„, 5 Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und eſebedingungen. 1. oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ Fih und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens uh bis Abends 8 Uhr offen. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ſ Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt 3 für wöchentlich 2 ½ ZBücher: 4 4 kücher: her: 6 Bücher: auf 1 Monat: V WM—Ff. F 50 5 Pf. 2 Mk.— Pf. 3— 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin und Zuräckſendung B e auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. Schadenersatz. 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Ein gewiſſer Bür⸗ ger, mit Namen Leleu, nimmt ſich ſeiner Sache an⸗ Dorbeuil, der die Muſik ſehr ſchäzte, macht unrerdeſſen mit einem groſſen Komponiſten, Namens Terval, Be⸗ xanntſchaft. In den Thuillerien ſieht er Celianen, ſeine zukünftige Geliebte, das erſtemal. Beſchreibung der⸗ ſelben. Er ſieht ſie alsdann öfters im Lyreo, wo ſie den Vorleſungen über die Geſchichte beywohnet⸗ —— 52 ₰ch bin in der Hauptſtadt Penſylvaniens, die, wie bekannt, Philadelphia iſt, gebohren⸗ Ich verließ dieſes gluͤckliche Land bald nach dem Tode meines Vaters, um zu Paris die betraͤchtliche Erbſchaft des Buͤrgers Fremins, meines Oheims, in Empfang zu nehmen⸗ Dieſen Abſchied werde ich nie vergeſſen! Ich ſehe noch die Thraͤnen meiner Mutter, ich fuͤhle noch ihre Umarmungen, da ſie ſich gav⸗ nicht von mir losreiſſen konnte. Ich ſehe 7 noch meine Schweſter, meine gute Schwe⸗ Rer, wie ſie weinend zu mir ſagte: Ach, mein Dorbeuil, komm bald wieder! mein Freund⸗ komm bald zuruͤck, um uns zu troͤſten! Ich ſehe noch die Stelle, wo dieſe ruͤhrende Sce⸗ ne mein Herz ſo lebhaft in Bewegung ſezte⸗ Ja dieſes geſchah unter dem Schatten der dickbelaubten Akazienbaͤume, die unſern la⸗ chenden und fruchtbaren Fluren zu lebendi⸗ gen Palliſaden dienen; dieſes geſchah beym. Anblick des ſchrecklichen Elements, das uns trennen ſollte. Ein guͤnſtiger Wind brachte mich gluͤck⸗ lich nach Europa. Da ich in Paris ange⸗ kommen war, begab ich mich ſogleich zum Buͤrger Leleu, welcher derjenige war, der die Sorge uͤber ſich genommen hatte, die mir zugefallene Verlaſſenſchaft in Drdnung zu bringen. Er nahm mich ſo auf, wie es ſich von ſeinem Charakter erwarten ließ, nehmlich rin wenig verdruͤßlich und unfreundlich. Er bot mir indeſſen ſein Haus an; alsdann ſagte er mir nach einigen allgemeinen Bemerkun⸗ gen uͤber dieſe Verlaſſenſchaft, daß ich mich in einen Pröceß wuͤrde einlaſſen muͤſſen. Die⸗ ſes verurſachte, daß ich Zeichen von Furcht blicken ließ; aber er ſagte mir mit einem ſeſten und uͤberzeugenden Tone: ich verſichere — — 5— Sie, mein Lieber, daß ich den Elenden nie⸗ derſchlagen werde, der eine auslaͤndiſche Fa⸗ milie ihres Eigenthums berauben will. Ja, ſeiner krummen Gaͤnge ungeachtet, fuͤrchten Sie nichts, ich werde Ihre Stuͤtze ſeyn. Was fuͤr ein Jahrhundert? und wie verab⸗ ſcheue ich die Menſchen! daher lebe ich mit einigen auserleſenen Buͤchern, worinnen ich meinen Haß und Abneigung gegen das menſch⸗ liche Geſchlecht ausgedruͤckt finde, ganz al⸗ lein.“ »Es iſt aber doch ſehr angenehm,“ er⸗ wiederte ich,»diejenigen zu ſehen, die man gluͤcklich gemacht hat, die Ausdruͤcke des Wohlſtandes und die Stimme der Erkennt⸗ lichteit zu hoͤren!“ »Wohlſtand! Erkenntlichkeit!— junger Mann, das ſind Worte, die einer noch jun⸗ gen Seele die Ohren kitzeln; aber es ſteckt nichts als luͤgenhafte und oft gefaͤhrliche Ver⸗ ſtellung dahinter. Ich habe noch niemals ei⸗ nen erkenntlichen Menſchen geſehen.“ Wie, niemals?* »Niemals, und der Grund davon iſt, weil die Wohlthaͤtigkeit noch gebohren wer⸗ den ſoll. Man ſchmuͤckt ſich mit dem Namen 7 W —— eines Wohlthaͤtigen; aber iſt man es? Un⸗ terſuchen Sie diejenigen, die ſich dieſes er⸗ habenen Namens bedienen, und Sie werden ſtolze oder ehrgeitzige Menſchen finden, die ihre Gaben austheilen, um ihre Macht oder Gluͤcksumſtände ſehen zu laſſen.“ »Aber, Buͤrger, Sie werden ſo edelmuͤ⸗ thig meine Stuͤtze?“ „Halten Sie ein, ich thue meine Schul⸗ digkeit, und wer wuͤrde an meiner Stelle nicht eben das thun, und ich ſollte auf einen ſol⸗ chen Titel Anſpruch machen?— O mein Freund, man macht geringfuͤgigen Dingen nur erſt ſeitdem ſo groſſe Lobeserhebungen, ſeit⸗ dem man zu groſſen unfaͤhig wonden iſt? Dieſes Geſpraͤch erweckte in mir keine geringe Hochachtung fuͤr den Buͤrger Leleu, machte mir ihn aber doch nicht liebenswuͤrdig. Daher ſuchte ich niemals ſeine Geſellſchaft. Da ich nun in Paris gar keine Bekanntſchaft hatte, ſo war ich darauf bedacht, meinen Geiſt auszubilden. Ich gieng daher aufs Ly⸗ ceum, und beſuchte alle Bibliotheken und Schauſpiele. Ich uͤbte mich mit der Reiß⸗ feder, ſpielte meine Harfe, und ſuchte meine Zeit eben ſo gut als moͤglich anzuwenden; eher ein gutes Herz bedarf eines Freundes⸗ — 11— unb ich hatte Niemanden, dem ich ſagen konn⸗ te: das iſt ſchoͤn, das ruͤhrt mich. Mein Geſchmack fuͤr die Muſik machte, daß ich eine Zeitlang mit einem jungen Men⸗ ſchen von meinem Alter, der im Komponiren ſehr ſtark war, und Derval hieß, Freund⸗ ſchaft machte; Aber ſein abgeſchmacktes, ge⸗ nuͤgſames und indiſtretes Weſen machten mich bald wieder ohne Wiederkehr von ihm los. Er hatte indeß einen romanhaften Geiſt⸗ der mich ſehr beluſtigte. Doch war er bald bey mir vergeſſen. Ich fand auch viel Vergnuͤgen dar⸗ an, die Werkſtaͤtte der Fabriken, Manufak⸗ turen und Kuͤnſte, wo der forſchende Geiſt jederzeit ſo viel Stoff zum Nachdenken fin⸗ det, zu beſehen. Was Sachen waren, die zum guten Geſchmack gehoͤrten, und die man zu Vergnuͤgungen braucht, davon kaufte ich, ſo viel ich konnte, fuͤr meine Mutter und Schweſter. Und wie zufrieden war ich, wenn ich mit einem Buche in der Hand in tiefem Nach⸗ denken, unter den ſchoͤnen Baͤumen der Thu⸗ illerien, an der Seite der Terraſſe, die am ſtolzen mit Palaͤſten prangenden Seineufer hinlaͤuft, herumirrte. Wie gern ließ ich mich in meiner Lektuͤre durch die Kinder ſtoͤren, die ſich daſelbſt haͤufig einfinden! Welches Ge⸗ maͤlde kann mehr Vergnugen erwecken, als ſie ſo herumlaufen, und auf dem Raſen ſpie⸗ len zu ſehen? Kann Etwas fuͤr das Auge des Beobachters anziehender ſehn, als die Keime der verſchiedenen Charaktere zu bemer⸗ ken, die ſich durch Geberden, Stellungen, und Antworten an den Tag legen, die man an dem naiven und ſchmeichelhaften Weſen, an dem kriechenden Tone und abſoluten Wil⸗ len deutlich erkennt, und wo man alle Tu⸗ genden und Laſter ſich gleichſam in ihrer Wie⸗ ge entwickeln ſieht. Was für ein Vergnuͤgen gewährte es mir uͤberdieß, wenn ich in den Geſichtszuͤgen der jungen Maͤdchen, die ſo bezaubernden Vorboten der Schoͤnheit entdeckte. Meine Promenaden in den Thuillerien wurden mir indeß noch werther, da am 15ten May eine junge Perſon von 16 bis 17 Jahren einen auſſerordentlichen Eindruck auf mich machte. Mahlen kann ich ſie Ihnen*) nicht, aber ſo viel kann ich Ihnen ſagen, daß ſie wie eine aufgebrochene Roſe bluͤhte; daß ſie ſehr leb⸗ hafte blaue Augen, eine ſchoͤne Naſe, einen * Dem Herausgeber dieſer Schrift, dem Dorbeuſt ſeine Seſchichte erzählt. rothen und lachenden Mund hatte; daß ihre ſchoͤnen Haare blond waren, und daß ihre ganze Geſtalt in meinem Herzen einen Ein⸗ druck machte, den ich nicht wieder los wer⸗ den konnte. Und ihre Taille, wie paßte ſie ſo gut zu ihrem liebenswuͤrdigen Kopf? dieſe Taille hatte das Biegſame und Geſchmeidige eines Rohrs, ſie war——— Rein es giebt nichts, womit ich einen Begrif davon geben koͤnnte. Da ich ſie ſahe, weinte ich vor Be⸗ wunderung und Zaͤrtlichteit. So viel Schoͤnheiten, ſo viel Grazien, ſo viel Anſtand vereinigt, das war zu viel. Indeß konnte man immer noch die Frage aufwerfen: ob ſie dabey einen liebenswuͤr⸗ digen und guten Charakter haͤtte; ob ſie Nei⸗ gung haͤtte, ihren Geiſt auszubilden?— Dieſe Fragen waren doch fuͤr mich, der ich mich durch ewige Bande mit ihr vereinigen wollte, von einiger Wichtigkeit. In der Folge hatte ich das Gluck zu erfahren, daß ſie auch dieſe Eigenſchaften beſaͤße. In den Sitzun⸗ gen des Lyceums, wo uns die Geſchichte, die Tugenden und Laſter der Voͤlker, ihre Phi⸗ loſophie und ihre Kenntniſſe, ihre Religion, oder ihre Irrthuͤmer, ihre Geſetze, ihre Ge⸗ ſetzgeber und ihre groſſen Maͤnner zur Be⸗ wunderung vorkegte, oder uns ſie haſſen und verachten hieß, ſaß ich nicht weit von Ce⸗ lianen,(ſo hieß ſie), die haͤufig dieſe Vor⸗ leſungen beſuchte, und da ich auf ihre fein⸗ ſten Nuͤancen und Empfindungen, die aus ihrer ganzen Phyſionomie, die fuͤr mich ſo ausdrucksvoll war, und aus ihren Bewegun⸗ gen abzunehmen waren, acht hatte: ſahe ich ſie bald bey der Erzaͤhlung der kindlichen Liebe des Kleobis und Biton geruͤhrt; bald dem Charakter des gerechten Ariſtides ihren Beyfall zulächeln; bald uͤber den Tod des Abradates und Pentheus, dieſe recht⸗ ſchafſene Liebhaber, weinen; bald ſich uͤber die Fuͤnſiler, Dichter und Philoſophen freu⸗ en, die ſich mit angenehmen Geſpraͤchen untereinander unterrichteten, indem ſie in den ſchattigten und erfriſchenden Gaͤngen des akademiſchen Gehoͤlzes auf und abgiengen. Aber ich bin in meinen Erzaͤhlungen noch nicht ſo weit, und muß auf den Augenbilck zuruͤckkommen, wo ich Celianen das erſtemal in den Thuillerien ſahe. Sie kam nehmlich mit einer Gouver⸗ nante, und ſuchte ein kleines Maͤdchen, das ſich auf dem gruͤnen Rondel befand. Sie nannte ſie Henriette, und dieſes Kind ſag⸗ te: ach! da biſt du ja, Valran! Ja, fügte die aͤltliche Perſon hinzu, Celrane weiß, daß unſer Vater uns gerne bey guter Zeit zu Hauſe ſieht. Laßt uns daher fortgehen.— Henriette ſprang auf, faßte Celianen bey der Hand, kuͤßte ihr dieſelbe, und alle drey ent⸗ fernten ſich allmaͤhlig. Was mich betrift, ſo hatte ich zwar die Naſe in meinem Buche, nebſt einer Mie⸗ ne, als wenn ich ſehr eifrig ſtudirte. Ich ſahe aber nichts anders als Celianen, und ſie kam mir nicht aus den Gedanken. Ich folgte ihr von ferne, bis an das Haus des Buͤrgers Valran. Den Tag darauf mußte ich den ganzen Morgen beym Buͤrger Leleu bleiben, weil er viel zu thun hatte, und mich nicht gleich abfertigen konnte. Nach Tiſche aber lief ich gleich in die Thuillerien, die mir noch nie⸗ mals ſo ſchoͤn vorgekommen waren, es můͤßte denn dieſes den Abend zuvor geweſen ſeyn. Die Erinnerung an die Stellen, die Celiane betreten hatte, und die Hofnung, ſie wieder hier ſpatzieren gehen zu ſehen, machten mir dieſen Garten zum liebſten Aufenthalt. Ich hatte aus Gewohnheit ein Buch in meine Taſche geſteckt; aber man kann leicht erach⸗ ten, daß es nicht geoͤfnet wurde. Meine gie⸗ rigen Augen und meine ungedultigen Schritte — 16— durchliefen unaufhoͤrlich alle Alleen des Sar⸗ tens. Der Abend nahte heran, und ich glaubte immer Celianen zu ſehen, aber ſie war es niemals. Es wurde Nacht, und ich hatte immer noch Hofnung. Ich hatte ver⸗ geſſen, daß der Buͤrger Valran wuͤnſchte, daß ßie jederzeit bey Zeiten zu Hauſe kaͤme. . . — 17— Zweyter Abſchnitt. Er ſieht Celianen öfters auf den Spatziergängen in den Thuillerien. Run machte er ihrem Pater ſeine Auf⸗ wartung, unter dem Vorwande, ſich ſeiner bey ſeinem Prozeß zu bedienen. Da er nicht gleich vor ihn kom⸗ men konnte, ſo ſchreibt er unterdeſſen in dem Zimmer, wo er warten muß, ein Billetchen an Celianen, wird aber von Valran, ihrem Vater, der plötzlich hereintrit⸗ darinn geſtört. Dieſer merkte, daß er einen Liebes⸗ handel hat, und beſtellt ihn auf den folgenden Tag⸗ Auch das zweyte mal läßt ihn Valran lange warten⸗ Cr unterhält ſich unterdeſſen mit der Gouvernante, r über die vortreftichen Eigenſchaften Celianens, und kommt hernach zum erſtenmale mit dem Gegenſtande ſeiner Liebe zu ſprechen⸗ Palran beſtellt ihn zum drit⸗ tenmale. Mehrere Tage hintereinander hatte ich nun das Ungluͤck, ſie weder an ihrem Fenſter, noch auf der Promenade, wohin ich alle Tage * wie ein Wahnſinniger lief, zu ſehen. Gluͤck⸗ licher Weiſe traf ich ſie endlich mehrere Monate lang faſt alle Tage, theiis in den Thuillerien, theils im Lyceo, wo ſie den Vorleſungen 3 2 — 718— über die Geſchichte beywohnte, wie ich be⸗ reits oben geſagt habe, an. Ihr Anzug wurde allmaͤhlig ſo geſchmackvoll, und bekam jene ſo anziehende Simplicität, daß ich ſie von Tage zu Tage mehr kewunderte. Aber wie wurde ich auſſer mir vor Freuden, als ich eines Morgens unter ihren Fenſtern vorbey gieng, und ſie ſingen hoͤrte. Sie be⸗ gleitete ihren Geſang mit der Harfe, und einige Worte, die ich verſtand, kieſſen mich muthmaſſen, daß derſelbe Bezug auf unſte Lage habe. Dieſer Gedanke machte mich bey⸗ nahe verwirrt. Ich lief fort, und kaufte mir dieſe Arie, ohne eben ſehr zu wiſſen, was ich damit machen wollte. Ich hatte ſie in der Hand, als ich gegen Abend in die Thuil⸗ lerien gieng, und Celiane mit ihrer Gou⸗ vernante erſchien. Sie lieſſen ſich ohnweit des Pavillons der Flore nieder. Ich that, als ob ich ſie nicht ſaͤhe, indem ich dichte bey ihnen vorbey gieng, und nur mit mei⸗ ner Arie, die ich laut genug trillerte, um gehoͤrt zu werden, beſchaͤftigt zu ſeyn ſchien. Aber wie bald wurde ich eine Veraͤnderung und ein Erſtaunen auf dem Geſichte Celia⸗ nens gewahr. Ich ſezte mich hernach mit meiner Arie, und kehrte ihr den Ruͤcken zu, doch ſo, daß ich babey ihre geringſen Bewe⸗ gungen bemerfen konnte. —— a da zw un we be li Celiane ſuchte mich mit ihren Augen auf, ſahe mich ſitzen, und da ſie glaubte, daß ich ſie nicht ſehen koͤnnte, ſahe ſie mich zweymal an; aber das zweytemal begegneten unſre Blicke einander, und ſie ſahe geſchwind weg, indem ſie erroͤthete. Was hatte dieſer verſtohlne Blick fuͤr Reitze fuͤr mich! was ahndete ich fuͤr gluͤckliche Folgen davon? it welchem Vergnuͤgen bemerkte ich, daß ſie mit einem ſolchen gruͤnen Bande, wie mein Kleid war, umguͤrtet ſey, und mein Lieb⸗ lingsbuch, die Fabeln des Fontaͤne, in der Hand hatte. Alle dieſe einzelne Umſtände zuſam⸗ mengenommen, machten mir Muth, mich einmal bey dem Buͤrger Valran zu zeigen. Dieſes war ein ſehr rechtſchaffener und ge⸗ ſchickter Advokate. Ich nahm meinen Pro⸗ zeß zum Vorwand, um mich bey ihm ein⸗ fuͤhren zu laſſen. Mein Weg gieng alſo nun zum Vaker Celianens. Ich zog zitternd die Klingel an; man machte auf, und Celiane ſelbſt fragte, was zu Befehl ſtuͤnde. Wegen der Dunkelheit des Vorzimmers konnte ſie mich nicht erkennen. Ich will, antwortete ich, zum Buͤrger Valran. Sie brachte mich in ein Zimmer, ſieht mich an, und ihre Verwirrung erlaubt ihr weiter nichts, als — — —— — 20— die Worte herauszubringen:»ich will mei⸗ nen Vater geſchwind davon benachrichti⸗ gen;“ und auch dieſe brachte ſie ſtammelnd hervor. Da man mich allein ließ, und ich mich an der Verwirrung ergoͤzte, wovon ich die alleinige Urſach war, kam die gute Lacroix in das Zimmer, worinn ich mich befand. Dieſe Frau war nehmlich die Gouvernante Celianens; ſie hatte ein Buch in der Hand, und ſagte mit einem Tone, der mich zu be⸗ klagen ſchien, daß der Buͤrger Valran mich vielleicht noch ein wenig warten laſſen wuͤr⸗ de.»Dieſer gute Alte,“ fuͤgte ſie hinzu, „iſt immer ſo kraͤnklich, daß er vielleicht in kurzem alle ſeine Geſchaͤfte wird aufgeben muͤſſen. Ich bitte Sie ſeinetwegen um Ver⸗ zeihung, daß ich Sie noch einmal alleine laſſen muß, ich will gehen, und ihn aufſu⸗ chen. Es thut mir Leid, daß Sie unterdeſ⸗ ſen lange Weile haben werden.“%½ Waͤhrend daß die gute Lacroix noch redete, hoͤrte man einen Geſang, der von einer Harfe begleitet wurde, und dieß war Celianens Stimme.»Wenn der Buͤrger,“ fuhr die gute Lacroix fort,»ein Freund von der Lektuͤre iſt, ſo ware hier ein unterhal⸗ tendes Buch.“ Ich bin Ihnen ſehr verbun⸗ N O ſe kle den, die Zeit wird mir gewiß nicht lang werden.—»Deſto beſſer.“ Sie legte das Buch auf den Tiſch, that einige Schritte vorwaͤrts, und kehrte wieder um, indem ſie ſagte:»dieſe Harfenmuſik ſtoͤrt ſie viel⸗ leicht?“— Nein.—*Die Buͤrgerin Val⸗ ran lernt dieſelbe im Speiſeſaale. Es iſt ſonderbar, ſie hat heute ihre Stunde veraͤn⸗ dert. Mag es ſeyn, dieſe Arie iſt neu und ſehr ſchoͤn. Erſt gefiel ſie ihr nicht; aber jezt iſt ſie thoͤricht in dieſelbe verliebt. Hoͤ⸗ ren Sie einmal! Sie ſpielt ganz gut.“— Ja, ſehr gut. Dieſe Arie gefaͤllt ihr alſo jezt ſo ſehr?—»Ja, wie ich ſchon geſagt habe, und daruͤber wundere ich mich nicht, da ſie ſo allgemeinen Beyfall findet; wir hoͤrten ſie ſogar neulich in den Thuille⸗ rien ſingen, und“—— ſie wollte fortfah⸗ ren, aber eine etwas gebrochene Stimme, welches der Buͤrger Valran war, rufte ſie, ſie machte alſo eine Verbeugung und gieng hinaus. Ich war demohngeachtet nicht allein. Die helltoͤnende melodiſche und ruͤhrende Stimme Celianens beſchaͤftigte, mich auf eine ſehr angenehme Weiſe, als der Anblick eines kleinen Schreibtiſches die Idee in mir er⸗ weckte, ihr einen Brief zu ſchreiben, und 5 — M—— ꝛ ihr denſelben bey erſier Gelegenheit zuzu⸗ ſtellen. Doch zog ich vor jezt noch vor, in dem Lieblingsbuche Celianens, den Fontaͤni⸗ ſchen Fabeln, die Stellen, die am meiſten meine Geſinnungen ausdruͤckten, zu unter⸗ ſtreichen. Ich nahm alſo meine Reißfeder, und ſtrich an, wo ich etwas fand. Dabey ließ ich es nicht bewenden, ſondern folgte meinem erſten Gedanken, ergrif meine Feder und Papier und ſchrieb hin, was mir die feurigſte Liebe eingab. Da ich ganz in dieſe bezaubernde Beſchaͤftigung vertieft war, hoͤrte ich kaum noch die liebenswuͤrdige Stimme der Celiane. Nun wurde ich durch die ploͤtz⸗ liche Hineintretung und Annaͤherung des Buͤrgers Valran, der, indem er meinen Brief ergrif, mich fragte: ob ich hier meinen Handel kurz aufgeſezt haͤtte, auf einmal aus meiner ſuͤſſen Fantaſie geriſſen. Nein, ant⸗ wortete ich ihm ganz erſchrocken, mein Buͤr⸗ ger! und nahm ihm geſchwind das Pappier aus der Hand.— Warum erſchrecken Sie denn ſo?— Dieſes Schrecken kam von der plotzlichen Ueberraſchung.—— Es iſt wahr, daher kann es kommen. Ueberdieß habe ich kein Recht, Sie zu fragen. Ueber dieſe Angelegenheiten werden Sie ohne Zweifel meines Raths nicht beduͤrfen, ob man gleich in meinem Alter in mehr als einer Sache — 23— Rath ertheilen kann.“— Ich zweifle nicht daran.—»Nun was haben ſie denn fuͤr eine Geſchichte? Was ſuchen Sie? Haben Sie dieſelbe uͤber der andern vergeſſen? Ich glaube faſt. In Ihrem Alter und in Ih⸗ ren Umſtaͤnden weiß man nur eine Sa⸗ che vollkommen.“— Aber ſammlen Sie Sich, fuͤgte er mit einer liebenswuͤrdigen Gutherzigkeit hinzu, ſammlen Sie Sich.— Ich konnte mich mit Muͤhe aus der Ver⸗ wirrung, worin ich mich befand, herauswin⸗ den, und erzaͤhlte ihm eben nicht in der be⸗ ſten Ordnung einen Theil meines Handels, wobey ich ihm verſprach, das Uebrige an einem andern Tage, wenn es ihm gelegen ſeyn wuͤrde, vorzutragen. Auf die Art be⸗ hielt ich doch eine Gelegenheit, bald wieder zu kommen. Er gab nun um ſo viel mehr ſeine Einwilligung darein, da er ſahe, daß ich gar nicht gefaßt war.»Sie ſind, fuhr er fort, nicht der erſte, dem eben, als er von einer ernſthaften Sache zu ſprechen an⸗ fangen wollte, ein naͤrriſcher und verliebter Handel einfiel, der ihn ganz konfus machte; und uͤberdieß entſchuldigt Ihre Jugend die⸗ ſen Umſtand zur Genuͤge. Kommen Sie uͤber⸗ morgen um dieſe Zeit wieder, vielleicht bin ich ſo gluͤcklich, Ihnen einen guten Rath er⸗ theilen zu koͤnnen. Koͤnnen Sie an dieſem Tage?— Aber——— Reden Sie nur— wenn es Ihnen morgen nicht ungelegen waͤ⸗ re. Ich muß ſagen, daß dieſe Sache keinen Aufſchub leidet.— Ganz wohl, morgen al— ſo, wenn es Ihnen gefaͤllt. Doch vielleicht werden Sie wieder warten muͤſſen.— De⸗ ſto beſſer, wollte ich eben ſagen, aber ich hielt mich noch zu rechter Zeit zuruͤck, und antwortete: ich werde gerne warten.— Mor⸗ gen alſo um 10 Uhr.— Ich komme gewiß. Hiermit machte ich ihm mit einer entzuͤckten Mine, die ich nicht verbergen konnte, meine Verbeugung, und gieng hinaus. Er ſagte noch laͤchend zu mir:»Machen Sie es mor⸗ gen nicht ſo wie heute.“ Ich ergriff ihn ganz mechaniſch bey der Hand, und ſagte: Schonen Sie mich. Ich war kaum auf der Gaſſe, als ich die Gitterfenſter uͤber mir aufſchieben hoͤrte. Tauſenderley Gedanken beunruhigten mich, und die ſpashaften Reden des Buͤrger Valran ließen mich vermuthen, daß er einen Ver⸗ dacht hege. Ich fuͤrchtete auch die unter⸗ ſtrichenen Stellen im Fontaͤne möchten ihm zu Geſichte kommen, und er moͤchte endlich einen Liebeshandel entdecken, dem er die Grauſamkeit haͤtte, ſich zu widerſetzen. Wenn der Prozeß nicht zu meinem Vortheil aus⸗ —— faͤllt, was ſoll ich Celianen anbieten? Dieſe Gedanken, die mich quaͤlten, hatten mir alle Luſt benehmen ſollen, ferner in dieſer Sache etwas zu thun; aber ich mochte mich nicht des Anblicks deſſen berauben, das mir allein das Leben noch lieb machte. Ich ließ mir alſo jezt weiter nichts merken, ſondern fand mich noch vor 10 Uhr an dem beſtimmten Orte bey dem Buͤrger Valran ein, in der Hofnung, wenn ich al⸗ lein im Zimmer bliebe, das lachende Ge⸗ maͤlde der Celiane, welches ich den Tag vor⸗ her über dem Kamin, aber nur zu ſpaͤt ge⸗ ſehen hatte, abzuzeichnen. Ich war alſo um halb 10 Uhr bey dem Buͤrger Valran. Die gute Lacroir war es wieder, die mir aufmachte, und mich uͤber den Gang gehen hieß. Was ſoll ich hier fuͤr einen Weg nehmen, murmelte ich ganz ſachte. Gott! darf ich denn nicht im Vorzimmer warten? Meine Furcht traf zum Ungluͤck ein. Ich befand mich auf dem Speiſeſaale bey Celianens Harfe. Ach wenn ſie da wäre, ſagte ich zu mir ſelbſt, wenn ich mit ihr eine Arie ſingen koͤnnte, wie man ſie in den Thuillerien zu ſingen pflegt. Wenn die Striche mit der Reißfeder ihr die — — 26— Veranlaſſung an die Hand gegeben hätten, mir zu antworten!—— Doch was verlange ich! Alle dieſe Be⸗ trachtungen brachten mich in ein tiefes Nach⸗ denken, worin ich durch die gute Lacroix un⸗ terbrochen wurde, die mich folgendergeſtalt be⸗ kiagte: Sie werden, lieber Buͤrger, noch laͤnger als geſtern warten muͤſſen, wenn Sie ſonſt etwas zu thun haben; ſo rathe ich Ih⸗ nen, es unterdeſſen zu beſorgen, es iſt Zeit genug, wenn Sie nur um 11 uhr hier ſind.“— Mich ruft nichts ab; uͤberdieß ſcheinen Sie mir ſo viel Theilnahme zu beweiſen und die Unterhaltung mit Ihnen—— alles dieſes wird mir gewiß die Zeit nicht lang werden laſſen.— Viel Ehre fuͤr mich⸗ indem ſie mir eine tiefe Verbeugung machte. Aber die Theilnahme, die ich Ihnen bezeuge, iſ ganz natürlich, und koſtet mich nichts. Sie ſtand vor mir, und ich bat ſie, ſich zu ſetzen, wel⸗ ches ſie nicht ohne Schwierigkeit und ohne viel Komplimente that. Dieſe gute Gouver⸗ nante war eine Funfzigerin; ihre Phyſionomie paßte zu ihrem Charakter, denn ſie hatte et⸗ was ſehr offenes und treuherziges. Heute, ſagte ſie, kann ich eher ein we⸗ nig plaudern, als geſtern, wo Ihnen wohl die Zeit wird lang geworden ſeyn. Aber — — nein, ich irre mich; der Buͤrger Volran hat uns geſagt, daß Sie geſchrieben, als er hin⸗ eingekommen waͤre, und viel Furcht haͤtten blicken laſſen, als er ſeine Hand ausgeſtreckt, um ihr Papier zu nehmen. Uebrigens haͤtte es ihm Leid gethan, daß er ſie ſo uͤberraſcht, und ihnen auf die Art zu nahe getreten waͤ⸗ re. Celianen und mir hat dieſes auch ſehr wehe gethan, und ſie hat davon mit ihrem Vater geſprochen. Ach! dieſes gute Kind, was fuͤr eine geſunde Beurtheilungskraft, was fur einen guten Charakter hat es!—— Es iſt ein wahrer Engel. Wenn ſie einen unwillkuͤhrlichen leichten Fehler begeht, wie tadeit ſie ſich ſelbſt, und wie mißfaͤllig iſt es ihr an andern, wenn ſie dergleichen ſieht! Aber ihr Vater liebt ſie auch, liebt ſie ſo ſehr, und in dieſem Punkt iſt er ſchwach. Z. B. lezthin ſiel es Celianen ein, einen groſſen gruͤnen Guͤrtel zu haben, ohngefaͤhr ſo, wie ihr Kleid da iſt, und ihr blauer war noch ganz gut. Was geſchah? Sie konnte ihre Worte ſo gut anbringen, daß ſie denſelben von ihrem Vater erhielt. Sie wuͤnſchte ſich Fontänens Fabeln und er kaufte ſie ihr gleich, und zwar mit Vergnuͤgen, da es ein ſo vor⸗ trefliches Buch iſt. Nun leſen wir bieſe ſcho⸗ nen Fabeln zuſammen. Sie fuͤhlt die Schoͤn⸗ heiten derſelben, der Buͤrger Valran ſagt es — 28— ſelbſt, und er freute ſich geſtern recht ſehr, als er ſahe, daß Stellen angeſtrichen waren, die wirklich von dem feinſten Geſchmack zei⸗ gen, in ihrem Alter(denn ſie iſt auf St. Catharina, meinem Namenstage, erſt 16 und ein halb Jahr) in ihrem Alter ſo viel und mehr zu wiſſen, als ich bey hohen Jahren weiß; denn ich werde den heiligen ⸗Abend vor Weihnachten funfzig, o! das iſt erſtau⸗ nend, daruͤber kann man ſich nicht genug wundern. Gegenwaͤrtig ſizt ſie, und zeichnet. Sie hat einen von unſern guten Pariſer Lehrmei⸗ ſtern, einen Schuͤler Suveens, dieſes be⸗ ruͤhmten Mahlers, der ſo vortrefliche Ge⸗ maͤlde in die Bildergallerie auf dem Louvre geliefert hat. Er laͤßt ſich ſeine Stunden freylich gut bezahlen; aber ſie giebt es ger⸗ ne, denn ſie profitirt erſtaunlich von ihm. Sie hat mein Portraͤt gezeichnet, und jeder⸗ mann findet es ſehr aͤhnlich, und ſie hat es blos aus dem Gedaͤchtniß gemacht. Ich weiß, fuͤgte ſie geheimnißvoll hinzu, daß ſie gegen⸗ waͤrtig eins zeichnet, das ſie nicht ſehen laſ⸗ ſen will, aber ich habe gute Augen, die in der Ferne gut ſehen, und habe ſo viel wahr⸗ genommen, daß es ein maͤnnliches Portrait iſt. Nehmen Sie keinen Anſtoß daran, es iſt die Zeichnung ihres Vaters, aber ſoviel ich von der Seite habe wahrnehmen koͤnnen, macht ſie ihn zu jung, viel zu jung. Damit wird ſie uns gewiß am Geburtstage ihres Vaters uͤberraſchen wollen. Ihr Lehrmeiſter wird dieſes kleine Portrait noch ein wenig guͤber⸗ arbeiten, ſie wird es alsdann in einen huͤb⸗ ſchen Rahmen faſſen laſſen, und ihrem Pa⸗ pa, der gewiß davon bezaubert werden wird, wie Sie leicht denken koͤnnen, ein Geſchenk damit machen. Das wird alsdann als ein Pendant zu dem ihrigen über dem Kamin im Vorſaale aufgehangkn werden. Dieſe Ue⸗ berraſchungen ſind, iſts nicht wahr? ſehr angenehm, und das aus einem ganz ſimpeln Grunde. Ich huͤtete mich wohl, ſie zu unterbre⸗ chen. Ich war, vor Aufinertſamkeit und Be⸗ gierde zu hoͤren, ganz unbeweglich. Sie fuhr fort: ich muß Ihnen aber doch zeigen, was ſie füͤr Stellen unterſtrichen t, und indem ſie aufſtand, um Fontaͤnens Fabein zu ſu⸗ chen, ſagte ſie: Sie ſollen gleich ſehen, und gieng in das Nebenzimmer. Ach! ſagte ich zu mir ſelbſt, wenn ich nur Stellen von ihrer ſchonen ⸗ Jand unter⸗ ſtrichen faͤnde, und ſie zu denſenigen paßten, die von mir unterzeichnet waren! Sie kam — zuruͤck, und wie groß war mein Gluͤck! ich ſahe in der Fabel des Pyramus und der Thisbe, unter folgendem Verſe, der von der⸗ Liebe handelt, einen Strich. Sans l'Hymen on n'en doit recuillir aucun fruit. (Auſſer der Ehe ſoll man in der Liebe keine Genuͤſſe zu erhalten ſuchen.) Und der darauf folgende Vers: Et cependant Thymen eſt ce, qui le detruit. (Und unterdeſſen„iſt das eheliche Band dasjenige, was die Liebe zerſtoͤrt.) war durchgeſtrichen. Ich denke wie Sie, ſagte ich zu der gu⸗ ten Gouvernante, und ſie verdient die Lob⸗ ſpruͤche, die Sie ihr ertheilen, allerdings. In dieſem Augenblicke hoͤrte ich Jeman⸗ den auf dem Gange gehen, und den Namen Henriette ruffen. Dieſes war Celiane, die dem Kinde, das ich in den Thuillerien bey ihr geſehen hatte, Unterricht auf der Harfe geben wollte. Sie ſah mich nicht ſobald, als mein Anblick ſie dermaſſen beſtuͤrzt machte, daß, als 1. ſie gruͤßte, ſie mir nicht dankte. 6 Sehen ſie nicht, liebe Freundin, ſagte die gute Lacroix, daß man Sie gruͤßt?— Ich — 31— glaubte gedankt zu haben, erwiederte ſie, in⸗ dem ſie mir eine Verbeugung machte, die vol⸗ ler Grazie war, ob ſie ſich gleich noch nicht gefaßt hatte. Sie gab darauf der Henriette die Harfe und ſezte ſich ſo, daß ſie mich, ohne ein gezwungenes Weſen annehmen zu duͤr⸗ fen, anſehen konnte. Die Kunſt, ſich zu ſe⸗ tzen, iſt keinesweges bey einer Geſellſchaft zu verachten, und von derſelben haͤngt oft die Unterhaltung, oder die Langeweile ab, die man daſelbſt hat. Sie ſchien ſich an ih⸗ rem Orte zu gefallen, als die gute Lacroix die Bemerkung machte, Celiane ſoll nur erſt an⸗ fangen, die junge Schuͤlerin, die weniger furchtſam als ihre Lehrerin war, den Takt und den Ton anzugeben. Nach einigen Com⸗ plimenten gehorchte ſie endlich, und die gute Gouvernante, die mich unterdeſſen, als Celi⸗ ane meine Ohren vergnuͤgte, bey Seite nahm, erzaͤhlte mir, wie ſie Henriettens Mutter haͤtte tennen lernen.“Die Buͤrgerin Bury(ſo hieß ſie) fuhr ſie fort, die im 3ten Hauſe von uns wohnt, beſſert Spitzen aus, waͤſcht fei⸗ nen ſeidenen Zeug, und ſückt ſehr gut. Sie iſt ſonſt in guten Umſtaͤnden geweſen; aber wie Sie wiſſen, faͤhrt man heute in einer ſchoͤnen Kutſche, und morgen hat man nichts, als das trockne Brod; und eben ſo iſt es ihr ergangen. Zu allem Ungluͤck hat ßie noch „——— ſchwere Proceſſe zu fuͤhren. Sie hat ſich alle Muͤhe gegeben, die Zahlungen, die ſie zu lei⸗ ſten verſprochen hat, richtig abzufuͤhren; aber ſte iſt es nicht im Stande geweſen. Wir haben alles dieſes zufaͤlliger Weiſe erfah⸗ ren, denn ſie verheelt es vor Jedermann. Wiſſen Sie, was unſer edeldenkendes Kind da gethan hat?(bey dieſen Worten wieß ſie auf Celianen) Sie bat mich nehmlich ſo⸗ gleich, ihre Armbaͤnder, ein goldnes Ethui, eine ſilberne Zuckerdoſe, und Dhrringe von einem hohen Werth, welche ihre ſelige Mut⸗ ter, die Buͤrgerin Valran, getragen hatte, zu verſetzen, und der Buͤrgerin Bury zu helfen, die man ſonſt ins Gefaͤngniß geſchleppt haͤtte. Ach! Sie haͤtten ſie ſehen ſollen, dieſes himmliſche Kind, wie ſie ſich dieſer braven und vortreflichen Frau weinend in die Arme warf, und ſie bat, ſie nicht abzuweiſen. Es war der Muͤhe werth, zu ſehen, was ſie fuͤr feine Wendungen nahm, um die Empfindlich⸗ keit dieſer Frau nicht zu reitzen. Sie wein⸗ ten alle beide, und ich und Henriette auch. Und ſehen Sie, jest noch greifts mich bis zum Weinen an. O das iſt ein vortrefliches Maͤdchen, das kann man nicht leugnen; der Kopf ſchwindelt mir. „Sie dr „Sie koͤnnen aus allem dieſen ſchlieſſen, daß die Buͤrgerin Bury eine ſehr gute Freun⸗ din von uns iſt. Es macht einem ſo viel Vergnuͤgen, diejenigen zu ſehen, die man ſich verbunden hat. Ach! wenn man dieſes Vergnügen einmal geſchmeckt hat, wird mans gewiß oͤfter zu genieſſen wuͤnſchen.“ Wenn dieſe gute Lacroix dafuͤr bezahlt worden waͤre, mich zu bezaubern, mich zu entzuͤcken und mir bis in mein Innerſtes zu dringen; haͤtte ſie ſich nicht beſſer dabey be⸗ nehmen koͤnnen. Uebrigens hatte ich den Brief bey mir, den ich den Tag zuvor im Vorſaale geſchrie⸗ ben hatte. Ich wollte ihn nun beſtellen, und es kam darauf an, die Gouvernante einen Augenblick zu entfernen. Ich wollte uͤbri⸗ gens noch eine Gelegenheit uͤbrig behalten⸗ in dieſes theure Haus zuruͤck zu kehren, und ein gluͤcklicher Einfall ſchien mich zu meinem doppelten Zweck zu fuͤhren. Nachdem ich die Talente der Celiane herausgeſtrichen hat⸗ te, die meine Lobeserhebungen mit einer Freude aufnahm, die ein andrer, der nicht ihr Liebhaber war, nur zur Haͤlfte bemerkt haͤtte, und wofuͤr ſie ſich mit einer liebens⸗ wuͤrdigen Beſcheidenheit bedankte; ſagte ich 3 zur guten Lacrvix: Es thut mir Leid, ein Vergnuͤgen, das mir ſelbſt ſo angenehm iſt, unterbrechen zu muͤſſen; aber ſeyn Sie doch ſo gut, und ſehen nach, ob ich nicht bald mit dem Buͤrger Valran kann zu ſprechen xommen, denn es faͤllt mir eben ein, daß ich eine ſehr dringende Sache habe.“ Die Gou⸗ vernante befolgte gleich meinen Willen. Ich hegte die gute Hofnung, daß der gute Buͤrger Valran noch nicht kommen koͤnn⸗ te, und war wenigſiens ſicher, daß ich nicht Zeit genug haben wuͤrde, ihm meinen gan⸗ zen Handel zu erzaͤhlen; ſonach alſo einen Theil davon auf den folgenden Tag wuͤrde verſchieben muͤſſen. Ich war auch Wil⸗ lens, meinen Brief der Celianen einzu⸗ haͤndigen; aber ich wagte es niemals: tau⸗ ſenderley Beſorgniſſe hinderten mich daran, und ich ſchraͤnkte mich auf einige allgemeine Ausdruͤcke ein, die weiter keine Folgen hat⸗ ten. Hernach redeten wir von dem Talent zu mahlen, und bey dieſer Gelegenheit lobte ich vas Kolorit, und das Leben, das der Mahler in ihr Gemaͤlde hineingebracht, und bat mir deſſen Namen aus. Sie nahm eine Feder, und ſchrieb ihn mit vieler Grazie. Sie glauben nicht, ſagte Dorbeuil zu mir, Sie glauben nicht, was fuͤr ein Werth darin — —— N lieg ſihn Fre em ſen mir de die ſt P in me Ec we de liegt, etwas Geſchriebenes von dem Gegen⸗ ſtande, den man liebt, zu beſitzen. O mein Freund, ich habe dieſes wohl recht lebhaft empfunden. Ich ſeste mir gleich vor, zu die⸗ ſem Kuͤnſtler zu fliegen, und ihn zu bitten⸗ mir eine Kopie von dieſem werthen Gemaͤl⸗ de zu fertigen. Welcher groſſe Schatz iſt das⸗ die Zuge einer angebeteten Geliebte zu be⸗ ſitzen. Ich wollte mit Celianen von dem Portraͤt des Buͤrgers Valran, welches ſie ins geheim verfertigte, und das ſie zu jung machte, ſprechen; aber ich befuͤrchtete ihre Schamhaftigkeit zu kompromittiren, oder ſie wenigſtens in ihrem Vergnuͤgen zu ſtoͤren. Ich ſchraͤnkte mich darauf ein, ihr wegen des Portraͤts der guten Lakroix, das ſie ſehr ͤhnlich und noch dazu aus dem Gedaͤcht⸗ niß gemacht hatte, meine Verwunderung zu bezeugen. Sie antwortete: die Zuͤge der Perſonen, die man liebt, praͤgen ſich ſehr tief ein. Der Buͤrger Valran kam herein, und ſagte: er könnte erſt morgen mit mir ſpre⸗ chen. Hierauf giengen wir zuſammen fort. Wir blieben auch auf der Gaſſe noch bey ein⸗ ander, und das Geſpraͤch kam auf Celianen, gls er mich ploͤtzlich fragte: ob der Gegen⸗ ſtand, womit ich mich beſchäftigte, auch ſo liebenswuͤrdig als ſie waͤre. Man ſieht we⸗ nig, entgegnete ich, die ihr an die Seite ge⸗ ſezt zu werden verdienen; aber ich verſichere Sie, daß diejenige, die ich liebe, ihr in kei⸗ nem Reitze etwas nachgiebt. Er wuͤnſchte mir zu meiner groſſen Freude Gluͤck. Es iſt nicht ſo groß, als Sie glauben, fuͤgte ich ſeufzend hinzu.— Wie ſo? Sezt ſich der Vater dawider? Sind Sie nicht gut auf ihn zu ſprechen? Das haͤlt freylich ſchwer.— Ich habe mit dem Vater nichts, zum wenigſten iſt mir nichts bewußt; aber es iſt ihm nicht bekannt, daß ich ſeine Tochter liebe. Ich un⸗ terſtehe mich nicht, es ihm zu ſagen, und be⸗ fuͤrchte, er moͤchte meine Neigung mißbilli⸗ gen.— Und warum?— Weil ich ein Frem⸗ der bin: ich komme von Penſylvanien. Sie koͤnnen hieraus urtheilen, daß ein Vater ſich nicht ſeines geliebten Kindes wird berauben wollen— Das iſt freylich eine fatale Schwie⸗ rigkeit—— Die Sie nicht werden erwartet haben, und die nicht ſo leicht zu heben iſt— Vielleicht, wir wollen daruͤber nachdenken, denn ich ſaͤhe Sie gerne gluͤcklich. Sind Sie aber uͤberzeugt, daß die junge Perſon Sie liebt?— Ich glaube es bemerkt zu ha⸗ ben.— Wie ſo? ohne Vorwiſſen ihres Va⸗ ters?