Stadt eingeladen; nach Tiſche begab er ſich in den Muſikſaal des Hauſes, der in den Garten ging, und warf ſich auf ein Sopha, indeß Karoline ab⸗ ſichtlich auf ihrer Harfe eine der leiſen, ſüßen Melodien ſpielte, die in Ruhe verſetzen, in Schlum⸗ mer wiegen. Er war noch im Morgenoberrock⸗ ſein Kopf ruhte auf dem rechten Arm, der linke, derſelbe, den das geheimnißvolle Armband um⸗ wand, lag nachlaſſig auf dem Sopha. Ganz all⸗ mählich daͤmpft Karoline die Harfenklänge, und als ſie uͤberzeugt iſt, daß Saint⸗Far in tiefem 11 Theil. uͤberzeugen, iſt Pflicht. Laſſe ich dieſe Gelegen⸗ Schlummer ruht, nahet ſie leiſe, und ſchickt ſich an das Geheimniß zu enthuͤllen, das ſie qualt, „ungluͤckliche, was haſt Du vor? ruft ſie, plötz⸗ lich inne haltend bei ſich ſelbſt. Wie martert Dich der Argwohn einer Untreue Deines Mannes, was wirſt Du bei der ſchrecklichen Gewißheit leiden; Ehre ſein Geheimniß. Wie? wallt es dawider an in ihrer Bruſt: ich ſoll anſtehn zu entdecken, welche es iſt, die mir Leos Herz entriſſen hat; ob es nicht eine von den Frauen iſt, die ich am lieb⸗ ſten habe, vielleicht eine, welche vorgiebt meine beſte Freundin zu ſeyn? Ich ſoll anſtehn mich zu uͤberzeugen, daß die liebenswuͤrdigſte Geſtalt, die Rede, der Ausdruck des zartlichſten Gefuͤhls ein falſches, undankbares, treuloſes Herz verde⸗ cken. Mich beklagen, wäre Schwachheit; mich heit vorbei, ſo finde ich vielleicht nicht ſobald eine wieder. Fort, es koſte, was es wolle, Entſchloſ⸗ ſenheit und ein Ende der ſchreckbaren Ungewißheit!“ So geht ſie, zitternd, kaum athmend bis dicht vor das Sopha„kniet nieder, hebt behutſam den Arm empor, der ſie ſo oft umſchlungen hielt, 51— ſtreift den Aermel in die Hoͤhe, erblickt das Arm⸗ band, deſſen Haar ihr lange nicht ſo dunkel vor⸗ kommt, als es ihr beim Ballſpiel geſchienen, ſucht mit gierigen Augen die Inſchrift, und lieſt: Leo, lieber Leo! trennen wir uns nicht mehr! Darunter ſtand mit roͤmiſchen Zahlen das Datum und die Jahreszahl: Nacht vom gten auf den 10ten Fe⸗ bruar 1318. O Gott! rief Karoline, vom aͤußerſten Schmerz zur unausſprechlichſten Wonne uͤbergehend: ja, das war die Nacht, ich erinnre mich ihrer ſehr wohl, wo Saint⸗Far an meinem Leben verzagte, wo ich ihn ſo inbruͤnſtig beten hoͤrte und mich in ſeinen Armen wieder aufleben fuͤhlte. Es ſind meine Haare, die Verarbeitung hat ſie gebraͤunt; zu weſſen Haar ſonſt paßte die⸗ ſe Inſchrift, an der meine Augen ſich nicht ſatt ſehn koͤnnen! Leo, lieber Leo! trennen wir uns nicht mehr! Mit unwillkuͤrlich erhobener Stimme, mit dem innigſten Ausdruck ſagte Karoline dieſe Wor⸗ te, und ſie weckten Saint⸗Far. Erſtaunt, beſturzt, ſie auf dem Boden zu erblicken, umſchlang er ſie und wollte ſie aufrichten.„Nein! ruft ſie, nein, D 2 — ich bitte Dich, laß mich knieen und Dir meine Reue, meine Schaam bekennen, daß ich Argwohn wider Dich gehegt. Wenn meine Thränen auf Deine Hand brennen, laß ſie fließen, lieber Leo, ſie brannten auf meinem Herzen, ſie verzehrten mich in's geheim. Nein, Du kannſt nimmermehr wiſ⸗ ſen, was ich gelitten habe!“ Hierauf bekannte ſie ihrem Mann die ſchickſalsvolle Entdeckung des Armbands beim Ballſpiel, die heilloſe Verkettung von Wahrſcheinlichkeiten, ihren Argwohn, ihren Schmerz, die verdeckte Todesqual ihrer tiefverletz⸗ ten Seele, den unabläſſigen Kampf zwiſchen Lie⸗ be und Stolz, Zwang und Hingebung. 3„Du konnteſt an meiner Liebe zweifeln! rief Saint⸗Far, und druͤckte ſie ſtark an ſeine Bruſt: wahrlich, Du mußt zu viel gelitten haben, als daß ich mich im mindeſten beklagen moͤchte.“ Nun erzäͤhlt er ihr, wie, als ſie im Sterben und er mit ihr allein war, er, um ein Andenken der zärt⸗ lichſten Liebe zu bewahren, eine Flechte ihres ſchoͤnen Haars ihr vom Haupte geſchnitten; wie er es ihr nimmermehr ſagen moͤgen, um ſie nicht dürch die dunkle Erinnerung zu erſchuͤttern, und —— 37 — doch, als ewiges Andenken jener Nacht vom neun⸗ ten auf den zehnten Februar, ſich dies Armband zu Toulon habe machen laſſen, deſſen Schloß ſo eingerichtet ſei, daß es nicht von ſeinem Arm zu loͤſen iſt. „Alſo habe ich, was bei Dir Zartheit und Schonung war, Alles fuͤr Trug, Verachtung, Un⸗ treue gehalten! Welche Verirrung, großer Gott, bewirkt ein einziger Argwohn! welche Schmerzen ſchafft in der Ehe der Mangel an Vertraun!“„Laß uns jetzt, Karoline, mit dem heiligſten Eid geloben, rief Saint⸗Far, daß, wenn eines von uns beiden waͤhnt ſich uͤber den andern beklagen zu muͤßen, wir uns freimuͤthig gegeneinander ausſprechen und die Zweifel loͤſen wollen, bevor ſie das Herz zerrei⸗ ßen. Iſt die Ehe kein Bund des Vertrauens, der wechſelſeitigen Zuverlaͤſſigkeit, der Nachſicht: ſo iſt ſie eine ſcheußliche Sklaverei, und dazu macht ſie oft der erſte Argwohn.“ 53 Der Maͤnnerſchmauß. Wenn Maͤnner, die lange als Junggeſellen ge⸗ lebt haben, ſich endlich zum Ehejoch bequemen, gewinnen ſie bald die neuen Feſſeln lieb. Sie ge⸗ nießen darin Ruhe vor den Stürmen der Leiben⸗ ſchaft, Zuverläſſigkeit der Neigung, und jenes Familienleben, ohne das man ſich vereinzelt auf Erden fuͤhlt. Und dennoch kehren ſie dann und wann auch gern zur alten Gewohnheit, zu liebge⸗ wordenen Tauſchungen zuruͤck, und mögen ſich wohl augenblicklich wieder frei, los und ledig der leichten Bande fuͤhlen, die immerhin, ſelbſt an den gluͤcklichen Hausſtand, feſſeln. Zu dieſem natuͤrlichen Verlangen geſellt ſich das reizendere der unausſprechlichen Luſt, ſein Herz gegen Ju⸗ gendfreunde, den Vertrauten der erſten Gedanken, en n„ ge⸗ en⸗ nes auf und ge ſich der an ſem dere Ju⸗ ken, 55 gegen Gefaͤhrten, Kunſtgenoſſen und Mitbewer⸗ ber des Ruhmes zu ergießen. Man fuͤhlt die erſte Jugend wiederkehren, man wiederholt mit Entzuͤcken, was ſo liebe Spuren in der Erinne⸗ rung hinterließ, man ſchifft den Strom des Lebens gleichſam ruͤckwaͤrts und tandelt an ſeinem Ufer wieder mit denen, die einſt die Fahrt mit uns ge⸗ macht und die wir dabei mit Entzuͤcken wiederfinden. Dorſan, der Chef einer Miniſterialabthei⸗ lung, hatte nach einander als Gelehrter, Krieger, Kuͤnſtler und Diplomat gelebt; ſeine glaͤnzende Einbildungskraft und treffliche Studien eigneten ihn fuͤr ſo verſchiedenartige Wirkungskreiſe, aus⸗ gezeichnete Talente und ein gluͤckliches Naturell er⸗ warben ihm Freunde die Menge; dienen war ſeine Luſt; ihm, der auf keinen Dank rechnete, wider⸗ fuhr kein Undank; ohne reich zu ſeyn, befand er ſich in einer reichlichen Lage theils durch die Ein⸗ kuͤnfte ſeines Amtes, theils durch das Vermoͤgen ſei⸗ ner Frau. Vor einem halben Jahre hatte er ein junges Maͤdchen aus Bordeaux, die Tochter eines Kriegsgefährten, der ihm das Leben gerettet, ſowohl aus Neigung, als aus Dankbarkeit geheurathet. Frau von Dorſan, geborne Jeuny von Saint⸗ Clair, war von mittlerer Groͤße, aber voll Grazie und Gewandheit; ihre Geſichtszuge waren unre⸗ gelmäßig, doch voll Leben und Geiſt. Ihre Rede war ſtroͤmend, ausdrucksvoll; ſie war beleſen ohne Pedanterei, anſpruchlos bei vielen Talenten, ſitt⸗ ſam ohne Pruͤderie und voll lebhaften Witzes⸗ doch gar nicht boshaft. Ihre innerliche Froͤhlich⸗ keit theilte ſich Allen mit, die ſie umgaben, man ſchaͤtzte ſie wegen ihrer Verdienſte und gewann ſie unter Lachen lieb. Dorſan erfuͤllte eine unausſprechliche An⸗ haͤnglichkeit an ſeine junge Frau. Ihn ſelbſt be⸗ ſeelte offne, uͤberſtroͤmende Froͤhlichkeit, ſeine Ga⸗ be der Darſtellung, ſein Witz waren beruͤhmt;z und ſo beſtand zwiſchen ihm und Jenny eine ſo vollkommene Uebereinſtimmung, daß man von ih⸗ nen mit Montaigne ſagen konnte: der Natur hätte es gefallen, bei ihrer Schoͤpfung eine Seele in zwei Koͤrper zu trennen und beide zu verbinden, damit nichts fehle, was ein gluͤckliches Paar, den Uebrigen zum Beiſpiel, hätte bilden mogen. Jenny zaͤhlte kaum achtzehn Sommer, ihr Gemahl war noch einmal ſo alt, als ſie; dennoch wuchs täglich ihre Liebe, ihr Vertraun zu ihm. Zwiſchen ihnen gab es keinen Streit, keine Ver⸗ ſtimmung; der Eine las ſeine Gedanken in des Andern Blick, der Andre fand ſein Verlangen im Innern des Einen wieder: ſo ſchienen beide gegen⸗ ſeitig einander nachzugeben, und gaben nur der eignen Neigung nach, und dieſe Gemeinſamkeit erſtreckte ſich bis auf Launen und Eigenheiten. Eine ſo vollendete Uebereinſtimmung beider Gatten wirkte auf ihr Hausweſen zuruͤck: unter ihren Dienſtleuten gab es ſo wenig Streit, als unter ihnen; der Hausſtand war ein Aſyl des Frie⸗ dens, ein Zufluchtsort des Gluͤckes. Nichtsdeſto⸗ weniger wachte die junge Frau mit ſtrenger Genauig⸗ keit uͤber Alles, was Drdnung und Haushaltung betraf. Sie lehrte einen Hausſtand in Ordnung halten, war Beiſpiel ihrer Lehre, und wurde da⸗ her zugleich gefuͤrchtet und geliebt. Dorſan über⸗ ließ ihr auch unumſchraͤnkt die Regentſchaft des Innern, und mochte gern ſein haͤusliches Gluͤck, das jeden Augenblick verſchonende, der Umſicht der Geliebten danken. Meine gute Jenny, ſagte er ihr einſt, Du ſiehſt mich heute zum erſten Mal etwas verlegen vor Dir, als einen, deren 6 wagt, Dich um et⸗ was zu bitten.“ Mein Gott! antwortete ſie mit ihrer gewoͤhn⸗ lichen Heiterkeit, was giebt es denn ſo Wichtiges? Aber ich bitte Dich, ſich nur nicht ſo Mif denn das ſteht Dir gat nicht.“ Ich fürchte, liebe Freundin, es wird Dir zu⸗ wider ſeyn ich werde Deine Nachſicht berbie nn“ 5 une „Zuwider, shitih Dir— das it das erſte Mal; und dergleichen mich zu bitten wagſt Du gar nicht.— Ueberbieten?— meine Nachſicht uͤberbieten kannſt Du nicht, weil ihr die Deine zum Muſter dient.“ 81 Solches Muſter gehoͤrte fuͤr mich: Du biſt ſoviel guͤtiger, als ich ſelbſt. Aber meine Bitte — Du haſt ja bei uns ſo einige Junggeſellen mei⸗ nes Alters geſehn, Jugendfreunde von mir. Nun, wir kommen alle Monate einmal zuſam⸗ men und halten einen Männerſchmauß; Jeder be⸗ wirthet der Reihe nach die Andern. Die vonuns, die ſich verheurathet haben, ſind der Geſellſchaft nicht untreu geworden, in der man die Wonne wahrer Unabhaͤngigkeit genießt, vielleicht die der Ehe ein Weilchen vergißt, um deſto ſeliger dazu zuruͤckzukehren.“ „Ich verſtehe, meine Herren, Sie wollen ein wenig das Junggeſellenweſen treiben und ſich auf Koſten ihrer armen Frauen beluſtigen.— „Geh, ich ſage doch nicht Alles, was ich an der meinen habe, um keinen Neid zu erwecken. Aber morgen, liebe Jenny, iſt die Reihe an mir: da wollte ich Dich ganz unterthaͤnigſt bitten, uͤber⸗ gieb mir Dein Schluͤſſelbund, und nur auf vier und zwanzig Stunden die Zuͤgel des kleinen Reichs, das Du ſo trefflich regierſt, und lade Dich bei einer Freundin zu Gaſt, indeſſen wir hier unſe⸗ re Jugenderinnerungen feiern, wobei Du wahr⸗ haftig nicht zugegen ſeyn darſſt.“ „Das heißt, Du jagſt mich aus dem Hau⸗ ſe, weil alles daruͤber und darunter gehen ſoll.“— „Nicht doch! wir werden nur unter uns ſeyn. Vier und zwanzig Gaͤſte, dreißig Flaſchen Bordeaur oder Burgunder, einige zwanzig Cham⸗ pagner, zwölfe d'Arbois, um die Geſundheit Heinrich des Vierten zu trinken, zwei oder drei Rum zum Yunſch, und ebenſoviel alten Franz⸗ brandtwein zum Braͤndelchen.“ „Das iſt ja ein wahres Bachanal! un lau⸗ ter Maͤnner?“ „Wuͤrde ich Sich ſonſt fortſchicken?—6 wird mir ſauer genug.“ „Es wird mir auch ſauer, mein Haus ſo ⸗ zugeben.“ „O, ich werde uf Alles Acht haben.“ „Eine herrliche Beruhigung!“ „Du kennſt außerdem die Klugheit und Treue unſers alten Franz.“ „Nun, ich werde nichtsdeſtoweniger das Deſſert beſorgen und Silber und Tiſchzeug he⸗ rausgeben. Beſtelle Du den Schmaus nach Ge⸗ fallen, es ſoll Alles puͤnktlich beſorgt werden, wie Du es befiehlſt. Alſo morgen, mein Herr, wirſt Du wieder ein Junggeſell, ein ganz jugend⸗ licher Junggeſell, und wirſt die Luſt haben, Jen⸗ ny vollig zu vergeſſen; die doch immer an Dich denken wird. Nun, weil Du denn ſo willſt, will ich mich um vier Uhr ſcheiden laſſen, und ich komme nicht eher wieder zu Hauſe, als bis Du im Stande biſt mich ſelbſt von Frau von Ver⸗ ſeuil abzuholen, deren Mann auch wohl von der Parthie ſeyn wird. Tröſte Euch Gott, lieben Freunde; lobt Bachus, ſchmollt mit Hymen; aber vergeßt nicht, wenn ihr es zu arg macht, nimmt er es uͤbel und trotzt der Rache!“ Jenny aber entwarf indeſſen wäͤhrend der Nacht einen Plan, dem zufolge ſie ihr Haus nicht preis zu geben brauchte, ohne jedoch auch Dorſan in ſeinem Beluſtigungsprojekt zu hindern. Am folgenden Morgen ging ſie zu Frau von Ver⸗ ſeuil, deren Mann Muſterungsinſpektor war, die ohnfern wohnte, und eroͤffnete ſich ihr. Sie bat ſie Joſeph, einen Jokey, rufen zu laſſen, der in ihren Dienſten ſtand, uͤberzeugte ſich von ſeiner Zuverlaͤſſigkeit, und verabredete mit ihm, daß er waͤhrend des erſten Ganges ſich hinter dem Stuhl ſeines Herrn halten, dann aber ſich raſch fort⸗ ſchleichen und zu ihr in eines ihrer Zimmer kom⸗ men ſollte, das ſie ihm bezeichnete, wo ſie ihm das weitere ſagen wuͤrde. Als dies abgemacht „„ war, ging ſie das Uebrige ſich zu verſchaffen, das ſie zur Ausfuͤhrung ihres Planes bedurfte, und traf, bei ihrer Heimkehr, zu Hauſe ſchon Alles in Bewegung, das derbe, und zugleich auserleſene Mahl zu bereiten, welches Dorſan beſtellt hatte. Sie half und befeuerte die Dienerſchaft durch eig⸗ ne Sorgfalt, umſicht und Eifer, und ſetzte einen Ehrenpunkt darin, daß nichts bei dem Mittags⸗ ſchmauß mangle, womit ihr Mann ſeine Jugend⸗ freunde zu bewirthen ſich freuete. Gegen vier Uhr nahm ſie Abſchied von Dor⸗ ſan, der ihr ſein ganzes Leidweſen wegen der au⸗ genblicklichen Trennung zu erkennen gab, redete ihm freundlich mit der gewohnten Guͤte zu, ſagte, daß ſie nun gehe, ihren Auffenthalt bei ihrer Freundin aufzuſchlagen, und begab ſich, ohne Je⸗ mandes Wiſſen, hinauf in ein entferntes kleines Gemach, wo ſie ihre Kleider auszog, lange blaue Beinkleider und Huſarenſtiefeln anlegte, ein Vor⸗ hemdchen von Perkal vorband und den lieblichen Hals in eine breite Cravatte ſteckte; alles, wie es gewöhnlich Verſeuils Jokey trägt. Ihr blondes Haar verbarg ſie unter einer ſchwarzen Peruͤck⸗ n 5 8 ⸗ men Sie, geben Sie weiter!“ Almählich kam — 63— von der Farbe ſeines Haars, die Augenbraunen ſchwärzte ſie mit gebrannten Kork, und erwartete ungeduldig das Zeichen, das Joſeph ihr geben ſoll, der allein um ihren Auffenthalt weiß. Indeſſen ſtellen ſich alle Gäſte ein, verheura⸗ thete Maͤnner und unverhsurathete; die letztern ſehen triumphirend aus, wie Koͤnige des Feſtes, jene demuͤthiger, aber meiſtentheils ruhig und rein begnuͤgt. Dorſans Herz ſchlug vor Freude, ſeine beſten Freunde und alten Kameraden bei ſich zu bewirthen, und ſetzte ſeine Einbildungskraft in Schwung. Man meldet, daß aufgetragen ſeiz jeder ſetzt ſich, wie es ſich trifft, es giebt bei den frohen Genoſſen nicht Rang nicht Adel: die alte Freundſchaft ſt das einzige Verhältniß, das zwi⸗ ſchen ihnen gilt; doch kommen Verſeuil und Dor⸗ ſan zufaͤllig beiſammen zu ſitzen. Die erſte Hälfte des erſten Ganges ging ſchweigſam vorbei, man hoͤrte nichts, als das Klimpern des Silbers, das Klappern der Teller, — keine Bemerkung, kein Wort, außer:„köſtli⸗ cher Madera!“„Wer will noch Suppe?“„Neh⸗ — män zu Worten und das Geſpräͤch begann. „Nichts von Politik! rief Dorſan, wir ſtreiten nur, welcher Wein am beſten ſchmeckt, und wer die beſten Einfalle vorbringen kann.“„Moͤchten alle Franzoſen ſo einträchtig ſeyn, als wir jetzt ſind! Kein Anſtoß unter uns, als mit den Glaͤ⸗ ſern!,, ruft Einer und hebt ſein Glas empor. „Kein Anſtoß, als den ein Waſſertrinker giebt!“ erwiedert ein Zweiter und klingt an.„Unſer al⸗ tes, ſchönes Frankreich!“ ſchallts von Allen, und Alle ſtehen auf und reichen einander die Hände. So geht der erſte Gang vorbei. Indeſſen man die neuen Schuͤſſeln aufträgt und der Zwiſchentrunk herumgegeben wird, ſchleicht Verſeuils Jokey ſich flink von dannen, Llopft an die Thuͤr des Zimmers, wo Frau von Dorſan wartet; ſie macht ihm auf, nimmt ihm Serviette und Teller ab, jene uͤber den einen Arm, dieſen unter den andern, und geht in den Saal, ſtellt ſich hinter Verſeuil und Dorſan, und bedient beide wechſelsweiſe. Das Alles war das Werk von fuͤnf Minuten, der Herr des Jokeys hatte deſſen Entfernung nicht bemerkt, und da — ys de 65⁵ Jenny ohngefaͤhr von gleicher Große mit dem Jo⸗ key war, den ſeinen nicht ganz entgegengefetzte Geſichtszuͤge hatte, merkten auch die uͤbrigen Be⸗ dienten, die aufwarteten, nichts von der plotzli⸗ chen Verwandlung. anen 1 Der gute Wein belebte die Unterhaltung, ſie wurde munter und beißend. Die Junggpſel⸗ len neckten die verheuratheten Maͤnner, und be⸗ haupteten, ihre Ketten waͤren betruͤbt und laͤſtig; fur ſie gäbe es keine Freiheit, keinenFrieden mehr, ſie traͤnken nur, um den Gram zu vertrinkem Dieſe verſetzten, die Ehe böte vielfachen Erſatz fuͤr die Unabhaͤngigkeit, worauf ſie ſo ſtolz waͤrenz man ruhe dabei mit Wonne aus vom Ungeſtuͤm der Jugend, von dem Strudel der großen Welt: eine gute Frau ſei beſſer als die ſchönſte Maitreſſe, „Ich bin ein unverdaͤchtiger Zeuge, rief Dor⸗ ſan im Schwunge der Offenherzigkeit: wahrlich, Freunde, keiner von Euch iſt ſo allen rauſchen⸗ den Vergnuͤgungen nachgelaufen, als ich, der ich kange Zeit darin das wahre Gluͤck ſuchte. Nun, auf mein ehrliches Wort, nur bei meiner guten kleinen Jenny habe ich's gefunden. Lacht, ſo⸗ 1r Theil. E — 66— giel Ihr wollt, Ihr löſt den Zauber nicht. Oh⸗ ne Aufwand, ohne Anſtrengung hat meine Seele cheen Ruͤckhalt. Die geringſte Aufmerkſamkeit, pas kleinſte Lob rechnet man mir hoch an: als Junggeſell genoß ich nur einen Vorſchmack des Gluͤckes, jetzt genieße ich das ganze, vollſtändige Gefuhl“— Jenny reicht ihm in dem Augenblick einen Teller, und fuͤhlt mit bewegter Bruſt ſich ſeelig in ihrer Verkleidung. „Was mich betrifft, Freunde, ſagt Verſeuil, ich bin laͤnger verheurathet als Dorſan, und ge⸗ ſtehe ehrlich, die Ehe hat ihre Freuden und ihr Weh; aber ich behaupte doch, es iſt das einzige Verhältniß in der Welt, das fuͤr einen rechtſchaf⸗ fenen Mann taugt. Ich will nicht ſagen, daß die Wahl etwas zu ihrem Gluͤck thue; dabei laͤßt ſich der feinſte anfuhren und iſt der ſcharfſichtigſte blind. Ich glaube eher, es haͤngt von dem Be⸗ nehmen in der erſten Zeit des Hausſtandes ab. Zuviel Zaͤrtlichkeit erzeugt Anſpruͤche, und zuviel Kaͤlte die Luſt nach anderweitigem geheimen Er⸗ ſatz. Das Uebermaaß von Hingebung verlockt zum Despotismus, das Mißtraun zur Verſtellung: — wenn man anfangs es in keinem Stuͤck uͤbertreibt, fährt man gut mit den Frauen.“ „Ihr moͤgt von der Ehe ſagen, was Euch beliebt, Ihr Herrn, entgegnete einer der hage⸗ ſtolzen Gaͤſte, Florvelle, ein beruͤhmter Maler, ein kauſtiſcher, verneinender Menſch, ſo behaupte ich, daß Hymen hinter ſeiner gleisneriſchen Miene die furchtbarſte Tyrannei verſteckt. Er iſt ein ſchlauer Despot, der Alles zum Opfer fordert, Verwandte, Freunde, ſuͤße Gewohnheiten, nuͤtz⸗ liche Kenntniſſe: er muß gebieten und herrſchen. Ich wollte mich lieber von zwanzig Matreſſen anfuͤhren, als von meiner Frau gaͤngeln laſſen“ — Jenny ſollte ihm in dem Augenblick einſchen⸗ ken, ſie goß ſein Glas nur halb voll. „Gut, verſetzte Verſeuil, das iſt die Spra⸗ che eines recht ausgewaideten Luͤſtlings!“ Florvelle antwortete mit einem Blick, der ſeinen ſchwer be⸗ herrſchten Grimm uͤber dies Wort ausdruͤckte. Indeſſen ſie ſo uͤber Vorzug und Nachtheil des Ehelebens ſtritten, kam das Deſſert, und Dor⸗ ſans treuer Diener ſtellte vor ſeinem Herrn vier E 2 —— S— ——— — 68— Flaſchen Tokayer auf, deren Anblick die Gaͤſte entzuͤckte. „Franz, woher kommt dies koͤſtliche Ge⸗ ſchenk?“ „Herr, das iſt ein Geheimniß, das ich ver⸗ ſprochen habe nicht zu verrathen.“ „Ich errathe es leicht, ſagte Dorſan, und zog den Stoͤpſel von der erſten Flaſche; meine Frau hat von einem ihrer Verwandten, der Geſand⸗ ſchaftsſekretär in Wien iſt, neulich eine Kiſte voll der koſtbarſten deutſchen Produkte geſchickt bekom⸗ men: ich ſchließe aus Allem, der Wein war dabei.“ „Wenn dem ſo iſt, auf die Geſundheit der allerliebſten, allergroßmuͤthigſten Jenny.“ rief Verſeuil. „Deine, liebenswuͤrdige Frau!“ wiederho⸗ len alle Gäſte und ſtoßen mit ihren Glaͤſern voll Tokayer an. „Moögt ihr, Freunde, antwortete Dorſan, jeder ein Weib finden wie das meine. Ihr wuͤr⸗ det das Junggeſellenleben nicht zu beklagen ha⸗ ben.“ Dem verkleideten Jokey hinter ſeinem Stuhl ging das Wort durch Mark und Bein, und 3 — 69— Verſeuil ſagte:„Ich mache eine Motion, meine Herrn! Da Frau von Dorſan, weit entfernt uͤber unſern Maͤnnerſchmaus zu grollen, uns im Gegentheil durch ihre köſtliche Gabe zur Freude aufmuntern zu wollen ſcheint: ſo ſchlage ich vor, daß wir ihr ſogleich die zwei Ananas dort als ein Opfer unſter Dankbarkeit uͤberbringen laſſen.“ „Ich unterſtuͤtze die Motion! erwiederte Dorſan, um ſo mehr, als ſie ſie ſehr gern ißt. Niemand dawider? Wer einſtimmt, hebe ſein Glas hoch. Einſtimmig angenommen! Franz, nimm die Schüſſel mit den Ananas, kaufe Blu⸗ men dazu, lege ſie darauf, und trage ſie zu Frau von Verſeuil, wo die beiden Damen ſpeiſen, und er⸗ zaͤhle ihnen treulich, was hier vorgegangen iſt.“ „Sehr wohl!“ Der gute alte Diener gehorchte, und Jenny blickte ihm nach, mit Lächeln uͤber ihre komiſche Lage und uͤber die Dinge, die da kommen wuͤrden. Die zwei letzten Flaſchen Tokayer beliebſeligten ganz die Hageſtolzen, die nicht umhin konnten ins Lob der Frau von Dorſan einzuſtimmen. Der Eine pries ihre bezaubernde Grazie, der Andre — ——— S ————— — 0— ihre gluckliche Heiterkeit, noch ein Andrer gab der Gradheit ihres Charakters den Vorzug, und ein Letzter behauptete, die beſte Buͤrgſchaft ihres Wer⸗ thes ſei die Art, wie ſie Dorſan gefeſſelt. Auf ewig gefeſſelt! rief dieſer und ſchlug an ſeine Bruſt, und ich war doch ein arger Geſell; aber kein Teufel iſt ſo ſchlimm, den nicht ein En⸗ gel beſiegte.“ „Der Engel iſt erſt achtzehn Jahr alt, ver⸗ ſetzte Florvelle, der noch immer voll Empfindlich⸗ keit uͤber Verſeuils Vorwurf war: wir wollen ab⸗ warten und erleben, ob der ſchoͤne Engel ſeiner himmliſchen Tugend nicht abtruͤnnig werden wird.“ Jenny biß ſich auf die Zunge, und haͤtte gern das Glas zerſchlagen, aus dem der boshafte Ma⸗ ler ſeinen Tokayer ſchluͤrfte. „Ich begehre dieſen Einwurf zu widerlegen, ſagte Verſeuil. Ich will nicht den Paladin aller Frauen machen; aber ich habe ein wohlerworbenes Recht zu behaupten, daß es deren giebt, bei denen die Ehe die gluͤcklichen Naturanlagen entwickelt 33 und die guten Eigenſchaften vervielfältigt. Seit vierthalb Jahren bin ich verheurathet.„ en lt eit „Und ſeit vierthalb Jahren biſt Du angefuͤhrt!“ fiel ſchroff der unbekehrbare Maler mit höhniſchem Lächeln ein.„Wie meinſt Du das?“ fragte Ver⸗ ſeuil.„Zur Ordnung, zur Ordnung!“ ſchallt es von allen Seiten.„Ich hoͤre zum erſtenmal einen Vorwurf wider meine Frau und ich wäre ein Feiger und ein Undankbarer, wenn ich ihn duldete!“ „Zur Ordnung! zur Ordnung!“„Da gilt keine Ordnung mehr; ich bitte den Herrn ſich zu erklä⸗ ren.“„Ich ſtehe dem Herrn zu jeder beliebigen Erklärung zu Dienſt.“„Zur Ordnung, zur Ord⸗ nung!“ Verſeuil war aufgeſtanden, Florvelle auch; peide forderten ſich durch Blicke und Gebehrden heraus, als Dorſan gleichfalls aufſteht und ruft: „meine Herren, als Praͤſident der Verſammlung ſehe ich mich genoͤthigt, den Herren den ſiebzehn⸗ ten Paragraphen unſrer Statuten vorzuleſen, wel⸗ cher enthaͤlt, daß im Fall zwei Mitglieder unſerer luſtigen Verſammlung ſich ſo weit vergeſſen ſoll⸗ ten einander herauszufordern(was bei Freunden nur durch die Duͤnſte des Weines bewirkt werden kann) ſo ſollen ſie gehalten ſeyn, ein Glas Waſſer ——— Jeder zu trinken und ſich die Hand zu reichen, und das unverzuͤglich.“„Recht ſo, ſagte Verſeuil: ich war der Anfänger, ich muß mit dem Beiſpiel vorangehn.“ Florvelle reichte ebenfalls ſein Glas dar, und Jenny beeiferte ſich es ihm uͤber und uͤber voll Waſſer zu ſchenken. Unter dieſen Erörterungen kam der alte Franz, die Schuͤſſel mit den Ananas und den Blu⸗ men in der Hand, zuruͤck, und meldete: er habe ſich zu Frau von Verſeuil begeben, um ſeiner jun⸗ gen Gebieterin das Geſchenk der Herren zu uͤber⸗ bringen; aber ſie waͤre nicht dort.„Wie, rief Dorſan ſehr verwundert zu Verſeuil, meine Frau iſt nicht bei der Deinen?“„Sie ward zum Mittags⸗ eſſen erwartet, verſetzte Verſeuil, ich habe fuͤr ſie decken ſehen.“„Aber, Herr, Ihre Frau Gemahlin hat auch nicht zu Hauſe geſpeiſt. Ihre Leute ha⸗ ben mir geſagt, ſie wäre gegen fünf Uhr im offe⸗ nen Wagen mit ihrem jungen Vetter, dem Gar⸗ deofficier, ausgefahren, und hätte Ihnen fuͤr den ubrigen Tag Raſttag gegeben; auch iſt bei Ihnen Alles in Saus und Braus.“„Sieh da!“ rief Ver⸗ ſeuil.„Und Du haſt gar nichts gehoͤrt, was aus — 78— meiner Frau geworden iſt?“ fragte Dorſan ſehr bewegt.„Sie iſt gar nicht bei Frau von Verſeuil geweſen, ſonſt nichts.“„Sie wird mit einem andern Vetter jn einen andern offenen Wagen ge⸗ ſtiegen ſeyn, und ein zweites téte à téte aus⸗ machen. Und in ebenderſelben Stunde, da Ihr Eure beiden Frauen gegen uns zum Himmel et⸗ hebt, verkehren dieſe ganz irdiſch in der Gegend um Paris,“ ſprach Florvelle.„So recht, antwor⸗ tete Dorſan, heftig erſchuͤttert, wenn Du nur den mindeſten Anſchein von etwas Verdachtigen aufſpuͤren kannſt: ſo ergreifſt Du die Gelegenheit, um kber die armen Frauen herzufahren.“„Kei⸗ neswegs; aber ich werde doch meine Parthei nicht im Stich laſſen ſollen und ein wenig Rache neh⸗ men duͤrfen. In der That, was kann es Laͤcher⸗ licheres geben, als zwei gute Ehemänner, zwei treffliche Menſchen, die voller Vertraun und Zu⸗ verſicht ihren Frauen Ananas und Blumen ſchi⸗ cken, indeß die Damen— ha, ha, ha, ha, ha!“„Ja wahrhaftig, riefen die Hageſtolzen, das Stuck iſt einzig; es verdient in unſre Annalen aufgezeichnet zu werden.“„Ich bitte indeſſen wohl zu bemerken, meine Herrn, fährt Florvelle mit ſpöttiſchem Ernſte und Wuͤrde fort, die Vorſicht der beiden Damen. Alles iſt in der Regel des geſellſchaftlichen Verkehrs. Jedwede hat ihren Wagen, das giebt dem téte-antéte mehr Be⸗ quemlichkeit, und dabei geht es raſcher an Ort und Stelle. So gehort es ſich. Die Eine nimmt einen huͤbſchen, jungen Gardeofficier mit ſich, die andre wahrſcheinlich einen eben ſo alten und eſcheidnen Cavalier.“— „Friſch daran, Unthier, rief Dorſan, friſch daran! ſpitze Deine Natterzunge, und drucke den Stachel tiefer.“„Da heißt man eine Natter⸗ zunge, weil man ſcherzt und lacht. Ich ſehe in dem Allen nichts als einen willkommenen Spaß, gar nichts, das Dich beunruhigen könnte. Wohin ſollte wohl Dein allerliebſtes Weibchen gefahren ſeyn, was thäte ſie wohl in dieſem Augenblick?“ —„Sie hat die Ehre Ihnen ein Glas Champag⸗ ner einzuſchenken, mein Herr!“ antwortete Jenny, die ſich nicht läͤnger halten konnte, und ließ den Wein zierlich ſchäumen.„Herr Gott! ſie iſt es, rief Dorſan, ſie bedient uns in dieſer Verkleidung nit cht des ren Be⸗ Ort ine mit ten ſch den ter⸗ in aß, ren k?“ ag⸗ inh, den es, ung ſchon eine Stunde. Ha, wie ſie mich rächt!“ Bravorufen und Beifallklatſchen ertönte von allen Seiten. Dorſan konnte ſeine Freude nicht zuruͤck⸗ halten, und aͤußerte ſie gegen Jenny, die ihm doch veiläufig zu Gemuͤthe fuͤhren wollte, daß er ſich veim Bericht des alten Franz ein wenig verfaͤrbt. „Ich läugne es nicht, ſagte er, ich war unaus⸗ ſprechlich betroffen; aber zum erſten und zum letz⸗ ten Mal.“„Ich vergebe Dirs, antwortete Jenny, faßte ſeine Hand und druͤckte ſie zwiſchen ihren Häͤnden; ich habe in Deiner Seele geleſen und bin gluͤckſelig fuͤr's Leben!“ Bei dieſen Worten warf ſie die Serviette weg, warf ihrem Mann ei⸗ nen Blick entzuckter Liebe zu, und war verſchwun⸗ den. Florvelle ſaß verbluͤfft: der herben Ironie, der feindſeligen Großſprecherei, worin er ſich kaum ſo furchtbar gezeigt, folgten ein Verſtummen, eine Verlegenheit, eine Verwirrung, deren er nicht Meiſter werden konnte. Verſeuil nahm Theil an Dorſans Freude, an der verheuratheten Maͤnner Triumph; doch verrieth ſeine zerſtreute, befangene Miene, daß er in Gedanken bei ſeiner Frau in —-— — 76 ihrer Abweſenheit war. Florvelle, der eine Ge⸗ legenheit ſuchte, ſeine Niederlage gut zu machen und ſeine Kraͤfte wieder zu ſammeln, benutzte die ſehr bemerkbare Veraͤnderung in Verſeuils Aus⸗ ſehen, um ſich von Neuem auf Unkoſten der Ehe⸗ manner zu beluſtigen. Dorſan merkte, daß die Ne⸗ ckereien des boshaften Malers ſeinen Freund zu hart traͤfen: er ſchlug vor aufzuſtehen und in den Salon zu gehen, wo ber Kaffee bereit wäre. Die Gäſte begaben ſich dorthin, und fanden einen neuen Beweis von Jenny's anmuthiger Aufmerkſamkeit. Gefrornes aller Art war auf einer mit Blumen verzierten großen flachen Schale aufgetragen. „Wahrhaftig, rief Dorſan, ich werde, ſollte es auch unſern Herrn Hageſtolzen zu Aergerniß ge⸗ ſchehn, mein gar gutes Weibchen ſchon wieder loben muͤßen. Sie hat es darauf angelegt, uns ange⸗ nehm zu uͤberraſchen.“„Es iſt wahr, verſetzte Florvelle, man kann nicht mit mehr Liebreiz die Binde Amors um Hymens Augen ſchlingen. Ein allerliebſter Vorwurf zu einem Gemälde, das ich ausführen will, und wovon ich jedem der Herrn Ehemaͤnner einen Kupferſtich zu uͤberreichen denke, *— Dem Freunde Verſeuil widme ich das Blatt.“ Den beißenden Spott des Malers unterbrach Jen⸗ ny's Erſcheinung. Sie kam, als ein nettes Stu⸗ benmaͤdchen gekleidet, eine große Kaffeekanne in der Hand, verdoppeltes Beifallklatſchen und er⸗ neuerte Gluͤckwuͤnſche erheben ſich bei ihrem An⸗ blick. Sie ſagte: das Stubenmaͤdchen vom Hauſe fuͤrchtete ſich unter ſoviel Männer in Saus und Braus zu treten, und habe ſie gebeten, an ihrer Stelle den Kaffee einzuſchenken, den ſie zugleich mit einer Geſchicklichkeit und Froͤhlichkeit herum⸗ gab, welche ihr tauſend neue Lobſpruͤche zuziehn. „Sie haben alſo nicht bei meiner Frau geſpeiſt?“ fragte Verſeuil ſie ganz leiſe.„Nein, denn ich bin nicht aus dem Hauſe geweſen.“„Und Sie wiſſen nicht, wohin ſie iſt.“„Was liegt Ihnen daran, wenn ſie nur wiederkommt.“ Indem ſie das ſagte, trat ein zweites Stubenmaͤdchen in der⸗ ſelben Tracht, als Frau von Dorſan, ein. Sie trug auf einer flachen Kriſtallſchale ein großes Ge⸗ faß mit flammenden Braͤndelpunſch.„Das iſt eine Freundin von mir, ſagte Jenny, die ganz vortrefflichen Punſch zu bereiten verſteht: ſie hat mit mir gemeinſchaftliche Sache gemacht, um den Herren auch einen kleinen Beweis von ihrer Ge⸗ ſchicklichkeit abzulegen“„Himmel! rief Verſeuil, das iſt meine Frau; ja ſie iſt es. O, wie hat ſie mich angefuͤhrt!“ Sie war es wirklich, die ihren Mann hatte auf die Probe ſtellen wollen, und allerdings vor den Augen ihrer Leute mit dem jungen Gardeofſizier in den offenen Wagen geſtie⸗ gen war, aber geeilt hatte zu ihrer Freundin zu kommen, mit welcher ſie allein auf deren Zimmer geſpeiſt und gemeinſchaftlich die ausgefuͤhrten Ueberraſchungen bereitet hatte. Verſeuils Freude truͤbte der Schmerz, ſeine Frau im Verdacht einer ſtrafbaren Unvorſichtigkeit gehabt zu haben: er that ihr öffentlich Abbitte, und ihn ſtrafte ein ſuͤßes Laͤcheln, das mehr wirkte, als die erbaulichſte Gar dinenpredigt. Alle Gaͤſte umringten die allerlieb⸗ ſten Stubenmaͤdchen; nur Florvelle hielt ſich fern, und empfand zum erſten Mal ein Gefühl wahrer Achtung und Ehrfurcht vor Frauen, deſſen er ſich nicht erwehren konnte. Er bat die Damen ernſt⸗ lich um Vergebung und ſchwor, daß er von allen 9 9„ daß ſeinen Irthuͤmern bekehrt und bereit ſei, dem den Ge⸗ euil, hat die len, dem ſtie⸗ zu mer rten eude iner that ußes Harz lieb⸗ ern, hrer ſich nſt⸗ llen dem — 79— Junggeſellenleben zu entſagen und eine Frau zu nehmen, welche ſie fuͤr ihn wählen wuͤrden⸗ „Eine, antwortete Frau von Dorſan, die arge Vergehen abzubuͤßen hat, und im Stande ſeyn wird, unſer Geſchlecht fuͤr Ihre Verſuͤndi⸗ gungen dawider zu raͤchen. Wenn wir auf eine ſolche treffen, die ſollen ſie heurathen.“„O, ich verwende mein uͤbriges Leben, ſie gut zu ma⸗ chen! rief Florvelle, finden Sie mir wo moͤglich eine Frau, die Ihnen aͤhnlich iſt, und ich unter⸗ ziehe mich dem Joch, das ſie mir auflegen wird, und will die Feſſel ſegnen, die ich zu lange ver⸗ achtet habe.“ Die beiden jungen Freundinnen konnten nicht umhin ſtolz auf eine Bekehrung zu ſeyn, elche ſchon auf die uͤbrigen Hageſtolzen zuruck⸗ wirkte. Nachdem ſie den Kaffe und den Braͤn⸗ delpunſch herumgegeben, entfernten ſie ſich, zum großen Leidweſen aller Gäſte, welche ſie mit Ge⸗ walt zuruͤckzuhalten ſuchten.„Unſere Aufgabe iſt gelöſt, ſagte Jenny mit ihrem bezaubernden Lieb⸗ reiz. Wir wollten zum Vergnuͤgen der Herren beitragen und zeigen, daß eine vernuͤnftige und — —— vorſichtige Frau ihr Haus nimmermehr preisge⸗ ben muß.“ „. 3 Das Juweelenkäſtchen. Die Sucht zu glaͤnzen uͤbte von jeher große Ge⸗ walt uͤber die Frauen. Von der Fuͤrſtin, die im Diademe prunkt, bis zum Buͤrgermädchen, das ſich etwas auf den Funken einbildet, der an ihrem Mieder blinkt, moͤgen alle gern glänzen und d Blicke auf ſich ziehn. Man trete in ein Putz⸗ oder 1 Patfuͤmerie oder Seiden⸗Gewölbe; die Kauf⸗ mannsfrau hinterm Ladentiſch hat Juweelen an ſich; das Ladenmädchen trägt am Finger einen kleinen Juweel, gleichſam als Stellvertreter des Eherings. Das Kammermaͤdchen, das Kuͤchen⸗ 1 maͤdchen ſogar, haͤngt an einem goldenen Kettlein Ge⸗ e im das rem oder auf⸗ an inen des hen⸗ lein ſein Kreuzchen von Tuͤrkis, Karniol oder Grana⸗ ten um. Sie ſcheuen keine Einſchraͤnkung, un⸗ terziehen ſich jeder Entſagung, ertragen jedes Opfer dem unausſprechlichen Genuß zu Liebe, mehr zu ſcheinen, als wozu die Geburt ſie gemacht. Wuͤrde alles Unheil offenbar, welches die unerſaͤtt⸗ liche Luſt zu glaͤnzen bewirkt, kundbar die Sum⸗ me der Verwuͤſtung des haͤuslichen Friedens, des Wohlſtandes, der Sittlichkeit durch dieſelbe: ſo wuͤrde man erſchrecken. Ich glaube alſo jene Peſt als bas verderb⸗ lichſte zeigen zu muͤßen, das dem Glucke junger Frauen droht, und will zu dieſem Behuf ein Er⸗ reigniß mittheilen, wie ähnliche unter uns nur zu haͤufig vorfallen. Alphonſine Dutheil war die einzige Tochter und Erbin des reichen Beſitzers einer Porzellanma⸗ nufactur. Sie hatte ſich mit Karl Melcour ver⸗ maͤhlt und ihm einen Brautſchatz von zweimalhun⸗ derttauſend Franken zugebracht. Er bezahlte da⸗ von zwei Drittheile des Preiſes füͤr feine Stelle, das letzte Drittheil ward auf den Ertrag derſelben an⸗ gewieſen. Melcour war der Sohn eines Land⸗ Ir Theil F bauers, welcher ſtarb, da er noch ſehr juns war⸗ Durch angeſtrengten Fleiß, durch ein gluͤckliches Naturell, durch Kenntniſſe, die er dem anhaltend⸗ ſten Studium verdankte, erhob er ſich zum Nota⸗ riat. Der Advokat, dem er folgte, dem er lange als erſter Schreiber gedient, deſſen Freund und Vertrauter er geweſen, zog ihn gern den uͤbrigen zahlreichen Bewerbern um ſeine Stelle vor. Sein Arbeitszimmer war keines von denen, die zu öf⸗ fentlichen Wechſelbanken geworden ſind, wo man mehr auf Wucherzinſen und Finanzoperationen denkt, als auf Verfechtung von Familienrechten und auf Erhaltung des Beſitzes; auch hatte er von ſeinem ehrwuͤrdigen Vorgänger gelernt, mit dem Vertraun ſeiner Clienten nimmermehr Han⸗ del zu treiben, ihren Vortheil als ſeinen eignen zu betrachten, wenn es darauf ankaͤme, fuͤr anver⸗ trautes Gut ſein Leben zu laſſen, mit gleichem Eifer dem Reichen wie dem Armen, dem Mächti⸗ gen wie dem Geringen zu dienen und ihre Sachen zu führen, den Schurken, wer er ſonſt auch ſeyn moͤchte, zu entlarven: kurz, die alte, ehrenveſte Wuͤrde des Pariſ er Advokatenſtandes zu behaupten, nen ver⸗ hem chti⸗ chen ſeyn veſte ten, deſſen Geſchaͤft ſo gewaltig in das buͤrgerliche Le⸗ ben, in die oͤffentliche Wohlfahrt eingreift. Melcour beſaß viel Anſehn, und ſein Anſehn wuchs täglich, die Zahl ſeiner Clienten mit demſelben; aber der außerordentlich große Preis fuͤr ſeine Stelle, der Aufwand ſeines Hauſes, die Intereſſen des Capitals, das er noch ſchuldig war, verhinderten ihn bei ſeiner Verheurathung ſeiner angeſtammten Freigebigkeit zu folgen und ſeiner Braut Juweelen zu ſchenken, die ſie wohl ſehnlich erwartete, wie er merkte. Alphonſinens Hoch⸗ zeitkorb war elegant und enthielt, was nur der Eitelkeit einer jungen Frau genuͤgen mag; aber er enthielt kein Juweelenkaͤſtchen; und ohne dasſel⸗ be hatte der Korb gegen 16,000 Franken geko⸗ ſtet, wofuͤr Melcour mehr als noch einmal ſoviel Grund und Boden hätte erſtehen koͤnnen, als er von ſeinen Aeltern geerbt: eine Betrachtung, die ihm ganz natuͤrlich einfiel, als er die ſchoͤne Vaſe von weißem Atlaß mit Blumengewinden anſah, die einen Strom von Wohlgeruͤchen ausſtroͤmte, welcher den ganzen hochzeitlichen Altar einzuhuͤllen ſchien. 