* — 3 ibeeelbe- Leihbiblivthek veutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ollmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. MA. MNr. 206 S— —— eih und eſebedingungen 0Monn d e the ſe e pfangnahme und Muckgabe ver Mucher jeven Lag von Morgens 7 Uhr bis Abenvs 3 lhr oſſen Lohoprel. Mei Muckgabe eines gellehenen Buches wird von levem Jag 5 Pf bezahlt. Hie Zeit eines Fages iſt zu 21 Gtun ben angenommen (aulon. Uubekannte Perſonen müſſen, bei Ghtgegennahme ———— —— eines Ruches, eine vem Werthe veſſelben entſprechende umme binterlegen, welche bei beſſen Zurücgabe von mir zurückerſtattet wib Aonnnt Paſſelbe muß voa beah wee beträgt —,— ſur wöchentlich 9 hMohor 4 hMohor 6 hMoher: auf 1 Monat MW. ſ. 1W 2W ſ 1 2 1 1 ſ* „* 5 MuhwMrin Aonnenten haben für Hin unb Zurucſenvung ver Wcher au ihe eigenen Koſten unv Geſahr ſelbſt zu ſorgen 0 Bohadoneath. Pr beſchimuhte, zerviſſene, verlorene und veſeete Wcher(namentlich bei ſolchen mit Kupſern e) muß ver 1. vabenpreis erſeht werven M vas zerviſſene, beſchmutzte, ve loreneover beſeete uch ein Fheil eines grebperen Werkes, ſo iſt ver Leſer zum Gſaß ves Wanzen verpflichtet Auht ieſebe iſt an age ſeſtgeſeht und wirv beſohbers varguf aufmertſam gemacht, vaß das Welterverlethen( ver Wucher nicht ſtatiſinben varf, invem Hieſenigen, welche vie ſelben von mir gelehen, auch vaſür zu ſtehen haben. N———,——— N————————— N— 2 =— Viſitenbuch eines deutſchen Arztes in London. Visitenbuch eines deutſchen Arztes in London herausgegeben von Amely Böltr. * Alles was den einen Menſchen intereſſirt wird auch in dem andern einen Anklang finden. (Goethe.) Zweiter Cheil. —— Perlin. Verlag von Duncker und Humblot. 1852. Hrute war die Jahresfeier unſers Hochzeittages. Wir begingen ihn allein, meine Johanna und ich. Es war eine ſchöne ſtille Mondnacht. Wir ſaßen noch ſpät nebeneinander auf dem Sopha, ihre Hand ruhte in der meinen, und wir ſahen dem Wechſelſpiele des Lichtes zu, das durch die Vorhänge abgeriſſen in das Zimmer drang, und die Gegenſtände theilweiſe erhellend, theilweiſe dunkel laſſend, eine Art myſtiſcher Welt um uns ſchuf. Wir ſprachen Beide nicht. Meine Seele feierte einen dieſer feſtlichen Momente, wo man ſich dem All ge— genüberſtellend, in ein Nichts aufgeht und ſein eigenes Wünſchen und Trachten keines Seufzers werth achtet. Ich ſaß beſchauend, betrachtend da, und genoß ein paar Augenblicke der höchſten innern Sammlung. Ein tiefer Seufzer meiner Nachbarin rief mich zu dem Gegenwärtigen, zu der Wirklichkeit zurück. Ich ſah ſie an. Was ihre Gedanken beſchäftigt hatte, wußte ich nicht; aber Erfreuliches konnte es nicht geweſen ſein. Sie ſah traurig aus. Ja, ich entdeckte ſogar eine klare Perle an ihren langen dunkeln Augenwimpern, während das große II. 1 ſchwarze Auge, das ſo offen, ſo ehrlich, ſo treu und voll Liebe blickte, zu mir gewandt war. „Auguſt“ ſagte ſie,„ich bin recht unglücklich in dem Gedanken, wie viel Leid und Plage ich dir ſchon verur⸗ ſacht habe und dir noch verurſachen kann. Ach! Wenn du mich doch nur nicht geheirathet hätteſt!“ „Aber, liebe Johanna! ſo ſtehe doch davon ab, dich immer ſo unnütz zu quälen! Siehſt du denn nicht ein wie unglücklich es mich machen muß, wenn ich dich nie heiter und zufrieden ſehe, während ich doch Alles aufbiete, was in meinen Kräften ſteht, um dich glücklich zu machen?“ „Schilt mich nicht, lieber Auguſt! Ich bin nicht un⸗ dankbar; gewiß nicht. Ich erkenne ganz was du für mich thuſt; aber eben das iſt es ja, was mich unglücklich macht, daß du Alles für mich thuſt, und ich dir nichts bin noch ſein kann als eine Bürde, das iſt es ja, was mich ſo grenzenlos elend macht! Ohne mich hätteſt du ietzt vielleicht ſchon mehr erreicht, wäreſt vermögender, be⸗ ſäßeſt mehr Freunde. Eine Frau, und noch dazu eine tränkliche Frau, iſt eine Laſt für einen jungen Mann, und hält ihn überall zurück, wo er vorſchreiten ſollte. Du hätteſt mich nicht heirathen ſollen, lieber Auguſt.“ „Nun ſiehſt du, Johanna! Geſchehene Dinge ſind nicht zu ändern. Ich muß mich nun in mein Schickſal finden, wie ich kann“; ſagte ich ſcherzend. „Ich hatte alſo doch Recht, daß es dir leid iſt, Au⸗ guſt! Ach! ich wußte es nur zu wohl! Du wäreſt ohne mich glücklicher.“ Ihre Thränen floſſen. den ſo! mei wo Un ftol blic ſog an doe dei we ein da un an Ar „Aber, Johanna! wann werden denn dieſe nie enden⸗ den Klagen aufhören? Begegne ich denſelben in Scherz, ſo wirſt du empfindlich; ſpreche ich ernſt, ſo nimmſt du meine Worte nicht für Wahrheit. Was ſoll ich dir ant⸗ worten? Wie dir entgegnen? Und iſt dies überhaupt eine Unterhaltung für dieſen Abend? Kannſt du denn nie froh mit mir ſein? nie dich des gegenwärtigen Augen⸗ blickes freuen?“ „Wie kann ich mich freuen, wenn du leideſt, Auguſt?“ „Wer ſagt dir denn, daß ich leide?“ „Als wenn ich ſo blind wäre, Auguſt. Da müßte ich dich nicht lieben, wie ich dich liebe, wenn ich nicht ſogleich das deutliche Bewußtſein in mir trüge, was dir angemeſſen iſt, und was nicht. Ach, Auguſt! Wenn ich doch mit meinem Leben, mit Allem was ich habe und bin, dein Glück erkaufen könnte, welche Seligkeit würde es für mich ſein!“ „Du könnteſt es viel wohlfeiler haben, Johanna! wenn du blos ſelbſt glücklich ſein wollteſt“; ſagte ich mit einem ſo ſanften und tief gefühlten Tone des Vorwurfs, daß es ihr tief in die Seele ſchnitt. Sie ſah mich groß und forſchend an. „Auguſt!“ ſagte ſie dann, und ſchmiegte ſich kindlich an mich;„bin ich etwa krank, Auguſt? Iſt meine ewige Angſt um dich etwa Krankheit, Auguſt?“ „Ich fürchte, ſie iſt es, arme Johanna!“ „Warum Carme Johanna?! Warum bemitleideſt du 4 mich?“ fragte ſie aufgeregt.„Wer kann mich arm nen⸗ nen, wenn ich dir angehöre?“ „Nur deiner unnützen Sorgen wegen bemitleidete ich dich. Bei ruhigem Nachdenken wirſt du ſelbſt ſtets ein⸗ ſehen, daß deine Sorgen die Geſchöpfe deiner Einbil⸗ dung ſind.“ „Wie aber ſoll ich dieſer Angſt um dich los werden, Auguſt?“ ſagte ſie traurig.„Wenn du des Morgens fortgehſt, ſo erfaßt es mich fieberhaft; ich denke mir, daß ich dich nimmer wiederſehen werde, daß irgend ein Un⸗ glück dich befallen muß, und horche auf jeden rollenden Wagen, ob er nicht vor unſerer Thüre anhalten und dich todt in meine Arme zurückführen wird. Ach, Auguſt! Wüßteſt du, was ich in ſolchen Stunden leide, du würdeſt mich nicht ſchelten! Du könnteſt dann mit allem Rechte, carme Johanna? ſagen. Ich habe mitunter verſucht mich zu zerſtreuen, habe eine Lectüre vorgenommen; aber die Buchſtaben verwirren ſich vor meinen Augen und die Gedanken ſind ferne. Keine Arbeit, keine Unterhaltung kann mich feſſeln! Wenn du doch irgend eine Beſchäfti⸗ gung erſinnen könnteſt, die mich intereſſirte und zerſtreute und meine Gedanken von dir abzöge! Ich kann nur dich denken, Auguſt, und das iſt meine Qual! Ich habe nur ein Intereſſe im Leben, und das biſt du. Iſt es denn zu verwundern, daß ich ſtets für dich zittere?“ „Warum aber zittern, Johanna! Bin ich nicht ſtark und geſund, und auch umſichtig genug, um weder in die Themſe zu fallen, noch mich von einem Wagen über⸗ fahr mick un we It ſchl Ja die Lu we ve W ſch be ifti⸗ eute dich nur 1zu tark die fahren zu laſſen. Warum alſo dieſes ſtete Bangen un mich? „Weil das Unglück uns nicht offen entgegentritt und uns zu einem Kampfe Mann gegen Mann auffordert, weil es uns rücklings faßt und unverſehens übermannt. Ich ſehe es dir immer heimtückiſch auf den Ferſen nach— ſchleichen, armer Auguſt.“ „Da werde ich mich daran zu gewöhnen ſuchen von Zeit zu Zeit hinten auszuſchlagen, und dann wird es bald heißen Carmes Unglück“ nach den derben Stößen, die ich ihm zu verſetzen geneigt bin. Ich rathe dir alſo von jetzt an, um das Unglück zu bangen, und nicht um mich, den ihm feindlich Geſinnten.“ „Du willſt meine Sorge wegſcherzen, guter Auguſt. Ach! Ich kenne dich wohl. Du biſt ſo gut! Viel zu gut für dieſe Erde.“ „Da haben wir es! Du gönnſt mich dieſem irdiſchen Jammerthale nicht. Du möchteſt mich am liebſten unter die Sterne verſetzt ſehen und dort neben mir als meine Luna wandeln. Aber nur Geduld, liebes Kind! Wer weiß, wohin die Verdienſte deines Gatten dich noch tra— gen. Im ganzen Jahre nur drei Kranke durch den Tod verloren, das allein müßte mir die Unſterblichkeit ſichern, wenn Malthus ſich nur nicht darein miſchte.“ „Du biſt doch nicht wieder nach Seven Diles zu den ſchmutzigen Kranken gegangen, die anſteckende Fieber ha⸗ ben?“ frogte ſie beſorgt. 6 „Behüte! Ich beſuche dir zu Liebe nur geſunde Kranke, die ganz rein gewaſchen ſind.“ „Du ſpotteſt, Auguſt! Es iſt aber doch ſo ſ efih rlich.“ „Darum eben ſetze ich mich keiner Gefahr aus.“ „Du meinſt das nicht, du ſagſt das Alles um mich zu beruhigen.“ „Du biſt doch nicht etwa meinetwegen unruhig, wäh⸗ rend ich hier neben dir auf dem Sopha ſitze? Laß nun aber Licht bringen, und vergönne mir das Vergnügen in deiner Geſellſchaft eine Cigarre zu rauchen; ich will dir dafür auch etwas Unterhaltendes erzählen.“ „Es iſt jetzt ungefähr ein Jahr, da wurde ich ſpät Abends zu einer Kranken gerufen. Die Perſon war mir nicht unbekannt. Es war eine Franzöſin, die ein Haus gemiethet hatte, das ſie dann wieder an einzelne Perſonen vermiethete, welche auch theilweiſe Beköſtigung bei ihr er⸗ hielten. Gleich nach meiner Ankunft auf engliſchem Bo— den brachte ich einige Zeit unter ihrem Dache zu. Wie das aber in dieſem großen Orte ſo geht, hatte ich ſchon ſeit lange nichts von ihr gehört, und anderweitig beſchäf⸗ tigt und intereſſirt, auch ihrer kaum noch gedacht.“ „Ich nahte mich jetzt erwartungsvoll ihrer Wohnung und bedauerte ſchon im voraus, was ihr ſo unerwartet zugeſtoßen ſein konnte.“ „Als die Dienerin mir die Thüre öffnete, hielt ich mich bei weitern Mittheilungen von derſelben nicht auf; ſondern eilte ihr vorbei die Treppe hinauf in das Kran⸗ kenzimmer. Welch ein Anblick wartete meiner hier!“ e—5 1 um äh⸗ un dir ät nir us len ⸗ ie on „Bei meinem Eintritte fand ich Madame Minet auf dem Boden liegend und Töne der Verzweiflung aus der beengten Bruſt hervor zwingend. Dabei brannten ihre Wangen in Fieberglut und das irre Auge erkannte mich nicht mehr.“ Was iſt hier vorgefallen?“ fragte ich.“ Das Meſſer!» ſtöhnte die Kranke.„Das Meſſer! Ich kann es nicht faſſen!? Und dabei griff ſie ängſtlich mit den Händen in der Luft umher ſich immer täuſchend, daß ſie etwas halte, was ſie doch nicht hielt.“ „Dazwiſchen dröhnte ein donnerndes Klopfen und Schel⸗ len zu uns herauf.„Im Namen des Gerichtes! hörten wir auf dem Flur und laute Männertritte nahten ſich dem Zimmer.“ „Ich eilte hinaus.“ Meine Herrn! ſagte ich,(was iſt Ihr Geſchäft hier?“ (Eine Perſon mit Namen Minet abzuholen.* (Die iſt krank, hat ein hitziges Fieber, eine Gehirn⸗ entzündung— der Himmel weiß was. Sie können die⸗ ſelbe in ſolchem Zuſtande unmöglich fortſchaffen.„ „Wir müſſen ſie ſelbſt ſehen.» „Sie traten ein.“ „Der Zuſtand derſelben war der Art, daß ſie ſich leicht von der Unmöglichkeit, ihre Abſicht auszuführen, überzeug⸗ ten. Wir kamen daher überein, daß ſie fürs Erſte mei⸗ nen Händen übergeben ſei, mit dem Beding, daß ich ſie in ein Hoſpital bringen laſſe, und über den Fortgang ihrer Herſtellung berichte.“ „Welchem Leben ſollte ich die Arme erhalten!“ „In Fällen, wo die Geneſung ein Fluch iſt, wird es dem Arzte recht ſchwer, mit freudigem Muthe ſeine Pflicht zu thun! Ein kleines unwilliges Verſehen, das ihn zu andern Zeiten ſo ſchwer drückt, wäre unter obwaltenden Umſtänden oft eine recht erwünſchte Fügung. Aber die Fügungen fügen ſich nicht immer, wie die handelnden Per⸗ ſonen auf der Scene ſie möchten, meine Johanna! Wäre das Schickſalsrad mitunter eine Stunde lang in unſere Hand gegeben, welchen bunten Wechſel würden wir in die Lagen der Menſchen einführen!“ „Monate vergingen, ehe mir die Gewißheit wurde, daß meine Kranke wirklich geneſe. Ich wachte mit unermüd⸗ licher Sorgfalt über ihr und ſah mit Bangen den Au⸗ genblick herannahen, wo das Bewußtſein zurückkehren, und ihr die Erkenntniß ihrer Lage bringen würde. Endlich wurde es Licht vor ihrem Blicke, ſie begann die Gebilde ihrer Fieberträume und die grauſige Wirklichkeit, die ſich hinter denſelben verſteckte, zu unterſcheiden, und ihre Ge— genwart zu verſtehen.“ „Sie wurde ſeitdem ganz ſtill und ſprach nur noch das Nothwendigſte; über ſich ſelbſt und ihre Lage aber kein Wort.“ „Die Gerichte forderten nun ihr Opfer; ſie geſtand die Anklage zu und wurde, in Berückſichtigung momentaner Geiſtesverirrung, zu lebenslänglicher Deportation verur⸗ theilt. Sie hörte dieſen Spruch mit jener Apathie, der den Tod im Herzen bekundet, an und kehrte mit ſtiſcher en d h 1 9 Gelaſſenheit in ihr Gefängniß zurück. Sie that mir un— endlich leid!“ „Am Tage ihrer Abreiſe begleitete ich ſie auf das Schiff und reichte ihr hier noch einmal die Hand, auf kein Wie⸗ derſehen! Sie war ſehr bleich, und der gewöhnliche ſtvi⸗ ſche Gleichmuth ihres Weſens hatte heute einer Art Weh⸗ muth Platz gemacht, der ſie mühſam zu gebieten ſchien. Schreiben Sie mir!» bat ich ſie zum Abſchiede.(Ich muß wiſſen wie es Ihnen geht. Und kann ich Ihr Loos auf irgend eine Art erleichtern, Ihnen irgend eine Be⸗ quemlichkeit, einen Beiſtand verſchaffen, ſo wenden Sie ſich unbedingt an mich, wie an einen ſtets zuverläſſigen Freund. „Sie drückte mir bejahend die Hand und wandte den Kopf ab; wie ich vermuthete, mir die ſie übermannende Rührung zu verbergen. So ſchieden wir. Oftmals habe ich ſeitdem in einſamen Stunden ihrer gedacht, oftmals mir ihr Schickſal auszumalen geſucht, und immer ge⸗ wünſcht, ihre Gegenwart zu kennen und ihre Zukunft zu erleichtern! Aber mein Wünſchen half wenig, ſolange mir jedes Mittel zum Anknüpfungspunkte, jede Möglich⸗ keit, mit ihr in eine Verbindung zu treten, verſagt war. Heute endlich nun erhielt ich mit der Fortuna dies kleine Päckchen, das ein Manuſcript enthält, welches ich dir jetzt vorleſen will. Haſt du eine Arbeit zur Hand? Du weißt ſchon, daß wir Deutſchen eine Frau nicht gerne mit müſſi⸗ gen Händen ſitzen ſehen, du mußt daher ſchon mir zu ge⸗ fallen etwas vornehmen, wenn du auch nicht den hier ſo verpönten Strickſtrumpf zur Hand haſt.“ 10 Johanna ſuchte ihr Arbeitskörbchen und nahm neben mir Platz. Ich begann meine Lectüre. „Ihr Wunſch, daß ich Ihnen nach meiner Ankunft hier ein Lebenszeichen zukommen laſſen möchte, war ſo aufrichtig gemeint, daß ich nicht umhin kann Ihnen zu willfahren. Sie haben ſich ſo menſchlich gütig gegen mich bewieſen, mir in den ſchwerſten Augenblicken meines Lebens, wo der innere Jammer mit Folterqualen an mir nagte, und das Brandmahl, das der Spruch des Richters mir vor der Welt aufdrückte, jedes Auge mit Abſcheu von mir wandte, eine Theilnahme gezeigt, die der Strohhalm war, an dem meine geſcheiterten Hoffnungen ſich aufrich⸗ teten und mich vor Verzweiflung bewahrten. Ich gewann dadurch den Muth zum Dulden; denn ich war mir be— wußt, daß dieſes ſtoiſche Dulden Ihnen eine Art Achtung für mich einflöße und es war mir eine Genugthuung ſelbſt in meinem tiefſten Elend noch eine ſolche für mich erwecken zu können. Haben Sie Dank dafür!“ gen Stunden benutzt Ihnen eine Skizze meines Lebens zu entwerfen, die ich beifüge. Ich glaubte, es würde Sie intereſſiren, meine Vergangenheit zu kennen, um dieſe an die Gegenwart, ſo weit ſie Ihnen bekannt war, zu reihen, woraus dann erſt ein Bild des Ganzen erwächſt, das dem Pſychologen als eine Erfahrung dienen kann; und ſo ſchmerzlich mir auch die Wiederholung meines armen Le⸗ bens war, ſo ging ich doch muthig an das Werk, als das einzige Mittel, Ihnen, thätlich beweiſen zu können, wie 12 über allen Ausdruck verpflichtet ich mich Ihnen fühle. Nehmen Sie die Gabe in dieſem Geiſte auf und ſchen⸗ ten Sie der Schreiberin mitunter einen Augenblick der Theilnahme und des Bedauerns.“ „Ich war noch ſehr jung, als ich den engliſchen Bo— den betrat. Ich zählte kaum ſechzehn Jahre. Mein Va⸗ ter hatte in der Nachbarſchaft von Paris gelebt, wo er ein kleines Landhaus beſaß. Er ſtarb, als ich noch kaum lallen konnte, und meine Mutter war ihm wenige Jahre darauf nachgefolgt. Freunde meiner Aeltern hatten die kleine Waiſe dann bei ſich aufgenommen und ſie mit ih⸗ ren Kindern erziehen laſſen. Unter ihrem Dache waren die Jahre ungetrübt an mir vorübergezogen, und ſelbſt die Liebe und Sorge einer Mutter, die ſonſt nichts erſetzen kann, war hier nicht von mir vermißt worden. Ich war jetzt herangewachſen, meine Erziehung war vollendet, und mein kleines Capital verzehrt. Meine Zukunft wurde nun in meine eigene Hand gelegt, und ſelbſtändig ſollte ich die Zügel meines Lebens faſſen und mein Loos werfen.“ „Die ganze Welt lachte mir. Wohin ich blickte, ſchien mir Alles ein roſiger Pfad, auf dem die Menſchen mir in Liebe und Freundſchaft entgegenkämen. Ich hatte Ver⸗ trauen, ich hatte Glauben, und ein Herz voll muthiger Hoffnungen, das auf Schickſal, Zufall und Glück rechnete. Was Sorge war, wußte ich noch nicht; den Kummer kannte ich nur dem Namen nach; und kein Bangen vor der Zukunft fand in meinem Herzen Eingang.“ „Man rieth mir, nach England zu gehen, um dort der Sprache mächtig zu werden. Ich war zu Allem bereit. Die Thränen, die bei meinem Abſchiede von den heimat⸗ lichen Räumen den Jugendgeſpielen und meinen gütigen Pflegeältern floſſen, waren ſchnell getrocknet, ſobald ein neuer Boden, eine neue Umgebung und andere Scenen und Menſchen vor meinen Blick traten. Ich erreichte das große London, das eben im erſten Maigrün prangte, ſah den Wald ſeiner Schiffe, ſeine belebten Brücken, die ge— ſchäftige Menge an den Ufern der königlichen Themſe; und beſtieg dann fröhlich den Wagen, der mich nach Ful— ham, einer der Vorſtädte, in der mein künftiger Aufent⸗ halt lag, abführen ſollte.“ „Vor einem Thore, auf dem in großen Buchſtaben Grove⸗Lodge zu leſen ſtand, hielt der Wagen an; der Kutſcher ſtieg ab, zog eine Klingel, und die Flügel öff⸗ neten ſich, um uns in einen hübſchen Garten einfahren zu laſſen, in deſſen Mitte ein ſtattliches Haus ſtand, vor deſſen Thüre wir vorfuhren. Eine Dame trat aus dem⸗ ſelben und hieß mich willkommen. Miſtreß Loy war die Vorſteherin einer Penſion für junge Damen aus höhern Ständen und erwartete mich, um mich denſelben als Ge⸗ ſellſchafterin vorzuſtellen, mit der ſie ſich im Franzöſiſchen üben ſollten. Ich war mit den meiſten gleichen Alters und wir wurden daher bald die beſten Gefährtinnen.“ „Miſtreß Loy war eine freundliche Dame von mittle⸗ ren Jahren, die mich ſehr gütig behandelte. Sie hatte ſich dieſen beſchwerlichen Pflichten unterzogen, um Gatten und Kinder zu erhalten, und fand den Lohn ihrer Auf⸗ opferung in der behaglichen Exiſtenz, die ſie denſelben ſchuf. Meine Jugend gewann mir ihre Theilnahme und eine wahrhaft mütterliche Fürſorge. Meine Lage war demzufolge höchſt angenehm, und meine Stellung zu den verſchiedenen Mitgliedern der Familie und der Anſtalt eine höchſt beneidenswerthe.“ „Ein paar Sommer meines Lebens floſſen auf dieſe Weiſe ungetrübt dahin. Von London und ſeiner bunten Welt ſah ich wenig. Wir lebten zu fern von der Stadt, um irgend Vergnügungen mitzumachen, und dann und wann ein Ausflug, um Einkäufe zu beſorgen oder ein Concert zu beſuchen, gehörte zu den ſeltenen Begebenhei⸗ ten. Unſere kleine Welt von Fulham, unſere Spazier⸗ gänge aus dem Bereich der Städte hinaus, ein Blick auf die kleine Villa des großen Bulwer, und die Hoff⸗ nung, den Dichter hinter den Vorhängen ſeines Garten⸗ zimmers zu erblicken; ein Tanz am Abend, wenn der Tanzlehrer kam und einige Gäſte hinzugeladen wurden; dies war der ganze Wechſel jener friedlich glücklichen Tage, die leider jetzt ihr Ende erreichen ſollten!“ „Miſtreß Loy hatte ihre Kinder erzogen, ihren einzi— gen Sohn als Künſtler etablirt, und ſehnte ſich nach Ruhe. Sie kündigte uns demnach an, daß ſie mit dem Oſtertermine ihre Anſtalt ſchließen würde und Jeder bis dahin auf ſeine Entfernung bedacht ſein müſſe. Mir ſtand alſo die Welt offen und die Wahl eines Aufenthalts blieb mir überlaſſen.“ „Die jungen Damen in unſerer Penſion waren mir Alle ſehr zugethan, und Eine derſelben hegte ſogar eine ſolche Freundſchaft für mich, daß ſie ihre Aeltern dringend bat, mich mit nach Hauſe bringen zu dürfen. Sie war die einzige Tochter und erfuhr keine abſchlägige Antwort.“ „Wer war nun glücklicher als ich! Welche goldenen Tage verſprach ich mir von dem Zuſammenleben mit ei⸗ nem jungen Mädchen, das die zärtlichſte Freundſchaft für mich hegte, in einer Umgebung, die meine Einbildungs⸗ kraft in den lichteſten Farben malte.“ „Den Kopf voll froher Träume beſtieg ich den Wa⸗ gen, der uns am Ende einer langen Tagereiſe nach Catherine Hall, dem Landſitze von Lord Carew, dem Va⸗ ter meiner Freundin, brachte. Die Frau, die in dem Ein⸗ gangs⸗Lodge wohnte, kam ſchleunigſt gelaufen das Thor zu öffnen, wobei ſie ihrer jungen Herrin einen freundlichen Willkommen knixte, den dieſe mit einem„How do vou dov erwiderte, in das ich, gleichfalls nickend, freudig mit ein⸗ ſtimmte. Ich meinte ſchon ganz hier zu Hauſe zu ſein, ſo froh war es mir ums Herz, ſo vertrauend fuhr ich hier ein!“ „Wir bogen nun die lange Allee hinauf, ſahen ſcheue Haſen über unſern Weg rennen, Kaninchen aus dem Walde hervor hüpfen, graue Rebhühner und muntere Faſane emporfliegen, und erblickten endlich daß große weiße. Haus mit ſeinen Thürmen und Thürmchen und Bogen⸗ fenſtern und Giebeln vor unſern Blicken emporſteigen und mit jeder Minute ſich in neuen Details vor uns entfal⸗ ten. Endlich hielten wir am Haupteingange ſtill. Die der auf ſich abe lief — m 5 8 m zel a N m 15 Schelle ertönte, und die gepuderten Diener flogen herbei: der Schlag öffnete ſich und Beſſie lief die Stufen hin⸗ auf in die Arme ihrer Mutter, die eben in der Halle ſichtbar wurde.“ „Ich folgte langſam.“ „Lady Carew trat, mich gewahrend, einen Schritt vor, und bot mir zum Willkommen die Hand. Sie begrüßte mich freundlich, aber ſteif und kalt. Beſſie's Auge hing an dem Geſichte ihrer Mutter, als forſche ſie nach dem Eindrucke, den mein Erſcheinen auf dieſelbe hervorbringe, aber Alles blieb dort unverändert. Sichtlich enttäuſcht ließ ſie den Blick dann, wie verſtimmt, ſinken.“ „Bei Tiſche wurde ich auch Lord Carew vorgeſtellt. ieſe war herzlicher und lange nicht ſo förmlich, und muſterte mich mit großer Aufmerkſamkeit. Ich hatte, auf Beſſie's Wunſch, eines meiner hübſcheſten Kleider, das ich ſonſt nur bei kleinen Tanzpartien trug, angelegt, das mir recht niedlich ſtand, glaube ich. Obgleich ſchon neun⸗ zehn Jahre alt, ſah ich doch noch wie ein halbes Kind us, ſo klein war ich von Geſtalt, ſo zierlich gebaut! Mein reiches ſchwarzes Haar war heute von der Kam⸗ merjungfer beſonders ſchön geflochten und wie eine Krone um meinen Kopf gewunden, ſodaß ich, vor den Spiegel tretend, mich ſelbſt über den glücklichen Effect verwunderte. An meiner Bruſt war ein Bouquet von friſchen Blumen befeſtigt, die mir Beſſie ſelbſt gebracht, und die meinen einzigen Schmuck ausmachten. So gekleidet trat ich an ihrer Hand in das Zimmer“ „Der Glanz des Hauſes, die von Silber ſtrotzende Tafel, die Menge der Diener imponirten mir anfangs. Nach wenigen Wochen aber war mir das Alles ſchon zur Gewohnheit geworden, und ich achtete der äußern Vor⸗ theile meiner Lage bereits nicht mehr. So bald gewöhnt der Menſch ſich an das Glück! Und wie langſam an das Entbehren!“ „Der Winter kam, er brachte uns Regen und Stürme, und ſtille Tage und noch ſtillere Abende; aber unſer ju⸗ gendlicher Sinn wußte dem Allen ſeinen Roſenmantel um⸗ zuhängen und tauſend Thorheiten zu erſinnen, die wir in der Einbildung ausführten, als wären ſie eine Wirklich⸗ keit geweſen. Lady Carew bekümmerte ſich wenig um uns. Wir hatten unſer eigenes Wohnzimmer, wo wir uns während des Tages aufhielten, und wenn ſie ſich durch einen Blick, eine Nachfrage überzeugt, daß wir mit Muſik oder Lectüre beſchäftigt geweſen, ſo zog ſie ſich in ihr Boudoir zurück und verbrachte dort ihre Zeit.“ „Mit dem Frühling ſollte Beſſie in die Welt treten. Mit ſiebzehn Jahren erwartet man noch gar Vieles von einer ſolchen Begebenheit, und ich bekenne gern, daß ich dieſe Erwartungen in großem Maße theilte. Ich hatte ja ſelbſt noch ſo wenig vom Leben geſehen, kannte kaum mehr als die Scenen der Kinder- und Schulſtube, und erwartete hinter dem Vorhange, der mir das Theater der Welt verbarg, eine ganze Folgereihe von Freude, Glück und Genuß. Wir Beide redeten nur von der Zukunft, träumten nur von der Zukunft und verplauderten gar nanc uns burt und NMit mäß nun, ihr ihre funft Chet ſchm bra gold der tend u Gri Va betr und Chr Lad mar 17 manche Nacht in beredten Darſtellungen Deſſen, was ſie uns bringen könnte.“ „Der langerſehnte Tag rückte heran. Beſſie's Ge⸗ burtstag ſollte der Welt ihre Eriſtenz bekannt machen und den Freunden und Angehörigen der Familie das neue Mitglied derſelben zuführen. Der Sitte des Landes ge⸗ mäß war ſie bis dahin verſteckt gehalten, und erſchien nun, cein Fremdling unter Verwandten“, deren keiner ihr die Kinderthorheiten vorhalten konnte.“ „Die zehnte Stunde nahte, die Muſikanten ſtrichen ihre Inſtrumente, und wir traten in den Saal, der An⸗ kunft der Gäſte entgegenſehend. Beſſie ſah wie ein Cherub aus, in ihrem ſchneeigen Kreppkleide, das ge⸗ ſchmackvoll weiße Roſenknospen zierten, während das reiche braune Haar ein goldenes Netz hielt, von dem zwei kleine goldene Quaſten auf dem einen Ohre herabhingen. In der Hand hielt ſie ein großes Bouquet der ſchönſten duf⸗ tenden Blumen, die der Gärtner mit beſonderm Stolze zu dem heutigen Tage für ſie aufgezogen hatte. Ihre Grübchen ſpielten tief vor Freude und Luſt und ihre Wangen brannten in hoher Jugendfriſche. Lord Carew betrachtete ſie mit dem zufriedenen Stolze eines Vaters, und forderte ſie neckend zur erſten Quadrille auf, eine Ehre, die ſie mit geziemendem Uebermuthe zurückwies. Lady Carew war indeſſen noch mit ſorgender Miene um manche Anordnungen bemüht, und ſetzte ihren Befehlen erſt dann ein Ziel, als das Fahren des erſten Wagens hörbar wurde. Nun begab ſie ſich mit Gemahl und Toch⸗ l. 2 18 ter an den Eingang des Vorzimmers, um dort jedem Ankommenden die Hand zum Willkommen entgegen zu halten. Sie ſah dabei ſehr ſtattlich aus. Auf ihrem Kopfe wiegten ſich hohe weiße Federn, von einer Dia⸗ mantagraffe gehalten, und Hals und Arme bedeckte der reiche Familienſchmuck, der zu dieſem Ehrentage aus ſei— nem Verwahrſam hervorgeholt worden war. Rechnet man dazu die breiten Spitzen von Point d'Alengon, die auf ihrem ſchweren Moireekleide thronten, und für deren Schönheit ich als Franzöſin ganz beſonders empfindlich war, ſo mußte die ganze Erſcheinung ſich auf ein Capi⸗ tal belaufen, für das man ein kleines Landgut hätte er⸗ ſtehen können. Ich hatte, außer auf dem Theater, nie etwas ſo Prächtiges geſehen und konnte meine Augen gar nicht von ihr abziehen.“ „Für meine eigene Toilette war aber auch geſorgt worden, und Beſſie verſicherte mich ohne Aufhören, daß ich ganz allerliebſt ausſehe. Lady Carew hatte mich mit einem roſa-ſeidenen Kleide beſchenkt, das ſchönſte, das ich noch je beſeſſen, und in welchem ich mir ſelbſt ungemein ele⸗ gant vorkam. Ich glaube wol, daß ich recht niedlich ausſah.“ „Gaſt auf Gaſt fand ſich jetzt ein. Ich ſtand ſeit⸗ wärts neben den Damen des Hauſes, und hörte jedes Eintretenden Namen ausrufen, worauf ich ihn muſterte, inwiefern ſein Erſcheinen ſeiner Benennung entſpräche. Jetzt begann die Muſik. Die Tochter des Hauſes prä⸗ ſidirte bei der erſten Quadrille und Paar nach Paar ſolgte ihr in bunter Reihe. Ich hatte nie einem Balle beig Vie Rei na Ab m jeden en zu ihrem Dia⸗ ckte der us ſei⸗ et man die auf deren findlich Cayi⸗ tte er⸗ ter, nie en gar geſorgt n, duß ich nit das ich ein ele⸗ usſah.“ d ſit⸗ e jedes uſterte, ſriche pti⸗ Paar Balle „ 19 beigewohnt, nie eine ſo glänzende Verſammlung geſehen! Wie ſchwoll mir das Herz voll Verlangen, mit in die Reihe hinzutreten, und meine Füße gleichfalls im Takte nach Julien's vortrefflichem Spiele trippeln zu laſſen: Aber Niemand kam mich abzuführen, und ſehnſüchtig folgte mein Blick den Schritten der Andern.“ „Nach beendetem Tanze bot jeder Herr ſeiner Tän⸗ zerin den Arm und führte ſie im Zimmer auf und ab. Beſſie kam daher nicht zu mir zurück, ich kannte hier ſonſt Niemand und blieb allein. Mancher der Herren firirte mich wol dann und wann eine Minute lang durch ſeine Lorgnette, und fragte:«Who is that pretty girl? hatte er aber eine Antwort erhalten, ſo wandte er mir den Rücken, und ging ſeines Weges.„Wie ſchade, dachte ich,„daß ſich Niemand mir vorſtellen läßt!“ Ich war noch zu unerfahren, um zu wiſſen, daß ein vornehmer Engländer ſich zu keiner Ceremonie des geſelligen Lebens gegen eine arme Fremde herabläßt.“ „Ich wurde endlich des vergeblichen Wartens müde. Jede Stunde, die an mir vorüberſchlich, ſah mich klein⸗ müthiger werden, und auf das tiefſte gekränkt zog ich mich endlich mit thränenden Augen in das Blumenhaus zurück, wo ich, verſteckt hinter Blättern und Büſchen, mein Leid ungeſehen ausweinen konnte. Das bittere Gefühl dieſer Stunde iſt mir noch jetzt gegenwärtig. Jene Nacht war ein Wendepunkt meines Lebens. Jener Ball belehrte mich, daß ich allein in der Welt ſtehe, daß ich auf mich ſelbſt angewieſen ſei, und mir von der menſchlichen Geſellſchaft 9 4 alles Das erkämpfen müſſe, was ſie mir gutwillig zu h reichen nicht geneigt ſchien. Eine eiſige Rinde zog ſich tn von da an um mein Herz, ich begann mit dem Leben zu uls rechnen und zu rechten, und jedes mir erwieſene Wohl⸗ O wollen zu analyſiren. Meine Blindheit war dahin, und de mit ihr mein froher Sinn.“ K „Nach beendigtem Tanze fand mich Beſſie hier auf. 2 Ihre Wange glühte und ihr Auge ſtrahlte in der Erin⸗ d nerung des gehabten Vergnügens. Sie blickte mich ver⸗ wundert an, als ſie die Spuren vergoſſener Thränen ge⸗ es wahrte.„Sind Sie nicht froh geweſen? fragte ſie ig . mich theilnehmend.„Warum aber verſtecken Sie ſich auch da hier? Ich kenne nun ſchon mehrere Herren und hätte di Ihnen Tänzer verſchafft, wenn ich nur gewußt hätte, wo o Sie wären. Warten Sie nur! Das nächſte Mal ſoll ſe es beſſer kommen. Ich war heute noch ſo fremd, und N wußte im Anfange kaum, ob ich nicht ſelbſt ſitzen bleiben n würde; auch war ich ſo ängſtlich, wie ich mich zu be⸗ m nehmen hätte, um der Mama keinen Tadel abzunöthigen, de daß ich nur ganz allein an mich ſelbſt dachte. Aber das ih nächſte Mal, Cherie, das nächſte Mal!» und damit be⸗ ih deckte ſie mich mit Küſſen und bemühte ſich, mich in eine heitere Laune hinein zu ſchmeicheln. Ich lächelte; aber m nicht von Herzen. Ich ſchützte Kopfweh als die Urſache u meiner Zurückgezogenheit vor; denn mein Selbſtgefühl litt es nicht ihr auszuſprechen, wie tief ich gekränkt ſei. 4 Und ſchwer genug war mein Kopf jetzt auch wirklich! Wir zogen uns in unſere Zimmer zurück, wo ſie mir noch ilig zu zog ſich eben zu ſi Vohl⸗ in, und ſiet auf. er Erin⸗ ich ver⸗ nen ge⸗ agte ſe ich auch d hätte ätte, wo Mal ſol nd, und bleiben zu be⸗ öthigen, lbet dus mit be⸗ in eine te; aber ) Urſche bſigefihl int ſei. virllich nir noch lange vorplauderte, und mir alle die kleinen Begebenhei⸗ ten des Abends, die ihr von ſo großer Wichtigkeit waren, als heilige Geheimniſſe anvertraute, die keines Menſchen Ohr je ahnen dürfte. Ich hörte ihr theilnehmend zu; denn ich hatte ſie lieb. Sie aber wußte nicht, welche Kluft der heutige Tag unter uns geöffnet, und daß ihr Anerbieten, mir Tänzer ſchaffen zu wollen, mir den To— desſtoß gegeben.“ „Feſt folgte jetzt auf Feſt. Die ganze Grafſchaft ließ es ſich angelegen ſein, das Vögelchen, das eben dem Kä⸗ ſig, Schulſtube genannt, entflohen, zu ſich einzuladen, und das Neue dieſer Lebensweiſe, die Sorge für die Toilette, die Ermüdung ließen meine junge Freundin kaum zu ſich kommen. Ich blieb bei dem Allen ſchweigende Zu⸗ ſchauerin. Die Einladungen begriffen mich nie mit, und Niemand dachte auch nur im entfernteſten daran, daß mein Herz ſich danach ſehnen könne, die Vergnügungen meiner Freundin zu theilen. Ich war ſonſt nach wie vor den ganzen Tag mit und bei ihr. Ich begleitete Sie auf ihren Spaziergängen, ich ritt mit ihr aus, ich fuhr mit ihr. Wurden Beſuche in der Nachbarſchaft gemacht, ſo nahm man mich gleichfalls mit; bat mich aber, während man ausſtieg, im Wagen zu bleiben. Kamen Gäſte zu uns, ſo war ich gegenwärtig. Nur wenn ein förmliches Mittagsmahl gegeben wurde, bei dem jeder Herr ſeine Dame dem Range nach zu Tiſche führte, mußte ich allein ſpeiſen, indem man ja keinem Gaſte zumuthen konnte, bei ſolcher Gelegenheit mein Nachbar zu ſein.“ „Dieſe Lebensweiſe hatte keinen Reiz für mich. Eine Geſellſchaft, in der ich nur ein geduldetes Mitglied war, konnte mir kein Vergnügen gewähren. Ich wurde ſtill, ernſt und ſinnig, und verlor das freundlich offene Weſen, das mir ſonſt eigen geweſen und das die Menſchen ſo gern an mir hatten. Wie konnte ich den Leuten mit einem Lächeln entgegenkommen, ſeit ich zu zweifeln ge⸗ lernt hatte, ob mein Lächeln auch irgend Jemand Freude mache?“ „Beſſie war reich und fand daher viele Bewerber. Lady Carew lag es daran, der Laſt, eine Tochter in die Welt zu führen, ja recht bald los zu werden; ſie drang daher in ſie, ſich für einen derſelben zu entſcheiden. Beſſie war ſo jung, ſo unerfahren, daß ſie den Ernſt dieſes Schrittes nicht begriff, und ich, die ihre Rathge⸗ berin ſein ſollte, nahm die Sache ebenſo oberflächlich. Die äußern Vortheile, und ein Charakter, der die größere Nach⸗ ſicht verſprach, galt uns demnach als allein zu berückſich— tigen, und nachdem wir Alles gehörig in Erwägung ge— zogen und jeden Freier einzeln gar manches liebe Mal Spitzruthen laufen laſſen, entſchloſſen wir uns zu einem geſetzten Manne, der ein ſchönes Landgut, ein gutgelege⸗ nes Haus in der Stadt, und anſehnliche Revenüen be⸗ ſaß, und der dabei vollkommen geneigt ſchien, einer jun⸗ gen Frau in allen Dingen ihren eigenen Willen zu laſſen. Lady Carew erklärte ſich höchſt zufrieden mit dieſer Ent⸗ ſcheidung. Aber freilich aus andern Gründen. Sie wünſchte ihrer Tochter einen geſetzten Gatten, der ſie, bei ihrer groß der und 23 großen Jugend, leite und vor Thorheiten bewahre, und der daneben ſein Vermögen ſorgfältig zu verwalten wiſſe; und Herr Berkeley verſprach Beides vollkommen zu leiſten.“ „Der Tag der Vermählung wurde anberaumt. Nun galt es eine Ausſtattung einzukaufen, und tauſend Vor⸗ bereitungen zu treffen, die alle Welt in Athem erhielten und Beſſie gar nicht dazu kommen ließen, die Verände⸗ rung ihrer Lage ernſtlich zu berückſichtigen. Herr Ber— keley machte ihr ſchöne Geſchenke, betrachtete ihre Wünſche als ſein Geſetz, belachte jeden ihrer Einfälle; dabei pries Jedermann ihre Wahl und ihr Glück;z was ſollte ſie alſo noch wünſchen und begehren? Oder vielmehr, was konnte ſie noch vermiſſen?“ „Ich ſah dem Allen ſchweigend zu und wünſchte mir nichts als eine gleiche Veränderung meiner Lage. Was ſollte jetzt aus mir werden? Wohin ſollte ich meine Schritte wenden? Auf welche Weiſe mir eine Erxiſtenz gründen?