Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und geſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Nur für einen einzigen Tag geſtattet mir die Gaſtfreyheit. Der alte Milford, ein reicher Kaufmann in Plymouth, hatte ſich durch den indiſchen Han⸗ del unermeßliche Reichthuͤmer erworben: in glei⸗ chem Grade mit ihnen war auch ſeine Habſucht geſtiegen, und er athmete itzt einzig nur, um ſie voch immer mehr zu haͤufen.“ Eduard, ſein einziger Sohn, hatte das achtzehnte Jahr erreicht. Mit moͤglichſter Sorge im vaͤterlichen Hauſe erzogen, in den engen Schranken eines Comtoirs erwachſen, und von Commis und Maͤklern umgeben, waren von Kind⸗ heit an ungeheure Ballen, Verſchlaͤge, Kiſten und Geldtonnen Gegenſtaͤnde, wovon er unter— halten, woran ſeine ganze Aufmerkſamkeit ge⸗ feſſelt, und ſo fuͤr jedes Andere, das keine reiche Procente verſprach, Kopf und Herz verſchloſſen wurde; die Schoͤnheiten der Natur, Kunſtwerke, ſchoͤne Wiſſenſchaften und die ſanften Stuͤrme der Leidenſchaften, waren ihm fremd, er hatte keinen Sinn fuͤr ſie. Dahingegen war er in den fuͤnf Species der Rechenkunſt, der Geographie Indiens, und überhaupt in allem dem, was einigen Bezug auf den Handel ſeines Vaters hatte, um ſo mehr be⸗ wandert, und redete ſogar ganz fertig das Ma⸗ layiſche, eine orientaliſche Sprache der Indianer. Der alte Milford, entzuͤck“ ſeinen Sohn ſo voll⸗ kommen ſeinen Wuͤnſchen entſprechen zu ſehen, laͤchelte uͤber deſſen Einfalt, wenn er ihn zuwei⸗ len in dieſer fremden Sprache unterhielt, oder ihm genau auf der Charte die Plaͤtze anzuzeigen⸗ wußte, wo ſich ſeine Faktoreyen befanden; auf dieſe Art glaubte der Alte die Erziehung ſeines Sohnes vollendet, da er ihn weder zu einem — 7— angenehmen, geſelligen und recheſchaffenen Manne, noch guten Buͤrger, ſondern blos zu einem aͤchten Kaufmanne bilden wollte; auch hatte er volles Recht auf ſein Werk ſtolz zu ſeyn. Die ſchoͤpferiſche Natur, in einer ihrer ge⸗ woͤhnlichen Launen, hatte Eduards nach Gold duͤrſtende Seele in den reizendſten Koͤrper, ganz eines Ganymeds wuͤrdig, gehuͤllt. Ein ſchlanker Wuchs, eine regelmaͤſſige Bildung und aus⸗ drucksvolle Geſichtszuͤge, ſetzten ihn in die Reihe der ſchoͤnſten Maͤnner Englands. Auſſer dieſer ſchon an und fuͤr ſich ſo ſelt⸗ nen Gabe, war Eduard der einzige Erbe eines ſehr betraͤchtlichen Vermoͤgens, und daher auch bald der Gegenſtand geworden, welchen manche Schoͤne aus der Gegend durch ſchmachtende Blicke und anlockendes Entgegenkommen in ihr Netz zu ſchlingen verſuchte. Schon ſieng er an, dieſem reitzenden Spiele Geſchmack abzugewin⸗ nen, als ſein Vater, der dieſes bemerkte, aus Furcht, alle die ſchoͤnen Fruͤchte ſeiner bisherigen Bemuͤhungen zu verlieren, ſich auf einmahl ent⸗ ſchloß, ihn ohne Verzug abreiſen zu laſſen. Mit Sehnſucht harrte er nur noch dem Tage entgegen, an welchem ſein Sohn das zwanzisſte * — 8— Jahr erreicht haben wuͤrde, um ihn alsdann ſeine erſte Reiſe nach Indien unternehmen zu laſſen. Von dieſem Zeitpunkte an war er auf das Thaͤtigſte beeifert, ihm eine der xeichſten Ladungen nach J Java auszuruͤſten und bereit zu halten. Der Gedanke an die Abreiſe und die Trennung ſeines einzigen Sohnes ruͤhrte den alten Milford keinen Augenblick. Die Hoffnung, durch deſſen Gegenwart auf den Inſeln ſeinen Handel noch mehr auszubreiten und ſeine Schaͤtze zu vermehren, waren fuͤr dieſen Kaufmann weit wichtigere und ſtärkere Gefuhle, als jene der reinern Natur!. In wenigen Tagen war alles bereit. Der Belerophon mit europaͤiſchen Produkten beladen, lag bereits auf der Rhede, und Kapitän Ri⸗ neald, der ſchon die nöthigen Befehle erhalten hatte, erwartete nur noch Ednard, um die An⸗ ker zu lichten und unter Segel zu gehen. „Mein Sohn, redete ihn der Alte an, „obſchon Du zwar noch ſehr jung biſt, ſo zeigſt „Du doch bereits ſo gute und lobenswuͤrdige „Anlagen, daß ich dich morgen nach Java ab⸗ „reiſen zu laſſen gedenke. Eines meiner Schiffe „liegt ſegelfertig, um Dich an Bord zu neh⸗ — ₰—— „men, und Kapitaͤn Rineald, den Du ſchon „kennſt, iſt deſſen Befehlshaber. In Batavia „wirſt du meinen Korreſpondenten, den Herrn „Vindek,—einen ſchaͤtzbaren und aͤuſſerſt reichen „Hollaͤnder, kennen lernen. Ein Jahr hindurch „arbeiteſt Du mit ihm und unter ſeiner Auf⸗ „ſicht; nach Verlaufe deſſelben uͤbernimmſt Du „die Leitung meiner Geſchaͤfte allein. Ich hoffe, „daß Du genau und puͤnktlich die Belehrun⸗ „gen, die ich Dir ertheilt habe, befolgen wirſt. „Fuͤr die europaͤiſchen Waaren, mit welchen „Dein Schiff beladen iſt, tauſcheſt Du mir „Sdelſteine, Gewuͤrze, wohlriechendes Gehoͤlze, „mediziniſche Wurzeln und Kräuter, Pfeffer „und Indigo ein, und ſendeſt es mir zuruͤck. „Bedenke ſtets, mein Sohn, daß Sparſamkeit „die Auelle des Reichthums ſey: lebe daher „maͤſſig, und raffe zuſammen, was Du immer „vermagſt,— dieß ſey deine einzige Beſchafti— „gung. Fliehe deswegen auch die Weiber und „alle jene Vergnuͤgungen, die nicht ſelten, auch „ſelbſt die noch ſo feſt gegruͤndeten Gluͤcksum⸗ „ſtaͤnde zertruͤmmern; in acht oder 10 Jahren „kehrſt Du nach England zuruͤck, wo Du als⸗ „dann mit Deinen, Dir ſelbſt geſammelten, „und meinen, durch Fleiß und Muͤhe erworbe⸗ — J0— „nen Schaͤtzen, ein reicher und maͤchtiger Mann „ſeyn wirſt!“ Schweigend hoͤrte Eduard ihm zu: ohne einen Seufzer verlaͤßt er Familie und Vater⸗ land. Die aufgehaͤuften Reichthuͤmer Bataviens an glaͤnzendem Golde und Diamanten belebten ſchon ganz ſeine Phantaſie, und öffneten ihm in der Ferne die herrlichſten Ausſichten. Er uͤber⸗ nimmt alle Anweiſungen, Rechnungen und Briefe ſeines Vaters an das Haus Vindek, und ſchon den z0ten April, bey dem erſten Strahle der aufgehenden Sonne, ſteuerte Belerophon mit vollen Segeln aus der Rheede von Plymouth. Nach einer zwey Monat langen gluͤckli⸗ chen Fahrt ſegelten ſie endlich zu Ende des Juny an dem Vorgebirge von Comorin voruͤber. Die groſſe Hitze, welche das ſuͤſſe Waſſer auf dem Schiffe ungenießbar gemacht hatte, noͤthigte ſie, obſchon ſie nicht mehr, als dreihundert Stun— den von Java entfernt waren, neuen Vorrath aufzunehmen. Der alte Rineald, welcher genau dieſe Ge⸗ genden kannte, ließ daher grade auf die Inſel Ceylon zuſteuern, um auf der Rheede von Bilao die Anker zu werfen. Das Schiffsvolk jubelte 8 — 1— hoch auf bey dieſem Befehle, und frendenvoll ſteckten ſie alle, vom kleinſten Schiffsjungen an, bis zu dem älteſten Bootsknechte, entzuͤckt ihre offnen Arme dem feſten Lande entgegen.— Die Ungluͤcklichen!. Eduard waͤhnte ſich nun hier auf dem Meere Indiens vor allen Launen des Gluͤckes geſichert. Die freye Ausſicht nach der Landſpitze von Indoſtan und den Maldiviſchen Inſeln verſetzte ihn in die froͤhlichſte Stimmung, und ſchien ihm volle Zufriedenheit zu gewaͤhren. Er dachte ſich ein wahres Feſt, nach einer ſo langen Fahrt einige Stunden an das Land zu ſteigen, um die heitere, reine Luft zu athmen. Die Inſel Ceylon, nach welcher das Schiff zu ſteuerte, ent⸗ huͤllte ſich nach und nach ſeinem forſchenden Blicke, ſie ſchien gleichſam beſcheiden aus dem Schooſe des Oceans empor zu ſteigen, ſich all⸗ maͤhlich mit Majeſtät auf ſeiner glatten Flaͤche auszudehnen, und dann ſtolz die ſchäumenden Fluthen zu durchbrechen... Die praͤchtige, weiß⸗ ſchimmernde Bergſpitze des Adam entzuͤckte vor⸗ zuͤglich das an dergleichen erhabene Gegenſtaͤnde nicht gewoͤhnte Auge des jungen Reiſenden.. Der Berg Adam, der hoͤchſte Indiens, befindet ſich in der Mitte der Inſel Ceylon, erhebt ſein Haupt hoch bis in die Wolken, und ſcheint von der einen Seite das indiſche Meer, und von der andern den Meerbuſen von Bengalen zu be⸗ graͤnzen. „Hier, ſagte der alte Rineald, der uͤber „ſein Staunen laͤchelte, hier auf dieſem Gebirge, „behaupten die Indianer, befaͤnde ſich das ir⸗ „diſche Paradies, und noch heute zeigt man da⸗ „ſelbſt mit aller Ehrfurcht die Fußſtapfen Adams. „Schon zu dem zwanzigſten mahle gruͤſſe ich nun „hier im Vorbeyſegeln den Aufenthalt unſerer „Stammeltern, und bis Ihr, junger Mann, es „eben ſo oft gethan haben werdet, moͤgt Ihr „laͤngſt ein Greis ſeyn.— Doch genug hievon, „und da Ihr Luſt bezeiget, dieſe Inſel, an der „wir landen werden, genauer kennen zu lernen, „ſo hoͤrt mir zu: „Ceylon iſt die beſte unter den indiſchen „Inſeln. Sie iſt noch reicher, als Java und „Sumatra, wo Ihr eure Faktoreyen beſitzet. „Nur mit vieler Muͤhe gelang es den Portu⸗ „gieſen, ſich auf dem mittägigen Geſtade nie⸗ „derzulaſſen, wo ſie das Fort Colombo erbau— „ten. Ihre Bewohner, die Singalen, ſind — 13— „durch mehrere Koͤnige oder Itobaren beherrſcht, „deren Macht die Braminen im Gleichgewichte „zu erhalten ſuchen. Der Maͤchtigſte dieſer „Koͤnige iſt jener von Candyen, dem alle andere „bey ausbrechenden Kriegsunruhen untergeord⸗ „net ſind. Der furchtbarſte und betraͤchtlichſte „dieſer verſchiedenen Volksſtaͤmme jedoch iſt un⸗ „ſtreitig der Tenadariſche, oder der Bedas, „welchem ehemahls das Land von Colombo zu⸗ „gehoͤrte, und dem der ganze Theil der Inſel, „welchen Ihr hier, von den Ufern an bis zu „den Gipfeln jener Gebirge hin, vor Euch er— „blickt, eigen iſt. Die Bedas ernaͤhren ſich „von den Fruͤchten des Kokosnußbaumes, und „kleiden ſich mit einem groben Gewebe, welches „ſie aus ſeiner Rinde zu verfertigen wiſſen, und „Caros nennen. Sie ſchieſſen beſonders gut mit „dem Bogen, und ihre ganze Induſtrie beſteht „in Verfertigung der kuͤnſtlichſten Dolche. Ihre „erſte und heftigſte Leidenſchaft iſt Haß gegen „die Portugieſen, der wohl aus den langwieri⸗ „gen Kriegen, in welche ſie ſtets mit ihnen ver⸗ „wickelt ſind, entſpringen mag. Hier habt Ihr „nun alles, was man von ihnen zu ſagen weiß: „und bis itzt war noch niemand neugierig ge⸗ „nug, ſich ihre naͤhere Bekanntſchaft verſchaffen „ „zu wollen, da jeder Auslaͤnder, welcher in ihre „Haͤnde faͤllt, nie kebend wirder zuruͤckkehrt. „Doch weiß man noch ſo viel von ihnen, daß „ſie keine Menſchenfreſſer, und unter ſich ſehr „Zaſtfrey ſind; allein ihre Geſetze verhaͤngen „uͤber jeden Europaͤer den Tod, und man ſagt „ſogar, ſie braͤchten ihre Gefangenen den Manen „ihrer Voreltern zum Opfer. Landen wir auch „auf dieſer Kuͤſte, ſo huͤten wir uns weislich, „lange hier zu verweilen. „Die Inſel ſelbſt liefert uͤbrigens die vor⸗ „treflichſten Produkte, beſonders geſchmackvoll „ſind ihre Kokosnuͤſſe, Orangen und Limonen; „auch erzeugt ſie eine Menge vierfuͤſſiger Thiere „und Voͤgel aller Arten. Ganze Waͤlder mit „Zimmtbaͤumen trifft man hier, und die Dia⸗ „manten, Saphirs, Karfunkel, Topaſen und „Granaten rechnet man unter die vorzuͤglich⸗ „ſten Orients. Die Perlenfiſcherey iſt ſehr er— „giebig, und das Gebirg reich an Gold⸗ und „Silberminen. Allein bis itzt kennt man nur „das Candiſche, Tafanaiſche, und das Volk von „Patan, jenſeits des Berges. Die unerbittli⸗ „ chen Bedas verweigern hartnaͤckig alle Hand⸗ „lungsverkehre mit ihnen. Man vermuthet — 5— „jedoch, daß blos dieſer Theil der Inſel die „groͤßten Schaͤtze verſchlieſſe; die Portugieſen „boten daher auch alles auf, um ſich ſolche zu⸗ „zueignen; allein alle guͤtliche Verſuche, ja ſelbſt „ihre Waffen, blieben bis itzt noch unwirkſam.“ Rineald hatte kaum ſeine Erzaͤhlung geen⸗ det, als das Schiff auch ſchon an dem Geſtade von Bilao landete. Nahe bey demſelben ſpru⸗ delte eine helle Quelle hervor, die ihn manch⸗ mahl ſchon treflich erquickt hatte. Er ertheilte ſogleich Befehl den noͤthigen Vorrath zu ſchoͤpfen, welchen das Schiffsvolk auch mit groͤßter Thaͤ⸗ tigkeit zu vollziehen ſuchte. Das Ufer war zwar hier oͤde; doch erhob ſich in einer kleinen Ferne ein ſanfter Huͤgel, ganz von Baͤumen beſchattet. Nach ihrer Hoͤhe und den Fruͤchten zu urtheilen, ſchienen es Oli⸗ ven, und ihre Blaͤtter dem Lorbeer nicht unaͤhn⸗ lich zu ſeyn. Eduard hielt dieſe ſchwarzen Oli⸗ ven fuͤr Zimmt; haſtig erſtieg er den Huͤgel, und fand ſich auch wirklich nicht getaͤuſcht; ent⸗ zuͤckt uͤber dieſe Entdeckung, verfolgte er ſie nur noch um ſo lebhafter. Auf der entgegengeſetzten Seite des Abhanges befanden ſich dieſelben Baͤu⸗ me, und in der Ferne erblickte er ganze Waͤlder — 16— von Kokos. Da er nun einmal nach ſo wenigen Schritten ſchon ſolche koͤſtliche Fruͤchte entdeckt hatte, warum duͤrfte er nicht auch noch Diaman⸗ ten finden, mit welchen die Inſel ganz beſaͤet ſeyn ſoll? Er ſchritt immer weiter voran; allein in dem Thale erblickte er nichts, als ſanft ſich hinſchlängelnde Kryſtallbaͤche und lachende Fluren, im reibendſten Gemiſche von unzähligen bunten Feldblumen, die Wohlgeruͤche durch die ganze Atmosphaͤre ausſtreuten. Aber keiner aller dieſer praͤchtigen Gegenſtaͤnde feſſelte ſeinen ein⸗ zig nach den mit Eis bedeckten Bergſpitzen hin ſtarrenden Blick, welche von der untergehenden Sonne im Abendrothe vergoldet, ihm hellſchim⸗ mernd entgegenſtrahlten... Ja ſelbſt die Ko⸗ kosnuͤſſe, welche ihm doch die erwuͤnſchte Er⸗ friſchung darboten, ſchien er zu fliehen. Ermuͤdet und in Schweiß gebadet hielt er endlich ſtille. Eine Stunde konnte er bereits ſo gelaufen ſeyn, als er nun erſtaunt die zuruͤckgelegte Strecke uͤberſah. Der Huͤgel naͤchſt Bilao be⸗ nahm ihm aber die Ausſicht auf das Meer: in* dieſem Augenblicke erſt fuͤhlte er ſich allein in dieſem einſamen Thale, und eilte mit beflgelten Schritten nach dem Huͤgel zuruͤck. Auſſer Athem erreicht er den Abhang, und forſchend blickt er nach der Meeresflaͤche hin. Mit Pfeilesſchnelle ſegelte Belerophon bereits in der Ferne. Verzweiflungsvoll drang Eduards Geſchrey vergebens durch die Luͤfte; er ſtuͤrzte ſich nach dem Ufer hin... Doch welch ein ſchauervolles Bild erblickt er hier!.. Ent⸗ ſeelt lagen ſeine Reiſegefaͤhrten auf der Erde hingeſtreckt, und roͤchelten noch ihre letzten Le⸗ bensgeiſter aus!.... Ihr Blut, welches auf dem Sande dahin ſtroͤmte, faͤrbte jene unſelige Quelle!. Noch einmahl uͤberſieht er mit hinſtarrendem Auge das graͤnzenloſe Meer, und bemerkt nur noch kaum in der Ferne das ſchei⸗ dende Schiff. Unbeweglich ſteht er nun hier, bis ihn auf einmahl ein fuͤrchterliches Geſchrey aus ſeiner Bewußtloſigkeit aufſchreckte. Ein Haufen Bedas, welche mit ihren Siegesgeſaͤn⸗ gen die Luft erfüllten, und ſich eben nach dem mittaͤgigen Gebirge zuruͤckzogen, gaben ihm end⸗ lich einiges Licht uͤber die ſo ſchnelle Abfahrt ſeines Schiffes, und die Gefahren, welche ihn ſelbſt bedrohten... O Schickſal, o Vater! rief er aus, und floh verzweiflungsvoll dieſen Ort des Entſetzens, und die furchtbaren Inſu— laner. Als er ſich entfernt hatte, eilte er ſtets längſt dem Geſtade des Meeres hin. Bald brach die Nacht mit all' ihren Schrecken hervor; und der ſtuͤrmende Oſtwind peitſchte wild das ſchwarze Gewolk umher. Eduard erblickte und hoͤrte nun nichts mehr, als jene grauſamen Wilden, und ihr fuͤrchterliches Waffengeklirr; ſelbſt die befluͤ⸗ gelten Nachtgeſpenſter, die ihn umſchwaͤrmten, bemerkte er nicht einmahl. Furcht und Entkraͤf⸗ tung hatten ihn voͤllig erſchoͤpft, und in dieſem Zuſtande ſank er an einem Felſen, an welchem die ſchaͤumenden Wellen ſich brachen, nieder. Bald hatte ſich der erſte Sturm ſeines Gefuͤhls gelegt, um in einen gemaͤſſigtern Schmerz uͤberzugehen, der aber fuͤr ihn nur um ſo empfindlicher wurde. Seine Ideen beſchaͤftig⸗ ten ſich allmaͤhlich mit ſeinem reich beladenen Schiffe, welches er nun im Geiſte ſchon als die 5 Beute Rinealds betrachtete; der Verluſt ſo vic ler Schaͤtze fuͤllte ſein Aug⸗ mit Thraͤnen.