3 2 — Alphonſine verheelte ihren Verdruß kein Ju⸗ weelenkäſtchen in ihrem Korbe zu finden. So ſehr ſie aber Melcour liebte, der anmuthige Eigen⸗ ſ chaften mit einem vortheilhaften Aeußern verband: ſo fuͤhlte ſie im Herzen doch eine gewiſſe Entzaube⸗ rung, ja ſelbſt wahre Reue, ſich mit einem Man⸗ ne eingelaſſen zu haben, der karg und ihrer Sin⸗ nesart wenig gleichgeſtimmt ſ bn Die Feſte, die ihr zu Ehren zegeben wurden, die chtichin, abwechſelnden Vergnügungen, wel⸗ che ſie umringten, und die ſie, mit den reichſten Spitzen, den ſchonſten achten Shawls bedeckt, ge⸗ noß, zerſtreuten ſie einigermaaßen, und ihr ge⸗ heimer Kummer brach nicht hervor, um ſo wem⸗ ger, als ihr Vater Melcours wohluͤberlegter Wirth⸗ lichkeit Lob und Beifall ſpendete. Herr Dutheil hatte vom Manufarturarbeiter ſich zum Manufacturherrn emporgearbeitet; er kannte den Werth des Geldes, die Anſtrengung 5 der es bedarf, ein anſehnliches Vermoͤgen zu er⸗ werben.„Nichts verdrießt meine Augen mehr, pflegte er zu ſagen, als Brillanten oder Rubinen , e⸗ e⸗ n ter 8 er⸗ W en — 85— auf einem achtzehnjaͤhrigen Hals: das gehoͤrt ſich fuͤr Frauen bei Jahren, die Jugend muß ſich nur mit Blumen ſchmuͤcken.“ Alphonſine lächelte und ſchien ihrem Vater beizupflichten, gab ihm aber doch zu bedenken, daß ein gemaͤßigter Luxus zum Schwunge des Handels, zum Glanz der gro⸗ ßen Stadte beitrage, und die Wohlhabenden ver⸗ bunden wären die Kuͤnſte zu heben.„Sie ſelbſt, lieber Vater, ſagte ſie nicht ohne Beziehung, ver⸗ danken Ihren Reichthum der Nothwendigkeit vom Tauſche des Goldes fuͤr Betriebſamkeit. Wenn man, ihrem Grundſatz zu Folge, eben ſo wenig Porzellan gebrauchen wollte, als Juweelen tragen: wo waͤren Ihre ſchoͤne Manufactur, Ihredrei Meie⸗ reien in Beauce, Ihre zwei großen Häuſer in Pa⸗ ris? Sie haͤtten Melcour nicht zum Schwieger⸗ ſohn, nicht das Vergnuͤgen mich gluͤchlich verſorgt zu ſehen.“ Bei dieſen Worten warf ſie ihrem Mann einen holden Blick zu, der, als ein guter Beobachter, doch im Hintergrunde jener Wal⸗ lung eines zaͤrtlichen Gefuhls eine getäuſchte Hoff⸗ nung entdeckte, die zu erfullen, ſobald es ihm moͤglich ſeyn wuͤrde, er ſich in's Geheim verhieß. * — 86— Allein der Erwerb ſeines Fleißes wuchs zwar tiglich durch die Achtung deren er genoß, doch reichte er keineswegs zu ſchneller Erfuͤllung jener Hoffnung hin, bei der Ruͤckſicht auf die ubernom⸗ menen Verbindlichkeiten. Alphonſine entſchädigte ihre Eitelkeit durch tauſend Kleinigkeiten, verfehlte aber nicht, wenn ſie mit Frauen zuſammentraf, welche Schnuck trugen, ihn auf eine Art zu loben, die Melcour verſtehen konnte. Sobald es aͤltliche Frauen waren, an denen ſie Juweelen erblickte, verſchlug es ihr weniger; aber wenn irgend eine Neuvermaͤhlte damit erſchien, funkelten ihre Au⸗ gen, in ihren Zuͤgen malte ſich Neid, und ein froſtiger, unmuthsvoller Blick traf Melcour, wel⸗ cher die Augen niederſchlug und mehr litt, als ſie. Eine neue Vermählung in der Familie Du⸗ theil wurde Anlaß, die Empfindlichkeit der jungen Melcour zu ſteigern, daß ſie ihrer Eitelkeit ſeit⸗ dem die Zůgel völlig ſchießen ließ, womit ſie die⸗ ſelbe bisher noch gebaͤndigt. Adele Crammer, eine Nichte des Herrn Dutheil, die Tochter ſeines Aſ⸗ ſocie's wurde mit Julius Sainville, dem einzi⸗ gen Sohn eines Wechſelagenten, verlobt. Adele — 87— war keine ſo glanzende Schoͤnheit, als ihre Muh⸗ me; aber ſie war unausſprechlich reizend und beſaß einen unwiderſtehlichen Ausdruck. Sie hatte der junge Sainville aus uebereinſtimmung ihrer Nei⸗ gungen und Geſinnungen, aus jener Anhaͤng⸗ lichkeit gewaͤhlt, die ſichrer, als ſelbſt Leidenſchaft und Reichthum, das Gluͤck einer Ehe verbuͤrgt. Ihr Vater konnte, bei aller Zaͤrtlichkeit, ihr nicht mehr als 30,000 Franken Ausſteuer geben, nichts deſto weniger bekam ſie einen ſehr reichen Hochzeit⸗ korb, welcher, der Sitte gemaͤß, im Beiſeyn der Verwandten geoͤffnet wurde. Alphonſinens Eitelkeit fand ſich anfangs be⸗ friedigt, als ſie ſah, daß ihre Muhme es ihr an Spitzen und Shawls kaum wuͤrde gleich thun koͤn⸗ nen. Als aber die kleinen herkömmlichen Geſchenke vertheilt waren und Putz aller Art ausgepackt lag, zeigte ſich auf dem Boden des Korbes ein Käſichen von rothem Moroquin mit dem verſchlun⸗ genen Namenszug des Braͤutigams und der Braut, und Alphonſinens fröhliche Gluͤckwunſche waren plötzlich verſtummt. Adele öffnete das Käſtchen; es enthielt ſehr ſchoͤne brillantene Ohrgehaͤnge, einen Kamm und Halsſchmuck von demſelben Ge⸗ ſtein, das alle Strahlen der Sonne blitzte, und dieſem reichen Geſchmeide waren noch ein paar andre von Türkis und Korallen zum halben Anzug beigefuͤgt, nebſt einer Boͤrſe mit zweihundert Gold⸗ ſtuͤcken, welche die reiche Hochzeitgabe vollendete. Alphonſine, die Augen auf das Kaͤſcchen gehef⸗ tet, geluͤſtete der glaͤnzenden Zier und dachte bei ſich; indem ſie ihren Verdruß und ihre Beſtuͤrzung verhehlte; ſie iſt doch keine einzige Tochter, wie ich, und hat kaum die Hälfte meiner Morgen⸗ gabe erhalten. Zum Uebermaaß ihrer Leiden hing Adele, die Wirkung des Diamantenſchmucks zu ſe⸗ hen, denſelben ihrer Muhme um den Hals und rief mit ihrer eigenthuͤmlichen Anſpruchsloſigkeit: „Nein, das iſt viel zu ſchoͤn fuͤr mich! O, wie das Halsband Dir gut ſteht!“„Sage das nicht in Gegenwart meines Mannes, verſetzte Alphon⸗ ſine mit bitterm Laͤcheln, er wuͤrde Dir mit mei⸗ nem Vater antworten, daß die Jugend ſich nur mit Blumen ſchmuͤcken muß.“„Sehr richtig, ſiel Herr Dutheil haſtig ein, und ich muß offen bekennen, daß Sainville Unrecht hat. Man muß „—„— —— — ein Narr ſeyn, um auf den Schmuck der Frau die Haͤlfte ihrer Morgengabe zu verwenden.“„Die⸗ ſe Brillanten koſten mir keinen Heller, verſetzte Ju⸗ lius: es ſind die Juweelen meiner Mutter, wel⸗ che ſie mir ſterbend uͤbergab; ſie der zu ſchenken, welche das Schickſal dereinſt mit mir vereinigen wuͤrde.“„Sie ſind mir um ſo theurer“ rief Adele, und betrachtete ſie mit Ehrfurcht.„Ich moͤchte meiner Frau auch den Schmuck meiner wuͤrdigen Mutter ſchenken, ſagte Melcour und betrachtete forſchend Alphonſinen; aber er beſteht in einem goldenen Kreuz mit Kettlein, einem Ehering, der mir nimmermehr vom Finger kommt und einem ſilbernen Becher, aus dem ich täglich trinke.“ Alphonſine ſchlug die Augen nieder, und im Wahn, daß ihr Mann ſie haͤtte beſchaͤmen wollen, ver⸗ ſtummte ſie noch mehr und wurde noch duͤſtrer: ſo leicht iſt ein gereiztes Herz zu verletzen, verkehrt es die einfachſte Rede zu beleidigender Deutung. Am Tage der Hochzeit ihrer Muhme kleidete Alphonſine ſich ſo einfach als moͤglich und wieder⸗ holte immer wieder mit gekniffenem Lächeln, daß eine junge Frau ſich nur mit Blumen ſchmuͤcken můße.„Du brauchteſt keine dazu, als die Dei⸗ ner Wangen,“ ſagte Melcour, den die Kälte ſei⸗ ner Frau gegen ihn, welche ſeither an Gleichgul⸗ tigkeit grenzte, mehr als er ſagen konnte, geſchmerzt; „aber, ſagte er kurz vor dem Einſteigen, wenn Du, wie Adele, den Schmuck meiner wuͤrdigen Mutter anthun wollteſt: hier iſt er.“ Bei dieſen Worten reichte er ihr ein kleines, altmodiges, zer⸗ 1 fetztes Kofferchen, das ſie verlegen, nur des An⸗ ſtands wegen aufmachte, und worin ſie in der That ein goldenes Jeanettenkreuz erblickte nebſt der Ket⸗ te, woran es ſo vielmal um den Hals der Mut⸗ ter Melcours hing. Jedoch wie erſtaunte ſie, als darunter ein Kreuz von Brillanten à jour gefaßt, von der großten Schoͤnheit ſich zeigte. Melcour hatte die Schwachheit gehabt das reiche Kleinod auf Borg zu kaufen, um ſeine Frau, die er vergot⸗ terte, wieder in der Ruhe und Begnuͤgtheit zu ſehn, worin der Zauber ihrer Schoͤnheit lag, und fur welche er Blut und Leben gelaſſen haͤtte.„Wie! rief Alphonſine, ſo taͤuſcheſt Du mich? ſo raͤchſt Du Dich? O, wie theuer iſt mir das Kleinod!“ Sie hing es ſogleich um, kleidete ſich vcge ei⸗ ſei⸗ ul⸗ zt; enn gen ſen zer⸗ hat Ket⸗ dut⸗ als aßt, our nod goͤt⸗ t zu und Pie! ichſt d 5 — 5— und erſchien bei der Hochzeit im Schmuck des Zei⸗ chens ihrer Allgewalt uber das Herz ihres Gemahls. Hert Dutheil neckte ſeinen Schwiegerſohn wegen dieſer Schwäche; Alphonſine liebkoſte ihren Vater, erinnerte ihn an ſein Verſprechen, ſich niemals in das Innre ihrer haͤuslichen Ange⸗ legenheiten zu mengen, und ihre Eitelkeit ver⸗ ſchmerzte leichter Adele Sainvilles reichen Schmuck. Alphonſine wurde ſchwanger. Zur Feier die⸗ ſes gluͤcklichen Ereigniſſes ließ Melcour ſie eines Tags auf ihrer Toilette ein Futteral von gruͤnen Maroquin, mit weißem Sammet gefuttert, finden, das zwei ganz gleiche Vaſen vom ſchoͤnſten Waſſer mit zwei dazu gehoͤrigen Birnen enthielt, aus ei⸗ nem einzigen Stein, die man nach Gefallen zu Ohrgehaͤngen brauchen konnte. Dieſe Gabe war von großem Werth und entzuͤckte die junge Frau, und bewies ihr von neuem ihre Gewalt uͤber das Herz ihres Mannes und wie ſie mit der Zeit alles, was ihr Stolz begehrte, von ihm erlangen wuͤrde, der ſelbſt ihre Wuͤnſche uͤberbot. Wie eifrig zeigte ſie ſich im Schauſpiel, auf Spaziergaͤngen, mit ihrem brillantnen Kreuz, mit den reichen Ohrge⸗ F— kängen. Mit welcher Trunkenheit bemerkte ſie gewiſſe auf ſie gerichtete Blicke, andre neidiſche mehrerer Frauen! Melcour theilte ihre Zufrieden⸗ heit; das Vergnuͤgen ſeine Frau bemerkt zu ſehn, entſchädigte ihn fuͤr die Opfer, die er demſelben gebracht und ubertaͤubte den geheimen Vorwurf ſei⸗ nes Herzens wegen eines Ifanines, der ſeine Mittel uͤberſtieg. 6† 3 Wen einmal der Sporn der cuena w⸗ ben hat, den beherrſcht ſie bald ganz und reißt ihn weiter hin, als er dachte. Alphonſine genaß zut Freude der ganzen Fa⸗ milie einer Tochter, ihres Vaters leibhaftigem Ebenbilde. Melcour war trunken vor Freude; eine neue Ueberraſchung ſollte das gluͤckliche Ereig⸗ niß bezeichnen. Er benutzte die Zeit, als die Kindbetterin das Lager nicht verließ, ihr insge⸗ heim die Ohrgehänge und das brillantene Kreuz zu entwenden, trug beides zu ſeinem Juweslier und ließ danach einen vollſtändigen Schmuck faſſen, den er ſeiner Frau am Tauftage des Kindes zu verehren gedachte. Wegen der Abweſenheit der erwählten Gevatterin wurde derſelbe auf zehn Ta⸗ —— ge nach der Geburt des Kindes hinausgeſchoben; endlich kam er heran. Als ihre Tochter zur Kir⸗ che getragen war, wollte Alphonſine ihr Geſchmei⸗ de anlegen, die Eitelkeit ſtellte ihr als Pflicht dar, ſich an dieſem Tage mit den Geſchenken ihres Gatten zu ſchmuͤcken. Sie giebt der Waͤrterin den Schluͤſſel zu ihrem Sekretair und heißt ſie ihr ein kleines Futteral von gruͤnem Maroquin zu bringen, das ſie im mittelſten Kaſten finden wird. Die Waͤrterin bringt ein Käſtchen, deßen Größe ihr ſchon von fern in die Augen fällt und worauf ſie die Anfangsbuchſtaben ihres Namens und des Namens von Melcour erblickt. Sie öffnet es haſtig, erſtaunt, und ſieht, außer dem ſchon empfangenen Geſchmeide, eine ſehr ſchöne Schnur von Brillanten, einen Kamm und eine Guͤrtelſpange von zwei Solitären, faſt ganz gleich denen ihrer Ohrgehaͤnge. Ihr Freudengeſchrei erſchreckt, ihr entzuͤcktes Laͤcheln beruhigt die Waͤr⸗ terin. Keine gluͤckſeeligere Frau hat es jemals gegeben; kein Kaͤſtchen hat jemals ſolche Wonne erregt. Weil ſie, zu ihrem groͤßten Leidweſen, die Bruſt noch nicht entblößen darf, haͤngt ſie — 6— Kreuz und Schnur uͤber das Spitzenhemdchen, das jene bedeckt, macht die Ohrgehänge ein, befeſtigt die Guͤrtelſpange als eine Art von Diadem aufder Stirn, und bekiagt nur, daß ſie den Kamm nicht aufſtecken kann, um bei der Ruͤckkehr aus der Kir⸗ che im Schmuck aller Gaben des großmuͤthigſten, des liebenswuͤrdigſten Gatten ſich zu zeigen. Er kommt bald zuruͤck, die kleine, neugeweihte Chri⸗ ſtin im Arm, und empfaͤngt von der freudeſtrah⸗ lenden Mutter den lebhafteſten Dank der zaͤrtlich⸗ ſten Liebe. Noch nie hatte er Alphonſinen ſo rei⸗ zend geſehn; die Menge der Juweelen ſtrahlte die Zuͤge ihres himmliſch ſchoͤnen Angeſichts zuruͤck und umgab es mit einem Glanz, welcher dem der Glorie von Raphaels Madonnen glich. Sie legt ihr Kind an die Bruſt, die Taͤuſchung iſt vollen⸗ det, und der dem Gatten, dem Vaterherzen ſo ſuͤße Anblick der ſaͤugenden Mutter taͤuſcht Mel⸗ cour uber alle Opfer, die er gebracht, ſelbſt uͤber die Gefahr, der ſeine Schwäͤche ihn ausſetzt. Nicht ſo den braven Vater Dutheil, den Ge vatter des Kindes. Dieſer berechnete ohngefähr, was die reichen Geſchenke koſten mochten; und s igt der cht dir⸗ en, Er ri⸗ ch⸗ rei⸗ die uck der egt en⸗ ſo el⸗ ber He⸗ hr ind — 86— wiewohl ſein Eydam einer der beſchäftigtſten Advo⸗ katen von Paris und ein Ehrenmann war, ſo be⸗ rechnete er doch auch, daß Melcour noch ſechzig⸗ tauſend Gulden Schulden haͤtte, und ein Kapital wie jenes noch nicht anlegen koͤnnte. Um jedoch das Gluͤk ſeiner Tochter, die Freude des Hauſes nicht zu ſtören, ſchwieg er gänzlich. Alphonſine konnte ſich weder an ihrem lieben Juweelenkaͤſtchen ſatt ſehen, noch ſich genug mit deſſen reichem Inhalt putzen. Mit welcher Unge⸗ duld erwartete ſie die Stunde, da von der Haube vefreit, welche die Vorſicht ihr noch aufbuͤrdete, ſie in offenen Haaren und mit dem koſtbaren Kamm, mit allen ihren Schätzen geſchmuͤckt, erſcheinen könnte. Dieſer erſehnte Augenblick kam ſchnell genug. Es war zu Anfang des Win⸗ ters, die Geſellſchaften begannen wieder, vorzuͤg⸗ lich die Bälle, und Herr und Madame Melcour wurden zu dem alten Sainville geladen, einem ſehr geachteten Wechſelherrn, bei dem die glaͤnzendſten Frauen der Bankbeamten ſeyn ſollten. Obſchon Alphonſine noch ſaͤugte, wollte ſie doch nicht die Gelegenheit verſäumen all ihr Geſchmeide aufzu⸗ — 256— weiſen und ſann auf einen Anzug, deſſen Glanz zu erhoͤhn. Von einem ſchwarzen Sammetkleide ſtrahlte das blendende Fouer ihrer Guͤrtelſpange. Ihr Kamm, in den ſie ganz vernarrt war, ſchmuͤck⸗ te, um deſſen Glanz ſo ſehr als ubglich zu heben, allein ihr dunkelſchwarzes Haar, keine Blume, keine Feder weiter. Ein ſchoner Paradiesvogel, den ihr die Gevatterin ihres Kindes verehrt, fuͤhr⸗ te ſie in Verſuchung ihn dazu zu geſellen, er hätte den Prachtanzug vollendet; aber ſie wollte Mel⸗ cour lieber die Aufmerkſamkeit erweiſen, beim er⸗ ſten Ausgang nur mit ſeinen Gaben angethan zu erſcheinen; dem kleinen Opfer entſtand fruͤher oder ſpaͤterhin gewiß nicht die Vergeltung. Die Eitelkeit berechnet Alles, eine Aufmerkſamkeit, eine Gefälligkeit ihrerſeits iſt mehrentheils ein angelegtes Kapital. Gegen zehn Uhr Abends kam Alphonſine zu um die Geſellſchaft ſchon verſammelt zu treffen und die volle Wirkung ihres reichen Anzugs auf einmal zu bewirken. Jene uͤber⸗ traf ihre Erwartung. Sie war ſo glänzend, ſo ſchoͤn: Aller Augen hefteten ſich auf ihre Geſtalt. inz ide ie it, uf Die Frauen mochten immerhin ihren Anzug bekrit⸗ teln und ihn vom Kopf bis zu den Fuͤßen zergliedern, ſie mußten unwillkuͤhrlich rufen: ſie iſt ſchoͤn, ſie iſt durchaus ſchoͤn! und der entzuͤckende Ruf drang bis in's Innetſte von Alphonſinens Herzen, daß ſie davon erbebte. Die Maͤnner umringten ſie und beeiferten ſich, ihr Alles zu erweiſen, was ihre Eigenliebe nur ſchmeicheln konnte. Indeſſen hoͤrte ſie doch auch hier und da einige Collegen ihres Man⸗ nes uͤber einen Lurus ſtaunen, den ſie ungebuͤhr⸗ lich zu nennen ſich unterſtanden.„Melcour muß in einem Monat ſoviel verdienen, als wir in ſech⸗ ſen!“ ſagte der Eine.„Sollte man nicht meinen die Frau eines Regenten der Bank oder eines Generalzahlmeiſters zu ſehn.“„Wetter, fuͤr ei⸗ nen Landmannsſohn, wie der liebe College drauf los geht“ murrte ein Dritter.„Wahrſcheinlich⸗ verſetzte ein Vierter, der allerloshafteſte, hat man bei Melcour Schmuck in Verwahrung niederge⸗ legt und Madam iſt aus des Herrn Geldeaſſe geputzt.“ Dieſe letzte Aeußerung vernahm auch Melcour, und ſie ſtoͤrte ſeine Freude, ja, ſie machte einen ſo tiefen Eindruck auf ihn, daß 1r Theit. G — er die Abgeſchmacktheit und Unvorſichtigkeit einſah, ſich uͤber ſeinen Stand erheben und Seinesglei⸗ chen ausſtechen zu wollen. Er eilte ſeine Frau zu erinnern, daß ſie ihres Saͤuglings wegen nicht länger als zwei Stunden aus dem Hauſe entfernt ſeyn duͤrfte, und fuͤhrte ſie, ungeachtet aller Bit⸗ ten zu bleiben, ungeachtet des Verdruſſes, den Al⸗ phonſine bezeugte zu gehn, von dannen. So uber⸗ taubt die Sucht zu glaͤnzen ſelbſt oft die nächſte Stimme der Natur. Seit jenem Abend war Melcour cantnt und mißmuthig. Alphonſine bemerkte es und meinte, aus Eiferſucht widerſtrebe ihr Mann i rem glaͤnzenden Aufzug in der Welt. Allein gewiß 5 ihrer Gewalt uͤber ihn, unterſtuͤtzt von der, welche der Anblick ihres Kindes an ihrer Bruſt ihr außer⸗ dem in jeder Stunde verlieh, waͤhnte ſie bald⸗ es ſei ihr gelungen das Gewölk auf ſeiner Stirn zu zerſtreuen, und uͤberließ ſich mehr als jemals dem Strudel der Gefallſucht und allen Thorheiten der Eitelkeit. Man ſah, man bemerkte ſie uberall; der von ihr öffentlich ausgelegte Reichthum war Melcours Verhaͤltniſſen keineswegs guͤnſtig. Seine b„ — —————— l nd iß ar ne — alten Clienten ſchreckte der Luxus ſeiner Frau, ſie entzogen ihm allmaͤhlig ihr Vertrauen; unter den neuen zahlte er mehrentheits verwegne Spekulan⸗ ten und Gluͤcksritter, die nur ein voruͤbergehendes Beſitzthum genießen und haͤufig den Advokaten com⸗ promittiren, nachdem ſie ihn in ihre Intriguen verwickelt haben. Nicht lange, ſo befand er ſich in Geldverlegenheit, ſeine Eigenliebe und die un⸗ widerſtehliche Gewalt, die ſeine Frau uͤber ihn ausuͤbte, geſtatteten ihm nicht den Glanz zu ver⸗ ringern, der in ſeinem Hauſe bisher geherrſcht. Er vergaß ſich ſo weit, ein Capital von 60,000 Franken, das ein Staabsoffizier ihm anvertraut, der zur Armee reiſen ſollte, anzugreifen, um ſeine Verbindlichkeiten zu loͤſen. Dieſer Client ſollte mehrere Monate abwe⸗ ſend ſeyn, und hatte von ſeinem Notar keine In⸗ tereſſen begehrt und deſſen Redlichkeit und Worte gaͤnzlich vertraut.„Ich kann das Capital leicht durch ein anderes decken; es nicht benutzen, um mich aus der Verlegenheit zu ziehn, worin ich ſtecke, die, wenn ſie ruchbar whde, meinem Ruf einen toͤdlichen Stoß verſetzte, wäre thoͤricht.“ G 2 —— So klingt die Stimme der Nothwendigkeit, die auf den Ruf der Ehre nicht mehr hoͤrt, ſo reißt die Eigenliebe blind uͤber das Unheil, das ſie be⸗ reitet, dahin, und ſo that Melcour einen Schritt, der ihn beinahe um das Theuerſte gebracht, das er beſaß, um ſeinen unbeſcholtenen Ruf, um den Frieden und das Gluͤck ſeines Lebens. Der Staabsoffizier wurde in einem der 2 mals ſo haͤufigen Gefechte verwundet, und kehrte zuruͤck nach Paris. Sobald er angekommen war, ſchrieb er an Melcour und erſuchte ihn in ſeinem Hauſe vorzuſprechen und ihm das anvertraute Ca⸗ pital zuruͤckzuſtellen. Das Billet war ein Don⸗ nerſchlag fuͤr Melcour. Woher auf inmal ſech⸗ zigtauſend Franken zuſammenbringen? Einen Col⸗ legen anſprechen, hieß das Mißtrauen aufregen und ſeinen Nebenbuhlern ſelbſt Waffen wider ſich in die Haͤnde geben. Sich ſeinem Schwiegervater gröffnen, der ſeine Schwachheit, ſeine eitle Frei⸗ gebigkeit oft geruͤgt? war ein abgelegtes Bekennt⸗ niß ſeiner Schuld, Dnd hieß ſich, ſo zu ſagen, unter Vormundſ aft ſtellen. Den Offizier um den mindeſten Aufſchub bitten, brachte unfehl⸗ ie ißt itt, as den var, — 101— bar für immer um deſſen Vertraun, und gab dem Vertraun überhaupt einen Stoß. So rang Mel⸗ cour, ſchrecklichen Betrachtungen preis gegeben, umſonſt nach einem heilſamen Entſchluß, als ſeine Frau, die auf ihn in ihrem Zimmer gewartet, um mit ihm zu einem großen Mittagsmahl bei Saint⸗ ville zu fahren, ungeduldig uͤber ſein Ausbleiben, in ſein Cabinet trat, im Schmucke aller ihrer Ju⸗ weelen, im reichſten Anzug ſtrahlend. Melcour konnte ſich eines Schauders nicht erwehren, als er ſie alſo mitten in ſeiner Verzweif⸗ lung vor ſich ſah, und rief unwillkuͤhrlich: Ma⸗ dame iſt aus des Herrn Geldcaſſe geputzt! die Worte, deren Stachel in ſeiner Erinnerung haf⸗ tete.„Was meinſt Du, was bedeuten dieſe Wor⸗ te?“„Das ſagte man uͤber uns, und das iſt wahr geworden!“„Rede deutlicher, Melcour!“„Der Schmuck, den Du anhaſt, ich habe ihn bezahlen muͤſſen. Ich hoffte die Einkuͤnfte von meinem Geſchaͤft ſollten ſich mehren—“„Fahre fort, ich beſchwöre Dich.“„Der Juweelier draͤngte, ich habe meine heiligſte Pflicht verletzt, ich habe an⸗ vertrautes Kapital angegriffen; man fordert es zu⸗ — ruͤck—„16 warum, rief Alphonſine heftig, warum machſt Du mir Geſchenke, die Deine Mit⸗ tel uͤberſteigen?“„Und warum, erwiderte Mel⸗ cour noch heftiger, warum bezeigſt Du mir ein ſo großes Verlangen darnach, behandelſt mich mit tödlicher Kaͤlte. Nun ſtuͤrzt Dein Stolz uns ins Verderben.“„Melcour, das iſt hart, das Wort geht mir durchs Herz!“„Vergieb, theuerſte Alphonſine, es war der erſte und es iſt der einzige Vorwurf, der uͤber meine Lippen kommen ſoll. Ich bin ſtrafbarer, als Duz ich ſelbſt habe mir ſelbſt, dem Vergnůgen, Dich bewundert, umringt zu ſehen, zu viel eben. Meine Eitelkeit war eben ſo groß, als meine Liebe.“„Nein, Freund, ich trage wenigſtens die Haͤlfte Deiner Schuld. Ich hätte uͤberlegen, mich erkundigen ſollen, ob die Geſchenke, die Du mir gabſt, nicht Dein Vermögen uͤberſtiegen, Dich ſelbſt fragen—. Ich habe Deine Zaͤrtlichkeit mißhandelt, Deine Vorſicht eingeſchläfert, Deine Guͤte mißbraucht: ich allein trage alle Schuld!“ Bei dieſen Worten fiel ſie Melcour um den Hals, heftig weinend, kaum athmend. Indem ging die Thuͤr auf und g, it⸗ n8 as ſte * ir — 103— Herr Dutheil trat ein, welcher kam ſeine Kinder im Wagen zu dem großen Mittagsmahl bei ſeiner Nichte abzuholen. Er ſieht ſeine Tochter in Thraͤnen, ſieht die Beſtuͤrzung im Geſicht ſei⸗ nes Eidams, ſtaunt betroffen, hält es fuͤr ei⸗ nen ehelichen Zwiſt des jungen Paares und will gehen.„Bleiben Sie, Vater, bleiben Sie! ruft Alphonſine. Helfen Sie, rathen Sie uns!“ Nun erzaͤhlte ſie Herrn Dutheil alles, was vor⸗ gefallen iſt, und unterrichtet ihn von Melcours bedenklicher Lage.„Sie iſt von der Art, ſetzte dieſer mit dem tiefſten Schmerz hinzu, daß, wenn der Staabsofficier, der ein eben ſo aufbrauſender, als rechtlicher Mann iſt, dieſe Verletzung ſeines Vertrauens bekannt werden laͤßt, ich binnen we⸗ nigen Tagen vor die Notariatskammer gefordert werde, welche uͤber die Ehre der Geſellſchaft wacht, und mich genoͤthigt ſehe meine Stelle zu verkau⸗ fen, entehrt, verloren bin.“„Und das alles wegen dieſer Brillanten, wonach ich raſend war, und die mich elend machen!“ rief Alphonſine, riß ſie hef⸗ tig ab, gab ſie ihrem Mann zuruͤck, und rief! „nimm, nimm ſie wieder, verkaufe ſie um jeden — 104— Preis! Und Sie, lieber Vater, erbarmen Sie ſich, helfen Sie mir gut machen, was ich ver⸗ ſchuldet habe. Verſchaffen Sie Melcour, was er braucht, um das Capital zu ergaͤnzen, das er zuruͤckſtellen ſoll, retten Sie ihm die Ehre, und Sie geben mir zum zweiten Mal das Leben!“„Ru⸗ hig, liebes Kind, antwortete Herr Dutheil mit einer Bewegung, der er nicht Meiſter war.„Die Vorwuͤrfe, die Du Dir ſelbſt machſt, unterdruͤ⸗ cken die meinen. Sie, Eidam, kommen Sie, ich habe nicht viel Baarſchaft liegen; doch mit Freundesbeiſtand, mit Huͤlfe dieſer Juweelen—. Kommen Sie, wir haben keinen Augenblick zu verlieren.“ Melcour eilt das wenige Geld zuſam⸗ menzubringen, das ihm zu Gebote ſteht, indeſſen verkauft Herr Dutheil den Schmuck ſeiner Toch⸗ ter, borgt von einigen Handelsleuten ſeine Be⸗ kanntſchaft, denen er oft geborgt, und in weniger denn einer Stunde ſind die 60,000 Franken her⸗ beigeſchafft. Melcour eilt zu dem Staabsoffizier ſie ihm zuruͤckzuſtellen, und kehrt mit ſeinem Schwiegervater nach Hauſe zuruͤck, ſeine Frau, ier u⸗ 105—— die ihm theurer iſt, als je zuvor, wiz die Nach⸗ richt davon zu beruhigen. Sie gehen beide in Alphonſinens Zimmer; die ſchon ihren reichen Anzug mit dem einfachſten Kleide vertauſcht hatte. Sie ſaß und ſaͤugte ihr Kind, ſo tief verſenkt in Betrachtung deſſelben, daß Sie nicht ſogleich ihren Mann und ihren Va⸗ ter bemerkte. Sie ſprach zu dem Kinde, als ob es ſie verſtehen koͤnne:„liebe Kleine, nein, die Dich naͤhrt, will Dich nicht ins Verderben ſtür⸗ zen. Du ſollſt fortan mein einziger Schmuck ſeyn. All mein Verlangen, alle meine Wuͤnſche erfuͤllen Du und Dein Vater von nun an. Wir wollen ihn beide durch unſere ganze Zartlichkeit entſchaͤdigen fuͤr das Leiden, das ich ihm verur⸗ ſacht.“„Er iſt entſchaͤdiget! rief Melcour und ſchloß Mutter und Kind in ſeinen Arm. Ja, liebſte Alphonſine, Dank dem Eifer Deines treff⸗ lichen Vaters, das Kapital iſt zuruͤckgeſtellt! Der Preis fuͤr die Juweelen, die ſelbſt zu verkaufen er mir die Schmach erſpart, hat faſt die Hälfte der Summe betragen, ſeine großmuͤthige Guͤte ſchaffte das Uebrige herbei, das ich in wenig Ta⸗ — 106— gen ihm zuruͤckzugeben im Stande bin.“„Wel⸗ che Laſt nimmſt Du mir vom Herzen!“ ſagte Al⸗ phonſine.„Kinder, ſprach Herr Dutheil, es iſt zu ſpät zu Sainville zum Eſſen zu fahren, laßt uns hier zu dreien einen kleinen Familienſchmaus halten, der jenen wohl verguͤten ſoll.“„Ich habe ſchon Adelen ſagen laſſen⸗ vaß mir nicht wohl ſei und ich nicht kommen könnte, verſetzte Alphonſine: die großen Geſellſchaften reizen mich nicht mehr. Nicht, daß ich der Welt entſagen will, nur nicht mehr darin glänzen will ich; und ich ſchwöre, in meinem Leben keinen andern Schmuck mehr zu tragen, als dieſen ehrwuͤrdigen.„Das goldene Kreuz meiner Mutter 1“ rief Melcour tief geruͤhrt. „Freund, ſagte ſie, mit der heiterſten, innigſten Milde, dies Kreuz hat keine Ruhe untergraben und Deines Vaters Ehre nicht gefaͤhrdet; es hat ſechzig Jahre auf der ehrwuͤrdigen Bruſt geruht, die Dich genährt hat; es kommt nicht mehr von der meinen. Dich und unſer Kind begluͤcken, Dich zu nöthigen mich eben ſo ſehr zu achten, als Du mich liebſt, meinem Vater zu vergelten, was er fuͤr uns gethan hat: mit einem Wort, unſer 6 gemeinſchaftliches Gluck durch Ordnung und Spat⸗ ſamkeit zu foͤrdern:— ich frage Dich, iſt das nicht mehr werth, als ein Schmuck?—— Vernachläßigung. —— Di jungen Frauen haben mitunter ſeltſame Grillen. Dieſe, der die Natur ein Geſicht ohne Reiz und Seele gab, einen plumpen Gang, un⸗ edle Haltung, meint jeglicher Liebreiz ſei in ihrer Gewalt, und uberlaͤßt ſich der blinden Einbildung; jene, der nichts entſteht, was bezaubern oder ruͤh⸗ ren mag, vernachlaͤſſigt die Gabe, und ſorgt nicht einmal zu bewahren, was Andre mit Neid erfuͤllt; faſt alle aber, leichtglaͤubiger oder zuverſichtlicher als gut iſt, halten ein erobertes Herz fuͤr ewig ge⸗ feſſelt, für überfluͤſſig die Blumen zu warten, aus denen Hymen ſeine Ketten flocht, wenn redliche und gegenſeitige Liebe ſie damit umſchlungen hat. Celine Dumarcel, die Tochter eines ausge⸗ zeichneten Gelehrten, ſah ſich von einer großen Anzahl Bewundrer umgeben, welche ihr Geſicht, ihre Talente und die innige Einfalt ihres Gemü⸗ thes anzogen. Sie zeichnete einen jungen Hiſto⸗ rienmaler, Namens Viktor, aus, den geliebte⸗ ſten Schuͤler von einem der Häupter der⸗ franzoſi⸗ ſchen Schule, der ſeines Meiſters Spuren ſchon betrat. Nachdem er mehrere Preiſe der Ermun⸗ terung davongetragen, hatten alle Stimmen ihm den großen Preis bei der letzten Ausſtellung ein⸗ hellig zuerkannt, es ward von ihm vorausgeſagt, er wuͤrde ſich einſt einen großen Namen erwerben. Er verband mit ſeinem an ſich ſehr bedeutenden Talent noch, was die Augen entzuͤcken, das Herz einnehmen mag. Sein Geſicht, ſein Wuchs, ſei⸗ — ————— ne Haltung entſprachen der Wurde ſeiner Empfin⸗ dung, dem Schwunge der Seele und Phantaſie, die den großen Malern eigen ſind. Er liebte ſeine Kunſt uberſchwenglich, ſeine Kunſt auch verſchaff⸗ ſei⸗ ie, — 109— te ihm Celinens Hand. Begeiſterte Liebhaberin der Malerei, beſuchte ſie haͤufig jede neue Aus⸗ ſtellung. Ihre tiefe Ruͤhrung vor Viktors neu⸗ ſtem Bilde, das einen glorreichen Moment der vaterlaͤndiſchen Geſchichte darſtellte, hatte ſie fuͤr den Urheber eingenommen. Nichts zieht die jun⸗ gen Frauen ſo ſehr an, und nichts verſetzt viel⸗ teicht ſo ſehr in eine, dem Eindruck der Liebe em⸗ pfaͤngliche Stimmung ihr Gemuͤth, als die glän⸗ zenden Verſammlungen in dem großen Saale des Louvres, um die neuſten Werke der Maler zu be⸗ urtheilen und zu genießen. Die Wuͤrde des Or⸗ tes, der edle Wettſtreit unter den Zoͤglingen ver⸗ ſchiedener Werkſtätten, die Spannung der Kuͤnſt⸗ ler bei der Begeiſterung des Lobes, der Beleh⸗ rung des gerechten Tadels. Der lebhafte Eindruk, den die vorzuͤglichſten Werke erregen, der Zauber der hiſtoriſchen Erinnerungen, der Einklang des Geſchmacks, des Gefuͤhls, der Sympathie, der hier ſich kund giebt: alles in dem weiten Bau er⸗ regt den Geiſt und oͤffnet das Herz zärtlichen Ge⸗ fuͤhlen. Den erſten Eindruck der Liebe empfing Celine dort, und vertraute ihn ihrem Vater, ih⸗ — — 110— tem Lehrer, ihrem Freund. Dieſer zog Erkundi⸗ gungen ein uͤber Viktors Verwandte, Sinnesart und Aufführung. Indeſſen trafen Herr Dümarcel und ſeine Tochter ofters in Geſellf chaften mit Vik⸗ tor zuſammen. Celinens Geſicht, in der Art der Muſter der griechiſchen Schule, der herrliche Aus⸗ druck ihres Auges, fielen dem jungen Kuͤnſtler auf. Er ſuchte ſeinerſeits Gelegenheit das ſchoͤne Modell zu ſehen. Man gab ſich ins Geſpräch, und Vik⸗ tor gewann bald Herrn Duͤmarcels Achtung und Liebe. Es beſteht ein natuͤrliches Einvernehmen zwiſchen dem Maler und Gelehrten, ſie reichen einander leicht die Hand. Viktor wuͤnſchte Herrn Duͤmarcels Bibliothek, dieſer Viktors Werkſtatt zu ſehn. Achtung und Hoflichkeit erzeugten nähere Bekanntſchaft. Viktor ſollte eine Eucharis ma⸗ len. Er bat Herrn Duͤmarcel, daß ſeine Toch⸗ ter ihm dazu ſitzen duͤrfte, und dieſer bewilligte es. Die Liebe leitete des Malers Pinſel, der Kopf wurde ein Meiſterſtuͤck, und Hymen reichte ihm den Lohn dafuͤr. Kein erwaͤhlteres Paar wurde jemals gefunden, — 144— keine wahrere gegenſeitige Neigung gefuͤhlt. Das Gluͤck, was Celine um Viktor ſchuf, beſchwingte ſein Genie, und ſtellte ihn den großten Meiſtern gleich. Er ſtaunte Tag fuͤr Tag uͤber ſeines jun⸗ gen Weibes Werth: er zog ſie bei der Anordnung, der Ausfuͤhrung ſeiner Gemaͤhlde zu Rath: ſein groͤßtes Vergnuͤgen war, in allerhand Geſtalten die himmliſchen Zuͤge ſeiner theuern Celine zu wie⸗ derholen. Sie dankten einander ihr Gluͤck, ſie ſagten es ſich unaufhoͤrlich, Herr Duͤmarcel theilte ihre Seligkeit und freute ſich jeden Tag die Wahl ſeiner Tochter gebilligt zu haben. So verging das erſte Jahr einer Ehe, welche das glänzendſte Geſchick, ſelbſt das der Macht, hätte beneiden duͤrfen. Indeſſen bemerkte der junge Maler doch mitten im Taumel ſeiner Gluͤckſeligkeit und bei aller Begeiſterung fuͤr ſeine liebenswuͤrdige Frau, daß dieſe ihr Hausweſen nicht gehoͤrig in Ordnung hielt und verſah. Sei's, daß ſie, ganz der Kunſt hingegeben, die haͤuslichen Pflichten vergaß; ſei's, daß ſie, traͤge von Natur, alles verſaͤumte, was ihre ſuͤßen Beſchäftigungen ſtoren mochte; genug, — 12— ſie ſah nur dann und wann der Ordnung ihrer Gemächer, der Verwaltung ihres Hauſes nach, und beſchaͤftigte ſich ſelten mit dem Daſeyn im Innern deſſelben, das ſo maͤchtig und unablaſſig auf das Gluͤck des Lebens einwirkt. Wollte Vik⸗ tor ſich ſchnell ankleiden, ſo mußte er oft einen ungeputzten Rock und zerriſſene Waſche anlegen⸗ Wollte er irgend ein Frauengewand malen, und einen Shawl, einen Kragen, eine Haube von Eelinen zum Muſter brauchen, ſo erblickte er in ihren Kaſten Alles untereinander und in der groß⸗ ten Unordnung. Bat er einen Verwandten, ei⸗ nen Freund zum Mittagseſſen, ſo war Alles ſo ſchlecht eingerichtet, ſo ſchlecht bereitet, daß man ſeine Zuflucht zum naͤchſten Reſtaurateur nehmen mußte, wodurch das Mahl verſpätet und die Ko⸗ ſten verdoppelt wurden. Da Celine hieruͤber von dem liebeberauſchten Viktor kein Mißvergnuͤgen) keinen Vorwurf erfuhr, gab ſie ſich immermehr dieſer ſchmählichen Sorgloſigkeit hin. Ihre Be⸗ ſcheidenheit und Einfalt ſelbſt dienten dazu, daß ſich jene unſelige Nachlaͤſſigkeit allmählig auch auf ihren Anzug erſtreckte. Oft ſah man ſie in einem d nen von en ehr Be⸗ daß auf nem — 113— grautaffetnen Hausoberrock, deſſen urſpruͤngliche Farbe eine Menge Flecken entſtellten; ihr langes Haar, das ein ſchlechter Kamm mit ausgebroche⸗ nen Zähnen nicht ordentlich feſthielt, fiel auf die ſchoͤnſten Schultern und beſchmutzte deren blen⸗ dendes Weiß; in niedergetretenen Schuhen ſchlarf— te der zierlichſte Fuß; ein halbgeſchnuͤrtes Mieder verunſtaltete den nymphenhaſten Wuchs, den zarteſten Buſen, den die Keuf hheit und die Gra⸗ zien je⸗geformt; ihre immer bloßgetragenen Haͤnde widerten zuweilen dem Druck ob der rauhen Haut und den langen Naͤgeln. Herr Duͤmarcel bemerkte die ſeltſame Ver⸗ änderung, und ſah, bei ſeiner Kunde des menſch⸗ lichen Herzens, den Uebelſtand einer ſo außeror⸗ dentlichen Vernachlaͤßigung voraus. Er warnte Celinen oͤfters, allein ſie antwortete: da ſie Nie⸗ mand zu gefallen begehre als Viktor, deſſen Herz ſie ganz beſaͤße, dächte ſie auch nicht an ihren Anzug, und uͤherließe die kleinliche Sorge dafuͤr den jungen Frauen, denen das eheliche Gluͤck nicht genuͤge, oder welche die Seligkeit einer wech⸗ ſelſeitigen Liebe nicht, wie ſie, empfaͤnden. 1r Theil. H — 114— „Meines Mannes Werkſtatt iſt meine Welt, ſagte ſie, bei ihm zu ſitzen, wenn er malt, ihm vorzuleſen, ſein Gedächtniß, ſeine Phantaſie zu bereichern und zu begeiſtern, ihn dann und wann zu zerſtreun, ihm auf der Harfe die Stuͤcke der großen Meiſter vorzuſpielen, die er gern hoͤrt, ihm zu den Figuren als Modell zu ſitzen, welche das zärtlichſte Gefuͤhl ausdruͤcken ſollen: das iſt alles, was ich fortan begehre, das mein Studium, mein ſuͤßeſtes Geſchaͤft.“ „Ganz gut, antwortete Herr Duͤmarcel; allein dieſe ſelige Weihe der Kunſt, dieſer edle Antheil an Erfolg und Ruhm eines geliebten Gat⸗ ten ſollten nicht von der Sorge fuͤr die Anmuth des Hauſes abziehn, wobei er mit Luſt die Palette aus der Hand legen und feiern koͤnnte. Der Ge⸗ nius bedarf der Ruhe; die Liebe kann nicht dauern, wenn ſich der Eindruck, der ſie ſchuf, nicht mehr erneut. Glaube mir, gute Celine, die Luſt der Augen feſſelt das Herz.