“ „Etwas mußte indeſſen geſchehen und ſo faßte ich denn endlich den kühnen Entſchluß, und bat Lady Carew ſich für mich um eine Stelle als Erzieherin zu bemühen.“ Ich fürchte nur, daß Sie durch Ihren Aufenthalt in unſerm Hauſe für immer für eine ſo abhängige Lage ver⸗ dorben ſind», bemerkte dieſe eben, als Beſſie in das Zim⸗ mer trat und nach dem Gegenſtande unſerer Unterhal⸗ tung fragte.“ (Nimmermehr!* rief dieſe aus. Nimmermehr werde ich zugeben, daß meine ſüße Cherie mich verläßt, um in 24 eine Kinderſtube eingeſperrt zu werden! Ich nehme ſie mit nach London, Mama; wenn Herr Berkeley im Parla⸗ mente ſitzt, bin ich ja ganz allein, und wüßte nicht, was ich ohne ſie anfangen ſollte. Sie iſt mir dort durchaus nothwendig.“ Lady Carew war nach einiger Ueberle⸗ gung derſelben Meinung, und von meiner Seite wurde natürlich keine Einwendung gemacht. So blieb es denn dabei, daß ich nach den Flitterwochen, die das Paar in den ſchottiſchen Hochlanden zubringen wollte, von dieſem auf der Rückreiſe abgeholt und mit in die Hauptſtadt genommen werde.“ „So weit war mein Loos alſo geworfen; und, dem Scheine nach, glücklich geworfen. Aber leider war es nur Schein! Was ſich mir bot, war wieder nur eine glänzende Sklaverei in anderer Umgebung und unter an⸗ dern Farben; weiter konnte ſich mir in ſolcher Stellung nie etwas bieten.“ „Wir fuhren in Lonpon ein, dem großen ſtattlichen Lon⸗ don, das ich jetzt zum zweiten Male und unter ſo veränderten Umſtänden betrat. Eil großes Haus in Hyde Park Gardens nahm uns auf, eine zählreiche Dienerſchaft empfing uns, eine glänzende Equipags war für die junge Herrin in Bereitſchaft, die ſich mit ſtolzer Zufriedenheit in ihrer neuen Stellung einer Gebieterin erblickte. Gleich am nächſten Tage eilte ich zu meiner alten Freundin, Frau Loy. Dieſe empfing mich auf das herzlichſte, freute ſich meines guten Ausſehens und war unerſchöpflich in ihren Ansrufungen über mein Glück. Sie täuſchte ſich durch den Schein deſſelben. Sie ſah wein nehn Sor nich mer den St abn Fre war tiſch müt ſie mit Parla⸗ cht, was duchaus leberl⸗ te wurde es denn Baar in dieſem wptſtadt d, dem war es nur eine nter an⸗ Stellung en Lon⸗ inderten Gardens uns eine eitſchaft, ng einer nich uuf ens und n Glüc. Sie ſch meine elegante Kleidung, die durch das Leben in der vor⸗ nehmen Welt angenommenen feinen Formen, und das Sorgloſe meiner Lage, und konnte, ihrer Natur nach, nicht verſtehen, daß in dem Menſchen ein Etwas ſchlum⸗ mert, das Selbſtgefühl heißt, und das die Achtung Anderer als Bedingung zu ſeinem Glücke und zu ſeiner Zufrie⸗ denheit heiſcht. Wer ſollte mich aber achten? Dieſen Schatten der Herrin des Hauſes, den dieſelbe anlegte und abwarf, gerade ſo wie es ihre oder die Laune ihrer Freunde heiſchte? Der jede Lücke auszufüllen berufen ward, der aber, ſobald ſich keine ſolche fand, am Neben⸗ tiſche aß! Oh! meine Lage war über allen Begriff de⸗ müthigend.“ „Frau Berkeley empfing ſ bald Beſuche und wurde in einen Kreis der Geſelligkeit gezogen, der ſie vielfach beſchäftigte. Doch gab es daneben auch noch einſame Stunden, in denen ſie meiner bedurfte, und dieſe waren mir die angenehmſten, die ich noch verlebte. Sie war ſo jung, fand ſo viel Gefallen an kindiſchen Tändeleien, mit denen ſie ihren ernſtern Gatten nicht zu unterhalten wagte, daß ich ihr wirklich von großem Nutzen war und oftmals die Betrachtung anſtellte, daß ohne meine Gegenwart dieſe Ehe vielleicht ſehr unglücklich ausgefallen wäre. Eine ſo junge Frau hätte, ſich ganz ſelbſt überlaſſen, manche Thor⸗ heiten begehen können, von denen meine ſtete Begleitung ſie zurückhielt, indem das Bedürfniß der Mittheilung be⸗ friedigt war und ſie zu keinen neuen, unberufenen Be⸗ kannten hindrängte.“ 26 „Ein paar Jahre verſtrichen mir auf dieſe Weiſe. Beſſie blieb ſich ganz dieſelbe, und Herr Berkeley behan⸗ delte mich mit einer Art väterlicher Zärtlichkeit, die mich ſehr wohlthuend berührte. In geſellſchaftlicher Hinſicht blieb freilich Alles noch auf altem Fuße und die ganze Poſition, in der ich mich befand, immer dieſelbe; doch war auch darin inſofern eine Verbeſſerung eingetreten, daß die Freunde des Hauſes ſich daran gewöhnten, mich dort zu ſehen, und mich wenigſtens als eine ihnen bekannte Perſon begrüßten. Behaglich fühlte ich mich aber immer nur, wenn wir ganz allein waren, oder wenn ich dann und wann einen Abendbeſuch bei Frau Loy abſtattete, und dort in dem Kreiſe dieſer guten Leute, das runde Theetiſchchen dicht vor das Kamin gerückt, eine Stunde nach der andern traulich verplauderte.“ „Mein vierundzwanzigſter Geburtstag war bereits zu⸗ rückgelegt. Allerlei koſtbare Angebinde hatten den Mor⸗ gen deſſelben geſchmückt und mich mit warmem Dankge⸗ fühle erfüllt. Doch feiert ein Mädchen nicht gerne ſeinen vierundzwanzigſten Geburtstag. Ein gewiſſer Inſtinct der weiblichen Natur ſagt ihr, daß ihre Lebenshoffnungen an den Frühling geknüpft ſind und daß die reifern Jahre, die den Mann als völlig entwickelt hinſtellen, ihr keine Blüten mehr tragen.“ „Ich ſaß traurig am Fenſter und ſchaute in den Park hinaus. Die Bäume ſchmückte ſchon ein herbſtliches Gelb, der Raſen war dürr und ſonneverbrannt, und düſtere Wol⸗ kenmaſſen jagten ſich vor einem nahenden Sturme. Die . Straße WVagen hin ſaß die ſich geblich den V „ „ zwei ni ter ſihe aus der Värteri um ſi eintrete drickt. fann! 6 Was iſ ohne di eßt N und ſch ( J Unſere nir ein Cutheri ſchen, Weiſe. behan⸗ die mich Hinſcht die gane be; doch getreten, n, mich bekannte t immer ch dann bſtattete, 8 runde Stnde ereits zu⸗ en Mor⸗ Danlge⸗ ne ſeinen Inſtinct ffnungen en Jhre ihr keine den Jark hes Gelb, ſere Vol⸗ Dio 7 ne. Die Straße entlang, die uns von dem Parke trennte, fuhren Wagen und Omnibuſſe in Menge und an den Geländern hin ſaßen und ſtanden die bettelnden Weiber und Kinder, die ſich hier mit dieſem, dort mit jenem Zweige ihrer vor⸗ geblichen Induſtrie das Recht erkauften, dieſe Tare von den Vorübergehenden zu erheben.“ „Ich war heute beſonders traurig.“ „Im Nebenzimmer ſpielten die Kinder, Beſſie's Kinder, zwei niedliche Knaben, die, neben der jungen ſchönen Mut⸗ ter ſitzend, eine reizende Gruppe bildeten. Ich ſah ihnen aus der Ferne zu, wie ſie liebkoſend an ihr hingen. Die Wärterin erſchien. Es koſtete Thränen und gute Worte, um ſie nur fortzubringen.“ Wie unbändig die Jungen ſind!v ſagte Beſſie zu mir eintretend.(Kragen und Manſchetten und Alles iſt zer⸗ drückt. Wie man ſolche kleine Unholde nur ſo ſehr lieben fann! Seien Sie froh, daß Ihnen dieſe Plage erſpart iſt!“ Sie machen doch Ihr ſchönſtes Glück aus, Beſſie. Was iſt ein Haus ohne Kinder; ja was iſt eine Frau ohne dieſelben!» „Freilich! Es tändelt ſich niedlich mit ihnen. (Man hat dann wenigſtens einen Zweck im Leben, und ſchaut nicht fragend zu den ziehenden Wolken auf. Ich wünſchte, du wäreſt auch verheirathet, Cherie. Unſere Kinder könnten dann miteinander ſpielen. Sage mir einmal recht aufrichtig, weshalb du den Prediger in Catherine Hall ausgeſchlagen haſt. Ich konnte nie ein— ſehen, daß du einen eigentlich genügenden Grund dazu 28 hatteſt. Er war ein hübſcher Mann, der ſein gutes Aus⸗ kommen beſaß.* Hübſch, Beſſie! Nun, da ſind die Begriffe von Schön⸗ heit dann freilich verſchieden! Das thut aber auch wenig zur Sache. Die Religion war aber allein ſchon ein un⸗ überſteigliches Hinderniß, ohne daß es noch meiner un⸗ überwindlichen Abneigung gegen ſeine Perſönlichkeit be⸗ durfte, um ihn auszuſchlagen.» (Du biſt aber keine ſtrenge Katholikin, und hätteſt daher ſehr leicht zu unſerer Kirche übergehen können.» „Nicht mit voller Ueberzeugung. Und für die Skrupel dieſes Opfers bot ſich mir ein Gatte, der mir das Leben zu einem fortwährenden ennui gemacht hätte. Welch ein Zuſammenſein, welch ein Austauſch der Gedanken wäre das geweſen! Der Himmel bewahre mich vor ſolchem Glücke! (Du haſt zu romantiſche in dem Bezug. Mir däucht, daß ein guter verſtändiger Mann, der ſein Aus⸗ kommen hat, kein vernünftiges Mädchen unglücklich machen kann.» (Wenn ſie nichts als Kleider und anſtändige Behand⸗ lung ſucht, wenn ſie die Ehe wie eine Dienſtbarkeit, wie eine Verſorgung betrachtet. Das kann ich nicht. Ich fuche Liebe, ſuche ein Herz, ſuche Sympathie! Die leib⸗ liche Speiſe allein macht es nicht.» Gefällt dir denn zum Beiſpiel Herr Buller? Der iſt geiſtreich und liebenswürdig und unterhält ſich gerne mit dir.» 4 fallen ihter gerin Part die 2 in Be der d fällt tönn zu 9 zu b ſelbſ nich mich Aus⸗ Schön⸗ h wenig ein un⸗ iner un keit be⸗ hätteſt en.» Skrupel s Leben elch ein en wäre ſolchen g. Mir in Aus⸗ machen Behand⸗ keit, wie h. Die lei⸗ Der iſt ene nit Aber er liebt mich nicht, und ein flüchtiges Wohlge⸗ fallen beſtimmt ſolche Männer nicht, die durch die Wahl ihrer Frau ihrem Ehrgeize genügen müſſen.» Du beurtheilſt uns zu hart. Siehſt du nicht Sän⸗ gerinnen, Schauſpielerinnen, Tänzerinnen, die die erſten Partien machen? Die Liebe kann alſo auch bei uns über die Vorurtheile der Stellung Riegen.„ (In dieſen Fällen iſt immer eine befriedigte Eitelkeit in Betracht zu ziehen. Es ſind Nebenbuhler da, es iſt des Beifalls der Menge zu gedenken, und der Einzelne, der dann die Gefeierte, als ſeine Beute, davonführt, ge⸗ fällt ſich in dem errungenen Siege.» (Du meinſt alſo, daß dir kein gleiches Loos fallen könnte?* Ganz gewiß nicht.» (Du biſt hübſch genug, um den Männern den Kopf zu verdrehen.» Aber nicht um ſie zu einem ehrbaren Heirathsantrag zu bewegen, bei dem nichts weiter zu gewinnen iſt als ich ſelbſt.» „Welche ſonderbaren Gedanken du dir in den Kopf ſetzeſt!» (Du wirſt die Wahrheit derſelben erkennen, wenn du mich als eine alte Jungfer in dig Grube fahren ſiehſt.» Das iſt aber doch nicht nöthig; denn es fehlt dir nicht an Anträgen.» Freilich nicht! Herr Peter und Herr Michel wollen mich heirathen, und dadurch die hohe Protection von Lord Carew, oder einen Geldvorſchuß des honorablen Herrn Berkeley gewinnen“, ſagte ich lachend und verließ das Zimmer, indem ein Beſuch gemeldet wurde, für den ich eben jetzt nicht aufgelegt war.“ „Abends hatten wir eine kleine Geſellſchaft. Ich ſpielte nach dem Eſſen an einem Seitentiſche eine Partie Schach mit einem alten Herrn, der etwas taub war, und daher an der Unterhaltung nicht theilnehmen konnte, als noch ein paar Gäſte hinzukamen unter denen auch Herr Buller erſchien. Beſſie machte den Thee und unterhielt ſich da— neben mit dem Letztern, dem ſie vorzüglich gewogen war. „Wie hübſch ſie heute Abend ausſieht!“ hörte ich ihn halbleiſe ſagen, und ich erröthete tief, in der Vorausſetzung, daß er mich gemeint habe. Sein Blick glitt zu mir hin⸗ überz ich hörte meinen Namen nennen; und unwillkürlich ſchärfte ſich mein Ohr.«Ich begreife nicht, daß nicht alle Männer außer ſich über ſie gerathen»; begann Beſſie jetzt. Ich weiß ihr kein Mädchen zu vergleichen. Nen— nen Sie mir eine, die ſo hübſch, ſo geiſtreich und ſo voll Grazie iſt, wie meine Cherie. Und dennoch unverheira⸗ thet! Unbegreiflich.,—(Sie ſollte an ein Theater gehen, wandte er ein.—„Nicht doch! Was ſollte ſie dort?» „Dann hätte ſie ſchon hundertmal einen Mann gefun⸗ den!v—„Aber wie ſod Warum heirathet man ſie denn nicht ſo auch? Es kommen ja Gäſte genug in mein Haus, und die Gelegenheit Bekanntſchaften zu machen fehlt ihr nicht!?—(Freilich nicht! Aber ein Mann iſt ſeiner Stel⸗ lung im Leben auch etwas ſchuldig. Führte man eine jnge würde Und h exiſtirt werde Das gleich Mitle 4 Er ſch deutſc halbet mir wore erfol ſpra mich und Zim Unte ben ſett ſcho Herrn ieß das den ich h ſpielte Schach d daher ls noch Buller ſch da⸗ nwar. ch ihn ſezung, lit hin⸗ lltürlich nicht Beſſie Nen⸗ ſo voll theira⸗ ehen, dort?* gefun⸗ ie denn Haus, ehlt ihr er Stel⸗ m eine 31 junge Fremde in die Geſellſchaft als ſeine Frau ein, ſo würde Jeder fragen: wer iſt ſie? wo kommt ſie her? Und hieße es denn, daß ſie hier in einer abhängigen Lage exiſtirt habe, ſo würde er von allen Bekannten gemieden werden und ſeiner Stellung in der Welt verluſtig ſein. Das Opfer iſt denn doch ein wenig zu groß, um es ſo gleich einzugehen. Sie dauert mich! Ich habe ſie oft mit Mitleid angeſehen und ihr ein beſſeres Loos gewünſcht.» Und haben Sie den Muth nicht, es ihr zu bereiten?* Er ſchüttelte verneinend den Kopf und lächelte dazu be⸗ deutſam.(Es geht nicht»; ſagte er dann mit einem halben Seufzer und verließ ſeinen Platz, um Jemandem eine Taſſe Thee hinzureichen.“ „Ich ſah nichts mehr. Das Zimmer drehte ſich mit mir und die Schachfiguren tanzten vor meinen Augen, worauf den auch bald ein(Matt!» von meinem Gegner erfolgte.“ Sie wollen den Schachtiſch ohne Revanche verlaſſen? ſprach eine tiefe männliche Stimme in mein Ohr, als ich mich eben mit Zuſammenräumen der Figuren beſchäftigte und daneben auf ein unbemerktes Entſchlüpfen aus dem Zimmer ſann, indem ich mich für heute zu jeder weitern Unterhaltung unfähig fühlte; und Herr Buller ſtand ne⸗ ben mir.“ Mir iſt nicht wohl. Ich muß mich entfernen?; ver— ſetzte ich, ohne aufzuſehen.“ „Und keinen Blick haben Sie für mich? Iſt es nicht ſchon grauſam genug, daß Sie uns Ihre Gegenwart — entziehen und noch dazu in dem Augenblicke, wo dieſes garſtige Spiel, das Sie uns ſo lange raubte, beendet iſt, und man endlich hoffen darf, ſich Ihrer Geſellſchaft zu erfreuen? Müſſen Sie dieſes Misgeſchick nun willkürlich noch herber machen? (Wer Sie ſo ſprechen hörte, ſollte wirklich meinen, es wäre Ihnen unlieb, wenn ich mich entfernte?* „Dann deutete er den Sinn meiner Worte wenigſtens richtig.» „Glücklicherweiſe iſt uns Niemand ſ ſo nahe, um Ihre Worte misdeuten zu können, Herr Buller!» In welchem Sinne ſollte man das? Indem man ſie für Wahrheit nähme.» „Und ſind ſie das etwa nicht, theures Fräulein?» Ich weiß nicht, wie Sie ſo unbeſonnen ſein können, Ihre Stellung in der Welt ſo weit zu vergeſſen, um mir etwas Artiges zu ſagen. Sie erſchrecken mich ordentlich in Ihrer Seele.» Sie haben meine Unterhaltung mit Frau Berkeley überhört?* fragte er betroffen.“ Ich konnte nicht umhin zu hören, was ungerufen an mein Ohr drang, und freue mich, dadurch gewarnt zu ſein.“ „Und habe ich durch meine Aeußerungen Ihre gute Meinung ganz und für immer verſcherzt? Hatte ich denn eine ſo gute Meinung von Ihnen? ſagte ich bitter.“ Das hoffe ich doch. Und wer hoffte das nicht gerne von Ihnen?* Ni ten hat Verlege gen. Gegen einem mng. Kreiſe nehr hiet, e Umgeb As de und il kein L die V Dort der Pe bot die mit de Ih n miche forder ( Grup und 1 einer dieſes et iſt, t zu fürlich teinen, gſtens Ihre mnel, nmir ntlich rkeley n n ein. gute en? erne 33 „Niemand, der eine Stellung in der Welt zu behaup⸗ ten hat. Wem dies Beruf iſt, den will ich nicht in die Verlegenheit ſetzen dieſes koſtbare Gut in Gefahr zu brin⸗ gen. Damit verbeugte ich mich und verließ das Zimmer. „Ich brachte eine ſchlafloſe Nacht zu. Mich als einen Gegenſtand des Mitleids betrachtet zu ſehen, und das von einem Manne, den ich liebte, war eine zu bittere Erfah⸗ rung. Ihm ferner unter die Augen zu treten, in dieſem Kreiſe ferner noch ein geduldetes Mitglied zu ſein, war mehr als ich zu leiſten vermochte, und Entfernung von hier, ein Aufenthalt unter andern Menſchen, eine andere Umgebung das dringendſte Bedürfniß des Augenblickes. Als der Tag graute, ſprang ich von meinem Lager auf und kleidete mich an. Im Hauſe war noöch Alles ſtill, kein Laut regte ſich, kein Tritt war vernehmbar! Ich zog die Vorhänge zurück und ſandte den Blick in das Freie Dort war es einſam und öde, die Straßen waren leer der Park noch verſchloſſen. Welch ein verſchiedenes Bild bot dieſe große Stadt zu ſo früher Stunde, im Vergleich mit dem Drängen und Treiben des ſpätern Tages!“ „Sobald das Haus aufgeſchloſſen war, eilte ich hinaus, Ich mußte zu meiner guten alten Freundin hin, mußte mich an ihrer Bruſt ausweinen, von ihr Rath und Troſt fordern.“ „Ich ging. Orford Street war jetzt ſchon belebt. Gruppen von Männern, Weibern, Kindern ſtanden umher, und ließen ſich eine Taſſe heißen Thees reichen, der auf einer Art trag⸗ oder fahrbarem Kochofen in der Straße II. 3 3⁴ bereitet wurde. Andere eilten in einen bereits geöffneten Bäckerladen und holten ſich ein Weißbrot dazu. Alle ſchrien gleich eilig, gleich begierig, gleich befriedigt! Wahr⸗ ſcheinlich hatten ſie ſich früh bei irgend einem Geſchäfte einzufinden und waren ihrem Lager entſchlüpft, um hier auf der Straße ihr Morgenbrot einzunehmen. Wie ſtaunte ich dieſe Bilder des Lebens an! Auf ſeidenen Polſtern gewiegt, kannte ich ein materielles Entbehren nur dem Namen nach, und ſah in dem Volke nur die unſerm Wa⸗ gen folgenden Bettler. Welche andere Einſicht ward mir, wo der Betriebſame unter freiem Himmel ſein karges Früh⸗ mahl verzehrte, für welches er mit dem Schweiße ſeines Angeſichtes bezahlte. Wie ſehr wünſchte ich mir in die— ſem Augenblicke auch arbeiten zu können, um ebenſo gierig und froh mein Mahl zu verzehren.«Es muß doch eine rechte Luſt im Arbeiten ſein» dachte ich bei mir ſelbſt.“ „Frau Loy war noch nicht angekleidet. Ich hatte zu warten. Der Frühſtückstiſch wurde eben gedeckt und die Dienerin legte ſogleich ein Couvert für mich mit hin. Wie traulich ſah mir Alles aus! Es rief mir meine Kindheit, meine Jugend, jene Tage ruhigen friedlichen Glückes zurück, die mir jetzt nimmer wiederkehren konnten. Ich ſetzte mich in eine Ecke des Sophas und ließ meine Gegenwart in die Vergangenheit hinüberſpielen.“ „Der Eintritt von Frau Loy unterbrach mich. Sie war verwundert, überraſcht, mich zu ſo früher Stunde hier zu ſehen, und erwartete, daß irgend ein beſonderes Ereig⸗ niß die Veranlaſſung zu meinem frühen Ausgange gege⸗ ben. men ſ mir Eriſte telnd zu e ſie de vor a laſ § die U Ich n etzähl Krei die 2 Män um il 6 Nim Geſp ichtig haltu die e verm plötl fühlte einer NMein leten Alle hr⸗ chäſte hier aunte lſtern dem Va⸗ mir, rüh⸗ eines die⸗ benſo doch elbſt.“ tte zu id die hin. meine ichen nten. meine Sie de hier Greig⸗ ½ 0 ben. Ich konnte ihr nichts erwidern, als daß ich gekom⸗ men ſei, mir ihren Rath zu erbitten, auf welche Weiſe ich mir wol, bei vorrückenden Jahren, eine unabhängige Exiſtenz zu gründen vermöge. Sie hörte mir kopfſchüt⸗ telnd zu.„Mir däucht, wir hätten darüber ebenſo gut zu einer ſpätern Tagesſtunde ſprechen können?, verſetzte ſie dann bedenklich und winkte mir Platz zu nehmen, um vor allen Dingen dem Frühſtücke ſein Recht widerfahren zu laſſen.“ „Mann und Sohn waren jetzt auch eingetreten und die Unterhaltung ging nun auf allgemeine Dinge über. Ich mußte ihnen die Neuigkeiten aus meiner großen Welt erzählen, gegen welche ſie die Begebenheiten ihres kleinen Kreiſes austauſchten, und unter dieſem Wechſel ſchwand die Zeit, die zu dieſem Mahle beſtimmt war, und die Männer ſahen ſich unwillig genöthigt uns zu verlaſſen, um ihren beiderſeitigen Geſchäften nachzugehen.“ „Wir waren nun allein, und Frau Loy benutzte dieſe Minute, auf den Gegenſtand unſers früher unterbrochenen Geſprächs zurückukommen. Ich war nicht ganz auf⸗ richtig; ich konnte mich nicht überwinden, ihr die Unter— haltung des geſtrigen Abends mitzutheilen, in der doch die eigentliche Urſache meines frühen Beſuches lag. Sie vermochte ſich daher gar nicht zu erklären, was einen ſo plötzlichen Entſchluß bei mir hervorgerufen hatte, und fühlte mir wiederholt Stirne und Hand, als ſuche ſie nach einer phyſiſchen Urſache meines moraliſchen Uebelbefindens. Mein Entſchluß ſtand aber feſt. Ich mußte aus jenen 3* 36 Verhältniſſen fort, mochte es mir noch ſo Großes koſten, ich mußte irgend eine Sphäre für mich finden, in der ich mir ſelbſtändig eine Eriſtenz ſchaffen konnte. Frau Loy ſah dieſe Nothwendigkeit durchaus nicht ein. Und doch beharrte ich dabei Rath und Hülfe von ihr zu fordern.“ „Jetzt trat ihr Hausarzt ein.„Wie gerufen!» ſagte ſie und ich zweifelte nicht, daß ſie ihn rufen laſſen, als ſie vorhin unter großen Anzeichen des Bangens aus dem Zimmer ging.(Sagen Sie mir, lieber Doctor! ob dies junge Mädchen nicht krank iſt! Sie kommt dieſen Morgen um acht Uhr bei mir an, und dringt darauf, daß ich ihr ein Mittel nenne ihr Brot ſelbſt zu erwerben, während ſie in gar keiner Noth iſt und das angenehmſte Leben führt. So geht es, wenn die Menſchen es zu gut in der Welt haben. Dann verlangt ihnen immer nach etwas Anderm.» „Der Arzt muſterte mich aufmerkſam. Er kannte mich ſeit lange und urtheilte vielleicht richtiger, daß hier von 6 keiner bloßen kindiſchen Caprice die Rede ſei. Er war ein Hausfreund und nahm Theil an Allem was die Fa⸗ milie anging; folglich war auch ich ihm nicht fremd.“ (Erzählen Sie mir?, ſagte er jetzt, Alles was Sie unſerer Freundin, Frau Loy, erzählt haben, noch einmal ruhig und bedächtig und geben Sie Ihre Gründe bei Allem genau an, ich behalte Ihre Hand indeſſen in der meinen und muſtere Ihren Puls.» „Ich folgte ſeiner Weiſung. Es war mir eine Ge⸗ nugthuung, den bittern Gefühlen meines gekränkten Her⸗ zens des 2 Ande Blic hatt meit Mä nahn nit i verli fom hun Sto Rutl zur glüc eine dige nich Vor ſie zu mei und ten, ich Loy doch m.“ ſagte als dem dies gen ihr rend eben 1del twas mich von wär Fa⸗ G nmal e be in del Her⸗ 37 zens Luft zu machen und ich ſprach mit einer Wahrheit des Ausdrucks, die ſo tief aus dem Innern kam, daß der Andere meine Aufrichtigkeit nicht bezweifeln konnte. Sein Blick ruhte theilnehmend auf mir, und als ich geendet hatte und meine Thränen unaufhaltſam floſſen, ließ er meine Hand fahren und verließ mit den Worten„Armes Mädchen! ſeinen Sitz und das Zimmer.“ „Frau Loy ſah ihm verwundert nach.“ „Nach Verlauf einiger Minuten kehrte er jedoch zurück, nahm gelaſſen neben mir Platz und bat Frau Loy, mich mit ihm allein zu laſſen. Sie folgte ſeiner Weiſung und verließ das Gemach.“ Ich verſtehe Ihre Lage und deren Peinliches voll⸗ kommen, liebes Fräulein?; begann er jetzt.„Was für hundert Andere ein Glück wäre, iſt für Sie ein Fluch. Stolze Naturen ertragen es nicht, mit der Maske der De⸗ muth durch die Welt zu ſchreiten, Sie ſind von der Natur zur Demokratin geſtempelt und können nur als Demokratin glücklich durch das Leben gehen. Ich will Ihnen jetzt einen Ausweg zeigen, der Sie der Mühe, ſich eine ſtelbſtän⸗ dige Eriſtenz zu ſchaffen, überhebt. Sagt Ihnen dieſer nicht zu, ſo müſſen wir auf etwas Anderes denken. Mein Vorſchlag iſt, daß Sie meine Hand annehmen. Ich biete ſie Ihnen mit dem Beding, Ihre Freiheit dadurch in nichts zu beſchränken. Sie ſollen weder mein Eigenthum noch meine Sklavin ſein. Ich ſelbſt haſſe die Abhängigkeit, und mag daher auch Niemand von mir abhängig ſehen. Wir verbinden uns zuſammen, zu arbeiten, zu ſchaffen, zu 38 genießen, ſolange beide Theile darin ihre Befriedigung finden; kommt der Tag, wo uns dieſes Zuſammenleben nicht mehr zuſagt, ſo ſprechen wir uns frei darüber aus und treffen eine andere Einrichtung. Nur auf dieſem Fuße kann ich Sie bei mir aufnehmen, nur auf dieſem Fuße können Sie mir mit Vergnügen die kleinen Sorgen widmen, deren ich von Ihrer Seite bedarf. Gehen Sie auf meinen Vorſchlag ein?* „Ich war überraſcht und konnte keine Worte finden.“ Ich mag dem Mitleide nichts danken“, ſagte ich end⸗ lich beherzter.“ Glauben Sie denn, daß ich Ihnen den Platz einer Lebensgefährtin anbieten würde, wenn Sie mein Mitleid verdienten»? ſagte er lächelnd.(Sie irren! Ich achte Sie, weil Sie der materielle Lebensgenuß nicht dafür ent⸗ ſchädigen kann, die moraliſche Entwürdigung zu dulden, als Menſch dem Menſchen nicht ebenbürtig gegenüberzu⸗ ſtehen. Sie gefallen mir in dieſem Selbſtgefühle.» Und iſt das Alles, was Sie in mir ſuchen?» Die Hauptſache?, verſetzte er lächelnd.(Wo der rechte Adel der Natur iſt, wird ſich das Uebrige leicht finden.» Auf Liebe machen Sie demnach keinen Anſpruch? (Wenn die rechte Baſis gegenſeitiger Achtung und völligen Verſtändniſſes da iſt, wird auch die herzlichſte Zuneigung nicht ausbleiben!* ſagte er bedeutſam, und ergriff meine Hand, um ſie an ſeine Lippen zu drücken.“ Ich fühle mich Ihrer aber gar nicht würdig“, ſagte ich, m fen, 1 der fl muß ſchein ment Johr tigt, Sie f der P guch i nit führt mein werd fann etwä nes icht und chſte und gie 39 ich, mit mir ſelbſt ſchmollend. Ich komme hier angelau⸗ fen, wie ein verſtimmtes, unartiges Kind, das ſcheinbar der flüchtigen Laune des Augenblicks gehorcht. Wie albern muß mein Betragen dem ernſten, beſonnenen Manne er⸗ ſcheinen.» (Wir Alle haben unſere Jahre gehabt, wo der Mo⸗ ment uns fortriß, und die ſchwächere Empfindung reiferer Jahre, die die Vernunft mit leichtem Machtſpruch bewäl⸗ tigt, iſt darum noch nicht unſere glücklichere Zeit. Laſſen Sie für jetzt immer noch der Natur ihren Lauf, und wenn der Puls einmal ein wenig zu raſch ſchlägt, nun, ſo wird auch die Minute folgen, wo ſein Taktſchlag gemäßigter iſt. Das darf Sie nicht bangen.» „Mein Loos war demnach geworfen. Frau Loy hörte mit Erſtaunen, zu welchem Reſultate dieſe Berathung ge⸗ führt hatte, und als ich bei meiner Rückkehr nach Hauſe meiner lieben Beſſie mittheilte wie bald ich ſie verlaſſen werde, war auch dieſe auf das hochſte überraſcht. Sie kannte Dr. Minet nicht, ſie hatte mich aber öfter ſeiner erwähnen gehört, und zwar immer als eines ernſten Man⸗ nes von ungemeinen Kenntniſſen, zu dem ich kaum auf zublicken wagte. Wie dieſer nun dazu gekommen war, ſein Auge auf ihre unbedeutende kleine Freundin zu wer⸗ fen, war ihr lange ein unerklärliches Räthſel!“ „Herrn Buller ſah ich nicht wieder. Sein Anblick wäre mir peinlich geweſen und ich wünſchte Alles zu vermei⸗ den, was nachtheilig auf meine Stimmung wirken und mir die Gegenwart verbittern konnte. Wenn er nach mir 3 8 8 — — 40 fragte, ſo hieß es: ich ſei nicht zu Hauſe, und war er als Gaſt dort; ſo vermied ich zu erſcheinen. Meine be⸗ vorſtehende Verbindung wurde ihm von Beſſie mitgetheilt, und dieſe verſicherte mir, daß er bei dieſer Ankündigung geiſterbleich geworden ſei. Ich glaube das gern. Ich hatte mir nie verhehlen können, daß ich ihm werth war, um ſo mehr bedauerte ich aber die Schwäche ſeines ſonſt edeln Charakters, die ſich vor einem ſo kleinlichen Vorurtheile beugte. Er hatte dadurch in meiner Achtung gelitten und meine Liebe war jetzt ſchon nichts mehr als das Echo eines frühern Gefühls.“ „Zwei Monate darauf war ich ſchon Niners Gattin. Der vortrefliche Mann wurde mein Leiter, mein Führer, und ließ es ſich angelegen ſein, jede in mir ſchlummernde Fähigkeit zu erwecken, ſodaß ich an ſeiner Seite erſt lernte, was die Welt und das Leben ſei und wie ich mich zu beiden zu ſtellen habe. Ich verlebte mit ihm ununter⸗ brochen glückliche Jahre, und die kleine Tochter, die mir während der Zeit geboren ward, trug nur bei mein Glück zu erhöhen.“ „Zu bald aber ſollte er mir geraubt werden! Am ſechsten Geburtstage meiner Lelia ſtand ich mit ihr am Sarge ihres Vaters.“ „Mein Schmerz kannte lange keine Grenzen. Endlich aber raffte ich mich auf, und des Verſprechens gedenkend, das ich dem Sterbenden geleiſtet, fing ich an, ſeine Ge⸗ ſchäfte zu ordnen und mich mit der Erziehung meines Kindes zu beſchäftigen. Er hatte uns wenig Vermögen nuchgelo die Zu Mein g heranp entdeck ſollte hängie „ „ lembeg aber ke ſehr ve Sorgfa Angem und ü Sie z und Meine niſſe, Regen, das ih überei ſurück ( burts dem als ſi ( / er he⸗ eilt, ung hate um deln heile und cho tin rer, rnde tnte, h zu itet⸗ mir jlück Am am dlich 41 nachgelaſſen. Ich mußte daher ſorgſam haushalten, und die Zukunft meiner Tochter in ihre eigene Hand legen. Mein ganzes Bemühen ging nun dahin, ſie zu einer Kunſt heranzubilden, irgend ein bedeutendes Talent in ihr zu entdecken, oder ſie zu einem Geſchäfte heranzuziehen. Sie ſollte einen Beruf haben, der ſie ſelbſtändig und unab⸗ hängig mache.“ „Die Kleine lernte ſehr ſchnell; doch war ſie nicht lernbegierig. Ich ließ ſie eifrig Muſik treiben; ſie ſchien aber keine Freude an den Tönen zu haben. Ich war ſehr verlegen, nach welcher Richtung hin ich meine größte Sorgfalt wenden ſollte, und aus Furcht, das meinem Kinde Angemeſſene zu überſehen, bildete ich ſie zu vielſeitig aus und überſättigte ich ſie auf die Art mit Wiſſenſchaften. Sie zeigte endlich keinen Trieb mehr für irgend eine Sache, und wollte auch von keinem Geſchäfte etwas hören. Meinen Vorſtellungen, daß ſie einen Broterwerb ſuchen müſſe, ſetzte ſie leichtfertig ihre Neigung zur Bühne ent⸗ gegen, und den Vorwurf, daß ich ſie gerade das Talent, das ihr der Himmel gegeben, nicht üben laſſe.“ „Was blieb mir zu thun übrig? Sollte der Tod mich übereilen, ſo ließ ich ſie arm und verlaſſen in der Welt zurück, und was war dann ihr Geſchick?“ „So gab ich denn endlich an ihrem achtzehnten Ge⸗ burtstage, meine Einwilligung, daß ſie ein Debut auf dem Theater verſuchen könne. Wer war jetzt glücklicher als ſie, als meine Lelia, mein armes, unglückliches Kind!“ „Lelia hatte eine ſchöne ſtattliche Geſtalt. Ihre Rolle war mit Fleiß einſtudirt und ſie trat mit Beifall auf. Ein vortheilhaftes Engagement beim Theater von St.⸗ James war die Folge. Ihrer Eitelkeit war geſchmeichelt, ſie träumte von goldenen Bergen und war glücklicher als eine Königin.“ „Mir bangte! Ich gedachte der Gefahren, die ihrer warteten, und zitterte vor den Verſuchungen, die mein armes Kind von ihrem Pfade ablocken konnten. Meine Sorge erwies ſich leider gerecht! Freilich begleitete ich ſie auf jedem Schritte, ließ ſie nie allein ausgehen und meinte mit wachſamen Auge ſie von jedem Verkehr mit der jun⸗ gen Männerwelt, die unſere Theater umlauert, fern hal⸗ ten zu können; doch ſcheint das Auge einer Mutter nicht hellſehend genug, wo es die Schlangenwege der Ver⸗ führung gilt.“ „Ein paar Monde waren vorübergefloſſen; es hatte während derſelben nicht an Blumenſträußen gemangelt, die meine Lelia nun freilich, um das Publicum nicht zu er— zürnen, als koſtbare Reliquien mit hinwegzutragen ver⸗ bunden war, und auch manches Sonett, gar manche ſchriftliche Aufmerkſamkeit, war ihr auf duftendem Seiden⸗ papier zugeſchickt worden. Wo es nur irgend anging, ver⸗ heimlichte ich ihr ſolche Sendungen; mußte ich ihr dieſel⸗ ben aber vor Augen bringen, ſo unterließ ich nie, ſie auf das Thörichte ſolcher Artigkeiten aufmerkſam zu machen, die ein vernünftiges Mädchen vielmehr wie eine Beleidi⸗ gung als wie eine Gunſt betrachten würde. Sie hörte mir ruhig zu, erwiderte meiſtens wenig, las ſolche Cpiſteln jedoch ben in ſchließ wurde ſen, 1 Beſu ner, je bet gegne ethalt bauer ſcher die( ſpät raft freu eine zu ſe mei klop gend blick l auf. n St.⸗ richelt, her als ie ihrer e mein Meine ich ſie meinte et jun⸗ n hal⸗ et nicht er Ver⸗ s hatte gelt, die zu et⸗ en ver⸗ manche Seiden⸗ ng, vel⸗ ſ dieſel⸗ ſi auf machen, Beledi⸗ e hörte Gpiſteln 43 jedoch mit ſichtlichem Vergnügen, und verfehlte nie dieſel⸗ ben in ihrem Schreibtiſche auf das ſorgfältigſte zu ver⸗ ſchließen. An Geſchenken fehlte es gleichtalls nicht; doch wurden dieſe ſtets auf das ſtrengſte von mir zurückgewie⸗ ſen, und ohne Ausnahme dem Ueberſender zurückerſtattet. Beſuche nahm ich niemals an. Keiner der jungen Män⸗ ner, die ſich an meine Lelia drängten, durfte mein Haus je betreten, und wenn wir denſelben am dritten Orte be— gegneten, ſo wußte ich ſie ſtets in anſtändiger Ferne zu erhalten. Auf dieſe Weiſe lernte ich auf meine Vorſicht bauen und hoffte als unermüdliche Wächterin mein Kind ſicher durch die erſten Jugendjahre zu geleiten, in denen die Schmeichelei ein noch zu empfindliches Ohr trifft, bis ſpäter die eigene Einſicht und ein ausgebildeter Cha⸗ rakter ihr hinreichende Stützen gewährten. Daneben freute es mich, ſie froh, glücklich, und durch Ausübung einer Kunſt, die ihr Vergnügen gewährte, unabhängig zu ſehen!“ „Aber, wie bald ſollte meine Freude geſtört werden!“ „Eines Abends, als ich, wie gewöhnlich, mit meiner Lelia das Theater verlaſſen wollte, war dieſe unverſehens von meiner Seite verſchwunden. Ich ſuchte überall nach ihr; aber Niemand hatte ſie geſehen, Niemand wußte mir zu ſagen, wohin ſie gegangen. Ich rief den Namen meines Kindes an allen Ecken, lief durch alle Gänge, klopfte an allen Thüren; aber ihre Stimme gab mir nir⸗ gends Antwort. Ich eilte nun in die Straße hinaus, blickte jedem abfahrenden Wagen nach, fragte jeden Vor⸗ — — —— E übergehenden nach Kunde von ihr; aber von meiner Lelia keine Spur!“ „Ach! Wer vermag die Angſt einer Mutter in ſolchen Momenten zu begreifen, wer ſie nachzuempfinden!“ „Das Theater wurde endlich geſchloſſen und ich war gezwungen, in meine Wohnung zurückzukehren, in meine jetzt einſame Wohnung! 1 „Aber noch verließ mich die Hoffnung nicht. Sie konnte mich im Gedränge aus den Augen verloren haben, und hierher geeilt ſein. Vielleicht ſaß ſie, meiner wartend, und ſorgte ihrerſeits um mein langes Ausbleiben. So täuſchte ich mich noch, und ſuchte mich mehr noch zu täu⸗ ſchen, je weniger die Ueberzeugung in meinem Herzen war, bis auf meine Frage die verneinende Antwort der Die⸗ nerin, die mir öffnete, mir dieſen letzten Troſt raubte.“ „Die Nacht verging unter den grauſamſten Martern. Ich klagte mich jetzt als die alleinige Urſache meines Un⸗ glücks an, indem ich meine Tochter einen Beruf wählen laſſen, der ſie mit Gefahren umringte, denen ſie nicht zu widerſtehen vermocht. Ich ſchrieb mir ſelbſt alle Schuld zu. Und doch war ich bei ruhigerm Nachdenken völlig vor mir ſelbſt gerechtſertigt.“ „Eine Woche lang verging mir unter ununtetttochenen Suchen, kein Schlaf kam während der Zeit in meine Au⸗ gen, keine Ruhe gönnte mir meine Angſt um die Verlo⸗ rene! Dann brachen meine Kräfte zuſammen und eine langwierige Krankheit warf mich nieder. Als ich wieder erſtand, und noch immer kein Lebenszeichen von meiner Ulia ſchwar ( Ich Grar nicht keine in ſi Ame / Am Fra Bill Uht Ver ſehr die ich ner hin nic dem rLeli Lelia kam, betrauerte ich ſie wie eine Todte, und legte ein ſchwarzes Gewand für ſie an.“ ſolchen„Seitdem verſtrichen mir die Stunden wie Jahre. Ich alterte ſichtlich, mein Haar färbte ſich grau und der ich war Gram nagte an meinem Leben. Nichts freute mich, und mene nichts bekümmerte mich, ich nahm an keiner Geſelligkeit, keinen Vergnügungen Theil und verbrachte meine Tage konnte in ſtiller Abgeſchloſſenheit, wobei ich meine ganze Zeit den n, und Armen und Unglücklichen zuwandte.“ urtend,„So verſtrich ein Jahr.“ So„Da ſaß ich eines Abends wie gewöhnlich vor meiner zu täu⸗ Lampe, und nähte an einem Kleide, das ich einer alten en war, Frau als warmen Winteranzug beſtimmte; als mir ein er Die⸗ Billet überbracht wurde mit der Weiſung, daß der Bote bte.“ unten auf Antwort warte. Ich eröffnete daſſelbe voll Nartern. Verwunderung, woher es ſein möge. Die Schrift, die nes Un⸗ ſehr undeutlich und flüchtig war, erkannte ich nicht.“ wählen(Ich brauche deiner Verzeihung, um ruhig zu ſterben, nicht zu Mutter! Eile daher zu deiner unglücklichen Lelia. 3 Schuld 1(Wo, wo iſt ſie?» rief ich aus, und ſtürzte zugleich 4 völlig die Treppe hinunter.„Rufen Sie einen Wagen!* rief ich dem hier harrenden Manne zu, während meine Die⸗ ochenen nerin mir Hut und Tuch nachtrug, und eilte dann ſogleich. ine Au⸗ hinaus auf die Straße, wo die eben vorfahrende Droſchke Vert⸗ mich aufnahm. Der Bote ſprang auf den Bock und gab 3 dem Kutſcher die Weiſung wohin er uns zu führen.