„Der 3 „Belerophon ſegelt nun uͤber die Meere dahin,“ 3 unterhielt er ſich in einem Selbſtgoſpraͤche, „und traͤgt all' mein Gold, und alle meine Hoff⸗ „nungen mit ſich fort. Bey ſeinem Einlaufen „in Batavia wird ſich nur zu bald die Gewiß⸗ — 19— „heit meines Todes verbreiten, und bis zu mei⸗ „ner ſpaͤtern Ankunft Rineald laͤngſt ſchon „wieder nach Europa zuruͤckgekehrt ſeyn. Ohne „alle Huͤlfe, mir ſelbſt überlaſſen, werde ich „dann in Java im Elende dahin ſchmachten; „im Elende, mitten unter den Schaͤtzen, die „mein Eigenthum ſind.“ Allein dieſer noch unbedeutenden Veſorg— niß folgte bald eine weit ſchreckbarere. Werd' ich auch je in Java landen? Jemals den Haͤnden der Tenadaren zu entfliehen vermoͤgen? Dieſe Idee, ohne es ſelbſt zu wollen, bemaͤch⸗ tigte ſich aller ſeiner Gefuͤhle: und das Uecbel, vor dem er noch kaum vor einem Augenblicke zuruͤckbebte, ſchien er nun weit vorzuziehen; ſeine Wuͤnſche beſchraͤnkten ſich itzt blos, bald zu Herrn Vindek zu kommen, und von Fürcht und Hunger umgeben, war ihm der Gedanke an Armuth lange nicht mehr ſo zuruͤckſchreckend. Die Nacht hatte nun bald ihren finſtern Schleier uͤber die Natur voͤllig ausgebreitet, und man konnte kaum in der undurchdringlichen Finſterniß die Kruͤmmungen des Ufers erkenuen. Doch allmaͤhlig ſchwand ſie wieder; zitternd ſtahl ſich der Mond aus dem dunkeln Gewoͤlke hervor, leuchtete mit ſeinem matten Lichte umher, ſpie⸗ gelte ſich dann in der ruhigen Waſſerflaͤche, dehnte ſich nach und nach uͤber die unkennbar gewordenen Bergſpitzen und Kokoswaͤlder aus, mit denen ſich der Geſichtskreis hier zu enden ſchien. Der fuͤrchterliche Sturm hoͤrte auf zu to⸗ ben, mit ihm flohen die ſchwarzen Wolken, und die ſchreckvollſte Nacht verwandelte ſich allmaͤhlig in eine heitere, praͤchtige. Mag nun aber auch wohl dieſe ſo ſchnelle Naturveraͤnderung dem jungen Milford ein guͤnſtiges Vorgefuͤhl einge⸗ floͤßt haben? Der Ungluͤckliche war wirklich davon nicht ungeruͤhrt geblieben. Mit der Finſterniß um ihn her ſchwand zugleich auch ſein Entſetzen, und mit der wiederkehrenden Ruhe des Ganzen, kehrte auch ſein Muth zuruͤck. Jenes Beduͤrf⸗ niß, das ihn laͤngſt niederbeugte, ward ihm end⸗ lich zu maͤchtig. Feſt entſchloſſen, es zu befrie⸗. digen, nahm er den Weg gegen die Baͤume hin, welche er in der Ferne entdeckte: die Furcht vor den Tenadaren hielt ihn nun, da ihn der Hun⸗ ger unternehmend gemacht hatte, nicht mehr auf. „ en„„„ u d 9 ſe 3 nd lig ich em ge⸗ cht hn nd en, nd⸗ ie in, vor un⸗ uf. Er durchſtreift das Thal, in welchem er am Morgen verweilt hatte. Die Zimmtbaͤume, die ihm damals ſo koͤſtlich duͤnkten, ekelten ihn itzt an, da ſie ihm nicht einmahl einige Nahrung gewaͤhrten; unwillig riß er von ihren Fruͤchten ab und warf ſie als unnuͤtz zu Boden. So wie das Thal vor ihm immer enger und enger zulief, kam er auch dem Walde, der daſſelbe einſchloß, ſtets naͤher. Er hatte den geraden Stamm des Kokos erkannt, und waͤhnte ſchon im Geiſte ſeine nahrhaften Fruͤchte zu ko⸗ ſten.„ Taͤuſchende Hoffnung!„ Die abgeleerten Baͤume vermehrten nur noch Eduards Leiden. Vergebens durchſucht er mit Heißhunger ihr Geſtraͤuch, und findet leider nichts, als leere Zweige und Blaͤtter.... Zu ſehr erſchoͤpft, um noch laͤnger ſeinen Weg fortſetzen zu koͤnnen, und unſicher, wohin ſeine Schritte zu lenken, ſinkt er endlich unter einem etwas entferntern Baume nieder. Er erinnert ſich itzt zwar, daß, nach Ri⸗ nealds Erzaͤhlung, die Portugieſen hier einige Anlagen, und in irgend einer Gegend der Inſel das Fort Colombo beſitzen. Allein in welchem Theile liegt es? Wie mag er ſolches erreichen, zuvor aber ſich mit Nahrung verſehen, und den Inſulanern entkommen? Dieſe Schwierigkeiten zu beſiegen, waren fuͤr einen jungen Menſchen ohne allen Muth und Erfahrung mit tauſend unuͤberwindlichen Gefahren verknuͤpft; voͤllig entkraͤftet, wiegte ihn endlich der Schlummer ein. Der Laſterhafte, wie der Ungluͤckliche, ge⸗ nieſſen dieſe Wohlthat nie lange. Auch Eduard erwachte ſchon nach einigen Stunden wieder aus ſeiner Betaͤubung; raſch ſpringt er auf, in⸗ dem er ſich von lauter Bedas umrungen waͤhnt. Wenige Augenblicke nur bedurfte er, um ſich wieder zu ſammeln. Todtenſtille herrſchte um ihn her. Die Baͤume dieſes Waldes, dacht' er bei ſich, koͤnnen doch unmoͤglich alle ohne Fruͤchte ſeyn, und gewiß verbirgt ſie blos ihr dunkler Schatten. Die Nacht ſoll ihn nun be⸗ guͤnſtigen, das Ufer wieder zu erreichen, an dem er bis an das Fort Colombo nach und nach fortzuklimmen, entſchloſſen iſt. Dieſer Hoffnungsſchimmer gewaͤhrt ihm 3 einige Ruhe; durch ihn geleitet, wandelt er nun immer weiter voran, und gierig ſtreifen ſeine Blicke umher. Wankend ſind zwar noch ſeine Tritte: allein das ſanfte Rauſchen eines Baches 8 in ne ne es — 23— brachte ihn bald zu dem Entſchluſſe, ſeinem min⸗ der ſteilen Ufer, das ihn vielleicht einem gaſt⸗ freyen Aufenthalte naͤhern duͤrfte, zu folgen. Hier endigte ſich nun der Wald, und bald darauf befand ſich der junge Reiſende im Freyen, und in der Mitte eines groſſen Wieſenteiches, der ſich laͤngſt dem Bache ausdehnte. Die wach⸗ ſende Daͤmmerung ſchuf alle Gegenſtaͤnde um ihn her in die ſonderbarſten hin und wieder gau⸗ kelnden Bilder. Auf dem jenſeitigen Ufer glaubt er einen Haufen Bedas auf der Erde hingela⸗ gert zu ſehen, vor deren fuͤrchterlich drohenden Lage er ſchon zuruͤckbebte: obſchon ſie alle tief zu ſchlafen ſchienen, ſo uͤberhaͤufte er ſich doch wegen ſeines Leichtſinnes mit Vorwuͤrfen. Die Matte war hie und da mit einem kleinen Gehoͤlze bewachſen, das die ſchoͤpferiſche Natur in jener reitzenden Unordnung, welche die erfinderiſche Kunſt vergebens nachzuahmen trachtet, hier gepflanzt hatte. Furchtſam eilt Eduard nach dem naͤchſten Gebuͤſche hin, feſt entſchloſſen, ſeinen dichten Schatten, der ihm allein vor der drohenden Gefahr Sicherheit ver⸗ ſprach, den ganzen Tag uͤber nicht mehr zu ver⸗ laſſen. Haſtig arbeitet er ſich mit beiden Hän⸗ — 24— — den durch das verwachſene Geſtraͤuch, und ver⸗ birgt ſich unter den hohen, bejahrten, ihm un⸗ bekannten, itzt aber ſchaͤtzbar gewordenen Baͤumen. „ Kaum hatte er inzwiſchen unter dieſem wirthbaren Schatten freyen Athem geſchoͤpft, als er auch ſchon in einiger Entfernung unter einem Palmbaume ein lebendes Weſen ent— deckte.. Sicher ein wildes Thier, oder ein Tenadar. Doch er fliehet nicht; zum erſtenmahl in ſeinem Leben fuͤhlt er ſich beherzt, nahet dem Palmbaume, und wagt es endlich ſogar, den Gegenſtand ſeines Schreckens genauer zu be— trachten. Ein zweyter Blick darauf, machte ihn beſtuͤrzt, der folgende aber wieder beherzter.... Es war ein Weib, das hier ſchlummerte. Ein Weib!.. Bey ihrem Anblicke er⸗ wachte in dem Herzen des Juͤnglings jene ſuͤſſe Unruhe, welche ſich ſo ſchwer beſchreiben, deſto angenehmer aber empfinden laͤßt.... Mit lei⸗ ſem Schritte, um ſie ja nicht in ihrem Schlafe zu ſtoͤren, tratt er naͤher. Eben brachen die er— ſten Strahlen der aufgehenden Sonne durch die dicht verwachſenen Wipfel, und geſtatteten ihm, beynahe alle Jugendreitze Stellinens ungehin⸗ dert zu bewundern... Auf einer Elephanten⸗ — —,—— (— — ** XX 5 — —„—— NN —— vX* haut hingeſtreckt, ruhte ihr Kopf auf einem Koͤ⸗ cher; ihr Haar ſchwaͤrzer und glaͤnzender als Ebenholz, hing in unregelmaͤſſigen Flechten um— her; ihr Gewand von einem indiſchen Zeuge, durch einen Perlknopf auf der linken Schulter befeſtiget, wallte im Halbzirkel uͤber die ſanfte Woͤlbung der rechten, welche er jedoch zu ent⸗ huͤllen nicht wagte, wand ſich in der Mitte zu einer Schaͤrpe, und floß dann in unzaͤhligen Falten auf das Knie herab. Ein zufriedenes Laͤcheln, das auf ihren Lippen ſchwebte, buͤrgte fuͤr die reine Unſchuld des Maͤdchens, und heitere Ruhe ſchien auf allen ihren Zuͤgen hingegoſſen. Dieſe bezau⸗ bernde Geſtalt, der halb offne Buſen,„die⸗ ſer ſchlanke Wuchs, hier mit einem durchſichti⸗ gen Schleyer bedeckt, und dort in reitzender Blöſſe... Alles dieſes erfuͤllt auf einmahl das Auge und die Seele des jungen Menſchen mit unnennbaren Empfindungen. Er wirft ſich nieder, und ein Ausruf des hoͤchſten Staunens entfaͤhrt ihm. Dieſer Schrey erweckt die junge India⸗ nerin. Sie erblickt den Europaͤer; ſchneller als der Blitz ſpringt ſie auf, ergreift ihren Bo⸗ 26— gen, eilt davon, ſpannt ihn, und drohet dem Verwegenen den Tod.... Noch einmahl, mit flehendem Blicke nach ihr hinſehend, wirft er ſich nieder:„HO! druͤcke nur immer ab, der „Tod aus deinen Haͤnden wird mir willkom⸗ „men ſeyn.“ Furchtlos ſtarrt er dem moͤrderi— ſchen Pfeile entgegen; denn ein inneres Gefuͤhl ſagte ihm, daß Stellina unmoͤglich ſeine Moͤr⸗ derin ſeyn koͤnne. Die Schwermuth in allen ſeinen Zuͤgen, ſeine traurige Lage, und ſein ganzes Weſen, welches die Groͤſſe ſeiner Leiden ausdruͤckte, ruͤhrten die Indianerin. Mitleid ſchimmert aus ihren Augen.... Ihre Hand zieht den Pfeil zuruͤck, der den Fremdling toͤdten ſollte. „Warum, Portugieſe, treff ich Dich an die⸗ „ſem Orte? Du redeſt meine Sprache, und ge⸗ „hoͤrſt ohne Zweifel nach Colombo? Du biſt „unbewaffnet, und ſcheinſt ungluͤcklich. Ich „vergebe Dir, obſchon ich nur zu wohl weiß, „daß Verrath und Trug bey Euch zum Spiele „geworden ſind. Wer Du nun auch immer „ſeyn magſt, iſt es Dir denn nicht bewußt, „daß der Tod hier auf jeden gefangenen Eu⸗ „ropaͤer lauſcht, und daß die qualvollſten Mar⸗ n, te us eil ßt, u⸗ ar⸗ — 27— „tern jenem beſtimmt ſind, der es nur wagt, „ſein Auge auf die Tochter des Itobars, oder „Bramas zu werfen?... Fliehe, denn wuͤr⸗ „deſt Du von den Jaͤgern, die in der Naͤhe hier „lagern, uͤberraſcht, Dein Loos waͤre weit „ſchrecklicher, als jenes der wilden Thiere, wel⸗ „che noch geſtern unter unſern geſtaͤhlten Pfeilen „erlagen.“ Bey dieſen Worten entfernte ſie ſich, und Ednard wagt es, ſie noch zuruͤck zu halten. „O Ihr! die Ihr ganz gewiß uͤber die Tena⸗ „daren herrſchet, verlaſſet mich nicht. Die Koͤ⸗ „nige, wie die Goͤtter, muͤſſen ja dem Schwa⸗ „chen Schutz verleihen. Nur Euer Beyſtand „kann mir Sicherheit geben. Ich bin kein „Portugieſe. Aus einem entfernten Lande, „um nach Java zu ſegeln, landete ich an eu⸗ „rem Geſtade. Neugierde trieb mich in die „Waͤlder. Bey meiner Ruͤckkunft fand ich meine „Gefaͤhrten ermordet, und mein Schiff bereits „auf dem oſfenen weiten Meere. Schon zwey „Tage quaͤlt mich nagender Hunger, und ver⸗ „gebens ſuchte ich nach Nahrung, um ihn zu „ſtillen. Nur fuͤr einen einzigen Tag „geſtattet mir die Gaſtfreyheit. Ge⸗ „waͤhrt mir Schutz gegen eure grauſamen In⸗ „ſulaner, und morgen ſchon will ich laͤngſt dem „Ufer hin Colombo aufſuchen. Die Liebe, wel⸗ „cher man ja in allen Welttheilen huldiget, „wird es Euch einſt lohnen, einen Mann jen⸗ „ſeits der Meere her, der weder eure Urvaͤter, „noch Euch je beleidigte, beſchuͤtzt zu haben. „Koͤnntet Ihr jedoch gegen meine Bitten gefuͤhl⸗ „los ſeyn, o! dann endet meine Leiden, ich be⸗ „ſchwoͤre Euch! Ich weiche nicht von der Stelle. „Druͤcket ab; nur Ihr ſollt mich todten!“ Als er ſo geendet hatte, floſſen ihm ver⸗ zweiflungsvoll die Thraͤnen uͤber ſeine bleichen Wangen, und er ſtreckte die offnen Arme der geruͤhrten Indianerin entgegen, welche ihn ſchwei⸗ gend anblickte. Mit jedem Momente vermehrte ſich ihr Mitleid fuͤr dieſen ungluͤcklichen Fremd⸗ ling: aber vergebens ſinnt ſie auf Mittel ihn zu retten. Nur wenige Baͤume trennen ſie von ihren Frauen, und erwachte nur eine, dann waͤre es um ihre eigne Ehre und das Leben die⸗ ſes Ungluͤcklichen geſchehen; denn das Geſetz verhaͤngt den Feuertod uͤber jeden, der es wagen ſollte, einem Europäer nur den geringſten Bei⸗ ſtand zu leiſten. Schon waͤhnte ſie die Stimme ihres alten Vaters, des ehrwuͤrdigen Braminen, den lauten Zuruf der Anfuͤhrer, ja ſelbſt des ganzen Stammes zu hoͤren, die ihr unerbittlich zu fliehen geboͤten... Doch die Natur, weit maͤchtiger, als alle Vorurtheile, hielt ſie zuruͤck. Unmoͤglich vermag ſie ſolch ein grauſames Opfer zu bringen, obſchon man es Pflicht nannte; noch einmahl betrachtet ihr Ange, in welchem Thraͤnen des Mitleids glaͤnzen, den niederge⸗ beugten Juͤngling.... Eine unwiderſtehliche Gewalt ziehet ſie zu ihm hin. Sie richtet ihn auf, unterſtuͤtzt ihn, ſchleicht dann ganz leiſe aus dem Gebuͤſche der Palmbaͤume hervor, und giebt ihm ein Zeichen, ihr ſchweigend zu folgen. Eduard glaubte ſich neu belebt. Er fuͤhlte ſich itzt ſtark genug den fluͤchtigen Schritten der großmuͤthigen Stellina nachzueilen, welche von Zeit zu Zeit unruhig ihre Blicke nach dem Ufer der Sanga zuruͤck warf, an welchem die Bedas gelagert, und zu ihrer Wache beſtimmt waren. Noch ruhten ſie alle durch das Herumziehen mehrerer Tage ermuͤdet, in tiefem Schlafe auf dem Graſe. Nach einer kurzen, aber ſchnell zuruͤckge⸗ legten Strecke, befand ſie ſich in einem dunkeln — Gehoͤlze, und zeigte dem jungen Menſchen eine Grorte mit Moos bedeckt, welche durch das dicht verwachſene Geſtraͤuch kaum kennbar war. Sie nahete ſich ihr. Die Stille, welche hier herrſchte ward blos durch das leiſe Murmeln einer lel⸗„ haften Quelle unterbrochen, und vergebens ſuchte die immer mehr hervorgehende Sonne mit ihren Strahlen in dieſen verborgenen Aufenthalt zu dringen. „Siehe, Fremdling, hier dieſe gaſtfreye „Grotte, ſagte Stellina: kein Sterblicher durfte „es je wagen, dieſelbe zu betreten. Die Wei⸗ „ber des Itobars pflegen ſich an dieſem Orte „zu baden, und auf derſelben Stelle hat das „verzehrende Feuer der Portugieſen die Gattin „und Toͤchter des armen Ditulan zernichtet, „nur ich allein blieb ihm noch von ſeiner ganzen „Familie uͤbrig, ich. die es eben wagt, „indem ich Dir dieſe Freyſtaͤtte erlaube, die „heiligſten Geſetze zu verletzen. Doch der groſſe „Brama ſieht und hoͤret mich. Du warſt huͤlf⸗ „los, unbewaffnet und dem Hungertode nahe.... „Ich wollte Dich retten. Die Zukunft moͤge „dann einſt die Thraͤnen trocknen, die mir das „Gefuͤhl fuͤr Deine Leiden erpreßt. eye fte ei⸗ rte das tin zen gt, die oſſe öge as — 31— „Bis Morgen geſtatte ich Dir zu Dei⸗ „ner Erholung. Du biſt hier von der nahr— „haften Kokos, der rothbeerigten Albetre, dann „der mehlreichen Sago umgeben, und erquicken⸗ „des Waſſer ſprudelt aus der nahen Quelle. „Morgen bey einbrechender Nacht nimmſt Du „den Weg nach dem Ufer, folgſt ihm immer „nach Deiner Rechten zu, und noch ehe drey „Tage verfloſſen ſind, wirſt Du Dich bey den „Portugieſen befinden.— Lebe wohl, guter „Fremdling, ich trotze den Goͤttern, um Dir „das Leben zu retten.... Jenſeits der Meere „erinnere Dich dann zuweilen des Maͤdchens „von Ceylon.“ Itzt entfernte ſie ſich. Der Schall meh⸗ rerer Hoͤrner und der Kriegstrompete verkuͤn⸗ dete ihr die Unruhe ihrer Freunde um ſie. Mit befluͤgelten Schritten durchkreutzt ſie den Wald, und geſellt ſich wieder zu ihren beſtuͤrzten Frauen. Obſchon dieſes nicht der letzte Tag gewe⸗ ſen, den ſie dem Vergnuͤgen der Jagd beſtimmt gehabt hatte, ſo fuͤhlte ſie itzt doch ihr ganzes Gemuͤth zu ſehr erweicht und bewegt, um nicht der Ruhe zu beduͤrfen. Sie giebt das Zeichen zur Ruͤckkehr, in der Hoffnung, einige naͤhere Nachrichten von dem Ueberfalle bey Bilao ein⸗ zuziehen, und dadurch etwas mehr von dem Fremden zu erfahren, deſſen Bild ſie ſtets um⸗ ſchwebt.... Sie wußte bereits, daß mehrere Europaͤer am Geſtade ihren Tod fanden, und einige davon ihrem Stamme in die Haͤnde gefal⸗ len ſeyen, welche nach der ſchrecklichen Gewohn⸗ heit der Tenadaren den Flammen zum Opfer gebracht wurden. Mirleidsvoll durchbebte ſie die⸗ ſer ſchauerliche Gedanke; in ihrer Seele, voll von ſo reinen Gefuͤhlen, die das Wohlthun ge⸗ waͤhrt, und frey von dem barbariſchen Joche, wechſelten nun ſo manche neue, ihr unbekannte Empfindungen; ſie erſtaunt uͤber ſich ſelbſt, wie ſie bisher mit kaltem Blute den Martern die⸗ ſer Fremdlinge zuſehen konnte, und nur mit Entſetzen dachte ſie an dieſe, welche jener har⸗ reten. Du! heiliges Gefuͤhl der Menſchheit, biſt von heute an die Gottheit, welcher Stellina huldigt; und ihr, Prieſter von Indoſtan, werdet nicht laͤnger unumſchraͤnkt uͤber die Tochter des Itobars herrſchen! In ihren Traͤumereyen verſunken, wan⸗ delte ſie ſchweigend nach dem Huͤgel von Tenor. Ihre Frauen, die ſie mit Staunen betrachteten, —— ſahen ſich unter einander an, und ſpähren ver⸗ gebens nach ihrem ſonſt gewoͤhnlich heitern Laͤ⸗ cheln. Stellina beſchaͤftigte itzt blos der Ge⸗ danke, die Gefaͤhrten Eduards aus den Flammen zu befreyen.