“ Dergleichen Ermahnungen hafteten nur au⸗ genblicklich in Celinens Vorſtellung, und glitten, wie leichte Schatten, ihr durch den Sinn. Viktor m as 8, ein el; dle at⸗ uth ette Ge⸗ ern, nehr der au⸗ tten, ktor — 115— blieb ſich gleich, war zärtlich und liebenswuͤrdig. Seine Einbildungskraft gluͤhte und ſchuf mächtig in der Gegenwart ſeines jungen Weibes, die Lein⸗ wand athmete unter ſeinem Pinſel, er hatte nie mehr Fuͤlle und Begeiſterung geſpuͤrt. Auch be⸗ merkte er Celinens Schlotterei nicht immer, ihre großen blauen Augen, von ſchwarzen Augenbrau⸗ nen gekroͤnt, gluͤhten von immer gleichem Feuer, ihr ſeelenvolles Lächeln, ihr ſuͤßer Mund waren gleich hold und friſch. Eines Tages jedoch, als ſie ihm zum Kopfe einer Pſyche ſaß, ſchien ihm ihr Reiz minder ſtrahlend, als gewoͤhnlich, er vermißte jene zarte Vollendung des Einzelnen dar⸗ in, jene Friſche, die er bisher ſo treu wiedergeben können, wodurch ſeine Gemaͤlde ſoviel gewonnen hätte. Seine juͤngſten Arbeiten litten darunter, er beſchloß ein neues Modell zu ſuchen. Um je⸗ doch bei Celinen nicht den mindeſten Argwohn zu erwecken, als ob er weniger Freude empfaͤnde, nach ihr zu malen, benutzte er ein Bild, welches bei ihm beſtellt war, und das eine Gruppe von Nym⸗ phen vorſtellen ſollte, um eins der jungen Maͤd⸗ chen kommen zu laſſen, die ein Geſchäft daraus 52 — 116— machen in den Werkſtaͤtten der Maler als Mobell zu dienen. Sie hieß Roſalia, ein vollendetes Meiſterwerk der Natur in Hinſicht auf Formen und Zierlichkeit. Viktor ſollte zwei Nymphen ma⸗ len, die um einen Preis vor Diana raͤngen. Etr richtete Celinen und ſein neues Modell in die ge⸗ hörige Stellung, entwarf eine Skizze, wobei, ohne es zu wollen, er Roſalien allen Vortheil gab. Celine konnte nicht umhin es zu bemerken und ihren Mann deshalb zu necken, der unwillkuͤhrlich erröthete, und ſagte, das junge Maͤdchen vermoͤge beſſer, als ſie, eine ermuͤdende Stellung auszuhal⸗ ten, darum habe er ihr die am meiſten akademi⸗ ſche gegeben. Celine glaubte der ſinnreichen Ent⸗ ſchuldigung und das Bild war bald vollendet. Man ſah recht gut, daß der Maler allen Reiz und alle Grazie uͤber die ſiegende Nymphe ergoſſen hatte, indeſſen die andre, im Halbſchatten, ganz von jener ausgeſtochen war. Celine mußte den ſchmerz⸗ lichen Kontraſt empfinden, und verhehlte ſorg⸗ faͤltig den Unmuth, den dieſer augenſcheinliche Vorzug bei ihr erregte. Ihre geheime Pein wuchs, als Viktor ſich ge⸗ — 117— woͤhnte, alle ſchönen Kopfe ſeiner Bilder nach Roſalien zu malen. Sie war es immer, die ihm zu einer Nymphe, einer Grazie, einer Flora, ei⸗ ner Hebe ſitzen mußte, er ſtellte dieſe mit treffen⸗ der Wahrheit dar, und lachte unbändig bei der Arbeit uͤber die Einfalle, die Schnurren, womit Roſalie die Kuͤnſtler zu unterhalten pflegte, wel⸗ che ſie zum Modell brauchten. Celine ſaß nur noch zu den Koͤpfen weinender Heloiſen, zum Opfer wandelnder Iphigenieen, buͤßender Magda⸗ lenen und Marien am Fuße des Kreuzes. Was ſie vor allem betruͤbte, und ſie uͤberzeugte, daß ihr Mann ſich ganz von ihr abwendete, war, daß er ſie einſt zum Modell einer verlaſſenen Ariadne ſitzen ließ. Sie ſah von nun an in Viktor nur einen undankbaren, falſchen Theſeus, und uͤbergab ſich ganz dem Schmerz eines verwundeten Herzens, was ihre gewohnte Nachläßigkeit vermehrte und den Glanz ihres holden Geſichts noch mehr ver⸗ dunkelte. Dieſe auffallende Veranderung ihres Blicks, ihrer Zuͤge wirkte auf Viktors Herz in einem Gra⸗ de, der ihn ſelbſt Wunder nahm. Er begriff nicht, — 118— wie er Celinen ſo ſchoͤn hätte finden können: er ſtellte immerfort Betrachtungen daruͤber an, wie die Tauſchung der Liebe verfuͤhrt und verwirrt. Seine Erkaͤltung, die er noch gewandt verhehlte machte ihm den Mangel an Ordnung, die Schlot⸗ trigkeit ſeiner Frau noch fuͤhlbarer. Er glaubte, dawider Erinnerungen machen zumuſſen; den Erin⸗ nerungen folgten Vorwuͤrfe, uͤble Laune, Auffahren; die Wolken zogen heran, welche den heiterſten Horizont getruͤbt, vielleicht ein Wetter herbeige⸗ fuͤhrt haͤtten, ohne Herrn Duͤmarcels Vorſicht und Rath. Celine hatte einige Zeit gemeint, ihrem Va⸗ ter ihre Leiden verhehlen zu muͤſſen. Befragt von ihm uͤber ihre Traurigkeit, die Verwandlung ih⸗ res ganzen Weſens, geſtand ſie ihm den Grund ihres geheimen Wehs.„Viktor iſt fuͤr mich ver⸗ loren; die Zuͤge, die ihn entzuckt, ſind ihm jetzt ohne Ausdruck; das Herz, das ſich ihm ganz ge⸗ weiht, das er noch allein beherrſcht, hat keine Gewalt mehr uber ihm alle Tage entdeckt er neue Fehler an mir, mit jedem Tage werde ich ihm un⸗ — 119— 6 ertraͤglicher. Unbekannt iſt mir der Grund einer ſo unverdienten Gleichguͤltigkeit.“ t te Man hat manchmal Schuld, ohne es zu 3 meinen, antwortete ihr Vater. Du fragſt nach e, dem Grund von Viktors ſonderbarer Verwand⸗ n lung?— ſuche ihn bei Dir, mein Kind, Deine * unuͤberlegte Nachlaͤßigkeit hat Deinen Mann ent⸗ 8 zaubert, ſeine Phantaſie erkaͤltet, ſeine Liebe er⸗ ke ſtickSt. Das glaͤnzendſte Beet, deſſen Blumen ht Niemand wartet, verliert ſich in wilde Flur. Ich wiederhole Dir, die Luſt der Augen feſſelt das Herz.“—„Wie, Vater, Sie glauben nur meine Nachläßigkeit?— Wenn ich das hoffen 6 duͤrfte!“— Ueberzeuge Dich; kehre nach und h⸗ nach zur alten Sorgfalt fuͤr Deine Geſtalt zuruͤck, laß nd Deine Lippen freundlich ſeyn, gieb Deinem Blick den Ausdruck der ſeligen Zuverſicht eines unbefleckten t Bewußtſeyns, umgieb Deinen Mann mit Zuvor⸗ * kommenheiten, mit der immer regen Aufmerkſam⸗ „ keit, die den Wildeſten feſſelt, huͤte Dich vor allen 5 je zu murren, vor dem leiſeſten Vorwurf huͤte Dich, und Viktor kehrt zu ſeinen fuͤßen Gewohn⸗ — 120— heiten zuruͤck, und ſchenkt Dir wieder, was Deine ſchuldvolle Nachlaͤßigkeit verſcherzt hat.“ Celine folgte dem Rath ihres Vaters. Sie zeigte keine finſtere Stirn, keinen heftigen Blick, wenn Roſalie in Viktors Werkſtatt ſaß; ſie half die Drapperien der Figur anordnen, die das Mo⸗ dell jedesmal vorſtellen ſollte, und lachte mit ih⸗ rem Mann uͤber die Poſſen der jungen Naͤrrin. Sie merkte bald, daß ihre Gegenwart nicht laͤſtig war, und daß ſie bleiben koͤnne, ſo lange die Siz⸗ zung dauerte. Bald fand Viktor unter ſeinen Hän⸗ den alles, was zu ſeinem Anzuge gehörte, in beſſe⸗ rer Ordnung. Der Tiſch ſchien ihm viel reinlicher und ſorgſamer beſchickt, und Celine lud zuerſt ſeine guten Freunde ein. Ihre Wohnung verſchönte ſich mehr und mehr durch neues Geraͤth, Eleganz und Bequemlichkeit erfreuten den jungen Maler. Sei⸗ ne Werkſtatt, die gewoͤhnlich in der aͤrgſten Un⸗ ordnung war, nahm ein behaͤglicheres Bild an; die Gemaͤhlde hingen im vortheilhafteſten Licht, gruͤnſeidne Blenden mehrten oder minderten daſ⸗ ſelbe nach Belieben, ein großer Blumentiſch von Mahagonyholz ſtand ſo, daß ihn Viktors erſchopfte — 121— Augen treffen und darauf ruhen mochten, und Celine ſorgte, daß ihres Mannes Lieblingsblumen immer friſch darauf bluͤhten. Ihre Harfe toͤnte von ſuͤßen Klaͤngen und begleitete Romanzen oder die begeiſternden, ausdruckvollſten großen Arien. Viktor mußte die Veraͤnderung bemerken, ſie ſchmeichelte ſeiner Eigenliebe und ruͤhrte ſein Herz. Er zweifelte nicht, daß ſeine Frau in ſich gegangen waͤre, und nun trachte ihm das Innre ſeines Hauſes angenehm zu machen: kein Auffah⸗ ren, keine Unart entſchluͤpfte ihm ſeitdem und zer⸗ riß mehr Celinens Herz; bald erfuhr ſie, ſtatt derſelben, freundlichen Dank, trauliches Geſpräch, einen Händedruck, einen zaͤrtlichen Blick. Der erſte Erfolg munterte die junge Frau auf; ſie ſorgte fuͤr ſich, nachdem ſie fuͤr ihren Gat⸗ ten geſorgt. Der grautaffetne Hausoberrock wur⸗ de mit einem laſurblauen Levantinkleide, mit Schnuͤren und Troddeln beſetzt, vertauſcht, welches die Zierlichkeit des Wuchſes und die Formen des ſchonſten Oberleibes hob. Sie trug noch immer keinen andern Schmuck, als ihr eigenes Haarz allein wohlgekämmt, glaͤnzend, geflochten und aufgeſteckt, bildete es eine Krone auf ihrem Haupte oder war mit Blumen durchſchlungen. Schwarzatlaſſene Schuhe und ſeidne durchbrochne Struͤmpfe zeichneten den zierlichſten Fuß und das wohlgeformte, ſchwellende Bein; däniſche Hand⸗ ſchuhe bedeckten die ſchonen Haͤnde und gabenihrer Haut die vorige Weichheit zuruͤck, die laͤnglichten, mandelfoͤrmig beſchnittenen Nägel kratzten nicht mehr, was ſie beruͤhrten: Celine hatte die Gaben der Natur wiedergewonnen, und erſchien Viktor ſo ſchoͤn, ja faſt ſo friſch, als da er ſie im großen Saale des Louvre zum erſtenmal erblickt. Seitdem diente Roſalie nur noch zum Modell fur Phantaſielaͤrvchen, Najaden, Schaͤferinnen, Bachantinnen; Celine wurde gebeten die Circen, Armiden, Kleopatren darzuſtellen, jedes Geſicht, deſſen Schoͤnheit beruͤhmt iſt. Vielleicht wollte Vik⸗ tor die Kraͤnkung gut machen, welche er ſeiner Frau beim Bilde des Kampfes der Nymphen Dia⸗ na's zugefuͤgt; unter dem Vorwande, der Kopf der Diana, die den Vorſitz bei deren Spielen fuͤhr⸗ te, ſei nicht ſchön genug und haͤtte nicht ganz die bezeichnenden Formen der Gottheit, arbeitete rem Ben. hne das nd⸗ hrer ten, icht ben ktor ßen — 128— er nach Celinen dieſe Hauptfigur des Bildes um. Allein auf dergleichen ſinnreiche Verguͤtigungen und Aufmerkſamkeiten, welche der liebenden Seele Celinens nicht ganz und gar genug thaten, be⸗ ſchränkte er ſich bisher. Sie berichtete ihrem Va⸗ ter gewoͤhnlich jeden Tag die Wirkung ihres ver⸗ wandelten Benehmens auf Viktor. „Aber, ſetzte ſie ſeufzend hinzu, ich fuͤrchte doch, ich finde ſein Herz nicht wieder und ſeine Liebe iſt erloſchen!“„Geduld, mein Kind; ich habe jede Regung Viktors beobachtet, ich ſtehe Dir gut fuͤr ihn. Ihn haͤlt nur noch Männer⸗ ſtolz, die peinliche Schaam eines bekannten Un⸗ rechts zuruͤck. Mache das Deine immer mehr gut, und bald ſinkt Dir der glucklichſte Gatte ans Herz.“ Nach einigen Monaten ſollte Viktor die ruͤh⸗ rende Scene zwiſchen Rhadamiſt und Zenobia ma⸗ len, die Krebillon mit ſoviel Kraft und Wahrheit beſchreibt. Celine diente ihm zum Modell und ihr himmliſches Antlitz druͤckte die Wonne aus, dem ſchuldigen Gatten zu verzeihn. Ihre innige Erſchoͤtterung theilte Viktor, und rief bei der Ar⸗ beit immer wieder:„Gut! vortrefflich! Dein Ge⸗ —— ſicht hat einen Ausdruck, einen ſo vollendeten Aus⸗ druck!“„Du haſt mir ja empfohlen, Freund, im⸗ mer auf den hiſtoriſchen Charakter der Figur einzu⸗ gehn, die ich vorſtellen ſoll: dieſen habe ich ziem⸗ ſtudirt.“„Ich hoffe auch die eheliche Seeligkeit, 3 die in Deinen Zuͤgen ſtrahlt, den Schwung einer hohen Seele auf die Leinwand zu bringen, wel⸗ chen Dein ruͤhrender Blick ausdruͤckt. Celine, es muͤßte mich alles taͤuſchen, oder dies wird mein gelungenſtes Bild.“ Herr Duͤmarcel kam in dem Augenblick, warf den Blick auf die Staffelei und rief:„o, wie wahr, wie tief gefuhlt! Es iſt, als hörte man Talma und die Duchenois; das iſt der wahre Koͤnig der Ibe⸗ rer, dieſer Ausdruck von Freude und Ueberraſchung 8 beim Anblick ſeiner ungluͤcklichen Gemahlin! Er ſchwankt zwiſchen dem Verlangen ſie an's Herz zu druͤcken, und dem peinlichen Entſchluß, zu beken⸗ nen, wie er ſie gekränkt.— Aber wiſſen Sie wohl, Viktor, daß dieſe Geſtalt Ihnen durchaus aͤhnlich ſieht: man ſollte ſagen, Sie hätten ſich ſelbſt in Rhadamiſt gemalt!—“„Finden Sie?“ ſagte Viktor, und ſah ſeine Frau innig an:„es waͤre — 126— nicht das erſte Mal, daß man in fremden Irrthuͤ⸗ mern die eignen darſtellte.„Mein Gefuhr wäre auch dargeſtellt, ſagte lebhaft Celine, wenn der Kopf dieſer Zenobia das vollkommenſte Vergeſſen des Erlittenen und das Entzuͤcken ausdruͤckte, einen angebeteten Gemahl wieder zu erhalten.“„Du haſt ihn wiedererhalten!“ rief Viktor, warf die Palette weg, und umſchlang ihre Knie. „Celine, meine Celine, ſetze mich der vori⸗ gen Entzauberung nie wieder aus. Wache uͤber mein koſtbarſtes Kleinod, und bedenke, daß die Ehe mehr als die Liebe fordert.“„Hatte ich es nicht geſagt, meine Tochter, verſetzte Herr Duͤ⸗ marcel, Du haſt, ohne es zu wollen, ihre ſuͤße⸗ ſten Bande gelöſt. Vergiß nie wieder, daß eine junge Frau, die ihr Gatte liebt, darum nicht Verzicht auf die Mittel leiſten ſoll ihm zu gefallen, und daß das zärtlichſte Gefuͤhl den Mangel an Sorgfalt fuͤr das Innere des Hauſes, und beſon⸗ ders fuͤr den eigenen Koͤrper, nicht erſetzt.“ 6. Die erſte Ausflucht. unſern altherkömmlichen franzöſiſchen ich kann nicht umhin in dieſem Werke auf deſſen Abgeſchmacktheit, auf den Misbrauch, ja die Ge⸗ fahr aufmerkſam zu machen, welchen er unterliegt. Eine Jungfrau, ſelbſt die fuͤnf und zwanzigjährige, darf nicht allein ausgehn, ſich nicht offentlich ohne eine ſchirmende Begleitung zeigen; die es wagte, 1 wuͤrde wider Brauch und Sitte verſtoßen und ih⸗ ren guten Ruf unbarmherzig preisgeben. Abet 3 eine junge Frau von funfzehn Jahren darf ſofort mir jederzeit anſtoͤßig geweſen, und am Tage nach ihrer Verheurathung ganz allein. gehen, wohin ſie will, darf ihre Jugend, ör Unerfahrenheit, ihre Keuſchheit den Blicken * hen nd en Ge⸗ egt. ige, hne gte, ber fort lein hre der — Neugierigen, den frechen Reden der Unbeſcheib⸗ nen und den Schlingen der Verfuͤhrung ausſetzen. So lange ſie nur ihre eigne Ehre zu vertreten hatte, ſorgte man dafuͤr, daß ſie derſelben nichts anha⸗ ben konnte; nun ſie außer jener auch die ihres Gatten huͤten ſoll, erlaubt man ihr unvorſichtig umherzulaufen und uͤberlaͤßt ihre blöde Unſchulb der Laune des Zufalls: ſo ſchwankt im Sturme das ſchwache Boot, das kein Fährmann leitet, widerſteht nicht den Wogen des— res und zerſchellt an Klippen. 3 Wenn dies unbegreifliche Vortecht, deſſen jede Neuvermählte ſich begierig bedient, nur dem Reichthume geſtattet ware, der in einem prächtigen Zuge neue Livreen, eine neue Equipage offentlich zu zeigen wuͤnſcht, ſo wäre keine Gefahr weiter damit verbunden als die, welche einer jungen Frau etwa bei denjenigen drohen kann, die ſie beſucht; allein daß die Neuvermählte des ſo zahlreichen Mittelſtundes der bürgerlichen Geſellſchaft die Gaſſen von Paris allein durchſtreifen darf, den Spott vernehmen, den ihre verlegene Furchtſam⸗ keit erregt, freche Abentheurer reizen darf, ihr zu folgen, ſie anzureden, ſie vielleicht auf Irrwege zu leiten, unter dem Scheine, ihr großmuͤthig Schutz zu verleihen: darauf will ich, als auf einen haͤufigen und gefaͤhrlichen Mißbrauch, aufmerkſam machen, und zu dieſem Behuf ein Ereigniß berich⸗ ten; das ſich, ſo zu ſagen, unter meinen Augen zugetragen hat, und wobei hinter der Larve des Leichtſinnes und Scherzes vielleicht ein ernſtlicher Plan von Gewalt oder Verfuͤhrung ſich verbarg. Die Tochter eines Emaillemalers, deſſen Arbeiten ganz Paris bewundert und ſucht, die einzige Erbin eines Vermögens, das dreyßigjaͤhri⸗ cher Fleiß, Sparſamkeit und Ordnung erworben, ein einfaches, naives Kind, welches alle Menſchen nach ihrem trefflichen Vater und die Welt nach dem friedlichen Heerd beurtheilte, um den ihre Kindheit vergangen war, heurathete mit ſechzehn Jahren den Sohn eines reichen Manufacturherrn aus der Vorſtadt St. Martin. Adele, ſo mag* das junge Weib heißen, Adele hatte ein anmuthi“ ges Antlitz, viel unſchuldsvollen Liebreiz; ihr Blick war ſchelmiſch zugleich und verſchaͤmt, ihr Laͤcheln ſtrahlte den innerlichen Frieden, das ſuͤße ſſen die hri⸗ en, en hre hn rrn — Vertraun einer friſchen Seele, die allen Eindruͤk⸗ ken des Lebens aufgeht. Sie war ſeit acht Ta⸗ gen mit dem Mann ihrer Liebe verbunden, und taͤglich wurde ihr derſelbe theurer; nun wollte ſie ſich auch des Rechtes bedienen, bas ihr der neue Stand verlieh und nahm ſich vor allein zu ihrem“ Vater zu gehen, der in der Straße St. Honoré bei dem Vendome⸗Platz wohnte. Untertegs ge⸗ dachte ſie bei mehrern jungen Bekanntinnen vor⸗ zuſprechen und ihnen einige Schmuckſtuͤcke zu zei⸗ gen, die ſie bekommen hatte; es war ihr eine Luſt ſich Frau nennen zu hoͤren, allein und unab⸗ haͤngig zu ſeyn, den laͤngſten Weg zu waͤhlen, ſtehen zu bleiben, wo es ihr gefiels; ſie wollte auch ein Geſchenk fuͤr ihren Mann kaufen, ein Pfand der Liebe, ein Zeugniß des Gluͤckes, das ſie em⸗ yfand, mit ihm verbunden zu ſeyn. Gegen halb ein Uhr alſo machte ſie ſich auf ben Weg, durchſtreifte zu Fuß einen Theil der Vor⸗ ſtadt St. Martin, hemmte ihren Schritt vos je⸗ dem Laden einet Meubleshaͤndlerin, einer Spiegel⸗ verkaͤuferin, betrachtete ſich in allen Spiegeln, die ſie auf ihrem Wege ausgehaͤngt traf, und ſah, 1r Theil⸗ J — ob ihr Hut ihr gut ſtände, ob die Federn ſchoͤn ſich ſchwenkten, ob ihr Kleid mit fuͤnf Falbeln ih⸗ rem huͤbſchen Wuchs vortheilhaft waͤre, ob man auch den Mittelſtern ihres ͤchten Shawls bemerke? Von jedem Voruͤbergehenden dabei geſchoben, ge⸗ ſtoßen zu werden, verſchlug ihr nichts. Der Ge⸗ nuß allein, ohne laͤſtige Begleitung gehen zu duͤrfen, verlieh ihr dawider Geduld und Reſignation. Sie kam zuerſt zu einem jungen Anwald, deſſen Frau ihre Muhme war. In der Meinung, ſie trete in das Gemach derſelben, ging ſie in das Arbeitszim⸗ mer des Mannes, wo fuͤnf bis ſechs junge Schrei⸗ ber glaubten in ihr eine junge, huͤbſche Klientin zu erblicken, und ſich beeiferten ihr zu Dienſte zu ſte⸗ hen. Sie bittet nur, daß ſie ſie zur Frau vom Hauſe fuͤhren wollten, die mit ihr uͤber das Miß⸗ verſtändniß lacht. Nach dem gegenſeitigen Her⸗ zenserguß zweier Neuvermählten, nachdem ſie ſorgfältig die Hochzeitgeſchenke gemuſtert, das erſte eheliche Gluͤck beſprochen haben, an deſſen ewige Dauer man glaubt, deſſen Erinnerung gewiß ewig ſuͤß bleibt, empfahl ſich Adele ihrer Muhme und ging weiter bis an die Ecke der neuen Orleans⸗ 1 — 181— Straße. Da bog ein verwuͤnſchter Fiacre um dieſe Ecke, und beſpritzte den Shawl der zierlichen Pilgerin mit Koth, indem ſie zu einer Großhaͤnd⸗ lersfrau eintrat, einer Baaſe ihres Mannes, die mit Kolonialwaaren handelt, und die klatſchichſte Gevatterin des Viertels war. Dieſe beeiferte ſich Adelens koſtbaren Shawl einem ihrer Commis zu ge⸗ ben, daß er die Flecke ausmache, und unterhielt ſie, in⸗ deſſen er wieder trocknete, mit einem ſehr umſtaͤndli⸗ chen, getreuen Bericht von Allem, was ſeit vierzehn Tagen in der Nachbarſchaft ſich zugetragen und was geredet worden war. Die Winkelchronik behagte Adelen nicht ſonderlich, ſie verließ die Großhänd⸗ lerin mit der Bemerkung, daß es doch wohl unvor⸗ ſichtig ſeyn koͤnnte allein die Straßen von Paris zu durchſtreifen, wo Einen die Voruͤbergehenden ſtoßen, die Fiacres beſpritzen, die Schwätzer arg belaͤſtigen. Sich allen dieſen Unannehmlichkeiten zu entziehn, ſuchte ſie die Boulevards, und ging längs der einen Seite zwiſchen den Baͤumen, die einen langen Laubengang bilden, unter welchen man, vor den Sonnenſtrahlen gedeckt, ſicher vor Wagen wandelt. Da os ihre Abſicht war, fuͤr J 2 ihren Mann irgend etwas zu kaufen, das eine beziehungsvolle Inſchrift, einen geliebten Na⸗ menszug trug, hielt ſie ſich vor einem Laden auf, wo dergleichen Gegenſtaͤnde in Maſſe ausgeſtellt lagen und fuchte, ob ſich darunter nichts ihrer Abſicht Entſptechendes fände? Ihre Augen fielen auf ein Vaſe von Porzellan von antiker Form, worauf in einem reich verzierten Felde der Gott der Ehen gemalt war, der die Fluͤgel der Liebe mit einer Blumnkett⸗ band. Das Sinnbild reizte die junge Frau, ſie konnte nicht aufhoͤren das kleine Meiſterwerk zu bewundern, ſie mußte es kaufen, um welchen Pteis es ſei. Aber während ſie es aufmerkſam betrachtete, kommt ein Laſtträger mit einem Koffer, ſtößt ſie an, die Vaſe faͤllt ihr aus der Hand und bricht auf dem Boden in tauſend Stuͤcke. Det Kaufmann fordert die Bezahlung dafur und ſchätzt den Preis auf achtzig Franken, indem er vorgiebt, es ſei feine Malerei nach ei⸗ nem der groͤßten Meiſter geweſen. Adele erwidert etroͤthend, der Preis wäre un⸗ erhoͤrt; aber wie dies beweiſen? Der Kaufmann ſchreit, die Voruͤbergehenden bleiben ſtehn, die — 15—— zunge Frau zieht beſchaͤmt aus ihrem gruͤnſammt⸗ nen Arbeitsbeutel mit ſtählernem Buͤgel, die ſchoͤn⸗ ſte Boͤrſe, die ſie in ihrem Hochzeitkorb gefunden hat, nimmt vier Louisd'or heraus, und geht da⸗ von unter dem Juchhei der Gaſſenbuben und aller⸗ hand Muͤßiggaͤnger, welche das Geſchrei des Kauf⸗ mannes herbeigelockt, der auf dieſe Art das Dop⸗ pelte des wahren Werthes fuͤr ſein zerbrochenes Geſchirr erhaͤlt. Adele begann zu merken, daß eine junge Frau ſich allein in den Gaſſen von Paris nicht nur dem Ungemach der ſich Draͤngenden und der Fiacres, ſondern auch der Liſt der Gauner und der Albernheit der Gaffer ausſetzt. Sie nahm ſich vor nirgends ſonſt, als in einer bekannten Hand⸗ lung, etwas zu kaufen, und ſich zu begnuͤgen, was ihr gefiel, blos zu beſehen. Es war ohngefähr drei Uhr, als ſie den Boulevard Montmartre erreichte. Sie ſtand vor dem großen Magazin von Kunſtſachen ſtill, das neben dem Theater der Varietés ſich befindet, betrachtete die anziehendſten Gegenſtaͤnde und ſuchte darunter mit liebender Seele nach einem, welcher dem gefiele, — 134— der ihr Herz und ihre Hand beſaß. Dabei fiel ſie einer Gruppe von vier jungen Wuͤſtlingen auf, welche dort auf Stuͤhlen ſaßen, wie gewohnlich an dieſer beſuchten Stelle des Boulevards, zur Stun⸗ de, als die Modedamen ſich daſelbſt zu verſammeln pflegen, um Abentheuer anzuſpinnen, deren Be⸗ richt ſie in der Oper hinter den Couliſſen oder in den Saͤlen von Tortoni beluſtigen ſoll. Die vier Gecken gehörten zu den edelſten Geſchlechtern, und vertrieben ſich die Zeit, indem ſie ſich befliſſen zu errathen, von welchem Stande jedes voruͤbergehende weibliche Weſen ſei, ihr Geſchaͤft, ſogar das Stadtviertel, das ſie bewohnte, auszumitteln. „Ich wette, ſprach der Eine, indem Adele vorbei⸗ kam, das iſt eine junge Taube, die ihre erſte Ausflucht nimmt.“„Ja, verſetzte ein Zweitet, man wittert hinter dieſem erleſenen Putz den Ton und die Haltung jener Buͤrgerklaſſe, die etwas auf ihre alten Vorurtheile, auf der Vaͤter Sitte giebt: das riecht nach der Straße St. Denis oder St. Martin.“„Wenn wir, fiel ein Dritter ein, die Schoͤne geſchickt kapern könnten, wie neulich die kleine Leinwandhaͤndlerin, die wir bis zur ſie uf, lich tun⸗ neln Be⸗ r in vier und nzu ende das eln. bei⸗ rſte ter, Ton vas itte der in, 5 5 ich Nachtzeit ſpazieren gefahren haben!“„Unmöglich! verſetzte der Vierte: dieſe iſt zuruͤckhaltend und bloͤde und ſcheu wie alle Teufel.“„Unmoͤglich* nahm wieder der Erſte das Wort; gut, ich gehe die Wette ein, mit jedem, wer da will, daß ich die Schöne anrede, daß ſie meinen Arm annimmt, und daß ich ſie fuͤhre zu den— Fer⸗ kelchen.“„Ich wette mit Dir! ruft der Dritte: eine Mattelotte?“„Es gilt!“ verſeßten die bei⸗ den Andern.„Aber dazu, meine Herrn, muͤſſen wir uns trennen, um allen Verdacht zu entfernen; es iſt ein junges Reh, das man jagen muß, ohne daß die Hunde bellen duͤrfen. Ich bin der Angrei⸗ fende, das iſt mein Beruf, Du, Solange, mit der ſchmachtenden Miene, dem blonden Kopf, den großen blauen Augen, die Dir uͤbergehen, wenn Du willſt, Du biſt der Paladin der Schoͤnen, der Ritter ohne Furcht und Tadel.“ Bei dieſen Wor⸗ ten trenuten ſie ſich, der Erſte ging Adelen entge⸗ gen, begukte ſie von neuem, und ſie ſchien ihm einfaltig, leichtglaͤubig und leicht anzufuͤhren. Sein Mitverſchworner nahm dieſelbe Richtung. Mit beſcheidener Haltung, mit dem zuvor⸗ — 1356— kommenden Anſtand eines Mannes von feiner Sit⸗ te, mit der Aufmerkſamkeit eines Mannes von Stande nahte er ſich Adelen, ſtand ſtill mit ihr, wo ſie ſtill ſtand und um irgend ein Buch, einen Kupferſtich feilſchte, ſah einen andern Gegenſtand daneben an, und machte ſie dienſtfertig auf die⸗ ſen oder jenen Makel an dem ihrer Wahl aufmerk⸗ ſam. Daher ein verbindlicher Blick, eine Regung von Erkenntlichkeit der jungen Frau, dies die Ein⸗ leitung zu einem Geſpräch, das mit Gewandheit abgebrochen und mit noch groͤßerer Gewandheit wieder angeknuͤpft wird.„Sie ſuchen, wie ich ſehe, ein Geſchenk fuͤr Jemand?“„Ja,“ ant⸗ wortete Adele erröthend, durch den beſcheidnen Anſtand, die ſanfte Stimme des Unbekannten geruͤhrt.„Das iſt auch meine Abſicht, fuhr der Heuchler mit niedergeſchlagenem Blick, inſofern moͤglich, auch ſeinerſeits erroͤthend, fort; ich bin ſeit einigen Monaten mit einer jungen Frau, ei⸗ nem Vorbilde ihres Geſchlechts vermaͤhlt, und wuͤnſ chte ihr ein Pfand des Gluͤckes zu uͤberreichen, bas ich ihr danke; die glücklichen Ehen ſind felt ten in Paris!—“ „ —— 137— „Das kömmt, entgegnete Abele, weil man ſich mehr nach Verechnung, als aus Liebe verheu⸗ rathet.“„Sie haben wohl Recht, gnaͤdige Frau: welche ſchreckliche Folgen erleben wir auch! Die Eitelkeit, die Habſucht werden befriedigt, das Herz blutet und die Sitten verſchlechtern ſich.“ * Bei den letzten Worten empfahl er ſich Adelen mit der ehrerbietigſten Verbeugung; ſie ſah ihm nach tin und ſprach bei ſich: der intereſſante junge Mann! 3 ſeine Frau muß ſo gluͤcklich ſeyn, als ich ſelbſt bin. Vergeblich hatte Adele auf dem Boulevard nach der Sache, die ſie zu kaufen wuͤnſchte, umherge⸗ blickt; ſie trat in den Durchgang vom Panorama, wo man alles antrifft, was die Augen blenden und die Einbildungskraft bezaubern mag. Kri⸗ ſtalle von aller Art und Geſtalt, prachtvolle Ala⸗ baſterwerke, welche die ſinnreichſten Gegenſtaͤnde, die ſchonſten Statuen aus dem Alterthum darſtel⸗ len; vor allen reizte die Neuvermählte ein Maga⸗ zin voll gemachter Blumen und reichen Porzellan, worauf die herrlichen Laͤndſchaften von Seebeck, Bipault und Bertin, die ſchoͤnen Blumenſtuͤcke an Vandgel, und Van⸗Spandenhoek, die be⸗ ———— — 138— zaubernden Miniaturgemälde Iſabeys wiederholt waren. Unmoͤglich kann man an dieſem Tempel des Geſchmackes vorbeigehn, ohne dem Verlangen nachzugeben, einzutreten. Adele gab ihm nach, und ſieht in einem laͤnglichrunden, gewölbten Glas⸗ kaſten einen Blumenkorb, in deſſen Mitte zwei Turteltauben ſich ſchnaͤbelten; darunter las man die Inſchrift: Auf ewig verbunden! Das iſt, was ich ſuchte, ſagte ſie bei ſich, begehrt das ſinnvolle Werk näher zu betrachten, und indem ſie es mit inniger Bewegung anblickt, ſteht der empfindſame Unbekannte ihr wieder zur Seite, und ergießt ſich in Lobeserhebungen uͤber dieſe allerliebſte Allegorie.„Wie wahr, wie tief empfunden! rief er aus. Ich ſehe, die gnädige Frau haben Ihr Geſchenk gewaͤhlt; wahrſcheinlich fuͤr Jemand Geliebtes.“ Fuͤr meinen Mann, er⸗ wiederte Adele; geſtehen Sie, daß ich nicht beſſet ankommen konnte.“„So gut, ſcheint mir, daß ich ſelbſt, wäre ihre Wahl nicht auf dies wahr⸗ hafte Meiſterſtuck gefallen, mich beeilt haben wuͤr⸗ de, es meiner Frau nach Hauſe zu ſchicken; in⸗ deſſen iſt das nur ein Aufſchub von wenigen Ta⸗ olt el gen as⸗ wei lan — 139— gen. Ich wuͤnſche, mein Herr, einen Korb, ganz gleich dieſem, nur ſollen unter den Roſen und Myrthenbluthen, worin die Tauben ruhn, noch einige Immottellen eingeflochten werden, um anzudeuten, daß ein glückliches Paar ſich ewig liebt.“„Ein allerliebſter Gedanke, rief Adele kebhaft, ich bitte, mein Herr, laſſen Sie dieſel⸗ ben auch dieſem Korbe hinzufuͤgen, wenn anders der Herr mir erlaubt ſeinen gluͤcklichen Einfall zu be⸗ nutzen“—„Ich fuhle mich geſchmeichelt, gnä⸗ dige Frau, zu innigerer Befeſtigung eines Eheban⸗ des beizutragen, und betrachte mich in dieſem Au⸗ genblick als Wortfuͤhrer desjenigen, der das Gluͤck hat Sie zu beſitzen.“ Bei dieſen Worten grußte er die junge Frau mit ehrfurchtsvoller Bewegung, und laͤßt ſie in dem Laden, wo ſie bei ſich ſelbſt, ihm nachblickend, wiederholt:— der intereſſante junge Mann, ſeine Frau muß ſo glucklich ſeyn, als ich ſelbſt! Indeſſen Adele mit dem Kaufmann uber den Preis des Korbes einig wird und die ubri⸗ gen Schätze betrachtet, welche das Magazin ent⸗ hält, trifft der gewandte Solange mit ſeinen Mit⸗ verſchwornen zuſammen, der ihn, nebſt ihren bei⸗ — 140— den Gegnern, in dem Durchgang erwartet, wel⸗ cher zur Straße St. Mar fuͤhrt, und erſtattet ih⸗ nen Bericht uber die geſpielte Rolle, beſchreibt ih⸗ nen die Einfalt und Argloſigkeit der jungen Frau, und vermißt ſich, ſie an den durch die Wette be⸗ ſtimmten Ort zu fuͤhren. Vergnugt uͤber das Erkaufte, im Vorge⸗ fuhl der Freude wegen der angenehmen Ueber⸗ raſchung, die ſie ihrem Manne bereitet, verließ Adele den Laden, und plötzlich trat der junge Wuͤſt⸗ ling ihr entgegen, der die Rolle des Angreifenden ubernommen hatte. Er that, als ob er ſie fur eines der glänzenden Frendenmaädchen hielt, die auf Abentheuer ausgehn, ſchlang ſeinen Arm ihr nachläſſig um den Leib, und redete zu ihr mit der emporendſten Vertraulichkeit. Adele war ſo ent⸗ ſetzt, daß ſie kein Wort erwidern konnte, ſie hatte nur noch ſoviel Kraft, ſich heftig von dem Frechen loszureißens das außerſte Schrecken malte ſich auf ihrem Angeſicht, ihre Lippen, ihre Haͤnde zitter⸗ ten und Thränen traten ihr in die Augen. Als ſie endlich wieder zu reden vermag, bezeigt ſie dem Unbekannten ihr Staunen, ihre Empoͤrung. Er — — 44— beharrt bei feinem Irrthum, Voruͤbergehende um⸗ ringen ſie, ſehen das Bangen der jungen Frau, und ruͤſten ſich zu ihrem Beiſtand. Da kommt⸗ der erſte, nicht minder argliſtige Wuͤſtling wieder, ſpielt die Rolle des ſchirmenden Retters, erklaͤrt, daß er die Beſchimpfung der Dame, deren reine Geſinnung er kennt, nicht zugeben werde, bedroht den Angreifenden, als ob er ihn zum erſtenmal ſaͤhe, beut der armen Adele ſeinen Arm, und aber⸗ mals beſtochen von der ſeelenvollen Stimme ihres vermeintlichen Raͤchers, von ſeinem gebietenden Weſen, kommt ſie allmaͤlich zu ſich, ergießt ſich in Dank, und nimmt ſein Erbieten an ſie zu be⸗ gleiten, wohin ſie gehoͤrt.„Ich verlaſſe Sie nicht, gnaͤdige Frau“ ruft er mit dem Ausdruck des Schwunges einer edlen Seele, mit der eindring⸗ ſichſten Stimme,„nein, ich verlaſſe Sie nicht bevor Sie nicht angelangt ſind, wohin Sie befeh⸗ len, daß ich Sie fuͤhre. Was Sie betrifft, mein Herr, ſetzt er, ſeinen Mitverſchwornen mit dro⸗ hendem Blicke meſſend, hinzu: wenn es Ihnen be⸗ liebt, mich binnen einer Stunde eben hier wieder zu treffen, ſo hoffe ich, Sie füͤr Ihren beleidigen⸗ — 142— Irrthum zu ſtrafen.“„Wir werden uns tteffen, mein Herr! ruft jener mit herausfordernden Blick und Gebehrde; wir werden ſehen, wer von uns beiden eine verdiente Warnung erhalten wird.“ Adele läßt ſich von ihrem Beſchuͤtzer hinwegfuͤhren, der ihr immer werther wird und fuͤr deſſen Leben ihre Guͤte zagt. Auf ſeinen Arm geſtutzt, verlaͤßt ſie den Durchgang vom Panorama, zitternd, wankend. Der liſtige Kaͤmpe benutzt ihren Zu⸗ ſtand, und ſchlägt ihr vor einen Wagen zu neh⸗ men. Sie geht auf den Vorſchlag ein, ſo unſi⸗ cher iſt ihr Schritt nach dem gehabten Schreck. So durchwandern ſie zuſammen den Theil der Straße St. Mare, der zur Straße Montmartre fuhrt, wo der Fiacreplatz iſt. Der Angreifende folgt ihnen von weitem mit den beiden Widerſachern, die ſchon die Wette verloren geben. Ein Kutſcher fährt vor, Adele bezeichnet die Wohnung ihres Vaters, in der Straße St. Honoré, neben dem Vendome⸗Platz; der verrätheriſche Schutzherr des jungen Weibes ſteckt ihm ein Fuͤnffrankenſtuͤck zu und fluͤſtert ihm in's Ohr:„nach den Ferkel⸗ chen.“ Er macht die Wagenthuͤr auf, die argloſe! ———— 143— Adele gerieth in die Gewalt des Frevlers; da ſah ſie ihren Vater, der mit einem ſeiner Freunde, einem Gelehrten, aus der Geſellſchaft der Kinder Apollo's, die ihre Sitzungen in Mandars Hof hält, zuruͤckkam. Wuͤſtling, mit dem ſeine Tochter in den Wagen Jener erkennt den jungen ſteigen will, er begreift nicht, was das téte à tète zu bedeuten hat. Solange erkennt ebenfalls in dem Vater der jungen Frau den beruͤhmten Ma⸗ ler, der ihn mehr als einmal abkonterfeit, und dem er waͤhrend des Sitzens ſeine galanten Abén⸗ theuer und Jugendſtreiche erzaͤhlt hat. Er lacht unwillkuͤhrlich, ſtottert einige Entſchuldigungen, geht und ſagt: ich habe verloren! Adele erklaͤrt das Raͤthſel dem Vater und dem begleitenden Freund. Sie erzählt unbefan⸗ gen, was ihr im Durchgang vom Panorama be⸗ gegnet iſt. mit welcher edlen Selbſtvergeſſenheit der ſie, „Wenn Sie nur geſehen haͤtten, ſagt junge Mann mich vertheidigt hat, wenn Sie nur gehoͤrt hätten, wie er uͤber Sitten und die Heilig⸗ keit der Ehe ſprach, wie bewegt er war, als er ſeine Frau lobte!“„Seine Frau! fiel haſtig ihr —— Vater ihr ins Wort, er hat nur Maitreſſen, für die hat er ſich fuͤnf oder ſechsmal in meiner Werkſtatt malen laſſen. Er iſt der liederlichſte Abentheurer, der gewandteſte Roue, der gefähr⸗ lichſte Verfuͤhrer! Er beſitzt Reichthum, einen edlen Namen, ausgezeichnete Talente, eine an⸗ muthige Geſtalt: arme Adele, was wäre aus Dir geworden!“ Der Freund machte ihr darauf ſeiner⸗ ſeits bemerklich, wie die Verſtellung, die der Arg⸗ liſtige angewandt, um ihr Vertrauen zu gewinnen, auf einen vorausberechneten Plan, auf die Abſicht deute, ſie in Paris zu verwirren, vielleicht gar ihr Gewalt anzuthun.„Ja gewiß und wahrhaftig, ſagte der Kutſcher, der Herr hat mir ganz leiſe bofohlen nach den Ferkelchen zu fahren.“— „Nach den Ferkelchen! ſchrie Adele vgl Schrecken uͤber die Gefahr, der ſie entgangen. Seine Auf⸗ merkſamkeit, ſeine zarte Sorgfalt waren nur Fall⸗ ſtricke, meine blinde Argloſigkeit zu täuſchen! Wenn man mich je wieder allein auf der Gaſſe in Paris ſicht!“—„Bedenke, ſagte ihr Vater, daß eine junge, huͤbſche Frau, wer ſie auch ſeyn mag, ſich nicht allein oͤffentlich zeigen kann, ohne all⸗ en ter, eyn — 145— Neiö, Tadel oder Argwohn zu erregen.„Nein, rief Adele, nein, ich kann mich nicht von meinem Schrecken cholenz aber wem hätten nicht, wie mich, der beſcheidne Ton, die ſenft⸗ Stimme, die feuchten Blicke getzuſchez Ich hör⸗ noch, wie er dem Kaufmann ſagt, et mochte Immortellen zu den Blumen fuͤgen, welche die zwei Tauben, das Sinnbild der chelichen Zürtiichkeit, umga⸗ ben.“—„MNehmen Sie die Tauben in allen Stuͤcken zum Sinnbild, verſetzte der Freund ihres Vaters, ſie verlaſſen ſelten das Dunkel des Wal⸗ des, wo ſie niſten, und ſind dadurch vor vielen Angriffen geſchuͤtzt, genießen die Friſche det Schat⸗ ten und girren unter denſelben unbemerkt, un⸗ beneidet und ungeſtört.