— Die Sache iſt ſo zugegangen. Ich habe hundertmal dieſes reitzende Maͤdchen uf cke, 9e abe ce der mi auf der Promenade geſehen, und ihre Bli⸗ cke, ihre Geberden und tauſend andere Din⸗ ge, die man nicht alle ſo nennen kann, die aber genau die Sprache der Liebe ausdruͤ⸗ cken. Ich wollte fortfahren, als ein Alter den Burger Valran antrat, der mich nun mit den Worten“Morgen alſo“ verließ. Dritter Abſchnitt. — Bt ge Nun erfährt er von Leleu, daß ſein Proceß durch Palrans te Thätigkeit(ohne daß er darum gewußt hat) gewonnen P worden, und daß er nun im Beſitz eines ſehr anſehn⸗ a lichen Vermögens ſey. Er erzählt nun in den Thuille⸗ rien der Gouvernante Valrans ſeine ganze Geſchichte, f Dieſe, nebſt Celianen, beklagt nichts ſo ſehr, als daß d er ſie nun bald verlaſſen muß. Dem Bürger Leleu kauſt er zur Dankbarkeit ein ſilbernes Service. Den Tag darauf geht er zu Valran. Dieſer giebt ſeine u Einwilligung zu ſeiner Heirath mit ſeiner Tochter, un⸗ 6 ter dem Beding, wenn es ſeine Mutter zufrieden wäre. 3 e Er nimmt von Celianen mit Thränen Abſchied, und reißt nach Amerika, wo er auch glücklich ankommt⸗ —— 3 wollte zum Mahler laufen, aber es war zu ſpaͤt und ich begab mich zum Buͤrger Le⸗ leu. Sein Bedienter Picard ſagte mir, daß ſein Herr ſehr verdruͤßlich waͤre, daß 13 ich nicht gekommen, um das Urtheil meiner Sache vorleſen zu hoͤren, von der mein Gluͤck und das Gluͤck meiner Familie abhienge. In der That, mein lieber Picard, antwortete ich⸗ ſch habe gar nicht daran gedacht. Faum ſahe mich der Buͤrger Leleu, als er mir ſagte, daß die Kabale, die jederzeit die Rechtſchaffenheit zu unterdruͤcken ſuchte, hier einmal durch die weiſen Rathſchlaͤge des Buͤrgers Valran, eines Freundes deszjeni⸗ gen, der meine Sache gefuhrt hatte, geſchei⸗ tert ſey. Der Buͤrger Valran, der Buͤrger Valran, ſagte ich ganz ſachte, haͤtte ich ihm alſo mein Gluͤck zu verdanken? Ach! koͤnnte ich dieſes Gluck nicht mit ſeiner liebenswuͤr⸗ digen Tochter theilen? Der Buͤrger Leleu fuhr fort: Sie ſind nun reich, und ſehr reich, was fehlt ihrem Gluͤcke noch? Ich wollte ihm danken; aber er unterbrach mich, um mir zu ſagen, daß er ſich alle Muͤhe gegeben, um mir einen Reiſegefaͤhrten zu verſchaffen, und meine Reiſe zu beſchleunigen- Er haͤtte auch fuͤr ein Schiff geſorgt, das nach meinem Vaterlande ſegelte; morgen fruͤh um5 Uhr wuͤrde eine Poſtkutſche meiner warten, und meine Reiſe⸗ kuffer waͤren ſchon ziemlich gepackt. Ich war ſo beſtuͤrzt, daß ich nicht wuſte, was ich ant⸗ worten ſollte. Da ich mich nun ein wenig erholt hatte, gab ich ihm zu bemerken, daß dieſe plotzliche Abreiſe nicht ſtatt haben koͤnn⸗ te, da ich mich den folgenden Tag um 10 Uhr nothwendig an einem gewiſſen Orte ein⸗ finden muͤſte.— Nun, ſo reiſen Sie den Abend darauf äb.— Ich blieb ſtumm— ich glaubte mich Ihnen, junger Mann, recht verbindlich zu machen, und meine Liebe zu bezeugen, wenn ich Ihre Reiſe beſchleunig⸗ te: damit Sie ſobald als moͤglich das Gluͤck genoͤſſen, Ihrer Ihnen ſo werthen Familie, und beſonders Ihrer ſchmachtenden Mutter, die Ihr bloſſer Anblick wieder beleben wird, dieſe Freude mitzutheilen, und Gluͤck uͤber dieſelbe zu verbreiten.— Ich antwortete ihm: ich wuͤrde ihm für ſeine edlen Bemuͤ⸗ hungen, tie er auf ſo vielerley Art um mich haͤtte, in Ewigkeit verbunden bleiben. Rach dieſem Geſpräch fiog ich in die Thuillerien. Celiane ſaß daſelbſt mit der gu⸗ ten Lacroix unten an der Terraſſe der Feuil⸗ lans. Der Garten war faſt ganz leer. Ich gieng auf ſie zu, und nachdem ich ſie ge⸗ grußt hatte, ſezte ich mich auf ihre Einla⸗ dung zwiſchen ſie. Sie fanden mich ſehr traurig und unruhig, und ich geſtand ihnen mit einem tiefen Seußzer, daß meine Geſichts⸗ zuͤge meine Empfindungen treu darſtellten, und ſie ſaͤhen in der That den ungluͤcklich⸗ ſten Menſchen vor ſich. Die gute Lacroix ſagte mir nach einer tleinen Pauſe mit ih⸗ rer gewoͤhnlichen Geſchwaͤtzigkeit:»Es ziemt — 41— ſich nicht, Sie darum zu fragen, dieſes wuͤrde eine Unbeſcheidenheit verrathen, der ich nicht fähig bin,“ und nicht lange darauf fuͤgte ſie hinzu: Erzaͤhlen Sie uns, was Sie ſo ſehr niederſchſaͤgt, es wird Ihnen viel⸗ leicht einigen Troſt gewaͤhren, wenn Sie uns Ihre Leiden mittheilen.“ Celiane ließ auch Verlangen blicken, dieſelben zu wiſſen; und da ſie ihre Bitten mit der guten Gouvernan⸗ te ihren vereinigte, ſo erzaͤhlte ich ihnen den Handel, der mich genoͤthigt hatte, Penſylva⸗ nien zu verlaſſen, und in ihre Stadt zu kom⸗ men. Ich erzaͤhlte ferner, wie ich in dem Garten, worin wir jezt plauderten, eine jun⸗ ge Perſon angetroffen haͤtte, die ich liebte⸗ und die ich mein ganzes Leben hindurch lie⸗ ben wuͤrde, ſo wie auch den Schmerz, den ich daruͤber empfaͤnde, daß ich ſie nur noch einmal, nehmlich am kommenden Tag mei⸗ ner Abreiſe, zu ſehen bekommen wuͤrde. Eine zaͤrtliche Mutter ruft mich zuruck, fuͤgte ich hinzu, und ich allein kann ihr Leben und Gluͤck wieder geben. Was wuͤrden Sie an meiner Stelle thun? ſagte ich, indem ich mich an Celianen wandte, die, indem ſie ſich in Abſicht auf die junge angebetete Perſon nicht irren konnte, bey der Erzaͤhlung mei⸗ ner Leiden, an denen ſie warmen Antheil nahm, einige Thraͤnen hatte fallen laßen. Die gute Lacrvix, die mir ſo aufmerk⸗ ſam zugehoͤrt hatte, und die auch ſehr ge⸗ ruͤhrt uar, geſtand, daß ſie nichts ſo ſehr in Verlegenheit ſetze, und ſie an meinen Um⸗ ſtaͤnden ſehr viel Antheil naͤhme. Da ſie nun die ſchoͤnen Augen der Celiane in Thraͤnen ſchwimmen ſahe, ſagte ſie zu mir: ſehen Sie einmal auf dieſes liebe Kind, ſie iſt ſo ge⸗ geruͤhrt, wie ich. Celiane konnte weiter ſ nichts als folgende Worte mit einer veraͤnder⸗ ten Stimme hervorbringen: Ach! meine Gute, wer ſollte da nicht geruͤhrt werden! Und er⸗ griff ihr Schnupftuch, um die Thraͤnen ab⸗ zuwiſchen, die nun ſtaͤrter zu flieſſen anfien⸗ gen. Sie vermehrten ſich noch, da wir uns ſcheiden mußten; und der einzige Troſt, der„ uns uͤbrig blieb, war die Hofnung, uns des 3 andern Tages noch einmal zu ſehen. Ich wurde die Nacht von einer grau⸗ ſamen Gemuͤthsunruhe geplagt, und ſobald nur der Tag anbrach, gieng ich unter den Fenſtern der Celtane auf und ab. Man hoͤrte die Harfe nicht mehr, und die Gitterfenſter waren herunter gelaſſen. Die Zeit wurde 1 mir erſtaunlich lang. Ich wurde einen Gold⸗ 1 ſchmid am Ende der benachbarten Gaſſe ge⸗ wahr, und da ich mich an die Dienſte, die mir der Buͤrger Leleu geleiſtet hatte, erin⸗ nerte, ſchien es mir meine Pficht zu erfor⸗ dern, dafuͤr ertenntlich zu ſeyn. Ich kaufte ihm alſo ein vollſtaͤndiges Silberſervice, auf dem die Zeichnung und die Arbeit ſelbſt mit einander zu wetteifern ſchienen, dem Metall Leben zu geben. Ich wählte es mit ſolchen Figuren, die ſeinem melancholiſchen Charat⸗ ter angemeſſen waren⸗ Ich bezahlte es, und befahl, es ihm mit ein paar Zeilen, die ich dazu legte, den Abend nach meiner Abreiſe zu bringen. Die Stunde, in der ich zu Valran kommen ſollte, ſchlug nun, und ich ſtieg zit⸗ ternd zu ihm hinauf. Der Bediente brachte mich ins Vorzimmer. Ich betrachtete da⸗ ſeibſt das Miniaturgemaͤlde meiner ſchoͤnen Celiane, als die gute Lacroix hereintrat und mir ſagte: der Buͤrger Valran weiß alles; geſtern beym Abendeſſen haben wir ihm er⸗ zählt, was wir in den Thuillerien geſehen und gehoͤrt haben; daß Sie ſo traurig wa⸗ ren; daß Sie uns die Urſache Ihrer An⸗ kunft in Paris und nunmehrigen Abreiſe geſagt haͤtten; daß wir daruͤber recht haͤtten weinen muͤſſen... kurz, wir haben nichts vergeſſen. Er weiß alles, er weiß ſogar et⸗ was mehr, als wir nicht wiſſen, und wo⸗ von er mit Ihnen ſprechen wird; aber!—— nun ſehen Sie, er kommt ſelbſt, ich verlaſſe Sie. Der Buͤrger Valran trat ſelbſt herein. Dieſer Ausdruck der guten Gouvernante: er weiß etwas mehr, was wir nicht wiſſen, dieſer Ausdruck gieng mir im Kopfe herum. Ich fieng damit an, daß ich ihm ſagte, daß ich, wie mir der Buͤrger Leleu verſichert haͤtte, mit durch ſeine Vermittelung meinen Prozeß gewonnen haͤtte, ich waͤre nun Be⸗ ſitzer eines groſſen Vermoͤgens, und ich baͤte ihn, meine Dankbarkeit fur einen ſolchen ge⸗ leiſteten Dienſt anzunehmen. Ich fieng an, alles herzuſagen, was mir die Erkenntlichkeit eingab; aber er bat mich auf ſeiner Seite, ihn mit Belohnungen zu verſchonen; Er ſchaͤtze ſich glucklich, daß er einem edeldenken⸗ den Manne und einer ehrwuͤrdigen Familie, nach dem zu urtheilen, was er von derſel⸗ ben gehoͤrt haͤtte, haͤtte dienen koͤnnen. Dann fieng er an von etwas andern zu re⸗ den. Erinnern Sie Sich, ſagte er, daran, was Sie mir geſtern beym Weggehen ſag⸗ ten?— Wenn ich mich nun daran erinne⸗ re?— Erwarten Sie nicht, daß ich Ihnen einen Rath daruͤber gebe, was Sie zu thun haben?—— Ja, ich erwarte es; denn Sie allein koͤnnen mir hierin rathen.— Ich al⸗ lein? daran zweiſſe ich. Hier, glaube ich, muͤſſen Sie Sich wohl ſelbſt rathen.— Ach⸗ ich glaube den Empfindungen, die mein Al⸗ ter ſo ſehr beherrſchen, zu viel Gewalt ein⸗ zuraͤumen. Stellen Sie Sich an die Stelle des Vaters derjenigen, die ich liebe, und leiten Sie mich.— Warum ſollte ich mich nicht lieber an die Stelle Ihrer Mutter ſiel⸗ len?— Ich verſtehe Sie, ich ſoll abreiſen, und diejenige einbuͤßen, die ich liebe. Ach! wenn Sie ſie kennten, wenn Sie dieſelbe mit meinen Augen ſehen koͤnnten!— Nun, ich kenne ſie, wenigſtens glaube ich, ſie zu kennen. Hierauf ſchlug er ſeinen Arm um meinen Leib, um mich nach dem Kamin hin zu wenden, wo das Portraͤt der Celiane hieng. Iſt das nicht ihr Portraͤt? ſagte er mir laͤchelnd. Ich blieb ſtumm. Sie hat mir geſtern, nachdem ſie von der Prome⸗ nade zuruͤck war, alles bekannt. Ich blieb noch einige Minuten ſprachlos. Hernach fragte ich ihn, was er uͤber mein Schickſal beſchloſſen haͤtte.— Hier iſt mein Rath⸗ antwortete er, indem er mich bey ſich nie⸗ derſetzen hieß, den ich Ihnen gebe, iſt der Rath eines Freundes. Ich wuͤnſchte, daß ich Ihnen einen ertheilen koͤnnte, der leich⸗ r zu befolgen waͤre. Aber die Nothwendig⸗ keit hat Geſetze, die man nicht überſchreiten — 46— darf. Ich weiß, daß Sie vor dieſem Antrag erſchrecken werden, ich hoͤre ihre Seufzer; aber glauben Sie, daß die Maaßregeln, die ich von Ihnen verlange, nicht umgangen werden koͤnnen. „Sie lieben meine Tochter, und wer⸗ den wieder von derſelben geliebt. Meine bloſſe Einwilligung iſt zum Ungluck zu Ihrer Ehe nicht hinlaͤnglich. Eilen Sie daher zu Ihrer Mutter zu kommen, der Sie neues Leben geben werden, und deren Genehmigung Sie leicht erhalten werden. Dann kommen Sie zuruͤck und Ihr Gluͤck iſt gewiß.“ Ich empfand die Staͤrke ſeiner Gruͤnde, aber ſein Beſchluß uͤber mich war demohngeachtet grau⸗ ſam: ich muß abreiſen, ich muß mich von allem ſcheiden, was mir theuer iſt, ich muß Celianen verlaſſen. Und dieſe Vorſtellung zerriß mir das Herz. Sie behandeln mich wie ein Vater, antwortete ich ihm, und mei⸗ ne Schuldigkeit iſt es, Ihnen als ein zaͤrt⸗ licher und treuer Sohn zu gehorchen. Ja, ich werde gehorchen, aber bewilligen Sie mir eine Gunſt.— Ich errathe es, was Sie verlangen. Sie wollen ſie ſehen. Nun, wird es Ihnen denn leichter werden, abzu⸗ reiſen, wenn Sie ſie geſehen haben?— So zann ich doch vor meiner fatalen Reiſe ihr mein Bedauern, daß ich ſie verlaſſen muß, mein Verlangen, ſie bald wieder zu ſehen, und die Verſicherung, ſie niemals zu ver⸗ geſſen, zu erkennen geben.—*Sie iſt aus⸗ gegangen, ſonſt wuͤrde ich Ihnen Ihre Bitte gewaͤhren; aber glauben Sie mir, mein lie⸗ ber Freund, gehen Sie fort, ehe ſie wieber zu Hauſe kommt. Sie erſparen ſich einen grauſamen Auftritt.“ Er redete die Wahrheit, denn da Celi⸗ ane zuruͤck kam, fiel eine ſtumme und ſchreck⸗ liche Scene vor, die uns aus aller Faſſung brachte. Aber, wie viel haͤtte ich verloren, wenn ich ſie verlaſſen haͤtte, ohne ſie wie⸗ der zu ſchen! D wenn Sie ihren geruͤhr⸗ ten Blick, den ſanften Ausdruck ihres Ge⸗ fuͤhls geſehen, wenn Sie den bezaubernden Ton ihrer Stimme, als ſie, nachdem ihr Va⸗ ter ihr ins Ohr geredet und ſie ihr Portrait vom Kamin herunter genommen hatte, zu mir ſagte: Nehmen Sie hier die Zuͤge der⸗ jenigen von mir an, die Sie bis zum lezten Athemzug lieben wird. Heben Sie Sich die⸗ ſelben auf, und laſſen dieſe Worte oft in Ihrem Herzen wiederhallen.— Ja, Sie wer⸗ den darin unaufhoͤrlich erklingen, rufte ich aus, indem ich ihr Portrait und ihre Hand mit Entzuͤcken kuͤßte; ja Sie werden unguf⸗ 7 ——————— Horlich ertsnen, ſo wie auch die:»hier iſt diejenige, die ich bis auf den lezten Athem⸗ zug lieben und hochſchaͤtzen werde.“„Naun- floſſen die Thraͤnen von beiden Seiten. Ue⸗ brigens bat ich Celiane, mit dieſem ſo koſi⸗ baren Geſchenke nicht zufrieden: denn wel⸗ cher Liebhaber wuͤnſcht nicht immer derglei⸗ chen, dieſem Geſchenk ihren groſſen gruͤ⸗ nen Guͤrtel und den Fontaͤne, dieſe ſo glückliche Zeichen ihrer Zaͤrtlichkeit, beyzufuͤ⸗ gen. Sie gab mir das Buch, dann loͤßte ſie ihren Guͤrtel ab, und nachdem ſie denſelben mit vieler Beſtuͤrzung zuſammengerollt hatte, that ſie ihn in ein kleines Kaͤſtchen, und bot mir es an. Ich hatte eine runde Doſe von Akazien⸗ holz, auf der ſich das Portraͤt meiner Mut⸗ ter befand. Dieſe bat ich, Celianen anzuneh⸗ men, welches ſie mit rechter Begierde that⸗ indem ſie zu mir ſagte: ach, koͤnnte diejeni⸗ ge, deren ehrwuͤrdiges Bildniß ich mit ſo vielem Vergnuͤgen annehme, bey mir und in meinem Herzen die Stelle der zaͤrtlichen Mutter, die ich verloren habe, erſetzen! Ich blieb beym Buͤrger Valran, bis die Stunde meiner Abreiſe ſchlug. Den Ab⸗ ſchied ſelbſt will ich Ihnen, mein Freund, nicht nicht weiter beſchreiben, die Worte wuͤrden mir fehlen. Ich reißte mit einem Engländer, Na⸗ mens Wilſon, ab, der faſt gar nicht redete, und mir dadurch recht ſehr behagte, denn meine Gedanken waren zu ſehr beſchaͤftigt, um im Stande zu ſeyn, ein Geſpraͤch zu fuͤhren. Da wir in dem Hafen angelangt waren, ſchiften wir uns ſogleich auf dem Schiffe Le ßidsle, oder der Treue, ein. Wir hat⸗ ten geraume Zeit ſehr guͤnſtigen Wind; her⸗ nach aber entſtand ein ſo fuͤrchterlicher Sturm, daß ich ſeufzend ſagte: muß denn alles, was treu iſt, ungluͤcklich ſeyn? Doch waͤhrte die⸗ ſer Sturm nicht lange, und wir kamen ohne weitere Gefahr in Virginien an. Vierter Abſchnitt. Seine Anverwandten nehmen ihn mit vielen Freudensbezeu⸗ gungen auf, und es werden groſſe Feſtins wegen ſeiner glücklichen Ankunft angeſtellt. Er erzählt ſeine Ge⸗ ſchichte, und ſeine Mutter beſchließt, mit nach Frank⸗ reich zu reiſen. Sie haben einen groſſen Sturm aus⸗ zuſtehen, kommen aber glücklich ans veſte Land. Dor⸗ beuil hört ſogleich die betrübte Nachricht, daß Valran geſtorben ſey⸗ Von Tervaln erfährt er nun, nach vie⸗ len ftuchtloſen Bemühungen, den jetzigen Aufenthalt Celianens. Dieſer hatte ſich unterdeſſen in dieſelbe verliebt. Gercours, ihres Oneles, bey dem ſie ſich iezt aufhält, ſchlechter Charakter. —— Da ich den Fuß auf meinen vaterlaͤndiſchen Boden ſezte, und das Vaterland Willhelm Penns Anton Benezets, Johann Bertrands, dieſes ſimpeln Koloniſten, den der unvermuthete Anblick eines Veilchens zu einem der beruͤhmteſten Botaniker machte, und endlich des unſterblichen Franklins, die⸗ ſes neuen Geſetzgebers von Amerika, erblickte, wurde mein Gemuͤth ruhiger, und da ich die groſſe Allee von rothen Cedern, und dichten — 51— Eichen erblickte, die zu unſerm bedeckten Gange, der aus Tulpen und Acazienbaͤumen mit wildem Wein vermiſcht, beſtand, zu die⸗ ſem Gange, der der Zeuge meiner jugend⸗ lichen Spiele war, fuͤhrte, fuͤhlte ich, daß ſich eine unwillkuͤhrliche Freude meines gan⸗ zen Weſens bemächtigte, und Freudenthraͤ⸗ nen rollten uͤber meine Wangen. Und wie vermehrten ſich dieſeiben, als Wilſon mich am Arme nahm und mir ſagte: Sehen Sie, ſehen Sie! iſt das nicht Ihre werthe Fa⸗ milie?— Ich wendete meine Blicke linker⸗ hand, und ſahe eine Menge Perſonen, die in die Hoͤhe ſprangen, Freudengeſchrey er⸗ hoben, mit den Haͤnden winkten, und ihre Schnupftuͤcher in die Hoͤhe ſchwenkten. Ich eilte mit ſtarken Schritten auf ſie zu, und er⸗ kannte bald meine Mutter, meine Schweſter und einige Anverwandte und Freunde, die auf uns zuliefen. Wilſon folgte mir, wir zo⸗ gen alle beide unſre Schnupftuͤcher heraus, lieſſen ſie wie Fahnen wehen, und beant⸗ worteten auf die Art ihre Freudensbezeu⸗ gungen. Da wir zuſammen kamen, war meine erſte Bewegung, mich in die Arme meiner Mutter zu werfen, die mich an ihren Buſen druͤckte, und mich lange Zeit bald lachend, — 52— bald weinend feſt hielt. Waͤhrend, daß ſie mich nun ſo umarmte, und ich ſie mit Kuͤß⸗ ſen bedeckte, druͤckte meine Schweſter mir die Hand mit der lebhafteſten Freude. Endlich waren die erſten Worte meiner Mutter fol⸗ gende:»du biſt es, du biſt es, mein theu⸗ rer Sohn, den ich wieder ſehe, und nun ſieng ſie an ſtaͤrker zu weinen. Ich antwor⸗ tete auf alle dieſe Erguͤſſe der muͤtterlichen Liebe, Freundſchaft und Freude mit aller der Empfindung, die mir meine gegenwaͤrtige Lage einfloͤßte. Man bemerkte ſehr ſpaͤt, daß Wilſon bey mir waͤre; aber ſtatt daruͤber eine Em⸗ yfindlichkeit blicken zu laſſen, verſicherte er, es wuͤrde ihm leid gethan haben, wenn ſei⸗ netwegen ein ſo ruͤhrender Auftritt unter⸗ brochen worden waͤre. Eine Scene von einem weniger lebhaf⸗ ten Intereſſe, die aber doch auch ſehr ange⸗ nehm war, erwartete mich in unſerer Woh⸗ nung. Ich hatte nach Nachrichten von der Maria, unſrer Lieblings Negerin, und nach ihrem Kinde Fevrier gefragt. Man hatte mir geſagt, daß ſie ſich beyde wohl befaͤnden. Sie kam nun gleich mit demſelben auf ihren Armen, um ihre Freude uͤber meine Ankunft zu bezeugen. Fevrier ſtreichelte mich mit ſeinen Händen. Ich hob dieſen Kleinen in die Höhe, waͤhrend daß Maria um mich her⸗ umſprang, als wenn ſie nicht recht bey ſich waͤre, woruͤber ich wirklich lachen mußte. Sie endigte damit, daß ſie mir den Rock⸗ ſchooß kuͤßen wollte; aber ich hielt ſie mit Manir davon ab. Ich fragte ſie, wo der alte Papa Kredo waͤre, dieſer, durch ſeine Recht⸗ ſchaffenheit und Anhaͤnglichkeit an unſer Haus ſo ehrwuͤrdige Neger, dem wir fur ſeine Dienſte, die er uns erwieſen, die Freyheit geſchenkt hatten. Als ich ihn ſahe, indem ich mich umwandte, rief er aus:»Mein Sohn, ich moͤchte dich umarmen.“ Ich um⸗ armte ihn mit den beſten Geſinnungen. Er nannte mich ſeinen Sohn, und er hatte recht. War er nicht derjenige, der mich in ſeiner Jugend in unſern Buͤſchen, und auf unſern Feldern ſpatzieren gefuͤhrt hatte. War es nicht derjenige, der immer geſungen hatte, um mir die Zeit zu vertreiben, wobey er mich auf den Pflug, den er fuͤhrte, ſezte! O, du biſt ein braver Mann, ſagte ich zu ihm, du verdienſt das vollkommen, was man fuͤr dich gethan hat. Der Tag wurde in den angenehmſten Erguͤſſen der Freude zugebracht, und des J —— —— Abends tanzte man unter der groſſen Laube, nachdem man den Baum der gluͤcklichen Wiederkunft geſezt hatte. Man wollte ihn erſt neben der traurigen Abreiſe pflanzen. Denn mein Freund, ſagte Dorbeuil zu mir, hier pflegen wir bey jedem gluͤcklichen oder unglucklichen Ereigniß einen Baum zu ſetzen. Sie koͤnnen nun denken, wie viel angenehme und unangenehme Erinnerungen ſich in unſerm Garten befinden. Meine An⸗ kunft ſchien nun nach der allgemeinen Freu⸗ de, die ſie verurſacht hatte, einen ganz be⸗ ſondern Baum zu erfordern. Daher pflanzte man einen Katalpas, der beynahe ſolche Blaͤtter wie der Palmbaum hat. Da man ihn nun neben den Baum der Abreiſe ſetzen wollte, ſo rief meine Mutter aus: nein, nein! was wollt ihr machen? So weit als moͤglich weg von bemſelben muß er kommen, und man konnte leicht erachten, daß die Ent⸗ fernung deſſelben vom Baum der Akreiſe andeuten ſolle, meine Entfernung haͤtte ihr ziemlich lange gedeucht. Dieſer Baum wurde nun mit Blumenkraͤnzen und Innſchriften, die ganz einfach abgefaßt waren, ſo wie ſie die Liebe und Freundſchaft diktirt, behangen. Mehrere Tage wurden mit dieſen Feyer⸗ hichteiten und als Feſttage zugebracht. Es kn Lel ſch ne dr Zo ſt ka kamen aus der ganzen Gegend eine Menge Leute von unſter Bekanntſchaft, um mich zu“ ſehen. Meine Mutter unterhielt ſich mit ih⸗ nen, und hoͤrte z. B. daß einer von ſehr wi⸗ drigen Umſtaͤnden gedruͤckt wuͤrde, und die Tochter des andern um eines gewiſſen Wohl⸗ ſtandes willen, nicht nach ihrer Neigung hey⸗ rathen koͤnnte, daß ein dritter das und das ungluͤck gehabt haͤtte.——— Dieſes erzählte ſie uns nun, und wir lieſſen uns von ganzem Herzen die Plane gefallen, die ſie dieſen Leuten vorſchlug, um ihr Schickſal zu erleichtern. Haͤtten wir das ungeheure Vermoͤgen, das wir bekommen hatten, beſſer anwenden koͤnnen, haͤtte ich meine Ruͤckkunft feyerlicher machen koͤn⸗ nen? Mitten unter dieſen Vergnuͤgungen, die ſich die Wohlthaͤtigkeit verſchafte, mit⸗ ten in dieſen Feſten des Geiſtes entfuhren mir haͤufig Seufzer. Meine Mutter hoͤrte dieſelben, und wollte die Urſache davon wiſ⸗ ſen. Ich mußte ihr nachgeben, und, um nicht in der ausfuͤhrlichen Erzaͤhlung, die ich ihr zu machen hatte, geſtoͤrt zu werden, be⸗ gaben wir uns in ein dickes Gehoͤlz, und ſezten uns auf einen bemoßten Huͤgel, der von einem Ahornbaum beſchattet wurde. — — —— Die ſimple und kunſtloſe Geſchichte wurde von dieſer empfindungsvollen Seele ſehr begierig angehoͤrt, und es entfuhren ihr nicht wenige Seufzer mit Thraͤnen begleitet. Ich zeigte dieſer zaͤrtlichen Mutter Celianens Guͤrtel, ihren Fontaͤne, worin ſie die Stel⸗ len unterſtrichen hatte; und endlich ihr rei⸗ tzendes Portraͤt, das ſie lange Zeit mit vie⸗ ler Bewegung betrachtete. Ich mußte ihr gewiſſe Umſtaͤnde noch einmal erzaͤhlen, und ſie hoͤrte dieſelben mit neuem Vergnuͤgen an. Hierauf druckte ſie mich an ihre Bruſt, indem ſie ſagte: deine Celiane will mich al⸗ ſo, mein lieber Sohn, zu ihrer Mutter ha⸗ ben, ach! wie ſehr wuͤnſchte ich, ſie zu mei⸗ ner Tochter zu bekommen. Und gleich dar⸗ auf ſezte ſie hinzu: Dorbeuil, wir muſſen ohne Verzug abreiſen, um deine und meine Wuͤnſche zu erfuͤllen. Wir wollen den Herrn Valran bereden, mit ſeiner Tochter zu uns zu kommen und in Touraine, dem ange⸗ nehmen und reizenden Brte, wo ich das Tageslicht erblickt, und wo meine ſchon ſo lange Zeit ſchwache Geſundheit ohne Zwei⸗ fel ſich wieder erholen wird, unſte Wohnung aufſchlagen. Wir werden daſelbſt deine zahl⸗ reiche und lachende Familie entſtehen und aufwachſen ſehen, und Gluͤck und Zufrieden⸗ heit wird unter uns wohnen. Wir entſchloſſen uns alſo, alles zu unſ⸗ rer nahen Reiſe fertig zu machen. Als wir wieder zu Hauſe kamen, beſuchte uns einer von unſern alten Freunden, der eben von einer ſeiner entfernten Pflanzungen zuruͤckge⸗ kommen war, Namens Willhelm Kinſon. Madam, ſagte er mit einer Miene, die viel Vergnuͤgen ausdruͤckte, zu meiner Mutter: ich habe eben einen Brief mit dem Schiff Le Fidele, worauf dieſer junge Menſch hergekom⸗ men iſt, von einem alten Univerſitaͤtsfreunde erhalten. Sie kennen ihn nicht, aber Ihr Herr Sohn hat ihn zu Paris gekannt. Die⸗ ſer Freund heißt Valran. Hoͤren Sie ein⸗ mal, was er geſchieben hat. »Mein theurer und werther Freund Kinſon, es geht darauf um, meine Tochter glͤcklich zu machen. Ein liebenswuͤrdiger Penſilvanier betet ſie an, und wird wieder von derſelben geliebt. Du kennſt ihn viel⸗ leicht ſowohl, als ſeine Familie. Er heißt Dorbeuil. Mache mich doch mit ſeinen Ver⸗ bindungen, ſeinem Charakter und endlich mit alle dem bekannt, wodurch ich ſeinen Werth genau kennen lernen kann. Bedenke, daß von deiner Antwort das Gluͤck meines Le⸗ —— — 358— bens abhaͤngt, und was mich noch mehr in⸗ tereſſirt, das Gluͤck meiner ſo ſehr geliebten Tochter.“ Das uͤbrige waren bloſſe Erinne⸗ rungen ihrer alten Freundſchaft. Sie ſehen, Madame, fuͤgte er hinzu, was ein Freund von mir verlangt, und ich will ihn nicht hin⸗ tergehen. Daher habe ich in meiner Ant⸗ wort dasjenige geſagt, was ich von Ihnen, und Ihrem Sohne denke; und was mich darin beſtaͤrkt, iſt, daß jedermann einſtimmig mit mir darinnen iſt. Er las uns darauf ſei⸗ nen Brief vor, und dieſer war mit ſchmei⸗ chelhaften Zeugniſſen, die aber in der Wahr⸗ heit gegruͤndet waren, fuͤr mich, meine Mut⸗ ter und Familie angefuͤllt. Er war mit ei⸗ nem recht warmen Herzen geſchrieben, und wir wußten nicht, wie wir ihm unſte Er⸗ kenntlichkeit dafuͤr bezeugen ſollten. Was gaͤbe ich nicht darum, wenn ich bey dem bra⸗ ven und vortreflichen Valran ſeyn koͤnnte! rief Kinſon nachher aus, und ſagen Sie mir, mein lieber Nachbar, hat er alſo eine ſo ſchoͤne Tochter? Bey dieſen Worten zog ich das Portrait meiner Celiane aus meinem Bu⸗ ſen, wieß es Kinſonen mit Entzuͤcken, und ſagte: hier ſehen Sie eine ſchwache Skizze derſelben. Hier ſehen Sie nicht ihre Taille, ihre ſchoͤnen Haͤnde, ihren Anſtand! Sie hoͤren nicht, wenn ſie mit ihrer bezaubernden Stimme ihr Harfenſpiel begleitet! Sie ſe⸗ hen nicht ihr angenehmes Weſen, ihren ge⸗ raden Sinn, und ihr empfindſames und wohl⸗ thaͤtiges Herz. Waͤhrend daß ich redete, be⸗ trachtete der gute Alte das Gemaͤlde mit Aufmerkſamkeit. Auf einmal rief er aus: das ſind die Zuͤge des Valrans. Dann ſchloß er mich an ſein Herz und fuͤgte hinzu; o! ich bin verſichert, Sie werden ſie beyde gluͤck⸗ lich machen. Und ſo verließ er uns. Dieſer Beſuch beſtaͤrkte uns noch mehr in unſerm Vorſatze, unſere Abreiſe nicht zu verſchieben, aber die groſſen Stuͤrme hiel⸗ ten dieſelbe auf. Unſte Ungeduld war aber ſo groß, daß wir auch endlich dieſe nicht ach⸗ teten, und uns einſchiffeten. Darin handel⸗ ten wir nun freylich unklug, und mußten auch dafuͤr viel Ungemach ausſtehen. Ein ſchrecklicher Sturm warf uns auf unbekannte ufer. Wir ſahen verſchiedene Schiffe, die ihren Lauf nach Frankreich richteten, wir riefen ſie aber umſonſt um Huͤlfe an, da die entſetzlichen Winde ein unuͤberſteigliches Hin⸗ derniß machten, und ſie glaubten nicht anders⸗ als daß die Senſible, ſo hieß unſer Schiff⸗ verloren ſey. Dieſes Geruͤcht hatte ſich auch ſchon uͤberall verbreitet, als wir nach einer ſehr langen Fahrt im Vaterlande meiner Ce⸗ —— ——— liane anlangten, der wir geſchrieben hatten, daß wir auf dieſem Schiffe unſte Reiſe ma⸗ chen wuͤrden. Meine erſte Sorge, ſobald ich nach Pa⸗ ris kam, war, zu dem Buͤrger Valran zu eilen, um ihn von dem falſchen Geruͤcht von unſerm Ungluͤck zu uͤberzeugen; aber dieſer ehrwuͤrdige Alte lebte leider nicht mehr, und man wußte nicht, wo ſich ſeine Tochter hin⸗ gewendet hatte. So viel war indeſſen doch bekannt, daß ein Oheim derſelben, deſſen Na⸗ men man aber nicht wußte, aus London ge⸗ kommen waͤre, und ſie zu ſich genommen haͤt⸗ te. Der Pfoͤrtner, der mir dieſe ſchreckliche Nachricht gab, hieß mich niederſetzen, da er ſahe, daß meine Knie wankten, und daß To⸗ desblaͤſſe mein Geſicht bedeckte. Da ich wie⸗ der ein wenig zu mir ſelbſt gekommen war, gab ich ihm ein Aſſignat von 5o Livres mit dem Verſprechen, ihm mehr zu geben, wenn er mir neue Aufſchluͤſſe in dieſer Sache ver⸗ ſchaffen koͤnnte. Eine geraume Zeit verſtrich nun mit vergeblichen Nachforſchungen. Da ich mich nun einmal auf den eliſaͤſchen Feldern an den Gaͤrten, die an dieſe Promenade ſtoſſen, befand, wurde ich Tervaln, dieſen unbeſon⸗ nenen, neugierigen und aufgeblaſenen Mann, — —— — 61— von dem ich ſchon geredet habe, und der der Neffe Leleus war, gewahr. Ich floh ſeine Geſellſchaft und ſuchte von ihm wegzukom⸗ men; aber er verdoppelte ſeine Schritte, und fragte mich mit dem groͤßten Erſtaunen: Wie, in aller Welt, Dorbeuil, biſt du es, oder biſt du es nicht, die Senſible hat alſo nicht Schiffbruch erlitten? Zum Henker, das freut mich unendlich! Ich wollte mich ſchon an dem Meere raͤchen, daß es dich verſchlungen haͤtte; denn ich habe dir ſehr nothwendig ein Geheimniß anzuvertrauen.— Ich ſuchte mich auf tauſenderley Art von ihm loszuma⸗ chen; aber er erzaͤhlte mir wider Willen alle ſeine glücklichen Vorfaͤlle, die er in Frank⸗ reich und Spanien, worin er gereißt war, gehabt hatte, und bat mich jederzeit dabey, ja Niemanden nichts davon zu ſagen. Eine Geſchichte war nun noch uͤbrig, die alle an⸗ dere an Intereſſe uͤbertraf, und die er mir ſchlechterdings erzaͤhlen wollte, als ich ihm entwiſchte. Es gieng darauf um, fieng er an, daß ich mit der Nichte Gercours eine Heyrath ſchlieſſen ſollte; aber ich wollte wei⸗ ter nichts wiſſen, und ließ ihn mit ſeinen romanhaften Entwuͤrfen laufen. Den Tag darauf beſuchte ich den Buͤr⸗ ger Leleu, und fragte ihn, ob er nicht den — 62— Buͤrger Valran kenne?— Er iſt todt, ant⸗ wortete er, ſo viel ich weiß, ich habe ihn 5 nur dem Namen nach und aus Briefen ken⸗ 3 nen lernen, worinn er mich Ihrentwegen ½ fragte. Dieſes geſchah damals, als Sie das erſtemal hieher kamen, um Ihren Proceß zu führen, den Sie auch durch die vortreflichen Rathſchlaͤge, die er einem von Ihren Rich⸗ 3 tern gab, deſſen Freund er war, gewonnen 1 haben, welches ich Ihnen, wie ich glaube, ſchon damals geſagt habe. Ich gab Ihnen auch in den Briefen an Valran das beſte, aber wahre, Zeugniß von Ihren guten Ei⸗ genſchaften. Da ich nun vom Buͤrger Leleu 8 weiter keine Nachricht bekommen konnte, ſo 1 lief ich zum Buͤrger Duͤmon, zur Buͤrge⸗ 1 rin Buͤry, aber alle meine Bemuͤhungen wa⸗ ren vergeblich. Ich verzweifelte ſchon, mein Blut war immer in ſtarken Wallungen, und 6 meine Mutter fuͤrchtete taͤglich, daß ich mich 3 wuͤrde krank legen. Ich war in der That nahe an einem hitzigen Fieber, wovon ich indeß noch durch den Buͤrger Peyne, dieſen philoſophiſchen Arzt, gerettet wurde, und ſein Troſt, den er mir zuſprach, richtete mich auch nicht wenig auf. Er redete mir zu, fieiſſig —— T ſpatzieren zu geheny die Schauſpiele zu beſu⸗ chen und Bekanntſchaften zu machen. Sie finden vielleicht, ſagte er mir, eine Perſon, —— die der aͤhnlich iſt, die Sie ſuchen, und ohne die Sie nicht leben koͤnnen. Dieſer aufge⸗ klaͤrte Mann glich nicht den Aerzten des Mo⸗ liere, die nichts als Kaſſien und Sensbläͤt⸗ ter kennen. Ich folgte ſeinem Rathe, und ſchoͤpfte neue Hofnung, Hofnung, die einzige Stuͤtze aller Ungluͤcklichen. Ich begab mich nun wieder auf die Eliſaͤiſchen Felder, dieß war gegen das Ende des Meſſidor(Anfang July) in der groͤßten Hitze. Ich war dießmal zu Pferde daſelbſt, und als ich ſo auf und ab⸗ ritt, glaubte ich Celianen zu ſehen; aber ich irrte mich, denn ſie war es nicht. Ich be⸗ gab mich den andern Tag wieder hin, und war an einem Garten, der ein recht duͤſteres Anſehen hatte, und mich zur Melancholie reizte, in tiefem Nachdenken, als Terval auf mich zu kam, und mich mit ſeinen galanten Geſchichten unterhalten woilte. Er fieng wieder von Gercours Nichte an. Sie iſt, ſagte er mir, ein Original der Schoͤnheit. Es iſt eine Blondine, auf deren Wangen ein blendendes Friſch herrſcht. Sie hat ſchoͤne blaue Augen, die ihrer Figur einen unſchaͤtz⸗ baren Werth geben, eine Taille hat ſie, wie eine Grazie, oder wie Venus ſelbſt. Ach! mein lieber Dorbeuil, und ihre Stimme, ihre Stimme! Davrigny und Baletti tommen ihr nicht bey. Siehſt du hier den ſchoͤnen Garten? Er gehört dem Buͤrger Gercvur. Seine anbe⸗ tungswuͤrdige Nichte ſpaziert oft in demſel⸗ ben herum, und ſezt ſich an dieſem Bache in die aus Roſen, Jeſmin und ſpaniſchen Hol⸗ lunder beſtehenden Lauben. Sie ſingt als⸗ dann eine ſehnſuchtsvolle heftige Liebe ath⸗ mende Romanze uͤber die Qualen der langen Abweſenheit. Ich ſage dir es, aber nur im Vertrauen, wenn ſie ſingt, heftet ſie ihre ſchoͤnen Augen auf mich, und ſcheint mir ſa⸗ gen zu wollen: ach! Sie ſind es, auf die dieſes alles geht, warum bin ich ſo lange Ihres Anblickes beraubt? D Dorbeuil, ſo viel Schoͤnheiten und ſo viel Liebe zu mir reiſſen mein Syſtem nie⸗ der, und ich bin entſchloſſen, ſie zu heyra⸗ then. Ich war eben im Begriff, ihm zu ent⸗ wiſchen, als er mich zuruͤck hielt, und hinzu⸗ fugte, ſie hieſſe Celiane von Valran⸗ ſie haͤt⸗ te ihren Vater ſeit langer als einem Jahre verlohren, und ſeitdem haͤtte ſie der ehren⸗ volle Gercour zu ſich genommen. Der Name Celiane machte mich vor Er⸗ ſtaunen uͤber dieſen gluͤcklichen Zufall unbe⸗ weglich. Ich ſammelte mich aber wieder, und ſuchte ſi l in 6 bl —— ſuchte ihn von ſo wichtigen Vanden, als die Ehe auflegte, abzurathen. Ich nahm ſogar alle die faden Bonmots, die ſeines Gleichen im Munde zu fuhren pflegen und die ſtaͤrkſten Gruͤnde zu Huͤlfe; aber alles umſonſt. Er blieb ſtandhaft bey ſeinem Entſchluß. Es kommt nun darauf an, ſagte er, mich bey dem Buͤrger Gercour, den ich nur ein wenig ken⸗ ne, einfuͤhren zu laſſen, und das iſt nicht leicht. urtheile ſelbſt davon, ich will dir ein treues Gemaͤlde von ihm entwerfen. Gercour iſt aͤuſſerſt mißtrauiſch, ohne es ſcheinen zu wollen. Er nimint eine Mie⸗ ne und ein Aeuſſeres an, das voller Zutrauen iſt, und das ſelbſt diejenigen irre fuͤhrt, die ihn kennen. Man hat mir einige Zuͤge aus ſeinem Privatleben erzaͤhlt, die ſehr ſonder⸗ bar ſind. Glaubſt du wohl, daß er ſich eine Liſte in alphabetiſcher Ordnung von allen Stucken, die ſich in ſeinem Hauſe befinden⸗ vom kleinſten bis zum groͤßten gemacht hat. Das iſt noch wenig, er ſchreibt noch dazu, wo und in welcher Lage ſie ſich befinden, damit er gleich weiß, ob man ſich unterſtan⸗ den hat, ſie anzuruͤhren. Nach Tiſche wiegt er die Schuͤſſeln, und auf einer Liſte, die Florine, eine Art von Gouvernante bey Ce⸗ lianen, gefunden hat, liest man, man ſollte eß 5 —— nicht glauben, dieſe merkwuͤrdigen Worte: »Heute als am ꝛ0ten July ließ ich 29 Kir⸗ ſchen auf dem Teller, und ein halb Pfund ei⸗ ne Unze Johannisbeeren.— Der Topf mit den eingemachten Sachen wiegt Viertehalb Viertel Pfund. Auf dem niedern Schenk⸗ tiſche befinden ſich 3 und eine Viertel Bou⸗ teille Wein, u. ſ. w. Dieſe Liſte, fuͤgte Terval hinzu, ruͤhrt won einem Maune her, der nicht will, daß man ihn betrüge, und der dabey das Anſe⸗ hen hat, als wenn er nicht darauf merkte; denn er laßt hie Schluͤſſel an den Thuͤren und bewohnt ein Haus, das deren zwey hat. Ich weiß dieſe einzelnen Umſtaͤnde von Flo⸗ rinen. Weil ich gerade von ihr rede, ſo muß ich dir ſie doch ein wenig beſchreiben. Sie iſt ohngefaͤhr 30 Jahr alt. Ihre Figur iſt ſehr reizend. Sie hat ſo ein einladendes Laͤcheln, ihre Taille iſt leicht, und ihre Haa⸗ re—— Er wollte fortfahren, als ich ihn unterbrach und fragte: ob dieſer ſchoͤne Ge⸗ genſtand nicht auch eine von ſeinen Erobe⸗ rungen waͤre? — 5 —— Er lachte. Darauf fuͤgte er hinzu: war⸗ um ſind doch ſo viele Reitze durch einen haͤß⸗ lichen Gang und durch eine unangenehme ——— — ſe ſe vie be lu die Sprache entſtellt? An Geiſt fehlt es ihr nicht, ſie hat vielleicht, mein lieber Dorbeuil, deſ⸗ ſen ſo viel und mehr als ich. Sie hat in vielen Häuſern gedient, wodurch ſie moraliſch beſſer geworden, ohne ihren Gang und Stel⸗ lung veraͤndert zu haben. Uebrigens macht dieſes einen auffallenden Contraſt, und was mir dabey ſchmeichelt, iſt, daß Gercour, der ſie fuͤr dumm und beynahe fuͤr nicht recht geſcheut haͤlt, uͤber kurz oder lang von ihr hintergangen werden wird. Ich verhehlte die Freude, die mir Ter⸗ vals Geſchwaͤtz machte, und nahm mir vor, meine Blicke oft auf die dicke Roſen und Hollunderlaube, wo meine Celiane ſitzen ſollte, zu heften; als er mich bat, mit ihm zu gehen, er wolle ſie mir weiſen, indem er uͤberzeugt waͤre, wenn ich ſie einmal geſehen haͤtte, ſo wuͤrde ich ihn wegen einer ſo vor⸗ treflichen Wahl nicht tadeln. Ich verſprach es ihm nach ziemlich langem Bitten, damit ich bey ihm auch nicht den mindeſten Ver⸗ dacht erregte, als ob ich ſie liebte. Da er eben wegen dieſer groſſen Gefaͤlligkeit ſeine Freude bezeugte, ließ ſich Florine im Garten ſehen, und rief uns zu:'um 5 Uhr an die⸗ ſer Stelle alle beide,“ hierauf war ſie weg. Sie können glauben, was mir dieſe Worte fuͤr Nachdenken verurſachten! Unter den tau⸗ ſenderley Gedanken, die mir durch den Kopf fuhren, behielt doch die Hofnung, Celianen wieder zu ſehen, und von ihr geliebt zu wer⸗ den, uͤber die andern die Oberhand. Die Abweſenheit, ich weiß es, ſagte ich zu mir ſelbſt, die Abweſenheit iſt der Freundſchaft . nicht guͤnſtig, aber die wahre Zaͤrtlichkeit waͤchſt durch die Entfernung. —————— — 5 ——— Fuͤnfter Abſchnitt. ——— Durch Vermittelung Florinens erhält er eine Unterreduns mit Celianen, welches ſehr viele Mühe und Liſt erfor⸗ dert. Celiane verſpricht, alles bey ihrem Oncle anzu⸗ wenden, um ihn zur Einwilligung in die Heyrath zu bewegen. Dorbeuil rettet Gercourn aus den Händen perer, die ihn aufheben wollen, und erhält bey dieſer Gelegenheit mit vieler Mühe ſeine Einwilligung zuk Heyrath. Terval und ich giengen alsdann jeder nach Hauſe, und beſtellten uns an dem nehmlichen Drte um fuͤnf Uhr. Ich erzaͤhlte meiner zärtlichen Mutter, was ich durch die Unbe⸗ ſonnenheit dieſes Menſchen erfahren hatte. Sie theilte meine Freude mit mir. Wir machten die ſchoͤnſten Entwuͤrfe, die nur durch eine Betrachtung geſtort wurden. Wir ſag⸗ ten nehmlich zu uns ſelbſt: wuͤrde denn Ger⸗ cour auch den Willen des Vaters von Celia⸗ nen erfuͤllen? Um dieſen Zweifel zu loͤſen, brannte ich vor Begierde, mich in die eliſaͤi⸗ ſchen Felder zu begeben. Es war nicht mehr weit von§ Uhr, und ich eilte mit ſtarten Schritten dahin. Terval kam gleich darauf auch daſelbſt an, und lobte mich wegen mei⸗* ner Puͤnktlichkeit. Waͤhrend daß wir nun Florinen erwarteten, machte er mir wieder eine neue Lobeserhebung von meiner Celia⸗ ne, und verſicherte mich, ich wuͤrde ſie ge⸗ wiß lieben, wenn ich ſie ſo gut, wie er, kennte. Waͤhrend dieſes Geſpraͤchs bruͤſtete . 