“ „Nach Verlauf einer mir ewig lang dünkenden Stunde hielt der Wagen vor einem kleinen, in einem Garten m eine wieder meiner 46 gelegenen Häuschen, deſſen Thüre ſich uns ſogleich öffnete.“ „Ich wurde eine Treppe hinauf in ein halbdunkeles Zimmer geführt, wo ich in der Ecke eines Sophas eine weibliche Geſtalt ruhen ſah. Bei meinem Eintritt erhob ſie ſich, der ſchwache Schein des Lichtes fiel auf ihr Ge⸗ ſicht und ich erkannte meine Lelia. Ach! wie verändert! „Mein Kind!» rief ich aus, und ſie ſank an meine Bruſt, wo ſie lange lautlos ruhte. Welch ein Moment war das für ein Mutterherz! Welch eine Entſchädigung für allen Schmerz und allen Jammer dieſes langen Jahres! Dies Wonnegefühl, mein Kind in meinen Armen zu halten!“ „Als wir uns Beide wieder ſo weit gefaßt hatten, um Worte finden zu können; als ich ſie dann wiederholt meiner Vergebung, meines Vergeſſens alles Vergangenen verſichert hatte; da erkundigte ſich mein beſorgtes Mutter⸗ herz vor allem nach ihrer Lage und nach ihrem Befinden, über welches ich, ihrem Billete zufolge, die größte Unruhe hegte. Was das erſtere betraf, ſo wich ſie mir aus. (Mutter!“ ſagte ſie.„Frage nur danach nicht in dieſer Stunde. Die Zeit, die uns zugemeſſen iſt, iſt kurz. Ich reiſe noch in dieſer Nacht mit William ab, der Reiſewa⸗ gen iſt ſchon gepackt und um Mitternacht muß ich fertig ſein. Die Minuten ſind uns alſo zugemeſſen.» „Warum aber reiſen, mein Kind, wenn deine Geſund⸗ heit größere Ruhe fordert. Warum kannſt du nicht mit mir kommen, und unter meiner Pflege dich wieder herſtellen? „Sie ſchüttelte ſchmerzlich den Kopf.„Ich habe mir wein tragen ich go beſtac Gatt umhe ſtets anzu frage böſe. eſt beſch den, zu nich m ha mi nur Kin ſogleich unkeles s eine t echob ihr Ge⸗ rändert! Bruſt, nt war ng für ahres! alten“ en, um edecholt angenen Mutter⸗ efinden, Umuhe ras. n dieſer h eiſewa⸗ h fettig Geſund⸗ icht nit elen be mir 47 mein Loos ſelbſt geworfen, Mutter, und muß die Folgen tragen. Ich verließ dich um eines Mannes willen, den ich gar nicht kannte, und deſſen ſchöne Perſönlichkeit mich beſtach. Er ging mit mir nach Frankreich, wo ich ſeine Gattin wurde. Seitdem ziehen wir immer in der Welt umher, von einem großen Orte zum andern, und ſind ſtets genöthigt, ſo plötzlich und bei Nacht unſere Abreiſe anzutreten. Weshalb dies ſo iſt, das wage ich nicht zu fragen. Jede Anſpielung darauf macht William ſchon böſe. Und er kann ſehr heftig ſein!» ſagte ſie ſeufzend. Bisjetzt ging das auch immer noch recht gut, und nur erſt in den letzten Monaten iſt mir dies unruhige Leben beſchwerlich geworden. Das wird aber Alles beſſer wer⸗ den, wenn ich nur dieſe Reiſe überſtehe, die, wie ich fürchte, zu angreifend für mich iſt.» (Bleibe bei mir zurück, Lelia, mein Kind.» Ich darf nicht, Mutter. William leidet es nicht.» (Aber die Pflicht gegen deine Geſundheit.» (Er meint, daß mir die Reiſe nicht ſchadet.» (Du könnteſt ihm ja ſpäter folgen.» „Dränge nicht in mich, Mutter. Ich kann und darf nicht zurückbleiben. Ich muß meine Gefahr ſtehen. Und nun, da ich dich wiedergeſehen habe, da du mir verziehen haſt, bin ich auch muthiger und freudiger und fürchte mich weniger vor meiner nächſten Zukunft. Sage mir nur immer wieder, daß du mich noch liebſt, daß dir dein Kind, deine Lelia, noch werth iſt, und daß dein Andenken mich begleiten wird.“ 48 „Ich ſagte Alles, was die zärtlichſte Mutterliebe nur ausdrücken kann. Ich war ja ſo glücklich es ihr ſagen zu können! Die Zeit ſchwand uns indeſſen wie im Fluge und die elfte Stunde hatte bereits geſchlagen, noch ehe ich ihr Herannahen vermuthete.„Warum haſt du erſt heute nach mir geſandt, Lelia? Warum nicht früher? fragte ich jetzt.(Was iſt dieſe einzige kurze Stunde für eine Mutter, die nichts auf der Welt hat als ihr Kind?“ (Ich durfte nicht“, verſetzte ſie traurig.„Ich habe auch heute nur heimlich zu dir geſchickt, und muß dich bitten mich zu verlaſſen, ehe William zurückgekehrt.» „Weshalb aber das? Warum wrill er ſeine Schwie⸗ germutter nicht kennen? fragte ich verwundert.“ (Er erlaubt mir mit Niemand umzugehen, als mit ſeinen Freunden. Er verändert ſeinen Namen ſehr oft; er ſagt, Frauen ſind neugierig und können das Plaudern nicht laſſen, und er dürfe ſich der Gefahr nicht ausſetzen dich in ſeine Angelegenheiten ſpähen zu ſehen. Was treibt er denn aber, daß er ſtets vor der Angſt einer Entdeckung zittern muß?* Vielleicht hohes Spiel. Vielleicht... Doch laſſen wir das. Genug, daß es ein Etwas iſt, das das Licht ſcheut. Und nun, Mutter, muß ich dich bitten, mich zu verlaſſen.» Ich gehe nicht, Kind.» (Dann wirſt du mich ſeinem Zorne ausſetzen, und der iſt ſchrecklich.» Du haſt Niemand als deine Mutter, dir beizuſtehen, Lrlia, ner( ſie d meir Sch ſchw ich ſ ebe nur r ſagen nFluge noch ehe du erſt früher? unde für Kind? ch habe uß dich Schwie⸗ als nit ſehr oft; laudem usſetzen er Angſt h laſſen as Licht mich zu en, und ſtehen, Lelia, und dieſe natürliche Vertheidigerin darf dich in kei— ner Stunde der Noth verlaſſen.» (Wenn die Frau dem Manne folgt, Mutter, ſo gibt ſie dies Recht auf. William iſt jetzt mein Beſchützer, oder mein Tyrann, wie es kommt; jedenfalls aber bin ich ſein Schickſal zu theilen verbunden.» Er ſoll dich bei mir laſſen, bis du hergeſtellt biſt.» Ich bleibe nicht, Mutter. Ich würde in Sorge um ihn ſchweben; denn er ſcheint mir in ſteter Gefahr zu leben.» (Du liebſt ihn alſo mehr als deine Mutter?“ ſagte ich ſchmerzlich.“ (Er iſt der Vater meines Kindes, und als ſolchen bin ich für ſein Leben, und ſeine Ehre beſorgt.» Und wenn du krank wirſt, Lelia! Wenn du ſterben ſollteſt, was wird aus deinem Kinde?» (Dann ſoll William es dir ſenden, und du ſollſt dem armen kleinen Weſen Mutter ſein?, ſagte ſie, und ſank weinend in meine Arme.“ „Eine Männerſtimme wurde draußen laut.«Um Gott! da iſt er!» rief Lelia aus und ſank erſchreckt in die Ecke ihres Sophas zurück. Ein junger Mann von hohem Wuchſe und ſchöner Geſtalt trat ein und nahte ſich uns mit vornehm ſicherm Anſtande.„Es thnt mir leid zu ſtören?, ſagte er, mit einer kalten Verbeugung gegen mich,«aber die Zeit drängt, und der Moment Be⸗ ſuche zu empfangen, war nicht günſtig von meiner Frau gewählt. Sie müſſen entſchuldigen, wenn wir uns Ihnen empfehlen.» I. 4 50 „Ich ſtand auf.“ Mein Herr! ſagte ich ſehr ernſt,«Sie wiſſen wahr⸗ ſcheinlich nicht, mit wem ſie reden. Ich bin die Mutter Ihrer Gattin. „Wirklich? das freut mich ja ſehr zu hören», erwi⸗ derte er mit leichter Ironie.„Doch entſinne ich mich nicht, je um das Vergnügen Ihrer werthen Bekanntſchaft nachgeſucht zu haben.» (Sie hatten wahrſcheinlich nicht den Muth dazu, nach⸗ dem Sie verfehlt, dieſelbe um ihre Einwilligung zu Ihrer Verbindung zu erſuchen.» Erſuchen!» wiederholte er ſpöttiſch.«Ja freilich! Sie darum zu erſuchen, das unterließ ich ganz und gar. Ich wußte, daß Sie die Ehre die ich Ihnen erwies, un⸗ ter allen Verhältniſſen anerkennen würden.» Nur ſcheint mir dieſelbe noch ſehr zweifelhaft zu ſein.» Wie ſo?» fragte er hell aufhorchend.“ (Weil mir Ihr Name und Stand noch ein ganzes Räthſel iſt.» (Und auch hoffentlich bleiben wird!» Das möchte ich mir denn doch verbitten.» (Und mit welchem Rechte?* fragte er mit kaltem Spotte.“ (Als Ihre Schwiegermutter, mein Herr! (Ich bitte Sie recht ſehr, Madame, ſich keinen Namen beizulegen, den ich Ihnen zu gewähren durchaus nicht ge⸗ neigt bin.» nati ni die den we int fri zn ter wa wahr⸗ Muttet „etwi⸗ ch mich niſchaft „nach⸗ 1 Ihrer freilich d gar. ies, un⸗ ſein. ganzes kaltem Namen ſicht ge⸗ „Und wie können Sie mich verhindern, von meinem natürlichen Rechte Gebrauch zu machen?* (Indem ich mein Hausrecht übe.» „Dieſe Antwort empörte mich aufdas tiefſte. Ich zitterte.“ (Indem Sie alle Achtung vor der Mutter Ihrer Frau aus den Augen ſetzen, zeigen Sie mir deutlich, welch eine Wahl meine Tochter getroffen hat. Arme unglückliche Lelia! Welch ein Schickſal haſt du dir bereitet!» Ein ſehr ſchlimmes! Von einer Komödiantin in die Frau eines anſtändigen Mannes überzugehen*, verſetzte er mit demſelben kalten Spotte, wobei jedoch der innere Unwille aus dem Blitzen ſeines dunkeln Auges erkenntlich ward.“ Ich dulde es nicht, mein Herr, daß Sie in einem ſolchen Tone von meiner Tochter ſprechen!» „Darf ich fragen, wie Sie es einzurichten gedenken, nicht von mir zu dulden, daß ich als Herr des Hauſes die Sprache führe, die mir beliebt? Hoffentlich doch, in⸗ dem Sie ſich entfernen, wozu um ſo mehr Veranlaſſung iſt, weil dringende Geſchäfte mich verhindern, dieſe ungemein intereſſante Unterhaltung mit Ihnen fortzuſetzen.» Ich würde Ihrer Aufforderung, mich zu entfernen, ſchon früher genügt haben, mein Herr, wäre mein krankes Kind nicht, das Sie in dieſem Augenblicke zu einer Reiſe zwingen wollen, wo ihr dieſelbe tödtlich ſein kann.» (Mutter!» rief Lelia, die mit geſchloſſenen Augen zit⸗ ternd neben mir ſaß, creize ihn nicht! du weißt nicht was du thuſt!» „Madame, verſetzte William bitter,(wenn ich eines 4* Arztes bedarf, werde ich ihn rufen laſſen. Da Sie aber uns zu verlaſſen nicht geneigt ſcheinen, ſo erlauben Sie wol, daß wir uns entfernen.» „Damit bot er Lelia die Hand. Dieſe erhob ſich und ſchickte ſich an, ihm, mit einem ſterbenden Blicke auf mich, zu folgen. Ich war außer mir!„Mein Kindv, rief ich, emeine Lelia!v und wollte mich ihrer Entfernung wider⸗ ſetzen.„Weib!» rief William vor Wuth ſchäumend, (Weib! geh' mir aus dem Wege, oder du wirſt es ſchwer büßen.» (Elender Gauner!« rief ich, ſeine Hand, die mich zu⸗ rückhalten wollte, mit Gewalt fortſchleudernd.» (Ha! ſteht es ſo!» rief er aus, und ein Meſſer blitzte in ſeiner Hand, das mich treffen ſollte. Lelia warf ſich ihm an die Bruſt, und wehrte ihm mit ihrer Hand, ihr Blut floß.„Mord!» ſchrie ich, durch dieſen Anblick auf das Aeußerſte getrieben.„Hülfe! Mord!* „Die Diener ſtürzten herein.“ (Bindet das Weib und ruft die Polizei“, ſagte Wil⸗ liam mit eiſiger Ruhe.„Sie hat ſich hier eingeſchlichen, um zu ſtehlen, und nun ſie entdeckt iſt, wüthet ſie wie eine Raſende. Ihr ſeid Zeugen ihrer Mordthat! John, du bleibſt zurück, und vertrittſt meine Stelle hier. Sie darf ihrer Strafe nicht entgehen.“ Die Diener ergriffen mich, ich widerſtrebte vergebens. Lelia wurde wie leblos hinausgetragen. Bei dieſem Anblicke vergingen mir die Sinne. Wie ich erwachte, iſt Ihnen bekannt.“ W WVie lich man mach klein und begl er ſi nelle nicht Schi ſein verke . heute des gut( Sie Wieder einmal ein Billet von Lady Megmerillis. „Wie ſchön iſt's doch von einer großen Dame, ſo menſch⸗ lich ſelbſt des Arztes zu bedürfen“, trällerte ich, in Er⸗ mangelung eines Bartes, in meine Cravatte hinein, und S machte mich fröhlich auf den Weg. Man gewöhnt ſich i an Alles unter dem Monde, folglich auch an die herab— de⸗ laſſende Miene einer engliſchen Mylady. Sie iſt augen⸗ ſcheinlich ſtets darauf bedacht, Jeden in ſeinen Schranken zu erhalten, ein Bemühen, zu dem das Ueberſchreiten ihr 7 gegenüber, doch eben keine Veranlaſſung gegeben haben kann. But never mind! Sie meint es augenſcheinlich gut mit mir, und wenn es ihr nun behagt, dieſe Güte in eine gewiſſe Form zu kleiden, ſo kann man ihr ja dieſen umend, irſt es ich zu⸗ blitzte u ſi kleinen Geſchmack hingehen laſſen. Der Formſinn iſt an d, ih und für ſich ja ſchön, und wenn er von keinem Talente lit u begleitet iſt, an dem er ſich kunſtgerecht üben kann, muß er ſich natürlich auf das ihm offene Feld des conventio— nellen Lebens werfen. Es iſt alſo Fehler der Natur und e Vil nicht des Individuums; denn eigentlich ſollte die gute clchen Schöpferin Niemand mit einem Organ verſehen, das, ohne ſie wie ſein objectives Pendant, den Segen deſſelben in Fluch John⸗ verkehrt. r. Sie Mais revenons à nos moutons. ergriftn Erſtlich zu meinem„never mind!“ Mir begegnete 1 e leblob heute ein Kalmucke, der ſich über dieſen Sprachgebrauch nit die des Engliſchen gar nicht tröſten konnte. Er wußte ſehr gut Engliſch, hatte aber nie Gelegenheit gehabt zu be⸗ merken, daß man das Wort mind, Gemüth, als Verbum gebraucht, bis er in das Land kam. Hier hörte er und überall dies mind, bald als Warnung, bald als Drohung vald als Rath, und ſann verwundert nach, was er aus all dieſem mind machen ſolle, bis endlich ein Junge ihm zurief:„Mind your way; Sir!“ als eben ein Wagen ihn überfahren wollte. In dieſem Momente der Gefahr ging ihm ein Licht auf. Er ſollte Acht geben! Dazu brauchte man hier ſein Gemüth. Sonderbar! Mir war dies Wort nie aufgefallen. Die Gewohnheit hatte mich wahrſcheinlich früher damit ver⸗ traut gemacht, ehe ich über den eigentlichen Sinn des Wortes nachzudenken veranlaßt worden bin. Lady Megmerillis war noch nicht von ihrer Nachmit⸗ tagsfahrt zurückgekehrt. Ich wartete. Im Salon lagen Zeitungen umher. Ich ſetzte mich hin und las. Der „Enquirer“, zog mich wenig an.„Notes and querries“ fand ich herzlich trocken. Jetzt ergriff ich den„Political conomist“, das Lieblingsblatt von Lady Megmerillis, das ſie mir oft als ihren Tröſter in trüben Stunden be⸗ zeichnet hatte; aber ach! mein unpraktiſcher Sinn konnte ſich durchaus nicht mit ſo vielen Zahlen unterhalten. Der Hauslehrer trat herein, vorgeblich, um ein Zei⸗ tungsblatt zu ſuchen, in Wirklichkeit aber, um ſich mit mir zu unterhalten. Kein Wunder, daß er nach ein paar Worten haſcht. Den ganzen Tag, von früh um ſieben bis Abends neun Uhr einen Knaben um ſich zu haben, der bald lateiniſche Verſe machen, bald reiten, bald Schach⸗ ſpielen will; das iſt eine Tantalusarbeit, die eines Sterb⸗ lichen Män gen, Vah halb daß wie mein das unft ich ſchil ben Ha in in! beid war Gel in et und tohung et aus ihm gen ihn hr ging braucht n. Die nit ver⸗ inn des uchwit⸗ on lagen s. Der uerries“ polilical werillis, nden be⸗ n konnte lten. ein Zei ſich mi ein pant un ſeben u haben, Schac s Stetb⸗ 55 lichen Kräfte überſteigt. Maſter Ruff iſt ein kleines Männchen mit lebhaftem Weſen, feinen regelmäßigen Zü⸗ gen, höchſt eleganter Toilette und einer großen Perücke. Wahrſcheinlich wird es ihm manchmal gar zu heiß, wes⸗ halb er ſeine Haare abſchneiden ließ. Mich wundert nur, daß er noch in ſeiner Haut ſteckt! Er iſt lange in Frankreich geweſen. Er fragt alſo, wie meine Frau Gemahlin ſich befinde und wie es mit meiner eigenen werthen Geſundheit ſtehe. Gottlob! Was das Letztere betraf, konnte ich eine recht befriedigende Aus⸗ kunft geben. Die Natur hat mich ſo gütig bedacht, daß ich in meinem ärztlichen Berufe mein eigener Aushänge⸗ ſchild und mein beſter Puff bin und meinen Patienten zum beneidenswerthen Vorbild diene. Wir kamen nun zu den Feſtlichkeiten, die letzthin im Hauſe ſtattgefunden, zu dem Balle, durch den die Tochter in die Welt geführt worden, und zu dem großen Concerte, in dem die erſten Künſtler Londons geſungen. Ich hatte beiden Feſtlichkeiten beigewohnt, und ſogar meine Frau war mit einer Einladung beehrt worden, von der ſie auch Gebrauch gemacht, um doch einmal die hohe Ariſtokratie in ihren beſten Kleidern tanzen und eſſen zu ſehen. Maſter Ruff war nicht gegenwärtig geweſen, hatte aber von einem Verſteck aus deſto beſſer beobachtet. Er liebte ſolche Feſte nicht, bei denen er eine ganze Aull ſpielte, und zog es ſtets vor, ungeſehen zu ſehen: denn zum Sprechen kam er ja doch nicht, er hätte ſich denn in einem Monologe aus⸗ laſſen wollen! Die Sänger und Sängerinnen waren 6 56 hochſt unzufrieden mit ihrer Aufnahme, berichtete er mir. Einige Dilettanten hatten mitgeſungen, und ſie überhör— ten, daß dieſe aufgefodert wurden zum Souper hinunter zu gehen, wobei ſie als gentlemen bezeichnet wurden, während man die Uebrigen mit der Benennung von„pro— fessional singers“ gehen ließ, und ſie damit als außer⸗ halb der Geſellſchaft verwies. Ich kannte dieſen Unter⸗ ſchied ſchon und hörte nur das oft Gehörte, die Klage über ein Unabänderliches. Die Tonkünſtler ſollten ſich darüber weiter nicht ereifern, daß der Engländer ihre Kunſt, die er bezahlt, ſchätzt, aber von ihnen perſönlich nichts wiſſen will. Ich würde in ihrer Stelle in einer Maske hingehen, eine Spieluhr vorſtellen und der Sache durch einen Anſtrich des Komiſchen die heitere Seite abgewinnen. Wir kamen nun zu dem Balle, der, trotzdem daß der Herzog von Wellington ihn zierte, höchſt hölzern ablief. Maſter Ruff war ganz außer ſich über die Häßlichkeit der jungen Dame, die ihr Debut gemacht. Die ſchönſte Toilette, der ſchönſte Anzug, den die erſte Modiſtin in Paris an⸗ zufertigen vermochte, und doch wie eine Schneiderin aus⸗ zuſehen oder gar wie ein großes Bauermädchen! eine ſolche Geſtalt, ſolche Arme, ſolche Füße, wie paßte das in die Toilette!„Und wiſſen Sie, warum Sie gerufen ſind?“ Ich verneinte.„Ganz gewiß wegen des Nieſens.“ Dabei brach er in ein Gelächter aus, das ihm lange die Möglichkeit benahm mit ſeiner Unterhaltung fortzufahren. „Welches Nieſens?“ fragte ich endlich, mitlachend, ohne rmir. zu wiſſen warum.„Denken Sie ſich nur, als die Mutter bethör⸗ ihr den erſten Herrn zum Tanze präſentirt, nieſte ſie ſtatt inunter der Antwort; er wartet, ſie nieſt fort; und ſo ſieben Mal vurden, und ſo laut, daß es durch den ganzen Saal hallt. Die nPro- Mutter wird verlegen.(Mary-Jane!» ſagt ſie vorwurfs⸗ auße⸗ voll und dreht ſie um, damit die Exploſion wenigſtens Unter⸗ nicht der Geſellſchaft zugewendet ſei. Der junge Mann Klage dreht ſeinen Schnurrbart, unterdrückt ein Lächeln, und will en ſich ſich ſchon umwenden. Da endlich hat das arme Mädchen er ihre ausgenieſt, und roth und verlegen, und mit Thränen in ½ rſönlich den Augen, führt die Mutter ſie zurück und ihrem Tänzer neiner zu. Wenn ſich das wiederholte, würde ſie zum Gelächter Sache der Stadt werden. Sie müſſen alſo ſchleunigſt gegen das e Seite Nieſen verſchreiben“ Und er brach abermals in ein an⸗ haltendes Gelächter aus, in das ich jetzt von Herzen mit daß det einſtimmte.„Unmöglich!“ ſagte ich endlich.„Was kann n ablief ich dagegen thun?“—„But you must“ wandte er ein, und 4 eit der lief, da er eben einen Wagen vorfahren hörte, lachend oilette, zum Zimmer hinaus. aris an⸗ Ich legte mein Geſicht ſchnell in ernſte Falten und rin aus⸗ erwartete den Eintritt der Gnädigen. Bald darauf öffnete n eine der Diener die Thüre ſperrweit und herein trat ſie ſtatt⸗ dus in lich und reichte mir ein paar Fingerſpitzen ihres ſtrohfar⸗ n ſnd benen Handſchuhes zur Begrüßung hin. Ich muß alſo gſn“ doch auf der Leiter der Reſpectabilität ein paar Stufen nge de hinaufgerückt ſein, um, als foreigner, dieſer nationalen ihren. Sitte gewürdigt zu werden. Mein Herz ſchwoll. Wenn tiß das ſo fort geht, werde ich mich bald ganz Engliſch füh⸗ len, und, wie meine andern Landsleute, mein Vaterland zu verachten anfangen. Ich nahm Platz und die Unterhaltung begann; d. h. wenn Fragen und Antworten dieſe Benennung verdient. Wir ſagten wenigſtens Beide etwas im gehörigen Zeit⸗ maß. Lady Megmerillis klagte über eine leichte Erkäl⸗ tung und forderte einen kühlenden Trank. Das war je⸗ doch nur eine Einleitung. Jetzt ging ſie auf die Tochter über, und ſprach von deren ſchlechtem Teint, gegen welchen ich durchaus ein Mittel auffinden müſſe. Die Geſchichte vom Nieſen kam wirklich an die Reihe. Eine nieſende junge Dame konnte in keiner anſtändigen Geſellſchaft ihren Platz finden. Sie mußte im Nieſen verhindert werden. Die Sache war ſchwierig. Ich ſann nach, und fragte, und ſann wieder nach. Was konnte ich hier verſchreiben? Bäder, Brunnen? Das verträgt ſich nicht mit der Saiſon. Spazierengehen? Sie war ſchon ermüdet genug. Arznei? Sie war ganz geſund. Ich grübelte lange. Endlich fiel mir etwas ein. Magnetismus, das mußte es ſein. Ich rieth Lady Megmerillis, ihre Tochter zu Doctor Aſh⸗ burner zu führen, der dieſen Reiz der Nerven gar bald beſeitigen werde, und mein Rath fand ungemeinen Beifall. Die Cur war neu und piquant und gab Mutter und Toch⸗ ter zu thun. Wir ſchieden daher ſehr zufrieden und ich war froh, das ſchwierige Uebel ſo geſchickten Händen über⸗ geben zu haben. Nachdem ich den gewöhnlichen Kreislauf meiner Be— ſuche durchgemacht, las ich noch en passant die Kölniſche Zeit Hat lei qu de lei ih ke Ww d 59 n Zeitung im Leiceſter Square Hotel, und eilte dann nach up. Hauſe, wo das Mittagseſſen ſchon meiner wartete. Arme z kleine Frau! Sie Guß wieder geweint. Immer i quält ſie ſich, vuß ich arbeiten muß, und daß ſie nur in gui der Welt iſt meine Sorgen zu vermehren, ſtatt ſie zu er⸗ leichtern. Was läßt ſich dagegen thun? Die Natur hat 6 ihr einmal den trüben Blick gegeben, den keine Worte und ochtr keine Vernunftgründe wegzaubern können. Arme kleine ii Frau! Du wirſt auf dieſe Weiſe allerdings meine Sorge, hicht wo du mein Glück ſein könnteſt, und lehrſt mich erkennen, a daß Eheſtand auch Weheſtand iſt. Aber das Lvos iſt ge⸗ ihren worfen, die Schickſalsſchweſtern haben ihn geſchürzt, und iden. unſer Weg muß fortan derſelbe ſein, wie ungleich wir ihn g, auch wandeln. titen Aber fort, ihr trüben Gedanken! Erſt eine Cigarre iſen. her und dann, wie ein alter Philiſter, mit der Gattin am ei Arm, in die Straße hinansgeſchritten. Wir wollen und h fil ſollen bei Madame Battiſte Thee trinken, wo meine Frau ſein. den kleinen franzöſiſchen Löwen zu ſehen hofft, auf den 1 Aſh⸗ ſie ſehr neugierig iſt. Da ſie das Franzöſiſche wie ihre bald Mutterſprache redet, wird es ihr noch überdies Vergnügen eifull. machen, dieſen angenehmen Plaudereien unſerer galliſchen Toch⸗ Brüder zuzuhören. nd ich Madame Battiſte war heute beſonders guter Laune. über⸗ Ihre Gäſte kamen meiſtens erſt ſpät, alle wenigſtens ſpä⸗ ter als wir, und ſomit hatten wir das Vergnügen, ehe 1 Be⸗ ſie ihre Unterhaltung unter Viele theilen mußte, mancher⸗ 6 lei pſychologiſche Anekdoten von ihr zu hören, an denen niſche 60 ſie beſonders reich iſt. Ueber einen Fall dieſer Art wünſchte ſie außerdem noch meinen Rath einzuholen, und ging daher in größere Einzelheiten ein, als ſie wol ſonſt gethan hätte; womit ich diesmal ſehr zufrieden war. „Vor mehren Jahren“ hub ſie an,„als ich eines Nachmittags von einer langen Promenade zurückkehrte, trat 6 mir einer meiner Hausbewohner auf dem Flur mit der . Nachricht entgegen, daß ſein Bruder dieſen Nachmittag krank von Orford angekommen ſei, und daß er ihn in der dritten Etage, in dem grade unbeſetzten Zimmer ein⸗ quartiert habe, hoffend, daß es mir genehm ſein werde. 3 Auch bitte er mich, den Kranken zu beſuchen und ihm zu ſagen, was ich von ſeinem Zuſtande halte.“ „Der junge Mann; von dem er ſprach, war mir nicht unbekannt. Mit allen Gliedern der Familie ſeit lange befreundet, war auch er mir von Zeit zu Zeit unter die Augen gekommen und mit Güte von mir behandelt wor⸗ den. Da er aber Theologe war, ein Fach, das meine Sympathie nicht erregt, ſo konnte weiter keine Annäherung i ſtattfinden, und wir blieben uns, aus Furcht vor unan⸗ genehmen Berührungen, äußerlich fremd gegenüberſtehen. Dieſe Wand, die das Bewußtſein unſerer entgegengeſetzten Geſinnung inſtientmäßig gezogen, brach indeß in dieſer Mi⸗ nute wie von ſelbſt zuſammen, und ich hegte als Frau keinen andern Gedanken, als wie ich ſorgend um ihn be⸗ müht ſein könne.“ „Hut und Shawl waren raſch beſeitigt, ein nothwen⸗ diger Befehl wie im Fluge ertheilt und ich ſprang die nar dut zur ſich W „— b nſchte daher ethan eines , trat it der nittag n in ein⸗ erde. n zu nicht lange die wor⸗ neine rung nan⸗ ehen. ezten Ni⸗ Frau be⸗ ven⸗ die 61 Treppe hinauf in das Gemach, das man mir als von ihm bewohnt bezeichnet hatte. Bei meinem Eintritt ge⸗ wahrte ich Niemand. Das große Bette hatte weite Gar⸗ dinen, die zugezogen waren. Der Kranke hatte ſich viel⸗ leicht niedergelegt und erfreute ſich eines ſanften Schlum⸗ mers. Ich nahte mich leiſe auf den äußerſten Fußſpitzen und blickte ſorgfältig um die Ecke.“ „Er war vollkommen wach und lag ſeiner ganzen Länge nach ausgekleidet da. Mir fuhr es wie ein Blitzſchlag durch alle Glieder!— Ich zog mich ein paar Schritte zurück und fragte ihn, ſo ruhig ich vermochte, wie er ſich befinde, und weshalb er ſich ausgekleidet habe?“ „Mir iſt recht wohl. Ich wollte nur gerne wiſſen, wie ich Ihnen ſo gefalle?» Ma foi! Ce west pas mal!» verſetzte ich ihm.„Beſ⸗ ſer wäre es aber doch jedenfalls, wenn Sie ſich ankleide⸗ ten, oder ſonſt auch ganz zu Bette gingen.» (Dazu bleibt mir leider keine Zeit mehr», verſetzte er beſtimmt. Ich muß mich in wenigen Minuten hier aus dem Fenſter ſtürzen la téte la première. (So eilig?* fragte ich verwundert; aber ganz ernſt; denn ich merkte wol, daß der arme Menſch irre rede.“ Ja, ſo eilig! Und was noch mehr iſt, Sie ſollen ſich zugleich mit mir ſtürzen, damit wir vereint auf die Straße herabfallen. Wie werden ſich die Leute unten verwundern!» (Ja wohl, werden ſie das!— Könnten wir aber nicht bis morgen warten, das Wetter iſt dann vielleicht ſchöner.» 62 Was thut uns das Wetter!“ ſagte er ärgerlich. (Je ſchneller, je beſſer. Es verlangt mich, uns fallen zu ſehen.» (Gut! So laſſen Sie uns ſpringen. Ich muß aber doch erſt von meiner Tochter Abſchied nehmen?» (Hm!— Er ſchien bedenklich.„Dagegen läßt ſich freilich nichts einwenden. Sie verſprechen mir aber, wie⸗ derzukommen.* (Das verſteht ſich!» (Geben Sie mir es ſchriftlich.» „Ich ſuchte nach einem Blatte Papier umher und ſtellte ihm einen Revers aus, daß ich in einer halben Stunde ſpäteſtens zurück ſein würde, um mich mit ihm aus dem Fenſter zu ſtürzen. Er nahm das Blatt, faltete es ſorg⸗ fältig zuſammen, legte es unter ſein Kopfkiſſen, und ſagte dann zufrieden: Jetzt können Sie gehen.» „Wer war froher als ich, ſobald ich die Thüre hinter mir hatte! Ich lief hinunter zum Doctor, erzählte ihm den Vorgang und rieth ihm, ſich nach Beiſtand umzuſe⸗ hen, weil er allein nicht im Stande ſein würde, einen total Verrückten zu bezwingen.— Ein paar Bekannte wurden ſchnell aufgetrieben, und mit dieſen vereint begab ſich der Doctor in das Zimmer ſeines Bruders, und nur mit Mühe gelang es hier den vier ſtarken Männern, ſich ſeiner zu bemächtigen und ihn zu binden. Ich lauſchte an der Thüre und wartete mit Angſt des Ausgangs der Scene. Endlich wurde Alles ſtill. Erſchöpft von der An⸗ ſtrengung des Widerſtandes, war der Kranke in einen lich zu di gerlich. fallen aber ßt ſih er, wie⸗ d ſtellte Stunde us dem es ſorg⸗ nd ſagte e hinter lte ihn umzuſe⸗ e, einen Belannte t begab und nu ern, ſic lauſe angs der der An⸗ neinen 63 leichten Schlummer verſunken, von deſſen beruhigender Wirkung man das Beſte für ihn hoffte.— Seine Wäch⸗ ter blieben bei ihm auf der Erde liegen, dem ganzen Hauſe wurde Stille empfohlen, und ich ſelbſt begab mich in mein Zimmer, um wo möglich ein wenig zu ruhen.“ „Nach Mitternacht erweckte mich ein furchtbarer Schrei. Ich fuhr in die Höhe und wollte eben mein Bett ver⸗ laſſen, als der Diener in mein Zimmer ſtürzte und mir zurief, daß man den Kranken, der erwacht ſei, nicht bän⸗ digen könne, daß er ſeinen Bruder bei der Kehle halte und mit hähmiſchem Lächeln zu erdroſſeln drohe, und daß ich doch eiligſt kommen möge, um zu helfen; denn er be⸗ trage ſich immerfort über meine Verrätherei und behaupte, er ſei nur deshalb ſo zornig, weil ich ihn im Stiche gelaſſen.“ „Ich ſandte den Diener fort und fuhr eilig in meine Kleider. Dann trat ich ganz ruhig in das Krankenzim⸗ mer, wo der Wahnſinnige, von vier Männern gehalten, auf der Erde lag und wüthete.«Stille, meine Herren!» rief ich bei meinem Eintritte.„Wie können Sie nur ſo uvernünftig ſein, Mr. Chapel die ganze Nacht munter zu halten, da er doch alle ſeine Kräfte braucht, um, ſo⸗ we es nur Tag iſt, mit mir aus jenem Fenſter zu ſprin⸗ gen? Ich muß darauf beſtehen, daß Sie ihn ſogleich zu Bette gehen laſſen.» (Hören Sie, was Madame Battiſte ſagt? Ich ſoll zu Bette gehen. Ich kann aber nicht ſchlafen, wenn dieſe Männer in der Stube ſind. Ich will zu Bette ge⸗ hen, aber ſie müſſen Alle das Zimmer verlaſſen.» Freilich, müſſen ſie das.» Und ich will die Thüre hinter mir abſchließen.» (Das wird das Beſte ſein.— Da fällt mir eben ein, daß die Stube kein Schloß hat, das ſchließt.— Ich will Ihnen alſo lieber mein Zimmer abtreten, das eine Treppe höher iſt, und wo Sie ſich vortrefflich abſchließen können.“ (Ja, ſagte er,«das gefällt mir. Es iſt doch ganz anderes Reden mit Ihnen als mit dieſen dummen Män⸗ nern, die Alle, ich weiß nicht weshalb, eine wahre Haſen⸗ furcht vor mir haben. Kommen Sie, Madame, ich gehe mit Ihnen die Treppe hinauf, dieſe Leute mögen hier bleiben Und er ſtand auf und nahm meinen Arm.“ „Warten Sie!» fiel ich ein.„Jemand ſoll erſt ein Licht hinauf tragen.“— Ich zündete eine Lampe an, reichte ſie dem ſtärkſten der vier Männer hin, und flü⸗ ſterte ihm zu, unter das Bett zu kriechen.—„So, nun kommen Siev, ſagte ich darauf laut, und wir ſtiegen hin⸗ auf. In dem Zimmer, worin wir jetzt waren, befanden ſich die Fenſter hinter der höher gezogenen Mauer des Hauſes, ſodaß das Hinausſtürzen unmöglich war; dies mein Grund, weshalb ich ihn hinaufführte.— Sowie wir oben waren, verließ er meinen Arm und tanzte in der Stube umher, wobei er Freudenſprünge machte, bei denen ſein Schädel die Decke einzuſtürzen drohte. Endlich holte er mich noch gar zu einer Polka ab, bei der er ſich und mich ſo müde wirbelte, daß wir endlich Beide er⸗ ſchöpft auf einen Stuhl ſanken.—„So! das iſt genug', ſagte ich dann.„Wir müſſen nun ſchlafen, um zu un⸗ ſem Bett zu1 tere ci M W in V en ein, ih will Vpe önnen. ch ganz Nän⸗ Haſen⸗ h gehe n hier ſ erſt ein pe o, nd flä⸗ o, nun en hin⸗ efanden ver des r dies Sowie nite in ſe, hei Endlic t er ſi eide er⸗ genlgv zu un⸗ ſerm Sprunge munter zu ſein. Legen Sie ſich jetzt zu Bette!» (Ja, ſagte er mir nach,(wir müſſen ſchlafen, um zu unſerm Sprunge munter zu ſein?, und ſuchte ohne wei⸗ teres ſein Lager.“ Sie müſſen mir nun noch den Gefallen thun, ſich hier feſtbinden zu laſſen, damit ich darüber beruhigt bin, daß Sie nicht vor mir an den Sprung denken.» „Er ließ es ſich ohne weiteres gefallen, die Hände und Füße an die Bettpfoſten geknüpft zu haben.“ (Nun gehen Sie Alle fort, meine Herren, ſagte ich, cich ſchließe dann ſelbſt die Thüre ab.“— Auf meinen Wink zogen ſich die Uebrigen zurück und wir ließen ihn im Zimmer allein; in welchem nur ein unter dem Bette verſteckter Italiener anweſend war.— Wir hegten jetzt wei⸗ ter keine Beſorgniß. Dem Kranken waren Arme und Füße wohlbefeſtigt, was konnte ihm alſo beifallen?— Ich begab mich in mein Zimmer und ſtreckte mich auf dem Sofa aus. Meine unterbrochene Nachtruhe war nun nicht mehr einzuholen; doch blieb es immer eine Wohlthat, das halbwache Auge zu ſchließen und ſich in bewußte Träume einzuwiegen, ſolange die erſchöpften Lebensgeiſter das Ge⸗ ſchäft des Denkens zu anſtrengend fanden.“ „Früh um 8 Uhr kam der Italiener, den wir unter dem Bette gelaſſen, herbeigelaufen, und klagte mit beſorgter Miene: daß er ſich, durch das Wimmern des Wahnſinni⸗ gen bewegt, verleiten laſſen, unter dem Bette hervorzu⸗ kriechen, und ihn zu fragen, weshalb er ſtöhne, worauf I. 5 66 dieſer erwidert, daß er nicht ſchlafen könne, ohne wenig⸗ ſtens eine Hand frei zu haben. Hierauf habe er dann deſſen Linke von dem Bettpfoſten freigemacht; aber ſogleich habe der Kranke dieſe benutzt, ſeine andern Bande zu löſen, und als er ihn hieran verhindern wollen, habe er um ſich geſchlagen und ihn höhnend ausgelacht, daß er ſich von ihm in eine Falle führen laſſen. Er könne da⸗ her nicht ferner für ihn einſtehen.“ „Ich ſprang ſogleich auf und eilte die Treppe hinauf. Dem Italiener befahl ich, den Doctor indeſſen zu rufen. Als ich an die Thür des Kranken kam, fand ich dieſelbe verſchloſſen. Ich rief. Keine Antwort erfolgte. Eiligſt lief ich nun wieder hinunter und rief die Leute herbei, die die Thüre einſchlagen mußten. Aber das Zimmer war leer. Bleich vor Schreck eilte ich an das Fenſter in der Beſorgniß, daß er ſich von dort hinabgeſtürzt habe und zerſchmettert auf dem Pflaſter liege. Ich hatte in meiner Angſt ganz vergeſſeu, daß ſich von hier keine andere Aus⸗ ſicht bot, als etwa auf die benachbarten Dächer.— Wir eilten nun auf die Straße hinunter. Dort erblickten wir Niemand. Wir ſchauten von da auf das Dach hinauf, aber auch ſo ſahen wir nichts. Wo konnte er ſein? Was war aus ihm geworden?“ „Wir erkundigten uns bei dem Polizeidiener, der die Aufſicht in der Straße hatte, ob er Niemand auf dem Dache wandeln geſehen?— Er ſchüttelte verneinend den Kopf. Wir liefen die Straße auf und ab und zogen über muß entf dier ent kor un gel trat St me wenig⸗ dann ſogleich Ude zu habe er duß er nne da⸗ hinauf. tufen. dieſelbe rbei, die net war in der he und meiner re Aus⸗ — Vir ten wir hinauf, Was det di uf dem end den zogen 67 überall Erkundigungen ein; aber immer ohne Erfolg. Doch mußte er irgendwo ſein.“ „Jetzt ſah ich, ein halbes Dutzend Häuſer von uns entfernt, einen Menſchen, in der Mitte von zwei Polizei⸗ dienern geleitet, aus einer Thüre treten, um in der uns entgegengeſetzten Richtung fortgeführt zu werden. Das konnte er doch nicht ſein?— Er war ja nackt geweſen, und dieſer hatte Kleider an. 4 Jedenfalls mußte ich mich geuauer überzeugen, und durch eine Seitengaſſe biegend, trat'ich ihnen in wenigen Minuten entgegen.— Ein Schrei der Ueberraſchung entfuhr dem Gefangenen bei meinem Anblick, und ſich mit Gewalt losmachend, warf er ſich weinend an meinen Hals und beſchwor mich un⸗ ter Thränen, ihn von dieſen garſtigen Leuten zu befreien.“ „Die Polizeidiener hatten dieſer Scene mit Befremden zugeſehen, die Vorübergehenden ihre Schritte angehalten, und ein Knäuel von Menſchen ſich bereits um uns zu— ſammengezogen. Ich fragte, weshalb man ihn abführe und was man mit ihm wolle, und hörte hierauf, daß man ihn als einen Dieb arretirt. Er war nämlich ganz ruhig aus dem Fenſter auf die ſchmale vorſpringende Mauer geklettert, und auf dieſer, die gleichmäßig über die folgenden Häuſer fortlief, mit wunderbar ſicherm Fuße fortgeſchritten, bis er an ein offenes Fenſter kam, das ebenſo gelegen, wie das meine, ſo bequem zum Hereinſteigen erſchien, wie jenes zum Herausſteigen gedient hatte. Hier kam er nun in das Schlafzimmer eines Herrn, das von ſeinem Eigenthümer ſpeben verlaſſen worden war, und 8* . machte ſich ohne weiteres daran, aus dem Schranke die Kleidungsſtücke hervorzuholen, die zu ſeiner Toilette dienen konnten, und als er dieſe auf das ſorgfältigſte beendet, öffnete er die Thür und ſchritt die Treppe herab, als ob er hier zu Hauſe gehöre. Der Diener, der dieſe fremde Geſtalt herunterkommen ſah, lief zu ſeinem Herrn hinein, der noch beim Frühſtücke ſaß, und berichtete ihm die Märe; dieſer verſchloß die Hausthüre und ſchickte nach der Polizei. Hr. Chapel wollte dieſe nun freilich nicht abwarten, und bewies ſich ſehr zornig, als man ihn des Diebſtahls an⸗ klagte und ihn aufforderte, die geſtohlenen Kleider wieder abzulegen; Herr und Diener hielten ihn jedoch mit feſter Hand, und ſo war denn an kein Entkommen zu denken, bis man ihn glücklich den Händen der Polizei überliefert, die ihn nun in ein Gefängniß führen ſollte. So wie ich dies hörte, erklärte ich ſogleich den Irrthum. Man wollte mir aber nicht glauben. Ich bat dann, daß man mit ihm bis an meine Wohnung kommen möge, wo man ſich überzeugen werde, daß dort ſeine eigenen Kleidungsſtücke ſeien, und wo er ſich gleich vor ihren Augen umkleiden könne, um dem rechtmäßigen Beſitzer ſeine Sachen zurück⸗ zuerſtatten. Dies geſchah;— und als man hier Alles ſo befunden, wie ich beſagt, ſo ließ man ihn, nach eini⸗ gem Bedenken, frei.