Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Cduard Oftmann in Cießen,„ Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. — Seih und Keſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ ſ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens. 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Cäution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurücerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für nochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: P 5 „ S „— + — 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗'und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder vefecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —————— Viſitenbuch eines deutſchen Arztes in London. Erſter Theil. visitenbuch deutſchen Arztes in London herausgegeben von Amely Bölte. f. Alles was den einen Menſchen intereſſirt, 1 wird auch in dem andern einen Anklang finden. (Goethe.) Erſter Cheil. Perlin. Verlag von Duncker und Humblot. 1852. —— Near the moon a pale star clinging Harbingers another morn, Feeble spark to mortals bringing Hopes and cares with daylight Porn Fare thee well thou moon of sadness Silent night awhile fare well! Will the day give grief or sadness? Who of Adam's race can tell- Fare thee well thou moon of beauty. Hail thou glorious rising sun Let che weak be strong in Duty Fill their course, like thine, be run. Capt. 4. Sterling. Der ſeltene Mann, der über jedem nationalen Vorurtheile ſteht, der nur den Menſchen ſucht und ſchätzt, Capitain R. Uoel, erlaube mir bei Herausgabe dieſes Buches mit hoher Anerkennung ſeiner zu gedenken. Dresden, den 8. Auguſt 1852. Amely Bölte. Der Regen goß in Strömen. Froh meine ſichere Be— hauſung erreicht zu haben, warf ich Hut und Ueberrock von mir, hüllte mich behaglich in meinen warmen Schlaf⸗ rock, zündete eine meiner feinſten Cigarren an und ſtreckte mich dann in einen Lehnſtuhl vor des Kamines helllo⸗ dernde Flamme. Comfort! Was gleicht deinem Reize! dachte ich und folgte dabei mit dem Auge den leichten Wolken, die ich bedächtig in die Höhe wirbelte, während ich mein Ohr, um meines angenehmen Zuſtandes deſto mehr bewußt zu werden, dem heulenden Winde und plätſchernden Regen lieh. Nur in Albions Nebeln lernt man die ganze Be⸗ deutung des Wortes Comfort kennen; nur dort begreift man den Zauber, den der eigene Herd für den ernſten Inſulaner hat. Da dröhnte ein gewaltiges Schallen, wie die Poſaune des jüngſten Gerichts, an mein Ohr. Es wurde mein augenblickliches Erſcheinen am Bette einer Kranken gefor⸗ dert, und die Erbſünde der Trägheit mußte durch einen gewaltigen Machtſpruch ärztlicher Pflicht in die Hinter⸗ . 1 kammer des Gewiſſens entweichen. Ein Wagen wurde beſtellt und'homme de principe rollte davon. Mein Ziel lag in einem lebhaften Stadttheile Londons und war bald erreicht. In einem weiten, anſtändig möblirten Ge⸗ mache zur ebenen Erde fand ich die Kranke auf einem Sopha gebettet, in ſtarkem Fieber; zu ihrer Bedienung war Niemand da, zu ihrer Pflege ſah ich keine Vorbereitungen getroffen. Beim Scheine des Lichtes, der auf ihr Geſicht fiel, ſchätzte ich ihr Alter unter dreißig. Sie redete mich deutſch an und das Gewählte ihrer Ausdrücke verrieth die gebildete Frau. Sobald ich das Nöthige verordnet, ſah ich mich nach einer executiven Gewalt um; ſie erwiderte mir aber, ſie ſelbſt müſſe mein verantwortlicher Miniſter ſein. Ich erbot mich, an ihre Verwandten oder Freunde zu ſchreiben, und dieſe zu berufen, indem ſie zu krank ſei, um ſich ſelbſt zu bedienen. Die Erſtern befanden ſich jedoch jenſeits des Meeres, und die Andern, meinte ſie, wären ſchwerlich zu ſolchen Liebesdienſten aufgelegt, und die Nothwendigkeit werde bei ihr ſchon die Lehrmeiſterin machen. Ich bewunderte den Stoicismus der Frau in ſolcher Lage, und ſchied mit dem Verſprechen, daß ſie mor— gen früh mein erſter Beſuch ſein ſolle. Als die Haus⸗ magd mich hinausließ, drückte ich dieſer eine Gabe in die Hand mit der Weiſung, der Kranken dafür ſtündlich ihre Arznei zu reichen, wozu ſie ſich auch in chriſtlicher De⸗ muth, das Auge auf die Münze geheftet, anheiſchig machte. Als ich mich wieder in meinem Armſtuhle wiegte, wollte es mir, ich wußte nicht warum, nicht mehr ſo be— wurde Mein d war n Ge⸗ einen ng war tungen eſicht mich th die t, ſah viderte iniſter reunde nk ſei, n ſich te ſie, und iſterin au in mor⸗ in die h ihre r De⸗ nachte viegte, ſo be⸗ 3 haglich werden. In alle meine Träumereien miſchte ſich das Bild dieſer verlaſſenen Fremden, und wollte nicht von meinem innern Auge weichen. Das taugt indeſſen ſchlecht für einen Arzt, der ſeinen Menſchen zu Hauſe laſſen ſollte, um daheim menſchlich froh zu ſein. Am andern Tage fand ich meine Kranke kränker, und am dritten wieder kränker, bis wir den Höhepunkt erreicht hatten, und den Puls wieder auf ſiebenzig zu reduciren vermochten. Sobald die Gefahr vorüber war, wurde meine Patientin höchſt ungeduldig und wollte durchaus aufſtehen und ausgehen. Als Arzt war das Maß gemei⸗ ner Discretion keine Regel für mich, ich drang daher in ſie, mir die Urſache ihres ſonderbaren Benehmens zu er⸗ klären. Ohne Umſchweif geſtand ſie mir dann, daß ſie ſich ſeit mehrern Jahren hier in London vom Unterricht ernähre und durch längere Verſäumniß alle ihre Stunden einbüßen würde. Ich wußte, daß ſie verheirathet war, und wollte an ihren Gatten ſchreiben, damit er eine ihren Bedürfniſſen entſprechende Summe ſende. Sie verbot es mir. Die arme Frau! Ihr blieb keine Hoffnung, keine Ausſicht, kein Wunſch als der, für das bischen tägliche Brot zu ſorgen, und fehlte das, ſo mußte die Erde wieder nehmen was ſie gegeben. Eine auf Aeußerlichkeiten berechnete Erziehung, ein hübſches Vermögen hatten ſie in der erſten Jugend einem Manne in die Arme geführt, der den ſchnödeſten Egois⸗ mus mit hohen Worten zu übertünchen wußte. Die junge Frau lernte ſeinen Göttern huldigen; Genuß des Augen⸗ 1. — „ 4. blickes wurde das Ziel ihres Lebens, und ein Taumel von Vergnügungen übertäubte jede Stimme, die ſich mahnend Gehör verſchaffen wollte. Die eigentliche Geſellſchaft kannte ſie nicht. Ueber die Convenienzen derſelben war ihr Gatte zu ſehr erhaben, als daß er ſich denſelben hätte fügen mögen, und die Geſellſchaft ihrerſeits ſah keinen Grund, ihm das nachzuſehen, was ſie als die Bedingungen ihrer Eriſtenz aufgeſtellt hatte. Die Spaltung war daher un⸗ widerruflich und entſchieden. An Gäſten aber fehlt es deshalb einem gaſtlichen Hauſe niemals, und wohlbewir⸗ thete Gäſte geſtalten ſich leicht zu Bewunderern. Es fehlte den Leuten daher keineswegs an Geſellſchaft, und der Mann ſah ſich in der Mitte einer geiſtreichen Schüler⸗ zahl, die ſich als die Apoſtel ſeines Glaubens bekannten. Es herrſchte eine bunte, wilde Miſchung in dieſer peripa⸗ thetiſchen Schule, die den Punſch, als Hülfsmittel zur Er⸗ kenntniß ewiger Wahrheiten, durchaus nicht verſchmähte. Einige Jahre gingen dahin, und immer tiefer ſank die Schale ihrer ſocialen Beziehungen, je mehr ſich der Kreis derſelben erweiterte. Aber, jung, geſund und lebensfroh, unter dem Schutze eines Gatten, deſſen Worte ſie für Orakelſprüche hielt, umgeben von jungen Männern, die alle geiſtreich in demſelben Sinne redeten, vermeinte die Frau den rechten Weg zu gehen und lächelte der Thoren, die ſich das Leben um ein Nichts verbittern, das Sitte oder geſellſchaftliche Formen genannt wird. Ihr Vermögen war den Händen ihres Gatten über⸗ geben worden; er hatte daſſelbe verwaltet, ohne daß ſie „ von end nnte zutte ügen und, 5 ſich weiter darum bekümmert. Nicht lange hatte es ge⸗ währt, und er war glücklich damit auf die Neige gekom⸗ men, worauf er ſeiner jungen Frau eines ſchönen Mor⸗ gens zu ihrer großen Ueberraſchung erklärte, daß jetzt eben der letzte Thaler in der Kaſſe ſei, und er zu deſſen Ver⸗ vielfältigung eben keine beſondere Hoffnung habe; er rathe ihr daher einſtweilen in den Schoos ihrer Familie zurück⸗ zukehren. Dieſer Vorſchlag war unter den gegebenen Ver⸗ hältniſſen jedoch durchaus nicht ausführbar. Vorſchläge zu irgend einem Broterwerbe wies er ſeinerſeits gänzlich zurück, weil er ſich durch keine gemeine Beſchäftigung von dem Parnaß ſeiner philoſophiſchen Träume herunterziehen laſſen wollte, und die Luſt an ſeiner irdiſchen Pilgerfahrt, die er mit Genuß zurückzulegen begehrte, in keiner Art geſtört zu ſehen geneigt war. Die arme Frau war nun in der peinlichſten Lage. Daß die Sorge für ihre Eriſtenz ihr jetzt perſönlich an— heimfalle, begriff ſie ganz wohl, und faßte ihre Zukunft auch muthig aus dieſem Geſichtspunkte in das Auge. Aber welcher Arbeit ſich unterziehen? Sie verſtand keine, ja redete nicht einmal eine einzige fremde Sprache. Erziehen? Wer würde ihr ſeine Töchter anvertrauen. Lehren? Was ſollte ſie lehren. Sie faßte endlich den Entſchluß auszuwandern, und zwar nach Englands großer Hauptſtadt, um dort in ihrer eigenen Sprache Unterricht zu ertheilen. Mit zahlreichen Empfehlungsbriefen verſehen langte ſie hier an, miethete ſich bei einer engliſchen Familie ein, und trat ihren neuen Beruf an. Unter vielfachen Mühen, unter Noth und Sor⸗ gen aller Art gelang es ihr bei einigen Schulen angeſtellt zu werden, und ſo viel einzunehmen, daß der nothwen⸗ digſte Lebensunterhalt beſtritten werden konnte; aber mehr auch nicht. Die weiten Wege, ja Reiſen kann man wol ſagen, in jedem Wetter, Tag um Tag, wirkten nachtheilig auf ihre Geſundheit, und öfter ſchon hatte ſie die verderb⸗ lichen Folgen dieſer anſtrengenden Lebensweiſe verſpürt. Was aber dann beginnen, wenn ihre Kräfte nicht mehr zureichten? Was blieb ihr dann noch übrig, als dem Tode feſten Blickes in das Angeſicht zu ſchauen? Sie gab mir dieſe Ueberſicht ihrer Verhältniſſe ohne ein Wanken der Stimme, ohne eine Thräne im Blicke, kalt, feſt, beſtimmt, wie Jemand, der mit ſich abgeſchloſſen hat. Keine nutzloſe Reue über ihre Vergangenheit, keine Klage über ihre Gegenwart, kein Vorwurf gegen den ge⸗ wiſſenloſen Gatten entſchlüpfte ihrer Lippe. Sie bedauerte nur in dieſem Kampfe mit den Verhältniſſen die Schwä⸗ chere zu ſein, den Schwierigkeiten ihrer Lage mit nicht größerer körperlicher Stärke entgegentreten zu können. Es lag ihr nur daran, Arbeit zu finden, Arbeit, die ſie nähre, ſonſt ſuchte, wollte und wünſchte ſie nichts, ſei es an Hülfe, Theilnahme oder Zuſpruch; nur in dieſem Be⸗ zuge fühlte ſie ſich auf die Menſchen angewieſen. Es lag etwas Achtung Gebietendes in dieſem feſten Wollen einer en ete len or⸗ ſtellt ven⸗ nehr wol ilig erb⸗ ürt. nehr Lode ohne licke, oſſen keine ge⸗ merte chwü⸗ nicht ie ſie ſei es n Be⸗ lag einet ⁵— Frau, in dieſem eiſernen Verfolgen eines harten Lebens⸗ pfades. Ich wünſchte ihr auf ihre Weiſe helfen zu kön⸗ nen; aber ein junger Arzt und ein Ausländer hat wenig Gelegenheit über den Unterricht junger Damen zu Rathe gezogen zu werden. Bald nachdem ſie hergeſtellt war, ſandte ſie mir eine kleine Summe mit der Bitte dieſelbe nicht zu verſchmähen, es ſei leider Alles, was ihr die Dankbarkeit von ihrer großen Schuld gegen mich abzutragen erlaube. Ich ſtellte die Gabe zurück, mit der ſie, ſagte ich, den Landsmann und Freund in mir kränke, und ging nach einigen Tagen zu ihr, um ſie perſönlich über dieſen Punkt zu beruhigen. Sie war nicht zu Hauſe. Der Kreislauf ihrer Tage hatte wieder begonnen, und nahm ſie von früh bis ſpät in An⸗ ſpruch, und da auch meine Geſchäfte mir wenig Muße gönnten und mir den Sonntag, gleich ihr, zum nothwen⸗ digen Ruhetage machten, ſo vergingen Monate, in denen ich ſie nicht ſah. So kam denn der Auguſt heran und mit dieſem die Cholera. Bei den vielen Wanderungen, die dieſe tauſendfüßige Krankheit den Arzt machen ließ, fand ich mich eines Tages um die Mittagszeit unverſe⸗ hens in ihrer Nachbarſchaft, und da mir beifiel, daß die Zeit der Sommerferien eingetreten ſei und ſie aus ihrem Joche geſpannt habe; ſo beſchloß ich einen kleinen Umweg bis zu ihrer Wohnung hin zu machen, und zu ſehen wie es ihr gehe. Sie war nicht zu Hauſe.„Und“, ſetzte die Wirthin mit einigem Zögern hinzu,„wir wiſſen auch nicht, wo ſie 8 iſt und was aus ihr geworden. Sie erhielt vor mehrern Wochen einen Brief aus M., daß ein Freund von ihr dort krank liege, und reiſte noch denſelben Abend dahin ab. Seitdem haben wir kein Wort wieder von ihr gehört.“ Dieſer Freund war geſtorben, das wußte ich. Es war ihr einziger Freund auf dem weiten Erdenrunde, die ein⸗ zige Perſon, die in einer innern Beziehung zu ihr ſtand und eine tiefe Theilnahme für ſie hegte; ſie hatte mir das ſelbſt geſagt. Er war ihr genommen, ſie hatte ihm das ſterbende Auge zugedrückt und— war verſchwunden In einer Stadt, die achtzehn Quadratmeilen bedeckt, fällt täglich der Vorhang über dem Drama eines Lebens, ehe noch die Zuſchauer den letzten Act geſehen. Das gibt ein weites Feld für den Beobachter, den Philoſophen und den Arzt. Vor dem Letztern wird mancher Schleier gelüftet; der Schein des äußern Lebens ſchwindet, wo er eintritt, die Wirklichkeit mit ihren Täuſchungen, Schmerzen und ver⸗ fehlten Zwecken tritt nackt vor ihn hin, und was man gewöhnlich mit dem Namen Glück bezeichnet, wird zur eiteln Chimäre. Befriedigung gewährt kein Leben, und wo ſie ſcheinbar eingekehrt iſt, beruht ihr Quell nur in dem einſtweiligen geduldigen Ertragen des Jetzt en atten- dant eines geträumten goldenen Jenſeits. Unter die in dieſem Sinne zufriedenſten Menſchen, die ich in meiner Prarxis kennen gelernt, gehört eine alte hrern nihr dohin chört.“ es war ie ein⸗ ſtand ir das m das den. bedeckt, debens, as gibt en und etz der itt, die id ver⸗ 6 man ird zut n, und nur in atteh- en, die ne alte 9— Dame, die im Jahre 1826 in ihrem funßzigſten Lebens⸗ alter hierher gepilgert war, um auf engliſchem Boden ihren Unterhalt zu finden, nachdem ſie ein halbes Jahr⸗ hundert mit und unter den reichen Patriziern der freien Stadt Hamburg ein glänzendes Leben geführt. Als ich ſie zuerſt ſah, weilte ſie bereits zwanzig Jahre auf engli— ſchem Boden. Mit der dem Alter eigenen Geſchwätzigkeit erzählte ſie mir von dem Glanze ihres Hauſes, dem Stolze ihrer Anverwandten und von ihrer Abneigung denſelben beim Abſterben ihres Vaters eine Bürde zu ſein; ſowie von dem Tode eines Geliebten, der auf den Schneefeldern Rußlands umgekommen, und dem die alten Augen jetzt noch eine Thräne des Andenkens widmeten. In die Heimat zurückgeſehnt hatte ſie ſich niemals. Die Urſache hierzu lag wol tiefer, wie man auf den erſten Blick an⸗ zunehmen geneigt war. Nach Fourrier ſind auch die ſogenannten ſchlimmen Leidenſchaften des Menſchen, in gehörigem Maße befrie⸗ digt, zu ſeinem Wohlſein nothwendig, und meine alte Freundin war in gewiſſem Sinne eine Beſtätigung dieſer Theorie. Die Natur hatte ſie mit einer beträchtlichen Doſis Hochmuth und Eitelkeit ausgeſtattet, und ſonderba⸗ rerweiſe fanden beide Leidenſchaften mehr Befriedigung hier auf fremdem Boden als unter den reichen Patriziern ihrer Vaterſtadt. Die alte Dame war von einer ſchau⸗ derhaften Häßlichkeit und ſie geſtand ſelbſt, daß ſie in ih⸗ ren Blütentagen durch dieſelbe aufgefallen; Talente beſaß ſie nicht, ebenſo wenig Sprachkenntniſſe. In ihrer Hei⸗ mat konnte ſie alſo unter ihres Gleichen nur zurückſtehen, und ſie mußte das wol ſchmerzlich empfunden haben. In England ſtand ſie allein, und was ſie hier galt, galt ſie nur um ihrer ſelbſt willen. Sie hatte Empfehlungsbriefe an gute Häuſer mitgebracht, und in Berückſichtigung ih⸗ res Alters, und ihrer Familienverhältniſſe wurde ſie hier mit großer Achtung behandelt, und ihres tapfern Willens halber geſchätzt und gelobt. Man lud ſie mitunter ein, und etzeigte ihr manche Artigkeit, ſodaß ſie ſelbſtgefällig äußerte, ſie gehe in England nur mit Engländern und nur mit ſolchen von hohem Range um. Sie wußte Mitleid und perſönliche Zuneigung bei die⸗ ſen nicht zu unterſcheiden. Von ihren Landsleuten ſah ſie Niemand. Es waren ihr keine von guter Familie aufgeſtoßen, und mit andern wollte ſie nicht umgehen. Sie rühmte ſich ſtets, daß ſie den höchſten Preis für ihre Lehrſtunden erhalte, und ſchrieb dies ihrem vortrefflichen Unterrichte und ihrem ſchönen Deutſch zu; doch ſprach ſie kaum einen Satz richtig. Was man um ihrer ſiebenzig Jahre und ihrer weißen Haare willen für ſie that, das ſich zu fragen, fiel ihr gar nicht ein.— Auf ihre Toilette hielt ſie ungemein viel und trug ſtets Blumen und allerlei elegante Zierathe. Sie meinte ſie ſchulde ihren vornehmen Bekannten dieſe Sorge für ihr Aeußeres; es verſteckte ſich aber die kahle Eitelkeit darun— ter, die an dieſem Erſcheinen in koſtbaren Flittern Gefal⸗ len fand. Sie war höchſt zufrieden mit ihrem Leben und ſtets heiter, was man ihr als ein großes Verdienſt an— —— rech ihr dun ſcha beh hen, In tſie riefe ih⸗ hiet llens ein, ällig und die⸗ aren dern ſie rieb önen Was aare nicht trug neinte rihr mun⸗ efal⸗ und rechnete, und ſie deshalb lobte und pries; doch koſtete es ihr nicht die geringſte Anſtrengung. Von Selbſtüberwin⸗ dung, Reſignation, war bei ihr keine Rede. Ihre Leiden⸗ ſchaften fanden eine genügende Beftiedigung und nun ent⸗ behrte ſie nichts mehr in der Welt. Ihre Verehrung für Leute von hohem Stande und alter Familie war der herrſchende Zug in ihrem Weſen. Den Herzog von Wellington bewunderte ſie ſo ſehr, daß ſie immer in dem Parke vor ſeinem Hauſe ſpazieren ging, und wenn ſie ihm begegnete, aus der Ferne eine tiefe, tiefe Verneigung machte, was der alte Herr einſtmals mit Lächeln gewahrte und ſeinen Hut berührend ihr zunickte, eine Begebenheit, die ihr manche ſchlafloſe Nacht koſtete. Auch beſaß ſie ein Autograph von ihm, das ihr ein Aller⸗ heiligſtes war, und mit ihr in das Grab gelegt werden ſollte. Für alles Königliche ſchwärmte ſie natürlich gleichfalls mit grenzenloſer Verehrung, und bie Königin von Eng⸗ land war ihr eine wahre Gottheit auf Erden. Sie mie⸗ thete ſich ein paar Zimmer, von denen aus ſie in den Garten der Königin blicken konnte, und brachte, an ihrem Fenſter ſitzend, die glücklichſten Stunden zu, beſonders wenn es ihr gelang durch die Gebüſche die Prinzen und Prinzeſſinnen zu erſpähen. Tage, wo das ſich zutrug, gehörten zu den Feſttagen ihres Lebens. Einſt fiel es ihr ein, doch einmal noch ihre geliebte kleine Majeſtät in vollem Staate zu erblicken, wie ſie, die Krone auf dem Haupte, zur Eröffnung des Parlaments gekleidet geht. Es war ein ſonniger Morgen, ſie zog ſchleunigſt ihre beſten Kleider an, ſchmückte ſich nach Kräften mit Blumen und Bändern, und eilte in den ihr nahe ge⸗ legenen Park von St. James. Hier hatte ſich bereits die ganze Straßenjugend Londons verſammelt, die ein ganzes Detachement von Polizeidienern in Ordnung zu halten bemüht war. Aber unſere alte Freundin ließ ſich, trotz ihrer vierundſiebenzig Jahre, von ſolchen Hinderniſſen nicht abhalten, die gekrönten Häupter zu ſchauen, und ruhte nicht, bis ſie ſich zu einem leidlichen Platze durchgearbei⸗ tet, wo ſie Hoffnung auf dieſe Augenweide hatte. Eine Stunde verging; bei ſolchen Gelegenheiten haben die Men⸗ ſchen eine wunderbare Geduld; da endlich begann ein Drängen und Stoßen, die Wagen kamen, Jeder wollte nun noch beſſer ſehen, und in dieſer allgemeinen Bewe⸗ gung vor- und ſeitwärts verlor die gute alte Dame das Gleichgewicht, und fiel, und fiel, mit einem Blicke noch auf ihre Königin, zur Erde. Sie hatte ſie doch geſehen! Als ich zu ihr gerufen ward, fand ich ſie im Bette in der heiterſten Laune. Sie hatte ihre Schulter verrenkt, but what of that? Ein königlicher Bediente hatte ſie nach Hauſe getragen. Sie ſchmunzelte bei dieſem Gedan⸗ ken in ſtolzer Selbſtzufriedenheit und verlangte, ſowie der Verband angelegt war, Tinte und Feder, um mit ihrer geſunden Rechten allen ihren Bekannten den Vorgang zu melden. Auch am nächſten Tage noch fand ich ſie, trotz aller Schmerzen, äußerſt vergnügt. Sie hatte Briefe er⸗ halten, in denen man ihr zürnte, daß ſie bei ihrem Alter dun kam Gef und jede Mn ſer hen, ger Die Leid eny chriſ daß viel dem ſehr dem ſe des. anzes halten trotz nicht ruhte rbei⸗ Eine Nen⸗ ein ollte ewe⸗ das noch hen! gette enkt, e ſie dal⸗ der ihret zu trotz er⸗ llter 1 1 13 ſich in ein Gedränge wage. Sie lachte und ſagte ſelbſt⸗ gefällig:„Ich habe ſie doch geſehen!“ Ihr Zuſtand wurde indeſſen bedenklicher. Im Atlter verſagen die heilenden Kräfte der Natur ihre Dienſte, und der Fall hatte ſie überdies ſeltſam erſchüttert. An Pflege fehlte es ihr nicht; jeden Tag hatte ſie eine neue Sen⸗ dung ſtärkender Sachen aufzuweiſen; von der einen Seite kam ihr alter Portwein zu, von der andern Wild und Geflügel, ein Dritter ſandte ihr die ſchönſten Früchte, und alle dieſe Gaben ſtanden vor ihr aufgehäuft, damit jeder Kommende das Regiſter derſelben und die hohen Namen der Geber von ihr hören könne. Genießen konnte ſie von Allem nichts; keine Speiſe wollte ihr mehr gedei— hen, dafür genoß ſie die Freude des Beſitzes um ſo inni⸗ ger und war zu jeder Stunde gleich heiter und vergnügt. Die nicht tiefer Blickenden rechneten ihr dieſe Geduld im Leiden, dieſes Vergeſſen ihrer Schmerzen, dieſe Freude über empfangenes Gute hoch an, und hätten ſie gern mit einer chriſtlichen Märtyrerkrone bedacht. Niemandem fiel es ein, daß ſie, die ihnen bedauernswerth Erſcheinende, vor ſo vielen Sterblichen ein beneidenswerthes Loos gezogen, in⸗ dem ihre herrſchenden Leidenſchaften auch unter anſcheinend ſehr ungünſtigen Umſtänden eine Befriedigung fanden, die dem Individuum die höchſte Selbſtzufriedenheit verlieh. Am funfzehnten Tage nach ihrem Falle entſchlummerte ſie ſanft, ohne Schmerzen, ohne ein Vorgefühl ihres To⸗ des. In ihrem Teſtamente hatte ſie ſich ein anſtän⸗ diges Begräbniß ausbedungen, und demgemäß erhielt 14 ſie einen theuern Sarg, einen Leichenſtein und Trauer⸗ wagen, um ſie zu ihrer letzten Stätte zu geleiten, wo die ſtolze Patrizierin auf eine anſtändige Auferſtehung hofft. Es ſind nicht unſere Tugenden, es ſind unſere Leiden⸗ ſchaften, die uns durch das Leben tragen und unſern Weg beſtimmen. Für die Weiber ſind Eitelkeit und Eifer⸗ ſucht die gewöhnlichen Klippen, an denen ſie mit ihren Forderungen an das Glück Schiffbruch leiden. Mein Ta⸗ gebuch enthält eine traurige Liſte ſolcher Fälle. Sobald eine Engländerin meine ärztliche Hülfe heiſcht, erſcheine ich ſtets mit der Vermuthung vor ihr, ein Indi— viduum zu finden, das mit der Geſellſchaft ein Hühnchen zu pflücken hat, und in ihrem Unwillen über alles Hei⸗ miſche ſogar die britiſche Arzenei verſchmäht; darum be⸗ ruft ſie dann auch einen Ausländer, vermeinend, ſie ſchlage damit der engliſchen Facultät eine kleine Wunde, die aber leider in ihrer Einbildung beſteht, wie ſo Vieles bei den Weibern; denn wer wird der Welt die große Neuigkeit verkünden?— Bei den Damen der vornehmen Geſell⸗ ſchaft iſt dieſe Vermuthung ſelten irre gegangen. Ein intereſſanter Fall dieſer Art begegnete mir vor kurzem. Eines Tages, als ich Nachmittags in meine Wohnung zurückkehrte, fand ich ein artiges Zöfchen mei⸗ ner wartend, und mich drängend ſogleich mit zu ihrer Herrin zu eilen. Da mir aber die von ihr mitgetheilten er⸗ wo ung den⸗ ſern ifer⸗ hren Ta⸗ ſcht, ndi⸗ chen Hei⸗ be⸗ lage aber i den igkei eſell⸗ r vor meine mei⸗ ihrer eilten 15 Symptome einer Krankheit nicht ſo ſehr gefährlich erſchie⸗ nen und mein Mittagsmahl auf mich wartete: ſo überre⸗ dete ich das gute Kind einſtweilen zu ihrer Dame zurück⸗ zukehren und ihr zu melden, daß ich in einer halben Stunde bei ihr ſein würde. Sie hatte übel Luſt dazu ſie rechnete vielleicht auf eine Rückfahrt mit mir in mei⸗ nem Gig, die kleine Loſe. Da alle ihre Ausflüchte jedoch von dem Panzer meines Herzens, Hunger genannt, ab⸗ prallten; ſo knirte ſie mir endlich ein ſchmollendes Lebe⸗ wohl und überließ mich meinen Penaten, die ſich denn auch ſogleich an ihr Werk machten, um den leiblichen Menſchen zu einem geſchickten Träger ſeiner geiſtigen Kräfte zuzuſtutzen. Es dämmerte, als ich die bezeichnete Wohnung erreichte. Mein Zöfchen ſprang mir die Treppe herab entgegen— die Gaslampe auf dem Flur brannte bereits— und führte mich in den zweiten Stock, wo ich ihre ungeduldig har⸗ rende Dame, von einer halb überſchatteten Lampe ſchwach beleuchtet, im Bette ſitzend fand. Sie ſtreckte mir als⸗ bald ihre ſchöne Lilienhand voll kleiner Grübchen entge— gen, damit ich den Puls fühle, der zwar ſehr ſtark ſchlug, aber mehr aufgeregt als fieberhaft war. Ich berührte ihre Stirne, die allerdings glühte; doch ſah ich nirgends eigentliche Krankheitsſymptome. Die Dame“ behauptete indeſſen dem Tode nahe zu ſein, indem ſie am Herzen leide, das jede Minute zu zerſpringen drohe. Zuſtände der Art haben ihre eigene Schwierigkeit. Ich rückte einen Stuhl neben das Bett und bat um die ganze detaillirte Geſchichte der Krankheit, wobei ich der Zofe unbemerkt das Zeichen, ſich zu entfernen, gab. Mir wurden nun allerlei ſeltſame Symptome dieſes täglich ſich mehrenden Uebels mitgetheilt, die ich mit anſcheinender Beachtung entgegennahm, während mein Auge forſchend auf dem Mienenſpiele der Erzählerin weilte. Ich hatte eine Dame von vielleicht vierzig Jahren vor mir, von voll⸗ endeter Schönheit. Die regelmäßigſten Geſichtsformen wurden durch einen blendend weißen Teint gehoben, deſ⸗ ſen zarten Schmelz die dunkele Roſenröthe ihrer Wangen gleichſam zu zerſprengen drohte. Ihr Mund war voll Grazie, fein und ausdrucksvoll bewegten ſich die Lippen, hinter denen eine Perlenreihe ſichtbar ward, ſo oft ein Lächeln die tiefen Grübchen der Wangen öffnete. Ihre tiefblauen Augen leuchteten Jin ihrer jetzigen Aufregung wie Sterne am dunkeln Nachthimmel, und ihre ſchön ge⸗ formte breite Stirn umgab herrliches braunes Haar, deſ⸗ ſen Flechten unter dem zierlichſten Spitzenhäubchen, wie das eleganteſte Negligs es erforderte, verſteckt waren. Ihr ganzer Anzug glich überhaupt dem einer Dame, die, auch nicht angekleidet, auf das eleganteſte gekleidet iſt. Sie ſprach ſchön, lebendig, gewählt, und verrieth in jeder Miene, jeder Bewegung, die Dame der großen Welt. Als die nächſte Urſache ihres Uebels gab ſie mir einen tiefen Kummer an. Das wollte nicht recht paſſen. Ein tiefer Kummer läßt keine ſo gereizte, erbitterte Stimmung zu⸗ rück. Ich bat ſie, mir den Kummer zu nennen; ein Arzt könne nur dann heilen, wenn der Kranke ihn ſeines vol⸗ in hre ng ge eſ⸗ wie Ihr uch Sie ſede As efen efer zu⸗ Arzt len Vertrauens würdige. Sie nannte mir die Scheidung von ihrem Manne, die Trennung von ihren Kindern. Ich beſann mich jetzt, von dieſer Angelegenheit, die einiges Auf⸗ ſehen erregt, ſchon gehort zu haben. Aber freilich, aus dieſem Munde klang Alles anders; hier wurde der Gatte zu einem Ungethüme, hier wurde er der ſchwärzeſten Ver⸗ brechen angeklagt. Der Sitz der Krankheit hatte ſich mir jetzt verrathen; ich verordnete Ruhe und ſandte ihr einen kühlen, einſchläfernden Trank. Als ich am folgenden Morgen vor das Bette meiner neuen Patientin trat, fand ich ſie ſichtlich beruhigt; der Puls ging weniger hoch, die Fieberröthe auf ihren Wan⸗ gen hatte ſanftern Tinten Platz gemacht. Kaum aber war ich über die erſten Fragen hinaus, ſo trat die Zofe mit einem Briefe ein, nach deſſen eiliger Ueberſicht ſie in einen Strom der leidenſchaftlichſten Ausrufe und Ver⸗ wünſchungen ausbrach. Ich bat ſie ihres leidenden Zu⸗ ſtandes eingedenk zu ſein, ſich zu mäßigen; aber Alles vergeblich. Der Strom war nun einmal über ſeine Ufer getreten und mußte ſeines Weges gehen. Ich erfuhr nun, daß ihr Gatte ihr bei ihrer Tren⸗ nung nur eine geringe Summe ausgeſetzt hatte, und daß ſie eben jetzt um eine Vergrößerung derſelben eingekom⸗ men war, indem ſie ſchon lange ihre Ausgaben nicht mehr zu beſtreiten vermochte, und ſtark in Schulden ſteckte. Man hatte ſie abſchläglich beſchieden. Was nun beginnen?— Rath war hier ſchwer zu ertheilen. So oft ich jetzt wiederkam, ſo oft hörte ich neue Kla⸗ 5 18 gen über dieſen Gegenſtand, und die Aufregung meiner Kranken war auf keine Weiſe zu beſeitigen. Hätte ſie, was ſie vorgab, gefühlt und ihren Gatten wirklich verach⸗ tet; ſo wäre ſie wol weniger bitter geweſen. Verachtung macht kalt und ſchweigſam. Dieſer ewig brennende Zorn auf den Lippen mußte einem tiefern Quelle entſtrömen. Sie theilte mir nach und nach alle äußern Begeben⸗ heiten ihres Lebens mit, ſowie ſie denn überhaupt kein Hehl vor mir hatte; was ich dabei denken mochte, blieb mir überlaſſen. So erfuhr ich denn, daß ſie, ein fröhliches, blühendes Mädchen von zwanzig Jahren— wie ſchön ſie geweſen, konnte ich ermeſſen— von einer alten Tante, die Mut⸗ terſtelle bei ihr vertrat, in die Welt geführt worden, und daß ſie hier ſehr bald die Aufmerkſamkeit eines ſchönen, geiſtreichen jungen Mannes auf ſich gezogen und von ihm zur Frau begehrt worden ſei. Die Partie wurde von der Welt ſehr gut genannt, was Vermögen und Rang be⸗ traf, und da von ſeiner Seite nur Neigung ihn zu dem Schritte bewegen konnte, indem ſie keine äußern Vortheile zu bieten hatte, ſo mochte man ihr mit Recht Glück wün⸗ ſchen. Von ihren Gefühlen für den Mann ihrer Wahl ſprach ſie nicht; doch beſchrieb ſie mir genau den Eindruck, den die Erſcheinung des ſchönen jungen Paares überall hervorgebracht, ſowie die erſten Zeiten ihrer Ehe, die einem goldenen Morgen geglichen. Und wol bemerkte ich den Schmerz und die Befriedigung, die ſolche Erinnerungen in ihr hervorriefen. Sie hatte ihn geliebt, innig geliebt, — — dem heile wün⸗ Wahl ruc, erall inem den ugen liebt, 19 das ward mir klar; ſie hatte ſeine Liebe aber auch in demſelben Maße feſthalten wollen, und das war ihr nicht gelungen. Hierin mußte der Dorn ihres Lebens verſteckt ſein. Wir kommen jetzt zum zweiten Acte ihres Ehelebens. Sie macht die Entdeckung, daß ihr Gemahl noch Augen für andere ſchöne Weiber hat, und die Furien der Eifer⸗ ſucht fangen an ihr zu nagen an. Mit Argusaugen ver— folgt ſie ihn auf Schritten und Tritten und endlich, end⸗ lich— ertappt ſie ihn. Hier machte die Erzählung eine lange Pauſe. Wenn wir den Vorhang wieder aufziehen, erblicken wir beide Gatten in ihrem Salon einander ſtumm gegen— überſitzen. Alles Vertrauen, alle Achtung, alle Neigung iſt geſchwunden. Die Frau verzeiht es nicht, oder viel— mehr ihre beleidigte Eitelkeit verzeiht es nicht, daß er, dem ſie noch immer gefallen möchte, ſie mit gleichgültigem Auge betrachtet; der Mann verzeiht es nicht, daß die Gat⸗ tin ſich nicht mehr über ihn täuſcht. In Beider Herzen wohnt der Haß. Im ihrigen wohnt er als der Schaum gekränkter Liebe, und die verwundete Eitelkeit mengt ihm ihre Doſis Wermuth bei; im ſeinigen iſt er mit Rache verſchwiſtert, die dafür züchtigen möchte, daß man von ihm noch Liebe fordert, wo die Flamme derſelben ſchon lange in ſeinem Herzen erſtorben iſt, und die Gleichgül⸗ tigkeit gegen die Gattin jeden Anſpruch von ihrer Seite zu einer ihm widerlichen Anmaßung macht. Sie ſitzen ſich in ihrem Salon gegenüber und meſſen — 20 ſich dann und wann mit einem verſtohlenen, mit einem dü⸗ ſtern Blicke. Jedes Wort führt jetzt zu einem Zwiſte, und auch jetzt währt es nicht lange, ſo ſehen wir Beide in einem heftigen Streit begriffen, in welchem Jeder Das herausſtößt, was den Andern am empfindlichſten berühren muß. Hohe Glut lodert ſchon auf ihren Wangen, die Lippen zucken, das Auge glüht. Endlich nennt ſie ihn bei einem Namen, vor dem er ſich entfärbt; er fährt in die Höhe, ſtürzt zu ihr hin, und gräbt ſeine ſcharfen Zähne tief in ihre entblößte Schulter. Auf ihren Schrei eilen die Diener herbei, denen ſie ohne Zögern die Wunde und den Thäter zeigt. Ihr Gatte entfernt ſich; aber mit einem Blicke, der deutlich ſagt: das ſollſt du mir entgelten!— Sie fordert Shawl und Hut und verläßt ſofort das Haus, um es nie wieder zu betreten. Der geiſtliche Gerichtshof entſchied für die Trennung . nicht die Eheſcheidung;— ſprach dem Gatten die Kin⸗ der als„ſein Eigenthum“ zu, und verurtheilte ihn zur Zahlung einer kleinen jährlichen Rente an ſeine Gemah⸗ lin. Das Urtheil war hart. Ein Jahrzehnd war ſeitdem verſtrichen, Länder und Menſchen hatten ſich als neue Eindrücke in dieſe Periode geſchoben, und die Zeit, ſo ſollte man meinen, hatte ihre lindernde Kraft bewieſen; dem war aber nicht ſo. Schönheit, Talent und Witz, was hier vereint, mußten manches Männerherz angezogen und huldigend zu des Weibes Füßen gelegt haben; aber ihre Hand hatte es verſchmäht, ein ſolches aufzuheben, weil ſie nie aufge⸗ — hört, Den zu lieben, gegen den ſie Schmähungen ohne Ende ausſtieß. Seltſamer Widerſpruch des weiblichen, des menſchli⸗ chen Herzens! Wie ſollte ich aber dieſe Kranke herſtellen? Wie eines Herzens Schläge regeln, in dem ein Sturm der Leiden⸗ ſchaft wüthete? Wie ein Gemüth beruhigen, das keinen Gründen der Vernunft Gehör gab?— Ich fühlte meine Kunſt hier in jedem Sinne unzureichend und wiederholte meine Beſuche nur, weil es der Unglücklichen Erleichterung gewährte, ihren Kummer wieder und wieder vor mir aus— zuſchütten. Auch gelang es mir, ſie zum Aufſtehen zu bewegen und an die friſche Luft zu bringen, wodurch ſie freilich beſſere Nächte gewann, aber auch neu geſtärkt mit jeder neuen Sonne zu ihrem ewigen Leiden zurückkehrte. Sie litt Tantalusqualen. Eines Tages fand ich ſie zu ſehr früher Stunde ſchon nicht mehr zu Hauſe, und hörte von ihrer Zofe, daß die Nachricht von der Krankheit eines ihrer Kinder ſie bewo⸗ gen, einen Verſuch zu machen, von dem Vater die Er⸗ laubniß zu erhalten, das Haus betreten zu dürfen. Ihre Bitte, erfuhr ich ſpäter, war abgeſchlagen worden, und zwar in einer herben Botſchaft des Gatten, die der Die⸗ ner der gekränkten Mutter mit roher Unverſchämtheit an der Thür entgegengeſchrien. Dieſer Vorfall hatte einen tiefen Eindruck hinterlaſſen. Sie war ſeit jenem Tage ſtill, ernſt, bleich und nachdenklich, aß wenig und ſprach faſt gar nicht. Ihres Gatten und jenes Auftrittes er⸗ — ——— wähnte ſie mit keinem Worte, ſelbſt gegen mich nicht, den ſie doch ſonſt ihres Vertrauens gewürdigt. Ich kam jetzt ſeltener; denn ſie ſchien meiner nicht zu bedürfen. Da ſiel mein Auge eines Abends auf einen Paragra⸗ phen in den Times, wo es hieß, Lord L. ſei von einer Frau durch Vorhalten eines mit Chloroform getränkten Taſchentuches auf der Straße Abends getödtet worden. Das war ja ihr Gatte! Ich eilte in ihre Wohnung und— fand ſie nicht.— Wohin ſie gegangen, wußte Niemand. Der Monat Auguſt iſt doch ein gar trauriger in Lon— don, und übertrifft in dem Bezug ſelbſt den Schlimmſten ſeiner Brüder. Wenigſtens nach meinem Bedünken! Die Hitze iſt zum Erſticken, die Luft ein Meer von Staub, und Menſchen und Thiere ſcheinen unter den Einflüſſen einer unreinen Atmoſphäre zu erliegen. Und dennoch hat der Arzt denſelben nicht als einen goldenen in ſeinen Bü⸗ chern zu verzeichnen. Weiß der Himmel! meine Börſe hat ſich nie weniger behaglich gefühlt als gerade dann, wenn die ganze Menſchheit in einen Zuſtand des Unbe⸗ hagens verſetzt ſchien. Die Menſchheit?— Ja, in die⸗ ſem Worte und ſeiner Anwendung liegt hier freilich das ganze Geheimniß. Man findet im Monat Auguſt keine eigentliche Menſchheit in London, weil die Reichen davon⸗ geflogen ſind, um in andern Lüften und Klimaten ihren Nachſommer zu feiern. Gott ſei Dank! daß ich Arzt bin und durch meinen Beruf feſtgehalten werde. In einem Lande, wo arm zu ſein eine Schande iſt, möchte ich ſonſt wahrlich auch nicht in den Hundstagen mit dieſem Brand⸗ male an der Stirn über die Straße gehen. Ich würde mich vor jedem Hunde ſchämen. Wenn ich jetzt Abends durch die einſamen Parks ſchlen⸗ dere und den verbrannten Raſen, die ſchwarzbeſtäubten ſ9 Bäume und die in Purpurglut getauchte Sonne an⸗ ſchaue, dann komme ich mir oft vor wie der„letzte Menſch“ h auf dem Bilde von Martin, und meine Seele trägt das ¹ Bild einer weiten Wüſte in ſich. Ich muß des Eindrucks los werden, den dieſe Oede 2 der großen Metropolis auf mich macht. Ich will, ſei es. auch nur auf eine Woche, an die Meeresküſte fliehen, wo der weite Ocean mit ſeiner ſchäumenden Brandung mei— 4 nen Fuß beſpült, und das geheimnißvolle Walten des gro⸗ t ßen Elements meinem Auge das kleine Menſchenleben h entrückt, das dem Arzte leider in ſo ſchauerlichen Tiefen vorliegt.* du n lie Ich bin in Brighton. Es iſt Abend. Das Meer. ruht ſtill und ſtumm unter einer dicken Nachtwolke, die Un 1 ſich ſo tief darauf geſenkt hat, als wolle ſie Himmel und n Erde in Eins verſchmelzen. li Am Ufer ſteht ein Corps Muſikanten und bläſt ſo ſ herrliche Melodien in den milden Sommerabend hinaus, i ² daß ſelbſt der ſchöne Theil der engliſchen Welt dem Reize h 1 nicht widerſtehen kann und aller Sitte zum Trotz in tie⸗ n fer Dämmerung auf der Promenade auf⸗ und abſchlendert. Die ſanfte Luna ſteigt eben glutroth empor und in ſchießt ihre erſten Strahlen auf die ſich Meilen lang hin⸗ ſtreckende Reihe palaſtartiger Gebäude, die ungeſchwärzt von jeglichem Kohlendampfe, das Meeresufer zieren. Da wird es Licht am Gemäuer vom Wiederſcheine der in den Fenſterſcheiben ſich ſpiegelnden Strahlen des Mondes. Ich eile hinaus, ich ſetze mich auf das harte Geſtein und überlaſſe mich dem bezaubernden Eindrucke dieſes Jean Paulſchen Sommernachtsſtückes, wobei ich nicht umhin kann meiner Seele einen ſeiner Träume zu wünſchen. Mein Name, von zarten Lippen, nicht geflüſtert, ſon⸗ dern gerufen, riß meinen Geiſt im Momente, wo er die Flügel entfaltete, in den Staub zurück. Mein ſuchendes Auge, das dem Schalle gefolgt war, fiel auf ein weibli— ches Weſen, das mir in der magiſchen Beleuchtung ganz wohl wie ein Seraph hätte erſcheinen können, wäre nicht durch die materielle Umhüllung eines gewaltigen Umſchlag⸗ tuches und eines ſchleierbehangenen Strohhutes eine ſo liebliche Täuſchung in ihrem Entſtehen vernichtet worden. In der Beſchattung des Hutes konnte ich ihre Züge nicht unterſcheiden; als ſie aber noch einmal meinen Namen nannte, erkannte ich alſobald die Stimme und drückte dem lieben Mädchen nun ſogleich meine Verwunderung aus, ſie hier zu finden. Sie ließ es ſich nun gefallen, auf einem Naturſitze, wie der meinige, Platz zu nehmen, und richtete dann ſogleich die Bitte an mich, ſie künftig nicht mehr als Fräulein, ſondern als Frau zu begrüßen. Ich räusperte mich ein wenig und zog meine Cravatte in die Höhe. Ich weiß nicht, wie és zugeht; aber man fühlt ſich — —— — weit mehr à son aise in einem téte-à-téte mit einer ſuchenden Hälfte, als mit einer, die gefunden. „Darf ich um Ihren neuen Namen bitten?“ fragte ich endlich mit etwas erkünſtelter Wärme. „Madame Varn, wenn ich bitten darf“, gab ſie ſanft zurück. Ich erſchrak und machte, glaube ich, große Augen, die ich aber, der Dunkelheit halber, nur ſelbſt ſah, das heißt, empfand. „Der Name klingt mir, ich weiß nicht wie, höchſt be⸗ kannt“, ſagte ich endlich verlegen; doch weiß ich nicht, wie, oder wo er mir vorgekommen.“ „Ich will Ihr Gedächtniß unterſtützen“, verſetzte ſie mit leiſer, vor Bewegung zitternder Stimme;„mein Mann iſt jener bekannte Häuptling der Chartiſten, deſſen Namen Sie gewiß häufig in der Zeitung geleſen haben.“ „Ach ſo!“ verſetzte ich gezogen. Ich hätte ihr aber doch etwas Verbindliches ſagen, auf irgend eine Art zu dieſer Verbindung Glück wünſchen ſollen. Wahrhaftig! die frommen Wünſche thaten hier Noth. Aber wie ungeſchickt man manchmal iſt! Ich rieb mir die Hände und mir fiel nichts ein. Ich räusperte mich, und es wurde nicht beſſer. Endlich, um dieſer ver⸗ legen werdenden Pauſe ein Ende zu machen, ſagte ich gezogen, was wie Theilnahme klingen ſollte: „Sind Sie ſchon lange verheirathet, beſte Frau?“ „Erſt ſeit dem Frühling“, verſetzte ſie ruhig.„Mein Mann iſt jetzt hier, um Vorleſungen über Phrenologie zu we ſel ab M U m — — die eißt, be⸗ icht, ſie ann men gen, ſchen hier rieb perte vel⸗ e ich Mein 27 halten, und ſpäter gedenkt er als Magnetiſeur aufzutreten, was eigentlich, wie Sie wiſſen, ſein Fach iſt. Er wünſcht ſehr, mich dabei als Clairvoyante zu benutzen, ich fürchte aber, daß ich kein gutes Subject abgeben werde. Jedes⸗ mal, wenn er einen Verſuch mit mir anſtellt, überfällt mich ein unbegreiflicher Schauder, und er iſt bis jetzt noch immer davon abgeſtanden, aus Beſorgniß, daß die mo⸗ mentane Abneigung, die er mir dann einflößt, in der Folge zu einer ſtereotypen werde.“ „Die Wahl Ihres Gatten iſt aber doch ſonſt wol durchaus eine Sache der Neigung geweſen, wenn Sie mir die Frage erlauben?“ „Allerdings! Da er keine Glücksgüter beſitzt, konnten mich keine äußern Vortheile beſtimmen. Ob mein Gefühl für ihn aber eigentlich Liebe zu nennen war, kann ich nicht ſagen. Es war mir eine Art Muß, ein Schickſalswollen, dem ich nicht zu widerſtehen vermochte. Ich mußte ihm angehören, ich fühlte das, und folgte dem Zuge.“ „Und was macht denn Ihr ſchönes Talent in der Ehe?— Hat ſie der Muſe der Tonkunſt den Eintritt geſtattet?“— Das war ſo übel nicht geſagt, dachte ich bei mir ſelbſt.— Manchmal gelingt es mir mich recht gut auszudrücken. „Das darf nicht ſein“, verſetzte Madame Varn. „Mein Talent muß uns Dienſte leiſten. Mein Mann iſt nicht reich, und ich muß ihm im Erwerben beiſtehen. Ich thue es aber ungern. Ich haſſe die Muſik.“ „Aber wie? Wie iſt das möglich?— Und Herr Vain?“ —=———— ————————— = 28 „Der haßt ſie auch.“ „Ach! nun begreife ich. Er hört alſo nicht gern, wenn Sie ſpielen, und das hält Sie ab.