3 er ſich mit einer gewiſſen Genuͤgſamkeit, und mit einer Miene, die ſolche Narren anzuneh⸗ 4 men pflegen, die ihres Gluͤcks ſo gewiß ſind, und doch ſo oft betrogen werden. Florine kam, und indem ſie in den eliſaͤſſchen Fel⸗ dern mit auf und ab gieng, ſagte ſie zu Ter⸗ valn, unter dem Siegel der Verſchwiegen⸗ heit, daß Celiane ihn nicht mit gleichguͤlti⸗ gen Augen betrachtete, ſie hätte auch ſeine Bildung und ſeinen geſchmackvollen Anzug 1 gelobt, und da ſie endlich nicht an der Auf⸗ 1 richtigkeit ſeiner Geſinnungen zweifelte; ſo 1 haͤtte ſie geſtanden, ſie wuͤrde ſich gluͤcklich 1 ſchatzen, wenn ſie einen ſolchen Gemahl, wie er waͤre, bekaͤme. Terval bruͤſtete ſich mehr, wie jemals, und bat mich, ihm zu dieſem gluͤcklichen Ereigniß alles Gute zu wuͤnſchen. Ich verheelte die innerliche Unruhe, die ich hatte, und wuͤnſchte ihm auf alle Art und 2* Weiſe Gluck dazu. Florine lachte, indem ſie ſich das Tuch vorhielt, und ich konnte mich — taum vor Unmuth faſſen, da ich ſo mit mir Komoͤdie ſpielen, oder mich zum beſten ha⸗ ben ſahe, ohne die Urſache davon ergruͤnden zu koͤnnen. Welche Quaal fuͤr mich! Sie wurde noch groͤſſer, als ſie zu Tervaln ſag⸗ te, daß, weil ich ſein Freund waͤre, ſo wurde ich wohl auch mit dazu behuͤlflich ſeyn, ihn mit Celianen zu verbinden. Zum Gluͤck fuͤr mich machte mich ſo viel unverſchaͤmtheit vor Erſtaunen ſtumm. Dieſes grauſame Maͤdchen fuͤgte hinzu: Sie muͤſſen aber hernach auch bey ihrem Freun⸗ de dieſes thun! Wie ſo? ſagte Terval, wie ſo? iſt denn Dorbeuil auch verliebt? Ol ich bin ganz von ihm bezaubert. Ja, er iſt es, antwortete Florine, und ich will Ihnen auch den Namen ſeines geliebten Gegenſtandes ſagen; aber zuvor verſprechen Sie mir, ihm auch behuͤlflich zu ſeyn. Terval verſprach es. Florine wollte fortfahren; und da ich ſie mit einem drohenden Blick anſahe, ſo lachte ſie nur daruͤber. Da ich nun mexkte, daß ich nichts ausrichtete, ſo nahm ich meine Zu⸗ flucht zu Liebkoſungen; da auch dieſe nichts fruchteten, zu Geſchenken. Dieſe ſchlug ſie aus, und ſchrie ganz laut: nichts, nichts kann mich von dem Vergnuͤgen abhalten, ein Geheimniß zu offenbaren. Bey dieſem Streite drang der unbeſonnene Terval, der ſo neu⸗ gierig war, dieſes Geheimniß zu wiſſen, um es auszubreiten, in Florinen, ihr nichts zu verheimlichen. Ich befand mich in einer peinlichen Lage. Ich war ſein Nebenbuhler, und wenn er es wußte, ſo verruͤckte er un⸗ aufhoͤrlich meine Plane, und zerſtoͤrte ſie gar, wenn es ihm moͤglich waͤre. Es war nun einmal ausgemacht, daß Florine nicht ſchwei⸗ gen konnte, und ſie erklaͤrte zur groſſen Zufrie⸗ denheit Tervals, daß der ſchoͤne Gegenſtand, der mich gefeſſelt hielt, Lucile von Ro⸗ ſane hieſſe. Bey dieſen Worten wurde ich auſſerordentlich beſtuͤrzt, und Terval legte die⸗ ſes ſo aus, wie Florine und ich ſelbſt es wuͤnſchte. Sie ſcherzte uͤber mich, und Ter⸗ val gab ihr Beyfall; ich mußte aber doch hernach im Stillen lachen, daß er ſich zum Beſten haben Reß, und freute mich uͤber Florinens Liſt, die mich meine Rolle nach der Natur ſpielen ließ, ohne mich darauf vor⸗ bereitet zu haben. Terval wollte nun die naͤhern Umſtaͤn⸗ de wiſſen, und das war es eben, was ich und Florine wuͤnſchten. Ich that wieder, als waͤre es mir nicht recht. Aber dieſes rechtſchaffne Maͤdchen gab mir zu verſtehen, ich thaͤte ſehr unrecht, wenn ich meine Liebe zu Lucilen von Roſanen verbergen wollte. Ich merkte nun ſchon, daß ſie mir unter dieſem erdichteten Namen Nachrichten von meiner Celiane mittheilen wollte, und in der That irrte ich mich auch nicht. Ich fragte ſie, um meiner Sache gewiß zu ſeyn, ob ſie mir nicht ſagen koͤnnte, wie es während meiner Abweſenheit Cel er⸗ gangen waͤre?— Der Perſon, die Sie lie⸗ ben, antwortete Florine ſogleich; und ganz ſachte erſuchte ſie mich, den Namen Lucile von Roſane, unter dem wir uns von Celia⸗ nen unterhalten wollten, ja nicht zu vergeſ⸗ ſen. Seit Ihrer Abreiſe, fügte Fiorine mit lauter Stimme hinzu, iſt gar vieles vorge⸗ fallen; es wird aber hinlaͤnglich ſeyn, wenn ich Ihnen nur von dem Weſentlichen Nach⸗ richt gebe. Man hat nicht anders geglaubt, als daß Sie mit dem Schiffe, die Senſible genannt, untergegangen waͤren, und unter⸗ deſſen hat Sie doch die ſo treue Liebe erhal⸗ ten. Ja, Lucile von Roſane freut ſich je⸗ desmal, ſo oft ſie das angenehme Pfand Ihrer Liebe, das Sie ihr vor Ihrer Abreiſe zu⸗ ruͤckgelaſſen haben, betrachtet. Sie hat das Portraͤt Ihrer theuern Mutter, das Sie ſelbſt gemahlt haben, oft mit Thraͤnen be⸗ nezt, und geſtern noch, da ich mit ihr nebſt der Celiane von Valran an dieſem hellen — ———— Bach unter dem Schatten dieſer Weiden ſaß, zeigte ſie es uns weinend, und wie erſtaunte ſie, als ſie einmal nach dieſer hier vorbeyge⸗ henden Straſſe blickte, und Sie vorbey rei⸗ ten ſahe. Sie wollte Sie ruffen; aber das Wort erſtarb ihr auf der Zunge, ihre Knie wankten, und ſie fiel in unſte Arme. Ich lief Ihnen nach, ich rufte; aber alles ver⸗ gebens, und folgte Ihnen noch, als ich Sie nicht mehr ſahe. Wenn Sie Ihre ſchoͤne Lucile ſehen wollen, muͤſſen Sie morgen wieder kommen. Sie wird im Garten mit Celianen ſpatzieren gehen. Sie koͤnnen ſich auch mit ihr unterhalten, und zwar auf fol⸗ gende Art. Gercour bewacht Sie ſo gut, als Celianen; aber man kann ihn entfernen, und Terval, als ihr Freund, ſoll dieſe Sorge uͤber ſich nehmen.—— Dhne Zweifel, ver⸗ ſezte dieſer, geht es darauf um, dieſen Al⸗ ten zu hintergehen. Deſto beſſer! Sage nur deine Meinung deutlicher. Florine gab ihm zu verſtehen, es wuͤrde ihm leicht ſeyn, den Alten auf der Stelle, wo wir plauderten, aufzuhalten, theils, wenn er ihm ſeinen Gar⸗ ten recht herausſtrich, theils wenn er ihn auf eine indirekte Art wegen ſeiner Neigung zum Mißtrauen ſchmeichelte, und unterdeſſen ſollte ich durch die Thuͤre, die auf die Straſſe geht, zu kucilen von Roſalen, die ſich unter der Aufſicht der Celiane befaͤnde, gelaſſen wer⸗ den. Das waͤre eine vortrefliche Scene, rief Terval aus, indem er ſich ans Kinn griff, die Scene waͤre ſo unterhaltend, ſo hervorſtechend und ſo neu—— Rechnet aber auf mich nicht, fuͤgte er gleichſam, als wenn er ſich beſonnen haͤtte, hinzu. Nein, du kennſt meine auſſerordentliche Offenheit und Geradheit, ich wurde mich ſchlecht verſtellen, und mich auf dieſe Weiſe verrathen. Florine wußte doch einige Minuten nicht was ſie machen ſollte. Indeſſen nahm ſie bald darauf eine recht gleichguͤltige Miene an, und ſagte: nun gut! Terval, rechnen Sie auch nicht auf meine Dienſte bey Celia⸗ nen, ich brauchte noch jemanden, der Ihnen ganz ergeben waͤre, dazu aber, wenn Sie nicht wollen, nun ſo mag es bleiben. Florine entfernte ſich recht eilfertig, in⸗ dem ſie ſicher war, daß ſie Terval aufhalten wuͤrde, und ſie irrte ſich auch nicht. Sie ließ ſich nicht ſehr bitten, um dieſen naͤrriſchen Manne, der nun recht ſehr gerne ſich dazu willig finden ließ, Gercouren aufzuhalten, waͤhrend daß ich, ſein Nebenbuhler, mich mit dem Gegenſtande ſeiner Zaͤrtlichkeit unter hal⸗ ten ſollte, zu vergeben. — N . . — — — Es kam nun darauf an, Gercourn auf die Stelle zu bringen, wo wir uns befaͤnden. Florine war auch darin glucklich, indem ſie ihm ſagte, daß Terval um den Garten her⸗ umſtreifte, um Celianen ein Zeichen zu ge⸗ ben, und ich gieng waͤhrend ihres Geſpraͤchs unterdeſſen zu ihr. Ich war ſchon durch den Hof, und ſtieg die Freytreppe hinan, als man auf einmal an die Hausthüre, die von der Straſſe hineingeht, pochte. Ich verbarg mich, ſo gut ich konnte. Man fragt nach Gercour und ſogleich läuft Celiane fort, um ihn zu holen; nun blieb mir weiter nichts uͤbrig, als mich davon zu machen, mit nicht geringem Verdruß, daß mir eine ſo guͤnſtige Gelegenheit, ſie zu ſprechen, entgangen war. Da ich zu Tervaln zuruͤck kam, erzaͤhlte er mir auf eine ſehr aufgeräumte Art, was er vor Muͤhe gehabt haͤtte, den guten Ger⸗ cour aufzuhalten: damit ich Zeit bekaͤme, Lu⸗ cilen zu ſehen, und mich mit ihr zu unter⸗ reden. Ich ſagte ihm, was geſchehen ſey. Er bedauerte mich, und fieng mit einem recht praleriſchen Tone an: Wenn du nur alles haͤtteſt hoͤren ſollen, was ich Gercourn ſchoͤnes uͤber die Gaͤrten geſagt habe, und wie ich die Materie intereſſant zu machen wußte. Hierbey ſagte ich ihm von Zeit zu Zeit einige ſchoͤne Stellen aus dem Gedichte des Delisle uͤber die Kunſt, Landſchaften zu verſchoͤnern, vor. Es verdroß mich um ſo viel mehr, daß ich um dieſe Gelegenheit gekommen war, da ich mich gezwungen ſahe, Tervaln nun das Gegenrecht zu halten. Er verlangte dieſes von mir, und ich konnte mich deſſen nicht entſchlagen. Florine kam nun den folgenden Tag wieder an den beſtimmten Platz, den ich faſt gar nicht mehr verließ, als ich mich eben daſelbſt mit einigen Vorbeygehenden unter⸗ hielt. Sie fieng gleich damit an: Dorbeuil, Sie erinnern Sich doch an Ihr Verſpre⸗ chen?— Ja, und ich werde es auch hal⸗ ten.— Terval, der eben dazu kam, nahm mich bey der Hand, und fuͤhrte mir zu Ge⸗ muͤthe, daß er eben das von mir erwarte. Dann redete er mit vieler Freundlichkeit Flo⸗ rinen an, und ſagte: Celiane laͤßt mir alſo doch Gerechtigkeit wiederfahren und liebt mich wieder? Fuͤr eine ſo gute Naochricht haͤtte ich gleich Luſt, dich zu umarmen.— Laſſen Sie die gute Gelegenheit, die ſich jezt darbietet, nicht vorbey, erwiederte Florine ganz trocken, und hoͤren Sie auf mich. Ce⸗ iane will Ihre Freundin Lycile mitbringen⸗ . Dieſe Waͤchterin, die ſie begleitet, weiß, daß Ihre Abſichten auf eine Heyrath gehen, ſie wird ſich alſo nicht laͤcherlich machen und Sie koͤnnen getroſt mit Celianen ſprechen. Ge⸗ hen Sie alſo geſchwind zu dem Buchhaͤndler, der unſerm Hauſe gegen uͤber wohnt, dieſer hat eine ſchoͤne Tochter, mit dieſer koͤnnen Sie Sich unterhalten und auf die Art auf diejenige, die Sie lieben, oder vielmehr, die Sie anbeten, warten.— Ja wohl, die ich anbete, rief Terval aus, und war wie ein Pfeil weg. Florine ſagte hierauf zu mir: Sie werden leicht erachten koͤnnen, daß die⸗ ſer aufgeblaſene Menſch Ihnen noch wei⸗ ter nuͤtzlich ſeyn wird. Ich muß Ihnen da⸗ her ſagen, auf welche Weiſe es bewerkſtelli⸗ get werden ſoll. Ich hoͤrte ihr ſehr aufmerk⸗ ſam zu, und erfuhr, daß Gercour nach einigen Reden, die ſie mit Fleiß hatte fallen laſſen, ſteif und feſt glaubte, Terval wolle von der Seite der Gaſſe her Celianen einen Brief zuſtellen; um nun hinter dieſe Sache zu kom⸗ men, habe ſich der Alte in ein Kabinet bege⸗ ben, von wo aus er meinen Nebenbuhler beobachten konnte, und wo er ſo lange blei⸗ ben wollte, als der betrogene Terval beym Buchhaͤndler auf die Ruͤckkunft der Celiane, die gar nicht ausgegangen war, warten wuͤr⸗ de. Sie fuͤgte hinzu; Terval wuͤrde auf ſei⸗ ner Seite ſeine Rolle ſchon ſpielen, und ahf die Ruͤckkunft der Celiane, die ſie mir zufuͤh⸗ ren wuͤrde, lauren, waͤhrend daß unſre beiden Aufſeher einander ganz nahe bleiben wuͤrden. Vor ihrem Ueberfall wollte ſie uns uͤbrigens ſchuͤtzen, indem ſie ſich auf einen kleinen Berg, der ſich mitten im Garten befaͤnde, ſtellte. Sie hoͤrte eben auf zu reden, als ich Celi⸗ anen, die herzu lief, und voller Bewegung mit weinenden Augen ausrief: D mein Freund! gewahr wurde. Sie konnte eine Zeitlang weiter nichts vervorbringen. Ich druͤckte ihr die Haͤnde, um ſie wieder zu ſich zu bringen, und wiederholte ihr oͤfters, daß Dorbeuil ſie liebte, und ſie jederzeit lieben wuͤrde. Endlich ſahe ich ihre ſanften Augen ſich wieder oͤfnen, und nachdem ſie mir ihre auſſerordentliche Freude, mich wieder zu ſe⸗ hen, bezeugt hatte, erzählte ſie mir, was ihr die Nachricht von meinem Tode fuͤr Lei⸗ den verurſacht haͤtte. Sie fuͤgte hinzu, ſie habe, ſeitdem ſie bey ihrem Oheim, dem mis⸗ trauiſchſten Menſchen unter der Sonne, waͤ⸗ re, durch ſeine verſtellte Guͤte, und ſein verſtelltes Zutrauen ſehr viel ausgeſtanden, und ſtehe noch alle Tage aus, indem er ihr das Leben auf alle Weiſe ſauer mache. Flo⸗ rine ſinne daher auf einen Plan, wodurch ſie unſte Vereinigung zu bewirken hoffe. — 80— Ich meines Theils erzaͤhlte ihr, wie es mir ſeit meiner Abweſenheit ergangen, und beſonders dieſen Umſtand, daß meine Mutter ihre Einwilligung zu unſter Heyrath gege⸗ ben, und ſelbſt nach Paris gekommen ſey, um bey uns zu ſeyn. O mein theurer Dor⸗ beuil, rief ſie aus, bringen Sie ſie her, ſie ſoll ihre Bitten mit den unſrigen vereinigen, um meinen Oheim zu erweichen zu ſuchen. Wir waren ſo voll von unſerm Gluͤcke, daß wir nicht daran dachten, daß wir unſte Zu⸗ ſammenkunft dem Mißtrauen und der Thor⸗ heit unſrer Verfolger zu verdanken haͤtten. Wir uͤberlegten die Mittel, wodurch wir Ger⸗ courn bewegen koͤnnten, ſeine Einwilligung zu unſrer Heirath, der er ſich widerſezte, ohne daß man die Urſache wußte, zu geben, als Florine mit der Leichtigkeit einer Biene auf uns zu geſchoſſen kam, und uns zurief: Tren⸗ nen Sie ſich, fliehen Sie! Gercour! Gercour! Alsdann, als ſie mit Celianen hineingieng, vernahm ich noch die Worte von ihr: Mor⸗ gen, Dorbeuil, ganz gewiß um 3 Uhr wie⸗ der hier,“ womit ſie verſchwanden. Ich gieng nun gleich zu meiner Mut⸗ ter und erzaͤhlte ihr, was vorgefallen wäͤre. Sie verbarg mir ihren Kummer nicht, den ſie daruͤber hatte, daß Florine mit in dieſer Sache n9 e⸗ ut⸗ ire. den eſer ſche Sache chaͤtig ſey. Ich gab ihr darinn recht, indem ich mit ihr daruͤber einſtimmig dachte, ſezte aber hinzu: die Liebe handele mehr nach Empfindung, als nach Veberlegung. Ich verſprach ihr indeſſen doch, dieſes Maͤd⸗ chen nicht weiter zu brauchen, die zwar ganz gute Abſichten haͤtte, aber in der Wahl ihrer Nittel eben nicht ſehr deli⸗ kat waͤre. Wir nahmen uns alſo vor, zu Gercourn zu gehen, und ihm unſer Anlie gen vorzutragen. 8 Ich meines Theils begab mich wieder an den Ort, den mir Florine geſagt hatte, und zwar mit dem feſten Eutſchluße, ſie zu erſuchtn, ſich nicht weiter mit einer uns bei⸗ den betreſſenden Angelegenheit zu befaſſen⸗ Sch gieng ſchon um eilf Uhr aus, da ich erſt um 3 Uhr in den eliſaͤiſchen Feldern ſeyn ſollte. Ich nahm zwar einen ſehr groſſen Umweg⸗ kam aber doch ein paar Stunden eher da⸗ ſelbſt an. In dieſer Zeit labte ich mich in den ſuͤſſeſten Traͤumen an den ſchoͤnen Ge⸗ ruͤchen, die ſich aus den daſigen Gaͤrten von den Blumen verbreiten, wobey mir das Bild der Celiane immer vorſchwebte. Florine kam, als es drey Uhr geſchla⸗ gen hatte, und ſagte wir ſeufzend, mit ei⸗ 6 ner niebergeſchlagenen Miene, ſie habe mir eine ſehr ſchlechte Nachricht zu bringen. Man ſpinnt einen ſehr abſcheulichen Plan an, fuhr ſie fort, und ich kann den Faden davon noch nicht wegkriegen. Gegen wen? fragte ich mit einem entſchloſſenen Tone.— Leider, gegen Sie und Celianen!— Und Ce⸗ lianen? Ungluͤck fuͤr denjenigen, der ſich unter⸗ ſteht—— Aber erklaͤre dich deutlicher, Flo⸗ rine!— Ich kenne die Mittel nicht, die man ergreifen will, um Sie zu trennen.— Um uns zu trennen? uns? Celianen und Dor⸗ beuil? niemals, niemals ſoll das geſchehen⸗ rief ich, ganz auſſer mir, aus. Und du haſt gar keine Spur, wer dieſer Verwegene iſt?— Da Sie in ſolcher Hitze ſind, was ſoll ich Ihnen da offenbaren? Sie wuͤrden Sich nicht maͤſſigen koͤnnen.— Nein, verſezte ich, ob ich mich gleich kaum faſſen konnte, nein ich bin ruhig, ſehr ruhig.— Sie ruhig? Sie zittern ja am ganzen Leibe.— Ach, Florine, bey allem, was dir theuer iſt, erklaͤre dich— Nun ſo machen Sie ſich auf das grauſamſte ge⸗ faßt, was Ihnen begegnen kann. Es geht nehmlich darauf um, morgen Abends um 11 Uhr Celianen aufzuheben.— Aufzuhe⸗ ben!— Ich wollte einige Fruͤchte einſamm⸗ len, und war hinter einem Geſtraͤuch ver⸗ borgen, als ich einen Mann ſahe, der⸗ in⸗ — nit an en Ce⸗ er⸗ lo an Un or⸗ en, oſt B icht ob Sie ine, ge⸗ ht uhe⸗ m vet⸗ in⸗ — dem er mit dem Finger auf unſern Garten wieß, zu drey andern ſagte: Morgen, mit dem Schlag eilf Uhr ſeyd hier, und wir wol⸗ len ſie aufheben.— Und kannteſt du denn dieſen Menſchen nicht— Ich glaubte Ter⸗ valn zu ſehen.— Tervaln? nun das wol⸗ len wir doch ſehen. Ach, Florine, wie viel bin ich dir nicht ſchuldig! Nimm doch, nimm, ich bitte dich! ſagte ich zu ihr, indem ich ihr meine Brieftaſche, worin ich Aſſignaten hatte, anbot, die ſie aber ſehr entſchloſſen, mit den Worten: wie? ſollte ich mich ſo erniedrigen? ausſchlug. Nein, Dorbeuil, fuhr ſie fort, was ich bisher gethan, hat Ihnen vielleicht glaubend gemacht, ich handle blos aus Intereſſe; da irren Sie ſich, die üble und niedertraͤchtige Behandlung, die Celiane von Gercour erfahren muß, hat mich allein dazu bewogen. Behalten Sie Ihr Geſchenk und glauben Sie, daß ich noch Achtung ver⸗ diene.— Ach, Florine, ich bitte um Verzei⸗ hung, daß ich Sie verkannt habe. Seyn Sie nur, fuhr ſie fort, jezt blos darauf bebacht, dem Streiche, den man Ihnen ſpielen will, zuvorzukommen, und laſſen Sie ſich Celi⸗ anen nicht rauben. Aber jezt bitte ich Sie, ſich zu entfernen; ſehen Sie nicht, Terval kommt!— Ich ſollte mich vor ihm entfer⸗ nen, nein, das thue ich nicht, ich muß wiß⸗ ₰ 5 —— 5 5 ——— — — 3— ſen, was er fuͤr grauſame Abſichten hat. Ich wollte auf ihn zuſpringen, als mich Florine zuruͤckhielt und ſagte: ich ſollte doch keine Unvorſchtigkeit begehen. Sie brachte es auch ſo weit, daß ich mich entfernte. Ich ſahe mich, da ich ein Stuͤck weg war, um, und da ſchien es mir, als wenn Florine Ter⸗ valn zulächelte; ich glaubte nun beynahe, daß ſie mich verriethe, da ich aber nicht wuſte, wie ich mich dabey verhalten ſollte, ſo wanderte ich voller Verzweiflung im Her⸗ zen nach Hauſe. Ich wollte meine Mutter nicht mit die⸗ ſen traurigen Neuigkeiten bekannt machen, und damit mich meine finſire Miene nicht verriethe, ſo las ich ihr aus einem ihrer Lieblingsbuͤcher etwas vor, deſſen Gemaͤlde mir die Eindruͤcke zu verurſachen ſchienen, die man auf meinem Geſichte las. Wie lang waͤhrte mir doch die Zeit, ehe der morgende Tag kam: die Nacht bot mir nichts als trau⸗ rige Bilder dar. Endlich kam die ſehnlich erwartete Stunde. Ich begab mich um 10 Uhr mit 2 Piſtolen und meinem Degen be⸗ wafnet, in die eliſäiſchen Felder, und gieng Gercours Garten gegen uͤber immer auf und ab. Ich neigte mich manchmal mit meinen Ohren bis an die Erbe, um zu vernehmen, — 5 Ich rine eine es 3 um, he, cht lite, Her⸗ eb man jemand gehen hoͤrte. Der Himwel war heiter, und es herrſchte eine groſſe Stil⸗ le. unterdeſſen glaubte ich ein Frauenzim⸗ mer im Garten lachen zu hoͤren; aber ich war meiner Sache doch nicht ganz gewiß. Die Art, wie Florine den Tag zuvor Ter⸗ valn aufgenommen, mit dem aufgeraͤumten Weſen, das ich zu bemerken glaubte, vergli⸗ chen, beſtaͤrkte in mir die Vermuthung, daß dieſes Maͤdchen ſich ein Vergnuͤgen daraus machte, mir entweder Unruhe zu machen, oder mich zu pruͤfen. Da ich Riemanden kommen hoͤrte, und es ſchon eilfe ſchlug, ver⸗ ſteckte ich mich hinter einer dort befindlichen Mauer, und beſchloß, daſelbſt ſo lange zu bleiben, bis ſich die Raͤuber zeigten, wenn ſie ja noch kaͤmen, denn ich fieng ſchon an, an der ganzen Sache zu zweifeln. Bald dar⸗ auf hoͤrte ich von weitem ein Geraͤuſch, als wenn jemand gegangen kaͤme, und ſahe auch gleich einen Mann mit einem Degen kom⸗ men; aber er nahm ſeinen Weg beym Ein⸗ gange des Gartens vorbey. Hierauf hoͤrte ich mehrere Menſchen murmeln. Sie gehen bey den Sitzen, die ſich dem Garten gegen uͤber befinden, vorbey, und wenden ſich auf die Seite, wo ich mich befinde. Derjenige, der die beiden andern anfuͤhrte,(denn es waren ihrer drey), ſagte zu denſelben: Seyd — —, —— — 5— ihr denn auch entſchloſſen? Ja, antworte⸗ ten ſie. Auf dieſe Worte zog ich meine Pi⸗ ſtolen heraus. Ich wollte eben auf ſie ſchieſ⸗ ſen; ich hatte auſſerordentliche Luſt dazu.—— Wenn ich aber, daͤchte ich bey mir ſelbſt, durch einen Irrthum einen Mord begien⸗ ge?—— Ich darf mich nicht uͤbereilen, ſie können mir nicht entwiſchen.—— Ich gab nun genau Acht; ſie naͤherten ſich dem Garten. Einer von ihnen ſchlug mit der Hand drey⸗ mal an die Thuͤre, die auch ſogleich aufge⸗ macht wurde. Sie hatten ſonach ein Ein⸗ verſtaͤndniß mit den Leuten im Hauſe. Was ſollte ich nun dazu denken, wozu ſollte ich mich entſchlieſſen? Ich war in der groͤßten Verlegenheit, blieb aber immer noch an mei⸗ nem Orte, ohne mich zu etwas entſchlieſſen zu koͤnnen. Endlich war es mir nicht mehr moͤglich, an ihren grauſamen Unteruehmun⸗ gen zu zweifeln. Ich hoͤrte Jemanden ſehr kläglich ſchreyen: zu Huͤlfe! zu Huͤlfe! und ich ſahe auch durch eine Befnung, daß ſich Jemand mit dieſen Boͤſewichtern herum ſchlug. Nun gab ich nur meiner Wuth Gehoͤr, lief was ich konnte, zu ihnen, und redete ſie mit einem ſchrecklichen Ton an:»Ihr elenden Kerls, packt euch, oder ihr ſeyd des Todes, und zu gleicher Zeit ſchoß ich eine von mei⸗ nen Piſtolen in die Luft, aus Beſorgniß, ich mchte ihr Dpfer mit verwunden. Die er⸗ ſchrockenen Lumpenhunde ergriffen die Flucht. Ich konnte nicht wiſſen, ob Terval unter ihnen waͤre, da ſie ſich in groſſe Maͤntel verhuͤllt und die Hute uͤber den Kopf herein⸗ geſchlagen hatten. Ich naͤherte mich ſogleich dem Ungluͤcklichen, der nun frey war. Er war aber in Ohnmacht gefallen. Ich zog ihm das Schnupftuch, was ſie ihm in den Mund geſteckt hatten, und wodurch er bey⸗ nahe erſtickt waͤre, heraus. Er hatte noch ſeinen Schlafrock an, und ich brachte ihn auf eine Bank. Dann ſagte er mit heiſerer Stimme. Wer du auch ſeyn magſt, du bra⸗ ver und behuͤlflicher Mann, rechne auf mei⸗ ne Erkenntlichkeit. Ich zweifelte nun nicht mehr, daß es Raͤuber wären, die ihn entwe⸗ der umbringen, oder doch wenigſtens berau⸗ ben wollten, und nicht die Entfuͤhrer, wo⸗ von Florine geredet hatte. Ich fragte ihn, ob er nicht dieſe Straſſenraͤuber, die ihm ſo uͤbel haͤtten mitfahren wollen, kennete? Er antwortete nur mit halbgebrochenen Sylben/ die man nicht verſtehen konnte. Ich fragte ihn um ſeinen Namen; er gab ſich das An⸗ ſehen, als wenn er mich nicht verſtuͤnde. Ich bot mich an, ihn in ſein Haus zu bringen. Als ich aber nicht mehr weit davon war⸗ wollte er nicht weiter gehen. Ich drang — — ————— — 88— lange in ihn. Er widerſtand mir immer. So viel Mißtrauen gegen denjenigen, der ihm das Leben gerettet hatte, lieſſen mich vermu⸗ then, daß ich mit Gercourn zu thun haͤtte. Ich ſtellte ihm die Gefahr vor, der er ſich ausſezte, wenn die Moͤrder etwa umkehrten, und ihn alleine faͤnden. Nun hieß er ſichs endlich gefallen. Indeß glaube ich doch, daß eine neue DBhnmacht, die ihn uͤberſiel, die Urſache ſeyn mochte, daß er ſich meiner be⸗ diente. Seine Knie wankten, ich brachte ihn auf eine Raſenbank, wo er in kurzem ſein Bewußtſeyn verlor. Nun kam Celiane ganz erſchrocken und zitternd gelaufen, und da ſie ihren Oheim ohnmaͤchtig da liegen ſahe, ſchloß ſie ihn in ihre Arme, und that einen hefti⸗ gen Schrey, woruͤber er die Augen aufſchlug. Er ſchien doch von den Merkmalen der Zaͤrt⸗ lichkeit und des Mitleids, die er von ſeiner Nichte ſahe, geruͤhrt zu ſeyn. Wir nahmen ihn nun unter die Arme und brachten ihn ins Vorhaus, wo er bleiben wollte, ohnge⸗ achtet wir ihn ſehr noͤthigten, ſich zu Bette bringen zu laſſen. Ich gab ihm den Rath, ſich eine Aber oͤfnen zu laſſen. Aber er ſchlug es hartnaͤckig aus, und bat mich, ich ſollte mich doch auch nun zur Ruhe bege⸗ ben; denn es war ziemlich Mitternacht. Er brachte kaum noch einen Dank heraus, und ich dri Ge üb gel mi ch hoͤrte nur zu der Zeit verbindliche Aus⸗ druͤcke von ihm, als er ſich in der groͤßten Gefahr befand. Nunmehro war 5 aber vor⸗ uͤber. Io bat ihn um Erlaubniß, den fol⸗ genden Tag wieder kommen zu duͤ irfer n, um mich nach ſeinem Befinden zu erkundigen. Er antwortete mir, er wuͤrde ſich ohne Zwei⸗ fel wohl befinden, und er wollte mir dieſe Muͤhe nicht machen. Ich verſicherte ihn, daß es mir zum groſſen Vergnuͤgen gereichen wuͤrde. Nun liefen eine Menge Leute zuſam⸗ en. Der Schuß meiner Piſtole hatte ſie hergefuͤhrt und ſie wollten nun wiſſen, was vorgegangen waͤre. Gercour erzaͤhlte es ih⸗ nen ſelbſt, und bemuͤhte ſich, den Dienſt, den ich ihm geleiſtet hatte, recht gering zu machen; aber ſeine Muͤhe war vergeblich. Der ſimple Ton, den er bey ſeiner Erzaͤh⸗ lung annahm, war gegen ihn. Und in der That giebt es gewiſſe Handlungen, die man verderben wuͤrde, wenn man ſie nicht ſo ein⸗ fach als moͤglich erzaͤhlte. Ein jeder Anwe⸗ ſende uͤberhaͤufte mich mit Lobſpruͤchen, die mir und noch vielmehr Gercourn ſehr zuwi⸗ der waren. Da er nun endlich ſahe, daß er der allgemeinen Stimme folgen mußte; ſo that er das, was Leute, die nicht em pfin — 5 — 950— den, in aͤhnlichen Fällen thun: er uͤberſchritt das Maaß und machte mir uͤbertriebene Lo⸗ beserhebungen, von denen ich mich aber nicht laͤuſchen ließ. Doch glaubte ich, ſie zu mei⸗ nem Nutzen anwenden zu muͤſſen, und theilte ihm ſogleich alles dasjenige mit, was zwi⸗ ſchen Celianen, ihrem Vater und mir vorge⸗ gangen war. Die naive Erzaͤhlung unſrer Licbe verſchafte uns die Zuneigung aller Ge⸗ genwaͤrtigen, und gab uns Muth, in Ger⸗ courn zu dringen, unſer Vorhaben zu be⸗ guͤnſtigen. Ich ſagte ihm noch, meine Mut⸗ ter waͤre von Penſylvanien anhero gekom⸗ men, um einer Verbindung beyzuwohnen, die ihr, Celianens, und mein Gluͤck machen ſollte. Zu dieſem Vehuf wieß auch ſogleich ſeine reizende Nichte das Portraͤt derſelben vor, und rief aus: Sehen Sie hier ihre ſchoͤnen Zuͤge! ſie ſoll, fuhr ich fort, und ſie wird kommen, und Sie um unſte gluͤckliche Vereinigung bitten. Sie werden es ihr auch nicht abſchlagen. Nun verdoppelten ſich un⸗ ſre Bitten und Thraͤnen, wir warfen uns vor dieſem harten unempfindlichen Manne auf die Knie und blieben ſo lange in dieſer Stellung, bis alle Anweſende voller Theil⸗ nehmung ausriefen: Nein, nein, er wird es Ihnen nicht abſchlagen, er kann es Ihnen nicht abſchlagen. Nun gut, verſezte⸗Gercour ſh mit einem Tone, der uns nufrichtig zu ſeyn ſchien, nun gut, ich gebe meine Einwilligung zu dieſer Verbindung, die Sie wuͤnſchen. Ja, aber bringen Sie mir Ihre Mutter her! Ich verſprach es, und begab mich zu Hauſe: damit er der Ruhe, die er ſo noͤthig hatte, genieſſen koͤnnte. Sechster Abſchnitt. —— w Gercour verreißt in aller Stille mit Celianen, um ſein Ver⸗ 9 ſprechen nicht erfüllen zu dürfen. Dorbeuil wohnt ei⸗ 36 ner Sitzung in den Bezirksgerichten mit bey. Lerval⸗ 3 pi der ihn dahin begleitete, erlaubte ſich eine Anmerkung 3 über ihre Sprache, und wäre beynahe in die größte Gefahr gekommen, wenn er ſich nicht geſchwind hinwes 3 begeben hätte. Dorbeuil nimmt ſeine Murter mit in 7 ein Concert beym Bürger Herbelin. Beſchreibung die⸗ f 3 ſes vortreftichen Mannes. Derbeuil ſchließt die innig⸗ ſ †3. ſte Freundſchaft mir ihm und ſeiner Gattin. Sie be⸗ e ſchlieſſen, ſich der zahlreichen Gefangenen anzunebmen⸗ Unter denſelben treffen ſie alte Bekannte und unterſtü⸗ tzen ſie auf alle Weiſe. —. Ja 6pto 2 „ Ich erzaͤhlte meiner Mutter alles, was vor⸗ gefallen war. Sie erſchrack nicht wenig uͤber die Gefahr, in der ich mich befunden hatte; ſie ſprang aber fuͤr Frenden in die Hoͤhe, als ich ihr ſagte, daß Gercour ſeine Einwil⸗ 1 ligung zu unſrer Heyrath gegeben haͤtte. Nach Tiſche giengen wir, ſie zu peſuchen; ſie wa⸗ ren aber verreißt, um Waare einzukaufen.“ 7 Wir giengen nun viele Tage hinter einan⸗ der vergeblich hin. Das leztemal, das wir 5 dort waren, erfuhr ich vom Pfoͤrtner, daß Gercour Florinen den Abſchied gegeben, weil ſie mit Tervaln geheimnißvoll geſprochen, und daß Celiane nebſt ihrem Oheim eine ſehr weite Reiſe unternommen, ohne irgend Je⸗ mand zu ſagen, wohin es eige ntlich gienge. Wir erſtarrten ganz vor Erſtaunen und Unwillen, daß wir auf eine ſo grauſame Weiſe zum Beſten gehabt wurden. Man zonnte aber auch von einem ſo falſchen und mißtrauiſchen Menſchen, wie Gercour war, faſt nichts anders erwarten, da er feſt ent⸗ ſchloſſen war, ſeine Nichte, deren Vermoͤgen er in ſeinen Haͤnden hatte, und deren Lie⸗ benswuͤrdigkeit noch einige Blumen auf ſein Leben ſtreute, nicht zu verheyrathen. Was war nun zu thun, wo ſollte ich meine Celiane finden? blieb mir noch ein dunkler Strahl von Hofnung ͤbrig? Rein, gar keiner. Da ich in meinen Schmerz ganz vertieft war, ſo fiel ich wieder in die gaͤnzli⸗ che Erſchlaf ug, worinnen mich meine Mut⸗ ter ſchon geſehen hatte, als ich mit ihr nach Paris gekommen war, und ſie bemuͤhte ſich vergebens, mich aus dieſer traurigen Lage zu reiſſen. Es bleibt doch eine ausgemachte Wahrheit, daß die Leiden oder Krantheiten der Seele von ſich ſelber heilen muͤſſen. Ich gieng alle Tage, wie aus Gewohnheit, an die⸗ ſen Garten, wo ich ohnlaͤngſt Celianen ge⸗ troffen hatte. Ich verweilte mit einer Art von Wolluſt an der Stelle, wo ich das lezte mir ſo werthe Geſpraͤch mit ihr gehalten hat⸗ te. Ich rufte ſie mit nach der Laube, wo ihre ruͤhrende Stimme die Qualen der Abwe⸗ ſenheit mit ausgeſireckten Armen beſungen hatte. Manchmal ſiellte ſie eine ſanfte, aber blos eingebildete Taͤuſchuug meinen feurigen Blicken dar. Nun gieng ich voller Entzuͤ⸗ ckung, ihren Namen ruffend, darauf los; aber dieſes diente nur dazu, meine Melancholie noch bitterer zu machen, ſtatt ſie zu lindern. Meine Mutter verſuchte vergeblich, mich davon zu heilen. Indeſſen that doch eine neue Bekanntſchaft, die mir Terval verſchaf⸗ te, das ihrige bey der Sache. Es ſtand doch wie geſchrieben, daß dieſer Mann, von ſei⸗ nem muntern Genie geleitet, nicht beſtehen konnte, wenn er mir nicht immer ſuchte nuͤtz⸗ lich zu ſeyn. Eines Tages wurde er mich in den Thuillerien auf der Seite des Pavillons der Flore, ohnweit, der Raſenbank gewahr, wo ich das erſtemal meine Celiane mit der gu⸗ ten Lacroix und der kleinen Bury geſehen hatte. Er kam auf mich zu, und nahm mich nit ſo wie ſn dat g — d— mit den Worten an der Hand, lieber Freund, ſo traurig? Geht es dir vielleicht eben ſo, wie mir? Hoͤre einmal an, aber nein, ich mag es nicht bekannt machen.—— Was ſage ich? du wirſt keinen uͤblen Gebrauch davon machen, und ich kann dir mein Miß⸗ geſchick ſchon anvertrauen. Hoͤre alſo: Du weißt, wie ſehr ich Celianen liebe, und wie ich von ihr geliebt werde. Nun hat⸗ te mir Florine ein vortrefliches Mittel ange⸗ geben, um die Einwilligung Gercours, die allein noch zu unſerm Gluͤcke fehlte, zu er⸗ halten. Dieſes Mittel, das gefaͤhrlich und ſonderbar genug war, will ich dir doch nicht vorenthalten. Vielleicht kannſt du dich deſſen einmal mit mehrerm Gluͤcke, als ich, bedie⸗ nen. Ich ſollte mich nehmlich dreyer Maͤn⸗ ner bedienen, dieſelben gut bezahlen, und ſie um 11 Uhr Abends kommen laſſen; um nicht Celianen, ſondern Gercourn aufzuheben. Ja Gercourn, dieſes wird dir vielleicht ſonder⸗ bar vorkommen, daß ich eine ſolche Beute machen wolle. Aber wenn ich, ſagte ſie, die⸗ ſen alten Poltron aufheben lieſſe, ſo zwaͤnge ich ihn zu glauben, er ſey unter die Moͤr⸗ der gefallen. Bey der groͤßten Gefahr wollte ich nun beym Gapten vorbey gehen, und ich wuͤrde Muth genug haben, ihm das Le⸗ — * ben zu retten. Gercour wuͤrde gewiß er⸗ tenntlich ſeyn, und ich wuͤrde ſeine anbe⸗ tungswuͤrdige Nichte erhalten. Was denkſt du dazu? War dieſes nicht alles vortreflich ausgedacht? Und dieſen Plan hat man Flo⸗ rinen zuzuſchreiben, der aber freylich verun⸗ gluͤckt iſt, weil ich nick ht weiß, was fuͤr ein be⸗ herzter Mann dazu kam, der das gethan hat, was ich haͤtte thun ſoliet Er wird ohne Zweifel mehr als einat mit dieſer heroi⸗ ſchen That groß thun, und er. auch in der That alleine die 3 tapfern Helden zer⸗ ſtreut, die allerdings nach unſern Verabre⸗ dungen, ſo bald ich einen Piſtolenſchuß in die Luft thun wuͤrde, bdie Flucht ergriffen, 3 habe von weitem dieſen tapfern Beſchuͤ⸗ tzer geſehen, wie er dem ungluͤcklichen Ger⸗ cour, der ſich doch nicht in der minderſten Gefahr befunden hatte, ſeinen Arm reichte, dieſen unbekannten Teufel, der ſeine Bra⸗ vour zeigen wollte, aber ſie zu meinem Uw gluͤck ſehr uͤbel angebracht hat. Ich war vol⸗ ler Ve rzweifeling, beſonders da mir Florine einige Tage nachher ſagte, ihr Gercour den Abſchied gegeben, weil ſie mit mir ge⸗ redet, und daß meine reizende Cel ane ver⸗ ſchwunden, ohne daß es moͤglich waͤre, ihren Aufenthalt zu erfahren. Spielt das Ungluͤck nicht ſo nach Recht mit einem? Ich enp Hof tete man 90 C be Ich raͤumte ihm ein, daß ſein Verluſt empfindlich und faſt unwiederbringlich ſey. Hofnung habe ich doch noch immer, antwor⸗ tete er; ſo lange man liebt, ſo lange hoft man auch. Aus ſeiner Erzohlung konnte ich nun ſchon abnehmen, daß Florine keine andre Ab⸗ ſicht bey dieſer Sache gehabt hatte, als dieſe Liſt zu meinem Beſten zu wenden, ohne mir etwas davon zu ſagen, indem ſie die Gefahr dabey alle auf Tervaln waͤlzte. Dadurch, daß ſie mir nichts davon ſagte, wollte ſie vermuthlich meine Liebe und meinen Muth auf die Probe ſtellen, und ohne Zweifel war ſie auch uͤberzeugt, daß ich ein ſo verwerfli⸗ ches Mittel nicht ſelbſt ergreifen wuͤrde. Terval, der ſich deſſen bediente, kam mir ſehr veraͤchtlich vor, wenn ihn nicht ſein leichtſin⸗ niger und romanhafter Charakter entſchuldi⸗ get haͤtte. Ich haͤtte ſeine Bekanntſchaft ganz aufgegeben, wenn er nicht immer von Celianen geſprochen, deren Name mich ſo bezauberte, daß ich nicht von ihm loskommen konnte. Da er mit der Erzaͤhlung ſeiner widrigen Schickſale zu Ende war, ſagte er: jezt ſchlaͤgt eben die Stunde, da ich mir ein Vergnuͤgen machen will, das du mit mir thei⸗ len ſollſt. Rathe einmal, du wirſt es zum 7 hundertenmale nicht treffen. Vielleicht willſt du in ein Schauſpiel, oder in ein Concert gehen?— Nein, aber bey Gelegenheit ei⸗ nes Concerts will ich dich morgen mit der Buͤrgerin Herbelin, mit der ich von dir ge⸗ redet habe, bekannt machen. Sie freut ſich ſchon darauf, dich auf der Zitter, welches Jaſtrument ſie ſehr liebt, zu hoͤren. Aber daß wir unſern Satz nicht vergeſſen, du ratheſt wohl nicht, wo ich dich dieſen Abend hinbrin⸗ gen will. Ich muß es dir alſo ſagen; in unſre Bezirksgerichten. Ich glaubte, er haͤtte nur ſeinen Spas; aber ich irrte mich. Er nahm mich mit fort, und ich begleitete ihn dahin. Es wurde die Frage abgehandelt, ob man das Denis und Martinsthor nieder⸗ reiſſen ſollte. Es war der Muͤhe werth, die Redner zu hoͤren, die bey dieſer ſchoͤnen Dis⸗ cuſſion das Wort fuͤhrten. Ich will nur ei⸗ nige Phraſen davon anfuͤhren, die hinlaͤng⸗ lich ſeyn werden, ſich einen Begriff davon zu machen, ich zweifie auch nicht, daß es hin⸗ länglich ſeyn wird, den tiefſten Abſcheu vor dieſen Verſammlungen einzufioͤſſen. Die Zeit, wenn es geſchah, iſt nicht nothig zu beſtimmen; man wird ſie leicht ab⸗ nehmen koͤnnen. Ehre und Redlichkeit be⸗ fanden ſich damals in den Kerkern, und wa⸗ ————— ke aut ſch ren entweder den Dolchen der Boͤſewichter ausgeſezt, oder wurden aufs Schafot ge⸗ ſchleppt. Es war zu der Zeit, da, wie man ſehr kraͤftig geſagt hat, alles ein Verbrechen war, auſſer das Verbrechen ſelbſt. Laßt uns alſo ſehen, was an dieſem Orte berathſchlagt wurde. Ja, ſchrie einer mit einer heiſern Stimme: ich bin der Meinung, daß man die beiden Thore St. Denis und St. Mar⸗ tin niederreiſſe, ſie machen uns viel Unruhe. Es befinden ſich zwey Heilige darauf; das ruͤhrt noch von der alten Schwaͤrmerey her, man muß ſie umwerfen.