“ Ir Theit. — 1. Die Sucht nach einem adelichen Namen. Sinon Wnnnb„ein Auvergnate, hatte ſich in dem Holzgarten eines Holzhäͤndlers zu Paris durch ungemeine Körperkraft, einen ſeltenen Geiſt und ein treffliches Herz bemerkbar gemacht. Im Jahre 1792 ward er gezwungen zur Vertheidigung be franzöſiſchen Graͤnze in Kriegsdienſte zu treten, diente neun Jahre in einem Kavallerieregiment und trug einige ehrenvolle Wunden davon. End⸗ lich erhielt er ſeinen Abſchied und kehrte zu dem rechtſchaffenen Holzhändler zuruͤck, der ſeine vor⸗ zuͤglichen Eigenſchaften ſchaͤtzte. Dieſer uͤbergab ihm nun wichtigere Geſchafte, machte ihn bald zu ſeinem erſten Geſchaͤftsfuͤhrer, und Simon trug nicht wenig durch ſeinen Eifer zum Gedeihen ———— des Handlungshauſes bei, das ihm ſolches Ver⸗ traun geſchenkt. Damals war er achtundzwanzig Jahre alt; ſein kriegeriſches Anſehn, ſein ſchoͤnes Geſicht, das einige Saͤbelhiebe furchten, ſein offener Froh⸗ ſinn, ſein gluͤckliches Naturell bewirkten einen leb⸗ haften Eindruck auf das Herz der einzigen Toch⸗ ter des ſchon bejahrten und kraͤnklichen Holzhaͤnd⸗ lers. Es zeigte ſich, daß Bertrand das Madchen eben ſowohl liebte, doch ſeine Liebe aus Zartge⸗ fuͤhl ſorgſam verhehlt hatte. Der Handelsherr, der Wittwer war und ſein Ende nahe fuͤhlte, verband ihn mit ſeiner Tochter, und in kurzem ſah Simon⸗ Bertrand ſich im Beſitz des Holzgartens, wor⸗ in er lange als Arbeiter gedient, und dazu als gluͤcklichen Gatten eines jungen, einfachen, guten, thätigen Weibes, das ihm zwei Kinder gebahr, einen Sohn, den er Prosper, eine Tochter, die er nach ſich zu nennen wuͤnſchte, deßhalb Simon⸗ na hieß. Prosper, der Pathe eines Generals, widmete ſich fruh der kriegeriſchen Laufbahn; ſeine Schweſter erzog die Mutter, und ſie verließ nicht das väterliche Haus. Simon⸗Bertrand's Han⸗ K 2 —— del aber erweiterte ſich täglichz gluͤcklich im Spe⸗ kulieren, Sklave ſeines g gegebenen Wortes, all⸗ zeit dienſtfertig, hatte er ſich bald einen Ruf er⸗ worben, der ihm die Lieferungen fuͤr das Invali⸗ denhoſpital, die Militärſchulen und die anſehn⸗ lichſten Hoſpitäler der Hauptſtadt verſchaffte. Da eröffnete er Holzgärten und Magazine, ließ auf der Seine Schiffe in großer Zahl zu ſeinen Trans⸗ porten bauen. Dem Handel mit Brennholz ge⸗ ſellte er bald den mit Bau⸗ und Nutzholz, der Krieg mit den meiſten europäiſchen Maͤchten ver⸗ ſchaffte ihm die Lieferung fuͤr das Artilleriefuhr⸗ weſen, und ſie brachte ihn in vielfache Verbin⸗ dung mit Generalen und Miniſtern; ſein musku⸗ löſer Bau, ſein narbenvolſes Geſicht, ſeine glůck⸗ liche Heiterkeit und das zuverſichtliche Benehmen eines alten Kriegers gewannen ihm aller Herzen; unwandelbare Rechtli eit, unermeßlicher Ge⸗ winn, hohe Gönner ihm bald ein ſolches Anſehen auf dem Platz, daß man ſeine Wechſel wie Baarzahlung nahm; im fuͤnf und vierzigſten Jahre war Simon⸗Bertrand im Be⸗ ſitz mehrerer Millionen, die er rechtlich erworben, — 149— an der Spitze eines ungeheuren Handelsgeſchaͤftes, 3 und hatte ſich viele Menſchen, mitunter von ehren⸗ i. werthen Namen, verpflichtet. Er wurde durch das Gluͤck nicht verdorben und bewahrte ſein gutmuͤthiges Weſen. Weit ent⸗ f fernt, uͤber ſeine niedrige Herkunft zu erroͤthen, . machte er ſich im Gegentheil eine Ehre daraus; 1 nie begegnete er einem Auvergnaten in ſeinen 5 Holzgaͤrten, ohne ihm in Landesdialekt zuzurufen: 3„guten Tag, Kamerad, was machſt?“ Sah er einen Landsmann in den Gaſſen von Paris, muͤhſelig, mit Schweiß bedeckt, die Tonne ziehn: ſo ſchob er von hinten den kleinen Karren des ar⸗ 3 men Auvergnaten, und gab ihm zu einem Trunk am Ziele der Fahrt. Im Winter fand der ar⸗ beitsloſe Arme Beſchaͤftigung in ſeinen Holzgär⸗ ten, der Schwaͤchliche bekam dort Brod und Spaͤh⸗ ne, ſich mit den Seineß zu wärmenz er aber wollte ſeiner Frau und ſeinen Kindern auch zum Genuß des Reichthums verhelfen; in der Straße Chausée d' Antin kaufte er ein großes Haus, ließ das erſte Stockwerk deſſelben ziemlich praͤch⸗ tig einrichten und bezog es. Die Kuͤnſte unter⸗ N — —. ————— — 130— ſtuͤtzte er gern, beſonders freute er ſich der Male⸗ rei; auch erblickte man in ſeinem Geſellſchaftsſaal, gerade uͤber dem Kamin, von allen Spiegeln zu⸗ ruͤckgeſtrahlt, das Bild eines jungen, ruͤſtigen Auvergnaten in einem Holzgarten, auf einer Klo⸗ be geſtuͤtzt, und darunter die wenigen Worte: „was ich war.“ Er hatte ſich ſo von einem der beruͤhmtſten Maler der Hauptſtadt malen laſſen, „damit, ſagte er, dies Meiſterwerk, wenn eines ſeiner Kinder vielleicht vom Ueberfluß bethoͤrt, jemals ſeine Herkunft vergaße, es daran erinnern und deſſen albernen Hochmuth beſchaͤmen möge.“ In Hinſicht Prospers war dieſe Vorſicht uberfluͤſſig: der wahrhaft Edle mag gern allein dem eignen Werth den Ruhm ſeines Namens dan⸗ ken. Er war Kavalleriehauptmann, und nie kam er auf Urlaub, ohne geruͤhrt und ehrfurchtsvoll das ehrwuͤrdige Bild zu betrachten. Mit Simon⸗ nen war es ein Anders. Das Bild, wiewohl es ihr treulich die Zuͤge eines angebeteten Vaters dar⸗ ſtellte, verletzte ihre Eitelkeit und belaͤſtigte ihre Augen.„Ich werde nimmermehr eine Heurath ſchließen koͤnnen, die unſrem Vermoͤgen und le⸗ al, zu⸗ en lo⸗ te der n, res —— meiner Erziehung entſpricht, ſagte ſie; wer, der dies Bild anſteht, moͤchte Simonna⸗Bertrand heurathen?“—„Wer 500,000 Franken Mitgift nicht verſchmäht, antwortete froͤhlich ihr Vater, und ich ſage Dir, es giebt dergleichen Leute genug in Paris, auch unter den Leuten vom Stande.“ „Wie, Vater, Sie hoffen, daß ich Jemand von Familie heurathen könnte?“—„Jedweder hat doch wohl die ſeine.“—„Ich meine, Jemand von alter Familie.“—„Wie zum Beiſpiel die unſre, nicht ſo? Die Simon⸗Bertrands ſind ſeit zweihundert Jahren Botenlaͤufer geweſen, vom Vater auf den Sohn; ich bin der erſte, der aus der Art ſchlaͤgt.— Hoͤre, liebes Kind, meine gute Simonna, Gott hat mir den Reichthum nicht verliehen, um meine Kinder zu tyranniſiren; Du ſollſt Dir Deinen Mann ſelbſt waͤhlen.— Aber, — wenn Du mir glauben willſt, ſo laß Dich nicht von dem Glanz der Geburt verblenden. Sieh, es giebt Abſtaͤnde, die ſich nimmermehr aus⸗ gleichen laſſen. Mache es, wie Deine Mutter, waͤhle Dir, was man ſo einen rechtſchaffenen Kerl nennt, der ſich gluͤcklich ſchätzt und ſtolz iſt, Dich zu haben. Wenn er Dich in der Welt auch nicht ſonderlich vornehm macht, ſo wird er Dich darin deſto glucklichermachen, und das iſt das Vornehmſte. Er wird Dir nichts von ſeinen adelichen Vorfahren erzaͤhlen; aber er wird Dir huͤbſche kleine Nachkom⸗ men verſchaffen, und Du kannſt vielleicht dereinſe ſo ſtolz auf Deine Kinder ſeyn, als andre auf ihre Väter; was ſie in aufſteigender Linie haben, er⸗ hältſt Du dann in abſteigendert ſo geht es in der Welt, Kleine, ſo geht es in der Welt!“ Dieſe Ermahnung des beſten Vaters und des vernuͤnftigſten Mannes ſtachelte nur Simon⸗ nens Stolz und Mißmuth, ihr einziger Wunſch ging dahin, einen Mann vom Stande zu heura⸗ then. Vergebens bewarben ſich die reichſten Soͤh⸗ ne des achtbaren Buͤrgerſtandes in die Wette um ihre Hand, die junge Ehrſuͤchtige wies ſie alle ab; ihr fantaſtiſcher Wahn ſpielte unablaͤſſig mit der Vorſtellung einen ſchoͤnen jungen Kavalier zu be⸗ reichern, ihn wieder in das alte Schloß ſeiner Väter zu fuͤhren, ſeinen Namen in allem Glanz des Namens ſeiner Vorfahren zur Zeit der Kreuz⸗ zuge herzuſtellen. Der Zufall bediente ſie nach E Wunſch. Ihr Bruder kehrte nach den letzten ſiegreichen Schlachten der Franzoſen in Deutſch⸗ land zuruͤck nach Paris, um voͤllig von einer erhaltenen Wunde zu geneſen. Aus dich⸗ tem Handgemenge retteten ihn Gewandheit und Kuͤhnheit des jungen Grafen von Dartignac, der aus einem alten Geſchlecht in Perigord entſproſſen und Adjutant des Generals war, welcher Pros⸗ per⸗Bertrand beſchuͤtzte. Unter den Fahnen gilt kein andrer Rang als der militaͤriſche; der Sohn eines großen Herrn bedeutet vor den Kugeln daſſel⸗ be, als der Sohn des Hirten oder Handwerkers. Prosper ſtellte ſeinem Vater ſeinen liebenswuͤrdi⸗ gen Retter vor. Dex junge Dartignac wax wohlge⸗ baut und voller Grazie. Seine vornehmen Ge⸗ ſichtszuͤge, wie ſeine Augen, aus denen das Feuer des Muthes blitzte, deuteten zugleich einen Stolz an, welchem ſeine Stimme, ſein Weſen, ſeine Haltung entſprach. Simon⸗Bextrand bewies ihm die vollkommenſte Dankbarkeit eines zaͤrtli⸗ chen Vaters und bot ihm fuͤr die Zeit ſeines Auf⸗ fenthaltes in Paris eine Wohnung in ſeinem Hau⸗ ſe an. Dartignac nahm ohne Umſtaͤnde an, waßz — von Herzen geboten wurde, und fand ſich geblen⸗ det von dem Ueberfluß, der, trotz der Beſcheiden⸗ heit Simon⸗Bertrand's, in ſeinem Hauſe herrſchte. Er machte ſich kein Gewiſſen daraus von Prosper etwas zu borgen, um ſeine Garderobe ein wenig herzuſtellen und ſich neu zu uniformiren. Der Sohn eines ſo reichen Vaters war eine ergie⸗ bige Fundgrube, und Dartignac benutzte ſie. Sei⸗ ne Heiterkeit, ſein Kriegsruhm gewannen ihm Simon⸗Bertrands Herz, der nichts deſtoweniger dann und wann bemerkte, der Herr Graf bruͤſte ſich im Geſpräch, rede ohne Unterlaß von den Großthaten ſeiner Ahnherrn und vom Glanze und Alterthum ſeines Geſchlechtes. Prosper wun⸗ derte ſich uͤber dieſe abgeſchmackte Sucht, die ſei⸗ nem Kriegsgefährten nie im Lager angewandelt ſei. Seitdem er in Paris ware, beſuche er oft zu Saint⸗Germain ſeine Mutter, die Graͤfin Dartignac, eine von allen Vorurtheilen der Geburt durch und durch beſeſſene Witwe, bei der er den Adelstik und einen Ton von Herablaſſung ange⸗ nommen habe, den er ſich gegen Seinesgleichen len⸗ en⸗ uſe aus obe gie⸗ Sei⸗ hm ger ſte den nd n⸗ ſei⸗ elt oft in — 455 erlaube, und womit er Untergebene voll Anma⸗ ßung druͤcke. Eben die Art des jungen Grafen, die Ber⸗ trand und ſeinem Sohne mißfiel, bewirkte die ent⸗ gegengeſetzte, und eine lebhafte entgegengeſetzte Wirkung auf Simonnen. Sie ſah in ihm Alles, was ſie lange ſchon von adelicher Geburt, zerruͤt⸗ teten Umſtaͤnden, ritterlichem Geiſt getraͤumt, vor allen Dingen den Retter ihres Bruders. Dieſe letzte Eigenſchaft wirkte nicht minder gewaltig auf das väterliche Herz des wackern Bertrand. Er druͤkte mit Innigkeit die Hand des jungen Dar⸗ tignac, und mochte gern die Beſchreibung des furchterlichen Gefechtes, wo Prosper der muthi⸗ gen Hingebung ſeines Waffenbruders das Leben verdankt, von letzterm wiederholen hoͤren.„Ich hoffe, ſagte er dann zu dieſem, zwiſchen uns iſt es fuͤr Leben und Tod! Ich begehre nicht Ihnen meine Schuld abzutragen, ich vermag es nicht; aber wenn Sie Gelegenheit finden einige abſchlaͤg⸗ liche Zahlungen auf mich anzuweiſen, ſo reden Sie, mein Gut, mein Blut, mein Leben iſt Ihre.“ Ein ſolcher Gemuͤthsſchwung des beſten Vaters —— ——— —— ——— — entflammte vollends der Tochter Bruſt. Sie be⸗ kannte ihre Leidenſchaft Prosper. Prosper glaub⸗ te die Gelegenheit ergreifen zu muͤſſen, Dartignat zu vergelten und die Bande der Freundſchaft zwi⸗ ſchen ihnen feſter zu ſchlingen. Von der Anſicht verleitet, daß eine Mitgift von fuͤnfmalhundert⸗ tauſend Franken ſeinen Retter in Stand ſetzen konne, einen Theil ſeiner Familienguͤter wieder zu erwerben, vor allem ſeine Mutter, die er ver⸗ ehrte, in ihren alten Wohlſtand zuruͤckzuverſez⸗ zen, that er Dartignac den Vorſchlag einer Ver⸗ bindung mit ſeiner Schweſter. Der Graf hatte Schulden, er mußte oft auf ſeinen Sold aufneh⸗ men, um ſeine Mutter zu erhalten, die in ihrer Zuruͤckgezogenheit zu St. Germain auch nicht un⸗ empfindlich gegen das Anerbieten einer ſo glaͤnzen⸗ den Mitgift und die Ausſicht auf unermeßliches Vermoͤgen war. Herr Bertrand war freilich ein Parvenuͤ, er hatte gemeine Geſinnungen; aber er war ein alter Soldat, ein achtbarer Handelshert, der Ernaͤhrer von mehr als hundert Familien in Paris, und der rechtskraͤftige Beſitzer von mehre⸗ ven Millionen. Außerdem war das Kind gut er⸗ 1ae wi⸗ n⸗ es — 167— zogen, niedlich, vor allen Dingen begierig auf einen vornehmen Namen. Man konnte ſie leicht bilden, fuͤr die große Welt zuſtutzen, oder in ihr Zimmer verweiſen, wenn ſie einen gemeinen Ton und niedrige Manieren behielt. So uͤberlegte mit ſeiner Mutter der Graf Dartignac, und dieſe, die es uͤberdruͤſſig war, ein ehedem reichliches und glaͤnzendes Leben im Mangel zu beſchließen, be⸗ ſtimmte ihren Sohn ſelbſt, ſich zu der reichen Heurath zu bequemen. So leicht war Prospers Vater fuͤr jene Verbin⸗ dung nicht gewonnen. Bertrand bezeigte den un⸗ bezwingkichſten Widerwillen zum Eidam einen Edelmann zu wählen, der vielleicht nach erhobe⸗ ner Mitgift ihn verachten und ſeine Tochter nicht ſo gluͤcklich machen wuͤrde, als er wuͤnſchte. „Nicht daß ich, fagte er zu ſeinem Sohn, einen adelichen Namen nicht verehrte, der an einen Hel⸗ den, einen Wohlthaͤter meines Vaterlandes ge⸗ mahnt. Ich trete nie zu einem Suͤlly, einem Krillon, Turenne oder Kolbert, ohne eine franzs⸗ ſiſche Wallung, einen Schauder von Ehrfurcht und Dankbarkeit zu empfinden. Doch dieſe Adeli⸗ — 158— chen fuͤrs Geld, die nichts gethan haben, als den Staat ausgeſogen und Familien zu Grunde ge⸗ richtet, die großen und kleinen gnir, gnoc und gnac, die ſo unverſchaͤmt ſind, als jene zuvorkommend, und ſich von andern Schrot und Korn denken, als unſer Eines: die, geſtehe ich, mag ich nicht, und deren Geringſchätzung ertrage ich ſchwer. „Dartignac iſt frei von dergleichen abge⸗ ſchmackten Vorurtheilen, entgegnete Prosper. Er iſt im Felde, in der Schule des Leidens gebil⸗ det; unter ſeinen Waffenbruͤdern hat er die Men⸗ ſchen kennen und ſchaͤtzen gelernt, nach dem, was ſie ſind, nicht nach dem ſie ſich geben. Welches Gluͤck fuͤr mich, den Retter meines Lebens mei⸗ nen Bruder zu nennen! ſetzte er bewegt hinzu, ihm den Wohlſtand wieder zu verleihen, deſſen er faſt bei der Geburt beraubt wurde. Vater, dieſe Wonne noch laſſen Sie mich Ihrer unerſchöpflichen Guͤte danken! Wollen Sie dem Ihre Tochter ver⸗ ſagen, der Ihnen Ihren Sohn erhalten hat?—“ Simon⸗Bertrand konnte dergleichen Bitten nicht widerſtehn; man kam wegen eines Tages uͤberein, da die Graͤfin Dartignac ſelbſt von Saint⸗ — 159— Germain kommen ſollte, den Heurathsantrag zu thun. Sie kam wirklich am folgenden Tage gegen ſechs Uhr, begleitet von einem alten Ludwigsrit⸗ ter, der ihr Verwandter und des jungen Grafen Vormund war. Simon⸗Bertrand und ſein Sohn empfingen ſie unten bei der Stiege; der Vater bot ihr ehrerbietig den Arm, und fuͤhrte ſie in den Geſellſchaftsſaal, wo Frau Bertrand, noch friſch und huͤbſch, ſie erwartete, und ſie mit einer Aus⸗ zeichnung begruͤßte, welche ſie entzuͤckte. Sie be⸗ merkte, daß fuͤr Parvenuͤs dieſe Leute die geſell⸗ ſchaftliche Sitte vortrefflich inne haͤtten. Der Heurathsantrag erfolgte nach allen Vorſchriften der alten Etikette, und wurde mit herzlicher Un⸗ befangenheit angenommen. Madame Bertrand holte ihre Tochter, ſtellte ſie tief bewegt der zukuͤnf⸗ tigen Schwiegermutter vor, deren Hand jene mit der tiefſten Ehrfurcht kuͤßte, was der Gräfin abermals ſehr gefielz ſie ſagte ganz leiſe zu dem alten Ludwigsritter, der ſie begleitete:„Das Kind iſt nicht uͤbel, wir werden etwas daraus ziehn.“ Endlich erſchien auch, von Prosper eingefuͤhrt, — 160— der junge Graf, erzwang jenen wohlwollend zu⸗ traulichen Ton, den man gegen Seinesgleichen⸗ fuhrt, und that ſehr verbindlich gegen Simonna, die ſich ſchon als Gräfin ſah und bei aller Ver⸗ ſchaͤmtheit der Jugend die Freude nicht verhehlte, die ſie empfand⸗ Da benutzt Simon⸗Bertrand den Augenblick der Verſammlung beider Familien, um eine Va⸗ terpflicht und die Pflicht eines rechtſchaffenen Man⸗ nes zu erfuͤllen. Et ſteht auf und ſagt:„ſo oft dus Gluͤck mich beguͤnſtigr, pflege ich mich jeder⸗ zeit meines dunkeln Urſprungs zu erinnern und Gott dafuͤt zu danken. Ich wuͤrde der Ehre, wel⸗ che mir die Frau Graͤfin Dartignac anthut, un⸗ wuͤrdig ſeyn, wenn ich mich ihr nicht darſtellt, als was ich bin, als was ganz Paris mich kennt. Da, das war Simon⸗Bertrand,“ fuhr er fort, und zeigte auf ſein Bild, und trächtete genau da⸗ bei in allen Geſichtern zu leſen. „Von dort anzuheben, hat die Vorſehun mir beſtimmt, und Sie ſehen, wozu ich gelangt hin. Mein Vermoͤgen iſt unermeßlich und mehrt ſich Tag fur Tag. Die Halfte dieſes Vermögens, ng 3t rt — 161— Hert von Dartignac, bekommen Sie, aber beden⸗ ken Sie wohl, daß Sie ſich mit der Tochter ei⸗ nes Holzhaͤndlers ohne alles Praͤdikat vermaͤhlen, der darum doch nicht will, daß man ſich der Ver⸗ wandſchaft mit ihm ſchaͤmt. Pruͤfen ſie ſich, noch iſt es Zeit. Und Sie, gnaͤdige Gräͤfin, deren Sohn meinem Sohne das Leben erhalten hat, und außerdem meine Simonna nimmermehr bekommen wuͤrde, ſeyn Sie derſelben eine zweite Mutter. Wollen Sie Simonna zu ſich erheben, beſchaͤmen Sie ſie niemals wegen ihrer Herkunft, und Sie werden mehr fuͤr Simon⸗Bertrands Gluͤck ge⸗ than haben, als Jemand auf der Welt.“ Dieſer mit dem Ausdruck der Freimuͤthig⸗ keit und Feſtigkeit geſprochenen Rede folgte ein all⸗ gemeines Stillſchweigen. Simonna ſchlug bebend die Augen nieder, und fuͤrchtete, an ihres Vaters derber Rechtlichkeit ſcheitre nun ihr Gluͤck. Der junge Graf, die Blicke auf das Bild geheftet, ſchwankte, wie es ſchien, zwiſchen der Herrlichkeit ſeines Stammes und der Verſuchung des Reich⸗ thums. Ganz verbluͤfft, beſchwor die Graͤfin insgeheim alle Schatten ihrer Ahnherrn, und be⸗ 1r Theil⸗ —— 162— fragte ſie wegen einer ſolchen Mißheurath. Enb⸗ lich uͤberwältigte die Geldbegier den Schrei des Stolzes und des Vorurtheils Gewalt, ſie las in den Vlicken ihres Begleiters, des alten Ritters, brach dann zuerſt das Schweigen, und ſagte: ihr gethaner Schritt muͤſſe die Familie Bertrand hin⸗ reichend uͤberzeugen, daß ſie weit entfernt waͤre, die Verbindung mit derſelben als unverhältniß⸗ mäßig zu betrachten, Das ſchoͤnſte Vorrecht des Reichthums ſei, den Glanz des Adels aufrecht zu halten, und dieſer waͤre dagegen verpflichtet, das Gedaͤchtniß davon zu bewahren.„Gewiß! riof Dartignac, dem Zuge ſeiner Mutter folgend: die Geburt iſt etwas Unwillkuͤhrliches, und ich wuͤrde mich fuͤr keinen Ehrenmann halten, wenn ich meiner Frau die geringſte Demuͤthigung zufuͤgte!“ „Genug, verſetzte Vertrand, und druͤckte ihm die Hand, dies Wort reicht hin. Umarmen wir uns, Eidam! Alſo Sonntag das Aufgebot, Dienſtag die Unterzeichnung des Ehecontrakts und Donner⸗ ſtag die Hochzeit! Wir werden ſie nicht hier hal⸗ ten.“— Deſto beſſer, dachte Dartignac, ſo wird man das verwuͤnſchte Bild nicht ſehen!„Wieviel die ei die ns, tag e al⸗ ird — 163— Perſonen Ihrerſeits, Frau Graͤfin?“„Sehr we⸗ nige, meine ganze Familie iſt in Perigord.“ —„Meine iſt in Auvergne; aber ich habe mir eine in Paris geſchaffen. Erſtlich zwanzig Gre⸗ nadiere von meiner Legion, deren Korporal ich die Ehre habe zu ſeyn, lauter reiche Eigenthuͤmer, die allein dem Staate uͤber hunderttauſend Fran⸗ ken jaͤhrlicher Abgaben ſteuern. Iſt das nicht eine ſchoöne Bataillonsfronte, was meinen Sie? — Dann werden wir viel Kriegsleute und viel Handelsleute, lauter luſtige Geſellen, bitten, und was lachen. Zu Ihrer Geſellſchaft laden wir ei⸗ nige Große, denen ich dann und wann Geldvorſchuͤſ⸗ ſe leiſte, und die aus Achtung fuͤr— meine Kaſſe kommen werden; endlich ſind alle meine Arbeiter bei dem Feſte, das heißt, drei bis vierhundert Per⸗ ſonen, denen ich Tafeln um die unſre her, unter mehrern Gezelten in meinem groͤßten Holzgarten, zurichten laſſe. So viel an mir iſt, ſoll nichts verſaͤumt werden, um den ſchoͤnſten Tag meines Lebens zu feyern!“ Wie Bertrand geſagt, wurde alles vollzogen, mit Ausnahme einiger angenehmen Ueberraſchun⸗ 2 2 — 164— gen fuͤr ſeinen Schwiegerſohn, die er nicht im voraus angekuͤndigt, und die denſelben in eine lebhafte Gemuͤthsbewegung verſetzten, welche er nicht ganz unterdruͤcken konnte. Erſtlich, kam am Morgen nach dieſer Heurathsverabredung Prosper zu dem Bräutigam, und übergab demſelben eine Brief⸗ taſche mit 50,000 Franken in Banknoten. Am Tage, da der Ehekontrakt unterzeichnet wurde, ſah der junge Graf, der nur Kavalleriehauptmann war, ſich darin als Eskadronchef aufgefuͤhrt,„Es iſt eine kleine Verbindlichkeit, ſagte Bertrand, die mir der Kriegsminiſter erwieſen hat, der mir die Ehre erzeigt, mich einigermaßen hochzuſchaͤtzen. Hier iſt Ihr Decret; es war mir lieb, daß ich Sie mit Spinatblaͤtterepauletts meine Tochter ſollte ehelichen ſehen.“ Der Notar verlas in der Akte des Kontraktes, daß der Demoiſelle Simon⸗ na⸗Bertrand zur Ausſtattung ein Haus am Ven⸗ domeplatz von 15,000 Franken jaͤhrlichen Ertra⸗ ges verſichert werde, desgleichen eine jaͤhrliche Ren⸗ te von 10,000 Franken auf die Kaſſe ihres Vaters. Der Graf wunderte ſich, daß keine Meldung von den empfangenen 50,000 Franken in Banknoten im — geſchehe; aber ſein zukuͤnftiger Schwiegervater ſagte ihm, das ſei ein Hochzeitgeſchenk fuͤr ſeine Tochter, zu ihrer Ausſtattung, ihrem Hochzeit⸗ korb und ihrer Einrichtung im erſten Stock ihres Hauſes, der leer ſtehe, und den ſie zu bewohnen gewuͤnſcht. Man fährt nach der Unterzeichnung des Kontraktes dorthin, findet das Quartier ganz eingerichtet, mit Wäſche und Silberzeug verſehen und zum Empfange der Vermählten bereit. Ma⸗ dame Bertrand hatte dies Alles mit Sorge und Eifer einer liebevollen Mutter beſchickt. Die Graͤ⸗ fin und ihr Sohn konnten ſich nicht von ihrem Er⸗ ſtaunen erholen, nicht genug ihre Zufriedenheit mit der redlichen Familie äußern, deren Verwandt⸗ ſchaft ihnen in dem Augenblick etwas minder un⸗ verhaͤltnißmaͤßig vorkam. Dartignac bezeigte ſich liebenswuͤrdig, ja befliſſen gegen ſeine huͤbſche Braut, die endlich den ſchoͤnen Graͤfinnentitel er⸗ hielt. Ihre Schwiegermutter erlaubte ihr, ſie in Gegenwart ihrer Aeltern Mutter zu nennen; empfahl ihr aber bald darauf, in der großen Welt, wo ſie ſie vorſtellen wollte, nicht anders, als gna⸗ dige Frau, zu ihr zu ſagen. Sie machte nun — 166 mit ihr gleichſam eine neue Schule von anſtaͤndi⸗ gen Benehmen durch, damit Simonna ihres ge⸗ genwärtigen Ranges ſich wuͤrdig bezeugen, und den Grafen nicht zu ſehr durch die Ehre beſchaͤmen möge, welche er dadurch, daß er ſie geheurathet, ihr angethan haͤtte. Dartignac empfand zwar fur ſeine junge Frau eine fluchtige Neigung, aber er wollte ſie doch auch den Sitten der großen Welt gemaͤß bilden. „Fuͤrs Erſte, ſchoͤnes Kind, ſprach er zu ihr, laſſen Sie ſich nicht beigehen mich Ihren Mann zu nennen: das iſt ein buͤrgerlicher, unter uns ganz verbannter Ausdruck. Wenn Sie mit mir ſprechen, ſagen Sie Herr Graf, wenn Sie von mir ſprechen, der Graf Dartignac.“ „Aber wenn ich Dich zuweilen mein Freund nenn⸗ te, waͤre das unſchicklich?“ verſetzte Simonna un⸗ befangen.„Pfui doch!“—„Meine Mutter nennt meinen Vater immer ſo, und ich fuͤrchte ſehr, die Gewohnheit, es zu hoͤren, wird mich dazu ver⸗ leiten, ohne daß ich's will.“„Sie muͤſſen uͤber⸗ haupt ſuchen, ſich Ihre Gewohnheiten abzuge⸗ woͤhnen. Das Weſen einer Graͤfin, wie Sie ** 16 — 167— teicht einſehen, iſt keineswegs das einer Holz⸗ handlerstochter.“„Das iſt wahr, mein Freund — Herr Graf, wollte ich ſagen; ich werde mich ſchon daran gewoͤhnen.“„Dann, Engel, muͤſ⸗ ſen Sie ſich huͤten mich zu dutzen: das geht fuͤt Leute, die keinen Abſtand zu beobachten haben, deren gemeine Vertraulichkeit ihrem dunkeln Ur⸗ ſprung angemeſſen iſt. Nicht wahr, Ihr Vater und Ihre Mutter dutzen ſich?“„O immer!“ „Nun, das gehtan; aber unter uns iſt es ein An⸗ ders. Machen Sie es wie ich, ich ſage immer Sie, wenn ich mit Ihnen ſpreche: das deutet auf die Achtung und Ruͤckſicht, welche man der Frau ſchuldig iſt, die unſern Namen traͤgt.“„Das wird mir ſaurer werden, als alles Uebrige, geſtehe ich gern. Das garſtige Sie klingt, als ob es die Liebe zuruckſchreckte.“„O, meine Liebe iſt nicht ſo ſchreckhaft, daruͤber ſeyn Sie ruhig.“ Dieſe derbe Abfertigung, der gebieteriſche, faſt unwerſchaͤmte Ton, den Dartignat bei der ganzen Unterredung gegen ſie gefuͤhrt, begannen der jun⸗ gen Frau die Augen zu öffnen, und erregten in ihr eine Ahndung, daß ſie den Gräfinnentitel durfte — 168— Lheuer erkaufen muͤſſen. In der That ging auch faſt kein Tag vorbei, ohne daß ſie nicht dieſe oder jene, freilich nur mittelbare, Demuͤthigung er⸗ lebte, die aber nichts deſtoweniger ihrer Eigenliebe hart war, und ihr Herz beklemmte. Man achtete im Hauſe nur auf die Befehle der alten Graͤfin Dartignac, die zu ihrem Sohn zog und alles nach ihrem Willen lenkte. Die Perſonen, welche ſie gewoͤhnlich ſah, wurden im großen Salon empfangen, die junge Frau durfte nur in ihrem Schlafzimmer ihre Freunde und Verwandten an⸗ nehmen, bis auf ihren Vater, deſſen derbe Frei⸗ muͤthigkeit man ſcheute, deſſen Einfluß und Groß⸗ muth man ſchonen zu muͤſſen glaubte. Was aber Simonnen am ſchmerzlichſten fiel, war, daß kei⸗ ner der Vertrauten ihrer Schwiegermutter ſie Graͤ⸗ fin, wie die alte Frau von Dartignac, nannte; nur Fremde ertheilten ihr das erſehnte Prädikat. Oft bemerkte ſie alsdann dabei ein hoͤhniſches La⸗ cheln im Angeſicht gewiſſer Leute, und in Dar⸗ tignas veränderter Miene deutlich den Schmerz, welchen er darob empfand. Bei Tiſch wurde ſie allezeit erſt nach allen vornehmen Gäaͤſten bedient, ——— — 169— man ſtellte ſie Niemand vor, man gab ſich gar nicht mit ihr ab, ſie ſchien eine junge Geſellſchafts⸗ dame, keineswegs die Schnur der Gräſin Dar⸗ tignac. Dieſe unaufhoͤrlichen Demuͤthigungen trüb⸗ ten Simonnens urſpruͤngliche Heiterkeit, bleich⸗ ten die Roſen ihres Geſichtes, und brachten ſie um das Einzige, wodurch ſie ihrem Mann gefiel. Als der erſte hochzeitliche Rauſch verflogen war, litt dieſer eben ſowohl, weil ein beißender Spott ſeine Heurath verfolgte. Je mehr Aufwand er machte, je mehr regte ſich die Krittelei; es kam dahin, daß man Simon-Bertrands Bild abzeich⸗ nete, in Kupfer ſtechen ließ, und ihm ein Exem⸗ plar mit einem Spottgedicht uͤberſandte. Der. Kupferſtich hing bei allen Kupferſtichhaͤndlern; er erprobte ſeinerſeits, daß man nicht ungeſtraft eine Mißheurath ſchließt, und daß der kleine Adel, der ſelten begutert iſt, unbarmherzig diejenigen ver⸗ folgt und aus ſeinen alten Pergamenten ſtreicht, welche die Rechte der Geburt dem unedlen Glanze des Goldes geopfert. Dartignac, dem ſeine Frau alles zugebracht, was zum wahren Gluͤck gehoͤrt, fuhlte ſich unglucklich und ſehnte ſich nach dem Augenblick, da er ſeinen Militaͤrdienſt wieder an⸗ treten und Paris verlaſſen wuͤrde. Sironna verbarg ihrem Vater, deſſen Vorausſagung tag⸗ täglich an ihr in Erfuͤllung ging, mit der aͤuſſer⸗ ſten Sorgfalt das Leiden, das ſie quaͤlte; aber Simon⸗Bertrand, der hinter ſeinem einfachen, gutherzigen Weſen eine lebhafte Auffaſſung und einen durchdringenden Scharfblick verbarg, merkte bald, daß ſeine Tochter nicht gluͤcklich waͤre. Er richtete deßhalb mancherlei Fragen an ſie, auf die ſie immer mit anſcheinender Begnuͤgtheit und ge⸗ zwungenem Laͤcheln antwortete. Sofort beſchloß Simon-Bertrand das We⸗ ſen der Wahrheit nach kennen zu lernen. Eines Tages, nachdem bei fuͤrchterlicher Hitze eine Mu⸗ ſterung der Nationalgarde in den elyſäiſchen Fel⸗ dern gehalten worden war, ging er gegen ſechs Uhr uͤber den Vendome⸗Platz mit zwei Grenadie⸗ ren ſeiner Legion, alle drei muͤde und mit Schweiß und Staub bedeckt. Da ſchlaͤgt er ihnen vor, bei ſeiner Tochter zu ſpeiſen, und ſie, welche wiſ⸗ ſen, wie viel er fuͤr ſeinen Eidam gethan hat, — 171— nehmen ohne Umſtaͤnde den Vorſchlag an, und getroͤſten ſich des herzlichſten Empfanges. Sie kommen in den erſten Stock des Hauſes, das Ge⸗ wehr unterm Arm, mit leerem Magen, ſtreichen ſich die Schnurbaͤrte, und meinen den Hunger, der ſie plagt, reichlich zu ſtillen. Ihr wackerer Sergeant tritt vorauf durch das Vorzimmer in den Eßſaal, wo die Graͤfin Dartignac und ihr Sohn und fuͤnf bis ſechs Gaͤſte vom erſten Rang ſich ſo eben zu Tiſch geſetzt haben.„Was ſehe ich! rief Bertrand, iſt Simonna krank?„Nicht ganz wohl, antwortete Dartignac verlegen, es wird nichts bedeuten. Sie hat nicht zu Tiſche kommen wol⸗ len, ungeachtet aller unſerer Bitten. Ich gehe ihr die angenehme Ueberraſchung zu melden, die Sie uns bereiten.“„Nein, nein, ich gehe ſchon ſelbſt! Wir ſind hier, Sie um ein Mittagseſſen zu erſuchen, und zwar um ein tuͤchtiges, denn wir kommen vor Hunger faſt um. Laſſen Sie einſtweilen, bitte ich, meinen Kameraden ein Glas Wein vorſetzen, um den Schlund zu reinigen und den Staub hinunter zu ſpuͤhlen. Bei dieſen Worten lief er in das Zimmer ſeiner Tochter, und Sie ſtieß ein Freudengeſchrei aus, da ſie ihren Vater er⸗ blickte und flog an ſeinen Hals.„Was haſt Du, meine Simonna, Du biſt traurig, Du haſt ge⸗ traf ſie allein, traurig, niedergebeugt. weint?“„Ich nicht, ich verſichere Sie, nein! verſetzte die junge Frau und zwang ein Lacheln auf die welken Lippen; aber eine ſchreckliche Migraͤne“ —„Eine Migräne?— davon haſt Du ja bei uns niemals etwas gewußt. Es iſt freilich eine vornehme Krankheit, wahrſcheinlich hat die Graͤ⸗ fin ſie Dir eingeimpft; aber dawider iſt Zerſtreu⸗ ung gut, komm mit uns zu Tiſch, es wird Dir wohl thun, ich ſtehe Dir dafuͤr.“„Unmoͤglich, Vater, unmoͤglich!“—„Sie ſehen, ſagte ein⸗ tretend Dartignac, und unterbrach das Geſprach, Sie horen. Wenn ſie ihre einſame Laune hat, ſo bringt man ſie nicht aus dem Zimmer.“„Ich bin gewiß, verſetzte Bertrand, ſie ſchlägt mir nicht ab, ihren Vater, den guten Leinwandhaͤndler Ma⸗ thieu, ihren Pathen, und den wackern Wollhänd⸗ ler Michot, meinen aͤlteſten Freund, zu bewirthen.“ „Wie, Vater, die ſind beide unten?“„Freilich, in voller Uniform!“„Was ſonderbar genug gegen — 173— den frommen Biſchof von Perigueur und ſeine bei⸗ den Großvicarien abſticht, ſetzte Dartignac hinzu⸗ „Wie ſo? fragte haſtig Bertrand: der Altar wird doch nicht ſeine zuverlaͤßigſten Stuͤtzen ſcheueu? Es iſt nicht das erſtemal, daß Kreuz und Schwerdt ſich beiſammen finden.“„Und Säbel, lieber Schwiegervater, ſagen Sie?“„Da haben wir den Herrn Offizier! Ihr ſpottet alle uͤber die Nationalgarden, und doch giebt es wackere Schnur⸗ baͤrte darunter, die Euch wohl aufwiegen moͤgen. Sie ſollen wiſſen, ich vertauſche meine beiden roth⸗ wollenen Epauletten nicht gegen Ihre goldnen Bommeln, und mein Saͤbel ſcheut nicht das beſte Schwerdt. Aber ich vergeſſe, daß meine beiden Kameraden unten warten, und teufelmaͤſſig hung⸗ rig ſind. Gehen wirzu ihnen“. Bei dieſen Wor⸗ ten zog er ſeine Tochter mit ſich in den Eßſaal, wo das prächtigſte Mittagsmal aufgetiſcht ward. Dartignac ſah ſich genoͤthigt ſeine Frau Sr. Gna⸗ den vorzuſtellen, die ſie mit Wohlwollen und Theil⸗ nahme begruͤßten. Die alte Graͤfin Dartignae ſaß bleich vor Grimm und Verlegenheit da, und warf ihrer Schnur ſchreckbare Blicke zu, welche mit geſenk⸗ ——— — 174— tem Auge kaum athmend, nur mit einzelnen Syl⸗ ben antwortete, indeſſen die drei Grenadiere ihr tauſenderlei Fragen ſtellten und einmal uͤbts das andre ſie Simonna, unſre gute Si⸗ monna, ſo wie die andern Gaͤſte Frau Graͤfin nannten. Indeſſen las man auf der letzteren An⸗ geſicht doch groſſe Verwundrung, in der Gemah⸗ lin des Grafen Dartignac die Tochter eines Holz⸗ haͤndlers und eines Lederhändlers Pathin zu erblik⸗ ken, welche ſie unaufhörlich dutzten und uͤberhaupt mit einer Vertraulichkeit behandelten, die zwar von Herzen kam, doch den Grafen und ſeine Mut⸗ ter verletzte. Gegen den Biſchof von Perigueur jedoch beobachteten Bertrand und ſeine Freunde die ehrfurchtvollſte Hochachtung; ſie tranken ſei⸗ ne Geſundheit; ihre froͤhlichen Beſchreibungen beluſtigten ihn, ihr umſtaͤndlicher Bericht uͤber ihre Geſchaͤfte, uͤber die Arbeiter, welche ſie beſchaf⸗ tigten, das Gute, das ſie anſpruchlos vollbrach⸗ ten, erregte ſeine Theilnahme ſo, daß der tugend⸗ hafte Praͤlat, der ſich zur Lehre Fenelons bekannte, ihre Haͤnde ſchuͤttelte und ſprach: brave und nuͤtz⸗ liche Buͤrger, wackre Familienvaͤter, wahre Säu⸗ len des Staates, Stuͤtzen der Ungluͤcklichen! wer moͤchte Eure Rechte an der öffentlichen Achtung verketlen, und wie gern bin ich in Eurer Mitte!l Dieſe Worte, mit väterlichem Ausdruck, voll Ue⸗ berzeugungskraft geredet, ſchienen die Verlegen⸗ heit und Pein Dartignacs und ſeiner Mutter ein wenig zu lindern, und bewieſen den drei Grena⸗ dieren, daß der wahre Adel den Menſchenwerth uͤberall zu erkennen weiß, wo er ſich findet, und nicht mit ihm um einen Abſtand rechtet, welchen nur die blinde Eitelkeit mißt. Simon⸗Bertrand hatte ſich durch dieſes Mittagsmahl uͤberzeugt, daß ſein Argwohn ge⸗ gruͤndet ſei und zweifelte keineswegs, man habe ſeine Tochter in ihr Zimmer verwieſen, damit ſie nicht vor dem Biſchof von Perigueur erſcheine; ſie ſei der naͤmlichen Demuͤthigung unterworfen, ſo oft als man Leute von Stande bei ſich ſaͤhe, vor denen man ſich ihrer ſchäme. Was ihn in dieſer peinlichen Ueberzeugung beſtärkte, war, daß Si⸗ monna, ſobald ihr Mann zu ſeinem Regiment abgereiſt war, faſt täͤglich bei ihrem Vater ſpeiſte, ſich dem unleidlichen Hochmuth der Graͤfin Dat⸗ — 176— tignac zu entziehn. Sie uͤberließ ihrer Schwie⸗ germutter gern Haus, Dienerſchaft und Equipage und kam zu Fuß nach der Straße der Chauſſe von Antin, am älterlichen Herzen auszuruhn von den Launen der Etikette, die ihr allmäh⸗ lig läſtig wurden. Ihre Augen netzten Thrä⸗ nen, wenn ſie ihres Vaters Bild betrachtete, das ihr zuzurufen ſchien: Es giebt Abſtaͤnde, die nichts auszugleichen vermag. Bertrand merkte wohl, was in dieſem jugendlichen wunden Herzen vorging, und dachte an nichts, als es durch Zart⸗ lichkeit fuͤr das Leid, das man ihm anthat, zu entſchaͤdigen: die Gegenwart ſeiner Tochter war ihm außerdem um ſo nothwendiger, weil Pros⸗ per uͤber einen Monat fruͤher als Dartignac abgereiſt war, um den Dienſt wieder anzutreten. Die alte Gräfin, welche ihre neue Lage Si⸗ mon⸗Bertrands Wohlthaten verdankte, beſuchte ihn zuweilen mit ihrer Schwiegertochter, und be⸗ zeigte dann mutterliche Theilnahme fuͤr dieſelbe. Vorzuglich um die Zeit wo vierteljährig, mit puͤnktlicher Gewiſſenhaftigkeit, ein Termin des Jahrgelds von zehntauſend Franken entrichtet wurde, verdoppelte ſie ihre Aufmerkſamkeiten ge⸗ gen Simonna und deren Aeltern; aber ſie bot umſonſt alle ihre Schlauheit auf die väterliche Wachſamkeit, vor der ſie ſich ſelbſt entlarvt hatte, zu hintergehen. Bertrand lachte uͤber ihre heuch⸗ leriſchen Herablaſſungen, ſelbſt ſeine Tochter ſah trotz aller Liebe, die ſie ihrem Mann bewahrte, in ihrer Schwiegermutter nur ein hochmuͤthiges boͤſes Weib, deſſen Anblick ihr gehäſſig ward, deſſen Umgang unleidlich. So lange Dartignae beim Regimente blieh, erleichterte die Freiheit, ihre Aeltern zu beſuchen, wo jedes Antlitz ihr lachte, jedes Herz ihr ent⸗ gegenflog, Simonnens gerechten Widerwillen. Die gluͤcklichen Tage gingen bald voruͤber, der Graf kam auf Urlaub, und jetzt, ſei's aus Liebe, ſei's aus Pflicht, beſuchte die junge Frau ihre Aeltern ſeltener. Sie bemerkte, daß zu der ge⸗ woöhnlichen Selbſtſucht ihr Mann ein verlegenes, düſtres Weſen geſellte, wodurch er noch zuruͤckſtoſ⸗ ſender und launiſcher ward. Der Herr Graf hatte, verblendet durch ſeines Schwiegesvaters uner⸗ meßliches Vermogen, beim Regimente geſpielt und 1r Theik. M 178— detraͤchtliche Ehrenſchulden gemacht. Im Verf traun auf die Guͤte ſeiner jungen Frau, geſtant er ihr, welche Verbindlichkeit er auf ſein Ehrem wort uͤbernommen habe und die ſchreckliche Verles genheit, worin er ſich befand, es nicht loͤſen können.„Ich biete Ihnen meinen Schmuck aß ſagte Simonna mit der ruͤhrendſten unwirſ keit und es iſt kein Opfer, wenn es Ihnen meiß ganze Anhaͤnglichkeit bezeugen kann.“ Die Ji⸗ n der jungen Graͤfin wurden verkauft, der weele Ertrag waren ohngefaͤhr zwanzigtauſend Fra nken, die kaum hinreichten den vierten Theil der Schuld zu tilgen. Der Zahlungstermin ruͤckte heran, man mußte einen entſcheidenden Entſchl uß faſſen; Dar⸗ tignac entſchloß ſich das Haus zu verkaufen, das zur Mitgift ſeiner Frau gehörte und wofuͤr ihm ein Gebot von zweimalhundertauſend Franken geſchehen war. Um aber dieſes Grundſtuck rechts⸗ kräftig veräußern zu können, bedurfte es Simon⸗ nens Unterſchrift, und Herr Bertrand hatte ſo vorſichtig als großmuͤthig, ſeine Tochter geloben laſſen, daß ſie kein Document unterzeichnen wolle, ohne ihn um Rath zu fragen. Dem letztern wi⸗ uld an ar⸗ s ken ts ſo en lle, wi⸗ — 179— derſetzte ſich Dartignac: eine ſolche Ersffnung haͤtte den Argwohn ſeines Schwiegervaters ge⸗ reizt, außerdem war nicht wahrſcheinlich, daß dieſer in den Verkauf willigte, der immer noth⸗ wendiger ſich zeigte; aber umſonſt drang er in ſeine Frau, ohne ihres Vaters Wiſſen zu unter⸗ ſchreiben, ſie ſchlug es ſtandhaft ab.„Wie, ſagte er, Sie wollen nicht, daß ich meine Ehre, die Achtung meiner Waffenbruͤder behaupten ſoll. Es verlohnte ſich der Muͤhe eine Mißheurath zu ſchlie⸗ ßen und mich den Demuͤthigungen zu unterziehen, die ich Ihrentwegen taͤglich dulde!—“„Herr Graf, giebt es eine, welche der gleich kommt, die ich in dieſem Augenblick erfahre!