“ „Nicht doch! Er wünſcht es. Ich ſoll ſpielen, um ſpielen zu können; zu unſerm Nutzen; aber nicht zu ſei⸗ nem oder meinem Vergnügen. Die Muſik iſt aber eine traurige Beſchäftigung ohne die dazu erforderliche Stim— mung.“ „Und wie kommt es, daß Ihnen dieſelbe fehlt?“ „Weil ich leidend bin, vermuthlich. Schon ſeit län⸗ gerer Zeit wird mir Alles ſchwer, und weder geiſtige noch körperliche Anſtrengung kann ich vertragen. Ich bin da— her auf ein paar Tage nach Brighton gekommen, um die Seeluft einzuathmen; morgen kehre ich nach London zurück.“ „Und fühlen ſich geſtärkt?“ „Leider nein!“ „Da ſollten Sie doch noch bleiben, und etwas Ernſt⸗ liches gebrauchen.“ „Mein Mann glaubt nicht an Aerzte. Ich darf da⸗ her keine Hülfe durch Medicin erwarten. Wenn Sie aber wieder in London ſind und in die Nähe meiner Wohnung kommen; ſo machen Sie mir die Freude einzutreten. Es iſt immer ein Troſt, ein Geſicht zu ſehen, das uns in beſſern, ich meine geſündern Tagen gekannt hat“, corri⸗ girte ſie ſich. Sie nannte mir ihre Wohnung und ſagte mir Lebe⸗ wohl. nn um eine tim⸗ än⸗ och um won 29 „Arme Frau!“ dachte ich. Was der fehlt, iſt leicht zu ſagen. Oder vielmehr— ihr fehlt eigentlich, daß ſie zuviel hat, nämlich den Gatten. Ein ſo hübſches Mäd⸗ chen! Und an ein ſolches Ungethüm zu gerathen! Wie mag ſie das nur angefangen haben?— Aber lieber Gott! Da die Ehen im Himmel geſchloſſen werden, ſo iſt ja Alles klar und ſie kann gar nichts dafür. So philoſophirte ich noch eine Weile, und horchte da⸗ bei auf das Murmeln der kleinen ſich brechenden Wellen, die meinen Gedanken höchſt anmuthig accompagnirten. Aus dieſem Spiele meines Geiſtes weckte mich endlich ein leiſes Fröſteln, das unbehaglich durch alle Glieder zog und mein rationelles Bewußtſein nöthigte, mich zu erhe⸗ ben und meine Füße in etwas raſchem Taktmaße meiner Wohnung zuzuſenden. Und ſo wurde denn aus Abend und Morgen der erſte Tag in Brighton. Wie ſchnell war mir die Woche meines Aufenthaltes dahingeſchwunden! Als ich am 1. September wieder in London einzog, wollte mir die dicke, mit Kohlenſtaub par— fümirte Luft gar nicht ſchmecken. Die Folge war, daß ich allen meinen Patienten verordnete, ſobald wie möglich dieſen Mauern zu entfliehen und, wie ich, an der Mee— resküſte ihre Lungen mit Seeſalz zu füllen. Leider war die Zahl⸗derſelben jetzt eben nicht ſehr groß. Das War⸗ ten auf Etwas iſt ſtets das langweiligſte Ding von der Welt, und nun gar auf Patienten!— La perspective!— ————— 30 Wer es doch dem berühmten Doctor Radeliff nachthun könnte, der dem Könige Wilhelm in das Geſicht ſagen durfte, er möchte deſſen zwei Beine nicht um ſeine drei Königreiche haben; und der Königin Anna, als die dur⸗ ſtige Seele im Sterben lag, ſeinen Beſuch ganz und gar verweigern konnte, mochte das Volk auch toben und lär⸗ men wie es wollte und ihm mit Steinigung drohen. Wird denn je eine Zeit kommen, wo man gegen mich ſo zu wüthen Urſache hat?— Es iſt keine ſo leichte Sache, den Punkt auf der Leiter der Reſpectabilität zu erreichen, wo man ſich mit Selbſtbewußtſein ſteinigen laſſen kann. Meiner ärztlichen Gedanken los zu werden, entſchloß ich mich, einen Abendbeſuch bei einer Franzöſin abzuſtat⸗ ten, die ich einſt behandelt, und deren Haus ich ſeitdem von Zeit zu Zeit beſuchte, um mich mit republikaniſchen Neuigkeiten zu verſehen. Die Dame war zu Hauſe und allein. Ich fand ſie mit pariſer Nonchalance in der Ecke eines Sophas kauernd und folgte ihrem von einem mo⸗ dernen„Assoyez-vous!“ begleiteten Winke mir einen Sitz neben ſie zu rücken. Kaum war die erſte Salve unſerer Unterhaltung abgefeuert, ſo wurden wir durch den Ein⸗ tritt des einzigen Töchterchens, des Herzblattes der Mama, ſehr geräuſchvoll unterbrochen, und Mademoiſelle Felicie beſtand darauf, vorläufig meine ganze Aufmerkſamkeit in Anſpruch zu nehmen. Sie hatte ſich, ſeit ich ſie nicht ge⸗ ſehen, merkwürdig entwickelt. Sie ſtand vor mir, eine ſo ſonderbare Miſchung von Kind und Jungfrau, ſowol der Geſtalt als dem Benehmen nach, daß ich mich des Lachens icie in e el 3¹ nicht erwehren konnte, und um meine Unart zu beſchöni⸗ gen, des Mädchens Kopf in meine Hände nahm und ihr einen Kuß auf die Stirn drückte. Das Kind erglühte unter meiner väterlichen Begrüßung; die Mutter aber lächelte innerlich vergnügt über dieſes ihrer Tochter gut ſtehende Erröthen, während ſie ſie zugleich ſchalt, daß eine ſo wohlgemeinte Artigkeit von Seiten eines alten Bekann⸗ ten alles Blut in ihre Wangen treibe.— O über dieſe Mütter! Felicie war übrigens ſehr häßlich. Ihre Züge waren ſtark ausgeprägt und trugen keinen Stempel geiſtiger Ver⸗ feinerung. Ihre Figur hatte dabei etwas Zwergartiges und ſchien mehr auf ein Wachſen in die Breite als in die Länge angelegt. „Meine Tochter bildet ſich zur Tänzerin aus“, ſagte die Mutter.„Faites vos battemens, ma fille!“ Felicie ſtellte ſich ſogleich in Poſition, ſtützte ſich mit einer Hand auf das Kamin, ließ den andern Fuß hoch in die Luft bis zu ihrem Kopfe emporſteigen; dann wech⸗ ſelte ſie um und ließ den zweiten Fuß das gleiche Mans⸗ ver machen. Die Mutter erwartete, daß ich mich be⸗ wundernd äußere; ich konnte ihr aber nur meine Ver— wunderung ausdrücken. Es war erſtaunlich, ganz erſtaun⸗ lich, wie das Kind ſeine Füße in die Luft ſchwenkte! „Und die Muſik, Felicie? Wie geht es mit dem Kla⸗ vierſpiele?“ fragte ich, ſobald ſie ſich von ihren battemens ausruhte. „Assez bien“, verſetzte ſie, ihren großen Mund zu 32 einem breiten Lachen verziehend;„mais je ne l'aime pas mieux qu'autrefois“. Damit lief ſie davon. Als wir uns allein befanden, fragte ich Madame Batiſte, weshalb ſie ihre Tochter zu einer Tänzerin be— ſtimmt habe, da es doch früher immer ihre Abſicht gewe— ſen, ſie zur Tonkünſtlerin auszubilden. Sie verſetzte, daß die Neigung ihrer Tochter und ihr Talent zum Tanzen ſie auf dieſe Idee geleitet. „Sie wiſſen“, fuhr ſie fort,„daß ich meiner Tochter kein Vermögen zu hinterlaſſen habe, und es iſt daher im⸗ mer mein Wunſch geweſen, Felicie eine Exiſtenz zu ſichern, in der ſie ſich unabhängig und ſelbſtändig fühle, ſodaß ſie nicht genöthigt ſei, eine Heirath wie eine Verſorgungs⸗ tontine zu betrachten. Mädchen aus dieſem Geſichts⸗ punkte auf die Ehe anzuweiſen, iſt eine Gemeinheit, der ſich unſer Zeitalter leider ſchuldig macht. Um ſie vor die⸗ ſer Alternative zu bewahren, ließ ich ſie ſorgfältig in der Muſik unterrichten; ſie zeigte aber weder Neigung noch Talent, und ob ſie eine Stimme bekommen würde, war eine Frage. Ich war zweifelhaft, ob ich damit fortfahren ſollte. Aber was aus ihr machen?— Eine Erzieherin um keinen Preis. Das iſt eine Sklaverei, die ihr Joch unter einem Domino verſteckt. Lehrerinnen, die eine un⸗ abhängige Stellung einnehmen, die Staatsbürgerinnen ſind, haben wir nicht, und irgend eine perſönliche Abhän— gigkeit des Menſchen vom Menſchen iſt, nach meinem Ge⸗ fühle, eines Individuums unwürdig.— Sollte ſie die N n — a— 1 — N⸗ ß en Nadel ergreifen?— Als Schneiderin oder Putzmacherin konnte ſie ſich ſelbſt etabliren, das war ein état, der ſie nährte. Aber auch dazu gehört ein Talent und Geſchmack. Hatte ſie den?— So ſann ich lange, bis ich mich end⸗ lich überwand, jedes andere Bedenken beſeitigte, und meine Tochter einfach das werden ließ, wozu die Natur ſie be⸗ ſtimmt zu haben ſcheint— eine Tänzerin.— Nur die Arbeit, die der Menſch mit Luſt treibt, kann ihm Gedei⸗ hen bringen, und wenn meine Tochter den rechten Willen hat, ſo kann ſie auch als Operntänzerin eine geachtete Bürgerin ſein.“ Sie hatte nicht Unrecht. Dennoch!— Die größte Verſuchung und der Mangel einer überwiegenden morali— ſchen Ausbildung— woher ſollte die arme Felicie die Charakterſtärke nehmen, deren ſie auf ihrem bunten Pfade bedurfte, um gerade zu gehen?— Im Ganzen genom⸗ men bin ich doch herzlich froh, daß die Natur mich zu kei⸗ nem Mädchen gemacht hat; denn wahrlich! ſollte ich zwi⸗ ſchen einer Heirathstontine und einer Operntänzerin wäh⸗ len, ſo möchte ich in ziemlicher Verlegenheit ſein, auf wel⸗ cher Seite das de mal en pire liege. Um die Unterhaltung auf einen andern Gegenſtand zu lenken, erkundigte ich mich bei Madame Batiſte nach meiner jungen Landsmännin, der Madame Varn, die, wie ich wußte, ihr wohl bekannt war. Kaum hatte ich den Namen genannt, ſo flog ſie aus ihrer Sophaecke auf, wandte mir ihr Geſicht, aus dem ſie raſch die blonden Locken wegſtrich, voll zu, und maß mich mit einem Blicke, . 3 ———— in dem gar nichts mehr von dem gewöhnlichen air abattu einer femme incomprise zu leſen war. „Haben Sie ſie geſehen?“ fragte ſie. Ich erzählte ihr, daß ich ſie an der Meeresküſte in Brighton getroffen, und bat ſie, mir die nähern Umſtände der ſeltſamen Heirath mitzutheilen. Madame Batiſte war gleich bereit, auf einen Gegenſtand einzugehen, der ſie ſelbſt ungemein intereſſirte und der ihr in manchen Beziehungen näher lag, als man dem Anſcheine nach hätte glauben mögen. Herr Varn hatte einſt zum engen Kreiſe ihrer Freunde gehört. Die damals noch junge Witwe ſchwärmte für Magnetismus und Phrenologie, und ihre Begeiſterung für die Wiſſenſchaft trug ſich gar leicht auf den Lehrer über, wie dies ſeit Heloiſe öfter vorgekommen. Varn war damals verheirathet, kein heiliges Band konnte ſich alſo um den Bund dieſer Seelen ſchlingen, der mit den Jah⸗ ren, ſowie der Enthuſiasmus der Dame ſich andern Ge⸗ genſtänden des Wiſſens zuwendete, in eine ganz gewöhn⸗ liche Freundſchaft ausartete. Varn wurde indeſſen in die Chartiſtenverſchwörung verwickelt, und war an dem gro⸗ ßen Tage einer der Anführer, der die Monſterbill in das Parlament tragen half, wobei die fünftauſend especial Constables der Welt dies denkwürdige Beiſpiel gaben. Die Folge der Demonſtration war, daß Varn eingezogen wurde und ſich bald darauf zu lebenslänglicher Depor⸗ tation verurtheilt ſah. Dieſes harte Loos erweckte in der Seele von Madame Batiſte längſt verloſchene Gefühle, und mit der den Frauen u Ur cisl en. en r⸗ me len 35 in ſolchen Gemüthsverfaſſungen eigenen Selbſtaufopferung that ſie alle nur erdenklichen Schritte, um eine Milderung des Spruches zu bewirken. Sie war auch ſo glücklich, ſeine Strafe erſt auf zwei Jahre herabgeſetzt und ihn end⸗ lich ganz auf freiem Fuß zu ſehen. Jubelnd trug ſie ihm dieſe Freudenbotſchaften in ſein Gefängniß und begleitete dieſelben mit manchen kleinen Bedürfniſſen, die ihm in ſeiner Haft willkommen ſein mußten. Was die Welt da⸗ bei von ihr dachte, das war ihr gleich. Sie folgte dem Gebote ihres Herzens, das da heiſchte: Verlaſſe einen Freund nicht in ſeinen trüben Tagen. Als endlich die Stunde der Befreiung ſchlug, als ſie an der Gefängniß⸗ thür ſeiner harrte und ihn in ihrem Wagen, wie im Triumphe in ihre Wohnung brachte, wo ſie ein kleines Feſt angeſtellt, bei dem man auf ſeine Befreiung trank;— wie froh und ſelbſtzufrieden blickte ſie da auf den Mann, der ihr das Glück der wiedererrungenen Freiheit dankte. Aber auch dieſer Tag hatte, wie alle, einen kommen⸗ den Morgen, an welchem ſie nach dieſem Freudenrauſche der ſchönſten Gefühle in die wirkliche Welt zurückkehrte, und aus ihrem Schreibtiſche ein Päckchen ſorgfältig zu⸗ ſammengebundener Rechnungen nahm, und dieſe, begleitet von einem freundlichen Morgengruß, an Herrn Varn über⸗ ſandte. Die Antwort, die er zurückſagen ließ, klang be⸗ fremdend. Er erklärte in einem eigenhändigen Schreiben, daß es ſein Gefühl aufs tiefſte verletzt habe, am Morgen nach ſeiner Befreiung durch ſolche materielle Dinge belä⸗ ſtigt zu werden, die, wie er gehofft, durch ihre Freundſchaft 3* — ———— vermittelt wären. Die Hände fielen ihr in den Schoos bei Leſung ſolcher Worte. Ihre Freundſchaft ſollte hier vermittelt haben? Wußte er denn nicht daß ihre Lage keine Vermittelungen der Art geſtattete, und daß die Zeit und Muße, die ſie an ſeine Befreiung gewendet, ſchon hinlänglich an andern Pflichten gezerrt? Das war denn ſein Dank!— O über die Männer! Die tiefe Kränkung, die ſie hierüber empfand, zog ihr eine Art Gallenfieber zu, bei dem ich an ihr Lager beru⸗ fen ward, und Leib und Seele gar bald wieder in ein leidliches Gleichgewicht brachte. Sie theilte mir, nachdem ſie geneſen, dieſe Vorgänge, wie ich ſie hier niederſchreibe, mit, und ſpäter auch einen Brief, den ſie ihm nach ihrer Geneſung überſandt und deſſen Kälte, Ruhe und Beſon⸗ nenheit mich nicht wenig überraſchte. Ohne die geringſte Anſpielung auf die ihm von ihr geleiſteten Dienſte erklärte ſie ihm einfach: daß ihre Pflicht gegen ihre Tochter ihr verbiete, einem Freunde mit ihrer Börſe beizuſtehen, indem ſie ohnehin ſchon nicht ſoviel, wie ſie wünſche, auf die Erziehung derſelben zu wenden vermöge, worin doch das ganze einſtige Capital derſelben beſtehen werde; wenn er in dieſer Weigerung einen Mangel von Freundſchaft von ihrer Seite erblicke, ſo gewahre ſie nicht minder einen ſol⸗ chen in ſeiner Forderung, und da auf dieſem Fuße ein Umgang nicht erfreulich ſein könne, ſo wäre es wol beſ⸗ ſer, ſich ſo lange nicht zu ſehen, bis dieſe gegenſeitige Un⸗ befriedigung fortgefallen. Sie erhielt keine Antwort und die Sache blieb auf dieſem Punkte ſtehen. 37 Nicht lange nach dieſem Vorfalle kam ich eines Mor⸗ gens zu Madame Batiſte und fand ſie nicht ſelbſt; aber ein hübſches junges Mädchen in ihrem Wohnzimmer, das der kleinen Felicie Anweiſung auf dem Klavier ertheilte. Als ich in ihr Geſicht blickte, erkannte ich eine junge Lands⸗ männin, mit der ich vor Jahren in Paris einige Tage in einer Pension bourgeoise zugebracht, wo ſie Jedermann durch ihr ſchönes Spiel entzückte. Sie freute ſich, einen Bekannten zu ſehen; denn in einem Orte, wie London, wo man jahrelang umherwandern kann, ohne ein befreun⸗ detes Geſicht zu finden, iſt es immer als einen großen Fund zu betrachten, wenn man Jemanden ſieht, deſſen Phyſiogno⸗ mie uns nicht ganz fremd iſt. Ich drückte nun gleich⸗ falls, und zwar ziemlich warm, meine Freude aus, ein ſo hübſches Mädchen wieder zu treffen. Von da an ging ich weit öfter zu Madame Batiſte, wie ich ſonſt wol zu thun gepflegt, und ſtieß mich nicht weiter an die rothen Franzoſen, mit denen ſie ſich umgab und deren Bekanntſchaft einem ſoliden jungen Arzte auf engliſchem Boden keineswegs vortheilhaft war. Auch den kleinen Louis Blanc ſah ich dort öfter, und wunderte mich mitunter über des Patrioten Artigkeit gegen das weibliche Geſchlecht, die ihren Quell in einem Herzen wie das ſeine nur einer allgemeinen Menſchenliebe danken konnte. Doch war er höchſt artig, ungemein artig! Als die Saiſon zu Ende ging, flog meine hübſche Landsmännin mit einer großen Lady in die ſchottiſchen Hochlande, und zu meiner Beſchämung ſei es geſagt, ich vergaß dann faſt gänzlich, mich nach dem Befinden von Madame Batiſte zu erkundigen. Wie ſie ſeitdem ihre Zeit hingebracht, wie es ihr ergangen, das bat ich ſie jetzt, mir mitzutheilen, und ihr verzeihendes Herz kam meinem Wun⸗ ſche nach. Im Laufe des Sommers war die junge Künſtlerin nach London zurückgekehrt; hatte jetzt aber nicht bei Ma⸗ dame Batiſte gewohnt, ſondern ein eigenes Logis bezogen. Anfang des Winters kündigte Varn Vorleſungen über Phrenologie an und ſandte Madame Batiſte, vielleicht in einer Anwandlung reuevoller Beſchämung, ein billet d'ad- mission für den Curſus. Dieſe, bei ihrem verſöhnlichen Charakter, dankte ihm dafür, und machte davon Gebrauch, indem ſie zugleich die junge Künſtlerin aufforderte, ſie zu dieſen Vorträgen zu begleiten. Letztere fühlte ſich von der Neuheit der Sache angezogen und ergriff mit Vergnügen die Gelegenheit zu dieſer kleinen Zerſtreuung, wie ſie ein junges Mädchen, das einer Begleitung bedarf, nicht ſel ſt ſuchen darf. Sie kleidete ſich auf das ſorgfältigſte an, worin die meiſten Frauen gern gewiſſenhaft ſind, und erwartete Wunderdinge zu ſehen; denn ihr muſikali— ſcher Lebenslauf hatte ſie ziemlich arm an Kenntniſſen und Ideen in die Welt geſchickt, und ſo war ihr alles Neue neu. Varn, ein ſtark gebauter Mann, mit einer brutalen Geſichtsbildung und ein Paar Ogeraugen, die auf jedem weiblichen Geſichte Wurzeln zu ſchlagen verſuchten, ließ ſeinen Blick forſchend über die Verſammlung gleiten und 3 5 39 faßte alſobald Madame Batiſte mit ihrer hübſchen Be— gleiterin in das Auge. Sein Vortrag begann und Alles war Auge und Ohr, und Jeder taſtete gelegentlich verſtohlen an ſeiner Gehirn⸗ kapſel umher, ob nicht die namhaft gemachten herrlichen Eigenſchaften daran zu finden ſeien, während die Abwe⸗ ſenheit aller Uebelklingenden von ſelbſt anzunehmen war. Nicht lange, ſo ging Varn von der Theorie zur Praris über und beſchied bald dieſen bald jenen Kopf vor ſich, um an ihm das eben Geſagte zu illuſtriren. Dadurch ſah ſich die Verſammlung in eine Aufregung verſetzt, die ſchwer zu beſchreiben iſt. Jeder zuckte auf ſeinem Stuhle in der Erwartung, daß der nächſte Wink ihm gelten werde, und Furcht und Hoffnung vor der öffentlichen Enthüllung eines Laſters oder eines hervorſtechenden Talentes wechſel⸗ ten ihr Farbenſpiel auf den Wangen, flammten wie Lich⸗ ter in den belebten Augen. Wieder war ein Schädel abgefertigt. Das ſchreckliche Auge des Meiſters wanderte umher nach einem neuen Kopfe zum Belege ſeiner Wiſſenſchaft, und haftete endlich auf Madame Batiſte's junger Freundin. Dieſe färbte ſein Blick mit Purpurglut;— ſie wollte wegblicken, aber ver⸗ geblich, ſie fühlte, daß ſein Auge noch auf ihr ruhte, und konnte ſich dem Blicke nicht entziehen. Er brannte auf ihrem Anlitze. „Darf ich bitten?“ tönte eine tiefe Stimme in ihr Ohr und ſie wußte, auch ohne daß ein Name genannt worden, daß nur ſie gemeint ſein könne. Zögernd trat 8 2 ſie vor; der Furchtbare legte ſeine Hand auf ihr Haupt, und ließ ſie lange unter dem Gewichte derſelben weilen. Ein Schauer rieſelte durch alle ihre Glieder; ſie wollte ſich abwenden, ſie konnte es nicht. Thränen traten ihr in die Augen, ſie fühlte ihre Knie zittern, und fürchtete umzuſinken. Aber— ſein Auge wachte über ihr. Langſam zog er ſeine Hand von ihrem Haupte und ein Lächeln des Triumphes ſpielte um ſeine Lippen.„Sie haben einen herrlichen Kopf!“ hub er an;„ſo harmoniſch ausgebildet.“ Und er wies den Zuſchauern eine Zuſam⸗ menſtellung von Organen, die die Beſitzerin mit ſtaunen⸗ der Bewunderung an ſich entdeckt hörte. Ihrer Eitelkeit war auf das höchſte geſchmeichelt, ihrem Selbſtgefühle ein Kranz gewunden, den kein Mädchen ungeſtraft von eines Mannes Hand empfängt. Sie fühlte ſich ihm dankbar und ſchlug das Auge zu ihm auf, um ihn in ihrem Blicke dieſe Empfindung leſen zu laſſen; aber wieder ruhte ſein Auge ſo durchdringend und glühend auf ihr, daß ſich ihre Lider davor ſenkten. Er geleitete ſie jetzt zu ihrem Sitze zurück, wo ſie mit Glückwünſchen überſchüttet wurde; ſie aber hörte kaum, was man zu ihr ſprach, ſo betäubt fühlte ſie ſich von dem gewaltigen Eindrucke der eben durchlebten Minute. Beim Nachhauſegehen geſellte ſich Herr Varn zu ih— nen und bot Madame Batiſte ſeinen Arm an. Er ſprach auf dem Wege nur mit dieſer und ſchien ihre junge Be⸗ gleiterin gar nicht zu beachten. Als er indeſſen vor der Thür des Hauſes Abſchied nehmen wollte, erbot er ſich, ein mit um, em z. der ſich, . 41 die junge Dame, im Fall ſie einen weitern Weg zurück⸗ zulegen habe, nach Hauſe zu geleiten. Sein Erbieten wurde angenommen. Daſſelbe wiederholte ſich nach jeder fernern Vorſtellung. „Sprachen Sie dann aber nicht mit dem armen Mäd⸗ chen? Warnten Sie ſie nicht?“ unterbrach die Erzäh⸗ lung hier. „Ich ſagte ihr Alles, was man bei ſolchen Gelegen⸗ heiten ſagen kann, und erlebte den gewöhnlichen Erfolg, beſter Herr Doctor. Man hörte mich nicht. Ich mochte ſagen was ich wollte, warnen wie ich wollte, die Sache ging ihren Gang fort.“ Die Vorleſungen hatten indeſſen ihr Ende erreicht und Madame Batiſte war wenigſtens froh die junge Künſt⸗ lerin nicht mehr in eine Verſammlung führen zu müſſen, wo ihr ein ſo gefährliches Netz geſtellt war. Beide Frauen ſahen ſich jetzt weniger. Das Vertrauen war gewichen, und das gute Vernehmen litt durch den Rückhalt. Die Künſtlerin hatte ſich jetzt ſeit mehrern Wochen nicht blicken laſſen. Da erfuhr Madame Batiſte, daß Varn in die Provinz gegangen, um Blinde und Lahme durch Ma— gnetismus zu heilen, und ſie eilte nun ſogleich, ihre junge Freundin zu ſich einzuladen, in der Hoffnung, daß viel⸗ leicht noch Alles wieder herzuſtellen ſei. Sie kam; war aber kaum noch kenntlich, ſo ſtill, verſchloſſen und nach⸗ denklich war ſie; von ihrer frühern Munterkeit zeigte ſich auch nicht die Spur. So verging der Winter. ———— Eines Tages, als die Abende ſich ſchon zu verkürzen anfingen, ſchickte Madame Batiſte im Zwielichte zu der jungen Künſtlerin und lud ſie ein, das Theater mit ihr zu beſuchen. Es hieß zurück, ſie ſei verreiſt.— Verreiſt? — Und wohin?— Und auf wie lange?— Niemand wußte das zu ſagen. Später erfuhr ſie aus anderer Quelle, daß Varn ganz unerwartet geſchrieben, ſie möge mit dem nächſten Bahn⸗ zuge zu ihm kommen, worin ſie ihm auch unbedingt ge⸗ folgt. Bei ihm angelangt, habe er ſie vor einen Magi⸗ ſtrat geführt und dort für ſeine Frau erklärt. Bald dar⸗ auf ſei er wieder mit ihr in London erſchienen und habe gefordert, daß ſie hier ihr muſikaliſches Talent geltend mache, während er das Magnetiſiren treibe. Sein Name aber, den ſie jetzt geführt, habe ihr alle Thüren verſchloſ⸗ ſen, was ſein Eigendünkel aber freilich nicht zugeſtehen wolle; er habe im Gegentheil die Schuld jedes Mislin⸗ gens auf ſeine Frau geſchoben, die doch dem Publicum gegenüber durchaus vorwurfsfrei daſtand. „Auf dieſe Weiſe“, ſchloß Madame Batiſte,„iſt der Haushalt meines einſtmaligen Freundes nur kärglich be⸗ ſtellt und die erwähnte junge Frau wird mit manchen Entbehrungen vertraut, die ſie vor ihrem Manne nicht einmal ſolche nennen darf. Seit vielen Wochen nun ſchon habe ich Beide nicht geſehen, noch von ihnen gehört, weiß alſo nicht, wie es ihnen geht.“ Am nächſten Morgen begab ich mich gleich nach dem Frühſtücke nach der ziemlich entfernt gelegenen Wohnung — „ me zen Wl el ht 13 der Madame Varn. Es hieß, ſie ſei zu Hauſe und allein. Ich wurde vorgelaſſen. In einem dürftig möblirten Zim⸗ merchen lag die junge Frau auf einem harten mit ſchwar⸗ zem Pferdehaar überzogenen Sopha, ſowie man ſie ge⸗ wöhnlich in billigen Miethwohnungen findet. Als ich ein⸗ trat, erhob ſie ſich, und ſtrich ihr herabgefallenes ſchönes ſchwarzes Haar aus ihrer Stirn, wobei ich die gelbliche Farbe ihres Geſichts und die eingefallenen Wangen mit Bedauern muſterte. „Sie kommen wie ein Himmelsbote!“ rief ſie.„Den⸗ ken Sie nur, meinem Manne iſt ein Blutgefäß geborſten, und er iſt eben zu Dr. Latham gefahren, um zu hören, ob ein warmes Klima ihn noch retten kann.“ Ich muß bekennen, daß dieſe Nachricht eben keine frommen Wünſche für ſeine Herſtellung in mir weckte; indeſſen äußerte ich, als ein Mann von Welt, anſtändige Theilnahme. Dann erlaubte ich mir aber die Frage, was denn ſeinen Glauben an die Arzneikunde wiederherge ſtellt habe. „O er glaubt noch nicht daran, was innerliche Krank⸗ heiten betrifft“, erwiderte ſie;„hier iſt aber von einem chirurgiſchen Falle die Rede, und den Chirurgen traut er viel zu.“ „Und wie geht es Ihnen denn jetzt?“ fragte ich nun mit wahrer wohlgemeinter Theilnahme und dem dringen⸗ den Wunſche, hier durch Troſt und Rath wirken zu können. „Nicht beſſer“, ſagte ſie wehmüthig,„und in meinem jetzigen Zuſtande“— ſie blickte erröthend nieder—„fürchte ——— 44 ich mich ungemein vor einer langen ermüdenden Reiſe, ohne Begquemlichkeiten irgend einer Art, ohne weibliche Bedienung. Ich werde unterwegs umkommen.“ „Könnten Sie nicht einſtweilen hier bleiben und Herrn Varn, ſobald es Ihre Kräfte erlauben, nachfolgen?“ „E würde das nicht gern erwiderte ſie kopf⸗ ſchüttelnd. „Warum aber fühlen Sie ſich entkräftet? Ein junges, geſundes Weſen, wie Sie, darf nicht leicht Ermüdung fühlen. Fehlt es Ihnen an an Schlaf? Oder wo fehlt es?“ „Ich glaube, die Nahrung ſagt mir nicht zu. Mein Mann hat den Grundſatz, daß man das Thieriſche in ſich nicht zu ſehr nähren dürfe; ich beſonders könne in der Wahl meiner Speiſen nicht behutſam genug ſein wegen des Einfluſſes, den es auf ein anderes Leben übt. Wir genießen daher meiſtens nur Früchte und Gemüſe, und weil ihm eine ſolche Diät ganz vorzüglich bekommt, ſo will er mir nicht glauben, daß ich unter derſelben unter⸗ liege. Ich fühle mich oft ſo matt, daß ich nicht über die Straße gehen kann.“ „Aber, beſte Frau, Sie ſollten ſich dem nicht figen; und ſelbſt wenn Sie ſcheinbar nachgeben, heimlich ein gu⸗ tes Beefſteak zu ſich nehmen. Sie ſind ſich ſolche Für⸗ ſorge jetzt doppelt ſchuldig.“ „Ja, wenn ich das nur könnte!“ verſetzte ſie traurig, „aber Varn führt. die Kaſſe.“ Hier ſchellte es an der Thür, und in der nächſten Nin P Reiſe, ibliche Herrn kopf⸗ unges, üdung Oder Mein in ſich in der wegen und nt, ſo unter⸗ bet die fügenj in gu⸗ Für⸗ aurig, Minute ſtand der Mann mit dem furchtbaren Blicke vor mir. Die Frau hatte ſich bei ſeinem Eintritte zitternd er⸗ hoben.—„Sie entſchuldigen, mein Herr!“ rief er mir zu. „Sophie, packe gleich ein! Wir reiſen morgen ab. Die Aerzte ſagen, ein mildes Klima ſei meine einzige Rettung.“ Ich empfahl mich ihr mit einem Blicke und einem Händedrucke, der Alles ausſprach. Die Thräne in ihrem Auge war ihre ganze Erwiderung. O ihr Schickſalsgöttinnen, was ſind oft eure Gaben! — Und wie zwingt ihr uns auf eurem Ambos unſer ei⸗ genes Glück zu ſchmieden. Danke euch das, wer kann. Die Stadt füllt ſich und meine Patienten häufen ſich, was mich mit einiger Zufriedenheit erfüllt. Warum auch nicht?— Wie Nacht und Tag, Frühling und Herbſt, Winter und Sommer; ſo müſſen Krankheit und Geſund⸗ heit einander entgegenſtehen, damit durch das Uebel der einen die Wohlthat der andern deſto fühlbarer werde. Meine Humanität hat demnach keine Urſache, die Weis⸗ heit dieſer Einrichtung der Natur in Frage zu ſtellen; jedenfalls kann ich ein gewiſſes inneres Wohlbehagen bei dieſer Zunahme von Krankheitsfällen nicht ableugnen. Es kommt mir jetzt zu ſſtatten, daß ich ſo gelegen wohne. Vor einem Jahre hätte ich es mir wahrlich nicht träumen laſſen, daß ich mich heute im Weſtende in einer ariſtokratiſchen Behauſung befinden würde. Zufall, du biſt ein Gott! n 46 Ein junger Arzt darf keine neue Bekanntſchaft ver⸗ ſchmähen, es war mir daher ganz genehm, als einer mei⸗ ner Freunde ſich erbot, mich bei der Witwe eines Gene⸗ rals, die ein Haus ausmachte, einzuführen. Frau Norris empfing mich höchſt artig und forderte mich auf, wieder⸗ zukommen, damit war aber noch nicht geſagt, daß ſie mir beſonders wohlwolle; denn Gleiches erfuhren viele Andere. Wie angenehm mußte es mich daher überra⸗ ſchen, als ſie mir nach Verlauf von ein paar Monaten, während welcher ich von Zeit zu Zeit ihr Gaſt geweſen, eines der in ihrem Hauſe leer ſtehenden Zimmer zur Woh⸗ nung anbot. Das war eine gebratene Taube, für welche der Mund nicht einmal geöffnet geweſen. Meine gütige Wirthin iſt eine Frau von ungefähr fünfundfünfzig Jahren, von hohem ſchlankem Wuchſe und vornehmem Anſtande. Sie muß einmal ſchön geweſen ſein, und würde noch jetzt, beſonders bei Abendbeleuchtung, wenn ſie ihr ſchönes braunes Haar in langen Locken trägt, recht gut ausſehen, wäre ihr Mund nicht we⸗ gen mangelnder Vorderzähne gar zu tief eingefallen. In ſolchen Fällen iſt eine kleine Kunſt ganz verzeihlich!— Es iſt unglaublich, wie ſehr ein eingefallener Mund ent⸗ ſtellt und an Jahren vorrückt. Alle Züge werden dadurch verändert, und das Geſicht erhält ein Gepräge des Alters, das es ſonſt nicht zeigen würde. Die Generalin iſt weder geiſtreich noch gelehrt, und lieſt wenig; dafür beſitzt ſie aber den feinen Ton der vor⸗ nehmen Geſellſchaft und weiß überall eine Unterhaltung ver⸗ mei⸗ jene⸗ orris der⸗ ß ſie viele erra⸗ aten, eſen, Voh⸗ elche eführ und weſen tung, ocken we⸗ In — ent⸗ durch lters, und vol⸗ ltung, 47 anzuknüpfen und feſtzuhalten. Mit ſolchen Damen geht es ſich gut um, und ein junger Mann gewinnt dabei. Man ſagt— aber was ſagt man nicht Alles—, es habe zu Zeiten ihres ſeligen Gatten nicht ſo friedlich unter ihrem Dache ausgeſehen wie jetzt, und ich habe mit La⸗ vater'ſchem Scharfblicke zu ergründen geſucht, auf welcher Seite die Schuld davon gelegen, bin aber mit meinen Beobachtungen nur bis zu Vermuthungen gelangt. Es will mich bedünken, die Frau Generalin müſſe etwas gefallſüchtig geweſen ſein. Offenbar hat ſie keine an⸗ dere vorherrſchende Leidenſchaft als eben dieſe, und ſie die Befriedigung derſelben früher ihrer Schönheit dankte, ſo begnügt ſie ſich jetzt mit dem kleinern Tribute, der ihrer Güte zu Theil wird, und ſcheint heiter und zufrieden. Da ſitze ich nun, wie mit Fortunatus' Hute hergezau⸗ bert an meinem Fenſter— freilich im vierten Stocke— im faſhionabeln Park⸗Lane und ſchaue in die helle Octo⸗ berſonne hinaus, die eben Miene macht, im Weſten ſchla⸗ fen zu gehen. Wie herrlich ſich der weite Park von hier ausnimmt! Mir zur Linken reitet der Herzog von Wel⸗ lington in den Wolken;— nimmt er ſich doch gerade aus wie die kleinen Bleiſoldaten, mit denen die Kinder ſpielen. Als er mir dieſen Morgen in Piccadilly in ſeinen weißen Lederbeinkleidern und hohen ſchwarzen Stülpſtiefeln begeg⸗ nete, ſah er freilich ziemlich anders aus. Mir gegenüber erhebt ſich Albert⸗Gate, wo der große Hudſon, der un⸗ ſterbliche Eiſenbahnkönig, thront. Wie ungeſchickt und him⸗ „ 48 melhoch ſein Haus errichtet iſt, als müßte es über die eigenen Füße fallen. Schlechtes Omen für den Beſitzer! Dabei blickt es ſein vis-3vis ſo herausfordernd an, als ob der Gog hier den Magog erblicke. Dort um den Teich, der Serpentine genannt, wim⸗ melt es von allerlei faſhionabelm Volke zu Roß und zu Wagen, und jenſeits deſſelben ſehe ich den ungeheuren Glaspalaſt, dieſes ephemere achte Wunder, aus der Erde wachſen, ein Pilz aller Pilze. Süßes Vorrecht jeder Höhe! man ſchaut von da ſo erhaben auf das Getreibe der Sterb⸗ lichen herab. Aber ach! da ſchlägt meine Stunde. Jetzt Hut und Stock her und die würdevolle Miene eines Hip⸗ pokrates angelegt, damit ſchon mein bloßer Anblick den Kranken niederſchlage. Es macht mir großes Vergnügen in ein paar ariſto⸗ kratiſchen Familien Zutritt erhalten zu haben. Vielleicht iſt es der Reiz der Neuheit; es unterhält mich wie ein Theater oder Faſtnachtsſpiel. So ein Mansion of a No- bleman iſt aber auch ein ganz anderes Ding als das Haus gewöhnlicher Sterblichen. Es iſt ein Unterſchied wie zwiſchen der Tonne eines Diogenes und der Grotte der Kalypſo. Ich ſchelle. Es öffnet ſich eine weite Thür, und hi⸗ ter derſelben präſentirt ſich ein Athlet in weiten bunten Plüſchhoſen und fragt nach meinem Begehren, während andere bunte Hoſen daſtehen und mich mit den in ihren feiſten Geſichtern begrabenen kleinen Augen angaffen, als wollten ſAh en:„Wer biſt du und was willſt du hier, 9 kleiner Menſch, der du verdammt biſt auf zwei Beinen zu gehen?“ Dies imponirt mir, ich leugne es nicht. Die Kranke, die meiner im Hauſe der Lady Megme— rillis Softvoice wartete, war leider nicht die Ladyſhip ſel⸗ ber; ſondern ihre Erzieherin, die, eine Deutſche, wie die Grönländerinnen nach ihrem Walfiſchthran, nach ihren Pulvern und Latwergen lechzte. Ich verordnete ihr aber, um mir in einem engliſchen Hauſe Anſehen zu verſchaffen, nur engliſche Medicamente, und ſtatt, wie bei uns ge⸗ bräuchlich, dem Fieber mit Waſſerſuppen zu begegnen, empfahl ich ihr Portwein, Chinarinde und Hammelscotelet⸗ ten. Dies gefiel Mylady gar ſehr und ſie hielt mich für eine rühmliche Ausnahme unter den fremden Aerzten, die nicht immer das Ländlich-Sittliche verſtehen. Heute nun hieß es, Mylady wünſche mich im Eßzim⸗ mer zu ſprechen, ehe ich zu ihrer Erzieherin in den vierten Stock hinaufklimme. Der Diener öffnete mir die Thür und ich trat ein.— Es war ein weites Gemach, und Niemand darin. Im Kamine loderte ein Feuer und der Tiſch war gedeckt, zwei Couverts, für Papa und Mama. Auf dem Buffet lag eine Menge Silberzeug ausgebreitet deſſen herrliche Politur ſelbſt im Halbdunkel Blitze ver⸗ ſendete.— Warum können andere Leute ihr Silber nicht auch putzen lernen? dachte ich bei mir. Wir Deutſchen zum Beiſpiel. An den Wänden hingen ein paar große Gemälde, die ſich aber nicht erkennen ließen, und dicht nebeneinander geſchichtet ſtanden mit grünem Maroquin überzogene Stühle längs der Wand. Ich wanderte auf 4 50 dem weichen Teppich einigemal auf und ab, räusperte mich, blickte nach der Thüre, zupfte an meinem Halskra⸗ gen, warf mich in die Bruſt, und blickte wieder nach der Thüre. Jetzt trat ein Etwas herein, ein langer Schatten ſchien es zu ſein, und das Wort„Candles“, das wie ein Hauch durch die Luft zitterte, verrieth, daß ein ſterbliches Weſen mir nahe. Ich verneigte mich tief, und wiederholte einen Schritt vortretend, dieſelbe Ceremonie. Die Geſtalt trat indeſſen vor das Kamin hin, wo die helle Flamme ſie voll beleuchtete. Sie ließ, als ſuche ſie Wärme, beide Hände an ihre Knie heruntergleiten, eine Stellung, die ich oft ſchon an engliſchen Damen zu bemerken Gelegen⸗ heit hatte, und wandte mir dann mit einer leichten Nei⸗ gung des Kopfes das Geſicht zu. Ich verbeugte mich und zwar mit dem ganzen Re⸗ ſpect, der ſich in eine ſolche Rückenkrümmung legen läßt. „Ich wünſchte Sie zu ſprechen“, hauchte ſie. Gottlob! jetzt kam Licht. Da konnte ich doch wenig⸗ ſtens verſuchen den Hauch ihres Mundes von ihren Lip⸗ pen wie Worte abzuleſen. w „Was halten Sie von Fräulein Köhler's Unwohiſein? Glauben Sie dieſelbe hald herſtellen zu können?“ „Die Krankheit iſt nicht von Bedeutung, meine Gnä⸗ dige; der allgemeine Geſundheitszuſtand aber keineswegs befriedigend. Ihre Nerven ſcheinen angegriffen.“ „Setzen Sie ſich!“ winkte ſie mit einer kleinen herab— erte kra⸗ der Re⸗ enig⸗ Lip⸗ ſein? Fnä⸗ wegs erab⸗ laſſenden Handbewegung, während ſie ſelbſt auf einen Stuhl glitt. Es entſtand eine augenblickliche Pauſe, in welcher mein Auge die unglaubliche Kühnheit beging, die Hoch⸗ geborene anzublicken. Hoch war ſie allerdings, ſechs Fuß zum wenigſten, und alles harte Knochen. Dabei eine Naſe, eine Naſe!! Ja das mußte eine alte Familiennaſe ſein. Nur aus gutem alten Blute konnte ein ſolches Frontiſpice emporwachſen. Und unter dieſem großartigen Zuge befand ſich ein Mund, der den Ohren bedeutend nahe kam. Der Träger des Mundes aber war ein Kinn, ſo klein, daß es in der Wiege verwechſelt ſein mußte. Aus dieſem unharmoniſchen Unterhauſe kam man aber hinauf in einen Sonnengarten, wo unter langen ſchatti⸗ gen Wimpern ein Paar Augenſterne leuchteten, ſo groß, ſo glänzend, ſo braun, mit denen die Natur ſich vollſtän⸗ dig abgekauft hatte. „Ich ſtimme Ihnen bei“, hob die Dame endlich an; „nur der Huſten ſcheint mir bedenklich.“ „Ich habe dieſen wenig beachtet, weil er mit ih⸗ rem gegenwärtigen Uebelbefinden in keiner Verbindung ſteht.“ „Hat ſie Ihnen geſagt, daß ſie ſchon ſeit Jahren mit dieſem kleinen heiſern Huſten behaftet iſt, und öfters ſo⸗ gar an Bruſtſchmerzen leidet?“ „Sie hat davon nichts gegen mich erwähnt.“ „So muß ich Sie bitten, ſie deshalb zu befragen; denn es iſt mir höchſt wichtig zu erfahren, ob ſie Anlage 4* zur Schwindſucht hat. Sie werden mich nach Ihrer Un⸗ terhaltung mit ihr hier finden.“ Hiefmit berührte ihre Hand leiſe die Schelle, und ein Diener trat ein, dem ſie die Worte:„Show the Gentle- man up stairs“ zuhauchte. Ich verbeugte mich und folgte dem gepuderten Manne, der ein, zwei, drei Treppen hin⸗ auf vor mir hertrabte, an den Stufen der vierten aber Halt machte, und den Schein des Lichtes, den er auf die Treppe fallen ließ, zu meinem fernern Führer beſtimmte. Vermuthlich war es unter der Würde dieſes Menſchen, ein Stockwerk zu betreten, in welchem die weibliche Die⸗ nerſchaft die Aufwartung hatte. Bald ſtieß mir hier auch ſo ein Frauenzimmer auf, das mir das Zimmer meiner Kranken öffnete. Ich fand Fräulein Köhler aufrecht im Bette ſitzend und eine Taſſe Thee ſchlürfend. Ich ſetzte mich neben ſie und ſah ihr eine Weile zu, ehe ich mein Eramen begann. Für ein ſo vornehmes Haus war ſie nicht ſchön ge⸗ bettet, mußte ich mir geſtehen. Das Kamin hatte geraucht und die Wände waren geſchwärzt; ein Stückchen Teppich, das den Boden bedeckte, verkündete ſeine Jahre; die Mö⸗ beln waren von angeſtrichenem Tannenholze und ſpärlich an Zahl, Kleider und Geräthe aller Art, die Abweſenheit einer ſorgend waltenden weiblichen Hand verrathend, lagen umher. Im Nebenzimmer klapperten Taſſen, ſchrien Kinder und wurde ein Clavier auf das unbarmherzigſte mishandelt. ein le- lgte hin⸗ aber f die mte. hen, ie⸗ uch iner tzend eben men ge⸗ ucht pich, Mi⸗ rlich heit end, rien igſte 53 „Iſt Ihnen dieſes Geräuſch nicht unangenehm?“ fragte ich, um einſtweilen doch etwas zu ſagen. „Allerdings, es iſt mir höchſt peinlich; doch läßt es ſich nicht ändern. Mein Krankſein iſt ohnehin ſchon mal à propos und würde es dann noch mehr werden.“ „Sie dürfen kein Bedenken darüber tragen“, verſetzte ich beruhigend.„Krankheiten ſind Schickſale, die Jeden treffen können, womit alſo auch Jeder Nachſicht haben muß. Gewiß können ſich die Kinder manches Dienſtes rühmen, den Sie ihnen bei ſolchen Gelegenheiten geleiſtet; gönnen Sie ihnen alſo immerhin das Recht der Wieder⸗ vergeltung.“ Sie ſchüttelte mit dem Kopfe.„So demokratiſch ſind wir hier nicht, mein guter Doctor“, ſprach ſie lächelnd. „Was ich thue, iſt eine Pflicht, für die ich mit klingender Münze bezahlt werde; nichts weiter. So oft ich auf mei⸗ nem Poſten fehle, breche ich den Contract. Kann ich morgen aufſtehen?“ Ich fühlte ihren Puls. „Sie haben noch etwas Fieber“, ſagte ich.„Und wie ſteht es mit ihrem Huſten?“ Sie ſah mich groß an. „Warum fragen Sie mich danach? Ich habe ja nie darüber geklagt?“ „Wenn auch nicht. Wir müſſen ihn berückſichtigen. Haben Sie manchmal Bruſtſchmerzen?“ „Sehr ſelten.“ „Sie müſſen genau darauf Acht geben und mir berich⸗ 5⁴ ten. Ein Arzt kann nur dann helfen, wenn die Kranke ihm ganz vertraut.“ „Der Huſten iſt ſo unbedeutend, lieber Doctor, und ich erwähne deſſelben ſo ungern. Sprechen Sie von dem weiter nicht.“ „Darf ich fragen, weshalb nicht?“ „Ich habe meine Gründe.“ „Ich wünſche dieſe zu kennen.“ „Sie ſind grauſam, Doctor. Lady Megmerillis hegt eine Abneigung gegen Bruſtleidende und bildet ſich ein, ein ſolches Uebel müſſe anſtecken. Sie darf daher nicht wiſſen, daß ich huſte.“ „Aber ſie weiß es.“ „Sie ſcherzen. Was— was weiß ſie?“ „Wie thöricht von Ihnen zu glauben, daß ein ſolches Uebel ſich verheimlichen laſſe! Vielleicht, wenn Sie gleich anfangs einen Arzt zu Rathe gezogen, wäre dem Uebel in ſeinem Entſtehen zu begegnen geweſen; jetzt iſt es viel⸗ leicht ſchon zu ſpät.“ „Jetzt? Und warum jetzt? Wer hat Ihnen das geſagt? Das Mädchen etwa, die Plaudertaſche?“ „Und hätte ſie es gethan, wie könnten Sie ihr deshalb zürnen? Sie that nur ihre Pflicht.“ „Und Lady Megmerillis? Weiß auch ſie es? Hat man ihr geſagt, daß ich ein Blutgefäß gebrochen? Ach, dann weiß ich ſchon, dann bin ich verlr und ſie brach in heftiges Weinen aus. Ich muß bekennen, daß ich zu den Männern gehöre, ranke und dem hegt ein, nicht lches eich lebel viel⸗ agt? man nn h in höre, 55 die vor Weiberthränen zu einem Schwamm werden. Ich biß mir auf die Lippen und ſuchte auf alle Weiſe mich unter einen moraliſchen Regenſchirm feſtzuſetzen, den die Pflicht gewoben. Meine Lage war nicht angenehm. Wie Männer es gewöhnlich in ſolchen Fällen machen, ſo nahm ich eine barſche Stimme an und polterte:„Sie haben höchſt unvernünftig gehandelt. Warum das Uebel einrei⸗ ßen laſſen, das leicht im Beginne zu heben war. Nun ſind Sie vielleicht lange nicht im Stande, die Anſtrengung des Lehrens übernehmen zu können.“ „Ach! ſagen Sie nur das nicht! Nur das nicht!“ bat ſie noch immer weinend. „Es iſt die Wahrheit und dieſe muß man immer hö⸗ ren können“, verſetzte ich milder.„Auch iſt das Unglück am Ende ſo groß nicht.“ „Sie wiſſen nicht, o! Sie wiſſen nicht!“ und ſie weinte wieder heftiger. „Was weiß ich nicht? Wenn ich Ihnen Theilnahme beweiſen, Ihnen helfen ſoll, ſo muß ich allerdings von Dem unterrichtet werden, was ich nicht weiß.“ „Aber verſprechen Sie mir Eins.“ „Und was iſt das?“ „Daß Sie Lady Megmerillis über mein Bruſtübel beruhigen wollen.“ „Das kann ich nicht verſprechen. Das wäre nicht redlich gehandelt.“ „Dann bin ich verloren!“ ſprach ſie faſt tonlos und ſank mit verzweifelnder Miene in die Kiſſen zurück. ich will den Muth haben, aufrichtig zu ſein, wenn Sie 56 Meine weich geſchaffene Seele litt bei dieſem Anblick. Was ſollte ich aber thun?— Ich durfte nicht aus mei— ner Rolle eines ernſten Mentors fallen und eilte meinen moraliſchen Regenſchirm noch etwas tiefer zu ſpannen, um hinter demſelben Schutz zu finden. „Sie werden geſtehen, beſtes Fräulein“, begann ich mit Würde,„daß ich als Arzt die Wahrheit reden muß. Auch kann ich nicht begreifen, welchen Gewinn Sie davon ziehen können, Ihre Krankheit geheim zu halten. Kehren Sie auf einige Zeit in Ihr Vaterland in den Schoos Ih⸗ rer Familie zurück, und wenn Sie ſich wieder geſtärkt und kräftig fühlen, dann wenden Sie ſich an Lady Megme⸗ rillis, deren Empfehlung Ihnen zu jeder Zeit eine vor⸗ theilhafte Stellung ſichern wird.“ „Ich kann nicht in mein Vaterland zurückkehren! Ich kann nicht zu meiner Familie zurückkehren!“ rief ſie noch immer ſchluchzend.„Meine Aeltern ſind arm und bedür⸗ fen meiner Unterſtützung. Mein Bruder beſucht die Schule in Berlin und wird von mir unterhalten. Und— und! — Ach! wenn Sie Alles wüßten!