— Praͤßident, ſagte ein andrer, ich habe das Wort,— der ſeine Meinung vor mir geſagt hat, fuͤhrt Sie in Irrthum, ich habe nehmlich in einem Wein⸗ hauſe mit einem Gelehrten geſprochen, der mich verſichert hat, daß das eine Ludwig der Groſſe waͤre.— Das iſt wahr, das iſt wahr! ſchrieen viele grobe und klare Stimmen durch einander. Er hat recht— Es iſt nicht wahr, ſchrie der groͤßte Schreyhals der Geſellſchaft, ich habe aus dem Vater Duͤchesne, den He⸗ bert herausgegeben hat, vorleſen hoͤren, daß es, hoͤrt auf mich! daß es Ludwig der 14te ein offenbarer Ariſtokrat ſey; alſo bin ich der Meinung, daß die Thore niedergeriſſen werden.— Bravo, bravo! fiengen viele Stimmen zuſammen an, herunter damit, her⸗ unter damit! Nun gebot der Praͤſident mit einem Pfeifchen Stillſchweigen. Ich habe noch ein Wort dieſer Meinung beyzufuͤgen, rief ein kleiner Mann hitzig aus. Iſt es nicht beſſer, ſtatt ſie nieder zu reiſſen, die Statuen unſrer Helden GLeros) an deren Stelle zu ſetzen? Ja unſrer Zeros, rief die ganze Geſellſchaft wie mit einem Munde aus, indem ſie die rothen Muͤtzen in die Hoͤhe ſchwenkten. Sagt doch: unſter Heros*), be⸗ merkte Terval unuͤberlegt genug, als die Ru⸗ he wieder hergeſtellt war. Bey dieſer Be⸗ merkung bekamen die Nedner, die uns mehr als einmal mit ihren tief ausgeſonnenen Be⸗ rathſchlagungen hatten zu lachen gemacht, neuen Stoff, der aber zu unſerm Nachtheile ausfiel. Die Stuͤhle fiengen ſchon an auf uns zu regnen, als wir die Thuͤre erreich⸗ ten, wo wir noch dieſe merkwuͤrdigen Worte hoͤrten: Wer war derjenige, der Heros, ſagte? Giebt es hier etwa Akademi⸗ ker? Wir giengen ſort, ohne zu zweifeln, daß man uns folgen, und daß uns dieſe Si⸗ tzung noch verderblich werden wuͤrde. ———————— „) Heros iſt der eigentliche Ausdruck, der einen Helden bedeutet; des Wortes Zeros bedienten ſich nur dieſe Sansculotten. ve S ——— Wir hatten ſie den Tag darauf ſchon vergeſſen, da alles das, was Verachtung er⸗ weckte, nicht lange im Gedaͤchtniß bleibt. Ehe ich Tervaln verließ, fragte ich ihn, ob ich meine Mutter mit in das Concert brin⸗ gen koͤnnte, wovon er geſprochen hatte. Er verſicherte mich, daß ſie ſehr wohl aufgenom⸗ men werden wuͤrde, und daß er gleich am andern Morgen dem Bürger und der Buͤr⸗ gerin Herbelin von ſeiner Einladung Mel⸗ dung thun wolle. Ich eilte nun, meiner Mutter Nachricht davon zu geben, die um ſo gröſſere Freude daruͤber bezeugte, da mir dieſes Concert vielleicht einige Zerſtreuung gewaͤhrte, und ſie Bekanntſchaft mit dem Sohne eines Mannes ſiften konnte, der als Knabe einer ihrer Geſpielen in der Tou⸗ raine geweſen war. Wir begaben uns alſo zur geſezten Stun⸗ de zum Buͤrger Herbelin. Das Concert war vortreflich, nicht in Anſehung der gepuzten Damen, ſondern, welches mehr werth iſt, wegen der rechtſchaffenen und geſchickten Mit⸗ ſpielenden. Wir hatten unter andern Virtuo⸗ ſen den jungen Rode, Delcambren, den Buͤrger und die Buͤrgerin Herbelin, wovon erſterer ſich hoͤren ließ. Terval machte mir beſonders viel Vergnuͤgen. Er war auf dem 3 5 5 1 — 702— Violon ſtark und erntete vielen Beyfall ein. Meine Harfe brachte nicht viel Wuͤrkung her⸗ vor, indem Stuüͤcke von Pleyel, Kozeluch, Sarti, Rehu u. dergl. gegeben wurden. Von Zeit zu Zeit ſahe ich meine Mut⸗ ter an, die ein recht vertrauliches Geſpraͤch mit der Buͤrgerin Herbelin angefangen hat⸗ te, waͤhrend daß ich an dem Eheliebſten dieſer jungen und liebenswuͤrdigen Frau ei⸗ ken Mann fand, den ich ſeit dieſer Zeit im⸗ mer gelieht und geſchaͤzt habe. Ex hatte viel Bildung, und uͤberhaupt einen ſehr angeneh⸗ men Umgang, der viel Heiterkeit uͤber die Geſellſchaft verbreitete. Seine Herzensguͤte las man in ſeinen Augen, und wurde die⸗ ſelbe in den ſanſten Tone ſeiner Stimme inne. Ich morkte es gleichf daß unſere See⸗ len harmonirten, und daß dieſer Tag fuͤr mich keine kleine Epoche in meinem Leben machen wuͤrde. Unſrte Freundſchaft wurde von Tag zu Tage inniger, und wir hatten keine Geheimniſſe mehr vor einander. Ich machte ihn mit meiner traurigen Lage be⸗ kannt, und er verſprach, alles anzuwenden, um mir zu meinem Zwecke zu verhelfen. Seine Frau nahm auch den herzlichſten An⸗ theil daran, und allesz verſprach mir einen guͤnſtigen Ausgang. hie aſo get gl ſio — 103— Von dieſer Frau kann ich nicht umhin, hier ein Gemaͤlde zu entwerfen. Es iſt eine aſchfarbige Blondine, ſie iſt in ihrem Betra⸗ gen lebhaft, aber zugleich ſanft; ihre Haut glaͤnzt wie Lilien; ihre Haare erheben ſich ſtolz, und ihre leichte Taille, die ſie ſo ge⸗ ſchwind bewegt, iſt mehr groß, als mittel⸗ maͤſſig. Sie hat in ihrer Haltung und in ih⸗ ren Manieren viel Grazie, ſie zeichnet mit vieler Genauigkeit und mit Geſchmack, und ſingt mit vieler Empfindung. Sie ſpricht ihre Sprache ſehr gut, iſt in der Muſik und Erdbeſchreibung nicht unerfahren, und die⸗ ſes alles ohne einen Stolz zu verrathen. Denn die Beſcheidenheit druͤckt das Siegel auf ihre Talente und guten Eigenſchaften, und was ͤber alles geht: ſie iſt eine gute Gattin, eine zaͤrtliche Mutter und aufrichtige Freundin. Was fur ein Herz, was fuͤr eine Seele hat ſie! Wie ſchwer iſt es, ſie ſo zu loben, wie ſie es verdient. Ich will nur ein Wort beyfuͤgen, um einen Begriff davon zu geben, ſie wird nehmlich von allen, die um ſie ſind, angebetet. Einige Zeit darauf, nachdem wir ſo in⸗ time Freundſchaft mit dieſen braven Leuten geſchloſſen hatten, redeten ſie uns zu, uns der armen ungluͤcklichen Gefangenen anzu⸗ —— 104— nehmen, die in den Gefaͤngniſſen ſeufzeten. Sie konnten ſicher darauf rechnen, daß wir pieſe ſo edle Beſchaͤftigung, die zum Ungluͤck ſo wenig in Ausuͤbung gebracht wird, mit Vergnuͤgen uͤbernehmen wuͤrden. Wir be⸗ gaben uns alſo an dieſen Aufenthalt des Jam⸗ mers. Zu dem Ende hatten wir uns mit Fleidungsſtuͤcken, Leinwand und Lebensmit⸗ teln verſehen, und hatten unſere Briefſchaf⸗ ten ziemlich mit Aſſignaten gefuͤllt. Ihr hart⸗ herzigen Menſchen, hieher muß man euch bringen, um euch zu bewegen. Empfindende Seelen ſchmecken wenigſtens hier tauſender⸗ ley Freuden. Wie viel Thraͤnen hatten wir nicht das Gluͤck, abzutrocknen. Aber wie viele mußten wir noch ungetrocknet laſſen! Wir beſuchten dieſe Wohnungen der Traurig⸗ keit oͤfters. Ja, wenn man einmal Ungluͤck⸗ liche geſehen, ihre Leiden gelindert, und im Stande iſt, dieſes ferner zu thun; ſo iſits nicht moͤglich, ſich von ihnen zu trennen. Es ſind Freunde und Bruͤder, an die man auch wider ſeinen Willen Anhaͤnglichkeit hat. Da wir eines Tages dieſe uns ſo theuren Pflichten ausuͤbten, ſahen wir un⸗ ter einem ſchwarzen und feuchten Gewoͤlbe mehrere Weiber, deren Stellung und Ton der Stimme unſer Mitleid anzuflehen ſchie⸗ he de ſe ſo nen. Wir giengen darauf zu, und hoͤrten den Namen Vury ausſprechen. Mir fiel die⸗ ſes beſonders auf; ich gieng auf dieſe Per⸗ ſon zu, und fragte, ob ſie den Buͤrger Val⸗ ran gekannt haͤtte. Sie ſeufzte und ant⸗ wortete mir mit einer ſehr wehmuͤthigen Stimme: leider habe ich ihn gekannt, da er nicht mehr am Leben iſt; er wuͤrde gewiß uͤber das Mißverſtaͤndniß, weswegen ich hier ſitzen muß, Licht verbreiten. Ich habe Brief⸗ ſchaften in Haͤnden, die dazu befoͤrderlich waͤ⸗ ren; aber ſie ſind in keiner Ordnung, und Niemand mag ſich die Muͤhe nehmen, mir hierin huͤlfreiche Hand zu leiſten. Ich kenne ſonſt Niemanden als ihn, der faͤhig geweſen waͤre, mir dieſen Dienſt zu thun.—— Er iſt nicht mehr.— Ich bin uͤbrigens hier noch nicht die Ungluͤcklichſte, helfen Sie mei⸗ nen Gefaͤhrtinnen im Elend, ſie ſind der Hilfe benoͤthigter, als ich; denn ich habe noch Troſt, daß mich immer eine wohlthaͤ⸗ tige Frau beſucht, die mir auch meine Toch⸗ ter, meine kleine Henriette mitbringt. Der Name dieſer Frau iſt Lacroix. Sie theilt mir von ihrem Erſparten mit, und bricht ſich meinetwegen viel Freuden ab. Sie kannte und ſchaͤzte den Buͤrger Valran auch, ſo wie auch ſeine och hter, das engliſche Geſchoͤpf!— Aber verzeihen Sie! Sie werden ohne Zwei⸗ 5 —— —— —— — 1e6— fel dieſen ungeſunden und verpeſteten Ort zu verlaſſen wuͤnſchen?— Nein, nein, erwie⸗ derte ich, indem ich ſie unterbrach. Sagen Sie nur Etwas von der Celiane, ich habe dieſes zaͤrtliche Maͤdchen gekannt, geliebt und ſchr hoch geſchaͤzt.— Ich konnte weiter nichts ſagen, meine Bruſt war zu beklemmt und die Worte erſtarben mir auf der Zunge. Ach! verſezte ſie, indem ihr ein Schrey ent⸗ fuhr, was iſt ihr begegnet! Seit ſieben Ta⸗ gen bekomme ich keine Unterſtuͤtzung mehr von ihrer wohlthaͤtigen Hand! Ach Gott! hat etwa der Tod—— Ich eilte, ihr dieſen Irrthum zu benehmen, und erzaͤhlte ihr, wie Celiane mit Gercourn zu eben dem Zeitpunkt verſchwunden waͤre, da dieſer Menſch mir verſprochen haͤtte, mich mit ihr zu vereinigen. Ich fuͤgte hinzu, ich kennete auch die gute La⸗ croix, und wuͤnſchte ſehr, ſie einmal zu ſe⸗ hen. Wenn es ſo iſt, antwortete ſie, ſo koͤnnen Sie ſie jezt gleich ſprechen; denn die Stunde iſt da, wo ſie meine Kleine herzu⸗ bringen pflegt. In der That kamen ſie gleich darauf hinein, und wendeten alles an, um das Schickſal der Buͤrgerin Bury zu erleich⸗ tern, welches mich und meine Freunde nicht wenig ruͤhrte. Ach, nur die Ungluͤcklichen ſind im Stande, ſich mit dieſem Intereſſe, dieſer Hingebung, dieſer Herzlichkeit zu tröͤ⸗ ſe hei ger ſan — 107— ſten, ſie allein ſind im Stande, in ihre ge⸗ heimen Leiden und Verwundungen einzudrin⸗ gen, und den fuͤr dieſelben gehoͤrigen Bal⸗ ſam aufzulegen. Da wir Zuſchauer von die⸗ ſer ruͤhrenden Scene waren, ſo konnten wir es kaum erwarten, ihnen ihre Leiden zu ver⸗ ſuͤſſen; wir huͤteten uns aber, ſie in ihren Genuͤſſen, fuͤr die ſie nichts haͤtte ſchadlos halten koͤnnen, zu ſtoͤren. Nachdem ſie nun ihre Herzen gegen einander erleichtert hatten, eilten wir, ihnen Hofnung zu machen, der Buͤr⸗ gerin Bury die Freiheit zu verſchaffen, und ſagten, daß wir in kurzem dieſes bewerkſtelli⸗ gen zu koͤnnen glaubten. Den Tag darauf gieng ich mit den Brief⸗ ſchaften, die ſie mir anvertraut hatte, zum Buͤrger Leleu, und bat ihn, mir einen aner⸗ kannt rechtſchaffenen und geſchickten Mann anzurathen, dem ich dieſe Sache uͤbergeben koͤnnte. Er wies mich zum Buͤrger Val⸗ fond. Sobald ich dieſen Mann ſahe, faßte ich Zutrauen zu ihm. Er uͤbernahm dieſes Ge⸗ ſchaͤfte auch ſogleich, und verſicherte mich, daß er es ſo geſchwind als moͤglich betreiben wuͤrde. Da ich zu Hauſe kam, fiel mir gleich ein, daß ſie(die Buͤrgerin Bury) der Huͤlfe — 108— meiner Freundin entrathen muͤſſe; ich lief alſogleich zur guten Lacroix, um ihr etwas fur dieſelbe mit zu geben. Dieſe rechtſchaf⸗ fene Frau nahm mich wit ihrer gewoͤhnlichen Herzlichkeit auf. Sie hieß mich in ihrem freilich nicht ſehr ausgeſchmuͤckten, aber doch reinlichem Gemach, das indeſſen in meinen Augen vor den reichſten und praͤchtigſten Zim⸗ mern Vorzuge hatte, da ein reines und tu⸗ gendhaftes Herz darinnen wohuͤt, niederſitzen. Dieſe wuͤrdige Frau erinnerte mich an die glucklichen Tage, da ich meine Bekanntſchaft mit dem Buͤrger Valran machte. Ach, ſagte ſie, wie ſehr vermehrte ich Ihre Zuneigung fuͤr meine theure Celiane, ohne es zu wiſſen. Wie aufrichtig beklagte ich Sie, daß Sie ſo lange auf den Buͤrger Valran warten mu⸗ ſten, waͤhrend daß ſie nichts mehr als die ſes wuͤnſchten! Was fur vergnuͤgte Augenblicke habe ich Ihnen damals verſchaft! Ich werde ieſes niemals vergeſſen, und Sie gewiß uch nicht. Nicht wahr? Und die unterſtri⸗ chenen Verſe in Fontaͤnes Fabeln, und der gruͤne Guͤrtel, und das Portraͤt, von dem ich glaubte, daß es zu jung gemacht wuͤrde, und uͤberhaupt die Scene der Abreiſe, und endlich das Geſchenk ihres Portraͤts! Aber ſagen Sie mir, haben Sie dieſes ſchoͤne Portraͤt nicht mehr? Wie gern moͤchte ich es be⸗ — i 6 N * tra das 309 hal dr C * Di — ———— — 1090— trachten! Es iſt ſchon ſo lange her) daß ich das ſchoͤne Driginal nicht geſehen habe. Ich zog es heraus. Sie konnte ſich nicht ent⸗ halten, es an ihren Mund zu halten; ſie druckte es hierauf ſeufzend an ihre Bruſt, und Thraͤnen rollten uͤber ihre Wangen herab. Dieſe Zaͤrtlichkeit ruͤhrte mich, und war mir einigermaſſen troſtreich. Leider hatte ich ſeit dem Verluſte meiner Freundin nicht mehr wei⸗ nen koͤnnen. Gute Lacroix, ſagte ich zu ihr, ich werde Sie öfters ſehen, ſie werden mir von Celianen etwas ſagen, und unſre Thraͤ⸗ nen werden gemeinſchaftlich fiieſſen. Einige Wochen darauf kam Terval zu mir, und erzaͤhlte mir mit der lachenden Miene, die er an ſich hatte, daß, da er ein⸗ mahl eine Stunde nicht auf die Wache ge⸗ kommen, er von dem Militaͤrausſchuß gefor⸗ dert worden, und ſich gleich habe auf dieſelbe begeben muͤſſen. Warum ſoll ich denn, fuhr er fort, meinen Hauptmann, der ein Schuh⸗ macher iſt, fuͤr mehr als dieſes erkennen? Ich ſehe nun wohl, wie unrecht ich daran gethan habe, ob es gleich mein Schuhmacher iſt. Heute habe ich Uhrketten und dergl. bey mei⸗ nem Feldwebel gekauft. Beym Lieutenant laſſe ich mir alle 14 Tage bald dies bald je⸗ nes Fleidungsſtuͤck verfertigen, um mich in — Gunſt bey ihm zu ſetzen. Beim Souslieute⸗ nant kaufe ich fuͤr alle Frauenzimmer von mei⸗ ner Bekanntſchaft Spiegel, und es iſt kein Korporal, oder ich moͤchte ſagen, Fuͤſelier bey der Kompagnie, von dem ich nicht entweder etwas kaufte, oder dem ich nicht Geld borgte, und den ich nicht aufs Kaffehaus naͤhme. Ich kann mich nicht enthalten, antwor⸗ tete ich, deine Klugheit zu bewundern. Du lachſt, antwortete er, aber ich bitte dich, es mir nachzuthun, beſonders, da man uns bey der Kompagnie als zwey Erzariſtokraten be⸗ trachtet und fuͤr ſehr verdaͤchtig haͤlt. Du weißt, was dieſes Wort beſagen will. Auf der Hauptwache hatten Partheygaͤn⸗ ger des nach ihrem edeln und bluͤhenden Stil, tugendhaften Marats mit Blicken voller Sanftmuth ihm ganz hoͤflich mit ihrem pa⸗ triotiſchen Zorn gedroht; aber er hatte ſich mit einem Arzte getroͤſtet, der ein wenig auf⸗ gebracht, uͤber die jetzigen Vorfaälle ſich ohn⸗ gefaͤhr folgender Geſtalt ausgedruͤckt hatte: »Was fuͤr eine Exiſtenz hat man izt? alles geht ſchnurſtraks dem geſunden Men⸗ ſchenverſtande zuwider. Sonſt waͤhlte man ſich nach ſeiner phyſiſchen oder natuͤrlichen Beſchaffenheit eine Lebensart. Ich z. B., der ral An Fe che I dat — an en der ich die Eigenſchaften der Pflanzen in Mine⸗ ralien gut kannte, und in der Phyſiologie und Anatomie erfahren war, waͤhlte die, meinen Kenntniſſen und meiner Reigung ſo entſpre⸗ chende Heilkunde. Das half alles nichts. Ich haͤtte die Rechte ſtudiren oder das Sol⸗ datenhandwerk erlernen koͤnnen; ſo waͤre der erſte Stand, der mich in Gefahr ſezte, die Unſchuld zu verdammen, gegen mein Gewiſ⸗ ſen, und der lezte zu hart fuͤr mich geweſen, da er mir jederzeit ſehr unangenehm und er⸗ muͤdend vorgekommen, indem er den Men⸗ ſchen gleichſam zur Marionettenpuppe macht. Dieſe beiden Staͤnde hatte ich alſo niemals erwaͤhlt, wenn man mir auch eine Tonne Goldes gegeben haͤtte, und doch ernennt man mich wider meinen Willen zum Geſchwor⸗ nen, und zwar beim Kriminalgerichte; und uͤberdieß muß ich mit der ſchweren Hellebar⸗ de Uebungen anſtellen, und alles dieſes, weil man frey iſt, und die Freyheit hat, alles zu thun, was man will.“ Siebender Abſchnitt. ———— Terval theilt Dorbeuilen ein Pulver zu einem Schlaftrunke mit, um ſich deſſelben im Nothfall bedienen zu können⸗ Dorbeuils Mutter kehrt nach Amerita zurück. Celiane giebt insgeheim Nachricht von ihrem Aufenthalt zu Corbeuil, ohnweit Paris. Dorbeuil beſchließt mit Her⸗ pelin und deſſen Frau dahin zu reiſen⸗ Verſchiedenes von den Greuelthaten⸗ die damals in Paris vorgien⸗ gen. ——— Der Arzt, von dem im vorigen Abſchnitte geredet worden, liebte bey ſeinen Sonder⸗ heiten doch auch ſein Vaterland. Er hatte nemlich ein, nach ſeiner Meinung, untruͤgli⸗ ches Mittel ausgeſonnen, um die feindliche Reiterey zu ſtuͤrzen. Dieſes war nemlich ein ſchlafbringendes Pulver, womit man die Fourage, die man derſelben pluͤndern ließ, untermengen ſollte, und wovon die Pferde in 24 Stunden ſchlaftrunken werden muͤſſen. Dieſes ſollte denn auch bey andern Lebens⸗ mitteln angewendet werden, die in die Hände der Feinde fielen. Mein Freund Terval gab mir eine Buͤchſe von dieſem Pulver, womit ihm der Arzt Un me ten en — 113— Arzt ein Geſchenk gemaht hatte, indem er zu mir ſagte: ich will die Wohlthaten des Do⸗ ctors mit dir theilen, ich bin gewiß, daß du dich mit mir vereinigen wirſt, ſie nuͤtzlich an⸗ zuwenden. Zu keiner Zeit brauchte man ein Pulver ſo noͤthig. Was fuͤr Schreyer in den Sektionen, was fuͤr Boͤſewichter haben wir einzuſchlaͤfern! er wollte ſeine heilſamen Vor⸗ ſchlaͤge noch weiter entwickeln; aber ich mu⸗ ſte ihn verlaſſen, nachdem er mir ſein ſeltenes und koſtbares Geſchenk eingehaͤndiget hatte. Da ich zu Hauſe kam, verſicherte mich meine Mutter in einer langen und betruͤb⸗ ten Unterredung, daß ſie, von den Greueln, die Frankreich beſudelten, erſchreckt, voͤllig entſchloſſen waͤre, es zu verlaſſen, und nach Philadelphia zuruͤck zu kehren. Leider hatte ich meine Celiane noch nicht erhalten koͤnnen, ſonſt waͤre ich mit ihr gegangen, und wie viel Gefahren haͤtte ich mir nicht da erſpart. Nichts aber konnte mich jezt von dieſem mir ſo theuern Gegenſtande entfernen. Eine guͤn⸗ ſtige Gelegenheit befoͤrderte das Vorhaben meiner Mutter und ſie kam glucklich nach Philadelphia, wohin ihr unſre Herzen folgten. Herbelin und ſeine Frau, die den auf⸗ richtigſten Antheil an meinem Schickſal nah⸗ men, waren entſchloſſen, alles moͤgliche anzu⸗ 8 wenden, um Celianen ausfindig zu machen⸗ Zum Gluck war dieſer Tag nicht mehr ferne. Eines Morgens, da ich eben in den ſuͤſſe⸗ ſten Gedanken uͤber dieſe Sache da ſaß, pochte Jemand an meine Thuͤre; ich mache auf und ſehe die gute Lacroix, und zwar viel heitrer, als ich ſie jemals getroffen hatte. Sie rief ſogleich mit unausſprechlicher Freude aus: Sie werden ſie wieder ſehen! ſie werden ſie wieder ſehen! ich war ruhig und es ſchien mir nichts beſonderes bey dieſer Nachricht zu ſeyn. Ich war durch meine Vermuthungen ſchon ſo oft getaͤuſcht worden. Nun gut, ſagte ich zu ihr, was hat ſie denn fuͤr einen Zu⸗ fluchtsort? Wenn werden wir denn zu ihr fliegen koͤnnen?— Dieſes engliſche Geſchoͤpf antwortete: ſie hat mit einem Freywilligen, der bey Gercourn im Quartire liegt, Gele⸗ genheit genommen, ihrer Freundin Bury einige Unterſtuͤtzung zuzuſenden, und dieſe hat dieſelbe auch bekommen, und mich von ihrem Aufenthalt benachrichtiget. Zu Corbeuil alſo hat der Oheim Celianens unter ſeinem Familiennamen Duͤval ſeinen Aufenthalt ge⸗ nommen. Celianens Brief war von dieſem Ort datirt. Ich hoͤrte dieſe Nachricht ſehr begierig an, und dachte eben auf die dienlichſten Mit⸗ tel Pa mi Nit⸗ tel, mich zu ihr zu begeben, als der Buͤrger Valfond mit einem Befehl, die arme Bury in Freiheit zu ſetzen, zu mir kam, und mich nebſt dem Buͤrger Herbelin ins Gefaͤngniß mitnehmen wollte, um Zeugen von dieſem in⸗ tereſſanten Schauſpiel zu ſeyn. Man kann ſich leicht vorſtellen, daß die gute Lacroix uns dahin begleiten wollte. Wir giengen alſo alle zuſammen hin. Kann es wohl einen ſchoͤ⸗ nern Anblick geben, als der von einer Per⸗ ſon, die man ſich verbunden hat. Wie viel Genuͤſſe gewaͤhrt uns allen dieſes ſchoͤne Schauſpiel? Dieſer Tag wird mir unvergeß⸗ lich bleiben.. Den Tag darauf wurde ich mit Herbe⸗ lin einig, mich in Corbeuil einzumiethen, ohne Gercour und Tervaln den geringſten Ver⸗ dacht zu geben. Da wir nun die Sache recht durchdacht hatten, ſo ſagte er mir, er wolle auf ſeinen Namen ein Haus in dieſer Stadt miethen, da er mit einem daſigen Mu⸗ nicipal, Namens Leblank, der ehedem Be⸗ dienter bey ihm geweſen war, bekannt war. Er ſchickte ſeine Domeſtiken fort, die mich kannten, und die mich haͤtten verrathen koͤn⸗ nen. Nichts war in der That um dieſe un⸗ gluͤckliche Zeit gemeiner, als daß Bedienten — 116— ihre Herren verriethen, ſie mit vieler Hitze verfolgten, und ſie mit hoͤhniſchem Gelaͤchter zum Schafot fuͤhren halfen. Und wer nur ein wenig daruͤber nachdenkt, dem wird es nicht Wunder nehmen. Wenn man einen Blick auf die ungeheure Menge von Bedien⸗ ten wirft, ſo ſieht man leicht, daß alle moͤg⸗ liche Laſter unter ihnen anzutreffen ſind. Um dieſe nun zu befriedigen, haben ſie Geld noͤ⸗ thig, und Verrathen und Angeben ſind leichte Nittel, dieſes zu gewinnen. Sie wenden alſo dieſe Mittel an, und da die Knechtſchaft und das kriechende Weſen ohnedieß die Seele er⸗ niedrigt, ſo treiben ſie ihr gottloſes Weſen als Spione und Angeber ohne Scheu, und ohne Gewiſſensbiſſe. Da ſie immer um ihre Her⸗ ren waren, die ſie liebreich behandelten, ſo ſuchten ſie hinter alle ihre Geheimniſſe zu kommen, um ihnen deſto leichter den Dolch ins Herz ſtoſſen zu koͤnnen. Sie ſind wie giftige Schlangen, die denjenigen, der ſich mit ihnen abgtebt, unverſehens einen toͤdli⸗ chen Stich beibringen. Das ſind diejenigen, die zuerſt an der Thiere horchen, und wenn ſie die Sache auch nur halb hoͤren, das uͤb⸗ rige dazu erdichten, und dann ſolche verläum⸗ deriſche Erzaͤhlungen an ihren Mann brin⸗ gen. Ferner, diejenigen, die alle Geheimniſſe des Hauſes, und die Orte wiſſen, wo die Hie er⸗ als ohne Het⸗ „ſo z olch wie ſich toli igen⸗ venn s it⸗ um⸗ hrin⸗ niſſe o die — 117— Reichthuͤmer, die ſie zuerſt mit ſtehlen halfen, verborgen liegen. Wenn nun die Abſichten derer, die ſich mit den Guͤtern ihrer Herren gemaͤſtet, die gewohnt ſind, in ihren ſchoͤnſten Kleidern Staat zu machen, von ihren beſten Speiſen zu eſſen, und alle Vergnuͤgungen de⸗ rer, die ſie beſtehlen, mit zu genieſſen, an den Tag kommen, ſie aus dem Dienſt gejagt werden, und ſich nun brodlos und verlaſſen ſehen: ſo ſind ſie auf den Heerſtraſſen die erſten, die, von Beduͤrfniſſen und Laſtern an⸗ getrieben, die furchtſamen und verlaſſenen Reiſenden anfallen. Alle dieſe Folgen erge⸗ ben ſich von ſelbſt, wenn man nur ein wenig daruͤber nachdenkt; aber dieſes geſchieht zu wenig. Man iſt üͤbrigens ſo ſehr dazu ge⸗ neigt zu glauben, daß diejenigen, mit denen man lebt und die man menſchenfreundlich be⸗ handelt, einiges Zutrauen und einige Anhaͤng⸗ lichkeit verdienen. Leider irrt ihr euch, ihr ungluͤcklichen Schlachtopfer, weil ihr gegen dieſe niedrigen und verhaßten Lakayen, die euch berauben, und euch unter das Beil der Buͤttel bringen, einen guten Gedanken ge⸗ hegt haben. Warum habt ihr auf ſolche un⸗ wuͤrdige Geſchoͤpfe gerechnet? Warum habt ihr ſie als eures Gleichen und als eure Freun⸗ de im Ungluͤck betrachtet? Laßt euer grauſa⸗ mes Beiſpiel uns zur Warnung dienen. Dieſe — 1138— niedrigen Seelen, dieſe verkaufliche und alle⸗ zeit ſchlechtdenkende Horde brauchten wir nie⸗ mals auch zu unſern geringſten Geſchaͤften nicht. Herbelin dankte ſie alle ab, und da ſie weg waren, fanden wir uns, wie von ei⸗ her druͤckenden Laſt befreit. Dieſe Sklaven ſtͤrten nicht mehr mit ihrem unuͤberlegten Geplauder und mit ihrer Gegenwart die Er⸗ gieſſungen unſrer zutraulichen Freundſchaft, und waren unſern nutzlichen Entwuͤrfen nicht mehr im Wege. Achter Abſchnitt. 2 Er reiſet verkleidet mit den benannten Perſonen dahin ab, it und kommt glücklich daſelbſt an. Er nimmt Celianen A⸗ gerade über ein Logis. Herbelins Frau ſoll Celianen, ft⸗ als eine Galanteriehändlerin verkleidet, einen Brief zu⸗ 3 cht gellen. Dieſes geſchieht, und Dorbeuil findet nach vie⸗ lem vergeblichen Bemühen an ihrer Terraſſe ein Billet mit Antwort, worin ſie ihn ihrer ſteten Liebe verſichert. Den Tag darauf findet er an dem nemlichen Orte eine Anweiſung zu ihrer beiderſeitigen Zuſammenkunft, und in dem dazu beſtimmten Park weitere Aufſchlüſſe über ihre Umſtände. —— S wir uns reiſefertig gemacht, welches da⸗ mals keine ſo leichte Sache war, und das Geruͤcht ausgebreitet hatten, wir wollten auf Reiſen gehen; beſtellte ich eine Kutſche, die ich auf der St. Dominikusgaſſe halten ließ. Ich huͤllte mich in einen blauen grau durch⸗ ſchoſſenen Mantel, und zog ein Unterkleid von eben der Farbe und eine rothe Weſte an. Meine Haare kaͤmmte ich in die Stirn, und wiſchte allen Puder aus derſelben. Hier⸗ durch bekam ich ein kaſtanienbraunes Anſehen, — ſtatt daß man zuvor mich fuͤr blond gehalten hatte. Kurz, ich wurde ſo verſtellt, daß, als ich Herbelin und ſeine Frau abholen wollte, ſie vor Schrecken zuruͤckfuhren, indem ſie ei⸗ nen Jakobiner zu ſehen glaubten. Endlich reißten wir ab, und ich habe niemals eine Reiſe mit einem ſo vergnuͤgten Herzen ge⸗ than. Als wir zu Villejuif waren, fragte ich meine Reiſegefaͤhrten, ob wir denn noch nicht angekommen waͤren? Ich wiederholte oft dieſe Frage, da ich es gar nicht erwarten konnte. Hierbey bewunderte ich die ſchoͤnen mahleriſchen Landſchaften, womit jeder Schritt dieſer Reiſe bezeichnet war; beſonders die zwey praͤchtigen Springbrunnen von Juvi⸗ ſy, die von dem jetzigen Vandalismus ver⸗ ſiuͤmmelt waren. Was mir aber dieſe Tour hauptſaͤchlich anziehend machte, war der Ge⸗ danke, daß mich jeder Schritt naͤher zu Celi⸗ anen brachte, von der ich meine Freunde ſtets unterhielt. Sie muſten manchmal uͤber mei⸗ ne verliebten Entzuͤckungen lachen, welche machten, daß ich auf das, was ſie mir ſagten, immer eine verkehrte Antwort gab. Endlich wurde ich mehrere Thuͤrme in der Entfernung gewahr, und fragte den Kutſcher, ob dieſes nicht Corbeuil waͤre. Da er mir dieſes bejahte, ſo wandte ich mich mit einer entzuͤckten Mine zu Herbelin und ſeiner Frau, und rief aus: ten als lte, ei⸗ lich ine ge⸗ gte och olte rten nen ritt die ui⸗ vet⸗ our Ge⸗ eli⸗ ſtets mei⸗ elche len, blich nung ieſes ahte, Mine ghs: — 121— beſten Freunde! unſer Wunſch iſt erfuͤllt: wir ſind gleich in Corbeuil. Wir waren ſchon bey Eſſone, das uns rechts liegen blieb, und kamen endlich in die ſchoͤne Stadt, die mit Recht Corbeuil heißt. Die Seine und Ef⸗ ſone beſpuͤlen daſſelbe mit ihrem klaren Waſſer. Wir verfugten uns ſogleich zum Muni⸗ cipalbeamten Leblank, der uns auf das Ge⸗ meinhaus brachte, um uns einſchreiben zu laſſen. Da dieſe Formalitaͤt vorbey war, fragten wir ihn, ob ein Haus in der Stadt zu vermiethen waͤre, und er zeigte uns eins an. Wir fragten ihn auch nach Duͤval Ger⸗ courn, worauf wir die Nachricht erhielten: er bewohne das lezte Haus der St. Jacobs Vorſtadt, auf der Mariengaſſe, er habe eine ſehr reizende Nichte bey ſich, und ſey in ei⸗ nen uͤbeln Handel mit dem Revolutionsaus⸗ ſchuß verwickelt. Da wir uns bey Leblan⸗ ken verabſchiedet hatten, ſagte Herbelin zu mir: gehe nur gleich in die St. Jacobsvor⸗ Rtadt und ſuche das Haus des Duͤval Ger⸗ cour, in deiner neuen Tracht wird er dich nicht kennen; wir wollen unterdeſſen ſehen, ob ſich das Haus, welches auf der andern Seite des Fluſſes liegt, für uns ſchickt. Ich ließ mich nicht lange bitten, ſeinem Rath zu folgen, und eilte auf die Mariengaſſe. Ich — ſahe, daß Duͤval Gercours Haus ſehr groß war; daß ein ſehr ſchoͤner Thorweg es kennt⸗ lich mache; daß es zwiſchen dem Hofe und Garten laͤge, und daß man auf einer ſehr ſcho⸗ nen Terraſſe, die am Wege hinlief, eine ſchoͤne Ausſicht auf den Fluß, und beſonders auf das Haus hatte, wovon Leblank mit Herbelin ge⸗ ſprochen. Dieſe lezte Bemerkung trieb mich an, zu ihm zu eilen, um ihn zu bitten, den Contract abzuſchlieſſen. Ich fand es ſehr vor⸗ treflich, daß ich aus meinem Zimmer Celi⸗ anen am Fenſter, oder daß Celiane mich aus dem ihrigen bemerken konnte. Heſchwind lief ich durch das kleine Gaͤßchen, das zum Ufer fuͤhrt, ſahe einen Kahn, rufte dem Fi⸗ ſcher, half mit rudern, und war geſchwind hinuͤber. Da ich an das bewußte Haus kam, wollte Herbelin und ſeine Frau eben fort⸗ gehen, indem ſie es in Ruͤckſicht der Un⸗ bequemlichkeiten, die ſich darin fanden, nicht miethen wollten. Ich nahm ſie beyſeite, wieß ihnen das Haus der Huval Gercour, das ge⸗ rade gegen uͤber lag, mit den Worten: Seht dieſes an, und entſchließt euch! Der Con⸗ tract wurde ſogleich abgeſchloſſen. Ich quar⸗ tirte mich in ein kleines ziemlich unſaubetes Zimmer ein, das mir ein Pallaſt zu ſeyn ſchien. Ich lag in einem weg am Fenſter, ich ſprang, ich lachte und lief wie ein Ra⸗ — ————„—— 4 — 123— ſender umher. Ich glaubte immer meine Ee⸗ liane zu ſehen. Die Spitze eines kleinen Baͤumchens, das ſich hin und her bewegte hielt ich fuͤr ihren Kopf, Roſengebuͤſche ſahe ich fuͤr ihr Kleid an, und alles rufte ihr zar⸗ tes Bild in mir zuruͤck, da ich mich nicht ent⸗ ſchlieſſen konnte, meinen mir ſo werthen Auf⸗ enthalt züverlaſſen, hatten Herbelin und ſeine Frau die Gefaͤlligkeit, das Mittagsmahl bey mir einzunehmen. Waͤhrend der Mahlzeit wurde, um keine Zeit zu verlieren, beſchloſ⸗ ſen, daß Herbelin unter einem Vorwand zu Gercourn gehen, und ſich bemuͤhen ſollte, Ce⸗ lianen ein Billet von mir einzuhaͤndigen, das folgenden Innhalt hatte. Dorbeuil an Celianen, »Ich wohne, meine Freundin, in dem Hauſe, das dem, worin du dich befindeſt, gerade uͤber liegt, und zwar auf der andern Seite des Fluſſes. Den ganzen langen Tag liege ich am Fenſter, um dich einmal zu ſe⸗ hen, und des Abends befinde ich mich an der Terraſſe, um einmal mit dir zu reden— oder ein Billet von deiner theuern Hand zu empfangen. Lebe wohl, du beſte und liebens⸗ wuͤrdigſte aller Frauenzimmer!“ um dieſen Brief zu beſtellen, wurden tauſenderley Entwuͤrfe, wovon immer einer „ — 2—— —.—— * 3—— ————————— P ———— —— — 124— naͤrriſcher als der andre war, bey unſerer heitern Zuſammenkunft ausgeſonnen. Bald wollte ſich Herbelin als Gaͤrtner verkleiden, und ſich in Gercours Garten etwas zu thun machen; bald wollte er als ein Handlanger ein Zaͤßchen Kalk zutragen, um die Thuͤre meiner Freundin zuzuſchmiren, falls ich uͤber⸗ fallen werden ſollte, wenn ich mich einmal mit derſelben einſchloͤſſe. Seine Frau war entſchloſſen, um dieſes Billet, das zu meinem und Celianens Gluͤck ſo erſprießlich war, ein⸗ zuhaͤndigen, ſich als eine Milchfrau oder Ga⸗ lanteriehaͤndlerin zu verkleiden. Was mich betrift, ſo wollte ich in der Kleidung eines Schiffers am ufer des Fluſſes ſitzen, viel⸗ leicht fiele es Gercourn ein, ſich mit Celia⸗ nen uͤberſetzen zu laſſen, und dann hätte ich Gelegenheit, ihr das Billet zuzuſtellen. Dieſe Entwuͤrfe zu machen war keine Kunſt; aber ſie auszufuͤhren, wollte Etwas ſagen! und wir fanden wirklich nicht die dazu erforder⸗ lichen Geſchicklichkeiten bey uns, denn mich ausgenommen, der ich wohl einen Kahn zu regieren wuſte, ſo waren doch weder Her⸗ belin noch ſeine Frau zu den Rollen geſchickt, ie ſe ſpielen wollten. Es iſt wahr, einen Gaͤrtner zu machen, war ſo ſchwer nicht, weil Herbelin den Garten verderben wollte; aber ſeine Sprache, ſein Gang und alles muſte er d n, un ire et⸗ tal at in⸗ u⸗ es iel⸗ ia⸗ ich eſe ber und der⸗ er⸗ t, nen veil ber ihn verrathen. Ich ſagte ihm dieſes, aber er nahm eine recht ſtiere Miene und einen baͤueriſchen Gang an, indem er die Fuͤſſe einwaͤrts ſezte. Hierbey ſchob er die Hut⸗ ſpitze recht in die Hoͤhe, und redete ſo platt, wie moͤglich, ſo, daß wir uͤber ſeinen Auf⸗ zug und ſeine Sprache vor Lachen haͤtten ber⸗ ſten moͤgen. Seine Frau gab ihm hierin nichts nach. Sie nahm einen Korb unter ihren Arm, und ſagte: Hier ſuchen Sie ſich ein ſchoͤnes Tuch, eine ſchoͤne Weſte aus, es iſt alles vom neueſten Geſchmack! es hat weiter Niemand dieſe Muſter als die Ge⸗ bruͤder Lecomte im Gleichheitsgarten. Die Seide iſt ſuͤperbe darinnen. Sie ſind blond und dieſe Kouleur ſteht ihnen vortreflich, ob⸗ gleich alle Kouleuren den Frauenzimmern, die gut ausſehen, gut ſtehen; verſuchen Sie es nur, worauf ſie— der die Thraͤnen in den Augen ſtunden, ſie muſte aber auch dazu la⸗ chen— mir ein Halstuch uͤber die Schultern hieng. Ich bin nicht im Stande, die naͤr⸗ riſchen Entwuͤrfe, die wir machten, alle her⸗ zuerzaͤhlen. Man muſte ſich aber doch zu et⸗ was entſchlieſſen, und da blieb es denn bey folgendem Mittel. An Gercours Thuͤre war ein Zettel angeſchlagen, daß das Holz in ſeinem Gehege verkauft werden ſollte. Her⸗ belin und ſeine Frau entſchloſſen ſich auch — 5 — 126— hinzugehen, um mit darum zu handeln, nur nicht gerade zu gleicher Zeit, damit, wenn Gercour mit Herbelin zu reden haͤtte, ſeine Frau unterdeſſen das Billet Celianen zuſtel⸗ len koͤnnte. Sie begaben ſich daher zu Ger⸗ courn, um dieſen Entwurf auszufuͤhren. Wos fur ein Zittern uͤberfiel mich, als ich ſie hinein gehen ſahe, und wie vermehrte ſich dieſes, als ſie zu mir zuruͤck kamen; aber wie groß war meine Freude, als ich ver⸗ nahm, daß alles gluͤcklich ausgefuͤhrt war. Ich unterſuchte mit Gercourn, ſagte mir Her⸗ belin, den Holzſchlag, und berechnete ohnge⸗ faͤhr, wie viel Klaftern er geben koͤnnte, als eine kurze unterſezte Weibsperſon dazu kam, und mit einer knarrenden Stimme ihm zu⸗ rief,/ eine Buͤrgerin wollte das Holz beſehen, und wartete bey Celianen. Bey dieſen Wor⸗ ten konnte ſich Gercour nicht enthalten, ei⸗ nige Zeichen von Unruhe blicken zu laſſen. Soll ich ſie herkommen laſſen? fuhr ſie fort. Es wird, antwortete dieſer mistrauiſche Mann mit einer unentſchloſſenen Mine, wenn ich mit dem Buͤrger einig werde, nicht noͤthig ſeyn. Dieſes Holz war mir aber zu theuer, weil ich es nicht brauchte. Ich begab mich alſo weg, und die Weibsperſon, die mich zu⸗ ruckfuͤhrte, gab meiner Frau davon Nach⸗ 16 rte er un hig ſel, ich z — 127— richt. Zu dieſer ſagte ich, als ich ſie ſahe, mit einem angenommenen Erſtaunen: Biſt du es? ach, ach, wir kommen aus einerley Urſach her; aber dieſes Holz iſt zu theuer, alſo iſt weiter nichts in der Sache zu thun. Wir giengen nun mit einander fort, und meine Frau wird Ihnen ſchon das uͤbrige erzaͤhlen. Die Buͤrgerin Herbelin fuhr nun fort und ſagte: ſo bald die Aufſeherin mich al⸗ lein bey Ihrer Celiane ließ, fragte ich Ihre Freundin, ob ihr etwas damit gedient waͤre, wenn ich ihr von einem ſehr liebenswuͤrdi⸗ gen jungen Menſchen, Namens Dorbeuil, Nachricht gaͤbe. Sie erroͤthete, kam aus aller Faſſung, konnte kein Wort hervorbrin⸗ gen, und that einen tiefen Seufzer. Ich ſezte hinzu: wenn ich nun einen Brief haͤtte, worin er Sie von ſeinem Schickſal unter⸗ richtet, wuͤrden Sie ihn wohl annehmen?— bey dieſen Worten entfielen ihr einige Thraͤ⸗ nen: es waren, glaube ich, Thraͤnen der Freude; ihre Geſichtszuͤge zeigten dieſes of— fenbar. Endlich ſagte ſie: Sie wollen mich wohl in Verſuchung fuͤhren? oder ſind Sie ein troͤſtender Engel, der vom Himmel kommt, um mein ungluͤckliches Schickfal zu erleich⸗ tern? Hierauf druͤckte ich ihr freundſchaft⸗ 7 „ 5 lich die Hand, und gab ihr Ihren Brief, den ſie, ſehr geruͤhrt, geſchwind in ihren Buſen ſteckte, alsdann bewegten ſich unſre Arme gleichſam aus einem gemeinſchaftlichen Triebe gegen einander, und wir umarmten uns, worauf ſie aufs Neue zu weinen anfieng, und ich konnte mich der Thaͤnen auch nicht enthalten. Es waren Thraͤnen des Danks und des wiedererfahrnen Gluͤcks. Der Lerm, den die Weibsperſon, die mich bey Gercourn angemeldet hatte, machte noͤthigte Celianen, zu fliehen, um ihre Ver⸗ wirrung zu verbergen und vielleicht auch, um ihre Ungedult zu befriedigen, und die zaͤrtlichen Zuͤge, die ihr Liebhaber, ihr treuer zukuͤnftiger Gatte, gemacht hatte, zu ver⸗ ſchlngen. Nachdem dieſe Erzaͤhlung zu Ende war, brach ich in die Worte aus:»Wahre Freunde, was bin ich euch nicht ſchuldig! was fuͤr ein edles Paar ſeyd ihr nicht!“ Gott! ich wuͤnſchte nur allmaͤchtig zu ſeyn, um euch ganz gluͤcklich machen zu koͤnnen! Aber was ſollte ich ihnen noch wuͤnſchen? Sie liebten ſich und lebten zufrieden mit ein⸗ ander. Wir giengen nun ins Haus hinein, und ich eilte, mich in meine Zelle einzu⸗ ſchlieſſen, um zu ſehen, ob mir meine Ce⸗ liane Zeichen machen wuͤrde. Ich heftete nun w die hte, A er⸗ uch, die uet ver⸗ nde ahre dig! ht!