“„Mit Ihren Thraͤnen ſind meine Schulden nicht bezahlt, gnaͤ⸗ dige Frau; ich habe einen Kaͤufer zu dem Hauſe, der Notar bringt heute den Kaufkontrakt, an dem nichts fehlt als Ihre Unterſchrift, und Sie wer⸗ den ihn unterſchreiben.“„Wie, liebes, ſchoͤnes Kind, ſagte darauf die Graͤfin Dartignac mit ſuß⸗ lichem, faſt liebkoſendem Ton zu ihr: Sie könnten dem Grafen das einzige Mittel rauben wollen, wodurch er ſeine Ehre retten kann? Dieſe zu ret⸗ M2 2 —— ten, iſt Ihre heiligſte Pflicht. Haben Sie nicht bei Ihrer Verheurathung einander geſchworen, Ihre Leiden gemeinſchaftlich zu tragen und durch jedes Ihnen moͤgliche Mittel einander zu erleich⸗ tern? Was Sie vor Gott geſchworen haben, ſteht nicht mehr unter dem Willen Ihres Vaters, ſeine Rechte wiegen die Rechte Ihres Gatten nicht auf. Geben Sie der Nothwendigkeit nach, liebe Toch⸗ ter, liebe, ſchoͤne, kleine Graͤfin!“ Zum erſtenmal nannte Frau von Dartignac Simonna mit dem ſuͤßen Namen, er ſchmeichelte ihrem Ohr und that ihrem Herzen wohl. Die Liebe, welche ſie zu ihrem Gatten, trotz aller ſeiner Unart und den Demuͤthigungen, die ſie von ihm erlitt, ſtets hegte, uͤberwand die Furcht ihrem Vater ungehorſam zu ſeyn: Simonna unterzeichnete mit zitternden Haͤn⸗ den den Hausverkauf, und unterwarf ſich ſelbſt der Bedingung, ihre Wohnung binnen einem Monate zu raͤumen. Man mußte einen Vorwand ſuchen, der diefe ſchleunige Raͤumung vor Bertrand rechtfertigte, und benutzte den Anbruch des Lenzes, ein Land⸗ haus in der Nähe von Paris zu beziehen, ſchuͤtzte gte, 6 in⸗ — 161— zugleich eine Einſchränkung der Ausgaben vor, der zufolge man das Haus am Vendomeplatz mit allem Mobiliar an Fremde vermiethet haͤtte. Die⸗ ſe Fremden waren Niemand anders, als die neuen Beſitzer, denen auch faſt die ganze Einrichtung mitverkauft worden war. Die Wagenpferde, der offene Wagen wurden ebenfalls veraͤußert, die Haͤlfte der Dienſtleute abgedankt, und man beſchraͤnkte ſich auf ein unſcheinbares Daſepn. Den ſcharf⸗ ſichtigen, wackern Bertrand taͤuſchte dies Alles nur halb; er merkte bald, daß ſein Schwiegerſohn Schulden gemacht haͤtte, und ſah gern, daß er ſich zu einem einfachen und einſamen Leben be⸗ quemte, um ſie zu bezahlen. Mit der gewohnten Herzensguͤte richtete er deßhalb einige Fragen an ſeine Tochter, fugte wiederholte Anerbietungen von betraͤchtlichen Summen hinzu, wodurch Simonna die Nothwendigkeit erſchwert wurde den beſten Vater zu hintergehen. Indeſſen hatte dieſer auch bemerkt, daß ſeine Tochter keinen einzigen Stein mehr trug, daß von allem Silberzeug, womit er veichlich den neuen Hausſtand verſehen, nur das nothwendigſte Tafelſilber im Gebrauch war.„Sie — 182— werden alles eingeſchmolzen haben, ſprach er bei ſich ſelbſt, wir wollen thun, als ob wir's nicht bemerkten; laß die jungen Leute die kleine Strafe der Entbehrung ſpuͤren, nichts bringt ſo ſehr von der Verſchwendung zuruͤck.“ Simonna lebte gluͤcklicher auf dem Lande, als ſie in Paris geweſen war; der Graf, der keine Geſellſchaften mehr ſah, litt nicht ſo ſehr von dem, was er ſeine Mißheurath nannte, die junge Frau war ſeltener in ihr Gemach verwieſen, ihre Schwie⸗ germutter begegnete ihr nicht mehr mit ſo empö⸗ render Verachtung, die Opfer, welche ſie der Ehre und Ruhe ihres Gatten gebracht, ſchienen ihr ſo⸗ gar einige Aufmerkſamkeiten erworben zu haben. Sie war immer bei Tiſch, war bei einigen Spa⸗ ziergängen, die Dienerſchaft des Hauſes und die Leute aus dem Dorfe durften ſie ſogar Frau Graͤfin nennen; dieſes erſehnte, theuer be⸗ zahlte Prädikat diente ihr einzig zum Lohn fuͤr alles, was ſie gelitten. Ihre natuͤrliche Heiter⸗ keit kehrte zuruͤck, auf ihrem huͤbſchen Geſicht blüͤhte wieder die Friſche, worin ſein Hauptreiz beſtand: es ſchien Dartignac, als fuͤhle er ſich von 10 einem Flugelſchlag der in der Einſamkeit flattern⸗ den Liebe geſtreift, und er nahm die zärtlichen Herzensergießungen der jungen Graäfin mit weni⸗ ger Kälte auf, als vordem. WMehrere Monate dauerte dies ſtin zufriedene Daſeyn. Simonna konnte ihrem Vater, wel⸗ cher oft ſie gegen Abend beſuchte— denn ſeit dem Mittagsmal mit den beiden Grenadieren, im Hauſe am Vendomeplatz, hatte er ſich vorgeſetzt, nie mehr bei ſeinem Schwiegerſohn zu ſpeiſen— nicht genug ihr Gluͤck ruͤhmen. Eines Tages fand Simon⸗Bertrand, als er zu ſeiner Tochter kam, (er nannte ſie im Scherz die Gräfin Simonna), dieſelbe allein; Dartignat und ſeine Mutter ſpei⸗ ſten in Paris. Hätte er deren Abweſenheit ahn⸗ den koͤnnen, er waͤre fruͤher zu ſeiner theuren Si⸗ monna geeilt; die Gelegenheiten ſie allein zu ſpre⸗ chen, im Grunde ihrer Seele zu leſen, und dieſe mit dem heilenden Balſam der Vaterliebe zu durch⸗ ſtrömen, waren ihm theuer. Nach einem langen, wonnevollen Spaziergang kehrten Vater und Tochter gegen Abend zum Landhauſe zuruͤck, und erwarteten, im gewohnten Geſpräch, die Wie⸗ — 184— derkehr der Graͤfin und des Grafen.„Es iſt ſelt⸗ ſam, ſagte Bertrand, Deine Augen ſehen mich an, als ob ſie mich etwas zu bitten haͤtten, und indem Du mit mir ſprichſt, iſt es, als ob Deine Lippen mit Muͤhe ein Geheimniß zuruͤckhielten, das immer hervorbrechen will.“„Es iſt wahr, Vater, Ihre Zärtlichkeit gegen mich, Ihrenun⸗ wandelbare Güte machen mich ſo ſchuldvoll, und ſie ſollten mich doch beruhigen.“—„Was haſt Du, Simonna?“„Ich habe uͤber Ihre Wo ohla⸗ that ohne Ihre Einwilligung perfugt, ich habe ben Bitten, den Drohungen meines Mannes, der Furcht, ihn entehrt zu ſehen, nicht widerſte⸗ hen konnen.“ Darauf unterrichtet ſie ihn von dem Verkauf des Hauſes am Vendomeplatz, vom Ver⸗ kauf ihrer Juweelen, des Silbergeſchirres, des ganzen Mobiliars. „Ich hätte mein Leben gegeben, ſetzte ſie hinzu, dem Grafen ſeine Ehre, vor allen aber mir ſeine Liebe zu erhalten.“ „Seine Liebe? verſetzte Bertrand, er hat in ſeinem Leben nichts empfunden als Hochmuth! Wenn er Dich mißhandelte, während Du ihn im — 185— Wohlſtand erhielteſt, was wird nicht feyn, nun er Dich ruinirt hat.“„Glauben Sie, Vater, er hat von dem Kaufſchilling nichts mehr ausgegeben, als was hinreichte ſeine Schulden zu bezahlen. Alles Uebrige— Iſt fuͤr Dich verloren. Wer ſeine Frau zwingen kann ihr Vatergut zu veraͤu⸗ ßern, iſt zu Allem faͤhig.“„Ich laube doch nicht, daß ein Mann von ſolcher Herkunft, wie der Graf Dartignac—.“ Indem ſie alſo redeten, kam ein Bote von Paris, und brachte der jungen Graͤfin einen Brief, auf deſſen Couvert ſie die Schriftzůge des Grafen erblickte. Sie bricht ihn haſtig auf, durchlaͤuft ihn mit den Augen und ſtuͤrzt wie entſeelt in die Arme ihres Vaters. Bertrand lieſt das Schrei⸗ ben: es meldete der jungen Graͤfin, daß ihr Ge⸗ mahl Frankreich verließe, um ſich zu einem Ver⸗ wandten nach Deutſchland zu begeben, der ihm ſein Vermoͤgen unter der Bedingung vermachen wollte, daß er eine, ſeinem Stande nicht angemeſſene Ehe ttenne. Um nicht langer, in ſchlecht gewählten Banden, das junge Frauenzimmer ſchmachten zu jaſſen, das ſich ihm 186 anvertraut, gaͤbe er bei der Abreiſe ſeinem Advo⸗ katen Vollmacht, eine Eheſcheidung unter ſolchen Bedingungen zu bewerkſtelligen, als die Familie der jungen Dame begehren moͤchte; er hoffte je⸗ doch, daß dieſe dagegen einen Namen ablegen werde, der ihrer Herkunft ſo wenig angemeſſen ſei.„Alſo, rief Bertrand, mit der Empoͤrung ei⸗ nes rechtſchaffenen Gemuͤthes und mit der Wuͤrde gekraͤnkter Ehre, begnuͤgt er ſich nicht, Dich mit Schmerz und Erniedrigung zu ſaͤttigen; er verlaͤßt Dich, er beſchimpft Deine Familie! O, er thut gut, ſich davon zu machen; ich hätte ihn mit bei⸗ den Ohren an den Thorweg des Hauſes genagelt, das er Dich gezwungen hat zu verkaufen. Es koſtet mich dies Grundſtuͤck und 80,000 Franken, daß der Undankbare entlarvt iſt; aber beides ge⸗ reuet mich nicht, wenn es Dich von dem uͤberzeugt, meine Tochter, was Dein guter, alter Freund Dir nun zum letzten Mal ſagt:„es giebt Ab⸗ ſtände, die nichts ausgleichen kann!“ Die junge Frau war ſo erſchuͤttert, daß ſie kein Wort zu reden vermochte. Die Augen auf ihren Vater geheftet, ſaß ſie, und ihre Blicke e ſchienen ihm zu ſagen, trotz der graufſamen Ver⸗ ſtoſſung von ihrem Gatten ſei ſie doch nicht ohne Schutz auf der Welt.„Komm, meine Simonna, fuhr Bertrand fort und ſchloß ſie in ſeine Arme, komm wieder zu unſtem friedlichen Heerd, ent⸗ ſage dem Rang, den Du ſo theuer bezahlt haſt, und dem Namen, den Dartignac tief unter den unſten herabwuͤrdiget! Zerreiße auf immer die Bande, die er ſchlecht gewählt zu nennen wagt, und die es wahrhaft ſind, durch den Ab⸗ ſtand der Geſinnung!“ Bei dieſen Worten fuͤhrte er die Bleiche und Zitternde von dannen nach Pa⸗ ris. Es bedurfte aller Zaͤrtlichkeit und der eifrig⸗ ſten Sorgfalt der Ihren, ihr die Ruhe und Kraft zu verleihen, welche ihr vonnoͤthen waren. Die oͤffentliche Achtung raͤchte den peinlichen Schimpf, den ſie erlebt, inſofern ſie des Herzens Wunden raͤchen kann. Die junge Gräfin Dar⸗ tignac war wieder Simonna Bertrand und ver⸗ mochte nicht aus ihren Gedanken den Undankbaren zu bannen, der ſie ſo tief gedemuͤthiget. Ein an⸗ geborner Stolz verſchloß tief in ihrer Seele ihre Liebe und ihren Schmerz. Da ſie, wiewol rechts⸗ — 188— kräftig geſchieden, kein neues guͤltiges Eheband knuͤpfen durfte, blieb ſie der Wonne des Mutter⸗ gefühls beraubt. Einſam in der Jugend, noch einſamer in ſpůtern Jahren, war die Welt ihr öde, und die Sucht— einem adelichen Namen koſtete ihr des Lebens— 6 3 8.„15— Der Abſtand d es xiters. „— Rang, Ruhm und Reichthum bewirken im ge⸗ ſellſchaftlichen Leben Abſtände, die ſchwerlich aus⸗ zugleichen ſind; aber der Abſtand, den die Un⸗ gleichheit des Alters bewirkt, der oft bei Ehen aus Eigennutz, aus Stolz, aus Dankbarkeit nicht ge⸗ achtet wird, iſt der, von dem das meiſte Leiden, die meiſte Gefahr droht. Nie tritt bei dieſer Un⸗ gleichheit der ſeelige Wechſeltauſch der Empfindun⸗ gen, die wonnevolle Hingegebenheit der Liebe ein: kein ſympathetiſches Gefuͤhl der Gatten, kein Gluͤck, wenn der empfangene Kuß ſo ſuͤß nicht, als der gegebene ſt. Seyen graue Haare noch ſo wohlgeruchduftend, ſie bilden immer einen Gegen⸗ ſatz zu goldnem oder rabenſchwarzem Haar; denn Herbſt und Fruͤhling trennte die Natur, der eine — 190— bluͤht, des andern Laub faͤllt ab, deſſen Tag ſchwindet mit jeder untergehenden Sonne, jenes Schoͤnheit wächſt mit jedem neuen Licht: alles iſt in beiden verſchieden, Blumen, Pflanzen, Laub⸗ gruͤn, ſelbſt die Lebensluft. Saint⸗Alphonſe, der Obriſte eines franzoͤ⸗ ſiſchen Kuͤraſſierregiments, rettete bei einem Stur⸗ me Antonia Laurenti, die einzige Tochter eines alten piemonteſiſchen Kavaliers. Das Haus ih⸗ res Vaters wurde gepluͤndert, es war daran, daß ſie einer zuͤgelloſen Soldateske in die Häͤnde fiel, als der großmuthige, tapfere Obriſte ſich zwiſchen die Krieger warf, ſie zwang die Waffen niederzu⸗ legen und ihre Wuth beſchwichtigte. Des Obri⸗ ſten edler Eifer bei dieſer Gelegenheit ging ſo weit, daß, da ſeine Stimme im Getos nicht ſofort durch⸗ dringen konnte, er ſelbſt von einem Lanzenſtich ge⸗ troffen wurde; indeß, herbeigeſtuͤrzt auf Antonias Geſchrei, geruͤhrt von ihrer Schoͤnheit, ihrer Ju⸗ gend, machte er ihr einen Schild aus ſeinem Leib. Die Wunde war gefaͤhrlich, der Graf Laurenti hielt ſich fuͤr verpflichtet in ſeinem Hauſe den kuͤh⸗ nen und edlen Krieger zu pflegen, der nicht geſcheut, Fag — 191— ſein Leben zur Rettung eines uͤberwundenen Feindes zu wagen, und man kann leicht denken, welche Aufmerkſamkeit er und die junge Antonia dem Verwundeten erwieſen. Der Greis verließ des Kranken Zimmer nicht und vertraute ſeine Pflege Niemand denn ſich ſelbſt; die Augen auf den Blick des Obriſten geheftet, deſſen Hand in der ſeinen haltend, wiederholte er immer wieder:„ich dank Euch meine Tochter und das Leben!“ Antonia diente ihm als Waͤrterin, und verließ ſein Lager kaum, bis ſie ihn außer Gefahr ſah, und ſprach, indem ſie Handreichung ihm leiſtete:„ich danke Euch meine Ehre und meinen Vater!“ Von ſo anmuthiger Zuvorkommung, ſo eifriger Sorgfalt des Vaters und der Tochter umgeben, wozu die veſte Huͤlfe der Kunſt ſich geſellte, genaß Saint⸗ Alphonſe ſchleunig von ſeinen Wunden, und die Zeit ſeiner Geneſung war ein immerwaͤhrender Zauber, dem Antonia unaufhörlich Abwechslung gab. Vald unterhielt ſie den Kranken mit den mannichfachen Talenten, die ſie beſaß, bald zerſtreute ſie ihn durch Vorleſen intereſſanter Werke, durch Geſpräch ausgezeichneter Männer und liebenswir⸗ — 192 diger Frauen, die ſie in ſeinem Zimmer verſam⸗ melte. Auch der Anblick eines geretteten Weſens verſetzt das Innre unwiberſtehlich in Trunkenheit die zunimmt, ſo oft er ſich erneut. Saint⸗Alphonſe machte diefe Erfahrung, und konnte dem lebhaften Eindruck nicht widerſtehn, welchen Antonias Anblick Tag fuͤr Tag auf ſein Herz gemacht; jedoch Antonia war ſiebzehn Jahr, und er hatte vierundfunfzig Winter verlebt, und mehr als dreißig davon unter Waffen. Er beſaß ſtatt alles Vermogens nur ſeinen kriegeriſchen Rang, Antonias Bater war einer der reichſten Guͤterbeſitzer in Piemont. Saint⸗Alphonſe's Zartgefuͤhl war ſeiner Tapferkeit gleich; er ver⸗ ſchloß ſeine unwiderſtehliche Neigung ins Innre ſeiner Bruſt, und ſie waͤre das tieſſte Geheimniß geblieben, ohne ein Ereigniß, das ihm Antonia noch theurer machte und ſeinen Schirm und ſeine Ergebenheit fur ſie von neuem aufrief. Der Graf Laurenti war attersſchwach, als bie Belagerung der Stadt, die er bewohnte, an⸗ hub. Die Gefahr, die ſeine Tochter, die eigne Gefahr, die ihm bedroht, hatten ihm eine Er⸗ m⸗ ns eit, ſchuͤtterung verurſacht, deren ſchreckliche Spur einige Zeit verborgen blieb, ihn aber endlich ins Grab fuͤhrte. Ihm folgte das Bedauern ſeiner Mitbuͤrger, denen er ſechzig Jahre Wohlthäter und Freund geweſen. Er hinterließ Antonia in unausſprechlicher Verzweiflung, und empfahl ſie eifrig dem braven Saint⸗Alphonſe, bat ihn der Vormund der jungen Waiſe zu ſeyn, die keinen nahen Verwandten beſaͤße, und deren Daſeyn keinem beſſern Schutz uͤbergeben werden koͤnne, als der Obhut ihres großmuͤthigen Retters. Der Obriſt entſprach befliſſen der letzten Verordnung des Grafen: er benutzte die uͤbrige Friſt ſeiner Geneſung, die Angelegenheiten Antonias in Ord⸗ nung zu bringen und ihr Vermögen ſicher zu ſtel⸗ len. Ihre Achtung und Anhaͤnglichkeit gegen ihn mehrten ſich täglich. Um dieſelbe Zeit empfing Saint⸗Alphonſe den Lohn ſeiner ehrenvollen Dienſte und wurde zum General erhoben. Dies ſchmeichelte der Eigenliebe ſeines anmuthigen Muͤndels. Durchdrungen von Bewundrung, von Dank fuͤr alle Muͤhe, die er ſich gab, ihr Daſeyn zu verſchoͤnen, waͤhnte ſie ein lebhafteres Gefuhl, 1r Theil. N — 194— als das der Dankbarkeit, zu empfinden; ſie konn⸗ te ſich nicht an die Vorſtellung gewohnen, ſich von dem theuren Vormund zu trennen, von ihrer ein⸗ zigen Stuͤtze, als deſſen Beruf ihn nach Paris forderte, wohin ihm zu folgen, ihr die Sitte ver⸗ bot. Sie waͤhnte, dem Unterſchied des Alters trotzen zu duͤrfen, der zwiſchen ihr und Saint⸗ Alphonſe beſtand, und entſchloß ſich ihn zu heu⸗ rathen. Der General hatte ein kriegeriſches Anſehn, eine ſtattliche Haltung, viel Weltſitte und den Liebreiz der Bildung. Was ihn aber vor allem auszeichnete, war der Klang ſeiner Stimme, der zum Herzen drang und Vertrauen gebot. Nichts iſt ſo verfuͤhreriſch, als ein ſanftes, uͤberredendes Organ in dem beſcheidnen Munde eines Kuͤhnen. Sein Ausdruck ſcheint die angeſtammte Guͤte zu be⸗ freien, die vor dem Feind unterdruͤckt werden mußte, und uͤberdruͤßig Maͤnnern zu gebieten, der Frauen ſittſamer Herrſchaft zu huldigen, deren Beſchuͤtzer und Freund er iſt. Antonia ward vorzuͤglich durch dieſen wuͤrde⸗ vollen Reiz und durch die anmuthige Milde gewon⸗ „—— —+——— hn, den der hts des en. be⸗ den der ren de⸗ n⸗ — 65 nen, die dem General eigen waren. In der Zu⸗ verſicht, einen erfahrnen Fuͤhrer, einen eifrigen Vertheidiger, einen Gatten voll Zartgefühl an ihm zu haben, verband ſie ihr Loos mit dem ſeinen und folgte ihm nach Paris. In den glaͤnzenden Kreiſen der Hauptſtadt, in denen er ſie vorſtellte, zeichnete man ſie wegen ihrer Schonheit, ihrer Talente, ihres Vermögens aus, und ſchätzte ſie wegen ihres trefflichen Gemuͤthes. Saint⸗Al⸗ phonſe betrachtete ſeine Ehe wie einen Traum. Er begriff nicht, wie die Wahl einer ſo reichen, ſo ſchoͤnen, ſo ſehr jugendlichen Erbin auf ihn hatte fallen koͤnnen. Er hatte ihr als redlicher Mann, als aufrichtiger Freund alle mogliche Vor⸗ ſtellungen wider ihren Entſchluß gethan, bevor er ſich mit ihr verbunden, ſie gebeten, den Ab⸗ ſtand ihrer Jahre zu erwägen, ihr gezeigt, welche Uebelſtände aus einer ungleichen Heurath zu er⸗ warten waͤren; aber je mehr er ihr von einer Ver⸗ bindung gbrieth, die nur fuͤr ihn vortheilhaft ſchien, um ſo mehr bewunderte ſie ſeine edle Selbſt⸗ verlaͤugnung, ſein unerſchoͤpfliches Zartgefuyl, je maͤchtiger riß der Schwung der Dankbarkeit ſie N 2 „ — 196— dahin; ſie meinte, das Gluͤck ihres Lebens zu be⸗ gründen, wenn ſie ſein Gluͤck begruͤndete. Das erſte Jahr ihrer Ehe verfloß ſo gluͤck⸗ lich, als möglich. Den General verjuͤngte das Entzuͤcken; ſeine ſorgſame, zarte Aufmerkſamkeit voll Grazie und Galantrie, ſeine Heiterkeit, welche ... aus befriedigter Eigenlieb wieder neuerwach⸗ ten zartlichen Gefuͤhlen quoll, eückten die junge Frau. Sie waͤhnte, daß ſie gleiches Gluͤck wohl nimmer mit einem andern Mann gefunden haͤtte. Ihre Bande duͤnkten ihr ſuß und friedlich, fern von Wettern, die Mißtraun oder Furcht herauf— treibt, ſie wähnte eine wahre Leidenſchaft fuͤr Saint⸗Alphonſe zu fuͤhlen. Dieſer war ein zu geuͤbter Beobachter des menſchlichen Herzens, um ein ſolches Wunder zu hoffen, aber er ließ An⸗ tonia den gluͤcklichen Wahn. Er kam ihren Nei⸗ gungen zuvor, ihren Wuͤnſchen und Gewohnhei⸗ ten, er wollte, daß ſie gaͤnzlich frei ſich fuͤhle, und beobachtete ſie mit ſolcher Feinheit, daß ſie deſſen nicht inne werden konnte. Allein und im Ver⸗ trauen gab er ihr heilſame Regeln, lehrte ſie die Sitten der großen Welt in Paris kennen, um ſie as eit che ch⸗ nge ohl tte. uf⸗ —— 155— vor den Fallſtricken zu bewahren, die ihre Jugend, ihre Unerfahrenheit bedrohten. Mit Geiſt und Beſcheidenheit wurden dieſe Lehren ertheilt, und allezeit freundlich aufgenommen. Antonia benutzte ſie in den verſchiedenen Geſellſchaften, die ſie ſah, und ihre Seele war ſo rein, ſo unbegrenzt ihr Vertrauen zu ihrem Gatten, daß ſie nie verfehlte, ihm die unbeſcheidnen Angriffe gewiſſer Wuͤſtlinge, die galanten Reden, die zaͤrtlichen Verſuchungen andrer zu berichten, mit einer Einfalt, einer Lu⸗ ſtigkeit, die Saint⸗Alphonſe ihre aufrichtige An⸗ haͤnglichkeit und ſeine Gewalt uͤber ihr Gemuͤth bewieſen. Dergleichen eheliche Vertraulichkeiten, die ein Mann nicht hoch genug aufnehmen kann, be⸗ unruhigten aber allmählig Saint⸗Alphonſe. Er begriff nicht, wie eine junge Frau ſo viel Schlin⸗ gen vermeiden, ſo vielen Verſuchungen widerſtehen könne. Er nahm unvermerkt und ohne es zu wollen, ein froſtiges, verlegenes Weſen an, wenn ihm Antonia lachend das Benehmen ihrer zahl⸗ reichen Anbeter beſchrieb. Sie bemerkte ihres Mannes gerunzelte Augenbraunen, in ſeinem — 198— Geſicht eine Art von Verwandlung, ſo oft ſie ſich ihrer offenen, hingegebenen Froͤhlichkeit, der ſeeli⸗ gen Unbefangenheit ihres Charakters uͤberließ. Von dem Augenblick an wurde ſie zuruͤck⸗ haltender, ihre Zuruͤckhaltung nahm Saint⸗Al⸗ phonſe als den Beweis eines veränderten Beneh⸗ mens, als eine Verſtellung, wohinter ein Ge⸗ heimniß verſteckt ſei; Mißtraun und Argwohn verwandelten ſeine urſpruͤngliche Liebenswuͤrdig⸗ keit. Der zaͤrtlichen Freundlichkeit, der anmu⸗ thigen Zuvorkommenheit, womit er ſeine theure Antonia bis dahin erfreut, folgte ein laͤſtiges, un⸗ freundliches, gebieteriſches Weſen, eine unauf⸗ hoͤrliche Mißbilligung alles fruͤher Gebilligten, jene unerträglichen Anſpruͤche, jene quälende Reizbar⸗ keit, welche die gewoͤhnlichen Vorboten von Un⸗ gerechtigkeit und Tyrannei ſind. Frau von Saint⸗Alphonſe war unſtraͤflich in ihrem Wandel, und fuhlte doch bereits, wie verderblich der Abſtand des Alters zwiſchen Ehegat⸗ ten wirkt, welche Verſchiedenheit der Neigungen, der Gemuͤthsregungen, ja, wie ſelbſt Unmoͤglich⸗ keit der Gemeinſchaft des ganzen Daſeyns davon — 199— herruͤhre. Sie erkannte den heilloſen Irrthum, nach welchem ſie die Dankbarkeit fuͤr Liebe gehal⸗ ten, kurz, ſie empfand die grauſamſten Qualen fur ein junges Gemuͤth: Oede des Herzens, Lie⸗ beſehnen, den ſich in jedem Augenblick wieder erneu⸗ enden Kampf zwiſchen Ehre und Natur, die heil⸗ loſe Wahl, entweder zu truͤgen oder in ewiger Unempfindlichkeit zu ſchmachten. Ihr Sinn war rein und hoch, ſie konnte eher dieſe geheime Pein ertragen, als den Gedanken wider ihre Pflicht zu handeln; ſie hoffte eine Linderung ihrer Schmer⸗ zen eben von ihrem reinen Selbſtbewußtſeyn. Ih⸗ rem Gatten dankte ſie Ehre und Leben, ſie erblick⸗ te in dem ſeinen ein anerkanntes Verdienſt, in ihm das Vorbild aller wackern Krieger, der Geiſt ihres Vaters zeigte ihn ihr als den Mann, der vor allen Maͤnnern ein Recht auf ihre Neigung haͤtte. Sie widerſtand ſo vielen vereinten An⸗ ſpruͤchen nicht, und entwarf einen Plan des Be⸗ nehmens, der die Ruhe von Saint„Alphonſe zugleich und ihr ſelbſt den Lohn der großen Opfer ſichern ſollte, die ſie ihm gebracht. Zunächſt be⸗ ſchloß ſie nirgends oͤffentlich, als mit ihrem Mann — 200— zu erſcheinen, und bei ſich nur diejenigen zu ſehn, die er ſelbſt einladen wuͤrde. Aus Furcht, den General dadurch in den Ruf eines argwöhniſchen, eiferſuͤchtigen Despoten zu bringen, was ſein männliches Herz vollends erbittert haben könnte, wußte ſie dieſe Zuruͤckgezogenheit mit ſo viel Ge⸗ wandtheit zu rechtfertigen, daß man ihrer ur⸗ ſpruͤnglichen Neigung, ihrer Liebe zu den Wiſſen⸗ ſchaften und Kuͤnſten, die Art von Einſamkeit beimaß, worin man ſie ungern ihre Jugend und das glaͤnzendſte Loos begraben ſah. Solche Vor⸗ ſicht, ſolche Zartheit ruͤhrten Saint⸗Alphonſe, er konnte nicht umhin ſeiner Frau darzuthun, wie ſehr er ihre großmuthsvolle Hingebung ſchaͤtze; doch ploͤtzlich litt in ihm der Stolz eines liebens⸗ wuͤrdigen Mannes, der lange in der großen Welt geglaͤnzt, bei dem Gedanken, dies alles nur der Erkenntlichkeit ſchuldig zu ſeyn. Die Vorſtellung, derjenigen keine Liebe einflößen zu koͤnnen, die ihm ſo theuer war, peinigte ihn un⸗ ablaͤſſig, und in demſelben Augenblick, da ſein beredter Mund ihr bekannte, was er noch ſo leb⸗ haft fur ſie empfand, blutete ſein Herz, war ſei⸗ — 201— ne Eigenliebe verwundet, daß er weder in Anto⸗ nias Blicken, noch in ihren Zuͤgen die Flamme entdeckte, wodurch allein der Ehe Fackel gluͤht, die ſeelige Verwirrung eines jungen Weibes, das die erweckte Liebe theilt.„Sie ſieht in mir einen Vormund, einen Fuͤhrer, ſprach er zu ſich ſelbſt, ſie ehrt, ſie achtet mich; allein ſie liebt mich nicht, ſie kann mich nicht lieben.“* Dieſe unablaͤſſige Pein erbitterte endlich ſein Gemuͤth, er ſah in allen Opfern von Antonia nichts, als ein wohluͤberlegtes Gewirk von Sorg⸗ falt und Achtung, ihn füͤr ihre Liebe zu entſchädi⸗ gen. Er zweifelte bald darauf, daß jung, lie⸗ benswuͤrdig und reich, wie ſie war, ſie ſich lange dergleichen Sklaverei unterziehen werde, und in⸗ dem er ſie nach den Frauen beurtheilte, um die er in ſeiner Jugend gebuhlt, argwoͤhnte er, das junge Opfer, von dem Beduͤrfniß zu lieben ver⸗ zehrt, naͤhre und bekämpfe insgeheim eine hoff⸗ nungsloſe Liebe. Lange brütete ein ſolcher Arg⸗ wohn, wie ihn faſt immer eine von gekränkter Ei⸗ genliebe verfuͤhrte Einbildungsktaft erzeugt, in Saint⸗Alphonſens Herzen, und er kämpfte mit — 202— Entſchloſſenheit und Staͤrke, den Ungeſtüm der Vorſtellungen zu baͤndigen, die ihn quälten. Ver⸗ ſtohlen belauſchte er dann Antonia's Schritte, mißdeutete ihre einfachſten Reden, ſuchte hinter ihrem immer reinen, freien, großmuthsvollen Benehmen Zweideutigkeit und Heimlichkeit ver⸗ ſteckt. Wenn ſie auf der Leinwand Zuͤge einer idealiſchen Geſtalt entwarf, ſah der General darin Aehnlichkeit mit dieſem oder jenem Adju⸗ danten, dieſem oder jenem jungen Offizier, von dem ſie ein zärtliches Andenken bewahrte: ſang ſie zur Lyra eine oder die andre Romanze des Tages, das Lieblingsſtuͤck aus irgend einer Oper, ſo muß⸗ ten, ſeiner Deutung nach, die Worte ſie an irgend eine intereſſante Begebenheit erinnern, oder ein geheimes Gefüͤhl ausſprechen, von dem die Saͤn⸗ gerin durchdrungen war, und das ſich durch die Wahrheit ihres Vortrags verrieth; kurz, die un⸗ gluͤckliche Antonia durfte kein Wort ſprechen, kei⸗ ne Bewegung thun, kein Gefuhl ausdrucken, ohne den argwoͤhniſchen, ſpaͤhenden Bilcken ihres Man⸗ nes verſtohlen ſchuldig, treubruͤchig zu erſcheinen. Solchem ungerechten Vorurtheil, den uner⸗ — 66— träglichen Nachſpuͤrungen die es zur Folge hatte, en. Antonia wähnte es gaͤnz⸗ wenn ſie Paris verließe, und ſie gegen eine war nicht zu entgeh lich zu verſcheuchen, ſich auf ein Landgut begäbe, das ihrer Beſitzungen in Piemont eingetauſcht hatte, und das in den unermeßlichen Ebenen von Beauce Ihren Gemahl deswegen durchaus nicht lag. lächerlich zu machen, ſ chutzte ſie ihre zerruͤttete Ge⸗ ſundheit vor, klagte uͤber Bruſtſchmerzen, un daß ſie die Molkenkur, welche die Aerzte den Fruͤhling und Sommer uͤber und beide in der Mitte ſagte, ihr verordnet, auf dem Lande brauchen, laͤndlicher Beſchaͤftigunsen und in der N Heerden zubringen wollte, von denen ſie Geneſung hoffte. 3 Dieſer ſchlaue Vorwand erhielt um ſo mehr Wahrſcheinlichkeit, da wirklich ihre Bluthe täglich welkte. Ihre Augen bewahrten noch die alte Zaͤrt⸗ lichkeit, allein ſie hatten nicht mehr die Lebhaftig⸗ keit des Ausdrucks, wie vormals, ein ſcheuer, ver⸗ legener, gedruͤckter Blick hatte dieſe verdraͤngt. Sie merkte wohl an einigen augenblicklichen Freund⸗ lichkeiten, an mehrern verbindlichen Aeußerungen ähe der — 204— des Generals, wie ſehr ſie ſeinem Wunſche zuvor⸗ gekommen ſei, wie ſehr dieſer Vorſatz gaͤnzlicher Abgeſchiedenheit, den ſie eilte ins Werk zu richten, ſein Gemuͤth beruhigte. Eine ſo grenzenloſe Hin⸗ gebung, ein ſo heldenmuͤthiger Entſchluß bewie⸗ ſen Saint⸗Alphonſe, daß ſeine Frau keinen Rival zu Paris hiuterließ, der ihm furchtbar wäre. Auf dem Lande wurden ihre Schritte auch nicht mehr alle bewacht, nicht alle ihre Aeußerungen mißdeu⸗ tet; ihr einfaltsvoller Frohſinn kehrte zuruͤck, er und der Schwung ihrer edlen Seele, ihrer feuri⸗ gen Einbildungskraft zerſtreuten allmählig den Arg⸗ wohn ihres Gatten: Saint⸗ Alphonſe konnte nicht länger zweifeln, daß die ſchöne Antonia Alles ihm aufgeopfert habe. Erwog er dann, wie viel ſie ausſtehen muͤſſen, ſo mochte er nicht ohne Be⸗ wegung den Umfang ihrer Tugend uͤberdenken; ſein Vertraun kehrte zuruck, mit ihm der alte Zau⸗ ber ſeiner Liebenswuͤrdigkeit, und die gluͤckſelige Antonia ſah ſich wieder als den Gegenſtand ſeiner Sorgfalt, ſeiner Freundlichkeit. Jetzt rief ſie ihre Talente, ihre einzige Zuflucht, auf, eine ſo wohl⸗ thatige Verwandlung zu feyern. Sie hatte ſich — 9[3 205 nach den beſten italiäniſchen Malern gebildet, und entwarf nun ein Gemaͤhlde, das die Einſamkeit vorſtellte, wie ſie, fern vom Getuͤmmel der Stadt, den Gefahren der Verſuchung, im ländlichen Gefilde ein reines, dauerhaftes Gluͤck genießt. Mit vielem Geſchick hatte ſie der Hauptfigur des Bildes ihre Geſichtszuͤge, ihr Alter, ihre Haltung geliehen, und ſie mit den Attributen der Kuͤnſte umgeben, welche ſie ſelbſt uͤbte. An der einen Seite erhob zwiſchen Partiturrollen ſich eine Lyra, ein aufgerolltes Blatt zeigte den Entwurf vom Gemählde der vorzuglichſten Waffenthat ihres Mannes. Die ſymboliſche Figur, oder vielmehr ſie ſelbſt, ſaß unter einem dichten Blaͤtterdunkel, ein Buch in der Hand, die Blicke auf eine Statue des Hymen gerichtet, deſſen Haupt mit Roſen und einigen dunkeln Trauerblumen bekraͤnzt war. Die Augen dieſer allerliebſten Einſamkeit druͤckten Seelenfrieden und ſelige Unkenntniß vom Sturm der Leidenſchaften aus; ihr beſeelter Mund ſchien die Worte zu ſagen, die man auf dem Sockel der Statue Hymens las:„er genuͤgt meinem H erzen“ Das erſte Mal, da Saint⸗ Alphonſe die Inſchrift erblickte, erbebte er, faßte die Hand der ſinnvollen Kuͤnſtlerin, kuͤßte ſie und drückte ſie mit ſo heftiger Erſchutterung an ſeine Bruſt, daß er nicht ſprechen konnte.„Es ſcheint, ſagte Antonia, mein Gedanke hat Ihren Beifall und Sie ſind mit meiner Arbeit zufrieden?“„Wer fuhlt, wie ich, verſetzte er, die Bedeutung dieſer wonnevollen Allegorie!—“„Eine Allegorie? Ich dachte, ich haͤtte ein hiſtoriſches Bild ge⸗ malt.“„Allerliebſte Antonia, himmliſches Ge⸗ ſchoͤpf! D warum bin ich nicht dreißig Jahre juͤn⸗ ger!“ Bei dieſen Worten druͤckt er wiederum ſeine gluͤhenden Lippen auf die Hand ſeiner Frau, und entfernt ſich, ihr den nagenden Jammer ſeines Innern zu verhehlen, den er nicht laͤnger beherr⸗ ſchen kann. Antonia folgt ihm mit den Augen, beklagt ſein Loos, theilt ſeinen Schmerz, fliegt an die Staffelei, giebt dem Geſicht der Einſam⸗ keit noch mehr Heiterkeit des Ausdrucks, löſcht die dunkeln Trauerblumen aus des Ehegottes Kranz, und fuͤgt zu den Worten: er genuͤgt meinem Herzen, die ſie mit großmuthsvoller die nd te ſt. — 207— Hand geſchrieben, noch zitternd die: er wird ihm ſtets genuͤgen. Das alſo vollendete Werk eines ausgezeichneten Talentes, deſſen Pin⸗ ſel Dankbarkeit beſeelt, ſchmuͤckte den Salon des Schloſſes, und diente den wenigen Freunden zur Bewunderung, die den General beſuchten. Nie warf er ſelbſt den Blick darauf, ohne daß der Eindruck, den er empfand, ſeine Seele mit Frieden erfuͤllte. Die Aehnlichkeit Antonias war ſo vollkommen, daß Niemand ſie verkennen mochte, und ein ſo oͤffentliches Zeugniß ihrer Zufriedenheit, ein ſolches Geluͤbde der Treue gegen ihn, erfull⸗ ten alle Wuͤnſche Saint⸗Alphonſens, thaten ſei⸗ ner Eitelkeit wohl und ſeine Verblendung ging ſo weit, daß er ſich in der That geliebt waͤhnte. Ich genuͤge ihrem Herzen, ich werde ihm ſtets genuͤgen, wiederholte er unauf⸗ hoͤrlich bei ſich ſelbſt. So hatte denn der gluͤckliche Gedanke Anto⸗ nia's alle Wirkung ausgeuͤbt, welche ſie nur da⸗ von erwarten mochte: er ſtiftete ein unbeſchränk⸗ tes Vertraun zwiſchen beiden Gatten. Die junge Frau fuͤhlte ſich ſo beftiedigt durch das Gluͤck ih⸗ — 208— res Mannes, daß ſie alle eignen Opfer vergaß; iener vermeinte, in der Einbildungskraft der ſcho⸗ nen Einſamen zu herrſchen, und lebte durchaus in der alten Zuverſicht. Sie taͤuſchten ſich alle beide, und täuſchten ſich gegenſeitig über ihr Ge⸗ ſchick. Aber umſonſt hielt in den fruchtbaren Ebe⸗ nen von Beauce Antonia ſich den Pruͤfungen ent⸗ zogen, die oft in Paris ihr liebendes Herz ver⸗ ſucht. Die ländlichen Feſte, denen ſie vielmals beiwohnte, zeigten ihr auch eine gluͤckliche, mun⸗ tere, ſich immer wechſelsweiſe ſuchende Jugend. Unter den zahlreichen Ackersleuten auf ihrem Gute wurden mehrere Ehen geſchloſſen, deren Feyer ſie mit ihrer Gegenwart beehrte, und wo ſie ſah, daß der Landmann, meiſt kluger als der Staͤdter, bei Schließung der Ehe die Gleichheit des Alters und der Gemüthsart berückſichtige, daß er um alles Gold der Welt nicht Verzicht leiſten moͤchte auf das Gluͤck zu lieben, auf die Zuverſicht wie⸗ der geliebt zu ſeyn.„Das iſt unſre ganze Mit⸗ gift, ſagten die Einen zu Frau von Saint⸗Al⸗ phonſe, und ſie genügt uns zur Gluckſeligkeit.“ aß cho⸗ aus alle Ge⸗ be⸗ ent⸗ er⸗ als — 209— „Ohne ſie, fuͤgten Andre hinzu, hätten wir auf Erden nur Arbeit und Muͤhſal: ſo beneiden wir die Maͤchtigen und Reichen nicht“—„Ihr habt Recht, Freunde, ſprach Antonia bewegt und unwillkuͤhrlich ſeufzend: gluͤcklich wer, wie ihr, ſeine Zukunft nicht opfert, glucklich, wer die Hede des Herzens nicht kennt!— Dergleichen wiederholte Eindrücke, das un⸗ mittelbare Bild der ehelichen Gluͤckſeligkeit, die Zärtlichkeit junger Gatten: das Alles, wovon ſie rings umgeben war, etweckte mächtig ihre tiefe Zärtlichkeit, ein unwiderſtehliches Liebeſehnen in ihrer Bruſt, welches ſie fuͤr immer erſtorben ge⸗ halten hatte. 42 In Gegenwart von Saint⸗Alphonſe be⸗ hauptete ſie noch die äußre Ruhe, die innerliche Zufriedenheit, woran ſie ſich ſeit einigen Monden wieder gewöhnt; aber wenn ſie allein war im Schloſſe, wenn ſe allein den Park oder die Ge⸗ gend durchwandelte, dann ſchaute ſie umher mit truͤbem, ſchwerem Blick, bittre Thraͤnen netzten ihre Augen, ſie weilte an den entlegenſten Staͤtten, im dunkelſten Gebuͤſch, ſtundenlang unbeweglich in 1r Theil. — 210—— duͤſtrem Sinnen. Die Wahl ihrer Buͤcher zeug⸗ te von dieſem Gemuͤthszuſtand und erſchwerte venſelben. Bald verſchlang ſie jedes Wort von Werthers Leiden, las einzelne Seiten wieder und wieder, ein ander Mal die neue Helviſe, in welcher Rouſſeau mit Flammenzuͤgen das eingebil⸗ dete Gluͤck eines jungen Weibes an der Seite ei⸗ nes bejahrten Gatten ſchildert, dann Paul und Virginia, wo Bernardin von Saint-Pierre zeigt, wie die Liebe in der Wiege ſchon gefuͤhlt, erſt mit dem Leben ausgeloſcht werde. Eines Tages, da Saint⸗ Alphonſe n mit eini⸗ gen Freunden auf der Jagd war, wollte Antonia ihrer Einbildungskraft ein wenig Raſt von den zu lebhaften Eindrucken ſchaffen, womit jene gro⸗ ßen Seelenmaler ſie durchſtröͤmt; ſie wandelte durch das Blachfeld, Legonve's Gedichte in der Hand, der bei ſeiner Frauenwuͤrde ſie ſelbſt zum Vorbild genommen zu haben ſchien. Unter dem geheimnißreichen Laubdach einer Jägerhuͤtte, nicht weit vom Schloſſe, las ſie mit neuem Vergnuͤgen das Gedicht Melancholie, welches fuͤr des Dich⸗ ters Meiſterſtuͤck gilt, zum zweiten Mal. Das ſia — —— — 211— treue Bild jenes ſanften, dem Herzen ſo wohlthaͤ⸗ tigen Gefuͤhls durchdrang die Bruſt der jungen Einſiedlerin mit der lebhafteſten Ruͤhrung. Ganz darin verſenkt, merkte ſie nicht, wie der General und ſeine Freunde, die von der Jagd zuruͤckka⸗ men, ſich ihr naheten, ſtillſtanden, und hinter den Bäumen verſteckt, die Verſe belauſchten, wel⸗ che ſie laut ſprach: „O, Taumel des Gefühls, o Herzens⸗ ⸗ thraͤnen! O, hingegebenes, wundervolles Sehnen! Gluͤckſelig, der euch kennt, unglücklich, den ihr meidet!“ Die letzten Strophen las Antonia mit ſo beweg⸗ ter Stimme, daß alle erſchuͤttert wurden, die ihr zuhoͤrten: S wer chWen⸗ ungluͤcklich, den ihr meidet! Die Felder, die ein reicher Schmelz b⸗ kleidet, ——————— Dies alles ſtimmt zur Ruͤhrung und zum * Es ſchließt in dichter Laubgewoͤlbe Schat⸗ ten, Worunter Ruh' ſich und Erinnrung gat⸗ ten, Die Seele auf; geliebte Wunden bluten, Ein Baͤchlein rinnt daher mit leiſen Flu⸗ then, Du hoͤrſt mit Luſt, wie ſein Gemurmel weinet, Du weineſt ihm, die Thraͤnenweide einet Das lange Haar geſenkt den klaren Wellen, Und ſchwellen fuͤhlſt Du, ſuͤßer, bittrer ſchwellen Im weichen Herzen die Melancholie. Lautes Beifallklatſchen hinter der Hecke ver⸗ rieth in dieſem Augenblick der ſchoͤnen Antonia, daß ſie behorcht werde. Die Jagdgeſellſchaft umringt ſie auch ſofort, wuͤnſcht ihr Gluͤck zur Wahl ihrer Lectuͤre, zu dem Ausdruck, womit ſie lieſt, be⸗ wundert ſie und dankt ihr; nur Saint⸗Alphonſe blieb fern,— ſein ſchoͤner zerflatterte un⸗ wiederbringlich. Vergebens nahm die junge Frau eine heitre el Miene an und laͤchelte, ſie taͤuſchte die muntern Freunde des Generals; er ſelbſt hielt ſich von Neuem uͤberzengt, daß die Ungluͤckliche im Grunde des Herzens ein Gefuͤhl verhehle, das ſie in der vermeintlichen Einſamkeit ausgeſtroͤmt, und daß ihre ſcheinbare Gluͤckſeligkeit mit ihm nur ein großmuͤthiges Vorgeben, ein zartes Gankelſpiel waͤren.