“ „Da ich allein Gewalt über ihn hatte und ihn zu beruhigen im Stande war, ſo übernahm ich jetzt ſelbſt die Aufſicht über ihn, und wir verſuchten allerlei Heilmittel zu ſeiner Herſtellung.“ nke die dienen beendet, As ob frende hinein, Märe; Polizei. en, und hls an⸗ wieder it feſter denken, rhifert, wie ich n wolle an mit nan ſich ngsſtce mlleiden zurüc⸗ er Ales ihn ſebſ die l 3 ei nittel 69 „Welches war denn die Urſache ſeiner Krankheit?“ fragte ich.„Was hatte ſeinen Wahnſinn hervorgerufen?“ „Die Liebe. Er war Fellow an einem College, und durfte als ſolcher nicht heirathen.“ „Hätte er aber nicht lieber ſeine Stelle aufgeben ſol⸗ len, als ſeinen Verſtand einbüßen?“ wandte eine Dame ein. „Freilich, wenn man immer vorher wiſſen könnte, wo⸗ hin auf die Spitze getriebene Verhältniſſe uns führen können. Jetzt war es aber jedenfalls zu ſpät; denn wel⸗ ches Mädchen wollte ihr Geſchick an einen Wahnſinnigen knüpfen?— Nachdem ich vierzehn Tage lang mit ſeiner Pflege beſchäftigt geweſen, waren meine Kräfte dermaßen aufgerieben, meine Nerven ſo überſpannt, daß ich mit dem beſten Willen nicht weiter konnte und dem Doctor erklärte, er müſſe anderweitig für ſeine Pflege ſorgen, ich ſei dieſer Aufgabe nicht länger gewachſen. Es wurde hier⸗ auf ein Krankenwärter gemiethet, und dieſer mußte ſich mit ihm in einen Wagen ſetzen und ihn auf das Land begleiten, wo er bei ſeinen Verwandten bleiben ſollte.— Dort verweilte er während des Frühlings. Im Septem⸗ ber aber erhielten wir plötzlich einen Brief, daß man es jetzt nicht länger mit ihm aushalten könne, und er mit dem nächſten Bahnzuge in London eintreffen würde, wo der Doctor ihn in eine Irrenanſtalt unterzubringen habe. Ich war gerade allein zu Hauſe. Auf dem Briefe ſtand immediate? und die Hand kennend, hatte ich ihn, ſchon beſorgt, erbrochen.— In zwei Stunden konnte er hier ſein, und ob der Doctor bis dahin nach Hauſe kommen 70 würde, war die Frage. Was blieb mir zu thun übrig, als nach dem Bahnhofe zu eilen?“ „Erwartungsvoll ſah ich dem Zuge entgegen. Er tam. Ich ſpähte an den Wagen umher, und ſah auch alſobald aus einem derſelben den mir wolbekannten Wär⸗ ter nebſt dem Schwager des unglücklichen jungen Mannes hervorkommen; ihn ſelbſt aber nirgends.„Wo haben Sie unſern Kranken?— war meine erſte Frage.“ Wir konnten ihn in keinen Wagen ſetzen», lautete die Antwort,(weil er die Gewohnheit, nackt zu gehenz aufs neue beharrlich verfolgt, und auf keine Weiſe dazu bewogen werden konnte, ein Kleidungsſtück anzulegen. Selbſt der Verſuch dazu macht ihn ſo wüthend, daß wir genöthigt waren, ihn an Händen und Füßen zu binden, um ihn nur zu bändigen.“ „Wo iſt er denn aber?“ fragte ich weiter. „Beim Güterzuge. Wir haben ihn dort in einen der offenen Wagen einſchließen laſſen.“ „Ich begab mich dahin.„Haben Sie einen kranken Herrn?* fragte ich den erſten Conducteur, der mir auf⸗ ſtieß.“ „Er öffnete die Thüre eines Waggons und wies auf einen immenſen Waſchkorb.— Ich blickte hinein.— Da ſaß mein armer Freund nackend, wie Adam, auf dem Grunde deſſelben vergraben.— Ich muß bekennen, daß er ſich ſehr lächerlich darin ausnahm, und daß ich einige Mühe hatte, eine ernſthafte Miene zu behaupten.— Der Korb wurde herausgeſchoben und neben das Gepäck ge⸗ ſtellt Der wag unn mir wa in zu Me ter Gi da die ge er ſei ſal nic K di wi beſ lich übrig, n. Er h auch n Wir⸗ Mannes uben Sie lautete gehen iſe dazu zulegen. duß wir tbinden, inen der kranken nit auß wies auf Do auf den nen, duß ſch inge Pit päck Re⸗ nem ordentlichen maison de santé Aufnahme zu ſuchen.“ ſtellt.— Wie ſollte ich ihn aber von hier fortbringen?— Der Korb war viel zu groß, um in irgend einem Mieths⸗ wagen Platz zu finden, und ſo en naturel konnte ich ihn unmöglich aus demſelben hervorziehen, und ihn neben mir durch die Straßen Londons fahren laſſen. Die Sache war ziemlich embarrassante, das läßt ſich nicht leugnen.“ „Mir blieb endlich nichts weiter übrig, als meinen Korb in einen abgelegenen Winkel, wo keines Neugierigen Auge zu ſpähen kam, tragen zu laſſen und mich als die getreue Meiſterin zu demſelben zu geſellen, während ich den Wär⸗ ter ausſandte, mir einen großen Karren, wie man ſie zum Gütertransport hat, zu beſorgen; und auf dieſen lud ich dann meinen Korb, ſetzte mich daneben, und gelangte auf dieſe Weiſe glücklich mit meinem Schutzbefohlenen zu Hauſe an. Dies mal war ich nun die Ueberraſchende. Als der Doctor zurückkehrte, hieß ich ihn in ſein Zimmer hinauf⸗ gehen, wohin ihm ein Geſchenk getragen worden, und als er dort dieſen enormen Korb erblickte und in demſelben ſeinen Bruder, wie einen gefeſſelten Prometheus ſitzen ſah, konnten auch ſeine Lachmuskeln dem erſten Kitzel nicht widerſtehen. Da er doch endlich einmal aus ſeinem Korbe befreit werden mußte, trat das Lächerliche ſeiner Situativn bald vor der ernſten Sorge in den Hintergrund, die uns das Wie und Wohin mit ihm verurſachte, und wir hatten lange Rath zu pflegen, ehe wir es zu einem beſtimmten Entſchluß über ſein Schickſal brachten. End⸗ lich blieb uns jedoch nichts weiter übrig, als ihm in ei— „Und was iſt ſeitdem aus ihm geworden? Iſt er jetzt wieder hergeſtellt?“ fragte ich neugierig. „Leider nicht! Auch iſt wenig Hoffnung dazu. Er iſt zu Zeiten ruhiger, und kehrt dann zu ſeiner Familie zu⸗ rück, doch kommt ſein Uebel immer wieder, und wird am Ende wol zu einem unheilbaren werden.“ „Und iſt ſeine übrige Geſundheit gut?“ „Vortrefflich.— Das iſt hier aber von keinem Be⸗ lang. Ein Beruf, der ihn mit Gewiſſensſcrupeln ängſtigt, ihn verhindert, ſich ein legitimes Familienleben zu ſuchen, und ein nicht legitimes als Sünde verſchrie, trägt hier die ganze Schuld. Wir konnten das verſöhnende Prin⸗ cip nicht finden, das Himmel und Erde in Einklang brachte, und während wir danach ſuchen gingen, verſtrich die Zeit, und das einmal zerſtörte Uhrwerk ſeines Orga⸗ nismus iſt nun wol kaum noch wieder in den rechten Taktſchlag zu bringen. Wenigſtens werden unſere Hoff⸗ nungen darauf ſchwächer und ſchwächer.“ „Und wo befindet er ſich augenblicklich?“ fragte ich. „Bei einem Arzte auf dem Lande. Er wird indeſſen in drei Wochen nach London kommen, um hier eine be⸗ rühmte Clairvoyante über ſeinen Zuſtand zu conſultiren. Ich werde dann wieder ſeine Hüterin abgeben müſſen. Eine weibliche Hand kann ihn ſtets leiten, während eine männliche ihn zum Widerſtande reizt. Leider aber finden ſich keine Frauen, die ſich dieſem Geſchäfte unterziehen wollen, wenigſtens nicht in den gebildeten Ständen. Die meiſten derſelben ſind dann auch wieder nervöſe und ver⸗ er jetzt Er iſt niie zu⸗ wicd am nem Be⸗ ängſtigt, ſuchen, ägt hier de Prin Einklang „Mſtich es Orgi⸗ n rechten ſere Hof⸗ agte ich. d indeſen reine be⸗ onſultiren. n miſſen. huend eine ber fiden erjthen Die un del. und ver⸗ rathen große Aengſtlichkeit, was ein Geiſteskranker gar nicht verträgt.— Es iſt ein ſchwieriges, aber ſehr inter⸗ eſſantes Geſchäft.— Doch gehört eine ſtarke Geſundheit und große Selbſtaufopferung dazu.— Beſäße ich die er— ſtere, würde ich mich dieſem Fache aus Neigung gewid met haben.“ Eintretender Beſuch unterbrach hier die Unterhaltung. — Thee wurde gereicht, und Jeder richtete ſich nun nur zerſtreut mit dieſer und jener Frage an ſeinen Nachbar. Immanuel Garcia hatte neben mir Platz genommen und ſprach ſehr lebhaft über den Communismus und ſeine Vortheile. Ich hatte ihn früher nie geſehen, und betrach— tete mir daher genau dieſen erſten Geſanglehrer der Welt, dieſen Prince de la musique. Er iſt ein Mann von an ſcheinend 50 Jahren, von mittlerer Geſtalt, ſchlank, hager, mit ſchwarzem Haare, markirten Zügen und dem ſchwarz⸗ braunen Teint des Spaniers. Seine Augen, die klein und dunkel in tiefen Höhlen ruhen, blitzten lebhaft und liefen unruhig umher. Seine Sprache war gewählt und gut, und mit treffender Beredtſamkeit wußte er ein Bild jener Zuſtände zu entwerfen, wo auch die Künſte ein Ge meingut jedes Einzelnen ſind, und Allen die Genüſſe zu Gebote ſtehen, die jetzt das bevorzugte Eigenthum der pri vilegirten Claſſen ſind.— Da ich nicht fertig Franzöſiſch ſpreche, konnte ich mich perſönlich in dieſe Unterhaltung nicht miſchen, noch jene Punkte widerlegen, die mir, als der geſunden Einſicht entgegengeſetzt, beſonders widerſtreb⸗ ten. Ich hörte daher nur wie in einer Komödie: ich 7 ½ ſtellte das Auditorium vor, und klatſchte den handelnden Perſonen innerlich Beifall, oder pfiff ſie auch wol aus, je nachdem ſie meinem Sinne gemäß ſprachen. Landolf, 3 ein großer ſchöner Mann, mit einem langen ſtattlichen . Barte. und dicht bis an das Halstuch zugeknöpftem Rocke, ſaß neben einer hübſchen jungen Dame, und ſchilderte ihr 33 das Ideal eines unabhängigen Lebens, das ſeiner Mei⸗ nung nach im Nichtsthun und einer Eriſtenz beſtand, die au jour la journée angehört. Er hatte den Capitain ei⸗ nes Schiffes gekannt, das an der Küſte von Neapel Schiffbruch gelitten, und der dann ohne weiteres am Ufer des Meeres ein Diogenesleben begonnen, das die ganze Unabhängigkeit des Mannes repräſentirte, und ihn mit jener Würde bekleidete, die nicht einmal von einem Cest a moi wiſſen will.— Eine Mahlzeit iſt in jenem Klima hinreichend, den Menſchen zu erhalten, und dieſe eine be⸗ reitete er ſich ſelbſt am Ufer des Meeres, ſchaute dabei auf die weite Flut, den tiefblauen Himmel, die herrli— chen Ufer, die alle ihm gleich ſehr gehörten, wie dem Er⸗ . ſten und Letzten der Menſchen, und erhob ſich, wenn er 1 geendet, mit einem c'est moi in Blick und Haltung, wie wenn er ein Gott wäre, und winkte mit ſtummer Würde den in Lumpen gehüllten Knaben zu, ſich die Reſte ſeines 3 Mahles zu eigen zu machen. Die Idee dieſer Unabhängigkeit, die den Mann der Wälder repräſentirt, wurde vielfach beſtritten, als der Kunſt, der Induſtrie und der Civiliſation geradezu ent⸗ gegenſtehend. Landolf blieb indeſſen bei ſeinem Satze und woll Urw Vu mit ſtul ndelnden o aus, Andolf, ſtlichen em Roce, lderte ihr ner Mii⸗ tand, die itain ei⸗ Neapel am Ufer ie ganze ihn mit nem Cest m Klima eine be⸗ ute dabei ie herl— dem Er⸗ wenn er ung, wie er Würde ſte ſeines Nann de als der en en Satze und 5 wollte auch jetzt noch das Gluͤck des Menſchen in die Urwälder Amerikas verbannen und dort ſuchen gehen. Louis Blanc, der während der Zeit eingetreten war und mit ſtummer Würde in einem für ihn aufbewahrten Arm⸗ ſtuhle Platz genommen hatte, ſchwieg während der ganzen Zeit und gab durch kein Wort des Für und Wider ſeinen Antheil an dieſer Unterhaltung zu erkennen. Barthelemy, der zehn Jahre lang die Schickſale eines Alamontade ge— theilt, ſaß ernſt da und verzog keine Miene. Ihm mochte, nach dieſer kleinen Erfahrung, die Freiheit des Waldbe⸗ wohners auch vielleicht jedem civiliſirten Leben vorziehbar ſcheinen. Meine Frau erhob jetzt ihre Stimme, und ließ ver⸗ lauten: daß Jean⸗Jacques vielleicht mit Herrn Landolf haben würde. Dieſer Name traf einen verwundbaren plec Bei Nen⸗ nung deſſelben richtete Louis Blanc ſich ſogleich etwas in die Höhe, ſein großes dunkles Auge leuchtete, und ſeine Mienen begannen zu ſprechen, noch ehe die Zunge die Worte gefun⸗ den.— Sein Held mußte in Schutz genommen werden.— Die Damen aber waren nicht ſogleich bereit, dem armen Jacques Alles hingehen zu laſſen; man klagte ihn als Vater und als Gatten an. Louis Blanc nahm auch hier ſeine Partei und ließ die ſocialen Zuſtände und die Ar⸗ muth die ganze Schuld dieſer verfehlten Bürgerpflichten tragen. Er erzählte dann mehrere Anekdoten aus dem Le⸗ ben des ſeltſamen Mannes, die bis dahin noch nicht ver⸗ öffentlicht ſein ſollten, und trug dieſelben mit der ihm ei— genthümlichen dramatiſchen Betonung und Geſticulation vor, die er ſich als Redner des Volkes zur Gewohnheit gemacht, und die auch dem Kleinſten in ſeinem Munde Ge— wicht verleiht.— Da ich ihn heute zum erſten Male ſah, ſo war ich ganz Auge und Ohr; er bemerkte im flüchti⸗ gen Umherſchauen die Geſpanntheit in meinen Mienen, und geſchmeichelt durch meine Aufmerkſamkeit, wandte er mir jetzt oftmals das Auge zu, als gälten ſeine Worte mir noch beſonders.„Wie leicht iſt doch einem großen Manne geſchmeichelt“, dachte ich bei mir ſelbſt, und merkte kaum, wie behaglich es meiner Wenigkeit wurde unter dem leuchtenden Sonnenauge des Redners, mit deſſen Blicke auf mich ſich mir die Blicke Aller zuwandten. „Finden Sie, daß Louis Blanc Aehnlichkeit mit Na⸗ poleon hat?“ flüſterte mir Madame Battiſte zu, die, als geſchäftige Wirthin im Zimmer umherglitt und eben in meine Nähe gekommen war.„Er hält ſich für den na⸗ türlichen Sohn des Kaiſers.“ Dieſe Nachricht war mir neu. Ich muſterte nun, ſo viel es ſich ſchicklicherweiſe thun ließ, le fils de son pere, aus dieſem Geſichtspunkte, und, war es Einbil⸗ dung, war es Wahrheit, mir kamen ſeine Züge immer bekannter vor. Die ſchöne hohe, eckige Stirne, über welche beſchattend das dunkele Haar fiel; die präch— tigen Augen, die feine Naſe!— Nur der Mund paßte nicht in mein Bild. Er war zu groß, öffnete ſich zu breit bei jeder Rede und jedem Lächeln, ermangelte durchaus des Charakters des Beſtimmten, und zeigte wen eine ſu ein lin ſch G zu ne de tu iculation wohnheit unde Ge⸗ Mb ſah, m flüchti⸗ Mienen, vandte er ne Worte n großen nd merkte de unter it deſſen en. mit M⸗ „die, als deben in den ne⸗ terte nun, S de Son es Einbil⸗ ge immer me, übet ie prich und paßte n ſit h mungelte nd eigte 77 wenige häßliche ſchwarze Zähne.— Die Geſtalt war die eines Knaben von vierzehn Jahren, und pafßte ſchlecht zu dem Kopf eines Mannes von fünfunddreißig. Er trug einen grünen Frack mit gelben Knöpfen— ſeine Lieb⸗ lingstracht, wie man ſagt— und braune Glacthand⸗ ſchuhe.— Die Unterhaltung hatte ſich jetzt einem andern Gegenſtande zugewendet, der ihn weniger intereſſirte, und er war wieder in die Ecke ſeines bequemen Armſtuhles zurückgeſunken, wo er ſich, wie es ſchien, mit ſeinen eige⸗ nen Gedanken unterhielt. Mademoiſelle Bertrand war in⸗ deſſen eingetreten, und damit wandte ſich die Unterhal⸗ tung der Oper zu. Cruvelli hieß dort das Stichwort. —„Ceue femme, cest un génie“, ſagte Garcia;„elle fait tout ce qu'elle veut, et sans étudier jamais!“— „Oui“ verſetzte Mademoiſelle Bertrand.„Et quelle voix!“ ſetzte ſie kopfnickend hinzu.„Ces Alemandes! vraiment, la nature a tout fait pour eux, c'est une imagination! un talent!— c'est merveilleux!“ Meine Bruſt hob ſich. Ich hatte nicht geglaubt, daß die fremden Künſtler uns in dieſer Art ihre Anerkennung zu Theil werden ließen. Jetzt zum erſten Male that es mir ordentlich leid, daß ich nicht auch Sänger war. „Monsieur est Allemand!“ bemerkte Madame Bat⸗ tiſte, indem ſie, Mademoiſelle Bertrand anſehend, mit ei⸗ ner artigen Handbewegung nach mir hinwies. „Monsieur est artiste?“ ſagte Jene mit einer leich⸗ ten Verneigung gegen mich. Ich gab mich nicht ohne einige Beſchämung als einen Arzt zu erkennen.— Es ſchien mir jetzt ein recht proſai⸗ 1 ſches, handwerksmäßiges Metier zu ſein. „Ah! Monsieur est médecin. Vous croyez done au magnetism?“ und hiermit war ein neues Capitel aufgeſchlagen, das vielen Anklang fand, und beſonders 3 von der Damenwelt mit lebhaftem Intereſſe vertheidigt wurde. Ich blieb auch diesmal nur Zuhörer und ver⸗ wünſchte dabei tauſend Mal die unſeligen Studien des ſ⸗ Griechiſchen und Lateiniſchen, mit denen ich ein Dutzend Jahre hingebracht, ohne ſeitdem auch nur ein einziges Mal darauf zurückgekommen zu ſein, und die ich jetzt alle für ein paar hundert franzöſiſcher Phraſen hingege⸗ ben hätte. Was thut man mit einer Erziehung, die nur dem todten Buchſtaben gilt! Warum ewig in dem Ver⸗ gangenen wühlen und die warme Gegenwart darüber aus dem Auge verlieren!— Nein!— Das ſchwöre ich mir ſelbſt zu, meine Kinder ſollen ihre Kenntniſſe erſt dem Nächſten entnehmen und von da aus weiter um ſich grei— fen; ſie ſollen ihre Sprache, ihr Land, ihres Volkes Ge⸗ 1 ſchichte vor allem kennen lernen, und kämen ſie darüber auch nie bis zum Sanſtrit und der Sündflut und den Bergen im Monde!— Meine Kinder!— Ach! die Ar⸗ 3 men! Auf engliſchem Boden geboren, würden ſie Englän⸗ der ſein, und das Herz des Vaters war doch ſo deutſch! —„Vous etes triste aujourd'hui“, ſagte Madame Bat⸗ tiſte, der mein zerſtreutes Weſen auffiel. „Verzeihen Sie“, erwiderte ich;„ich dachte nach, wie als einen t proſai⸗ Jet done 3 Coyitel beſonders vertheidigt und vet⸗ dien des Dutzend einziges ich jetz hingege⸗ die wr den Ver⸗ rüber aus e ich mir erſt den ſich grei⸗ oles Ge⸗ e darüber und den die Al⸗ e Englän⸗ o deuſſt! Bat⸗ zuch, wie 79 ich meine Kinder erziehen wollte. Inmitten ſo vieler Ta⸗ lente wird Einem die Wahl ſchwer.“ „Monsieur ant-il des demoiselles ou des gargons?“ fragte Mademoiſelle Bertrand.— Ich lächelte.„Keins von Beiden“, verſetzte ich;„meine Kinder ſind noch Alle ungeboren.“ Die Geſellſchaft lachte. Meine Frau wurde roth. Die Thränen traten ihr in die Augen. Ich brach ſchnell auf, um ſie der Verlegenheit zu überheben, ihrer Gemüthsbewegung Herr zu werden. Madame Battiſte drang in mich, zu bleiben, oder auch wiederzukommen; denn man wollte nun erſt um eine Bowle Punch zuſammenrücken und fröhlich ſein. Ich dankte.— An meinem Ehehimmel war heute keins von Beidem angemeſſen.— Wir ſchieden und wanderten ſchwei⸗ gend nebeneinander unſerer Wohnung zu.— Es war eine ſchöne helle Nacht, die Sterne leuchteten, die Lampen brannten ſo luſtig und eine bunte Menſchenmenge drängte ſich noch dicht in den Straßen. Ich fühlte mich recht allein, unter ſo Vielen recht einſam!— Ein Seufzer ent— ſtieg meiner Bruſt. Sie ſah forſchend in mein Geſicht. „Du ſprichſt ja gar nicht“, bemerkte ſie. „Was ſollte ich denn auch ſagen“, verſetzte ich kleinlaut. „Nun, was du denkſt, natürlich!“ „Hm! Das möchte doch mitunter mislich ſein.“ „Du haſt alſo kein Vertrauen mehr zu mir?“ „Hier iſt ja nicht die Rede von Vertrauen, liebes Kind! ſondern von Gedanken, die Jedem in übeln Stun⸗ den den Kopf durchkreuzen.“ 1„Ja freilich! Wenn du das eine üble Stunde nennſt, an meiner Seite in einer ſchönen Nacht auf der Straße zu wandeln.“ Die Dienerin hatte eben die Thüre geöffnet und da⸗ durch jede weitere Erörterung unterbrochen.— Ich trat in mein Zimuer, zündete meine Lampe an, und machte mich ziemlich verſtimmt darüber her, die während meiner Abweſenheit eingelaufenen Briefe zu eröffnen. Sogar 65 meine Cigarre, die ſonſtige nie vergeſſene Gefährtin nach 3 vollbrachtem Tagewerke, wurde heute von mir vergeſſen, und erſt ſpät noch, mehr aus Gewohnheit als aus Nei⸗ gung, hervorgeſucht. Denn welchen Gedanken ſollte ſie accompagniren? Ich ſetzte mich an das Fenſter und ſchaute hinaus in die helle Mondnacht; aber nicht mehr wie ſonſt, lag der weite Park vor mir, in deſſen Schatten die Armuth und das Laſter ſich gern ein Nachtlager ſucht; nicht mehr wie ſonſt durfte mein Auge von dem Hauſe des Eiſenbahn⸗ königs, das, wie ein babyloniſcher Thurm nach oben ſtrebt, zu der ungeſtalteten Statue Wellington's hinüber— gleiten, und von Architektur und Kunſt zu moraliſchen 3 und pſychologiſchen Betrachtungen übergehen, wie zwei Perſönlichkeiten gleich Hudſon und der Held von Water⸗ loo ſie dem Denker vorhalten. England achtet Den, der 5 zu erwerben verſteht; darum wollte es dem Erſtern ein Monument errichten. Wir Deutſchen begreifen das nicht; Gri ſie ſch ſch m fo eil eln Stun⸗ nde nennſt, der Straße net und do⸗ — Ich trat und machte end meiner Sogar hrtin nach r vergeſſe, s aus Nei⸗ n ſollte ſie hinaus in ſt, lag der rmuth und t mehr wie Eiſenbahn⸗ nach oben es hinüber⸗ noraliſchen „wie wei von Vale⸗ Den, der Erſerm ein ys nicht; 8¹ denn wir ſind kein induſtrielles Volk und können die Größe, die in der Induſtrie liegt, nicht ſchätzen, weil wir ſie nicht kennen. Uns gilt nur der Mann der Wiſſen⸗ ſchaft. Sobald das Wiſſen aber praktiſch nützlich wird, ſchätzen wir es nicht mehr; darum auch ſieht Arnold Ruge mit einer ſtillen Verachtung auf all den materiellen Com⸗ fort herab, der ihm auf allen Schritten und Tritten in England begegnet, und den er, zuſammengenommen, nicht einer einzigen Idee Hegel's werth hält. J ſah jetzt in eine enge Straße hinab. Stiller wurde es hier, ſtiller und nur der langſame Schritt eines Dieners der Gerechtigkeit war endlich noch hörbar, der unter ſeinem Mäntelchen von waſſerdichtem Stoffe, die Arme gekreuzt, bedächtig auf und abſchritt. Gäbe es keine Laſter mehr, ſo käme dieſer Mann um ſeinen Broterwerb. Die Beziehungen des Guten und Böſen ſchaffen einen gar reichen Theile unſerer Beſchäftigungen, unſerer Erwerbs⸗ quellen, und ſind am Ende, zur Ausbeutung unſerer Kräfte, die nothwendigen Hebel; denn wer von uns durchſchaute ſo ganz das wunderbare Räderwerk unſerer Welt? In dieſer engen Straße wohnte ich ſeit meiner Ver⸗ heirathung. Das ſchöne freundliche Stübchen bei der Ge⸗ neralin hatte ich aufgeben müſſen, ſobald ich mir eine Gefährtin zugeſellte, und ich glaube, ich büßte durch die⸗ ſen Zuſatz auch einen großen Theil ihres Wohlwollens ein. Und ſie iſt nicht die Einzige, bei der ich dieſe Ver⸗ änderung ſolcher mütterlichen Sentimens bemerke! Ich möchte wol wiſſen, was dieſe ältlichen Damen darunter haben, wenn ſie der Verheirathung eines Schützlings mit ſolche doch — ter Got gou den ernſ ſein ſolch türl Ge Ke he E 83 ſolchem Miswollen zu ſehen?— Das iſt nicht mütterlich, und doch kann ihre Zuneigung keinen andern Namen verdienen. — Denn— daß ich mich noch in dieſe bemvoſten Häup— ter verlieben ſollte,— nein, nein,— das verlange kein Gott von mir! Das wäre zu ſpaßhaft, trop mauvais gout, und Geſchmackloſigkeit ſoll ja eine der größten Sün— den ſein. Aber, ich lache, und die Sache hat ihre unangenehm b. Stiller ernſte Seite. Ein junger Arzt muß ſich protegiren laſſen, chritt eines ſein Geſchick fordert das, und die weibliche Welt zeigt in örbar, der ſolchen Fällen viel mehr Eifer als die männliche; wie na— Stoffe, die türlich! Denn wer enthuſiasmirte ſich für ſein eigenes äbe es keine Geſchlecht?— Ueberhaupt hat der Enthuſiasmus ſeine Protemwer. Kehrſeite, im Guten, wie im Böſen. Ich, zum Beiſpiel, neinen gar heirathete aus Enthuſiasmus, ich wollte den Erlöſer, den Erwerbs Erretter ſpielen, und berauſchte mich voraus in den Fol gen einer guten That. Und welche ſind dieſe? Ich ſuche ſie vergebens. Johanna iſt nicht glücklich und ich— lei⸗ der dadurch, daß ſie es nicht iſt. Warum aber iſt ſie nicht glücklich? bei der Ge⸗ Dies will ich mir jetzt klar zu machen ſuchen, und n eine un in mein Nachdenken ungeſtört zu ſein, eigens eine friſche ſehr feine Cigarre anzünden. durch die⸗ 2 gohlolens Johanna iſt nicht glücklich. Und doch hat ſie äußer⸗ erer Kräfte, durchſchaute Pelt? neiner Ver dieſe Ver lich über nichts zu klagen. Ich habe ſie einer peinlichen 8 nr 3 Lage entriſſen und ihr Geſundheit und Unabhängigkeit unntn geſichert. Sie iſt mir Dank ſchuldig.— Ach! vielleicht en d 1 iſt dies der verwundbare Fleck. itlings mit 6* — — 8⁴ Ich muß mich einmal an ihre Stelle zu ſetzen ſuchen, wenn ich kann. So ein Weiberherz iſt nur ein gar com⸗ plicirtes Ding, und für den Mann ein kaum zu enträth⸗ ſelndes Räthſel. Johanna iſt mir Dank ſchuldig, und weiß es, daß es ſo iſt. Sie liebt mich.— Wie vertragen ſich dieſe bei⸗ den Empfindungen miteinander?— Ueberaus ſchlecht, glaube ich;— beſonders da ſie ihr Dankgefühl nicht äußern kann.— Sie möchte gern etwas leiſten, gern et⸗ was für mich thnn. Wäre ich krank, ſie würde mich pflegen, wäre ich unglücklich, ſie würde mich tröſten; aber leider! bin ich völlig geſund an Leib und Seele. Nicht einmal ein wenig Weltſchmerz hat die übermüthige Mut⸗ ter Natur mir zugedacht.— Sie kann daher nichts für mich thun; auch gar nichts! In einem Frauenherzen wohnt ein Schatz von Liebe, wenn es ein echtes Frauenherz iſt; nicht ein nach Liebe ſuchendes Weſen, in dem ſich Eitelkeit und Egoismus paaren und nach Erfolgen geizen. Liebe geben, nicht Liebe ſuchen ſoll eine Frau. Meine Johanna beſitzt ein ſolches Herz, das ſich in Wohlwollen auflöſen könnte, und das iſt in meinen Augen ihre ſchöne Seite. Ihr fehlt der Wirkungskreis für dieſes Bedürfniß des Liebeſpendens. In den traurigſten Verhältniſſen fand ſie immer noch Befriedigung in der Sorge für die kranken faſt mutterlo⸗ ſen Kinder, die ihrer Obhut übergeben waren.— Hier bei mir— iſt ſie auf die Sorge für ihre Perſon ange⸗ wieſen. Das erträgt ein Weſen, wie ſie, nicht;— ich ſche ſie bl lieber zu Ma ſie und ich M wa N an etzen ſuchen, in gar com⸗ enträth⸗ ß es, daß es ich dieſe bei⸗ aus ſchlecht, gefühl nicht en, gern et⸗ würde mich röſten; aber eele. Nicht üthige Mut⸗ er nichts für von Liebe, nach Liebe d Egoismus geben, nicht nn beſizt ein könnte, und fehlt jebeſpenden innr nch faſt mitrlo⸗ ren.— Hier hſon auge icht;— ich 85 ſehe das jetzt deutlich ein. Ich gehe meinem Berufe nach, ſie bleibt daheim und weint. Weshalb?— Weil ſie den lieben langen Tag vor ſich hat, ohne ein Geſchäft, bei dem ihr Herz betheiligt wäre.— Hätte ſie Kinder, ſo wäre ſie geborgen. Aber ſo?.... Ich muß ein Mittel finden, um Johanna glücklicher zu machen. Ich muß für ſie denken; denn ich bin der Mann. Mich damit beruhigen, wie ſo Viele es thun, daß ſie Alles habe, was eine vernünftige Frau wünſchen könne, und daher zufrieden ſein müſſe— das kann und will. ich nicht. Wozu wäre ich denn auch ein Arzt.— Ein Arzt der Seele, des Herzens, wie des Körpers. Denn was iſt das Eine ohne das Andere?— Und wen die Natur ſo oder ſo organiſirt, wem ſie ein ſolches Tempe⸗ rament und ſolche Anlagen gegeben, wie kann der anders als ſeiner Natur gemäß bedürfen und dieſen Forderun⸗ gen entſprechend glücklich oder unglücklich ſein? Die Menſchen ſind unduldſam gegen einander, nicht aus Uebelwollen, ſondern aus Unwiſſenheit. Würden die Naturwiſſenſchaften mehr getrieben, ſo herrſchte auch grö⸗ ßere Nächſtenliebe, größere Nachſicht, größeres Geltenlaſ⸗ ſen des Andern. So aber iſt es immer das Ich, das den Richter ſpielt. Ich liebe dies; wie kannſt du es haſ⸗ ſen! Ich glaube dies; wie kann Jener es nicht glauben! Ich verehre ſo, da muß die Menſchheit mir in meiner Kniebeugung Recht geben.— Als ob die Allmacht ſich an einem Typus für die ganze Menſchheit begnügt hätte, als ob die große Schöpferin Natur nicht eben in der 86 großen Mannichfaltigkeit ihre Größe bewieſe! Sowie kein Blatt dem andern gleich kommt, ſo auch prägt ſich auf jedem Menſchenantlitze ein Verſchiedenartiges aus, das zu erkennen, zu verſtehen, zu ſchätzen, die Aufgabe des Pſy⸗ chologen iſt. Betrachten wir unſer ganzes Geſchlecht wie eine große Heerde, in der nur ein Gedanke, ein Wollen, ein Glau⸗ ben, Denken, Wünſchen, herrſcht— wie unendlich ver— kleinert erſcheinen wir uns dann. Wie Körnchen einer Maſſe— etwa wie das Ei im Fiſchrogen. Wüßte Jeder zu erkennen, was die Bedürfniſſe ſeiner Natur ſind, wie viel mehr befriedigte Menſchen würde es auf der Erde geben. Der Einzelne ſchwämme dann auf dem Strome ſeines Lebens fort, ohne ſich in die Fahr⸗ waſſer des Andern zu verlieren und an von ihm unge⸗ kannten, ungeahnten Klippen Schiffbruch zu leiden. Die Erkenntniß ſeiner ſelbſt iſt aber keine leicht gewonnene Einſicht; beſonders ohne die noch immer fehlende Nach⸗ hülfe von außen, ohne die Kenntniß ſeiner Organe, ſei⸗ ner phyſiſchen Beſchaffenheit, ſeines Seelenvermögens. Lehrer, die uns darauf hinwieſen, haben wir nicht.— Man feſſelt den Knaben Jahr nach Jahr an ſeine Schul⸗ bank, um ihn mit alten Sprachen zu quälen, die noch nie einen Achilles gebildet oder einen Plato. Das Verſtänd⸗ niß des Lebens eröffnet ihm Niemand. Seine Stellung zur Welt, zu den Menſchen, die Aufgabe, die er zu löſen hat, das eigentliche Wirkliche an ihm und für ihn, das bleibt ihm ewig fremd. Der Knabe wächſt zum Jüng⸗ 87 41 Sowie kein ling heran und nährt ſich von Träumen und Idealen, gt ſich auf die dann dem Berufe des Mannes feindlich entgegentreten aus, dus zu und ihm das Leben zur Plage machen. Er findet die be des Pſy⸗ Verſöhnung nicht zwiſchen der Realität und der Welt ſei⸗ ner Träume, und wird mismuthig. Dieſe Periode raubt e eine gwoße ſeine beſten Mannesjahre. Eingeſchläfert endlich durch das Alltagsleben, den Eheſtand und Sorgen, finden wir ihn als Philiſter wieder, dem ſeine Scholle theurer iſt als das Weltall, der auch nicht einen Tag ſeines Lebens an die Wiedergeburt ſeiner Jugendträume ſetzen möchte. Das iſt Deutſchland, das das Bild meiner Freunde und Ju⸗ gendgefährten. Gottlob!— ich habe mich dem entzogen und mich auf einen Boden verpflanzt, wo ich als Menſch fortleben kann und den Philiſter nicht fürchte. ein Glau⸗ lendlich vet⸗ nchen einer fniſſe ſeiner n würde es e dann auf n die Fahr⸗ ihn unge⸗ Jetzt will ich zur Ruhe gehen und morgen mit mei⸗ leiden. Die ner Johanng ſprechen. gewonnene 1 lende Nach⸗ rgane, ſü⸗ nvermögens. ir nicht.— ſeiue Schul die noch nie us Verſtün⸗ ne Stlung n j liſen it ihn, das un Jing Ich bin heute vielfach in Anſpruch genommen worden, habe ſelbſt nicht einmal zu Hauſe ſpeiſen können, und daher meine Frau gar nicht geſehen.— Es ſind mehrere neue Kranke hinzugekommen, worüber der Arzt ſich freuen muß, was auch der Menſch dagegen einwende. Cauſſi⸗ diere hat mich rufen laſſen— vielleicht weil ich ihm ganz nahe wohne; denn ſonſt wüßte ich keinen Grund, wes⸗ halb er ſein gutes Franzöſiſch gegen mein mittelmäßiges Engliſch austauſchen ſollte. Es ging aber über Erwarten gut und wir verſtanden uns vortrefflich; ob aber zu ſei⸗ ner Zufriedenheit, das bezweifle ich. Ich verordnete ſtrenge Diät, Enthaltſamkeit, zwei Forderungen, die mir ſeine enorme Corpulenz abnöthigte. Sein Schlund war bereits ſo überwachſen, daß ſeine Stimme nur noch wie ein ſanf⸗ tes Röcheln hervordrang. Ich kann den ganzen Mann nur mit unſerm jungen Hippopotamus vergleichen! Er handelt mit Wein— ein gefährliches Geſchäft für man⸗ ches Temperament.— Und ein ſonderbares für den Er⸗ 89 präfecten von Paris. Die Revolution hat ſich doch ei⸗ genthümliche Männer geſchaffen, und an der Form dabei wenig Anſtoß genommen. Die kleine Duodezausgabe des Louis Blanc und den enormen Folianten Cauſſidiere— Extreme, qui ne se touchent pas, wie ich beſorge;— denn beide Männer ſehen ſich nicht.— Die Zeit, die ſich in ſolchen Individuen repräſentirt, ſcheint mir groß im Kleinen und klein im Großen. Ich habe das witzig aus⸗ gedrückt, glaube ich; doch kann ich mich irren. Es gibt ſo viele Witze, die man nur ſelbſt verſteht, nur ſelbſt be⸗ en worden, lacht; ich muß daher nicht erwarten, daß die Kinder mei⸗ nnen, und ner Laune alle Sonntagskinder ſind. nd mehrere Ich hätte die größte Luſt, dem Cauſſidiere die Waſ⸗ ſich freuen ſercur anzuempfehlen, wenn dieſer Rath nur Glück bei e. Cauſſ⸗ ihm machen wollte. Er müßte denn freilich auf das Land 1 h ihn gan gehen und das Koſten ſeiner Weine einem Stellvertreter und, wes⸗ überlaſſen, wozu er ſich vielleicht nicht gern entſchlöſſe. 1 telnßiges Und er hat Recht. Niemand würde darin ſeine Stelle Erwarten erſetzen. aber ju ſi⸗ Noch eine neue Kranke habe ich, die mir ſehr intereſ⸗ 3 nete ſtrenge ſant iſt— eine Engländerin, eine ältliche Dame, die ſehr nir ſine ſchön geweſen ſein muß und ausgezeichnet anmuthige war bereits Farben hat. Sie hat faſt alle Aerzte Londons verſucht i in juß⸗ und ohne Erfolg; ſie zu heilen, darf ich mir daher auch A Mun nicht ſchmeicheln. Ohne Zweifel gehört ſie zu den mala- aiten 6 des imaginaires.— Man kann nicht zwanzig Jahre lang nur von Arznei leben, und doch noch leben, wenn wirklich ein t für nun⸗ ernſthaftes Uebel da iſt. ir de 90 Sie bewohnt ein ſchönes Haus und gehört zu den Familien, die durch lang beſeſſene Familiengüter einen Namen haben, der ſie in die ſogenannte gute Geſellſchaft einführt; die aber eigentlich, moraliſch genommen, die ſchlechteſte iſt und Mephiſtopheles zum Portier angenom⸗ men hat. Als ich ſie zum erſten Male ſah, war es auf dem Lande; denn ſie weilt nie lange auf demſelben Flecke, und bewohnt nicht gern länger als ſechs Monate ein Haus. Bei meinem Eintritte in den Salon ſaß ſie in einem Armſtuhle mit einem Tiſchchen vor ſich, worauf ein paar Tauſend Pillen lagen, die ſie jede einzeln von Schimmel reinigte. Ich rückte einen Stuhl neben ſie und äußerte meine Verwunderung über dieſe ſeltſame Arbeit. Sie erzählte mir, daß ſie immer mit einer kleinen Haus⸗ apotheke reiſe, und dieſen Vorrath eines beſondern Medi⸗ caments anfertigen laſſen, um auf einer Reiſe auf dem Continente damit verſehen zu ſein; die Pillen wären aber zu feucht geweſen und jetzt ſchon in dem Glaſe mit Schimmel überwachſen. Um ſie dennoch gebrauchen zu können, reinige ſie ſie jetzt und trockne ſie dann an der Sonne. Ich hatte während dieſes kurzen Zwiegeſpräches mein Auge mitunter auf ſie gleiten laſſen. Sie war wol in den Funfzigen und ungemein hager; doch die ſorgfältigſte Toilette und etwas Schminke verdeckten gar Vieles, und ein Paar ausdrucksvolle große blaue Augen, ein vielſagendes Lächeln, bei dem ſich die prächtigſten Zähne— Kunſtproducte, das verſteht ſich tt zu den iter einen Geſelſchaft mmen, die angen⸗ var es auf ben Flecke, Nonate ein ſaß ſie in , woruf inzeln von en ſie und me Mlbeit. nen Haus⸗ dern Medi⸗ ſe auf dem llen wäten Glaſe mit rauchen ſu ann an det iegepriches Sie wat doch die e verdecken gwße llaue ſih die uſeht ſch — präſentirten, machten ihr Geſicht angenehm und au⸗ ziehend. Wir gingen nun zu ihrer Krankheit über. Sie war ſehr beredt über dieſen Gegenſtand und ſprach von ihrem Uebel mit der Sachkenntniß eines Arztes. Ich bemerkte, daß ſie die Medicin als Wiſſenſchaft betrieben und an ſich erperimentirt hatte. Arme Frau! Was mochte denn ihr Lebensgang geweſen ſein, um ihrer Energie und ihrem Geiſte nur dieſe Sphäre der Thätigkeit zu bieten?— Ihr eigener Amboß zu ſein, ſich lebendig in einen Cadaver um⸗ zuwandeln?