“ „So faſſen Sie Vertrauen zu mir und ſagen, was Sie noch auf dem Herzen haben.“ „Lieber Doctor! Ich ſchäme mich nur es zu ſagen“, und ſie bedeckte das Geſicht mit beiden Händen.„Es war eine große Thorheit— es war eine große Schwäche; aber, aber— ich litt ſo viel!!— Hören Sie mich an, ick. len en, ich on 57 mir verſprechen wollen, auch nach meinem Bekenntniſſe mein Freund zu bleiben.“ Ich reichte ihr die Hand als Gewährung. „Mein Vater“, hob ſie an,„war Beamter im Braun⸗ ſchweigiſchen, das heißt, mein Stiefvater. Wer mein Va⸗ ter war oder iſt, blieb mir immer ein Geheimniß; meine Mutter erwähnte ſeiner nie, und nur aus hingeworfenen Aeußerungen anderer Leute und einem kleinen Vorrathe koſtbarer Juwelen, von denen von Zeit zu Zeit ein Stück nach dem andern zum Vorſcheine kam, aber nur um irgend eines dringenden Bedürfniſſes halber veräußert zu werden, ſchloß ich, daß ſie einſt in glänzenden Verhält⸗ niſſen gelebt und daß mein Vater eine hochgeſtellte Per⸗ ſon ſei oder geweſen ſei— welches von Beidem, wußte ich nicht zu ſagen. Von Kindheit auf wiegte ich mich nun mit Träumen ſeines plötzlichen Erſcheinens; ich ſah ihn in einer glänzenden Equipage durch das Städtchen fahren, ſodaß alle Welt gaffend an die Fenſter eilte, und vor unſerer Wohnung halten, wo er, ein Prinz, aus dem Wagen ſprang und mich zu ſehen begehrte. Durch dieſe jugendlichen Phantaſiegebilde gewöhnte ich mich daran, den Aufenthalt in meines Vaters Hauſe nur temporär anzuſehen, und meine ganze Umgebung als unter mir ſte⸗ „ hend zu betrachten.“ „So erreichte ich mein ſechzehntes Jahr.“ „Auf meine Erziehung war wenig verwendet worden, weil der kleine Ort die Gelegenheit nicht bot, und meine Aeltern keine Mittel beſaßen, Lehrer herbeizuziehen. Wie ſehr überraſcht war ich daher, als meine Mutter mir eines Tages ganz unerwartet verkündigte, ich ſolle auf zwei Jahre in eine Penſion nach Lauſanne gehen. Wer an⸗ ders konnte die Unkoſten dieſes Aufenthalts beſtreiten als mein fürſtlicher Vater? Er wollte mich, ehe er mich in die Welt einführte, meinem Stande gemäß ausgebildet ſehen, und ich nahm mir vor, ihn in dieſem Punkte auf eine glänzende Weiſe zufrieden zu ſtellen.“ „Ich wurde nun ſofort nach Berlin geſandt, wo ich 1 ein paar Tage bleiben ſollte, um meine Reiſegarderobe in Ordnung zu bringen. Die Dame, die mich hier auf⸗ nahm, war mir ganz fremd, ſelbſt den Namen derſelben hatte man früher nie vor mir genannt. Sie lebte in einem großen Hauſe unter den Linden, wo ſie mich auf das freundlichſte aufnahm, mich mit allen Bedürfniſſen verſorgte, und mich endlich der Aufſicht einer alten Dame empfahl, die deſſelben Weges reiſete, und die mich in der Penſion abzuliefern verſprach. „Ich verließ Berlin— freilich mit ſehr getäuſchten Hoffnungen. Während meines Aufenthalts in Berlin hatte ich von Minute zu Minute erwartet, meinen Vater erſcheinen zu ſehen, hatte bei jedem Schellen an der Thür mit zitternder Ungeduld ſeinen Eintritt erwartet, bei jedem vorfahrenden Wagen auf ſeinen Schritt die Treppe herauf gehorcht. Auf der Straße ſogar folgte mein Auge jedem bedeutenden Herrn nach, und ich blickte dabei in höchſter Aufregung um mich, ob nicht irgend ein Vorübergehender meiner Mutter Kind in mir erkenne und mir in die Arme 59 ſtürze. Und nach ſo viel ſchönen Hoffnungen ſollte ich der großen Stadt namen? und vaterlos den Rücken wenden? Das ſchien mir unbeſchreiblich hart und koſtete mir gar viele bittere Thränen.“ „Die Jahre in Lauſanne ſchwanden ſchnell dahin und nach Verlauf der anberaumten Zeit hoffte ich mein Schick⸗ ſal entſchieden zu ſehen. Ich war nicht träge geweſen, hatte mich in manchen Zweigen des Wiſſens ausgebildet, und hoffte damit vor meinem Vater zu beſtehen. Unend⸗ lich leid that es mir aber, nicht ſchön zu ſein, und ich kann Ihnen nicht ſagen, welche Mühe ich mir gab, die⸗ ſen Mangel durch meinen Anſtand und ein gewiſſes air distingué zu erſetzen. Auch war mein Bemühen hierin nicht ohne Erfolg geblieben. Man machte häufig die Be⸗ merkung, daß ich ſehr vornehm ausſehe, und während mir dies einerſeits ſchmeichelte, beſtärkte es mich andererſeits in der Meinung von meiner hohen Geburt.“ „Jetzt kam ein Brief meiner Mutter, in welchem ſie ankündigte, daß meine Rückkehr zu ihr für den Augenblick nicht wünſchenswerth ſei, ſie habe deshalb der Vorſteherin der Anſtalt den Vorſchlag gemacht, mich unentgeldlich bei ſich zu behalten, wofür ich ihr in dieſem oder jenem Zweige des Unterrichtes an die Hand gehen ſolle. „Dieſe Nachricht, obwol ſie für den Moment hinter meiner Erwartung zurückblieb, befriedigte mich doch inſo⸗ weit, als ich daraus erſah, daß ſie den Aufenthalt in ih⸗ rem Hauſe in dieſem Augenblicke für ein ſo vornehmes junges Frauenzimmer nicht geeignet finde. Ich harrte 60 alſo geduldig auf die endliche Löſung meines Schickſals, und ſchrieb einmal an jene Dame in Berlin, die mich bei ſich aufgenommen hatte, und ſchilderte ihr mein Verlan⸗ gen nach einer Rückkehr in die Heimat. Dieſer Brief blieb lange unbeantwortet, bis endlich ein paar Zeilen ih⸗ res Geſchäftsführers mir ihren kürzlich erfolgten Tod mit⸗ theilten. Nun war Alles erklärt: ſie war eine Freundin meines Vaters geweſen, unter deren Aegide ich in der Welt erſcheinen ſollte; ſie war dahin gegangen und er wußte nun nicht ſogleich, wem er das Geheimniß meiner Geburt und die Sorge für mich an das Herz legen ſollte.“ „Wieder vergingen einige Jahre. Ich hatte meinen zwanzigſten Geburtstag gefeiert, und die unter getäuſch⸗ ten Hoffnungen dahinſtreichende Zeit fing jetzt an mit Ungeduld an meine Thür zu pochen. Ich hätte der Sache gern ſogleich ein Ende gemacht; nur wollte mir das Wie nicht einfallen. Wie ein Sklave zerrte ich an meinen Ket⸗ ten, und hätte ſie mit meinen Zähnen zernagen mögen; wie ein Gefangener blickte ich auf die enge Welt meiner Verhältniſſe und ſandte den ſehnſüchtigen Blick in weite Fernen. Nirgends fand ich mehr Ruhe; nirgends Befrie⸗ digung. Meine Nächte floh der Schlaf, meine Tage bo⸗ ten ein endloſes Einerlei und keine Beſchäftigung vermochte mich feſtzuhalten. Meine Kräfte ſanken, mein Geiſt er⸗ ſchlaffte, und mein Auge brannte vom verzehrenden Feuer einer ewigen Unruhe, die meine Umgebungen erſchreckte.“ „Da endlich brachte die Poſt einmal wieder ein lang⸗ erſehntes Schreiben aus der Heimat, deſſen Siegel ich s, bei en nit che ßie 61 diesmal mit einer Haſt der Ungeduld erbrach, wie der Schiffbrüchige im letzten Verſinken nach einem Stücke An⸗ kertau greifen mag. Ich konnte die Worte lange nicht unterſcheiden; das Blut ſtieg mir ſo gewaltig zu Kopfe, daß Alles vor meinen Augen ſchwankte. Ich flüchtete mich in mein Kämmerlein, tauchte meinen Kopf in kaltes Waſ⸗ ſer und kam ſoweit wieder zur Beſinnung, daß ich Worte und Inhalt entziffern konnte.“ „Meine Mutter ſchrieb mir, ihr Gatte ſei ſeines Am— tes entſetzt und die kleine Penſion, die ihm der Staat be⸗ willigt, reiche zu ihrem Unterhalte nicht aus, ſodaß ihr die Ausſicht geſtellt ſei, im Alter darben zu müſſen. Für die Erziehung mehrerer jüngerer Kinder könne nun auch nichts geſchehen, was ihr ſehr zu Herzen gehe, und in all dieſer Noth bleibe ihr nur der einzige Troſt, daß ich durch die genoſſene vorzügliche Erziehung gegen alle Lau⸗ nen des Schickſals geſichert ſei.“ „Ich lernte die Worte des Briefes auswendig, ehe mir ſein Inhalt verſtändlich wurde. Es war nicht mög⸗ lich! Nein! Das konnte nicht ſein! Sie konnte nicht ſagen ſollen, ich müſſe mir meinen Unterhalt gewinnen! Unmög⸗ lich! Unmöglich! Wo war denn mein Vater?“ „Ich ſtürmte, trotz der ſinkenden Nacht, in den Garten hinaus und ſchrie durch alle Gänge nach meinem Vater; aber die einzige Stimme, die mir in Wald und Flur ant⸗ wortete, war dann und wann ein hohles Echo, oder das Rauſchen in den Bäumen, das ich für Menſchenſtimmen nahm. Meine Knie zitterten, meine Zähne klapperten; ich achtete es nicht und lief und lief, bis ich erſchöpft und ohne Beſinnung zu Boden ſank.“ „Als ich wieder erwachte, befand ich mich in meinem Bette, neben dem die Vorſteherin der Anſtalt ſaß und mich mit beſorgtem Blicke bewachte. Um meinen Kopf waren kalte Tücher geſchlagen. Ich wollte ſprechen; ſie aber legte den Finger auf den Mund und gebot Ruhe. Ich war ſehr krank. Aber die Jugend und eine gute Na⸗ tur trugen bald den Sieg davon und ſowie ich nur eini⸗ germaßen meine Gedanken ſammeln konnte, ſchrieb ich an meine Mutter. Ich bat ſie, mir mit deutlichen Worten zu ſagen, ob ſie wirklich meine, daß ich um das Brot ar⸗ beiten ſolle. Dieſer Gedanke ſei mir ſo befremdend, daß die bloße Andeutung eines ſolchen Falles mich faſt von Sinnen gebracht hätte. Auch wollte ich wiſſen, weshalb ſie ſich nicht an einflußreiche Freunde wende und durch dieſe entweder eine höhere Penſion oder eine andere An⸗ ſtellung für ihren Gatten zu erhalten ſuche. Das Letztere ſchien mir ja ſo leicht, ein Wort von meinem Vater mußte dazu ja hinreichen, und warum dann zaudern, ihn um dieſe Fürſprache zu erſuchen? Ich bat um eine ſchnelle Antwort.— Jeder Aufſchub war mir jetzt Höllenqual, ich mußte hier klar ſehen und das bald.“ „Meine Mutter antwortete umgehend, höchſt betrübt freilich; aber ſo weich und zärtlich, daß es einen Stein hätte rühren können. Sie bat mich dringend, mich in mein Geſchick zu finden, das das vieler tauſend Mädchen ſei. Biete ſich irgend ein Ausweg, mein Loos und das und em und oyf ſie Uhe. Na⸗ eini⸗ an rten ar⸗ daß von halb urch An tztere ußte um nelle gual, rübt tein hein hen das 6. ihrer Familie günſtiger zu geſtalten, ſo würde ſie ihn ge— wiß ſuchen; augenblicklich aber zeige ſich kein ſolcher. Der einzige Freund, der Einfluß genug beſitze, um etwas erwir⸗ ken zu können, befinde ſich im Auslande, vor deſſen Rück⸗ kehr alſo ſei an nichts zu denken.“ „Das war es alſo! Mein Vater war auf Reiſen!— In welchem Lande der Welt mochte er ſich wol befinden? Wo konnten meine Gedanken ihn ſuchen?— Ich wünſchte, ein glücklicher Traum möchte mir ſeinen Aufenthalt verra⸗ then, und quälte mein Gedächtniß, mir doch die nächtli⸗ chen Gebilde meiner Seele vorzuführen.“ „Ich genas nun ſehr ſchnell.— In der Penſion war meines Bleibens nun nicht länger, und all mein Sehnen ging dahin, nur in die weite Welt hinauszukommen, wo meine Hoffnungen lagen. Die Vorſteherin bemühte ſich daher um die Stelle einer Geſellſchafterin bei einer Dame, die auf Reiſen lebte. Ich brauche kaum zu ſagen, daß ſich an dieſen Plan das zufällige Auffinden meines Vaters knüpfte. Die Gräfin Latour wünſchte eine Begleiterin auf einer Badereiſe, ich wurde ihr vorgeſchlagen und er⸗ hielt den Platz. In Paris ſollte ich mit ihr zuſammen— treffen, und ſobald meine Kräfte mir nur ſoviel geſtatte⸗ ten, war ich auf dem Wege zu ihr.“ „Paris war ganz der Ort, den ich meinen Forſchun— gen wünſchte. Faſt Jeder berührt dieſe Stadt, mag ſein Weg ihn führen wohin er will. Hier durfte ich daher umherſpähen nach einem Geſichte, das dem meinigen glich, hier den Fremden von dem Einheimiſchen zu unterſcheiden — 64 ſuchen, hier ein deutſches blaues Auge finden, das dem meinigen begegnend ſogleich mit einem fragenden„Wer biſt du? auf mir zu ruhen kam? Wenn ich meinem Va⸗ ter hier begegnete?— Wo ich ging, wo ich ſtand, kannte ich nur dieſen Gedanken; auf den Boulevards ſuchte mein Auge nur ihn, im Theater benutzte ich die Lorgnette, nur um ihn zu finden. Von der Stadt ſah ich daher eigent⸗ lich nichts und wüßte noch jetzt keine Straße zu nennen, keinen Ort zu bezeichnen. In der Geſellſchaft war ich für jede Unterhaltung todt, und nur wenn eine fremde Er⸗ ſcheinung meine Aufmerkſamkeit erregte, wurde ich mit einem Mal geſprächig, achtſam, um jener Perſon Blick auf mich zu ziehen; denn es konnte ja mein Vater ſein.“ „So vergingen unter vergeblichem Harren ein paar Monate. Wir hatten in Dieppe gebadet und wollten jetzt auf das Land gehen. Das paßte mir gar nicht. Wie konnte ich ihn in der Einſamkeit eines Schloſſes finden? Ich bat ſie daher, mich zu entlaſſen und irgend ein En⸗ gagement für mich ausfindig zu machen, das mich nach London führe, in welche Stellung es auch ſei.— In Paris hatte ich ihn nicht gefunden, London war jetzt meine Hoffnung, nach London mußte ich um jeden Preis.“ „Die Gräfin hörte mir kopfſchüttelnd zu, als ich ihr dieſen Wunſch ausſprach.„Armes Kind! ſagte ſie, und ſtrich mir ſanft über die Stirn, die wie Feuer unter ihrer Hand brannte.“ „Nach ein paar Wochen brachte ſie mir einen Brief mit der Nachricht, daß ich in London in einer Pen⸗ „ dem WVer Va⸗ nnte mein nur gent⸗ men, neine ihr und hrer grief Pen⸗ 65 ſionsanſtalt als deutſche Lehrerin eine Anſtellung finden könne.“ „Wer war nun froher als ich! Ein neues Feld bot ſich meinen Nachforſchungen und ich nahm mir vor, kein Gras unter meinen Füßen wachſen zu laſſen. Ich packte ein und reiſte ab.“ „Ein großes ſchönes Haus auf einem der Hüge in der itietnre Nachbarſchaft Londons nahm mich auf. Die Vorſteherin der Anſtalt empfing mich ſehr artig, führte mich ſelbſt in mein im obern Stock gelegenes Zimmer und machte mich hier mit meinen neuen Obliegenheiten be⸗ kannt. Als ich mich allein ſah, eilte ich an das Fenſter. Wer ſtellt ſich meine Ueberraſchung vor! Von meiner Höhe. aus ſah ich das ganze unermeßliche London mit ſeinen Thürmen und Kuppeln, ſeinen Säulen und Eſſen, wie eine bunte Ebene ausgebreitet, durch die ſich die königliche Themſe mit ihren luftigen Brücken, und raſtlos auf- und abfliegenden Dampfböten wie ein ſilberner Faden hin⸗ ſchlängelte. Und über dem Allen hing die purpurne Sonne wie ein feuriger Ball, von ſchweren Dünſten ge⸗ tragen, in die ſie ihre Glut auszuſtrömen ſchien. Wie weit ich den Blick auch ſandte, immer kam er wieder zu Wohnungen und wieder zu Wohnungen, als wenn die Erde hier ein einziges Haus, und kein Garten Gottes zu finden wäre, wo ein Baum gedeihe, ein Vogel ſinge und der Wind in hohen Wipfeln ſein Spiel treibe.— Zwei Millionen Sterbliche ſchauten jetzt mit mir in den ſtillen Abend hinaus und Jeder ſchaute mit dem eigenen Blicke⸗ mit dem eigenen Herzen. Wie die Blätter der Bäume, ſo gleich und dennoch verſchieden; ſo ſind die Wünſche der Menſchen; Jedem aber gelten nur die ſeinigen.“ „Ein tiefer Seufzer entrang ſich endlich meiner Bruſt. Minuten wie dieſe waren in meinem armen Leben eine ſo große Seltenheit, daß ich dankbar die Wohlthat er⸗ kannte, auf eine kurze Spanne Zeit mir ſelbſt entrückt wor⸗ den zu ſein. Ich hielt mein Auge noch immer feſt auf dem großen Bilde, das ſich wie ein Jubellied in meine Seele gedrängt hatte; aber ſchon war mein Ich wieder entflohen und grübelnd an ſein altes Thema feſt geklam⸗ mert:(Wo mag er weilen??— Da legte die Natur ſo— gleich ein Trauergewand an, die belebte Welt vor mir wurde zu einer todten Maſſe und die Blüten der Freude in meinem Herzen waren verwelkt. Ich zerdrückte eine Thräne und wandte dem Fenſter, das mir jetzt nur noch mein eigenes Bild wiedergeben wollte, traurig den Rücken.“ „Tags darauf trat ich mein Amt an und verſah daſ— ſelbe mit ſo viel Ruhe und eingelernter Methode, daß die Vorſteherin mir ihren Beifall zu erkennen gab. Wie eine Maſchine bewegte ich mich in dieſem täglichen Verkehre. Nichts intereſſirte mich, nichts reizte mich, und nur der tägliche Spaziergang war mir von Wichtigkeit. Sowie wir das Haus verließen, erwachte ich aus meiner gewöhn⸗ lichen Apathie, und Auge und Ohr ſpannten ſich krampf⸗ gaft, um den ſo lange Geſuchten zu erſpähen. So ver⸗ gingen ein paar Monate, in denen ich mir ſo viel Local⸗ kenntniſſe erwarb, um einzuſehen, daß in ſolche Entfer⸗ iume, e der Bruſt. eine at e⸗ wor⸗ ſt auf meine vieder klam⸗ ur ſo⸗ rmir Freude e eine r noch ücken.“ h daſ⸗ aß die ie eine rkehre. ur der Sowie wöhn⸗ amyf⸗ o ver⸗ Local⸗ Fntſer⸗ 67 nung vom Mittelpunkte der Stadt und außerhalb des Bereiches aller Sehenswürdigkeiten der Fuß eines Frem⸗ den ſich ſchwerlich verirren würde. Von nun an ſchien mir jeder Tag in dieſem Hauſe ein verlorener. Ich erklärte der Vorſteherin daher, daß der Aufenthalt in ihrem Hauſe mir auf längere Zeit nicht zuſage, weil ich aus Gründen, die ich ihr nicht mittheilen könne, es vorziehen müſſe, im Mittelpunkte Londons zu leben. Ich würde mich daher um eine andere Stelle bemühen.“ „Kurz darauf ſtellte ich mich Lady Megmerillis vor. Dieſe empfing mich mit einer eiſigen Kälte und begann ein förmliches Verhör mit mir, gegen das ſich zu an— derer Zeit mein Selbſtgefühl empört haben würde, das aber jetzt, wo ich nur meinen Hauptzweck im Auge hatte, mit Gleichmuth von mir ertragen ward. Die Prüfung hatte die Dame befriedigt und ſie trug mir die Stelle an. Ich zögerte nicht auf ihre Anerbietungen einzugehen. Im Mittelpunkte der Stadt, ganz nahe dem Parke von St. James ſollte ich wohnen— welch ein Feld bot ſich da für meine Nachforſchungen! War er in London, ſo mußte ich ihm dort begegnen. Dieſe Ueberzeugung goß friſches Lebensblut in meine Adern, ſtärkte meine erſchlafften Seh⸗ nen, füllte meine Bruſt mit dem Muthe der Hoffnung.“ „Es war Abend, als ich zum erſten Male die Schwelle dieſes Hauſes betrat. In der Vorhalle kam mir ein Die ner entgegen, mit dem Gebote, vor Lady Megmerillis zu erſcheinen, die mich, ehe die Kinder meiner anſichtig wür— den, zu ſprechen wünſche. Ich trat in den Salon.“ 4 5½ 68 „Lady Megmerillis empfing mich hier noch imponi⸗ render als das erſte Mal. Sie bemühte ſich, mir einzu⸗ ſchärfen, daß es für ein junges Mädchen in meiner Stel⸗ lung ſchicklich ſei, eine ſehr zurückhaltende Miene anzuneh⸗ men, die Kinder ſtets mit großem Ernſte in einer gewiſ⸗ ſen Entfernung zu halten und ſtrengen Gehorſam von ih⸗ nen zu fordern. Ich ſollte regieren, meine Geſetze ſollten volle Geltung haben, aber mit dem Beding, daß Lady Megmerillis hinter dem Vorhange ſtecke, daß ſie die ge⸗ ſetzgebende, ich die vollziehende Gewalt, ſie der Kopf, ich die Hand ſei. Mir war dies Alles völlig einerlei, ich brachte weder Wünſche noch Abſichten für meine Stellung mit, die mir einzig als Mittel zum Zwecke galt. So war ich denn durchaus willfährig, fügte mich in Alles, und eignete mich vollkommen, die Maſchine in ihrem Haus⸗ halte abzugeben, der ihr Eigenwille bedurfte. Dieſe völlige Unterordnung erwarb mir Lady Megmerillis' Gunſt. Sie erſuchte mich ſchließlich, noch jede Gelegenheit zu vermei⸗ den, wo ich mit ihrem Gatten oder dem Lehrer ihrer Söhne ein Wort wechſeln könnte, und gleich von heute an durch ein kurzes Ja und Nein zu erkennen zu geben, daß ich zu keiner Unterhaltung aufgelegt ſei. Dann ent⸗ ließ ſie mich mit der Bemerkung, die Theeſtunde ſei da und ich habe dem Mahle mit Würde und Anſtand vor⸗ zuſtehen, eine Mahnung, die mir ſehr überflüſſig ſchien; denn ich meinte, daß mein ganzes Auſtreten ihr wol ge⸗ zeigt haben könnte, welches Lied an meiner Wiege geſun⸗ gen worden.“ poni⸗ einzu⸗ Stel⸗ uneh⸗ Rwiſ⸗ on ih⸗ ſollten Lady ie ge⸗ f, ich „ich Uung o war „und Haus⸗ llige Sie rmei⸗ ihrer heute geben, ent⸗ ei da vor⸗ hien; ge⸗ eſun⸗ 69 „Die Kinder fürchteten ſich anfangs ein wenig vor dem Ernſte in meiner Miene, bis die Gewohnheit ſie da⸗ mit ausſöhnte. Der Lehrer fand in mir die langweiligſte Geſellſchafterin und wurde dennoch durch das Zuſammen⸗ leben und die gleiche Stellung ſo ſehr an mich gefeſſelt, daß er mir, als ihm eine Anſtellung wurde, ſeine Hand anbot. Der Gatte von Lady Megmerillis aber vermag es immer noch nicht zu faſſen, daß kein artiges Wort von ſeiner Seite mir mehr abgewinnen kann als eine kalte höfliche Verneigung, und daß jeder freundliche Blick von dem Eiſe meines Weſens ohne Wirkung abprallt.“ „Drei Jahre ſind mir auf dieſe Weiſe verſtrichen. In ihrer äußern Geſtaltung blieben ſie ſich gleich und Lady Megmerillis war unverändert zufrieden mit mir. Sie lobte mich aber nie. Ihre Zufriedenheit äußerte ſich nie anders als dadurch, daß ſie nicht tadelte. Das war Grundſatz bei ihr.— Ueberhaupt ſpricht ihr Herz ſelten; wenigſtens nie laut, oder ſo, daß der Andere deſſen Sprache vernehmen könnte,“ „Wie es mir neuerlich ergangen, mögen Sie ermeſſen, wenn ich Ihnen ſage, daß mein Suchen noch immer fruchtlos geblieben iſt. Im erſten Jahre ſtellte ich es dem Zufalle anheim, mir meinen Vater zuzuführen. Als das fehlſchlug, entſchloß ich mich, Gemäldegalerien, Concerte und was es ſonſt an Merkwürdigkeiten gab zu beſuchen. Die Koſten, die mir dies verurſachte, waren bedeutend; aber ich ſcheute keine, wo es galt, meinen Vater aufzu— finden. Die Verhältniſſe meiner Mutter hatten ſich indeſſen nicht günſtiger geſtaltet, und ſie wollte meinen Bruder jetzt bei einem Kaufmanne in die Lehre geben, weil ſie die Mittel zu einer gelehrten Erziehung nicht mehr erſchwingen konnte. Sie können nicht glauben, wie mich dieſer Gedanke empörte. War er auch nur mein Stiefbruder; ſo ſtand er mir doch immer nahe genug, um eines Tages einen Schatten auf mein Leben werfen zu können, ich ließ mir deshalb von Lady Megmerillis den Gehalt eines Jahres vorſtrecken und ſandte meiner Mut⸗ ter die Summe, mit der Bedingung, dieſe für meinen Bruder zu verwenden und ihn ſeine Studien fortſetzen zu laſſen. Das iſt denn auch geſchehen.“ „Meine Bedürfniſſe nahm ich nun auf Rechnung, mit der Abſicht, nach Ablauf des Jahres meine Schuld von dem mir dann aufs neue zufließenden Gehalte zu berich⸗ tigen. Doch häuften ſich gerade jetzt meine Ausgaben. Lady Megmerillis lud mich ein, die Abende im Salon zuzubringen. Sie hattte ſich in dieſem Jahre völlig über⸗ zeugt, daß ich den Männern gegenüber nichts gelten wolle, und ſtand daher nicht an, mich vor der Elite der Haupt⸗ ſtadt erſcheinen zu laſſen. Jeden Abend um neun Uhr durfte ich in den Salon kommen und meinen Platz in einem Kreiſe hochgeſchmückter Damen einnehmen, von de⸗ nen mich keine eines Wortes würdigte. Die Männer in⸗ deſſen warfen oft einen Blick auf mich, in welchem die Frage ſtand, wer dieſe junge Blondine wol ſei? Die Ant⸗ wort konnte Jeder leicht finden: ein ſo unbeachtetes Weſen, das in der Geſellſchaft auf keine für die Geſellſchaft gel⸗ teinen eben, nicht wie mein g um fen zu is den Mut⸗ teinen en zu g mit d von berich⸗ gaben. Salon über⸗ wolle, aupt⸗ n Uhr aß in on de⸗ er in⸗ n die Ant⸗ Peſen, 71 tende Höflichkeitsformen Anſpruch machen durfte, mußte ja zum Hauſe gehören und irgend ein zweideutiges Amt in der Familie verwalten. Außer dieſen gewöhnlichen Abenden gab es aber auch glänzende Feſte, Bälle, Con⸗ certe, zu denen die Diplomaten, ausgezeichneten Fremden und was die Hauptſtadt gerade an illuſtren Perſonen aufzuweiſen hatte, eingeladen wurden, und dieſe Tage waren es hauptſächlich, an die ſich bald meine ganze Hoffnung kettete. War er in London, ſo mußte er ſicher ſeinen Weg hierher finden, mußte, durch eine wunderbare Fügung des Geſchicks, ſeiner Tochter hier begegnen. Mit ſteigender Erwartung ſah ich dieſen Feſten entgegen. Ich ſchmückte mich dafür wie zu einem Brautgelage. Ein ſchöner neuer Anzug wurde beſtellt, Stoff und Farbe ſorg⸗ fältig aufs kleidſamſte berechnet und keine Ausgabe geach⸗ tet, wo es galt vor ihm zu erſcheinen.“ „Ich brauche Ihnen nicht zu ſagen, lieber Doctor, daß meine Hoffnungen bis jetzt unerfüllt geblieben ſind?— Dabei hat meine Geſundheit bedeutend gelitten. Ein lei⸗ ſes Feuer brennt verzehrend in meinen Adern. Meine Nächte ſind unruhig und von böſen Träumen geſtört, in meinem Kopfe iſt es wüſte und dabei ſo wirr und voll, daß ich mich oft nicht auf die gewöhnlichſten Dinge und Namen beſinnen kann.“ „Daß ich die Ruhe, von der Sie ſprechen, nicht fin⸗ den kann, begreifen Sie jetzt, ſowie auch die Unmöglich— keit in meine Heimat zurückzukehren. Lieber tauſend mal ſterben als jetzt unter dem Dache meiner Mutter eine 72 Zuflucht ſuchen! Nein, nimmermehr!— Auch könnte ich England unter keiner Bedingung verlaſſen; denn ich habe bedeutende Schulden und meine Gläubiger würden mich zurückhalten. Aus dieſem Grunde muß ich auch wünſchen in dieſem Hauſe zu bleiben. Solange ich hier in einer feſten Stellung bin, haben die Leute Geduld in der Er⸗ wartung, daß ich beim nächſten Quartal einen Theil ab⸗ trage. Erführen ſie, daß ich Lady Megmerillis verlaſſe, ſo würden ſie ſich meiner Perſon und meiner Sachen be⸗ mächtigen, und wie ſollte ich es nach ſolcher Schande wagen vor meinem Vater zu erſcheinen?“ Sie ſank erſchöpft in die Kiſſen zurück und ſchwieg. Ich faltete indeſſen meinen moraliſchen Regenſchirm zu⸗ ſammen und wanderte gedankenvoll im Zimmer auf und ab. Was war hier zu thun? Die fire Idee, die ſich ihrer bemächtigt, mußte ſie in das Irrenhaus führen, das war klar. Aber wie ſie heilen? Dann waren auch noch ihre Schulden zu bedenken, und Lady Megmerillis' Abneigung gegen alle Bruſtkranke. Daß hier ſtarke Anlage zu einem ſolchen Uebel ſei, ließ ſich nicht verhehlen, und wenn ich dies Uebel auch augen⸗ blicklich als das kleinere betrachtete, ſo durfte ich die Erxi⸗ ſtenz deſſelben doch nicht verheimlichen. Ich war in einer fatalen Lage.. Ein leiſes Pochen, das meine Kranke mit einem „come in“ beantwortete, unterbrach meine unerfreulichen Betrachtungen. Ein feines Zöſchen trippelte mit necki⸗ ſchem Anſtande zu mir her und meldete mir unter allerlei te ich habe mich ſchen einer t Er⸗ ab⸗ rlaſſe n be⸗ ande dab. ſe in ilen? nken, anke. ließ gen Gr⸗ einer nem chen ecki⸗ erlei 76 Kopfverdrehungen, ihre Ladyſhip laſſe mich erſuchen zu ihr zu kommen. Ich war ihr ſchon zu lange ausgeblieben. Als ich wieder vor der Herrlichen ſtand, mußte ich mich erſt ſammeln, ehe ich den geforderten Bericht able⸗ gen konnte. Ich wünſchte natürlich dem armen Mädchen auf keine Weiſe zu ſchaden, im Gegentheil ihr von der Gnädigen jeden Schutz und jede Hülfe zu erwirken, die eine ſo troſtloſe Lage erforderte. Ich erklärte daher Lady Megmerillis, die Bruſt ſei allerdings angegriffen, doch habe man alle Urſache anzunehmen, daß bei guter Pflege und größerer Ruhe das Uebel nicht um ſich greifen werde. Ein kurzer Aufenthalt am Meere oder auf dem Lande würde ſehr rathſam ſein. Lady Megmerillis ging ſogleich hierauf ein und hieß mich der Kranken ſagen, ſie möge, ſobald ſie ſich wohl genug fühle, ganz zu ihrem Beſten über ſich verfügen. Ich wagte die Bemerkung, daß das arme Mädchen viel⸗ leicht die Koſten ſcheuen werde, indem ihre Familienver— hältniſſe ſie zu manchen Opfern gezwungen, die ihre Mit⸗ tel überſtiegen. „Ich werde ihr ihren Gehalt auf drei Monate voraus bezahlen, damit muß ſie ſich einrichten ſo gut ſie kann“, erwiderte ſie mit ſtolzer Würde und verabſchiedete mich zugleich mit einem leichten Kopfnicken„ 7⁴ Hier ſitze ich nun wieder in meinem Stübchen, habe meinen Armſtuhl dicht an das Fenſter gerückt, meine Ci⸗ garre angezündet und blaſe gewaltige Wolken. Aber in mir ſieht es mislich aus. Luna mag mich anblinzeln ſo viel ſie will, ich kann der Coquette heute mit keinem Lie⸗ besblicke dienen; ſelbſt der ſteinerne Herzog dort, der alte ſchlachtengewohnte Wellington, hat noch zärtlichere Mie⸗ nen für ſie. Es iſt kein Spaß, ein ſo ganz verfah⸗ renes Menſchenleben vor ſich zu ſehen, das man auf keine Weiſe in das rechte Geleiſe bringen kann. Kein Ausweg als— ſechs Bretter und zwei Brettchen und dieſe zu zim⸗ mern muß dem großen Baumeiſter überlaſſen bleiben. Armes Mädchen! Was nutzt dir mein Mitleid? —————— —————— ⸗ ——— werden dich ſchelten, verachten, daß du nicht weiſer ge⸗ handelt. Als ob du weiſe hätteſt handeln fönnen, ſo⸗ lange du das blinde Werkzeug einer firen Idee warſt. 3 Armes Mädchen! Und noch ärmere Menſchheit! Denn Jeder von uns kann demſelben Looſe verfallen. was Lady Megmerillis über ſie beſchloſſen. Ich kann nicht beſchreiben, wie ſehr ſich meine Natur gegen dieſes mir aufgedrungene Amt ſträubte. Es that wahrlich Noth, daß der Engel oder Dämon in mir mich beim Schopfe ergriff und mich vor das Haus ſchleuderte, um den un⸗ Und doch iſt auch das ſchon etwas; denn die Andern Heute morgen mußte ich meiner Kranken verkündigen willigen Fuß dieſe Richtung einſchlagen zu laſſen Und habe 1e Ci⸗ ber in eln ſo m Lie⸗ er alte Nie⸗ verfuh⸗ f keine usweg im⸗ n. Anderm ſet ge⸗ n, ſo⸗ warſt. Denn indigen nn dieſes Noth, chopſt n un Und 75 welche Scene wartete meiner! Gottlob! daß ſie hinter mir liegt! Das arme Mädchen ſah unter den obwaltenden Um⸗ ſtänden keinen Ausweg als Aufnahme im deutſchen Ho⸗ ſpitale zu ſuchen, und dort ihre Herſtellung zu erwarten. Mittlerweile wollten wir vor Jedermann geheim halten, wo ſie ſich befinde und dies ſowol ihrer Gläubiger we⸗ gen, als weil es ihrem Wiedereintritt in eine ariſtokrati⸗ ſche Familie hinderlich ſein konnte. Mir ſchien es aber hoͤchſt zweifelhaft, ob ſie je ſoweit hergeſtellt werde, um ſich der Erziehung widmen zu können; ich drang daher abermals in ſie, in ihre Heimat zurückzukehren und dort ihre Herſtellung abzuwarten. Zugleich bemerkte ich ihr, daß ſie den Gedanken, ihren Vater zu finden, für jetzt ganz fallen laſſen müſſe, weil ſie dadurch in beſtändiger Aufregung erhalten werde, wo dann kein Heilmittel an⸗ ſchlage. In der Heimat aber könne ſie ja nicht hoffen ihn zu finden, weil er auf Reiſen ſei. Sie hörte mich ungeduldig bis zu Ende. Dann ver⸗ ſicherte ſie mich auf das beſtimmteſte, daß ſie England unter keiner Bedingung verlaſſen würde; ja, ſelbſt wenn ich ſie an Bord eines Schiffes brächte, ſo würde ſie ſich über das Verdeck ſtürzen und das Ufer zu gewinnen ſuchen. Nichts ſolle ſie halten. Da keine Ueberredung half, blieb mir freilich keine Wahl, als die Arme in das Hoſpital bringen zu laſſen, wo ich ſie oft zu beſuchen verſprach. Lady Megmerillis hielt dies gleichfalls für das Zweckmäßigſte für ſie und „ 76 erſuchte mich danach zu ſehen, daß es ihr dort an nichts fehle. Auch ſollte ich ihr von Zeit zu Zeit melden, wie es ihr gehe. Für die Mühe, der ich mich bis dahin un⸗ terzogen, honorirte ſie mich ſehr anſtändig, und trug über⸗ haupt alle Koſten, die die Krankheit des jungen Mäd⸗ chens verurſacht. Es mag von Manchen getadelt werden, daß ſie ſich keine weitere Grenze gezogen; ich meinerſeits finde aber, daß ihre Handlungsweiſe in allen Stücken gerecht war, und mehr kann Niemand verlangen.— Ge⸗ recht zu ſein iſt ſchon ſehr ſchwer, ſchwerer als man glaubt. Laſſ' ich mein Gefühl reden, ſo thue ich in manchen Fäl⸗ len was ſchön und großmüthig iſt, in andern aber wieder nicht einmal das Nothwendige und Billige. So wägt ſich dann Alles wieder auf. Als ich die Kranke nach einiger Zeit im Hoſpitale be⸗ ſuchte, fand ich ſie ſchon im Garten ſitzend und ſtark ge⸗ nug, um ſich beſchäftigen zu können. Sie klagte indeſſen über ihren Kopf, über ihr Gedächtniß, und war unruhi⸗ ger als je. Sie bat mich dringend, ihr eine andere Stelle zu ſuchen. Ich verſicherte ſie, daß ſie noch an keine ernſte Beſchäftigung denken dürfe. Sie ſtellte mir vor, daß man ſie hier nicht mehr lange behalten werde, weil dies gegen die WVorſchriften der Anſtalt ſei; ſie hätte dann auf eigene Koſten zu leben, und ihr weniges Geld gehöre ihren Gläu⸗ bigern. Ueberdies würde ja die kleine Summe nicht lange reichen. In dem Allen hatte ſie vollkommen Recht und ich verſprach ihr darüber nachzudenken. Was war aber zu thun? Wie zu helfen? Wem nichts wie nun⸗ über⸗ Näd⸗ erden, erſeits tücken Ge⸗ laubt. Fäl⸗ wieder wägt ale be⸗ ut ge⸗ ndeſſen muhi⸗ Stelle etnſte ß man gehen eigene Gläu⸗ lange t und Wem konnte man dies arme Geſchöpf als Lehrerin empfeh⸗ len? Ich ließ mich bei Lady Megmerillis melden, und trug ihr die Sache vor. „Sie muß in ihre Heimat zurückkehren“, verſetzte dieſe mit ihrer tonloſen Stimme und jener eiskalten Ruhe, bei der Einem die Gänſehaut überläuft. „Ich werde für die Ueberfahrt ſorgen, ich werde das Billet löſen; Sie haben die Güte, ſie an Bord zu beglei⸗ ten und ſie dem Capitän zu übergeben, mit der Bitte, bei ſeiner Landung einen Wagen zu miethen und ſie auf die Station der Eiſenbahn fahren zu laſſen, die ſie in ihre Heimat führt. Auch dort muß er ſie dem Conducteur empfehlen und die ganze Route frei machen; ich erſetze die Auslagen.“ Ich wagte einzuwenden, daß ſie nicht abreiſen wolle. „Sie muß!“ hieß es kurz zurück, und ich fühlte das wirkliche Muß von dieſem Muß. Dies war in der That ein kategoriſcher Imperativ, gegen den kein Appelliren galt. „Sie geſtehen ſelbſt zu“, fuhr Lady Megmerillis fort, „daß ihre Abreiſe ſie vor Newgate rettet, wohin ihre Gläubiger ſie bringen würden. Sagen Sie ihr das, und ſie wird einſehen, daß ſie reiſen muß.“ Noch ein Muß! Ach! ich hatte ſo ſchon nichts mehr einzuwenden. Wir Alle kennen dies ſchlimme Verbum, conjugiren es aber gern unperſönlich.— Sonſt ſähe die Welt auch anders aus. Ich ging nun zu der Armen. Als ich ihr meine Hiobsbotſchaft ausgerichtet, ſaß ſie lange da, ohne eine Miene zu verziehen, ohne ein Glied zu rühren, und nur das krampfhafte Zucken in den Mund⸗ winkeln verrieth den innern Kampf. Ich wartete ruhig, bis ſie wieder Sprache gewann. „So ſei es“, ſagte ſie endlich, wie aus einem tiefen Traume erwachend und hob das Auge zu mir auf, das matt und erloſchen blickte. Ich nahm ihre Hand und fand ſie eiskalt. In der Hoffnung, ſie zu zerſtreuen, bdt ich ſie, die Vorbereitungen zu ihrer Reiſe zu treffen. Da maß ſie mich mit einem Blicke, vor dem der meinige ſich zu Boden ſenkte. Armes Mädchen! Welch unausſprechli⸗ ches Leid und welch ein bitterer Vorwurf lag darin! Sie hatte mich hart, theilnahmlos, grauſam gefunden— ſie litt unendlich!— Ich werde dieſen Blick lange nicht ver⸗ geſſen. Als ich am dritten Tage wieder kam, um zu ſehen, wieweit ſie mit ihren Vorbereitungen zur Reiſe gediehen, ſagte man mir, ſie ſei ausgegangen. Ausgegangen? Ich fragte die Aufwärterin, wie das zugegangen. Sie hatte geſagt, daß ſie nach dem Hafen gehen müſſe, um zu ſehen, ob ihr Vater mit einem der heute einlau⸗ fenden Schiffe anlange; in dem Falle brauche ſie nicht abzureiſen. An das Einpacken ihrer Sachen hatte ſie noch nicht gedacht. Seit ich ſie zuletzt beſucht, war Niemand da geweſen, ſie hatte faſt keine Nahrung zu ſich genommen ſi Glied lund⸗ nhig, tiefen das fand ſt ich Da e ſich rechli⸗ Sie — t ver⸗ ſehen, iehen, niſe, nlau⸗ nicht noch nand nmen 79 und immer ſtier vor ſich hingeblickt, auf jede Frage nach ihrem Befinden mit einem Seufzer und einem„ganz wohl“ geantwortet. Ich beſtieg einen Wagen und fuhr dem Stiande zu. Wo aber ſollte ich ſie ſuchen? Was konnte ſie vorhaben? Ich wandte mich an die Polizei und ſetzte dieſe auf ihre Fährte, ich fragte überall, fuhr die Straßen auf und ab, erkundigte mich nach allen eingelaufenen Schiffen und fand nirgends eine Spur. Der Tag war ſchon weit vor⸗ gerückt, und noch immer blieben meine Nachforſchungen fruchtlos. Sollte ſie gar zu Lady Negnerlis nrickʒelehr ſein? Ich trat ſchnell in einen Laden, ſchrieb ein paar Zeilen, die die Anfrage enthielten, mit welcher ein Bote im raſchen Laufe forteilte.. Kaum eine halbe Stunde verging und ſchon rollte der Wagen von Lady Megmerillis wie im Fluge dahin. Am Strande hielt er an und ſie ſtieg aus. So raſch ſie her⸗ beigeeilt war, ſo wenig hatte der Vorfall dennoch ihre eiſige Ruhe geſtört. Sie blickte umher und wandte ſich an den ihr nächſten Diener der Polizei mit einer Frage. Boots⸗ leute wurden ausgeſandt, Matroſen mußten umherſchwim⸗ men, Kundſchafter erhielten Aufträge, Belohnungen wur⸗ den ausgeſetzt, kurz ein Syſtem im Großen organiſirt, deſ⸗ ſen Räderwerk ſich durch ihre Miene und ihr Gold wun⸗ derbar beflügelte. Alles lief, rannte, ſchrie. Aber auch jetzt ging Stunde auf Stunde dahin; ſchon ſenkte die Nacht ihren Schleier auf uns herab, und noch immer wan⸗ derten wir ohne einen Schimmer von Hoffnung umher. Der Abend war kalt, der Sturm heulte; wo mochte das arme kranke Mädchen ohne Nahrung, ohne Obdach um⸗ herirren? Oder hatten die kalten Wellen ſie gar ſchon auf⸗ genommen? Ihr letzter Blick ſtand wieder vor meiner Seele. Es war mir als ſagte ſie:„Jetzt haſt du Mitleid und da⸗ mals hatteſt du keins?“ Ich wollte mir Vorwürfe ma⸗ chen; aber die Vernunft ſcheuchte dieſelben fort und nannte mein inneres Misbehagen Schwäche. Ich hatte ja nicht anders handeln können. Als es Mitternacht ſchlug, fuhr Lady Megmerillis nach Hauſe und ich eilte in das erſte beſte Hotel und warf mich auf ein Bett, wo die Ermüdung mir auf einige Stunden die Augen ſchloß. Kaum aber dämmerte der Morgen, ſo war ich ſchon wieder draußen und ſpähete im Nebellichte nach dem armen Mädchen umher. Als es fünf Uhr ſchlug war auch Lady Megmerillis ſchon wieder an Ort und Stelle und wandelte in der bittern, bittern Kälte auf und ab. Eben wollten wir um eine Ecke bie⸗ gen, als uns ein Zug Menſchen entgegenkam, die etwas führten, das wir nicht gleich erkennen konnten. Als wir näher hinſahen, welch ein Aublick! Großer Gott! ſie war es! Unter einem der Brückenpfeiler hatten die Fiſcher bei grauendem Morgen eine weibliche Geſtalt hervorgezogen, und da dieſelbe nicht gutwillig folgen wollen, Gewalt an⸗ gewendet. In der Anſtrengung des Widerſtandes war mher. e das um⸗ auf⸗ d da⸗ e ma⸗ tannte nicht noch warf einige te der ete in ls es vieder ittetn e bie⸗ etwas 5 wir ſe bei ogen, t an⸗ wal ihr ein Blutgefäß geſprungen und Geſicht und Kleider von dem friſchen rothen Purpurſafte überſtrömt. Ihr Hut war ihr entfallen, ihre langen blonden Haare waren auf⸗ gelöſt, das bleiche Geſicht auf die Bruſt geſenkt, die wie eingebogen den Kopf zu tragen nicht mehr ſtark genug ſchien. Der Anblick war überwältigend. Ich mußte, die hellen Thränen zu verſtecken, die Hände vor das Geſicht halten, und ſelbſt Lady Megmerillis wandte ſich, um Faſ⸗ ſung zu gewinnen, einen Augenblick ab. „In das nächſte Hotel mit der Unglücklichen!“ befahl ſie jetzt und ſchickte ſich an, dem Zuge zu folgen. Ich blieb einen Augenblick zurück, um einen Boten nach dem nächſten Arzte zu ſenden; denn ich fühlte mich unfähig hier Dienſte zu leiſten. Wenn ſie das Auge wie⸗ der aufſchlug, mich wieder mit dem ſchauerlichen Blicke anklagte— nein, das wäre nicht auszuhalten, das könnte auch mich von Sinnen bringen! Der gerufene Arzt bemühte ſich um die Kranke; ich ſtand in einiger Entfernung und kehrte dem Auftritte den Rücken zu. Als ich umblickte, ſah ich Lady Megmerillis' Auge forſchend, als gelte es den Lauf meiner Gedanken zu erſpähen, auf mir gerichtet. Mein feuchter Blick ſagte ihr Alles und ich hatte die Genugthuung, den ihrigen da— vor den Boden ſuchen zu ſehen. Die Kranke wurde indeſſen auf ein Bett gelegt und Alles angewendet, die erſchöpften Lebensgeiſter zu he⸗ ben. Vergebens! Sie athmete kurz, der Puls ging matt, und das Kopfſchütteln des Arztes verkündigte uns ſein . 6 6 — S— 82 Urtheil. Ich gewann es endlich über mich, an das Lager zu treten, und flüſterte, ihre kalte Hand faſſend, in ihr Ohr:„Wie geht es Ihnen?“ Sie antwortete nicht; doch glaubte ich einen leiſen Druck zu fühlen, als Zeichen, daß ſie mich verſtanden. Ich ſetzte mich neben ſie, doch ſo, daß mich ihr Blick nicht treffen konnte, und behielt ihre Hand in der meinen. Sie gewann die Sprache nicht wieder, und ſank bald in einen Schlummer, aus dem ſie nicht mehr erwachte. Im Zim⸗ mer war Alles ſtill und ſtumm; nur der Pendel an der Uhr bezeichnete den Schritt der Zeit. Lady Megmerillis ſtand wie an das Fenſter gemauert, und blickte hinaus, wo der erwachende Morgen die bunten Streifen des Frühroths am Himmel zeichnete. Als ich die jetzt völlig erkaltete Hand aus der meinigen zog, wandte ſie ſich um, und mein Auge ſagte ihr, was vorgegangen.„Friede ſei mit ihr!“ ſprach ich leiſe, und deutete auf das Antlitz, aus dem jetzt jede Spur des Erlittenen verwiſcht war. Dann breitete ich ſanft eine Decke über die Todte. Am nächſten Tage fuhr ein Leichenzug langſam die Straße hinab, dem ein einziger Wagen folgte; in dieſem ſaß ich. Auf dem ſchönen Friedhofe zu Brompton, wo den Tod eine Poeſie umgibt, die dem Epos des Lebens einen grünen Vorhang leiht, ſah ich ihre letzte Ruheſtätte bereitet, die ein einfacher Stein mit ihrem Namen bezeich⸗ net!„Friede ſei mit ihr!“ ſagte ich noch einmal, und wandte mich von dem friſchen Grabhügel meiner Woh⸗ nung zu. Lager in ihr leiſen unden. nicht Si einen Zim⸗ n der erillis inaus, n des völli ch un, iede ſei Antltz t war. m die dieſen n, Wo Lebens eſtätte ezeich⸗ „und Woh⸗ 383 Der December naht ſeinem Ende, wofür dem Him⸗ mel gedankt ſei. Dieſe ſchweren Wolken, die ſich zwiſchen mich und den reitenden Herzog drängen, ſind meiner Na⸗ tur höchſt antipathiſch.— Ich erinnere mich von Herrn von Varnhagen gehört zu haben, daß er den Norden nur für den Bären, den Wolf, den Fuchs zum Aufenhalt geeignet finde; welchem Genus mögen dann wol dieſe Nebel beſtimmt ſein, in denen die Menſchen, als wäre die ganze Natur hier zum Styr geworden, gleich wandelnden Schatten umherziehen. Wir armen Männer müſſen manche Cigarre daraufgehen laſſen, dem Warum aller dieſer ori⸗ ginellen Phänomene nachzudenken. Das hübſche Mädchen mit den Gazellenaugen iſt ein⸗ mal wieder eingeladen, was mir durchaus nicht unange⸗ nehm iſt. Sie ſingt wirklich vortrefflich, der kleine necki⸗ ſche Engel! Ich möchte doch auch ſingen. Und warum denn nicht?