Lei iothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Leſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 lihr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenoymmen. 2 5 2 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: Monat: TF— N Pf. 2 W— Fr. „ S—„ 6 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Vuch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche di⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. d—————— ——-—————————————— „ Album. Pibliothek deutſcher Originalromane. Herausgegeben von J. L. Kober. Vierzehnter Jahrgang. 3 Bweiler Band. 5 3 Frau von Stasl. II. Prag, 1859. Kober& Markgraf. (Früher: J. L. Kober.) Frau von Statl. Snhin Bunan 6 K von Amely Bölte⸗ Ziheitet Band. ₰ „— Prag, 1859. 3— Kober& Markgraf. Früher: J. L. Kober.) ℳ Znhaklt. Seite Erſtes Capitel. Ein Beſuch bei Marmontel.... 9 Zweites Capitel. Die Convenienzheirathen..... 33 Prittes Capitel. Der Held des Freiheitskrieges.... 51 Piertes Capitel. Die getäuſchte Hoffnung..... 69 Fünftes Capitel. Das Diner in der Akademie... 383 Sechſtes Capitel. Die junge S Siebentes Capitel. Die berühmte Frau...... 108 Achtes Capitel. Necker's zweites Miniſterium 122 Ueuntes Capitel. Der Winter 1788..... 140 Zehntes Capitel. Die Prozeſſion.. 155 Elftes Capitel. Die Hungersnoth)..... 173 Zwölftes Capitel. Necker's Triumphzug.. 167 Preizehntes Capitel. Die Träums des 18. Fahrhunderts 202 Pierzehntes Capitel. Die Sturmglocken von P —.——————————— ——— — 220 — ₰ — —* — — F2 2 — — cc S — ———— ————— Erſtes Capitel. Ein Beſuch bei Marmontel. Das Landhaus, welches die Familie Necker bewohnte, lag nur eine kurze Strecke von Saint Brice entfernt, welche mit Leichtigkeit zu Fuß zurückgelegt werden konnte. Oft⸗ mals lenkte Germaine ihre Schritte hierher, ſeit Mar⸗ montel mit ſeiner jungen Gattin dort ſeinen Wohnſitz genommen, froh der Abwechſelung, welche ihr ſo ſehr Beürfniß war. Madame Marmontel hatte ihren Gatten aus Nei⸗ 3 gung gewählt; doch ohne ihn zu kennen. Von ihrer Mutter nach Paris geführt, ſah Fräulein von Montigny den Dichter im Hauſe ihres Onkels, des Abbé Morellet, und alſobald ward von den Verwandten dieſe Heirath vorge⸗ 8 ſchlagen. 3 Schon vorgerückt in den funfziger Jahren, etwas corpulent und behäbig in ſeinem Aeußern, er dem 1859. II. Frau von Stasl. II. waren die Urſache, weshalb ſie ſeine Geſellſchaft vorzugs⸗ 10 jungen Mädchen wenig mehr zu bieten, als ſeinen. rühmten Namen, und dieſer, vereint mit einem Aufenthalte in Paris, beſtach ohne Zweifel die jugendliche Einbildungs⸗ kraft. So wurde ſie denn ſeine Gattin. Die Kränklichkeit ihres Kindes hatte ſie jetzt bewogen einen Landaufenthalt zu wählen, und in ihrer ſtillen Häus⸗ lichkeit war es ihr ein Gewinn, wenn ihre junge Nachbarin ſie überraſchte, und aus dem reichen Füllhorn ihres Geiſtes neues Leben um ſie ſchuf. Auch Marmontel hatte Ger⸗ maine gern. So wenig ſympathetiſch ihm ihr Vater war, vielleicht nur darum, weil das ernſte Streben ſeines Lebens die Aufgaben des Dichters wie ein niedliches Kinderſpiel betrachtete und demgemäß darauf herablächelte, eine Huld, die Marmontel am wenigſten verzieh;— ſo ſehr ſchätzte er dagegen deſſen Gattin. Madame Necker bewies ſich ſtets rückſichtsvoll gegen die Gäſte ihres Hauſes, und vor Allem hütete ſie ſich, deren kleine Eitelkeit zu verletzen, ein Punkt, an dem ſowohl die Freundſchaft wie die Feindſchaft weit häufiger ſcheitert, wie man glauben möchte. Germaine war unter ſeinen Augen aufgewachſen, er liebte ſie wie eine Tochter, und ſah ihr jede Unbeſonnen⸗ heit, auch wo ſie ſich an ihm perſönlich verging, gern nach. Sie ſtanden auf dem vertraulichſten Fuße mit einander und die Scherze, welche ſie ſich gegen ihn erlauben durfte, 11 weiſe ſuchte und ihn vor ſeinen beiden Hausfreunden, Thomas und Rahnal, ſo beſonders auszeichnete. Es war ein heller, ſonniger Tag, als Germaine, ge⸗ folgt von einem Diener, den Weg nach Saint Brice an⸗ trat. Die Vögel ſangen ſo luſtig, die Flur war ſo grün, der Himmel ſo blau, die ganze Natur lachte ſie an, ſo daß ſie ſelbſt in die heiterſte Stimmung gerieth und mitlachen mußte. Madame Marmontel ſaß vor der Thüre ihres Häuschens und hielt ihr jüngſtes Kind auf ihren Knieen, während ein zweites zu ihren Füßen im Graſe ſpielte. Sie umarmte Germaine herzlich und bot ihr einen Stuhl neben ſich an; dieſe aber, Hut und Shawl von ſich wer⸗ fend, ſetzte ſich zu dem Kinde auf den Raſen und ſchäkerte und lachte mit dem kleinen Weſen, als wäre ſie ſelbſt noch ein Kind. „Sie erhitzen ſich,“ rief Madame Marmontel ihr zu. „Sie ſind ſchon ganz dunkelroth, liebe Germaine. Kom⸗ men Sie! Laſſen Sie den Kleinen und ruhen ſich aus.“ „Stören Sie mich nicht, ich muß mich austoben,“ erwiederte ſie lachend.„Sie wiſſen nicht, wie ſchwer das ruhige Leben bei uns auf mir laſtet. Ich brauche Bewe⸗ gung, Aufregung, ich muß etwas erleben, um mich wohl zu fühlen. Es iſt jetzt alles ſtumm und ſtill um mich. So lange mein Vater Frankreich regierte, hatte ich ſo viel zu 1* hoffen, zu fürchten, zu erwarten; jeder neue Morgen konnte neue Erfolge, neue Kriſen bringen, und manche Nacht ver⸗ ging mir ſchlaflos in Erwartung des Morgens und der Zeitungen. Jetzt ſteht faſt nichts darin, das mich zum Leſen reizt;— es iſt Alles wie todt.“ „Sie leben aber doch nicht einſam, es ſind beſtändig Gäſte bei Ihnen, Ihres Vaters Freunde kommen faſt täglich!“ „Freilich! Aber ſie ſind alt geworden— mir viel zu alt. Ich bedarf des friſchen Lebens und das verirrt ſich nicht zu uns. Was zu uns kommt, ſteht ſchon mit einem Fuße im Grabe.“ „Sie ſcherzen!“ rief Madame Marmontel lachend. „Ich ſcherze jetzt im Ernſte,“ rief Germaine aufſprin⸗ gend und den kleinen Raſenplatz mit langen Schritten meſ⸗ ſend.„Ich ſcherze wie Jemand, der den Strick ſchon an der Kehle fühlt und den Kopf in die Schlinge zu ſtecken nicht Luſt hat.— Es iſt nur gar zu bitterer Ernſt mit meinem Scherze.— Sehen Sie nur, meine gute Adele, mit welchen jungen Herrchen ich umgeben bin! Da iſt mein Grimm, der freilich gar nicht grimmig ſcheint, er iſt ein hübſcher Sechziger, und hat den Kopf ganz voll von den Berichten, womit er ſeine fürſtlichen Freunde am Nordpol ergötzen will. Mit dem iſt nicht zu ſpaßen; denn lachen darf ein 13 Hofmann nicht, das ſchadet ſeiner Schminke.— Dann dAlembert, die gute, treue Seele, welche immer noch Thrä⸗ nen vergießt um ſeine Eſpinaſſe, mit ihm darf man nur weinen, denn ſeine Wünſche ziehen ihn ihr nach in's Grab, in's ſtille, kühle Grab.— Diderot iſt lange ſchon unheil⸗ bar krank. Thomas, die treue Seele, iſt viel zu gut für dieſe Erde, er ſchreibt nur noch Leichenreden, er richtet nur die Todten, ſitzt, wie ein Gott der Unterwelt, ernſt, ſteif und ſtumm vor meiner Mutter, und ſpricht von Zeit zu Zeit: die Tugend iſt doch ſchön; denn Sie ſind Ihre Prieſterin.“ „Germaine, Germaine!“ rief Madame Marmontel, vorwurfsvoll den Kopf wiegend, aber dennoch herzlich lachend über die ausgelaſſene Laune des Mädchens. „Dann bleibt noch Raynal,“ fuhr dieſe fort, ohne ſich durch die Mahnung ſtören zu laſſen.„Er iſt ein neuer Chriſtus, ein Prediger der Wüſte; der aber nicht aufbauen, der nur umſtürzen will.— Was iſt, iſt ſchlecht, und wie es beſſer werden ſolle, dazu zuckt er die Achſeln. Mit dieſer Lehre kann ich mich nicht befaſſen. Ich will genießen, glücklich ſein, will hoffen, wünſchen, mit der Menſchheit ſtreben, und das kann nur die Jugend thun; denn ſie hat eine Zukunft, kann die Saat noch reifen ſehen und ſtreut ſie darum muthig in die Erde.“ „Sie müſſen ſich verheirathen,“ rief Madame Mar⸗ 14 montel.„Sehen Sie hier mein Kind, das iſt die rechte Saat. Hier finde ich Hoffnung, Zukunft, alles was Sie wollen.“ Sie hielt ihr den Säugling hin. Germaine ſtreichelte ſeine Wangen und ſagte dann, mit einem ſchelmiſchen Blicke auf deſſen Mutter:„Sie wollen mich zur Proſelhtin eines Glaubens machen, der alt iſt, wie die Welt; doch hält er hier nicht Stich. Ich will für mich erſt da ſein, dann für Andere. War nicht auch ich ein Kind? Und jetzt, herangewachſen, ſoll die Welt mir erſt gewähren, was ſie mir ſchuldig iſt, ich will des Zeitgeiſts Flügel heben helfen, damit er mich in ſeinem Fluge mit fortreißt; will dem, was er bezweckt, mich bei⸗ geſellen, und mit genannt ſein, wo er Thaten fordert. Der Menſchheit Leid und Freud zu theilen, iſt des Men⸗ ſchen Loos. Sich dem entziehen, nenne ich arm ſich machen, ſein Herz verengen, ſtatt es zu erweitern.— Den Mutter⸗ pflichten alle Anerkennung; allein ich will erſt Menſch, dann Mutter ſein.“ „So lebhaft, meine junge Freundin?“ rief hier eine Stimme hinter ihr, und Marmontel trat vor und hielt ihr ſeine Hand zum Gruße hin. Sein rundes Geſicht glänzte von der Wärme des Tages, ſeine Perrücke war etwas ver⸗ ſchoben, und die ganze Geſtalt hatte etwas überaus Ko⸗ miſches. Schnell vom Ernſt zum Scherze übergehend, bückte ſich Germaine, nahm ihren weggeworfenen Hut auf, 15 ſetzte ihn dem Dichter auf das Haupt und brach dann in ein lautes Gelächter aus. Marmontel ging auf den Scherz ein und machte ihr eine zierliche Verbeugung. „Aber, was ſeh' ich!“ rief Germaine jetzt plötzlich. „Dieſe Knöpfe an Ihrer Weſte, jeder ſo groß wie ein Laub⸗ thaler, ſind ja prächtig! Laſſen Sie mich ſie näher betrach⸗ ten! Wahrhaftig, die Metamorphoſen des Ovid! Oeffent⸗ lich wagen Sie dieſe zur Schau zu tragen, unter der Re⸗ gierung eines ſo tugendhaften Königs, wie Ludwig XVI., während Rom den Dichter deshalb aus ſeinen Mauern verwies?— Geſetz und Recht, ſeid ihr denn bloße Na⸗ men?— Und Sie, mein ehrbarer Dichter, warum auch wählten Sie die lockern Gebilde, wo Andere die römiſchen Kaiſer auf ihren Knöpfen tragen, und ihren Kindern poli⸗ tiſche Geſchichte an dieſem ſchönen Metall mit Fingern ab⸗ zählen laſſen. Da Sie die Mode einmal mitmachen woll⸗ ten, ſo hätte ich, an Ihrer Stelle, noch einen kleinen, geheimen, pädagogiſchen Nutzen damit verbunden.“ „Ein Dichter darf nicht praktiſch ſein,“ rief Mar⸗ montel lachend.„Wir müſſen unſern Kopf ja täglich zu verlieren wiſſen, wie ſollte er da endlich noch recht feſt ſtehen. Sagen Sie mir nun aber, wenn ich bitten darf, welchen Vortheil der babyloniſche Thurm auf Ihrem Kopfe, außer ſeiner Höhe, noch gewährt?“ 16 „Daß man mich nicht leicht überſehen kann,“ ſagte ſie lachend. „Vortrefflich!“ rief Marmontel.„Stets mit einer Antwort bereit. Und wenn ich mich nun zwiſchen Sie und die Sonne ſtelle, ſo ſind Sie immer noch nicht ganz ver⸗ dunkelt!“ „Weil ich dann neues Licht von Ihnen borge,“ ſagte ſie ſchelmiſch. „Stille, ſtille! Keine Perſönlichkeiten; ſonſt wird meine kleine Frau eiferſüchtig.“ „Das beſorgen Sie nicht. Mit der Zukunft auf den Knieen kann ſie der Vergangenheit entbehren.“ „Das war boshaft, Germaine!“ rief die junge Frau, ihr mit dem Finger drohend. Hier wurde ihre Unterhaltung durch die Erſcheinung eines jungen Mannes unterbrochen, welcher an der Garten⸗ pforte ſein Pferd zu befeſtigen bemüht war und darauf mit raſchen Schritten und ſtolzer Miene den kleinen Gang hinunter auf ſie zuſchritt. Aller Angen hatten ſich auf ihn gerichtet. Marmontel war zu kurzſichtig, um den Kommenden zu erkennen, bis er ihm ganz nahe war; dann aber ſprang er ihm mit lebhafter Freude entgegen und erwiederte ſeinen höflichen Gruß mit dem Zuruf: „Wie, Herr von Narbonne, Sie hier in meiner be⸗ 17 ſcheidenen Behauſung? Darf ich fragen, was mir das Glück verſchafft, Sie in dieſer ländlichen Einſamkeit zu ſehen?“ „Ich habe leider mit Abſicht die Ruhe Ihres Tuscu⸗ lum unterbrechen müſſen,“ verſetzte der Angeredete, indem er ſich vor den Damen verbeugte, und dann einen Blick auf Marmontel warf, welcher die ſtumme Aufforderung enthielt, ihn vorzuſtellen. „Meine Gattin!“ ſagte dieſer,„und Fräulein Necker, welche, als Nachbarin, uns mit ihrem Beſuche erfreut hat. „Herr von Narbonne!“ fügte er dann hinzu,„Ehrencava⸗ lier der Prinzeſſin Adelalde und Oberſt beim Regimente Piemont. Bitte, nehmen Sie Platz!“ Der junge Mann hatte bei Nennung des Namens Necker einen forſchenden Blick auf die Trägerin deſſelben geworfen, der dieſer nicht entgangen war. Sie auch konnte ihre Ueberraſchung nicht verbergen, hier dieſem jungen Edelmanne ſo unerwartet zu begegnen, der wegen ſeiner Schönheit, ſeines Geiſtes, ſeiner Kenntniſſe und ſeines ge⸗ winnenden Benehmens, in der Hauptſtadt mit Auszeich⸗ nung genannt wurde. Forſchend ließ auch ſie ihr dunkles, leuchtendes Auge auf ihm ruhen, als ihr Blick dem ſeinigen begegnete und ſich davor zur Erde ſenkte, während Purpur⸗ glut ihre Wangen bedeckte. „Ich komme im Auftrage des Marſchalls von Du⸗ 18 ras,“ begann Herr von Narbonne wieder,„um Sie in ſeinem Namen zu erſuchen, Herr Marmontel, ihm mit einer neuen Arbeit von Ihnen zu dienen. Er wünſcht dieſe in Fontainebleau aufzuführen, während der Anweſenheit des Großfürſten von Rußland. Außerdem möchte er un⸗ ſere Königin ſehr gern durch eine neue Oper überraſchen, deren Entſtehung ihr ein Geheimniß wäre; und, ſoll es ihr Freude gewähren, ſo muß es ein Werk von Ihnen ſein. Darf ich der Ueberbringer einer gewährenden Antwort werden?“ „Es wird mir natürlich zum beſondern Vergnügen gereichen, dem Wunſche des Herrn Marſchalls zu entſpre⸗ chen, doch weiß ich freilich noch nicht, wie bald mir das möglich ſein wird,“ ſagte Marmontel, ſich höflich verbeu⸗ gend.„Ich arbeite jetzt noch an einer neuen Oper gemein⸗ ſchaftlich mit Piccini, der darum auch hier draußen bei mir wohnt; wenn wir damit fertig ſind, werde ich dem Herrn Marſchall unſere Arbeit vorlegen. Wir erwarten viel Gutes davon; aber man kann ſich tänſchen. Der Meiſter überſchätzt gar leicht ſein Werk.“ „Das wird bei Ihnen eine Sache der Unmöglichkeit ſein,“ erwiederte Narbonne mit jener verbindlichen Höflich⸗ keit, wie ſie der gute Ton der damaligen Zeit erforderte. „Darf ich den Namen erfahren, welchen dieſe Oper führen wird?“ „Dido heißt ſie.“ „Ein viel verſprechender Titel. Und wie bald dürfte ſich der Herr Marſchall ſchmeicheln, von Ihnen über deren Vollendung zu hören?“ „Sagen Sie ihm, bitte, daß ich es überlegen wolle, und ihm nächſtens perſönlich darüber Bericht erſtatten würde. Verſichern Sie ihm außerdem meine Ergebenheit und mein aufrichtiges Vergnügen, ihm dienen zu können.“ „So wäre mein Auftrag befriedigend ausgerichtet, und ich darf froh ſein, daß mir eine ſo günſtige Antwort zu überbringen bleibt,“ verſetzte Herr von Narbonne ver⸗ bindlich.„Mein guter Stern ſcheint mich überhaupt ge⸗ führt zu haben; denn, was ich lange ſchon erſehnte, mich der Familie Necker vorſtellen zu dürfen, iſt hier wenigſtens theilweiſe in Erfüllung gegangen. Geſtatten Sie mir, mein Fräulein, Ihnen ausſprechen zu dürfen, wie ſehr ich Fhren Herrn Vater verehre und bewundere, und ſtolz ſein werde, ihm perſönlich meinen Reſpect bezeugen zu dürfen.“ Nach dieſer Anrede erhob Germaine ihr dunkles Auge von Neuem, während ein Strahl der Freude über ihr Antlitz glitt, der es ſonnenhell verklärte. „Sie erfreuen mich, indem Sie meinen Vater ehren,“ erwiederte ſie dann.„Jedes Wort des Lobes, das Sie ihm ſpenden, fällt auf mein Herz.“ 20 „Dann, fürchte ich, werden Sie mich doppelt beredt finden,“ erwiederte Herr von Narbonne mit feinem Lächeln, „denn auch die Tochter des berühmten Necker iſt mir ſchon lange nicht mehr unbekannt, trotzdem daß ich nie ſo glück lich war ihr zu begegnen.“ Germaine ſah den jungen Mann überraſcht an. Die Gewandtheit ſeiner Antwort, gepaart mit jener leichten, ſichern Art des Ausdrucks, die der Verkehr der großen Welt verleiht, ſtach merklich ab gegen das ſteife, pedantiſche Benehmen, welches im Hauſe ihrer Eltern eingeführt war. Sie fühlte ſich höchſt angenehm davon berührt und wünſchte ſehnlichſt in den Ton mit einzuſtimmen. „Wir beſitzen einen gemeinſchaftlichen Bekannten, welcher mir Ihren Namen oft genannt hat,“ nahm ſie das Wort. „Sie meinen Condorcet?— den Freiheitsſchwärmer. Er wird nicht freigebig in meinem Lobe geweſen ſein; denn er war urzufrieden, daß ich nicht mit ging nach Amerika, als die Blüthe unſeres Adels dahin auswanderte, um für eine Freiheit zu kämpfen, welche uns wenig kümmerte.“ „Wenn nicht die Sache, doch die Idee,“ fiel Mar⸗ montel ein. „Für dieſe konnte ich auch hier mich ſchön erwär⸗ men, denn es herrſcht in Frankreich ſo viel republi⸗ kaniſcher Geiſt, daß wir ihn auswärts nicht zu ſuchen 21 brauchen.“ Das Vaterland bedarf wahrlich unſerer beſten Kräfte, um ſich aus ſeinem Verfall zu erheben! Was Ihr Herr Vater in dem Bezug für uns gethan, Fräulein Necker, iſt weit dankenswerther, als alles Kämpfen in der andern Hemiſphäre, womit ein Lafayette, Ségur und Montmo⸗ rench uns blenden wollen; doch ohne uns zu nützen.“ „Ich weiß nicht, Herr von Narbonne, ob ich dieſe Anſicht unterſchreiben darf,“ nahm Germaine das Wort, während ihr Auge, dem eigenen Gedankenfluge folgend, ihre Umgebung vergaß und begeiſtert erglühte.„Die Ge⸗ ſchichte hat kein Beiſpiel aufzuweiſen, daß die Unterthanen eines unumſchränkten Monarchen einen Freiheitskampf mitmachen durften und dafür in der Heimath als Helden betrachtet wurden, welche man nicht genug bewundern konnte. Dieſe Eigenthümlichkeit giebt viel zu denken. Sie verräth den ſchlummernden Geiſt, der, dem Erwachen nahe, was er jetzt unbewußt geäußert, einſt grundſätzlich vollbringen kann!— Liefe man nicht blind der Zukunft entgegen, ſo würde man dieſe Helden, als Verräther an einem Prinzip, das die Baſis monarchiſcher Staaten aus⸗ macht, geköpft haben. Aber man ſieht den Abgrund nicht, an dem man wandelt.— Wie die Bewohner Trojas dem Worte Laakvon's ihr Ohr verſchloſſen, ſo auch beachtet * Narbonne's eigene Worte. 22 man hier kein warnendes Zeichen, ſo hofft und wünſcht man fort und fort, und ſpielt mit der Gefahr, bis ſie, rieſengroß über den Häuptern emporgewachſen, verſchlingen wird, was ſich ihr entgegenzuſtellen wagt. Wir rufen ſelbſt das Schickſal auf uns herab.“ „So ſind wir einverſtanden!“ verſetzte Narbonne, der, während ſie geſprochen, das Auge nicht von dieſem wahrhaft geiſtig durchglühten Angeſicht abgewendet.— „Wenn ich behaupte, es gäbe genug republikaniſchen Geiſt in Frankreich, ſo meine ich damit eine Geſinnung, wie Sie und ich ſie hegen, Fräulein Necker, ein Wunſch nach Re⸗ form, nach Inſtitutionen, welche das Volk ermächtigen, an der Regierung Theil zu nehmen, und die Hand des Hauptes zu binden, wenn ſie nach Laune den Lebensfaden abſchnei⸗ den und über das Geſchick von Millionen gedankenlos ent⸗ ſcheiden will.— Um dieſem Ziele zuzuſtreben, braucht man nicht in Amerika zu kämpfen, um Anderen jene Berechti⸗ gungen zu gewinnen, die wir für uns ſelbſt zuerſt gewinnen ſollten. Iſt das nicht Ihre Anſicht auch?“ Er ſah ſie fragend an. Statt aller Antwort rannen langſam zwei große Thränen über ihre Wangen.— Das Sie und Ich in ſeiner Rede hatte eine wunderbare Wir⸗ kung auf ſie hervorgebracht. Die Theilnahme für die Be⸗ ſtrebungen der Völker nach freieren Geſetzen, die er in ihr ſuchte, hegte ſie wirklich, ihre Anſichten darüber waren 23 durch das Studium der Geſchichte und des Geiſtes der Geſetze von Montesquien gereift; doch ſchlummerten ſie noch in ihr, ohne ein Ziel gefunden zu haben, in dem ſie ſie thatſächlich üben konnte. Durch ſeine Worte war ihr dies Ziel mit einem Male nahe gerückt. Nicht ſchwärmen ſollte ſie für die Freiheit von Nationen, die ſie nur dem Namen nach kannte; ſondern für den Boden, auf welchem ſie wandelte, dieſe Freiheit erſtreben zu helfen, war ihr Beruf. Verwirrt fühlte ſie jetzt ſeinen Blick auf ihr ruhen. „Ihre Worte haben mich tief ergriffen, Herr von Narbonne,“ ſagte ſie halb beſchämt.„Verzeihen Sie, wenn ich Ihnen die Antwort einen Augenblick vorenthielt. Es mußte mich überraſchen, daß ein junger Mann Ihres Stan⸗ des, in Ihrer Stellung, mit mir im Punkte politiſcher Ge⸗ ſinnung eine Uebereinſtimmung ſuchte. Es iſt ein hohes Glück, ganz unverhofft von einem Andern das ausgeſpro⸗ chen zu hören, was wir uns ſelbſt noch kaum bekannt.“ „Und doch iſt dies der gewöhnliche Fall bei einer ein⸗ geſtandenen Liebe,“ ſagte Narbonne mit bedeutſamem Blicke,„warum alſo auch nicht bei einer ausgeſprochenen Geſinnung?“ Germaine wurde unruhig und verlegen. Sie ſprang auf und wandelte raſch in dem kleinen Garten auf und ab, 24 dann nahm ſie ihren Platz wieder ein. Herr von Nar⸗ bonne war ihr mit ſeinem Auge gefolgt. „Wollen Sie meine Fürſprecherin bei Ihrem Herrn Vater ſein, wenn ich bitte, mich ihm vorſtellen zu dürfen, Fräulein Necker?“ fragte er ſie. „Es wird deſſen nicht bedürfen, Herr von Narbonne, wo der Name ſo laut für Sie redet.“ „Vielleicht können Sie Herrn Necker noch hier begeg⸗ nen, denn er kommt gewöhnlich ſeine Tochter abzuholen,“ fiel Marmontel ein. „Da erinnern Sie mich noch zur rechten Zeit, daß ich aufbrechen ſollte,“ rief Germaine.„Mein Vater hat mir Rendezvous auf halbem Wege gegeben, und läßt Ihnen ſagen, lieber Marmontel, daß es Ihrer Geſundheit ganz vortrefflich bekommen würde, wenn Sie mich ſo weit zurück begleiteten und ihm einen guten Abend wünſchten. Da Sie aber einen Gaſt haben, ſo will ich Sie dieſer Ver⸗ pflichtung ſogleich entbinden, Ihnen dafür aber auferlegen, meinen Vater im Laufe des morgenden Tages zu ent⸗ ſchädigen.“ „Der Gaſt geſtattet es nicht, hier als Vorwand zu dienen, um Herrn Marmontel der angenehmen Pflicht zu berauben, Fräulein Necker zu begleiten, und wenn Sie es ihm geſtatten, ſo wird er ſelbſt ſo glücklich ſein, dieſes Stück Weges in Ihrer Geſellſchaft zurückzulegen,“ ſagte Narbonne. 25 „Es iſt leicht, ſeine Einwilligung zu geben, wenn man nach jeder Richtung hin der Gewinnende iſt,“ ſagte Germaine heiter und erhob ſich. Die ganze Geſellſchaft brach nun auf. Herr von Narbonne führte ſein Pferd am Zügel und wandelte neben Germaine. Die Unterhaltung war An⸗ fangs einſilbig und bezog ſich auf gleichgültige Dinge; nach und nach aber minderte ſich ihre Befangenheit, ſo wie ſie ſich dem Strome der eigenen Gedanken überließ. Die Sonne ſtand am weſtlichen Himmel einer mäch⸗ tigen Feuerkugel gleich, ein dickes Gewölke lagerte ſich da⸗ vor und ſandte dann und wann leuchtende Blitze; von den Wieſen ſtiegen feuchte Dünſte auf und zerfloſſen vor den Nahenden gleich fliehenden Traumgeſtalten; die Blumen ſandten ihre Wohlgerüche, indem ſie ihre Kelche ſſchloſſen; die ganze Natur athmete jene das Scheiden des Tages be⸗ gleitende Ruhe. Das dunkle Auge des Mädchens gewann einen ſanf⸗ teren Ausdruck, indem es ſich dem ſtillen Walten der Natur zuwandte. Mächtig, wie alles ſie bewegte, wirkte auch die Schönheit dieſes lauen Sommerabends auf ſie, während ihr zur Seite ein junger Mann wandelte, der als das ver⸗ törpre Ideal aller ihrer Zugendträume erſchien.— Thränen drangen in ihre Augen; und doch hätte ſie wieder nur lachen mögen.— Sie wußte ſich nicht zu faſſ en und 1859. II. Frau von Stal. II. 26 verſtand ſich ſelbſt nicht in dieſem Chaos widerſtrebender Empfindungen. „So gedankenvoll?“ fragte Herr von Narbonne nach einer Pauſe. „Ich betrachte die Natur in dieſem trügeriſchen Frie⸗ den!“ erwiederte ſie, wie abweſend.„Sehen Sie jene Wolke dort; in ihr ruht der Blitz, wie in der Seele des Menſchen die Leidenſchaft. Nur des zündenden Funkens bedarf es, nur des Wortes, das den rechten Punkt berührt, und unſere Empfindungen überſteigen ihr Maß, unſer Wille zügelt ſie nicht mehr.“ „Wüßte ich doch dies Wort zu ſprechen!“ warf Nar⸗ bonne ein. Sie beachtete dieſe Erwiederung aber nicht, und ihre Hände wie in Andacht über ihrer Bruſt faltend, fuhr ſie fort: „Schöpfer dieſer ſchönen Natur, laß Deine Hand ſegnend auf mir ruhen und beſchütze mich! Denn ich ſelbſt bin dazu unvermögend. Wenn das Glück an meine Thür klopft, ſo werde ich ſie ihm öffnen; denn meine ganze Sehn⸗ ſucht iſt nach Glück; aber wie es mir kommen wird, das weiß ich nicht, und mir bangt vor ſeinem Erſcheinen. Dro⸗ hend ſteht es vor meinem Auge, wie jene Wolke dort mit ihren Schloßen und verborgenem Grollen. Ach! Ich weiß es, es wird mich zermalmen, und nie, nie wird es mir be⸗ ſchieden ſein, leichten Sinnes über die Erde zu wandeln, 27 ein fröhliches Kind des Augenblickes.— Ich habe zu viel Ernſt in meiner Seele und thue dabei ſtets, was mich im nächſten Augenblicke reut.“ Die letzten Worte hatte ſie ſo leiſe vor ſich hin ge⸗ ſprochen, daß ſie dem Ohre ihres Nachbars unverſtändlich waren. „Sie reden mit den Wolken des Himmels,“ ſagte Herr von Narbonne ſcherzhaft,„die Ihnen freilich nicht widerſprechen können, und vergeſſen darüber einen Sohn der Erde, welcher nach Worten von Ihren Lippen geizt!“ „Verzeihen Sie mir!“ verſetzte Germaine, ihre Zer⸗ ſtreuung gewahrend,„ich bin ſo einſam aufgewachſen, habe keine Jugendgefährten gehabt, bin auch noch ſo viel allein, daß ich mich daran gewöhnen mußte, meine Gedanken vor mir ſelbſt auszuſprechen, und dem Klange meiner eigenen Worte zu lauſchen. Ich denke ſehr lebhaft, und hege ein großes Bedürfniß nach Mittheilung.“ „Wobei man gewinnen könnte, wenn Sie ein menſch⸗ liches Ohr den Elementen vorziehen wollten.“ „Sie ſpotten, Herr von Narbonne, und, was ſchlim⸗ mer iſt, ich fühle, daß ich dieſen Spott verdiene.“ „Man wird, ohne eine Indiscretion zu begehen, auf dieſe Weiſe in den geheimſten Falten ihres Herzens leſen können,“ verſetzte der junge Mann ſchalkhaft. 28 „Leider wird nichts leichter ſein,“ ſagte Germaine, plötzlich in einen Ton des Scherzes überſpringend;„denn ich bewahre meine Geheimniſſe ſchlecht. Es iſt meine Natur,“ Alles auszuplaudern.“ „Der kleine Gott verbietet das jedochz; wo er redet, werden Sie ſchweigen müſſen! Er hält den Finger auf den Mund.“ „Den Zwang laſſe ich mir nicht gefallen, dazu iſt zu viel Freiheitstrieb in mir!“ ſagte ſie lachend. „Ach! Dann mißverſtehen Sie die politiſche Freiheit, wie die Meiſten. Die freie Verfaſſung fordert die größte Sſtheſettichi des Individuums. Macht man ſelbſt die Geſetze, ſo darf man ſie auch ſelbſt am wenigſten über⸗ treten! Wer nicht gehorchen kann, wer ein Geſetz umgehen will, paßt nicht in eine freie Staatsverfaſſung. „So bin ich gleich verbannt; denn— ich bin ich; daß ich es nur geſtehe. Es iſt mir ſchrecklich, zu müſſen und zu ſollen.“„ „Es wird ein Meiſter kommen, der Sie auch darin unterweiſt. Oder kennen Sie ihn ſch on?“ „Durch die Dichtkunſt, freilich!“ ſagte Germaine ſcherzend.„Wenn ich auf den Spitzen des Lebens wandele und der betei Empfindung für alles Gute und * G'est ma nature ainsi— ihre ſtehende Rede. 29 Schöne nachgehe, dann ahne ich das höchſte Glück, und nenne es die Liebe.“ „Und der Gegenſtand, welcher ſie Ihnen verkörpert entgegentragen ſoll, wäre Ihrem Auge noch nicht begeg⸗ net?“ fragte Herr von Narbonne, indem ſein Blick ſich tief in den ihrigen ſenkte. Germaine wollte ſo eben hierauf eine Antwort er⸗ theilen, als Necker aus einem Seitenpfade hervortrat, und mit einem freudigen Ah! die Geſellſchaft begrüßte. Seine Tochter hing ſich nun ſogleich an ſeinen Arm, und wartete nur ab, bis er mit Marmontel einige Worte gewechſelt, um ihm dann Herrn von Narbonne vorzuſtellen. Necker hatte nichts Verbindliches in ſeinem Weſen, und dem jun⸗ gen Adel gegenüber, deſſen Uebermuth er kannte, und deſſen herablaſſendes Weſen ihn beleidigte, warf er ſich gewöhnlich auf eine Art in die Bruſt, die ihn lächerlich machte. Der Abſtand ſeines Benehmens zu dem der Cavaliere des Hofes, trat dadurch deſto greller an das Licht. Auch heute nahm er daher bei der Nennung des Namens Narbonne ſogleich eine Miene an, die dem Andern andeuten ſollte, daß er einer Autorität gegenüberſtehe, vor der er ſich beugen müſſe. Herr von Narbonne wurde dadurch nicht abgeſchreckt. Er kannte Necker dem Rufe nach hinlänglich, und war durch Condorcet vollkommen mit deſſen Eigenthümlichkeiten ver⸗ traut, es war ihm daher, bei ſeiner Gewandtheit, ein 30 Leichtes, die ſteifen Formen des Andern durch ſein gefälliges Weſen zu beſeitigen. Außerordentlich von ihm eingenom⸗ men, drückte Necker ihm beim Abſchiede den Wunſch aus, ihn recht bald bei ſich zu ſehen. Während Germaine nun an der Seite ihres Vaters in die immer tiefer ſich ſenkende Nacht fortſchritt, war ihr, als berührte ihr Fuß den Boden nicht mehr, ſo leicht und war ihr Sinn, ſo ahnungsvoll hob ſich ihre ruſt. „Wie ſchön war dieſer Tag!“ wiederholte ſie, und erzählte dabei, was man geſprochen, was ſie Neues erfah⸗ ren. Necker hörte ihr gedankenvoll zu. Die Aeußerungen Herrn von Narbonne's fanden ein Echo in ſeiner Bruſt, und er wünſchte dies Thema mit dem jungen Manne weiter zu beſprechen, weil deſſen Standpunkt ihn zu manchen An⸗ ſichten berechtigte, welcher die ganze Sache neu beleuchtete, und durch neuen Widerſpruch auch neue Einſicht verlieh. Germaine ließ ihn jedoch nicht lange bei dieſem ernſten Thema verweilen; ſie wußte dem Geſpräche ſchnell eine hei⸗ tere Wendung zu geben, und durch tauſend Scherze und luſtige Einfälle ihren Vater zu herzlichem Lachen zu reizen. In der Zufriedenheit über ſeinen Frohſinn ſteigerte ſich ihre Laune dann noch mehr, und das Endreſultat war ihr gegenſeitiges Bemühen, ſich in witzigen Geſchichten zu über⸗ bieten. 31 Viel zu ſchnell für ihre Wünſche war die kurze Strecke Weges zurückgelegt und das Landhaus erreicht, wo Ma⸗ daue Necker ſie erwartete. Die Abendmahlzeit ſtand ſchon bereit, man ſetzte ſich an den Tiſch, und mit einem Tone, welcher eine zurückgehaltene Verſtimmung verrieth, fragte Madane Necker, wie es komme, daß Germaine ſo aufge⸗ regt ſei? „Ich habe einen ſehr glücklichen Nachmittag verlebt,“ erwiederte das Mädchen, ließ dann Meſſer und Gabel ſinken, und brach in einen Thränenſtrom aus. Die plötz⸗ liche Rückkehr ihrer Gedanken zu Herrn von Narbonne hatte dieſe ſchmerzliche Empfindung hervorgerufen; denn wie fern war er ihr in dieſem Augenblicke ſchon, hatte Paris erreicht, Freunde aufgeſucht und gedachte des Be⸗ gegnens mit ihr nicht mehr, die ſie Alles darum gegeben hätte, ihn wiederzuſehen. Sie fühlte ſich mit einem Male ſo einſam, ſo verlaſſen.— Erſtaunt ſah ihre Mutter ſie an. Dieſer Blick verwirrte das Mädchen vollends. Zum erſten Male durfte ſie nicht ausſprechen, was in ihr vor⸗ ging, und bei der Offenheit ihres Weſens litt ihre Natur bei dieſem Zwange einer Verheimlichung, welche die Meinung Anderer, nicht ihr eigener Wunſch, ihr abgewann. Auf das Höchſte gepeinigt, ſprang ſie auf und eilte aus dem Zimmer. Madame Necker ſeufzte.„Welch' ein unverſtändiges Betragen!“ rief ſie aus. 32 „Laß ſie!“ ſagte ihr Gatte beſänftigend.„Sie iſt in einem Alter, wo ſie ſelbſt nicht weiß, was ſie will, wo Gefühle in ihr erwachen, die ſie ſich nicht zu deuten weiß. Laß ſie! Sie wird nicht anders ſein, wie jedes Mädchen.“ „Ich war niemals ſo,“ ſagte Madame Necker kopf⸗ ſchüttelnd. „Weil Du die Organiſation zu einer Heiligen von der Natur empfangen hatteſt,“ verſetzte ihr Gate. Dieſe Antwort begütigte ſie. Bweites Capitel. Die Convenienzheirathen. Mademoiſelle Necker ſtand auf dem Balkon ihres Hauſes und ſchaute ſpähend in die Ferne. Ihre gewählte Toilette deutete an, daß ſie Gäſte erwarte, und ihre Miene drückte ſichtlich die Ungeduld aus, mit welcher ſie deren Ankunft entgegen ſah. Eine dicke Staubwolke auf der Straße, die nach Paris führte, verrieth jetzt das Kommen eines Wagens. Bei dieſer Entdeckung wollte ſie ſich raſch umwenden und in den Salon zurückkehren, als ihr Ohr einen männlichen Schritt vernahm, und ihre Schritte anhaltend um zu lauſchen, kam Herr von Narbonne ihr auch ſchon entgegen. „Wie!“ rief ſie erſtaunt.„Haben Sie Flügel? Ich habe Niemand kommen ſehen und ſind Sie da? Das gleicht ja einem Wunder.“ 34 „Das man gern verrichtet, um zu Ihnen zu eilen,“ erwiederte er, ſich artig verbeugend. „Das Compliment verliert ſeinen Werth, wenn ich zurückdenke, wie lange wir Sie nicht geſehen, Monſieur de Narbonne.“ „Mir ſcheinen die Tage, an denen ich nicht nach Saint Ouen eilen durfte, faſt ſo viele Jahre zu ſein, Mademviſelle Necker.“ „Sie durften nicht, doch nur, weil Sie nicht wollten?“ erwiederte ſie mit leiſem Vorwurfe. „Weil ich nicht konnte, ſollten Sie mildernd ſagen, Mademoiſelle Necker.“ „Und was hielt Sie ſo dringend feſt in dem ſchönen Paris, wenn Sie dieſe Frage nicht unbeſcheiden finden?“ „Die Feſte, denen ich mich nicht entziehen konnte.— Lafahette iſt zurückgekehrt, wie Sie wiſſen, er wurde mit dem Großfürſten von Rußland zugleich bei Hof empfangen, es war das eigenthümlichſte Nebeneinander, welches Sie ſich vorſtellen können. Der Repräſentant des höchſten Deſpotismus, neben dem Champion der unbegrenzten Freiheit!— Alle Damen waren außer ſich vor Entzücken über ihn und beneideten ſeine Gattin um den Vorzug, ihn zu beſitzen. Sie fanden ſein einfaches braunes Kleid, ſein ſchlichtes blondes Haar reizend, und betrachteten die gold⸗ geſtickten Kleider, die gepuderten Perrücken, die Degen, „ 35 Schuhe und Spitzenmanſchetten, mit einer Art von Ver⸗ achtung. Alle wollten ihm vorgeſtellt ſein, und Alle rich⸗ teten an ihn die Frage, wie ſich die Damen in Amerika kleideten, mit dem ſtillen Wunſche, glaube ich, durch einen ſolchen Anzug auch ein Theilchen von dem Ruhme zu ge⸗ winnen, welchen dieſer Krieg den Kämpfern eingebracht. Sogar meine fromme Gebieterin, Madame Adelaide, ſchwärmt für den Helden Lafayette.“ „Wie gern möchte auch ich ihn ſehen!“ rief Germaine aus.„Wie gern dieſem Feſte beigewohnt haben!— Ach! Ich muß jetzt ſo Vieles hier entbehren!