„Sie ehrt, ſie achtet mich, ſprach er wieder unaufhoͤrlich bei ſich ſelbſt, allein ſie liebt mich nicht, ſie kann mich nicht lieben.“ Saint⸗Alphonſe unterdruͤckte indeſſen klug⸗ lich alle Quaal, die er empfand, und in dem Wahn, die Weiber genugſam zu kennen, um ſich uͤberzeugt halten zu duͤrfen, ſeine Frau werde, trotz allem Gemuͤthsadel, die Oede des Herzens, die Quaal der Unbefriedigung nicht ertragen, wozu ſie ſich verdammt, wurde er nach und nach wieder argwoͤhniſch, und bewachte von Neuem eifrig An⸗ tonias Benehmen. Sie bemerkte es; das Joch, unter das ſie ſich begeben, fing an ſchwerer als jemals zu laſten. Kein Wort durfte ſie ſprechen, keine Meinung aͤußern, keinen Wunſch bezeugen, ohne in ihres Gatten Seele Beſtuͤrzung und Pein — — 214— zu erwecken. Dabei konnte der General nicht umhin, die Entſagung des Opfers zu bewundern; nicht nur Eitelkeit, auch Dankbarkeit ſchloß ſeine Lippen: und dermaßen opferten beide einander ge⸗ genſeitig Gluͤck, Ruhe und das ganze Daſeyn. Nur wenn ſein Rang Saint⸗Alphonſe noͤ⸗ thigte bei Hofe zu erſcheinen, wo er ſeine Frau nie vorgeſtellt, wenn er Einladungen in der Nach⸗ barſchaft erhalten oder auf die Jagd ging, nur dann konnte ſich Antonia dem Truͤbſinn uͤberlaſ⸗ ſen und ihr gepreßtes Herz erleichtern. Sie lieb⸗ te vor allen mit der Lyra ſich zu Romanzen zu begleiten, die Uebereinſtimmung mit ihrer Lage hatten: verſtohlen ergießt ſich gern der Schmerz. Es war im Park ein einſamer Aufenthalt, eine alte Einſiedelei, aus der ein einziger Aus⸗ gang mitten in ein dichtes Gebuͤſch fuͤhrte. Dort hatte Antonia oͤfters in der Einſamkeit geſeufzet und geweint. Eben damals ſollte Saint⸗Al⸗ phonſe zu einer großen Revue nach Paris abgehn, wobei ſeine Diviſion zugegen ſeyn ſollte. Er ver⸗ ließ am Tage vor derſelben ſeine Frau, und kuͤn⸗ digte ihr an, daß er am dritten Tage zuruͤck ſeyn N ———— 2. — werde. Antonia fand ihn beim Abſchied artig und galant wie immer, doch etwas verlegen, unruhig, ja, voll wahrer Sorge, ſie allein im Schloß zu laſſen. Seit langer Zeit zum erſten Male wieder frei, befiehlt ſie ihren Leuten, eine Lampe aus dem Salon in die Einſiedelei zu tragen, in der Abſicht, die erſten Stunden der Nacht dort hinzubringen. In einer ſolchen Entfernung, daß man ſie nicht belauſchen konnte, ſtellte ſie dann der Sicherheit wegen ihre zuverlaͤſſigſten Diener als Wachen auf. Es war ganz zu Anfang des Herbſtes, tie⸗ fes Dunkel bedeckte den Horizont, und das Schweigen der Waͤlder unterbrach nur eine leiſe Luft, die gelind die Wipfel der Baͤume bewegte und die erſten Blätter herabſchuͤttelte. Antonia uͤberließ ſich ohne Zwang dem vollen Strome ihrer Empfindung, ſie ſpielte auf der Lyra die Muſik⸗ ſtuͤcke der größten Meiſter, welche am beſten des Herzens Trunkenheit ausdruͤcken. Dann verließ ſie die Einſiedelei, ſetzte ſich mit der Laute auf eine Bank von Moos und Haidekraut unter dich⸗ tem Flieder und Lindengebuͤſch. Hier uͤberſann ſie, welche Muſikſtucke die ausdrucksvollſten, und — 216— am beſten geeignet waͤren, ſuͤße Thraͤnen hervor⸗ zulocken. Nachdem ſie Dalayrac's, Mehuls und Boyeldieu's einfache und zärtliche Weiſen erſchoͤpft, fiel ihr ein, daß Gretry, kurz bevor er die Erde verließ, die er ein halbes Jahrhundert durch ſeine Melodien bezaubert, eine Romanze, der Liebe Gluͤck, in Muſik geſetzt hätte. Oftmals hatte ſie dieſen Schwanengeſang eines großen Mannes geſungen; ſchon die Ueberſchrift der Romanze eig⸗ nete ſie ihrer Lage an: ſo faßte ſie die Lyra wie⸗ der und ſang die folgenden Verſe mit einem Aus⸗ druck, vor dem ſie ſelbſt erſchrak. Der Liebe Gluͤck tritt uͤberall auf Erden, Gleich reiner Luft, entgegen unſerm Blick; Im Pallaſt, bei der Huͤtte frommer Heerden, Fuͤhlt alles rings in der Natur auf Erben Der Liebe Gluͤck! Der Liebe Gluͤck ſchafft Pein, und ſchafft Entzuͤcken, Vergebens weiſt der Buſen es zuruͤck: Er kann nicht den gewalt'gen Wunſch er⸗ ſticken, —————————————————— ——— Er athmet ja in allen Augenblicken Der Liebe Gluͤck! Bei den beiden letzten Strophen wurde Anto⸗ nia's Athem ſo beklemmt, daß ſie aufhören mußte zu fingen; erſt nach einem Schweigen von einigen Minuten hub ſie wieder an: Der Liebe Gluͤck lenkt hoch des Adlers Schwingen, Den Flammentod durch Phoͤbus ſucht ſein Blick. Den Wurm im Graſe, der mit mattem Ringen Im Kraut ſich birgt, auch dieſen ſoll durch⸗ dringen Der Liebe Glůc Der Liebe Gluͤck auf ewig zu entbehren, O, ſchrecklich Weh! Dich lindert kein Geſchick: Der Jugend Zeit wird es von Dir begehren, Am Grabe noch wird Sehnen Dich ver⸗ zehren, Nach Liebesgluͤck! Hier ſtockte die Stimme der tief erſchuͤtterten Saͤngerin. Ein Strom von Thraͤnen floß auf ihre zitternden Hände, und ohne weitere Begleitung hub ſie mit ſchmerzvoller Heftigkeit wieder an: Der Liebe Gluͤck auf ewig zu entbehren, O, ſchrecklich Weh! Dich lindert kein Geſchick: Der Jugendzeit wird es von Dir begehren, Am Grabe noch wird Sehnſucht dich ver⸗ zehren Nach Liebesgluͤck! „Und die Ehe genuͤgt Deinem Herzen! rief eine Stimme, vor der Antonia ſich entſetzte, die ſie fuͤr Saint⸗Alphonſens Stimme hielt. Sie war es in der That. Einige Stunden nach der Abreiſe war der General, unter dem Vorwand, wichtige Papiere, die er in ſeinem Schreibtiſch ver⸗ geſſen, zu holen, getrieben von dem eiferſuͤchtigen Argwohn, der ihn plagte, zuruͤckgekehrt, um das Betragen ſeiner Frau waͤhrend ſeiner Abweſenheit zu belauſchen. Er traf ſie nicht im Schloſſe, und in der Meinung, ein geheimes Verſtändniß habe ſie nach der Einſiedelei gelockt, ſchlich er ſich hinter ——— ———————— 2 219— die Baͤume, hoͤrte dort ihren Geſang, theilte die heftige Erſchuͤtterung und erſpaͤhte jede Regung der armen Einſamen. Verſtört erreichte er wieder ſeinen Wagen, und fuhr nach Paris, mit der Ueberzeugung von Antonia's Tugend und Quaal. Zu zart, ſie in laſtenden Banden zu halten, zu ſtolz, das demuͤ⸗ thigende Gefuͤhl von deren Läſtigkeit fuͤr ihn, zu ertragen, ſchrieb er am folgenden Tage ſeiner Frau, daß, da ihre Ehe weder das Gluͤck des Einen noch des Andern mache, er ſie von Stund an als auf⸗ geloͤſt betrachte. Er gaͤbe ſie frei von allen Pflich⸗ ten gegen ihn, und ſetze ſie wieder in den Beſitz ihres ganzen Vermoͤgens. Eines erwarte er von Antonia Laurenti, fuͤgte er hinzu, naͤmlich, daß ihre Trennung in der Stille und nach gemeinſchaft⸗. licher Uebereinkunft vollzogen werde. Der Brief war ein Donnerſchlag fuͤr die jun⸗ ge Frau. Sie flog nach Paris, ſie beſchwor ihren Gatten, ihren Retter, die Bande nicht zu zerrei⸗ ßen, welche ſie ſtets heilig gehalten; ſie verſicherte ihn, duß, gewoͤhnt an den Schmerz der ungleich⸗ heit des Alters, ihr dies geheime Leiden lieber wäre, — d— als eine Eheſcheidung, die weder ihr Gewiſſen, noch ihre Religion geſtatte, und die den friedli⸗ chen Schatten ihres Vaters beunruhigen wuͤrde. Umſonſt bot ſie Alles auf, was Ehre und Dankbarkeit ihr eingeben mochten, um Saint⸗ Alphonſe zu bewegen; er war unerſchuͤtterlich ge⸗ gen ihre Bitten.„Sie lieben mich nicht, Sie koͤnnen mich nicht lieben“ entgegnete er ihr im⸗ mer wieder. Nichts erlangte ſie von ihm, als ei⸗ nen Namen fortfuͤhren zu duͤrfen, deſſen ihr Beneh⸗ men ſie hoͤchſt wuͤrdig gemacht. Man kam uͤber⸗ ein, daß ſie nach Piemont zuruͤckgehn und dort die Aufſicht uͤber ihre betraͤchtlichen Beſitzungen uͤber⸗ nehmen, des Wohlſtandes wegen aber jaͤhrlich einen Monat auf ihrem Landgut in Beauce zu⸗ bringen wollte, wo ihr Gemahl ſie zu ſprechen verſprach. Er hatte nie die Kraft, dies Verſpre⸗ chen zu erfuͤllen; der Anblick derjenigen, deren Herz ſeinetwegen oͤde, deren Jugend liebeleer war, verurſachte ihm unertraͤgliche Pein. Er lebte ein truͤbes, ungluͤckliches Leben, und bereute immer⸗ dar den geſchloſſenen Ehebund. Antonia ihrerſeits hielt ſich dadurch fuͤr unwandelbar gefeſſelt, ent⸗ —— en, bli⸗ end t⸗ — 221— behrte den ſuͤßen Jugendzauber der ehelichen Ge⸗ meinſchaft, welche die Freuden verdoppelt, den Schmerz tragen hilft, im geliebten Weſen das Daſeyn erneut, dem Alter Sorgfalt und Troſt be⸗ reitet, eine Hand dem Tode, die das Auge ſchließt. Sie ſtand vereinzelt, ohne Fährer, ohne Stutze; ihr Reiz, ihre feurige Seele, ihr Reichthum ſetzten ſie tauſend Verſuchungen aus. Wenn ſie dann ihre Leiden uͤberdachte, erkannte ſie wohl, aber zu ſpät: daß der Liebe entſagen ein Leiden ſei, das das Daſeyn druͤckt und des Menſchen Krafte uͤberſteigt, und daß zu den bitterſten Quaalen, die aus der Ehe entſpringen können, die gehoͤren⸗ welche der Abſtand der Jahre erzeugt. — —— 9. Die Fremde daheim. E⸗ giebt junge Frauen, welche Schickſal und Natur beguͤnſtigten, die als Gattinnen geliebt, gluͤcklich als Muͤtter, ſich doch nicht mit der Gluck⸗ ſeligkeit begnuͤgen, welche im Innern ihres Hau⸗ ſes wohnt und unaufhörlich außerhalb Geſchäften nachgehen, Pflichten bei Fremden ſuchen, die ih⸗ ren Familienkreiſen gebuͤhrten. Gleichſam be⸗ ſchämt, der Sorge fuͤr ihren eignen friedlichen Heerd obzuliegen, ſetzen Manche Freude und Ehre darin, einer Verwandten, einer Freundin, oft einer bloßen Bekannten, in dieſer Sorge mit der wun⸗ derlichſten Dienſtfertigkeit beizuſtehn. Andre wie⸗ derum, als ob ſie uͤberdruͤßig der Achtung und Liebe waͤren, welche man ihnen daheim beweißt, meiden hier, und ſuchen wo anders daſſelbe Op⸗ 223 fer, ziehn den Haͤndedruck, den freundlichen Blick der Fremden, die ſie kaum kennen, dem Erguß der Liebe und Dankbarkeit eines zufriedenen Gat⸗ ten, der ſeligen Umgebung fröhlicher, liebkoſen⸗ der Kinder vor, deren erſte Gemuͤthstriebe die Freude und der ſuͤßeſte Lohn einer Mutter ſind. Noch Andre betrachten endlich die Ehe als Erloͤ⸗ ſung vom Sklavenjoch, worin ſtrenge Aeltern ihre Jugend gehalten, als einen Freibrief fuͤr alle Launen und Neigungen, auszugehn, wann es beliebt, und nach Gefallen die Welt in die Kreuz und Qüeer zu durchſtreifen, ohne Sorge um die zuruͤckbleibenden Spuren ihrer Jrrthuͤmer, ihrer Unerfahrenheit. Klotilde Blainval, die Tochter eines Bruͤ⸗ cken⸗ und Wegebau⸗Inſpektors war von einer anſpruchsvollen, herriſchen Mutter erzogen, die ſie ohne Unterlaß in ſtrenger Abhaͤngigkeit gehalten. Der beſte der Maänner, Berard, ein beruͤhmter Baumeiſter, heurathete ſie, und Klotilde nahm uͤber ihn dieſelbe Gewalt an, welche vordem ihre Mutter uͤber ſie ſelbſt geuͤbt. Dergleichen Vergeltung trifft man häufig in der Welt, zum Beweiſe, wie geneigt die menſch⸗ liche Art iſt Andern zuzufuͤgen, was ſie erlitten hat. Die junge, luſtige, huͤbſche, gar guther⸗ zige, aber unendlich unbeſonnene, ſtarkwillige Klo⸗ tilde war in ihrem Hauſe unumſchraͤnkte Gebiete⸗ rin; und ſo lange zum Gehorſam gezwungen, duͤnkte ihr das Herrſchen allerliebſt, und der in zu enge Schranken gefeſſelt geweſene Wille brach los ſonder Ziel und Ueberlegung. Die erſte, beſte angenehme Frau, mit der ſie in Geſellſchaft zuſammentraf, mußte ihre Her⸗ zensfreundin ſeyn, das geringſte Zuvorkommen, die gewohnlichſte Aufmerkſamkeit, erfuͤllten ſie mit Dankbarkeit, erregten ihre Liebe: gleich einer zuſammengepreßten Feder, die bricht und los⸗ ſchnellt, uͤberließ ſich Klotilde jedem Eindruck mit friſcher Seele, feuriger Einbildungskraft, verzet⸗ telte ſich ſelbſt und verſchleuderte an jeden, wer es ſei, Neigung, Eifer und Vertraun. Eine junge Frau, die ſie drei, viermal geſehen, war nicht wohl; Klotilde ſaß Tagelang bei ihr als Kran⸗ kenwaͤrterin. Eine andre hatte einen unbedeu⸗ tenden Kummer; Klotilde wat immer dort, ſie nſch⸗ itten ther⸗ 4 Klo⸗ iete⸗ en, zu los ſie er⸗ en, ſie ner zu troͤſten, zu zrſtreun. Jene war in Geldver⸗ legenheit, ſei's aus Unwirthſchaftlichkeit, ſei's ob unverſchulderm Ungluͤck; Klotilde bot ihr Beutel und Schnuck dar, borgte ihr die theuer⸗ ſten Kl leidungsſtüke aus ihrer Garderobe, ehe ſie einnal den Kaufleuten bezahlt waren, von denen ſie ausgenommen worden. Dieſe endlich hatte haͤuslichen Verdruß, etwa einen argwoͤhniſchen Gatten durch irgend eine Unuͤberlegtheit erzuͤrntz“ die denffeztige Klotilde war bei der Hand, be⸗ ſchwichtigte den Mann durch ihre allerliebſte Laune, entſchudigt⸗ gewandt die Frau, und ſtellte, we⸗ nigſtens vor der Haͤnd, den Hausfrieden wieder her. Ueberall pries man ſie als das Muſter der Freun⸗ dinnen, als die beſte Frau: dies Lob enttzuͤckte ſie, und um es zu verdienen, ſcheute ſie keinen Schritt, beugte ſie allen möglichen Befeindungen vor, be⸗ wirkte ſie alle moͤgliche Verſoͤhnungen. Zu allen Tageszeiten ſah man ſie in Paris, zu Fuß, zu Wagen, zerſtreut, haſtigen Schrittes, als ob ſie in Gedanken die wichtigſten Intereſſen zu ſchlichten haͤtte. um ſich jedoch ſo viel fremden Geſchaͤften 1 rhe 9 — 226— weihn, ſo vielen und verſchiedezartigen Händeln obliegen zu koͤnnen, mußte Kloilde ihr Hauswe⸗ ſen nothwendig vernachlaͤſſigen ſie war faſt nie daheim. 3 Kaum erwacht am Molgen, beſchaͤftigte ſie ihre Korreſpondenz; ſie mußte mehrere Ein⸗ ladungen beantworten, einen Platz in irgend ei⸗ ner Theaterloge annehmen oder ausſchlagen, ſie mußte, die himmliſche Unbeſonnene, die Graͤfin Kreneuil an eine verabredete Partie zu den ritter⸗ lichen Uebungen erinnern, welche jene ohnedem ſicher vergeſſen wuͤrde; ſie mußte dem General⸗ ſekretair irgend eines Miniſters, dieſem oder je⸗ nem Diviſionschef, welche ſie in Geſellchaften ſah, und auf die ſie vermeinte großen Einfluß auszuuͤben, Freunde anempfehlen. Nachdem alle dergleichen wichtige Dinge abgemacht waren, ſtand ſie raſch auf, kleidete ſich in einen ziemlich geſuchten Morgenanzug, und ging zuerſt zur Frau eines Rathes beim Kaſſationshof, die an Ner⸗ venzufällen litt, ſeitdem ihr Mann eine ſehr ſchoͤne Klientin unter vier Augen ſprach, in deren Ange⸗ gelegenheit er Referent war. Von dort ſprach deln we⸗ nie igte Fin⸗ ei⸗ ſie aͤfin ter⸗ dem ral⸗ 7 b ——— — —— ſie einen Augenblick bei einem Gelegenheitsdichter vor, der ſie an ihrem Namenstage ganz göttlich beſungen hatte und ſich um Ducis Platz in der franzoͤſiſchen Academie bewarb. Sie hatte ihm zwei Stimmen verſchafft. Eine Freundin hatte ſie ihr zugeſichert, die eine ihrer Muhmen bitten wollte, mit der Tochter oder Schweſter eines Aca⸗ demikers daruͤber zu ſprechen: die Sache unterlag keinem Zweifel, er konnte darauf rechnen. Von dieſem begluͤckten Böwerber ging es dann zu der beruͤhmten Victorine, Kleider anzuprobiren, wo⸗ rauf man ſeit zwei Monaten ſchon umſonſt gewar⸗ tet hatte, was bei Kleidern fuͤr die Jahreszeit zum Verzweifeln war, und da bei dieſer großen Modegeſetzgeberin lange geblieben werden ſollte, ſo ließ man ſich von einem benachbarten Reſtaura⸗ teur ein Fruͤhſtuͤck hinbringen, und zwar ein tuͤch⸗ tiges a la fourchette; denn vor ſieben Uhr wurde heute nicht geſpeiſt, man war zu einem beruͤhmten Maler der Hauptſtadt geladen, wo die erſten Kuͤnſtler, die ausgezeichnetſten Frauen und die Geſandten ſeyn ſollten. Von Mamſell Vietorine ging es nach dem Boulevard des Ita⸗ P2 — 22— liens von drei bis vier Uhr ſpazieren. Dann kam man zu Hauſe, machte eine zweite Toilette, die kaum vollendet war, als die Graͤfin Kreneuil vor⸗ fuhr, im offenen Wagen ihre unzertrennliche Ge⸗ fährtin abzuholen, mit der ſie nach den ritterlichen Uebungen, dann zu dem großen Nittagsmal fuhr, das bis zwei Uhr Morgens dauerte. Endlich kehrte man unter das eheliche Dach zuruͤck, wo ſchon alles ſchlief, außer dem alten Portier, der gaͤhnend fluchte, der Kammkrfrau, die ungedul⸗ dig wartete, und dem armen Mann, der, wie⸗ wol in einem abgeſonderten Gemach, doch eine Schlafloſigkeit ſpuͤrte, die mit unruhigem Schlum⸗ mer und widerwärtigen Träumen wechſelte. Trotz ſeiner Nachſicht und uͤberſchwenglichen Guͤte verſuchte Herr Berard wohl ſeiner Frau Vorſtellungen uͤber dieſe Lebensart zu machen, an der er, ſeiner bedeutenden Geſchäfte wegen, nicht Theil nehmen konnte, und die ſeing Dienerſchaft zu laͤſtig fiel. Aber die junge ul dam Stru⸗ del der Geſelligkeit viel zu ſehr ergeben, um darauf zu achten; außerdem hatte ſie eine ſolche Gewalt uͤber ihren Mann gewonnen, daß ſeine Vorſtel⸗ 220 — —— lungen nichts bedeuteten; ihm blieb keine Zuflucht als zu bitten; er bat vergebens, und da ſeine vielfachen Geſchaͤfte haͤufige Abweſenheiten zur Folge hatten: ſo gerieth alles in ſeinem Hauſe in eine Unordnung und Verwuͤſtung, die ohnfehl⸗ bar allmaͤhlich ſeine Freunde und Kunden abge⸗ ſchreckt haͤtten, wenn er ſich nicht entſchloß, die Zuͤgel des Hausweſens ſelbſt zu ergreifen, Klo⸗ tilden aber ganz ihrem Ungeſtuͤm zu uͤberlaſſen und der wunderlichen Sucht, die Sorge und den thaͤtigen Eifer nach außenhin zu vergenden, de⸗ ren ihr Hausweſen ſo ſehr bedurfte. Ein gluͤckliches Ereigniß ſetzte ihren haͤufigen Abweſenheiten ein Ziel: ſie wurde Mutter. Der Genuß der Mutterfreude ſchien das eheliche Band zu verſtaͤrken; ſie theilte das Gluͤck, das ihr Ge⸗ mahl empfand: einem Sohne, dem leibhaftigen Ebenbilde von der, die ihn geboren, war alle ihre Sorgfalt, ihe zäͤrtlichſte Obhut geweiht. Nichts* derſteht der Gewalt der Natur; ſie wollte ihr Kind ſelbſt ſaͤugen, und dieſer Ent⸗ ſchluß vollendete die Freude ihres Gatten. Er ſah in den ſuͤßen, damit zuſammenhängenden Pflichten — die Buͤrgſchaft ihrer Entſagung des zerſtreuten Lebens, welches mit deren Erfuͤllung nicht beſte⸗ hen konnte, das Ziel ihrer Vergeudung der Ge⸗ muͤthstriebe, die ſich alle jetzt, hoffte er, auf das geliebte, von beiden erſehnte Weſen richten wür⸗ den. Einige Monate hindurch uͤbte wirklich Klo⸗ tilde die Mutterpflichten muſterhaft, war die wach⸗ ſamſte, unermuͤdlichſte Ernährerin; aber leichtſin⸗ nige junge Frauen, elegante Maͤnner, die es uͤbel nahmen, ſich wegen eines Wickelkindes ver⸗ nachläßigt zu ſehn, umgaben ſie; ſie nahm all⸗ maͤhlig ihre unſeligen Gewohnheiten wieder an, und glaubte gewiſſe Stunden feſtſetzen zu können, an denen ſie ihren Sohn traͤnken wuͤrde. Bald darauf beſchloß ſie ihn des Nachts ganz zu ent⸗ wöhnen, um nicht ſo fruͤh aus den Geſellſchaften fort zu müſſen, gerade, wenn dieſe am glaͤnzend⸗ ſten wurden. Das Kind hatte außerdem eine ſo vorſorgliche, zuverlaͤſſige Waͤrterin, war von ſo ſtarkem Körperbau;— aber ach, es entgalt dennoch die Unvorſichtigkeit ſeiner Ernährerin. Ihre von Gelagen und Nachtwachen verderbte Milch wurde zum tödlichen Gift, das drohte des armen kleinen Weſens Leben zu zerſtören. Be⸗ rard rief einen geſchickten Arzt zu Huͤlfe, der er⸗ klärte, die junge Frau duͤrfe es durchaus nicht weiter ſaͤugen, und man gab dem Kinde ſchnell eine andre Amme. Es war eine derbe pikardiſche Baͤuerin mit ſchwarzem, aufgeſtecktem Chignon⸗ friſcher Farbe, lachendem, wohlbezahntem Munde, breiter Bruſt, nervigen, runden Armen. Sie hatte dem Säugling bald Kraft und Friſche her⸗ geſtellt, und war Klotilden um ſo lieber, als ſie ihr Freiheit ſchaffte nach Gefallen ihre empfindſa⸗ men Wanderſchaften wieder anzutreten. Aber ſofort waren dieſelben von Neuem be⸗ droht; ſie wurde zum zweiten Mal ſchwanger⸗ und brachte eine Tochter zur Welt, welche dem geheimen Wunſch des Vaters Erfuͤllung gab. Berard nyollte die Neugeborne nicht der Ge⸗ fahr ausſetzen, welche der kleine Adolph uberſtan⸗ den; auch Klotilde begehrte nicht zum zweiten Mal einen Zwang, der ihren theuren Verhältniſſen Gewalt anthat. Da Adolph ein Jahr alt war, veſchloß man ihn zu entwoͤhnen, und ſeiner treff⸗ —— lichen Ernährerin die kleine Zoe anzuvertraun, wodurch das Band der Geſchwiſterliebe einſt zwi⸗ ſchen dieſen Kindern um ſo ſtaͤrker werden moͤchte. Die Einrichtung hatte den beſten Erfolg; beide liebliche Kinder erlitten kein Pinderniß in ihrem Wachsthum, in der Entwicklung ihrer Organe, und ihr frohliches Geplauder, ihre unſchuldsvolle Anmuth waren des Vaters Gluck und Troſt, der mit Luſt ihre Erziehung leitete, ihrer erſten Wuͤn⸗ ſche, ihrer erſten Eindruͤcke ſich bemaͤchtigte, jenes unausſprechlich gewaltigen Hebels, die Erben des eignen Namens, die Stuͤtzen des Alters nach Wunſch zu bilden. Als ein geſcheuter Beobachter des menſchli⸗ chen Gemuͤthes, bemerkte er mit Schmerz, daß Adolph und Zoe ihre Mutter kaum kannten. Sie ſahen ſie ſo ſelten: wenn ſie aufwachte und aus⸗ ging, fuͤhrte man ſie ſpazieren, wenn ſie zu Hauſe kam, ſchliefen ſie laͤngſt. Zuweilen beſuchte dann, vom Naturtrieb angezogen, dem nichts widerſteht, Klotilde noch ihre Kinder in der Wiege, liebkoſte ſie, bevor ſie ſich niederlegte, gleich als wollte ſie dieſelben fuͤr ihre lange Abweſenheit, ihre ſchuld⸗ volle Vernachläßigung entſchädigen:„Naͤhm's'n Acht, daß ſe nit ahfwaͤcke! rief dann mit ihrer picardiſchen Freimuͤthigkeit die Amme. D' zwo Klanen werden ſich's forchten.“„Vor der Mutter fuͤrchten?“„Kennen ſ' Se denn, D' zwo Kla⸗ nen? Bitt', naͤhm's'n Acht, daß ſe's nit ahf⸗ waͤcke!“ Bewegt warf Klotilde einen letzten Blick auf ihre Kinder, und ein Seufzer aus tiefer Bruſt verhieß, daß fruͤh oder ſpaͤt die Natur doch ihr Recht behaupten und die jetzt Fremde daheim nicht immer wegen der Luſtbarkeiten, welchen ſie gegenwaͤrtig nachſtrebte, die Seligkeit der Mutter⸗ ſchaft hintanſetzen wuͤrde. Waͤhrend der Zeit war ſie thätiger, als jemals, auf ihren dienſtfertigen Streifzuͤgen; ja, ſie beſchraͤnkte dieſelben nicht einmal mehr auf Paris, auch auf die Umgegenden dehnte ſie ſie aus. Bald gab es eine Kindbetterin, bei welcher ſie unumgaͤnglich die Zeit zubringen mußte, wo“ dieſelbe Niemanden ſehen durfte, als ihre liebe Klotilde; bald hatte eine der zierlichſten Tänze⸗ rinnen von ihren Bekannten ſich den Fuß auf — 234— dem laͤndlichen Ball zu Sceaux verſtaucht, und begehrte ihren Beiſtand auf ihrem Landhauſe zu Verrieres; bald ließ dann eine junge Mutter ihre vier Kinder auf ihrem Schloſſe Saint⸗Brice impfen, und konnte dabel ihre beſte Freundin nicht miſſen, die ihnen die zärtlichſte Sorgfalt vewies, indeſſen ihre eignen einer Aufſeherin uber⸗ laſſen waren. Klotilde gedachte derſelben doch, waͤhrend ſie die Neugeimpften liebkoſte, und nahm ſich vor, dieſelbe Operation an ihrem lieben Adolph und ihrer niedlichen kleinen Zoe vornehmen zu laſſen, ſobald ſie wieder in Paris ſein wuͤrde. Nach einer Abweſenheit von vierzehn Tagen kommt ſie dorthin zuruͤck, und eroffnet ihr Vorhaben ih⸗ rem Manne und dem Arzte. Beide lachen laut, und ſagen ihr, daß ihre Kinder ſchon ſeit einem halben Jahr geimpft ſind. Klotilde konnte nicht umhin zu erröthen, und einzuſehn, wie wenig ſie von Allem wuße, was bei ihr vorging. Es ſchien Berard, der ſie immer beobachtete, ohne ihr je Vorwuͤrfe zu machen oder einigen Unwillen merken zu laſſen, als wäre ihr Herz erſchuttert, als richtete ſie innigere Blicke auf ihre Kinder, 1 236 die ſo eben am Ende einer Teraſſe ſpielten, wel⸗ che an ihr Simmer ſtieß; er ſagte leiſe zum Arzt, Zeit und Geduld wuͤrde ihn zum Ziele leiten. Aber er hatte zuvor noch harte Pruͤfungen zu beſtehn. Klotildens heilloſe Sucht ſich an eine jede junge Frau anzuſchließen, welche einen an⸗ genehmen Eindruck auf ſie machte, vor allem ihr Verlangen fuͤr das Muſter einer Freundin zu gelten, ſetzte ſie alle Augenblicke uber die Pflichten der Gattin und Mutter hinweg. Sie trieb die Vergeſſenheit derſelben endlich ſo weit, daß ſie eine ihrer unzertrennlichen Freundinnen, die Ba⸗ ronin von Artigues, deren Mann Kavallerieob⸗ riſt, in der Schlacht von Jena ſchwer verwundet, ſich nach Weimar hatte bringen laſſen, um dort den nöthigen aͤrztlichen Beiſtand zu erhalten, nach Sachſen begleitete. Kaum erhielt Frau von Artigues Nachricht von der Verwundung des Obri⸗ ſten, ſo reiſte ſie, fuͤr das Leben eines angebete⸗ ten Gatten zagend, ſogleich ab, und ſchlug, jung, ſchuͤchtern, voll Jammer, wie ſie war, Frau Be⸗ rard vor, mit ihr zu reiſen, ſie zu ermuthigen und ihre Kraft auftecht zu halten. Wichtige Ar⸗ — 265— beiten hielten Berard eben damals fern von Paris, ſeine Frau reiſte ab, und begnuͤgte ſich, ihm in einem Billet die unvermeidliche Nothwendigkeit, ihre Freundin zu begleiten und ſie nicht vor der Wiederherſtellung ihres Gatten zu verlaſſen, zu melden.„Und Du denkſt nicht daran, wie ſehr Du Deinen Gatten verletzeſt! Du kannſt Deine Kinder, Dein Haus ſo leichthin verlaſſen! rief Berard. Ich werde mich auf meine Weiſe raͤchen. Dein Herz ſoll ſeine Schuld empfinden, und fuͤhlt es ſie nicht, ſo reiße ich Dich auf ewig aus dem meinigen.“ Die Unvorſichtigkeit ſeiner Frau in den Augen der Welt zu rechtfertigen, ſprengte er aus, ſie habe mit ſeiner Bewilligung die Baro⸗ nin nach Weimar begleitet, er habe ſie ſelbſt ge⸗ beten, ſich dieſer Freundſchaftspflicht zu unter⸗ ziehn. Mehrere Monate vergingen, Klotilde ſchrieb oft an ihren Mann zaͤrtliche, ſeelenvolle Briefe, woraus, trotz der ſeltſamſten Verwirrung, ein treffliches Herz, ſogar das ſtille Leiden einer von ihren Kindern getrennten Mutter ſprach. Auf dieſe beiden liebenswuͤrdigen Kinder rechnete Be⸗ rard bei dem Vorhaben ſeiner Frau die Augen zu — 237— offnen und ſie von der empfindſamen Donguichote⸗ rie zu heilen, der ſie die Ruhe und das Gluͤck ihres Hauſes preis gab. Adolph und Zoe waren zwiſchen drei und vier Jahren. Sie hatten ihre Mutter dann und wann vor deren Abreiſe geſehen, öfters eine Lieb⸗ koſung, eine Naͤſcherei von ihr, gleich wie von ei⸗ ner Fremden, bekommen, die ihren Blicken ſchnell wieder entſchwand; ſie begannen, ſie zu unter⸗ ſcheiden, ihr zu ſchmeicheln, um die Leckerbiſſen zu erhalten, welche ſie ihnen bot, und ſpuͤrten, nach kindiſcher Begehrlichkeit, an dem Ausbleiben der Bonbons, das Verſchwinden der Geberin, und fragten nach ihr. Berard antwortete, ſie wäre weit, weit weg; vielleicht wuͤrden ſie ſie niemals wiederſehn.„Nun, ſagte Adolph, wir haben Mutter Annen, die wird uns Zuckerwerk und ge⸗ brannte Mandeln geben.“„Ja, verſetzte Zoe, die andre Mutter kann gehen, wohin ſie will.“„Die andre Mutter hat uns ſicher nicht lieb, weil ſie ſo von uns weggegangen iſt,“ ſprach Adolph. „Schade, ſagte ſeine kleine Schweſter, wir hatten ſie recht lieb, kuͤßten ſie recht von Herzen. Nun, ſo kuͤßen wir Mutter Annen.“ Derglei⸗ chen kindiſches Geplander erneute ſich oft, und erregte in Verard eine ſo heftige Erſchuͤtterung, daß er ſie mähſam vor den Kindern verbarg. Dann ſchloß et die Kleinen in ſeine Arme, liebkoſte ſie zaͤrtlicher, und trachtete ihnen die Abweſenheit der Mutter zu vergäten. Den halben Winter brachte Klotilde in Wei mar zu, darauf begleitete ſie ihre Freundin nach der Schweiz, wo der Obriſt die ganze Zeit ſeiner Geneſung uͤber verweilte. Haͤuſige Nachtwachen am Krankenlager ihres Gemahls hatten die Geſund⸗ heit der Frau von Artigues erſchoͤpft; ein bösarti⸗ ges Fieber befiel ſie ſelbſt und ſetzte ihr Leben in Gefahr. Nun erſt bewies die dienſtfertige Klotilde ihr die vollkommenſte Hingebung, den unermuͤd⸗ lichſten Eifer. Tag und Nacht wich ſie nicht von ihrem Bett, beobachtete die Entwickelung des furchtbaren Uebels, ſcheute keine Gefahr, die ſie ſelbſt bedrohen mochte, ſcheute die Entſtellung ih⸗ res lieblichen Antlitzes durch die äußerſte Anſtren⸗ gung nicht, welche ſchon ſichtbar ward. Lange dauerte es, ehe Frau von Artigues ſich erholtez —— 289—— ei⸗ erſt gegen Ende des Lenzes gewann ſie Kraft, eine nd Reiſe zu uͤberſtehn, und kehrte nach einer Abwe⸗ g, ſenheit von ſieben Monaten nach Paris zuruͤck. mn Klotilde war faſt nicht minder verändert, als ihre ſie Freundin, eine ungemeine Blaͤſſe bedeckte ihre Zuͤ⸗ er ge und hatte deren Glanz ausgeloͤſcht, während ihre Magerkeit dieſelben ſogar verwandelt hatte; i⸗ allein die Baronin war geneſen, kam nach Paris, 5 erzaͤhlte uͤberall, was ihre liebe Klotilde fuͤr ſie r gethan, rief ſie uͤberall als eine Heldin der Freund⸗ ſchaft aus, und dieſe Vorſtellung vergutete im Voraus ſchon das uͤberſtandne Leiden. Ihrem Mann hatte ſie nicht genau den Tag ihrer Ankunft melden koͤnnen; der Zuſtand der Geneſenden verurſachte außerordentliche Statio⸗ nen auf der Reiſe und erlaubte nur ſehr kleine Tag⸗ reiſen zu machen. Berard, der lange ſchon auf die Lehre dachte, welche ſeine Frau bekommen ſollte, benutzte indeſſen den Abzug des Portiers vom Hauſe, in welchem er wohnte, um mit drei ſeiner Leute zu wechſeln, welche bei ſeinen häͤufigen Abweſenheiten ganz muͤßig waren und auf aller⸗ hand Ausſchweifungen verfielen. Die gute Am⸗ me hatte zu ihrem Hausweſen in der Picardie zu⸗ ruͤck gemußt, und war durch eine ihrer Schweſtern erſetzt, welche die Kinder Mutter Blondel hießen: eine treffliche, heitre, freimuͤthige Frau, die im⸗ mer ein kleines Hiſtörchen im Munde hatte, und die Adolph und Zoe wie ihre eigne Mutter lieb⸗ ten. So kannte Niemand im Hauſe Frau Be⸗ rard, und gewiſſe Gevatterinnen aus der Nach⸗ barſchaft hielten dieſe fur eine Landſtreicherin. Kaum war ſie im Hauſe der Baronin abge⸗ ſtiegen, ſo fuhr ſie zu ihrem Mann, voll Freude, ihn und auch ihre Kinder wiederzuſehen. Der Portier fragt: zu wem ſie will? Sie antwortet, ſie ſei die Frau des Architekten im erſten Stock. Man antwortet ihr, der habe keine Frau, er ſei freilich einmal verheurathet geweſen, allein die Frau ſei ſchon lange verſchwunden, und da er ſelbſt nicht zu Hauſe wäre, koönne man Niemand hereinlaſſen.„Wie, verſetzte Klotilde, gekraͤnkt und beſtuͤrzt, man will mir den Eintritt in meine eigne Wohnung verwehren! Ruft die Kammerfrau und den Jokei, daß ſie meine Chatulle, meine 3 Kartons, meinen Nachtſack herauftragen!—“ — 241— Der Pottiet ruft:„Mamiſell Urſel! Franz!“ „Nicht doch, ſchreit Klotilde ereifert, ich will Roſe' und James herhaben.“ Es erſcheinen auf den Ruf eine Kammerfrau von funfzig Jahren, im runden Haͤubchen, im Oberrock, und ein alter einaäugiger, lahmer Bediente, die ſagen, daß ſie ſeit ſechs Monaten bei Herrn Berard dienen, und gar nicht die Ehre haben, die Frau zu kennen, welche ſie mit forſchenden, argwoͤhniſchen Blicken muſtern.„Nun, ſo laßt den Koch kommen, der wird mich vielleicht noch kennen.“ Eine dicke Bre⸗ tagnerin erſcheint, mit aufgeſchlagener Schuͤrze, einer alten Neſſeltuchhaube auf dem Kopf, einer Tabacksnaſe, und fragt in ihrem Patois, das man kaum verſteht, was ſie ſolle, und wer die Fremde ſei?„Es ſcheint, ſagte Klotilde, außer ſich vor Grimm, man hat in meiner Abweſenheit veinen Tiſch gemacht; aber man wird doch meine Kinder nicht weggegeben haben: wo ſind ſie?“— „Auf der Terraſſe mit der Waͤrterin,“ antwortet der Bediente. Die Reiſende geht ſogleich hinauf, eine ſehr ſchoͤne deutſche Puppe fuͤr Zoe in der ei⸗ nen, einen Huſaren zu Pferde fuͤr Adolph in der Lr Theil⸗* 3 Q 242 andern Hand. Sie trifft ſie wirklich dort, auf ein Ammenmaͤhrchen horchend, das Mutter Blondel ihnen erzaͤhlt, und woruber ſie ſich tod lachen wol— len.„Guten Tag, lieben Kleinen!“ ruft ſie, breitet die Arme nach ihnen aus, und will ſie an die Bruſt druͤcken; aber die Kinder laufen davon und retten ſich zur Amme.„Nun, kommt doch, kennt ihr die Mutter nicht?“„Sie, Frau, ver⸗ ſetzte Frau Blondel, nicht moͤglich!“„Komm doch, Adolph! ſieh, ich bringe Dir einen ſcho⸗ nen Huſaren mit Schnurbart und Säbel, und Dir, liebe Kleine, eine große Puppe im Ball⸗ anzug; aber wenn ihr ſie haben wollt, muͤßt ihr die Mutter kuͤßen!“ Die beiden Kinder liefen ſchnell, fielen der Mutter Blondel um den Hals, und kamen dann zu der Fremden, die Spielſachen zu empfangen, der Meinung, ſie hätten das dafuͤr von derſelben Verlangte vollzogen. Klotilde er⸗ röthete vor Schaam und Schmerz und uͤberzeug⸗ te ſich, ihre Kinder kennten ſie nicht mehr. Sie faßte darauf jedes bei einer Hand, und erinnerte ſie an alles, was ſie ihrem Gedaͤchtniß vergegen⸗ wärtigen wollte.„O ja, ſagte Adolph, wir hat⸗ 0 — 243 * ten eine Mutter, eine recht ſchoͤne Mutter.“„Das bin ich, Kind!“„O nein, verſetzte Zoe: Du biſt nicht ſchön, Du.“„Wenn Du Mutter biſt, fuhr Adolph fort, und betrachtete ſie genauer, warum biſt Du denn ſo blaß?“„Weil es mir ſo traurig ergangen iſt, da ich nicht bei Euch war.“—„Das iſt recht; warum biſt Du fortgegangen? Bleib hier, wir wollen Dich lieb haben!“„O ja, wir wollen recht artig ſeyn!“ ſagte Zoe.„Nein, ich verlaſſe Euch nicht mehr,“ rief Klotilde, und Thraͤnen erſtickten ihre Stimme;„kommt, lieben Kinder, auf den Schoos, der Euch getragen hat, an das Herz, das ihr erſchuͤttert, ich habe Eure Rechte daran zu ſehr verkannt. Wie theuer macht Euch mir die Lehre, die Ihr mir gebt!“ Die Gebehrde der Mutter ruͤhrte die Kinder, ſie weinten mit Klotilden, welche ſie allmaͤhlich erkannten und mit den erſten unſchuldsvollen Lieb⸗ koſungen begruͤßten. Aus dem Grunde des Ge⸗ machs, das auf die Terraſſe ging, ſah Berard, was ſich dort begab und theilte die heftige Bewe⸗ gung ſeiner Frau.„Und Euer Vater, wie hat ihn meine Abweſenheit geſchmerzt!“ fuhr Klotilde, 2 —— unausſprechlich erſchuͤttert, fort.„Vater, ja, der ſpricht immer von Dir, verſette Zoe, und ſagt, wir ſollten Dich immer lieb haben!“„Er giebtuns alle Morgen Zuckerwerk in Deinem Namen, und ſchmeichelt uns, und alle Abend muͤſſen wir Gott fur Dich bitten.“„Iſt das Deine Rache! rief Klotilde, o, wie verlangt mich nach ihm; aber wie werde ich vor ihm ſtehn?“—„Falle ihm an's Herz, rief Berard und trat vor. Habe ich Dich endlich wieder!“„Ach, Du biſt nie aus meinem Herzen gekommen! rief ſie, trunken vor Freude und Ruͤhrung. Wenn Du mich noch liebſt, wenn Du ſo großmuthig ſeyn willſt zu vergeſſen.“— Berard hielt ihr den Mund zu und ſagte ihr in's Ohr:„Ich habe Dir die Achtung und die Liebe unſrer Kinder erhalten; ich bitte Dich, zerſtöre nicht mein Werk!“ Dieſer letzte Zug drang Klotilden ſo durch die Seele, daß ſie einige Augenblicke ſprachlos blieb. Sie fuhlte, daß nichts in der Welt ihr ihren Mann, ihren Sohn, ihre Tochter erſetzen koͤnne; ſie weihte ihnen von nun an jede Sorgfalt, ſchenkte ihnen 4— 245— alle Zaͤrtlichkeit, und vergaß zeitlebens nicht die Demuͤthigung der Fremden daheim. 