„Ja, ſprach ſie zu ſich ſelbſt, ich, „ich werde ſie retten. Die Liebe, der man ja „in allen Welttheilen huldigt, wird mir einſt 5 lohnen, dieſen Mann, jenſeits der Meere her, „welcher ja weder meine Voreltern, noch mich „je beleidiget hat, beſchuͤtzt zu haben. Er hatte „wohl Recht, dieſer ſchone Juͤngling: ſicher „ſind weder er noch ſeine Gefaͤhrten Portugie⸗ „ſen; und muß ſich unſre Grauſamkeit nicht „mit unſerm Irrthume enden?“ Ben dieſen Gedanken erreichte ſie Tenor, und die hochaufgethuͤrmten Steinmaſſen am Abhange des Huͤgels, verkuͤndeten ihr die Woh⸗ nung der Itobaren. indianiſche vutſnn X oder Ed r und Srellina. 5 Zweytes Buch. Das Opſer⸗ Freunde! Dieß ſind keine Pportugieſen⸗ Die Stadt Tenor enthielt den betraͤchtlichſten Theil des Stammes. Sie beſtand aus einer anſehnlichen Menge Huͤtten, in deren Mitte ſich zwey mit Steinen aufgeſchichtete Gebaͤude, zu einer ungeheuren Hoͤhe emporthuͤrmten: das ge— räumigſte davon diente zum Témpel der Goͤtter und zum Pallaſte ihrer Prieſter, in welchem ſich auch das Volk an feyerlichen Tagen zu ver⸗ ſammeln pflegte: das Andere war zur Wohnung der Itobaren beſtimmt. ſten iner ſich zu ge⸗ tter ſich ver⸗ ung — 3— Die uͤbrigen Inſulaner wohnten auſſer der Stadt in Doͤrfern, welche am Abhange des Huͤ⸗ gels zerſtreut umher lagen. Jeder von ihnen beſaß ſo viele Baͤume, als er zu ſeinen Beduͤrf⸗ niſſen noͤthig hatte: alles andere hingegen, was die Portugieſen Schaͤtze nannten, ſchien ihnen unnuͤtz; ſie bedienten ſich ihrer auch blos, um ihre Koͤnige und Goͤtzen damit zu ſchmuͤcken. Jahrhunderte ſchon wurden ſie ununter⸗ brochen durch dieſelbe Familie beherrſcht. Ihr itziger Koͤnig, der alte Ditulan, war zwanzig Jahre hindurch in ſtete Kriege verwickelt, und nur ſeit kurzer Zeit genoß er den Frieden. Sein Weib und ſeine naͤchſten Verwandten, waren unter den moͤrderiſchen Streichen ſeiner Feinde gefallen; Stellina allein war noch die einzige Stuͤtze ſeines Alters; Stellina!.. das ſchoͤnſte Maädchen in Ceylon, die Hoffnung des ganzen Stammes, und die Liebe der beruͤhmteſten Te⸗ nadaren. Da der furchtbare Krieg die Singalen nach dem portugieſiſchen Geſtade rief, wurde die Stadt oͤde, die Goͤtter und ihre Diener ſich ſelbſt und beynahe ganz der Vergeſſenheit uͤberlaſſen. Der Friede und die wiederkehrende Ruhe fuͤhr⸗ der Gebrauch und Sitte, die Kriegsgefangenen ten indeſſen auch die Ausuͤbung ihres Götter⸗ dienſtes zuruͤck; die Braminen bemachtigten ſich wieder ihres ganzen Anſehens, und waren auch öfters verwegen genug, ſelbſt den Geſetzen ihrer Beherrſcher Trotz bieten zu wollen. Sie lebten unter ſich im Innern des Tem⸗ pels, und waren, ſtatt des Gewebes von Caros, in einen langen Talar von candiſcher Leinwand gekleidet, welche ſie gegen Perlen und Zimmt einzutauſchen pflegten. Sie hatten das aus⸗ ſchließliche Recht, ſich ſelbſt ihr Oberhaupt zu waͤhlen, das uͤber ſie eine unbeſchraͤnkte Gewalt ausuͤbte. Deli, ein Mann in der Fuͤlle des Alters, bekleidete damahls dieſe erhabene Wuͤrde. Er hatte Alles aufgeboten, um jenes Anſehen, welches die langen Unruhen ſehr geſchwaͤcht hatten, wieder zu erhalten. Um zu dieſem Zwecke zu gelangen, ließ er ſich keine Muͤhe gereuen, er wußte die Leidenſchaften der Bedas auszuſpaͤhen und ihnen auf alle Weiſe geſchickt zu ſchmeicheln; feſt uͤberzeugt, daß er blos durch den Beyfall der Menge ſein Anſehen wieder zu gruͤnden vermöge. Es war ſeit undenklichen Zeiten herrſchen⸗ nd mnt gleich auf dem Kampfplatze zu tödten, um ihr Blut mit jenem der Uebrigen zu vermengen, welche im Gefechte ſchon unter ihren Waffen erlagen. Deli hatte kaum ſein verlornes An⸗ ſehen wieder errungen, ſo bemerkte er, daß dieſer grauſame Krieg alle Herzen noch mehr verwil— dert, und ſie zugleich mit dem ſtaͤrkſten Haſſe entflammt habe. Geſchickt aus jedem Umſtande Vortheil zu ziehen, fand er bald dieſe Todesart fuͤr die Portugieſen zu raſch; er ließ in vollem Eifer fuͤr die Rechte des Opferdienſtes die Goͤtter ſprechen, und nach ihrer Entſcheidung ſollten nun alle Gefangene in Zukunft an ihn ausgeliefert werden, um ſie demnaͤchſt im Beyſeyn des gan⸗ zen verſammelten Stammes, und in Gegenwart der Eingeweihten zu opfern, welche an dieſem feſtlichen Tage in vollem Glanze und Pracht zu erſcheinen Gelegenheit haben wuͤrden. Waͤhrend dieſer Zeit waren bercits mehr als hundert Portugieſen, nachdem ſie lange in dem Tempel geſchmachtet hatten, durch die Flam⸗ men verzehrt worden. Das Volk, welches Ge⸗ ſchmack an dieſen feyerlichen Mordſchauſpielen fand, ſah ſie gerne oft wiederholt. Einige edle Krieger blieben zwar nicht ſelten ungeruͤhrt, — 35 wenn Feige, welche den Kampſfplatz verlieſſen, ſich uͤber die uͤberwundenen Feinde hinſtuͤrzten, und ſie nach Wohlgefallen mordeten; ſie gaben aber doch der alten Gewohnheit vor dieſem neuen Geſetze den Vorzug, und toͤdteten gleich auf dem Schlachtfelde die gefangenen Europaͤer: allein hier in den Mauern von Tenor und in Gegen⸗ wart der Prieſter, welche bey der nach Grau⸗ ſamkeit duͤrſtenden Menge zu beliebt waren, durften ſie es nicht wagen, ihr Mißfallen hier— uͤber laut werden zu laſſen— und ſchwiegen daher ſtille. Der alte Ditulan lechzte nach Rache. Sein Herz, welches durch eigne Leiden ſelbſt zerriſſen war, blieb fuͤr den Jammer der armen Gefan⸗ genen gefühllos, und uͤberließ die Sorge zu re— gieren dem ehrgeitzigen Deli, der ſeine Schwaͤ⸗ che zu benutzen verſtand. Stellina, jung und ſchuͤchtern, errieth kaum noch ſelbſt ihre geheimſten Empfindungen. Der Gemahl, den ſie ſich nach Gefallen wählen durf⸗ te, war der rechtmaͤſſige Nachfolger ihres Va⸗ ters; eine Menge Anbeter umſchwaͤrmten ſie daher ſtets, und huldigte ihren Reitzen und ihrer Macht. Auch die ſchlauen Braminen ſuchten thr beſtaͤndig mit heuchleriſchen Liebkoſungen zu ſchmeicheln. Doch nur ſelten lieh ſie beyden ihr Ohr; deſto oͤfter aber unterhielt ſie ſich mit den jungen Maͤdchen in Tenor, beſuchte ſie in ihren elenden Huͤtten, hoͤrte gefaͤllig die langen Erzah⸗ lungen der alten Bedas und den Rath ihrer Weiber; und jeder dieſer gutmuͤthigen Einwoh⸗ ner liebte ſie vaͤterlich. Zuweilen uͤbte ſie auch ihre Staͤrke und Gewandheit auf der Jagd ge⸗ gen die wilden Thiere, und alle ſtritten ſich um das Vergnuͤgen, ihr folgen und ſie beſchuͤtzen zu duͤrfen. Auf dieſe Weiſe verlebten die Braminen und Stellina die muͤſſigen Stunden eines ſchon zu lange andauernden Friedens. In dieſem Zuſtande befand ſich der Stamm, als Belerophon auf der Kuͤſte landete. Die Rheede von Bilao beſchuͤtzte das Dorf Fetan an den Ufern der Sanga, in welchem die verderb— lichen Dolche, die moͤrderiſchen Pfeile, und die eiſernen Keulen geſchmiedet wurden. Auf der ganzen Inſel uͤbertrafen die dortigen Bewohner alle uͤbrige an Muth und Wildheit. Riamir war ihr Anfuͤhrer, und keiner der Krieger, wel— che auf Stellinens Hand mit ihm Anſpruch machten, konnte ſich ruͤhmen, je ſo viele Por⸗ t tugieſen im Kampfe erlegt zu haben, als er.— 1 Kaum hatten ſie das gelandete Schiff erblickt, als ſchon hundert der Ihrigen nach dem Geſtade hinzogen. Beſtuͤrzt warf ſich das Schiffsvolk in die Fluthen. Mehrere unter ihnen wurden noch von den toͤdtlichen Pfeilen erreicht, und ſtuͤrzten auf dem Sande nieder; nur drey Rei⸗ ſende, unwiſſend, wohin ſie fliehen ſollten, ſielen in die Haͤnde der Tenadaren. Schon waͤhnten ſie den Tod uͤber ſich ſchweben zu ſehen, als ſie von dieſen halbnackten Wilden umrungen waren, und ihr fuͤrchterliches Freudengeſchrey durch die Luͤfte erſcholl. Riamir, von einigen ſeiner Leute begleitet, will die Gefangenen den Braminen als ihr Eigenthum ſelbſt zufuͤhren. Mit Anbruch der Nacht nahten ſie endlich der Stadt. Alle Einwohner hatten ſich bereits in ihre Huͤtten zuruͤckgezogen. Ploͤtzlich und wie⸗ derholt ertoͤnt der Schall mehrerer Hoͤrner; ihr kriegeriſches Getoͤs verkuͤndet eine groſſe Begeben⸗ heit, und erfuͤllt alle Gemuͤther mit banger Be— ſorgniß; die harzreiche Tanne flammt ſchon an allen Enden, und erleuchtet den ganzen Huͤgel; auch uͤberſtroͤmt ſchon die nengierige Menge e — 41— den groſſen Platz vor dem Pallaſte des Itobars und Bramas. Der alte Ditulan, hieruͤber aͤuſſerſt be⸗ ſtuͤrzt, vermißt nun an ſeiner Seite die geliebte Tochter. Seine Freunde umgeben ihn, und alle Blicke wenden ſich nach der mittaͤgigen Seite zu, von welcher die Bedas aus Fetan nach Te⸗ nor heraufziehen. Der ſtolze Riamir an ihrer Spitze wirft ſich dem Itobar zu Fuͤſſen, verkuͤn⸗ det ihm den Ueberfall bey Bilao, und die An⸗ kunft der drey Gefangenen. Ben dieſer Nach⸗ richt ertoͤnt ein wildes Freudengeſchrey durch die Luͤfte, der ganze Haufe waͤlzt ſich den Fremd⸗ lingen auf dem Fuſſe nach... und der Tem⸗ pel oͤffnet ſich ſeinen Schlachtopfern... Ditulan befiehlt fuͤr Riamir an ſeiner Seite ein Lager zu bereiten. Elephanten- und Tiegerhaͤute, abwechſelnd mit Polſtern von Caros unterlegt, werden auf dem ſteinernen Fußboden ausgebreitet, und verſchiedene Fruͤchte dem Gaſte vorgeſetzt. Riamir, uͤberzeugt, daß auch ſeine Gefaͤhrten ein gaſtfreyes Obdach erhalten hatten, ließ ſich bey dem Greiſe nieder. Nit Wohlwollen betrachtete Ditulan den Anfuͤhrer der Fetans; ſeine Kuͤhnheit, die Menge — 42— ſeiner Freunde, vorzäglich aber ſein unausloͤſch⸗ licher Haß gegen die Europäer und ihre wi⸗ derrechtlichen gewaltthaͤtigen Eingriffe, erhoben ihn in ſeinen Augen uͤber alle ſeine Nebenbuh⸗ ler. Sie unterhielten ſich einige Zeit uͤber Stellinens Abweſenheit, und uͤberlieſſen ſich dann dem Schlafe. Seit dem letzten Kriege hatten die Bra⸗ minen keine Gefangenen mehr gehabt. Dieſe Blutduͤrſtigen befuͤrchteten, die Seltenheit ihrer grauſamen Gebraͤuche moͤchte ihren Eindruck, wel⸗ chen ſie dem Stamme einzufloͤſſen bemuͤhet gewe⸗ ſen waren, erkalten, oder ihnen endlich gar ver— aͤchtlich machen. Zufrieden laͤchelten ſie daher bey dem Anblicke dieſer drey Englaͤnder, und der raſende Deli, ungeduldig ſein ſchreckliches Schauſpiel zu geben, ertheilt Befehl, in der Nacht ſchon den Holzſtoß zu bereiten. Auf ſeinen und eilen in den geheiligten Wald, das noͤthige Holz zu faͤllen: andere beſorgen den T Tempel zu dieſem Feſte, und ſchmuͤcken die Bildſaͤule des Brama mit glaͤnzenden Steinen; dieſe hier ent⸗ blättern die Palmbaume und flechten Trauer⸗ kraͤnze; und jene dort, ordnen auf dem offnen Wink bewaffnen ſich die Eingeweihten mit Aexten +— Platze den Scheiterhaufen und die Leichen⸗ fackelm.. Unter dieſen Beſchaͤftigungen ſehnen ſich alle mit Entzuͤcken dem kommenden Tage entgegen, und wuͤnſchen ſich gegenſeitig Gluͤck zu ihrer religioͤſen Thaͤtigkeit... Bey dem Aufgange der Sonne durchſtreif⸗ ten die Braminen den Huͤgel, und erweckten durch den ſchmetternden Schall der Zenda die Bedas. Dieſes ihnen heilige Inſtrument wurde blos an den Tagen der Rache aus dem Tempel genommen; ihr durchdringender Ton, den man ſchon ein ganzes Jahr nicht mehr gehoͤrt hatte, verkuͤndet uͤberall Schrecken umher. Der Haufen ſtroͤmt und draͤngt ſich, gleich den Wellen des Oceans durch den Nordwind gepeitſcht, nach dem offnen Platze hin. Der Itobar ſaß in langem Purpurge⸗ wande, mit unzaͤhligen bunten Schwungfedern auf dem Haupte, unter welchen Perlen und Saphire hervorſchimmerten, dem Holzſtoſſe gegen⸗ uͤber; Tod leuchtete aus allen ſeinen Zuͤgen und die Schatten ſeines gemordeten Weibes und ſei⸗ ner Kinder umſchwebten ihn... Hinter ihm ſtanden, auf ihre ſchweren Keulen geſtuͤtzt, Riamir und die uͤbrigen Anfuͤhrer. In dem —— 4½— halboffnen Tempel erblickte man in der Ferne den Goͤten, und ihm gegen uͤber den Oberbra⸗ minen auf einem runden erhabenen Sitze; ein reich mit koſtbaren Steinen beſetzter Guͤrtel um⸗ windet mehrmahl ſeinen Talar, ſeine Stirne iſt mit dem heiligen Bande geſchmuͤckt, und N ſeine Augen ſtarren unverwendet gegen den Him⸗ mel. Die Eingeweihten umgeben ihn, und ſchei⸗ nen ungeduldig auf das verzoͤgerte Opfer zu harren.— Das verſammelte Volk blickt in groͤßter Stille nach dem Heiligthume.. ſtaunt und betet furchtſam zu den Göoͤttern. Endlich erhebt ſich Deli und beginnt in dem Tone der Begeiſterung: „Volk von Tenor! Eure Voreltern be⸗ „wohnten ehemahls das Land von Colombo, ſie „lebten dort ruhig und gluͤcklich, bis jene grau⸗ „ſamen Menſchen uͤber den weit entfernten Mee⸗ „ren daher kamen, und an eurem Geſtade „landeten. „Der Vater des maͤchtigen Itobars nahm „ſie gaſtfrey auf, und ſie lohnten es ihm mit „dem Tode.„ Im Beſitze des allverheeren⸗ „den Feuers eroberten ſie Colombo, zerſtoͤrten „die Tempel, verbrannten die Bildſanlen der „1 „1 „ „1 „0 „ „Goͤtter, und toͤdteten unter den ſchrecklichſten „Martern, die Dir ſelbſt noch fremd ſind, den „weiſen Biſnagar, den Diener und Vertrauten „des Brama. „Bis in dieſe Gebirge verfolgten ſie Dich „und traͤnkten ſchon oͤfters die Erde mit Dei⸗ „nem Blute. „Rache, Volk von Tenor, Rache! Die „Zeit der Pruͤfung naht ihrem Ende, der Him⸗ „mel hoͤrt auf uͤber Dich zu zuͤrnen. „Geſtern ſpieen die Wellen Portugieſen „an eure Kuͤſten, und ihre im Sande hinge⸗ „ſtreckten Koͤrper ſind nun die Beute der „Nachtvoͤgel. „Drey von ihnen enigiengen unſern Pfeil „len; denn Brama hatte ſie zum Holzſtoſſe „eikbhen. 8 „Freuet Euch, Tenadaren, und betet zu, „Brama. Bald, bald kehrt Ihr nach Colombo „zuruͤck, um Blumen auf die Graͤber eurer „Voreltern zu ſtreuen. „Und Ihr, Geweihte des Tempels, fuͤhrt „nun die Schlachtopfer herbey, bekraͤnzt ihre „Stirnen und vollziehet das Opfer.“ Deli ſchwieg, und traurig wiederholte das Echo ſein letztes Wort. Man haͤtte glauben ſollen, die wandelnden Schatten aus den ſtillen Thälern antworteten dem Prieſter durch ihr wehmuͤthiges Aechzen... Die Soͤhne des Tempels fuͤhrten die Opfer herbey, und umwanden ihre Stirne mit Kränzen; vergebens verhallt ihr Angſtgeſchrey, durch die Zenda uͤbertönt, in den Luͤften. Dann traten die zwey Eingeweihten, wel⸗ che das heilige Feuer bewachten, mit den Fackeln aus dem Tempel hervor, lieſſen ſich vor dem Oberbraminen nieder und äberreichten ihm ſol⸗ che. Unerſchuͤtterlich wie der Tod ſchritt er voran. Die drey Europaͤer wurden bereits nach dem Scheiterhaufen geſchleppt, als ſich auf ein⸗ mahl ein dumpfes Getoͤſe von der mittaͤgigen Seite her erhob. Alle Augen flohen dahin.... Immer wird es ſtärker, gleich einem durch den Wald brauſenden Windſtoß.. Die beſtuͤrzten Braminen umgeben ihre Gefangenen... Die Zenda verſtummt. Der Haufen oͤffnet ſich... und Stellina erſcheint, ſtuͤrzt ſich voran, draͤngt die Eingeweihten zuruͤck, ergreift die Gefange⸗ nen und ruft: — — as hr die nit ey⸗ — 41— „Freunde! dieß ſind keine Portugieſen.