“ „Er wird ohne Zweifel Herrn Necker aufſuchen,“ erwiederte Narbonne,„denn welcher Name könnte dem Ohr eines Lafayette angenehmer klingen, als der Ihres Herrn Vaters.“ „Wenn wir nur wieder in Paris wohnten!“ rief ſie aus.„Aber nun erzählen Sie mir noch ſchnell etwas von den Feſten.— In welcher Toilette erſchienen die Damen? — Wie nahm ſich die Königin aus?“ „Sehr ſchön, ohne Zweifel!“ rief Herr von Narbonne lachend;„doch kann ich Ihnen mit Gewißheit auf dieſe Frage nicht antworten. Auch ich war diesmal ſo ungalant, nur Augen für den Helden zu haben, deſſen Ruhm jetzt ganz Paris erfüllt.“ 36 „Und doch wollten Sie dieſen Ruhm nicht theilen?“ fragte Germaine. „Weil es genug Gelegenheit hier giebt, eine freie Staatsverfaſſung begründen zu helfen, und ich dafür beſſer mit meinem Kopfe, als mit meinem Degen thätig bin.“ „Sie hören alſo noch immer dieſe langen Vorleſungen bei Koch, trotz aller Feſte?“ „Ich verſäume ſie nie, und betreibe außerdem noch ſehr viele nützliche Studien. Ich leſe die deutſchen Dichter und die deutſchen Philoſpphen. Wollen Sie die Sprache nicht lernen, damit wir künftig gemeinſchaftlich dieſe Schrift⸗ ſteller leſen können?“ „Wenn es der Zeit lohnt, welche das Studium koſtet.“— „Ohne Zweifel. Karl V. pflegte zu ſagen, der Menſch beſitze ſo viele Seelen, wie er Sprachen verſtehe, und ich begreife ihn in dieſer Rede;— denn mit dem neuen Idiom gewinnen wir auch neue Anſchauungen des Lebens und entwickeln uns um ſo vielſeitiger.“ „Wollen Sie mir einen Lehrer ſenden?“ „Mit Vergnügen!“ Eine Pauſe entſtand. Germaine ſah zerſtreut vor ſich hin und des jungen Mannes Auge ruhte während dem beobachtend auf ihr. Jetzt fuhr ein Wagen in den Srfuun. 37 „Das iſt der Großfürſt!“ rief Germaine.„Ich ver⸗ gaß, Ihnen zu ſagen, daß er ſich bei uns angemeldet. Kommen Sie in den Salon, e wir bei ſeinem Empfange gegenwärtig ſind.“ „Ich hoffte, Sie allein zu ſehen,“ erwiederte Herr von Narbonne.„Notabilitäten ſieht man in Paris hin⸗ reichend, darum kommt man nicht nach Saint Ouen. Das Schickſal iſt mir ungünſtig.“ Er empfahl ſich verſtimmt. Germaine traten die Thränen in die Augen.— Er wußte, daß ſeine Entfernung ihr weh that, und dennoch blieb er nicht. Konnte er ſie abſichtlich quälen wollen? Indem erſchien ein Diener, ſie herunter zu beſcheiden. Verſchiedene Fürſten Europas hatten Necker ſeit ſeiner Entlaſſung Anträge gemacht, in ihren Dienſt über⸗ zugehen und zu dieſen gehörte auch die Kaiſerin Katharina. Es war daher auf ihren Wunſch, daß der Großfürſt ihm heute ſeinen Beſuch abſtattete, und ihm mündlich wieder⸗ holte, wie lieb es der Kaiſerin ſein würde, wenn er ſich jetzt noch entſchließen könne, Rußland ſeine Kräfte zu widmen. In ſeiner ſchlichten dunkeln Kleidung, mit jener ſteifen Haltung, welche ihm Würde verleihen ſollte, empfing Necker den hohen Gaſt, und hörte ernſt die Lobſprüche an, mit welchen dieſer ihn überſchüttete; ſeine Gemahlin aber wurde tief davon ergriffen, daß eine große Fürſtin, welche 38 ihren Gatten nie geſehen, ihm dieſe Ehre und Anerkennung zollte; ſie erbleichte und brach endlich ohnmächtig zu⸗ ſammen.*— Germaine, welche beſcheiden neben ihrer Mutter ſtand, unterſtützte ſie und führte ſie hinaus. Necker entſchuldigte den Zufall und nannte als deſſen Urſache die ſchwere Prüfung, welche ſeine Stellung der zarten Geſundheit ſeiner Gattin zugemuthet. Wie gewöhn⸗ lich ergoß er ſich zugleich in warme Ausdrücke ihres Lobes, eine Schwäche, deren er, trotz aller Spötteleien des Publi⸗ kums, ſich nie enthalten konnte. Germaine kehrte indeſſen zu ihrem Vater zurück, be⸗ richtete, daß es ihrer Mutter beſſer gehe und bald darauf empfahl ſich der hohe Gaſt, mit dem Verſprechen, nächſtens wiederzukehren. Necker wanderte, als er ſich mit ſeiner Tochter allein ſah, nachdenkend im Zimmer auf und ab.—„Es iſt traurig,“ brach er aus,„daß man in der Fremde ſo viel mehr geſchätzt wird, wie in dem Lande, wo man ſich eine Heimath gegründet hat, Frankreich bedarf meiner nicht, und doch kann ich Frankreich nicht den Rücken wenden.“ „Du biſt ein berühmter Mann, die ganze Welt be⸗ wundert Dich. Ich möchte geſucht, geehrt werden, wie Du es biſt.“ * Memviren der Frau von Oberkirch. 39 Sie ſtützte ihr Haupt in die Hand und ſah traurig in den Garten hinaus. „Dir iſt es leicht gemacht, Du biſt meine Tochter,“ ſagte Necker, ſein ſcharfes Auge prüfend auf ſie richtend. „Wo Du Dich zeigſt, zeichnet man Dich aus, weil Du meinen Namen trägſt.“ Sie ſeufzte. „Wir leben doch ſehr abgeſchieden,“ bemerkte ſie. „Du möchteſt mehr Zerſtreuungen?— Freilich, mein armes Kind, erlaubt mir meine Lage jetzt nicht, Dir dieſe zu bieten, die Klugheit fordert, daß ich zurückgezogen lebe und die Kränklichkeit Deiner Mutter geſtattet ihr nicht, Dich in die Welt zu führen; doch Geduld! Das Schickſal kann auf andere Weiſe für Dich ſorgen.“ * Germaine verſtand, worauf ihr Vater hindeuten wollte. Sie ſchwieg, und überließ ſich wachenden Träumen, bei denen Herr von Narbonne eine Hauptrolle ſpielte. An ſeiner Seite in die Welt treten, einen Namen tragen, der ſelbſt am Hofe zu den beſten gehörte, dem ſchönen, geiſt⸗ vollen, bewunderten jungen Manne zur Seite wandeln, erſchien ihr als das beneidenswertheſte Glück, zu dem ein Wort von ihm ſie erheben konnte. Seit ſie ihn bei Marmontel kennen gelernt, beſuchte er das Haus ihrer Eltern faſt täglich und ſtand mit ihrem Vater im beſten Vernehmen. Sie glaubte in ſeinen Augen 40 zu leſen, daß er Neigung für ſie empfinde, doch ſprach ſein Mund nie das Wort Liebe vor ihr aus. Oſtmals, wenn ſie erwartete, daß es ſeiner Lippe entſchlüpfen würde, ſeufzte er, ſtand auf und entfernte ſich plötzlich. Herr von Narbonne war ehrgeizig, er hegte für ſeine Zukunft kühne Pläne, ſein ſtolzer Sinn ſtrebte nach An⸗ erkennung, er wollte in den erſten Kreiſen der Hauptſtadt der geſuchte Gaſt ſein. Durch Reichthum allein behauptete er dieſe Stellung nicht. Der alte Adel ſah die Familie Necker mit ſcheelen Augen an, und drückte den Stempel des Lächerlichen auf ihre Spuren.— Einem ſolchen Feinde widerſteht kein Mann. Germaine hatte davon keine Ahnung. Sie war in ihrem Sinne die Tochter des berühmten Necker, den Könige und Kaiſer ehrten, ſie war vermögend— und ſehnte ſich nach Ruhm und Glanz. Des Menſchen Wünſche rechnen die Hinderniſſe nicht, welche unſern Pfad beengen. Langſam verſtrichen ihr die Stunden, bis ein neuer Tag erſchien, welcher den erſehnten Gaſt nach Saint Ouen führen konnte.— Germaine ſaß wieder auf dem Balkon ihres Hauſes und ſchaute auf die Straße hinaus; aber der Erwartete blieb aus. Die Beſuche des Herrn von Narbonne waren ſeltener geworden. Das ſchien ein ſchlimmes Zeichen für die ge⸗ 41 ſteigerten Hoffnungen.— Als er wiederkehrte, trat ihm Germaine verlegen entgegen, und ſchlug das Auge nieder, als wäre ſie ſich einer Schuld bewußt.— Sie wollte ihm nicht ſagen, wie ſehr ſie ſich nach ihm geſehnt, ſo lange er ohne genügenden Grund weggeblieben, und indem ſie die Empfindung zurückdrängte, welche ſein Anblick in ihr hervorrief, erſchien ſie ſich unwahr und konnte das Wort nicht finden, womit ſie ihn anreden ſollte. Herr von Narbonne war zerſtreut und verweilte nicht lange. Mühſam behauptete Germaine ihre Faſſung, ſo lange er blieb, als ſie aber den Hufſchlag ſeines Pferdes unten im Hofe vernahm, brach ſie in Thränen aus und eilte auf ihr Zimmer, um einſam ihre getäuſchten Hoff⸗ nungen auszuweinen. Eine Geſchäftsangelegenheit führte ihn in der fol⸗ genden Woche wieder häufiger nach Saint Ouen. Er pflog mit Herrn Necker Berathungen über die Gründung eines neuen Organs, das im Sinne des gefallenen Staats⸗ mannes die Finanzen beleuchten ſollte; die Urſache ſeines Kommens war daher keine Befriedigung für die Tochter, doch genoß ſie darum nicht weniger des Vortheils ihn zu ſehen. Eines Abends blieb er ſpäter da, als es ſonſt ge⸗ wöhnlich geſchah. Marmontel mit ſeiner Gattin hatte ſich eingefunden, Thomas, der leidend war und ſeltener erſchien, war unerwartet gekommen, und noch einige Gäſte aus 1859. II. Frau von Stasl. II. 3 42 Paris überraſchten die Familie noch ſpät mit ihrem Be⸗ ſuche.— Germaine war außerordentlich heiter. Ihr großes Auge leuchtete, während ſie lebhaft an der Unterhaltung Theil nahm. Sie ſang mit ihrer ſchönen Stimme einige Lieder, und recitirte darauf verſchiedene Poeſien der beſten Dichter. Das Lob, das man ihr dafür ſpendete, gewährte ihr um ſo mehr Freude, weil es ihr in Gegenwart des Mannes ertheilt ward, dem ſie am liebſten durch ihre Ta⸗ lente zu gefallen wünſchte. Als man hierauf zu ernſterer Unterhaltung überging, wandte ſich das Geſpräch, wie immer, auf die neue Welt, und da man von der Poeſie einen Uebergang zu dem dortigen Leben und Treiben ſuchte, ſo wurde zunächſt die Frage aufgeworfen: wie ſich in einem freien Staate, wo eine Gleichheit der Stände herrſche, die Ehe geſtalten würde, deren Begründung andern Bedingungen unterliegen müſſe, wie in der alten Welt. Indem man dieſe Frage hin und her erörterte, be⸗ merkte Narbonne,„daß man die Damen in den Colonien außerordentlich ſchön gefunden habe.“ „Dann wundert's mich,“ erwiederte Marmontel,„daß unſere Helden ihre Herzen dort nicht einbüßten.“ „Wer weiß, ob das nicht auch der Fall geweſen iſt,“ gab Narbonne lachend zurück.„Sie werden uns darüber keine Bekenntniſſe ablegen.“ — — 43 „Ich ſollte denken, daß Jemand wohl eine ſchöne Puritanerin heimgeführt, oder heimgeſandt haben würde, wenn wirklich eine ernſte Neigung ihn gefeſſelt hätte,“ bemerkte Madame Marmontel. „Die Damen in den Colonien ſind viel zu ſtreng erzogen, um mit ihrem Glauben Scherz zu treiben,“ nahm Thomas ernſt das Wort. „Sie vergeſſen ſtets, mein gelehrter Freund,“ ſagte Marmontel lachend,„daß der kleine Gott nicht erſt fragt, wie man getauft ſei, wenn er ſeine Pfeile verſendet.— Die Urſache muß alſo nach einer andern Seite hin liegen.“ „Die mir ſehr in die Augen zu ſpringen ſcheint,“ nahm Narbonne das Wort.„Die meiſten unſerer jungen Helden gehörten den erſten Familien Frankreichs an, und ſind mit dem Grundſatze auferzogen, daß eine Heirath eine Familienverpflichtung ſei, welche ſie Angeſichts der Vor⸗ und der Nachwelt zu löſen haben.— Wie leichtfertig ſie auch in anderem Bezug ſein mögen, ſo werden ſie in dieſem Punkte ſtets der Ueberlegung Gehör geben, die ihnen ſagt, daß eine Verbindung, welche gegen die Convenienz verſtößt, eine Sottiſe iſt, die ſie in den Augen der Welt lächerlich macht.— Wer den Ehrgeiz beſitzt, den Ruhm in einer andern Welt zu ſuchen, wird ſein Werk nicht dadurch ver⸗ nichten, daß er eine Frau ohne Namen in unſere Geſell⸗ ſchaft einführt, wo man ſie nie als Ebenbürtige betrachten 3² 44 und mit gebührender Achtung behandeln würde.— Kein Mann von Ehre wird eine Gattin, die ſeinen Namen trägt, in eine ſo peinliche Lage verſetzen wollen!“ Germaine hatte den Worten Narbonne's ein auf⸗ merkſames Ohr geliehen. Sie wurde, während er ſprach, erſt roth, dann bleich, und ſank, als er geendet, leblos gegen die Lehne ihres Seſſels.— Herr Necker war ſogleich an ihre Seite geeilt, um ſie zu unterſtützen. Man netzte ihre Stirne mit kalter Flüſſigkeit und bald darauf ſchlug ſie das Auge wieder auf. Damit aber kam ihr auch die Erinnerung deſſen, was ſie ſo tief verletzt hatte und ihre Züge ſprachen den tiefen Schmerz aus, der ihren ganzen Körper convulſiviſch durchzuckte. Sie bat, ſich einen Augen⸗ blick entfernen zu dürfen, ein Gang durch den Garten würde ihr wohl thun. So wie ſie das Zimmer verlaſſen hatte, nahm Herr von Narbonne Abſchied; der kleine Kreis rückte nun näher zuſammen und bald war die Störung vergeſſen, welche einige Minuten lang die Unterhaltung unterbrochen hatte. Als Germaine ſpäter leiſe eintrat und ſich dem Kreiſe zugeſellte, gedachte Niemand mehr des Vorfalls. Necker mußte in der Frühe des nächſten Morgens, einer Verabredung gemäß, nach Paris fahren, wo er mit Herrn von Narbonne im Kaffeehaus von Fvix zuſammen⸗ 45 treffen wollte.— Seiner gewöhnlichen Pünktlichkeit zufolge, war er der Erſte beim Rendezvous. Wie gewöhnlich an ſolchen Orten, wurden auch hier die Stadtneuigkeiten beſprochen und zu dieſen gehörte die projectirte Heirath des Herrn von Narbonne mit der Tochter des Herrn von Montholon, ehemaligen erſten Parlamentspräſidenten von Rouen. Die junge Dame hatte von mütterlicher Seite in Saint Domingo eine Erb⸗ ſchaft von dreihunderttauſend Livres Renten angetreten, war äußerſt wohl erzogen, wie man ſagte; jedoch noch nicht vierzehn Jahre alt. Necker vernahm dieſe Mittheilung nicht ohne Be⸗ fremden und auch nicht ohne Schmerz. Er liebte ſeine Tochter viel zu ſehr, um nicht ein aufmerkſames Auge auf alles zu haben, was ſie betraf, und es war ihm daher keineswegs entgangen, wie ſichtlich ihr Geiſt Herrn von Narbonne gefeſſelt, und welche Hoffnungen dies in ihr erweckt hatte. Wiederum aber konnte er den jungen Mann nicht tadeln, daß er eine Verbindung vorgezogen, welche ihm ſo bedeutende Vortheile bot. Ein Vorwurf ließ ſich ihm in keiner Weiſe machen, die Klugheit gebot alſo, die getäuſchte Erwartung nicht durchblicken zu laſſen. Da Necker in allen Beziehungen des Lebens ſtets dem graden Wege den Vorzug gab, ſo trat er auch jetzt 46 ſeinem jungen Freunde mit offener Miene entgegen und ihm die Hand bietend, ſagte er: „Ich wünſche Ihnen von Herzen Glück zu der Ver⸗ bindung, welche Sie zu ſchließen im Begriffe ſtehen, Herr von Narbonne; doch hätte ich freilich eine ſolche Nachricht lieber aus Ihrem eigenen Munde erfahren, als durch eine bloße Stimme des Gerüchtes.“ Der Angeredete erröthete bis unter die Stirne und erwiederte halb verlegen: „Ich muß mein Unrecht in dieſem Punkte zugeſtehen, und bitte Sie nur, überzeugt zu ſein, daß es mir viel Ueberwindung gekoſtet hat, Sie nicht in mein Vertrauen zu ziehen. Die Gründe, welche mich davon abhielten, darf ich Ihnen leider nicht mittheilen, denn ſie würden Ihnen verrathen, wie ſchwer mir ein Schritt ward, zu dem nicht Neigung, ſondern Familienrückſichten mich veranlaßten.“ „Es iſt immer ehrenwerth, wenn man, aus welcher Rückſicht es auch ſei, der Vernunft Gehör giebt,“ ſagte Necker und ging hierauf zu andern Gegenſtänden über und ſo trennten ſich Beide im beſten Vernehmen. Auf dem Rückwege überlegte er, ob er ſeiner Tochter die bevorſtehende Verheirathung Narbonne's mittheilen ſolle, oder ob es beſſer der Zeit und dem Zufalle über⸗ laſſen bleibe, ſie damit bekannt zu machen. Er war noch unentſchloſſen, welchem von Beiden den Vorzug zu geben, 47 als ſie ihm eine weite Strecke von ſeinem Landhauſe ent⸗ gegen kam. „So auf einſamen Wegen?“ ſagte ihr Vater überraſcht.„Wird man ſich nicht wundern, die Tochter Necker's hier anzutreffen?“ Sie fühlte den Vorwurf, der in dieſen Worten lag. „Es iſt kein moraliſches Unrecht, das ich begehe,“ er⸗ wiederte ſie, ſich entſchuldigend. „Das reicht nicht hin, mein Kind. Wir können nicht wieder in die Wälder zurückkehren. Auch wäre das keines⸗ wegs Deine Neigung; denn im Grunde Deines Herzens biſt Du ehrgeizig und trägſt die Sehnſucht in Dir, eine Rolle in der Welt zu ſpielen. Nie aber kann man das, wenn man die Formen aus den Augen ſetzt.“ „Ich finde es unter meiner Würde, mich nach ſolchen kleinen Regeln zu richten, welche mein Verſtand nicht anerkennt.“ „Weil Dein Stolz es nicht leidet,“ ſagte Necker ernſt. „Und doch hat dieſe Convenienz, dieſe Form, einen Werth, den weder Deines Vaters Ruhm noch ſeine Millionen Dir erſetzen können. Sie herrſchen, wir ſind ihnen unter⸗ than.“ „Ich kann nicht leugnen, daß dem in vielem Bezug ſo iſt,“ rief Germaine, unmuthig den Kopf aufwerfend, „aber um ſo mehr nur möchte ich mich dagegen empören.“ — 48 „Um deſto mehr zu leiden!— Das iſt Deines Ver⸗ ſtandes unwürdig. Von Dir erwarte ich, daß Du die Mittel zum Zwecke wählſt. Du findeſt Dein Glück nicht in der Einſamkeit, Du liebſt die große Welt, Du möchteſt in ihr glänzen,— ſo ſuche nun auch den Perſonen, die Dich dort fördern können, zu gefallen.— Indem Du jeder Laune nachgiebſt, und mit tauſend Kleinigkeiten gegen hergebrachte Etiquette verſtößt, ſchneideſt Du Dir ja ſelbſt den Weg ab, den Du doch ſo gern wandeln möchteſt.— Kein junger Mann wird wagen, Dir die Hand zu bieten, aus Sorge, daß Du ihn compromittiren könnteſt.— Unſer Narbonne wird, wie ich höre, ſich mit einem halben Kinde vermählen, das eben aus dem Kloſter kommt, wo ſie gelernt hat, ſich dem Hergebrachten zu unterwerfen. Dir hätte er keine Vorſchriften der Art machen dürfen.“ „Redeſt Du im Ernſte!“ fragte Germaine erſtaunt. „Im vollen, vollen Ernſte.“ „Du weißt, wen er mir vorgezogen?“ „Ein Mädchen von guter Familie, das reich iſt und ſich ſeiner Einſicht fügt,“ erwiederte ihr Vater ſcharf. Germaine ließ ihr Haupt ſinken und redete kein Wort mehr. Ein nagender Schmerz wühlte in ihrer Bruſt, der ſie um ſo mehr peinigte, weil ihr Auge thrä⸗ nenlos blieb. Als ſie in Saint Ouen anlangten, konnte ſie den 49 Wagen nicht verlaſſen, ſie war wie gelähmt, und man mußte ſie auf ihr Zimmer tragen.— Herr Necker ſetzte ſich vor ihr Bette und hielt ihre Hände. Mit gebrochenen Augen lag ſie lange Stunden regungslos da, und ſchon war die Mitternacht vorüber, als endlich der Krampf ihrer Bruſt ſich löſte und ein heftiger Thränenſtrom ſie erleichterte. Sie fand in ihrem Vater den beſten, den liebevollſten Tröſter. Je mehr ſein Kind durch die Welt litt, je zärt⸗ licher bemühte er ſich um ſie und ſuchte ihr durch ſeine Liebe Erſatz zu bieten.— Madame Necker verſtand ihn in dieſer Nachſicht nicht. Sie hätte zürnen mögen, wo er entſchuldigte und was ihn zu ſeinem Kinde hinzog, entfernte ſie nur immer mehr von ihrer Tochter, ſo daß ſie ſich fremd gegenüber ſtanden. Germaine ging nun nicht mehr auf den Balcon hin⸗ aus, um den Weg nach Paris zu überſchauen.— Ihre Geſundheit war angegriffen, eine tiefe Melancholie hatte ſich ihrer bemächtigt und ſtundenlang ſaß ſie da, mit einem Buche in der Hand, ohne eine Zeile zu leſen. Narbonne erſchien wie gewöhnlich in Saint Ouen, und wurde empfangen, als ob nichts vorgefallen. Ger⸗ maine war bei ſeinem erſten Beſuche nicht im Zimmer und er wagte keine Frage nach ihr. Als er das nächſte Mal kam, fand er ſie allein. Sie ruhte in einer Chaiſe longue, 50 das Fenſter war geöffnet, der Duft der Blüthen drang zu ihr herein. Bei ſeinem Eintritt ſtand ſie auf und reichte ihm die Hand. „Ich freue mich, Sie wieder zu ſehen!“ ſagte ſie 163 freundlich.„Ich hoffe, daß Sie Ihre alten Freunde 1 nie ganz vergeſſen werden, über den neuen Feſſeln, die Sie binden.“ Er drückte ihre Hand an ſeine Lippen, und ſagte bewegt: „Ich werde Ihrer Freundſchaft werth zu ſein wiſſen.“ Dann ſetzte er ſich neben ſie, und ſprach lange kein Wort. Drittes Capitel. Der Held des Freiheitskrieges. Durch die Gallerien des Palais Royal ſchritten eines Morgens Arm in Arm zwei junge Cavaliere, deren Schön⸗ heit und ſtolze Haltung die Blicke der Vorübergehenden vielfach auf ſich zogen. Sie waren in ein lebhaftes Ge⸗ ſpräch vertieft und achteten deſſen nicht, was um ſie her vorging; endlich traten ſie bei dem berühmten Février ein, deſſen Kochkunſt für unübertrefflich galt. Kaum hatten ſie in einer abgelegenen Ecke des Zim⸗ mers an einem kleinen Tiſche Platz genommen, als ein hoher, ſchlanker Mann, mit einem grazibſen Lächeln um den fein geſchnittenen Mund, an dem Fenſter vorbeiging, die beiden Cavaliere erkannte, und mit einem Ah! der Ueberraſchung auf der Lippe, zu ihnen eintrat. Der Jüngſte der beiden Gäſte war aufgeſprungen und ihm einige Schritte entgegen geeilt.—„Condorcet! 52 Sie ſind es?“ rief er, ihm die Hand bietend, aus.„Wie ſehr freue ich mich, Ihnen gerade heute zu begegnen. Mir iſt das Herz ſo voll von meiner neuen Welt, gegenüber unſeren alten Inſtitutionen, deren Daſein ich faſt zu ver⸗ geſſen geneigt war, bis ſie bei meiner Rückkehr mit neuer Schwere auf mir zu laſten begannen! Ach! Condorcet! Wenn ich der ſchönen Träume gedenke, mit denen Sie ſich nährten, und meine junge Einbildungskraft zu himmelhohen Flammen anfachten,— wie ſchwellt ſich dann noch heute meine Bruſt in der Erinnerung jener Tage!— Was hoffte, wünſchte, erwartete ich nicht Alles!— Und jetzt, nachdem ich einem fremden Volke mit gewinnen helfen, was wir für Frankreich nicht einmal in unſern Träumen als wünſchenswerth begehren dürfen, jetzt ſtehe ich hier auf dem heimiſchen Boden, und weiß nicht mehr wohin mit meinem Ich!“ „Nur Geduld! Sie werden Ihren Platz auch hier finden, Vicomte,“ erwiederte der Angeredete mit feinem Lächeln, dem ein leichter Anhauch des Spottes beigemiſcht war.„Erlauben Sie mir aber jetzt erſt Herrn von Nar⸗ bonne zu begrüßen, bevor ich Sie bitte, mein Ohr durch die Schilderung von Erlebniſſen zu erquicken, welche einem Mitgliede der berühmten Akademie ſo fern liegen, wie die Gefilde der Seligen dem Prinzen der Hölle.“ „Warum folgten Sie uns nicht?“ fiel der junge Held 53 des Freiheitskrieges ein.„Warum verweilten Sie bei alten Folianten, und verkehrten mit Staub und Moder, während wir aus dem Becher des Lebens tranken?“ „Um mich nicht zu berauſchen, Vicomte!“ verſetzte Condorcet lachend.„Um nicht zu erwachen, wie Sie jetzt erwacht ſind. Um nicht bitterer noch zu empfinden, wie ſchwer es iſt, das Sklaventhum von Traditionen zu ertra⸗ gen, welche mit der Erbſünde zugleich auf uns gekom⸗ men ſind.“ „Ein wenig zu grell gemalt, wie immer,“ fiel Herr von Narbonne lächelnd ein.„Erlauben Sie mir dagegen einzuwenden: daß unſere Lage keineswegs ſo hoffnungslos iſt, wie Sie ſie ſchildern wollen. Nach meiner Anſicht brauchte man nicht in einer andern Welt für Rechte zu ſtreiten, die wir hier gewinnen können, ſobald wir nur ernſtlich wollen. Es iſt genug republikaniſcher Geiſt in Frankreich,“ um uns, wenn auch nicht zu einer Republik, doch zu einem conſtitutionellen Staate umzuwandeln, und das iſt es, was wir zu erſtreben haben. Ich blieb in mei⸗ nem Vaterlande zurück, um ihm in dieſem Sinne zu dienen. Dies Opfer iſt mir freilich ſchlecht gelohnt. Man hat den jungen Ségur, weil er in den Colonien mitgefochten, mir vorgezogen, und den Vertheidiger der Rechte von Rebellen, * Marbonne's eigene Worte. 54 obgleich er kaum die Kinderſchuhe abgelegt, nach Peters⸗ burg geſandt, um dort der Vertreter königlicher Prärogative zu werden. So ſonderbar ſpielt die Diplomatie mit ihren eigenen Intereſſen.“ „Soégur iſt Ihnen vorgezogen durch den Einfluß ſei⸗ nes Vaters,“ erwiederte Condorcet.„Als Kriegsminiſter beſitzt dieſer das Ohr des Königs, und Seine Majeſtät ſind leicht zu lenken, wenn man geſchickt den rechten Augen⸗ blick zu benutzen verſteht.“ „Es iſt nicht dieſer Einfluß allein, ſondern der Zau⸗ ber, welcher dieſe Freiheitskämpfer ſchmückt,“ verſetzte Nar⸗ bonne ernſt.„Sie haben durch die Jahre der Entfernung ein Weſen angenommen, das wir zugleich bewundern und beneiden. Es imponirt ihnen nicht mehr, was uns ehr⸗ furchtsvoll zur Erde blicken lehrt, ſie ſchauen kühn und freudig dem Menſchen jedes Standes in das Angeſicht und ihre Miene ſpricht es aus: daß ſie ſich ſeines Gleichen füh⸗ len.— Dieſer Muth beſticht.— Die Menſchheit iſt zu allen Zeiten der Kühnheit unterthan geweſen; wer herrſchen will, braucht nur die Miene der Unabhängigkeit anzuneh⸗ men und er hat halb geſiegt. Die Prinzen von Geblüt, der Hof, der älteſte Adel beugt ſich vor einem Helden⸗ thume, das ſeine Prärogative unbarmherzig unter die Füße tritt. Man ſchämt ſich ſeiner Titel, ſeiner Würden, einem Lafayette gegenüber, welcher eine Bürgerkrone gewonnen 55 und die einfache Kleidung eines Bürgers angelegt hat, welche unſere gepuderten, geſchmückten, mit Spitzen und Goldſtickereien herausgeputzten Herren mit Staunen be⸗ trachten. Ein Waldmenſch könnte faſt nicht unbekleideter unter ihnen ausſehen, als die Sieger von York⸗Town. „Das von Ihnen entworfene Bild paßt dann auch auf mich,“ fiel Montmorency ein, während ein hohes Roth ſeine Wangen färbte, und ſein Auge flüchtig über ſeine ſchwarze Kleidung glitt.„Ich habe mich in dieſen Jahren ſo völlig an die Bequemlichkeit dieſes ſchlichten Haares und den einfachen Rock gewöhnt, daß ich in meinem Alter nun nicht mehr für die ſteife Hoftracht paſſe.“ „Freilich! Wenn man zwei Dutzend Jahre zurückge⸗ legt und die Welt auf ihrer Rückſeite angeſchaut hat, ſo iſt man kein Kind mehr,“ erwiederte Condorcet, mit einem lächelnden Seitenblicke auf den Gegenſtand ſeines Scherzes. „Spotten Sie meiner Jahre nur!“ rief der junge Mann heiter.„Ich ſchäme mich ihrer nicht. Außerdem iſt es ein Uebel, welches ſich täglich verbeſſert.— Und jetzt, wo die Gegenwart ſo viele Wünſche unerfüllt läßt, braucht mein Auge dieſe weite Fernſicht auf kommende Jahre, da⸗ mit meinen Hoffnungen ein Spielraum bleibe. Was nicht iſt, kann noch werden, ſage ich mir täglich vor.— Ich bin jung genug, um noch zu erleben, daß auch mein ſchönes 56 Frankreich Freiheitsbäume pflanze, und dem Menſchenrechte Altäre erbaue!“ „Um die Abkömmlinge der alten Montmorench darauf zu opfern,“ fiel Condorcet ein.„Ach! Vicomte, Sie ahnen nicht, welchen Sturm Sie in Ihrer Begeiſterung über Ihr eigenes Haupt heraufbeſchwören! Der Schmied ſeines eige⸗ nen Schickſals ſein, iſt ſchwerer, als Sie glauben; nur dem eigenen Verdienſte Ehre, Ruhm und Anerkennung verdan⸗ ken, iſt eine Aufgabe, welche große Kraft erfordert.“ „Aber auch Kraft verleiht,“ fiel der Jüngling feurig ein.„So jung ich bin, dennoch vermag ich es zu empfin⸗ den, wie das Bewußtſein unſeres Werthes ſich ſteigert durch die vollbrachte eigene That.— Nur von dem Ruhme ſeiner Vorfahren zehren, ſich ehren laſſen, weil es vor mir ſchon Träger meines Namens gegeben, aus den Gräbern meine Verdienſte datiren und ausrufen: blickt auf den Staub und Moder, der einſtmals Montmorency hieß, das mag ich nicht, bei Gott und allen Heiligen ſei's geſchworen, das ſoll kein Montmorench ferner thun.“ „So raſch, Vicomte,“ erwiederte Condorcet, den Jüngling mit dem Ausdrucke ſich ſteigernden Wohlwollens meſſend.„Sie haben viel gelernt, das muß ich frei beken⸗ nen, haben mehr gelernt, als ich glaubte, daß ein Mont⸗ morench je begreifen würde! Hier meine Hand!— Wir müſſen Freunde ſein.— Die Träume, deren Sie mich 7 57 vorhin beſchuldigt, ſind nicht begraben, nicht vergeſſen. Auch giebt es Andere, welche mit mir träumen, und dieſe Anderen ſollen Sie jetzt kennen lernen.— Wir ſind nicht ſtehen geblieben, ſeit Sie uns nicht ſahen. Die Fackel, welche ſie in einem anderen Welttheile leuchten ließen, hat auch bis hierher ihren Schein verbreitet. Es giebt in Frankreich jetzt ſchon ſo viel Menſchen, als es Unterthanen giebt.— Und daß auch wir bereits gelernt haben, dem Verdienſte Anerkennung zu zollen, unbeſehen der Vorfahren deſſen, dem wir huldigen, das beweiſt Ihnen Necker.“ „Den die Hofpartei abſetzen ließ, weil er keiner alten Familie angehörte,“ fiel der junge Mann lebhaft ein. „Nicht ſo ſchnell geurtheilt,“ erwiederte Condorcet ruhig.„Allerdings verlor er ſein Amt; aber damit nicht ſeinen Einfluß.— Weil ihn das Volk vergötterte, haßte und fürchtete ihn der Adel, ſchonte ihn der König. Sehen Sie nicht ein, welch ein mächtiger Fortſchritt in dieſer Thatſache begründet liegt?— Was wäre unter einem andern Fürſten aus einem Finanz-Controlleur geworden, welcher ſich anmaßte, dem Könige und ſeinem Hofe weiſe Sparſamkeit vorzuſchreiben?— Mindeſtens hätte man ihn doch hängen laſſen!“ „Mindeſtens?“ wiederholte Herr von Montmorench lachend.„Und was vielleicht noch ſonſt? Aber Sie haben Recht.— Daß man dieſen Mann, der es verdiente, ein 1859. II. Frau von Stasl. II. 4 58 Bürger der Vereinigten Staaten zu ſein, daß man dieſen Mann nicht ſeines Lebens und ſeiner Freiheit beraubte, iſt eine große Huldigung der öffentlichen Meinung!“ „Wie ſie Frankreich nie zuvor gekannt,“ fiel Con⸗ dorcet ein,„und auf dieſem Grunde müſſen wir weiter bauen, die Macht dieſer Stimme müſſen wir zu vergrößern ſuchen, um durch ſie endlich die ächte Humanität ſiegen zu laſſen. Sehen Sie es jetzt ein, daß es auch hier etwas zu thun und viel zu hoffen giebt, und wollen Sie uns an die⸗ ſem Werke bauen helfen?“ Condorcet, ich umarme Sie für den Funken, den Sie in meine Seele geworfen!“ rief der junge Mann und warf ſich ihm um den Hals.„Jetzt tagt es plötzlich vor meinem Auge, ich gewahre das erſte Roth eines neuen Morgens durch den Schatten, welcher ihm vorangeht.— Wo iſt dieſer Necker, führen Sie mich zu ihm hin. Er iſt der ein⸗ zige Mann in Frankreich, nach deſſen Bekanntſchaft ich mich ſehne!“ „Leſen Sie erſt ſeinen Gompte rendu, bevor Sie ihn aufſuchen, um ſich mit ſeinem Geiſte vertraut zu machen. Er würde es Ihnen auch ſchwerlich verzeihen, daß Sie in Amerika das Erſcheinen dieſer Schrift überſahen.“ „Welch feiner Spott!“ rief Narbonne lächelnd. „Dann auch müſſen Sie, bei aller Achtbarkeit des Charakters und einer unbeſtechlichen Rechtlichkeit, auf alle 59 Hingabe an Ideen bei dem Herrn Rechenmeiſter verzichten, der nur darauf bedacht iſt, Ausgabe und Einnahme in das richtige Gleichmaß zu bringen, und ebenſo mit jeder Tu⸗ gend, mit jedem Rechte verfährt. Es muß alles im Leben ſein richtiges Maß erhalten; denn, gäbe er hier zu viel, ſo bliebe dort zu wenig, reiche er dieſem Freunde zwei Hände, ſo bliebe ihm für den andern keine dritte, ſpräche er hier ein zu warmes Wort, ſo könne dadurch ein Deficit in ſei⸗ nem Herzen entſtehen, das der Nächſtkommende zu büßen habe.— Kurz, der Herr Necker hat es gänzlich darauf ab⸗ geſehen, dem lieben Gott möglichſt ähnlich zu werden. Auch nicht der Schatten eines Vorwurfs hat ihn treffen tönnen, Seine Unfehlbarkeit hat etwas Demüthigendes für andere Sterbliche, denen noch einige menſchliche Schwä⸗ chen anhängen, und ſo folgt denn daraus, daß man ihn bewundert und ſchätzt, doch ſeine Nähe flieht.“ „Den Eindruck hat er nie auf mich hervorgebracht,“ fiel Narbonne raſch ein.„Ich ſehe ihn faſt, täglich und gewinne ihn immer lieber.— Es iſt ſo ſelten, einem Manne zu begegnen, der ganz ohne Eigennutz das Gute nur des Guten wegen ſucht und fördert.“ „Steht es ſo?“ erwiederte Condorcet und maß den Redenden mit vielſagendem Lächeln.„Dann ſtreiche ich die Segel, Herr von Narbonne, und überlaſſe es meinem jungen Freunde, bei ſeinem Zuſammentreffen mit dem 4* 60 berühmten Rechenmeiſter ſelbſt ein Urtheil zu fällen. Doch eine kleine Warnung möchte ich ihm vorher noch in das Ohr raunen. Der Mann hat eine Tochter! Es könnte ſein, Vicomte, daß es der jungen Dame gelänge, Ihr Ur⸗ theil über ihren Vater zu beſtechen, wie das vor Ihnen auch mit Andern ſchon der Fall geweſen.— In dem Falle freilich dürfte ich mir nicht ſchmeicheln, in meiner Meinung über Necker Sie auf meine Seite treten zu ſehen.“ Dieſe Aeußerung Condorcet's rief eine augenblickliche Verlegenheit bei Herrn von Narbonne hervor, welche er jedoch ſchnell zu bemeiſtern wußte. „Sie waren nie für Necker eingenommen, Condorcet,“ fuhr er ſcheinbar unbefangen fort.„Ihrer Natur ſagte ſein Syſtem der Sparſamkeit nicht zu, Sie fanden etwas Kleinbürgerliches in dieſem ängſilichen Haushalten, Sie nannten ſeine Anſichten nüchtern und ſchalten auf den klü⸗ gelnden Verſtand des Genfer Parvenu.— Ich weiß das Alles noch recht gut. Ihr Urtheil hatte mich beſtochen und lange ſtand ich darum an, den berühmten Necker kennen zu lernen, bis ein Zufall mich mit ihm zuſammen führte.“ „Und Sie eines Beſſeren belehrte.— Nicht wahr, der Zuſatz fehlte Ihrer Rede noch?“ „Ganz richtig. Ich habe einſehen lernen, wie unrecht man verfährt, indem man nach ſich ſelbſt den Andern beur⸗ theilen will. Glauben Sie mir, Condorcet, es iſt am Ende 61 ziemlich gleich, auf welchem Wege wir zum Ziele gelangen, vorausgeſetzt, daß dieſes Ziel der Mühe unſeres Weges lohne.— Wer dem Wohle der Menſchheit ſein Leben wid⸗ met, mit dem rechten wir nicht, wenn er auf einem ſteinigen Pfade dahin zu gelangen bemüht iſt. Ich wünſchte, daß Sie Necker näher kennen lernten, um eine beſſere Meinung von ihm zu gewinnen.“ „Ich laſſe ihp alle Gerechtigkeit widerfahren,“ erwie⸗ derte Condorcet.„Der alte Miniſter Maurepas nannte ihn l'épine, dafür habe ich ihn le genie mäle getauft, eine Benennung, welche ihm durchaus nicht mißfällt; denn er glaubt an ſich ſelbſt, wie an einen zweiten Heiland, und Frau und Tochter beſtärken ihn in dem unſeligen Wahne!“ „Warum unſelig?“ unterbrach ihn Narbonne.„Wer an ſich ſelbſt nicht glaubt, wird ſchwerlich je auf Andere einen Einfluß üben. Der große Waſhington hat ohne Zweifel nie klein von ſich gedacht, und ihm allein iſt Necker zu vergleichen.“ ˙ „Im Punkte der eu das gebe ich zu,“ erwiederte Condorcet.„Bonſt aber ziert eine gewiſſe Be⸗ ſcheidenheit ſtets den wahrhaft großen Mann. Doch ſtreiten wir darüber nicht.— Wie bedeutend auch ſein Verdienſt ſei, es iſt nur das von einem einzigen Menſchen, der ſterb⸗ lich iſt, wie wir. Der wahrhaft große Dienſt, welchen er 62 unſerm Vaterlande erwieſen, iſt der durch ihn hervor⸗ gerufene Sieg der öffentlichen Meinung, gegenüber Staat und Kirche. Daß dieſe Tauſende von Stimmen, die zu ſeinen Gunſten laut wurden, einen Klang beſitzen, hat das Volk erfahren und der König nicht vergeſſen, und dieſe Macht, einmal erprobt, verſpricht uns viel.“ „Das zu gewinnen wir eines Necker immer noch be⸗ dürfen,“ fiel Narbonne ein.„Er hat den Muth gehabt, das auszuſprechen, was wir denken, und dieſer Muth ver⸗ dient unſere Bewunderung.“ „Die ich gern bereit bin, ihm zu zollen,“ ſagte Con⸗ dorcet heiter.