“ ehn/ nen! en ein nein⸗ inzl⸗ Ce⸗ ftete mn nun meine Blicke auf Gercours Haus, und wurde ſogleich meine Freundin gewahr, die uns Kuͤſſe zuwarf. Ich ſage, uns, und habe unrecht, denn ſie kannte mich ohne Zweifel unter meiner Verkleidung nicht, und eben ſo wenig Herbelinen; alſo der Freundin, der mitleidigen Frau, die ihren Kummer geſtillt hatte. Ich erinnere mich ihrer noch, ſie war weiß gekleidet, hatte einen Kranz von Roſen um ihre ſchoͤnen Haare geflochten, ein gruͤ⸗ ner Guͤrtel machte ihre ſchoͤne leichte Taille bemerkbar, und am Buſen hatte ſie ein Bu⸗ ket von Feldblumen. So begluͤckt dieſer Tag auch war, ſo wurde er doch noch durch die Hofnung ver⸗ ſchoͤnert, daß ich auf den Abend eine Ant⸗ wort auf mein Billet unten an der Terraſſe finden wuͤrde. Da ich die Stunde erwarte⸗ te, in der ich zu ihr fliegen ſollte, baten mich Herbelin und ſeine Frau auf eine Par⸗ thie in unſern Garten) den ich noch nicht ge⸗ ſehen hatte. Wir trafen ſchoͤne Fruͤchte und einen bedeckten Lindengang daſelbſt an, der eine angenehme Kuͤhlung gewaͤhrte. Was aber unſre Aufmerkſamkeit am meiſten auf ſich zog, war eine Huͤtte, die mit Rohr be⸗ deckt war, wo der Gaͤrtner ſeine Werkzeuge nebſt den Saͤmereyen verſchloß, und wo er 9 5 0 . — S ——— ofters üͤber Nacht blieb. Ich ſtieß mit meinem Stocke das Mooß ein wenig weg, das ſich im Winkel derſelben befand, um Herbelins Petſchaft, das ihm von ſeiner Uhr entfallen war, zu ſuchen. Da ich nun etwas derb ſtieß, um dieſes Mooß weg zu bringen, ſo hoͤrte ich einen hohlen Ton, der uns zu vie⸗ lerley Betrachtungen bey den Umſtaͤnden, in denen wir uns befanden, gab. Es war ge⸗ rade die Epoche, wo ſo viele auſſer dem Ge⸗ ſetz(vogelfrey) erklaͤrt wurden, die Epoche, wo die ganze Nation ſelbſt dafuͤr erklaͤrt wurde. Dieſer hohle Ton ließ uns muthmaſſen, daß es hier ein unterirdiſches Gemach gaͤbe, worin ein Dpfer des Revolutionsausſchuſſes verborgen waͤre, und vom Gaͤrtner ernaͤhrt wuͤrde. Um mehrere Aufklärung hieruͤber zu bekommen, ſagte ich zu Herbelin, daß ich mich des Nachts in dem hohen und dicken Graſe, das nicht weit von der Huͤte ſtand, verbergen wollte. Er billigte meinen Ent⸗ ſchluß, denn es war gewiß, daß dieſe Unter⸗ ſuchung dazu dienen wuͤrde, das Schickſal dieſes Gefangenen zu erleichtern, wenn ſich ja einer darinnen befände. Was für Entwuͤrfe machten wir nicht, um ſein Schickſal zu erleichtern! Wir waren — einen ſih elins follen derb n, ſo u vie⸗ n, in ar ge⸗ poche, rlart aſſen, gbe, huſſs naͤhrt ber zu aß ich dicken ſtand, Ent⸗ Unter⸗ in ſch nicht, waren — 131— unerſchoͤpflich an Einfaͤllen. In dieſem Au⸗ genblicke konnte ich recht in das Herz Her⸗ belins und ſeiner Frau ſchauen. Die Folge bewies auch, daß ſie nicht den Menſchen gli⸗ chen, die ohne Unterlaß von Wohlthaten re⸗ den, ohne jemals welche auszuuͤben. Wir trugen ſchon im Voraus tauſend mitleidsvolle Sorge fuͤr dieſen unbekannten Unglucklichen. Ueberdieß huͤteten wir uns, uns dem Orte, wo er verborgen war, zu naͤhern, und mir that es beſonders leid, daß ich ihm obige quaͤlende Unruhe verurſacht hatte. Der Au⸗ genblick, wo ſich dieſes Geheimniß offenba⸗ ren ſollte, war nahe. Der Tag fieng ſich an zu neigen. Die Stunde naͤherte ſich aber auch, wo ich Antwort von Celianen bekom⸗ men ſollte. Ich rufte dem Schiffer, Half mit rudern, und war ſogleich an Gercours Terraſſe. Ich ſuchte, und ſuchte lange Zeit, aber immer vergebens. Kein Anſchein von einem Briefe oder Billet, oder nur von ei⸗ nem Wort. Ich war ganz abgemattet, warf mich auf das Gras, und uͤberließ mich mei⸗ nen traurigen Gedanken. Gercour, ſagte ich zu mir ſelbſt, der grauſame Gercour, hat gewiß den Brief weg⸗ genommen! Will er mir auch meine Celiane rauben? Harter und unbiegſamer Menſch! — 132— wie lange willſt du uns trenneu, wie lange willſt du uns leiden laſſen? Wer hat dir die ungerechte und abſcheuliche Macht dazu gegeben? Haſt du geſchworen, uns zur Ver⸗ zweifelung zu bringen? Unterdeſſen wurde die Nacht immer dunkler, ich faßte alſo den Entſchluß, nach Hauſe zu gehen. Meine Freunde konnten mirs gleich anſehen, wie es gegangen waͤre. Sie beklagten wich und bemuͤhten ſich ver⸗ geblich, mich mit der Hofnung des folgenden Tages zu troͤſten. Herbelin wollte mich nicht, da ich ſo traurig war, die Nacht im Garten zubringen laſſen, und noͤthigte mich, ihm meinen Platz abzutreten. Ich ſchlief wenig, ſondern gieng meiſtens auf meinem Zimmer auf und ab, und horchte nach dem Garten zu, da in dieſer Nacht eine auſſerordentliche Stille herrſchte. Die Zeit waͤhrte mir ewig lange, bis der Tag anbrach. Ich brannte vor Neugierde, zu wiſſen, ob Herbelin etwas entdeckt haͤtte, wodurch unſere Muthmaſſung beſtaͤtigt wuͤrde. Es war 6 Uhr, als ich an ſeine Thuͤ⸗ re pochte. Er war ſchon auf, und ſagte mir, er hätte nichts gehoͤrt, auſſer daß der Gaͤrt⸗ ner um 2 Uhr morgens, nachdem er Waſſer aus dem Brunnen gezegen und die auslaͤn⸗ nge diſchen Pflanzen begoſſen, ſich in die gemeldte dir Huͤtte ſchlafen gelegt. Mich hat er nicht ſe⸗ dazl hen koͤnnen, fuhr er fort, denn die Nacht Ver⸗ war ſehr dunkel. Dieſes Begieſſen um dieſe Zeit in der groͤßten Dunkelheit, kam mir freilich ein wenig ſonderbar vor. Uebrigens met iſt hinlaͤnglicher Grund zu glauben da, daß nach unſte Muthmaſſungen falſch ſind. Eine Waſ⸗ e ſergrube hat ſich vielleicht ſonſt an dieſer vate. Stelle befunden, und iſt nicht gehorig ver⸗ ver⸗ deckt worden; das wird die ganze Sache nden ſeyn. Und in der That, wenn ſich wirklich ſcht, ein unterirdiſches Gewoͤlbe an dieſem Ort be⸗ rten faͤnde, ſo muͤſte es doch irgendwo ein Luft⸗ ihn loch haben, damit ein Menſch darinnen le⸗ enih, ben koͤnnte, und wir haben doch keins der⸗ nmet gleichen gefunden. arten tliche Meine Nachſuchungen unter der be⸗ ewig wußten Terraſſe machten, daß ich obige Sa⸗ annte che allmaͤhlich vergaß. Gegen Abend begab twas ich mich wieder dahin, genaͤhrt von der Hof⸗ ſung nung, die mir Herbelin den Tag zuvor ge⸗ macht hatte, und wie groß war meine Freu⸗ de, als ich ein kleines zuſammengerolltes Billet mitten in den dickſten Neſſeln antraf. Ich brannte mich gerne an die Finger, um es zu bekommen, und, mit meiner Beute be⸗ reichert, lief ich geſchwind zum Schiffer, der Thi⸗ mit, Gätt⸗ oſer blän⸗ —.—— 5 —————— mich auch gleich uͤberſezte. Waͤhrend der Ueberfahrt ſang ich fuͤr Freuden, und behielt mein Billet immer in der Taſche in der Hand, damit ich es ja nicht verlieren moͤchte. Ich war ganz voll von dem Vergnuͤgen, das ich bey dem Leſen, bey dem Verſchlingen desje⸗ nigen, was eine ſo theure Hand geſchrieben hatte, haben wuͤrde. Ich gehe in das Haus hinein, und finde Herbelin nebſt ſeiner Frau.— Nun wohlan! ſind Sie heute gluͤck⸗ licher?— Ach, wenn ich es waͤre!— Hier⸗ bey zog ich den theuren Schatz aus meiner Taſche:— Sehen Sie, ſehen Sie, kuͤſſen muß ich dieſes werthe Pfand der Zärtlichkeit meiner Celiane. Ich rollte dieſes ſchoͤne Billet endlich auf. Aber wie groß war mein, meines Freundes und ſeiner Frau Erſtau⸗ nen! das Papier war ganz weiß. Ich konn⸗ te eine Zeitlang vor Schaam kein Wort her⸗ vorbringen. Endlich fiel mir ein, daß ich vom Anſchein meines Gluͤcks betaͤubt, zu bald meine Wuͤnſche realiſirt geglaubt haͤtte. Ich beſchloß daher, zum Schiffer zuruͤck zu gehen, und mit mehr Sorgfalt und Aufmerkſamkeit dasjenige zu ſuchen, was ich zu haben wuͤnſch⸗ te. Herbelin gab mir aber zu bemerken, wenn ich mich ſo oft uͤber den Fluß ſetzen lieſſe, ſo wuͤrde ich dem Schiffer Anlaß zum Verdacht geben. Ich gieng daher am Fluſſe der hielt and, Ih ich esje⸗ eben ls einer lüc⸗ iet⸗ einer ͤſſen hleit hoͤne nein, ſtau⸗ onn⸗ her⸗ ich bald Ich hen, mkeit nſch⸗ erken⸗ ſetzen zum Fhſe — 135— weiter hinunter und nahm meinen Weg uͤber die Bruͤcke. Meine Nachſuchungen aber, die ich mit dem groͤßten Eifer anſtellte, waren wieder fruchtlos. Der Schmerz war auf meiner Stirne gemahlt, als ich zuruͤckkehrte, deſto mehr erſtaunte ich uͤber die freundlichen Blicke meiner Troͤſter. Ich war aber nicht lange in dieſer Ungewißheit, als ſie mir am Rande des Papiers, welches ich fuͤr ganz weiß gehalten hatte, folgende Schrift mit ganz kleinen Buchſtaben geſchrieben, wie⸗ ſen. Celi. a Dorb. L. L. M toujours; wel⸗ ches nichts anders ſagen wollte, als: Celiane à Dorbeuil; elle l'aime roujours(Celiane an Dorbeuil; ſie liebt ihn jederzeit.) Ich ſprang Herbelinen“um den Hals, der meine Entzuͤckung mit mir theilte, aber mir zugleich geſtand, daß ich ſeiner Frau dieſe gluͤckliche Entbeckung zu verdanken haͤtte. Den Tag darauf gieng ich wieder un⸗ ter die Terraſſe, und fand eine kleine Rolle von feinem Papier, welches ich, indem ich meinen Weg mitten durch die Stadt nahm, aufwickelte. Ich fand darinnen folgendes: »Bemerkung uͤber Corbeuil. Der Park von Tremblay hat eine gute Lage, ſchoͤne Pro⸗ ſpecte und uͤberall freye Zugaͤnge.“ Was iſt denn das fuͤr ein Park? ſagte ich zu mir ————— — 736— ſelbſt. Ich muß mich doch erkundigen. Ich gieng deßwegen zu einem Gewuͤrzkraͤmer hin⸗ ein. Dieſer ſagte mir: Tremblay liegt Ih⸗ nen jezt gerade im Ruͤcken, und ſ. w. und wieß mir den Weg dahin. Ich kehrte alſo wie⸗ der um, und nachdem ich denſelben mit Huͤlfe einiger Weiber, die vor der Thuͤre ſaſſen, gefunden hatte, ſtuͤrzte ich mich hinein. Dieſes iſt ein ſehr groſſes Gehege, wor⸗ in ſehr viel Obſt waͤchſt, und Gemuͤſe er⸗ hauet wird. Es befinden ſich darinnen zwey ſchoͤne Lauben, und drey lange bedeckte Al⸗ leen, wovon eine bis an das Ufer der Seine reicht. Ich ſpatzierte dort herum, und ge⸗ noß eine ſehr ſchoͤne Ausſicht. Es waͤhrte nicht lange, ſo konnte ich den Sinn desjeni⸗ gen errathen, was mir Celiane geſchrieben hatte. Der Tremblay hat eine ſchoͤne Ausſicht. Denn von der Terraſſe, wo ich mich befand, konnte ich die Granaten und Drangenbaͤume, die in Faͤſſern auf der Altane, die ſich bey Celianens Hauſe befand, ſtan⸗ den, ſehen. Eine Mauer trennte dieſen Park von Duval Gercours Garten. Nachdem ich dieſe auch genau unterſucht hatte, wurde ich einen Feigenbaum daran gewahr, deſſen groſſe und dichte Blaͤtter uns hinlaͤnglich ſchuͤzten, wenn von dieſe inen und ent ich mit meiner Freundin Briefe wechſeln wollte, um unſte Herzen gegenſeitig auszu⸗ ſchuͤtten. Ich ſchmeichelte mir ſogar, ſo un⸗ vorſichtig und kuͤhn war ich, vermittelſt die⸗ ſes Baums zu ihr hinuͤberſteigen zu koͤnnen. Dieſer gluͤckliche Fund machte) daß i 9 0 vor Freuden in die Hoͤhe ſprang, und zu meinen Freunden eilte, um ſie hievon zu be⸗ nachrichtigen. Ich zeigte ihnen die kleine Bemerkung uͤber Corbeuil, mahlte ih⸗ nen die gluͤckliche Lage von Tremblay, und vertraute ihnen meine kuͤhnen Entwuͤrfe. Sie wuͤnſchten mir zu meinem Vornehmen Gluͤck; aber riethen mir bey den bedenkli⸗ chen Zeitlaͤuften, worin wir lebten, alle Vorſicht an, und beſonders nicht zu viel zu wagen. Ich verſprach ihnen dieſes, um ſo williger, da ich, wie ſie, die Gefahr, die da⸗ bey zu beſorgen war, gut kannte. Den Tag darauf gieng ich wieder in den Tremblay, und fand unter dem bewußten Feigenbaume auf einem Streifen Papier ein A und D groß geſchrieben, ſo ungefaͤhr, wie man es Kindern, die ſchreiben lernen ſollen, vor— ſchreibt. A D, ſagte ich zu mir ſelbſt, das geht dich an, das iſt an Dorbeuil. Ich hob es auf, und fand, daß es mit Binſen an zu⸗ ſammengelegte Weinblaͤtter befeſtigt war. — — — ——— Ich nahm alles zuſammen und begab mich damit in eine von den gruͤnen Lauben, die nicht weit davon war. In dieſen Weinblaͤt⸗ tern befand ſich eine kurze Beſchreibung der Dualen, die Gercour ſeiner ungluͤcklichen Nichte verurſachte, woruͤher ſie ſich aber mit einer Sanftmuch beklagte, die ihren Charak⸗ ter deutlich zu erkennen gab. Sie hatte darinn auch ihre Anwendung des Tages beſchrieben. Die Morgenſtunden brauchte ſie nach ihrem Geſchmack. Sie dachte an ihren Freund, zeichnete ſein Portraͤt, ſo wie auch ſein kleines Haus nebſt dem Gruͤn, welches ſich um daſſelbe befand, und ſann auf Mittel, ihm ihre Zaͤrtlichkeit auszudruͤ⸗ cken. O ihr! die ihr zu lieben verſteht! euch iſt nicht unbekannt, wie ihr mit tau⸗ ſend Reizen Stunden, Tage und Jahre aus⸗ fuͤllen und ausmglen ſollt. Dieſe Beſchaͤfti⸗ gungen waͤhrten nur bis 9 Uhr, da Gercour aufſtand. Hierauf las ſie im Garten die Buͤ⸗ cher, die er fuͤr ſie ausſuchte, und wovon er wollte, daß ſie die Stellen auswendig lernte, die er zur Erreichung ſeiner Abſichten fuͤr dienlich hielt. Zum Gluͤck hatte er ihr nicht verboten, den Fontaͤne zu leſen, der der gluͤckliche Dollmetſcher meiner Empfindun⸗ gen, die ich fuͤr ſie hatte, geweſen war, die⸗ ſes werthe Buch, das ſie immer in Haͤnden hatte. Bis zu Mittage zeichnete ſie hernach einige Blumen aus dem Garten, einige huͤb⸗ ſche Anſichten; oder ſchoͤne Landſchaften; dann ſpielte ſie auf ihrer Harfe, beſorgte ih⸗ ren Anzug, und nahm ſich des Hausweſens an. In den Nachmittagsſtunden ſagte ſie Gercourn die Stellen, die ſie aus ſeinen Buͤ⸗ chern gelernt hatte, her, arbeitete an einem Auszuge oder Erzaͤhlung aus der Geſchichte oder Litteratur, lernte das, was ſie den kuͤnf⸗ tigen Tag herſagen ſollte, und gieng mit ih⸗ rem Dheim ſpatzieren. Hierauf wurde zu Abend gegeſſen, um 10 Uhr legte ſie ſich nie⸗ der, und Gercour bewachte ſie bis um ₰ bis 5 Uhr des Morgens, Seit einiger Zeit hielt ſich bey Ger⸗ courn, ſo hieß es ferner in Celianens Nachricht, ein ungeſchworner Prieſter, Namens Daubre auf. Dieſes war ein ſehr ſanfter Mann, und weit davon entfernt ſchwache Gemuͤther zur Schwaͤrmerey zu verleiten. Celiane ſtellte mir ihn als einen Mann vor, der ſie in ih⸗ ren Leiden troͤſtete, als einen Freund der gu⸗ ten Sitten, und als einen wuͤrdigen Diener Gottes, der die Liebe, die ſie in ihrem Her⸗ zen hegte, keinesweges verdammte, und als nachtheilig fuͤr ihre Seele anſahe.»Er ſagt es oft,“ ſchrieb ſie ferner,»daß es hundert⸗ + 5 mal beſſer waͤre, um mich der Gefahr, wo⸗ rin ich mich befaͤnde, zu entreiſſen, daß ich mit demjenigen, den ich mir erwaͤhlet haͤtte, vereinigt waͤre, er tadle Gercourn wegen ſei⸗ ner grauſamen Hartnaͤckigkeit, und wuͤrde al⸗ les anwenden, was in ſeinen Kraͤften ſtaͤnde, um mich aus dem Abgrunde, indem ich mich ſturzen koͤnnte, zu reiſſen.“ Ich glaubte aus den Reden dieſes Geiſt⸗ lichen abzunehmen, daß er nicht abgeneigt ſeyn wuͤrde, uns ingeheim zu trauen, und be⸗ ſchloß daher, alles anzuwenden, um ſein Vor⸗ haben zu beguͤnſtigen. Aber wie ſollte man Gercourn entfernen? Wo ſollte man zwey Zeugen dazu finden? Es war gefaͤhrlich, ſich anderswo, als bey der Municipalitaͤt trauen zu laſſen. Celiane beſchloß dieſe in⸗ tereſſante Schrift damit, daß ſie mir die Nach⸗ richt ertheilte, ſie wolle mir unter dem Fei⸗ genbaum dasjenige muͤndlich ſagen, was ihre Hand nicht im Stande waͤre, zu ſchreiben. gt e⸗ n eh — 141— Neunter Abſchnitt. Bey den Geſprächen, die Celiane mit Dorbeuil im benannten Park hielt, wünſcht ſie durch einen ungeſchwornen Prie⸗ ſter, der ſich bey Gercour heimlich aufhält, mit ihrem Freunde ehelich verbunden zu werden. Dieſer Prieſter war auch nicht abgeneigt dazu. Zezt erſt erhält er nach vielen Bitten den erſten Kuß von ihr. Nun wird Ger⸗ cour, der immer alles zu hintertreiben ſucht, vom Re⸗ volutionsausſchuß arretirt, man erfuhr aber bald, daß ſein Arreſt nicht lange dauern würde; es wurde alſo mit der Trauung geeilt. — Je brachte die Nacht ſchlaflos zu. Der Tremblay wurde um 4 Uhr morgens aufge⸗ macht. Ich lief an den beſtimmten Ort. Ein Gaͤrtner arbeitete daſelbſt, aber er konnte mich nicht ſehen. Es waren zwey Alleen zwiſchen mir und ihm. Gerade um§ Uhr, denn es ſchlug eben auf dem St. Jacobs Thur⸗ me, war ein Geraͤuſch am Feigenbaume, und ich hoͤrte meinen Namen von meiner Celiane ausſprechen. Ich hoͤrte dieſe ſo ſanfte und meinen Ohren ſo angenehme Stimme, deren Ton mich ſo oft entzuͤckt hatte, dieſe Stimme, die ſo viel Ideen, ſo viel Empfindungen, ſo viel Genuͤſſe mir ins Gedaͤchtnuß zuruͤck rief, — die nach einem ſo langen Zeitraume gleich⸗ ſam wie neu fuͤr mich geſchaffen war, und zwar beim bezaubernden Erwachen der Na⸗ tur. Dieſer Ton erfuͤllte mein ganzes We⸗ ſen mit einem unbeſchreiblichen Entzuͤcken, ſo daß ich ausrief: O meine Vielgeliebte! wenn deine Seele das empfindet, was die meinige empfindet, wenn ſich alle Annehmlichkeiten der Zaͤrtlichkeit in derſelben vereinigen, welches ich ganz gewiß glaube: ſo wird dir dieſer Au⸗ genblick unvergeßlich bleiben! Deine Briefe haben mich lebhaft geruͤhrt, aber deine Briefe, ſo vortreflich ſie auch ſind, wiegen nicht ein Laͤcheln deines zarten Mundes, einen Blick dei⸗ ner vor Liebe glaͤnzenden Augen, oder ein Wort mit deiner bezaubernden Stimme geſprochen, auf. Sie wollte mir antworten, aber ſtammelte nur einige Worte mit einer Verwirrung, ei⸗ ner Grazie, und einem Ausdruck her, der mir uͤber alles gieng. D meine Celiane, wie viel beredter wareſt du, als dein Liebhaber! Nach⸗ dem wir unſte Herzen einander ausgeſchuͤttet hatten, ſchworen wir einander, uns immer an dieſem Orte einzufinden, oder wenigſtens troͤſtende Briefe daſelbſt hinzulegen. Ich em⸗ pfahl ihr beſonders die Freundſchaft des gu⸗ ten Prieſters Daubré, der uns gewiß nuͤtz⸗ lich ſeyn wuͤrde, aufrecht zu erhalten zu ſu⸗ chen, und bat ſie, die Quaͤlereyen, denen man ich⸗ und Re⸗ ſo nn ige der hes Al⸗ iefe iefe, ein dei⸗ ßort hen, elte ei⸗ mir biel Nach⸗ uͤttet mer tens em⸗ 6 g⸗ nit⸗ nſi⸗ man — 743— allemal bey einem Mißtrauiſchen ausgeſezt iſt, in Gedult zu ertragen. Bey dieſen Wor⸗ ten reichte ſie mir aus ihrem Garten die Hand, als wenn ſie mich haͤtte umfaſſen wollen, mit den Worten: Dorbeuil, ich erinnere mich derſelben nicht mehr. Dieſer zaͤrtliche Gedanke, dieſe ſchoͤne mit einer ſo unwillkuͤhrlichen und ſo hinreiſſenden Hingebung ausgeſtreckte Hand, machte, daß ich mich derſelben naͤherte, und ſo gluͤcklich war, den ſuͤſſeſten Kuß zu ſchme⸗ cken. Ich erzaͤhlte ihr hernach, was mir der Buͤrger und die Buͤrgerin Herbelin fuͤr Freund⸗ ſchaft erwieſen.— Wie ſehr hat mich dieſe leztere verbunden, antwortete ſie, wie liebe ich ſie, wie habe ich ſie umarmt, als ſie mir Ihren koſtbaren Brief einhaͤndigte, dem wir das Gluͤck verdanken uns zu ſehen, und uns zu unterhalten. Dorbeuil, ich wage es nicht, dich mit einem Kuß fuͤr ſie zu beſchweren, und doch wuͤnſchte ich, daß du ihr einen von meinetwegen gaͤbeſt.— Wie, Celiane? Koͤn⸗ nen Sie denn die Eiferſucht und das Mis⸗ trauen nicht?— Sie leben ja beſtaͤndig bey ihr; das kann nicht ſeyn—— Wie? erwie⸗ derte ich, verlangen Sie, daß ich mich von ihr trennen ſoll? Ach, du*) kannſt mirs glau⸗ * Dieſe Abwechſelung des Du und Sie findet ſich auch im Franzöſiſchen. — 5 ———.— r — 144— ben, meine Celiane, wer dich kennt und liebt wird keine andre als dich kennen und ſchaͤ⸗ zen wollen. Ueberdieß iſt auch Herbelin ein liebenswuͤrdigerer Mann als ich.— Ja, hal⸗ ten Sie ein, um mich zu beruhigen. Gehen Sie, Dorbeuil, Sie werden mich niemals uͤber⸗ reden, daß es einen liebenswuͤrdigern Mann, als Sie, giebt. Waͤhrend dieſes Geſpraͤchs wurde das Feuer unſter Blicke immer lebhafter, unſte Wuͤnſche wurden heiſſer, mein Blut brannte in meinen Adern, und alles gab dazu Ver⸗ anlaſſung, es noch mehr zu erhitzen. Die ſchoͤnen Haare meiner Freundin, die vom Wind bewegt, auf ihrem ſchneeweiſen Halſe ſpielten, ihre lilienweiße Stirne, und ihre roſigten Wangen trugen all das ihrige dazu bey. Da mein erſter Verſuch, ihr die Hand zu kuͤſſen, ſo gut gelungen war, ſo ſtieg ich aufs neue zu ihr, vermittelſt eines aus der Mauer hervor ſtehenden Steines, hielt mich mit der einen Hand an dem Baume an, und ergrif mit der andern den Arm meiner Celi⸗ ane, und ſo bat ich, ſo fiehete ich, mirbeinen Kuß zu gewaͤhren. In der Stellung, in der ich mich izt befand, tonnte ich bemerkt wer⸗ den.— Steigen Sie herunter, ſteigen Sie herunter, ich beſchwoͤre Sie, ich befehle es Ihnen, iebt cho⸗ ein hal⸗ hen ber⸗ nn, das nſte nnte er⸗ Die vom alſe ihre dazu und ich der nich und eli⸗ inen der wer⸗ Sie es nen — 145— Ihnen, rief Celiane umſonſt; Sie wollen uns alſo zu Grunde richten, ach Gott!— Einen Kuß, und ich gehorche. Seyn Sie ſo gu⸗ tig, meine Freundin, einen Kuß! O meine Celiane! dieſe Worte wiederholte ich mit ei⸗ ner feurigen und bittenden Miene. Sie war genoͤthigt nachzugeben. Was mich betrift, ſo waͤre es mir nicht moͤglich geweſen, ih⸗ rem grauſamen, aber ohne Zweifel, gerech⸗ ten Befehle zu gehorchen, haͤtte man mir alle Guͤter der Welt geboten. Da ich dieſes Geſchenk erhalten hatte, ſo wollte ich herab⸗ ſteigen; aber die Hoͤhe der Mauer ſezte mich in Verlegenheit, und ich war genoͤthigt, mir die Haͤnde zu zerreiſſen, und das eine Bein ein wenig zu ſchinden. Ich bemerkte dieſes erſt, da ich in meine Wohnung zuruͤck war. Da Celiane Jemand im Garten hatte gehen hoͤren, ſo eilte ſie fort und rieth mir an, das nehmliche zu thun. Wenn mir dieſe Zuſammenkunft nicht Genuͤge geleiſtet haͤtte, ſo muͤſte ich ſehr ſchwer zu befriedigen ſeyn; aber ich war ſo vergnuͤgt, daß alle, die mir auf meinem Heim⸗ wege begegneten, mich fuͤr einen Narren hal⸗ ten mußten. Ich lachte, geſtitulirte mit den Haͤnden und redete ganz laut. Ich glaubte immer voch Celianen bey mir zu ſehen. 10 —* ——.—.— Herbelin und ſeine Frau nahmen den innigſten Antheil an meinem Gluͤcke, das ſich am folgenden Tage an dem nehmlichen DOrte erneuern ſollte: Ich fand mich da⸗ ſelbſt ein, wartete auf meine Celiane; aber die Zeit verfloß und ich uͤberließ mich tau⸗ ſend unruhigen Gedanken. Niemand er⸗ ſchien, und es war ſchon 9 Uhr. Ich glaub⸗ te, man haͤtte mich den Abend zuvor be⸗ merkt, oder daß ein auſſerordentlicher Vor⸗ fall bey Gercourn meine Freundin gehindert haͤtte, ſich an dem beſtimmten Prt eitzu⸗ finden. In der That lief das Geruͤcht durch die Stadt, daß das Revolutionsgericht Ger⸗ courn in der vergangenen Nacht hatte ar⸗ retiren laſſen. Ich war begierig, die Ur⸗ ſache ſeiner Verhaftung zu wiſſen. Man ſagte mir, er habe ſich eben verdaͤchtig ge⸗ macht. Ich fragte, ob er allein in ſeinem Hauſe arretirt worden. Man wußte es nicht. Dieſe Ungewißheit machte, daß ich zum Municipalbeamten Leblank lief, der mich verſicherte, er waͤre es nur allein, und wuͤrde auch nicht lange im Gefängniſſe bleiben, da er mit einem Mitgliede des Re⸗ volutionsausſchuſſes in Verbindung ſtande, welches mit einem andern ſehr braven Mit⸗ gliede deſſelben gemeinſchaftlich an ſeiner Be⸗ freiung arbeitete. ge gier dem Zwe ſore Ve dei de rei ne der wal geſ e be te N col daß fge nei hut hot ſo S — 147— Da ich von Leblanken heraus kam, be⸗ gegnete ich Celianen, die mit einem Manne gieng, den ich fuͤr den Geiſtlichen hielt, von dem ſie mir geſagt hatte. Sie giengen ohne Zweifel zu Gercourn, um ihm Troſt zuzu⸗ ſprechen, und ihm verſchiedene Beduͤrfniſſe zu hringen. Ich redete ſie an, und meine Vermuthung beſtaͤtigte ſich. Celiane war be⸗ reit, alles aufzubieten, um ihren Oheim aus der Verlegenheit, worin er ſich befand, zu reiſſen. Empfindſames Maͤdchen! deine Mie⸗ ne war traurig und du beklagteſt denjenigen, der dich ſo grauſam hintergangen hatte. Er war ungluͤcklich, und du hatteſt alles ver⸗ geſſen. Celiane machte, ſo lange ihr Oheim im Gefängniß ſaß, um ihm die Zeit zu vertrei⸗ ben, Muſik bey ihm; las ihm die Buͤcher vor, die er ſich ſelbſt ausſuchte, und war⸗ tete ihn mit der aͤuſſerſten Sorgfalt ab. Man wußte ſogar ſchon den Tag, wo Ger⸗ cour frey werden wuͤrde. Nun wuͤnſchte ich, daß der Buͤrger Daubre, mit dem ich haͤu⸗ fige Unterredungen hatte, und dem ich alle meine Beſorgniſſe und Hofnungen anvertrauet hatte, mich mit meiner Celiane vereinigte. Er hatte Gercourn in Anſehung dieſes Punkts ſondirt, er hatte alles verſucht und ihm auf —— ——— ——— alle moͤgliche Art zugeſezt! aber alles um⸗ ſonſt. Endlich war er nun auch durch die Haͤrte dieſes ungerechten und meineidigen Menſchen bewogen worden, um einem groͤſ⸗ ſern Uebel vorzubeugen, alles zur Vereini⸗ gung der beyden Herzen, die ſchon durch die Einwilligung und den Wunſch ihrer bey⸗ derſeitigen Aeltern und durch das feyerliche Verſprechen Gercours, das er ſo gottloſer weiſe gebrochen hatte, verbunden waren, ein⸗ zurichten. Es wurde nun ein Tag zu dieſer Feyer⸗ lichkeit feſtgeſezt. Nachdem Daubré die Be⸗ dienten Gercopurs in Geſchaͤften deſſelben ent⸗ fernt hatte, gab er mir die Anweiſung, mich um 11 Uhr in das Haus zu begeben, wo ich ſchon lange mit meiner Freundin zu leben gewuͤnſcht hatte. Ich flog ordentlich hin. Ich traf dieſen an unſern Leiden ſo groſſen Antheil nehmenden Geiſtlichen mit Celic⸗ nen, die er eben von ihren Suͤnden entbun⸗ den hatte, im Garten. So bald er mich ſa⸗ he, ſagte er zu mir: ich ſollte mich anſchi⸗ cken, mich dieſes wichtigen und heiligen Ban⸗ des, das ich fuͤr mein ganzes Leben vor Got⸗ tes Augen knuͤpfen wollte, wuͤrdig zu ma⸗ chen. Ich war gleich bereit, ihm zu gehor⸗ chen, und bereitete mich zu dieſem wichtigen Werke vor. Celiane ließ uns nun alleine, und ich legte dieſem rechtſchaffenen Prieſter das Bekenntniß meiner Suͤnden ab. Ich warf mich vor ihm auf die Knie, und rief die Gnade des Hoͤchſten uͤber mich an, und er abſolvirte mich. Morgen begeben Sie ſich, mein Freund, ſagte der tugendhafte Daubré zu mir, zu der jetzigen Stunde mit 2 Zeugen, die Ihr Zu⸗ trauen beſitzen, hieher, oder, wenn Sie der⸗ gleichen nicht haben, ſo will ich fuͤr zwey ſor⸗ gen, von deren Redlichkeit ich uͤberzeugt bin. Ich dankte ihm, und gab ihm zur Antwort, daß ich nur einen einzigen Zeugen hätte.— Gehen Sie alſo hin, erwiederte er, und neh⸗ men Sie von meiner Seite den Buͤrger Pau⸗ lin dazu. Er wohnt auf der Geſetzgaſſe Nro. 66; dieſen bringen Sie mit ihrem Freunde her. Ich werde alles ſo einrichten, daß wir bey dieſer Cerimonie gar nicht geſtoͤrt wer⸗ den. Junger Mann, fuhr er mit einem ein⸗ dringenden Tone und mit einer etwas ver⸗ drießlichen Miene fort, zu jeder andern Zeit und bey jedem andern Umſtande wuͤrde ich mir ein Verbrechen daraus machen, das zu thun, was ich jezt vornehme. Aber, da die Religion gezwungen iſt, in die unterirdiſchen ——.——— — 150— Hoͤlen zu fliehen, um nicht profanirt zu wer⸗ den, und ihre Diener genoͤthiget ſind, tau⸗. ſenderley Wege einzuſchlagen, um ſich dem Beil der Häſcher zu entziehen; ſo wird mich dieſes hinlaͤnglich entſchuldigen und die Rei⸗ nigkeit meiner Abſichten beweiſen. Ich ver⸗ lange nur eine Sache von Ihnen, die frei⸗ lich etwas ſchwer iſt; aber worin Sie mir Folge leiſten werden, um mich nicht in Ge⸗ fahr zu ſetzen, und um ſich nicht ſelbſt mit derjenigen zu Grunde zu richten, die Sie ſich erwaͤhlt haben, das iſt, mit Ihrer zukuͤnfti⸗ gen Frau ſo zu leben, als wenn Sie kein Recht uͤber dieſelbe haͤtten. Er redete mit ſo vieler Salbung, er verſtand die Kunſt zu uͤberreden ſo gut, daß ich alles verſprach, was er von mir ver⸗ langte. Er bat mich hernach in meine Be⸗ hauſung zuruͤck zu gehen. Ich will Ihnen, fuͤgte er hinzu, keine Sorge fuͤr die Cerimo⸗ nie, die morgen vor ſich gehen ſoll, uͤbertra⸗ gen, dieſes wuͤrde Ihr Herz nur beſchwe⸗ ren. Hierbey laͤchelte er, und ich verließ ihn, um von meiner Celiane Abſchied zu neh⸗ men. Wir waren allein, und ich kuͤßte ihr die Hand. So hielt ich alſo das Verſpre⸗ chen, das ich dem Buͤrger Daubré gethan hatte. Warum hatte er es mir abgefordert? Pa beſſ lieb die lez au ſe le bil dit ne ho Warum habe ich es auch in der Folge nicht beſſer gehalten? Am folgenden Tage nahm ich meinen lieben Herbelin und den Buͤrger Paulin mit, die mir zu Zeugen dienen ſollten. Dieſer leztere, der ein Freund Daubres war, war auch ein rechtſchaffener Geiſtlicher. Da ich ſeine Denkungsart kennen zu lernen wuͤnſch⸗ te, ſo ſagte ich, daß ich den Morgen die Provinzialbriefe Paſtals geleſen und ſie vol⸗ ler Salz gefunden haͤtte.— Und das ſehr bitter iſt, antwortete er. Er zeigt aller⸗ dings ſehr viel Geiſt, aber auf Unkoſten ſei⸗ nes Herzens und ſeines Gewiſſens. Ich haſſe Paſkaln und liebe Fenelon. Er konnte keinen beſſern Vergleich ma⸗ chen, um den beiſſenden Schriftſteller, den er verabſcheuete, zu ſchildern. Das Geſpraͤch kam auf den Erzbiſchof von Kambray, der von einem Manne, der beynahe Fenelons Geiſt hatte, und von einem ſehr beruͤhmten dramatiſchen Schriftſteller, der ihn der all⸗ gemeinen Bewunderung ſo wuͤrdig gehalten hatte, ſo gelobt worden. Wir prieſen be⸗ ſonders ſeine Duldſamkeit in der Religion und ſeine ſo zaͤrtliche Seele, da er mit den Schwachheiten der Liebe, die er ſelbſt em⸗ —— — 352— pfunden hatte, Mitleiden haben konnte, und ſo kamen wir in Gercours Haus. Wir fan⸗ den daſelbſt, durch die Sorgfalt des Buͤr⸗ gers Daubré alles vorbereitet. Er hatte die Bedienten entfernt, und wartete auf uns. Di Zehnter Abſchnitt. Die Trauunz gieng nun in Gercours Hauſe in aller Stille vor ſich, wobey der Prieſter eine ſehr eindrückliche Re⸗ de hielt. Vermittelſt 5,000 Rthlr. die an die würdig⸗ ſlen Mitglieder des Revolutionsausſchuſſes vertheilt wor⸗ den, erhält Gercour ſeine Freiheit wieder. Die Heurath mit meiner Celiane wurde oh⸗ ne alle Pracht, aber mit einem Intereſſe vollzogen, das allen den laͤrmenden Vergnu⸗ gungen vorzuziehen iſt. Thraͤnen der Freude uͤber unſer Gluͤck rollten dabey uͤber unſre Wangen. Ich ſahe von Zeit zu Zeit Herbe⸗ linen die ſeinigen abtrocknen. Alles, was uns der Buͤrger Daubré ſagte, war einfach und ruͤhrend, ohne einigen Prunk von Wor⸗ ten. Wie durchdrungen von Gefuͤhl war er nicht, als er Wuͤnſche fuͤr uns und unſte Ab⸗ koͤmmlinge that. Sein Gebet war ſo heiß, daß Gott gewiß es erhoͤren wird. Unſte Un⸗ faͤlle kamen nicht von uns, ſie waren das Werk der Umſtaͤnde. In dem Augenblick, da ich Celianen den geheiligten Ring an den Finger ſtekte, — ſahe ich, wie die Freude aus ihren Augen ſtralte, und als der Prieſter uns einander die Haͤnde geben hieß, ſo drukten ſie einan⸗ der ſo ſehr, und verurſachten uns eine Ver⸗ wirrung, die wir nicht haͤtten verbergen koͤn⸗ nen, wenn es auch die groͤßte Nothwendig⸗ keit erheiſcht haͤtte. Der Ring war mir dop⸗ pelt wichtig, denn da ich zu Corbeuil keinen hatte bekommen koͤnnen, ſo hatte mir die Buͤrgerin Herbelin einen fuͤr meine Celiane gegeben, welchen leztere allezeit als ein An⸗ denken ihrer Freundſchaft betrachtete. Da die Ceremonie vorbey war, ſtellte der Buͤrger Daubre das Krucifix wieder an ſeinen gehoͤrigen Ort und verſchloß die zu die⸗ ſer heiligen Handlung gebrauchten Stuͤcke. Dann bat er mich, mich mit Herbelinen aus Furcht einer Ueberraſchung zu entfernen. Da aber mein Freund, ſo wie auch der Buͤrger Paulin und ich, ſich gerne im Hauſe umſe⸗ hen wollten, ſo fuͤhrte uns Celiane in alle Zimmer. Ein langer Gang war zwiſchen ih⸗ rer und Gercours Stube. Ich weiß nicht, warum ich dieſe Bemerkung machte; kurz ſie wohnte ziemlich weit von ihm. Ich betrach⸗ tete mit beſonderm Vergnuͤgen alle und jede Meublen, die ſie darin hatte. Der Alkofen war ſchoͤn und bequem. Das Papier zu den —— b . Tapeten hatte eine feine Mahlerey. Ich be⸗ trachtete auch mit vielem Wohlgefallen die Harfe, die mich noch vor kurzem ſo ſcharmirt hatte, und beſonders ihre Staffeley, warauf ſich die Zeichnung von einem Theile von Her⸗ belins Hauſe und Garten befand. Die Zeit war uͤber Vermuthen verfloſ⸗ ſen, und es waͤre Unvorſichtigkeit geweſen, laͤnger zu verweilen. Wir verlieſſen alſo den Buͤrger Daubre, nachdem wir ihm unſte auf⸗ richtige Erkenntlichkeit bezeugt hatten. Wir umarmten ihn zum Abſchiede, und ich haͤtte auch gerne meiner Celiane, meiner liebens⸗ wuͤrdigen Frau wenigſtens die Hand gekuͤßt. Ich bat den Buͤrger Daubré um Erlaubniß dazu, der mir antwortete, daß mir dieſes voͤl⸗ lig frey ſtuͤnde. Dann nahm er mich bey Seite, und bat mich ſehr angelegentlich, vor⸗ ſichtig zu ſeyn, und mich damit zu begnuͤgen, daß mir dieſe ſo reizende, als tugendhafte Perſon, nunmehro doch niemand rauben koͤnnte. Wir brachten den Buͤrger Paulin in ſeine Wohnung zuruͤck, und ſtatteten ihm den verbindlichſten Dank ab. Hierauf erzaͤhlten wir den ganzen Vorgang der Buͤrgerin Her⸗ belin, die den aufrichtigſten Antheil daran nahm⸗ —— — 150— Vermittelſt 20,000 Libres, die an die n wuͤrdigſten Mitglieder des Revolutionsaus⸗ ge ſchuſſes ausgetheilt wurden, bekam Gercour hat den Tag darauf ſeine Freiheit wieder, wel⸗ gel ches Urſache war, daß ich an dieſem Tage Celianen im Tremblay nicht traf. Den Tag darauf aber ſchlich ich mich gleich fruͤh Mor⸗ gens mit dem Gaͤrtner hinein, und war un⸗ ne klug genug, einen ſehr thoͤrigten und verwerf⸗ de lichen Plan, woruͤber ich die ganze Nacht nach⸗ d gedacht hatte, ins Werk zu richten. Mein Freund, bedenken Sie mein Al⸗ ſi ter; ich war nur erſt 26 Jahr alt, ſagte Dor⸗ le beuil zu mir. Ich hatte Celianen den Tag S zuvor uicht ſprechen koͤnnen, ihr goͤttliches ge 121 Bild verfolgte mich uͤberall; mein Blut war 5 in der groͤßten Wallung. Ich hatte ohne Un⸗ z terlaß den Gedanken: daß ſie meine Frau w 63 waͤre. Ich war endlich von den Schoͤnhei⸗ d 3 ten der Natur bezaubert, die allem neues Le⸗ i ben gab. Mein Freund, bedenken Sie die⸗ 3 ſes alles, und ſeyn Sie nachſichtig. h Um dieſen verdammungswuͤrdigen Plan auszufuͤhren, war ich vermittels des hervor⸗ ſi 3 3 ſpringenden Steins wie ein Blitz auf der 5 Mauer, und befand mich in Gercours Gar⸗ ten. Meine Celiane ſollte um§ Uhr nach⸗ kommen. Wenn ich ſie nun daſelbſt uͤber⸗ raſchte, ſo haͤtte ihr meine unvermuthete Gegenwart Nachtheil bringen koͤnnen. Ich hatte daher folgendes Billet an die Terraſſe gelegt. »Meine Celiane! In dem dicken Gehoͤlz, wo du an dei⸗ nen Liebhaber, und nunmehro deinen Gatten denkſt, wirſt dn dieſen Morgen Dorbeuiln, der nicht ohne dich leben kann, treffen.“ Ich hatte mich in dieſem Gehoͤlz ſo ge⸗ ſezt, daß ich die Wuͤrkung, die dieſes Bil⸗ let hervorbringen wuͤrde, wahrnehmen konnte⸗ Sobald ſie es gewahr wurde, durchlief ſie es geſchwind, dann entfuhr ihr ein Seufzer, ihr Blick war wie verſtoͤrt, und ſie ſchien bedenk⸗ lich zu ſeyn, was ſie thun ſollte. Endlich wendete ſie ihren unentſchloſſenen Gang zu dem Gehoͤlze, indem ich ſie mit Ungedult er⸗ wartete. Aber ſie gieng ganz langſam und in einem tiefen furchtſamen Nachdenken da⸗ hin. Ich bewegte einige Aeſte und ſie wurde mich gewahr, ſie hatte nicht die gewoͤhnliche lachende Miene, und verwieß mir, wiewohl ſehr zaͤrtlich, meine verliebte Unvorſichtigkeit. Da ſie mir gut war, ſo verzieh ſie mir bald. Ach, ſo lange man liebt, ſo lange verzeiht man auch. Wir giengen tiefer in das Ge⸗ hoͤlz hinein, und da wir an einen kleinen be⸗ raßten Berg kamen, ſezten wir uns nieder, um uns recht bequem von unſerm Gluͤck zu unterhalten, das uns nun nicht ſo leicht ent⸗ gehen konnte, da wir durch ein ſo zartes und ſanftes Band vereinigt waren, das keine menſchliche Macht auflöſen konnte. Wie viel ſtaͤrker ließ uns alles das, was uns um⸗ gab, dieſes Gluͤck empfinden! Die Voͤgel ſangen in den Geſtraͤuchen; der Himmel war hell und klar; die Blumen gaben die ange⸗ nehmſten Geruͤche von ſich: Alles dieſes er⸗ weckte in unſern Sinnen und Herzen eine Menge Empfindungen, von denen wir gleich⸗ ſam wie abgemattet wurden. Reiz des Lebens! Liebe, die du alles be⸗ ſeelſt, du durchliefſt unſre Adern; du heiſch⸗ teſt von uns unſchuldige Liebesbezeugungen und feurige Kuͤſſe. Schon hatte ich die ſchoͤ⸗ nen Haͤnde meiner Freundin, ihre runden Arme, ihre Augen, die voller Zaͤrtlichkeit wa⸗ ren, damit bedeckt. Sie wehrte ſich nur ſchwach, ihre Hingebung nahm dieſelben ſo willig auf; und was erweckten nicht ihre Kuͤſſe in mir! Was fuͤr berauſchende Ent⸗ zuͤckungen wir machten! wie machten ſie mich ordentlich vor Liebe verwirrt! Unſte Herzen waren nicht weit genug, um alle die Stroͤ⸗ me der Wolluſt zu faſſen, die ſie berauſchten. V Re gö ſer kar ab un Wir fielen ganz abgemattet auf den gruͤnen Raſen hin, wo wir uns geſezt hatten. O goͤttliche Schamhaftigkeit! die Du bey un⸗ ſern Genuͤſſen den Vorſitz fuͤhrteſt, du allein kannſt ſagen, was ſie himmliſches hatten; aber nein, du wirſt ſie mit deinem keuſchen und geheimnißvollen Schleyer bedecken. Auf dieſe Unruhe, auf dieſe Erhitzung aller unſrer ſchoͤnſten Empfindungen folgte eine Stille, eine Sammlung und Erholung, die um ſo bezaubernder war, da ſie die rei⸗ zenden Vergnuͤgungen, worein uns die Liebe verſenkt hatte, verlaͤngerte. Es ſchlug ſchon 9 Uhr, als wir dieſe gluͤckliche Lage, aus Furcht uͤberraſcht zu werden, verlieſſen. Es war auch wirklich die hoͤchſte Zeit, da wir gleich dar⸗ auf Gercourn Celianen ruffen hoͤrten. Wo ſollte ich hinfliehen, wo ſollte ich mich ver⸗ bergen? wir muſten entdeckt werden. Ach Gott! und meine Freundin! man wird uns wieder trennen. Was fuͤr ein grauſamer Au⸗ genblick! was iſt zu thun? Ich verlaſſe Ce⸗ lianen und verberge mich wieder im Gehoͤlze. Gluͤcklicher weiſe ſahe ich nicht weit davon einen Hauffen Kraͤuter Heu und gruͤne Zweige. Unter dieſe verbarg ich mich, ſo gut ich konnte. Nun faßte meine Freundin wieder Muth, und ſagte mir, indem ſie mir noch einen Kuß —— — 160— gab, man kann dich nicht entdecken, bleib nur ruhig, ich werde dir ſchon die noͤthigſten Beduͤrfniſſe bringen. Ich hatte ſchon jezt ei⸗ nen unbeſchreiblichen Hunger und bat ſie, mir ſobald als moͤglich etwas fuͤr denſelben zu bringen. Sie verſprach es und verſchwand. Eine Stunde verſtrich und ich ſahe Nie⸗ mand kommen. Endlich hoͤrte ich ein Ge⸗ raͤuſch; gut, dachte ich, das iſt ſie, nun werde ich meinen heftigen Appetit ſtillen koͤnnen. Dieſer Gebanke begann ſchon, zwar nicht, mich zu ſaͤttigen, aber mir doch Much einzu⸗ floͤſſen. Ich gebe genauer Acht und hoͤre, daß es eine unbekannte, eine Mannsſtimme iſt. Man kommt immer naͤher. Hat man mich bemerkt? weiß man, daß ich hier bin? Ich horchte immer genauer, und werde endlich inne, daß es ein Mann iſt, der das Holz kaufen will, und im Handel begriffen iſt. Gercour und dieſer Mann ſtanden ganz na⸗ he bey mir, welches mir nicht wenig Angſt verurſachte. Aber endlich entfernten ſie ſich wieder, und meine Furcht verſchwand, aber nicht mein Hunger, der ſich allmaählich noch vermehrte. Ich hoͤrte nicht lange darauf ei⸗ nen ſehr leiſen Schritt, und zweifelte nicht, daß es meine Celiane waͤre.