— Hat die gute Mutter Natur nicht Jeden mit einem Organe der Art begabt? Es gilt alſo nur den Verſuch, ob das meinige bildungsfähig oder nicht. Fürs erſte, das weiß ich, muß ich mich klar ſchreien, und jeden Morgen vor dem Frühſtücke die Tonleitern ſingen; damit fange ich morgen an, was auch meine Nachbarn dazu ſagen mögen. dann will ich dem hübſchen Schwarzköpfchen einen Beſuch machen, und es urtheilen laſſen, ob ein Lablache in mir ſteckt. Ich möchte doch wol wiſſen, wer ſie eigentlich iſt? Nie⸗ mand ſcheint ihr Woher oder Wohin zu kennen, Niemand kann mir ſagen, welcher Familie ſie angehört, wo ſie ge⸗ 1 boren und erzogen iſt. Ein ſolcher Schleier des Geheim⸗ nißvollen hat nun freilich ſeine Reize, beſonders ſolange die Hoffnung bleibt, ihn lüften zu können; doch kann ein Mann wie ich auch wieder einen Dorn darin finden, zumal wenn ſich ihm die Beſorgniß aufdrängt, der Schleier ſei eine Nothwendigkeit, kein Zufall, und das Lüften deſ⸗ ſelben drohe mit Gefahr.— Warum aber mit Gefahr? Was geht ſie mich denn an?— Freilich, jetzt wenig noch und nichts!— Und doch wieder viel— wenn ich be⸗ denke, wie ſie wachend und träumend, und ſinnend und denkend vor meinen Blick ſich drängt und mir nimmer Ruhe gönnt. Das muß anders werden. Mir ſteht die Welt noch offen, in der mein Lebensweg noch ungebahnt iſt; Thor⸗ heit wäre es daher, mir Feſſeln anzulegen, die mir wie Hercules der Spinnrocken ſtehen würden.— Das muß anders werden.— Ein bischen Singen mag ſchon hin⸗ gehen, übrigens aber darf mein Sinnen und Denken auf nichts gerichtet ſein als auf die Mittel, mir eine Stel⸗ lung, die mir für die Zukunft eine Erxiſtenz verſpricht, zu begründen. Das neue Jahr hat günſtig für mich begonnen, in⸗ dem es mich in die Kreiſe der Juden eingeführt, wo an klingender Münze kein Mangel iſt. Anfangs fühlte ich mich nicht ganz heimiſch unter dieſen Leuten; das war indeſſen mehr dem erſten Eindrucke zuzuſchreiben und glich ſich bald aus. Ein Bekannter nahm mich mit zu einer Judenfamilie, die erſt kürzlich aus der City nach dem Weſtende emigrirt hatte. Ein großes Haus that ſich mir lange nein inden, chleier n deſ⸗ efahr? nch ch be⸗ und mmer noch Thor⸗ ir wie meß nhin⸗ n auf Stel⸗ ht, u n, in⸗ wo an li ich war glich einer dem h mir 85 auf, worin Alles ganz ſo ausſah wie bei andern Leuten; — wir wurden die Treppe hinauf geführt in das Beſuch⸗ zimmer, wo ein Kreis von Gäſten um den Theetiſch ſaß. Das Lachen ſteckt mir noch in der Kehle, wenn ich daran denke! Eine kleine kugelförmige Dame, die Wirthin des Hauſes, erhob ſich bei meinem Eintritt, mich willkommen zu heißen, wobei ſie ſehr artige Aeußerungen auf Cockney⸗ Engliſch, d. h. mit Weglaſſung oder Hinzufügung aller h vorbrachte, die weit über einen falſchen Gebrauch des mir und mich ſtehen. Zwei Töchterchen, die eben herange⸗ wachſen, mit ſchwarzen hohen Kleidchen, kurzen Aermeln und gewaltigen goldenen Ohrgehängen, ſtanden Mama in beſcheidener Größe zur Seite und knirten ihr nach. Ich ſetzte mich zu ihnen und machte ihnen grauſam den Hof. Weshalb auch nicht? War ich nicht Arzt, um die Wun⸗ den, die ich ſchlug, zu heilen? Und lag mir nicht Alles daran, dieſe Menſchen krank zu ſehen?— Wahrlich! ich wäre nicht halb ſo liebenswürdig geweſen, hätte ich vor— ausſetzen müſſen, daß man meiner ſobald nicht bedürfe. An der andern Seite des Theetiſches ſaß ein Knäuel Herren, unter denen verſchiedene demokratiſche Bärte ſicht⸗ bar wurden. Es waren alſo Fremde, obwol immer, wie mir die Geſichtsbildung verrieth, Juden. Man ſprach von Politik, der Ausſtellung— dieſem abgedroſchenen Tages⸗ geſpräche— und den neuangekommenen Flüchtlingen. Ich hörte ihnen mit halbem Ohr zu, während die andere Hälfte völlig für der Damen fließende Unterhaltungsgabe hin— reichte. Die Töchter wurden jedoch bald an das Klavier 86 geſetzt, um mich, wie ich vermuthe, zu entzücken, was ih⸗ nen denn auch völlig gelang, und die Frau Mama mit aller Welt in die beſte Laune verſetzte. Wie froh war ich, mich endlich mit Anſtand empfehlen zu können, und wie beſeufzte ich an jenem Abend die Opfer, die das Le⸗ ben in ſocialer Beziehung einem Arzte aufdrängt! Sollte aber mein alter ſteinerner Herzog auf ſeinem Lebenspfade wol nicht ähnliche ſchwere Abende gezählt ha⸗ ben? Und dort drüben der große Hudſon— es war noch Licht in ſeinen Fenſtern—, wie unbehaglich mag ihm zu Muthe geweſen ſein, als er ſein erſtes Mittagseſſen gab, und ſeine Gäſte lange harren mußten, ehe das Mahl an⸗ gekündigt ward, weil, wie er ſagte, ſeine prima donna noch fehle, womit er Sir Robert Peel meinte.— Jede Lage hat am Ende ihre Laſt, ſagte ich mir daher zum Troſte, und ſuchte, alle eiteln Gedanken den wohlthätigen Schlaf. Seitdem habe ich aber Jüdinnen kennen lernen, die im Weſtende geboren ſind, und das iſt denn freilich eine ganz andere Claſſe. Da iſt der orientaliſche Typus mit allen Annehmlichkeiten einer eleganten Erziehung verbunden, und bietet ein ſo reizendes als piquantes Enſemble. Es ſind wirkliche Früchte, das iſt nicht zu leugnen, nur den ver⸗ botenen Aepfeln des Paradieſes gleich. Dabei dauern mich die armen Kinder von Herzen, weil ihnen das harte Loos wird, Männern zum Raube zu werden, die ſie durchaus nicht verſtehen können. Der weibliche Theil, ſo fein erzo⸗ gen, der männliche, ſo unwiſſend, roh, depravirt, und für —— einem lt ha⸗ noch m zu gab, lan⸗ lonna Jede un d den ie im ganz allen und find vel⸗ uerm harte haus erzo⸗ d für 87 feinen Wirkungskreis auf die Börſe beſchränkt! Solche heterogene Elemente unter das häusliche Himmelszelt ver⸗ eint, bilden einen Dualismus, der nur in dem einen Punkte, der Liebe für Prunk und dem Reſpect für die Außenſeite, zuſammenfällt. Ich bin Hausarzt bei der Frau eines Indigomäklers. Ich ſage der Frau; denn ſie allein hat ja die Zeit, krank zu ſein, indem der Gemahl in der City zwiſchen den In⸗ digoſäcken ſteckt.— Sie iſt jung und hübſch, eine wahre Rebekka, mit ihrem krauſen Raubenhaar, das wie Wolle um ihr Geſicht hängt. Ihr Anſtand iſt gut, ihre Toi⸗ lette ausgeſucht, ihre Geſtalt zierlich und voll Grazie. Sie kam mir anfangs immer mehr wie eine hübſche bleiche Puppe als wie ein lebendes Weſen vor. Sie wohnt in einem hübſchen Hauſe, worin es elegant und gut aus⸗ ſieht; iſt aber immer krank. Und woran? Ach! es iſt eine leidige Krankheit, die man am beſten auf Franzöſiſch mit fünf Buchſtaben bezeichnet, woraus das Wort ennui her⸗ vorgeht.— Trauriges Product dieſer raffinirten Sprache, an dem unſere ärztliche Kunſt zu ſchanden wird! Was ſoll man verordnen? Wie das Uebel, dem man ja dem Leidenden gegenüber nicht einmal den rechten Namen ge⸗ ben darf, benennen? Als ich zuerſt gerufen ward, ſah ich nicht gleich ein, wo hier der Knoten ſtecke, verordnete daher Porter, Chi⸗ narinde, und was man ſonſt ſo Alles gibt, um die ſchwa⸗ chen Lebensgeiſter zu wecken und dem kommenden Tage den grünen Hoffnungsſchleier umznhängen, den zu lüften 88 jeder Abend ſeinen Morgen erſehnt. Aber wie ich es auch anfangen mochte, es wollten ſich immer durch die Krippe keine Sonnenblicke erzeugen laſſen. Da drang ich tiefer, und niſtelte mich mit zarter Beſcheidenheit in den Lauf des Tages ein, der nun freilich weit mehr einem Krötentanze als einem Laufe glich.— Der Gemahl eilt früh, d. h. um neun Uhr, eine Stunde, in welcher die Gattin die erſten Vorbereitungen zu ihrer Toilette trifft, zu ſeinem Indigo und kehrt um ſechs Uhr wieder, worauf ſie den Abend im angenehmen téte-a—téte verbringen.— Ich überraſchte ſie eines Tages inmitten dieſer häuslichen Se⸗ ligkeit, und ſah den Gatten, das erklärte Alles!— Ein großer Mann mit ſchwarzem, buſchigem Lockenhaar, das wie ein Wald um ſeinen Kopf ſtand; mit ſtark markirten vrientaliſchen Geſichtszügen, kleinen dicht an die Naſe lie⸗ genden Augen— was ſtets einen eigenthümlichen Blick gibt— und einem ſelbſtgefälligen Lächeln, wanderte ſin⸗ gend, die beiden Daumen inwendig in ſeine Rockärmel geſchoben, wodurch ſeine Bruſt mehr hervortrat und ihm das Anſehen eines geſpreizten Puterhahns ward, auf und ab, während ſeine Gattin im einfachen Hauskleide ruhig am Tiſche ſaß und„Werther's Leiden“ las.— Mir wurde ein Sitz angeboten, Monsieur nahm mir gegenüber, die Beine möglichſt ſpreizend, Platz, und unterhielt mich von der Politik des Tages, von der er zufällig gar nichts wußte; doch hätte man ſeinem Vortrage nach meinen ſol⸗ len, er ſei die rechte Hand des Staatsminiſters— trotz⸗ dem daß ſeine Finger noch dunkelblau von ſeiner Mor⸗ auch krippe tiefer, uf des ntanze d. h. in die einem e den 3 Se⸗ Ein das kirten e lie⸗ Blick e ſi⸗ ärmel ihm f und ruhig wure die von ichts ſol⸗ trot⸗ Nor⸗ —— genbeſchäftigung waren.— In ihm fand ſich wirklich das ganze Maß des Hochmuths, der Anmaßung und Selbſt⸗ gefälligkeit perſonificirt, und ich betrachtete mit innerlichem Vergnügen dieſes Meiſterſtück der Natur in dieſem Genre. Wie aber ſollte meine arme Kunſt die Geſundheit die⸗ ſer kleinen Gattin, ſolange ſie neben dieſem Cerberus weilte, herſtellen?— Ich empfahl ihr zu reiſen. Das ging nicht ohne ihn. Ich empfahl ihr Zerſtreuungen, Geſellſchaften, das ging nicht ohne ihn. Und überdies liebte er es nicht unter Menſchen zu ſein, wahrſcheinlich aus dem Grunde, weil er dort nicht genug Anerkennung fand. Wo er auch mit ihr weilte, wollte er mit ihr al— lein leben, ging er mit ihr ſpazieren, ſo mußte es auf abgelegenen Pfaden ſein, war eine belebte Straße zu durchkreuzen, ſo mußte ſie erſt ihre prächtigſten Gewänder anlegen, damit ja jeder ihm Begegnende in dem koſtbaren Anzuge ſeiner Gattin ſeine große Reſpectabilität erkenne. Auf dieſe Weiſe trug ſie den Fluch ſeiner Größe wie eine ewig laſtende Büede umher und durfte vor lauter Schein nie eine Wirklichkeit des Lebens koſten.— Wer hätte dies in einem Indigomäkler geſucht? Kinder hatte ſie nicht, wodurch die Lücke in ihrem Leben um ſo größer wurde. Sich an- und auskleiden und einen Roman leſen, dies machte die ganze Summe ihres Tagewerks aus. Ich that mein Möglichſtes, Beſchäftigung für ſie zu erſinnen! Sie mußte ihren Morgen mit einem Schauerbade begin⸗ nen, dann ein gewaltiges Frühſtück verſchlucken, hierauf zwei Stunden ſpazieren gehen, wieder eſſen, wieder gehen und ſo fort, ſodaß ihr wenig oder keine Zeit übrig blieb über ihr verlorenes Lebensglück zu ſpeculiren. Trotzdem aber, wenngleich ſie an Kräften zunahm, trug ihre Miene denſelben Stempel der Apathie und des Ueberdruſſes; und ihre Farbe zeigte die nämliche kränkliche Bläſſe. Ich ſah wol ein, daß meine Kunſt hier nur als Pfuſcherin auftre⸗ ten könne, und durfte gleichwol nicht verrathen, daß meine Einſicht weiter gehe, als wie mein Amt erfordere. Es iſt für einen jungen Mann unendlich ſchwer, einer jungen Frau gegenüber die Rolle eines moraliſchen Seelſorgers zu übernehmen, ſelbſt wenn ſeine Pflicht als Arzt ihn ge⸗ wiſſermaßen darauf hinſgie. Gutes zu ſtiften ſo ganz unmözuch ſchien, die ein ſolches Vertrauen erzeug! eu auf mein unſchuldiges upt laden. Das Schick zeigte mir auch bald darauf, daß es kein Opfer der Ir on mir geheiſcht. Die yöne Rebekka erholte ſich plötzlich wunderbar, und wandelte mit geröthe⸗ ten Wangen leuchtenden Augen umher. Ich wagte nicht der Wirk z meiner Arznei, in die ich hier gerechtes Mistrauen zu Zen Urſache hatte, dieſe glückliche Aende⸗ rung der Dinge zuzuſchreiben, und zerbrach mir ſinnend den Kopf, von woher und wie mir dieſer überraſchende Beiſtand gekommen ſei. Der Gatte aber, ganz entzückt über die wiedergewonnene Farbe ſeiner Frau, ſagte mir die ſchmeichelhafteſten Dinge über meine große Geſchick⸗ lichkeit in der Begegnung eines ſo unergründlichen Uebels und verſicherte mich ſeines wärmſten Dankes, deſſen Aus⸗ blieb rotzdem Miene und Ich ſah auftre⸗ ß meine Es it jungen orgers hn ge⸗ Gutes daß es Rebella etöthe⸗ wagte rechtes Aende⸗ ſinnend ſchende nzict e mit ſchic⸗ Ulebels Aus⸗ 1 druck ich einſtweilen mit höchſter Beſcheidenheit entgegen⸗ nahm. Rebekka lächelte— vielleicht im Bewußtſein mei⸗ nes geringen Verdienſtes bei der Sache.— Als ich einige Tage darauf in der Mittagsſtunde vorſprach, überraſchte ich ſie beim Luncheon, das ein ſehr hübſcher junger Mann, ein aus Indien zurückgekehrter Vetter und abtrünniger Glaubensgenoſſe, mit ihr theilte. Jetzt begriff ich Alles!! — In ſolchen einfach ſcheinenden Umſtänden liegt vft eine ganze Geſchichte, und drei Worte ſind genug, das Räth⸗ ſel eines Menſchenlebens unſerm Blicke zu enthüllen. So glücklichen—„oniaſtens für den Ruf meiner Cu⸗ ren glücklichet— egne ich aber nicht im⸗ mer.— Ich habe eille andere kin erloſe Israelitin zu be⸗ handeln, die jetzt ſch ſeit zwanzig Jahren die femme incomprise ſpielt,— der immer noc⸗ hicht ein aus In⸗ dien zurückkehrender Vetter als Heiland ebſchienen iſt. Wie oft bedaure ich in ſolchen Fällen, daß rFngel Gabriel ſich ſo ganz in den Himmel zurückge“gen hat, weil er mir hier unten für meinen ärztlichen die größten Dienſte zu leiſten vermöchte.— Frau Pes iſt überdies ſehr offen in dem Punkte, ſie klagt mir ſolange meine Zeit mir das Hören erlaubt, eine endloſe Leidensgeſchichte von chelicher Langeweile vor, und verdammt den Gat⸗ ten, der nach ſeinem Mittagsmahle, ſtatt der Erzählung aller ihrer Tagesleiden zuzuhören, ſich in ſeinen Armſtuhl vergräbt und dem ſanften Gotte anheimfällt. Ich muß bekennen, daß ich es ihm kaum verdenken kann.— Und wenn Madame mich fragt, wozu ſie denn den Gatten 92 habe, wenn er ihr nicht einmal ſo viel Geſellſchaft leiſten wolle, um ſich gegen ihn ausſprechen zu können; ſo gera— the ich in einige Verlegenheit, wie ich ihm das als Pflicht anrechnen ſoll, was mir ſelbſt als eine arge Strafe, die der Himmel in ſeinem Zorne verhängt, vorſchweben will. Dieſe Kranke zu heilen, das ſehe ich wol ein, iſt ein ver⸗ gebliches Bemühen! In dem Alter kann weder Engel noch Nichtengel eine Panacee bieten, und die Zeit, die ſchaf⸗ fende und vernichtende, muß ruhig ihr Werk verrichten. In ſolchen Fällen will es mich mitunter bedünken, als ſei die Liebe zum Strickſtrumpfe und zum Kochherde am Ende kein ſo großes Uebel;— wenigſtens wird die Paſ⸗ ſion für beide unäſthetiſche Enden der Civiliſation gar manche ſchöne Landsmännin davon abhalten, ſich in die Lage einer fenmne incomprise, das traurigſte aller Zwit⸗ terweſen, hineinzudenken. Selbſt eine große Wäſche— welche Begebenheit im Leben iſt das nicht, und was hat die Frau nicht an moraliſchen und phyſiſchen Kräften auf⸗ zubieten, um unter einer ſo wichtigen Begebenheit den Umſturz aller Dinge zu verhüten!— Mag die deutſche Frau gleich häufig unter dieſen materiellen Beſchäftigun⸗ gen in ihrer Bildung zurückgehen und dem Manne da⸗ durch mehr als Haushälterin wie als Gefährtin zur Seite ſtehen;— ſo hat ſie dafür einen Wirkungskreis, der ihre Zeit ausfüllt und ſie vor dem grauſamſten aller Uebel, dem ennui, bewahrt. Eine Engländerin im Mittelſtande weiß vielleicht mehr von Goethe und Schiller als manche deutſche Frau Hofräthin, und bringt dadurch ihrem Gatten eiſten gera⸗ ſlicht die will. ber⸗ noch ſchaf⸗ ande che atten gegenüber, der nichts davon weiß, das umgekehrte Ver⸗ hältniß hervor;— wodurch ſie um ſo mehr in die Lage geſetzt wird, ſich unverſtanden zu fühlen, und eine Sehn⸗ ſucht nach einer andern Lebensweiſe, andern Verhältniſſen, in der ſie die Anerkennung finde, nach der ſie ſeußzt, in ihr erregt wird, ſie mit ihrer Gegenwart unzufrieden macht und ihren häuslichen Himmel mit düſtern Wolken überzieht.— Sowie die neue Geſellſchaft, in der die Frauen Staatsbürgerinnen ſein ſollen, in das Leben tritt, wird dies traurige ennui, unter dem ſie jetzt ſeufzen, auf⸗ hören.— Das äußere Leben muß dann auch ſie berüh⸗ ren, und mächtig mit ſeinen Intereſſen, an denen auch ſie betheiligt ſind, auf ſie wirken, und ſie in ſeinem Um⸗ ſchwunge mit fortreißen. Lady Megmerillis hat mich rufen laſſen. Ich habe ſie ſeit jener Scene am Sterbebette nicht wieder geſehen, und wundere mich, wie unſer Begegnen ausfallen wird. Man hat mich diesmal in das Prawing-room ge⸗ führt, wo Mylady an ihrem Schreibtiſche beſchäftigt ſaß. Vielleicht nenne ich ein Drawing-room aber beſſer mit einem deutſchen Worte Geſellſchaftszimmer, oder Wohn⸗ zimmer? Nein lieber noch Beſuchzimmer, weil es ja doch ein- für allemal zum Empfange eines Gaſtes dient. Lady Megmerillis trug heute ein Kleid von ſchwar⸗ zem Sammet mit einem Mäntelchen von gleichem Stoffe darüber, das ihr, weil es ihre eckigen Formen verbergen — 94 half, überaus gut ſtand. Sie verließ bei meinem Ein⸗ tritte ihren Sitz nicht, und winkte mir nur, als der Diener meinen Namen hereingerufen, mit einer leichten Kopfbe⸗ wegung zu, ihr gegenüber Platz zu nehmen, worauf ſie mit ihrem Schreiben fortfuhr. Als ſie ihr Billet verſie⸗ gelt, ſchloß ſie ihr Portefeuille und wandte ſich mit ge⸗ milderter Herablaſſung zu mir: „Ich habe geſtern die unangenehme Nachricht erhal⸗ ten, daß der frühere Lehrer meiner Söhne, in Folge einer Gehirnentzündung, die ihn auf dem Lande, wo er unbe— kannt war, überfallen, von den Leuten in die nahe gele⸗ gene Irrenanſtalt gebracht worden iſt. Haben Sie die Güte hinauszufahren und ſich nach ſeinem Zuſtande zu erkundigen. Iſt es möglich, ihn jetzt ſchon von dort zu entfernen, ſo bringen Sie ihn mit in die Stadt zurück und ſorgen für ein Quartier in Ihrer Nähe, damit er unter Ihren Augen ſeine Herſtellung erwarte.“ Ich erlaubte mir hier einige Fragen nach den ge⸗ nauern Umſtänden des jungen Mannes, nach ſeinen Ver⸗ wandten und Bekannten, und machte zugleich die Einwen⸗ dung, mich erſt nach einer Wohnung für ihn umſehen zu müſſen, bevor ich ihn ſeinem jetzigen Aufenthalt entführe. Meine Schwierigkeiten fanden jedoch, wie ich wol be⸗ merkte, kein gnädiges Ohr, ich ſtand daher von allen fer⸗ nern Bemerkungen ab und entſchloß mich kurz, meiner ho⸗ hen Gönnerin ſtummes Organ zu ſein. Trotzdem aber, daß ich völlig von Lady Megmerillis' gnädiger Geſinnung gegen mich überzeugt warz konnte ich . Ein⸗ ienet opfbe⸗ uf ſie veſie⸗ it ge⸗ echal⸗ einer unbe⸗ gele⸗ ie die de zu ort zu zuric nit er nge⸗ Ver⸗ nwen⸗ en z führe be⸗ 1 fer⸗ ho⸗ rillis te ich nicht umhin, wie weiland Mephiſtopheles, zu wünſchen, daß die Gnädige ſich in etwas menſchlichern Reden gegen mich ausgedrückt hätte. Iſt es nicht genug, daß der Him⸗ mel in wunderbaren Zeichen, denen der arme Sterbliche kein Warum entgegenſetzen darf, zu unsſpricht;— muß nun auch der Menſch noch dem Menſchen gegenüber mit einer Schickſalsſtimme reden und ſklaviſchen Gehorſam heiſchen? Wie die Sachen ſtanden, blieb mir denn aber nichts übrig als, der feinen Sitte gemäß, wie ein Krebs der Thür zuzutappen und draußen meine beleidigte Menſchen⸗ würde an den Puderföpfen, die mir nach dieſer Privat⸗ audienz mit beſonderer Willfährigkeit die Thüre aufriſ⸗ ſen, durch eine wahrhaft ſoldateske Würde auf das an⸗ gemeſſenſte zu rächen. Ich habe abſichtlich den etwas ſtarken Ausdruck aufreißen gebraucht, indem die ſturm⸗ artige Bewegung, mit der ein ſolcher Groß⸗Kophta die⸗ ſen Act vornimmt, durchaus nicht mit dem ſanften Ver⸗ bum aufmachen bezeichnet werden kann. In heutiger Zeit, wo Reiſen meiſtens Spazierfahrten zu nennen ſind, brachten mich anderthalb Stunden an das geſuchte Ziel. Es war ein ſonniger Tag, was in dieſer Jahreszeit eine große Ausnahme zu nennen iſt, und ich dankte es dem Himmel, daß er meinen Pfad ſo freund⸗ lich erleuchtet hatte. Denn après tout ſind wir Aerzte nicht minder wie andere Menſchenkinder den Eindrücken der Außenwelt unterworfen und ſetzen den lichten und ſchwarzen Farben, die ein ſonniger oder nicht ſonniger Tag unſerer Stimmung leiht, mit nicht größerm Erfolge einen 96 moraliſchen Widerſtand entgegen. Allerdings aber habe ich meiner gut conſtituirten Natur inſofern zu danken, daß ſie nie ſo hoch geſtrebt, mir die Neigung einzuflößen mich auf⸗ zuhängen, was mir unendlich lieb iſt, weil ich überzeugt bin, daß es mir auf die Länge nicht behagt hätte. Die Anſtalt, wo ich meinen Patienten zu ſuchen hatte, lag auf einem Hügel; es war ein großes Gebäude, mit Flügeln und Thürmen aus rothen Backſteinen aufgeführt, und von wohlangelegten Gärten umgeben, ſodaß es einen ſehr freundlichen Eindruck machte. Der Arzt, der hier die Aufſicht führte, nahm mich, als einen Abgeſandten von Lady Megmerillis, beſonders artig auf, und⸗führte mich perſönlich zu dem von mir geſuchten Patienten. Dieſer hatte das Bett bereits verlaſſen und ſaß in einem hellen freundlichen Zimmer am Fenſter und ſpielte auf der Gui⸗ tarre, die er mit ſeiner Stimme begleitete. Ich wurde ihm vorgeſtellt und meine Frage nach ſeinem Befinden auf das befriedigendſte von ihm beantwortet. Phyſiſch war er dem Anſcheine nach völlig hergeſtellt, nur hatte das Fieber noch eine große Aufregung und eine Verworren⸗ heit in ſeinen Ideen zurückgelaſſen, die zu beſeitigen Zeit erforderte. Daß er ſich in einem Irrenhauſe befinde, war ihm völlig unbekannt; er meinte in eine Gemeinfchaft der Seligen gerathen zu ſein, wo Alles Liebe, Freude, Frieden athme, und erſuchte mich, Lady Megmerillis zu ſagen, daß er den Vorſchlag machen würde, ſie auch aufgenommen zu ſehen, und gewiß hoffe, ihr den Zutritt nicht verſagt zu finden. Ich hatte alle Mühe, bei dem Gedanken, daß die hohe Do vel ge ſa habe auf⸗ tzeugt hatte, e, mit eführt, einen er die on nich Dieſer hellen Gui⸗ N ihn n auf war e das orren⸗ n Zeit e war ſ der rieden daß en zu inden. hohe 97 Dame zu dieſer Ehre berufen, ernſthaft zu bleiben und verſteckte mein Lächeln, ſo gut ich konnte, hinter einer gleichgültigen Aeußerung über das Wetter. „Ach! Ich ſehe, Sie finden meinen Auftrag ſpaßhaft“, ſagte er mit der den Irren eigenen ſchnellen Auffaſſung „Sie werden ſich aber eines Tages, wenn das Licht der Einſicht in Sie gedrungen, eines beſſern überzeugen.“ Da⸗ bei blickte er mich bedauernd, als jammere ihn meine Un⸗ wiſſenheit ſeiner ſichern Einſicht gegenüber, mit milder Freundlichkeit an. Als ich mich wieder mit dem Arzte allein befand, fragte ich dieſen, was er von ſeinem Zuſtande halte, und in wel⸗ cher Art derſelbe ihm heilbar erſcheine. Seine Meinung war, daß man ihn ruhig ſeinen Weg gehen laſſe und von der Zeit dies Zurückkommen von die⸗ ſer unſchuldigen Narrheit erwarte. Er hatte ſich während der Krankheit nach den nähern Verwandten, für den Fall ſeines Abſterbens, erkundigt und erfahren, daß dieſe in Berlin zu finden; von Bekannten aber waren ihm mehrere aufgeſtoßen, die den jungen Mann— er war ein Deut⸗ ſcher— ſeit ſeiner Ankunft in England gekannt, und die über ſeinen Charakter und ſeine Verhältniſſe willig den Aufſchluß gegeben, deſſen der Arzt zur wirkſamen Behand⸗ lung ſeines Uebels zu bedürfen glaubte. Danach ſtellte ſich heraus, daß Herr Vogt von der Natur mit bedeu⸗ tenden Anlagen verſehen, eine ſorgfältige Erziehung genoſ⸗ ſen und beſonders ein ſehr ſchönes Talent für Sprachen ausgebildet hatte, das ihn für die diplomatiſche Laufbahn 7 befähigte.— Noch ehe er indeſſen ſeine Studien beendet hatte, war er durch eine akademiſche Verbindung dem Staatsan⸗ walte verdächtig geworden, man hatte ihn eingezogen, ſeine Papiere mit Beſchlag belegt und ihn endlich— wie dies ſo der gewöhnliche Gang der Dinge iſt— zu lebenslänglichem Gefängniſſe verdammt. Daß er ſeiner Haft entſprang und ſeine Schritte nach England lenkte, verſtand ſich von ſelbſt. Hier beſchäftigte er ſich anfangs mit literariſchen Arbeiten, fand aber bald, daß die Preiſe, die deutſche Buchhändler zahlen, einen Mann in England nicht ernähren, und ſah ſich daher genöthigt, die Stelle eines Hauslehrers zu ſu⸗ chen. In dieſem Verhältniſſe nun fand ſein Stolz, eine Leidenſchaft, die er bis jetzt, wo nichts dieſelbe hervorge⸗ rufen, kaum gekannt hatte, die grauſamſte Demüthigung. Durch Erziehung und Geburt zum Gentleman geſtempelt, ſah er ſich mit Staunen von ganz unerzogenen, ungebildeten Menſchen über die Achſel angeſehen und mit einer Roheit behandelt, die ihn auf das tiefſte empörte. Da ihm in⸗ deſſen keine andere Laufbahn offen ſtand, ſo mußte er ſich in das Unabänderliche fügen, und ſich durch innere Ver⸗ achtung für die ſeiner Menſchenwürde äußerlich angethane Schmach rächen. Ein paar Jahre ſchwanden auf dieſe Weiſe dahin; während derſelben war eine kleine Summe erübrigt wor⸗ den und mit dieſem geringen Capital wurde aufs neue der Verſuch zu einer unabhängigen Eriſtenz gemacht. Lite⸗ rariſche Arbeiten und Privatſtunden ſollten zur Verlänge⸗ rung dieſer Geldſumme aushelfen, und dem Schickſale das t hatte, atsan⸗ ſeine dies ſo glichem ng und ſelbſt. rheiten, händler nd ſah zu ſt⸗ z, eine eworge⸗ higung. tenpelt, hildeten Rohei ihm in⸗ er ſch n Ve⸗ gethane dahin; gt wol⸗ s nen t. Lit⸗ erlänge ſule dus Uebrige anheimgeſtellt werden. Dies ging denn auch eine Weile ganz leidlich. Dann aber wurde die Einnahme ſpärlicher und nöthigte zu beſchränktern Ausgaben. End⸗ lich reducirte ſich die Wohnung auf ein kleines Stübchen, und die Koſt auf trocknes Brot neben einer Flaſche gar⸗ ſtigen Waſſers.— Dagegen ſträubte ſich die arme gebrech⸗ liche Natur. Ein Arzt wurde zu Rathe gezogen; da die⸗ ſem aber die Quelle des Uebels ein Geheimniß blieb, ſo wußte er ſeinem bleichen, hohläugigen Patienten nichts Anderes zu rathen, als ein wenig Landluft zu verſuchen. Herr Vogt hatte nichts dawider, ſeinen brennenden Kopf in Feld und Wald hinauszutragen und in einem klaren Flüßchen ein erfriſchendes Bad zu verſuchen. Kaum aber hatte er dies einige Tage fortgeſetzt, ſo vermehrte ſich ſein fieberhafter Zuſtand dermaßen, daß er in ſeiner wilden Aufregung die ſeltſamſten Dinge ſprach und vornahm, und Niemand ſich mehr ihm zu nahen getraute. Er wurde daher in das Krankenhaus gebracht und in einer Zwangs⸗ jacke dem ruhigern Bewußtſein wiedergegeben. Sowie ihm die Beſinnung zurückkehrte, verwunderte er ſich an⸗ fangs über das helle Zimmer, die gute Pflege, das große Haus, die ſchönen Gärten, und da ihm auf ſeine Fragen über das Wie und Wo des Ortes nur mit einem Zeichen des Schweigens geantwortet wurde; ſo meinte er im Lande der Seligen zu ſein, wo der Menſch dem Menſchen ohne Anſehen der Perſon wohlwolle, und Liebe, Freude, Einig⸗ keit herrſche. Mit dieſem Bilde der Gegenwart hielt er dann das ſeiner irren Träume zuſammen, bis Alles in Eins verſchmolz, und er mit ſich einig war nach einer Art Höllenfahrt in die Gemeinſchaft der Heiligen, wovon die Bibel rede, aufgenommen zu ſein, und daß nach und nach ſeine Bekannten aus der untern Welt, die ein edleres Streben kannten, ihm hierher nachfolgen würden. Dieſer Glaube war nun an und für ſich ganz unſchuldig und konnte Niemandem zu nahe treten; doch fühlte ich natürlich einiges Bedenken, Derjenige zu ſein, der ihn wieder auf die niedere Erde herabführe, weil ich nicht wiſſen konnte, welchen Eindruck es auf ihn machen würde, ſich wieder unter alltäglichen Sterblichen zu befinden. Der Arzt beruhigte mich indeſſen über dieſen Punkt und meinte, er würde es wahrſcheinlich für eine Miſſion halten, ſeinen Brüdern dort unten Kunde zu bringen, wie es hier ausſehe, und ſie zu ermahnen, den Weg einzuſchlagen, der ſie dieſem Ziele zuführe. Wir ſchieden hierauf nach der Verabredung, daß ich gegen das Ende der Woche gegen Abend erſcheinen würde, ihn weg— zuführen. Dieſe Zeit wurde gewählt, damit er in der Dunkelheit nicht gewahr werde, wohin er gehe, oder wo⸗ her er gekommen, und auf dieſe Weiſe kein Mistrauen, weder gegen ſich ſelbſt, noch gegen mich, in ſeiner Seele Platz finde. Bei meiner Rückkehr in die Stadt ſchrieb ich ſogleich ein Briefchen auf Seidenpapier, das ich, um mir das Glück einer perſönlichen Zuſammenkunft zu erſparen, durch den Haustiger überſandte. Wie ſonderbar das Wort Tiger ſich hier ausnimmt! Freilich würde im achtzehnten Jahrhundert wol Nie⸗ iner Art von die nd nach Streben be war mandem edenken, re EFide Einduck äglichen indeſſen ſcheinlich nKunde mahnen, re. Vir gen das hn weg⸗ in der der wo⸗ istrauen, er Seele nir das n, duch immt! vol Ni⸗ mand darauf verfallen ſein, daß im neunzehnten ein kleiner Knabe mit ſchwarzen Hoſen(meine Leſerinnen verzeihen das Wort?) und enger Jacke mit einer Reihe glänzender Knöpfe darunter gemeint ſein könne, der auf dem Flur von ſolchen Leuten zu finden, die eine hin⸗ reichende Achtung vor der Reſpectabilität haben, um ihre Hausthüre von keinem Frauenzimmer öffnen zu laſſen. Zwei Mägde und ein Tiger, dies iſt die nie⸗ drigſte Stufe, auf der das Haus eines Gentleman erbaut ſein kann, und die Frau Generalin war eine zu erfahrene Weltdame, um dieſen wichtigen Punkt in ihrer Stellung zur Geſellſchaft zu überſehen. Für diesmal nun empfand ich dieſen reſpectabeln Etat unſers Hausweſens höchſt an⸗ genehm; denn, hätte ich mit meinem eleganten Billet ein Frauenzimmer abſenden wollen, ſo würde ich mich der höhnenden Verachtung aller Puderköpfe ausgeſetzt haben, während ich mich durch einen Tiger auf das würdevollſte in der Capacität eines Gentleman repräſentiren ließ. Nach dieſem wohlverrichteten Tagewerke glaubte ich mir das Vergnügen ein Abendſtündchen bei der ſchönen Sängerin zuzubringen, gönnen zu können, und ſo wan⸗ derte ich denn munter durch den Park der Vorſtadt zu, wo ſie ihre Wohnung aufgeſchlagen. Ich fand ſie vor ihrem Klaviere ſitzend und Nachtigallentöne in die düſtere Nacht hinausſendend, aus der ich zu ihr in ihr heller⸗ leuchtetes Stübchen, wie in ein Paradies, eintrat. Ich wurde höchſt artig bewillkommt und mit einer Taſſe Thee bewirthet, das mir, von ihrer Hand bereitet, ein wahrer Nektar war. Welch ein Reiz für einen jungen Mann in ſolchem téte-à—téte mit einem hübſchen Mäd⸗ chen liegt, wird nur durch die Erfahrung begriffen! Wie ein reizendes Traumgebilde ſtieg die Idee eines häusli⸗ chen Lebens vor mir auf, wo jeder mühſam verlebte Tag mit einem ſolchen— und vielleicht noch beſſerm Willkom⸗ men, und dem anmuthigſten Geplauder ſchloß. Aber lei⸗ der! lag mir die mögliche Verwirklichung ſolchen Glückes noch unendlich fern!— Die Lage eines jungen Arztes erlaubt ihm nicht ein anders Weſen den Zufälligkeiten ſei⸗ ner Lebensphaſen auszuſetzen, und die Jahre, die noch dahinſchwinden konnten, bevor ich mir eine feſte Exiſtenz gegründet, ließen ſich nicht berechnen, nur vorausſetzen. Hatte das Mädchen Vermögen, dann freilich!— He! War es denn ſo weit mit mir gekommen? Und dazu war ſie mir immer noch ganz fremd, ich kannte weder ihre Fa⸗ milie noch ihre ſonſtigen Verhältniſſe, und was mehr iſt, war auch nicht im mindeſten berechnet, in ihr eine andere Empfindung als die gewöhnlichen Wohlwollens für mich vorauszuſetzen. Der kleine tückiſche Gott war diesmal alſo ein wenig zu raſch geweſen, und ſollte billigerweiſe jetzt ſeine Pfeile erſt nach einer andern Seite hin abſen⸗ den, ehe er mich in ſeine Nutze weiter noch verſtrickte. Als ich in ſpäter Mitternacht, an meinem Fenſter ſte⸗ hend, dies Alles an meinem innern Sinn vorübergehen ließ, zog eine Ahnung durch meine Seele, als habe mein Geſchick mich hier ereilt.„Mag es denn ſein“, ſeufzte ich und ſchaute zu den Wolken empor, die in dicken Maſ⸗ jungen Mäd⸗ en! Wie hüusli⸗ chte Tag Villlon⸗ Abet lei⸗ Glückes Arztes eiten ſei⸗ die noch Eriſtenz ausſetzen. — Hel dazu wal ihre F⸗ nehr iſ, ne andelt fir nich diesnal ligweſ in abſen⸗ ſricte. nſter ſt⸗ ibergehen abe mein , ſufe den Maß ſen am Himmel hinjagten, und nur dann und wann die Mondſcheibe durchbrechen ließen, unter deren falber Be⸗ leuchtung der große Park mit ſeiner Umgebung von Häu⸗ ſern, Statuen, untermiſcht mit Reihen glänzender Gas⸗ lämpchen, wie ein Feengarten dalag, deſſen dunkeles In⸗ nere im Contraſt zu ſeinem Ringsum wie ein mächtiges Geheimniß drohte!— Dazu die Nacht mit ihrer Ruhe! Stiller und ſtiller wurde es in den Straßen, das am Tage nie aufhörende dumpfe Rollen der Räder ſtarb von Minute zu Minute mehr hinweg, keine Stimmen wurden ferner laut, kein Fußtritt unter meinem Fenſter vernehm⸗ bar, und nur die Diener der Gerechtigkeit und Obdachloſe wanderten noch in grauſiger Einſamkeit durch die jetzt wie erſtorbene Stadt. Wie hebt und erweitert ſich unſere Seele in dieſen einzelnen Augenblicken, wo wir gleichſam wie in hellerm Bewußtſein vor die Allmacht hintreten, und unſer Geſchick in ihre Hand legen. Das große Bild des Lebens, das hier wie zuſammengedrängt vor meinem Blicke lag, der Palaſt und die Hütte, die Zeit und die Ewigkeit, die wandernde Armuth, das ſchlafende Verbre⸗ chen ſtimmte mich ernſt und feierlich, und die kleinen Küm⸗ merniſſe, mit denen ich mich eine Minute zuvor getragen, waren wie Sonnenſtäubchen davor zerfloſſen. Wenn ſol— cher Höhepunkt des Denkens und Empfindens Leben zu nennen iſt, wie wenig leben wir dann!— Ein Zufall, ein Umſtand ruft die Stimmung hervor, und keine Macht unſers Willens iſt eine Minute ſpäter im Stande auch nur einen Nachhall davon in unſere Seele heraufzubeſchwören! Als ich am nächſten Morgen erwachte, ſtand die arge Nothwendigkeit vor meiner Seele, Lady Megmerillis einen Beſuch machen zu müſſen, und der Sohn des Staubes trat wieder in ſeine Rechte ein. Der junge Mann iſt jetzt in meiner Nachbarſchaft un⸗ tergebracht und meinem beſondern Schutze untergeben. Ich muß geſtehen, die Fahrt mit ihm bei nächtlicher Weile, in den kleinen Raum eines Wagens eingeſchloſſen, gehört nicht zu den angenehmſten, die ich hienieden erlebt habe. Doch benahm er ſich ganz ruhig und machte nicht die mindeſte Schwierigkeit, mir auf die Erde zurückzufolgen. Ich bat ihn auf dem Wege nicht mit mir zu ſprechen, weil ich Gründe habe, die mir ſein Schweigen wichtig machten. Dieſe Gründe beſtanden darin, ihn vor Aufte⸗ gung zu ſichern. Er ſah mich groß an, ſchien aber eine Minute darauf ſich ſelbſt eine genügende Antwort gefun⸗ den zu haben; denn er war jetzt noch behutſamer als ich, jede Störung zu vermeiden, und ſprach ein unerläßliches Wort immer nur flüſternd in mein Ohr. So erreichten wir London und die für ihn beſtimmte Wohnung, die ich auf ein paar Tage, ehe ich ſeiner ge⸗ wiß bin, mit ihm theilen werde.— Sowie wir uns allein im Zimmer befanden, wo ein helles Feuer und Er⸗ friſchungen bereitet waren, erlaubte ich ihm, ſich der 106 Sprache zu bedienen und wurde zum Danke dafür in ſein Vertrauen gezogen. Er zeigte mir erſtlich ein Papier, das eine Definition ſeines Charakters enthielt, die ſehr ſchmei⸗ chelhaft war. Er hatte dieſe von dem berühmten D. erhalten, der den Leuten aus ihrer Handſchrift ihre Feh⸗ ler und Tugenden enträthſelt und dadurch bereits ein Vermögen gewonnen hat. „Sehen Sie“, ſagte mein kranker Freund zu mir, „welche Gabe der Mann beſitzt! Alles iſt vollkommen wahr, das Eine ausgenommen, was aber auch ohne mein Wiſſen der Fall ſein kann; daß nämlich tauſend Jahre erforderlich geweſen ſind, dieſen Kopf hervorzubrin⸗ gen.“ Er deutete auf den ſeinigen.„Sie verſtehen mich! Von Geſchlecht zu Geſchlecht, und ſtets in der Cultur fortſchreitend, mußte meine Familie in gerader Linie fort⸗ beſtehen, damit ich das Licht der Welt 5 Es iſt mir nicht bekannt, daß meine Familie ſo alt iſt, es muß aber doch der Fall ſein.“ Ich ſah das Blatt durch und ſah ihn an. Die hohe Stirn, der hochgewölbte Vorkopf verſprachen viel; an gu⸗ ten Anlagen durfte es nicht fehlen. Dazu das leuchtende Auge und der feine Mund mit dem eigenthümlich geheim⸗ nißvollen Lächeln;— es war doch ſchade, das Uhrwerk hier ſo aus dem Gleichgewichte gebracht zu ſehen! Die Unterhaltung ging nun auf andere Gegenſtände' über und ich muß geſtehen, daß meine Verwunderung über die weit umfaſſenden Kenntniſſe des jungen Man⸗ nes mit jeder Minute wuchſen und mich mit immer grö⸗ 01 ßerm Intereſſe für ihn erfüllte. Politik, Literatur, Kunſt 3 wurde berührt, und endlich auf dem ſocialen Felde Halt d. gemacht, wo, wie ich leicht bemerkte, ſein beſonderes Inter⸗ i⸗ eſſe lag. Er träumte von dieſem Utopia; wo Verdienſt, nicht Geburt, in der Wagſchale menſchlichen Werthes wäge, und wo wir den Bruder in jeglicher Geſtalt erkennen; und hatte dieſe Theorien ſeit Jahren durch Fourrier und m St.⸗Simon in ſich genährt, durchdacht und ausgearbeitet. 6 In der peinlichen Lage, wo ſeinem Selbſtgefühle die erſten ch tiefen Wunden geſchlagen, hatte er die Ungerechtigkeit des ſu beſtehenden ſocialen Lebens zu tief empfunden, um nicht 66 ſeine ganze Hoffnung auf eine Veränderung der Dinge 1 uh zu richten und einen Zuſtand herbeizuſehnen, in welchem 1 auch er als Menſch ſeine Geltung finden könne.— In ſo⸗ ſeiner Krankheit hatte ſeine erregte Phantaſie dieſe Ideen ſi ganz vfolgt— wie ſich das leicht erwarten läßt—, und 3 muß was er da geträumt, ſtand jetzt noch als eine Wirklichkeit vor ſeiner Seele. hohe„Wir brauchen eine neue Offenbarung“ flüſterte er mir gl⸗ nach Mittheilung des oben Geſagten, als wäre es ein Ge⸗ tende heimniß, zu, und legte vertraulich ſeine Hand auf meine hein⸗ Achſel.„Wir brauchen ein Zeichen, daß der Augenblick ge⸗ wer kommen, wo das Evangelium des Wortes zur That werden ſoll, und dieſes Zeichen der Welt zu verkünden, hat der Him⸗ ände mel mich auserſehen. Ich bin der verſprochene Meſſias.“ tung Ich ſah ihr rſtaunt an. ta⸗„Sie wundern ſich?— Aber glauben Sie es mir. grö⸗ Die Stimme hat mich lange ſchon berufen, nur durfte ich es der Welt nicht verkünden, weil die Zeit noch nicht gekommen, wo die Ohren dem Hören aufgethan. Sagen Sie es daher Niemand! Ich theile es Ihnen nur ganz im Vertrauen mit, daß ich der Herr der Welt bin, und ſchon jetzt die Schickſale der Menſchen lenke.“ Ich glaube wol, daß ich etwas verblüfft bei dieſem Vertrauen, in das ich mich kaum mit Ernſt zu finden wußte, ausſah. Doch nahm ich mich, ſo gut ich konnte, zuſammen und verſetzte ernſthaft: „Sie meinen denn, das tauſendjährige Reich ſei nahe?“ „Ganz nahe“, veſetzte er mit Ueberzeugung.„Und Alles, was die Prophezeiung geſagt hat, trifft in mir zu. Ich bin in der Hölle geweſen und im Himmel, habe die Schauer des Grabes kennen gelernt, und bin— was Sie noch nicht ahnen— und was eine nothwendige Bedin⸗ gung zu meiner Miſſion iſt, einem jüdiſchen Geſchlechte entſproſſen. Ja, muſtern Sie mich nur“, fuhr er fort, indem er meinen unwillkürlich auf ſeine Züge prüfend gerichteten Blick bemerkte.„Sie werden den jüdiſchen Typus leicht erkennen, denn nicht nur meine Vorfahren, nein, ich ſelbſt— bin ein geborener Jude.“ „Wirklich!“ ſagte ich mit einigem Erſtaunen und in Verlegenheit, was ſich ſonſt noch ſagen laſſe. „Schon ſeit ich Lady Megmerillis' Haus verlaſſen“, fuhr er fort,„habe ich die Geſchicke der Menſchen zu lenken gehabt. Niemand wußte es“, und ein Lächeln ſtolzer Selbſtzufriedenheit malte ſich in ſeinen Zügen,„Nie⸗ mand ahnte es, daß ich es ſei, der Louis Philipp vom 7 nicht agen unz und eſem nden nnte, e“ Und die Sie din⸗ chte fort, fend chen ren, in 109 Throne ſtürzte und als Flüchtling an dieſe Ufer trieb. Niemand ahnte es, daß ich den päpſtlichen Stuhl zu er⸗ ſchüttern für gut fand, damit die Gemüther der Menſchen durch Unglauben und Zwieſpalt aufgeregt, und empfäng⸗ licher für eine neue Lehre würden; Niemand ahnt es, daß ich es bin, der dem Prinzen die Idee zu dieſer Ausſtel⸗ lung an die Hand gegeben, damit eine Verſammlung aller Völker der Erde ſtattfindet und ſo in jedes Land die Nach⸗ richt dringt, daß der Meſſias erſchienen iſt und eine neue Lehre gegeben hat. Einſam, ſtill und ſchweigſam lebte ich fern von der Welt, die mich nicht kannte, während ſich die Menſchheit wie die Figuren eines Schachbrettes unter meiner Hand bewegte. So aber mußte es kommen, da⸗ mit das Wort erfüllet würde.“ „Wann denken Sie, daß die Zeit da ſein wird, um dieſe langgehoffte Weltreligion in das Leben treten zu laſ⸗ ſen?“ fragte ich mit möglichſt gläubiger Miene. „In dieſem Jahre“, verſetzte er mir beſtimmt.„Tag und Stunde läßt ſich noch nicht genau angeben, doch wird der Geiſt mich ſeinerzeit damit bekannt machen. Es gehört große Geduld dazu, den Augenblick abzuwarten, beſonders wenn ich höre, wie man ſich mit ſo manchen Fragen, wie z. B. die Organiſation der Arbeit, den Beſitz des Grund und Bodens und dergleichen mehr, abmüht, die alle lange von mir gelöſt ſind und in einem Manuſcripte wohlverſchloſſen in meinem Koffer liegen. Es thut mei⸗ nem Herzen oft weh, damit zurückhalten zu müſſen, das verſichere ich Ihnen!“ „Das kann ich mir denken“, verſetzte ich beiſtim⸗ mend.„Vielleicht aber laſſen Sie mich einen Blick hin⸗ einwerfen.“ Er ſchüttelte den Kopf. „Zu ſeiner Zeit“, verſetzte er lächend;„Sie würden ſtaunen und doch nicht begreifen; denn die Stunde iſt noch nicht gekommen.“ Ich fürchtete ihn zu ſehr aufzuregen und empfahl ihm jetzt Ruhe, während ich mich in unverbrüchliches Schwei⸗ gen einhüllte. Doch war ich im Stillen noch lange mit ihm beſchäftigt und ſann dem Gange dieſer Geiſtesver⸗ wirrung nach, die ihn zum Gott erhoben, der nun einen ſo ſeltſamen Doppelgänger ſeiner menſchlichen Natur abgab. Als ich meinen Patienten am nächſten Morgen zu Lady Megmerillis führte, benahm er ſich ſo geſetzt, zurück⸗ haltend und verſtändig, daß ich die ganze Unterhaltung des geſtrigen Abends für einen Traum hätte halten mö⸗ gen und nicht umhin konnte, mitunter einen fragenden Blick auf ihn zu richten, ob er jetzt oder damals ſeine Rolle geſpielt. Doch ſollte ich bald kennen lernen, daß er in beiden aufrichtig geweſen. Da Lady Megmerillis ihn ſo ruhig und verſtändig ſah, ſtand ſie nicht an, ihm ihre Beihülfe, nun irgend ei⸗ nen Zweig der Beſchäftigung zu finden, anzubieten. Er nahm ihr Anerbieten ſehr artig auf und erklärte, daß ihm der Sprachunterricht in einer Schule die angemeſſenſte Arbeit ſein würde, worauf ſie ſich erbot deshalb einzuziehen. im⸗ in⸗ den och ihm vei⸗ nit nen b. ück⸗ ung mö⸗ den eine er dih m ſte en Als wir auf dem Rückwege waren, machte ich die Be⸗ merkung, daß er Lady Megmerillis kein Wort über ſeine wichtigern Plane mitgetheilt. „Wie ſollte ich dazu kommen“, verſetzte er.