“ Ihre Stimme wird durch den immer wach⸗ ſenden Laͤrm erſtickt. Die Prieſter beben er⸗ ſchrocken zuruͤck. Der Itobar und die Anfuͤhrer eilen zu ihr.... Das Volk unentſchloſſen, be⸗ trachtet ſie mit Wohlgefallen, und alle Stimmen wiederholen: 1307 „Dies ſind keine Portugieſen!“ Der alte Ditulan gebietet Schweigen, und redet ſeine Tochter mit einem ſtrengen Tone an.— Sie hingegen waͤhnt in jedem dieſer drey Englaͤnder das Bild des jungen Mannes aus der Grorte wieder zu erblicken... Ihre Kuͤhnheit wird neu belebt, ſie umfaßt die Kniee ihres Vaters:„Um die Geiſter unſerer Voraͤl⸗ „tern zu verſoͤhnen, ſprach ſie, verdammt zwar „das Geſetz jeden Gefangenen; allein nicht dieſe „Fremdlinge aus fernen Landen, welche der „Ocean auf unſre Kuͤſten ſchleuderte, und die „uns noch nie beleidigten.— Haß, ewigen Haß „der Ungeheuern in Colombo, welche uns ſchon „Jahrhunderte in Trauer verſetzen. Bedas, er⸗ „greift von neuem die Waffen, eilt nach dem „ufer, und ſchlachtet dem Brama Tauſende „zum Opfer. — 48— „Doch welchen Ruhm gewaͤhrt es, ſich des„ „Verlaſſenen zu bemeiſtern, welchen der Sturm 3 „bereits überwunden hat? Nur der Feige kann 3 „den Pang tödren, der nicht gegen ihn gefoch⸗ 3 „ten hat; und unter euch, Tenadaren, gicbt es 6 S Feigen.„ „„ Freunde! fuyr ſie fort, indem e ſch 2 „gegen das Volk wendete, Brama it allmäch⸗ „tig und ſeine Diener ſind gerecht. Dieſe drey 6 „Ungluͤcklichen ſind keine Portugieſen; ſie wa⸗ „ren nie unſere, noch unſerer Vaͤter Feinde: „wir wollen ihnen das Leben und die Gaſtfrey⸗ „heit ſchenken; geleitet ſie dann morgen nach„ „Colombo, ſie moͤgen dort jenen gewaltſamen „Räubern erzählen, wir nicht ſo gefuͤhllos 95 „ſind, wie ſie.“ Als Stellina geendiget hatte, warf ſie ſich zu Delis Fuͤſſen, um von ihm die Gnade der di( Gefangenen zu erflehen.— Er.. fuͤrchterlich, ſie wie der Geyer, dem man ſeine Beute rauben n will, antwortete ihr mit donnernder Stimme: B „Verwegne, wer verbuͤrgt Dir, daß dieſe „Gefangenen keine Portugieſen ſind? Und wer „gab Dir deu ſträͤſtichen Gedanken ein, ſolche er ch, en eſe ver che —%— „dem Brama, der ihnen entgegen harrt, zu ent⸗ „reiſſen? Weißt Du denn nicht, daß ſie jenſeits „der fernen Meere herkommen, und daß die „Goͤtter das Ende ihrer Tage auf dem Platze „von Tenor verhaͤngt haben? Geſtern wuͤthete „kein Sturm auf dem Ocean; der Oecean „war ruhig.„ Allein Brama ſehnte ſich „nach Opfern; wer vermag ſeinem Willen zu „widerſtreben? „Verwegne! Ohne die Tugenden Deines „Vaters wuͤrde ich laͤngſt ſchon die Blitze uͤber „Dein Haupt herabgerufen haben. Entferne „Dich, und wage es nur dann in dem Tem⸗ „pel zu erſcheinen, wenn Du dieſes begangene „Verbrechen abgebuͤſſet haben wirſt.“ So ſprach er, ſtieß dann mit dem Fuſſe die Tochter des Itobars zuruͤck, und entriß ihr die Gefangenen. Sich ſelbſt uͤberlaſſen, wankt ſie und ſinkt bewußtlos zu Boden. Der Vater unterſtuͤtzt die Tochter und benetzt ſie mit ſeinen Thraͤnen. Da Riamir ſeine Geliebte in dieſem Zuſtande erblickt, ſo wuͤthet er gegen dieſen uͤber⸗ muͤthigen Prieſter, und ſammelt ſeine Freunde um ſich her.... Das Volk war in furchtba⸗ rer Bewegung. Allein bey dem Anblicke der 4 ohnmaͤchtigen Stellina erhob ſich ſein Mißfallen in ein lautes Murren, und zitternd erblaßten die Eingeweihten.. Der unerſchrockne Deli bemerkt die drohende Gefahr und bietet ihr Trotz. Unterliegt er, ſo iſt es um ſeine Macht geſchehen. Einer ſeiner Blicke belebt die Bra⸗ minen, welche die Schlachtopfer wieder zu ent⸗ ziehen ſuchen, mit neuem Muthe... Auf einmal bricht Riamir, wie ein Unge⸗ 8 witter, mit ſeinen Cyklopen aus Fetan in die Mitte des Platzes hervor, entreißt die Gefan⸗„ genen, zerbricht ihre Feſſeln und ſchleudert ſie ſt zu des Itobars Fuͤſſen. „Wäre es auch ſelbſt der groſſe Brama, „rief er mit einem wilden, fuͤrchterlichen Blick... „Dieſe drey Gefangenen ſind mein, ich gebe ſie „Stellinen.“ Er ſchwang zugleich ſeine ungeheure Keule durch die Luͤfte, die Prieſter bebten erſchrocken, wie vor dem Genius des Todes zuruͤck, flohen und ſtuͤrzten in den Tempel, den ſie vor dem Volke verſchloſſen; dieſes, von Erſtaunen ergrif⸗ ſen, draͤngte ſich um Stellinen, welche freund⸗ lich laͤchelud die halbtodten Gefangenen umarmte — llen ten Deli ihr acht ent⸗ nge⸗ die fan⸗ t ſie ima, ck. * e ſie deule cken, ohen dem rgrif⸗ eund⸗ mte und nach dem Pallaſte fuhrte, wohin ihr die Anfuͤhrer des Heeres folgten. Dieſe Scene hatte den ehrwuͤrdigen Ditu⸗ lan tief gebeugt. Er befahl den Aelteſten des Stammes, ſich zu verſammeln, um endlich die ausgebrochenen Unruhen zu daͤmpfen. Das Volk harrte unruhig und unter ſich getheilt auf dem Platze.— Die Verſammlung war zahlreich. Stelline hatte auch dem unem⸗ pfindlichſten Herzen Thraͤnen entlockt. Riamir ſtolz darauf, ſeine Geliebte allein gegen alle vertheidiget zu haben, ſtieß die bitterſten Ver⸗ wuͤnſchungen aus, und reichte im Entzuͤcken den Gefangenen dreymahl den Kuß der Gaſtfreyheit. Termor, Melut, Onemo und Coſmoe, laͤngſt des Joches der Braminen muͤde, rechtfertigten ſein Verfahren. Die Alten, obſchon ſie die Freiheit der Engländer billigten, verlangten doch, daß auch die Goͤtter beſaͤnftigt werden muͤßten. Di⸗ tulan ſtimmte ihnen bey und ſprach zu Riamir: „Nachdem Du Brama dieſe drey Gefan⸗ „genen zum Geſchenke gegeben hatteſt, entzogſt „Du ſie ihm wieder, und wagteſt ſogar ihm „zu drohen. —— — 52—„ „Dein Herz wurde mit gerechtem Unwil⸗ „len erfuͤllt, als Du die Beleidigungen ſaheſt, „welche man Stellinen zufugte, und dein Eifer „kannte keine Graͤnzen mehr. „Die Gefangenen ſollen frey ſeyn, allein „auch den Goͤttern gebuͤhret Rache. „Noch ehe der Tag ſich neigt, begieb Dich „in den Tempel, und verheiſſe dem Oberprieſter „das Blut dreyer Portugieſen, welche zuerſt „in Deine Haͤnde fallen. „Wirſt Du dieſes Verſuͤhnopfer gelobt „haben: ſo geleite die drey Fremdlinge ſelbſt „nach dem Ufer von Colombo. Verweilten ſie „noch laͤnger in unſerer Mitte: ſo wuͤrde ihre „Gegenwart die Beleidigungen gegen die Goͤtter, „welchen wir dienen, noch mehr haͤufen.“ Ein lauter Beifall unterbrach den Itobar. Der ſtolze Riamir unterwirft ſich dem Befehle von Stellinens Vater, tritt nun im Ge⸗ folge ſeiner Krieger aus dem Pallaſte, und ver⸗ kuͤndet dem Volke, daß er bereit ſey, dem Bra⸗ ma ein Suͤhnopfer zu verheiſſen. Das Volk antwortete durch ein Freudengeſchrey, und folgte ihm in den Tempel. il⸗ eſt, ifer lein ich ſter terſt lobt elbſt nſie ihre tter, „ obar. fehle Ge⸗ ver⸗ Bra⸗ Volk folgte — 53— Der Oberbramin zoͤgerte; allein er kannte ben ſtolzen, aufbrauſenden Anfuͤhrer der Fetans, und wußte nur zu wohl, daß er mit ſeinen Anhaͤngern allein ſchon dem ganzen Stamme die Spitze bieten konnte. In dieſer Ruͤckſicht ordnete der Heuchler ſeine Geſichtszuͤge, in wel⸗ che er eine uͤberirdiſche Sanftmuth zu legen verſtand, ließ ſich bey dem Fußgeſtelle des hell⸗ ſtrahlenden Bildes nieder, und befahl die Flugel des Tempels zu oͤffnen. Die Eingeweihten oͤffneten ſich in zwey Reihen dem Durchzuge Riamirs, deſſen wild drohender Blick ſie nochmahls mit Schrecken erfuͤllte. „Diener des Brama, ſprach er, wenn ich „der Gottheit, welcher Du dienſt, drey Schlacht⸗ „opfer entriſſen habe: ſo gelobe ich Dir in we⸗ „nigen Tagen ſechs Portugieſen dafuͤr, welche „ich ſelbſt bis zu dem Holzſtoſſe hinleiten „werde.“ Deli verkuͤndet ihm nun die Gunſt der Götter, und die Vergeſſenheit ſeines Vergehens. Das Volk wähnt dieſen Zwiſt itzt beendigt, als wenn Prieſter auch je verzeihen koͤnnten! te MKeeren e ——. ———— — — — 54— Riamir verlaͤßt mit dem Haufen, der ſich nun zerſtreut, den Tempel; beurlaubt ſich von dem Itobar und ſeiner Tochter, zieht dann mit ſeinen Kriegern, nebſt den drey Englaͤndern, im Triumphe davon. Der indianiſche Volksſtamm, oder Ed uard und Stellina. Drittes Buch. Das Drakel. Vor drey Tagen erwähle deinen Gemahl, und ich ſchenke Dich Brama wieder. Die unangenehme Lage der jungen Indianelin waͤhrend dem Opfer hatte ihre Kraͤfte voͤllig er⸗ ſchoͤpft: die folgende Nacht uͤberraſchte ſie in den Armen des Schlafes. Die drey Gefangenen, welche ſie befreyt hatte, und der junge Menſch in der Grotte draͤngten ſich abwechſelnd in ihre Erinnerung. Aber nur zu bald verſcheuchte der Letztere die Erſtern, und bemeiſterte ſich ausſchließlich aller ihrer Sinne.„ Die ———————— 2 — 56— Die Liebe huͤllt ſich nicht ſelten in das Gewand des Mitleids, wirft aber auch, ſobald ſie ſich maͤchtig genug fuͤhlt, die laͤſtige Maſke weit von ſich, tritt in ihrer natuͤrlichen Geſtalt hervor; und ihr ſchelmiſcher Blick, ihr bitteres Laͤcheln, verkuͤnden dann den kuͤhn errungenen Sieg.— Der loſe Knabe hatte ſich ſchon mit Milford unter die einſamen Palmbaͤume geſchlichen, hatte Riamir die Verwuͤnſchungen gegen die Göt⸗ ter eingegeben; und ſchmiegte ſich nun, wonne⸗ trunken uͤber die Niederlage des Brama und den Schrecken, welchen er ſeinen Dienern ein⸗ gejagt hatte, an Stellinens Seite. Seinen Koͤcher legt er zu dem ihrigen, ſchließt ſie liebkoſend in die Arme, und druͤckt der ſchoͤnen Schlaͤferin einen Kuß mit ſeinem kindiſchen Munde auf ihre halbgeſchloſſenen Lip⸗ pen: neigt ſich dann leiſe gegen ſie hin, um die Wirkungen ſeiner Umarmung zu belauſchen.... Schnell verbreitet ſich das Feuer, das er entzuͤn⸗ det hatte: die Wangen, der Buſen und die Stirne Stellinens uͤberzogen ſich mit dem leb⸗ hafteſten Inkarnat.... Ein leiſer Schauer durchbebte ihr ganzes Weſen.... und ein un⸗ willkuͤhrlicher Seufzer entflieht ihr. and ſich von or; ln, ord hen, Boͤt⸗ me⸗ und ein⸗ gen, uͤckt nem Lip⸗ die zuͤn⸗ die leb⸗ auer uh⸗ „Sie iſt mein, ſprach er, mit einem ent⸗ „zuͤckten Laͤcheln, ſie iſt mein: bald will ich „meinen Sieg vollenden.“ Mit tauſend wol⸗ luͤſtigen Gefuͤhlen berauſcht er wiederholt das junge Maͤdchen. Beim Erwachen ruft ſie ſich ihre Traͤume in die Erinnerung zuruͤck, ihr Geiſt und ihr Herz ſind voll von Eduards Bild. In der, Be⸗ ſorgniß, er moͤchte den Weg nach Colombo be— reits angetreten haben, uͤberhaͤuft ſie ſich, weil ſie ihm dieſen ſtrengen Befehl ertheilte, mit quaͤlenden Vorwuͤrfen. Der Straſſe unkundig, kann er nur langſam fortkommen. Auch koͤnnten die Krieger aus Fetan, welche die Gefangenen begleiten, ihm leicht begegnen... Ein unuͤber⸗ windlicher Schauer ergreift ſie bey dem Gedan⸗ ken an dieſes unſelige Zuſammentreffen, und tiamir, der ihr bisher gleichguͤltig war, wird ihr auf einmahl zum gehaßteſten Sterblichen. „Mißbilligte Brama meine Empfindun⸗ „gen, wuͤrde ich dann die Gefangenen gegen „ſeine Diener vertheidiget; wuͤrde der „Anblick des Fremdlings mir dieſes ſuͤſſe Ge⸗ „fuͤhl eingefloͤſſet; wuͤrden ſolche lachende Bil⸗ ——— ———— „der mich dieſe Nacht umgaukelt haben? O „ſicher nicht, nein ich will gehen; ihn bis zur „Ruͤckkunft Riamirs im Walde zuruͤckhalten, „ihn von der Befreiung ſeiner Freunde benach— „richtigen!— Gewiß wird er laͤcheln, und mir „ſeine Freude zu verdanken haben.... Ließ „ich ihn heute ziehen, meine Gaſtfreyheit könnte „ihm den Tod bringen.“ Am Vorabende wagte ſie es noch kaum, Eduard frey anzublicken; doch zur Entwicklung der Ereigniſſe, die von dem Schickſale vorge⸗ zeichnet waren, bedurfte es nur einen Augen⸗ blick, und das reitzendſte Maͤdchen in Indoſtan war zum Opfer des jungen Kaufmanns aus Plymouth beſtimmt.— Die Liebe, blind wie das Schickſal, ſtreuet nach dem Ungefaͤhr Freu— den und Leiden umher.... Bald wohlthaͤtig) bald tuͤckiſch, loͤſcht ſie am Morgen in Tenor den Holzſtoß, und am Abend bereitet ſie ihn Stellinen. Zuweilen gefaͤllt es ihr des Gluͤckes Fuͤllhorn uͤber uns auszuſchuͤtten.... Ein an⸗ dermahl hingegen iſt Tod und Verwuͤſtung ihr Zeitvertreib. Die Erde bebt bey dem Schwin⸗ gen ihrer Fluͤgel, und Voͤlker, wie einzelne Men⸗ ſchen, ſind das Spiel ihrer Laune. — zur n, ch⸗ ir eß te —— Eduard kann endlich im Walde ſicher ſei⸗ nen quaͤlenden Hunger ſtillen, und die man⸗ cherley nahrhaften Fruͤchte erſetzten ihm allmaͤh⸗ lig ſeine vollen Kraͤfte wieder. Das Bild ſeiner Retterin belebte ununterbrochen ſeine Phantaſie, allein ihr Verluſt war fuͤr ihn nur um ſo ſchmerzlicher. Der koͤſtliche Saft, welchen er aus den Fruͤchten ſog, hatte ſeinen brennenden Durſt nach Gold noch nicht gelöſcht.... Die Zukunft ſtellt ſich ihm dar, und er verſinkt in Truͤbſinn. Allein die reitzende Stellina draͤngt ſich wieder in ſeine Gedankenreihe und unter— bricht ſehr oft ſeine Berechnungen und ſeine Schwermuth. Auf einmahl entzuͤndet ſich ein Strahl der Hoffnung in ſeinem Herzen, und mit Entzuͤcken uͤberlaßt ſich ſeine gefaͤllige Einbil— dung demſelben. „Warum ſollt ich mich entfernen? Die „Tochter eines indianiſchen Fuͤrſten rettete mich „vom Tode, ſie ſelbſt hat mir, gegen den Willen „ihrer Goͤtter, die Gaſtfreyheit verliehen. Viel— „leicht ſehe ich ſie wieder; vielleicht koͤnnte ich „ihr Freund werden: welch eine reiche Quelle „von Schätzen wuͤrde ſich mir dann oͤffnen! „Welche Menge Goldes und Diamanten, di . — „man hier verachtet, mir durch ſie zuflieſſen! „Waͤren alle meine Wuͤnſche erfuͤllt, dann be⸗ „gaͤbe ich mich nach Colombo!... Bald werde „ich mich in dem wirklichen Beſitze dieſer Reich⸗ „thuͤmer befinden.... Und dann ohne die „Faktorey in Batavia zu vermiſſen, nach Ply⸗ „mouth zuruͤckſegeln.... Schoͤnheit fuͤhrt mich „vielleicht auf dem Pfade des Vergnuͤgens wie⸗ „der in den Schoos des Gluͤckes. Dieſer Gedanke durchfaͤhrt ihn gleich einem elektriſchen Schlage, und mahlt ihm alle Reitze der ſchönen Indianerin, wie er ſie ſchlummernd unter dem Palmbaume fand. Jeden einzeln durchgeht er itzt. Die Ruhe hatte ihm wieder alle ſeine Kraͤfte verliehen, Jugend blühte auf ſeinen von Leiden verblichenen Wangen wieder auf, und Wolluſt ſtrahlte in ſeinen Blicken... Mit einem ihm neuen Gefuͤhle uͤberſieht er alles: der Raſen duͤnkt ihm freundlich zu laͤ⸗ cheln; er bewundert die rothen Fruͤchte der Al⸗ betre, mit den kleinen Bluͤmchen der Myrthe verſchlungen; ſtaunt uͤber die hohen Stengel der Sago, welche ſich hinter dieſen Stauden in einem weiten Umfange ausdehnen, und ſich 5 itze end zeln ine on ind — 61— dann ſelbſt wieder vor den weit erhabnern und ſtolzen Kokos niederbengen. Sein Auge ſchweift mit Entzucken uͤber dieſen erhabnen Raſenplatz.. Im Graſe waͤhnt er auf einmahl ein Rauſchen hoͤren, welches ihm der fluͤchtige Schritt eines Menſchen zu ſeyn duͤnkt: er richtet ſich auf, ſchleich leiſe bis zum Eingange des Waldes, lauſcht und haͤlt, ohne uͤber die verdoppelten Schläge ſeines Herzens gebieten zu koͤnnen, furchtſam den Athem zuruͤck. Die dichten Baͤume lieſſen ihn bald einen ungewiſſen Gegenſtand wahrnehmen, den ſie ihm aber eben ſo ſchnell wieder entzogen, als wollten ſie ſeine Ungeduld necken. Er vergaß ſchon, was er ihrem ſchuͤtzenden Schatten ſchuldig ſey; als dieſer bedeckte Fußſteig, der Stellinen nur we⸗ nige Momente verbarg, ſie auch wieder ſeinem ſtarrenden Auge naͤher brachte... Er befluͤ⸗ gelt ſeine Schritte, erreicht ſie und ſein Schwei⸗ gen ſagt mehr, als Worte. Sie laͤchelt. Aber die Zuͤge dieſes jungen Mannes rufen ihr bald alle Annehmlichkeiten ihres Traumes zuruͤck.. Ihre Stirne erroͤthet,. ihr ſchuͤchternes Aug' weiß nicht mehr, wohin es blicken ſoll,„ ſie eilt endlich in die Grotte. — — 62— Mit ſchwacher Stimme, welche die Un⸗ ruhe ihrer Seele verrieth, ſprach ſie hier mit Eduard: ſie entdeckte ihm, daß neue Gefahren ihrn drohten, und daß er nicht eher den Wald verlaſſen duͤrfte, bis die Bedas, welche ſeine Gefaͤhrten nach Colombo geleiteten, zuruͤck waͤren. „Laß Dich, guter Fremdling, durch dieſen „Verzug nicht beunruhigen; ich werde fuͤr Dein „Leben ſorgen, und uͤber Deine Sicherheit wa⸗ „chen: ich werde Dich ſelbſt, wenn es Zeit iſt, „auf den Berg Argias begleiten, wo man das „erſte Fort der Portugieſen wahrnehmen kann. „Meine Freundſchaft ſoll Dir indeſſen bis zum „Tage Deiner Befreyung alle Furcht und Kum⸗ „mer verſcheuchen. Da es mir ſo viel Ver⸗ „gnuͤgen gewaͤhrt, Dich zu troſten, fuͤhlſt Du „denn nicht auch Deine Leiden durch die Theil⸗ „nahme, welche ſie mir einfloſſen, gelindert?