— Sie war es in der That, und kam, ihr Fruͤhſtuͤck mit mir zu bre no ſezl me nai an Un ⸗ gſt ſch ber och cht, eß mir — 167— zu theilen, wozu ſie mir einige rohe Eyer brachte, die ſie in dem niedern Hofe wegge⸗ nommen hatte, ohne geſehen zu werden. Ich ſezte mich zu meiner Freundin und wir nah⸗ men dieſes frugale Fruͤhſtuͤck mit einer recht naiven Heiterkeit ein. Ihr Goͤttermahlzei⸗ ten, ihr ſeyd nichts dagegen. Sie hatte nebſt andern Erfriſchungen auch Kirſchen mitge⸗ bracht, die vortreflich waren. Wir wurden eins, daß dasjenige, das die lezte haben wuͤrde, dem andern einen Kuß geben ſollte, und dieſes betraf Celtanen, die auch ihre Schuldigkeit beſtens entrichtete. Die Stunde, die ſie bey mir zubrach⸗ te, war eigentlich ihre Zeichen⸗oder Muſik⸗ ſtunde; da aber ihr Dheim ausgegangen war, ſo hatte ſie Freiheit, und ſie benuzte ſie dazu, mich zu beſuchen. Etwas aber machte uns doch Unruhe. Celiane hatte von dem, der das Holz gekauft hatte, gehoͤrt, daß er es Nachmittage wolle holen laſſen: weil er es ſehr nothig brauch⸗ te. Ich konnte mich alſo, wenn ich vorſich⸗ tig ſeyn wollte, nicht laͤnger daſelbſt aufhal⸗ ten. Da ich aber Gelegenheit hatte, mich im Gewaͤchshauſe zu verbergen, ſo wieß mich meine Celiane dahin. 11 — 162— Ich wartete mit vieler Ungeduld auf den Abend, indem ich nicht wenig be⸗ ſorgt war, was Herbelin denken wuͤrde, wenn ich den ganzen Tag abweſend waͤre. Ueberdieß verließ mich meine Celiane. Sie kam indeß gegen Abend doch wieder, brachte mir Vrod und Fruoͤchte, die ich vor Hunger ordentlich verſchlang. Wir fiengen bald wie⸗ der an aufgeraͤumt zu werden. Wir uͤber⸗ lieſſen uns dem Vergnuͤgen mit einer Er⸗ gieſſung, die die zaͤrtliche Scene, welche den Morgen dieſes ſchoͤnen Tages verſchoͤnert hatte, bald wieder erneuerte. Da meine Begierden dadurch, daß ſie mir immer mehr einraͤumte, noch mehr entzuͤndet wurden, ſo wagte ich es, ſie um die zu kuͤhne Erlaub⸗ niß zu bitten, dieſe Nacht bey ihr zubrin⸗ gen zu duͤrfen. Du willſt alſo, unvorſichti⸗ ger Dorbeuil, deine Celiane der groͤßten Ge⸗ fahr ausſetzen, rief ſie aus? Ach, warum habe ich dir ſo viel eingeraͤumt? Was ſage ich? Ich wollte dir auch dieſes gerne zugeſte⸗ hen, du weißt es. Aber ich bitte dich, da⸗ von abzuſtehen: ich fuͤhle, daß ich zu ſchwach bin, deinem Andringen mich zu widerſe⸗ tzen. Einige Seufzer und Thraͤnen folgten hierauf, und beſchloſſen dieſen Streit. Ich gab nach, nachdem ich neue Pfaͤnder ihrer Liebe erhalten hatte. * * t Un deß St wei — 163— Da ich zu Herbelinen zuruͤck war, er⸗ zaͤhlte ich ihm, wie unvorſichtig ich geweſen, und was ich fuͤr Unruhe ausgeſtanden haͤt⸗ te. Ich mahlte ihm her nach, da er mich deßwegen tabeln wollte, meine vergnuͤgten Stunden, und er hatte keinen Muth, mir weiter etwas daruͤber zu ſagen. Eilfter Abſchnitt. — Bey Gercourn kommt Feuer aus. Dorbeuil, der dieſelbe Nacht nicht ſchlafen kann, und auf die Fenſter deſſelben ſchaut, wird es zuerſt gewahr, und rettet ihm und der Celiane, da ſie ſonſt in den Flammen ungekommen wã⸗ ren, das Leben. Gercours Magd aber verbrennt. Nun erfährt Dorbeuil in Paris, daß er auch beym Revo⸗ lutionsausſchuß angegeben ſey, und wie ſichs nachher zeigt, vom undankbaren Gercour. Er geht ſogleich nach Corbeuil zurück, aber noch in derſelben Nacht wird er in Arreſt genommen. er und ſein Führer, Sie kehren zufammen, nehmlich in einem Gaſthofe ein, wo ſich zufälliger Weiſe Terbal befindet. Dieſer hilft nun Dorbeuiln mit ſeinem Einſchläfrungspulver, beſäuft erſt deſſen Führer und bringt demſelben hernach einen Schlaf⸗ trunk bey, wobey Dorbeuil entkommt. Die darauf folgende Nacht brachte ich ſehr unruhig zu. Ich konnte nicht ſchlafen, und fiel endlich darauf, mich zu meinem Fenſter hinaus zu legen, um friſche Luft zu ſcho⸗ pfen. Es war eine ſehr kuhle Nacht. Ich gieng alles durch, was ich mit Celianen, ſeit⸗ dem ſie den erſten Eindruck auf mich ge⸗ macht, fuͤr Proben gehabt habe. Ich kam terſt chaſ⸗ ſh und nſter ſchö Ich ſeit fan dabey in ein ſehr unterhaltendes Nachden⸗ ken, und da ich meine Blicke auf das Haus, das ſie bewohnte, heftete, was fuͤr einen durchdringenden Schmerz hatte ich da, wie zerriß es mein Herz. Iſt es moglich und iſt es wahr? Ja, es war unbezweifelt gewiß! Eine rothe und dicke Flamme ſtieg aus dem Fenſter, welches neben dem ihrigen aber im unterſten Stockwerke war. Ich that einen groſſen Schrey, hob die Haͤnde zum Himmel empor und konnte weiter nichts als die Wor⸗ te hervorbringen: o mein Gott! Ich nahm in der Geſchwindigkeit meinen Mantel um, und lief ſo im Hemde ans ufer des Fluſſes. Ich lief bis ans Ende des Bretes, welches den Muͤllern in den benachbarten Muͤhlen dazu dient, ihr Mehl darauf heraus zu tra⸗ gen. Der Kahn, der ſich fuͤr gewoͤhnlich da⸗ ſelbſt befand, war nicht da, ſondern befand ſich auf der andern Seite. Ich warf mich alſo ins Waſſer, da ich ſchwimmen konnte. Die Liebe verdoppelte meinen Muth und mei⸗ ne Kraͤfte, und ich befand mich vor Kaͤlte uͤber und uͤber zitternd, in weniger als ei⸗ ner Minute am jenſeitigen ufer. Ich fliege durch das enge Gaͤßchen zum Thor des Hau⸗ ſes meiner Freundin, klopfte mit Gewalt an⸗ klingelte, rieß die Klingel ab, der Hund bellt und heult, kein Menſch antwortete; umter⸗ — 166— deſſen wird die Flamme immer groͤſſer, ich will Feuer ſchreyen und eine grauſame Hei⸗ ſcherkeit hindert mich daran. Ich ſchlage aufs Neue an; alles umſonſt! Endlich neh⸗ me ich groſſe und kleine Steine und werfe in alle Fenſter, die ich ſehe, und beſonders in die meiner Frau, meiner Celiane. Da ich nun an allem verzweifelte, machte mir ein Bedienter auf. Er ſahe die Flamme und lief in den Hof hinein, ohne zu wiſſen, was er thun ſollte. Hernach ſahe ich Gercourn im Schlafrocke, mit der aͤuſſerſten Blaͤſſe auf ſeinem Geſichte, das Fenſter oͤfnen, ohne daß er ein Wort hervorbringen konnte, und mir nur durch Mienen bezeugte, daß er nicht fiiehen konnte: da ihm der Weg vom Feuer abgeſchnitten war. Ich ſagte zum Be⸗ dienten; iſt denn keine Leiter da? Ich habe ße geſtern einem von unſern Nachbarn ge⸗ borgt— Habt ihr denn keinen Tiſch?— Ja im Speiſeſaal ſteht einer— Nun wohlan! bringt ihn her.— Die Thuͤr iſt verſchloſ⸗ ſen— Ihr Herr wird uns den Schluͤſſel geben— In der That warf ihn Gercour her⸗ unter, da er unſer Geſpraͤch mit angehoͤrt hatte. Wir trugen alſo den Tiſch unter das Fenſter. Ich ſagte ihm: er ſollte uns andre Tiſche oder Meublen und ſeine Matrazen herunter werfen. Er gehorchte mir hierin was ourn lͤſe ohne und . von habe ge 5 lun! chloß loſſ gleich, band hierauf ſeine Tuͤcher zuſammen, befeſtigte ein recht ſtarkes ans Fenſterkreutz, ließ ſich an dieſem Seil mit unſerer Huͤlfe herunter, und war bald auſſer Gefahr. Ich bat ihn hernach, ſo wie ſeinen Domeſtiken, dieſe Tiſche unter das Fenſter der Celiane zu bringen, die ſich zur Zeit noch gar nicht ſehen ließ, das Feuer und der Rauch hatten ſie vielleicht ſchon in einen ewigen Schlaf verſenkt. Aus der Richtung der Feuersbrunſt nahm ich ab, daß ſie ihr den Weg uͤber den Gang, der zur T reppe fuͤhrte, abſch nei edie, 5 ohne Zweifel den Fußboden ihres Zimmers er⸗ greifen. Ich verlor keine Zeit. Ger⸗ cour und ſein Bedienter und ich egten alle Shn die wir nur habhaft werden konn⸗ ten, auf den Tiſch zuſammen. Nun ſtieg ich hinauf, ich war aber noch nicht hoch genug, um ihr Fenſter erlangen zu können. Ich ſagte zu Gercvurn, wenn er ſich auf ſeine Knie wuͤrfe und mit den Ellebogen aufſtemm⸗ te, ſo wuͤrde, wenn ich auf ihn traͤte, die Höhe herauskommen. Er ließ ſichs gefallen. Wir ſchickten unterdeſſen den Bedienten nach der um uns Hulfe auszubit⸗ ten, daß das Feuer nicht weiter um ſich grif⸗ fe. Gercour nahm nun dieſe Stellung anz ich ſtieg auf ihn, konnte mich an der Bruſt⸗ mauer des Fenſters anhalten und kam gluͤck⸗ lich hinauf. Ich ſtieg zum Fenſter hinein, und ſahe, daß der Fußboden ſchon brannte ſo, daß ich auf den Lehnſtuhl ſteigen mußte, der am Bette ſtand. Hierauf zog ich ſtark an ihren Bettvorhaͤngen, rufte ſie ſo laut ich konnte, und ſah ſie endlich ſich aufſetzen. Geſchwind, ſagte ich zu ihr, bedecke nur das allernothwendigſte und folge mir. Alles ſteht im Feuer und der Fußboden wird bald unter uns zuſammenbrechen. Ich hatte kaum ausgeredet, ſo war ſie ſchon fertig. Sie hatte ihren Unterrock in der Eil mit einem Bande feſtgebunden, und damit ſie ihre Fuͤſſe nicht verbrennen moͤchte, ſo hatte ich Stuͤhle in gewiſſen Entfernungen bis an das Fen⸗ ſter geſezt, damit ſie darauf hingehen koͤnn⸗ te, und ſo kamen wir gerade an daſſelbe, als das Gekrache ſich vermehrte, und der Fußboden zu weichen anfieng. Die Flammen wurden ſo heftig, daß ſie mir ins Geſicht ſchlugen und daſſelbe verbrannten. Ich glaub⸗ te wirklich, in dieſem ſchrecklichen Zeitpunkte mein Leben einzubuͤſſen und meine koſtbare Buͤrde fallen laſſen zu muͤſſen. Aber Gott ſtand uns mit ſeiner Huͤlfe bey, und ich war ſo gluͤcklich, meine Freundin in den Garten hinablaſſen zu koͤnnen, wo ſie einige Zeit in Uſt⸗ ein, inte — 169— einer Ohnmacht lag. Es fehlte uns an Sal— ze, ich friſchte ihr alſo das Geſicht mit Waſ⸗ ſer auf, welches nur wenige Wirkung that. Ihre Arme waren erſtarrt, und ihre Augen geſchloſſen; und ich glaubte nicht anders, als daß ſie mir auf immer entriſſen waͤre. Waͤhrend daß wir ihr dieſe wenige Huͤl⸗ fe leiſteten, hoͤrte man ein entſetzliches Ge⸗ ſchrey im Hauſe. Dieſes ruͤhrte von der Magd her, in deren Kammer das Feuer aus⸗ gekommen und die nun ein Dpfer deſſelben wurde, ohngeachtet man ſich alle Muͤhe gab, um ſie zu retten. Unterdeſſen fanden ſich die edeldenkenden Einwohner von Corbeuil ein, und loͤſchten dieſe heftige Feuersbrunſt. Bey alledem blieb Celiane in ihrer Ohnmacht. Ich fragte Gercourn, ob er nicht in der Naͤhe einen geſchickten Arzt wuͤßte. Er kannte keinen, und es war auch keiner in Corbeuil. Es ſchlug uns indeß jemand einen erfahrnen Wundarzt vor, der in der Naͤhe wohnte, und auf mein Bitten gieng Gercour, ihn zu holen. Da ich nun at fdie geringſte Bewegung meiner Celiane aufmerk⸗ ſam war, und immer um bieſelbe herum⸗ gieng, und daruͤber nachdachte, wie ich ih⸗ ren Zuſtand verbeſſern koͤnnte: fielen mir auf einmal Herbelin und ſeine Frau in die — 170— Augen. Da ſie Alkali bey ſich hatten, ſo be⸗ ſtrichen ſie Celianen damit und brachten ſie ſo weit, daß ſie wieder Athem holte. Ihren erſten Blick that ſie auf mich und nannte mich ihren Schutzengel. Den zweiten bekam die Buͤrgerin Herbelin, der ſie zaͤrtlich die Hand druͤckte. Enblich kam der Wundarzt, und da er ihr den Puls befuͤhlte, ſo fand er ihn ſo gut, daß er uns verſichern konnte, die Ohn⸗ macht habe zu ihrem Beſten gedienet, weil ihr dieſelbe einen langen und heftigen Schreck erſpart haͤtte. Es wäre aber gut, wenn ſie auf ein Kanapée an einen friſchen und ſtil⸗ len Ort gebracht wuͤrde, und er ſchlug dazu ein Zimmer bey ſich vor. Herbelin haͤtte ſie auch gerne bey ſich gehabt; und ich haͤtte mich auch nicht widerſezt. Er wagte es aber nicht, es zu verlangen. Man nahm indeß auch das vorgeſchiagene Zimmer nicht an, weil das Feuer geloͤſcht und nur der linke Fluͤgel des Hauſes ruinirt war. Celiane wurde daher in den rechten gebracht. Der Ort, wo man ſie hinbrachte, war ſehr an⸗ genehm und hinlänglich friſch. Die Wohl⸗ geruͤche von den Gartenblumen konnte man auch daſelbſt einathmen: und ſo ſahe ich dieſe zaͤrtliche Freundin allmählig wieder auf⸗ —— 1 — S — — — — leben, wie die ſchmachtende Blume ſich wie⸗ der erhebt, wenn ſie vom Thaue befeuchtet wird. Ich bewunderte mit Vergnuͤgen die allmaͤhliche Entſtehung der Farben auf ih⸗ rem weiſſen Geſichte. Herbelin, ſeine Frau und ich blieben allein bey Celianen, die mich unaufhoͤrlich ih⸗ ren lieben Dorbeuil nannte. Ich weiß nicht, ob Gercour, der den Wundarzt verlaſſen hatte, ind ſich auf den Zehen hereinſchlich, mich mit bieſem Namen hat nennen hoͤren: aber, uð ſeinen finſtern und drohenden Blicken zu ſchlieſſen, konnte ich es nicht anders glauben. — Er betrachtete mich lange Zeit mit vieler Auf⸗ merfſamkeit, indem er ein ſchreckliches Still⸗ ſchweigen, das Schweigen der Rache und des Todes annahm. Herbelinen, ſeine Frau und mich uͤberlief ein eiskalter Schauer, und wir machten, daß wir aus dieſem fatalen Ort wegkamen. Eh ich noch gieng, that ich mir die aͤuſ— ſerſte Gewalt an, um ihn daran zu erinnern, daß ich ſeine und ſeiner Nichte Leben geret⸗ tet haätte. Aber er antwortete nichts, und that einige Schritte auf uns zu, um uns zu noͤthigen, ihn deſto geſchwinder zu verlaſſen. Der Barbar! was hatte ich nicht von ſeiner Rache zu fuͤrchten. Unvorſichtige Liebe, du — 172— kannſt dich nicht zum Schweigen verſtehen, und durch deine unuͤberlegte Offenherzigkeit richteſt du diejenigen zu Grunde, die du ent⸗ zuͤndet haſt. Er wird, ſagte ich zu Herbelin, er wird meine Celiane in eine unbekannte Wuͤſte brin⸗ gen, und ich werde nichts mehr von ihr ſe⸗ hen und horen. O mein Freund! laſſen Sie uns dieſem tollen Streich auszuweichen ſu⸗ chen, laſſen Sie uns auf treue Waͤchter den⸗ ten, die alle ſeine Tritte und Schritte be⸗ obachten! Herbelin gab dieſem Gedanken Bei⸗ fall und trug nicht wenig dazu bey, denſelben zur Ausfuͤhrung zu bringen. Wir ſuchten nemlich zwey treue Maͤn⸗ ner auf, die, wie Gartenarbeiter gekleidet, unſerm Tyrannen uͤberall folgen, und ſich nicht weit von ſeinem Hauſe einquartiren ſol⸗ len, um ihn Tag und Nacht zu beobachten. Da ich nun daruͤber beruhigt war, meine Frau aber nicht ſehen noch ſprechen konnte, gieng ich nach Paris, um mich bey Tervaln zu erkundigen, was jezt daſelbſt vorgienge, denn mir war alles das unbekannt. Er ſagte mir, ich waͤre nebſt ihm bey unſern Bezirks⸗ gerichten verklagt, und wir wuͤrden wohl thun, wenn wir uns verbergen koͤnnten. Es ver⸗ geht kein Tag, ſagte er mir, an dem nicht 1 ʒo bis 1oo rechtſchaffene Perſonen, Officiere, Rechtsgelehrte, Kaufleute, Pachter, Adliche, Prieſter und ſ. w. eingekerkert werden. Man muß von allen Talenten, allem Genie, allen guten Sitten entbloͤßt ſeyn, kurz, man muß ein herumſchweifender Sanskuͤlot ſeyn, um ruhig leben zu koͤnnen, und um zu irgend einer Stelle zu gelangen. Menſchenblut fiießt zu jeder Stunde in Paris. Kurz die einzigen oͤffentlichen Machthaber ſind dieſe Buͤttel. Ich werde geſchwind die noͤthigen Vor⸗ kehrungen mit meinen Sachen treffen, und mich dann, mit meinem Einſchlaͤfrungspulver verſehen, zu einem Holzhaͤndber nach Viey, Namens Mercier, der mein guter Freund iſt, begeben, wo ich doch hoffe, verborgen bleiben zu koͤnnen. Ich wollte dieſen Zufluchts⸗ ort mit dir theilen, ich wollte dir ihn ſogar abtreten, denn ich geſtehe, daß ich ein wenig Schuld an deiner Dehunziation mit bin; aber dieſer Freund wuͤrde ſich ohne Zweifel nicht fuͤr dich der Gefahr ausſetzen. Uebrigens will ich doch zuſehen.——— Denke nur da⸗ ran, was ich dir geſagt habe, und handle dem⸗ ſelben gemaͤß. Leb wohl, ich will meine Sa⸗ che in Ordnung bringen. Ich entfernte mich ſogleich von Paris⸗ und war den Abend ſchon wieder in Cor⸗ beuil, woruͤber Herbelin ſich nicht wenig freute, und mir ſagte, daß ſich Celianen beſſer be⸗ faͤnde. Er wußte von meiner Denunziation noch nichts, und ich erzaͤhlte ihm die Sache mit der groͤßten Behutſamkeit. Er verſicherte mich, daß er mich in Sicherheit bringen wolite; hierauf verließ er mich, um uͤber die Mittel, die er zu ergreifen haͤtte, nachzuden⸗ ken. Die unterirdiſche Hoͤhle im Garten fiel ihm zuerſt ein, und er kam gleich zu mir zu⸗ ruͤck, um deßwegen mit mir zu ſprechen. Wir entſchloſſen uns alſo, um hinter dieſes Ge⸗ heimniß zu kommen, den Gaͤrtner deshalb zu fragen. Dieſer war gerade nicht zu Hauſe, und wir thaten alſo vor der Hand nichts in der Sache. Warum verſchiebt man aber immer an den andern Tag, was man noch heute thun kann? Leider war es am folgenden Tage ſchon zu ſpaͤt. Noch in derſelben Nacht kam ein Mitglied des Revolutionsausſchuſſes meines Bezirks, der Spion, Angeber, Richter und Diener zugleich war, mich in Verhaft zu neh⸗ men. Es war ein gewiſſer Gaudon. Ich erſuchte ihn, die Nacht vollends bey mir zu⸗ zubringen, ein Glas Liqueur anzunehmen, und unſre Reiſe nach Paris bis zum anbre⸗ do ha we ho n h D lan be die ten bis her ute, be⸗ lioh ache erte gen die den⸗ iel zu⸗ Wir Ge⸗ alb uſe, in auf hun hon ein neb und ſeh⸗ chenden Morgen zu verſchieben. Ich hatte eine ſo unſchuldige Miene, daß er mir meine Vitte ohne Schwierigkeit gewährte. Um7 Uhr des Morgens alſo verließ ich meine Freunde, den Buͤrger Herbelin und ſeine Frau, nachdem ich ihnen tauſend Lebe⸗ wohl geſagt und zu erfennen gegeben, daß ich mich blos in Anſehung des Punktes auf Gercourn ein wachſames Auge zu haben, und mir von mriner Celiane Nachricht zu geben, auf ihre Freundſchaft verlieſſe. Ich ſchied mit thraͤnenden Augen von ihnen. Die Hitze war uͤbermaͤßig groß, und Gau⸗ don hatte die Binſenmatten am Schlage vor⸗ gezogen, um uns dafuͤr zu ſchuͤtzen. Da wir nach Cour de France ohnweit Jubiſy kamen, wollte ich ihm einmahl einſchenken laſſen, und bat ihn, ein wenig abzuſteigen. Recht gerne, antwortete er, denn ich komme vor Durſt bey⸗ nahe um. Dieſe Leute aus dem Ausſchuſſe hatten uͤberhaupt immer einen erſchrecklichen Durſt. Da wir ins Wirthshaus kamen, ver⸗ langten wir ein apartes Zimmer; es war aber keines zu haben. Wir muſten daher in die Gaſiſtube gehen, wo viele Reiſende ſpeiß⸗ ten, die aber alle nach und nach fortgiengen, bis auf einen einzigen, den man dem Anſe hen und der Kleidung nach fuͤr einen Bauer — 176— haͤtte halten ſollen. Ich hatte ſchon auf der Straſſe uͤber ein Mittel nachgedacht, mich von meinem Waͤchter zu befreyen. Ich dachte immer an das Einſchlaͤfrungspulver, das mir Terval gegeben hatte, und hatte es zu dem Ende beſtaͤndig in meiner Taſche. Wenn ich es nur in die Bouteille bringen koͤnnte, dachte ich, ſo wollte ich meinen Führer ſchlaffend nach Paris fahren laſſen, und ich waͤre un⸗ terdeſſen frey. Ich ſuchte alſo mein Pulver, auf das ich mich verließ, und ſiehe da, ich hatte es verloren. Ich haͤtte mein ganzes Vermoͤgen darum gegeben, wenn ich es haͤtte wieder bekommen koͤnnen. Aber dieſes waren eitle Wuͤnſche, ich fand es nicht wieder. Unſre Bouteille war leer, und wir woll⸗ ten eben aufſtehen, als der Bauer, der am andern Ende der Gaſiſtube ſtand auf uns zu⸗ kam. Da ich ihn recht betrachtete, ſo ſchien mirs Terval zu ſeyn; aber er war viel blaͤſ⸗ ſer als ſonſt, und ſehr entſtellt. Nachdem er ſich nach meinem Befinden erkundigte, ſagte er, es freut mich, Sie hier zu treffen. Eſſen Sie doch mit Ihrem Kameraden von meinem Käſe, der nicht der ſchlechteſte iſt, und trinken Sie von meinem Weine, der zwar nicht der aͤlteſte, aber doch von ganz gu⸗ tem Geſchmack iſt. Gaudon ließ ſich nicht lange ——„— auf mich achte mir dem nich achte ſend un⸗ Uver, ich anzeb hätte oren woll⸗ ram ns jl⸗ ſchien bläß chdem digte, effen⸗ yon ſe iſt , der ni nich lan lange bitten, und wir waren bald mit der Bouteille fertig. Terval holte nun noch 3 andre, die mein Waͤchter bis auf eine halbe, die er ſtehen ließ, ausleerte. Nun war es ihm doch in den Kopf geſtiegen; doch konnte er ſich noch auf ſeinen Beinen halten. Ter⸗ val ſchenkte ihm nun noch einmal ein, und hatte heimlich von ſeinem Pulver mit hin⸗ ein gethan. Dieſes Glas mußte nun vie fuͤr mich gewuͤnſchte Wirkung hervorbringen. Terval wuͤnſchte uns nun gluͤckliche Reiſe, und verließ uns, nachdem er mir bruͤderlich die Haͤnde gedruͤckt hatte, um ſich nach Viry zu begeben, Gluͤckliche, o tauſendmal gluckliche Zu⸗ ſammenkunft! Mein Freund, mein theurer Herbelin, ich hoffe dich noch wieder zu ſes hen. Meine Celiane, ich kann aus dem Munde meines Droͤſters hoͤren, daß du noch exiſtireſt, und zwar fuͤr Dorbeuiln. Dieſe angenehmen Betrachtungen machte ich im Wagen, deſſen Hin⸗und Herſchwenken mei⸗ nen Argus zum tiefſten Schlaf einlud. Er wehrte ſich zwar lange dagegen, indem er immer viel Taback ſchnupfte, den er mir auch immer anbot; denn ich ſtellte mich ſelbſt ſchlaͤfrig. Es waͤhrte aber nicht lange, ſo hoͤrte ich ihn ſchnarchen. Dieß war das 12 ——— ———————————— 2 —— — 178— Beichen meiner Befreyung. Ich ſprang am Fuß eines langen und ſteilen Berges, kurz nachdem der Kutſcher ſelbſt heruntergeſtie⸗ gen war, aus dem Wagen. Der Kutſcher unterhielt ſich mit einem Kameraden, den er zu Ris eingenommen hatte. Sie gien⸗ gen zuſammen unter dem Schatten der Baͤu⸗ me fort, und da die Binſenmatten auf die⸗ ſer Seite herunter gelaſſen waren, ſo konn⸗ ten ſie beym Hinaufſteigen auf den Wagen nicht gewahr werden, ob ich darinnen waͤre oder nicht. Dieſe Betrachtungen beruhigten mich. Ich nahm alſo nur einen geſchwinden Schritt an, indem ich es nicht wagte, zu lau⸗ fen, aus Furcht, mich verdaͤchtig zu machen. Endlich ſahe ich mich nach einem forcirten Marſche um, und wurde nichts mehr vom Wagen gewahr. Ich hatte mich von der Straſſe entfernt und konnte nicht mehr be⸗ merkt werden. Nun hielt ich inne, warf mich auf meine Knie, hob die Haͤnde zum Himmel empor, und richtete zum Beſchuͤtzer und Erretter der Ungluͤcklichen folgendes Ge⸗ bet, das von der Waͤrme, mit der es geſpro⸗ chen wurde, noch mehr Leben bekam. „Mein Gott und Vater! nimm mei⸗ nen aufrichtigſten Dank Fuͤr das koſtbarſte Geſchent, fur die Freiheit, die mir deine Al⸗ lei de ſe ——— i macht geſchenket hat. Ach! um derſelben vor tun deinen Augen wuͤrdig zu ſeyn, du unerſchöpf⸗ geſi liche Quelle der Guͤtigkeit, ſo ſchwoͤre ich je⸗ tſher derzeit gegen meine Nebenmenſchen wohl⸗ 6 thaͤtig zu ſeyn, und den Unterdruckten bey⸗ gien⸗ zuſtehen, ſollte ich auch ſelbſt das Dpfer der 3 Unterdruͤcker werden. Päl⸗ f di Waͤhrend daß ich ſo meine Stimme zum konn⸗ Himmel erhob, verbreitete ſich eine auſſer⸗ bagen ordentliche Ruhe uͤber meine Seele, und ich ⸗ war voller Zutrauen gegen die Vorſehung. igten . Ich ſtand nun auf, und richtete meine l SSchritte nach dem kleinen Dorfe Viry. Ich chen. ließ mir in dem daſigen Wirthshauſe einige rirten Erfriſchungen geben, die ich ſehr noͤthig on hatte, denn ich war vor Schweiß ganz ab⸗ n de gemattet. Ich waͤre gern zu Tervals Freun⸗ hrb de gegangen; aber ich erinnerte mich wei⸗ wrf ter nichts an ihn, als daß er mit Holze han⸗ ezun delte. Ich ließ mir vom Wirthe Dinte und ite Feder geben, und ſchrieb an Herbelinen ein 6 Billet von folgendem Innhalte. eſprb⸗ Ich bitte Sie, ſich allein, ganz al⸗ lein um 10 Uhr Abends an ihre Hausthuͤre zu begeben.“ Dieſes war die Stunde, zu der die Domeſtiken zu Abend ſpeißten. Die⸗ ſuſt es war die geſchickteſte dazu, und da konnte 5 1* ich hineinkommen, ohne von jemand geſehen zu werden. Ich hatte es nicht einmal no⸗ thig zu unterſchreiben: Er kannte meine Handſchrift. Ich machte auch keine Addreſſe darauf, indem ich denjenigen, fuͤr den es war, nicht in Gefahr bringen wollte, wenn es verlohren gienge; und wollte alſo nur dem Uueberbringer ſagen, wohin er es zu bringen haͤtte. Da ich dieſe Maaßregeln ge⸗ nommen hatte, uͤberließ ich mich ruhigen und troͤſtlichen Gedanken. Ich ſtellte mir vor, daß ich in kurzen, ohne Zwang mit meiner Celiane leben, mich mit meinen Herzens⸗ freunden vereinigen und mein Gluͤck mit ih⸗ nen theilen koͤnnte. Ich dachte an Tervaln, an die Erkenntlichkeit, die ich ihm ſchuldig waͤre, und auf die Mittel, mich bey ihm nach MWuͤrden abzufinden. Konnte ich aber das? Ich haͤtte ihm zwey ſo wahre, ſo ergebene Freunde verſchaffen muͤſſen, als Herbelin und ſeine Frau waren. Ich haͤtte ihm eine Frau verſchaffen muͤſſen, die er liebte, und von der er wieder geliebt wuͤrde, die meiner Celiane gliche. Ich haͤtte ihm alſo zu ſeiner Freiheit helfen ſollen, und zwar, in welcher Lage ſollte das geſchehen? in der, in welcher ich mich befand? Ach! dieſes waren pure Unmoͤglichkeiten und ich war dazu verdammt, immer undankbar gegen ihn zu bleiben. — ſehen Ich dachte auch an den Ungluͤcklichen, ln⸗ der in dem unterirdiſchen Gewoͤlbe in Her⸗ weime belins Garten verborgen war; denn unge⸗ breſe achtet aller unſrer ſchonen Auslegungen von n es der Sache, verfolgte mich der Gedanke doch wenn immer: daß ein Menſch daſelbſt ſeufzete. o nur Nun fiel mir ploͤtzlich der Gedanke ein, dich es zu erwartet das nehmliche Schickſal. Ach wenn ln ge⸗ ich bey ihm waͤre, wie wollten wir uns ein⸗ en und ander troͤſten. Nun fiel mir auch mein ein⸗ t vor, geſchlafener Waͤchter ein. Was wird man meiner mit ihm machen? ſagte ich zu mir ſelbſt, rzens⸗ wenn er mit dem Kutſcher in Paris an⸗ nit ih⸗ kommt? Wird man ihn in ſeine Wohnung baln, fuͤhren? Phne Zweifel. Man wird glauben, chuldig er habe die Schlafſucht. Aber daß er ſeinen n nach Reiſegefaͤhrten, weswegen er iſt geſchickt wor⸗ das! den, hat entfliehen laſſen? Nun wird er vor geben den Revolutionsausſchuß gefordert werden. erbelu Er hat zu viel getrunken; ſeine wuͤrdigen nein Kollegen, die in der Kunſt zu trinken gewiß e, un nicht unerfahren ſind, werden ganz ſachte be⸗ mein kennen muͤſſen, er muͤſſe ſich toll und voll ge⸗ ſein ſoffen haben, daß er ſeine Beute habe ent⸗ welh wiſchen laſſen. Er wird zu Bette gebracht, welih und ein anderes, wenn es möglich iſt, nuͤch⸗ terneres Mitglied wird ernannt werden, mich in Verhaft zu nehmen. An dem Ort, wo man mich das erſtemal geholt hat, wird man — 182— mich gewiß nicht wieder ſuchen, und wenn ich dahin zuruͤck kehre, ſo fuͤhre ich gewiß meine Nachforſcher irre. Dieſe ſchmeichelhafte Muthmaſſungen entzuͤckten mich. Ob ſie eintreffen wuͤrden, e das wußte ich nicht. ſe gel det gri wi ¹ 4 Zwoͤlfter Abſchnitt. Er wird von Herbelins Gärtner in die unterirdiſche Höhle in Herbelins Garten, ohne daß er zuvor etwas davon wußte, gelaſſen. In derſelben findet er einen geweſenen Adelichen, Ramens Lisbel, der dem Revolutionsausſchuſſe mit Mühe entgangen war. —— Jo hatte bey meinem Wirthe in Viry eine ſehr gute Mittagsmalzeit mit Milch und Kaͤſe gehalten, welcher leztere daſelbſt von beſon⸗ derer Guͤte iſt, und den er nur durch das groͤßte Ungefaͤhr erhalten hatte; denn Sie wiſſen, daß damals die Worte: verdaͤchtig, Maximum, und Requiſition den bequem⸗ ſten Vorwand gewaͤhrten, die Eigenthuͤmer zu verhaften, nieder zu machen, und zu be⸗ rauben, und zwar alles im Namen des Ge⸗ ſetzes. Ich naͤherte mich nun Corbeuil und legte mich auf dem freyen Felde auf einen Raſen⸗ plaz nieder, um zu ruhen. Ich ſchlief ein, aber nicht auf eine ſo lange Zeit, wie mein Fuͤhrer: denn ich befand mich Abends 4 auf 10 Uhr an Herbelins Hauſe, der mich gar nicht erwartete. Ich wurde ein kleines Maͤd⸗ chen gewahr, und rufte es. Sie kam, und ich bat ſie, das Billet, das ich ihr gab, im erſten Thorwege, den ich ihr vom Weiten zeigte, abzugeben. Sie wollte es beſor⸗ gen; aber unter der Bedingung, daß ich ihr ſo viel gaͤbe, daß ſie ſich einen Kuchen da⸗ fuͤr kaufen koͤnnte. Der Handel wurde ge⸗ ſchloſſen. Sie lief hin und brachte mir die Antwort zuruͤck, die ſie bekommen haͤtte, nem⸗ lich: Es waͤre ſchon gut,“ und lief mit dem Aſſignat, das ich ihr gegeben hatte, fort, ohne weiter auf mich hoͤren zu wollen. Mit dieſer Kommiſſion war gerade eine Viertelſtunde ver⸗ gangen, und es wollte eben 10 Uhr ſchlagen. Ich wartete auf dieſe Stunde mit der groß⸗ ten Ungeduld, da ich immer befuͤechtete, es moͤchte ein Satelit des Ausſchuſſes mich erken⸗ nen und in Verhaft nehmen. Endlich ſchlug es. Aber Gott! wie groß war mein Schre⸗ cken, da ſich ſtatt Herbelins ein ſchlecht geklei⸗ deter Mann an der Thuͤre zeigte. Ich hielt mich fuͤr verrathen und glaubte, daß ich nun meinen Feinden ausgeliefert werden ſollte. Ich lief alſo, und dieſer Unbekannte verfolgte mich. Er war ſehr geſchwind; aber ich war doch immer voraus. Ich lief am Ausgange der Gaſſe in einen lengen Fahrweg hinein. Er verließ wich nicht, ſondern wurde immer 185— geſchwinder, und rief mir immer zu, ich ſollte ſtehen bleiben. Ich achtete nicht dar⸗ auf, und er haͤtte mich nicht eingeholt, wenn ich nicht im Finſtern uͤber einen Stein, der im Wege lag, gefallen waͤre. Dieſen Umſtand benuzte er, um ſich mit Heftigkeit auf mich zu werfen, und mich am Arm feſt zu halten. Ich wehrte mich tapfer, kam wieder zum Aufſtehen, und waͤre ihm beynahe entwiſcht, wenn er mich nicht von neuem gepakt, und meine Bemuͤhungen fruchtlos gemacht haͤtte. Ich bin verlohren! ich ſehe ſchon den Tod vor mir! wie groß war aber mein Irrthum. Dieſer Fall war mein Gluͤck, ohne denſelben haͤtte er mich nicht erreicht, und ich haͤtte nie gewußt, daß dieſer Mann, der mich verfolgte, und den ich vor Furcht nicht gekannt hatte, Herbelins Gaͤrtner waͤre. Er ſagte mir fle⸗ hend, ich ſollte nichts fuͤrchten, er waͤre Carl und waͤre jederzeit bereit, mir gegen diejeni⸗ gen beyzuſtehen, die es wagen wuͤrden, mich in Verhaft zu nehmen. Ich dankte ihm fuͤr ſeine gute Geſinnung, und fragte ihn hier⸗ auf: wie er mein Billet bekommen haͤtte? Er antwortete, ich will es Ihnen dieſe Nacht ſa⸗ gen. Jezt wollen wir geſchwind durch die kleine Gartenthuͤre zuruͤck gehen. Wir wer⸗ den gleich da ſeyn, ohne daß Sie Jemand gewahr werden wird. Er machte die Thuͤre — 196— auf und fuͤhrte mich in den Brunnen. Nun ſagte er zu mir: Setzen Sie ſich auf dieſen Seſſel, halten Sie ſich an das Seil, und wenn ich Ihnen ein Zeichen geben werde, ruffen Sie mir: machen Sie auf, Karl iſt da. Ich that alles was er mir vorſchrieb; ich ſahe einen Stein ausheben, und bey dem blaſſen Schein einer Lampe einen Menſchen, der mich mit vieler Zuneigung aufnahm. Der Gärtner begab ſich hinweg und ich hatte Zeit genug, mich mit meinem Gefaͤhrten des Un⸗ gluͤcks zu unterhalten. Er nannte ſich Lis⸗ bel, und war ein ſechszigjaͤhriger Alter, deſ⸗ ſen ſchoͤnes Haupt mit weiſſen Haaren be⸗ deckt war, die in Locken auf die Schultern rollten. Seine ganze Geſtalt, ſo wie ſein Ton und ſeine Geſpraͤche zeigten von einem freyen offenen Weſen. Er hatte noch eine muntre jugendliche Miene. Bey Erzaͤhlung ſeiner Ungluͤcksfaͤlle ließ er keinen Stolz bli⸗ cken. Sein Reichthuͤmer, das Erbtheil von ſeinen Vorfahren, war die einzige Veranlaſ⸗ ſung zu demſelben. Undankbare nemlich, die er ſich ſehr verbunden gemacht hatte, hatten ihn meiſtens darum gebracht. Er hatte nun zu Blois, ſeiner Geburtsſtadt, einen kleinen Handel angefangen, war aber auch genoͤthigt, diefe Stadt zu verlaſſen, um vor ſeinen Fein⸗ den zu fliehen, die ihn als verdaͤchtig ange⸗ — 187— klagt hatten, weil er von Adel war. Zwey Maͤnner indeß, denen er immer geholfen hatte, hatten ſich bey ſeinem Ungluͤck mitleidig be⸗ wieſen. Einer nannte ſich Bourret, und war ein Mitglied des Revolutionsausſchuſ⸗ ſes in Corbeuil,*) der andre war der ſo ſchaͤtzenswerthe Karl. Dem erſten hatte er immer viel Geld geſchenkt, und fuͤr Karls Erziehung hatte er geſorgt, indem er ihn in der Botanik und Feldwirthſchaft unterrich⸗ ten laſſen, und ihn in den botaniſchen Gar⸗ ten nach Paris gebracht hatte, ob es gleich ſehr ſchwer hielt, in demſelben Arbeit zu be⸗ kommen. Bourret und Karl hatten, waͤhrend daß ihr Wohlthaͤter in dem Hauſe verſteckt war, die bewußte unterirdiſche Hoͤhle gegraben. Ich hatte mit dieſem ehrwuͤrdigen Alten ſehr unterhaltende Geſpraͤche, aus welchen allen die Liebe, die er fuͤr ſeinen Nebenmen⸗ ſchen hegte, hervorleuchtete. Er konnte nicht einmal die Boͤſen verabſcheuen. Wenn ein Menſch Boͤſes thut, ſagte er mir, ſo liebt er *) Ein Apotheker dieſes Namens, im Bezirk von Montblank übte in dem nemlichen Amte, denn er ſaß auch mit im Ausſchuſſe des Bezirks, eben ſo viel Menſchlichkeit aus: Einer der talentvollſten Gelehrten hat ihn dem Publikum bekannt gemacht. — —— — —— 198 es nicht, ſondern er hat nur ſchlechte Anſchlaͤge gemacht. Die Stunde war gekommen, wo ihn KHarl im Garten herum ſpazieren ließ. Der Buͤrger Lisbel ſagte zu mir:“Siehe, Karl giebt das Zeichen, er will uns in Freiheit ſetzen.“ Er war es in der That. Wir ſchoben den Stein weg, ſezten uns einer nach dem an⸗ dern auf den Seſſel, hielten uns an das Seil, und lieſſen uns ſo hinauf ziehen. Was fuͤr ein Vergnuͤgen machte es uns nicht, die freye Luft einathmen zu koͤnnen, ſo feucht ſie auch war. Ich hatte eine ſo an⸗ genehme Empfindung davon, als ich mich noch nicht in meinem Leben eine gehabt zu haben entſinne. Man kann gewiß mit Recht glauben, daß einmal ein Miſſethaͤter, der zum Schaffot gefuͤhrt wurde, nachdem er lange in einem unterirdiſchen Kerker geſchmachtet hatte, ausgeruffen habe: Wie ſuͤß iſt es, eine gute Luft ſchopfen zu knnen, und er wußte doch, daß ihn jeder Schritt naͤher zum Tode braͤchte. Karl unterhielt ſich bald mit Lisbeln, bald mit mir. Die gute Denkungsart dieſes b aren Mannes(Karlo) ruͤhrte mich ſehr. Er vatte mir die Erzaͤhlung von dem, was in Herbelins Hauſe ſeit meiner Verhaftung vor⸗ e ige gefallen, verſprochen, und nun erfuͤllte er die⸗ ſes Verſprechen mit folgenden Worten: »Gleich nach Ihrer Verhaftung hatte mich der Buͤrger Herbelin nach Eſſone ge⸗ ſchickt, um einen Wagen daſelbſt nach Pa⸗ ris zu miethen, hernach ſollte ich mich wie⸗ der bey ihm einfinden. Ich beſorgte dieſen Auftrag, und begab mich alsdann wieder zu ihm. Ich bitte zu bemerken, daß die Buͤrge⸗ rin Herbelin unterdeſſen die Magd entfernt hatte. Wir waren daher alleine. Nun fieng Herbelin auf einmal an, ich ſollte nur die Wahrheit ſagen. Dieſes war mir auffallend, ich hatte ſie doch niemals verheelt. Er nahm mein Erſtaunen fuͤr Unruhe an, und ich war auch unruhig dabey. Ich fuͤrchtete, er moͤchte mich uͤber meinen Gefangenen fragen, und alles rechtfertigte meine Furcht. Ich konnte nun nicht mehr daran zweifeln, da er ſich ſo herausließ: ich habe in der Strohhuͤtte im Garten eine Vertiefung gefunden, und ich haͤtte dieſelbe genauer unterſuchen koͤn⸗ nen; denn ſie machte mir nicht wenig Un⸗ ruhe. Doch unterließ ich es aus Furcht, dem Ungluͤcklichen, der darunter verborgen lag, truͤbe Stunden zu verurſachen. Nun⸗ mehro wende ich mich an dich, um zu er⸗ fahren, ob meine Muthmaſſungen gegruͤndet ſind. Werde daruͤber nicht unruhig, du kennſt mich, wie ich denke, und glaube nur, daß mein ganzes Beſtreben dahin geht, denjeni⸗ gen, der daſelbſt als ein Opfer der Unterdruͤ⸗ ckung ſchmachtet, zu verbinden. Er drang ſo lebhaft in mich, zeigte ſo viel Treue und Glauben, und ſeine Frau unterſtuͤzte ihn da⸗ bey ſo ſehr, daß ich ihm mein Geheimniß nicht laͤnger vorenthalten konnte. Er fuhr fort, iſt denn dieſes unterirdiſche Gemach ein wenig geraͤumlich? Koͤnnen nicht zwo Perſo⸗ nen darinnen leben?