„Denn wenngleich ſie es um mich verdient hat, daß ich ihr alles Gute gönne, ſo weiß ich doch auch, daß ſie durch⸗ aus für die Auffaſſung einer neuen Lehre unvorbereitet iſt und dieſelbe nicht würde begreifen können. Wie ſollte ich mich alſo dem ausſetzen, von ihr misverſtanden und verlacht zu werden? Nein, nein, lieber Freund! Ich habe Schweigen lernen! Solange man Andern nicht nutzen und nur ſich ſelbſt ſchaden kann, laſſe man das Wort be⸗ graben ſein.“ Durch ähnliche Bemerkungen einer weiſen Zurückhal⸗ tung und Beſonnenheit ſetzte er mich ſehr oft in Erſtau⸗ nen;— ſodaß ich häufig kaum wußte, wer von uns Bei⸗ den der Klügere und Verſtändigere ſei. Ueber ſeine Miſ⸗ ſion ſprach er auch mit mir nur ſelten, und nur durch Andeutungen, ein geheimnißvolles Lächeln, oder ſein Schweigen, wenn es irgend eine Frage der Zukunft galt, überzeugte ich mich rhſun täglichen und ſtündlichen Bewußtſein des an ihn ergangenen Rufes. Uebrigens war er mir ein ſehr angenehmer Geſellſchafter, und die Pflicht, ihn ſoviel wie möglich an mich zu feſſeln, in kei⸗ ner Art eine drückende für mich. Er ſaß in meinem Zim⸗ mer und las und ſchrieb, begleitete mich zu meinen Kran⸗ ken, und Abends in eine Geſellſchaft, wenn ich ihn dazu aufforderte. Von Lady Megmerillis ſprach er ſtets mit großer Achtung. Er ſagte mir, daß ſie nicht glücklich ſei, und deshalb dieſe kalte, harte Außenſeite trage. Ihr Gatte, ein ganz gewöhnlicher engliſcher Landedelmann, dem Rei⸗ ten, Eſſen und Schlafen der Inbegriff der Lebensanfor⸗ derungen ſei, zwinge ſie ihr Leben in einer Sphäre hinzu⸗ ſchleppen, die ihr innerlich das größte Unbehagen verur⸗ ſache. Daſſelbe habe ſie denn gewiſſermaßen mit ſich ſelbſt abgeſchloſſen, und gehe nur maſchinenmäßig durch den Kreis ihrer Pflichten, die ſie ſich mit geometriſcher Ge— nauigkeit vorgezeichnet habe, und denen ſie freilich den Kopf und die Hand, aber ſonſt von ihrem innern Selbſt nichts leihe. Ihrer Natur nach herrſchſüchtig, erſcheine ſie überall als eine Gebieterin, und ſtoße dadurch die Men⸗ ſchen zurück, während die Macht, die ſie vermöge ihrer kühlen Beſonnenheit über Jeden, der ihr nahe, übe, ſie mit großer Nichtachtung der Menſchen erfülle. Wäre ihr Gatte ein Mann von Geiſt und Einſicht geweſen, der ihr ſeiner Natur nach ebenbürtig zur Seite geſtanden; ſo würde ſie eine ausgezeichnete Frau geworden ſein. Jetzt aber, auf ſeine und ſeiner Freunde Geſellſchaft angewie⸗ ſen, durch Convenienzen eingeengt, außer Stand ſich nach irgend einer Seite hin eine freie Bahn zu brechen, ſei ihr nach Unabhängigkeit ſtrebender Sinn, durch dieſe ſchwer drückenden Feſſeln, auf das tiefſte empört und beeinträch⸗ tigt und ihr täglicher Lebenslauf ein in düſterm Schwei— gen hingenommenes Sklaventhum. Wenn ich ſolche Lebenserfahrungen berichtet höre, will roßer und zatte, Rei⸗ nfor⸗ in⸗ erur⸗ ſelbſt den elbſt ne ſi Men⸗ ihrer , ſie e ihr ihr ſo Jetz wie⸗ nuch ihr wer äch⸗ wei⸗ will es mich mitunter bedünken, als habe ſich die Menſchheit ein großes ZJucht- und Arbeitshaus für die irdiſche Eri⸗ ſtenz eingerichtet, wo Alles darauf berechnet iſt, daß Je⸗ dem nur gerade nicht Das wird, worauf die Natur es in ihm angelegt, und er ſich demzufolge mit allen Kräften aus dieſem unbehaglichen Zuſtande fortſehnt. Wohin? das wiſſen die Götter! Dieſen Abend führte ich meinen kranken Freund bei der Frau Generalin ein, die, wie ich wußte, mein ange⸗ betetes Schwarzköpfchen eingeladen hatte. Herr Vogt, der wie alle Deutſche die Muſik leidenſchaftlich liebt, freute ſich ſehr auf den Genuß, und ſah mit mir erwartungs⸗ voll der Stunde ihrer Ankunft entgegen. Da ich gewiſ⸗ ſermaßen zum Hauſe gehörte, ſo hatte ich mich früh ein— geſtellt und meinen Sitz in einer fernen Ecke genommen, wo ich die Thüre im Auge hatte und meinem Freunde je⸗ den Ankommenden nennen konnte.— Die Zeit verſtrich unter mancherlei Geplauder, und die zehnte Stunde kam bereits heran, ohne daß ſie unter der Zahl der ſich ſtets mehrenden Gäſte begriffen geweſen wäre. Ich muß be⸗ kennen, daß ich mich nur noch mit Mühe auf meinem Platze hielt!— Ja, ich liebte ſie, liebte ſie mehr als mein Leben, und in ihrer verlängerten Abweſenheit wurde es mir zum Bewußtſein, wie unmöglich mir jetzt ihr Ver⸗ luſt, und wie das Glück ihrer Gegenwart kein Gegenge⸗ wicht kenne.— Was kümmerte mich die ganze Welt, nd bei ange⸗ der freute tungs⸗ gewiſ h ein⸗ mmen, de je⸗ erſtrich e kam h ſies uß be⸗ rinem mein de es Ver⸗ genge⸗ Velt, wenn ſie da war?— Was hatte ich zu fürchten, wenn ſie mir zur Seite ſtand?— Alle mühſam erwogenen Gründe der Vernunft, die ich mir in ſo mancher einſamen Stunde mit Erfolg vor die Seele gehalten, zerſtoben in dieſer Minute wie bloße Chimären, und an die Stelle derſelben trat der Entſchluß, mich, koſte es was es wolle, gegen die Möglichkeit ihres Verluſtes ſicher zu ſtellen. Solches iſt der Menſch in ſeinem Wahn! Muſtert man ſeine Vergangenheit, ſo hält ſie uns den Spiegel vor, der uns mit Mistrauen, und zwar mit ſehr gerechtem, in unſere Zurechnungsfähigkeit erfüllt und uns das engliſche Wort„what is man, put a heep of contra- dictions“ in das ſchwächere oder ſtärkere Schlagen unſers Pulſes auflöſt. Der meinige mochte in jener Minute über Hundert gekommen ſein! Mein Kopf brannte, mein Auge glühte, die Stimmen der Sprechenden klangen wie unverſtändliches Gemurmel an mein Ohr, und eben wollte ich, meiner Zerſtreuung nicht mehr Meiſter, aufſpringen und mich durch einen ha⸗ ſtigen Gang in das Freie vor mir ſelbſt retten, als die Thüre ſich öffnete und das holde Weſen hereinſchwebte.— Ich ſank, von der in mir kreiſenden Leidenſchaft wie er⸗ ſchöpft, in die Kiſſen zurück und folgte ihr mit halbge⸗ ſchloſſenen Augen.— Sie war heute weiß gekleidet, in den lichteſten, durchſichtigſten Stoff und trug eine weiße Roſe im Haare, deren Blätter und Knospen lang bis auf ihren Nacken herabhingen. Um ihren Hals ein Bändchen von ſchwarzem Sammet mit goldenem Knopfe war ihr 8* — —————— ganzer Schmuck. Ich glaubte ſie nie ſo reizend ge⸗ ſehen zu haben! Nach mannichfachen Begrüßungen der Anweſenden traf ihr Blick auch mich, und ſie machte eine Seitenbe⸗ wegung, mir ihre Hand entgegenzuhalten, die ich, auf⸗ ſpringend, mit vollem Bewußtſein meines Glückes in die meinige drückte. Die Freude ſtand in hellen Farben auf meiner Stirne verzeichnet, und ihr erheiterter Blick ſagte mir, daß dieſer innere Jubel meines Herzeus ihr wohl⸗ thue. Ich ſah mich nach einem Sitze für ſie um, um ſie womöglich mir nahe zu behalten und ein paar vertrauliche Worte mit ihr wechſeln zu können. DerPlatz auf dem Sopha, wo ich geſeſſen, war eingenommen und mein Freund, der dort neben mir ſeinen Platz gehabt, ſtand gegen das Ka⸗ min gelehnt und ſtarrte uns mit geiſterhaften Blicken des Erſtaunens an.— Ich hatte ſeiner vergeſſen, das war es.— Sogleich aber ſollte mein Unrecht wieder gut ge⸗ macht werden, und ein Blick von mir beſchied ihn in meine Nähe, damit er dem ſchönen Mädchen förmlich vorgeſtellt werde. Er aber, ſtatt weiterer Antwort, deutete finſter auf ſeine Stirne und verließ das Zimmer. Ihm mußte nicht wohl ſein. Ich entdeckte bald eine unbeſetzte Ottomane und bot meinem Schwarzköpfchen dieſelbe zum einſtweiligen Aus⸗ ruhen. Sie folgte mir dahin. Kaum hatten wir Platz genommen, ſo konnte ich, in dem mich noch bewegenden Sturme meiner Gefühle, mich nicht enthalten, ihr die Angſt meines Abends, die Sorge ihres Ausbleibens, und die län hen id ge ſenden itenbe⸗ auf⸗ in die en auf ſagte wohl⸗ im ſie wliche opha, d, det s Ka⸗ en des 6 war ut ge⸗ meine geſtl finſtet nußte d bot Aus⸗ Platz enden ht die , und die dadurch in mir befeſtigte Gewißheit der Unmöglichkeit länger noch getrennt oder fern von ihr zu leben, in glü⸗ henden Worten auszuſprechen. Sie hörte mich zu Ende, weil ſie mußte; denn ich ließ keine Pauſe der Unterbre⸗ chung zu. Dann ſah ſie mich mit einem ſchmerzlich-ängſt⸗ lichen Blicke an und bat mich, an dieſem Ort, der für ſolche Unterhaltungen nicht paſſend, dies Thema fallen zu laſſen, das ſie an irgend einem Abende, wenn ſie mit mir allein ſei, wieder aufnehmen würde. Damit erhob ſie ſich, um der ſchon längſt an ſie ergangenen Aufforderung, die Geſellſchaft durch ein Lied zu erfreuen, zu genügen. Während dieſes Abends gelang es mir dann weiter nicht, ihr nahe zu kommen oder ihre Aufmerkſamkeit für mich in Anſpruch zu nehmen; als aber ihr Wagen ange⸗ kündigt wurde, drängte ich mich eilig vor, und bot ihr meinen Arm, damit wenigſtens keinem Andern das Vor⸗ recht wurde, ihr dieſen Dienſt zu leiſten.— Als ſie den Tritt beſteigend meine Hand loslaſſen wollte, wagte ich einen Druck derſelben, der, wie ich meinte, erwidert ward, und in dieſer wirklichen oder eingebildeten Genugthuung leuchtete mir ein Hoffnungsſchimmer, der den Boden un⸗ ter meinen Füßen ſchwinden machte.— Nicht im gering— ſten aufgelegt, mich ferner noch in den Kreis von Gäſten, die nach ihrer Abweſenheit todte Geſtalten für mich wa⸗ ren, zu miſchen, ſtürzte ich die Treppe hinauf in mein Zimmer, wo ich den Nachhimmel des erlebten Abends zu feiern gedachte. Wie erſtaunt war ich, Vogt hier am Fenſter ſitzend zu —— ————— finden! Kein Wunder, daß ich ſeiner während der letzten Stunde ſo gänzlich vergeſſen, daß ſelbſt die Urſache ſeiner Entfernung aus dem Geſellſchaftszimmer für einige Mi— nuten meinem Gedächtniſſe entrückt ſchien und ich erſt durch eine Aeußerung von ſeiner Seite darauf zurückgeführt wer⸗ den mußte.„Wie ſchade!“ bemerkte ich,„daß Sie ih⸗ ren herrlichen Geſang nicht hören konnten! Sie übertraf ſich heute ſelbſt in ihrem Vortrage!— Ein andermal werden Sie hoffentlich glücklicher ſein.“ „Hat ſie etwas von mir geſagt?“ fragte er mich, ſtatt aller Antwort, mit einer Art ängſtlicher Neugierde, die ſo befremdend war, daß ich ſie einem neuen Ausdrucke ſeiner Geiſteskrankheit zuſchrieb. „Von Ihnen geſagt, Liebſter!“ verſetzte ich.„Sie vergeſſen, daß Sie mir nicht einmal die Zeit gelaſſen, ihr Ihren Namen zu nennen, und daß Sie ihr ſomit alle Ge— legenheit abgeſchnitten haben, etwas von Ihnen ſagen zu können.“ „So hat ſie mich gar nicht geſehen?“ fragte er immer noch mit demſelben Ausdrucke der Neugierde. „Das weiß ich wirklich nicht zu ſagen; wenigſtens aber hat ſie mich nicht zum Vertrauten der Gefühle ge⸗ macht, die Ihr Anblick hervorgerufen.“ „So hat ſie mich nicht geſehen“, ſagte er noch ein⸗ mal mit zufriedener Miene und wünſchte mir eilig eine gute Nacht. Ich zundete mir indeſſen gemächlich eine Cigarre an und gab Betrachtungen über die Eitelkeit der Männer Raum ihrem dies! und aus, naht hört Eind falls ihn inen in d inen ihnt hiit llein libe Wel ihr ni letzten e ſeiner ge Mi⸗ tſt duch hrt wer⸗ Sie ih⸗ übettraf ndermal h, ſtatt die ſo e ſeiner Eit ſen, ihr alle Ge⸗ ugen z rimmet nigſens ihle R⸗ ch ein⸗ ig eine rre an Rännel Raum, die da meinen, ſo ein Mädchen müſſe gleich bei ihrem Anblicke wie von einer Tarantel geſtochen ſein. Ueber⸗ dies! Freund Vogt war freilich ein ganz leidlicher Mann und ſah, wie man hier zu Lande ſagt, recht gentlemanly aus, aber!— um ſich mir an die Seite zu ſtellen— ich nahm mein Licht und trat vor den Spiegel— dazu ge⸗ hörte doch einige Selbſtliebe. Freilich aber! unter dem Eindrucke ſeiner vermeintlichen Göttlichkeit mochte er allen⸗ falls die Saiten hochſpannen!— Indeſſen fürchtete ich ihn auch in ſolcher Geſtalt nicht und nahm mir vor, ihm einen glänzenden Beweis meiner außerordentlichen Ruhe in dieſem Punkte dadurch abzulegen, daß ich ihn ſelbſt an einem Abende zu meiner ſchönen Sängerin hinführte, und ihn den Dritten im Bunde ſein ließe. Ich muß der Wahr⸗ heit die Ehre geben, daß ich mich in dieſem Vorhaben ein klein wenig bewunderte und höchſt zufrieden mit meiner lieben Wenigkeit den ſüßeſten Träumen in die Arme tum⸗ melte. Als Vogt am nächſten Morgen zu mir kam, fand ich ihn ſchweigſamer als gewöhnlich und, wenn er nicht von mir bemerkt zu ſein glaubte, mich oft mit forſchendem Blicke meſſend, eine Entdeckung, die allerlei ſeltſame Ver— muthungen in mir aufſteigen ließ. Vom geſtrigen Abende erwähnte er keine Sylbe, ſowie er überhaupt Alles ver⸗ mied, was ſich in irgend einer Art perſönlich auf mich 120 hätte beziehen können, woraus ich wol abſah, daß irgend iene beſondere Rückſicht für mich im Hintergrunde ſeiner Seele Wache halte. Dabei war er aber ſehr unruhig, konnte bei keiner Beſchäftigung lange ausharren, und ſprang hurtig an das Fenſter, ſowie der Poſtbote klopfte, als ob ſein Hinausſehen den Brief, der für ihn überbracht wer— den konnte, ſchneller die Treppe hinauf befördert hätte. Auf meine Frage, ob er irgend eine wichtige Depeſche zu erwarten habe, verſetzte er mir: daß es ihn nach einem Schreiben von Lady Megmerillis und einer ſchleunigen Anſtellung verlange, damit er dieſem unthätigen Leben entrückt werde.— Geſtern aber war keine Spur von ei⸗ nem ſo heftigen Verlangen in ihm geweſen.— Ich hätte doch wiſſen mögen, was ihm eigentlich im Sinne ſteckte! Daß ich den Abend nicht verſtreichen ließ, ohne einen Verſuch zu machen, die hübſche Sängerin zu ſehen, läßt ſich erwarten! Die Unterhaltung, die ich mit ihr zu füh⸗ ren im Sinne trug, ließ aber natürlich das Beiſein eines Dritten nicht zu, es war mir daher unmöglich Vogt auf⸗ zufordern, mich zu begleiten; und doch auch wollte ich ihn nicht zu Hauſe laſſen. Ich traf daher das Auskunftsmit⸗ tel, ihm zu ſagen: daß ich auf meinem Wege Kranken⸗ beſuche abzuſtatten habe, ihn alſo bitte, um mich ganz ge⸗ wiß vorzufinden, mir zwei Stunden ſpäter nachzufolgen. Zu meiner Ueberraſchung aber ſchlug er mein Anerbieten aus, und zog es vor, einen ruhigen Abend in ſeinem Zim⸗ mer zu verleben. „Deſto beſſer!“ dachte ich und trat meinen Weg an, unter miſſe 6 jung weie Iag röth I mend gerat ein( kleid ſen. gen ken die Si tret luf wie ß irgen de ſeiner unruhig, d ſrang , Uls ob acht wer⸗ rt hätte. peſche zu h einem leunigen n Leben von ei⸗ ſch hätte e ſteckte! ne einen en, läßt zu füh⸗ in eines egt au⸗ ich ihn unftsnit Kranlen⸗ gun he⸗ ufolgen. uerbieten n Zim⸗ eg an, 421 unter welchen widerſprechenden Gefühlen, mag Jeder er⸗ meſſen! Es dämmerte eben, als ich mein Ziel erreichte. Die junge Dame hatte noch kein Licht anzünden laſſen, und ſaß, den Armſtuhl gegen das Fenſter gerückt, in deſſen weichem Polſter begraben und ſchaute in das erſterbende Tageslicht hinaus. Sie ſah ſehr bleich aus und die ge⸗ rötheten Augenlider ſprachen von einer durchwachten Nacht. Ich rückte meinen Stuhl neben ſie und fragte, theilneh— mend ihre Hand faſſend, nach ihrem Befinden. Die Furcht, Sie heute zu ſehen, hat mir den Schlaf geraubt“, verſetzte ſie mit einem halben Lächeln, unter dem ein Grübchen ſchalkhaft hervortrat, was ſie unendlich gut kleidete;„und doch konnte ich mich nicht verleugnen laſ⸗ ſen. Nicht wahr, mein Freund, Sie hätten das grauſam genannt; und vielleicht mit Recht.“ Ich konnte nicht umhin zu bekennen, daß ein ſolches Verfahren mich auf das tiefſte gekränkt haben würde. „Ich wußte Das“, ſagte ſie freundlich;„und krän⸗ ten wollte ich Sie gewiß nicht. Vielleicht aber muß ich dies in anderer Hinſicht, wie Sie es erwarten;— ich muß Sie bitten, mir mit keiner weitern Neigung entgegenzu⸗ treten, als wie die ernſteſte Freundſchaft ſie gut heißt; nur auf dem Fuße kann ich Sie ferner noch bei mir ſehen.“ Ich erſtarrte. „So lieben Sie mich nicht“, ſchrie ich auf und rannte wie ein Wahnſinniger im Zimmer auf und ab, wobei ich ſie zugleich mit einer Flut der heftigſten Vorwürfe überhäufte. „Ruhig, ruhig“, ſprach ſie mir leiſe zu.—„Sie krän⸗ ken mich und thun mir weh, und wozu ſoll überhaupt dies Toben führen?— Drei Worte erklären Alles; doch gäbe ich viel darum, wenn Sie mir gerade dieſe drei er⸗ klärenden Worte erlaſſen könnten und wollten!“ „Alſo nicht einmal drei Worte— drei Worte, die mich beruhigen, mit meinem Geſchicke ausſöhnen könnten— nicht einmal die wollen Sie ſich abzwingen“, ſprach ich höhnend. „Gut denn, ſo hören Sie, Barbar!“ ſagte ſie mit vor Bewegung zitternder Stimme:„Ich bin verheirathet!“ Wie ich das Haus verließ und wohin ich meine Schritte lenkte, weiß ich nicht. Nur als meine ermüdeten Füße mich nicht mehr tragen wollten, kehrte dem Kopfe die Beſinnung zurück, um ſich zu ſchauen, und da fand es ſich denn, daß ich mich in einen ganz entfernten Stadt⸗ theil, wo ich weder Weg noch Steg kannte, verirrt hatte. Inſtinctmäßig ſprang ich in den erſten mir nahe kommen— den Omnibus und langte wie betäubt in meiner Wohnung an. Als ich mein Zimmer erreichte, warf ich mich in meinen Armſtuhl, und verſank in einen Zuſtand dumpfen Hinbrütens, der weder Wachen noch Schlafen zu nennen war. Wie lange ich ſo geſeſſen, weiß ich nicht. Auch kennt die Zeit keinen Maßſtab für ſolche Momente. Im Zimmer herrſchte die tiefſte Dunkelheit;— damit war meine Seele gerade einverſtanden. An die Fenſter ſchlug plätſchernd der Regen und ſandte kniſternd den Ruß in die hagl wie We Hö Sie krän⸗ iberhaupt les; doch ſe drei er⸗ ſ die nich en— nicht höhnend. ie mit vot thet!“ ich meine etmüdeten den Koyft d da fand ten Stadt rirt hatt e kommel⸗ Wohnunh nich in d dunyfen u nennen i Aut ente. In amit wo ſter ſchu n Ruß 123 die Eſſe durch mein Kamin herab.— Alles war unbe— haglich, klang unbehaglich, fühlte ſich unbehaglich; und wie konnte auch etwas Anderes als Unbehagen in einer Welt ſein, wo ſich unter Engelsblicken die Verſtellung der Hölle barg? „Mich ſo zu täuſchen“, rief ich endlich mir vor die Stirn ſchlagend wie raſend aus, und ſprang auf, um mein inneres Unbehagen durch Sturmſchritte abzukühlen. Da ſtand Vogt mit einem Lichte in der Hand, ſein Auge wachſam auf mich gerichtet, vor mir.—„Gegen wen erei— fern Sie ſich auf dieſe Weiſe?“ fragte er mich mit ſanf⸗ tem Tone.—„Gegen wen als gegen ſie, die ſich wie eine Sirene in mein Herz geſungen, nur um mich der Ver⸗ zweiflung zum Raube hinzugeben.“ „Sollte ſie denn das Singen aufgegeben haben?“ ver⸗ ſetzte er kalt. „Wer ſpricht davon!“ rief ich ärgerlich.„Solchen Tönen Schweigen gebieten wäre ja eine an der Menſch⸗ heit begangene Sünde geweſen.“ „Was wollen Sie denn aber eigentlich von ihr, daß ſie gethan, oder nicht gethan haben ſollte“, verſetzte er im⸗ mer noch mit dieſer eiskalten Ruhe, die mich ſo unwillig gegen ihn machte, daß ich auf den Boden ſtampfend zor⸗ nig ausrief:„Was ich von ihr will!— Ins Teufels Namen, Vogt, wie können Sie ſo dumm fragen. Was ich von ihr will? Nichts will ich von ihr.“ „Das kann Sie doch aber nicht ſo böſe machen“, ſagte er mit halb ironiſchem Lächeln. 124⁴ „Ich möchte Den ſehen, den das nicht böſe machte, ſo hintergangen worden zu ſein. O, das iſt ſchmälig!“ „So hat ſie ein falſches Spiel mit Ihnen geſpielt?“ „Falſch, ja, falſch!— wenn das Wort die Sache hin⸗ reichend bezeichnet. Ein hölliſches Spiel hat ſie mit mir geſpielt;— aber ſpielen iſt auch wieder nicht das rechte Wort dafür. Betrogen hat ſie mich, betrogen, wie noch tein Mann betrogen worden iſt.“ „Hm! das iſt arg; denn gewöhnlich rühmen ſich die Weiber die einzig Betrogenen zu ſein. Aber wie kam es, daß ſie ſo durchaus blind in die Falle gingen?“ „Falle! Das iſt es ja eben; es war gar keine Falle da. Und wie konnte ich anders wie blind ſein, wo gar nichts zu ſehen war!“ „Welches Fehlers beſchuldigen Sie ſie denn eigentlich?“ „Daß ſie verheirathet iſt.“ „Nun, nun! Der Fehler iſt doch eben ſehr groß nicht.“ „Er iſt unverbeſſerlich, iſt zum werden. Ich ſage Ihnen, Vogt, ich ertrage es nicht.“ „Daß ein Mädchen ſich verheirathet hat; nun, ſo etwas geſchieht doch alle Tage.“ „Als ob ich mich darum kümmerte, ob Mädchen ſich verheirathen. Was geht es mich an. Was geht mich überhaupt die ganze Welt an!“ „Weshalb ſind Sie denn aber ſo böſe, ruß ſie ver⸗ heirathet iſt. Hat ſie etwa keine gute Wahl getroffen?“ „Wie dumm Sie ſind, Menſch! Was kümmere ich nich kann h achte, ſo 9. ielt?“ ache hin⸗ mit mir as rechte wie nch ſich die fam es, ne Fulle „wWo gar gentlch!“ ſehr gw en. 3 mn, ſo dchen ſich ht nich ſie vel⸗ rofen?“ mere ic mich um ihre Wahl, ſobald ſie mich nicht mehr wählen kann.“ „Ach! Nun verſtehe ich. Sie wollten ſie ſelbſt hei⸗ rathen?“ „Nun freilich wolte ich das; freilich! Fällt Ihnen das denn jetzt erſt ein?“ „Natürlich! Denn wie konnte ich darauf verfallen, daß Sie dem armen Weſen böſe ſind, weil ſie einen Andern zum Gatten gewählt, ehe ſie wußte, daß Sie in der Welt waren.“ „Ich bin ihr ja nicht böſe. Wie könnte ich ihr des⸗ halb böſe ſein?“ „Nun, wem ſind Sie denn eigentlich böſe?“ „Der ganzen Welt, ſage ich Ihnen. Der ganzen Welt! Und Ihnen nicht minder als Allen. 4 „Warum denn aber mir?— Eben des Gegenſatzes paer weil ich unverheirathet bin?“ „Sie brauchen meiner nicht zu ſpotten, Vogt.— Sie re nicht erwarten, daß ich im erſten Augenblicke der Aufregung eine Sache, die mir ſo tief zu Herzen geht, mit lächelndem Munde behandeln ſoll. Ich fühle mich innerlich tief gekränkt und beleidigt, ohne daß ich mir das Warum recht klar machen kann. Mir iſt zu Muthe, als wäre mir ein großes Unrecht geſchehen, als hätte ich mich bitter zu beklagen, und eine Art Mitleid mit mir ſelbſt will mich dabei beſchleichen. Sagen Sie mir, wie kommt das Alles!— Bei dem Chaos in meinem Kopf und Her⸗ zen ſchwimmen Menſchen und Gegenſtände wie in einen Nebel gehüllt vor meinen Augen.— Sie ſind ja mein Freund; ſo beweiſen Sie ſich jetzt als ſolcher, indem Sie mich mit mir ſelbſt zu verſtändigen ſuchen.“ „Sie kommen eben von ihr zurück?“ „Ich komme von ihr zurück, ob eben, ob vor einer Cwigkeit, das kann ich nicht ſagen; denn die Zeit hat ſich wie ein Lebensfaden vor mir ausgeſponnen.“ „Was hat ſie Ihnen geſagt?“ „Nichts als das unglückliche Wort.“ „Und keine weitere Erklärung gegeben?— Die Ver⸗ heimlichung dieſer Ehe nicht gerechtfertigt?“ „Ich habe dies weder gefordert, noch darauf gewartet, ja ihr nicht einmal Zeit gelaſſen ein erklärendes Wort hin⸗ zufügen zu können.— Denn was hätte es genutzt?— Ein ſolcher Betrug iſt keiner Beſchönigung fähig.“ „Doch, doch! Sie ſind hier zu hart.“ „Und wie wäre das möglich?“ „Die Unwürdigkeit des Gatten kann ein ſolches Ver⸗ ſteckenſpielen heiſchen.“ „Sie meinen alſo, daß ſie ihn nicht liebt?“ fragte ich wie von einem Blitz erleuchtet. „Liebt?— Sie wird froh ſein, wenn ſie dem Haſſe gebieten kann fern von ihr zu bleiben.“ „Sie wiſſen das, lieber, einziger Vogt! Sie wiſſen, daß ſie ihn haßt? O, ſagen Sie mir, daß Sie es wiſſen!“ „Ich weiß, daß ſie ſich bemüht, ihn nicht zu haſſen“, verſetzte er ernſt und beſtimmt und trat an das Fenſter und ſchaute gedankenvoll in die dunkle Weite. ſtun ruſ mu au ka m zl n ja mein dem Sie vor einer it hat ſich Die Ver⸗ gewartet, ort hin⸗ mtzt?— ches Ve⸗ fragte ich en Haſe i wiſſen, piſen!“ haſſen“ Fenſter Auch ich blieb einige Minuten im Sinnen verloren ſtumm. Seine letzte Aeußerung hatte mich ſeltſam über⸗ raſcht.— Ein Licht war mir dadurch aufgegangen. Er mußte ſie und ihre Vergangenheit kennen. Es war jedoch augenſcheinlich, daß ihm an keiner Erneuerung der Be⸗ kanntſchaft lag, deshalb neulich ſeine ſchleunige Entfer⸗ nung aus der Geſellſchaft, deshalb ſeine Weigerung, mich zu ihr zu begleiten.— Ob er mir wol die Gründe hierzu mittheilen würde, war ich begierig; doch wollte ich nicht fragen, wollte Alles ſeinem eigenen Erachten überlaſſen. Ich erwartete daher ſchweigend, was er thun würde. Nach einiger Zeit wandte er ſich um und zu mir.„Da die Sache ſoweit gediehen“ hub er an,„ſo glaube ich keine Indiscretion zu begehen, wenn ich Ihnen mittheile, was mir über die frühern Schickſale dieſer Frau bekannt iſt.— Daß ich ihr nicht fremd bin, werden Sie ohnehin, meinen letzten Worten nach, ſchon ahnen. Jedenfalls iſt ſie Ihnen eine Erklärung ſchuldig, und würde Ihnen die⸗ ſelbe auch, nachdem ſie die bedeutſamen Worte geſprochen, hinzugefügt haben, hätten Sie ihr die Zeit dazu gegönnt. Ohne Zweifel aber wäre ihr dieſe Mittheilung peinlich geweſen, und ſie wird es mir Dank wiſſen, wenn ich ſie dieſes Geſchäfts enthebe. Morgen alſo, wenn der Schlaf Sie beruhigt, ſollen Sie Alles hören.“ Vogt hielt ſein Verſprechen. Sowie am nächſten Tage meine nothwendigſten Krankenbeſuche abgeſtattet waren, ſuchte ich ihn auf und bat ihn, mich auf mein Zimmer zu begleiten. Hier rückten wir uns Beide einen Sitz 128 an das Fenſter, zündeten eine Cigarre an, worauf er begann: „Es ſind jetzt ungefähr ſechs Jahre, als ich mit Lady Megmerillis, auf einer Reiſe nach Paris, einige Monate in Boulogne zubrachte. Sie kennen den Ort. Er bietet wenig Annehmlichkeiten, und hat daneben die ſchlechteſte Geſellſchaft aufzuweiſen, die England auszuſpeien vermag. Lady Megmerillis vermied daher jede Art von öffentlichen Vergnügungen, aus Furcht vor einer Berührung mit die⸗ ſen soi-disant«fashionables*, denen die innere Gemein⸗ heit aus jedem Faltenwurfe ſchien, und zog es überhaupt vor, ganz zurückgezogen zu leben, und das Seebad und eine Spazierfahrt als einzige Unterhaltung zu fordern. Natürlich wurde ich in gewiſſem Sinne Theilnehmer die⸗ ſer Abgeſchloſſenheit, indem ich ihr ja nicht die Sorge für den Knaben aufbürden konnte, und mit dieſem an meiner Seite eine Kette mit mir umhertrug, die mich, wo ich auch war, von jedem freien Verkehr mit andern Menſchen abhielt. Die Tage verſtrichen daher in einem grauſamen Einerlei, dem ich nicht einmal die Würze einer guten Lec— ture geben konnte, indem die dortigen Bibliotheken wenig aufzuweiſen haben, das über einen alltäglichen Roman hinausgeht, und mit dieſen war die Oede in mir nicht auszufüllen. Gegen Abend beſuchten wir gewöhnlich den Jetée, wo alle Welt Seeluft zu athmen kam; und wer eines Sitzes habhaft ward, leſend, gaffend, oder in Gedanken ver⸗ graben, ſeiner Geſundheit hier ein Uebriges zugute that.“ „Zufällig traf ich hier mit einem Univerſitätscollegen zuſm nen hier, gen nick nit dan ich trä Nu gehi ben die wi de N do worauf er hmit Ladh ge Monate Er bietet ſchlechteſte n verng. öfentlichen 9 nit die⸗ Gemein⸗ überhaupt ecbad und u fordern. ehmer die⸗ Sorge füt an meiner , wo ich Menſchen rauſamen guten Lec⸗ fen wenig n Roman nir nicht hnlih den ver eines nken ver⸗ te that“ gcollegen zuſammen, von dem ich freilich nichts weiter als den Na⸗ men und ſeine ungariſche Abkunft kaunte, den ich aber hier, wo ſelbſt das ſchon ein Anklang war, der Erinnerun⸗ gen heraufbeſchwor und Erlebtes in mir zurückrief, das mich mir ſelbſt in einem fremdgewordenen Bilde darſtellte, mit der Herzlichkeit alter Freundſchaft begrüßte. Spät dann, wenn mein Zögling zur Ruhe gegangen, wanderte ich mit dieſem auf den Höhen der Falaiſe umher, und träumte mich in die Vergangenheit zurück während er mir Namen nannte und Begebenheiten vortrug, die in dieſelbe gehörten. Dieſe Sommernächte am Ufer des Meeres ha⸗ ben einen großen Reiz. Nach der augenblicklichen Kälte, die ſich bei Untergang der Sonne einſtellt, folgt ſpäter wieder eine mildere Luft, in der es ſich behaglich wan⸗ dert; die See, tief zu unſern Füßen, klang mit eintönigem Murmeln an unſer Ohr, und die Eſſe des Dampfbootes, das ſich zur Abfahrt rüſtete, ſandte heulend ihre weißen, lichten Dampfmaſſen empor, die wie Schaum auf die dü⸗ ſtere Waſſerfläche hinſtrichen. Kam dann der Mond her⸗ vor und zeigte uns unſere Höhe, während er mit ſilber⸗ hellem Strahle tief unten auf den Fluten flickerte, ſo ver⸗ lieh er der Landſchaft einen ſo magiſchen Reiz, daß ich oft in Bewunderung verſunken meine Schritte anhielt, um einige Minuten lang ununterbrochen in dieſem Anblick zu ruhen.“ „Mein Begleiter theilte dieſe Empfindungen nicht. Er war eine durchaus praktiſche Menſchennatur, in die ſich auch kein Fünkchen Poeſie verirrt hatte, für ihn war alſo 6 9 eine bloße Anſchauung nichts, und nur der Begriff oder die That ein Wünſchenwerthes, worin er Genuß fand. Er war Arzt, und hielt ſich in dieſem Seebade auf, um ſich eine Poſition zu machen, eine Abſicht, die er ſo feſt im Auge hielt, daß alle ſeine Schritte und jede Handlung ſeines Tages ſich einzig darauf bezog. Sein Aeußeres kam ihm hierbei zu ſtatten, ſowie auch ſein Anſpruch auf den Namen eines Ungarn, was ihn mit einem gewiſſen romantiſchen Schein umgab, mit dem man dies den weſt⸗ lichen Nationen ziemlich unbekannte Volk hier ſchmückte. Doch bezweifle ich, ob er ein gegründetes Anrecht darauf hatte. Seine Name wenigſtens— er nannte ſich Stück— deutete eher einen deutſchen Urſprung an;— ein Magyar konnte er damit keinenfalls ſein.— Haar und Auge wa⸗ ren freilich dunkel, und wieſen auf aſiatiſchen Urſprung hin; dafür aber deutete ſein krauſes ſchwarzes Haar, und die kurze hochgekrümmte Naſe wieder den Juden an, den er auch ſonſt in ſeiner ungemeinen Selbſtgefälligkeit und in ſeiner Vorliebe für den Schein und den Namen der Dinge auf das unzweideutigſte perſonificirte.— Natür⸗ lich aber erlaubte ich mir nie eine Frage, oder auch nur eine Anſpielung über dieſen Gegenſtand; denn was galt es mich an, welchem Glauben er angehöre, welchem Volke er entſproſſen, ſobald er ein guter Menſch und Bürger war. Auch ſuchte ich ja weiter nichts in ihm als eine flüchtige Badebekanntſchaft, und bin überhaupt kein Freund davon, Andere zu einem Geſtändniß Deſſen zu zwingen, was ſie verbergen wollen, oder ſie mit Fragen der Neu⸗ Aus geht fäh len ſch griff oder uß fand. auf, um er ſo feſt Hawlung Aeußeres pruch auf ngewiſſen den weſt⸗ ſchmücke. ht darauf Stück— Maghat Auge wa⸗ Urſprung Haar, und nan, den igleit und amen det — JNatür⸗ auch nur was gult hen Lolke d Bürger gls eine in Freund wingen⸗ der Nel⸗ 13¹ gierde zu beläſtigen.— Kann ich doch ſelbſt kein ſolches Ausforſchen leiden!— Noch habe ich je zu den Leuten gehört, die auf der Landſtraße dem erſten beſten Reiſege⸗ fährten ihre ganzen Liebes⸗ und Leidensgeſchichten mitthei⸗ len, ein Vertrauen, das mir ſo unbedacht als voreilig ſcheint, und mit dem wir Deutſchen hoch begabt ſind.“ „Der kleine Wechſel, der durch dies Begegnen mit Doctor Stück in mein Leben gebracht worden war, wirkte erheiternd auf mich ein und körperlich und geiſtig fühlte ich mich dadurch gefördert.— Außerdem hatte ich nun noch wenige Tage darauf das Vergnügen, von der An⸗ kunft einer engliſchen Dame zu hören, der ich früher einigen deutſchen Unterricht ertheilt und die mir ſehr ge⸗ wogen war. Ich eilte, ſobald ich konnte, meine Karte bei ihr abzugeben, und erhielt ſogleich eine Einladung am nächſten Abend en famille Thee bei ihr zu trinken. Die ſpäte Stunde, die die Engländer überall dieſem Mahle beſtimmen, erlaubte mir hiervon Gebrauch zu machen, und herzlich froh, mich einmal wieder in einen Familienkreis verſetzt zu ſehen, wo ich die Würde und Zurückhaltung des Lehrerſtandes abwerfen konnte, machte ich mich mit pünktlicher Ungeduld auf den Weg.“ „Ich hatte nicht weit zu gehen. Boulogne iſt nur ein kleines Städtchen und für Den, der ſeit Jahren zwi⸗ ſchen London und Paris geſchwebt hat, wird jeder Ort, deſſen Häuſerzahl er mit dem Auge überſchauen kann, zu einem unbeſchreiblichen Oertchen. Doch lag zwiſchen mei⸗ 9* 132 ner Wohnung und der meiner Freundin die ganze Aus⸗ dehnung der Stadt. Lady Megmerillis wohnte in der Haute⸗Ville, der alten Feſtung, in deren kleiner Winkel⸗ ſtraße Le Sage ſeinen Gil Blas⸗ ſchrieb;— das Ziel mei⸗ ner Wanderung aber war in der Baſſe-Ville, dem Mee⸗ resufer gegenüber, wo die Häuſer freilich kleiner ſind, da⸗ für aber dem der Seeluft Bedürftigen von früh bis ſpät am offenen Fenſter dieſelbe zuwehen, und ihm daneben den Weg zum Bade, beſonders in der Mittagsſtunde, wo man hier hauptſächlich badet, ungemein erleichtern. Ich wunderte mich daher nicht, daß Bell Ge⸗ gend den Vorzug gegeben.“ „Bei meiner Ankunft fand ich ſie allein im Zimmer. Sie lag auf dem Sopha und bat mich, ſie zu entſchuldi⸗ gen, daß ſie nicht aufſtehe; ſie fühle ſich noch ſo angegrif⸗ fen von der Reiſe, daß ihr die Ruhe bedürftig ſei. Sie ſah blaß und krank aus, und hatte ſehr abgenommen, ſeit ich ſie nicht geſehen. Ich nahm einen Stuhl, ſetzte mich neben ſie und fragte theilnehmend nach ihrem Ergehen und allen Begebniſſen, die in ihr Leben freudig oder leid⸗ voll eingegriffen. Sie ſprach ſehr angenehm und es war ſchon ein Vergnügen ihrer Silberſtimme zuzuhören; dabei war ihre Sprache belebt, ihr Vortrag geiſtreich und ihr Mienenſpiel, das durch ein Paar langgeſchnittene große blaue Augen erhellt wurde, vom angenehmſten Wechſel. Miſtreß Bell war Witwe, war kinderlos und beſaß ein hübſches Vermögen, das ſie zur Erziehung eines jungen Mädchens verwandte, welches ihr auf ſeltſame Weiſe zu⸗ em nze Aus⸗ te in der er WVinkel⸗ Jiel mei⸗ dem Mer⸗ ſind, da⸗ h bis ſpät n daneben ſunde, wo tern. Ich dieſer Ge⸗ n Zimmer. entſchuldi⸗ o angegi ſei Sie mnen ſit ſetzte mich n Eigehen oder leid⸗ nd es war zren; debei un iht un gue beſaß en es jungen Peiſ 133 gekommen war, und dem ſie jetzt mit einer Art abgötti⸗ ſcher Liebe anhing.“ „In dieſem Augenblicke trat Jeſſie in das Zimmer.“ (Bei Nennung dieſes Namens fuhr ich unwillkürlich empor und horchte von da an mit geſpannterem Intereſſe.) „Sie war eine liebliche Erſcheinung. Ihr dunkel⸗ braunes Haar fiel lockig auf ihren Nacken herab und ließ die hohe Stirn offen, auf der Wille und Muthwille ne⸗ beneinander thronten. Sie hatte ſich ſehr verändert, ſeit ich ſie nicht geſehen; und vortheilhaft verändert. In dem Alter ſind Monate oft von großem Gewichte, und bringen ein Ganzes hervor, in dem wir das Kind, das uns be⸗ kannt war, nicht wiederfinden. Sie zählte jetzt ſechszehn Jahre, ein Alter, das, meines Bedünkens, bei einem Mäd⸗ chen das reizendſte iſt. Ihre zierliche Geſtalt war voll und gerundet, ſie bewegte ſich mit Grazie und hatte da⸗ bei, wenn ſie wollte, ein ſo gewinnendes Lächeln, das ſie mit Grübchen und Perlenzähnen ſchmückte, wie mir es nie ſonſt vorgekommen iſt. Schön war ſie nicht zu nen⸗ nen; aber reizend mußte ſie ihr Feind finden.“ „Sie begrüßte mich wie einen alten Bekannten, ent⸗ ſchuldigte ihr Ausbleiben und den dadurch verſpäteten Thee, und lief zur Klingel, um zu ſchellen, damit man auch keine Minute länger damit zögere. Der Mutter Auge hing indeſſen an mir, um den Eindruck zu gewah⸗ ren, den ihr Liebling auf mich machte, und als ſie den Blick des Vergnügens und des Lächelns bemerkte, mit dem ich den Bewegungen der kleinen Ungeſtümn folgte, 134⁴ lächelte auch ſie vergnügt, wie im Triumphe eines auch hier erreichten Sieges. Ich kannte ihre Eitelkeit und ihre Schwäche in dieſem Bezug und verſtand ihr Mienenſpiel vollkommen.“ „Der Abend verſtrich unter angenehmem Geplauder, in das Fräulein Jeſſie mitunter ihre muthwilligen Scherze und ausgelaſſenen Einfälle ſtreute, die ſie dann mit jenem vollen heitern Gelächter der Jugend begleitete, in das wir, wir mochten wollen oder nicht, einſtimmen mußten.— Sie war ein völliges Naturkind; oder, wenn man will, auch das Gegentheil. Miſtreß Bell war in ihrer Ehe nicht glücklich geweſen und philoſophirte daher gern über die Rechte und Stellung der Frauen. Sie war der Meinung, daß die Etziehung Alles an ihnen verderbe, daß man ihnen von Kind auf die Unterwerfung unter den Willen Anderer lehre, und ihnen dabei immer nur die eine Aufgabe ihrem Herrn, dem Manne, zu gefallen ſtelle. Ihr Lieblingsthema war daher zu ſpeculiren, wie hierin eine Veränderung hervorgebracht werden könne. Daß die Frau ſich unabhängig von der Meinung der Geſellſchaft und des Herkömmlichen zu machen habe, ſchien hierzu die erſte nothwendige Bedingung. Nur wenn ihr das(on dit? der Welt gleichgültig war, konnte ſie dem Herrn der Schöpfung die Stirn bieten und ihm dreiſt erwidern: daß ſie in ihm keine Rechte anerkenne, die ſie nicht auch für ſich in Anſpruch nähme.“ „Von dieſen Ideen erfüllt, war es ihr Beſtreben ge⸗ weſen, ihrer Pflegetochter den Muth der Unabhängigkeit u in, and eigi Fr w ga eines auch it und ihre Mienenſpiel Geplauder, gen Schere mit jenem e, in das mußten.— man will, ihrer Che gern über wat der n verderbe, g untet den er nur die llen ſtell. wie hierin Daß die Geſellſhaft hierzu die r das(On Henn det ihent duß tauch fir ſreben g⸗ hängiglei zu geben. Sie erlaubte daher nie Jemand ihr zu gebie⸗ ten, hatte von Kindheit auf keinem Lehrer geſtattet eine andere Autorität ihr gegenüber zu behaupten, als die ihr eigener Wille ihm einräumte, und die Folge war: daß Fräulein Jeſſie in keinem Fache gründliche Kenntniſſe er⸗ warb. Sie beſaß große Talente und ſchnelle Auffaſſungs⸗ gabe, und wurde dadurch befähigt, hier und dort ein Körn⸗ chen aufzuleſen; dabei blieb es aber. Der Reiz der Neu⸗ heit konnte ſie ein Studium beginnen laſſen; aber der Eifer von ein paar Wochen war hinreichend, ſie abzuküh⸗ ken und ſie zu einem neuen Gegenſtand übergehen zu laſ⸗ ſen. Daneben ſtand ihr jede Lecture zu Gebote, die ih⸗ rem Gaumen zuſagen wollte, und kein Wunder alſo, daß ſie ſich mit den trivialſten Romanen, die ihre Sprache lie⸗ ferte, die Zeit vertrieb und ſpäter, als ſie im Franzöſi⸗ ſchen genug vorgeſchritten war, um ein Buch leſen zu können, Dumas, Sand und Sue auf das begierigſte verſchlang. Welch einen Wirwarr eine ſolche Lecture in einem ſo jungen Kopfe, der ohnehin zu Ertremen geneigt war, hervorbringen mußte, können Sie ſich leicht vorſtel⸗ len und ich pflegte oftmals, mein ſinnendes Auge auf ſie gerichtet, zu ſpeculiren, welch einen Lebensgang ein Mäd⸗ chen nach einer ſolchen Vorſchule einſchlagen würde.“ „Wenige Tage darauf ſah Doctor Stück mich in Be⸗ gleitung beider Damen am Ufer des Meeres.— Als er am nämlichen Abende zu mir kam, um mich zu einem Spaziergange abzuholen, erkundigte er ſich neugierig nach deren Namen, und da er erfuhr, daß ich in ihrem Hauſe 136 Zutritt hatte, bat er mich, ihn dort vorzuſtellen. Ich konnte ihm dieſe Bitte nicht gut ohne weitern Grund ab— ſchlagen und erwiderte daher, daß ich Miſtreß Bell um die Erlaubniß hierzu erſuchen würde, ein Verſprechen, das ich bei der erſten Gelegenheit ausführte. Sie willigte ſo⸗ gleich in mein Geſuch, und ſo machte es ſich denn, daß wenige Abende darauf Doctor Stück als Vierter ſeinen Platz an dem Theetiſche der Miſtreß Bell einnahm.“ „Jeſſie erwies ſich ungemein vergnügt über den neuen Gaſt. Sie hatte nie einen Ungarn geſehen und glaubte daher ein ganz anderes Weſen in einem ſolchen ſuchen zu müſſen, als was ihr bisher an Vielfältigkeit in der menſch⸗ lichen Geſtalt vorgekommen. Er präſentirte ſich ſehr gut, und ber es ſich in der Unterhaltung höchſt angenehm, in⸗ dem er ſchnjegſam in Alles einging, was die Damen in Anregung brachten. Der Abend verging Allen ſehr an⸗ genehm. Jeſſie ſang— ſie hatte eine ſchöne Stimme— und Doctor Stück begleitete oder ſang mit ihr. Miſtreß Bell wünſchte ſehr ihre Tochter zur Ausbildung ihres Ge⸗ ſanges anzufeuern, und dankte mir mehrmals für die Ein⸗ führung eines jungen Mannes, der ihren Wünſchen in dieſer Hinſicht förderlich ſein konnte.“ „Beim Fortgehen fragte ich Stück, wie ihm die Da⸗ men gefallen. Die Mutter ſehr gut, meinte er, die Toch⸗ ter weniger, an ihr ſei eigentlich nichts hübſch als die Stimme. Ich wunderte mich über ſeinen Geſchmack, konnte ihm aber keine vortheilhaftere Aeußerung in dieſem Punkte entreißen.“ len Ich Grund ab⸗ Bell um rechen, das wiligte ſo⸗ denn, daß rter ſeinen ahm.“ den neuen d glaubte ſuchen zu er menſch⸗ ſehr gut, enehn, in Damen in ſehr an⸗ Stimme— Miſtreß ihres Ge⸗ r die Ein⸗ ünſchen in n die Da⸗ di Loch⸗ als die c, konnte n Punie „Von jetzt an war er ſowol Gaſt in dem Hauſe wie ich, und ſo ereignete es ſich denn mitunter, daß wir dort zuſammentrafen, mitunter auch, daß er geſtern dort geweſen war, wenn ich heute kam, in welchen Fällen ich immer nur ſein Lob geſungen hörte. Allein ſah ich ihn jetzt weniger. Unſere Abendpromenaden waren durch un⸗ ſere Abendbeſuche unterbrochen, und traf es ſich noch hin und wieder, daß wir im Dämmerlichte über die Falaiſe hinſtreiften, ſo war ein Etwas in ſeiner Unterhaltung, das wie Argwohn oder Zurückhaltung ausſah, eine Art ſorg⸗ lichen Erwägens jedes Wortes und Ausdruckes von mei⸗ ner Seite, das mich oft befremdete und auch in meiner Seele etwas dem Argwohn Aehnliches heraufbeſchwor, das auch mich auf ihn mit wachſamem Auge blicken Khrte.— Da fiel es mir denn unter Anderm merkwür' ig auf, daß er dann und wann ſo eine leiſe Frage nach den nähern Verhältniſſen von Miſtreß Bell einfließen ließ, daß er wiſſen wollte, ob ſie Jeſſie zur Univerſalerbin eingeſetzt, ob ſie ein bloßes Witwengehalt oder ein unabhängiges Vermögen habe;— und meine Wachſamkeit einmal erregt, hütete ich mich wol ihm darüber Mittheilungen zu ma⸗ chen, die meines Bedünkens von keinem Intereſſe für ihn ſein konnten.“ „Da Miſtreß Bell kränklich war, konnte ſie ihre Tochter nicht überallhin begleiten, und da Jeſſie ihren Neigungen in keiner Art einen Zwang anthat; ſo war ſie zu allen Tageszeiten, entweder in Begleitung ihrer Kammerjungfer, oder auch allein, auf der Straße, oder am Strande zu 138 finden. War es nun Zufall oder nicht, genug Doctor Stück fand ſich hier ſtets ſehr bald an ihrer Seite, und ſo oft ich mit meinem Knaben des Weges kam, wo ſie waren, ſchlugen ſie ſtets eine andere Richtung ein, Beweis genug, daß ihnen an meinem Dazukommen nichts lag.