10. Das Uebermaaß von Zuvorkommung. Wenn Froſtigkeit und alberne Eitelkeit dem Gluͤck der Gatten Eintrag thun, ſo iſt eine zu unbedingte Zuvorkommung auch oft von gefaͤhr⸗ licher Wirkung fuͤr daſſelbe, und das erleſenſte Verhaͤltniß kann dadurch entarten. Die Liebe erſtirbt, wenn ſich der Gegenſtand, der ſie einflöß⸗ te, herabwuͤrdigt: man will ſtolz ſeyn auf das, was man liebt. Des Uebermaaßes der Anhäng⸗ lichkeit wird das Herz ſatt, und behandelt endlich als Sklave auch ein vorzuͤgliches Weſen, wenn es alle ſeine Neigungen demſelben unterwirft, ſo⸗ — 246— gar deſſen Unarten ſchmeichelt, und die Wurde des Selbſtgefuͤhls opfert, worauf die Gleichheit der Rechte ſich ſtuͤtzt. Beſonders ſind die Maͤnner zu einem ſolchen Despotismus geneigt, und es iſt wichtig, die jungen Frauen dawider zu waffnen, die ſich liebender, ſchuͤchterner, ſchwaͤcher, unver⸗ merkt ihr Recht der ehelichen Gleichheit verkuͤm⸗ mern laſſen, fuͤr ein freundliches Wort, einen Häͤndedruck, einen zaͤrtlichen Blick die Wuͤrde aufopfern, die ihnen die Natur verliehen, der Gewalt der Sitte entſagen, welche das Gleichge⸗ wicht zwiſchen beiden Geſchlechtern erhält und die Kraft des ſtaͤrkeren der unwiderſtehlichen Anmuth des andern unterwirft. Helene von Merval war die Tochter eines Staatsrathes, der auf einer Geſandſchaft, wo⸗ durch Frankreich der Friede geſchenkt wurde, in Deutſchland ſtarb. Ihre Mutter, deren Werth ih⸗ rer Zaͤrtlichkeit fuͤr die Tochter gleichkam, verheu⸗ rathete ſie mit dem Baron Dapremont, einem jungen Diplomaten, welcher ſich bei mehreren wichtigen Sendungen ausgezeichnet hatte. Die Heurath war anfangs eine Convenienzverbindung, 0 4 — 247— wurde dann aber das Werk der Liebe. Helene erregte in dem Baron die heftigſte Leidenſchaft. Sie beſaß die trefflichſten Eigenſchaften des Ge⸗ muͤthes, eine ungemeine Beleſenheit, einen beo⸗ bachtenden Geiſt, wie man ſie nimmermehr bei einem ſo jungen Geſchoͤpf vermuthen mochte; vor allem ſchrieb ſie mit einer Leichtigkeit und Klarheit, welche das gruͤndlichſte Studium und den lauter⸗ ſten Geſchmack vorausſetzten. Geleitet von ihrer Mutter, hatte ſie lieber nach weſentlichen Kennt⸗ nißen als den fluͤchtigen Talenten geſtrebt, welche die jungen Frauen meiſt vernachläſſigen, ſobald ſie an die Spitze eines Hausweſens treten. Sie ſah alle ihre jungen Freundinnen Pinſel und Lyra bei Seite legen und auf eine unerträgliche Nichtig⸗ keit des Daſeyns in der haͤuslichen Einſamkeit be⸗ ſchraͤnkt; darum begehrte ſie in Seele und Geiſt einen ächten, unverwuͤſtlichen Gehalt zu ſammeln, der ſie vor den Verſuchungen der Muͤßigkeit und der Langeweile ewig ſicherte, doch nie denſelben denſelben ſehen zu laſſen. Sie ſcheute nichts mehr als den Ruf einer gelehrten Frau; unter dem einfachſten Aeußern und hinter der ſanfteſten 248— Beſcheidenheit verbarg ſie ihren Werth dergeſtalt, daß ſelbſt ihr Mann ihn lange nicht bemerkte. Dapremont beſaß dagegen nicht minder, wodurch Fraͤulein von Merval gluͤcklich, worauf ſie ſtolz ſeyn mochte: einen hohen Wuchs, ein edles ausgezeichnetes Geſicht, Ton und Art eines Mannes, welcher an mehreren europäiſchen Hoͤ⸗ fen gelebt hat, den Scharfblick eines gewandten Pofmannes, der das Geheime der Gedanken durchſchaut, eine leichte, bilderreiche, uͤberzeugende Beredſamkeit, immer ein Beweis von ungewoͤhn⸗ lichem Talent; allein mit allen dieſen Vorzuͤgen war eine Heftigkeit verbunden, die den Baron zuweilen bis zur Unart hinriß, und eine Halsſtar⸗ rigkeit der Meinung, eine Art von herriſchem Geiſt, die er geſchickt verhuͤllte, die ihm aber doch mehr als einen von den uͤbrigen Diplomaten zum Feinde gemacht hatten. Frau von Merval, die ſcharf und hell ſah, hatte den halsſtarrigen Cha⸗ rakter des Barons durchſchaut, wie ſehr er in ih⸗ rer Gegenwart ſich auch Gewalt angethan: ſie glaub⸗ te ihrer Tochter die Bemerkung mittheilen zu muͤſſen, deren Gluͤck das Ziel ihres Strebens und ihr hei⸗ ——— —— 240 ßeſter Wunſch war.„Es iſt cköſtlich, es iſt ſchmeichelhaft fuͤr ein junges weibliches Weſen, ſich mit einem Mann von Kenntniſſen zu verbin⸗ den, deſſen Werth ihm Anſehn giebt und ihm die allgemeine Achtung erwirbt, ſagte ſie ihr; aber es iſt gefährlich ihm ſeine Ueberlegenheit zu oft fuͤhlen zu laſſen, ſeine Meinungen blindliugs an⸗ zunehmen und immer ſeinem Willen zu folgen. Bedenke, liebe Helene, daß die Rechte, die man einem anmaßenden Gatten vergönnt, für immer verloren ſind, und daß man bald zu ſeinem Skla⸗ ven wird, wenn man nicht dann und wann den Muth hat, ihm zu widerſtehn.“„Da wuͤrde eher Dapremont zu meinem Sklaven werden, er⸗ wiederte die junge Frau ihrer Mutter, denn ich muß ſeiner Aufmerkſamkeit fuͤr mich, ſeinem Entgegenkommen, das er bis zur äußerſten Unter⸗ wuͤrfigkeit treibt, oft ein Ziel ſetzen.“„Vertraue dem nicht zu ſehr, mein Kind. Der Löwe leckt auch die Hand, die ihn ſtreichelt, aber beim min⸗ deſten Widerſtande bruͤllt er und ſpuͤrt ſeine Staͤrke und Gewalt.“ Helene lächelte uͤber den ſchreck⸗ baren Vefgleich.„Wie kannich mir den als bruͤl⸗ 250.— lenden Loͤwen denken, ſagte ſie, der mich mit lau⸗ ter Zaͤrtlichkeit und Gefaͤlligkeit umgiebt, der mir an den Augen abſieht, was mich freuen koͤnnte, der keine andre Neigung, keinen andern Wunſch hat, als ich?“„Dergleichen, mein Kind, iſt oft nur eine Folge der erſten ehelichen Seeligkeit, Hingebung fuͤr die aͤußerſte Hingebung; aber ich wiederhole Dir, liebe Helena, wer einen Herrn Die erſten Monate, welche dieſer Unterredung folgten, uͤber⸗ erkennt, macht ſich zum Sklaven.“ zeugten die junge Frau, daß ſie nichts von der fuͤrchterlichen Sklaverei zu beſorgen habe, vor welcher ihre Mutter ſie zu bewahren ſuchte. Der Baron ſann tagtäglich nur, was ſeine liebe Helene freuen, wie er ihr ſeine Liebe ganz beweiſen koͤnnte. Von ihrer Anordnung hing das haͤusliche, das geſellſchaftliche Leben das Tages ab; was ſie ſagte, war allerliebſt, und was ſie wollte, mußte ſogleich geſchehn. nicht umhin, ihrer Tochter Gluͤck zu der vollkom⸗ menen ehelichen Zufriedenheit zu wuͤnſchen, welche ſie genoß, und meinte, ſie habe ihren Eidam vielleicht zu hart beurtheilt. Nicht lange, ſo wur⸗ Selbſt Frau von Merval konnte de dieſem eine geheime und ſchwierige Sendung an den berliner Hof vom Miniſter der auswaͤrti⸗ en Angelegenheiten aufgetragen. Er machte ſi fö hte eine Freude daraus, daß ſeine junge Gemahlin mit ihm reiſen ſollte, und auch ſie war erfreut, ihren Gatten zu begleiten und ihr wechſelſeitiges eheliches Gluͤck nicht unterbrochen zu ſehn. Nicht ohne lebhafte Ruͤhrung trennte ſie ſich von ihrer Mutter, und erhielt beim Abſchicdskuß noch ein⸗ mal die Warnung, wie gefaͤhrlich es ſei, einen Mann zu ſehr zu vergoͤttern und uͤber ſein Ver⸗ dienſt zu ſtaunen. Auf der erſten Station ſchon hatte ſie die Ermahnung der zaͤrtlichen, vorſichtigen Mutter vergeſſen, und fand ſich, nach der gluͤck⸗ lichſten Reiſe, hoͤchſt begluͤckt zu Berlin, bei Hofe, in den Kreiſen der Geſandten vorgeſtellt, wo ihre edle, anmuthige Haltung, der Zauber ihrer Beredſamkeit, ihre keuſche Wuͤrde, ihr Aller Huldigung erwarben. Ihre Liebe zu dem Baron wuchs täglich, und da keine warnende Mutter— ſtimme ſie hier zuruͤckhielt, ſo uͤberließ ſie ſich der aͤußerſten Sorgfalt und aller Zaͤrtlichkeit fuͤr ihn. Er bedurfte ja, fern von Paris, der zuvorkom⸗ menden Ruͤckſicht, der gefälligen Schonung, die des Staatsmannes koſtbarer Zeit, ſeinem von den wichtigſten Angelegenheiten ſtets geſpannten Geiſt gebuͤhren. Dapremont, der von Natur anmaßlich, an Schmeichelei und Zuvorkommung gewöhnt war, ließ ſich ſo viel, als ihr beliebte, von ſeiner Frau verzaͤrteln. Sie band ihm das Halstuch um, ſie parfuͤmirte ſein Schnupftuch, ſie half ihm den Rock anziehn, ja, ſie trieb die Gefälligkeit ſo weit, vor ihm niederzuknien und ſeine Schuhſchleifen zu binden: kurz, ſie hätte den Kammerdiener aller ſeiner Geſchäfte uͤberho⸗ ben, waͤre ihr nicht doch zuweilen die Warnung der Frau von Merval eingefallen, und hätte dem Uebermaaß von Zuvorkommung Schranken geſetzt, dem ſie ſich unbedenklich hingab. Dapremont war weit entfernt, ſeiner jun⸗ gen Frau Vorſtellungen wider dieſe Art von Selbſterniedrigung zu thun; er hatte ſeine Freude daran und war ſtolz darauf: mit einem beifälligen Lacheln, einem freundlichen Wort, einer gewand⸗ ten Liebkoſung hielt er ſie fuͤr abgefunden. He⸗ lene glaubte, dieſe vollkommenſte Ergebenheit mache — 253— ſie dem Geliebten noch theurer, ſie verdoppelte ihren Eifer, und betrachtete enblich als eine Hflicht, was anfangs nur ein Erguß von Zaͤrtlichkeit gewe⸗ ſen. Bald forderte Dapremont auch als ſolche, was er aus Zartgefuͤhl haͤtte ablehnen ſollen, und hielt Helenen ſtreng an, bei ſeinem Anzug zuge⸗ gen zu ſeyn, befahl ihr ſogar mehr als einmal in demſelben Ton, worin er ſeinen Dienſtleuten befahl. Einen ſolchen haͤuslichen Despotismus ubte er bei allen kleinen Gewohnheiten des täglichen Lebens uͤber ſie aus; dieſer verblendete ihn nach und nach uͤber den wahren Werth ſeiner Frau, und bald war ihr nicht die mindeſte Wallung, nicht der geringſte Einwurf mehr vergönnt. He⸗ lenens himmliſche Sanftmuth, ihre unwandel⸗ bare Beſcheidenheit vermehrten dieſe Verwirrungz, ihr Mann maß mit ſolchem Hochmuth den unge⸗ heuren Abſtand, den er zwiſchen ihr und ſich waͤhnte, hielt ſich ihr fur ſo unendlich uͤberlegen, daß er kaum auf die unvermeidlichen Fragen antwortete, die ſie an ihn richtete. Hochfahrend und ſtrenge, ſtets begehrend und nimmer mit — 2½— dem Geleiſteten ganz zufrieden, uͤbte er allmaͤh⸗ lich vollkommene Haustyrannei, uͤberließ ſich der gallſuͤchtigen Reizbarkeit, welche die Liebe ver⸗ ſcheucht oder erſtickt, und mitunter Hymens Fak⸗ kel in eine Fackel der Zwietracht verwandelt. Helene hatte, fern von Mutter und Vater⸗ land, dawider keine Stuͤtze, als ihre Liebe, kei⸗ nen Troſt dabei als Thraͤnen. Vergebens ſtellten die Warnungen ihrer Mutter ſich ihr im Gedächt⸗ niß dar, und verhießen ihr endloſes Leiden ob ihrer verderblichen Schwäche, wenn ſie dieſelbe nicht uͤberwände; ſie hatte nicht die Kraft dazu. Gleich dem Schilf im Wetter, das ſich nicht aus den Fluthen zu erheben vermag, weil der Sturm es immer wieder darin niedertaucht, vermochte Helene nicht dem herriſchen Ton, dem ſtrengen Blicke Dapremonts entgegenzutreten, und gerieth in die ſchmählichſte Knechtſchaft. Der Himmel erbarmte ſich ihrer Leiden. Dapremonts Hochmuth hatte einige hohe Perſonen verſtimmt, von deren Einfluß der Erfolg ſeiner Sendung abhing; mit dem franzoͤſiſchen Geſand⸗ ten hatte er ſich in Rangſtreit, in Nebenbuhlerei 255 eingelaſſen, ihn erzuͤrnt, und man berief ihn zu⸗ ruͤck nach Paris. Es kränkte ihn tief, Helene verſuchte ihn zu troſten; doch erleichterte ihren Kummer der Gedanke, ihre Mutter, die Ihren, ihr Vaterland wiederzuſehn. Die Reiſe war mühſelig, die junge Frau mußte mehr als jemals ausſtehn, weil die erlittne Widerwaͤrtigkeit ihres Mannes Charakter erbittert hatte. Vergebens verdoppelte ſie ihre Aufmerkſamkeit, ihre Freund⸗ lichkeit, er nahm Alles trocken auf, mit herber Erwiderung, oft mit beleidigender Verachtung, und das arme Opfer ertrug es geduldig. Sie wollte gern vor ihrer Mutter heiter ſcheinen, den Ausdruck von Zufriedenheit im Geſicht zeigen, der es ſeit ſechs Monaten nicht mehr beſeelt; al⸗ lein umſfonſt verhehlte ſie, was ſie gelitten: dem Scharfblick der Frau von Merval entging nichts. Ihre Tochter ſchien ihr ſchrecklich veraͤndert. Ihre Augen, deren Blick ſonſt ſo offen war und ſo ſanft, waren wie verſchleiert und erbleicht von Thränen. Alle Augenblick zitterte von unterdruͤcktem Seufzen ihre Stimme, und jedes Wort ihrer 256 bebenden Lippen trug den Stempel der demuͤthig⸗ ſten Unterwürfigkeit. Beſonders in Gegenwart ihres Mannes entſchluͤpften dieſe Anzeigen eines geheimen Leidens der jungen Frau, ſie konnte, ſelbſt im Beiſeyn ihrer Mutter, die Art von Schau⸗ der nicht uͤberwinden, die er ihr eingejagt. „Du biſt nicht gluͤcklich, liebe Helene, ſagte eines Tages Frau von Merval zu ihr. Du tragſt laſtende Ketten.“„Ich, Mutter! glauben Sie mir, ich bin zufrieden, ich genieße den Vorzug —“„Des Ranges, einer befriedigten Eitelkeit, o ja, aber es fehlt etwas Deinem Herzen, mein Kind, das ich beſſer kenne als jeder Andre, und mich täuſcheſt Du nicht!“ Die muͤtterliche Guͤte vuͤhrte Helenen, ſie konnte derſelben nicht wider⸗ ſtehn, das natuͤrliche und gewohnte Vertraun wachte auf in ihrem Herzen, ſie fiel ihrer Mutter um den Hals und ergoß ſich in einen Strom von Thraͤnen.„Weine Dich aus, armes Kind, weine Dich aus an meiner Bruſt, und finde da Deine Kraft und Wuͤrde wieder. Iſt es nicht ſo, He⸗ lene, hat nicht, wie ich es vorausgeſagt, das Ueber⸗ maaß Deiner Liebe Deinen Mann entzaubert/ — 57— das Uebermaaß Deiner Zuvorkommung ihn des⸗ potiſch gemacht.“„Es iſt wahr, aber ich habe kein wirkliches Recht auf ſeine Liebe verloren! Meine Begeiſterung fuͤr ſein Verdienſt, meine uͤbergroße Zaͤrtlichkeit haben ſeine Eitelkeit ver⸗ leitet; ſeine Achtung beſitze ich noch, ja, ich kann ſagen ſeine Verehrung, wegen meines ſtrafloſen Wandels und meiner Ergebenheit fuͤr ihn.“„Ich halte auch keineswegs das Unheil fuͤr unabwend⸗ lich, ſagte Frau von Merval; unterſtuͤtze mich, gute Helene, und ich verſpreche Dir, Dapremont kehrt zu dem achtungsvollen Benehmen gegen Dich zuruͤck, das er Dir ſchuldig iſt, und ſchenkt Dir vielleicht ſeine ganze Liebe wieder.“„Ach, Mutter, hoffen Sie das nicht! mein Mann iſt zu ſtolz.“„Sei Du es auch.“„Sein Sinn iſt unerſchuͤtterlich.“„Sei Du auch feſt.“— „Er bräche los.“„Deſto beſſer; ſo wäre er ge⸗ ſchlagen.“„Er ließe ſich ſcheiden.“„Er wuͤrde ſich nur inniger an Dich ketten.“„Er verließe mich.“„Er kaͤme zu Dir zuruͤck.“ Frau von Merval beſaß gleich viel Kraft des Geiſtes und des Willens, und hatte ſelbſt erfahren, 1r Theil. R 6— daß ein Mann nicht ſo leicht eine ſchoͤne, ſanfte, ſtrafloſe Frau verlaͤßt, deren einziges Unrecht darin beſteht, daß ſie ihn uͤbermäßig liebt. Sie that demnach, als bemerke ſie die Unart und Anma⸗ Füng ihres Schwiegekſohnes nicht, der ſich auch in ihrer Gegenwart ſehr zuſammennahm, und Helene ihrerſeits zeigte von nun an die unerſchut⸗ Leblichſte Ruhe, ſo oft ihr Mann dies oder das von ihr ſorderte, reichte es ihm allezeit ohne Be⸗ ſriſſenheit; wurde er ungeduldig und verletzte den Anſtand, ſo beſchwichtigte ſie durch Kaltbluͤtig⸗ keit, Dienſtfertigkeit und Freundlichkeit allmaͤhlig ſeinen Ungeſtuͤm und ſein Aufbrauſen. Der Des⸗ pot ward der unnuͤtzen Polterei nach und nach muͤde, und begehrte gemäßigt, was er ſonſt mit Ungeſtuͤm Helene, die ſich ohnehin nicht ohne Zagen und Ge⸗ walt in der äußerlichen Zuverſicht behauptete, welche zum Gelingen ihrer Abſicht ſo noͤthig war. Indeſſen erbitterte Dapremont die froſtige, zuruͤckhaltende Behandlung, die er vom Miniſter Der geringe Erfolg der ihm anvertrauten, bedeu⸗ verlangt. Dieſer erſte Erfolg ermuthigte die arme der auswärtigen Angelegenheiten täglich erfuhr. tenden Sendung hatte ihm völlige Ungnade zuge⸗ zogen, er wollte ſich rechtfertigen, und darthun, wie nur der franzoſiſche Geſandte am Berliner Hofe ſeine Erfolge hintertrieben; er war mit rechtfertigenden, dieſes beweiſenden Dokumenten verſehn; aber da die Gewalt immer den Schwä⸗ chern dem Staͤrkern opfert, uͤberdem ſein Gegner ſich im Beſitz von Acten befand, die den Miniſter ſelbſt haͤtten compromittiren können: ſo nahm dieſer keinen Anſtand Dapremonts Benehmen zu tadeln. Dapremont zog ſich wuͤthend zuruͤck, und verhieß ſich, nicht wieder in der Diplomatie aufzu⸗ treten, bevor er nicht von dir Schuld gereinigt waͤre, die man ihm aufbuͤrdete, und des hohen Vertrauens wuͤrdig befunden, das man ihm be⸗ zeugt. Dieſer Unfall konnte ihn um ſeinen Poſten bringen und auf ſeiner glaͤnzenden Laufbahn zu⸗ ruͤckwerfen. Er ſuchte ihn, dem Anſchein nach, muthig zu ertragen, aber er untergrub ſeinen Frie⸗ den; ſein Ehrgeiz blutete ins Geheim, und die Haͤrte ſeines Gemuͤthes wurde unertraͤglicher. Da erſchopfte Helene umſonſt Geduld und Entgegen⸗ 2 R 2 — 260— kommen, erinnerte ihn an mehrere Vorfaͤlle, die eine Menge von Beweiſen wider ſeine Gegner lie⸗ ferten, und ihm das Vertraun der Regierung und deren Achtung wiedergewinnen mochten; er ant⸗ wortete kaum auf das, was das junge Weib ſprach, hoͤrte ſie mit verachtungsvollem Vorurtheil an, und begriff nicht, wie ſie ſich ſo weit vergeſſen Lönnte, ihm Rath geben, ihm ein Benehmen vorſchreiben zu wollen. Helene ſchwieg demnach; aber von Frau von Merval geleitet und unterſtutzt, kam ſie ihm auch in keinem Dinge mehr zuvor, und verfolgte ſtandhaft ihre vorgeſchriebne Bahn. Ein Ereigniß, das ſich um jene Zeit zutrug, ſchien ihr dabei ein Hinderniß in den Weg werfen zu wollen. Der Obriſt Saint⸗Charles, ein Oheim des Barons und Innhaber einer ſehr ſchoͤnen Be⸗ ſitzung bei dem Dorfe Saint⸗Prir, ſtarb, und Dapremont ergriff, da er in Ungnade ſtand, eifrig dieſe Gelegenheit Paris zu verlaſſen. „Jetzt iſt es Zeit, ſagte Frau von Merval zu ihrer Tochter, den entſcheidenden Schlag zu thun, und die Bekehrung zu bewirken, die nothwendig zu Deinem Gluͤcke gehört. Dein Mann iſt ver⸗ die lie⸗ nd nt⸗ eib ei ſen nen ch; tzt, or, hn. ug, rfen eim Be⸗ und ifrig l zu hun, ndig ver⸗ — 261— wundert, nicht mehr von Dir die Aufmerkſamkei⸗ ten zu erfahren, woran Du ihn gewohnt hatteſt; aber er ſchreibt dies mir zu, und will Dich zur al⸗ ten Sklaverei zuruckbringen, ſobald wir getrennt ſeyn werden: darum hat er mir nicht angetragen Euch in das Thal von Montmorench zu begleiten. Du mußt dies benutzen, um den Despoten immer allmaͤhlig dahin zu bringen, daß er den Werth ei⸗ ner Gefaͤlligkeit, einer Aufopferung einſehe, Deine Guͤte nicht mehr verachte, die er als das Gluͤck ſei⸗ nes Lebens hochhalten ſollte, nicht mehr Deinen Werth verkenne, den Du zuweilen mit allzuviel Be⸗ ſcheidenheit verhuͤlleſt. Bedenke wohl, daß Dujetzt das Gluͤck oder Ungluͤck Deiner uͤbrigen Tage in Haͤnden haſt, und folglich auch der meinen. Wenn Du ein einziges Mal nachgiebſt, meine Tochter, ſo fußt Dein Tyrann auf Deine Schwachheit und wird noch grauſamer werden; wenn Du beharrſt, Dich vei der Kraft erhaͤltſt, die Dir zukommt, ſo wirſt Du erleben, wie er nachgiebt, und Du ihm theu⸗ rer, als je zuvor, eben darum biſt, weil Du ihn über ein Unrecht aufgeklärt und davon zuruͤckge⸗ bracht haſt.“ — 262— Die junge Frau verſprach ihrer Mutter, ge⸗ treu das Vorgeſchriebne zu beobachten, und was auch ihr liebendes, verzagtes Herz dabei leiden möchte, punktlich ihrer Vorſchrift nachzukommen. Sie reiſte nach Saint⸗Prix mit ihren Gatten. Er war entzuͤckt, ſeine unterthaͤnige Sklavin davon zu fuͤhren und der Aufſicht, Mutter zu entziehn, und zeigte ſich auch bald wie⸗ der in der vorigen Unart und Anmaßung. Helene ſah ſich halb und halb genoͤthigt ihm die Dienſte aber ſie kam der Leitung ihrer eines Kammerdieners zu leiſten; nicht, wie ehedem, dabei ſeinen Launen und Wuͤn⸗ ſchen zuvor, ſie that nicht mehr, als er forderte oder befahl, und das war viel fuͤr ſie. Jedoch dieſe goldene Zuruͤckhaltung von aller Zuvorkommung reichte noch nicht hin, es bedurfte auch des Mu⸗ thes, eine unanſtaͤndige, ſie, deren Rechte er haͤtte achten, deren Guͤte ſchonen ſollen, ernichrigende Forderung abzulehnen. Hundertmal wollte Helene dieſen kuͤhnen Vor⸗ ſatz ausfuͤhren, ſie wartete dazu die erſte Gelegen⸗ heit ab, wo ſie Dapremont ſeinen abgeſchmackten Despotismus fuͤhlbar machen könnte, ohne ihn zu — 263— ſehr zu verletzen, und eine ſolche ereignete ſich bald. Er liebte leidenſchaftlich die Jagd, und die Nachbarſchaft des Waldes von Montmorency bot ihm Gelegenheit die Jagdluſt zu genießen, welche auch ſeiner Geſundheit wohl that. Seitdem die große Jagd offen war, gins er ſchon fruͤh aus und kehrte nie vor Nacht zuruͤck, oft ermuͤdet, abge⸗ hetzt und in der ubelſten Laune. Eines Tages hatte er, bei regnichtem Wetter, den Wald bis an die Muͤhlen von Chanvry durch⸗ ſtreift, ohne ein Stuͤck Wild zu treffen, und kam verdruͤßlich, durch und durch durchnaͤßt, voll Koth bis an die Knie, zu Hauſe. Helene beeilte ſich ihm friſche V Wäſche zu geben, und ſorgte zaͤrtlich fur ſeine Geſundheit, die ihr theuer war. Er da⸗ gegen warf ſich aufs Kanapee, ſtreckte ſeinen uͤber und uͤber beſchmutzten Fuß von ſich, und ſagte gzu ſeiner Frau:„zieh mir die Kama⸗ ſchen aus!“ Sie that⸗ als ob ſie es nicht hörte, ſammelte alle ihre Stärke, ſprach ſich Muth ein, und beſchloß, nicht ohne maͤchtiges Herzklopfen, diesmal dem unbekehrbaren Despoten die verdiente — 264— Lehre zu geben.„Nun, hoͤrſt Du nicht? fuhr e noch groͤber auf: mach ſchnell, und ziehe mir die Kamaſchen aus!“ Helene ſah ihn vom Kopf bis zu den Fuͤßen an, klingelte und ſagte zu dem eintretenden Bedienten:„zieh er dem Herrn die Kamaſchen aus!“ Dapremont errothete und ſaß erſtaunt. Es war das erſte Mal, daß ſeine Frau ſich ihm widerſetzte, und doch war ſie allein und fern von ihrer Mutter. Ihr Ton, ihre Art, ihre Haltung, zeugten von einem feſten, wohluͤber⸗ legten Entſchluß. Waͤhrend der Bediente ihm die Kamaſchen aufknoͤpfte, hielt er die Augen mit ſtrengem, forſchendem Blick unverwandt auf Hele⸗ nen geheftet. Sie vermochte nicht denſelben zu ertragen; aus Furcht, ihr angefangnes Werk zu zerſtören, verließ ſie das Zimmer, und ging in den Salon. Ihr Mann kam ihr nicht nach, ſondern ließ ſagen, er waͤre uͤberaus muͤde und ginge zu Bette. Helene ſchickte einige Mal und ließ fragen: ob er etwas wuͤnſche? hatte jedoch ſo viel Gewalt uͤber ſich, unter dem Vorwande, ihn nicht zu ſtoren, ſein Zimmer nicht mehr zu betre⸗ ten, woruͤber der Jäger alle Faͤhrte verlor. Er verbrachte die Nacht im Nachdenken uber die ſeltſame Umwandlung ſeiner Frau, und dieſe überlegte während derſelben ebenfalls unaufhör⸗ tich, was ſie gewagt, und war ſehr beſorgt ihren Mann beleidigt, ſeinen Hochmuth gekrankt und ſeinem Anſehn zu ſehr getrotzt zu haben. Fruͤh Morgens ließ ſie ſich nach ſeinem Befinden erkun“ digen, er antwortete, daß er ſchlecht geſchlafen und heftiges Halsweh haäͤtte. Helene flog zu ihm, pflegte ihn mit der zärtlichſten Sorgfalt; das mil⸗ de Entgegenkommen, das ſie aus Pflicht und aus Gewohnheit uͤbte, entzuͤckte den Despoten und er⸗ regte in ihm die Meinung, die arme Sklavin ſei wieder in ihre Feſſeln zuruͤckgekehrt. Mit ernie⸗ drigender Verachtung und mit quälendem Trotz be⸗ handelt er ſie nun, welche ſie ſelbſt durch die Art von Selbſtentäußerung hervorgerufen, wozu ſie ſich herabgelaſſen und wodurch ſie bei ihm den Wahn eines ungeheuren, zwiſchen ihm und ihr beſtehenden Abſtandes veranlaßt hatte, den ſie weder Kraft noch Willen habe zu ermeſſen. Nach⸗ dem er dermaßen die Geduld der guten Helene er⸗ ſchopft, ſtand er quf, kleidete ſich an, unb ſtemmte —— ihr, wie gewoͤhnlich, den Fuß hin, daß ſie ſeine Schuhſchleifen binden ſollte. Er freute ſich ſchon, ſie wieder vor ſich knien und ihre Verwegenheit vom vorigen Abend einigermaßen abbuͤßen zu ſehn; aber zu ſeinem maͤchtigen Erſtaunen, ſah ſie ihn ernſt und wuͤrdevoll an, klingelte den Kammer⸗ diener, und ſagte im Hinausgehn:„Binden Sie Ihrem Herrn die Schuhſchleifen und vergeſſen Sie das von nun an nie wieder.“ Nach dieſer beſtimmt wiederholten Weige⸗ rung konnte Dapremont nicht zweifeln, daß ſeine Frau beſchloſſen haͤtte, der Sklaverei, worin er ſie hielt, ein Ende zu machen. Verglich er dann ihr letztes entſchloſſenes Ablehnen mit der zaͤrtli⸗ chen Sorgfalt, die ſie ihm am Morgen bewieſen, womit ſie ſo eifrig ſein Leiden gelindert: ſo er⸗ kannte er wohl, daß ſie immer ſo bereit ſeyn woll⸗ te, die Pflichten einer zärtlichen und aufmerkſa⸗ men Gattin zu erfullen, als ſie entſchloſſen wäre, ihre Wuͤrde zu behaupten. Er verfiel uͤber dieſe Betrachtungen in tiefes Sinnen. Den ganzen Tag uͤber vermied er Helenens Gegenwart, ſpeiſte in der Nachbarſchaft, kam am Ahend einſilbig 2— und nachdenklich nach Hauſe, begab ſich in ſein Ge⸗ mach, und vollbrachte die Nacht in unaufhoͤrli⸗ chem Kampf zwiſchen Stolz und Liebe, Beifall und Mißbilligung. Nicht minder unruhig war die junge Frau, ihr Widerſtand kam ihr verwegen vor, ſie fürch⸗ tete, ſie haͤtte das heftige Gemuͤth, die unbaͤndige Eitelkeit Dapremonts zu heftig gereizt: es graute ihr halb und halb, dem Rathe ihrer Mutter ſo puͤnktlich Folge geleiſtet zu haben, und wohl mit unausſprechlichem Bangen ſah ſie ihren Mann am Morgen in ihr Gemach treten. Sein Anſehn war verlegen und duͤſter, ſein Weſen das eines Mannes, der eine Gemuͤthsbe⸗ wegung zu verbergen ringt. Er richtete enblich den Blick auf Helenen, welche die Augen davor niederſchlug, und ſagte mit dumpfer Stimme: „Wir muͤſſen ſogleich nach Paris, gnaͤdige Frau, kommen Sie mit mir.“ Bei dieſen Worten ver⸗ ließ er das Zimmer, und das junge Weib folgte ihm bleich und in toͤdlicher Verlegenheit, uͤber⸗ zeugt, ſie habe durch eigne Schuld ſein ſtolzes — 268— Herz auf ewig von ſich entfernt, und voll Schmerz, es nicht mehr geſchont zu haben. Während der ganzen Fahrt von Saint⸗ Prix nach Paris redete Dapremont keine Sylbe mit ſeiner Frau, ſchien ſie kaum zu bemerken, und dies beſtaͤrkte ſie in ihrer ſchrecklichen Beſorgniß. In Gedanken, wie in weitausſehenden Plaͤnen verlo⸗ ren, befahl er dem Kutſcher raſch zu fahren, ließ vor dem Hauſe ſeiner Schwiegermutter halten, ſetzte dort Helenen ab, fuhr ſchnell die Gaſſe entlang und war im Augenblick aus ihren Augen ver⸗ ſchwunden. Zitternd erreichte ſie die Wohnung der Frau von Merval, und erzählte ihr mit der groͤßten Umſtändlichkeit das Vorgefallene.„Ach, Mut⸗ ter! rief ſie, und warf ſich ihr in die Arme, Mutter, was haben wir gethan!—“„Was uns die Ehre unſres Geſchlechtes und Dein gutes Recht geboten.“„Ich habe die Liebe meines Mannes auf immer verloren.“„Weil er Deiner Liebe nie werth geweſen iſt.“„Er wird ſich von mir ſcheiden laſſen.“—„So iſt es zu Deinem Gluͤck.“„Wie werd ich es ertragen!“„Mit —.———— Ergebung und durch den Gedanken, daß Du es nicht verſchuldet haſt“„Aber der ſchreckliche Schmerz!“„Die Achtung aller Rechtſchaffenen und die Liebe Deiner Mutter werden ihn lindern. Indeſſen Frau von Merval und ihre Toch⸗ ter ſo ſich mit einander beſprachen und das Aergſte befuͤrchteten, war Dapremont zum Miniſter der auswaͤrtigen Angelegenheiten gefahren; ein Billet deſſelben, das er am Morgen erhalten, hatte ſeine ſchnelle Abreiſe veranlaßt. „Ich erwarte Sie mit Ungeduld, ſagte der Miniſter, und reichte ihm die Hand: ich habe Ihnen Unrecht gethan, durch Andrer Schuld, und mich verlangt es gut zu machen. Maͤchtige, auf Ihr Verdienſt eiferſuͤchtige Leute hatten Ihren Sturz beſchloſſen; aber die kraͤftigen, einleuchten⸗ den Beweiſe, welche Ihr Memvir zu Ihrer Recht⸗ fertigung enthaͤlt—.“„Mein Memoir, gnädi⸗ ger Herr? Ich geſtehe, daß ich verzweifelt habe, meine Feinde zu entlarven und deshalb Eurer Ep⸗ cellenz auch nichts zur Pruͤfung uͤberreichte“„So hat es Jemand, ohne Ihr Wiſſen, ſtatt Ihrer gethan. Leſen Sie ſelbſt.“ Bei dieſen Worten — 270— gab er ihm eine ziemlich weitläuftige Schrift, de⸗ ren Zuͤge der Baron beim erſten Anblick fur die Handſchrift ſeiner Frau erkannte.„Derjonige, von dem es herruͤhrt, ſotzte der Miniſter hinzu, muß bei Ihrer Sendung zugegen geweſen ſeyn und alle Einzelnheiten derſelben kennen; man kann Sie unmoglich mit mehr Kraft und Klar⸗ heit vertheidigen, als Sie hier vertheidigt ſind, und deutlicher beweiſen, bis zu welchem Grade ihr Benehmen untadelhaft war. Sie ſind zur Be⸗ lohnung zum außerordentlichen Geſandten am ſͤch⸗ ſiſchen Hofe ernannt, und damit dergleichen, wie das Vorgefallne, bei den ſernern wichtigen Sen⸗ dungen, die Ihnen zugedacht ſind, nicht wieder geſchehen kann, ſo communiziren Sie unmittel⸗ bar mit mir ſelbſt. Dies alles ſchien Dapremont ein Traum. Er konnte nicht zweifeln, daß Helene ſelbſt die Schrift verfaßt habe, welcher er Rang und Ehre dankte; er flog zu ihr, er kam zu Hauſe, ſuchte ſie uͤberall, fragte alle ſeine Leute nach ihr, er⸗ reichte endlich die Wohnung ſeiner Schwiegermut⸗ ter, und fand das junge Weib, voll Schrecken beim Geraͤuſch ſeines Eintritts zuſammenſahrend. Sie lieſt in ſeinem Antlitz den Ausdruck der lebhafte⸗ ſten Froude, ſeine Augen richten ſich auf ſie mit dem ſeeligen Zauber der Liebe und Dankbarkeit; er druckt ihre Haͤnde an's Herz, an die Lippen, und vermag nichts zu rufen als:„Helene, liebſte Helene, wie hab ich Dich verkannt!“ Die Haſt, mit welcherer die Stufen hinaufgeflogen, die heftige Bewegung ſeines Innern verſtatten ihm nicht weiter zu re⸗ den. Helene forſcht, plötzlich aus Angſt in die ſeeligſte Wonne verſetzt, nach dem Grund einer ſo unverhofften Umwandlung ihres Gatten.„Ich komme vom Miniſter, ſagt er. Hier dies Me⸗ moir von Deiner Hand—“„Gott! bin ich doch ſo gluͤcklich geweſen durchzudringen?“— Sie geſtand darauf, daß, da ſie ihren Mann als Op⸗ fer einer Verläumdung erblickt, die er umſonſt widerlegte, und welche zum Ungluͤck ſeines Lebens haͤtte ausſchlagen können, ſie zum erſten Mal ge⸗ wagt hätte, den Strom ihrer Gedanken der Feder anzuvertraun. Sie hätte mehrere Actenſtücke zur Rechtfertigung des Barons, welche dieſer durch⸗ einander auf ſeinem Arbeitstiſch liegen ließ, ge⸗ — 272— ſammelt, ihre einſamen Stunden verwandt, ſeine Rechtfertigung abzufaſſen, und das Memoir ei⸗ nem ihrer Freunde vertraut, welcher mit dem Mi⸗ niſter bekannt war und ihr verſprochen hatte, es Niemand zu üͤbergeben, denn ihm ſelbſt.„So haſt Du, fuhr Dapremont fort, indeſſen ich Dich zu einer Knechtſchaft erniedrigte, woruͤber ich vor Schaam erroͤthe, indeß ich Dich mit jenen ſchwach organiſirten Weſen verwechſelte, deren Loos iſt zu kriechen und zu gehorchen, Dich uͤber die Frauen Deines Alters erhoben, meine Fein⸗ de bekaͤmpft und meine Ehre gerettet! En⸗ gel von Guͤte, ich gelobe Dir von Neuem Dich zu lieben, Dich zu ehren, als das Muſter Deines Geſchlechtes. Helene, indem Du Deine Wuͤrde behauptet haſt, haſt Du mir die meine wieder⸗ gegeben!— Und Sie, Mutter, ſagte er zur Frau von Merval, welche die Wonne ihrer Toch⸗ ter theilte, Sie haben durch Ihren Rath, ihren Beobachtungsgeiſt, ihre Seelenſtärke dies gluͤck⸗ liche Ereigniß Helenen und mir herbeigefuͤhrt. Es erneut fuͤr ewig unſern Bund; freuen Sie ſich Ihres Werkes!“ Bei dieſen Worten umſchlang — 6— er Mutter und Tochter, und alle drei weinten und kuͤßten ſich. Helene war ſo hingeriſſen von Ueberraſchung und Freude, daß ſie nicht ſprechen konnte. Bald ſah ſie ihre Mutter, bald ihren Gatten an.„Ich wußte wohl, ſagte Frau von Merval, daß unſer Vorhaben gelingen muͤßte: Schoͤnheit, Jugend und wahrer Werth haben gar große Gewalt uͤber das Herz eines rechtlichen Mannes. Du kannſt den Gatten nicht genug lieben, Kind, den Dein Muth Dir wiedergewonnen, den Deine Geduld beſiegt, Deine Feder geraͤcht hat; aber huͤte Dich vor uͤbermaͤßigem Zuvorkommen, und vergiß nie, wiederhole ich zum letzten Mal: wer einen Herrn erkennt, macht ſich zum Sclaven.“ 1r Theil. 11 Der geheime Frevel. Bachilde Mericourt, die Tochter eines Kauffah⸗ rers aus Havre, hatte ihre Mutter bei der Geburt verloren. Im zarteſten Alter wurde ſie nach Pa⸗ ris gebracht, und eine ſorgfältige Erziehung, deren ſie genoß, entwickelte ihre gluͤcklichen Anlagen⸗ Nun kam die gluͤckliche Stunde heran, da ſie, nach vollendeter Bildung, zu ihrem Vater zuruͤck⸗ kehren ſollte, welcher ſich freute, ſie in ihrer Va⸗ terſtadt aufzufuͤhren, ſie dort wohl aufgenommen und wegen ihrer Talente, mehr noch wegen der Eigenſchaften ihres Gemuͤthes geſchätzt zu ſehn, unter denen unwandelbare Sanftmuth, keuſche Zuruͤckhaltung und edle Selbſtbeſcheidung, die Eigenthuͤmlichkeiten der vollkommenſten Seelen, ſie vor allen auszeichneten. ————— — 275— Das Schickſal hatte Herrn Mericourts be⸗ deutende Unternehmungen beguͤnſtigt, er beſaß die allgemeine Achtung der Bewohner von Havre und das Vertraun der erſten europaͤiſchen Hand⸗ lungshaͤuſer. Er reiſte ſelbſt nach Paris ſeine Tochter abzuholen, auf die ſich alle ſeine Zärt⸗ lichkeit bezog, und die ſeines Alters einzige Hoff⸗ nung war. Bei Herrn Delormond, einem reichen Vanquier, ſeinem alten Freunde und Korrespon⸗ denten, ſtieg er ab. Dieſer hatte gar keine Kin⸗ der, aber halb und halb zwei junge Leute an Kin⸗ desſtatt angenommen, einen Neffen ſeiner Frau, welcher Eugen Surville, und den einzigen Sohn ſeines in Indien verſtorbenen Bruders, der Eduard Delormond hieß. Beide lehnten die Theilnahme an dem Geldgeſchaͤft ihres Oheims ab, wählten fuͤr Plutos Reichthuͤmer die Lorbeern des Mars, und widmeten ſich dem Kriegsdienſte. Eugen war Major bei einem Dragonerregiment, und Eduard Kuͤraſſierhauptmann. Herr und Frau Delormond liebten beide Pflegſoͤhne zaͤrtlich, uber⸗ haͤuften ſie mit Wohlthaten, und betrachteten ſie als liebe, eigne Kinder. Beide waren bei ihren S 2 — 276— Regimentern, als Herr Mericourt ſeine Tochter ihren Pflegältern vorſtellte. Herr und Frau De⸗ lormond hatten eine ſiebzehnjährige Tochter verloren und glaubten dieſelbe in Bathilden wieder zu er⸗ blicken, ſo ſehr vergegenwärtigte dieſe, nach Alter, ſeelenvollem Ausdruck des Geſichtes, Beſcheiden⸗ heit der Haltung, das Kind, welches jene ihren Engel nannten und noch immer betrauerten. Mit zaͤrtlicher Freude empfingen ſie Fraͤulein Me⸗ ricourt.„Sie ſind wie eine tröſtende Erſcheinung, die der Himmel mir ſendet, mich zu taͤuſchen, als ob mein Engel noch lebte, ſagte Frau Delor⸗ mond zu ihr. Ihr Wuchs, Ihre Zuge, Ihe Gang, ſogar der Ton Ihrer Stimme errinnert mich an meine Tochter. Erbarmen Sie ſich einer ungluͤcklichen Mutter, vergoͤnnen Sie mir, Sie 1 bisweilen mit Freude zu betrachten und an das wunde Herz zu druͤcken, das bei Ihrem Anblick wieder heilt: darf ich Sie auch meinen Engel nennen?—“„Ich wollte, daß ich verdienen könnte ſo zu heißen, verſetzte Vathilde; indeſſen iſt es mir ſuͤß, eine mir ſo ehrenvolle Taͤuſchung bei Ihnen zu bewirken, und ich bin bereit mich — — n . 3 — 277— nennen zu laſſen, wie Sie wollen; aber unter der Bedingung, daß ich Sie auch Mutter heißen darf.“„Wie gern! nennen Sie mich Mutter, nennen Sie mich immer ſo; das Wort ruft mir meinen Engel auf Erden zuruͤck, ich habe meine Tochter wieder!„Mutter, liebe Mutter!“ rief Bathilde mit kindlichem Ausdruck, und eine ge⸗ genſeitige wonnevolle Taͤuſchung erfuͤllte beide. „Ach, ſagte ſie, zum erſten Mal ſage ich Mutter: ich habe meine Mutter nie gekannt!“„So will ich Deine Mutter ſeyn, liebe Tochter, mein En⸗ „Mutter, meine liebe Mutter!“ Der geſchloſſene Bund war wie eine Schik⸗ kung der Vorſehung fuͤr die arme Bathilde, in⸗ dem ihr das ſchrecklichſte Ungluͤck nahe ſtand, das ſie treffen konnte. Herr Mericourt ſtuͤrzte mit dem Pferde auf einem Landgute, das ſein Freund in der Umgegend von Paris beſaß. Er verhehlte ſeiner Tochter den Unfall, aus Furcht ſie zu aͤngſtigen, und in der Ueberzeugung, daß keine uͤblen Folgen daraus entſtehen wuͤrden; aber es bil⸗ dete ſich ihm ein Abſces unter der Hirnſchale, der das Leben des trefflichen Vaters und achtba⸗ gel.“ —— ren Fauffahrers gefaͤhrdete, und dem derſelbe erlag. Er hinterließ ſeine verzweiflungsvolle Toch⸗ ter der Sorge der Freundſchaft.„Nun biſt Du wohl meine Tochter! ſagte Frau Delormond und weinte mit Bathilden, wir wollen ſchworen, Du Engel, uns einander nicht zu verlaſſen. Bathilde war älternlos und in den Lebensjahren, wo ein junges Mädchen der Stuͤtze und vormundſchaftli⸗ cher Leitung ſehr bedarf. Sie verſprach der Mut⸗ ter ihrer Wahl, bei ihr zu bleiben. Herr Delor⸗ mond, den ſein Freund beim Sterben zum Vor⸗ mund ſeiner Tochter ernannt, reiſte ſelbſt nach Havre, brachte ihre reiche Erbſchaft in Ordnung, ſetzte ohne ſonderliche Schwierigkeit ihre große fahrende Haabe in Baarſchaft um, die er in ſei⸗ nem Wechſelgeſchaͤft anlegte, wo ſie ſich dergeſtalt mehrte, daß er bald ſeiner jungen Muͤndel Grund⸗ ſtuͤcke und Staatsrenten bis zu einem reinen Er⸗ trag von 30,000 Franken jährlich kaufen konnte. Nach einem langen und gefährlichen Feldzug, wobei Eugen das Gluͤck begegnet war, ſeinem Waffenbruder das Leben zu retten, kamen Eugen Surville und Eduard Delormond auf Urlaub nach i —— 7S — Paris, und wurden von ihrem Oheim mit groͤßter Liebe empfangen und in ſeinem Hauſe aufgenom⸗ men. Bathildens Schonheit fiel beiden auf, beide ruhrte ihr kindlicher Gram, welcher ihren Reiz zu erhöhen ſchien, beide wußten es dem Schickſal Dank, dies junge Geſchoͤpf in's Haus gefuͤhrt zu haben, deſſen Bildung, Anmuth und Talente viel Menſchen dorthin ziehn und deſſen Freude erhöhen wuͤrden. In der That ſuchte auch Bathilde, nachdem ſie dem Andenken ihres Va⸗ ters den natuͤrlichen Zoll des Schmerzes geweiht, allmäͤhlich wieder ihre Talente hervor. Die Harfe erklang unter ihren ſchoͤnen Haͤnden von harmoni⸗ ſchen Toͤnen, ihre Stimme voll Umfang und Seele ſang die Weiſen der groͤßten Meiſter. Was dabei Eduard und Eugen beſonders freute, war, daß ſie vorzuͤglich Glucks und Picinis Muſik liebte.