— Ja, mein lieber Karl, ſchlaͤgſt du mirs denn ab, Dorbeuiln, meinen Freund, der verhaftet worden, auch mit hinein zu nehmen, wenn ich ſo glucklich bin, ihm aus dem Gefaͤngniße zu helfen,— Ach ſehr gerne, ſehr gerne, antwortete ich mit vielem Eifer.— Ich ſage weiter nichts, Karl, als es ſoll dich nicht gereuen. Ich rechne auf dich. Er gab mir die Hand, und ich mußte ihm meine reichen, die er mir mit Thraͤnen in den Augen druͤckte. Die Buͤr⸗ gerin Herbelin weinte auch, da ſie, wie ihr Mann, die ſuͤſſe Hofnung faßte, Sie frey machen zu foͤnnen. Um 9 Uhr ſezte er ſich mit ſeiner Frau auf den Wagen, um nach Paris zu fahren. Er befahl mir unterdeſſen alle Briefe, die an ihn kaͤmen, aufzumachen, und ſie ihm hernach zuzuſchicken. Auſſer⸗ iſ Fl A pa wee unſt daß eni⸗ duü⸗ ang und — 791— dem hätte ich es nicht gewagt, Ihren Brief zu oͤfnen. Nach ſeiner Abreiſe beſuchte ich meinen Freund Bourret, der krank war. Er ſagte mir, daß da Gercour einen Expreſſen an den Revolutivnsausſchuß Ihres Bezirks ge⸗ ſendet und Ihren Aufenthalt angegeben haͤtte; ſo habe jener einen aus ſeiner Mitte abge⸗ ſchickt, um Sie in Verhaft zu nehmen.“ Wie, mein lieber Karl, fuhr ich auf, iſt es moͤglich, daß Gercour mein Angeber iſt, Gercour? Er, der ohne mich in den Flammen umgekommen ſeyn wuͤrde? Er?— Aber darf ich mich daruͤber wundern?——— Ich kann nicht weiter reden. So viel Un⸗ dankbarkeit iſt mir unbegreiflich. Nach ei⸗ ner Pauſe fuͤgte ich hinzu: ſage mir doch, mein lieber Karl, was iſt aus dieſem grau⸗ ſamen Manne geworden? Hat er mein Un⸗ gluͤck aufs hoͤchſte getrieben, hat er mir meine Celiane genommen?— Nein, Sie haben nichts zu fuͤrchten, und ſo lange er ſich vor Ihren Nachſtellungen ſicher glaubt, wie er es gegenwaͤrtig thut, wird ſie bey ihm blei⸗ ben. Ich bat Karln, an Herbelinen zu ſchrei— ben, und ihn, unter tem Vorwand einer Re⸗ paratur oder Verſchwörung am Garten, zu be⸗ wegen, nach Corbeuil zuruͤck zu kehren. Er erfuͤllte ſogleich meine Bitte. — 192— Dreyzehnter Abſchnitt. Er vertreibt ſich in ſeinem unterirdiſchen Gemach die Zeit mit Leſen. Das Buch fällt ihm oft vor Wemuth aus den Händen, wenn er en ſeine Celiane denkt. Lisbel ſpricht ihm Troſt zu. Nun wird mit dem Bürger Her⸗ belin verabredet, ſie wollen berkleidet nach Tours ent⸗ Kiehen. Terval, der mitreißt, beſorgt alles. Dorheuil verkleidet ſich als ein Frauenzimmer. Im Serkottiſchen Walde werden ſie von Straſſenräubern angefallen. Sie erſchoſſen einige derſelben, und kamen glücklich durch. Nur der Poſtillion wird gefährlich verwundet. Gercour, der vor ihnen hingereißt war, war von dieſen Räubern ermordet worden. Die Tage waͤhren einem ſehr lang, wenn man eingeſperrt iſt, und ſeinem Mitgefange⸗ nen die Unglücksfaͤlle, die einem begegnet ſind, erzaͤhlt hat. Daher nahm ich, um ſie zu ver⸗ flucht zur Lektuͤre, welche mir von keinem geringen Nutzen war. Die Meiſterſtuͤcke der dramatiſchen Dichtkunſt, die einen ſo ſchoͤnen Freiheitsſinn athmen, Brutus, Cajus, Gracchus, Virginie*) und ——————————— *) Der unglückliche P***, der in der Blüte ſeiner Jahre unter dem Beil der Zehnmänner ſiel, hat mich verſi⸗ chert, ql Zeit th aut Lisbel er her⸗ rä ent⸗ orheuil niſchen n. Eie durch. ereout, iubern wehn fange ſind⸗ n ver⸗ welcht Di ttunf hmel nie“ un ner Jhl ſich und dergl. machten einen maͤchtigen Eindruck auf meine Seele, und lieſſen mich die Ty⸗ rannen, und alle Arten von Tyranney noch mehr verabſcheuen. Unterdeſſen verbitterten ſie mir meine Lage, und ich nahm daher mei⸗ ne Zuflucht zu ſanftern und zum Vergnuͤgen geſchriebenen Schriften. Aber dein Anden⸗ ken, meine Celiane! ſtuͤrzte mich in eine ſchmerzhafte und ſehnſuchtsvolle Melancholie, und das Buch fiel mir oft aus der Hand. Die Zeit verfloß, und Herbelin kam nicht. Ich war aber weit davon entfernt, ihm die Schuld davon beyzumeſſen, oder auch nur einen Verdacht auf ihn zu werfen. Ich kannte meinen Freund zu gut. Terval fiel mir von Zeit zu Zeit ein. Ich haͤtte ihm noch eine Stelle in der Hoͤhle, wo ich war, einraͤumen wollen. Ich fuͤrchtete immer, daß ich naͤchſtens ſeine Verhaftung vernehmen wuͤrde. chert, daß er während der erhabenen Seene zwiſchen Appius und Julius Robespierren voller Angſt geſehen; dann habe er die Hände vors Geſicht gehalten, damit man ihm die Zuckungen, die ſie ihm verurſachte, nicht anſehen fönnte, und endlich habe er ſich bey dem Vers: * Und wenn du auf die elendeſte Weiſe umkommſt, ſo wird dich Niemand beklagen,* der ihn vollends zu Boden ſchlug, voller Schrecken eilends wegbegeben⸗ 13 — ——— ———— — — —— — 194— Daſich einſtens ganz daruͤber verzweifelte, daß ich von meiner Celiane getrennt waͤre, und meine Exiſtenz verwuͤnſchte, ſo brachte mich Lis⸗ bel durch ſeine freundſchaftlichen Reden wieder zur Vernunft zuruck, und fioͤßte mir neue Hof⸗ nung ein. Er war mir nun eine unverſiegende Quelle von Troͤſtungen. Er zeigte mir, daß die Tugend zu allen Zeiten verfolgt worden waͤre, und ihr Haupt immer wieder trium⸗ phirend empor gehoben haͤtte. Er gab mir den ſuͤſſeſten Namen, den er finden konnte, und nannte mich ſeinen Sohn; ich nannte ihn meinen Vater, und verehrte ihn auch ſo. Wir weinten manchmal zuſammen, und wenn ſich ſeine Thraͤnen mit den Meinigen ver⸗ miſchten; ſo fuͤhlte ich mich ruhig, und ziem⸗ lich gluͤcklich. Ich befand mich in dieſer gůn⸗ ſtigen Gemuͤthsſtellung, als Karl meine Freu⸗ de noch vermehrte, indem er mir ein Billet von Herbelinen einhaͤndigte. Er benachrich⸗ tigte mich darinnen, daß ſeine beiden Agen⸗ ten bey Gercourn ihm gemeldet haͤtten, er mache Anſtalten zu einer Reiſe, und habe ſich ſchon einen Paß nach Tours ſchreiben laſ⸗ ſen. Er ſchrieb mir auch, daß der Buͤrger Mercier, den er zuvor nicht gekannt, bey ihm geweſen, und ihm ein Billet aus Viry datirt und von Terval geſchrieben, zugeſtellt, und ihn gebeten habe, alles Zutrauen zu dem 0 Kifelte re, und ich kis⸗ wieder e Hoſ⸗ egende r, daß worden trihm⸗ ab mit konnte, nte ihn uch ſi dwen n ve⸗ d zien er gin e Frel Bille ten, e d hi ben la Freunde zu haben, von dem er dieſes erhiel⸗ te. Das Geſpraͤch, das ſich der Buͤrger Mer⸗ cier ausgebeten, ſey dahin ausgelaufen, ich ſollte mir unter einem falſchen Namen einen falſchen Paß geben laſſen, und er wollte mir einen Platz auf einer Poſtkutſche, die nach Tours gienge, und mit der Terval ſelbſt fah⸗ ren wollte, ausmachen, in welcher Stadt ich gewiß vor allen Nachſtellungen ſicher ſeyn und die reizende Celiane, die in einigen Ta⸗ gen mit ihrem Dheim dahin gienge, wieder finden wuͤrde. In dieſem Briefe hieß es fer⸗ ner, Herbelin wollte noch den nehmlichen Abend zu Corbeuil ſeyn, und in ver bevor⸗ ſtehenden Nacht wollen wir alles mit einan⸗ der verabreden. Ich las voller Begierde und zwar mehr als einmal dieſe mir ſo theuren Zeilen von der Hand meines Freundes. Nur eines that mir dabey leid, nehmlich daß ich ſahe, daß ich aus dem Irrthum, in dem ſich Terval in Abſicht der Liebe zu meiner Celianen be⸗ fand, Nutzen zog, und von meinem Neben⸗ buhler Gunſibezeugungen erhielt, um ihn zu unterdruͤcken. Aber wird er geliebt? ſag⸗ te ich zu mir ſelbſt. Nein; nun wohlan! ich nehme ihm weiter nichts als die Gewiß⸗ heit daruͤber, es nicht zu ſeyn, und gehoͤrt ——— —————— mir denn nicht Celiane ohnedem? Iſt ſie nicht meine Frau? Kann ſich Terval noch einige Hofnung machen? nein. Aber, warum habe ich es ihm verheelt? warum habe ich ihn nicht eher, als er ſeinem Nebenbuhler dien⸗ te, davon unterrichtet? Die Stunde zu unſerm Spatziergange ſchlug. Der Buͤrger Lisbel ſowohl als ich machte ſich dieſelbe zu Nutze. Wie viel Vergnuͤgen wartete nicht jezt auf mich! Ich bekam meinen theuren Herbelin zu ſprechen. Aus Begierde, alles zu wiſſen, that ich ihm wohl hunderterley Fragen, und er beantwor⸗ tete ſie mir alle. Ich war erſtaunt, ſich al⸗ les nach meinen Wuͤnſchen fuͤgen zu ſehen; und dieſes noch dazu, ohne die geringſte Muͤ⸗ he dabey zu haben, waͤhrend daß Terval, der nun bereit war, mich zu verbinden, al⸗ les uͤber ſich genommen hatte, und ihm auch alles glucklich von ſtatten gieng. Du wirſt dich bald aufhoͤren zu wun⸗ dern, antwortete mir Herbelin, wenn ich dir ſage, daß der Buͤrger Mercier, Ter⸗ vals Freund, ein Holzhaͤndler zu Viry ſelbſt bey Gercourn geweſen; ferner, daß er mit Tervaln, von ſeinem Vertaͤufer und von Ce⸗ lianen geredet, wenn ich dir ſage, daß Mer⸗ cier, um das Holz von Gercourn holen zu e nicht laſſen, einen Paſſirzettel von der daſigen Mu⸗ einig nicipalitaͤt noͤthig gehabt, bey welcher Gele⸗ nhebe genheit er denn ſahe, daß dieſer leztere ſich h ih einen Paß nach Tours geben ließ, wenn ich dir ſage, daß Terval, der einige Bekannt⸗ ſchaft daſelbſt hat, mit einem falſchen Paß verſehen, den ich Mercier*) zu verſchaffen tu gewußt hatte, auch dahin zu reiſen wunſcht, as it und daß, da er dich aus den Klauen des dien⸗ Revolutionsausſchuſſes, in die er dich mit ge⸗ ſtuͤrzt hat, befreyen will, er dir vorgeſchla⸗ rchen gen hat, ihm nach Tours zu folgen. Ja, ch ihn ja, antwortete ich, ich werde ihm dahin fol⸗ utwot gen. Ich weiß, daß ich mich vielen Gefah⸗ ſich ren ausſetze, aber nichts, nichts kann mich ſee von meiner Freundin entfernen. Doch was te Mi ſag ich? Alles weiſſagt mir eine angenehme Terba und wenig gefaͤhrliche Reiſe. Ich bin we⸗ en, i nig bekannt.— Ja, das biſt du, verſezte au Herbelin, aber wird der Streich, den du Gaudonen geſpielt haſt, nicht Rache ſchreyen? Werden die grauſamen Menſchen, die du ſo U wuh hintergangen haſt, es dir verzeihen koͤnnen?— J y ſelb*) Dieſer Bürger hatte ihn vom Miniſter des Innern er erhalten, der, wie man weiß, unaufhörlich und auf von 6 tauſenderley Urt, ſelbſt mit Gefahr ſeines Lebens, den 6 Me durch den bittern Haß der wilden Tyrannen dieſer olen unglücklichen Zeit verfolgten Bürgern gedient hat⸗ „— Mag es ſeyn, ich trotze ihnen; gieb mir, mein lieber Herbelin, nur den Paß, der mich aus meiner Gefangenſchaft befreyen wird.— Um dich vielleicht in eine noch grauſamere zu ſtuͤrzen— Ja, vielleicht, aber ich erwarte dieſe Gefaͤlligkeit von meinem Freunde. Er gab mir endlich den Paß, und ich ſprang vor Freuden in die Hoͤhe. Ich empfehle dir, fuͤgte ich hinzu, dieſen ehrwuͤrdigen Alten, mein lieber Herbelin.— Ich wundere mich, antwortete er, uͤber dich Dorbeuil, glaubſt du denn nicht, daß ich deine Gefahren mit dir theilen werde? Da irrſt du dich; ich reiſe mit dir. Meine Frau iſt auch entſchloſſen, uns zu begleiten. Wir haben ſchon lange einmal gewuͤnſcht, unſere Freunde zu beſuchen, und jezt haben wir eine ſo ſchoͤne Gelegenheit dazu. Hier ſind unſre Paͤſſe. Du wirſt nichts dagegen einzuwenden haben. Wenn wir uͤb⸗ rigens 4 Perſonen ſtark reiſen, ſo koͤnnen wir uns beſſer gegen die Raͤuber des Serkotti⸗ ſchen Waldes, durch den die Straſſe dahin geht, und deren Anzahl ſich von Tag zu Tage mehrt, vertheibigen. Ich habe meine Gen ehre ſchon in Stand geſezt, und ich kann dir auch mit welchen dienen. Wenn ich mich in dei⸗ nen Willen füge, und mich nicht gegen die⸗ ſelben wehre, ſo fuͤhle ich gewiß ihre ganze Macht, und es hilft mir immer nichts. Ich nt wrill alſo die Gefahren, die ſie dir bereiten, t nich mit dir theilen. Aber der Tag faͤngt ſchon ird.— an zu grauen. Man muß vorſichtig ſeyn. ſamete Lebe wohl. Wir umarmten uns, er verließ mich, wunz und der Buͤrger Lisbel und ich begaben uns wieder in unſer Gefaͤngniß. pfehle Aten, Die folgende Nacht brachte mir Herbe⸗ nich lin die Nachricht, daß er eine bequeme Poſt⸗ bſt du kutſche fur ſeine Frau, Tervaln, ihn und mich it dir gemiethet haͤtte; wir wuͤrden zwey Stun⸗ reiſe den nach Gercourn abreiſen, ſo daß wir uns oſſen, nicht weit von ihm entfernen wuͤrden, und lange die Stunde der Abfahrt waͤre auf den folgen⸗ chen, den Tag, Abends um 11 Uhr, feſtgeſezt. 7 Meine Verkleidung war ſchon fertig. n il⸗ Da ich nehmlich, vermoͤge meiner Geſtalt, mich nmir in ein Frauenzimmer verkleiden konnte, ſo olt⸗ machte ich davon Gebrauch. Herbelin ver⸗ bhin ſchafte mir die dazu nöthigen Kleidungsſtuͤcke, 66 und ſie ſtanden mir ſehr gut. Sie beſtanden nemlich in einem Schlumper von grauen Taf⸗ fet, und in einem weiſſen Strohhut mit gruͤn⸗ 4 roſenem Bande umwunden. Da dieſer nun 3 auf groſſe falſche Haarlocken geſezt wurde, ſo S machte er mich voͤllig unkenntlich. Eine feine 6 Taille, und eine kleiner Fuß, den ich oͤfters„ „ — 200— ſehen ließ, machten die Täuſchung vollkom⸗ men, und man brauchte ſich keine Gewalt an⸗ zuthun, mich die Buͤrgerin Darbonne zu nennen, als auf welchen Namen ich einen Paß bekommen hatte, und mich dafuͤr zu hal⸗ ten. Was Tervaln betrift, ſo war er in der Tracht eines Pachters ganz gut verkleidet. Herbelin und ſeine Frau hatten keine Ver⸗ kleidung noͤthig, es beunruhigte ſie Niemand. Wir reißten nun den folgenden Tag zu der beſtimmten Stunde ab. Der Buͤrger Lis⸗ bel gab uns einen Vrief nach Blois mit. Ehe wir ihn aber noch verlieſſen, hatten wir den Troſt, zu vernehmen, daß ſeine Feinde von Bourreten zum Schweigen gebracht waͤren, und daß er in kurzem in Blois ſeyn wuͤrde, wo wir uns vornahmen, ihn zu be⸗ ſuchen. Karls viele und treue Dienſte zu beloh⸗ nen war Geld nicht das rechte Mittel; dieſes haͤtte ſeine delikate Denkungsart beleidigt. Da er aber die Botanik liebte und ſchaͤzte, ſo ſchenkte ich ihm mehrere ſehr gute Werke in die⸗ ſer Wiſſenſchaft, als z. B. den Valmont de Bomare, Tournefort, Ljnnee, Juſſieu, La⸗ mark, und andre, und wir bezeugten ihm eine Theilnehmung, die ihn noch am meiſten char⸗ mirte. Mkon⸗ it an⸗ ne zu einen u hal⸗ n der leidet. nand. ag zu r Lis⸗ mit. n wit einde bracht ſehn z be⸗ heloh⸗ ieſes idigt. te, ſo n die⸗ nt de „be eine chu⸗ Nun reißten wir ab. Zuerſt uͤberlieſſen wir uns der frohen Empfindung, die uns die friſche Luft, die wir einathmeten, und der klare Himmel, unter dem wir uns befanden, und vorzuͤglich unſre Freiheit gewaͤhrte. Un⸗ ſre Verkleidung gab uns auch Veranlaſſung zu manchen Spaß; doch machten wir es ſo, daß die Poſtillione, die ſich uͤber unſer auf⸗ geraͤumtes Weſen freuten, und Theil daran nahmen, es nicht mertten. Sie waren weit davon entfernt, zu glauben, daß ſie zwey Perſonen bey ſich haͤtten, die, wenn ſie er⸗ kannt worden waͤren, wenigſtens als verdaͤch⸗ tige Perſonen arretirt worden waͤren. Ter⸗ val redete einmal einen von ihnen an und duzte ihn, um zu ſehen, ob er ihm ein glei⸗ ches thun wuͤrde; er that es aber nicht.— Aber, fiel Herbelin ein, dutzen Sie uns denn nicht?— Nun, wuͤrde ſich denn, antwortete der Poſtillion, dieſes ſchicken? muß man nicht uͤberall Subordination haben? Ich wuͤrde es nicht wohl leiden, wenn mein kleiner Junge ſeine Mutter oder mich duzte. Ein Sohn muß Reſpect vor ſeinem Vater haben, und uͤbrigens, wenn ich urſache habe, unzufrieden mit ihm zu ſeyn, ſo dutze ich ihn nicht, und das greift ihn ſehr an, er ſieht, daß ich ihm meine Freundſchaft vor der Zeit entziehe.— Aber es dutzen ſich doch ſo viele Leute und ———— —— —— — 8 ————— —— — 2 wollen auch geduzt ſeyn.— Sie machen es eben ſo, wie ſie es verſtehen. Was mich be⸗ trift ich dutze Niemand als meine Frau, mein Kind und meinen Freund. Wie nun, wenn Jemand Ihre Frau dutzen wollte?— Der wuͤrde bey mir gekauft haben, ich will nicht, daß man meine Frau wie einen Hund behandle. Der gute Verſtand dieſes Man⸗ nes machte uns Vergnuͤgen. Die Frage: ſoll man, oder ſoll man nicht Jedermann ohne Unterſchied dutzen? beſchaͤftigte uns lange Zeit, und wir wurden endlich daruͤber einig, daß der Grundſatz eines allgemeinen Dutzens in unſrer Sprache den Meiſterſtuͤ⸗ cken, womit ſich dieſelbe bereichert haͤtte, den guten Sitten, und uͤberhaupt dem Wohl der Geſellſchaft ſehr nachtheilig werden wuͤrde. Eben jezt, da ich mit Ihnen rede, ſagte Dorbeuil zu mir, hat ein beruͤhmter Mann dieſe Neuerung in einer merkwuͤrdigen Si⸗ tzung des republikaniſchen Lyceums uͤber den Haufen geworfen. Der entzuͤckende Beifall und die Bewunderung, die ſeine Rede er⸗ hielt, wird ihn veranlaſſen, dieſelbe drucken zu laſſen.*) * Sie iſt im Journal der Normalſchule wirklich abge⸗ druckt. es be⸗ rau, un, will und an⸗ ge: nn uns bet nen den der gte nn Si⸗ den fall er⸗ en e Dorbeuil fuhr fort: wir ſind auf der ganzen Reiſe nicht im mindeſten angehalten worden, und wir reißten auch ſo, als wenn wir uns in der vollkommenſten Sicherheit be⸗ faͤnden. Da wir aus Drleans heraus waren, kamen wir in den Serkottiſchen Wald. Nun wendete ſich unſer neuer Poſtillion um, und fragte uns, ob wir auch hinlaͤnglich bewaf⸗ net waͤren.— Bis an die Zaͤhen, antwor⸗ tete Terval.— Das iſt gut, verſezte jener und klatſchte mit der Peikſche— Wir haben hier eine etwas warme Durchfahrt, fuhr er fort. Die Zeit her ſind faſt alle Tage meh⸗ rere Perſonen von 6 Reutern ermordet wor⸗ den, die aus einem unterirdiſchen Gang her⸗ vorkommen und auf die Reiſenden, mit dem Piſtole in der Hand, losgehen. Dieſe Nachricht war eben nicht aufhei⸗ ternd. Unterdeſſen bekamen wir Gercours Kutſche, die wir eine Zeitlang aus dem Ge⸗ ſichte verlohren hatten, wieder zu ſehen, und rechneten nun doch darauf, daß zwey Wagen voller Reiſenden dieſen 6 verkappten Boͤſe⸗ wichtern, mit denen man uns Angſt machte, einige Furcht einjagen wuͤrden. Der Mond, der ſich oͤfters hinter ſchwarzen Wolken verbarg, ſchien nur von Zeit zu Zeit, als wir in den Wald einfuhren. Wir baten nun den Poſtillion, ſich ſo nahe als moͤglich an die Kutſche zu halten, die vor uns herfuͤhre; ferner wollte Herbelin, damit wir nicht unverſehens uͤberfallen wuͤrden, hinten aufſteigen, aber Terval hinderte ihn daran, und nahm ſelbſt dieſe Stelle ein. Dieſe Vorkehrung war uns ſehr guͤnſtig. Denn kaum hatten wir unſte beiden Piſtolen mit doppelten Schuͤſſen zurecht gemacht, und auch dem Poſtillion einen Karabiner gelie⸗ hen, als Terval, der geſchwind vom Wagen herunter ſprang, uns zurief: Zu den Waffen! zu den Waffen! Wir ſtuͤrzten auch gleich aus dem Wagen, und liefen, um uns zwiſchen Gercours Chaiſe und den Raͤubern in Schlacht⸗ ordnung zu ſtellen. Dieſe ſaͤumten auch nicht ihre Piſtolen auf uns abzuſchießen; aber es fehlte uns nicht an Waffen und Muth, ih⸗ nen zu antworten. Wir thaten 8 Schuͤſſe, die ſo gut gerichtet waren, daß 3 Reuter nie⸗ derſtuͤrzten. Der eine von dieſen war ſo gut getroffen, daß er auf der Stelle ſeinen Geiſt aufgab. Der andre hatte das Bein ge⸗ brochen, indem ſein Pferd auf ihn gefallen war, und der dritte, der einen Schuß in die Bruſt bekommen hatte, ſtarb, nachdem er ſich auf der Straſſe herumgewaͤlzt und ganze Stroͤme Bluts ausgeſpieen hatte. hren. nohe e vor damit rden, ihn ein. inſtig. ſiolen und gelie⸗ zagen ffen! as ſchen lacht⸗ nicht er es ih⸗ nie⸗ r ſo inen nge⸗ allen ndie ſch onze — 205— Da wir nun Meiſter vom Schlachtfelde waren, ein Pferd erbeutet hatten, und eben unſern eignen Verluſt unterſuchen wollten, ſtellten die drey andern Reuter, die ſich ih⸗ rer Niederlage ſchaͤmen mochten, und viel⸗ leicht noch begiekiger nach Beute, als die er⸗ ſtern waren, das Treffen mit dem Saͤbel in der Hand wieder her, und zwar mit einer Schnelligkeit, die unſer Unglück geweſen waͤre, wenn wir nicht mit unſter leichten Artillerie ſo gut umzugehen gewußt haͤtten. Einer von denſelben wurde dießmal von Herbelins Frau verwundet. Sie hatte auf den Arm dieſes Lumpenkerls gezielt, und ihn gluͤcklich ent⸗ zwey geſchoſſen. Die andern beyden, die dieſes choquirte, machten nun linksum, ga⸗ ben ihren Pferden die Sporen, und ließen uns gehen. Ob wir nun gleich 4 von dieſen Moͤr⸗ dern getoͤbtet oder entwafnet hatten, ſp hat⸗ ten wir doch auch auf unſter Seite einige Bleſſuren bekommen. Terval hatte an der Schulter einen kleinen Hieb bekommen, die Wunde war aber nicht tief, und er machte uns keine Unruhe, denn er feyerte ſingend unſern Sieg. Herbelin bekl pute ſich ber ei⸗ nen heftigen Schmerz in der linken Hand. Unſer Poſtillion war am uͤbelſten weggekom⸗ — 206— men, denn da er durch ſeine lange und ſtarke Statur den Raͤubern fuͤrchterlicher als die uͤbrigen vorkam; ſo war er immer ihren Strei⸗ chen ausgeſezt geweſen, und hatte eine gefaͤhr⸗ liche Wunde am Knie. Ehe man noch daran dachte, alles ge⸗ horig zu unterſuchen, hatte mich ſchon die troſtloſeſte Furcht eingenommen, Gercour, der eine Kugel in den Backen bekommen, und in ſeinem Blute ſchwamm, war toͤdlich verwun⸗ det; und, meine Celiane— was war dein Schickſal? Du warſt in den Wagen zuruͤck⸗ gefallen und gabſt kein Zeichen des Lebens mehr von dir. Mit einer zitternden Hand hebe ich deinen kalten lebloſen Leib auf—— Sie iſt nicht mehr, rief ich aus. Meine Freunde antworteten auf meine Klagen nur mit Seufzern. Man unterſuchte ſie nun ſorgfaͤltiger und fand, daß ſie blos vor Schre⸗ cken in Ohnmacht gefallen und keine Be⸗ ſchaͤdigung an ihr wahrzunehmen war. Herbelin und ich trugen ſie in unſern Wagen, und in Gercours legte man den ver⸗ wundeten Poſtillion. Terval nahm ſeine Peit⸗ ſche, zog ſeine groſſe Stieffeln an, ſezte ſich auf deſſelben C Vele, und fuhr uns ſo geſchickt, als uns nur der Poſtillion hätte fahren koͤn⸗ nen. ſtarke 6 die Strei⸗ faͤhr⸗ es ge⸗ n die r, der ind in rwun⸗ dein urck ebens Hond f—— Meine nnut nun Schre⸗ e Ve unſert n vel⸗ ſe Peit zte ſih en tön Herbelin, der ein Pferd eines getoͤdte⸗ ten Raͤubers beſtieg, ritt immer neben und vor dem Wagen her, und war gleichſam un⸗ ſre Bebeckung gegen neue Angriffe. Bald plauderte er mit uns, bald muſte er uͤber Tervaln lachen, der ihm unſre Geſchichte mit Gercourn in den Eliſaiſchen Feldern er⸗ zaͤhlte, indem er ſie zu ſeinem Vortheil aus⸗ ſchmuͤckte. Unſer neuer Poſtillion unterbrach ſeine Erzaͤhlung bisweilen dadurch, daß er Celia⸗ nen einige Galanterien ſagte, die ſie ſowohl als ich, ihr armer Ehemann, ſchoͤn finden muſte, weil wir uns jezt in dieſen Verhaͤlt⸗ niſſen befanden. Wir konnten uns nicht ent⸗ halten uͤber die verſchiedenen Stellungen zu lachen, die er annahm, um ſeine Taille ſehen zu laſſen, ſo wie auch uͤber ſeine Einfaͤlle, wodurch er der Dame gefallen wollte, die nicht einmal darauf acht hatte. Sein fader Witz verſiegte gar nicht, und war uns um ſo läͤſtiger, da er mir die Ehre anthat, als wenn er eiferſuͤchtig auf mich waͤre. Endlich da der Weg anfieng ſchlecht zu werden, war er genoͤthiget, auf die Pferde Achtung zu geben, und alles, was er noch thun konnte, um ſich dafuͤr zu entſchaͤdigen, daß er der Celiane keine Schmeicheleyen mehr ſagen konnte, war — 208— dieſes, daß er ſie Herbelinen mit den ſchoͤn⸗ ſten Farben ſchilderte, der uns immer von der Seite anſahe, laͤchelte und uns Gluck wuͤnſchte, daß wir mit den ſchoͤnen Geſpra⸗ chen Tervals nicht mehr beſtuͤrmt wuͤrden. Wir wurden erſchrecklich geſchuͤttelt, aber wurden es, da unſre Gedanken mit ſo vieler⸗ ley Gegenſtaͤnden beſchaͤftigt waren, kaum gewahr. Da Celiane voͤllig zu ſich ſelbſt ge⸗ kommen war, uͤberhaͤufte ſie die Buͤrgerin Herbelin mit Freundſchaftsbezeugungen, um⸗ armte ſie oͤfters und erinnerte ſich mit vieler Dankbarkeit des Dienſtes, den jene ihr zu Cor⸗ beuil erwieſen. Tauſenderley andre Erinne⸗ rungen ſchwebten unſern Gemuͤthern vor und verſchoͤnerten unſer Geſpraͤch, das oft durch unſchuldige und ſanfte Liebkoſungen, die der durch Wolken verdunkelte Mond beguͤnſtigte, unterbrochen wurde. Was fuͤr ein Geheimniß vertraute mir meine Celiane an! wie ruͤhrte mich daſſelbe! Mein Herz kam in die lebhafteſte Bewegung. O meine Freundin! was bringſt du mir da fuͤr eine Nachricht! ſage mir das noch einmal, ſage mir es unaufhoͤrlich! Kannſt du mirs verſichern? D Gott, traͤgſt du ein Pfand von unſrer Liebe in deinem Schooſe. O meine angebetete Gattin!— Aber Sie, die Sie un⸗ ſer ſchön er von Glic Feſpri⸗ den. lt, abet vielet⸗ kaum bbſt ge urgerin n, um⸗ vielet zu Cot⸗ Erinne⸗ vor und durch die der nſiiglte ute mit oſelbe vegung mir d einneh du mit on O meil Sie ſ — 209— ſer Gluͤck gemacht haben, ſagte ich zur Buͤr⸗ gerin Herbelin, genieſſen ſie es auch mit. Sie ſehen hier zwey Gluͤckliche. Meine Thraͤnen rollten nun auf die Haͤnde meiner reizenden Freundin, ſo wie auf ihre Wangen, worauf ſich meine bren⸗ nenden Lippen druͤckten. Da wir auf die erſte Poſtſtation kamen, die uns noch viel zu nahe deuchte, fuhr Her⸗ belin mit dem Proſtillion zum Richter in Clery, ſo hieß der Ort, um das, was im Serkotti⸗ ſchen Walde geſchehen war, anzuzeigen. Die⸗ ſer Mann, noch gn die alten Formeln ge⸗ woͤhnt, machte einen ordentlichen gedichtlichen Aufſatz uͤber alles, was dabey vorgefallen war. Dieſen muſten Herbelin und die zwey Poſtillione unterſchreiben. Er enthielt auch, daß, da Straſſenraͤuber den Buͤrger Gercour ermordet haͤtten, ſo waͤre ihm der Koͤrper deſſelben uͤberliefert worden, um ihn begra⸗ ben zu laſſen. Nachdem Herbelin ſich ſelbſt eine Beſcheinigung uͤber dieſen Todesfall hatte geben laſſen, und unſerm Poſtillion eine Unter⸗ ſtuͤtzung zu ſeiner Kur gereicht hatte, fand er ſich wieder bey unſrer Geſellſchaft ein. Wir waren unſte§, und waren recht in Verlegenheit, wie wir uns in die zwey 14 — — — „ ——— ———————— — 0— Wagen vertheilen ſollten. Terval wollte mit aller Gewalt in der Celiane ihrem ſeyn, und ich auch. Nach langen Debatten endlich, und da es auch nicht beſſer angieng, ſtieg Herbe⸗ lin mit ſeiner Frau in die eine Chaiſe und ließ uns mit meiner Freundin in der an⸗ dern. Wir reißten nun von Clery ab, nachdem wir uns mit den zu unſter Reiſe noͤthigen Beduͤrfniſſen verſehen hatten. — 271— ollte ni hn, Un lich, un Herh Vierzehnter Abſchnitt. iſe un 4 der 0 Sie kommen glücklich zu Tours an und werden ſehr wohl nachde aufgenommen. Sie begehen den Jahrstag der Verhey⸗ rathung von Herbelins Schweſter ſehr feyerlich, und mit⸗ ten unter dieſen Luſtbarkeiten wird Dorbeujl von einem ſchlecht denkenden Hausknechte berrathen. Herbelins Va⸗ ter, ein Mitglied der Municipalität, giebt ihm Nach⸗ richt davon, und rathet ihm, nach Avranches zu fliehen. Er fommt glücklich daſelbſt an, aber Herbelins Freund kann ibn nicht ſchützen. Er wird in Verhaft genom⸗ men und auf die Veſtung Mont Saint Michel gebracht. Sobald perbelin und Terval nebſt Celianen dieſes er⸗ fahren, reiſen ſie ihm nach. Celiane findet durch ei⸗ nen Gefangenenwärter Gelegenheit, ihm verſchiedene Bedürfniſſe zuzuſtelſen. Dorbeuil hat doch Hofnung, obgleich kein Anſchein dazu da iſt, ſich in Freyheit zu ſeßzen. nothig —— Endlich kamen wir zu Tours an, nachdem wir zuvor den Brief des Buͤrgers Lisbels nach Blois geſendet hatten. Herbelins Fa⸗ milie nahm uns mit auſſerordentlicher Herz⸗ lichteit auf. Es vergiengen einige Tage mit lauter Feſtlichkeiten. An einem Abende wur⸗ den wir auf einmal unter einem geringen — 212— geringen Vorwande zur Diligence, die eben angekommen war, geruffen. Wir wurden da⸗ ſelbſt nicht wenig durch die ploͤtzliche Erſchei⸗ nung, die uns Herbelin verſchaft hatte, er⸗ freut. Er hatte uns nemlich nichts davon geſagt, daß er waͤhrend ſeines Aufenthals in Paris alles veranſtaltet habe, um die Buͤr⸗ gerin Bury, ihr Kind und die gute Lacroix mit zu uns zu bringen. Meine Celiane in⸗ ſonderheit trug alles dazu bey, um ihnen den Aufenthalt angenehm zu machen, und ſie wur⸗ den auch von jedermann wegen ihrer Recht⸗ ſchaffenheit und angenehmen Sitten lieb und werth gehalten. Es fehlte uns an nichts. Wir waren mit allen denjenigen Perſonen umgeben, die uns liebten, und die wir wieder lieben konn⸗ ten. Meine Mutter allein lebte in der Ent⸗ fernung von uns. Aber wir hoften ſie zu ei⸗ ner glucklichern Zeit wieder naͤher zu uns zu bekommen. Man ſahe alſo nichts, als ver⸗ gnuͤgte Geſichter um uns herum, und ich freute mich uͤber meine Wahl und meine Stand⸗ haftigkeit. Wie ſehr hatte ich noch Urſach⸗ mich in der Folge daruͤber zu erfreuen! Da einmal in der Nacht ein Tumult in der Stadt entſtand, ſo wachte meine Ce⸗ liane, die noch im erſten Schlaf war, dar⸗ ten die un n ven ih au ſich 6 uͤber auf, lief zu meinen Piſtolen und rief in einer impoſanten Stellung und mit einem ſo muthigen Ton der Stimme, den ich noch gar nicht an ihr kannte, aus: Laßt ſie nur kommen, die elenden Satelliten der Ungeheu⸗ er, die uns regieren. Sie ſollen es nicht wagen, ſich deiner zu bemaͤchtigen. Sie ſol⸗ len gewiß ſehen, was eine Frau vermag, die ſich zu deiner Vertheidigung geruͤſtet hat. Ihre Augen funkelten, ihr ausgeſtreckter Arm ſchien es kaum erwarten zu koͤnnen, bis er den Verwegenen niederſchluͤge, der es wagte, ſich zu naͤhern. Ich ſchloß ſie an mein Herz und ſchrie ganz entzuͤckt: o meine Celiane, du taͤuſcheſt meine Hofnung nicht! Ja ich ſehe es, du wuͤrdeſt fuͤr deinen Freund das Leben aufopfern, wie ich auch das meinige fuͤr dich aufzuopfern bereit bin. Unterdeſſen vermehrte ſich der Lerm. Aber ſie blieb auf ihren Poſten und wollte abwarten, was geſchehen wuͤrde. Endlich er⸗ fuhr man, was die Urſache davon waͤre. Es hatte nemlich ein Gefangener die Flucht ergriffen, und dieſen ſuchten bewafnete Maͤn⸗ ner in unſerm Hauſe. So entwickelte ſich bey jeder Gelegen⸗ heit, bey meiner mir ſo theuren Gattin eine neue Tugend. Iſt es alſo wahr, daß ſich die — 214— Frau zu der Energie erheben kann, die nur dem Manne vorbehalten zu ſeyn ſcheint? Ich wurde bey dieſer Gelegenheit davon uͤber⸗ zeugt, und in der Folge noch mehr, da ich ein Ppfer der willkuͤhrlichen Gewalt wur⸗ de.—— Aber wir wollen nichts voraus neh⸗ men. Wir feyerten den Jahrstag der Ver⸗ heyrathung von Herbelins Schweſter, der Buͤrgerin Aumont, die ihr Kind ſtillte. Wir hatten alles aufgeboten, um ihr dieſen Tag ſo angenehm als moͤglich zu machen, obgleich die Zeiten der Freude ſo wenig guͤnſtig wa⸗ ren; aber die Empfindungen des Herzens, die immer bereit ſind ſich zu aͤuſſern, fragen darnach nicht, ſondern folgen dem Inſtinkt, der ſie leitet. Man machte Muſik. Terval zeichnete ſich beſonders aus. Herbelin hatte einige Lieder fuͤr ſeinen Schwager, den Buͤrger Au⸗ mont verfertiget. Dieſe ſang ſie nun ſeiner Frau, und zwar gerade, da ſie ihr Kind ſtillte. Mitten unter dieſen unſchuldigen Ver⸗ gnuͤgungen lebten wir in der groͤßten Si⸗ cherheit und Sorgfaͤltigkeit, und wußten nicht daß ein Hausknecht, der dafuͤr bezahlt wurde, dal cp hie pa F ich — 215— daß er den Angeber machte, bey der Muni⸗ cipalitaͤt ausgeſagt hatte, daß ich Dorbeuil hieſſe, in Weibskleidern gienge und den Na⸗ men Darbonne angenommen haͤtte. Herbelins Vater, der damals Munici⸗ pal war, benachrichtigte mich heimlich davon, und gab mir die noͤthigen Mittel an die Hand, mich nach Arranches zu retten, wo er einen Freund hatte, auf den er ſich verlaſſen konnte. Da Celiane, Herbelin, ſeine Frau und Ter⸗ val mir dahin folgen wollten, ſo wurde be⸗ ſchloſſen, um keinen Verdacht zu erregen, daß ich fuͤrs erſte alleine abreiſen und daß ſie mir in einigen Tagen dahin nachfolgen wollten. Es koſtete mir viel Ueberwindung, mich von allem, was mir theuer war, inſon⸗ derheit von meiner Celiane, loszureiſſen, die ein Pfand unſrer Zärtlichkeit in ihrem Schooſe trug; zum wenigſten, wie ich damals glaubte, bis ſie mir bey meinem Abſchiede geſtand, wir haͤtten uns dieſer ſuͤſſen Hoffnung zu bald überlaſſen. Dieſes Bekenntniß waͤre mir in jeder andern Lage ſehr empfindlich gewe⸗ ſen; meine jetzige aber ſchien es mir zu er⸗ leichtern. War es denn nicht wieder ein Ge⸗ ſchoͤpf, das mich ſehr intereſſirte und von dem ich mich haͤtte trennen muͤſſen? Waren die Freunde, die ich verließ, zu meinem Schmers —.