„Nur will ich ihn nicht in den Himmel he⸗ ben. Der Mann hat überdem des Glückes ſchon zu viel. Reichthum, Ehre, Ruhm, alle Güter der Welt ſtrömen ihm zu, und außerdem mußte das Schickſal ihm in ſeiner Toch⸗ ter nun noch das geiſtreichſte Geſchöpf der Erde an die Seite ſtellen.“ Sie beſitzt alle die Eigenſchaften, welche ihrem Vater abgehen, Schwung, Begeiſterung, Enthuſias⸗ mus, Wärme,— einen Genius, der Himmel und Erde umfaßt;— von ihr getragen und gehoben, wäre Necker im Stande, ſich ſelbſt zu übertreffen.— Sie ſehen aus dieſem Urtheil über die Tochter, daß ich gerecht ſein kann, Herr von Narbonne, und in Bezug auf Frauen hält das * Condorcet's Memviren. bei uns Männern ſonſt eigentlich ſchwer,“ fügte er lächelnd hinzu. „Fräulein Necker ahnt den warmen Freund in Ihnen nicht,“ erwiederte Narbonne,„und iſt leider eine zu zärt⸗ liche Tochter, als daß ſie Ihnen den vor dem Vater ein⸗ geräumten Vorzug verzeihen würde.— Sie müſſen ſie kennen lernen, Montmorench! Sie ſchwärmt gern ein we⸗ nig, und wird mit Ihnen die ſchönſten Träume träumen, wenn Sie wollen.“ „Aufrichtig, Narbonne, möchte ich doch lieber mich dem Vater zugeſellen,“ erwiederte der junge Mann, indem das friſche Blut der Jugend ſeine Wangen röthete.— „Ich bedarf auf meinem Pfade durch das Leben des An⸗ ſchluſſes an eine bedeutende Natur, durch die mein Weſen einen gewiſſen Halt bekommt, damit ich nicht hierhin und dorthin zu ſehr abſchweife. Mich in Frauenkreiſen wohl zu fühlen, habe ich in der neuen Welt gänzlich verlernt. Mit Weibern koſen, tändeln, plaudern, ruft mir den Hof⸗ ſtaat des Sardanapalus zurück. Das Wohl des Vaterlan⸗ des, das Glück von Millionen, dieſen Sternen gilt mein Streben, wo ſie mir leuchten, da blüht mein Glück.“ „Sie ſind friſch und freudig zu uns zurückgekehrt, mein junger Brutus,“ ſagte Condorcet, ihn mit ſeinem eigenthümlichen Lächeln meſſend, dem ſich jedoch ein Aus⸗ druck von Rührung beigeſellte, während ſein Auge auf dem 64 ſchönen, geiſtvollen Angeſichte des jungen Mannes ruhte.— „Gottlob! daß Sie noch ſo empfinden können!— Möge Ihnen dieſer ſchöne Muth noch lange bleiben.— Ich möchte Sie ungern vorzeitig weiſe machen; doch denke ich, wird die Bekanntſchaft unſeres alten Rechenmeiſters Ihnen keinen Schaden bringen, denn, einer alten Henne gleich, ſammeln ſich unter ſeinen Flügeln alle jungen politiſchen Glaubensgenoſſen, und ſein Haus iſt das Rendez vous der halben Welt.“ „Ich hörte, daß er jetzt in Saint Ouen ganz zurück⸗ gezogen lebte?“ „Der Weg dahin iſt Niemand abgeſchnitten, und außerdem kann er ja jeden Tag auf ſeinen Poſten zurück⸗ kehren.“ „Wir werden ihn dieſen Abend in der Hochzeit des Figaro ſehen,“ ſagte Narbonne.„Dann führe ich Sie in ſeine Loge!“ Necker hatte in der letzten Zeit ſehr häufig das Theater beſucht, um ſeiner Tochter eine Zerſtreuung zu be⸗ reiten. Er fühlte wohl, daß das Leben neben der kranken Mutter und dem vielbeſchäftigten Vater für ein junges Mädchen viel zu ernſt ſei, und fürchtete, daß das viele Alleinſein ihren Hang zur Melancholie nähre, und ſie in eine Welt der Träume verſetze, welche ſie der Wirklichkeit mehr und mehr entfremdeten.— Er regte ſie daher häufig 65 an, irgend eine ernſte Lectüre vorzunehmen, und beſonders ſeitdem ſie die herbe Täuſchung erfahren, daß Narbonne ihr ein anderes Mädchen vorgezogen, beſchäftigte er ſich gefliſſentlich mit ihr und überwachte genau ihr Thun und Laſſen. Der Graf von Montmorency gewann durch ſeine an⸗ genehme Erſcheinung und ſein offenes, freimüthiges Weſen ſchnell die günſtige Meinung Necker's, und dieſe ſteigerte ſich noch, als er bei wiederholten Beſuchen einen Ton der Ehrfurcht, gepaart mit Zutraulichkeit, annahm, welches ſeinem Verhältniſſe zu dem erfahrenen Staatsmanne etwas Kindliches gab, das Necker ſehr zuſagte. Auch deſſen Gattin wurde ſchnell durch die natürliche Courtviſie des vornehmen jungen Mannes gewonnen und behandelte ihn mit großer Auszeichnung. Germaine verrieth durch nichts, daß er auf ſie einen beſondern Eindruck hervorgebracht. Da Herr von Mont⸗ morench ihr nur die nothwendige Aufmerkſamkeit bewies und ihre Geſellſchaft nicht ſuchte, ſo hatte ſie wenig Urſache, ſich durch ſein Betragen geſchmeichelt zu fühlen, und ver⸗ mied ſeine Nähe oft gefliſſentlich. Sie ſchrieb jetzt viel und eifrig. Da Necker die Gewohnheit hatte, ſo oft er einen Ge⸗ danken, einen Einfall hatte, den er mitzutheilen wünſchte, raſch in den Salon zu eilen, um Frau oder Tochter davon 66 in Kenntniß zu ſetzen, und es ungern ſah, wenn ſein plötz⸗ liches Erſcheinen eine Unterbrechung ihrer Beſchäftigung hervorrief, ſo hatte ſeine Gattin die Gewohnheit angenom⸗ men, ſtehend zu ſchreiben. So wie die Thür aufging, legte ſie leiſe die Feder aus der Hand, und gab ſich die Miene, ganz unbeſchäftigt zu ſein. Germaine hatte von ihrer Mutter gelernt, dieſen kleinen Eigenthümlichkeiten ihres Vaters nachzugeben.— Auf dem Geſimſe des Kamines ſtand ihr Schreibapparat, und raſch warf ſie hier auf das Papier, was ſie feſtzuhalten wünſchte. 6 Meiſtens befand ſie ſich in den Morgenſtunden ganz allein.— Die zunehmende Nervenkrankheit ihrer Mutter fand nur Linderung in warmen Bädern, und der Gebrauch derſelben füllte den Vormittag aus. Ueberdem war ſie jetzt gern allein. Der Tod ihres Freundes Thomas hatte ihrem Herzen eine ſchwere Wunde gegeben, und lange konnte ſie ſich nicht von dieſem Schlage erholen. Der langjährige, treue Freund, dem ſie alles anvertrauen konnte, was ihre Seele bewegte, brachte eine ſchmerzliche Lücke in ihr Leben, und der Gedanke an den Tod beſchäf⸗ tigte ſie ſehr ernſt. Herr von Narbonne ſtellte ſeine junge Gattin der Familie Necker vor. 67 „Ich weiß, daß ſie Ihnen keine Geſellſchaft ſein kann,“ ſagte er zu Germaine;„doch wünſchte ich, daß Sie ſie kennen lernten, denn ſie bewundert Sie auf⸗ richtig!“ Es bedurfte dieſer Mahnung nicht. Germaine um⸗ armte ſie auf das herzlichſte, und betrachtete mit wehmü⸗ thiger Theilnahme dies junge Weſen, das neben ihr erſt recht zum Kinde ward. Ob ſie nur ahnt, wie ſehr ich ſie zu beneiden Urſache habe, dachte ſie in ihrem Sinne. Eines Abends erſchienen Narbonne und Montmo⸗ rench noch ſpät bei Necker, um mit ihm über die neueſten Vorgänge und die finanziellen Operationen des Miniſters Calonne zu reden, welche ganz Frankreich in Erſtaunen ſetzten. Da keine andern Gäſte gegenwärtig waren, ſo blieb Necker mit ſeinen jungen Freunden im Salon, wo man vor ſeiner Tochter über die politiſchen Zuſtände Frankreichs ſprach. Germaine nahm bald lebhaften Theil an der Unterhaltung, und zu ſeiner Verwunderung bemerkte Herr von Montmorench, der ſie noch nie über ſo ernſte Gegenſtände discutiren gehört, daß ſie ihren Vater durch ihre glänzende Beredtſamkeit und geiſtvollen Beleuchtungen der Fragen überflügelte. Er verſtummte unwillkürlich, während Auge und Ohr an ihren Lippen hing. Narbonne bemerkte es. „Haben Sie ſich jetzt überzeugt?“ flüſterte er ihm 68 1 zu, und warf dabei einen bedeutſamen Blick auf Germaine. Dieſe überhörte ſeine Worte. „Wovon überzeugt?“ fragte ſie und erglühte. „Von Ihrem ungewöhnlichen Geiſte,“ ſagte Nar⸗ bonne. „Ach!“ erwiederte ſie und ſeufzte,„was hilft der einer Frau? Man liebt an uns nur das Gewöhnliche.“ biertes Capitel. Die getäuſchte Hoffnung. Die Tochter Necker's ſaß heute wieder auf dem Balcon ihres Landhauſes und ſchaute auf die Straße hinab.— Ein einzelner Reiter kam des Weges, ſchon aus der Ferne erkannte er ſie, und deutete durch ſeinen Gruß an, daß er ein freundliches Willkommen erwarte. Ihr Auge folgte ihm, während er unten im Hofe dem Reitknechte ſein Pferd übergab und dann raſchen Schrittes die Treppe hinauf eilte. „Ich habe mich mit Ihnen beſchäftigt, Herr von Montmorency,“ ſagte ſie, ein Heft bei Seite legend.„Ihr Tagebuch verſetzt mich ganz an Ihre Stelle, ich ſehe mit Ihren Augen den großen Waſhington und kämpfte mit Ihnen für eine große Sache. Wie ſehr erweitert unſere Seele ſelbſt dieſer Nachhall glorreicher Thaten!“ 70 „Die Geſchichte bietet deren überall,“ erwiederte der junge Mann, neben ihr Platz nehmend;„doch trägt unſere individuelle Stimmung allerdings dazu bei, den Eindruck zu vergrößern, oder zu verringern. Wir z. B. haben nun ſeit Jahrhunderten dem Willen eines einzigen Mannes uns gebeugt, und dem Verdienſte alter Namen gehuldigt; für uns iſt es nun eine neue Phaſe, mit einem Volke zu gehen, das aller Tradition entſagt hat, und die eigene Stimme zu der ſeines Gottes erhebt. Wer weiß, vb man ſich einſt nicht eben ſo ſehr nach unſeren monarchiſchen Inſtitutionen zurückſehnen wird, wie wir ihrer jetzt über⸗ drüſſig ſind!“ „Unmöglich!“ rief Germaine lebhaft.„Wer, wie ich, unter dieſen Vorurtheilen leidet, und ihnen das Glück der ganzen Jugend opfern muß, kann einen ſolchen Ge⸗ danken nicht faſſen!“ Montmorench ſah ſie erſtaunt und fragend zugleich an. Sie wurde verlegen. „Sie tragen einen alten Namen, daher begreifen Sie das nicht,“ ſagte ſie.„Ihre Stellung wurde Ihnen bei Ihrer Geburt angewieſen; die meines Vaters war ein Werk der Zeit und ſeiner glänzenden Verdienſte. Dieſe übertragen ſich nicht. Ich ſoll mir durch mich ſelbſt eine Stellung in der Geſellſchaft erringen, wie kann ich das?“ 71 „Die wird der Frau durch ihren Gatten angewieſen,“ rief Herr von Montmorench. „Es beſitzt nicht jeder Mann den Muth, für die Gattin ſeiner Wahl den Platz zu fordern, welcher ihr ge⸗ bührt,“ erwiederte Germaine ernſt,„und mehrere Vor⸗ fälle haben kürzlich den Beweis geliefert, wie unduldſam man in den erſten Kreiſen der Geſellſchaft iſt. Die Ehe ſoll ein Werk der Convenienz und nicht der Neigung ſein, damit die alten Familien mit keinem neuen Blut ſich miſchen.“ Herr von Montmorency wollte etwas erwiedern, plötzlich aber unterbrach er ſich ſelbſt und wanderte unruhig und unſchlüſſig einige Male auf und ab. Dann ſetzte er ſich Germaine gegenüber, nahm das Tagebuch in die Hand und ſagte: „Haben Sie die Lectüre ſchon völlig beendigt?“ Sie bemerkte aus dieſer Frage, daß er der Unter⸗ haltung eine andere Wendung zu geben wünſchte, und lenkte nun ſelbſt darauf ein. A Seit jenem Abend, wo ihr bedeutender Geiſt ihn zum erſten Male überraſcht, war er ihr näher getreten und hatte ſich oft ausſchließlich mit ihr unterhalten. Beide waren in dem Alter, wo ein ſolches Beiſammenſein leicht zu größerer Vertraulichkeit führt. Was ſie empfanden und 72 dachten, ſpiegelte ſich warm in der Seele des Andern ab, und jede Uebereinſtimmung führte zu neuer Mittheilung. Ernſten Blickes ſah Necker dieſe wachſende Vertrau⸗ lichkeit, welche bis jetzt nur noch den Namen der Freund⸗ ſchaft trug. War irgend ein Mann des Hofes fähig, ſich über die herrſchenden Vorurtheile zu erheben, und Necker's Schwiegerſohn zu werden, ſo ließ ſich dieſer Muth bei einem jungen Cavalier vorausſetzen, welcher der Sache der Freiheit ſo große Opfer gebracht.— Er beſchloß alſo abzuwarten, was geſchehen würde. Beide gingen jetzt in den Garten hinab, Necker ent⸗ gegen, welcher von einem Spaziergange zurückkehrte. „Meine Tochter hat mich heute allein gehen laſſen, weil ſie Sie erwartete?“ ſagte Necker, nachdem er ſeinen jungen Freund begrüßt.—„Ich könnte auf Sie eifer⸗ ſüchtig werden; denn eigentlich bin ich ſehr verwöhnt,“ ſetzte er ſcherzend hinzu. ermaine hing ſich auf dieſe Worte liebkoſend an ſeinen Arm. „Mein gütiger Vater!“ rief ſie zärtlich.„Du wirſt ſtets den erſten Platz in meinem Herzen behaupten. Wer könnte mich lieben, wie Du mich liebſt! Dein Wunſch, Dein Wille wird immer mein höchſtes Geſetz ſein und nie würde ich ein Glück ſuchen, das Du nicht billigteſt!“ „So ſpricht eine gehorſame Tochter!“ ſagte Necker 73 ſcherzend.„Die Söhne ſind nicht immer ſo folgſam, Herr von Montmorency, die Jugend der jetzigen Zeit beginnt nach eigener Einſicht ihren Lebensweg wandeln zu wollen.“ „Ich ſtimme dieſen Neuerungen nicht bei,“ ſagte der junge Mann ernſt.„Je freier ein Staat, je größer muß die Pietät gegen Eltern und Vorgeſetzte ſein. Nie würde ich mich entſchließen, einen Schritt zu thun, der meine Mutter kränkte. Sie hat mit ſo viel Sorge über meiner Kindheit gewacht, daß ich ihrem Alter dafür dieſe Rück⸗ ſicht ſchulde. Wie ſchwer es mir auch fallen mag, ihren Anſichten meine liebſten Wünſche opfern zu müſſen, den⸗ noch bin ich überzeugt, daß im Laufe der Zeit das eigene Gewiſſen mich reich entſchädigen wird für den Kampf der Gegenwart.“ Er ſchwieg und ſah gedankenvoll vor ſich hin. Ger⸗ maine barg ihr Haupt an der Bruſt ihres Vaters und weinte.— Ein Etwas ſagte ihr, daß in dieſen Worten ihr Schickſal enthalten ſei. Alle drei wanderten dann ſchweigend dem Hauſe zu. Es war Beſuch angekommen. Während Germaine ſich den Gäſten widmete, bemerkte ſie, daß das Auge des Herrn von Montmorench mit einer gewiſſen zärtlichen Theilnahme auf ihr ruhte. Von jetzt an wurde er in ſeinem Benehmen gegen ſie noch zutraulicher, und ſchloß ſich ihr noch mehr an; 1859. II. Frau von Stal. II. 74 zugleich aber trat er ihr wahr und offen entgegen, wo er ſie im Unrechte fand und namentlich rügte er häufig ihr Benehmen gegen Madame Necker, deren kalte, tendenziöſe Art die Tochter oft zu hartem Widerſpruche reizte. Wenn Germaine allein war, vergoß ſie jetzt häufig Thränen. Auf die Frage, was ſie betrübe, erwiederte ſie ihrem Vater: „Das Leben läßt mich ſo unbefriedigt!“ Er erwiederte darauf nichts, denn er wußte wohl, daß man durch Worte keine Stimmung des Gemüthes ändern kann. Doch lag ihm das Glück ſeines Kindes zu wahr am Herzen, als daß er nicht geſonnen hätte, wie er ihr Hülfe bringen könne. Einſamkeit und Stille waren ihrem Naturell nicht angemeſſen. Sie mußte in einer ge⸗ wiſſen Aufregung leben, mußte, was ſie auch trieb, mit Leidenſchaft treiben; heftige Conflicte, athemloſe Erwartung der kommenden Minute thaten ihr wohl. Eine Rolle in der Geſellſchaft zu ſpielen war die einzige ihr angemeſſene Aufgabe. Dieſer Ueberzeugung gemäß nahm er ſeine Maßregeln. Eines Morgens überraſchte er ſie ungewöhnlich früh im Salon, als ſie eben am Geſimſe ſtand und eifrig ſchrieb. Sie war ſo vertieft in ihre Arbeit geweſen, daß ſie ſeinen Eintritt zum erſten Male nicht bemerkt hatte, und ver⸗ 75 wirrt und erröthend, ertappt zu ſein, warf ſie jetzt ſchleunigſt die Feder weg. „Ich möchte gern ſehen was Du ſchreibſt,“ ſagte ihr Vater, ſich ihr nähernd.„Erlaubſt Du mir, Dein Heft zu nehmen.“ „Wie kannſt Du noch fragen!“ erwiederte ſie und reichte ihm das Manuſcript hin. Er ſetzte ſich in einen Armſtuhl und blätterte darin. Erwartungsvoll ruhte während deſſen ihr Blick auf ihm. Der Inhalt fing jetzt an ihn zu intereſſiren, erſt las er hier und dort eine Stelle und endlich vertiefte er ſich völlig in die Lectüre. „Du biſt ſehr fleißig geweſen,“ nahm Necker endlich das Wort.„Deine Verſe klingen gut, die Sprache iſt nicht ohne Schwung, Dein Styl hat ſehr gewonnen, ſeit Du uns Deine erſte dramatiſche Arbeit vortrugſt.“ „Damals war ich ja auch noch ein Kind!“ rief Ger⸗ maine, halb beleidigt. „Das wohl, aber ein ſehr vielverſprechendes,“ ver⸗ ſetzte Necker ruhig.„Und jetzt, wo wir Deinen neun⸗ zehnten Geburtstag nächſtens feiern, werden wir hoffentlich alle die Erwartungen erfüllt ſehen, zu welchen Du uns berechtigt haſt. Iſt es nicht ſo, meine Tochter?“ „Ich hoffe es,“ erwiederte Germaine, erwartungs⸗ voll aufhorchend, wohin die Rede ihres Vaters ziele. 5* 76 „Damals, weißt Du, rieth ich Dir ab, Deine lite⸗ rariſchen Arbeiten fortzuſetzen, weil ich einer Frau nur dann die Oeffentlichkeit geſtatte, wenn ihr Talent dieſen Schritt rechtfertigt, und bei einem Kinde ließ ſich das noch bezweifeln. Seitdem habe ich Gelegenheit gehabt, Deine ungewöhnliche Begabung zu bewundern. Deine Antwort auf den Gompte rendu war ein Meiſterſtück der Beredt⸗ ſamkeit, Deine Bemerkungen über Montesquieu's Esprit des lois ſind ſo pikant gls geiſtreich; was Du über Rouſ⸗ ſeau geſchrieben, hat mich bei einem Mädchen Deines Alters Wunder genommen; aber— aufrichtig geſagt, dieſe poetiſchen Verſuche ſcheinen mir der Tochter Necker's unwürdig.“ „Warum, mein Vater?“ fragte Germaine mit her⸗ vorſtürzenden Thränen. „Weil hier nur von Liebe und Leidenſchaft und von dem herben Schmerze der Entſagung die Rede iſt. Ich hätte von Dir erwartet, daß Du Deine Aufmerkſamkeit ernſteren Gegenſtänden zuwenden würdeſt. Du biſt kein gewöhnliches Mädchen, Germaine. Wäreſt Du das, ſo würde ich Dir dieſe müßigen Träumereien gern verzeihen. Könnteſt Du Deinem Leben kein höheres Intereſſe ver⸗ leihen, als aus dem Munde eines Mannes das Geſtändniß der Liebe zu vernehmen, wohlan, ſo möchteſt Du gern die kleinen Künſte treiben, welche dieſem Ziele zuführen. Doch, 77 als eine Ausnahme Deines Geſchlechtes mußit Du auch für Deine Empfindungen einen weiteren Geſichtskreis kennen, die Menſchheit muß Dein Herz erfüllen und nicht ein Mann.“ Germaine hatte das Geſicht in ihre Hände begraben und ſchwieg.— Die Worte ihres Vaters trafen ſie wie glühende Kohlen. Er hatte die rechte Seite berührt; ihr Ehrgeiz fühlte ſich auf das Empfindlichſte verletzt.— Nach einer Pauſe fuhr Necker fort: „Seitdem Du über Deine Gefühle grübelſt, biſt Du in Deiner geiſtigen Entwicklung ſtehen geblieben.— So- phie, ou les sentiments secrets. Ich frage Dich, welche neuen Anſchauungen Du durch Bearbeitung eines ſolchen Stoffes gewinnen kannſt.— Dann kommt Jane Grey.— Trotz dieſes geſchichtlichen Hintergrundes iſt die Hand⸗ lung eben ſo wenig größeren Motiven unterworfen.— Die Verſe ſind gut, der Styl hat große Vorzüge; doch das genügt mir nicht. Von meiner Tochter erwarte ich Gedanken. Du haſt einen männlichen Verſtand; das heißt Du beſitzeſt Urtheil, und ſtehſt damit über den Ver⸗ hältniſſen des Lebens, während die ſogenannten weiblichen Naturen von dieſen eingeengt und beherrſcht ſind.— Wie oft haſt Du mich ſowohl wie die Freunde unſeres Hauſes durch Deine geiſtreiche Kritik, durch Deine Analyſe eines Verfaſſers und ſeiner Werke zu aufrichtiger Bewunderung 78 hingeriſſen, und nun wollteſt Du Dir gegenüber befangen daſtehen, und durch Deine Empfindungen gegängelt werden, wie ein Kind?“ „Ich will es nicht, mein Vater!“ rief Germaine lebhaft und ſprang von ihrem Sitze auf.„So wahr ich lebe, ich will es nicht! Aber— verzeihe mir, wenn ich es ſage:— Ich habe ein ſo lebhaftes Bedürfniß zu lieben und geliebt zu werden, daß meine Sehnſucht nach dieſem Glücke jeden andern Wunſch in den Hintergrund zurück⸗ drängt. Kann ich dafür, daß mein Herz feurig ſchlägt, daß in mir eine Glut brennt, welche gelöſcht ſein möchte! Kann ich dafür, daß in meinen Adern ein Strom des Lebens ſich regt, der auf irgend eine Weiſe ſich geltend machen will? Ich weiß nicht wohin mit der Kraft, die ich beſitze, ich komme mir vor gleich einem Vulkan, in deſſen Tiefe die Elemente ihren Kampf führen, während die Oberfläche dürr und kalt die Lava deckt.— Ich wandele meinen Weg wie andere Menſchen; doch was andere Menſchen beglückt, das tödtet mich.— hch finde nicht Befriedigung in dieſem kleinen Tand des Lebens; es muß ein Glück geben, das höhere Seligkeit verleiht, dieſes Glück möchte ich mir erringen.“ „Nur nicht auf dem Wege, den Du eingeſchlagen haſt,“ ſagte Necker, ihre Hand faſſend und ſie an ſich ziehend.„Alle begabten Naturen empfinden, wie Du 79 empfindeſt. Das Leben ſcheint Ihnen nicht zu gewähren, was ſie erſehnen, und um dieſem Drange nach höherem Glücke zu genügen, zeigt ihnen die Religion den Weg in eine andere Welt.— Der Mann hat ſeinen Ehrgeiz, hat den Ruhm, um dieſe Flamme zu löſchen, die Frau hat nichts als ihre Liebe, die ſie in einen engen Kreis von Pflichten hannt. Sieh Deine Mutter! Wie einfach hat ſie neben mir gelebt, und ſtill und ſinnig geſtrebt, mir eine Gehülfin zu ſein.— Das iſt das höchſte, wohin es eine Frau zu bringen vermag, wenn ſie die Gefährtin eines Mannes wird, den ſie liebt und achtet, und dem ſie darum gern ſich geiſtig unterordnet, weil ſie ſein überwiegendes Urtheil anerkennt. Du mußt einem ſolchen Glücke ent⸗ ſagen, mein Kind; denn Du haſt zu viel Verſtand, um je ſo beſcheiden auftreten zu können. Der Mann, zu dem Du hinaufblicken könnteſt, müßte erſt geboren werden.“ „Ich verehre Dich, mein Vater, wie man nächſt Gott einen Sterblichen verehren kann; und ſoll ich glauben, daß Du der einzige Mann auf dieſer Erde ſeieſt, der ſolche Anerkennung verdient?“ „Du biſt mein Kind,“ ſagte Necker herzlich,„und das ſtellt unſere Beziehung zu einander feſt. Ich bin in gewiſſem Sinne Du und Du biſt ich. Wir ſind gegenſeitig ſtolz auf einander, und was Dich trifft, berührt mich noch empfindlicher, als ob es mich ſelbſt beträfe. Mit Mann 80 und Weib iſt das ein Anderes. Sie ſollen ſich erſt an einander paſſen, und lernen mit einander umzugehen. Dazu bedarf es der Selbſtverleugnung von Seiten der Frau. Du aber kannſt Deiner Natur keinen Zwang anlegen, ſie ſpricht zu gewaltig und muß herrſchen, bis die Jahre Dich Mäßigung lehren.— Du biſt überdem zu begabt, um Deine Talente auf den kleinen Kreis häuslicher Pflichten beſchränken zu können, Du mußt Dich Ideen hingeben, und Dein Herz für das Glück von Millionen erwärmen“ In dieſem weiten Geſichtskreiſe liegt für Dich das Glück, das Du erſehnſt. Heiße Deine Empfindungen ſchweigen und ſetze an ihre Stelle den Ruhm!“ Germaine zitterte. Sie legte die Hand auf das Herz und ein Schwindel drohte ihr die Beſinnung zu rauben. „Und Du glaubſt, daß ich hinreichende Begabung beſitze, um mir in der Welt einen Namen zu erwerben?“ fragte ſie erwartungsvoll. „Ich glaube es nicht nur, ich bin davon überzeugt, meine Tochter. Keine Frau Frankreichs hat jemals ſo viele Kenntniſſe und ſo große Bildung beſeſſen, wie Du. Lege dieſe kindiſchen Arbeiten bei Seite, übe Deine Kräfte an etwas Ernſtem, ſetze Deine Briefe über Rouſſeau fort und übergieb ſie, wenn ſie vollendet ſind, der Oeffent⸗ lichkeit, und der Erfolg wird Dich über Dich ſelbſt be⸗ lehren. Ganz Frankreich wird den Namen der Verfaſſerin 81 mit Bewunderung nennen, und die Pariſer Geſellſchaft Dich mit Lob überhäufen.“ „Wenn es möglich wäre, daß ich mir auf dieſe Art Anerkennung verſchaffen könnte!“ rief ſie mit leuchtenden Augen;„daß man mich bewunderte und ſuchte, wie man Dich ſucht! Ach! Ich fühle wohl, wie lockend der Gedanke für mich iſt!“ „Verlaſſe Dich auf mein Urtheil!— Ueberdem iſt es meine Abſicht, Dir jetzt ein Etabliſſement in Paris zu ſuchen. So ungern ich mich von Dir trenne, ſo muß ich doch, wie andere Väter, an Dir handeln, und Dir einen eigenen Namen und eine Stellung in der Geſellſchaft ſichern. Da Du aber mein einziges Kind biſt, ſo iſt mir die Schwäche wohl zu verzeihen, daß ich Dich in meiner Nähe zu behalten wünſche, dies iſt noch die einzige Schwie⸗ rigkeit, welche ſich einer ſonſt in jedem Bezug paſſenden Partie in den Weg ſtellt.“ „Mit wem?“ rief Germaine erglühend. „Mit dem ſchwediſchen Geſandten, Baron von Stasl. Er iſt Proteſtant, wir ſind daher in Bezug auf die Reli⸗ gion aller Einwendungen der Kirche überhoben, ſeine Stellung ſichert Dir den Zutritt in die erſte Geſellſchaft und ſelbſt der Hof muß Dich empfangen, mag Dein Vater in Ungnade fallen oder nicht; Herr von Stasl iſt ein ſchöner, ſtattlicher Mann, wenn auch nicht jung, und wird — 82 Dir ſonſt alle Freiheit gönnen, nur im Punkte des Reprä⸗ ſentirens mußt Du Dich der ſtrengen Hofetiquette fügen. Er iſt nicht reich, darum wünſchte er dieſe Partie, und da ich beſorgte, ſein König möchte ihn zurückberufen und mein Kind in den Wäldern Skandinaviens begraben, ſo ſtellte ich die Bedingung, daß er eine ſchriftliche Zuſicherung erhalten müſſe, auf ſeinem Geſandtſchaftspoſten zu bleiben, ſo lange er lebe. Er hat ſich nun an Marie Antvinette gewandt, und die Königin, welche nicht minder gern Hei⸗ rathen ſtiftet, wie andere Frauen, hat ſich ſelbſt an den König von Schweden für ihn gewandt.— Sobald deſſen Antwort eintrifft, ſtelle ich Dir den Baron von Stasl vor und Du magſt dann ſelbſt entſcheiden, ob Du ſeine Hand annehmen willſt.“— Necker entfernte ſich nach dieſen Worten und ließ ſeine Tochter ſinnend über alles Gehörte zurück. Lünftes Capitel. Das Diner in der Akademie. Der Prinz von Beauveau gab den Mitgliedern der Akademie ein glänzendes Feſt und lud auch Herrn Necker dazu ein. Selten nur beſuchte dieſer jetzt größere Geſell⸗ ſchaften, ſchon weil die Kränklichkeit ſeiner Gattin es ihr unmöglich machte, ihn begleiten zu können; diesmal jedoch wollte ſie eine Ausnahme machen und trug ſelbſt darauf an, die Einladung für ſich und ihre Tochter anzunehmen. Germaine war äußerſt froh über dieſen Entſchluß ihrer Mutter; denn ſie hoffte in einem Kreiſe der ausge⸗ zeichnetſten Männer Frankreichs die glänzendſte Unterhal⸗ tung zu finden. Erwartungsvoll ſah ſie daher dem be⸗ ſtimmten Tage entgegen. Sie hatte ſeit jenem Geſpräche mit ihrem Vater ihre Morgenſtunden mit großem Ernſte ihren literariſchen Ar⸗ 6 84 beiten gewidmet. So ſchwer es ihr auch fiel, den liebſten Wünſchen ihres Herzens zu entſagen, ſo fühlte ſie doch die Nothwendigkeit, dem Rathe ihres Vaters zu folgen, denn wer ſagte ihr, daß ſie ſich in der ſcheinbaren Neigung Montmoreney's nicht täuſche, wie ſie ſich früher ſchon in Narbonne getäuſcht?— Wer ſagte ihr, daß es in ſeiner Macht ſtehe, Herz und Hand nach Neigung verſchenken zu können.— Ihr Beiſammenſein mit ihm entlockte ihr manchen ſchweren Seufzer. Sie durfte ihm nicht ſagen, wie ſehr ſie ſich zu ihm hingezogen fühlte, noch ihm geſtatten, in ihren Augen zu leſen, wie ſehr er ihr gefiel!— Das machte ſie in ſeiner Gegenwart befangen. Sein ungleiches Betragen verſtärkte noch dieſe Un⸗ ſicherheit. Begegnete er ihr heute mit der Zärtlichkeit eines Bruders, ſo war er das nächſte Mal gefliſſentlich kalt, als ſei es ihm Abſicht, den zurückgelaſſenen Eindruck zu vernichten. Dieſe Unſicherheit in ihren Beziehungen war ſo peinlich als unerträglich und ſie wünſchte um jeden Preis eine Entſcheidung herbei. Ihre ſchönen, geiſtvollen Aufſätze über den Charakter und die Schriften Rouſſeau's rückten nun täglich ihrem Ab⸗ ſchluſſe zu, und erwartungsvoll ſah ſie dem Augenblicke ent⸗ gegen, wo ſie ſie der Oeffentlichkeit übergeben würde. Oftmals vertiefte ſie ſich ſo völlig in dieſe Beſchäfti⸗ — ₰ 85 gung, daß ſie den Verlauf der Stunden darüber vergaß, und auch heute, wo das Feſt in der Akademie ſtatt finden ſollte, war ihr dies begegnet. Völlig angekleidet trat Ma⸗ dame Necker zu ihr in das Zimmer, bevor ſie noch an ihre Toilette gedacht. Entſetzt ſprang ſie auf, als ſie die um⸗ wölkte Stirn ihrer Mutter ſah und entfloh aus dem Zimmer. Kopfſchüttelnd folgte Madame Necker ihr mit lang⸗ ſamen Schritten nach. Als ſie in das Gemach ihrer Tochter trat, fand ſie deren Zofe ſchon eifrig um ſie beſchäftigt. Rothe Schlei⸗ fen wurden in das ſchwarze Haar geſteckt, ein grünes Kleid mit goldenen Franzen dazu angelegt, und die coloſſale Ge⸗ ſtalt und die braune Geſichtsfarbe traten in dieſer Kleidung ſo unangenehm hervor, daß die eigene Mutter faſt entſetzt zurück fuhr, als ſie jetzt ihr Bild neben dem ihrer Tochter in dem großen Toilettenſpiegel erblickte. „Du kannſt Dich in dieſem Anzuge nicht zeigen, Ger⸗ maine,“ ſagte ſie.„Das Kleid ſteht Dir durchaus nicht.“ „Laß es nur,“ erwiederte dieſe leicht hin.„Hübſch bin ich ja doch nie, und ich möchte nicht gern, daß mein Vater auf mich wartete.“ „Er wird es weit lieber thun, als ſeine Tochter dem Geſpötte der Geſellſchaſt ausſetzen, welche ohnehin genug an der Familie Necker zu tadeln weiß,“ verſetzte ihre Mut⸗ 86 ter verſtimmt.„Zetzt darfſt Du um ſo weniger ſolche Blößen geben, da Du vielleicht nächſtens in der Geſellſchaft einen Platz auszufüllen haſt, wo eine ſolche Nachrede Dir ſchaden könnte.“ „Freilich! Wenn man nach ſolchen Kleinigkeiten, nach der Farbe einer Bandſchleife, oder einem Hute beurtheilt wird, dann werde ich häufig Anſtoß geben; denn ich bin nicht geſchaffen, mich mit ſolchen Dingen zu beſchäftigen,“ ſagte Germaine gereizt. Madame Necker ſchwieg, um in Gegenwart ihrer Leute dieſe Unterhaltung nicht fortzuführen. Als ſie in den Wagen ſtiegen ſagte ſie: „Ich bin Dir noch eine Antwort ſchuldig, Germaine. Nimm die Lehre an von Deiner Mutter, jetzt, wo ſi Dir noch fruchten kann, keine Sache für ſo klein zu halten, daß nicht das Glück oder Unglück Deines Lebens daraus hervor⸗ gehen könnte. Eine Eigenthümlichkeit iſt es auch, daß wir die Liebe der Männer ſelten durch große Eigenſchaften ge⸗ winnen, ſondern durch die kleinen Dinge, mit denen wir ihr Auge beſtechen. Dieſe Wahrheit mag Dir unangenehm klingen, aber erprobe ſie nur, um Dich von ihrer Richtig⸗ keit zu überzeugen.“ Germaine ſchwieg, wie immer, wenn ihre Mutter von Liebe ſprach, weil ſie ſich dann ſtets empfindlich 87 getroffen fand und ein Gefühl des Neides in ihrem Herzen rege ward, das ſie peinigte. Als ſie in die Geſellſchaft traten, waren ſchon alle Gäſte verſammelt. Der eigenthümliche Contraſt zwiſchen Mutter und Tochter fiel heute Allen beſonders auf. Ma⸗ dame Necker ſah noch bläſſer aus, als gewöhnlich.— Sie trug ein Carmoiſinkleid,— ihre Lieblingsfarbe,— und ihr blondes Haar war faſt der Antike ähnlich toupet⸗ artig friſirt, ein Kopfputz, den man à la Minerva nannte und den ſie, weil ihr der hohe Thurmbau der Haare nicht gefiel, in Mode brachte. Ihre zarte, ſchlanke Geſtalt, ihre weiße, faſt durchſichtige Haut, ließ ſie, trotzdem daß ſie ihr vierzigſtes Jahr zurückgelegt hatte, immer noch ſehr ju⸗ gendlich erſcheinen.— Germaine dagegen hielt man für weit älter, als ſie war.— Obgleich das weiße Kleid und der einfache grüne Kranz in ihrem dunkeln Haar, womit ſie ſich hatte ſchmücken müſſen, eine für ſie vortheilhafte Toilette war, und ſie von älteren Frauen unterſchied, ſo machte ſie doch keinen ange⸗ nehmen Eindruck und was ihr vor Allem fehlte, war die äußere Ruhe, welche das Weſen einer vornehmen Dame bezeichnet.— Gewiß würde ſie dieſen Mangel am empfindlichſten gefühlt haben, wenn ſie ſich ſeiner bewußt geweſen wäre; doch hat Niemand ein klares Bild von ſeiner eigenen Er⸗ 88 ſcheinung und mißt den Eindruck, welchen er hervorbringt, nach den richtigen Urſachen ab. Trotz ihres überlegenen Geiſtes, der ſie innerlich weit über die meiſten Menſchen erhob, trat ſie ſtets ohne jene Würde auf, welche das Selbſtbewußtſein gewöhnlich ver⸗ leiht. Die Urſache davon lag vielleicht in dem Umſtande, daß ſie nicht leicht eine Unterhaltung zu beginnen wußte, und unbedeutenden Leuten gegenüber leicht einſilbig blieb, und nur wenn eine Idee ſie anregte, wie belebt in einen Strom der glühendſten Beredtſamkeit ausbrach, vor der Jeder gern zurück trat. Necker pflegte darum auch ſtets von ihr zu ſagen: „Ma fille a besoin d'un premier mot.“ Es waren verſchiedene Damen vom Hofe gegenwär⸗ tig, denen Madame Necker in der Eile ihre Tochter vor⸗ ſtellte; dann ging man zur Tafel. Germaine hatte das Glück, ihren Platz neben zwei Herren zu erhalten, die ihr ſehr angenehm waren; Herrn von Narbonne und Herrn von Condorcet. Dagegen ver⸗ mißte ſie den Vicomte von Montmorench und wagte doch nicht, ſo oft die Frage ihr auf den Lippen ſchwebte, ſich zu erkundigen, was ihn abhielt. Die allgemeine Unterhaltung drehte ſich bald um die gewöhnlichen Themata, die Finanzen, den Getreidemangel, den Miniſter Calonne und ſeine goldenen Verſprechungen, 89 den Ankauf von Saint Cloud für die Königin Marie An⸗ toinette und deren wachſende Unpopularität. „Laſſen Sie uns heute nicht von Politik ſprechen, Mademoiſelle Necker,“ warf Narbonne dazwiſchen;„ich bin viel zu heiterer Laune, um Ihnen etwas Vernünftiges erwiedern zu können.“ „Und ich bin viel zu ernſt, um etwas Unvernünftiges zu ſagen,“ erwiederte Germaine.„Wir wollen alſo lieber ganz ſchweigen.“ „Ich bin es zufrieden, wenn Condorcet uns hübſche Geſchichten erzählen will, worüber wir beide lachen können.“ „Ein wenig Grauen möchte ich Ihnen lieber erregen, durch allerlei Spuk⸗ und Geiſtergeſchichten von Caglioſtro und den Roſenkrenzern. Sie müſſen mir aber vorher ver⸗ ſprechen, mit gutem Glauben zuzuhören.“ „Ich mache mich zu nichts anheiſchig,“ rief Germaine. „Meine Freiheit muß ich vor Allem behaupten.“ „Das iſt auch mein Glaubensbekenntniß,“ ſagte Con⸗ dorcet.„Fräulein Necker und ich ſind wahrhaft würdig, dem großen Waſhington zur Seite zu ſtehen.“ „Apropos!“ ſagte Narbonne,„wo iſt unſer jugend⸗ licher Freiheitsſchwärmer? Warum iſt unſer Montmo⸗ rench nicht hier.“ „Er hat plötzlich zu ſeiner alten Großmutter auf das Land gehen müſſen. Es waren der alten Dame allerlei 1859. II. Frau von Staöl. I. 6 90 Gerüchte über ihn zugekommen, welche ſie beſorgt machen, er möge die Grundſätze eines Montmoreneh verleugnen, — ein Familienrath wurde berufen und er wird vielleicht jetzt gerade gerichtet.“ „Es geht in dieſer Welt nicht anders, man muß mit dem Strome ſchwimmen,“ erwiederte Narbonne leicht. „Man hat ſchon lange eine paſſende Partie für ihn im Sinne gehabt, doch konnte man ihn bis jetzt nicht überre⸗ den, das Mädchen nur einmal zu ſehen. Auch iſt das am Ende weniger nöthig, wenn er nur überhaupt einwilligen will, ſie zu heirathen.“ „Die Großmutter wird ihm dies Ja jetzt ſchon abge⸗ winnen,“ ſagte Condorcet lachend.„Wie viel großmüt⸗ terliche Thränen über eine weich geſchaffene Männerſeele vermögen, das glaubt Niemand, der es nicht an ſich er⸗ fahren.