“ Dem aufmerkſamen Milford drang die ſanfte Beugnng ihrer Stimme in das Herz. Der Gedanke an die Schätze von Tenor iſt auf einmal verſchwh den, und zugleich alle ſeine entworfenen Plane; ſeine Begierde ſchlummert und die Reibe des ſchoͤnen Mädchens ſind die einzigen Schaͤtze, nach denen es ihn heute ge⸗ — die rz. uf ine ert die ge⸗ lůſtet.. Hefters entlehnt die Begierde der Liebe die Sprache, auch entzuͤndet ſich dieſes Ge⸗ fuͤhl zuweilen in der niedrigſten Seele, gleich dem Blitze in der finſtern Nacht. „Ja, Deine Gegenwart, welche meine „Leiden lindert, laͤßt mich alles jenſeits der „Meere vergeſſen; allein ohne Dich bin ich trau⸗ „rig und einſam. In meinen Traͤumen, ich „muß es geſtehen, umſchwebſt Du mich immer; „allein dieſe angenehme Taͤuſchung iſt von zu „kurzer Dauer, und dann wird mir das Er⸗ e nur um ſo ſchmerzlicher. O! ſchoͤnſtes „Maͤdchen in Indoſtan, Dein Mitleid, Deine „Ruͤckkehr, Dein Erroͤthen und Deine zitternde „Stimme uͤberzeugen mich, daß man hier, wie „in Europa, der Liebe huldigt.... Es iſt ein „Geheimniß, daß ich mich hier befinde,.. „bleibe nur bey mir, oder komm wenigſtens „taͤglich hieher. Wir beyde werden von einer „Frucht eſſen, uns wechſelſeitig lieben, und ſollte „uns nicht erlaubt ſeyn, unter den Tenadaren „mit einander zu leben: ſo bleibe ich fuͤr immer „in dieſer Grotte. Ohne Deine großmuͤthige „Huͤlfe ware ich laͤngſt nicht mehr. Wohlan „denn, Dir will ich von itzt an einzig zugehoͤren⸗ „Ich vergeſſe alles, und weiß ſogar dem Bele⸗ „rophon Dank dafuͤr, daß er mich an dem Ge⸗ „ſtade zuruͤck, und dem nagenden Hunger uͤber⸗ „ließ, welcher mich unter den Palmbaum fuͤhrte.“ Die Indianerin hoͤrte ihm ſitzend mit nie⸗ derhaͤngendem Kopfe zu, und bey jedem Worte wuchs die Flamme, welche in ihrem Buſen lo⸗ derte. Sie glich der Blumenknoſpe, durch den Zephir bewegt, deſſen lieblicher Hauch allmaͤhlig bis in den Buſen der Roſe dringt, und deren entfaltete Blaͤtter ihm ein freyeres Faͤcheln be⸗ guͤnſtigen. Der junge Milford bemerkte dieſes: ihr Schweigen und die Daͤmmerung machten ihn dreuſter; er bedeckt ihre zitternde Hand mit Kuͤſſen, und preßte ſie an ſein Herz. Durch Seufzer blos widerſteht ſie ihm.. Seine brennenden Lippen druͤckt er auf ihren Buſen... Ploͤtzlich erwachen alle Kraͤfte Stellinens; ſie zieht ihre Hand ſchnell zuruͤck, ſtoͤßt ihn von ſich und verlaͤßt die Grotte, die ihr keine Sicherheit mehr gewaͤhrt. Koͤcher und Pfeile bleiben ver— laſſen zuruͤck. Eduard folgt ihr; doch ein zuͤrnender Blick, das ſchwache Widerſtreben der ſterbenden Scham, haͤlt ſich haͤlt ihn ab. Sie waͤhnte dieſen Aufenthalt ver⸗ laſſen zu koͤnnen; allein vergebens ſuchte ſie den Ausgang, ſie befand ſich wieder dem jungen Men⸗ ſchen gegen uͤber. Er will ſich entſchuldigen... Ein Laͤcheln und dieſe Worte unterbrachen ihn: „Ich bin ſeit geſtern, Milford, nicht mehr „dieſelbe, und ſicher iſt die Veraͤnderung, die „ich fuͤhle, eine Strafe meiner Vergehungen; „ich vermeide den Blick meines Vaters, jene „meiner Geſpielen ſind mir laͤſtig, und bey dem „Annaͤhern derer, die um meine Hand werben, „bebe ich zuruͤck.... Gelaſſen und ruhig ſah' „ich ehemals in jedem Fremdlinge ein verhee⸗ „rendes Ungeheuer.... Heute aber zieht und „haͤlt mich eine unbekannte Macht bey Dir „zuruͤck; ich fuͤhle, daß ich mir ſelbſt nicht mehr „zugehoͤre. Allein ſtrafbar kann ich dießfalls „nicht ſeyn. Trennen wir uns, Freund. Kehre „nach Europa zuruͤck,— ja kehre zuruͤck und „empfange mein Lebewohl. Schrecken und Tod „umgeben uns.„. Den zehnten Tag wirſt „Du Dich ohne Gefahr aus dem Walde bege⸗ „ben koͤnnen. Ueberlaſſe mich einem Gefuͤhle, „das mich auf lange Zeit ungluͤcklich machen „wird! Warum biſt Du nicht an dem Geſtade 5 —— „von Ceylon und unter den Geſetzen des Brama „geboren?“ Dieſes Geſtaͤndniß entzuͤckte den jungen Menſchen und reitzte ſeine Begierde nur hefti⸗ ger. Allein Stellina hatte ſich ſchon entfernt; ſchnell eilte ſie davon, einem fluͤchtigen Sterne aͤhnlich, der in einer ſchoͤnen und heitern Nacht unter das azurne Gewoͤlk verſchwindet. Eine tiefe Stille herrſchte uͤber den ganzen Huͤgel. Ditulans Tochter kommt in dem Pallaſte an, empfaͤngt den väterlichen Kuß, entfernt ſich aber ſogleich wieder in den Zirkel ihrer Frauen. Die weiſe Emora, ihre Amme, verſucht verge⸗ bens ihr trauriges Mahl zu erheitern, fruchtlos ſind ihre Fragen, ſie ſcheint fuͤr alles um ſich her nichts mehr zu fuͤhlen: ihre Seelenkraͤfte ſind alle an einen einzigen Gegenſtand gefeſſelt, ſie ziehet ſich zuruͤck, damit ihre Traͤumereyen nichts unterbreche und ſucht auf ihrem Lager den Schlaf, oder wenigſtens jene troͤſtenden Traumbilder wieder zu finden, durch deren taͤu⸗ ſchendes Blendwerk wir zuweilen den Schatten des Gluͤckes zu erblicken glauben;.... ein Blendwerk, deſſen ſchuldloſer Genuß der Wirk⸗ lichkeit vielleicht vorzuziehen iſt! Der Schlum⸗ gen fti⸗ nt: rne acht izen aſte ſich uen. erge⸗ tlos ſich aͤfte ſſelt, eyen aer nden taͤu⸗ atten ein Lirk⸗ lum⸗ mer verweilte blos auf ihren feuchten Augen⸗ liedern, ohne in ihre Seele zu dringen. Mit jedem Angenblicke wuchs ihre Unruhe und jede Stunde der Nacht fachte das Feuer, welches in ihr loderte, ſtaͤrker an. Die wolluͤſtigen Traͤume verſchwanden; finſtere, ſchwaͤrmeriſche, reihen⸗ loſe Bilder beſtuͤrmten ihr ſchlaftrunkenes Haupt. Das Blut, durch dieſen heftigen Sturm in Wal⸗ lung gebracht, machte einen ſchnellern Umlauf, und zerruͤttete ihren Koͤrper. Ihre Pulsſchlaͤge verdoppelten ſich.... So glimmt das Feuer unter der Aſche. Es zeigt uns das Bild eines Herzens, deſſen Jugend der Ausbruch noch zu⸗ ruͤckhaͤlt. Das erſte Fuͤnkchen verkuͤndet ſein heimliches Daſeyn, und das Feuer greift ſchnell um ſich.... Die kalte Aſche faͤngt an zu gluͤhen.... und die Flamme bildet ſich,. praſſelt und wird verzehrend.— Jeder Ent— wicklung der Natur geht ein entſcheidender Au⸗ genblick voran; wie die Beſchwerden unſerer Kinderjahre den Wachsthum des Koͤrpers be⸗ fordern: eben ſo giebt die Liebe, dieſe erſte Cri, ſis der Seele, indem ſie die Geiſteskraͤfte ent⸗ wickelt, auch unſern Gefuͤhlen ein koſtbares Da⸗ ſeyn, von welchem der Menſch allein ſeine Jahre zu berechnen anfangen ſollte. ————— — S———— ———— — 5— Sehr ermuͤdet ſchlug ſie ihre Augen auf. Die gute Emora ſaß bereits eine Stunde an ihrer Seite, und hatte ihr mehrmals ſanft den Schweiß von der Stirne getrocknet: ſie umarmt ihre Tochter, ihre blaſſe Geſichtsfarbe und ihre verblichenen Lippen erweckten ihre ganze Zaͤrt⸗ lichkeit fuͤr ſie. Sie forſcht nach der Urſache ihrer Leiden, um den Beiſtand des alten Bra⸗ minen, des einzigen von dem ganzen Stamme, welcher in den goͤttlichen Geheimniſſen der Heil— kunde eingeweiht war, erflehen zu koͤnnen. Stellina haͤlt ſie zuruͤck und ſucht ihren gefaͤlli⸗ gen Eifer zu unterbrechen. „Ich bin nicht krank, nur traurig, meine „Liebe; und hier iſt die Huͤlfe des Braminen „unwirkſam.“ Emora dringt bald durch Vorwuͤrfe, bald durch Bitten in ſie, um die Quelle dieſer Betruͤbniß zu entdecken. Das Maͤdchen hinge⸗ gen verſchloſſen, wie am Vorabende, antwortet nur durch Thraͤnen:„Emora, quaͤlt mich nicht „laͤnger, ſagte ſie. Koͤnnt ihr mich undankbar „nennen? Habe ich nicht bisher alle meine Lei⸗ „den in euern Buſen ausgeſchuͤttet? Wenn ich „aber itzt ſchweigen muß: ſo koͤnnt ihr mir es en. lli⸗ ine nen — 69— „nicht zum Verbrechen anrechnen. Meine Leiden „ſind grauſam; wuͤrden ſie aber aufhoren ein „Geheimniß zu ſeyn, dann muß ich ihnen un⸗ „terliegen..„ Emora forſcht nicht weiter. „Ich glaube Bramas Zorn verfolget mich.“ Bey dieſen Worten bebte die Alte zuruͤck. Sie dringt nicht mehr in ihre Tochter; allein ihr Zuſtand erweckt ihre ganze Theilnahme, ſie erblickt nun keine Linderung mehr fuͤr ſie, als bloß in den Armen der Religion, des Ungluͤck⸗ lichen letzte Zuflucht; Stellinens Hand druͤckt ſie feſt in die ihrige, und bemuͤhet ſich lindernden Troſt ihr einzufloͤſſen. „Dein Schmerz, meine Tochter, macht „Dich ungerecht gegen die guten Goͤtter. Hoͤre „mich und ſey zufrieden. Brama's Zorn ver⸗ „folgt nie die Unſchuld, allein er uͤberlaͤßt die „Sterblichen zuweilen dem boͤſen Geiſte, dem „furchtbaren Vedra, welchen man blos durch „das Opfer der Finſterniß zu beſaͤnftigen ver⸗ „mag. Der weiſe Biſnagar, welcher in Colombo „unter dem Schwerdte der Portugieſen erlag, „war der erſte, ſo die Verehrung dieſer boͤsar⸗ „tigen Gottheit bey uns einfuͤhrte. Sind wir „nun von Leiden befallen, deren Urſprung wir — X— — „ſelbſt nicht kennen: ſo befragt der Oberbramin „das Hrakel, und ſein Ausſpruch iſt dann immer „heilſam. Vedra wird verſoͤhnt und Brama „wacht wieder uͤber uns.“. „Das Opfer ſelbſt kann ich Dir nicht „ſchildern, da tiefes Geheimniß es umſchleiert. „So viel iſt mir doch bewußt, daß man ſich „dazu um Mitternacht ganz allein in den Tem⸗ „pel begeben muͤſſe. Das uͤbrige iſt blos dem „Himmel und den Eingeweihten bekannt. Nur „ſelten hat es Statt. Ein Jahr mag indeſſen „kaum verfloſſen ſeyn, daß es dem alten Siloe „gewaͤhrt wurde. Siloc kehrte aus Colombo „zuruͤck, wo er lange Zeit in den Feſſeln der „Europaer geſchmachtet hatte. Bey ſeiner Ruͤck⸗ „kunft fand er weder ſein Weib, noch ſeine Kin⸗ „der mehr; in der Verzweiflung eilt er hin, „dem Gott der Finſterniß ſein Opfer zu brin⸗ „gen. Itzt iſt er Bramin. Heiterkeit kehrte „in ſeine Seele zuruͤck, und der Stamm erblickt „ihn nie, ohne der Goͤtter Macht anzuſtaunen. „Wohlan denn, meine Tochter, wenn „Deine Leiden weder durch die Freundſchaft, noch „durch die Vernunft gelindert werden koͤnnen: „ſo ſind ſie zuverlaͤſſig durch den Einfluß des S„„— . „furchtbaren Vedra entſprungen. Der ehrwuͤr⸗ „dige Deli wird alles verſuchen, ihn Euch guͤn— „ſtig zu machen, und in wenigen Tagen ſchon „koͤnnt Ihr eure verlorne Seelenruhe wieder „erlangen; ich will fuͤr Euch das Opfer begeh⸗ „ren. Allein ſchont eures Vaters, er darf nichts „erfahren; ſchon ſeine Jahre beugen ihn nie— „der, Euer Kummer koͤnnte leicht ihren Lauf „noch beſchleunigen. Traut meiner Erfahrung, „und ruft den maͤchtigen Gott der Finſterniß „um Beyſtand an. Er iſt die Quelle des Ue⸗ „bels und muß uns daher auch die Gegen⸗ „mittel verleihen.“ Aufmerkſam hoͤrte die Tochter des Itobars ihrer Mutter Erzaͤhlung. Die Seele iſt nie fuͤr fromme Eindruͤcke empfaͤnglicher, als wenn ſie von der Liebe beherrſcht wird. Froͤmmigkeit und Liebe ſind Schwachheiten, welche die Em⸗ pfindſamkeit nähren. Wo laͤchelte Gluͤck dem Sterblichen ohne Liebe?... Wo Troſt dem Ungluͤcklichen ohne Religion?.. Stellina war entſchloſſen.„Ja, ſprach „ſie, ich will den Geiſt des Boͤſen anrufen. „Wie auch ſein Ausſpruch ſeyn mag, er wird „mich doch wenigſtens belehren, was ich — 72— „zu thun habe, und mich gegen mich ſelbſt in „Schutz nehmen. Ich fuͤhle, daß ſchon der „bloſſe Entſchluß meine Schmerzen lindert.“ Emora uͤberlaͤßt ihre Tochter der Sorge ihrer Frauen, und eilt in die Wohnung des Oberbraminen.— Stellina verlaͤßt ihr Lager, und begiebt ſich zu ihrem Vater, das Morgen⸗ mahl mit ihm einzunehmen. Kaum konnte der Oberbramin bey Emoras Verlangen ſeine Freude verbergen. „Geht, ehrwuͤrdige Frau, antwortete er: „ihr fuͤrchtet die Goͤtter und ſie werden euch „begluͤcken. Geht! Stellinens Leiden ſollen en⸗ „den. Ihr allein begleitet ſie in der Stunde⸗ „der Mitternacht bis an die Pforte des Tem⸗ „pels. Dort harrt ihrer im Gebete. Vergeſſet „nicht, daß Verſchwiegenheit die erſte Beding⸗ „niß iſt, ſo uns der Gott der Finſterniß auf⸗ „erlegt, und daß ſein Zorn den Unbedachtſamen, „wie den Gotteslaſterer trift.“ Deli waͤhnte, Stellinens Leiden entſpraͤngen aus Reue, die drey Gefangenen den Flammen entriſſen zu haben. Er freute ſich ihrer Schwaͤ⸗ che, befahl das Grauſen und Furcht erweckende Op die Vo kuͤ iht wi ba alt ſch un ih da ut *7 „— 2 — Opfer zu bereiten, und ſinnt auf die Worte, die er ſeinen Goͤttern einzugeben gedenkt. Sein Vortheil heiſchte, ſich bey Stellinens Wahl eines kuͤnftigen Itobars allen moͤglichen Einfluß auf ihren Geiſt, den er nach ſeinem Wunſche lenken will, zu verſchaffen, und vor allem den furcht⸗ baren Riamir zu entfernen, fuͤr welchen der alte Ditulan vorzuͤglich eingenommen zu ſeyn ſchien. Riamir war zum Gegenſtande ſeines unverſoͤhnlichſten Haſſes geworden. Er laͤchelte ihm vor kurzen zwar noch freundlich zu; allein es war das Laͤcheln des Meuchelmoͤrders, der das Verbrechen auf den folgenden Tag verſchiebt, um ſeiner Rache deſto gewiſſer zu ſeyn.... Man zeichnete unter den Anfuͤhrern in Tenor vorzuͤglich den jungen Orira, einen Neffen des Oberbraminen, aus, auf welchen ſeines Oheims Wuͤrde keinen unbedeutenden Glanz zuruͤckwarf, und der es ſogar wagte, ſich zum Nebenbuhler des Anfuͤhrers der Fetans zu er— klaͤren. Es ſchien itzt beynahe, als habe das Schickſal Stellinen nur in den Tempel gefuͤhrt, um die Entwuͤrfe des ehrgeitzigen Deli noch mehr zu beguͤnſtigen. Ihr gegen Riamir Abſcheu ein⸗ floͤſſen, war beynahe ſchon ſo viel gewonnen, als ſie mit Orira vereiniget, und den Szepter des Stammes ſeiner Familie zugeſpielt zu haben. ₰ So urtheilte der ſchaͤndliche Betruͤger.— Um jedoch dieſes Ziel zu erreichen, mußte das Maͤd⸗ chen zuvor unterjocht, durch alle Stufen des Aberglaubens gefuͤhrt, und die Göͤtter ſelbſt als feile Werkzeuge des Ehrgeitzes und Haſſes miß⸗ braucht werden. Hat jemals ein Prieſter zwi⸗ ſchen ſeinem Vortheile und der Entweihung des groͤßten Heiligthums unſchluͤſſig gewankt?.. Die Stunde der Mitternacht ſchlaͤgt. Stellina, gehuͤllt in ein langes Gewand von Caros, tritt aus dem Pallaſte: ihre Schritte ſind wankend. Emora unterſtuͤtzt ſie bis zum Eingange auf der weſtlichen Seite. An der Pforte harrte ein Bramin. Er bezeichnet Emora einen Stein, auf welchem ſie die Ruͤck⸗ kunft ihrer Gefaͤhrtin knieend erwarten ſoll, und ſchreitet dann vor ihr her.— Stellina ver⸗ wirrt, folgt dem Braminen langſam nach, eine Menge Seufzer entfliehen und erleichtern ihren gepreßten Buſen. Sie treten von der Morgen⸗ ſeite aus dem Tempel und folgen einem duͤſtern engen Bogengange.— Der Bramin klatſcht in die Hand, die Thuͤre oͤffnet und verſchließt ſich wi ſic t. n Eß et wieder. Ihr Fuͤhrer verlaͤßt ſie, und ſie befindet Mfe ich einſam in einem ſchauervollen Aufenthalte. 1 r Die Mauern ſind mit beſcheidenem Epheu und dem duͤſtern Okanit bewachſen, welcher auf den Graͤbern ſo gern gedeiht. Die Luft iſt mit hundert verheerenden Ungeheuern bevoͤlkert, welche ſich auf die Erde herabzuſchwingen ſchei⸗ nen. Dieſes hoͤlliſche Heer verfinſtert das Ge⸗ woͤlbe und verſagt der Ungluͤcklichen ſogar den letzten Troſt, die Augen gegen Himmel zu he⸗ ben. Jedes hat eine andere Gebehrde, alle ſind ſchreckbar, und ihre Geſtalten fuͤrchterlich dro⸗ hend. Dieſes hier iſt mit einem Dolche und einer Keule bewaffnet; das Blut, welches aus ſeinen Lippen trieft, roͤthet ſeinen ganzen Koͤr⸗ per. Jenes dort hat das Aeuſſere eines Weibes: man erſtaunt bey dem Anblicke ſeiner Reitze, es unter dieſen Schatten der Finſterniß zu fin— den; aber ein feines gruͤnliches Gift quillt aus allen ſeinen Gliedern; toͤdtend iſt ſein Schweiß... und Zufriedenheit ſtrahlt aus den verderblichen Blicken.