“ „Mir wurde bei dieſer Sache nicht ganz gut zu Muthe. — Was wollte er von dem Mädchen, wozu wollte er ſie bereden, verleiten, das keinen Zeugen, keine Oeffentlichkeit duldete?“ „Mehrmals ſtand ich auf dem Punkte Miſtreß Bell zu warnen. Was aber konnte ich ſie vor einem Manne warnen, mit dem ich ſie ſelbſt berannt gemacht hatte, ohne mich im Grunde des Wortes zu compromittiren?“ „Vielleicht war es beſſer, ihn ſelbſt zu einem offenen Geſtändniß ſeiner Abſichten zu bringen.“ „Das erſte Mal, wo ich ihn allein traf, hielt ich ihm ſein Betragen vor. Er wich mir aus, ſprach von kindi⸗ ſchen Neckereien, von der Unmöglichkeit einem jungen Mäd⸗ chen gegenüber jedes Wort auf die Wage zu legen, und endete damit, mir nicht undeutlich zu verſtehen zu geben: daß ich eigentlich doch nur den Nebenbuhler in ihm be⸗ wache und fürchte.“ „Dieſe erniedrigende Anſpielung empörte mich auf das höchſte, und ich erklärte ihm: daß es mich tief beſchäme, einen Mann von ſo elender Denkungsart, mit dem Na⸗ men meines Freundes geehrt und als ſolchen bei mir wer⸗ then Menſchen eingeführt zu haben; ſogleich aber ſolle dies Misverſtändniß aufgeklärt, und Miſtreß Bell mit mei⸗ ug Doctor Seite, und m, wo ſie in, Beweis chts lag“ zu Muthe. volle er ſe efentlichteit iſtreß Bell m Manne atte, ohne n em offenen elt ich ihn von kind⸗ ngen Mid⸗ legen, und zu geben: in ihn be⸗ h uf ds f bechäme, den Na⸗ mir wer⸗ abet ſole l mit mei⸗ ner jetzigen Meinung von ſeinem Charakter und ſeiner Geſinnung bekannt gemacht werden. Damit wollte ich mich entfernen. Er aber hielt mich zurück und wandte die beſten Worte an, um mich zu begütigen, mich verſichernd, daß es ja nur des ausgeſprochenen Wunſches von meiner Seite bedürfe und er ziehe ſich von der Familie zurück, ſo— wie er ja überhaupt zu jedem Dienſt und jedem Opfer bereit ſei, nur um ſich meine Achtung und Freundſchaft zu erhalten.“ „Der elende Menſch!— Er ließ ſich zu dieſer erbärm⸗ lichen Kriecherei herab, erniedrigte ſich vor mir, der ihn ſchmähte, aus Furcht, daß meine Warnungen bei Miſtreß Bell Gehör finden und ſeine Plane hintertreiben möchten; während er andererſeits gewiß war, durch meine binnen kurzem erfolgende Abreiſe den läſtigen Mentor und Wäch⸗ ter in mir los zu werden.“ „Ich Kurzſichtiger! der ich ſein Spiel erſt durchſah, als es zu ſpät war.“ „Seit jener Unterhaltung kam er nur noch ſelten zu Miſtreß Bell, und ſeine Zuſammenkünfte oder Spazier⸗ gänge mit der Tochter ſchienen ganz aufgehört zu haben. Ich beruhigte mich demnach, und als der Tag meiner Ab⸗ reiſe herankam, nahm ich getroſten Herzens von Miſtreß Bell Abſchied, und ſagte auch Stück mit freundlichern Ge⸗ fühlen Lebewohl, wobei derſelbe in ſeinen Aufmerkſamkei⸗ ten und Freundſchaftsbezeugungen gegen mich kein Ende finden konnte, und erſt auf dem Bahnhofe und als der Wagen ſich hinter mir geſchloſſen hatte, ſeinen letzten Gruß winkte.“ 140 „Ohne Zweifel wünſchte er nur die ganze Beruhigung zu haben, meiner endlich und völlig los geworden zu ſein.“ „Mein Aufenthalt in Paris verzögerte ſich über meine Erwartung, und ſo kam es denn, daß ich erſt im Februar des folgenden Jahres wieder in Boulogne eintraf und dies⸗ mal, auf einer flüchtigen Durchreiſe begriffen, nur be⸗ ſtimmt war, mit Lady Megmerillis einen günſtigen Tag zur Ueberfahrt abzuwarten. Sogleich nach meiner An⸗ kunft ergriff ich die erſte freie Stunde, wo ich meines Zög⸗ lings los werden konnte, um zu Miſtreß Bell zu eilen, d. h. um wenigſtens in ihrem Quartiere nachzufragen, wohin ſie ihre Schritte gelenkt; denn daß ſie ihren Aufent⸗ halt in Boulogne bis jetzt verlängert haben würde, fiel mir zu denken gar nicht ein. Die Hauswirthin ſah mich bei Nennung des Namens befremdet an, und ließ mich ſtehen, um ihren Mann zu rufen. Dieſer bat mich, doch gefälligſt hereinzutreten, und nach all dieſem Zögern und all dieſen Umſtänden, von denen ich kein Wort begriff, ſah ſich das Paar noch immer verlegen an, und keiner wollte zuerſt das Wort nehmen.“ (Sie iſt alſo doch nicht mehr hier? fragte ich end⸗ lich, um der Sache doch wenigſtens auf eine Art ein Ende zu machen.“ „Sie warfen ſich abermals einen Blick zu, worauf der Mann endlich mit der Frage herauskam: ob ich ſeit lange keine Nachricht von Miſtreß Bell erhalten?“ „Ich correſpondirte nie mir ihr, hatte daher auch jetzt weder von ihr gehört, noch ihr geſchrieben.“ wiet rech hat ni hi ſa ſal L 6„ Beruhigung nju ſein.“ über meine im Februar af und dies⸗ n, nur be⸗ nſigen Tag meiner An⸗ teines Zög⸗ zu eilen, chzuftagen, en Aufent⸗ würde, fil n ſah mich ließ mich nich, doch ögetn und ort begrif, und keiner te ich em⸗ t ein Eyde woruf der ſeit lange auch jeßt 1¹1 (So wiſſen der Herr nicht', nahm jetzt die Frau wieder das Wort,„daß bald nach ſeiner Abreiſe die Dame recht krank geworden und ſich ſeitdem nie wieder erholt hat? „Es durchrieſelte mich ein kalter Schauer. Da ich nichts ſagte, fuhr ſie fort: Ach! es war recht traurig, ſie ſo von Tag zu Tag hinſchwinden zu ſehen, bis ſie endlich, wie ein kleines Licht, ſanft verloſch. Und dabei weinte ſie oft, recht oft, und ſah ſo traurig aus und war nie mehr froh. Die arme Dame! Sie hatte wol gar keine Angehörige? „Ich erwachte wie aus einem Traume bei dieſer Frage.“ „Und ihre Tochter, wo iſt ſie? Und wo blieb ſie bei dem Tode der Mutter?— Aber erſt, wann ſtarb Miſtreß Bell, ſeit wie lange iſt ſie nicht mehr?“ (Es ſind jetzt wol drei Monate', begann hier der Mann, eſeit wir ſie begraben. Der Herr Doctor Stück beſorgten Alles und nahmen dann die junge Dame mit hinweg, die wir ſeitdem nicht mehr geſehen!* „Großer Gott! rief ich aus und ſchlug die geballte Hand vor die Stirn, während eine furchtbare Ahnung mich wie ein Blitzſtrahl durchfuhr. Ich durchmaß das kleine Zimmer mit heftigen Schritten, und ſuchte durch dieſe Bewegung ſo weit meiner ſelbſt Meiſter zu werden, um mit zitternder Lippe die Worte ſtammeln zu können: (Wo wohnt der Doctor Stück jetzt?* „Man zeigte mir die Straße an, die er wenigſtens ſonſt bewohnt hatte und ich eilte mit Sturmſchritten da⸗ hin und trat unangemeldet bei ihm ein. Er fuhr bei mei⸗ nem Anblick heſtürzt von ſeinem Sitze empor, bemühte ſich jedoch ſogleich ſeine Faſſung wieder zu gewinnen und rief, mir ſeine Hand entgegenhaltend, mit affectirter Freude aus: (Sieh da! lieber Vogt, ſind Sie es wirklich?— Welche angenehme Ueberraſchung!* Das glaub ich Ihnen, rief ich ſpöttiſch aus und ſtieß die gebotene Hand unwillig zurück. Dann ergriff ich inſtinctmäßig einen Stuhl, um mich der Lehne als Stütze zu bedienen, als bedürfte ich es unter der furcht⸗ baren Gemüthserſchütterung, die an mir arbeitete, einen Halt zu haben.“ „Elender!» rief ich dann aus,„Sie haben die Mut⸗ ter ermordet, und die Tochter?— Was haben Sie mit der Tochter gethan?* „Er ſtand nach dieſen Worten geiſterbleich vor mir, Wuth bebte um ſeine Lippen, während ſein Auge mich vernichten zu wollen ſchien.“ (Sagen Sie das Wort nicht noch einmal, rief er mit einer Art heiſerm Röcheln; aoder Sie möchten es be⸗ reuen.» Haben Sie etwa ein anders Tränkchen für mich in Bereitſchaft, ſo ein Aqua Tofana, das ſtumm vernichtet? verſetzte ich mit höhnendem Tone.“ „Menſch! reizen Sie mich nicht?, rief er bebend und blickte, wie nach einer Waffe umher.„Wer berechtigt Sie, eine ſolche Sprache mit mir zu führen?“ (Die Todte.» 6 Je lan die ſth gen hie tſ vo w kö hr bei mei⸗ emühte ſich nund rief Freude aus: — Vllhe haus und ann ergrif Lehne als der furcht⸗ ete, einen die Mut⸗ n Sie mit or mir, Auge nich tief er nit n es be⸗ ir nich in ichtt?* hend und tigt Sie, 14¹3 „Die Todten ſtehen nicht auf, hohnlachte er Deshalb eben muß der Lebende für ſie reden.» „Welche Beweiſe haben Sie? Die ſicherſten— Ihren Charakter.» (Darauf gründet man keine ſolche Anklagev, ſpottete er. Ich kann Sie vor Gericht ſtellen und Sie deshalb be⸗ langen.» Thun Sie das», verſetzte ich kalt, und wir ziehen die Todte an das Licht hervor und laſſen ſie chemiſch zer⸗ ſetzen, damit der Welt bekannt werde, wie geſchickt Sie gemordet.“ (Sie machen mich raſend, Menſch. Ich könnte Sie hier auf der Stelle erdroſſeln, um Ihnen den verleumde⸗ riſchen Mund zu ſtopfen, und ich rathe Ihnen ernſtlich, von allen fernern Beleidigungen abzuſtehen, weil ich nicht weiß, wie lange ich meinem Zorne noch werde gebieten können.» Seien Sie ohne Sorgen, mein Herr Doctor», ſprach ich mit ſcharfer Betonung;« mit Worten iſt es hier nicht gethan. Nur durch Blut kann ſolches Verbrechen getilgt werden, und wer weiß, ob nicht dasjenige eines ehrlichen Mannes wird fließen müſſen, damit der Sünder ein freieres Spiel für fernere Thaten der Art gewinne. Unterbrechen Sie mich nicht; ich habe gleich geendet. Mor⸗ gen früh um ſechs Uhr erwarte ich Sie in dem Hölzchen hinter der Windmühle mit einem Secundanten; ich werde ſchon zur Stelle ſein. Wir ſchießen uns auf zehn Schritte. — Keine Einwendung! Fehlen Sie bei dem rendez-vous, ſo müſſen Sie vor dem weltlichen Richter erſcheinen. Dies mein letztes Wort!“ Damit wandte ich mich nach der Thür zu, die ich hinter mir ſchloß, während er zähneknirſchend in Verwünſchungen gegen mich ausbrach, von denen noch ein Theil mein Ohr erreichte.“ „Ich eilte nach Hauſe, um die nothwendigen Vorbe⸗ reitungen zu machen und, ſei der Ausgang wie er ſei, meine Rechnung mit dem Leben abgeſchloſſen zurückzulaſ⸗ ſen. Dies füllte den Abend und einen Theil der Nacht aus. Erſchöpft ſank ich endlich auf mein Lager, um durch eine Stunde Ruhe mich ſo weit zu erfriſchen, der meiner wartenden Aufgabe mit völliger Geiſtesruhe entſprechen zu können. Ein Zweikampf iſt in meinen Augen immer eine Sache geweſen, die mir großen Tadel zu verdienen ſchien; mit dem Leben läßt ſich keine beleidigte Ehre her⸗ ſtellen. Hier aber ſchien mir der Fall ein anderer zu ſein. Hier handelte es ſich um eine Schandthat, die ſo tief lag, ſo heimlich geſponnen war, daß der Verbrecher ſich mög⸗ licherweiſe vor dem Gerichte rein zu waſchen vermochte; hier blieb mir alſo nichts weiter übrig, als ſeine klein⸗ müthige Seele vor ein Gottesgericht zu ſtellen, das ihn, wie ich hoffte, von meiner Hand ereilen und für fernere Thaten unſchädlich machen ſollte;— denn ſo gering auch die äußern Beweiſe über ſein ſchwarzes Verbrechen vorla⸗ gen, ſo beſtimmt war in meinem Inneru die Ueberzeu⸗ gung, daß er es begangen, eingegraben, und mit dem ruhigen Muthe, den dieſe mir lieh, erwartete ich den kom⸗ menden Morgen und ſeine Entſcheidung.“ inen Dies ch der Thür neknirſchend denen noch igen Voch⸗ wie er ſei, zuricula der Nocht um durch der meiner entſprechen gen imer u verdienen Ehre her⸗ rer zu ſein ſo tief log, r ſich mög⸗ vermochte; ſeine kein das ih, für femere gurin auch chen vorla⸗ eberzeu⸗ nit den den kon⸗ 145 „Er kam.“ „Noch vor ſechs Uhr war ich an Ort und Stelle von einem Arzte und einem Engländer, der mir ſeinen Bei⸗ ſtand angeboten hatte, begleitet. Die anberaumte Stunde ſchlug;— Stück aber erſchien noch immer nicht. Der Morgen war kalt. Der Himmel umwölkt. Wir wan— derten auf und ab, um uns des Fröſtelns zu erwehren. Der Engländer machte ſeine Bemerkungen über die Saum⸗ ſeligkeit meines Duellanten, und machte mir ſcherzend den Vorſchlag uns einſtwellen ein gutes Frühſtück aus der Stadt herbeſorgen zu laſſen;— ich hörte ihm zu, konnte jedoch in den Ton nicht einſtimmen, der dem Ernſt meines Vorhabens zu fern lag, und ließ meinen Blick gedanken⸗ voll auf dem Wege ruhen, der meinen Widerſacher her⸗ führen mußte. Endlich, als es nahe auf ſieben ging, wurden zwei Geſtalten in der Ferne ſichtbar, die wir bei dem Herannahen für die Erwarteten erkannten. Stück ſah erſchöpft aus, wie nach einer durchwachten Nacht, und entſchuldigte ſeine Verſpätung mit einem Krankenbe⸗ ſuche, der ihn verhindert, die nothwendigen Vorbereitun⸗ gen zu rechter Zeit zu treffen. Ich traute dieſen Ausre⸗ den nicht viel; ich wußte aus Erfahrung, wie wenig ihm unter allen Umſtänden die Wahrheit galt, und daß er es für einen Beweis der Dummheit hielt, nicht zur geeigne⸗ ten Zeit mit einer Nothlüge bei der Hand zu ſein.“ „Die Secundanten prüften die Waffen und maßen den Raum. Stück's Begleiter wollte von zehn Schritten durch— aus nichts hören und nannte einen ſolchen Vorſchlag einen 10 146 wahren Mordanſchlag. Der Engländer ſah die Sache nicht ſo an, gab indeß den Vorſtellungen des Andern Ge⸗ hör und ſo wurden wir denn auf zwanzig Schritte ange⸗ wieſen.“ „Wir ſchoſſen zugleich.— Stück zitterte heftig, wes⸗ halb ſein Secundant noch eine Minute Aufſchub for⸗ derte, ſeine Schwäche auf ſeine durchwachte Nacht ſchie— bend. Endlich erfolgte das Zeichen. Ich ſtreckte die Hand aus, zielte gerade und feſt, und Dampf verhüllte mir den Reſt.— In der nächſten Minute aber gewahrte ich, daß der Schuß nur mein Ohr geſtreift hatte, während Stück wie leblos am Boden lag. Der Arzt war um ihn be⸗ ſchäftigt. Die Kugel war durch die Schulter gefahren.— Man beſchloß ihn in die nahe gelegene kleine Pachter⸗ wohnung zu tragen und dort zu verbinden. Ich ging in⸗ deſſen in die Stadt zurück, um mich zu Hauſe ſehen zu laſſen und bei den Vorbereitungen auf unſere auf den Abend anberaumte Abreiſe behülflich zu ſein. Sowie ich in das Haus trat, kam mir der Diener ſchon auf dem Flur mit der Nachricht entgegen, daß Lady Megmerillis mich vor ſich beſcheide. Sie war noch nicht angekleidet, trug einen weißen Ueberwurf und ein Morgenhäubchen, und ließ ſich eben auf einem kleinen Theebrete ihr Früh— ſtück reichen, das ſie ſtets allein einnimmt.“ „Welch ein Anblick muß das geweſen ſein!“ platzte ich hier heraus, und brach bei dem Gedanken, Lady Meg⸗ merillis in Weiß zu ſehen, in ein helles Gelächter aus. „Nicht ſo ſchlimm als Sie denken“, verſetzte Vogt. „6 fült leit ſich die wi Ten ſter als Gl ſag die Sach Andern Ge⸗ hritte ange⸗ ſſchuh for⸗ Nacht ſchie ite die Hand lie mit den rte ich daß rend Stück m ihn he⸗ gfuhren.— ne Pacht⸗ ſch ging in⸗ ſſe ſehen u re auf den Sowie ich n auf den Negmuili angelleidet, ehüutchn, te ihr rih⸗ “ plzt Lady Meg⸗ htet aus. ſetzte Voh 147 „Große Geſtalten nehmen ſich ſtets am beſten in weiten faltenreichen Gewändern aus, und einen dunkeln Teint kleidet Weiß gemeiniglich am beſten.“ „Aber das Mützchen!— Ha ha ha!— ſich eine Mütze auf dieſem Kopfe aus?“ „Ja freilich die Mütze!“ lächelte Vogt;„zu Gunſten dieſer kann ich nicht viel vorbringen. Sie ſah allerdings wie ein Irrthum auf einem Kirchthurme aus. revenons à nos moutons.“ „Lady Megmerillis empfing mich ſehr ernſt und mu⸗ ſterte mich vom Kopfe bis zur Zehe mit achtſamen Blicken, als ſei ſie der Meinung, daß es mir irgendwo an einem Gliede fehle.„Sie ſind heute ſehr früh ausgegangen», ſagte ſie dann in ihrer gewöhnlichen apathiſchen Weiſe.“ Ein nothwendiges Geſchäft rief mich aus dem Hauſe», ſagte ich gleichgültig.“ (Darf man wiſſen wohin? fuhr ſie in demſelben Tone fort. (Vor die Thore der Stadt.» (Und zu welchem Zwecke?» (Den zu nennen bin ich nicht berechtigt, Mylady.» (Auch mir nicht?* Wie nahm Mais, * „Auch Ihnen nicht, ſo leid mir it auch thut.» Hm „Es entſtand eine Pauſe, während welcher ſie ſinnend vor ſich hinblickte.“ Was fehlt Ihrem Ohre?» fragte ſie dann gleichſam 10* 148 zu einem andern Gegenſtande übergehend; aber ich merkte die Lunte.“ Ich habe mich geritzt.» (Hm! dafür iſt es ſehr ſorgfältig verbunden.» „Jetzt entſtand eine zweite Pauſe.“ Die Stadt ſagt, Sie hätten ſich eines Liebeshandels halber duellirt?, ſprach ſie endlich bedächtig und hob das Auge langſam zu mir empor, um es auf meinem Geſichte ruhen zu laſſen.“ „Ich fühlte alles Blut in meine Wangen fahren. „Wie kann die Stadt ſolchen Unſinn ſchwatzen!» rief ich unwillig aus. Als ob ich einer ſolchen Thorheit halber mein Leben und das eines Andern auf das Spiel ſetzen würde!“ (Und welcher Thorheit halber haben Sie es denn ge⸗ than*, flüſterte ſie mit dieſer halben Betonung der Worte zurück, die Sie an ihr kennen.“ Keiner Thorheit wegen, Mylady. Es war eine ernſte, heilige Pflicht, die mir gebot, eine Strafe zu vollziehen.» „Und wenn Sie dieſelbe nun an ſich vollzogen hätten, was wäre dann aus dieſer Pflicht geworden?* (Das mußte ich dem Schickſal anheim ſtellen. All⸗ mächtig bin ich nicht.» (Und eben weil Sie das nicht ſind, ſollten Sie Ihre Thaten, und in wieweit dieſelben in Ihrer Macht bleiben, ſorgfältig erwägen. Geſchehenes iſt nun übrigens nicht zu ändern. Mir thut die Sache aber ſehr leid! Denn ſie hat ſich ausgeſprochen, mein Sohn hat davon gehört, er ſieht die Wunde an ihrem Ohre, und würde vielleicht eine ich merkte Nh.* jebeshandels ind hob das nem Geſchte ſen fahren. u rief ich halber min zen würde es denn ge g der Vore reine emnſt, volhiehen ogen hätten ſellen. A⸗ b en Ei Ihre brih „enn ſe d Denn n gehört, ielleicht ein ens nich 1¹9 ritterliche That darin bewundern, die er, wenn er her⸗ angewachſen, nachzuahmen berufen wäre;— denn ſolche Eindrücke wirken mehr in der Jugend, als alle unſere Moralpredigten— hätte ich ihn nicht ſogleich zu mir ge⸗ rufen, und ihm bemerkbar gemacht: daß ich ihn nicht fer⸗ ner den Händen eines Mannes anvertrauen könne, dem ſein Leben und das Anderer nicht heilig ſei. Er möge ſich daher vorbereiten, Sie in wenigen Monaten ſcheiden zu ſehen. Sie wiſſen, wie ſehr er an Ihnen hängt. Er ſitzt jetzt in ſeinem Zimmer und weint.— Doch können Sie mir als Mutter dieſen Schritt nicht verargen, den die Pflicht gegen mein Kind von mir heiſchte, und den ich uur mit großem Bedauern that.— Ihre Handlungsweiſe mag durch Umſtände bedingt geweſen ſein, die ich nicht kenne; ich kann ſie daher entſchuldigen, und werde deshalb nicht weniger gut von Ihnen denken, wie Ihnen die Zu— kunft beweiſen mag.— Wir Alle ſind mehr oder minder Kinder der Umſtände!— Sie ſehen erſchöpft aus. Laſſen Sie Ihr Frühſtück kommen und ruhen Sie ein paar Stun⸗ den; für den Knaben ſorge ich mittlerweile.» „Ich konnte ihr keine Sylbe erwidern. Was ſie mir ſagte, war vollkommen gerecht; und doch ſchmerzte es mich. Sie mochte das auf meinem Geſichte leſen.— Sie bot mir ihre Hand, und ſagte weicher:« Leben Sie wohl, für jetzt! Beim Mittagseſſen hoffe ich Sie durch den Schlaf erquickt zu ſehen.» „Ich empfahl mich, eilte in mein Zimmer, ſchloß die Thür hinter mir und warf mich auf mein Bett, wo die — —— Erſchöpfung die verwirrten Gedanken bald zur Ruhe wiegte. Als ich die Augen wieder öffnete, war der Tag weit vor⸗ gerückt. Ich wollte eben mein Zimmer verlaſſen, als mir der Diener mit der Botſchaft entgegentrat: daß Lady Meg⸗ merillis bereits abgeſpeiſt, um mich aber nicht zu ſtören, befohlen habe, für mich eigens anzurichten. Ich ließ ihr meinen Dank entrichten, ſetzte mich dann zu Tiſche, und eilte, nach einem haſtigen Mahle, einige nothwendige Be⸗ ſorgungen auszurichten und dann meine Koffer zu packen. Nachdem ich mit Allem ſoweit fertig war, um nur das Schiff beſteigen zu können, übergab ich dem Diener meine Sachen und bat Lady Megmerillis, mich am Ufer des Fluſſes zu erwarten, wo ich zur beſtimmten Stunde ein⸗ treffen würde, weil ich noch zuvor einen Krankenbeſuch abzuſtatten habe. Sie verſtand mich und geſtand meine Bitte gern zu.“ „Ich hatte drei Viertelſtunden bis zu jener Pachterwoh⸗ nung zurückzulegen, und meine Zeit war gemeſſen. Meine Schritte glichen daher einem beflügelten Laufe. Es däm⸗ merte jedoch ſchon, als ich dort anlangte, wenigſtens däm⸗ merte es in der kleinen, von hohen Bäumen überſchatte⸗ ten Wohnung in der der Verwundete Aufnahme gefunden. Auf meine Nachfrage hieß es: er ſei in einen ſanften Schlummer geſunken, und keine augenblickliche Gefahr vor⸗ handen. Auf den Fußſpitzen ſchlich ich jetzt an die Thüre, die nur angelehnt war und trat leiſe zu ihm ein. Im Zimmer herrſchte ein völliges Halbdunkel. Die Vorhänge waren geſchloſſen, und ein ſpärliches Talglicht, hinter einem 05) ße ſlü ob uhe wiegt. gweit vor⸗ en, als mir V Meg⸗ t zu ſtören, Ich ließ ihr Tiſche, und wendige Be⸗ zu packen. m nur das enet meine ſtand meine achtewoh⸗ ſen. Meine Es dim⸗ gſtens däm⸗ überſchatte⸗ e gefunden⸗ nen ſunften Hefahr vor⸗ ie Thůre ein. In Vorhänge nter einen 151 Schirme verſteckt, die einzige hier herrſchende Helle. Es bedurfte daher einiger Zeit, ehe mein Auge die Gegen⸗ ſtände unterſcheiden konnte. Das Bett war von Vorhän⸗ gen umhüllt. Ich trat näher, um den Kranken zu ſehen. Da bemerkte ich, zu dem Haupte deſſelben eine weibliche Geſtalt knien. Das ſchwache Geräuſch, das meine Schritte verurſacht, erregte ihre Aufmerkſamkeit; ſie blickte auf.— So wie ſie meiner anſichtig ward, war ſie auf ihren Fü⸗ ßen und mich mit einer drohenden Bewegung fortwinkend, flüſterte ſie:(Was wollen Sie hier? Sich überzeugen, ob Sie den Vater meines Kindes getödtet haben?» „Dieſe Worte, ſo leiſe ſie geſprochen, erweckten den Kranken. Er ſchlug das Auge auf und erblickte mich. (Jeſſie?, ſagte er mit matter Stimme, 6theure Jeſſie, verſprich mir Eins. Ob ich lebe oder ſterbe, nie ein Wort mit jenem Mann, der mein Feind durch Tod und Cwig⸗ teit ſein wird, zu wechſeln.— Verſprich es mir, nein, ſchwöre es mir, wenn du mich lieb haſt; es wird meinen Tod erleichtern.» „Sie verſprach es.“ „Nein, das iſt nicht genug. Verſprechen ſind nicht bindend; man vergißt ſie. Ein Eid gilt mehr. Rufe die Allmacht an, unſer Kind für den Meineid der Mutter zu ſtrafen, und ich werde deinem Worte glauben. Sie ge⸗ horchte ihm.(Ich danke dir, Jeſſie; du haſt mir eine große Erleichterung gewährt; nun wird ſeine Eiferſucht ihren gelben Samen nicht in deine Seele zu ſtreuen ver⸗ mögen. Ich habe ſeine Macht dazu vernichtet.* —— „———— „Ich ſchlich unter gemiſchten Gefühlen aus dem Kran⸗ kenzimmer.— Alſo auch noch an den Pforten des Todes eine Lüge. Und Jeſſie, was war ſie ihm— ſeine Gat⸗ tin, oder was?“ „Draußen begegnete mir der Arzt.— Auf meine Nachfrage nach dem Zuſtande des Kranken ſagte er mir, daß ich mich deshalb beruhigen könne; wenn nicht unvor⸗ hergeſehene Umſtände einträten, würde er in kurzer Zeit hergeſtellt ſein. Auf meine Frage nach Miß Bell hörte ich, daß ſie vor der Welt den Namen ſeiner Gattin nicht führe und in einem Landhauſe in der Nachbarſchaft von Boulogne ſeit dem Tode ihrer Mutter wohne.“ „Die Zeit drängte, ich durfte nicht länger zögern und ſo ſchwer mir das Geſchick des jungen Weibes auf dem Herzen lag, mußte ich doch für jetzt von Boulogne ſchei⸗ den, ohne im Stande zu ſein, die geringſte Aufklärung über ihr eigentliches Leben zu erhalten.“ „Lady Megmerillis ſtand ſchon am Ufer, als ich dem Strande zueilte, und meine geflügelten Schritte waren ge⸗ rade hinreichend geweſen, mich in dem Momente, wo das letzte Schellen ertönte, mit meinen Reiſegefährten zuſam⸗ menzuführen und mir die Ueberfahrt mit denſelben zu ſichern. Mir war es eine Wohlthat, daß dieſelbe auf die Nacht verlegt war!— Von ſo manchen peinlichen Ge⸗ fühlen bewegt, durch die Begevenheiten der letzten vier⸗ undzwanzig Stunden von tauſend widerſtreitenden Empfin⸗ dungen beſtürmt, hätte mir nichts peinlicher ſein können, als an irgend einer gleichgültigen Unterhaltung Theil neh⸗ dem Kran⸗ des Todes ſine Gat⸗ Auf mine gte et mir, icht unvor⸗ kurzer Zeit Miß Bell net Gattin ſchbarſchaft hne.“ zögern und s auf dem logne ſche⸗ Auftlärng ls ich den waren ge⸗ te, wo das ten zuſun⸗ enſelben lte uf i licen Ge⸗ ezten vier⸗ nEnpfi⸗ in können, heil neh⸗ men, oder dem unſchuldigen Geſchwätze eines Kindes zu⸗ hören zu müſſen!“ „In London angekommen, war es mein erſtes Ge⸗ ſchäft, den Geſchäftsführer der Miſtreß Bell aufzuſuchen und von ihm wo möglich etwas Sicheres über die Lage ihrer Pflegetochter in Erfahrung zu bringen. Der Mann konnte mir aber nur geringe Auskunft geben.— Nach dem Teſtamente der Dame fiel ihr ganzes Vermögen Jeſſie zu, wurde aber bis zu ihrem einundzwanzigſten Jahre von ihrem Vormunde verwaltet, der indeß keine andere Autorität, als in dieſem Bezug, über die Handlun⸗ gen der jungen Dame auszuüben berechtigt war.— Von ih⸗ rer Verheirathung hatte hier nichts verlautet. Man glaubte, daß ſie ſich bei Freunden ihrer ſeligen Mutter aufhalte.“ „Ich ſchrieb hierauf an Stück und drang darauf zu erfahren, auf welchem Fuße ſie ſich ſeines Schutzes er⸗ freue. Er antwortete mir mit umgehender Poſt, dankte mir mit ſpöttiſchem Ernſte für meine Theilnahme an ſei⸗ nem Ergehen, und ſchloß eine Abſchrift ſeines Trauung⸗ ſcheines ein, der viele Monate zurückdatirte, und mich ver⸗ muthen ließ, er habe ſich ſchon vor dem Tode der Miſtreß Bell heimlich mit der Tochter verbinden laſſen.“ „Mein Geſchäft war nun am Ende, ich hatte gethan, was die Pflicht von mir zu heiſchen ſchien, und mich fer⸗ ner unberufen einmiſchen wäre Thorheit geweſen. Hatte das junge Mädchen den unbedachtſamen Schritt gethan, ihr Geſchick an das dieſes gewiſſenloſen Menſchen zu feſ⸗ ſeln, ſo mußte ſie nun auch die Folgen auf ſich nehmen; 154 — Niemand konnte ſie denſelben entziehen. Auch hatte ſie darüber nur mit ſich ſelbſt zu rathen.“ „Indeſſen war die Zeit, die mir noch anberaumt ge⸗ weſen in dem Hauſe von Lady Megmerillis zuzubringen, verfloſſen, und mit meinem Hinaustreten in die Welt be⸗ gann ein Kampf mit Sorgen und Verhältniſſen, die mir keine Zeit übrig ließen, mich an dem Ergehen Anderer zu betheiligen, inſofern mein Blick nicht ſichtlich darauf hin⸗ gezogen ward.— Es war damals eine Zeit des innern Zwieſpalts für mich; ich konnte das Ideale und Reale nicht einen, konnte die Wege der Vorſehung nicht begrei⸗ fen, den Zweck des menſchlichen Seins nicht deuten; und in dem Suchen nach einer Wahrheit ergriff mich ein un⸗ geheurer Schmerz, der wie Verzweiflung an mir nagte. Das war meine Höllenfahrt.— Es mußte ſo kommen, damit ich neu geboren wurde und die Weiſſagung eines zweiten Lebens erfülle. Damals aber, wo mich noch keine Stimme über dieſen Zweck meiner Leiden aufgeklärt hatte, litt ich unendlich, und die Erinnerung dieſes Leidens wurde die Schöpferin jener tiefen Theilnahme, die ich ſeitdem meinen Mitmenſchen, die Alle durch eine ähnliche Schule zu gehen beſtimmt ſind, zu widmen vermochte.— Aber davon ein andermal. Das gehörtjetzt nicht zur Sache.“ „Zwei Jahre mochten ſeit jenem Aufenthalte in Bou⸗ logne vergangen ſein, als einer meiner Freunde von dort zurückkehrte und mir von einem Doctor Stück erzählte, den er während ſeines Aufenthalts kennen gelernt. Ich horchte mit aufmerkſamem Ohre. Wie mochte es ihm, luch hatte erunt ge⸗ uzubtingen, e Welt be⸗ n, die mir Anderer zu arauf hin⸗ des innern nd Reale ht begrei⸗ uten; und ch ein un⸗ mir nagte. o kommen, zung eines noch keine flärt hatte, es Leidens e, die ich e ähnlich nochte.— ur Gude“ e in Bou⸗ von dort erzahlte, mt. Ich es ihn, 3 1535 oder vielmehr, wie mochte es der jungen Frau ergehen; denn an ſeinem Schickſale lag mir am Ende wenig! Mein Freund erzählte mir: daß die ganze Stadt voll davon ge⸗ weſen ſei, in welcher unglücklichen Lage das junge Ge⸗ ſchöpf ſich befinde. Sie lebte immer noch in jenem Land⸗ hauſe und ſah Niemanden. Er dagegen hatte eine Woh⸗ nung in der Stadt und führte in jedem Sinne des Worts das Leben eines Lebemannes. Wollte ſie ſich ihm wider⸗ ſetzen, oder ſich die Freiheit, deren er ſie ſo grauſam be⸗ raubte, zu erzwingen ſuchen; ſo drohte er ihr den Kna⸗ ben, ihre einzige Freude, zu nehmen und die Mittel zu ihrem Unterhalte zu ſchmälern. Sie war daher in der grauſamſten Lage.“ „Kaum hatte ich dies gehört, ſo beſchloß ich ohne weiteres nach Boulogne zu gehen und zu verſuchen, wel⸗ chen Beiſtand ich ihr zu leiſten im Stande ſei. Sowie das Schiff dort landete, begab ich mich daher, ohne ſelbſt in einem Gaſthofe einzukehren, nach ihrer Wohnung und ließ mich anmelden. Die Magd, die meinen Namen ſchwerlich ausſprechen konnte, ließ mich, in der Meinung, daß ich irgend eines Geſchäftes halber von England komme— denn für einen Engländer hielt ſie mich ſo⸗ gleich, weil man dort faſt keine andern Fremden kennt— zu ihr ein.— Sie ſaß, bei meinem Eintritte, den Kopf in die Hand geſtützt, über einem Buche träumend am Fenſter. Das Kind, ein Engel an Schönheit, ſpielte zu ihren Füßen.— Sie ſah auf, und mich gewahrend, ſprang ſie mit einem Schrei empor, und winkte mir weg. Ich ——————— 156 hörte nicht, ſondern nannte ihr die Urſache meines Kom⸗ mens. Sie ſah mich flehend an, faltete die Hände wie um Erbarmen bittend, legte dann den Finger auf den Mund, und deutete auf das Kind, wobei ſich eine Sorge und Angſt auf ihrem Geſichte malte, die ganz die Mutter ausſprach. Ich verſtand ihre Gebehrden; ſie gedachte des Eides.“ „So ſchreiben Sie mir, was ich für Sie thun kannz ich werde im Nebenzimmer warten“, ſagte ich und wandte mich der Thüre zu. „Nach einer Viertelſtunde händigte mir die Dienerin ohne weitere Beſtellung ein Zettelchen ein. Ich las“: „Wollen Sie mich verpflichten, ſo betreten Sie dies Haus nicht wieder.— Ich bin bewacht und möchte theuer dafür büßen. Helfen kann mir Niemand. Ich weiß Alles. Das ſagt genug. Die Flucht kann mich retten; aber mir mein Kind nicht erhalten; die Geſetze ſprechen das dem Vater zu. Ich bleibe, ſolange mir das Kind bleibt.— Ich erkenne Ihre Abſicht. Haben Sie Dank dafür; aber ſehen Sie mich nie wieder. Jeſſie.» „Mir blieb nichts übrig, als mit dem nächſten Schiffe nach England zurückzukehren. Seitdem habe ich keine Nachricht über ſie erhalten. Sie können ſich daher meine Ueberraſchung vorſtellen, als ich in Ihrer ſchönen Sän— gerin Jeſſie Bell, oder Miſtreß Stück, oder welchen Na⸗ men ſie ſonſt noch führen mag, wiedererkannte. Ich wußte, daß ihr mein Anblick peinlich war, wußte, welche ines Kon⸗ nde wie um den Mund, e und Angſt ausſprach. Eides.“ thun kunnz und wandte e Dienerin h las“: Sie dies öchte theuer Ich weiß nich retten; tze ſprechen das Kind Sie Dank ſten Scife e ich feine aher meine znen Sän⸗ chen N ne. 30 ie, welht — Erinnerungen er in ihrer Seele herauf beſchwor; darum vermied ich an jenem Abende ſo ſorgfältig, von ihr geſehen zu werden; darum meine Fragen: ob ſie mich erkannt und vielleicht nachgeforſcht hätte, in welchem Verhältniſſe wir zu einander ſtänden. Sie muß jetzt majorenn ſein. In⸗ wiefern dies auf ihre Verhältniſſe hat einwirken können, weiß ich nicht; nur das ſcheint mir bewieſen, daß entwe⸗ der der Verluſt ihres Kindes, oder auch die grauſame Entziehung deſſelben ſie zu einer Flucht bewegen und den Verſuch wagen laſſen konnte, hier unter angenommenem Namen eine unabhängige Exiſtenz fern von ihrem grau⸗ ſamen Tyrannen zu finden.“ Als Vogt ſeine Erzählung beendet, verließ er mich, um mich in Einſamkeit darüber nachſinnen zu laſſen.— Ich war tief davon bewegt. Alle Gefühle des Unmuthes, wie ſie die vereitelte Hoffnung meiner Leidenſchaft in mir erregt, waren aus meiner Seele verſchwunden, und nur das tiefſte Mitleid mit dem verfehlten Lebensglücke der armen Jeſſie darin zurückgeblieben. Daß ich ihr unter dieſen Umſtänden nichts ſein konnte, nichts ſein durfte, das begriff ich vollkommen; doch hoffte ich ihr, im Falle der Noth, als Freund und Beſchützer dienſtbar zu ſein, und ſchrieb ihr zu dem Ende, was ich erfahren, und in welche Stimmung mich dieſe Mittheilung verſetzt.— Sie antwortete mir ſogleich, ſprach mir ihre Zufriedenheit, je⸗ der weitern Erklärung überhoben zu ſein, aus, und bat mich in den nächſten ſechs Monaten jede Gelegenheit, ſie zu ſehen, zu vermeiden; nach dieſer Friſt aber ſie aufzu⸗ — ———— 158 ſuchen, als wenn nichts vorgefallen wäre, und nie mit ei⸗ Ve ner Sylbe ihrer Vergangenheit Erwähnung zu thun. Sie iu vermöge ſelbſt nicht die kleinſte Anſpielung, keine Aeuße⸗ hur rung, die ſie darauf zurückführe, zu ertragen! in Ich begriff ſie hierin vollkommen und verſprach mir, ich ihrem Wunſche unbedingten Gehorſam zu leiſten.— Frei⸗ uß lich nicht ohne Schmerz! Die Sehnſucht wollte mitunter ſie mit meiner Vernunft und allen beſten Entſchlüſſen davon⸗ di ſpazieren und ich hatte alle Mühe, in ſolchen Momenten e meiner Neigung einen Zaum anzulegen. Doch ſiegte im⸗ vi mer wieder der beſſere Menſch; oder das beſſere Gewiſſen, d. h. wenn man überall ein Gewiſſen hat, wie es ja in n heutigen Tagen ſtark in Zweifel gezogen wird. Mit dem d Singen war es nun aber vorbei, und die Zeit mir oft eine Bürde, beſonders weil nun auch Vogt meiner Auf⸗ i ſicht entlaſſen und in ſein neues Amt eingeſetzt war, das 2 er auf das vortrefflichſte ausfüllte. e Mir blieb nun nichts übrig als meine Patienten, und von neuem widmete ich mich mit allen Kräften nicht nur den Anforderungen, die ihre phyſiſchen Leiden an mich machten, ſondern auch dem oft tief verborgenen pſychiſchen Weh, deſſen heimliche Schmerzen und heimliche Klagen ſelten ein ſympathiſches Ohr finden, das ſie verſteht. Das menſchliche Elend, in ſeinen Lumpen, ſeiner De⸗ pravation, ſeinen phyſiſchen und moraliſchen Ausgeburten, wie es dem Arzte vor allen andern Sterblichen entgegen⸗ tritt, wirkt oft wie eine Panacee gegen unſere verfeinerten Welt⸗ und Lebensſchmerzen, indem wir dann durch den nie mit e⸗ thun. Sie eine Aeuße⸗ tſprach mir, n.— Frei⸗ te mituntet ſſen davon⸗ Momenten ſiegte in⸗ Gewiſſen, ees ja in Nit dem eit mir oft neiner Auf⸗ t war, das ienten, und nicht mu tan nich ſſtn che Klagel tſteht. ſener De⸗ geburten, entgegen⸗ erfeinerten durch den Vergleich inne werden, welcher unendlichen Vortheile Der⸗ jenige genießt, dem Auge und Ohr und alle geſunden Or⸗ gane verliehen ſind, ſich eine weite Welt der Anſchauung und des Verſtändniſſes zu verſchaffen. Geſtern wandelte ich einmal wieder durch jene Welt Londons, von der die reſpectable Claſſe ſeiner Bewohner nichts kennt, und die ſie auch ebenſo wenig anerkennt. Welch eine Welt iſt dies! Wie weit, wie groß, wie bedeutend— ſelbſt in ih⸗ rer Niedrigkeit, ſelbſt in ihren Lumpen!— Denn auch ſie wird ihren Tag ſehen! In jenen Straßen, die, trotz aller Polizeiaufſicht und trotz aller Verbeſſerungen der Ortsbehörden, immer noch den Anblick an Schmutz und Elend bieten und jeden rein gewaſchenen Engländer— geſchweige eine Engländerin— in anſtändiger Ferne halten, habe ich eine ſehr bedeutende Zahl von Patienten, die mir, außer daß ſie mir nichts einbringen, noch die Arznei koſten, die ich ihnen überdies einzwingen muß. Das hält mich jedoch nicht ab.— Ich habe meine eigenen Tage und meine eigene Kleidung für dieſe Mordſtätten— wie ſie dem hier Unbekannten er⸗ ſcheinen— und wandere dann von Haus zu Haus— wenn ich dies Wort für ſolche Wohnungen wählen darf, und predige die Moral, die das phyſiſche Wohl bedingt. — Trödelbude an Trödelbude reiht ſich hier. Dort ein finſteres Loch voll alter Kleidungsſtücke, aus denen ſich der Zerlumpte für ein paar Schillinge einen neuen Staats⸗ anzug wählt; daneben eine Höhle voll alter Schuhe, die die Clothl-Cloth!-Juden den Dienerinnen im Weſtende — 160 früh Morgens für ein paar Stecknadeln oder ein Stück⸗ chen Band abhandeln, und die hier eine leichte Reparatur erfahren, um dann mit gewöhnlichen Füßen ſpazieren zu gehen;— hierauf kommt Kochgeſchirr, Pfannen, Töpfe; dann Brot, wo jedes Einzelne ſeinen Preis angeheftet hat, je nachdem es alt und hart, oder auch mit allerlei ſchlechten Subſtanzen gemiſcht iſt, wodurch es immer noch nicht zu ungenießbar für den harten Gaumen des armen Volks gemacht werden konnte; und dann gar ein Flei⸗ ſcherladen— voll Fleiſch— dieſem Lurus, dieſem erſehn⸗ ten, heißbegehrten Artikel, der ſo manches Auge mit un⸗ widerſtehlichem Verlangen anzieht. Wie oft ſtehe ich von weitem und ſehe dieſem Fleiſchverkaufe zu! Eine Menge armer Leute, unter dieſen beſonders Frauen oder Mäd⸗ chen, haben ſich um denſelben geſammelt.— Auf dem offe⸗ nen Budentiſche liegt das blutige Gethier zertheilt ausge⸗ breitet. Alles Stückchen von halben, ganzen oder höch⸗ ſtens ein paar Pfunden.— Nichts Gutes— Zuſammen⸗ hängendes iſt dabei.— Es ſind Läppchen, wie man ſie in den Laden im Weſtende zum Verkauf für die Hunde und Katzen der vornehmen Häuſer aufhäuft. Jedes Päck⸗ chen trägt ſeine Etiquette.— Billig iſt Alles, das iſt wahr; es iſt immer nur von Pfennigen die Rede.— Aber gut ſchwerlich.— Es ſteigt Einem der Verdacht auf, als ob alte Pferde und Hunde und krankes Vieh ſeine dürf⸗ tigen Ueberreſte für dieſen Markt hergegeben habe!— Und dabei doch dieſe Blicke des Verlangens.— Nach langem Liebäugeln ſehe ich ſo eine Frau einen Schritt näher tre⸗ nim nö ein Stüc te Reparatu ſwuzieren zu men, Töpfe; s angeheftet mit allelei immer noch ndes atmen ar ein Flei⸗ eſem erſehn⸗ ige mit un⸗ tehe ich von Eine Menge oder Mäd⸗ luf den off⸗ theilt ausge⸗ oder höch⸗ Zuſammel⸗ wie man ſe rdie Hunde ʒdes ü⸗ les, das it Abet 6 ede.— ucht uf a ſeine dürſ⸗ abe— Und ach langen nähet ir⸗ ten;— ſie berührt das Stück Fleiſch, das ſie ſo liebend betrachtet, kehrt es um, und hat immer noch den gleichen verlangenden Blick dafür;— endlich zuckt die Hand, als wollte ſie nach der Taſche;— ſie tritt wieder unſchlüſſig zurück. Es geht augenſcheinlich ein harter Kampf in ihr vor. Soll ſie, ſoll ſie nicht.— Jetzt ſiegt die Neigung. — Sie legt raſch die geforderte Summe auf den Tiſch, nimmt ihr Stück Fleiſch, und fliegt mit dem erworbenen Schatze wie im Sturmſchritte davon.— Sie will der möglichen Reue enteilen. Arme Frau! Vielleicht hat ſie Mann und Kinder zu Hauſe, die nach dieſem Biſſen lech⸗ zen, den ſie ihnen doch nicht ohne ſchweres Opfer geben fonnte!— Andere dagegen widerſtehen ſolcher Verſuchung beſſer, in welchem Falle ſie den Ladentiſch mit langſamen Schritten und niedergeſchlagenem Blicke verlaſſen, im Fort⸗ gehen oftmals noch zögernd ſtehen bleiben und zurück⸗ ſchauen, dann wieder in ihrem einmal gefaßten Entſchluſſe beſtärkt weiter gehen, wieder ſtehen bleiben, bis endlich der verführeriſche Laden weit genug zurückgeblieben iſt, und die Siegerin mit erleichtertem Herzen den heimiſchen Penaten zuſchreitet, um ihren hungernden Hausſtand mit Kartof⸗ feln abzuſpeiſen. Solche kleine Scenen ſind mir immer ſehr bedeutſam und führen eine beredtſamere Sprache über das Leben des Volks, als ganze Bände ſie zu liefern vermögen. Unter den Häuſern ſind Kellerwohnungen, die kein anderes Licht kennen als das, welches durch den offenge⸗ laſſenen Eingang zu ihnen gelangt. Aus dieſen Troglo⸗ 16 11 3 — dytenhöhlen ſchauen falbe Geſichter hervor von zottigem Haar umhangen, kleine wilde Jungen und dürftig geklei⸗ dete Mädchen klettern die Stufen hinauf und ſtrecken die Köpfe an die friſchere Luft heraus, ungefähr ſowie ein Fiſch die Oberfläche des Waſſers ſucht;— innen aber ſieht Alles düſter, ſchwarz und grau aus, und ſo oft mein Auge von außen hinabgeblickt, hat es mich ſtets mit einer Art wohlthätigem Schauder durchrieſelt, daß Gott mich nicht geſchaffen wie einen dieſer hier, daß ich nicht be⸗ ſtimmt geweſen, hier das Licht der Welt zu erblicken.— Das Licht?— Das ſteht hier freilich wie eine bloße Me⸗ tapher!— Dieſe Kellerbewohner ſehen wahrlich nicht viel Licht und zwar in keiner Beziehung, man müßte alſo in Bezug auf dieſe gleich bei ihrer Geburt von den Schat⸗ ten der Unterwelt zu reden anfangen.— Schattig iſt es dort freilich gewaltig. Heute war aber mein ſogenannter Kellertag. Mein erſter Beſuch galt einem alten Patienten, an dem ich einen hübſchen wundärztlichen Schnitt ausgeübt, und den zu beſuchen mir daher ſtets zum größten Ver⸗ gnügen gereichte. Es war gewiſſermaßen immer das Nachfeſt meiner That, gerade ſo wie man dem Herzog von Wellington zu Ehren die Schlacht von Waterloo wieder und wieder feiert. Heute hatte es mit meinem Beſuche aber auch außer⸗ dem noch eine beſondere Bewandtniß; es galt hier nicht allein die Nachfeier; ſondern auch eine Vorfeier;— denn die Frau meines Patienten ſollte den kommenden Norg werde 1 eSchn ſtie uch iht hun n zottigen rftig gele⸗ ſtecken die r ſowie ein innen aber ſo oſt min ts mit einet Gott mich h nicht be⸗ rblicken.— bloße Me⸗ h nicht viel ißte alſo in den Schat hatig iſ es ag. tienten, an tt ausgeübt rößten Ver⸗ imnet dus den Heul n Pubo uch außer⸗ ſhier nicht rfeier;— fommenden 163 Morgen im Angeſicht von ganz London gehängt werden. Mein Freund da unten war ſeines Gewerbes ein Schwefelholzmacher. Ich fand ihn, als ich zu ihm hin⸗ abſtieg, ganz ruhig bei ſeiner Arbeit ſitzen, von der er ſich auch bei meinem Eintritt nicht abwandte, indem er, um nicht bei dem Ertrage, den er davon ziehen konnte, zu ver⸗ hungern, unaufhörlich, ſolange ihm das Tageslicht die⸗ nen wollte, beſchäftigt ſein mußte. Sein Leben glich in dem Bezug einem wahren Sonnengange.— Sorgfältig mußte er Alles nach dem großen Geſtirne des Tages ein⸗ richten, das ihm ohnehin in der tiefen Verborgenheit ſei⸗ nes Wohnſitzes nur tümmerliche Reſte ſeiner großen Kraft zufommen ließ, was er dankbar hinnahm, weil es eine freie Gabe war, und auf anderm Fuße durfte er mit keinem Lichte leben. Er hatte ſeine Mütze etwas ſchief über ſeine Ohren gerückt, ſein graues Haar hing ſpärlich darunter hervor und fiel auf ein hageres falbes Geſicht, aus dem zwei matte blaue Augen flüchtig zu mir emporſchauten, wäh⸗ reud ich ihm mit einem„Guten Tag! Wie geht's!“ ent⸗ gegentrat. Die Finger müßigten ſich auch jetzt keinen Au⸗ genblick ab, mechaniſch ging die Arbeit ihren Weg, und nur ſein Ohr war für mich da, während der Mund mir mit einſylbiger Rede antwortete.— Ich blieb erſt eine Weile bei den gewöhnlichen Fragen ſtehen, die ſeine Ge⸗ ſundheit, ſeine Arbeit betrafen, und nur als ich über dieſe genügende Auskunft erhalten, ging ich zu dem Schickſale 1 164 ſeiner Frau über.