“ „Ich bin der Anſicht, daß Thränen noch mehr Wir⸗ kung üben, wenn die Augen, die ſie weinen, nicht gar zu alt ſind,“ ſagte Narbonne ſcherzend. „Sie können ſicherlich nicht weinen,“ ſagte Condorcet zu ſeiner Nachbarin, welche in Gedanken vertieft dageſeſſen hatte;„die Glut Ihrer Augen wird die unter den Wim⸗ pern hervorquellenden Thränen verſiegen laſſen.“ „Sie irren, Herr von Condorcet.— Mich packt der Schmerz gleich ſo heftig, daß ich Ströme weine, und Ihnen 91 ein Fläſchchen Thränenwaſſer ſammeln kann, wenn Sie es wünſchen.“ „Dann müßte ich auch den Schmerz für Sie wün⸗ ſchen, der ſie hervorbrächte, und da ſei Gott für!“ rief Condorcet abwehrend. „Bitte, ſehen Sie Cazotte an!“ rief Narbonne da⸗ zwiſchen, auf einen bleichen jungen Mann deutend, der in einiger Entfernung von ihnen ſaß.„Er wird immer blei⸗ cher und verdreht die Augen, als ob er Viſionen hätte.“ „Warum hat man ihn auch eingeladen,“ ſagte Con⸗ dorcet kopfſchüttelnd. „Vielleicht iſt er ungebeten gekommen. Man weiß ja, wie er iſt.“ „Kennen Sie ihn?“ fragte Germaine. „Freilich!“ erwiederte Narbonne.„Es iſt ein be⸗ liebter Journaliſt, der aber in letzter Zeit durch die Schrif⸗ ten Saint Martin's und die Illuminaten den Kopf verloren hat. Er ſoll mitunter Anfälle von Wahnſinn haben, in denen er den Leuten die Zukunft vorher ſagt.“ „Warum wollen Sie die Gabe der Prophezeiung Wahnſinn nennen?“ fragte Germaine. „Weil ich nicht glaube, daß es uns gegeben iſt, die kommenden Zeiten vorher zu ſehen,“ erwiederte Narbonne. „Ich möchte ihn gern einmal prophezeien hören!“ rief Germaine erregt. 6* 92 „Wenn das iſt, ſo will ich verſuchen, ob der Geiſt ihn bewegt, uns die Zukunft zu enthüllen,“ ſagte Con⸗ dorcet und ſtand auf, um den ſeltſamen Gaſt anzureden. „Sie ſind ſo ernſt, Herr Cazotte!“ begann er.„Sie nehmen nicht Theil an dem Geſpräch.— Darf ich Ihr Glas füllen und das meinige zugleich auf Ihr Wohlſein leeren?“ „Ich danke Ihnen,“ erwiederte der Angeredete trau⸗ rig und verneinend das Haupt bewegend. „Wie, ſind Sie ſo verſtimmt, daß nichts Sie bewegen kann, an der allgemeinen Heiterkeit Theil zu nehmen?“ fragte Condorcet weiter. Ein Schauder lief über die Glieder Cazotte's und das Geſicht abwendend, flüſterte er:„Armer Condorcet! Es ſchmeckt bitter, nicht wahr?“ „Sie reden von mir?“ rief dieſer.„Doch verſtehe ich nicht, worauf Ihre Worte hindeuten. Was iſt bitter? — Ich bitte Sie, laſſen Sie es mich erfahren?“ „Das Gift!“ flüſterte Cazotte. „Aber welches Gift.“ „Das Sie nehmen werden, um nicht unter dem Beile des Henkers zu fallen.“ Condorcet erbleichte. Er lächelte, aber mit Lippen, aus denen alles Blut entwichen war. Germaine, welche 93 ein aufmerkſames Ohr geliehen, ergriff den Arm Narbon⸗ ne's und hielt ihn krampfhaft feſt. „Sie geben mir den Tod des Sokrates,“ ſagte er dann mit erzwungener Faſſung;„nennen aber nicht die Urſache. Ich kann nicht, wie er, die falſchen Götter ſtür⸗ zen, noch den einigen Gott verkünden.“ „Die Wahrheit iſt der einige Gott, die Lügen ſind die Götzen,“ rief Cazotte, wie abweſenden Geiſtes. „Ah! Dann wohlan. Der Sieg der Wahrheit, meine Herren! Darauf leere ich mein Glas bis auf die Neige.“ „Sie lachen,“ ſagte Cazotte, ſein Haupt mißbilligend wiegend.„Armer Condorcet! Sie werden nicht lange mehr ſo lachen!“ „Die Sache wird ſehr ernſt in Ihrem Munde,“ ver⸗ ſetzte Condorcet mit erzwungenem Humor.„Wollen Sie mich denn aber ganz allein für den Sieg der Wahrheit ſterben laſſen?— Das wäre doch faſt zu grauſam.“ „Es wird Ihnen leider nicht an Gefährten fehlen,“ ſagte Cazotte mit einem tiefen Seufzer.„Ihr Tiſchnach⸗ bar, Herr Chamfort, iſt nicht geneigt, den bitteren Trank mit Ihnen zu theilen; doch will er eben ſo wenig unter dem Beile des Henkers fallen, er öffnet ſich alſo die Adern und verblutet langſam.— Sie, Monſieur Bailly, und Sie, Malesherbes und Roucher, hoffen bis zum letzten Mo⸗ 94 mente, daß man Sie freiſprechen werde; ſelbſt als man Sie zum Schaffot hinführt, können Sie immer noch nicht glauben, daß Ihr letzter Augenblick gekommen ſei.“ Die ganze Geſellſchaft begann jetzt ein aufmerkſames Ohr zu leihen. Germaine zitterte vor Entſetzen und Auf⸗ regung.— „Was wird mein Schickſal ſein,“ fragte ſie leiſe; doch ſchien Cazotte wunderbarer Weiſe ihre Worte vernommen zu haben, denn ſein Auge richtete ſich alſobald zu ihr hin⸗ über und je länger es auf ihr ruhete, je freundlicher wurde der Ausdruck ſeines Geſichtes. „Sie ſind gerettet!“ ſagte er endlich freudig und ein tiefer Seufzer hob ſeine Bruſt.„Sie retten das Leben zweier Ihrer Freunde, dafür wird Ihnen das eigene er⸗ halten.“ „Und die Namen derer die ich rette,“ rief ſie in fie⸗ berhafter Aufregung. „Es ſind die Herren von Narbonne und von Mont⸗ morench, die beide nicht um Sie verdienen, daß Sie das Leben für ſie wagen, damit ihnen der Tod von Henkers Hand erſpart werde.“ „Er iſt nicht ſehr für mich eingenommen, das muß ich bekennen!“ rief Narbonne lachend; doch ſah man ihm zugleich an, wie wenig ſein Herz von dieſer Heiterkeit wußte. „Uim Ihre Freundſchaft werde ich mich aber von jetzt an dop⸗ 95 pelt bemühen, Mademoiſelle Necker, ſeit ich weiß, welch ein Preis darauf ſteht. Sie könnten mich den geringſten Feh⸗ ler ganz leicht mit meinem Kopfe büßen laſſen.“ „Nicht auch mit Ihrem Herzen?“ fragte ſie. „Das haben Sie längſt vernichtet.“ „Sterben müſſen wir aber doch Alle. Würde er uns nicht ſagen, wie, wo und wann?“ „Das Wie iſt am Ende gleichviel,“ erwiederte Nar⸗ bonne,„das Wann könnte uns den Genuß der Zeit ver⸗ kümmern; aber das Wo kann unſer Glück nicht beeinträch⸗ tigen. Fragen wir alſo nach dem Wo.“ Cazotte, deſſen Aunge immer noch in die Richtung blickte, ſah hierauf beide eine Weile ſinnend an, dann flü⸗ ſterte er leiſe vor ſich hin: „Nicht auf franzöſiſchem Boden.— Narbonne ſtirbt in Torgau und Mademviſelle Necker in Genf.“ Beide ſahen ſich überraſcht an.„Torgau!“ ſagte Germaine.„Ich möchte wiſſen, wo das iſt! Warum in aller Welt gehen Sie nach einem ſolchen Orte?“ „Ja, wenn ich das wüßte,“ erwiederte Narbonne achſelzuckend,„dann würde ich es vielleicht nicht thun.“— Beide lachten. Indeſſen hatte ſich die ganze Geſellſchaft erhoben, um zu hören, was vorging. Die Herzogin von Grammont trat zu Cazotte hin und ſagte: 96 „Ich bitte Sie, Herr Cazotte, mir auch eine ſo ſchöne That zu prophezeien, wie Fräulein Necker. Es wäre mir ſehr angenehm zu hören, daß einer dieſer Herren mir einſt ſein Leben danken ſollte.“ Cazotte ſah die ſchöne Frau einen Augenblick mit großen Augen an, dann ſagte er: „Ihnen, Frau Herzogin, habe ich nur zu melden, daß Sie, mit vielen andern Damen, auf einem Karren, die Hände auf dem Rücken feſt gebunden, nach dem Richtplatze wandern werden.“ „Und Fräulein Necker wird mich nicht begleiten?“ fragte ſie lachend. „Sie wird Sie nicht begleiten,“ erwiederte er, wäh⸗ rend ſeine Miene noch trauriger ward und ſeine blauen Augen ſich mit Thränen füllten.„Sie wird fern ſein. Ihr Herz wird leiden, ſie wird Linderung ſuchen, und das, wodurch ſie ſie erhält, bereitet ihr ein frühes Grab.“ „Sie verfahren mit mir zu grauſam, Herr Cazotte,“ begann die Herzogin wieder.„Die Ausſicht auf den Kar⸗ ren iſt nicht reizend. Wenn ich nur wenigſtens eine ange⸗ nehme Geſellſchaft auf dem Wege hätte!“ „Einen Beichtvater erhalten Sie doch ſicherlich, Ma⸗ dame,“ rief Condorcet ſcherzend,„und da Sie nun ſo lange vorher auf dieſe Spazierfahrt vorbereitet ſind, ſo würde ich mir zu rechter Zeit einen recht liebenswürdigen Abbé aus⸗ i i 97 wählen. Wenn der Cardinal Rohan bis dahin freige⸗ ſprochen wäre, könnten Sie auf ihn rechnen, er liebt nicht nur galante, ſondern auch andere Abenteuer und Beides vereint würde ſeine Wünſche krönen. Ebenſo denkt aber der liebenswürdige Talleyrand, der gewiß die kleine Reiſe von Autun hierher nicht ſcheuen würde, um Ihnen den gro⸗ ßen Dienſt zu erweiſen. Wie bald müſſen wir ihn ver⸗ ſchreiben, Herr Cazotte?“ wandte er ſich fragend an dieſen. „Es iſt unnöthig,“ lautete die Antwort.„Der letzte Hingerichtete, den ein Geiſtlicher geleiten wird,“— er ſtockte einen Augenblick, als ob das Wort nicht über ſeine Lippen wollte—„iſt Louis Capet, König von Frankreich!“ Alle Tiſchgäſte erhoben ſich, ſo wie dieſe fürchterlichen Worte geſprochen waren, zugleich von der Tafel, und blick⸗ ten entſetzt auf den fürchterlichen Propheten, der, vor ſeinem eigenen Ausſpruche erbebend, aus dem Saale ent⸗ fliehen wollte. Aber die Herzogin von Grammont hielt ihn zurück. „Da Sie mir ein ſo ſchönes Lvos zugedacht, mein Herr,“ ſagte ſie ſpöttiſch,„ſo möchte ich doch auch noch gern er⸗ fahren, wie Sie denn eigentlich für ſich ſelbſt geſorgt. Iſt es Ihre Abſicht, mein Schickſal zu theilen, ziehen Sie es vor, Gift zu nehmen, wie Herr Condorcet, oder wird die Hand irgend eines ſchönen Fräuleins Ihre Bande löſen, wie Sie es den Herren von Narbonne und von Montmo⸗ 98 rench zugeſagt. Ich bitte, laſſen Sie mich Ihr Schickſal auch noch kennen, damit ich weiß, wie, wo und wann wir uns vielleicht noch wieder ſehen.“ Cazotte maß die ſchöne Frau mit düſterem Auge vom Scheitel bis zur Zehe und ſenkte dann ſein Haupt, mit dumpfer Stimme, wie ſinnend, in ſich hinein ſprechend: „Während der Belagerung von Jeruſalem ging ein Mann ſieben Tage nach einander auf den Mauern umher und rief mit ſchauerlichem Tone: „Wehe mir ſelbſt! „Darauf traf ihn ein großer Stein, aus einer Wurf⸗ maſchine des Feindes auf ihn geſchlendert, und zerriß ihn in Stücken!“ Nachdem er dieſe Worte zu der Herzogin geſprochen, verbengte er ſich vor ihr und verſchwand aus dem Zimmer. Niemand hielt ihn zurück. Eine unheimlich ernſte Stimmung hatte ſich der ganzen Geſellſchaft bemächtigt und Zeder eilte, ſich zu entfernen, ohne weiter von ſeinen Bekannten Notiz zu nehmen. Sechstes Capitel. Die junge Geſandtin. Der ſchwediſche Geſandte, Baron von Staöl, em⸗ pfing heute zum erſten Male in ſeinem neu eingerichteten Hotel. Die weiten Räume ſtrahlten von tauſend Kerzen, die ſchönſten Pflanzen aus allen Zonen verwandelten die Vor⸗ zimmer in Gärten, und tränkten die Atmoſphäre mit den Wohlgerüchen der Tropenländer. Reich galonnirte Diener flogen umher, und beſetzten den Fuß der großen Treppe, um hier die Gäſte zu empfangen und ihre Namen weiter zu rufen. In einem der Säle ſah man Inſtrumente aufgeſtellt und alle Vorbereitungen zu einem Concerte getroffen. Mademvoiſelle Saint Huberti, die erſte Sängerin der großen Oper, wollte die Geſellſchaft mit einigen Arien 100 aus der Oper Dido unterhalten, die ſie beſonders ge⸗ ſchmackvoll vortrug. Die Dame des Hauſes hatte dieſe Wahl ſelbſt getroffen; denn das Schickſal der unglücklichen Königin von Carthago flößte ihr ſtets das innigſte Mit⸗ leid ein. Einen bewunderten Helden zu lieben, erſchien ihr als ein ſo großes Glück, daß einen ſolchen Verluſt nicht zu überleben ihr völlig verſtändlich vorkam. Jetzt waren alle Vorbereitungen zu dem Feſte voll⸗ endet, und langſamen Schrittes wandelte der Herr des Hauſes mit düſterer Miene durch die noch leeren Räume. „Iſt meine Gemahlin angekleidet?“ fragte er den eintretenden Diener. „Ich werde nachfragen, Herr Baron!“ erwiederte dieſer und wandte ſich um, das Zimmer zu verlaſſen. „Erſuchen Sie die gnädige Frau in meinem Namen, ſobald ihre Toilette vollendet iſt, ſich hierher zu bemühen,“ rief er ihm nach;„die Gäſte könnten mit jeder Minute erſcheinen.“ Kurz darauf eilte eine junge Frau durch die lange Reihe der Prunkgemächer auf ihn zu. Sie war in hell⸗ blauem Sammet gekleidet, und trug auf ihrem rabenſchwarzen Haare, das in dicken Locken auf den Nacken herabfiel,? ein * Portrait inédit de Madame de Stasl par un homme de lettres. 101 carmviſinfarbenes Gewinde in turbanartiger Form; den Hals, ſo wie die vollendet ſchön geformten Arme zierte ein Schmuck von echten Perlen.— Trotz dieſer ſehr geſchmack⸗ vollen und koſtbaren Kleidung und trotz der Reize, welche die Jugend verleiht, verurſachte die Erſcheinung der jungen Frau keinen angenehmen Eindruck.— Ihr etwas coloſſaler Knochenbau, ihr aufgeworfener Mund und ihre groben Züge, verliehen ihrem Aeußern einen Stempel der Ge⸗ wöhnlichkeit, welcher erſt dann verſchwand, wenn man dem Strahle dieſes herrlichen Auges begegnete und die Worte dieſes beredten Mundes vernahm. Der Gang des Menſchen entſpricht ſeinem Charakter; denn er iſt ein Ausdruck ſeines Weſens. Haſtig, mit etwas zu weit gemeſſenen Schritten, eilte ſie jetzt durch die lange Zimmerreihe auf ihren Gemahl zu, der, die Hände auf den Rücken gelegt, ihr Näherkommen erwartete. Als ſie ihm ſchon ziemlich nahe war, blieb ſie plötzlich ſtehen, als beſinne ſie ſich auf etwas, nahm darauf eine ſteifere Haltung an und gemeſſener ihm entgegen⸗ tretend und ſich leicht verneigend, ſagte ſie: „Sie ſehen, ich bin bereit, mein Herr!“ Die Miene ihres Gatten hatte ſich bei ihrem Nahen nicht verändert, ſie behielt denſelben kalten Ausdruck bei, dem ſich nur noch ein Schatten von Mißmuth beigeſellte. „Ihre Handſchuhe?“ ſagte er, ſie muſternd. 102 Sie blickte überraſcht auf ihre Hände herab. „Ach, mon Dieu! die habe ich vergeſſen!“ rief ſie lachend, doch mit einem Tone, welcher die durch ſeinen Tadel hervorgerufene Verſtimmung verrieth. „Und Ihr Fächer?“ „Auch der iſt in der Eile, Sie aufzuſuchen, vergeſſen worden. Ich werde mir Beides ſogleich noch holen.“ Mit dieſen Worten wollte ſie ſich zurückwenden. „Ich bitte, nein!“ rief der Geſandte, ihr den Weg vertretend.„Sie dürfen ſich nicht bemühen, Madame. Es würde an mir ſein, Ihnen dieſen Dienſt zu leiſten, wenn mich die Pflicht hier nicht feſſelte. Erlauben Sie alſo, daß ich meinen Kammerdiener ſende, Ihnen die ver⸗ geſſenen Gegenſtände zu holen. Etienne! Eilen Sie in das Ankleidezimmer der gnädigen Frau und fordern Sie die Handſchuhe und den Fächer von der mit der Bemerkung, daß ich ſolcher Nachläſſigkeit in chrem Dienſte nicht wieder zu begegnen hoffe.“ Der Diener eilte, den Auftrag auszurichten. In⸗ deſſen wandte ſich der Baron von Stasl wieder an ſeine junge Gemahlin. „Ich hoffe, daß Sie der Vorſchriften der Etiquette eingedenk ſind, Madame, welche ich mich bemüht habe, Ihrem Gedächtniſſe einzuprägen, und daß Sie das Cere⸗ 103 moniell nach dem Grade des Ranges der zu empfangenden Perſonen richtig beobachten werden?“ fragte er kalt. „Ich glaube, Ihrer Mittheilungen, in Bezug hier⸗ auf, noch völlig eingedenk zu ſein, mein Herr!“ verſetzte ſie ſanft. „Sie werden mich verbinden, wenn Sie es zu ver⸗ meiden ſuchen, irgend einen Verſtoß zu machen, Madame,“ fuhr er in demſelben gemeſſenen Tone fort.„Ich möchte ungern, daß morgen ganz Paris über uns ſpottete.“ „Sie legen großen Werth auf die Meinung der Welt, wo es ſich um ſehr kleine Dinge handelt, mein Herr,“ ſagte ſie, Handſchuhe und Fächer aus den Händen des Dieners entgegen nehmend. „Die Formen, welche die Etiquette der vornehmen Geſellſchaft zur Pflicht macht, ſind für uns Leute von Ge⸗ burt keine kleinen Dinge, Madame,“ erwiederte er höhniſch. „Es iſt der Prüßſtein einer guten Erziehung.“ „Die Begriffe erweitern ſich zum Glücke ſchon in dem Punkte,“ erwiederte ſie ohne alle Empfindlichkeit. „Der junge Adel Frankreichs hat es im Kampfe für die Colonien bewieſen, daß er nach einem andern Ruhme geizt, als dem, ein vollendeter Hofmann zu ſein.“ „Von dieſem Schwindel werden die jungen Herren ſehr bald zurückkommen, Madame, und ſich dann der 104 Sporen ſchämen, welche ſie im Kampfe für ein ſchlechtes Prinzip gewonnen haben. Verlaſſen Sie ſich darauf!“ „Sie verzeihen, mein Herr, wenn ich Ihrer Vorher⸗ ſagung diesmal lieber nicht Glauben ſchenke; denn es würde mir weh thun, den endlichen Sieg einer Sache zu bezweifeln, für welche alle meine Pulſe ſchlagen.“ „Dann rathe ich Ihnen, recht viel Zuckerwaſſer zu trinken, um dieſer unweiblichen Empfindungen los zu werden,“ verſetzte er mit kaltem Spotte. „Sie reden ſo häufig von weiblich und unweiblich, mein Herr, daß es mir lieb wäre, wenn Sie mir einmal genau erklären wollten, welchen Eigenſchaften Sie dies Beiwort eigentlich beilegen. Mitunter, ich geſtehe es, bin ich ſchon auf den ſeltſamen Gedanken gerathen, daß Sie ſolchen Naturen das Prädikat der Weiblichkeit zugeſtehen, über die ſich eigentlich gar nichts ſagen läßt.“ „Sie haben die Sache ſo ziemlich getroffen, Madame. Von einer Frau verlangt man weiter nichts, als daß ſie hübſch ſei und uns zu gefallen ſtrebe.“ „Dann hat die Natur uns freilich eine ſo angenehme als leichte Aufgabe zugemuthet,“ ſagte ſie ſcherzend. „Angenehm gewiß; ob leicht, iſt fraglich; denn es gehören Reize dazu, über welche nicht jede Frau gebieten kann,“ ſagte er bezüglich. 105 Der Herr Graf von Artvis! hallte es in dieſem Augenblicke durch die Näume. Monſieur und Madame Necker! rief man zu gleicher Zeit, und während der Geſandte dem königlichen Prinzen entgegenſchritt, eilte ſeine Gattin auf ihre Eltern zu, und warf ſich unter überſtrömenden Thränen an die Bruſt ihres Vaters. Erbleichend gewahrte Necker dieſen Ausbruch des Schmerzes an ſeinem geliebten Kinde.— Angſtvoll flog ſein Blick durch den ſich jetzt mit Gäſten füllenden Saal, ob Jemand den Vorgang bemerkt habe. „Mein Kind! Meine einzige Tochter!“ flüſterte er ihr mit bewegter Stimme zu.„Um Deines Vaters willen, faſſe Dich! Nimm Dich zuſammen!“ Sie richtete ſich auf. Da traf ihr Blick den Strahl eines Auges, das leuch⸗ tend, wie die ewige Sonne, ſo rein in das ihrige blickte, und die ſtumme Sprache der Theilnahme redete, welche ihr Herz in ſeiner innerſten Tiefe auf das Freudigſte er⸗ beben machte. Geburt und Schönheit ſind die höchſten Güter nicht, jubelte eine Stimme in ihrer Bruſt und ihre Thränen verſiegten.— Sie ſah in das Angeſicht ihres Vaters hinauf und lächelte. Der Vicomte von Montmorency trat jetzt an ſie heran und flüſterte ihr zu: 1850. II. Frau von Stasl. II. 7 106 „Eilen Sie! Die Herzogin von Polignac wird ſo eben gemeldet. Sie müſſen ſie an der Thüre empfangen!“ Sie trocknete das Auge und folgte dem Winke. „Ich danke Ihnen!“ ſagte Necker und ſeufzte hoch auf. Der Abend ſchwand ſchnell und doch auch wieder langſam in Ausübung der noch ungewohnten Pflichten. Mitunter verrieth eine Miene den anweſenden Freunden die große Neigung ihrer jungen Wirthin, mit ihnen zu plaudern;— doch durfte ſie dem Verlangen nicht nach⸗ geben. Der Vicomte von Montmorench entfernte ſich nie ſo weit von ihr, um ſie nicht, ſo oft eine Zerſtreuung ſie anwandelte, durch ein Wort, oder auch nur einen Blick auf ihrem Poſten feſtzuhalten, und dieſe kleinen Zeichen des Beifalls und der Ermunterung ſöhnten ſie mit den ihr ſo unnütz ſcheinenden conventionellen Phraſen aus. Beim Abſchiede flüſterte ihr Necker zu, wie ſehr ſie ihn zufrieden geſtellt. Sie ſah ihn mit ſchmerzlichem Lä⸗ cheln an und ſeufzte. Er verſtand dieſe ſtumme Erwiederung. „Es wird vielleicht das Beſte für ſie ſein, daß wir ſie jetzt die Bahn der Oeffentlichkeit betreten laſſen,“ ſagte er beim Nachhauſefahren zu ſeiner Gattin. „Das war ſtets meine Anſicht,“ erwiederte Ma⸗ dame Necker. 107 „Ich hoffte, daß der Glanz ihrer Stellung ſie blenden und ihr leidenſchaftliches Gemüth beruhigen würde; aber dem iſt nicht ſo. Woran ihr Herz keinen Theil hat, das läßt ſie kalt. Arme Germaine! Sie hat zu viel Verſtand für eine Frau!“ „Und zu viel Herz für einen Mann!“ ſagte Madame Necker ſcherzend. Ihr Gatte lachte. „Doch iſt ſie mir ſo ſehr ähnlich, wird behauptet.“ „Mag ſein! Denn was man bei Euch Tugend nennt, wird an uns Laſter.“ „Weil Ihr beſtimmt ſeid, die Schwäche zu reprä⸗ ſentiren.“ „Eine Aufgabe, die ich jetzt genügend löſe,“ verſetzte ſie ſcherzend, auf ihre Kränklichkeit anſpielend. Siebentes Capitel. Die berühmte Frau. Zahlreiche Bücherläden, in denen alle neuen Flug⸗ ſchriften vorräthig waren, zogen ſich längs dem Palais Royal hin; bei dieſen blieben die Vorübergehenden ſtehen, ſahen die Titel der neuen Werke an, und erſtanden die Nummer des Blattes, in welchem ein für ſie beſonders in⸗ tereſſanter Aufſatz enthalten war. Schon zeigte ſich die allgemeine Theilnahme für jedes gedruckte Wort, und ſchon waren dieſe Alleen eine Bibliothek der Leidenſchaften ge⸗ worden. Graf Louis von Narbonne trat eines Morgens aus einem dieſer Locale, mit einem zuſammen gefalteten Blatte in ſeiner Hand und begab ſich damit in das Hotel des ſchwediſchen Geſandten. Es war noch früh, doch durfte er, als Freund des 109 Hauſes, unangemeldet erſcheinen.— Seit ihrer Verheira⸗ thung beſaß die Tochter Necker's einen Schreibtiſch, ſie brauchte jetzt nicht mehr ſtehend und wie im Fluge zu ar⸗ beiten, denn ihr Vater erſchien nur zu beſtimmten Tages⸗ zeiten bei ihr und auch nur zu ſolchen Stunden, wo ſie ohnehin nicht mit der Feder beſchäftigt ſein durfte. Als Narbonne eintrat, war ſie eifrig mit Schreiben beſchäftigt, und da ſie der Thüre den Rücken zugewandt hatte, bemerkte ſie ſein Kommen nicht. Er ſtellte ſich da⸗ her dicht hinter ihren Sitz, ohne daß ſie ihn hörte und über ihre Achſel blickend, las er laut aus dem vor ihr aufge⸗ ſchlagenen Manuſcripte: Montmorench, Tragödie in fünf Acten.— Cardinal Richelieu.— Sie ſchlug raſch das Heft zu, ſchob es bei Seite und ſah ſich um. „Wie unbeſcheiden! An dieſer That ſchon erkannte ich Sie,“ rief ſie lebhaft, indem ſie aufſtand.—„Solche kleine Züge Ihres Charakters beweiſen mir wieder aufs Neue, Narbonne, wie wenig Sie zum erſten Republikaner taugen. Sie wollen kämpfen, wollen verjährte Vorurtheile umſtürzen; doch gehorchen wollen Sie nicht, in jedem In⸗ dividuum den Menſchen erkennen und ehren, das liegt Ihnen fern, nur ein Blatt am Baume zu ſein, ſagt Ihnen nicht zu.— Ach! Narbonne, wenn ich Ihnen doch die Lei⸗ denſchaft einhauchen könnte, die das ganze Herz durchglühen 110 muß, wenn man ſich begeiſtern ſoll für eine große Sache! — Sie reden die Sprache, welche das ausdrückt, was ich empfinde; doch iſt mir dabei immer zu Muthe, als wäre Ihre Seele nicht bei dem, was Sie ausſprechen.“ „Und dieſe ganze Fluth von Vorwürfen trifft mich ſo früh am Morgen, ſo ganz unvorbereitet, ſo ganz unver⸗ dient,— wenn ich mir erlauben darf es zu ſagen,— nur weil ich voreilig einen Namen genannt, der— Ihnen mißfällig iſt, wie es ſcheint!“ ſagte er, ſie lächelnd mit ſei⸗ nen ſchönen Augen meſſend. Sie erröthete. Es zu verbergen, nahm ſie einen Seſſel und winkte ihm, gleichfalls Platz zu nehmen.— Langſam folgte er ihrem Winke und zog während dem das in ſeiner Taſche verborgene Blatt hervor und entfaltete es. Sie ſah ſeinem Vorhaben aufmerkſam zu. „Was bringen Sie uns? Was haben Sie damit vor?“ fragte ſie lebhaft, als ſie bemerkte, daß er mit den Augen einer beſonderen Stelle nachforſchte.— „Trotz meiner vielen Fehler und der unverzeihlichen Kälte meines Herzens, nehme ich doch einigen Theil an dem Wohl und Wehe meiner Freunde, und um der Frau Geſandtin dies zu beweiſen, bin ich bei grauendem Mor⸗ gen zu ihr geeilt, damit Sie durch mich zuerſt den Aufſatz erhalte, welcher den Briefen über den S und die Schriften Rouſſeau's gewidmet iſt.“ 111 „Mein Gott! Was ſagt man!“ rief ſie faſt ohn⸗ mächtig vor Aufregung und die Farbe mit jeder Secunde wechſelnd. „Was ſonſt, als daß Sie die geiſtreichſte Frau des Jahrhunderts ſind, daß es wunderbar iſt, in Ihrem Alter mit dieſer Einſicht über einen Mann wie Rouſſeau zu ſchreiben, daß Ihr Styl vortrefflich iſt, daß Sie ſo warm als hinreißend den Charakter des ſeltſamen Mannes ſchil⸗ dern,— kurz, daß Sie Alles das ſind, was Ihre Freunde ſtets in Ihnen erkannt haben, nur Eins wirft man Ihnen dabei vor,—“ er zögerte fortzufahren. „Um Gottes willen,“ rief ſie zitternd,„nennen Sie es— ſagen Sie mir, weſſen man mich anklagt.“ „Daß Sie dem Grafen Louis von Narbonne keine Gerechtigkeit widerfahren laſſen und ihm in Ihrem Her⸗ zen die Stelle voreuthalten, welche er zu verdienen glaubt.“ „Iſt es das?“ ſagte ſie, hoch aufathmend und wie von einer Centnerlaſt erleichtert, während ſie ihm ihre ſchöne Hand hinreichte, die er an ſeine Lippen drückte. „Sie nehmen dieſe Anklage ſehr leicht, wie es ſcheint?“ ſagte er vorwurfsvoll, ſie mit ſeinen ſchönen Augen ſchel⸗ miſch meſſend. „Ich weiſe ſie als ungerecht zurück,“ erwiederte ſie heiter,„denn meine Freundſchaft ſtrebt ſo hoch für Sie, 112 daß Ihnen erſt noch Flügel wachſen müſſen, bevor Sie den Höhepunkt erreichen, wohin ich Sie ſtellen möchte.“ „Damit es mir wie Zkarus ergehe?— Nein, nein! Die Sonne Ihrer wundervollen Augen hat bereits in einem Grade an mir gezündet, daß ich mich hüten werde, noch an⸗ deren Strahlen mich zu nähern; denn ſonſt möchte bald ein Häuflein Aſche aus mir werden.“ „Das würden die Pariſer Damen der Sonne nicht verzeihen.“ „Haben Sie es nicht Ihnen verzeihen müſſen?“ „Weil das Licht aus meinen Augen nichts an Ihnen verzehrt hat. Sie ſind nach wie vor der unwiderſtehliche Narbonne geblieben.“ „Sie ſpotten meiner,“ ſagte er kleinlaut und ſah ſie ſchmachtend dabei an. „Doch, während wir ſo ſchöne Zeit verplaudern, hät⸗ ten Sie mir den Aufſatz lange vorleſen können,“ rief ſie, mit einem Male wieder zu dem Gegenſtande ihrer Beſorg⸗ niſſe übergehend, aus.„Bin ich darin genannt?— Spricht man von mir perſönlich? Oder iſt nur im Allgemeinen der Verfaſſerin jener Briefe Erwähnung geſchehen?“ Narbonne bewegte mißbilligend ſein Haupt.„Oh! Ueber das Unglück, einer berühmten Frau zu Füßen zu lie⸗ gen!“ rief er mit komiſchem Pathos aus.„Die ſchönſten Momente raubt ſie uns durch die Beſchäftigung mit dem 113 Gegenſtande ihres Ehrgeizes, zu dem ſie keinen von uns Männern erheben will!“ „Sie machen mich heute faſt ungeduldig, Narbonne,“ rief die junge Frau unmuthig und ſprang auf, um das Blatt aus ſeiner Hand zu nehmen.„Glauben Sie denn, daß es eine Kleinigkeit iſt, der Oeffentlichkeit Preis gegeben zu ſein? In jeder Minute ſeine Bruſt wehrlos den tau⸗ ſend Pfeilen bieten zu müſſen, welche die Bosheit ungeſtraft auf mich richten kann?— Habe ich es nicht an meinem Vater erfahren, wie theuer man dieſen Ruhm erkaufen muß? Er iſt aber ein Mann.— Das Weib iſt leicht verletzlich, es hat keine ſchützende Stellung durch einen ſchon erworbenen Namen, es kann ſich nicht verſtecken hin⸗ ter Thaten, die kein Leumund mehr vernichten darf. Uns redet nichts das Wort, als eben unſere Schwäche. Was uns verletzlich macht, das eben macht uns ſtark und heiſcht für uns die Schonung Eures Geſchlechtes.— Ihr aber ſeid nicht großmüthig, wenn Ihr uns kränken wollt. Ihr nehmt dann jede Waffe, die ſich bietet, und ſeht die Wunde nicht, die Eure Grauſamkeit noch tauſendfach für uns ver⸗ größert. Ich fühle ſchon, wie es mich ſchmerzen wird, wenn Zeglicher nach dieſem armen Herzen zielt und ſelbſt mein Herzblut nicht mein Herz mir retten kann.“ Sie hatte ſich bei dieſen Worten in den Armſtuhl zu⸗ rückgelehnt und die Augen geſchloſſen, unter deren Lidern 114 die großen Tropfen langſam über ihre Wangen in ihren Schooß rannen. „Aber iſt es denn möglich!“ rief Narbonne, entſetzt vor dem Anblicke dieſer Thränen, die er gleich vielen Män⸗ nern nicht ſehen konnte.„Sie, mit Ihrem klaren Verſtande, wollen am Tage Geſpenſter ſehen?— In dem ganzen Aufſatze iſt auch nicht ein Wort des Tadels enthalten. Nur Lob und zwar das höchſte Lob iſt Ihnen geſpendet. Wenn die Tochter Necker's als Schriftſtellerin auftritt, wenn ſie in ſo ernſtem Sinne, wie es dieſe Briefe zeigen, die Feder ergreift, ſo wird ſie nicht nur Aufſehen, ſo muß ſie Bewunderung erregen, und das nicht allein in Frank⸗ reich, ſondern die ganze Welt wird ihr dieſe zollen.— Ihr Herr Vater mag ſtolz ſein, nicht allein den eigenen Ruhm zu genießen, ſondern nun auch noch die geiſtreichſte Frau der Erde ſeine Tochter zu nennen. Das wird ſeine Wünſche krönen.“ Sie hatte ſich während ſeiner Rede aufgerichtet und ein Lächeln breitete ſich jetzt über ihre Züge. „Ach! Narbonne! Wie ſehr verkennen Sie meinen Vater!“ rief ſie aus.„Er wahrlich wünſchte keinen Ruhm für mich, und wenn er mich ermuthigt hat, mit meiner Ar⸗ beit vor das Publikum zu treten, ſo geſchah es wohl nur, weil— es mir einen Erſatz für ein verfehltes Glück der Ehe bieten ſollte. Die Frau, die nicht aus Neigung ſich — 115 vermählt, iſt ewig zu beklagen. Ich würde meine Toch⸗ ter zwingen, den Mann zu wählen, den ſie liebt.“— Nur neben dem geliebten Manne iſt die Frau an ihrem Platze, nur durch das Auge ihres Helden darf ſie die Welt erblicken, nur mit ihm gehen, nur für ihn handeln iſt ihr Beruf, iſt ihre Pflicht. Was ſie ſonſt leiſte, ſo fühlt ſie ſich allein. Sie kann für ein Prinzip nicht leben, ſie kann ſich keiner großen Sache weihen, als durch den Mann, den ſie erkoren.— Mein Vater konnte ſeiner Tochter kein ſolches Glück gewähren; darum hat er ſie jetzt verleitet, den Ruhm zu ſuchen.“ Narbonne wanderte leidenſchaftlich bewegt auf und ab.— Plötzlich blieb er vor ihr ſtehen. „Nur ein Jahr früher hätten wir uns kennen ſollen, wie anders wäre unſer beiderſeitiges Loos gefallen, was hätten Sie aus mir gemacht!“ Sie blickte ihn eine Minute lang prüfend an. „Alſo nur darum?“ rief ſie dann lächelnd aus.„So werden Sie denn nichts verlieren, Narbonne, denn was die Freundin Ihnen leiſten kann geſchieht gewiß. Ich aber möchte Jemand kennen, der aus mir etwas machte!“ „Aus Ihnen!“ fragte er verwundert. * Madame Necker de Saussure. 116 „Aus mir,“ wiederholte ſie.„Ich will gehoben ſein, nicht heben.“ Indem öffneten ſich die Flügelthüren weit und der Diener rief herein:„Der Herr Baron von Stasl!“ Gravitätiſch ſchritt der Geſandte von Schweden in das Zimmer, verbeugte ſich kalt vor Narbonne und wandte ſich dann zu ſeiner Gattin. „Man gratulirt mir zu dem Ruhme, welchen ſich meine Gemahlin als Schriftſtellerin erworben; darf ich dieſe Glückwünſche annehmen, Madame.“ „Sie dürfen es, mein Herr,“ erwiederte ſeine Gattin eben ſo förmlich. „Ich hoffe dann wenigſtens, daß Ihnen dieſe Mühe hinreichend belohnt werde,“ fuhr er mit kaltem Spotte fort. „Treten Sie einmal in die Reihen der arbeitenden Claſſen, ſo verdienen Sie, ſo gut wie Jeder, Ihre Bezahlung.“ „Die Buchhändler in Frankreich werden mich nicht weniger liberal beſolden, wie Sie Ihr König beſoldet, mein Herr. Der einzige Unterſchied iſt nur, daß Sie dort dienen müſſen, während ich hier bedient werde.“ „Sie ziehen eine ſonderbare Parallele.— Indeſſen! man lernt es bei Ihnen, Vieles zu überſehen.“ Er grüßte eben ſo kalt, wie bei ſeinem Eintritt und verſchwand. „Ach Narbonne! welch eine Welt voll Vorurtheile!“ —— 117 rief Frau von Stasl, ſo wie ſie allein waren.„Wie Jean Jacques Rouſſeau finde ich meinen Platz nicht mehr auf dieſer Erde. Ich weiß nicht, wohin ich gehöre. Und jetzt erſt gar nicht mehr, ſeitdem die Autorſchaft mich drückt. Die Frauen ſchelten, daß ich ſein will, was ſie alle wären, wenn ihnen Gott Talent verliehen hätte. Was ſie nicht leiſten können, das tadeln ſie in Anderen; nur weil die Trauben ſauer ſind.“ Und was die Männer anbe⸗ trifft, ſo ſind ſie gern bereit, ein kleines Talent an einer Frau zu loben, nur muß ſie ſich nicht auf die Felder wagen, wo ſie Gebieter ſind. Sind wir ſo kühn, uns neben ſie zu ſtellen, ſo iſt es gleich mit ihrer Gunſt vorbei.— Ach! Ein ſchweres Schickſal iſt es, Frau zu ſein. Ich beklage tief mein eigenes Geſchlecht! Berufen von der Natur, unſer Glück von den Männern abhängig zu machen, finden wir in dieſen unſere Tyrannen, und, was ſchwerer noch zu tragen iſt, ſie rauben uns, um unſerer Liebe willen, Ruf und Ehre.— Ich ſehe täglich mehr, wie ſchwer Euch ge⸗ genüber unſere Stellung iſt, und hauptſächlich noch darum iſt, weil wir Frauen uns gegenſeitig nicht vertreten wollen, weil Jede gleich den Stein auf die Mitſchweſter zu werfen bereit iſt. Doch genug der Klagen.— Ich will zu meinem Va⸗ ter gehen und an ſeiner Bruſt mich ausruhen, aus ſeiner *Notizen über Frau von Stasl. 118 Liebe neuen Muth zum Leben ſchöpfen, mich dadurch ſtäh⸗ len, die Dornen nicht zu fühlen, welche unter den Roſen weiblichen Ruhmes verſteckt wuchern.— Begleiten Sie mich zu ihm, Narbonne?“ Sie fanden Necker in ſehr aufgeregter Stimmung. Herr von Calonne, der damalige Miniſter von Frankreich, hatte durch ſeine goldenen Verſprechungen den Hof, ſo wie das ganze Land in füße Träume gelullt, aus denen ſie jetzt grauſam erweckt wurden. Die Notabeln waren einberufen und in ſeiner An⸗ trittsrede erklärte er, daß er Frankreich unrettbar vorge⸗ funden und er darum nicht gezögert habe, die letzte Planke unter den Füßen zu lockern, weil dann die änßerſte Noth⸗ wendigkeit, ein Muß, das keinen Ausweg biete, zu Refor⸗ men führen werde, gegen welche ſonſt ein großer Theil der Nation ſich noch ſträuben würde. Bis jetzt habe jeder Miniſter den König ſowohl, wie das Volk getäuſcht, ſelbſt Necker nicht ausgenommen; ſein Rechenſchaftsbericht, welcher eine ſo hohe Bewunderung er⸗ regt, ziele nur darauf hin, durch runde Summen das Auge zu beſtechen.— Dieſe Anklage hatte Necker auf das Empfindlichſte betroffen.— Er konnte es nicht ertragen, ſeinen Charakter auf dieſe Weiſe angegriffen zu ſehen, und eilte, ſich durch eine Gegenſchrift zu rechtfertigen. Seine Tochter warnte 119 ihn, ſich damit nicht zu übereilen; denn vielleicht berufe man ihn gerade jetzt an Calonne's Stelle. Doch blieb er allen Vorſtellungen unzugänglich. Ihr eigenes Intereſſe trat natürlich vor dieſer Ange⸗ legenheit in den Hintergrund. Sie ſchwieg darüber, nicht allein weil der Moment es gebot, ſondern auch weil ſie ſich ſelbſt vergaß, ſo bald ſie ihren ſo ſehr geliebten Vater lei⸗ den ſah.