— Undank, Meuchelmord, Verrath, Aufruhr, kurz alle Laſter und alles Unheil, welche unter uns herrſchen, ſind hier mit ſolcher Genauigkeit und Taͤuſchung perſoͤnlich darge⸗ ſtellt, daß ſie zu leben und zu athmen ſcheinen.— Stellinens Blicke feſſeln vorzuͤglich zwey Unge⸗ heuer: eines ein Europaͤer, und das andere ein Weib, das mit dem Weltall in gleichem Alter, und zum Ungluͤcke auch alle ſeine Umwaͤlzungen uͤberlebt zu haben ſchien... Der Europaͤer traͤgt in der einen Hand ein Feuergewehr, und in der andern einen Olivenzweig; er liebkoſt die Alte, welche ihn an ihr Herz druͤckt, und ihm auf die Bildſäule des Vedra, als dem Schutz⸗ gotte der Portugieſen, hinzeigt.— Stellina er— holt ſich und blickt noch einmahl nach dieſem Paare, vor dem ſie zuruͤckſchaudert.— Auf der Stirne dieſes weiblichen Ungeheuers lieſt ſie in malayiſcher Schrift: Politik; und die Zuͤge des jungen Menſchen erneuern ihr Milfords Zuͤge; ſeine Kleidung iſt dieſelbe... Sie iſt im Begriffe ſich zu naͤhern; allein ſchnell wendet ſich ihr Auge nach der maͤchtigen Gottheit, die ſie zu Rathe ziehen will; erſchrocken durch das Bild ihres Geliebten, welches ſie bis zu den Fuͤſſen der ungeheuern Bildſaͤule verfolgt, ent⸗ fernt ſie ſich. Mitten in der Halle ſtand dieſer Koloß, deſſen Haupt ſich bis in die Kuppel des Gewoͤlbes — — erhob: ein rauher Felſen diente ihm zur Grund⸗ feſte, aus welchem durch den Druck ſeiner Fuͤſſe auf die Erde, Tieger, Schlangen, alle Arten wilder Thiere und giftiges Ungeziefer, die hier abgebildet waren, hervorzukriechen ſchienen. Der Koloß ſelbſt iſt von Cypernholz: einer ſei⸗ ner Arme ruht auf der Zwietracht, und der andere ſchleudert den Blitz. Die Zwietracht, gebeugt auf dem Felſen ſitzend, iſt ſtolz auf ihre Wuͤrde, und bereitet der Mißgunſt das Feuer, das Gold und Eiſen, Elemente, ſo ihr untergeordnet ſind. Der ungeheure Raum iſt mit einigen Lam⸗ pen verziert, deren ſchwacher Schimmer dieſe ſchreckbaren Phantome kaum erleuchtet, als wenn das zitternde Licht ſich fuͤrchtete, in dieſe Woh⸗ nung der Finſterniß einzudringen.... Die Tochter des Itobars bedurfte ihrer ganzen Entſchloſſenheit. Hingeſtreckt am Fuſſe des Felſen kaͤmpſt ſie vergebens, das Bild des jungen Menſchen aus ihrem Gedaͤchtniſſe zu verbannen.... Seine Geſtalt ſchwebt aus dem Walde heruͤber zu ihrem Schutze. Fuͤrchterlich ertoͤnt aus dem geheiligten Inſtrument ein Laut, rollt im Gewoͤlbe fort, ſcheint auf einen Augenblick dieſe Götzen der Finſterniß zu beleben, und verhallt dann wieder. Bey dieſem Zeichen ſchauderte Stellina. Der Koloß wird erſchuͤttert, und eine dumpfe Stimme, dem ſenen Donner ähnlich, ſprach dieſe Worte: „Fliehe Riamir, den Feind der Göͤtter. „Vor drey Tagen erwaͤhle Deinen Gemahl, „und ich ſchenke Dich Brama wieder.“ Brama wiederholten die verſchiedenen Echo des Tempels.— Vedras Hauch dehnte ſich all⸗ maͤhlich durch die dicke Luft aus, verloͤſchte die Lampen und tiefe Finſterniß herrſchte umher; ein heftiger Wind erhebt ſich, verbreitet einen faulenden Geſtank, und ſetzt alles in Verwirrung; das ganze Chaos geräth endlich in Bewe⸗ gung,. und Stellina ſinkt bewußtlos nieder. Zwey Braminen richten die Eingeweihte wieder auf; ſie eilen ſchnell mit ihr durch den Tempel, und uͤbergeben ſie den Armen ihrer Gefaͤhrtin, welche ſie muͤhſam bis in den Pallaſt fortträgt. Das gelaͤuterte Harz der Tanne wird an⸗ gezuͤndet. Nachdem Emora Stellinen durch ihren e Ee. et muͤtterlichen Hauch wieder erwaͤrmt hatte, gießt ſie ihr ſtaͤrkendes Getraͤnk ein. Sie oͤffnet ihre Angen und erholt ſich wieder durch den Anblick ihrer Wohnung, legt ſich dann an der Seite ihrer Freundin auf die Matte nieder, und beide harren mit Sehnſucht dem anbrechenden Tage entgegen, deſſen erſte daͤmmernde Strahlen ſein Erſcheinen ſchon verkuͤnden. Der indianiſche Volksſtamm, oder Eduard und Stelling. Viertes Püch. ——— Die Swietracht. Zwietracht iſt weniger ſchändlich, als ehr⸗ los ſeyn. Stellina, von der Gegenwart dieſes Ungeheuers der Finſterniß auſſer Faſſung gebracht, war kaum vermoͤgend den Ausſpruch ſeines Orakels zu ver⸗ nehmen. Erſt vom Tempel weit entfernt, er⸗ innerte ſie ſich ſeines Befehles. Allein mit dem vollen Gebrauche ihrer wiederkehrenden Sinne ſchien ſie auch ſeine ganze Strenge und das Fuͤrchterliche jener unſeligen Friſt ſchmerzlich zu empfinden. Riamir war ihr ſchon verhaßt; ihn zu „ 7 A ℳ „ „ 7 rs m 1 m ne s zu n 81— zu fliehen war ihr leicht, und Vedras Befehl zu befolgen koſtete ſie keine Keberwindung. Allein, ſich in ſo kurzer Zeit unter den Anfuͤh⸗ rern, die ihr alle gleichguͤltig waren, einen Ge⸗ mahl zu waͤhlen,„ dieſes ſchien ihre Ent— ſchloſſenheit zu uͤberſteigen. Noch wußte ſie nicht, ob ſie ſich hiezu entſchlieſſen, oder de— zu widerſtreben wagen duͤrfte, und ſie fuͤhlte Beduͤrfniß eines freundſchaftlichen Rathes.. Emora nun Mutterſtelle bey ihr vertritt: ſo will ſie dieſe fragen und ihre Meinung hoören. „Ohne deine Huͤlfe, ſprach ſie zu ihr, „wuͤrde ich nie den Gott des Boͤſen zu Rath „gezogen haben: zitternd und leblos wuͤrde ich „mich noch an der Pforte des Tempels auf „jenem Steine befinden, auf welchem Du mich „wieder in das Leben zuruͤckriefſt! Du haſt mich „dieſen Goͤttern entgegen gefuͤhrt, vernimm nun „auch ihren Ausſpruch und ſage, ob dieſe Nacht „nicht meine Leiden noch vervielfältiget hat. „Ich wollte lieber, ſchrie die Alte, auf „jener einſamen Felſenſpitze, auf welcher der „maͤchtige Itobar die Miſſethaͤter und Feigen „anfeſſeln laͤßt, den Hungertod ſterben, als Euch „anhoͤren, meine Tochter.... Habt Ihr ver⸗ 6 —— — . — 83— „geſſen, daß Verſchwiegenheit die erſte „Bedingniß iſt, welche die Goͤtter „der Finſterniß fodern, und daß ſie „in ihrem Grimme den Unbedachtſa⸗ „men dem Gottesläſterer gleich hal⸗ „ten?„ Ach verſchlieſſet in euern Buſen „dieſe Klagen, und laßt die ſtraͤflichen Worte „auf Euern Lippen erſterben. Zu Euch nur „haben die Goͤtter geſprochen, und Ihr allein „duͤrft von ihrem Willen unterrichtet ſeyn. „Hoffet und gehorchet. Der guͤnſtigſte Ausſpruch „des Orakels iſt nicht ſelten in ein unangeneh⸗ „mes Gewand gehuͤllt.“ Dieſe Worte betruͤbten und belebten ſie zu⸗ gleich mit neuem Muthe. Fand ſie es hart, den Rath ihrer Freundin entbehren zu mäſſen: ſo entzuͤndete doch ihre letzte Aeuſſerung den halb erloſchenen Schimmer der Hoffnung wieder. „Nicht ſelten, ſprach ſie zu ſich ſelbſt, iſt „der guͤnſtigſte Ausſpruch des Orakels zur Pruͤ⸗ „fung der Sterblichen in ein unangenehmes „Gewand gehuͤllt.— KFlar iſt es, die⸗ Göͤtter „pflegen ſich immer auf eine dunkle Art aus⸗ „zudruͤcken, woruͤber uns das Ereigniß ſelbſt „nur Aufſchluß gewaͤhrt. Wer weiß, ob Mil⸗ te er 1 zu⸗ den alb iſt ruͤ⸗ mes tter us lbſt „ford nicht beſtimmt iſt, unter den Tenadaren „zu leben? Wenn ich mir ihn zum Gatten „waͤhlte, und das Recht zu herrſchen einem an⸗ „dern uͤberlieſſe, viellekcht koͤnnten wir dann „vereint gluͤcklich und ruhig ſeyn. Fuͤhrten die „Goͤtter nicht auch die Portugieſen nach unſerm „Geſtade; gaben ſie ihnen nicht die gefluͤgelten „Häuſer, um die Becke zu durchſegeln, und „das himmliſche Feuer, um zu verheeren?.. „Warum ſollten ſie nicht eben ſo gut den Irr⸗ „wahn der Bedas zerſtreuen koͤnnen, welche in „jedem Europaͤer einen Feind erblicken; warum „nicht ihre Wuth zu bezaͤhmen, und ſtatt dieſer „die Gaſtfreyheit bey ihnen in Aufnahme zu „bringen im Stande ſeyn?. Gaben mir „dieſe Goͤtter nicht noch neulich Kraͤfte, die drey „Gefangenen aus den Haͤnden der Krieger und „Braminen zu retten? Dieſe zuſammengereihten Ideen gaben der Hoffnung, welche Emora erweckt hatte, neuen Schwung.— Stellina iſt entſchloſſen den Goͤt⸗ tern zu gehorchen.— Sie will es noch heute ihrem Vater eroͤffnen, daß ſie ſich in drey Ta⸗ gen einen Gemahl erwaͤhlen wuͤrde. Mit Zu⸗ verſicht folgt ſie dem vorgezeichneten Pfade des Schickſals. — — ————— 2 ————— —————————— X — 8* 4 2 ————— Die Sonne ſtand ſchon hoch auf der Inſel Ceylon. Der Itobar war erſtaunt, daß ſeine Tochter noch nicht in ſeine Arme geeilt ſey. Unruhig hieruͤber fragte er ihre Frauen, und da ſich ihr Erwachen noch immer verzoͤgert, begiebt er ſich ſelbſt zu ihr. Ihr niedergeſchlagenes Weſen und die Fur⸗ chen der vergoſſenen Thraͤnen, welche noch auf ihren Wangen gezeichnet ſind, erwecken ſeine ganze Beſorgniß. Sie beſtrebt ſich umſonſt, ein freundliches Laͤcheln auf ihren Mund zu zaubern; allein dem väterlichen Blicke entgeht dieſes ſo wenig, als der Kummer, welcher an ihr nagt. Endlich ſieht ſie ſich auf ſein oft wiederholtes Dringen zu antworten genoͤthiget, und doch darf, ſie es nicht wagen, die Quelle ihrer Traurig⸗ keit und ihr naͤchtliches Unternehmen zu ent⸗ decken. Um ihm nun ſeinen Argwohn zu be⸗ nehmen, ſagte ſie zu ihm: „Schon lange hab ich euern Bitten, mir „unter denen, welche um meine Hand werben, „einen Gemahl zu erwaͤhlen, widerſtanden. „Heute fuͤhl ich nun, daß ich mich endlich hiezu „entſchlieſſen muß. Ihr koͤnnt hievon die Haͤup⸗ „ter des Stammes unterrichten. Und ich wuͤn⸗ ir n, en. zu p⸗ „ſche, daß die Tenadaren, ehe noch drey Tage „verflieſſen, meinen Gemahl kennen. Die Seufzer, welche ihre Worte begleite⸗ ten, haͤtten Ditulan wohl belehren koͤnnen, wie druͤckend die Erfuͤllung dieſer Pflicht ſeiner Toch⸗ ter werde, allein ſeine Freude hieruͤber hatte ihm jeden andern Sinn geraubt. Er waͤhnt, das, was er ſo eben bemerkte, ſey die Folge jenes ſuͤſſen Vorgefuͤhls, welches dem Hymen ſtets voran⸗ geht; glaubt, Stellinens Herz, bisher ungefeſſelt, gehoͤre nun ſicher einem der Anfuͤhrer, und zu⸗ verlaͤſſig jenem der Fetans. Nachdem er die ge⸗ liebte Tochter mehrmals zaͤrtlich umarmt hatte, verließ er ſie, um dieſe angenehme Nachricht be⸗ kannt zu machen. Hätte er je ahnden koͤnnen, daß ein curopaͤiſcher Sklave!. Kaum hatte er ſich entfernt, als ſie auch ſchon das Geſtaͤndniß, ſo ihr entſchluͤpfte, wieder bereuete. Ihre Freundin bemuͤhet ſich die Un⸗ ruhe, deren Urſprung ihr jedoch unbekannt iſt, zu verſcheuchen.— Ihre Geſundheit, welche durch die wiederholten heftigen Erſchuͤtterungen ſehr gelitten hatte, geſtattete ihr heute nicht, den Pallaſt zu verlaſſen. So brachte ſie den uͤbrigen Theil des Tages abwechſelnd, bald unter Hoff⸗ — 36— nung und Furcht, bald unter Leiden und Freu⸗ den dahin. Nicht ſelten lindert eine ruhige Nacht den Kummer; iſt ſie aber ſtuͤrmiſch: ſo ſchleicht ſie, in einen finſtern Schleier gehuͤllt, und im Ge⸗ folge fuͤrchterlicher, ſchreckbarer Traͤume, langſam einher. Auf dieſe letztere Art erſcheint ſie heute wiederholt. Stellinen.— Die Krieger waren in dem groſſen Saale des Pallaſtes verſammelt. Sehnſucht ſtrahlte aus ihren Blicken. Stellina, ſitzend an der Seite ihres Vaters, zoͤgerte noch einen Augenblick mit ihrer unſeligen Wahl, als auf einmahl Riamir und Hrixa, mit Staub und Blut bedeckt, erſcheinen.„. Beide halten mit ihren grimmigen Armen den jungen Milford an ſeiner zerfleiſchten Bruſt, und draͤngen ſich zu dem Itobar.,, Hier ſiehe denjenigen, ſagten ſie, „welchen Deine Tochter uns vorzieht.“ Ben dieſen Worten zeigten alle Finger ſtrafend auf ſie, als den Gegenſtand der Schande, und jeder Blick ſagte ihr, ſie ſey die Ehrloſe. Ihr ent⸗ ruͤſteter Vater ſprach das Urtheil uͤber dieſen verwegenen Juͤngling. Alle Krieger ſtritten um die Wette um das grauſame Vergnuͤgen, ihn zu toͤdten. Unter tauſend Streichen ſinkt er endlich und ſeine Nebenbuhler tragen die zerriſſenen Stuͤcke ſeines Koͤrpers, der ehrenvollſten Trophee ähnlich, im Siegesjubel umher.. Dieſes war das ſchauerliche Traumbild, welches ſie dieſe Nacht umgaukelt und fuͤrchterlich geängſti⸗ get hatte.. Es war der duͤſtere Tod dten⸗ ſchimmer, welcher die Graͤber beleuchtet. Mit kaltem Schweiſſe uͤbergoſſen, erwacht ſie. Der Schatten des ſterbenden Ed uards folgt jedem ihrer Tritte. Die Hoffnung entfernte ſich allmählich, allein die Liebe war mächtiger, als die Hoffnung; und obſchon ſie ihr Ungluͤck als unvermkidlich betrachtet, ſo iſt doch die Ueber⸗ zeugung, ob der Europäer, dem ſie nun entſa⸗ gen muß, ſich noch in dem Walde befinde, oder ob die feindſeligen Mauern von Colombo ihn ſchon ein ſchlölen, ihr einziger W W Wunſch. Dieſes Verlangen iſt mit einer Menge ſchmerzlicher, lebhafter und le eidenſchaftlicher Em⸗ pfindungen ſo verwebt, daß es bald keine Graͤn⸗ zen mehr kannte. Ihre Seele entbrannte aufs neue. Das Andenken an den Tempel wurde immer ſchwaͤcher. Sie fragt ſich ſchon ſelbſt, ob auch wirklich ihr Schickſal unwider⸗ ruflich entſchieden ſey, und ob ſie nicht ihr Herz dieſem Orakel der Finſterniß vorziehen ſollte..„ Sie wollte ſogar, nachdem ſie alle Bande zer⸗ riſſen hatte, ſelbſt nach der Grotte, welche ihr Geliebter bewohnte, zuruͤckkehren.. Dieſer durch ihre graͤnzenloſe Liebe in Regung gebrachte Sturm, loͤste ſich nach und nach in Thraͤnen auf, und wuthete endlich gar nicht mehr. Sitt⸗ ſamkett und Religion kehrten von neuem in ihre Seele zuruͤck, ſie erroͤthete ſelbſt uͤber ihre aus⸗ gelaſſenen Wuͤnſche, und erſchrack bey dem Ge⸗ danken an ihre ſräͤſtiche Kuͤhnheit; ſie fuͤhlte, daß der Befehl der Goͤtter und das Verſprechen, welches ſie ihrem Vater geleiſtet hatte, ganz ihren Willen feſſelten, und daß ihr nichts anders mehr uͤbrig bleibe, als die ſchrecklichen Leiden, dem innig Geliebten auf ewig zu entſagen, und in Gzeduld jenem, den ſie nicht liebt, anzuge⸗ hoͤren... Sie zerfloß in bittre Thränen. „Ich muß den Europaͤer vergeſſen; der „Himmel, die Ehre und die Nothwendigkeit „heiſchen es: allein, muß ich daher auch den „Pflichten der Gaſtfreyheit entſagen, und ihn „den drohenden Gefahren aufopfern? Tod ſah „ich ihn dieſe Nacht noch unter den moͤrderi⸗ „ſchen Streichen niederſinken, und geben uns. . 7 7 A . „nicht die Götter oͤfters im Traume ſelbſt einen „Fingerzeig! Ich verſprach ihn bis auf den „Berg Argias zu begleiten, wo man das erſte „Fort der Portugieſen wahrnimmt. Vermag ich „nun nicht ſelbſt Wort zu halten, warum laſſe „ich ihm nicht wenigſtens durch Emora ein tröſten⸗ „des Lebewohl und gaſtfreundſchaftliche Warnun⸗ „gen uͤberbringen? Warum ſollte ich „meinen Freund in der Wäſte ohne Fuͤhrer zie⸗ „hen laſſen? Er irrt vielleicht ſchon ſeit dieſem „Morgen in den Wäldern umher, und flucht „meinem Andenken.“ Schnell ruft ſie der getreuen Emora, er⸗ zaͤhlt ihr die Zuſammenkunft mit dem Europäer, und beſchwoͤrt ſie, ſich unverzuͤglich nach der Grotte zu begeben, und ihn alsdann zur Nacht⸗ Zeit bis an den Fuß der Gebirge zu geleiten. Emora glaubt beinahe ſelbſt nicht, was ſie hoͤrt: ſie wußte, daß es in den Augen des Brama ein Verbrechen ſey, von einem Fremdlinge jen⸗ ſeits des Meeres her nur zu ſprechen. Sie zaudert. Allein Stellinens Thraͤnen, ihre Verzweiflung und ihr Entſchluß, wenn ſie ſich weigerte, den Fremden ſelbſt aufzuſuchen, be⸗ ſtimmten ſie endlich: ſich ſelbſt eher, als ihre ————— ———— Tochter, will ſie der Schande Preis geben; und die mutterliche Liebe ſtärkte ihren Muth. Mit ſchnellen Schritten eilte ſie nach dem Walde. Milfords Geliebte erwartete die Ruͤckkunft ihret Freundin erſt den andern Morgen. Doch kaum waren noch zwey Stunden verfloſſen, als Emora ſchon wieder bey ihr erſchien.— Dede hatte ſie die Grotte gefunden.