— Er ſchien nicht ſehr bewegt bei der Erinnerung an ſie.„Das iſt nun eben nicht anders“, ſagte er.„Ich dacht' mir's immer. Sagt' aber nie mit nem Wörtchen, was ich dacht'!— Es iſt nun einmal nicht anders. Das arme Ding meint' es immer gut mit uns Allen. Wird froh ſein davonzugehen. Hatt' doch nur ein ſaures Leben dabei.“ Solche und ähnliche Sätze waren Alles, was er dem Schickſale dieſer Unglücklichen zu widmen hatte.— Ich hörte ihm mit Verwunderung zu und überdachte mir da⸗ bei dieſes Menſchenleben. Zwanzig Jahre hindurch hatte dieſes Paar hier ſo miteinander gehauſt, hatte gehungert, gefroren, gearbeitet und geſeufzt und redlich getheilt, was ihnen auch beſchieden geweſen. Die Frau nähte, er machte Schwefelhölzer, und ſie verhungerten nicht; das war Al⸗ les, was man davon ſagen konnte. Es wurden aber auch Kinder geboren, die indeſſen immer bei der Geburt ſtar— ben; und wie ſollten ſie auch nicht?— Wonmit hätten ſich denn deren kleine Leben ohne Wärme, ohne Kleidung und ohne alle ſorgende Pflege erhalten ſollen? Denn die Mut⸗ ter mußte ja immer gleich wieder in die Nähterin über⸗ gehen, damit der kommende Morgen nicht ohne ſeinen Biſ⸗ ſen Brot bleibe. Wie ſollte ſie alſo nicht eingeſehen ha⸗ ben, daß hier kein Leben, kein Gedeihen für den kleinen Erdenbürger möglich war, und was konnte da einfacher ſein, als daß ſie ihm ganz leiſe, ganz unbemerkt— das Athmen erſchwerte! Wie oft ſich dies wiederholt, das zählte man nicht, wegt bei de icht anders“ abet nie mit einnal nicht gut mit uns doch mur ein was er dem atte.— Ich chte mir da⸗ ndurch hatte e gehungert, echeilt, was ie, er machte das war A en abet auch Gebut ſtu⸗ it hten ſih Kleidung un enn die Mu⸗ ähterin übe ge ſeinen Bi⸗ ingeſehen ha⸗ den Klinen hu einfacher nerit— das nan nich und hätte auch nimmer mit einem Rückblick darauf gezählt, wäre es der Unglücklichen jetzt nicht eingefallen einmal ein Kind zu nähren, nur um ſich dann nach ein paar Wochen als Amme zu vermiethen. Das undankbare kleine Weſen bewies ſich nun als Verräther an der eigenen Mutter.— Sie war genöthigt es bis zur letzten Stunde ihres Abganges zu erhalten, und als ſie nun es ſchleunig unter ein Kiſſen zu ſtecken bemüht war; da hatte es ſchon eine gewaltige Stimme, und die eben hinzukommende Nach⸗ barin errieth gar leicht, was hier geſchehen.— Vor das Gericht geſtellt, bekannte ſie mit ruhiger Würde ihre That und konnte, da ihr die Nothwendigkeit derſelben ſtets als unumgänglich vorgeſchwebt, auch zu keiner Reue, ja nicht einmal zur Erkenntniß, daß dieſelbe ſündhaft geweſen, ge⸗ bracht werden. Morgen hängt ſie hoch am Galgen!— Eine Kindes⸗ mörderin, wie nur das ſociale Leben des neunzehnten Jahr⸗ hunderts ſie ſchaffen konnte! Meinem Freunde, dem Schwefelhölzchenverfertiger, hatte es wol geahnt, wie es ſich mit dem Abſterben ſeiner Kinder verhielt; aber er hatte nie eine Sylbe darüber laut werden laſſen. Die Frau ihrerſeits beobachtete das gleiche Schwei⸗ gen.— Beide verſtanden ſich; aber ihr Verſtändniß blieb ein ſtummes. Als man den Mann einzog und als Mit⸗ ſchuldigen verdächtigte, trat die Frau großmüthig vor und ſprach ihn von aller Schuld frei und ihr Zeugniß mußte gelten. Er wurde entlaſſen. Ich fragte ihn jetzt, ob er morgen nach dem Richtplatz gehen würde?— Er ſchüt⸗ ——— telte mit dem Kopfe.„Wenn es ein Sonntag wäre, da möchte ich mir gern die Zeit gönnen, ſie noch einmal zu ſehen; aber an einem Werktage geht es nicht. Wir waren ſonſt zwei. Nun muß ich die Miethe allein bezahlen. Das will verdient ſein.“— Ich bot ihm ein Stück Geld, und forderte, daß er dafür morgen früh zu ihr in das Ge⸗ fängniß gehen, und ſie auf ihrem letzten Gange begleiten ſolle.— Er ſchien der Gelegenheit froh zu ſein. „Sie that es eigentlich nur meinetwegen“, ſagte er. „Wäre ich nicht krank geweſen und hätte arbeiten können, ſo würde ſie nie daran gedacht haben, ſich ſo hoch zu ver⸗ ſteigen“—„Was meint Ihr mit ſo hoch verſteigen?“ fragte ich ihn.—„Nun, ſich als Säugamme in eine vor⸗ nehme Familie auszuthun. Das war ja das ganze Un⸗ glück, weshalb das Kleine ſo groß ward, daß es ſchrie.“ Weiter alſo verſtieg ſich das Gefühl ſeiner Aelternliebe nicht! Und man ſpricht von Inſtinct und angeborenen Empfindungen, und der Heiligkeit der Familienbande!— Zerſtört aber nicht Hunger und Noth jedes dieſer ſchönen Phänomene, von denen der Naturmenſch nichts weiß noch kennt, und die man einzig als ein Product der verfeiner⸗ ten Civiliſation betrachten kann. Und morgen hängen wir eine Frau wegen einer Sünde, die ihr Tugend ſchien— wenigſtens die Tugend, die die Nothwendigkeit der Selbſt⸗ erhaltung gebietet!— Der civiliſirte Menſch macht die Geſetze, und der nichtciviliſirte ſoll dieſelben befolgen. Kann aber in einem Staate, wo keine Gleichheit der Situatio⸗ nen herrſcht, das gleiche Geſetz für Alle gelten?— Iſt dies — — ſilhol onn hen nen, Nuch lusf Lri und ſing und Vot Ga ern wo 167 wäre, da dies Gerechtigkeit?— Von dem Unwiſſenden das Wiſſen inmal zu des Wiſſenden fordern? Lir waren Ich verließ meinen Freund, den Troglodyten⸗Schwe⸗ len Das felholzfabrikanten, unter ſehr gemiſchten Gefühlen, und ſe Ged ud konnte mich heute zu keinen weitern unterirdiſchen Beſu⸗ das Ge⸗ chen entſchließen, aus Furcht vor neuen ſocialen Proble⸗ begleiten men, die meiner Einſicht ſpotten möchten.— Es war . RNachmittag, und ich benutzte die Zeit zu einem kleinen ſage. Ausfluge auf der Themſe, deren großartiges Leben und nkönnen, Treiben, nebſt den gartenartigen Ufern, den Sinn zerſtreut hzu ver⸗ und durch die verſchiedenartigſten Eindrücke belebt. ſteigen?“ Schiffahrt und Handel, mit den Wundern ihres Um⸗ 3 eine vor⸗ fangs und ihrer Größe, ſtiegen vor meinem Blicke empor, anze Un⸗ und boten mir das Bild menſchlicher Induſtrie, wo es die s ſchri“ Vortheile des Erwerbes gilt, und der Einzelne aus dem. leltemliebe Ganzen Das zuſammenzuraffen ſtrebt, was die eigene Hütte geborenen erweitert und verſchönert. Werden wir den Tag erleben, hande— wo Alle für Jeden erzwecken? rx ſchönen Die Sonne ſchien hell, das Verdeck war mit Paſſa⸗ weiß noch gieren überfüllt. Arm und Reich ſaß hier nebeneinander verftint und ſtarrte Erde und Himmel an, als hätten ſie ein glei⸗ ingen wir ches Recht, ſich an Gottes ſchöner Welt zu freuen. We⸗ 1 ſtin— nige aber freuten ſich, das ſah man ihnen an. Sorgen 7 er Eübſt und Mühen ſtanden auf der Stirne der Meiſten geſchrie⸗ 1 mit di ben, und unbefangen fröhlich blickte hier kein Auge um⸗ n. Kann her. Wie anders mit dem Bewohner des Südens.— Sinati⸗ Doch ſoll es ja auch hier einſt nicht ſo geweſen ſein und 3 — Fi 168 „merry England“ ſowol geſcherzt, gelacht, getändelt ha⸗ ben, wie das heitere Kind der Apeninnen. Neben mir ſaß ein junger Mann, deſſen unbärtiges Kinn noch große Jugend verrieth, während ſeine athleti⸗ ſche Geſtalt auf reifere Jahre ſchließen ließ. Er war ſehr anſtändig gekleidet und ſah, wie man ſich hier ausdrückt, ſehr reſpectabel aus. Dennoch kam er mir nicht wie ein Engländer vor. Sein Blick concentrirte ſich nicht genug, wenn man ſich ſo ausdrücken darf, auf einen gewiſſen Punkt; er hatte nicht die Miene, als wolle er durch ein Brett ſehen oder eine Breſche in irgend eine Mauer ma⸗ chen. Er ſah zu unbekümmert, zu ſorglos umher. Als wir Greenwich gegenüber kamen, richtete er eine Frage wegen der Localität an mich, und aus dieſer er⸗ kannte ich ſogleich den„Foreigner“. Aber welchem Lande dieſes unglückliche Individuum, das nicht die Ehre hatte auf Albions Boden geboren zu ſein, angehöre, ließ ſich damit noch nicht ſagen; nur daß es kein Franzoſe war, konnte man ſogleich behaupten. Eine Frage gab jedoch die andere, und bald erfuhr ich nicht nur, daß ein theurer Compatriote neben mir ſaß(d. h. was man ſo Compa— triote nennt; denn im eigentlichen Sinne des Worts kann ein Bewohner von Hechingen nie einen Landsmann in einem Sigmaringer ſuchen), ſondern auch die ganze kleine Liebes⸗ und Leidensgeſchichte meines jungen Nachbars, der, wie alle Teutonen, dieſen Mittheilungen auf der Land⸗ ſtraße an den erſten beſten Unbekannten vor jeder andern den Vorzug gab. Der Hauptmoment in ſeinem unbärtigen 169 tändelt ha⸗ Leben, war denn freilich der, wo er, um dem Militärdienſte zu entgehen, der Heimat Lebewohl geſagt; eine Hand⸗. ubirtiges lung, die mir durch gar keinen vernünftigen Grund moti— 3 eine athleti⸗ virt ſchien, und die ihm ſeine Heimatsrechte koſtete, ein it war ſchr Preis, der unter Umſtänden ein bedeutender ſein konnte.. r ausdrück, In London angekommen, begab er ſich unter den Schutz 5 icht wie ein eines entfernten Anverwandten, der von Stadt zu Stadt icht geng, mit einer Art Bazar umherzog, und ſeine Käufer ngewiſen um die Gegenſtände würfeln ließ, wobei denn eine ge⸗ durch ein wiſſe kleine Methode angewendet wurde, die dem Zufall 3 Nauet m⸗ ein wenig unter die Arme griff. Dieſes allerliebſte Vaga⸗ et. bundenleben, das vielleicht ein Jahr dauern mochte, hatte ete er eine ſeine großen Reize für unſern Helden, und machte ihn mit s dieſet e einem großen Theile Englands und der Sprache und den ſchen Lande Sitten bekannt. Nach Verlauf dieſer Zeit ließ der hauſi⸗ Chre hette rende Vetter ihn vor ſich kommen und kündete ihm mit re, ließ ſih majeſtätiſcher Miene ſeine Abſicht an: ſein Geſchäft nie⸗ anzeſe war derzulegen. Zugleich händigte er ihm zur Belohnung ſei⸗ 1 gab ſdoch ner Verdienſte und der ihm während eines Jahres gelei⸗ ein theurer ſteten Dienſte eine Prämie von dreißig Schillingen ein, ſo Conpe⸗ mit welcher Summe er ihm rieth nun ſelbſtſtändig ein. Worts kum eigenes Geſchäft zu beginnen. Unſer Held wog das Geld dnum in bedeutſam und bedenklich. Wie lange konnte es ihn ge m leine gen den Hungertod ſchützen?— Doch da half nun ein—. Juchbars nal weiter nichts, er ſchied alſo mit guter Miene von dem 1 ſu lun⸗ theuern Verwandten, und wanderte nach einem Mittel zu et anden ſeiner Erhaltung umher. Da fiel ihm ein kleines Hauſi⸗ rergeſchäft mit berliner Bildern ein. Dieſe hatten auch unbürtigel „ — einen Zweig des Bazargeſchäftes ausgemacht, er ver⸗ ſtand ſich alſo auf das pro und con des Handels. Geſagt gethan.— Und es ging. Die Bilder ver⸗ kauften ſich und mein junger Freund lebte nun ganz nach ſeinem Sinne, ſtreifte entweder in der Stadt umher, oder machte Ausflüge in die Grafſchaften, und gab daneben, wenn es Noth that, des Abends einigen Unterricht an die jungen Kaufmannslehrlinge.— Ein wanderndes, ungebun⸗ denes Leben, wobei man an Shakſpeare und Wilhelm Meiſter erinnert werden könnte, wenn nur das Geringſte von einem ſolchen Helden in meinem Nachbar geſteckt hätte!— Ihn ſchien der reine Trieb nach Luft und Be⸗ wegung umherzutreiben;— ein Bedürfniß phyſiſcher Frei⸗ heit, phyſiſchen Ungebundenſeins!— ſowie Andere pſy⸗ chiſch wandern gehen und dafür auf dem Spielberg oder in Spandau einige kleine Anweiſung im Wolleſpinnen erhalten. Es iſt nun einmal ein induſtrielles Jahrhundert! Mein junger Freund führte ein Portfolio mit Bildern bei ſich. Er war zu ſehr Geſchäftsmann, um ohne dieſe Beglaubigungsſchreiben, die überall ſeine Reiſekoſten decken konnten, eine Straße zu befahren, und zog dieſelben daher jetzt hervor, damit mein Auge von Dem überführt werde, was mein Ohr gehört, daß nämlich ſein Bilderkram ein gutes Gewerbe ſei. „Da hier! Sehen Sie dieſen Papſt!“ ſagte er.„Den kauft jetzt Niemand. Ich kann kein Eremplar davon ab⸗ ſetzen. Man hält es augenblicklich nicht für reſpectabel er ver Nls. hider ver ganz nach mhet, odet b daneben, icht an die ungebun⸗ dVilhelm Geringſte ar geſtect t und Be⸗ iſcher Frei⸗ lndere yſy⸗ ielberg oder olleſpinnen ndert! mit Bildem ohne diſ toſten decen ſelben daher führt welde⸗ dermn ein — el. e davon ab⸗ reſpectab 171 ein ſolches Bild im Zimmer aufzuhängen. Aber hier, dieſer Napoleon. Der geht ab. Von dem verkaufe ich ſehr viel. Die kleinen Krämer und Handwerker bewun⸗ dern ihn ungemein, ſetzen ihn in einen Rahmen und hän— gen ihn über ihrem Kamine auf.— Und hier dieſen alten Wellington gleichfalls! Es iſt ein häßliches Bild, der Her zog iſt nicht ein bischen ähnlich; das thut aber nichts. Man ſieht doch, daß er es ſein ſoll, und dazu dieſer Pul⸗ verdampf und Belle⸗Alliance in der Ferne, das gefällt. Ich mache vortreffliche Geſchäfte mit dem Bilde.“ Dieſe Skizzen des engliſchen Volksgeſchmacks unter⸗ hielten mich ungemein. Ich fand ſie belehrend.—„Be— ſuchen Sie mich in London“, ſagte ich und bot dem jun— gen Manne, als das Schiff jetzt am Orte ſeiner Beſtim⸗ mung anhielt und er mir Lebewohl ſagte, meine Karte, auf der er meine Adreſſe las. Es war ſpät, als ich zurückkehrte.— Die Schatten der Nacht hatten ſich bereits über London geſenkt und Brücken und Straßen mit Guirlanden funkelnder Lichter geziert, die ungeſtraft die Sterne des Himmels herausfordern moch⸗ ten. Auf dem Waſſer war es dabei ſo ſtill, ſo kalt, ſo düſter; von fern aber hörte man das Raſſeln und Rollen der Wagen, und Stimmen und Töne aller Art, die das gewaltige Leben dieſer weiten Welt beſprachen. Ich ſtieg am Strande aus und ging in den Cigar⸗ rendivan, um hier die deutſchen Zeitungen zu leſen. An Rauch, an Kaffee und an Gäſten fehlte es hier nicht. Einige laſen, einige plauderten. Es waren nicht nur N Deutſche, es waren auch Engländer da, beſonders ſolche, die als Journaliſten der Neuigkeiten benöthigt waren, die ſich hier gedruckt und mitunter auch mündlich einſammeln ließen. Wohin man hörte, war die Politik des Tages und der Zuſtand Deutſchlands der Gegenſtand des Ge⸗ ſpräches und die Frage blieb: ob ſich das Mittelalter und ſein Wunderglaube im neunzehnten Jahrhundert wol her⸗ ſtellen laſſe oder nicht?— Daß Jeder, von ſich ſelbſt ausgehend, zweifelte, brauche ich nicht erſt zu ſagen. Ein paar Bekannte fanden ſich zu mir und wir ver— barricadirten uns behaglich in eine Ecke hinter einen Tiſch und ließen auch unſere Meinungen über dieſen intereſſan⸗ ten Punkt aus. Da ich Arzt bin, ſo iſt die Politik bei mir nur eine Nebenwiſſenſchaft, und ich höre daher mehr zu bei einer Unterhaltung, als daß ich mich ſelbſt bethei⸗ lige. Diesmal jedoch machte ich den Vorſchlag, die Reac⸗ tion phyſiſch zu behandeln, was mit großem Beifall auf⸗ genommen wurde, und mein Diplom als Generalphyſikus der continentalen Retrogradation wurde ſogleich ausgefertigt. Es war Mitternacht vorbei, als ich meiner Wohnung zuſchritt. Der Abend war ſchön, der Mond hatte ſich Bahn gebrochen, und hell wie am Tage lagen Gaſſen und Straßen da. Ich war nicht abgeneigt auf einen kleinen Umweg einzugehen und erſt einem Freunde das Geleite zu geben, ehe ich ſelbſt den häuslichen Penaten zuſchritt, die mich, der ich mit einem eigenen Schlüſſel verſehen war, ganz leiſe, leiſe, und ohne Störung für irgend Je⸗ manden zu veranlaſſen, bei ſich einließen.— So wan⸗ —— 1— 173 dets ſolche, derten wir denn und wanderten, und plauderten von Die⸗ waren, die ſem und Jenem, und ich fühlte die Ermüdung nicht, die einſunmeln der lange Gang verurſachte. des Tuges Es mochte dem erſten Hahnenſchrei nahe ſein, als ſ nd des Ge⸗ ich, durch ein einſames Seitengäßchen biegend, vor den telalter und Stufen eines Hauſes ein weibliches Weſen auf die Erde ert wol her⸗ gekauert liegen ſah, das kaum noch den Lebenden anzuge⸗ nſich ſelbſt hören ſchien. Ich ſtieß ſie an; ſie rührte ſich nicht. Ich ſagen. ſprach zu ihr, ſie antwortete mir nicht. Ich ergriff ihre nd wir ver⸗ Hand und fand dieſelbe kalt und mit Blut beſudelt.— 1 einen Tiſch Es blieb mir nichts zu thun übrig, als in eine Haupt⸗ intereſa ttraße zurückzukehren und einen Diener der Polizei herbei— Pehtt bi zurufen. Mit Hülfe deſſelben wurde ſie in das nahe ge⸗ daher mehr legene Krankenhaus gebracht, wo ſie ſich, nach angewand⸗ ſchſ bethe⸗ ter Mühe, ſoweit erholte, um uns mit den Umſtänden, die g, die Reuc⸗ ſie in jenen Zuſtand der Ohnmacht verſetzt, bekannt zu gefull u⸗ machen. erulyhyſtus Sie war noch ſehr jung, vielleicht kaum zwanzig Jahre. alt, und von hübſchem Aeußern. Ihre Kleidung, obgleich r Vohnung beſudelt und in großer Unordnung, war anſtändig; ihre hatn ſih Sprache die einer Perſon, die eine Erziehung genoſſen. Guſſen und Wer ſie ſei, oder wem ſie angehöre, wollte ſie nicht ſa— ien llinn gen. Sie meinte ihrer Familie ein ſolches Schweigen uus beleit ſchuldig zu ſein, und vielleicht hatte ſie Recht darin. Auch * ſhrit gehörte das ja weiter nicht zur Sache. tl veſche Sie erzählte nur— und mit einiger Ueberwindung—. tgend Je⸗ daß ſie vor einigen Vuhen Brief von einem jungen 80 wan Manne erhalten, der ihr ſeit lange den Hof gemacht, und ausgefertigt. daß derſelbe ſie darin aufgefordert habe, ihn an einem be⸗ ſtimmten Tage in einer der äußerſten Vorſtädte Londons zu treffen. Der Brief war nicht in ſeiner eigenen Hand⸗ ſchrift; doch fand ſie allerlei Gründe, ſich dieſen Umſtand zu erklären, und beſchloß jedenfalls bei dem Rendez-vous zu ſein.— Gegen fünf Uhr Nachmittags langte ſie alſo an dem ihr beſtimmten Orte an, fand aber, ſtatt ihres Geliebten, einen ihr fremden jungen Mann, der vorgab von ihm abgeſchickt zu ſein, um ſie zu ihm zu führen, weil ein plötzlicher Unfall ihn am Gehen verhindert habe. Ein Wagen ſtand nicht unfern bereit und in dieſen wurde ſie, ehe ſie Zeit gefunden über ihr Gehen oder Nichtgehen mit ſich ſelbſt einig zu werden, von dem jungen Manne mit Hülfe des Kutſchers in den Wagen gehoben und da⸗ vongeführt. Sie wollte jetzt rufen, die Vorübergehen⸗ den um Beiſtand anſchreien; ſowie ſie aber den Mund hierzu öffnete, hielt ihr Begleiter ihr raſch ein weißes Ta⸗ ſchentuch vor, das ihr den Athem benahm und ſie un⸗ merklich in einen Zuſtand der Ohnmacht verſinken ließ, in welchem ſie mit ſehenden Augen ohne Gefühl und ohne Bewegung und ohne den Gebrauch der Sprache war. Nach und nach büßte ſie aber auch das Geſicht ein. Was nun weiter mit ihr geſchehen, wußte ſie nicht. Als ſie wieder zum Bewußtſein erwachte, befand ſie ſich auf einem Sopha liegend, und ſah ein junges Frauen⸗ zimmer zu ihrer Seite ſitzen. Ein großes geräumiges Zim⸗ mer umgab ſie. Die junge Perſon fragte theilnehmend nach ihrem Befinden. uf neinem be⸗ dte Londons Renen Hand⸗ ſen Unſtand Render-vous ngte ſi alſo ſtatt ihres der vorgab zu führen, indert habe. ieſen wurde Nichtgehen gen Manne en und d⸗ orübergehen den Mund weißes Tn und ſie un nien ließ, in und ohne prache wal cht ein. ſie ni. hefand ſie ne Frauen⸗ miges Zin⸗ eilnehmend 175 „Ich bin nicht krank geweſen“, verſetzte ſie verwun dert und fragte dann zurück,„wo ſie eigentlich ſei?“ Die Antwort lautete, daß ein verrufenes Haus ſie aufgenommen. Entſetzt über dieſe Nachricht wollte ſie ſogleich auf⸗ ſpringen und davonlaufen, das junge Frauenzimmer hielt ſie mit der Bemerkung, wie vergeblich ein ſolches Bemü— hen wäre, von dieſem Vorſatze zurück; verſicherte ihr jedoch, daß ſie ihr, wenn ſie ein reſpectables junges Mädchen ſei, jede Beihülfe, um ſich zu retten, angedeihen laſſen würde, nur ſolle ſie der alten Frau, die ſogleich erſcheinen müſſe, ums Himmelswillen kein Wörtchen von dieſem Verſpre— chen ſagen. Damit ſteckte ſie ihr ein Meſſer zu, daß die Andere noch eben Zeit zu verbergen fand, als die Ange⸗ kündigte ſchon hereintrat. Sie war eine reſpectabel ausſehende alte Frau, die ein Glas in der Hand hielt, deſſen Inhalt zu verſchlucken ſie die junge Fremde aufforderte. Dieſe ſträubte ſich; aber ſie wurde gezwungen. Der Trank hatte eine ſonderbare Wirkung und ver⸗— ſetzte ſie in einen traumartigen Zuſtand. Ein Herr trat herein. Er nahte ſich ihr, wollte ſie berühren. Sie ſtieß ihn zurück.— Sie erinnerte ſich, daß ſie eine Menge Glas und Scheiben zerbrochen, wovon ihre Hände auch ganz zerſchnitten waren. Auch glaubte ſie das Meſſer gegen Jemanden geführt und die Perſon verwundet zu haben; wer es aber geweſen, das konnte ſie nicht mehr ſagen. Endlich hatte man ſie gebunden und die Treppe hinunter ——————— in einen Wagen getragen, der mit ihr davonfuhr; aber wohin, wußte ſie nicht. Sie hatte nur eine dunkele Erin⸗ nerung, daß man ſie auf etwas ſehr Hartes, wie auf Steine gelegt, und daß ſie ſich kalt und unbehaglich ge⸗ fühlt; da ſie aber kein Glied bewegen, kein Wort hervor⸗ bringen konnte, und überhaupt ihres Bewußtſeins nicht mächtig war, ſo wußte ſie auch nicht, wie ſie von dort fortgekommen, noch wohin ſie geführt worden ſei. Ich ſagte ihr, wie und wo ich ſie gefunden und wo ſie jetzt ſei;— und daß man eine Unterſuchung der Sache einleiten und die Thäter beſtrafen werde. „Ums Himmels Willen nicht“, rief ſie aus.„Sehen Sie denn nicht, daß ich durch ſolche Oeffentlichkeit an den Pranger geſtellt und für immer entehrt ſein würde?— Meine Aeltern nehmen mich dann nicht wieder bei ſich anf, kein reſpectabler Mann reicht mir ſeine Hand, kein Familienkreis will mich als Mitglied zählen. Ich bin verſtoßen, verachtet, von Allen geflohen, und habe keine Zukunft, als die Hölle, der ich ſoeben entgangen, dann aus eigenem Willen zu ſuchen.“ Sie hatte Recht. Aber die menſchliche Gerechtigkeit mußte doch ihr Werk verrichten und die Sünder ſtrafen. Ich bat ſie, das zu bedenken, und auch: daß meine Macht derſelben keinen Einhalt zu thun vermöge. Sie ward nachdenkend. „So werde ich dies Rendez-vous wol mit meinem Leben bezahlen müſſen“, ſagte ſie endlich ernſt;„das heißt mit meiner Zukunft, wie ſie aus meiner Vergangenheit hervo und b Friſte 7 heſor heſtin nir i des, nit Aelte dahin nit( 6 den erſa ju fa wußt Kam die nur feine 6 dieſe word Rwo tl u ſſte . hrz aber kele Erin⸗ wie auf ahlich ge⸗ rt herwor⸗ eins nicht von dort i. und w der Sache „Sehen it an den ürde— r bei ſich and, kein Ich bin habe keine en, daRn erechtigleit er ſtafen. ine Ncht meinen us hit angenhei hervorgehen konnte. Ich begrabe mich heute noch ſelbſt und beginne morgen unter einem andern Namen eine neue Eriſtenz.“ „Wie wird Ihnen das möglich werden“, verſetzte ich beſorgt. „Man kann Vieles, wenn man muß“, verſetzte ſie beſtimmt.„Ich verlaſſe heute dies Krankenhaus, hole mir im Vorbeigehen in der City eine kleine Summe Gel⸗ des, die mir gehört, bei einem Bankier ab, und fahre da⸗ mit nach Liverpool; von dort aus ſchreibe ich meinen Aeltern, daß ich nach Neuholland abgereiſt bin. Bis dahin reichen unſere Polizeiberichte nicht; dort darf ich alſo mit Ehren mein Brot zu gewinnen hoffen.“ So entſchloſſen kann doch nur eine Engländerin han⸗ deln und ich konnte dem Mädchen meine Achtung nicht verſagen, das ſo klar und beſtimmt ihre Lage in das Auge zu faſſen und dem unvermeidlichen Uebel ſo zu begegnen wußte.— Meines Erachtens hatte ſie Recht. In dem Kampfe mit ſocialen Vorurtheilen reiben ſich nur unnütz die Kräfte auf, während zugleich der beſte Sieg immer nur in einem Nichtuntergehen beſteht. Der Einzelne zwingt keine Menge; er imponirt ihr höchſtens. Da mir durch mein nächtliches Abenteuer der Schlaf, dieſer Tröſter der Müden und Kummervollen, entzogen worden war; ſo wollte auch mein Tag nicht recht in die gewohnten Weiſen fallen, und ich mußte auf allerlei Mit⸗ tel und Wege denken, und die chromatiſchen Tonleiter phy⸗ ſiſchen Unbehagens mit einigem Anſtand durchzumachen, 12 ———— & —— 178 Die Generalin, bei der ich Unterhaltung ſuchen wollte, war mit ihrem Hunde ſpazieren gegangen; oder er mit ihr, ganz wie man will. Der Tiger, der ſonſt die Ehre hat hinter ſeiner Herrin herzuwandern, um in anſtändi⸗ ger Ferne mit ſeiner Kleinigkeit ihre Größe zu decken, zu beſchützen und mit dem Mantel der Reſpectabilität zu überhängen, war heute zu Hauſe gelaſſen, um einem vier⸗ füßigen Ehrenhüter Platz zu machen, der neben, nicht hin⸗ ter ſeiner Dame gehen durfte, und daher mehr die Rolle eines Freundes als eines Untergebenen ſpielte.— Mimi, die Katze, lag vor dem Kamine, und miaute zu meiner Unterhaltung. Der Buchfinke, der in ſeinem ſchöngeputzten Metallkäfig am Fenſter hing, ſang mir die lieblichſten Wei— ſen. Der kleine Schelm! Er wußte wol, daß mir ſeine heimiſchen Lieder heute beſondere Freude machten. Auf dem Tiſche lagen neue Bücher. Ich nahm einen ſchönen rothgebundenen Band in die Hand, und drückte mich in die Ecke des Sophas. Ein Roman iſt eine wahre Gottesgabe, ſo oft es der Seele nicht ganz wohl in ihrer Behauſung wird.— Mein Geſchick hatte mir„Miriam Sedlay“, das neueſte Werk von Lady Bulwer, in die Hand geſpielt. Drei Bände— das waren Ausſichten, die einen geſetzten Mann bedenklich machen konnten. Indeſſen, da das Publicum es nicht anders haben will, und die Buch⸗ händler nicht anders drucken, ſo durfte mein kleines Ich ſich auch eben nicht zu leſen ſträuben, um ſo mehr, als es in meiner Macht ſtand, dann und wann ein Feuilleton daraus zu machen. Das erſte Capitel war hübſch, lebendig und dere chen ſtan ger nich verg Ar und leri ſüc Be na tüle — ſchl 179 wollte, und mit Geiſt geſchrieben; das zweite— davon ein an⸗ er mit deres Mal. Der Gott hatte mich dabei übermannt. ie Ehre„Wie? Sie ſchlafen am hellen Tage?— Und ſchnar⸗ nſtndi⸗ chen!“ hörte ich eine Stimme ſagen, und die Generalin ecken, zu ſtand vor mir. 1 ilität zu Ich rieb mir die Augen. Ach! Ich hatte ſo ſchön tem vier⸗. geruht. icht hin⸗„Sind Sie nicht wohl?“ fragte ſie mich. ie Rolle Ich erzählte ihr die, Begebenheiten der letzten Nacht. Mimi,„Nun, das muß ich bekennen! Einem Arzte fehlt es meiner nicht an Unterhaltung, während wir andern Sterblichen eputzten vergeblich gegen das Einerlei unſerer Tage kämpfen.“ ten Wei⸗„Ganz Ihre Schuld! Warum ſind Sie nicht auch nir ſein Arzt geworden?“ 65 „Freilich! Wenn die Männer uns nicht alle Mittel 1 hn einen und Wege zu einer Profeſſion abſchnitten!“ d drict„Keineswegs! Und warum ſollten wir auch?“ ne wahr„Weil Ihr Egoismus ſich vor uns, als Nebenbuh⸗ 4 in ihrer lerinnen, fürchtet.“ 1 Niian„Ja, in der That!“ lachte ich.„Ich würde eifer⸗ zi Hud ſüchtig auf Sie ſein, Frau Generalin, wenn ich Sie ein 1 i znn Bein abnehmen ſähe. Sie würden dreimal dabei in Ohn⸗ ſen da macht fallen.“ Buch⸗„Mit nichten! Wie viele Frauen ſind nicht in Hoſpi⸗ tälern thätig, oder ſtehen den Verwundeten nach einer ab Schlacht bei! Das Alles iſt nur Gewohnheitsſache. Es ilon fehlt uns nicht an Muth, wenn es gilt.“ 6„Vortrefflich! So ſtudiren Sie doch jetzt noch Medicin.“ „Das iſt nun zu ſpät.“ „Better late than never, ſagt das Sprüchwort.“ „Und dann die Vorurtheile der Männer.“ „Und der Frauen, fügen Sie gefälligſt hinzu.“ „Das wüßte ich doch nicht!“ „Aber ich. Fragen Sie einmal bei Ihrem Geſchlechte an, was man zu jenen Damen ſagt, die in Boſton als Aerzte promovirt haben? Ich bin überzeugt, daß man ſie mit Schmähworten überhäuft. Und ſuchen Sie nun erſt gar die Mutter, die ihrer Tochter die Wahl einer Pro— feſſion ſtellt!“ „Doch. Eine junge Engländerin beſucht hier die Ho⸗ ſpitäler, wie ich höre, um damit ihre mediciniſchen Stu⸗ dien zu vollenden. Und ſie ſoll gar nicht übel ſein.“ „Vortrefflich! Ha! ha! ha! Soll gar nicht übel ſein! — Weil alſo das Mädchen eine Profeſſion verfolgt, wird vorausgeſetzt, daß die Natur ſie auf irgend eine Art ver⸗ wahrloſt hat.— Buckelig, ſchief, ſchielend denkt man ſie ſich. Oder ſo ein Monſtrum à la Katzenberger. Oh, das iſt köſtlich!— So ſind die Damen!— Erſt bekla⸗ gen ſie ſich, daß man ſie keine Profeſſionen treiben laſſe, und dann heißt es, ein Mädchen ſoll gar nicht übel ſein, obwol es Medicin ſtudirt.“ „Wie Sie nun reden! Immer a priori geurtheilt.“ „Meinten Sie es denn etwa anders?— Nun ſagen Sie mir aber doch einmal, liebe, theure, beſte Frau Gene⸗ ralin, ob Sie dieſe Frau Aerztin an Ihr Krankenbette würden rufen laſſen. Aber aufrichtig!“ lich über weil ſo Mi wü Fie mol lichl mei ſic eſchlechte oſton als man ſie mun erſt ner Pro⸗ die Ho⸗ en Str⸗ ein.“ übel ſein! Agt, wird Art ver⸗ man ſe et. Oh, rſt bell⸗ ben laſt ibel ſi⸗ helt“ un ſagen u Gene⸗ nkenbett „Nein.“ „Und warum nicht?“ „Ich könnte kein Vertrauen zu ihr haben.“ „Und warum nicht?“ „Weil ſie nicht ordentlich ſtudirt haben kann.“ „Und warum nicht?“ „Plagen Sie mich nicht mit Ihrem ewigen Warum nicht!“ „Aber bitte! Und warum nicht?“ „Nun, weil ſie eine Frau iſt, darum nicht.“ „Ha, ha, ha! Darum nicht?— Oh! Das iſt ja köſtlich!“ Und ich lachte, daß mir die Thränen über die Wan⸗ gen rollten.—„Alſo weil ſie eine Frau iſt, darum nicht?“ „Ich ſehe nicht ein, was Lächerliches an der Sache iſt.“ „Freilich, nein! Lächerlich eigentlich nicht; aber unend⸗ lich ſpaßhaft. Beſonders weil es mir das größte, ja ein übermenſchlich großes Vergnügen ſein würde, ſo einen weiblichen Arzt an meinem Lager ſtehen zu ſehen, den ich ſo recht con amore conſultiren könnte. Oh! Es wäre der Mühe werth, darum allein ſchon krank zu werden, ja ich würde ſchon deshalb gleich auf der Stelle ein heftiges Fieber bekommen; wenn nur die Frau Aerztin ſchon pro⸗ movirt hätte! Aber ach!— Ich ſehe wol, ich Aermſter! ich bin um eine Weile zu früh geboren. Und keine Mög⸗ lichkeit ſich wieder zu verpuppen!— Meine Nachkommen, meine lieben Kleinen Alle, werden ein glücklicheres Loos ziehen, als das iſt, welches ihren Vater getroffen hat. 182 An ihrer Wiege wird eine grobe Männerſtimme ſingen, und ihre erſten Zähne wird ihnen eine zarte Frauenhand ausreißen.“ „Wie Sie nun reden! Gerade als ob wir die ver⸗ kehrte Welt wieder einführen wollten!— Hercules am Spinnrocken.“ „Darf ich fragen, meine Gnädigſte, von wem der Ge⸗ danke ausgegangen iſt?“ „Von mir doch gewiß nicht.“ „Wer hat ſich denn darüber beklagt, daß die Frauen keine Profeſſionen lernen?“ „Nun, wenn Sie ſo wollen— ich freilich! Doch war dies nur in dem Sinne, um Sie gegen die Vortheile Ih⸗ rer Lage empfindlicher zu machen.“ „Sie meinen mein Schlafbedürfniß am Tage, weil mir die Nacht zur Schuldnerin geworden iſt? Wenn Sie mich darin ſo unverdient vom Schickſal begünſtigt finden, ſo bitte ich Sie, ſich Das zu ertrotzen, was mir malgré moi zugetheilt iſt.— Wie wäre es, wenn Sie in dieſer Nacht eine Spazierfahrt unternähmen?“ „Sie können doch ſo ſehr müde nicht ſein, lieber Doctor; ſonſt würden Sie ſich auf ſolche Scherze nicht einlaſſen.“ „Die Wirkung Ihrer Unterhaltungsgabe!— Uebri⸗ gens war meine Meinung ganz ernſthaft.— Sie legen Werth auf den Wechſel. Warum alſo denſelben entbeh⸗ ren? Denken Sie der Sache einmal recht nach, und ich bin überzeugt, daß Sie mir Necht geben werden.“ „Schwerlich! Und das um ſo weniger, weil ich nicht einmal recht mehr weiß, um was es ſich eigentlich han⸗ igen, und sreißen.“ die ver⸗ cules am n der Ge⸗ e Frauen och wat heile Ih⸗ age, weil Benn Sie gt finden, ir malgré in dieſer rDockor; inlaſen“ — Ulebri⸗ Sie lgen nenbeh⸗ und ich „ ich nicht lich han delt. Sie bleiben nie bei der Sache, und während man über einen Punkt zu ſtreiten meint, ſind Sie ſchon auf einem ganz andern Ende angekommen: da iſt es ein Ding der Unmöglichkeit ſeinen Satz zu behaupten.— Schlafen Sie jetzt übrigens nur weiter.— Ich muß hinuntergehen meinen Hund waſchen zu ſehen.“ Die Sonne ſtand hoch am Tage, als ich am nächſten Morgen erwachte, und den Tiger mit erwartender Miene mit einem kleinen ſilbernen Tellerchen, auf dem ein Billet lag, vor meinem Bette ſtehen ſah. „Schnell das Frühſtück!“ rief ich ihm zu und nahm ihm den Brief ab, der, wie ich vermuthete, meine ſchleu⸗ nige Gegenwart irgendwo erforderte. Er war von Damenhand geſchrieben und enthielt die Bitte, ſobald es meine Zeit erlaube, vorzuſprechen.„Er⸗ lauben!“ ſeufzte ich. Als wenn ein Arzt ſeine Zeit um Erlaubniß fragen dürfte; denn gewöhnlich iſt ſie am mei⸗ ſten in Anſpruch genommen, wenn ſie es am wenigſten erlaubt, wie z. B. jetzt, wo ſie mir meinen Kaffee aroma⸗ tiſch entgegendampft und mich dabei aus dem Hauſe ſchicken will. O Pflicht! welch ein garſtiges Wort du biſt! Schon deshalb möchte ich mich mit der Antike ver— mählen, um deines häßlichen Klanges los zu werden; möchte, wie Fauſt, die Helena heimführen, dann auf Ithaka die Säue weiden und mein Leben zu einem Parnaſſus naturwüchſiger Eindrücke umgeſtalten!— Aber ach! D 18¹ grauer Bär des Nordens, Civiliſation genannt, haſt mich zu einem Aesculap auserſehen, der jeder verhunzten Men⸗ ſchennatur weiß machen ſoll, daß er die Erbſünde ihrer Väter durch irgend ein göttliches Elirir wiederherſtellen kann. Und ein Glück für mich, daß man dies glaubt! Als ich in den Park hinauskam, war gerade große Revue und Menſchen und Thiere horchten dem Krachen der grauſigen Mordinſtrumente mit ſtoiſcher Selbſtver⸗ leugnung. Der alte Herzog in eigener Perſon leitete die bedeutſame Bewegung und ſein Milchbruder dort oben auf dem ſteinernen Piedeſtal ſah ihm in ſchweigender Ap⸗ probation zu, während deſſen hagerer Rappe den Fuß alle⸗ goriſch nach Norden erhob. Alles war Leben und Bewe⸗ gung. John Bull hatte ſich eingefunden, die Triumphe ſeiner erfochtenen Siege hier im kindſchen Spiele zu durch⸗ leben, und die kleinen Bulls waren mitgekommen, um ih⸗ ren Nationalſtolz an dieſem Mordſpiel zu nähren. So macht's der Menſch in ſeinem Wahn!— Lieb wäre es mir übrigens geweſen, Elihu Burritt, den Friedens⸗Schmied, von der andern Seite mit ſeiner Friedensbande, mit einem Oelzweig in der Hand, aufmarſchiren zu ſehen, um dem „Hero of a thousand fights“ ſein langes Leben zu einem großen Vorwurfe zu machen. Mein Weg ging quer durch die dichten Maſſen einem Häuschen zu, das hier, verſteckt unter Bäumen, und von Mauern eng eingehegt, ſein altes geſchwärztes Anlitz ver⸗ birgt. Ich ſchellte an einem alten Thorwege, deſſen mor⸗ ſche Planken den Eingang noch leidlich verwahrten, und Hof Yoſ — Fb —5 —— aſt nich en Men⸗ nde ihret cherſellen glaubt! de große Krachen Selbſter⸗ leitete die ort oben nder Ap⸗ uß alle⸗ d Bewe⸗ Lriumphe zu duch⸗ um ih⸗ en. So wäre es Schnied, nit einem um dem zu einn ſen einem und von nlit ver⸗ ſen mol⸗ ten, un 185 wurde von einer mürriſch ausſehenden alten Dienerin ein⸗ gelaſſen. Ein enger Raum den man kaum mit dem Worte Hofplatz bezeichnen kann, war bald überſchritten, und die Thüre des Hauſes, die ſchon geöffnet ſtand, erreicht. Ich fragte nach Miß Neyr, und wurde in ein unteres Zimmer geführt, wo ich dieſelbe erwarten ſollte. Das Gemach war klein, die Fenſter eng und ſchmutzig, die Einrichtung, was man mit dem engliſchen Worte„shabby“ ſo richtig bezeichnet. Jetzt öffnete ſich die Thüre und eine ſchlanke weibliche Geſtalt mit dunkeln Augen und Haaren trat mit gefäl⸗ ligem Anſtande herein und bat mich, nach einer artigen Begrüßung, Platz zu nehmen.— Ich ſetzte mich ihr ge⸗ genüber in die Fenſterbrüſtung. „Ich habe Sie herbemüht“, begann ſie,„um Sie über meine Geſundheit zu Rathe zu ziehen. Es ſcheint mir, als wenn der Aufenthalt hier mir nicht bekommt. Ich lebe ſeit einem Jahre in dieſem Hauſe, und bin jetzt faſt nie eine Stunde mehr wohl.“ Sie ſah ſehr bleich aus. Ihr dunkles Auge blickte matt und hohl; aber ſo ehrlich, offen und gut, wie ſelten ein Auge in das meinige geſchaut hatte. Auf dieſem Geſichte ſtand Wahrheit geſchrieben; oder nirgends. Fräulein Neyr bekleidete hier den Poſten einer Erzie⸗ herin. Lady Almeima Sunbeam beſaß ſieben Kinder, die alle in dieſer Wohnung hauſeten, während die erlauchte Mutter in einer lebhaften Straße der Stadt wohnte und bemüht war, trotz eines kleinen Einkommens eine anſtän⸗ dige Figur in der Geſellſchaft zu ſpielen und ihre Stellung zu behaupten.— Da die Wohnung in dem faſhionabeln Stadttheile zu einem mäßigen Preiſe nur klein ſein konnte; ſo ließ ſie ihre Kinder in dieſem Hauſe, das ihr von einem Freunde zu dem Endzwecke geliehen war, wohnen, und ſuchte es trotz ihrer vielen ſocialen Pflichten möglich zu machen, monatlich zweimal eine Viſite bei denſelben abzuſtatten. Die ſieben jugendlichen Sunbeams waren Alle kränk⸗ lich und mit Skropheln behaftet, ein Beweis ihres alten Blutes. Sie bedurften daher unendlicher Nahrung und Pflege, und ſchoſſen unter dieſem Treibhausleben wie die Pilze empor.„What fiue children“, rief Jeder, der ſie ſah; denn das Aeußere verrieth den Wurm nicht, der hier ſein Weſen trieb; ja verbarg ihn wielmehr. Mit dieſen ſieben Sunbeams lebte die junge Dame, die jetzt vor mir ſaß, in ununterbrochenem Einerlei ihrer Tage, die keinen Wechſel, keine Freiheit und keinen Genuß kannten. Die Pflicht war ihr Ehegemahl— und ein gräuliches altes Geſpenſt von einem Gatten mußte ſie hier abgeben! Die ſieben Sunbeams waren von früh bis ſpät ihre Begleiter; ſie war ihnen Alles in Allem. Sie mußte ſie auf ihren Promenaden begleiten, ihre Spiele überwachen, ihre phyſiſche Gebrechlichkeit foigniren und in den dicken Köpfen eine Spur geiſtigen Lichtes zu wecken ſuchen. Ja ſelbſt die Nächte konnte ſie nicht ihr eigen nennen, indem der eng zugeſchnittene Raum des Hauſes ihr auch dann noch einige Sunbeams zutheilte. Kein Wunder, daß ſie unter der Bürde ſolcher Anſprüche niederſank! türlic gab gute 187 An guter Nahrung fehlte es ihr freilich nicht; aber leibliche Speiſe allein hält den Leib noch nicht empor. Die Sunbeams wurden ſorgfältig gefüttert, und wie na⸗ türlich ſtand ihr derſelbe Trog zu Gebote. Früh ſchon gab es friſche Milch mit Eiſenglas. Zum Frühſtück Fleiſch, gutes nahrhaftes Fleiſch, das nur ſehr wenig Feuerhitze geſehen hatte, und ſo blutig roth in den Tag hineinſchaute, daß der größte Oger ſein Mahl davon gehalten haben würde. Fräulein Neyr hatte das Licht der Welt in einer ſüdlichen Hemiſphäre erblickt, und neigte ſich in ihrer Diät dem Vegetabiliſchen zu. Es wurde ihr daher unmöglich, an dieſen Mahlzeiten Theil zu nehmen. Sie ſchnitt den ſieben Sunbeams vor, und legte dann Meſſer und Gabel mit innerm Ekel aus der Hand. Der Wille vermochte hier nichts gegen das innere Widerſtreben. Der erſte Rath, den ich ihr ertheilte, war daher: daß ſie dieſen Ort verlaſſen ſollte, wo Alles nur darauf be⸗ rechnet ſchien, eine nachtheilige Wirkung auf ſie zu üben. Was vermochte alle Arznei, ſolange die Urſache forteriſtirte, die die Schöpferin des Uebels war! „Hierin kann ich Ihnen nicht willfahren, Herr Doctor!“ verſetzte ſie, während momentan eine tiefe Röthe ihr Ge⸗ ſicht überzog.„Ich will Ihnen offen die Gründe beken⸗ nen“ fügte ſie ſich zuſammennehmend hinzu.„Sie kön⸗ nen mir nicht helfen, wenn ich nicht wahr gegen Sie bin, und ſo muß ich die kleine Schwäche der menſchlichen Na— tur, die ſich gegen ein offenes Darlegen meiner Verhält⸗ niſſe ſträubt, zu überwinden ſuchen.“ —— 188 „Ich ſtehe ganz allein in der Welt, habe weder Ael⸗ tern noch Geſchwiſter und beſitze keinen Pfennig im Ver⸗ mögen. In meinem achten Jahre ſchon wurde ich von Columbia, wo mein Vater Plantagen beſaß, in eine Schule nach der Bretagne geſchickt, wo ich erzogen wer⸗ den ſollte; denn außerdem, daß es an Lehrern fehlte, wollte mir auch das heiße Klima meines Geburtslandes nicht zuſagen, und der Arzt meinte, daß ich nur durch ſchnelle Entfernung von dort dem Leben erhalten werden könnte. Meine Aeltern waren Engländer. Mein Vater dachte nur an ſeine Geſchäfte und bekümmerte ſich wenig um das kleine Mädchen, und meine Mutter— ich weiß nicht weshalb— ſchien keine Freude an mir zu haben. Sie hielt eine gute Bonne, die achtſam auf mich war, und ließ es mir auch ſonſt an nichts fehlen— als an der Zärtlichkeit einer Mutter.— Es iſt freilich wahr, ich war ein wildes, ungeſtümes Kind!— Ich warf mich an ihren Hals und hielt ſie feſt zum Erdrücken. Daneben kam ich ſtets ſchmutzig und zerriſſen nach Hauſe, und ich entſinne mich lebhaft, wie misfällig ihr dies zu ſein pflegte.“ „Mein Scheiden aus dem väterlichen Hauſe glich da⸗ her keinesweges einer ſchmerzlichen Trennung zwiſchen Altern und Kind. Meine blonde Mutter ſtand unter dem Portal des Hauſes und küßte ſanft ihre für die Reiſe wohlgekleidete Tochter, mein Vater hob mich in den Wa⸗ gen und ſtieg dann ſelbſt nach, die Bonne nahm auf dem Rückſitze Platz, der Hund, mein langjähriger Spielgefährte, ſprang bellend an den Rädern hinauf, die hohen Platanen ſäuſelt und i ſchen. 7 blieb eine Unge behre Zu b meine unter nein ſten gunz der gel. und gen ang ins lei ſeie Dri m ſch der Kder Ael⸗ im Ver⸗ eich von in eine ogen wer⸗ ern ſehlie, urtslandes nur durch en werden ein Vatet ich wenig ich weiß u haben. mich war, — als an wahr, ich f nich an Daneben , und ich npfege“ glich d⸗ wiſchn and unler dn Wa⸗ auf den geführt⸗ Platauen 189 ſäuſelten und winkten— der Kutſcher gab die Peitſche— und ich hatte das älterliche Hnus zum letzten Male ge⸗ ſehen.“ „Meine Bonne begleitete mich über das Waſſer und blieb auch bei mir in der Penſion. Sie liebte mich wie eine zweite Mutter, was konnte ich da, in einer heitern Umgebung, und unter den Gefährten meines Alters ent⸗ behren?— Die Jahre verſtrichen in glücklichem Einerlei. Zu beſtimmten Zeitperioden trafen regelmäßig Briefe von meinen Aeltern ein, die dann ebenſo regelmäßig und unter der Aufſicht einer Lehrerin in franzöſiſcher Sprache, meine Fortſchritte hierin zu bekunden, und in der zierlich⸗ ſten Handſchrift beantwortet wurden. Dies war der ganze Verkehr zwiſchen Aeltern und Kind.“ „An meinem zwölften Geburtstage trug der Brief aus der Heimat einen ſchwarzen Rand und ein ſchwarzes Sie⸗ gel. Meine Mutter ſchrieb, daß mein Vater geſtorben ſei, und daß ich zwei Jahre lang eine anſtändige Trauer tra⸗ gen müſſe, worin meine Bonne mir Geſellſchaft zu leiſten angewieſen wurde.“ „Ein Jahr darauf, als ich wieder den Tag, der mich ins Leben gerufen, nach vorgeſchriebener Weiſe durch ein kleines Feſt, das ich meinen Geſpielinnen geben durfte, zu feiern im Begriffe ſtand, legte mir die Vorſteherin einen Brief meiner Mutter hin, der keine ſchwarze Trauerkante trug. Ich öffnete ihn mit Verwunderung.