— Dem Einfachen und Ausdrucksvollen ihrer Manier entſprach der reiche Schmuck der italiaͤni⸗ ſchen Muſik nicht, ſie mochte lieber Zuſtaͤnden der Seele und dem treuen Nusdruck erhabener Leiden⸗ ſchaft die Kraft ihres Vortrags, als perlengleich abgerollten Trillern und gelehrten, unerwarteten Uebergängen weihn, wobei ſich oft Kunſt und Natur veruneinen. Von den neueren Komponi⸗ ſten zogen ſie nur Gretry und Mehul an, welche den großen Vorbildern nachſtreben. Am vortheil⸗ hafteſten aber und am begeiſtertſten zeigte ſich ihr Talent bei den Melodien des goͤttlichen Saͤngers der Dido. Faſt wöchentlich war in Herrn De⸗ lormonds Hauſe eine kleine Akademie von den beruͤhmteſten Muſikern der Hauptſtadt; die am meiſten ausgezeichnete feyerte den Namenstag der Frau Delormond. Bathilde verband mit ihren Talenten viel grundliche Bildung, ſie wollte ihrer erwaͤhlten Mutter ein Zeichen der Dankbarkeit geben, und uͤbertraf ſich ſelbſt beim Vortrag der herrlichen großen Arie aus Dido, welcher ſie die folgenden Worte unterlegte: Wohl hat die Gottheit mich gelenket, Als ich dich Aufenthalt erkor: Hier ward die Mutter mir geſchenket, Die in der Kindheit ich verlor. Ich ſah ihr theures Antlitz ſtrahlen, Es lindert meiner Seele Schmerz; Ihr Blick verſcheuchet alle Quaalen, Und ihr entgegen fliegt mein Herz. Ja, Mutter, Du biſt mir geſchenket, Seit ich, dich, Aufenthalt, erkor: Wohl hat die Gottheit mich gelenket u. ſ. w. Der Ausdruck, mit welchem Bathilde die herrliche Melodie ſang, die Kunſt, der Umfang ih⸗ res Talentes und die treffende Beziehung wirk⸗ ten ungemein auf die Zuhoͤrer; alle waren ſehr ge⸗ ruͤhrt, am heftigſten aber Frau Delormond. Mit Augen voll Thränen ging ſie auf die junge Mericourt zu, ſchloß ſie an ihre Bruſt; ja, ich habe in Dir mein Kind wieder bekommen, als hätte Gott es auf einige Zeit zu ſich genommen, um es mir himmliſcher und ſchoͤner zuruͤck zu ge⸗ ben! rief ſie. Dieſer ruͤhrende Augenblick machte tiefen Eindruck auf die beiden Neffen vom Hauſe. Eugen gab Bathilden zuerſt den ſuͤßen Schweſter⸗ namen, dann erhielten Eduard und er den Bru⸗ dernamen von ihr. Anfangs glaubte, verblendet und berauſcht, jeglicher von ihnen der Gegenſtand ihrer geheimen Neigung zu ſeyn; aber Bathilde. — 282— bewies beiden ſo viel Antheil und Anhaͤnglichkeit, daß es unmöglich war an eine Wahl ihres Her⸗ zens zu denken. Indeſſen zogen ihre ſeltenen Ei⸗ genſchäften und ihr unermeßliches Vermoͤgen ihr die Huldigung zahlreicher Anbeter, mitunter aus den erſten Ständen zu. Surville und Delormond vefuͤrchteten, die junge Muͤndel ihres Hauſes moͤchte einen Gemahl unter ihren Nebenbuhlern waͤhlen, bekannten einander gegenſeitig die Liebe, welche ſie fur dieſelbe empfanden, und ſchworen bei der Ehre und der trauten Freundſchaft, die ſie verband, daß wenn einer von ihnen beiden der Beguͤnſtigte waͤre, er gegen den Andern keine Eiferſucht hegen wollte, ſondern ſein beſter Freund ſeyn und bleiben. Eines Morgens, nach dem gemeinſchaftli⸗ chen Fruͤhſtuͤck der Familie, erklarten Eduard und Eugen mit ſoldatiſchem Freimuth und dem edel⸗ ſten Erguß der Freundſchaft ihre Beſorgniß, daß ihre theure Schweſter den Bewerbungen, wovon ſie umlagert waͤre, Gehoͤr und einem ihrer Vereh⸗ rer ihre Hand geben könnte.„Es waͤre grauſam, ſagte Surville, wenn dieſes Haus ſeine ſchoͤnſte —— ——— N — 263 Zier verlore.“„Es waͤre ſchmerzlich, fuͤgte Eduard hinzu, wenn uns das vollkommenſte We⸗ ſen, der Gegenſtand unſrter geheimen Gedanken, entriſſen wuͤrde. Beide geſtanden ihr nun die Neigung, welche ſie ihnen eingefloͤßt, den von ih⸗ nen bekraͤftigten Bund, daß ſich jeder ohne Mur⸗ ren ihrer Wahl fuͤgen wollte, wenn ſie zwiſchen ihnen zu waͤhlen wuͤrdigte. Bathilde verhehlte die Bewegung ihres Innern und antwortete mit gewoͤhnlicher Anmuth: ein Bruder duͤrfe ſeine Schweſter nicht ehelichen; und die ſuͤße Gewohn⸗ heit, die angenommenen Soͤhne der Mutter ihrer Wahl beide als Bruder zu betrachten, vergönne ihr nicht, einen von ihnen zum Gatten zu waͤh⸗ Frau Delormonds Scharfblick durchſchaute indeß Bathildens geheime Verwirrung;„wenn Du aber, ſagte ſie, eine Wahl getroffen haͤtteſt, wie ſie Dir nach allen Rechten unter unſern bei⸗ den Soͤhnen zu treffen vergönnt iſt, mein Engel: ſo bin ich die Erſte, Dich zu bitten, ſie kund zu thun. Es wuͤrde mir ſehr ſuͤß ſein, die Bande noch inniger zu ſchließen, die uns vereinen.“ ———— — — 284— „Wenn dem alſo iſt, wenn Sie einen von uns beiden vorziehn, rief Eugen, nennen Sie ihn, holde Bathilde, ſie krönen das Gluͤck des ganzen Hauſes.“„Wir wiederholen vor Ihnen unſern Schwur, ſetzte Eduard hinzu und faßte ſeines Bru⸗ ders Hand, Ihre Wahl zu ehren.“„ Ja wir ſchwoͤren, rief Eugen, daß der Beguͤnſtigte ſei⸗ nes Nebenbuhlers Freundſchaft nie verlieren ſoll! Ich unterwerfe mich zuerſt dieſer Bedingung, kuͤh⸗ ner als Eduard, der mehr Anſpruͤche auf Sie hat als ich.“„Ich muß ſagen, verſetzte Bathilde, wiederum mit unterdruckter Bewegung, es waͤre mir ſchwerzwiſchen Ihnen zu waͤhlen und zu ſagen, wer der Liebenswuͤrdigſte von Ihnen beiden ſcheint. Ich begnuge mich alſo zu verſichern, daß keiner der Fremden, die um meine Hand buhlen, mir die mindeſte Vorliebe eingeflößt hat; wenn ich mein Loos Jemand anvertraue, ſo wird es Einem oder dem Andern von Ihnen beiden ſeyn. Dieſe Aeußerung beruhigte die Freunde, ſie drangen nicht weiter in Bathilde, und warben zärtlicher und befliſſener ſeit derſelben um die ange⸗ petete Schweſter. Dieſe behandelte ſeit jenem . — 265— Geſtaͤndniß ſie nicht mehr mit der alten Vertrau⸗ lichkeit, ja, ſie zog ſich ſogar in eine Verſchloſſen⸗ heit zuruͤck, welche den Bruͤdern Quaal verurſachte. Frau Delormond hatte ein beſſeres Recht auf Bathildens Zutraun, als ihre angenomme⸗ nen Soͤhne, ſie merkte wohl, das Herz ihres En⸗ gels ſei von einer geheimen Empfindung bewegt, und brachte ſie zu dem Geſtaͤndniß, ſie liebe einen ihrer Bruͤder; ihre Wahl ſei unwiderruflich be⸗ ſtimmt;„aber, ſetzte ſie raſch hinzu, wie kann ich mich entſchließen den zu nennen, den ich gewaͤhlt habe? Ich beſorge zu ſehr, dem Andern wehe zu thun. Der Stolz der Maͤnner nimmt vielerlei Geſtalten an; wenn ich zwei edle Kriegsgefährten, die durch Ihre Wohlthaten, durch das, was ſie einander gegenſeitig danken, Bruͤder ſind, ent⸗ zweite: ſo waͤre es um meine Ruhe geſchehen, und die Ehe, von der ich die Vollendung meines Lebensgluͤckes hoffe, wuͤrde mir nur zur Quaal werden und alle Freude aus meinem Leben ver⸗ bannt ſeyn.“„Aber, lieber Engel, derjenige, den Deine Wahl trifft, hat darum nichts wider ſei⸗ nen Nebenbuhler verbrochen; ſie haben ſich beide — derſelben im voraus unterworfen, ſich auf Ehre gelobt, daß ſie ihrer Freundſchaft keinen Eintrag thun ſollte: was verlangſt Du mehr?“ ſagte Frau Delormond.„Ich kann freilich nichts weiter verlangen, doch wird dies Geluͤbde der Ehre auch ſtärker ſeyn, als der Ruf gekraͤnkter Eigenliebe und verfehlter Sehnſucht? Man kann der Ehre halber ſchweigen, leidet aber nichts deſto weniger im Stillen und, fruͤh oder ſpat, bricht der Sturm los. Meine Bruͤder, ſetzte ſie dann getroſteren Muthes hinzu, ſind freilich durch Alles verbunden, was zwei Maͤnner von Ehre nur vereinen mag, man ſollte meinen, in ihnen Kaſtor und Pollur zu ſehn: vielleicht ſind ſie derſelben Entſagung, als jene Helden der Freundſchaft faͤhig. Aber laſſen Sie, beſte Mutter, laſſen Sie mich beide noch eine Zeitlang pruͤfen, ob ich den Einen auch nicht ungluͤcklich mache, indem ich den Andern zum Gat⸗ ten waͤhle?—“ Bathilde pruͤfte nun wirklich mehrere Mo⸗ nate hindurch die Gemuͤthsarten Eduards und Eu⸗ gens. Ihr Erwaͤhlter wurde ihr noch theurer thildens Haͤnde in einander, that Wuͤnſche fur —— durch dieſe Pruͤfung; doch ſie verhuͤllte ihr Ge⸗ heimniß mit Klugheit und Vorſicht, ſo daß Nie⸗ mand es entdeckte. Als dann endlich die ganze Familie ſie draͤngte, die unaufhoͤrlichen Heuraths⸗ antraͤge von Fremden ihr läſtig wurden, und ſie ſich uͤberzeugt hielt, daß beide wuͤrdige Nebenbuh⸗ ler ihrem Geluͤbde treu bleiben duͤrften, gab ſie, noch nicht ohne Ueberwindung, dem Verlangen nach ihr Herz aufzuſchließen, und geſtand, da ſie mit Herrn und Frau Delormond und deren Nef⸗ fen ſich allein ſahr daß ihre Wahl immer dieſelbe ſei und bleibe, und kein andrer Gatte ihre Hand erhalten wuͤrde, als Eugen Sutville. Eugen fiel ihr zu Fuͤßen, außer ſich vor Wonne, faßte Eduards Hand, und ſagte:„ich hielt Dich fuͤr den Erwaͤhlten, ich war bereit Dich mit Fraͤulein Mericourt zu verbinden; nun erwarte ich von Dir denſelben Beweis unſrer unwandelbaren Freund⸗ ſchaft!“ Eduard wollte ſprechen, der Sturm ſei⸗ ner Gefuͤhle verſagte ihm die Rede; aber er faßte ſich im Geiſt, zwang ſeine bebenden Lippen freund⸗ lich zu laͤcheln, legte mit Wuͤrde Eugens und Ba⸗ — 2— ihr Gluͤck, und ſchwur von Neuem, ihr— zu bleiben. Bathilde bemerkte, wie er in dem Augen⸗ blick erbleichte, da ſie ihre Wahl ausſprach, ſie fühlte die Todeskaͤlte ſeiner Haͤnde, als er mit ed⸗ lem Muth die ihre in die Hand des Nebenbuh⸗ lers legte; doch ſofort nachher nahm er ſeine ge⸗ wohnte Heiterkeit, jene leichte, ritterliche Anmuth wieder an, bie ihm eigen war, und ſie beruhigte ſich und ſchrieb das Uebermaaß ſeiner Erſchuͤtte⸗ rung dem heftigen Eindruck getäuſchter Hoffnung, verlotzter Eigenliebe zu, deſſen bereits ſein Ehrgefuhl Meiſter geworden ſei, und den Eugen nicht ein⸗ mal wahrgenommen haͤtte. Die Heurath zwiſchen Bathilde und Surville wurde in allen Kreiſen angekuͤndigt, welche ſie beſuchten, die Nachricht davon ſetzte dem Schwall von Heurathsantraͤgen ein Ziel, wovon die reiche Erbin heimgeſucht ward. Das Hochzeitsfeſt war glaͤnzend, es zog eine Menge von Leuten in das Haus des braven alten Delormond; ihm und ſei⸗ ner Frau war zu Muthe, als ob ſie zwei Kinder verheuratheten. Eugen erkor ſeinen Waffenbru⸗ —— ————————— — 283—— der zum Zeugen und Brautfuͤhrer. Bathilde be⸗ merkte wiederum am Tage der Unterzeichnung des Ehekontraktes, daß Eduards Hand zitterte, indem er ſeinen Namen unter den Namen ſeines Freundes ſchrieb. Bei der Trauung erblaßte er⸗ als Bathilde mit feſter Stimme das Ehegeluͤbde ſprach, und waͤhrend er das Rauchfaß uͤber ihr jungfraͤuliches Haupt und das ſeines Freundes halten mußte, deſſen Sieg uͤber ihn er in dem Augenblick vor Gott zu beſtaͤtigen ſchien, malte ſich ein innerlicher Schmerz in ſeinen Zuͤgen; aber bei dem darauf folgenden Ballfeſte war er ſo zuvor⸗ kommend, ſo glänzend, bewies er vorzuͤglich der Meuvermaͤhlten ſo viel Theilnahme und Ehrerbie⸗ tung, daß ſie jenen augenblicklichen Ausdruck von Pein nur fuͤr das letzte Zucken einer von Hoffnung getaͤuſchten Leidenſchaft, fuͤr den letzten Kampf eines großmuthsvollen, ſeinem Eidſchwur getreuen Herzens hielt. Nicht minder liebenswuͤrdig bezeugte ſich Eduard bei den vielen Feſten, welche auf die Hoch⸗ zeit folgten, er war ſelbſt dabei heitrer, als ge⸗ wöhnlich, und ſprach von ſeiner freudigen Theil⸗ 1r Theil T nahme an dem Gluͤck der Neuvermählten. Viel⸗ leicht miſchte ſich ein eigenſuͤchtiges Verlangen, ein geheimer Wunſch Vathilde um ſo mehr zu ge⸗ fallen, ihr zu zeigen, welches Opfer ſie Eugen ge⸗ bracht, in ſein Betragen; aber Bathilde war zu ſehr verſunken in ihr Gluͤck, um dergleichen ſchlaue Berechnung, dieſe Rache einer geheimen Eifer⸗ ſucht zu merken; ſie ſah in Eduard nur den Lehns⸗ träger ihres Gatten, in ſeinem Weſen das Ver⸗ langen ſein verſchmaͤhtes Herz durch andre eroberte zu troſten. In der That bewies er ſich ſehr befliſſen bei den jungen Schoͤnen, welche bei den glaͤnzenden hochzeitlichen Feſten ſich zuſammenfanden, that ſogar, als ob er Eine derſelben auszeichnete, die ſich auch ſeinen Huldigungen nicht abgeneigt be⸗ wies, und deren Geburt, Vermoͤgen und Anmuth ſie ſo ſehr zu ſeiner Gattin eigneten, daß man. nicht zweifelte, beide in kurzem verlobt zu ſehn. Eugen ſagte ſeinem Freund, wie ſehr er wuͤnſche, ihn bald gleichfalls im Genuß des wahren Gluͤckes eines wohlgeſchloſſenen Ehebundes zu erblicken, Bathilde bezeugte ihm daſſelbe Verlangen als ihr 2— — ———— — 291— Gemahl; eine geheime Stimme verrieth ihr im Herzen, daß Eduard nicht leicht anders von ſeiner Wunde, als durch ein junges und ſchoöͤnes Weib geneſen wuͤrde; aber ſie ſelbſt erſchwerte die Moͤg⸗ lichkeit ſolcher Geneſung: nur wenig Frauen er⸗ trugen den Vergleich mit ihr. Nachdem alle Feyerlichkeiten der Vermählung Eugens mit Bathilden voruͤber waren, begab die Familie Delormond ſich auf ein Landgut, weiches ſie bei Ecouén, am Fuße des lachenden Abhanges von Eyanville beſaß, um dort einen Theil des Fruͤh⸗ lings hinzubringen. Nichts iſt dem Gluͤck der Ehe wohlthaͤtiger, als die Stille der Felder, der Zauber der Einſamkeit, die Friſche der Schatten. Das junge Paar genoß ſie mit Wonne, und wan⸗ delte an jedem Morgen lange umher. Kam Eduard von Paris, ſo ergoͤtzten ſich beide Freunde oͤfters mit der Jagdluſt, oder machten Spazier⸗ ritte, wobei ſie Bathilde begleitete. Auf einer engliſchen Stute, zwiſchen ihren beiden ruͤſtigen Waffentraͤgern, durchſtreifte ſie die Gegend um Eyanville oft bis zum Holz von Champla⸗ treux. T 2 — 292— Eines Tages uͤberraſchte die Reiter ein ziem⸗ lich ſtarkes Gewitter. Eugens Pferd ſcheute ſich vor einem Blitz, der heftig durch den Himmel zuckte, widerſtand der kräftigen Fauſt ſeines Len⸗ kers, riß aus, jagte mit ihm durch den Wald, und enttrug ihn Bathildens Blicken, ſie ſelbſt ſchwankte vor Schreck auf ihrem Pferde: Eduard bemerkte es, ſprang von dem ſeinen, empfing die ohnmaͤchtige Herabgleitende in ſeine Arme, und ſetzte ſie athemlos an einem Baume nieder. Er betrachtet das bleiche holdſelige Geſicht, das ihn mehr als je beza ubert, jede Bewegung Ba⸗ thildens, jeder Seufzer ihrer klopfenden Bruſt facht die Gluth ſeiner Seele an. Allein mit dem himmli⸗ ſchen, angebeteten Geſchoͤpf, mitten in dichter Wald⸗ einſamkeit, kaͤmpften Ehre, Freundſchaft, Eides⸗ pflicht und entſchloſſene Redlichkeit den wuͤthendſten Kampf mit ſeiner Liebe. Ein brennender Schwin⸗ del verduͤſtert ſein Gehirn; da ſchallt von fern der Galoppſchlag eines Hufes, ſchallt naͤher und naͤ⸗ her, das nahende Geraͤuſch erweckt Bathilden aus ihrer Ohnmacht; erſtaunt, doch nicht erſcherckt, ——— ———— — 203— ſich in Eduards Arm zu finden, iſt ihr erſtes Wort eine Aeußerung von Angſt um ihren ange⸗ beteten Gemahl. Bei ſeinem Namen legt ſich ſeines Nebenbuhlers Trunkenheit, er ſieht in Ba⸗ thilden nur noch das Weib ſeines Freundes, einen Tugendengel, deſſen Verhaͤltniß zu ehren, den zu ſchirmen er gelobt. Bathilden ſuchend und rufend nahete indes Eugen, und ſie ſagte ihm ſelbſt, was vorgefallen, was ſie der Sorgfalt und Vorſicht des Freundes ſchuldig ſei.„Du mußt Dich wahr⸗ lich in großer Gefahr befunden haben; denn er iſt noch ganz blaß und zittert“ ſagte Eugen, indem ſein Blick auf Eduard fiel.„Ja, verſetzte die⸗ ſer, mit einer Stimme, deren Zittern er zu be⸗ herrſchen ſtrebt, ja, Bathilde war in großer Ge⸗ fahr, und ich danke Gott, daß ich ſie habe davor bewahren koͤnnen.“„Theurer Eduard, rief Eu⸗ gen, und druͤckte ſeine Hand an ſein Herz, ſo dank ich Dir denn zweimal meines Lebens Gluͤck.“ „Seyn Sie auch ſicher, fuhr Bathilde fort, daß ſie die zweite Stelle in dem Herzen haben, das fuͤr ſie beide mit Liebe und mit Dank ſchlaͤgt.“ Eduard antwortete nicht, kuͤßte ehrerbietig die 294— Hand der jungen Frau, und alle drei kehrten nach Eyanville zuruͤck. Dieſer Vorfall mehrte das Vertrauen und die Achtung der jungen Gatten fuͤr Eduard und hin⸗ terließ in deſſen Herzen eine unauslöſchliche Nar⸗ be. Stets ſah er vor ſich das himmliſche Haupt, fuͤhlte die Laſt der reinſten Formen des auf ihn gelehnten anmuthigen Leibes, athmete den balſa⸗ miſchen Hauch der Lippen, welcher ſein Blut mit verzehrenden, unausloſchlichen Flammen durch⸗ gluͤhte. Seit jenem Tage war ſein ganzes Weſen verwandelt; ſobald er ſich allein befand, verſank er in duͤſtres Sinnen; ſeine glänzenden Einfälle be⸗ lebten nicht mehr den geſellſchaftlichen Kreis, der ihn umgab; man muthmaßte eine geheime Liebe, ſogar das junge Mädchen, mit der man ihn fuͤr verlobt hielt, trog dieſer falſche Wahn, und Edu⸗ ard benutzte es geſchickt, den wahren Grund ſei⸗ nes Zuſtandes zu verhehlen und ſich der ganzen Raſerei ſeiner unſeeligen Leidenſchaft zu weihen⸗ Nicht lange nach dem Abentheuer im Walde erwartete Eduard eine neue Pruͤfung. Es war am Abend eines ſchoͤnen Juniustages, Herr und „— Frau Delormond beſuchten mit Eugen den Beſi— tzer eines benachbarten Schloſſes in der Gegend von Eyanville, Bathilde hatte, von einem lan⸗ gen Morgenſpaziergang ermuͤdet, ſie zu begleiten abgelehnt. Sie begab ſich in ihr Gemach, ſetzte ſich auf den Sopha, ſpielte ein wenig die Laute, nahm dann ein Geſchichtsbuch, und ſchlief uber den Schlachten von Marathon und Salamis, un⸗ ter Miltiades und Themiſtokles Lorbeeren ein. Eduard, der in wichtigen Geſchaͤften mehrere Tage ſchon in Paris abweſend war, kehrte eben damals zuruͤck, und vernahm, daß Niemand zu Hauſe ſei, als Frau Surville. Er ging nach ihrem Zimmer, die Thuͤr ſtand auf, das junge Weib lag ſchlummernd, den Kopf auf das Kiſſen geſtutzt, mit ſoviel Liebreiz, mit dem Ausdruck eines ſo zaͤrtlichen Gefuͤhls, daß Eduard hinter den So⸗ pha tritt und voll Entzuͤcken das himmliſche Ge⸗ ſicht betrachtet, in dem die Keuſchheit nur ein hoͤ⸗ herer Reiz der Wolluſt ſchien. Ein ſeliges Laͤ⸗ cheln ſchwebte auf ihren Lippen, deren unmerk⸗ liche Bewegung ein ſuͤßes Geheimniß leiſe auszu⸗ ſprechen ſchien. Eduard trat noch naͤher; die — 296— Wonne des Anblicks riß ihn hin, er druckte hef⸗ tig ſeine gluͤhenden Lippen auf ihren Mund, und in dem Augenblick erwachte Bathilde. Sie konnte den erfahrnen Frevel nicht be⸗ zweifeln, als der Schuldige ihr zu Fuͤßen ſank und ſeine heiße Liebe ihr bekannte.„Wie! rief ſie voll Empörung und Schrecken, ſo können Sie Ihren Eidſchwur und die heiligen Rechte der Freundſchaft verletzen?“„Was Eidſchwur, was Freundſchaft! rief Eduard, fuͤr den, der Sie anbe⸗ tet, den Sie raſend machen.“„Eduard, beſinnen Sie ſich, denken Sie, daß ich Ihre Schweſter bin, daß mein Mann Ihnen das Leben gerettet hat.“—„Das iſt mein einziger Gram. Glau⸗ ben Sie, daß ich Sie ihm ohnedem ſo ruhig uͤber⸗ laſſen haͤtte. Ich leide tauſendmal ärgere Qual als Tod und Verdammniß, wenn ich Sie in ſei⸗ nem Arm ſehe.“—„So muͤſſen Sie fort, ſo muͤſſen Sie von hinnen!“„Ich kann nicht! Ihr Anblick iſt meinem Daſeyn ſo nothwendig, als die Lebensluft.“„Und wenn mein Mann Ihre Lei⸗ denſchaft nun merkt?“„Da dammert dem verlor— nen Herzen der Hoffnungsſtrahl!— Ich kann . ————— 297 Eugen nicht vor meine Piſtolen fordern, ohne mich in den Augen aller Rechtſchaffenen zu entehren; er aber wuͤrde Rache heiſchen, und einer von uns beiden fiele.“„Ungluͤckſeliger!“ ſchrie Bathilde, und wäre niedergeſtuͤrzt vor Grauſen, hätte die Furcht in des Raſenden Gewalt zu gerathen, ſie nicht erhalten und ihren Muth beſeelt. Sie blickte ihn mit Wuͤrde und Verachtung an, verließ das Gemach, und ging in den Salon, wo binnen kurzem Herr und Frau Delormond und Surville ſie trafen. Muͤhſam verhehlte ſie die ſchreckliche Bewe⸗ gung ihres Gemuͤthes, und erholte ſich nur all— maͤhlig von dem gehabten Schrecken, als Eduards Eintritt ihren Kampf erneute. Er benahm ſich mit der gewohnten Leichtigkeit und Heiterkeit, Herr und Frau Delormond begruͤßten ihn zaͤrt⸗ lich, und Eugen mit einem Handſchlag, der Bathilden in's Herz ſchnitt und ſie mit Zagen ob ſeiner vertrauensvollen Zuverſicht erfuͤllte. Monate verfloſſen in dieſem Verhaͤltniß, das fuͤr die junge Frau täglich druͤckender ward. Sie konnte Eduard nicht ohne Schauder betrach⸗ —— ten und ein ſchicklicher Vorwand mußte denſelben allezeit entſchuldigen. Bei jeder Liebkoſung, jeder Freundlichkeit Eugens gegen ſie bemerkte ſie in den Zugen ſeines Nebenbuhlers eine Veraͤnderung, die ſie oft zuruͤckſchreckte, die ſuͤße Herzlichkeit ih⸗ res Mannes zu erwiedern. Eugen bemerkte die Verlegenheit ſeiner Frau, hielt ſie fuͤr Gleichgul⸗ tigkeit, erduldete ſie eine Zeit lang ſchweigend, und konnte endlich nicht umhin, ſich mit offenen und bangen Gemuͤth deshalb gegen ſie zu beklagen. Seine gerechte Beſchwerde vermehrte die geheime Pein, welche Bathilden marterte. Es gelang ihr wol einſtweilen ſeine Beſorgniſſe zu zerſtreun und ihn uͤber ihre Liebe zu beruhigen; aber voll Vertrauen in die Redlichkeit ſeines Waffenbru⸗ ders, ſetzte er ſie unaufhoͤrlich ſelbſt den Verfolgun⸗ gen der heilloſen Leidenſchaft des letztern aus, und uͤberantwortete ſie deſſen Obhut. Oft ließ er ſie allein mit ihm bei Spazierritten in der Gegend von Eyanville, oft bat er ihn zu Paris, ſie in's Theater und von dort in irgend eine Geſellſchaft zu fuͤhren, wohin er erſt ſpaͤt kam. Er hielt ſie fur ſo ſicher in Eduards Geleitſchaft, eine Schwe⸗ „ 6 ſter unter dem Schutze ihres Bruders, und man kann ermeſſen, mit wie viel Umſicht und Klug⸗ heit ſie verfahren mußte den Abgrund zu vermei⸗ den, an deſſen Rand ſein blindes Vertraun ſie immer wieder ſtellte. Oft ſtand ſie, der ſtets drohenden Gefahr ſich zu entziehn, auf dem Punkt, ihrem Manne alles zu vertraun. Aber ein Wort, ein Merkmal des Geheimniſſes haͤtte den Frieden des ganzen Hauſes geſtoͤrt, zwei Bruͤder entzweit und ihre Hand wider einander gewaffnet. Dahin es zu bringen, ging Eduards verruchtes Trachten; er duͤrſtete nach dem Blute ſeines Nebenbuhlers, des beſten Gatten, des liebenswuͤrdigſten Man⸗ nes: und ſo beſchloß Bathilde, lieber Alles mu⸗ thig zu ertragen, Allem mit Vorſicht zu begegnen, und verbarg in's tiefſte Herz den erlebten Frevel. Indeſſen ſuchte Eduard ſo unabläſſig die Gelegenheit mit ihr allein zu ſeyn, als ſie dieſelbe ſchlau und vorſichtig vermied. Doch nicht ſo hatte ſie in ihrer Gewalt, den Ausdruck von Pein zu unterdruͤcken, das Zittern und Farbewechſeln, das ſie bei ſolchen Veranlaſſungen uͤberfiel. Anfangs unterdruͤckte Eugen den Argwohn, welchen die — — 300— häufig ſich verrathende Gemuͤthsbewegung des armen Opfers bei ihm veranlaßte. Dann gab er ihnen die ungerechteſte, heilloſeſte Deutung. Die Liebe, die nur vom Vertrauen lebt, täuſcht ſich doch ſelbſt ſo leicht. Eugen beobachtete auf⸗ merkſam den Eindruck, welchen der unverſehene Anblick ſeines Freundes auf Bathilden bewirkte, und ſchloß aus demſelben, ſie naͤhre fur dieſen eine geheime Flamme. Er hatte ja ſoviel Anmuth des Weſens, ſo viel Grazie und Glanz des Gei⸗ ſtes, Niemand wufßte zu gefallen und hinzurei⸗ ßen wie er. Nun betrachtete er auch Eduard in Beiſeyn ſeiner Frau. Eduard benahm ſich mit edler Zuverſichtlichkeit, mit freundſchaftlicher Auf— merkſamkeit, mit der lebhaften Theilnahme gegen ſie, welche er der Frau ſeines Waffenbruders ſchuldig war, die ſie beide zu ehren gelobt; aus dieſer Beobachtung ſchloß er dann, daß Eduard nichts von jener ehebrecheriſchen Leidenſchaft wiſſe, die er in Bathildens Bruſt entzuͤndet, und daß ſie einzig ſchuldig ſei. Eine Zeitlang hegte er die⸗ ſen verderblichen Irrthum im Gemuͤth, die Laſt deſſelben wurde ihi unerträglich, er mußte es von „— — 30— der Quaal erleichtern, die taͤglich Bathilde durch den Erguß der zaͤrtlichſten Liebe mehrte: was es ſeinem Stolz koſten mochte, er eroͤffnete ihr ſeinen Argwohn. Ich hatte ſelbſt erkannt, ſagte er ihr, daß Eduard verfuͤhreriſcher, liebenswuͤrdiger ſei, als ich: Du haſt den Liebendſten von uns gewaͤhltz aber Deine Wahl genuͤgt Deinem Herzen nicht.“ „Was ſagſt Du, lieber Eugen, welche wunderli⸗ che Rede? ich verſtehe Dich nicht!“„Laͤugne mein Ungluͤck nicht, ich habe es in Deinen Blicken, Deiner Haltung, Deinem ganzen Weſen geleſen. Du liebſt Eduard.“„Ich liebte!“ rief ſie, und war daran hinzuzuſetzen, den Verruchten; aber die Tage des Verblendeten, der ſie beleidigt und verkennt, ſind ihr zu theuer, ſie ſchweigt und ant⸗ wortet nur mit einem Strom von Thränen.„Den⸗ ke nicht, mich durch Deine Thraͤnen zu taͤuſchen, fuhr Eugen fort, Du haſt erſt Dich ſelbſt betro⸗ gen und dann mich. Ich mache Dir keinen un⸗ nuͤtzen Vorwurf deshalb; aber von dieſem Au⸗ genblick an ſind unſre Bande geloͤſt—“„Und mich, mich willſt Du ſo zu Grunde richten!“ rief — 302— Bathilde und fiel ihrem Mann um den Hals, er ließ ſie halb tod auf ein Sopha nieder und fuhr fort:„Ich begehre nur das Eine von Dir, daß um unſre Trennung Niemand wiſſe: ſie braͤche Dei⸗ ner Tante, unſrer angenommenen Mutter, das Herz. Eduard, wenn er ſie erfuͤhre, wie unſchul— dig daran er ſeyn mag, muͤßte ſich mir ſtellen, und ſein Leben muß Dir zu theuer ſeyn, um es zu gefaͤhrden.“ Bei dieſen Worten verließ er die Unglückliche, und uͤberließ ſie dem furchtbarſten Kampfe. Sie konnte mit einem einzigen Wort ſeine harte Beſchuldigung zu nichte machen, ihn zu ih⸗ ren Fuͤßen niederſinken ſehn; aber er ging dann auch ſogleich, und forderte Genugthuung von Eduard, fuͤr deſſen Frevel und für ihre Quaal. Ohne dieſes hielt er ſie fur treulos, zerriß die hei⸗ ligen Bande, die ſie vereinten. Was war aͤrger als das? Einen Zweikampf auf Tod und Leben zu veranlaſſen, vielleicht den angebeteten Geliebten verlieren, das ehrenwerthe Haus in Trauer verſe⸗ tzen, worin man ſie an Kindesſtatt angenommen hatte: das wäre noch arger! Gott wird fugen, ——————— — 3 daß uͤber kurz oder lang Surville ſeines Irrthums inne werde. Bis dahin muß ſie ſeine Vorwuͤrfe ertragen, ihm ſeinen Irrwahn laſſen, ſeine Liebe, ſeine Achtung miſſen, damit er den Freund ſeiner Kindheit nicht morde, oder unter deſſen Streichen falle. Dies war Bathildens Entſchluß, und ſe ſetzte ihn mit Standhaftigkeit durch. Aber nün war ſie auch der unbaͤndigen Leidenſchaft Eduards viel mehr blos gegeben, und entging nur durch die aͤußerſte Umſicht ihrer Vernunft, durch rege Wach⸗ ſamkeit ihrer Tugend den mannigfachen Schlingen, die er ihr ſtellte, den Verfuͤhrungen allen, womit er ſie umgab. Herr und Frau Delormond ſchaff⸗ ten indeſſen der ſchrecklichen Lage, worin Bathilde ſich befand, einige Erleichterung, indem ſie in Eduard drangen, das junge Madchen zu heura⸗ then, welche er durch ſeine Zuvorkommung, durch ſeine Befliſſenheit gegen ihre Familie als ſeine er⸗ wäͤhlte Verlobte bezeichnet hatte. Bathilde ſah in der beſchloſſenen Heurath ein Mittel, Eduard von ſeiner verderblichen Leidenſchaft zu befreien, den grundloſen Argwohn Surville's zu zerſtören, und vereinte ihr — 304— Zureden mit dem ihrer Pflegeaͤltern.„Ich habe das junge Maͤdchen kennen lernen, ſagte ſie ihm, ich habe in ihre Seele geblickt, und ich weiß keine, die eines ſo ausgezeichneten Mannes, als Sie, Bruder, wuͤrdiger waͤre.“ Und ich verſichere Sie, liebe Schweſter, entgegnete Eduard heftig, daß ich ſie nimmermehr gluͤcklich machen koͤnnte.“ „Warum habe ich denn fuͤr Dich um ſie bei ihren. Aeltern werben muͤſſen? fragte Herr Delormond ſeinen Neffen. Sie haben den Heurathsantrag angenommen; Jedermann erwartet Eure Vermaͤh⸗ lung—“„Jedermann erwartet ſie vergeblich. Ich heurathe keine Frau, als die mein Herz ge⸗ waͤhlt hat.“„Und die Dich immer treu liebt, fugte Eugen hinzu, was nicht ſo leicht geſchieht. Darin kann ſich der Hellſehendſte betruͤgen und der Vertrauenvollſte wird betrogen.“„Ja wohl, verſetzte Bathilde: darin kann ſich der Hellſehend⸗ ſte betruͤgen!“. umſonſt wuͤnſchte die ganze Familie Eduard zu einer vortheilhaften, ſchon ſo allgemein beſpro⸗ chenen Verbindung zu bewegen; er widerſetzte ſich ſtandhaft, und wenn Bathilde in ihn drang, hef⸗ — — 305 tete er auf ſie Blicke, vor denen ſie erbebte. Die Aeltern des jungen Mädchens beklagten ſich oͤffent⸗ lich uͤber ſeine Treubruͤchigkeit, ſie konnten nicht begreifen, weßhalb er mit ihrer Tochter brach, de⸗ ren Ruf unter einem ſolchen Benehmen litt und deren Gemuͤth ſchmerzlich davon verletzt ward⸗ Nicht ihre gerechte Beſchwerde, nicht das lebhaf⸗ te Zureden der Familie Delormond, vermochten etwas uͤber ſeine Weigerung. Bathilde nur kannte deren unſeeligen Grund und hatte nicht den Muth dawider aufzutreten, und verzweifelte an allem zu⸗ kuͤnftigen Gluͤck. Mit Hinterliſt hatte Eduard nichts uber ſie gewonnen, ſie vermied ſeine Fallſtricke mit Klug⸗ heit. Endlich draͤngte ſich ihm allmaͤhlig die ue⸗ verzeugung auf, er ſuche vergebens ſie zu verfuͤhren; er wurde ihrer uberdruͤßig, und ließ in ſeinen hart⸗ näckigen Verfolgungen nach. Man ſah ihn nicht mehr in Geſellſchaft, oft blieb er Tage lang auf ſeinem Zimmer und ſuchte durch das Talent der Malerei, die er mit Erfolg trieb, die unſelige Nei⸗ gung zu zerſtreun, die ſeines Lebens Verderben war. Niemand wußte, wem die plöbliche Vor⸗ 1r Theil. tiebe fuͤr die Einſamkeit zuzuſchreiben, die ſich des glaͤnzendſten, geſelligſten jungen Mannes von Pa⸗ ris bemeiſtert. Eugen dagegen, welchen die Tren⸗ nung von ſeiner Frau unabläſſig peinigte, ſuchte ſich dafuͤr an ihr dadurch zu raͤchen, daß er ſich in den Schwarm der Geſellſchaft des Tages ſtuͤrzte; aber umſonſt ſuchte er Eduard dahinzubringen, daß er ihn begleite. Nur das erhielt er von ihm, daß er zuweilen mit ihm ins Theater ging, und Tal⸗ ma und die Duchenois in Rollen ſab, welche die duͤſterſte Schwermuth ungluͤcklicher Liebe darſtellten. Oreſt in Andromache war Eduards Lieblingsrolle. Die bewundrungswuͤrdige Kunſt des Schauſpielers, die Schoͤnheit der Diction, die Gewalt der Situa⸗ tionen bewirkten bei ihm die heiioſte fnrEr⸗ ſchutterung. Er ſah ſich in dem unglůdlichenvn Schickſal verfolgten koͤniglichen Sprößling, Her⸗ mione war ihm Bathilde, und Pyrrhus, der vorgezogne Nebenbuhler, der Urheber ſeines Wehs, war Eugen an ſeiner Seite, den er gern vor den Augen aller Welt, wie dieſen Oreſt, haͤtte nieder⸗ ſtoßen mogen. Als beide eines Tages, bei einer Vorſtellung 1/ von dieſem Meiſterwerke Raeines, in dem großen Nebenſaal des Theaters ſich befanden, trat ein junger Kriegsmann zu ihnen, der mehrere Ordens⸗ zeichen trug, und eroͤffnete Eduard Delormond, daß er der naͤchſte Verwandt e des Fraͤuleins ſei, deren Zutrauen er hintergangen, deren Familie mißhandelt habe. Er ſei eigends von Metz, der Garniſon ſeines Regiments, nach Paris gekom⸗ men, um Genugthuung dafuͤr von ihm zu for⸗ dern.„Nicht mehr als billig, mein Herr, ver⸗ ſetzte Eduard: beſtimmen Sie Waffe, Ort und Stunde.“„Morgen fruͤh um ſieben Uhr, im Geholz von Vincennes, bitte ich mit Piſtolen und Degen zu erſcheinen; unſre Secundanten mo⸗ gen die Waffe beſtimmen, mir iſt iede einerlei.“ „Ich weiß auch mit beiden umzugehen. Morgen fruh alſo, mein Herr, und Sie können uͤberzeugt ſeyn, daß ich Sie nicht warten laſſe.“ Puͤnkt⸗ lich ſtellte man ſich beiderſeits zum Rendezvous, die zwei Gegner trafen faſt in demſelben Augen⸗ blick am Eingang des Gehoͤlzes von Vincennes zu⸗ ſammen. Eduard hatte zu Secundanten Eugen und einen Pan von der Garde gewählt; U 2 — 308— den Kriegsmann, der ſich Ferdinand Sourlis, Artillerielieutenant, nannte, begleiteten zwei Offi⸗ ziere von ſeiner Waffe.„Ihnen gebuͤhrt der erſte Schuß, ſagte Eduard, als Ritter des Fräuleins, das ich beleidigt haben ſol.“„Wiewol ich das bin, habe ich doch keinen perſoͤnlichen Groll wider Sie, und ſomit ſoll das Loos uͤber den erſten Schuß entſcheiden, um ſo mehr, da ich ſelten meinen Mann verfehle.“„Meine Kugel trifft auch ſelten in's Blaue.“„Noch ein Grund fur bie Entſcheidung durch's Loos.“ Einer der Se⸗ cundanten miſchte die Looſe, ein Andrer zog, und auf dem Zettel ſtand der Name Sourlis.„Auf wie viel Schritt beſtimmen die Herren, daß wir uns ſchießen?“„Auf fuͤnf und zwanzig, ſagte Eduard, es iſt keine ſchwere Beleidigung.“„Das iſt ſehr weit, verſetzte Sourlis; da können ſich zwei Leute von Ehre einander kaum erblicken.“ „Der Herr hat Recht, ich ſchlage funfzehn Schritt vor, es iſt die gewöhnliche Entfernung fuͤr Män⸗ ner von Ehre.“„Einverſtanden“ Die beiden Gegner ſtellten ſich, nachdem die Secundanten die Weite abgemeſſen und ihren Stand beſtimmt hatten. Eduard ſtand ruhig und feſt, der erſte Schuß erfolgte, traf und ſtreckte ihn zu Boden. „Sie ſchießen gut, mein Herr,“ fagte er zu dem Ar⸗ tillerielieutenant, welcher herzulief, ihm beizu⸗ ſtehn. Das haͤufig vorſtroͤmende Blut verhinderte des Verwundeten weitete Rede, er ſank ohnmäch⸗ tig nieder. Indeſſen man eine Saͤnfte holt, hält Eugen in einem Arm den Beſinnungsloſen aufrecht, und löſt, damit er freier athme, mit der einen Hand ſein Halstuch und die Kleidungsſtuͤcke, welche die Wunde bedeckten. Aber welch ein Anblick trifft ſeine Augen, und erfuͤllt ihn mit der ſchrecklich⸗ ſten Verſtoͤrung! Auf des Verwundeten po⸗ chender Bruſt erblickt er Bathildens Bildniß, wie ſie auf einem Sopha ſchlaͤft, und darunter die Worte: wer hatte ihr widerſtanden! Er kann nicht mehr zweifein, daß Eduard in's Geheim fuͤr ſeine Frau gluht, und hält beide fuͤr einverſtan⸗ den ihn zu mißhandeln, zu verrathen. Sein Herz ſchlug vor Empoͤrung, er ſchauderte: und dieſen Verraͤther unterſtuͤtzte er als Bruder und Freund! Aber er war dem Tode nahe; die — 30— Menſchlichkeit ſchrie lauter, als die Rache, in dieſem Augenblick! So verſchloß er denn die Nat⸗ tern in ſeiner Bruſt, die ſein Herz zerfleiſchten, half, alle Pflicht des Braven zu erfuͤllen, ſelbſt den Verwundeten in die Sänfte heben, und be⸗ gleitete ihn nach Herrn Delormonds Hauſe, wo ſich alle um den Ungluͤcklichen, ihm Beiſtand zu teiſten, draͤngten. Bathildens Mitgefuͤhl entſprang allein aus ihrer ſchönen Seele, doch Eugen ſchrieb es einer verbrecheriſchen Liebe zu. Sie hilft Frau von Delormond dem Verwundeten die Bruſt been⸗ gendſten Kleidungsſtuͤcke löͤſen, und ſieht nun auch ihr ſprechend äͤhnliches Bild, und ſtoͤßt einen Schrei aus, welcher Eduard aus ſeiner Ohn⸗ macht erweckt. Er faßte alsbald Eugens Hand und Bathildens, und ſagte mit ſchwacher, ge⸗ brochener Stimme:„Du ſiehſt den Gegenſtand meines geheimen Verlangens, dies Bild iſt mein Werk, lieber Eugen. Vergieb dem Bundbruͤchi⸗ gen, der das Geluͤbde der Ehre nicht zu erfuͤllen vermochte. Deine Frau iſt unſchuldig. Sie iſt ein Muſter, die Krone ihres Geſchlechts.“ Nun — erzählt er kurz die Scene im Walde, ſeinen Frevet, den ſie ſo muthig und getreu verhehlt, alle Mit⸗ tel, die er angewandt, ſie zu verfuͤhren, ſein un⸗ menſchliches Verlangen, ſich von ſeinem Freund, ſeinem Retter gefordert zu ſehn, wenn nur ein Wort Bathilden entſchluͤpfte.„Urtheile nun, wie⸗ viel Du ihr ſchuldig biſt, und wie viel ſie gelit⸗ ten hat! ſetzte Eduard hinzu. O, laß mich, bevor ich ſterbe, Dich zu ihren Fuͤßen, ihrer Tu⸗ gend Abbitte thun, Deinen Argwohn gut machen ſehn. Nicht mein Verbrechen, der Tod, den ich fuͤhle, nur der Tod allein iſt dafuͤr verdiente Buͤßung!“ Die ſchreckenvollſten Anzeigen deſſel⸗ ben zeigten ſich während dem auf dem Antlitz des Verwundeten. Eugen beut ihm Verzeihung, empfaͤngt aus ſeiner erkaltenden Hand Bathildens Bild, und fuͤhrt ſie alsbald, damit ſie bei ſeinem Tode nich zugegen ſeyn ſoll, hinweg. Und als er nun das theure Bild mit Thrä⸗ nen und Kuͤßen bedeckte, ſprach er zu dem herr⸗ lichen Urbild deſſelben:„wirſt Du mir verzeihen, wie ich dem Ungluͤcklichen verziehen habe?“„So oft Du das unſelige Bild anſiehſt, verſetzte Ba⸗ ————————— junge Frau ſelbſt den Freunden ihres Mannes — thilde, denke nur, wie theuer Du mir biſt. Ich will es auch anſehen, und dabei denken, daß eine nicht traun darf, und lieber ihre Ruhe daran ſeßen, allen Gefahren trotzen, ſelbſt ihre Tugend verkannt ſehn ſoll, als ein oͤffentliches Aufſehn erre⸗ gen und das Leben des Mannes, deſſen Ehre ihr anvertraut iſt, deſſen Frieden und Geſchick dem Zufall eines Zweikampfes preisgeben. Ende des erſten Theils. „ — —— 4 ——