—„Er „iſt alſo zu den Seinigen zuruͤckgekehrt! möge „er wenigſtens dort gluͤcklich leben, und ſich „ohne Haß Stellinens Namen erinnern.“ Des Stammes Haͤupter hatten ſich indeſ— ſen in dem Pallaſte verſammelt. Ihr Wunſch war es laͤngſt, der Itobar mögte, durch Alter und Schwäche niedergebeugt, ſich einen wuͤrdi⸗ gen Nachfolger waͤhlen, welcher ſie gegen die Portugieſen zum Kampfe fuͤhren koͤnnte. Der heutige Tag war ihnen nun eines der feyerlich⸗ ſten Feſte.— Mehrere Juͤnglinge, die bisher auf den erſten Platz Anſpruch zu machen wag⸗ ten, zogen ſich zuruͤck, um ihrer beynahe gewiſſen Demuͤthigung zu entgehen. Nut der Held aus Fetan, Orira, Coſinoͤe, welcher mit feinen Freun⸗ den die ungeheuern Waͤlder der Sanga be⸗ wohnet, und der weiſe Onemo, mit der vollen —— — d it ft ls de Er ge i eſ⸗ ter di⸗ die Der ich⸗ her ſſen aus un⸗ 91 Bluͤhte der Jugend in ſeinem veifen Alter, ſtritten noch allein um die Hand der jungen Indianerin. Beinahe alle Bedas nannten ſchon Riamir, und freueten ſich dieſer vortreflichen Wahl. Die Anhaͤnger des Oberbraminen hofften auf Orixa, und einige andere hegten Wuͤnſche fuͤr die Ne⸗ benbuhler derſelben. Die Greiſe und Anfuͤhrer des Stamme⸗⸗ umgabdn den alten Ditulan, welcher ihre Gluͤck⸗ wuͤnſche empfieng; aus allen Huͤtten ertoͤnte ein Freudengeſchrey; die Weiber bereiteten Kuchen aus Sago; die Kinder rollten die Opferbinden aus einander, und die Maͤnner ſchliffen die Pfeile zu den Spielen des andern Tages.. Das freudige Getoͤſe des Volks, welches bis zu Stellinens Ohren drang, deucht ihr ſchreckbar, wie das dumpfe Rollen des entfernten Donners.. Riamir erſtaunt bey ſeiner Ruͤckkehr von Colombo uͤber das ungewoͤhnliche Gewuͤhl, und fragt ein junges Maͤdchen, das eben den Huͤgel herabſteigt, um die Urſache. „Die Urſache hievon, verſetzte dieſes, iſt „die Vermaͤhlungsfeier unſrer jungen Itobarin, „welche morgen Statt haben ſoll.“ —— Riamir bey dieſen Worten, wie von einer Keule niedergeſchmettert, argwoͤhniſch, heftig und aufgebracht, glaubte ſich verrathen. In we⸗ nigen Augenblicken ſtand er an den Pforten des Pallaſtes, befiehlt ſeinen Kriegern, ſeiner zu har⸗ ren, und tritt dann in den durch die Menge dicht gedraͤngten Saal. Kaum erblickt ihn der alte Ditulan, als er ihm mit ausgebreiteten Armen entgegen geht. Riamir ſteht unbeweglich, und ſagt mit erſtickter Stimme: „Nachdem Du mich betrogen haſt, laͤchelſt „Du mir noch freundlich zu! Ich bin abwe⸗ „ſend, und inzwiſchen macht man Anſtalten zu „der Vermaͤhlung deiner Tochter! Morgen ſoll „ſie gefeiert werden! Morgen alſo tritt ein an⸗ „derer in die Stelle, die Du mir ſo oft ver⸗ „heiſſen haſt.„ Biſt Du ſchwach genug, „Dein Wort zu brechen, ſo wiſſe: das Wort „des Tapfern, wie jenes der Goͤtter, iſt unver⸗ „letzbar heilig. Hoͤre mich, und mein Schwur „halle uͤber den Huͤgel und durch die Thaͤler „wieder.— Riamir wird Stellinens Gemahl, „oder morgen faͤrben ſich Sangas Fluthen mit „Blute.“ il b 7 A nge als eht. kter elſt we⸗ zu ſoll an⸗ ver⸗ ug, bort ver⸗ wur aͤler ahl, mit dit unverwendeten Augen ſtarren die An⸗ fuͤhrer gegen jenen der Fetans hin, und yoͤren ihm erſtaunt zu; einige, um ihm ſeinen Irrthum begreiflich zu machen, umgeben ihn. Ditulan, hoͤchſt entruͤſtet, haͤlt ſie zuruͤck und ruft: „Obſchon dieſe Silberhaare mein Haupt „bedecken: ſo dulde ich doch keine Beleidigun⸗ „gen. Glaubſt Du, junger e „Itobars Geſetze vorſchreiben zu wollen? 8 „biſt wahnſinnig, und da Du undankbar „wirſt, hoͤrſt Du auf tapfer zu ſeyn.— Geh, „entferne Dich aus meinem Blicke. Ueber die „Zwietracht, welche Deine blinde Wuth hier „ausſtreut, werden die Europaͤer laͤcheln; allein „Zwietracht iſt weniger ſchaͤndlich, als ehrlos „ſeyn. Mißfaͤllt Dir das morgige Feſt, ſo „magſt Du in Fetan bleiben.“ Der Greis entfernt ſich geruͤhrt, und ge— bietet ſeinen Freunden, ihm nicht zu folgen. Riamir durch ſeinen Schmerz betroffen, macht ſich Vorwuͤrſe uͤber ſeine Hitze. Allein Orixas triumphirende Miene entflammt aufs neue ſei⸗ nen ganzen Grimm. —— Ortra, von allem durch den Oberbraminen unterrichtet, zweifelte nicht mehr an ſeinem Sie⸗ ge, und ſeines Nebenbuhlers Unbeſonnenheit uͤberſtroͤmte ſein Herz mit Freude. Er wollte ſchon Beweiſe ſeiner Anhänglichkeit fuͤr Stelli⸗ nens Vater an den Tag legen, und als waͤre er ſchon mit der oberſten Gewalt verſehen, wagte er jene, die ihn umgaben, gegen Riamir zu reitzen. Riamir nahet ſich ihm, und an beide ſchließt man ſich an. Onemo und Coſmoͤe be⸗ merken dieſes mit Vergnuͤgen, und hoffen, daß der Anfuͤhrer der Fetans, von dem ſie nichts mehr zu beſorgen zu haben glaubten, ſie auch von Orixa, den ſie nie fuͤr ſo furchtbar hielten, befreyen wuͤrde. In dem Haufen verlieren ſie ſich, ſuchen gemeinſchaftlich den Haß noch mehr zu entflammen, und jeder ſchmeichelt ſich, die Fruͤchte dieſer Uneinigkeit zu erndten. So geht es oft in dem beſt' eingerichteten Staate, die verſchiednen Faktionen ſtoſſen und reiben ſich an einander, und wenn gleich jede von ihnen eine beſondere Abſicht hat: ſo iſt ihr gemeinſchaftli⸗ cher Zweck und Wunſch doch blos, Unruhen und Haß gegen die eingefuͤhrte Ordnung zu erregen. nen ie⸗ heit lte elli⸗ eer agte zen. eide daß chts von ten, ſi nehr die geht die an eine ftli⸗ uhen 3 zu Da ſich Riamir naͤherte, hielt Delis Nefſe folgende Anrede: „Freunde! er wagte es, den maͤchtigen „Itobar zu beleidigen. War er es nicht, der „am Tage des Opfers einen Strom von Dro⸗ „hungen gegen die Goͤtter ausſtieß?.. Und „wenn dem Tapfern ein Verſprechen heilig ſeyn „muß, durft' er es wagen, vor uns zu erſchei⸗ „nen, ohne ſein Geluͤbde vorher dem Brama „erfuͤllt zu haben? Er kommt von Colombo „zuruͤck. Wo ſind die ſechs Portugieſen, „die er nach dem Tempel zu fuͤhren gelobte? Riamir konnte bey dieſen Worten kaum ſeinen Zorn zuruͤck halten. „Krieger! wer iſt derjenige, dem Ihr ſo „aufmerkſam zuhoͤrt? Iſt es nicht der Neffe „des Oberbraminen, welcher mich anklagt?2 „Am friedlichen Altare erzogen, wagt er es um „Ditulans Tochter mit mir Anſpruch zu machen! „Er war noch nie im Kampfe und will uͤber „die Tenadaren herrſchen!— Aus Ehrfurcht „fuͤr dieſe Wohnung nur hat der Pfeil, der un⸗ „geduldig auf meinem Bogen liegt, dieſen „Frevler noch nicht gezuͤchtiget. — 96— „Er fragt mich nach den ſechs Gefange⸗ „nen, welche ich Brama gelobt habe. Um mein „Verſprechen zu erfuͤllen, werde ich gewiß nicht „ſeinen Arm um Beiſtand anrufen; ich ver⸗ „ſchiebe es auf einen ruhigern Zeitpunkt, und „nur Brama kommt es zu, hieruͤber zu zuͤr⸗ „nen.. Sollte man es morgen noch wagen, „eine ſolche Memme mir vorziehen zu wollen: „dann duͤrſte ich nicht mehr nach europäiſchen „Schlachtopfern!... Lebt wohl.— Ich gehe „zu meinen Freunden, und laſſe den frommen „Orixa unter den Seinigen. 3 In dem Tem⸗ „pel ſehen wir uns morgen wieder! Mit einem Theile der Anfuͤhrer verlaͤßt er nun den Pallaſt, und ziehet nach Fetan zuruͤck. Orixa ſucht bey dem ehrgeitzigen Deli Schutz, der ihn wieder aufzuheitern ſucht, und ſchmeichelt ſich, daß ihm die Wahl des folgenden Tages die Macht verleihen werde, ſeinen Feind zu ſtuͤrzen. Ditulan ſprach mit Stellina uͤber die Un⸗ einigkeiten, welche entſtanden waͤren: er bemuͤhte ſich, durch ſeine Liebkoſungen ihr Zutrauen zu gewinnen. Sie geſtand ihm, daß ſie Riamir nicht liebe. Sie war eben im Begriffe, dem Greiſe, —— ℳ. ——. aͤßt ͤck. eli und den ind Un⸗ ͤhte zu mir dem Greiſe, der ſie feſt in ſeine Arme geſchloſſen hielt, und welcher uͤber ihre Thraͤnen nicht we⸗ nig erſtaunte, das Herz aufzuſchlieſſen, als ein Blick der wachſamen Emora es auf ewig ver⸗ ſchloß. Die religioͤſe Leichtglaubigkeit unterjocht die Gefuͤhle der Natur; und durch den Betrug, mit welchem ſie ihren Vater kraͤnkt, glaubt ſie den Befehlen der Goͤtter zu gehorchen. Während man ſich auf dieſe Weiſe traurig und wehmuͤthig in Tenor unterhielt, draͤngten ſich Riamirs An⸗ haͤnger um ihn her. Die Kuͤhnheit des ſchwa⸗ chen Orira, welcher nach der Wuͤrde des Ito⸗ bars ſtrebte, erfuͤllte alle mit Unwillen. Beſteht er darauf, dann iſt ſein Tod geſchworen. Riamir bemuͤht ſich vorzuͤglich die Krieger gegen den Oberbraminen, vor deſſen Bosheit es ihm ſchau⸗ dert, aufzubringen. „Die Goͤtter, ſprach er zu ihnen, geben „uns nicht ſelten meineidige Fuͤrſten, warum „ſollten ſie uns nicht auch zuweilen ruchloſe „Braminen geben koͤnnen?“ Die Zwietracht hatte den Schlaf von den Ufern der Sanga verſcheucht. Die ganze Nacht hindurch waren die Schmieden der Cyklopen in Thaͤtigkeit. Bey dem Ausbruche des Kriegs 7 ———————————— pflegten ſich hier in Fetan die Krieger zu ver⸗ ſammeln. Die Anfuͤhrer befinden ſich in Ria⸗ mirs Pallaſte, und in den Schmieden wacht das Volk bey dem Scheine der gluͤhenden Feuer⸗ eſſen. So ſtählten ſie zu gleicher Zeit und am naͤmlichen Orte ihre moͤrderiſchen Waffen und ihre grauſamen Herzen. Kaum hatte die Sonne noch ihren halben Tageslauf zuruͤckgelegt, als auch der Tempel ſchon mit dem groͤßten Theile des Stammes angefuͤllt, und der oͤffentliche Platz von den Uebrigen eingenommen war. Deli befindet ſich bey dem Fußgeſtelle der Bildſaͤule des Brama. Zu ſeiner Rechten Di⸗ tulan, ſeine Tochter und alle Anfuͤhrer; auf ſei⸗ ner Linken die Greiſe. Ein ſteinernes Gelaͤnder ſcheidet das Volk von dieſem geheiligten Bezirke. Ueber dem Oberbraminen bey den Knieen des Brama ſieht man den Bogen von Ebenholz, womit die indianiſchen Fuͤrſten geſchmuͤckt zu werden pflegen. Riamir hatte in der Mitte dieſes Bezirks ſeinen Platz genommen und unverwendet das Auge auf ſeine aufmerkſamen Krieger gerichtet; er ſchien den Goͤttern zu trotzen, und ungeach⸗ es en der Di⸗ ſei⸗ der ke. een irks das tet; tet ihres Zornes Stellinens Eroberung ſich zu verſprechen.— Seine drey Nebenbuhler befin⸗ den ſich an der Seite des Itobars. Ein wohlriechendes Rauchwerk ſteigt in Wolken bis zur Kuppel des Tempels.. Der Oberprieſter verkuͤndet, Stellina wer⸗ de ſich ihren Gemahl erwaͤhlen. „Im Namen der Eingeweihten ſchwoͤre „ich, ſolchen, wer es auch immer ſeyn moͤge, „dafuͤr zu erkennen, und gelobe Rebellen und „Frevler den Goͤttern des Boͤſen!“ Der alte Ditulan wiederholte dieſen Schwur. Eine tiefe Stille herrſchte und voll Erwartung iſt alles, um von Stellinens Mund den Namen des Siegers zu vernehmen... Auf einmahl erſcholl Riamirs Stimme durch den Tempel. Ernſt und drohend ſchrie er:„Euch, Ihr „Greiſe, kommt das Recht zu, uns die Geſetze, „welche ſchon Jahrhunderte den Stamm be⸗ „herrſchen, bekannt zu machen. Die Fuͤrſten „konnen ſich davon nicht entſchlagen, und der „Dienſt der Braminen beſchraͤnkt ſich blos auf „die Opfer, welche man den Goͤttern darbringt. „Greiſe, dieſes verlange ich von Euch⸗ „Wurde je der Itobar unter fremden „Maͤnnern im Kampfe gewaͤhlt? Hat je ein „ſchwacher Knabe ohne Muth und Verſtand „die Tenadaren beherrſcht?.. Der weiſe „Onemo und Coſmoͤe, der Schrecken der Waͤl⸗ „der, ſtreiten mit mir um die hoͤchſte Wuͤrde? „ich erkenne ſie fuͤr meine Nebenbuhler; Orixa „hingegen verſchmaͤhe ich.... „Ihr Greiſe entſcheidet und bedenkt, daß „Riamir kein Unrecht dulde: es wird nun an „Euch liegen, ein hieraus erwachſendes Unheil „zu verhuͤten. „Volk von Tenor, Braminen, Krieger! „ich verſchmaͤhe Orixa!“ Ein guͤnſtiges Geraͤuſch entſtand. Riamirs Freunde erhoben ein Freudengeſchrey. Das Volk immer gerecht, wenn es ſich ſelbſt uͤberlaſſen iſt, trat auf ſeine Seite, und von dem offnen Platze bis in den Tempel verbreitete ſich ſein allge⸗ meiner Beyfall. Die unentſchloſſenen Greiſe erwarteten den Befehl des Oberprieſters, der ſeine innere Wuth zu verbergen ſuchte; er ſprach endlich mit ruhi⸗ ger Stimme: „An dieſem heiligen Orte hier duͤrft Ihr nicht entſcheiden; der Pallaſt des Itobars er⸗ „wartet Euch. Seyd Ihr dann bereit, den „Willen der Geſetze zu verkuͤnden: ſo wird ſich „der Tempel Euch wieder oͤffnen. Brama moͤ⸗ „ge Euch erleuchten, gerecht zu ſeyn!“ Er erhebt ſich bey dieſen Worten. Zwey Eingeweihte tragen den koſtbaren Bogen zuruͤck. Der Itobar und Stellina, von den Anfuͤhrern und Greiſen umgeben, draͤngen ſich durch die Menge, und der Oberprieſter eilt verzweiflungs⸗ voll davon. Der indianiſche Volksſtamm, oder Eduard und Stellina. Funftes Buch⸗ Die Grotte. D Stellina! Du biſt mein⸗„ Die Alten hatten ſich bey dem Itobar ver— ſammelt, und alle Stimmen gegen Orixa verei⸗ nigt. Ein jeder ergriff dieſe guͤnſtige Gelegen⸗ heit, die ruͤhmlichen Handlungen ſeiner Jugend, und ſeine Heldenthaten in den vergangenen Krie⸗ gen zu erzaͤhlen. Nachdem ſie ſich auf dieſe Art einige Stunden angenehm unterhalten hatten, wurden die Stimmen geſammelt und dem hun⸗ dertjaͤhrigen Ipenar uͤbergeben. Er hatte ſeit rie⸗ Art en, un⸗ — 103— ſechs Monaten die Krone der Weisheit erhalten, und ſich hiedurch das Recht des Vorſitzes bey den Berathſchlagungen erworben. Man hielt in Tenor jeden fuͤr einen weiſen Mann, der volle hundert Jahre zuruͤckgelegt hatte; im Triumphe trug man ihn in den Tempel, wo ihn der Ober⸗ prieſter im Namen der Göͤtter mit dem Eichen⸗ kranze kroͤnte; ſein Name wurde in die Saͤu⸗ len, welche das Bild des Brama unterſtuͤtzen, eingegraben, und dann erwies man ihm von die⸗ ſem Tage an die naͤmliche Ehrfurcht wie den Eingeweihten. Ipenar geht noch ohne eine Stuͤtze mit ſeinen Silberhaaren einher. Sobald er nun die Stim⸗ men geſammelt hatte, eroͤffnete er den Willen der Geſetze. Ditulan ſelbſt hoͤrte ihm ehrers bietig zu. „Um herrſchen zu konnen, muß man ta⸗ „pfer und tugendhaft ſeyn. Riamir iſt der erſte „unter den Tapfern. Coſinoͤe hat oft Schrecken „unter den Feinden verbreitet, und Onemo er⸗ „theilte uns oͤfters weiſe Rathſchlaͤge. Allein „Hrixa iſt den Greiſen unbekannt. Erſcheine „vor uns Orixa! — — — —————— —— ————— — 104— Der Neffe des Oberbraminen befand ſich eben im Tempel, wo ihn Deli belehrte, wie er der drohenden Beſchimpfung entgehen koͤnnte. Von der Entſcheidung des hundertjaͤhrigen Grei⸗ ſes benachrichtiget, eilte er nun ſtolz auf die Lehren ſo er eben erhielt, nach dem Pallaſte, und trat mit einem heitern, ruhigen Weſen vor die Richter. „Ihr fragt mich, weiſe Maͤnner, was „zum Beſten des Stammes geleiſtet habe? Ich „frage Euch vielmehr, was ich fuͤr ihn „thun koͤnnen?. „Kaum hatte ich die Kinderjahre zuruͤck⸗ „gelegt: ſo herrſchte Frieden unter Euch. Haͤtte „ich mich nun in das Schlachtgetuͤmmel ſtuͤr⸗ „zen und die Bande, welche Euch an Eure „Feinde knuͤpfen, durch eine blinde Wuth zer⸗ „reiſſen ſollen?— Habe ich nicht am Tage des „Opfers die aufbrauſende Menge zuruͤck gehal⸗ „ten? War ich es nicht noch geſtern, der den „Itobar gegen den Verwegnen, dem nichts „mehr heilig iſt, ſchuͤtzte? „Ich wuͤrde Euch ſelbſt, wenn ich nicht „einen Buͤrgerkrieg befuͤrchtete, Beweiſe meines „Muthes gegen jenen ablegen, welcher ſich der 6 NX b 0— „Tapferſte des Stammes waͤhnt. Allein wir „ſind kaum vereint maͤchtig genug; die Zwie⸗ „tracht wuͤrde uns nur noch um ſo gewiſſer „den aufmerkſamen Portugieſen uͤberliefern.“ „Ich verlange, daß dieſe Fuͤrſtenwahl auf „einige Monden verſchoben werde.. Entwe⸗ „der bin ich dann nicht mehr, oder ich habe „Euch bewieſen, daß Biſnagars und Delis „Blut in meinen Adern rollt.“ Dieſe Worte erweckten von neuem die Freunde des Oberbraminen. Einige ſind uͤber den Stolz des Anfuͤhrers der Fetans aufgebracht, andere hingegen entzuͤckt die Dreuſtigkeit ſeines jungen Gegners; andere ſchmeichelten ſich, daß auch ihre Soͤhne vielleicht bald Anſpruch auf die hoͤchſte Wuͤrde machen koͤnnten: und alle beinahe ſtimmten Orixas Verlangen bey.