— Bald ſollte ſie noch ſchmerzlicher durch ſeine Verhältniſſe berührt werden. Necker reichte dem Könige ein Memorandum ein, in welchem er die Richtigkeit des Compte rendu nachwies und ließ dieſe Schrift zu gleicher Zeit durch den Druck ver⸗ öffentlichen und in ganz Paris verbreiten. Dieſer Schritt mißfiel Ludwig XVI. dermaßen, daß er ihn augenblicklich auf vierzig Meilen von Paris verbannte. Als dieſe Nachricht zu ſeiner Tochter Ohr gelangte, gerieth ſie außer ſich.— Ihr Jammer erfüllte das ganze Hotel, ihre Leute wußten nicht, wie ſie ihr Beiſtand leiſten ſollten, ſie hatten keine Vorſtellung von einem Unglücke, das dieſen rückſichtsloſen Schmerz hervorrief. Ein Exil war damals noch eine ſo unerhörte Sache, daß Frau von Staöl den Gedanken nicht ertragen konnte, ihren theuren Vater die Strafe eines Verbrechers erdulden zu ſehen. So wie ſie ſich gefaßt, beſtellte ſie ihren Wagen und begab ſich in die Wohnung ihrer Eltern.„Ich gehe mit 120 Dir, mein Vater!“ rief ſie dieſem entgegen.„Deine Toch⸗ ter theilt Deine Verbannung mit Dir.“ Necker ſah ſie gerührt an. Er wußte, wie ſehr ſie Paris liebte, wie ſehr die Geſellſchaft ihr Bedürfniß war, wie ſchwer es ihr fallen würde, die Freunde zu verlaſſen, deren täglicher Umgang zu ihrem Leben gehörte. Seine Vorſtellungen, ihm dies Opfer nicht zu bringen, blieben fruchtlos; ſein Einwand, daß ihr Gatte ſie vermiſſen werde, rief nur ein trauriges Lächeln auf ihre Lippen. „Herr von Staöl iſt zufrieden, wenn ihm nur das Hotel, in dem wir wohnen, bleibt,“ erwiederte ſie mit lei⸗ ſem Spotte.„Er vermißt mich nicht, ſobald ich ihm den Comfort ſeiner Einrichtung zurück laſſe.— Meine Freunde aber werden mir jetzt beweiſen können, ob ich ihnen etwas gelte, indem ſie mich in der Verbannung aufſuchen.“ Necker mußte endlich ihrem Wunſche nachgeben und ſie eilte nun, ihre Vorbereitungen zur Abreiſe zu treffen. Am Abend verſammelte ſich ein kleiner Kreis von Bekannten bei ihr. Heiter verplauderte man die Stunden, und erſt als der Augenblick des Abſchiedes kam, fiel es ſchwer auf ihr Herz, daß ſie nun vielleicht auf lange von ihr ſchieden. Wehmüthig reichte ſie Allen ihre Hand und nickte ihnen den Gruß des Abſchiedes; denn Worte fand ihr Herz nicht dafür. Zetzt hatten ſie ſich entfernt, nur Montmorench war noch zurück geblieben. Unſchlüſſig ſtand e S 8 n d d r d 121 er an der Thüre und ſuchte nach einem paſſenden Abſchieds⸗ wort. Stumm und bleich ſtand die junge Frau ihm ge⸗ genüber. „Germaine!“ ſagte er leiſe,„darf ich Sie begleiten?“ „Wenn mein Vater Ihnen einen Platz in ſeinem Wagen geben will,“ erwiederte ſie mit vor Bewegung zit⸗ ternder Stimme, und ſenkte ihre Augen zu Boden, die Thränen zu verbergen, welche ſie füllten. „So ſcheiden wir noch nicht. Auf Wiederſehen alſo.“ Sie reichte ihm die Hand, welche er ehrfurchtsvoll an ſeine Lippen preßte. Als ſich die Thüre hinter ihm ſchloß, trat ſie an das Fenſter und horchte auf das Rollen ſeines Wagens.„Er hat ſich bewährt,“ rief eine tröſtende Stimme in ihrer Bruſt und dankbar richtete ſie das umwölkte Auge zu den Sternen empor. Lange wanderte ſie dann noch in den ſtillen Räumen umher, und ließ die Erinnerung der verleb⸗ ten frohen Stunden noch einmal in ſich auftauchen, bevor ſie ſich von einer gewohnten und darum lieb gewordenen Umgebung losſagte. 1859. II. Frau von Stasl. II. Achtes Capitel. Necker's zweites Miniſterium. In einem großen, hell erleuchteten Gemache, deſſen Fenſter in einen Garten hinausſahen, waren mehrere Per⸗ ſonen um eine große, ſchlanke, noch jugendlich ausſehende Frau verſammelt, deren geiſterhafte Bläſſe eine höchſt zarte Geſundheit verrieth. Ein nervöſes Zucken ihrer Züge und vorzüglich ihres Mundes deutete, wenn ſie nicht ſprach, ihr Leiden an. Doch war ſie immer noch ſchön zu nennen, trotz dem, daß der Tod ſeinen markigen Finger auf dieſe Stirne gelegt hatte. Herr Necker war nach Paris zurückgekehrt, um zum zweiten Male die Rettung des Staates zu verſuchen, und ſeine Gattin empfing an dieſem Abend die Glück⸗ wünſche ihrer Bekannten, welche eilten, ihre Freude über dies Ereigniß an den Tag zu legen. Paris, ja ganz 123 Frankreich jubelte heute mit ihnen, in der Hoffnung eines neuen Tages für das geſunkene Vaterland. Madame Necker lächelte ihren Gatten freundlich an; denn ſie las es in ſeinem Auge, wie befriedigt er ſich fühlte, ſeine Miſſion noch nicht geendigt zu wiſſen. Wer einmal die Macht gekoſtet, welche ein weites Feld der Thätigkeit dem Manne verleiht, der großen Plänen nachzuleben ver⸗ mag, wird ſchwerlich je mit Neigung zu den kleinen Sor⸗ gen für den eigenen Herd zurückkehren. Man hatte um einen großen runden Tiſch Platz ge⸗ nommen, den eine große Sammetdecke, geziert mit goldenen Franzen, bedeckte. Ein ſilberner, mit zwölf Armen verſehe⸗ ner Leuchter ſandte ſein Licht auf die Umſitzenden.— Die junge Geſandtin von Schweden hatte ihren Platz neben ihrem Vater gewählt, wo ſie ſtets am liebſten weilte.— Ihr glühendes Auge hing an ihm, während er ſprach, als wollte ſie mehr noch ſeine Meinung aus ſeinen Zügen leſen, als ſie ſeinen Worten entnehmen. Necker war jetzt ein Mann von fünfundvierzig Jah⸗ ren, alſo in der Blüthe ſeiner Kraft.— Nicht groß von Geſtalt, ſchien er es jedoch zu ſein durch den kräftigen Wuchs und die aufrechte Haltung ſeines Kopfes, den er ſtets dem Himmel entgegen trug. Seine hohe, eckige Stirne leuchtete von Intelligenz, keine Falte zog ſich um ſeine Au⸗ genwinkel zuſammen, ſein ganzes Ausſehen war das eines 8* 124 Menſchen, den die Zeit noch nicht berührt hat. Sein Auge blickte dabei ſo mild und zärtlich— beſonders wenn es auf ſeine Tochter fiel— daß man ſeinem Charakter eine zu große Weichheit hätte zuſchreiben mögen. Auch ſagte Lavater von ihm, er habe etwas von einer Frau an ſich; neben ſeiner großen Combinationsgabe, die dem Geſchlechte allerdings nur zu fern liegt. Madame Necker allein hatte nicht Platz genommen, denn ihre Geſundheit erlaubte ihr ſchon ſeit längerer Zeit nicht mehr, ruhig auf einer Stelle zu verweilen. So wan⸗ derte ſie denn von einem ihrer Gäſte zu dem andern, und ſuchte durch ein glücklich hingeworfenes Wort, durch eine richtig eingeſtreuete Bemerkung die Unterhaltung zu bele⸗ ben und ihr die Richtung zu geben, welche ſie, mit feinem Takte weiſend, der allgemeinen Stimmung günſtig fand. Dieſe Kunſt hatte Frau von Stasl immer noch nicht gewonnen.— Mit dem wärmſten Herzen von der Natur beſchenkt, blieb ſie doch ſtets zu ſehr ein Kind des Augen⸗ blickes, um behutſam die Worte zu wählen, bevor ſie ihrer Lippe entflohen, und ohne es zu wollen und zu wünſchen, kränkte ſie den Andern auf tauſendfache Weiſe, bevor ſie ſelbſt es inne geworden. So auch heute. Eben ergriff ſie das Wort und erzählte die Geſchichte von dem Portrait Karl des Erſten, das der Graf von Ar⸗ tvis heimlich in das Zimmer des Königs geſtellt, an dem 8 —— 125 Tage, wo Necker die Generalverſammlung vorgeſchlagen. Wie wenig angenehm dieſe Anekdote dem Ohre ihres Va⸗ ters ſein konnte, überſah ſie im Augenblicke gänzlich. Hin⸗ geriſſen von ihrem Gegenſtande, wie das ſtets der Fall bei ihr war, trug ſie die Begebenheit mit der größten Lebendig⸗ keit des Ausdruckes vor, der ſich noch ſteigerte, als ſie die Blindheit der Königlichen Familie ſchilderte, welche das Verderben in einer Maßregel zu erblicken meinte, welche einzig ihre Rettung zum Zwecke haben konnte, und auch gehabt haben würde, wenn ſie, ſtatt der Nothwendigkeit zu gehorchen, dieſer aus eigenem Antriebe zuvorgekommen wäre. „Mein Vater allein zeigte ihnen den Weg zur Ret⸗ tung,“ fuhr die junge Geſandtin mit laut erhobener Stimme fort.— Und was, glauben Sie wohl, that der Graf Artvis in Folge deſſen?— Als er bemerkte, daß ſeine Lehre ohne Wirkung blieb, ließ er das Gemälde wie⸗ der aus dem Zimmer des Königs fortnehmen und an deſſen Stelle einen Kupferſtich legen, der die Hinrichtung Karl's I. zum Gegenſtande hatte.“ „Was ſagte der König dazu?“ fragte Marmontel. „Nichts. Auch dieſes Mal blieb die Deutung un⸗ beachtet. Iſt es aber nicht wunderbar, daß ſich der Un⸗ wiſſenheit, ja der Dummheit, eine ſolche Dreiſtigkeit bei⸗ miſchen konnte?“ — 8— 8 j — —— — 126 Hier wurde ſie durch den Eintritt eines neuen Gaſtes unterbrochen. Der Diener meldete die Marquiſe von Sil⸗ lery und die Gräfin Genlis trat ein. Eine allgemeine Pauſe entſtand. Madame Necker ſchritt ihr indeſſen entgegen, nahm ſie bei der Hand und führte ſie zu einem Sitze, wo ſie ſie auf das artigſte und verbindlichſte unterhielt. Frau von Stasl folgte ihrem Beiſpiele hierin nicht. Sie ſtand auf und geſellte ſich zu einer Gruppe von Männern. Seit ſie die berühmte Frau in Bellechaſſe aufgeſucht, hatte ſich vieles geändert. Damals führte ihre Mutter ſie hin, um ihr die Verfaſſerin von Adele und Theodore zu zeigen, ein Buch, das ſie eben mit großer Begeiſterung erfüllte, und ſie begierig machte, dem Autor den Tribut ihres Enthu⸗ ſiasmus zu entrichten.— Mit welcher Bewunderung hatte ſich Germaine Necker vor der berühmten Frau geneigt und die Hand geküßt, welche ihr ſo köſtliche Stunden bereitet.— Die Jahre, welche zwiſchen jenem Tage und heute lagen, hatten dieſe Wärme gekühlt. Frau von Genlis hatte ſich laut und rückſichtslos über die Familie Necker ausgeſprochen, und war in ihrem Tadel nicht karg geweſen.— Dieſe Aeußerungen wurden den Betheiligten hinterbracht und von Frau von Stasl nicht vergeſſen. Zede perſönliche Beleidigung verzieh ſie leicht, ſie kannte keinen Haß und keine Rache, wo es ſie ———————————————— 127 ſelbſt galt, aber im Punkte ihrer Eltern war es ein An⸗ deres. Was dieſen Uebeles zugefügt worden, verletzte ſie zu tief, um es je verſchmerzen zu können. Sie ergriff daher jetzt den Arm ihres Vaters und zog ihn mit in die von ihr angeknüpfte Unterhaltung. Ohne ſchön zu ſein, ſchien ſie es heute zu ſein. Sie trug ein einfaches Kleid von ſchwar⸗ zem Sammet, wodurch die ſchönen Arme und Hände vor⸗ theilhaft gehoben wurden, ihr Auge leuchtete von kindlicher Liebe und einer Begeiſterung, die allem Schönen und Guten glühend zugewendet war, und die erſte Jugend, mit ihren Hoffnungen und ihrem Glücke, goß über das Alles noch jenen unnachahmlichen Zauber, den ſpätere Jahre nie wieder zurück führen können. Sie war heute ganz ihre Corinne. Die Unterhaltung zwiſchen Frau von Genlis und Madame Necker war indeſſen ſehr lebhaft geworden, und der Name Voltaire ſchallte zu ihnen herüber.— Wie im⸗ mer von dem Gefühle des Augenblickes beherrſcht, war Frau von Stasl auch jetzt ſogleich auf das lebhafteſte inte⸗ reſſirt zu wiſſen, warum es ſich handele, und trat ſogleich der Gruppe näher, um ihr Ohr zu leihen. Frau von Genlis ſchien lebhaft erregt, ihre ſchönen Angen leuchteten, ihr bewegliches Mienenſpiel deutete an, daß der Gegenſtand des Geſpräches ihr nicht gleichgültig ſei. Madame Necker, in ihrer einfachen 128 weißen Kleidung, ohne allen Schmuck, in Haltung und Ton ſanft und gemeſſen, bildete in jedem Bezug einen auffal⸗ lenden Gegenſatz zu der ihr gegenüberſtehenden Weltdame, welche jetzt um eine Anſicht mit ihr kämpfte, welche dem berühmten Verfaſſer der Henriade galt. „Sie nennen Voltaire einfach,“ ſagte Madame de Genlis;„kann das ſich mit dem vertragen, was ich von ihm in Ferney geſehen habe, mit dieſem abſcheulichen Bilde, wo er in den Wolken thront, zu ſeinen Füßen eine Menge Perſonen haltend, die ſich ſeine Ungnade zugezogen haben; und dieſe abſcheuliche Schmiererei hängt er bei ſich auf und verweiſt einen prächtigen Correggio in das Vorzimmer, wo kein Strahl des Lichtes auf ihn fallen kann. Der deutſche Maler Ott war mit mir da und hat dieſen Greuel geſehen. Nennen Sie das einfach ſein?“ „Sie haben mich mißverſtanden, Madame,“ erwie⸗ derte Madame Necker.„Ich meinte mit einfach vielmehr natürlich, ich meinte, daß er vor ſich ſelbſt wahr ſei, ſich gäbe, wie er fühle. Zum Beweis für dieſe Behauptung erlauben Sie mir, Ihnen einen Brief von ihm vorzuleſen, den er mir, in Bezug auf ſeine Statur, ſchrieb.“ Sie eilte in das nächſte Zimmer und kam gleich dar⸗ auf mit einem Blatte zurück, das ſie vorlas. Es lautete: „Ich zähle ſechzig Jahre, Madame, und bin kaum von einer großen Krankheit erſtanden. Mr. Pigalle ſoll, 129 wie man mir ſagt, mein Geſicht modelliren; aber, Ma⸗ dame, bedarf es dazu nicht vor Allem, daß ich ein Geſicht aufzuweiſen habe?— Sie würden kaum noch den Ort fin⸗ den können, wo es einſtmals geweſen; meine Augen liegen drei Zoll tief in ihren Höhlen; meine Backen gleichen altem Pergamente, das unordentlich über meine Knochen geworfen iſt; meine wenigen Zähne wackeln in meinem Munde. Was ich Ihnen da ſage, iſt kein Ausdruck meiner Eitelkeit; es iſt die reine Wahrheit.— Nie hat ein Menſch in meinem Zuſtande einem Bildhauer geſeſſen; Mr. Pigalle würde glauben, daß man ſeiner ſpotten wolle, und ich muß ge⸗ ſtehen, daß meine Selbſtachtung mir nicht geſtattet, mich in dieſem Zuſtande ſeinen Blicken bloß zu ſtellen ꝛc.“ „Nun,“ fragte Madame Necker, als ſie dieſe Zeilen beendigt,„nennen Sie dies nicht ſich aller Eitelkeit entklei⸗ den, wenn man im Stande iſt, auf dieſe Art ſich ſelbſt zu ſchildern?“ „Ich muß Ihnen leider bekennen,“ erwiederte Ma⸗ dame de Genlis lächelnd,„daß ich auch jetzt noch nicht be⸗ kehrt bin. Es thut mir wahrhaft leid, Ihrer Meinung nicht beiſtimmen zu können, weil ich Sie zu hoch ſchätze, um nicht eine beſondere Befriedigung in der Uebereinſtim⸗ mung unſerer Anſichten zu finden; aber diesmal iſt es mir durchaus unmöglich, meine Meinung zu ändern.“ Sie ſagte dies auf eine ſo liebenswürdige, verbindliche 130 Art, daß Madame Necker, geſchmeichelt, ihr die Hand wie zur Verſöhnung bot und ſie bat, des kleinen Streites nicht weiter zu gedenken. „Bei meiner Bewunderung für jedes bedeutende Ta⸗ lent, müſſen Sie es mir nachſehen, wenn ich die Abweſenden und wie viel mehr noch die Todten, warm in meinen Schutz nehme,“ ſagte ſie freundlich.„Les absents ont toujours tort.— Der Tod befeſtigt alle Freundſchaft; denn er macht die Tugenden der Perſon, welche uns theuer iſt, unſterblich; unſterblich in unſerm Herzen zum wenigſten.* Wir können zufrieden ſein, wenn wir Alle einſt folche Freunde zurücklaſſen,“ erwiederte Madame de Genlis ver⸗ bindlich, und empfahl ſich, indem ſie unbemerkt, wie es damals Sitte war, der Thüre zuſchritt, um, ohne die Geſellſchaft zu ſtören, daraus zu verſchwinden. So wie ſie ſich entfernt, erhoben ſich mehrere Stim⸗ men in lautem Tadel über ſie und unter dieſen vorzugs⸗ weiſe Frau von Stasl. Man ſcherzte über den Beſuch der Frau von Genlis in Ferney und über den Empfang, wel⸗ chen ihr der Patriarch angedeihen laſſen. Alle Welt war mit den näheren Umſtänden dieſer Scene bekannt und * Melanges de Madame Necker. 131 Jeder beeiferte ſich, den Gegenſtand derſelben durch Erläu⸗ terungen lächerlich zu machen. „Wie konnte Voltaire eine ſo berühmte Dame auch ohne Thränen der Rührung bei ſich empfangen?“ hieß es. „Hatte ſie nicht Straußfedern angeſteckt?“ fragte ein Zweiter. „Die ihr abfielen, als ſie die lange Allee zu Fuß hinauf wandern mußte,“ ſagte ein Dritter. „Aber er küßte ſie, wenn ich nicht irre.“ „Ja; aber ohne gerührt zu ſein, was half da der Kuß?“ „Nicht gerührt zu ſein, wenn man einen deutſchen Ott mitbringt, der ein berühmter Maler iſt,“ warf Frau von Stasl dazwiſchen. Madame Necker ſagte nichts; aber ein vorwurfsvoller Blick traf ihre Tochter.— Sie konnte dieſen Ton nicht billigen, es nicht leiden, wenn die Geſellſchaft ſich auf ſolche Art an einem Abweſenden rächte. Wenn der Tod den Menſchen ſo träfe, ſagte ſie oft, mit welchem Ge⸗ ſichte würde er in der Ewigkeit erſcheinen? Herr Necker kannte ſeine Gattin zu gut, um nicht ſo⸗ gleich zu bemerken, daß ſie bei dieſer Unterhaltung litt, und ſtets bemüht, ihr jedes peinliche Gefühl zu erſparen, wußte er durch eine geſchickte Wendung von dieſem Gegen⸗ ſtande abzubrechen. 132 „Madame de Genlis hat völlig Recht, ſich über Vol— taire zu beklagen,“ ſagte er.„Wie hieß es doch in der Predigt des Abbé Raynal?— Die Wahrheiten der chriſtlichen Religion ſind ſo einleuchtend, daß Jupiter ſelbſt bekehrt ſein würde, hätte er ſie hö⸗ ren können.“ „Köſtlich!“ rief Frau von Stasl.„Vortrefflich! Un⸗ ſer guter Rahnal hätte uns mit ſeiner Beredtſamkeit um den ganzen Olymp gebracht, wären die Götter ſeine Zeit⸗ genoſſen geweſen!— Le silence du peuple est la lecon des rois. Wie erſtaunt mögen ſeine Zuhörer ge⸗ weſen ſein bei ſo ſchlagender Beweisführung.— Der Schleuderer des Blitzes das Beichtkind des Abbé Raynal!“ „Es würde kein kurzes Sündenregiſter geweſen ſein, womit der Beherrſcher des Himmels ſein verſchwiegenes Ohr beſchwert hätte,“ ſagte Necker lächelnd. „Man darf aber nicht vergeſſen, daß Jupiter ſeine Beichte auf lange aufgeſpart hatte,“ bemerkte ſeine Gattin, der die Wendung des Geſpräches höchſt erwünſcht war. „Ich muß dabei an jene alte Dame denken, welche zu Fon⸗ tenelle kam, und ihn damit anredete: Nun, Monſieur, wir leben immer noch?— Stille, ſagte Fontenelle, ſeinen Fin⸗ ger auf den Mund legend, ſagen wir nichts davon, Ma⸗ dame, ſie haben uns vergeſſen.“ „Das wäre ſo übel nicht,“ lachte Marmontel.„Mir 133 wäre es gar nicht unangenehm, mit dem Tode Verſtecken zu ſpielen. Ich ſage nicht, wie Maupertuis: daß ich bleich bin wie der Tod, und traurig wie das Leben. Mir gefällt es immer noch in dieſer Welt, trotz aller ihrer Mängel.“ „Das ſieht man Ihnen an,“ erwiederte Necker, mit ſchelmiſchem Blicke auf ſeine runde Figur.„Dabei fällt mir aber eine noch beſſere Geſchichte ein. Ein Capuziner predigte eines Tages über die Wunder der Natur. Meine Brüder, ſagte er, Ihr ſeid verwundert über manche Dinge, während wieder andere Euch ſcheinbar nicht berühren, die im Ganzen doch viel wichtiger ſind. So z. B. bewundert Ihr die Sonne, und ſchätzt den Mond nur wenig; doch leuchtet Euch der letztere, wenn ſonſt die finſtere Nacht Euch ſchrecken würde, während die Sonne nur am hellen Tage zu Euch dringt.— Seine Zuhörer wurden ſeitdem gerechter gegen das Geſtirn der Nacht.“ „Der Capuziner war mit der Natur der Dinge ver⸗ traut,“ rief Frau von Stasl.„Wir hätten ihn mit Buffon bekannt machen müſſen.“ „Große Irrthümer gehen ſtets mit großen Wahr⸗ heiten Hand in Hand,“ fiel Madame Necker ein.„Iſt Ihnen nicht die Geſchichte von jenem Trunkenbold bekannt, der einen Gaſt einlud, und ſich wundernd, warum er der Flaſche nicht zuſpreche, ihn fragte, aus welcher Urſache er nicht trinke? Weil ich nicht durſtig bin, antwortete Jener.— 134 Was haben Sie denn vor den Thieren voraus, erwiederte der Trinker, wenn Sie nur trinken, ſobald ſie der Durſt quält? Darauf ließ ſich nun freilich nichts erwiedern.“ „Das finde ich auch,“ ſagte Necker.„Der Mann hatte Recht; obwol er nicht Recht hatte. Es geht damit, wie mit Buffon. Er kennt das Weltall; aber nicht die Welt.— Je mehr man weiß, je größer der Umfang un⸗ ſerer Kenntniß, je leichter gerathen wir an jene Grenzen, wo wir die Antwort ſchuldig bleiben müſſen.“ „Oder auch ſie nicht erhalten,“ fiel ſeine Tochter ein. „Als Gott dem Menſchen die Vernunft verlieh, rief er ihn zum Kampfe mit aller Wahrheit, für alle Wahrheit auf. Die Ermuthigungen alſo zum Suchen und Forſchen ſind von der Vorſehung in unſer Herz gelegt; ſie will es, daß wir wollen ſollen. Vielleicht wird es uns zum Wohle Aller auferlegt, unſer Nachdenken, wie unſer ſchönſtes Capital, an eine große Sache zu wagen; aber ſchwer iſt es, in den Irrgängen unſeres Geiſtes den Punkt zu ſondern und feſtzu⸗ halten, der das Richtige bezeichnet; darum auch heißt es, es ſei das Irren menſchlich. Nicht das Suchen und For⸗ ſchen iſt es, ſondern das Stehenbleiben, ohne daß wir ver⸗ ſichert ſind, die Wahrheit ſei ſchon mit uns.“ Ihre Augen leuchteten, wie begeiſtert ſchlug ſie ſie zur Decke empor und ſchien die Umgebung ganz vergeſſen — 135 zu haben. Ihr Vater zog ſie ſanft an ſich und betrachtete ſie mit zärtlichem Ausdrucke. „Wie mit der Wahrheit, geht es auch mit unſerm Glücke,“ fuhr ſie fort.„Wir Alle ſuchen es, und wer von uns würde bekennen, daß er es gefunden? Es giebt der Blumen manche noch auf dieſer Erde, die wir zu pflücken berufen ſind; allein die ſchönſte iſt uns vorenthalten, ſie trägt ein brennend Roth und heißt die Liebe.“ Sie hatte dieſe Worte wie ſelbſtvergeſſend geſprochen. Plötzlich bedeckte ein glühendes Roth ihre Wangen, verle⸗ gen wandte ſich ihr Auge auf Herrn von Narbonne, deſſen Blick ſie traf, und wie beſchämt verbarg ſie ihr Antlitz an der Bruſt ihres Vaters. Madame Necker faltete unmerklich ihre weiße Stirne. „Sie ſind uns noch die ſchöne Ode ſchuldig, Mar⸗ montel,“ wandte ſie ſich an den Dichter,„die Sie auf den Tod des Herzogs Leopold von Braunſchweig gedichtet ha⸗ ben, der ſein Leben in den Fluthen der Oder endete.“ „Ich bitte, entſchuldigen Sie mich,“ verſetzte der Dichter.„Ich entſinne mich der Worte nicht mehr, auf Ehre.“ „Wie, Marmontel, Sie konnten Ihrem Gedächtniſſe dieſe Treuloſigkeit geſtatten, wo es einen ſo ſchönen Gegen⸗ ſtand galt?“ fiel Frau von Stasl ein.„Die Handlung dieſes Prinzen iſt ſo groß, ſo ſchön, daß eine Krone ſein 136 Haupt danach nicht mehr würdig genug zieren konnte. Welche große Seele war das, die ihn trieb, ſich in die Fluthen des grollenden Stromes zu ſtürzen, um ihm zwei Opfer zu entreißen!— Und im Schatten des Friedens war dieſe Seele groß gewachſen! Als Cäſar ſich in eine Barke warf und dem heulenden Sturme trotzte, ging er dem römiſchen Reiche,— der Beherrſcherin der Welt ent⸗ gegen. Er wagte ſein Leben an eine Welle, auf der ein Thron für ihn zu gewinnen! Aber Jener! was bot ſich ihm, als er ſich in die Oder ſtürzte?— Zwei Unglückliche nur, die ihre Arme nach ihm ausſtreckten. Er hörte ihren Hülferuf und der edle junge Mann trotzte dem Sturme, ohne zu fragen, ob er allein es thun würde! Und er that es allein.— Seine Hände waren mit Gold gefüllt, er hielt es den Umſtehenden hin— oh!— Marmontel, Mar⸗ montel! Sagen Sie uns, doch Ihre Verſe, ich bitte Sie darum!“ Alle hatten ihr mit ſteigender Bewegung zugehört, die ſich in ihren Zügen malende Rührung, die aus dem leuchtenden Auge quellende Thräne, hatte die Rührung noch geſteigert, als ſie jetzt ſchloß, zitterte ſie ſelbſt vor innerer Bewegung, und keiner der Hörer konnte ſogleich das paſſende Wort der Erwiederung finden. Frau von Stasl hatte ſich, während ſie ſprach, erhoben; jetzt ſaß ſie wieder an der Seite ihres Vaters, lehnte gedankenvoll ihr ei 8 le in he en e, elt T= ie 137 Haupt an ſeine Schulter, und war in Erinnerung an die Begebenheit verloren, welche erſt vor wenigen Wochen ſtattgefunden. Als ſie aufblickte, gewahrte ſie das Auge ihrer Mutter, deſſen mißbilligender Ausdruck ſie peinlich traf. Sie ſchlug das ihrige davor nieder und verließ ihren Platz. Herr von Montmorench folgte ihr, und drückte ihre Hand mit dem Ausdrucke hoher Bewunderung an die Lip⸗ pen. Sie ſeufzte. „Sie wiſſen, was es heißt, ſich einer großen Idee zu opfern,“ ſagte ſie.„Der Mann findet darin ſeine Befrie⸗ digung, ſein Glück. Ich bedarf es, daß man mich liebe, glühend liebe, und dabei iſt alles ſo kalt um mich,“ ſprach ſie leiſe. Wie ein ewiger Druck laſtete das Weſen ihrer Mutter auf ihr, es hemmte ſie bei jedem Worte, jedem Schritte in das Leben, und wie ſcheinbar unabhängig ſie auch jetzt durch ihre Stellung geworden, immer ſuchte ihr Herz den Vater auf, der allein ſie liebte und verſtand, wie ſie geliebt und verſtanden zu werden wünſchte, der aber dabei, wie ſie ſelbſt, ſich ſeiner Gattin gegenüber einen Zwang auflegen mußte, der ihn um ſo mehr peinigte, weil er ganz richtig fühlte, daß er ſeinem Kinde damit weh thue. Drei der vortrefflichſten Menſchen, die ſich gegenſeitig hochachteten, innig liebten, konnten dennoch in ihrem Fa⸗ milienkreiſe nicht zu dem Glücke kommen, das außerhalb 9 1859. II. Frau von Stasl. II. 138 deſſelben keinem von ihnen blühte.— Es ſind nicht die Verhältniſſe, welche die Zufriedenheit mit unſerer Lage bedingen, es iſt nicht das Reich⸗ und Armſein, was an unſerm Frieden nagt, ſondern in uns, tief in uns ver⸗ borgen, oft keinem Auge ſichtbar, ſprudelt der Quell, aus welchem unſer Glück aufſpringt.— Die Beziehungen zu den Menſchen können wir ändern; uns ſelbſt ändern wir nicht. Das Abendeſſen wurde jetzt angekündigt.— Wie oft hatte dieſe Botſchaft ſchon die Friedenspalme über die ſtreitenden Parteien aufgeſteckt, beſonders wenn die Unterhaltung auf Politik gefallen war, was jetzt nur zu häufig geſchah. Madame Necker duldete dieſe Kämpfe nur ungern in ihrem Salon; ſie wollte nicht, daß Frauen ſich an dem betheiligen ſollten, was die Männer allein beſchäftigen mußte. Frau von Stasl dagegen war mit ganzer Seele dabei; eine würdige Schülerin Rouſſeau's, ſchwärmte ſie für Völkerfreiheit und Völkerglück, ihr großes Herz duldete es nicht, daß nur bei der Macht auch das Recht ſei, und das Geſetz nur für den hingeſtellt werde, der keine Mittel habe, ſich ihm zu entziehen. Ge⸗ rechtigkeit für Alle hieß ihr Mottv. Der Champagner ſprudelte in den Gläſern, Witz⸗ worte flogen hier und dort, ein Scherz führte zu einem zweiten, man plauderte heiter von Theater, Literatur und Kunſt, man ſchalt Shakeſpeare einen Barbaren und ſeine ge n . 18 en t. ie fe e 139 dramatiſchen Werke roh und geſchmacklos, während Attala ein Meiſterwerk der Dichtkunſt benannt wurde; und da⸗ zwiſchen umkreiſte die ſchöne bleiche Wirthin wie ein duf⸗ tiger Schatten die Tafel, bald hier, bald dort ein Wort einmiſchend, immer bemüht, das Geſpräch in den Grenzen zu erhalten, welche das„erlaubt iſt, was ſich ziemt“ für ſie als das allein Maßgebende geſteckt hatte. Madame Necker las die Schilderung eines Charak⸗ ters vor, den man nach der Beſchreibung errathen mußte, eine ſehr beliebte Unterhaltung in jener Zeit.— Man wählte dazu gewöhnlich eine Perſon aus der Geſellſchaft und ſchmückte ſie mit den ſchönſten Tugenden, wodurch ihr fein geſchmeichelt ward.— Darauf wurde improviſirt, und Trinkſprüche ausgebracht. Marmontel ließ bei ſolchen Gelegenheiten ſein Talent leuchten; auf das ihm gegebene Wort Champagne declamirte er ſogleich: Champagne, ami de la folie Fais qu'un moment Necker s'oublie Comme en buvant faisait Caton; Ce sera le jour de ta gloire: Tu n'as jamais sur la raison Gagné de plus belle victoire. Alle lobten ihn und lachten über die glückliche Wen⸗ dung, und ſtießen heiter an auf das zweite Miniſte⸗ rium Necker's. Reuntes Capitel. Der Winter 1788. Der Winter des Jahres 1788 zog über Paris herauf. Einem trockenen Sommer mit Hagelſchlag folgte Mißwachs und Theurung. Die Regierung ſetzte Prämien auf die Korneinfuhr und verdoppelte dieſe. Schon am 26. No⸗ vember fror die Seine zu und das Réaumur'ſche Thermo⸗ meter ſtand 18 ½ Grad unter dem Gefrierpunkte. Die älteſten Leute wußten von keinem ſo ſtrengen Winter zu ſagen, noch der ſo lange angehalten hätte. Die theuren Brodpreiſe erregten immer mehr Unzu⸗ friedenheit bei dem Volke, Aufläufe fanden ſtatt und die Polizei mußte ſich häufig einmiſchen und die Bäcker in ihren Häuſern vor Unbill beſchützen. Unzufriedenheit herrſchte, wohin das Auge auch blickte. Jeder ging auf Entdeckung nach Mißbräuchen aus, und auf. chs die No⸗ nb gen zu⸗ die in ckte. und 141 Niemand zeigte die nöthige Geduld, ihre Abſtellung zu er⸗ warten. Necker hatte ſein zweites Miniſterium nicht mit freu⸗ digem Muthe angetreten. Mit umwölkter Stirne trat er jetzt bei ſeiner Tochter ein. Ein Blick verrieth ihr ſogleich ſeine trübe Stimmung. Erſchöpft ſank er in einen Arm⸗ ſtuhl und rieb ſich erwärmend vor des Kamins helllodernder Flamme die Hände. Seine Tochter ſetzte ſich zu ihm. „Dies unſelige Mißtrauen!“ brach er jetzt aus.„Der König hat mich gegen ſeinen Willen zum Miniſter erwählt, das läßt er mich jetzt auf jedem Schritte empfinden und Marie Antoinette will ſogar im Miniſterrathe gegenwärtig ſein. Wenn Frankreich auf dieſe Art Abhülfe finden ſoll, ſo ſteht es ſchlimm!“ „Ich ſagte Dir ja, daß ſie mich kalt, wie nie zuvor, empfangen,“ erwiederte Frau von Stasl;„ja, daß ſogar die Tochter des Herrn von Brienne entſchieden mir vorge⸗ zogen wird, nur um mir die Kränkung recht fühlbar zu machen. Sie liebt uns nicht, das zeigt ſich mehr und mehr.“ „Zu ihrem Unglück. Hätte ſie Vertrauen zu mir, wie manchen nützlichen Rath würde ich ihr geben können; denn bei mir fände ſie Wahrheit. Das Volk ruft ihr jetzt laut nach Madame Deficit, und klagt ſie ungerechter Weiſe 142 als Urſache der Schulden an.— Hatte die unglückliche Halsbandgeſchichte ſie ſchon unpopulär gemacht, ſo iſt ſie es jetzt noch mehr geworden. Am Sonntage haben die Gaſ⸗ ſenbuben vor ihren Fenſtern geſchrieen: wir gehen nach St. Cloud, um die Springbrunnen und die Oeſtreicherin zu ſehen.— Der König weiß gar nicht mehr, wie er ſich ver⸗ halten ſoll. Er hat in ſeinem Zorne ſchon verſchiedene Stühle zerbrochen, doch ohne daß ihm ein weiſer Gedanke dabei ge⸗ kommen wäre. Er verſteht es nicht, auf den Zeitgeiſt ein⸗ zugehen, er ſieht an den königlichen Prärogativen gerüttelt, den Nimbus, welcher einſt den Adel der Geburt umgab, in Staub zerfallen, und erſchrickt vor der Perſpective.“ „Weil er ſo lange blind geweſen,“ fiel Frau von Stasl lebhaft ein.„Hat er nicht ſelbſt in Holland und Amerika den Unterthanen das Schwert gegen ihre Herren in die Hand gegeben, und will ſich wundern, wenn endlich auch im eigenen Lande das Selbſtbewußtſein erwacht, und die bis dahin Sclaven waren, zu freier Menſchenwürde ſich erheben!— Ich kann nicht ſagen, wie froh ich bin, die Verſammlung der Generalſtaaten für kommenden Mai ausgeſchrieben zu ſehen!“ „Ich theile Deine Anſicht hierüber nicht, wie Du weißt,“ fiel Necker ein.—„Um das Vertrauen des Volkes nicht einzubüßen, durfte ich einer Maßregel nicht entgegen treten, welche mein Vorgänger in Anregung gebracht. he es in r⸗ le 1= in U d ch ie ai u 6 n 143 Doch bin ich beſorgt wegen der Folgen. Das Volk in Frankreich iſt nicht, wie das Volk in England, einer Selbſt⸗ regierung fähig. Es iſt als Volk zu jung; es hat die Kinderſchuhe noch nicht ausgetreten. ZJede Regierungs⸗ form hat überdem ihr Gutes, ſo bald ſie leiſtet, was ſie verſpricht. Mit rechtlichen Männern am Steuer, muß das Schiff des Staates ſtets im rechten Fahrwaſſer bleiben.“ „Wenn aber die rechtlichen Männer fehlen? Für dieſe Fälle muß man durch eine Conſtitution geſichert ſein, und ich hoffe, daß wir jetzt auf dem Wege ſind, das Wohl Frankreichs durch eine ſolche Geſetzgebung zu ſichern.“ „Du hoffſt, weil Du die Schwierigkeiten nur aus der Ferne ſiehſt. Die Tochter eines Miniſters theilt nur die Annehmlichkeiten ſeiner Lage,“ ſie ſonnt ſich in dem Strahle ſeiner Macht; dieſe Macht aber legt in jetziger Zeit eine furchtbare Verantwortlichkeit auf ſein Haupt. Ich ſehe nicht ein, wie ich jetzt wirkſam nützen kann; denn mein Weg iſt der grade, und in dem Kampfe mit Parteien darf man die Mittel nicht verſchmähen, welche deren Füh⸗ rer uns dienſtbar machen. Durch dieſen Mangel muß ich ſcheitern. Ach! Warum hat man mir nicht die funfzehn Mo⸗ nate des Erzbiſchofs von Sens gegeben!* jetzt iſt es zu ſpät.“ * Madame de Stasl. Considération sur la révolution. ** Necker's eigene Worte. 144 „Es iſt noch Alles möglich!“ rief Frau von Stasl warm.„Ich hege Vertrauen, ſo lange ich Dich an der Spitze weiß. Nur darfſt Du ſelbſt nicht zagen.“ „Als ich das erſte Mal meinen Abſchied nahm, habe ich mir ſelbſt die größten Vorwürfe gemacht, weil ich mir bewußt war, daß Niemand meine Stelle erſetzen konnte. Jetzt möchten Viele an meiner Statt wirkſamer handeln. Mir fehlt das Vertrauen und darum auch die Kraft hier durchzudringen. Ich habe dieſe Nacht viel nachgeſonnen über das, was den Menſchen befriedigt, und gefunden, daß eigentlich nur die Dummen glücklich ſind.— Wenn ich ein⸗ mal wieder Muſe gewinne, mir ſelbſt zu leben, ſo werde ich meine Abhandlung über das Glück der Dummheit be⸗ endigen.“ Die Dummen tragen eigentlich noch das Kleid, welches Gott Adam und Eva im Paradieſe anlegte; das Fell, worunter ſie ihre Nacktheit verbargen, waren die lieb⸗ lichen Täuſchungen, das ſüße Vertrauen, die gute Meinung von ſich ſelbſt, alles ſchöne Gaben, welche wir jetzt, weil wir ihren Werth verkennen, tadeln. Der Dumme wird durch keine Erfahrung belehrt; ſelbſt wenn er ein Alter von zweihundert Jahren erreichte, würde er nach wie vor die Welt in roſenfarbenem Lichte ſehen;— er ſchließt keine Folgerungen, ſpürt nicht Urſach' und Wirkung nach, er * Le bonheur des sots ein pikanter Aufſatz von Necker. 145 ſieht nicht über ſeine Naſe hinaus, und betrachtet die Zu⸗ kunft mit dem guten Glauben eines Kindes. „Der Dumme zweifelt auch nie an ſich ſelbſt; die Jdeen Anderer finden bei ihm keinen Eingang, er ſteht unerſchüt⸗ terlich bei ſeinen Anſichten feſt, fällt mit der größten Leich⸗ tigkeit ſein Urtheil, weil jede Sache nur eine Seite für ihn hat. „Die Dummheit bleibt darum ein großes Glück und ein großer Vorzug, ſo lange der Dumme keine Ahnung von ſeiner Dummheit hat; kommt ihm aber der leiſe Ge⸗ danke über den wirklichen Urſprung ſeines Glückes, dann iſt es auch mit ſeinem Glücke aus, ſeine Selbſtliebe iſt ge⸗ ſtört und er kann nie wieder Vertrauen zu ſich faſſen. Dann iſt er ſehr zu beklagen!