— Beim Himmel! Ich gebe Plato Recht. Wüßte ich mir doch auch keine ärgere Strafe zu denken als ein Weib zu ſein; d. h. ein denkendes Weib. Das muß ja nothwendigerweiſe auf Thorheiten verfallen, weil ihr jede Beziehung für ein vernünftiges Denken abgeſchnit⸗ ten iſt. Lady Spencer ſchien befriedigt von ihrem neuen Arzte, der einen ſo aufmerkſamen Zuhörer abgab, und bei ihren Mittheilungen nie ſeine Uhr hervorzog. Sie bat mich, täglich wiederzukommen. Solange ſie auf dem Lande blieb, ließ ſich das nicht einrichten, und ſie mußte ſich wöchentlich mit einer nicht gar langen Viſite begnügen; ſowie ſie aber in die Stadt zurückkehrte, kam ich dieſem Wunſche nach und benutzte die Stunden, die ich mit ihr zubrachte, mir aus ihrer Vergangenheit alle Umſtände mittheilen zu laſſen, die ein Licht auf ihre gegenwärtige Lage werfen konnten. Ich wollte hierin nicht ſowol dem Arzte als dem Pſychologen genügen, der in mir immer 92 die vorherrſchende Rolle ſpielt, und auf ſeinen Milchbru⸗ der mit einer Art ſtiller Verachtung herabſieht, in dem Bewußtſein, wie wenig derſelbe ohne ihn leiſten kann, wenngleich er den Namen führt und das Haus erhält. Lady Spencer war Witwe und beſaß mehre Söhne, die alle erwachſen waren und nicht mehr bei ihr lebten. Sie war von Geburt eine Irländerin von Stande, und ausgezeichnet ſchön geweſen, wovon ihre Züge vollkommen die Spuren trugen. Auch zeigte ſie mir ein Miniatur⸗ bild, das ſie in ihrem 16. Jahre darſtellte, mit dem Ti⸗ tuskopf, den bloßen Armen und der kurzen Taille nach der Mode jener Zeit. Die großen blauen lang geſchnittenen Augen lächelten ſchelmiſch, die volle Wange zierte ein Grübchen, den zarten Teint überhauchte ein natürliches Roth; ſonſt war das Geſicht in Zügen und Ausdruck noch ganz daſſelbe. Der Vater von Lady Spencer hatte ſeinen Töchtern kein Vermögen zu geben. Den Grundbeſitz erbte der äl⸗ teſte Sohn, baares Capital beſaß die Familie nicht, und konnte auch nicht erübrigt werden, weil der Zuſchnitt des Haushaltes der Art war, daß das Ende jedes Jahres immer noch ein Deficit in der Kaſſe erblickte. Den Mäd⸗ chen war daher für ihre Zukunft keine Ausſicht geſtellt als eine Heirath. Sie wußten das, und bereiteten ſich darauf vor. Daß ſie im Fall der Noth es hätten vor⸗ ziehen ſollen, lieber ihren Unterhalt auf irgend eine Art zu gewinnen, als einem ungeliebten Manne ihre Hand zu reichen, fiel ihnen nicht ein. Die Mädchen von guter Fumi jetzt. hina zun länd ſolch Ver gew zoge L mit mac Arz der na der dal Di ge zur erf ſie ni oh Se gen bru⸗ dem tunn, ü. öhne, ebten. „und mmen igtur⸗ 1Ti⸗ h der tenen ein liches k noch chtern et äl⸗ und it des hres Mäd⸗ eſtlt nſih 1 vol⸗ Mt Hand guter 93 Familie dachten damals ſo wenig an dieſe Aushülfe wie jetzt. Ihre Unabhängigkeit aufzugeben oder ſelbſtändig hinauszutreten, und ein Talent als Erwerbszweig geltend zu machen, dies überlebte eine wohlgeborene junge Eng⸗ länderin nicht.— Es findet ſich daher auch kaum ein ſolcher Fall. Immer wird eine Abhängigkeit von reichen Verwandten, die aus Familienrückſichten eine Unterſtützung gewähren, oder eine Heirath mit qui que ce soit vorge⸗ zogen, wenn der Mann nur etwas Vermögen hat. Lady Spencer glaubte, mich als Fremden weitläufig mit dieſen Zuſtänden der engliſchen Geſellſchaft bekannt machen zu müſſen; doch hätte es deſſen nicht bedurft. Als Arzt wurde mir das exceptionelle Vorrecht, in das Innere der Familien zu ſchauen, und den Vorhaug von manchen nationalen Eigenthümlichkeiten zu lüften, die dem Auslän⸗ der ſonſt ein eleuſiſches Geheimniß bleiben. Es war mir daher auch ganz bekannt, daß dieſe wohlgeborenen jungen Dämchen qui que ce soit heirathen; nur nicht einen jun⸗ gen deutſchen Arzt. O demüthigendes Geſtändniß! aber zur Ehre der Wahrheit muß es gemacht ſein, ich habe es erfahren, was die Liebe einer jungen Miß bedeutet, wenn ſie öffentlich vor die Welt hintreten ſoll mit dem Bekennt⸗ niß, daß ſie ſich einen jungen blonden Teutonen zum Gatten erwählt. Sie thut es nicht. Sie ſchämt ſich, ohne ein„Establishment“ zu eriſtiren. Sie iſt wie eine Schnecke, ſie muß ein Haus über ſich haben, das ihr ei⸗ gen gehört; ein chambre- garnie tritt wie eine Wolke vor die Sonne ihrer Liebe. Sie wählt einen alten Mann mit einer großen Perücke, der ihr Rococomöbel und Die⸗ ner gibt, und— ſendet ihm, den ſie liebt, ſein Bild zu⸗ rück, mit der Bitte, ſie zu meiden, ihr die harte Pflicht ihres Lebens nicht zu erſchweren. Da hänge ich nun. Geſchmack hat ſie nicht gezeigt, das muß mein Feind bekennen; denn ich bin wirklich, wie man ſo ſagt, ein hübſcher Junge!— Sie hat mir ſehr weh gethan, ſo weh, daß ich ihr nicht verzeihen kann; denn ſie hat mich gezwungen, den Gegenſtand meiner Liebe nicht mehr achten zu können. Es hat mir manche Cigarre gekoſtet, ehe ich mir das Herz wieder leicht ge⸗ blaſen! Doch zu Lady Spencer zurück. In ihre Jugend fiel die erſte Erportation junger Britinnen nach Indien, ihr Vater fand es daher angemeſſen, ſeine ſchönen, aber un⸗ bemittelten Töchter gleichfalls dahin zu verſenden, als auf den Markt, wo ſolche Waare ſich am ſchnellſten abſetzt. Dies geſchah denn auch.— Ein weitläufiger Verwand⸗ ter— vielleicht auch gar nur ein Bekannter— wurde aufgefordert, die jungen Mädchen in ſeinem Hauſe aufzu⸗ nehmen und in der Geſellſchaft vorzuſtellen, und als ſeine zuſagende Antwort einlief, wurde ſchnell ein Trouſſeau beſtellt, und das erſte abgehende Schiff ſah die beiden ſchö⸗ nen Mädchen an Bord. Lady Spencer war 15 Jahr alt, ihre Schweſter hatte eben das 16. zurückgelegt. Voll fro⸗ her Lebenshoffnungen und mit dem Muthe der Unerfah⸗ renheit verließen ſie den heimiſchen Boden und eilten einer fremden Welt zu, wo ſie allein über ihre Zukunft beſtim⸗ men ſe nals gier b täglich verbri rück, Triur als ei zen ih D lag v der N der I der 6 dieſe dem zuß ten vege Drie zur) ſich ihrer lung chen cer's das Die⸗ zu⸗ ſlicht cgigt, hwie ſehr kann; teiner anche ge⸗ dfil ihr tun⸗ s auf bſetz. wand⸗ wurde außſu⸗ ſeine uſſeau ſchi⸗ Jahr ll fw⸗ erfih⸗ einer ſtim⸗ men ſollten. Die Fahrt währte lange; denn es gab da⸗ mals noch keine Dampfſchiffe, und mancher junge Paſſa⸗ gier büßte ſchwer das Vergnügen, hier Monate lang in täglichem Beiſammenſein mit dieſen ſchönen Mädchen zu verbringen. Lady Spencer rief ſich gerne dieſe Zeit zu⸗ rück, wo das zur Jungfrau erwachende Kind ſeine erſten Triumphe feierte, und ich merkte wohl, daß ſie ſich ſelbſt als eine kleine Coquette erkannte, die ſich mit kaltem Her⸗ zen ihrer Opfer freute. Die weite Reiſe war endlich zurückgelegt und Kalkutta lag vor ihnen, das beide Schweſtern mit der Erwartung der Neugierde betrachteten. Sie blieben am Bord, bis der Freund ihrer Familie ſie abholte, und fuhren nun an der Seite dieſes neuen Beſchützers zum erſten Male durch dieſe weitläufige Stadt, in der Jede von ihnen nach dem Manne umherſpähte, der ihr ein ſchönes Vermögen zu Füßen legen würde. Sie hatten die ſchönſten Toilet⸗ ten mitgebracht, erhielten Bedienung wie Fürſtinnen und vegetirten in lururiöſer Apathie, wie dies das Klima des Orients bedingt. Die Nacht wurde zum Tage, der Tag zur Nacht, ſie erhoben ſich nur von ihren Ruhebetten, um ſich zu Feſten anzukleiden, und empfingen die Beſuche ihrer Anbeter, während braune Dienerinnen ihnen Küh⸗ lung zufächelten.. Nicht ſechs Monate waren vergangen, und beide Mäd⸗ chen hatten das Loos ihres Lebens geworfen. Lady Spen⸗ cer's Wahl war auf einen jungen Advocaten gefallen, der das Richteramt verſah, und ihre Schweſter hatte ſich für r——— —————————— —— —— 96 einen Offizier entſchieden, den ſie ſogleich in eine ferne Garniſon begleiten mußte. Beide hatten ſich verheirathet, ohne von der Ehe einen Begriff zu haben. Sie ſuchten nur eine volle Börſe und einen beſtändigen Anbeter; daß ſie ſelbſt aber etwas leiſten ſollten, fiel ihnen nicht ein. Dennoch ging Alles vortrefflich. Herr Spencer— er er⸗ hielt ſeinen Titel erſt ſpäter, als er ſeine Dienſtjahre voll⸗ bracht— betete ſeine Frau an, und liebte ſie mit jener blinden Liebe, die Alles nachſieht, bis zum Ende ſeines Lebens. Seine Einnahme war bedeutend groß, jeder Wunſch konnte befriedigt werden, jede Laune fand vor ihm ein williges Ohr. Er war ein durchaus edler Menſch, ohne allen Egoismus. Lady Spencer war noch ein Kind, als ſie ſich verhei⸗ heirathete, und verbrachte die erſten Jahre ihrer Ehe mit Putz und Tändeleien. Später, nach der Geburt eines Sohnes, kränkelte ſie, und griff nun in einſamen Stunden nach Büchern. Sie war von der Natur mit vielem Geiſt und Schönheitsſinn ausgeſtattet; beſaß aber keinen Ver⸗ ſtand. Sie lernte daher nie, was ſie geleſen und gedacht, nützlich auf das Leben anwenden und blieb ſtets ein lie⸗ benswürdiges Kind, das jedem Impuls gehorchte. Einer reizenden jungen Frau ſieht man Alles nach; ſelbſt ihre Thorheiten. Was ſie daher auch erſann und anſtellte, es fand Alles Beifall und ſie erhielt nur Lob. Zehn Jahre waren ihr auf dieſe Weiſe vergangen, ſie hatte ihr fünfundzwanzig⸗ ſtes Jahr zurückgelegt, da heiſchte die Geſundheit ihrer jetzt zu der Zahl drei herangewachſenen Söhne das Klima Eu⸗ ropus, begleit und e Klein L ßem freute nen. aus d gebrac Lben treten wiſſen lichen ein nie d ſtelle meſſe N rüſtet Haus Eine weiht Unge lette erſte( täuſcht (omme l. e fetne eirathet, ſuchten et; daß icht ein. er er⸗ hre voll⸗ nit jenet e ſeines jedet and vor Menſch, h vechei⸗ Che nit rt eines Stunden em Geiſt uen Ver⸗ gedacht ein lie⸗ Eiiner lbſt ihr ſellte, re waren wnig⸗ jet jett ma Eu⸗ 97 ropas, und es wurde beſchloſſen, daß die Mutter dieſelben begleiten ſolle, um den Großältern die Enkel zu präſentiren und einen paſſenden Aufenthalt für die Erziehung der Kleinen zu ermitteln. Lady Spencer unterzog ſich dieſem Auftrage mit gro⸗ ßem Vergnügen. Sie hatte London nie geſehen und freute ſich darauf, die weltberühmte Stadt kennen zu ler⸗ nen. Sie war ja überhaupt eine Fremde in der Heimat, aus der ſie nur die Erinnerungen aus der Kindheit mit— gebracht hatte, die ſich vor dem neuen und verſchiedenen Leben zu verwiſchen anfingen. Die Welt, in die ſie dort treten ſollte, kannte ſie nur aus Romanen, und wir Alle wiſſen, wie verführeriſch dieſe uns den Vorhang des wirk⸗ lichen Lebens lüften. Ein Theater hatte ſie nie beſucht, ein gutes Concert nie gehört, und vor allem war ihr nie die Gelegenheit geworden, einen Dichter oder Schrift⸗ ſteller zu ſehen und ihre geiſtigen Fähigkeiten an ihm zu meſſen. Mit reichen Anweiſungen für ihren Bankier ausge⸗ rüſtet, erreichte ſie London und bezog hier ein hübſches Haus in Brook Street. Es war kurz vor der Saiſon. Eine Schweſter ihres Gatten, die in der Stadt lebte, weihte ſie in die Geheimniſſe der faſhionablen Formen des Umgangs ein, und half ihr Equipage, Diener und Toi⸗ lette wählen. Dann wurden Karten abgegeben und die erſte Einladung mit Ungeduld erwartet. Daß ſie ſich ge⸗ täuſcht fand, braucht nicht erſt bemerkt zu werden. Tout comme chez nous, mußte ſie ſich ſagen; denn die Art I. 7 98 des Umgangs und der Geſellſchaft iſt in der ganzen civi⸗ liſirten Welt dieſelbe; hat man eine geſehen, ſo kennt man alle. Doch geizte ſie nach Beifall, und dieſen zu finden, war das Feld neu, und der Erfolg, bei ſo großer Competition, weniger gewiß. Sie wandte daher all ihren Takt und all ihre Schönheit an, um ein paar anſtändige Erobe⸗ rungen zu machen, die ihr vor der Welt zur Ehre gereich⸗ ten, und ſah ſie den Beſiegten dann flehend zu ihren Fü⸗ ßen, ſo— ſchenkte ſie ihm nichts als ein kaltes Wort des Bedauerns. Sie blieb ihrem Gatten unter allen Ver⸗ ſuchungen getreu; aber ohne Verdienſt, denn die Liebe war ihr fremd. Nach zwei Jahren kehrte ſie nach Indien. zurück, wo Herr Spencer ſeine ſchöne Gattin mit offenen Armen em⸗ pfing und ſie mit alter Liebe hegte und pflegte. Sie ſah viel Geſellſchaft bei ſich, empfing viele Herren, ordnete Feſte an und las Romane. Aus dieſen hatte ſie ſich nun auch nach und nach eine Sittenlehre zuſammengeſetzt und eine Religion gewonnen, die nur ihr gehörte. Wie Ari⸗ ſtoteles die Summe aller Tugenden in dem einfachen Spruche zuſammenfaßt:„Thue dem Andern wie du wünſcheſt, daß er dir thue“; ſo hieß ihr Geſetz und ihre Propheten:„Gefalle deinem Nächſten!“ Wir Männer haben es nun freilich ſehr gern, wenn uns ein Weib zu gefallen ſucht; beſonders wenn ſie hübſch iſt. Indeſſen, wenn ich als Ethiker und nicht als Menſch reden ſoll, ſo muß ich ſagen, daß dieſer Grundſatz höchſt geführl endeten gewiß und ſ auch — ſpurle ſchien rinner donna wande wurde eunu verze ergri geiſt nur zwei ſeine zurü L Uebe der vorl gleic don Baſi gel h zen civi⸗ o kennt den war npetition, Laft und e Frobe⸗ e gereich⸗ hren Fü⸗ es Wort llen Ver⸗ die Liebe wück, wo men em⸗ ordnee ſich nun eſett und Wie Ari⸗ einfachen wie du und ihre rn, n 6 Menſch ſiz höcht 99 gefährlich iſt und geradenwegs zur Ausbildung einer voll⸗ endeten Coquette führt. Meine Töchter ſollen ihn daher gewiß nicht lernen, die müſſen mit einem„Thue Recht und ſcheue Niemand“, durch die Welt gehen, ſollte mir auch kein einziger Schwiegerſohn daraus erwachſen. Die Jahre ſchwanden indeſſen hin und gingen nicht ſpurlos an Lady Spencer vorüber. Jüngere Frauen er— ſchienen auf der Bühne und ſpielten die erſten Liebhabe⸗ rinnen, und an den⸗Nebenrollen findet keine einſtige Prima⸗ donna Gefallen. Sie zog ſich daher unter dem Vor⸗ wande der Kränklichkeit von der Geſellſchaft zurück und wurde dann auch wirklich kränklich, in Folge des tiefen ennui, das ſie, ohne fernere Beziehung zur äußern Welt, verzehrte. Eine unbeſchreibliche Sehnſucht nach Europa ergriff ſie. Dort konnte ſie in der Geſellſchaft noch als geiſtreiche Frau den Platz finden, den man in Indien nur der Schönheit gewährt; dort blühte ihr noch eine zweite Jugend und neue Erfolge. Herr Spencer mußte ſeinen Abſchied nehmen und man kehrte nach England zurück. Lady Spencer hatte die Muße während der langen Ueberfahrt dazu benutzt, eine Komödie zu ſchreiben, aus der ſie ihren Mitpaſſagieren dann und wann eine Scene vorlas, die dieſe vortrefflich fanden. Sie hoffte, dieſelbe gleich nach ihrer Ankunft auf einem guten Theater in Lon⸗ don aufgeführt zu ſehen, und dadurch auf einer gewiſſen Baſis in der Welt der Literatur aufzutreten. Ihr Spie⸗ gel hatte ſie belehrt, daß die Reize ihrer Perſönlichkeit im 100 Abnehmen waren, ſie mußte daher als geiſtreiche Frau debutiren, oder ganz von der Bühne Abſchied nehmen. Das Stück, das ſie geſchrieben, hieß:„Der gezähmte Gatte“, und ſollte den Gegenſatz zu dem Schauſpiel von Shakſpeare,„The taming of the shrew“, betitelt, bil⸗ den. Lady Spencer war ſo ſanft auf den Wogen ihres Ehelebens gewiegt worden, ſie hatte nie einen Widerſpruch erfahren, ſich nie in ihrem Wollen beſchränkt gefühlt, daß ſie mit höchſter Nichtachtung auf jede Frau herabſah, die einem andern Geſetze huldigte als dem, welches ihr eige⸗ ner Wille ihr eingab. Sie wollte die Frauen von dieſer Sklaverei emancipirt ſehen.„Und er ſoll dein Herr ſein“, war ein Spruch, von dem Gebrauch zu machen ſie kei⸗ nem Geiſtlichen verzieh. Lady Spencer war herrſchſüch⸗ tig— wie alle eiteln, gefallſüchtigen Weiber es ſind. Sie befahl nie, ſie heiſchte nie; ſie bat auch nicht einmal;— ſie ſchmeichelte nur, liebkoſte nur, beſtürmte mit holden Blicken, machte patte de velours, ſchmollte, wenn es nicht anders ſein konnte, und— erreichte ſtets ihren Zweck.— Sie wünſchte nun, daß alle Weiber auf dieſe echt weib⸗ liche, liebenswürdige, kindliche naive Weiſe ihre Männer beherrſchen ſollten, damit auf dieſe Art das Haus, die Geſellſchaft, der Staat unter ein petticoat-government komme. Ich mußte herzlich lachen, als ſie mir mit rechtem Behagen dieſes Syſtem ihrer Wünſche und Hoffnungen vortrug und ſich für die Civiliſation der Männer goldene Berge davon verſprach. Einen Hercules am Spinnrocken ſete ii böhmi kleinen len ei Heroi diger achten 0 ben S ders g ſolche Geſel rin, ange gefäl then zerin dige ihren mir f auf ſich hat, wird en f he Fran men. ezähmte piel von itelt bil⸗ ſen ihres derſpruch ihlt daß ſah, die ihr eige⸗ on dieſer tr ſein“, ſie kei⸗ uiſchſüch⸗ nd. Sie malz— t holden es nicht Zwed.— cht weib⸗ Männer aus, die ernment rechten frungen goldene nnrodken 401 ſetzte ich ihr entgegen, eine Welt voll Amazonen, einen böhmiſchen Mägdekrieg. Sie gab das nicht zu. Ihre kleinen zart gebauten Coquetten, die nur auf das Gefal⸗ len eingelernt waren, ſollten und konnten durchaus nichts Heroiſches leiſten. Sie ſollten nur eine Art liebenswür⸗ diger Hetären ſein.—„Wer kann aber eine ſolche Frau achten?“ wandte ich ein. Lady Spencer lächelte fein. „Achten?“ verſetzte ſie mit vielſagendem Blicke.„Ha⸗ ben Sie je bemerkt, daß den Männern die Frauen beſon⸗ ders gefallen, die ſie achten können? Wählen ſie etwa ſolche zu ihren Gattinnen? Suchen ſie etwa ſolche in der Geſellſchaft auf?— Als Köchin, Haushälterin, Erziehe⸗ rin, iſt ihnen ein achtungswerthes Frauenzimmer ganz angenehm; als Geliebte, als Frau wählen ſie, was ihnen gefällt, und das ſind unerfahrene junge Mädchen mit ro⸗ then Wangen und ſchmeichelnden Augen; oder auch Tän— zerinnen und Actricen, die ſie anzuziehen verſtehen.“ „Sie haben eine ſehr übele Meinung von uns, gnä⸗ dige Frau“, verſetzte ich halb verlegen, denn ich wußte ihren Einwurf nicht ſogleich zu widerlegen, und es kam mir faſt vor, als ob ſie Recht hätte. „Durchaus nicht, lieber Doctor. Es kommt nur dar— auf an, daß man die Sachen anſieht, wie ſie ſind, und ſich danach einrichtet. Wer zum Beiſpiel eine Tochter hat, ſollte ſie auf das Gefallen erziehen; denn nur ſo wird ſie ihre Miſſion im Leben erfüllen und einen Gat⸗ ten finden, in dem ſie ſich ſtets den Liebhaber zu erhalten verſteht. Glauben Sie mir, das Glück mancher Ehe, ja der meiſten Ehen ſcheitert daran, daß die Frau aufhört, ihrem Manne gefallen zu wollen, und alle kleinen Künſte der Coquetterie ihm gegenüber vernachläſſigt. Das mögen die Männer nicht. Sie wenden ſich dann andern Frauen zu, die ihnen dieſe Aufmerkſamkeit noch ſchenken. Denken Sie nur an die guten, fleißigen, häuslichen, tugendhaften Frauen der Athener, und Sie werden mir Recht geben. — Damit Sie aber doch kennen lernen, wie mein Jeal einer Frau ausſieht, muß ich Ihnen einmal etwas aus meinem Stück:(Der bezähmte Gatte' vorleſen. Können Sie etwa dieſen Abend ein Stündchen kommen?“ Ich willigte ein. Lady Spencer las mir ihr Stück vor, und ich lernte daraus, wie eine Frau ihren Gatten wider Willen zu ihrem Sklaven machen kann. Sie mußte mir indeſſen verzeihen, daß ich mich für ihre Idee durchaus nicht en⸗ thuſiasmirte. Dieſe kirrenden Weiber ſind mir durchaus zuwider, und ich verſicherte Lady Spencer, daß ich ihrer Heldin in den erſten drei Tagen entlaufen wäre Sie lächelte fein. „Ein Mann muß erſt bis über die Ohren verliebt ſein, eh' iſt er nicht zu zähmen“; verſetzte Lady Spencer mit einem ſchlauen Seitenblicke.„Warten Sie den Mo⸗ ment ab, und verſuchen Sie dann einer Kleopatra zu ent⸗ laufen, wenn Sie können.“ Gottlob! ich war in dem Augenblicke in ziemlich ge⸗ ſunder Verfaſſung und konnte mir kaum vorſtellen, wie ein T gun mur ſ ieber Ly hu rei ſtn — . 103 — Che, ja ein Mann in ſolchem Krankheitszuſtande ſeiner Würde ſo auſhött, ganz vergeſſen kann! Die Arzneikunde macht doch immer Künſte nur ſchwache Fortſchritte, weil wir noch gar kein Liebes⸗ fieber heilen können. Lady Spencer überſandte bei ihrer Rückkehr von In⸗ dien ihr Schauſpiel:„Die Zähmung eines Gatten“, an den berühmten Schauſpieler M...., den ſie zugleich um das Vergnügen ſeiner perſönlichen Bekanntſchaft erſuchte. Dieſer machte ihr ſeinen Beſuch und verſprach ihr, das Stück aufmerkſam durchzuleſen. Sie war nun voller Hoffnung und träumte ſich ſchon in die berühmte Frau hinein, die 6 mögen Fren Denlen endhaften t geben. in Meal vas aus Können ſie binnen kurzer Zeit ſein würde. Da kam nach einigen Wochen ein zierliches Briefchen, in welchem Hem M ihr meldete: die Tendenz des Stückes verſtoße ſo durch⸗ aus gegen die nationalen Vorurtheile, daß man es nicht auf die Bühne bringen könne. So leid es ihm thue, ſo dürfe er ſeine Hand dazu nicht bieten. ich lemte Willen zu indeſſen Spener nahm dieſe Nachricht mit höchſtem Un⸗ ig iin willen hin. Ein Land, wo ſie nicht einmal Gehör erhal— Se ten konnte, verlor gar ſehr in ihrer Werthſchätzung, und 4 ſie verzichtete darauf, ſich auf einem ſolchen Boden Gel⸗ tung zu verſchaffen. Sie beſtimmte ihren Gatten nun London zu verlaſſen und mit ihr nach Edinburg zu gehen. Spenet n Ihre Söhne ſollten dort auf der Univerſität ihre Erzie⸗ M⸗ hung vollenden, und ſie wollte indeſſen unter den geiſt⸗ reichen Literaten und Advocaten der ſchottiſchen Haupt⸗ ſtadt einen Kreis wählen, in welchem ſie mit Selbſtbefrie⸗. mich 9. digung nach Anerkennung zu ſtreben vermöchte. llen, wir den rn j u⸗ Geſagt, gethan. Die immer noch ſehr ſchöne Lady Spencer bezog nun in Edinburg ein ſchönes Haus und ſandte Karten umher. Beſuche kamen und wurden erwidert, und bald war ein Kreis gebildet. Die„Zähmung eines Gatten“, war na⸗ türlich mitgebracht worden, und wurde hier in einem klei⸗ nen ausgewählten Cirkel vorgetragen. Man fand die Idee neu; nannte die Ausführung ganz vortrefflich. Das war es gerade, was Lady Spencer in der Beurtheilung ſuchte. Sie belobte die Edinburger wegen ihrer Einſicht, in der ſie den Bewohnern Londons ſo weit voraus ſeien, und daß ſie ohne Vorurtheil mit ihr auf dieſer neuen Baſis einer ſocialen Stellung der Frau ſpeculiren gingen. Sie vergaß, daß ſie die Wirthin war und die Andern ihre Gäſte. Am nächſten Morgen ſandte ſie das Stück an die Theaterdirection ein, mit der Bemerkung, daß es gewiß vor einem großen Publicum denſelben Beifall finden werde, wie in ihrem kleinen Kreiſe. Aber mit Befremden erhielt ſie es ſchon am folgenden Tage zurück, mit der Weiſung: daß ſie unmöglich glauben könne, das Publicum in Edin⸗ burg werde eine atheiſtiſche Tendenz ruhig hinnehmen; auch würde die Geiſtlichkeit ſich ſchnell dagegen erheben. Atheiſtiſch? War denn ihr Stück atheiſtiſch? Freilich!„Und er ſoll dein Herr ſein!“— Wer eine Lehre bricht, der bricht ſie alle. Lady Spencer wurde nachdenklich. Wie ſtand ſie denn zu der Religion? Was glaubte ſie denn eigentlich?— merte ſie de Null Sch meid Sie daß ſucht den fentl mit Spe g un umher. var ein ar na⸗ em klei⸗ und die Dus heilung inſicht, ſeien, neuen gingen. Ander an die gewiß werde, erhielt eiſung: n Edin⸗ auch et eine e denn Sie war ſo jung nach Indien gegangen und dort küm⸗ merte man ſich ſo wenig um die Kirche?— Was glaubte ſie denn eigentlich? Sie ſtellte eine Prüfung an, und das Facit war eine Null. Es wurde ihr nun klar, daß unter den bigoten Schottländern ihre Stellung nicht ſei, und den Schein zu meiden, die Formen zu beobachten, war ſie nicht geneigt. Sie bemerkte, daß man ſich verlegen darüber verwunderte, daß ſie am Sonntage nicht in die Kirche ging; ſie ver⸗ ſuchte es daher einmal, konnte aber kaum bis zu Ende den langen Gebeten zuhören. In England, wo die öf⸗ fentliche Meinung das höchſte Geſetz iſt, muß der Einzelne mit dem Strome ſchwimmen; das erkannte auch Lady Spencer. Sie zog es daher vor, Edinburg wieder zu verlaſſen und einige Zeit in den ſchottiſchen Hochlanden zuzubrin⸗ gen.— Was ſollte ihr auch eine Geſellſchaft, in der ſie ſich nicht frei bewegen durfte, und vor allem, in der ſie die Geltung nicht finden konnte, die ſie ſuchte?— Leeres Stroh mochte ſie nicht dreſchen. Sie zog nun von Ort zu Ort, fand ſich mitunter momentan angeregt, bald aber ſtellte ſich heraus, daß kein inneres Verſtändniß zwiſchen ihr und ihren Freunden ſtatt⸗ fand. Es fehlte ihr die Baſis einer geſunden Moral, an die ſich alles Andere leicht anreiht; ſie war eine liebens⸗ benswürdige angenehme Salondame, aber eine ſchlimme Freundin. Von dieſer Zeit her datirt ſich nun auch ihr fortwäh⸗ rendes Krankſein. Sie hatte in Indien ganz verlernt, von ihren Füßen Gebrauch zu machen, und konnte dieſe Ge— 3 wohnheit auch hier nicht wiederfinden.— Da ſie nun auch geiſtig ſelten angeregt wurde, kein Gemüthsleben kannte, und aller Emotionen des Herzens entbehrte; ſo war es natürlich, daß ihr durch das heiße Klima des 6. Orients entnervter Körper die Folgen ſpürte. Der Ap⸗ petit mangelte, und ſie ſuchte ihn künſtlich zu reizen. Sie ließ ſich lauter delicate Speiſen bereiten, die ihr nicht be⸗ õ p. kamen, und der Arzt ſollte dann wiederherſtellen, was ſ ſie ſelbſt übel gemacht. Natürlich zerſtörte ſie auf dieſe 3 Art im Laufe der Jahre ihre Verdauungswerkzeuge auf 1 das unwiederbringlichſte. Seit ſie aufgehört, durch Schönheit oder Geiſt auf dem Theater der Welt glänzen zu wollen, hatte ſie ihren Ehr— geiz in den einen ihrer Söhne übertragen, der ihr dem Charakter nach am meiſten glich. In dieſem allein lebte ſie nun noch, und ſeine weltliche Stellung war die ein⸗ zi zige Hoffnung ihres Lebens. Sie war ſeine Mutter; ſo ſollte denn der Schimmer ſeines Ruhmes den Abend ihres Lebens erhellen, und noch einmal hoffte ſie durch ihn auf das Theater der Welt zu treten, noch einmal ein glän⸗ zendes Haus zu bewohnen, die bedeutendſten Leute Euro— ſagen zu können,„Der Mann, den ihr verehrt, bewun⸗ dert, um deſſenwillen ihr mir ſchmeichelt, das iſt mein Sohn!“ Er war für die diplomatiſche Carriere beſtimmt, und 1 pas in ihrem Salon zu ſehen, und den Triumph zu feiern, jetzt keht er e antt mil Ve nic ein wa nt, von ſe Ge⸗ ie mun höleben te; ſo ma des Ner Ap⸗ uf dieſe ge auf auf dem en Chr⸗ ihr dem in lebte die ein⸗ tter; ſo d ihres ihn auf in glän⸗ te Eur⸗ feien, hewun⸗ ſt nein nt, und jetzt auf einer Miſſion nach Amerika. Bei ſeiner Rück⸗ kehr hoffte ſie, ihn längere Zeit in London zu ſehen, ehe er einen Geſandtſchaftspoſten an einem europäiſchen Hofe antrat, wohin ſie ihn zu begleiten beabſichtigte. Wenn ſie mir von dieſem Sohne ſprach, glänzte ihr Auge ſtets vor Vergnügen.— Aus ihren übrigen Kindern machte ſie ſich nichts. Sie waren gut; aber unbedeutend, und nur für ein obſcures Leben gemacht. Aber ihr Aelteſter— das war ſeiner Mutter Sohn. Lady Spencer war ſeit einem Jahre Witwe und lebte augenblicklich mit einer Geſellſchafterin allein in einem hübſchen Hauſe in Brompton, einer der Vorſtädte Lon⸗ dons, das ſie möblirt gemiethet hatte, wie das hier ſo gebräuchlich iſt. Sie hielt einen Bedienten, eine Jungfer, eine Köchin, ein Hausmädchen; aber keine Equipage. Wenn der Tag ſchön war, beſtellte ſie ſich einen Broug⸗ ham, einen kleinen zweiſitzigen Wagen, für den ſie eine halbe Guinee für eine Spazierfahrt zahlte.— Der Zu⸗ ſchnitt ihres Hauſes galt unter den Leuten ihrer Claſſe für gering, und ihre Vermögensumſtände wurden mit ei⸗ nem not well oll bezeichnet; ſo groß iſt hier der Lurus unter den gentilen Claſſen. Geſellſchaften gab Lady Spencer nicht. Dann und wann kam ein Bekannter ihres verſtorbenen Mannes, oder ein Freund ihrer Söhne und verplauderte eine Morgen⸗ ſtunde mit ihr, und des Abends zum Thee, den ſie um acht Uhr trank, oder den die Geſellſchafterin wenigſtens um dieſe Stunde bereitete, fanden ſich häufig Couſinen 108 und Vettern und andere Verwandte der Familie ein. Ihre liebſte Unterhaltung ſchien ſie jedoch mit ihrem Arzte zu führen, der nicht oft genug kommen, nicht lange genug bei ihr verweilen konnte. Sie herſtellen zu wollen, fiel mir natürlich nicht ein.— Da hätte ich zugleich befähigt ſein müſſen, ihre Kindheit und ihre Jugend wieder mit ihr zu beginnen, ja vielleicht Mutter Natur ſelbſt zu ſpie⸗ len; denn was hatte ſie an dieſer Frau nicht verſäumt? — Was eine Frau, wie reich ſie auch ſonſt begabt ſei, am wenigſten entbehren kann, ein liebendes Herz! Lady Spencer ſah oftmals noch ſehr ſchön aus, be⸗ ſonders am Abend, wo ihre großen blauen Augen bei lebhafter Unterhaltung oft in jugendlichem Feuer ſtrahlten. Ich begriff jetzt zum erſten Male die neunzigjährige Schön⸗ hert einer Ninon de Lenclos und hätte mich in dieſe Frau verlieben können, wenn ſie mich nicht durch ihre Geſtändniſſe belehrt, daß hier kein Prometheus ſeine be⸗ lebende Wärme eingehaucht.— Sie kam mir wie Undine vor. Ich ſpeculirte oft innerlich, wie ſie ſich wol mit dem Leben abgefunden, wie ihr Abſchied von der Erde ſein würde! Es war Herbſt geworden. Alle Welt hatte London verlaſſen, nur Lady Spencer weilte immer noch. Sie erwartete ihren Sohn. Er hatte geſchrieben, daß er im Laufe des September eintreffen würde, und ſie wollte ihn hier empfangen.— Ihre liebſte Lecture war nun der Paragraph, der die Liſte der angekommenen Schiffe er— hielt, Begr eine entf doch fren völl hine Dhe net ihr be ke vo ſie ha ſo G g Ihre ſe zu geng ſiel fühigt er mit n ſpie⸗ äumt? t ſei, ondon Sie er in wolle n der ſe el⸗ hielt, und täglich, wenn ich eintrat, folgte ihrer erſten Begrüßung ein„Noch nicht da.“ Der October hatte ſeinen Anfang genommen, und eine nothwendige Reiſe mich auf einige Tage von London entfernt. Bei meiner Rückkehr fand ich die Botſchaft vor, doch augeublich in Brompton zu erſcheinen. Eine mir fremde Perſon öffnete die Thüre, und da ich im Hauſe völlig heimiſch war, lief ich ohne Weiteres die Treppe hinauf und trat, ohne angemeldet zu ſein, in den Salon. — Hier war Alles dunkel, und doch war es um die Theezeit. Ich ſtieg nun in den nächſten Stock hinauf und öff⸗ nete leiſe das Ankleidezimmer von Lady Spencer, das an ihr Schlafzimmer ſtieß. Die darin befindlichen Perſonen bemerkten mich nicht ſogleich, und ich gewann dadurch Zeit, die Scene vor mir zu überſchauen. Ein Halbdun⸗ kel herrſchte im Zimmer durch die überſchattete Lampe her⸗ vorgebracht. Lady Spencer ruhte in ihrem Armſtuhle, ſie war geiſterbleich und ſchwarz gekleidet.— Warum hatte ſie gerade heute die Schminke vergeſſen, die ſie doch ſonſt, ſelbſt im Bette, nie aufzulegen vergaß?— Ihre Geſellſchafterin ſaß hinter ihr, den Kopf auf den Tiſch geſtützt, die Jungfer ſtand mit gefalteten Händen vor dem Kamin. Was bedeutete dieſe ſtille, ernſte, ſchweigſame Scene? — Ich trat ein. „Guten Abend, Lady Speneer!“ redete ich ſie an. „Verzeihen Sie, daß ich nicht früher erſchienen bin; 140 ich kehre aber erſt in dieſem Augenblicke vom Lande zurück.“ „Sie können mir auch wenig helfen“, verſetzte ſie bit⸗ ter;„denn die Todten werden Sie nicht wieder erwecken.“ „Mein Gott! was iſt vorgefallen?“ fragte ich be⸗ ſtürzt. „So wiſſen Sie nicht?— Sagen Sie es ihm, Miß Brown; aber ſo, daß ich es nicht höre.“ Die Geſellſchafterin führte mich einige Schritte ſeit⸗ wärts und flüſterte mir zu:„Das Schiff, das den Sohn bringen ſollte, iſt untergegangen.“ „Iſt die Nachricht beſtätigt?“ fragte ich gnnos Sie nickte bejahend. Was war hier zu thun? Was ſollte meine Kunſt hier? Ich blieb zweifelnd und rathlos wie an die Stelle gebannt. „Haben Sie denn nicht gehört, Herr Doctor? So ſagen Sie doch etwas?“ rief Lady Spencer ungeduldig. „Was ſoll ich ſagen, gnädige Frau, als daß ich troſt⸗ los bin, daß ich innigſt bedaure....“ „Das hilft mir wenig!“ verſetzte ſie bitter.„Sagen Sie mir, daß es ein Fortleben gibt! Sagen Sie mir, daß der Name Tod nur ein leeres Wort iſt, das nichts bedeutet als die Umwandlung in eine andere Erxiſtenz. Sagen Sie mir, daß mein Sohn noch lebt, nur nicht in der Ferne, in der ich ihn zu ſehen gewohnt war. Sagen Sie mir das. Beſtätigen Sie mir das als Arzt, und ich will Ihre Hände küſſen.— Gräßlich— wenn er dahin ge⸗ Lande ſi bit⸗ wecken.“ ich be⸗ n, Miß tte ſeit⸗ 1 Sohn los. Kunſt e Stelle r S duldig. ich toſt „Sagen ie mit, s nichts Eriſtenz. nicht i gen Gie ſch will hin ge⸗ 5 111 gangen wäre zur Vernichtung! Gräßlich, wenn dieſer Theil von meinem Leben, wenn dies, mein zweites Ich — nicht fort exiſtirte, wenn er den Fiſchen zur Nahrung geworden, Leib, Seele, Alles miteinander.— Aber, mein Gott, Doctor, ſo reden Sie doch! So beweiſen Sie mir doch durch die Wiſſenſchaft, daß, wenn ein Mann ins Waſſer fällt und den letzten Athemzug unter den Fluten thut, die geiſtige Materie in ihm ſich ablöſt und mit den Dünſten des Meeres hinaufſteigt in den Aether, von Wel⸗ ten zu Welten, bis ſie ein Weltchen findet, wo ſie wieder heimiſch wird, ſich in eine neue Form kleidet und ein neues Leben beginnt. Und dann lehren Sie mich zugleich, wie ich es anfangen muß, um, ihm nach, dieſelbe Bahn zu durchkreiſen, an demſelben Orte Halt zu machen, und auch dort noch den Sohn in ihm zu erkennen.— Oder iſt es vielleicht mit Sohn und Mutter vorbei, für immer vorbei?— Iſt es ein abgeriſſener Faden, der ſich nicht mehr anknüpfen läßt. Bin ich allein hier und allein auch dort— wenn es ein Dort gibt?— So reden Sie doch! So ſagen Sie doch, welche Hoffnungen mir bleiben! So erlöſen Sie mich doch von dieſer Qual einer Speculation, die für mich eine Baſis von Glas hat, die der Glaube heißt.“ „Gnädige Frau“, verſetzte ich mit einer Thräne im Auge, die mir der qualvolle Seelenzuſtand dieſer Frau abrang,„gnädige Frau, Sie appelliren an eine Wiſſen⸗ ſchaft, die nichts für Sie thun kann. Die Arzneikunde beſchäftigt ſich einzig mit den Theilen, die der Erde an⸗ 112 gehören; der Geiſt, der über dieſe hinausreicht, findet ſei⸗ nen Hort in der Kirche. Wollen Sie ſich nicht lieber mit einem Geiſtlichen berathen?“ „Das habe ich auch ſchon gebeten“, fiel Miß Brown ein. „Welchen Troſt kann mir ſo ein Mann Gottes ge⸗ ben? Er wird mit mir reden, wie er mit hundert Andern geredet; der wird die Formeln gebrauchen, die er bei hun⸗ dert Andern gebraucht; er wird mir von Hoffnung und Gnade und ewiger Seligkeit vorſchwatzen und mir den Kelch reichen wollen, der dem reuigen Sünder Vergebung bringt. Was ſoll mir aber das Alles? Ich will ja nichts, will von Himmel, Hölle und Erde nichts, nur wiſſen will ich, ob der Sohn, auf den ich meine ganze Hoffnung gebaut, in welchem das wirkliche Princip meines Lebens beruht— ob dieſer geiſtig eine Identität bewahrt hat, die ihn zu einem Weſen macht, oder ob er, ein blo⸗ ßes Atom, ſich den Sonnenſtäubchen zugeſellt hat. Ant⸗ worten Sie mir darauf. Aber aufrichtig. Sie haben an ſo manchem Krankenbette gewacht, haben den Tod ſo häufig nahen ſehen, ſagen Sie mir, Doctor“— und ihre Stimme ſenkte ſich, als habe ſie nur ein Geheimniß abzu⸗ fragen;„ſagen Sie mir, gewahrten Sie je, daß eine Seele ſich von dem Körper ſchied? Oder iſt jede Hoffnung der Art ein kindiſcher Traum, eine leere Speculation?“ „Wie geſagt, gnädige Frau, Ihre Aufforderung geht über mein Vermögen. Ich kann nur dem materiellen Menſchen hülfreich ſein, Erlauben Sie mir, Ihnen einen beruhi ſchlafe Gewi hörer auffe begr wirke nicht all Wer blic gen ver die es geſ vh we ihr wi zur indet ſei⸗ ht lieber Brown ottes ge⸗ ſt Andern hei hun⸗ ung und mir den rgebung will ju. his, nur ne ganze v meines hewahrt ein blo⸗ t. Ant⸗ haben an Tod ſo und ihre iß abu⸗ ne Serle ung der n ght eriellen neinen 113 beruhigenden Trank zu bereiten, und verſuchen Sie zu ſchlafen.“ „Sie weichen mir aus, Doctor. Ich verlange ja keine Gewißheit von Ihnen; nur Ihre Meinung möchte ich hören.— Wie würden Sie, an meiner Stelle, die Sache auffaſſen?“ „Mit Reſignation. Ich würde das Unbegreifliche nicht begreifen wollen. Ich würde hoffen, ſchweigen und wirken.“ „Sich reſigniren. Ja. Das können Sie, der Sie nichts verloren haben. Reſignirt ſein kann man, ſolange all unſer Wünſchen und Trachten noch auf der Erde iſt. Wem aber Alles genommen iſt, muß der nicht umher⸗ blicken, ob er nicht Etwas von ſeinem Verluſte wieder gewahr werden kann.— Die Fiſche! die Fiſche ſollen ihn verzehrt haben?“ Ein Schauder durchrieſelte ſie. „Hat man die Söhne nicht benachrichtigt?“ fragte ich die Geſellſchafterin. „Beide ſind hier; ſie will ſie aber nicht ſehen“, hieß es zurück. Lady Spencer war wie erſchöpft in ihren Stuhl zurück⸗ geſunken. Ich bereitete ihr einen Schlaftrunk und hoffte von demſelben die gewünſchte Beruhigung. Sie nahm, was ich ihr reichte, ohne Widerſtreben, bald ſenkten ſich ihre Augenlider, und an den tiefen Athemzügen erkannten wir, daß ſie wirklich entſchlummerte. Ich verließ ſie nun. Als ich am nächſten Morgen zurücktehrte, war ſie noch nicht erwacht. Ich kam gegen II. 8 114⁴ Abend noch einmal wieder. Matt und erſchöpft lehnte ſie in ihrem Stuhle zurück und blickte mich mit erloſchenen Augen an. Ich fühlte ihren Puls; er ging matt.