— Ipenar ſammelte wiederholt die Meinungen, und ver⸗ kuͤndet, daß Stellinens Wahl verſchoben ſey. Bey dieſer Nachricht kehrt Riamir ent⸗ ruͤſtet zu den Seinigen zuruͤck, das Volk geht aus einander, und der alte Ditulan eilt zu ſeiner Tochter, ihr den unwiderruflichen Befehl des Geſetzes bekannt zu machen. — 5 — 106— Stellina erſtaunt, wußte nun nicht, wie ſie ſich benehmen ſollte. es ſchmerzte ſie, ihrem Vater das Geheimniß, das ihr ſo druͤckend wur⸗ de, und ihrer guten Emora den Ausſpruch des Orakels, das ihre Seele mit einer bangen Un⸗ ruhe erfuͤllte, nicht entdecken zu duͤrfen. „Auf dem Punkte nun, eine Wahl zu voll⸗ „ziehen, die mir der Himmel vorſchreibt, halten „mich die Geſetze zuruͤck, und machen mich „ohne meinen Willen zu dem Gegenſtande des „Zwiſtes, welcher uns itzt bedrohet. „Was verlangen Goͤtter und Menſchen „wohl von mir? Bin ich nun einmahl zum „Ungluͤcke beſtimmt, warum verdammt mich ſo⸗ „gar dieſes geheimnißvolle Orakel, meine Leiden „wenigſtens nicht in den Buſen meiner Freunde, „die mich umgeben, ausſchuͤtten zu duͤrfen?... „Dieſer abſcheuliche Riamir! Iſt er wohl maͤch⸗ „tiger, als Vedra? Und werde ich ihm, gegen „meinen und gegen der Goͤtter Willen, gleich „einer Beute, die ihm zu Theil wurde, zuge⸗ „hoͤren muͤſſen?„. Durch weniger traurige Ideen wurde ſie nach und nach wieder beruhiget. Mit Entſetzen dachte ſie an das Opfer, das ſie zu vollziehen ſie etzen ehen eben im Begriffe ſtand, und dankte dem Ereig⸗ niſſe, daß es unterbrochen wurde. „Waͤre meine Wahl nicht verſchoben wor⸗ „den, ſo gehoͤrte ich mir nun ſelbſt nicht mehr „an; ich waͤre vielleicht das Eigenthum Coſinoes, „der wilder, als die Ungeheuer der Waͤlder, „die er bewohnt, oder des klugen Onemo, deſſen „Jugend bereits verwelkt iſt, oder gar des ver⸗ „aͤchtlichen Orixa.... Vielleicht auch des un⸗ „verſoͤhnlichen Riamirs, der, waͤhrend ich mein „Schickſal beweinte, mit Feuer und Schwerd „in meines Vaters Pallaſt dringen wuͤrde. Wie „ungerecht war ich nicht mit meinen Klagen „gegen die Goͤtter! Dieſer erwuͤnſchte Aufſchub „iſt fuͤr mich eine wahre Wohlthat! Geſtern „verließ der junge Menſch die Grotte, und „ſeine Entfernung hat Bramas Zorn gewiß be⸗ „ſaͤnftiget. Sehe ich ihn auch nie wieder, „ſo darf ich mich doch wenigſtens meinem „Schmerze, und ohne Furcht ſeinem Andenken „widmen. „Dieſe Erinnerungen ſollen mein Leben „erheitern. Die allwiſſenden Goͤtter haben mir „ſie ja nicht verboten: ich befolgte ihr Hrakel, „und unterwerſe mich ihrem Willen.“ — 108— Den andern Tag war Stellina mehr als jemals von der Gerechtigkeit der wohlthaͤtigen Goͤtter mit voller Zuverſicht erfuͤllt: der heilſame Balſam, welcher durch ihre Adern ſich ergoß, brachte ihre Hoffnung und Geſundheit zuruͤck. Sie will, um ihre Langeweile zu toͤdten, die Waͤlder durchirren, als wenn ihr die Unruhen, deren Stifterin ſie doch ſelbſt war, entfallen waͤren. Wenige Augenblicke nur waren nothwen⸗ dig und alles war bereit. Zehn junge Maͤdchen, kaum mit leichten Schleiern bedeckt, die Haare in Flechten gewunden, die Koͤcher auf den Schul⸗ tern, und mit Bogen bewaffnet, umgaben Stel⸗ linen, die ſich bemuͤhte, ihnen freundlich zuzu⸗ laͤcheln, und an ihrer Spitze vorauszog. Ihr folgten zwanzig Krieger mit Wurfſpieſſen und Keulen, durch den wilden Coſmoͤe angefuͤhrt, der ſchon ſo ſtolz einherſchritt, als ſchleppte er die blutenden Felle des erlegten Wildes in ſeinem Gefolge her. Dem Zuge erſchollen zwei Hoͤrner voran, die den Aufbruch der jungen Itobarin ankuͤndigten. An den ufern des Gardelfluſſes in der Ebne befahl ſie zu halten, beſtimmte dieſen Ort en me oß, ck. die len zum Sammelplatze bey der Ruͤcktehr, und er⸗ wartete noch die Weiber, welche mit den laͤnd⸗ lichen Vorraͤthen zu ihrem Beduͤrfniſſe hieher beſchieden waren. Die Jaͤger entfernten ſich auf das gewoͤhnliche Zeichen, jeder derſelben hofte den Preis zu erlangen, und im Triumphe zu⸗ ruͤckzukehren. Coſmoͤe laͤchelte uͤber ihre Verwe⸗ genheit, und nahete ſich Stellinen. —„Koͤnnte ich meine Nebenbuhler behan⸗ „deln, wie den Tieger, welchen ich zu erlegen „eile! Waͤre dieß auch Euer Wunſch, dann „ſollten heute noch die Walder des Gardels ent⸗ „völkert ſeyn.“ 1 Ohne eine Antwort zu erwarten, floh er davon. Nach ſeiner Hitze zu urtheilen, haͤtte man glauben ſollen, er ziele bereits nach dem wilden Ungeheuer. Die jungen Maͤdchen blieben indeſſen von zwey Kriegern beſchuͤtzt, hier allein zuruͤck. End⸗ lich kamen die erwarteten Weiber mit ihren Vorraͤthen auf den Lagerplatz, wo ſie fuͤr Stel⸗ linen und ihre Gefaͤhrtinnen das Mahl auf die⸗ ſen Abend zurichteten, und bereiteten die fri— ſchen und weichen Thierfelle, welche ihnen waͤh⸗ rend der Jagd zum Lager dienen ſollten. — 110— Stellina gieng mit ihren jungen Freundin⸗ nen in den Wald, die Unterhaltungen zu ge⸗ nieſſen, welche ſie ſich hier zu finden verſprochen hatte.— In der Ebene erblickt ſie auf ein⸗ mahl das einſame Gebuͤſch der Palmbaͤume... Eine Thräne glaͤnzte in ihrem Auge,“ und ein Seufzer entfloh ihr; eine unwillkuͤhrliche Bewe⸗ gung hielt ſie in ihrem Laufe zuruͤck. Ihre Freundinnen vertheilten ſich in dem Gehoͤlze; Hoffnung zur Beute ſpornte ſie weiter.„ Leicht wie der Wind fliehen ſie umher. Stellina verfolgt kein wildes Thier; allein Milfords Bild verfolgt ſie. Sie wandelt, den Bogen und die Augen auf die Erde gekehrt, langſam und gedankenvoll einher. Verſunken in ihre ſuͤſſen Traͤumereyen ſchritt ſie immer weiter. Eine uͤbernatuͤrliche Macht zog ſie nach dem Walde des Fremdlings, und nach der Gegend der Sanga hin. Sie be⸗ merkt ihren Irrthum und verweilt doch gerne darin; das Lager in der Ferne machte ſie ſicher. Sie kommt in die Naͤhe der Grotte: ihr ungeduldiges Herz war ihren Schritten laͤngſt vorangeeilt. Sie wußte, daß er ſich nicht mehr dort befaͤnde; allein es that ihr ſo wohl, den Tag, d d 3 wo er von Furcht und Hunger niedergebeugt, in die⸗ ge ſer gaſtfreyen Wohnung Aufnahme und die ge⸗ en wuͤnſchte Huͤlfe gefunden hatte, in ihr Gedaͤchtniß in⸗ zuruck zu rufen: ſein Entzucken, das Angenehme, Sanfte, welches ſein ganzes Weſen belebte, ſein ein blondes Haar, das in Locken um ihn her ve⸗ wallte, und ſeine blauen Augen, aus denen hre Redlichkeit und Freude ſtrahlte, entwarf ihr die ze; gereitzte Phantaſte von neuem.. Das Angenehme dieſer ſuͤſſen Erinnerung zog ſie in die Grotte; ſie erblickte auf dem Raſen ein ihren zuruckgelaſſenen Pfeil und Bogen.... den rt, Die Sonne war indeſſen brennender und die Luft ſchwuͤler geworden. Sie war ermuͤdet durch die Hitze und die zuruckgelegte Strecke. 4 Noch nie fand ſie die Grotte ſo ſchoͤn. Der 6 Raſen, der ſie umgiebt, iſt mit unzaͤhligen, wohlduftenden Blumen beſaͤet: die Dema, ſanft 1 wie das Veilchen, und Ipaͤus, weiſſer als die 3 Lilie, geben dieſem Grünen durch mannichfaltige Farben die reitzendſte Miſchung. Eine Menge ihr aromatiſches Geſtraͤuch waͤchſt an dieſem ge⸗ igſt heimnißvollen Orte, einiges windet ſich leicht ehr in die Hoͤhe, und bedeckt das Aeuſſere der Grotte.— Der Quelle leiſes Murmeln, welche aus dem Felſen hervorſprudelt, und ſich in ein ſteinernes Becken ergießt, ladet zur Ruhe und Erfriſchung ein. Ein ſanftes Halbdunkel, gleich jenem vor der Morgenroͤthe, verbreitet uͤber alle dieſe Gegenſtaͤnde einen Zauberreitz; die aroma⸗ tiſchen Kraͤuter ſtreuen Wohlgeruͤche umher, und erzeugen ein wolluͤſtiges Schmachten. Das junge Maͤdchen verſpricht ſich in die⸗ ſem Kryſtallbache eine angenehme Erholung. Sie wirft ihr leichtes Gewand von ſich, und ſchluͤpft in das Bad. Die Wellen, aufruͤhreriſch von Entzuͤcken, beſpielen liebkoſend bald die Kniee, bald den Buſen; bald draͤngen ſie ſich auch an die Korallen⸗Lippen, als wenn ſie die zaͤrtlichen Kuͤſſe, welche darauf ruhen, aufzuwecken ſuch⸗ ten... Sie ſchaukelt wolluͤſtig umher, und ſetzt ſich dann wieder auf den gruͤnen Raſen, mit welchem das Becken bewachſen iſt. Durch Huͤlfe des Bades glaubte ſie ihre Hitze etwas abzukuͤhlen, allein vergebens; durch eine entgegengeſetzte Wirkung entbrannte ſie nur heftiger, und ihre aufgereitzten Sinne durch⸗ gluͤhten ihr ganzes Weſen. Sie uͤberlaͤßt ſich in dieſem einſamen Aufenthalte, ohne einige Furcht vor dem Einfluſſe der Gottheiten des Boͤſen, domn — dem Gefuͤhle, das ſie durchſtroͤmt: ihre Phan— taſie rief ihr itzt das unnennbare Entzuͤcken der erſten Nacht ihrer Liebe zuruͤck.. WMit Ver⸗ gnuͤgen verweilte ſie bey dem wolluͤſtigen Traum⸗ bilde; durchgieng und wiederholte oft jeden klei⸗ nen Umſtand deſſelben... Sie denkt ſich dann Milfords kuͤhnes Unternehmen, und glaubt in dem Augenblicke, auf ihren nackten Schul⸗ tern den Druck ſeiner Lippen von neuem zu fuͤhlen. Zitternd und zaͤrtlich geruͤhrt bleibt ſie einige Zeit wonnetrunken in dieſem Ge⸗ fuͤhle... Sie iſt nun die Eingeweihte der Liebe, und hoͤrt auf Vedras Eingeweihte zu ſeyn..„ Kaum vermag ſie den wolluͤſtigen Empfindungen, die ihre Seele durchgluͤhen, zu widerſtehen.... Muͤhſam verlaͤßt ſie die Wellen, welche ſie dem Vergnuͤgen eingeweihet hatte, huͤllt ſich in ihr leinenes Gewand, das ſie leicht um ihren reitzenden Koͤrper wirft, erholt ſich ein wenig, und laͤßt ſich nieder auf den Raſen. Die kuͤhle Naͤſſe wurde bald durch ihr Gewand getrocknet. Sie erhebt ſich und greift 8 nach ihrer Schaͤrpe, als ſie ein leichtes Ge⸗ raͤuſch uͤberraſcht. Es naͤhert ſich immer mehr.... Sie lauſcht aufmerkſam und blickt verlegen nach dem Eingange der Grotte. Liebe!„ Du allein vermagſt zu ſagen, welche Unruhe ſich in ihrem Herzen erhob!.. Er iſt es. es iſt Milford, den ſie erblickt.„ Milford, der mit einem Blicke voll Schwermuth ſich hete. Ein Schrey entfaͤhrt ihr. Der junge Menſch weicht furchtſam zuruͤck, feſter draͤngt ſie ſich zuſammen, huͤllt ſich tiefer in ihr ſchuͤtzendes Gewand, und eilt ſchnell nach dem Bade, das ſie ſo eben verlaſſen hatte, um ſich daſelbſt zu verbergen. Eduard erkennt ſie. Schneller, als ein durch die Luͤfte ziſchender Pfeil wirft er ſich zwiſchen ſie und das Becken, haͤlt ſie zuruͤck, umarmt mehrmahl ihr zitterndes Knie und ruft: „O Stellina! Du biſt mein.“ Ein leiſer Schauer des Entzückens durch⸗ bebt die junge Indianerin. Vergebens verſucht ſie ſich aus den Armen des jungen Menſchen zu — t 3 — 115—. winden. Thraͤnen rollen, gleich dem Morgen⸗ thau, welcher auf die Fruͤhlingsknoſpe fallt, uͤber ihre Wangen auf den Buſen herab. Feſt druͤckt ſie der Juͤngling in ſeine Arme, und kuͤßt die Thränen von ihren Wangen. Sie will zuͤrnen, aber vergebens iſt ihr Beſtreben. Tauſend Kuͤſſe beſiegen ihre Vorwuͤrfe, die kraft⸗ los auf ihren Lippen kleben... Ihre ſchwa⸗ che Stunde hat geſchlagen.... Sie ſinkt auſſer ſich, verwirrt, halb ohnmaͤchtig an die Bruſt des Geliebten, der ſie umarmt, und gleich einer verzehrenden Flamme umſchließt... Der gluͤckliche Eduard im Vollgenuß des hoͤchſten Vergnuͤgens, leert in vollen Zuͤgen den Becher der Liebe, und S36 mit trunknem Blicke in den enthuͤllten Reitzen des betaͤubten Maͤdchens. Auch erwacht allmaͤh⸗ lig aus ihrer Bewußtloſigkeit, um den ſuͤſſen Uebergang eines noch nie empfundenen Schmer⸗ zens zu dem unnennbarſten Entzuͤcken zu fuͤh⸗ len.... Kaum hoͤrbare Seufzer entwinden ſich ihrem gepreßten Buſen, hallen durch den ge⸗ heimnißvollen Aufenthalt, und werden nur leiſe durch die beſcheidne Echos wiederholt, um ſie dann auf immer zu verſchweigen. Amor ſchwebt am Eingange der Grotte, jauchzt hoch auf uͤber den errungenen Sieg, und verſcheucht mit einem Myrtenzweige Reue und Sorgen, die ſie zu beſtuͤrmen drohen. Schon ſtahl ſich bey den erneuerten Kuͤſſen Eduards eine Thraͤne aus dem Auge der Geliebten; eine Thraͤne des Entzuͤckens— oder der Schaam.... „Wofuͤr dieſe Thraͤne, Stellina? Fragte Eduard mit leiſer, bebender Stimme. Biſt Du nicht mein, und fuͤhlſt Du nicht, eben ſo leb⸗ haft als ich, das Gluͤck unſers wechſelſeitigen Beſitzes. Durch welchen finſtern Gedanken truͤbſt Du unſern Freudengenuß? Hat nicht die gefaͤllige Natur mit leichten Blumenfeſſeln z umwunden und auf ewig vereint? „Seit Deiner Rückkehr verſuchte ich ver⸗ „gebens, mich aus dieſem Walde zu entfernen. „Colombo hat keinen Reitz mehr fuͤr Deinen Ge⸗ „liebten. Hefters verließ ich dieſen Aufenthalt; „allein kaum erblickt' ich das Geſtade, ſo blieb „ich unbeweglich, floh das Meer, wie das Grab, „und kehrte zuruͤck in dieſe gaſtfreye Grotte. „O Stellina! in ganz Europa denke ich mir „itzt nichts, als eine Einoͤde und Tod. — 117— „Ich ſollte Dich verlaſſen, verſetzte ſie. „Hoͤre! Die Goͤtter der Indianer, wie der „Europaͤer, bewohnen alle den naͤmlichen Him⸗ mel. Wohlan! Rufen wir ihn zum Zeu⸗ „gen unſerer Schwuͤre an.... Du biſt mein „Gemahl. Du wirſt die Tenadaren beherrſchen, „und wohin Dich auch das Schickſal rufen mag, „ich folge Dir.— Dieſes iſt nun nicht mehr „die Grotte der Gaſtfreyheit; der Liebe haſt Du „ſie geheiliget.“ „Ja, ſchrie der junge Menſch, von neuem „Verlangen durchgluͤht, den Himmel und die „Liebe nehme ich zu Zeugen meiner Schwuͤre.“ Er hatte kaum das letzte Wort, mit ei⸗ nem leiſen Seufzer begleitet, ausgeſprochen, als er ſich an den Buſen ſeiner Geliebten ſchmiegte, und wiederholt der Liebe ſeligſtes Entzuͤcken genoß.. Der Laut des Vergnuͤgens und der Wol⸗ luſt ertoͤnte den ganzen Tag durch die gefaͤllige Grotte.— — 118— Vergebens wollte Stellina noch dieſen Abend nach dem Lager zuruͤckkehren.— Der Kriegs⸗ gott ruhte ja auch ehemals an der Seite der Licbesgoͤttin, und Amor hat viel Aehnliches mit jenem Gotte.„ Auch er ſchiaͤgt oft tiefe Wunden, und faͤrbt die Pfeile mit dem Blute ſeiner Schlachtopfer.... In der Grotte vergaß nun Stellina das ganze Weltall um ſich her. Die Nacht wurde Hymens Erſtlingen geweihet: die Schaam hatte ſich weislich in den Schatten verirrt, und das junge Weib war dem unbaͤndigen Verlangen ihres Gatten gaͤnzlich uͤberlaſſen.... Den andern Morgen durfte ſie ſich ent⸗ fernen; ihre Schritte wankten nicht mehr... Die geheimnißvolle Knoſpe, welche die gefällige Schaͤrpe verhuͤllt, hatte ſich zur Roſe entfaltet.... Auch nicht die kleinſte Spur ihrer Niederlage war mehr an ihr zu bemerken, und in ihrem matten Blicke konnte man kaum die ſchlafloſe tacht erſpaͤhen.— Ueberzeugt, daß es kein Te⸗ nadar wagen duͤrfte, in dieſes Heiligthum zu — dringen, fuͤrchtete ſie doch immer, Vermuthungen bey ihnen zu erwecken. Mit einem fenrigen 3 Kuſſe nahm ſie Abſchied, verſprach bald wieder zu kommen, und nahte ſich dann dem Ufer des Gardels. Lebhaft verfolgten die Jaͤger das Wild, und das Bellen ihrer Hunde erſcholl durch die Thaͤler des Argias.— Die Weiber hatten die Nacht wachend zugebracht: und durch ihr lautes Rufen vergebens die Luͤfte erfuͤllt. In dem Walde vertheilt, und ermuͤdet durch ihr Suchen, nahten ſie ſich eben dem Heiligthume der Ito⸗ baren, als der Anblick Stellinens ſie auf ein⸗ mahl neu belebte. Sie umringen ſie und ma⸗ chen ihr uͤber ihre Abweſenheit, die ſie alle ſehr beaͤngſtiget hatte, die zaͤrtlichſten Vorwuͤrfe. Das Jagen waͤhrte noch mehrere Tage. Stellina eilte jeden Morgen mit befluͤgeltem Schritte nach der Grotte, wo ſie leider zu bald ihrem Geliebten Langeweile und Ueberdruß ver⸗ ſchaffte.... Sie kehrte alle Abende nach dem Lager zuruͤck. Coſinde ſchrieb ihre Unruhe blos der Wahl ihres kuͤnftigen Gemahls zu, und ver⸗ doppelte, da er ihre Stimmung zur Einſamkeit ehrte, ſein Beſtreben noch mehr, um die Blume zu verdienen, welche der Kaufmann aus Pl⸗ mouth bereits gepfluͤckt hatte. —— —— M