“ Frau von Stasl brach in ein herzliches Gelächter über dieſe halb ernſte, halb ſcherzhafte Definition aus. „Man möchte wahrlich mit ſeinem Bischen Verſtand grollen,“ rief ſie munter aus,„daß er uns ſo mancher Freuden beraubt; vor Allem aber möchte ich Frankreich die perſonificirte Dummheit zum Staatsminiſter geben, damit das rechte Selbſtvertrauen an ſeiner Spitze ſtände. Doch zweifle ich faſt, daß die Capitaliſten bei ſeiner Ernennung ihm ihr Vermögen in den Schooß werfen, und daß die Courſe vierundzwanzig Stunden nach ſeiner Ernennung um dreißig Procent ſteigen würden. Ein ſolcher Fall er⸗ 146 eignet ſich freilich auch nur einmal in der Geſchichte, und dieſes eine Mal war ich die glückliche Tochter des Man⸗ nes, dem man ein ſolches Vertrauen bewies.“ Necker lächelte erheitert bei dieſer gut gewählten Schmeichelei und reichte ſeiner Tochter die Hand, welche ſie warm an ihre Lippen drückte. „Nun muß ich Dir noch eine merkwürdige Begeben⸗ heit mittheilen,“ ſagte er.„Es ging, wie Du weißt, die Rede, daß der geiſtreiche Biſchof von Autun den Miniſter Calonne bei ſeinen Arbeiten unterſtützt und wiederum ſagte man, daß eine gut abgefaßte Flugſchrift, die meinen Rechen⸗ ſchaftsbericht vertheidigte, ebenfalls von ihm abgefaßt ſei. Was mich dabei Wunder nahm, war die anonyme Ueber⸗ ſendung der Vertheidigungsſchrift, während zu gleicher Zeit der Biſchof von Autun anfragen ließ, ob ich ihm geſtatten würde, meine Bekanntſchaft zu machen. Ich muß geſtehen, daß ich neugierig war, dies vielſeitige Individuum zu ſehen. Heute Morgen nun erſchien er, begleitet von Condorcet, in meinem Geſchäftslocale.“ „Und wie gefiel er Dir? Welchen Eindruck machte er auf Dich?“ fragte ſeine Tochter lebhaft. „Ich danke dem Himmel, daß ich ein Mann war,“ erwiederte Necker mit ſarkaſtiſchem Lächeln;„denn wahr⸗ lich, er genießt ſeines Rufes nicht unverdient. So ſchön, geiſtvoll und einnehmend Herr von Narbonne iſt, doch wird V2 147 er neben Talleyrand zurückſtehen müſſen. Ich habe ihn zum Mittageſſen eingeladen. Du kannſt ihn alſo kennen lernen.“ „Ich bin geſpannt auf ihn, das muß ich geſtehen,“ rief die junge Frau lebhaft.„Ein junger Biſchof, der ſcheinbar nur damit beſchäftigt iſt, der Damen Herzen zu ſtehlen, miſcht ſich plötzlich in die Finanzangelegenheiten, das iſt ſeltſam!“ „Und nicht das allein! Er ſprach ſehr ernſthaft über unſere politiſchen Angelegenheiten und die Nothwendigkeit, die Geiſtlichkeit und den Adel in ihren Prärogativen zu be⸗ ſchränken. Da er in ſeiner Perſon beide Stände vereinigt, und nur verlieren kann, wenn wir dieſe verkürzen, ſo mußte mich dieſe Uneigennützigkeit Wunder nehmen.“ „Auch ſetze ich kein Vertrauen in ſolche Uneigennützig⸗ keit,“ rief Frau von Stasl lebhaft. „Doch hat uns Lafayette bewieſen, daß man aufrich⸗ tig das Wohl des Volkes dem eigenen Intereſſe vorziehen kann.“ „Die Ausnahme beweiſt hier nur die Regel. Auch Montmorency traue ich Alles zu. Er möchte das Ver⸗ dienſt allein den Unterſchied beſtimmen laſſen, der die ver⸗ ſchiedenen Grade der Geſellſchaft von einander trennen muß.“ „Ich bin der Meinung St. ZJerome's, daß der Ur⸗ 148 ſprung des Adels auf den Reichthum zurückzuführen iſt,“ und es iſt waglich den Flüſſen ein neues Bett zu graben,“ ſagte Necker ernſt.„Doch das Hin und Her über dieſe Frage führt zu nichts. Durch Geſetze und Umſturz können wir keine neuen ſocialen Verhältniſſe ſchaffen; dieſe müſſen frei aus dem Boden emporwachſen, und iſt das Erdreich geſund, ſo wird die Frucht dem entſprechend ſein. Erſt unſere Finanzen geregelt, erſt dem Volke Brot verſchafft und dann wollen wir weiter ſehen.“ Er ſtand auf. Seine Tochter begleitete ihn bis in das Vorzimmer und ſchied mit dem Verſprechen ſich zu Tiſche einzufinden. Herr von Stasl ging nicht mit ihr. Er ſpeiſte bei Mademoiſelle Clairon, welcher er ein ſehr ſchönes Land⸗ haus gekauft hatte, deſſen Einrichtung noch auf Rechnung ſtand. Als Gatte einer reichen Frau, wollte er ohne Rück⸗ ſicht aus dieſer Quelle ſchöpfen, womit Necker jedoch nicht einverſtanden war. Seine junge Frau beſaß an dem älte⸗ ren Gatten keinen ſchützenden Begleiter, ſie mußte allein ihre Bahn durch dieſe bunt bewegte Welt des Pariſer Le⸗ bens wandeln, wo jetzt kein Kopf mehr auf der rechten Stelle ſaß, und eine Gährung ſich der Gemüther bemäch⸗ * Memviren von Condorcet. ——— — 149 tigt hatte, welche alle bis dahin gangbaren Ideen in bun⸗ tem Chaos durch einander warf. Der junge Biſchof von Autun wurde der Geſandtin von Schweden vorgeſtellt. Eine gewiſſe Apathie, welche ſich in ſeinem ganzen Weſen ausſprach, lag auch in dem etwas ſchmachtenden Blicke ſeines blauen Auges, als er es forſchend auf dem Geſichte der jungen Frau ruhen ließ, deren Geiſt ihm ſchon gerühmt war.— Nach dem Erſchei⸗ nen ihres Werkes über Rouſſeau wurde ihre große und ſel⸗ tene Begabung in der That von Niemand mehr in Frage geſtellt und Viele ſuchten jetzt Necker auf, nur um deſſen Tochter kennen zu lernen. Es war zu vermuthen, daß auch der junge Biſchof ſich in dieſer Abſicht bei dem Miniſter eingeführt; doch verrieth ſeine Miene dieſen Wunſch nicht. Mit jener Zurückhaltung des Weſens, die das ſichere Uebergewicht giebt, richtete er einige artige Worte an die junge Geſandtin und bot ihr, als man ſich zu Tiſche begeben wollte, wie aus Pflicht ſeinen Arm. „Sie lieben meinen Stand nicht und ich wage es, mich zu Ihnen zu ſetzen,“ ſagte er mit jenem halb ſpötti⸗ ſchen, halb boshaften Lächeln, das ihm ſo gut ſtand, wäh⸗ rend er mit ſeinen ſorgfältig gepflegten Händen coquett ſeine Serviette aus einander nahm. „Sie irren,“ erwiederte ſie, indem ſie ihn voll mit dem Strahle ihres dunkelen Auges maß, als wolle ſie ihm 150 bis in die tiefſte Seele ſchauen.„Jeder Stand hat ſeine Berechtigung; nur muß er die ihm geſteckten Grerzen nicht überſchreiten wollen.“ „Und das habe ich gethan?“ fragte er, ſie ſchlau mit ſeinen ſchönen Augen fixirend. „Meine Aeußerung war nicht perſönlich gemeint,“ verſetzte ſie ausweichend, weil ſie eine Anſpielung auf ſeine galanten Abenteuer für unpaſſend hielt.„Ich ſprach als Tochter eines Staatsmannes. Das Volk iſt ſtreng in ſeinem Urtheile über die Prieſter und über die Frauen;“ es verlangt von beiden eine genaue Pflichterfüllung. Bei dem Krieger ſetzt man die Tapferkeit voraus, bei dem Geiſtlichen die Frömmigkeit, durch beide Eigenſchaften be⸗ gründen dieſe Stände ihr Anſehen, und indem ſie nicht mehr fromm und nicht mehr tapfer waren, büßten ſie es ein. Der Adel wie die Kirche ſtehen daher jetzt auf ſehr ſchwachen Füßen.“ „Darum auch geſelle ich mich dem dritten Stande zu,“ verſetzte der Biſchof mit feinem Lächeln. „Doch ohne den beiden andern zu entſagen, wie mir ſcheint.“ „La moitié vaut mieus que le tout, iſt meine Deviſe.“ Considérations sur la Révolution frangaise. 151 „Und die meinige, mich jeder Wahrheit ganz hinzu⸗ geben.“ „Welch eine lockende Ausſicht für den Mann, wel⸗ chem Sie Ihre Neigung zuwenden wollen.“ „Ich hänge meinen Freunden warm an, das iſt wahr und bin beſtändig in meinen Empfindungen für ſie; denn ich weiß, warum ich ſie liebe. Es iſt kein blindes Einge⸗ nommenſein bei uns.“ „Man darf das von Ihrem Verſtande erwarten, und muß ſich zugleich vor Ihrem Urtheil dabei fürchten.“ „Ich bin nicht ſtreng gegen Andere. Nur ein bis⸗ chen Geiſt muß Jeder haben, der mit mir umgehen will. Dann iſt ein Tag oder zehn Jahre daſſelbe, um mit einem Menſchen bekannt zu werden; und was dazwiſchen liegt, iſt überflüſſig.““ „Ihre Worte flößen mir Hoffnung und Furcht zu⸗ gleich ein. Jedenfalls iſt es gut, ſchnell gerichtet zu wer⸗ den, wenn das Schwert einmal über unſerm Haupte hängt.“ „Was verlangen Sie, daß ich Ihnen hierauf er⸗ wiedere?“ „Ob Sie mich bei ſich empfangen, oder mir Ihre Thüre verſchließen wollen?“ Madame Necker de Saussure. 152 „Das letztere wäre eine neue Erfahrung für den be⸗ wunderten Biſchof von Autun,“ ſagte ſie lachend,„und wenn ich mir dadurch nicht ſelbſt zu nahe träte, ſo möchte ich Sie dieſe im Namen meines ganzen Geſchlechtes gern machen laſſen. Doch, wo die Eigenliebe in das Spiel kommt, iſt unſere Gerechtigkeit nicht immer Siegerin.“ „Die liebenswürdige Wendung Ihres Urtheilsſpru⸗ ches macht mich ſtolz,“ verſetzte er befriedigt.„Mein Dank dafür wird ſich in demüthigſter Form Ihnen zu Füßen legen.“ „Sie werden alſo jetzt bei uns in Paris bleiben, Herr von Talleyrand?“ „Wenigſtens für den Augenblick.“ „Ich kann mir lebhaft denken, wie ſehr es Sie nach Paris zieht!“ rief ſie feurig aus.„Hier nur lebt man, während die ganze übrige Welt zu vegetiren ſcheint. Ich bedaure jeden Mann von Geiſt, dem es verſagt iſt, zur Beantwortung der großen Fragen beizutragen, die der Mo⸗ ment uns vorlegt. Apropos! Haben Sie meines Vaters neues Werk sur l'importance des opinions religieuses geleſen? Es iſt ein wunderbares Buch! Die ſieben Jahre ſeines Exils ſind ihm nicht fruchtlos verſtrichen, er hat ſeine Einſamkeit benutzt, wie ein Weiſer, und ſich dem Wohle der Menſchheit gewidmet, wie ein Jüngling.— Wäre es mir möglich geweſen, ihn mehr noch bewundern 153 und lieben zu können, ſo hätte ſeine Selbſtverleugnung dieſe Empfindungen bei mir ſteigern müſſen. Dem edelſten, dem vortrefflichſten Menſchen anzugehören iſt ein ſo hohes Glück, daß ich undankbar ſein würde, wenn ich um anderer Dinge willen mit dem Geſchicke hadern wollte, das mich nach dieſer einen Seite hin zu reich geſegnet hat, um mich nicht Lücken empfinden zu laſſen.“ „Die kein Auge bis jetzt zu entdecken wußte,“ fiel ihr Nachbar ein;„Sie ſcheinen des Glückes Gunſt nach allen Seiten hin ſich zu erfreuen.“ Frau von Stasl ſeufzte. „Ich bin eine Frau,“ ſagte ſie traurig.„Unſer Ge⸗ ſchlecht iſt nicht ſeiner ſelbſt willen da; wir ſind darauf an⸗ gewieſen, uns die Liebe der Männer zu erwerben, die nie ein ganzes Herz für uns übrig haben. Glücklich aber ſind wir nur dann, wenn wir nach dem vollen Maße unſerer eigenen Empfindung wieder geliebt werden. Alle andern Lebenszwecke ſind für uns Palliative, mit denen wir unſern Kummer nähren, unſer Herz beſchwichtigen und die rebel⸗ liſchen Wünſche ſchweigen heißen.“ „Zu dieſem Verzichten können Sie nie berechtigt ſein,“ erwiederte der ſchöne Prieſter mit vielſagendem Blicke.— „Ob ich es nicht bin!“ rief ſie ſchmerzlich aus.„Und wie könnte es anders ſein.— Ich habe mir meinen Glau⸗ 1859. II. Frau von Stasl. II. 10 154 ben nicht gewählt, mir die Verhältniſſe nicht ausgeſucht, durch welche der Gang meines Lebens geregelt und das kalte Wort der Pflicht über die Pforte zu meinem Glücke geſchrieben werden ſollte!— Die Vorſehung gab mir als Erſatz dafür meinen Vater.— Möge ſie mir nicht zürnen, wenn ich mehr noch von ihr hätte begehren mögen!“ „Es giebt Erſatz für Alles,“ ſagte der junge Biſchof bedeutſam.— „Nur keinen, der ein reines Gewiſſen aufwöge, wie es die Lehre Calvin's von uns begehrt,“ erwiederte ſie ernſt, und vor dem ſtrengen Blick ihres ſtrahlenden Auges ſenkte ſich das ſeinige. Zehntes Capitel. Die Prozeſſion. Am 4. Mai 1789 erhob ſich die Sonne ſtrahlend über der Stadt Ludwig's XIV. Frankreich war in Paris, Paris war in Verſailles. Die Reichsſtände ſollten am nächſten Tage eröffnet werden, und es war beſchloſſen worden, daß man ſich durch ein religiöſes Nationalfeſt, durch gemeinſames Gebet zu dieſem feierlichen Ereigniſſe vorbereiten würde. Der Tag war glänzend, die entfaltete Pracht ſonder Gleichen. Aber, was die Größe des Schau⸗ ſpiels ausmachte, das waren nicht die von Menſchen und Licht überſtrömten Straßen, nicht die glänzenden Reihen der Bajonette, nicht die Frauenköpfe, die ſich in den Fen⸗ ſtern drängten, nicht die reichen Draperien, die von den Balconen flatterten, nicht die ernſte Stimme des Prieſters und das Geläute der Glocken, das durch die Fanfaren, das 10* 156 Wirbeln der Trommeln, und den Commandoruf der Hauptleute hindurch zum Himmel empor ſtieg... nein, das wahrhaft Neue und Ergreifende war die Sprache, die man in der ganzen Stadt redete, war der Sinn der Worte, die man im Begegnen wechſelte, war die Lebhaftigkeit der Mienen, der Stolz der Blicke, das ungewohnte Selbſtbe⸗ wußtſein der Haltung, die fieberhafte Aufregung der Ge⸗ müther, war die männliche und gewaltige Unruhe und Sorge eines Volkes, das von der Freiheit beſucht wurde.“ Um die beſtimmte Stunde verließen die drei Stände die Pfarrkirche von Notre Pame, um ſich in feierlicher Prozeſſion in die Kirche des heiligen Ludwig zu begeben, und die Menge ſtrömte herbei, den Zug vorüber gehen zu ſehen.— Frau von Stasl ſtand an einem Fenſter neben Frau von Montmorin, der Gattin des Miniſters der auswärti⸗ gen Angelegenheiten, und ließ ihrer Freude vollen Lauf, endlich die franzöſiſche Nation repräſentirt zu ſehen. Frau von Montmorin hörte ihr lange ſchweigend zu, bis ſie endlich ernſt erwiederte: „Sie haben ſehr Unrecht, ſich zu freuen; dieſer Tag wird großes Unheil über Frankreich und über uns bringen.“** * Louis Blanc. ** Madame de Stasl sur la révolution. ie e 157 Frau von Stasl, von dieſen Worten erſchüttert, er⸗ wiederte einige Augenblicke nichts. Sie ſah die Redende wie fragend an; aber es ſtand in ihren Zügen nicht ge⸗ ſchrieben, daß ſie mit einem Sohne auf dem Schaffot en⸗ digen, daß der andere ſich ertränken und ihr Gatte in den Septembertagen niedergemetzelt werden würde. Die Prozeſſion zog indeſſen vorüber. Die Franzis⸗ kaner und der Clerus von Verſailles eröffneten den Zug, mit der Muſik der königlichen Kapelle in ihrer Mitte. Dann folgten die Deputirten der Gemeinen. Sie waren in ein⸗ fache ſchwarze Mäntel gekleidet; aber an der Feſtigkeit ihres Schrittes, an ihrer ruhigen und kräftigen Haltung ſah man zur Genüge, daß ſie den Kern des Volkes vertraten. Hierauf kamen die Deputirten des Adels, prunkend in ihren reichen Stickereien, ihren weißen Federn und ihren Spitzen; dann, von den Biſchöfen in Chorhemd und Ca⸗ mail getrennt, die Plebejer der Kirche, die Pfarrer. Der König und die Königin begleiteten das heilige Sacrament, das in den Händen des Erzbiſchofs von Pa⸗ ris unter einem prachtvollen Baldachin ſtrahlte, deſſen Schnüre die Grafen von Provence und von Artois und die Herzöge von Angouléme und von Berry hielten. Marie Antvinette ſah ſehr bleich aus, und als kein Zuruf des Volkes ſie begrüßte, dagegen„Orleansfürimmer!“ ertönte, zuckte es wie Verachtung um ihren ſchönen Mund 158 und ſie mußte, um nicht zu ſinken, den Arm der Prinzeſſin von Lamballes ergreifen. „Arme Frau!“ rief Frau von Staöl wieverholt, als ſie dies gewahrte, und eine Thräne netzte ihre Wimper. „Was muß ſie leiden! Wie ſchwer muß dieſer Gang ihr werden!“ „Wie? Sie bedauern ſie, die Ihnen ſo wenig wohl will?“ fragte verwundert ihre Nachbarin. „Daß man mir mit einem Vorurtheile begegnet, kann mich nicht gefühllos gegen das Leid einer Perſon machen, die noch dazu meinem eigenen Geſchlechte angehört,“ er⸗ wiederte ſie ſanft. Am folgenden Morgen fand die Eröffnung der Na⸗ tionalverſammlung feierlich ſtatt. Ein Raum, der ſonſt den Hofluſtbarkeiten angehörte, war dazu eingerichtet wor⸗ den, und ohne Ceremonie drängten ſich hier die Zuſchauer ein. Im Hintergrunde, auf einer Eſtrade, befand ſich un⸗ ter einem Baldachin der mit Goldfranzen verzierte Thron, daneben ein Lehnſtuhl für die Königin und Seſſel für die Prinzeſſinnen des Hauſes. Unterhalb der Eſtrade ſtand eine Bank für die Staatsſecretäre und vor ihnen eine mit violettem Sammet bedeckte Tafel. Ludwig XVI. hatte ſelbſt die Anordnungen der Ver⸗ zierungen dieſes Saales geleitet. Am Vorabende ſo großer Begebenheiten war ſeine Seele mit der Decoration des 159 Locales beſchäftigt, und die übrige Zeit füllte er damit aus, ſeine Rede auswendig zu lernen und die Betonung der ein⸗ zelnen Worte zu üben.“ Eine Reihe amphitheatraliſcher Stufen war für das anserwählte Publikum und die glänzend geſchmückte Da⸗ menwelt reſervirt worden. Hier befand ſich Madame Necker neben ihrer Tochter. Freudeſtrahlenden Auges ſah die letztere dem Vorgange zu und nurals jetzt der König in der Mitte der Geſellſchaft auf dem Throne Platz nahm, überſchlich ſie ein Gefühl der Furcht. Sie bemerkte, wie ſichtlich bewegt die Königin erſchien, als ſie, als ſchon die beſtimmte Stunde vorüber war, ein⸗ trat, und wie verändert ihre Farbe war. Mit beſorgtem Blicke folgte ſie ihrer Haltung während des Vorganges. Neben den Miniſtern der Robe und den Miniſtern des Degens ſtand Herr Necker in einfach bürgerlicher Kleidung, der einzige von Allen, der jeden Schmuck ver⸗ ſchmäht hatte. Lebhaftes Beifallklatſchen empfing ihn. Wie gern hätte ſeine Tochter in dieſe Begrüßung mit ein⸗ geſtimmt, bei der ihr Herz ſich in ſo freudigem Stolze hob. Jetzt erſchien Mirabeau und ein Murmeln ging durch die Verſammlung. Er verſtand deſſen Meinung und ging ſtolzen Schrittes nach ſeinem Platze, mit einer Miene, die * Madame Campan. 160 genugſam ausſprach, daß man dieſen Empfang bereuen ſolle. Ludwig XVI. war mit dem großen Königsmantel be⸗ kleivet, er trug einen Federhut, deſſen Schnur von Dia⸗ manten blitzte, und deſſen Agraffe der Pitt bildete. Bei ſeinem Eintritt erhob ſich die ganze Verſammlung; Mira⸗ beau aber flüſterte ſeinem Nachbar zu:„Das iſt das Schlachtopfer!“ Der Könige hielt ſeine Rede, ihm folgte der Staats⸗ kanzler, nach dieſem trat Herr Necker vor. Alle drei hat⸗ ten zum Thema die Verbeſſerung der Finanzen, während die Verſammlung die Grundlagen zu einer Conſtitution er⸗ wartete. Mit Betrübniß bemerkte Frau von Stasl, wie unbefriedigt die Deputirten die Rede ihres Vaters entge⸗ gen nahmen, in der nur das eine Wort hervorgehoben wurde: Ne soyez pas envieux du temps. Sie zitterte, als ſie den Ausdruck der Enttäuſchung in allen Mienen las, ſie hätte aufſpringen und ihnen zurufen mögen: So ge⸗ duldet Euch doch nur. Hört Ihr denn nicht? Ne soyez pas envieux du temps.— Mein Vater iſt ja Miniſter des Königs und muß in deſſen Sinne handeln und darf nicht vorſchlagen, was dieſer nicht gebilligt.— Als rechtli⸗ cher Mann kann er nicht anders handeln denn das in ihn * Memoiren von Weber. 161 geſetzte Vertrauen täuſchen, wäre eine ihm unmögliche Sache. In höchſter Ungeduld verließ ſie den Saal und eilte, ihre Wohnung zu erreichen, um ſich mit ihren Freunden über das Vorgefallene auszuſprechen. Sie fand Frau von Aiguillon ſchon ihr dahin voran gegangen. In der auf⸗ geregteſten Stimmung flog dieſe ihr entgegen und beklagte ſich über ihre getäuſchten Erwartungen. „Ne soyez pas envieux du temps,“ entgegnete ihr Frau von Staöl, theils um ſie zu beruhigen, theils auch, um ihren Vater mit ſeinen eigenen Worten zu verthei⸗ digen. „Wie wollen Sie, daß man ſich jetzt geduldige,“ ent⸗ gegnete dieſe lebhaft,„wo endlich der Zeitpunkt gekommen iſt, der die Nation zur Selbſtregierung aufruft. Was man jetzt nicht fordert, jetzt nicht bewilligt erhält, das erhält man nie. Wir müſſen eine Conſtitution haben, wir müſ⸗ ſen darauf dringen, daß dem Volke dieſe Garantie gewährt werde. Es liegt in dieſer Maßregel allein für Frankreich noch Rettung.“ „Ich theile Ihre Anſicht völlig, wie Sie wiſſen,“ er⸗ wiederte Frau von Staöl;„doch kann ich meinen Vater nicht als die unſchuldige Urſache Ihrer Enttäuſchung hin⸗ ſtellen laſſen. Er handelte, wie er ſeinem Charakter nach handeln konnte.— Seine individuellen Wünſche mußte er 162 ſeinem Pflichtgefühle unterordnen. Er kann den König nicht beſtimmen, das zu ſein und das zu leiſten, was die Zeit von ihm fordert. Er iſt nicht in ſich feſt, er iſt von tauſend Einflüſſen bewegt, und was man in dieſer Minute bei ihm gewonnen, iſt in der nächſten wieder verloren. Mein Vater kann ihn nicht lenken, verlangen Sie das nicht. Man kann nicht Charakter für Jemand haben.— Hoffen Sie daher von dieſer Seite nichts. Unſer ganzes Beſtreben muß dahin gehen, die Deputirten anzuregen, eine Conſtitution zu fordern. Sie haben Freunde unter ihnen, auf die Sie Einfluß üben können; ich nicht minder. Frau von Cvigny, Frau von Caſtellane und Fran von Luynes bilden ebenfalls den Mittelpunkt eines kleinen Kreiſes,“ der unfere politiſchen Anſichten theilt und wenn wir uns gegenſeitig die Hand reichen, ſo ſind wir ſicher nicht ohne Macht, um auf die Begebenheiten einzuwirken. Selbſt die Tagespreſſe dürfen wir uns dienſtlich machen, wenn es un⸗ ſeren Zwecken förderlich ſein ſollte.“ Frau von Aiguillon erklärte ſich mit dieſen Anſichten einverſtanden und eilte nach Hauſe, um ihren kleinen poli⸗ tiſchen Kreis bei ſich zu empfangen.— So wie ſie ſich ent⸗ fernt hatte, begab ſich Frau von Stasl in ihr Boudoir und nahm eine Broſchüre zur Hand, welche ſie erſt heute * Memoiren von Ferrières. ie n te 15 s ne m es 163 zugeſandt erhalten hatte. Der Verfaſſer, Mr. de la Lu⸗ zerne, Biſchof von Langres, einer der begabteſten Männer Frankreichs, ſchlug darin vor, daß die drei Kammern in zwei zuſammen ſchmelzen ſollten, indem die hohe Geiſtlich⸗ keit ſich mit dem Adel, die niedere ſich mit den Volksdepu⸗ tirten vereinigte.— So lebhaft fühlte Jeder in dem Au⸗ genblicke die Nothwendigkeit, ein Verfahren herbeizuführen, das alle nutzloſen Debatten ausſchlöſſe und die Sache allein in das Auge faßte. Sie war noch mit dieſer Lectüre beſchäftigt, als Ma⸗ thien von Montmorench angemeldet ward. „Iſt es ſchon ſo ſpät?“ rief ſie ihm entgegen.„Ich habe noch nicht Toilette gemacht, um meine Tiſchgäſte zu empfangen.“ „Ich bin den Uebrigen vorangeeilt, um noch ein Wort im Vertrauen mit Ihnen zu ſprechen. Wie hat Sie die Rede des Königs befriedigt?“ „Ach! ſprechen wir davon nicht,“ rief ſie traurig. „Niemand iſt befriedigt, ich weiß es. Die Leidenſchaft zählt nicht die Hinderniſſe und der Hunger wartet nicht. — Gegen Sie darf ich aufrichtig ſein, Montmorench, ge⸗ gen Sie darf ich es bekennen, daß ich in großer Sorge wegen der Zukunft ſchwebe. Zwei furchtbare Uebel be⸗ drohen uns, der Banqueroute und die Hungersnoth. Wie ſoll man dieſen begegnen, ohne durchgreifende Maßregeln 164 und wie kann man ſolche ergreifen, mit dieſem Veto von drei Kammern!— Um die Finanzen zu verbeſſern, müſſen die Geiſtlichkeit und der Adel mit dem Volke gleich beſteuert werden und nimmermehr wird der den Menſchen innewoh⸗ nende Egoismus dieſe beiden Klaſſen vermögen, ſolchen nothwendigen Maßregeln beizuſtimmen. Wenn ſie ſich nun weigern, dann iſt das Veto des dritten Standes Null — und wir ſind um keinen Schritt gefördert, ja, was ſchlimmer iſt, wir ſtehen hoffnungslos an einem Abgrund.“ „Wie können Sie nur glauben, daß der Adel eine ſo billige, ſo gerechte Maßregel zurückweiſen würde,“ rief Herr von Montmorency, ſein ſchönes Haupt ſtolz empor werfend.„Man müßte ſich ja ſchämen, noch ein Edelmaun genannt zu werden, wenn man mit dieſem Stande ſo wenig Adel der Geſinnung zu verbinden vermöchte. Was der Niedrigſte des Volkes ſeinem Vaterlande zu leiſten willig iſt, ſein Schärflein beizutragen, zur Aufrechthaltung der Krone, das ſollte ein Edelmann nicht gern und freudig thun? Er ſollte an ſeinen Pfennigen hängen, wie ein Jude, und in der Noth nicht auch ein Opfer bringen wollen?— Das iſt unmöglich, muß unmöglich ſein, wenn ich noch ferner ſtolz ſein darf auf meinen Namen. Das ſchwör' ich Ihnen, ſo wahr ich Montmorench heiße, ſollte mein Stand an meinem Stande ſich je ſo vergehen, dann bin ich es, der Erbe dieſes alten Namens, der ſelbſt den An⸗ 165 trag ſtellt, einen Adel, der ſo wenig adelig ſich erweiſt, all ſeiner Prärogativen zu entkleiden, und von da an bin ich der Erſte, der ſich dem dritten Stande zugeſellt.“ Er hatte ſich hoch emporgerichtet, während er dieſe Worte ſprach, ſein Auge leuchtete, ſeine Wange glühte, er glich einem begeiſterten Antinous. Frau von Staöl be⸗ trachtete ihn mit Bewunderung und mit Rührung, ihre dunkeln Augen füllten ſich mit Thränen, während ſie, ihm die Hand hinreichend, mit Bewegung ſprach: „So hochherzig zu denken iſt ein ſchöner Vorzug, mein Freund, und ich möchte den Göttern für dieſe Minute ein Trankopfer bringen. Es iſt doch nichts ſo herrlich, als in eine ſchöne Menſchenſeele zu blicken, die von der Natur wahrhaft geadelt iſt.“ „Sie rechnen mir eine Empfindung zu hoch an, die eigentlich ganz natürlich iſt,“ entgegnete der junge Mann beſcheiden,„und ich hoffe, daß Sie noch die Erfahrung machen ſollen, viele mir Gleichgeſinnte zu entdecken.“ „Das kann nicht ſein,“ erwiederte Frau von Stasl beſtimmt.„Den Adel am Hofe kenne ich genugſam; er wird ſich fügen, wenn er muß, denn er iſt daran gewöhnt, den Fürſten zu gehorchen, warum alſo auch nicht dem Ge⸗ bote der Nothwendigkeit. Doch aus Ueberzeugung thut er es nicht. Schlimmer aber iſt der Adel aus der Pro⸗ vinz; dieſer hängt an ſeinen Privilegien, als ob er ſie bei 1 . 6 6 4———— 166 Erſchaffung der Welt empfangen, und ſpricht von ſeinen Titeln, als ob die ganze Welt dieſe anerkenne, während man über ſeine Hufe hinaus dieſe berühmten Namen nie nennen gehört. Alle Gründe führen ſich bei ihm auf die drei Worte zurück: e'était ainsi jadis. Will man ihnen da⸗ rauf erwiedern, daß die Umſtände die Sache verändern, daß die Welt nicht ſtill ſteht, daß man nicht rückwärts gehen kann und darum vorwärts ſchreiten muß, ſo lä⸗ cheln ſie ungläubig, und ihre Mienen ſprechen aus, daß nichts ſie überzeugen könne. Denn was verachten ſie wohl mehr, als Geiſt und Intelligenz.“ „Sie ſind ſtreng in Ihrem Urtheil,“ erwiederte der junge Mann traurig und legte die Hand an die Stirn; „doch muß ich freilich in vielem Bezug die Richtigkeit Ihrer Schilderung anerkennen. Wie aber ſoll es werden? Wie wollen wir handeln, um zu retten, was zu retten iſt.“ „Eine Conſtitution muß die Verſammlung fordern,“ erwiederte Frau von Staöl feurig.„Wir müſſen eine Regierungsform nach engliſchem Muſter einführen.— Wenn der jüngere Sohn des Lords zum Volksdeputirten wird, kann die Ariſtokratie den dritten Stand nicht mit Uebermuth behandeln und ihn in ſeinen Rechten kränken, welche in gewiſſem Bezug wieder die eigenen ſind.— Die Geiſtlichkeit aber darf nicht ſich ſelbſt vertreten; in dem Falle, müßten wir das Veto des dritten Standes verdop⸗ —„„—.—c —— — 167 3 peln, und darin liegt ebenfalls eine Gefahr.— Wie geſagt, die engliſche Conſtitution ſcheint mir eine an Vollkommen⸗ heit grenzende Regierungsform zu ſein und je näher wir ihr kommen, je glücklicher für Frankreich.“ Der Biſchof von Autun wurde in dieſem Augenblicke gemeldet. „Ich komme etwas früher, um Ihnen meinen Glück⸗ wunſch über die meiſterhafte Rede Herrn Necker's abzuſtat⸗ ten,“ ſagte er, eintretend, und ſich in ſeiner dunkeln Amts⸗ tracht, die ihm ſo wohl ſtand, vor ihr verbeugend.„Er hat nichts verſprochen, dadurch behielt er das Spiel gänz⸗ lich in ſeiner Hand. Ich habe ſeine Taktik aufrichtig bewundert.“ „Es war die eines redlichen Mannes, eines verant⸗ wortlichen Miniſters,“ rief Frau von Stasl warm.„Zetzt aber vor allen Dingen ſagen Sie mir, können wir auf Sie rechnen?— Werden Sie Ihren Einfluß bei Ihrem Stande verwenden, ihn zur Nachgiebigkeit zu bewegen?— Werden Sie aufrichtig für und mit uns handeln?“ Er lächelte fein. „Was würde man nicht im Namen der geiſtreichſten Frau der Welt zu thun willig ſein,“ ſagte er ſanft.„Aber Sie ſprechen von meinem Stand. Leider!“ ſetzte er mit einem Seufzer hinzu,„vereinige ich deren drei in meiner ⁴ 168 Perſon, ich weiß daher nicht gleich, auf welchen Sie hin⸗ deuten wollen?“ „Sie wiſſen es nicht, Herr von Talleyrand? Sie wiſſen es nicht, weil Sie es nicht wiſſen wollen. Sie ſind Deputirter des dritten Standes und tragen dabei das Kleid des vornehmen Prälaten. Sie ſind Edelmann und finden Ihren Platz nahe am Throne. Sie werden von allen Parteien geſucht, von allen zu Rath gezogen, Jeder glaubt Sie gewonnen zu haben, ſo lange Sie ihm zuhören, und ſo wie Sie ſich entfernen, wird die Ueberzeugung in ihm wach, daß Ihr Lächeln keine Zuſage geweſen. Machen Sie dieſem Spiele ein Ende.“ Der ſchöne Biſchof lächelte jetzt auch. „Und was begehren Sie von mir, das ich thue, meine bewunderungswürdige Freundin?“ fragte er mit ſanftem Tone.— „Nicht mehr und nicht minder, als daß Sie mit dem Hofe brechen, dem Herzog von Orleans den Rücken wen⸗ den, und in der Kammer für die Vereinigung der Stände und eine Conſtitution ſtimmen.“ „Jetzt muß ich Sie an die berühmten Worte Ihres verehrten Vaters mahnen: Ne soyez pas envieux du temps.— Indem ich mit jenen Beiden breche, gewinne ich nichts, als die Unmöglichkeit, mich ferner von ihren Plä⸗ nen und Abſichten zu unterrichten. Hätte der Graf von 169 Artvis früher meinem Rathe gefolgt, als ich dem Hofe un⸗ 5 ter der Bedingung beitreten wollte, daß man den Herzcg von Orleans und Mirabean opfere, dann wären mit dem Fallen dieſer beiden Köpfe zwei mächtige Führer aus dem Wege geräumt und unſere Bahn geebnet geweſen.— So aber — wo Niemand— ſelbſt Herr Necker nicht— dem Grund⸗ ſatze Beaumarchais' gemäß handelt— oser tout dire, oser tout faire— fühle ich mich nicht berufen, mir unnütz den Weg zu verſperren. Wo die Gewalt iſt, da iſt end⸗ lich auch das Recht; warten wir das ab. Ne soyez pas envieux du temps, iſt Necker's Wort. Will ſeine Tochter mir zürnen, wenn ich in die Fußſtapfen ihres Va⸗ ters trete?“ „Ach! Herr von Talleyrand, wenn Sie das wollten, wenn Sie das könnten!“ rief ſie traurig aus.„Aber ich fürchte, daß Sie viel zu geiſtreich, viel zu objectiv ſind, um rückſichtslos den Weg des Rechtes zu verfolgen!“ „Rückſichtslos, nein! Rückſichtslos werde ich nie handeln, meine ſchöne Freundin!“ ſagte er, ſie mit argem Lächeln meſſend. „Sie beſuchen nach wie vor das Palais Royal! Sie verkehren mit Mirabeau. Sie befinden ſich wohl unter Menſchen, welche den niedrigſten Grundſätzen huldigen.“ „Ich bin ein wenig Epikuräer, ich geſtehe es zu,“ er⸗ 1859. II. Frau von Stasl. II. 11 170 wiederte er ſcherzend.„Um mich bei Ihnen doppelt wohl zu fühlen, beſuche ich jene Kreiſe. ZJe tiefer ich dort hinab geſtiegen, je höher ſchwinge ich mich dann neben Ihnen empor.“ „Die Höhe muß ſich mit Zollen meſſen laſſen, denn noch nie habe ich Sie ſo weit zu erwärmen vermocht, um ſich einer Idee opfern, für eine Idee ſterben zu mögen.“ „Ich würde es allerdings vorziehen, für eine Idee, wenn ſie ſchön iſt, zu leben; auch bin ich nicht ganz ohne Leidenſchaft, wie Sie zu glauben ſcheinen, darum geben Sie mich noch nicht auf, ich bitte Sie!“ „Man macht nichts mit ihm, wie man es auch be⸗ ginne,“ wandte ſie ſich kopfſchüttelnd gegen Herrn von Montmorency.—„Immer entſchlüpft er mir durch eine Hinterthüre!— Und doch iſt jetzt ſo wenig gethan mit halben Worten, halben Zuſagen, und den tauſend Halbhei⸗ ten, womit eine inconſequente Menſchheit ſtets ſo gern ihre Sache behauptet.— Man kann es nicht genug wiederho⸗ len: es giebt ſowohl für die Individuen, wie für die Ge⸗ ſetzgeber, nur Momente des Glückes und der Macht, dieſe muß man ergreifen, denn dieſelbe Gelegenheit kehrt nicht wieder, und wer ſie an ſich vorüber gleiten ließ, ohne ſie zu benutzen, erfährt für die Folge nur die traurige Lehre von Fehlſchlagungen.“ —— S M—— —— —— * —— 171 Barnave trat jetzt ein, ein junger Advocat aus der Dauphiné, von ausgezeichnetem Talente, der, wie kein an⸗ derer Deputirter, ſich zum Redner nach engliſcher Weiſe eignete. Frau von Staöl ſetzte große Hoffnungen auf ihn und begrüßte ihn auch jetzt mit großer Freude und ent⸗ fernte ſich dann einen Augenblick, um ihr Kleid zu wech⸗ ſeln. Bald darauf wurde das Mahl angekündigt. Herr von Stasl empfing ſeine Gäſte mit der Miene eines Diplomaten und erfüllte ſeine Pflichten als Wirth mit jener kalten Höflichkeit, welche eine Sache der Gewohn⸗ heit wird. Die hohe Stellung ſeines Schwiegervaters, ſo wie deſſen Popularität geboten ſeinem ariſtokratiſchen Dün⸗ kel Schweigen und der Kreis von Gäſten, welche ſeine drei⸗ undzwanzigjährige Gattin um ſich verſammelte, und das Anſehen, welches ſie unter den bedeutendſten Männern genoß, ließen keinen Einwand von ſeiner Seite aufkommen, den er zu rechtfertigen vermocht hätte.— Ihre große Herzens⸗ güte hatte ſie überdem bewogen, manche ſeiner ſehr unbilligen Wünſche zu erfüllen, ſo daß er, ihrer Güte ein⸗ gedenk, ſie nicht hindern mochte noch konnte, wenn ſie, von dem großen Strome der Zeit fortgeriſſen, mit Herz und Seele dem einen großen Gedanken nachhing, ihr Vaterland frei und glücklich zu ſehen. Er ſelbſt konnte ſich nicht be⸗ geiſtern, ſein Leben lag hinter ihm. Die kurze Spanne 1* 172 Zeit, welche ihm noch zurückzulegen blieb, wünſchte er durch Genuß zu würzen, eine Aufgabe, welche an Schwie⸗ rigkeiten zunimmt, ſo wie die Sinne ſtumpfer werden. Dieſem Manne ſaß ſeine junge, geiſtvolle Gattin jetzt gegenüber und ſchwärmte mit gleichgeſinnten Freunden für Frankreichs Wohl. Elftes Capitel. Die Hungersnoth. Eine große Aufregung herrſchte in Paris, ja in ganz Frankreich.