„Sie müſſen etwas genießen, Lady Spencer!“ ſagte ich. Sie ſah mich an, als verſtände ſie meine Worte nicht. Ich klingelte und befahl dem fragenden Diener, mir guten al⸗ ten Branntwein und Zucker zu bringen. Von dieſem tunkte ich ein Stück in die Flüſſigkeit und ſchob es ihr zwiſchen die geöffneten Lippen. Sie hatte in zwei Tagen nichts zu ſich genommen. Ihr Auge belebte ſich jetzt mo⸗ mentan und ſie bekam die Sprache wieder. „Haben Sie auf einen Troſt für mich gedacht, Doctor? Wiſſen Sie mir eine Hoffnung zu nennen?“ ſagte ſie ſchwach. „Vertrauen Sie der Allmacht, Lady Spencer, die für Alles eine Beſtimmung hat; auch für den Geiſt, den ſie dem Menſchen einhaucht. Jede Kraft der Natur iſt un— vergänglich und hat ihr Ziel und ihren Zweck. Indem die Vorſehung ihn ſo früh abrief, mußte ſie ihre weiſen Abſichten haben.“ „Ohne Zweifel hatte ſie die“, ſagte ſie bitter.„Sie wollte ſeine alte Mutter mit Verzweiflung in die Grube fahren laſſen.— Und geſetzt nun auch, die Fiſche hätten nur den Leib und nicht auch ſeinen Geiſt verſchlungen, wo ſoll ich dieſen wiederfinden, wie ihn wieder erkennen? Und wird er mich dann nach Abſtreifung dieſer Hülle auch noch Mutter nennen? Werde ich dort, unter lauter mir fremden Geiſtern, hintreten können und ſagen: Dies ſt me nich 3 Welt haber hätte flor leitet Ohn Rae che lehnte ſie oſchenen tt.„Sie ich. Sie icht. Ic guten al⸗ on dieſem ob es ihr i Tagen jetzt mo⸗ Doetor? ſagte ſe r, die für t, den ſie r iſt un⸗ Indem re weiſen er.„Sie ie Grube che hätten ſchlungen, erlemnen? ſir hile ter luter iſt mein Sohn!— Ich bin alt und ſchwach und fühle mich ſo gar nichts ohne ihn.“ „Und wenn er noch lebte und Sie hätten von dieſer Welt ſcheiden ſollen, wie würden Sie es dann ertragen haben, Lady Spencer?“ „Mit Reſignation, wie Sie es wollen. Die Welt hätte dann gewußt, daß ich geſchieden; er hätte den Trauer flor angelegt, ſeine Freunde hätten mich an das Grab ge⸗ leitet, das er mit einem Grabſtein verzieren laſſen.— Ohne ihn bin ich ſchon lebendig todt; ſchon vergeſſen, ehe ich dahin gegangen.— Wo ſind nun alle meine ſtolzen Träume?— Er ſollte ein großer Mann werden; dann hätte die Welt geſagt, das danke er ſeiner Mutter. Man hätte ſein Leben geſchrieben, man wäre der Entwickelung ſeiner großen Eigenſchaften nachgegangen und wieder hätte die Mutter ihr Theil bekommen. Ich hätte dann in ihm hier fortgelebt, und mich bei meinem Scheiden von der Erde in dieſem Fortleben geſpiegelt. Ich hätte dann eine Hoffnung gehabt. Selbſt ohne eine Fortdauer hätte ich mich nicht vernichtet geglaubt, ich hätte mich noch hier ge— wähnt. Aber ſo?— Hier— eine grenzenloſe Oede! Und dort— das Gleiche! Und ich zwiſchen Beidem!— ein abgelebter Stamm, gleich werthlos für das Eine wie für das Andere!“ Ein gellender Schrei entfuhr ihr und ſie faßte dabei nach ihrem Herzen.— Ich reichte ihr ein anderes Stück⸗ chen Zucker. „Setzen Sie ſich zu mir!“ heiſchte ſie. S Ich folgte ihrer Weiſung und nahm dabei ihre lange dürre Hand in die meine, um zu fühlen, wie ſtark der Lebensfunken noch in ihren Adern pulſire. Daß die ge⸗ brechliche menſchliche Natur dieſen Schmerz nicht lange auszuhalten vermöge, das war klar. Und wozu auch? — Jede Minute war hier ja eine Ewigkeit von Hölle. Wir Aerzte ſind in ſolchen Fällen oft in großer Verlegen⸗ heit. Unſere Pflicht gebietet uns, unter allen Umſtänden den Lebensfaden bis zu ſeiner äußerſten Länge auszuſpin⸗ nen, und wem geſchieht damit, wie hier, ein Gefallen? — Und doch— wer möchte es auf ſich nehmen mit be⸗ wußter Hand in das Rad des Schickſals zu greifen?— Ich fragte mich lange, was hier zu thun ſei. Ein ande⸗ rer Schlaftrunk? Ein wenig zu ſtark gemiſcht, und er konnte ein neues Erwachen unmöglich machen.— Sie leiden laſſen, wie ſie jetzt litt?— Das war eine Grau⸗ ſamkeit, die ich mir nicht verzieh.— Ich hatte an man⸗ chem Krankenlager geſtanden, manchem Leiden zugeſehen, und das nicht gefühllos, wie ich glaube, doch hatte nie etwas ſo ſchneidend in mein Herz gegriffen, wie die Ver⸗ zweiflung dieſer Frau. Es war ein Etwas darin, daß mein tiefſtes Mitleid erregte und mich mit einer Art äng⸗ ſtigendem Grauen vor dem armen Menſchenſchickſal er⸗ füllte. „Lady Spencer“, hob ich endlich an,„ich möchte Sie noch einmal bitten, Ihnen einen Freund zuführen zu dür⸗ fen, einen Geiſtlichen und recht verſtändigen Mann. Ich verſpreche Ihnen, daß er Sie durchaus nicht mit den dogne mngen wiederf und lo eilen, nung, Sie w es nic Si aus. meines meine ſelben Seel theol den. und C berei beru mit bis vor ſchlu liiſe lange urk der die ge⸗ t lange 4auch? Hölle. erlegen⸗ ſtänden zuſpin⸗ fallen? mit be⸗ en?— n ande⸗ und et Grau⸗ n man⸗ geſehen, atte nie ie Ver⸗ in, daß ltt äng⸗ cſal er⸗ chte Eie u düt⸗ 1 3ch Dogmen ſeiner Glaubensartikel quälen ſoll; nur die Hoff⸗ nungen des Denkers für ein Jenſeits, wo ſich die Guten wiederfinden und erkennen, ſoll er Ihnen auseinanderſetzen und logiſch beweiſen, ſowie Sie es gerne haben.“ „Wenn er das kann, Doctor, ſo laſſen Sie ihn her⸗ eilen, herfliegen! nicht gehen. Selbſt das Körnchen Hoff⸗ nung, das er mir gibt, iſt ein Balſam in meiner Nacht. Sie wiſſen nicht, was ich leide, Sie faſſen, Sie begreifen es nicht; ſonſt fänden Sie ſchneller Troſt für mich.“ Sie fing an laut zu weinen. Ich hielt das nicht aus.— Ich ſagte, was ein Mann nur ſagen kann, ſie meines Mitgefühls zu verſichern, und eilte davon, um meinen Freund zu holen. Auf dem Wege machte ich den⸗ ſelben mit den beſondern Umſtänden von Lady Spencer's Seelenſchmerz bekannt und ſchärfte ihm ein, ihr nicht auf theologiſchem, ſondern auf naturhiſtoriſchem Wege zuzure⸗ den. Er war ein geiſtreicher, vielwiſſender, ſinniger Menſch und ich hoffte das Beſte von ihm. Ich ſelbſt begab mich indeſſen in eine Apotheke und bereitete mit unendlicher Ueberlegung und Sorgfalt einen beruhigenden Trank. Dieſen ſandte ich Lady Spencer mit der Weiſung, ſtündlich ein Glas davon zu trinken, bis ſie einſchlafe. Im Laufe des Abends ſprach ich dann ſelbſt wieder vor und wartete ihr Erwachen ab. Erſt gegen zehn Uhr ſchlug ſie das Auge auf.—„Mir iſt beſſer!“ ſprach ſie leiſe.„Viel beſſer. Ihr Freund, der Geiſtliche, iſt ein verſtändiger Mann, Doctor. Er hat mir einen Ausweg gezeigt, der mich hoffen läßt.“ „Soll ich ihn rufen laſſen?“ fragte ich. „Nein. Er hat mir Alles geſagt, was er mir ſagen kann. Das iſt für heute genug.— Hängen Sie das Bild von meinem Sohne mir gegenüber. Stellen Sie mir ſeine Büſte dort auf das Kamin. So!— Nun ge⸗ ben Sie mir noch mein eigenes Bild, das nämliche, das ich Ihnen einmal zeigte, was mich als junges Mädchen darſtellt. Nein, hängen Sie es lieber neben das meines Sohnes. So! Nun ſind wir beiſammen. Auch meine Züge hatte er geerbt, nicht wahr?“ Ich wollte ſie bereden, ſich zu Bette zu legen. Sie weigerte ſich.— Nach vielem Bitten ließ ſie ſich endlich eine chaise-longue bringen, auf die wir ſie heben durf⸗ ten.—„Ich will mich nicht auskleiden laſſen“, ſagte ſie. „Ich erwarte den Tod, und der ſoll mich in voller Toi⸗ lette finden. In demſelben Anzug ſoll man mich auch, ohne mich zu berühren, in den Sarg legen. Hören Sie das, Doctor?— Ich will nicht entkleidet ſein. So ein alter, abgemagerter Körper iſt ein unſchöner Anblick. Nie⸗ mand ſoll mich ſo häßlich ſehen.“ Sie forderte den Trank.„Er hat mir gut gethan“, ſagte ſie.„Es iſt Alles viel ruhiger in mir und um mich. Ich werde ſchlafen.“ Aber ſie ſchlief nicht. Ihr halb geſchloſſenes Auge war auf die Bilder gerichtet, obgleich ſie dieſelben wol kaum ſah. Ihr Athem wurde kürzer— ich hörte ihn füſt nich in der! nachte Seele Stunde ganzen veredel ſie bel noch u Ve nen un ſtenden vorübe N langſa letzte Auge 5 Dann die er ten F alt, Schö Imm Eine Feuet dort. Au h Ausweg i ſigen ie dus len Sie Run ge⸗ he, das Nädchen meines meine 1 Sie endlich en durf⸗ ugte ſie er Vi⸗ h auch, ren Sie So ein d Nie⸗ than“ m nich. 6 Ahe e wol te ihn 1¹9 faſt nicht mehr, und ihre Hand kältete ſich mehr und mehr in der meinen. Alles war ſtill; nur der Zeiger der Uhr machte ſich hörbar, der mit monotonem Taktſchlage eine Seele der Ewigkeit zuförderte. Das Feierliche ſolcher Stunden kann nur Der nachempfinden, der ſie in ihrem ganzen ſchauerlichen Ernſte durchlebt hat. Sie wirken veredelnd, erhebend, ſie machen uns zu beſſern Menſchen, ſie belehren uns über die Wichtigkeit der Minute, die wir noch unſer nennen. Welche Bilder des Guten und Böſen, des Vergange⸗ nen und Gegenwärtigen, des Verfehlten und noch zu Lei⸗ ſtenden gingen in dieſen ſtillen Stunden an meiner Seele vorüber! Jetzt gab die Uhr das Zeichen zur Mitternacht. In langſam vollen Schlägen hub der Zeiger aus; als der letzte Ton verhallte, hörte ich ein leiſes Röcheln, und das Auge der Leidenden ſtand gebrochen. Ich ließ die kalte Hand fahren und ſprach:„Gottlob.“ Dann eilte ich hinaus in die Sternennacht, und erfriſchte die eng zuſammengezogene Bruſt an dem Anblick des wei⸗ ten Firmamentes, das mit ſeinen Myriaden Sonnen ſo kalt, ſo groß, ſo weit unſere kleine Erde überſtrahlt. Große Schöpferin Natur, was ſind deine endloſen Räthſel!— Immer bewundern nur ſollen wir dich; nimmer verſtehen. Eine rothe Rauchſäule ſtieg jetzt zum Himmel empor; eine Feuerſpritze raſſelte an mir vorüber.— Vielleicht galt es dort Hab und Gut einer armen Familie! Vielleicht hob auch dort der verzweifelnde Menſch die flehenden Hände 120 empor und bat:„O! hemme des Feuers Toben!“ Und ich ging hier kalt meines Weges! Glaube, Liebe, Hoffnung ſind lange unſer Motto ge⸗ weſen. Ich möchte das Vertrauen dafür ſetzen, und ne⸗ ben dieſem das Mitgefühl.— Beide erweitern das Herz unendlich und machen es groß.— Auch ſchließen ſie alle andern Tugenden ein. Ich wanderte jetzt Orford Street hinauf durch die lange Allee ſtrahlender Gaslichter, die ſich bis ins Unab⸗ ſehbare auszudehnen ſchienen. Die Omnibus hatten ſchon ihre letzte Rückfahrt gemacht, die Straßen wurden ſtiller und ſtiller, und Ruhe verbreitete ſich endlich über dieſen Millionen ſtrebender, hoffender, wünſchender Geſchöpfe, die hier ſo dicht gedrängt nebeneinander hauſen. Ich war faſt einſam auf meinem Wege. Niemand folgte mir, Niemand kam mir entgegen, als in großen In⸗ tervallen ein Diener der Polizei, der die Nachtwache hatte. Wohlthätig war es mir, in dieſer ſtillen Stunde unter dem Auge des Geſetzes zu ſtehen, das für meine Sicher⸗ heit wachte, und ich bewunderte innerlich die großartige Einrichtung, die hier ſo ruhig ſicher waltete, als ſei Alles nur das Werk einer ungeheuren Maſchine. Bettler kauerten noch hier und dort auf den Straßen; arme in Lumpen gekleidete Weiber ſaßen in dem Portale mancher Thüren, und ſchienen unter dieſem kalten Schutze die Nacht zubringen zu wollen.— Ich wandte mein Auge von ihnen ab.— Wir können nicht Allen helfen und müſſen lernen, in dieſem großen Gange nur immer das uns n menſch wird e und L Vetei wolle Mutt Schö nicht Velt Die J gemac Löwer der g — 6 auf Und otto ge⸗ und ne⸗ us Herz ſie alle ten ſchon n ſtiller r dieſen Meſchöpfe, Niemand toßen In⸗ che hatte. ide unter e Sicher⸗ gwoßarige ſei Alles Straßen; n Portale n Schle nein Mge ſen und mer das 121 uns nächſt Liegende zu thun. Die Welt— d. h. die menſchliche Geſellſchaft, iſt kein vollkommener Zuſtand, und wird es auch nie ſein, ſolange der Einzelne mit Laſtern und Leidenſchaften geboren wird, die in unſere getroffenen Vereinbarungen nicht paſſen, die das Beſtehende umſtoßen wollen. Und wer gab ihnen dieſe Anlagen? Die große Mutter Natur. Sie alſo iſt anzuklagen, daß ſie bei ihren Schöpfungen keine größern Rückſichten genommen, und nicht durch ein Geſchlecht von idealen Menſchen die ideale Welt heraufgezaubert hat, nach der wir Alle dürſten.— Die Pädagogen ſollen nachholen, was die Natur ſchlecht gemacht hat. Arme Pädagogik!— Es geht dir wie dem Löwenbezähmer, neunmal ſteckt er den Kopf in den Rachen der gezähmten Beſtie, und endlich wird er doch gefreſſen. — Gewohnheit und Einſicht werden einen Menſchen bis auf einen gewiſſen Grad reformiren, legt ſich aber die Leidenſchaft dazwiſchen, ſo iſt die ganze Mühe der Päda⸗ gogen in einer Stunde verloren, und die Natur macht ihre Rechte geltend.— Was wäre ſie auch ſonſt, bewieſe ſie ihre Urkraft nicht ſelbſt bis ins Laſter hinein. Ji meinem Hauſe iſt es jetzt einſam. Johanna iſt nicht mehr darin. Sie wohnt auf dem Lande, nicht weit von London entfernt, ſodaß ich mit der Eiſenbahn in ei⸗ ner Viertelſtunde zu ihr gelange. Wie froh ſie war, als ſie mich am Sonntag kommen ſah! Wie ſtolz ſie mich in die Wohnung führte, die ſie ihre Wohnung nennt!— Noch nie habe ich eine ſolche innere Zufriedenheit aus ihren Zü⸗ gen leuchten ſehen, noch nie iſt ſie mir ſo anmuthig er— ſchienen!— Das beweiſt mir, wie recht ich ſie beurtheilt, wie glücklich ich den Weg eingeſchlagen habe, der zu ih⸗ rem Frieden führt. Die drei kleinen Mädchen, die ſie unter ihrer Obhut hat, ſind allerliebſt. Beſonders die Eine, das Kind einer Indierin, iſt reizend, mit ſeinen dunkel überſchleierten ſanf⸗ ten Augen und dem braunen Teint.— Johanna wird den Kindern in jedem Sinne eine Mutter ſein, und ſie werden es kaum entbehren, ihre Aeltern Tauſende von Mei⸗ len entfernt in einem andern Welttheile gelaſſen zu haben. Wie glücklich ſich das Alles gefügt hat! Ei ſonſt l Ausſic rer, ſt ſo gi überd 4 der e gelon ich da Ich W genüb Bewr nen daß auf Haa mein hand lache auf rüſtu raun ſeine nicht an Ich nit nna iſt cht weit in ei⸗ als ſie h in die — Noch hren Zi⸗ thig er⸗ eurtheilt er ju ih⸗ r Obhut ind einer ten ſuß ma win um ſe Mei⸗ von haben. 123 Ein Arzt darf ſeine Wohnung nicht häufig wechſeln; ſonſt hätte ich gern meine enge Straße gegen eine freiere Ausſicht vertauſcht. Sind die Quartiere dort auch theu⸗ rer, ſo bedarf ich, als einzelner Mann, auch wieder keine ſo große Wohnung, und meine Einnahme mehrt ſich ja überdies auch noch täglich. Durch Lady Megmerillis' Vermittelung iſt auch wie⸗ der ein ſehr intereſſanter und einträglicher Patient hinzu— gekommen, der berühmte Schriftſteller Lord Pelham. Als ich das erſte Mal vor ihm erſchien, war ich ſehr verlegen. Ich wußte nicht gleich, wie ich mich dieſem Manne ge⸗ genüberſtellen ſollte, zu dem ich ſeit lange mit blinder Bewunderung emporgeblickt, und den jetzt kennen zu ler⸗ nen mich ein ſo großes Vorrecht dünkte. Ich wollte nicht, daß er klein von mir dächte. Weil er, wie ich wußte, auf die Toilette hält, ſo war ich ſo thöricht, mir mein Haar eigens von einem Friſeur kräuſeln zu laſſen, und meine Hände mit ein paar neuen ſtrohfarbenen Glact⸗ handſchuhen zu verſehen. Ich muß jetzt ſelbſt über mich lachen, wenn ich an den Tag zurückdenke. Wenn man auf die Brautfahrt ausgeht, kann man keine größern Zu⸗ rüſtungen machen. Mit Ungeduld erwartete ich die anbe⸗ raumte Stunde. Sie kam. Ich ſtand vor dem Thore ſeines Gartenhauſes an den Ufern der Themſe und wagte nicht zu ſchellen. Endlich zog ich mit ungewiſſer Hand an dem Knopfe. Ein ſtattlicher bärtiger Diener erſchien. Ich reichte ihm blos ſtumm meine Karte hin.— Er ließ mit vornehmer Herablaſſung ſein Auge darauf ruhen. „Bitte, folgen Sie mir“ ſagte er dann mit einer Art ſelbſtbewußter Höflichkeit, in der er einem Paſcha gleichen mochte. „Wie der Herr, ſo der Knecht“, dachte ich bei mir, und folgte ihm mit keineswegs geſteigertem Selbſtver⸗ trauen. Ich wurde gleich zur ebenen Erde in ein großes Zimmer geführt, das an beiden Seiten lichte Fenſter hatte, durch die eine Pracht blühender Obſtbäume, die ihre Zweige faſt an die Scheiben legten, ſichtbar wurde. Trotz die⸗ ſer äußern Anzeichen einer milden Jahreszeit brannte ein Feuer im Kamin, dem zur Seite ein großer Armſtuhl ſtand, in welchem ein aufgeſchlagenes Buch lag. Auf dem großen runden Tiſche in der Mitte gewahrte ich ein Heft, das wie ein Manuſcript ausſah.— Hier waren vielleicht ſeine unſterblichen Werke geſchrieben, hier all das Schöne empfunden und gedacht, das ſo vielen Tau⸗ ſenden ſeiner Leſer Freude gewährte. Beglückende Gabe! Wen die Natur ſo geſegnet hat, wie glücklich muß der ſein!— Wenn ich meinen Beruf dagegen ſtelle, mir mein Leben male, das aus nichts beſteht, als den Elenden ihr Elend weniger fühlbar zu machen, und das Räderwerk des materiellen Menſchen wieder aufziehen zu helfen!— Welch ein Contraſt! Jetzt öffnete ſich die Thüre mir gegenüber. Schnell blickte ich um. Eine hohe Männergeſtalt wurde in der⸗ ſelben ſichtbar und trat raſch und freundlich grüßend auf mich zu.„Ich habe Sie mit Ungeduld erwartet, Herr Doctor. Nehmen Sie Platz!“ Go erleicht 39 ſt ihm d warf und placi 3 bei m breche ich S Leide heit gew mir ken. ein delt daß mei et At Gottlob! meine Bruſt war ſchon um eine Centnerlaſt eichen erleichtert, ſeit ich ihn in ſo menſchlicher Rede vernommen. Ich ſuchte mir einen Sitz ihm gegenüber und überließ ei mir, ihm den Armſeſſel.—„Das geht nicht, Herr Doctor“, lbſte⸗ warf er ein;„ich höre nicht gut auf dem einen Ohre, großes und muß Sie daher bitten, ſich vor dem geſunden zu et hate, placiren.“ Zweige Ich rückte ihm zur Seite.„Wie ſchade“, dachte ich otz di⸗ bei mir,„daß ein ſo herrlicher Menſch auch von den Ge— nte ein brechen anderer ſterblicher Naturen angefochten wird.— rnſtuhl Es ſtört den Eindrnck der Perſönlichkeit.“ Auf„Wenn Sie mir helfen können, Herr Doctor, möchte ich ein ich Sie in Gold faſſen laſſen. Ich kann die körperlichen waten Leiden nicht brauchen; ſie ſtören, ſie vernichten mich.“ hier al Ich begriff das vollkommen, und nahm die Gelegen⸗ en Tau⸗ heit wahr, meinem bewundernden Herzen durch einige wohl⸗ Gabe! gewählte Worte Luft zu machen.— Lord Pelham hörte mß der mir lächelnd zu;— wohlgefällig ſogar, wollte mich dün— ken. Ich wagte nun noch die Frage, ob jenes Heft dort ein neues Werk ſei. nir mein nden ihr idewer„Es iſt ein großes Epos, das die Heptarchie behan⸗* enl delt“, verſetzte er.„Wir verdanken den Sachſen ſo viel, daß wir ihr Andenken nie feiernd genug ehren können. ſ Shhl Es iſt dies ein Lieblingsthema von mir, das ich gerne zu j meiner Zufriedenheit ausführte.“ an uf Ich zweifelte nicht, daß ihm dies gelingen würde, und ſprach ihm dies vertrauungsvoll aus. Mein Muth t, Her.* wuchs. Ich hatte mir die Vorliebe für die Sachſen ein 126 bischen perſönlich zugezogen, ob mit Recht, bezweifle ich jetzt faſt. „Aber nun zu unſerm eigentlichen Geſchäfte, beſter Herr Doctor. Fühlen Sie meinen Puls und ſagen Sie mir, wie Sie ihn finden?“ „Sehr ſchwach“, verſetzte ich, ſeine lange, krankhaft⸗ weiße, ſchön gepflegte Hand noch immer in der meinen haltend.„Sie haben doch gefrühſtückt?“ „Das verſteht ſich, und habe demnächſt auf Eis ge⸗ ſeſſen. Aber Alles vergeblich. Die Natur gibt nichts mehr her.“ „Wie alt ſind Sie?“ „Ich habe das vierzigſte Jahr zurückgelegt.“ „Schrecklich!“ entfuhr mir unwillkürlich. „Ja wohl, ſchrecklich!“ lachte er bitter.„Und nun, hören Sie, was ich ſchon Alles gebraucht habe an Waſ⸗ ſercuren, Dampfbädern, Brunnen, und was die Arznei⸗ kunde zu unſerer Plage anordnet. Ich will Ihnen das ganze Detail meiner Leiden geben, und dann ſagen Sie mir, ob nach Ihrem Bedünken die Kunſt noch etwas für mich leiſten kann.“ Er begann, und ich hörte ihm mit geſpannter Auf⸗ merkſamkeit zu.— Doch benutzte ich zugleich die Zeit, um mir das Bild des Mannes in die Seele zu prägen, und aus dem Mienenſpiel, das ſeine Worte begleitete, mir ein Bild von ſeinem Charakter zu entwerfen. Mein erſter Blick galt ſeinem äußern Menſchen. Dieſer trug einen reichen blauſeidenen Schlafrock mit weißem Atlas gefüt⸗ tert un war le ſtülpte wenig — — wöhn Hau lang hatte er etn das ſ ſchön weſer Nener war gege trau wer um gen eifle ich beſter gen Sie tankhaft⸗ meinen Eis ge⸗ tnichts nd mun, n Wiſ⸗ Arznei nen das gen Sie was für er Auf⸗ ie Zeit prägen⸗ tet, mi in uſer g einen gifüt⸗ tert und mit langen Troddeln geziert. Um ſeinen Hals war leicht ein ſeidenes Tuch geſchürzt. Aus den aufge⸗ ſtülpten Aermeln ragte die feinſte Wäſche hervor, die ein wenig auf ſeine zarte Hand glitt. Sein Kopf war hoch und ſchmal; das Geſicht unge⸗ wöhnlich lang mit einer langen Adlernaſe verſehen. Sein Haupthaar war roth und bockig; das ſeines Kinnes, das lang herabhing, gleichfalls ſo.—„Sein hellblaues Auge hatte einen matten Glanz, nur dann und wann, wenn er etwas Piquantes ſagte, flog ein Wetterleuchten darüber, das ſich wie ein Kreuz darin malte.— Er war nicht ſchön und auch nicht hübſch, und konnte es auch nie ge⸗ weſen ſein. Ich hatte öfters Bilder von ihm geſehen, denen der Mann vor mir auch nicht im geringſten ähnlich war. Schon das rothe Haar trat mir dabei feindlich ent⸗ gegen; denn ein Kupferſtich deutet das nicht an. Unterdeſſen fuhr mein berühmter Patient fort, mir das traurigſte Bild von ſeiner körperlichen Verfaſſung zu ent⸗ werfen.— Mir ſchauderte. Das alſo war der Held, um deſſenwillen ich dieſe neuen Glacthandſchuhe angezo⸗ gen?— O! Ihr Götter! Meine Blindheit gebt mir wie⸗ der u. ſ. w., und künftig laßt mich nie mehr als Arzt zu Jemand gerufen werden, den ich bewundere! Was ſollte ich mit dieſem abgelebten Greiſe anfangen? Was ihm anrathen, das er nicht ſchon gebraucht?— Ich ſann vergebens! Die Arzneikunde hatte ſich wirklich an ihm erſchöpft. Er gewahrte mein Bedenken, und blickte mich forſchend an. 128 — 0 „Nicht wahr, Sie wiſſen nichts mehr“, fragte er bit— ter.„Wenigſtens aber retten Sie mich vor einem Ende, wie Sylla und Philipp II. genommen.“ 1„Behüte, dahin iſt es noch nicht gekommen! Nur müſ— ſen Sie ſich entſch mit dem Arzte Hand in Hand zu gehen.“ 9„Dieſe entnervte mit Ihrer geſunden? Ach! Wer ſo männlich kräftig wäre, wie Sie es ſind!“ „Das waren Sie einſt gewiß auch.“ .„Ja, einſt. Das iſt aber lange her, dies Einſt. Wir u jungen Ariſtokraten führen eine zu volle Börſe, und dies die Urſache, weshalb wir uns ſchon auf der Univerſität gar häufig die Gruft graben. Orford hat viel an mir zu verantworten; aber ich trage es ihm nach.“ „Mit reifern Jahren und beſſerer Einſicht läßt ſich Vieles wieder gut machen.“ „Nein, nein. Dem iſt nicht ſo. Nichts läßt ſich wie⸗ der gut machen. Das Kind iſt der Mann. Den Reiz 3 eines bewegten Lebens, neue Eindrücke, das Spiel mit ſ Leidenſchaften, das Alles kann Derjenige nicht mehr ent⸗ behren, der einmal aus dieſem vollen Lebensbecher geko⸗ ſtet. Das Leben ſcheint a slagnant water ohne dieſe wechſelnde Bewegung, dies Anziehen und Abſtoßen, dies 1 Wollen und Verwerfen. Verſuchen Sie es nicht. In' a que le premier pas, qui coute. Sind Sie einmal über den Acheron, ſo führt kein Charon Sie mehr zurück.“ „Der Eheſtand hat ſchon Manchen mit dem Alltags⸗ leben ausgeſöhnt. Auch ich bin verheirathet.“ 9 32 eternel en ke Iuſi wiſſer noch verli eine quan ſie ni ich ſi ihre ſo vo geba eine jung reen eine hau beiſe zer Nic Fra wie wet Beg und ll 129 er bit⸗„Ach! Sie Armer. Wie bedaure ich Sie!— Ein n Ende, eternelles Band, während die Liebe nur Monate aushal⸗ ten kann; d. h. die Liebe, die ich ſuche, mit all ihren ſut müſ⸗ Illuſionen.— Ich war auch einmal verheirathet; Sie in Hand wiſſen das wol nicht? Es iſt lange her. Ich war damals noch jung, hatte nur eben die Zwanzig überſtiegen. Ich Wer ſo verliebte mich. Das Mädchen war ſchön, blühend wie eine Roſe, voll Feuer, voll Leben, delicieuſe!— Und pi⸗ quant. Sie war arm; aber von guter Familie. Ich konnte ſt. Wir ſie nicht beſitzen, ohne ſie zu heirathen, und ſo heirathete nd dies ich ſie. Es waren köſtliche Flitterwochen! Ihre Launen, ihre Capricen hatten kein Ende, und ſie unterhielt mich ſo vortrefflich, daß ich faſt ein Jahr lang an ihre Ferſen gebannt blieb. Da fügte es ſich, daß ein Freund mich eines Abends in eine kleine Geſellſchaft mitnahm— die jungen Männer in London haben dergleichen kleine Soi— reen, zu welchen ſie ihre Geliebten mitbringen— wo ich verſität an mir lißt ſch ſich wie⸗ en Rei eine allerliebſte Schauſpielerin kennen lernte. Beim Nach⸗ 1 i hauſegehen— wir waren vielleicht ein halbes Dutzend z u beiſammen— wurde eine Wette gemacht, wer von ihnen nehr eut gel zuerſt die ſchöne Schwarzäugige bei ſich empfangen würde. ne iſ Mich wollten ſie ausſchließen; ich ſei von meiner ſchönen ie Frau kirre gemacht, ſagten ſie, und habe ſchon verlernt, 3, wie man Weibern gefalle. Das piquirte mich.(Ich wette“, rief ich aus,«daß ich von euch Allen der erſte im Begünſtigte ſein werde!» „Top!» riefen ſie einſtimmig;«wir nehmen das an, und ſind ſämmtlich Ihre Schuldner, wenn wir verlieren.» l. 9 4 uric Altags⸗ 130 „Ich mußte mein Wort nun zu löſen ſuchen. Die die nie Sache war aber nicht leicht. Meine Frau liebte mich nit ich grenzenlos und war von einer enormen Eiferſucht. Ich hatte daher Mühe, dieſe kleine Intrigue hinter ihrem da er Rücken anzuſpinnen. Endlich gelang es mir aber doch, Cabin und ich erhielt das Verſprechen, daß beſagtes Dämchen harrte an einem beſtimmten Abend bei mir ſoupiren wolle. Das lende machte meine Wette gewonnen.“ bedie „Es galt nun nur meine Frau auf dieſe wenigen heimn Stunden zu entfernen. Ich ſchlug ihr vor, auf ein paar die S Tage auf unſer Landgut zu gehen. Sie fand die Idee ſolle reizend. Sie meinte, daß ich dort die größere Einſamkeit„ mit ihr ſuche, und fühlte ſich in dieſer Idee geſchmeichelt. wohl — Als der gewichtige Tag kam, gab ich vor, daß mein—2 Anwalt mir geſchrieben, ich müſſe wegen eines Geſchäftes Vß. heute in die Stadt kommen, und befahl zugleich, daß man mein Pferd ſattele. Sie fragte, ob ich am Abend wieder⸗ ſchel kehren werde. Ich verneinte. Das ſtand ihr nicht an. ſo ſ Sie forderte nun, daß ich anſpannen laſſe und ſie mit⸗ won nähme. Ich nannte ihr Begehr unüberlegt, weil unſere den Pferde den weiten Weg nicht zurücklegen könnten, ohne— Schaden zu nehmen, der Braune habe, wie ſie wiſſe, den„D Fuß verſtaucht.“ und „Sie ſchmollte. Ich habe die Pferde lieber als meine in! Frau, ſagte ſie, und ſchloß ſich in ihr Zimmer ein, ohne vor mir Lebewohl zu ſagen.“ nich „Ich war dieſer kleinen Scenen gewohnt; ſie hatten unſerm Eheleben eine große Abwechſelung gegeben und . Die ie mich h. Ich rihrem ber doch, Dänchen lle. Dus wenigen ein paar die Idee nſamkeit hmeichelt. daß mein Heſchäftes daß man d wiede⸗ nicht an⸗ ſie mit⸗ eil unſer ten, ohne wiſe, den als mein ein, ohne ſie hatten hen und 13¹ die niedlichſten Verſöhnungsſcenen herbeigeführt. Lachend ritt ich alſo davon und tröſtete mich mit Sokrates.“ „Der Abend kam. Es war um die neunte Stunde; da erſchien die allerliebſte Actrice und wurde in mein Cabinet geführt, wo ein niedliches kleines Souper ihrer harrte.— Ich ſetzte mich ihr gegenüber und ließ den per⸗ lenden Champagner in unſere Gläſer fließen. Niemand bediente uns. Mein Kammerdiener allein war im Ge⸗ heimniß, er hatte die ganzen Vorbereitungen getroffen und die Schöne, von Keinem geſehen, hier eingeführt. Ebenſo ſollte ſie auch wieder verſchwinden.“ „Ich war recht heiter. Es freute mich, daß Alles ſo wohl gelungen und die ſchwierige Aufgabe gelöſt war. — Ich trank eben auf die Geſundheit meines hübſchen Vis à vis.“ „Da wurde heftig an der Hausthüre gepocht und ge⸗ ſchellt, wie von einem vornehmen Bedienten. Wer konnte ſo ſpät noch kommen? Einer meiner Freunde, um der ge— wonnenen Wette nachzuſpüren? Unmöglich!— Sie wür⸗ den weniger lärmend aufgetreten ſein.“ „Da ſtürzte mein Kammerdiener athemlos herein: „Die gnädige Frau!» rief er vor Schrecken außer ſich und faßte die Schöne bei der Hand und zog ſie mit ſich in das anſtoßende Zimmer, wo er ſie hinter meinen Bett⸗ vorhängen verbarg. Dann kehrte er eilig zurück und ver⸗ nichtete, ſo viel er konnte, die Spuren meiner Mitgenoſſin an meiner kleinen Tafel. Ich bewunderte wirklich ſeine Geiſtesgegenwart; denn mir wollte gar nicht einfallen, 9* 132 was hier zu thun ſei, und ich ſaß da wie ein verſteiner⸗ tes Bild, das wol einem ertappten Sünder ähnlich ſehen mochte.“ „Jetzt hörte ich Schritte und die Thüre wurde haſtig aufgeriſſen. In ihr erſchien meine Frau, mit ſprühenden Augen und Zorn glühenden Wangen.— Ihr Auge glit ſuchend umher.„Ganz allein? ſagte ſie wie verwun⸗ dert, und maß bald mich, bald die Tafel, als ſuche ſie nach einem Schlüſſel zu dem Allen.“ (Seit wann ſoupirſt du denn auf dieſe Weiſe?» Nur wenn du nicht da biſt. Es iſt ein Erſatz.» (Hm! ſagte ſie. Mir noch nicht ganz klar. „Sie war noch immer nicht beruhigt, ich ſah es ihr an. Irgend ein dunkler Argwohn lauerte im Hinter⸗ grunde ihrer Seele.“ Was bringt dich denn aber ſo ſpät noch in die Stadt? Iſt irgend ein Unglück geſchehen? Allerdings, und zwar ein ſehr großes. Ein Mann iſt ſeiner Frau weggelaufen.» „Ich mußte lachen, ſo wenig ich mich auch zum Scherz aufgelegt fühlte.“ Deine Anklage iſt falſch», verſetzte ich.„Er iſt weg⸗ geritten, und hatte ein gutes Recht dazu. Die Frau aber darf ihm nicht folgen, ohne daß er ihr eine Erlaubniß ertheilt.“ „Das würde mir ſchwerlich einfallen, dich um dieſe zu erſuchen!» „Dann vergißt du, was du am Altare geſchworen.» gew plötz ihres lag dari gen niſc du die wen in zu feſſ wa ſoh 133 erſteinr Das iſt eine Formel, nichts weiter. Die Frau ge⸗ ſch ſehen hört dahin, wo der Mann iſt, und ich gelobe es jetzt, daß ich dich auch nie wieder aus den Augen laſſen will.“ 3 huſig(Du biſt ſehr gütig. Das würde mich aber doch gar prihendin zu ſehr in meinen freien Bewegungen hemmen.— Nun Auge glt aber für heute gute Nacht. Du ziehſt dich jetzt wol in dein Zimmer zurück?» ſich ſe Gute Nacht, Herr Grobian?, verſetzte ſie mit auf⸗ geworfener Lippe und wollte ſich entfernen. Da feſſelte ſek plötzlich ein Etwas ihren Blick, ich folgte der Richtung ſſut. ihres Auges, und ſiehe da! ein kleiner Damenhandſchuh . lag am Boden, den ich raſch aufheben wollte, als ſie mir ſch es ihr darin ſchon zuvorgekommen war.“ m Hinter⸗„Sie muſterte den Handſchuh und ſah mir dann fra⸗ gend in die Augen.“ ch in die(Alſo doch nicht allein ſoupirt?“ fuhr ſie dann höh— niſch auf.„Alſo in dieſer angenehmen Geſellſchaft warſt in Mann du bei meinem Eintritt? Wo iſt denn aber die Schöne, die meinem Gatten ſo liebenswürdig die Zeit vertreibt, um Scher wenn ein langweiliges Geſchäft mit ſeinem Advocaten ihn. in die Stadt ruft?— Ich möchte ſie kennen lernen, um Fr iſt weg⸗ zu ſehen, welche Reize es ſind, die dich ſo vorzugsweiſe Frau aber feſſeln.» Erlaubni„Ihr Blick ſuchte im Zimmer umher; aber der Raum war klein und verſteckte nichts. Plötzlich ſchien ein Gedanke un ieſe ſie zu durchkreuzen. Sie riß ein Licht vom Tiſche und flog, ehe ich mich ihr in den Weg ſtellen konnte, in mein 9, eh 9 woren Schlafcabinet, wo ſie denn ſehr bald die gefürchtete Ent⸗ 134⁴ deckung machte. Den Sturm hätten Sie erleben ſollen! — Eine Flut der herbeſten Vorwürfe regneten auf die arme Actrice herab, und ich weiß nicht, wozu es unter beiden Frauen gekommen wäre, wenn mein Diener nicht, als ein guter Genius, mit einem„(Madame, der Wagen iſt da!» eingetreten wäre.„Lord Pelham, ſchützen Sie mich vor dieſer Furie!» hatte die Schauſpielerin eben aus⸗ gerufen; ich bot nun ihr meinen Arm und führte ſie eilig vor meiner Frau vorbei die Treppe herunter und hob ſie in den Wagen. Dann kehrte ich ſo ſchnell, wie ich konnte, in mein Zimmer zurück, um hier einen Oelzweig zu bie⸗ ten. Aber vergebens! An eine Erklärung war nicht zu denken. Nur Schmähungen bekam ich zu hören, die ich in Gegenwart meiner Leute nicht hinnehmen durfte. Ich machte daher endlich mein Zimmerrecht geltend. Warum nicht auch dein Hausrecht!* rief ſie ſpottend.„Deſto ungeſtörter könnteſt du dann deinen Liebesabenteuern nachgehen.* „Meine Geduld hatte ihr Ende erreicht. Ich fühlte, wie ich zitterte; ich hätte die Frau, glaube ich, mit Ver⸗ gnügen erwürgen können. Ich ergriff ihre Hand wie zum Abſchied und drückte ſie, daß ſie laut aufſchrie. Wü⸗ therich! Iſt das die Art, wie du um meine Vergebung nachſuchſt?» Verlaſſe mich, oder ich ſtehe für nichts, rief ich bebend.“ Ha! das möchte ich doch ſehen!» ſagte ſie trotzig und ſetzte ſich vor den Tiſch, anſcheinend im Begriff, ſich der Speiſen zu bedienen.“ „ X bella 66 ſpare grub n ſollen! uf die es unter enet nicht, er Wagen hüten Sie eben aus⸗ te ſie eilig id hob ſie ich konnte, g ju bie⸗ tnicht zu n, die ich ufte. Ih Warm (Deſto abenteuern ch fühlt mit Ver⸗ Hand wie ti. Vi⸗ Vergebung c bhn“ ſe woßig ehlif, ſich 135 Ich habe dich ſchon zweimal gehen Anna⸗ bellav, bemerkte ich mit verbiſſenen Lippen.“ (Die Redeweiſe magſt du für deine Kebsweiber auf⸗ ſparen, ſie gehören nicht für deine rechtmäßige Frau!* „Ich ergriff ihren ſchönen vollen weißen Arm und grub meine Zähne tief hinein, daß das Blut ſprang. Un⸗ geheuer!* ſchrie ſie auf und ſtürzte zur Thür hinaus.“ So bin ich ſie doch endlich losgeworden?, ſeufzte ich auf und blickte ihr erleichtert nach.“ „Ich war ſie los geworden.“ „Als ich am nächſten Morgen, ziemlich ſpät, muß ich ſagen, ſchellte ich hatte eine ſehr ſchlechte Nacht gehabt — meldete mir mein Diener, daß die gnädige Frau ab⸗ gereiſt ſei, ohne zu ſagen, wohin.— Die Nachricht war mir höchſt willkommen. Ich war noch ſo erſchöpft von der Scene des geſtrigen Abends, daß ich nicht ohne Grauen an die Fortſetzung dieſes Auftritts denken konnte. Ich vermuthete, daß ſie nach unſerm Landſitze zurückgekehrt ſei, und ließ einige Tage verſtreichen, ehe ich mich anſchickte, ihr dahin zu folgen. Sie ließ während deſſen nichts von ſich hören.“ „Meine ſchöne Schauſpielerin hatte unter der Zeit die Kataſtrophe an meinem häuslichen Himmel treu lich berich⸗ tet und mich zum Gegenſtande allgemeiner Scherze und Neckereien gemacht, was meine Empfindungen für meine Gattin eben nicht ſanftmüthiger ſtimmte. Meine Wette war natürlich verloren. Meine Laune war demnach nicht die beſte.“ „Nach Verlauf einer Woche endlich ließ ich mein Pferd ſatteln und ritt in langſamem Schritte meinen Penaten zu. Es verlangte mich gar nicht nach einem Wiederſehen, und ich fühlte deutlich, daß bei dem Groll meines Herzens an keine friedliche Ausgleichung zu denken ſei. Alles hätte ich verzeihen können; nur nicht den öffentlichen Skandal, nur nicht die Lächerlichkeit vor der Welt.“ „Ziemlich mismuthig ritt ich endlich vor die Thüre mei nes Hauſes und gab mein Pferd ab. Die gnädige Frau war nicht da. Gottlob! dachte ich. Aber wo war ſie denn?“ „Das Räthſel wurde mir bald gelöſt. Sie hatte ſich zu einer alten Tante begeben und um Scheidung ange— tragen. Ich wollte ihrem Wunſche in dem Bezug kein Hinderniß entgegenſtellen und ließ der Sache ihren Gang. Da aber der bei uns einzige Grund zur Scheidung, ein Ehebruch, nicht vorhanden war, ſo fiel das Urtheil zu le— benslänglicher Trennung aus. Ich bewilligte ihr einen Jahrgehalt und war wieder frei; aber ohne die Berechti— gung, mir neue Feſſeln anlegen zu dürfen.