————— 26— nicht hinlaͤnglich? Leider wußte ich nicht, was ich fuͤr eine boͤſe Ahndung hatte, daß ich ſie nicht wieder ſehen, oder wenigſtens ihrer Geſellſchaft ſobald nicht wieder theil⸗ haftig werden wuͤrde. Warum muſte ich dieſe Schutzengel verlaſſen? Ihrer Unterſtu⸗ tzung beraubt, wurde mein Schickſal gleich ſchlimmer. Ich lernte aber auch jezt, was ich ſchon vorher erfahren hatte, daß ich Freun⸗ de hatte, die allen Schlaͤgen des Schickſals trozten, und, meine Celiane, was hatteſt du fuͤr eine ausharrende Gedult, fuͤr einen un⸗ glaublichen Muth; du lieſſeſt dir alles Moͤg⸗ liche gefallen, um deinen Freund zu retten. Ich lernte hierbey, was fuͤr erſtaunliche Auf⸗ opferung eine Frau fuͤr denjenigen machen kann, dem ſie ihr Herz gegeben hat. Aber hatte ich ſolche Beweiſe nothig? Nein, nein, ich wußte, wie ſehr deine Seele, deine ſchoͤne Seele der meinigen ergeben war. Du, meine anbetungswuͤrdige Freundin, warſt nicht die einzige, die zu dieſen Zeiten, die in der Geſchichte immer merkwuͤrdig blei⸗ ben werden, ſo viel erhabene Tugenden, aͤl⸗ terliche Liebe, muͤtterliche Zaͤrtlichkeit, eheliche TDreue zeigteſt; du vereinigteſt dich mit dei⸗ nem ganzen Geſchlecht, deſſen lebhafte und tiefgehende Empfindſamkeit, deſſen uͤbernatuͤr⸗ t, 6 l⸗ licher Reiz, deſſen unermuͤdete Standhaftig⸗ keit, dem Ungluͤcklichen zu dienen, oder das Ungluͤck mit ihm zu theilen, in ganz Frank⸗ reich, wie mit einer Stimme geprieſen, und von unſern Schriftſtellern, die dieſe ſanften und einer ewigen Erkenntlichkeit wuͤrdigen Tugenden eingeſehen haben, noch mehr er⸗ hoben, und auf die Nachkommenſchaft ge⸗ bracht worden. Avranches iſt ziemlich weit von Tours entfernt, und es wurde mir noch weiter durch den Kummer und durch den entſetzli⸗ chen Verdruß und Langeweile, die mich quaͤl⸗ ten. Sobald ich angekommen war, zeigte ich meinen Brief dem Buͤrger Beaumont, dieſes war dieſer Freund von Herbelins Va⸗ ter, der nach der Empfehlung, die darinnen enthalten war, mir auch Aufnahme und Si⸗ cherheit verſprach, ſo viel als in ſeinen Kraͤf⸗ ten ſtuͤnde; denn fuͤgte er ſeufzend hinzu: mein Einfluß hat ſich in dieſer Stadt in kurzem ſehr gemindert. Boͤſewichter reißen das Regiment von Tag zu Tage mehr an ſich. Er rieth mir, mich in die Municipali⸗ taͤt einſchreiben zu laſſen, nach einem Be⸗ ſchluß, den dieſelbe vor kurzem gefaßt haͤtte. Ich gieng alſo hin. Aber wie ſehr hatte ich Urſach, daruͤber mißvergnuͤgt zu ſehn als — 218— mir nemlich ein Municipal erklaͤrte, daß man mich nach einer Maaßregel, die man wegen der allgemeinen Sicherheit gefaßt haͤtte, in Verhaft bringen wuͤrde. Ich konnte kein Wort mehr hervorbringen: die Zunge er⸗ ſtarrte mir, und der Unwille machte mich ſprachlos. Ich muſte der Gewalt weichen, und konnte mich nicht wehren. Da ich ins Gefaͤngniß kam, ſtrozte es von Dpfern. Es war kein Raum da, und man brachte mich nach Mont Saint Michel, wo ich in die Citadelle zu ſitzen kam. Dieſe kleine Stadt iſt auf einen Felſen gebaut, der um und um vom Meer umfloſſen iſt, und vier Stunden von Avranches liegt. Man benuzt allemal die Zeit der Ebbe um ſich dahin zu begeben. Ich habe nach mei⸗ ner Verhaftung erfahren, daß die Municipa⸗ litaͤt ſie nur veranſtaltet habe, um ſich an dem Buͤrger Beaumont zu raͤchen, der es gewagt hatte, gegen die willkuͤhrliche Gewalt, die die Municipalitaͤt unrechtmaͤßiger weiſe ausuͤbte, klagbar zu werden. Ich befand mich nun in der Zeit, wo meine Celiane ſich in Thaͤtigkeit ſezte, waͤh⸗ rend daß ich ihres und meiner Freunde An⸗ blick beraubt, nicht einmal den Troſt hatte, weinen zu koͤnnen. —— — 2190— Sobald als meine Freundin, von Herbe⸗ lin, ſeiner Frau und Tervaln begleitet, nach Avranches kamen, huͤteten ſie ſich wohl bey dem Buͤrger Beaumont, der ihnen von mei⸗ ner Verhaftung und von der Gefahr, der man ſich ausſezte, wenn man zu ihm käme, Nach⸗ richt gegeben, einzukehren. Sie gaben ſich fuͤr Handelsleute aus, und quartierten ſich unterdeſſen in einem Gaſthofe ein, wo ſie ſo lange bleiben wollten, bis ſie ihre Plane, die ſie zu meiner Befreyung gemacht hatten, ausfuͤhren koͤnnten. Sie kauften in der Gegend von Avran⸗ ches Aepfelwein, oder Cyder, der daſelbſt von ſehr guter Art iſt. Dann verſchaften ſie ſich durch Vermittelung des Buͤrgers Beau⸗ mont, der ſie insgeheim beguͤnſtigte, einen Korreſpondenten nach St. Michel. Durch dieſen Korreſpondenten, der Laurence hieß, erhielten ſie die Erlaubniß, dieſen Cyder auf die Veſtung zu ſchaffen und ihn daſelbſt zu verkaufen. So kamen alſo Celiane, Herbelin, ſeine Frau und Terval nach St. Michel. Sie kehrten in einem ziemlich guten Gaſthofe ein, der den Namen Brutus fuͤhrte. Sie gaben nun ihre Abſichten nicht gleich zu erkennen, — 225— ſondern ſchienen nur blos handeln und ſich noch mehrere Artickel zulegen zu wollen. Da meine Celiane, waͤhrend ihres Auf⸗ enthalts in dieſer Stadt, ſich nur in ſchlech⸗ ten grauen Zeug gekleidet hatte, ſo wurde ſie nur noch reizender, und machte auch im Gaſthofe, wohin die Wärter meines Gefäng⸗ niſſes haͤufig kamen, Eroberungen. Einer von ihnen, Namens Mathieu, ein langer an⸗ ſehnlicher Mann, der ein ziemlich wildes Anſchen hatte, war einer ihrer eifrigſten Anbeter. Es war nichts luſeiger, als dieſen ſchwerfalligen Mann, der dem Eſel in der Fabel glich, zu ſehen, wie er nach Art eines kleinen Hundes um ſie herum ſpielte. Sie ſahe, wie viel er uns nutzen konnte, wenn ſie ſich ſeine Leidenſchaft und ſeine Albernheit zu Nutze machte, beſonders nachdem ſie ſich bey ihm nach ſeiner Verrichtung im Gefaͤng⸗ niß und nach der Anzahl, dem Alter und dem Geſchlecht der Gefangenen erkundiget. Sie nahm daraus ab, daß es gerade derjenige war, der mir meine Beduͤrfniſſe brachte. Wenn ich damals durch denſelben mit mei⸗ ner Celiane haͤtte Briefe wechſeln koͤnnen, wie glucklich haͤtte ich mich geſchaͤzt. Aber ich war weit entfernt, auch nur die gering⸗ ſte Ahndung davon zu haben. Meine Freun⸗ — w* S Sꝛ— S„—— — 221—* din ließ es indeß nicht lange anſtehen, ihn zu bitten, einer Perſon, die ihn ſehr ſchaͤzte, (ich war nehmlich immer in meiner weibli⸗ chen Kleidung verblieben) einige Sachen zu⸗ zuſtellen, die ſie ſehr noͤthig brauchte. Ihre Bitten waren nicht fruchtlos. Mathieu ließ ſichs gefallen, das, was Celinne ihrer Schwe⸗ ſter ſchicken wollte, zu uͤberbringen. Denn er ließ ſichs nicht nehmen, daß ich es waͤre, ob ihn gleich Celiane verſichert hatte, daß ſie mich mehr liebte als man eine Schweſter liebt. Er verlangte zur Belohnung weiter nichts als einen Kuß. Meine Freundin, die wohl wußte, wie ſehr ſie ſich preis gäbe, wenn ſite dieſem groben Manne dieſe Frei⸗ heit geſtattete, der dieſelbe gewiß mißbrau⸗ chen wuͤrde, ſchlug es ihm ab, indem ſie be⸗ merkte, er verlange dieſe Gunſt noch zu bald. Es blieb alſo fuͤr die Zeit alles lie⸗ gen. Mathieu ſelbſt kam einige Tage nicht in dieſen Gaſthof, und wenn er auch kam, ſo kuͤmmerte er ſich gar nicht um Celianen, die nun alle Hofnung verlor, ſich ſeiner be⸗ dienen zu koͤnnen. Was machte ich unterdeſſen in meiner Gefaͤngnißhoͤhle? Ich dachte an dich, meine Freundin. Ich dachte an Herbelinen, an ſei⸗ ne Frau, an Tervaln. Ich befuͤrchtete, daß dieſer leztere ſie alle durch ſeine Unvorſichtig⸗ keit zu Grunde richten wuͤrde. Ich rechnete auf die Huͤlfe meiner Freunde und auß die Ausdauerung und Energie meiner Celiane, die gewiß Wunder thun wuͤrde, um mir die Freiheit wieder zu verſchaffen. Ich betrachtete ganze Stunden lang mit unverwandtem und ſchmerzhaftem Blicke die Gitterſtangen vor meinen Gefaͤngnißfenſtern, die mich meiner Freiheit beraubten. Wenn ich ſie zerbrechen koͤnnte, ſagte ich mir oft mit einer thoͤrig⸗ ten Hofnung, wenn ich ſie zerbrechen koͤnn⸗ te! Aber wie? ſollte das unmoͤglich ſeyn? Nein, nein, ich werde ſie zerbrechen. Dann fuhr ich in einer wilden Verwirrung des Verſtandes auf dieſelben zu, und ſuchte ſie mit fuͤrchterlichen aber ohnmaͤchtigen Stoͤſſen zu bewegen, worauf ich wieder in die finſterſte Verzweiflung verſank. — 223— ig⸗ ſete pi Funfzehnter Abſſchnitt. ne, bie Dorbeuil erhält durch Tervals Vermittelung die nöthigen ete Werkzeuge zu ſeiner Befreiung von Celtanen, und iſt nun nd Tag und Nacht mit Feilen beſchäftigt. Sobald er da⸗ or mit fertig iſt, befeſtigt er ein Seil, woran er ſich ner herablaſſen will, wird aber plößlich ins Verhörzimmer en gerufen und wegen eines Komplots befragt, an dem ig⸗ er aber unſchuldig befunden wird. Da er in ſein Ge⸗ n⸗ fängniß zurückgekehrt war, findet er Celianen darin, n die an dem Seil unterdeſſen hinauf geklettert war. Sie bringen nun einen Tag recht vergnügt im Gefängniſſe un zu, und laſſen ſich die Nacht darauf herunter. Celiane es geräth heym Herüberſchwimmen unters Waſſer, wird ſie aber von Dorbeuil wieder gefunden und durch Lisbels en Hülfe, der eben vorbeiritt, wieder zu ſich gebracht. ſte Lisbel bringt alsdann beide in Sicherheit. Dieß ge⸗ ſchah am 2ten Thermidor, und am 9ten war der glück⸗ liche Tag, der den Geſangenen die Freiheit wiebergab. Dorbeuil und Celiane nahmen nun ihren Aufenthalt zu Neuilly und lehten daſelbſt vergnügt mit einander. —— Es fehlte mir an Buͤchern, um meine trau⸗ rigen Gedanken zu zerſtreuen. Die Gefan⸗ genen mochte ich nicht beſuchen, denn ich hatte daran genug, daß ich wußte, es waͤ⸗ ren Menſchen, die man fliehen und meiden — 224— muͤſte. Es fiel mir nicht einmal ein, daß ſie auch wie ich, Opfer der Tyranney waͤ⸗ ren. Meine Furcht wegen der Unvorſichtig⸗ feit Tervals quaͤlte mich immer, unterdeſſen ſagte ichzu mir ſelbſt, bis jezt iſt er dir nuͤtzlich geweſen, ich will mich beruhigen. Sobald Terval ſahe, daß Mathieu mit Celia⸗ nen ſchmollte,(denn dieſer einfaͤltige Menſch wollte auch'noch ſchmollen) ſo wollte er zum Spaſſe ſie wieder mit einander einig zu ma⸗ chen ſuchen. Zu dem Ende bat er den theu⸗ ern Gaſt Mathieu, eine Bouteille Cider mit ihm zu trinken; dann nahm er eine ernſt⸗ hafte Miene an, woruͤber Herbelin, der an ihrem Tiſche mit ſaß, nicht wenig lachen mußte, und ergoß ſich in Satyren uͤber die Frauenzimmer, die das Verdienſt nicht zu ſchaͤtzen wuͤſten.»Sie ſchneiden einem rech⸗ te Geſichter, ſagte er zu ihm, und nehmen eine Zuruͤckhaltung an, die man aber gleich gewahr wird. Sie wollen ſchmollen, wenn ein ſchoͤner Menſch ihnen das offenherzige Bekenntniß thut, daß er ſie liebt. Da muß man wirklich Mitleiden haben!“ Da unſer Toͤlpel bey den Worten: ein ſchoͤner Menſch ſich ein recht wichtiges und galantes Anſehen geben wollte, ſchlug er dabey ſo heftig auf den Tiſch, daß er ſein ih in es 9 eit ſein Glas zerbrach und ſein neues Kleid be⸗ ſudelte; aber er hoͤrte deßwegen nicht auf zu ſagen:“Was der Buͤrger da ſagt, iſt ſehr ſchoͤn, ich bin der Meinung des Buͤrgers.“ Terval fuhr fort, da ihm ein ſo wich⸗ tiger Mann Beyfall gegeben:'Ich weiß Ihre Aventuͤre mit dem ſchoͤnen graugeklei⸗ deten Maͤdchen. Sie iſt ſchoͤn, das iſt wahr; aber ihr Fehler iſt nur, daß ſie ſich ſelbſt fuͤr ſo ſchoͤn haͤlt. Ich, der ich ſie gut ken⸗ ne, habe ihr ſchon gerathen, ſich nicht gar zu wichtig gegen Sie zu machen, da Sie ihr wenigſtens an Leibeskraͤften ſo ſehr uͤber⸗ legen ſind.“ »Ach! Buͤrger, erwiederte Mathien, mit einer recht dummen kriechenden Miene, ach Buͤrger! Sie moquiren ſich uͤber mich.“ »Nein, fuhr Terval hitzig fort, ich kann nicht leiden, wenn man dem nicht Gerech⸗ tigkeit wiederfahren laͤßt, dem ſie doch ge⸗ hoͤrt. Sie befinden ſich in einem ſehr gu⸗ ten Stande, und vielleicht wuͤrde ſie ſehr gluͤcklich mit ihnen ſeyn. Ich habe ihr die⸗ ſes auch nicht verholen. Da habe ich zur Antwort bekommen, ich weiß nicht, ob ſei⸗ ne Abſichten auf eine Heyrath gehen. Oft wollen ſich die Mannsperſonen nur mit ei⸗ nem armen Maͤbchen vergnuͤgen, und laſſen 15 —— — —. — 226— ſie hernach laufen.“— Und ich ſollte das thun? antwortete unſer Narr mit vieler Hef⸗ tigkeit. Rein, ich will ſie zu meiner Frau machen, ſie iſt ſo artig. Ich liebe ſie von ganzem Herzen. Sie bekommt auch etwas Vermoͤgen bey mir, denn——— Er brachte dieſen Satz nicht zu Ende, und das iſt wirklich Schade. Nach dieſem zaͤrtlichen Geſtaͤndniß ver⸗ ließ ihn Terval, indem er ihn verſicherte, daß er ihm in dieſer Angelegenheit bey ihr behuͤlflich ſeyn wollte, er baͤte es ſich aber aus, daß er Celianen geſchwind den leichten Dienſt, um den ſie ihn gebeten, erwieſe, und ihrer Freundin, die er unter ſeiner Aufſicht haͤtte, die Kleidungsſtucke, die ſie ſo noͤthig haͤtte, uͤberbraͤchte. Sie ſehen, bemerkte Dorbeuil gegen mich bey dieſer Gelegenheit, daß Terval doch noch, ob er gleich meine Verbindung mit Ce⸗ lianen wußte, uns nuͤtzlich zu ſeyn fortfuhr. Mathieu, der alles dieſes glaubte, that was man von ihm haben wollte, und brachte mir auf der Stelle die Kleidungsſtuͤcke und andere Sachen, die man ihm fuͤr mich mit⸗ gegeben.⸗ Da er mir ſie von Seiten Celianens, meiner Schweſter, denn ſo ngnnte er ſie, ein⸗ N ſͤc vel hi bel wo füu ten nd iht ig n ————————— haͤndigte, glaubte ich doch, daß mich die Ent⸗ zuͤckung, die ich vor Freude daruͤber hatte, verrathen wuͤrde. Ich nahm daher eine ru⸗ higere Miene an, bedankte mich bey ihm, und bemuͤhte mich, ihn unter verſchiedenen Vor⸗ waͤnden fortzuſchicken, um nur gleich ſehen zu koͤnnen, ob in irgend einem Stuͤck ein Brief verborgen waͤre. Ich brachte ihn aber nicht weg. Er entwickelte mit ſeiner ſeltſa⸗ men und weitſchweifigen Beredſamkeit, die auſſerordentlichen Schoͤnheiten, die er an mei⸗ ner Schweſter entdeckt, und die ſiegenden Pfeile, womit der kleine Liebesgott ſein Herz fuͤr dieſelbe verwundet haͤtte. Endlich ver⸗ ließ er mich, und nun fieng ich an, die Klei⸗ dungsſtuͤcke, die Hemden, den Faͤcher, die Muͤtzen und die Buͤcher zu unterſuchen. Ein Graͤnzaufſeher hat gewiß niemals mit ſolcher Emſigkeit nach Contrebande, wo er welche vermuthete, geſucht, als ich hier zu Werke gieng. Ich lache jezt uͤber dieſe Ausſuchun⸗ gen, aber damals befand ich mich in einer ſtarken Gemuͤthsbewegung, die theils von Furcht, theils von Hofnung erzeugt ward. Es vergiengen mehrere Tage und ich fand immer nichts. Ich konnte mich aber doch nicht uͤberzeugen, daß Celiane nicht wenigſtens einen Brief mitgeß et haͤtte, um mir Troſt zuzuſprechen. Abe, wo ſollte ich ihn ſuchen? — 228— Meine Bemuͤhungen waren und blieben frucht⸗ los, und ich wurde endlich genoͤthigt zu glau⸗ ben, daß ich mir ein ſo troͤſtendes Fantom ge⸗ ſchmiedet, das nach und nach wieder vergkenge. Ueber dieß fuͤrchtete ich, dieſer Brief ſey von meinen Waͤchtern gefunden und weggenommen worden; dem mochte nun ſeyn, wie ihm woll⸗ te, ſo hoͤrte meine Hofnung und auch mein Nachſinnen daruͤber endlich auf. Um dieſe traurigen Gedanken noch mehr von mir zu verſcheuchen, zog ich die Kleider an, die mir Celiane geſchickt hattè, und las in ihren werthen Buͤchern. In dem erſten, das mir in die Haͤnde ſiel, denn ich waͤhlte nicht lange, da ſie alle von ihr kamen, und mich alſo alle gleich ſehr intereſſiren muſten, fand ich folgenden Grundſatz unterſtrichen: man muß niemals verzweifeln, und nicht weit davon ein Kreutz mit Roͤthel nebſt den Worten: Siehe ans Ende. Ich ſuch⸗ te geſchwind nach, und fand die Worte: die Flaſche iſt vortreflich! Wer hat das ge⸗ ſchrieben? dachte ich; iſt das aus einer ge⸗ wiſſen Abſicht geſchehen? Es koͤnnte aber doch wahr ſeyn. Ich habe aber keine Flaſche be⸗ kommen, ſagte ich zu mir ſelbſt. Hat ſie mein Waͤchter zuruͤck behalten? Dieſe Flaſche enthaͤlt gewiß den Brief, den ich vermiſſe. Acht⸗ glau⸗ nge⸗ enge. on men woll⸗ mein mehr leider d las rſten, ahle und uſten, ſchen und nebſ ſich die ab g er R r doch ) ml iſt he he — 229— Hat man ihn entdeckt, und iſt meine Celia⸗ ne, weii ſie mir Troſt hat zuſprechen wollen, arretirt, und geſtraft? O Gott! Mein Waͤchter vermehrte noch meine quaͤlende Unruhe. Ich fragte ihn: ob er nicht von meiner Freundin Steck⸗und Naͤhnadeln, ein Ethui, und eine Flaſche mit wohlriechen⸗ den Sachen bekommen koͤnnte? Er beobach⸗ tete ein tiefes Stillſchweigen, ſah mich ſtarr an, dann fieng er an zu laͤcheln, welches mir in der Seele wehe that; endlich antwortete er, Sie ſollen nicht lange warten, denn ich habe Ihnen einen Theil von dieſen Sachen noch zuzuſtellen. Ich hatte ſie in meiner Stu⸗ be liegen laſſen. Er brachte ſie mir in der That gleich. Da ich allein war, nahm ich die Flaſche und ſahe hinein. Es war nichts anders als Al⸗ kali darinnen. Ich ſuche in dem Etui, worin die Flaſche ſteckte, trenne den Sammet her⸗ unter und finde enblich dieſen mir ſo ange⸗ nehmen Brief, der hier folget. O In dem Deckel der Heloiſe, mein Freund, ſchicke ich dir Feilen. Nach und nach will ich dir Sachen ſchicken, aus denen du ein Seil bereiten kannſt, um deine Flucht zu erleichtern. Ich werde mich mit einem Schiffer unten an deinem Thurme einfinden. Sobald du dich herunter laſſen kannſt, binde ein Schnupftuch an dein Fenſter; dieſes wird mir anzeigen, daß ich dich um Mitternacht abholen kann. Lebe wohl.—— D Dorbeuil, koͤnnte ich nur bey dir ſeyn.“ Von dem tiefſten Schmerz gieng ich zu der Ruhe uͤber, die die Freude gewaͤhrt. Ich ſchmeckte dieſe Freude ſo lebhaft und rein, daß ich keine einzige Bewegung machen, kein Wort hervorbringen konnte. Blos einige ſanfte Thraͤnen floſſen uͤber meine Wangen. Endlich nahm ich das Buch, welches mir Leliane anzeigte, unterſuchte es ſorgfaͤltig, fand 6 Feilen, die mit vieler Geſchicklichkeit in den Deckeln verborgen waren, und ſahe, da ich dieſelben verſuchte, gleich ihre vortref⸗ liche Wirkung. Damals ſchmeichelte die leicht⸗ glaͤubige Stimme der Hofnung meiner bezau⸗ berten Seele, und ich uͤberließ mich derſelben ganz. Mein Gefaͤngniß hatte nichts grau⸗ ſendes mehr, ſeitdem du darinnen wohnteſt. Du verſtehſt die ſchwaͤrzeſten Kerker zu ver⸗ ſchoͤnern. Ich arbeitete ohne Unterlaß an den di⸗ cken Gitterſtangen meiner Fenſter, um ſie durchzufeilen. Dieſe hartnaͤckige Arbeit waͤhr⸗ te lang. Vier Feilen hatte ich ſchon zerbro⸗ chen, es waren mir nun noch zwey uͤbrig, und Ande wird acht euil, h in ein, kein nige gen. mik ltig, Reit he, ref⸗ cht⸗ zau⸗ ben tal⸗ eſt er⸗ ſe hr⸗ ro⸗ ind — 231— ich war mit meiner Arbeit kaum zur Haͤlfte fertig. Dieſe unglucklichen Ereigniſſe beun⸗ ruhigten mich ſehr. Unterdeſſen troͤſtete ich mich von Zeit zu Zeit damit wieder, daß ich boch ſchon eine gewiſſe Geſchicklichkeit darin⸗ nen erworben hatte. Ja, ſagte ich zu mir ſelbſt, daß ich dieſe Feilen zerbrochen habe, ruͤhrt daher, daß ich in der Kunſt mit ihnen umzu⸗ gehen noch nicht genug erfahren bin. Es ſind mir nur noch zwey uͤbrig, wohlan, ſie wer⸗ den hinreichend ſeyn. Wenn aber auch dieſe zerbraͤchen?—— Bey dieſem Gedanken zit⸗ terte meine Hand, und dieſes war mein Un⸗ gluͤck, denn ich zerbrach wirklich auch die fuͤnf⸗ te. Wie ſchaͤtzbar war mir nun die lezte. Ich betrachtete ſie mit Zaͤrtlichkeit, unterſuchte die⸗ ſelbe mit der aͤuſſerſten Sorgfalt, und es kam mir ſo vor, als wenn ſie auf keinem Fall zu dem, was noch zu thun uͤbrig war, hinrei⸗ chend ſeyn koͤnnte. Ich brachte indeſſen doch meine Arbeit damit zu Stande, die mir ſehr muͤhſam wuͤrde vorgekommen ſeyn, wenn ich nicht auf den Zweck derſelben geſehen und manchmal einige Pauſen gemacht haͤtte, die ich zu Knuͤpfung des Seils, das ich ſo no⸗ thig brauchte, anwendete. Endlich kam der Tag meiner Befreyung⸗ Ich eilte, das Zeichen, das gluͤckliche Zeichen, — 232— woruͤber meine Freundin mit mir eins gewor⸗ den war, anzubinden. Waͤhrend daß es nun an dem Fenſter hieng, konnte ich mich an demſelben bey den niederſchlagenden Betrach⸗ tungen, bey den heftigen Gemuͤthsbewegun⸗ gen und bey den ſtarken und reizenden Bil⸗ dern, mit denen mich meine fruchtbare und prophetiſche Einbildungskraft erfuͤllte, nicht ſatt ſehen. Ich ſahe die unbarmherzige Hor⸗ de, die Frankreich mit Trauer und Blut be⸗ deckte, durch das gerechte Schwerdt der Ge⸗ ſetze verbannt; ich ſahe den blutigen Fluß, der von der Menge der unſchuldigen Ppfer, die dieſe Horde hineinſtuͤrzte, noch immer wuchs, auf einmal von ktaftvollen und huͤlfreichen Haͤnden aufgehalten, und vertrocknet. Ich ſahe mitten unter dieſen groſſen Handlungen der Menſchlichkeit meine Celiane voller Eifer mich fuͤhren, um mit ihr die tiefen und bren⸗ nenden Wunden, die die triumphirende Bar⸗ barey, die nun niedergeſchlagen und zertre⸗ ten war, noch vor kurzem geſchlagen, zu hei⸗ len. Ich ſahe ſie, dieſe wuͤrdige Freundin, die auf die Art die Beduͤrfniſſe meines Her⸗ zens ahndete, in den ſuͤſſeſten Genuͤſſen, den Augenblick feyern, in dem mir der guͤtige Gott die Freiheit wieder geſchentt hatte. Aber dieſes war nur ein ſchoͤner Traum. 3 3 6* 6oj Die verhaßte Tyranney trat Frankreich noch * vot⸗ nun an ach⸗ u⸗ unb ſcht or⸗ he⸗ Ge⸗ die chö, chen gen ifer ten⸗ tre⸗ hei⸗ din, her⸗ den tige Um. noch — 233 mit Füſſen; es iſt war, es hatte am laͤng⸗ ſten gewaͤhrt und es war am zweiten Ther⸗ midor im aten Jahr der Freiheit, da ich dieſe wilden Raͤuber, die es durch den Schrecken beherrſchten und deren Opfer ich auch die Ehre hatte, zu ſeyn, ſtuͤrzen ſahe. Ich betrog mich alſo nur um 2 Tage. Die Mitternachtsſtunde, die mir meine Celiane angezeigt hatte, ruͤckte ſehr langſam heran. Ich ſahe unaufhoͤrlich nach meiner Uhr; endlich hoͤrte ich es halb Zwoͤlfe ſchla⸗ gen. Ich band mein Seil an und ließ es an der Seeſeite hinunter. Die Nacht war finſter und ſehr ſtuͤrmiſch; der Donner brullte fuͤrchterlich; ich hoͤrte das wilde Toben der Wellen; haͤufige Blitze zertheilten die Wol⸗ ken: aber dieſes grauſenvolle Wetter, ſtatt mich in Schrecken zu ſetzen, machte mich in Ruͤckſicht der Reiſenden, die uns bemerken koͤnnten, ruhig. Wir ſind ſicher, von Nieman⸗ den geſehen zu werden, ſagte ich mir mit ei⸗ ner zufriedenen Miene. Ich dachte blos an die Gefahren, denen das Fahrzeug, das mich abholen ſollte, ausgeſezt waͤre; ob es nicht etwa von den heftigen Winden an die Veſtung geſchleudert und zertruͤmmert werden wuͤrde? Ich betrog mich und es gieng mir, wie vie⸗ len Leuten, von denen der Dichter ſagt; ſie ſehen nur einen Winkel vom Gemaͤlde, und zwar gerade den ſchoönſten. Ich war eben in Begriff, mein Gefaͤng⸗ niß zu verlaſſen, als man auf einmal ein Gerauſch mit den Schluͤſſeln hoͤrte. Mein Waͤchter war noch niemals um dieſe Stunde auf meinen Gang gekommen. Mein Erſtau⸗ nen und meine Furcht vermehrten ſich, als er mit einer ernſthaften und wilden Miene in mein Gemach trat. Er befahl mir, ihm in das Verhoͤrzimmer zu folgen. Ich gehorchte gleich. Er ließ mich daſelbſt, nachdem er mir geſagt hatte, ich ſollte nur auf den Stock⸗ meiſter warten. Nun ſahe ich auf einmal alles Ungluͤck auf mich und meine ungluͤckli⸗ che Freundin hereinſtuͤrzen. Ich wartete mehr als eine Stunde in einer unbeſchreiblichen Angſt. Endlich kam er und ſagte mit einer brutalen Miene, die dieſe Leute gemeiniglich an ſich haben:“Biſt du es? nun ſo zittre, man hat mir deine ſtrafbaren Abſichten ent⸗ deckt.“ Dieſe Anklage brachte mich ſo aus der Faſſung, daß ich meine Unruhe daruͤber nicht verbergen konnte. Er wurde dieſelbe gewahr und da ich auf dieſe Beſchuldigung nichts antwortete, ſo fuͤgte er hinzu:»Dein Stillſchweigen zeigt hinlaͤnglich, daß man mich nicht hintergangen hat; aber ich will und ng⸗ ein ein de et it in hte nir die genauern Umſtaͤnde dieſes Komplots wiſ⸗ ſen, und deine Mitſchuldigen kennen lernen.“ Ich war von der peinlichen Unruhe, die meine Celiane quaͤlen wuͤrde, wenn ſie mich zur geſezten Stunde nicht hinunter kommen ſaͤhe, und von der Gefahr, der ſie ausgeſezt waͤre, wenn unſer Vorhaben entdeckt wuͤrde, ſo eingenommen, daß ich meinem Anklaͤger nichts antworten konnte. Bald fieng er an zu drohen, bald bediente er ſich gelinder Worte, und ich hoͤrte kaum, was er ſagte, und blieb immer ſtumm. Da er endlich ſahe, daß alle ſeine Bemuͤhungen fruchtlos waren, klingelte er. Mathieu kam bald darauf hin⸗ ein. Zu dieſem ſagte er, gehe und hole mir in Nro. 12 die Duͤpre, ich will ſie zuſammmen confrontiren. Mathien brachte dieſes Frauen⸗ zimmer ſogleich, mit der ich den Abend vor⸗ her ein unſchuldiges Geſpraͤch gehalten hatte. Sie mochte ohngefaͤhr 30 Jahr alt ſeyn, hatte einen ſtieren Blick, fliegende Haare und eine lange Taille: Sobald ſie hinein kam, fragte er ſie, indem er auf mich wieß, ob ſie nicht mein Vorhaben wuͤßte?— Nein, antwor⸗ tete ſie, ich habe nur geſtern im Hofe mit ihm geſprochen und blos von unbedeutenden Dingen.— Weißt du denn gar keinen Um⸗ ſtand von der Sache? fragte er weiter. Ich weiß nicht einmal, ſagte ſie, ob ſie etwas boͤ⸗ —,——— Lalles, und ſo bekannte ſie, daß meine Ange⸗ ſes vorhat.“— Du haſt deinen Beſcheid. Mathieu, bringe ſie zuruck, und hole die La⸗ foret.“ Bald darauf kam nun dieſe Frau, die ſich durch ein gutes aͤuſſeres Anſehen und beſcheidenes Weſen auszeichnete. Dieſe be⸗ ſchuldigte mich mit einer teufliſchen Verſtel⸗ lung, ich haͤtte mit vielen Perſonen, die ſie nennen wollte, Entwuͤrfe gemacht, die Wachen zu beſaͤufen, und ſie umzubringen: um uns in Freyheit ſetzen zu koͤnnen. Sie nannte in der That viele Weibsperſonen, deren Ra⸗ men mir entfallen ſind, und von denen ſie betheuerte, daß ſie meine Mitſchuldige waͤ⸗ ren. Man ließ eine von ihnen, Namens Volmance, deren Blick gleich die Aufrichtig⸗ keit ankuͤndigte, holen. Man fragte ſie auf eine Art, daß ſie glauben muſte, man wuͤſte, berin Laforet das Haupt der Verſchwoͤrung ſey, und betheuerte, daß ich von der ganzen Sache nichts wuͤßte. Es lag am Tage, daß dieſe Weibsperſonen die Verſchworung auf mich allein hatten ſchieben wollen, der ich nichts davon wuſte, um den Verdacht, den man gegen ſie geſchoͤpft hatte, von ſich abzu⸗ waͤlzen. Dieſer Ausgang der Sache machte mich wieder ein wenig ruhig, und ſezte meinem ſtarken Nachſinnen uͤber die durch dieſen un⸗ kau, und gluͤcklichen Umſtand fehlgeſchlagene Flucht, Graͤnzen. Man brachte mich in mein Ge⸗ mach zuruͤck. Das Seil hieng noch in der Gilterſtangen; aber ich wußte nicht, was meine Celiane unterdeſſen gemacht hatte. Ich wollte mich nach ihr umſehen und ſteckte mei⸗ nen Kopf zum Fenſter hinaus; aber ein ſtar⸗ ker Blitzſtral, der eben herunter fuhr, be⸗ ſtaͤrkte meine Vermuthung, daß es ihr un⸗ gluͤcklich gegangen ſey. Ich ſahe nemlich bey deſſelben Lichte, weder Kahn noch ſonſt et⸗ was unten an der Thurmmauer. Die Scene, die eben vorbey war, hatte mein Gemuͤth in keine geringe Bewegung geſezt; nun wurde ich von neuer Unruhe gequaͤlt. Vor Mattig⸗ keit werfe ich mich auf mein Bette und wie angenehm wurde ich da uͤberraſcht! welch unerhoͤrtes Wunder von Zaͤrtlichkeit und Muth!———— eine Stimme, die die Liebe niemals verkannt hat, die bezaubernde, ob⸗ wohl unvermuthete Stimme meiner Freun⸗ din laͤßt ſich hoͤren. Iſt es nur ein Blend⸗ werk? nein, es iſt wirklich ſo. Alles, was ich wuͤnſche, iſt da. Meine Celiane hatte, da ihre ungeduldige Erwartung nicht erfuͤllt wur⸗ de, ohngeachtet ſich alles gegen uns verſchwo⸗ ren zu haben ſchien, mit unerſchrocknen Ar⸗ men und geſchickten Fuͤſſen, die Hinderniſſe, die ſie von ihrem Freunde und Ehegatten trennten, beſiegt, und war zu mir geſtiegen. D mein ander Ich! meine Celiane— weiter konnte ich nichts hervorbringen. Einige ab⸗ gebrochene und unzuſammenhaͤngende Worte entgiengen unſern entbrannten Lippen, die kaum zu unſern Liebkoſungen hinreichend wa⸗ ren. D Racht, Nacht, die meinem bezauber⸗ ten Gedaͤchtniſſe immer gegenwaͤrtig bleiben wird. Wie berauſchend warſt du, und wie ſchnell entflogſt du uns! Unſer einziger Kummer beſtand darinn, daß wir nicht wuſten, ob der Schiffer mit dem Kahne gluͤcklich zu Lande gekommen ſey oder nicht; denn ſie hatte ihn in dem Stur⸗ me entſetzlich arbeiten ſehen. Sie lobte ge⸗ gen mich die Erkenntlichkeit, die dieſer brave Mann Herbelinnen und ſeiner Frau bewieß, die, um ihn aus den Haͤnden des daſigen Revolutionsausſchuſſes zu befreyen, gegen den er ſich muthig aufgelehnt hatte, eine betraͤcht⸗ liche Summe Geld aufgewandt hatten. Man weiß, daß dieſe Menſchen, ſo be⸗ gierig ſie auch nach Blut waren, es doch nur deßwegen waren, um ſich die Reichthuͤmer, derer, die ſie ermordeten, zuzueignen.*) * Unſchuldige Opfer auf dem Revolutionsplatze abſchlach⸗ ten, hieß, wie man weiß, in der Sprache dieſer Kan⸗ nihalen, Münze ſchlagen. gen. iter orte die wa⸗ her⸗ ben wie ſch an⸗ — 289— Sie ſagte mir, daß Herbelin das Gluͤck gehabt haͤtte, mit dem Buͤrger Servin, der eine Stunde von Avranches wohnte, und uͤber die oͤffentlichen Fuhren geſezt ſey, bekannt zu werden. Dieſer habe verſprochen, mich vor aller Augen zu verbergen. Er hatte in der That ſelbſt in einem groſſen Schuppen eine kleine Kammer gebaut, wo man ſehr dequem leben konnte. Aber ſollte ich ſie auch bewoh⸗ nen, und zwar mit meiner Celiane; ſo wie ſie es wuͤnſchte? Konnte ich bald dieſes Gluͤck genieſſen? Das wuſte ich leider nicht. Wir brachten den darauf folgenden Tag ſehr vergnuͤgt zu, und die Mitternachtsſtunde ſchlug, als wir uͤberlegten, ob ich allein, oder ob wir alle beide ausgehen ſollten, um den Kahn aufzuſuchen. Meine Freunbin zog das leztere vor; benn ſagte ſie, wenn ſich derſelbe unten am Thurme befindet, ſo wollen wir keine Zeit verlieren, und wenn er nicht da iſt, ſo kon⸗ nen dich die Wogen des Meeres nicht auf⸗ halten. Die Ueberfahrt iſt nicht weit, du wirſt mir helſen, und wir werden das Ufer glucklich erreichen. Uebrigens wiſſen wir auch nicht, ob er je wieder zuruͤck kommt, und wenn wir die Sache noch einen Tag auſſchie⸗ ben; ſo muſſen wir gewaͤrtig ſeyn, daß erwas geſchieht, wodurch wir alle beide unglucklich werden. Ich ließ mir dieſes gefallen, und — —— ——— —— — 240— ließ mich zuerſt herunter, damit ſie ihre ſchoͤ⸗ nen Fuͤſſe auf meine Schultern ſetzen und ih⸗ re zarten Haͤnde nicht ſo verwunden duͤrfte. Alles lief gut ab; aber der Kahn war nicht da. Indeſſen war die Luft ſehr ſtill und hei⸗ ter. Wir nahmen uns alſo vor, hinuͤber zu ſchwimmen. Ich ſagte zu meiner unerſchrock⸗ nen Gefaͤhrtin, ſie ſollte ihre Haͤnde um mei⸗ nen Hals legen, und es beim Schwimmen eben ſo machen, wie ich. Sie folgte treulich meinem Rathe. Wir naͤherten uns ſchon dem Ufer, als ſie die Muͤdigkeit uͤbermannte und ihr einen tiefen Seufzer abdrang. Ihre abgematteten Arme laſſen mich los, und ſie entgeht mir—— O Gott!—— Sie iſt von den Wellen verſchlungen—— Ich ſuche ſie, aber umſonſt, es bleibt mir nichts uͤbrig, als mich in den unermeßlichen Schlund zu ſtuͤr⸗ zen, damit ich wenigſtens mit ihr ſterben koͤnne. Gott! rief ich aus, der du Eheleute, denen es ungluͤcklich geht, beſchuͤtzeſt, wirf einen guͤnſtigen Blick auf mich und meine Celiane! Sollteſt du meine heiſſeſten Bitten nicht hoͤren? nein, du vernimmſt, du erhoͤ⸗ reſt ſie; ſie haben dich geruͤhrt. Ich hoͤrte das Geraͤuſch eines Koͤrpers, der gegen die Wellen arbeitete; ich ſchwamm ſogleich ſchoͤ dih⸗ ufte. nicht hei⸗ r zu rock⸗ mei⸗ men ulich ſchon nnte hre d ſie von ſie, als ſuͤr⸗ rben eute, wirf teine itten etho eri am eic ſogleich an die Stelle, und ſie war es wirk⸗ lich; ich bemaͤchtigte mich ihrer, ſuchte mit ihr das Ufer zu erreichen und komme auch nach unglaublichen Anſtrengungen, die die Liebe beſeelte, gluͤcklich an daſſelbe hinan. Meine erſte Sorge war, mich umzuſe⸗ hen, ob ich nicht ein Licht in der Ferne ge⸗ wahr wuͤrde. Ich ſahe nicht das geringſte. Ich gab acht, ob ich nicht etwa Jemand vor⸗ bey reiſen hoͤrte, da die Straſſe hier vorbey gieng. Ich hoͤre und ſehe nichts. Was iſt nun zu thun? D Gott, ich ruffe dich noch einmal an! haſt du meine theure Gattin aus einer Gefahr errettet, um ſie in einer andern umkommen zu laſſen? Da ich nun recht genau horchte, hoͤrte ich endlich gluͤcklicher Weiſe Jemand vorbey reiten. Er mußte dringende Geſchaͤfte ha⸗ ben, denn er eilte ſehr. Ich ruffe ihn, ich laufe, ich ſchreye, und ruffe aus allen Leibes⸗ kraͤften. „Was wollen Sie?“ Huͤlfe fuͤr eine ſterbende Frau! Ich habe ſie aus den Wellen des Meeres erret⸗ tet, aber die Kaͤlte wird ſie umbringen. Sie ſcheinen mir ein menſchenfreundlicher Mann 16 zu ſeyn; ohne Zweifel ſind Sie es auch und Sie werden mein flehentliches Vitten gewiß ſtatt finden läſſen. *ch habe ſehr dringende Geſchaͤfte; aber ſie ſollen mich nicht umſonſt angeruffen haben. Den Ungluͤcklichen zu helfen iſt die erſte Pflicht.“ Indem er dieſes ſagte, machte er ſeinen Mantelſack auf und ſagte:»Sehen Sie, ich bin nicht reich, ich habe nur zwey Hemden. Nehmen Sie dieſelben, eins fuͤr diejenige, die Ihnen ihr Leben zu verdanken hat, das andere fuͤr Sie. Nehmen Sie dieſen Reiſemantel und dieſes Unterkleid, ich hatte mich damit verſehen, um auf der Reiſe Kleider wechſeln zu koͤnnen; aber Sie brauchen dieſelben nothiger als ich. Nehmen Sie auch dieſe Schnupftuͤcher, um ſich damit abzutrocknen. Wenn mein Pferd nicht ſo muͤde waͤre, ſo wollte ich Sie bitten, alle Beide darauf zu ſteigen, und ich wollte zu Fuſſe gehen und Sie fuͤhren. Aber da es ſo lange galoppirt hat; ſo iſt daſſelbe maro⸗ de. Was ſage ich? wir wollen es doch verſuchen. Es ſoll von mir nicht gehoͤrt wer⸗ den, daß ich Ungläckliche verlaſſen haͤtte. Aber laßt uns eilen, fuͤgte er hinzu, indem er ab⸗ ſtieg. Ich will Sie ſo viel moglich, ab⸗ inen ich den. die dere und hen, Uen ich. um ferd ten, ollte ges d⸗ doch wel⸗ bet ab⸗ ab⸗ — 243— trocknen helfen, und dann wollen wir uns aufmachen.“ Das offene und gutherzige Weſen die⸗ ſes Reiſenden ruͤhrte uns bis zu Thraͤnen, und ich wollte ihm meine Dankbarkeit be⸗ zeugen. Ach, antwortete er, es iſt wohl der Muͤhe werth, fuͤr ſolche Kleinigkeiten zu dan⸗ ken, da Sie Ihr Leben gewagt haben—— Sie halten ſich uͤber mich auf.“ Die Huͤlfe, die wir Celianen angedeihen lieſſen, kam beynahe zu ſpaͤt, es war faſt kein Leben mehr in ihr. Doch waren unſre Be⸗ muͤhungen nicht vergeblich. Beſonders war es den trocknen Kleidern zuzuſchreiben, daß ſich die Lebensgeiſter wieder zeigten. Sie nahm ein Elixir, das ihr der wohlthaͤtige Reiſende anbot, und fand ſich doch endlich ſtark genug, um auf das Hintertheil des Pfer⸗ des zu ſteigen, auf welches ich mich, da der Reiſende nicht abließ, ſetzen mußte Die Stimme dieſes mitleidsvollen Man⸗ nes war mir nicht unbekannt. Aber da ich zu ſehr mit andern Dingen beſchaͤftigt war, ſo hatte ich nicht ſo genau darauf acht gege⸗ ben. Wie groß war nun meine Freude, als ich inne wurde, daß es der ehrwuͤrdige Lis⸗ vel, mein Ungluͤckskamerad, in dem unterir⸗ — 244— diſchen Gemach zu Corbeuil war. Wir er⸗ zaͤhlten ihm unſere ungluͤcklichen Ereigniſſe, die ihn ſehr ruͤhrten. Aber waͤre es auch ein Fremder geweſen, haͤtte er uns nicht die⸗ ſen Dienſt geleiſtet, ſo waͤren wir doch gewiß geweſen, wenn wir uns ihm entbeckt hatten, daß er uns nicht an unſte Feinde verrathen hätte. Er duzte uns nemlich nicht, und man weiß, daß das Dutzen ein Zeichen von Grob⸗ heit, wenn es ſich bis auf Perſonen erſtreck⸗ te, die man nicht kannte, die brutale Spra⸗ che und das Loſungswort der Banditen, die damals im Lande herrſchten, war. Wir baten ihn, uns zu dem obgenann⸗ ten Servin, der uͤber das Fuhrweſen geſezt war, und eine Stunde von Avranches wohnte, zu bringen. Er war hiezu um ſo williger, da er Geſchaͤfte in dieſer Stadt hatte. Servin war noch nicht aufgeſtanden, als wir anka⸗ men. Wir hatten viel Muͤhe, ihn zu wecken. Er geſtand uns, daß er aus dem ſtarken An⸗ klopfen geſchloſſen haͤtte, es ſey ein Agent von der Volksgeſellſchaft da, der ihn, nach einer Maaßregel wegen der allgemeinen Si⸗ cherheit, in Verhaft nehmen ſollte. Er nahm uns ſehr wohl auf, und machte gleich ein groß Feuer an, woran wir uns vollends trock⸗ neten, und enblich wieder guten Muths wur⸗ et⸗ iſe, auch die⸗ wiß iten, ſhen man rob⸗ reck⸗ pr⸗ „die ann⸗ eſezt hute, da erbin ante⸗ cken. An⸗ ſgent nach Si⸗ tahn e roc⸗ wul⸗ den. Ich ſaß bey meinem theuren Lisbel. Wir gratulirten uns zu einem ſo gluͤcklichen Wiederſehen. Ich umarmte ihn mehrere mahle, und hielt ihn lange an meiner Bruſt. Hatte ich ihm nicht das Leben meiner Celia⸗ ne zu verdanken? Sie bezeugte ihm auch, wie lebhaft ſie dieſe Wohlthat empfaͤnde, und ſchwor ihm zu, dafuͤr erkenntlich zu ſeyn, es moͤchte ſeyn auf welche Art es wollte. Die Stunde verfloß ſehr geſchwind, und da er ſehr nothwendige Geſchaͤfte hatte, ſo verließ er uns. Wir haͤtten ihn unſre ganze Lebens⸗ zeit bey uns zu behalten gewuͤnſcht! Edelden⸗ kender Lisbel: koͤnnteſt du nur jederzeit Leute finden, die Deiner wuͤrdig waͤren! Wir wußten, daß er zu Blois wohnte. Er trieb daſelbſt einen kleinen Handel mit kurzer Waare. Wir verſchaften ihm durch eine dritte Hand eine Parthie von denſelben und zwar unter ſehr vortheilhaften Bedin⸗ gungen, nemlich um zwey Drittel des ſonſt gewoͤhnlichen Preiſes. So fanden wir doch das Mittel, ihn zu verbinden, ohne daß er wußte, wem er die Verbindlichkeit ſchul⸗ dig war, ohne daß er einmal vermuthete, es wolle ihn Jemand verbinden. Wir bezeugten aber auch in der Folge, daß wir eine ſo groſſe Wohlthat, die ſo groß war, wie die, die er uns erwieſen, erkann⸗ ten. O Lisbel! deinen Namen werden wir niemals ohne die ſanfteſte innige Ruͤhrung ausſprechen. Lisbel, du wirſt immer in un⸗ ſern Herzen wohnen! Der Buͤrger Servin fuͤhrte uns vor Sonnen Aufgang an den Ort, der uns ver⸗ bergen ſollte. Der 9te Thermidor ſaͤumte nicht, und machte auch uns frey. Herbelin, ſeine Frau und der Schiffer Simon, die durch eine unbedachtſame Erzaͤhlung Tervals in Ver⸗ haft genommen und hingeſezt worden waren, erhielten auch an dieſem Tage ihre Freiheit wieder. Terval äuſſerte uͤber den Fehler, den er begangen hatte, und welches ein Fehler ſeines Charakters und nicht ſeines Herzens war, bittere Reue, konnte ihn aber nicht wie⸗ der gut machen. Zum Gluͤck ſtellte der 9te Thermidor alles wieder her. Hundertmal glůͤcklicher Tag! Du ſahſt die ſchweren Ketten des ganzen ſeufzenden Frankreichs zerbrechen; du ſahſt die Ströme unſchuldigen Bluts, die auf allen Seiten floſ⸗ ſen, hemmen. B ſchoͤnſter aller Tage! Ein feyerliches, erhabenes Feſt ſollte dich dem An⸗ denken der Jahrhunderte heiligen! Unſte un⸗ wit ung un⸗ hſ den me loß Fin Un⸗ ſte — 247— Nachkommen ſollten auf einem zu deiner Ehre erbauten Altar Geſaͤnge der Dankbarkeit ſin⸗ gen, und indem ſie denſelben mit Eichen und Blumenkraͤnzen zierten, die wiederhergeſtellte Gleichheit der Rechte, die Gexechtigkeit, und vor allem die Menſchlichkeit auch noch nach unſerm Tode ruͤhmen. Dorbeuil ſigte hinzu, er lebte ſeit die⸗ ſer Epoche zu Reuilld in der liahenswurdig⸗ ſten Eintracht, mit ſeiner Mutter, ſeiner Ce⸗ lianen, Herbelinen, und deſſen Frau. Ter⸗ val waͤre ſchon durch mehr als eine Unvor⸗ ſichtigkeit, da er ſich immer wie einen Terro⸗ riſten betragen und dafuͤr habe angeſehen ſeyn wollen, nahe daran geweſen, ſo wie ſie ver⸗ haftet zu werden; der edelmuͤthige Lisbel lebte ganz anſtaͤndig zu Blois, und die gute La⸗ croix hatte Celiane zu ſich genommen und wolle ſie immer bey ſich behalten. Unter einer tyranniſchen Regierung, denn man nannte dieſe blutige Anarchie Re gierung, unter einer ſolchen alſo, fuhr Dor⸗ beuil fort, iſt der Tugendhafte gezwungen, zu fliehen, und ſich zu verſtecken, und muß ſich den traurigſten Begegniſſen ausſetzen. Unter einer milden und gerechten hingegen lebt er ruhig im Schooße der ſuͤſſen Vergnu⸗ — 248— gungen, die ihm die Natur und die Pflichten der Geſellſchaft gewaͤhren, und ſeine einfa⸗ chen und gleichfoͤrmigen Tage ſtellen den Au⸗ gen ſeiner Nebenmenſchen das Gemaͤlde des Gluͤcks und der Tugend auf. gedruckt mit Commerzienrath Seidliſchen Schriften⸗ Ende⸗ ( 5 &, 7. Sulibach, A⸗ des rey Control Chart Sreen ellov⸗ Bed Magenta Srey * —— 1 „4 X S 4—— ——————