— Die Verſammlung der Stände rief Aller Intereſſe wach, jedes Auge war dieſen Vorgängen zuge⸗ wendet, die Politik beſchäftigte alle Gemüther, und ſelbſt die Eitelkeit der Damen trat zurück, ſeit es Mode geworden für eine Conſtitution zu ſchwärmen. Es war der Augenblick gekommen, wo das Talent ſeine Geltung fand. So mancher junge Advocat, welcher ſonſt in ſeiner Provinz ungekannt ſeinen einfachen Lebens⸗ lauf fortgeſponnen, war durch die Umſtände nach Paris gerufen und entwickelte hier ſeine glänzenden Anlagen. Ebenſo zeigten ſich unter dem Adel viele begabte junge Leute, denen es weder an Kenntniſſen, noch an gutem Willen fehlte, ihrem Vaterlande zu dienen und die ſich 174 gern denen zugeſellten, welche die Rechte des Volkes vertraten. Frau von Stabl lebte jetzt in einem glänzenden Kreiſe. Als Tochter eines Miniſters, der faſt allmächtig war, und als Gattin eines Geſandten, wurde ihr Haus ein Mittel⸗ punkt der ausgezeichnetſten Männer. Trotz ihrer diploma— tiſchen e zu dem Hofe, war es ihr geſtattet, viele Vertreter des dritten Standes bei ſich zu ſehen und mit ihnen zu berathen, wie man die Prärogative des Königs ſchmälern und den Geſetzen eine gleichmäßige Gel⸗ tung zu ſchaffen vermöge. Sie begehrte eine neue Ver⸗ faſſung mit dem Kopfe eines Mannes und dem Herzen einer Frau. Sie wollte auch der Geringſten einen nicht ausgeſchloſſen ſehen von ſeinem Antheil an dem Ertrag der Ernten, noch an den Früchten, welche die Civiliſation gereift. Necker ging in ſeinen Forderungen nicht ſo weit; doch ſtörte er ſeine Tochter nicht in ihren Wünſchen und Plänen, für die ſie mit Begeiſterung wirkſam war. Was ſeine Stellung als Miniſter zu befördern verbot, dem mochte ſie ſich frei hingeben. Diners, Soupers, jedes geſellige Vergnügen, ja ſogar das Theater, ſchien nur da zu ſein, um Veranlaſſung zu politiſchen Streitigkeiten zu geben. Wohin das Ohr hörte, vernahm es nur den Klang hierauf bezüglicher MN —— ſ S 8 S— 175 Worte. Die ſchöne Literatur hatte ihren Reiz verloren, die Herren der Akademie mochten darüber keine Reden mehr halten. Die Hoffnung auf beſſere Zeiten erfüllte alle Herzen mit Freudigkeit und ließ das Ungemach des Augenblicks vergeſſen. Frau von Staöl wohnte faſt täglich den Sitzun⸗ gen bei. Gleich ihr, fanden viele der erſten Damen der Geſellſchaft ſich dabei ein, ohne daß eine andere den gleichen Einfluß gewann. Indeſſen drängte ein böſer Feind ſein bleiches Antlitz in die Verſammlung der berathenden Deputirten, und drohte, ſie in ihren Sorgen für die Zukunft durch die ernſten Anforderungen der Gegenwart zu hemmen: das war der Hunger! Wenn die glänzende Equipage der ſchwediſchen Ge⸗ ſandtin im Fluge durch die Straßen von Paris eilte, konnten ihrem Auge die Tauſende von Unglücklichen nicht entgehen, welche, in Lumpen gekleidet, aus hohlen Augen ſie anſtarrten, und die Hände, wie bittend, erhoben. Was vermochte ſie ihnen zu bieten, das hier Linderung gebracht hätte! Entſetzt wandte ſie ihr Geſicht ab. Hatte es dahin kommen müſſen, bevor man dem armen Lande ſchützende Geſetze geben wollte? Von dieſen neuen Geſetzen erwartete ſie jetzt alles. 176 Immer bitterer wurde indeſſen die Noth. Die ſchlechte Nahrung bewirkte Krankheit und Fieber; auf den Märkten und an den öffentlichen Plätzen lagerte die obdachloſe Menge, Zigeunerbanden gleich; in den dunkeln Nächten ſchlich der Tod leiſe durch ihre Reihen, und erlöſte die des Elendes Müden. Erſchien ein Wagen mit Lebensmitteln, ſo entſtand ein Aufruhr, man ſtritt, wer davon genießen ſolle und eine bewaffnete Macht mußte herbeigerufen werden, um einen Kampf zu verhindern. Wenn der Mißmuth im Volke dieſe Höhe erreicht hat, dann bedarf es nur einer Gelegenheit, oder eines ehr⸗ geizigen Menſchen, um einen Thron zu ſtürzen. Trotz ihrer politiſchen Hoffnungen, empfand Frau von Stasl lebhaft die traurige Lage des armen Volkes, und hätte gern mit jedem Einzelnen getheilt, was ihre reich beſetzte Tafel bot.— Der Menſch, welcher im Schweiße ſeines Angeſichtes ehrlich ſein Brod erwerben möchte, und die Möglichkeit dazu ſich verſagt findet, ſchien ihr vor allen Sterblichen beklagenswerth; denn der Biſſen, welchen die Barmherzigkeit einem ſolchen reicht, hat einen herben Geſchmack. Weinend kam ſie zu ihrem Vater und ſchilderte ihm, was ſie geſehen und fragte, wie hier zu helfen ſei? Necker hatte bereits jedes Mittel verſucht, der wach⸗ 177 ſenden Noth zu ſteuern, und es erſchöpft.— Nieder⸗ geſchlagen, mit gefalteter Stirne, die Arme auf dem Rücken gekreuzt, ſtand er vor ſeiner Tochter und blieb ihr die Antwort, die ſie begehrte, ſchuldig. „Mein Gott! Mein Gott!“ ſeufzte ſie.„Wie wird man dieſe an dem Volke begangene Sünde büßen müſſen!“ Bitter erwiederte Necker: „Wenn dies nur die einzige Abrechnung wäre! Aber — könnteſt Du die Gefängniſſe ſehen, könnteſt Du ein Ange in dieſe Kerker werfen, worin ſo viele ſchmachten, ohne eine Ahnung ihres Verbrechens zu haben— könnteſt Du einmal nur durch die Zellen von Bicétre wandern— dann würdeſt Du erfahren, was es mit der Gerechtigkeit der Menſchen auf ſich hat.— Ich kann nicht helfen. Wenn das Haus an allen Ecken brennt, nützt eine Feuerſpritze wenig.“ Sie bedeckte ihr Geſicht mit den Händen und blieb lange ſprachlos vor ihm ſtehen. „Der Frühling iſt da, die Ernte ſo nahe, müſſen denn wirklich ſo viele Tauſende Hungers ſterben?“ fragte ſie mit troſtloſem Tone. „Gott mag es wiſſen, mein Kind!“ ſagte Necker, ſie an ſich ziehend und auf die Stirne küſſend.„Ich muß glauben, daß die Vorſehung es ſo wolle; denn ich ſehe hier das Uebel, ohne den Quell ergründen zu können.“ 178 Auf ihrem Wege nach Hauſe wurde ihr Wagen mehrmals aufgehalten.— Das Volk hielt die Bäckerläden umſtellt, und forderte mit Gewalt Einlaß.— Man hatte ihm Brod gereicht, das mit Erde vermiſcht war und in ſeinen Eingeweiden verzehrend wirkte.— Für den Hof gab es immer noch das ſchönſte, weißeſte Mehl, dort kannte Niemand den Mangel, deſſen Folgen hier auf erdfahlen Geſichtern mit Grabesſchrift verzeichnet waren. Außer ſich, erreichte ſie ihre Wohnung. „Wie wird dies enden!“ jammerte ſie und ging ihre Freunde an, ein Rettungsmittel in dieſer äußerſten Noth aufzufinden; aber nur ein Achſelzucken, eine verneinende Bewegung des Kopfes diente ihnen als Antwort. Sie raffte endlich ihr baares Geld zuſammen, und ging zu Fuß damit aus. Sie wollte kranken, leidenden Frauen eine Hülfe bringen und vergaß, daß das Geld ſeinen Werth verloren hatte, ſeit man kein Brod dafür erſtehen konnte. Sie irrte von Straße zu Straße. Gleichſam, als fönne ſie ſich nicht ſättigen am Anblicke all dieſes Elends, ſo folgte ihr Auge der immer neu veränderten Scene, welche Hunger und Elend geſchaffen. Sich unbewußt hatte ſie nach dem Garten des Palais Royal eingelenkt, als ſie plötzlich den Ruf:„Nach der Abtei! nach der Abtei!“ vernahm. Die Stimme gehörte 179 einem jungen Manne, welcher, auf einem Stuhle ſtehend, der Menge zurief. Beifallklatſchen begleitete ihn, als er jetzt das Zeichen gab, daß man ihm folgen ſolle. Ein ganzer Menſchenſtrom ſetzt ſich in Bewegung und Frau von Staöl wird mit fortgeriſſen. Aengſtlich blickt ſie ſich um, wo ſich ihr ein Ausweg biete. Sie war nie in einem Gedränge geweſen, ſie kannte deſſen unwiderſtehliche Macht nicht, und ſuchte ſich dem Vorwärts entgegen zu ſetzen. Da trat zum Glück für ſie der Biſchof von Autun aus dem Kaffeehaus Foy und erblickte zu ſeiner Verwun⸗ derung die Gemahlin des ſchwediſchen Geſandten in einem Volksauflauf. Daß ſie nicht willig mitgehe, ahnte ihm ſogleich, ohne Zögern bot er ihr daher ſeinen Arm und ſuchte mit ihr eine feſte Stellung zu gewinnen, wo der Zug an ihnen vorüberſtreifen könne. Das gelang. Sowie der Raum ſich ein wenig vergrößerte und ihnen freien Athem vergönnte, ſagte er:„Sie ſind mir zuvorgekommen, Madame. Sie haben ſich dem dritten Stande factiſch zugeſellt, während ich noch nachſann, ob es ſich in der Theorie für mich der Mühe lohne.“ „Sie ſcherzen ſtets, Herr von Talleyrand, ſelbſt wenn der Ernſt ſie aus vor Hunger verzerrten Geſichtern an⸗ ſtarrt. Aber, ſagen Sie mir, wohin eilt dieſe Menge?“ „Nach der Abtei!“ lautete ja ihr Schlachtruf.„Sie 180 wollen die elf Gardiſten befreien, welche dort eingeſperrt ſind, und in dieſer Nacht, zufolge dem Gerüchte, nach Bicétre gebracht werden ſollen. Das Militär fängt an rebelliſch zu werden; es will es nicht dulden, daß ihnen das Avancement verſagt iſt, weil ihre Geburt ſie nicht zu höheren Ehrenſtellen befähigt. Der alte Ségur hätte dies Geſetz nicht wieder in Anregung bringen ſollen.“ „Es iſt eine unbegreifliche Blindheit!“ rief Frau von Staöl.„Daß die Menſchen nicht einſehen lernen, nur das Talent ſei von Gottes Gnaden!— Aber, reden wir davon heute nicht. Helfen Sie mir ein Mittel erſinnen, um Paris von dieſer Hungersnoth zu erlöſen!— Ich kann Ihnen nicht ſagen, was ich dabei leide!— Könnten meine Thränen Brod geben, ſie würden unverſiegbar über das Geſchick dieſer armen Leute fließen!“ „Ich kann Ihnen leider nur mit dem einen Vor⸗ ſchlage dienen, die Güter der hohen Geiſtlichkeit einzuziehen, und bin bereit den Antrag dazu zu machen,“ ſagte er mit ſeiner gewöhnlichen feinen Ruhe, als handle es ſich um irgend eine unbedeutende Sache. „Mein Gott! Das wollen Sie!“ rief Frau von Stasl lebhaft.„Wiſſen Sie, Talleyrand, daß Sie eben ein großes Wort ausgeſprochen haben?“ „Wozu könuten Sie mich nicht bewegen!“ erwieverte 181 er mit einem Seitenblick ſeines ſchönen blauen Auges auf die ihn mit Begeiſterung anſtaunende junge Frau. „Ach! Talleyrand, ich habe oft an Ihnen gezweifelt, wenn Sie jedoch dieſen Schritt thun, dann bitte ich Ihnen in meinem Herzen ab, daß ich Ihrer aufrichtigen Theil⸗ nahme an dem Wohle Frankreichs mißtraut.“ Er lächelte fein.„Sie werden noch mehr Freude an mir erleben, als Sie jetzt vermuthen,“ ſagte er bedeutſam. „Ich werde es Ihnen beweiſen, daß Sie mich verkannt haben.“ „Ich will Ihnen alle, alle Gerechtigkeit widerfahren laſſen,“ rief ſie bewegt,„nur helfen Sie mir die armen, armen Menſchen vor dem Hungertode bewahren. Sehen Sie dort jene Gruppe!— Wie ſie mich anſtarren, dieſe Weiber mit ihren bleichen Angeſichtern. Iſt denn kein Bäckerladen zu finden, der uns Brod überließe! Ach! Nur wenigſtens das Bewußtſein haben, daß man gerettet, was man retten konnte!“ „Was Sie dem Einen reichen, das müſſen die Andern entbehren,“ erwiederte Talleyrand mit unverändertem Tone, indem er mit leichtem Schauder das Geſicht von der ſchreck⸗ lichen Gruppe abwandte.„Ich fürchte, wir werden noch Schlimmeres erleben! Freie Inſtitutionen erkämpfen ſich nicht ohne Blutvergießen.“ 182 „Nur kein Bürgerkrieg!“ rief Frau von Staöl entſetzt. „Was man mit Gewalt ertrotzt, wird nur zu leicht durch Gewalt wieder genommen.“ In dem Augenblicke rollte raſch ein Wagen an ihnen vorbei. „Das war Mirabean!“ ſagte Talleyrand.„Er iſt krank. Sein Tod wäre ein Glück für Frankreich! Es war nicht klug von Herrn Necker gehandelt, daß er ihn nicht für ſeine Partei zu gewinnen ſuchte.“ „Mein Vater iſt kein Diplomat. Er geht nur den graden Weg.“ „Und ſteht plötzlich vor einem Abgrund.“ Als ſie ihr Hotel erreichten, fanden ſie die Equipage Necker's vor der Thüre haltend und im Salon Madame Necker, ihrer Tochter wartend. „Ich komme ſo eben aus dem Hoſpital,“ ſagte dieſe. „Es ſind ſo viele Kranke dort, daß der Raum nicht mehr hinreicht und der Typhus greift dabei um ſich. Ich wollte Dich bitten, zu Bailly zu fahren und ihn zu erſuchen, irgend ein Local anzuweiſen, wo man die Nächſtkommenden unter⸗ bringen könne.“ Während ſie ſich noch über dieſen Gegenſtand be⸗ ſprachen, trat Condorcet ein. „Ich bringe Ihnen hier die allerneueſte literariſche Production,“ ſagte er mit ſeinem gewöhnlichen ſatyriſchen 183 Lächeln und reichte Frau von Staöl ein Blatt hin. Sie entfaltete es. Es ſtellte John Bull vor, auf der engliſchen Conſtitution reitend, von einem alten Gentleman getrieben, welcher ausrief: „Laissez les faire, à force de la faire galopper ils la créveront.“* „Immer Scherz und Ernſt neben einander!“ rief Frau von Staöl kopfſchüttelnd aus.„In dem Momente wo der Aufruhr und das Elend an alle Thüren pocht und jedes Herz zur Theilnahme auffordert, findet man noch Laune, dieſe arme Conſtitution zu mißhandeln, welche Eng⸗ land groß gemacht hat.“ „Man muß zu vergeſſen ſuchen, was man nicht ändern kann,“ nahm Herr von Talleyrand das Wort. „Darum ſtimme ich dafür, daß wir für heute nicht ferner von Brod und Conſtitutionen reden und dafür die Oper beſuchen. Es wird Glucks Iphigenie gegeben.“ Sein Vorſchlag fand Beifall. Auch Madame Necker fühlte das Bedürfniß, ſich von ſo vielen peinlichen Aus⸗ drücken auszuruhen. Die Theater waren, trotz der allge⸗ meinen Noth und Sorge, immer noch gefüllt. Häufig jedoch kam es dabei zu Streitigkeiten unter den Zuſchauern, die oft mit Fauſtſchlägen entſchieden wurden. Die Erbitte⸗ *Memoiren von Condorcet. 184 rung des Volkes wuchs mit jedem Tage, und da es in den Logen die Ariſtokratie vermuthete, ſo unterbrach es die Vorſtellung dadurch, daß es mit Aepfeln nach einigen ge⸗ ſchminkten Damen warf. Die Familie Necker durfte allerdings nicht beſorgen, ſolchen Beleidigungen ausgeſetzt zu ſein; indeſſen verdarb der Anblick der Rohheit ihnen doch den Genuß des Abends und verſtimmt kehrten Me und Tochter in ihre Woh⸗ nung zurück. Herr von Stasl war bei Hof geweſen. Gegen ſeine Gewohnheit ließ er ſich erkundigen, ob ſeine Gattin zu Hauſe ſei und kam, auf die bejahende Antwort, zu ihr hinüber in den Salon.— Sie vermuthete ſchon, daß irgend eine beſondere Veranlaſſung ihn zu ihr führe und ſah ihn bei ſeinem Eintritt erwartungsvoll an. Er nahm Platz und ſprach von gleichgültigen Dingen. Dadurch ſpannte er ihre Neugierde nur um ſo mehr. Sie hörte ihm zerſtreut zu und unterbrach ihn endlich mit der Frage: „Sagte der König heute etwas von meinem Vater, oder erwähnte er ſeiner nicht?“ „Das wäre wohl unmöglich!“ erwiederte Herr von Stasl.„Ein Mann, deſſen Name in dem Munde von ganz Frankreich iſt, kann in keiner Unterhaltung über⸗ gangen werden.“ „Er lobte ihn alſo?“ 185 „Keineswegs!— Man that geheimnißvoll und warf ſich, wenn der Name Necker genannt wurde, eigenthümliche Seitenblicke zu.— Darüber verwundert, nahm ich Herrn d'Esprémenil bei Seite und fragte ihn, wohin das ziele? Daß man ihn hängen wird, bevor noch vierzehn Tage um ſind, erwiederte mir dieſer mit zuverſichtlichem Lächeln.“ „Wie kann man das, wie darf man das?“ rief Frau von Stasl erbleichend.„Ganz Paris würde ſich empören, wenn man meinem Vater ein Haar krümmte.“ „Man wird ſich vor einem öffentlichen Schritte hüten,“ erwiederte Herr von Stasl ernſt.„Man nimmt ihn gefangen und läßt ihn verſchwinden.— Das Grab giebt ſeine Todten nicht wieder.“ Ein gellender Schrei des Schmerzes folgte dieſer Aeußerung. Athemlos vor Entſetzen, griff die junge Frau nach der Schelle und befahl ihren Wagen. Es war ſchon ſpät als ſie bei Necker eintrat, doch die Sorge um Frankreich hatte ihn wachen gelehrt, und ſinnend ſtand er am Fenſter und ſchaute in die dunkle Nacht hin⸗ aus, welche ſo viele Scenen des Jammers in ihren Schleier hüllte. Da legte ſich ein Arm um ſeinen Hals und das ſtrahlende Auge ſeiner Tochter blickte mit zärtlich beſorgtem Ausdruck zu ihm empor. „Du hier?“ fragte er überraſcht.„Was führt Dich ſo ſpät noch her?— Was iſt geſchehen?“ 1859. II. Frau von Stasl. II. 12 186 „Laß uns fliehen!“ rief ſie athemlos.„Sie wollen Dich tödten. Rette Dich, da es noch Zeit iſt.“ Necker erbleichte, doch faßte er ſich im nächſten Augen⸗ blicke und erwiederte: „Gott iſt mit mir und mein gutes Gewiſſen. Sei alſo unbeſorgt, Germaine. So beſchützt, ficht Deinen Vater Niemand an.“ Sie ſah mit Bewunderung und Verehrung zu ihm auf.„Aber die Gewalt! Wenn Du ihr weichen müßteſt.“ „So ſterbe ich, wie ich ſterben muß, mein Kind. Möchteſt Du Deinen Vater nicht lieber auf ſeinem Poſten fallen, als feige deſertiren ſehen?“ Sie ſchwieg. Ihr Haupt an ſeine Bruſt gelehnt, weinte ſie lange ſtill vor ſich hin, dann erhob ſie ſich, küßte ihn und verließ, ohne ein Wort zu ſagen, das Zimmer.— Necker blickte ihr lange bewegt nach.—„Mehr als die ganze Welt liebt und verſteht mich mein Kind,“ ſprach es in ihm und dankbar richtete er dafür ſein Auge zum Him⸗ mel empor. ſ— 1 Zwölftes Capitel. Necker's Triumphzug. Große Städte ſind während der Sommermonate kein angenehmer Aufenthalt. Eine drückende Gewitterſchwüle lagerte ſchwer über der Hauptſtadt Frankreichs und wirkte entmuthigend auf die ohnehin ſchon trübe Stimmung. Da verbreitete ſich am Abend des zwölften Juli, durch den Courier de Verſailles Nro. 8, die Nachricht, daß der König Necker entlaſſen habe. Eines ſolchen Funkens bedurfte es nur, um den ferti⸗ gen Brennſtoff zu mächtigen Flammen anzufachen. Sowie dies Blatt in den Kaffehäuſern ausgelegt wurde und den erſten Leſern in die Hand fiel, ſtürzten dieſe ſogleich hinaus auf die Straßen, und erfüllten die Luft mit dem Jammergeſchrei: Das Königreich ſtehe in 12* 188 Gefahr, Paris ſei verloren, denn Necker habe es ver⸗ laſſen.* Die Theater wurden unterbrochen, eine wahnſinnige Verzweiflung bemächtigte ſich des Volkes, es ſtürzte ſich hinaus auf die Straßen und wogte in dichten Maſſen dem Palais Royal zu. Hier riß man die Blätter von den Bäumen, heftete ſie als Kokarde an die Hüte, holte dann die Büſte Necker's und die des Herzogs von Orleans aus einem Laden, und trug beide im Triumphe durch die Straßen. Während dieſes Tumultes brach die Nacht herein; aber eine laue Sommernacht, von einzelnen Blitzen durch⸗ leuchtet, welche der vor Aufregung trunkenen Menge kein Obdach zum Bedürfniß machte. Auf dieſe Art tragen Jahreszeit und Klima bei zu den großen Epochen der Geſchichte;— ein Regenſchauer, ein Schneeſturm, und wie ganz anders hätte der nächſte Morgen Paris begrüßt! Frau von Staöl hatte einige Gäſte bei ſich gehabt, und war, in einer lebhaften Unterhaltung vertieft, nicht gewahr geworden, wie bewegt es in den Straßen ward und mit welcher ängſtlich forſchenden Miene ihre Diener * Marmontel. 189 ſie beobachteten. Jetzt befand ſie ſich allein und trat an das Fenſter, um noch einmal Luft zu ſchöpfen, bevor ſie ſich zur Ruhe begab. Da vernahm ihr Ohr die ſchauer⸗ lichen Töne des Aufruhrs, welcher durch die Straßen tobte. Erbleichend wandte ſie ſich zurück, und wollte das Zimmer verlaſſen, als Herr von Montmorench athemlos herein ſtürzte. „Mein Gott! Was iſt geſchehen!“ rief die junge Frau ihm angſtvoll entgegen, und erhob, wie flehend, die Hände. „Sie wiſſen es nicht?“ fragte Herr von Mont⸗ morench erſtaunt.„Sie wiſſen es wirklich nicht, warum Paris die Sturmglocke läutet und uns Allen mit Tod und Untergang droht?“ „Ich bitte Sie, nein!“ rief ſie außer ſich. „Weil Necker fort iſt.“ „Fort!“ rief Frau von Stasl und zitterte ſo heftig, daß ſie ſich halten mußte, um nicht zu fallen.„Fort! Und ohne mir ein Wort zu ſagen? Das kann nicht ſein! Kann nicht ſein!“ „Doch iſt es ſo. Er reiſte auf Befehl des Königs ab, ohne Jemand ein Wort zu ſagen. Als er eben bei Tiſche ſaß, ward ihm das Schreiben des Königs überreicht; Ohne eine Miene zu verziehen, las er es, legte es bei Seite, 190 und beendigte ſein Mahl; dann beſtellte er ſeinen Wagen zu einer Spazierfahrt und ſtieg mit Ihrer Frau Mutter, weiß gekleidet, wie ſie war, ein. Wir ſahen ihn fortfahren, und chuhren erſt eine Stunde ſpäter, daß er nicht wieder⸗ kehren würde.“ „Meine Ahnung!“ rief Frau von Stasl ſchmerzlich bewegt.„Aber Gottlob! daß es nicht ſchlimmer gekommen iſt. Ich fürchtete, daß man ihn gefangen nehmen würde, um ſich gegen eine Empörung des Volkes zu ſichern.“ „Das konnte man nicht wagen, denn es giebt keinen Kerker, aus dem ganz Frankreich ihn nicht befreit hätte. Nur indem man ihn über die Grenzen des Landes verwies, war man davor ſicher. Aber auch jetzt noch muß man mit bewaffneter Macht einſchreiten, um die Ordnung herzu⸗ ſtellen. Ich würde mich nicht wundern, wenn das Volk Necker's Rückkehr ertrotzte.“ „Mein armer Vater!— So lohnen die Könige!“ rief Frau von Staöl ſchmerzlich.—„Geſtern noch all— mächtig auf Frankreichs Boden, eilt er heute als Flücht⸗ ling deſſen Grenze zu erreichen.— Ich folge ihm. In dieſen trüben Stunden bedarf er meiner doppelt. Bei dem Undanke der Welt kann nur die Liebe ſeines Kindes ihm Entſchädigung bieten!“ „Warten Sie ab, daß er Ihnen ſeinen Aufenthalt 191 melde. Man ſagt, daß er auf einem Umwege reiſe, damit das Volk ihn nicht einhole!“ „Wie edel! Wie großmüthig!“ rief ſie begeiſtert aus, während ihre Thränen floſſen.„Auch jetzt noch dieſe Rück⸗ ſicht auf einen König, der ihn nie erkannte, und wo er ihn erkannte, nie den Muth hatte für ihn aufzutreten. Er ſitzt in ſeinem Palaſte, und muß es hören, wie hundert Tau⸗ ſende in dieſer Nacht über den Verluſt eines Mannes trauern, der Allen ein Vater war. Des Volkes Stimme iſt auch Gottes Stimme! Ach! Montmorench, wie ſchwer wird es den Königen, zu dieſer echten Humanität ſich zu erheben, welche die Menſchenrechte anerkennt!“ Lange wanderte ſie noch einſam in den weiten Ge⸗ mächern auf und ab, während der Tumult mit jedem Augenblicke ungeſtümer an die Pforten pochte. Sie hörte den Ruf nach Waffen, hörte der Sturmglocke mächtigen Ton, und drückte die zitternde Hand auf das ungeſtüm pochende Herz. „Mein Vater fern, mein Gatte, ich weiß nicht wo; wie verlaſſen bin ich, trotz meiner glänzenden Lage!“ ſeufzte ſie in ſich hinein, und empfand tief den Unterſchied zwiſchen warmen Bewunderern ihres Geiſtes und treuen Freunden in Zeiten der Noth. In der Frühe des nächſten Morgens traf ein Courier 192 mit einem Briefe von Necker ein, der ſeine Tochter mit ſeiner Reiſervute bekannt machte, und ſie bat, ganz in der Stille, wie auch er es gethan, Paris in Begleitung von Herrn von Staöl zu verlaſſen. Mit ſchwerem Herzen beſtieg ſie ihren Reiſewagen. Sie hatte von keinem ihrer Freunde Abſchied genommen und wußte nicht wie bald ſie hierher zurückkehren würde. Sie nahm ihren Weg durch die einſamſten Straßen, und lehnte ſich in die Ecke zurück, um ihr Auge gegen die Scenen des Gräuels zu verſchließen, welche Paris verheerten. Als ſie die Stadt hinter ſich hatten und vor ihnen die grüne Sommerlandſchaft ſo ruhig und freundlich da lag, als ob nur Friede auf der Erde herrſche; athmete ſie tief auf.— Die Gräuel eines Bürgerkrieges ließ ſie in dem von ihr ſo geliebten Paris zurück, und beweinte aus tiefſter Seele deſſen Schrecken. Als ſie Baſel erreichte, fand ſie ihre Eltern ſchon vor. Necker war ſehr niedergeſchlagen. Mißmuthig ſchaute er auf ſein zweites Miniſterium zurück, daß er ſo wenig befriedigend hatte aufgeben müſſen. In ſich gekehrt und ernſt ſaß er, äußerlich theilnahmlos, da, und ſelbſt die Gegenwart ſeiner Tochter vermochte ihn nicht zu zer⸗ ſtreuen. Bald jedoch ſollte er nicht der einzige Flüchtige ſein. Zu ſeinem Erſtaunen erfuhr er ſchon am Tage darauf, 193 daß die Herzogin von Polignac angekommen ſei und wenige Stunden ſpäter ließ ſie ihn um ſeinen Beſuch bitten. Necker lächelte bitter, während er ihr Billet in ſeiner Hand zuſammendrückte. Die ſchöne Frau hatte, wie alle am Hofe der Königin, dem Parvenu nie wohl gewollt, und ihm empfinden laſſen, daß ſie ihn nicht für ebenbürtig halte; er dagegen hatte ihrer Verſchwendung aufrichtig gegrollt, und ihr die könig⸗ lichen Geſchenke nie verziehen. Das Leid ſollte ſie jetzt zuſammen führen, wie es das Glück nie vermocht. Necker erfuhr von ihr, daß ſeine Entlaſſung eine ge⸗ waltige Empörung veranlaßt, in deren Folge viele Ariſtv⸗ kraten die Flucht ergriffen und die Königin, um das Volk zu verſöhnen, ſie entlaſſen habe.—„Ohne ein Wort des Abſchieds!“ fügte ſie hinzu und brach in Thränen aus. Als er von dieſem Beſuche nicht ohne innere Befrie⸗ digung zu ſeiner Familie zurückkehrte, trat ihm Frau von Staöl mit triumphirender Miene entgegen.„Ein Brief vom Könige!“ rief ſie freudig.„Er bittet Dich, zurück zu kehren.“ Necker nahm das Schreiben, ſchüttelte dann aber ernſt ſein Haupt und ſprach:„Ich gehe nicht! An eine verlorene Sache will ich meinen Credit nicht wagen.“ 194 „Verloren!“ rief Frau von Staöl entſetzt aus.„Du wollteſt Frankreich verloren geben, ſo lange Deine Hand es zu lenken vermag, wie Du begehrſt, ſo lange Dein Wort dort eine Allmacht beſitzt, vor der ſich alles beugt, und Dein Name allein ſchon hinreicht, ſeinen Schatz zu füllen! — Du kannſt dort alles thun, kannſt aus Frankreich alles machen, verloren iſt es nur, wenn Necker es verläßt.“ Er betrachtete ſeine Tochter wehmüthig.„So ſieht Dein Herz die Sache an,“ erwiederte er kopfſchüttelnd. „Dein Verſtand würde anders urtheilen, wenn ich nicht Dein Vater wäre.“ „Glaube mir nur dies eine Mal!“ ſagte ſie ſchmei⸗ chelnd und kniete vor ihm hin und zog ſeine Hände an ihre Lippen.“„Erfülle nur dies eine Mal die Bitten Deiner Tochter, welche Frankreichs Geſchick in Deine Hand legt. Blicke mit Muth und Zuverſicht in die Zukunft, und be⸗ ſeitige mit kühner That die Schwierigkeiten auf Deinem Wege, und Du biſt des glänzenden Zieles gewiß. Wolle nur, mein theurer Vater, und das Gelingen wird Deine Schritte begleiten.— Stelle Dich, wie Waſhington, an die Spitze des Staates, führe, wenn es ſein muß, das Ruder mit der kräftigen Hand eines Cromwell, verſchaffe den Geſetzen Geltung, indem Du Zeden, ohne Unterſchied, *Madame de Crequis. 0„————— — — 8 195 vor ihre Schranken führſt, ſetze das Volk in ſeine Rechte ein, und Dein Name wird in der Geſchichte neben den größten Wohlthätern der Menſchheit prangen. Die fran⸗ zöſiſche Nation liebt Dich, vergöttert Dich, ſie begehrt un⸗ geſtüm Deine Rückkehr; verlaſſe ſie nicht in ihrer Noth!— Erhöre ihr Flehen! Wende Dein Angeſicht nicht ab von denen, welche ihr Auge bittend zu Dir erheben!“ Auch Madame Necker nahte ſich jetzt, und redete ihrem Gatten mit leiſer, ſanfter Stimme zu. Sie fühlte, wie ſchwer es ihm werden mußte, dem bewegten Leben der Hauptſtadt zu entſagen, wo ſeine Popularität ihn zum Helden des Tages erhob und Bewunderung ſeinen Schrit⸗ ten folgte. So ſehr ihr ſelbſt die Ruhe von Coppet Be⸗ dürfniß war, und ſo gern ſie mit dem Manne, den ſie immer noch ſchwärmeriſch liebte, dort in der Einſamkeit gelebt hätte, ſo fürchtete ſie doch, daß er in ſolcher Abge⸗ ſchiedenheit nur bereuen würde, die ihm gebotene Gelegen⸗ heit zur Rückkehr nach Paris nicht ergriffen zu haben. Ihren vereinten Bitten gab der Exminiſter jetzt nach,“ und jubelnd beſtellte ſeine Tochter den Reiſewagen zur augenblicklichen Abfahrt. Allgemeiner Jubel begrüßte ſeine Rückkehr.— In allen Dörfern, durch die ſein Weg führte, läutete man die * Madame de Crequis. 196 Glocken, die Arbeiter auf dem Felde ließen alles ruhen, um ihn zu ſehen, man ſpannte die Pferde aus, um ſeinen Wagen zu ziehen; Frauen und Kinder knieten am Wege, und flehten den Himmel an, ihren Beſchützer zu erhalten. Dieſer Weihrauch ließ ihn nicht ungerührt. Er liebte die Menſchen und glaubte darum an ihre Liebe. Frau von Stasl ſaß ihm mit glänzenden Augen gegenüber, und genoß doppelt die Verehrung, welche ihrem geliebten Vater gezollt ward. In einer Dorfſchenke traf er den Baron Bezenval, den man gefangen abführte. Sogleich bemühte er ſich, den würdigen Mann zu befreien, und bat die Leute, nie auf die Stimme zu hören, welche ihnen von Rache rede. Ver⸗ geben und Vergeſſen müſſe ihr Motto ſein, das wieder⸗ geborene Frankreich dürfe nur das Recht und die Menſch⸗ lichkeit walten laſſen. Mit wie verſchiedenen Gefühlen hatte Frau von Stabl dieſe ſelbe Straße vor vierzehn Tagen zurückgelegt. Damals ließ ſie hinter ſich den Mord und den Brand und fuhr einer ungewiſſen Zukunft entgegen; jetzt führte ſie den Frieden und die Eintracht in das von Leidenſchaften aller Art bewegte Paris zurück. In Verſailles hielt Necker an, um den König zu be⸗ grüßen. Bewegt trat er Ludwig XVI. entgegen. Er hatte 197 ihm treu gedient und war dafür durch die Verbannung belohnt worden, dieſer Gedanke ließ ihn nicht gleich das rechte Wort zur Anrede finden. Marie Antvinette empfing den ihr aufgedrungenen Miniſter mit kalter Höflichkeit. Necker bemerkte in ſeiner Bewegung ihre Zurückhaltung nicht, griff gerührt nach der Hand der Königin und drückte ſie an ſeine Lippen. Da zuckte es wie Schmerz um den Mund der ſchönen Frau. Der Verſtoß der Etiquette kränkte ſie ſelbſt in dieſer ernſten Minute ſo ſehr, daß ſie darüber den Blick für die Auf⸗ wallung eines warmen Herzens verlor, das ſich mit Theil⸗ nahme vor ihr neigte.— So ſchwer wird es den Köni⸗ ginnen menſchlich zu fühlen. Unter dem Jauchzen einer freudetrunkenen Menge ſetzte Necker ſeinen Triumphzug nach Paris fort. Die ganze Bevölkerung drängte ſich in die Straßen, ja ſelbſt die Dächer waren mit Zuſchauern gefüllt, und die Lüfte wiederhallten von dem Jubelrufe:„Es lebe Monſieur Necker.“* Beim Hotel de ville angekommen, verdoppelte ſich der Beifallsruf, während Necker den Wagen verließ und in den Saal hinaufſtieg, um dem Magiſtrate Bericht über ſeinen Befehl in Bezug auf die Befreiung Bezenval's ab⸗ * Madame de Staöl: Sur la Révolution. 198 zuſtatten.— Frau von Stasl hielt ihre Schritte einen Augenblick an und ließ ihr Auge über die verſammelte Volksmenge gleiten, welche ſich hier zuſammendrängte, um einem Manne zu huldigen, den ſie ihren Vater nannte. Es war der glücklichſte Augenblick ihres Lebens. Hatte ihre Seele nach Ruhm gedürſtet, ſo war das Uebermaß deſſelben ihr heute gereicht. Sie fühlte, daß die allgemeine Bewunderung ſich nicht höher ſteigern könne. Indeſſen bat Necker im Saale um eine allgemeine Amneſtie, und alle Herzen ſtimmten dieſem Rufe der Gnade bei;“ das ganze verſammelte Volk wollte an einer Handlung der Güte und Milde Theil nehmen, man um⸗ armte ſich, küßte ſich und ſchwor eine ewige Freundſchaft. Die großen Worte Liberté, égalité, fraternité bekamen jetzt zum erſten Male einen Klang. Tief gerührt trat Necker jetzt auf den Balcon hinaus, welcher auf den Place de Gröve führt, und zeigte ſich, von ſeiner Gattin und Tochter begleitet, der verſammelten Menge, um noch einmal laut die ſchönen Worte des Friedens zu wiederholen. Tauſende und Tauſende von Stimmen jauchzten deren Klange nach, kein Auge blieb thränenleer, ſelbſt Ma⸗ dame Necker konnte ſich der Rührung nicht erwehren, und * Bertrand de Moleville. ———— 11 199 während ſie ſich bewegt an ihren Gatten ſchmiegte und ſeine Hand an ihre Lippen zog,“ ſank ihre Tochter, von der Gemüthsbewegung überwältigt, leblos zu Boden.** Als Frau von Staöl eine Stunde ſpäter ſich in ihrem Hotel wiederfand, fragte ſie ſich, ob ſie denn nicht geträumt. — Langſam rief ſie ihrem Gedächtniſſe das Erlebte zurück, und baute darauf eine goldene Zukunft, uneingedenk, daß der Weg zu dem gewünſchten Ziele ſchon mit blutigen Spuren bezeichnet ſei, und daß dem jetzt noch wohlklingen den Worte Revolution, das nach Erſtürmung der Baſtille zum erſten Male ausgeſprochen wurde, bald auch das gräu⸗ liche Geſpenſt der Anarchie ſich anhängen würde. Die Augen noch von den Thränen geröthet, welche ſie dem Glücke des Tages nachgeweint, ſaß ſie am Abend ihrem Vater gegenüber und ſprach von der ſchönen Zeit, wo das Volk nicht mehr hungern, und die Ruhe in Paris hergeſtellt ſein würde, als man Necker ein Blatt überreichte, das die Nachricht enthielt: man habe den Befehl der Am⸗ neſtie zurückgenommen. Necker erbleichte. Was man ihm vor vier Stunden erſt bewilligt hatte, das bereute man ſchon jetzt; ſo war es vorbei mit ſeinem * Bertrand de Moleville. * Madame de Staöl: Sur la Révolution. 200 Anſehen, ſo war ſeine Macht nur noch ein trügeriſcher Schein, und ſeine Rückkehr ein verfehlter Schritt geweſen. — Von dieſer Minute an glaubte er innerlich nicht mehr an ſeine Miſſion! Frau von Stasl las auf ſeinem Geſichte, daß ihn etwas tief verletzt hatte.— Er aber ſchwieg.— Sie war zu glücklich, als daß er unnütz ihr die frohe Stunde ver⸗ kümmern mochte. Die Erinnerung an ihre Kindheit, an Voltaire und ſeinen Lorbeerkranz ſtieg in ihr auf. Auch damals, wie heute, hatte ſie das Volk auf den Dächern der Häuſer einen Platz ſuchen ſehen, und gewünſcht, ſelbſt eines Tages ſolche Triumphe zu feiern. Sie ſeufzte bei dieſem Gedanken.— Seit die Politik alle andern Intereſſen verſchlang, dachte auch ſie nur an Geſetze, und fand die Muße nicht mehr, ihre Ideen dem Papiere zu vertrauen. Ihr Leben war ſo reich, ſo viel bewegt, es nahm ſie nach allen Seiten hin ſo mächtig in Anſpruch; ſie konnte daher für jetzt nicht an ein künſtleri⸗ ſches Geſtalten gehen. Als ſie am folgenden Morgen durch die Straßen fuhr, bemerkte ſie überall die Kokarde an den Hüten und Mützen, dies erſte Zeichen eines beanſpruchten Völker⸗ rechtes. Sie erfuhr zugleich, wie viele der erſten Familien, der Graf von Artvis an der Spitze, Frankreich verlaſſen hatten. Als ſie den Platz beſuchte, wo die Baſtille ge⸗ 201 ſtanden, dies alte Bollwerk der franzöſiſchen Monarchei, da fühlte ſie lebhaft, wie tief deren Zerſtörung die 6 feſten Frankreichs erſchüttert.“ Lange verweilte ſie ſinnend an dem jetzt wüſt ausſehenden Platze, und eine Ahnung ſtieg in ihr auf, daß man auf ſolchem Grunde nicht leicht eine erbaue. gangle 1859. II. Frau von Stasl. II. 3 —— ———— ———— Dreizehntes Capitel. Die Träume des 18ten Jahrhunderts. Jedes Jahrhundert iſt der Träger gewiſſer Ideen, welche bis an ihre äußerſten Grenzen verfolgt, plötzlich verlaſſen werden, und den folgenden Geſchlechtern dann ein Lächeln abnöthigen. Wenn wir uns vergegenwärtigen, worauf Frankreich zu jener Zeit ſeine Hoffnungen bauete, ſo möchten wir es ein kindiſches Träumen nennen; denn für uns ſind das jetzt überwundene Standpunkte. Die Geſellſchaft von Paris war vielleicht nie ſo viel bewegt und ſo anregend geweſen, als grade damals, und trotz der drohenden Gewitterwolken, überließ man ſich immer noch mit gleichem Muthe den Freuden der Geſellig⸗ keit. Jeder bildete ſich jetzt politiſche Anſichten, Männer und Frauen geſellten ſich gewiſſen Parteien zu und indem Jeder Anhänger zu gewinnen wünſchte, wurde er beredtſam S— 203 und geizte nach Popularität. Nicht allein mündlich ſuchte man zu überzeugen, ſondern auch ſchriftlich und ſo wuchs denn täglich die Zahl der Flugſchriften und Zeitun⸗ gen und jeder Club und jede Partei beſaß bald ein eigenes Organ. Nur Necker ſtand nach wie vor auf ſich ſelbſt ange⸗ wieſen da.