“ „Meine einſtige Gattin habe ich nicht wieder geſehen; leider aber oft von ihr gehört durch die Preſſe Sie liebte mich— darum haßt ſie mich und macht dieſer Em⸗ pfindungen auf eine empörende Weiſe Luft. Sie ſpürt allen meinen kleinen Liebesabenteuern ſorgfältig nach und ſetzt der Welt dieſe in der Form eines Romans vor. Sie ſchreibt fortwährend Briefe an bedeutende Menſchen, und fordert ſie auf, allem Umgang mit mir zu entſagen, Mil ie nur v den e die ſi das nördl Gebl Sie kein( ren E würd und wen hat mei wir den aus len dre all Ve mit pig in Pferd nuten zu. hen und rzens an les hätte Skandal, hüre mei⸗ ige Frau war ſe ate ſich g ange⸗ ug kein en Gang. ung, ein il zu k⸗ hr einen Berecht⸗ geſehenz ſe⸗ Sie eſet Em⸗ ie ſpin nach ud ns vor. Nenſchen ſtſagen, 137 weil ich ihre Freundſchaft nicht verdiene. Sie ſpricht faſt nur von mir, und immer mit gleichem Zorne und mit den entwürdigendſten Cpitheten.— Ihre Rache trägt nicht die ſüdliche Glut der Leidenſchaft, mit der die Spanierin das Meſſer zückt; ſie iſt eine häßliche Ausgeburt unſerer nördlichen Zone, von der man nicht einmal als Dichter Gebrauch machen kann.“ „Da haben Sie meine Eheſtandserfahrung! Spiegeln Sie ſich darin.— Dieſe Epiſode meines Lebens iſt leider kein Geheimniß, darum durften auch Sie ſie kennen. Wä⸗ ren Sie damals ſchon auf engliſchem Boden geweſen, ſo würde jede Zeitung Ihnen in langen Spalten Wahres und Falſches darüber berichtet haben. Jetzt kennen Sie wenigſtens nur das Erſtere.“ „Sie ſehen nun, daß das Schickſal es nicht gewollt hat, daß ich als ehrwürdiger Gatte und Familienvater meinen Kohl pflanze. Ich habe viel geliebt, und darum wird mir nach der Bibel viel vergeben. Mein Glück bei den Weibern war ſehr groß. Sie waren ſchon von Haus aus in meinen Namen verliebt, und es bedurfte nur eines Blickes, eines Wortes, und ſie waren mein. Dieſe ſchnel⸗ len Erfolge haben mir oft Langeweile verurſacht. Höchſt drollige Briefe habe ich von ihren Compatriotinnen aus allen Enden und Ecken Deutſchlands erhalten; aber nie Vortheil von dieſem Entgegenkommen gezogen. Sie ſind mir zu ſentimental.— Sie ſind mir nicht lebhaft, nicht piquant genug!— Ich langweile mich in ihrer Geſellſchaft. — Dann kommt freilich auch noch die Sprache hinzu.— Ich machte einmal eigens eine Reiſe nach Deutſchland, um mir dieſe bewundernden Schönen anzuſehen, und ihnen das oft begehrte Vergnügen meines Anblicks zu gewähren. Ich hatte aber bald genug davon. Das Schlimmſte war, ſie wollten mich Alle heirathen, und wenn man mit dieſer Idee anknüpft, ſo wird das ganze Verhältniß gleich zu einer erbärmlichen, mercantiliſchen Proſa. Ich habe wenig wahres Gefühl und viele vage Empfindelei in den deutſchen Mädchen getroffen.— Das ſind vielleicht noch die Folgen der Jean Paul'ſchen Schule.“ „Ihnen gefällt alſo wol unſer guter Richter nicht?“ „Behüte! Er idealiſirt ja jeden Maulwurfshaufen.— Es iſt die Folge ſeiner beſchränkten Lebensverhältniſſe. Er ſah die Welt und die Menſchen immer nur durch einen Guckkaſten. Doch ein ander Mal davon.— Kehren wir jetzt einmal wieder zu dem Hauptmomente unſerer Unter⸗ haltung zurück, zu meiner Geſundheit. Was ſoll ich thun und was laſſen?“ „Das läßt ſich in dieſem Falle ſo ſchnell nicht ſagen, Mylord. Wir haben hier nicht gegen ein beſtimmtes Ue⸗ bel zu kämpfen; ſondern dieſer allgemeinen Debilität ent⸗ gegen zu arbeiten. Gute Luft, häufige Spaziergänge, gute Nahrung und tägliches Baden ſind als allgemeine Regel feſtzuſtellen. Dann müſſen Sie aber auch die ſpäten Abendſtunden, die heißen Zimmer, die Geſellſchaften um Mitternacht vermeiden. Das Alles iſt Gift für Sie.“ „Aber Andere genießen doch dieſes angenehme Gift und ſterben nicht davon?“ „ heit bis gen naſc chen muß aus Lem 65 Lib ſchi me 139 tſchland⸗„Gift bleibt es darum immer. Eine ſtarke Geſund⸗ udihnen heit kann aber freilich Vieles gut machen. Warten Sie, wihrn. is wir Ihnen dieſe wiedergegeben haben, und Sie mö⸗ gen dann auch mitunter von dem angenehmen Gifte nit iſr naſchen.“ glich u„Alſo mitunter nur?— Doch— was läßt ſich ma⸗ be wenig chen?— Die Nothwendigkeit ſteht vor der Thüre;— ich deuſchen muß mich fügen. Fühlen Sie dieſe kalte feuchte Hand, ie polgen aus der ſchon alle Lebenswärme entflohen! La béte, mit Lemaiſtre zu enden— iſt ſchon gar zu rebelliſch.— nicht“ Es gilt ernſtlich das Gleichgewicht zwiſchen Seele und ufen.— Leib herzuſtellen, und nichts zu wollen, was die Ma⸗ niſe. Er ſchine nicht ausführen kann. Schreiben Sie mir alſo ch inen mein Verhalten vor.— Geben Sie mir für den Tag und chten wir die Stunde die Regel, und ich will jetzt endlich einmal er Unter⸗ genau befolgen.“ ich thun Ich bat mir ein Blatt Papier aus und ſetzte in ge⸗ nauem Detail auf, welche Lebensweiſe ich wünſche. Doch zweifle ich, ob die Natur hier noch etwas leiſten wird. ht ſagen, Weigert ſie ſich, was ſoll dann meine Kunſt?— Ich ſoll mtes Ue⸗ litit ent⸗ täglich wiederkommen und nachſehen;— und ich habe inge, gute mir vorgenommen, ſtrenge zu ſein.— Es wäre doch noch ine Regel eine Möglichkeit.— Im beſten Mannesalter und ein ſo ſ ie ſätn ſchönes Talent;— es wäre jammerſchade! Gelingt es afen un aber nicht, ſehe ich, daß ich nichts leiſten kann— dann gi“ ſoll Magnetismus an die Reihe kommen und mein Pa⸗ 65 git und tient an Dr. Elliotſon übergeben werden. 140 Am Sonntag war ich wieder draußen bei Johanna. Alles geht vortrefflich. Sie wird täglich wohler. Die Kinder gedeihen, die Blumen gedeihen und ſie ſelbſt ge⸗ deiht.— Wie ſchön es ihr läßt, dies Schalten und Wal⸗ ten und Sorgen in Liebe! Nur in dieſem Elemente iſt die Frau an ihrem Fleck, und man fühlt ſo recht mit Beha⸗ gen, daß ſie es iſt. Ich bin gern dort und ſcheide ſtets mit Bedauern. Die reine Landluft und das ſtille fried⸗ liche Leben eines fröhlichen Familienkreiſes, wie die Kin⸗ der ihn bilden helfen, üben einen guten Einfluß auf mich aus und thun mir wohl. Johanna bemerkt, daß ich das gern habe, und ich ſehe, wie froh es ſie macht, durch dieſe Einrichtung zu meinem Glück beizutragen. Sie meinte, mir nur materiell zu nützen, ich hatte ihr die Sache ſo vorgeſtellt; deſto angenehmer iſt es ihr nun, daß ſich auch dieſer Vortheil noch herausſtellt. Jüdi hat. konn abg bür ſie dur Es Po leg Ihanna. lr. Die ſihſ ge und Wal⸗ nte iſt die nit Beha⸗ eide ſtets ille fried⸗ die Kin⸗ Ze meinen Kranken dieſes Jahres gehört auch eine auf mich Jüdin, die mir ein hübſches kleines Capital eingebracht ‧ ich das hat. So kosmopolitiſch ich ſonſt auch geſinnt bin, ſo h, durch konnte dieſe Race mir doch nie ein beſonderes Intereſſe en Sie abgewinnen. Iſt es ihr veralteter Glaube, iſt es ihre e ihr die bürgerliche Stellung, oder liegt es in ihrem Blute; genug, ſie ermangeln in meinen Augen einer gewiſſen Idealität, durch die mir der Menſch erſt, P ſolcher, werth wird. Es dauerte daher. lange, ehe ich meiner israelitiſchen Patientin gegenüber dies tief gewurzelte Vorurtheil ab⸗ legte und ihr den Antheil widmete, deſſen ſie in ſo hohem Maße würdig iſt.„ Als man mich zum erſten Male rufen ließ, war es Frühling. Die Bäume fingen eben an in ihrem zarteſten Grün zu prangen, die Knospen verkündeten eine reiche Blütenkraft, die ganze Atmoſphäre war wie getränkt mit neuen Atomen des Lebens, und der Menſch athmete froh auf in dem Hochgefühl dieſer erneueten Hoffnungskeime. — Ich wanderte zu Fuß durch den reizenden Park. Ich wollte mein Auge laben in dieſem Garten des Herrn, nun, daß und ich trat in den Salon. Eine ſehr ſchöne alte Dame 142 der ſich ſo muthig in die Mitte endloſer Häuſermaſſen ge⸗ drängt hat.— Es war ein wahrer Hochgenuß, dem nur eine Cigarre mangelte. Wie ſchade, daß ich mir dieſe hier nicht gewähren durfte!— Durfte? nein; denn im freien England darf man Alles, es wäre aber nicht wohlanſtändig geweſen, und daraus entſprang das Geſetz des Verſagens. Ich trat durch ein Thor in einen Garten und ſtand vor einem großen Landhauſe— man kann ein ſolches Stadthaus immerhin ſo nennen— mit Orangenbäumen und reichen Gewächshäuſern umgeben Ich ſchellte.— Drei Diener ſtanden in der Vorhalle, von denen zwei ſchön gepudert waren und eine bunte Livree mit kurzen Hoſen (als Mann iſt dies Wort für mich nicht inexpreſſible) tru⸗ gen, der Dritte aber ſchwarz gekleidet war, und ſich wie ein Truthahn unter den Hennen gebehrdete. Ich gab ihm meine Karte. Er verneigte ſich gravitätiſch und ging mir mit einem This way, please, voran. Er meldete mich ſich bei meinem Eintritt aus ihrem Armſtuhl und rüßte mich. Sie machte mit der Hand eine artige Bewe⸗ g nach einem Sitze und hob dann die Unterhaltung an. „Meine Tochter iſt ſehr krank und ſeit lange. Wir fürchten Gefahr und haben Sie bitten laſſen, in der Hoff⸗ nung, daß Ihnen vielleicht, als deutſcher Arzt, noch ein Mittel einfallen möchte, auf das kein Engländer verfallen iſt.“ Ich verbeugte mich leicht und bat um Mittheilung des Falls. Sie befriedigte mein Verlangen und geleitete mich dann ſelbſt in das Krankenzimmer. 3 N naks ſchon word ſen. ten; feine zuſch ſandt dami Sein ſie w geſch Pati Nur und der ſogl mat len mu hol rü m i ba naſſen ge⸗ dem nur diſt hiet nin fleien anſtänig Verſagens. und ſtand in ſolches enbäumen — Drei wei ſchön en Hoſen ſſible tu⸗ dſich wie h gab ihn ging mit dete nich lte Dame iſtuhl und ige Bewe⸗ altung an. ge. Vir del Hof⸗ ein Mitul len iſ.“ eilung d ziet nich 143 Miß Levin litt an einer Art Auszehrung des Rücken⸗ marks— wenigſtens hielt man es dafür— und lag ſchon ſeit Monden danieder. Alle Mittel waren verſucht worden, und hatten ſich nach der Reihe erfolglos erwie⸗ ſen. Was die Kunſt nur leiſten wollte, wurde aufgebo⸗ ten; aber nichts fruchtete. Da der rationelle Weg zu keinem Ziele führte, ſo beſchloß man, eine Seitenſtraße ein⸗ zuſchlagen. Man ſchnitt dem Fräulein eine Locke ab und ſandte ſie dem berühmten Somnambulen Alexis in Paris, damit er danach den Zuſtand der Kranken beurtheile. Seine Antwort lautete: man ſolle ſie magnetiſiren und ſie würde in drei Monaten völlig hergeſtellt ſein. Dies geſchah denn auch. Doch verhinderte die ſtarke Natur der Patientin größtentheils die Wirkung, die man begehrte. Nur ſelten gelang es dem Magnetiſeur ſie einzuſchläfern, und geſchah es, ſo war es immer nur auf Minuten, und der Schmerz, von dem ſie befreit werden ſollte, ward ihr ſogleich aufs neue fühlbar. Auf dieſem Punkte ſtand man, als ich zu Rathe gezogen wurde. Ich bin kein Freund des Magnetismus, und glaube nicht an ſeine hei⸗ lende Kraft; doch hütete ich mich wol, dieſen Skepticis⸗ mus ſogleich an den Tag zu legen. Mitz Levin ſetzte ein hohes Vertrauen darin, und Doctor Elliotſon, der be⸗ rühmte Magnetiſeur, war ihr Arzt und Freund.— Ich mußte hier ſehr klug und vorſichtig zu Werke gehen, wollte ich irgend Erfolg haben. Nachdem ich den Zuſtand der Kranken genau geprüft, bat ich, mit ihr allein ſein zu dürfen.— Man leiſtete —— ——2— —— En — meiner Bitte augenblicklich Folge. Sobald Niemand uns. hören konnte, richtete ich die Bitte an Fräulein Levin, ſchon ſie drei Monate lang ganz allein, und ohne irgend eine Loch fremde Einmiſchung behandeln zu dürfen; nur wenn ſie hrä mir ſo viel Vertrauen ſchenke, dies auszubedingen, könne erſte ich ihr von Nutzen ſein; das ewige Berathen mit Andern ver mache ängſtlich und verwirrt, beſonders wenn ein jünge⸗ auc rer Mann einem ältern Collegen gegenüber ſeine Mei⸗ ben nung geltend machen ſolle. Sie hörte mich aufmerkſam an und bedachte ſich dann Oft 4 ſi einige Minuten.„Sie haben Recht“, ſagte ſie dann.„ ſuch 13„An Ihrer Stelle würde ich das Nämliche wünſchen. Ru und fen Sie meine Mutter!“ ih Ich öffnete das anſtoßende Gemach. Miß Levin bat s nun, duß ich ſie von jetzt an allein behandele. Es wurde lie ihr zugeſtanden, und ich trat mein Amt an. Ich hatte Le eine große Verantwortlichkeit auf mich genommen, das che fühlte ich, und es mußte mir daher Alles daran lie⸗ al gen, hier mit Erfolg einzutreten. Mühſamer, ſorgfäl⸗ tiger konnte daher auch kein Arzt ſein. Ich kam in je⸗ un dem Wetter früh und ſpät, und blieb ſogar häufig die 5 Nächte dort, um die Wirkung einer Arznei ſelbſt zu über⸗ t wachen. Miß Levin erkannte meine Sorgfalt, und das al ganze Haus blickte nach und nach auf mich, wie auf einen lieben Freund. Deſſenungeachtet mir u keine Cigarre. Das Hanpt der Familie rauchte nicht, und folglich verabſcheuten alle Glieder das Rauchen.— i Dieſe Pietät findet ſich glücklicherweiſe nur unter den Juden. 3 mand uns ein Levin, irgend eine wen ſie gen, kömne mit Andem ein jünge⸗ ſeine Mei⸗ e ſich dan ſie dann. chen. Ru⸗ Vin bat Es wurde Ich hatte men, das daran li⸗ r, ſogfik fam in je⸗ hiug die ſt zu iber⸗ „und das wie auf eman nir uchn nicht auchen.— n den. 145 Als die warmen Auguſttage kamen, ſaß Miß Levin ſchon wieder im Garten. Der alte greiſe Vater, der dieſe Tochter mit einer Art Verehrung liebte, reichte mir mit thränendem Auge die Hand, als ich ſie ihm hier zum erſten Male entgegenführte, die Mutter legte die ihrige vertrauungsvoll auf meine Schulter und ſagte:„Sie ſind auch unſer Sohn!“ Miß Levin blickte mich nur an und bemerkte:„Das Leben iſt doch ſchön!“ Es war dies einer der ſchönſten Tage für mich!— Oft ſaß ich jetzt, nach abgemachtem Kreislauf meiner Be⸗ ſuche, in dieſer Laube und erholte mich von dem Gewühl und Gewirre der großen Stadt. Ich las Miß Levin vor, ich plauderte mit ihr, und fühlte mich ganz zu Hauſe. Es waren die edelſten, beſten Menſchen, die dieſen Fami⸗ lienkreis bildeten; und doch waren es Inden, nur Miß Levin nicht. Sie allein betrachtete das Leben vom ſittli⸗ chen Standpunkte; die Uebrigen nur vom moſaiſchen. Sie allein war Kosmopolitin, keine Israelitin im Exil. Ich wunderte mich oft, wie Leute von ſo viel Bildung und Erziehung, im Verkehr mit bedeutenden chriſtlichen Familien, ſich immer noch in ihren Gebräuchen und Sit⸗ ten ſo durchaus abſondern konnten. Miß Levin lächelte, als ich eine Aeußerung der Art fallen ließ. „Ich glaube Ihnen, daß Sie ſich darüber wundern und es unbegreiflich finden. Ich will es Ihnen erklären.“ „Sie ſehen dies prächtige Haus vor ſich mit ſeiner fürſtlichen Pracht, Sie hören, daß mein Vater Millionen im Vermögen hat, und meinen, daß dieſer Reichthum, I. 10 ———— —,—— S— —— 146 der uns in die erſten Cirkel der Geſellſchaft einführt, uns auch die dort herrſchende Denkweiſe einimpfen würde. Dem iſt aber nicht ſo. Wir waren nicht immer ſo wohl⸗ habend. Als ich ein kleines Kind war— das iſt jetzt länger als dreißig Jahre her— da lebten meine Aeltern noch in der City, da durfte noch kein Inde außerhalb dieſes Bezirks, wo der Handel ſeinen Sitz hat, ein Haus bewohnen. Wir waren alſo gewiſſermaßen dahin ver⸗ bannt.“ 1½ t[..— „Mein Vater hatte Glück in ſeinen Speculationen; der Glanz ſeines Hauſes mehrte ſich; doch finden Sie * 3 mich als erwachſenes Mädchen noch in eben derſelben Lo⸗ calität. Ich ſtand ſehr allein. Mein Vater hatte ſeine Geſchäfte, meine Mutter ihr Hhen und meine jün⸗ gern Geſchwiſter zu beſorgen, und mir wurde aufgetragen, das Rechnungsweſen zu führen. Im Uebrigen beſchäf⸗ Lehrer erhielt.— Etwas ſpäter wurde uns vergönnt, eine zi Wohnung in einer Vorſtadt zu beziehen, wo wir einen Garten und freie Luft hatten; aber ſonſt auch nichts.— Als wir dieſes Haus bezogen, war es daher mit meiner . eigentlichen Jugend ſchon vorbei, und Bälle und Feſte, die wir jetzt beſuchten, hatten keinen Reiz mehr für mich. 6 In dem Sinne bin ich alſo nie jung geweſen.— Auch würden ſie mir viel eicht nie Vergnügen wwah haben. Man fühlt doch immer die unumſtößliche Scheidewand, die den Juden von dem Chriſten trennt, und die den Austauſch zwiſchen unſern jungen Mädchen tigten mich Sprachen und Muſik, worin ich vortreffliche 147 ihr, uns jungen Männern peinlich. Es bleibt ſtets ein Umgang, n würde der auf Stelzen geht.“ nſowehl„Mein Vater iſt durch und durch Jude. Er hat uns iſ jttt von Kindheit auf daran gewöhnt, die Formen des Juden⸗ n Aelen thums ſtrenge zu beobachten, damit dieſe eine Scheide⸗ außerhalb wand zwiſchen uns und den Chriſten ziehen. Er iſt tole⸗ ein Haus rant; aber nicht für ſeine Kinder. Unſer Abfall würde ahin ve⸗ wie ein Fluch auf ſein Haupt fallen. Wir dürfen nur kauſcheres Fleiſch eſſen. Das hält uns vom Reiſen ab ulationen und verhindert uns der Gaſt unſerer chriſtlichen Bekann— nden Sie ten zu ſein. Wir dürfen am Sonnabend keine Art von ſelben Lo⸗ Arbeit thun, ſelbſt keinen Brief zuſiegeln. Wir folgen hatte ſeine dieſen Vorſchriften mit der größten Gewiſſenhaftigkeit, und meine jün⸗ die Gewohnheit hat uns dieſelben ſchon gleichſam unent⸗ ufgetragen, behrlich gemacht.— Doch bedingen ſie einen Separatis⸗ n beſchäf⸗ mus, der uns nie heimiſch werden läßt.“ orteffliche Und folgen Sie ſelbſt aus kindlicher Pietät oder aus gönnt eine Ueberzeugung dieſen Formeln?“ wir einen„Das iſt ſchwer zu ſagen“, verſetzte ſie lachelnd.„Sie nicht.— waren Gewohnheit geworden, ehe ich ihrem Sinne nach—. nit meiner dachte. Später folgte ich ihnen dann aus Ueberzeugung; und Feſte, doch im andern Sinne, wie Sie es vielleicht meinen. Im jſir nich. Judenthume herrſcht noch Familienpietät;— vielleicht ein uch. patriarchaliſcher Ueberreſt!— Wir hegen und pflegen dieſe Empfindung und machen einen Beruf daraus, dem Ver⸗ t haben⸗ wandten beizuſpringen. Wir verehren unſere Aeltern, und i nnit ihr Wille iſt uns Geſetz, ſolange ſie leben.— Ich er⸗ hun 3 kannte das Schöne, das in dieſen Beziehungen liegt. — 10 118 Sollte ich mich nun davon losreißen?— Sollte ich, durch Ablegung kleiner Formen, das graue Haar meines Va⸗ ters noch mehr bleichen? Sollte ich mich dadurch von meinem Volke trennen, ohne in einem andern Aufnahme zu finden?— Das wäre Thorheit geweſen.— So un⸗ terwarf ich mich denn. Und warum auch nicht?— Hat nicht auch der Staat eine Religion, die ſeine Bürger be⸗ kennen müſſen?— Iſt der Einzelne nicht überall ver⸗ bunden, mit dem Strome zu ſchwimmen?— Und auf welchen Wogen könnte man leichter fortgetragen werden als da, wo uns die Glieder unſerer Familie umgeben und uns mit liebendem Auge zuſchauen? Sie haben mein Krankenlager geſehen. War das nicht ſchön? Bot es nicht Erſatz für Vieles?“ „Sind Sie denn ſo ganz befriedigt und glücklich in dieſem Familienleben, das Sie doch in manchem Bezug beſchränkt, Miß Levin?“ „Ich bin zufrieden, mein Freund. Ich bin reſignirt. Mein Naturell machte wol andere Forderungen, aber ich hieß ſie ſchweigen. Wir wählen uns unſerer Stellung im Leben nicht; das Geſchick weiſt ſie uns an.“ „Und welche würden Sie gewählt haben, hätten Sie zu beſtimmen gehabt?“ „Ich glaube, daß eine Frau nur als Gattin und Mut⸗ ter an ihrem rechten Platze iſt“, ſagte ſie leiſe. „Und dennoch blieben Sie unverheirathet?“ „Nicht aus Neigung;— ich fühlte das Verfehlte mei⸗ ner Beſtimmung. Es war ein moraliſches Muß.— Es ich, durch ines Va⸗ urch von Auftahme So un⸗ 7— Hat ürger be⸗ erall ver⸗ Und auf nwerden eben und ben mein icklich in em Bezug reſignirt. aber ich Stellung „ hätten Sie und Mut⸗ nihlt me⸗ 15 149 iſt Ihnen bekannt, daß im Judenthume die Väter die Hei⸗ rath anordnen und dabei einzig die paſſenden Vermö⸗ gensumſtände, das Alter und den Stammbaum zu Rathe ziehen. Mein Vater hatte ſeine Kinder zu lieb, um gegen ihren Willen ihr Loos zu werfen, und geſtattete uns freie Wahl. Das war eine große Conceſſion von einem echten Juden.— Freier kamen in Menge. Was ſuchten ſie aber?— Nicht uns; nur unſer Vermögen. Sie meldeten ſich aus weiteſter Ferne und waren zufrieden, uns nur dem Namen nach zu kennen. Das empörte meine Selbſt⸗ liebe aufs höchſte. Meinen Schweſtern ging es nicht beſſer. Wir ſchlugen Jeden aus, ohne Ausnahme. Nur Der, der uns ohne Vermögen gewollt hätte, wäre uns genehm geweſen, und ein ſolcher fand ſich nicht. In un⸗ ſerer nächſten Umgebung, unter den Gäſten meines Va⸗ ters nun vollends nicht.— Hier in England iſt der Jude noch weit zurück in ſeiner Bildung, gegen Das, was er auf dem Continente leiſtet. Dafür iſt er aber auch glau— bensſtark. Das allein bot uns indeß keine Entſchädigung für ſeine Unwiſſenheit, ſeine Geldliebe, ſeine unangeneh⸗ men Formen. Sie kennen meine Mutter und können ſich vorſtellen, wie ſchön, wie graciös ſie war; wie fein ihr Anſtand! Wir waren nun verwöhnt; andere Sitten belei⸗ digten unſer Auge. Dazu kam unſere ſorgfältig geleitete Erziehung. Wir liebten fremde Sprachen, Lecture, wir trieben Muſik, wir intereſſirten uns für Kunſt. Was ſollten wir an der Seite eines Gatten beginnen, der nur Kaufmann war, und nichts als Geld und Kleider zu 1 150 ſchätzen vermochte?— So ſehr mein Vater uns auch zuredete, es war nicht möglich, ſich mit ſehendem Auge ſein eigenes Elend zu bereiten. Er hatte daher den Kum⸗ mer, ſeine ſechs Töchter unverheirathet zu ſehen.“ „In Deutſchland finden Sie Ihre Glaubensgenoſſen aber auf einer ſo hohen Stufe der Cultur, daß Ihnen in dem Bezug kein Wunſch übrig bliebe. Warum führt Ihr Herr Vater Sie nicht dahin?“ „Nennen Sie die Israeliten dort nicht Glaubensge⸗ noſſen“, verſetzte ſie lächelnd;„ſie ſind es nicht. Sie glauben an nichts. Der deutſche Rationalismus hat ſie ebenſo ſehr angeſteckt, wie uns das Formvolle des engli⸗ ſchen Gottesdienſtes. Sie ſind aufgeklärt— wie man es ausdrückt; und ſind es doch nicht. Der Jude bleibt Jude, wie oft er ſich auch taufen laſſe; das ſehen wir an D'Israeli. Iſt der nicht durch und durch Jude und war doch ſchon als Chriſt geboren?— Sein Aeußeres nicht einmal zu rechnen, ſehen Sie ſeine Ringe, ſeine Ketten, ſeine Eitelkeit, ſeine ſelbſtgefällige Miene— dieſe tiefge⸗ wurzelten Züge des jüdiſchen Charakters haben ihn auch als Staatsmann nicht verlaſſen. Wir erkennen ihn darin, und Punch ſpottet ſeiner.“ „Wie kommen Sie aber zu dieſer Einſicht in die Feh⸗ ler Ihres Volkes, Fräulein Levin?— Man ſieht ſelten ſein eigenes Geſchlecht mit unparteiſchem Auge an.“ „Das iſt meine Mutter.— Die Natur hat wol ſelten ein Weſen mit ſo geſunden Sinnen ausgeſtattet wie ſie. Es ſcheint ihr Alles ſogleich in ſeiner richtigen Form. und ſtant ſind heif hat 6h gle liſc dar wie dieſ uns auch en Auge den Kum⸗ nsgenoſen Ihnen in führt Ihr aubensge⸗ ht. Sie hat ſie es engli⸗ wie mat ude bleibt en wir an und war eres nicht e Ketten, eſe tiefge⸗ ihn auch ihn darin, die Feh⸗ eht ſelten an“ wol ſlhen wie ſie. en Forn. 15¹ und Geſtalt vor das Auge zu treten. Ihr gerader Ver⸗ ſtand duldet kein Falſches und keinen Schein. Wir Alle ſind daher auch nicht wie Judenkinder aufgewachſen, das heißt: man hat uns mit keinen Vorurtheilen genährt, man hat uns nur immer darauf aufmerkſam gemacht, worin die Chriſten uns voraus ſind, und uns angefeuert, es ihnen gleich zu thun. Darum auch hören Sie an unſerm Eng⸗ liſch keinen Accent, den die andern Juden eigen haben; darum ſehen Sie dieſe höchſte Sauberkeit in unſerm Hauſe, wie wol kein Engländer ſie weiter treiben könnte; darum dieſe geſchmackvolle und doch einfache Toilette, an der kein Schmuck ſichtbar iſt als vielleicht gerade die Nadel, die, um ein Band zu halten, unerläßlich war. Und dies Alles ſoll keine Nachahmung ſein, wir wollen dadurch keine Chriſten vorſtellen. Bewahre!— Es iſt nur die Erkennt⸗ niß Deſſen, was gut, nützlich und ſchön iſt, und das Stre⸗ ben, das Beſte zu leiſten. Wir wollen den Chriſten ge⸗ genüber nur beweiſen, daß wir gleichfalls hübſche Formen haben können, und in allen Einrichtungen des materiellen Lebens ihnen nicht nachſtehen; daß wir ihnen als Bürger des Staates ebenbürtig ſind. Mag dem Engländer un⸗ ſere Religion dann anſtößig ſein oder nicht— er wird am Ende doch ſo viel geſunden Sinn haben, das auf Ueberzeugung baſirte Glaubensbekenntniß eines Andern zu ehren— ſo wird er doch auf den Menſchen in uns nicht mehr herabblicken können. Leider aber ſind wir nur eine Familie, die dies wollen“— fügte ſie mit einem Seufzer hinzu—„bei den Andern ſpielt in den meiſten Fällen der Mammon noch eine zu große Rolle. Viel⸗ leicht wird die nächſte Generation mehr leiſten; ich erlebe es wol nicht mehr.“ „Der Ehrgeiz mag ein ſtärkerer Antrieb werden, weil er einen Erfolg nach außen bietet. Wenn ſie nur erſt Sitz und Stimme im Parlamente erlangen, wird es an— ders.“ „Dahin, mein Freund, kommt es ſobald noch nicht“, ſagte ſie kopfſchüttelnd.„Die Ariſtokratie duldet uns dort nicht. Lord John hat ſich bemüht, weil er mußte, weil wir ihm das Geld gegeben, ſeine Wahl in der City durch— zuſetzen;— ich habe ihn aber deshalb immer minder geachtet, ich geſtehe es, obgleich er für uns in die Schran— ken trat. Er trat ein Princip mit Füßen, das ſeiner Kaſte eingeimpft iſt, und zwar nicht aus Grundſatz; ſondern aus Eigennutz. Er handelte wie ein Jude. Die Ariſto⸗ kratie darf uns nicht zulaſſen, wenn ſie ſich nicht ſelbſt den Untergang bereiten will. Ihr Schickſal geht mit der Staatsreligion Hand in Hand; es ſind Elemente, die zu⸗ ſammengehören, die tief miteinander verwachſen ſind. Es iſt unmöglich, daß ſie dieſe Einſicht nicht haben, und Alles aufbieten, einen Sturz des Beſtehenden ſo lange hinaus⸗ zuſchieben, wie immer thunlich. Mir perſönlich liegt auch wenig daran, daß wir dies Ziel ſchon jetzt erreichen.— Wir haben die Männer nicht, die unſere Sache mit Ehre vertreten können; wir haben die Schule nicht, die Vor⸗ kenntniſſe nicht, deren ein Staatsmann bedarf. Wir ſind noch ganz und gar ein Handel treibendes Volk, nur ein⸗ geletn dem nerat ſcha ſität uel ſers im bräu lden, weil e nur eiſt id es an⸗ ch nicht“ uns dort ßte, weil ith durch⸗ er minder ſe Schran inet Kaſte ſondern ie Ariſt⸗ icht ſelbſt mit det te, die zu ſind. Es und Alles e hinaus⸗ liegt auch eichen nit Ehre die Vor⸗ Pir ind nur ein 1 453 gelernt, die materiellen Bedürfniſſe zu erringen, nur auf dem Markte geſchickt. Warten wir auf die nächſte Ge— neration.“ „Gibt man den Knaben denn jetzt eine mehr wiſſen⸗ ſchaftliche Bildung? Erzieht man ſie beſſer?“ „Man kann es wenigſtens. Wir haben die Univer— ſität von London, ein vortreffliches Inſtitut, das den Is raeliten nicht ausſchließt. Dahin können die Söhne un— ſers Volks mit Bequemlichkeit geſchickt werden und zugleich im älterlichen Hauſe leben und den Formen und Ge— bräuchen ihres Stammes folgen.“ „Wie wird es aber mit dem Sonnabend?“ „Den müſſen ſie einbüßen, das geht nun ſchon nicht anders. Sie werden auch außerdem genug lernen, wenn ſie nur wollen. Wie glücklich würde es mich machen, wenn auf dieſe Art mein Volk gehoben würde! Wenn es geiſtig und ſittlich Fortſchritte machte! Dieſe Trödler in den Straßen mit ihren Goth! Cloth! thun meinem Ohre weh!— Ich fahre zu den Feſten der Königin, und höre neben meinem Wagen dieſen Ruf, der wie eine böſe Mah— nung in mein Ohr klingt. Ich fühle mich dieſen Men ſchen ſo ferne, und ſtehe ihnen doch ſo nahe! Wir gehö⸗ ren zu einander, wir ſind eng verwandt, ihr Schickſal iſt das meinige, was ich leide, werden ſie leiden, wenn ein böſer Spruch des Geſetzes uns fliehen heißt, und wir auf einem neuen Boben ein Obdach ſuchen müſſen. Wir Beide fühlen, daß hier nicht unſere Heimat iſt. Wir haben keine, werden nie eine finden! Wir täuſchen uns dar 154 über mit ſehenden Augen.— Wer die Sitten eines Lan⸗ des nicht annehmen kann, wird nie in dem Boden feſt wurzeln, in welchem dieſe ihren Urſprung nahmen. Er bleibt ein Fremder!“ Sie hatte ſich warm geſprochen, ihr Auge leuchtete von dem Feuer der Begeiſterung, die ſie belebte. Ich ſah ſie an. Sie kam mir ſo leuchtend, ſo ſtrahlend wie eine Prophetin vor.— Ihr Blick verfolgte noch die Richtung, die er während ihrer Rede genommen, in die Ferne hin⸗ aus, als ſuchte er ihren Gedanken zu folgen. Sie kehrte jetzt zur Gegenwart zurück und ihr Auge fiel auf mich, der ich noch in ihrem Anſchauen verſunken war.— Sie erröthete und wurde verlegen; ich wurde es auch.— Wir ſaßen nun Beide ſtumm da.— Ich hätte die Un⸗ terhaltung gerne wieder angeknüpft; aber ich wußte nicht womit.— Man kann mitunter entſetzlich bornirt ſein. Wie es Mancher vor mir in ſolchen Fällen gemacht, wenn ihm durchaus das rechte Stichwort nicht beifallen wollen, das that auch ich jetzt; ich nahm meinen Hut und empfahl mich. Sie erwiderte meinen Gruß und ſagte kein Wort. Ihre Wangen hatten noch immer nicht ihre gewöhnliche Farbe angenommen. Zu Hauſe angekommen, zündete ich mir ſogleich eine Cigarre an und blies die heftigſten Wolken in die Luft, die jemals zwiſchen meinen Lippen hervorgeſchoſſen. Mir war wunderbar zu Muthe. Wachte ich oder träumte mir? — War ich von Sinnen oder wirklich bei klarem Ver— ſtande?— Es war mir, als hätte ich etwas Großes erlebt, lö he in me ſichté Ein nicht auch es n jetzt nert erz nale hen. die 1 ken düſte grau ßer en dein gew dieſ gen alle uns uns eines Lan⸗ Brden feſt hnen. Er ſe leuchtete Ich ſch ſe d wie eine eRichtung, Ferne hin⸗ Sie kehrte auf mich, t.— Sie auch.— tte die Un⸗ wußte nicht irt ſein. n gemacht, ſt beifallen neinen Hut Gruß und mmer nicht gleich eine 1 die Luft oſen Mi äumte m ſor⸗ aun Ver⸗ es elebt als habe ſich irgend etwas ereignet, das wie eine Epiſode in meinen Leben daſtände.— Und doch war eigentlich nichts vorgefallen? Worauf baſirte ſich denn dieſer Eindruck? Ein Erröthen? Ein verlegenes Schweigen?— Ich wollte nicht weiter analyſiren, ich wollte nichts wiſſen! Wozu auch? Was ſollte mir dieſe Erkenntniß?— Was konnte es mir fruchten durch klare Worte laut zu machen, was jetzt wie ein dunkles Bewußtſein in meiner Bruſt ſchlum— merte? Nach einem langen Spaziergange kehrte ich beruhig⸗ ter zurück und ergriff meine Feder, um an meinem Jour— nale fortzufahren. Es wollte heute aber nicht damit ge— hen. Eine gewiſſe Verworrenheit herrſchte in meiner Seele, die mir das Ordnen meines Stoffes unmöglich machte. — Ich ſprang auf und eilte ans Fenſter. Trübe Wol⸗ ken hatten ſich am Himmel zuſammengezogen, die die düſtere Straße noch düſterer machten.— Alles hatte eine graue Färbung angenommen; wie in mir, ſo ſah es au⸗ ßer mir aus. Jetzt klopfte es. Gottlob! Ich wurde zu einem Kran⸗ ken gerufen. Wer da ſagt, daß das„Und im Schweiße deines Angeſichts ſollſt du dein Brot eſſen“ ein Fluch geweſen ſei, der hat das rechte Verſtändniß nicht. In dieſer Nothwendigkeit der Arbeit liegt eben der rechte Se⸗ gen. Unſere Arbeit gibt uns unſer eigentliches Glück, ſie allein gibt uns Zufriedenheit und Frieden, ſie allein gibt uns das Gefühl unſerer Menſchenwürde, ſie allein ſöhnt uns mit unſerer Miſſion aus; denn ſie ſelbſt iſt unſere 4 1 156 Miſſion.— Entblößt eure Häupter, ihr Sterblichen, und neigt euch vor dem großen Princip des Schaffens und der Thätigkeit, das in der ganzen Natur waltet, und das auch in euch rege iſt. Ehrt den Arbeiter und ſeine Arbeit; ehrt den Schöpfer und ſeine Schöpfung— ehrt das allwaltende Princip des Lebens, den Menſchengeiſt, der nimmer ruht. Nachdem ich dieſen herrlichen Monolog gehalten, hieß ich meinen Tiger— denn ich war bereits ſo hoch auf der Leiter der Reſpectabilität emporgeſtiegen, daß ich einen eigenen Tiger hatte— mir ein Cabriolet holen und fuhr davon.— Mein Ziel lag im Weſtende, in der Ed— geware Road.— Mein Kranker wohnte hier in einem Lodging house— was wir Deutſchen auf Franzöſiſch ein Hötel garni nennen. Er war ein Gargon und lebte en gargon; ſonſt aber war er mein Landsmann, das heißt, er war aus Baden, und ich weiß nicht gewiß, ob das noch zu Deutſchland gerechnet wird. Unſer Vaterland iſt ſo groß, daß man unmöglich ſtets all die fetten klei⸗ nen Biſſen im Auge behalten kann, die theils als Köder aushängen, theils pour la bonne Pouche aufbewahrt ſind. Ich trat bei meinem Patienten ein. Er lag auf dem Sofa ausgeſtreckt und reichte mir mit der größten Non— chalance und einem gezogenen„Good evening, Doctor“, die Hand entgegen. Der Mann war ſchön; bei Gott, ſehr ſchön! War hoch und ſtattlich, wie ein Jupiter gebaut, hatte ſchöne Züge, und Zähne ſo prächtig, als wäre jeder einzeln nach Sturblichen, 8 Schafens twaltet, und et und ſeine ung— chrt Menſchengeit, chalten, hieß hoch auf der ich einen holen und in der Ed⸗ iet in einem f Franzſiſch on und lebte ömann, dus t gewiß, ob ſer Vaterland ie fetten kei⸗ ls als Köder bewahrt ſind. lag auf den größten Non⸗ ng, Poctor“ ſchön! Val hatte ſchöne einzeln nach dem Maße angefertigt. Er ſah, daß ich ihn muſterte und ſchmunzelte ſelbſtgefällig: „l was ounce a very good looking fellow“ ſagte er mit naiver Aufrichtigkeit;„but now all is gone“, und er wiegte den Kopf bedauernd. „Sie ſind aber kein Engländer?“ fragte ich verwun⸗ dert darüber, daß ein Compatriot mich mit einem frem— den Idiom anrede. „By no means. Ich kann aber auch Deutſch mit Ih⸗ nen reden. Es iſt mir nur ſo ungewohnt und ich ſpreche es fehlerhaft. Wenn man viele Sprachen redet, ſo iſt die Folge, daß man am Ende nicht eine mehr ordentlich ſpricht. Das Engliſche geht dann noch am beſten, weil ich im Lande bin. Aber Alles gleichviel“, ſetzte er mit nieder⸗ geſchlagener Miene hinzu;„es iſt nun doch Alles vorbei.“ „Wie ſo?— Ich weiß freilich noch nicht, woran Sie leiden; doch ſcheint es mir ſo gar ſchlimm nicht mit Ihnen zu ſtehen.“ Er lachte herzlich und zeigte dabei ſeine prächtigen Zähne. Dann legte er ſeufzend den Kopf auf die Seite, „Ich bin vierzig Jahre“, ſagte er;„dann macht ein Mann ſein Glück nicht mehr; dann iſt Alles vorbei.“ „Sie ſprechen wie ein heirathsluſtiges Mädchen. Ein Mann iſt dann erſt in ſeinen beſten Jahren.“ „Mag ſein, was ſeine Entwickelung betrifft; aber mit der Schönheit iſt es eine andere Sache.— Ich vergeſſe aber ganz, weshalb ich Sie rufen laſſen; man unterhält ſich ſo gut mit Ihnen. Bleiben Sie den Abend bei mir. Ich 158 haſſe es, allein zu ſein.— Ich beſtelle den Thee, und wir plaudern. Ja, ja; Sie bleiben.— Sehen Sie meine Hand, ich bin gefallen und habe ſie verſtaucht. Sie iſt geſchwollen und ſchmerzt mich. Verſchreiben Sie mir et⸗ was, und dann reden wir von etwas Anderm.“ Eine ſo ſchnelle Bekanntſchaft hatte ich noch nie an⸗ geknüpft. Indeſſen— in meiner heutigen Stimmung war Geſellſchaft auch für mich ſo übel nicht. Wir nahmen beide eine Cigarre in die Hand, und wirbelten uns luſtige Wölkchen zu; das Plaudern aber that mein Wirth ganz allein; womit ich diesmal auch recht wohl zufrieden war. Er hatte große Reiſen gemacht, hatte viele Länder beſucht, und wußte daher viel mitzu⸗ theilen; leider aber blieb er bei ſeiner Unterhaltung immer ſubjectiv und man lernte eben nichts von ihm, als daß er da oder dort geweſen, Dies oder Jenes geſehen. Wohin man ihn auch in Gedanken begleitete, immer war es nur ſeine Perſönlichkeit, die man in dieſer oder jener Lage vor ſich ſah. Dieſe Eigenthümlichkeit, ſein Ich auf einem Präſentirteller umherzutragen, war mir noch bei Niemand ſo grell in die Augen gefallen, und meine Lachmuskeln wurden durch ſolche Wiederholung endlich dermaßen ge⸗ reizt, daß ich ſein Ich mit einem gewaltigen Ha! ha! ha! erſchreckte. Er ſtimmte mit ein, und nur als wir geendet, richtete er die Frage an mich, weshalb wir denn eigent⸗ lich gelacht. Wir! Ich fand das köſtlich. Wir! „Weshalb Sie gelacht, werden Sie mir nicht zumu⸗ then zu ſagen; was aber mein eigenes Geräuſch betrifft, ſo gi zu er ſo w ich La wei mer wes will Sie 3) hint not Me Bil dig wr n Sie meine ht. Sie iſt —„ Sie mit et⸗ m och nie an⸗ Stinmun Hand, und mdern aber auch recht en gemacht, viel mitzu⸗ tung immer n, als daß hen. Vohin war es nur et Lge vor guf einen bei Niemand Lachmuskeln mmaßen ge⸗ l ha! hal wir geendet denn eigen ir! niht m⸗ uit betrft, The, und mm ſo galt es Ihnen. Es fing an mir unendlich ſpaßhaft zu erſcheinen, daß ich mit einer mir ganz fremden Perſon ſo weite Reiſen machte. Wer ſtand mir dafür, daß Sie nicht ein berüchtigter Bandit waren, und mir mit einem 1L.a bourse on la vie entgegenträten. Was ſollte denn, ſo weit von der Heimat, aus mir werden?