— Sie hatte ſich wieder verheirathet und gebot mir, die ſchwarzen Klei⸗ der abzulegen und meinem neuen Vater einen kindlichen Brief zu ſchreiben.— Die Vorſteherin dictirte mir den⸗ ſelben.“ „Wieder vergingen ein paar Jahre. Da erhielt Ma⸗ dame Binet von fremder Hand die Nachricht, daß ſie mich auf den Verluſt meiner Mutter vorzubereiten habe, die hoffnungslos an einem hitzigen Fieber daniederliege;— und bald darauf lief von meinem Stiefvater ſelbſt ein Schreiben ein, das ihren Tod verkündigte und der Vor⸗ ſteherin meldete: daß meine Erziehung nun als beendigt zu betrachten ſei und ich in die Heimat zurückkehren könne, wo ich unter ſeinem Dache eine Zuflucht finden würde.“ „Die gute Dame hatte mich während der acht Jahre meines Aufenthalts lieb gewonnen und empfand das In⸗ tereſſe einer Mutter für mich. Sie wollte mich um kei⸗ nen Preis in ein mir jetzt ganz fremdes Land zurückkeh⸗ ren laſſen, wo meiner Niemand wartete als ein Stief⸗ vater, der mir auch ganz fremd war, und in deſſem Hauſe ich ſchicklicherweiſe nicht einmal allein mit ihm leben konnte. Ich ſollte bei ihr bleiben, ſolange ich wollte. Sie war aber bejahrt und nicht reich, und wünſchte daher, um meine Zukunft zu ſichern, mir das von meinen Aeltern nachgelaſſene Vermögen zu verſchaffen. Sie ſchrieb des⸗ halb an meinen Stiefvater. Seine Antwort lautete: es ſei nichts da geblieben. Das ſchien indeſſen unglaublich! Mein Vater war ein betriebſamer Mann geweſen und hatte vielen liegenden Grundbeſitz beſeſſen.“ „Meine alte Bonne erbot ſich nun die Reiſe zu unter⸗ nehmen, und ſich dort an Ort und Stelle nach der Lage N chiet Ma⸗ ß ſi nich habe, die erliege;— ſelbſt ein der Vor⸗ s beendigt. ren könne, würde.“ cht Jahre das In⸗ ch um kei⸗ zurickeh⸗ ein Stieß ſen Hauſe ben konnte. Sie wal daher, Um en Altem chrieb des⸗ autete e nlulich weſn und der Lag der Dinge zu erkundigen. Sie reiſte ab. Die langjährige Freundin, ſie, die meine Jugend gepflegt, mit der allein ich die Erinnerungen der Kindheit heraufbeſchwören, mit der allein ich die brennende Sonne des Südens, den hei⸗ tern Sternenhimmel, die Wälder und Grotten der Hei— mat, die Brandung der weiten Meeresküſte in unſern Ge⸗ ſprächen wiederſehen konnte, ſie war geſchieden, und für immer geſchieden! Ihr treues Auge hatte zum letzten Male auf mir geruht.“ „Gleich nach ihrer Ankunft begab ſie ſich zu dem ihr bekannten Geſchäftsführer meines Vaters. Dieſer ſagte ihr: daß meine Mutter bei ihrer Wiedervermählung alle liegenden Gründe veräußert und das Geld in einem Han⸗ delshauſe auf dem Continent angelegt habe, in der Abſicht, ihren Aufenthalt in Paris oder London zu wählen. Da mein Vater ſie zu meiner alleinigen Vormünderin ernannt und ihr auf Lebenszeit die volle Gewalt über das Ver⸗ mögen geſichert hätte, ſo wäre es ihm nicht möglich ge⸗ weſen, ſich in die Sache zu miſchen. Meinetwegen aber habe es ihm ſehr leid gethan, weil er ſchon vorausge⸗ ſehen, daß ich dadurch in meinem guten Rechte verkürzt werden würde. Wenn ich ihm jetzt aber eine Vollmacht ſende, ſo wolle er in meinem Namen nachfragen, ob meine Mutter kein Teſtament nachgelaſſen habe, und was ſonſt aus ihrem großen Vermögen geworden ſei.“ „Ich ſandte dieſe Vollmacht in aller Form ein. Sowie unſer Geſchäftsführer aber mit derſelben auftrat, und meinen Vater vorforderte, um über mein Vermögen —— — 192 Rechenſchaft abzulegen, hatte dieſer noch am ſelben Abend ein Schiff beſtiegen und war abgeſegelt. Haus und Möbeln, die er zurückgelaſſen, waren von keinem großen Werthe. Herr Brown hatte jedoch Beſchlag dar⸗ auf gelegt, um dieſelben, nach abgelaufener Friſt, für mich zu veräußern. Ich beſtimmte den Ertrag für meine alte Bonne, die dort krank lag und bald, ach! für mich leider nur zu bald, ihr einfaches Begräbniß davon beſtrei⸗ ten ließ.“ „Mein ſiebenzehnter Geburtstag war indeſſen herbei⸗ geeilt. Er brachte weder einen ſchwarzumränderten noch einen weißen Brief aus der Heimat, und erlaubte meinen Gefährtinnen keine Feier mehr, deren Koſten ich beſtreiten ſollte. Ich war jetzt arm, ganz arm, war dabei heimat— los, und ſtand ſo allein und verlaſſen im Leben da, wie wol wenige Mädchen meines Alters.— Es iſt ein eige⸗ nes Gefühl, ſich ſo ganz ohne menſchliche Beziehungen zu wiſſen, daß Sie mir wol ſchwerlich nachempfinden kön⸗ nen! Ein Mann nimmt das ſchon anders auf. Ihm kann es eine Bedingung der Freiheit ſein.— Was ſoll einem Mädchen aber die Freiheit?“ „Wir hatten in London weitläufige Verwandte, Vet⸗ tern im zehnten Grade, oder ſo etwas, die aber doch mei⸗ nen Namen trugen. Ich verſchaffte mir die Adreſſe der⸗ ſelben, ſchrieb an ſie und ſchilderte ihnen meine Lage. Sie antworteten mir in einem unfrankirten Briefe: daß eine Bekannte von ihnen mich in ihrer Schule mit einem Ge⸗ halte von dreißig Pfund anſtellen wolle.“ „ zugehe i witd Mäde ſechs ju fül Glied geht, Erjieh eines S ſo wa Körpe len nicht mit der 1 eine lich ſelben Haus tkeinem hlag dar⸗ riſt, für für meine für mich n beſtrei⸗ nherbei⸗ en noch meinen beſtreiten i heimat⸗ du, wie ein eige⸗ ungen zu den kör⸗ f. Ihn Wos ſoll die, Vet⸗ doch nei reſt der⸗ e Sie daß eine em Gl⸗ „Was blieb mir übrig, als auf dieſen Vorſchlag ein⸗ zugehen?“ „Sie kennen als Arzt ſo manche Verhältniſſe, Ihnen wird daher auch das Leben in einer Schule, wo dreißig Mädchen erzogen werden, kein Geheimniß ſein. Von früh ſechs Uhr bis Abends neun Uhr hatte ich hier die Aufſicht zu führen, und mußte dabei zweimal täglich in Reih und Glied, wie ein Regiment Soldaten, das in Paaren aus⸗ geht, lange Spaziergänge machen, an die ich durch meine Erziehung in Frankreich, wo dieſes Syſtem nicht herrſcht, keineswegs gewöhnt worden war.“ „Man erträgt in dieſem Alter aber noch Vieles, und ſo war ich denn auch im Stande, trotz meines ſchwachen Körperbaues, zwei Jahre lang dieſe für mich harten Pflich⸗ ten zu erfüllen. Nach Verlauf dieſer Zeit aber wollte es nicht mehr gehen, und die Vorſteherin, die ſehr zufrieden mit mir war, und meinen guten Willen im Kampfe mit der Unmöglichkeit erkannte, bot mir dann ſelbſt an, mir eine Stellung in einer Familie zu ſuchen, wo ich körper⸗ lich und geiſtig weniger angeſtrengt ſein würde.“ „Sie hielt ihr Wort. Ich wurde Miſtreß Gale vor⸗ geſtellt, und von ihr mit einem Gchalte von 50 Pfund für ihre beiden kleinen Töchter von fünf und ſieben Jah⸗ ren engagirt. Das war nun im Vergleich mit meinem vorigen Leben ein Kinderſpiel.— Und dennoch war auch das ermüdend. Zwei Jahre verſtrichen mir dort. Die Familie beabſichtigte nun nach deim Continente zu gehen, wohin ſie mich nicht mitnehmen konnte und wollte.— L 13 194 Das war ein harter Schlag für mich! Ich hatte die Kinder lieb gewonnen. Das Herz muß ſich doch an Etwas hängen!“ Zwei helle Perlen rollten hier über ihre Wangen, die ſie vergebens zurückzuhalten bemüht war. Ich ſah zum Fenſter hinaus, um ihr Zeit zu laſſen, ſich faſſen zu kön⸗ nen. Nach einer kurzen Pauſe fuhr ſie dann in heiterm Tone fort: „Ich kam nun zu Lady Almeima Sunbeam. Dieſe hatte freilich eine ſehr ſtarke Familie und konnte mir da⸗ bei nicht mehr als 60 Pfund Gehalt bieten; doch durfte ich dafür darauf rechnen, deren Kinder lange unter mei— ner Aufſicht zu behalten und mich von ihnen wie ihre Mutter lieben zu laſſen. Ich ſehnte mich ſo ſehr nach einem permanenten Aufenthalte! Das Herunfliegen von einem Orte zum andern iſt ganz angenehm; aber nur nicht von einer Familie in die andere. Man wird dann das Gefühl des Fremdſeins gar nicht los, und ich bin ja ſo ohnehin ſchon nirgends zu Hauſe. Kein Wunder alſo, daß mir nichts ſo begehrenswerth erſcheint als eben das Gefühl, ſich zu Hauſe zu fühlen;— dies chez soi! Ge— gen den Rath meiner wenigen Bekannten, die diesmal beſſer urtheilten, weil ſie die Vernunft und nicht meine Empfindung dabei in Betracht zogen, nahm ich daher dieſe Stelle an und dulde nun die Folgen.“ Sie blickte niedergeſchlagen und bewegt vor ſich hin. „Jedenfalls“, ſagte ich,„ſind Sie augenblicklich zu ſchwach, die Aufſicht über ſieben Kinder zu führen. Sie bedürfen vor allem der Ruhe, der Erholung.“ ſchte noch kein ſchn „N hab hen len eine Het füh zu Un wa um ſch De ie Kinder hängen!“ ungen, die ſch em n zu ln⸗ in heitem m. Dieſe te mir da och durfte mter mei⸗ wie ihre ſcht nach iegen von aber nut wird dann ich bin ju under alſo, eben das soil Gl⸗ ie disnal nicht mine duher diſe ſich hin. bliclich ren. Sl „Und gerade dieſe kann ich mir nicht gewähren“, ver⸗ ſetzte ſie ſanft.„Ich habe, wie geſagt, weder Vermögen noch Freunde, und muß arbeiten, um zu leben. Haben Sie keine ſtärkende Arznei für mich, die mich dazu befähigt?“ „Schwerlich!“ verſetzte ich.„Meine Kunſt iſt zu ſchwach gegen Ihre ſieben Sunbeams.“ Sie lachte.„Die armen Kinder!“ ſagte ſie dann. „Niemand wird ſo gut für ſie ſorgen, wie ich es gethan habe. Sie thaten mir ſo leid!— Kranke Kinder brau⸗ chen viel Liebe.“ „Ganz gut“, verſetzte ich;„äber laſſen Sie einſtwei⸗ len die Mutter dieſe ſpenden, und ſehen Sie ſich nach einem Aufenthalte um, wo nur ein Kind iſt, und Ihr Herz daher nicht völlig ſo ſehr ausgebeutet werden kann.“ „Wie gleichgültig Sie die Sache nehmen!— Ich fühle mich hier ſo nothwendig, ſo unentbehrlich, daß mir zu Muthe iſt, als gelte es einen mir von der Vorſehung anvertrauten Poſten zu verlaſſen. Es iſt für mich eine wahre Gewiſſensſache. Halten es wirklich für un⸗ umgänglich uihe daß ich von meinen Kindern ſcheide?“ „Wenn Sie darunter dieſe ſieben unglückichen Sun⸗ beams verſtehen, allerdings!— Das Zuſammenleben mit dieſen kränklichen Kindern iſt Gift für Sie. Sie dürfen die ſchlimmſten S6 für ſich erwarten, wenn Sie hier länger verweilen. „Jedenfalls kann ich nicht vor Ablauf dreier Monate von hier gehen. Dies iſt der übliche Termin, wie Sie n —— 8 — — — wiſſen, und ich bin es Lady Almeima ſchuldig, ihr hin⸗ reichende Zeit zu einer andern Wahl zu laſſen.“ „Der Zeitraum iſt zu lang. Sie halten es nicht aus.“ „Entmuthigen Sie mich nicht, beſter Herr Doctor!— D Vor allen Dingen muß ich doch Dem nachkommen, was ich für meine Pflicht halte, mag dann auch aus mir wer⸗ den was da will. Do to others as you wish to be done by. Habe ich darin nicht Recht?“ „Die Liebe fängt aber auch bei uns ſelbſt an. Und Jeder hat erſt vor ſeiner eigenen Thür zu kehren, ehe er ſich an die ſeines Nachbars macht.“ „Sobald er es ohne innern Zwieſpalt thun kann, mag es wol weiſe ſein. Ich aber kann es nicht. Ich bin mir das nicht werth.“ „Vielleicht wird Lady Almeima ſelbſt einſehen, daß Sie der Sorge für ihre ſieben hoffnungsvollen Spröß⸗ linge nicht gewachſen ſind.“ „Ich kann ja der Mutter nicht mittheilen, wie ſehr ich durch das Zuſammenleben mit denſelben leide.“ „So laſſen Sie mich für Sie ſprechen. Ich, als Arzt, kann ihr ſchon die Wahrheit ſagen.“ „Nein, bitte! ja nicht! Sie würde es Unrecht finden, daß ich Sie zu mir gerufen, und mir falſche Motive un⸗ terlegen. Ich konnte aber zu dem alten Apotheker, der ihre Kinder behandelt, kein Vertrauen faſſen. Ueberdies wußte ich, daß deſſen kriechende Seele meine Geſundheit immer im beſten Stande finden würde, ſolange ich Lady Alemeima Dienſte zu leiſten hatte. Ein wahres Wort gi 9 ihr hin⸗ icht aus.“ oetor nen, was mir wer⸗ Sh to be an. Und n, ehe er n kann, Ich bin hen, daß n Spröß⸗ wie ſehr als Atzt, ht finden,⸗ dotive M heker, der berdies ſeundheit ich Lad es Wort 9 von ihm zu hören, war unmöglich; und getäuſcht hatte ich mich ſelbſt ſchon lange genug!“ „So habe ich mich alſo bei der tugendhaften Seele zu bedanken?“ „Wofür?“ „Für das Vergnügen, Ihnen die Wahrheit zu ſagen.“ Sie lachte.„Sie haben eine heitere Laune“, ſagte ſie.„Mich ſollte nicht wundern, wenn Sie Ihre Kran—* ken durch Ihre Scherze herſtellten.“ „Die Methode wäre neu und angenehm. Erlauben Sie mir, bei Ihnen den Verſuch damit zu machen?“ „Gern.“ „Sie geſtatten mir zu dem Endzwecke freien Zutritt?“ „Wer dürfte dieſen dem Arzte je verweigern?“ „Welche Stunde iſt Ihnen für meinen Beſuch am genehmſten?“ „Zwiſchen ſieben und acht Uhr; nach vollendetem gewerke, dann bin ich frei und ruhiger.“ „Dann werde ich Ihnen vielleicht morgen oder über 2 d⸗ morgen ein kleines Tränkchen aus meiner Küche bringen.“ „Alſo doch?“ „Nur des Durſtes wegen.“ „Ich fühle mich aber alles Ernſtes ſchon wohler. Ich war ſehr niedergeſchlagen, als Sie kamen, und habe über— haupt ſeit Wochen ſchon keinen vergnügten Augenblick ge— kannt. Ich war muth— und rathlos, und wußte nicht, was beſchließen, nicht wie mich aus dieſer ſchwierigen Lage ziehen. Ihr Gebot macht mir jetzt Alles leicht, und 198 läßt mir die Ausführung wie ſich von ſelbſt verſtehend erſcheinen.“ „Wann ſehen Sie Lady Almeima?“ „Erſt in acht Tagen.“ „Jedenfalls muß ich darauf dringen alle Sunbeams aus Ihrem Schlafzimmer entfernt zu ſehen. In dieſem Punkte fordere ich unbedingte Folgſamkeit. Und ferner wünſche ich, daß Sie jeden Tag Sago in Rothwein eſſen, entweder am Vormittag, oder um dieſe Stunde.“ „Ich wage nicht mir etwas Beſonderes zu beſtellen.“ „Nicht wenn Ihr Arzt es befiehlt?— Das möchte ich denn doch ſehen, wo ſolche Enthaltſamkeit vorgeſchrie— ben ſtände!“ „Sie wiſſen nicht, Herr Doctor, wie eng zugeſchnitten der Haushalt in dieſen reichen-armen Familien iſt.— Da wird auf Jegliches Bedacht genommen.“ 3„Nun wohl, alſo natürlich auch auf Sie, als die 3 das etwa nicht?“ ſ„Freilich bin ich das“, ſagte ſie lachend;„aber nur 6 in dem Sinne, was ich Andern leiſte, nicht aber in dem, ſ was man mir leiſtet.“ „Das iſt ein ſehr ungleicher Handel, in welchem das Alles gut macht.“ 66 wichtigſte Perſon in dieſem Haushalte. Oder ſind Sie ganze Leiſten auf Ihrer Seite iſt“, ſagte ich ſchelmiſch; 6 3„das iſt wenigſtens nicht ohne Selbſtbewußtſein behauptet.“ „Wie Sie es nehmen! Herr Doctor.— Sie wiſſen 6 ja doch recht gut, daß von der andern Seite das Geld bean Ihre bitte voll Ma ſchö chen heit aus ten hen und hie kei klo ſol de A ve he M etſtehend unbenns n dieſem d fernet vein eſſen, eſtellen.“ s möchte rgeſchrie⸗ eſchriten ſt.— Da als die ſind Sie abet mur r in dem ſchem das ſtniſch; huput“ ie wiſſen as Geld 4190 „Ich vergaß. Beinahe neun Pfund für jeden Sun⸗ beam. Wieviel von dieſer Summe rechnen Sie ſich für Ihre Liebe und Sorge an?— Die Berechnung davon bitte ich mir das nächſte Mal, und zwar ganz genau und vollſtändig aus; jetzt aber muß ich mich empfehlen!“ Ich trat gedankenvoll meinen Rückweg an.„Unſelige Macht des Geldes!“ ſeufzte ich;„die hier wieder eine ſchöne menſchliche Natur zu Grunde richtet. Armes Mäd⸗ chen!“ Ihre Kräfte waren gebrochen, ihre zarte Geſund⸗ heit keiner Art von Anſtrengung gewachſen. Was ſollte aus ihr werden?— Meine Fläſchchen und Döschen fühl⸗ ten ihre Ohnmacht in ſolchem Conflict mit täglichen Mü⸗ hen und Sorgen. Ich ging den ganzen Kreis meiner Bekannten durch und ſuchte nach einer ſchönen weiblichen Seele umher, die hier helfend einträte; aber vergebeus!— Es ſtieß mir keine auf, an deren Thüre ich mit Ueberzeugung hätte an— flopfen mögen. Ich klopfte aber doch! Mit welchem Er⸗ folge, läßt ſich leicht ermeſſen!— Es lag mir ſchwer auf der Seele, hier keinen rettenden Ausweg zu finden. Indeſſen wiederholte ich meine Beſuche und that als Arzt und als Menſch, was in meinen Kräften ſtand. Ich verbarg ihr die ernſten Beſorgniſſe, die ich ihretwegen hegte, und ſuchte ihren Muth zu ſtählen, um den kom⸗ menden Uebeln zu begegnen. Sie war mir ſo dankbar für die Theilnahme, die ich ihr bewies, und ſo bekümmert, mir ſo viel Mühe zu verurſachen, die ſie mir nicht lohnen könne, daß ich mehrmals eine heitere Geſellſchaft aufgab, S — 200 um das einſame Häuschen im Parke zu beſuchen, wo, wie ich wußte, mein Erſcheinen dem Sonnenſchein am Regenhimmel glich. Oftmals ſchon hatte ich ſie die letzte Thräne weglachen ſehen! Oftmals ihr bleiches trauriges Geſicht mit einem Roſenſchimmer der Freude zu ſchmücken vermocht! Unterdeſſen nahte die Zeit heran, wo Lady Almeima Sunbeam ihre Viſite abſtatten mußte, die diesmal, in Folge eines Ausfluges an die Seeküſte, um einige Tage verſpätet worden war. Fräulein Neyr bat mich, meine Beſuche einzuſtellen, bis die hohe Dame da geweſen, weil ein unerwartetes Zuſammentreffen mit derſelben, ehe ſie von der Urſache meines Kommens unterrichtet worden, nicht angenehm ſei. Ich wartete alſo ihrer Botſchaft. Am vierten Tyge brachte mir der Poſtbote einen Brief, auf dem mein Name faſt unleſerlich geſchrieben ſtand. Der Inhalt enthielt nur die wenigen Worte:„Kommen Sie, bitte!“ unterzeichnet„Johanna Neyr.“— Ich ging ſogleich. Das kleine düſtere Häuschen ſchien mir heute, ich weiß nicht weshalb, noch düſterer zu ſein. Der Himmel war ſo grau, die Bäume rauſchten ſo unheimlich, und ſelbſt die Kühe, die an der Quelle nächſt dem Wege ihren Durſt zu löſchen kamen, ſahen mich ſcheu und verwun⸗ dert an. Warum ſpiegelte ſich heute Alles ſo tragödien⸗ artig vor meiner Seele ab?— Iſt dieſer Wechſel unſerer Stimmungen das Leben?— Sind wir die paſſiven Trä⸗ ger dieſer äußern Eindrücke, oder iſt auch in uns eine düſt nich beſc Sch verk ſchli Hin bahl Pol Gra zuſ chen, we, ſchein am die letzte s trauiges ſchmücen Almeima iesmal, in inige Tage ich, meine eſen, weil n, che ſie t worden, tſchaft. inen Brief hen ſtand. „Kommen Ich ging heute, ich t Hinnel nlich, und Pege ihren d vemwun⸗ mgidien⸗ ſil unſerer ſven Tui⸗ uns eine 201 Macht rege, die die Erſcheinungen nur in die Farben ih— rer vorgefaßten Empfindungen kleidet? So fragte ich mich ſelbſt, ohne deshalb der traurig— düſtern Stimmung los zu werden, die mich, ich wußte nicht weshalb, während meines Ganges durch den Park beſchlichen hatte. Ich ſchellte jetzt. Weithin tönte die Glocke; aber kein Schritt ward vernehmbar, der mir den dienſtbaren Geiſt verkündigte, welcher mir das morſche ſchwarze Thor er— ſchließen ſollte. Ich wartete eine Weile, blickte unterdeſſen Himmel und Erde und das prächtige Haus des Eiſen bahnkönigs an, in welchem der Betrug auf ſammetnen Polſtern ruhte, während neben mir die Tugend dem Grabe zuwankte. Solches ſind die Contraſte menſchlicher Zuſtände! Endlich, auf ein abermaliges Schellen, that ſich die Pforte auf und der alte Gärtner hieß mich in das Haus gehen, wo ich die Geſuchte finden würde.— Ich trat auf den Flur, klopfte leiſe an die Thür des kleinen Eck⸗ zimmers, in das ich ſchon ſo manches Mal durch ein will⸗ kommenes„Come in“, Einlaß gefunden hatte, und hörte auch heute ſogleich ein ſchwaches„Herein“. Am Fenſter in einem Armſtuhle ſaß eine Geſtalt, die ich im erſten Augenblicke nicht zu erkennen vermochte. Sie war wie zuſammengeſunken, der Kopf hing auf die Bruſt herab, das ſchwarze Haar fiel verwirrt über Stirn und Geſicht. Sie bewegte ſich bei meinem Eintritte nicht; nur erſt als ich näher trat, hielt ſie mir die lange ſchmale 2 0 2 Hand entgegen, und richtete mühſam ihr dunkles Auge unter den geſchwollenen Augenlidern hervor. „Was fehlt Ihnen?“ fragte ich entſetzt und maß ſie mit erſtauntem Blicke. Statt aller Antwort erfolgte aber nur ein ſtummer Wink, mich ihr gegenüber niederzulaſſen. — Ich ſah, daß ſie nach Faſſung rang und ließ ihr da⸗ her einige Zeit, ſich zu ſammeln. „Ich bin ſehr krank“, hub ſie endlich mit ſchwacher zitternder Stimme an,„und kann dabei nicht länger in dieſem Hauſe bleiben. Können Sie mir nicht in irgend einem Hoſpitale Aufnahme verſchaffen?“ „Wo denken Sie hin! Nimmermehr!— Soweit iſt es noch nicht mit Ihnen gekommen. Aber ſagen Sie mir erſt, was Ihnen zugeſtoßen iſt?— Sie können ſich un⸗ möglich in dieſen wenigen Tagen ſo ſehr verſchlimmert haben?“ „Ich will Ihnen Alles mittheilen— wenn Sie mir Zeit laſſen wollen.— Es greift mich ſehr an.— Jedes Wort— iſt wie ein Dolchſtich für mich.— Doch muß es ſein.— Sie müſſen mir helfen— ich habe ja ſonſt Niemand— und Sie thun es gewiß.“ Ich bejahte ſchweigend. „Lady Almeima kam noch am ſelben Abend, als Sie das letzte Mal hier waren.— Die Uhr ging ſtark auf neun.— Ich ſaß hier— nichts weniger vermuthend— als dieſen ſpäten— Beſuch.— Ich erhob mich bei ihrem Eintritte— ſie grüßte mich nicht— blickte im Zimmer umher, als ſuche ſie etwas und— ſagte dann ſpöttiſch: Ganz ſicht nit fl ſich,1 zu wi nicht ihr ein nir. „ wölkt Lich Lippe Jorn ihren ſagte ſch gele ld es Auge ne ſie olgte aber erzulaſſen. ß ihr da⸗ ſchwachet länger in in itgend oweit iſt Sie mir n ſich un⸗ ſchlimmer Sie nir — Jides doch muß e ja ſonſt als Sie tark auf uthend— hei ihrem 1 Zimmer ſpöuſch — Ganz allein??— Ich achtete dieſer Aeußerung weiter nicht und ging ihr freundlich entgegen.—— Sie bot mir flüchtig die Hand, nahm dann ein Licht und entfernte ſich, um den Kindern, ehe ſie eingeſchlafen, eine gute Nacht zu wünſchen.— Ich erwartete zitternd ihre Rückkehr— nicht im Bewußtſein irgend einer Schuld— nur weil ich ihr eine unwillkommene Nachricht mitzutheilen hatte, bangte mir.— Ach! und mit welchem Rechte!“ „Sie blieb nicht lange aus. Ihre Stirn war um⸗ wölkt, als ſie eintrat.— Sie ſetzte das Licht auf den Tiſch und nahm dann ſtumm mir gegenüber Platz. Ihre Lippen waren zuſammengebiſſen, wie in unterdrücktem Zorne.“ „Darf ich fragen, weshalb Sie die armen Kinder aus ihrem Zimmer in eine kalte Dachſtube weggebettet haben? ſagte ſie endlich mit jenem eiſigen Tone, hinter welchem ſich der höchſte Unwille verbirgt.“ (Der Arzt gebot es», verſetzte ich.“ (Welcher Arzt?* (Der Meinige.* (Dem Sie dieſes Gebot ohne in den Mund gelegt haben?* „Dieſe Anklage empörte mich auf das pöcſe.„My⸗ ſagte ich ſtrenge,„Sie werden ſich erinnern, daß ich es ſelbſt war, die die Kinder dahin bettete, und daß ich alſo gleichfalls das Recht habe ſie wieder daraus zu entfernen. Das Zimmer iſt mein, und Niemand iſt be⸗ rechtigt, es mit mir zu theilen.» (Seit wann ſind Sie die Herrin dieſes Hauſes?» fragte ſie ſpöttiſch.“ Es war meines Wiſſens nicht von dem Hauſe, ſon⸗ dern von meinem Zimmer die Rede, das Sie mir ſelbſt bei meinem Eintritte hier, als mir zugehörend, angewieſen haben.» Ganz recht. Ihr eigenes geſundes Urtheil belehrte Sie aber, daß es eigennützig ſei, in einem ſo großen Zim⸗ mer allein zu ſchlafen, während meine armen kranken Kin⸗ der ſo beſchränkt gebettet waren, und ich kann Ihnen nicht erlauben, dieſe beſſere Einſicht jetzt einem kleinlichen Egois⸗ mus zu vpfern.» Es iſt von meiner Geſundheit dabei die Rede, und dieſe fordert leider einen ſolchen Egoismus von mir.» (Inwiefern können meine armen Kleinen an Ihrer Geſundheit betheiligt ſein?* „Der Arzt behauptet, daß ich mein Zimmer mit Nie— mand theilen dürfe.» Wirklich?— Und verſtehen Sie, wenn ich fragen darf, unter dem Arzte jenen Herrn, der meine Kinder behandelt, oder den jungen Mann, der unter dieſem Titel hier Zutritt begehrt, und Ihre Abende ſo angenehm erheitert.» „Mylady, das geht zu weit, ſagte ich unwillig und ſprang von meinem Stuhle auf.“ Ruhig, Miß Neyr! Wir wollen keine Scene ſpielen. Laſſen Sie uns zur Sache kommen. Sie wiſſen, daß ich außerordentlich mit Ihnen zufrieden bin, daß ich Ihre guoße erken iſt wer ich ab ninde laubte trne noch Löchti zu em ſich hi 4 Hauſes Hauſe, ſon⸗ ie mir ſelbſt „angewieſen heil belehrte großen Zin⸗ runken Kin⸗ Ihnen nicht chen Eois⸗ Rede, und n mit. 1an Ihrer er nit Nie⸗ ich ftagen eine Kindet diſem Titl angenehn nwilih und ene en, daß ich Br 3 große Sorgfalt für das Wohl meiner Kinder gebührend anerkenne und das vollſte Vertrauen in Sie ſetze. Dies iſt wenigſtens bis jetzt der Fall geweſen.— Nun möchte ich aber keineswegs, daß Ihre Aufmerkſamkeit ſich ver⸗ minderte und ebenſo wenig, daß Sie ſich Freiheiten er⸗ laubten, die ich Ihnen nicht geſtatten kann. Zu den letz⸗ tern aber gehört der Beſuch junger Herren;— Sie ſind noch ſehr jung und leben hier ganz allein mit meinen Töchtern, es iſt daher unpaſſend für Sie, junge Männer zu empfangen.* „Außer meinem Arzte wüßte ich nicht, daß ein ſolcher ſich hier angemeldet hätte.» „Wenn Sie einen Arzt brauchen, ſo iſt mein Haus⸗ arzt da.» Ich habe zu dieſem kein Vertrauen.» „Wer für meine Kinder gut genug iſt, muß auch für Sie gut genug ſein. (Sie werden mir doch das Recht zugeſtehen, Mylady, mir den Arzt rufen zu laſſen, der mir zuſagt? (Verſteht ſich!— Wenn Sie das Geld ſo überflüſſig haben, um es für Arznei weggeben zu wollen. Es iſt gewiß nicht zum Scherze, Lady Almeima“— und meine Thränen fingen an zu fließen.“ „Laſſen Sie mich aber erſt eine kleine Pauſe machen. — Ich bin erſchöpft.“ (Es iſt gewiß nicht zum Scherze, daß ich einen Arzt gerufen“, verſetzte ich mit wehmüthigem Tone.—„Ich bin ſehr, ſehr unwohl, Mylady, leide wahrſcheinlich an 206 einem zehrenden Uebel, und weiß nicht, wie ich hergeſtellt der werden ſoll. Der Arzt hofft viel für mich von größerer fönn Ruhe und einer weniger anſtrengenden Stellung, und dank dringt darauf, daß ich einen andern Aufenthalt ſuche. Ich ſo ti kann Ihnen nicht ſagen, wie ungern ich mich dazu ent⸗ leich ſchließe!— Ich habe die Kinder lieb und fühle mich zu⸗ ſch frieden in dieſer Sorge für deren Wohl.— Hoffentlich hral wird es Ihnen aber gelingen, eine recht gute Wahl zu treffen, ſodaß ſie mich nicht entbehren.“ proe „Ich ſchwieg.— Lady Almeima's Auge haftete auf mir hätt mit einem tödtenden Blicke.“ Ich weiß nicht, was alle die ſchönen Worte mir ſol— gen len*, ſagte ſie ſpöttiſch.„Wenn Ihnen irgend an mei⸗ inde nen Kindern läge, oder Sie den geringſten Antheil an Kin dem Wohle derſelben nähmen; ſo würden Sie ſie nicht Mö verlaſſen. Sie ſtürzen mich dadurch in eine Verlegenheit, die ſich kaum beſchreiben läßt. Aber Ihnen gleichviel! Der junge Menſch hat Ihnen vorgeſchwatzt, daß dieſe fir Stellung für Sie zu angreifend iſt, und ſogleich verlaſſen Sie dieſen Ihnen von Gott zugewieſenen Poſten, um Ih⸗ Ni rem Vergnügen nachzugehen, während meine armen Klei⸗ bet nen aller Aufſicht und Pflege entbehren.“ eir (Es bleiben Ihnen ja aber drei Monate Zeit, My⸗ ſch ladyv, verſetzte ich mit vor innerm Weinen zitternder Stimme, ein denen es Ihnen ohne Zweifel gelingen 3 wird, mich völlig zu erſetzen.“ 3 (Nun wollen Sie wol noch gar, daß ich Ihnen Lo⸗ veserhebungen machen ſoll, als wenn Sie die Einzige auf hergeſtlt on größeter ellung, und t ſuche. Ich ich dan ent⸗ hle mich zu⸗ Hoffntlich te Wahl zu ftete auf mit rte mir ſol⸗ nd on mei⸗ Antheil an Sie ſie nicht Verlegenhei. n gleichil! t, daß dieſe eich velaſen ſten, um I amen Kli⸗ 5 Zlit, Ny⸗ en zitundet fi Kngen Ihnen Lo⸗ Enige u der Welt wären, die meinen Kindern eine Mutter erſetzen könnte!— Da warten Sie aber vergebens!— Ihr un⸗ dankbares Betragen, Ihr ſchreiender Egoismus hat mich ſo tief empört, daß ich Ihnen ſogleich beweiſen will, wie leicht man Perſonen Ihrer Art entbehrt.— Sie können ſich auf der Stelle entfernen, wenn es Ihnen beliebt; Sie brauchen keine Nacht mehr unter dieſem Dache zu weilen.“ „Aber, mein Gott! Mylady, was habe ich denn ver— brochen?“ rief ich in einem ſo troſtloſen Tone, daß es hätte einen Stein erbarmen müſſen.“ Hier iſt ja von keinem Verbrechen die Rede; im Ge⸗ gentheil! Ich eile ja nur Ihren Wünſchen zuvorzukommen, indem ich Sie jetzt gleich von der Sorge für meine ſieben Kinder befreie und Ihrer überaus zarten Geſundheit die Möglichkeit ihrer Herſtellung erleichtere.“ Ich wünſche aber nicht ſogleich zu gehen, Mylady. Vielleicht ſind Sie dann ſo gütig meinen Wünſchen für diesmal Folge zu leiſten.“ Ich kann leider nicht. Ich kenne Niemanden, habe Niemanden, den ich um ein Obdach bitten könnte. Ich bedarf daher dieſer dreimonatlichen Friſt, um mich nach einer andern Stelle umzuſehen. Sie ſind mir dieſe Zeit ſchuldig, Lady Almeima.» „Wir werden ſehen, was ich Ihnen ſchuldig bin“, ſagte ſie ſpöttiſch und verließ das Zimmer. Wenige Mi⸗ nuten darauf rollte der Wagen davon.“ „Da Alles ſtille blieb, ich den Dienern nicht ſchellte, um die Lichter auszulöſchen und das Haus abzuſchließen; ſo traten dieſe endlich ungerufen bei mir ein, und fanden mich leblos auf dem Boden liegen. Mit großer Mühe brachte man mich ſoweit zu mir ſelbſt, daß ich die Augen öffnete, und trug mich dann hinauf in mein Bett, wo ich die Nacht in heftigem Fieber zubrachte. Als der Morgen kam, wollte ich mich erheben; aber ich vermochte es nicht. — Nach einer vergeblichen Anſtrengung, mich aufrecht zu erhalten, reſignirte ich mich im Bette zu bleiben, wo die erſchöpfte Natur mir bald einen kurzen erquickenden Schlum⸗ mer ſandte. Im halben Erwachen daraus, und ohne daß die müden Augenlider ſich noch zum Lichte erhoben, ſchallte das Rollen eines Wagens an mein Ohr.— Ein ſonder⸗ bares Angſtgefühl ergriff mich bei dieſem Geräuſch, und ich griff heftig nach der Schelle, um zu erfahren, wer ge⸗ kommen ſei.— Ich lauſchte lange— lange!— Nie— mand kam.“ „Stunde nach Stunde verrann;— und Niemand kam. Es wurde Mittag, es wurde Abend— und Nie⸗ mand kam. Ich wollte aufſtehen und konnte nicht.— In meiner Ohnmacht nahm ich wie ein Kind zu Thränen meine Zuflucht, und weinte ſo lange und ſo bitterlich, bis ich einſchlief.“ „Ein anderer Morgen graute, und immer noch war Alles ſtill. Wie ich auch horchte und lauſchte, es ließ ſich kein Fußtritt vernehmen, keines Kindes fröhliche Stimme auch nur im Entfernteſten unterſcheiden. Mit verhaltenem Athem lag ich da!— Stunden der peinlichſten Erwar⸗ tung rollten wieder vorüber, in denen ich keinem Gedanken nd fanden er Mühe de Augen ett, wo ich r Notgn ees nicht. uftecht zu n, wo die nSchlum⸗ ohne daß n ſchallte in ſonder⸗ uſch, und n, wer Re⸗ — JNie⸗ Niemand und Ni⸗ icht— In uThränen terlich lis noch wur n, e ließ ge Stimme hultenem n Erwal⸗ Gedanlen 3 Raum zu geben wagte. Nur eine unendliche Angſt hatte ſich meiner bemächtigt, die mir die Bruſt zuſammenſchnürte und die hellen Tropfen auf meine Stirne trieb.“ „Jetzt ſtellte ſich auch der Hunger ein. Ich ſah mich um nach einem Etwas, das ich genießen könnte, in der Hoffnung, dadurch die Kräfte zu gewinnen, mein Lager zu verlaſſen; aber es fand ſich nichts. Da packte mich die Verzweiflung. Ich ſcheute jetzt nichts mehr, komme auch was komme, und erhob meine Stimme zu einem gellen⸗ den Ruf. Aberbach! meine Töne glichen einem ſchwachen Vibriren. Jetzt faßte ich die Schelle, und ſchellte und ſchellte und meinte durch mein Bemühen den ganzen Park zuſammenſchellen zu müſſen. Aber ſchon ſank mein Arm wie gelähmt herunter, und dennoch hatte ſich kein menſch— licher Fuß genaht.“ „Da verließ mich die Hoffnung. Ich gab mich ver⸗ loren, hüllte meinen Kopf tief in die Tücher und empfahl meine Seele dem Herrn. Der Hungertod ſchien mir un⸗ vermeidlich, und die müden Augen ſchloſſen ſich gern dem Leben. Ich war jetzt völlig abgeſpannt und ganz wie be— täubt. Denken konnte ich ſchon nicht mehr und hatte auch kaum ein klares Bewußtſein meiner Lage.“ „Da pochte etwas. War es Wirklichkeit, war es Traum! Ich horchte geſpannt.— Es pochte wieder, und ein ſchwaches(Miß! tönte daneben.“ (Miss! Are you there?* hörte ich jetzt deutlich.“ (Come in!» rief ich mit dem Jubeltone einer leben⸗ dig aus dem Grabe Erſtandenen— d. h. wenn mein 14 —— — — — 210 bischen Stimme anders als in meiner eigenen Idee jubeln konnte.“ Come inl» wiederholte ich, und der alte Gärtner ſteckte ſeine gutmüthige Phyſiognomie durch die kaum geöff⸗ nete Thüre herein.“ Ich hörte die Glocke und ſuchte im ganzen Hauſe herum, woher all das Schellen käme; aber ich fand Nie⸗ manden. Da dachte ich envlich an Sie und kam vor dieſe Thüre. Wo ſind die Kinder?“ fragte ich.“* Fort.» (Wohin?* (Das weiß ich nicht. Mylady haben geſtern früh den Wagen geſchickt und befohlen, daß ſie Alle ganz ſtille und ehe Miß Neyr aufgeſtanden, zu ihr kommen ſollten; wei⸗ ter weiß ich nichts.— Ich habe im Garten gearbeitet, und als mir der Bediente von Mylady den Schlüſſel zum Hauſe gebracht und mir geſagt hat, ich ſolle gut darauf Acht geben; da habe ich gedacht, es wäre Niemand mehr darin.— Als ich nun heute im Garten die Schelle hörte, wurde es mir ordentlich bange; endlich aber nahm ich mir doch die Courage und ging hinein, weil ich dachte, es möchte eben doch Miß Neyr ſein, die noch hier geblieben.» (Ich bin krank, Scott, und kann nicht aufſtehen. Kön⸗ nen Sie mir was zu eſſen bringen?* „Was wollen Sie haben, Miß. Ich hole Ihnen was aus der Stadt.» Nein, Scott. Gehen Sie nicht fort. Ich fürchte 2 beln mich hier im Hauſe allein zu bleiben. Machen Sie mir eine Taſſe Thee und bringen Sie mir etwas Butterbrot mer dazu.“ f⸗„Der gute alte Mann holte mir, was ich wünſchte, und ich fühlte mich ſichtlich wohler, nachdem ich etwas genoſſen. Doch konnte ich an dem Tage noch nicht das N⸗ Bett verlaſſen.“ vor„Geſtern jedoch war ich bedeutend ſtärker und ver⸗ ſäumte nicht mich anzukleiden und an Lady Almeima zu. ſchreiben. Ich forderte eine Erklärung ihres ſonderbaren Verhaltens, das mich in das nachtheiligſte Licht ſtellte und mir den Eintritt in eine andere Familie erſchwerte, und den bat um das mir ſchuldige Gehalt, ohne welches ich ihr und 3 Haus ebenſo wenig verlaſſen könne als wolle. Der wei⸗ alte Gärtner war mein Bote und brachte mir auch ſogleich eitet, eine Antwort zurück. Dieſe lautete“: 6 jum Lady Almeima Sunbeam empfiehlt ſich Miß Neyr, 1 rauf und iſt der Meinung, daß ihre Erzieherin keine Erklärun⸗ nehr gen von ihr zu fordern das Recht hat. Was das Ge⸗ 2 ir halt betrifft, ſo iſt Lady Almeima nicht geſonnen, für nir Etwas zu bezahlen, das ſie nicht erhalten hat, und ſollte es Miß Neyr gefallen, das leere Haus noch ferner zu be⸗ wohnen, ſo mag ſie darin ganz nach Belieben handeln.“ i„Es währte lange, ehe ich dieſes Billet entziffern konnte. Ich las es wieder und wieder, und immer mehr verwirr⸗ vas ten ſich die Buchſtaben vor meinem Blicke, immer dunkler 1 wurde es vor meinen Augen, bis ich in den Stuhl zurück⸗ 1 cht ſank, und meine Zähne klappernd aneinander ſchlugen, 14* meine Glieder alle wie in Krämpfen zitterten. Es war ein ſchrecklicher Zuſtand!— Der gute alte Gärtner ſtand mit gefalteten Händen vor mir und wußte nicht, wie er mir helfen ſollte. Endlich holte er kaltes Waſſer herbei, gab mir davon zu trinken, und bedeckte meinen Kopf mit einem naſſen Tuche. Ich wurde ruhiger; aber ein eiſiges Fröſteln jagte nun durch meine Glieder, und unfähig mich zu erwärmen, bat ich ihn, mich in mein Zimmer zu tra⸗ gen, auf mein Bett zu legen und mit wärmenden Sachen zu bedecken. Zu Ihnen zu ſenden war mir nicht möglich, weil der alte Mann mich nicht gut verlaſſen konnte.— Heute aber trug er mich hier hinunter, und eilte dann mit meinem Zettelchen fort.— Rathen Sie mir jetzt! Hel⸗ fen Sie mir!“ Ich ſaß tief bewegt ihr gegenüber.— Was ſollte ich ihr erwidern?— Daß ich weder Rath noch Hülfe wußte? — Nein. Ich ſprang raſch auf.—„Ich muß mich mit einem Freunde über die Sache beſprechen“, ſagte ich;„in einer Stunde bin ich wieder hier.“ Damit war ich zur Thüre hinaus. Ich eilte durch den Park; aber ich ſah nichts, und hätte die Menſchen umrennen können, wären ſie mir nicht ausgewichen. Es brauſte in mir wie Meeresfluten, die über eine Klippe zuſammenſchlagen, und dieſe hieß die menſchliche Gerechtigkeit. Bald ſtand ich vor der Thüre eines engliſchen Advo⸗ caten, der mir perſönlich befreundet war, und legte dieſem ann ich te? inem einer hüre und nicht die die dob⸗ ieſen — die Sache vor. Er hörte mir mit der Ruhe eines Ge⸗ ſchäftsmannes zu, den keine menſchliche Empfindung in ſolchen Angelegenheiten überſchleicht und beſticht. „Hatte Miß Neyr eine ſchriftliche Vereinbarung mit Lady Almeima Sunbeam getroffen?“ fragte er bedäch⸗ tig, als ich zu Ende geſprochen.„Kann ſie ſchriftlich beweiſen, daß eine dreimonatliche Kündigung feſtgeſtellt worden iſt? Und ſelbſt dann!——— Die kleine Summe würde doch nur eine ſchwache Entſchädigung gegen den Nachtheil bieten, den dieſes öffentliche Auftreten ihr zuzöge. Ich glaube nicht, daß irgend eine Familie ſie dann noch aufnähme.“ ſagte er bedenklich. „Aber dies ſchreiende Unrecht! Das ſollte doch billiger— weiſe nicht ungeſtraft verübt werden“, verſetzte ich unwillig. „Ganz recht, lieber Freund! Lady Almeima verdient an den Pranger geſtellt zu werden, ich ſtimme Ihnen darin vollkommen bei. Sie haben aber daneben ſchon ſo viel Welterfahrung zu wiſſen, daß der Arme, wenn er den Reichen ſtrafen will, meiſtens zu kurz kommt!— Miß Neyr müßte denn England verlaſſen wollen; ſonſt würde ich ihr zu einem ſolchen Schritte nicht rathen.“ „Wozu dienen denn Ihre Geſetze, wenn ſie Den nicht ſchützen können, der des Schutzes bedarf“, ſchalt ich ärger— lich.„Ich möchte wahrhaftig kein Rechtsanwalt ſein, wenn ich als ſolcher nur das Unrecht befördern ſollte.“ Er lachte.„Der Arzt kann auch nicht alle Krank⸗— heiten heilen“, ſagte er dann bedeutſam;„man muß ſich alſo ſchon darein ergeben mit dem Strome zu ſchwimmen, ———— —— 21⁴ ſolange man ſich in ſeinen Mittelpunkt geſchleudert ſieht. Sollte der Himmel uns Beiden eines Tages eine wüſte Inſel beſcheren, dann wollen wir dort alle die Rechte ein⸗ führen, die hier zu Unrechten geworden ſind; beſonders ſo⸗ lange wir uns dort allein befinden. Denn für unſere Kinder ſtehe ich ſchon nicht mehr ein und für unſere En⸗ kel nun erſt gar nicht. Der Menſch bleibt Menſch.“ „Sie ſind kein Utopiſt, ich weiß es“, ſagte ich.„Nun rathen Sie mir aber, was ich mit dieſem unglücklichen Mädchen anfangen ſoll?“ „Welche Anſprüche hat ſie denn an Sie, daß Sie ihr helfen müſſen?“ „Anſprüche? Keine als die der Menſchenpflicht.“ „Menſchenpflicht! Das iſt ein weites Wort, lieber Freund. Dieſe kosmopolitiſche Romantik müſſen Sie ſich vergehen laſſen. Wollte man allen Menſchen helfen, die der Hülfe bedürfen, ſo würde man an ſeiner Unmacht ver⸗ zweifeln, und vor allen Dingen ſich ſelbſt nicht ernſtlich zu helfen vermögen.“ „Ganz gut. Ich erkenne das Vernünftige Ihres Grundſatzes an; obgleich es eine verdammt kalte Doctrin iſt, die Sie predigen. Kein Heide könnte Ihnen darin nachſtehen. Da der Zufall mir aber dieſes Mädchen in meinen Weg geführt hat, ſo kann ich ſie unmöglich rath⸗ und hülflos umkommen laſſen. Das müſſen Sie doch zugeſtehen.“ „So leicht kommt man nicht um, beſter Doctor.— Und hätte ſie Sie nun nicht gekannt?— Da hätte ſie lun hen ihr bet ſch die er⸗ lich res trin doch auch fertig werden müſſen. Die Hauptſache iſt, daß man ſich nicht für zu wichtig hält. Die Welt geht immer noch fort, auch ohne Sie und mich.“ Ich ſah wol, daß ich hier nichts erreichen würde, und eilte daher, um keine Zeit zu verlieren, fort, um wo mög⸗ lich die Generalin noch vor ihrer Hundepromenade zu erwiſchen. Dieſe ſchenkte mir, oder vielmehr meiner Erzählung ſchon größere Theilnahme. Das Mädchen that ihr leid. — Sie wollte mich ſogar zu ihr begleiten; aber der Hund war noch nicht gebadet und friſirt, und ich konnte deſſen Toilette nicht abwarten. Sie rieth mir in unſerer Nähe eine kleine Wohnung zu ſuchen und die Kranke dorthin zu bringen, die Koſten derſelben wollte ſie für einen Monat beſtreiten. Ich dankte ihr aufrichtig und folgte ihrer Weiſung. Der alte Gärtner packte die Koffer, holte dann einen Wa⸗ gen und ſtand mit thränendem Auge in der Thüre, als das bleiche Mädchen an meinem Arme, gleich einer Tod⸗ ten, dem Wagen zuwankte.„Gottes Lohn über Sie!“ rief ſie ihm mit einem Blicke nach, der eine Tiefe des Dankgefühls ausſprach, welcher mir tief in die Seele drang. Drei Monate ſind ſeitdem verfloſſen. Ich wohne jetzt nicht mehr im Hauſe der Generalin.— Ich habe in Charles Street eine Wohnung gemiethet, die aus zwei Zimmern im zweiten Stocke und einem Zimmer Parterre beſteht. An der Thüre des Hauſes iſt mein Name auf einer großen Meſſingplatte in großen Buchſtaben ange⸗ ſchlagen. Ich bin alſo jetzt ein etablirter Arzt, der dem 1 Anſcheine nach eine ſtattliche Wohnung hat. Und ſie iſt auch in der Wirklichkeit recht ſtattlich. Zum wenigſten iſt ſie es für meine Wünſche. In dem untern Zimmer empfange ich meine Patien⸗ ten. In den Nachmittags- und Abendſtunden iſt es frei und dient mir zum Speiſezimmer, oder für meine Gäſte. Im zweiten Stocke wohnt— meine Frau!— Wie ſon⸗ derbar mir doch dies Wort klingt!— Meine Frau!— Aber man gewöhnt ſich. Ich muß es nur recht oft aus⸗ ſprechen, und das Fremde des Klanges wird ſich auch für mein Ohr verlieren.— Es ſind ja auch erſt acht Tage, ſeit ich in den Stand der heiligen Ehe trat und das feier⸗ liche Gelübde ablegte, Johanna Neyr auf Lebenszeit unter meine ärztliche Pflege und Aufſicht zu nehmen. Wird mich der Schritt wol je gereuen?— Ich glaube es nicht. Eine kränkliche Frau iſt freilich eine ſchlimme Gefährtin auf den rauhen Pfaden des Lebens; aber viel⸗ leicht wird ſie nicht immer kränklich bleiben. Ruhe und Pflege und eine ſorgenfreie Eriſtenz werden ihre wohlthä⸗ tige Wirkung nicht verfehlen. Mein Tagewerk iſt vollbracht, ich kehre zu ihr heim. * laube imme iel⸗ und thä⸗ Sie ſteht ſchon am Fenſter und ſieht nach mir aus. Ihre Freude mich zu ſehen malt ſich in ihrer ganzen Erſchei⸗ nung. Ich bin ihre Welt, bin ihr Alles!— Eine treuere Liebe hätte ich nie gefunden, noch eine, die auf beſſerm Grunde ruht und die Achtung und das vollſte Vertrauen als Morgengabe bringt. So will ich denn auch weiter— nicht ſorgen und dem Himmel unſer Beider Zukunft an⸗ heimſtellen. — Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. m————————————G Colour& Grey CGortrol Chart Cyan Sreen Nellow Red Magenta