— Sein drittes Miniſterium begann mit einer Niederlage, deren mehrere folgten, die ihn ebenſo unvor⸗ bereitet trafen. Am Tage quälte man ihn mit Bittſchriften, welche ihm oft Thränen erpreßten und bei Nacht fuhr er aus ſeinen Träumen empor, um den Schreckgeſpenſtern zu entgehen, welche ihn mit hohlen Augen anſtarrten und nach Brod riefen.— Sein Herz litt dabei ſo ſehr, daß er den Grund zu einem Uebel legte, welches ihn ſpäter tödtete.“ So oft Frau von Stasl zu ihrem Vater kam, begeg⸗ nete ſie in den Straßen den langen Reihen von Brod⸗ ſuchenden, welche nach einander zu den Bäckerläden vor⸗ gelaſſen wurden. Sie aber brachte immer Hoffnung mit, Hoffnung auf das Ideal ihres Lebens, Hoffnung auf eine Conſtitution.— Der Menſch lebt von Täuſchungen.— Sobald ſie * Bertrand de Moleville. 204 zur Wahrheit werden, haben ſie ihm ausgedient und er greift nach einem neuen Spielwerke. Necker hatte mit ſeiner Gattin ſeinen Wohnort nach Verſailles verlegt, um dem Könige nahe zu ſein.— Seine Tochter konnte ihn nicht begleiten, ihr erſtes Kind wurde ihr geboren, unter Freudenthränen drückte Necker ſeinen Enkel Auguſt an das Herz. Um ſo eifriger las ſie jedes Wort, das ſich auf ihren Vater bezog. Jeden Morgen, ſo wie ſie erwachte, wurden ihr die Zeitungen gebracht, und da man jetzt den armen Necker für Alles verantwortlich machte, was er nicht verſchuldet hatte, ſo kannte ihre Em⸗ pörung über ſolche Ungerechtigkeit oft keine Grenzen, und häufig war die Gemüthsbewegung ſo ſtark, daß ſie beſin⸗ nungslos wurde. Die freie Preſſe übte ihr Recht. Daß ſie nur bei einem Volke anwendbar ſei, deſſen ſittliches Gefühl ſchon hoch entwickelt iſt, wollte ſie nicht eingeſtehen; denn für ſie war Frankreich die Welt.— Der Götze der Popularität, dem jetzt alles huldigte, hatte gleichfalls ſeine Glorie noch nicht verloren, trotz der Erfahrung, welche ſie an ihrem Vater gemacht. So lange wir für eine Idee ſchwärmen, umhüllt ſie unſer Auge mit einer Binde, ähnlich der, mit Bel der kleine Liebesgott uns täuſcht. Der Sommer war dahingeſchwunden, man hatte von 205 ſeinem Grün wenig mehr geſehen, als die zu Kokarden benutzten Blätter aus dem Garten des Palais Royal. Ob die Roſen geblüht, wer kümmerte ſich darum? Dem Schö⸗ nen widmete Niemand ſeine koſtbare Zeit, die Künſte ruh⸗ ten; nur ob die Aehren reiften, wollte man wiſſen, um Brod daraus zu backen, und das Deficit zu decken. Der Herbſt ſtellte ſich ein, die Blätter fielen; aber die Hoffnungen grünten fort.— Aus den Trümmern der Baſtille hatten fleißige Hände kleine Schlöſſer gefertigt, Frau von Genlis legte ein ſolches Souvenir um ihren weißen Hals,“ und andere Damen folgten dem Beiſpiele nch. Frau von Stasl empfing jetzt nur noch Freunde der Conſtitution und beſtrebte ſich eifrig, auf dieſe einzuwirken, um ſie nach ihrem Sinne abgefaßt zu ſehen. Als Frau konnte ſie nur mittelbar an dem großen Werke der Wieder⸗ geburt Frankreichs Theil nehmen. Sie empfand das oft bitter.— Für ſie war die Aufgabe nicht leicht, den En⸗ thuſiasmus ihr gleich geſinnter Männer anzufachen und zu leiten, und dabei doch gegen eine falſche Richtung zu bewahren. Es wird den Männern ſo ſchwer, es zu * Carlyle, Franzöſiſche Revolution. 206 begreifen, daß der warme Antheil einer Frau auch einer ernſten Sache gelten kann, und ihre Eitelkeit iſt ſtets geneigt, die erregte Empfindung auf ſich ſelbſt zu über⸗ tragen. Zede bedeutende Frau muß ſolche Erfahrung machen, wie alſo konnte ſie Frau von Stasl erſpart werden?— Sie hatte Mathien de Montmoreney geliebt, wie ſie nie wieder lieben konnte. Eine ſolche Jugendneigung läßt in der Seele Spuren zurück, die nie verlöſchen.— Sie fühlte für ihn eine gewiſſe zärtliche Anhänglichkeit, die ſich durch die zarteſte Rückſicht ausſprach, und ſein edler Charakter geſtattete es ihr, dieſe Neigung zu einem Freundſchaftsver⸗ hältniß umzugeſtalten, das nur mit ihrem Tode enden ſollte.— Der geiſtreiche, ſchöne Narbonne war ihr auf andere Art werth geworden. Sie hatte in ihm den für alles Große und Schöne empfänglichen Sinn erkannt, und es war ihr ein Genuß, auf den Saiten dieſer hoch geſtimmten Seele nach Gefallen ſpielen zu können. Einen ſolchen Charakter zu beherrſchen war ein Vergnügen; einen ſolchen Mann zu leiten befriedigte ſowohl die Eitelkeit, wie den Stolz.— Da es ihm wiederum Bedürfniß war, ſich Jemand anzu⸗ ſchließen, der ſich die Mühe gab, ihn von der Richtigkeit ſeiner Anſichten zu überzeugen, ſo wurde Frau von Stasl ihm ein täglich wertherer Umgang. S5 207 Außer dieſen beiden Freunden ſah ſie jetzt noch den Biſchof von Autun ſehr häufig; doch konnte ſie ſich nicht rühmen, auf ihn Einfluß auszuüben. Hatte ſie ſcheinbar einen Sieg über ihn gewonnen, ſo war er ihr auch wieder unter den Händen entſchlüpft. Da er nie bei einer Sache warm wurde, ſo blieb der Vortheil ſtets auf ſeiner Seite, um ſo mehr, da Frau von Stal ſich ſelbſt in Eifer redete, und meiſtens von dem Gegenſtande, der ſie beſchäftigte, ſo hingeriſſen wurde, daß ſie ſich in einer langen Rede ausſprach, bevor ſie dem Andern zu antworten geſtattete. Dieſe Art, den Wiverſpruch zurückzuweiſen, täuſchte ſie oft über die eigentliche Anſicht des Anderen, und verhinderte ſie, durch einen gerechten Einwand ſich ſelbſt klar zu werden. Der October war jetzt herangekommen; da meldete der Kammerdiener eines Morgens, als ſie noch mit der Lectüre der Tagesneuigkeiten beſchäftigt war: es ſei die halbe Bevölkerung von Paris auf dem Wege nach Ver⸗ ſailles, um den König um Brod zu erſuchen. Frau von Stasl erbleichte bei dieſer Nachricht. Wenn man ſich an den König wandte, würde man auch Necker nicht übergehen. Sie befahl ihren Wagen und brach augenblicklich nach Ver⸗ ſailles auf. Die große Straße durfte ſie nicht wählen. Auf Um⸗ wegen erreichte ſie ihr Ziel, noch bevor die Menge eintraf. ————— ——— S — ———— 208 Ihr Vater befand ſich ſchon beim Könige, ihre Mutter war ihm bis in das Vorzimmer gefolgt, um ſein Schickſal zu theilen, wie es auch ausfalle.— Sie eilte Beiden nach. Im Gemache Louis XIV. ſaß Madame Necker in einer Fenſterniſche auf einem Tabouret, während eine An⸗ zahl Höflinge umherſtanden und mit angſtvollen Mienen zu einander redeten. Fran von Stasl ſchritt durch ihre Reihen und nahm neben ihrer Mutter Platz. Angſtvoll harrte man der kommenden Minuten, bis Lafayette erſchien und Sicher⸗ heit verſprach.„Da kommt unſer Cromwell,“ flüſterte ein Cavalier bei ſeinem Eintritt.—„Der käme nicht allein,“ erwiederte Lafahette ruhig und trat in das Zimmer des Königs, wo er Necker, die Hände vor das Geſicht geſchla⸗ gen, in gebeugter Stellung traf. Seine Seele litt bei dem Gedanken an dieſen neuen Nothſchrei des hungrigen Volkes. Erſt nach Mitternacht überließ man ſich der Ruhe. Durch einen verdeckten Gang gelangte man von den Zim⸗ mern des Königs in die Wohnung Necker's. Dieſen Weg ſchlugen Mutter und Tochter jetzt ein, nachdem die Garde Lafayette's die Ausgänge beſetzt hatte. Aber welch eine Nacht verbrachte man! Mit Grauen ſah Necker dem kommenden Morgen 209 entgegen, mit Sorge ſeine Gattin und ſeine Tochter.— Er bangte für Frankreich, ſie bangten für ihn. Lange konnten ſie ſich nicht von einander trennen. Als kaum die Morgenröthe heraufzog, erweckte Frau von Stasl ein Geräuſch in ihrem Zimmer; ſie fuhr empor und ſah eine ihr unbekannte Dame.„Verzeihen Sie wenn ich Sie um ein Aſyl bitte!“ ſagte ſie.„Ich bin die Grä⸗ fin Chviſeul⸗Gouffier. Meuchelmörder ſind in das Zimmer der Königin gedrungen, ſie iſt zum König geflüchtet. Man findet nirgends mehr Sicherheit.“ „Und mein Vater?“ rief Frau von Staöl aufſprin⸗ gend und ſchellte. Herr Necker hatte ſich ſchon zum Könige begeben. Frau von Stal eilte ihm dahin nachzufolgen. Auf dem Wege vernahm ihr Ohr unten im Hofe Flintenſchüſſe und in den Gallerien berührte ihr Fuß blutige Spuren. Schaudernd wandte ſie ſich davon ab. Im Vorſaale traf ſie die Garde du Corps, wie ſie eben mit der Nationalgarde Kokarden austauſchte, und dazu riefen:„Vive Lafayette!“ Die junge Frau ſchritt muthig mitten durch den be⸗ waffneten Männerkreis, in den zweiten Saal, wo ſie Ma⸗ dame Necker und viele Herren und Damen des Hofes fand. Eben trat auch die Königin ein. Ihr Haar war 210 unfriſirt, ihre Wangen waren marmorbleich; ihre Miene aber ſprach Würde aus. Ihr Anblick machte einen tiefen Eindruck. Auf den Ruf der Menge trat ſie auf den Bal⸗ con mit ihren Kindern, Todesverachtung in ihrem Blick; doch das gute Gefühl des Volkes ſiegte, und Jubelruf begrüßte ſie. Als ſie zurücktrat, ſagte ſie ſchluchzend zu Madame Necker: „Man will den König und mich zwingen, nach Paris zu gehen, und die Köpfe unſerer Garde du Corps auf Lanzen geſtochen uns vorauftragen.“ Madame Necker beklagte dieſe Abſicht aufrichtig. So wie die königliche Familie endlich Verſailles ver⸗ ließ, kehrte auch Necker mit ſeiner Frau und Tochter auf einſamen Wegen nach Paris zurück.— Alle drei ſprachen wenig. Die Sonne ſchien ſo hell vom wolkenloſen Himmel, die ganze Natur feierte, und kein Menſchenauge wollte ſich daran freuen. Im Bois de Boulogne ſpielten leiſe Lüft⸗ chen mit den erſten fallenden Blättern, und küßten koſend die Wangen der Fahrenden. Gedankenvoll ruhte das Auge Necker's auf der ruhigen Landſchaft, während ſein Ohr lauſchte, ob nicht ſchon die Stimmen der Hunderttauſende von Menſchen vernehmbar ſeien, welche ſich nach Paris zurückbegaben. Sein Herz that ihm weh. Wie ſollte dies Alles enden, fragte er ſich.— 211 Frau von Staöl bemerkte ſeine kummervolle Miene, drückte ſeine Hand an ihre Lippen und ſah ihn liebevoll an. „Nur Muth, mein theurer Vater!“ ſagte ſie.„So bald die Conſtitution abgefaßt iſt, wird das Volk ſich beruhigen.“ Necker ſchüttelte bedenklich ſein Haupt.— Die Conſtitution lieferte kein Brod. Der König begab ſich bei ſeiner Ankunft nach dem Hotel de Ville. Dahin folgte ihm auch Necker mit ſeiner Familie. Der Maire von Paris empfing ihn hier.„Ich kehre mit Vergnügen nach meinem lieben Paris zurück,“ ſagte Ludwig XVI.„Und mit Vertrauen,“ fügte die Königin hinzu.— Am folgenden Morgen empfing Marie Antoinette in den Tuilerien. Das ganze diplomatiſche Corps, und auch der Baron von Staöl und ſeine Gattin fanden ſich ein, um das königliche Paar zu begrüßen. Seit einem Jahr⸗ hunderte ſtand der alte Palaſt von ſeinen Beſitzern ver⸗ laſſen da, wohin das Auge blickte, traf es auf Spuren einer Vergangenheit, welche der Gegenwart ſeltſam Hohn ſprach. Die Königin hatte nichts vorbereitet gefunden, in Eile war ein einziges Gemach für ſie hergeſtellt, in dieſem befanden ſich die Feldbetten für ihre Kinder, und die ſtolze Kaiſertochter mußte in ſolcher Umgebung den Geſandten aller Höfe das Bild ihrer geſunkenen Größe vor das Auge ſtellen. 212 „Vous savez que je ne m'attendais pas à venir ici,“ ſagte ſie, wie ſich entſchuldigend, zu den verſammel⸗ ten Damen, welche ſie nicht ohne Mitleid betrachten konn⸗ ten. Die Tochter des Parvenu, auf die ſie ſonſt ſo hoch herabgeſchaut, hätte jetzt nicht an ihrem Platz ſein mögen. Necker blieb jetzt in Paris und auch die Aſſemblée Conſtituante mußte ihren Sitz dahin verlegen. Um ſo be⸗ quemer war es für Frau von Staöl, allen ihren Berathun⸗ gen zu folgen. Doch gewahrte ſie bald, daß Niemand mehr frei ſeiner Ueberzeugung zu gehorchen vermochte, daß Jeder, mehr oder minder, dem Strome zu folgen gezwungen ward, ſobald er nicht ganz darauf verzichten wollte, eine Rolle mitzuſpielen. „Man kann es nicht genug wiederholen,“ ſagte ſie zu Narbonne,„daß es für Völker wie für Individuen nur Momente des Glückes und der Macht giebt, die, einmal ungenutzt vorübergegangen, ihnen nie wiederkehren. Darum benutzen Sie den Augenblick!“ Auf dieſe Weiſe ſuchte ſie ſeinen Ehrgeiz zu ſtacheln, damit er kräftig eingreifend wirke. Doch eben ſo wenig wie ihr Vater für den König Charakter haben konnte, eben ſo wenig konnte ſie es für Narbonne. Mit dem nahenden Winter begann der Kreislauf gewohnter Vergnügungen. Trotz allem Deficit empfingen 213 die Geſandten regelmäßig, Necker hatte ſeine Empfangs⸗ tage; dazwiſchen fielen Diners und Concerte, und das Volk ſah mit ſchelem Auge, daß in den Paläſten immer noch der Ueberfluß herrſche. Daneben emigrirten viele. Täglich hörte man von neuen Namen, welche außerhalb Frankreichs eine Zuflucht vor dem raſenden Sturme ſuchten, und ihn durch ihr Entweichen erſt recht heraufbeſchworen.— Indeſſen hatte die Geographie Frankreichs ein neues Blatt aufzuſchlagen erhalten, es war zu einem einzigen Reiche vereint worden, mit einer Münze, einem Geſetze, und das ganze Volk blickte mit Entzücken auf die weiten Grenzen des nun gemeinſamen Vaterlandes. Ein großes Feſt auf dem Champ de Mars ſollte dieſe wichtige Bege⸗ benheit feiern und gleichſam wie zum Spotte, hatte der König den Herrn von Talleyrand erwählt, bei dieſer Ge⸗ legenheit auf dem Altare des Vaterlandes die Oriflamme zu weihen. Frau von Stasl wohnte dieſer Feſtlichkeit bei, die ſie, ihrer innern Bedeutung nach, tief ergriff. Mit thränenfeuchtem Auge überſchauete ſie die ungeheure Men⸗ ſchenmaſſe, welche ſich jubelnd als die Söhne eines gemein⸗ ſamen Vaterlandes begrüßten.„Sie erwachen jetzt zum Bewußtſein ihrer Menſchenwürde,“ ſagte ſie zu ſich,„ſie lernen den Sinn der großen Worte liberté, égalité ver⸗ ſtehen.“ Freudetrunken, wie die Uebrigen, kehrte ſie davon nach Hauſe zurück.— N 214 Necker blickte indeſſen immer trüber in die Zukunft, ſeine Popularität verminderte ſich mit jedem Tage, ſeine Ge⸗ ſundheit litt. Die Lage des Königs war nicht minder be⸗ klagenswerth. Trotz ihrer Vorliebe für eine Conſtitution, konnte Frau von Stasl ihn doch nicht ohne tiefes Mitleid in dieſer Abhängigkeit erblicken, und mit ihrem warmen Herzen ſtets bereit zu helfen, wo ſie ein Leiden wußte, ſann ſie darauf wie man ihn frei zu machen vermöge. Sie entwarf einen Plan für ſeine Flucht, und ließ ihm dieſen vorlegen. Doch Ludwig XVI. hegte kein Ver⸗ trauen zu dem Vorſchlage einer ſo phantaſiereichen Dame, mit deren exaltirtem Weſen er ſich nie hatte befreunden können, und ſchob kopfſchüttelnd ihren Brief bei Seite— Mit Bedauern ſah ſie ſich zurückgewieſen. Nach Art der Frauen, welche ſtets mehr mit dem Herzen, wie mit dem Kopfe handeln, hätte ſie Alles an Alles ſetzen können, während ein Mann nie das eigene Intereſſe für das des Andern aus den Augen ſetzt. Die verunglückte Flucht des Königs bewies dies ge⸗ nugſam.— Am Bten September 1790 verließ Necker, begleitet von ſeiner Gattin und ſeinem Enkel, in aller Stille Paris, um nie wieder dahin zurückzukehren. Fünfzehn Monate waren verfloſſen, ſeit er ſeinen glänzenden Einzug gehalten, 215 und über ſeiner Thüre vom Volke eine Platte befeſtigt worden war, auf der die Worte ſtanden: Necker, le ministre adoré!— Und jetzt beachtete Niemand ſeine Entfernung.— Traurig und gebeugt nahm er von ſeiner Tochter einen langen und wehmüthigen Abſchied. Es war für ihn ein Abſchied vom Leben, von ſeinem politiſchen Leben, von ſeinen Wünſchen, Hoffnungen und vor Allem von ſeinem Ruhme, deſſen Schatten ihn jetzt verfolgte. Frau von Stasl blieb in Paris zurück.— Sie konnte den Schauplatz ihrer Hoffnungen jetzt nicht verlaſſen, was ihr Vater für Frankreich nicht erreicht, daran konnte ſie aufbauen helfen. Necker ſelbſt wünſchte, daß ſie in Paris bliebe; denn er kannte ſeine Tochter zu wohl, um nicht zu wiſſen, daß ihre fieberhafte Aufregung ſie in der Einſam⸗ keit von Coppet verzehren würde. Die Schweſtern des Königs waren, begleitet von Narbonne, nach Rom abgereiſt. Bei ſeiner Rückkehr ſchwang er ſich mit Geſchick, geleitet von Frau von Staöl,* zum Kriegsminiſter empor.— Sie war glücklich über dieſen Erfolg, den ſie mitgenoß, als ob er ſie ſelbſt getroffen * Bertrand de Moleville. 216 hätte. Mirabeau war geſtorben, ein mächtiger Parteigän⸗ ger durch ihn aus dem Wege geräumt, ſie hoffte Narbonne an deſſen Stelle zu ſetzen, und redete ihm jenen Glauben an ſich ſelbſt ein, deſſen ein Mann bedarf, wenn er mächtig auf das Volk wirken und es gefügig nach ſeinem Willen lenken will.— pierzehntes Capitel. Die Sturmglocken von Paris. Große Charaktere ſind das Product ihrer Zeit. Der Kampf für Ideen entwickelt Ideen. Nie ſah man daher ſo viele bedeutende Männer auf einem Schauplatze, als beim Beginne der franzöſiſchen Revolution. Frau von Staöl bewunderte nichts mehr, als den Geiſt des Menſchen. Sie beſaß keinen Sinn für die Natur, deren leiſen Tönen ein Ohr zu leihen ſie nicht verſtand, ſie hatte kein Auge für das Schöne, die Kunſt hielt ihr weites Reich noch für ſie verſchloſſen. Der Um⸗ gang mit geiſtreichen Männern gewährte ihr das einzige Vergnügen, das ſie zu genießen fähig war. Wo ſie ein Talent entdeckte, da huldigte ſie ihm, mochte es gleich der Partei ihrer Gegner angehören. Sie hatte bisher in und mit ihrem Vater gelebt, und ſeinen Ruhm zu dem ihrigen gemacht— Seit deſſen Stern 1859. II. Frau von Stasl. II. 14 218 geſunken war, ſeit die Volksgunſt ihn verlaſſen und er endlich Frankreich den Rücken gewendet hatte, ſah ſie mit Beſtürzung die Abhängigkeit ihrer Lage. Ihr Geſchlecht verbot ihr jede unmittelbare Theilnahme an den Begeben⸗ heiten, ſie mußte unſichtbar in den Ereigniſſen bleiben, welche ſie zu leiten wünſchte.— Sie dürſtete nach Ruhm, nach Beifall; und konnte Beides nur verſchleiert für ſich gewinnen. Sie mußte ihren Geiſt, ihre Thatkraft einem Manne einhauchen, und ihn mit ihrem Talente wuchern laſſen. Dieſes Zurücktreten koſtete ihr Ueberwindung; doch bot ſich ihrem Ehrgeize kein anderer Ausweg. Sie hatte ihr fünfundzwanzigſtes Jahr jetzt zurück⸗ gelegt. Voll kühner Auffaſſung der Zeitumſtände begehrte ſie, ſie nach ihren Wünſchen zu lenken. Zu dem Zwecke machte ſie ſich zum Mittelpunkte der entgegengeſetzten Par⸗ teien, und verſuchte es ſogar, indem ſie Männer der ver⸗ ſchiedenſten Anſichten zu ſich einlud, eine Ausgleichung unter ihnen zu Stande zu bringen. Dies Bemühen erwies ſich jedoch vergeblich. Der Strom der Begebenheiten ließ ſich in ſeinem Laufe nicht halten. Ihre ſchwarzen Augen, mit den Glutfunken in dem Augapfel, ließen durch die langen Wimpern eben ſo viel Stolz als Zärtlichkeit blicken.* Die Flamme, welche darin * Lamartine. —— 219 leuchtete, begeiſterte nicht allein für die Sache, welcher ſie mit der Beredtſamkeit eines Mirabeau Anhänger zu ge⸗ winnen ſuchte; ſondern auch für die junge Frau, welche mit ſo viel Feuer dafür ſprach.— Man bewunderte ſie, und der ihr gezollte Beifall that ihrem Herzen wohl. Es waren die glücklichſten Tage ihres Lebens, welche ſie in⸗ mitten dieſer politiſchen Unruhen verlebte. Die von ihr ſo gewünſchte Conſtitution war indeſſen vollendet, und dem nach ſeiner Flucht in den Tuilerien gefangen gehaltenen Könige vorgelegt worden. Frau von Stasl war mit dieſer Art zu verfahren nicht einverſtanden. Sie fühlte die dem Königthume an⸗ gethane Schmach, und litt in tiefſter Seele jede dem Königs⸗ paare zugefügte Kränkung mit. Es vermiſchten ſich in ihr die drei Beſtandtheile der Revolution; denn ihrer Stellung nach war ſie Ariſtokratin, ihrer Geburt nach gehörte ſie der Volke an, und ihr Talent ſtellte ſie in die Reihen der Gelehrten.— So bekämpfte denn ein Prinzip ſtets das andere in ihr und keinem gönnte ſie den vollſtändigen Sieg. Ihr Wunſch, nach dem Abgange ihres Vaters Herrn von Narbonne in das Miniſterium zu bringen, war erfüllt, ſie beſaß durch ihn eine Stimme im Rathe, und ſetzte Alles an das Gelingen ihrer Pläne. Wiederum aber erwies ſich bei dieſer Gelegenheit die Wahrheit ihres eigenen Wortes: man könne nicht Charakter 14* 220 für Jemand haben, denn Herr von Narbonne war ſeiner Stellung nicht gewachſen. Von einer geiſtreichen Frau ge⸗ leitet, wandelte er die von ihr vorgezeichnete Bahn; doch ohne innere Selbſtgewißheit, und die Ueberzeugung, welche ſeinem Herzen fehlte, wohnte daher auch nicht auf ſeiner Lippe.— Er wünſchte, wie Frau von Staöl, daß das Geſetz Frankreich beherrſche; doch nicht auf Koſten aller beſtehenden Verhältniſſe, und ſolche Mäßigung fand nir⸗ gends mehr Anklang. Herr von Montmorench hatte den Vorſchlag gemacht, die Titel des Adels abzuſchaffen.— Frau von Stasl war damit nicht einverſtanden. Erinnerungen laſſen ſich nicht auslöſchen, die Verdienſte ſeiner Vorfahren ſind jedem ge⸗ bildeten Menſchen heilig. Sie warnte ihn vor der Nutz⸗ loſigkeit dieſes Schrittes, doch vergeblich. Der Biſchof von Autun trug darauf an, die Güter der Geiſtlichen einzu⸗ ziehen; er war es auch, der ſie zu weltlichen Prieſtern machte, und ihnen mit dem Beiſpiele einer Heirath voran⸗ ging. Frau von Staöl hatte auch daran keine Freude. Sie wünſchte eine Regierung, wie England ſie beſaß, und nannte dieſe Mittel dem Zwecke nicht entſprechend. Doch das allgemeine Verlangen nach Popularität verſchloß jedes Ohr vernünftiger Einſicht; man huldigte dem Geſchrei einer aufgeregten Menge, welche ihre eigenen Intereſſen nicht verſtand, und ſtatt zu leiten, geleitet werden mußte— * — 221 Man gab aus Feigheit und aus Selbſtſucht dem unver⸗ ſtändigen Begehren nach, in der Abſicht, durch die Gunſt des Volkes zu herrſchen. Herr von Stasl nahm an dieſen Vorgängen keinen Theil. Abgelebt und kränklich, ließ er ſeine junge Frau gewähren. Der Tod ſeines Königs rüttelte ihn endlich aus ſeiner Apathie auf und nöthigte ihn zu einer Reiſe in die Heimath. Seine Gattin begleitete ihn nicht. Frau von Stasl hätte ſich in dem Momente um keinen Preis aus Frankreich entfernt; deſſen Geſchick ſie durch ihren Einfluß noch günſtig zu geſtalten hoffte. Sie fürchtete, daß Narbonne, ohne ihre Beihülfe, ſeines Poſtens nicht gewachſen ſei, doch auch unterſtützt von ihr konnte er ſich nicht behaupten. Talleyrand war in England, er ſollte verſuchen, das Cabinet von Saint James für die franzö⸗ ſiſche Revolution zu intereſſiren; als er zurückkehrte, erfuhr er die Entlaſſung ſeines Freundes Narbonne. „Er konnte ſich nicht behaupten, weil er den Gebrauch der Sprache nicht verſtand,“ ſagte der ſchöne Biſchof zu Frau von Staöl.„Er will ſeine Gedanken damit aus⸗ drücken, während die Gabe des Wortes uns verliehen iſt, um ſie zu verbergen.“ Er tröſtete ſie damit nicht. Sie hatte das Organ ver⸗ loren, durch das ſie ihren Ehrgeiz reden laſſen konnte und 222 blickte troſtlos um ſich, auf welche Weiſe ſie nun thätig ſein könne. Narbonne war ſogleich nach ſeiner Entlaſſung zu der Armee des Nordens abgereiſt. Seit längerer Zeit daran gewöhnt, ihn täglich zu ſehen, täglich mit ihm zu berathen, wie er handeln, wie er auftreten ſolle, fehlte er ihr jetzt auch in ihrem häuslichen Leben. Sie entbehrte ihn und klagte ſich an, ihm nicht jene Vorſicht und Klugheit gelehrt zu haben, welche ſie ſelbſt am allerwenigſten beſaß. Die Clubs, die Convente, boten ihr nur noch das halbe Intereſſe, ſeit dort keine Stimme mehr für ſie redete. Traurig wanderte ſie in ihren Gemächern umher und fand ſie einſam. Obwohl das bewegte politiſche Leben ſie immer noch gleich ſehr anregte und ihr ganzes Intereſſe wach rief, ſo brachte es ihr kein Glück mehr, ſeit ſie keine perſön⸗ liche Rolle dabei ſpielen konnte. Sie verſuchte mit Herrn von Talleyrand anzuknüpfen. Doch vergebliches Bemühen!— So geiſtreich, liebenswürdig und bezaubernd er ſich im kleinen Kreiſe, oder mit ihr allein, gehen ließ; ſo wenig entlockte ſie ihm je ein Wort, das ſeine wahren Anſichten verrieth.„Er iſt wie eine Senſitive,“ ſagte ſie einſt ſelbſt;„kaum berührt man ihn mit dem leiſe⸗ ſten Finger, ſo zieht er ſich behutſam in ſich ſelbſt zurück.“* * Monſieur de Talleyrand. 2. Band. ———— 223 Indeſſen kam der Sommer 1792 heran, und mit ihm riß eine Verwirrung ein, welche den Aufenthalt in Paris gefährlich machte. Pethion und Marat begannen ihr Reich. Vor ihnen entfloh, wem es möglich war, den Boden Frankreichs zu verlaſſen, doch Frau von Staöl blieb. So wenig dieſe Fortſchritte der Revolution ihrem Sinne ent⸗ ſprachen, ſo konnte ſie ſich doch nicht von einem Schauplatze trennen, wo ſie in einer ewigen Spannung und Aufregung erhalten ward. Das geſellige Leben verlor ſeinen Reiz, ſeit ein pöbel⸗ hafter Ton ſich geltend zu machen begann. Die öffentlichen Blätter athmeten einen Geiſt, der die in der Schule Rouſ⸗ ſeau's und Voltaire's gebildete Frau anwiderte. Sie liebte die Freiheit nicht, welche ſich eines ſo ſchlechten Styles be⸗ diente. Die menſchliche Sprache war, ihrer Meinung nach, nie ſo ausgeartet geweſen; das Heulen der wilden Thiere könnte durch ſolche Worte überſetzt werden, äußerte ſie. Das Jahresfeſt des 14. Juli ſollte begangen werden. Frau von Stasl, als Geſandtin einer fremden Macht, war dabei auf ihrem Platze in der Nähe der Königin, von wo ſie genau beobachten konnte, welchen traurigen Eindruck dieſe Feierlichkeit auf die beklagenswerthe Fürſtin hervor⸗ brachte. In Thränen ſchwimmend, ſaß Marie Antoinette da, und ſah ihrem Gatten zu, wie er, in ſeiner gepuderten Perrücke, die einzige unter all den ſchwarzen Köpfen, und 5 224 in ſeinem goldgeſtickten Kleide, auf den Altar des Vater⸗ landes ſtieg und zum zweiten Male eine Conſtitution be⸗ ſchwor, welche ihn auf das Schaffot bringen ſollte. Das Volk ſah ihn heute zum letzten Male. Tief betrübt kehrte Frau von Staöl von dieſem Feſte nach Hauſe zurück und konnte ſich lange nicht von dem Eindrucke erholen, welchen die arme königliche Familie auf ſie hervorgebracht hatte. „Das kann nicht ſo fortgehen!“ rief ſie, die Hände ringend.„Man darf dies nicht dulden. Es iſt grauſam. Es iſt Menſchenmord.“ Aber keiner ihrer Freunde wollte auf ſie hören; keiner wollte ſich an eine ſchon verlorene Sache wagen. „Sie gleichen denen, welche erſt Feuer an ein Haus legen und dann die Bewohner retten wollen,“s ſagte ihr Talleyrand lächelnd. „Die Antwort iſt reizend,“ verſetzte Frau von Stasl; „leider aber iſt der Sache nichts dadurch gewonnen.“ Ihre Worte verhallten in dieſem allgemeinen Sturm. — Ihr guter Wille, zu helfen und zu retten, mußte ſich mit der Abſicht abfinden. Der Abend des 9. Auguſt brach herein. Die achtundvierzig Sturmglocken von Paris be⸗ gannen ihr düſteres, monotones Läuten, Frau von Staöl * Allonville, Memviren. 225 ſtand mit ihren Freunden am offenen Fenſter und lauſchte dieſem Grabesliede einer alten Monarchie, erwartungsvoll, was der kommende Morgen bringen werde. Die ganze Nacht verging in athemloſer Spannung. Früh um 7 Uhr endlich miſchte ſich der Donner der Kanonen in der Glocken dumpfen Schall. Flüchtig eilte das Volk durch die Straßen. Von Viertelſtunde zu Viertelſtunde brachte man Nachricht über den Fortgang der Inſurrection. Die Tuilerien waren umzingelt, die Wachen ergriffen und ermordet. Bei dieſer Nachricht befahl Frau von Staöl ſogleich ihren Wagen. Ihrer Freunde viele, unter ihnen Herr von Narbonne, waren dort aufgeſtellt, ſie mußte ſich nach ihrem Schickſal umſehen. Als ſie an die Brücke kam, hielt man ihren Kutſcher an, und machte ihn aufmerkſam, daß jenſeits gemordet werde. Zwei Stunden vergingen in nutzloſem Bemühen vorzudringen. Endlich wurde ihr mitgetheilt, daß ihre Freunde gerettet ſeien;— doch hatten ſie ſich verſtecken müſſen. Als der Abend hereingebrochen war, ſchlich ſie zu Fuß durch die dunkelgewordenen Straßen und ſuchte ſie in ihren Verſtecken auf. Ueberall lagerten trunkene Männer, welche, die Waffen in der Hand, irgend eine Schwelle zum Ruheorte gewählt hatten. Muthig erfüllte ſie die ſich ge⸗ ſetzte Aufgabe, das Auge oft ſchließend vor den Gräueln, welche ihren Weg hemmten. 226 Niemand war ferner noch ſicher in Paris; ſelbſt die eifrigen Vertheidiger der Conſtitution konnten nur Rettung in der Flucht ſuchen und ſtrömten eiligſt der Armee des Nordens zu. Die Truppen von Oeſterreich und Preußen waren ſchon über die Grenzen, ſowie ſie Paris nahten, durfte man einer Metzelei im Großen gewärtig ſein. Herr von Narbonne und Herr von Montmorench konnten in ihrem Verſtecke nicht länger mit Sicherheit bleiben; Frau von Staöl ließ ſie daher bei Nacht in ihr Hotel kommen, ſchloß ſie in eines der hinteren Gemächer ein, und übernahm ſelbſt ihre Bewachung. Der Erſtere, als früherer Miniſter, war dem Tode verfallen, ſowie man ihn entdeckte, und zitternd horchte ſie auf jeden Tritt, ob nicht durch einen Verräther hierher geleitet, die Wache komme, um ihn abzuholen. Dieſer Zuſtand der Sorge konnte nicht dauern; die Gefahr war ſo dringend, daß irgend etwas gewagt werden mußte. Da erſchien der Doctor Bollmann, ein ehrlicher Hannoveraner, derſelbe, der ſpäter den General Lafayette aus dem öſterreichiſchen Gefängniſſe befreite, und gerührt von der Angſt der jungen Frau, erbot er ſich, Herrn von Narbonne verkleidet und unter falſchem Namen nach Eng⸗ land zu entführen. Sie ſeufzte hoch auf als ſie von dieſer Sorge befreit 227 war, und mehr noch, als ſie erfuhr, daß Beide glücklich die Grenze erreicht hatten. Jetzt fühlte ſie, daß auch ſie nicht länger dem Sturme hier Trotz bieten dürfe. Sie ließ ſich daher Päſſe nach der Schweiz ausſtellen, doch konnte ſie ſich immer noch nicht entſchließen, den Tag zu beſtimmen, wo ſie ſo vielen Freunden ein Lebewohl ſagen ſollte, die hier inmitten der Gefahr zurück zu laſſen, ihrem Herzen weh that. Täglich fielen jetzt Opfer, und täglich mehrte ſich die Liſte der Namen, über welchen das Schwert hing. Die Gefängniſſe füllten ſich und Frau von Stasl ſuchte zu retten, wo ſie nur konnte. Keine Stunde war ihr zu früh, kein Weg zu weit, um denen zu dienen, welche ihrer Hülfe bedurften. Einem würdigen Manne, Monſieur de Jau⸗ court, hatte ſie ſo eben noch durch ihre Fürſprache bei Mannel die Freiheit verſchafft; mit dieſer That wollte ſie ſchließen. Der nächſte Morgen ſollte ihrer Abreiſe beſtimmt ſein, und der Abbé Montesquiou, verkleidet als Domeſtike, wollte ſich mit ihr in die Schweiz retten; vor den Barrieren war das beſtimmte Rendezvous. Da kam die Nachricht von der Einnahme von Longwy und von Verdun, und wieder ertönten dieſe furchtbaren Sturmglocken, deren Klang noch ſchauerlich in ihrer Er⸗ innerung lebte und ganz Paris war abermals in Bewegung. Trotz dem wollte Frau von Stasl ihren Wagen beſteigen. 228 Bot ihr Hotel ihr gleich noch die beſte Sicherheit, ſo war das Leben des Abbé gefährdet, ſobald ſie nicht, wie verab⸗ redet, zu ihm ſtieß, und dieſer Grund beſtimmte ſie abzu⸗ reiſen. Damit Niemand die Geſandtin einer fremden Macht verkenne, beſtellte ſie eine Berline mit ſechs Pferden, und ließ ihre Leute die Gala⸗Livree anlegen. Sie hatte ſich verrechnet. Indem ſie in dieſem Aufzug durch die Straßen fuhr, zog ſie die Aufmerkſamkeit auf ſich und die knällenden Poſtillone begegneten dem Geſchrei einer Rotte Weiber, welche einen Wagen angehalten wiſſen wollten, welcher die Schätze der Nation hinwegführte. Dieſer Lärm lockte bald eine noch größere Menge herbei, wilde Geſichter umzingelten den Wagen, man riß die Poſtillone von ihren Sitzen, und befahl Frau von Stasl, ſich in die Verſamm⸗ lung der Diſtriktsbehörde zu verfügen. Geduldig fügte ſie ſich dieſer Weiſung. Man klagte ſie an, Verurtheilte zu entführen, und daß ihr Paß nicht in Richtigkeit ſei. Allerdings fehlte ihr einer ihrer Bedienten, den ſie heimlich abgeſandt, dem Abbé Nachricht zu bringen. In Folge deſſen ſollte ſie ſich in das Hotel de Ville begeben, und ſich dort verantworten. Um dahin zu gelangen, mußte ſie halb Paris durch⸗ kreuzen; nichts konnte fürchterlicher ſein. Drei Stunden brachte man auf dem Wege zu, drei fürchterlich lange Stunden, welche die arme junge Frau in der entſetzlichſten 229 Angſt verlebte. Bittend wandte ſie ſich an ihre Umgebung, flehte die Gensd'armes an, Rückſicht auf ſie zu nehmen, zu bedenken, daß ſie ſich Mutter fühle, daß ein Sturz des Wagens ihr verderblich ſein könne; doch nur Verachtung und Drohung antworteten ihr. Auf dem Place de Gröve angekommen, wuchs die Gefahr. Unter einem Dache von Piken verließ ſie ihren Wagen und ging dem Hotel de Ville zu. Als ſie den Sitzungsſaal erreichte, fiel eine Laſt von ihrer Bruſt. Sie war der wüthenden Menge entronnen und ſtand dafür einem Robespierre gegenüber. Der Saal war gefüllt mit Menſchen; Männer, Weiber, Kinder ſchrien: Vive la nation.— Frau von Stasl bewunderte dieſe Stimmen jetzt nicht mehr. Man bot ihr einen Sitz an; ſie nahm ihn an und ſuchte ſich zu ſammeln. Da fiel ihr Auge auf den Geſandten von Parma, hier angehalten wie ſie, und indem ſie ihn erkannte, erhob er ſich und erklärte: er kenne dieſe Frau nicht und ihre Sache gehe ihn nichts an. Gereizt durch dieſe erbärmliche Feigheit, ſtand ſie auf, um ihre Sache ſelbſt zu führen. Da kam zum Glücke Manuel. Erſtaunt, ſie in ſolcher Lage zu trefſen, trat er vor, und leiſtete Bürgſchaft für ſie; dann brachte er ſie in ſein Cabinet und ſchloß ſie dort mit ihrer Kammerjungfer ein. Sechs lange Stunden ließ er ſie hier. Indeſſen ſchauete ſie auf den Place de Grove hinab, wo die Mörder —— ——— 230 mit aufgeſtreiften Aermeln, von Blut triefend, mit ent⸗. ſetzlichen Tönen die Lüfte erfüllten. Erſt als die Nacht einbrach wagte es Manuel, ſie in ihr Hotel zurück zu führen. Da keine Laternen ange⸗ zündet waren, konnte man ſie nicht erkennen. Ein neuer Paß ward ihr ausgefertigt und von einem Gensd'armes begleitet, verließ ſie am folgenden Morgen Paris und Frankreich. Endr des zmriten Chrils. Leipzig, Druck von Gieſecke& Devrient.