“ „Sie haben Humor, Freund; und ſind klug, das merke ich ſchon. Sie wollen wiſſen, wer ich bin und weshalb ich ſo umherziehe, wie Ahasverus. Gut! Ich will es Ihnen erzählen. Aber ordentlich von vorne an. Sie können dann künftig einmal mein Biograph werden. Ich habe viel erlebt. Es liegen viele glückliche Stunden hinter mir!“ „Und wahrſcheinlich auch noch vor Ihnen.“ Er lachte. „Meinen Sie?“ ſagte er ſelbſtgefällig. Ja, if 1 bad not lost my good looks; aber ſo? Ich bin ein verlorener Mann.“— Er ſeufzte wieder. „Nun, nun! Sie ſehen noch eben nicht aus wie ein Bild der Verzweiflung.“„ „Lady Eſther hat ſich nach meinem Befinden erkun⸗ digen laſſen und mir ein Buch und Erfriſchungen geſandt.“ „Da haben wir's.“ ⁰ „Die Morning Poſt erzählt meinen Anfall und rühmt meinen Muth, mit dem ich mich den Pferden entgegen ge⸗ worfen. Haben Sie den Paragraphen geleſen?“ „Noch nicht.“ „So thun Sie es doch.— Man meint, daß Lord 160 Grey etwas für mich thun werde. Mich ſoll wundern, ob es geſchieht; oder ob man mich bald wieder vergißt.“ „Sie müſſen kein Gras darüber wachſen laſſen; wie man ſich ausdrückt. Verſtehen Sie das noch?“ ² „Ganz gut. Wenn nur die dumme Hand nicht wäre. Wie bald werde ich ſie wieder gebrauchen können?— Mr. Smith, der mich bis dato behandelte, meinte, in Wochen nicht. Darauf habe ich mich mit ihm abgefun— den. So lange konnte ich nicht warten.“ „Ich darf Ihnen alſo die Wahrheit nicht ſagen; ſonſt finden Sie ſich auch mit mir ab und laſſen einen dritten Arzt rufen“, ſagte ich ſcherzend. Er lachte. „Nicht doch, Doctor; ſo iſt es nicht gemeint. Ich will nur nicht dem Arzte zu Gefallen auf dem Sofa liegen. Sie werden mir das nicht zumuthen, Sie ſind ja ein Deutſcher.“ „Welch Vorurtheil! lieber Frohberger. Es iſt auch nicht Alles Gold bei uns.— Was aber Ihre Hand betrifft, ſo können Sie gar nichts Geſcheiteres thun, als ſie in der Schlinge zu tragen, und das ſo lange wie möglich, auf der Straße, in Geſellſchaften, überall. Das veran⸗ laßt immer neue Nachfragen, neues Bedauern, und für die Damen beſonders iſt nichts intereſſanter als ein ſol⸗ cher aufgebundener Arm.“ Er lächelte und verſank einige Minuten in ſtilles Nach⸗ denken. „Sie haben vollkommen Recht, lieber Doctor!— Es n — — l wundern, del vergißt.“ laſen; wie E d nicht win. können?— „meinte, in ihm abgefun⸗ ſagen; ſonſt einen dritten int. Ich wil Sofa liegen. ſind ja ein iſt auch nicht and betrift, als ſi in wie müglich Das veran⸗ n, und für als ein ſol ſilts Ju⸗ 161 fällt mir wie Schuppen von den Augen. Wie kommen Sie aber zu dieſer richtigen Anſicht der Dinge?“ „Als Arzt lernt man Vieles.“ „Sie ſind ein Prachtmann! Wir müſſen Freunde wer⸗ den. Vielleicht kann ich Ihnen einmal einen Gegendienſt leiſten.“ „Einſtweilen habe ich Ihnen nur den Rath gegeben, den Dienſt leiſten Sie ſich nun ſelbſt. Wollen Sie mir aber etwas Angenehmes erweiſen, ſo erzählen Sie mir etwas von Ihrem Lebensgang. Sie intereſſiren mich; und ich möchte mir gerne ein ganzes Bild von Ihnen entwerfen, mir vorſtellen, wie Sie zu Dem geworden ſind, was Sie ſind.“ Er ſtreckte ſich ein wenig und ſah mich mit einem ſelbſtzufriedenen Seitenblicke an. „Ich bin ein Mann und kann mir mein Brot verdie⸗ nen, das iſt mein größter Stolz, Herr Doctor.“ „Ganz recht, lieber Freund; aber auf das Wie kommt doch auch noch etwas an.“ „Meinen Sie das perſönlich?“ fragte er empfindlich. „Durchaus nicht; denn ich kenne ja die Zweige Ihrer Betriebſamkeit nicht.“ „Ich bin ein Pädagoge.“ „Sie ſcherzen!“ Er lachte laut. „Ja, freilich nicht im Sinne der deutſchen Pädagogik, die die Knaben ſo überfüttert, daß ſie verdummen. Ich bin ein Mann des Lebens und bilde für das Leben.“ II. 11 162 „Laſſen Sie mich, bitte, Ihren Plan hören.“ „Plan?— Ich habe keinen. Ich thue gerade Das, was mir im Augenblicke gut ſcheint. Und eine Regel paßt nicht für alle Fälle. Sehen Sie, ich war noch ein ſehr junger Menſch, als ich mich dieſem Fache widmete. Ich hatte in Tübingen ſtudirt, und ſollte nun philiſterhaft mei⸗ nen Weg bis zur Kanzel verfolgen; das behagte mir nicht.„Ein freies Leben führen wir?— das war ſo mein Motto.— Aber was war zu thun?— Geld hatte ich nicht und durfte von zu Haufe keinen Zuſchuß erwar⸗ ten. Da wanderte ich denn mit hängendem Kopfe um⸗ her und blickte kleinmüthig auf dieſe ſchöne Welt, die mir ſo viel Schönes zu bieten hatte. Da brachte mir endlich eine meiner Gönnerinnen Erlöſung; denn ſchon damals war ich ein Liebling der Damen und deren beſonderer Protégé.— Sie hatte Auftrag, einen Erzieher für einen kleinen Knaben zu ſuchen, der reich und eine Waiſe war. Der Kleine war ein Engländer und ſehr ſchwächlich; er ſollte daher im Süden aufwachſen und durch kein Lernen angeſtrengt werden.— Nur Sprachen wünſchte man für ihn, und unter dieſen beſonders Deutſch und Franzöſiſch, die er ſo ſpielend faſſen ſollte. Ich dankte Gott und meiner Beſchützerin für dieſe Sendung und machte mich mit frohem Herzen auf, mein neues Amt anzutreten. Mir war ein Gehalt von hundert Pfund ausgeſetzt, was für England eine mäßige Summe iſt, mir aber eine große Einnahme deuchte, beſonders wenn ich die Pfunde in Gulden umſetzte.“ ich zeie rude Das, Regll aßt ch ein ſehr mete. Ich tethaft mei⸗ Nhagte mir as war ſo Geld hatte uß erwar⸗ Kopfe um⸗ elt, die mir mir endlich on damals beſondeter t für einen Waiſe war. vächlich; er fein Lernen te man für Franzſſc⸗ Gott und treten. Mir t, wos für eine guſ Pinde in 163 „So reiſte ich denn glücklich und froh meiner neuen Beſtimmung entgegen, die mich nach Piſa rief.— Nach Italien! das hatte auch ſchon ſeinen Reiz. Ich wanderte zu Fuß über die Berge, um, wie Hannibal, von den ſchneebedeckten Gipfeln in das gelobte Land hinab zu ſchauen. Ich trug einen Hut mit einem breiten Rande, der ein bischen auf einem Ohre ſaß, und ein kurzes Män⸗ telchen. Dieſe Tracht ſtand mir gut und überall hörte ich, wie man ſich den bellissimo Tedesco mit Fingern zeigte.“ „Als ich Piſa erreichte, war es Abend. Mein Zög— ling ſchlief ſchon. Ich wurde in das Zimmer ſeiner Tante geführt, unter deren Obhut der Kleine jetzt lebte, und von dieſer empfangen. Nie werde ich den Eindruck vergeſſen, wie die ſtolze, hohe Geſtalt, ſo ganz ariſtokratiſch in ihrer Haltung und ihrem Ausſehen, mir bei meinem Eintritt eine kleine Kopfbewegung machte und mir einen Stuhl ihr gegenüber anwies.“ (Das hole der Henker!“ war mein erſter Gedanke. Wer denkt ſie denn, daß ich bin?— Ich hoffte ihr das zu zeigen. Sie redete mich nun mit dieſem ſüßen, ſanf⸗ ten Ton an, der, wie Sie wiſſen, in der guten Geſell⸗ ſchaft hier Mode iſt, den ich damals aber zum erſten Male hörte. Dazu ſchlug ſie das Auge kaum zu mir auf. Sie kam mir wie eine Nonne vor. Ich wünſchte, ſie hätte mich angeſehen, dann würde ſie gleich bemerkt haben, welch ein Mann vor ihr ſaß.— Sie forderte mich auf, mir an Erfriſchungen geben zu laſſen, was ich wünſche; 164 der Diener würde meinen Befehlen nachkommen. Dann bemerkte ſie noch, daß der Kleine jeden Morgen um ſieben Uhr ſpazieren geführt werde, ſollte ich aber morgen noch von meiner Reiſe erſchöpft ſein, ſo möge ich mich nicht geniren. Das Weitere würden wir ſpäter beſprechen, wenn ich ausgeruht.“ „Damit machte ſie eine Kopfverbeugung, die meinen ſ. Abſchied andeuten ſollte.“ 4„Ich verließ wüthend das Zimmer. Pah! lieber doch 1 Holz hacken, als dieſe Rolle ſpielen! Ich hätte dieſe erſte 1 Nacht wahrſcheinlich ſchlaflos zugebracht, wäre ich nicht von der Reiſe gekommen und todtmüde geweſen. Ich aß unter dem heftigſten Aerger einen halben Truthahn und trank eine Flaſche Wein dazu; dann warf ich mich auf 3 mein Lager.“ 6„Früh Morgens, als ich, ohne ganz erwacht zu ſein, noch mit geſchloſſenen Augen dalag, und mich in halb be⸗ ji h Luäunen wiegte, hörte ic ein leiſes Geräuſch ₰ 1 6 e Zhi die kehui geöffnet wurde, worauf ein 3 Kinderkopf ſich neugierig daraus hervorbog. Es mußte 13 mein Zögling ſein, den es nicht ruhen laſſen, ehe er ſei⸗ ſ. nen neuen Mentor erblickte. Ich ſah ihm eine Weile zu, ohne ihn merken zu laſſen, daß ich erwacht; dann rief 3 ich:(Entrezl* 3„Die Thüre öffnete ſich ein wenig mehr, und ein klei⸗ ner Knabe von acht Jahren blieb ſcheu darin ſtehen. Ich winkte ihm näher und redete ihm freundlich zu, wo⸗ bei i Die tigt gal ihn ſun ſag und der . Dann un ſieben orgen noch mich nicht chen, wenn die meinen lieber doch dieſe erſte eich nicht Ih aß thahn und mich auf cht zu ſei, in halb be⸗ eräuſch an worauf ein Es mußte che er ſe⸗ WVeile ſu dann rif nd ein ler in ſthen. zu, wo⸗ 165 bei ich mich halb aufrichtete. Nun kam er mit einem Male geſprungen und warf ſich an meinen Hals.“ „I am very good natured and kind to children. Die Herzlichkeit des Knaben that mir wohl und beſänf⸗ tigte meinen Zorn vom geſtrigen Abend ein wenig. Was galten mich dieſe gnädigen Damen an, was hatte ich mit ihnen zu thun? Ich konnte ſie ja mit derſelben Herablaſ⸗ ſung behandeln wie ſie mich?— l am a man and can ſag for myself. Sie ſollten dieſe Manneswürde fühlen und ſie ehren.“ (Gehen Sie mit mir ſpazieren, lieber Herr? fragte der Kleine bittend.“ „Wie viel Uhr iſt es denn? Halb ſieben.» Da laufe fort, Kleiner, und komme in einer halben Stunde wieder; ich will mich raſch ankleiden.» „Der Knabe ſprang vergnügt zur Thüre hinaus. Er freute ſich ſichtlich zu mir und hatte ein Herz für mich. Das war meine Baſis, auf der ich bauen konnte; dann hatte ich doch einen Halt.“ „Noch hatte die Stunde nicht geſchlagen, da pochte es leiſe, und William war wieder da. Ich war gleich fer— tig. An Damenumgang gewöhnt, kannte ich die Noth⸗ wendigkeit einer ſorgfältigen Toilette und verſäumte die— ſelbe auch diesmal nicht. Mein Spiegel war zufrieden. — Wir gingen nun hinaus in eine ſchattige Allee, und William ließ es ſich angelegen ſein, mir alle ſeine Lieb⸗ lingsplätze zu zeigen. Als wir um eine Ecke bogen, kam 166 Lady Eſther uns entgegen.„Die Tante! rief der Kleine und verließ meine Hand, um die ihrige zu ergreifen.— Ich zog meinen Hut und verbeugte mich mit kalter Miene; dann ſchritt ich weiter und nahm unfern auf einer Bank Platz, wo ich William erwartete. Ich nahm mein Ta⸗ ſchenbuch heraus und that, als ſuche ich etwas darin, um nur nicht die Miene zu haben, als kümmere ich mich um die Gnädige.“ „Sie hatte ein verwundertes Geſicht gemacht, das war mir genug. Sie wußte nun, daß mir ihre Formen nicht behagten, und daß ich verſchmähte auf dieſem Fuße in irgend einer Beziehung zu ihr zu ſtehen.“ „Um zwei Uhr wurde das Mittageſſen angeſagt, bei welchem ich mit ihr zuſammentreffen mußte. Ich wollte das heute noch gern vermeiden, und entſchuldigte mich mit Kopfſchmerz, in Folge der Anſtrengung der Reiſe. Man ſervirte mir in meinem Zimmer. Gegen Abend erklärte ich, ich fühle mich wohler und forderte den Kleinen zu einem Spaziergange auf. Er war höchſt vergnügt dar⸗ über. Er geſtand mir, daß er ſich ſchäme, länger mit ſeiner Wärterin auszugehen, es ſei nicht männlich für einen Knaben; er wolle ein Mann werden, wie ich. Da⸗ bei blickte er mit großer Bewunderung zu meiner ihm un⸗ geheuer ſcheinenden Größe empor.“ „Da mußt du recht geſchwind wachſen, William.“ Das will ich auch, lieber Herr Frohberger. Sagen Sie mir nur, wie ich es anfangen muß.» ten, daß lur mi Bl et Kleine tifen.— Miene; net Bant nein Ta⸗ Arin, un mich um das war ten nicht Fuße in ſagt, bei ollte das nich nit e. Man erklärte einen zu tügt dar⸗ nget nit nlich für ich. Da⸗ ihm un⸗ iam. Gihen —— 167 (Du mußt laufen und ſpringen und ſchießen und fech⸗ ten, dann wirſt du groß und ſtark.» „Man erlaubt es mir nur nicht.— Man ſagt immer, daß ich zu ſchwach bin und recht langſam gehen muß. Ich werde dir lehren, wie du es anzufangen haſt, damit es dir nicht ſchadet.» Das iſt prächtig. Ich will auch recht aufmerkſam ſein.» Das glaube ich gern, guter Jungev, ſagte ich lachend, (die Jugend läßt ſich lieber unterweiſen im Halsbrechen als im Kopfbrechen.* „Ein ſchön galonnirter Diener trat uns entgegen.“ Lady Eſther empfiehlt ſich, und wenn Herr Frohber⸗ ger ſich wohler befände, möchte ſie ihn gern ſprechen.» Ich werde kommenn, ſagte ich.“ „Eine Stunde ſpäter— denn ich wollte keine Eile zeigen— ließ ich mich anmelden. Lady Eſther ſaß wie geſtern.“ Ich habe Sie bitten laſſen», ſagte ſie bei meinem Eintritt, um mit Ihnen einige Punkte in William's Er⸗ ziehung zu beſprechen. Wollen Sie Platz nehmen?— Sie winkte auf einen Seſſel.“ „Ich verbeugte mch dankend und bat, Ihre Mitthei⸗ lung ſtehend entgegennehmen zu dürfen.— Jetzt ſah ſie mich an— forſchend, fragend;— ich begegnete ihrem Blicke voll und feſt und ſie ſah ſchnell wieder weg.“ (Der Kleine iſt ſchwach, wie Sie wiſſen, und darf nicht angeſtrengt werden. Wollen Sie ſo gut ſein, mir ——— Ihre Methode des Unterrichts mitzutheilen, und welchen Stundenplan Sie zu entwerfen gedenken?— Das Ste⸗ hen wird Sie aber ermüden; ſo ſetzen Sie ſich doch!» Ich danke nochmals, gnädige Frau. Ich ſtehe lie⸗ ber, wo ich mich nicht nach eigenem Gefallen ſetzen oder erheben kann. Was meine Methode im Lehren an⸗ langt, ſo können Sie dieſe an dem Reſultate prüfen. In meinem Vaterlande beſteht man vor Männern ein Era⸗ men ſeiner Befähigung, und dieſe Zeugniſſe kann ich Ih⸗ nen vorlegen. Einen Stundenplan werde ich nicht ent⸗ werfen. Ich erwarte, daß der Arzt des Kleinen mir ge⸗ nau vorſchreibt; wie viel Bewegung und wie viel geiſtige Beſchäftigung ſein ſchwacher Körper erträgt, und dann werde ich mich gewiſſenhaft danach richten. Sie werden mich verbinden, wenn Sie mich dieſem Manne ſobald wie möglich vorſtellen!— Haben Sie noch ſonſt etwas zu befehlen?* Sind Sie zufrieden mit Ihrem⸗Zimmer? Ihrer Be⸗ dienung? Bis jetzt habe ich über nichts zu klagen!? Ich em⸗ pfahl mich.“ „Das hatte geholfen. Ich erzähle Ihnen dieſe klei⸗ nen Umſtände, damit Sie ſehen, wie ſchwierig es für mich war, meine Stellung zu dem zu machen, was ſie wurde. Der Arzt kam, er war ein verſtändiger Mann, und wir Beide verpflegten den Knaben ſo wohl, daß er zum kräfti⸗ gen Menſchen heranwuchs. Lady Eſther miſchte ſich nicht mehr in die Erziehung.— Unterricht ertheilte ich wenig. 5 d welchen Das Ste⸗ dochl ſtehe li⸗ ſezen ode ehren an⸗ rüfen. In ein Era⸗ in ich Ih⸗ nicht en⸗ mir ge⸗ iel geiſtige und dunn ie werden ſobald wie Ich en⸗ dieſe klei⸗ für nich ſie wurde und we zun fii⸗ eſih nicht ih wenig 169 — Alte Sprachen brauchte er nicht; Mathematik ebenſo wenig. Mit ein, zwei Stunden täglich war ſeine Lern⸗ zeit abgethan. Wir hatten Pferde, ich ritt mit ihm; er lernte Turnen, Fechten, Tanzen, Schwimmen; ich ſchoß mit ihm nach der Scheibe. Nach und nach machten wir uns auch von den Weibern los. Ich reiſte mit ihm, brachte den Sommer in nördlichen Gegenden zu, zog den Winter nach Neapel oder Rom. Ach! in letzterer Stadt, da war es ein Leben für mich, unter den Künſtlern be⸗ ſonders. Wie oft haben mich die gemalt! Als Bandit, als Jäger, als Krieger war ich ihnen unübertrefflich!— Und koſtbare Weiber gab es dort.— Ich kann Ihnen noch manches Geſchichtchen davon erzählen.“ „Mein Zögling wuchs indeſſen heran und wurde mit in Geſellſchaft geladen. Da hatte ich nun meine Noth. Erſtlich ſollte er nicht viel ausgehen, weil es ſeiner Ge⸗ ſundheit nichts taugte; zweitens waren überall dieſe lei— digen engliſchen Mütter mit ihrer Kuplermanie, die mir den Jungen, weil er reich war, ſchon für eine ihrer häß⸗ lichen Töchter gewinnen wollten. Das wäre mir nach meinem Sinne geweſen!— Da gab es denn manchen Kampf mit meinem William. So ein junger Menſch fühlt ſich geſchmeichelt, geehrt; man ſagt ihm vor, er ſei ſein eigener Herr und ſolle ſich in ſeinen unſchuldigen Vergnü⸗ gungen nicht von einem tutor verbieten laſſen, der blos eiferſüchtig ſei, weil man ihn nicht mitgebeten.— Die Idee war köſtlich!— l am a man and can fag for my— self; was kümmere ich mich um die ganze engliſche Ari⸗ . 170 ſtokratie!— Uebrigens habe ich auch meine Freunde dar⸗ unter. Da iſt Lady Rich. Sie brachte mehrere Winter in Italien zu und ich war bei ihr wie Sohn vom Hauſe. Sie iſt freilich alt, könnte meine Großmutter ſein; doch hat ſie eine große Schwäche für hübſche Männer und iſt auch noch immer eine meiner größten Gönnerinnen. O! Wenn ich nur nicht vierzig Jahre alt wäre!— Dann ihre Tochter, Lady Cheſter, die ſchöne, geiſtreiche Frau, von der Sie wol gehört haben. Welch ein Winter war das, deliciöſe! Sie war in Piſa und leidend, konnte nicht viel ausgehen. Ihre Mutter, Lady Rich, hatte mich mit ihr bekannt gemacht. Ich gefiel ihr. Sie forderte mich auf, ihr Deutſch zu lehren. Jeden Abend war ich nun bei ihr, téte à téte, viele Stunden lang und die Welt durfte nichts dazu ſagen.— Das war eine Zeit!— Ich war troſtlos, als der Frühling kam und ſie nach England zurück mußte. Ich habe ſie hier wiedergeſehen, ich ſehe 3 ſie oft, ſie ladet mich zu all ihren Bällen und Geſell⸗ ——.— ſchaften, und weiſt mir dadurch gewiſſermaßen eine Stel⸗ lung unter dieſen ercluſiven Ariſtokraten an; aber darum iſt ſie mir doch verloren. So geliebt habe ich Niemand.“ „Sie laſſen ſich auch wol im Ganzen mehr lieben 5 als daß Sie ſelbſt der Empfindende ſind.“ 3 „Mag ſein!“ ſagte er ſchmunzelnd;„mag ſein.— ℳ Das iſt indeſſen nun auch Alles bald vorbei.— Ich muß 3 daran denken, mich zu etabliren, muß mir ein Gut kau⸗ fen und eine Frau nehmen. Mit ein bischen Vermögen, 3 das verſteht ſich. Wiſſen Sie Jemand für mich, Doctor?“ — edar⸗ Vinter Huſe. n; doch ner und etinnen. Dann e Frau, ter war te nicht lich mit te mich ich mn die Welt — Ih England ich ſehe Geſell⸗ ne Stel⸗ rdarum emand.“ lieben, ſein.— ʒch mi ut fn⸗ mihin orur“ 3 171 „Ich dächte, Sie müßten die Auswahl haben.— Da Sie ſich aber ein Gütchen kaufen wollen, ſo bedürfen Sie ja nicht einmal des Vermögens und brauchen blos auf Schönheit zu ſehen. Ihre Pädagogik iſt alſo doch we⸗ nigſtens einträglich geweſen und Sie haben Ihr Schäf⸗ chen dabei ins Trockene gebracht.“ „Hm! Das will ſo viel nicht ſagen.— Ich war im⸗ mer ſparſam, man braucht aber doch viel. Namentlich trinke ich gern Champagner, und den durfte ich doch nicht auf die Rechnung ſetzen, die ich dem Vormunde einreichte. William wurde aber mündig, mit einundzwanzig Jahren hier in England, wie Sie wiſſen, und da ſchenkte er mir denn eine hübſche Summe. Nicht mehr als billig. Ich hatte ihm Leben und Geſundheit gegeben; was war ſein Geld am Ende im Vergleich damit! Er iſt aber ein gu⸗ ter Junge, und wir haben einander recht lieb.“ „Was thaten Sie dann, als Sie deſſen Erziehung vollendet?“ „Ich wollte erſtlich gar nichts thun; aber— das Her umziehen in der Welt war mir nun ſchon zur Gewohn⸗ heit geworden, daß ich auf einem Flecke nicht mehr aus⸗ halten konnte, und das Reiſen erlaubten meine Einkünfte nicht. Ich ſah mich alſo nach einem andern Jüngling um, der eines Begleiters bedurfte. Da fand ſich denn auch bald dieſes, bald jenes; aber nichts wollte mir lange behagen. Ich konnte mir durchaus die Flügel nicht be⸗ ſchneiden, mir meine Freiheit in nichts verkürzen laſſen. — Wenn ein erwachſener Menſch an die Ferſen eines Knaben gekettet iſt, das iſt fürchterlich. Ich bin ein Mann, lcan fag for myself; aber nur mit Selbſtgefühl. Ich demüthige mich vor Niemand. Meine Arbeit iſt meine Ehre, ich bin ſo gut wie alle die Andern.“ „Ich reiſte dann erſt mit einem jungen Lord Norbey. Wie der nach Paris kam, erklärte der Junge mir kurz und gut, daß er mich bitte, mich nun weiter nicht um . ihn zu bekümmern; nur auf dem Fuße würde ich auf mei⸗ nem Poſten bleiben. Ich wußte, daß er ſein Wort gut machen konnte. Was ſollte ich thun?— Ich wartete die Sache ab. Ich beobachtete ihn aus der Ferne, aber * mit ungeheurer Vorſicht; denn hätte er mich auf ſeiner . Spur gefunden, ſo wäre ich verloren geweſen. Da fand ich denn, daß er eine Bekanntſchuft mit dem Policinello 8 bei Aſtley— dem Kunſtreiter— angeknüpft, und un⸗ ter der Aegide dieſes luſtigen Patrons die Sehenswürdig⸗ feiten von Paris in Augenſchein nahm. Das war ori⸗ 3 ginell; aber nicht böſe. Ob ſeine Sitten und ſein Ge⸗ ſchmack ſich dabei nun ſonderlich bildeten, daß weiß ich nicht. Ein paar Monate vergingen, da ſchickte der Vater den Befehl, daß wir weiter reiſen ſollten. Er wollte nicht. 1 Der Banquier zahlte aber nur unter der Bedingung. Ich ſollte Vorſchuß machen; das wollte ich nicht. Gut! ſagte er, dann kehren wir um. So kamen wir dann nach Eng⸗ land zurück, wo er ſogleich ſeine Fahrten mit den Poli⸗ 4 cinello zum Beſten gab, und mich dadurch in eben kein ſehr ehrenwerthes Licht ſtellte. Was half es aber?— Die Sache mußte ertragen werden. Das Schlimmſte war, * 3 . Mann, ſt mine Norbeh. mir kurz nicht un auf mei⸗ Port gut wartete e, aber uf ſeiner Da fund olicinello swürdig⸗ war ori⸗ ſein Ge⸗ weiß ich det Vatet llte nicht ung J0 t! ſage uch Eng⸗ en Prl⸗ eben kin aber! nſte wal, 173 daß der junge Lord noch überall wegen der Energie ſei⸗ ner Oppoſition gegen mich belobt und bewundert wurde, und daß man ihn beſonders ſuchte, um ſich dieſe Aben⸗ teuer erzählen zu laſſen.“ „Ich war hierdurch verſtimmt und mochte von gar nichts wiſſen. Ich ging zu William auf ſeine Güter und ſchoß Haſen und Rebhühner. Nach ein paar Monaten aber war die unangenehme Erfahrung vergeſſen und die Sehnſucht nach den Freuden der Welt kehrte zurück. Ich ging nach London, wo meine Beſchützerinnen bald eine andere Anſtellung für mich fanden. Nun ging's nach Spanien. Lord Wigram, ſein Sohn und ich. Die Reiſe gefiel mir aber noch weniger. Ich ſollte dem jungen Wigram immer als Beiſpiel dienen, verlangte der Vater. Das ging in dem Sinne nicht an. Ich konnte einen Gentleman aus ihm machen, ihm gute Formen lehren, mit ihm reiten und auf die Jagd gehen; aber mit einem Father-Mathew-Syſtem mußte er mir nicht kommen.— Wozu hat der alte Vater Noah denn den Weinſtock ge⸗ pflanzt, wenn man von der Rebe nicht koſten ſoll?— Ein Mann, der keinen Wein liebt, iſt für mich nur ein halber Mann, and l am a man. I can fag for myself, und wer mich nicht ſo haben will, wie ich bin, nun, da gehe ich.— Es gab nun immer kleine Reibungen zwi⸗ ſchen Lord Wigram und mir und ich war froh, als wir London wieder erreicht hatten.— Nach dieſer Erfahrung ruhte ich mich abermals ein paar Monate aus.— Dann fand ſich eine unermeßlich reiche Witwe, die ihren einzigen 174⁴ Sohn gern zu einem recht vornehm ausſehenden jungen Gentleman gebildet haben wollte. Der junge Mann— er war zwanzig Jahr alt— war wohlerzogen genug— er hatte die beſten Schulen beſucht; aber die Mutter!!— Sie war die Frau eines Kornhändlers und in der Eity geboren und erzogen. Sie war die Gemeinheit ſelbſt. Aber was galt mich das an?— Der Vormund des jun⸗ gen Mannes gab mir meine Beſtallung, ich erhielt vier— hundert Pfund Gehalt, und wir konnten für unſere Reiſe beziehen, was wir brauchten; mehr wollte ich nicht. Der Vertrag wurde alſo geſchloſſen.“ „Als es zur Abreiſe ging, wollte die Mutter durchaus mitgehen. Was ließ ſich thun?— Wir hatten einen gro⸗ ßen vierſitzigen Wagen, in dieſen nahm Madame mit ihrer Geſellſchafterin im Fonds Platz, und der Sohn ſaß auf dem Rückſitze neben mir. Madame wollte dies frei⸗ lich anfangs nicht erlauben, der junge Mann ſollte ihr zur Seite, die Geſellſchafterin auf dem Rückſitze Platz neh⸗ men; ich ſtellte ihr aber vor, daß dies höchſt ungentle— manly ſein würde, daß eine Dame eine Dame bleibe, ſie möge nun von ſeiner Mutter funfzig Pfund Gehalt er⸗ halten oder nicht, das ſei kein Grund für ihn, eine Form des conventionellen Lebens zu überſchreiten.— Er wei⸗ gerte ſich alſo, ſeiner Mutter den Willen zu thun.— Dies war der Anfang und ſo ging es nun immer fort — Stiegen wir aus, ſo bot ich Madame die Hand und hieß dem Sohne der Geſellſchafterin denſelben Dienſt lei⸗ ſten; ſie wandte ein, daß der Diener dies thun könne⸗ jungen Nunn— geng— utterl— der Cich Rit ſelbſt. des jun⸗ hielt vier⸗ ſere Reiſe cht. Der durchaus inen gw⸗ dame mit Sohn ſaß dies frei⸗ ſollte ihr latz neh⸗ ungenle- bleibe, ſie chalt er⸗ ine Form Er wei⸗ thun.— met ſo and ud din ei⸗ n lönne eine Perſon, die nur funfzig Pfund von ihr erhalte, dürfe keine ſolchen Anſprüche machen.— Dieſer dumme Stolz auf ihre paar Pfennige erſchöpfte meine Geduld auf das höchſte. Es war bei jeder Gelegenheit daſſelbe, und ſie davon zu heilen, ſchien unmöglich. Ich ſchlug daher end⸗ lich dem Sohne vor, wir wollten uns heimlich davon— machen und unſere Reiſe allein weiter fortſetzen. Er war gern bereit.— Als nun Madame eines ſchönen Morgens in Straßburg erwachte, wurde ihr gemeldet, daß wir nach Genf abgereiſt wären.“ „Sie folgte ſogleich; aber ſie fand uns dort natürlich ſchon nicht mehr. Sie ging nun ſuchen, wie Ceres, und gab endlich alle Hoffnung des Wiederfindens auf.— Drei Monate waren verfloſſen und noch immer keine Spur. Da will es das Unglück, daß ſie der Zufall nach Florenz bringt, wo ſie eines Abends in dem mir wohl be⸗ kannten Wagen einfährt, und als ſie den Kopf neugierig zum Fenſter hinausſteckt, die Gegend zu muſtern, den Begleiter ihres Sohnes, Herrn Frohberger, auf einem prächtigen Braunen reitend entdeckt und ihm zur Seite das ſchönſte Mädchen.—„Wo haben Sie meinen Sohn gelaſſen, Sie gottvergeſſener Menſch!» ruft ſie heraus, und ich wende mich um, um dieſe mir ſo verhaßte Phyſiognomie zu ſchauen. (Er iſt recht wohl, Madame, rufe ich zurück und gebe lachend meinem Pferde die Sporen. Meine Begleiterin folgt mir.“ „Zu Hauſe angekommen, rufe ich ſchon vom Pferde herab: Mr. Crawford, your mother is there.“— 4Vou do not say so!v antwortet er mir zurück, und wir be⸗ rathen nun Beide, was zu thun iſt. Konnten wir ihr auch jetzt noch ausweichen?“ „Ehe aber unſere Conſuitation noch ihr Ende erreicht, wer tritt herein?— Madame in eigener Perſon.“ Da iſt er alſo doch, Charles, my Poyv, und ſie fährt auf den jungen Menſchen los und umhalſt ihn. Charles ertrug ihre Küſſe mit kindlicher Ergebung, und bot ihr dann einen Sitz. Sie wollte ihn nun gleich mit⸗ nehmen; er fügte ſich dieſem Spruche aber nicht. Nun kam ein Sturm von Vorwürfen über mich, die ich mit Geduld hinnahm, bis mir der Kamm ſchwoll. Ich ſprach von meinem Hausrecht.„Schönes Hausrecht!“ rief ſie. Wer bezahlt es denn, Ihr Haus? Ich werde zum Ge— ſandten gehen.» „Das that ſie denn auch wirklich. Es war am Ende doch nicht länger auszuhalten. Die Frau verfolgte mich zu unausgeſetzt. Hätte ich gleich von Haus aus ihren Lieb⸗ haber ſpielen mögen, ſo wäre ſie zufrieden geſtellt gewe⸗ ſen; aber nein, um den Preis konnte ich keinen Frieden erkaufen. Alſo— ſchieden wir am Ende des Jahres.“ „Dies iſt mein letztes Abenteuer auf dem Felde der Pädagogik und wird auch wol mein letztes bleiben. Ich bin des Erziehens ſatt.— Lieber verſuche ich es jetzt ein⸗ mal mit dem Eheſtande.“ „Aber bei Ihrem Wankelmuthe. Da bedaure ich Ihre Frau.“ „Ich werde ein ſehr guter Ehemann ſein. Erwarten wir be⸗ wir ihr und ſe halſt ihn. ung, und leich mit⸗ ht. Nun ich mit ſch ſprach rief ſie. zum Ge⸗ am Ende lgte mich hren Lieb⸗ lt gewe⸗ nFrieden ahrs.“ Felde der en. Ich jett ein⸗ i r warten ½ Sie es nur. Das Mädchen, das ich jetzt in Vorſchlag habe, iſt nur gar zu häßlich. Geld hat ſie auch nicht; aber Connexion, Sie hat ſich in mich verliebt und der Vater hat ſie mir ſo gut wie angetragen. Ich wandte ein, daß ich ſie nicht ihrer Stellung gemäß erhalten könne. Man ſprach von einem Amte, Secretär in einer Colonie oder bei der Geſandtſchaft.“ „Sie Glücklicher! Wie Ihnen das Alles zufliegt.“ „Glücklich! Ach nun gerade gar nicht. Wäre ich nicht vierzig Jahre und meine ſchöne Zeit vorbei, ſo brächte mich Niemand dazu, mir die Feſſeln eines Amtes und einer Familie anzulegen. Aber ſo!“ Man pochte. Es war die Stadtpoſt, die letzte Brief⸗ lieferung um zehn Uhr.— Lord Grey bat Herrn Froh— berger, ſich morgen bei ihm einzufinden, weil er ihm eine wichtige Mittheilung zu machen habe. „Da haben wir's!“ brach dieſer aus.„So ein ver⸗ liebtes Mädchen kann auch gar nichts erwarten. Nun rettet mich nur Tod oder Flucht. Lord Grey will mir einen Poſten anbieten.“ Ich konnte ihn leider jetzt nicht mehr darüber tröſten; denn auch meine Stunde hatte geſchlagen und ich wünſchte ihm nur alles Glück und beſte Umgeſtaltung von dem luſtigen Junggeſellen in den Familienvater. Innerlich aber bangte mir von dem Glücke, das dieſes Mädchen ſich bereitete.— Und ein ſolcher Mann nannte ſich einen Pä⸗ dagogen und einen Erzieher der Jugend? Armes England, wenn du deine Söhne ſolchen Händen anvertrauſt, ſo I. 12 fönnen ſie nur rohe Spartaner werden.— Ein Gentle⸗ man iſt doch ein wunderbares Geſchöpf in der rechten Bedeutung des Worts, und wenn die engliſchen Ariſto⸗ kratinnen behaupten, es gäbe in Deutſchland keine Gentle⸗ men, ſo haben ſie in gewiſſer Hinſicht vollkommen Recht. Unſere echten Landjunker allein würden es ſein, wenn ſie mehr Form hätten und ihre Hände beſſer pflegten. Ich wanderte ſinnend meines Weges. Des Lebens Ernſt und Unverſtand, unſere Schwächen, unſere Leiden⸗ ſchaften, das Alles war mir heute ſo nahe getreten, daß die Bilder vor meiner Seele in Eins zerfloſſen.— Macht die ſittliche Welt denn wirkliche Fortſchritte?— Sind die Menſchen, als Maſſe, edler, beſſer, wie ſie vor tauſend und wieder vor tauſend Jahren waren? Ich zweifelte. Doch warum darüber ſinnen, zürnte ich mir endlich. Der Zweifel fruchtet Niemand, was aber Noth thut, iſt, daß Jeder an ſich ſelbſt glaubt und das Streben nach der reinen höchſten Menſchenwürde nicht aufgibt; dann wird aus vielem Einzelnen auch ein Ganzes. Nur Muth muß man haben, den ſchweren Muth immer das Rechte zu thun. Und ich will ihn haben. Sowie ich nach Hauſe kam, ſetzte ich mich an mei⸗ nen Tiſch und ſchrieb: „Theure Freundin!“ „Ich habe das Glück gehabt, Sie dem Leben wie⸗ derzugeben, und rechne dieſen Erfolg zu dem ſchön⸗ entle⸗ echten Niſo⸗ ehtle⸗ Recht. nn ſi ebens eiden⸗ daß Macht nd die auſend dlich. tt, iſt ſch der wird h muß thun. mei nie⸗ tin ———— — S ſten, den mir mein Beruf geboten. Er muß mir aber auch ein ungemiſcht reines Andenken bieten; darum komme ich jetzt nicht zu Ihnen, außer, wenn Sie den Arzt begehren. Später, hoffentlich in nicht langer Zeit— wird dann auch der Freund wiederkehren dürfen, und damit Sie dieſen in mir erkennen und ehren, habe ich mir dieſe ſchwere Entſagung abge— rungen.“ „Wir verſtehen uns, das weiß ich.“ „Erklären Sie Ihren Aeltern meine Abweſenheit wie Sie wollen und können;— ich bin mit Allem zufrieden, was Sie über mich verhängen.“ „Ewig Ihr Freund N N Nach dieſen Zeilen ſuchte ich die Ruhe und fand ſie. — Gleich beim Erwachen trug mein Tiger das Billet in den Park und wartete auf Antwort. Ich ſtand indeſſen am Fenſter, und konnte weder rauchen noch leſen, und mein Kaffee blieb unberührt ſtehen. Endlich— er war nach meinem Bedünken nie ſo lange ausgeblieben— endlich hörte ich ſeinen Schritt. Sowie er die Thüre öffnete, riß ich ihm das Briefchen aus der Hand, das er hielt, und wies ihn fort mit einem barſchen: Geh nur! Wie konnte ich doch nur ſo zittern beim Oeffnen die— ſes Blättchens! Ich erkannte mich ſelbſt nicht mehr, den ſtarken Mann, der ſich hier wie ein Weib gebehrdete, 180 und vor lauter Sehen erſtlich nichts ſah. Was ſtand denn eigentlich darin? „Mein theurer Freund!“ „Ihr ſchöner Muth gibt mir die ſchönſte Freude — daß ich Sie nun auch noch doppelt achten muß. — Meine Aeltern waren ſtets meine Vertrauten. Sie grüßen Sie Beide und lieben Sie wie einen Sohn. So werden Sie auch ſpäter unter uns leben — mein Freund und Bruder.“ „Annabella.“ Ich küßte das Blatt, ich benetzte es mit— einer Thräne, dann— wurde es in das geheimſte Eckchen mei— ner Brieftaſche geſteckt und— der Himmel war nun wieder hell.— Raſch ging nun die Arbeit von Statten, raſch wurden meine Beſuche abgeſtattet, und dann eilte ich noch auf das Land hinaus zu einem Kranken. Damit hatte der Tag ſein Ende erreicht. Zum Glück gibt es jetzt viel zu thun, auch unter den Armen, und da Johanna nicht in der Nähe iſt, meine Schritte zu überwachen, ſo beſuche ich die von ihr gefürchteten Orte ohne Bedenken, und helfe und rette wie und wo ich kann. Unter der Armuth in Lumpen fühle ich erſt was mein Beruf iſt, da nur habe ich wahre Freude an Dem, was ich leiſte, da nur bin ich ein Helfer und Erretter. Ihre Unwiſſenheit in den gewöhn⸗ lichſten Dingen, die die phyſiſche Geſundheit angehen, iſt ja ſo groß, daß man ſich nur wundert, wie ſie es an⸗ fn nit tes ha die de Ki ge lic a S6 ſtand Freude n mß. trauten. eeinen s leben d. einer en mei⸗ wieder t, raſch ich noch it hatte etzt viel za nicht heſuche nd helfe auth in habe ich ſch en enöh en, iſt e an⸗ 181 fangen noch zu leben und ihre Kinder aufzuziehen. Da⸗ mit wird es denn auch ein verkümmertes, verkrüppel⸗ tes, ſkrophulöſes Geſchlecht. Am Sonntage war ich wieder auf dem Lande bei Jo⸗ hanna. Es war ein ſonniger Tag, der Himmel blau, die Atmoſphäre hell. In mir war es gleichfalls ſonnig. — Ich ging einen Theil des Weges zu Fuße, um mich des Wetters zu freuen.— Von den Dörfern klangen die Kirchenglocken zu mir herüber, und die Kirchgänger zo— gen in ihren beſten Kleidern dahin. Alles ſah ſo feier— lich, ſo ruhig und friedlich und feſtlich ſchön aus, daß auch ich eine völlige Feſttagslaune anzog. Als ich an die Thüre unſers Gärtchens kam, ſtan⸗ den die drei kleinen Mädchen auf dem Raſenplatze in ſchneeweißen Kleidchen mit Roſenkränzen in den Locken, und Jede trug ein großes Bouquet in der Hand.— Sie nahten mir liebkoſend, während Johanna, gleichfalls in einem Feſtkleide, aus der Thüre des Hauſes trat und mir zuwinkte. „Was iſt denn heute, daß ihr ſo ſchön ſeid?“ ſagte ich zu den Kleinen, indem ich Jede einzeln in meine Arme zog und küßte. „Dein Hochzeittag!“ riefen ſie aus einem Munde. Ich hatte das ganz vergeſſen. Gottlob! ich konnte ihn heute in dem Sinne feiern, wie ich mir es vor zwei Jah⸗ ren gelobte, daß er begangen werden ſollte. 182 Jetzt kam auch Johanna dazu.— Sie ſah unendlich glücklich aus, ihr Auge ſtrahlte, ein leichtes Roth ſpielte auf ihrer Wange, das durch die roſa Bänder des Häub⸗ chens noch lebhafter wurde. „Du ſiehſt recht gut aus, Johanna“, ſagte ich, indem ich ſie mit Wohlgefallen betrachtete. „Es iſt ja auch mein Hochzeittag“, erwiderte ſie mit ſtolzem Vergnügen in Blick und Ton. „Es thut dir alſo nicht mehr leid, daß du mich ge— heirathet haſt? Du bedauerſt dich und mich nicht mehr?“ „Sprich doch nicht davon“, ſagte ſie beſchämt;„das war Krankheit. Du haſt viel Geduld mit mir gehabt, Auguſt; Gott lohne es dir! Ich will es aber auch wieder gut machen, es iſt ja noch Zeit dazu.“ „Du haſt es wieder gut gemacht, indem du glücklich biſt, Johanna. Wenn ich dich ſehe wie heute, dann bin ich zufrieden.“ Dabei ſchloß ich ſie in meine Arme und die drei Kleinen umſchlangen unſere Knie. Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. ndlich ſpielte indem ie mit ch ge⸗ Colour& Grey Control Chart Cyan Sreen Nellow Bed Magenta